—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——:—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Wf. 2 Mt.— Pf. 3— 5. Auswärt ige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Etwa drei Wochen nach dieſer Begebenheit arbei⸗ teten ſich zwei Reiſende mit ein Paar abgematteten Poſtpferden und einem elenden, zuſammengeflickten Fuhr⸗ werke auf dem ſchmalen Wege nach der Feldwebels⸗ wohnung in Ejkenberg fort. Der alte Kramer ſtand auf ſeiner kleinen Treppe, und blickte verwundert auf die neuen Gäſte, welche jetzt in den Hof ſelbſt einfuhren. Hermer und Waldenberg ſtiegen aus dem Gefährt und näherten ſich mit einer höflichen Verbeugung dem Alten, der, die eine Hand auf dem Rücken, die andere nach ſeiner Gewohnheit in der Bruſttaſche ſeines getreuen grauen Uniformsrockes, mit einem ehrerbietigen Bück⸗ ling ihren Gruß erwiederte. Waldenberg's Aufregung war ſo groß, daß er nicht ſprechen konnte. Hermer, der ſeine Gefühle beſſer zu beherrſchen wußte, wandte ſich höflich zu dem Alten mit der Frage:„Habe ich die Ehre, den Feldwebel Kramer zu ſehen?“ „Ja, mein Herr, zu Befehl.“ „Wohnt nicht ſeit einiger Zeit ein fremder Herr im Hauſe des Herrn Feldwebels?“ fuhr Hermer fort. „Wie befindet er ſich? Könnten wir mit ihm ſprechen?“ „Hier waren, Gott ſei ihnen gnädig, zwei Fremde,“ antwortete Kramer mit einem Seufzer;„welchen von ihnen ſuchen die Herren? Im Fall es der Juüngere ſein ſollte, der zuletzt kam, ſo finden ſte ihn vier Ellen hinter der Kirche, der Andere, der all' dies Elend mit⸗ brachte, liegt noch krank im Pfarrhauſe.“ Waldenberg ſtützte ſich auf Hermer's Arm: mit Mühe konnte er ſich aufrecht halten. Nach einigen Minuten unheimlichen Schweigens fragte er mit beben⸗ der Stimme:„Wohin hat die junge Dame ihren Weg genommen?“ „Sie iſt einſtweilen im Chore beigeſetzt, bis ihr Mann wieder hergeſtellt ſein wird, wo er dann, wie ich habe ſagen hören, ihre irdiſchen Ueberreſte nach dem Orte führen wird, woher ſie war.“ „Gott, das iſt ſchrecklich!“ ſeufzte Waldenberg, und Hermer fragte:„Wo iſt das Kind?“ „Ei, wie die Herren doch von Allem ſo genau un⸗ terrichtet ſind,“ fuhr der alte Kramer verwundert heraus. „Das Kind! ja, das liegt im Arm ſeiner Mutter.“ „Gott ſei Dank!“ flüſterte Waldenberg, war aber nahe daran, zu Boden zu ſinken, theils in Folge der Anſtrengung, die ihm die Reiſe verurſacht hatte, theils auf die tiefe Erſchütterung, die alle dieſe Nachrichten in ihm hervorbrachten. „Mein beſter Herr,“ ſagte Hermer, und wandte ſich an Kramer,„geſtatten Sie uns, eine Stunde unter Ihrem gaſtfreien Dache zu ruhen. Mein Reiſegefährte,“ auf Waldenberg zeigend,„bedarf es beſonders. Er war ein vertrauter Freund des hingegangenen unglücklichen Jünglings; und wir wünſchen Beide, näher über dieſen traurigen Gegenſtand unterrichtet zu werden.“ „Gerne, mit vielem Vergnügen, meine Herren,“ antwortete der Feldwebel.„Sie ſind herzlich willkom⸗ men in meiner geringen Wohnung.“ Er ging voraus und öffnete die Thüre zum Gaſtzimmer, während ſein Weib, der er einen Wink gegeben hatte, daß die Herren etwas hier verweilen würden, ſich beeilte, um den ein⸗ zigen Troſt, den ſie gegen alle Schmerzen und Beküm⸗ merniſſe kannte, nämlich die freudeſpendende Kaffee⸗ kanne, herzurichten. 7 „Sehen Sie hier, meine Herren,“ ſprach der alte Kramer, als ſeine Gäſte ſich geſetzt hatten,„dies iſt das Zimmer, wo alle jene Unglücksgeſchichten vorſtelen. Die Nacht will ich nie vergeſſen. Ich war in meinen Dienſt⸗ geſchäften fort geweſen, aber da es an dem Morgen, wo ich abreiste, ſchlimm im Hauſe ausſah, denn der Herr war ſchon damals gefährlich krank, ſo beſchloß ich, un⸗ geachtet des ſchweren Unwetters mich noch in der Nacht heim zu begeben. Indeß können ſich die Herren leicht vorſtellen, daß auf einem ſolchen Wege wie dieſer, und noch dazu bei Nacht, Niemand ſchnell reiſen kann. Es war etwa um drei Uhr Morgens, als ich recht müde und in der frohen Hoffnung, in meinem guten warmen Bette ruhen zu dürfen, endlich an dem Hofe anfuhr. Aber das wurde eine ſchöne Ruhe. Schon in einiger Entfernung hörte ich, trotz dem Brauſen des Sturms, ein ſchreckliches Schreien und Lärmen von dort her. Ich eilte herzu, und da faſt alle Thüren offen ſtanden, ſo brauchte ich nicht lange auf's Aufmachen zu warten. Im Oehrn begegnete ich Seiner Hochwürden, der mit Hülfe eines Knechtes den Herrn, den ſie Baron nann⸗ ten, von dieſem Zimmer in das meine trug. Ich ſah kein Leben mehr in ihm, aber als man nach dem Küſter geſchickt und dieſer ihm zur Ader gelaſſen hatte, erwachte er wieder. Nicht ſo mit den andern. Auf dieſem Bette lag die junge, ſchöne, bleiche Frau, wie ein entſchlafener Engel, was ſie auch in der That war, davon bin ich überzeugt; und hier an der Kante des Bettes wand ſich im Todeskampfe der arme wahnſinnige Jüngling, und hielt noch ihre Hand feſt in der ſeinen; das Kind lag ein Stück weit davon, am Boden. Was für einen Eindruck dieſer Anblick auf mich machte, können ſich die Herren leicht vorſtellen. Meine Alte, die immer Rath weiß, legte an dem armen jungen Mann Hand an, und goß ihm ſüße Milch und andere Dinge ein, von denen ſie gehört hatte, daß ſie bei ſolchen Gelegenheiten dienlich ſeien; denn aus dem Papiere, das daneben lag, erſahen wir, an was für Qualen er litt. Aber leider waren unſre Bemühungen fruchtlos. Nach dreiſtündigen ſchweren Leiden verſchied er, ohne ein einziges Wort geſprochen zu haben. Was die junge Dame betrifft, ſo waren alle Reibungen mit Rheinwein, und die andern Verſuche, die wir anſtellten, vollkommen fruchtlos; ſie war und blieb todt. Von Schrecken und tiefer Betrübniß betroffen, verſchloſſen wir die Thüre dieſes Jammerzimmers, um endlich ein Paar Stunden Ruhe zu genießen. Später am Tage erklärte der Pfarrer, daß der Baron nach dem Pfarrhauſe gebracht werden müßte, was er ſelbſt auch zu wunſchen ſchien; aber die Reiſe befam ihm ſchlimm. Er war ſo ſtark vom Hirnſteber angegriffen, wie es der Doctor nannte, daß es ſich um das Leben handelte. Jetzt iſt er zwar auf dem Wege der Beſſerung, aber noch ſehr ſchwach.— Inzwiſchen wurde die junge Frau beigeſetzt; und da der Pfarrer den armen Jüngling lieb gewonnen hatte, der ein Paar Wochen im Pfarrhauſe gelegen war, ſo erbarmte er ſich ſeiner, und ließ ihn nicht in ungeweihter Erde verſcharren, ſondern gab ihm freund⸗ lich einen Platz auf unſrem Kirchhofe, wo ich und einige Andere Sonntag Abend vor acht Tagen ſeiner Bahre folgten. Aus den Papieren, die er bei ſich trug, erſah man, daß er Axel Müller hieß, und aus einem Briefe von ſeinem Vater erhellte auch, wer dieſer ſei; weßhalb ihm der Pfarrer ſchnell über dieſes unglückliche Ereigniß ſchrieb. Ein alter, vom Kummer tief gebeugter Herr langte im Pfarrhofe an; es war Müllers Vater. Man ſchickte nach mir, und auf eine Weiſe, die uns beide, mich und den Pfarrer, tief rührte, und die den Kum⸗ mer des alten Herrn genugſam kund gab, fragte er nach jedem Umſtande, dankte uns warm für unſere Mühe und belohnte ſie reichlich. Er war auch hier und beſah dieſes unheilvolle Zimmer. Große Thränen rollten auf ſeine braunen, männlichen Wangen, als ich ihm die Stelle am Bette zeigte. Schweigend verließ er uns. Am Grabe ſeines Sohnes weilte er mehrere Stunden einſam; und als er alle Papiere und die übrigen Sachen des Abgeſchiedenen geſammelt hatte, nung Fenf Ar 9 reiste er von hier ab, indem er es ſehr beklagte, daß der Zuſtand des Barons ihm keine Gelegenheit gab, alle die Aufklärungen zu erhalten, die er wünſchte. Der Pfarrer mußte ihm jedoch verſprechen, ihm Nachricht zu geben, ſobald die Geſundheit des Barons hinlänglich gebeſſert ſei, um von ihm nähere Aufſchlüſſe über die Begebenheiten erhalten zu können.“— Hermer und Waldenberg hörten ihm in ſtummem Schweigen zu. Beide waren ſo ergriffen, daß ſie ſich, obwohl ſte auf das Schlimmſte vorbereitet waren, doch nicht ſo leicht erholen konnten. Für Waldenberg war es noch ein beſonderer Schmerz, Müllers Vater nicht angetroffen zu haben. Er war nicht im Stande, weiter zu reiſen, und mußte ſich deßhalb auf das ſchwere Geſchäft vor⸗ bereiten, den bedrückten und leidenden Profeſſor Müller ſchriftlich von all' den Umſtänden beim Tode ſeines Sohnes, über die jener noch in Ungewißheit ſchwebte, zu unterrichten. Dieſe Gedanken und das Schweigen, das dadurch entſtand, wurden durch den Eintritt der Frau Kramer unterbrochen. Freundlich grüßte ſie ihre Gäſte, und ſagte wohlwollend:„Ich habe den Kaffee in unſer Wohnzimmer getragen, und glaube, daß er Ihnen nach des Vaters langer Erzählung dort beſſer ſchmecken wird, als in dieſem Zimmer hier, wo ich nicht einmal bei hellem Tage hereingehen kann, ohne eine Furcht und eine Beängſtigung zu fühlen, die wohl verzeihlich iſt.“ Die Herren ſtanden auf und folgten dankbar der wohlmeinenden Wirthin. Es war ſchon eine Erleich⸗ terung für ſie, daß ſte eine andere Luft athmen durften, als die eingeſperrte und drückende, die in dieſem Zim⸗ mer herrſchte. Nachdem ſie ihren Kaffee getrunken und einige Erfriſchungen zu ſich genommen hatten, puhte Waldenberg ein Paar Stunden aus, während Hermer bei einer Pfeife Tabak ſich mit dem alten Feldwebel beſprach; ſodann traten ſte in Geſellſchaft des Letztern den Weg zum Pfarrhauſe an. Die rothgemalte Woh⸗ nung mit ihren weißen Schornſteinen und perlfarbigen Fenſterläden, von hohen Ahornbäumen umgeben, trat zierlich und einladend hervor. Sie fühlten ſich etwas beſſer zu Muth, als ſie die breite Stiege hinaufgingen und von dem Pfarrer, einem geſetzten und ſtillen Manne, bewillkommt wurden. Nachdem er ſie in ein Zimmer geführt hatte, das eine hinlänglich große Bücherſamm⸗ lung aufwies, um ihren Titel Bibliothek zu rechtfertigen, gaben die Reiſenden ihren Namen und ihr Geſchäft an. „Willkommen in meiner friedlichen Behauſung,“ ſprach der Pfarrer herzlich;„alle Bequemlichkeiten, die die Haushaltung eines alten Junggeſellen aufweiſen kann, biete ich Ihnen an. Doch jetzt, meine Herren,“ fügte er hinzu,„müſſen Sie den Wirth um des Kran⸗ kenwärters willen entſchuldigen. Ich wage nicht, Sie zu dem Baron eintreten zu laſſen, ehe ich ihn von Ihrer Ankunft unterrichtet habe; denn er iſt, die Wahrheit zu ſagen, noch ſehr ſchwach. Das erſchütternde Ereig⸗ niß, das Ihnen wahrſcheinlich bekannt iſt, da ich ja den Feldwebel Kramer in Ihrer Geſellſchaft ſehe, hat ſeine Sinne ſo verwirrt, daß er oft ganze Stunden daliegt und phantaſirt, wobei er ſich dann immer vor⸗ ſtellt, daß Müller ſchon ſeit mehreren Monaten todt, aber jetzt wiedergekommen ſei, um ſeine Braut zu holen. Es iſt eine vergebliche Mühe, ihn überzeugen zu wollen, daß das unmöglich iſt, und daß ſich Müller noch ein Paar Stun⸗ den vor ſeiner ſündhaften That unter meinem Dache befand. Er lächelt dann mißtrauiſch und ſchüttelt den Kopf; aber bisweilen wird er böſe und ſagt:„Sparen Sie Ihre Mährchen, Herr Pfarrer! Ich weiß die Sache beſſer. Sein Leichnam ruht in den Wogen des Ljusneelf.““ „Dieſe Verwirrung iſt ganz natürlich bei einem kranken und aufgereizten Gemüthe,“ erwiederte Hermer; „denn in Folge eines ſonderbaren, aber höchſt wahr ſcheinenden Gerüchtes glaubte man allgemein, er habe ſeinem Leben ſchon vor längerer Zeit ein Ende gemacht. Es iſt für den Baron unmöglich, zu einiger Klarheit in dem Dunkel zu kommen, in dem er ſchwebt, ſo lange eine Menge Umſtände, über die ihn Herr Waldenberg am beſten aufklären kann, ihm unbekannt bleiben. Müller 11 vertraute dieſem Herrn bis auf ſeinen letzten Vorſatz Alles an. Aus dieſem Grunde eilten wir Tag und Nacht hieher; Gott gebe, daß der Zuſtand des Barons ein ſolcher ſein möge, um eine Aufklärung zu erlauben!“ Jetzt hörte man eine Glocke heftig ziehen.„Aha!“ ſagte der Pfarrer,„er iſt gewiß erwacht und hört uns ſprechen; ich muß hinein.“ In demſelben Kämmerlein, das der unglückliche Mül⸗ ler bewohnt hatte, finden wir jetzt Guſtav Lindorm auf ſein Krankenlager hingeſtreckt. Die Wangen waren ab⸗ gemagert, die ſchönen, klaren Augen tief eingeſunken in ihre Höhlen. Die immer etwas bleiche Farbe ſeines Geſichtes war jetzt gelb, der dunkle Bart entſetzlich lang, das Haar, in wirren Locken aufgelöst, hing um die hohe, gefurchte Stirne.— So war jetzt Lindorm, er, der bildſchöne Mann, der noch vor wenig Monaten von allen jungen Faſhionables mit Neid betrachtet worden war. Körperliche und geiſtige Qualen, die heftigſte Leidenſchaft und mancher harte und peinvolle Kampf hatten das ſchöne Gebäude zerſtört und nur Ruinen zurückgelaſſen. „Herr Pfarrer,“ ſprach er, als dieſer in das Zim⸗ mer eintrat,„mich dünkte, bekannte Stimmen zu hören. Gewiß täuſchte ich mich nicht; aber wie haben ſie ſo bald Kunde erhalten! Es war ja erſt geſtern Abend, daß Müller ſeine Braut holte? Der Herr Pfarrer muß einen Geiſt an ſie abgeſandt haben; denn ich erinnere mich, daß ich zehn Tage zu der Reiſe brauchte.“ „Ich habe dem Herrn Baron ja ſchon viele Male verſichert,“ antwortete der Pfarrer nicht ohne einen kleinen Anflug von Aerger, es noch einmal thun zu müſſen,„daß Alles das eine fixe Idee iſt. Es war nicht erſt geſtern; nächſtens ſind drei Wochen verfloſſen, ſeitdem ſich die betrübte Sache zutrug.“ „Nun, eben ſo gut,“ erwiederte Guſtav,„drei Wochen, oder drei Tage, oder drei Stunden, das iſt daſſelbe; Alles hat ſich nun einmal zugetragen. Aber Sie weichen meiner erſten Frage aus. Ich kannte die Stimmen draußen; wer iſt es?“ „Zwei Herren, die den Herrn Baron zu ſehen und zu ſprechen wünſchen. Der Eine nennt ſich Hermer, und der Andere iſt Ihr Verwalter Waldenberg.“ „Ah, ſie ſind willkommen!“ ſprach er mit einem ſchwachen Lächeln.„Meine Freunde haben mich alſo nicht vergeſſen. Arthur iſt wohl auch dabei?“ „Nur dieſe zwei,“ verſetzte der Pfarrer. „Ha, das hätte ich wiſſen können,“ fiel er ſchnell ein und fuhr mit der Hand über die Stirne. Auf einen Augenblick ſtieg ihm das Blut in die Wangen, und etwas leiſer fügte er hinzu:„Ich hätte das ja wiſſen können; er hat etwas Anderes zu thun. Aber eilen Sie, Herr Pfarrer, und führen Sie meine Gäſte herein!“ Der geiſtliche Herr entfernte ſich; Lindorms Blick folgte ihm, bis er die Thüre geſchloſſen hatte. Dann faltete er die abgemagerten Hände und ſprach leiſe im ſchmerzlichſten Tone:„Konſtanze, meine geliebte Schwe⸗ ſter! Du gelobteſt mir ja oft, wenn Deine Seele Ruhe gefunden hätte, ſollte auch die meinige ſie finden. Nun biſt Du glücklich, denn Du biſt mit dem vereint, den Du über Alles auf Erden geliebt haſt. Aber ich, wo iſt mein Ziel, wann werde ich es erreichen? Arthur, Arthur,“ murmelte er undeutlich,„ſeht, kommt er nicht in Müllers Geſtalt, und ſtiehlt mir meine andere, meine wahre Braut! Ich ſehe ihn ja jede Nacht! O Arthur, fal⸗ ſcher, verrätheriſcher Arthur! warte! warte! Du mußt erſt mit mir kämpfen; ohne Kamp fſollſt Du ſie nicht haben.“ Er fuhr heftig empor, ſank jedoch ſchnell und von dieſer Anſtrengung entkräftet auf das Kopfkiſſen zurück. So war ſein Zuſtand ununterbrochen. Nach jedem lich⸗ ten und klaren Augenblicke folgte immer wieder eine Verwirrung. Als Hermer und Waldenberg eintraten, hatte er die Augen geſchloſſen und ſchien vergeſſen zu haben, daß ſie da waren. Stille zogen ſich die Herein⸗ gekommenen zurück; aber der Ausdruck in den bedeu⸗ tungsvollen Blicken, die ſie wechſelten, ſagte ihnen, wie entſetzlich ſie Beide von dieſem Anblicke erſchüttert waren.„Großer Gott, was muß er gelitten haben!“ ⸗— er k ſe ſt 13 ſprach Waldenberg leiſe zu Hermer;„man kann ihn kaum wieder erkennen.“ „Das darf uns nicht wundern,“ entgegnete Hermer in demſelben gedämpften Tone.„Wenn ich mich nicht ganz täuſche, ſo war es mehr als Ein Kummer, der an ſeinem Herzen nagte.“ „Das habe ich längſt geahnt,“ fagte Waldenberg; aber ſein Ton zitterte ſo ſehr, daß Hermer dieſe Worte eher errathen als hören konnte. Mit einem wehmüthigen Blicke drückte er ſeinem jungen Freunde die Hand.„Gott lenkt Alles zum Beſten, mein redlicher Waldenberg,“ ſprach er tröſtend; „Kampf und Entſagung erringen oft erſt dort oben die Siegerkrone.“— Waldenbergs Augen ſchimmerten von einer Thräne; ſtill trat er an's Fenſter. 1 — Zweites Kapitel. Beſtaͤndig ruhlos waren meine Tage, Da kam, vom Himmel uͤber mich geſandt, Ein hell'rer, beſſ'rer Augenblick zuweilen, Wie jener Abend; ich ſchloß Aug' und Seele Dem Licht des Chriſtenthumes auf; genoß davon Und naͤher fand ich mich dem Langvermißten. Nikander. Ungefähr eine Viertelſtunde ſpäter erwachte Lin⸗ dorm; zu dieſer Zeit war er gewöhnlich am beſten bei ſich. Er ſchlug die Augen auf und ſah ſich forſchend um. Hermer nahte ſich; Waldenberg war ſo aufgeregt, daß er ſich noch in einiger Entfernung hielt.—„Will⸗ kommen, meine Herren!“ ſagte der Baron mit einem ſchwachen Lächeln, und verſuchte, ſeine Hand auszu⸗ ſtrecken.„Wie haben Sie mich in dieſer Einöde auf⸗ finden können?“ „Daruͤber wird Ihnen Waldenberg Aufſchluß geben, mein beſter Baron, ſobald Sie im Stande ſind, ihn anzuhören. Jetzt danke ich Gott, daß wir hier find. Aber erlauben Sie mir die Frage, iſt hier kein Arzt?“ „Ich habe zweimal den Provinzialarzt hier unten gehabt,“ ſagte der Pfarrer, und legte Nachdruck auf das Wort,„und er hofft das Beſte. Der Baron befindet ſich jetzt auch weit beſſer, als er vor einer Woche war, obwohl er noch ſchwach iſt. Nach einer ſolchen Krank⸗ heit iſt nichts Anderes zu erwarten.“— Ein leichter Zug von Ungeduld ſchwebte um Guſtavs Lippen. So⸗ bald der Pfarrer ſchwieg, fragte er mit merklicher Unruhe in Ton und Blick:„Wie befindet ſich Ihre Familie, Hermer?“ „Sehr gut, Gott ſei Dank,“ erwiederte Hermer. „Mein Weib war nur ein wenig erſchrocken, als ſie meine haſtige Abreiſe erfuhr.“ „Ihre Gattin Alida war immer theilnehmend.“ — Es lag etwas in Lindorms Stimme, das geywiſſe, ſchon zum Voraus erweckte Ahnungen in Hermers leicht auffaſſender Seele neu belebte. Er beſchloß deßhalb, eine Saite anzuſchlagen, die, wie er hoffte, in Guſtavs wirren Gedanken ein Echo finden, und ſie zu größerer Klarheit führen würde. Er ſprach deßhalb mit der ihm eigenen Leichtigkeit und ohne die geringſte Lücke in der Unterhaltung zu laſſen, weiter: „Sie wäre es in noch höherem Grade geweſen, wenn ſie gewußt oder nur geahnt hätte, daß unſere Reiſe Ihnen galt, Ihnen, den ſie von Jugend auf wie einen Sohn geliebt hat. Aber ich wagte es nicht zu ſagen; denn Georginens Angeſicht warnte mich zu deut⸗ lich davor. Sie war zufällig anweſend, als Waldenberg anlangte und mich in Eile davon in Kenntniß ſetzte, daß er in einem Geſchäft von Wichtigkeit meinen Rath einholen wolle. Das Mädchen wurde bleich wie der Tod, und ehe ſich noch meine Gedanken zu einem be⸗ ſtimmten Punkte hatten ſammeln können, rief ſie mit einer den Weibern gewöhnlichen Heftigkeit, wenn ſie von der Furcht beherrſcht werden, aus: ‚Berührt es Baron Guſtav?“ Ich weiß nicht mehr, wie Waldenberg u &☛* nnVnAn 15 ſich heraus brachte; aber ich glaube, daß es nicht zum beſten war; denn ſie ſchien keineswegs überzeugt, als ich, um die Frauenzimmer zu beruhigen, ſie verſicherte, daß die Reiſe in Folge eines Verluſtes im Getreidehandel geſchehen müſſe, den Waldenberg während der Abweſenheit ſeines Herrn erlitten habe. Dieſe kleine unſchuldige Liſt ſchien mir beſſer, als die Wahrheit, wenigſtens bei dieſer Gelegenheit, da ſich beide zu aufrichtig für Ihr Schickſal intereſſtren, als daß ich ſie der Ungewißheit und Furcht während unſerer Abweſenheit hätte überlaſſen wollen.“ Hermer ſchwieg. Er hatte weit mehr geſprochen, als nöthig war, um ſeinem ſcharfen Auge Gelegenheit zu geben, die Bewegungen, die in Lindorms Zügen wechſelten, zu er⸗ kennen. Er erwiederte zwar kein Wort; aber ein Purpur⸗ roth färbte ſeine blaßgelben Wangen mit einem flüchtigen Schimmer, in ſeinem Auge flammte ein ſchnelles Feuer auf, und ein fühlbares Zittern bewegte die Hand, die Hermer in der ſeinen hielt. Nach einer langen Pauſe fragte Lindorm: „Kommt nicht auch Waldenberg? ich ſehnemich nach ihm.“ Dieſer trat vor, und ſein thränenvolles Auge be⸗ trachtete mit vergebens zurückgehaltener Rührung Lin⸗ dorms entſtellte Züge. Seine Lippen öffneten ſich; aber er brachte kein Wort heraus. „Mein edler Waldenberg!“ ſagte Baron Guſtav,„Sie haben noch nicht das glückliche Geheimniß eines Welt⸗ mannes gelernt, Ihre Gemüthsbewegungen unter dem er⸗ künſtelten Gewande der Ruhe zu verbergen. Hermer zeigte ſich durchaus nicht über mein Ausſehen verwundert; aber ich brauche nur auf Sie zu ſehen, um zu begreifen, daß es eine ſtarke Veränderung erlitten haben muß.“ „Wenn ich der Leiden und Schmerzen gedenke, die ſie hervorgebracht haben,“ ſagte Waldenberg leiſe,„ſo konnte ich nicht hoffen, daß das Ausſehen des Herrn Barons ein anderes ſein würde.“ „Was wiſſen Sie denn davon, Waldenberg?“ fragte Lindorm, in einem Tone, der zugleich Verwunderung und Mißvergnügen über dieſe, wie es ihm ſchien, unpaſſende Einmiſchung in einen ſo zarten Gegenſtand ausdrückte. ——V——Y—Y—Y—X— n—— — 16 „O ich weiß viel, ſehr viel davon,“ entgegnete Wal⸗ denberg,„und habe es lange her gewußt; und lange Zeit, Herr Baron,“— hier ließ er wieder ſeine Stimme ſinken, ſo daß die Worte kaum hörbar für Lindorm waren,— „lange Zeit habe ich Ihre Unruhe getheilt und mit Ihnen gelitten; ich habe auch mit Müllern gelitten, der mein vertrauteſter Jugendfreund war. Ich muß Ihnen ent⸗ decken, daß Müllers vermutheter Tod im Ljusneelf nur eine abſcheuliche Lüge war, die der Oberjägermeiſter aus⸗ breitete, um die Abſicht zu erreichen, die er endlich auch wirklich erreichte. Er betrog Sie und Fräulein Konſtanze. Vielleicht,“ ſetzte Waldenberg hinzu, als er die heftige Bewegung gewahrte, die ſich auf dem Antlitz des Ba⸗ rons zeigte,„hätte ich dies Geheimniß nicht ſo ſchnell enthüllen ſollen; aber ich wagte zu glauben, daß eine Aufflärung über das Dunkel und die Zweifel, in denen Sie gelebt haben, eine glücklichere Wirkung auf Ihren Geſundheitszuſtand und Ihren Seelenfrieden hervor⸗ bringen würde, als alle Bemühungen der Kunſt.“ „Was, im Namen Gottes, ſagen Sie da, Walden⸗ berg?“ rief Baron Guſtav aus und ſtarrte verwundert auf ſeinen Verwalter. Er hatte von dieſer Rede nicht mehr gehört, als was Müller und den Oberjägermeiſter anging.„Eine Lüge, ſagen Sie? Ha, wäre das möglich! Er lebte und wir hätten Alle glücklich werden können! Nein, nein, es iſt ein Blendwerk. Mein Oheim konnte. kein ſo abſcheulicher und verächtlicher Menſch ſein, daß er mich und ſein frommes, holdes Kind aufopferte, um einen elenden Stolz, eine leere Eitelkeit zu befriedigen? Und dann Müller, wie ſollte er ihn haben dazu bringen können, daß er in einen ſo niederträchtigen Plan ein⸗ ging? Es geht in meinem armen Kopfe rund herum! Setzen Sie ſich hier zu mir her, Waldenberg, und er⸗ zählen Sie mir Alles, von Anfang bis zu Ende. Ich habe lange vergebens in dieſem Dunkel umherge⸗ griffen, lang um einen Strahl gebeten, der mir den Weg zeigen ſollte. Gott ſelbſt hat in ſeiner Gnade Sie hierher geſandt.“ — ———— — 17 „Doch ich weiß nicht,“ wandte Waldenberg ein, „ob der Herr Baron im Stande ſind, Alles heute Abend anzuhören.“ „O fürchten Sie nichts,“ fiel ihm Lindorm in's Wort, als er die mißbilligenden Mienen des Pfarrers und Hermer'’s ſah.„Ein klarer Blick in dieſe chaoti⸗ ſchen Finſterniſſe wird mir mehr Nutzen bringen, als alle Medicamente; und da ich während dieſer Mitthei⸗ lung mit meinem Verwalter allein zu ſein wünſche, ſo ſorgen Sie, Herr Pfarrer, wie ich hoffe, als ein guter Wirth für meinen Freund Hermer.— Es lag etwas Beſtimmtes in dem Tone, deſſen ſich der Baron bediente, und mit einer leichten Verbeugung verſchwand der Pa⸗ ſtor mit Hermern. „Nun, mein guter Waldenberg, ſetzen Sie ſich zu mir her,“ fing Guſtav wieder an,„und verhehlen Sie mir nichts, darum bitte ich Sie.“ Waldenberg kam ſeinem Wunſche nach und be⸗ richtete genau alle die Umſtände über Müller's und Konſtanzens Liebe, die wir bereits kennen; und wie er ſo ſprach, ging in den duuklen, verworrenen Vorſtel⸗ lungen des Barons ein helles Licht auf. Die Erinne⸗ rung erwachte in ihm, und mancher Zug im Gemüthe ſeines Oheims, den er vorher nicht begriffen hatte, ward ihm jetzt klar; aber als Waldenberg zu dem empörenden Momente kam, wo der Oberjägermeiſter den beklagens⸗ werthen Müller auf eine ſo abſcheuliche Art zwang, mit eigener Hand ſein und Konſtanzens Todesurtheil zu unter⸗ ſchreiben, da wurde der Ausdruck in Lindorms Zügen ein ſchrecklicher.—„Der ſchändliche Bube!“ ſtammelte er, und ſeine Augen ſprühten Feuer und Flammen,„das konnte er thun! Ewiger Gott! er war doch Vater! Rührte ſich da kein menſchliches Gefühl in ſeiner Bruſt, als der ge⸗ quälte Jüngling zu ſeinen Füßen um Erbarmen flehte! O Müller, mein Herz möchte brechen, wenn ich mir vorſtelle, was Du litteſt! Und das Ungethüm konnte kaltblütig drei Menſchen wegwerfen, wie man Spreu in Guſtav Lindorm. II. 2 —— 18 den Wind ſtreut, und noch ein Vierter war nahe daran, ſein Opfer zu werden; denn es iſt ein wahres Wunder, daß ich das Alles durchgemacht habe.“ Er ſchwieg; auch Waldenberg blieb ſtille. So verging einige Zeit. Da zog Guſtav die Hand von der ſinnenden Stirne, ſah Waldenberg mit einem lichten, friedevollen Blick an und ſprach leiſe:„Vater, vergib ihm! Er war ein großer Sünder, das war er, Wal⸗ denberg; doch ich habe überlegt, daß das Uebel, das er verurſachte, ſeinen Urſprung eher aus einer unglück⸗ lichen, obſchon verächtlichen Schwachheit, dem elenden Ahnenſtolze, als aus vorſätzlicher Schlechtigkeit her⸗ leitete; und obwohl die Wirkungen ſeiner Handlungs⸗ weiſe gleich entſetzlich ſind, ſo waren doch die Beweg⸗ gründe dazu nicht ganz ſo abſcheulich, da ſie ſich von einem falſchen Pflichtgefühle herſchrieben. In einer Hinſicht muß ich ihm noch Gerechtigkeit widerfahren laſſen, nämlich darin, daß ich ihn nie auch nur mit einem einzigen Worte Konſtanzen einen Vorwurf machen hörte.“ „Ach, Herr Baron!“ entgegnete Waldenberg,„er hatte einen anderen, einen ſichereren Weg gewählt, um ihr Herz zu erdrücken, und dieſen verfolgte er ſyſtema⸗ tiſch. Und dann Müller! wenn Sie ſich nur einen Begriff machen könnten, Herr Baron, was er während der letzten ſechs Monate nach ſeiner Verweiſung aus⸗ geſtanden hat! Auf der Erde umherirrend, ohne Hoff⸗ nung, ohne Stützpunkt, mit verwirrtem Sinne, zerſtört an Körper und Seele, ein lebender Schatten, wich er endlich nach fruchtloſem Kampfe und matt von des Tages Laſt, der übermächtigen Lockung der Leidenſchaft, und ging, um in derſelben Stunde, wo er ſeinen Eid brach und Konſtanze wieder ſah, ſich ſelbſt ein Ende ſeiner Leiden zu ſuchen.“ „Alles Das ſehe ich wohl ein,“ erwiederte Lindorm. „Nie werde ich ſeinen Anblick an jenem Abende ver⸗ geſſen, wo er von dem jähen Felſen in der Nähe der Feldwebelswohnung herabſprang. Noch immer ſchallt wünſ „und habe gedan rauhe unter ſeien Sie, dieſer aran, nder, So n der hten, ergib Wal⸗ das lück⸗ enden her⸗ ings⸗ weg⸗ von einer ahren mit achen 7 † er „ um ema⸗ vorm. ver⸗ e der challt 19 mir in den ſtillen Stunden der Nacht ſein ſchauerliches Gelächter in's Ohr. Doch fahren Sie fort, beſter Waldenberg; ich fange an, müde zu werden, und möchte doch heute Abend noch das Ende Ihrer Mittheilung ören.“ Dieſer las nun Müller's zwei letzte Briefe vor, welche das vollends aufklärten, was Guſtav noch dunkel ſchien. Als Waldenberg damit zu Ende war, ſuchte er den dritten, den ihm Müller von Ejkenberg aus ge⸗ ſchrieben hatte, und worin er ihm ſeinen letzten Entſchluß zu erkennen gab; aber dieſer Brief fand ſich nicht. Wal⸗ denberg erſchrack bei dem Gedanken, denſelben vielleicht in Roſendal vergeſſen zu haben; doch gleich darauf er⸗ innerte er ſich deutlich, ihn in die Bruſttaſche geſteckt zu haben. Vermuthlich war er beim ſchuellen Einpacken— ſeiner Sachen vergeſſen worden und in ſeinem Zimmer zu Engelvik zurückgeblieben. Von dieſer Ueberzeugung beruhigt, berichtete er ſeinen Inhalt dem Baron, der ihn in tiefer Rührung anhörte; und als Waldenberg ſchwieg, faltete er ſeine Hände über der Bruſt und ſagte leiſe:„Friede ſei mit Deiner Seele, Du armer, unglücklicher Jüngling! Wir wollen hoffen, Walden⸗ berg, daß ſie jetzt in einer Seligkeit vereinigt ſind, die das Glück weit überſteigt, das eine irdiſche Liebe uns ſchenken kann.“ Waldenberg ſeufzte und antwortete nichts. Sein Glaube widerſprach dieſer tröſtlichen Vermuthung nicht; aber er dachte an den eigenen bevorſtehenden Hingang und an ſeines Herzens hoffnungsloſe Liebe.—„Jetzt wünſche ich zu ruhen, wenn ich kann,“ ſagte Lindorm, „und auch Sie, Waldenberg, haben es nöthig. Ich habe Ihnen noch nicht für das wahrhaft große Opfer gedankt, das Sie mir brachten, indem Sie in dieſer rauhen und ſchlimmen Jahreszeit eine ſo weite Reiſe unternahmen. Aber ich weiß es zu würdigen, davon ſeien Sie überzeugt. Ich ſehe ein, wie ſchwer es für Sie, der Sie an zehrenden Bruſtleiden kranken, war, dieſen elenden Weg in einem offenen Vuhrwerk zurück⸗ —— zulegen; aber ich werde es nie vergeſſen, daß ich ohne Ihre Dazwiſchenkunft wahrſcheinlich bald von jener Gemüthskrankheit ergriffen worden wäre, woran mein armer Vater litt, und wovon ich jetzt hoffen kann, bald hergeſtellt zu ſein. Die Erinnerung an Konſtanze, die mir ſo theuer war, wird jedoch immer einen leeren Raum in meinem Herzen laſſen. Ich liebte ſie, wie eine theure Schweſter, eine treue Freundin. Sie war ein Engel auf Erden, Waldenberg.“ „Glich ſie dem Fräulein von Werdenberg?“ fragte der Verwalter ſcheu und ſein Blick belebte ſich bei dem Gedanken an ſie, die für ihn das Ideal alles Edlen und Herrlichen war. „Ja und nein!“ erwiederte Lindorm;„beide waren gewiß mit den Weſen verwandt, die wir Engel nennen; aber Konſtanze, die einſame, ſchöne und anſpruchloſe Lilie blenzete nicht, wie die üppige Roſe. Ihre vor⸗ nehmſte Zierde war die unansſprechliche Güte ihres Herzens, die aus dem reinen und ſanften Blick ihrer Augen uns entgegenſtrahlte. Ich möchte wünſchen, daß Georginens Seele Konſtanzen gliche. Herzensgüte iſt, meiner Anſicht nach, die ſchönſte Eigenſchaft des Weibes; alle übrigen verſchwinden, wo dies Eine ſehlt.“ „Ach, ſie iſt ſo gut; zweifeln Sie nicht daran!“ ſagte Waldenberg im überzeugendſten Tone.„Aber mit einem lebhaften Sinne vereinigt ſie jenen leichten und angenehmen Geſellſchaftston, der ihre Schönheit dop⸗ pelt liebenswürdig erſcheinen läßt, und die Reinheit ihres Herzens verliert dabei nichts von ihrem Glanze. Darüber kann ich am beſten urtheilen, da ich zwei Jahre lang Gelegenheit hatte, dieſe Beobachtungen zu machen. Wie oftmals habe ich ihr begegnet, als ſie einſam, und wie ſie glaubte, ungeſehen zu den Hütten der Armuth ſchlich, nicht um dem erſten beſten Bedürf⸗ tigen ein Almoſen zuzuwerfen, ſondern um mit einer, an einem jungen und lebensfrohen Weſen, weit edleren Selbſtverläugnung, Troſt und Labung dem leidenden Herzen zu bringen, das von Kummer und Verzweiflung tief: das ben Her; ange wo als frei „Ab Nach dem Gede ſein Sch alle hatt Er Woc beſſe war⸗ hohe ihre ohne jener mein bald „die Leren wie war ragte dem fdlen aren nen; hloſe vor⸗ ihres ihrer daß e iſt, ibes; an!“ mit und dop⸗ nheit 21 tief niedergedrückt, von ihren jungen und reinen Lippen das Wort auffaßte und glaubte und hoffte! Ach, glau⸗ ben Sie mirz ſie hat das ſanfteſte Gemüth, das wärmſte Herz, die edelſte und ſtärkſte Seele, die je einem Weibe angehörte; und ſchwerlich wird man ein Weſen finden, wo ſich die jungfräuliche Sittſamkeit beſſer ausſpräche, als in ihrem Benehmen, das zugleich ſo vollkommen frei von aller Ziererei iſt.“ „Ja, das iſt nicht zu beſtreiten,“ ſeufzte Lindorm. „Aber wir gerathen zu tief in einen neuen Stoff; gute Nacht, lieber Waldenberg!“— Dieſer ging, und nach⸗ dem Baron Guſtav verſucht hatte, die Menge neuer Gedanken und Gefühle zu ordnen, die ſeinen Kopf und ſein Herz erfüllten, erhob ſich ſeine Seele auf den Schwingen des Gebets zu Dem, der in ſeiner Hand alle die zerſtreuten Fäden unſres Schickſals hält. Nie hatte er das ſo ſehr gefühlt, als in dieſem Augenblick. Er entſchlief endlich, ruhiger als ſeit langer Zeit. Drittes Kapitel. Hoͤrſt du, wie dort die Palme uͤber Graͤber ſaͤuſelt? Lauſch' gut! es regt ſich tief im Schooß der Erde. Nikander. Ja gewiß, wir ſeh'n uns einſtens wieder, Ruhe ſanft, du edler, guter Geiſt! Miſche deine Stimme mit der Engel Lieder, Einſt, gewiß! wir ſeh'n uns Alle wieder, Nicht fuͤr immer bleibt das Herz verwaist! Stenhammar. Hermer und Waldenberg hatten jetzt mehr als eine Woche im Pfarrhauſe zugebracht. Lindorm war ſichtlich beſſer, und fing ſchon an, aufzuſtehen. Leben und Farbe waren wiedergekehrt, das Auge erſchien feuriger, ſeine hohe, ſchlanke Figur hatte ſich wieder aufgerichtet und ihre frühere Elaſticität, ihre ungezwungene Anmuth wieder gewonnen, auf ſeiner ſchöͤnen, klaren Stirne und in ſeinem ganzen Weſen thronte wieder jenes Etwas, das Willy ſo treffend imponirend und höchſt diſtinguirt genannt hatte. Mit Einem Worte, eine wunderbare Veränderung war mit ſeinem ganzen Weſen, mit Leib und Seele vorgegangen. In ſeinem Blicke lag etwas Eigenes, Süßes und Schwärmeriſches, eine Folge der überſtandenen Leiden; aber der trübe, finſtre Ausdruck zeigte ſich nicht mehr. Es war eines Morgens nach dem Frühſtücke, als Hermer es zum erſten Male wagte, einen Gegenſtand zu berühren, den man bisher immer ſorgfältig ver⸗ mieden hatte. Es betraf Konſtanzens Begräbniß; ſie war noch im Chore der Ekenberger Kirche beigeſetzt. „Was denken Sie davon, beſter Baron,“ fragte Hermer;„iſt es Ihr unabänderlicher Entſchluß, die lange und beſchwerliche Fahrt nach Hamringen zu un⸗ ternehmen? In Wahrheit, das ſcheint mir ein allzu⸗ ſchwieriges Geſchäft zu werden. Sollte ſie nicht eben ſo gut an einer andern Stelle ruhen können? Hier, an dieſem Orte, wo ihre Namen ein Geheimniß bleiben müſſen, geht das zwar nicht wohl an; aber unſer Kirch⸗ hof in Effenbo iſt ja ſchön, laſſen Sie ſie dort ſchlafen!“ „An was denken Sie?“ ſprach der Baron, und eine ſtärkere Röthe flammte über ſeine Züge.„Soll ich mein todtes Weib dahin führen, wo ich möglicher⸗ weiſe noch Frieden und Glück aufblühen ſehen darf? Hieße das nicht, von einer falſchen Seite beginnen, wenn ich ſelbſt die Bilder des Todes und der Trauer in Engelvik einführen würde? Nein, Hermer, das geht nicht an; ſolche Gäſte kommen noch zeitig genug. Ueberdieß würde es Gelegenheit zu tauſend verdrieß⸗ lichen Anekdoten geben, die für mich natürlicherweiſe höchſt unangenehm wären. Auch von einer andern Seite aus betrachtet, möchte ich es nicht. In der Hamringer Kirche befindet ſich unter dem Chore die Familiengruft; dort ſoll Konſtanze ruhen, an der Seite ihrer vorangegangenen Ahnen miütterlicher Seite; „Un dage berü beſu wiſſe ring Stirne jenes höchſt eine Veſen, Blicke „eine finſtre , als iſtand ver⸗ 3; ſie ſetzt. fragte die n un⸗ allzu⸗ eben Hier, leiben Kirch⸗ fen!“ und „Soll icher⸗ darf? nnen, rauer geht enug. drieß⸗ weiſe ndern n der e die Seite Seite; 23 denn dieſe Gruft hat ſeit undenklichen Zeiten den Be⸗ ſitzern von Hamringen gehört und zuletzt denen von Axxr, deren letzter Sprößling ſie war. Ich werde ihr eine Ehre erweiſen, wenn ich ihr allein zu ihrer erſten und letzten Heimath folge und ein Zeuge von den. Thränen bin, die ihre Untergebenen um den Staub der frühzeitig gebrochenen Blume mit den meinen vermi⸗ ſchen ſollen. Denn obwohl jung, war ſie doch ihnen Allen eine Mutter. Sollte unſer alter, redlicher Ver⸗ walter nicht noch einmal ſeinen Abgott zu ſehen be⸗ kommen? Ja, ſie ſoll nach Hamringen geführt werden, und trotz aller Vorurtheile, über die ich mich hinweg⸗ fetze, ſoll auch Müller mitgenommen und ſeine Leiche neben die ihrige gelegt werden. Er und Konſtanze ſollen wenigſtens im Tode vereinigt ſein; ſie ſollen eines an der Seite des andern ruhen. Dieſer Gedanke hat mich ſchon lange beſchäftigt, und ſeine Ausführung wird mir einen ſüßen Troſt gewähren, da ich weiß, daß, wenn je die Engel noch Gemeinſchaft mit der Erde haben, ſte mir für dieſe Anordnung danken wird.“ „Ich theile dieſe Anſicht,“ ſagte Waldenberg;„ſie erfüllt mich mit einer innigen und wehmuthigen Freude. Gott ſegne Sie, Herr Baron, für den edlen Hochſinn, daß Sie ſich über die kleinlichen und eingewurzelten Gewohnheiten des Vorurtheils hinwegſetzen! Ach, wie freut es mich, daß der arme Müller wenigſtens nach dem Leben das unſchätzbare Glück erreicht, daß er im Tode mit dem Weſen vereinigt wird, das ihm Alles war!“ „Aber,“ wandte Hermer ein,„hat der Baron be⸗ dacht, welche Hinderniſſe der Erfüllung dieſes ſchönen Wunſches entgegentreten?“ „Das ſollte ich nicht meinen,“ entgegnete Lindorm. „Unſer guter Wirth iſt mein Freund; er wird nichts dagegen haben; wir haben ſchon zum Voraus die Sache berührt. Waldenberg und ich werden Müller’s Vater beſuchen. Er wird mir für meine Anordnung Dank wiſſen, das iſt ſicher; und was den Pfarrer von Ham⸗ ringen betrifft, ſo iſt er ein zu aufgeklärter Mann, um 24 durch alte, verjährte Gebräuche einen guten Endzweck zu hindern. Uebrigens iſt er zu ſehr Weltmann, als daß er ſich mit Hamringens neuem Herrn entzweien möchte, was, wenn Sie die Güte haben wollen, ſich zu erinnern, mein beſter Hermer, Niemand anders iſt, als ich,“ fügte Lindorm mit einem ſchwachen Lächeln hinzu. „Der Herr Baron haben mich überzeugt, daß ſich die Sache machen läßt,“ verſetzte dieſer;„aber da es nun geſchehen ſoll, ſo müſſen Sie mir erlauben, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten; denn allein unter ſo unangeneh⸗ men Umſtänden eine Reiſe zu unternehmen, das hieße, ſich zu ſehr auf Ihre noch keineswegs feſte Geſundheit verlaſſen. Verſprechen Sie mir alſo, daß Sie, wenn Sie im Stande ſind, dieſelbe anzutreten, mein freund⸗ liches Anerbieten nicht verſchmähen.“ Baron Guſtav machte verſchiedene Einwendungen dagegen, ſah ſich jedoch durch Hermer's und Walden⸗ berg's vereinigte Gründe genöthigt, nachzugeben. Es wurde beſchloſſen, daß die Reiſe gegen Ende Novembers unternommen werden ſollte.. „O wenn ich dabei ſein könnte!“ ſeufzte Waldenberg. „Gott bewahre uns davor!“ fagte Hermer;„denn ich fürchte, mein guter Waldenberg, wir müßten Sie dann mit Jenen begraben, wenn wir hin kämen. Nein, wie wir ausgemacht haben, kehren Sie jetzt, ſo lange wir noch einige ſchöne Tage haben, zu Ihrem Geſchäfte in Engelvik zurück; und Sie müſſen mir verſprechen, Waldenberg, daß Sie oft, ja ſehr oft die einſamen Frauenzimmer in Roſendal beſuchen wollen, um ſie zu tröſten und zu beruhigen. Und dann wird auch die Fürſorge jener für Sie wohlthuend auf den Zuſtand Ihres Körpers und Geiſtes einwirken.“ Waldenberg erröthete tief, als er erwiderte:„Dank, beſter Hermer! Ihr Roſendal wird für mich ein irdiſches Paradies ſein, bis ich mich dem himmliſchen nahen darf.“ „Denken Sie nicht ſo viel an das,“ ſagte Baron Guſtav.„Mit Gottes Hülfe, mein guter Waldenberg, werden auch Sie noch manche heitere Stunde genießen dürfer freuer noch Ausft nimm glimp dem nunm zugle ſich n Wald zurick Auf rückkt 7 ſo da „frül langſ wend meiſt mir: den Anfa ich S mein in E ſehr neuer Hauf des 2 Rath es al wäre nach „Art dzweck t, als zweien ich zu ſt, als hinzu. aß ſich da es Ihnen geneh⸗ hieße, ndheit wenn reund⸗ ungen alden⸗ Nein, lange ſchäfte rechen, ſamen ſie zu ch die uſtand Dank, diſches darf.“ Baron nberg, nießen 25 dürfen und Ihre Freunde mit Ihrer Anweſenheit er⸗ freuen. Doch ehe wir uns trennen, will ich Ihnen noch einen Auftrag von höchſt zarter Natur geben, deſſen Ausführung Ihre ganze Geſchicklichkeit in Anſpruch nimmt. Sie ſollen nämlich auf die Art, wie Sie es am glimpflichſten finden, die Damen in Roſendal von all’ dem unterrichten, was hier vorgefallen iſt, und daß ſie nunmehr in mir einen verheiratheten Mann und Wittwer zugleich finden. Es wird ihnen ſodann leicht werden, ſich mein früheres Benehmen zu erklären.“ „Ich werde mich auf's Beſte bemühen,“ verſetzte Waldenberg, den Auftrag des Herrn Barons ſo aus⸗ zurichten, wie es ſeine zarte Beſchaffenheit erfordert. Auf welche Zeit darf ich die Damen wegen Ihrer Zu⸗ rückkunft vertröſten?“ „Ich glaube, daß wir gegen das Neujahr hin oder ſo da herum in Engelvik ſein können,“ meinte Lindorm; „früher iſt es unmöglich. Theils wird unſere Reiſe ſehr langſam von Statten gehen; theils werde ich mich noth⸗ wendig mit der Einſicht in die Geſchäfte des Oberjäger⸗ meiſters befaſſen müſſen. Uebrigens glaube ich, daß es mir mit Beihilfe meines Freundes Hermer möglich wer⸗ den wird, alles das ſo bald abzuſchließen, daß wir zu Anfang Januars daheim ſein können. Doch hievon werde ich Sie ſchriftlich beſtimmter benachrichtigen. Ueberdieß, mein lieber Waldenberg, empfehle ich die Reparationen in Engelvik Ihrer beſondern Obhut. Arthur hat einen ſehr ausgebildeten Geſchmack in Allem, was ſich auf die neuere Baukunſt bezieht, und beſonders iſt er in dem zu Hauſe, was eine geſchmackvolle und bequeme Einrichtung des Innern betrifft; laſſen Sie ihn deshalb mit gutem Rath und Planzeichnungen Ihnen an die Hand gehen.“ „In dieſem Falle,“ erwiderte Waldenberg,„wäre es angenehm, wenn der Herr Lieutenant wieder zurück wäre. Er verließ nämlich Engelvik den nächſten Tag nach dem Herrn Baron.“ „Was ſagen Sie!“ rief Lindorm verwundert aus. „Arthur hat Engelvik verlaſſen!“— Ein eigenes, unbehagliches Gefühl hatte Lindorm bisher abgehalten, ſeines jungen Verwandten zu erwähnen.—„Das iſt in der That ſehr ſonderbar. Ich war der Meinung, daß für gegenwärtig ſein Hauptquartier in Roſendal ſei, um, wie es einem getreuen Ritter geziemt, die Damen in Abweſenheit des Burgherrn zu beſchützen.“ „So viel ich weiß,“ bemerkte Waldenberg lächelnd, „haben ſie für jetzt keinen andern Ritter, als Willy; doch mit dem raſchen, freundlichen Knaben iſt ihnen auch recht wohl gedient. Was nun Lieutenant Sus⸗ betrifft, ſo machte er nur einen kurzen Abſchiedsbeſuch in Roſendal und reiste dann in Geſellſchaft des Ober⸗ richters Holk nach Björkö, wo er, wie er ſagte, bis zu Ihrer Wiederkehr bleiben wollte.“ Der Baron ſchien mit dieſer Nachricht ſehr zu⸗ frieden.„Ich werde an Arthur ſchreiben,“ ſagte er, „und wenn Sie ihm meinen Brief ſchicken, Herr Ver⸗ walter, ſo hoffe ich, daß er wieder kommen wird. Sie können auch ſeine muntere Geſellſchaft in dem öden Engelvik wohl brauchen.“ Den Tag nach ſeiner Ankunft in Ejkenberg war Waldenberg im Hauſe des Feldwebels geweſen, und unter Konſtanzens Fenſter, dort, wo Müller in jener ſchrecklichen Nacht mit ſo viel Qualen kämpfte, pflanzte ſein Freund mit eigener Hand zwei Trauerweiden und dazwiſchen einen Cypreſſenzweig. Die beiden erſteren ſchoſſen auf und ſtehen noch da, wie eine Erinnerung aus dem Heimathland der Sage. Kramer und ſein Weib ſind ſeitdem längſt zur Ruhe gegangen; das alte Eulenneſt iſt ſeit vielen Jahren weg⸗ raſtrt und ein neues, nettes Haus, nicht weit davon erbaut, wird jetzt von dem neuen Inhaber des Wohn⸗ platzes bewohnt. Nur eine Ruine in der öden Gegend erinnert den Reiſenden daran, daß es auch hier einſt Weſen gab, die lebten und ſich freuten, wie er. Der neue Feldwebel zeigt gerne jene Stelle, und berichtet mit Vergnügen die traurigen Begebenheiten, welche die Tradition davon bewahrt hat. NM als ſei Geſell nahm, dem gr. Wilſo⸗ über Walde gefurch Thrän er;„ ſterben alten? werden Minu düſter ler!( bracht alten nieht fiele, mer§ beine Famil ſtande dunkle Schick Umſtä beabſie wollen unſere befinde gen ei uns je halten, iſt in g3, daß al ſei, Damen chelnd, Willy; ihnen Sor Beſuch Ober⸗ bis zu ihr zu⸗ gte er, r Ver⸗ Sie n öden g war , und jener flanzte en und rſteren nerung Ruhe 1 weg⸗ davon Wohn⸗ Hegend r einſt Der richtet welche 27 Nun wollen wir noch hinzufügen, daß Lindorm, als ſeine Geſundheit wieder hergeſtellt war, in Hermer's Geſellſchaft den feierlichen und betrübten Zug unter⸗ nahm, und am vierzehnten December ſtanden ſie vor dem großen, leeren Burghof von Hamringen. Der alte Wilſon wankte ihnen entgegen; Sorgen und tiefer Gram uͤber die Nachrichten, die er ſchon durch Briefe von Waldenberg erhalten hatte, ſtanden deutlich auf ſeiner gefurchten Stirne zu leſen, als er unter reichlichen Thraͤnen ſeinem jungen Herrn die Hand reichte. „Ich wußte wohl, daß es ſo gehen würde,“ ſagte er;„da ſie nicht zuſammen leben konnten, mußten ſie ſterben. O unſere junge, herrliche Konſtanze! Meine alten Augen werden nach dem Kummer nie mehr trocken werden, und in dieſem Leben bekomme ich keine frohe Minute mehr. Sie war der Geiſt, der Alles in dieſen düſtern Mauern belebte; und mein armer, armer Mül⸗ ler! Gott ſegne den Herrn Baron, daß er ihn mitge⸗ bracht hat! Und doch iſt es zu viel Jammer für mich alten Mann. Wollte Gott, meine Augen hätten es nicht geſehen, oder wenn es wenigſtens dem Herrn ge⸗ fiele, ſie bald für immer zu ſchließen!“ Wilſon's Gebet wurde erhört; ehe Lindorm und Her⸗ mer Hamringen verließen, hatten ſte ſeine müden Ge⸗ beine zur letzten Ruheſtätte begleitet. In der engen Familiengruft, welche jetzt für immer zugemauert wurde, ſtanden zu oberſt zwei ſchwarze, koſtbare Särge, und dunkle Runen auf den reichen Silberplatten zeigten das Schickſal derer an, die darin ſchliefen. Verſchiedene Umſtände bewirkten, daß Lindorm etwas länger, als er beabſichtigt hatte, zu Hamringen verweilte. Indeſſen wollen wir ihn jetzt verlaſſen, um zu ſehen, wie ſich unſere übrigen Bekannten nach der langen Trennung befinden; und da der Leſer wahrſcheinlich mit Vergnü⸗ gen einem froheren Ziele entgegenblickt, ſo wollen wir uns jetzt im Geiſte nach Björkö verſetzen. ————— 28 Viertes Kapitel. Als Erinn'rung mag der Liebe Roſe gelten, Oder als ein Hoffen, das doch bald verfliegt, Hoͤher aber ſtrebt der Sinn des Helden, Wenn er auch bisweilen ſich d'ran ſchmiegt. Nur um mich mit ihrem Dorn zu kratzen, Hat ſie einſt mich zu ſich hin verlockt;— Komm', mein Streitroß! Nie hat unter Spatzen Sich ein Adler Koͤrner abgebrockt! Karl. „Meine Herren,“ ſprach der Oberrichter Holk an der Mittagstafel, umgeben von ſeinem ganzen jungen Hofſtaate, und den Lieutenant Arthur zu ſeiner Rechten, „meine Herren, füllen Sie Ihre Gläſer!“ Dieſe Er⸗ mahnung, die etwa zwei Monate nach jenem erſten Beſuche bei Frau Marshauſen erfolgte, wurde mit dem größten Vergnügen in's Werk geſetzt. Holk erhob ſich nach einem bedeutungsvollen Räuſpern. Die Andern folgten ſeinem Beiſpiele, und mit der Serviette in der einen und dem Glaſe in der andern Hand warteten Alle das Weitere ab. „Meine Herren!“— eine kurze Pauſe.—„Es iſt Ihnen bekannt, daß wir heute Abend einem Feſte in Balderslund beiwohnen ſollen; aber ich glaube nicht, daß die Veranlaſſung dazu Ihnen bekannt iſt. Darum nun, und um Ihnen einen Beweis meiner Achtung und meines Wohlwollens zu geben, habe ich beſchloſſen, Sie vor der Hand davon in Kenntniß zu ſetzen. Mögen Sie alſo wiſſen, daß heute Abend meine Verlobung mit der reizenden Gebieterin von Balderslund gefeiert wird. Wollen die Herren ſich mit mir vereinigen, um ein Glas auf die Geſundheit meiner Verlobten zu trinken?“ „Es lebe unſer edler Patron und ſeine ſchöne, liebens⸗ würdige Braut, hoch!“ ertönte es von allen Lippen, und auf einen Wink des frohen Wirthes wurden die Gläſer, 5 1 kurzen den ar ſchäun „Meir mit A daß de bewun Tage und d Angel ließen Uebel liche Erlau baldig wunde 3 trunke das H wichti tung geſehe zum 2 Aber Dame ein we blätte ches h Oberr ſchluff getren trenn ten, iegt, egt. en, Spatzen rarl. Holk an jungen Rechten, ieſe Er⸗ n erſten mit dem hob ſich Andern e in der varteten „Es iſt Feſte in be nicht, Darum Achtung ſchloſſen, Mögen dung mit ert wird. um ein rinken?“ liebens⸗ pen, und Gläſer, 29 der Feſtlichkeit zu Ehren, in einer Flucht durch die Fenſter zerſchmettert. „Neue Gläſer!“ rief Holk und ſetzte ſich nach einer kurzen Dankſagung wieder nieder. Andere Gläſer wur⸗ den aufgeſtellt, und da der Champagner wieder über⸗ ſchäumte, erklang die Baßſtimme des Oberrichters: „Meine Herren, einen neuen Toaſt!“— Man lauſchte mit Aufmerkſamkeit.—„Es iſt Ihnen Allen bekannt, daß das von uns und von der ganzen Gegend allgemein bewunderte Fräulein von Werdenberg an demſelben Tage erkrankte, als ihr Stiefvater, unſer Freund Hermer und der junge Waldenberg in einer uns unbekannten Angelegenheit ſchnell und mit einander die Gegend ver⸗ ließen. Mit wahrem Leidweſen erfahren wir, daß das Uebel noch fortdauert, und daß, wenn nicht eine glück⸗ liche Kriſis eintritt, das Schlimmſte zu fürchten iſt. Erlauben Sie mir deßhalb, Ihnen einen Toaſt für ihr baldiges Wiederaufſtehen zum Leben und ihren Be⸗ wunderern vorzuſchlagen.“ Die Geſundheit wurde unter tiefem Schweigen ge⸗ trunken, und ein leichter Seufzer aus jeder Bruſt vertrat das Hoch. Hochgeehrter Leſer, da haſt Du nun zwei ganz wichtige Neuigkeiten. Wohin ſollen wir nun unſere Rich⸗ tung nehmen, nach Roſendal oder nach Balderslund?“ „Ach, Kummer und Krankenbette haben wir genug geſehen,“ dürfte der Leſer denken.„Laſſen Sie uns lieber zum Verlobungsſchmauſe gehen.“ Nun, es ſoll ſo ſein! Aber während die Herren in Björkö ſich ankleiden und die Damen von Balderslund an der Toilette ſitzen, wollen wir ein wenig in dem täglichen Einerlei oder in einem Artikel blättern, den Arthur mit dem Namen ſeines Tagebu⸗ ches beehrte. Montag, den ſiebenzehnten Auguſt reiste ich mit Oberrichter Holk nach Björkö, um meinem gefaßten Ent⸗ ſchluſſe in Betreff Georginens, der Sonne meines Lebens, getreu zu bleiben. Es iſt ſchwer, ſich von der Sonne zu trennen, in deren Strahlen man das Glück ſeines Daſeins — fühlt; aber es wäre noch drückender, wenn man ſich den Vorwurfmachen müßte, unedel gegen einen Freund gehan⸗ delt zu haben. Der arme Guſtav, ich beklage ihn; ich ſelbſt bin auch recht beklagenswerth.. Dienſtag.— Ich befinde mich recht wohl hier. Holk iſt ein vortrefflicher Wirth, hält einen guten Tiſch, vorzüg⸗ liche Weine, den ausgezeichnetſten Tabak, Meerſchaumpfei⸗ fen und eine gewählte Bücherſammlung, Alles ſehr an⸗ genehm. Er hat es wirklich ſo ruhig, daß ich mich ſehr wohl fühle. Mein Schlafzimmer iſt geſchmackvoll; aber ich weiß nicht, wie es kommt, wenn ich meine Blicke auf das große, grüne Himmelbett richte,— es ſollte ſich nie ein ſolches in dem Zimmer eines Junggeſellen befinden, — ſo fühle ich mich ganz beklemmt, und ich meine mich ſchon als einen wohlbeſtellten Ehemann in Schlafrock und Pantoffeln nach der Pfeife rutſchen zu ſehen, und vor meinen unglückſeligen geiſtigen Augen ſpukt unaufhörlich eine kleine Figur, die mit einer weißen Haube, unter der ſich kleine, goldene Löckchen hervorſtehlen, durch die grü⸗ nen Vorhänge blinzelt. Nein, das thut ſich nicht! Morgen am Tag muß ich Holk bitten, das Bett hinweg nehmen zu laſſen, wenn er will, daß ich Nachtruhe genießen ſoll. Mittwoch.— Geſtern Nachmittag machten wir Beſuch bei Frau Marshauſen, einer Frau um die Dreißig; ſie kann unmöglich darauf Anſpruch machen, in dem Tagebuch eines jungen Mannes zu figuriren. Aber dagegen ihre Schweſter, die kleine Louiſe; ach, Du zarte Roſenknoſpe! ich werde nicht unterlaſſen, Dir meine Fürſorge angedeihen zu laſſen. Samſtag.— Ich bin dieſe drei Tage nicht dazu ge⸗ kommen, zu ſchreiben. Warum? Ich bin blos auf dem Sopha gelegen und habe geträumt. Worüber? Was weiß ich! Meine Lebensſonne und meine Roſenknoſpe haben wechſelsweiſe meine Gedanken in Anſpruch genommen. Gott ſei Dank, morgen fahren wir wieder nach Balderslund. Sonntag Abend.— Ach! wie reizend war heute Louiſe! Sage man, was man will, daß die Toilette nichts ausmache; ſie macht ſehr viel aus, behaupte ich. Laßt mich fuhren Louiſe hatte und e ſich d Hals nahm. ten ur Kranz Stirne nieder Hofe. die Lu können nur a zum Y ſchon, Grazie weſen Lächell nicht ner Se führen rief er 4) Fr ſich den dgehan⸗ ihn; ich r. Holk vorzüg⸗ umpfei⸗ ehr an⸗ ich ſehr U; aber Blicke ollte ſich efinden, ne mich rock und ind vor fhörlich uter der die grü⸗ Morgen nehmen ßen ſoll. Beſuch ßig; ſie in dem .Aber h, Du n, Dir dazu ge⸗ nuf dem as weiß 2 haben ommen. erslund. ir heute e nichts h. Laßt 31 mich noch einmal in Gedanken Alles durchgehen. Wir fuhren wie gewöhnlich an der großen Treppe vor. Louiſe ſtand im Hofe und fütterte die Tauben. Sie hatte ein nettes, geſchmackvolles blaues Bombaſſinkleid und einen ſchwarzen Sammtſpencer an, auf welchem ſich die lange, in verſchiedenen Wendungen um den Hals hängende goldene Kette unläugbar ſehr gut aus⸗ nahm. Das Haar trug ſie in doppelten reichen Flech⸗ ten um das hübſche Köpfchen geſchlungen, und ein Kranz von friſchen Herbſtblumen ruhte auf der weißen Stirne. Diesmal ſah ſie nicht auf den Fußteppich nieder; aber es iſt wahr, es war auch kein ſolcher im Hofe. Gleichviel, ſie hätte auf das Gras nieder, in die Luft, auf die Tauben, auf Gott weiß was ſehen können, aber ſie ſah nur auf uns, und ich glaube faſt, nur auf mich; und ſo hüpfte ſie, leicht wie ein Vogel, zum Wagen hin, verneigte ſich ſehr anmuthig,— ob⸗ ſchon, beiläufig geſagt, das gewiß mit ein wenig mehr Grazie geſchehen wäre, wenn ich ihr Tanzmeiſter ge⸗ weſen wäre,— und ſagte mit ihrem unſchuldsvollen Lächeln:„Willkommen, meine Herren; Bertha iſt noch nicht von der Kirche zurück.“ „Ei, ſo ſpät!“ rief der Oberrichter, im höchſten Grade verdrießlich;„was mag die Urſache davon ſein?“ „Ach, das will ich Ihnen ſagen. Hier wohnt dicht nebenbei ein armer Kathenmann,*) der geſtern bei mei⸗ ner Schweſter war und ſich beklagte, daß er aus Man⸗ gel an Pferden und Leuten ſein Getreide nicht heim⸗ führen könne. Bertha iſt gar zu gut und hat dem Kathenmann erlaubt, zu dieſem Zwecke heute ihre eigenen Pferde zu nehmen, und iſt deßhalb zu Fuß zur Kirche gegangen.“ „Gott, welch' ein herrliches Weib!“ dachte Holk; ich will darauf ſchwören, daß er das dachte; und in dem⸗ ſelben Augenblicke, als Louiſe aufgehört hatte, zu ſprechen, rief er mit bewundernswürdig ſchnellem Wechſel im Ton **) Frohnbauer. —— —— ſeiner Stimme:„Ach, jetzt verſtehe ich! Wende ſchleu⸗ nigſt um, Lars, und fahre nach der Kirche!“ „Nicht mit mir,“ rief ich aus allen Kräften,„nicht mit mir! Ich will nicht zur Kirche!“— Aber Lars, der durch den unerwarteten Befehl in die ſchlimmſte Laune verſetzt war, fuhr mit einer Art Wuth die Allee hinab, und erſt als er herunter mußte, um das Gatter⸗ thor zu öffnen, konnte ich herausſpringen.—„Du Tauſendſaſa!“ rief ich mehr als gewöhnlich erhitzt, nahm die Peitſche, die Lars auf den Kutſchenbock ge⸗ legt hatte, und gab ihm einen Hieb über die Schul⸗ tern, worauf, glaube ich, die Wuth von Lars in meine eigene Seele, oder wenigſtens in meine Füße fuhr; denn wie ein Pfeil ſchoß ich durch die Allee und ſtand bald bei Louiſen, die zu meinem Schmerz über das kleine Luſtſpiel, das ich aufgeführt hatte, mehr ver⸗ wundert als ergötzt ſchien. Eine Weile lang ſtanden wir ganz ſtille neben einander. „Nun, was werden wir jetzt anfangen?“ ſprach endlich mein Roſenknöſpchen, und begann verlegen im Hofe hin und her zu trippeln. „Könnten wir nicht die Tauben füttern?“ ſagte ich, wobei ich mich gerade an einen Roman von Lafontaine erinnerte, wo das eine prächtige Einleitung zu einem der ſchönſten Auftritte war. Aber Louiſe hatte durch⸗ aus keinen Kunſtſinn, das war der Fehler. Sie ant⸗ wortete ganz ruhig:„Das können wir nicht; denn ſie haben ſchon bekommen, was ſie erhalten ſollen, und wie Sie wohl ſehen, ſind ſie eben ihres Wegs geflogen.“ Ich biß mich ein wenig auf die Lippen, ſprach jedoch in dem ſanfteſten Tone:„Wir könnten ja ſpazieren gehen.“ „Nein,“ ich danke,“ entgegnete Louiſe lachend; „ich gehe die ganze Woche über ſo viel ſpazieren, daß ich am Sonntag müde bin.“ „Mein Gott, welch' ein Kind!“ dachte ich;„noch hat ſie nicht den geringſten Begriff von einem Unterſchiede zwiſchen einer Promenade zu den Arbeitsleuten hin⸗ aus und der an der Seite eines jungen Mannes, der 33 auf dem Wege iſt, ſich ganz gründlich in ſie zu verlieben; das iſt zu närriſch!“—„Wollen wir nicht etwas leſen?“ fragte ich, da ich einſah, daß ſie die erſten Elemente in der Wiſſenſchaft zu erlernen hatte, die Liebe genannt wird, wie andre Anfänger mit dem A B C beginnen. „O ja, das wäre ſehr angenehm,“ antwortete ſie, „wenn wir nur einige von Bertha's Büchern leſen dürf⸗ ten; denn die anderen darf ich ſo zur Genüge leſen, daß ich mich nicht nach ihnen ſehne.“ „Nun, es hindert uns ja Niemand, von denen eines auszuwählen, die auf dem Tiſchchen dort liegen,“ ſagte ich, wieder ganz guter Laune. „Nein, nichts davon,“ erwiederte ſie mit einem ent⸗ zückenden Blick des Vorwurfs,„nichts mehr davon, denn Bertha hat mir verboten, ſie zu leſen.“ „Nun; aber Sie ſind es ja nicht, die liest, ſondern ich?“ Bei dieſer Einwendung fühlte ich jedoch meine Wangen von einer Gluth übergoſſen, die ihren Urſprung von der Schlange, von Eva, dem Apfel und Paradieſe herzuleiten ſchien. Mit Selbſtzufriedenheit muß ich be⸗ kennen, daß ich, wenn es ſich gepaßt hätte, das Mädchen vor Wonne umarmt hätte, als ſie eine Minute lang ihr Köpſchen in die Hand ſtützte, dann aber raſch antwortete: „Nein, das geht nicht an, ich glaube, daß es daſſelbe bleibt, ob Sie oder ich leſen, da ich doch darauf höre. Wir dürfen Sie nicht leſen.“— Von dieſem Augenblicke an fühlte ich, daß ich Sie bald unausſprechlich lieben würde, da ſie es ſchon bei all' ihrer Unſchuld und Kind⸗ lichkeit verſtanden hatte, meine Achtung im höchſten Grade zu gewinnen. Das ſüße Mädchen! Noch ſtanden wir unſchlüſſig im Hofe.—„Aber,“ ſagte ich ſchnell,„wer⸗ den wir nicht einmal hineingehen? auf dieſe Art kommen wir zu Nichts.“ „Ja gewiß,“ verſetzte Louiſe lachend, und öffnete die Thüre zu demſelben Zimmer, wo wir uns zuletzt befun⸗ den hatten. Der Anblick des Pianos half mir ſchnell Guſtav Lindorm. II. 3 aus aller Verlegenheit.„Sie verſprachen mir, als ich zuletzt hier war, mir bei einer andern Gelegenheit etwas zu ſingen. Erinnern Sie ſich deſſen, Fräulein Montén?“ „Ja, das habe ich Ihnen verſprochen,“ rief ſie fröh⸗ 4 lich,„und das werde ich auch halten.“ Sie ſetzte ſich aan das Inſtrument, und nachdem ſie ein wenig präludirt hatte, begann ſie einen Geſang, der ewig— ich glaube nicht, daß das zu viel geſagt iſt— in meinem Herzen wiederklingen wird. Sie hatte eine Stimme, die ich die einer Nachtigall nennen möchte, wenn ich nicht ſolche alte Gleichniſſe verſchmähte. Kurzum, ſie ſang ſich in das Allerheiligſte meines Herzens. Aber wohin gerathe ich? Ich glaube, daß es bald zehn Uhr iſt, und ich fange an vor dem Monde zu ſchwärmen, anſtatt vor der Sonne. Drei Wochen ſpäter.— Es geht beſſer mit meinen Bemühungen, als ich zu hoffen wagte. Mit jedem Tage finde ich den ſonderbaren Umſtand immer richtiger, daß ich leben, athmen, mein Daſein tragen kann, ohne unter dem Einfluſſe der Sonne meines Lebens zu ſtehen. Von einer ſolchen Untreue wäre nie die Rede geweſen, wenn ich es nicht für eine Pflicht angeſehen hätte, zurückzu⸗ treten, und die Jugend findet immer, wie bekannt, ihren Lohn. Mir iſt das ſüße Geſchäft zugefallen, daß ich meiner hoffnungsvollen Roſenknoſpe eine feinere Bildung geben darf. Mit jedem Tage wird Louiſe gelehriger, und ich ſtolzer auf mein Werk. Wir leſen franzöſiſch und dentſch zuſammen, und zur Belohnung dafür, daß Ma⸗ dame Marshauſen ihre Einwilligung dazu gab, werde ich ihr die Ehre eines kleinen Plätzchens in meinen Me⸗ moiren gewähren. Sie begegnet jetzt Louiſen ſchweſter⸗ licher als vorher, wo Alles auf mütterliche Art und Weiſe behandelt wurde. Uebrigens iſt Madame Marshauſen ein in vielen Rückſichten vortreffliches Frauenzimmer, und wenn ſich mein geübter Blick nicht betrügt, ſo lauſcht ſie den Artigkeiten des Oberrichters mit Vergnügen. Ich ſage Louiſen keine; ich will ſie nicht dadurch verderben; 8 aber ſie weiß dennoch, daß ich herzlich viel auf ſie halte, — s ich etwas én?“ fröh⸗ e ſich ludirt laube derzen ch die ſolche ich in erathe fange ponne. reinen Tage 3 daß unter Von wenn ückzu⸗ ihren iß ich ildung r, und ) und Ma⸗ werde n Me⸗ weſter⸗ Weiſe hauſen r, und ſcht ſie Ich derben; halte, 35 und es ſcheint nicht unwahrſcheinlich, daß ſie im umge⸗ kehrten Verhältniſſe daſſelbe thut. Acht Tage nachher.— Es fällt Einem ein wenig ſchwer, Memoiren zu ſchreiben, wenn die Begebenheiten immer dieſelben ſind. Montag in Balderslund; Diens⸗ tag träumeriſch; Mittwoch wieder dort; Donnerſtag ver⸗ drießlich, bei ſchlechter Laune, gähnend und ſchläferig; Samſtag und Sonntag in Balderslund, folglich im Him⸗ mel. Von einer ſolchen Fahrt zurückgekommen, wer kann da wohl mit Gleichmuth einen elenden Gänſekiel anſtatt Louiſens ſchönes, ſonnverbranntes Händchen drücken? Nein, das iſt zu toll. Ich ſchreibe kein Wort mehr, bis ich etwas Neues zu ſchreiben habe. Zehn Tage ſpäter.— So, jetzt gibt es etwas zu erzählen; Holk, der Ehrenmann, hat das Jawort erhalten. Sie dachten wohl, daß Louiſe und ich geſtern Abend nichts hörten; aber da haben ſie ſich getäuſcht. Der Ober⸗ richter und Bertha ſaßen auf dem Sopha in dem kleinen Kabinette. Die Thüre in das Wohnzimmer ſtand offen. Dort ſaßen Louiſe und ich auf unſern Tabouretten vor einem Tiſchchen, und waren damit beſchäftigt, eine Ar⸗ beit aus dem Franzöſiſchen zu expliciren. Aber wie das nun zuging, die Worte ſtarben allmählig von unſern Lippen weg; denn theils wurde es dämmerig, theils waren unſre Ohren ganz und gar von dem Vergnügen in An⸗ ſpruch genommen, das reine, gute Schwediſch zu hören, das von dem nächſten Zimmer herüber klang. Anfangs ſprachen ſie leiſe; aber bald vergaß Holk den ſanften, flüſternden Ton, der einem Liebhaber eigen iſt, und ſagte ganz laut:„Meine beſte Madame Marshauſen, Sie machen mich alſo ſo glücklich, mein Herz und meine Hand anzunehmen?“ Jetzt hatte ich Gelegenheit, die Bemer⸗ kung zu machen, wie verſchieden ſich ein Frauenzimmer von dreißig Jahren und ein Mädchen von ſechszehn oder achtzehn bei ſolchen Gelegenheiten benehmen. Deß bin ich gewiß, daß, wenn ich je ſo zu meiner Roſenknoſpe 36 geſprochen hätte,— verſteht ſich, daß das nicht ſo pro⸗ ſaiſch herausgekommen wäre,— ſie tief erröthet wäre, gezittert und den Kopf ſchamhaft weggewendet hätte, um dieſes verätheriſche Zeichen zu verbergen. Madame Mars⸗ hauſen, die ich durch die halbgeöffnete Thüre betrachten konnte, that jedoch nichts von all' dem. Wegen des Er⸗ röthens kann ich nichts ſagen, denn die Dämmerung war zu ſtark, um das wahre Verhältniß zu unterſcheiden; aber das iſt gewiß, daß ſie ſich ganz ungenirt zu Holk wandte, und mit dem ruhigſten Tone von der Welt ſagte: „Der Antrag des Herrn Oberrichters iſt ſehr ſchmeichel⸗ haft für mich, und ich nehme ihn an, in der Ueberzeugung, daß unſre Neigungen und Anſichten ziemlich überein⸗ ſtimmend ſind. Aber um aufrichtig zu ſprechen, muß ich Ihnen erklären, daß mein Vermögen auf keine Art für bedeutend anzuſehen iſt.“ —„Was das betrifft, meine allerliebſte Madame Mars⸗ hauſen,“ antwortete Holk,„ſo kann das Niemand beſſer als ich beurtheilen, da ich die Verlaſſenſchaft Ihres ver⸗ ſtorbenen Mannes zu beſorgen hatte; aber erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen, daß das, obwohl gewiß ſehr wün⸗ ſchenswerth, bei dieſer Gelegenheit von mir als Neben⸗ ſache angeſehen wird. Ich habe ſelbſt ein ſo hinreichendes Vermögen, daß ich mir kein Weib von dieſer Eigenſchaft zu ſuchen brauche; aber, wie Sie ſich auszudrüͤcken be⸗ liebten, es iſt auch meine Ueberzeugung, daß unſre Ge⸗ müther ſympathiſtren, und daß wir deßhalb ſo glücklich werden können, als es ſich in dieſer Welt thun läßt. Und nun, meine Beſte— wie iſt doch Dein Name? Ach, ich erinnere mich, Bertha! Nun, liebe Bertha, ſo wollen wir denn für ewige Zeiten alle unnöthigen Komplimente ablegen.“— Und hiemit traf der Oberrichter ganz gründ⸗ lich Anſtalten, um die Lippen ſeiner ſchönen Verlobten in Beſitz zu nehmen. „Ach,“ dachte ich,„wer das auch thun dürfte!“ aber im Grunde war ich doch froh, daß Louiſe ſo ſehr abſeits ſaß, daß ſie nichts von dieſem Schauſpiel ſehen konnte. man lobr wol bei dar muf kenn als inho „wie ges und konn gew wur nahr die war, Her ſchel hörl die ꝛente ünd⸗ bbten aber ſeits unte. 37 So viel ich merken konnte, ergab ſich Madame Mars⸗ hauſen ziemlich geduldig in ihr Schickſal; und als nun der genannte wichtige Actus den Bund beſiegelt hatte, hörte man Holk fragen: „Wann, meine liebe Bertha, wollen wir die Ver⸗ lobung bekannt machen?“ „Ach, ich weiß nicht,“ verſetzte ſie;„es wird damit wohl nicht eilen. Doch, wie Du willſt, beſter Holk!“ Ich konnte zwar nicht ſehen, was der Oberrichter bei dieſer Aeußerung für ein Geſicht machte; aber ich kann darauf ſchwören, daß es das allerglückſeligſte geweſen ſein muß; denn hundertmal habe ich ihn ſagen hoͤren:„Ich kenne, auf meine Ehre, nichts, das mir mehr gefällt, als wenn ich ein liebenswürdiges Weib die einfachen, aber inhaltsreichen Worte gegen ihren Mann ausſprechen höre: „wie Du willſt, mein Schatz. Es liegt etwas Demüthi⸗ ges darin, das dem Weibe außerordentlich wohl anſteht, und dem Manne über die Maßen gefällt.“— Demzufolge konnte ich leicht ſchließen, wie angenehm Holks Gefühle geweſen ſein mußten, und ich bin gewiß, daß Madame Marshauſen dieſe ſeine Schwachheit kannte; denn ſo viel ich bemerken konnte, gehörte ſie zu der Art von Weibern. welche es keineswegs lieben, jenen Ausdruck als Motto über jedem Kapitel im großen Folianten des Eheſtandes zu benützen. Doch jetzt muß ich ſchließen, denn ſonſt verfalle ich in die Weitläufigkeit, welche ich ſelbſt bei den Schriftſtellern nicht leiden kann. Genug, die Verlobung wurde auf zehn Tage nachher feſtgeſetzt. Holk und ich nahmen Abſchied, nachdem ich zuvor meiner Roſenknoſpe, die von All' dem, was wir gehört hatten, ganz verwirrt war, zugeflüſtert hatte: Süße Loniſe, glauben Sie, daß zwiſchen unſern Herzen einige Harmonie ſich findet?“ Mein, das glaube ich gewiß nicht,“ erwiederte ſie ſchelmiſch;„denn während der Herr Lieutenant unauf⸗ hörlich nach der Thüre zur Rechten ſah, ſah ich gegen die zur Linken.“ „Aber,“ wandte ich ein,„wiſſen Sie, woher das kam, Louiſe?“ „Das liegt wohl in meiner Natur,“ meinte ſie lachend. „Gott behüte uns davor, Louiſe! Ich würde ver⸗ zweifeln, wenn das der Fall wäre; doch ein ander Mal alſo?“ Ich konnte nicht fortfahren; ſie ſprang von mir weg; und da ſitze ich nun, und habe die halbe Nacht ge⸗ ſchrieben, da ich nicht ſchlafen kann. Das grüne Himmel⸗ bett muß morgen jedenfalls weg; denn jetzt ſpucken dunkel⸗ braune Locken, anſtatt der goldgelben, unter dem weißen Häubchen, und laſſen mir keine Ruhe. Jetzt löſche ich das Licht, und werde die Augen zumachen, bis ich einſchlafe. Den Tag darauf.— Mein Gott, welches Unglück! Meine ehemalige Lebensſonne iſt erkrankt, und das in Folge ganz ſonderbarer Umſtände. Frau Hermer fand ſie ohnmächtig auf dem Boden im Saale, wo wir ſo manche ſchöne Stunde hinweg geſchwatzt haben; was hat das wohl zu bedeuten? Es war faſt zu derſelben Zeit, als Waldenberg abreiste; aber ich kann nicht glau⸗ ben, daß das die Urſache war. Eher iſt es mir wahr⸗ ſcheinlich, daß, weil Hermer jenen begleiten mußte, eine Angelegenheit, die Lindorm berührte, auf der Bahn war; und verhält es ſich ſo, ſo muß ich mich glücklich ſchätzen, daß ich dieſe Reiſe mit Holk unternahm, denn wahrſchein⸗ lich hätte ich wenig oder gar keine Hoffnung auf Erfolg gehabt. Vielleicht will dieſe Sonne nur auf Lindorm's dunkle Pfade ſcheinen! Nun wohl! man muß ſich mit Ergebung in das fügen, was man nicht ändern kann, und aus der Noth eine Tugend machen. Noch immer ſehe ich Georgine für das vollkommenſte Weib an, das ich ge⸗ ſehen habe; aber gerade dieſe Vollkommenheit iſt es, die macht, daß ich mich bei ihr weniger daheim fühle. Ge⸗ wiß hätte ſie mir, wie allen meinen Vorgängern, eine abſchlägige Antwort ertheilt, und dem konnte ich ehen ſo gut ausweichen. Und dann! wie ſchön haben nicht zwei Monate meine Roſenknoſpe entwickelt! Mein Louischen iſt das hend. ver⸗ Mal mir t ge⸗ umel⸗ inkel⸗ eißen ) das lafe. Flück! as in fand ir ſo was ſelben glau⸗ wahr⸗ „eine war; ätzen, ſchein⸗ Erfolg orm's h mit kann, e ſehe ch ge⸗ 8, die Ge⸗ eine den ſo t zwei hen iſt 39 unendlich ſüß, und wie ich glaube, paßt ſie am aller⸗ beſten für mich. Eine Woche ſpäter.— Das ſieht ganz betrübt aus; nichts als mißliche Neuigkeiten durch Eilboten von Roſen⸗ dal. Dieſes unerklärliche Uebel hat jetzt bereits neun bis zehn Tage gedauert. Ich fühle mich in der That beun⸗ ruhigt, und dazu darf ich noch Louiſen nicht ſehen. Ja, ja, es war, wie ich mir dachte, nicht alle Kapitel⸗Motto ſollten damit anfangen:„wie Du willſt, mein Schatz;“ denn Holk würde ebenſo gerne jeden Tag dort ſein, wie ich; aber ſeh' Einer, daraus wird nichts. Madame Mars⸗ hauſen hatte die Artigkeit, ſich unſre Beſuche zu verbeten, bis die Verlobung gefeiert ſei. Nun, Gott ſei Dank, das geſchieht ja morgen! Ich bin beinahe hin vor Sehn⸗ ſucht nach der glücklichen Stunde, wie ich Louiſe wieder ſehen darf, befinde mich aber in grenzenloſer Unruhe wegen Georgine und des armen Guſtavs. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, noch ſind die Herren nicht zu⸗ rück und keine Nachricht iſt von ihnen eingegangen. Und hiemit glaube ich, daß wir mit des Leſers Er⸗ laubniß die Aufzeichnungen des Lieutenants Arthur wie⸗ der zuſchlagen können, da wir jetzt dadurch einen ziemlich klaren Blick über Eines und das Andere erhalten haben, das uns bekannt werden mußte. Unter dieſen Umſtänden dürfte es das Beſte ſein, die Abreiſe der Herren von Björkö mit anzuſehen. In dem neu gemalten, gewaſchenen und geputzten Wagen ſaß Holk, ausnehmend freundlich und froh gelaunt, an ſeiner Seite Arthur in Uniform, der Feſtlichkeit zu Ehren, und dieſen Herren gegenüber die Beilage A. und B. auf ihren gewöhnlichen Plätzen. „Als der Wagen um den Hof herumgeſchwenkt und auf die Landſtraße hinausgefahren war, rollte ein ele⸗ gantes Gig daher, von einem Pferde gezogen, deſſen ausgezeichnete Race ihr Geſchlecht gewiß von dem acht⸗ —j— ——— 40 füßigen Sleipner ſeligen Angedenkens herleitete; und wer war es, der darin aufſprang und mit Anmuth und Leichtigkeit das feurige Roß zügelte, wer anders, als der Notar Blohm, welcher, ſeitdem wir ihn zum letzten Male auf dem Altane zu Roſendal getroffen haben, den Gegenſtand ſeiner Verehrung gewechſelt hatte. Er ſchwärmte jetzt für ſchöne Pferde, anſtatt für ſchöne Mäd⸗ chen; aber da Blohm nicht gerade zu den großartigſten Helden der Reitkunſt gehörte, zog er es vor, ſich ein ausgezeichnet ſchönes Gig anzuſchaffen, worin er wenig⸗ ſtens viermal in der Woche an allen Punkten in der Umgegend Parade kutſchirte, wo junge Damen waren, die ihn ſehen und bewundern konnten. Doch genug da⸗ von! Die Herren reisten ab— und kamen vermuth⸗ lich an, ruft der Leſer vielleicht ungeduldig.— Warte, warte nur, nicht ſo hitzig! Abreiſen und Ankommen folgt nicht gerade beſtimmt auf einander. Man kann kleine Abenteuer unterwegs haben; wenigſtens war das diesmal der Fall. „Lars,“ ſagte der Oberrichter Holk,„der Weg fängt an ſchlimmer zu werden; nehme Dich bei Almkleven in Acht!“ „Hat keine Gefahr,“ erwiederte dieſer getroſt.„Ich fahre ſicher, verlaſſen Sie ſich darauf!“ In aller Gemächlichkeit begann man bei Almkleven hinunter zu fahren; aber wie ſicher auch Lars kutſchirte, ſank das Hinterrad in ein tiefes Geleiſe, die Achſe brach und der Wagen ſtürzte; alles ging ſo ordentlich wie ein Purzelbaum von Statten. Niemand wurde beſchädigt; aber der Oberrichter hatte zum erſten Male einen ganz neuen ſchwarzen Anzug von feinem franzöſiſchem Tuche an, der ihm ſchon beim Anprobiren zu enge geweſen war, und weßhalb er ſchon aller Welt Schneider nach Trips Trill geſchickt hatte. Sein äußerer Menſch erlitt nun einen bedeutenden Schaden. Da unſer Freund Holk auf die Naſe fiel, ſo war wohl nichts natürlicher, als daß er ſich bemühen wollte, wieder aufzukommen; aber das konnte nicht ohne Schwierigkeit ablaufen; denn er war daß Zwe alle eine war die bare Krä verd vor glüc er h Wär man zunaͤ Rat! volle rathe richt zur auf form zu b geher reiſen achſe einen wozu Dein Aben Nota vier und und als etzten aben, Er Mäd⸗ gſten ein enig⸗ der aren, da⸗ auth⸗ arte, imen kann das än gt ht 19 Ich even irte, rach ein igt; ganz uche eſen lach rlitt Holk als ber er 41 war ein mächtig corpulenter Mann. So geſchah es, daß der Theil ſeiner Kleidungsſtücke, deſſen Stärke ohne Zweifel am meiſten in Anſpruch genommen wurde, in aller Geſchwindigkeit mitten durch zu reißen beliebte und eine Art flatternder Draperie bildete, die wenig geeignet war, bei all' den Bücklingen zur Rechten und Linken, die der Held des Tages abzulegen hatte, eine Rolle zu ſpielen. „Was war das?“ fragte Arthur, der den ſonder⸗ baren Laut gehört hatte, während er ſich aus allen Kräften bemühte, den Staub von ſeiner Uniform zu ſchütteln. „Das war der Satan, der in der Perſon dieſes verdammten Schneiders losgekommen iſt,“ ſprach Holk, vor Zorn ſchäumend.„Kann man wohl ein ſolches Un⸗ glück mit Geduld ertragen? Da ſehen Sie her!“— er hob den Mantel in die Höhe,„was iſt zu machen? Wäre es nicht an einer ſo ſakriſch dummen Stelle⸗ ſo könnte man wohl eine Jungfer bekommen, die den Schaden zunähte; aber ſo iſt nicht daran zu denken. Da iſt guter Rath theuer! Meine Herren, wofür ſtimmen Sie?“ „Mein Verſtand ſteht ſtille,“ ſagte Arthur, aus vollem Halſe lachend,„und ich kann zu nichts Beſſerem rathen, als wieder umzukehren, wo dann der Herr Ober⸗ richter ſeine Uniform anziehen muß, die auch am beſten zur Feierlichkeit des Tages paßt.“ „Ei, Sie ſagen da etwas, Lieutenant Arthur, wor⸗ auf ich nicht gekommen wäre! Ich pflege ſonſt die Uni⸗ form blos bei Hochzeiten, Kindtaufen und Begräbniſſen zu benützen; aber es könnte wohl auch bei Verlobungen gehen, beſonders bei meiner eigenen. Aber das Heim⸗ reiſen iſt nicht ſo leicht bewerkſtelligt, da die Wagen⸗ achſe gebrochen iſt. Lars, Du Erzlümmel! wäre es an einem andern Tage, ſo ſollteſt Du gründlich ſchmecken, wozu mein ſpaniſches Rohr taugt. Jetzt kannſt Du Deinem Gott danken, daß ich an einem ſo feſtlichen Abend meine Hände nicht beſudeln will. Aber Herr Notar, Sie müſſen mir Ihr Gig leihen, ſo könnt Ihr vier jungen Burſche weiter gehen und unſer Unglück berichten, nur nicht gerade wörtlich, verſteht ſich; ich komme nach, ſo ſchnell ich kann.“ Blohm, der ein junger Mann von Lebensart war, ſtieg augenblicklich aus dem Gig und half ſeinem Prin⸗ zipal mit einem zweideutigen Lächeln in daſſelbe, worauf der Oberrichter davonflog, ſo ſchnell Sleipners Spröß⸗ ling es vermochte. „Ach, ach, mein ſchönes Pferd!“ rief der Hofge⸗ richtsnotar mit einem Zucken der Augbraunen, während er mit der Lorgnette am Auge ſeinem Vorgeſetzten folgte, ſo weit er konnte;„ach, ach, es muß die Ungeſchicklich⸗ keit des Schneiders büßen!“ „Laſſen Sie uns eilen, meine Herren,“ ſprach Ar⸗ thur ungeduldig,„glücklicherweiſe haben wir nicht mehr ſo weit hin.“ „Am ſchlimmſten ſteht es mit unſern Stiefeln,“ ent⸗ gegnete Blohm. Wir werden wie Bauern ausſehen, die von einem Jahrmarkt heim kommen.“ „Ach, Bagatell!“ rief Arthur, der ſchon ein gutes Stück voraus war.„Madame Marshauſen hat Alles vorzüglich; gewiß hat ſie auch eine ausgezeichnete Stie⸗ felwichſe. Der Sache wird leicht abgeholfen werden.“ Die Herren kamen bei guter Zeit an; in dem Hofe ſtand noch kein Fuhrwerk, als der leichte Jagdwagen des Pfarrers Werner. 2 Fünftes Kapitel. Sang und Liebe in Vereinung Iſt des Lebens Endemeinung. Euphroſyne. „Iſt es nicht ſo recht, liebe Bertha?“ fragte Louiſe vor dem Spiegel in ihrer Schweſter Toilettenzimmer. Dieſe war ſchon angezogen und betrachtete mit lächeln⸗ — dem bem „Iſ rech anty wir ſie Fra⸗ ihre. auf geze word wor zu j ſagte hübi Frar über Per. Hock gehü beſſe muß Ich ich var, rin⸗ rauf rh fge⸗ rend lgte, lich⸗ Ar⸗ nehr ent⸗ hen, ng 3. duiſe 4 mer. heln⸗ 7 1 43 dem Blicke die kleine Gefallſucht, womit Louiſe ſich bemühte, eine Blume in ihre Locken zu befeſtigen.— „Iſt es ſo recht, oder muß ich ſie nicht noch etwas mehr rechts ſtecken?“ „Es iſt ganz hübſch und geſchmackvoll, meine Liebe,“ antwortete Frau Marshauſen.„Ich bin gewiß, wenn wir einige unbekannte Perſonen erwarteten, ſo würden ſie Dich für die Königin des Feſtes, und mich für die Frau Mama halten.“ „Ich, was ſagſt Du!“ ſprach Louiſe und lachte ihrem anmuthigen Bilde entgegen;„ich bin wohl nicht auf irgend eine Art unpaſſend gekleidet?“ „Gewiß nicht, mein Schweſterchen; aber die aus⸗ gezeichnete Fürſorge, die auf Deinen Anzug verwendet worden iſt, ſtempelt Dich zu dem, was ich geſagt habe.“ „Pfui, Bertha, ich glaube, Du biſt böſe,“ ant⸗ wortete Louiſe ein wenig erzürnt.„Das darfſt Du nicht ſein, ſonſt werde ich im Ernſt zornig. Betrachte nur Dich ſelbſt im Spiegel. Du biſt die vollendetſte elegante Dame, in Deinem prachtvollen blauſeidenen Kleide und Deiner ſchönen Blondenhaube mit Florband, während ich dagegen nur ein kleines Mädchen bin in einem weißen Muſſelinkleidchen und mit einer elenden armſeligen Blume in den Haaren. Nein, Du haſt allen Gruͤnd, vergnügt zu ſein, Bertha; aber ich möchte doch auch, daß man ſagte: ‚Madame Marshauſens kleine Schweſter iſt recht hübſch“; ja, das möchte ich.“ .„Ohne Zweifel werden ſie das finden,“ bemerkte Frau Marshauſen lachend.„Wirf nur Deinen Florſhawl über die Schultern, und laß mich Dir dieſe ſchöne weiße Perlſchnur um den Hals knüpfen, die ich an meinem erſten Hochzeittage trug. Sie iſt ſehr koſtbar; aber von heute an gehört ſie Dein. Die weißen, durchſichtigen Perlen paſſen beſſer zu Deinen ſechszehn Jahren, als zu meinen dreißig.“ „Dank, tauſend Dank, allerliebſte Bertha; aber Du mußt nicht immer ſagen, ich ſei erſt ſechszehn Jahre. Ich werde ja in ein Paar Wochen ſiebenzehn; deßhalb ſollteſt Du eher das Letztere anführen. Sieh', jetzt bin„ ich fertig; ich will nur noch den Reſedaſtrauß in der Wo Schärpe befeſtigen. Still, geht nicht Jemand im Vor⸗ zimmer? Ja, ganz gewiß! Soll ich hineingehen und die von Ankommenden empfangen, oder, wie es Arthur nennt, wech die Honneurs machen, bis Du kommſt?“. „Thu' das, mein Engel,“ erwiederte Frau Marshau⸗ rief ſen.„Ich werde nicht mehr lange ſäumen; nur ſo viel, Her als nöthig iſt, einen Blick auf die Vorbereitungen zum ſich Souper zu werfen.“ leich Die Schweſtern trennten ſich, um jede in ihrem im Kreiſe ihr Amt zu erfüllen. Im Vorzimmer ging der begr Pfarrer Werner einſam und gedankenvoll die Hände auf die 1 dem Rücken, auf und nieder. und „Willkommen, Herr Pfarrer!“ ſagte Louiſe mit ihrer Verl ſanften, lieblichen Stimme.„Wir ſind wohl nicht ſo ſo a glücklich, Jemand von Roſendal bei uns zu ſehen?“ reizer „Nein,“ verſetzte Werner mit einer ernſten Verbeu⸗ ſie z gung,„dort iſt für gegenwärtig ein wahres Trauerhaus. umw Fräulein Georginens Unpäßlichkeit ſoll nach der Ausſage bring des Doctors ſehr bedenklich ſein. Aber wie befindet ſich naive Ihre Frau Schweſter?“ in ih 1„Sehr gut; ſie wird gleich die Ehre haben. Doch fühlt 1 ich höre neue Gäſte im Vorſal; verzeihen Sie, Herr Pfar⸗ zu ſe rer, daß ich Sie auf einige Minuten allein laſſe!“ A Louiſe öffnete die Thüre, und da ſtanden nun alle der L vier Herren von Björkö, beſpritzt und beſtäubt, bückend jetzt und komplimentirend. mit d A„Süßeſte Louiſe, entzückendſte unter den Grazien,“ auf d I flüſterte Arthur, während er, wie man zu ſagen pflegt, wünſt ſie mit den Augen verſchlang,„ſchaffen Sie uns in größ⸗ und ter Schnelligkeit ein Zimmer! Wir müſſen nothwendig wenn unſerer Kleidung wieder aufhelfen, die durch einen un⸗ ſich 1 1 glücklichen Zufall in die größte Unordnung gerathen iſt.“ einang „Man ſieht Ihnen an,“ antwortete ſie und muſterte durch die Herren mit ihren fröhlichen, ſchalkhaften Blicken, Slan bin der Vor⸗ d die ennt, hau⸗ viel, zum hrem der auf ihrer it ſo beu⸗ haus. sſage ſich Doch Bfar⸗ alle ckend ien,“ flegt, größ⸗ endig un⸗ iſt.“ ſterte icken, 45 „daß Sie einem unangenehmen Abenteuer ausgeſetzt waren. Wo haben wir aber den Patron, wo iſt Holk? „Ihn traf kläglicherweiſe die ſchlimmſte Verlegenheit von uns Allen, weßhalb er heimreiſen und die Kleider wechſeln mußte.“ „Nun, das iſt doch zu verdrießlich,“ ſagte Louiſe und rief nach einem Kammermädchen.„Guſtavine, führe die Herren in das grüne Gaſtzimmer!“ Dabei verneigte ſie ſich und verſchwand. Aus Louiſens ganzem Weſen ging leicht hervor, daß eine leitende Hand mehr als vorher im Spiele war. Ihr lebhafter Verſtand hatte ſie bald begreifen laſſen, was ihr noch von den Eigenſchafen fehlte, die zu einem jungen, wohlerzogenen Maͤdchen gehören, und durch Arthurs feinen und gebildeten Umgang, in Verbindung mit ſeinem leichten und ſpielenden Tone, wich ſo allmählig das ſittige, liebenswürdige Kind der holden, reizenden Jungfrau, die fühlt, daß ſie ein Herz hat, wenn ſie zugleich anfängt zu begreifen, daß ihr lachender oder umwölkter Blick ein anderes Herz in heftige Bewegung bringen kann; gleichwohl hatte ſie die unſchuldige und naive Art, ſich auszudrücken, noch nicht verloren; aber in ihrem ganzen Weſen lag etwas, das bewies, daß ſie fühlte, ſie beſitze jetzt einen Werth, den ſie vorher nicht zu ſchätzen verſtanden hatte. Die Gäſte hatten ſich nach und nach verſammelt; der Oberrichter Holk war wieder gekommen und paradirte jetzt in Uniform und Seitengewehr; die Ringe wurden mit der gehörigen Feierlichkeit gewechſelt, Geſundheiten auf die Verlobten getrunken, unter Fluthen von Glück⸗ wünſchen, die in Fluthen von altem Rheinwein, Madera und Muskat getränkt waren; denn die Wahl ſtand frei, wenn man nur trinken wollte. Die Geſellſchaft hatte ſich in mehrere Kreiſe vertheilt, um deſto ungeſtörter mit einander ſprechen zu können. Man hatte beabſichtigt, durch einen glänzenden Ball dem Feſte den gehörigen Glanz zu geben; aber aus Achtung für Fräulein von Werdenberg hatte Holk ſeiner Braut vorgeſchlagen, den⸗ — 4 ſelben bis auf den Tag nach der Hochzeit zu verſchieben; und da Frau Marshauſen ſelbſt nicht tanzte, und gern der Beſchwerlichkeit, einen Ball anzuordnen, auswich, ſo entzückte ſie Holk mit dem allerſanfteſten:„Wie Du willſt, mein lieber Holk.“ Der gute Oberrichter ſchwebte ſo ſehr im Himmel, als es bei ſeiner Natur möglich war, während er ſich noch auf unſerm Planeten herumtrieb; we⸗ nigſtens war er ſo glücklich, als nur ein Menſch werden kann, was nämlich ihre Zuſage betrifft. Während Holk abwechſelungsweiſe ſeiner Braut und ſeinem Glaſe den Hof machte, hatten ſich die Gäſte in die kleineren Zimmer zerſtreut, wo allerhand Vergnügun⸗ gen, Spiel, Geſang und Scherz den Minuten Flügel gaben und die ältern Herren am Speeltiſche ſtörten. An einer Ofenecke in einem etwas abgelegenen Ka⸗ binette ſtand der Pfarrer Werner und Lieutenant Arthur, in einer ernſthaften Unterredung begriffen.„Sie können ſicher ſein,“ ſagte der Erſtere,„daß die Sache von be⸗ ſonderer Wichtigkeit iſt. Waldenbergs eiliges Billet an mich, am Abend, als ſie abreisten, deutet ganz darauf hin, und der Baron iſt wahrſcheinlich krank.“ „Herr Gott, es wird mir ganz Angſt,“ ſagte Ar⸗ thur betrübt;„was in aller Welt kann das ſein; denn wegen einer Krankheit brauchte man keine ſolche Heim⸗ lichkeiten zu machen, das ſehe ich klar ein! Aber auf⸗ richtig, beſter Herr Pfarrer, ich bin überzeugt, daß Sie das wahre Verhältniß kennen, war die geheimnißvolle Reiſe Schuld an Georginens Unpäßlichkeit?“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte Werner;„ich habe von Frau Hermer ſelbſt gehört, wie es zugegangen iſt.“ Er legte dabei ſeine Lippen näher an Arthurs Ohr, und dieſer erfuhr Folgendes. Die Mutter hatte ſie gleich nach ihres Mannes Abreiſe vermißt; und da Frau Her⸗ mers ſcharfer Blick bemerkt hatte, daß eine ungewöhn⸗ liche Bewegung in Georginens Herz vorgegangen war, ſo ſuchte ſie ſie jetzt auf, um an ihr Kind all' die zarte Aufmerkſamkeit zu verſchwenden, die man immer für den Ge verg in Her Poe da gene lebl. ſogl phar gen jener jedo komn es 3 im enthe bekan Sie gieri ich d verw lieber wünf komn angel darne ſein ſchein müth lichen er ſie über Wink 1 47 ieben; Gegenſtand ſeiner Liebe hat. Aber nachdem man lange dgern vergebens nach ihr geſucht hatte, fand ſie, daß die Thüre swich, in das Zimmer verſchloſſen war, wo Waldenberg und ie Du Hermer jene wichtige Verhandlung gehabt hatten. Alles hwebte Pochen und Rufen wurde jedoch nicht beantwortet; aber hwar, da das Fenſter nahe am Boden lag, wurde es heraus⸗ 5; we⸗ genommen, man ſtieg hinein, und fand Georginen faſt verden leblos, mit einigen Papieren in der Hand. Man ſchickte ſogleich nach mir, und als ich anlangte, fand ich ſie it und phantaſtrend. Gegen Abend, als ſie ruhiger wurde, gin⸗ iſte in gen Frau Hermer und ich in ein Seitenzimmer, wo wir nügun⸗ jenen gräßlichen Brief laſen, deſſen Inhalt ich Ihnen Flügel jedoch nicht mitzutheilen wage, ehe Waldenberg zurück⸗ en. kommt und ich ſeine Erlaubniß dazu erhalten habe; denn n Ka⸗ es zeigte ſich deutlich, daß, obwohl nicht alle Briefe an lrthur, ihn gerichtet waren, er ſie doch hatte liegen laſſen. Sie können enthalten übrigens ein Geheimniß, das vermuthlich bald on be⸗ bekannt ſein wird, und Sie dürfen froh ſein, ſo lange llet an Sie den erſchütternden Inhalt nicht erfahren haben.“ darauf„Ich habe zu viel gehört,“ ſagte Arthur,„um neu⸗ gierig zu ſein; die Furcht hebt dieſes Gefühl auf. Da te Ar⸗ ich das Geheimniß nur erfahren könnte, ohne den darein ; denn verwickelten Perſonen von Nutzen zu ſein, ſo will ich Heim⸗ lieber von Allem nichts wiſſen; aber von ganzer Seele e auf⸗ wünſche ich, daß Hermer und Waldenberg bald wieder iß Sie kommen möchten. Sie könnten mir vielleicht eine Art ißvolle angeben, um Guſtav nützlich zu ſein; denn ich ſehne mich darnach, ihm zu Hülfe zu eilen, wenn er in Verlegenheit be von ſein ſollte. Aber ich ſehe Jemand ſich nahen, der wahr⸗ 2 ſcheinlich Sie ſucht; ich entferne mich, um meine Ge⸗ s Ohr, müthsſtimmung nicht zu verrathen.“ gleich Der Pfarrer verließ den Lieutenant nach einem herz⸗ u Her⸗ lichen Handdrucke, und als der Letztere allein war, warf ewöhn⸗ er ſich nachläſſig auf den Sopha zurück, legte die Hand war, über die Augen, und grübelte über die geheimnißvollen e zarte Winke nach, die ihm Werner gegeben hatte. ür den Guſtay ſtand unaufhörlich in allen möglichen Ge⸗ ſtalten und ſonderbaren Verhältniſſen vor ſeinem geiſtigen Auge. Er wünſchte faſt, ſein Gelübde, Engelvik und Roſendal vor Guſtavs Rückkehr nicht wieder ſehen zu wollen, nicht ſo ſtrenge gehalten zu haben. Hätte er es nicht gethan, ſo hätte er gewiß Theil an jener ſonder⸗ baren Verhandlung gehabt, wovon er jetzt durch Björkö's Abgelegenheit ausgeſchloſſen war. Es ſchmerzte ſein war⸗ mes freundſchaftliches Herz, daß er nicht bei ſeinen Freun⸗ den ſein durfte. Während er nun tief in das Labyrinth ſeiner Gedanken verſunken daſaß, hörte er leichte Schritte, und ein Paar kleine, feine Händchen nahmen ohne Kom⸗ plimente ſeine Hände von den Augen. Es war Louiſens zierliche, leichte Geſtalt, die über ihn gebeugt ſtand und verwundert auf den gewöhnlich ſo heitern Arthur blickte. „Was ſoll das?“ fragte ſie unruhig.„Was iſt geſchehen, daß Sie gerade heute Abend ſo verdrießlich ſein müſſen?“ „Liebe Louiſe,“ erwiederte Arthur,„ſetzen Sie ſich hieher und tröſten Sie mich! Mein Kummer geht einen Freund an und obwohl ich Ihnen nicht mittheilen kann, was mich beunruhigt, ſo fühle ich doch, daß Ihr holder, theilnehmender Blick die Macht beſitzt, meine Beſorgniſſe zum Schweigen zu bringen.“ Arthur hatte nie vorher zu Louiſen in einem zu glei⸗ cher Zeit ſo liebreichen und ernſthaften Tone geſprochen. Sie erröthete tief und blieb verwirrt vor ihm ſtehen, den Blick wieder wie das erſte Mal auf den Boden geheftet; aber ach! welche verſchiedene Gefühle damals und jetzt! Arthur bemerkte das mit dem ganzen Scharfſinne eines Liebhabers. Er faßte ihre beiden Hände und hielt ſie glück⸗ ſelig zwiſchen den ſeinen.„Theure Louiſe,“ ſagte er und küßte ſie eine nach der andern,„ſehen Sie mich an!“ „Ich kann nicht, Arthur, ich kann nicht aufſehen!“ Sie fühlte, daß es unmöglich war, und hielt es nicht für unrecht, das zu äußern, was ſie fühlte. „Nur eine einzige Sekunde, theuerſte Louiſe! Ich möchte ſo gerne in dieſen ſchönen, lachenden Augen leſen!“ „Aber wirklich lachen ſie nicht,“ ſagte Louiſe in tie⸗ fere Sie ſie; was Zeie weiß verl Abe. nicht den hätt Mätd thrã Artl land flüſte mein blick den läng zu J die 8 ſollte noch Stun eiſtigen ik und hen zu er es ſonder⸗ jörkö's n war⸗ Freun⸗ vyrinth chritte, Kom⸗ ouiſens nd und blickte. chehen, iſſen?“ bie ſich t einen kann, holder, egniſſe u glei⸗ rochen. en, den heftet; jetzt! eines glück⸗ er und m!“ ſehen!“ 8 nicht : Ich leſen!“ in tie⸗ ferer Rührung, und zog ihre Hände zurück.„Wollen Sie es wiſſen, ſo werde ich Ihnen ſagen, was darin ſteht.“ „Nun, was denn, gute Louiſe, ſagen Sie?“ „Thränen, weil Sie betrübt ſind, Arthur,“ liſpelte ſie; und außer Standes, ihre Gefühle länger zu beherrſchen, was ſie nie gewohnt geweſen war, fielen die verrätheriſchen Zeichen in klaren Tropfen auf ihre flammenden Wangen. „O Loutſe! Mädchen, Engel, Du.“— Der Himmel weiß, wie viel Schönes hier an Worten und Gefühlen verloren ging. Gewiß war es nicht unbedeutend, und der Abend hätte ſicher noch einen Bund heiligen dürfen, wenn nicht Arthur, während des Ausbruchs ſeiner überſchwellen⸗ den Gefühle, einige Stimmen vom innern Zimmer aus hätte rufen hören:„Louiſe! Louiſe!“ Das arme verwirrte Mädchen wollte eben mit den glühenden Wangen und den thränenden Augen zur Geſellſchaft hinein ſpringen, als Arthur, der in ſeinem Herzen dieſe Stimmen in's Pfeffer⸗ land wünſchte, noch einmal ihre Hand ergriff und haſtig flüſterte:„Wenn auch der Gram der ganzen Welt auf meinen Schultern läge, ſo würde ich in einem Augen⸗ blicke, wie dieſer iſt, die Bürde von mir werfen, um in den Himmel zu blicken. Doch jetzt wage ich es nicht, Sie länger aufzuhalten. Nehmen Sie jedoch dort den Weg zu Ihrem Zimmer, und baden Sie Ihre Augen in Waſſer.“ — Leicht wie ein Reh eilte Sie dahin. Arthur ſetzte ſich auf's Neue und legte die Hand auf die Augen, damit der geiſtige Blick deſto klarer werden ſollte.—„O mein Gott,“ dachte er,„ich habe noch nie, noch nie die Seligkeit geahnt und gefühlt, die in dieſer Stunde mein ganzes Weſen erfüllt! Ich bin jetzt über⸗ zeugt, daß ſie allein das Weib iſt, das für mich paßt. Sie ſoll auch meine treue Gefährtin durch's Leben werden. Dieſe niedergeſchlagenen Augen, dieſer glühende Purpur auf Wangen und Stirne, der zitternde, furchtſame, liebe Ton, in all' dem lag ein unausſprechlicher Ausdruck, der eben ſo viele Beweiſe davon gibt, daß das gute, junge Guſtav Lindorm. II. 4 und unſchuldsvolle Herz, ihr Reichthum an warmen, feu⸗ rigen Gefühlen, und— ſie ſelbſt mein ſind.“ „Aber warum ſitzen Sie da und grübeln?“ ließ ſich Holk's Stimme an der Thüre hören.„Kommen Sie herein und trinken Sie ein Glas; die Bowle winkt ſo ſüß und traulich. Wir wollen uns um ſie ſammeln und genießen, und alle Sorgen und Kümmerniſſe in der Luſt der Minute vergeſſen! Kommen Sie, ſag' ich Ihnen; wir wollen ein Quartett machen. Geſang, Liebe und Wein! Sitzen Sie nicht länger da und hören Sie auf zu träumen, kommen Sie doch! Arthur ſtand auf, obwohl ungern.„Ei,“ rief der Oberrichter verwundert,„ich glaubte meiner Seel', daß Sie auf die lange Unterredung mit Wernern tief betrübt wären, und wenn ich Sie jetzt betrachte, ſo kommt es mir eher vor, als ob ich eine lebendige Offenbarung aus dem Elyſium ſchaute. Sie ſehen ja ganz ſelig aus!“— Arthur fühlte ſich etwas beunruhigt und ſchwieg, wahr⸗ ſcheinlich zum erſten Mal bei einem guten Spaſſe. „Aha! Ich begreife, wie es ſteht!“ fing Holk mit einem unbarmherzigen Lächeln wieder an.„Ich ſah vorhin das weiße Muſſelinkleidchen da herausſchimmern; aber hübſch ſachte! Mit ſolchen Sachen ſpringt man nicht ſo um; man muß vorſichtig ſein. Jetzt paßt ein Glas Punſch weit beſſer; das wird Ihren Geiſt in das nöthige Gleich⸗ gewicht ſetzen.“ Sie gingen in ein Zimmer am andern Ende des Salons. Dort ſtand ein Tiſch mit Bowlen und Gläſern, und darum hatten ſich Bacchus liebe Söhne gelagert. Ein Theil rauchte, die Andern ſangen und lachten, und die Meiſten plärrten; denn es ging ziemlich gegen Abend, und Holk war ein Wirth, der ſeine Gäſte eben ſo gerne unter als an dem Tiſch zu ſehen wünſchte. Aber zu allem Glück wurde das Souper angemeldet, als die Herren noch, obwohl nicht ohne Schwierigkeiten, die Bahn zum Damen⸗ zimmer hinſteuern und dieſen den Arm anbieten konnten, um ſie zu Tiſche zu führen. Nach einer zweiſtündigen weil Ein das Bis iſt n, feu⸗ eß ſich herein iß und nießen, Minute len ein den Sie ommen rief der l, daß betrübt nmt es ng aus us!“— wahr⸗ . olk mit )vorhin n; aber nicht ſo Punſch Gleich⸗ inde des Gläſern, ert. Ein und die end, und ne unter m Glück n noch, Damen⸗ konnten, tündigen 51 Mahlzeit rückte man endlich mit den Stühlen, die Wagen fuhren vor, die Herren griffen zum Abſchiedsglaſe, die Damen warfen die Kleiderhaufen auf und nieder, bis endlich jede das Ihrige fand; und nach vielem Herum⸗ ſtöbern, Verneigen, Verbeugen, Grüßen und Stoßen kamen die Gäſte glücklich in ihre Gefährte. Jetzt möchte es nicht unintereſſant fein, die verſchie⸗ denen Auftritte zu beobachten, welche dieſe kleinen rollen⸗ den Häuſer aufzuweiſen hatten; denn gewiß gibt es kein reicheres Farbenſpiel, als bei den Stoffen, die von Ehe⸗ paaren abgehandelt werden, welche von einer Schmauſerei heimkehren, wo die Männer, mehr als recht iſt, Exceſſe gemacht, und die Weiber mit Unruhe im Herzen und ein Lächeln auf den Lippen, an das Unangenehme der Heim⸗ fahrt und der Herren mögliche Laune gedacht haben, und an die verſchiedenartigen damit verbundenen unangenehmen Folgen. Wir wollen dies näher zergliedern, und flüchten uns in den Wagen Nro. 1. Man hat ſich eben in Ordnung gebracht; die Frau lehnt ſich in das eine Eck, der Herr tappt in der Dunkel⸗ heit nach ihrer Hand herum, und ſagt in der heiterſten Laune von der Welt:„Ein verflucht vorzüglicher Wirth, der Holk! Ein herr— herr—herrlicher Abend, Sophieſchen, war es nicht ſo?“ Die Frau antwortete nichts, ſondern weinte leiſe, obwohl ſie dieſen Ausbruch ihres verwundeten Gefühls zu unterdrücken ſuchte, um ihren Mann nicht zu beleidigen.— „Wie ſteht es, meine kleine Alte, ich glaube, Du weinſt? Pfui, welche Schwachheit! Das taugt Nichts! Ein Paar Gläſer in einer guten Geſellſchaft, was hat das zu bedeuten! Ich bin ja ganz vernünftig, blos ein Bischen heiter; ein wenig kurios im Kopfe morgen, das iſt Alles.“ „Das iſt nicht Alles,“ ſagte die junge Frau ſchluchzend. „Nun, was iſt es denn mehr, mein ſüßes Täubchen?“ „Was es mehr iſt? Das weißt Du nur zu wohl, 4* Werden nicht die Dienſtleute ihren neuen Hausherrn in einer Lage ſehen, die mich vor Schaam vergehen macht? Werden ſie nicht ein ſo ſchlechtes Beiſpiel ſich zu Nutzen machen? Wirſt Du nicht morgen, wie gewöhnlich, ganz krank und außer Stands ſein, die Menge Geſchäfte zu beſorgen, mit denen Du wirklich überhäuft biſt? Ach, ich weiß gewiß nicht einmal Alles herzuzäͤhlen.“ „ Ich meine aber doch,“ ſagte der Herr lachend,„daß Du das vortrefflich kannſt, mein Mädchen. Aber, immer⸗ hin, ich werde Dir darum nicht böſe; Du biſt das aller⸗ vortrefflichſte Weib; ja, Du biſt ein wahres Kleinod. Auf meine Ehre, ich mochte Dich nicht gegen fünfzehn Andere wegtauſchen.— Aber Du hatteſt doch eine ſchöne Mühe— bis Du mich in Deinem Netze gefangen hatteſt! O, ich erinnere mich noch wohl,— es war in einer Soiree bei— bei, wo— war es doch— ja, wo— war es— wo Du ſo verliebt in mich wurdeſt?“ „Stille, um Gotteswillen, beſter Adolph,“ bat die junge Frau in unendlicher Angſt;„der Kutſcher kann ja jedes Wort hören. Ich bitte Dich; ſchweige doch!“ „Nein, warum das, mein Engel; es war ja nichts Böſes dabei, daß Du— Dich in mich verliebteſt,— und daß Deine— gute Tante, welche wußte, daß ich— ein vermöglicher Mann bin, mich unaufhörlich zu ſich bat! Nun ja, das ging ja; es währte nicht drei Monate — ſo hielt ich an, und hätte ich Dich nur ſo gut gekannt, wie jetzt, ſo würde ich nicht drei Tage geſäumt haben.“ „Adolph, Du quälſt mich unausſprechlich,“ ſagte ſie und drückte ihm die Hand vor den Mund.„Du quälſt mich zu todt mit dieſem dummen Geſchwätz.“ „Nun, ſo will ich ſchweigen— mein Engel; weine nur nicht mehr.“ „Nicht weinen! wie kann ich anders als weinen! Ja, ich werde ewig weinen, bis Du mir verſprichſt, und hältſt, was Du verſprichſt, daß Du nie, nie, lieber Adolph...“ Nie wieder Exceſſe machen, liebe Sophie? Nun wohl, gib mir jetzt einen Kuß— und laß uns Frieden en in nacht 2 Kutzen ganz te zu h, ich „daß nmer⸗ alle r⸗ einod. nfzehn ſchöne atteſt! einer vo— dat die unn ja 4 nichts ſt,— ich— zu ſich Nonate ekannt, daben.“ ate ſie quälſt weine n! Ja, hältſt, ph... Frieden 53 ſchließen. Ich werde es mir zum Geſetze machen, nie mehr als drei oder vier Gläſer zu trinken; das ertrage ich ohne Gefahr. Biſt Du jetzt zufrieden?“ „Ja, ach ja, mein Schatz,“ ſagte die Frau mit einem halben Seufzer. Der Friedensvertrag wurde geſchloſſen, und der Herr ſchlummerte in der Wagenecke ein. Nunl jetzt kommt die Reihe an Nro. 2. Dort iſt s Geſpräch ſchon in vollem Gang. „So ſo!“ ſagte die Frau, die zu einer andern Klaſſe gehörte, als die im erſten Wagen,„ſo ſo, Du willſt noch läugnen, daß Du verlorſt! Ich ſah es ja ganz deutlich, als wir mit einander abrechneten.“ „Nun, was iſt es dann!“ verſetzte der Mann zornig und gähnend.„Wenn ich verloren habe, ſo hoffe ich, daß es mein Geld war; denn ſo viel ich weiß, bekam ich keinen Pfennig mit Dir.“ „Nein, das iſt wahr,“ ſagte die Frau beleidigt;„aber das war kein Geheimniß, das wußteſt Du zum Voraus, und verſicherteſt mich hundert Mal, daß Du kein Vermögen bedürfteſt, daß Du nur nach meinem Herzen ſtrebteſt.“ „Was iſt es der Mühe werth, von einem ſolchen Plunder zu ſprechen?“ entgegnete der Herr immer fort gähnend.„Ich wollte, Du hätteſt es mir verweigert, oder doch, daß Du einmal davon ablaſſen könnteſt, alle meine Angelegenheiten auszuſpioniren. So etwas geziemt ſich nicht für eine Frau; das habe ich Dir ſchon hundert Mal geſagt!“ „Nun, ich denke, daß ich es wohl auch noch zum hundert und erſten Mal hören darf!“ erwiederte ſie.„Aber es iſt ſehr hart, zu wiſſen, daß man kaum das Aller⸗ nothwendigſte zu Hauſe beſitzt, einen Haufen kleine Kin⸗ der hat, die Alles erheiſchen, was man mit Arbeit und Mühe zuſammenſcharren kann,— und doch ſehen zu müſ⸗ ſen, daß der Mann und Vater leichtſinnig genug iſt, Geld zu dem elenden Zwecke zu entlehnen, es zu verſpielen, da er es ſo wohl zu andern Dingen brauchen könnte.“ Als die Frau auf eine Antwort nach dieſer, wie es d —₰ 54 * ihr ſchien, billigen Klage lauſchte, bemerkte ſie zu ihrem Schmerz, daß ihr Mann entweder wirklich eingeſchlafen war, oder ſo that. Sie beugte ſich nieder, um die Sache zu unterſuchen; aber da wandte ſich der aufgebrachte Ehe⸗ mann mit einer ſolchen Haſt auf die Seite, daß der Kopf der Frau mit einem entſetzlichen Stoße in die andere Wagenecke fuhr. „So ſo!“ ſagte ſie mit verhaltenem Schmerz, denn ſie war nahe daran, bei der Zurechtweiſung, die ihr Kopf erlitten hatte, aufzuſchreien,„iſt es ſo weit gekommen! +O Gott, das iſt ſehr bitter!“ „Ja, gewiß bitter, Madame,“ ſprach er mit einem eiskalten Laͤcheln,„gewiß bitter, daß jede frohe Stunde, die ich noch möglicherweiſe im Leben genießen könnte, mit Wermuth gewürzt iſt!“ „Nicht ich bin es, Du biſt es ſelbſt, der unſre Freude, unſer Glück, unſer Auskommen durch das unglückſelige Spiel zerſtört. Wenn Du das ablegen würdeſt, ſo würde ich nie mehr klagen.“ „Still! ich will kein Wort mehr hören! Wenn Du Deine Lippen noch einmal öffneſt, ehe wir nach Hauſe kommen, ſo ſteige ich aus dem Wagen, und gehe fort bis zu dem nächſten Hofe, um mir ein ruhiges Nachtlager zu ſuchen.“— Dieſe Worte wurden von dem Manne in einem Tone ausgeſprochen, der keinen weitern Wider⸗ ſpruch geſtattete. Es wurde ſtille. Die Herrſchaft im dritten Wagen ſaß noch ſchwei⸗ gend. Der Herr pfiff unaufhörlich; die Frau zitterte von Kopf bis zu Fuß, da ihr dies Zeichen die Gewißheit gab, daß ein Wetter im Anzug war, das um ſo gefährlicher werden mußte, als der Herr am Tiſch Glas um Glas geleert hatte, und zwar mit einem Geſichte, das bewies, daß es weniger aus Vergnügen, als aus einem andern Gefühle geſchah. Endlich wandte er ſich barſch an ſeine Frau, mit den Worten:„Was waren das für artige Dinge, die Dir Herr B. mitzutheilen hatte?“ 55 hrem„Herr B., mein Schatz? ach, das war eine Narr⸗ lafen heit; ich erinnere mich wirklich nicht mehr, was es war.“ Sache„Es ſchien Dich jedoch ziemlich zu intereſſiren. Wenn Ehe⸗ es Dir gefiel, ſo mußt Du Dich wohl noch erinnern, Kopf was es war.“ nere„Ich erinnere mich jetzt, mein beſter Freund, es war eine Kleinigkeit. Er ſagte, daß er Dich morgen beſuchen denn würde, um mit Dir auf die Jagd zu gehen.“ Kopf„Um mit mir auf die Jagd zu gehen! Aber jetzt nen! ſage ich, und merke Dir, daß ich jetzt wie immer Wort halten werde: wenn er den Fuß in mein Haus ſetzt, ſo nem jage ich ihn mit meiner Reitpeitſche, verſtehſt Du mich, nde, ſo weit fort, daß ihn alle ſeine empfindſamen Grillen unte, verlaſſen ſollen.“ „Ach, Herr Gott, mein guter, beſter Freund, welch' ude, eine unglückliche Idee haſt Du Dir wieder in den Kopf lige geſetzt! Wenn Herr B., der uns beiden faſt ganz unbe⸗ ürde kannt iſt, aus Höflichkeit mit uns Frauenzimmern ſprach, da er weder das Trinken noch Spielen liebt, darf man Du ihm deßhalb auf eine ſolche Art begegnen, oder ſoll Dein auſe armes Weib wieder wegen ſo ungereimter Hirngeſpinnſte bis angeklagt werden, die immer in Deinem Kopfe aufſteigen, ger ſo bald— ſo bald“— ſie ſeufzte—„doch es iſt nicht nne der Mühe werth, nur davon zu ſprechen.“ der⸗„So ſo, die gnädige Frau meint alſo, daß ich vor⸗ her etwas Anderes im Kopfe gehabt habe? Aber komme vei⸗ mir nicht mit ſo etwas, ſondern erinnere Dich nur, daß von die erſte Pflicht eines Weibes iſt, zu wenn der 1 7 7 4 n—— 9 jab, Mann Michr geneigt iſt, ihre Nachtigallsſtimme zu horen. her und däs iſt Zeräbe jeßzt der Fall mit mir.“— Die Frau las ſchwieg natürlicherweiſe und wünſchte in ihrem Herzen, ies, daß es recht lange fortdauern möchte. Aber nach einer ern kleinen Pauſe fing ihr Mann wieder an:„Zu mir kom⸗ ine men und jagen, unverſchämter Schlingel! Was haſt Du ige darauf geantwortet?“— Schweigen.„Nun, was haſt Du geantwortet? Ich will es wiſſen! Rede, ich befehle es! oder, bei Gott! wie kannſt Du's wagen, zu ſchweigen wenn ich ſage, daß Du ſprechen ſollſt?“ „Haſt Du mir nicht eben geboten, ſtille zu ſein?“ „Aber jetzt ſage ich, daß Du antworten ſollſt, und Du weißt, daß die Pflicht eines Weibes in blindem Ge⸗ horſam beſteht.“ „O, mein Gott, was ſoll ich ſagen! Als Herr B. erwähnte, daß er zu Dir kommen wolle, konnte ich doch als Deine Frau nicht ſchweigen, ſondern antwortete höf⸗ lich, daß er willkommen ſei.“ „Nun, das war ſehr artig! Du bateſt ihn willkommen zu ſein! Es wird alſo ein großes Vergnügen für Dich ſein, wenn Du morgen von Deinem Fenſter aus ſiehſt, wie ich ihn züchtige, was ganz gründlich geſchehen ſoll. Ein ſchöner Willkomm für einen liebeſiechen Jungen.“ „Ach, mein Gott, wie ungereimt und hart Du Dich benimmſt!“ ſeufzte die arme Frau.„Aber laß mich am Berge ausſteigen; wir ſind ſo nahe am Hofe, daß ich lieber dahin gehen will. Laß halten; Du weißt, ich bin furcht ſam.“ „Nein, ſage ich, Du ſollſt ſitzen bleiben! Du ſollſt Dich nicht fürchten. Gib die Zügel her, Innge, ich will ſelbſt fahren!“ „O, um Gotteswillen, laß doch lieber den Burſchen fahren! Du ſiehſt nichts, und ich ſterbe vor Angſt!“ „Nun, ſo ſtirb; aber aus dem Wagen kommſt Du nicht, da ich es nicht haben will!“— Und heftig entriß der ſeiner nicht mehr mächtige Mann dem Kutſcher die Zügel, knallte mit der Peitſche, und im Galopp ging es 1 den Bergehinab;, daß Steine und Erde umher flogen. An einem⸗Gatterthore unten ſtieß das Rad ſo heftig gegen einen der Pfeiler, daß Wagen, Pferde und Herr⸗ ſchaft unter einander geworfen wurden. Die Frau wurde ohnmächtig, doch unbeſchädigt her⸗ vorgezogen; der Herr hatte einen Arm gebrochen. Durch den Schmerz, den dies verurſachte, wurde ſein Blut ab⸗ gekühlt, und der Anſchlag gegen Herrn B. wurde auf unbeſtimmte Zeit aufgeſchoben. die Leb⸗ nack ſein fertt und End mer Gel gute Ihr ich darf zu viel ſchl bew wier ihre Gef pfar ließ Her Ge⸗ B. doch höf⸗ men Dich ehſt, ſoll. Dich am eber im.“ ollſt will chen 64 Du triß die g es gen. eftig err⸗ her⸗ urch ab⸗ auf So ſchloß die Fahrt, und damit ſchließen auch wir die geheimen Beſuche hinter den Kuliſſen des ehelichen Lebens. Aber zuerſt müſſen wir einen kleinen Sprung nach Balderslund zurück machen. Während Holk von ſeiner Braut Abſchied nahm, und die jungen Herren reiſe⸗ fertig mit Mänteln und Tüchern in das Vorzimmer gingen, und innerlich wünſchten, daß dies Nachſpiel einmal ein Ende nehmen möchte, und während Louiſe in den Zim⸗ mern umher wanderte und die Lichter löſchte, fand Arthur Gelegenheit, ein Paar Worte mit ihr zu ſprechen:„Liebe, gute Louiſe, geben Sie mir den Reſeda⸗Strauß, der in Ihrem Gürtel ſteckt, um mich damit zu tröſten, wenn ich nicht hier bin.“ „Ich glaube, daß ich Ihnen denſelben nicht geben darf; denn ich höre an Ihrem Tone, Arthur, daß Sie zu viel Wichtigkeit daran knüpfen.“ „Das kann ich nicht läugnen; ich lege allerdings viel Gewicht darauf, Louiſe, wenn Sie meine Bitte ab⸗ ſchlagen, ſo werde ich nicht mehr oft wieder kommen; bewilligen Sie ſie, o Louiſe! dann komme ich oft, oft wieder! Können Sie jetzt Nein ſagen?“ Still und erröthend machte Louiſe das Bouquet von ihrem Gürtel los und reichte es ihm mit abgewandtem Geſichte. Als Arthur die Hand und das theure Unter⸗ pfand für die Verwirklichung ſeiner Hoffnungen empfing, ließ ſich Holk's Stimme im Saale hören:„Fertig, meine Herren, zum Abmarſch!“ Sechstes Kapitel. Es blutet doch— wenn auch kein Degen dämpft, Wenn es im ſtillen Herzgebäude kämpft. Nikander. Wir wollen uns jetzt in ein Zimmer nach Roſendal verſetzen. Es war um Mittagszeit, gegen Ende Novem⸗ bers. Georgine, kaum geneſen von ihrer langwierigen Krankheit, lag auf einem Sopha, in einem leichten, weißen Krankenkleide, eine rothſeidene Decke nachläſſig über ihre feine Geſtalt geworfen. Frau Hermer ſaß ihr zur Seite auf einem Seſſel, und ſprach tröſtliche und beruhigende Worte über den Gegenſtand, der gerade ihre Unterhaltung ausmachte. „Mein liebes Kind, wie auch die Sachen ſtehen, wir müſſen uns in Gottes Willen ergeben. Es wird ein großer Troſt für uns ſein, wenn es wahr iſt, was das Gerücht ſagt, daß Waldenberg geſtern Abend zurückgekehrt iſt, obwohl es gewiß nichts Gutes bedeutet, daß Papa nicht mitgekommen iſt. Es wäre jedoch ſehr beruhigend, wenn wir mit dem guten, braven Verwalter ſprechen könnten. Ich ſchickte Willy hinüber, ſobald ſich der Sturm gelegt hatte, und ich bin gewiß, daß er mit dem Knaben kommt, wenn er nicht allzu müde von der Reiſe iſt.“ Georgine ſchüttelte ſanft den Kopf, wie wenn zur Stil⸗ lung ihres Schmerzes nichts geſagt werden könnte.— „Ach, es iſt übrigens keine ſichere Nachricht,“ ſagte ſie endlich:„Waldenberg iſt wohl nicht gekommen.“ „Sei nicht ſo niedergeſchlagen und betrübt, Geor⸗ gine,“ ermahnte Frau Hermer.„Ich fühle in mir, daß er da iſt: denn im andern Falle wäre Willy ſchon wieder zurück. Ueberdies ſehe ich wohl 4, daß Waldenberg bei ſeiner ſchwachen, zerſtörten Geſußdheit es nicht wagen darf, noch ſpäter im Jahre zu räſen. Es iſt ein Glück, daß wir noch keinen rechten Winter gehabt haben; doch habe daß Gere Vate Qua Geor licher Schi gelie Gott Wan zeugt nicht und und wir die Kind fällig daß ihm Weit denb mehr iſt n Dir gekon des erſt 59 haben wir ſchwere, ſtürmiſche Tage geſehen. Gebe Gott, daß er ſich auf dieſer Reiſe nicht ganz verdorben hat! Gerade ſo, mein Kind, war der Herbſt, wo Dein ſeliger Vater Schiffbruch litt. Ach, Du großer Gott, welche mpft, Qualen habe ich da ausgeſtanden! Stelle Dir vor, Georgine, doch Du kannſt das nicht, was für ein unend⸗ licher Unterſchied iſt es zwiſchen der Unruhe um das endal Schickſal eines Freundes und der, die man um einen vem⸗ geliebten Gatten erduldet. Ach, mein Kind, möge Dich rigen Gott bewahren, ſo etwas zu erleben!“ eißen Georgine ſeufzte tief, und verbarg die glühende ihre Wange in ihrem weißen Taſchentuche. Sie war über⸗ Seite zeugt, daß ihre Qual nicht geringer war, obwohl ſie es gende nicht ausſprechen durfte Q᷑᷑᷑‿ ee ltung„Die Thüre geht im Saale,“ ſagte Frau Hermer und ſtand auf.„Jetzt wirſt Du ſehen, daß es Willy iſt, ehen, und daß ich mich nicht betrogen habe. Gewiß werden d ein wir eine beruhigende Nachricht erhalten.“— Sie öffnete das die Thüre.„Nun, Willy, mein Junge, wie war es?“ kehrt„Waldenberg iſt da, Mamachen!“ Papa„Nun, kommt er denn nicht mit Dir, mein liebes gend, Kind? Wie haſt Du meinen Auftrag ausgerichtet?“ echen„Gerade wie Mama ſagte. Aber der arme, ge⸗ turm fällige Waldenberg war ſo von der Reiſe mitgenommen, raben daß er es nicht wagte, mir hieher zu folgen; wenn es ihm jedoch möglich iſt, kommt er morgen Vormittag. Stil⸗ Weißt Du, Mama, daß ich recht weinte, als ich Wal⸗ 5.— denberg ſo leidend und doch ſo gut ſah. Ach, er iſt nicht te ſie mehr lange auf der Welt, das iſt zu deutlich. Doch, es iſt wahr, da iſt ein kleines Briefchen von ihm.“ Geor⸗„Ei, wie verdrießlich! Willy, mein Sohn, ſagte er „daß Dir nicht, wo Papa iſt, oder warum er noch nicht heim⸗ vieder gekommen iſt?“ g bei„Ja wohl ſagte er das. Papa iſt in Geſellſchaft vagen des Barons Lindorm nach Nordland gereist und kommt Glück, erſt nach dem Neujahre nach Hauſe. Aber er hat Briefe doch 60 von Papa, welche er morgen mit ſich bringen wird. Jetzt war er nicht im Stande, ſie zu ſuchen.“ Frau Hermer ſchien durch Willy's Neuigkeiten wenig erbaut.„Mein Gott, bis nach dem Neujahre fortbleiben!. Das müſſen ſehr wichtige und eben ſo verdrießliche Gründe ſein, die ihn dazu vermögen, da er doch die Heimath ſo liebt. Wo haſt Du das Billet, mein Kind?“ „Hier, Mamachen!“ Willy gab ihr das offene Billet, das einige zitternde Linien von Waldenbergs Hand enthielt. Es lautete: „Entſchuldigen Sie, Madame, daß ich mich nicht ſelbſt einſtellen kann, um Ihnen die Erklärungen zu geben, denen Ihre Unruhe über die lange Zögerung Ihres Ge⸗ mahls mit Sehnſucht entgegenſieht; aber meine Geſund⸗ heit iſt durch dieſe in vielen Hinſichten ſchwexe Reiſe ſo ſehr angegriffen, daß ich mir für heute dieſe theure Pflicht verſagen muß. Morgen jedoch, wenn ich ausgeruht habe, werde ich es mit Gottes Hülfe im Stande ſein. Waldenberg,“ „Darf ich ſehen, was er ſchreibt, Mama!“ ſagte Georgine und ſtreckte die Hand nach dem Billette aus. Frau Hermer reichte es ihr ſtillſchweigend und ging, um in der Einſamkeit all' die Umſtände, welche ſie wußte und nicht wußte, zu wägen und darüber nachzudenken. Georgine las und eine Thräne ſchimmerte in ihrem Auge.„Armer, armer Waldenberg!“ ſagte ſie.„Willy, hältſt Du ihn für ſehr krank?“ „Ja, ganz entſetzlich; ich konnte ihn kaum wieder erkennen, Aber, Gine, Du ſollſt etwas wiſſen,“— Er ſah ſich aufmerkſam um, ob ſich kein lauſchendes Ohr in der Nähe befand. „Was denn, Willy?“ fragte Georgine zitternd.„Du machſt mir ganz Angſt.“ „Ach, es iſt nicht der Mühe werth,“ fuhr Willy raſcher fort;„Du kannſt ja doch nichts davor. Siehſt Du, Jungfer Wings erzählte mir Folgendes, ehe ich hineinkam. Als Waldenberg geſtern Nachmittag anlangte, war e fragt, Jungf krank wären ſchein! werde. Uebel ſich u davon nicht, dem 2 ein B Als ſi berg darauf daß es über Endlie das w regen; flüſter C ſchwen ſie,„1 mer g und ſſ Aber, denn j that 1 milden wie S Lächel Ich ſt. um ſei denber Jetzt wenig leiben! Hründe lath ſo offene Hand nicht geben, 1s Ge⸗ heſund⸗ Reiſe theure geruht ſagte e aus. ig, um wußte ken. ihrem Willy, wieder — Er Ohr in „Du Willy Siehſt he ich langte, 61 war er ziemlich ordentlich geweſen, und hatte gleich ge⸗ fragt, was wir in Roſendal machten. Darauf antwortete Jungfer Wings ohne Umſchweife, das Fräulein ſei ſehr krank geworden, ſobald er und Herr Hermer fort geweſen wären, und der Doctor habe geäußert, daß ſie wahr⸗ ſcheinlich, oder beſſer geſagt, ganz gewiß hinübergehen werde. Nun war Jungfer Wings gewiſſermaßen an dem Uebel unſchuldig, das ſie verurſachte, einmal weil ſie es ſich nicht träumen laſſen konnte, daß Waldenberg ſo ſehr davon ergriffen würde, und dann wußte die arme Seele nicht, daß Du außer aller Gefahr und entſchieden auf dem Wege der Beſſerung biſt, da ſpäterhin ſelten mehr ein Bote zwiſchen Engelvik und Roſendal gegangen iſt. Als ſie mit ihren Neuigkeiten zu Ende war, ſiel Walden⸗ berg rücklings auf den Sopha nieder, und bekam gleich darauf einen ſtarken Blutſturz. Jungfer Wings betheuerte, daß es ein ganzes Handfaß voll war. Darauf lag er über eine Viertelſtunde lang ganz leblos, wie es ſchien. Endlich nach allen Verſuchen der Jungfer Wings, und das waren viele, fing er wieder allmählig an, ſich zu regen; aber er war nicht im Stande, zu ſprechen, ſondern fluͤſterte nur ein Paar Worte, wenn er etwas wünſchte.“ Georgine war tief bewegt; heiße Thränen über⸗ ſchwemmten ihre Wangen.—„Guter Waldenberg,“ ſeufzte ſie,„warum muß es immer Schmerzen, Elend und Jam⸗ mer geben! O ich begreife das wohl; Du ſahſt ihn doch und ſprachſt mit ihm, Willy?“ „Ja, Gine! ich durfte hinein, ſobald ich es wünſchte. Aber, du großer Gott, wie mir das in die Seele griff; denn jetzt wußte ich, warum er ſo elend war, und das that mir ſo herzlich weh. Seine Augen, die ſchönen, milden Augen waren eingeſunken, die Wangen ſo weiß wie Schnee, die Lippen dünn und eingedrückt; aber das Lächeln, ſein gutes, freundliches Lächeln war noch da. Ich ſtürzte auf ſein Bett zu und ſchlang meine Arme um ſeinen Hals.„Ach willkommen, beſter Herr Wal⸗ denberg!“ ſagte ich; und dann ſetzte ich hinzu, denn ich wußte wohl, was ihn tröſten würde:„Mama und die Schweſter grüßen Sie ſo ſehr, und Georgine, die ein wenig unwohl war, aber jetzt außer aller Gefahr iſt, ſehnt ſich nach Ihnen, Waldenberg!“ „Iſt ſie außer aller Gefahr?“ fragte er, und ſein Auge bekam wieder ein wenig von ſeinem früheren Glanze. „Iſt das wirklich wahr, Willy?“ „Ja, das iſt eben ſo gewiß, als daß ſie ſich recht nach Ihnen ſehnt, und Sie bittet, Sie möchten ſo ſchnell als möglich zu uns herüber kommen. Wir wußten nicht, daß Sie krank ſind.“ „Es iſt mir jetzt beſſer, Willy, mein artiger Junge, viel beſſer; es wird noch nicht ſo bald mit mir zu Ende gehen. Der, welcher ſich mit einer ſolchen Krankheit herumziehen muß, wie ich, darf, leider Gottes, dieſen düſtern Vorboten, ich meine den Blutſturz, mehr als einmal ſehen, ehe er ſich auf die letzte Fahrt begeben muß. Aber noch bin ich ſehr matt; hoffe jedoch mit Gottes Hülfe morgen nach Roſendal hinüber fahren zu können. Da Georgine es wünſcht, ſo iſt es für mich ein doppeltes Vergnügen; ſage ihr das, Willy!“ „Ja, das werde ich gewiß thun, beſter Herr Wal⸗ denberg,“ ſagte ich;„und ſobald ich hinübergefahren bin, und Mama und Gine beruhigt habe, ſo komme ich wieder und bleibe heute Abend und heute Nacht bei Ihnen; denn Sie dürſen nicht ſo allein ſein.“ „Danke Dir dafür, mein artiger Junge!“ Er ſah heiter aus, und drückte mir herzlich die Hand, indem er hinzufügte:„Ich kann keine liebere Geſellſchaft bekommen, als die Deine.“ Darauf ſchrieb er die Zeilen da an Mama, und ich fuhr meines Wegs. Meinſt Du nicht, daß ich recht und gut gehandelt habe, Gine?“ „Ja gewiß, mein guter Willy! Du biſt ſo verſtän⸗ dig und artig, zuriſlvlond und für Alle beſorgt, daß ich nicht anders kann, als ſo viel auf Dich zu halten, wie ich jetzt thue; aber Du hätteſt wohl etwas weniger von meiner paſſend 1 nicht l daß DT daheim komme ich ſeh dürfen Ir keinen ſehnteſt jetzt h wenn i freund! Sag' i ſich be gerne gehen, und th eine S da er forderte wie der freit, Hofger im Dif die auf Arthur verlaſſe boten, ters kü — 63 ud die meiner Sehnſucht ſprechen dürfen. Das war nicht recht e ein paſſend; aber ich weiß, daß Du es gut meinteſt.“ r iſt,„Das that ich, Gine; aber deßhalb hätte ich doch nicht lügen mögen, und Du kannſt wohl nicht läugnen, d ſein daß Du manchmal gewünſcht haſt, Waldenberg wäre lanze. daheim; und geſtern Abend, als wir hörten, daß er ange⸗ kommen ſei, ſagteſt Du:„Gott gebe, daß es wahr wäre; recht ich ſehne mich unendlich darnach, mit ihm ſprechen zu ſchnell dürfen!“ nicht,„Ja, das ſagte ich, Willy, das iſt wohl wahr; aber dafür könnte es viele Urſachen geben.“— Georgine wurde zunge, roth und ſchwieg. Ende„Nun ja, ſiehſt Du, Schweſterchen, ich habe auch ikkheit keinen beſondern Grund angegeben, warum Du vicj dieſen ſehnteſt, ſondern nur geſagt, daß es ſo ſei; aber laß mi r als jetzt hören, was ich bekomme, um Waldenberg zu tröſten, muß. wenn ich zu ihm zurückkehre? Du ſchickſt ihm doch einen Gottes freundlichen Gruß?“ önnen.„Ja gewiß, mein guter Willy, viele herzliche Grüße. ppeltes Sag' ihm, daß ich Gott innig bitten werde, daß er bald ſich beſſer befinden möchte, aber daß ich auch zugleich, ſo Wal⸗ gerne ich ihn ſehen möchte, ihm verbiete, früher auszu⸗ fahren gehen, als bis er es ohne Gefahr thun könne.“ komme„Ich danke Dir dafür, Gine; das lautet freundlich ht bei und theilnehmend, und es wäre auch eine Sünde und eine Schande, wenn Du es nicht gut mit ihm meinteſt, Er ſah da er gerne ſein Leben hingeben würde, wenn Du es dem er forderteſt, davon bin ich überzeugt. Er macht es nicht, mmen, wie der Oberrichter Holk, der wegreist und wo anders Mama, frreit, ſobald er ſeinen Korb erhalten hat, oder wie der aß ich Hoſgerichtsnotar, der ſich gleichgültig und kalt zeigt, und im Diſtrikte umherreist, und um alle Damen ſcherwenzt, erſtän⸗ die auf ſein Geſchwätz hören wollen. Er gleicht auch daß ich Arthurn nicht, den ich für beſſer hielt, als daß er uns n, wie verlaſſen ſollte, da ſich ihm andere Vergnügungen dar⸗ er von boten, um, wie das Gerücht ſagt, ſich in des Oberrich⸗ ters künftige Schwägerin zu verlieben. Nein, ſieh', Wal⸗ denberg bleibt allein und treu zurück, da alle Andern Dich aufgeben, arme Gine!“ Georgine konnte nicht umhin, zu lächeln, als ſie Willy verſicherte, daß ſie mit dieſer Untreue ihrer Ritter⸗ vollkommen zufrieden ſei.„Doch,“ fügte ſie ernſt hinzu, „Du darfſt nicht glauben, Willy, daß Waldenberg je mein Freier war. Deßhalb ſollſt Du nicht auf dieſe Art mit ihm ſprechen, Willy; verſprich mir das!“ „Ei was, Du brauchſt das gar nicht ſo ernſthaft zu nehmen, Gine! Ich habe nichts Anderes geſagt, als daß er dir treu iſt, und das iſt er, wie nur irgend ein küh⸗ ner Rittersmann in den alten Romanen; und iſt denn da etwas Böſes daran? Glaubſt Du nicht, daß ich klug genug bin, um einzuſehen, daß Waldenberg an keine andere Braut als den Himmel zu denken wagt? Aber ſo lange er noch nicht dahin gekommen iſt, ſo kann es ihm wohl erlaubt ſein, an Dich zu denken, als— als einen ſchönen, klaren Stern, der ſo gut für ihn, als einen Andern ſtrahlen kann.“ „Ei, du mein Himmel! Willy, welche Anlage von Poeſie liegt in Dir!“ antwortete die Schweſter mit einem ſchwachen Lächeln.„Aber ſtehe jetzt nicht mehr länger hier her, um zu ſchwatzen; ſonſt wird es zu ſpät, um Dein Verſprechen zu halten.“ Sobald Willy nach einigen dringenden Bitten und freundlichen Schmeicheleien die Einwilligung ſeiner Mut⸗ ter zur Rückfahrt erhalten hatte, eilte er zu ſeiner kleinen Schaluppe und legte bald in Engelvik bei. Freudig empfing Waldenberg ſeinen freundlichen, lieben Geſellſchafter, der ihm den Abend angenehm verkürzte. Aber die zwei fol⸗ genden Tage gingen hin, ohne daß Waldenbergs Kräfte ihm erlaubten, auszugehen. Endlich am 30. November, einem ziemlich ruhigen und klaren Tage, traten ſie zu⸗ ſammen die Fahrt über die Bai an —— 8 buch weiſe, er in mit ff daß d könnte einige koſtba laden Dies mit e Wege Gaſt kam hat er nahm erſten bekan 65 ludern.. Siebentes Kapitel. ils ſie Ritter⸗ hinzu Es gibt ein Lieben ohne Rauſch der Sinne; 52, Es ſonnet ſich im Tag des Gotteslichts. erg je Dorthin, wo jenes Urbilds Harfen klingen, ſe Art Will meine Seele flieh'n mit weißen Schwingen. Atterbom. aft zu Arthur ſaß einſam auf ſeinem Zimmer. Sein Tage⸗ s daß buch lag vor ihm und er ſchrieb und blätterte wechſels⸗ küh⸗ weiſe, während er hie und da das Reſedabouquetchen, das denn er in einer ſo bedeutungsvollen Stunde erhalten hatte, ) klug mit freudeſtrahlenden Blicken betrachtete.„Mich dünkt, keine daß das wohl in höherem Sinne für eine Verlobung gelten lber ſo könnte,“ ſagte er leiſe zu ſich ſelbſt, und ſchrieb wieder s ihm einige Zeilen auf. einen Jetzt klopfte es an die Thüre; ſchnell verbarg er ſein einen koſtbares Andenken, und rief ein gerade nicht ſehr ein⸗ ladendes:„Herein!“ dem unwillkommenen Störefried zu. ge von Dies war ein Bauer im ſchleppenden Fiſcherrocke, und einem mit ein Paar Stiefeln, die von einem weit zurückgelegten länger Wege zeugten. t, um„Woher kommt Ihr?“ fragte Arthur und maß ſeinen Gaſt mit etwas verwunderten Blicken. n und„Von Engelvik, Herr Lieutenant! Unſer Verwalter Mut⸗ kam vor einigen Tagen heim; aber da er krank lag, ſo kleinen hat er, ſagte er, dem Herrn das noch nicht ſchicken können.“ npfing„Gebt her, gebt her,“ rief Arthur ungeduldig, und er, der nahm dem Bauern einen Brief aus der Hand. Beim ei fol⸗ erſten Blick auf die Unterſchrift, worin er Lindorm's wohl⸗ Kräfte bekannten Styl erkannte, flog ein Freudenſtrahl über ſeine ember, ſchönen, ausdrucksvollen Züge.—„Gott ſei Dank!“ ſagte ie zu⸗ er laut,„das iſt eine liebe Poſt.“— Der Bauer erhielt einen Thaler und die Anweiſung, in der Geſindeſtube zu warten, im Fall eine Antwort nöthig wäre. Als Arthur Guſtav Lindorm. II. 5 allein war, ſchloß er die Thüre, warf ſich auf den Sopha, und erbrach das erſehnte Siegel. Der Brief enthielt Folgendes: Braver Freund! Jetzt, Arthur, ſollſt Du erfahren, warum mein Weſen in der letztern Zeit ſo düſter und geheimnißvoll war. Ich brauche jetzt nicht mehr jene kränkende Zurückhaltung, die Dich ſo oft beleidigt hat, gegen einen wahren Freund zu beobachten. Du ſollſt mein Herz in ſeinen geheimſten Falten kennen lernen, und Du wirſt finden, daß ich nicht habe anders handeln können, da ein dunkles Schickſal mich in ſeinen ſtarken Banden gefeſſelt hielt. Dieſe ſind jetzt gebrochen; aber das Geklirre ihrer Gelenke wird in meinem Herzen wiedertönen, bis die Kette bricht, die den Geiſt an den Staub knüpft. Ein wohlthuender Friede hat ſich jedoch um meine Seele gelagert; der Gedanke an die erfüllte Pflicht und der Sieg über mich ſelbſt hat mir einen ſtillen, ſüßen Troſt verſchafft, und ſpäter werde ich mich wieder erholen, und mit meinen früheren Kräften zu den Geſchäften des Lebens, ſeinen Hoffnungen und Freuden, ſeinen Schmerzen und Täuſchungen, kurzum, zu all' ſeinen reichen und bunten Abwechslungen zurückkehren. Wirſt Du wohl Deinen Augen trauen, beſter Arthur, wenn Du die Worte lieſeſt:„Ich war verheirathet, we⸗ nigſtens getraut, und bin jetzt Wittwer?“ Während mei⸗ ner Reiſen beſchrieb ich Dir manchmal meine Couſine, die herrliche Konſtanze, welcher ich, wie Du weißt, mit brü⸗ derlicher Liebe zugethan war. Du wirſt Dich erinnern, daß ich von N''s ſchleunigſt nach Hauſe berufen wurde; ich kam an, und o Gott, was fand ich? Ein grenzen⸗ loſes Elend! Ein verheerender Sturm war daher gerast, und hatte Blätter und Blüthen der ſchönen Roſe hinweg⸗ gefegt. Verzeihe, daß ich dieſen ſchmerzlichen Gegenſtand nur leicht berühre. Waldenberg wird Dir die näheren Umſtände mittheilen. Mein Oheim, bis zum letzten Augen⸗ blicke von dem unverzeihlichſten Stolze und Ehrgeiz ver⸗ blende Konſte zu gel Dank, bette g ab, un öffentl abwar! In de was ſ mit ih bald d ihren. dankba ihres dringen düſtern Opfer mit ih ein Po mich b zuricht fortzuſ allein Anweſt ich fül von de jeden 2 Lage e K ich auf geregt math Abend meinem Raſenb Sopha, enthielt Weſen ar. Ich altung, Freund eimſten h nicht chickſal eſe ſind vird in die den ꝛde hat an die at mir rde ich dräften n und um, zu kehren. lrthur, t, we⸗ d mei⸗ ne, die t brü⸗ nnern, purde; eenzen⸗ gerast, inweg⸗ nſtand äͤheren lugen⸗ z ver⸗ 67 blendet, wandte alle Mittel an, um mich zu überreden, Konſtanzen ihre Ehre und Namen wieder vor der Welt zu geben. Konnte ich mich weigern? Nein, Gott ſei Dank, ich that es nicht. Wir wurden an ſeinem Sterbe⸗ bette getraut, und er nahm mir das beſtimmte Verſprechen ab, unſere Verbindung erſt nach Konſtanzens Niederkunft öffentlich zu machen, welchen Zeitpunkt ſie an einem Orte abwarten ſollte, den ihr Vater ſelbſt dazu beſtimmt hatte. In der Mitte Juli reisten wir von Hamringen ab. Ach, was ſie litt, das engelfromme Kind, und was ich nicht mit ihr litt! Wir hielten uns einige Wochen bald da, bald dort auf; aber welche Wochen! Ich that Alles, um ihren Kummer zu zerſtreuen und zu lindern, und ſie war dankbar; aber ich vermochte nicht die brennende Wunde ihres Herzens zu verbinden, und endlich mußte ich ihren dringenden Bitten nachgeben und ſie zu der einſamen, düſtern Freiſtätte führen, welche ihr Vater für das arme Opfer auserſehen hatte. Sie fand dieſelbe übereinſtimmend mit ihrer Gemüthsverfaſſung, und nachdem wir uns dort ein Paar Tage aufgehalten hatten, während welcher ich mich bemühte, ihr Zimmer ſo angenehm als möglich ein⸗ zurichten, überredete ſie mich, meine Reiſe nach Engelvik fortzuſetzen, und bat und beſchwor mich, ſie zwei Monate allein zu laſſen, indem ſie mich verſicherte, daß meine Anweſenheit nicht mehr nöthig ſei. Ich gab nach; denn ich fühlte tief, daß ſie recht hatte. Es war ihr beſſer, von dem Anblicke deſſen nicht geplagt zu werden, der ſie jeden Augenblick an das Seltſame und Bittere in unſerer Lage erinnern mußte. Du weißt, in welcher ſchweren Gemüthsſtimmung ich auf den Gütern Deines Vaters ankam, und wie auf⸗ geregt ich während dieſer ganzen Reiſe in meine alte Hei⸗ math war; aber Du weißt nicht, wie ſchon am erſten Abend auf dem Kirchhofe eine bis jetzt tonloſe Saite in meinem Innern angeſchlagen wurde, als ich die kleine Naſenbank, wo ich ſo manchmal als Kind mit Georginen 5* 68 geſeſſen war, noch erhalten und mit einer Sorgfalt ge⸗ pflegt ſah, die bewies, daß die Erinnerung daran im Herzen der Jungfrau fortlebte; eine freundliche Blume aus dem Eden der Kindheit, verpflanzt in die Tempelhöfe der Phantaſie. Ich weiß nicht, was für eine eigene mäch⸗ tige Ahnung es war, die mir zuflüſterte, daß ſie es wer⸗ den würde, die dies Herz in einer Leidenſchaft ſchlagen machen ſollte, die es nie vorher gefühlt hatte. Wahr⸗ ſcheinlich rührte dies von den allzu beredten Schilderungen her, die mir Werner in ſeinen Briefen von ihrer unge⸗ wöhnlichen Schönheit und ihrer reich begabten und edlen Seele gemacht hatte. Genug, ehe ich noch Roſendal betreten hatte, bebte ich in einer namenloſen Unruhe, und der bloße Gedanke an ihr Wiederſehen und den erſten Anblick ihres holden, unausſprechlich einnehmenden Weſens raubte mir faſt alle Gewalt über mich ſelbſt. Ich bin überzeugt, daß der Eindruck, den ſie auf mein Herz machte, nicht ſo entſcheidend geweſen wäre, wenn nicht das Bewußtſein, daß ſie nicht mein werden konnte, dieſe gefährliche Macht noch erhöht hätte. Ich mußte in meinem Aeußern kalt ſein, um nicht die Gluth zu enthüllen, die mein Inneres verzehrte. Ach, wie mich ihre verwunderten, oft unruhigen Blicke ſchmerzten, und was ich an dieſem und den fol⸗ genden Tagen litt, das kannſt Du vielleicht begreifen, Ar⸗ thur! Ich vermied es, ſie zu ſehen, und Du kannſt jetzt meine Antwort auf Deine redliche und kameradſchaftliche Frage leicht verſtehen. Ich konnte damals nicht anders han⸗ deln, als ich that, und mit Bewunderung vor Deinem feſten Charakter und Deinem Edelmuth habe ich erfahren, daß Du von dieſer Zeit an Dich weder in Engelvik noch in Roſendal länger aufgehalten haſt. Ich kann, fürchte ich, Dir mein Gefühl für Georginen nicht recht anſchaulich machen, wenigſtens wie es damals war. Du kennſt mich hinlänglich, um zu wiſſen, daß goldene Locken, himmel⸗ blaue Augen und die herrlichſten Formen, kurz die vollen⸗ detſte weibliche Schönheit mich nicht zu einem ſchmach⸗ tenden Amoroſo umzuſchaffen vermag. Glaube mir deß⸗ halb, ſo un Nein, das 1 kannte ſtattfe einigt windl zwiſch lich ei aber traut manch ſagun Herze mit 2 recht Du v winne Auge möcht bitter macht daß i ich ke ich, d ihrem meine keine dir ſi Wald innige einen Wied ward falt ge⸗ aran im Blume npelhoͤfe te mäch⸗ es wer⸗ ſchlagen Wahr⸗ derungen er unge⸗ en Seele betreten und der Anblick 3 raubte berzeugt, nicht ſo vußtſein, e Macht ern kalt Inneres nruhigen den fol⸗ fen, Ar⸗ unſt jetzt hhaftliche ers han⸗ em feſten en, daß noch in ichte ich, ſchaulich nſt mich himmel⸗ e vollen⸗ ſchmach⸗ mir deß⸗ 69 halb, wenn ich Dir ſage, daß nicht ihre äußeren Reize, ſo ungewöhnlich ſie auch ſind, es waren, die mich feſſelten. Nein, es war ein Etwas in ihrem Blick, in ihrem Weſen, das mich mit der ſeligen Ahnung einer bis dahin unge⸗ kannten Sympathie durchbebte, die zwiſchen unſeren Seelen ſtattfand. Sie waren von dieſem Augenblicke an ver⸗ einigt, ſo glaubte und fühlte ich, wenn auch die unüber⸗ windlichſten Hinderniſſe gegen eine andere Verbindung ewig zwiſchen uns gedauert hätten. Du wirſt mich wahrſchein⸗ lich einen Schwärmer, einen excentriſchen Menſchen nennen; aber es iſt nicht ſo, Arthur! Was ich Dir jetzt anver⸗ traut habe, iſt meine ruhige, feſte Ueberzeugung, die in manchem Kampfe, wo der irdiſche Schmerz und die Ent⸗ ſagung ihre Rechte gefordert haben, dem brennenden Herzen Troſt zuflüſterte.. Ich habe mich weitläufig darüber ausgeſprochen, da⸗ mit Du einſahen möchteſt, was mich in der Stunde auf⸗ recht hielt, wo ich mit der Ueberzeugung abreiste, daß Du verſuchen würdeſt, ihr Herz und ihre Hand zu ge⸗ winnen. Freilich, ich will das nicht läugnen, gab es Augenblicke, wo ich von der Angſt gepeinigt wurde, Du möchteſt ſo glücklich ſein, und dieſe wurden durch die noch bittereren Vorwürfe, die ich mir über meinen Egoismus machte, verdoppelt; denn es war noch immer mein Wunſch, daß ihr Geiſt an den meinen gefeſſelt ſein ſollte, obwohl ich keine Hoffnung hatte, ſie zu beſitzen, und innig bat ich, daß keine irdiſche Liebe ihr unſchuldsvolles Herz mit ihrem Hauche berühren möchte. So dachte ich, als ich nach Ejkenberg reiste, um meiner armen, holden Konſtanze zu pflegen; doch begehre keine Rechenſchaft über die ſchauerlichen Begebenheiten, dir ſich hier auf einander häuften. Alles das wird Dir Waldenberg mittheilen. Genug, daß es mir trotz meiner innigen Fürſorge nie gelang, Konſtanzens Gedanken auf einen andern Punkt zu lenken, als den Tod und die Wiedervereinigung mit den Vorangegangenen. Ihr Gebet ward erhört; ſie ging in ihre ſchöne Heimath, und wie 70 eine heißgeliebte Schweſter werde ich ſie ewig vermiſſen. Aber auch die mit ihrem Tode verbundenen traurigen Er⸗ eigniſſe werden immer einen ſchmerzlichen Eindruck in meiner Seele hinterlaſſen. Doch ich werde jetzt ruhiger und glück⸗ licher werden, als ich je war, das glaube und hoffe ich. Erlaube mir jetzt, nachdem alle dieſe traurigen Gegenſtände abgehandelt ſind, das freundliche Begehren an Dich zu ſtellen, daß Du, wenn Dir nicht das Wieder⸗ ſehen Georginens ſchmerzlich iſt, Dich ſchnell nach Engel⸗ vik zurückbegeben möchteſt, um Waldenberg mit gutem Rathe beizuſtehen, was die Bewerkſtelligung der Verän⸗ derungen betrifft, die ich, wie Du weißt, dort vorzuneh⸗ men gedachte. Ich begehre dieſen Dienſt ganz einfach von Dir, wie Freunde es von einander thun können; und daß Du das in des Wortes ausgedehnteſter und reichſter Bedeutung biſt, haſt Du bewieſen. Obwohl ich überzeugt bin, daß Du mir zulieb davon abſtandeſt, um. Georginens Hand zu bitten, und daß die offene Erklärung, die ich Dir jetzt gethan habe, auf immer jeden Deiner Gedanken von dieſem Gegenſtande ablenkt, ſo ſchwöre ich Dir doch bei meinem Leben, daß ich, hätteſt Du ihr Herz gewon⸗ nen, nicht ſo geſprochen hätte, wie ich es jetzt that. Einen eigennützigen Nebenbuhler hätteſt Du in mir nicht gefun⸗ den; aber es iſt meine Ueberzrugung, daß ihr Herz noch keinen beſtimmten Eindruck empfangen hat, wenigſtens keinen ſolchen, der ſich in die Form kleidet, die wir Liebe nennen. Hermer hat mir eine Neuigkeit mitgetheilt, die mir, ich bekenne es, ſehr angenehm war, nämlich daß Du in vollem Ernſt Dich mit Deinem muntern Freunde, dem Oberrichter Holk, in Balderslund niedergelaſſen haſt. Ich kenne die reizende Louiſe Monten nicht, aber ich erinnere mich, viel Gutes von ihr gehört zu haben; und daß ſie ſchön iſt, kann ich für ausgemacht annehmen, da ſie Dich gefeſſelt hat. Aber laſſe jetzt, Herzensbruder, für einige Zeit dieſe Angelegenheiten, und reiſe nach Engelvik hin⸗ über, theils um die Frauenzimmer in dem jetzt ſo ſtillen ſeine ander, Kopf Hälfte her m und den R eiſti dãß 8 ſo eiu ſagun und d und z Freun der ne wir n Roſen Anſpr wiß p welche auf U heit. ſeine Alles lich u Sinne werde ziehen niſſen. n Er⸗ reiner glück⸗ e ich. rigen ehren leder⸗ ngel⸗ utem erän⸗ ineh⸗ nfach und hſter zeugt nens e ich enken doch won⸗ linen fun⸗ noch tens eiebe mir, u in dem Ich 71 Roſendal aufzuheitern, und theils auch, um nach Deinem Geſchmack und guten Kopfe mein altes Eulenneſt ver⸗ ſchönern zu laſſen. Hermer folgt mir nach Hamringen, wohin ich Konſtanzens Aſche geleiten werde. Grüße Dei⸗ nen Wirth, dieſen Ehrenmann, und Deine Umgebung. Im Januar wird Dich umarmen Dein Guſtav. „Was war denn Alles das?“ ſagte Arthur und wirrte ſeine ſchönen, wohlgeordneten Locken ſchrecklich unter ein⸗ ander, während er mit der Hand gedankenvoll um den Kopf fuhr.„Der Henker ſoll mich holen, wenn ich die Hälfte davon begreife! Hm, hm! Zuerſt kommt er da⸗ her mit verheerenden Stürmen, geretteter Chre, eirat und Niedekküuft, alles in einem Athemzuge, wovon ich den Reſt von Waldenberg erfähren ſoll; dann tritt eine eiſtige Liebe auf, Sympathie der Seelen und Gebete, —„. 6——„ 7 dãß ne ſche Liebe däbei in's Spiel kommen möge; ſo ein entfesricher Wirkwarr von Kämpfen, Leiden, Ent⸗ ſagungen⸗ Todesfällen, Reiſen und Gott weiß was Alles; und darüber ſoll mich nun Waldenberg aufklären; endlich und zu guter Letzt Reparaturen und Vertrauen auf meine Freundſchaft. Nun, Gott ſei Dank, das iſt ein Artikel, der noch in guter Verwahrung iſt, und Rivale werden wir nie werden. Der Himmel weiß, daß ich ſo in meine Roſenknoſpe verliebt bin, daß ich für ewige Zeiten allen Anſprüchen auf meine ehemalige Lebensſonne entſage. Ge⸗ wiß paßt Georgine am beſten für Lindorm; denn der, welcher ſie feſſeln will, muß unwiderlegbare Anſprüche auf Ungewöhnlichkeit beſitzen, und die hat Guſtav in Wahr⸗ heit. Seine Perſönlichkeit, ſeine edle, ſtolze Haltung, ſeine Art zu ſein, ſein Schickſal, ſein Gemüth, ſeine Liebe,— Alles iſt ungewöhnlich. Gott mache ſie glücklich; vermuth⸗ lich werden ſie in höheren Sphären leben, um in geiſtigem Sinne zu ſprechen; ich und meine Roſenknoſpe dagegen werden uns an die Erde halten. Aber ich muß jetzt ab⸗ ziehen, und das gleich morgen. Ich bin ſo ſehr von der 72 Neugierde angeſteckt, daß ich gerne jetzt gleich abreiste, wenn es denkbar wäre, daß ich aufbrechen könnte, ohne von Louiſen Abſchied zu nehmen. Aber dieſer Guſtav, ich kann meine Gedanken nicht von ihm lostrennen! Wie lebendig es in ſeinem ganzen Weſen geworden iſt! Und Reparationen! Ja ja, als er zu Hauſe war, wurde die Sache nicht ſehr übereilt; da blieb er gewöhnlich bei Vorſchlägen ſtehen, die im Frühjahre in's Werk geſetzt werden ſollten.— Aber es wird bald zum Eſſen läuten; ich muß mich ankleiden, und nach Tiſche reiſe ich nach Balderslund.“— Während Lieutenant Arthur langſam das Erſtere bewerkſtelligte, hielt er folgende, wichtige Be⸗ rathung mit ſich ſelbſt: „Soll ich mich heute erklären, oder ſoll, ich warten, bis ſich eine paſſendere Gelegenheit darbigtet? Es ſcheint mir, es käme etwas zu eilfertig heraus, wenn ich gerade jetzt, wo ich abreiſen will, einen ſo wichtigen Schritt thäte. Ueberdies kann der Erfolg, unmöglich denſelben Reiz gewähren, als wenn mir eine günſtige Gelegenheit den rechten Augenblick dazu darbietet.— Antwortet ſie Ja;— Himmel, welche Seligkeit! Da kann ich aus purem Entzücken mich nicht zur Reiſe entſchließen. Sollte ſie dagegen Nein ſagen,— da wäre ich ſo in Ver⸗ zweiflung, daß es wahrſcheinlich mein letzter Gedanke wäre, mich durch Planzeichnungen zur Einrichtung der Wohnung eines Andern zu zerſtreuen. Nein, davor danke ich, nicht ſo viel Entſagung! Es iſt alſo am beſten, wenn ich ſchweige, bis ich in Engelvik geweſen bin. Aber, aber doch, es iſt zu verführeriſch, wenn ich mir ſo lebhaft denke, wie ſie erröthen, zittern und die Augen niederſchlagen wird, und vielleicht ſogar in der Verwir⸗ rung ihren Kopf an meiner überſeligen Bruſt verbirgt. O, ich könnte närriſch vor Freude werden, wenn ich mir das Alles denke! Und dann, die zwei für einen Lieb⸗ haber ſo wichtigen Worte ſagen zu können: ‚Meine Braut! Es würde nicht ſo übel laſſen, wenn ich vor Georginen ſagen könnte:— Arthur ſprach laut, von ſeinem Gegen⸗ ſtande wird kleine bei, gange was einen wenig genw begle Verl mit Geor die 2 ein L ihr ſ Lieut verla von das Lind bind! Geſe Nord jetzt nehn aller werk ſchne Lieu laun hoffe Bal 73 brreiste, ſtande ganz hingeriſſen:„Mein gnädiges Fräulein, es „ohne wird mir ein großes Vergnügen machen, Ihnen meine Huſtav, kleine Braut vorſtellen zu dürfen; ich ſchmeichle mir da⸗ Wie bei, daß Louiſe durch das Glück Ihres gebildeten Um⸗ Und ganges viel gewinnen wird.“ rde die„Aber ſind Sie denn von Sinnen, Arthur, oder ich bei was ſind das für Thorheiten, die Sie da ſchwatzen von geſetzt einem Fräulein und Ihrer kleinen Braut? Oeffnen Sie äuten; wenigſtens und laſſen Sie mich bei der Vorſtellung ge⸗ h nach genwärtig ſeyn,“ ſprach der Oberrichter von außen, und ngſam begleitete ſeine Worte mit einem fröhlichen Gelächter. ge Be⸗ Verlegen und ſchamroth öffnete Arthur die Thüre. „Nun,“ ſagte Holk, als er eintrat,„jetzt muß es varten, mit Ihnen ſein, wie es einmal zwiſchen Blohm und ſcheint Georginen geſchah; nur mit dem Unterſchiede, daß ſie gerade die Vorſtellung eines Trauerſpiels gaben, und daß Sie Schritt ein Luſtſpiel gewählt haben. Ja, ja, ihr jungen Herren, ſelben ihr ſeid ſaubere Kukuks!“ genheit„Barmherzigkeit, um Alles in der Welt!“ fiel der tet ſie Lieutenant lachend ein;„wir wollen dieſen Gegenſtand h aus verlaſſen, und erlauben Sie mir, Sie anſtatt deſſen da⸗ Sollte von zu benachrichtigen, daß ich genöthigt bin, morgen Ver⸗ das ſchöne Björkö zu verlaſſen. Ein Brief von Baron edanke Lindorm, worin er meinen geehrten Wirth auf das Ver⸗ ig der bindlichſte grüßt, unterrichtet mich, daß er in Folge von danke Geſchäften, Todesfällen und Händeln eine Reiſe nach beſten, Nordland unternommen hat, weßhalb er mich bittet, die bin. jetzt vor ſich gehenden Reparationen in Engelvik zu über⸗ h mir nehmen. Und da dieſe nach ſeinem Wunſche jetzt mit Augen aller Macht betrieben werden ſollen, und die Hand⸗ erwir⸗ werker auf meine Anordnungen warten, ſo muß ich mich rbirgt. ſchnell als erſter Intendant einſtellen.“ h mir„Das ſind recht verdrießliche Neuigkeiten, mein beſter Lieb⸗ Lieutenant Arthur,“ antwortete Holk, ein wenig miß⸗ raut!“ launig, ſeinen heitern Geſellſchafter zu verlieren.„Ich rginen hoffe jedoch, daß Sie ſo oft als möglich Björkö und zegen⸗ Balderslund beſuchen werden.“ 74 „Ohne Zweifel,“ verſicherte Arthur.„Heute Nach⸗ mittag will ich dort meinen Abſchiedsbeſuch machen.“ „Es iſt mir unangenehm, daß ich Ihnen nicht Ge⸗ ſellſchaft leiſten kann; aber ich muß um vier Uhr ein Extragericht abhalten,“ bemerkte Holk. Jetzt wurde das Mittageſſen verkündet, und gleich darauf trat Arthur die Reiſe nach Balderslund an. Aber bei ſeiner Ankunft ergriff ihn ſchnell eine unbehagliche Unruhe, da er ſeine Roſenknoſpe nicht wie gewöhnlich ihm auf der Treppe entgegenkommen ſah. Der Schlüſſel zum Saale war abgezogen, ebenſo der zum Wohnzimmer und zum Kabinette. Von dem leeren Oehrn ging der Lieutenant in die Küche.—„Wo ſind die Damen?“ fragte er.„Sind ſie ausgegangen?“ „Nein, ſie reisten heute früh ab,“ antwortete eine alte Jungfer, die in den niedern Topfregionen herrſchte. „Sie reisten?“ fragte Arthur verwundert;„und wohin denn?“ „Nach Bahnfors, wo die Eltern der Frau wohnen. Es kam heute Nacht ein Eilbote, mit der Nachricht, daß den alten Herrn der Schlag getroffen habe, und einem Brief, daß die Frau und Mamſell Lischen unverzüglich heimkommen ſollten. Und ſo fuhren beide, ganz früh am Tage, ab, nachdem die Frau dieſen Brief hinterlaſſen hatte, den ich gerade habe nach Björkö ſchicken wollen.“ Der arme Arthur war ſtumm vor Schmerz und Aer⸗ ger, daß er genöthigt ſein ſollte, wieder abzufahren ohne Abſchied, ohne einen Schimmer von Louiſen geſehen zu haben. Nein, das war zu hart, das war mehr, als er aushalten zu können glaubte. Mit zornigen Schritten wandte er ſich, nachdem er den Brief zu ſich geſteckt hatte, wieder zu Blohm's Gig, das er für dieſe Gelegen⸗ heit entlehnt hatte, und er war ſchon ein gutes Stück aus der Allee draußen, als es ihm einfiel, daß er nicht gefragt habe, wo Bahnfors liege; vielleicht lag es in der Nähe. Von dieſer frohen Idee aufgeheitert, kehrte er ſchleunig um, und drückte von Neuem die Küchenthüre auf, fors? ſchlug den 2 auf d das a fährt. mein genug durch der L Herer ſtand Artht wie d der H gereiz Pferd Vergr große weiter Lieute Man Lieute Knech Weile ſollſt hinau um üblen hörig Bloh gleich Aber aagliche öhnlich chlüſſel zimmer ng der men?“ te eine rrſchte. „und vohnen. ht, daß einem züglich üh am rlaſſen ollen.“ d Aer⸗ nohne den zu als er hritten geſteckt legen⸗ Stück nicht es in kehrte athüre 75 auf, mit der Frage:„Iſt es weit von hier nach Bahn⸗ fors?“—„Sechs Meilen, Herr Lieutenant.“— Er ſchlug die Thüre wieder mit einem Schwunge zu, daß es den Anweſenden vorkam, als ob ein Erdbeben die Teller auf den Küchenbrettern erſchüttert habe. „Sechs Meilen!“ rief Arthur das eine Mal über das andere, und warf ſich halb verzweifelt in das Ge⸗ fährt.„Und ich muß fort!— Ach, meine Roſenknoſpe, mein Reichthum, meine Luſt! Ich werde wohl Zeit genug bekommen, um mich zu beſinnen, bis meine Augen durch Deinen Anblick erfreut werden!“ Und dabei flog der Lieutenant in einem Galoppe dahin, als ob er alle Hexen hinter ſich gehabt hätte. Der Hofgerichtsnotar ſtand im Hofe und ergötzte ſich mit Zielſchießen, als Arthur wie ein Kurier zum Thore hereingeſprengt kam. „Was iſt das?“ rief dieſer ziemlich ärgerlich.„Ei, wie das Pferd ſchäumt und mein Gig ſieht aus, als ob der Herr Lieutenant damit in einen Graben gefahren wäre.“ „Mein beſter Herr,“ entgegnete Arthur, der jetzt leicht gereizt war,„haben Sie die Güte, den Schaden an Pferd und Gig ſchätzen zu laſſen; ich werde mit vielem Vergnügen beide Theile erſetzen; aber Sie thun mir einen großen Gefallen, wenn Sie von dieſen Kleinigkeiten nicht weiter ſprechen.“ „Kleinigkeiten!“ ſagte Blohm.„Glaubt der Herr Lieutenant, er habe mit einem Fuhrmanne zu thun? Man ſollte das aus der Sprache abnehmen, die der Herr Lieutenant zu gebrauchen belieben. Lars,“ rief er dem Knechte zu, der vom Stalle kam,„führe das Pferd eine Weile herum, putze es dann gut und gib ihm Haber, ſo ſollſt Du ein ſchönes Trinkgeld von mir erhalten.“ Blohm wollte an dem Lieutenant vorüber die Flur hinauf, als Arthur ganz ſanftmüthig ſprach:„Ich bitte um Verzeihung, Herr Notar, daß ich mich in meiner üblen Laune Ihres Pferdes und Gefährtes auf eine unge⸗ hörige Art bediente, und noch dazu Sie ſogar beleidigte.“— Blohm ergriffdie hingeſtreckte Hand, ſchüttelte ſie herzlich und 76 ſagte:„Hat nichts zu bedeuten! wir vereiferten uns beide ein wenig; aber der Herr Lieutenant kehrte ſehr zeitig zurück.“ „Gerade das hat mich erbittert,“ fiel Arthur ein, und erröthete darüber, daß er ſeinen Schmerz nicht ber⸗ gen konnte;„die Damen ſind nach Bahnfors abgereist.“ „Ah, zum Henker, da war es nicht zu verwundern,“ ſagte Blohm lachend.„Laſſen Sie uns in's Billardzimmer gehen; das iſt meine Medizin bei ſolchen Verdrießlich⸗ keiten.“— Arthur nahm den Vorſchlag an, und hier fügte es die Gelegenheit, daß er ſeine Schuld gegen Blohm ab⸗ tragen konnte, da dieſer immer ein glücklicher Spieler war. Als Holk am Abend heimgekommen war, und den Brief ſeiner Braut geleſen hatte, ſprach er mit der gan⸗ zen Ruhe eines fünfundvierzigjährigen Liebhabers:„Mei⸗ ner Treu', recht verdrießlich, das. Bertha wird wahrſchein⸗ lich mehrere Wochen lang fort ſein, falls ihr Vater ſterben ſollte, was ſehr glaublich iſt.“— Louiſen er⸗ wähnte er nicht, weßhalb Arthur, ſo verlegen er ſich auch dabei fühlte, genöthigt war, nach ihr zu fragen:„Ma⸗ dame Marshauſen bringt wohl ihre Schweſter wieder mit ſich, wenn ſie zurückkommt?“ „Das iſt ſchwer zu errathen,“ erwiederte Holk lächelnd; „es iſt wahrſcheinlich, daß ihre Mutter ſich nicht wird von ihr trennen wollen, da ſie ſo einſam bleibt. Ich meine, wenn der Alte ſtirbt.“ „Aber,“ platzte Arthur heftig heraus,“ ſie kann doch wohl nicht ſo barbariſch ſein, daß ſie ſie in dem alten Rabenneſt einſperren will?“ „In was für einem Rabenneſt?“ fragte Holk erſtaunt. „Ei, in Bahnfors!“ „Hat der Herr Lieutenant Bahnfors ſchon geſehen?“ „Nein, aber ich kann es mir recht wohl vorſtellen,“ entgegnete dieſer. „In dieſem Falle muß ich Ihnen ſagen, daß Sie eine ganz unrichtige Vorſtellung davon gefaßt haben; Bahnfors iſt eines der ſchönſten und beſtbebauteſten Gü⸗ ter in dieſer Gegend.“ „das gewäl 7 mit e Falle Aber Geſel rechne Sie n ſo vie laubt Ober beſche Als exped fünf auf Artig als Kopf ſehen den „es ſeine brav gebe mer Paa eina 3 beide rrück.“ r ein, t ber⸗ reist.“ dern,“ immer eßlich⸗ fügte )m ab⸗ r war. id den r gan⸗ „Mei⸗ ſchein⸗ Vater en er⸗ h auch „Ma⸗ wieder helnd; wird Ich n doch alten ſtaunt. ehen?“ ellen,“ aß Sie haben; n Gü⸗ 77 „So,“ ſagte Arthur, beſchämt über ſeine Heftigkeit, „das mag ſein, und ich hätte meinen Ausdruck beſſer gewählt, wenn ich geſagt hätte, in einer ſolchen Einöde.“ „Wo junge Herren keinen Zutritt haben,“ fiel Holk mit einem fröhlichen Gelächter ein.„Ja, ja, in dieſem Falle wären Sie der Wahrheit am nächſten gekommen. Aber wie es auch ſei, So können Sie immer in meiner Geſellſchaft, als dem künftigen Schwiegerſohne, darauf rechnen, willkommen zu ſein; und ſo muß ich wohl, um Sie wieder froh zu ſehen, meiner holden Schwiegermutter ſo viele ſchöne Sachen vorſchwatzen, daß ſie Louiſen er⸗ laubt, Bertha wieder zu begleiten.“ Arthur antwortete nichts darauf; aber er drückte dem Oberrichter mit einem ſprechenden Lächeln die Hand, und beſchäftigte ſich dann mit dem Einpacken ſeiner Sachen. Als er am folgenden Morgen ein anſtändiges Frühſtück erpedirt, und drei Gläſer Porter, ein Glas Madera und fünf Gläſer Champagner getrunken hatte, machte er ſich auf die Reiſe nach Engelvik, wohin ihn Blohm aus Artigkeit ein Stück weit begleitete. „Wir haben ſo ſehr gewirthſchaftet,“ ſagte Arthur als er ſich überzeugt hatte, daß der Nebel in ſeinem Kopfe ihn verhinderte, die Gruben auf der Straße zu ſehen,—„daß ich, für meinen Theil, ein Paar Stun⸗ den im Wirthshauſe zu Kroken ausruhen muß.“ „Ich glaube, es geht mir auch ſo,“ erwiederte Blohm; „es wird doch noch Zeit, daß ein Jeder vor dem Abend ſeine Station erreicht. Wir haben Spielparthie in Björkö.“ „Und ich werde den Abend mit Waldenberg, dem braven Burſchen, wegſchwatzen,“ ſagte Arthur.„Gott gebe nur, daß er nicht krank iſt; denn dann kommt im⸗ mer der Geiſt der Sentimentatität über ihn“ Die Herren langten in Kroken an, ſchliefen ein Paar Stunden, tranken Kaffee, plauderten, ſchüttelten einander die Hände und ſchieden. 78 Achtes Kapitel. Es war, als ob aus gold'’nem Reich Ein Engel— aus des Lichtes Nähe— Auf einen Todeskämpfer ſähe. Ach! Tod und Liebe ſind ja gleich! Lindeblad. „Georgine, mein Kind,“ ſagte Frau Hermer und öffnete die Thüre zu dem Zimmer, wo das Mädchen in dem feinen weißen Krankenanzug und die rothſeidene Decke darüber geworfen auf dem Sopha lag, ganz ſo, wie wir ſie zuletzt ſahen;„Georginchen, Waldenberg iſt da. Er und Willy ſteigen gerade auf die Brücke; ich gehe hinab, um ihn zu empfangen.“. Frau Hermer ſchloß die Thüre wieder. Georgine fühlte ihr Herz mit einer Heftigkeit klopfen, die ihr bei⸗ nahe den Athem benahm. Der Gedanke, Waldenberg wieder zu ſehen, der ſo viel aus Liebe zu ihr litt, und dann das unendliche Gefühl einer brennenden Unruhe womit ſie die Nachricht von dem Schickſale Lindorms, Konſtanzens und des unglücklichen Müllers abwartete; dieſe Dinge, die ſie Tag und Nacht quälten, ſollte ſie jetzt in Worten abgehandelt hören. Ihre Bewegung war tief und mannigfach; aber ſie bekam Zeit, ſich etwas zu beruhigen, denn über eine Viertelſtunde war verſloſſen, und noch hörte ſie keine Schritte dem Zimmer nahen. Sie wurde ein wenig ungeduldig, als ein ſchuelles Sprin⸗ gen Willy's Ankunft verkündete. „Nun, wo iſt Waldenberg?“ fragte Georgine, ſo⸗ bald der Knabe die Thüre geſchloſſen hatte. „Er iſt hier, Schweſterchen; aber er ging zuerſt mit Mama in den Saal, um eine Taſſe Chokolade zu trin⸗ ken, denn es iſt tüchtig kalt, mußt Du wiſſen, Gine.“ „Ei, wollte Waldenberg das?“ ſagte ſie; ner liebt ſonſt dieſes Getränke nicht.“ 8 muthit willko berg,“ das m freund Sie z richten leicht trinker nicht, Mame Bewe Er tr indem Keich kähe— ch! d. r und hen in Decke ie wir . Er hinab, orgine ar bei⸗ enberg , und inruhe dorms, irtete; Ite ſie g war bas zu floſſen, nahen. Sprin⸗ e, ſo⸗ eſt mit ttrin⸗ Gine.“ r liebt „Ich kann eigentlich nicht gerade wiſſen, wie es mit feinem Willen ſtand,“ meinte Willy,„aber Mama ſprach ſo.“— Der Knabe nahm eine ehrbare und artige Miene an, und ahmte mit vieler Leichtigkeit das an⸗ muthige Weſen ſeiner Frau Mama nach:—„Herzlich willkommen in der Heimath, mein beſter Herr Walden⸗ berg,“— er hob den Finger ein wenig drohend—„ei, das war eine ſaubere und lange Geſchäftsreiſe,“— mit freundlichem Lächeln—„aber davon nachher! Darf ich Sie zu Georginen führen, die ſich ſehr nach den Nach⸗ richten ſehnt, die Sie mitbringen, oder ſind Sie viel⸗ leicht ſſ gut und kommen mit mir in den Saal und trinken eine Taſſe warmer Chokolade?“—„Ich friere nicht, beſte Madame,“ erwiederte Waldenberg;„aber Mama hatte ſchon die Thüre mit einer ſo einladenden Bewegung geoffnet, daß er es nicht abſchlagen wollte. Er trat ein, und jetzt ſind Sie dort,“ ſetzte Willy hinzu, indem er ſeinen gewöhnlichen Ton wieder annahm,„und vermuthlich bald hier. Laß mich jetzt nur ſehen, Gine, daß Du recht freundlich gegen ihn biſt, ſonſt werde ich wahrhaftig böſe auf Dich!“ „O, habe deßwegen keine Furcht, Willy; wie kann ich wohl anders? Aber geht nicht die äußere Thüre?“ „Nein, Gine, das meinteſt Du nur,“ ſagte Willy, und Georginens Herzklopfen fing von Neuem an.— Sie waren eine kleine Weile ganz ſtille. „Jetzt, Willy, jetzt geht ſie beſtimmt.“ „Ja, es iſt ſo, jetzt kommen ſie; mache Dich jetzt nur recht angenehm, hörſt Du, mein liebes Schweſter⸗ chen?“ Frau Hermer trat ein, von Waldenberg gefolgt. Die hellen Blumen auf ſeinen Wangen waren röther als gewöhnlich; aber ſeine Lippen waren hart zuſammen⸗ gepreßt, wie von einem vergeblichen Bemühen, ſie zu oͤffnen, und im Auge brannte jener unnatürliche Glanz, den ſolche Krankheiten zuweilen zeigen. Seine feine, ſchöne Geſtalt ſchien gebeugter, und die eine Hand, die faſt immer auf der Bruſt ruhte, bewies, daß er dort 80 litt. Er näherte ſich langſam dem Sopha, worauf die⸗ jenige lag, deren bloßer Anblick für ihn zu aufregend war, als daß er mit Ruhe hinzuſehen vermochte. Stumm, aber mit einem vielſprechenden Ausdruck in ſeinem Ge⸗ ſichte, blieb er auf einige Schritte Entfernung ſtehen. Georgine reichte ihm ihre feine, weiße Hand; aber faſt eben ſo beunruhigt als er ſelbſt, vermochte ſie nicht einmal ein Wort des Willkomms über ihre Lippen zu bringen. Waldenberg nahm die dargereichte Hand, küßte ſie mit einer nie gefühlten Heftigkeit, aber ließ ſie dann ſchnell, erröthend und erſchreckt über ſeine faſt unbewußte Kühnheit fahren. Darauf nahm er den Stuhl, den ihm Willy anbot, und ſetzte ſich neben den Sopha. Frau Hermer, die ſich vollkommen auf Georginens eigene Klug⸗ heit in der Behandlung des armen Waldenbergs verließ, äußerte den ſehr natürlichen Wunſch, den Brief ihres Mannes zu leſen, den ſie bereits erhalten hatte, und mit einer höflichen Entſchuldigung gegen ihren Gaſt ver⸗ ſchwand die gute Frau. Willy warf einen bittenden Blick auf ſeine Schweſter, worauf er der Mutter folgte, um ein Brieſchen vom Papa zu erhalten, das in den ihren eingelegt war. Georgine hatte ſich jetzt hinlänglich erholt, um das Geſpräch beginnen zu können. „Was macht mein Vater, beſter Herr Waldenberg? Ich wage es kaum, nach Ihrer eigenen Geſundheit zu fragen; denn ſie ſcheint ſehr ſchwach zu ſein.“ „Je nun, gnädiges Fräulein, Hermer befindet ſich ſo vollkommen wohl, als er es ohne die Seinigen ſein kann, und was mich ſelbſt betrifft, ſo nähere ich mich mit großen Schritten dem Ziele, wohin ich mich bald zu kommen ſehne.“— Er ſprach in abgebrochenen Sätzen, und in ſeiner Stimme lag etwas ſo Sanftes, ſich zum Herzen Schmiegendes, daß Georgine nicht im Stande war, die Thräne zu bekämpfen, die ſich aus ihrem Auge drängte. „Sprechen Sie nicht ſo, Waldenberg,“ ſagte ſie leiſe; lächel gine den k fiel j Glück zu en die F pfindn Nein, Fall 1 und e wäre nung liche irren mir ſe mitthe 7 hören. mit— Werde walter Ich ko alſo Schlu ſo ſehr rief W langwi furchtl Roſend Guſt uf die⸗ fregend Stumm, m Ge⸗ hen. ; aber ie nicht pen zu , küßte ie dann bewußte den ihm Frau ne Klug⸗ verließ, ef ihres te, und zaſt ver⸗ den Blick gte, um en ihren h erholt, denberg? idheit zu ndet ſich igen ſein ich mich nich bald n Sätzen, ſich zum Stande rem Auge ſagte ſie 81 leiſe;„wir würden Ihren Hingang tief empfinden.“ Er lächelte wehmüthig und ſchüttelte den Kopf.—„Geor⸗ gine wird glücklich werden, und die Glücklichen empfin⸗ den keinen Verluſt.“ „Das iſt ein falſcher Schluß, Herr Waldenberg,“ ſiel ſie ein.„Sollte denn der Beſitz einer irdiſchen Glückſeligkeit uns des Vermögens berauben, die Gefühle zu empfinden, die die Natur in unſer Herz gelegt hat, die Freundſchaft, das Mitleid und die ſchmerzliche Em⸗ pfindung, wenn die ſcheiden, welche wir hochſchätzen? Nein, gewiß nicht; wenigſtens wird dies nie bei mir der Fall ſein, ich mag nun glücklich oder unglücklich werden.“ „Gott gebe, daß es ſo wäre!“ ſeufzte Waldenberg, und ein mattes Lächeln ſtrahlte auf ſeinen Lippen.„Es wäre für mich ein himmliſcher Troſt, wenn ich die Hoff⸗ nung wagen dürfte, daß Sie einen Gedanken, eine freund⸗ liche Erinnerung an mich bewahrten. Aber wohin ver⸗ irren ſich meine Gefühle? O verzeihen Sie, daß ich von mir ſelbſt zu ſprechen gewagt habe, da ich wichtigere Dinge mittheilen ſollte.“ „Ach, ich ſehne mich außerordentlich darnach, ſie zu hören. Iſt Müller todt? Wie ſteht es mit Konſtanzen, mit— mit— der Baronin von Lindorm, meine cc 2*4 „Mein Gott, woher haben Sie das, Fräulein von Werdenberg?“ fragte Waldenberg erſtaunt. „Daher,“ antwortete ſie und zog die Briefe des Ver⸗ walters und Müllers hervor;„dieſe vergaßen Sie hier. Ich konnte mich nicht enthalten, ſie zu leſen, und kenne alſo großentheils die entſetzlichen Bagedonheſten Der Schluß iſt es,“ ſetzte ſie zitternd hinzu,„den ich eben ſo ſehr fürchte als zu vernehmen wünſche.“ „Mein Gott, wie unvorſichtig war das von mir!“ rief Waldenberg.„Mich ſelbſt muß ich alſo wegen Ihrer langwierigen Unpäßlichkeit anklagen; das ſchmerzt mich furchtbar. Aber ich war ſo verwirrt, als ich zum letzten Male Roſendal verließ, daß ich an die unbedeutenderen Um⸗ Guſtav Lindorm. II. 6 ſtände faſt gar nicht denken konnte, die ich ſonſt nicht un⸗ beachtet gelaſſen hätte.“ „Ich bin es wohl eher, Herr Waldenberg, die Sie um Entſchuldigung wegen des Gebrauchs bitten ſollte, den ich von Ihrem Eigenthum gemacht habe; aber die Urſache davon liegt in meiner Verwandtſchaft mit unſerer weiblichen Stammmutter und ihrer Neugierde. Aber laſſen Sie uns die Zeit nicht mit bedeutungsloſen Worten ver⸗ lieren; ſagen Sie mir auf einmal Alles.“ „Nun wohl,“ erwiederte Waldenberg,„Müller führte ſeinen Vorſatz aus. Die Abweſenheit des Feldwebels Kramer und die Krankheit des Barons gaben ihm Ge⸗ legenheit, herein zu kommen. An Konſtanzens Bett nahm er das Gift, und verſchied nach ein Paar qualvollen Stunden.“ Georgine zitterte an jedem Gliede, eine ſchreckliche Bläſſe bedeckte ihre Wangen, und kaum vermochte ſie den Namen Konſtanze zu ſtammeln.—„Sie,“ fuhr Walden⸗ berg fort, und heſtete ſein Auge auf Georginens,„ſie war ſchon auf dem Wege zum Himmel. Nach dem Be⸗ richte ihrer Kammerjungfer glimmte die Lampe nur noch ſchwach, als Müller eintrat; aber vermuthlich bedurfte es blos des Anblicks deſſen, welchen ſie dort oben zu finden glaubte, um ſie vollends ganz auszulöſchen; ſie ſind jetzt vereinigt. Das Kind ruht im Arme der Mutter, und— und Baron Lindorm iſt Wittwer.“ Georgine bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, und lehnte ſich hin auf die Kiſſen des Sopha's. Wir wagen es nicht, von den Gefühlen Rechenſchaft zu geben, welche in ihrem Herzen ſtürmten, von all' den verworrenen Ge⸗ danken, die ſich in ihrem Kopfe hin und her wälzten. Waldenberg betrachtete ſie ſtumm und mit faſt ebenſo tiefer Bewegung, als die ihrige war. Nach einer langen Pauſe erhob ſie ſich, ſtützte die brennende Stirne auf die Hand, und hielt mit der andern ihr Tuch gegen die thränen⸗ ſchwimmenden Augen. „O Waldenberge ſagte ſie leiſe, faſt flüſternd,„das ſſen wollte. Erzählen Sie mir Alles.“ iſt mehr, als ich wi es ihn ſtieg. Entſe zarte, und und wache gruft was ſchlo junge Selb Geſch nicht, Verb zweif nicht gefül verm grenz und Schit redtſe ſchwi mäch der 5 zurüc befind Waſſ ſtand beim ſah ſi blickl ht un⸗ le Sie ſollte, ſer die unſerer laſſen u ver⸗ führte webels m Ge⸗ ahm er inden.“ feckliche ſie den Valden⸗ 8, aſie em Be⸗ ur noch urfte es finden nd jetzt und— en, und wagen welche nen Ge⸗ wälzten. ſſo tiefer n Pauſe ie Hand, thränen⸗ nd,„das rAlles.“ 1 8³ Er verſtand ihren Wunſch, und erfüllte ihn, obwohl es ihn eine Anſtrengung koſtete, die ſeine Kräfte weit über⸗ ſtieg. Mit feuriger Beredtſamkeit ſchilderte er Lindorms Entſagung, ſeine brüderliche Vorſorge für Konſtanzen, ſeine zarte, feine Aufmerkſamkeit für ihre geringſten Wünſche, und endlich ſeine gefährliche Krankheit, ſeine Geneſung, und ſeine jetzige edle Handlung, daß er ſelbſt als Ehren⸗ wache Konſtanzens und Müllers Aſche nach der Familien⸗ gruft zu Hamringen geleitete, um im Tode zu vereinigeng was die Härte des Vaters im Leben getrennt hatte. „Die große und edle Aufopferung des Baron Guſtav,“ ſchloß Waldenberg,„als er ſein Schickſal mit dem ſeiner jungen, unglücklichen Couſine verband, iſt ein Zug von Selbſtverläugnung, der kaum ſeines Gleichen hat. Das Geſchick, der Zufall, das Glück oder Unglück, ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll, machte dieſer unnatürlichen Verbindung ein Ende. Doch, ich darf und kann nicht zweifeln, daß das allſehende Auge der ewigen Liebe es nicht hätte geſchehen laſſen, wenn es nicht zum Glücke geführt hätte.“ Georgine war ſo tief gerührt, daß ſie nicht zu ſprechen vermochte. Konſtanzens Schmerz und Qual, Müllers grenzenloſes Leiden und Wahnſinn, Guſtavs hochſinnige und edle Handlungen, Alles ſchwebte in dem magiſchen Schimmer unter einander, den Waldenbergs glühende Be⸗ redtſamkeit dem Gegenſtande verliehen hatte. Ihr Kopf ſchwindelte, ſie war kaum eines einzigen klaren Gedankens mächtig. Waldenberg war unterdeſſen, ganz erſchöpft von der Anſtrengung, die er ſich auferlegt hatte, in den Seſſel zurückgeſunken. Er fühlte ein ungewoͤhnlich heftiges Uebel⸗ befinden, und als er ſeine Hand ausſtreckte, um ein Glas Waſſer von dem Tiſche zu nehmen, das vor Georginen ſtand, fuhr ſie auf, öffnete die geſchloſſenen Augen, und beim erſten Blick auf die entſtellten Züge ſeines Geſichtes ſah ſie, daß er mit ſchweren Leiden kämpfen mußte. Augen⸗ blicklich kehrte ihre natürliche. Stärke zurück, und alle ihre 6 1. 8⁴ Gedanken wandten ſich auf Waldenberg. Sie goß ſchnell ein Paar Tropfen Rheinwein in das Waſſer, nahm das Glas aus ſeiner zitternden Hand, die es hätte fallen laſſen, und brachte es an ſeine Lippen. Er trank ein klein wenig, und ſein mit Mühe aufrecht gehaltener Kopf fiel auf die Rücklehne des Stuhles zurück. Seine Augen ſchloſſen ſich vor Ermattung, und ſeine Stirne bedeckte ſich mit einem kalten Schweiße. Georgine ſah ſich ängſtlich um; Niemand zeigte ſich, und in dem Zimmer befand ſich keine Glocke. Stark durch die Furcht und die Nothwendigkeit, Walden⸗ berg beizuſtehen, erhob ſie ihn zu einer ſitzenden Stellung, rieb ſeine Schläfe mit kölniſchem Waſſer, und trocknete ſeine Wangen und Stirne mit ihrem Tuche. Da ergriff er ihre Hand, legte ſie auf ſein Herz, und flüſterte:„Hier, hier leide ich unbeſchreiblich; aber fürchten Sie nichts, es geht bald vorüber.“ Georgine, die in dieſem Augenblicke nicht über das Paſſende oder Unpaſſende dieſer zwei wichtigen Worte nach⸗ dachte, ließ ihre Hand dort liegen, wohin ſie Waldenberg gelegt hatte; ſie hatte nur einen Gedanken, den, daß er ſterben könnte, und ihr Herz klopfte von ſo gewaltſamer Angſt, daß ſeine Schläge faſt hörbar waren. „Sprechen Sie, beſter Waldenberg; wie geht es?“— Ihr Blut erſtarrte faſt, jede Spur von Lebensfarbe war aus ſeinem Geſichte verſchwunden, in der Angſt fühlte ſie den matten Pulsſchlag nicht mehr, und der Athem ging ſo leiſe, daß ſie anfing zu fürchten, es ſei ſchon Alles aus. Georgine war nicht im Stande, um Hülfe zu rufen; in tödtlicher Angſt legte ſie ihre Wange an ſeine Lippen, um deutlich zu unterſcheiden, ob er noch athmete; da flog eine ſchnelle Purpurröthe über ihr Antlitz, ſie fühlte eine leiſe Berührung, aber ſo ſchwach, ſo ſchwach daß man es kaum einen Kuß nennen konnte.—„O Waldenberg, Sie leben! Um's Himmelswillen, ſprechen Sie nur ein Paar Worte, wenn Sie können; Sie machen ſonſt, daß ich vor Furcht ſterbe.“ „Gewiß lebe ich, Georgine!“— mit der höchſten Anſtrengung und kaum hörbar ſchwebten dieſe Worte über ſeine Augen Er w tete( Lippe werde ſind, Stun hatte, und komm dämp unwo ander Man von mein leidie Sie klein vork Wil Wir er it Soy und über ſchnell n das laſſen, venig, uf die en ſich einem emand Glocke. alden⸗ llung, ocknete ergriff „Hier, öts, es er das e nach⸗ enberg daß er tſamer 5 2— bve war hlte ſie n ging Alles rufen; Lippen, da flog ine leiſe meinen ! Um's , wenn ſterbe.“ höchſten te über 8⁵ ſeine Lippen;—„aber beten Sie— mit mir— daß dieſer Augenblick mein Daſein auflöſe.— Auch ich— habe.. Er war nicht im Stande, den Satz zu vollenden. „Nein, gewiß nicht, beſter Waldenberg,“ antwor⸗ tete Georgine;„dies Gebet ſoll gewiß nicht über meine Lippen gehen. Mit Gottes Hülfe wird es mit Ihnen beſſer werden, und im Kreiſe von Freunden, denen Sie theuer ſind, wird das Leben Ihnen gewiß noch manche ſchöne Stunde ſchenken.“ Als Georgine dieſe troſtreichen Worte ausgeſprochen hatte, an die ſie jedoch nicht glaubte, öffnete ſich die Thüre, und Willy trat herein.—„Gott ſei Dank, daß Du kommſt, mein lieber Junge,“ rief Georgine ihm mit ge⸗ dämpfter Freude zu.„Komm, Herr Waldenberg iſt ſo unwohl geworden. Führe ihn, wenn Du kannſt, zu dem andern Sopha; er bedarf der Ruhe. Springe dann zur Mama hinab und bitte um etwas Stärkendes.“ Willy, der der gutherzigſte und dienſtfertigſte Knabe von der Welt war, eilte im Augenblicke herbei.—„Ach, mein braver Herr Waldenberg, ſind jetzt wieder Ihre leidigen Zufälle da? Aber es wird beſſer werden, wenn Sie nur von dem da einnehmen.“ Willy zog dabei ein kleines Paket mit Pulver heraus, das Waldenberg für vorkommende Fälle in ſeiner Bruſttaſche verwahrte. Als Willy es gemiſcht hatte, gab er es Waldenberg hin. Die Wirkung deſſelben war wohlthuend; nach einer Weile war er im Stande, von Willy unterſtützt, ſich dem andern Sopha zu nähern, wo er ſogleich in einen erfriſchenden und heilſamen Schlummer verſank. Willy ſchlich ſich auf den Zehen zu Georginen hin⸗ über.„Armer Waldenberg,“ flüſterte er;„ſo iſt es oft; er iſt ſo ſchwach, daß er gar nichts ertragen kann. Ich gehe und will hören, ob mir Mama etwas Fleiſchbrühe geben kann, bis er erwacht. Halte Dich inzwiſchen ſtill, Schweſter, damit er nicht geſtört wird.“ „Darüber ſey unbeſorgt,“ antwortete Georgine; „beeile Dich nur, Willy; bleibe nicht lange fort, und 86 bitte die Mama, doch einmal hereinzukommen. Ich fürchte mich ſo, allein mit ihm zu ſein.“„Das haſt Du nicht nöthig,“ ſagte Willy und ſchlich ſich zur Thure; „er iſt viel beſſer, wenn er erwacht; überdies werde ich ſogleich zurück ſein.“— Und dalagen ſie nun beide, jedes auf einem Sopha, einander gegenüber. Ihr ſpähender Blick war auf ſeine Züge geheftet, die während des leich⸗ ten Schlummers wieder ihren natürlichen Ausdruck an⸗ nahmen, und wieder von den hellen, rothen Blumen übergoſſen waren, die auf eine beklagenswerthe Weiſe ſeine Wangen zierten. Als Waldenberg die Augen auf⸗ ſchlug, ſaß Frau Hermer an ſeiner Seite; Willy ſtand bei ihr. Mit einer Miene der Verwunderung ſah er ſich um; und ſein Blick haftete am Ende auf dem Sopha gegenüber, wo Georgine halb ſaß und halb lag, und damit beſchäftigt war, mit einem kleinen ſilbernen Meſſer einen Apfel zu ſchälen.—„Was iſt das? was iſt vor⸗ gefallen?“ ſagte er und legte die Hand auf die Stirne. „Ah, ich erinnere mich!“— Er erhob ſich raſch.—„Ver⸗ ehrte Frau, gnädiges Fräulein, verzeihen Sie, meine Geſundheit iſt ſchwächer, als je. Ich kann nichts für meine Unhöflichkeit.“ „Sprechen Sie nicht ſo, lieber Waldenberg,“ ſprach Frau Hermer, mit ihrem holden, freundlichen Lächeln. „Wir beklagen es von Herzen, daß ein ſo junger Mann, ein ſo guter Menſch, wie Sie ſind, ſo viel leiden muß. Mein Hermer empfiehlt Sie in ſeinem Briefe meiner beſondern Fürſorge, und es wird mir ein wahrhaft müt⸗ terliches Vergnügen ſein, etwas zu Ihrer Beruhigung thun zu können. Deßhalb werden Sie auch, ſo ſern es Ihre Geſchäfte erlauben, hier bei uns verweilen.“ „Ach! Madame, Ihre Güte rührt mich auf's In⸗ nigſte,“ ſtammelte Waldenberg.„Das wird mir die Trennung vom Leben nur noch ſchwerer machen.“ „Wir dürfen nicht auf dies Kapitel kommen,“ ſagte Frau Hermer und ſtand auf.„Jetzt werden Sie es ver⸗ ſuchen, etwas Stärkendes zu ſich zu nehmen.“ Sie, b lächer Boui ein, 6 den Roſe gnäd Sie Geſi Anm klein meſſe Der und „Vo artig Her⸗ denb men Ich t Du dre; e ich jedes ender leich⸗ an⸗ umen Veiſe auf⸗ ſtand ſich opha und teſſer vor⸗ irne. Ver⸗ neine für rach heln. ann, nuß. einer müt⸗ gung n es In⸗ die ſagte ver⸗ „Ach nein, meine beſte Madame Hermer, ich bitte Sie, erlaſſen Sie mir das; ich bin es nicht im Stande.“ „Aber Sie müſſen es thun,“ ſagte Frau Hermer lächelnd,„und Sie werden gehorſam ſein und eine Taſſe Bouillon trinken.“ Sie ging, um es zu holen. „Und ſehen Sie nur, Herr Waldenberg,“ ſiel Willy ein,„wie Gine für den Nachtiſch ſorgt. Du ſchälſt doch den Apfel zu dieſem Zwecke, Schweſterchen?“ „Ja, ſo iſt es, erwiederte Georgine, roth wie eine Roſe;„möchte er Ihnen ſchmecken, Herr Waldenberg!“ „Ach,“ ſagte er ungewöhnlich lebhaft,„ach, mein gnädiges Fräulein, wenn ich ſo glücklich bin, ſo geben Sie mir ihn bald, und wenn ich damit nicht Leben und Geſundheit empfange, ſo iſt alle Heilkunſt eitel.“ Georgine lächelte über ſeinen Eifer, und mit all' der Anmuth, die ihr eigen war, legte ſie den Apfel auf einen kleinen Kriſtallteller, das kleine wohlgereinigte Silber⸗ meſſerchen daneben, und winkte Willy, es zu nehmen. Der ſchelmiſche Knabe überreichte es Waldenberg knieend, und ſagte lächelnd, indem er ſein Haupt demüthig beugte: „Von meiner Gebieterin ihrem erſten Sklaven 144 „Willy,“ rief Georgine erröthend und unruhig,„un⸗ artiger Knabe, ſchämſt Du Dich nicht! Verzeihen Sie, Herr Waldenberg, er iſt ein ſolcher Poſſenreißer.“ „Er iſt ein vortrefflicher Junge,“ antwortete Wal⸗ denberg;„obwohl er zeitig genug die Schwachheiten des menſchlichen Herzens kennen gelernt hat.“ L 88 1 Neuntes Kapitel. „Ach! was that ich, Nachbarsmann?“ Seufzet es— und liſcht im Nu. „„Nichts,““ erwiedert Wurm Johann; „„Aber— warum leuchteſt du?“ Stenhammar. Einige Tage waren vergangen; Waldenberg hatte ſie in Roſendal zugebracht, wo er Hermers Zimmer be⸗ wohnte, das in Betracht der ausgewählten Bibliothek, die es enthielt, für ihn das angenehmſte und liebſte von allen war. Er war jetzt zu einem vollkommen neuen Leben erwacht. Waldenberg wußte zwar, daß es blos ſcheinbar war; aber es war ja doch ein reiches Geſchenk des großen Gebers, eine Seligkeit ohne Grenzen, als ein Mitglied in einer Familie aufgenommen zu ſein, die ihm ſo theuer war. Er vermochte jetzt ſeine Gefühle beſſer zu beherrſchen; kein Blick, keine Bewegung verrieth den Zuſtand ſeines Herzens; er ſuchte ruhig und gleich⸗ müthig zu ſein. Und daß ſeine Geſellſchaft, zugleich belehrend und unterhaltend, Georginen angenehm war, das zeigte ſich deutlich an all' den kleinen, freundſchaft⸗ lichen Aufmerkſamkeiten, die ſie ihm weihte, und die dazu dienten, ſein Herz zu erfreuen und in Ruhe zu wiegen, obwohl er wußte, daß es nur Beweiſe der Freundſchaft und des Wohlwollens waren. Waldenberg begehrte nicht mehr von der Glückſeligkeit des Lebens. Seine edle Seele, aller Selbſtſucht fern, konnte nicht wünſchen, daß Georgine ſeine Gefühle theilen ſollte; denn wie grenzen⸗ los unglücklich müßte ſie dann nicht durch ſeinen Hingang werden! Alles war gut. Er bekam ſie zu ſehen, ſo oft er wollte, er durfte ihren Geſang, ihr Spiel hören. Sie hielt ja auf ihn, wie auf einen lieben Freund, den man wegen ſeiner guten Eigenſchaften hoch ſchätzt. Und endlich, ſie kannte ſeine Liebe, und ließ ſie in aller Stille fortle Fried einige von ſ denken einen ſinnur wenn überze Konſt nicht Qual jetzt d komm Purpr um di biswei Walde ſchöne. würde glaubt ruhige können berg ( verſan renden Willy vertief Willy froh, 77 den C langwe ermüde dürfen 89 fortleben, wie man die einſame Blume in ungeſtörtem Frieden läßt. Warum ſie niedertreten? ſie blüht ja nur einige wenige Augenblicke, und dann welkt ſie und ſtirbt von ſelbſt! Waldenberg war glücklich, und nur das An⸗ denken an ſeinen unglücklichen Freund Müller miſchte einen Tropfen Wermuth in ſeinen Freudenbecher. Auch Georgine war nachher zu einer ruhigeren Be⸗ ſinnung gelangt. Tief in ihrem Herzen fühlte ſie, daß, wenn ſie ſelbſt auch Lindorm nie geſehen hätte, ſie davon überzeugt geweſen wäre, daß der Tod das Beſte für Konſtanzen war. Und Guſtavy! ſie konnte noch immer nicht ohne Herzklopfen, ohne eine gewiſſe Angſt an die Qualen denken, die er ausgeſtanden hatte; aber als ſie jetzt das Blatt umwandte, und ihn im Geiſte wieder⸗ kommen ſah, da glühten ihre Wangen im flammendſten Purpur, und glückſelige und unruhige Ahnungen ſtritten um die Obergewalt in ihrem Herzen. Sie dachte ſich bisweilen, wie er ihr gegenüber ſitzen würde, wie es Waldenberg jetzt that, und wie er ihr dann mit ſeiner ſchönen, tiefen Stimme ſein vergangenes Leben erzählen würde; aber wie lieblich dieſer Traum auch war, ſo glaubte ſie doch zu fühlen, daß ſie nie gegen ihn den ruhigen, herzlichen und angenehmen Ton würde annehmen können, der ſich ſo natürlich gab, wenn ſie mit Walden⸗ berg ſprach. Eines Nachmittags war die Familie im Wohnzimmer verſammelt; Frau Hermer ganz häuslich an ihrem ſchnur⸗ renden Spinnrocken, Georgine an ihrer Stickerei, und Willy und Waldenberg in mathematiſche Berechnungen vertieft; denn während der ſchlechten Jahreszeit konnte Willy ſelten zum Pfarrhofe kommen, und war deßhalb froh, eine ſo gute Belehrung zu Hauſe zu genießen. „Nein, in allweg,“ ſagte Frau Hermer und ſchob den Spinnrocken ein wenig bei Seite,„legt jetzt den langweiligen Euklid hinweg! Willy, mein Junge, Du ermüdeſt Herrn Waldenberg und uns gleich ſehr; wir dürfen ja kein Wort ſprechen.“ 90 „Gleich, Mama; nur ein wenig Geduld!... So!“ er nahm den Euklid unter den Arm,„jetzt werde ich den Kameraden für heute weglegen. Darf ich jetzt hinaus⸗ ſahren und fiſchen, Mama?“ „Ih bewahre, mein liebes Kind! es iſt zu kalt für ein ſolches Vergnügen; Du mußt auf etwas Anderes verfallen, Willy!“ „Liebes, gutes Mamachen, ich bin ja kein Haſe; ich bin ja ſtark und raſch wie ein Bär. Laß mich hin⸗ ausfahren, und ſehen, ob ich keinen Fiſch für heute Abend verſchaffen kann. Nur ein klein wenig!“ „Nun, ſo nimm denn den Erich mit, Du eigen⸗ ſinniger Junge, und kleide Dich warm an.“ „Dafür ſei unbeſorgt, Mamaz; ich bin vorſichtig genug. Ade all' beiſammen!“— Mit einem Sprunge war Willy zur Thüre hinaus. „Was für ein vortrefflicher Junge,“ ſagte Walden⸗ berg, indem er näher herbei kam, und ſich an den Tiſch der Damen ſetzte;„ein heller Kopf und ein gutes Herz, gelehrig und aufmerkſam.“ „Ja, Gott ſei Dank, er wird ſeines Vaters Eben⸗ bild,“ ſprach die Frau mit einem Lächeln des mütterlichen Stolzes.„Wir danken Gott für ſeine guten Anlagen! Aber, Herr Waldenberg, ich bin da für mich geſeſſen und habe die verſchiedenen Vorſchläge, die Sie uns zur Verbeſſerung der alten Einrichtung in Engelvik gewieſen haben, überdacht, und es iſt mir da eingefallen, daß es ein weſentlicher Nutzen wäre, und die Zimmer mehr harmonirend mit einander machen würde, wenn man den großen, gewölbten Vorplatz, der wie ein Kreuzgang in einem Kloſter nach allen vier Seiten hinläuft, verändern könnte. Wenigſtens zur linken Seite, wo die eigentlichen Staatszimmer liegen, ſollte er in ein Kabinet umgeſchaffen werden, das die jetzt getrennten vordern Zimmer vereinigte.“ „Ich habe auch daran gedacht,“ verſetzte Walden⸗ berg,„und will die Arbeiter damit anfangen laſſen, ſo⸗ bald Lieutenant Arthur, den ich ſtündlich erwarte, von Björk einzul beſond Erinn ſichten kann moder 4 rückku berg!“ „ich l hier!“ nachfo 7 mer u⸗ bei Il glaube drückte lich, t dies je verſich Umſtäp Laſſen Gemü ſten A nähert zu ſag verabſe heit w wie ei Walde brenne ſchlüſſe ſeinem ſchließt von A So!“ h den naus⸗ t für nderes Haſe; hhin⸗ Abend eigen⸗ ſichtig runge alden⸗ Tiſch Herz, Eben⸗ lichen agen! eſeſſen s zur vieſen aß es mehr n den ng in ndern lichen haffen ligte.“ alden⸗ t, ſo⸗ „von 91 Björkö zurückkommt. Der Baron gebot mir, ſeinen Rath einzuholen. Uebrigens weiß ich zum Voraus, daß er mit beſonderer Freude und Dankbarkeit eine oder die andere Erinnerung von den Damen annehmen wird, deren Ein⸗ ſichten in die innere Anordnung unfehlbar ſind, und ich kann deßhalb verſichern, daß der Kreuzgang einem mehr modernen und geſchmackvollen...“ Hier wurde Waldenberg durch Willy's ſchnelle Zu⸗ rückkunft unterbrochen.—„Mama! Gine! Walden⸗ berg!“ rief er, ehe er noch die Thüre ganz geöffnet hatte, „ich habe ſchon einen ungeheuren Fiſch gefangen; ſeht hier!“ Er zeigte auf einen Gaſt, der ihm auf dem Fuße nachfolgte. „Und darum ſpringſt Du voraus!“ ſagte Frau Her⸗ mer und erhob ſich.„Willkommen, Herr Lieutenant S*ss, bei Ihren alten Freunden in Roſendal! Ich fing an zu glauben, Sie hätten dieſelben über Ihren neuen vergeſſen.“ „Meine gute Madame Hermer,“ ſprach Arthur, und drückte feurig ihre Hand an ſeine Lippen,„es iſt unmög⸗ lich, täglicher Gaſt in Roſendal geweſen zu ſein, und dies je zu vergeſſen. Erlauben Sie mir deßhalb, Sie zu verſichern, daß meine lange Abweſenheit eine Folge von Umſtänden war, die ich künftig werde erklären dürfen. Laſſen Sie mich jetzt blos erwähnen, daß ich in einer Gemüthsverfaſſung zurückkehre, die mir Roſendal zum lieb⸗ ſten Aufenthaltsorte macht.“— Er verbeugte ſich, und näherte ſich Georginen.—„Ich brauche es Ihnen nicht zu ſagen, gnädiges Fräulein, wie ſehr ich und alle Ihre verabſchiedeten Bewunderer in Unruhe über Ihre Krank⸗ heit waren. Doch Gott ſei Dank! Sie blühen wieder wie eine Roſe. Willkommen in der Heimath, beſter Waldenberg, von Ihrer langen, ſonderbaren Reiſe. Ich brenne, buchſtäblich genommen, vor Ungeduld, die Auf⸗ ſchlüſſe von Ihnen zu erhalten, für welche Guſtav in ſeinem Briefe Lücken gelaſſen hat. Jeder wichtige Punkt ſchließt immer mit den Worten: ‚„Das Uebrige wirſt Du von Waldenberg erfahren.“ Oberrichter Holk läßt Sie 92 grüßen. Es that ihm ſehr leid, daß er bei ſeiner Ver⸗ lobung ſeine lieben Freunde von Roſendal vermiſſen mußte.“ * Als Arthur faſt in einem Athemzuge dieſen kraft⸗ vollen Beweis einer geläufigen Zunge ausgeſchüttet hatte, ſprach Frau Hermer:„Es hat uns herzlich gefreut, als wir hörten, daß der Oberrichter Holk den vernünftigen Entſchluß gefaßt habe, an's Heirathen zu denken, und es war ein großer Verluſt für uns, daß wir nicht nach Balderslund kommen konnten. Ich hoffe, Madame Mars⸗ hauſen, die ich ein wenig kenne, befindet ſich wohl.“ „Gegenwärtig nicht, glaube ich,“ antwortete Arthur; „denn ſie iſt nach Bahnfors gefahren, wohin ſie durch einen Brief von ihrem ſterbenden Vater gerufen wurde.“ „Ihre Schweſter, das hübſche Fräͤulein Montén, ebenfalls?“ fragte Georgine. „Auch ſie,“ entgegnete Arthur und erröthete bis an die Stirne.„Glaubt Fräulein von Werdenberg, daß dieſes Mädchen einen Anſpruch auf den Titel hübſch hat?“ „Ja, das glaube ich wirklich. Sie iſt unläugbar ſehr lieblich, oder was meinen Sie, Herr Waldenberg? Wir ſahen ſie ja letzte Weihnacht bei einem Schmauſe, den der Steuereinnehmer Alms in Säfby gab.“ „Ich theile in der Hinſicht,“ ſprach Waldenberg be⸗ ſcheiden,„vollkommen den Geſchmack des gnädigen Fräu⸗ leins, und erinnere mich noch ſehr wohl, was ich haupt⸗ ſächlich an ihr reizend fand. Das war die ungezierte Anſpruchsloſigkeit, die ihrem ganzen Weſen, ja jeder Bewegung aufgeprägt war. Sie war außerordentlich an⸗ ziehend, und ich wage zu glauben, daß ſie während die⸗ ſes letzteren Jahres noch mehr gewonnen hat.“ Arthur war im Himmel. Da er ſeine Roſenknoſpe nicht ſehen konnte, ſo war es eine Glückſeligkeit für ihn, Andere von ihr ſprechen zu hören; aber ſeine an⸗ genehmen Gefühle erlitten einen ſchnellen Wechſel, als Georgine, zur Antwort auf Waldenbergs zuletzt hinge⸗ worfene Bemerkung, ſcherzend erwiederte: Daran dürfen wir nicht zweifeln. Der Herr Lieu⸗ tenan der 2 glaub mich wir Gege Sie Herr denn geben Geor in de wir krank muth heit u daß d auf's ginen duld aber ſo ſel vextre „Sie mit 2 oder ſchäle ich vo ſeine wollt Herr Ver⸗ ußte.“ kraft⸗ hatte, t, als ftigen und nach Mars⸗ ontén, vis an . daß hat?“ lugbar aberg? mauſe, rg be⸗ Fräu⸗ haupt⸗ ezierte jeder ch an⸗ ud die⸗ knoſpe it für ne an⸗ l, als hinge⸗ Lieu⸗ 93 tenant hat ja die Artigkeit gehabt, ein Lehramt im Hauſe der Madame Marshauſen zu übernehmen.“ Blutroth und etwas ärgerlich entgegnete er:„Ich glaube, daß es dort deſſen nicht bedurfte, ich übte jedoch mich und Fräulein Montén in den Sprachen, in denen wir ſchon vorher einige Kenntniſſe hatten. Da dieſer Gegenſtand aber einmal auf der Bahn iſt, ſo erlauben Sie mir die Frage, womit das gnädige Fräulein und Herr Waldenberg ſich während dieſer Zeit beſchäftigt haben; denn Jungfer Wings klagt, daß ſie ſeit drei Tagen ver⸗ gebens gewartet habe, um einen Streifen von ihm zu ſehen.“ „Wenn Sie das wirklich wiſſen wollen,“ verſetzte Georgine lachend,„ſo muß ich Ihnen ſagen, daß wir uns in der Geduld, dem Nothwendigſten für Geneſende, was wir ja beide ſind, geübt haben. Herr Waldenberg er⸗ krankte an dem Tage, als er zurückkam, und ich ver⸗ muthe, Sie wiſſen, daß wir hier in Roſendal die Geſund⸗ heit und das Gedeihen unſrer Freunde zu ſehr ſchätzen, als daß wir erlaubt hätten, ſie bei einer Reiſe über die Bai auf's Spiel zu ſetzen, ehe ſie ganz wiederhergeſtellt war.“ Arthur verbeugte ſich, nicht vollkommen mit Geor⸗ ginens Antwort zufrieden, wie es ſchien, und ſprach:„Ge⸗ duld iſt wahrlich bisweilen ein ſehr nothwendiger Artikel; aber ich wußte nicht, daß Fräulein v. Werdenberg deſſen ſo ſehr bedurfte; und ich bin gewiß, daß ein anderer Zeit⸗ vextreib mit dem angeführten abgewechſelt haben muß.“ „Sehr unbedeutend,“ verſetzte Georgine munter. „Sie wiſſen wohl, daß ſich kränkliche Leute nicht ſehr mit Arbeit befaſſen. Herr Waldenberg erzählt Anekdoten, oder heitere Aufzüge aus ſeinem akademiſchen Leben; ich ſchäle ihm Aepfel, und wenn wir deſſen ſatt ſind, ſo leſe ich vor, wofür mir Herr Waldenberg Stickmuſter zeichnet.“ „Wahrhaftig,“ rief Arthur,„eine vortreffliche Art, ſeine Zeit hinzubringen! Unter ſolchen Bedingungen wollte ich in Ewigkeit krank ſein! Ich errathe, daß ſich Herr Waldenberg wohl dabei befinden wird?“ „Wie Sie ſehen, Herr Lieutenant,“ erwiederte Wal⸗ 94 denberg leicht erröthend.„Ich habe in dieſen drei Tagen wenigſtens drei Monate Zuſchuß zu meinem Leben ge⸗ wonnen. Aber da der Herr Lieutenant, was die Geſund⸗ heit betrifft, praſſen kann wie der reiche Mann, ſo hoffe ich nicht, daß er dem Armen ſeinen Schatz mißgönnt.“ „Nicht ich!“ entgegnete Arthur mit ſtarkem Nach⸗ druck, denn einige finſtere, verworrene Gedanken fuhren ihm durch den Kopf und hinderten ihn, das zu bedenken, was er ſprach;„nicht ich; aber vielleicht ein Anderer könnte das thun. Darüber, glaubte ich, wäre Herr Waldenberg beſſer unterrichtet als ich, der ich meine Aufklärungen von Ihnen erhalten ſoll.“ Eine dunkle Röthe flog über die Züge des Verwal⸗ ters; der gewöhnlich ſo ſanfte Ausdruck in ſeinem Ge⸗ ſichte wurde kalt und ſcharf, und man verſpürte ein nicht unbedeutendes Zittern in der Stimme, als er antwortete: „Ich weiß nicht, was den Herrn Lieutenant Seer zu einer ſolchen Vermuthung berechtigt; aber das weiß ich, daß wenn je Einer das Recht hätte, mich in dieſer Hin⸗ ſicht zur Rede zu ſtellen, ich ihm jederzeit, ohne zu er⸗ röthen, in's Auge ſehen könnte, wenn dies Letztere nicht, wie es jetzt der Fall iſt, etwa aus Zorn über zu an⸗ maßende Fragen geſchähe.“ „Aber, meine Herren, was kommt Ihnen an?“ ſagte Frau Hermer verwundert.„Ich begreife nicht, was Ihre Stichelreden veranlaßt hat; aber ſo viel ſehe ich, daß es der Herr Lieutenant iſt, der Unrecht gehabt hat. Es thut mir leid, daß Sie, die hier Geſellſchafter und Tiſchgenoſſen werden ſollen, ſo viel Reizbarkeit gegen einander zeigen.“ Arthur ſaß ſtill und niedergeſchlagen da. Sobald er Zeit gewonnen hatte, ſich zu beſinnen, ſchmerzte es ihn tief, daß er den armen Waldenberg beleidigt hatte, der nie einem menſchlichen Weſen etwas zu Leide that, und von Allen wegen ſeines ſanften, guten Gemüthes geliebt wurde. Arthur ſah ein, daß er ohne alle Urſache eine Bemerkung hingeworfen hatte, die ihren Grund in dem zufälligen Neid über ſeinen Platz in Georginens Gunſ und keinen den e dorm. Gefül bekan loſer heirat wecken halten ſelbſt, denblr hatte. mit de war W Hand offenb die he thur erſtau ihre 2 druſſer haglic heit be den ſte er hät erzürn wollen genehr zu ver Sie n zufolg der he lung auf di Tagen en ge⸗ heſund⸗ hoffe int.“ Nach⸗ fuhren denken, nderer Herr meine erwal⸗ n Ge⸗ zu er⸗ nicht, zu an⸗ ſagte s Ihre daß es s thut enoſſen eigen.“ Sobald zte es hatte, that, rüthes rſache nd in ginens . 95 Gunſt hatte, nach dem er ſelbſt lange geſtrebt hatte, und den er jetzt, nachdem er ihm entſagt hatte, von keinem Andern eingenommen ſehen wollte, als dem, den er allein dazu für berechtigt hielt, nämlich von Lin⸗ dorm. Er erinnerte ſich jedoch bald, daß Waldenbergs Gefühle für Georgine Lindorm und faſt der ganzen Gegend bekannt waren, und dieſe waren ſo reiner und anſpruch⸗ loſer Natur, daß ſie kaum die Aufmerkſamkeit eines ver⸗ heiratheten Mannes, noch viel weniger eines ſolchen er⸗ wecken konnten, der nicht einmal um ihre Hand ange⸗ halten hatte. Ueberdies ſagte Arthur's gutes Herz ihm ſelbſt, wie unedel es ſei, denjenigen ſeiner einzigen Freu⸗ denblume zu berauben, der ihrer ſo wenige zu pflücken hatte. Er ſah alſo auf, um den Blick deſſen zu ſuchen, mit dem er ſich wieder auszuſöhnen verlangte. Waldenberg war von ihm abgewendet, er lehnte den Kopf gegen die Hand, und ſtand mit der Seite an den Ofen geſtützt, offenbar im Kampfe mit körperlichen Schmerzen, die ihm die heftige Gemüthsbewegung verurſacht hatte. Als Ar⸗ thur die Augen auf Georgine warf, ſah er, daß ſie mit erſtaunlicher Emſigkeit ihre Nähnadel führte, während ihre Wangen von einer Röthe glühten, die der des Ver⸗ druſſes gleich ſah. Seine Verlegenheit wurde immer unbe⸗ haglicher; er wünſchte in ſeinem Herzen, nie die Unbeſonnen⸗ heit begangen zu haben, ſte mit Waldenberg geneckt zu haben, den ſie immer zu offen als Freund behandelt hatte, als daß er hätte ihr Liebhaber ſein können; offenbar war auch ſie erzürnt. Er ſuchte einen tröſtenden Stützpunkt bei der wohl⸗ wollenden Hausfrau, und Frau Hermer, die ſeine unan⸗ genehme Stellung begriff, gab durch nicht undeutliche Blicke zu verſtehen, daß er bald Alles wieder gut machen könnte. Sie winkte verſtohlen auf den Ofen; aber als Arthur dem⸗ zufolge aufſtand, ſiel ſein Auge auf ein Schauſpiel hinter der halb offenen Thüre, wo Willy in der komiſchſten Stel⸗ lung Grimaſſen ſchnitt und die Fauſt gegen ihn ballte, und auf dieſe Art ſeinen gewaltigen Zorn ausdrückte. So be⸗ —:ñõ———— —= — —— 96„ trübt Arthur auch war, ſo konnte er doch dies nicht an⸗ ſehen, ohne in ein lautes Gelächter auszubrechen. „Ja, lachen Sie,“ ſagte Willy höchlich erzürnt, und trat aus ſeinem Verſtecke hervor,„lachen Sie nur; aber ich will Ihnen geradezu in's Geſicht ſagen, was meine Geberden bedeutet haben: nämlich daß, wenn ich Herr im Hauſe wäre, wie ich jetzt blos ein Knabe bin, ich ſo zu Ihnen geſprochen hätte: ‚Herr Lieutenant, Sie mögen ganz beruhigt dahin abfahren, woher Sie gekommen ſind, da Sie unſere Gaſtfreundſchaft nicht achten; und dieſe haben Sie dadurch gekränkt, daß Sie eine Perſon beleidig⸗ ten, die unter ihrem Schutze in meinem Hauſe verweilt.““ „Aber, Willy, was denkſt Du?“ ſprach Frau Her⸗ mer und ſtand auf.„Nie hätte ſich Papa ſo benommen, davon kannſt Du überzeugt ſein.“ Das iſt möglich, Mamachen,“ erwiederte Willy, mit einem Ernſt in ſeinem Tone, der an dem lebhaften Kna⸗ ben ganz ungewöhnlich war; aber ſo würde ich gehandelt haben; und nun kennt Lieutenant Arthur meine Meinung.“ Aber, Willy,“ ſagte Arthur freundlich, denn das Benehmen des Knaben hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht,„würdeſt Du Deine Meinung nicht ändern, wenn Du Deinen Gaſt ſo thun ſäheſt?“ Er ging auf Waldenberg zu und ſagte herzlich:„Reichen Sie mir Ihre Hand, Herr Waldenberg, zum Zeichen, daß Sie mir meine unvorſätzliche Beleidigung verzeihen. Es war die Frucht des Augenblicks, nicht des Gedankens oder Her⸗ zens; ich ſchäme mich, den Hausfrieden geſtört zu haben.“ Waldenberg gab ihm die Hand, indem er ſagte: „Willy, Du kühner Vertheidiger von Ehre und Gaſt⸗ freundſchaft, iſt das nicht recht?“ „Ja, Herr Waldenberg, ſo ſcheint es mir; denn jetzt hat der Herr Lieutenant Arthur ſich wie ein Mann von Ehre benommen; er hat Ihnen und dem Hauſe voll⸗ ſtändige Genugthuung gegeben. Jetzt müſſen Sie ihm verzeihen, wie wir es thun.“ „Nun wohl, das thue ich von Herzen,“ antwortete Wald drücke er ſcha und beugte paſſen legte.“ „aber weiſe hieher immer ſowoh zen il vergeſ Arthu die U in R dem geſagt unter weilig er wi Sie r ſei? wenn für k Grad Wald ſich n mit e ſonder werde hält.“ Gu ht an⸗ I, und aber meine rr im ſo zu mögen m ſind, dieſe leidig⸗ eilt. Her⸗ mmen, y, mit Kna⸗ andelt nung.“ n das ck auf ndern, g auf e mir ie mir dar die Her⸗ aben.“ ſagte: Gaſt⸗ n jetzt n von voll⸗ 2 ihm vortete 97 Waldenberg;„aber nicht eigentlich mich konnten die Aus⸗ drücke des Herrn Lieutenants beleidigen, ich fürchte.— er ſchwieg, ſein Auge ſuchte nach einem andern Gegenſtand. „Ich habe das ſchon eingeſehen,“ fiel Arthur ein und näherte ſich Georginen, vor welcher er ein Knie beugte.„Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, einen un⸗ paſſenden Scherz, den mir ein böſer Geiſt auf die Lippen legte.“ „Ich wünſchte es zu können,“ antwortete Georgine, „aber ich muß Ihnen ſagen, daß das nur bedingungs⸗ weiſe Statt finden kann. Wenn Waldenberg fortfährt, hieher zu kommen, wenn er ſich gleich bleibt, wenn er immer mit Vergnügen die Gaſtfreundſchaft annimmt, die ſowohl Papa durch ſeinen Brief, als unſere eigenen Her⸗ zen ihm zu erweiſen gebieten, dann wäre dieſer Vorfall vergeſſen. Aber ich verzeihe Ihnen nicht, Lieutenant Arthur, im Falle Ihre Bemerkungen bei Waldenberg die Ueberzengung hervorbringen, er müſſe ſeine Beſuche in Roſendal einſchränken, und allein und verlaſſen in dem düſtern Engelvik ſeine Leiden ertragen; oder kurz geſagt, wenn der ſchöne, freundſchaftliche Ton, der bisher unter uns Allen geherrſcht hat, in eine kalte und lang⸗ weilige Höflichkeit uͤbergeht.“ „Mein Gott,“ rief Arthur, und ſprang auf, indem er wieder ſeinen leichten, heiteren Ton annahm,„wie, Sie wollen, daß mir mit einer ſolchen Zugabe gedient ſei? Ich müßte ja jedesmal in Verzweiflung gerathen, wenn eine Wolke Waldenbergs Stirne beſchattete, da er für künftig der Barometer ſein ſoll, an dem ich die Grade Ihrer Gunſt zu meſſen habe. Metn beſter Herr Waldenberg, verſprechen Sie mir in allweg, daß Sie ſich nie weder mit einem Wort noch mit einer Handlung, mit einem Ton oder Blick, wiſſentlich verändern wollen, ſondern unausgeſetzt in demſelben Kreisgange fortwandeln werden, der die Damen jetzt wie in einer Verzauberung hält.“ Guſtav Lindorm. II. 7 98 Nun mußten Alle herzlich lachen.—„Her! Wal⸗ denberg, und das Verſprechen abgelegt,“ ſagte Frau Hermer,„damit wir Haus⸗ und Theefrieden bekommen; denn für meinen Theil liebe ich weder laue Freunde, noch lauen Thee. Mit komiſcher und feierlicher Würde trat Arthur heran, mit Waldenberg unter dem Arm, und unter tie⸗ fen Bücklingen ſprach er zu Georginen, die ſeine muntere Laune ganz und gar umgeſtimmt hatte: „Großmächtigſte, allergnädigſte Königin!“ „Es iſt Eurem geringen Sklaven geglückt, dieſes glückliche Mittelding zwiſchen einem Heiligen und Staub von ſeinen Abwegen zurückzuführen! Er fällt nieder, um wieder den Eid der Treue und Huldigung zu Euren Füßen abzulegen!“ Waldenberg ließ ſich hinreißen. Einen Augenblick beugte er ſein Knie vor Georginen.„Ich lege ihn für Leben und Sterben ab,“ ſagte er freudig,„und gewiß wird nur des Todes ſchwarze Schwinge im Stande ſein, das glückliche, friedenvolle Wohlſein zu verſcheuchen, das jetzt wie ein duftender Kranz von friſchen Roſen ſich um die Quelle meines Lebens gelegt hat und ſie hindert, zu vertrocknen. „Möchte es auch ſo bleiben,“ ſagte Georgine, indem ſie aufſtand und die eine Hand Waldenberg, die andere Arthurn hinreichte,„ſo erkläre ich hiemit Alles für gut⸗ gemacht. Dem Herrn Lieutenant S⸗es biete ich einen herzlichen Willkomm, und ermahne Sie beide, Frieden und Einigkeit zu halten, und nie wieder ſolche Zwiſtig⸗ keiten zu eröffnen, wie die, welche Wir in Gnaden abge⸗ urtheilt haben.“ Jetzt verſammelten ſich Alle in der allerbeſten Laune um den Theetiſch, wo gute und frohe Scherze den Genuß erhöhten. Am folgenden Tage reisten die beiden Herren nach Engelvik ab, jedoch mit dem Verſprechen, nach Ro⸗ ſendal zurückzukommen, ſo oft es ihr Geſchäft erlaubte. Nachdem Arthur von Waldenberg alle nöthigen Aufkl. erhalt Auftr auf T unglen vertra Schw immer freund lunger ſeine war, einand hauſen Arthu die a über ſtete i währe ſten, die W chen 2 Walde Gemü⸗ gegenü⸗ unbegr und il Theiln 5 Baron richt, kehren eine † wurde Wal⸗ Frau imen; eunde, Arthur er tie⸗ untere dieſes Staub r, um Euren enblick n für gewiß e ſein, t, das ch um indert, indem andere r gut⸗ einen frieden bthigen 99 Aufklärungen über die dunklen Stellen in Guſtavs Brief erhalten hatte, fing er mit Ernſt und Kraft an, den Auftrag ſeines Freundes auszuführen. So verfloß Woche auf Woche; er und Waldenberg, obwohl von vollkommen ungleicher Gemüthsart, wurden dennoch mit jedem Tage vertrauter, und die langen Winterabende, die ſie bei der Schwierigkeit, nach Roſendal hinüber zu kommen, faſt immer allein bei einander zubrachten, vergingen unter freundſchaftlichen Unterredungen und manchen Mitthei⸗ lungen aus ihrem Leben. Arthur hatte ihm längſt ſeither ſeine Neigung zu Louiſen und ſeine unbegxenzte Sehn⸗ ſucht nach ihrer Rückkehr anvertraut; aber noch hatte, — obwohl der alte Monten bereits todt und begraben war, die Trauer, der Verluſt und der gewöhnliche Unter⸗ einander bei ſolchen betrübten Feierlichkeiten Frau Mars⸗ hauſen an der Rückreiſe verhindert; und endlich erhielt Arthur bei einem Beſuche in Björkö die Nachricht, daß die alte Frau Montén ihre Tochter beredet habe, bis über den Juli in Bahnfors zu bleiben. Waldenberg trö⸗ ſtete ihn bei dieſem Kummer mit Holk's Vorſchlag, ihm während der Feſttage Geſellſchaft nach Bahnfors zu lei⸗ ſten, und mit freundlichen Bildern einer frohen Zukunft, die Waldenberg mit glühenden Farben malte, und wel⸗ chen Arthur mit Entzücken zuhorchte. Inzwiſchen ſchien Waldenbergs Geſundheit ſich etwas zu verbeſſern; ſein Gemüth war beſtändig ruhig, wie auch ſein Verhalten gegenüber von Georgine unverändert blieb; eine ſtille, unbegrenzte Hingebung, die ſich immer zufrieden zeigte und ihre Nahrung in der Freundſchaft und ſchweſterlichen Theilnahme fand, die ſie ihm ſtets weihte. Im Laufe des Dezembers waren zwei Briefe von Baron Guſtav eingetroffen; der letztere enthielt die Nach⸗ richt, daß die Reiſenden nicht vor Mitte Januars zurück⸗ kehren würden. Endlich kam Weihnachten. Man machte eine Pauſe in den geräuſchvollen Reparaturen, Alles wurde Feier und Ruhe, Frieden und Wohlſein. Frau 7* 100 Hermer hatte ihre jungen Nachbarn gebeten, die Feier⸗ tage in Roſendal zuzubringen. Waldenberg nahm das Anerbieten mit freudiger Dankbarkeit an; Arthur ent⸗ ſchuldigte ſich mit einer älteren Einladung, und von Oberrichter Holk begleitet, betrat er zum erſten Mal das ſchöne Bahnfors. Unbeſchreiblich war Arthurs Wonne, nach einer ſo langen Trennung ſeine theure, vergötterte Roſenknoſpe wiederzuſehen; Bahnfors, das in ſeiner Einbildung einem alten Eulenneſte gleichgeſehen hatte, kam ihm jetzt wie ein Paradies vor, und die vortreffliche, freundliche Alte, Louiſens Mutter, ward der Gegenſtand ſeiner höchſten Aufmerkſamkeit. Die alte Frau begriff bald, wie ſich die Sache verhielt, und ließ ihr in aller Stille ihren Gang, da der junge Mann ihrer Meinung nach keine beſſere Empfehlung haben konnte, als die, daß er durch den Oberrichter Holk in ihr Haus eingeführt war, deſſen achtungswerthen Charakter ſie kannte und ſchätzte. Vier⸗ zehn glückliche Tage brachte Arthur in dieſer friedlichen Heimath zu. Alle Abende ging er mit dem Entſchluſſe zu Bette, Louiſen ſeine warme, innige Liebe zu erklären; aber immer kam etwas dazwiſchen, und dieſes Etwas war nichts Anderes, als die Unmöglichkeit, Louiſen allein zu treffen. Sie war immerwährend von ihren Verwandten umgeben, die Beſchaſſenheit der Wege hinderte jeden Ausflug, und man wanderte nur zur Kirche, wobei Louiſe immer im Schlitten bei ihrer Mutter fuhr. Alles war ihm entgegen, und an ſie ſchreiben wollte er nicht; denn dann hätte die Sache das verloren, was ſeine Phantaſie ſo ſehr erfreut und beſchäftigt hatte, Louiſens holde Ver⸗ wirrung im erſten Augenblicke.— Er beſchloß deßhalb, bis zu Ende Januars zu warten, wo die Hochzeit des Oberrichters Holk in Balderslund gefeiert werden ſollte; denn dort, meinte Arthur, müßte ſich nothwendig irgend eine günſtige Gelegenheit zeigen. Durch dieſen Entſchluß beruhigt, verließ er Bahnfors in Holks Geſellſchaft, den Tag etwa⸗ ſeine der I volle legen Geor nicht ſo le Nur er E druck ſah, den er g. bald erfäl blau hera wiſſe wied Läch rath es n. könn Mac opfe dürf See ich: gen, mag blos Feier⸗ n das r ent⸗ d von Mal ner ſo knoſpe einem zt wie Alte, chſten ie ſich ihren keine durch deſſen Vier⸗ dlichen uſſe zu lären; s war ein zu andten jeden Louiſe es war ; denn antaſie de Ver⸗ eßhalb, eit des ſollte; irgend tſchluß ft, den 101 Tag nach dem Dreikönigsfeſte; die Damen ſollten noch etwas länger verweilen. Nach Roſendal zurückgekehrt, fand er dort Alles in ſeiner alten, guten Ordnung; aber das Verlangen nach der baldigen Heimkehr des Gatten und Vaters war mit voller Stärke erwacht und erzeugte eine bei ſolchen Ge⸗ legenheiten gewöhnliche verzehrende Unruhe. Was in Georginens Herzen vorging, thun wir am beſten daran, nicht zu berühren; genug, daß die Tage ihnen Allen um ſo länger erſchienen, je näher der Zeitpunkt heranrückte. Nur Waldenberg wurde immer ſtiller und trauriger. Wenn er Georginens geſpannte Blicke mit einem eigenen Aus⸗ druck auf der jetzt zugefrorenen, ſpiegelglatten Bai ruhen ſah, dann erblaßten ſeine Wangen, und auf den zittern⸗ den Lippen kräuſelte ſich ein wehmüthiges Lächeln; aber er ging doch zu ihr hin und ſprach ſanft tröſtend:„Bald, bald kommen ſte; und damit Fräulein Georgine ſogleich erfährt, wann es geſchieht, ſo verſpreche ich, eine kleine blaue Flagge von dem jetzt wieder aufgebauten Balkon herabwehen zu laſſen; und wenn dies Signal erſcheint, wiſſen Sie, daß— Lindorm ſich in Engelvik befindet.“ „Dank, herzlichen Dank, guter Waldenberg,“ er⸗ wiederte Georgine mit einem holden und dankbaren Lächeln.„Gott weiß, wie Sie immer meine Wünſche er⸗ rathen; ich bekenne, daß ich dieſen hegte, aber ich konnte es nicht über mich vermögen, ihn auszuſprechen.“ „O Georgine,“ ſagte Waldenberg traurig,„Sie können keinen Wunſch haben, deſſen Erfüllung in meiner Macht ſteht, und koſtete es mich auch die höchſte Auf⸗ opferung, den Sie nicht ſicher meiner Sorge anvertrauen dürften. Verlaſſen Sie ſich auf mich, ich habe in Ihrer Seele geleſen, ſie hat für mich keine Heimlichkeit; und ich nehme in dieſer Stunde den Himmel zu meinem Zeu⸗ gen, daß, ſo groß auch meines Herzens Schwachheit ſein mag, es doch keinen Neid fühlt, und daß ſein Verlangen blos Ein Ziel hat, Ihr Glück!“ „Edler, großmüthiger Waldenberg,“ ſeufzte Geor⸗ 10²2 gine und legte freundlich ſeine Hand in die ihrige,„mein ertrauen zu Ihnen iſt unerſchütterlich; keine Zeit, keine Umſtände werden Sie je deſſelben berauben.“ Tief erſchüttert nahm Waldenberg diesmal von Ro⸗ ſendal Abſchied. Um ſein Verſprechen gegen Georginen zu erfüllen, waren ſie übereingekommen, daß er in Engel⸗ vif bleiben ſollte, bis die Erwarteten eingetroffen wären. Der Schmerz, der aus jedem Zug, aus jedem Blicke ſprach, als er dieſe holden und ſeligen Umgebungen ver⸗ ließ, die, er fühlte es nur allzuwohl, für künftig nur getrocknete Blumen der Erinnerung ſein ſollten, dieſer Schmerz war groß; aber er bekämpfte ihn, und mit einem wehmüthigen Lächeln, das ein langes, langes Lebewohl bot, ſchied er von Georginen.. Sie ſtand hinter den Gardinen, und ſah ihm nach, ihr Auge ſchimmerte von Thränen, in ihrem Herzen regten ſich verwunderliche Gefühle.„So viel Liebe, ſo viel Entſagung,“ liſpelten die halbgeſchloſſenen Lippen. „O Guſtav, wenn Du Dich nicht ſo feſt an mein Herz angeſchmiegt hätteſt, daß es für andere Gefühle unzu⸗ gänglich iſt, ſo würde er mir ſehr gefährlich werden. Edler, edler Waldenberg! Du ſollſt jedoch den zweiten Platz einnehmen, und dort ſoll Dein Bild leben, auch wenn Deine herrliche Seele ein andres Heimathland auf⸗ geſucht hat.“ 1 „mein „keine n Ro⸗ rginen Engel⸗ wären. Blicke n ver⸗ ig nur dieſer einem vewohl nach, Herzen de, ſo lippen. Herz unzu⸗ derden. weiten auch d auf⸗ Zehntes Kapitel. Friſch geſchlachtete Hähne drehten ſich ſchmorend am Spieße,. Aufgeſetzt wurde das Mahl, wohl gut für hungrige Gäſte, Warme, dampfende Suppe mit ſchwimmenden, feinen Makronen. Nikander. Leidenſchaften, beſonders der Liebe, ſind wie Wunden; ſollen ſie heilen, muß man ſie in Frieden laſſen; je mehr man nach ihnen ſieht und ſie berührt, deſto ſchlimmer werden ſie. Rahbek. Klar blickte die Sonne am neunzehnten Januar in einen großen, hohen Saal zu Engelvik, wo ein ununter⸗ brochenes Geraſſel und mannigfaches Geräuſch die eifrige Geſchäftigkeit der Bewohner kund gab. Von einem hohen Punkte aus ſchaute Waldenberg auf den Fortgang der Arbeit, die er hie und da durch einen Befehl oder Rath unterbrach. Jetzt trat Arthur haſtig herein. Er war in einen geſtickten Morgenrock eingehüllt, hatte eine Mütze von Bärenpelz auf dem Kopfe und die Pfeife im Munde. Er ſah unfreundlich und erfroren aus, und fragte ärgerlich: „Was, zum Henker, denkſt Du, Waldenberg, daß Du nicht herunter kommſt? Es iſt eilf Uhr, ich bin hungrig wie ein Wolf, und die Fleiſchpaſteten werden kalt. Ich glaube, Du ſchwärmſt ordentlich für die Gipsdecke da.“ Waldenberg lächelte. Warum frühſtückſt Du dennnichte? Das geſchieht doch wohl nicht aus reiner Artigkeit?“ „Nein, das weiß Gott; aber jedes Mal, wenn ich mich dem Tiſche nähere, und vorſichtig den Deckel auf⸗ hebe, ſieht Jungfer Wings ſo bös darein, wie eine biſſige Katze, und gibt mir auch ganz zornig zu verſtehen, daß es nicht in der Ordnung ſei, einzeln herzulaufen und zu früh⸗ 104 ſtücken, ſondern daß wir das auf Einmal abthun könnten und ſo weiter. Deßhalb mußte ich herauf, um Dich zu bitten, daß Du hinunter kommſt und mir Geſellſchaft leiſteſt.“ „Nun, was ſagſt Du zu der Decke?“ fragte Walden⸗ berg.„Der Eichenlaubkranz dort für den mittleren Kron⸗ leuchter wird ausgezeichnet geſchmackvoll, oder nicht?“ „Ich äußere mich nie über Dinge von ſo untergeord⸗ neter Natur,“ antwortete Arthur ſcherzhaft,„ehe ich nicht meine Beſorgniß beruhigt habe, daß die Fleiſchpaſteten gefrieren könnten. Komm, Waldenberg, laß den Plunder da; Du ſchadeſt Deiner Geſundheit mit dem Anordnen und Bewundern da oben in der Kälte. Du ſtehſt ja hier von Sonnenaufgang bis Niedergang; das endet nie gut; Du wirſt Deinen Eifer zu theuer bezahlen.“ Waldenberg ging hinab, man frühſtückte und begab ſich dann wieder in den obenerwähnten Saal, wo ſie Arm in Arm auf⸗ und abſpazierten und ſich über die Einrich⸗ tung des zunächſt daran liegenden Zimmers beriethen, als man in einiger Entfernung den Ton von klingenden Schellen hörte. Arthur ſprang an's Fenſter, das gegen den Hof hinausging.—„Lindorm und Hermer!“ rief er und eilte die Treppen hinab. Waldenberg zögerte einen Augenblick und fuhr mit der Hand über die Stirne. Schnell ſchoß das Blut in ſeine Wangen, und machte ebenſo ſchnell wieder einer ungewöhnlichen Bläſſe Platz. Dies nahm jedoch nur einige Augenblicke hinweg. Er eilte auf ſein Zimmer, nahm die kleine, dort aufbewahrte blaue Flagge, und nach ein Paar Minuten ſlackerte ſie vom Balkone. Jetzt ging er mit langſamen Schritten hinab, um Lindorm zu empfangen. Ein unſeliges Gefühl erwachte in ihm. Das Aufpflanzen der Flagge war der Schwanengeſang ſeiner hinſterbenden Hoffnungen. Sie waren nie kühn ge⸗ weſen. Einen Werth in den Augen derjenigen zu beſitzen, die er anbetete, ihr einigermaßen dienen zu können— das war die ganze Welt ſeiner Wünſche, und dieſe ſah er durch Lindorms Rückkehr vernichtet. Die Herren waren ſchon aus den Schlitten. Mit einem deſſen Wehn entgeg ſoll S ſeiner Schw math einand zu be walte 8 gab V druck dieſen in Be wir h leert in die Athen Und Sie über wiſſen Revol 7 immer ter H Wald im H f kann, ſeiner gen b einem gehob önnten bitten, teſt.“ halden⸗ Kron⸗ t?“ geord⸗ hnicht aſteten lunder en und r von ; Du begab e Arm inrich⸗ n, als hellen n Hof d eilte enblick ſchoß ſchnell nahm f ſein lagge, lkone. ndorm ihm. geſang n ge⸗ ſitzen, das h er Mit 105 einem Geſichte, das von Geſundheit ſtrahlte, und über deſſen hohe Schönheit ſich nur eine leichte Wolke ſtiller Wehmuth gelagert hatte, kam der Baron dem Verwalter entgegen, drückte ihm herzlich die Hand und ſagte:„Ich ſoll Sie von Müllers Aſche grüßen; er ruht an der Seite ſeiner Konſtanze. Und jetzt, Waldenberg, ehe ich die Schwelle dieſer Wohnung betrete, die meine künftige Hei⸗ math werden ſoll, laſſen Sie uns dahin übereinkommen, einander nicht durch Erinnerungen an dieſe düſtre Zeit zu beunruhigen. Sie iſt jetzt vorbei; auch der alte Ver⸗ walter iſt zur Ruhe gegangen. Friede ſei mit ihrer Aſche!“— Mit einem Blicke, der beredter als alle Worte war, gab Waldenberg ſeine Gefühle kund, erwiederte den Hand⸗ druck des Barons, und wandte ſich dann zu Hermer, um dieſen zu begrüßen, der ihm ſchnell eine Menge Fragen in Betreff ſeiner Angehörigen machte. „Laſſen Sie uns damit warten,“ ſagte Arthur,„bis wir hineingekommen ſind, und den Willkommsbecher ge⸗ leert haben. Aber damit kein Tropfen Unruhe ſein Gift in die Süßigkeit deſſelben gieße, will ich Ihnen in Einem Athemzuge ſagen, daß ſich Alle zuſammen wohlbefinden. Und jetzt Marſch hinein, meine Herren! Aber nehmen Sie ſich in Acht und ſehen Sie auf, damit Sie nicht über oder unter die Balken kommen; denn Sie ſollen wiſſen, daß hier ſowohl in als außer dem Hauſe eine Revolution ausgebrochen iſt.“ „Gott ſei Dank!“ ſprach Baron Guſtav;„Du haſt immer noch Deine gute Laune; das freut mich in doppel⸗ ter Hinſicht. Und wie mir ſcheint, ſind auch Sie, beſter Waldenberg, etwas geſünder als damals, wo wir uns im Herbſte trennten.“ „Inzwiſchen,“ fiel Arthur ein,„thut er, was er kann, um der Natur entgegen zu arbeiten, im Falle ſie ſeiner Geſundheit aufhelfen wollte; denn vom frühen Mor⸗ gen bis zum ſpäten Abend hat er ſein Hauptquartier in einem Saale des linken Flügels, wo alle Fenſter aus⸗ gehoben ſind. Dort ſitzt er auf der oberſten Sproſſe eines 106 hohen Gerüſts, und folgt mit geſpannter Aufmerkſamkeit der Aufſetzung einer Gipsdecke, für die er ganze Stun⸗ den lang ſchwärmen kann. Der Himmel weiß, welche ſublime Schönheit er daran ſieht!“ „Lieber Waldenberg,“ ſagte der Baron mit vorwurfs⸗ vollem Tone,„wie können Sie ſo unachtſam ſein. Sie dürfen aus Eifer für meine Angelegenheiten nicht den Reſt Ihrer ſchwachen Geſundheit vollends zerſtören.“ Waldenberg erröthete tief und wandte ſich nach ein Paar unbedeutenden Worten hinweg, um ſeine Verlegen⸗ heit zu verbergen. Er ſelbſt wußte wohl, daß dieſer Eifer einen andern Grund hatte. Georgine hatte nämlich ein⸗ mal, als ſie ſich mit Zeichnungen von Plänen unterhiel⸗ ten, den Entwurf zu einem Salon gemacht, wie ſie ihn nach ihrem Geſchmacke eingerichtet haben würde. Unter Anderem kam darin eine Gipsdecke vor mit drei Eichlaub⸗ kränzen für die Kronleuchter; und da der arme Walden⸗ berg ein eigenes Vergnügen daran fand, das ſüße Gift aus jeder Quelle zu trinken, von wo aus es zu ſeinem Herzen gelangen konnte, ſo faßte er dieſe Idee mit der ganzen brennenden Begierde auf, die er für die Erfüllung ihrer Wünſche hegte, und gönnte weder ſich noch den Ar⸗ beitern Raſt und Ruhe bei der Hitze, mit der er die Arbeit betrieb. Ein unausſprechlich ſüßes Gefühl war für ihn der Gedanke, daß ſie, wenn ſie einmal als Gebieterin in Engelvik einziehen würde,— was Waldenberg für aus⸗ gemacht annahm, dann nie dies Zimmer betreten würde, ohne ſeinem Andenken eine freundliche Erinnerung zu ſchen⸗ ken. Das war ſeine einzige, letzte, ſchöne Blume der Freude. Armer Waldenberg, es war auch die letzte, die er pflückte! Vermiſch' Dich mit der letzten Nacht verfinſtertem Gewande, Mein freier Geiſt, und leuchte hin zu ihrem Hei⸗ mathlande! Unterdeſſen waren die Herren in das Geſellſchafts⸗ zimmer getreten, und hatten unter Wünſchen für ihren gegen Glas Ecke daß e tanzen und y Lindo bunde zum linken nunge er hin dem 8 nicht als er komme erſehn Herme daß er Willko ſehen, armen leben ſämmt telte ſeine l 2 als de ſamkeit Stun⸗ welche rwurfs⸗ n. Sie cht den en.“ ach ein erlegen⸗ er Eifer ich ein⸗ terhiel⸗ ſie ihn Unter chlaub⸗ Valden⸗ ße Gift ſeinem nit der füllung den Ar⸗ Arbeit für ihn terin in ir aus⸗ würde, u ſchen⸗ Freude. fflückte! iſtertem em Hei⸗ ſſchafts⸗ r ihren 107 gegenſeitigen Frieden, ihr Wohlergehen und Glück ein Glas geleert. Jungfer Wings verneigte ſich in jeder Ecke vor dem gnädigen Herrn, und dankte aufrichtig Gott, daß er heimgekommen ſei:„denn wenn die Katze fort iſt, tanzen...“ Sie ſprach immer ihre Meinung offen aus, und während aller dieſer wohlgemeinten Ergießungen, die Lindorm lüchelnd anhörte, raſſelte ſie mit ihrem Schlüſſel⸗ bunde entſetzlich hin und her. Während der Vorbereitungen zum Mittageſſen beſchloß der Baron eine Tour in den linken Flügel zu machen, um die vorgenommenen Anord⸗ nungen zu beſehen.„Was iſt das?“ fragte Lindorm, als er hinaustrat und die blaue Flagge gewahrte, die von dem Balkon flatterte. „Ein Signal,“ antwortete Waldenberg,„das ich den Bewohnern von Roſendal verſprochen habe, wenn die Herren zurückkehren ſollten; und ich denke, es wird nicht mehr lange anſtehen, ſo werden wir Willy auf ſeinen Schlittſchuhen herüber fahren ſehen.“ „O das wäre ſchön,“ ſagte Lindorm, und ein frohes Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen.— Aber wollen Sie nicht eine kleine Weile warten, Hermer?“ ſetzte er hinzu, als er dieſen im Begriff ſah, ſie zu verlaſſen,„ſonſt be⸗ komme ich den lieben Jungen nicht hieher, und muß die erſehnten Nachrichten von Ihrem Hauſe vermiſſen.“ „Dieſe ſollen dennoch nicht ausbleiben,“ verſicherte Hermer.„Treffe ich Willy unterwegs, ſo bin ich gewiß, daß er gerne ſeine Fahrt fortſetzen wird, um Ihnen ſeinen Willkomm zu bieten. Allein Sie werden ſelbſt leicht ein⸗ ſehen, wie ſehr ich mich ſehne, Weib und Kinder zu um⸗ armen. Ich kann keine Minute länger ſäumen. Alſo leben Sie wohl, meine Freunde! Morgen hoffe ich Sie ſämmtlich in Roſendal verſammelt zu ſehen! Nicht ſo?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete der Baron und ſchüt⸗ telte Hermer die Hand, indem er ihm noch einmal für ſeine liebe und angenehme Geſellſchaft auf der Reiſe dankte. Wer kann die Seligkeit des Wiederſehens ſchildern, als der geliebte Gatte und Vater, nach einer Trennung 108 von mehreren Monaten, wieder ſein Haus betrat, und von freudeklopfenden Herzen, die ihm entgegen flogen, begrüßt wurde! Hermers Ankunft war ſchon erwartet; denn Georgine hatte ſogleich die Flagge bemerkt und Willy eilte, ſich aufzumachen. Er begegnete dem Vater auf dem halben Wege. Und obwohl ihm das Wiederſehen nicht erlaubte, ſich gleich wieder von dem theuren Gegenſtande zu trennen, ſo griff er doch bald wieder zur Mütze und den Schlittſchuhen, und ſetzte nach Engelvik hinüber, um den Baron zu begrüßen. Bei der feſtlichen Mittagstafel brachte die vorſorg⸗ liche Hausfrau alle Lieblingsgerichte ihres Mannes, und nachdem Hermer tüchtig Beſcheid gethan hatte, ſetzte man ſich um das luſtig kniſternde Kaminfeuer. Alida kam mit der geſtopften Pfeife, der kleine Axel brachte dem Papa ein Stückchen Holz, um ſie damit anzuzünden, Georgine ſer⸗ virte den Kaffee und glühte vor Wärme, Unruhe und Luſt. Hermer freute ſich aufrichtig, ſie wieder ſo blühend zu ſehen. Sobald man in gehöriger Ordnung war, fing Hermer die Erzählung ſeiner Reiſe an.—„Aber, mein Schatz,“ ſagte Frau Hermer, die längſt den Strickſtrumpf hatte auf den Teppich fallen laſſen, da ihr der Kopf bei all' dieſen Mähren ſchwindelte; denn ſie kamen ihr vor, wie die von Tauſend und Eine Nacht,„aber, mein Schatz, halte ein wenig, damit ich zu mir ſelbſt kommen kann. Da haſt Du eine Perſon erwähnt, von der ich gerne fer⸗ neren Bericht haben möchte, nämlich die arme Hedda, die die Baronin auf ihrer Landesflucht, möcht' ich faſt ſagen, begleitete, wohin iſt ſie gekommen?“ „Hätteſt Du mich nicht unterbrochen, meine liebe Alte,“ fiel Hermer lächelnd ein,„ſo würden wir gleich daran gekommen ſein. Wo bin ich ſtehen geblieben?“ „Ja, Papa,“ ſagte Georgine, die der Erzählung aufmerkſam gefolgt war,„es war an der Beerdigung des Verwalters Wilſon.“ „Richtig, meine Tochter!“ Lindorm hatte bekannt machen 9 laſſen, daß die Verwaliersſtelle in Hamringen vakant ſei, und do ſich an Unter der ſie Beneh Er ho Gute ordnun die un ſchücht Er ſte leicht Dalbe im Ge erfülle Ergebe hatte; ihm ei Verwe er am eines um di willig. Patro t, und flogen, vartet; Willy uf dem n nicht nſtande tze und er, um orſorg⸗ s, und te man am mit Papa ine ſer⸗ nd Luſt. i ſehen. Hermer Schatz,“ f hatte bei all' er, wie Schatz, n kann. ene fer⸗ da, die ſagen, e liebe rgleich 4 gählung rdigung machen ant ſei, 109 und daß diejenigen Perſonen, welche Neigung dazu hätten, ſich an einem gewiſſen Tage daſelbſt anmelden ſollten. Unter den Anſuchenden war ein Mann von mittlerem Alter, der ſich vor den Andern ſowohl durch ein geſetztes äußeres Benehmen, als auch durch ehrenvolle Zeugniſſe auszeichnete. Er hatte mehrere Jahre die Inſpectorsſtelle auf einem Gute in der Umgegend inne gehabt und war als ein ordnungsliebender und rechtſchaffener Mann bekannt. Hedda, die uns von Ejkenberg nach Hamringen begleitete, hatte ſchüchtern ein gutes Wort für ihn bei Guſtav fallen laſſen. Er ſtellte hierauf einige weitere Fragen an ſie, und brachte leicht heraus, aus welchem Grunde Hedda den Herrn Dalberg recommandirte; ſie waren ſeit ein Paar Jahren im Geheimen verlobt. Lindorm wollte gerne Hedda's Wunſch erfüllen und dadurch die treuen Dienſte und die warme Ergebenheit belohnen, die ſie ihrer jungen Herrin gewidmet hatte; der Mann wurde als Verwalter angenommen, und ihm einer der jüngeren Bewerber als Gehülfe beigegeben.“ „Als dieſe Sache in gehörige Ordnung gebracht, und Verwalter Dalberg in ſein neues Amt inſtallirt war, kam er am folgenden Morgen, mit dem unglücklichen Geſichte eines Bittſtellers, zu Lindorm, und hielt in aller Form um die Hand der Mamſell Hedda an. Da er die Ein⸗ willigung der Braut ſchon längſt hatte, ſo folgte die des Patrons von ſelbſt. Guſtav ſetzte Hedda eine ſehr artige Mitgift aus, worauf das Aufgebot und die Hochzeit er⸗ folgte, und das glückliche und vergnügte Ausſehen des neuvermählten Paares berechtigte zu der Hoffnung, daß auch in Hamringens finſtern Mauern häusliche Glück⸗ ſeligkeit und Wohlergehen erblühen könnte.“ „Gott ſei Dank,“ ſagte Frau Hermer froh,„daß die arme Hedda für all' den Jammer, den ſie ausgeſtan⸗ den hat, eine ſolche Belohnung empfing; das freut mich von Herzen. Aber was nahmt ihr dann vor?“ „Sodaan beſchäftigten wir uns, wie vorher, mit der Revidirung der ſtaubigen Scharteken des Oberjägermeiſters, und ſtellten alle Bücher und Rechnungen, Schulden und 110 Forderungen auf laufenden Fuß. Hamringen wirſt Guſtav ein Bedeutendes ab, und er kann jetzt als Beſitzer von zwei großen Gütern für einen Mann von einem ſchönen Vermögen gelten.“ „Ja, ja, es mag wohl ſchön und gut ſein, Ver⸗ mögen zu haben; aber wie ſteht es mit ſeiner Gemüths⸗ ſtimmung?“ fragte Frau Hermer.„Wenn er noch immer in jener unglücklichen Schwermuth befangen iſt, ſo hat er nicht viel Freude von ſeinen irdiſchen Gütern.“ „Nein, damit hat es keine Gefahr,“ erwiederte Hermer.„Seitdem er das Krankenlager verlaſſen hat, hat er auch die finſtern Grübeleien verjagt, welche ihn vorher ausſchließlich in Beſitz genommen hatten, und wozu er ja leider reichliche Veranlaſſung hatte. Er iſt jetzt ruhiger und heiterer, herzlicher und angenehmer in ſeinem Weſen. Freilich glaube ich nicht, daß wir ihn je wie Andere lachen und ſcherzen ſehen werden; aber es ſcheint ihm wenigſtens nicht beſchwerlich zu fallen, frohe Menſchen zu ſehen; und mit Ausnahme einer gewiſſen Wehmuth, die ſun Theil ſeinem Gemüthe eigenthümlich, und ver⸗ muthlich auch eine Folge von den ſchauderhaſten Ereig⸗ niſſen in Ejkenberg iſt, iſt er ein ganz anderer Menſch. Uebrigens habt Ihr Gelegenheit, über Alles das morgen ſelbſt euer Urtheil zu fällen, wenn er hieher kommt.“ Hermer war müde und ging zeitig zur Ruhe. Die gute Frau machte ihre Vorbereitungen auf den folgenden Tag, und Georgine flüchtete ſich in die ruhige Einſamkeit ihres Kämmerleins; aber ob es auch in ihrem Herzen ruhig war, das iſt ungewiß, und wie es dort ausſah, wiſſen wir nicht; aber „Ihr, die ihr liebt, ihr wißt es, ihr!“ Willy kam an dieſem Abend nicht mehr heim, ob⸗ wohl es ſternhell war. Vergebens lauſchte Georgine auf ſeinen kurzen, raſchen Lauf die Treppe hinauf; ſie hörte nichts davon, und ungeduldig grollte ſie in ihrem Herzen darüber, daß er ſich nicht beeilte, um ſich wie gewöhnlich bei ihr Aber! zählen ſich ar und— haltun willen, verzeil men n A Schnee Schim liche 2 GHuſtav r von chönen Ver⸗ nüths⸗ immer hat er iederte at, hat vorher zu er uhiger Weſen. Andere t ihm nſchen hmuth, d ver⸗ Ereig⸗ kdenſch. norgen nt.“ Die genden amkeit Berzen usſah, , ob⸗ ne auf hörte Herzen hnlich 111 bei ihr ſeiner eingeſammelten Neuigkeiten zu entledigen. Aber da ſie ſich Willy's angenehmer Weiſe beim Er⸗ zählen erinnerte, ſo kam ihr der natürliche Gedanke, daß ſich auch Guſtav ſehr davon intereſſirt fühlen würde;— und— und im Fall ſie ſelbſt der Gegenſtand ihrer Unter⸗ haltung war, durfte ſie dem lieben Jungen um der Liebe willen, die er zu ihr hatte, wohl alle die guten Sachen verzeihen, die er gewiß Lindorm auftiſchte, und ſein Säu⸗ men wurde endlich bei reiferem Nachdenken entſchuldigt. Eilftes Kapitel. Doch ſieh'! ſie borgt zwei Silberflügel Von der Exinn’'rung Ar der Hoffnung ſich, Schwingt ſich damit nach Edens Hügel, Und lebt dem Frühling, der ihr hier entwich! Nikander. Am folgenden Tage war ein ſo außerordentliches Schneegeſtöber, daß Georgine, die am Fenſter ſtand, keinen Schimmer von Engelvik, noch viel weniger von deſſen Bewohnern entdecken konnte. Mit einem höchſt unbehag⸗ lichen Gefühl der Unruhe und des Verdruſſes fand ſie ſich beim Frühſtücke ein. „Ich hoffe, Papa hat gut geſchlafen?“ ſagte ſie mit einem erzwungenen Gähnen, um etwas auf Hermer's freund⸗ liche Begrüßung zu erwiedern. „Vortrefflich, mein Georginchen; aber aufrichtig ge⸗ ſagt, ſieht es nicht aus, als ob Du daſſelbe gethan hätteſt.“ Meein, ich muß geſtehen, daß das Bild der unglück⸗ lichen Konſtanze mir die ganze Nacht über vorſchwebte; ich konnte kaum die Augen ſchließen. Aber ſo denke ich denn, mich jetzt dafür ſchadlos zu halten, und den ganzen Tag über zu ſchlafen.“ „Du willſt alſo vorſätzlich ſehr unartig gegen unſere 112 Gäſte ſein,“ bemerkte Hermer lächelnd,„ich meine, daß Lindorm ſehr verwundert darüber ſein wird.“ „Ach, wie kann Papa glauben, daß der Baron bei einem ſolchen Wetter ausgehen wird? Der Weg iſt ja ganz verſchneit, man kann nicht das Geringſte vor ſich ſehen.“ „Es wird wohl bis gegen Mittag ruhiger werden,“ meinte Hermer, und ſah dabei ſelbſt ſo ruhig aus, daß Georgine ihren Vater für einen gräulichen Phlegmatikus hielt. Sie zerbröckelte ein Stückchen Zwieback nach dem andern in ihre Kaffeeſchale, blies unaufhörlich, obwohl es längſt eiskalt war, erwiederte jedoch kein Wort auf die Bemerkung wegen der Ruhe gegen Mittag. Hermer fing wieder an:„Sobald es ſich aufhellt, werde ich den Peter und den Magnus ausſchicken, um den Weg von hier aus reinzuſchaufeln, und ich denke, daß Lindorm wohl ſeine Knechte von Engelvik aus daſſelbe thun laſſen wird, und dann ſehe ich nicht ein, was die Sache verhindern könnte, meine liebe Georgine. Wenn Du übrigens heute ſo ſehr ſchläfrig und nicht bei Laune biſt, ſo kann Peter eben ſo gut noch weiter gehen und den Baron von mir aus bitten, uns erſt morgen die Ehre zu geben.“ „Bin ich nicht bei Laune?“ erwiederte Georgine er⸗ röthend.„Ich weiß nicht, aus welchem Grunde Papa das ſagen kann. Uebrigens ſehe ich nicht, wie meine Laune hiebei etwas zu bedeuten hätte.“— Und mit einem ſchnellen Blick durch's Fenſter fügte ſie hinzu:„Es wäre Schade um den armen Peter, wenn er in dem tiefen Schnee hirüberpatſchen müßte.“. „Ja, darin haſt Du recht, Georginchen; ich dachte nicht daran,“ ſagte Hermer, indem er auf eine Art lächelte, die Georginen wieder das Blut in die Wangen jagte. „Lindorm darf wohl eben ſo wenig im Schnee patſchen.“ „Da Papa den Weg reinſchaufeln laſſen will, ſo wird es wohl keine Unmsglichkeit ſein, herüber zu kom⸗ men,“ antwortete Georgine, obwohl ganz leiſe, während ſie immer eifriger ihren Kaffee blies, bis die Mutter haben, davon Q 8 ſchnell biſt D Sieh', das U haſt ſe heraus dern C C Schlaf Drei Eis, Hilfe i Gardir ſtalt er vor ihr ſchen 77 dorm 1 krebs vo ſind nie Du zu Seufze ſcch in pen. wirrun die mit war ka ſie ihn Wittwe e, daß on bei ja ganz ſehen.“ erden,“ s, daß natikus ch dem vohl es auf die ufhellt, n, um denke, daſſelbe vas die Wenn Laune den und gen die gine er⸗ e Papa meine t einem fs wäre m tiefen dachte lächelte, n jagte. atſchen.“ vill, ſo zu kom⸗ während Mutter 113 ſagte:„Aber, Mädchen, was kommt Dich an? der Kaffee iſt ja ſchon eine ganze Viertelſtunde lang eingeſchenkt! Ich meine, er wird jetzt keine überflüſſige Wärme mehr haben, und überdies verdirbſt Du allen Zwieback, ohne davon zu koſten.“ In der äußerſten Verlegenheit fing Georgine an, ſchnell ihren Kaffee zu trinken. „Nun ſiehſt Du, liebes Kind,“ ſagte Hermer,„jetzt biſt Du zu demſelben Punkt gelangt, wovon ich ausging. Sieh', ob es nicht ſchon beginnt, ſich aufzuhellen, und das Unwetter aufhört. Ich wette, daß wir, ehe Du noch haſt ſchlafen können, Leute von Engelvik mit Spaten herauskommen ſehen, um mit ihrer Arbeit auf der an⸗ dern Seite der Bai anzufangen.“ Georginens Blicke klärten ſich allmählig auf und der Schlaf war wie durch einen Zauberſchlag verſchwunden.— Drei Stunden ſpäter erſchien ein Weg quer über das Eis, mit hohen Wällen auf beiden Seiten, und mit Hilfe ihres Glaſes konnte Georgine, vorſichtig hinter den Gardinen, in weiter Entfernung eine hohe männliche Ge⸗ ſtalt erkennen, die in einen Mantel eingehüllt war, und vor ihr eine kleine, dünne und behende Figur, die dazwi⸗ ſchen hohe und künſtliche Sprünge auf dem Eiſe machte. „Das iſt Lindorm,“ flüſterte ihr klopfendes Herz,„Lin⸗ dorm und Willy! Seh' Einer, wie der kleine Taſchen⸗ krebs vor ihm voraus ſpringt; der Lieutenant und Waldenberg ſind nicht dabei. Ach, Waldenberg, wohl weiß ich, warum ſich in ihrem Herzen, und traten zugleich über ihre pen. Jetzt war der Baron ganz nahe; aber ihre Ver⸗ wirrung verhinderte ſie, die Veränderung zu unterſcheiden, die mit ihm vorgegangen war. Es war ſo wunderſam, es war kaum faßlich, es war ihr, wie wenn ſie erſt jetzt, da ſie ihn ſah, erführe, er ſei vermählt geweſen und jetzt Wittwer, und das Alles mit ſo ſunderbaren unſtänden Du zu Hauſe geblieben iſt; doch— ,Ein Seufzer der Freude und einer des So Meizee heg egneter 1ip⸗ 114 verknüpft. Sie meinte, ſie dürfe ihn kaum anzuſehen wa⸗ gen, da er ja wußte, daß ſie jetzt alle ſeine Geheimniſſe ſo gut kannte, als er ſelbſt.—„So iſt er alſo hier,“ ſagte ſie wieder, und erhob ſich aus ihrer gebückten Stellung am Fenſter in ihrem Kabinetchen,„und noch habe ich nicht angefangen, mich anzuziehen. Aber ich muß eilen!— Chriſtine!“ rief ſie die Treppe hinab nach einem kleinen Mädchen, die ſie zu ihrer beſondern Aufwartung hatte. „Chriſtine, bringe einige Kleider, damit ich auswählen kann.“ Chriſtine eilte zur Garderobe vor dem kleinen hübſchen Schlafzimmerchen, und kam ſchnell mit drei Kleidern zu⸗ rück, die ſie über dem Arm hängen hatte.„Das graue Bombaſſinkleid da,“ bemerkte das Mädchen,„kleidet das gnädige Fräulein ſehr hübſch; wollen Sie es?“ „Nein, Mama pflegt immer zu ſagen, daß dieſe Farbe die Haut ſo dunkel mache. Das ſteht mir, glaube ich, nicht; lege es bei Seite, Chriſtine!“ „Nun, hier das Walter Scott⸗Kleid? der Lieute⸗ nant S*** hat oft geſagt, daß das gnädige Fräulein nie ſo ſchön ſei, als wenn Sie das anhaben.“ „Ja, aber ſiehſt Du, ich bekümmere mich nichts 8 um den Geſchmack des Herrn Lieutenants, und um das Kleid ebenſo wenig; trage es nur wieder hinein.“ „Nun, befehlen alſo das gnädige Fräulein das ſchwarze da? es iſt das, welches Sie bei der Hochzeit an Weihnachten trugen, wo Alle das Fräulein mit einem Engel verglichen.“ „Ein ſchwarzer Engel, Chriſtine,“ lächelte Georgine; „nein, ich will nicht wie ein ſolcher Engel angezogen ſein.“ „Aber am Ende wird aus gar keiner Kleidung etwas,“ ſagte Chriſtine, etwas verwundert, daß ſie ihr Fraͤulein zum erſtenmal ſo unbeſtimmt bei einer ſolchen Wahl fand. —„Es iſt bald Eſſenszeit; als das Fräulein mich rief, ſprang ich an dem Bedienten vorbei, der anfing, die Speiſen hineinzutragen.“ „Ach, was ſagſt Du?“ rief Georgine,„iſt es ſchon ſo ſpät?“ Sie löste ſchnell vor dem Spiegel ihre gol⸗ Georg Toilett die an ſtand, der S Spiege Wange nicht „Geor beſond ihn; Du T machte G in der mit eit ſchöne ſie ſich eine T übertr. Aber wenn die an nerten gegenü 115 den wa⸗ denen Locken auf, welche wie eine leichte Wolke Hals eimniſſe und Schultern umfloſſen. “ ſagte„Ja, ſo iſt es,“ fing Chriſtine wieder an,„und ing am noch ſteht das Fräulein in ihrem Morgenrock da; aber h nicht das weiß ich, wenn es ſchicklich wäre, in einem weißen en!— Gingangrocke zur Tafel zu gehen, ſo könnte nichts lieb⸗ kleinen licher ſein, als der, den das Fräulein wirklich an hat.“ hatte.„Still, Chriſtine, ſtill! Schmeicheleien will ich keine kann.“ hören, das weißt Du. Geſchwind, nimm da den Kamm! übſchen So, lauf jetzt und hole das hellrothe Mollkleid!“— ern zu- Chriſtine verſchwand durch die eine Thüre, und während graue Georgine in der reizendſten Stellung vor ihrem großen det das Toilettenſpiegel die goldenen Wellen auskämmte, wurde die andere, die einige Schritte von dem Platze, wo ſie ß dieſe ſtand, entfernt lag, geöffnet, und Lindorm zeigte ſich auf glaube der Schwelle, hinter ihm Hermer. Georgine ſah ihn im Spiegel wie er ſie, und eine Purpurfarbe bedeckte ihre Lieutee Wangen. Lindorm würde gezögert haben, wenn ihn lein nie nicht Hermer mit den Worten hineingeſchoben hätte: „Georgine, mit Deinem Jugendfreund braucht es keine nichts beſondern Komplimente. Wende Dich um und begrüße um das ihn; mich mußt Du entſchuldigen; ich wußte nicht, daß Du Dein Zimmer zur Tollette eingerichtet haſt.“ Dabei chwarze machte Hermer die Thüre wieder zu und ging. nachten Georgine wandte ſich mit geſenkten Augen um, legte lichen.“ in der erſten Verwirrung den Friſirkamm hinweg, und warf vorgine; mit einer eigenen entzückenden Bewegung des Kopfes das n ſein.“ ſchöne Haar über die Schultern zurück. Darauf näherte etwas,“ ſie ſich ihrem Gaſte auf ein Paar Schritte, und machte fräulein eine Verbeugung, die Arthurs Roſenknoſpe ohne Mühe jl fand. übertroffen, ja gewiß weit beſſer zu Wege gebracht hätte. ich rief. Aber Lindorm fand ſie gleichwohl außerordentlich reizend, ig, die wenn man nach dem Ausdruck ſeiner Blicke ſchließen darf, die an Georginens von der holdeſten Verwirrung verſchö⸗ s ſchon nerten Geſtalt feſtgewachſen ſchienen. Wie ſie jetzt einander ſre gol⸗ gegenüber ſtanden, ſie die erröthende Süitſamnzzih er das 5 1 3 1 3 116 22 hohe, vollendete Bild männlicher Schönheit und edlen Stolzes, gaben ſie ein Gemälde ab, das man kaum auf der Leinwand des Künſtlers zu ſehen bekommt. Lindorm würde in Ewigkeit ſo da geſtanden haben; er hatte genug zu ſehen; aber bei Georgine ſtellte ſich der Gedanke an das Unpaſſende dieſes langen, obwohl allzu beredten Stillſchweigens ein. „Willkommen, Herr Baron,“ ſagte ſie endlich halb⸗ laut, und erhob ihre Augen; aber als ſich dieſe jetzt auf den tiefen Traueranzug hefteten, den er um ſeine junge Frau trug, vermehrte ſich ihre Verwirrung zu einem Grade, daß ſie kein Wort weiter über ihre Lippen brachte. Aber es brauchte nichts mehr, als den für Lindorm ſo theuren Laut von Georginens Stimme, um ihn aus ſeinen Träumen zu wecken. Er trat näher, faßte ihre Hand, und ſprach in einem Tone, der jede Saite ihres Herzens in die heftigſte Bewegung ſetzte:„Holde Georgine, grüßen Sie mich mit einem weniger ſremden Namen!“ „Ich erinnere mich,“ verſetzte ſie, und ein entzücken⸗ des Lächeln ſchwebte um die friſchen Lippen,„daß Sie einmal ſelbſt ſagten, die Kinderzeit und ihr Vorrecht, die goldene Freiheit, ſeien längſt vorbei.“ „Als ich das ſagte,“ ſiel Lindorm ein, und ſah ihr mit einem ſo ſchmerzlichen Blicke in's Auge, daß er in die Tiefe ihrer Seele drang,„da war es nothwendig, da mußte es ſo ſein, aber jetzt nicht mehr, wenn Sie mich nicht dadurch kränken wollen. O Georgine, ſollten Sie das wollen?“ „Ach nein, das ſei ferne von mir!“ erwiederte ſie innig.„Ich will ſagen: willkommen in der Heimath, lieber Lindorm! Gefällt Ihnen das beſſer?“ „Nein, auch das gleicht nicht der ungekünſtelten Sprache der Kindheit. Damals hieß ich nur Guſtav; und wir wußten von keinem leeren, kalten Sie!“ „Nun wohl denn,“ ſagte Georgine, und ein Ausdruck der reinſten Glückſeligkeit verbreitete ſich über ihr ganzes Angeſicht, und ſpiegelte ſich in dem Blicke, der jetzt dem ſeinige mich f und ſe indem ſind w ſtens Friede Die d ſich in Deine Freud erwär ſpiege Aber greifli mich Sieh' möcht ich wi liere Minu L eine u rothe⸗ ſie jer daß es daß ihr k keines erinn an die geger d edlen zum auf haben; llte ſich obwohl ch halb⸗ jetzt auf ie junge t einem brachte. Lindorm ihn aus ßte ihre te ihres zeorgine, men!“ ntzücken⸗ daß Sie eecht, die ſah ihr iß er n hwendig, enn Sie ſollten derte ſie Heimath, ünſtelten Guſtav; Ausdruck r ganzes letzt dem ſeinigen begegnete,„willkammen daheim, Guſtav, ich habe mich ſehr nach Dir geſehnt,“ abe Dank, Du Liebe, Holde,“ flüſterte Lindorm, und ſchlang ſeinen Arm einen Augenblick um ih ren- Leib indem er einen leichten Kuß guf 1 Stirne drückte.„Jetzt ſind wir wieder ü Pakädieſe der Kindheik; jetzt bin wenig⸗ ſtens ich unausſprechlich glücklich. Wie viele Tage des Friedens und der Seligkeit werden nicht jetzt wieder reifen! Die dunkle Wolke in meiner Seele wird verſchwinden und ſich in leere Dünſte auflöſen, wenn der helle, fromme Blick Deines Auges mit ſeinem Frieden mein für die reinſten Freuden des Lebens ſo lang verſchloſſen geweſenes Herz erwärmt.“ „O, daß ich das vermöchte, Guſtav! Wie froh würde ich nicht ſein, wenn ich mich immer in einem ſolchen Blicke ſpiegeln dürfte, wie er jetzt aus Deinem Auge ſtrahlt! Aber— aber—“ ſtammelte ſie, verlegen über die unbe⸗ greifliche Kühnheit dieſer Worte,„aber, Guſtav, Du mußt mich jetzt verlaſſen; die Zeit zum Mittageſſen iſt nahe, Sieh', wie ich ausſehe; ich muß mich ankleiden.“ „Ach,“ antwortete er,„ſo wie Du jetzt biſt, Georgine möchte ich Dein Bild ewig vor mir ſtehen ſehen. Aber ich will gehen, um Dich deſto bälder wieder zu ſehen. Ver⸗ liere keine unnöthige Zeit mit der Toilette; ich zähle die Minuten.“— Er drückte ihr die Hand, und eilte hinab. Als er die Thüre geſchloſſen hatte, trat Chriſtine, die eine unſchuldige Zuhörerin geweſen war, mit dem gewünſchten rothen Mollkleid in das Zimmer. Glücklicherweiſe hatte ſie jedoch von dem, was vorfiel, nicht mehr verſtanden, als daß es das Allerſonderbarſte war, das ſie je gehört hatte; daß der Baron in das Fräulein verliebt war, das war ihr klar; aber zu ihrem großen Verdruſſe konnte ſie ſich keines einzigen Wortes mehr von dem, was er geſagt hatte, erinnern. Georgine bemerkte ſie nicht. Sie hatte ihre heiße Wange an die kalte Fenſterſcheibe gelegt, aber dieſe gab keine Kühle gegen die Gluth, die jene hochroth gefärbt hatte.—„O, 118 mein Gott, was war das Alles?“ liſpelte ſie leiſe;„was ſprach er, und welche Worte ſind über meine Lippen ge⸗ gangen? Wie das mäglich wax, begxeife ich nicht; aber ſein Blick hielt mich unter der Macht einer Verzauberung. O gewiß werde ich bei. Tiſche nicht gufſehen können; nein, ich kann es nicht.“ „Aber will ſich das gnädige Fräulein nicht ankleiden?“ fragte Chriſtine ungeduldig. „Ja gewiß, wo biſt Du? Ich warte auf das Kleid!“ Und geſchwind wurde das Haar geflochten, und die Locken mit einer gewiſſen geſchmackvollen Nachläſſigkeit geordnet, worauf endlich das arme Kleid daran kam, und ein ſchöner, ächter Shawl über die Schultern geworfen wurde. Damit war Alles fertig, zur großen Verwunderung Chriſtinens die ihr unaufhörlich eine elegante Chemiſette mit feinen, koſtbaren Spitzen hinhielt. „Da! Ei, das gnädige Fräulein haben die Chemiſette vergeſſen, und die Kette und das Armband! Herr Gott, ſo können Sie nicht hinab gehen!“ Doch während Geor⸗ gine noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel warf, um zu ſehen, ob Chriſtinens Bemerkung begründet ſei, kam ein Bote von der Mama mit der Meldung, daß das Eſſen warte. Schnell warf Georgine den Shawl um und flog die Treppe hinab. Zwölftes Kapitel. Wer vergißt nicht gerne Zeit und Raum in einer ſolchen Nachbarſchaft? Starklof. „Aber, Georgine!“ rief Frau Hermer der Eintreten⸗ den entgegen,„was denkſt Du, daß Du nicht kommſt? Die Toilette ſcheint Dich doch nicht aufgehalten zu haben. Die Herren ſind ungeduldig, weil das Eſſen kalt wird.“ nen ausg nach 3„was pen ge⸗ t; aber berung. 3 nein, eiden?“ Kleid!“ Locken kordnet, ſchöner, Damit iſtinens feinen, :eiſette Gott, Geor⸗ rf, um 1, kam aß das m und in einer o f. atreten⸗ mmſt? haben. wird.“ 119 „Ach nein,“ verſicherte Lindorm,„wenigſtens ich nicht; denn ich habe Georginen durch einen Beſuch auf ihrem Zimmer aufgehalten.“ Frau Hermer, ebenſo verwundert über die vertrau⸗ liche Benennung, als über den etwas ſonderbaren Be⸗ ſuch, wurde ſichtlich verlegen und erwiederte blos:„So! das konnte ich freilich nicht errathen.“ „Ich war es, Alte,“ ſiel Hermer ein,„der Lin⸗ dorm dorthin führte, weil ich ein Paar Briefe abzuſen⸗ den hatte. Du warſt beſchäftigt; ich wußte alſo in der Eile keinen beſſern Rath für meinen Gaſt, als ihn zu Georginen hinein zu ſchleppen, von der ich glaubte, daß ſie um zwei Uhr in Ordnung ſei.“ Frau Hermer nickte lächelnd ihrem Manne zu, worauf ſie ſich mit der Frage an Lindorm wandte: „Werden wir heute den Herrn Lieutenant und unſern guten Waldenberg nicht zu ſehen bekommen?“ „Arthur,“ erwiederte Guſtav,„befindet ſich nicht recht wohl, glaubte jedoch, daß er bis auf den Nachmit⸗ tag werde herüber kommen können; und Waldenberg konnte ich nicht dazu bringen, ſeine Anordnungen in einem Salone aufzugeben, den er ganz nach ſeinem eige⸗ nen Wunſche einrichtet. Er hat es ſich als eine Gunſt ausgebeten, dort Alles vom Größten bis zum Kleinſten nach ſeinem Geſchmacke einrichten zu dürfen.“ Georgine fühlte eine gewiſſe Heiße um's Herz; ſie erinnerte ſich des Abends recht wohl, wo ſie ſich mit der Zeichnung dazu beſchäftigte, welche Waldenberg ſcherzend zu ſich geſteckt hatte. Die Gefühle, die dieſe Erinnerung in ihr erweckten, waren mancherlei und höchſt ungleiche, und ſie durchkreuzten einander, als Lindorm hinzuſetzte: „Gewiß hat dieſer kleine unſchuldige Eifer ſeine Urſache.“— Georgine wandte ſich gegen das Fenſter. Frau Hermer fügte hinzu:„Ach, er iſt in Allem ſo eifrig! Das iſt nur ein Wunſch, Ihnen eine angenehme Ueberraſchung zu machen; denn unläugbar hat unſer lieber Waldenberg viel Geſchmack.“ Der Verwalter ſtand ſehr hoch in der Gunſt der Frau 120 Hermer. Manchmal während des verfloſſenen Jahres, lang ehe Lindorm zurückkam, war es der ſtille Wunſch ihres Herzens geweſen, ihn, wenn nur ſeine Geſundheit nicht ſo ſchwach geweſen wäre, ihren Sohn nennen zu dürfen; aber ſchon lange hatte ſie auch Gott gedankt, daß Georgine ſeine ſtille, brennende Liebe nicht erwie⸗ derte. Inzwiſchen blieb ſie ihm immer mit mütterlicher Güte zugethan und vertheidigte jede ſeiner Handlungen mit Wärme.—„Ja, er iſt immer eifrig und vorſorglich, verlaſſen Sie ſich darauf, Baron Guſtav.“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt,“ verſetzte Lin⸗ dorm mit einer höflichen Verbeugung;„es iſt jedoch ein quä⸗ lender Gedanke, daß man glauben muß, der letzte kleine Ueber⸗ reſt ſeiner Geſundheit gehe durch dieſen Eifer zu Grunde.“ Georginens Herz klopfte immer hörbarer vor Unruhe und Schmerz; aber zu allem Glück lenkte Hermer von dieſem Stoffe ab, indem die Herren den Tiſchtrunk ein⸗ nahmen, und dabei wurden blos Zeitungsneuigkeiten ab⸗ gehandelt. Im Wohnzimmer, wohin ſich dann die kleine Geſellſchaft begab, brannte ſchon die freundliche Gluth zu ihrem Empfange. Ach, was iſt an einem trüben und kalten Wintertage auf dem Lande wohl herrlicher, als ein großes, ſchönes Kaminfeuer, warmer, guter Kaffee, die Geſellſchaft von ein Paar Freunden oder ein gutes Buch!— Unſere Freunde fühlten ganz das Angenehme davon; Willy trug Seſſel herbei, man ſetzte ſich bequem, trank Kaffee und ſprach alle Gegenſtände durch, welche die Angelegenheiten der Gegend darboten. Bald breitete die ſtille, vertrauliche Dämmerung ihren Schleier über die Gegenſtände, und als die Unterhaltung zu ſtocken ſchien, zog Willy ſeinen Vater eifriger am Rocke, blinzelte mit den Augen und nickte mit dem Kopfe. „Das paßt ſich heute Abend nicht, mein Sohn,“ ſagte Hermer freundlich, und ſtrich dem Knaben die Locken aus der Stirne, indem er mit einem halben Blick auf Lindorm andeutete, warum Willy's Verlangen nicht erfüllt werden konnte. Tone uns beleit iſt e ich 1 mer niſſe erwo ſpro mein ſei. ſchli gehe wend ſo f „das Frei tägl auch es, wen weig ſtan blio Hau Stu Fre Sie erhe Gel er: Fahres, Vunſch indheit nennen edankt, erwie⸗ rlicher lungen orglich, te Lin⸗ n quã⸗ Ueber⸗ unde.“ inruhe er von k ein⸗ en ab⸗ kleine Gluth in und —, als ee, die gutes nehme quem, welche rreitete über ſtocken inzelte Sohn,“ n die Blick nicht 121 „O ich weiß gewiß,“ entgegnete Willy in einem Tone, der große Ungeduld verrieth,„daß der Baron uns nicht ſo fremd ſein will, um wegen einer Sache beleidigt zu ſein, die ſo natürlich iſt.“ „Betrifft das mich?“ fragte Lindorm lächelnd.„Was iſt es denn für eine natürliche Sache, Willy, worüber ich nicht böſe ſein würde?“ „Ja, es iſt das, daß Papa mit mir auf ſein Zim⸗ mer hinauf gehen ſoll, um ein Examen über die Kennt⸗ niſſe anzuſtellen, die ich während ſeiner Abweſenheit mir erworben habe, was er mir auf heute Vormittag ver⸗ ſprochen hatte. Aber da gab es Hinderniſſe, und jetzt meint Papa, paſſe es nicht recht, weil ein Fremder da ſei. Aber das iſt ſicher, daß ich heute Nacht kein Auge ſchließen kann, wenn ich ohne die Befriedigung zu Bette gehen muß, daß Papa weiß, wie ich meine Zeit ange⸗ wendet habe.“ „Ich will doch nicht hoffen, daß mich Hermer für ſo fremd in ſeinem Hauſe anſieht,“ antwortete Lindorm; „das wäre mir ſehr leid. Entweder müſſen mich meine Freunde in Roſendal als einen ſolchen und als ihren täglichen Gaſt anſehen, oder meine Beſuche müſſen ſich auch in der Förmlichkeit darnach richten. Zudem wäre es, wenn ich meine Gedanken ausſprechen darf, unrecht, wenn Sie Willy dieſe Belohnung für ſeinen Fleiß ver⸗ weigern wollten.“ 4 „So wollen wir es alſo thun,“ ſagte Hermer und ſtand auf; Willy ſprang vergnügt nach ſeiner ganzen Bi⸗ bliothek.—„Aber das muß ich hinzuſetzen,“ ſprach der Hausvater, indem er nach der Pfeife langte,„daß mehrere Stunden darüber hingehen werden, und daß ich meinen Freund nicht vermiſſen will, wenn ich zu Ende damit bin. Sie bleiben doch heute Nacht in Roſendal, beſter Lindorm?“ Der Baron konnte keine angenehmere Aufforderung erhalten; aber eine angenommene Sitte gebietet, bei ſolchen Gelegenheiten ein wenig Komplimente zu machen, weßhalb er mit einigen leichten Entſchuldigungen herausrückte, von 122 Geſchäften, von Arthur's Unpäßlichkeit, die wahrſcheinlich zugenommen habe, da er nichts von ſich hören laſſe, und dergleichen mehr. „Darüber wollen wir nicht weiter ſprechen,“ ſprach Frau Hermer in jenem guthmüthig entſcheidenden Tone, der bisweilen ſehr angenehm ſein kann, da er allen un⸗ nöthigen Einwendungen ein Ende macht.„Geh' Du nur, Alter; Baron Guſtav ſoll hinreichend erfahren, daß wir Landbewohner einander keine ſo kurze Beſuche machen.“ Hermer entfernte ſich mit Willy, und nachdem ſich die freundliche Wirthin eine Zeitlang bemüht hatte, die immer ſchläfriger werdende Unterhaltung zu beleben, war es ihr am Ende ſehr lieb, als die Haushälterin den Kopf durch die Thüre ſtreckte mit der Frage:„Darf ich ein Wort mit der Frau ſprechen?“— Und Gott weiß, wie viele Worte auf dieſes Eine folgten; doch das iſt gewiß, daß Frau Hermer ſo beſchäftigt blieb, daß ſtenicht ſchnell zurückkam. Da ſaßen nun Guſtav und Georgine allein bei der niedergebrannten Gluth. Der kleine Arel war auf dem Teppich ſitzend eingeſchlafen, den Kopf in Georginens Schooß. Vorſichtig hob ſie den Knaben auf, und legte ihn auf den Sopha, ſetzte ſich jedoch wieder, und blieb ſtille, da auch Lindorm ſchwieg. Ihre Blicke ruhten auf der Gluth, und nur hie und da warfen ſie einen verſtoh⸗ lenen Blick auf einander. Sie fühlten, daß ſich wieder etwas Fremdes in ihr Verhältniß zu einander eingedrängt hatte, und fanden, daß dieſes Etwas die Sorgfältigkeit war, womit ſie den Gegenſtand zu berühren vermieden, der mit ſeinem Abgrunde das Einſt vom Jetzt trennte. Dieſes Bemühen konnte ihnen jedoch nicht ſo vollkommen gelingen, daß Sie nicht das Unbehagliche davon wie ein drückendes Uebel gefühlt hätten, deſſen Anweſenheit den freien Lauf unſerer Gefühle und Gedanken hemmt. Lin⸗ dorm beſchloß deßhalb, ſo unangenehm es auch war, mit einem nicht undeutlichen Wink den Stoff zu berühren, der, einmal geweckt, ſie, wie er hoffte, auf einen freieren und natürlicheren Fuß mit einander bringen würde. Zitte letzte darf weit lich. von ein von Ahn zufäl verr Deir ſame mit ziem wäh es p mer glüc Geg Har ein geth gefü glar Sch gen auf brac dur mei geb der einlich 2, und ſprach Tone, n un⸗ t nur, ß wir en.“ n ſich e, die var es Kopf ch ein 3, wie ß, daß ckkam. ei der f dem ginens legte blieb in auf erſtoh⸗ wieder drängt tigkeit nieden, kennte. mmen ie ein t den Lin⸗ „ mit „ der, n und 123 „Beſte Georgine,“ begann er, mit einem kleinen Zittern in der Stimme,„wie quälend war es für mich, letzten Sommer gewiſſermaßen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, unter falſcher Flagge zu gehen! Gewiß warſt Du weit davon entfernt, das wahre Verhältniß zu ahnen?“ „Nicht ſo ſehr weit, Guſtav,“ erwiederte ſie freund⸗ lich.„Schon den erſten Abend, als Du mir die Legende von Mlern und ſeiner Braut erzählteſt, erhob ſich in mir ein dunkler, obwohl vollkommen verworrener Gedanke von etwas Sonderbarem in Deinem Schickſal; aber dieſe Ahnungen bekamen noch mehr Leben und Form nach unſerer zufälligen Begegnung im Parke. Dort, lieber Guſtav, verrietheſt Du durch Dein Benehmen und Deine Worte, Deine Blicke und Dein ganzes Weſen, daß etwas Selt⸗ ſames in Deiner Seele vorging. Ich verglich das Eine mit dem Andern, und Gedanken, die der Wirklichkeit ziemlich nahe kamen, entſtanden in meinem Kopfe.“ Georginens Auge ſiel natürlicherweiſe auf die Gluth, während ſie ſprach, Lindorms dagegen ruhte auf ihr, und es war ihm angenehm und tröſtlich, daß ſie ſo ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſeine halben Winke geheftet hatte; und innig glücklich fühlte er ſich, daß ſie ihm bei einem ſo zarten Gegenſtande ſo ungekünſtelt auf halbem Wege entgegenkam. „Gute, gute Georgine,“ ſagte er und nahm ihre Hand, wie oft mußt Du nicht gefürchtet haben, ich ſei ein verächtlicher Menſch, da Du meine Gefühle ſo feindlich getheilt ſahſt! Jetzt weißt Du doch, wie ſeltſam ſich Alles gefügt hat; das war keine gewöhnliche Verbindung. Aber glaube mir, theuerſte Georgine, wenn Du einmal einen Schmerz um meinetwillen fühlteſt, ſo war er gering ge⸗ gen das, was ich litt. Mancher ſtürmiſche Abend folgte auf die ſüßen und bittern Stunden, die ich bei Dir zu⸗ brachte. Endlich mußte ich reiſen, ohne daß ich es wagen durfte, Dir, der holden Geſpielin meiner Kindheit, die Urſache meines Schmerzes zu erklären; aber eine doppelte Pflicht gebot mir zu ſchweigen. Ich eilte zu Konſtanzen, die in der eigentlichen Bedeutung des Wortes für mich eine 124 unausſprechlich geliebte Schweſter war, obwohl ſie den Namen meiner Gattin trug und ihn vor der Welt bei⸗ behalten hätte, im Falle ſie am Leben geblieben wäre. Doch alles das weißt Du von Waldenberg, und wie ich vermuthe, auch aus Hermers Erzählung. Du kennſt auch das Ende des unglücklichen Müller und Konſtanzens To⸗ desart. Es war für mich die ſüßeſte Pflicht, ihren Staub zu vereinigen. Sage mir jetzt, holde Georgine, war Kon⸗ ſtanze nicht glücklich, daß ſie hinüber mußte? Glaubſt Du, daß möglicherweiſe noch eine Glückſeligkeit für ſie hätte erblühen können, auch wenn ich nach langen Jahren den Schmerz über die Verzichtleiſtung auf mein eigenes Glück, den Verluſt aller meiner irdiſchen Hoffnungen hätte bekämpfen können?“ „Nein, guter Guſtav,“ antwortete Georgine,„es iſt meine volle Ueberzeugung, daß, wenn auch Du mit Engelsgeduld Dein Schickſal getragen hätteſt, das ihre doch gleich bitter, ja noch bittrer geweſen wäre, je mehr Du geſucht hätteſt, es zu erheitern. Deine Güte und zärtliche Fürſorge wären nur eine Plage mehr für ſie ge⸗ weſen. Ich fühlte das tief in meiner Seele, und möchte es auch Deine Ueberzeugung ſein, Guſtav, daß ſie jetzt weit glücklicher iſt, als Du mit dem beſten Willen ſie hätteſt machen können. Denn der Tod muß ſüß ſein, wenn alle Roſen des Lebens erbleicht ſind, und ihr Saft unſrer irdiſchen Hoffnung keine Nahrung mehr zu ſchenken vermag. Dann ſtellt er ſich nicht wie ein Schreckbild vor uns, ſondern wie ein erſehnter Freund, in deſſen Arme wir uns gerne werfen, ſelig im Glauben und Hoffen!“ „Habe Dank, gute Georgine,“ ſagte Lindorm, und ſein Ton verrieth tiefe Rührung,„für dieſe tröſtenden und überzeugenden Worte! Deine Vorſtellung von dem Tode hat etwas Schönes, das ein Echo in dieſem Herzen findet, denn in mancher einſamen Stunde habe ich meine Betrach⸗ tungen über dieſes hohe Ziel angeſtellt. O wie oft ſtrebte mein Gedanke dahin, wenn ich mich von der Welt und dem geſellſchaftlichen Leben lostrennte; und dieſer reiche Stoff 2 den bei⸗ väre. e ich auch 3 To⸗ staub Kon⸗ aubſt r. ſie ihren genes hätte e ge⸗ löchte jetzt en ſie ſein, Saft enken vor e wir und und Tode ndet, rach⸗ rebte dem Stoff 125 erfüllte meine Seele mit Millionen neuer Gedanken und Ahnungen, die ſich jedoch alle in Harmonie verketteten! Das ſchönſte Bild vom Tode ſchien mir die Verwandlung zu ſein, die im Frühling mit der Puppe vorgeht, um auf's Neue zu einem wirkſamen Daſein, zu einem Schmet⸗ terlinge geboren zu werden, geſchaffen, um das blühende Leben der Natur zu genießen. Ruhig iſt der Schlaf in der Hülle; ſie bricht! die Schwingen ſind wohl im An⸗ fange ſchwach, wenn der Morgenwind mit ihnen ſpielt; aber bald entwickeln ſie ſich in all' ihrem Glanz und ſetzen ſich in Bewegung, um den Neugeborenen gegen den offenen Blumenkelch zu tragen, der ihn mit ſeinem freunde hen Dufte herbeiwinkt. So, glaube ich, werde auch ich, wenn einmal die Vergänglichkeit hereinbricht, in prachtvollem Farbenglanz der Seligkeit entgegeneilen, die ich jetzt aus meiner Puppenhülle nur ahnend im Dunkel der Abenddämmerung ſchauen kann. Der geringe Schmerz iſt nur vorübergehend, und was von Staub zurückbleibt, bin nicht mehr ich. Es war eine geliehene Hülle; ſie geht in Vergänglichkeit über, wenn mein eigent⸗ liches Weſen ſich in herrlichere Formen kleidet.“ Lindorm ſchwieg. Seine ſchöne, ruhige und tiefe Stimme, ſeine warme Beredtſamkeit drangen in Georgi⸗ nens Herz wie wohlthuende Thautropfen. Er hatte wäh⸗ rend der Rede ſeinen Sitz unwillkürlich näher gerückt, und da ſaßen Sie nun in ſtummem Genuſſe, obwohl von vollkommener Finſterniß umgeben. Aber was machte das! In ihren Seelen leuchtete daſſelbe herrliche Licht, und ſie fühlten in dieſem Augenblicke wenig von Dem, was das irdiſche Leben angeht.— „O Georgine, Du Gute, Holde,“ flüſterte Lindorm, der aus ihrem Stillſchweigen die Rührung erſah, die in ihrer Seele vorging,„fühlſt Du es auch ſo?“ „Ja, Guſtav,“ ſagte ſie leiſe, und zwei große Thrä⸗ nen fielen auf die Hände nieder, die die ihrigen umſchloſſen hatten,„jetzt ſchwingt ſich wenigſtens meine Seele mit der Deinigen zu den Räumen des himmliſchen Vaterlandes.“ 126 „Ach, Georgine,“ ſprach Lindorm, und ſein Ton ward inniger,„auch das Erdenleben iſt ſchön; denn dieſe Stunde, die ſeligſte in meinem Leben, gehört ja dazu. Und bald....“ „Aber, mein Gott, was iſt das?“ ſagte Frau Her⸗ mer, die eben eintrat.„Georgine, haſt Du vergeſſen, nach Licht zu rufen? Hier iſt es ja ganz kohlſchwarze Finſterniß.“ „Ach, Mamachen, verzeihe! Guſtav und ich hatten uns ſo tief in Betrachtungen über die Sterblichkeit, oder vielmehr Unſterblichkeit vertieft, daß wir ganz vergaßen, daß wir noch im Finſtern wandelten.“ Lindorm ſchwieg; es war ihm ſehr ſchmerzlich, daß eine ſolche Unterbre⸗ chung vorgefallen war. Inzwiſchen war nicht zu helfen. Licht und Thee wurden hereingebracht, und Alles wurde angenehmer und ruhiger, als zu Anfang der kleinen Re⸗ volution, die Frau Hermer anſtellte, um ihre Befehle ſchnell verwirklicht zu ſehen. Lindorm befand ſich ebenfalls in ziemlich guter Stimmung; denn jetzt hatte alles fremde Verhältniß zwiſchen ihm und Georginen aufgehört. Dreizehntes Kapitel. In goldnem Alter, in der Erde Jugendtagen, Wann waren ſie?— Sie waren! Laßt das eitle Fragen! Liljeſtrale. Man war jetzt dem Schluſſe des Januars nahe, und die ganze Gegend ſprach von nichts Anderem mehr, als der großen Hochzeit in Balderslund, die am erſten Februar gefeiert werden ſollte. Schon acht Tage vorher wurden Einladungskarten herumgeſchickt von hellblauem Papier mit kleinen vergoldeten Liebesgöttern in jeder Ecke, die gehörig mit Köchern und Pfeilen ausgerüſtet waren. Die Bewohner von Roſendal und Engelvik waren unter ſcher folgte ganz gehei Freu Er ſ beim Aufft konnt menſt u tr Verf keiter eins Ende dem der muß der dern ſollt Ton dieſe dazu. Her⸗ nach niß.“ atten oder aßen, vieg; rbre⸗ elfen. zurde Re⸗ fehle falls emde agen, t das nahe, nehr, erſten orher auem jeder küſtet varen unter den Erſten, die dieſen artigen Beweis von der ſcherzhaften Laune des Bräutigams erhielten. Außerdem folgte ein beſonderes Schreiben an Hermer, worin Holk ganz ernſthaft verſicherte, daß keine Entſchuldigung gut geheißen würde, im Falle einer von ſeinen geachteten Freunden aus den obenerwähnten zwei Orten ausbliebe. Er ſchloß den Brief mit der Androhung eines Prozeſſes beim nächſten Gericht im Frühlinge, wenn man ſeiner Aufforderung nicht Gehorſam leiſte. Arthur, der ſich an ſeinen fünf Fingern abzählen konnte, daß es in dieſen unruhigen Tagen die vollkom⸗ menſte Unmöglichkeit für ihn ſein würde, Louiſen allein zu treffen, faßte den heldenmüthigen Entſchluß, ſich nicht früher dahin zu begeben, als wenn die übrigen Gäſte ab⸗ reisten; denn es wäre nur ein reiner Verdruß für ihn geweſen, jetzt nach Björkö zu fahren, da man doch nicht wohl weiter kommen konnte, denn es war ſehr natürlich, daß Frau Marshauſen in dieſen Wühltagen keine Be⸗ ſuche annahm. Hermer und ſeine Frau hatten beſchloſſen, Holks Wunſch zu erfüllen; denn ſie wußten ſehr wohl, daß, wie ſcherzhaft auch ſein Brief war, er es doch in Ernſt übel genommen haben würde, wenn ſie ſich nicht bei dieſer wichtigen Gelegenheit eingefunden hätten. Freilich hatte Frau Hermer für ihre Perſon eine Menge Schwierig⸗ keiten gegen die Reiſe vorzubringen, als da ſind die Haus⸗ haltung, die Kinder, das unfreundliche Wetter, die ſchlechte Verfaſſung der Wege, das unſichre Eis, die Beſchwerlich⸗ keiten einer Nachtreiſe u. ſ. w., welche jedoch Hermer eins nach dem andern über den Haufen warf, ſo daß am Ende nichts mehr als die Furcht vor der Dunkelheit und dem Eiſe übrig blieb. Aber auch dieſe verſchwand bei der Erinnerung an die alte Freundſchaft mit Holk. Es mußte alſo in Gottes Namen gehen; Peter konnte auf der einen Schlittenkufe ſtehen, und Magnus auf der an⸗ dern, Olle ſollte mit der Laterne vorausreiten. Und dann ſollte noch der neue Wolfpelz fertig gemacht, und an die 128 neue Decke Franzen genäht, Brunte geſpitzt und der Schlit⸗ ten friſch gemalt werden; und ſo meinten ſie, ſollte es ſich thun laſſen. Der Leſer darf ſich darüber nicht verwundern. Frau Hermer gehörte zu der Gattung Frauen und Mütter, welche ganz für ihren Beruf da ſind, und für die es eine wichtige Sache wird, wenn ſie einmal die Geſchäfte verlaſſen ſollen, die ſite keinem Andern zu thun anvertrauen. Aber ſind ſie einmal dazu überredet, oder ſehen ſie ſelbſt die Nothwen⸗ digkeit einer Ausnahme in der Ordnung der Dinge ein, ſo muß ein ſolcher Fall nothwendig als eine ſehr wichtige Sache behandelt werden. Ein Paar Tage vor der außer⸗ ordentlichen Fahrt von neun Viertelsmeilen gingen Lin⸗ dorm und Arthur nach Roſendal hinüber, um mit ihren Freunden den Reiſeplan zu berathen. „Die Herren fahren natürlich zuſammen,“ ſagte Her⸗ mer mit einem ſcherzhaften Lächeln, als er hörte, wie Lin⸗ dorm, ein wenig verlegen, an der Sache hin und her drehte, um zum Ziele zu gelangen. „Nein, daran haben wir gewiß nicht gedacht,“ verſetzte der Baron.„Ich meinestheils, hoffte, daß mir Georgine vielleicht erlauben würde, ſie zu führen.— Mein Schlitten iſt in gutem Zuſtande, das wiſſen Sie, mein beſter Hermer.“ Das längne ich nicht,“ ſagte dieſer.„Du ſitzeſt darin eben ſo warm, als im Zimmer, Georgine, ja vielleicht noch einige Grade wärmer. Im Fall Du zu einem Ver⸗ ſuch den Barometer mitnehmen willſt, ſo wirſt Du finden, daß ich nicht zu viel geſagt habe.“— Hermer ſpaßte nach ſeiner gleichmäßigen guten Laune gerne, jedoch nie in ſo zarten Dingen, wenn er nicht vorausſah, daß ſie einmal in Ernſt verwandelt werden würden. Verlegen und blutroth bemühte ſich Georgine, weder zu ſehen noch zu hören, ſondern war gaͤnz damit beſchäf⸗ tigt, die Maſchen an einem ſchönen Reiſeſhawl, an dem ſie arbeitete, aufzunehmen, die ſie unaufhörlich wieder fallen ließ. „Aber meint nicht der Papa und der Herr Baron,“ ſagte Willy in einem ſehr wichtigen Tone,„daß ich auch eine beſtin was, allem hals! Wille der, eine lich i Was Schl mit Geda Du, daß Tour ein, Theil lag, ſeinen das von? mer ſo le oder legen Geiſt Dich ſagte Wah allei G Schlit⸗ jic Frau velche ichtige ſollen, nd ſie hwen⸗ e ein, ichtige außer⸗ 1 Lin⸗ ihren Her⸗ e Lin⸗ rehte, rſetzte orgine hitten mer.“ darin lleicht Ver⸗ inden, nach in ſo inmal weder eſchäf⸗ em ſte n ließ. rron,“ auch eine Stimme bei dieſer Wahl da habe, nachdem einmal beſtimmt war, daß Gine und ich zuſammenfahren ſollten, was, wie ich glaube, auch ſie am liebſten will, da ſie mich allemal an den Bergen herausjagen kann, wenn es ihr beliebt.“ „Aber das kann für Dich, der Du ein ſolcher Wage⸗ hals biſt, nichts Angenehmes ſein,“ fiel Lindorm ein.„Sage, Willy, gefällt Dir mein kleiner netter Schlitten nicht, der, welcher mit einem Bärenfell ausgeſchlagen iſt und eine ſo ausgezeichnet ſchöne Decke hat? Der ſieht wirk⸗ lich nicht übel aus, wenn der Goldfuchs vorgeſpannt iſt. Was meinſt Du, wenn Du allein Inhaber von Roß und Schlitten wäreſt.“ „Das, glaube ich, wäre nicht ſo übel,“ ſagte Willy, mit einem Geſichte, das ſeine Freude bei dem bloßen Gedanken an einen ſolchen Triumph bewies.„Was meinſt Du, Gine?“ „O ich meine Nichts,“ erwiederte ſie lachend,„als daß ihr ſehr gütig ſein würdet, wenn ihr endlich die Tour des Abſtimmens an mich kommen ließet.“ „Ach, was ſagſt Du, beſte Georgine!“ fiel Lindorm ein, indem er den Shaypl ergriff, deſſen ſchon fertiger Theil auf einem Stuhle neben dem, den ſie inne hatte, lag, ſetzte ſich auf den Stuhl und legte die Arbeit in ſeinen Schooß.—„Daß Du ſo unartig ſein kannſt, um das auszuſprechen! Meine Meinung war, gleich anfangs von Dir den Ausſchlag in der Sache zu hören, aber Her⸗ mer ſchwatzte es mir weg. Jetzt ſollſt Du dagegen nicht ſo leicht entwiſchen. Jetzt mußt Du entſcheiden, ob ich oder Willy Dich fahren darf.“ Georgine ſchwieg einen Augenblick, offenbar in Ver⸗ legenheit um eine paſſende Antwort, als Willy's ſchlaue Geiſtesgegenwart ihr aus der Verlegenheit half.—„Plage Dich nicht damit, über die Sache recht nachzudenken, Gine,“ ſagte er lachend,„denn was mich betrifft, ſo kommt die Wahl nicht mehr in Frage. Ich bin entſchloſſen, ich reiſe allein in meinem Schlitten; denn wenn ich recht darüber Guſtav Lindorm. II. 9 130 nachdenke, wie widerwaͤrtig Du immer mit Deinen tau⸗ ſend Ermahnungen zur Vorſicht biſt, ſo iſt es am beſten, von der ganzen Geſchichte wegzubleiben.“ „Nun, Du biſt wahrhaftig ein guter Stoff zu einem artigen Kavalier,“ ſagte Georgine lächelnd.„Du ſiehſt, Guſtav, daß hier reiner Zwang und keine Wahl vor ſich geht, deßhalb will ich recht froh ſein, wenn Du mich mitnehmen willſt.“ Der heitere, lachende Blick, der dieſe Worte begleitete, überzeugte den Baron, daß Zwang den geringſten Antheil an ihrer Bereitwilligkeit hatte. Nie war Lindorm ſo mun⸗ ter und angenehm geweſen, als im Laufe dieſes Abends. —„Liebe Georgine,“ ſagte er und beugte ſich vertraulich zu ihr nieder, während Frau Hermer beim Scheine des Kachelofens die Franzen der neuen Schlittendecke auskämmte, Hermer und Arthur eine Partie Brett ſpielten, und Willy an einer Malerei herumſchmierte,„liebe Georgine, wie manchen Shawl wirſt Du noch Deinem guten Stiefvater ſtricken? Ich glaube, er hat ſchon ein halb Dutzend.“ Noch nicht, Guſtav. Von mir hat er nie mehr als einen bekommen.“ „Und dies gibt den zweiten?“ „Ich habe nicht geſagt, daß Papa dieſen bekommen wird; blos Du behaupteſt es.“ „Ach nein, gute Georgine, ich behaupte das gewiß nicht; ich möchte nur wiſſen, wer ſo glücklich iſt, ihn zu erhalten.“ „Wenn Du ſonſt nichts wiſſen willſt, ſo kann ich Dir das wohl ſagen. Ich habe ihn meinem Schlitten⸗ kavalier nach Balderslund zugedacht.“ „Das war ein wenig zweideutig,“ bemerkte Lindorm; aber in ſeinem Auge blitzte ein hinreißendes Feuer, als er dem Blicke Georginens begegnete.„Er iſt offenbar viel zu lang für Willy. Liebe, gute Georgine, wenn ich nur der Freude zu glauben wagte, die mein Herz klopfen macht, ſo könnte ich auf die kühnſte Vermuthung kommen.“ n tau⸗ beſten, einem ſiehſt, or ſich mich gleitete, Antheil mun⸗ bends. raulich ne des immte, Willy e, wie efvater end.“ mehr ommen gewiß ihn zu ann ich litten⸗ hünten⸗ ndorm; als er ar viel ich nur macht, . 13¹1 „Auf welche denn, lieber Guſtav?“ fragte Georgine mit gut geſpielter Verwunderung. „Ach, wie unartig Du biſt, mich ſo zu plagen! Sage mir rein heraus, wer ihn bekommen ſoll; das kannſt Du wenigſtens thun.“ „Niemand bekommt ihn,“ antwortete Georgine errö⸗ thend und mit geſenkten Augen;„ſondern ich lege ihn her, wenn wir reiſen, und wer ihn am meiſten nöthig hat, ſoll ihn haben.“ „Und das bin ich,“ fiel Lindorm ein, denn ich be⸗ ſitze blos einen, den ich von Konſtanzen erhielt, und den ich als eine theure Reliquie aufbewahre. Ich brauche ihn am eheſten. O Georgine, wie glücklich bin ich!— Und der Umgebung ungeachtet konnte er ſich nicht ent⸗ halten, die Haͤnde zu drucken, die jetzt für ihn arbeiteten, indem er, um es zu verdecken, wie im Scherz ihr die Arbeit in den Schooß warf. „Was habt ihr mit einander?“ fragte Hermer und wandte ſeinen durchdringenden Blick von den Bretſteinen auf das glühende Paar. Georgine kehrte ſich haſtig um, ſo daß kein Schatten mehr auf ihr Geſicht ſiel. Der Baron ſtand auf, um am Kachelofen die Franzen zu be⸗ wundern, an denen Frau Hermer arbeitete. Beim Ab⸗ ſchiede ſprach Lindorm:„Ich habe meinen Freunden in Roſendal einen Vorſchlag zu machen, den ſie mir, wie ich hoffe, nicht abſchlagen werden.“ „Laſſen Sie uns hören,“ erwiederte Hermer, der leicht errieth, was kommen würde. „Je nun, es iſt ganz einfach dies,“ fuhr Lindorm fort,„daß Sie Alle am Abend vor der Hochzeit, alſo über⸗ morgen, nach Engelvik hinüberkommen und dort mit einem Nachtlager auf Junggeſellenweiſe vorlieb nehmen. Es ver⸗ ſteht ſich jedoch, daß Jungfer Wings ihr Möglichſtes thun wird, um Sie, ſo gut es ſich bei der gegenwärtigen Un⸗ ordnung thun läßt, zu beherbergen und zu bewirthen. Die Zimmer im erſten Stock können ſchon bewohnt werden; . 9 13² und es würde mir ein außerordentliches Vergnügen ma⸗ chen, wenn ich Sie Alle um ein luſtiges Kaminfeuer in meiner Heimath verſammelt ſähe. „Den Vorſchlag nehme ich gerne an,“ verſetzte Her⸗ mer.„Es iſt weit nach Balderslund, und um bis zum Mittageſſen dorthin zu gelangen, darf man wohl den Abend vorher abreiſen; denn ich weiß, was das ewige Herumſtöbern meiner Alten heißen will, wenn ſie einmal hinaus ſoll. Alſo danke ich Ihnen meinerſeits.“ „Und ich ebenfalls,“ ſiel Frau Hermer ein;„denn die Bemerkung meines Alten iſt nicht ſo ganz unbegründet.“ „Ja, ich danke auch,“ rief Willy. „Und ich folge mit als Beilage,“ fügte Georgine ſcherzend hinzu. „Aber da behalte ich mir vor,“ übertönte Arthurs Stimme alle Andern,„daß es mir zufällt, das Fräulein nach Engelvik zu fahren. Ich werde deßhalb Montag Nachmittag erſcheinen, dann wird es gerade recht, daß wir in der Dämmerung von hier abfahren können, und dann hat unſere vortreffliche Jungfer Wings einen Kaffee bereit, der ſelbſt von dem Ihrigen, Madame Hermer, nicht beſchämt werden ſoll, das kann ich verſichern.“ „In dieſem Falle fürchte ich, daß Du mehr ver⸗ ſprichſt, als Du halten kannſt, Arthur,“ fiel der Baron ein. Uebrigens werden wir nach beſtem Vermögen die Prahlerei des Herrn Lieutenants zu rechtfertigen ſuchen.“ Die Herren verabſchiedeten ſich, reisten nach Hauſe und ſetzten der Jungfer Wings eine ganze Legion Ameiſen in den Kopf. Arthur nahm ſie unter dem Arme, und führte ſie mit vieler Galanterie in das Schlafzimmer des Barons, wo die Frage verhandelt werden ſollte. Hier nöthigte er ſie mit vielen Komplimenten, in einem Lehnſtuhle Platz zu nehmen, und vor ihr ſtehend hub d an folgendermaßen G. W rr 3 zu reden:„Jetzt die hexrlichſte aller Jungfrauen Du anerkannte er Grazien, perre jör vernimm di e, ungewoͤhn⸗ höre und vernimm die grof 7 ungewöhn ma⸗ feuer Her⸗ zum den ewige nmal ‚denn det.“ rgine hurs ulein ontag daß und Laffee rmer, . ver⸗ garon t die hen.“ Hauſe heiſen e mit wo er ſie B zu iaßen aller Aller berre hn⸗ — 133 lich. Begebenheit, die nächſten? Montag in Engelvik ſtatt. äben. wWozu... r Partn Sie, Her Lieutenant Arthur, ich muß Ihnen ſagen, junger Herr,“ unterbrach ihn Jungfer Wings zornig, und ſtand heftig vom Stuhle auf,„ich muß Ihnen rein heraus ſagen, daß ich zu alt bin, um 5 ec u dienen, und daß Sie ein lunger— ja!“ 1 fing der ſchel⸗ miſche Arkhür in kie oöne wieder an,„durch⸗ bohren Sie nicht mein Herz mit ſo grauſamen Worten! L ſen Sie. nich 4 ornesgluth aus Ihrem ho den Auge mich ganz und d 5 verbrennen; i abe die ahrheit en Baron, ſo werden indorm, der ſich während dieſer Scene lachend auf den Sopha geworfen hatte, verſicherte ernſthaft, daß in der That eine ſehr wichtige Begebenheit Statt finden würde, da ſie Fremde, und zwar Damen, bekämen.— „Die ganze Familie von Roſendal kommt Montag Nach⸗ mittags herüber und bleibt hier über Nacht.“ „Ich hoffe, daß Ihro Gnaden zu ſpaſſen belieben,“ antwortete Jungfer Wings, und ſank wieder auf ihren Stuhl zurück. „Nein, wahrhaftig, es iſt mein voller Ernſt; ich habe ſie eingeladen.“ „Nun, dann muß ich ſagen, daß Ihro Gnaden was Sauberes angeſtellt haben. Hier i*ſt gerade eine Ordnung, um Damen, und beſonders dieſe, zu empfangen. Madame Hermer, die das beſte, ja ausgeſuchteſte Haus in der ganzen Gegend hat! Aber ſo iſt es wirklicher Zeit immer mit den Herren und Hausvätern! Nie ein Darandenken, ob es geht oder nicht; nein bewahre, das gibt ſich von ſelbſt. Sonſt war es anders auf der Welt, in der guten, alten Zeit. Da fragte der Mann ſeine Frau, oder der Herr ſeine Haushälterin: Haben wir das ſo und ſo? Sage — mir, ob ich den und den einladen kann? und ſo fort. — 134 Aber die gute Zeit, wo das der Brauch war, kommt nimmer wieder, und ich muß frei herausſagen, daß es gar nicht uneben geweſen wäre, wenn der Herr Baron zuerſt mit mir darüber geſprochen hätte. Aber nein, Gott be⸗ wahre, Jungfer Wings ſoll bereit ſtehen, den Karren herauszuziehen, wenn man ihn feſtgefahren hat.“ Nie war Jungfer Wings ſo böoſe, oder beſſer, ſoger⸗ rimmt geweſen, und mit dem ganzen Gewicht. der utorität einer alten getreuen. Dienerin und Haushälterin äußerte ſie ihre Meinung frei heraus. Arthur lag quer über ein Paar. Tahaurette und lachte laut hinauf zu der anerkannten Mutter der Grazien, die in der lächerlichſten Stellung ſich wieder erhoben hatte, und vor Zorn über die kühne Unternehmung ihres Haus⸗ herrn und die veränderten Zeiten zitternd daſtand. „Meine gute Jungfer Wings,“ ſagte Lindorm beſänf⸗ tigend,„das kam ſo ſchnell, als ich dort war, daß ich nicht heimlaufen und Sie um Ihre Meinung fragen konnte, das ſonſt billig geweſen wäre; aber während der ganzen Heimfahrt tröſtete ich mich mit der Hoffnung, daß eine ſolche Hausmeiſterin wie Sie, gegen die Frau Barſch ein Nichts iſt, kurz, wie wir wenige finden werden, wenn wir auch am ganzen Ufer der Oſtſee hinauf ſuchten, daß eine ſolche mit ein wenig Nachdenken und der gewöhnlichen Ener⸗ gie eine derartige Sache wohl in Ordnung bringen würde.“ Die Wolken auf der Stirne der Jungfer Wings hat⸗ ten ſich zwar etwas aufgehellt; aber ſie waren noch bei weitem nicht verſchwunden. Da ſetzte Lindorm freundlich hinzu:„Ich erinnere mich, meine beſte Jungfer Wings, daß Sie dieſer Tage erwähnten, Ihr Mantel ſei ſo alt und dünn, daß Sie des Winters nie zur Kirche fahren könnten. Machen Sie mir das Vergnügen, und nehmen Sie den Pelz herunter, der oben von der ſeligen Baronin hängt. Die Motten freſſen ihn ſonſt auf und ich wünſchte, daß Sie ihn als einen kleinen Beweis des Wohlwollens annehmen, das ich Ihnen ſchon zum Voraus wegen der vortrefflichen Anordnung am Montag Nachmittag widme.“ ommt S gar zerſt 1 be⸗ arren oger⸗ der terin nnte, inzen eine hein wir eine ner⸗ rde.“ hat⸗ bei dlich ngs, alt hren men onin chte, lens der ne.“ 13⁵ „Gott ſegne Euer Gnaden! Es iſt doch no Verſtand und Herz in Ihllen Aber das iſt de gär zu Doch ich ſage es frei heraus, daß es auch etwas heißen will, in zwei Tagen ein ſo total umgekehrtes Haus in eine etwas ordentliche Geſtalt zu bringen; denn haben nicht die prächtigen Reparationen hier gemacht, daß wir das Eine über das Andere geworfen haben, und kaum iſt ein einziges Schlafzimmer zu finden, das wir Jemand zum Darinliegen anbieten könnten. Aber ich werde ſie wohl herausputzen und die Vorhänge waſchen und ſtärken laſſen.“ „Und endlich, Jungfer Wings, ein ausgezeichnet gu⸗ tes Nachteſſen,“ fiel Lindorm ein. „Und den herrlichſten Kaffee,“ rief Arthur;„denn ich habe Madame Hermer verſichert, daß ſie weder einen ſolchen Kaffee kochen, noch ſo vorzügliche Hippen backen könne, wie unſere vortreffliche Jungfer Wings.“ „O, Sie ſind ein unerträglicher Schwätzer,“ erwie⸗ derte ſie, ſo recht ſüßſauer, wie es für einen Scherz taugt.„Uebrigens, was das Eſſen, den Kaffee und die Brodchen betrifft, ſo werde ich die Ehre von Ihro Gna⸗ den ſelig retten, ſo lange ich lebe und mich regen kann, darauf dürfen ſich die Herren verlaſſen. Doch jetzt iſt es nicht am Platze, hier zu ſtehen und die Zeit hinwegzu⸗ plaudern. Und noch eins, die Herren müſſen ſich darauf vorbereiten, ſelbſt mitten unter den Zurüſtungen zu ſitzen.“ Darein werden wir uns zu finden wiſſen,“ verſicher⸗ ¹ ſetzte Arthur 71 ten beide;„und ich werde Ihnen helfen, hinzu. — Vierzehntes Kapitek.— Ach! wenn ein Für Und ſollten Peru's Sch Als ihren Herrn, ſie w ſt ich wäre, ſieh’, ich Dir zu Füßen, ätze mich begrüßen ären Dein, auch ſie. Mit halb frohen, halb erfuhr Waldenberg, daß die zu Gaſte ſein ſollte. kehr des Barons nicht! etztern ſchloß er mit Grund niß des Barons zum Abgotte ſeines tende Veränderung erlitten habe ch kam der Montag ſich von dem überſchw dorms ganzem Weſen ſich vermochte, zum Mittag ter dem nicht erdichteten Vorn gewaltſamer als gewöhnlich ſe Er hatte ſich in den letzten wie ſeine Kräfte abnahmen den Salon bald fertig zu ſe ſchmerzlichen Empfindungen Hermer in Engelvik ginen ſeit der Heim⸗ aber aus der frohen daß das Verhält⸗ Herzens eine bedeu⸗ heran. Arthur fuhr am und Waldenberg fühlte änglich glücklichen Ausdruck in Lin⸗ gt, daß er es nicht über n hinabzugehen, ſondern un⸗ wande, daß ſeine Leiden heute ien, auf ſeinem Zimmer blieb. Wochen, ungeachtet er fühlte, „übertrieben an en, der es jetzt auch größten⸗ g der Möbel blieb noch chricht von ſei⸗ zum Abholen bereit. ſt hinreiſen, um während des Trans⸗ unen, damit dieſe ber das hatte der cht wurde an ſeiner d erwarteten Gegen⸗ übrig, und auch dieſe waren na iſſtionär in der Stadt Waldenberg wollte ſelb ports eine ſichere Au Kleinodien keinen S Baron nicht zugegeb Stelle geſchickt, um die zubringen. Die Beſorgung e Wirkung auf Waldenbergs fſicht führen zu kö chaden nähmen; a en, und der Oberkne ſundheit gehabt, und jetzt ſollte er, zum Ueb Lind trag geiſt klop Lind den ſchl ſond mög Sie die ſten ber⸗ ſtro ſein keh län ein gen 3u ner ner ben we ſch ſch gef der He im ve me ein ien, jen ſie. d. ingen gelvik deim⸗ rohen hält⸗ edeu⸗ am ühlte Lin⸗ über 137 Lindorms Entzücken ſehen. Dies war mehr, als er er⸗ tragen konnte; ſeine körperlichen Leiden nahmen mit den geiſtigen zu. Aber wie glühten nicht ſeine Wangen, wie klopfte nicht ſein armes Herz in unruhigen Schlägen, als Lindorm zu ihm heraufkam und ſich freundſchaftlich neben den Sopha ſetzte, auf dem er doppelte Qualen litt. „Es thut mir leid, beſter Waldenberg, daß es heute ſchlimmer mit Ihnen iſt,“ ſagte der Baron herzlich,„be⸗ ſonders da ich ſo theure Gäſte erwarte. Wenn es Ihnen möglich iſt, ſo verſuchen Sie, zum Kaffee herabzukommen, Sie ſollen dann ſehen, wie ich Georginen vermögen werde, die Wirthin zu machen. Ich weiß, daß es Ihnen am be⸗ ſten ſchmeckt, wenn Sie ſie ſerviren ſehen.“ „O nein, ich will Nichts ſehen, erwiederte Walden⸗ berg kutund wandte den Kopf auf die Seite. Ein Blitz⸗ ſtrahl fuhr Lindorm durch die Seele. Sowohl während ſeiner langen Abweſenheit, als nach ſeiner glücklichen Heim⸗ kehr hatte er Waldenbergs ſtille Liebe, worauf ihn Arthur längſt aufmerkſam gemacht hatte, vergeſſen⸗ Er ſah jetzt ein, daß das, wozu er ihn einladen wollte, nicht von an⸗ genehmer Natur für ihn war, und hörte deshalb auf, ihm zuzuſprechen, indem er den armen Waldenberg tief in ſei⸗ nem Herzen beklagte. Dieſer hatte inzwiſchen ſchnell das Unpaſſende in ſei⸗ ner Antwort gegen eine Perſon, die nicht allein ſein Ne⸗ benbuhler, ſondern auch ſein Patron war, eingeſehen. Er wendete den Kopf wieder herum, und machte, mit einem ſchmerzlichen Ausdruck in der Stimme, eine haſtige Ent⸗ ſchuldigung wegen ſeines Verſehens; es ſei unvorſätzlich eſchehen. eſ„Machen Sie mir keine Entſchuldigungen, lieber Wal⸗ denberg,“ ſagte Lindorm und drückte ihm freundlich die Hand;„ich kann die Ceremonien nicht leiden, Sie ſollen immer Ihre vollkommene Freiheit haben. Aber es wäre verdrießlich, wenn Ihre Unpäßlichkeit Sie verhinderte, uns morgen nach Balderslund Geſellſchaft zu leiſten; das wird eine brillante Hochzeit geben.“ 138 „Morgen kann ich auch nicht von hier weg ſein,“ ſagte Waldenberg mit einer gewiſſen krankhaften Heftigkeit; „morgen kommen die Sachen an, und dann habe ich alle Hände voll mit Abpacken. Ich bin in der größten Unruhe, ob die Kronleuchter keinen Schaden genommen haben.“ „Poſſen,“ meinte Lindorm;„was ſollte an ſie kom⸗ men, da ſie ſo wohl aufgepackt ſind und ſo vorſichtig ge⸗ führt werden? Ich meine, Svensſon bekam genug Er⸗ mahnungen darüber; ich glaube, Sie begleiteten ihn eine halbe Stunde Wegs, um ihm über dieſes Thema zu pre⸗ digen. Lieber Waldenberg, ſeien Sie ruhig wegen dieſer Sachen, damit geht es gewiß recht, und das iſt kein Hin⸗ derniß, wenn Ihre Geſundheit die Reiſe erlaubt.“ „Nein, Herr Baron, ich will in keinem Fall einer Hochzeit beiwohnen. Es erweckt bei mir die Erinnerung an meine eigene Vermählung mit der Bahre und dem Grab, meiner einzigen Braut.“ „Das iſt doch zu betrübt, daß Sie immer wieder auf dieſes Kapitel kommen,“ ſagte Lindorm;„ſolche Grillen ſind zu nichts nütz.“ „Herr Baron, ich höre Schellengeläute,“ rief Wal⸗ denberg und ſprang haſtig auf, alle ſeine Leiden vergeſſend. Er ſtand am Fenſter, das gegen die Anfahrt von der Bai her ging.„Sie kommen,“ ſagte er in einem tiefen, weh⸗ müthigen Tone. Lindorm warf einen Blick voll ſchmerz⸗ licher Theilnahme auf die entſtellten Züge in Waldenbergs Antlitz und flog dann in den Hof hinab, um ſeine Gäſte zu empfangen. Ach, die langweilige Sitte! Lindorms Seele flog zu dem letzten Schlitten; aber ſein körperliches Ich mußte am erſten ſtehen bleiben, bis er mit einiger Schwie⸗ rigkeit alle die faſt gordiſchen Knoten an der neuen Wolfs⸗ hautdecke aufgelöst und dann unter Verbeugungen und artigen Worten Frau Hermer aus dem Schlitten geholfen hatte. Aber damit war es nicht genug. Jetzt galt es, ihr den Arm zu bieten, und mit feierlicher Langſamkeit die Treppen hinauf in den Vorſaal zu ſegeln. Aber weiter konnte keine menſchliche Geduld gehen, und Hermer, der ſein,“ gkeit; h alle rruhe, en.“ kom⸗ g ge⸗ g Er⸗ eine t pre⸗ dieſer 1 Hin⸗ einer erung d dem er auf rillen Wal⸗ eſſend. r Bai weh⸗ merz⸗ rbergs Gäſte Seele s Ich chwie⸗ Volfs⸗ n und holfen s, ihr eit die weiter r, der 139 errieth, daß dieſe jetzt erſchöpft war, ſagte gutmüthig: „So, jetzt iſt das Geſchäft des Wirths erfüllt. Geben Sie meine Alte her; ich werde ſchon für das Uebrige Sorge tragen.“ Lindorm lächelte verbindlich und flog mit einer Vier⸗ telsverbeugung— zu mehr hatte er nicht Zeit— wieder in den Hof hinaus, wo Arthur, um der lieben Freund⸗ ſchaft willen, mit aller gehörigen Langſamkeit Georginen geholfen hatte, unter Schachteln und Körben und Allem, was unnöthig war, herumzukramen. „Nun iſt die Reihe an mir,“ rief Guſtav triumphi⸗ rend und legte Georginens Hand in die ſeinige. „Nehmen Sie die Schachteln und Körbe wohl in Acht, Lieutenant Arthur,“ ſagte Georgine lächelnd zu dieſem, und winkte mit ihrem reizenden Köpfchen, während ſie an Lindorms Seite vorüberſchwebte. „Sie theilen die Rollen ſehr ungerecht aus, mein Fräulein,“ erwiederte Arthur lachend;„aber ich werde Ihnen für die Güte dankbar ſein, womit es Ihnen gefällt, mich zu Ihrem Kammerdiener zu ernennen.“ „Pfui,“ ſagte Georgine und wandte ſich noch einmal um,„konnten Sie auf keinen beſſern Titel verfallen, Ritter zum Beiſpiel?“ „Gehorſamer Diener, Ritter vom Korb! Sie ſind ſehr gnädig mein Fräulein n Die Glücklichen hörten nichts mehr; ſtill wanderten ſie Arm in Arm die breite Treppe hinauf und durch den langen, gewölbten Corridor.—„Georgine,“ flüſterte Lin⸗ dorm, und in ſeinem Tone lag tiefe Rührung, Seligkeit und Luſt,„wenn Du das wonnige Gefühl ahnen könnteſt, das meine Seele durchbebt, da Du, meine Einzige, mein Haus betrittſt, dieſes Haus, das— o Georgine— möochte es Deinen Beifall gewinnen!“ Mit einem ſprechenden Blicke ſah er ihr in's Auge. „Zweifle nicht daran, guter Guſtav,“ antwortete ſie leiſe.„Dieſe hohen, prachtvollen Zimmer, die einſt in ihrer eleganten Düſterheit mir ſo öde erſchi nen, ſie kommen 140 mir jetzt freundlich und helle vor; denn Ruhe und Friede wohnen in ihren Mauern.“ „Was, in's Kukuksnamen! Sind Sie noch nicht wei⸗ ter gekommen?“ fragte Arthur, der die Treppe herauf ge⸗ ſprungen kam.„Ich glaubte, das gnädige Fräulein, das ſich unterwegs ſo ſehr über Kälte beklagte, ſei längſt drinnen.“— Lindorm drückte haſtig die Thüren auf und führte Georgine in das Wohnzimmer, wo Hermer und ſeine Frau ſchon in guter Ruhe vor einem angenehm kni⸗ ſternden Kaminfeuer ſaßen. Mitten im Zimmer ſtand ein großer, runder Maha⸗ gonytiſch mit einem blendend weißen Damaſttuche, und darauf ſtrahlte das koſtbare Silberſervice, das Jungfer Wings mit eigener Hand für die Feier des Tages herausgeputzt hatte. In den durchbrochenen Silberkörben waren mannig⸗ fache Arten von feinem Backwerke aufgeſtellt; Alles vom Größten bis zum Kleinſten war ausgeſucht und geſchmack⸗ voll, und Lindorm ſelbſt ein höchſt artiger und aufmerk⸗ ſamer Wirth. Unſere Reiſenden fühlten ſich außerordentlich wohl; es kam ihnen vor, wie wenn ſie unter dem Einfluſſe einer freundlichen Fee ſtünden, ſo ruhig, heiter, herzlich und angenehm befanden ſie ſich. Jetzt trat Jungfer Wings ein, in der Aufſatzhaube und dem Fiſchbeinrocke, jener koſtbaren Verlaſſenſchaft aus einem vergangenen Jahrhundert. Sie verneigte ſich mit der ihr ganz eigenen Anmuth, freute ſich, während ſie vor⸗ ſichtig die Kaffeekanne niederſetzte, einmal die Damen von Roſendal in Engelvik zu ſehen, und beklagte es, daß es unmöglich ſo ſein könnte, wie zur Zeit von Ihro Gnaden ſelig. Dann zog ſie ſich unter oft erneuerten Knixen an die Thüre zurück. Frau Hermer verſicherte zu ihrer großen Freude, es ſei ein halbes Wunderwerk, daß ſie das ſo vorzüglich habe herrichten können, in einem Hauſe, wo ſo weitläufige Reparationen vorgenommen werden.—„Aber iſt es nicht ſo, wie ich immer geſagt habe,“ ſetzte Frau Hermer verbindlich hinzu,„Jungfer Wings beſchämt uns Frauen alle in der Gegend.“— Noch an der Thürſchwelle verne friede wan Kan beid wil fra⸗ und dor der übe Friede twei⸗ uf ge⸗ t, das längſt f und und a kni⸗ Naha⸗ und Vings eputzt unnig⸗ vom mack⸗ merk⸗ ntlich ifluſſe rzlich haube ft aus h mit e vor⸗ n von aß es naden en an roßen as ſo vo ſo Aber Frau uns welle 141 verneigte ſich Jungfer Wings, worauf ſie mit einem zu⸗ friedenen Lächeln die Thüre ſchloß.— „Darf ich,“ ſagte Lindorm leiſe und beugte ſich zu Georginen nieder,„darf ich Dir ein Tabouret an den Kaffee⸗ tiſch ſetzen?“ Bis an die Schläfe erröthend verſetzte Georgine un⸗ ruhig:„Mama ſervirt gewiß mit vielem Vergnügen, wenn Du nur ein Wort zu ihr ſagſt.“ „Wenn Du es nicht thun willſt, Georgine,“ fing er wieder an, mit einem Ausdruck in der Stimme, der bewies, daß er ſich beleidigt fühlte,„dann— kann meine Haushälte⸗ rin für den Nothfall die Pflichten der Wirthin übernehmen.“ „Guſtav, was fällt Dir ein?“ ſagte Georgine und wandte ſich zu ihm um, der hinter ihrem Seſſel auf die Kante gelehnt ſtand; und in dem einzigen Blicke, den ſie beide wechſelten, lag Abbitte und Verzeihung.—„Gewiß will ich... aber...“ „Soll ich den Kaffee einſchenken, Baron Guſtav?“ fragte Frau Hermer freundlich. Sie hatte nichts bemerkt und glaubte, er wünſche es. Stumm verbeugte ſich Lin⸗ dorm. Aber da erhob ſich Georgine haſtig, und ſagte in der holdeſten Verwirrung:„Guſtav will dieſes Amt mir übertragen, wenn Mama erlaubt.“ „Ei freilich,“ antwortete Frau Hermer vergnügt; es iſt mir lieb, wenn ich davon befreit werde.“ „Nun, wo haſt Du das Tabouret, das Du mir an⸗ botſt, Guſtav?“ fragte Georgine etwas muthiger und wandte ſich lächelnd zu Lindorm, der geſchäftig wegflog, um eines zu holen.— Als der erwähnte Artikel an ſeinem Platze ſtand, und Georgine mit einem nie vorher verſpürten Ge⸗ fühle ſüßer Verlegenheit ſich bereit gemacht hatte, half ihr Lindorm mit der größten Dienſtfertigkeit die Schalen und Gefäße in gehöriger Ordnung aufſtellen. „Aber wird denn nie etwas daraus? Das iſt eine langſame Servirerei,“ ſagte Hermer. „Ja, Gott laſſe den Kaffee nicht kalt werden,“ fügte ſeine Frau hinzu. 142 „Es wird gleich fertig ſein, liebe Mama,“ ſagte Georgine, die fühlte, daß ſie nie ſo ſelig, aber auch nie ſo ungeſchickt geweſen war. Jetzt nahm ſie die Kanne zur Hand und fing an, den klaren, ſchäumenden Inhalt ein⸗ zuſchenken. Da hörte man ſchnell ein lautes Gelächter, ſo daß Hermer die Pfeife fallen ließ, und der Lieutenant Kolikanfälle bekam; ſogar Frau Hermer mußte lachen, wäh⸗ rend ſie mit erkünſteltem Ernſte Georginen zurief:„Aber Mädchen, ſiehſt Du denn nicht, daß Du den Kaffee in die Kriſtallſchale eingießeſt? Jetzt iſt der Rahm verdorben, und auch das ſchöne weiße Tiſchtuch.“ Georginens Verwirrung läßt ſich nicht beſchreiben, als ſie ſah, was für eine Verheerung ſie angeſtellt hatte. Ihre und Lindorms Blicke ſuchten und trafen einander; beide errötheten tief, und fühlten ſich gleich ſchuldig an dieſem Verſehen. „Sei deßhalb unbeſorgt, Georgine,“ ſagte Lindorm, der ſich zuerſt erholte.„Sieh', da haben wir die Taſſen; und Jungfer Wings verſchafft uns bald wieder eine andere Schale Rahm.“ „Geh' fort, Guſtav,“ ſagte Georgine leiſe.„Ich werde allein beſſer fertig.“— Er gehorchte und genoß von der Ferne den entzückenden Anblick. „Bekommen wir Waldenberg nicht zu ſehen?“ fragte Hermer. „Er iſt genöthigt, heute den Sopha zu hüten,“ er⸗ wiederte Lindorm.„Ich war eben bei ihm; er wagt es nicht, das Zimmer zu verlaſſen.“ „Dann will ich ihm Geſellſchaft leiſten,“ rief Willy und ſprang hinauf. „Sag' ihm, ich komme nach, mein Sohn,“ ſagte Hermer.„Es thut mir herzlich leid um den armen Jüng⸗ ling,“ ſetzte er hinzu;„gewiß, wenn ich mich nicht täuſche, hat ſein Frühling vor nächſtem Herbſt geblüht.“ „Er wird dann in einem beſſeren Boden Knoſpen treiben,“ ſagte Lindorm mit einem tiefen Seufzer. „Was,“ rief Georgine erbleichend,„glaubt ihr, daß er ſo bald fort muß: O, wie ſehr werde ich nicht Wal⸗ denberg betrauren! Er war mir ein theurer Bruder, ein innig ergebener Freund. Ja, wir Alle werden ſeinen Ver⸗ luſt bitter empfinden. Er iſt ſo gut, ſo frei von aller Selbſtſucht, und nie traf ich bei einem andern Manne ſo viel Sanftmuth, ja Weichheit, vereint mit ſo viel wahrer Kraft und Feſtigkeit in Beſchluß und Ausführung.“ „Waldenberg verdient ſicher dieſe ſo ſchoͤnen Lobſprüche, gute Georgine; aber erinnere Dich, was Du einmal ſag⸗ teſt, daß es ſüß ſei, zu ſterben, wenn alle Roſen des Le⸗ bens erbleicht ſind und ihr Saft unſern irdiſchen Hoffnun⸗ gen keine Nahrung mehr geben kann.“ „Ja, aber Waldenbergs Hoffnungen ſind ſo anſpruch⸗ los,“ meinte Frau Hermer,„daß der Saft, wovon ſie ihre Nahrung nehmen, wahrſcheinlich nie vertrocknen kann.“ „Dennoch könnte das der Fall ſein,“ fiel Lindorm traurig ein.„Das Menſchenherz begehrt nicht immer gleich wenig. Die Quelle, die heute ruhig und ſtill unſere rei⸗ nen Wünſche wie ſchuldloſe Blumen an ihrem Rande hegt und ihnen von ihrer lebenſchenkenden Woge Nahrung zu⸗ kommen läßt, kann morgen trübe werden, und noch einen Tag ſpäter überfließen und unſere Wünſche begraben, wie die Blumen, deren Wurzeln zu nahe ſtanden und bei der Ueberſchwemmung weggeſpült wurden. Nein, vergebens ſtecken wir unſerer Genuͤgſamkeit Grenzen aus; ſie läßt ſich nicht binden. Es verſteht ſich jedoch, daß hier blos die Rede von der Eitelkeit der irdiſchen Hoffnungen iſt; was die himmliſchen betrifft, ſo iſt Waldenbergs fromme Seele ein heiliger Tempel für ſie.“ Georgine ſaß ſtille. Sie glaubte Lindorms dunkle Meinung zu verſtehen; aber ſie kannte Waldenberg beſſer, wenigſtens glaubte ſie, das zu thun, und ſtellte ſich vor, daß ihr Lächeln, ihre freundliche Unterhaltung für ihn des Lebens höchſter Genuß ſei, da ihr Herz ja ausſchließlich einem Andern angehörte. Waldenberg konnte keinen niedri⸗ gen Neid fühlen; das hatte er ſelbſt verſichert. Es fiel Georginen nicht ein, daß dieſer ſich gegen ſeinen Willen — 144 und ſeine beſſere Ueberzeugung bei ihm einſchleichen könnte, und daß Waldenberg auch bei dem edelſten Herzen ein ſchwacher Menſch ſei, bei welchem der Dämon der Eifer⸗ ſucht wohl einen unbewachten Platz finden könnte, um dort einzudringen, und mit ſeinen ſcharfen Klauen die Wunde in jenem gequälten Herzen noch tiefer zu ritzen. Hermer, immer umſichtig, bemerkte, daß dieſer Ge⸗ genſtand die ganze Geſellſchaft verſtimmte. Mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Geſchicklichkeit entfernte er ihn, und in Kurzem waren ſie in einer lebhaften Unterhaltung über Freund Holk ſeine Braut, Fräulein Mantén, die Hochzeit in Balders⸗ lund und den Ball am andern Tage zu Björkö begriffen. Dabei nahm Georgine ihren Shawl hervor, und legte die letzte Hand an ſeine Vollendung, ſie ſetzte nämlich die Quaſten an, wozu ihr Lindorm mit fröhlicher Dienſtfer⸗ tigkeit das Garn wickeln half. Nach einem außerordentlich angenehmen und heitern Abend, und nachdem man dem ausgeſuchten Abendeſſen der Jungfer Wings alle Ehre an⸗ gethan hatte, begaben ſich die einzelnen Glieder der Geſell⸗ ſchaft in ihre Schlafzimmer, Hermer, ſeine Frau und Willy, um wirklich zu ſchlafen, die Andern aber, um in ungeſtörter Ruhe ihre Herzensangelegenheiten zu überdenken. und in Gedanken tauſendmal zu durchgehen, wobei Arthur durch das roſige Glas der Phantaſie zu entdecken ſuchte, ob nicht der lang erwartete morgige Tag eine wichtige Ver⸗ änderung in ſeinen Angelegenheiten herbeiführen würde. Später wurden überall die Lichter ausgelöſcht, und nur von Waldenbergs Fenſter flimmerte die ganze Nacht hindurch der einſame Schein einer Lampe. Er lag entklei⸗ det auf einem Sopha und ſtützte das brennende Haupt auf die abgemagerte Hand. Sein Blick war unverwandt auf einen Gegenſtand gerichtet, der auf dem Tiſche vor ihm lag. Sehr oft ſtreckte er die Hand aus und ergriff ihn.— Es war der verwelkte Kranz, den er von Georginens Harfe genommen hatte. Er küßte die theure Reliquie und ſprach mit klarer, feſter Stimme, wie wenn er gegen ſein eige⸗ nes aufgeregtes Gefühl disputirte:„Muß man nicht ſelbſt in de Hirn Seel und oft t unvo auflo in di ſucht wie über gleit Natt Ziel — 1 leiſer auf Gar Nach ſchie ruhi wied das unte, ein Lifer⸗ dort unde Ge⸗ r ge⸗ erzem Holk ders⸗ eiffen. te die h die iſtfer⸗ ntlich dem ce an⸗ zeſell⸗ und im in enken. lrthur ſuchte, 2Ver⸗ ürde. , und Nacht entklei⸗ pt auf dt auf or ihm ihn.— 3 Harfe ſprach n eige⸗ üt ſelbſt 145 in den Augenblicken, wo ſich die Leidenſchaften in unſerem Hirn herumtummeln, verſuchen, die Ausſchweifungen der Seele zu beherrſchen? Ohne Zweifel iſt es unſere Pflicht, und wir werden nicht ſelten dadurch den ohnedies nur zu oft trüb geſtimmten Lebensſaiten, die ſich durch unſere unvorſichtige Berührung in wilde, zerreißende Diſſonanzen auflöſen können, einen milderen Ton geben.“ Er ſchwieg ein Paar Augenblicke; ſein Auge ſtierte in die Leere hinaus, wie wenn es dort einen Lichtpunkt ſuchte, um daran haften zu können. Etwas langſamer, wie klagende Seufzer, ſchwebten dann wieder einige Worte über ſeine Lippen:„Wie manche wehmüthige Stunde be⸗ gleitet doch unſer Streben; wie ſchwach iſt die menſchliche Natur!„Wo?“" fragt das verlangende Herz, ‚wo iſt das Ziel und wo wartet ein Lohn für unſere Bemühungen?““ — Wieder eine lange Pauſe. Er ſtand auf und ging mit leiſen Schritten mehrere Male in dem einſamen Zimmer auf und nieder. Er blieb am Fenſter ſtehen, öffnete die Gardinen und ſchaute hinaus in die ſchöne, mondhelle Nacht. Am Himmel flimmerten leuchtende Sterne; es ſchien ihm wohl zu thun, da hinauf zu ſchauen. Er wurde ruhiger, die Engel des Friedens beſuchten ſeine Seele wieder und ſchlugen ſchirmend ihre weißen Schwingen um das kämpfende Herz. Waldenberg gab in dieſem Momente einen herrlichen Anblick von Ergebung und höherer Hoffnung ab. Er beugte ſeine Kniee und ſprach leiſe und mit einer Stimme, welche die ſchöne Ueberzeugung ſeiner flehenden Seele bekräftigte: „Wenn die Zukunft ihren Schleier gehoben hat, ſo ſteht die Ernte jener Saat, die wir hier mit Seufzern aus⸗ ſtreuten, herrlich und reif da, und es iſt ſüß, das Bewußt⸗ ſein zu haben, daß wir die Winke der Vergangenheit nicht verachtet haben. Vater, dieſer Troſt gibt mir die Gewiß⸗ heit, daß ſich die Sonne erhellen wird, wenn nicht früher, ſo doch dann, wenn ihr letzter Strahl erbleichend auf den Raſen fällt, der meinen Staub bedeckt’“— Geſtärkt durch Guſtay Lindorm. II. 10 den Frieden, der allen Verſtand überſteigt, wandte er ſich wieder Pu ſeinem ſtillen Lager, entkleidete ſich vollends und fiel in einen wohlthuenden Schlummer. Fünfzehntes Kapitel. Es gibt Schmerzen, welche der Menſch liebt, durch welche er ſich gehoben fühlt, in wel⸗ chen er neue Lebenskraft und neue Stärke finden kann. Es, gibt aber auch andere, welche bei der gelindeſten Berührung ſeinen beſten Muth, ſein innerſtes Mark, ſeine Seele und ſein Gemüth wie Peſthauch an⸗ greifen. Starklof. Am andern Morgen um neun Uhr verſammelte man ſich um das Frühſtück. Waldenberg war der Erſte im Speisſaale. Er war feſt entſchloſſen, ſich der Seelenqual zu unterwerfen, die ſeiner wartete. Die Kämpfe und der Sieg in der vergangenen Nacht hatten ihm die Ueberzeu⸗ gung gegeben, daß er mit vollkommener Selbſtbeherrſchung das freundliche und bedeutungsreiche Verhältniß anſehen konnte, das, wie er wußte, zwiſchen Lindorm und Geor⸗ gine Statt fand, obwohl er verſichert war, daß der Baron das Andenken an Konſtanzen und den Titel, den ſie ge⸗ tragen hatte, zu ſehr ehrte, um, ſo lange er noch Trauer⸗ kleider trug, um Georginens Hand anzuhalten. Aber er wußte auch, daß nichts ihn davon abhalten konnte, durch Blicke, und halbe, aber darum nur um ſo gefährlichere Worte, und durch tauſend kleine Aufmerkſamkeiten, täglich, ja ſtündlich um ihr Herz zu werben; und daß Georgine dieſer beredten Sprache nicht entgegen war, das hatte Waldenberg ſchon längſt gefühlt, und verſucht, ſich mit dieſem Gedanken vertraut zu machen. Als er eintrat, war Niemand da, als Jungfer Wings, die n „Ei 7 den 4 folgt heute kann Aben Ihne keine komn 1 mein unver Hand Jung ſie b. ein j r, fragt den wünf Frau böſe pen nen Scha und denn walte der Sie er ſich lends liebt, 1 wel⸗ Stärke indere, ſeinen ſeine ch an⸗ f. man ſte im enquab nd der derzeu⸗ ſchung nſehen Geor⸗ Baron ſie ge⸗ rauer⸗ ber er durch lichere täglich, eorgine hatte ich mit Wings, die nach allerlei Dingen in dem Saale herumkramte.— „Ei, der Herr Verwalter! Nun, das wäre nichts Neues, den Herrn als den Erſten zu ſehen, der dem Ruf zum Eſſen folgt, und wenn man auch ſo frühzeitig daran iſt, wie heute. Aber Sie müſſen wohl ſchön hungrig ſein, das kann ich mir denken, da Sie geſtern weder Mittags noch Abends etwas zu ſich genommen haben. Aber ich ſage es Ihnen frei heraus, lieber Herr Waldenberg, daß Sie keine von den Schüſſeln anrühren dürfen, bis die Andern kommen.“ meine, Sie ſollten ein wenig mehr— mehr....“ M „Mel aſteten nehmen, meint Mütterchen,“ fiel der unverbeſſerliche Arthur ein, un größten Handfertigkeit einen neuen Diebſtahl. 3 „Nein, mehr Verſtand haben, meinte ich!“ antwortete Jungfer Wings, während ihr Kopf, wie gewöhnlich, wenn ſie böͤſe wurde, in ein heftiges Zittern gerieth.„Sie fn ein junger Gelbſchnabel, der nicht ein Bischen von dem hat, was Ihro Gnaden ſelig guten Ton nannte.“ „Wie werde ich den erlernen können, Mütterchen,“ fragte Arthur, ſchuldlos wie ein Lamm,„da Sie immer den ſchlechten Ton gegen mich annehmen? Es wäre zu wünſchen, daß Sie mir bald im guten Ton der gnädigen Frau ſelig mit gutem Beiſpiel vorangingen.“ „Sie ſind ein arger Eulenſpiegel, dem man nie recht böſe ſein kann.“— Jungfer Wings verzog die dürren Lip⸗ pen zu einem halben Lächeln, indem ſie mit ihrer knöcher⸗ nen Hand drohte.—„Hören Sie jetzt nur auf, noch mehr Schaden anzurichten, Herr Lieutenant, das ſage ich Ihnen, und laſſen Sie es mit dem genug ſein, was geſchehen iſt; denn ich bin genöthigt, weiter zu gehen. Lieber Herr Ver⸗ walter, haben Sie ein Auge auf ihn. Aber ſieh'! da kommt der Herr Baron ſelbſt! Gott ſegne Euer Gnaden; laſſen Sie den Lieutenant nicht alle Paſteten aufeſſen! Er hat 10* 148 ſchon einen guten Anfang gemacht; und da ich ſchon von Alters her weiß, daß das das Lieblingseſſen des jungen Fräuleins iſt, ſo würde es ſehr ſchlimm ausſehen, wenn nichts in der Schüſſel bliebe, als was er freiwillig darin läßt; denn das ſage ich frei heraus, daß, wenn der Herr Lieutenant thun darf, was er will, nichts mehr übrig bleiben wird!“ „Seien Sie deßhalb unbeſorgt, allertheuerſte Jungfer Wings; ich werde hinlänglich Schildwache ſtehen an den Pforten des Paradieſes. Er ſoll keine einzige mehr be⸗ kommen.“— Und mit einem Geſichte, das von Glück —und Vergnügen ſtrahlte, wandte ſich der Baron zu Wal⸗ denberg und reichte ihm freundlich die Hand zum Morg gruße.—„Es freut mich von Herzen, Herr Verwalter, daß Sie das Uebel in ſo weit uͤberwunden haben, daß Sie wenigſtens hier unten fein lönnen!— Die Roſen auf Waldenbergs Wangen wurden noch hochrother; aber er erwiederte ruhig und feſt:„Ich habe mich bemüht, das Uebel zu⸗ überwinden, und um meinen guten Willen zu zeigen, bin ich herabgekommen, damit die Freude mit anſehen kann, welche die Anweſenheit ſo theurer Gäſte meinem edlen Patrone verſchafft.“— Lindorm begriff leicht den Doppelſinn dieſer Worte, und ſein Blick ſprach etwas von Bewunderung und Dank⸗ barkeit aus, als er ſich auf Waldenberg heftete. Jetzt kamen Hermer und gleich darauf die Damen. Da begann Waldenbergs Prüfung. Lindorm eilte ihnen entgegen, begrüßte Frau Hermer mit einigen Worten, worauf er Georginens Hand faßte, und ſie zweimal an ſeine Lippen führte, mit einem Feuer, wobei Waldenberg fühlte, wie eine Todeskälte das warme Blut in ſeinem Herzen ſtocken machte; und obgleich ſeine Gemüthsbewegung ihn am Sehen verhinderte, ſo hörte er doch Lindorm mit einer Stimme, deren Süße ihm im höchſten Grade wid⸗ rig war, ſagen:„Wie haſt Du heute Nacht geſchlafen, Georgine? Es würde mich in hohem Grade freuen, wenn Deine Ruhe recht ungeſtört geweſen wäre.“ n von ungen wenn darin Herr übrig ungfer n den hr be⸗ Glück Wal⸗ daß n noch h habe meinen damit ſenheit 4— Worte, Dank⸗ Damen. e ihnen Vorten, mal an denberg ſeinem wegung rm mit de wid⸗ ſchlafen, I, wenn 149 „Mein Schlaf war gut, beſter Guſtav,“ erwiederte ſie erröthend. Waldenberg fühlte, wie jedes ihrer vertrau⸗ lichen Worte gleich einem Dolchſtich ſeine Seele durch⸗ drang. Sie nannten einander Du; was für ein Wort in den Ohren eines Nebenbuhlers! Und, das Allerſchmerz⸗ lichſte, Georgine ſah ihn nicht, während hingegen Frau Hermers Blick ſogleich auf ihren Günſtling fiel. Sie näherte ſich ihm ſchnell, und beklagte in den freundſchaft⸗ lichſten Ausdrücken, wie verdrießlich es ſei, daß ſie ihn ſo lange hätten in Roſendal vermiſſen müſſen. Waldenberg verbeugte ſich ſtumm; aber bei den Worten ihrer Mutter ſah Georgine haſtig auf, ihr Auge ſuchte ihn.— Guten Morgen, mein beſter Herr Waldenberg!“ lautete die ſüß klingende Stimme.„Wie freue ich mich, Sie zu ſehen! Warum kommen Sie nicht zu Ihren Freunden?“ „Weine Pflicht hat mich hier zurückgehalten,“ erwie⸗ derte er mit ſo viel Ruhe, als der Sturm ſeiner aufge⸗ regten Gefühle zuließ,„und meine ſchwache Geſundheit erlaubt es überdies nicht, viele Ausflüge zu machen.“ Bei Tiſche ſaß Georgine zwiſchen Lindorm und Wal⸗ denberg. Arthur hatte des Letzteren Platz einnehmen wollen, während der Verwalter ſich beſcheiden abſeits hielt, aber Georgine ſagte ſcherzend:„Nein, mein Herr! Sie waren mit der Beförderung nicht zufrieden, die Sie geſtern er⸗ hielten; jetzt müſſen Sie ſich nach einer andern Gebie⸗ terin umſehen. Herr Waldenberg iſt nach alter Sitte mein Tiſchnachbar.“ „Und das gnädige Fräulein iſt nach alter Sitte im⸗ mer hart und ungerecht gegen ihren gehorſamſten Diener, weßhalb er mit höchſter Erlaubniß den Wink in Betreff einer neuen Gebieterin befolgen wird, antwortete Arthur in demſelben ſcherzhaften Tone, und ſchob Waldenberg den Sitz zu, den er ſelbſt hatte einnehmen wollen. Da ſaßen ſie nun; aber dieſe Mahlzeit war nicht von demſelben Frieden, von derſelben Glückſeligkeit gewürzt, wie die am Abend. Wann war wohl etwas vollkommen? Eine Menge kleiner Aufmerkſamkeiten, die Georgine Wal⸗ denberg erwies, und die um ſo koſtbarer waren, als ſie von ihr kamen, erſchütterten ſein Herz mit einer Seligkeit, die derjenigen glich, die er in den verſchwundenen Tagen auf Roſendal genoſſen hatte. Lindorm dagegen fühlte das auf eine ganz andere Art. Es ſchien ihm, als ob Geor⸗ gine faſt vergäße, daß er ſich da befinde, und eine unſelige Unruhe bemaͤchtigte ſich ſeines ganzen Weſens, als er ſah, wie ſie jenem den Wein und das Waſſer miſchte, und mit einem Lächeln, das ihm allzu hold dünkte, ſprach:„Trin⸗ ken Sie, beſter Waldenberg; es iſt jetzt ganz ſo, wie Sie es gerne haben. Trinken Sie, es wird Sie erfriſchen.“— Und Waldenberg nahm das Glas und ſah ihr mit einem Blick voll Wärme und innerer Hingebung in's Auge; aber ſeine Lippen ſtammelten nur ein einfaches:„Danke!“ her⸗ vor. Lindorms Blut brannte wie Feuer; es war das erſte Mal, daß er Waldenberg und Georgine beiſammen ſah, und von einem ſo eigenen Verhältniſſe hatte er nie eine Ahnung gehabt. Der Stuhl brannte unter ihm, und mit einer an ihm ungewohnten Ungeduld rief er der Jungfer Wings zu, den Nachtiſch aufzuſetzen. „Den Nachtiſch, Euer Gnaden?“ verſetzte Jungfer Wings und ſah ſich verwundert um. Sie ſtand an einem kleinen Tiſchchen und tranchirte kaltes Geflügel.—„Der Braten ſollte zwar nach altem Brauche vorangehen, wenn aber Euer Gnaden befehlen, daß es umgekehrt ſein ſoll, ſo kann es auch geſchehen.“ Lindorm biß ſich in die Lippen.„Nein,“ ſagte er; „ich wußte nicht, daß Braten da iſt.“— Er fuhr mit der Serviette über die glühende Stirne. Nur Hermer verſtand die Gemüthsunruhe, die den Baron derſelben Qual Preis gab, die Waldenberg eben vorhin ausgeſtanden hatte, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſe weit gewaltſamer geweſen war. Die Geſellſchaft erhob ſich bald vom Tiſche. Waldenberg, der ſeine Stellung kannte, und ahnte, daß der Baron ihn für überflüſſig anſah, begab ſich ſo⸗ gleich auf ſein Zimmer, wo er ſeine Zuflucht zu dem Ein⸗ zigen nahm, das ihn aufrecht erhielt und ſtärkte, zum ls ſie igkeit, Tagen e das Geor⸗ t.“¹ einem aber her⸗ erſte m ſah, eeine d mit ungfer ungfer einem „Der wenn ſoll, e er; it der rſtand Preis „ nur weſen ahnte, h ſo⸗ Ein⸗ zum 15¹ Gebet und der Hoffnung, daß das Ziel, wornach er jetzt eine innige Sehnſucht zu empfinden anfing, ſeinem Blick nicht lange mehr entrückt ſein möchte. Die Damen begannen gleich nach dem Frühſtücke ſich anzukleiden, und Hermer folgte Lindorm auf deſſen Zim⸗ mer, wo er mit Abſicht, und ohne daß er lange nach einer Gelegenheit zu ſuchen brauchte, Waldenbergs, man konnte faſt ſagen heiliger Liebe zu Georginen Erwähnung that, und wie er da, da er völlig überzeugt geweſen ſei, daß ihr Herz Waldenbergs Gefühle nie erwiedert habe, ihm gerne einen vertrauten Umgang in ſeinem Hauſe ge⸗ währt habe,„in der Gewißheit,“ ſetzte er hinzu,„daß es das höchſte Glück des armen Jünglings iſt, Georginen zu ſehen, und ſie wie ein Weſen, zu dem er ſich nicht einmal zu erheben wünſcht, anzubeten.“ „Aber,“ wandte Lindorm ein,„warum will er ſie denn nicht auf dieſelbe Art ſehen, wie früher? Seit ich heim kam, iſt er nicht in Roſendal geweſen, und Sie wiſſen ſelbſt, daß er geſtern Abend wohl hätte herabkom⸗ men können, wenn er gewollt hätte.“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete Hermer,„ob ich befugt bin, mich über dieſen Gegenſtand zu äußern; es dürfte Ihnen weniger paſſend erſcheinen, wenn ich Ihnen meine Gedanken darüber vorlegen würde.“ „Keineswegs, beſter Hermer,“ ſagte der Baron eifrig; „ich bitte Sie im Gegentheil auf's Angelegentlichſte, mir ſie mittheilen zu wollen.“ „Nun wohl! es iſt meine Ueberzeugung, daß Sie ſelbſt geſtern Abend der Wahrheit zunächſt kamen, als Sie zur Antwort auf die Bemerkung meiner Frau in Be⸗ ziehung auf den nämlichen Gegenſtand äußerten, daß die Quelle, die heute unſeren Wünſchen und Hoffnungen freundlich Nahrung gewährt, morgen überſchwellen und ſie alle hinwegſpülen kann, da ſich unſere Genügſamkeit nie binden läßt.“ Lindorm fühlte ſeine Wangen glühen; er wußte, daß Hermer ihn vollkommen durchſchaute.„Ja,“ antwortete 152 er endlich,„ich glaubte geſtern Abend ſo, aber ich kann mich getäuſcht haben.“ „Nein, Lindorm, Sie haben ſich nicht getäuſcht,“ entgegnete Hermer mit einer Stärke, die überzeugend war. „Waldenberg, darauf will ich leben und ſterben, hat nie von Georginens Gegenliebe geträumt; aber er war glück⸗ lich, ſo lange er ihre innige Freundſchaft und ihr warmes Wohlwollen ungetheilt beſaß. Jetzt dagegen iſt in ſeiner Bruſt, in der keine unedle Leidenſchaft wuthen kann, den⸗ noch ein Sturm entſtanden, der ihn zu überwältigen drohte, ſeitdem er erfahren hat, daß das einzige Glück, um deſſent⸗ willen ihm das Leben theuer war, aufhören ſoll oder viel⸗ leicht ſchon aufgehört hat. Ihre oft erneuerten Beſuche in Roſendal, eine frühere Ahnung, die, ich bekenne es, auch ich theilte, Ihre fortdauernde ruhige und heitere Stimmung, ſagen Sie aufrichtig, bedurfte es mehr, um ihm klar zu machen, daß er nicht mehr den erſten Platz in Georginens Gunſt einnahm? Aber, edel wie er iſt, feſt in ſeiner Ueberzeugung vom Rechten, vertrauend auf den, der allein dem Schwachen Stärke verleihen kann, hat er gekämpft und einen Sieg über ſich ſelbſt errungen, ſchwerer als Sie ahnen können, Lindorm. Doch ich begreife es; denn ich kenne ihn von Grund aus, und ſonſt hätte er ſich heute beim Frühſtücke nicht gezeigt.“ „Alles das glaube ich und ſehe ich recht wohl ein, beſter Hermer, beſonders ſeit Sie mir die Sache näher aus einander geſetzt haben,“ ſagte Lindorm mit einem Lächeln, das bewies, daß ſeine finſteren Grillen faſt ganz verflogen waren;„aber ich meine auch, daß er keinen be⸗ ſonderen Grund hat, ſich zu beklagen. Wie freundlich und aufmerkſam war nicht Georgine gegen ihn bei Tiſche! Sie müſſen zugeben, daß ſie es war.“ „Sie, Lindarm, müſſen zugeben, daß ſie nicht das edle und hochgeſinnte Mädchen wäre, das ſie iſt,“ fiel Hermer ein,„wenn ſie ſich anders benommen hätte. Sollte ſie denn nur für Sie freundliche Blicke und ſüße Worte haben, da ſie weiß, daß der arme Waldenberg tauſendmal liebe Sch. feine gebi zu L wen Zwe Han find ein wel⸗ ich wen wiſſ tige Bli And bek beſ ſole kön ung Wi all kann ſſcht,“ dwar. at nie glück⸗ armes ſeiner , den⸗ drohte, eſſent⸗ viel⸗ iche in auch mung, ar zu zinens ſeiner allein ämpft r als denn r ſich l ein, näher einem ganz en be⸗ ndlich jiſche! s edle ermer te ſie Worte ndmal 153 lieber ſein Leben aufopfern wollte, als ihr den geringſten Schmerz zu verurſachen? Sollte ſie mit Hintanſetzung des feinen und zarten Gefühles, das in ſolchen Fällen dem gebildeten Weibe eigen iſt, ihn verletzt haben, um Ihnen zu gefallen? Sie müſſen geſtehen, daß dieſer Wunſch, wenn er bei Ihnen entſtand, ſehr ſelbſtſüchtig war.“ „Sie haben mich überzeugt, und für diesmal meine Zweifel zerſtreut,“ ſagte Lindorm und drückte herzlich die Hand ſeines Freundes.„Ich ſehe ein, daß ich mich darein finden muß, obwohl ich fürchte, ich werde es nie ohne ein Gefühl von Unruhe und Mißbehagen thun können, welches ich gerne, das weiß Gott, vertreiben möchte, wenn ich es nur könnte. Allein, Hermer, es iſt eben ſo gut, wenn ich Ihnen meine Schwachheit geſtehe. Sie müſſen wiſſen, daß ich es für unmöglich halte, je ohne ein hef⸗ tiges und ſchmerzliches Herzklopfen Georginens holden Blick mit jenem unbeſchreiblich ſüßen Ausdruck auf einem Andern haften zu ſehen.“ „Sie erſchrecken mich, Lindorm,“ ſprach Hermer in bekümmertem Tone.„Ich habe mir immer gedacht, Sie beſäßen mehr Gewalt über ſich ſelbſt, als daß Sie von ſolchen Schattenbildern, wie dieſe ſind, beunruhigt werden könnten; und ich fürchte, wenn Sie nicht bei Zeiten dieſes unglückſelige Unkraut aus Ihrem Herzen reißen, daß es Wurzel faßt und einmal zu einer Höhe emporſchießt, die alle Bemühungen, es zu zerſtören, vereitelt, ja im Gegen⸗ theile Sie ſelbſt, und vielleicht ſogar die, welche Sie zu Ihrer Lebensgefährtin wählen, vernichtet.“ Ein unwillkührlicher dumpfer Schauer durchbebte Lin⸗ dorm und ſchien krampfhaft ſein Herz zuſammenzuziehen. „Warum dieſe düſtern Bilder, Hermer?“ ſagte er,„Sie betrüben mich tief! Ihr Seherblick erſchüttert mich; es wäre mir lieb geweſen, wenn Sie nicht ſo geſprochen hätten.“ „Weg mit einer ſo unmännlichen Schwachheit!“ fiel Hermer ein.„Ihre eigene Aeußerung rief meine Bemer⸗ kungen hervor. Geben Sie ſich Mühe, das Eine zu über⸗ winden; das Andere fällt dann von ſelbſt weg. Gott möge 154 es verhüten, daß ich Sie wieder in ſo krankhafte Grübeleien verfallen ſehe! Jetzt, da Ihnen Alles in roſenfarbenem Glanze entgegenlacht, werden Sie wenigſtens mit eigener Hand das Paradies zerſtören, das Sie ſonſt bald aufblühen ſähen.“ „Nein, nein, mein beſter Freund, fürchten Sie das nicht. Ich gelobe Ihnen, männlich gegen den leidigen Ver⸗ ſucher anzukämpfen und es zu verſuchen, mich ſelbſt zu beſiegen. Gott weiß, daß ich dem armen Waldenberg von Herzen gut bin und ihm gerne die letzte Freude in ſeinem Leben, einen freundlichen Blick von ihr, gönne. Das iſt wahrhaftig keine Heuchelei, Hermer, und ich will ihn deſſen nicht berauben, wenn ich auch dieſelbe Geißel erdulden muß, die mich heute quält.“ „Ci, Sie können ſich gewiß ſelbſt beſiegen, Lindorm, wenn Sie das auch eine Geißel nennen! Ueberlegen Sie, was ich Ihnen geſagt habe, nicht wie eine myſtiſche Pro⸗ phezeihung, ſondern wie den Rath eines Freundes, der mit der Welt und dem Menſchenherz bekannt iſt. Denken Sie darüber nach, ſo lange es noch Zeit iſt; das will ich Ihnen an's Herz legen.— Doch wir vertiefen uns zu weit in dieſen Gegenſtand; ein andermal mehr. Jetzt dürften die Damen fertig ſein und auf uns warten, und wir haben noch nicht daran gedacht, daß wir auch einige Minuten zu unſerem Anzuge brauchen.“ Sechszehntes Kapitel. Sie eilen— flieh'n die Ströme der Gefühle, Und dunkel iſt die Bahn, doch bald am Ziele! Wohlan! ſo ſchwimme Boot auf Deiner Lebenswelle, Die Segel auf! daß Tugendmuth ſie ſchwelle! Atterbom. Mit Erlaubniß des Leſers verſetzen wir uns mitten in das große Feſt des Tages, in das lebendige Balderslund. Vieles nimmt hier die Aufmerkſamkeit des Zuſchauers und Zuhr blicke in 2 von Aeuf bera der daß trüb Sch würd Aſſer Holt geko wele wele Wol gepl bare Sch bord flüſt Ver dand vern wird zim Tal wäh ſagt an’s ben auf neh beleien benem Hand ähen.“ ie das 1 Ver⸗ bſt zu g von ſeinem das iſt deſſen muß, dorm, a Sie, Pro⸗ der denken ill ich ns zu Jetzt , und einige 1 1 zelle, n. nitten Flund. s und 155 Zuhörers in Anſpruch, weßhalb wir ſogar einige Augen⸗ blicke im Vorzimmer verweilen müſſen, um zuerſt dieſes in Betrachtung zu ziehen. Hier ſehen wir zwei Herren von mittlerem Alter und einem Achtung gebietenden Aeußeren als dienſtthuende Marſchälle ſich mit einander berathen, während ſie ſich aus großen ſilbernen Doſen aus der alten gediegenen Schule eine Priſe anbieten, und hoffen, daß die Witterung ſich machen werde, obwohl es noch ſehr trübe ausſteht, und daß nach dem fernen Läuten der Schellen die erſten Schlitten vermuthlich bald ankommen würden. Dieſe beiden Herren, der Doctor Aërs und der Aſſeſſor L*xe, ſind alte, vertraute Freunde des Oberrichters Holk aus der guten Stadt Ress, die mit ihren Frauen heraus⸗ gekommen ſind, um den Hochzeitsfeierlichkeiten anzuwohnen. Jetzt können wir in den Speiſeſaal einziehen. Himmel, welcher Anblick begegnet hier unſern Blicken, welche Pracht, welcher Geſchmack, welcher entſetzliche Ueberfluß!— Im Wohnzimmer herrſcht Grabesſtille; aber Alles iſt da ſo geputzt, ſo abgeblaſen, ſo übertrieben zierlich; und der koſt⸗ bare Seppich in der Mitte, die darauf ſtehenden niederen Schemel, die mit ihren purpurſammtenen, mit Silber bordirten Kiſſen ſo einfach und feierlich blinken, Alles flüſtert hier von den Vorbereitungen zu dem Akte ſelbſt. Verſtimmt machen wir uns an dieſem Zimmer vorbei, und dann noch durch ein Paar andere, eben ſo leere, wo man vermuthlich in einigen Stunden einen fröhlichen Lärm hören wird, und treten in das Allerheiligſte ein, in das Schlaf⸗ zimmer der Braut. Dort ſitzt die arme Bertha auf einem Tabourette, mit dem geſtickten Taſchentuch vor den Augen, während ihr Kopf von zwei Stadtdamen bearbeitet wird. „Du wirſt wahrhaſtig ſehr reizend, mein Berthachen,“ ſagte die Frau des Aſſeſſor L“*es, und legte die letzte Hand an's Werk, indem ſie den Kranz auf die Locken der Braut drückte. „Das ſchwarze Florkleid erhöht Deinen weißen Teint,“ bemerkte Frau A⸗“s; aber ich meine, das Diadem würde auf der rechten Seite mehr Effect machen; die Locken be⸗ nehmen ihm jetzt den Glanz, oder verdunkeln es wenigſtens.“ 15⁵6 „In dieſem Falle,“ ſagte Frau Marshauſen und warf einen forſchenden Blick in den Spiegel,„iſt es mir gerade recht; denn eigentlich ſollte ich gar keinen Schmuck tragen, da ich um meinen Vater traure, und ich habe darin blos euren Wünſchen nachgegeben.“ „Und darin haſt Du wohl gethan,“ verſicherten beide Damen; denn unläugbar ſieht das ganz fein und nobel aus.“ „So, jetzt ſind nur noch die Handſchuhe und der Shawl übrig; aber das iſt entſetzlich, wie langſam ſich Louiſe anzieht,“ ſagte Frau Lers.„Wir ſollten auf ein⸗ mal fertig werden, um die Gäſte zu empfangen, die ſchon nach und nach anlangen.“— Sie hob vorſichtig die Gardinen.—„Der Hof iſt voll Schlitten; wir müſſen gehen. Adieu, mein Engel!“ „Und ſei guten Muthes,“ flüſterte Frau Ares, als ſie die klaren Augen der Braut in Thränen ſchwimmen ſah. „Ach ja,“ ſeufzte Bertha.„Glaube nicht, liebe Frie⸗ derike, daß ich mich nicht glücklich und zufrieden fühle, ja, das weiß Gott; aber es geſchieht Einem doch ſo ſeltſam, wenn man ſich zum zweiten Male in dieſem kurzen Leben als Braut ſchmückt. Es iſt ein eigenes, unruhiges Gefühl.“ „Poſſen,“ entgegnete Frau Ar⸗“ ſcherzend;„dieſe Un⸗ ruhe wird ſich wohl legen, wenn Du nur ein wenig in Dein neues Verhältniß eingewöhnt biſt. Keine Thränen, liebe Bertha, und keine Seufzer, und keine Ach und O; das iſt zu langweilig! Aber ich höre den Nachtigallsbaß meines lieben Mannes!“. „Friederike, wo biſt Du?“ „Hier, mein Schatz!“— Schneller als ein Gedanke war Frau A⸗“* draußen und in einem athemloſen Streit mit Begrüßungen, Komplimenten und Vorſtellungen. Als Bertha ſich allein ſah, ſchob ſie den Riegel vor und kniete auf einen kleinen Schemel vor dem Sopha nieder. Ihr Geſicht lehnte auf die Kiſſen; doch es wäre nicht zartfüh⸗ lend, wenn wir weitere Zeugen der Rührung ſein wollten, die in ihrem von ſo mannigfachen Gefühlen bewegten Her⸗ zen vorging. Wir machen es deßhalb wie die Andern, wir verla geſche nehm einne Sie Kleitd ger wie auch im S beſſer Jetzt ſie u Locke ſah der2 den einen ſchlu einen und nicht es a „wir Lehr das einen Stit Es ſam ſenh hiel ärge Sa und s mir hmuck )habe beide aus.“ ſichtig müſſen *, als en ſah. e Frie⸗ le, ja, eltſam, Leben efühl.“ jſe Un⸗ enig in Fränen, nd O; allsbaß Zedanke Streit 1. Als Hkniete Ihr artfüh⸗ vollten, en Her⸗ un, wir verlaſſen ſie, und eilen hinauf auf den geräumigen, wohl⸗ geſcheuerten Boden, der eine Art Oehrn für vier ange⸗ nehme Giebelzimmer bildete. Wir treten in Nro. 1 ein und erblicken hier Arthurs einnehmende Roſenknoſpe, Louiſe, in all' ihrem Glanze. Sie war ſehr reizend. Ein ſchwarzes Gros⸗de⸗Naple Kleid umſchloß ihre ſchlanke Taille; es war nach damali⸗ ger Mode mit vielen Schnüren beſetzt und ſaß ſo gut, wie wenn es einer Puppe angegoſſen wäre. Louiſe ſah auch ein wenig ſo aus, denn obwohl ſie ſich zwanzig Male im Spiegel beſah, ſo konnte ſie noch nicht zufrieden, oder beſſer, nicht unzufrieden mit dieſer Beſchäftigung werden. Jetzt nahm ſie ein Paar Reihen ſchwarzer Perlen und ſchlang ſie um ihren Kopf, ſo daß die niedere Reihe unter den Locken auf der weißen Stirne ſelbſt ruhte. Dazwiſchen ſah ſie auch durch das Fenſter. Eben hatte ſie das Schloß der Perlſchnur zugemacht, und warf einen neuen forſchen⸗ den Blick auf den Hof, als ſie ſchnell wie der Blitz mit einem unverſtellten Freudenruf ihre Händchen zuſammen⸗ ſchlug, aber ſie gleich wieder aufmachte und mit der einen die Handſchuhe und das Nastuch an ſich raffte, und mit der andern Shawl und Gürtel ergriff, der noch nicht befeſtigt war; und Alles in Arm nehmend, anſtatt es anzulegen, damit die Treppe hinab eilte. Unterdeſſen wandern wir nach Nro. 2. Hier finden wir unſern Freund Holk, in Gallatracht auf einem großen Lehnſtuhl mitten im Zimmer ſitzend. Sein Ausſehen war das vergnügteſte und ſelbſtzufriedenſte, das man ſich bei einem Bräutigam denken kann; aber oft legte ſich ſeine Stirne in Falten aus Ungeduld über das lange Warten. Es wollte ja gar keine Ende nehmen, bis er von dem ein⸗ ſamen Pfade des Junggeſellenlebens die heiß erſehnten Ro⸗ ſenhöfe des Eheſtandes betreten durfte. Unterdeſſen unter⸗ hielt er ſich damit, bald über die Lahmheit der Gäſte ärgerlich zu werden, und bald in Gedanken den langen Sabbat von Frieden und häuslicher Freude zu durchgehen, — 158 der jetzt um ihn erblühen ſollte, und deſſen Seele die holde, liebevolle Gattin war. Der Notar Blohm, in ſeiner richterlichen Uniform, ſtand vor einem Toilettenſpiegel und war damit beſchäf⸗ tigt, mit der Haarbürſte aus ſeinen Locken eine Art Toupet zu machen.— Die Secretaire⸗Beilagen ſtanden wie Schildwachen an der Thüre. „Sehen Sie noch Niemand, Blohm?“ fragte Holk, der ſich vom Sabbat und den Roſengärten wieder zur Ungeduld des Bräutigams zurück wandte.„Ich glaube, ſie ſind alle ganz raſend! Es iſt gewiß halb vier Uhr. Verfluchte Langweilerei!“ „Es iſt erſt drei Uhr,“ bemerkte Blohm und ſtellte ſich an's Fenſter. „Erſt drei Uhr! Nun, ich meine, das geht noch an. Dann ſind wir vielleicht, wenn es gut geht, um halb fünf bei Tiſche, und da wollen wir auch blei⸗ ben bis in Ewigkeit. Es wird gewiß vor Morgen früh nicht Abend. Nein, dieſes Zögern!— Blohm, ich höre Schellen; wer ſind die, die endlich ankommen?“ „Ein ganzer Haufen Schlitten, Herr Oberrichter, und ſehr intereſſant zu ſehen.“ „Was denn?“ fragte Holk.„Der Herr weiß ja, daß ich als Bräutigam mich nicht wohl am Fenſter zeigen kann; aber laſſen Sie mich hören, welche Entdeckungen Sie machen.“ „Mit vielem Vergnügen,“ erwiederte Blohm.„Im erſten Schlitten haben wir den Steuereinnehmer Alms mit ſeiner Familie, in einem unendlichen Korb, der auf ein Schlittengeſtell geſetzt iſt. In den zwei folgenden erſcheint der Major Pancini mit ſeinen beiden Antiquitäten, ich meine die Töchter, die vor zwanzig Jahren Grazien waren. Weiter, der Bergherr Haller, mit drei hoffnungsvollen Sprößlingen weiblichen Geſchlechts. Und wer kann die Menge Notabilitäten alle aufzählen, die nachfolgen!“ „Nun, aber Hermer und der Baron von Engelvik und Arthur und die Andern, ſehen Sie ſie nicht?“ „Noch nicht.“ f und v „Seh Alle! ſie ar Erſter ſagen. ſchlag ſoll d tenan und g wer n geſchi dritte einem Holk „jetzt Aktie. darau gemã ſo ſie zum brach beeile le die iform, eſchäf⸗ Art randen Holk, r zur laube, Uhr. ſtellte t noch t, um blei⸗ Norgen m, ich 29 richter, a, daß kann; achen.“ „Im Alms auf ein rſcheint en, ich waren. svollen ann die n!“ engelvik 214 1 159 „Ja, ja, ſie haben einen weiten Weg,“ ſeufzte Holk und verſuchte ſeine alten Troſtgründe. Aber da rief Blohm: „Sehen Sie, da ſind ſie; ſie ſchwenken raſch in den Hof herein.“ „Gott ſei Dank,“ ſagte Holk.„So haben wir denn Alle beiſammen hier! Haben Sie ein Auge auf ſie, wenn ſie ausſteigen, Blohm, und ſehen Sie wohl nach, wer die Erſten ſind.“ „Hermer und ſeine Frau, darüber iſt weiter nichts zu ſagen. Der Aſſeſſor und der Doctor nehmen Beide in Be⸗ ſchlag Im andern Schlitten ſitzt Arthur allein; aber was ſoll das geben? Ei, was man ſehen kann! Ehe noch der Lieu⸗ tenant die Zügel dem Knechte zuwerfen kann, der da ſteht und gafft, und ehe er ſelbſt in den Hof tritt, kommt— wer meint der Herr Oberrichter?— gerade auf ihn zuge⸗ ſprungen, an allen Andern vorbei, und Shawl, Hand⸗ ſchuhe und Nastuch auf dem Arm?— nun, Fräulein Louiſe! Nein, ſo etwas Artiges und Lächerliches ſah ich noch nie. Er kommt ſo gerade aus dem Schlitten heraus, daß er mitten im Schnee einen Kniefall thut. Aber im Nu iſt er auf, nimmt ihr den Shawl aus der Hand wirft ihr ihn um; und ſo eins, zwei, drei, hat er ſie auf dem Arm und trägt ſie in die Hausflur zurück. Was weiter geſchieht, kann ich nicht ſehen.— Nun, jetzt kommt der dritte Schlitten; dort reſidirt Willy allein, und das mit einem Weſen, wie wenn er Pair von England wäre.“ „Aber iſt denn Georgine nicht dabei?“ unterbrach ihn Holk ungeduldig. „Ach, warten Sie nur ein wenig,“ antwortete Blohm, gjetzt erſt fährt der vierte Schlitten an. Aha! ſtehen die Aktien ſo? Der Baron führt das Fräulein, und ich will darauf ſchwören, daß der ſchöne Engel auf unſerem Altar⸗ gemälde nicht glücklicher ausſieht, als er. Was ſie betrifft, ſo ſieht man faſt nichts vor Schleier und Mantel. Nun, zum Henker! nie ſah ich etwas Aehnliches!“— Blohm brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Was iſt es denn?“ rief Holk.„Können Sie ſich nicht beeilen, zu ſprechen!“ „Was es iſt,“ antwortete Blohm und hielt ſich unter neuem Gelächter am Tiſche.„Je nun, der Baron fuhr an die Staffel an, da er zu nahe her wollte, und da ging es Hals über Kopf mit dem Schlitten und den Fahrenden. Schau, jetzt iſt er auf, blutroth im Geſicht, und ſeine Kleider weiß wie ein Schneemann; ſie lacht in ihrem wei⸗ chen Lager, daß man es hier hören kann. Er hilft ihr auf, beugt ſich nieder und ſpricht vertraulich mit ihr; ſie lacht und ſpringt in die Hausflur. Die Schlitten fahren in den Hinterhof; nichts weiter iſt zu ſehen.“ Aber jetzt gab es dafür ein Laufen und Raſſeln auf den Treppen, daß Blohm ſeinerſeits zu fragen anfing, was das ſein könne. „Das will ich Ihnen ſagen, Blohm. Unſere Freunde von Roſendal und Engelvik haben als die Entfernteſten beſondere Ankleidezimmer bekommen, und zwar die zwei gerade gegenüber von uns. Aber ich hörte Sie Walden⸗ berg nicht nennen, den ehrlichen Jungen; ſollte er nicht dabei ſein?“ „Nein, doch das iſt nicht zu verwundern,“ meinte der Notar;„er iſt zu krank, um Reiſen zu machen. Aber ſehen Sie, jetzt kommt Seine Hochwürden, der Pfarrer Werner, am kleinen Schlepptau, und dann ſind, ſo vie ich weiß, keine weiteren Gäſte zu erwarten.“ „Nein, mit Gottes Hülfe, iſt es jetzt zu Ende,“ ſagte Holk,„und das weiß ich, nie will ich wieder in den Braut⸗ ſtuhl gehen, nur wegen dieſen langweiligen Stunden da. Ich komme mir gerade wie ein armer Delinquent vor, der in großer Angſt erwartet, zum letzten Mal vor ſeinen Rich⸗ ter geführt zu werden. Ich denke, meine Pönitenz ſollte bald zu Ende ſein. Gehen Sie hinunter, lieber Blohm, und bitten Sie den Doctor und Aſſeſſor, zu eilen, was ſie können. Wir kommen vor ſechs Uhr nicht zu Tiſche.“ Der Notar entfernte ſich und kam bald mit Hoff⸗ nungen zurück, die Holk zum neuen Leben erweckten. Sie lauteten nämlich: daß, ſobald die zuletzt angekom⸗ menen Damen ſich vollends umgekleidet und im Wohn⸗ zimm nehm Gedu künft der 2 Troſt Freu war! Arm keit, ſprec 6 vor kenne mit Doct Papf ſichte ſie d eral unter fuhr a ging enden. ſeine m wei⸗ lft ihr hr; ſie fahren In auf g, was Freunde enteſten die zwei Valden⸗ er nicht meinte n. Aber Pfarrer ſo viel „“ ſagte Braut⸗ uden da. vor, der een Rich⸗ nz ſollte Blohm, was ſie Liſche.“ nit Hoff⸗ erweckten. angekom⸗ n Wohn⸗ 161 zimmer eingefunden hätten, die Ceremonie ihren Anfang nehmen ſolle. Nachdem ſich Holk eine weitere Viertelſtunde in der Geduld geübt, und in aller Stille alle Weiber(ſeine künftige Frau ausgenommen) dahin geſchickt hatte, wo der Pfeffer wächst, erſchien endlich als ein Herold des Troſtes und Friedens der Aſſeſſor L'sn, um ſeinen alten Freund zum Brautſtuhle zu geleiten. „Gut, daß Du einmal kommſt,“ meinte Holk;„das war kein angenehmes Warten. Sind jetzt Alle verſammelt?“ „Alle in gehöriger Ordnung,“ verſetzte der Aſſeſſor. „Aber verzeihe, Bruder,“ ſagte Holk, während ſie Arm in Arm hinabgingen,„verzeihe meine Aufrichtig⸗ keit, im Fall ihr die Abſicht haben ſolltet, etwas zu ſprechen; ich bin kein Liebhaber von Reden, beſonders vor Tiſch. Du verſtehſt mich doch?“ „Vollkommen,“ entgegnete der Aſſeſſor lachend;„ich kenne Deinen Geſchmack und habe deshalb mein Gehirn mit keinerlei Reden beläſtigt; aber ich kann nicht für den Doctor ſtehen. Ich habe ihn mehrere Male ein weißes Papier hervornehmen und es mit jenem wichtigen Ge⸗ ſichte durchblättern ſehen, das Perſonen annehmen, wenn ſie declamiren wollen.“ „Das wäre ja verflucht dumm,“ bemerkte Holk, nicht erade ſehr artig.„Du könnteſt ihm ja auf eine feine Art zu verſtehen geben, Bruder, daß es beſſer wäre, das aufzuſparen, bis wir vom Tiſche aufſtehen, oder wenig⸗ ſtens bis wir hinkommen; denn eine Rede halten gleich nach der Trauung, das wäre für mich ein Gräuel. Ich würde da mit dem Hut in der Hand ausſehen wie ein Schulknabe, dem der Magiſter den Text liest.“ „Tröſte Dich und ſei ruhig; keine Rede von uns ſoll Dich beläſtigen,“ flüſterte Aſſeſſor L**n.„Aber die des Pfarrers mußt Du eben doch wohl anhören wenn Du getraut werden willſt.“ „Ja, ja, das iſt aber auch gerade Alles, was ich Guſtav Lindorm. II. 11 aushalten kann,“ ſagte Holk ſcherzend.„Erinnerſt Du Dich, Bruder, daß wir heute um neun Uhr frühſtückten, und das kaum genug. Es iſt lange ſeitdem,“ „Still, denke an den Himmel, in den Du eintreten ſollſt,“ flüſterte der Aſſeſſor und offnete die Thüre zum Vorzimmer. Siebenzehntes Kapitel. Einſt aß man gut, geſund, obſchon Nicht mit den Saucen allen, die man wirklich bräunt, Jetzt, iſt es glaublich? iſt's ein Hohn?— Genießt man nicht mehr, nein! man ſcheint! Franzén. Jedermann weiß, wie es bei einer Trauung zugeht, und hier wurde ſie ganz auf die gewöhnliche Weiſe ver⸗ richtet. Nachdem der Oberrichter Holk und ſeine Braut die gewöhnlichen Glückwünſche empfangen hatten, und die Gäſte anfingen, ſich zu regen, alle in der frohen Hoffnung, daß ſie jetzt zum Speisſaale wandern dürften, huſtete der Pfarrer Werner, der noch mit dem Gebet⸗ buche in der Hand daſtand, ein Paar Male, und begann dann mit lauter Stimme:„Da wir wiſſen, meine Wer⸗ theſten, daß es Gottes Wille war, daß die ewige Liebe in ihrer Weisheit und Gnade beſchloß, Adam eine Ge⸗ hülfin zu geben, die ſich zu ihm halten möge, ſo dürfen wir nicht bezweifeln, daß..“ Doch der arme Holk verzweifelte über dieſen weit⸗ hergeholten Anfang zu einer Rede, die von einem ganz leidlichen Umfange zu werden drohte; denn der Pfarrer Werner ſprach höchſt ſelten, aber geſchah es einmal, ſo wurde er in dem Grad umſtändlich, daß die Zuhörer von Herzen wünſchten, er möchte nie angefangen haben. Dies⸗ mal waren alle Zuhörer auf Seite des Bräutigams, und der ernſtl Figur wohn genſte verga er m ſowol ganze Ende, Kaffe ſatten haltu ſaßen in der die G an de geben getrur Jeder obwol weilig dorm, ihren Brau Ather heiter fröhli Einfl. unnöt ſein; Rede, was an, halter ſt Du ückten, itreten 2e zum bräunt, 3 én. zugeht, e ver⸗ Braut , und frohen dürften, Gebet⸗ begann e Wer⸗ e Liebe ne Ge⸗ dürfen n weit⸗ n ganz Pfarrer nal, ſo rer von . Dies⸗ ns, und 163 der Aſſeſſor L“** und der Doctor A'*ss konnten kaum ernſthaft bleiben, als ſie einen Blick auf die betrübte Figur deſſelben warfen. Werner, der ſich gegen alle Ge⸗ wohnheit diesmal nicht ſo ganz und gar in ſeinen Ge⸗ genſtand vertieft hatte, daß er darüber ſeine Umgebung vergaß, ſah ein, daß man ſich nach dem Schluſſe ſehnte; er machte deshalb nur einige kleine Präludien, und ließ ſowohl Thema als Variationen hinweg, wofür ihm die ganze Geſellſchaft Dank wußte. Alles nahm endlich ein Ende, und man kam glücklich zu und vom Tiſch, trank Kaffee und gähnte unleidlich, das einzige, was die über⸗ ſatten Gäſte noch zu thun vermochten; denn die Unter⸗ haltung wollte nicht in Gang kommen. Die Damen ſaßen allein im Wohnzimmer, die Herren zerſtreuten ſich in den Nebenzimmern, und der einzige Gegenſtand, der die Geſellſchaft noch aufmuntern konnte, war der Gedanke an den großen Ball, der folgenden Abend in Björkö ge⸗ geben werden ſollte.— Als der Thee gegen eilf Uhr getrunken war, machte man ſich zur Abreiſe bereit, und Jedermann verſicherte, ſich unendlich amüſirt zu haben, obwohl Alle ſich überzeugt fühlten, daß es unerhört lang⸗ weilig geweſen ſei. Die Familie Hermer, Baron Lin⸗ dorm, Arthur und die beiden Herren von der Stadt mit ihren Frauen blieben zurück, um am andern Tag das Brautpaar nach Björks zu begleiten. „Nun, meine Freunde,“ ſprach Holk und holte tief Athem,„jetzt werden wir uns erſt recht unterhalten und heiter ſein, da nunmehr nur noch ein kleiner guter Schlag fröhlicher Freunde da iſt, und wir nicht mehr unter dem Einfluß der verdammten Etikette ſtehen. Fort mit allen unnöthigen Komplimenten! Laßt uns genießen und froh ſein; wir haben genug gegähnt. Her jetzt mit Deiner Rede, Doctor, denn jetzt können wir über Alles lachen, was langweilig iſt; nehme nur die ausgewählteſte Miene an, die Du im Vorrath haſt. Und Sie, Notar, wo halten Sie Haus? Bringen Sie die Punſchbowle hieher, 11* 164 und die mit dem Biſchof ebenſo; denn jetzt helfen keine Komplimente mehr. Die Wirthſchaft der Herr Doctoren iſt zu Ende; jetzt iſt es an mir, müſſen Sie wiſſen— So, haben wir jetzt Alles beiſammen? Meine Herren und Damen, die Gläſer in die Hand! Ich vermahne Sie, ſich in einem Halbkreiſe um mich und meine Alte zu ſtellen. Wir müſſen wohl ſitzen, oder wie, Bertha, mein Schatz?“ „Ja, das meine ich, wenn nämlich Alles verkehrt ſein ſoll,“ ſagte die Braut lachend;„ſonſt glaube ich, wenn ich mich recht erinnere, daß das Brautpaar zu ſtehen pflegt, wenn von Sermonen die Rede iſt.“ „Darum bekümmern wir uns nichts,“ ſagte Holk ſcherzend.„Da der Hochzeittag wegen uns da iſt, ſo meine ich, könnten wir wohl das Vorrecht haben, ſitzen zu dürfen; das wäre ſo herzlich angenehm.“ Holk zog ſeine Frau zu ſich auf den Sopha nieder, machte ſich zurecht und nahm in Erwartung der Doctors⸗ rede eine höchſt komiſch würdevolle Poſitur an. In mun⸗ terem Untereinander ſchloſſen ſich die Gäſte dicht um ſie herum, Niemand weigerte ſich, ſein Glas zu nehmen, und wohl dreißig Mal erſchallte ein herzliches Gelächter durch das Zimmer, während Doctor A’z* ſeine ſchwül⸗ ſtige Rede hielt, die mit Brocken aus einer Menge äl⸗ terer und neuerer Klaſſiker geſpickt war; denn es war keine gewöhnliche Hochzeitrede, ſondern er hatte ſie blos in größter Eile Nachmittags niedergeſchrieben, um den vertraulicheren Kreis damit zu beluſtigen Im nämlichen Augenblicke, als der Doetor die Lippen ſchloß, erſchallte ein entſetzliches:„Hoch, hoch!“ von den fröhlichen Gä⸗ ſten; die Geſundheit wurde nach alter ehrlicher Weiſe bis auf den Grund ausgetrunken, und ſchneller als ein Gedanke hatten die Herren von ihren Händen einen Sitz gebildet, worauf Holk erhoben und unter munterem Ge⸗ ſange mehrere Male im Zimmer herumgetragen wurde. Als die Ruhe wieder etwas hergeſtellt war, tanzte man den Brautkranz. Lieutenant Arthur ward der Glückliche, und ſodann dre te er mit ſeiner Roſenknoſpe tapfer in dem lebend Geſel ken, ausſe dieſen in da jedoch ken, Stru ihrer einzu Arth auf, wund aber n keine octoren en— Herren ne Sie, ſtellen. chatz?“ erkehrt be ich, aar zu nieder, octors⸗ nmun⸗ um ſie nehmen, elächter ſchwül⸗ nge äl⸗ es war ſie blos um den mlichen rſchallte en Gä⸗ Weiſe als ein een Sitz e:m Ge⸗ wurde. zte man ückliche, in dem 165 lebendigen Ringe herum und ſo ging es in der ganzen Geſellſchaft herum. Endlich fing man an, daran zu den⸗ ken, daß man für den kommenden Tag nicht zu verſtört ausſehen dürfe, und daß es deßhalb wohl gethan ſei, dieſen jetzt zu ſchließen. Die Damen begleiteten die Braut in das Schlafzimmer, die Herren plagten Holk, diesmal jedoch gegen ſeinen Willen, noch einige Gläſer zu trin⸗ ken, und zuletzt wurden die Herren Marſchälle mit dem Strumpfbandorden geſchmückt. So ſchloß das Feſt. Es war gegen zwei Uhr Morgens, als alle Gäſte in ihre Schlafkabinette ſich begaben. Einſam wanderte Louiſe auf Bertha's Anmahnung umher, und ſammelte in allen Zimmern die zerſtreuten Theelöffel und alles an⸗ dere Silber und koſtbare Glaswerk. Das Geſinde hatte ſich ſchon entfernt, und ſie war im Begriff, die letzte ihrer Laſten in den Speiſeſaal zu tragen, um ſie dort einzuſchließen, da ging die Thüre des Wohnzimmers und Arthur ſtand vor ihr.„Um Gottes willen, biſt Du noch auf, liebe Louiſe?“ ſagte er mit der meiſterhafteſten Ver⸗ wunderung.„Verzeih', ich vergaß hier meine Pfeife; aber was thuſt Du ſo lange auf?“ „Ich meine, das können Sie ſehen, Lieutenant Ar⸗ thur,“ antwortete Louiſe, etwas verdutzt über die ver⸗ trauliche Benennung;„aber ich wußte nicht, daß Sie auch Liebhaber von ſo burlesken Vergnügungen, wie Trinken und Rauchen ſind.“ „Ich mache mir nur ſehr wenig daraus,“ erwiederte Arthur;„ich liebe etwas weit Edleres und Erhabeneres. Ich war nur fröhlich mit den Fröhlichen Doch ich halte Sie auf: wo will Fräulein Montén das Alles hintragen?“ „Da in den Saal hinein,“ ſagte ſie, öffnete eilig die Thüre, legte das Silberzeug ab, verſchloß es, und wünſchte mit Thränen in den Augen, denn es that ihr ſehr leid, Arthurn beleidigt zu haben,„dem Herrn Lieu⸗ tenant eine gute Nacht.“ „Sind Sie denn ſo ſchläfrig, Louiſe?“ fragte er und faßte bittend ihre Hand. „Nein, ich bin gar nicht ſchläfrig.“ „Warum haben Sie denn ſo Eile? Und warum iſt Louiſe ſeit heute Nachmittag ſo fremd gegen mich gewor⸗ den, wie in Bahnfors? Und doch— doch, Louiſe, ſchien es mir, als ob Du Dich freuteſt, als ich heute Vormit⸗ tag anlangte.“ „Ja, ſo war es auch,“ antwortete ſie;„aber ſie haben mich ſo ausgelacht und zum Narren gehabt, we⸗ gen meiner Eile, Ihnen entgegen zu gehen, Bertha und die beiden Frauen aus der Stadt, und das hat mich ver⸗ drießlich gemacht.“ „Aber kann denn ich davor, liebe, gute Louiſe, wenn dieſe kein Gefühl haben, und die unſchuldigſte und lie⸗ benswürdigſte Sache lächerlich finden? Unmöglich kannſt Du deßhalb mir böſe ſein?“ „Nein, nicht böſe, Arthur; aber— aber— es wird gut ſein, wenn wir einander jetzt verlaſſen, denn es iſt ſchon ſo ſpät.“ „Die Zeit hat wenig zu bedeuten,“ ſagte Arthur, „da man es ſo ſchwer hat, ſie zu finden, wenn man es wünſcht. Laß uns deßhalb nicht mit Fleiß eine der glück⸗ lichſten Stunden wegwerfen. Ich habe ſo viel mit Dir zu reden, Louiſe; willſt Du mich nicht anhören?“ Erröthend und ſtumm ſtand ſie vor ihm. Er führte ſie zum Sopha, ſetzte ſich neben ſie, faßte ihre Hand, und ſagte— was— ja, wer es wüßte! Ich kann mir nicht denken, daß der Leſer glaubt oder nur wünſcht, ich ſollte ihm das Alles wiedergeben. Nein, das würde zu ſüß ausfallen; denn die Beſtandtheile ihrer Unterhaltung waren Himmel und Engel, ſelige Träume und ſüßes Er⸗ wachen zu einer Wirklichkeit, die ſie ſich glücklicher dach⸗ ten, als alle Illuſionen,— und dazwiſchen ſchimmerten, wie die Schatten an einem ſchönen Frühlingstage, Papa, Geſchwiſter, Güter, eigenes Hausweſen, alles ungekün⸗ ſtelt und vortrefflich unter einander gemiſcht, zur Ver⸗ mehrung der Wirkung. Louischen ſaß ganz bezaubert da. Sie wußte ſicher nicht, das arme Kind, ob ſie eben wirk⸗ lich endli die d theile chem ausſe er n Wor gekre Antt ſonſt wein um iſt gewor⸗ ſchien ormit⸗ ver ſie we⸗ a und h ver⸗ wenn d lie⸗ kannſt — es denn rthur, nan es it Dir führte Hand, n mir ht, ich rde zu altung es Er⸗ dach⸗ nerten, Papa, gekün⸗ Ver⸗ ert da. wirk⸗ 167 lich ſelige Träume oder die ſelige Wirklichkeit genoß, bis endlich aus einer ganzen Maſſe von Feuer und Sturm die deutliche Frage hervordrang:„Willſt Du das mit mir theilen, meine Einzige, meine Angebetete?“ Nun war der entſcheidende Augenblick da, von wel⸗ chem Arthur tauſend Mal geträumt hatte, wie Louiſe ausſehen würde, und jetzt war er ſelbſt ſo aufgeregt, daß er nicht einmal daran dachte, Er wartete nur auf das Wort von ihren Lippen. Sie ſaß ſchweigend da, die Hände über die Bruſt gekreuzt. „Louiſe, mein geliebtes Mädchen, haſt Du keine Antwort für mich? O ſprich doch etwas; Du bringſt müch ſonſt zur Berzüefui „Was ſoll ich denn ſagen, Arthur?“ fragte ſie faſt weinend, und zitterte wie ein erſchrecktes Kind. „Du ſollſt ja ſagen, Du unſchuldvoller Engel, wenn Du die Meinige werden willſt,“ ſagte Arthur glückſelig wie ein Gott, und machte ſich kein Gewiſſen daraus, ſich ſo zu benehmen, wie ein Liebhaber bei ſolchen Gelegen⸗ heiten gewöhnlich zu thun pflegt. Louiſe erröthete und erbleichte und entzog ſich ihm verlegen. Aber der rück⸗ ſichtsloſe Arthur folgte ihr; und da es keinen Platz zur weiteren Flucht mehr gab, und Arthur inſtändig darauf drang, das von ihr zu hören, was er wünſchte, da er bat und bettelte, liſpelte endlich Louiſe, indem ſie ſich geduldig in ihr Schickſal ergab:„Es iſt ja nicht nöthig, das zu ſagen, Arthur; Du haſt wohl nie daran gezwei⸗ felt, denke ich?“— Und ſie lächelte dem Geliebten durch Thränen zu, und war recht entzückend als Braut, die kleine, hübſche Louiſe. Was weiter geſagt wurde, können wir ohne Ver⸗ luſt übergehen; wir verſichern blos, daß ihr Glück eben ſo groß als unſchuldig? war. Kaum grauten die erſten Strahlen des Tages, als ſchon Arthur an Lindorms Bette ſtand und ihn mit ſtürmiſchen Umarmungen und unverſtändlichen Worten erweckte. 168 „Aber biſt Du von Sinnen, oder was kommt Dich an? Ich glaube, Du willſt mich erſticken, Du toller Menſch!“ ſagte Guſtav und machte ſich gähnend von Ar⸗ thurs gewaltthätigem Morgengruße los.„Sprich, was iſt auf der Bahn?“ „Ich habe geworben und das Jawort erhalten!— ja! wenn Du begreifſt, was das heißen will, Guſtav! Louiſe will mein Weib werden, und ich, kurz, ich bin das glücklichſte Geſchöpf auf unſerm Planeten.“ „Was, zum Henker?“ ſagte Lindorm und rieb ſich die Augen,„wann haſt Du denn Alles das zuwege ge⸗ bracht? Ich meinte, es wäre noch früh am Morgen; aber immerhin, ich wünſche Dir von ganzem Herzen Glück! Doch, lieber Arthur, hätteſt Du nicht vorerſt Deinem Vater von der Sache ſchreiben ſollen?“ „Das habe ich ſchon lange vor dem gethan, eine weitläuftige Epiſtel, und ich habe von ihm eine gute und freundliche Antwort erhalten, die ausdrücklich ſagt, daß er damit zufrieden ſei, wenn ſie nur ein wenig Vermögen habe, und das hat ſie. Auch hat er die Bedingung bei⸗ gefügt, daß ich, ſobald die Sache im Gang ſei, nach Hauſe reiſen und ihm darüber Bericht erſtatten ſolle. Weiter ſoll ich als verheiratheter Mann mich zur Ruhe ſetzen, mein Weibchen mit mir in's Vaterhaus nehmen, und dort die edle Kunſt, Kohl und Kartoffeln zu pflan⸗ zen, erlernen; denn bei dem Seedienſt, meinte er, werde doch nichts herauskommen. Ich ſage ja zu Allem, wenn ich nur meine Roſenknoſpe mitbekomme. Du ſiehſt, Gu⸗ ſtav, daß gar keine Hinderniſſe da ſind, nicht der ge⸗ ringſte Stoff zu einem Roman, nicht einmal zu einer Novelle. Aber dabei ſoll es bleiben; ich halte mich den⸗ noch für den Glücklichſten unter den Sterblichen, und wünſche von Herzen, daß Du der zweite in der Ordnung ſein möchteſt, denn Du verdienſt es; aber der erſte Platz gehört mein.“ / von nung Um ſellſe Obe The⸗ auf ſing ſtelli Reiſ wied her Kind könn nich Her bis ſchn ſtim ſchl Wer Nei Nac da ladr verf Fra hmen, pfl an⸗ werde wenn Gu⸗ r ge⸗ einer ) den⸗ und dnung Platz 169 Achtzehntes Kapitel. Mein Herz iſt liebewarm und bebet!! Ein gift!ger Wurm bewacht den heil'gen Port. Das Bild, das dort in hohem Glanz ſich hebet, Will er verjagen von dem Zufluchtsort. Nikander. Gleich nach dem Mittageſſen reiste die Geſellſchaft von Balderslund nach Björkö, wo viele ſinnreiche Anord⸗ nungen für die Feierlichkeit des Abends vorbereitet waren. Um ſieben Uhr war die ganze große und glänzende Ge⸗ ſellſchaft in dem geräumigen und eleganten Saale des Oberrichters Holk eingepackt; und nachdem das ewig lange Theetrinken, langweilig und einförmig, wie Alles hier auf der Welt, ein erwünſchtes Ende genommen hatte, ſing man an, ſich zum Tanze zu ordnen. Die Mütter ſtellten mit Augen und Händen die kleinen, durch die Reiſe entſtandenen Unordnungen im Anzuge ihrer Töchter wieder her und blickten dazwiſchen vorſorglich hin und her nach alten Bekannten, die ſie von der Unruhe, ihre Kinder in der Anglaiſe ſitzen ſehen zu müſſen, befreien könnten. Dies wäre ganz unerhört geweſen und konnte nicht wohl geſchehen, da wenigſtens ſieben oder acht junge Herren da waren, die aus dieſem Grunde jährlich drei⸗ bis viermal zu ihnen gebeten wurden, den Weihnachts⸗ ſchmaus ungerechnet, und von denen alſo ein Jeder be⸗ ſtimmt den ſogenannten Bratentanz tanzen mußte. Nachher ſchlug jedes mütterliche Herz ruhiger, und eine von den Wenigen, welche das ſchmerzliche Geſchick traf, um den Neid empfinden zu müſſen, tröſtete ſich, indem ſie einer Nachbarin im Unglück zuflüſterte:„Meine Töchter ſitzen, da ich es, Gott ſei Dank, verſchmähe, durch Ein⸗ ladungen und Komplimentirungen ihnen Tänzer zu verſchaffen. Es iſt zu widerwärtig, mitanzuſehen, wie Frau Mees und Frau A'*** und Frau B*** und ſo viele —— Andere ſich deßhalb umthun. Nein, bekommen meine Mädchen nicht ohne meine Mitwirkung zu tanzen, ſo ſoll es lieber gar nicht ſein.“— Und dabei ſchwebten die Augen der vernünftigen Frau auf und nieder im Saale, ob man ſich ſchon zum Tanze aufgeſtellt habe, da noch nicht alle Hoffnung verloren war. „Aber was der Tauſend thut Holk mit der Menge Offiziere da?“ fragte Lindorm Arthurn, während ſie Arm in Arm im Saale auf und ab wanderten; und in dieſer Frage lag ein kleines Tauſendſtel jener Unruhe, die wie⸗ der in ſeinem Herzen zu graſſiren anfing, und jetzt in einem gewiſſen Grade ſich in den Blick verwandelt hatte, womit er die Gruppe betrachtete, die den Weg zu Geor⸗ ginen ganz verſperrte. „Sie ſind von der Stadt und der Gegend hier herum,“ erwiederte Arthur unbekümmert.„Wir Militärs ſind, wie Du weißt, die ſchönſte Zierde eines Balles und die will⸗ kommenſten Tänzer.“ „Daran zweifle ich nicht,“ entgegnete Lindorm kurz. „Ich wundere mich nur, daß der Tanz nicht anfängt. Wer wird den Ball eröffnen?“ „Das, meine ich, ſollte mir und meiner Roſen⸗ knoſpe zukommen,“ ſagte Arthur lachend;„denn Holk und ſeine Frau tanzen nicht. Doch höre, das Waldhorn gibt das Signal zum Anfang! Unſer Wirth hat befoh⸗ len, wir ſollen mit einem Walzer beginnen, und nicht mit der langweiligen Anglaiſe. Aber tanzſt Du nicht?“ „Wie magſt Du fragen, Arthur!“ erwiederte Lin⸗ dorm verdrießlich.„So lange ich um Konſtanzen traure, tanze ich nicht.“ „Ach, verzeihe mir, ich vergaß das!“— Arthur war ſchon am andern Ende des Saales; die lebhaften Töne riſſen ihn in den fröhlichen Wirbel. Lindorm zog ſich an eine der Thüren zurück, wo er die glänzende Verſammlung überſehen konnte. Die Gruppe von Herren, die Georginen umgeben hatte, hatte ſich vermindert; nur Einer blieb zurück; es war ein langer, ſchöne den a ein a dem natür lich ſ beeilt Hand im K den 2 den ward erſchi die V denen der Offi an d dorm jor, men v. W etwa erken flüſſi Hull kann lich vom meine o ſoll n die baale, noch denge Arm dieſer wie⸗ tzt in hatte, Geor⸗ zum,“ , wie will⸗ kurz. fängt. Coſen⸗ Holk dhorn befoh⸗ 171 ſchöner Burſche, in glänzender Uniform, mit einem Or⸗ den auf der Bruſt. Er bot ihr die Hand, und ohne auf ein anderes Paar zu warten, eröffnete er den Ball mit dem Ausſehen eines Mannes, der das als ein ihm ganz natürlich zukommendes Recht anſah. Arthur zog ärger⸗ lich ſeine ſchöne Oberlippe über die weißen Zähne, und beeilte ſich, nachzukommen, ſobald die Roſenknoſpe ihre Handſchuhe anhatte. Vor Lindorms Augen fing es an, im Kreiſe herum zu gehen; der Tanzſaal, die ſchweben⸗ den Paare, die weißen, flatternden Florkleider, die fliegen⸗ den Offiziersſchärpen und die blitzenden Epauletten, Alles ward ihm ein verworrenes Untereinander, und die Luft erſchien ihm unleidlich drückend und erſtickend heiß, obwohl die Wärme eigentlich in ſeiner eigenen Bruſt wohnte; denn denen, die nicht tanzten, klapperten die Zähne vor Kälte, da der Winter ſtreng und der große Saal nicht geheizt war. Endlich ſchloß der Walzer, und der obenerwähnte Offizier, der Major B'*s, führte ſeine Dame wieder an den Platz, den ſie vorher inne hatte. Jetzt eilte Lin⸗ dorm hinzu und ſetzte ſich neben Georginen, ehe der Ma⸗ jor, der ihr artig den Shawl umlegte, ihm zuvorkom⸗ men konnte; und in dem Blick des Barons und Fräulein v. Werdenbergs Lächeln, als ſie ſich gegen ihn wandte, lag etwas, das dem gewandten Auge des Majors Beer zu erkennen gab, daß ſeine weiteren Höflichkeiten hier über⸗ flüſſig ſeien. Er verbeugte ſich alſo und ging, um ſeine Huldigung einem dankbareren Gegenſtande zu widmen. „Ach, wie verdrießlich iſt es, daß Du nicht tanzen kannſt, Guſtav,“ ſagte Georgine, und ſah ihm freund⸗ lich in das finſter blickende Auge. „Ich war nie ein Liebhaber vom Tanzen, beſonders vom Walzer,“ erwiederte Lindorm;„deshalb iſt es kein ſo großes Opfer, als Du glaubſt, oder als es wahr⸗ ſcheinlich für Dich wäre, wenn irgend eine Pflicht Dir dieſes Vergnügen verböte.“ „Ich tanze recht gerne,“ fiel Georgine ungekünſtelt ein;„aber ich glaube nicht, daß ich es für ein ſo großes Opfer anſehen würde, wenn eine wichtige Urſache mich daran verhinderte.“ „Wichtig,“ wiederholte Lindorm; aüßte ſie denn gerade ſo wichtig ſein?“ „Lieber Guſtav,“ ſagte Georgine und blickte, ihn ein wenig verwundert an,„ich weiß nicht, wie Du das verſtehſt. Sagteſt Du nicht eben, daß, wenn mich eine Pflicht vom Tanzen abhielte, ich es wahrſcheinlich als ein Opfer anſehen würde? Darauf antwortete ich, daß ich es nicht glaube, und unter Pflicht verſtehe ich natür⸗ 1 lich eine wichtige Urſache.“ „Es iſt ein recht glücklicher Zufall,“ bemerkte der Baron,„daß ſich keine Pflicht vorfindet.“ „Du biſt heute Abend nicht bei Laune, guter Gu⸗ ſtav; ſage mir, was haſt Du?“ „Ich? Nicht das Geringſte, liebe Georgine, außer ein wenig Kopfweh von der Hitze im Zimmer und dem Menſchengedränge. Ich begreife nicht, warum Holk einen ſo entſetzlichen Quark von Leuten zuſammen gebeten hat; doch der Geſchmack iſt verſchieden. Darf ich fragen, auf wie viele Touren Du engagirt biſt?“ „Auf drei Quadrillen und zwei Walzer; wieſo?“ „Alles, was Dich betrifft, intereſſirt mich, das weißt Du ſehr wohl; aber ſage mir doch, mit wem wirſt Du die beiden andern Walzer tanzen?“ „Den nächſten mit Arthur, und mit Major B*ne den dritten.“ „Mit Bus haſt Du ja eben getanzt!“ ſprach Lin⸗ dorm in einem Tone, der Mißvergnügen und Aerger aus⸗ drückte. „Findeſt Du etwas Unrechtes darin, Guſtav? Zwei Touren kann man wohl mit einem und demſelben Kava⸗ lier tanzen, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen.“ Guſtav ſeufzte und ſchwieg. Er wollte Georginen mit ſeinen Gedanken in dieſer Beziehung nicht betrüben. „Warum ſo finſter, guter, beſter Guſtav? Du mußt es mi theile „und wenig ausſy ſtav 2 Dein Vert holde mich denn 2 ihn t das heine ) als daß natür⸗ e der Gu⸗ außer dem einen hat; I, auf 21 das wirſt uſtav ſeinen mußt 173 es mir ſagen. Du weißt ja, wie gerne ich Deine Unruhe theile; Laß mich wiſſen, was die Ürſache davon iſt.“ „Ich weiß es ſelbſt nicht recht,“ ſagte er ausweichend; „und wenn ich es auch wüßte, ſo würde Dir gewiß ebenſo wenig mit meiner Aufrichtigkeit gedient ſein, wenn ich es ausſpräche, als jetzt mit meinem Schweigen.“ „Was iſt das für ein unverdientes Mißtrauen, Gu⸗ ſtav? Wie biſt Du auf ſolche Gedanken gekommen? Deine Worte ſchmerzen mich; ſollteſt Du nicht mehr Vertrauen zu mir haben? Unartiger Guſtav!“ und der holde, vorwurfsvolle Blick drang in ſein Herz, und er⸗ füllte es mit ſeliger Zuverſicht, wenn auch nur auf einige Augenblicke. Er neigte ſich vertraulich zu ihr nieder, und ſein Auge bat beredter als die Worte, da er ihr zuflüſterte:„Holde Georgine, verzeih' mir meine Schwach⸗ heit! Es quält mich unbeſchreiblich, ja ganz unerträg⸗ lich, Dich tanzen zu ſehen. Ich weiß, daß das eine Kinderei iſt, und daß ich kein Recht habe, Dich zu bitten, Du möchteſt von einem Vergnügen abſtehen, das Du liebſt; und doch, gute Georgine, ich wage nicht etwas Weiteres hinzuzuſetzen. Du weißt jetzt die Urſache mei⸗ ner üblen Laune.“ Zu Georginens Ehre müſſen wir ſagen, daß, obwohl ſie ihn liebte, ſie doch nicht ſo verblendet war, um nicht das Egoiſtiſche in Guſtavs Begehren zu erkennen. Aber, Gott ſei's geklagt! Die Liebe iſt zu allen Zeiten ſich gleich geweſen, und wenn ſie auch mit dem einen Auge klar geſehen hat, ſo hat ſie es doch freiwillig zugemacht wie das andere.— So ging es auch jetzt. Das Gefühl, das ihr eigenes Herz klopfen machte, bedeckte die nackte Wahrheit in Guſtavs Handlung mit dem Feigenblatt der nachſichtigen Schwachheit, und ſo wurde der ſchmerz⸗ liche Eindruck deſſelben weniger empfindlich. Es war ſogar ſüß, dem ein Opfer zu bringen, den ſie ſo grenzen⸗ los liebte, und für deſſen Ruhe ſie das Unmögliche gethan hätte.— So dachte und ſo denkt immer das Weib, wenn ſie wahrhaft liebt. Entſagen iſt ihre Freude, Undank⸗ 174 barkeit zum Oefteſten ihr Lohn. O, daß ſie in dieſem einzigen Punkte, dem Pulſe für die reiche Entwicklung ihres Lebens, nicht ſo viel Schwachheit mit der höchſten Stärke vereinigte! Da ſollten die Launen und Eigen⸗ heiten der Männer, eine ſo unerſchöpfliche Quelle ſie auch ſein moͤgen, nicht aufſchießen und ſo reiche Früchte tragen; denn eine gute, und im wahren Sinne des Wortes, verſtändige Frau oder Braut kann ſie ſehr oft glücklich ableiten, ſo daß ſie unſchädlich wird und nicht ſelten aus Mangel an Nahrung vertrocknet. Dagegen verwandelt das nur gute und blinde Weib ſeinen Abgott in einen Deſpoten, wenn ſie ſeinen Launen huldigt und ihnen auf halbem Wege entgegen kommt. Und wenn dann nach einer Reihe von Jahren der Schleier der Illuſion zerreißt,— denn ſie kann doch nicht ewig blind ſein,— was wird dann am Ende daraus? Ich wage nicht, das Gemälde aufzuzeichnen: aber ich bin gewiß, es ſteht in manches Herz mit Zügen gegraben, die leider auch für Andere leſerlich ſind! Georgine konnte noch nicht zu einer von dieſen Klaſſen gerechnet werden; ſie war weder Frau noch Braut; aber ſie liebte, und der Mann, der ihr Herz beherrſchte, begehrte jetzt den erſten Beweis ihrer Ergebenheit. Konnte ſie ihn abſchlagen? Dennoch empfand ſie, daß der Man⸗ gel an Vertrauen in ſeinem Betragen gegen ſie tief ver⸗ letzend war und zwei widerſtreitende Gefühle in ihrer Bruſt erweckte. Das vorherrſchende ſiegte jedoch. Sie beugte ſich gegen Lindorm, der, vor Scham über ſeine unedle Laune, ſeinen laut ausgeſprochenen Wunſch glühend, in unruhiger Spannung die Antwort abwartete, die ihm in dieſem Augenblicke ſo entſcheidend ſchien. „Beſter Guſtav,“ ſagte Georgine ſanft, aber mit mehr Ernſt als gewöhnlich,„ſei deßhalb ruhig und heiter. Kann ich mit einem ſo unbedeutenden Opfer, im Fall es wirklich eines iſt, Dir eine Freude machen, ſo will ich es gerne thun. Aber mit denen, welchen ich es ſchon verſprochen habe, muß ich tanzen; dann werde ich, ohne lich d erſteht meiner thut. kannſt welche als D o, wer denn einma walzer dieſem klung chſten Figen⸗ e ſie rüchte des dr oft nicht gegen bgott und dann uſton 1,— das ht in ) für dieſen raut; ſchte, onnte Man⸗ ver⸗ ihrer Sie ſeine hend, ihm mit eiter. Fall will ſchon ohne 175 den geringſten Verdruß zu empfinden, den ganzen Abend ſitzen bleiben. Biſt Du dann zufrieden?“ „Ach ja, Georgine, Du machſt mich unendlich glück⸗ lich durch dieſes Verſprechen, und mein ganzes Weſen erſteht zu einem neuen Leben bei der Hoffnung, daß Du meinen Wunſch erfüllen kannſt, ohne daß es Dir wehe thut. Aver verzeihe mir, theure Georgine, wenn Du kannſt, daß ich Dich ſo quäle. Könnteſt Du ahnen, welches unſelige Gefühl ſich meines Weſens bemächtigte, als Du mit Major Bers im Walzer dahin ſchwehteſt, o, wenn Du das faſſen könnteſt, Georgine! Aber iſt es denn unbedingt nothwendig, daß ich dieſe Qual noch einmal leiden ſoll; mußt Du denn noch einmal mit ihm walzen?“ „Würde Dich denn eine Entſchuldigung gegen den Major ſo ſehr glücklich machen, Guſtav, wenn er wie⸗ der kommt, um mich zum Tanze zu führen?“ fragte Georgine, indem ſie tief über die Schwachheit erröthete, ihr Herz ſo vor dem bloß zu ſtellen, der noch nicht einen ſo tiefen Blick darein werfen ſollte. „Unausſprechlich, mehr als ich ausdrücken kann, mehr als ich Dir in einem ganzen Leben vergelten kann, da dies— dies allein— mich vollkommen überzeugen kann, daß Du... Wage ich, es zu ſagen?— Nein, dieſe Stunde paßt nicht für ein ſolches Bekenntniß. Du weißt ja doch Alles, geliebte Georgine! Nie ſollſt Du mich mehr ſo ſehen, wie heute Abend. Deine unſägliche Güte hat die finſtern Gedanken ganz und gar verjagt. Ich bin jetzt ganz Wonne und Dankbarkeit. Keine Wolke kann mehr meinen Himmel überſchatten.“ „Gott gebe, daß es ſo bleibe, Guſtav!“ ſagte Geor⸗ gine, über alle Beſchreibung glücklich durch die Liebe und ſtrahlende Freude, die aus Guſtavs Auge blitzte. „Wie hätte ich eine Minute Fröhlichkeit genießen können, wenn Du ſo betrübt da geſeſſen wäreſt? Nein, das wäre mir unmöglich geweſen.“ Sie wurden von Jemand unterbrochen, der herbei⸗ 176 kam und ſich ganz nahe an die andere Seite von Geor⸗ ginen ſetzte, und von gleichgültigen Dingen zu reden begann. Guſtav ſtand auf; denn dieſer Jemand erweckte nicht das geringſte Herzklopfen in ihm; es war ein muntrer, alter Herr, in Perrücke und einer Tracht, die vor zwanzig Jahren Mode geweſen war. Der alte Mann hatte ſich bei allen Feſtlichkeiten, in ſeiner langen, weiß⸗ ſeidenen Weſte, die ſo modern war, als er ſelbſt, herum⸗ geſchwenkt. In dieſer Geſellſchaft das holde Mädchen zu laſſen, hatte keine Gefahr, zumal da Frau Hermer von der andern Seite herbeikam und Georginen ermahnte, nicht zu heftig zu tanzen, und nichts kalt hineinzutrin⸗ ken. Sehr bereitwillig verſprach Georgine Beides. Nach⸗ dem ſie mit Arthur und ihren drei übrigen Kavalieren getanzt hatte, kam der dritte Walzer, noch dazu auf Major B*ss's Veranſtalten und gegen die gewöhnliche Ordnung zwiſchen der dritten und vierten Quadrille. Sobald das Zeichen geblaſen war, näherte er ſich ſeiner Dame mit der vollendetſten Verbeugung. Lindorm ſtand in einiger Entfernung und fixirte ſcharf jeden Zug und jede Bewegung in Georginens Geſicht und Weſen. „Nun iſt die Tour an uns, gnädiges Fräulein,“ ſagte der Major im geſchmeidigſten Tone, indem er ſeine weißen Handſchuhe anzog. „Ja, ſo wäre es,“ ſagte Georgine mit einem ver⸗ bindlichen Kopfnicken;„aber der Herr Major muß mich entſchuldigen, ich bin genöthigt, mein Verſprechen zurück zu nehmen, da ich erſt krank geweſen bin, und mich jetzt ſo erſchöpft fühle, daß ich heute Abend nicht mehr zu tanzen wage.“ „Das iſt außerordentlich unangenehm, mein Fräu⸗ lein,“ fiel der Major mit einem leichten Achſelzucken ein; „Sie haben jedoch Ihre andern Kavaliere des Glücks nicht beraubt, die ſchon verſprochene Tour mit Ihnen zu tanzen. Darf ich es wagen, Sie zu fragen, warum dieſes harte Loos mich allein treffen ſoll?“ ₰ — — „Habe ich nicht ſchon geſagt,“ erwiederte Georgine, Gu Geor⸗ reden weckte r ein t, die Mann weiß⸗ erum⸗ idchen ermer ahnte, utrin⸗ Nach⸗ alieren u auf ouliche adrille. ſeiner ſtand g und llein,“ rſeine n ver⸗ 3 mich zurück h jetzt ehr zu Fräu⸗ n ein; Glücks nen zu warum orgine, 177 mit einem kleinen Mißvergnügen, das ſie, wenn nicht in den Augen des Majors, ſo doch in denen des Barons, recht gut kleidete,„daß ich ganz erſchöpft bin, und mich überdies nicht recht wohl befinde? Da ich übrigens den ganzen Abend hindurch vollends ſitzen bleiben werde, ſo kann ſich der Herr Major nicht über die geringſte Un⸗ höflichkeit beklagen.“ Ein Lächeln, das dieſe Worte begleitete, verſüßte in etwas die Bitterkeit des Ganzen. Der Major verbeugte ſich ſtumm, ſetzte ſich an einen Spieltiſch und erſchien den ganzen Abend nicht wieder im Saale. Inzwiſchen verflogen die Stunden raſch für Georginen; denn Guſtav war beſtändig um ſie und ſuchte, durch eine unendliche Menge kleiner, ſüßer Aufmerkſamkeiten, ihr ſeine Dank⸗ barkeit und Zufriedenheit zu bezeugen. Er war ſo heiter, als er nur ſein konnte, und Glückſeligkeit und warme, unbegrenzte Hingebung las man in jedem ſeiner Blicke. Die Ballgäſte blieben, bis die Sonne hoch am Him⸗ mel ſtand. Beim Frühſtück machte Holk vor einer friſch herbeigebrachten Bowle bekannt, daß Herr Lieutenant Arthur Sarn ſich mit ſeiner kleinen, liebenswürdigen Schwägerin Louiſe Montén verlobt habe. Mächtig er⸗ klangen die Toaſte, Glückwünſche und Aeußerungen der Verwunderung von allen Seiten. Sie waren jetzt ver⸗ lobt, und Arthur benützte jede Gelegenheit, um ſagen zu können: meine Braut. Nachmittags reisten Hermers ab; Arthur blieb jedoch in Björkö zurück. Nach vierzehn glücklichen Tagen wollte er heim zu ſeinem Vater reiſen. Beim Abſchied ſagte er zu Lindorm:„Ich hätte zwar manche unvollendete Arbeit in Engelvik, die ich unter andern Umſtänden gern beendigt hätte; aber ich hoffe, Guſtav, Du wirſt mich entſchuldigen, wenn ich mein Wort zurücknehme; denn da Du jetzt ſelbſt meine Roſenknoſpe geſehen haſt, ſo wirſt Du Dich gewiß nicht wundern, wenn ich dem alten Glaubensartikel huldige, daß eigene Angelegenheiten fremden vorgehen.“ Guſtav Lindorm. II. 12² 178 „Nein, Arthur,“ erwiederte der Baron lächelnd,„dar⸗ über verwundere ich mich gar nicht. Du biſt in der That ſehr zu entſchuldigen; und da ich jetzt ſelbſt an Ort und Stelle bin, ſo wäre es unbillig, Deine Güte länger zu mißbrauchen. Doch hoffe ich, Du ſchenkſt mir noch einen ganzen Tag vor Deiner Heimreiſe.“ „Ja, dazu wird ſchon Rath werden,“ verſicherte Holk. „Wir werden ſämntlich erſcheinen und ſehen, wie weit der Baron gekommen iſt. Ich werde die Frauenzimmer zum Gerichte mit mir nehmen, das jetzt bald bevorſteht, und ſie in Roſendal einquartieren.“ Mit dieſem vortrefflichen Vorſchlag waren Alle ein⸗ verſtanden, und man trennte ſich unter gegenſeitigen Freund⸗ ſchaftsbezeugungen und in der Hoffnung eines baldigen und fröhlichen Wiederſehens. Neunzehntes Kapitel. Wo ich ſei und wo mich hingewendet, Wenn mein flücht'ger Schatten Dir entſchwebt? Hab' ich denn hienieden nicht vollendet? Hab' ich nicht geliebet und gelebt? Schiller. Bei ihrer Ankunft in Engelvik fanden die Reiſenden Jungfer Wings mit einem Geſichte, das von tiefer Be⸗ trübniß zeugte, und gerade mit dem Schurzzipfel die roth⸗ geweinten Augen trocknend auf der Treppe ſtehen. „Was iſt geſchehen?“ fragte Lindorm unruhig, in⸗ dem er ſchnell aus dem Schlitten ſprang;„wie ſteht es mit Waldenberg?“ „Ach, Herr Gott,“ erwiederte Jungfer Wings in leiſe jammerndem Tone,„der unglückſelige Kronleuchter! Ja, jetzt iſt es ſo gewiß aus mit ihm, als daß ich noch lebe. Herr Gott, die arme, treue Seele hat ſich auch während der um fertig er l auf der Dan fühl thun Mitt liche er de eilte vor wein gena beſti etwa ißt, imm konn und zu Mu daß aber die fen, müß zuſel und ten, mer ich „dar⸗ That und er zu einen Holk. it der zum „und ein⸗ eund⸗ digen webt 2 er. eenden Be⸗ roth⸗ „ in⸗ eht es leiſe t Ja, lebe. hrend 179 der Abweſenheit der Herrſchaft ſo übermäßig angeſtrengt, um den, ich hätte faſt geſagt, verwünſchten Unglücksſaal fertig zu bringen. Alles war auch ſo in Ordnung, und er lächelte ſo vergnügt und zufrieden, und ich mußte hin⸗ auf und es anſehen und mich mit ihm freuen; nur noch der mittlere Kronleuchter war an ſeinen Platz zu hängen. Damit wollte er eine Weile warten, ſagte er, denn er fühlte ſich ermattet und glaubte nicht, daß es ein Anderer thun könnte. Ach, was ſoll ich ſagen? Da er gegen Mittag den Leuchter befeſtigen wollte, that er einen ſchreck⸗ lichen Fall von ſeinem hohen Standpunkte herab.“ Lindorm hörte kaum ein Wort. Wie ein Pfeil flog er die Treppen hinauf nach Waldenbergs Zimmer. Hermer eilte nach, während die Frauenzimmer, blaß und zitternd vor Angſt, in das Wohnzimmer traten. Georgine ſank weinend auf einen Seſſel nieder, Frau Hermer ſtellte ein genaues Verhör mit Jungfer Wings an, worauf ſie ihren beſtürzten Zuhörerinnen noch weiter Folgendes mittheilte: „Ich ſtand um Mittag am Herde und kochte an etwas Eiermilch, die er vor allen andern Speiſen gerne ißt, und das ſage ich gern frei heraus, daß ich mich immer bemüht habe, ihm in Allem zu willfahren, wo ich konnte. Nun, da ſag' ich zur Lieſe:„Lieſe, ſag' ich, geh' und bitte den Verwalter, herabzukommen und zu Mittag zu ſpeiſen! Aber kaum war das Wort aus meinem Munde, als ein Krach über meinem Kopf geſchah, ſo daß ich im erſten Schreck an das jüngſte Gericht dachte; aber ein durchdringender Schrei von den Arbeitsleuten, die er wahrſcheinlich herbeigerufen hatte, um ihm zu hel⸗ fen, machte mir plötzlich Alles klar. Ich glaubte, ich müßte in Boden ſinken; aber die Nothwendigkeit, nach⸗ zuſehen und zu helfen, wenn ich könnte, gab mir Kräfte, und ich humpelte, ſo ſchnell es meine alten Beine erlaub⸗ ten, all' die abſcheulichen Treppen hinauf und in das Zim⸗ mer hinein. Aber du großer, allmächtiger Gott! wie kann ich den Anblick beſchreiben, der mir da entgegen trat! 12* 1 180 Zwar ſagte ich zu Lieſe, als ſie mir dicht auf den Ferſen folgte: ‚Kehr' um, Lieſe, und nimm einen Hafen voll Waſſer mit, denn es ahnt mir, daß unſer armer Wal⸗ denberg zu Tode gefallen iſt;“ aber ich dachte doch nicht, daß es ſo betrübt ausſehen würde. Als ich die Thüre öffnete, waren die beiden Burſche im Begriff, ihn unter dem Gerüſte hervor zu ziehen, das er, mit dem unglück⸗ ſeligen Kronleuchter, bei ſeinem Falle umgeworfen hatte. Wahrſcheinlich bekam er einen Schwindel, als er oben ſtand, oder was es nun war; aber darüber wußten die dummen Menſchen nichts zu ſagen. Daß er aber jetzt da lag, blutig und ohnmächtig, mit einem großen Loch im Kopfe und einen Arm gebrochen, das war, leider Gottes! nur zu gewiß.“ Die Thränen ſtrömten über Georginens Wangen, und angſtvoll rang ſie ihre weißen Hände; denn ſie wußte nur zu wohl, um weſſentwillen er jetzt ſein Leben hingab. Unerträglich war ihr Schmerz; ſie wollte zu Waldenberg hinaufgehen, aber ſie wagte nicht, dieſen Wunſch zu äußern. Und was würde Guſtav denken, wenn er ihren Jammer ſähe? Würde er ihn faſſen und billigen können? Geor⸗ ginens Seufzer und Thränen verdoppelten ſich, als ſie an ihn dachte, den ſie anbetete. Sie fürchtete, er möchte durch ein Mißtrauen in die Reinheit ihres Herzens ihre Gefühle verletzen. „Liebe Jungfer Wings,“ ſagte Frau Hermer,„haben Sie denn nichts gethan, das ihm Hülfe gewährt hätte?“ „Ob wir nichts gethan haben!“ rief Jungfer Wings unwillig.„Ja, Gott ſei Dank, wir wußten, was wir zu ſeiner Linderung thun mußten! Man hat ihm zur Ader gelaſſen, und ſein Arm wurde vom Hoſpogte geſchindelt, der ſchon oft bei ſolchen Gelegenheiten dabei war. Und ich habe ſeinen verwundeten Kopf gewaſchen, gepflegt und verbunden; aber er hat ſeitdem nichts mehr geſprochen und wird es auch wahrſcheinlich nicht mehr thun.“ „Aber liebe, gute Jungfer Wings,“ ſprach Geor⸗ gine, mit heftigen Gemüthsbewegungen kämpfend,„er iſt alſo ohn ohnt mer lich kann Ger Bet hör Gn ſtar Tri 181 alſo noch nicht todt, ſondern Sie glauben, daß er nur ohnmächtig iſt?“ „Nein, gnädiges Fräulein, er iſt weder todt noch ohnmächtig, ſondern vollkommen bei Beſinnung. Das merkte ich neulich ganz deutlich, und es rührt wahrſchein⸗ lch nur von ſeiner Mattigkeit her, daß er nicht ſprechen ann.“ „Woher wiſſen Sie das, Jungfer Wings?“ fragte Georgine. „Ja, das will ich Ihnen ſagen. Ich ſaß an ſeinem Bette, als ich von der Entfernung die Schellen läuten hörte.„Gott ſei gelobt,“ ſagte ich,„jetzt kommt Ihro Gnaden!“ Da ſah er ſchnell auf und heftete den Blick ſtarr auf den Tiſch. Ich glaubte, er wolle etwas zum Trinken haben, und führte das Glas mit Waſſer an ſeine Lippen; aber da ſah er mich ſo traurig an und machte eine abwehrende Bewegung mit dem Kopfe. Ich ſann gewaltig darüber nach, was er wohl wünſchen könnte, und nachdem ich mehrere Verſuche mit der Uhr, der eau de cologne-Flaſche und einigen andern Kleinigkeiten gemacht hatte, ſah ich deutlich an ſeinem Blick, daß er ungeduldig wurde. Ich griff alſo zum Letzten, das noch da lag, zu einem alten verwelkten Kranz, und ſiehe da, er lächelte ſo freundlich und heiter, und drehte den Kopf auf die rechte Seite des Kiſſens. Da begriff ich, was er meinte, lüftete ein wenig das Polſter in die Höhe und legte den Kranz unter ſeinen Kopf; und daß das recht war, las ich deutlich in ſeinem dankbaren Blicke.“ „O Gott! o Gott!“ ſeufzte Georgine. Es war ihr, als ob das weiche Herz brechen müßte, und Frau Hermer hatte alle Mühe, ſie zu tröſten und zu verſichern, daß es ſich geben würde. „Nein, nein,“ ſagte Jungfer Wings,„das gibt ſich gewiß nicht mehr. Es iſt ganz unmöglich, ſich vorzu⸗ ſtellen, daß er nach einem ſolchen Fall wieder zum Leben kommen könnte. Ach, meine Damen, wenn Sie wüßten, was für ein Gottesengel er gegen die Armen war; aber 182 nur ich und unſer Herr Gott weiß und kennt das. Und wie viele Thränen, die Angſt und Noth auspreßten, hat er nicht getrocknet! Nie hielt er ſich für zu gut, um auch in die elendeſte Stube einzutreten, und zu tröſten und zu helfen, ſo weit er es vermochte, und das kann ich Ihnen frei herausſagen, wenn er ſtirbt, ſo werden mehr Thränen von den Gutsleuten auf ſein Grab fallen, als beim Tod des ſeligen Barons und ſeiner Frau zuſammen.“ Jetzt ging die äußere Thüre. Der Baron trat ein, Georgine wandte den Kopf gegen das Fenſter und blickte in die dunkle Abenddämmerung hinaus. Frau Hermer fragte unruhig:„Um Gotteswillen, wie ſteht es? iſt das Leben wirklich in Gefahr?“ „Ich fürchte ſo,“ antwortete Lindorm mit einem traurigen Kopfnicken.„Ich habe einen Eilboten nach Björkö abgeſandt, um einen der Doctoren hieher zu bitten. Ge⸗ wiß werden Sie mir das nicht abſchlagen.“ „Nein, gewiß nicht,“ ſagte Frau Hermer.„Aber was können wir inzwiſchen thun? Ich muß nothwendig hinauf und nach ihm ſehen.“ „Ach ja, thun Sie das,“ ſagte Lindorm;„aber es iſt in Wahrheit ein betrübender Anblick. Seine Schmerzen haben ſicher zugenommen; denn in den letzten Augenblicken war ſein Jammer herzzerreißend, beſonders da der harte Huſten dazu gekommen war. Ich fürchte, ſeine Bruſt hat beim Fallen einen heftigen Druck erlitten. Auch der ge⸗ brochene Arm muß ihn unerträglich ſchmerzen.“ Jetzt wandte Georgine ihr holdes, von Thränen über⸗ goſſenes Geſicht vom Fenſter ab.„Liebe Mama, laß mich mitgehen!“ bat ſie beweglich und ſetzte hinzu, indem ſie ihr Auge forſchend und bittend auf Lindorm heftete: „das thut doch nichts?“ „Du hältſt es nicht aus, liebe Georgine,“ ſagte der Baron ſanft und herzlich, während eine leichte und warme Röthe auf ſeinen Wangen glühte.„Ich glaube, daß Du es nicht ertragen kannſt; aber wenn Du es durchaus willſt, 183 ſo kann hier von ſchicklich oder unſchicklich durchaus keine Rede ſein.“ „Das denke ich auch,“ fiel Frau Hermer ein.„Geor⸗ gine iſt überdies ſtark, wenn es noth thut; ſie kann deß⸗ halb immerhin nach ihm ſehen.“ Ein innig dankbarer Blich fiel Mädchens zuerſt auf die Mutter und dann uuf Lindorm, der ihn verſtand, und ſtill und herzlich ihr die Hand drückte und ſie dann zu Waldenberg geleitete. Im Vorzimmer hielten ſie einen Augenblick. Lindorm fühlte das Zittern von Georginens Arm, der auf dem ſeinigen ruhte, und er bebte, als das Licht, das der Bediente ihnen vortrug, ſeinen flimmernden Schein auf ihr Angeſicht warf. Es war ſehr bleich und man las einen heftigen Schmerz darin. Mit einem leichten Seufzer öffnete der Baron die Thüre zu dem Krankenzimmer. Dort herrſchte jenes unheimliche Halb⸗ dunkel, das einen ſo tiefen Eindruck macht, wenn man ein ſolches Zimmer betritt. Ein einzelnes Licht aus einer Lampe an der Decke beleuchtete die duſtere Umgebung. Bei dem Kranken befanden ſich blos Hermer und Willy, welcher Letztere am Fuße des Bettes weinend auf dem Boden ſaß. Eine Todesſtille herrſchte hier, nur die leis klagenden Laute des armen Waldenbergs unterbrachen ſie. Auf den Zehen näherten ſich die Frauenzimmer, ihre Schritte wurden auf dem weichen Teppiche nicht gehört, und da lag er nun aus⸗ geſtreckt, bleich wie ein eben Abgeſchiedener, mit einer blu⸗ tigen Binde um den Kopf, auf der die ſchönen, braunen Locken ruhten. Die Augen waren geſchloſſen, die ſanften Ge⸗ ſichtszüge von Schmerz entſtellt; ſchwere Athemzüge röchelten dumpf und klagend über die erbleichenden Lippen; die Bruſt arbeitete langſam und ſchwer. Und das war Waldenberg! Ein durchdringendes„Ach!“ entfuhr Georginens Lip⸗ pen; der Gedanke, daß er um ihretwillen ſo bittere Qua⸗ len litt, ſchmerzte ſie unſäglich. Sie hatte, ehe ſie von Engelvik zur Hochzeit reiste, am Morgen ſich herauf geſchlichen und den Saal geſehen, in dem Waldenberg ſo emſig gearbei⸗ tet hatte; und der erſte Blick, den ſie darauf warf, zeigte ihr 2 aus dem Auge des 184 die Verwirklichung des Bildes, das ihre Phantaſie ent⸗ worfen hatte. Wie tief ward ſie nicht von dieſer ſtillen, Alles aufopfernden Liebe gerührt! Aber jetzt, da ſie ihn ſo entſtellt ſah, ein Bild der nahen Auflöſung, und Alles Das für ſie, da war es, wie wenn der Schmerz einer ganzen Welt ſich auf ihr Herz legte und es ſo drückte, daß es nahe daran war, zu brechen. Sie fiel am Bett auf die Kniee nieder, vergaß Lindorm und Alles, außer dem Kranken, und lehnte ihren Kopf auf den geſunden Arm, der kraftlos ausgeſtreckt dalag. Ihre Thränen fielen darauf, von den Andern ungeſehen, doch geahnt von Lindorm. Bei dem einzigen klagenden„Ach!“ das ihren Lippen entſchwebte, fuhr Waldenberg zuſammen und ſchlug die Augen auf. Welch' ein Ausdruck lag in dieſen Augen, als ſie auf ihr ruhten, die ihm ſo unſäglich theuer war, und da er ihren tiefen Schmerz, ihre Thränen ſah! Einige abgebrochene, undeutliche Laute drangen über ſeine Lippen. Georgine beugte ſich zu ihm nieder; aber ihr Ohr konnte ſie nicht auffaſſen. Er ſchüttelte traurig den Kopf, und in der beredten Sprache ſeines Auges verſtand ſie, was er ſagen wollte. Hermer wollte jetzt Georginen erheben; aber in Waldenbergs Blick lag etwas ſo inſtändig Bitten⸗ des, daß er ſich zurückzog. In jedem Auge glänzten Thrä⸗ nen. Lindorms Ruhruig war eben ſo tief als wahr, ſein Mitleid mit Waldenberg grenzenlos, und ſein Herz war zu edel, um, ungeachtet ſeiner unglücklichen Neigung zur Eiferſucht, das geringſte Gefühl von Neid über den un⸗ verſtellten Schmerz, den Georgine an den Tag legte, zu empfinden. So vergingen einige lange Minuten. „Das kann unmöglich ſo fortgehen,“ flüſterte Frau Hermer ihrem Manne zu;„dieſe Gemüthsbewegung kann ihm mehr Schaden bringen, als irgend etwas Anderes. Ich muß hingehen und mit ihm ſprechen.“— Sie näherte ſich dem Bette, und ſagte mit ihrer ſanften Stimme: „Darf ich Ihnen Ihren Kopf verbinden, mein lieber Wal⸗ denberg? Georgine ſoll Sie auf eine kleine Weile verlaſſen. Sie halt es nicht länger aus, Sie leiden zu ſehen.“ Wal⸗ 1 denber ſeinige Eine Wang ſetzte geſchle Da ſj gine, Anwe und ſ weg, kann Sie l ging, zimme Soph men pen theuer ſprech Lindo warm die ſe ſeine aufrü des K ent⸗ illen, hn ſo Das Welt nahe Kniee nken, ftlos t den ppen die als und inige ppen. unte und was ben; tten⸗ hrä⸗ ſein war zur un⸗ zu rau ann res. erte ne: al⸗ en. al⸗ 185 denbergs Hand, die die ihre geſucht und gefunden hatte, ließ ſie los; ein halberſtickter Seufzer war das Einzige, das man von ſeinen Lippen hörte.„Liebes Kind,“ flüſterte Frau Hermer ihrer Tochter zu,„ſei nicht ſo weich; Du verſchlimmerſt ſein Leiden.“ „Ach nein, Mama, das thue ich nicht,“ antwortete Georgine leiſe.„O ich weiß, es war nur—“ Sie er⸗ röthete tief, und nur Waldenbergs Ohr faßte die folgen⸗ den Worte auf. Als ſie aufſtand, und ihr Auge dem ſeinigen begegnete, ſtrahlte ein verklärter Glanz in dieſem. Eine leichte, flüchtige Röthe färbte einen Augenblick ſeine Wangen; die Lippen lächelten friedvoll und ſelig. Sie ſetzte ſich an ſein Bett; ſeine Hand war in die ihrige geſchloſſen. So vergingen wieder einige düſtere Augenblicke. Da ſprach Frau Hermer mit mütterlichem Ernſte:„Geor⸗ gine, mein Kind, Du verſtehſt nicht, daß Deine längere Anweſenheit undienlich iſt. Geh' jetzt mit Guſtav hinab, und ſei nicht länger eigenſinnig.“ Still ſtand Georgine auf.„Ich bleibe nicht lange weg, Waldenberg,“ flüſterte ſie dem Kranken zu;„i kann es nicht. Gott ſei bei Ihnen, lieber Waldenberg!“ Sie legte ſachte ſeine Hand nieder, drückte ſie leicht und ging, auf Guſtav's Arm geſtützt, wieder in das Wohn⸗ zimmer hinab. Hier ſetzte ſich Lindorm neben ſie auf den Sopha, und in ſanften, ſchönen Worten floſſen die war⸗ men und heiligen Gefühle der Theilnahme von ſeinen Lip⸗ pen und öffneten ihr Herz für Troſt und Frieden. „Ach, Guſtav,“ ſeufzte ſie.„Waldenberg iſt mir ſo theuer, wie es Konſtanze Dir war. Ich werde ihn unaus⸗ ſprechlich vermiſſen.“ „Und auch ich, meine theure Georgine,“ antwortete Lindorm gerührt.„Aber wenn ich bedenke, daß ſein edles, warmes Herz tauſend bittere Kämpfe gegen die Entſagung, die ſein Loos ward, geſtritten und gelitten hätte, daß ſich ſeine Kraft in dieſem immer erneuerten Kampf gegen die aufrühreriſchen Leidenſchaften erſchöpft hätte, dann ſage ich: des Herrn Wille geſchehe! er allein weiß, was uns gut iſt.“ 186 „Ach,“ wandte Georgine ein.„Waldenberg iſt ſo ruhig und ſo gut; in ſeiner Bruſt entſtehen keine ſolche Stürme, wie in der Deinigen, Guſtav.“ „Waldenberg iſt dennoch ein Menſch, Georgine,“ er⸗ wiederte Lindorm,„und obwohl einer von den edelſten und beſten, und obwohl er ſeine Leidenſchaften bändigen kann, ſo brennt doch das Feuer hell unter der Aſche; ich habe ihn in gleichem Grade aufgeregt geſehen, wie ich ſelbſt es werden kann, und aus demſelben Grunde. Solche Pein täglich zu leiden, iſt eine Tortur, deren Qual Du nicht begreifen kannſt. Glaube mir, dieſe wäre für Waldenberg weit härter, als jetzt in der ſeligen und beruhigenden Ueber⸗ zeugung zu ſterben, daß er in Deinem Herzen fortleben werde.“ Georgine ſeufzte und ſchwieg. Sie überdachte Guſtav's Worte, und erinnerte ſich, daß Waldenberg nach der Heim⸗ kehr des Barons Roſendal nie wieder beſucht hatte, daß er am erſten Abend ihrer Ankunft in Engelvik nicht unten war, er, der doch ſonſt ſo gerne ſie ſehen und ſprechen wollte, ſein ungewöhnlich zerſtreutes und ſonderbares Be⸗ nehmen beim Frühſtück, der finſtre, glühende Ausdruck in ſeinem Blick, alles das ſtand jetzt klar und in einem ganz andern Licht, als bisher, vor ihren Augen. Jeder Um⸗ ſtand beſtärkte Guſtav's Aeußerung; und die Illuſion die ihr Herz bethört hatte, daß ſie, unerachtet der Da⸗ zwiſchenkunft Lindorms, immer auf demſelben Fuße wie bisher in ungeſtörtem und innigem Vertrauen fortleben könnten, fing jetzt an, wie alle Blendwerke zu zerfallen. Je mehr ſie alles das bedachte, deſto mehr üherzeugte ſie ſich, daß kein Paradies auf Erden zu finden ſei, auch nicht einmal in dem edelſten Herzen. „Glaubſt Du vielleicht jetzt, liebe Georgine, daß ich Recht gehabt habe?“ ſagte Lindorm nach einem langen Stillſchweigen, und ſah ihr freundlich fragend in's Auge. „Ja freilich, Guſtav, leider muß ich glauben, daß Du Recht haſt; aber mein Herz will bei dem Gedanken brechen, daß er ſterben ſoll, weil er eine elende Laune von mir befriedigen wollte.— O Guſtav, wenn Du wißtef machen ſtehe 3 hätten V zeigen, angeor ohne e rein n außerſ ſo leb Walde Einfal ſiren. Stral Wmahnt 1 den b menſte nach Beide ſchen Seele ſtehe bis z1 Du, ſeitige ganze Du aufzu wie bergs ſchüs in ſo ſolche ,* er⸗ en und kann, h habe elbſt es e Pein u nicht enberg Ueber⸗ verde.“ uſtav's Heim⸗ e, daß unten prechen es Be⸗ ruck in m ganz r Um⸗ lluſion r Da⸗ ße wie rtleben fallen. zeugte auch daß ich langen Auge. . daß danken Laune Du 187 wüßteſt, wie mich das quält, und ewig mir Schmerz machen wird!“ „Was meinſt Du damit, liebe Georgine, ich ver⸗ ſtehe Dich nicht?“ ſagte Lindorm. Georgine erzählte ihm nun, wie ſie ſich eines Abends mit kleinen Entwürfen zur Einrichtung der Zimmer im Allgemeinen unterhalten hätten, und da er im Scherz ſie gebeten habe, ihm zu zeigen, wie ſie einen Saal vom Größten bis zum Kleinſten angeordnet wiſſen wollte, habe ſie ſeinen Wunſch erfüllt, ohne eine Abſicht damit zu verbinden, und dann die Sache rein wieder vergeſſen,„bis,“ ſetzte ſie, tief erröthend und äußerſt verlegen wegen der Fortſetzung, hinzu,„ich jetzt ſo lebhaft wieder daran erinnert worden bin, da der gute Waldenberg, ich weiß nicht, aus welcher Urſache, den Einfall gehabt hat, auf Engelvik meine Idee zu reali⸗ ſiren. Genug, es iſt geſchehen!“ „O Du edler Waldenberg,“ ſagte Lindorm, und ein Strahl von unvermiſchter Freude flog über ſein Angeſicht, indem er Georginens Hand heftig an ſeine Lippen drückte, „ich begreife jetzt Alles. Er hat längſt in meiner Seele den brennendſten Wunſch geleſen, und mit der vollkom⸗ menſten Selbſtverläugnung hilft er dazu, meine Wohnung nach dem Geſchmacke derjenigen ein urichten, die wir Beide verehren. Waldenbergs edles Herz hat aller irdi⸗ ſchen Hoffnung entſagt; das beweist dieſe Handlung von Seelengröße und wirklichem Hochſinn; und jetzt erſt ver⸗ ſtehe ich, wie rein und uneigennützig ſeine Liebe war und bis zum letzten Athemzuge iſt. Und du, gute Georgine, Du, die Du das einzige ausſchließliche Ziel unſerer beider⸗ ſeitigen Wünſche geweſen biſt, wie ſoll ich Dir meine ganze große, unbegrenzte Dankbarkeit dafür beweiſen, daß Du ſo edel warſt, um mich über das wahre Verhältniß aufzuklären? Sage mir, wie werde ich das können, und wie haſt Du vermocht, einer ſolchen Liebe, wie Walden⸗ bergs, zu widerſtehen?“ „Auf Deine erſte Frage, Guſtav,“ verſetzte Georgine ſchüchtern,„will ich Dir von ganzer Seele aufrichtig 188 antworten. Entferne, ſo weit Du es vermagſt, jene Neigung zum Mißtrauen, die mir ſo wehe thut, da ſie ſo überflüſſig iſt; und was die zweite Frage betrifft, ſo kann ich nur Gott dafür danken, daß mein Gefühl für Waldenberg immer nur die warme, aber ruhige Hingebung einer Schweſter war; denn,“ fügte ſie leiſe hinzu,„da ſein Verluſt mich ſchon jetzt ſo tief ſchmerzt, wie viel bitterer müßte dies der Fall geweſen ſein, wenn ein heiße⸗ res Gefühl mein Herz bewegt hätte! Vielleicht iſt es des⸗ halb am beſten ſo, wie es iſt, wenn er nur nicht um meinetwillen ſtürbe.“ „Mißgönne ihm das nicht, meine Georgine,“ flüſterte Lindorm tröſtend.„Du begreifſt es nicht, wenn ich Dir ſage, daß gerade dieſer Tod ſo ſüß für ihn iſt. Da er nie für Dich leben konnte, ſo iſt es eine Seligkeit für ihn, für die zu ſterben, die er höher liebte als ſein Leben. Aber verſuche es jetzt, ich beſchwöre Dich darum, einige Stunden zu ruhen, ſo werde ich inzwiſchen hinaufgehen, und hören, wie es mit ihm ſteht. Noch brauchen wir nicht das Schlimmſte zu fürchten; Du kannſt deshalb ruhig ſein.“ Zwanzigſtes Kapitel. Vergebens traf Dein Seufzer mich, Zu ſpät, ach! ſollt' es ſein! Du kannſt entſagen, freue Dich, Auf immerdar und rein! Atterbom. Die Nacht verging für Waldenberg unter ſchweren und immer mehr zunehmenden Qualen. So lange Geor⸗ gine im Zimmer verweilte, hatte er mit gewaltſamer Anſtrengung alle Klagen zurückzuhalten geſucht; aber ſobald ſte es verlaſſen hatte, brachen ſie nur um ſo ſchmerz Er fü Fragen Der 2 bedeute 4 er hat viel S⸗ hörbar reiſen unmö ſt, jene da ſie rifft, ſo ühl für ngebung zu,„da wie viel in heiße⸗ es des⸗ icht um flüſterte ich Dir Da er keit für : Leben. einige ufgehen, hen wir deshalb hweren Geor⸗ tſamer aber im ſo 189 ſchmerzlicher aus. Gegen Tag langte Doctor Asua an. Er fühlte dem Kranken den Puls, machte verſchiedene Fragen über die Verhältniſſe, und ſchüttelte den Kopf. Der Arm wurde verbunden; die Kopfwunde war nicht bedeutend. „Alles das thut nichts,“ ſagte der Doctor;„aber die Bruſt hat einen ſchweren Schaden erlitten; ich fürchte, 4 daß ein Blutgefäß zerſprungen iſt. Inzwiſchen wollen wir thun, was möglich iſt.“ „Einige Stunden ſpäter war dem Doctor gelungen, nicht allein die Qualen des Kranken zu lindern, ſondern er hatte ſogar durch die angewandten Mittel wieder ſo viel Stärke gewonnen, daß ein und das andere leiſe Wort hörbar über ſeine Lippen ſchweben konnte. „Herr Doctor,“ ſagte Hermer und zog den Arzt bei Seite,„iſt das nicht ein gutes Zeichen? Dürfen wir für unſern armen Kranken hoffen?“ „Nein,“ antwortete Doctor Ars.„Zwar habe ich ſeine Qualen zu lindern vermocht, aber ſein Leben zu retten, ſteht nicht in meiner Gewalt. Alle Bemühungen zu dieſem Zwecke wären vollkommen fruchtlos, das ſah ich im erſten Augenblicke. Mit allen Mitteln der Kunſt lebt er doch höchſtens noch vierundzwanzig Stunden, und vielleicht kaum ſo lange, da ſeine Kräfte erſchöpft ſind.“ „Sehen Sie,“ fragte Hermer weiter,„den unglück⸗ lichen Fall als die Urſache ſeines Todes an, Herr Doctor?“ „Das hat ihn wenigſtens beſchleunigt,“ verſetzte der Arzt;„aber ſo viel ich beurtheilen kann, hätte er es doch nur noch einige Wochen weiter getrieben. Die Functionen des Lebens hätten ſo allmählig abgenommen. Er hätte es kaum ſelbſt gemerkt, wie er hinüberging, und auch ſo ſtehe ich dafür, daß ſein Tod vollkommen ruhig und ſtill ſein wird.“ Gegen Mittag ſah ſich der Doctor genöthigt, abzu⸗ reiſen, da es ihm ſeine zahlreiche Praris in der Stadt unmöglich machte, länger zu bleiben. Der Baron war ſehr —— 190 betrübt darüber; aber der Doctor verſicherte ſowohl ihn, als Hermer, daß ſeine weitere Anweſenheit zu nichts nütze. Arthur, der zugleich mit dem Doctor angekommen war, blieb theils aus Freundſchaft für Waldenberg, und theils auch, weil er es für unedel hielt, Guſtav jetzt zu verlaſſen, zurück. Gleich nach der Abreiſe des Doctors äußerte der Kranke in leiſen, aber deutlichen Worten den Wunſch, daß man nach Werner ſchicken ſolle. Er wollte zum letztenmal auf Erden das heilige Abendmahl nehmen. Um drei Uhr langte der Pfarrer an, tief erſchüttert von dem unglücklichen Ereigniſſe, und in einer Gemüths⸗ ſtimmung, die des hohen Zweckes ſeiner Reiſe würdig war. Alle die theuren Freunde Waldenbergs waren bei dem ſchönen Akte zugegen. Herrliche, troſtreiche Worte gingen von Werners Lippen, und im Glauben und in der ſeligen Hoffnung erhob Waldenberg ſein Auge zu dem würdigen Lehrer, worauf er das Nachtmahl mit einem Blicke empfing, der die Herzen aller Anweſenden von einer ſeligen Ahnung beben machte. Sie waren von einem Gefühle durchſchauert, das zu heilig für die Erde war; der Vorhang der Unſterblichkeit ſchien vor ihnen zerriſſen, der Staub verklärt, und in ſtillem Gebete knieten Alle um das Sterbelager. Es war ungefähr ſieben Uhr Abends. In Walden⸗ bergs Zimmer war es ſo ſtill, daß man nur das ein⸗ tönige Ticken einer Wanduhr hörte. Frau Hermer ſaß in einer kleinen Entfernung von dem Bette, Georgine an dem Kopfkiſſen; ihre eine Hand ruhte geſchloſſen in der ſeinigen; mit der andern wiſchte ſie den kalten Schweiß von ſeiner Stirne ab. Waldenberg lächelte oft; er lag ruhig und ſtill da, und der friedevolle Blick ſeines Auges ruhte nur auf ihr, während ein leiſes Drücken ihrer Hand, und ein friſches, ſeliges Lächeln um ſeine Lippen, auf die der Tod ſchon ſein Siegel gedrückt hatte, bewies, wie glücklich er ſih fühlte. Die drei Männer hatten ſich gegen das andere Ende des Zimmers zurückgezogen; Willy behielt ſeinen Platz auf dem Boden am Fuße des Bettes bei. mit de ner B ſie zu vorber mit de lich g berühr ſpranz denber ich zur drückt in der 7 ohl ihn, § nütze. kommen eg, und jetzt zu Doctors ten den wollte nehmen. ert von müths⸗ würdig ren bei Worte und in uge zu hl mit eſenden en von e Erde ihnen Gebete zalden⸗ as ein⸗ er ſaß Lorgine ſſen in ſchweiß er lag Auges ihrer eippen, fewies, n ſich Willy Bettes — 191 bei. Ein Paar Stunden vorher hatte Waldenberg leiſe mit dem Baron geſprochen, und in klarer und vollkomme⸗ ner Beſinnung ihn gebeten, an ſeine Eltern zu ſchreiben, ſie zu tröſten und zu verſichern, daß er ruhig und wohl vorbereitet, ja mit Freude der Verwandtſchaft ſeiner Seele mit dem beſſern Leben entgegengeſehen habe. Heilig ge⸗ lobte es ihm Lindorm, und jetzt ſchien nichts mehr den Geiſt an den Staub zu feſſeln. In ſtummer Beängſtigung und Unruhe ſchritten die Stunden hin; das Herannahen des entſcheidenden Moments bedrückte jedes Herz. „Georgine,“ flüſterte Waldenberg mit jener ſchönen, durchdringenden Klarheit in der Stimme, die ſo tief und ſchmerzlich in die Seele der Zuhörenden eingreift, und die Erinnerung an die baldige Verwandtſchaft des Sprechenden mit den Engeln erweckt. Georgine beugte ſich herab, als er ein Zeichen mit dem Kopfe machte, daß er ſich erheben wolle. Sie legte ihren Arm unter ſein Haupt.„Iſt es ſo recht?“ fragte ſie leiſe, und große, helle Zähren fielen auf ſeine Stirne nieder. „Ach ja!“ antwortete Waldenberg;„nach dieſen ſeligen Minuten möchte ich um keinen Preis wieder zu den Schmerzen des Erdenlebens zurückkehren. Ich bin ja jetzt ſo glücklich geweſen, Georgine, als ein Menſch nur werden kann. Alle Wünſche ſind verſtummt, nur einer bleibt mir noch übrig.“ „Welcher denn, guter Waldenberg?“ fragte ſie bit⸗ tend.„Kann ich noch etwas thun?“ „Ich möchte— ach, ich möchte— ſo unausſprech⸗ lich gerne Georgine noch einmal die Saiten der Harfe berühren— mich in Schlaf ſingen hören.“ „Das ſoll beſtimmt geſchehen,“ ſagte Willy und ſprang auf;„ich fliege nach Roſendal und hole ſie. Wal⸗ denberg, lieber, guter Waldenberg, ſterben Sie nicht, bis ich zurück bin; gönnen Sie mir die Freude,“ ſchluchzte er und drückte Waldenbergs Hand an ſeine Lippen,„Ihnen noch in der letzten Minute ein Vergnügen gemacht zu haben.“ „Mein guter Willy, geh' nur,“ flüſterte Walden⸗ 192 berg;„Gott wird Dein Gebet erhoöͤren, daß ich leben darf, bis Du wieder kommſt.“ Willy eilte wie ein Blitz hinüber über das ſpiegel⸗ blanke Eis. „Es iſt ſüß, ſo zu ſterben, wie ich,“ ſagte Wal⸗ denberg und ſchlummerte ſtill auf Georginens Arm ein. Um zehn Uhr erſchien Willy wieder mit dem großen „Harfenfutteral. „Komme ich nicht zu ſpät?“ fragte er Lindorm, dem er unter der Thüre begegnete. „Nein, mein flinker Junge, Du ſollſt die Freude haben, den letzten Wunſch unſeres armen Waldenbergs erfüllt zu haben und ihn denſelben genießen zu ſehen; denn noch flackert die Lampe, obwohl ſchwach.“ Willy näherte ſich dem Bette auf den Zehen: „Georginchen, ſchläft er?“ „Nein, Willy, er ſchläft nicht; er fragte eben, ob Du zurückgekommen ſeiſt.“ Waldenberg lag noch in derſelben Weiſe, den Kopf V auf Georginens Arm geſtützt. Das ſtarke Röcheln in der Bruſt hatte aufgehört; Alles war ſo ſtill und ruhig, wie ſeine Seele. Er ſchlug die Augen auf und heftete ſie mit einem ſprechenden Ausdruck auf Willy; darauf wandte er ſie auf ſie, die ihm Alles war. Mit einem langen, unendlich liebevollen Blick betrachtete er noch einmal die ſchönen, theuren Züge.„Jetzt,“ ſagte er leiſe,„iſt es bald vorüber! O Georgine, Du unausſprechlich Ge⸗ liebte, Abgott meines Herzens— ein einziges Mal wage ich es, Dich ſo zu nennen, ein einziges Mal in meinem Leben,— das erſte, das einzige, das letzte— lebe wohl, meine Georgine; ich ſehne mich— zur Ruhe— mit Deinem Geſang!“ Sie griff in die Saiten der Harfe und ſang unter tiefer und heiliger Rührun mit ihrer harmoniſchen Stimme drei Pſalmverſe, die Waldenberg oft wiederholt hatte. Als die letzten zitternden Töne des feierlichen Ge⸗ ſanges, wie ein Geiſterflüſtern, verklungen waren und Georg Dank eine dumpf nieder zurück —— z—„— z= z leben ſpiegel⸗ Wal⸗ m ein. großen ndorm, Freude enbergs ſehen; Zehen: en, ob 1 Kopf in der g, wie ete ſie wandte angen, nal die „iſt es h Ge⸗ wage neinem lebe the— unter btimme tte. n Ge⸗ n und 193 Georgine ſich niederbeugte, um auf Waldenbergs ſtillen Dank zu lauſchen, fiel ihr die Harfe aus der Hand und eine Saite zerſprang mit einem klagenden Laute. Ein dumpfer Schrei entfuhr ihren Lippen, ihr Haupt ſank nieder— Waldenbergs Geiſt war in ſeine ſchöne Heimath zurückgekehrt. Wie oftmals hab' ich mich geſehnet, Wie lang' geſchmachtet und geſtöhnet; Der Nebel möchte niederſinken, Der vor dem Seherblick zerſtiebt! Jetzt trifft mein Ohr des Klangs Entzücken, Das Strahlenlicht naht meinen Blicken, Da Deine ſüßen Töne winken, Da Antwort mir Dein Auge gibt! Einundzwanzigſtes Kapitel. Für ſie gab's keine Welt, kein geſtern mehr und heut, Still ſtand für ſie in ihrem Lauf die Zeit, Denn jede Stunde dieſer Endlichkeit Wird von der Zeit gemeſſen, wird begrenzt, Doch jene Küſſe, die uns Tod und Lieb' kredenzt, Sind Kinder ja der Ewigkeit. Die Glücklichen, wenn auch die ganze Erd In Rauch aufginge, ſähen nicht die Flammen, Ja ſtürzte ſelbſt das Firmament zuſammen, Sie hätten nimmer ſeinen Fall gehört. Tegnér. Drei Monate waren vergangen, der Mai hatte ſein reiches, friſches Leben über die Erde ausgeſtreut, die Blumen blühten und alle Birken ſtanden belaubt wie fröhliche Bräute mit dem Myrthenkranz in den Locken. An einem dieſer ſchönen und lachenden Frühlingsmorgen ſtieß Baron Lindorm ſein kleines Boot von der Engel⸗ Guſtav Lindorm. II. 13 194 viker Brücke ab und ſteuerte nach Roſendal hinüber. Er war jetzt ſeit ſieben Monaten Wittwer, und die ſchwarze Tracht hatte heute zum erſten Male einem eleganten, eſchmackvollen Jagdkleide Platz gemacht, das von feinem ichtgrünem Tuche und reich mit Schnüren und Borten beſetzt war. Auf den ſchönen dunkelbraunen Locken ruhte eine kleine Mütze von derſelben Faͤrbe, wie der Rock, deren reiche Seidenquaſten in geſchmackvoller Nachläſſig⸗ keit auf die Schultern herabhingen. Die Büchſe, die er neben ſich auf die Bank legte, ſowie die wohlgefüllte Jagdtaſche bewieſen, daß er glücklich geweſen war. Ge⸗ ſund, warm und glühend, ſowohl in geiſtigem, als leib⸗ lichem Sinne, ſtieg er in Roſendal an's Land, wo er von Willy begrüßt wurde, der ihm dienſtfertig das Boot befeſtigen half. „Ja, das iſt ſauber von Ihnen, Herr Baron, ſich ſo aufzuführen,“ ſagte Willy während der Arbeit in halb ſcherz⸗, halb ernſthaftem Tone. „Wie ſo, Du Schelm?“ ſagte Lindorm, und ſchlug ihm mit einem kleinen Tauende über den Rücken. „So, Sie fragen mich noch, da es Ihnen Ihr Ge⸗ wiſſen doch weit beſſer ſagen kann? recht haben Sie auf keinen Fall gethan. Es war eine Sünde gegen ſie, und ein Paar Mal fühlte ich mich verſucht, nach Engelvik zu gehen und den Herrn Baron in die Beichte zu nehmen.“ „Das hätteſt Du thun ſollen, Willy, dann wäre ich ſchon längſt hier geweſen. Meinſt Du, ſie werde heute nicht weinen und ſeufzen?“ „Nein, gewiß nicht, wenn Sie ihr nicht durch finſtre Blicke und ſtechende Worte eine Veranlaſſung dazu geben. Seien Sie, wie früher, ſo hört ſie auf zu ſeufzen und zu weinen; denn ſo viel verſtehe ich mich ſchon auf die Sache, um einzuſehen, daß die Thränen dieſer letzten zwei Mo⸗ nate aus einer andern Quelle gefloſſen ſind, als jene erſten.“ „Gott gebe, daß Du Recht hätteſt, Willy!“ ſagte der Baron ernſt, und ſie ſchritten dem Hauſe zu und in den Saal, wo Georgine ſich allein befand. Eine tiefe und glüh uner habe kom Beu zaub „abe will mut aber glüc r. Er warze anten, feinem Zorten ruhte Rock, läſſig⸗ die er efüllte Ge⸗ leib⸗ wo er Boot ſich halb ſchlug r Ge⸗ ie auf und vik zu men.“ re ich heute finſtre geben. ind zu Sache, Mo⸗ ſten.“ te der n den und 195 glühende Röthe bedeckte ihre Wangen, als Lindorm ſo unerwartet vor ihr ſtand! „Ach, Guſtav,“ rief ſie aus,„wir glaubten faſt, Du habeſt Engelvik verlaſſen, ſo ſelten warſt Du in Roſendal.“ „Ich wollte warten, bis ich hoffen konnte, wieder will⸗ kommen zu ſein,“ erwiederte er herzlich, und legte ſeine Beute zu ihren Füßen nieder. „Danke, lieber Guſtav,“ ſprach ſie mit dem holden, zauberiſchen Lächeln, dem man unmöglich widerſtehen konnte; „aber wie konnteſt Du vermuthen, daß Du je weniger willkommen wäreſt?“ „Ei, liebe Georgine, das habe ich nicht nur ver⸗ muthet, ich glaubte mich ſogar davon überzeugt zu haben; aber ich lebte auch zugleich in der gewiſſen und deßhalb glückſeligen Ueberzeugung, daß, wenn die Zeit ihre Forde⸗ rung empfangen habe, die ſchönen Roſen meines Lebens, die mir ein finſterer Schatten neidiſch verhüllt hatte, wie⸗ der in neuem und friſchem Glanze erblühen würden, und ich bin jetzt gekommen, um zu ſehen, ob Deine holden Züge dieſe Hoffnung beſtätigen würden.“ „Nun wohl, Guſtav,“ ſagte Georgine und hob ihr Auge zu ihm auf, was lieſeſt Du darin?“ „Ach, ich leſe darin, was ich ſo lange gewünſcht und erfleht habe: Troſt für die langen, einſamen Stunden, die ich fern von Dir zugebracht habe, nur damit beſchäftigt, Engelvik umzuſchaffen und zu verſchönern. Und wie habe ich mich nicht nach dem Augenblicke geſehnt, wo ich wie⸗ der in Deinem Blick jenen Ausdruck ſehen dürfte, der mehr als Worte mir die Gewißheit gibt, daß Du mich gerne ſiehſt, und daß— die trüben Tage verſchwunden ſind.“ In holder Verwirrung wandte ſich Georgine ab, da Guſtav's Blicke weit mehr ſuchten und fanden, als die jungfräuliche Sittſamkeit geſtatten wollte. O wie lange war er nicht fort geweſen! Er ſollte nicht in jedem Blicke, den ſie zu erwiedern wagte, leſen und ſehen, wie viel ihr das gekoſtet hatte. In dieſer verlegenen Lage der Dinge — 196 fragte der Baron:„Würdeſt Du nicht eine kleine Prome⸗ nade in den Park machen? das Wetter iſt ſo ſchön, und der Morgen ſo erfriſchend und einladend.“ „Du haſt Papa und Mama noch nicht begrüßt,“ erwiederte Georgine ausweichend. „Was iſt das für ein Geſchwätz, Gine?“ ſiel Willy ein.„Erinnerſt Du Dich denn nicht, daß Papa ſchon geſtern fortreiste, und Mama iſt in den Garten gegangen, das will ſo viel heißen, daß ſie vor Mittag nicht nach Hauſe kommt? Soll ich gehen und Deinen Hut herabholen?“ „Nun wohl, Du ſollſt bedankt ſein, Willy, nimm Deine Mütze mit, ſo können wir der Mama entgegen gehen.“ „Nein, ſchönen Dank!“ antwortete Willy mit einem ſchlauen Lächeln,„ich will hinaus und fiſchen.“ „Georgine, warum willſt Du mir heute nicht das Vergnügen gönnen, mit Dir ſpazieren gehen zu dürfen? Haben wir es nicht ſchon öfter gethan?“ Georgine erwiederte nichts; aber ihre Unruhe ſtieg. Kein Mäͤdchen konnte weniger geziert ſein als ſie; aber Lindorm hatte in den zwei letzten Monaten Roſendal ſo ſelten beſucht, ſich ſo ganz und gar im Charakter einer ruhigen Freundſchaft benommen, einer Art von brüderlichem Wohlwollen, daß ihr Verhältniß ſich ſehr verändert hatte, und während dieſer ganzen Zeit war kein Wort über ſeine Herzensangelegenheit ſeinen Lippen entfallen. Georginens tiefer, unverſtellter Schmerz hatte allmählig eine Art Scheide⸗ wand gebildet, welche vielleicht beide gleich ſehr wünſchten zu überſteigen, was aber bisher von ihnen vermieden wor⸗ den war. Nun waren ein Paar Wochen verſtrichen, ſeit ſie ſich zum letzten Male geſehen hatten; es war alſo nicht zu verwundern, wenn Georgine nach dem erſten natürlichen Ausbruch der Freude wieder in eine gewiſſe unruhige Ver⸗ legenheit verfiel, welche die Anweſenheit einer dritten Per⸗ ſon willkommen machte. Willy kehrte mit dem Hute zurück, Georgine knüpfte ihn unter heftigem Herzklopfen, und Alles ging ſehr lang⸗ ſam vor ſich. Jetzt mußten die Handſchuhe hervorgeſucht rome⸗ „und küßt,“ Willy ſchon ngen, Hauſe n?“ nimm hen.“ einem t das rfen? ſtieg. aber al ſo einer ichem hatte, ſeine inens heide⸗ ſchten wor⸗ ſeit nicht ichen Ver⸗ Per⸗ üpfte ang⸗ ſucht 197 werden, dann der Sonnenſchirm; aber endlich fehlte nichts mehr, und ſie nahm Lindorms Arm. Sie gingen dem Parke zu; kein Wort wurde unterwegs gewechſelt. „Wollen wir nicht ein wenig ſitzen?“ fragte er und deutete auf die ſchöne, grüne Raſenbank, die ſo freundlich und einladend da ſtand. Georgine ſetzte ſich, und riß emſig einen Haufen Gras um ſich herum aus, um daraus Kraͤnze zu flechten. Da dies nun eine gute Weile fortging, ſetzte ſich Lindorm, der bisher gedankenvoll vor ihr geſtanden war, an ihre Seite. „Warum, holde Georgine,“ ſprach er in weichem, zum Herzen dringendem Tone,„warum ſo unruhig, warum weichſt Du ſo ſorgfältig meinen Blicken aus? Haſt Du nicht ſchon lange vordem in meiner Seele geleſen, und wenn auch meine Lippen meine grenzenloſe Liebe noch nicht in Worten ausgeſprochen haben, ſo haſt Du doch hundert⸗ mal in jedem meiner Blicke, in jeder meiner Handlungen die Betheuerung geſehen und geleſen, daß ich Dich mehr als Alles auf Erden liebte! Ich glaubte, Du habeſt mich verſtanden, und ſchon vor einigen Monaten wagte ich zu hoffen, daß Du meine Gefühle theilteſt.“ Georgine ſaß ſchweigend; Lindorm fuhr fort:„Es trat eine andere Zeit ein, die alle Deine Gedanken und Gefühle ausſchließlich in Beſitz nahm. Das war natürlich, ich beklagte mich nicht darüber; aber da ich Deinen Lippen kein Lächeln mehr zu entlocken vermochte, und beſtändig Dein holdes Auge von einem Thränenſchleier umflort ſah, zog ich mich zurück, und ließ die Zeit wirken. Ueber drei lange Monate wartete ich vergebens. Da ſehnte ſich meine Seele nach Gewißheit; ich kam hieher. Dein erſter Blick gab mir Hoffnung, gab mir Troſt, gab mir reichen Erſatz für die verlorenen Tage; aber jetzt, was ſoll ich aus Dei⸗ nem ungewöhnlichen Schweigen ſchließen und aus Deiner eben ſo ungewöhnlichen Verlegenheit? Großer Gott, wenn ich mich verrechnet, mich mit den falſchen Hoffnungen be⸗ thört haben ſollte, die Deine Blicke und Worte in meinem glühenden Herzen nährten! Dann, Georgine, wäre ich A 198 unglücklich! Meine Seele ſchaudert bebend vor dem Gedanken zurück, daß ich mit dieſem warmen, ſo gefühlvollen und weichen Herzen verdammt ſein ſollte, allein zu wanderu, vergebens nach einem Weſen ſuchend, das das meine be⸗ griffe, nach einer andern Hälfte meines Ich's.“ Lindorm ſchwieg; er war tief erſchüttert. Da wandte ihm Georgine ihr Antlitz zu, das von Purpur und Thränen, heiligen, ſchönen Thränen glühte.—„Guſtav, mein Gu⸗ ſtav,“ ſagte ſie mit klarer, feſter Stimme,„wie ſollteſt Du Dich getäuſcht haben! Jenes Weſen, das Deine Ge⸗ danken, Deine Gefühle, Deine Wünſche, Dein Wohl und Weh theilen ſoll; jene andere Hälfte Deiner Seele, könnte es jemand Anderes ſein als ich, die Dich geliebt hat, ſeit ein Gefühl in meinem Herzen wohnte, Dich allein und ausſchließlich, und die jetzt und immer keinen ſchöneren Wunſch kennt, als den, die düſteren Schatten aus Deinem Leben zu verjagen?“ Lindorms Auge ſtrahlte während dieſer Erklärung Georginens von einer namenloſen Wonne; da lag ein Aus⸗ druck, wofür die Sprache keine Worte hat. Stumm zog er Georginen an ſein Herz, und der erſte heilige Kuß brannte auf ihren Lippen. „O wie ſchön und reich iſt dieſes Leben!“ rief er aus, als der erſte Sturm der Gefühle ihm zu ſprechen erlaubte; „und doch, meine Georgine, meine innig Geliebte, wäre ich zufrieden, ja ich möchte es faſt wünſchen, in dieſer Minute, wo ich Dich ſo feſt an mein Herz drücke, ſterben zu dürfen. Ich wäre dann gewiß, daß meine Seligkeit nie getrübt werden könnte.“ „Mein Guſtav,“ liſpelte ſie,„warum ſich ſelbſt dieſen Augenblick mit einem ſolchen Gedanken verbittern? Unſere Seligkeit wird nicht getruͤbt werden! O nein, wie könnte wohl das geſchehen, da es ja für uns eine Luſt iſt, die guten und böſen Tage mit einander zu theilen. Nur in der Trennung könnte unſer Tod beſtehen.“ „Gebe Gott, meine Georgine, daß Du immer ſo denkeſt! Ich muß befennen, daß es eine unbegrenzte Liebe 8 199 danken erfordert, um alle Wünſche dieſes verlangenden Herzens en und zu erfüllen, und ihm die Gewißheit zu geben, daß ich Dir nderu, Alles bin, wie Du es mir biſt.“. ne be⸗„Aber, Guſtav,“ erwiederte Georgine ernſt,„es iſt auch noch etwas Anderes erforderlich, um Deine Ueber⸗ wandte zeugung zu befeſtigen, und das iſt ein feſtes und zuver⸗ ränen, ſichtliches Vertrauen in die, welche Du zu Deiner Lebens⸗ in Gu⸗ gefährtin gewählt haſt. Gelobe mir heilig, bei dieſer erſten ſollteſt ſchönen Stunde unſerer Liebe, daß Du den finſtern Geiſt ne Ge⸗ zu beſiegen ſuchen willſt, jenen entſetzlichen Dämon der öl und Eiferſucht, der bisweilen in Dein Herz ſchleicht, Deine könnte Ruhe zerſtört und unſer Glück untergraben würde. Gelobſt iI, ſeit Du mir dies feſt und heilig?“ n und„Ich gelobe Alles, was Du in dieſer Stunde begehrſt, öneren Geliebte meiner Seele! Aber warum ſollte ich Dir meine deinem Furcht verbergen, daß vielleicht in meinem Gemüthe eine Art kränklicher Reizbarkeit liegt, die ich, aller Vernunft⸗ lärung gründe ungeachtet, nicht beſiegen kann? Nicht daß ich Deine Aus⸗ Treue bezweifeln könnte; aber immer werde ich eine unbe⸗ m zog hagliche, namenloſe Unruhe empfinden, wenn ich andere e Kuß junge Männer geſchäftig ihr Weſen um Dich treiben ſehe. Ich habe mir ſelbſt dieſe Schwachheit vorgeworfen; denn er aus, leider iſt ſie unedel und ſelbſtſüchtig; aber ſie liegt einmal aubte; in meiner Natur, und ich bin feſt überzeugt, daß der wäre täglich mehr gewonnene und beſtärkte Troſt, daß Dein Herz dieſer ausſchließlich mein und für andere Eindrücke ganz und gar ſterben unzugänglich iſt, meine Grillen zerſtören kann.“ ligkeit In dieſer Minute fühlte Georgine etwas in ihrem Weſen, das ſie ſich weder damals noch ſpäter erklären dieſen konnte. Es war ihr, wie wenn eine eiskalte Hand in Unſere ihr Herz gegriffen und mit ihrem gewaltigen Drucke ſei⸗ könnte nen Schlag gehemmt hätte. Doch ſie beſiegte das un⸗ ſt, die angenehme Gefühl und ſagte lächelnd:„Wir können alſo tur in hoffen, daß ſie verſchwinden werden, wie eine Staubwolke; denn nie, mein Guſtav, wirſt Du einen Anlaß bekommen, der ſo der dieſe Phantaſieen nähren kann. Dein Bild allein Liebe 200 wohnt in meinem Herzen, und nie wird es ſich öffnen, um einen andern Eindruck aufzunehmen.“ Ihr Blick, ihr Ton und ihre Worte erſchienen Lin⸗ dorm als eben ſo viele Beweiſe von der Wahrheit ihrer Betheurung. Sein Glück war grenzenlos, und ſeine lieb⸗ lichen und entzückenden Beſchreibungen von den ſeligen Tagen der Zukunft ſchläferten ſo leicht die Unruhe in Georginens Herzen ein. Sie ward vergeſſen, und ſie verlebten jetzt eine jener Stunden, deren Inhalt leichter geahnt als beſchrieben werden kann, und deren Einfluß auf die Seele mit den leuchtenden Sphären verglichen werden kann, die in der dunkeln Nacht auf unſre Pfade herabſchimmern und das ſehnende Herz erfreuen. Glück⸗ ſelig, mit dem Himmel in der Bruſt, kehrten ſie zurück. Frau Hermer, die ſie ſchon lange von ihrem langwierigen Spaziergange erwartet hatte, kam ihnen im Hofe entge⸗ gen. Sie ſah ſogleich mit dem ſcharfen Blick einer Mutter, daß Etwas vorgefallen war, was ſie längſt ge⸗ hofft hatte. Schweigend gingen ſie in das Wohnzimmer; aber hier warf ſich Georgine ſchnell in ihre Arme, und liſpelte gerührt:„Gute Mama, nimm Guſtav als einen Sohn auf,; unfre Herzen haben einander gefunden!“— Frau Hermer ſah auf; Lindorm hatte knieend ihre Hand erfaßt.„Meine zweite Mutter,“ ſagte er,„ſegnen Sie unſern Bund! Georgine werde meine Gattin.“ Sie ſchloß beide an ihr von ſeliger Mutterfreude klopfendes Herz. „O, wenn nur Hermer da wäre!“ rief Lindorm; ner allein fehlt uns noch.“ „Hier kommt er; gerade recht, glaube ich,“ ſagte Hermer ſelbſt, der eintrat. Er war eben heimgekommen. „Was für ein Feſt habt ihr begangen, meine Lieben?“ „Nun, wenn Du dieſe beiden anſehen wirſt,“ ant⸗ wortete ſein Weib lächelnd,„ſo glaube ich, kannſt Du leicht errathen, von was die Rede iſt.“ „Das will heißen, wir haben hier eine Verlobung,“ rief Hermer, und öffnete ihnen ſeine Arme.„So kommt denn welch Gott mich auf d fröhlt wend ſchütt vik er mein habe Sehr nicht mer jetzt beme wie Pape ich l ich o hätte noch dring 201 öffnen, denn her, und laßt auch mich euch an ein Herz drücken, welches eben ſo warm, wie das eines wirklichen Vaters, n Lin⸗ Gott dankt und für euer Glück zu ihm betet. Und laß ihrer mich hinzufügen, mein lieber Sohn, daß ich ſchon lange lieb⸗ auf dieſen Tag gewartet habe.“ eligen„Was habe ich da gemacht!“ erwiederte Guſtav he in fröhlich;„doch,“ ſetzte er ernſter hinzu,„es war noth⸗ d ſie wendig, zu warten, bis Georginens Herz nach der Er⸗ ichter ſchütterung, die es bei ihrem letzten Aufenthalte in Engel⸗ nfluß vik erhielt, ruhiger wurde.“ lichen„So hat ſie doch Gelegenheit gehabt, zu warten, Pfade mein armes Ginchen,“ fiel Hermer lachend ein.„Ich Zlück⸗ habe zur Genüge geſehen, wie oft ihr Blick in unruhigem trück. Sehnen auf der Bai weilte.“ rigen„Aber, Papa,“ ſagte Georgine erröthend,„das iſt ntge⸗ nicht artig.“ einer„Es iſt aber doch wahr,“ fuhr der unerbittliche Her⸗ ge⸗ mer fort.„Das kannſt Du doch wohl nicht läugnen?“ ner;„Nein, das läßt ſie auch bleiben,“ rief Willy, der und jetzt herbei geſprungen kam, und den Niemand bis jetzt inen bemerkt hatte,„davon bin ich ein unverwerflicher Zeuge, — wie der Oberrichter ſagt; denn ich habe das, wovon dand Papa ſpricht, viele, unzählige Male geſehen. Und wenn Sie ich hie und da meinte, es ſei Schade um ſie, ſo habe ich auch wieder bisweilen gedacht, daß Gine wohl nöthi eude hätte, ſich ein wenig zu beſinnen; denn ich erinnere mich noch wohl, wie Lindorm im vergangenen Winter ſo ein⸗ m; dringlich und zärtlich um einen freundlichen Blick, ein frreundliches Wort flehte, wie ihr da Thränen im Auge gte ſtanden und ſie kein anderes Wort herausbrachte, als ein ten. trübſeliges Ach oder O. Das konnte einen braven Kerl 24 wohl verdrießlich machen; und obwohl ich aus Schwach⸗ nt⸗ heit für Gine zuweilen etwas erzürnt auf Lindorm war, Du ſoo erkläre ich doch jetzt, da er zurückgekommen iſt, und Allles recht gemacht hat, daß mein künftiger Schwager * ggehandelt hat, wie es einem klugen Manne geziemt.“ mt Alle mußten herzlich über Willy's Einmiſchung in 202 die Sache lachen, und der Tag verging im reinſten Ge⸗ nuſſe des höchſten Lebensglücks . Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Wohlan, bei meinem Schwert, Bei Nordlands Chre, bei den Sternen, Die dort wie Hochzeitkerzen aus den Fernen Herleuchten in den ſtillen Hain, Vor Erd’' und Himmel biſt Du mein! Tegnér. Lieutenant Arthur hatte gleich nach ſeinem Verlöb⸗ niß mit Louiſe Montén einen neuen Brief von ſeinem Vater erhalten, worin er heimgerufen wurde, um von all' den Nebenumſtänden Rechenſchaft abzulegen, wovon die Väter nicht ungern bei einer Heirath Kenntniß neh⸗ men und um eine zahlloſe Menge guter Rathſchläge für ſein künftiges Leben zu empfangen, das er nun als Gatte und Hausvater antreten ſollte. Er ſollte ſich den größten Theil des Jahres auf dem väterlichen Gute Lindholm aufhalten, einige Monate ausgenommen, die dazu be⸗ ſtimmt waren, um in Bahnfors zu verweilen. Dieſen Vorbehalt hatte ſich Louiſens Mutter ausbedungen, und damit vereinigten ſich Arthur und ſeine junge Braut, ſowie alle übrigen Verwandte und Freunde. Kommenden September ſollte Arthur ſich nach Björkö begeben, um dort ſeine Hochzeit zu feiern. Inzwiſchen ſollte Louiſe in ſtiller Arbeitſamkeit ihre Ausſteuer zu Bahnfors bei der lieben Mama zuſammen machen. Lindorm wünſchte, daß ſeine und Arthurs Glücksſonnen an einem und dem⸗ ſelben Tage aufgehen ſollten, weßhalb er die Sache bei ſeinen künftigen Schwiegereltern auf's Inſtändigſte vor⸗ trug, da er ſich ſchon zum Voraus Georginens Beifall verſichert hatte. Hermers und ſeiner Frau Zuſtimmung war bedingungsweiſe. Sie hätten es am liebſten geſehen, wenn nacht dageg Mutt Roſe lich einſti zehnt verei hatte zu t um gine fen, Eng ſollt wöl war auf um mer wol lich daf mit ſch ein in ein ſeg 3 ten Ge⸗ en, 1 Fernen — tér. Verlöb⸗ ſeinem im von wovon ß neh⸗ üge für 8 Gatte größten ndholm azu be⸗ Dieſen t, und Braut, menden n, um Louiſe ors bei inſchte, d dem⸗ hhe bei e vor⸗ Beifall nmung eſehen, 203 wenn die Verbindung der jungen Leute bis zu Weih⸗ nachten aufgeſchoben worden wäre; aber ſie wollten nicht dagegen ſein, wenn der Oberrichter Holk und Louiſens Mutter zugeben würden, daß man beide Hochzeiten in Roſendal feierte. Darin brachte Lindorm, der unermüd⸗ lich in der Sache war, eine allgemeine, freundliche Ueber⸗ einſtimmung zuwege, und man beſchloß, daß am fünf⸗ zehnten September die beiden jungen, glücklichen Paare vereinigt werden ſollten. Das Leben, das jetzt in Roſendal geführt wurde, hatte, was die Verlobten betrifft, wenig mit der Erde zu thun. Lindorms Liebe war zu hoch und ſchwärmeriſch, um hier unten recht zu gedeihen. Die Gewißheit, Geor⸗ ginen zu beſitzen und ſie bald als Gattin heimführen zu dür⸗ fen, und der Gedanke, daß jetzt zum erſten Mal ſelige Engel in dem prächtig eingerichteten Engelvik wohnen ſollten, alle dieſe Vorſtellungen hatten die finſtern Ge⸗ wölke und alle kränklichen Einbildungen fortgeblaſen. Er war ſo glücklich, als möglich; denn Georgine hörte gerne auf ſeine ſchwärmiſchen Träume, und ſchwärmte mit ihm. Eines Nachmittags, als die Familie wohlgemuth um den Kaffeetiſch verſammelt war, eröffnete Frau Her⸗ mer ein neues Geſpräch mit der Frage:„Wir werden wohl den andern Tag Ball haben, wie in Björkö?“ „Verſteht ſich,“ antwortete Hermer, mit hausväter⸗ lich entſcheidendem Tone;„ich habe die Schwachheit, daß ich, was die Hochzeit ſowohl, als den Ball betrifft, mit Freund Holk wetteifern will; nur mit dem Unter⸗ ſchied, daß wir, da mehr Raum da iſt und zwei Paare für eines, auch einen ganzen Haufen Leute mehr einladen werden.“ Lindorm bemerkte lächelnd, daß kein Mangel daran in Björkö geweſen ſei, beſonders in Beziehung auf Militärs. „Von dieſen kann es nie zu viel geben, wenn von einem Balle die Rede iſt,“ fiel Frau Hermer ein;„ſonſt ſegne ſie Gott alle mit einander! Aber, was meinſt Du Gin⸗ chen? Deine Stimme iſt die entſcheidendſte in dieſer Frage.“ Georgine ſah ihren Bräutigam an; aber in ſeinen 204 Augen lag keine Bitte um Verweigerung. Er ſchien ruhig und heiter und lächelte ihr zärtlich und aufmunternd zu. „Wir können ja immerhin einen Ball geben, wenn meine guten Eltern es wünſchen,“ antwortete Georgine „wenn nämlich Guſtav tanzen will und ein Vergnügen daran findet, denn ſonſt macht es mir natürlich keine Freude.“ „Ja, mein angebetetes Madchen,“ ſagte Lindorm, heiter und gerührt über die Aufmerkſamkeit, womit ſie dieſe Frage ſeiner Entſcheidung anheimſtellte,„ich bin mit Allem zufrieden, was Deinen Beifall hat. Meine üble Laune in Björkö rührte nur davon her, daß ich damals noch nicht vollkommen gewiß war, ob nicht ein Anderer mit Deinem Herzen davonlaufen könnte, ehe es die Zeit erlaubte, welche die angenommenen Gebräuche der Welt einem Wittwer feſtſetzen, bis er auf's Neue auf's Freien ausgehen darf.“ „So, ſo!“ ſprach Frau Hermer mit einem Geſichte und einem Ausdruck im Tone, der gerade nicht von ihrer vollkommenen Zufriedenheit zeugte,„war es vielleicht Deine Schuld, Guſtav, daß Georgine ſo bald ein Ver⸗ gnügen abbrach, das ihr immer ſo lieb war? Hätte ich das ahnen können, ſo wäre ich mit der Verſicherung, die ſie mir gab, nicht ſo zufrieden geweſen. Sie ſagte mir, ſie habe aufgehört aus Furcht, ihre Geſundheit möchte darunter leiden, da ſie erſt krank geweſen war. Freilich kam mir dieſe Vorſicht etwas ſonderbar vor; aber da i ſie aufrichtig billigte, dachte ich nicht weiter darüber nach. Wenn es ſo geweſen wäre, wie ſie vorgab, ſo hätte ſie klug gehandelt; aber dagegen jetzt— Du mußt meine Auf⸗ richtigkeit entſchuldigen, Guſtav— war dieſe Schwachheit Georginens für Dich ebenſo groß als unverzeihlich.“ Lindorm erröthete leicht und ſagte beſänftigend;„Ich habe lange ſeitdem eingeſehen, ja, ſchon in derſelben Stunde, wo ich es begehrte, fand ich, wie unrecht es von mir war, ein ſolches Opfer von Georginen zu ver⸗ langen; aber, meine gute Mutter, ich habe doch manch⸗ mal Gott gedankt, daß ſie großmüthig oder ſchwach genug erfülle der au meinen bewirk für ſer ſchütte trauen lichen 77 lachen meine ändert ſucht: aus; die ſie Zeit, denn i lachen! groß, möchte einer ich eir lichen mich geehrt weg, f ſache abgem Ball ſchien ternd zu. , wenn heorgine gnügen reude.“ indorm, mit ſie ich bin Meine daß ich cht ein ehe es hräuche Neue zeſichte Nihrer elleicht tte ich g, die — mir, nöchte reilich da ich nach. te ſie Auf⸗ chheit „Ich elben tt es ver⸗ anch⸗ wach genug war, wenn Sie ſo wollen, um meinen Wunſch zu erfüllen; denn ſeien Sie überzeugt, daß dieß wohlthuen⸗ der auf meine Seele wirkte, als die klügſten und wohl⸗ meinendſten Vorſtellungen gegen meine Grillen hätten bewirken können.“ Georgine drückte dankbar ihrem Lieblinge die Hand für ſeine freundliche Vertheidigung; aber Frau Hermer ſchüttelte mißvergnügt den Kopf:„Eiferſucht und Miß⸗ trauen ſind böſe Geiſter und gefährliche Gäſte im menſch⸗ lichen Herzen; oder was ſagſt Du dazu, Alter?“ „Was kann ich anders ſagen als Amen,“ fiel Hermer lachend ein,„da Du es biſt, die ſo erbaulich predigt, meine Alte! Aber Du ſollteſt wiſſen, daß ſich das ändert, wenn man ſich verheirathet. Ein Bischen Eifer⸗ ſucht macht einen Theil von der Natur eines Liebhabers aus; danke Gott, daß er nicht auf die Luft jaloux wird, die ſie einathmet! So etwas macht ſich doch mit der Zeit, und Du mußt das nicht ſo ſtreng nehmen, Alte, denn ich bin überzeugt, daß Guſtav ſchon jetzt, da er den ſchützenden Ring am Finger trägt, Georgine mit dem halben oſt⸗ und weſtgothiſchen Regimente tanzen ſehen könnte, ohne daß ſein Herz um einen halben Takt ſchneller ſchlüge, als ſonſt.“ „Nicht ſo ſehr, wenn ich bitten darf,“ fiel Lindorm lachend ein.„Ich fürchte, meine Geduld iſt nicht ſo groß, daß ſie dieſe Probe beſtehen könnte; wenigſtens möchte ich nicht behaupten, daß mein Herz der Tempel einer ſolchen Ruhe bleiben könnte. Im Gegentheile habe ich eine nicht unbedeutende Ahnung, daß es in alle mög⸗ lichen Takte gerathen würde, bis die Tour wieder an mich käme. Aber es war auch eine allzu ſtarke Annahme, geehrter Herr Vater; laſſen Sie den zwanzigſten Theil weg, ſo möchte es vielleicht meine Geduld aushalten,“ „Aber, ihr Herren, wir kommen von der Haupt⸗ ſache ab,“ fing Frau Hermer wieder an.„Es iſt alſo abgemacht, daß wir den Tag nach der Hochzeit einen Ball geben, wobei bis zum hellen Tage getanzt wird, 206 und nach dem Frühſtück fährt die ganze Hochzeitſchaar mit den jungen Paaren nach Engelvik, wo Jungfer Wings ein Mittageſſen fertig haben ſoll, das nach ihrem alten Sprüchwort der edlen Kochkunſt von Ihro Gnaden ſelig keine Schande machen darf. Meint ihr nicht, daß es ſo ſein ſoll?“— Und alle waren derſelben Meinung, wie Frau Hermer, und dabei blieb es. Prachtvoll ging die Sonne am 15. September auf, um die feierliche Vereinigung von vier Herzen zu be⸗ leuchten. Schon mehrere Tage vorher hatten ſich die entfernter wohnenden Gäſte eingefunden. Arthur mit ſeinem Vater, Oberrichter Holk und deſſen ganzer kleiner Hofſtaat reſidirten in Engelvik; die alte Frau Montén, Frau Holk und Louiſe waren in Roſendal. Die Trauung ſollte um ſieben Uhr Abends vor ſich gehen; denn es war Lindorms Ueberredungskunſt gelungen, eine lang⸗ weilige Mittagshochzeit zu verhindern. Es war ein prachtvolles Schauſpiel, die lange Reihe kleiner Boote, alle mit Laubwerk und Blumenguirlanden geſchmückt, um halb ſechs Uhr von Engelvik abfahren zu ſehen. Von den letzten aus ertönte eine herrliche und lebhafte Muſik, die von einigen Dilettanten zur Ueberraſchung der beiden überglücklichen Bräutigame veranſtaltet wurde, welche ſich auf einem der mittleren Boote befanden. Dieſes war beſonders vor den andern ausgezeichnet. Ein kleines weißes Zelt war über den größern Theil deſſelben hergeſpannt und mit einem Vorhang von grüner Seide verſehen, der als Draperie geſchmackvoll auf beiden Sei⸗ ten befeſtigt war. Innen war es mit ſchönen, reichen Feſtons von Epheu bekränzt, um welches ſich Immor⸗ tellen und Levkojen ſchlangen, als eine freundliche Er⸗ innerung an den, deſſen Hand ſie in den vortrefflichen Gewächshäuſern des Barons aufgezogen hatte. Die Bänke waren mit rothem Tuche überzogen und ganz im Hintergrunde erhoben ſich zwei Sitze für die beiden jun⸗ gen Frauen, welche dieſe bei der Rückreiſe einnehmen ſollten. Auf dieſem Boote befand ſich außer den beiden Bräut und fr führte. trefflie zucht für w. breite S Im g⸗ paare; dert B den b Strah Louiſe gekleit Mode hübſch der C Schön als et dem 2 zige, ſellſch ſtolze gur. vor; keinen gens ihre. kund 9 wie ei ihren viel 2 konnte 207 itſchaar Bräutigamen blos noch Arthurs Vater, ein alter, reicher Jungfer und frohlicher Landjunker, der den Titel Oekonomiedirector hihrem führte. Er hatte ſich in ſeiner Gegend durch ſeinen vor⸗ Gnaden trefflichen Kleebau, ſeine neuen Pflanzungen, ſeine Vieh⸗ ht, daß zucht und ſeine patriotiſche Denkungsart ausgezeichnet, keinung, für welche ſämmtliche Eigenſchaften der Waſaorden ſeine ſbreite Bruſt zierte. der auf, Bald legte das kleine Geſchwader bei Roſendal an. zu be⸗ Im großen Saale trafen ſich von beiden Seiten die Braut⸗ ſich die paare, umgeben von ihren nächſten Anverwandten. Hun⸗ ur mit dert Wachskerzen, die in den eleganten Kronleuchtern und kleiner den blinkenden Silberlämpchen ſchimmerten, brachen ihre Nontén, Strahlen an den Myrthenkronen in Georginens und rauung Louiſens wallenden Locken. Beide waren in weißen Atlas denn es gekleidet, und trugen Garnituren, die nach damaliger 2 lang⸗ Mode nur aus Myrthenſträuschen beſtanden. Louiſe war ar ein hübſch und blühend und konnte wohl für eine Schweſter Boote, der Grazien gelten; Georginens vollendete und hohe chmückt, Schönheit konnte mit nichts Anderem verglichen werden, ſehen. als etwa mit einer Ahnung von einer Offenbarung aus lebhafte dem Vaterlande der Engel; dies iſt wenigſtens das Ein⸗ aſchung zige, was dem Eindruck entſprach, den ſie auf die Ge⸗ wurde, ſellſchaft machte. fanden. In demſelben Verhältniſſe erhob ſich Lindorms edle, et. Ein ſtolze Geſtalt über Arthurs geſchmeidige, anmuthige Fi⸗ eſſelben gur. Beide Paare kamen den Gäſten ausgezeichnet ſchön Seide vor; ihre heimlichen Beifallsbezeugungen ließen jedoch en Sei⸗ keinen Zweifel, wem ſie den Preis zuerkannten. Uebri⸗ reichen gens ſchienen alle vier höchſt glücklich zu ſein, obwohl zmmor⸗ ihre Gefühle ſich im Laufe des Abends ganz ungleich che Er⸗ kund gaben. efflichen Arthur war ſpielend fröhlich, faſt toll; er flatterte Die wie ein Schmetterling um ſeine Roſenknoſpe und ſuchte anz im ihren geringſten Wünſchen zuvorzukommen, ehe die ſo en jun⸗ viel Weſens ungewohnte Louiſe ſte ſelbſt kaum ahnen — konnte. Man konnte von ihr mit Recht ſagen: el 208 Glücklich wie eine Braut ſtand ſie da, Mit dem Kranze im dunklen Haar, Und lächelte und erröthete! Louiſe war ſiebenzehn Jahre alt und ſittſam und lieb, und obſchon ſie ſich nie ſo glücklich gefühlt hatte, wie heute, ſo war es ihr doch was Entſetzliches, eine Braut vorzuſtellen. Es nahm ja gar kein Ende mit dem Be⸗ gaffen, und die Röthe wollte ihre Wangen faſt verbren⸗ nen, wenn ihr Schwiegervater auf eine nicht beſonders feine Art über allerhand ſeiner Meinung nach erlaubte Gegenſtände mit ihr ſcherzte. Als ein Gegenſtück zu dieſem Gemälde gewahrte man am andern Ende des Zimmers Lindorm und ſeine Braut. Sie ſtanden an einem Fenſter. Sein Arm war um ihren Leib geſchlungen und ſein Blick haftete mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck auf ihrem ſchönen Geſichte, welches die ſelige Ueberzeugung zurückſtrahlte, die jetzt in ihrem Herzen lebte, nämlich daß ihre Liebe für ihren Gatten die Welt war, in der ſich alle ſeine irdiſchen Hoffnungen einſchloſſen. Sie ſprachen nicht; aber der warme Hand⸗ druck und die beredte Sprache des Auges war ihnen genug. Solche Augenblicke waren jedoch nur Stern⸗ ſchnuppen; ſie ließen ſich angelegen ſein, mit allen Gäſten ſich artig zu unterhalten, und konnten eine ganze Viertel⸗ ſtunde lang durch dieſe Pflicht der Sitte von einander getrennt ſein, welchen Umſtand Hermer Lindorm zu gut hielt, wogegen man den Lieutenant unbarmherzig aufzog, da er kaum eine Viertelſtunde lang ſich die Luſt verſagen konnte, ſeine junge Frau zu betrachten. Am folgenden Morgen gab es das heiterſte Früh⸗ ſtück von der Welt, worauf ein langweiliges und ſteifes Mittageſſen und endlich ein brillanter Ball kam, wo Lin⸗ dorm und Georgine und Arthur und Louiſe abwechslungs⸗ weiſe mit all' den Damen und Herren tanzten, die zu⸗ gegen waren, und ihre Anzahl war Legion. 1 Nachdem man auf all' dieſen Saus und Braus einige große terem Geſe wo ſt begal Genn dauer Schr den 2 Tage Arth ter und vor er 2 und nd lieb, te, wie Braut m Be⸗ erbren⸗ ſonders rlaubte te man Braut. ihren unbe⸗ velches ihrem Gatten nungen Hand⸗ ihnen Stern⸗ Gäſten ziertel⸗ nander zu gut zußzog, rſagen Früh⸗ ſteifes o Lin⸗ lungs⸗ ie zu⸗ Braus 209 einige Stunden Ruhe genoſſen hatte, trat die unendlich große Hochzeitſchaar unter klingendem Spiel und mun⸗ terem Geſang die Luſtfahrt nach Engelvik an, wo die Geſellſchaft bis zum andern Morgen herumſchwärmte, wo ſich dann Einer nach dem Andern in ſeine Heimath begab, und die beiden vermählten Paare im ungeſtörten Genuſſe ihrer Seligkeit ließ. Drei ganze Wochen lang dauerten dann noch die mehr oder minder langweiligen Schmauſereien, die alle Standesperſonen der Umgegend den Neuvermählten gaben, und als man darauf ein Paar Tage im häuslichen Familienkreiſe ausgeruht hatte, trat Arthur mit ſeiner jungen Frau und ſeinem geehrten Va⸗ ter die Reiſe nach Lindholm an, wo er in glücklicher und angenehmer Ehe lebte, durch ſeine heitere Laune vor vielen unſanſten Stürmen des Lebens geſchützt, da er Alles leicht nahm und in der beſtenesstite der Dinge und ihrer Natur Troſt ſuchte und faß DreiundzwanzigſtesiKaßitel. „Prahle nicht mit Deinem Glücke,“ ſagte der Alte, apondern verſchließe es unter Schloß und Riegel, damit die neidiſchen Götter es nicht ſtören, und die Eumeniden ihren Antheil fordern.“ Spindler. Gegen das Ende des Sommers 1821 kehrten nach dem Schluſſe des Exercirens zwei Waffenbrüder von dem Luſtlager zu Chriſtiania in ihre Heimath zurück. Ermüdet von Strapazen, Staub, Hitze und lang⸗ weiligen Märſchen waren ſie endlich frei, und ſahen des⸗ halb mit wahrer Wonne dem Tag entgegen, wo ſie in einer geliebten Heimath auf ihren Lorbeeren ausruhen durften. Ein kleiner leichter Wagen nahm ſowohl ſie 14 Guſtay Lindorm. II. 210 ſelbſt, als auch ihre Sachen und den ſingenden Fuhr⸗ mann auf. Die Herren waren in einer traulichen Unterhaltung begriffen, die nach Soldatenmanier mit einem und dem andern kräftigen Fluch gewürzt war. Nach und nach veränderte ſich dieſe dahin, daß der Eine ganz ſtill wurde und nur durch ein ungläubiges Lächeln etwas Spottähn⸗ liches kund gab, während der Andere mit ununterbroche⸗ ner Beredtſamkeit die wunderlichſten Hiſtorien von ſeinen Eroberungen an Mädchenherzen ſowohl bei der Hin⸗ als bei der Herreiſe und beſonders in allen Kleinſtädtchen, wo er einquartirt war, zum Beſten gab; und ſogar in Chriſtiania, behauptete er, gäbe es wenigſtens zwei Dutzend ſchöne Augen, die bei der Trennung von ihm eine ſo ungeheure Menge Thränen vergoſſen hätten, daß er da⸗ mit fünf Abſchiedsbecher hätte füllen können. „Bah! was dummes Zeug,“ murmelte der ſtille Waffenbruder, und ſah bedenklich zur Linken. Der Him⸗ mel war trübe und ſah aus, wie wenn er die Herren mit einem Bade erfreuen wollte, um den Staub von ihnen abzuſpülen. „Dummes Zeug, ſagſt Du! hol' mich der Teufel, wenn es nicht wahr iſt! Aber Du haſt verdammt gut, den Philoſophen ſpielen, da keine ſchänen Augen nach Dir gucken, Du Querkopf. Du ſollſt eine Anekdote hören. Als wir das Städtchen Syes an der nordiſchen Gränze paſſirten, begab es ſich eines Morgens, als ich hinaufging zu...“ „Ich ſcheere mich verflucht wenig darum, wohin Du gingſt; laſſe mich einmal in Frieden mit Deinen verwünſchten Anekdoten!“ unterbrach der Andere ſeinen großſprecheriſchen Reiſegefährten.„Pfui Tauſend, wie unangenehm blast es, und ſieh nur, wie ſich die Wol⸗ ken zuſammenziehen; wir bekommen ſicher einen ſtarken Regenſchauer. Glaubt Ihr nicht, Schwager?“ fügte er hinzu und ſtieß den Fuhrmann in die Rippen. und! wir d vollal damit nahm ausdr pokal höher beſaß gehör und ſchein ſo ge haben hol’ auf d len, Baue ſiel je ken d Wohr fragte den und; len, Herre Fuhr⸗ jaltung nd dem d nach wurde ottähn⸗ broche⸗ ſeinen in⸗ als dtchen, gar in Dutzend eine ſo er da⸗ ſtille Him⸗ Herren b von Teufel, tt gut, nach tekdote diſchen ls ich wohin deinen ſeinen „ wie Wol⸗ rarken gte er 211 „Potz Kukuk, was wollen Sie?“ fragte dieſer zornig und wandte ſich ein wenig um. „Ich will nur wiſſen, Alter, ob Du glaubſt, daß wir Regen bekommen werden?“ „Ja, das hat keine Gefahr; das bekommen wir vollauf; unſer Herr Gott ſieht wohl, wo es fehlt.“ Und damit wandte ſich der Fuhrmann gleichgültig wieder um, nahm ſeine Peitſche wieder zur Hand und fuhr fort zu ſingen. Die Herren waren ſehr übel zufrieden mit dem Freude⸗ ausdruck des Alten, und beſonders mit der Sache ſelbſt. „Höre, Du Bär.“ ſagte der Ritter von den Thränen⸗ pokalen, der jünger war als ſein Kamerad, und von höherer und ſchlankerer Figur, und überdies ein Geſicht beſaß, das ungeachtet des Sonnenbrandes, das ihm eine gehörige Bräune geſchenkt hatte, doch hinlänglich ſchön und angenehm war, um zum Theil wenigſtens die Wahr⸗ ſcheinlichkeit der Eroberungsanekdoten zu rechtfertigen, die ſo gerne auf ſeiner Zunge ſchwebten,„höre, Du Bär, haben wir weit bis zum nächſten Wirthshauſe? Es iſt, hol' mich der Henker, kein Spaß, bei einem ſolchen Wetter auf der Landſtraße zu ſitzen.“ „Bis zur nächſten Station iſt es ſieben Viertelmei⸗ len, und wir ſind jetzt drei gefahren,“ erwiederte der Bauer mit unerſchütterlicher Gleichgültigkeit. Der Regen, der Anfangs recht hübſch getropft hatte, fiel jetzt in Strömen herab, und furchtbar dunkelgraue Wol⸗ ken drohten mit einem ununterbrochenen reichlichen Guſſe. „Gibt es keinen Pfarrhof oder eine Steuerbeamten⸗ Wohnung in der Nähe, wo man ſich einquartiren könnte?“ fragte der ältere Herr, und zog ſeinen Mantel feſt um den Kopf. „Der Pfarrhof liegt weit ab von der Landſtraße, und zur Steuerbeamten⸗Wohnung iſt es fünf Viertelmei⸗ len, wenn aber die Herren wollen, ſo kann ich ſie zum Herrenhof fahren; dahin haben wir blos eine kurze Strecke.“ „Der Vorſchlag iſt nicht ſo dumm⸗“ meinte der 14 Jüngere;„mit ein wenig Kühnheit iſt es leicht gethan. Wer iſt der Beſitzer des Gutes, Schwager?“ „Engelvik gehört dem Baron Lindorm,“ antwortete der Bauer;„und da eine erſchreckliche Menge Leute da⸗ hin reiſen, ſo können die Herren wohl auch dort eine Nachtherberge finden.“ „Ohne Frage,“ ſagte der junge Kriegsgott, und rieb ſich vor Freude die Hände;„wir kennen beide den Ba⸗ ron. Fahr' zu und beeile Dich.“ „Ja, ja,“ brummte der Fuhrmann,„fahr zu und beeile Dich, das muß ich immer hören; aber mit dem Trinkgeld, da ſind ſolche Herren wie ihr nicht ſo frei⸗ gebig, und darum ſage ich zum Voraus, daß ich nicht dahin fahre, wenn ich nicht meinen vollen Fuhrlohn bis in's Wirthshaus zu Kroken erhalte.“ „Sei deßhalb unbeſorgt,“ nahm der Aeltere der Herren das Wort;„ſchone Du nur Deine Mähre nicht in der kurzen Strecke, die wir noch haben, dann werde auch ich meine Schillinge nicht ſchonen.“ „Nun, das läßt ſich hören; das heiße ich reell ge⸗ ſprochen!“ und dabei ließ der Bauer ſeine Peitſche klat⸗ ſchen, bis die Pferde in den ſchärfſten Trab fielen. „Wenn Du jetzt nur wüßteſt, wie Du Gott für das Glück zu danken haſt, in meiner Geſellſchaft reiſen zu dürfen,“ ſagte der Ritter von den Thränenpokalen mit einem ſelbſtzufriedenen Lächeln,„denn, wie Du weißt, bin ich der Liebling der launigen Fortuna. So ſchickt ſie mir immer als einen Beweis, wie hold ſie mir iſt, kleine, hübſche Abenteuer. Was könnte wohl jetzt will⸗ kommener ſein, als gerade in dem Augenblicke, wo man ein gutes Quartier braucht, auf einen alten Bekannten zu treffen, der uns gewiß mit Freude aufnehmen wird.“ „Das glaube ich auch,“ erwiederte der Andere. „Einen kleinen Hang zur Schwermuth abgerechnet, war Guſtav Lindorm einer unſerer brayſten Kameraden; treu und zuverläſſig, immer bei der Hand in der Stunde der Noth mit Herz und Börſe; ein edler und wackerer Jüng⸗ ling. er de Sinn Kirch zwei inne erobe einzig „Du mein vond ſo m beſch ſtürz einen willk auf. vorde ſchön wege ihren daß ſache bewo dieſe gen öffne befar ihnen mit verſe ſolle komn gethan. wortete ute da⸗ rt eine id rieb n Ba⸗ zu und it dem o frei⸗ ) nicht hn bis re der nicht werde ell ge⸗ e klat⸗ ir das ſen zu n mit weißt, ſchickt iir iſt, will⸗ b man annten ird.“ ndere. war treu de der Jüng⸗ 213 ling. Man kann mit vollem Recht von ihm ſagen, daß er der Liebling des Glückes war, und zwar in beſſerem Sinne als Du. Es will etwas heißen, arm wie eine Kirchenmaus geboren zu ſein, und durch Erbſchaft zu zwei ſolchen Beſitzthümern zu gelangen, wie er ſie jetzt inne hat; und alle Herzen zuſammengenommen, die Du erobert haſt, wägen, hol' mich der Teufel, nicht eine einzige Tonne Landes von ſeinem vortrefflichen; Boden auf.“ „Du proſaiſcher Steinklotz,“ brach der Jüngere los, „Du verſtehſt nicht und wirſt nie verſtehen lernen, worin mein Gewinn liegt. Käme nur einmal in der Lotterie eine von den Amben heraus, von denenich faſt jede Nacht träume, ſo möchte ich wohl ſehen, wer glücklicher wäre, als ich.“ Jetzt rollte der Wagen durch die hohe, ſorgfältig beſchnittene Allee. Die Herren konnten vor dem herab⸗ ſtürzenden Regen die Augen nicht aufmachen; aber durch einen und den andern verſtohlenen Blick faßten ſie den willkommenen Anblick eines großen, prachtvollen Hauſes auf. Die beiden Militärs befahlen dem Fuhrmann, im vordern Hofe zu halten; denn den innern, mit ſeiner ſchönen Rotunde, ſeinen reichen Blumenparterres Sand⸗ wegen und übrigen Zierlichkeiten wollten ſie nicht mit ihrem kleinen, anſpruchloſen Bauernwagen beſchmutzen. Die Heftigkeit des Unwetters, ſowie der Umſtand, daß ſie im äußern Hofe hielten, war vermuthlich die Ur⸗ ſache, daß die Ankunft unſerer Reiſenden von den Haus⸗ bewohnern nicht bemerkt wurde. Etwas verdutzt über dieſen wenig verſprechenden Anfang ihres Abenteuers ſtie⸗ gen unſere Helden die breite, ſchöne Klepde hinauf und oͤffneten beſcheiden die leicht zugelehnte D Doppelthüre. Jetzt befanden ſie ſich in einem bedeutend langen Gange, der ihnen faſt wie ein Gewächshaus vorkam, ſo ſehr war er mit Blumentöpfen und hohen, friſchen Sprößlingen von verſchiedenen Baumſorten in größern Vaſen garnirt. „Verflucht nobel,“ ſagte der Jüngere.„Aber wo ſollen wir den Anfang machen, um weiter vorwärts zu kommen? Hier können wir nicht ſtehen bleiben.“ Im — 214 Gange befanden ſich verſchiedene Thüren, aber keine mit einem Schlüſſel verſehen. Die Herren ſteuerten alſo ge⸗ rade auf eine Doppelthüre los, die der gegenüber lag, woher ſie gekommen waren. Dieſe ging auf, und ſie be⸗ fanden ſich jetzt in einem Oehrn mit ſechs Thüren. „Das iſt ein mißliches Ding,“ ſagte der ältere Of⸗ ficier.„Wo ſollen wir jetzt anklopfen?“ Und dabei blickte er mitleidig auf den koſtbaren Teppich, den ſeine durch⸗ näßten Stiefel beſchmutzten. „Still, ich meine, ich höre ſprechen,“ erwiederte der Andere;„wir müſſen ſehen, was zu machen iſt. Aber kläglicherweiſe gleichen wir in unſerm gegenwärtigen Zu⸗ ſtande mehr Rittern von der Landſtraße, als Kriegsgöt⸗ tern. Doch ich verlaſſe mich darauf, daß in meinem Weſen und vielleicht auch in meinem Geſichte etwas liegt, an dem Leute von Urtheilskraft leicht den Mann von Welt entdecken.“ „Nun, ſo verlaß Dich auf Deine Welt und die Gunſt Fortuna's, Du unverſchämter Geck, und öffne, damit ſich unſer Schickſal in Bälde entſcheidet,“ ſagte der Erſtere. Entſchloſſen drückte der junge Mann am Schloſſe, die Thüre ſprang auf und ein herrliches, leben⸗ des Bild ſtand vor ihren erſtaunten und entzückten Blicken. In einem kleinen, mit äußerſter Sorgfalt und Ge⸗ ſchmack eingerichteten Kabinete ſaß auf einem bequemen Sopha Baron Lindorm mit ſeiner jungen Gemahlin. Er hielt ein Buch in der Hand, aus dem er eben vorgeleſen hatte, und ſeine ſchönen, männlichen Züge ſtrahlten von Seelenruhe und heiligem Herzensfrieden, während er ſich zu ſeinem Weibe niederbeugte, auf deren Schooß ihr faſt ein Jahr altes Kind, mitten im reichlichen Genuſſe des erſten Nektars des Lebens, eingeſchlummert war. Wie ſchön war Georgine! Sie beſaß noch ganz den Reiz der Jungfrau, erhöht durch die ſittſame Schön⸗ heit der jungen Mutter. Ihre friſchen Lippen be⸗ wegten ſich zu einem leiſen Wß! Wß! als Lindorm —— das und dem bei S kleine nicht legen dem „Ver ſprech terbr denn Müh zend einen Fang dorm ausü zwei Sopl abgel ſtand ne mit lſo ge⸗ r lag, ſie be⸗ re Of⸗ blickte durch⸗ diederte Aber en Zu⸗ egsgöt⸗ neinem liegt, n von id die öffne, ſagte n am leben⸗ licken. d Ge⸗ uemen n. Er eelleſen n von er ſich ß ihr enuſſe war. ; den ſchön⸗ n be⸗ dorm 215 das kleine Häubchen vom Kopfe des Kindes hinwegzog, und es auf die Stirne küßte. „Nein, ich bitte Dich ſchön,“ ſagte Georgine mit dem vorigen zauberiſchen Lächeln, und rückte ein wenig bei Seite;„hat es mir nicht Mühe genug gekoſtet, den kleinen Schreihals in Schlaf zu bringen! Du darfſt ihn nicht aufwecken. „Aber dann darfſt Du auch nicht gehen und ihn weg⸗ legen,“ entgegnete Lindorm, indem er das Kiſſen, auf dem Georginens Füße ruhten, beſſer in Ordnung brachte. „Verſprichſt Du mir, ſtille zu ſitzen, meine Geliebte?“ „O ja, beſter Guſtav, das kann ich Dir wohl ver⸗ ſprechen; aber dann darfſt Du auch nicht ſo häufige Un⸗ terbrechungen machen. Setze jetzt Deine Lectüre fort; denn ich bin ſchrecklich neugierig.“ „Gerne, ſüße Georgine; aber dann mußt Du meine Mühe zum Voraus mit wenigſtens zehn Küſſen belohnen.“ „Nicht ſo viele,“ ſagte ſie lachend, indem ſie ſcher⸗ zend dieſen Vorſchlag zurückwies. Du verlangſt immer einen für jede Seite, und das nimmt zu viel Zeit weg. Fange jetzt ſchnell an, ſonſt kommen wir nie zum Schluſſe.“ „Ja, mit den Küſſen, mein Engel,“ lächelte Lin⸗ dorm, und hielt ihren Kopf feſt, während er ſein Recht ausübte. In dieſem Augenblicke ſprang die Thüre auf und zwei hohe, männliche Geſtalten zeigten ſich auf der Schwelle. Schneller als ein Gedanke ergriff Lindorm das in der Sophaecke liegende Tuch, das er ſelbſt der Hitze wegen abgelegt hatte, und warf es ſeinem Weibe um. Dann ſtand er auf und näherte ſich artig den Fremden. „Ich glaube nicht,“ ſagte Fortuna's Liebling,„daß wir das Vergnügen haben, wieder erkannt zu werden; aber Du, Lindorm, ſiehſt Dir auch nicht mehr gleich. Wenn ich nicht gewiß wüßte, daß Du dieſelbe Perſon biſt, die ich früher unter dieſem Namen kannte, ſo würde Dein frohes und glückliches Ausſehen dieſer Vermuthung widerſprechen. Aber Du haſt auch Urſache genug, ver⸗ ändert zu ſein,“ ſetzte er hinzu, und ſein Blick konnte ¹ 216 ſich mit Mühe von dem ſchönen Schauſpiel lostrennen, das ſich ihm vom Sopha aus darbot. „Ach, jetzt erkenne ich euch beide,“ rief Lindorm aus, und umarmte herzlich ſeine Gäſte.„Aber keine Ueber⸗ raſchung konnte auch unvorhergeſehener kommen. Er⸗ laubt mir, euch meiner Frau vorzuſtellen. Die Kapitäns Brant und Kornelli, beſte Georgine! Und jetzt, meine Herren, habt die Gefälligkeit, mir zu folgen,“— er öffnete die Thüre zum Saale,—„denn meine Frau iſt wie ihr ſeht, gegenwärtig verhindert, die Honneurs als Wirthin zu machen; aber wir werden ſie in Bälde wie⸗ der zu ſehen bekommen.“— Und hiemit ſahen ſich die Herren ſo ſchnell, daß ſie ſelbſt kaum wußten, wie es zuging, in das nächſte Zimmer verſetzt, und die Thüre zu dem entzückenden Kabinetchen von dem Wirthe ſorg⸗ fältig geſchloſſen. „Noch einmal herzlich willkommen, meine Freunde,“ ſagte Lindorm und ſchüttelte ihnen die Hände.„Was verſchafft mir das Vergnügen ſo ferner und lieber Gäſte? Doch ich verſtehe, ihr habt bei eurer Heimkehr von dem Regimentsexercitium einen kleinen Umweg gemacht“ „Errathen, Bruder,“ verſetzte Kapitän Brant, der Aeltere von den Offizieren;„aber daß wir ſo glücklich waren, Dich und Dein herrliches Engelvik ausfindig zu machen, das war ein glückliches Ungefähr, das Kor⸗ nelli ſich zuſchreibt.“ „Dann bin ich ſowohl Kornelli, als meinem guten Sterne verbunden,“ ſagte Lindorm artig;„doch die Herren haben bei meiner Ehre etwas nöthig, um ſich zu wärmen.“ „Entſchuldige,“ fiel Kapitän Kornelli ein;„aber mit Deiner Erlaubniß müſſen wir vor Allem unſerer Totlette aufhelfen. Wir ſind durchnäßt und ſchmutzig, und ſchä⸗ men uns gewaltig, daß wir beide, ich und mein Schwa⸗ ger, mit unſern Reiſeſtiefeln Spuren in Deiner Frau Zimmer zurückgelaſſen haben, wohin uns unſere Unbe⸗ kanntſchaft mit den Localitäten führte.“ „O, das entſchuldigt ſie gerne,“ verſicherte Lindorm, Alle⸗ Unge die? mer, hielt ließ ſpäte einfa ihrer führ Die man und einfa ſchm ment würd ſchön rennen, m aus, Ueber⸗ Er⸗ apitäns meine — er au iſt rs als ſe wie⸗ ich die wie es Thüre ſorg⸗ unde,“ „Was Gäſte? n dem t, der ücklich dig zu Kor⸗ guten Herren men.“ er mit ollette chwa⸗ Frau Unbe⸗ dorm, 217 „zumal da ihr ſo ſtille kamt, daß Niemand von der Die⸗ nerſchaft euch bemerkte. Aber was war das, was ich eben hörte, ſind die Herren Schwäger geworden?“ „Ja, ſo iſt es,“ erwiederte Kornelli. Und welcher von uns ſcheint Dir am beſten dem Bilde eines wohl⸗ erzogenen Ehemanns zu entſprechen?“ „Wenigſtens Du nicht,“ verſetzte Lindorm lachend. „Du biſt es alſo wohl, Bruder Brant, dem ich dazu Glück wünſchen darf, unter die Flagge des ehelichen Le⸗ bens getreten zu ſein?“ „Ja, ich bin wirklich ſo glücklich,“ antwortete die⸗ ſer,„ſeit einem Jahre mit einem guten und lieben Weibe, der Schweſter Kornelli's, verbunden zu ſein; und da Du Dich wahrſcheinlich aus unſerm heitern Jünglings⸗ leben her erinnern wirſt, daß er und ich immer unzer⸗ trennlich waren, ſo kannſt Du Dir leicht denken, daß wir uns jetzt nur noch näher an einander angeſchloſſen haben.“ „Lieber Brant,“ ſagte Kornelli ungeduldig,„das Alles kann Lindorm noch nachher hören. Ich brenne vor Ungeduld, die Kleider zu wechſeln.“ Der Baron führte die Fremden in zwei neben einander gelegene Gaſtzim⸗ mer, ſchellte nach einem Bedienten, der den Befehl er⸗ hielt, ſie mit allem Nothwendigen zu verſehen, und über⸗ ließ ſie dann ihren eigenen Geſchäften. Als die Kapitäne Brant und Kornelli ſich eine Stunde ſpäter in glänzende Uniformen gekleidet in dem Saale einfanden, wo ſie Lindorm erwartete, wurden ſie von ihrem Wirthe in ein prachtvolles Wohnzimmer einge⸗ führt, in welchem ein eleganter Theetiſch gedeckt ſtand. Die junge Baronin erhob ſich von der ſeidenen Otto⸗ mane, und bewillkommte ihre Gäſte mit einem Lächeln und einigen verbindlichen Worten. Ihr Anzug, obwohl einfach, war jedoch ausgeſucht zierlich und äußerſt ge⸗ ſchmackvoll. Kapitän Brant verbeugte und verkompli⸗ mentirte ſich, und machte ſich auf alle Arten liebens⸗ würdig. Kornelli ſtand ſo verſunken in den Anblick der ſchönen Wirthin, daß Lindorm vergebens mit Worten — ——— 218 und Geberden ihn einlud, Platz zu nehmen. Aber keine finſtre Röthe flog jetzt, wie ehedem, über ſeine Züge; um ſeine Lippen ſpielte nur ein Lächeln, wie etwa das iſt, womit ein Kunſtliebhaber den Enthuſiasmus eines Andern betrachtet, der in ſtummer Bewunderung vor einem Gemälde oder einer Bildſäule ſteht, die der Erſtere beſitzt, und im ruhigen Bewußtſein davon nur ein Lächeln der Zufriedenheit über die Begeiſterung ſeines Gaſtes hat. „Willſt Du nicht dieſen Platz einnehmen, Kornelli?“ ſagte der Baron und gab dem Kapitän einen leichten Schlag auf die Schulter. Dieſer wandte ſich um, und erröthete zum erſten Male über ſeine Unſchicklichkeit. Mit einer ſtummen Verbeugung nahm er das angebotene Ta⸗ bouret ein. „Erzählen Sie uns Landbewohnern einige Neuig⸗ keiten von dem Luſtlager,“ ſprach Georgine und wandte ſich nun von Brant zu dem ſtillen Kornelli. ‚Freilich kennen wir die meiſten durch die Zeitungen; doch ſie wer⸗ den wieder neu und intereſſant, wenn man ſie von den Perſonen hören darf, die ſelbſt Antheil daran genommen aben.“ h Von ſo ſchönen Lippen aufgefordert, bekam Kapitän Kornelli ſchnell wieder ſeine glückliche Zungenfertigkeit. Seine Beſchreibungen gingen bis zum erſten Abmarſch zurück, und wurden mit ſpielender Beredtſamkeit durch die ganze Tour durchgeführt. Seine Schilderungsgabe war ſo lebendig und wechſelvoll, daß ſelbſt Georgine in das muntere Gelächter der Herren einſtimmen mußte, wenn Kornelli im Verlauf der Erzählung in einem Kleinſtädt⸗ chen anhielt, und dort eine doppelte Revue über das Re⸗ giment auf dem Markte und die Grazien an den Fenſtern hielt, deren Blicke, die eben ſo ſehr Verwunderung als Bewunderung ausdrückten, an dem mehr oder minder ſchimmeligen und verrauchten Herzpulver der Offiziere leicht Feuer fangen konnten; wie die Lenker der Stadt, Bürgermeiſter und Rath, in unruhiger Haſt hin und her rannten, und entſetzlich viel zu ordnen, zu leiten, her⸗ zuſte man lich einan ſcheit paſſi ſtiang bei Lindo vergr Aben mein aus! keine Züge; a das eines g vor Erſtere ächeln s hat. elli?“ eichten „ und Mit e Ta⸗ keuig⸗ vandte reilich wer⸗ n den mmen npitän igkeit. narſch durch sgabe ne in wenn ſtädt⸗ 3 Re⸗ iſtern g als inder iziere tadt, d her her⸗ 219 zuſtellen, zu fragen und zu beantworten hatten; und wie man endlich ſpät ſeine Quartierbillete erhielt und glück⸗ lich zur Ruhe kam. Hierauf folgte in luſtigem Unter⸗ einander ein ganzer Haufen von glaublichen und unwahr⸗ ſcheinlichen Anekdoten über Alles, was an jedem Orte paſſirt war; und ehe noch Kapitän Kornelli nach Chri⸗ ſtiania gelangt war, und ſich mit gehöriger Wichtigkeit bei allen dort ſtattgefundenen Feierlichkeiten aufgehalten und nebenbei deſſen weibliche Schönheiten, Alterthümer u. ſ. w. kritiſirt hatte, und dann wieder rückwärts durch jedes Abenteuer bis zu dem ſchlechten Wetter und dem Vorſchlag des Fuhrmanns, ſie in den Herrenhof zu fah⸗ ren, gekommen war, war längſt der Abend hereingebro⸗ chen, und das Souper angemeldet. Freundlich dankte Lindorm und ſeine Frau dem Gaſte für das Vergnügen, das er ihnen gewährt hatte. „Wo in aller Welt iſt der Abend hingekommen?“ rief Kornelli verwundert aus, als er ſah, wie ſich die Uebrigen zum Aufbruche fertig machten.„Mir iſt, als ſeien wir nicht über eine Stunde am Theetiſch geſeſſen.“ „Am Theetiſch allerdings nicht mehr als eine Stunde,“ bemerkte Lindorm lächelnd;„aber vier Stunden ſind es, daß wir überhaupt ſitzen.“— Er reichte Kornelli ſeine Uhr hin; ſie zeigte auf halb zwölf.—„Siehſt Du, mein Bruder, daß es nicht zu früh iſt, um an eine etwas gründlichere Verpflegung von euch Reiſenden zu denken?“ Brant lächelte beifällig; er hatte gewiß ſchon lang daſſelbe gedacht. Mit einem höchſt vergnügten Geſichte bot er der Wirthin den Arm. Kornelli folgte nach mit dem Wirthe, indem er verſicherte, einen der angenehmſten Abende in ſeinem Leben genoſſen zu haben. „Das höre ich mit wahrem Vergnügen,“ verſicherte Lindorm verbindlich,„und es würde mich wirklich miß⸗ vergnügt machen, wenn die Herren nicht noch einige Abende bei uns zubringen wollten. Wie Du ſelbſt ſiehſt, mein lieber Kornelli, habe ich einen großen Gewinnſt aus der Urne des Glücks gezogen. Ja, ich muß beken⸗ 220 nen, daß ich wahrhaft beneidenswerth bin. Bleibe noch ein Paar Tage hier, und ſei Zeuge meiner Seligkeit, und ich werde Dich überzeugen, daß nur das Familien⸗ leben uns die reinſte, ungetrübteſte Freude bietet. Ueber⸗ dies will ich euch morgen mit meinen Schwiegereltern bekannt machen, welche wir zu Mittag erwarten, und ich möchte Dir auch gerne meinen jungen liebenswürdigen Schwager, einen durch und durch vortrefflichen Jüngling, zeigen; doch das muß beim bloßen Wunſche bleiben, denn vor einer Woche ging der raſche Junge an's Gym⸗ naſium ab.“ Kornelli war ganz entzückt über den freundlichen Vorſchlag des Barons, und überließ die Entſcheidung Brant, der mit wahrem Takte die Sache in einen andern Gegenſtand verflocht, ſo daß für dieſen Abend nicht mehr die Rede davon war. Nachdem die Geſellſchaft noch eine Weile nach der Mahlzeit zuſammen geſprochen hatte, be⸗ gaben ſich die Herren in ihre Schlafzimmer. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Welten rollſt Du umher, doch ſahſt Du auch immer. Jenen Sperling, der ſang auf einſamer Linde; Schütze das Blatt im brauſenden Winde: Auf der Woge der Zeit, den verlaſſenen Schim⸗ mer. Euphroſyne. „Nein,“ ſagte Kornelli und warf ſich nachläſſig auf den Sopha, nachdem der Bediente die Thüre geſchloſſen hatte,„nein, Brant, ein ähnliches Glück hab' ich nie geſehen, noch davon reden hören. Ewiger Gott, ein ſol⸗ ches Weib und zwei bedeutende Güter! Bei meiner Ehre, recht artige Feinde gegen Schwermuth und Hypochondrie! Doch Kleinigkeit was die Güter betrifft, das mögen Viel⸗ haſt heit entge liebli für „Die der ie die Lieble konnt Ster! Lindo nöthe Stra zen z worte wohl Selig für g der hältn hauch mir achtun junge wenig geben bis N ſicher mich ſchem ſehen, ſter b 2 noch ligkeit, milien⸗ Ueber⸗ reltern ind ich erdigen igling, leiben, Gym⸗ blichen eidung indern mehr h eine e, be⸗ mauch Linde; Schim⸗ e. g auf loſſen h nie n ſol⸗ Ehre, ndrie! nögen 221 Viele haben; aber höre, Brant, antworte mir aufrichtig, haſt Du je in Deinem ganzen Leben eine ſolche Schön⸗ heit geſehen, wie dieſe junge Frau?“ „Nein, in der That, ich kann mich nicht erinnern,“ entgegnete Brant ruhig;„ſie iſt ohne allen Zweifel ſehr lieblich und angenehm.“ „Pfui Teufel, lieblich und angenehm, was ſind das für Werktagsausdrücke!“ fuhr Kornelli ärgerlich auf. „Dieſe Eigenſchaften kann man überall treffen. Aber ich, der ich wenigſtens einem halben Hundert Frauenzimmern die Cour gemacht habe, die Anſpruch auf Schönheit, Lieblichkeit, Anmuth, und Gott weiß was Alles, machen konnten, ich ſage Dir, daß ſie alle zuſammen nur trübe Sterne gegen dieſe Sonne waren, die hier einſam für Lindorm, dieſen überglücklichen Menſchen, dieſen Schwer⸗ nöther, leuchtet, da doch der fernſte Schimmer ihrer Strahlen hinreichend wäre, um ein ganzes Schock Her⸗ zen zu erwärmen.“ „Ja, aber, ſiehſt Du, mein lieber Kornelli,“ ant⸗ wortete Brant,„gerade weil Lindorm dieſe Sache ganz wohl einſieht, thut er am beſten daran, daß er ſeine Seligkeit für ſich ſelbſt behält. Und das halte ich auch für ganz billig; denn es ſcheint mir mit dem Ruf und der Schönheit einer jungen Frau immer daſſelbe Ver⸗ hältniß zu ſeyn, wie mit dem Glaſe im Spiegel; man haucht hin, und gleich wird es trübe. Deßhalb, obwohl mir die Baronin von Lindorm die vollkommenſte Hoch⸗ achtung eingeflößt hat, halte ich es doch bei einem ſo jungen und ſchönen Weſen, wie ſie iſt, für beſſer, ſo wenig als möglich von ſchmeichleriſchen Bewunderern um⸗ geben zu ſeyn, die ſo lange um die Roſe herumflattern, bis Neid und Klatſcherei ihre Pfeile ſchärfen, und damit ſicher in die Bruſt des Mannes treffen; denn ich betrüge mich nicht, Kornelli, ein Mann von Lindorms excentri⸗ ſchem Gemüthe braucht nicht viel, um Ungeheuer zu ſehen, wo keine ſind, oder wie die Leute ſagen, Geſpen⸗ ſter bei hellem Tage zu erblicken. Seine ganze häusliche ——— 222 Glückſeligkeit beruht einzig darauf, in wie weit er aller Eiferſucht entfliehen kann.“ Kornelli ſchwieg. Er konnte weder, noch wollte er ſeinem Freunde widerſprechen; er wollte ſich auch nicht weiter in den Gegenſtand ſelbſt einlaſſen, da er Brants gute Gewohnheit, jede Sache klar und deutlich hinzu⸗ ſtellen, und auf Urſachen und Wirkungen zu denken, von Herzen haßte, weil er ſelbſt durchaus nicht dachte, ſon⸗ dern nur ſchwatzte.— Und da es jetzt Brant nicht da⸗ mit gedient war, dergleichen nichtsſagende Plaudereien anzuhören, ſo klagte Kornelli über Müdigkeit, und die Herren begaben ſich zur Ruhe. Der folgende Tag verfloß eben ſo ſchnell und an⸗ genehm, als der Abend. Zu Mittag hatte der Baron einige Nachbarn eingeladen, und Hermer und ſeine Frau, jetzt wie immer gleich gaſtfrei, ſprachen den Wunſch aus, die beiden angenehmen und intereſſanten Fremdlinge auch einen ganzen Tag in Roſendal zu ſehen. Aber Brant, der das Heimweh an ſeiner Seele nagen fühlte, ſo oft er Lindorm mit ſeiner jungen, ſchönen Frau zärtlich thun ſah, entſchuldigte ſich mit dieſer unüberwindlichen Krank⸗ heit, womit ſich auch noch ein anderer, vielleicht noch weit ſtärkerer Grund vereinigte, den er bis auf Weiteres für ſich behielt; doch alle Einwendungen Brants wurden von Kornelli's beſtimmter Verſicherung, daß ein Paar Tage mehr oder weniger nicht viel zu ſagen hätten, über den Haufen geworfen; und da alle Uebrigen Kornelli's Bundesgenoſſen waren, ſo mußte Brant endlich nachge⸗ ben. Sie ſollten noch zwei Tage bleiben. „Höre, Kornelli,“ ſagte Brant ernſt, als ſie Abends wieder in ihr Zimmer getreten waren,„Du handelſt un⸗ recht, daß Du Deiner Schwachheit nachgibſt und hier bleibſt. Glaubſt Du, daß ich Dich nicht durchſchaue und die Augen offen habe? Ja, verlaß Dich darauf, und Lindorm thut daſſelbe; ſein Blick hat Dich unabläſſig begleitet, wie der Deine die junge Frau verfolgte. Du biſt ja heute nicht drei Minuten lang der Baronin von der möglt iſt m Artig Einla an, und Antwe ſonder mit e ſolche verſte und u Alles dorms dann löſcher Kennt. das de tragen die nie erwiede indeſſen zurückz. hören „2 brach 5 mir an aller Ute er nicht Brants hinzu⸗ I, von ſon⸗ ht da⸗ ereien nd die id an⸗ Baron Frau, haus, auch Brant, ſo oft thun rrank⸗ noch eiteres urden Paar über nelli's ichge⸗ bends t un⸗ hier und und läſſig Du n von der Seite gewichen! So etwas kann einem Ehemann un⸗ möglich gefallen, und ich will Dir aufrichtig ſagen, es iſt meine feſte Ueberzeugung, daß Lindorm mehr aus Artigkeit, als aus wirklicher Neigung, in die dringende Einladung ſeines Schwiegervaters einſtimmte.“ Kornelli zündete in aller Gemächlichkeit ſeine Pfeife an, worauf er ſich gähnend auf dem Sopha ausſtreckte und nach ſeiner Uhr ſah. Brant verſtand dieſe ſtumme Antwort ſehr wohl, ließ ſich jedoch nicht abſchrecken, ſondern fuhr fort: „Mein beſter Kornelli, Du mußt über dieſe Sache mit etwas mehr Ernſt nachdenken, als Du gewöhnlich ſolchen Affären widmeſt. Dir macht dies nichts, das verſteht ſich. Du reiſeſt umher, um Blumen zu ſuchen und um jede herum zu ſchwärmen; aber damit iſt nicht Alles zu Ende. Deine Galanterie hat vielleicht in Lin⸗ dorms Seele einen ſchlummernden Funken entzündet, den dann die unſchuldige Urſache deſſelben nicht ſo leicht zu löſchen vermag. Glaube meiner Erfahrung und meiner Kenntniß von Lindorms Charakter. Ein Samenkorn, das der Leichtſinn auswirft, kann unberechenbare Früchte tragen, deren Bitterkeit vielleicht die am meiſten trifft, die nie davon zu koſten verdienten.“ „Haſt Du noch mehr dazu zu ſetzen, Bruder Brant?“ fragte Kornelli mit einem mehr erzwungenen als natür⸗ lichen Gähnen, indem er die Pfeife wieder weglegte. „Ich meine dann, daß Du dieſe Abhandlung drucken laſſen ſollteſt, damit auch das Publikum Dein oratoriſches Talent genießen kann.“ „Es iſt vielleicht ſchon Schlechteres gedruckt worden,“ erwiederte Brant, ohne es übel zu nehmen;„ich würde indeſſen mein Bemühen, Dich zur Vernunft und Ehre zurückzuführen, reichlich belohnt finden, wenn Du nur darauf hören und meinen wohlmeinenden Rath befolgen wollteſt.“ „Was iſt das für ein verflucht dummes Geſchwätz?“ brach Kornelli etwas aufgebracht los.„Gefällt es Dir, mir anzugeben, worin ich gefehlt haben ſoll?“ 224 „Das werde ich,“ fuhr Brant fort, ſtopfte eine neue Pfeife, zog den Schlafrock an und ſetzte ſich bequem in einen großen Lehnſtuhl.„Erſtlich und vor Allem weichſt Du von dem Wege der Vernunft ab, indem Du den ganzen Einfluß der Reize einer Frau empfindeſt, die eines Andern Gattin iſt, und doch, anſtatt zu fliehen, mit Begierde jede Gelegenheit ergreifſt, um da bleiben zu können. Zweitens weichſt Du vom Pfade der Pflicht und der Ehre ab, indem Du, als Freund und Gaſt in dem Hauſe eines rechtſchaffenen Mannes aufgenommen, während Deines Aufenthaltes daſelbſt durch die feinſten Schmeicheleien, durch die ausgeſuchteſte Beredtheit in Worten, Blicken und Geberden Dich in die Gunſt der⸗ jenigen einzuſchleichen ſuchſt, die die Krone ſeines Lebens iſt. Ich denke, Kornelli, Du wirſt nicht läugnen, daß das das wahre Verhältniß iſt.“ „Nun, und wenn auch!“ ſagte Kornelli und ſtand heftig auf.„Ich verſchmähe es, zu läugnen, was wahr iſt. Ich will allerdings gerne da bleiben und in ihrer Gunſt ſtehen; aber ich erkläre beſtimmt, daß ich weder unedle, noch überhaupt andere Abſichten hege, als die, den Reiz ihres Umgangs zu genießen.“ „Das glaube ich auch, erwiederte Brant mit einem verdrießlichen Lächeln;„wer wollte das bezweifeln? Aber Rom iſt nicht in einem Tage erbaut worden. Ein Ge⸗ danke erzeugt den andern; am Ende gibt Alles zuſammen einen Wirrwarr, aus dem ſich kein ordentlicher Ausgang mehr finden läßt, und Du kannſt bei einem längeren Zu⸗ ſammenſein nicht verſchwören, wie weit Deine Phantaſie ſchwärmen würde. Mit einem Wort, lieber Kornelli, bei Dir, der mit ſeinen vielen, wahrhaft guten Eigenſchaften einen Geiſt der Galanterie vereinigt, der mehr als nahe mit dem äußerſten Leichtſinn verwandt iſt, bei Dir iſt man nicht ſo ganz ſicher, daß man ſich in einem ſolchen Falle auf Ehre und Grundſätze verlaſſen darf; denn be⸗ kommſt Du nur eine halbe Unze Aufmunterung, ſo fallen dieſe, mit Deiner Erlaubniß, wie Kartenhäuſer zuſammen.“ Röt meit wah in bede könn Dei „No Blü in 1 mit welk eines blos men! men nahn „Ich ſelbſt argn bleib Aber Es Kor! eine jeder vor ner von 1 Gott wahr mich Gr re eine bequem Allem m Du eſt, die fliehen, bleiben Pflicht Gaſt in pommen, feinſten heit in iſt der⸗ Lebens n, daß ) ſtand s wahr n ihrer weder als die, t einem 2 Aber tin Ge⸗ ſammen usgang ren Zu⸗ hantaſie lli, bei ſchaften ls nahe Dir iſt ſolchen enn be⸗ o fallen mmen.“ „Höre, Brant,“ ſprach Kornelli, und eine flammende Röthe fuhr über ſein Geſicht,„ſei nicht ſo freiredig mit meiner Ehre! Wir ſind Schwäger und Freunde, das iſt wahr. Aber ich meine dennoch, Du ſollteſt den Umſtand in Erwägung ziehen, daß meine Geduld, obſchon von bedeutendem Umfang, möglicherweiſe eine Grenze haben könnte.“ „Ich ſpreche nicht zu Deiner Geduld, ſondern zu Deinem Herzen,“ erwiederte Brant mit ruhigem Ernſt. „Noch iſt Alles recht und gut, noch wachſen die zarten Blüthen des Friedens und der häuslichen Glückſeligkeit in ungeſtörter Ruhe. Laß ſie gehen, berühre ſie nicht mit dem giftigen Hauche des Leichtſinns; denn einmal welk und niedergebeugt kann ſie die Reue und der Schmerz eines ganzen Lebens nicht wieder aufrichten. Sie ſinken blos Einmal nieder, um nie wieder aufzuſtehen.“ „Du biſt heute Abend ſo in Zug gekommen, ſenti⸗ mental zu ſein, daß ich Dich auf eigene Rechnung ſchwär⸗ men laſſen muß,“ antwortete Kornelli, indem er ein Licht nahm, in ſein Schlafkabinet ging und die Thüre riegelte. Sorgvoll ſchüttelte der redliche Brant den Kopf. „Ich werde ihn nicht in Ruhe laſſen,“ agte er bei ſich ſelbſt,„bis wir wohl von hier fortkommen; denn ich argwohne, daß er die Abſicht hat, eine längere Zeit zu bleiben, und das wäre gewiß nicht gut! Ich las heute Abend in Lindorms Auge Etwas, das mir nicht behagte. Es drückte entweder Mißvergnügen oder Bitterkeit über Kornelli's Zudringlichkeit bei ſeiner Frau aus; es lag eine Art Späherei in der Sorgfalt, womit ſein Blick jeder ihrer Bewegungen folgte. Er kam mir nicht ſo vor wie geſtern. Vielleicht liegt jedoch all' das in mei⸗ ner Einbildung oder meiner Furcht, die oft die Dinge von der am wenigſten roſenfarbenen Seite betrachten. Gebe Gott, daß es ſo ſei; denn nie mehr würde ich eine wahre Freude genießen können, wenn mein Gedächtniß mich daran erinnerte, daß in meiner Geſellſchaft die Guſtav Lindorm. II. 15 226 Eumeniden eine Wohnung betraten, wo jetzt ein irdiſches Eden blüht.“ „Er iſt ein ſehr einnehmender Mann, dieſer Kornelli,“ ſagte Lindorm an dieſem Abend zu ſeiner Frau, als ſie vertraulich bei einander ſaßen und von den Begebenheiten des Tages ſprachen. „O ja; man kann ihm einige Stunden angenehm zuhören,“ erwiederte Georgine;„aber als tägliche Geſell⸗ ſchii würde ich Brants ruhiges, aber heiteres Weſen vor⸗ iehen.“ 3„Es ſind beides brave und redliche Männer,“ fuhr der Baron fort;„aber was einen leichten und angeneh⸗ men Ton betrifft, ſo hat Kornelli unläugbar bei weitem den Vorzug.“ „Ja, lieber Guſtav, inſofern Du unter leichtem und angenehmem Tone etwas gewiſſes Luftiges verſtehſt, ſo geſtehe ich gern, daß Du recht haſt; denn ich kann mich nicht erinnern, von ihm den ganzen Tag über drei Worte gehört zu haben, die nicht mit Narrheiten vermiſcht ge⸗ weſen wären.“ „Du biſt ſehr ſtreng, mein Engel,“ ſagte Lindorm und wandte das Geſicht ſeiner reizenden Gattin gegen das ſeine.„Sage mir doch, ob er Dir mißfällt, und warum er es thut.“ Unglückſeliges Erröthen, die du einen Theil von den eigenthümlichen Beſtandtheilen des Weibes ausmachſt; Klatſchbaſe, die du ebenſo oft lügſt, als die Wahrheit ſprichſt, wie viel Unheil haſt du nicht ſchon angerichtet, wenn du auf der jungen, unſchuldigen Wange brannteſt, gerade weil der ſchuldfreie Gegenſtand ſelbſt wußte, daß deine Gegenwart das Signal zum Argwohn iſt! „Und warum mißfällt er Dir?“ fragte der Baron und ſah ihr in's Auge. Georgine erröthete: ihre Unruhe wurde dadurch er⸗ weckt, daß ihr Mann ihr dieſe Frage machte, und ihre Verlegenheit vermehrte ſich noch, da ſie fühlte, wie ſie erröthete. Sie wußte mehr als zu wohl, warum ihr oder ſach das dür das See ſagt ihre desh Aus ande Mü gewn ſeine unſe Auf lang ſchü 227 diſches Kornelli heute mißfallen hatte, obwohl ſie es ungern V ſagen wollte. Aber ſagte ſie es nicht, ſo konnten ja nelli,“ dieſe Zeichen auf eine Art gedeutet werden, die ihr reines als ſie Herz vor Kummer klopfen machte! Mit inniger Liebe hheiten haftete ihr Blick an dem geliebten Gatten.„Mein Gu 1 ſtav,“ ſagte ſie,„Du haſt mich erröthen geſehen; ſage enehm mir, ſo wahr Dir unſer Glück und unſer Frieden lieb Geſelle ſind, ob Du das für ein Zeichen anſiehſt, das bei Dir n vor⸗ Unruhe erwecken kann oder muß?“ „Nein, meine einzige, holde Georgine,“ ſagte er, fuhr und küßte die Thräne hinweg, die ſich die Wange herab⸗ geneh⸗ ſtahl,„beim allmächtigen Gott! das glaube ich nicht; veitem ich habe während dieſer zwei glücklichen Jahre Dein Herz zu wohl kennen gelernt, um ſeinem edlen und reinen Ge⸗ n und fühl mißtrauen zu können. Aber ich will aufrichtig gegen ſt, ſo Dich ſein. Hätteſt Du mir dieſe Frage nicht geſtellt, mich oder wäreſt Du aus Vernunftgründen oder andern Ur⸗ Worte ſachen weiter ausgewichen, um nicht von dem Mißbehagen, 1 ht ge⸗ das Dir Kornelli eingeflößt hat, Rechenſchaft geben zu dürfen, ſo hätte Dein Erröthen etwas in ſich getragen, ndorm das jenen finſtern, längſt eingeſchläferten Geiſt in meiner gegen Seele wieder hätte erwecken können.“ „ und„Du nimmſt eine Laſt von meinem Herzen, Guſtav,“ ſagte Georgine, und lehnte ſich beruhigt gegen die Bruſt 3 in den ihres Mannes.„Wiſſe alſo, daß ich bei Deiner Frage nachſt; deshalb erröthete, weil dieſer Kornelli mich mit einem ihrheit Ausdruck im Blicke betrachtete, den ich im Auge jedes eichtet, anderen Mannes als dem Deinigen verabſcheue. Mit nnteſt, Mühe habe ich es über mich vermögen können, ihm die „daß ggewoöhnliche Höflichkeit einer Wirthin zu erzeigen, da doch ſeine Zudringlichkeit mich herzlich wünſchen ließ, er möchte Baron unſer Haus nie betreten haben.“ „Ich danke Dir, meine geliebte Georgine, für Deine ch er⸗ V Aufrichtigkeit!“ erwiederte Lindorm herzlich.„Nie, ſo ihre lange ich lebe und des Vertrauens freundliche Genien uns die ſie ſchützend zur Seite ſtehen, wird es den Eumeniden mög⸗ n ihr 15* 228 lich werden, ſich in unſer Paradies einzuſchleichen. Aber was Kornelli betrifft, ſo kenne ich von Alters her ſeinen Hang zur Gefallſucht, und ich glaube faſt, er ſieht es für eine Pflicht an, ſich in jede Dame zu verlieben, mit der ihn der Zufall zuſammenführt. Was auch ſeine Ge⸗ fühle für gegenwärtig ſein mögen, ſo bläst ſie der erſte Wind hinweg, der einen andern Gegenſtand in ſein Fahr⸗ waſſer bringt. Deßhalb ſind ſie nicht gefährlich, nicht von der geringſten Bedeutung, und ein angenehmer und intereſſanter Geſellſchafter iſt er deßhalb doch, und überall willkommen.“ „Das iſt wohl möglich,“ antwortete Georgine;„allein die Schilderung, die Du eben von ſeinem Charakter ge⸗ macht haſt, Guſtav, halte ich nicht für ſehr empfehlend für einen Mann, der Zutritt in ſolide Häuſer zu gewin⸗ nen wünſcht. Er ſcheint blos für das oberflächliche Ge⸗ ſellſchaftsleben geſchaffen zu ſein.“ „Es thut mir recht leid, meine Liebe,“ ſagte der Baron,„daß ich dieſe Gedanken äußern höre; denn ich erkenne daraus, daß mein Vorſchlag Dir nicht willkommen ſein wird.“ „Was für ein Vorſchlag, lieber Guſtav?“ fragte Georgine mit merklicher Unruhe, da er eine Minute lang, ſichtlich im Streite mit ſich ſelbſt, ſchwieg. „Ich wollte darum bitten,“ fing der Baron wieder an,„daß Kornelli auf einige Zeit unſer Gaſt ſein ſollte.“ „Du ſcherzeſt wohl?“ ſiel Georgine zweifelnd ein. „Nein, Liebe, warum ſollt' ich das?“ „Und warum, mein guter Guſtav, ſollte er unſer Gaſt bleiben? Haben wir nicht in dieſen zwei Jahren die höchſtmögliche Seligkeit genoſſen, die auf Erden erreicht werden kann? Haſt Du Dich je darnach geſehnt, eine andere tägliche Geſellſchaft zu haben, als die Deines Weibes? Und wir, die wir unſer theures Roſendal, das angenehme Björkö und dazu jedes Jahr einige Monate lang Arthurs und Louiſens Umgang haben, warum ſoll⸗ ten wir, mein Guſtav, unſern haͤuslichen Kreis erweitern, Aber ſeinen eht es , mit 2 Ge⸗ erſte Fahr⸗ nicht r und berall allein r ge⸗ nmen ragte lang, bieder llte.“ ein. unſer n die reicht eine eines das pnate ſoll⸗ tern, um eine Geſellſchaft zu bekommen, die ſich doch nie in unſrer ungekünſtelten Einfachheit glücklich fühlen würde? Ach, mein theurer Freund, gib dieſe Idee auf; glaube mir, Kornelli wird nie auf die Länge einen paſſenden Umgang für Dich gewähren. Sein Hierſein würde nur ein unbehagliches Einmiſchen in unſer ſchönes Still⸗ leben bleiben.“ Georgine ſprach mit Wärme; ihre Worte, ihr flehender, inniger Ton drangen tief in Lindorms Seele, und erſchütterten den eben gefaßten Beſchluß, vermochten ihn jedoch nicht zu beſiegen. Er war von den freundlichen Vorſtellungen ſeiner geliebten Gattin gerührt; aber, ſo ſelt⸗ ſam, ſo unergründlich iſt das Menſchenherz, vielleicht war es gerade ihr Eifer, ihn von dieſem Gedanken abzubringen, was ihn erſt recht darin befeſtigte. Den Aufruhr ſeiner edleren Gefühle gegen dieſen Eigenſinn nannte er eine unmännliche Schwäche; denn war es nicht zu verwun⸗ dern,— ſo ſprach das im Grunde ſeiner Seele ſchlum⸗ mernde Mißtrauen,— war es nicht ſeltſam, daß ſie ſo viel Gewicht auf eine Ruhe legte, die ihr gar nichts „hätte bedeuten ſollen; war es nicht, als ob ſie damit zu⸗ gäbe, man müſſe den Verſucher fliehen, anſtatt ihn zu bekämpfen, oder mit einem Worte, Kornelli könnte ihr möglicherweiſe gefährlich werden. Während dieſe Gedanken ſich wechſelsweiſe in Lin⸗ dorms Kopf durchkreuzten, blieben ſeine Lippen geſchloſſen, ſeine Hände ruhten in Georginens, und erſt als ſie die⸗ ſelben innig drückte und ſchmeichelnd ſagte:„Mein Gu⸗ ſtav, Du willſt doch nicht heute zum erſten Male, ſeit wir vereinigt ſind, mir eine Bitte abſchlagen?“ fuhr er auf wie aus einem ſchweren Traume und ſprach:„Meine Liebe, biſt Du nicht ein wenig kindiſch in dieſer Sache? Gott weiß, meine Georgine, daß der Umgang keines menſchlichen Weſens gegenüber von Deinem einen Werth für mich haben kann; aber doch kann ich nicht läugnen, daß es mir ein Vergnügen machen würde, wenn Kornelli als Freund und Gaſt ſo lange bei uns bleiben würde, 230 als ſeine Dienſtangelegenheiten und ſein Verlangen nach Abwechslung es erlaubten. Du glaubſt nicht, wie ange⸗ nehm es mir wäre, bei der Jagd und am Billard einen Geſellſchafter zu haben; auch koͤnnten der Schwiegervater und ich weit oͤfter eine Spielparthie zuſammen machen, als es jetzt geſchieht. Kurz, ein Geſellſchafter im Hauſe hat manches Gute für ſich; und wenn Du, meine Ge⸗ liebte, dieſem Vorſchlage Beifall ſchenkſt, ſo würde es mir eine beſondere Freude machen, ihn Kornelli vorzutragen.“ Georgine fühlte ſich alles Ernſtes beunruhigt. Im Tone ihres Mannes lag etwas, das nicht ganz natürlich lautete, und all' die Gründe, die er anführte, waren ſo neu, daß ſie nothwendig ihre Aufmerkſamkeit feſſeln muß⸗ ten. Sie hielt es jedoch für das Beſte, die Auflöſung dieſes Räthſels der Zeit zu überlaſſen, und der Ueber⸗ zeugung gemäß, der ſie immer gehuldigt hatte, daß Füg⸗ ſamkeit und Nachgiebigkeit einem Weibe am beſten an⸗ ſtehen, wenn Gründe und Bitten nichts mehr vermögen, erwiederte ſie:„Sei es denn, wie Du beſchloſſen haſt, mein Guſtav! Kann Kapitän Kornelli Dir wirklich einiges Vergnügen gewähren, ſo werde ich, ungeachtet ich mich in ſeiner Geſellſchaft nicht recht wohl fühle, doch mich ets erinnern, daß er als Dein Gaſt Anſpruch auf die Hoflichkeit Deines Weibes hat; aber das iſt auch Alles!“ „Dank, meine holde Georgine!“ ſprach Lindorm freundlich und küßte ſie auf die Wange;„ich werde nie die nachgiebige Güte vergeſſen, womit Du immer meinen ünſchen begegneſt, und Du wirſt ſehen, mein Engel, daß Dir meine Idee noch viel Freude machen wird.“ „Daran zweifle ich ſehr,“ ſagte Georgine mit einem Seufzer.—„Laß uns jetzt zur Ruhe gehen, meine Geliebte,“ bat Lindorm;„es wird ſpät und wir müſſen zeitig auf ſein, um in Roſendal frühſtücken zu können. Unſer guter Vater ſcheint viel Gefallen an unſern Gäſten gefunden zu haben, beſonders an Brant. Ihre Gemüther ſtimmen am meiſten überein. Sie waren beide gleich erfreut über ihren gegenſeitigen Umgang.“ ſche war mif Lin nal die in's zwi den ſtau „Ja, das iſt natürlich,“ erwiederte Georgine, wäh⸗ rend ſie Arm in Arm den Saal verließen.„Brant iſt ein Mann, der ſowohl Kopf als Herz beſitzt.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Unbekannt iſt des Sorgenpfades ſchließender Stein, Unbekannt vom Leben zum Tode die Brücke, Der Du regierſt der Menſchen Geſchicke, Vater! erbarme Dich mein! Euphroſyne. Nächſten Vormittag um zehn Uhr trat die Geſell⸗ ſchaft ihre Luſtfahrt an. Sobald man die Treppe hinab war, bot Kornelli, ungeachtet ihm ſein Schwager einen mißbilligenden Blick zuwarf, Georginen den Arm an. Lindorm ſchien das für ganz natürlich anzuſehen, und nahm ein abgebrochenes Geſpräch mit Brant wieder auf, die Anlegung einer Papiermühle betreffend, wobei er ſo in's Detail einging, und alles das ſo einfach und unge⸗ zwungen, daß es Brant's ſcharfen Blick erforderte, um den Schleier zu durchdringen, womit er den wahren Zu⸗ ſtand ſeines Innern bedeckt hatte. Brant that es aber dennoch; er bemerkte, daß der Geiſt des Barons nicht immer ſeiner Zunge folgte, und daß die Röthe auf ſei⸗ nen Wangen bald kam und bald wieder verſchwand, wenn ſich ſeine Blicke auf Kornelli und Georginen wendeten, die vorausgingen; aber was jene ſprachen, konnte er nicht hören. Gleichwohl war es deutlich, daß jedes Wort von Kornelli Feuer und Leben war, die ihrigen hingegen ſchienen ziemlich kalt und zurückhaltend zu ſein, und immer wieder kam der Satan und flüſterte in Lindorms allzu offenes Ohr:„Sie weicht ihm offenbar aus; ſie zieht ſich zurück, ſie kennt die Gefahr. Würde ſie ſich wohl ſo benehmen, wenn ſie nicht ſelbſt einſähe, daß er möglicher⸗ weiſe...“ Die Gefühle, die jetzt Lindorms innere Welt durchſtürmten, erlaubten ihm nicht, ſeinen Gedankengang weiter fortzuſetzen; nur das beſchloß er, ſich noch dieſen 232 Tag wohl zu beſinnen, ob er das gefährliche Spiel wagen und Kornelli zurückhalten ſolle. Georginens Benehmen, meinte er, müßte ihn beſtimmen; fuhr ſie fort, ſich gleich ernſthaft und ſteif gegen Kornelli zu zeigen, wie ſie freund⸗ lich und artig gegen Brant war, ſo— ſo— weiter ging er für diesmal nicht. „Leben Sie das ganze Jahr über in Engelvik, gnädige Frau?“ fragte Kapitaͤn Kornelli ſeine ſchöne Begleiterin. „Ja, wir ſehnen uns nach keinem Wechſel,“ erwie⸗ derte Georgine lächelnd. „Es ſcheint mir doch unrecht und allzu eigennützig von Lindorm, daß er ſeine Gebieterin in dieſer Einöde begräbt, während ſie doch eine Zierde für die Geſell⸗ ſchaftskreiſe der eleganten Welt ſein würde.“ „Wir leben nicht ſo einſam, daß Engelvik den Na⸗ men eines Grabes verdiente,“ entgegnete die junge Frau ein wenig verdrießlich;„aber wir lieben allerdings mehr einen kleinen, doch gewählten Umgang, als die größeren Hilfs⸗ quellen des Vergnügens, welche die Städte anbieten können.“ „Um Alles im Himmel, gnädige Frau,“ fiel Kornelli eifrig ein,„nehmen Sie meine Worte nicht ſo ganz buchſtäb⸗ lich! Engelvik iſt ohne alle Frage ein Paradies und der gött⸗ lichſte Aufenthaltsort während der Sommermonate; meine Meinung war nur, daß er es auch ſo machen ſollte, wie die ganze feine Welt, die ſich während einer gewiſſen Jahreszeit in die Städte oder eigentlich in die Hauptſtadt flüchtet. Aber weit davon entfernt, erinnert er mich ſtatt deſſen an den Geizigen, der ſorgfältig ſeinen Schatz vor all' den ſehnſüchtigen Blicken verbirgt, die ſich bewundernd auf die neue Sonne heften würden, wenn ſie einmal dort aufgehen würde, wo ſie eigentlich glänzen ſollte.“ „Aber die Sonne trägt gar kein Verlangen nach irgend einer Bewunderung,“ antwortete Georgine kurz. „Sehen Sie, da haben wir Roſendal, unſre zweite Hei⸗ math! Hat es nicht eine göttliche Lage?“ Kornelli war ſchon zu oft dabei geweſen, um ſich durch einen kleinen Durchfall, einen kleinen Querſtrich ——— thal er, ſole wur Em Kok Doc leite weg and quã der in her ten der anſe es i Kor ſein erzo weſe letzt näm wagen hmen, gleich eund⸗ veiter ädige terin. rwie⸗ nützig inöde eſell⸗ Na⸗ Frau einen ilfs⸗ ten.“ nelli ſtäb⸗ teine 2 die 3zeit htet. ſſen all' und dort aus der Faſſung bringen zu laſſen; ſo etwas ließ er ſich nie anmerken, alſo auch jetzt nicht. In leichtem Tone ſprach er:„Das ſcheint eine Copie von Engelvik zu ſein, und vermuthlich iſt es ebenſo angenehm und behaglich. Welcher Himmel müßte das ſein,“ fügte er etwas leiſer hinzu,„ſein Leben in einer ſolchen Umgebung zubringen zu dürfen!“— Er ſeufzte und warf Georginen einen Blick zu, der unverdeckt das ausſprach, was er fühlte.— „Dann, gnädige Frau, würde auch für mich der kälteſte Winter zum blühendſten Sommer werden.“— Georgine zog ihren Arm aus dem ſeinigen und reichte Lindorm die Hand hin, der ihr aus dem Boote half. Sie hatte ge⸗ than, als ob ſie Kornelli's letzte Worte nicht hörte; aber er, der kühne Allerweltskurmacher, deſſen Erfahrung in ſolchen Sachen von ihm ſelbſt für unfehlbar angeſehen wurde, zog einen andern Schluß aus ihrer weiblichen Empfindlichkeit. Er ging in Gedanken durch, wie manche Kokette dieſelbe Gleichgültigkeit affectirt hatte; und doch — doch— Kornelli fühlte, wie ſich bei dieſem letzten Doch der Schlag ſeines Herzens verdoppelte, aber dieſes leitete ſich nicht ſowohl aus dem Gefühl des Triumphs wegen ſeiner errungenen Siege, als vielmehr aus einem andern her, das wie ein Vorwurf ausſah, den ihm die quälende Erinnerung darüber machte, daß er es war, der manches unſchuldige, in der Welt unerfahrene Weib in das kokettirende Ding verwandelt hatte, das ſie nach⸗ her geblieben war. Doch dieſe Geburten einer aufgereg⸗ ten Einbildungskraft, wie er ſie nannte, wichen bald vor der lachenden Hoffnung eines Erfolges, den er für ſicher anſah, wenn er nur ein Mittel erdenken könnte, wodurch es ihm möglich ward, auf längere Zeit da zu bleiben. Kornelli konnte Georginens Charakter nicht faſſen. Nach ſeiner Anſicht wäre es von einer jungen, auf dem Lande erzogenen und dort wohnenden Frau ganz natürlich ge⸗ weſen, wenn ſie bei einer ſolchen Aeußerung, wie ſeine letzte war, und bei einem ſolchen Blick— wenn ſie ſich nämlich dadurch beleidigt gefühlt hätte— durch einen 234 Blitz des Auges, der ihren Zorn bewieſen hätte, oder wahrſcheinlich ſogar durch ein Paar zurechtweiſende Worte den kühnen Sinn beſtraft haben würde, der darin lag. Hierin dürfte Kornelli im Allgemeinen nicht ſo unrichtig geurtheilt haben; allein Georgine war ſchon als Mädchen zu ſehr an Huldigungen gewöhnt worden, als daß ſie denſelben irgend eine Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte, und ſie würde es unter ihrer Würde erachtet haben, es im gegenwärtigen Falle zu thun. Kornelli, der dieſen Um⸗ ſtand nicht kannte und überdies mit einer guten Doſis Eigenliebe ausgeſtattet war, hoffte jedoch aus ihrem Still⸗ ſchweigen und ihrer Gleichgültigkeit, die er ſehr bezwei⸗ felte, daß er einen günſtigen Eindruck auf ſeine junge Wirthin gemacht habe. Was ihn ſelbſt betraf, ſo war ihm bei einem ſo reizenden Weſen Sehen und Lieben Eins. Der Tag verlief nicht ſo angenehm, als er es hätte thun können, wenn ſich nicht einige Spannung in der Geſellſchaft gefunden hätte. Das trat freilich nicht klar hervor; im Gegentheil, Alle bemühten ſich, es nicht zu merken; aber es war doch da, und man war nicht ſo rein herzlich vergnügt, als man wünſchte. Kornelli's Benehmen blieb daſſelbe; er machte ſich unaufhörlich um Georginen zu ſchaffen, und ſie blieb kalt und gleichgültig, zwar höflich, aber nicht im Geringſten aufmerkſam und intereſſirt. Hätte jedoch die arme Georgine ahnen können, welche neue, ſonderbare Geſtalt der alte Argwohn und die Eiferſucht ihres Mannes angenommen hatte, ſo würde ſie ſich gewiß Gewalt angethan und ungeachtet des wah⸗ ren Unwillens, den ihr Kornelli einflößte, verſucht haben, freundlich und artig gegen ihn zu ſein. Dies konnte jedoch Georginen um ſo weniger einfallen, als es nicht allein eine Aufmunterung für dieſen geweſen wäre, ſondern ſogar ihrer Anſicht nach Lindorm den erſten natürlichen Anlaß gegeben hätte, die Reinheit ihres Herzens zu bezweifeln. Georgine faßte nicht, ſie konnte nicht faſſen, was in ſeiner Seele vorging, ſondern ſie g jeder das fen, und vik 1 Gaſt gene! er je ginen blies accon Zeit. jetzt ludir Verf Leiſe die l über ſchön hätte aber Wach leich! bei und einen Mal Lind⸗ that, und körpe keit! mäßi der licher oder Worte lag. ichtig dchen ß ſie und im Um⸗ Doſis Still⸗ zwei⸗ unge war Eins. hätte t der klar dt zu öt ſo elli's um lltig, und inen, und ürde vah⸗ ſucht Dies als beſen den theit ſie dern 235 ſie glaubte recht froh und unſchuldig, daß ſie ihn mit jedem Augenblicke mehr davon überzeugte, daß ihr Kornelli das gleichgültigſte Geſchöpf von allen, die Gott erſchaf⸗ fen, und von ihr blos geduldet ſei, weil er der Freund und Gaſt ihres Mannes war. Es ging gegen Abend, die Geſellſchaft von Engel⸗ vik reiste heim und die fremden Herren prieſen laut die Gaſtfreundſchaft Hermer's und ſeiner Frau und den an⸗ genehm zugebrachten Tag. Lindorm war muntrer, als er je geweſen war. Man hatte ſeine Flöte, ſowie Geor⸗ ginens Guitarre mitgenommen; ſie ſang und ſpielte, er blies und gab dann die Flöte an Kornelli, damit er ſie accompagniren ſollte. Dieß geſchah jedoch nur eine kurze Zeit. Georgine war es nicht länger im Stande, und jetzt nahm Kornelli die Guitarre aus ihrer Hand, prä⸗ ludirte und ſang mit tiefer und voller Stimme einige Verſe aus den damals ſo modernen poetiſchen Kalendern. Leiſe glitt die kleine Barke über das ſpiegelblanke Waſſer, die letzten Strahlen der Sonne ſtreuten ihr Gold dar⸗ über aus, und die ganze Natur war herrlich, ſtill und ſchön. O daß es ſo in allen Herzen geweſen wäre, dann häͤtten ſich die Engel über dieſen Abend freuen können; aber leider waren es nur die Eumeniden, die diesmal Wache hielten. Man legte in Engelvik an, ging unter leichten und fröhlichen Scherzen durch die Allee, nahm bei der Nachhauſekunft noch einige Erfriſchungen ein und wünſchte ſich dann gegenſeitig eine gute Nacht auf einen ſo heitern und angenehmen Tag. Aber zum erſten Male nach zweijähriger glücklicher Vereinigung fand Lindorm keine Ruhe an der Seite ſeiner Gattin. Er that, als ob er in der ruhigſten Gemüthsverfaſſung ſchliefe und ſchläferte dadurch Georginen ſowohl in geiſtiger als körperlicher Hinſicht ein. Mit athemloſer Aufmerkſam⸗ keit lauſchte er auf ihren Odem; er war ruhig, gleich⸗ mäßig und ſtill. Sie ſchlief; es war der reine Schlaf der Unſchuld, des harmloſen Herzens. Mit unausſprech⸗ licher Liebe betrachtete er die holden, ſchönen Züge, 236 welche von den Strahlen der einſamen Nachtlampe matt beleuchtet wurden. Er beugte ſich nieder und berührte mit leichtem Kuſſe ihre Stirne. Als er ſich ſo über⸗ zeugt hatte, daß ſie feſt ſchlief, zog er vorſichtig und leiſe ſeinen Arm unter ihrem Kopfe weg, deſſen Kiſſen er ſtets war, ſtand auf, kleidete ſich haſtig an, warf einen Mantel um die Schulter und ſtürzte hinaus in die wildeſten und einſamſten Gänge des Parkes. Hier warf er ſich nieder auf den vom Nachtfroſte feuchten Boden, legte die Hand auf die Stirne und entleerte ſich unwill⸗ kürlich der Qual, die in ſeiner Seele wohnte. „Habe ich es nicht von der erſten Minute an be⸗ merkt, daß ihr Anblick einen gefährlichen Eindruck auf ihn machte; aber ich war damals ru hig, und im ſichern Beſitze ihres Herzens lachte ich darüber, denn ich war gewiß, daß es nie untreu werden konnte. Und noch baue ich darauf und halte es um meiner Seele Frieden willen für unmöglich, daß ſie mich betrügen könnte; aber welche überzeugende Probe habe ich denn dafür? Wo von keiner Verſuchung die Rede iſt, da iſt es leicht, die fleckenloſe Reinheit ſeines Herzens zu bewahren. Ich will, ich muß ein ſichereres Fundament haben, um darauf das Wohl oder Weh meiner Zukunft zu bauen. Warum rieth ſie mir damals ſo eifrig ab, als ich nur nachläſſig den Vorſchlag hinwarf, Kornelli zurückzu⸗ halten? Wenn ſie wirklich ſeine Huldigung verſchmäht und verachtet, ſo gibt es ja für ein edles Weib manche andre Auswege, um einen verwegenen Anbeter in ge⸗ hörigem Abſtand zu erhalten, er mag nun ſo nahe bei ihr wohnen oder weilen, als er will. Aber dieſer be⸗ ſtimmt ausgeſprochene Widerwillen gegen ſein Dableiben, verbunden mit der bei ihr ſo ungewöhnlich kalten Gleich⸗ gültigkeit, womit ſie ihn ſchon jetzt behandelt, alles das führt mich auf den entſetzlichen Gedanken, daß ſie ſelbſt eine Ahnung hat, er könne ihrer Ruhe gefährlich wer⸗ den. Und ſchon dieß iſt genug, mehr als hinreichend genug, um mich wahnſinnig zu machen; denn die ge⸗ ring irdif und büße die hat Ster wenn ich d entfe finſte mehr einm dem Her; Bezi wenn nehn keine größ und Fegf dann dann Glü⸗d gener jetzt Forn ſah. trat freun verſch um x mache die he da ic 2 matt rührte über⸗ g und Kiſſen warf in die warf Zoden, nwill⸗ n be⸗ k auf ichern hwar ge⸗ ſe bei r be⸗ eiben, leich⸗ das ſelbſt wer⸗ hend ge⸗ ringſte Untreue ihres Herzens wäre das Grab meiner irdiſchen Ruhe. Ja, Kornelli wird und muß dableiben, und müßt' ich auch mein ganzes künftiges Leben hindurch büßen für dieſe Begierde nach Licht in der Finſterniß, die jetzt wieder meine Seele umnachtet. O wie glücklich hat ſie mich nicht gemacht, ſo glücklich, als nur ein Sterblicher werden kann! Meine ſüße, holde Georgine! wenn ich dich nur nicht ſo gränzenlos liebte, ſo koͤnnte ich vollkommen zufrieden ſeyn und den Verſucher von dir entfernen; aber, ach! ich weiß es zum Voraus, meine finſtern und krankhaften Traumbilder würden mich nie mehr in Ruhe laſſen. Unaufhörlich würde ich, wären ſie einmal erweckt, von dem Gedanken gepeinigt, ich habe es nur dem Mangel an einer Gelegenheit zu danken, wenn ihr Herz mir unwandelbare Treue bewahrte. Nun, in dieſer Beziehung kann ich ſie jetzt auf die Probe ſtellen; o wenn ich nur in meine Blicke, meine Miene, mein Be⸗ nehmen ſo viel Ruhe legen könnte, als nöthig iſt, um keine Aufmerkſamkeit bei ihr zu erwecken! Ich muß die größte Sorgloſigkeit annehmen, um beide einzuſchläfern; und wenn ſie dann rein wie geläutertes Gold aus dem Fegfeuer hervorgeht, das ich für ſie zubereitet habe, dann, o Gott, iſt mein Vertrauen auf ihr Herz befeſtigt; dann kann ich ſagen, daß ich die Höhe der irdiſchen Glückſeligkeit erreicht habe.“ Hier ſprang Lindorm heftig auf beim Ton ſeiner ei⸗ genen Stimme. Er meinte blos gedacht zu haben; aber jetzt ſchwieg er, da er in einiger Entfernung die dunklen Formen einer männlichen Geſtalt durch das Holz ſchimmern ſah. Heftig fuhr er hin gegen den unwillkommenen Störer, trat jedoch verlegen einige Schritte zurück, als Brants freundliche Stimme ihm zurief:„Nachtſchwärmer, warum verſcherzeſt Du die Ruhe an der Seite einer holden Gattin, um von Berechnungen zu träumen, die ein Kluger nie machen ſollte? Ich lag in meinem Fenſter und betrachtete die herrliche Nacht, da ſah ich Dich hinaus ſchleichen; und da ich ahnte, daß nichts Gutes die Urſache davon ſeyn 238 könnte, ging ich Dir nach und habe Deinen finſtern, ent⸗ ſetzlichen Monolog mit angehört.“ „Nun wohl,“ verſetzte Lindorm düſter,„wenn Du ihn gehört haſt, ſo brauche ich mich nicht weiter zu er⸗ klären, ich will Dich auch nicht mit der Bitte um Ver⸗ ſchwiegenheit beleidigen, Brant. Darauf verlaſſe ich mich vollfommen.“ „Das kannſt Du getroſt,“ ſprach jener;„aber erlaube mir als Deinem Freunde und ziemlich ruhigen Beſchauer der wechſelnden Geſchicke, einige Worte zu Deinem Her⸗ zen, zu Deinem Verſtande zu ſprechen, den die Leiden⸗ ſchaft jetzt trübt.“— Sie ſetzten ſich; Brant fuhr fort: „Wenige ſind der Seelen auf dieſer Welt, die ge⸗ ſchaffen ſind, um einander zu verſtehen, und dieſe treffen einander ſo ſelten. Zu unſerem Troſte geſchieht es jedoch hie und da, und das ſehnende, unruhige Herz hat dann ſeinen Schatten gefunden. Zahllos ſind die Tropfen des Oceans; ſie ſtehen jedoch in einem gewiſſen Verhältniſſe zu einander, denn die ewigen, heiligen Geſetze der Natur vereinigen ſie; aber der geringſte Windſtoß löst ihren Ver⸗ band, Tropfen löst ſich von Tropfen, und der gewaltſame Sturm jagt den einen gegen Norden, den andern gegen Süden, wo ſie ſich mit andern Tropfen vereinen, um bald, auf's Neue getrennt, unbekannten Räumen zuzueilen. So iſt meiner Anſicht nach das gewöhnliche Zuſammen⸗ ſtoßen der Menſchen auf unſerem Planeten. Nicht ſo iſt es mit der Liebe. Sie gleicht der kleinen, klaren Quelle, deren Tropfen, wenn auch augenſcheinlich durch den Hauch getrennt, der die ſonſt ruhige Oberfläche kräuſelt, ſich doch bald wieder vereinigen, um gemeinſam in einander zu ver⸗ ſchmelzen, bis die glühende Sommerſonne beiden ein Grab bereitet, in welchem ſie zuſammen ſterben und während des Winters zuſammen erſtarren, um zugleich wieder den kom⸗ menden Frühlingstag zu begrüßen. Beklagenswerth iſt der Tropfen, der trotzig über die Ufer der Quelle ſchwellend, ſich vermißt, allein einen Strom bilden zu wollen. Er wird bald vertrocknet ſich im Sande verlieren.“ Dich zeitig hind⸗ zur Ziel Spie vorr nehn oder ſagte muß haſt, zeuge gen, Anw begal unber obwo doch werde auf v Vern Gem ſo kit gemei keiten gewech immer reimt Hand ſiedet, geordn ein rei das D 7 I, ent⸗ n Du zu er⸗ Ver⸗ mich laube hauer Her⸗ eiden⸗ fort: ie ge⸗ reffen jedoch dann n des ltniſſe Natur Ver⸗ tſame gegen um eilen. men⸗ ſo iſt nelle, dauch doch ver⸗ Grab d des kom⸗ t der lend, Er V Brant ſchwieg und Lindorm fiel ein:„Ich verſtehe Dich, mein edler Freund; aber gerade weil ich ſo früh⸗ zeitig in den Ocean hinausgeſtoßen wurde, und lange Jahre hindurch vergebens gegen den Strom gekämpft habe, um zur Quelle zu gelangen, gerade darum, weil ich jetzt das Ziel erreicht habe, und ein finſterer Hauch ſeinen klaren Spiegel zu kräuſeln ſcheint, muß ich einen Orkan her⸗ vorrufen, der in ſeinem Flug das Trübe mit ſich fort⸗ nehmen ſoll, damit die Quelle wieder ſtill und ruhig wird, oder auch, wenn es ſo ſein ſoll, für immer vertrocknet.“ Brant ſchüttelte mißbilligend den Kopf.„Verzeih',“ ſagte er,„Du nöthigſt mich, ſehr aufrichtig zu ſein; ich muß Dir ſagen, daß der Vorſchlag, den Du im Sinne haſt, ein Wahnwitz iſt, den Deine heftige Leidenſchaft er⸗ zeugen, aber nicht entſchuldigen kann. Es kann gut endi⸗ gen, da Deine Gattin, ſo weit ich das bei unſerer kurzen Anweſenheit beurtheilen kann, eine der Edelſten nnd Reich⸗ begabteſten ihres Geſchlechtes iſt; aber es können auch unberechenbar ſchlimme Folgen daraus entſtehen. Kornelli, obwohl flüchtig und wegen ſeiner Galanterien bekannt, iſt doch nicht ohne ein Herz, das einmal ernſtlich beleidigt werden könnte. Angenommen, daß dieß nun der Fall wäre; auf wen, als auf Dich, ſiele dann die ſchwere Schuld der Verwegenheiten, wozu er durch ſein leicht feuerfangendes Gemüth möglicherweiſe gereizt werden könnte? Und er, der ſo kitzlich in dem iſt, was wir in der Sprache der Welt gemeiniglich unter Ehre verſtehen, zu was für Entſetzlich⸗ keiten könnte er nicht durch einige in der Hitze zwiſchen euch gewechſelte Worte veranlaßt werden? Denn Dein Vorſatz, immer ein ruhiges Aeußeres beizubehalten, iſt eitel, unge⸗ reimt und unmöglich! Wie können wir es verſuchen, unſerer Handlungsweiſe Gränzen auszuſtecken, wenn das Blut über⸗ ſiedet, und die Vernunft, wie jetzt bei Dir, nur eine unter⸗ geordnete Rolle ſpielt? Nein, Lindorm, nein, Alles das iſt ein reiner Wahnſinn! Sei zufrieden mit dem großen Glücke, das Du beſitzeſt; rufe nicht ſelbſt die Rachegeiſter herbei!“ „Dein Verſuch, mich zu überreden, Brant, iſt um⸗ 240 ſonſt; das iſt verlorene Mühe. Gerade Deine Beredſamkeit nährt nur meine Grillen noch mehr; denn hielteſt Du die Sache nicht für ſo wichtig, ſo würdeſt Du Dir nicht ſo viel Mühe geben, mir abzurathen. Höre deßhalb auf; denn es dient zu nichts, ich muß jetzt Gewißheit wegen meiner Beſorgniſſe haben, mag daraus entſtehen, was da will. Glaube mir, Brant, ich ſchwör' es Dir, bei Allem was heilig iſt, Frieden und Ruhe können anders nie wieder in meine Seele zurückkehren. Du mußt deßhalb im Gegentheile mir eher bei meinem Plane behülflich ſein, und ich beſchwöre Dich, Kornelli nicht abzurathen, wenn ich ihm morgen den Vorſchlag mache, uns auf einige Zeit mit ſeiner Gegenwart zu beehren. Unter allen Umſtänden aber habe ich Dein Ehrenwort, Brant, daß Du nie etwas von dieſer unſerer Unterredung verlauten laſſen wirſt.“ „Das haſt Du,“ antwortete Brant ſeufzend,„und noch nie habe ich es gebrochen; aber Dir iſt nicht zu helfen, Lindorm! Du leideſt an Hypochondrie, und es wäre weit beſſer und klüger, wenn Du mit uns reiſtteſt und bei einem geſchickten Arzte Hülfe ſuchteſt, als der⸗ gleichen beſeſſene Proben anzuſtellen, die von einer Art Entdeckungswuth oder einem wahnſinnigen Bemühen ver⸗ anlaßt ſind, Dich und Andere unglücklich zu machen.“ Lindorm blickte finſter auf Brant.„Du biſt mein Gaſt,“ ſagte er,„und Du magſt frei herausſagen, was Dir für paſſend dünkt; ich bin nicht bei Laune, um gereizt werden zu können, beſonders da ich finde, daß es nur Deine freundſchaftliche Abſicht iſt, mich von einem Ge⸗ genſtande abzulenken, der meine Gedanken ausſchließlich in Anſpruch nimmt. Laß mich deßhalb wiſſen, ob ich Dein Verſprechen in Beziehung auf Kornelli habe?“ „Keineswegs,“ erwiederte Brant, erzürnt über den geringen Erfolg ſeiner Anſtrengungen;„ich werde im Ge⸗ gentheile Alles thun, was ich kann, um meinen Schwager zu überreden, daß er mich begleite. Aber, leider, wird es fruchtlos ſein, wenn ſich ihm nur ein Schimmer von Hoffnung zeigt, daß er da bleiben kann.“ mkeit Du Dir hhalb ßheit ehen, Dir, iders zhalb ſein, wenn Zeit inden twas ſt.“¹ „und ht zu id es iſ'teſt der⸗ Art ver⸗ 1.* mein wager wird r von 241 „Um ſo beſſer,“ ſiel Lindorm ein;„aber laß uns zu⸗ rückkehren.“— Schweigend gingen die Nachtwandler durch den einſamen Park; erſt im Oehrn ſagte Brant, indem er dem Baron herzlich die Hand drückte:„Fliehe zum Ge⸗ bet, Lindorm, Deine Seele bedarf der Ruhe. Suche Deine Hülfe dort, wo die Kinder des Staubs ſie ſuchen ſollen, wenn eine wirkliche oder eingebildete Laſt ihre Schultern drückt, und Du wirſt ſie finden. Wenn die Sonne der Gnade die finſtere und verworrene Maſſe der ſündigen Ge⸗ danken beleuchtet, die ſich jetzt in Deinem Kopfe umher⸗ wälzen und Deine Seele verwirren, dann werden ſie wie Schuppen abfallen, und die Genien des Friedens und der häuslichen Glückſeligkeit werden wieder ihren Platz in Dei⸗ nem Hauſe und Herzen einnehmen.“ „Gott gebe, daß es möglich wäre!“ ſeufzte Lindorm leiſe, ſchloß die Thüre und ſchlich ſich wieder ſtille in ſein Schlafzimmer. Aber welches Entſetzen ergriff ihn nicht im Innerſten ſeiner Seele, als er Georgine, ſein angebetetes Weib, ſinnlos an der Thüre liegen ſah! Die tiefſte Reue faßte ſein Herz bei dieſem Anblick. Er trug ſie auf den Sonha, und rief ſie durch die innigſten Liebkoſungen und die ſüßeſten Worte bald wieder zur Beſinnung zurück. Er⸗ ſchrocken und verwundert ſah ſie um ſich, und als ihr Blick ſich auf den des geliebten Mannes heftete, brach ſie in heftiges Weinen aus. „O Guſtav, mein Guſtav,“ klagte ſie,„warum läßt Du Dich auf's Neue von den böſen Mächten feſſeln? Du haſt keine Ruhe mehr, da Du das Lager fliehſt, wo die Hälfte Deines Weſens ruht. Ein leichter Schlummer ſchloß meine Augen; ich träumte, wir ſtünden am Rande eines Abgrunds und Du beföhleſt mir, hinunter zu ſtürzen. Angſtvoll umfaßte ich Deine Kniee; ich bat, ich flehte um Verſchonung; das Leben war ſo ſchön, ich wollte nicht ſterben. Aber da ſtießeſt Du mich wild von Dir, und riefſt mit fürchterlicher Stimme:„Nun wohl denn, wenn Du nicht das Opfer ſein willſt, ſo muß ich ſelbſt da Guſtay Lindorm. II. 16 242 hinab!“ Und während ich faſt ohnmächtig mit meinen ſchwachen Armen Dich zurückzuhalten ſuchte, riſſeſt Du Dich von mir los, und ſtürzteſt hinab. Ich erwachte in der ſchrecklichſten Todesangſt und rief Deinen Namen; Du antworteteſt nicht. Ich wandte mich um, um Dich zu wecken; Dein Platz war leer. Von ſchwarzen Ahnungen ergriffen, ſprang ich auf, um Dich zu ſuchen, aber ich wußte nicht, wohin ich mich wenden olte, und unter dieſem Uebermaß von Qual verlor ich die Beſinnung.“ Mit tauſend zärtlichen Worten und Verſicherungen, daß nur eine zufällige Schlafloſigkeit ihn bewogen habe, in Brants Geſellſchaft, der auch nicht habe ſchlafen kön⸗ nen, einen Spaziergang in der ſchönen, kühlen Nacht zu machen, beruhigte Lindorm nach und nach Georginens aufgeregte Sinne. Seine warme, erfindungsreiche Liebe ſchläferte auf's Neue ihre Unruhe ein. Er ſchmeichelte und bat, und ſie mußte ruhig ſein, ſeine Zauberkraft war unwiderſtehlich für ſie. Sie ſchlief wieder auf ſei⸗ nem Arme ein, wie ein gutes, argloſes Kind, da ſie glaubte, es ſei jetzt eben ſo ruhig und licht in ſeiner Seele, wie es in der ihrigen war. Aber in Lindorm arbeitete ein doppelter Aufruhr. Er war jetzt vollkom⸗ men überzeugt, daß kein Gefühl in Georginens Herzen lebte, das nicht ſein Leben und ſeine Verbindung durch ihn hatte, und er hätte ſein ganzes Vermögen hingegeben, wenn er ſich von dem Einfluſſe der Verblendung hätte befreien können, die jetzt Gewalt über ihn bekommen hatte. In ſeiner Seele kämpften zwei Mächte: die reine und edle Liebe, die ihm gebot, um ſeiner und ſeiner theu⸗ ren Gattin Ruhe willen von dem gefährlichen Spiele ab⸗ zuſtehen, das er beginnen wollte, und das Selbſtſüchtige und Leidenſchaftliche, das ihm in's Ohr flüſterte:„erſt, wenn Du ſie erprobt haſt, wirſt Du vollkommen glücklich!“ Armes, ſchwaches Menſchenherz! auch die Beſten unter⸗ liegen, wenn ſich der Verſucher in die Geſtalt ihrer herr⸗ ſchenden Leidenſchaft hüllt! Als man am folgenden Morgen ſich beim Frühſtücke ver heit die beh⸗ man daß läng weiſ und noch Kor Ver da e habe ſprã jetzt hefte ſeres Vert nicht len. hatte Grad vollk⸗ das j ches dem Mannꝛ zeugt, ſiegre kein 8 len u dieſem haben ganzen men eine heu⸗ ab⸗ tige erſt, ch 14 ter⸗ err⸗ lücke 243 heit, welche Brant ganz verwunderte, ſeinen Wunſch, die beiden Herren noch eine Zeit lang als ſeine Gäſte zu behalten;„doch,“ ſetzte er hinzu,„was Brant, als Ehe⸗ mann betrifft, ſo ſehe ich wohl die Unmsglichkeit ein, daß er die Trennung von einem geliebten Weibe noch länger ertragen könnte; Kornelli dagegen iſt, ſo viel ich weiß, frei in des Wortes ausgedehnteſter Bedeutung, und es ſollte uns eine große Freude machen, wenn Du noch einige Wochen in Engelvik verweilen wollteſt.“ Eine hohe Röthe flammte einen Auc enblick über Kornelli's Wangen; aber zu Lindorms und Brants großer Verwunderung ſtammelte'er eine Entſchuldigung hervor, da er ſchon vorher ein anderweitiges Verſprechen gegeben habe. Georgine, die während des vorhergehenden Ge⸗ ſpräches kaum die Augen vom Tiſche erhoben hatte, ſah jetzt raſch auf. Mit einem Ausdruck von Wohlwollen heftete ſie ihren Blick auf Kornelli; aber er, deſſen beſ⸗ ſeres Gefühl bei Lindorms, wie er meinte, argloſem Vertrauen erwacht war, fühlte bei dieſem Blick, den er nicht recht verſtehen konnte, ſein Blut zum Herzen wal⸗ len. Er warf ein Glas Wein um, das er in der Hand hatte, und durchlief zum erſtenmal in ſeinem Leben alle Grade von der ſchüchternen, unbewußten Ahnung bis zur vollkommenen Ueberzeugung, daß das ganz neue Gefühl, das ſich ſeines Weſens bemächtigt hatte, das war, wel⸗ ches man Liebe nannte. Lindorms Auge bemerkte mit dem ganzen Scharfſinn eines liebenden und eiferſüchtigen Mannes, was in Kornelli's Innerem vorging; aber über⸗ zeugt, daß er ſelbſt unter den nämlichen Verhältniſſen ſiegreich aus dem Streite hervorgehen würde, trug er kein Bedenken, das Herz ſeines Freundes all' den Qua⸗ len und Kämpfen bloßzuſtellen, die ein Verweilen an dieſem Orte in die Länge nothwendig für ihn zur Folge haben mußte. Er griff ihn alſo noch einmal mit ſeiner ganzen, lebendigen Ueberredungskunſt an, und vergebens 16* verſammelte, äußerte Lindorm mit einer Ungezwungen⸗ 244 erinnerte ihn Brant an die Sehnſucht der Eltern und F Geſchwiſter. Erfolglos beſchrieb er die Betrübniß des ih alten Vaters über die vergebliche Hoffnung, den Sohn m bei ſich zu ſehen, um ſein Geſchäft beim Einbringen der ka Ernte zu erleichtern. Der gute, wohlmeinende Brant in ſprach in den Wind. Kornelli gab Lindorms eindring⸗ 4 m lichen Bitten und ſeiner eigenen Schwachheit nach. Er reichte dem Wirth ſeine Hand über den Tiſch hinüber; es war abgemacht, er ſollte dableiben. Natürlicherweiſe E gab ſich Kornelli im Innern all' die ſchönen Verſpre⸗ L. chungen, die man ſich gewöhnlich macht, wenn das ſchwache do Herz den wachenden Verſtand einſchläfern will. Die, welche ſelbſt Blumen und Dornen aus dem Boden der er Erfahrung geſammelt, getrocknet und verwahrt haben, ge fühlen das; Sie kennen auch die Früchte, die ſolche Ver⸗ m ſprechungen tragen, wenn ſie nicht von dem ernſten Wil⸗ S len unterſtützt werden, ſeine Leidenſchaften zum Opfer zu he bringen, wie groß auch immer die Entſagung ſein möge. F Lindorm ſchien heiter und zufrieden. Georgine nahm eine D Gleichgültigkeit an, die ſie in dieſem Wendepunkt ihres m. Lebens nicht beſaß, und Brant ſah aus, wie die perſoni⸗ W ficirte Beſtürzung. In ſeinen Zügen lag eine ſtille, beſorgte we Wehmuth. Vergebens ſuchte ein Jedes das träge Geſpräch en zu beleben; es wollte nicht in Gang kommen, und mit Ver⸗ zu gnügen ſah die Geſellſchaft, daß ein Paar Fremde anlang⸗ ten, die den Gedanken eine andere Richtung geben konnten. 2 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. b Ich fürchte, daß erſt jetzt der Kampf beginnt. Nikander. ar Weine nicht, die Thränen baden Fr Dreimal ſcharf die Heldenwange, Nimm den Schild, zur Seite hange Dir das Schwert, folg' dem Kam'raden! inn Hin zum Kampf auf Tod und Leben; gre Lindeblad 3 Vor der Abreiſe verſuchte Brant noch einmal die fül ganze Stärke der Beredtſamkeit, die ihm die Unruhe der wa und des ohn der ant ng⸗ Er zer; eiſe pre⸗ ache Die, der ben, Ver⸗ Vil⸗ r zu öge. eine hres oni⸗ rgte räch Ver⸗ ang⸗ aten. nt. 245 Freundſchaft eingab, um Kornelli zu vermögen, daß er ihm folgen ſolle. Allein dieſer erwiederte:„Ich habe mein Verſprechen gegeben. Fürchte nichts, Brant! Ich kann mich beherrſchen, darauf verlaſſe Dich. Ich werde in Georginen nie etwas Anderes ſehen, als die Gattin meines Freundes.“ „Aber doch ſie lieben,“ fiel Brant ein. „Ja, wie man ein ſchönes Kunſtwerk liebt, oder einen Engel, den man unmäglich in die niedern Regionen der Leidenſchaft herabziehen kann. So will ich ſie anbeten, ohne daß ein Blick oder ein Wort mein Gefühl verrathen ſoll.“ „Bah, welch' ein einfältiges Geſchwätz!“ ſiel Brant erzürnt ein;„das Anſchauen eines Kunſtwerks oder En⸗ gels gebiert keine Leidenſchaften. Das iſt eitel Miſch⸗ maſch; Satanszeug iſt es, womit Du Dich ſelbſt in Schlaf lullſt, um einen Deckmantel für Deine Schwach⸗ heit zu finden. Sei ein Mann, Kornelli; ſchüttle dieſe Feſſeln ab, die Deinen kühnen Geiſt ketten; bleibe bei Deinem erſten, edlen, Deiner würdigen Vorſatz; fliehe mit mir, Deinem Freund, Deinem Schwager, Deinem Waffenbruder! Vor Feinden mit Fleiſch und Blut weichen weder Du, noch ich; aber vor denen, welchen Du jetzt entgegengehſt, iſt es beſſer, zu fliehen, als einen Kampf zu verſuchen, deſſen Ausgang ſo zweifelhaft iſt.“ „Mein edler und redlicher Brant! ich fliehe nicht! Bitte mich nicht darum; denn es ſchmerzt mich, daß ich Dir Deine Bitten abſchlagen muß. Aber glaube mir, bald werden wir uns wieder treffen, und Du wirſt mich dann Deiner Achtung nicht unwerth finden.“ „Gebe Gott, es wäre ſo!“ ſeufzte Brant und um⸗ armte mit einem düſtern und drückenden Gefühle den Freund, der ihm ſo theuer war. Beim Abſchied flüſterte er Lindorm in's Ohr;„Er⸗ innere Dich unſerer Unterredung, und ſpiele nicht allzu grauſam und ſelbſtſüchtig mit Kornelli's Ruhe. Sein Ge⸗ fühl iſt tiefer, als es je vorher in einem ähnlichen Falle war. Beſinne Dich deßhalb, ich beſchwöre Dich darum! 246 Bedenke wohl, daß Schuld und Verantwortung nur Dich treffen werden.“ Darauf trat Brant zu Georginen, und führte mit tiefer Rührung und einem ahnungsvollen Schauer ihre Hand an ſeine Lippen.„Verehrte Frau,“ ſagte er,„wie unendlich wird es mich freuen, wenn ich in meiner fer⸗ nen Heimath vernehme, daß Ihr Glück in der Zukunft ver⸗ borgenen Geſtaltungen eben ſo zu blühen fortfährt, wie es jetzt ihre Wange thut! Möchten Sie während eines langen und ſeligen Lebens den Samen zu den unver⸗ gänglichen Roſen ſammeln, die einſt Ihr Leben zieren werden, wenn die zärtlicheren Blumen der Jugend und Schönheit jener der edlern Gattung Platz machen!“ Georgine fühlte ſich wunderbar gerührt von Brants freundlichen Abſchiedsworten. Wehmüthig und mit einem unausſprechlich ſüßen Ausdruck im Blick nickte ſie mit dem Kopfe und erwiederte leiſe:„Das ſoll das Beſtreben meines Lebens ſein. Grüßen Sie Ihre Gattin, edler Brant, und ſagen Sie ihr, daß ich für Ihr beiderſeiti⸗ ges Wohl beten werde.“— Kapitän Brant ſtieg in den Reiſewagen, und bald zeigte nur noch eine Staubwolke die letzte Spur des red⸗ lichen Freundes, des ruhigen, wohldenkenden Mannes. Wer hat nicht ſelbſt die Leere empfunden, die ſich unwillkürlich einſtellt, wenn eine Perſon von uns ſchei⸗ det, die in unſerem häuslichen Kreiſe heimiſch geworden war, und deren Eigenſchaften wir kennen und ſchätzen ge⸗ lernt hatten. In Engelvik fühlte man dieſe Leere in hohem Grade, da Kornelli's Verweilen ſie nur noch merkbarer machte. Georgine ging in das obenerwähnte Kabinet, wo ſie ihren Sohn, den kleinen Georg, auf den Arm nahm, und im Spiel mit ihrem Liebling, dem kleinen Wildfang, vergaß ſie für einige Minuten, daß etwas Störendes geſchehen war. Doch als ihr Blick zufälliger⸗ weiſe auf das noch aufgeſchlagene Buch fiel, aus welchem ihr Lindorm an dem letzten ſeligen Abende vorgeleſen hatte, da fühlte ſie, wie eine Thräne um die andere ſich leiſe — ———— 2₰2——,—————&— 8S8— O8 122. A— ——„—— —— dich aus ihrem Auge ſchlich. Es kam ihr vor, wie wenn ſie nie mehr ſo glücklich werden könnten, als ſie geweſen mit waren, wenigſtens nicht, ſo lange Kornelli da war, das ihre ſah ſie klar ein. „wie Im Wohnzimmer, wo die beiden Herren ſaßen, fer⸗ 3 zeigte ſich auch keine Spur von Leben und Wohlbehagen. ver⸗ Lindorm ſaß auf einem Sopha, vor welchem ein Tiſch wie ſtand, der mit Büchern und Zeitungen bedeckt war; ines aber ſeine ganze Beſchäftigung beſtand darin, ein Wo⸗ Ver⸗ chenblatt zu zerknittern und wieder glatt zu machen. eren Der Kapitän ſtand am Fenſter, und accompagnirte ſeine und eigenen Gedanken mit einem Getrommel auf die Fenſter⸗ ſcheibe. Zu allem Glück kam gerade Hermer an, um ants. einen willkommenen Wechſel hervorzubringen. Dieſer be⸗ nem maeerkte leicht, daß nicht Alles richtig war und es wun⸗ dem derte ihn höchlich, daß Lindorm Kornelli überredet hatte, eben da zu bleiben, da er doch gewöhnlich keine andere Ge⸗ dler ſellſchaft wünſchte, als ſeine eigene Umgebung. Aber ſeiti⸗ ohne ſich irgend eine Bemerkung zu erlauben, gab er mit ſeiner gewöhnlichen Leichtigkeit dem Geſpräche eine bald paſſende Richtung. Es glückte ihm, einiges Gleichgewicht red⸗ in die verſtimmten Gemüther zu bringen, und es war allen 8. recht, als Hermer endlich eine Parthie Billard vorſchlug. 3 ſich Damit unterhielt man ſich bis zum Mittageſſen, und 5 chei⸗ nachdem man ein wenig geſchlafen oder gegähnt und ſich rden auf dem Sopha geſtreckt hatte, wurde der Kaffee ge⸗ 1 ge⸗ trunken, und die Herren fuhren aus, um zu fiſchen. So hem verging der erſte Tag. arer Den andern begann man mit Jagen, wobei ſie den inet, Pfarrhof beſuchten, der auf dem Wege lag, und blieben Arm dort einen großen Theil des Tages. Allmählig kamen inen Lindorm und Kornelli auf einen freieren, faſt freund⸗ was ſchaftlichen Fuß zu einander. Das fühlten ſie beide und ger⸗ befanden ſich wohl dabei. hem Als ſte am Abend nach Engelvik zurückkehrten, ſah atte, Georgine mit wahrer Freude die ſichtliche Veränderung, 4 leiſe. welche das Zuſammenſein eines ganzen Tages und ein 248 freundſchaftlicher Austauſch der Gedanken bewirkt hatte. Lindorm flog mit unerkünſtelter Freude ſeiner jungen Gattin entgegen, ſchloß ſie an ſeine Bruſt, und nahm ſeinen Sohn auf den Arm, ſpielte mit ihm, und wies alle Zeichen eines ruhigen und frohen Herzens. Korrnelli war Zeuge davon, und der Seufzer, der ſich bei ihm hervorſchleichen wollte, ward von ſeinen beſſern Gefühlen unterdrückt. Er wollte ja nicht miß⸗ günſtig ſein; er wollte nur das Anſchauen genießen. Heiter ſetzte man ſich um den Theetiſch. Lindorm ſprach freundlich:„Wir lieben eine angenehme Lectüre, meine Georgine und ich; im Fall Du unſern Geſchmack theilſt, Bruder Kornelli, ſo ſollſt Du unſer Vorleſer werden.“ „Da bin ich gerne dabei,“ verſicherte der Kapitän, und während der Baron in das Kabinet ging, um das Buch zu holen, erzählte Kornelli von ihrem Beſuche im Pfarrhauſe, und wie viel Freude er an dem gebildeten und ſtillen Umgang des Pfarrers Werner gefunden habe, der ein Mann Gottes nach ſeinem Sinne ſei, da er ſich weder pedantiſch noch prahleriſch, ſondern einfach und wahr gebe. Ueberdies ſei er ein angenehmer und hei⸗ terer Wirth, ſobald er das Studirzimmer verlaſſen und an dem reichlich verſehenen Tiſche Platz genommen ge⸗ habt habe. Mit wahrer Zufriedenheit bemerkte Lindorm, als er zurückkam, daß nicht die geringſte Spur von Verlegenheit ſich auf der einen oder andern Seite zeigte. Nach einer kurz vorausgeſchickten Schilderung von dem erſten Theile des Buches fing der Baron an, vorzuleſen. Georgine ſtrickte an einem Röckchen für ihren Sohn, und Kornelli drehte an ſeinem Schnurrbart; Alles war häuslich und angenehm, und die kleine Geſellſchaft trennte ſich ſpät, ſehr zufrieden mit ſich ſelbſt und den Andern. So verging die Woche in ſtiller, angenehmer Ruhe unter den einfachen und frohen Genüſſen eines häuslichen und friedevollen Lebens. Lindorm ward ruhiger, Kornelli heimiſcher und liebenswürdiger. Er wurde ein angeneh⸗ —-— nen niß⸗ zen. ach eine ilſt, m.“ tän, das im eten abe, ſich und hei⸗ und ge⸗ er heit ner eile gine elli und pät, uhe hen eelli leh⸗ 249 mer und für Lindorm wahrhaft lieber Gaſt. Nur im Grunde von Georginens Herzen wohnte eine unnennbare Angſt; ſie ſprach jedoch nicht darüber, da ſie glaubte, es ſei nur eine finſtre Geburt jenes unerklärlichen Wider⸗ willens, den ſie trotz der beſſern Ueberzeugung heimlich gegen Kornelli beibehielt.. Das Gericht war jetzt bekannt gemacht, und der erſte Rechtstag vorhanden. Lindorm hatte dort eine Sache zu wahren, und mußte dahin abreiſen. Kornelli wollte ihn durchaus begleiten; aber davon redete ihm der Baron aufs Eifrigſte ab, da dieſe Reiſe nur höchſt langweilig für ſeinen Gaſt ſein würde. Kornelli mußte am Ende aus Höflichkeit nachgeben und zu Hauſe bleiben; aber Georgine, die das vorausgeſehen hatte, hatte, ohne daß es ihr Mann wußte, ihre Mutter und den kleinen Axel nach Engelvik gebeten; und gerade als ſich Lindorm in den Wagen ſetzen wollte, ſtieg ſeine Schwiegermutter an's Land. Er errieth leicht den Zuſammenhang, warf einen freundlichen Blick auf ſeine Frau, und eilte an den Strand hinab, um Frau Hermer zu empfangen. „Ich lege es Dir an's Herz, Kornelli, die Damen gut zu unterhalten,“ rief Lindorm, küßte ſeiner Schwie⸗ germutter die Hand und ſeinem Weibe die ſchönen Lippen, warf ſich in den Wagen und rollte davon. Seine Laune war gut, ſein Herz erleichtert, und er war nach den fruchtloſen Beobachtungen einer Woche ſchon ſo weit ge⸗ kommen, daß er ſelbſt anfing, ſeinen Plan für etwas närriſch zu halten. Aber nachdem er einmal Kornelli be⸗ wogen hatte, da zu bleiben, ſo mußte die Sache ihren Gang nehmen. Er war vollkommen überzeugt, daß Alles unmsglich anders als gut endigen würde. Er überdachte unterwegs Brants Abhandlung über die Waſſertropfen, ihre Vereinigung und Trennung, und fühlte ſich ſo leicht ums Herz, ſo ſeelenvergnügt bei dem Gedanken, daß Kornelli ſie in einigen Wochen verlaſſen würde, um ſich wieder mit andern Tropfen zu vereinigen. Lindorm be⸗ ſchloß mit nächſter Poſt ſeinem Freunde Brant zu ſchrei⸗ ben, und alle Beſorgniſſe deſſelben dadurch zu beruhigen, daß er ihn davon in Kenntniß ſetzte, wie gnaͤdig die ewige Liebe Alles zum Guten gelenkt und ihn bei Zeit ſeine Verirrung habe einſehen laſſen; Kornelli ſei ihm jetzt nur ein lieber Gaſt und ſo weiter. So dachte und fühlte Lindorm jetzt; er war wieder zur Beſinnung ge⸗ kommen; aber in ſeiner großen Selbſtſucht dankte er Gott, daß er nach eigenem Plane ſein Schiff ſicher in den Hafen gelenkt habe, und vergaß ganz, daß Kornelli vielleicht manchen Kampf mit den Stürmen des Herzens beſtehen würde, ehe auch er den Hafen erreichte. Und wenn er ihn nicht erreichte, wenn er nie Anker werfen ſollte auf dem heiligen Grunde des Friedens und der Ruhe, wo ſollte dann Lindorms eigener Friede gedeihen? Doch was Kornelli betraf, ſo glaubte Lindorm, daß ſich das ſchon geben würde; er dürfte nur Ort und Perſonen wechſeln, um daſſelbe mit den Gefühlen zu thun. Als der Baron ſeine Geſchäfte am Gerichtshofe be⸗ endigt hatte, überredete er Holk auf den Abend ihm und Hermern Geſellſchaft nach Engelvik zu leiſten, um eine Parthie zu ſpielen und mit Kapitän Kornelli⸗ Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Der Oberrichter, der nie einem Be⸗ weisgrunde widerſtehen konnte, worin ein Spieltiſch figu⸗ rirte, willigte gleich ein, und die Herren reisten ab. Bei ihrer Ankunft fanden ſie Frau Hermer und Kornelli allein im Wohnzimmer Piket ſpielen. Georgine ſaß im Kabinete und ſchläferte ihr Söhnchen ein, das den ganzen Tag über in Folge des Zahnens ungewöhnlich empfindlich ge⸗ weſen war. „Meine einzige, meine holde Georgine,“ ſagte Lin⸗ dorm zärtlich und ſchlang koſend ſeinen Arm um Mutter und Kind,„haſt Du den ganzen Tag hier ſo in der Langeweile zugebracht?“ „Ich habe gewiß keine Langeweile gehabt,“ erwie⸗ derte Georgine lachend;„aber doch, mein lieber Guſtav, habe ich, außer beim Mittageſſen, nicht bei der Geſell⸗ ſchaft ſein können, und hätte ich heute nicht Mama — gen, die Zeit ihm und ge⸗ er r in nelli zens Und rfen der gen? ſich onen be⸗ und eine unt⸗ Be⸗ ſigu⸗ Bei llein inete Tag ge⸗ Lin⸗ utter der wie⸗ ſtav, eſell⸗ tama — 251 hier gehabt, ſo weiß ich nicht, wie Kapitän Kornelli zu Stande gekommen wäre. Er dürfte auch ſo gehörig Langeweile gehabt haben, fürchte ich.“ „Darein muß ein Alltagsgaſt ſich finden,“ verſetzte Lindorm;„Kornelli iſt übrigens ſo ordentlich und gar nicht ceremoniös. Ich bin recht froh, daß wir ihn hier haben.“ Aber darin ſagte er eine Unwahrheit; eigentlich wünſchte er Kornelli weit weg, da er oft genöthigt war, theils zum Gericht, theils in andern Angelegenheiten längere oder kürzere Reiſen zu machen. Da würde denn Kornelli zu häufig Gelegenheit bekommen, mit Georginen allein zu ſein, was er jetzt, da die Vernunft wieder angefangen hatte zu erwachen, weniger wünſchenswerth und nothwendig fand, obwohl nicht um Georginens willen, denn ihrer war er ſicher. Er fand jetzt, wie ihm Brant geſagt hatte, daß ein Wahnſinn, ein Spuck ſeiner Einbildung mit ihm ſein Spiel getrieben hatte; und in Kornelli's Zügen meinte Lindorm bei ſeiner Heimkehr einen Ausdruck zu finden, der ihm ſchmerzlich ſeine Selbſtſucht und die Gleichgültigkeit vorwarf, womit er ſeinen Gaſt der Qual überlaſſen hatte, in langen Athem⸗ zügen das ſüße Gift einzuſaugen. Unter eitlen Ueberlegungen, wie man auf eine glimpfliche Art Kornelli vom Hauſe entfernen könnte, war allmälig ein Monat verſtrichen; aber noch ließ jener kein Wort von einer beabſichtigten Abreiſe fallen. Doch hatte er Lindorm den Vorſchlag gemacht und dieſer ihn mit Vergnügen ergriffen, ihm auf ſeinen kleineren Reiſen in der Umgegend Geſellſchaft zu leiſten; und wenn dieſe zuweilen von zu trivialer Beſchaffenheit waren, um Kor⸗ nelli eine Zerſtreuung gewähren zu können, ſo ſchlug er ſelbſt den Weg nach Roſendal ein und vermied es faſt mit einer ängſtlichen Sorgfalt, mit Georginen allein zu ſein. Doch wenn er ſich unbemerkt glaubte, weilte ſein Auge mit einem düſtern, ſchwärmeriſchen Ausdruck auf ihr. Ganze Viertelſtunden lang konnte er da ſitzen und ſie betrachten, wenn ſie Abends nähte und Lindorm wie 2⁵² gewöhnlich vorlas. Dieſer bemerkte es mit einer immer mehr ſteigenden Unruhe, und er fing an, ſich bittere Vorwürfe über den unglückſeligen Einfall zu machen, der ihn vermocht hatte, auf dieſe Art ſeine eigenen Grübe⸗ leien zu nähren. Wohl war er ſeinerſeits zur vollen Ge⸗ wißheit gelangt, denn bei Georginens Benehmen war es unmöglich, jene zu unterhalten; aber in demſelben Maße nahm ſein Schmerz und ſein Mitleid für Kornelli zu, deſſen Schwermuth ſich ſchwer auf ſein Herz legte und deſſen herbe Kämpfe in leſerlichen Zügen auf ſeiner bewölkten Stirne ſtanden. Selbſt konnte Lindorm keinen Wink wegen der Abreiſe geben; denn die Aufführung des Kapitäns gab keine Veranlaſſung dazu. Er ſchien ſeine Leidenſchaft vollkommen zu beherrſchen; aber ſie verrieth ſich in ſeinen eingefallenen Wangen, ſeiner nach⸗ läfſigen Haltung und dem dunkel brennenden Blick des Auges. Er ſprach Georginen nie an; aber wenn ſie etwas äußerte, ſchien ſein ganzes Weſen Ohr zu ſein, und wenn ſie zuſammen ſpazieren gingen, bot er ihr nicht mehr, wie früher, ſeinen Arm, ſondern ging ſchwei⸗ gend und mit Abſtand neben ihr her, die Arme über der Bruſt gekreuzt oder auf dem Rücken. Daſſelbe Ver⸗ hältniß trat ein, wenn er zufällig in ein Zimmer eintrat, wo ſie allein war; dann verließ er es entweder haſtig, oder ſaß ſtumm da, wie ein Bild. So verging die Zeit. Hermer und ſeine Frau hat⸗ ten ſchon längſt die Lage der Dinge bemerkt, und be⸗ klagten in ihrem Herzen, daß die Sache zu zart war, um ihrer zu erwähnen. Dennoch nahm ſich Hermer vor, eine paſſende Gelegenheit zu ſuchen, um mit Kornelli zu ſprechen; aber da dieſer ihm ſichtlich auswich, kam Hermer auf einen andern Plan, den ſein Weib Georginen und dieſe ihrem Manne mittheilte. Er ergriff ihn mit Freude, als den letzten Ausweg, um die mißliche Sache einigermaßen zurecht zu ſetzen. Hermers Plan beſtand darin, daß der kleine Georg, der jetzt ſo alt war, um entwöhnt werden zu können, einige Zeit bei den Eltern ſeine lege um trete Kor da e Zerf Kor! wahr ten Lind mir ausg wegk ſetzte Gaſt aber Mare der 2 ſich n bewie ſeien, und 1 mer tere der übe⸗ Ge⸗ war lben nelli egte iner inen ung hien ſie tach⸗ des ſie ſein, ihr wei⸗ über Ver⸗ trat, ſtig, hat⸗ be⸗ war, vor, nelli kam ginen mit zache ſtand um ltern ſeiner Mutter in Roſendal verweilen ſollte. Dieſe Ge⸗ legenheit ſollte dann Lindorm und Georgine benützen, um eine längſt ausgemachte Reiſe nach Lindholm anzu⸗ treten, um Arthur und Louiſen zu begrüßen. Man ſollte Kornelli den Vorſchlag machen, daran Antheil zu nehmen, da es ihm eine ſichere Ausſicht auf Vergnügungen und Zerſtreung darbieten würde. Georgine ſetzte hinzu:„Da Kornelli's Heimath auf demſelben Wege liegt, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß er von Lindholm zu ſeinen Verwand⸗ ten reiſen wird.“ „Du biſt der gute Engel meines Lebens,“ ſagte Lindorm und umarmte herzlich ſein Weib.„Es thut mir leid um den armen Kornelli, und nichts könnte beſſer ausgedacht ſein, als dieſe Reiſe. Wenn er nur von hier wegkommt, ſo werden ihn neue Gegenſtände feſſeln,“ ſetzte er in ſchwächerem Tone hinzu, und ging, um ſeinen Gaſt auf die beabſichtigte Luſtreiſe vorzubereiten. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Und ich— doch erſt noch einen, einen Kuß, Du ſchöne Blume, die jetzt welket mir! Weit von Dir ab ſtrömt meines Lebens Fluß. Der Sturm brüllt die Erinn'rung weg von Dir. Die Lieb' erſtickt im rächenden Umſchluß. Und eine Welt hebt zwiſchen uns ſich hier. Wohlan,— ſo mag mein Herz im Brechen Dank für den letzten, ew'gen Kuß Dir ſprechen! Nikander. Lindorm fand Kornelli nicht auf ſeinem Zimmer; aber auf dem Tiſche lag ein kleines Buch in rothem Maroquinband aufgeſchlagen, das anzudeuten ſchien, daß der Beſitzer eben darin geblättert hatte. Lindorm beugte ſich nieder, und da die noch nicht recht trockenen Zeilen bewieſen, daß es Notizen von Kornelli's eigener Hand ſeien, ließ er ſein Auge einige Minuten darauf ruhen, und las:„Wohin iſt meine frühere Kraft geflohen? Iſt 2⁵4 denn meine Seele vertrocknet, wie mein Herz? Ich habe gekämpft und gebetet; eitel war mein Gebet und frucht⸗ los mein Kampf; ich erliege der Pflicht und der Leiden⸗ ſchaft, und die Qualen, die ich jetzt leide, ſind die Strafe, die entſetzliche Strafe für den Leichtſinn, womit ich früher ſo manches unſchuldige Herz bethörte und betrog. Aber wann wird das aufhören? Nicht auf dieſer Seite des Grabes; denn die Leidenſchaft, die mein Herz verzehrt, und meine Kraft gebrochen hat, wird nicht aufhören, ſelbſt wenn ich es über mich vermag, meinen oft gefaßten Entſchluß, abzureiſen, auszuführen. Aber von nun an muß ich...“ Hier hörte Lindorm Tritte auf der Treppe und zog ſich zurück. Gleich darauf trat Kornelli ein. Eine dunkle Röthe überflog ſein Geſicht, als er Lindorm bei dem auf⸗ geſchlagenen Tagebuch ſtehen ſah; doch ein flüchtiger Blick auf die Züge des Barons, welche Ruhe, ja faſt den Ausdruck einer ſtillen Freude andeuteten, überzeugten ihn, daß dieſer ſein Geheimniß nicht kannte. Lindorm trug nun in freundlichen und zarten Wor⸗ ten ſein Anliegen vor, ſprach von der Freude, die Arthur und ſeine junge Frau haben würden, wenn ſie ihre lieben und längſt erwarteten Freunde zu ſehen bekämen, und wie nothwendig es für Georginens Geſundheit ſei, eine Reiſe zu machen, ſo lange es die ſchöne Jahreszeit erlaubte. Kornelli ſaß ſtumm und düſter, das Auge auf den Boden geheftet. „Du leiſteſt uns doch Geſellſchaft, mein beſter Freund?“ fuhr Lindorm fort.„Ich bürge Dir dafür, daß Du Dir gewiß vortrefflich in Lindholm gefallen wirſt, wo die ge⸗ fälligſten und angenehmſten Wirthsleute uns mit Freuden empfangen werden.“ „Wann werden wir abreiſen?“ fragte Kornelli eintönig. „Nächſten Montag,“ antwortete der Baron.„Sonn⸗ tags haben wir, wie gewöhnlich, Fremde hier. Es iſt mein Geburtstag, und da wollen wir es uns ein wenig wohl ſein laſſen, mein lieber Kornelli!“ berei Mit das Er dieſer ſtarke und Linde geritt Stan und durch ſeinen liegen Er h und ihm Baun von d ten in gen ſe der ſ Worte brann unter zuſtür⸗ Beider ſchung meine entehre unedel dem T lichſten habe icht⸗ den⸗ rafe, üher Aber des ehrt, dren, ßten nan zog nele auf⸗ Blick den ihn, Vor⸗ thur eben und eine ubte. den 182“ Dir 1 ge⸗ uden znig. onn⸗ 3 iſt enig „Gut, ich bin bereit,“ ſprach Kornelli.—„Ich bin bereit,“ wiederholte er noch einmal, wie in Gedanken. Mit gedrücktem Herzen verließ Lindorm das Zimmer. Der Samſtag kam. Der Baron hatte ein Geſchäft, das ſeine Anweſenheit in Björkö unumgänglich erforderte. Er lud Kornelli ein, ihm Geſellſchaft zu leiſten; doch dieſer ſchlug es zum erſten Male aus und ſagte, er habe ſtarkes Kopfweh und wolle zu Hauſe bleiben. Mißlaunig, und von trüben und unruhigen Ahnungen ergriffen, ſtieg Lindorm zu Pferd; doch ehe er noch eine halbe Meile geritten war, wurden dieſe ſo übermächtig, daß er außer Stands war, auf die Stimme der Vernunft zu hören und haſtig umwendete, und einen Nebenweg nach Hauſe durch den Park einſchlug. Er ritt langſam und grübelte ſeinen unruhigen Gedanken nach, als er von einem nahe⸗ liegenden Pavillon verworrene Laute zu hören glaubte. Er hielt an und lauſchte: er meinte deutlich Georginens und Kornelli's Stimmen zu erkennen. Das Blut ſtockte ihm um's Herz; er band ſchnell ſein Pferd an einen Baum, und ſchlich ſich unter das Fenſter hin, wo er, von der hohen Gaisblatthecke verborgen, ſein Weib mit⸗ ten im Zimmer ſtehen, und Kornelli zu ihren Füßen lie⸗ gen ſah. Krampfhaft hielt dieſer Letztere ihre Hand in der ſeinigen, während ſeine feurigen, leidenſchaftlichen Worte das Gefühl beſchrieben, das in ſeinem Herzen brannte und ſein Weſen zerſtörte. Lindorm fühlte in buchſtäblichem Sinne die Erde unter ſeinen Füßen brennen; er war nahe daran, hinein⸗ zuſtürzen, und ſeinen Zorn, oder vielmehr ſeine Wuth an Beiden auszulaſſen; aber er behielt ſo viel Selbſtbeherr⸗ ſchung, um Georginens Antwort abzuwarten. „Stehen Sie auf, Kapitän Kornelli, und laſſen Sie meine Hand los,“ ſagte ſie mit Ernſt und Würde.„Sie entehren mich und ſich ſelbſt durch dieſen Auftritt. Wie unedel haben Sie nicht gehandelt, als Sie mich unter dem Vorwande hieher lockten, dieſer Platz ſei am taug⸗ lichſten für die Ausführung der Ueberraſchung, die ich — 856—. * morgen meinem Manne zu ſeinem Geburtstage bereiten wollte! Sie wollten mir einen Vorſchlag dazu mittheilen, und da ich Ihnen ohne Argwohn hieher folgte, wagen Sie, mich ſo tief zu beleidigen, mich, die Gattin des Mannes, der Ihnen gaſtfrei ſein Haus und ſeine Freund⸗ ſchaft anbot! Heißt das handeln, wie ein Mann von Ehre? Nein, in Wahrheit! Doch, ſtehen Sie auf und verlaſſen Sie mich! Bitten Sie in Ihrem Herzen dieſes Verbrechen an Guſtav ab, und ich werde Ihren Wahn⸗ ſinn vergeſſen und bemitleiden.“ „Gott ſei Dank,“ ſagte Lindorm leiſe.„Ich wußte wohl, daß ſie Probe halten würde; aber das iſt denn doch kein beruhigender Anblick für einen Mann. Er liegt da auf den Knieen, regungslos wie ein Bild, und ſeine verzehrenden Blicke ſcheinen ſie verſchlingen zu wollen, während ſie ſich vergebens bemüht, ihre Hand loszumachen. Doch er ſpricht; das muß ich hören!“ Lindorm horchte. „Bemitleiden und vergeſſen, ſagen Sie, grauſame Georgine! Iſt das der ganze Troſt, den Sie mir zu bieten haben, zum Austauſch gegen das Elend eines gan⸗ zen verlorenen Lebens? Iſt in ihrem Herzen kein Gefühl, das ein Wort der Beruhigung flüſtert; ein freundlicher Stern, der die hoffnungsloſe Finſterniß erleuchtet, die mich umgibt?“ „Nein, Kapitän Kornelli; das Höchſte, das Sie von mir gewinnen können, iſt Mitleid mit Ihrer unglücklichen Schwachheit. Ich liebe meinen Gatten allzu tief und innig, um einen Augenblick länger Ihre Worte anhören zu koͤnnen. Gehen Sie alſo, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, daß ich Sie verachte!“ Sie machte eine gewaltſame Anſtrengung, ihre Hand loszureißen. Jetzt flammte ein fürchterlicher Ausdruck in Kornelli's Auge; er fuhr ſchnell auf, und von aller Beſinnung verlaſſen, der Ehre und Pflicht vergeſſen, ſchlang er keck und mit leidenſchaftlicher Heftigkeit ſeinen Arm um Geor⸗ 1 reiten eilen, vagen n des eund⸗ von und dieſes Jahn⸗ vußte denn liegt ſeine ollen, ichen. rchte. ſame r zu gan⸗ fühl, licher die von ichen und zören ngen Hand elli's nung. keck Beor⸗ 1oe M e, Ah ginens Leib, indem er wild ausrief:„Du darfſt, Du ſollſt mich nicht verachten! Georgine ſtieß einen durchdringenden Schrei aus; mit Lindorms Selbſtbeherrſchung war es vorbei; er ſtieß die Thüre auf, und ſtand jetzt wie eine Erſcheinung vor Beiden. Bleich wie Nachtgeſpenſter, und aufgeſtört von dem wilden Tumult der Leidenſchaften, mit feuerſprühen⸗ den Augen ſtanden Lindorm und Kornelli einander gegen⸗ über. Da arbeiteten ſich wie gewaltſam aufgeregte Wogen über Lindorms zitternde Lippen die Worte: „Wie wagſt Du es, Du Schurke, Du elender und verächtlicher Bube, mein Weib und mich ſo zu beſchimpfen!“ „Halt!“ ſtammelte Kornelli zwiſchen den hart zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen hervor; ich habe Dich zwar beleidigt, das iſt wahr, aber nie vor dieſem Augenblick. Ich habe manchen harten Kampf mit der unglücklichen Leidenſchaft geſtritten, die meine Vernunft und mein ganzes Weſen verblendet hat, und darum, Lindorm, ver⸗ diene ich dieſe ſchimpfliche Behandlung nicht, die Du mir mit Deinem Herzblut abwaſchen ſollſt.“— Die letztern Worte flüſterte er leiſe Lindorm in's Ohr, und verließ ſchleunig den Pavillon. Georgine, die zitternd und in geſpannter Erwartung dageſtanden war, warf ſich jetzt an die Bruſt ihres Gat⸗ ten, der ſie mit Entzücken in ſeine Arme ſchloß.— „Meine edle, heldenmüthige Georgine,“ rief er aus, „meine geliebte, angebetete Gattin, nie, nie, das ſchwöre ich bei Gott und dieſer bittern und ſeligen Stunde, wird je wieder ein Zweifel in meine Seele ſchleichen! Gebe der Allmächtige, daß es auch wieder ruhig und friedlich im Herzen des unglücklichen Kornelli's werde! Ich ging im Aufbrauſen meiner Gefühle zu weit; ich beleidigte ihn tiefer, als ich gewollt habe; und bitter, aber zu ſpät, ſind die Vorwürfe, die ich mir ſelbſt mache, daß ich ihm mein Haus öffnete, und ihn ſogar bat und nöthigte, hier zu bleiben. O, meine Georgine, hätte ich auf Deine Guſtav Lindorm. II. 17 258 Bitten, Deine Vorſtellungen gegeben, ſo würde jetzt kein Sturm über unſer ruhiges, ſchönes Eden raſen; wer weiß, wie es jetzt endigen wird!“ „Wie kann es anders endigen, als daß Kornelli ſo ſchnell als möglich abreist?“ fragte Georgine verwundert. Lindorm ſchwieg. Er fürchtete mit Grund, daß es nicht ſo leicht ablaufen würde; aber da er beſorgte, Geor⸗ ginen ſeine Gedanken mitzutheilen, blieb er ſtille, und bot ihr den Arm, um nach Hauſe zu kehren.—„Wirſt Du nicht hinaufgehen, und einige beruhigende Worte mit Kornelli ſprechen?“ fragte Georgine, als ſie an der Treppe zum obern Stocke angelangt waren. Lindorm drückte ihr die Hand, und flog hinauf in das Zimmer des Kapitäns. Dieſer ſtand am Fenſter und war damit beſchäftigt, ſeine Piſtolen zu reinigen. Er ſchien jetzt ebenſo ruhig und kalt, als er vor einigen Augenblicken gereizt geweſen war, und das, was er vorhatte, behandelte er ganz auf dieſelbe Art, als ob die Rede davon wäre, ſich auf ein Scheibenſchießen zu richten. „Haſt Du die Deinen ſchon in Ordnung?“ fragte er Lindorm gleichgültig, ohne mit dem geringſten Worte des vorhergegangenen ſchrecklichen Augenblickes zu erwähnen. „Nein,“ antwortete der Baron ruhig,„ich bedarf ihrer nicht, ich beabſichtige nicht, ſie zu benützen; denn wir haben beide einander Unrecht gethan. Ich meines Theils geſtehe das, Kornelli, und reiche gerne die Hand zur Verſöhnung. Thuſt Du daſſelbe, ſo gib mir die Deinige.“ Auf Kornelli's Lippen kräuſelte ſich ein verächtliches Lächeln; er antwortete nur:„Pfui! Pfui!“ „Du thuſt mir wirklich unrecht,“ fuhr der Baron fort,„wenn Du glaubſt, meiner Nachgiebigkeit liege Feig⸗ heit zu Grunde. Nein, bei Gott, ein ſo verächtliches Ding wohnt nicht in meinem Herzen! Und hätte ich Dich nicht ſelbſt ſo eindringlich gebeten, hier zu bleiben, als Dein edleres Gefühl Dir zu fliehen gebot, und trüge ich nicht auf dieſe Art ſelbſt die Schuld an dem Unheil, ſo wäre ich der Letzte, der Dir die Hand zur Verſöhnung reichte, was ich hier noch einmal aus redlichem Herzen und mit Beibehaltung der Achtung und Freundſchaft, die früher zwiſchen uns Statt gefunden hat, thue. Männer können gegenſeitige Schwachheiten vergeſſen und verzeihen, ohne deßhalb einander zu verachten.“ „Was Du da ſagſt,“ erwiederte Kornelli,„mag nun von Edelmuth oder Feigheit herrühren, die Sache bleibt dennoch dieſelbe. Wir haben einander beide tief beleidigt, und Blut muß fließen; keine andere Verſöhnung verſtehe ich oder möchte ich verſtehen. Und verweigerſt Du das, ſo erkläre ich Dich öffentlich für einen Feigling, der einen Andern zu den Füßen ſeines Weibes ſehen kann, ohne daß er den Schimpf mit Blut abzuwaſchen wagt. 4 „Genug, genug,“ ſagte Lindorm, und winkte unge⸗ duldig mit der Hand;„es ſei, wie Du verlangſt. Welche Stunde wählſt Du?“ „Fünf Uhr, auf dem Plan dort hinter dem Park.“ — Lindorm ging und ſchloß ſich in ſein Zimmer ein. Der Kampf, den er hier beſtand, war ſchauerlich. Der Gedanke, daß er um eine elende Laune, eine armſelige, des denkenden Mannes unwürdige Schwachheit zu be⸗ friedigen, ſeine und ſeiner Gattin Ruhe, ſein irdiſches Glück aufgeopfert hatte, vielleicht ſogar ſein oder Kor⸗ nelli's Leben, und ſie, die er mehr als Alles auf der Welt liebte, den Abgott ſeines Herzens; o, das war zu bitter, zu unausſprechlich qualvoll! Es ſaugte ſich in ſeinem Herzen feſt, und ließ ihn die ausgeſuchteſten Martern der Reue empfinden. Hart, mehr als doppelt büßte er in den zwei langen Stunden, die er eingeſchloſſen war, für die Selbſtſucht, mit der er ſein irdiſches Glück, ſeine Ruhe und ſein Leben in einem ſo gefährlichen Spiele ausgeſetzt hatte. Er ſchrieb einen Brief an Hermer, worin er ihm aufrichtig den ganzen Thatbeſtand mittheilte und ihn bat, ſchnell herüber zu kommen, um, wie auch der Ausgang ſein möchte, ihnen beizuſtehen. Aber damit 147 28 260 der Schwiegervater die That nicht hindern könnte, was Kornelli auf eine ſchimpfliche Art gedeutet hätte, ſollte das Boot nicht bälder als etwas vor fünf abgehen, ſo daß Alles vorbei ſein würde, ehe Hermer eintraf. Er hatte in der Stille den Befehl gegeben, zwei geſattelte Pferde im Stalle bereit zu halten, und den Reiſewagen herauszuziehen, für den betrübten Fall, daß einer von ihnen ſchnell nach der däniſchen Grenze hinüber reiſen müßte. Mit vollkommener Geiſtesgegenwart ordnete Lin⸗ dorm Alles an, ſetzte ſein Teſtament auf, und verordnete ſeinen Schwiegervater zum Vormünder ſeines Sohnes. Engelvik beſtimmte er zu Georginens Wittwenſitz und beſonderem Beſitzthum, und eine Menge geringerer An⸗ ordnungen, die ſeine Seelenſtärke, Beſinnung und Vor⸗ ausſicht bewieſen, ſchloſſen die Urkunde, die der neue Verwalter und Hofvogt, unter Anbefehl der ſtrengſten Verſchwiegenheit unterzeichnete. Das Letzte, das er ſchrieb, war ein Abſchiedsbrief an Georginen, mit deſſen auf⸗ regendem Inhalt wir unſre Leſer nicht erſchüttern wollen. Um zwei Uhr fand er ſich wie gewöhnlich im Speis⸗ ſaale ein. Sie aßen allein, denn Kornelli hatte nicht herab⸗ kommen wollen. Still und bleich ſaß Lindorm am Tiſche. „Trinke ein Glas Wein, mein Geliebter,“ bat Geor⸗ gine unruhig, und reichte ihm das Glas, das ſie mit Madera gefüllt hatte; aber als der Baron es an ſeine Lippen führte, fielen zwei große Thränen darein.— „O Gott, Guſtav, was iſt das?“ rief Georgine und ſprang auf. Stumm ſtreckte er ſeine Arme gegen ſie aus, und drückte ſie heftig an ſein von gewaltſamen Gemüthsbe⸗ wegungen klopfendes Herz. Ihre Thränen vermiſchten ſich; es war eine Stunde heiligen Schmerzes, der ihre Seelen durchbebte. Er war bitter, aber doch ſelig; denn ſie theilten ihn ja. Georgine ſtellte keine Frage; ſie ſah, daß ihr Gatte litt, und ſie litt mit ihm; aber ſie war weit entfernt, zu ahnen, was ihn eigentlich quälte. —— Nachmittags blieb er noch eine lange einſame Stunde im Gebet in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen. Dann kam er wieder zu Georginen, und da ſeine Seele deſto ruhiger wurde, je mehr die entſcheidende Stunde herannahte, ſetzte er ſich neben ſie, und verſuchte von der Reiſe und der Zukunft zu ſprechen, ſowie von ihrer Rückkehr und der Glückſeligkeit, die ſie dann genießen würden, wenn Gott ihnen vergönnte, noch ferner zuſammen zu leben. Aber Georgine ſchmiegte in tiefer Beklemmung ihrem Kopf an ſeine Bruſt; es war nicht das Leben in ſeinen Schilderungen, wie ehedem; die Farben waren ſo matt, und das Lächeln traurig; nur an ſeinem Herzen fühlte ſie ſich ruhig. Endlich zog er einen Brief hervor, der nach Roſendal abgehen ſollte, um Hermer zu bitten, herüberzukommen. Dies tröſtete ſie etwas; denn ſie hatte ein unbegränztes Vertrauen in die Klugheit und Geiſtes⸗ gegenwart ihres Stiefvaters. Nach einer Weile, die er mit ſeinem Söhnchen hinweggeſcherzt hatte, äußerte Lin⸗ dorm, daß er hinausgehen wolle, um friſche Luft zu ſchöpfen und zugleich das neuangebaute Baumgut zu beſehen. Georgine wollte ihn durchaus begleiten, aber er lehnte es ab, indem er verſicherte, daß dieſe Wande⸗ rung zu beſchwerlich für ſie wäre und daß er bald zurück ſein werde. Er verſuchte, nur einen leichten und gewöhn⸗ lichen Abſchied von ihr zu nehmen; aber ſein Gefühl überwältigte ihn. Mit tiefer, unendlicher Rührung ſchloß er Mutter und Kind an ſein Herz, winkte ihr zurückzu⸗ bleiben, und verließ mit gewaltſamer Anſtrengung das Zimmer. Georginens Unruhe nahm mit entſetzlicher Schnelligkeit zu, und nachdem ſie eine Zeit lang verge⸗ bens ſich durch alle erdenklichen Wahrſcheinlichkeiten in Betreff Guſtavs Kummer zu tröſten geſucht hatte, be⸗ ſchloß ſie, ungeachtet ſeines Verbotes, ihm nachzufolgen. Geſchwind rief ſie der Wärterin, das Kind zu nehmen, warf einen Mantel um, und ging hinab. „Nahm der Baron den Weg nach dem neuen Baum⸗ gut?“ fragte ſie einen Knaben, der im Hofe ſtand. „Nein, er ging in den Park, Ihro Gnaden.“ „In den Park!“ ſagte ſie in ſeltſamer Ahnung. „Er war doch allein?“ „Ja, er war allein; aber der Kapitän ging einige Minuten vorher hin.“— Ein ſchreckliches Licht begann Georginen aufzugehen. Sie flog durch den Park, aber in ihrer gräßlichen Angſt verirrte ſie ſich. Endlich hatte ſie faſt den Schluß deſſelben erreicht, als ein Schuß ihr Ohr traf, und gleich darauf ein zweiter, worauf ein ſchwacher, ſchmerzlicher Schrei folgte. Sie ſtand auf dem Plan; da lag Lindorm in ſeinem Blute ſchwimmend; die Kugel war durch die edleren Theile gedrungen. Kornelli kniete vor ihm und verſuchte unter qualvoller Angſt die Wunde zu verbin⸗ den. Georgine ſtürzte mit einem herzzerreißenden Schrei zu ihrem Gatten nieder. Lindorm ſah empor und reichte ihr mit Mühe die Hand, welche ſie ſtumm an ihr von namenloſen Qualen gepeinigtes Herz drückte. „Guſtav, mein Guſtav,“ waren die einzigen Worte, die auf den bleichen Lippen ſchwebten. Lindorm bedeu⸗ tete ihr, aufzuſtehen und ſich ſo zu ſetzen, daß er ſein Haupt an ihre Bruſt lehnen könnte. Sie hatte Beſin⸗ nung, ſo lange er noch etwas wünſchen konnte, und als er nun ſo dalag, wie er begehrt hatte, ſchwebte ein ſanf⸗ tes Lächeln über ſeine Lippen. Georgine beugte ſich nieder, und ein langer, heiliger Kuß, der Abſchieds⸗ und Todeskuß, verſchmolz ihre Lippen. „O wie glücklich, daß Du hergekommen biſt!“ flü⸗ ſterte er,„wie ſelig, an Deinem Herzen ſterben zu dürfen! Verzeih' mir, Geliebte meiner Seele, den Kummer, den ich Dir gemacht habe! Bete für Deinen Guſtav,— und komme hald nach— bald— bald!“— Bei dieſen letzten Worten, die er mit Mühe hervorſtammelte, bedeckte ſich ſein Auge mit einem Schleier. Ein ſtiller Seufzer, ein leiſer Händedruck, und Guſtav Lindorms Seele war vor den großen Richter unſrer Thaten und Gefühle getreten. Ungefähr eine halbe Stunde war verfloſſen, als . —— Her in die aus ſin imr mã bra Uel in gen obe run niſe geh Bo Ve für es Ko . Hermer in athemloſer Angſt anlangte. Zum erſten Mal in ſeinem Leben verließ ihn ſeine Seelenſtärke, als er die arme, holde Georgine neben der Leiche ihres Gatten ausgeſtreckt ſah, ohne ein Zeichen von Leben oder Be⸗ ſinnung, und Lindorm, ſeinen Freund und Sohn, für immer dahingegangen. Tief erſchüttert war Hermers männliche Seele. Das Erſte, was ihn zur Beſinnung brachte und an Lindorms letzte Bitte um Schutz für den Ueberlebenden erinnerte, war der Anblick Kornelli's, der in ſtummer Verzweiflung da ſaß und mit faſt wahnſinni⸗ gen Blicken auf die Gruppe hinſtarrte. „Fliehe!“ ſchrie ihm Hermer in's Ohr;„Alles iſt oben für den zuerſt Ankommenden bereit!“ Die Dienſtleute hatten ſich geſammelt, die Verwir⸗ rung war ſchrecklich, und Kornelli ward von ihnen mecha⸗ niſch zum Wagen geführt. Der alte Kutſcher, der bereits geheime Verhaltungsbefehle erhalten hatte, ſtieg auf den Bock; Kornelli's Geräthſchaften wurden von dem neuen Verwalter ſchnell herabgetragen; nichts fehlte, als die für immer verlorene Ruhe des Gewiſſens; und jetzt ging es fort durch die Nacht, wie ein Sturmwind. Auch in Kornelli's Seele war es Nacht. Mancher Winter hat ſeit dieſem Abend ſeinen Schnee auf Lindorms Grab geworfen, mancher Sommer ſeinen Blumenduft darauf geſtreut, und noch ſitzt Georgine in troſtloſem Schmerz in dem einſamen Engelvik. Ihre Thränen ſind noch nicht vertrocknet; aber die Sorge für den heranwachſenden Sohn, das Abbild ihres Lieblings, hat den ſchwachen Lebensfaden zuſammengehalten. Seh⸗ nend haftet jeden Morgen ihr Blick an den hohen Wei⸗ den des Kirchhofes, die ihren ſchützenden Schatten über das Grab ihres Gatten ausbreiten; jeden Abend ſendek ſie einen verlangenden Seufzer zu dem Urquell aller C —— 264 Weſen um Erlöſung; und nach aller menſchlichen Be⸗ rechnung wird ſie bald ſagen können:. Mein Herz iſt Staub, mein Sehnen ſtumm, Ich wünſche nichts mehr, miſſe nichts. Mehrere Jahre lang hörte man nichts von dem un⸗ glücklichen Kornelli. Endlich erhielt Brant einen Brief mit der Nachricht, daß er in portugieſiſche Kriegsdienſte getreten— und einige Zeit ſpäter langte ein zweiter von einem ſeiner Waffengenoſſen an, welcher meldete, daß er im Kriege geblieben ſei, als Don Miguel Portugals Thron uſurpirte.. * 5————— e⸗ 0 5—„ 5— ief/ ſte 4* u 5 Wde, ker “