———— 5 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. 9—— 4 Fr— 1 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——----—-—-—õ= ⅓— e Guſtav Findorm; oder: Führe uns nicht in Verſuchung! — 8 1 Von & 3. Emilie Flygare⸗Carlén. 1 1 dem Schwediſchen überſetzt. Erſter bis dritter Cheil. . Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen 1843 Erſtes Kapitel. Da ſtieg herauf aus der Unterwelt Fluth Zwar nicht der Tod, doch deſſen juͤngerer Bruder. Tegnér. Es war ein trüber und ſtürmiſcher Abend, wolken⸗ hohe Wellen ſtürzten gegen den Strand und beſpritzten mit ihrem Schaum einen Mann, der ſich bemühte, ein kleines Boot loszumachen. Er ſah mit düſtrem Blicke nach der andern Seite der Bucht hinüber, ſchüttelte be⸗ ſorgt den Kopf und murmelte zwiſchen den Zähnen: „Wir büßen hier ſicher unſer Leben ein; wozu nützt dann der Verdienſt? Er iſt wahrhaftig ganz toll; ich muß ſuchen, ihm dieß Wagniß auszureden.“ Nun hörte man raſche Schritte ſich nähern, eine hohe, wohl eingehüllte Figur kam eilig heran.—„Haſt Du los?“ fragte er unruhig und legte die Hand auf die Schulter des Mannes. „Gleich, Herr; aber erlaubt mir, ich muß Euch meines Herzens Meinung ſagen. Das heißt Gott ver⸗ ſuchen, wenn man in einem ſolchen Wetter auslauft. Wartet nur, bis der Tag graut; dann hat ſich der Sturm gelegt. Ihr könnt auf meine Erfahrung bauen! ich bin ein alter Seemann. Und ſollte auch der Wind gegen Vermuthen fortfahren, ſo ſehen wir dann doch, wohin wir unſern Weg zu nehmen haben. Die Orkane der Novembernächte laſſen nicht mit ſich ſpaſſen.“ ——————— „Still,“ ſprach der Fremdling mit ruhigem Ernſt; „das Licht da drüben ſoll nicht erlöſchen, bis ich die geſehen habe, die bei ſeinem Scheine warten und ſorgen. Verſchwatze deshalb die Zeit nicht; denn ich muß hin⸗ über, und wenn ich auch allein fahren müßte. Ein heiliges Verſprechen verbindet mich dazu; haſt Du von dem ſiebenzehnten November ſprechen gehört?“ „Ja,“ ſagte der Mann, ein armer Fiſcher, und ſchauderte unwillkührlich.„Wohl hab' ich das zur enüge; ein wunderliches Gerücht geht in der Gegend. Wenn die Sonne über dem ſiebenzehnten November niedergeſunken iſt, und ſeine Geſtalt nicht erſcheint, ſo — wird er ſelbſt ſie wohl nie wieder aufgehen ſehen, weder auf dieſer noch auf der andern Seite des Strandes.“ Der Fremdling ſeufzte tief, ſtieg in das Boot und winkte dem Fiſcher, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Doch dieſer ſah bebend bald auf die wild erbrauſenden Wogen, bald auf das unheimliche Weſen, deſſen Stimme ſeiner aufgeſchreckten Einbildungskraft ſo heiſer und tonlos erſchien, wie wenn ſie von einem Bewohner der andern Welt käme. ſehen, daß ich aus Fleiſch und Blut bin, wie Du.“ Dabei ſchob er die tief in's Geſicht gedrückte Reiſe⸗ mütze in die Höhe, und der Fiſcher konnte, ungeachtet des trüben Schimmerlichtes, die Züge eines friſchen und wohlgebildeten männlichen Angeſichtes unterſcheiden; das obwohl nicht mehr der erſten Blüthe des Jünglingsalters angehörend, doch etwas noch Beſſeres andeutete, nämlich Kraft und Entſchloſſenheit, verbunden mit einem edlen und ſprechenden Ausdruck, der bewies, daß es eine noch ſchönere Seele wiederſpiegelte. Der Fiſcher zauderte nicht länger; er ſtieg in das Boot, faßte die Ruder mit ſeinen ſehnigen Armen, be⸗ fahl ſeine Seele in Gottes Schutz und legte aus. Die Wogen umfaßten das kleine Fahrzeug, wie das 7 eiskalte Grab ſeine Braut umarmt. Bald ward es emporgehoben auf ihre ſchäumenden, thurmhohen Gipfel, zinde balh ſchien es verſchlungen in ihrer unermeßlichen Tiefe. Der Fremdling ſah auf das Licht, das wie ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl vom Ufer heruberſchimmerte, und eine Thräne, die ihm aber nicht ſeine eigene Lebens⸗ gefahr, ſondern der Schmerz jener Anderen auspreßte, zitterte in ſeinem Auge. Der Fiſcher ſagte alle Gebete her, deren er ſich aus ſeiner Kindheit erinnern konnte, und beide arbeiteten mit übermenſchlicher Kraft. Wir verlaſſen das Boot und die darin Befindlichen in einer Bucht der Oſtſee, während die Reiſenden mit den Elementen ringen und für ihr Leben kämpfen, für das Leben, das vielleicht nie ſo reich und glühend vor der Einbildungskraft ſteht, als wenn man fürchtet, ihm mit all ſeinen tauſend Leiden und Freuden Lebewohl ſagen zu müſſen. Während ihres Kampfes wollen wir mit Erlaubniß des Leſers die beiden Ufer und ihre Bewohner näher in Augenſchein nehmen. Hinter denen, welche wir eben verließen, erhob ſich gewaltig und ſtolz über den umgebenden Niederwald und ungefähr ein Paar Büchſenſchuſſe vom Anfange der Bucht entfernt, ein neues und prachtvolles Wohnhaus, eine Art Palaſt. Es war durchaus viereckig und hatte blos zwei Stockwerke; aber da es auf einer ungeheuer großen Mauer ruhte, erhielt es dadurch eine Höhe, die dreien entſprach. Die hohen Fenſter mit ihren nieder⸗ gelaſſenen Seidengardinen, die ſtolzen Pfeiler, die einen auf der Seeſeite ausſpringenden Balkon trugen, und end⸗ lich die kunſtreichen Anlagen, mit ihren mannigfaltigen Pavillons, Tempeln, Springbrunnen, Irrgängen, Mar⸗ morſtatuen und Orangerien bildeten einen ſtarken Gegen⸗ ſatz zu dem kleinen rothbemalten Hauſe auf der andern Seite der Bucht, das dagegen ſo ruhig, ſo beſcheiden und heiter erſchien, wie wenn das höchſte Gut des Lebens, der häusliche Friede, in ſeinen dürftigen Mauern wohnte. Der Eigenthümer des erſt genannten, der Freiherr Karl Engelbrecht von Lindorm, hatte ſich vor einigen Jahren mit ſeiner zweiten Frau dahin zurück Sie hatte ihm das Gut Trollvik) zugebracht, fruͤher ſo genannt nach Anleitung einiger alten Ueberl das nunmehr aber in Engelvik umgetauft worden war. Aber Gott weiß, wie es zuging, entweder, daß die Hexe, die nach der Sage einſt dort hauste, über die Namens⸗ veränderung ſich erzürnt hatte und rachgierig den innern Frieden der neuen Gatten zu untergraben ſuchte, oder, daß es in deren Gemüthsart lag: das iſt gewiß, ketne Lebensweiſe konnte weniger mit der der Engel verglichen werden, als die, welche in Engelvik geführt wurde. Der Freiherr von Lindorm war in erſter Ehe mit einem guten und ſchönen Mädchen von bügerlicher Herkunft verheirathet; aber ſchon nach ein Paar Monaten hatte der Himmel, den ihm die Liebe geöffnet hatte, alle ſeine Schätze verſchwendet und zog ſich nun dunkel und drohend in unheilverkündenden Wolken über das Haupt ſeiner jungen und unſchuldigen Gattin. Da er eine Heftigkeit beſaß, die bis auf's Aeußerſte ging, und immer der Eingebung des Augenblicks folgte, ſo war auch ſeine Heirath eine jener unbedachtſamen Handlungen geweſen, deren Folgen zu bedenken man auf eine gelegenere Zeit aufſchiebt. Dieſe kam jedoch nur zu bald für Lindorm. Er hatte geglaubt, mit ſtoiſcher Gleichgültigkeit der Bitter⸗ keit und dem Unwillen ſeiner ahnenſtolzen Verwandten, und der kalten zweideutigen Höflichkeit ſeiner früheren Freunde begegnen zu können; aber er täuſchte ſich. In ſeinem Innern war, ihm ſelbſt unbewußt, eine Saite, die, wenn ſie angeſchlagen wurde, einen ſchneidenden Mißton gab. Er erfuhr in reichem Maße, daß ſein ganzer Vorrath von Philoſophie nicht hinreichend war, um ihn vor den vergifteten Pfeilen zu ſchützen, welche die beleidigte vornehme Welt gegen ihn richtete. Und keiner derſelben traf tiefer als die unerträglich höfliche Herab⸗ laſſung der umwohnenden adeligen Familien gegen ſeine — **) Trollvik— Hexenbucht. —— 12— 1—2— —+ 8—S g K S Frau. Kurz, Lindorm überzeugte ſich, daß Niemand ungeſtraft der öffentlichen Meinung trotzt; die Welt rücht ſich immer wieder. Der Sinn des Barons wurde dadurch mürriſch und ungeduldig; die unſchuldige Ur⸗ ſache mußte jeden bittern Augenblick entgelten, den er in oder außer dem Hauſe erfuhr. Die junge Frau, die immer einen zarten und ſchwa⸗ chen Körperbau gehabt hatte, erlag bald unter den ſcho⸗ nungsloſen Vorwürfen ihres Gatten, und ſie war ſchon halb mit dem Tode vermählt, als ſie nach einer andert⸗ halbjährigen Ehe mit einem Sohne niederkam. Blos einmal drückte ſie das zarte Weſen an ihr halb erſtarr⸗ tes Herz und bat Lindorm, der nun in tiefem, aber vergeblichem Schmerz an ihrem Bette kniete, dieſes Kind mit all der Liebe zu pflegen, die er einſt an ſie verſchwendet hatte. „Beunruhige Dich nicht ſo, mein Geliebter,“ flüſterte ſie;„wie es jetzt geſchieht, iſt es am beſten für uns beide. Glaube mir, ich gedenke bkos der erſten ſeligen Tage unſerer Ehe, und mein Herz iſt dankbar dafür; aber es ſehnt ſich nach Ruhe, ja, ich ſehne mich, am Throne des Vaters für Dich und unſern Sohn zu beten.“ — Sie ſchwieg, und der Blick voll heiliger, unausſprech⸗ licher Liebe, den ſie auf Lindorm's vom Schmerz entſtelltes Geſicht heftete, bewies, daß ſte jetzt mehr dem Himmel als der Erde angehörte. Da drängten ſich große Thränen, die ihm die tieſfſte Pein entpreßte, aus Lindorm's Auge.„Lebe, mein ge⸗ liebtes Weib,“ bat er in unendlicher Angſt,„und mein ganzes Leben ſoll dem Streben gewidmet ſein, das gut zu machen, was Du gelitten haſt.“ Er drückte ſeine mit kaltem Schweiß bedeckte Stirne auf ihre Hand; „lebe und ſage, daß Du mir verzeihſt, ehe mich der Gedanke, Dich durch meine erbärmliche Schwachheit gemordet zu haben, wahnſinnig macht.“— Sie antwor⸗ tete nichts und konnte nichts mehr antworten; denn ihre ſanfte, reine Seele hatte ſich ſchon in die Raͤume des Lichtes und der Seligkeit aufgeſchwungen. Lindorm ſah empor; er ſtierte einen Augenblick auf die Lippen der Entſchlafenen, um die noch ein friedliches Lächeln ſchwebte; dann legte er die Hand auf das Herz, das einſt ſo warm für ihn geſchlagen hatte; es ſtand ſtill. Ein dumpfer Schrei gellte durch das Zimmer und er fiel finnlos zu Boden.* Da ſtieg aus unterird'ſchen Fluthen Zwar nicht der Tod, doch deſſen jüng'rer Bruder Der bleiche Wahnwitz, der Den Mohnkranz in zerſtreutem Haare läuft umher! Zweites Kapitel. Du ſuchſt wohl eine Heimath, ſuchſt ein Haus, Daß Du ſo umfaͤhrſt ohne Ruh? Wie? lockt vielleicht ein wartend Licht Dich im geſchmuͤckten hellen Brautgemach? Atterbom. Sechs lange, trübe Jahre waren vergangen. Lin⸗ dorm's unheilbare Seele war während der zwei erſten Jahre von dem raſendſten Wahnwitze gefeſſelt geweſen; endlich fing ſie an ſich wieder aufzuhellen. Er wurde von einem Bade in das andere geſchleppt; er unterzog ſich den ſonderbarſten Kuren, die ihm von den geſchick⸗ teſten Aerzten Stockholms und Kopenhagens verordnet wurden. Der Nebel milderte ſich; aber er verſchwand nie mehr vollkommen. Er konnte ſich ganze Jahre lang wohl befinden; aber bei der geringſten Gemüthserſchütte⸗ rung wurde der ſchwarze Dämon in ihm wieder frei. Die Heftigkeit ſeines Geiſtes war keineswegs gemindert; ſie kochte in ihm wie ein Bulkan, obwohl die Oberfläche Ruhe und Kälte war. Eine tiefe Schwermuth, die ihn nie mehr verließ, lieh ſeinem ganzen Weſen etwas In⸗ tereſſantes und Anziehendes, das andere Mittel zu ge⸗ fallen erſetzte. Nach Verlauf der genannten Zeit konnte man ihn für ſo vollkommen geſund anſehen, als er ͤ SSGͤ dS ͤSedͤSͤ—-— —„—. 8nd möglicherweiſe noch werden konnte; und ba die Reiſen in Verbindung mit ſeiner langwierigen Krankheit ſeine Einkünfte, die nie groß geweſen waren, angegriffen hatten, ſo beſchloß er, eine neue Heirath einzugehen, um leben zu können. Nach einigem Nachdenken ſiel ſeine Wahl auf ein Fräulein von Oerx, das faſt eben ſo viele Ahnen als Blatternarben zählte. Aber da ſie reich und unabhängig war, ſah er eine Verbindung mit ihr für höchſt wünſchenswerth an, da ja der Liebe Frühling auf immer für ihn abgeblüht hatte. Ohne viele Schwierig⸗ keiten erhielt er die Einwilligung der genannten Dame. Und da Lindorm das Landleben liebte, und Fräulein von Orer keinen Grund hatte, die Stadt zu vermiſſen, wo Niemand vor ihrem Verlobten auf ihrem Altare Rauchwerk geopfert hatte, beſchloß man Trollvik in ein Eden umzuwandeln, und zugleich mit einem zu dieſem Endzweck paſſenderen Namen umzutaufen. Das Fräulein ließ ihre Bevollmächtigten bauen und handthieren, deutſche Gärtner wurden dahin geſchickt, Architekten von Kopen⸗ hagen, und Maler und Tapezierer, Gott weiß woher, verſchrieben. Genug, Engelvik ging ganz neu geboren aus den Händen ſeiner Verbeſſerer hervor. Kurz darauf zogen die Neuvermählten ein. Lindorm brachte ſeinen ſiebenjährigen Sohn und deſſen Hofmeiſter mit, und die Baronin eine arme Couſine, die einzige Verwandte, die ſie beſaß, ein vater⸗ und mutterloſes Mädchen. Alida von Herr war ſo ſanft, fromm und ergeben, daß ſie für die perſonificirte Demuth gelten konnte. Und da Ihro Gnaden das Gegentheil von all dem war, ſo ließ ſie auch an ihrer armen Verwandtin alle ihre böſen Launen aus. Sie pflegte zu ſagen: „Daß Alida dazu geboren iſt, um von dem Gut⸗ dünken Anderer abzuhängen, ſieht man an ihren geſenkten Augenlidern, die beſtändig am Boden haften, wenn man mit ihr ſpricht, und an dieſen Vergißmeinnichtsaugen, in denen ſogleich Thränen zittern, wenn Herr Werner von jungen Mädchen vorliest, deren Schickſal dem ihrigen gleicht. Arme Kleine, wie würdeſt Du Dich benehmen, wenn Du wie jene Heldinnen Dir ſelbſt überlaſſen wäreſt, um Dir aus den Netzen dieſer Welt herauszu⸗ helfen! Ich glaube, es iſt recht gut und ſicher, daß man, wenn man ſo eine kleine unſchuldige Ranke iſt, ſich um die ſtützende Eiche herumſchlingt.“ Bei ſolchen Reden der Baronin runzelte ihr Mann mit finſtrem Blick ſeine großen Augenbranen, und ſchnellte immer heftiger mit den Fingern, ein ſicheres Zeichen, daß er böſe war. Alida nähte emſiger, und eine und die andere Thräne ſtahl ſich unter den langen ſeidenen Wimpern hervor und fiel auf ihre Arbeit nieder. Der Hofmeiſter, Herr Werner, lachte in aller Stille hinter einem Zeitungsblatt über das Gleichniß von der Ranke, die ſich um die ſtützende Eiche ſchlingen ſollte. Er konnte ſich dann unmöglich das Vergnügen verſagen, die Eiche zu betrachten, die, lang und eckig wie ein Zaunſtecken, und ebenſo ſchwarz und ausgedörrt, kaum Nahrungsſaft genug zu beſitzen ſchien, um ſich ſelbſt aufrecht zu erhalten, geſchweige denn die arme Ranke. Wenn der Baron nach einem ſolchen Auftritt mit ſeiner Frau allein blieb, pflegte er ſein Mißvergnügen über ihre beißenden Bemerkungen gegen Alida zu äußern. „Mein Schatz,“ ſagte er,„Du würdeſt mich verbinden, wenn Du einen delikateren Ton gegen Fräulein von Hsr annehmen würdeſt. Dieſe unfreundlichen und verletzenden Bemerkungen quälen das arme Mädchen, und funchen ihre abhängige Lage noch ſchmerzlicher für ſie.“ „Mein Schatz,“ ſpottete Ihro Gnaden nach, mit einem Lächeln, das Alles ausdrückte, nur nicht Anmuth, „Du würdeſt mich ſehr verbinden, wenn Du Deinen Herrn Sohn ein wenig mehr in Ordnung halten würdeſt; der unartige Junge verdirbt alle meine ſchönen und ge⸗ ſchmackvollen Anlagen, meine koſtbaren Orangerien. Er ſchlug geſtern mit einem großen Stein Neptun den Arm ab, und hat den kleinen Aſtrild mit Erde und Lehm beſchmutzt und umgeworfen. Kurz meine Anlagen mit allen ihren Kunſtwerken werden bald zerſtört ſeyn, wenn der böſe —————-838ͤ1 l —2———— Bube, der total verzogen iſt, nicht eine tüchtige Zucht bekommt.“ Guſtav, der das Ebenbild ſeiner Mutter und ſchöner als alle Liebesgötter des Gartens war, hatte ſeines Vaters unruhige und hitzige Sinnesart und war ein großer Liebhaber von Schelmenſtücken. Es war ſeine Freude, die ringsumher zerſtreuten Nymphen und Drya⸗ den, die ſeiner Meinung nach ſehr überflüſſig da waren, mit Pfeilen zu beſchießen, und bisweilen ſogar ſich zum Kampfe gegen die Götter ſelbſt zu rüſten, deren uner⸗ ſchütterliche Zuverſicht ihn ſo ſehr aufbrachte, daß er ſte dafür mit Steinen und Erde bombardirte. Doch dies wollte der Baron nicht beſtrafen; und da er ſeinen Sohn außerordentlich liebte, konnte er ſeiner Frau Bemer⸗ kungen über ſeine allzugroße Nachſicht in dieſer Bezie⸗ hung nicht ertragen. Mit kurzen und beſtimmten Worten ſprach er deshalb:„Guſtav ſoll einen andern Tummel⸗ platz für ſeine Spiele ſuchen; aber was ſeine Ausge⸗ laſſenheit und Zucht betrifft, ſo ſollteſt du mir erlauben, ſelbſt dafür zu ſorgen.“ „Aus demſelben Grunde,“ eiferten Ihro Gnaden, „wirſt Du entſchuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, zu glauben, daß ich ſelbſt am beſten im Stande bin, meine Handlungsweiſe gegen Alida zu beurtheilen. Wir thun deshalb, glaube ich, am beſten daran, ſo wenig als möglich uns in die Angelegenheiten des Andern zu miſchen.“ Lindorm fühlte, daß ſein Blut nahe daran war überzukochen; aber mit einer gewaltſamen Anſtrengung beheirſchte er ſich, biß die Lippen zuſammen und ging hinaus.— Die Baronin lächelte vergnügt über den Takt, wie ſte es nannte, womit ſie ihren Mann behandelte. Aber gegen die arme Alida wurde ſie nur immer mürriſcher, je mehr der Baron, Herr Werner und ſogar der kleine Guſtav ſich tröſtend dem engelguten Weſen näherten. Gegenüber von der Bucht lag Roſendal, das kleine rothbemalte Haus, deſſen wir ſchon oben erwähnten. —— Dort wohnte ein alter deutſcher Edelmann mit ſeiner Frau, einem geborenen ſchwediſchen Fräulein. Herr von Werdenberg war vor mehreren Jahren in Folge von Ereigniſſen, deren Aufzählung hier zu weitläuſig ſeyn würde, nach der ſkandinaviſchen Halbinſel herüberge⸗ kommen. Er ließ ſich in Schweden wohnhaft nieder, kaufte die kleine, von der Natur entzückend ausgeſtattete Inſel Roſendal, verheirathete ſich und führte ein einge⸗ zogenes, aber glückliches Leben. Seine Ehe war mit zwei Kindern geſegnet, einer Tochter, die ſchon als zarte Knoſpe in den großen Blumengarten der Unſterblichkeit verpflanzt worden war, und einem Sohne, ſo hoffnungsvoll und vielverſprechend, als ein Jüngling nur ſeyn kann, und der den Stolz und die Freude ſeiner Eltern ausmachte. Ohne Verbindungen und Vermögen, in einem Lande, wo er ſelbſt faſt ein Fremdling war, ſah Herr von Werdenberg keine andere Bahn für ſeinen Sohn offen, als das See⸗ leben. Dieſes ſtimmte auch mit der eigenen Neigung des jungen Georgs überein; und da er thätig und rechtſchaffen war, arbeitete er ſich bald zu einem geachteten Platz empor, und um die Zeit, von der wir reden, führte er eine Brigg für ein Handelshaus in Ger⸗ Roſendal war rings mit Waſſer umgeben, weshalb Georg, als er im Herbſte wieder heimkam, um den Winter bei den Alten zuzu⸗ bringen, von Engelvik in einem Boote hinüberfuhr. Bei ſeinem erſten Beſuch nach dem Zug der Familie Lindorm in dieſe Gegend, fand Kapitän Werdenberg den Baron ſelbſt am Strande ſtehend, um die Aufſicht bei dem Bau eines Floßes zu führen. „Sucht der Herr mich?“ fragte Lindorm, der in ihm einen Reiſenden vermuthete, den Geſchäfte hieher führten. „Nein,“ verſetzte Georg mit ein höflichen Ver⸗ beugung;„mein Wunſch iſt, ein Boot in meine Hei⸗ math Roſendal hinüber zu bekommen; mein Name iſt Werdenberg.“ „Gehorſamer Diener,“ ſagte der Baron;„da ſind wir Nachbarn. Ich bin Beſitzer von Engelvik; machen ——B—&G& 8—.O SSZ S=SSS ö ͤ— Gn Sie mir das Vergnügen, Herr Kapitän, und nehmen Sie Ihr Mittagmahl bei uns ein, ſo wird während der Zeit meine Schaluppe zu Ihrer Ueberfahrt in Stand geſetzt werden.“ Werdenberg zauderte; dieſer Zeitaufſchub ſchien ihm ein Diebſtahl an den alten Eltern zu ſeyn; doch der Baron war dringend und der Kapitaͤn gab nach. Sie gingen zuſammen nach Lindorm's Wohnung. Im Vor⸗ zimmer, in das er ſeinen Gaſt einführte, zeigte ſich Niemand als Alida, die vor einer Reihe Seſſel kniete, welche ſie nach dem Befehl ihrer Gebieterin mit einem Kattun⸗Ueberzug bekleidete, um den himmelblauen Sei⸗ denzeug zu ſchonen. Als die Doppelthüren mit mehr als gewöhnlicher Ceremonie geöffnet wurden, wendete ſich ihr liebliches Köpfchen ein wenig, und ſie ſtand ſchnell, tief erröthend und verlegen, auf, als ihr Blick den eines Frem⸗ den traf. Kaum hörte ſie ein Wort von der Vorſtellung, und verſchwand mit einer ſtummen Verneigung, um die Gnädige von der Ankunft des Gaſtes zu unterrichten. Bei Tiſche ſaß ſie Werdenberg gegenüber, und ob⸗ wohl ſie während des ganzen Mittageſſens nicht von ihrem Teller aufſah, wußte ſie doch, daß des Kapitäns Blick faſt unverwandt auf ſie geheftet war. Die holde Alida erwärmte vom erſten Augenblicke an das für ſolche Gefühle bis jetzt kalt gebliebene Herz des jungen Seemanns. Und obſchon er eigentlich nicht mehr ge⸗ ſehen hatte, als die niedergeſchlagenen Augendeckel mit ihren langen dunklen Wimpern, ſo konnte er doch wäh⸗ rend der Ueberfahrt zur väterlichen Heimath an nichts Anderes denken, als an einen offenen Blick aus dieſen Augen, deren Himmel gewiß alles Edle und Schöne in ſich faſſen mußte, wovon er bis jetzt blos geträumt hatte. Dann dachte er ſehr. eifrig darüber nach, ob es wohl eine Gewohnheit von ihr ſey, ihre Blicke immer niederzuſchlagen, oder ob es heute blos zufällig ſo gewe⸗ ſen ſey. In dieſem Falle, was mochte die Urſache davon ſeyn? Hatte ſie vielleicht bemerkt, daß er, was freilich ſehr unpaſſend war, ſein Auge nicht von ihr wenden konnte? Sie war dann gewiß böſe auf ihn und..., Hier ſchloß ſchnell ſein Ideengang; die Schaluppe ſtieß an die Vorbrücke. Drittes Kapitel. Atterbom. Werdenberg lag in den Armen der geliebten Eltern, und alles Andere war vergeſſen. Wie einfach, aber gerade deshalb wie wahr war nicht ihr Glück! Als der erſte Sturm der Gefühle ſich gelegt hatte, ſetzte ſich die Familie um das fröhlich kniſternde Feuer, und tauſchte in beſonneneren Fragen und Antworten, die verſchiedenen Lebensereigniſſe während des vergangenen Frühlings und Sommers, gegenſeitig aus. Nachdem Georg mit ehrerbietiger Aufmerkſamkeit die genaue Mittheilung des Vaters über die Fortſchritte der kleinen Landwirthſchaft, die gute Ernte und die reiche Fiſcherei angehört hatte, wandte er ſich zur Mutter, um mit ebenſo großer Theilnahme die kleine Geſchichte des In⸗ landes zu vernehmen, welche die Biographien der Kühe, Kälber, Schafe und Schweine, den Zuwachs an Gänſen und Enten, und endlich das Intereſſanteſte und Wich⸗ tigſte von Allem enthielt, die gute Flachsernte. Als nun all' dieſer häusliche Stoff abgehandelt war, kam die Reihe an Georg, den Bericht über die lange Kette angenehmer und wechſelnder Abenteuer zu beginnen, die zumeiſt den Seefahrer treffen. Mit Blicken, die von Freude und innerer Zufriedenheit ſtrahlten, hörten die bejahrten Eltern ihrem Lieblinge zu. Und wenn er ſo die ganze Nacht vor ihnen geſeſſen und geſprochen hätte, hätten ſie weder Langeweile noch Ermattung gefühlt. nende laden Feſt Selte und d war ronin wollte der z1 er de s nie Gu Den folgenden Tag mußten nach löblichem und alt⸗ hergebrachtem Gebrauch alle Nachbarn und ihre Angele⸗ genheiten die Revue paſſiren. Natürlicherweiſe geſchah der Anfang mit Engelvik, worüber Frau von Werdenberg Man⸗ cherlei zu erzählen wußte. Was aber Georg's Aufmerk⸗ ſamkeit vorzüglich in Anſpruch nahm und ſein Herz vor Schmerz und Mitleid heftiger klopfen machte, war die Schilderung, die ihm ſeine Mutter von dem liebloſen, ja harten Benehmen der Baronin gegen ihre arme Ver⸗ wandte, das kleine, junge, liebliche Fräulein von Hrrr machte. „Und doch iſt ſie ein ſo gutes und frommes Kind,“ fügte Frau von Werdenberg hinzu.„Ihre ſanfte Seele erlaubt ſich nie die geringſte Klage; aber daß ſie im Stillen leidet, iſt mit ein wenig Welterfahrung leicht zu entdecken, und man beiß ja auch, wie frohe und glückliche Mädchen ihres Alters ausſehen müſſen. Ja, Georg, mein lieber Junge, Du darfſt mir glauben, es iſt eine Perle, wofür man, Gott verzeih' mir's, zu wirk⸗ licher Zeit ſelten einen braven Mann findet; ſtill, ar⸗ beitſam, haͤuslich, frei von Eitelkeit und Verſtellung, und zärtlich wie eine Taube. Ein ſolches Mädchen möchte ich wohl gern meine Tochter nennen.“ „Und ich meine Frau,“ ſetzte eine Stimme in Georg's Herzen ganz laut hinzu, obwohl er bloß erröthete und ſchwieg. Auf kommenden Sonntag waren alle zunächſt woh⸗ nenden Standesperſonen der Gegend auf Roſendal einge⸗ laden. Es war eine alte Sitte, daß immer ein kleines Feſt die Heimkehr des Sohnes feierte, wobei dann alle Seltenheiten, die er mitgebracht hatte, den Tiſch zierten und die Gäſte ergötzten. Der Baron mit ſeiner Familie war natürlich ebenfalls zugegen. Und obwohl die Ba⸗ ronin ſie nicht mit ihrer eigenen Anweſenheit beglücken woollte, erlaubte ſie doch Aliden, Lindorm zu begleiten, der zugleich mit Werner und Guſtav dahin ging. Un⸗ er den Gäſten waren viele junge Leute, weßhalb man s nicht für nöthig fand, die Zeit zwiſchen dem Mittag⸗ Guſtav Lindorm. I. 2 und Abendeſſen hinwegzugähnen; und ungeachtet man im Jahre 1801 mit einer andern angenehmen Art die Zeit todt zu ſchlagen nicht unbekannt war, nämlich ſeine Nachbarn und Freunde zu verläumden, oder fei⸗ ner ausgedrückt, ſich Anekdötchen aus der chronique scandaleuse der Gegend zuzuflüſtern, ſo zog man doch Spiel und Tanz vor. Man lachte, plauderte und ſang das neue Volkslied, das damals gerade ſehr in der Mode war, und behielt dabei ein fröhliches Herz, gerade weil man das Bedürfniß eines feineren Vergnügens nicht fühlte. Dieſer Tag war der froheſte, den Alida während ihres ganzen, bisher ſo freudenarmen Lebens gehabt hatte. Georg hatte ſie unter allen übrigen jungen Mädchen ſo auffallend ausgezeichnet, daß ſte ſich unwill⸗ kürlich davon geſchmeichelt fühlte und ihm in ihrem Herzen dafür dankte. Denn es war das erſte Mal, daß ſte erfuhr, auch ſie habe einen Werth in den Augen der Andern, das erſte Mal, daß ihr eine Huldigung darge⸗ bracht wurde; und obwohl ebenſo frei von Eigenliebe, wie etwa die beſcheidene Anemone unter den ungekün⸗ ſtelten Kindern der Natur, befand ſich doch ein kleiner unſchuldiger Grad von Eitelkeit in dem guten Herzen. Dieſe erwachte nun zum Leben und verurſachte ihr manche glühende Röthe, wenn die Baronin von Zeit zu Zeit die Bemerkung laut werden ließ, daß das gewöhnliche dunkelblaue Halstuch an gewiſſen Tagen einem hellro⸗ then Florſhawl oder einem einfachen Kragen weiche, und das ſchmuckloſe, ſchlecht friſirte Haar durch ein ſchwarzes Band oder eine Schnur einen Zuſatz bekom⸗ men habe. Aber wenn dieß auch bewies, daß ſie keine Ausnahme von den Weibern machte, ſo bewirkten da⸗ gegen die neuen Gefühle, deren ſie anfing bewußt zu werden, eine noch erhöhtere Veredlung in ihrem Herzen und ihrer Seele. Mit einer wahren Engelsgeduld und Frömmigkeit begegnete ſie den bittern Bemerkungen und dem ununterbrochenen Hecheln ihrer Couſine. Sie hatte keine Thränen mehr dafür; denn ſie fühlte ein ſtilles 19 friedenreiches Glück in ſich, das ſie weder begriff, noch in die Formen der ſchöpferiſchen Einbildungskraft klei⸗ dete, ſie genoß bloß das Neue und Liebliche deſſelben, und war im Uebrigen ruhig und gleichmüthig. Lindorm, der eine große Neigung für den jungen, anſpruchloſen und doch gebildeten Mann gefaßt hatte, bat den Kapitän, ſeine Beſuche öfters zu wiederholen, und dieſer vergaß dieſe Einladung nicht. Jede Woche war er zwei bis drei, ja endlich viermal in Engelvik, und wurde immer freundlich von dem Baron, gnädig von der Baronin und erröthend von Alida empfangen. Es war ihm nun geglückt, recht genau in ihre dunkel⸗ blauen Augen zu ſchauen; und da er darin Alles, was er hoffte, und noch eine ganze Menge darüber geleſen hatte, ſo wagte er es an einem ſchönen Frühlingsmor⸗ gen, da die Zeit ſeiner Abreiſe herannahte, ihr eine Pro⸗ menade in der friſchen Luft vorzuſchlagen. Verlegen zupfte die Holde an ihrer Schürze und warf einen ver⸗ ſtohlenen Blick auf ihre Gebieterin. „Der Morgen iſt ſehr ſchön, und friſche Luft ſcha⸗ det nichts. Du ſitzeſt ohnedem allzu viel,“ ſagte die Baronin, die dabei vergaß, daß die arme Alida kaum allemal eine Viertelſtunde ſtill ſitzen durfte; aber der eigentliche Grund davon war, daß ſie nicht ſehr viel Scharfſinn brauchte, um zu errathen, wie ein ſolcher Spaziergang endigen würde; und da es ihr innigſter Wunſch war, Alida aus dem Hauſe zu bringen, ſo gab ſie mit Vergnügen ihre Einwilligung dazu. Der Baron machte eine ſprechende Bewegung mit dem Kopf, und da der kleine Guſtav ſeine Mütze nehmen und mitſpringen wollte, traf er zum erſten Mal Widerſtand.„Bleibe da, mein Junge,“ ſagte der Baron und winkte ihm zurück. So begaben ſich nun die jungen Leutchen auf die wichtige Fahrt; und obgleich die ÜUnterredung, die hier zwiſchen dem Kapitän von Werdenberg und Fräulein von Hres ſtattfand, unbekannt geblieben iſt, ſo können wir doch das Reſultat davon berichten, nämlich, daß am folgenden Sonntage eine chriſtliche Weliche Ver⸗ bindung zwiſchen dem Kauffahrteikapitän Georg von Werdenberg und der wohlgeborenen Jungfrau Alida ſ von Herr von der Kanzel herab verkündigt wurde. u Der alte Probſt in Effenbo brachte dabei die gewöhn⸗ n lichen Glückwünſche zu ihrem löblichen Vorhaben dar, l und verrichtete darauf am neunzehnten April die Ein⸗ 3 ſegnung. Nachdem Georg vierzehn Tage im Vorhofe b des Himmels zugebracht hatte, reiste er nach GEx*, a . um wieder den Ocean zu durchflügeln und ſeine zeit⸗ 3 lichen Güter zu vermehren. Wenn je ein wahres Glück ſe auf der Erde erreicht werden kann, ſo wurde dieß in ſe reichem Maße von Werdenberg und ſeiner jungen Gat⸗ i 6 tin genoſſen. Nie trübte eine Wolke den Himmel ihrer ſe Ehe; das Eine las die Wünſche aus des Andern Blick, l und es war ihnen eine Seligkeit, ſie zu erfüllen. Der ſiebenzehnte November war Georg's Geburtstag; heilig w hatte er Alida gelobt, wenn nicht früher, ſo doch we⸗ ſt nigſtens immer gewiß an dieſem Tage zu Hauſe zu d ſein.„Nur der Tod, meine Geliebte,“ verſicherte er in ſt der ſchmerzlichen Abſchiedsſtunde,„kann mich davon ab⸗ A halten.“— Im erſten Jahre ihrer Verbindung kam w * ein Töchterchen, das einzige Kind, das ſte erhielten, il um ihre Liebe und häusliche Seligkeit zu vermehren, V und die Pflege dieſer zarten Roſenknospe machte ihr G Glück ſo ganz und gar vollkommen, daß es nur durch le den Schmerz geſtört wurde, den Unfrieden immer mehr al ſeinen Sitz in Engelvik aufſchlagen zu ſehen. z Der kleine Guſtav war und blieb der Zankapfel A zwiſchen beiden Gatten. Und da Beide Recht haben kl wollten, ohne daß es eigentlich Eines hatte, und Kei⸗ z1 nes nachgeben wollte, ſo wurde das Uebel täglich ärger. at b Dazu kam, daß der Dämon der Eiferſucht ſeine Woh⸗ u nung in dem leeren Herzen der Baronin nahm. Es ni ſchien ihr, als ob Lindorm gar zu oft nach Roſendal S gehe. Er brachte dort ganze Tage zu, ob der Kapitäan ge daheim war oder nicht. Der giſtige Stachel ihrer zu Zunge verwundete den zum Voraus genug geplagten R Mann auf's Tiefſte; es war ihm nicht mehr wohl in S 21 ſeinem eigenen Hauſe, und Roſendal wurde zunächſt ſeine eigentliche Heimath. Nun nahmen die Vorwürfe und Ausſpähungen kein Ende, die häuslichen Auftritte wurden immer ſchwieriger, Lindorm's reizbares Gemüth ließ ſich nicht mehr länger beherrſchen, und oft folgten zerſtörende Stürme auf die kleineren Windſtöße. Er bekam von Zeit zu Zeit wieder ſchwache Anfälle ſeiner alten Krankheit, weßhalb Reiſen in die Städte, theils zur Verbeſſerung ſeines Geſundheitszuſtandes, theils zu ſeiner Zerſtreuung vorgenommen wurden. So ließ er ſein galliges Weib Wochen⸗, ja Monate⸗lang allein im Paradieſe zurück; denn von ſeinem Sohne und deſ⸗ ſen Lehrer trennte er ſich nie; ſie begleiteten ihn auf längeren oder kürzeren Ausflügen. Lindorm's einzig frohe Augenblicke waren die, welche er mit ſeinem Guſtav bei ſeinen Freunden im ſtillen, ruhigen Roſendal zubrachte. Georg, Alida und die Alten empfingen ihn immer mit der ungeheuchelt⸗ ſten Freude. Sie wetteiferten darin, ihm die ſeinſte Aufmerkſamkeit zu erweiſen und Alles zu thun, auf was die ſcharfſinnigſte Freundſchaft kommen kann, um ihn zu tröſten, zu lindern und zu zerſtreuen, die tiefen Wunden ſeines Herzens zu heilen, und die ſchwarzen Grillen zum Weichen zu bringen. Ihre Bemühungen lockten ihm manch' wehmüthiges und dankbares Lächeln ab. Er war gefühlvoll für ihre Theilnahme und pflegte zuweilen, wenn ſein Blick mit einem bedeutun gsvollen Ausdruck auf ſeinem geliebten Sohne weilte, der die kleine Georgine auf ſeinen ſtarken Armen herumtrug, zu äußern:„Vielleicht daß einmal durch dieſe Beiden auch auf Engelvik ſelige Geiſter wohnen.“ Werdenberg und Alida nickten lächelnd mit dem Kopfe. Es wäre nicht unmöglich, meinten die Alten. Aber die jungen Schößlinge, unbekannt mit Planen und Berechnungen, genoſſen den flüchtigen Augenblick, flogen von Frenude zu Freude, ohne zu ahnen, daß ſie einmal unter den Roſen einen Dorn finden ſollten, der tiefer als die Stacheln des Dornſtrauchs verwunden würde. Glickliche — —ꝛ Zeit, wo ſich des Lebens Sorgen und Schmerzen bloß in den Thränen wiederſpiegeln, welche uns ſchauerliche Sagen in der Kinderſtube auspreſſen! Viertes Kapitel. O haſſe nicht den kalten Norden, Der mir das Hoͤchſte gab, Was uns hienieden nur geworden, Die Liebe und ein— Grab. Tegner. Zum ſiebenten Male nach Kapitän von Werden⸗ bergs Verheirathung näherte ſich der ſiebenzehnte No⸗ vember. Der Herbſt war ungewöhnlich ſtürmiſch gewe⸗ ſen; in den Zeitungen las man von einer Menge Schiff⸗ brüche; doch der Name Werdenberg's und ſeiner Brigg wurde nicht gehört. Die Unruhe der Daheimgebliebenen ſteigerte ſich mit jedem Poſttage, da die Briefe aus⸗ blieben. Zwei Monate waren verfloſſen, ſeit ihnen der Brief eingehändigt worden war, der ſeine Abſegelung von London meldete, und Alidens und der Alten Schmerz und Angſt waren zu groß, um mit Worten ausgedrückt werden zu können. Sie wagten einander die düſtern Gedanken nicht zu entdecken, die in der Tiefe ihrer Seelen wohnten; wie nach einer Art gegenſeitigen Ueber⸗ einkommens wurde mit keinem Worte der Gegenſtand erwähnt, der ſie mit tauſend Qualen peinigte. Schwei⸗ gend und bleich wie Schattenbilder ſchlichen ſie an ein⸗ ander vorüber, und je näher der ſiebenzehnte November kam, deſto düſterer wurden ſie. Um die Sorge auf's Höchſte zu ſteigern, lag auch Lindorm dieſen Herbſt krank darnieder; und verließ er je einmal das Bett, ſo war ſein Zuſtand nur wenig beſſer, denn eine tiefe Melan⸗ cholie quälte ihn. So fanden die Unglücklichen nicht einmal Troſt in der Geſellſchaft der Freunde, nicht ein einziges Herz, das ihren ſtummen Schmerz faßte und loß che 23 theilte. Die Tage wurden zu Jahrhunderten, ſo lang⸗ ſam wurden ſie hingeſchleppt; die lange, dunkle Nacht mit all' ihrem Jammer, ihren Kämpfen, Gebeten und Tauſenden von Thränen ſchien ihnen eine Ewigkeit. Endlich ging die Sonne des verhängnißvollen Ta⸗ ges auf, der uͤber Leben und Tod entſcheiden ſollte. Alida ſchmückte wie gewöhnlich das kleine Vorzimmer zu dem doppelten Feſt, der Heimkehr und des Geburts⸗ tags ihres Gatten. Sanft und geduldig wie ein We⸗ ſen, das einer beſſern Heimath angehört, ordnete ſie Alles mit Umſicht und Geſchmack an, und lächelte wie ein tröſtender Engel, der da Hoffnung zuflüſtert dem zitternden Herzen, wenn die Alten bekümmert den Kopf ſchüttelten. Aber der Tag ſchritt allmälig voran und der Druck, der ſich auf ihre Bruſt gelegt hatte, ſchien die Feſſel ihres Geiſtes zerſprengen zu wollen. „Warum ſäumt Papa?“ fragte eben die kleine Georgine. Mit zitternden Händen ſtreichelte die Mut⸗ ter die Kleine.„Stille, ſtille,“ bat ſie in ſtummem, thränenloſem Schmerz;„der Abend dämmert noch nicht.“ — Der alte Werdenberg und ſeine Gattin ſaßen ein⸗ ander gegenüber, die Hände zuſammengefaltet, ſtumm und traurig wie Mumien. Und immer länger wurden die Schatten, der Abend zögerte nicht mehr, ſchauerlich und klagend pfiff der Sturm durch das leere Gemach, die Fenſter rlirrten, ſchäumend ſchlugen die Wellen an die Brücke; man hörte nichts von Werdenberg. „Hu, Mama, es iſt ſo garſtig heute Abend,“ ſagte die kleine Georgine, und legte ihr Köpfchen an die Kniee der Mutter. Sie ſaß auf einem Schemel am Fenſter vor Alida. Die Arme ſeufzte bloß, und Alles wurde wieder ſo ſtill, o ſo ſtill, ſo todtſtill in dem öden Zim⸗ mer. Plötzlich rief das Kind, als ſich feſte, männliche Schritte im Saale hören ließen:„Mama, armes Ma⸗ machen! Sei fröhlich; ich höre ihn kommen; ſieh— da iſt Papa!“ Die Thüre ging auf, und auf der Schwelle zeigte ſich eine hohe, in einen Mantel gehüllte Geſtalt. Alida ——— fuhr auf.„Georg, mein Georg!“ ſchrie ſie heftig und ſtreckte ihre Arme aus. „Nicht er,“ ſagte eine Stimme, die bei all' ihrer ſanften Theilnahme doch eine fremde war. Der Mantel fiel von den Schultern des Unbekannten; einen Augen⸗ blick ſtand Alida aufrecht und betrachtete mit ſtieren Blicken den ſpäten Gaſt, der gewiß die Todesbotſchaft brachte. Ihre Kraft war jedoch bald gebrochen; ſie ſank zu ſeinen Füßen nieder, außer Stands, ſich auf⸗ recht zu erhalten.„Sprich, Fremdling, ſag' ein Wort,“ bat ſie in ſchneidendem Schmerz und ſtreckte flehend die gefalteten Hände gegen ihn aus,„er lebt ja, oder habe Erbarmen und ſtoße ſchnell zu, wenn der Dolch mein Herz treſſen ſoll— er iſt nicht mehr?“ „Er iſt in ſeiner Väter Haus gegangen,“ ſprach leiſe die ſchöne und klangvolle Stimme des Unbekann⸗ ten, indem er ſich niederbeugte und Alida emporhob, die bei dem entſcheidenden Worte in Ohnmacht geſun⸗ ken war. Da lag ſie wie eine geknickte Roſe, fuͤr den Augenblick noch unfähig, all den Schmerz zu empfin⸗ den, der ſo tief in das weiche Herz eingedrungen war. Aber wir wollen nicht von ihrer und der Alten tödtlichen Qual ſprechen; jedes weitere Wort würde ſie entheiligen. Wir überlaſſen die Armen der Zeit; ſolche Wunden bluten zu heftig, um geſtillt werden zu kön⸗ nen, mögen ſie ausbluten! Der Fremde, in dem der Leſer den Mann wieder erkannt haben wird, den wir mit dem Fiſcher auf dem empörten Clemente verließen, war, geleitet von den En⸗ geln des Herrn, denn ſein Vorſatz war gut, im Stande geweſen, ein in Todesnoth gegebenes Verſprechen zu halten. Durch die wild rollenden Wellen wurde das kleine Fahrzeug an Roſendals Brücke geſchleudert, wo er mit ſeinem Begleiter an's Land ſtieg. Der Name Ferdinand Hermer, ſo hieß der Unbekannte, wurde von Allen mit Achtung und Wohlwollen, von den Armen mit Segnungen wiederholt. Das edelſte Herz, das je für die Leiden des Nebenmenſchen klopfte, ſchlug in 25 ſeinem Buſen. Reich, unabhängig, frei von Dienſt⸗ pflichten, denn er hatte keine, da er keine haben wollte, überließ er ſich ganz und gar, beſonders in ſeinen jün⸗ geren Jahren, dem Einfluß einer vielleicht etwas um⸗ herſchwärmenden Laune, die ihn bald dahin, bald dort⸗ hin, weit, weit fort in die unbekannte Ferne führte, um ſich wieder raſtlos nach andern Gegenden zu ſehnen. Er hatte verſchiedene Wiſſenſchaften ſtudirt, und war ein vielſeitig gebildeter Mann, ein warmer Verehrer der ſchönen Künſte, ein großer Freund der Literatur, wozu er, ohne ſich zu nennen, einen und den andern Beitrag geliefert hatte. Er war jetzt ungefähr dreißig Jahre alt, und es müde, in fremden Ländern umherzu⸗ ſchweifen. Satt an fremden Sitten und fremden Her⸗ zen ſehnte er ſich nach dem Vaterland, um ſich ſelbſt einen heimathlichen Herd zu ſuchen. In London ging er an Bord der Brigg, die der Kapitän von Werden⸗ berg führte, um mit ihm die Ueberfahrt nach Schweden zu machen. Die beiden jungen Männer faßten ſchnell eine Zuneigung zu einander, die durch den täglichen Umgang und die beiderſeitigen guten Eigenſchaften, welche ſie an einander kennen und werthſchätzen lern⸗ ten, bald in ein wahrhafteres und edleres Gefühl über⸗ ging, als bloß ein flüchtiges Gefallen erzeugt. Wäh⸗ rend des Verlaufs der Reiſe tauſchten ſie die Erzäh⸗ lungen ihrer Lebensſchickſale gegen einander aus. Wer⸗ denberg ſchilderte ſeinem neuen Freunde mit glühenden Farben ſein häusliches Glück und das ſtille und ſchöne Leben, das ſie auf dem theuren Roſendal führten, deſſen koſtbare Kleinodien er ihm beſchrieb; doch vorne an ſtand unter dieſen die holde Alida. Und es war ſchon beſchloſſen, daß Hermer, der ſeinen Aufenthaltsort nach Belieben wählen konnte, Werdenberg folgen und die Weihnachtsfreuden bei ihm genießen ſollte. Aber ſchnell ſollten die lichten Traumbilder des ed⸗ len Georg wie Waſſerblaſen zerfließen. In einer Nacht gegen Ende Oktobers wurden ſie von einem ſtarken Sturm überfallen, der nach dreimal vierundzwanzig Stunden — die Brigg faſt vernichtet an die nordiſche Küſte warf. Nach unzähligen Bemühungen und fruchtloſen Anſtren⸗ gungen, das geſtrandete Fahrzeug zu retten, kam Kapi⸗ tän Werdenberg mit acht Mann von der Schiffsmann⸗ ſchaft in dem großen, tiefen Grabe um. Einen Augen⸗ blick vor dem letzten, ſchrecklichen und entſcheidenden Momente hatte Georg Hermern das heilige Verſprechen abgenommen, daß er, wenn er je das Vaterland wieder⸗ ſähe, Werdenberg's unglücklicher Gattin perſönlich ſeinen letzten Gruß darbringen und wo möglich ſie den ſieben⸗ zehnten November nicht allein und ohne Nachricht über⸗ leben laſſen werde. Obwohl keine Ausſicht auf Rettung vor einem menſchlichen Auge erſchien, ſo gelobte Her⸗ mer doch, um ſeinen Freund zu beruhigen, wenn er Werdenberg's Vaterhaus ohne ihn betreten würde, Ali⸗ den ein treuer Freund und Beſchützer, den Alten ein Sohn und Georginen ein Vater zu ſein.„Doch,“ fügte er hinzu und wendete ſeinen Blick zum Himmel empor, deſſen Dunkel von einem und dem andern Sterne erhellt wurde, der durch die finſtere, ſchauerliche Nacht ſchimmerte, „laßt uns noch hoffen, noch iſt nicht Alles verloren.“ „Da müßten wir auf ein Wunder hoffen,“ ſprach Georg;„doch die Hoffnung wird uns in ein paar Au⸗ genblicken nicht mehr bethören. Des Herrn Wille ge⸗ ſchehe; was menſchliche Kraft hier ausrichten kann, iſt geſchehen. Die Brigg kann nicht mehr gerettet werden; unſer Leben ſteht in Gottes Hand.“ Und bei den letz⸗ ten Worten ſtieß das Fahrzeug auf; das ſchreckliche Gekrache, das Angſtgeſchrei, die Finſterniß und das wilde Geheul des Orkans trennte ſie; ſie ſahen einander nicht mehr. Am andern Morgen fand ein Lotſenboot Hermern und die wenigen Ueberlebenden von der Mann⸗ ſchaft, die halbtodt vor Kälte und Anſtrengungen auf einem Felſen ſtanden. Nach der Hand erhielt Hermer ſeine Kräfte wieder, und obwohl noch nicht vollkommen hergeſtellt, beeilte er ſich, das Verſprechen zu erfüllen, das er ſeinem Freunde gegeben hatte. Das Lotſenboot hatte nur Weniges von den Sachen retten können, die ander aboot tann⸗ nauf ermer nmen üllen, nboot 1, die 27 ſich an Bord der Brigg befunden hatten. Für Hermer war der ökonomiſche Verluſt gering; denn er war vor⸗ ſichtig genug geweſen, ſeine Geldangelegenheiten ſo zu ſtellen, daß er ſich gegen die Verluſte, die eine Reiſe mit ſich führen konnte, geſichert fand. Aber leider war dieß nicht ſo mit dem Kapitän von Werdenberg. Der Verdienſt des ganzen Sommers lag bei ihm in den Waaren, die er für Privathandel heimführte, und dieſe ließen ſich nie wiederſehen. So verloren die armen Bewohner von Roſendal Alles, da ſie ihren Liebling, ihres Lebens Freude, verloren. Wir haben geſehen, wie Hermer anlangte. Sobald die Unglücklichen im Stande waren, ſeine Mittheilung anhören und faſſen zu können, brachte er mit warmer Theilnahme Georg's letzten Abſchiedsgruß vor. Er weinte mit den Betrübten; er ſuchte ſie nicht mit Worten zu tröſten; aber er blieb in ihrem Familienkreiſe, und brachte mit einer edlen, ihnen unbekannten Entſagung ihre Angelegenheiten in Ordnung. Nach und nach wurde er ihnen theurer, mit jedem Tage öffneten ſich mehr und mehr die reichen Schätze ſeines Herzens vor ihnen; ſie mußten ihn lieben, und durch den Zauber ſeiner Unter⸗ haltung, die mit der tröſtlichen Hoffnung der Religion einen lebendigen Farbenwechſel auf dem düſtern Gemälde des Lebens vereinigte, öffnete ſich ihre Seele unvermerkt andern Eindrücken, als dem Alles verheerenden Kum⸗ mer. Hermer's gebildeter Umgang, ſein feiner Takt, ſein Fernſein von aller Selbſtſucht, und endlich ſein hochgeſinntes Gemüth, nahm ſie ganz für ihn ein und löste den erſten, heftigen Schmerz in das ſtille Gefühl des Verluſtes auf. Sie konnten ja nicht ganz und gar unglücklich ſein, ſo lange ſie ihn beſaßen, und ſeufzten nur bei dem Gedanken, daß auch er bald ſte verlaſſen würde. Doch der edle Hermer ſah, was er ihnen war, und blieb.— 3 Fünftes Kapitel. Du, der ſprach im Antlitzſchweiße Iß Dein Brod, der Erde Sohn! Dein auch waren dieſe Worte: Mann und Weib ſoll Eines ſein! Franzeén. Der Frühling kleidete ſich wieder in ſein prachtvol⸗ les Feſtkleid, Alles ſchien zu einem neuen Leben zu er⸗ wachen, nur Lindorm war düſter und verſchloſſen, und ſchien auf immer Abſchied von Frühling und Freude genommen zu haben. Den ganzen Winter über an's Krankenbett gefeſſelt, hatte er wieder angefangen, auf⸗ zuſtehen, und wanderte nun in den hohen, prachtvollen, aber leeren Sälen umher, wie ein bleicher Geiſt aus einem vergangenen Jahrhundert, der zurückgekehrt iſt, um noch einmal den Mammon zu überſchauen, den er ſich durch eine unerhörte Aufopferung verſchafft hatte, ehe er ihm wieder auf immer Lebewohl bietet. Bei die⸗ ſen einſamen Wanderungen lachte er oft höhniſch, wenn er im Vorübergehen an den großen Spiegeln ſein eige⸗ nes Bild darin beßrüßte. Finſtere, wilde Phantaſien ſpukten in ſeinem Gehirne umher. Doch entwarfen ſie ein klares und deutliches Gemälde von dem Unterſchiede zwiſchen den erſten heitern und heiligen Tagen ſeiner früheren Ehe und dem vergoldeten Elend, das er mit dem Einzigen bezahlt hatte, das er eigen beſaß, mit ſeiner Freiheit. Der Himmel, den er ſelbſt durch ſeinen unedeln Stolz und ſeine bittere Unverträglichkeit zer⸗ ſtört hatte, ſtand nun wieder in all' ſeinem früheren Glanze vor ihm, und die giftigen Schlangen der Erin⸗ nerung wanden ſich um ſeine gequälte Bruſt, und ſogen in langen, tiefen Zügen ſein Herzblut aus. Der Un⸗ glückliche erinnerte ſich unter langſamer Pein, wie oft das ſpöttiſche Lächeln eines Bekannten den Hochmuths⸗ teufel, der im Grunde ſeiner Seele ſchlief, aus dem Schlummer aufgerüttelt hatte, und wie ſeine junge, unſchuldige Gattin dann ſowohl ſeine übereilte Hand⸗ 8 7 ſanft, wie geduldig, mit welcher unſäglichen Güte hatte ſie nicht Alles ertragen;„und nun iſt ſie dahin, und Du biſt es, der ſie gemordet hat,“ tönte die klagende Stimme unaufhörlich in ſeinem Innern. Mit großen Schritten wandelte er unter dieſen Be⸗ trachtungen auf und nieder, ſchlug wild mit den Armen umher und heftete den Blick mit einem ſchrecklichen Ausdruck auf jeden, der ſich ihm während dieſer dunklen Stunden zu nahen wagte. Wenn dann der innere Sturm ſich etwas beſchwichtigt hatte und eine Art ſtum⸗ pfer Ruhe wieder in ſeiner Seele eingekehrt war, pflegte er oft zu murmeln:„Torſten, Torſten, Deine eiskalten, beißenden Briefe waren es, die mich ſchlimmer mach⸗ ten, als ich war. Ohne ſie wäre es nie ſo weit gekom⸗ men; aber war es nicht eine Schwachheit von mir, in ihnen eine Rechtfertigung meiner Handlungsweiſe ſuchen zu wollen? Verdammte Schwachheit, verdammter ade⸗ liger Hochmuth, trübe, unreine Quelle, aus der keine Strombahn ausgehen kann„die ſich nicht in derſelben eirkelförmigen Richtung bewegt, wie ſie das ewige Ei⸗ nerlei abgeſteckt hat!— Hm, ich glaube, Torſten hätte lieber ſein Leben aufgeopfert, als ſich mit einem bür⸗ gerlichen Mädchen verbunden, im Falle auch jenes bloß dadurch hätte gerettet werden können. Nun, jetzt ſind wir beide verſoͤhnt, da wir uns wieder in derſelben Strombahn befinden, und beide haben wir unſeres Her⸗ zens Freiheiten und Rechte aufgeopfert, um die elenden Vorzüge zu beſitzen, die der Reichthum verſchafft. Doch für ihn war dieß keine Aufopferung. Sein Gemüth war immer für das edelſte und mächtigſte aller Gefühle verſchloſſen. Wohl ihm! Hat er auch viel von dem Schönſten verloren, was das Leben zu bieten hat, ſo iſt er auch von manchem qualvollen Augenblicke befreit geblieben, der ſeine Stacheln in mein Herz drückte.“ Die Perſon, von der Lindorm ſprach, war ein jün⸗ gerer Bruder, außer ihm und ſeinem Sohne der einzig übrige männliche Abkömmling vom alten Stamm der lungsweiſe, als deren Folgen entgelten mußte. Wie 30 Lindorms. Baron Torſten Lindorm, Oberjägermeiſter, in Nordland anſäßig, hatte einen harten und wenig gebildeten Sinn, einen Charakter, von dem man ſagen konnte, daß er von grauſamer Feſtigkeit war. Doch da er künftig in unſerer Erzählung auſtreten wird, ſo bekommt der Leſer ſelbſt Gelegenheit, darüber zu urtheilen. Wir wollen jetzt nur von dem älteren Bruder, Baron Karl Lindorm, ſprechen. Wie ſchon erwähnt, wurde er unter dem Einfluß der ſchweren Grübeleien, die ihn heimſuchten, immer düſterer; und nur wenn Guſtav den ſchwarzen Locken⸗ kopf ſchmeichelnd an ſein unruhig klopfendes Herz legte und mit ſeiner lieblichen Kinderſtimme bat:„Lieber Papa, ſieh mich freundlich an, ſprich doch, Du biſt ja gut,“ bloß dann wurden die böſen Dämonen in die Tiefe hinabgejagt, und das Ebenbild des einzigen Wei⸗ bes, das er geliebt hatte, ſchläferte die Plagegeiſter ein. Er weinte wie ein Kind, und es wurde wieder Licht und Friede in ihm, doch leider nur vorübergehend. Der Baron fand, daß ſein Haus unter dieſen Um⸗ ſtänden wenig geeignet war, um ſeinen Sohn für deſſen künftige Beſtimmung heranzubilden. Er fürchtete mit Recht den unvortheilhaften Eindruck, den er hier empfan⸗ gen würde, wo er zwiſchen einen beſtändig gemüths⸗ kranken Vater und eine launiſche, zankſüchtige Stief⸗ mutter geſtellt war, und beſchloß daher, ſo viel es ihn auch koſtete, ſich von ſeinem Guſtav zu trennen. Bei dem vollkommenen Vertrauen, das er in den Informa⸗ tor ſeines Sohnes, den Herrn Werner, ſetzte, wurde beſtimmt, daß dieſer als Lehrer und Freund Guſtav nach Upſala begleiten ſollte, um die begonnenen Stu⸗ dien dort fortzuſetzen. Guſtav war beinahe dreizehn Jahre alt, und der vielverſprechendſte Sprößling, ſchön wie ein raphaeliſcher Engel und muthig wie ein Löwe, wenn es galt, ſich bei des Waldes wilden Spielen umherzu⸗ tummeln, das muthwilligſte Pferd zu reiten oder ſeinen kleinen Kahn auf den ſchäumenden Wellen zwiſchen Roſendal und der Heimath hin und her zu ſteuern. 88 einig Koſt ſtänd und Beiſ ausſ Der ſchöne, feurige und edelmüthige Knabe war von der ganzen Umgegend geliebt; denn beſtändig ſtand er wie ein Schutzengel auf der Wacht zwiſchen ſeiner Stiefmutter, der allein herrſchenden Gebieterin, und den armen Untergebenen. Der Vorſchlag des Barons, ihn auf die Univerſität zu ſchicken, war jedoch nicht ſo leicht bewerkſtelligt, als ausgedacht. Er mußte zuerſt mit ſeiner Frau darüber ſprechen, und das ſo zart als möglich, da die Ausfüh⸗ rung zufolge gewiſſer leidiger Verhältniſſe von ihr ab⸗ hing. Zu dieſer unangenehmen Berathung wählte der Baron einen Nachmittag, wo Guſtav mit Herrn Wer⸗ ner nach Roſendal hinüber gefahren war. Er lag auf einem Sopha und ſtützte das brennende Haupt auf die abgemagerte Hand. Ihro Gnaden blätterten in einem Modejournal. „Liebe Sophie,“ fing Lindorm mit einem gelinden Huſten an,„es iſt wirklich nicht nützlich für Guſtav, ſo lange in der Heimath zu bleiben. Der Knabe muß zeitig in die Welt hinaus, um damit bekannt zu wer⸗ den. Es ſollte mich freuen, wenn Du darüber dieſel⸗ ben Gedanken hätteſt, wie ich.“ „Du biſt gar zu artig,“ ſagte die Baronin mit einem beißenden Lächeln,„daß Du meine Gedanken um Rath fragſt; ich will deßhalb ganz offen erklären, daß ich Deine Anſicht theile.“ „Das freut mich in der That,“ fuhr Lindorm nach einigem Stillſchweigen fort,„ich glaube nicht, daß die Koſten bedeutend werden ſollten. Werner iſt ein ver⸗ ſtändiger und braver junger Mann, von reinen Sitten und ſparſamer Erziehung. Er wird Guſtav kein böſes Beiſpiel geben.“ „Das iſt ein Gegenſtand, worüber ich mich nicht ausſprechen kann,“ antwortete die Baronin, und auf den gelben Wangen glühte eine Röthe, die ſich der der Pfingſtroſen näherte.„Du weißt wohl ſelbſt am beſten, ob Dein Sohn Vermögen genug beſitzt, um ſein und —— ſeines Mentors koſtſpieliges oder nicht koſtſpieliges Le⸗ ben zu unterhalten, wenn ſie mein Haus verlaſſen.“ Ein Blitz des Zorns ſchoß aus dem Auge des Ba⸗ rons, und daß dieſer auf ſein Weib einwirkte, zeigte ſich deutlich, obwohl Beide ſchwiegen. Ihro Gnaden waren merklich erbleicht, als ſie mit einer gewiſſen Unruhe hinzufügte:„Du wirſt finden, daß ich während ſechs Jahren große Aufopferungen für Dich und Deinen Sohn gemacht habe; ich war nicht darauf vorbereitet, u...“ „Still,“ unterbrach ſie Lindorm barſch;„Du weißt nur zu wohl, daß Du, als ich um Dich warb, bereit N warſt, jedes Opfer zu bringen, nur um nicht als alte Jungſer zu ſterben. Ich heuchelte keine Liebe, ich ver⸗ barg nicht, daß meine Angelegenheiten ſchlecht ſtanden, und Du wußteſt, daß ich Dir meinen Namen im Tauſche für Dein Vermögen anbot. Doch die Vorſichtsmaßre⸗ geln, die Du vor unſerer Verheirathung trafſt, haben mich größtentheils des Rechtes beraubt, frei darüber disponiren zu können. Es iſt nicht, um Dich zu belei⸗ digen, Sophie, daß ich Dir zum erſten Mal in ſechs Jahren dieß in's Gedächtniß zurückrufe, ſondern blo um Dich daran zu erinnern, daß, da es nun einmal verordnet iſt, daß Mann und Weib eins ſein ſollen, auch darin einbegriffen iſt, daß ihr Wollen und Wün⸗ ſchen daſſelbe ſein ſoll. Deßhalb glaube ich nicht nöthig zu haben, Dir dieſen Gegenſtand näher auseinanderzu⸗ ſetzen, ſondern erwarte, daß Du wie eine Mutter gegen das Kind handelſt, das Du einſt ſo heilig gelobteſt zu lieben und zu pflegen. Sei alſo eine Mutter für ihn in des Wortes vollſter und edelſter Bedeutung. Laß uns deßhalb ein paſſendes Jahrgeld für Guſtav beſtimmen, von der Zeit ſeiner Abreiſe an gerechnet bis zu dem Punkte, wo er Einundzwanzig alt wird, welche Verord⸗ nung dann Beſtand haben ſoll, ob ich nun lebe oder ſterbe.“ „Von meinem Vermögen, Lindorm?“ „Von Deinem Vermögen; Du weißt wohl, daß ich keines habe.“ ohne mer von ten ſen irgen hatt imm wußte Baro jetzt wurde triebe Mann ſtand, ſterfü⸗ irgend ſo ſie und ſt Gu den, für nicht beißt ereit* alte ver⸗ nden, uſche aßre⸗ aben rüber belei⸗ ſechs bloß nmal ollen, Wün⸗ öthig derzu⸗ gegen teſt zu ir ihn ß uns mmen, u dem gerord⸗ terbe.“ daß ich Die Baronin ſtand auf und verließ das Zimmer, ohne ein Wort weiter zu ſagen. In ihrem Schlafzim⸗ mer angekommen, fing ſie an, den Vorſchlag des Barons von allen Seiten, wo er Vortheil oder Verluſt darbie⸗ ten konnte, zu betrachten. Guſtav, ſowie den naſewei⸗ ſen Werner, aus dem Hauſe zu bekommen, der ihr nie irgend eine Aufmerkſamkeit als Frauenzimmer bewieſen hatte, war ihr höchſter Wunſch. Guſtav war ihr faſt immer bei Ausübung ihrer deſpotiſchen Launen im Wege. Er hatte die Kühnheit, ſich in allen Fällen, die zu den niederen Inſtanzen gehörten, als Vermittler aufzuwer⸗ fen; er war ganz unerträglich, und nichts konnte deß⸗ halb auf der einen Seite erwünſchter ſein, als der Vor⸗ ſchlag, ihn fortzuſchicken. Aber die andre Seite war deſto dunkler. Sich zur Unterhaltung des Junkers wäh⸗ rend ſo vieker Jahre verbindlich zu machen, nein, das war zu toll! Starb Lindorm, und nichts war wahr⸗ ſcheinlicher, als daß dieſes nicht mehr lange anſtehen würde, ſo glaubte Ihro Gnaden mit weit mehr Vor⸗ theil in der Welt, namentlich der eleganten Welt, auf⸗ treten zu können, wenn ſie dieß als die reiche Baronin von Lindorm that, als das alte kränkliche Fraͤulein von O***. Wer weiß, welche Eroberungen ihr noch be⸗ ſcheert waren? Aber wie ſollte ſie es wagen, dem Wun⸗ ſche ihres Mannes entgegenzutreten? Das war ein Kno⸗ ten, der ſich nicht ſo leicht löſen ließ, da Ihro Gnaden wußten, daß eine ſolche Handlung von ihrer Seite den Baron auf's Höchſte aufreizen würde. So ſanft er jetzt war oder zu ſein ſchien, ſo wild und ſtürmiſch wurde er, wenn die finſtern Mächte ihr Spiel mit ihm trieben. Und da die Furcht der Baronin vor ihrem Manne, wenn er unter dem Einfluſſe einer ſolchen Laune ſtand, mit der verglichen werden konnte, die ein geſpen⸗ ſterfürchtiges Kind fühlt, wenn es durch den Anblick irgend eines ſchauerlichen Ungeheuers erſchreckt wird, ſo ſiegte das Gefühl ihrer untergeordneten Stellung, und ſie beſchloß, aus der Noth eine Tugend zu machen. Guſtav Lindorm. I. 3 4 4 — ———— — Mit einer heldenmüthigen Anſtrengung öffnete ſie den Schreibpult, nahm Papier und Tintenfaß heraus, probirte mehrere Federn, rückte ſich in tiefen Gedanken einen Stuhl hin, ſetzte ſich, legte das Papier zuſammen, warf es weg und hob es wieder auf, alles in ſichtlicher Unentſchloſſenheit. Endlich glückte es ihr, den Wider⸗ ſpruchsgeiſt zu beherrſchen, der ihr in jeder Fingerſpitze, ja ſogar in der Federſpitze ſaß, und ſie ſchrieb einen Vertrag, wodurch ſie ſich verbindlich machte, ihrem theu⸗ ren Stiefſohn Guſtav Lindorm aus muüttterlicher Liebe die Summe von—— von dieſem Tage bis zum An⸗ tritt ſeines einundzwanzigſten Lebensjahres auszubezah⸗ len. Nachdem ſie ihren Namen unterzeichnet und ihr Siegel auf das wichtige Dokument gedrückt hatte, nahm ſie vor dem Spiegel den ſanfteſten und anmuthigſten Ausdruck an, den ſie ihren eingeſchrumpften Zügen ab⸗ zwingen konnte, ging zu ihrem Manne zurück, näherte ſich ihm mit einer Miene, die darauf berechnet war, Eindruck zu machen und ſprach mit einem Seufzer: „Gott weiß am beſten, lieber Lindorm, daß es im⸗ mer mein Wunſch geweſen iſt, Dich und Deinen Sohn glücklich zu machen; aber daß dieß nicht in meine Macht gelegt war, habe ich lange gefühlt. Doch war es mir hart, heute von Dir an Etwas erinnert zu werden, was mir Deine Heftigkeit und Kälte ſeit vielen Jahren bewieſen hat. Doch“— mit einem zum Himmel gewen⸗ deten Blick—„Entſagung iſt das Loos des Weibes. Ich will Dir Nichts vorwerfen; richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“ Am Schluſſe dieſer Gefühlsergießung, welche durch einige Thränen und bedeutungsvolle Blicke außerordent⸗ lich verſtärkt wurde, reichte die Baronin ihrem Manne das Papier hin, zeigte auf den leergelaſſenen Raum und lispelte:„Setze ſelbſt die Summe hinein!“ Lindorm, der nie Phyſiognomien oder Gemüther ſtu⸗ dirt hatte, nahm Alles für baare Münze, und war deß⸗ halb üer dieſe Nachgiebigkeit, womit ſie ſich ſeinem Wun⸗ ſche gefügt hatte, ebenſo ſehr verwundert, als gerührt. — 2 —C—L—COCO—— 3 „Mein theures, gutes Weib,“ ſagte er und ſprach zum erſten Mal zu ihr in den ſchönen liebevollen Tö⸗ nen, die viele Jahre in ſeinem Herzen geſchlummert hatten,„das haſt Du für mich gethan, ſo frei und gern, gerade wo ich es am wenigſten verdiente! Ver⸗ zeihe mir, verzeihe, daß ich ſo lange Dich und Deinen wahren Werth verkannt habe. Aber ſo viel ich vermag, will ich es gut machen, und Alles, was mein ödes Herz zu bieten hat, die wärmſte Freundſchaft, das reinſte Wohlwollen, die vollkommenſte Achtung ſollen Dein ſein.“ Ehe die Baronin Zeit fand, auf dieſe liebevol⸗ len Worte zu antworten, die durch ihre unendliche Lieb⸗ lichkeit und Seltenheit zum erſten Mal in ihrem Leben ihr Herz von einer wahren, tiefen Rührung erbeben machten, traten Guſtav und Werner ein, und etwas verlegen zog ſie ſich zurück, um eine Gemüthsſtimmung zu verbergen, deren Neuheit ſie kaum faſſen konnte. Sechstes Kapitel. Ich lebe, ach! doch meine Sinne gehen Lang vor mir, einer nach dem andern hin, Wie lange muß ich hier auf dieſer Enge ſiehen, Wie lang lebendig todt abzehren und dergeh'n! 1 Franzén. Der Baron ſtand auf, ging zu ſeinem Sohn hin und führte ihn zu ſeiner Frau, deren Hand er achtungs⸗ voll küßte, ſie dann Guſtav überließ und erſtaunlich wehmüthig ſagte:„Danke Deiner Mutter, mein Kind; ſie hat Deine wehrloſe Jugend ſicher geſtellt; ſie hat Deinem Vater Ruhe geſchenkt und wird ſeine letzten Tage erheitern.“ Guſtav ſah Alle verwundert an; er verſtand nicht den Sinn der väterlichen Worte.„Und Du darfſt reiſen,“ ſetzte der Baron hinzu,„die Welt und die Menſchen ſehen. Haſt Du Dich nie nach einem andern Tummelplatz für Deine Spiele geſehnt, als En⸗ gelvik und Roſendal?“ „Ah, jetzt verſtehe ich,“ rief Guſtav, und die Freude blitzte aus ſeinem ſchönen Auge,„Herr Werner und ich werden nun nach Upſala reiſen! Danke, danke, beſtes Mamachen, daß Du meinen liebſten Wunſch erfüllt haſt. Aber ſage, Papa, warum haſt Du nicht ſelbſt einen Beſchluß über dieſe Sache faſſen können? Ich danke nicht gerne Jemand Anderem für das, was ich erhalte.“ „Sei nicht ſtolz, nicht undankbar, mein Sohn,“ ſprach der Baron mit einem vorwurfsvollen Blick und in einem Tone ruhigen Ernſtes;„ich bin arm und kann die Ausgaben nicht beſtreiten, die Deine Reiſen und das Leben, das Du künftig führen wirſt, mit ſich bringen. Doch Deine Mutter iſt reich, und ſie gibt es Dir aus gutem Herzen, weil ſie Dich liebt, und fordert nichts dagegen, als Deine Liebe und Dankbarkeit.“ „Wie ſeltſam das Alles iſt!“ ſagte Guſtav und ſchuttelte mißtrauiſch ſeinen Lockenkopf.„Wann haſt Du denn angefangen, ſo gut zu ſein, Mama?“ Bei dieſer einfachen Frage erröthete die Baronin und wandte ſich erzürnt hinweg. Der Baron verzog unmerklich den —, 3 V 4 ———„ Mund und antwortete freundlich:„Mama iſt immer gut geweſen, mein Sohn; aber erſt heute Abend hat ſie uns ihr ſchönes Herz geöffnet. Möchte es nun Dein wärmſter Wunſch und Dein höchſtes Bemühen werden, mein Junge, Dich der Liebe Deiner Eltern würdig zu machen, ihre Hoffnungen zu rechtfertigen, und ſo ihre Fürſorgen zu belohnen!“ „ Das will ich und das werde ich!“ antwortete Guſtav feurig, und faßte Beider Hände, die er an ſein Herz und an ſeine Lippen drückte.„Da Du ſo gut geweſen biſt, Mama Sophie, und da Du mich jetzt liebſt, und der Papa ſo freundlich auf Dich ſieht, ſo werde ich ebenſo auf Dich halten, wie wenn Du meine rechte Mutter wäreſt. Aber verſprich mir jetzt, gut und zärtlich gegen Papa zu ſein, wenn ich nicht mehr hier bin; denn ich kehre einmal zurück als ein rechtſchaffe⸗ 1 ————-+.—————— ₰½ —— 18222—6S e ◻☛ 37 ner und freigeſinnter Mann, und Gott gnade Dir, Mama Sophie, wenn Du dann nicht Wort gehalten haſt! Halte jetzt Guſtav für kein Kind!“ Sein Auge blitzte, ſeine Wangen glühten.„O ich fühle, daß ich Dich unendlich haſſen könnte, wenn Du mich betrögeſt. Lege Deine Hand ſegnend auf mein Haupt, und ſage, daß Du ihn innig lieben und pflegen willſt.“ „Ich gelobe es Dir bei Gott, Guſtav,“ ſtammelte die Baronin, von einer tiefen und unverſtellten Rüh⸗ rung ergriffen.„Verlaſſe Dich auf mein Wort, es ſoll mir heilig ſein.“ Und ſie legte ihre Hand und Lin⸗ dorm's auf das Haupt des knieenden Sohnes. Das war ein Augenblick ſtillen, feierlichen Friedens, der erſte ſchöne Augenblick in Engelvik. Der Abend verging unter hoffnungsreichen Geſprä⸗ chen über die Zukunft und die bevorſtehenden Vorberei⸗ tungen zur Reiſe, die nach gemeinſamer Uebereinkunft bald vor ſich gehen ſollte. Der Baron beſprach ſich mit Werner,— der, beiläufig geſagt, bei dieſer ſo plötz⸗ lich veränderten Stellung im Hauſe ganz aus den Wol⸗ ken gefallen zu ſein glaubte,— über die dienlichſten Mittel zur Fortſetzung von Guſtav's Erziehung. Aber da Werner zu jung war und zu wenig Erfahrung hatte, um in einem ſo wichtigen Falle Rath zu ertheilen, be⸗ ſchloß Lindorm, ſich an Hermer zu wenden, der Engel⸗ vik bisweilen in Geſellſchaft der Werdenbergiſchen Fa⸗ milie beſuchte. Am Abend vor der Abreiſe aus der Heimath war Alida mit ihrer kleinen Georgine und dem liebevollen Hermer auf Beſuch bei ihren Freunden. Alida's ſanf⸗ tes und reines Herz erhob ſich in warmer Dankbarkeit gegen die Vorſehung, als ſte das ungewöhnlich ruhige und freundſchaftliche Verhältniß ſah, das zwiſchen dem Baron und ſeiner Frau herrſchte; das achtungsvolle Bemühen des Erſtern um ſein Weib und die ungekün⸗ ſtelte Aufmerkſamkeit der Letztern, wobei ſich Beide ſo wohl befanden. Die Baronin von Lindorm, ebenſowohl zu einem guten als böſen Weibe geſchaffen, hegte Ge⸗ fühle, die ihr ſelbſt fremd waren, da ſie ſich noch nie hatten entwickeln können. Denn der froſtige Boden, in dem ſie aufwuchſen, war nie von einem freundlichen Sonnenſtrahle erwärmt worden, der ſie hätte aus ihrem Schlummer erwecken können. Ihrem abſtoßenden Weſen hatte man von Jugend auf mit einer ebenſo eiſigen Kälte begegnet; ſte kannte keine audere Atmoſphäre. Viele werden, wie die arme Sophie, immer ſchlimmer, weil ſie aller Aufmunterung entbehren, beſſer zu werden. Doch von jener Stunde an, die Epoche in ihrem Leben machte, fühlte ſie, daß es ein ſchönes, aber na⸗ menloſes Gefühl gab, das eine Art Harmonie in die vorher feindlich getrennten Elemente ihres Gemüthes brachte. Sie wurde ſanfter, freundlicher und duldſamer gegen ihre Umgebung, und beſonders bemühte ſie ſich, durch ein gutes und gleichmäßiges Benehmen, eine feine aber ungeſuchte Aufmerkſamkeit, ihren Gatten mit den bisher verlorenen Jahren und wo möglich auch mit den finſtern Gedanken, den ſchwermüthigen Grübeleien zu verſöhnen, die ſo ſchlimm auf ſeine Geſundheit und Ge⸗ deihen einwirkten. Aber dieſer Sieg war ihr nicht beſcheert.— Während dem die Aeltern im heitern Halb⸗ kreiſe ſaßen und vertraulich mit einander ſprachen, be⸗ ſonders von Guſtav und ſeiner Reiſe, ſpazierte dieſer mit der kleinen Georgine im Garten herum. „Warum willſt Du heute gar nicht herumſprin⸗ gen?“ fragte das Mädchen und ſah verwundert auf ihren früher ſo fröhlichen Spielkameraden. „Ich will nicht mehr ſpringen,“ ſagte Guſtav ernſt⸗ haft,„aber das verſtehſt Du nicht, Georgine. Komm, ich will Dich auf meinen Arm nehmen und in die Höhe heben. So, pflücke jetzt eine ſchöne Blüthe von dem Apfelbaum. Arme Gine, wer wird Dir die Früchte holen im Herbſte, wenn ich nicht mehr da bin; und ich komme viele, viele lange Jahre nicht zurück! Du ver⸗ miſſeſt mich doch recht, liebe Gine?“ „Ach ja, recht ſehr, guter Guſtav, und ich will Dir meine große Puppe geben, dann gibſt Du mir Dein kleines Boot; aber betrübe Dich nicht darüber, Guſtav, daß ich im Herbſte keine Aepfel bekomme. Hermer hat mir ſchon verſprochen, die ſchoͤnſten für mich zu pflücken, ja, das hat er mir verſprochen.“ „Das kann wohl ſein,“ antwortete Guſtav;„aber, Georgine, das haſt Du nicht ſo gewiß; denn ich habe wohl geſehen, wenn er Dir und Deiner Mama Blu⸗ men bricht, daß er immer Aliden die ſchönſten gibt, und ſorgfältig alle Dornen hinwegthut, ehe er ſie hinreicht. Und dann ſagt ſie:„Danke, beſter Hermer! Sie ſind ſo gut!“ Und dann antwortet er:„O, Alida, könnte ich doch jeden Dorn aus Ihrem Wege entfernen, dann ſollte Sie nichts mehr verwunden!“ Und dabei ſieht Hermer ſie ſo ſeltſam zärtlich an, und Deine Mama wird roth wie eine Roſe und ſagt leiſe:„Ich weiß es und ich fühle ſie weniger, Hermer, wenn Ihre freundliche Hand ſie hinwegräumt.“ Dann küßt er ihr die Hand, und ſie ſagt ſchnell:„Kommen Sie, wir wollen hinein gehen, es wird ſo kalt,“ oder„es iſt ſo warm da au⸗ ßen.“ Und darum glaube ich nicht, liebes Ginchen, daß Du die ſchönſten Früchte bekommen wirſt. Aber warte Du nur, bis ich groß und ein rechter Mann werde, einen Kopf größer als die andern, dann komme ich zurück, und dann....“ „Baron Guſtav, kleines Fräulein,“ unterbrach eine Jungfer die Vertraulichkeit der Kinder,„gefällt es den Herrſchaften, heraufzukommen und Thee zu trinken?“ Und noch einmal, wahrſcheinlich das allerletzte, ſprangen Guſtav und Georgine um die Wette die Allee hinauf; und da ſie müd wurde, nahm er ſie auf ſeine ſchon kräf⸗ tigen Arme und trug ſie in den Salon hinein, wo er ſie zu den Füßen ihrer Mutter niederſetzte. Ehe ſie ſchieden, nahm Hermer Guſtav mit ſich auf eine ein⸗ ſame Wanderung und ſchärfte auf derſelben ſeiner off⸗ nen Seele manche nützliche Lehre, manche freundſchaft⸗ liche Warnung ein. Der Knabe horchte aufmerkſam auf die ſchönen, tiefen und ernſten Worte, die ſo herr⸗ lich von Hermer's beredten Lippen klangen. Dankbar drückte er dem einzutreten ſehne, werde ich nicht vor Ihrem Blick er⸗ röthen müſſen, wenn wir uns einmal wiederſehen.“ Endlich kam die Abendſtunde, ſchluchzend hing Gu⸗ 7 lich über ſie alle nach, auch die geringſte hat ihre Fol⸗ gen. Sei nie ein Sklave des Geſchrei's der Menge, ſondern thue, was Deine Vernunft oder Dein Herz Dir ſagt, daß recht ſei. Der Mann ſoll nach ſeinem eige⸗ nen Verſtand handeln und nicht dem großen Haufen nachſchreien; das Weib muß der Stimme der öffentlichen Meinung gehorchen. Und haſt Du einmal einen Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſo bleibe ihm treu. Thue das Gute um des Guten, nicht um des bloßen Scheines willen. So wirſt Du mit Dir im Frieden ſein. Und ihnen, Herr Weruer, vertraue ich das Koſtbarſte an, das ich beſitze, wie bisher, ſo auch künftighin, und Sie dürfen gewiß die Berufung zum Predigtamt in Effenbo verſchaffen werden, wenn der alte Spiller zu ſeinen Vätern ver⸗ „Mein großmüthiger Gönner,“ antwortete Werner gerührt, und drückte dankbar die Hand, die ihm der Baron darreichte,„ich liebe Guſtav wie einen Bruder. Am großen Gerichtstage werde ich vor Gottes Richter⸗ ſtuhl Rechenſchaft über meine Verwaltung ablegen.“ „Und im Falle meines Todes,“ fing Lindorm wie⸗ der an,„haben Sie Ihre Inſtruktionen. Ich will dieſer Tage meinem Bruder im Nordlande ſchreiben; und ob⸗ wohl er einen eigenen und ſonderbaren Sinn hat, ſo Bild haben Sie mir aus der Seele genommen, Hermer. 41 zweifle ich doch durchaus nicht, daß er für meinen Sohn Alles thun wird, was in ſeinen Kräften ſteht. Und nun lebe wohl, Guſtav, mein geliebtes Kind!“ Lindorm hob ihn mit ſanfter Gewalt in den Wagen, und ſtieg unſchuldvollen Züge; noch einen Kuß; das heilige Sie⸗ „Gott ſegne Dich, Kind! Habe Gott vor Augen und im Herzen!“— Er ſprang ſchnell vom Tritte herab, winkte dem Kutſcher zuzufahren, und in wenigen Au⸗ genblicken waren der Wagen, die Pferde, das heraus⸗ geſtreckte Haupt und die winkende Hand verſchwunden. Erſchöpft von dieſer Seelenanſtrengung und Ge⸗ müthsbewegung, wandte ſich Lindorm wieder in ſein Zimmer zurück; und als er auf ſein Ruhebett nieder⸗ ſank, flüſterte er mit einem Blick voll inneren Frie⸗ dens:„Herr, nun laſſe Deinen Diener in Frieden da⸗ hig und ſtille, aber abgeſtumpft; nur ſein phyſiſches Weſen lebte noch. Geduldig ſchleppte die Baronin die Tage mit ihm hin, unaufhörlich bemüht, den gemüths⸗ kranken Gatten zu erheitern und zu beleben, und ihre anze Belohnung war ein mattes Lächeln, ein dankbarer lick des ſchwachen Kranken. Aber ſie ermüdete den⸗ noch nicht, und von Guſtav bekam ſie jede Woche einen freundlichen Brief, wo jedes Wort, belebt von der in⸗ nigſten Dankbarkeit, ihrem Herzen, das leer und öde war wie ein Grab, Troſt zuflüſterte. Die arme Sophie hatte ihr ganzes Leben lang bloß einen einzigen feſt⸗ Siebentes Kapitel. Doch ach, ein Eid, ein Eid haͤlt mich gefangen, Mit zorn'gem Blick und bleichen Wangen. Tegnér. Zwölf Jahre waren allmälig in den Alles ver⸗ ſchlingenden Hafen der Zeit hinabgerollt, ſeitdem die bisher geſchilderten Begebenheiten ſtattgeſunden hatten. Es war ein ſchöner Abend zu Ende Juli im Jahr 1818, als ein beſtäubter Reiſewagen vor dem Eingang zu dem einſamen Kirchhof in Effenbo hielt. Zwei junge Männer ſaßen darin. Der eine, der etwas älter ſchien, hatte bildſchöne Züge; der edle Ausdruck des ovalen Angeſichts hätte zum Modell für das Herrlichſte dienen können, was der Pinſel eines Künſtlers von männlicher Schönheit wiederzugeben vermag. Aber ein Schatten von Schwermuth hatte ſich auf die hohe, weiße Stirn des Fremdlings gelegt, und ſpiegelte ſich auch in der düſtern Gluth des dunkelblauen Auges. Der Trauer⸗ anzug, den er trug, machte die Bläſſe der Wangen noch bemerklicher, und die Mitternacht der dunklen Locken umſchloß ein Haupt, deſſen ſtolze Haltung Bewunderung einflößte, zu gleicher Zeit, wie der Blick ſanft, aber durchdringend, des Herzens Kühle erwärmte und eine unausſprechliche, namenloſe Theilnahme für den Unbe⸗ kannten erweckte. Der Andere war ein blonder, blühender Jüngling, aus deſſen feurigen Augen Lebensluſt und froher Muth blitzte. Seine Haltung zeigte einen Menſchen an, dor zwiſchen einem verzärtelten Kinde und einem junge eigenliebigen Salonhelden ſchwebte, der glaubt, de, Alles, was er thut oder ſpricht, reizend ſei und unzwei⸗ felhaft Beifall gewinne. Er betrachtete Alles um ſich her mit einer gewiſſen nachläſſigen Herablaſſung, wäh⸗ rend die feinen, weißen Finger an dem leichten Flaume drehten, den er Bart zu nennen beliebte, und die 4 feiſchen Lippen die Melodie eines modernen Walzers pfiffen. „Gib mir das Fernglas,“ ſagte er mit leichter Un⸗ geduld zu ſeinem bleichen Reiſegefährten, der ein ſolches vor dem einen Auge hielt, während er mit der Hand eine hervorquellende Thräne aus dem andern wiſchte. „Gleich, gleich, Arthur; laß mich nur noch ein paar Augenblicke den ſchmerzlich⸗ſeligen Anblick meiner doppelten Kindesheimath genießen.“ Nach einigen Mi⸗ nuten des Schweigens reichte er ſeinem Nachbar das Augenglas und ſtieg aus dem Wagen.„Bleibe Du hier zuruck, beſter Arthur; ich gehe dort hinauf“— er zeigte gegen den Kirchhof—„oder es wäre noch beſſer, wenn Du vorausreiſen würdeſt; ich komme bald nach. Ver⸗ zeih' mir; aber Du weißt, daß ich es nicht liebe, Zeugen meines Schmerzes zu haben. Und Du biſt ſo gut...“ „Wie Du willſt, mein Bruder; wir ſollen einander ja durchaus nicht geniren,“ verſetzte der muntere, hell⸗ blonde Jüngling und hielt das Glas an's Auge.„Nun, bei meiner Ehre,“ rief er entzückt aus,„hier iſt es ja göttlich. Ein Feenſchloß auf der einen und ein altes, verfallenes Eulenneſt auf der andern Seite, alſo faſt aller nöthige Stoff zu dem prächtigſten Romane. Ich will darauf ſchwören, daß nur noch der Held fehlt, und dieſen will ich auf mich nehmen, vorzuſtellen. Fahr' zu, Kutſcher! Auf Wiederſehen, Guſtav!“ Der Wagen rollte fort. Und Guſtav Lindorm, denn er war es, nahm lang⸗ ſam den Weg nach dem Kirchhofe. Seit zwölf Jahren hatte er den väterlichen Boden nicht beſucht. Der Früh⸗ ling der Kindheit, des Jünglingsalters flüchtige Traͤume waren dahin, der Mann ſtand jetzt hier in unbezwung⸗ ner Kraft, ruhiger Selbſtbeherrſchung, eingeweiht in die Berechnungen der Welt und die Myſterien des Kummers, wohl fühlend, daß das Leben Ernſt und That erfordert, überzeugt, daß die Täuſchungen deſſelben keine Macht mehr über ſein Gemüth beſitzen, und daß die hellen, roſenfarbenen Hoffnungen, die ihn in früherer — 44 Zeit wie freundliche Genien umgaukelten, ſich in eine neblige Wolke aufgelöst hatten, durch welche keine ſchimmernden Strahlen mehr brechen konnten. Dieſer Zeitpunkt ſcheint vielleicht allzu frühzeitig gekommen zu ſein, da er ſich bei ihm ſchon im fünfundzwanzigſten Jahre eingeſtellt hatte; aber es gibt Ereigniſſe, gewiſſe dedeutungsvolle Wechſelfälle, die in ihrem unbewegli⸗ chen Lauf das Jahr nicht meſſen. Es iſt jedoch immer eine traurige Erfahrung, zu wiſſen, daß die Frucht früh reif geworden iſt und die Mittagsſonne des Lebens das friſche Blatt der Frühlingsblüthe verbrannt hat. „Wer ſagt dem Sohne, wo der Vater ruht?“ ſprach Lindorm leiſe, während er ſich in dem ſtillen, herrlichen Abend ſachte zwiſchen den Gräbern hinſchlich, und nicht ein Laut das Schweigen unterbrach, außer wenn etwa ein ſäuſelnder Windhauch die gelockerten Eiſenkreuze mit ihren Zierrathen berührte und einen feierlichen und ſchaurigen Ton hervorbrachte. Guſtav hielt bald vor einem Marmorſtein, der von einigen halbverwelkten Kränzen umſchlungen war, welche anzudeuten ſchienen, daß der Grabhügel, den ſie bedeckten, noch mit Sorg⸗ falt gepflegt wurde. Er beugte ſich tief nieder und las den Namen ſeines Vaters und die Jahreszahl ſeines Todestages; ſie war acht Jahre alt. Darunter ſtanden die einfachen Worte:„Er hat Frieden gefunden.“ „Wohl Dir, Du geliebter Geiſt meines Vaters!“ ſchluchzte der Sohn, und legte die brennendheiße Wange auf den eiskalten Marmor.„Wohl Dir; wann wird auch Dein Sohn Frieden finden?“ Und er blieb eine lange und heilige Zeit knieend. Als er ſich erhob, ſchien eine unſägliche Wehmuth die ſchönen Züge zu umſchweben. Auf der andern Seite des Steines blieb er wieder ſtehen und las den Namen und Todestag der Baronin; dieſer war erſt vor neun Monaten geweſen.—„Arme Sophie,“ ſeufzte Lindorm, „das Leben trug keine Roſen für Dich. Du hieltſt je⸗ doch treu Dein Gelübde, das weiß ich deßhalb iſt mir Dein Andenken weit koſtbarer, als das irdiſche Gut, — AN ◻—— ε8 ᷣ*— A8 g— . — — 45 des Du mir hinterlaſſen haſt. Friede ſei mit Deiner ſche!“ Er ſtreckte ſeine Hand gegen das Grabmal aus, und wandte ſeine Schritte gegen einen andern Theil des Kirchhofes. Unter einer großen Weide, dem Lieb⸗ lings⸗ und Spielplatz ſeiner Kindheit, war eine einfache, noch unterhaltene Raſenbank. Beim Anblick derſelben ſchien ſich der kummervolle Ausdruck in ſeinen Zügen etwas zu erhellen; ein Lächeln ſchwebte über ſeine Lip⸗ pen. Hier war Lindorm manchen Abend, die kleine Georgine zur Seite, geſeſſen und hatte ihr wunderſame Sagen erzählt, die er in ſeiner eigenen, innern, phan⸗ taſtiſchen Welt gefunden hatte. Und wie aufmerkſam hatte ſie denſelben nicht zugehört, die kleinen Händchen zuſammengefaltet und, auf dem Knie ruhend, in ſtum⸗ mer, aber ausdrucksvoller Andacht! Das Feuer ihres Auges, das von freudiger Bewegung flammte, oder oft durch einen dunklen Thränenſchleier ſchimmerte, bewies, daß ſie den kühnen Flug des Erzählers faßte und ihm folgte. Zur Belohnung reichte ſie ihm am Schluſſe je⸗ den Abenteuers ihre roſige Wange. Mehrere Minuten lang weilte ſein Gedächtniß bei dem holden Kinde; aber unmerklich gingen die Gedanken auf die Jungfrau über, die er bald in der üppigen Schönheit der Jugend ſchauen ſollte.—„Ach! erinnert ſie ſich wohl ihres er⸗ ſten Jugendfreundes?“ ſagte er halblaut mit einem lei⸗ ſen Seufzer.„Das wäre doch Ein theures Band, das einzige, das den in der Heimath Fremdgewordenen er⸗ innerte, daß auch er einmal in Edens Tempelhöfen geſpielt hat.“ Während er in tiefe und wehmüthige Gedanken ver⸗ ſunken daſtand, rauſchte es in den Zweigen über ihm. Er wendete ſeinen Blick nach dem ſonderbaren Geräuſche und gewahrke ein freundliches, rothwangiges Knaben⸗ angeſicht, das vom hohen Gipfel des Baumes lachend auf ihn niederſchaute. Der Junge hielt einen Staaren in der Hand.. „Mein Freund, was machſt Du da oben?“ ſragte —y—yjy— 46 der junge Baron, und ſein Blick verfinſterte ſich ſchnell. „Der Baum da iſt mein; wer hat Dir die Erlaubniß gegeben, meinen Staaren zu beunruhigen?“ „Ich ſehe nicht ein, warum das Ihre Staaren ſein ſollten,“ antwortete der Junge trotzig.„Der Kirchhof, meine ich, gehört Allen an, und Sie können mir gewiß nicht verbieten, den Staaren zu nehmen.“ „Und doch verbiete ich es Dir,“ ſagte Lindorm, zwar mit ſeiner lieblichen, ſanften Stimme, aber doch beſtimmt, daß der Knabe von ſeinem hohen Throne verwundert auf ihn niederſah, und ungewiß zu ſein ſchien, ob er den Staaren in ſein Neſt zurückfliegen laſſen oder ihn mit ſich nehmen ſolle. Nach einigem Stillſchweigen ſagte er jedoch entſchloſſen:„Ich will Ihnen nicht gehorchen, da Sie kein Recht haben, mir Befehle zu geben.“ „Aber Du ſollſt ihn nicht haben, trotziger Junge!“ und im nächſten Augenblicke war dey behende junge Mann auf dem Baum. Mit der einen Hand hielt er den wi⸗ derſpenſtigen Vogelfänger, mit der andern nahm er dem Knaben den Staar aus der Hand, küßte ihn und ließ ihn wieder in die kleine Reishätte ſchlüpfen. Dann nahm Lindorm ſeinen neuen Bekannten mit ſich auf den Boden nieder, und ſagte freundlich, aber feſt zu ihm: „Ich ſagte Dir ja, mein Junge, daß der Baum da mit dem Staarenneſt mein Eigenthum ſei, und Du ſollſt lernen, mein Burſche, mein kleines Freundchen, Achtung vor dem Worte:„fremdes Eigenthum“ zu haben! Als ich ein Kind war, pflanzte ich dieſen Baum mit eigener Hand und legte dieſe Raſenbank an; es war mein lieb⸗ ſter Spielplatz. Verſtehſt Du jetzt, warum ich die klei⸗ nen Weſen beſchützen wollte, die ihre Zuflucht dahin genommen haben?“ „Sind Sie denn der Baron Guſtav?“ fragte der Knabe, und ſah ihm mit dem klaren, jetzt wieder lachen⸗ den Blick in's Auge. „Der bin ich; aber woraus ſchließt Du das?“ „Ei was, ich habe ja manchmal Georgine ſagen hören, daß dieſe Bank und dieſer Baum Ihnen gehören. 47 Sieht der Herr Baron nicht, daß der Raſen umgear⸗ beitet iſt; das habe ich gethan.“⸗ „Haſt Du das, mein geſchickter Junge? Laß mich Dir dann dafür danken. Doch ſage mir jetzt, wie Du heißeſt und wie alt Du biſt?“ „Ich heiße Willy Hermer und bin eilf Jahre alt.“ „Hermer,“ rief Lindorm ſchnell, und drückte in freudiger Bewegung den Knaben an ſein Herz;„Du biſt alſo Georginens Bruder?“ „Ja, freilich,“ ſagte Willy.„Ich halte auch ſehr viel auf ſte; aber da die Staaren dem Herrn Baron gehören, ſo muß ich wohl um Verzeihung bitten. Ich beunruhigte ſie jedoch nicht um meinetwillen; denn ich wollte bloß einen haben, um ihn morgen Ginen zum Namenstage zu geben.“— „Ah! war es das, Willy! Komm dann morgen bei Zeiten zu mir, ſo werde ich Dir zu dieſem Endzweck einen ſehr ſchönen und zahmen Zeiſig überlaſſen, den ich ſelbſt gezähmt habe. Und grüße Deine Eltern und Deine Schweſter, mein Junge, von Guſtav Lindorm. Morgen Nachmittag werde ich meine alten Freunde in Wefellſchaft eines fremden Herrn beſuchen, der mich egleitet.“ 3„Danke, danke, Herr Baron, für dieſe beiden Ver⸗ ſprechen; ich nehme Sie beim Wort und komme zeitig.“ Willy lüftete mit leichter Artigkeit ſein Hütchen und war mit ein paar Sprüngen über der Steinmauer und weit draußen im Felde. „O du herrliche, goldene Kinderzeit!“ ſeufzte Lin⸗ dorm, und ſah mit freundlichem Blick dem muntern forteilenden Knaben nach; doch dann breitete ſich wie⸗ der ein dunkler Schleier über den Glanz ſeines Auges. Er ſetzte ſich gedankenvoll auf die Raſenbank nieder und ſtützte das Haupt auf die Hand.„Alida's Sohn, Georginen's Bruder,“ murmelte er.„Georgine, es war alſo mehr als eine bloße Vermuthung, daß Du Dich meiner noch erinnern würdeſt. Aber wehe, wehe! Ein böſer Geiſt hat mit ſeinem giftigen Hauche die 2 4 — 3 8 ſchönſte Blume aus dem Paradieſe meines Lebens fort⸗ geblaſen! Können wohl die, welche noch übrig ſind, dieſes ſehnende Herz zufrieden ſtellen? Nein und ja, ganz wie eben die Verſuchungen dazu ſich erheben. Aber in jedem Falle hoffe ich, daß die Erinnerung an meine Pflicht mich nie verlaſſen werde, daß ich nie über mich ſelbſt zu erröthen haben werde, wenn meine Gedanken bei—— doch, was iſt das? Welche ſelt⸗ ſame Ideen dringen auf mich ein?“ ſagte er, erhob ſich entſchloſſen und ſuchte die düſtern Bilder zu ver⸗ ſcheuchen.„Gibt es nicht auf der Erde viel Herrli⸗ ches und Schönes außer der Liebe; und iſt es nicht, genan betrachtet, höchſt närriſch, den Verluſt von etwas zu betrauern, das ich nicht gekannt habe, deſſen Weſen mir fremd iſt, und mit Gottes Hülfe auch künftig bleiben ſoll, wenigſtens ſo lange, als bis— pah! kein Wort mehr davon! Ich will nicht einmal mehr daran denken.“— Und mit raſcheren Schritten ſchlug a. den alten, wohl bekannten Fußweg nach Engel⸗ vik ein. Vpon den Begebenheiten, die unſerem Helden be⸗ gegneten, ſeitdem er ſein Vaterhaus verlaſſen hatte, wollen wir bis auf Weiteres bloß das erwähnen, daß ſich während der vier erſten Jahre ſeines akademiſchen Lebens nichts Merkwürdiges zutrug, da Alles ſeinen alten, gewöhnlichen Gang ging. Er ſtudirte und las, beſuchte fleißig die Kollegien, ſprang mit ſeinem Mentor auf Beſuch bei den Profeſſoren herum, übte ſich ohne ihre Aufſicht, Fenſter einzuſchlagen, bekam gute Freunde, lieh Geld aus, lernte rauchen, ſpielen und Hiebe aus⸗ theilen und empfangen; kurz, in einem Alter von ſteb⸗ zehn Jahren war er Siudent, in des Wortes vollſter, wenn auch nicht gerade beſter Bedeutung. Doch gab es einen Punkt, in welchem er ſich von ſeinen Kameraden unterſchied, und dieß war eine nicht ſelten ſich zeigende Neigung zur Schwermuth. Er blieb dann einſam und lebte in ſeinen Grübeleien; aber da er ſah, daß er da⸗ durch ein Gegenſtand des Spottes für ſeine heiteren 49 Freunde wurde, unterdrückte er dieſen unglücklichen Hang ſo viel als möglich; und vielleicht wäre es ihm geglückt, dieſes Uebel ganz auszurotten, wenn nicht beſondere und ſeltſame Umſtände demſelben Nahrung gegeben hätten. Zu der genannten Zeit nahm Lindorm's Lebensſchickſal eine andere Wendung, wie es ſich in der Fortſetzung unſerer Erzählung zeigen wird. Achtes Kapitel. Es war ein Geſicht, das man, wenn man es einmal geſehen hatte, nie wieder vergeſſen konnte. Bulwer. Der Ausdruck in Lindorm's Zügen wechſelte merk⸗ würdig während der kurzen Wanderung. Es zeigte ſich deutlich, daß die Gefühle, die ihn wechſelsweiſe be⸗ herrſchten, von höchſt ungleicher Art ſein mußten: Schmerz, lebhafte Wehmuth und Stolz, je näher er der doppelten Heimath ſeiner Kindheit kam. Sind dieß denn noch dieſelben Stellen, die er einſt verließ? Mit Verwunderung blickte er um ſich. Die ſchöne Gegend, verherrlicht durch die Gluth der letzten Sonnenſtrahlen, iſt ſich wohl noch gleich, aber iſt denn dieſe ſchwarz⸗ graue Ruine, mit ihren verfallenen Pfeilern, mit ihrem halb eingeſtürzten Balkon und den zerbrochenen Fenſtern, kann ſie die prachtvolle, üppige Wohnung ſein, in deren Sälen er als Knabe umherſprang? Und wohin hatte das kleine rothe Haus am andern Ufer ſeinen Weg ge⸗ nommen? Nicht eine Spur zeigte ſich davon; aber mit Bewunderung verweilte ſein Auge auf dem Gebäude, das an ſeiner Stelle dort ſtand. Mitten auf einem Guſtay Lindorm. I. 4 runden Plane, um den hohe Hecken von wohl beſchnit⸗ tenen Birken zierlich angebracht waren, erhob ſich ſtolz ein großes und ſtattliches ſteinernes Haus, in einer Sti auslaͤndiſchen, ſonderbaren Architektur. Um das platte, ein mit Schiefern bedeckte Dach zog ſich ein Altan mit Ein einem kunſtreichen Galleriewerk verſehen, und auf dem es Altan, von wo aus man eine weite Ausſicht auf En⸗ gett gelvik und die umliegende Gegend haben mußte, glaubte ¹ ſein ſcharfes Auge ein weibliches Weſen zu entdecken, Wa dSoas ſich von der entgegengeſetzten Seite über die Galle⸗ fall rie neigte. Sie hielt einen Schleier oder etwas Aehn⸗ the liches in der Hand, und dieſes Etwas wogte auf und ren 1 nieder, ein nicht undeutlicher Beweis, daß ſie damit bea 6 ein Zeichen gab. lich „Daß Arthur das Fernglas mitnehmen mußte!“ bis ſagte er in einem Tone, der einem offenbaren Mißver⸗ Me gnügen gleichſah;„ich möchte dieſen Gegenſtand deut⸗ den licher ſehen. Iſt es wohl Georgine und wem gibt ſie und dieſes Zeichen? Aber was geht das Alles mich an? kom Ich muß mich beeilen, mein Eulenneſt, wie Arthur es dar nannte, in Beſitz zu nehmen.“ 44 Kaum war Lindorm in das erſte Thor der Allee bere eingetreten, als ein junger, wohlgekleideter Mann von ich einem feinen und einnehmenden Aeußern ihm entgegen⸗ der kam. Er machte eine ehrerbietige Verbeugung und ich fragte artig:„Habe ich die Ehre, meinen Herrn, den und 4 Baron von Lindorm, zu ſehen?“ befi „Ja, ich bin Lindorm, mein Herr; aber in wiefern wan der andere Titel mir zukommt, müſſen Sie mir ſelbſt eben erklären.“ ein; „Das wird leicht ſein,“ erwiederte der Fremde; lieb „ich bin ein Jahr vor dem Tode der Frau Baronin blei zum Verwalter in Engelvik ernannt worden; mein Name iſt Waldenberg. Und ich nehme mir die Ehre, ſich den Herrn Baron mit aufrichtigem Herzen in ſeiner mar früheren und jetzt eigenen Heimath willkommen zu Jun heißen.“ 1 „Ich danke Ihnen, Herr Waldenberg,“ ſagte Lin⸗ nit⸗ tolz ner tte, mit dem En⸗ ibte ken, elle⸗ ihn⸗ und mit te l⸗ ver⸗ eut⸗ t ſie an? r es Illee von gen⸗ und den efern elbſt mde; onin mein Ehre, einer 1 zu Lin⸗ 51 dorm freundlich und reichte ſeinem jungen gefälligen Verwalter die Hand.„Es freut mich, daß meine Stiefmutter darauf bedacht war, einen ſolchen Dienſt einzurichten; denn ich habe, aufrichtig geſagt, wenig Einſicht in dergleichen Dingen. Aber am meiſten freut es mich, daß ſie, wie ich glaube, eine ſo gute Wahl getroffen hat.“ „Darauf kann ich nicht antworten,“ erwiederte Waldenberg mit einem leichten Erröthen.„Das ver⸗ fallene Ausſehen des Wohnhauſes ſcheint das Gegen⸗ theil zu beweiſen; aber Ihro Gnaden verordneten wäh⸗ rend ihrer Lebenszeit, was auch noch nach ihrem Tode beachtet werden ſollte, daß nicht einmal die unumgäng⸗ lichſte Reparation am großen Hauſe ſtattfinden ſollte, bis ihr Nachfolger das Beſitzthum angetreten hätte. Mein Wirkungskreis beſchränkt ſich bloß auf das, was den Landbau und die übrige Pflege des Gutes betrifft, und wenn der Herr Baron ein wenig zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen iſt, hoffe ich, eine befriedigende Rechenſchaft darüber ablegen zu können.“ „Daran zweifle ich durchaus nicht, Herr Walden⸗ berg,“ fiel Lindorm ein,„und ich verſichere Sie, daß ich dachte, wie ich ſprach. Ich billige die Anordnungen der Baronin, weil ſie mir durch die Verbeſſerungen, die ich vorzunehmen gedenke, Gelegenheit zur Zerſtreuung und Beſchäftigung geben. Aber ſagen Sie mir, wo befindet ſich mein Gaſt? Es iſt ein weitläuftiger Ver⸗ wandter von mir, Secondlieutenant bei der Flotte und eben erſt im Dienſte angeſtellt. Jung, reich und der einzige Sohn, wählt er ſeinen Aufenthaltsort nach Be⸗ lieben, und wird einige Zeit hier mein Geſellſchafter bleiben.“ „Der junge Herr,“ verſetzte der Verwalter,„hat ſich in den Speiſeſaal hinabbegeben, wo er ſich in Er⸗ manglung eines Beſſern mit der Haushälterin, der Jungfer Wings, unterhält.“ „Das iſt ſo ſeine Gewohnheit,“ ſprach Lindorm, und ein nicht unbedeutender Zug des Mißvergnügens bildete ſich um ſeine Lippen.„Ich mag das nicht haben, doch hoffe ich, Jungfer Wings iſt bei Jahren.“. „In dieſer Hinſicht,“ erwiederte der Verwalter ſcherzend,„darf der Herr Baron ganz unbekümmert ſein. Jungfer Wings hat längſt ihre fünfzig gezählt, und obwohl ein Ehrenweib, hat ſie doch nach glaub⸗ würdigen Verſicherungen ihr Lebetage Schnabel und Klrnen gehabt, welche Naturgaben ſie noch bis dato eſitzt.“ „Das freut mich ſehr,“ bemerkte Lindorm.„So muß immer die wohlbeſtellte Haushälterin bei einem Junggeſellen beſchaffen ſein; doch wie iſt es mit dem uͤbrigen Hausgeſinde?“ „Drei Mägde, ein alter Bedienter, drei Knechte und ein Junge,“ zählte der Verwalter her. „Das iſt ſchön; geben Sie mir jetzt einige Nach⸗ richten über meine Freunde in Roſendal. Wie ich ge⸗ hört habe, hat ſich Kapitän Werdenberg's Wittwe mit Herrn Hermer verheirathet, einem ſehr achtungswerthen und, wie man ſagt, reichen Manne, was nicht bezwei⸗ felt werden kann, wenn man die Veränderungen betrach⸗ tet, die dort ſtattgefunden haben.“ Er ſtreckte die Hand. gegen Roſendal aus. „Dieſe Dinge,“ ſprach Waldenberg,„ſind lang vor meiner Ankunft an dieſem Orte vorgefallen, aber nach dem, was man mir erzählt hat, hat die junge Frau v. Werdenberg, nach einjährigem Wittwenſtand, und nachdem auch ihre Schwiegereltern dem ewig ver⸗ mißten Sohne nachgefolgt waren, von Schmerz und Unglück niedergebeugt, das Herz und die Hand des edelſten Mannes angenommen. Wie glücklich ſie wäh⸗ rend dieſer Ehe geworden iſt, entdeckt man beim erſten Blick in dieß ſo holde und ſanfte Angeſicht. Ueber⸗ dieß wird ihr Gatte hier zu Lande als ein Muſter von einem Ehemann angeſehen, und zeichnet ſich im ge⸗ wöhnlichen Leben vor Andern durch einen ruhigen, aber freundlichen Ernſt, ein edles Gemüth und eine 53 hinreißende Beredſamkeit aus. Er wird aber auch in ſeinem Hauſe ganz vergöttert; und er verdient es. Ein zärtlicher und aufmerkſamer Gatte, ein gütiger und be⸗ dachtſamer Vater, ein beſorgter und guter Hausvater, mit einem Wort, ein Mann, wie er ſein ſoll.“ „Nun, wahrhaftig,“ fiel Baron Guſtav lächelnd ein, es ſcheint mir faſt, als ob Sie ſelbſt den Preis der Beredſamkeit verdienten, Herr Waldenberg. Und obwohl ich all' das Gute glaube, das Sie mir ſagen, ſo würde ich es doch recht gerne ſehen, wenn Sie mir auch etwas von den andern Perſonen mittheilen woll⸗ ten, die jene Mauern einſchließen, zum Beiſpiel von Georginen, Frau v. Werdenberg's Tochter aus erſter Ehe. Sie war eine reizende, vielverſprechende Roſen⸗ knoſpe, als ich vor vielen Jahren von hier ſchied. Ich errathe, daß ſie jetzt eine herrlich entwickelte Blume iſt.“ „Das Fräulein! ja, ſie!“ Herr Waldenberg ward durch einen widerwärtigen Huſten am Fortfahren ge⸗ hindert. Ein Paar Minuten darauf fügte er mit merk⸗ licher Veränderung in der Stimme hinzu:„Fräulein v. Werdenberg wird allgemein als die ſchönſte Roſe des Thales verehrt.“ „Iſt es nicht bekannt, ob ihr Jemand ſeine Hul⸗ digung darbringt?“ fragte Lindorm. Und ſein Blick weilte mit einem zerſtreuten Ausdruck auf dem Altane gegenüber. „Das iſt mehr, als ich weiß,“ antwortete der Ver⸗ walter, und eine flammende Purpurgluth fuhr wie ein ſchnell verſchwindendes Nordlicht über ſeine bleichen Wangen;„allein, wie es ſcheint,“ ſetzte er hinzu,„kann ſich in dieſer Hinſicht Niemand eines Vorzuges bei ihr ſchmeicheln, obwohl es bei uns ein allgemeiner Glau⸗ bensartikel iſt, daß kein Mann Fräulein v. Werdenberg ſehen und kennen lernen kann, ohne ihr mehr oder weniger ſeine Aufmerkſamkeit zu beweiſen. Das ganze Gerichtsperſonale liegt Woche aus Woche ein, ſo lange der Termin fortdauert, wenigſtens von Samſtag Abend bis Montag früh in Roſendal vor Anker.“ „Doch nicht alle aus demſelben Grunde?“ fragte Lindorm, über den kummervollen Ton lächelnd, womit dieſe letzte Nachricht mitgetheilt wurde. „Ja, bei meiner Ehre,“ verſicherte Waldenberg, „vom Oberrichter bis hinab zum geringſten Schreiber.“ „Und doch ſagen Sie, daß Keiner den geringſten Vorzug erhalten habe. Aber dieſe Gerüchte ſind wahr⸗ haftig ſehr intereſſant. Setzen wir uns und fahren in der Unterhaltung fort; Arthur vermißt mich nicht, ſo lange das Souper dauert, und der Abend iſt ſo ein⸗ ladend.“ „Aber kühl, und der Nachtnebel iſt ſehr ungeſund,“ bemerkte Waldenberg, der nicht ſehr geneigt ſchien, ſich auf einen Gegenſtand einzulaſſen, der ohne Zweifel pei⸗ nigend für ihn war. „O Kühle, Nebel, Sturm und Regen, das iſt mir Alles gleich,“ fiel Baron Guſtav ein.„Ich liebe den Abend mit ſeinen Schatten; er ſpricht wohlthuend zu meiner Seele. Doch ich bin nicht ſo egoiſtiſch, um irgend Jemand um meinetwillen Beſchwerlichkeiten zu machen: vielleicht theilt Herr Waldenberg meinen Ge⸗ ſchmack nicht, oder kann Ihre Geſundheit dieſe Wechſel nicht ertragen.“ „Früher,“ ſagte der Verwalter in tiefem, ſchmerz⸗ lichem Tone,„ſchwärmte ich gerne im Dunkel der Nacht umher, und noch jetzt kann mich der ſternbedeckte Himmel hinauslocken von dem Lager der Ruhe; aber meine Geſundheit iſt in der That ſehr ſchwach. Ich habe ſo wenige Jahre auf dieſer ſchönen Erde zu leben, die ich ſo innig liebe, daß ich ſparſam mit dieſen Ge⸗ nüſſen haushalten muß, wenn ich meine Pilgerfahrt nicht verkürzen will.“ „Wenn es ſo iſt, mein beſter Herr Waldenberg, verſetzte Lindorm mit Theilnahme,„ſo wollen wir uns heim beeilen. Wie ich jetzt ihr Geſicht näher be⸗ trachte, finde ich auf den blaſſen, feinen Wangen jene hellen rothen Blumen, die ſo leidige Vorboten ſind. — ꝙ——0SSͤ ragte omit der 55 Haben Sie einen Arzt darum um Rath gefragt, und hat dieſer einen ſolchen Ausſpruch gethan?“ „Ja, ſchon vor mehreren Jahren. Auf Anrathen eines geſchickten Arztes brach ich meinen akademiſchen Kurſus ab, um eine Bahn zu betreten, wo Luft, Be⸗ wegung und Befreiung von anhaltenden Studien ge⸗ meinſchaftlich dazu beitragen konnten, dem Uebel ent⸗ gegen zu arbeiten. Mein Vater, ein redlicher und geachteter Geiſtlicher, der aber mit einer großen Fa⸗ milie geſegnet war, hatte mich frühzeitig für ſeinen Stand beſtimmt. Ich theilte jedoch ſeine Anſichten nicht, da ich die heißeſte Neigung zur Arzneiwiſſen⸗ ſchaft gefaßt hatte. Er wollte meinem Wunſche keine Hinderniſſe in Weg legen, konnte jedoch in Betracht ſeiner dürftigen Umſtände mir wenig Unterſtützung ge⸗ ben, und ich arbeitete um ſo eifriger, um ihn nicht zu berauben. Die meiſten Stunden des Tages gab ich Unterricht in den lebenden Sprachen, und opferte ganze Nächte der Wiſſenſchaft auf, zu der ich mich beſtimmt hatte. Nach zwei ſo zugebrachten Jahren waren meine Kräfte ganz und gar erſchöpft. Es warf mich auf's Krankenbette, wo ich ſechs Monate zurückgehalten wurde. Als ich endlich wieder aufſtand, wollte ich auf's Neue wieder meine alten Beſchäftigungen beginnen; aber meine leidende Bruſt arbeitete meiner Bemühung ent⸗ gegen. Sie ertrug das ſtillſitzende Leben nicht; der Arzt mahnte mich beſtimmt davon ab, und rieth mir, wenn ich noch einige Jahre leben wollte, Luft und Be⸗ ſchäftigung zu wechſeln. Lange ſtritt ich dagegen; aber die Bitten meines Vaters, die Thränen meiner gelieb⸗ ten Mutter und die Vorſtellungen eines ergebenen Freundes bewogen mich endlich, von meinem Vorſatze abzuſtehen. Sie erhielten mein Verſprechen, und mit tiefem Schmerz entſagte ich meinem heißeſten Wunſche. Ich reiste heim, und durch Hermer, der ein alter Freund meines Vaters iſt, erhielt ich den ruhigen Platz, den ich jetzt inne habe. Ich kann mich nicht über ſchwere Leiden beklagen; aber meine Bruſt iſt doch zu ernſthaft angegriſſen, als daß ich mir Hoffnung auf eine durchgreifende Verbeſſerung meiner Geſundheit machen dürfte.“ „Bei Gott, beſter Herr Waldenberg,“ ſagte Lin⸗ dorm herzlich, und drückte mit unverſtellter Rührung die Hand ſeines Begleiters,„Ich habe Ihnen mit war⸗ mer Theilnahme zugehört. Ich beklage es, daß Sie genöthigt waren, eine Ihren Kenntniſſen ſo wenig ent⸗ ſprechende Wahl zu treffen; aber erlauben Sie mir, Sie zu verſichern, daß Alles geſchehen ſoll, was von mir abhängt, um Sie mit der Nothwendigkeit zu ver⸗ ſöhnen. Ich bin herzlich froh, in Ihnen einen gebil⸗ deten Mann zu finden, deſſen Umgang mir theuer wer⸗ den wird; denn Arthur's frohe und tändelnde Laune paßt nicht immer mit der oft düſtern Richtung meiner Seele zuſammen. Aber ſehen Sie, da haben wir ihn.“ „Nun, wo hältſt denn Du Haus, Guſtav?“ rief dieſer dem Baron entgegen.„Ich glaubte ſchon, Du wollteſt heute Nacht zwiſchen den Gräbern philoſophi⸗ ren. Gott ſei Dank, ich habe mich ſchon im Hauſe bekannt gemacht, habe eine vortreffliche Abendmahlzeit eingenommen, und dachte gerade eben auf Abenteuer.“ „Abenteuer,“ fiel Lindorm lachend ein;„aber es ſei mir erlaubt, die Herren einander vorzuſtellen. Lieu⸗ tenant S., Herr Waldenberg, mein Verwalter und un⸗ ſer gemeinſchaftlicher Geſellſchafter. Nun, mit Deiner Erlaubniß, wo wollteſt Du anfangen?“ „Ich kann mich wirklich nicht erinnern,“ erwiederte Arthur ſcherzend,„daß ich unter den Pflichten eines guten Wirthes etwas davon habe erwähnen hören, daß er ſeinen Gäſten ſo nahe gehende Fragen machen ſolle, weßhalb ich mit Deiner Erlaubniß die letztere unbeant⸗ wortet laſſe. Und um das Vergnügen Deiner Geſell⸗ ſchaft zu haben, oder vielmehr, um Dich nicht der meinigen zu berauben, bleibe ich in aller Stille dabei ſtehen, wo ich bin.“ Man trat nun in das große, gewölbte Vorzimmer, wo das Hausgeſinde, Jungfer Wings an der Spitze, 4 —%%¼ 57 aufgeſtellt ſtand. Sie verneigte ſich ſittſam einmal über das andere, und bat Ihro Gnaden, auf's Herzlichſte willkommen zu ſein.„Hier iſt es zwar bei weitem nicht ſo in Ordnung, wie es zum Empfange des Herrn Barons hätte ſein ſollen,“ ſagte ſie;„allein da uns der gnädige Herr nicht von Höchſtdeſſelben Ankunft unterrichtet haben, ſo muß man eben mit dem vorlieb nehmen, was das Haus vermag. Ich ſage immer meine Gedanken frei heraus.“ „Daran thun Sie wohl, meine liebe Jungfer Wings, und das war auch ganz vernünftig,“ ſprach Lindorm mit herablaſſender Freundlichkeit und klopfte ihr auf die Achſel.„Ich bin vollkommen mit dem zu⸗ frieden, was Sie mir zu bieten haben; denn ich habe einen tüchtigen Hunger, und werde wohl Ihre Koch⸗ kunſt preiſen, auch im Falle ſie zu dem mittelmäßigen Schlage gehört.“ „Ach! Gott ſegne Euer Gnaden, das iſt ſehr ver⸗ nünftig geſprochen. Treten Sie jetzt immerhin hinein. Macht Platz, Kinder,“ mit einem gnädigen Nicken zu den übrigen Dienſtleuten,„morgen will euch der Herr Baron ſehen und ſprechen. Und morgen, wenn ich die Nacht für mich gehabt habe, um über die Sache nach⸗ zudenken, hoffe ich den gnädigen Herrn überzeugen zu können, daß die ſelige Frau Baronin nie Geſchmack an mittelmäßigen Haushälterinnen fand.“ Die Herren wurden nun durch ein ſchönes, wohl⸗ erhaltenes Zimmer zum Speisſaale geführt, wo Jungfer Wings mit Hinweglaſſung unnöthiger Komplimente als Wirthin die Honneurs machte, und mit beſonderem Ver⸗ gnügen zuſah, wie der Baron über die Fleiſchpaſteten und grünen Erbſen herfiel. Neuntes Kapitel. Gleich einer Oreade war ſie ſchlank, Und froh und huͤpfend war ihr Gang. Tegner. Wir wollen uns nun in größter Eile über die Bucht hinüberbegeben, um zu ſehen, was auf der an⸗ dern Seite zu entdecken iſt. Mit des Leſers Erlaubniß ſchwingen wir uns ſchnell hinauf auf den oben erwähn⸗ ten Altan, wo jener Gegenſtand, der ſchon unſeres Helden Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hat, vor unſern Blicken ſteht. Der dunkle Schleier der Dämmerung, der ihn neidiſch in ſeine grauen Maſſen einhüllt, hin⸗ dert uns daran, unſere Neugierde zu befriedigen. Doch ohne Schwierigkeit laſſen ſich der üppige Wuchs der weiblichen Geſtalt und die leichten und anmuthigen Bewegungen, wenn ſie einen Gang auf dem Altan macht, erkennen. Bisweilen beugt ſie ſich üͤber die Galle⸗ rie, während ſie mit der einen Hand den reizendſten Kopf unterſtützt, und mit der andern, in der ſie einen weißen Schleier hält, gegen die Bucht hinauswinkt. In einiger Entfernung hoͤrt man raſche Ruderſchläge ſich nähern; ſie werden immer deutlicher; endlich legt ein kleines Boot an der Vorbrücke bei. Es wird in größter Haſt feſtgebunden, und unſer kleiner Bekannter vom Kirchhof, der allein Inhaber deſſelben geweſen war, eilt herauf auf den Plan, in das Haus, alle Treppen hinauf, und hält nicht eher, als bis er auf dem Altane ſteht. „Gine, Gine,“ ſprudelte er heraus,„das war ſchön, daß Du mit dem Schleier winkteſt, ſo erfuhr ich gleich, wo du warſt, denn Du ſollſt mir glauben, ich weiß etwas, ich habe etwas gehoͤrt, ich habe etwas ge⸗ ſehen. Aber wenn du auch noch ſo neugierig auf mein Geheimniß wäreſt, ſo ſage ich Dir doch nichts davon, terbꝛ auch rung, hin⸗ Doch 3 der higen Altan Halle⸗ ndſten einen vinkt. hläge hlegt d in nnter weſen alle r auf war hr ich ich s ge⸗ mein avon, 59 bis Du mir verſprichſt, das zu thun, was ich von Dir bitten will.“ „Nun, was begehrſt du denn, Willy? Laß hören, ob ich es bewilligen kann,“ antwortete eine Stimme, deren unbeſchreiblich ſüßer Klang nothwendig das un⸗ geſtümſte Herz beruhigen mußte. „Du darfſt glauben, Gine, daß ich dich um nichts Geringes bitte; aber ich habe Dir auch etwas Wich⸗ tiges mitzutheilen. Willſt Du mir deßhalb verſprechen, — denn ich weiß, daß Du Wort hältſt, wenn Du et⸗ was verſprochen haſt— willſt Du mir geloben, daß Du dem dicken, widerwärtigen Oberrichter Holk, der ſich um Dich bewirbt, nie Dein Jawort geben wirſt? Ich kann den Menſchen nicht ausſtehen, weil ich hin⸗ länglich fühle, daß er ſchon eine ſolche Beſchützersmiene gegen mich angenommen hat. ‚Höre, Willy, mein Junge, pflegt er zu ſagen,„was willſt Du Gutes wer⸗ den? Sei fleißig und artig, ſo darfſt Du mit der Zeit mit mir kommen und zum Gerichte reiſen. Iſt Dir das nicht angenehm?“ Und ſo noch viele andere eben ſo wichtig thuende Fragen und Verſicherungen, die machen, daß ich ihn nicht leiden kann. Nun, Du lachſt, Gine; ich ſehe Dir an, daß er nie das Jawort erhal⸗ ten wird.“ „Richtig, Willy; Du biſt ein ganz ſicherer Phyſto⸗ nomiker. Er bekommt nie das Jawort; denn Papa hat ſchon den Auftrag erhalten, ihn mit einem Nein ab⸗ zuſpeiſen. Somit iſt die Sache abgemacht; nun Deine Neuigkeit!“ „Nein! noch nicht, Gine! Du mußt mir auch verſprechen, Dich nie mit dem gezierten, weibiſchen Notar Blohm zu verheirathen, der jede Minute liſpelt: „Ach, meine Gnädige, wie göttlich, wie bezaubernd iſt es in Roſendal! Einen Ta hier, in Ihrer Geſell⸗ ſchaft, iſt mehr werth als...“ „Stille, Willy; Du wirſt wirklich unartig,“ un⸗ terbrach ihn die Schweſter.„Aber ich verſpreche Dir auch noch, daß, obwohl mir die artige, freilich etwas leere Unterhaltung des Hofgerichtsnotars ſehr gut ge⸗ fällt, ich mich doch nie mit ihm verbinden werde. Aber laß mich jetzt auch Deine wichtige Neuigkeit wiſſen. Du ermüdeſt mich mit all' Deinen Bedingungen.“ „Sei nicht ungeduldig, Gine; ich werde gleich anfangen; aber ſage, willſt Du meinen Bericht in Rürje hören, oder willſt Du, daß ich umſtändlich ſein oll? „O, der Mittelweg iſt der beſte. Es wäre gut, wenn Du einmal zum Anfang kämeſt, Willy.“ „Nun, ſiehſt Du, als ich in der Schule frei wurde, ſprang ich vom Pfarrhofe hinab zum Kirchhof, um zu ſehen, ob der Raſen auf der kleinen Bank grünte, die Du mich zu pflegen gebeten haſt. Wie ich nun ſo da ſtehe, höre ich einen Wagen auf der Landſtraße rollen. Ich glaubte, es ſeyen Fremde, die zum Pfarrhofe gingen; allein ſie hielten vor dem Kirchhofe. Da ich die Sache ein wenig näher beſehen wollte, kletterte ich auf den Baum, und da gewahrte ich einen ſchönen Jagdwagen, ganz ſo wie der des Pfarrers Werner. Du erinnerſt Dich doch des Pfarrers Wagen, Gine?“ „Ach ja; aber ich bekümmere mich nicht um den Wagen. Wer ſaß darinnen?“ „Ohne allwiſſend zu ſein,“ erwiederte Willy, „hätte ich Dir das nicht mittheilen können, wenn nicht ein ganz beſonderer Vorfall ſich zugetragen hätte.“ „Nun, welcher denn? Du ſollteſt nicht ſo weit⸗ ſchweifig ſein, kleiner Willy?“ „Ei, wenn ich nicht ſprechen darf, wie ich ſelbſt will, und wenn Du es nicht laſſen kannſt, mich zu un⸗ terbrechen, ſo kann ich gerne ſchweigen,“ meinte Willy ziemlich böſe. „Nein, nein, ſprich, mein lieber Junge. Es war alſo ein Wagen, wie der des Pfarres, und darinnen ſaß, ſagteſt Du...“ „Ich ſagte nicht, daß Jemand darin ſaß,“ ant⸗ wortete Willy, ernſtlich erzürnt;„denn ehe ich auf dem Baume war, war ſchon einer der Herren aus dem ger tär Aug ſpra zier eini Abe ganz Und früh müft Gin der deßh denk Geor ſo ed liche ſagen wie Wor! zeich: Eind 7 niren ander darfſt nicht alſo ge⸗ Aber ſſen. leich t in ſein gut, irde, n zu die o da llen. hofe a ich 2 ich önen Du den illy, nicht veit⸗ elbſt un⸗ Villy war unen ant⸗ auf aus 61 dem Wagen heraus, und der andere, ein ſehr jun⸗ ger und pünktlich gekleideter Herr— gewiß ein Mili⸗ tär— lag zur Hälfte, mit einem Fernglas vor dem Auge, heraus. Der, welcher auf der Straße ſtand, ſprach einige Worte mit ihm. Darauf nahm der Offi⸗ zier mit dem Fernglas den Weg gegen Engelvik. Nach einigen Minuten trat der Fremdling in den Kirchhof. Aber, Gine, Du darfſt glauben, das war eine Geſtalt, ganz ſo wie ich mir die römiſchen Helden vorſtelle. Und deßhalb werde ich jetzt mit mehr Intereſſe als früher leſen; denn jetzt weiß ich, wie ſie ausſehen müſſen. Du liebſt ja auch die alten Helden Roms, Gine?“ „Ja gewiß, lieber Willy; aber aufrichtig gt, der Held im Kirchhof intereſſirt mich mehr. L mich deßhalb einmal etwas Vollſtändiges hören.“ herrie nur ein wenig; ich muß erſt darüber nach⸗ denken.“ „Er war natürlich von hohem Wuchſe?“ fing Georgine an. „Ja freilich, Schweſterchen, und mit einem Gang ſo edel und zugleich ſo ſtolz, daß ich nie etwas Aehn⸗ liches geſehen habe. Es lag etwas Eigenes, ich möchte ſagen Majeſtätiſches darin.“ „Gut, Willy! Jetzt kommen wir an die Haltung; wie war dieſe?“ „O, die war ſo, ſo—— was iſt das für ein Wort, das Papa immer gebraucht, wenn er etwas be⸗ zeichnen will, wie ſoll ich ſagen, etwas Würdiges, das Eindruck auf Andere macht?“ „Imponirend, meinſt du?“ „Richtig, Gine, ſeine Haltung war wirklich impo⸗ nirend. Aber warte, ich erinnere mich auch noch eines andern Ausdrucks: dis— dis— diſtinguirt. Ja, Du darfſt glauben, ich brauche mein ſchlechtes Franzöſiſch nicht bloß zum Zeitvertreib. Das paßt ja vortrefflich; alſo imponirend und ſehr diſtinguirt.“ 62 „Nun, laß uns davon abkommen, Willy. Der Anfang iſt hübſch; war er ſchön?“ „Ja, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Ein ova⸗ les, wohlgebildetes Geſicht, eine hohe, weiße Stirne, große dunkelblaue Augen, die, als er auf den Kirch⸗ hof zuging, von Thränen ſchimmerten, lange, ſchwarze Augbrauen, ein klein wenig eine Adlernaſe, ein Mund faſt ſo ſchön wie der Deine, Gine, Zähne ſo ſchön wie des Notars Blohm, und Hände ſo weiß, daß ich nicht begreifen kann, wie ein Mann ſo weiße Hände haben kann; aber das Allerſchönſte waren ſeine dunklen Locken, die um das ſtolze, jetzt etwas gebückte Haupt wallten.“ „Ei, Willy, Du ſetzeſt mich durch deine feurige Beſchreibung ganz in Erſtaunen. Gott weiß, woher ein kleiner Knabe, wie du, ſich dieſe Ausdrücke ange⸗ lernt hat.“ „Ein kleiner Knabe, wie ich!“ ſpottete Willy. „Meinſt Du nicht, daß ich auch ſehe, höre und dem Gedächtniß einpräge? O, ich weiß noch eine ganze Menge,“ ſetzte er ſchelmiſch hinzu. „Aber wohin nahm der Fremde ſeinen Weg?“ „Ja, ſiehſt Du, mein ſüßes Schweſterchen, nachdem er in tiefer Andacht auf einem Grabe gebetet hatte, das ihm vermuthlich theuer war, ſetzte er ſich auf die kleine Bank. Er ſchien bekümmert und leidend; ſeine Wangen waren ſo bleich, daß ich mit meinem Leben dafür bürgen will, er hat einen großen und tiefen Kummer. Aber denke, wie ich gerade auf dem Baum⸗ gipfel im beſten Zug war und meine Bemerkungen machte, praſſelte es in den Zweigen. Er ſah auf, wurde mich gewahr, und was weiter geſchah, ſollſt Du morgen bei Zeit erfahren. Nun höre ich den Papa kommen.“ „Lieber, artiger Willy, ſage mir nur nocht, wer es war?“ 8 „Morgen, Gine, morgen. Du weißt, daß auch ich Wort halten kann; deßhalb heute Abend keinen Buchſtaben weiter von der Sache.“ meil Frei gen; den, Gin ein laß kühl Stin uns bloß Saal zum mer kleide Kopf befeſt Weib war, als 9 ſahen. obſcho hatte, kurze die U . aus, glückl großes ſie wa hatte Der ova⸗ tirne, eirch⸗ varze NRund ſchön ß ich dände nflen aupt rrige oher inge⸗ zilly. dem anze 1 dem atte, [die ſeine eben tefen um⸗ chte, nich bei wer auch inen 63 „Ja; aber, Willy, das iſt ſehr unartig von Dir. Du kannſt ja nach dem Abendeſſen auf mein Zimmer kommen.“ „Das kann ich gewiß, Gine, wenn Du mir bei meiner Ueberſetzung helfen willſt; aber mehr von dem Fremdling zu ſprechen, dazu wirſt Du mich nicht brin⸗ gen; denn, ſiehſt Du, auch ich werde ein Mann wer⸗ den, und ein ſolcher muß ſein Wort halten. Und wiſſe, Ginchen, ein Mann bedeutet etwas ganz Anderes, als ein Weib.“ „Still, du Schwätzer,“ flüſterte Georgine;„komm, laß uns hinab gehen.“ „Warum ſaͤumt ihr ſo lange oben in der Abend⸗ kühle, Kinder?“ fragte eine wohllautende, männliche Stimme von unten.„Willy, mein Junge, Du haſt uns noch nicht begrüßt.“ „Wir kommen im Augenblick, Papa; ich hatte bloß ein wenig mit Gine zu reden.“ Die Geſchwiſter gingen mit einander in einen Saal im erſten Stockwerk, wohin ſich der Papa ſchon zum Voraus begeben hatte. Hier ſaß ein Frauenzim⸗ mer von mittlerem Alter, in einem hübſchen Haus⸗ kleide, eine anſpruchloſe, aber reinliche Haube auf dem Kopfe und einen großen Schlüſſelbund an der Schürze befeſtigt. Noch konnte Frau Hermer für ein ſchönes Weib gelten, obgleich mancher Schnee ſeitdem gefallen war, als wir ſie in ihrer erſten üppigen Jugendblüthe als Alida von Hrxr den jungen Werdenberg feſſeln ſahen. Sie hatte ihre Schmerzen niedergekämpft, und obſchon ſie gewiß ihren erſten Gatten nicht vergeſſen hatte, war doch das Andenken an ihn und an ihre kurze ſchöne Seligkeit in den Hintergrund gedrängt; die Umgebung, die Gegenwart füllte den leeren Raum aus, der zwiſchen jetzt und damals lag. Alida war glückliche Gattin und glückliche Mutter, ſie hatte ein großes und gaſtfreies Haus zu ordnen und zu lenken; ſie war vollkommen zufrieden mit ihrem Schickſal, und hatte Nichts mehr zu wünſchen. 64 „Werden wir nicht bald zu Tiſche gehen, meine Alte?“ fragte Hermer ſein Weib.„Ich ſehne mich, 8 Peiſungän zu ſehen zu bekommen, die Willy bei i ha.44 „Gleich, mein Freund; ich warte nur auf Geor⸗ gine. Sieh', da iſt ſie. Was machſt Du, Mädchen? Papa wartet. Geh' nicht ſo ſpät Abends aus; es dient bloß dazu, ſich Schnupfen und Bruſtleiden zu holen. Bete zu Tiſche, kleiner Arxel.“ Bei dieſer Aufforderung ſprang ein kleiner ſechs⸗ jähriger Knabe hervor und fing ſchnell ſein Amt an. „So, das war artig. Georgine, binde Deinem kleinen Bruder die Serviette vor; reiche mir dort die Wurſtſchüſſel her, Willy.— Hermer, mein Alter, willſt Du Grützwurſt oder Leberwurſt?“ „Von beiden, meine Liebe. Aber wie, was iſt das? Die Teller ſind ja nicht recht warm! Willy, mein Kind, rufe Stine!“ Aus dem Werktagsauſtritt, den wir hier zeichnen, mag jetzt der Leſer erſehen, daß die kleine bezaubernde Alida eine ernſthafte und wohlgeordnete Hausmutter geworden iſt. „Morgen Abend habe ich meine Spielpartie,“ ſagte Hermer vergnügt.„Das Spiel iſt mitunter ſehr an⸗ genehm, und es iſt eine wahre Luſt, mit dem Ober⸗ richter Holk zu ſpielen. Es iſt wahrhaftig ſehr unter⸗ haltend für uns, ſo lange das Gericht dauert. Iſt es nicht ſo, meine Alte? Auf das Beſchwerliche der Sache nimmſt Du nie Rückſicht, das weiß ich, und ziehſt auch nicht ungern hie und da Deine Karten.“ „O lieber Hermer, ich ſpiele bloß aus Artigkeit, wenn ihr ſo hartnäckig ſeid oder die jungen Herren ſo ſehr flehen, daß man nicht anders kann; aber morgen, das ſage ich zum Voraus, mache ich keine Partie, denn ich habe aus der Leihbibliothek einen Roman von Spindler erhalten, der mich beſonders gut unter⸗ hält. Der ſoll mein Abendvergnügen ſein, ſo lange er dauert.“ neine mich, ) bei Geor⸗ chen? dient volen. ſechs⸗ an. inem t die willſt s iſt mein hnen, ernde utter ſagte an⸗ ber⸗ nter⸗ ſt es Sache auch kkeit, n ſo gen, rtie, man iter⸗ ee er „Apropos beim Leſen,“ ſagte der Papa;„die Zei⸗ tungen, Willy?“ Der arme Willy fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf ſtieg. Er erinnerte ſich jetzt erſt des Bündels, das er in der Bruſttaſche gehabt hatte, und das wahr⸗ ſcheinlich, da es ſich nicht mehr an ſeiner Stelle befand, während der Luftfahrt zwiſchen dem Staarenneſt und dem Boden verloren gegangen war. Er ſchwieg einen Augenblick, unſchlüſſig, was er antworten ſollte, da er ſein Geheimniß nicht preisgeben wollte, das er im Sinne hatte, um Georginens willen bis morgen aufzu⸗ ſparen, damit es dann um ſo feſtlicher ausfallen möchte. Da Hermer glaubte, er habe ihn nicht gehört, ſteigerte er die Stimme um ein paar Töne bei der erneuten Frage:„Du bekamſt doch die Zeitungen von Werner, Willy?“ „Ja— al! Papa, wohl bekam ich ſie; der Pfarrer ſagte: Habe gut Acht darauf, mein Junge!“ „Nun, wo haſt Du ſie hingelegt? Ich habe ſie nicht geſehen.“ „Das glaube ich wohl!“ antwortete Willy tief er⸗ röthend; ich habe das Unglück gehabt, ſie zu verlieren.“ „Aber wie iſt es möglich, daß ein ſo großer Burſche gehen und etwas rein verlieren kann, das man ihm anbefohlen hat, in Acht zu nehmen?“ fiel der Vater mit einem ernſten und vorwurfsvollen Blick auf ſeinen Sohn ein.„Du haſt mir durch Deine Fahrläſſigkeit viel Verdruß gemacht.“ „Aber, Papa, ich habe doch eine Entſchuldigung dafür; ich habe ein Abenteuer gehabt, das ich nachher Papa erzählen werde, und woruͤber ich gewiß bin, Ver⸗ zeihung zu erhalten, und die Zeitungen finde ich auf alle Fälle morgen wieder.“ „Wir wollen ſehen,“ ſagte Hermer;„komm mit mir auf mein Zimmer.“ ——⏑Q⏑—ÿ— Guſtav Lindorm. I. 66 Zehntes Kapitel. Ehrwuͤrdigſter Vater, mach' auf, mach' auf, mach' auf dem kleinen Peter! Alte Weiſe. Wer haͤtte nicht fuͤr einen ſolchen Engel eine Thorheit begehen koͤnnen? Lindeberg. Es war noch ganz früh am Morgen. Thauperlen lagen auf dem Gaſe und glänzten in den erſten Son⸗ nenſtrahlen, als ſich Jungfer Wings in eigener Perſon, von einer Kuchenmagd begleitet, in den Huhnerhof be⸗ gab, in der Abſicht und Meinung, einen Hahnenkampf anzuſtellen; denn gutwillig ließen auch dieſe ſchuchter⸗ nen Weſen ſich nicht ergreiſen, um von der erfahrenen Hand der Jungfer Wings unterſucht zu werden, in wie weit ſte der Ehre würdig ſeien, auf dem Mittagstiſche zu figuriren. „Ich meine, es habe an der Hinterthüre geklopft, Life; geh' und ſieh', wer es iſt.“ „Ich bin's, ich bin's, gute Jungfer Wings; ſeien Sie ſo gut und machen Sie aur. Machen Sie doch bald auf; ich ſtehe ſchon eine halbe Stunde hier.“ „Was für ein Ich?“ anwortete die Haushaͤlterin mürriſch.„Ich kann aus dem Klopfen und Schreien nicht wiſſen, wer alle Menſchen ſind.“ „Ach, beſte Jungfer Wings, ich glaubte, Sie kenn⸗ ten mich an der Stimme; ich bin ja Willy. Laſſen Sie mich ein; ich will mit dem Baron ſprechen.“ „Ja, da ſoll man doch ſehen, um dieſe Zeit ſchon zu kommen und Seine Gnaden in Ihrem Morgenſchlum⸗ mer zu ſtören!“ Sie ſchob dabei die Riegel zuruck. „Guten Morgen, mein lieber Willy; was thuſt Du ſo zeitig außen?“ auf, ſe. el eine verlen Son⸗ erſon, pf be⸗ kampf chter⸗ renen n wie tiſche lopft, ſeien doch terin reien kenn⸗ aſſen ſchon lum⸗ trück. du ſo 67 „Guten Morgen, Jungfer Wings! Ich komme, wie ich Ihnen ſagte, um mit dem Baron zu ſprechen. Ich traf ihn geſtern Abend unterwegs, und da ſagte er mir, ich ſolle bei guter Zeit kommen.“ „Ja, bei guter Zeit, Du Närrchen! Glaubſt Du, daß das heiße zwiſchen vier und fünf Uhr Morgens? Um acht Uhr, mein Kind, iſt die gute Zeit, wo man ſolche Leute beſucht. Aber komm ſo lange, in meine Stube, mein Junge, ſo ſollſt Du eine Taſſe Kaffee und Zwieback haben, während Du warteſt.“ „Kaffee und Zwieback habe ich daheim bekommen,“ erwiederte Willy erzürnt.„Jungfer Wings ſoll nicht glauben, daß ich ſo frühzeitig über die Bucht gerudert bin, um bewirthet zu werden. Der Baron weiß, was ich will, und weigert ſich gewiß nicht, mich anzuneh⸗ men, wenn Sie ihn nur wecken wollen.“ „Ihn wecken!“ rief Jungfer Wings aus und ſchlug die Hände vor Verwunderung zuſammen.„Wie ein⸗ fältig Du biſt, mein lieber Willy. Doch ich muß Dir rein herausſagen, daß es ſchon höchſt unpaſſend iſt, an ſo etwas zu denken, und noch weniger wirſt Du mich dazu bringen, es in's Werk zu ſetzen. Hat man je ſo etwas Närriſches gehört? Den Baron auſwecken, der, ermudet von der Reiſe, erſt um ein Uhr haute Nacht zu Bette ging, weil Du kommſt und mit ihm ſprechen willſt!“ „Ob ich oder ein Anderer komme,“ verſetzte der Knabe beleidigt,„ſo meine ich, daß das daſſelbe iſt; und es iſt wahrhaftig ſehr hart, vom Wirthe ſelbſt ge⸗ beten zu ſein und doch nicht zu ihm hinein zu dürfen. Und ich muß doch nothwendig um ſieben Uhr wieder zu Hauſe ſein! Liebe, gute Jungfer Wings,“ ſetzte er halb weinend hinzu,„Sie betrüben mich ſo ſehr. Es iſt heute Gina's Namenstag, und ich ſollte ihn mit einer kleinen Anordnung im Garten feiern. Um das noch beſſer thun zu können, hat mir der Butun etwas 68 verſprochen, an dem ihr, wie ich weiß, ſehr gelegen iſt. Deßhalb bin ich ſo früh aus, und Sie können nicht wollen, daß ich vergebens hergefahren bin. Ach nein, das können Sie nicht. Sie wiſſen, daß ich ſo viel auf Gine halte, und Sie ſind nicht ſo hartherzig, Jungfer Wings. Ich ſehe Ihnen an, daß Sie den Baron wecken wollen.“ „Mein armer Junge,“ antwortete die Haushälte⸗ rin, durch den letztern Theil von Willy's wohlgemein⸗ ter Rede etwas beſänftigt,„ich werde Alles thun, was ich kann, um Deinen Wunſch zu erfullen. Geradezu hineinzugehen und ihn zu wecken, iſt unmöglich; aber ich werde ſo laut in den Saal hineintreten, daß er, der im nächſten Zimmer gerade in Ihro Gnaden ſelig eigenem Schlafkabinet ruht, daran aufwachen ſoll und dann wahrſcheinlich um Kaffee ſchellen wird.“ „Danke, danke, liebe Jungfer Wings, für dieſen Vorſchlag. Gehen Sie nun gleich und poltern Sie recht tuchtig.“. Willy war kaum einige Minuten allein geweſen, als ſich eine Thure im Oehrn öffnete und Waldenberg, in einen Schlafrock gehullt, in das Vorgemach zum Hofe heraustrat.„Guten Morgen, mein raſcher Willy; ſo fruͤh biſt Du auf den Beinen? Ich glaubte Deine Stimme zu hören, und da ich Dein Geſchäft kannte, ſo eilte ich heraus, um Dir in Deiner langen Unter⸗ redung mit Jungfer Wings zu helfen.“ „Tauſend Dank dafür, Herr Verwalter! Vielleicht hat der Baron Ihnen den Zeiſig übergeben.“ „Nein, das Vogelbauer ſteht in ſeinem eigenen Zimmer; aber er hat mir geſagt, ich ſolle ihn wiſſen laſſen, wenn Du kommſt. Warte alſo eine kleine Weile, oder begleite mich in den Salon, Du wirſt gleich hin⸗ ein dürfen.“ Waldenberg ging voraus; in dieſem Au⸗ genblick hörte man eine Glocke von innen, die Willy benachrichtigte, daß Jungfer Wings Liſt geglückt war. Der Verwalter öffnete die Thüre zum Schlafzimmer n iſt. nicht nein, auf igfer ecken älte⸗ nein⸗ was dezu aber zer, ſelig und jeſen Sie eſen, verg, zum illy; beine unte, ater⸗ eicht enen iſſen eile, hin⸗ Au⸗ Lilly war. amer 69 und kam einige Minuten nachher mit einer Einladung an den wartenden kleinen Gaſt zurück. „Willkommen, mein flinker Vogelfänger,“ ſagte der Baron lächelnd und ſtreckte ihm die Hand hin. Willy näherte ſich, verbeugte ſich auf das Beſtmög⸗ lichſte, und faßte die hingereichte Hand, welche er herz⸗ lich drückte, während er mit einer gewiſſen Verwirrung ſagte:„Verzeihen Sie meiner Unhöflichkeit, daß ich Sie ſo frühzeitig ſtöre; aber da mir der Herr Baron die Erlaubniß gegeben hat, ſo glaubte ich, daß er es auch entſchuldigen würde.“ „Ganz recht, mein lieber Willy, und wie geſagt, Du biſt mir ſehr willkommen. Aber da Du, wie ich vermuthe, Eile haſt, ſo gebe ich Dir die Freiheit, den Vogel ſammt dem Bauer zu nehmen, wenn es Dir ge⸗ fällt. Es ſteht dort auf dem Tiſchchen am Fenſter.“ „Ach, beſter Herr Baron,“ rief Willy vergnügt,“ „wie prächtig wird das, und wie ſchön paßt das für meine liebe, gute Gine, die an den Vögeln eine ſo große Freude hat! Und dann das hübſche Bauer! Nie ſah ich etwas Aehnliches. Es glänzt ja wie das reinſte Gold. Du kleiner, netter Zeiſig, wie ſollſt Du ein Liebling werden! Ich muß gleich Alles mit einander nehmen. Iſt der Herr Baron ſo gut und erlaubt mir, auf der Stelle heimzufahren?“ „Ja gewiß, Willy, wenn Du nicht bleiben und mit uns Kaffee trinken willſt; aber haſt Du keinen Gruß von Deinen Eltern an mich?“ Der Knabe, der ſchon auf der Thürſchwelle war, wandte ſich ſchnell und erröthend wieder um.„Ei, Herr Gott, daß ich in der Eile das vergeſſen konnte! Mama und Papa— Georgine hat es noch nicht wiſſen dürfen — waren Beide ſo arg vergnügt, als ſie hörten, daß der Herr Baron wieder heimgekommen ſei; und ſie ha⸗ ben mir aufgetragen, den Herrn Baron auf das Freund⸗ lichſte zu bitten, uns mit dem fremden Herrn die Ehre zu geben, und heute Mittag in Roſendal zu ſpeiſen. 70 Und Sie auch, Herr Waldenberg! Meiner Treu, bei⸗ nahe hätte ich Alles vergeſſen. Der Herr Baron iſt doch ſo gut und kommt?“ „Danke, mein guter Willy! Auf Nachmittag wer⸗ den wir das Vergnügen haben, unſern Beſuch zu ma⸗ chen. Ich will dieſen Morgen einen Gang nach dem Pfarrhofe thun, und komme wahrſcheinlich nicht zeitig genug zurück, um zum Mittageſſen nach Roſendal gehen zu können.“ „Ach, das iſt zu unangenehm,“ ſagte Willy ver⸗ drüßlich.„Warum ſoll denn der Herr Baron den gan⸗ zen Vormittag in Effenbo bleiben? Ueberdieß eſſen wir nicht ſo bald. Kommen Sie nur; denn ich muß Ihnen auch ſagen, daß geſtern das Gericht ſeinen Anfang ge⸗ nommen hat, und deßhalb haben wir alle Samstag Abend Beſuche vom Oberrichter Holk und ſeinen Herren; und ich glaube, daß wir dann nicht ſo ungeſtört ſein können, als wenn Sie zu Mittag kommen. Ach, thun Sie das, beſter Baron! Ich halte ſchon ſo viel auf Sie, und will ein für alle Mal nicht mit einem Nein heimfahren.“ „Nun, da Du ſo aufrichtig biſt, Willy, und Deine Eltern uns gerne ſehen wollen, ſo werden wir uns einfinden. Grüße ſie, mein Junge!“ „Herzlich willkommen alle mit einander!“ rief Willy und eilte fort. Aber auf der Treppe wurde ſein Lauf von Waldenberg aufgehalten.„Warte ein wenig, warte da, ich will etwas mit Dir reden.“ „Aber ich habe ſo Eile, Herr Verwalter.“ „O, es geht wohl nicht an's Leben! Gedulde Dich hier ein wenig, ich komme ſogleich zurück.“ Waldenberg eilte auf ſein Zimmer, von wo er bald zurückkehrte, und eine Vaſe mit den wunderſchönſten Blumen trug. Waldenberg war ein geſchickter Botaniker, und ſeine liebſte Beſchäftigung beſtand darin, ausländiſche Pflan⸗ zen in Gewächshäuſern aufzuziehen. Blumen waren ſein Leben, und die, welche er jetzt herabbrachte, die bei⸗ iſt wer⸗ ma⸗ dem eitig ehen ver⸗ gan⸗ wir ynen 985 Stag ren; ſein thun auf Nein eine uns zilly Lauf arte Dich berg arte, rug. eine lan⸗ aren die 71 ſchönſten und ausgewählteſten von denen, die er ſo glücklich geweſen war, von dem herrlichen Himmels⸗ ſtriche des Südens überzupflanzen. „Sieh', Willy, nimm dieſen Blumentopf und gib ihn Deiner Schweſter mit dem Bauer. Fräulein von Werdenberg liebt ja Blumen?“ „Ja, auf's Höchſte, beſter Herr Verwalter, und mit dieſen, das wollte ich faſt gewiß behaupten, ſchmückt ſie ſich heute. Ich will Ihnen etwas im Vertrauen ſagen, Herr Waldenberg, nämlich, daß ſich Gina weder mit Holk, noch mit Blohm vermählen wird. Ich habe wohl bemerkt, ich, daß Sie dieſe Herren nicht leiden können. Deßhalb ſage ich Ihnen das.“ Waldenberg wandte ſich ab, um ſeine Verlegen⸗ heit zu verbergen.„Unglückſelige Schwachheit!“ mur⸗ melte er bei ſich ſelbſt,„warum ſollte ich die Thorheit begehen, ihr Blumen zu ſchicken? Bin ich denn ſo wenig Herr meiner Gefühle, daß ein Kind ſie durch⸗ ſchaut?“— Willy brach das für ihn nicht recht faß⸗ liche Schweigen.—„Herr Waldenberg, ſoll ich ſagen, daß die Blumen von Ihnen ſind, oder daß ich ſie von Ihnen begehrt habe? Warum ſehen Sie ſo finſter aus; Sie waren ja eben noch ſo froh?“ „Von mir ſollſt Du nicht lügen lernen, mein gu⸗ ter Junge,“ antwortete Waldenberg leiſe, indem er ſich wieder zu erholen ſuchte.„Wenn Du meinſt, daß Deine Schweſter einige Blumen von dem geringen Verwalter nicht verſchmäht, ſo gib ſie Fräulein v. Wer⸗ denberg als ein Pfand meiner Verehrung.“ „Und Bewunderung! pflegt Notar Blohm immer beizuſetzen. Soll ich es auch hiebei thun?“ fragte Willy ſchelmiſch. „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte Waldenberg mit ruhigem Ernſt;„keinen Buchſtaben mehr, als ich ge⸗ ſagt habe.“ „Wie Sie wollen, Herr Verwalter! Ich werde ſchon unterwegs darüber ſtudiren. Guten Morgen; aber Sie kommen doch zu Mittag?“ —— „Nein, heute nicht, Willy; ich befinde mich nicht ganz gut; lebe wohl!“ Nachdem die Herren in Engelvik ein Frühſtück eingenommen hatten, das Ihro Gnaden ſelig ſelbſt Ehre gemacht hätte, befahl man, zwei Reitpferde zu ſatteln. Der Baron kam heraus, in einen geſchmackvollen Reit⸗ anzug gekleidet.—„Ich hoffe, der Pfarrer Werner, mein früherer Lehrer, befindet ſich wohl?“ fragte er Jungfer Wings, die unter tiefen Knixen Ihro Gnaden einen guten Morgen wünſchte.„Wir wollen zu ihm, der Herr Lieutenant und ich.“ „Seine Hochwürden ſind, Gott ſei Dank, in gu⸗ ter Geſundheit, und was das Wohlbefinden betrifft, ſo ſage ich gerade heraus, daß er ſich nicht wohl be⸗ findet, da er auf einer ſolchen Pfarrei wie Effenbo ſitzt, die verdient, mit dem Tollhaus vertauſcht zu werden.“ „Sie ſind ſehr ſtreng in Ihrem Schlußſatze,“ ſagte der Baron mit einem flüchtigen Lächeln.„Der Pfarrer iſt ja nicht verheirathet?“ „Das iſt ſeine eigene Schuld. Er wird als Jung⸗ geſell leben und ſterben. Der Herr Baron werden vielleicht gehört haben, daß er einmal gleich nach ſeiner Hieherkunft verlobt war; es iſt jetzt eine gute Anzahl Jahre her; aber das war mit einer allzufei⸗ nen Dame. Sie war wie von Luft gewebt, und kei⸗ nes Theils dazu erzogen, eine tüchtige Hausmutter auf dem Lande zu werden, das ſagte ich immer gerade heraus und ich denke, unſer Herrgott war auch der Meinung, denn es wurde nichts daraus. Sie erkältete ſich auf einer Reiſe nach R*x*x*, wo ſie einem Ball anwohnen ſollte, und kam nie wieder zurück, aus dem Grunde, weil ſie ſtarb. Aber da muß ich auch ſagen, daß es Sünd' und Schade um den armen Pfarrer war. Er betrauerte ſie ſo tief, wie ich nie einen Ehemann trauern ſah, und von der Stunde an wollte er nie mehr etwas vom Heirathen hören. Ihro Gnaden ſelig ſprachen mehrmals mit ihm darüber, und wollten, 73 daß er auf's Neue freien ſollte; aber ſehen Sie, das war Alles umſonſt. ‚Es iſt ja ſchon gut, wie es iſt,“ pflegte er zu antworten; ‚„wenn ich meine Charlotte nicht behalten konnte, ſoll auch keine Andere ihren Platz in meinem Herzen einnehmen, und meinem Haus⸗ weſen ſteht meine Haushälterin vor.“— Aber, Herr Gott, da ſtehe ich und halte den Herrn Baron auf! Glückliche Reiſe, Euer Gnaden!“ Lindorm lächelte freundlich, klopfte der Jungfer Wings auf die Achſel und ſchwang ſich auf das war⸗ tende Pferd, und von Lieutenant Arthur begleitet, ritt er Effenbo zu. „Der Punkt dort quer über der Bucht,“ ſagte Arthur und deutete auf Roſendal,„kommt mir wie ein wahres Feenſchloß vor. Es hat die herrlichſte Lage, die ich mich erinnern kann, im Norden geſehen zu haben, und von unſerer einnehmenden Wirthin erfuhr ich geſtern Abend unter allerhand andern intereſſanten Dingen, daß es einen Schatz von unendlichem Werthe einſchließt. Fräulein von Werdenberg muß ohne Zwei⸗ fel ein non plus ultra von weiblichen Reizen ſein, und ich erwarte mit Ungeduld die Mittagsſtunde, um ihr meine Huldigungen darzubringen.“ Eine leichte Wolke beſchattete Lindorm's ſchöne Stirne, und die wohl gezeichneten Augbrauen zogen ſich wie durch magnetiſche Kraft zuſammen.—„Ich will hoffen, mein beſter Arthur,“ ſagte er ernſt,„daß Du Dir in dieſem von mir hochgeachteten Hauſe nicht die Freiheit, faſt möcht' ich ſagen, den Leichtſinn er⸗ laubſt, der Dir eigen iſt, wenn Du mit jungen Damen ſprichſt. Fräulein von Werdenberg mag nun ſchön oder nicht ſchön ſein, ſo richte Dich darnach. Ich muß Dir auch erklären, daß ich, der ich in dergleichen Dingen keinen Spaß verſtehe, mich für ſehr beleidigt anſehen würde, wenn Du Dir meine freundliche Erinnerung nicht zu Gemüthe führteſt.“ „Was iſt das für eine Predigt?“ fragte Arthur erſtaunt.„Ich weiß wirklich nicht, wo Du mich gegen 74 den guten Ton haſt fehlen ſehen; und ich meine“— fügte er hinzu und gab dem Ausdruck ſeiner Stimme einen Stolz, der ſeiner ſchmucken, leichten Figur eben⸗ ſo fremd zu ſein ſchien, als ſeiner nachläſſigen behag⸗ lichen Haltung—„ich meine, lange genug in der ge⸗ bildeten Welt gelebt zu haben, um zu wiſſen, was ſie verlangt. Auch darfſt Du nicht glauben, Guſtav, daß, obwohl mein Vater aus Achtung vor Dir Dich bat, noch einige Zeit lang mich als Geſellſchafter mitzuneh⸗ men, es dabei ſeine Meinung war, mich unter eine Art Vormundſchaft zu ſetzen.“ „Die Wahrheit zu ſagen,“ erwiederte Lindorm mit einem leichten Lächeln,„ſo glaube ich, daß ſeine Mei⸗ nung doch etwas der Art war; wenigſtens rechtfertigen die Worte Deines Vaters beim Abſchied dieſe Vermu⸗ thung. Aber wie es auch ſei, beſter Arthur, ſo muß ich als Dein ergebener Freund und Bruder Dir meine Meinung ſagen. Meiner Anſicht nach fehlt Dir ein gewiſſer Takt, Verhältniſſe und Perſönlichkeiten richtig aufzufaſſen. Dein Ton iſt im Allgemeinen leicht, und ohne Schmeichelei recht angenehm; aber Du paſſeſt ihn nicht den Umſtänden an, was doch nothwendig iſt, um aus dem leichtſinnigen Jüngling den gebildeten Welt⸗ mann zu machen. Doch Du biſt noch ſo jung; wenn Du einige Jahre lang Dein Horn an den Klippen der Erfahrung abgeſtoßen haſt, vergeht das kühne Selbſt⸗ vertrauen, und Du wirſt dann ein ſo vortrefflicher Mann, als Du jetzt ein wackerer Junge biſt.“ Arthur fand nicht für gut, etwas darauf zu ant⸗ worten, und ſie legten ſchweigend den übrigen Weg zurück. ime hden⸗ ag⸗ ge⸗ ſie daß, bat, neh⸗ eine mit Nei⸗ igen mu⸗ muß heine ein chtig und ihn um Velt⸗ venn n der elbſt⸗ licher ant⸗ Weg 75 Eilftes Kapitel. Schnell floh des Fruͤhlings Morgenroth, Mein Sommer kam— auch er iſt jetzt verfloſſen, Und bald vielleicht erwartet mich der Tod Mit ſeiner Senſe, ſeinen Mordgeſchoſſen. Silfverſtolpe. Der ſchön gelegene Pfarrhof in Effenbo beſtand aus einem hübſchen gelb gemalten herrſchaftlichen Wohn⸗ gebäude, umgeben von hohen Ahornbäumen, einem roth angeſtrichenen Gatterthore und darin eine Hunde⸗ hütte. Alles zuſammen war ſo ländlich und angenehm, und um das Gemälde zu vollenden, ſah man einen braunlockigen Knaben, in einem grangeſtreiften baum⸗ wollenen Röckchen und ſchwarzer Lederſchürze, auf dem Thore auf⸗ und niederreiten. Bei der Ankunft der Fremden ſtürzte der große Kettenhund heraus und fing gemeinſchaftlich mit dem Knaben an, ſeine Sprünge zu machen, wobei der eine entſetzlich bellte, und der andere unaufhörlich: couche dich! rief. „Mach' auf, Junge!“ riefen die Herren; aber dieſer ſchien nicht geſonnen, ihrem Wunſche zu ent⸗ ſprechen; er beſchäftigte ſich ganz und gar mit ſeinem Nachbar. „Aber, du lieber Himmel, was iſt das für ein Weſen?“ gellte eine ſchneidende Stimme aus dem Vor⸗ zimmer, und ein langes, dürres Frauenzimmer, mit einem braunen, verwitterten und zurückſtoßenden An⸗ geſichte und einer ſcharfen, hervorſtechenden Naſe kam mit dem Rührlöffel in der einen Hand und einer Priſe Tabak in der andern herausgeſprungen.—„Klas Iſaak, Du Lümmel, was haſt Du für ein Leben mit Polle? Ah ſo, da ſind Fremde und Du machſt nicht auf! Ich werde Dich Lebensart lehren, Du nunartiger Bube!“ Und der gewaltige Rührlöffel, der eben in einem großen Breitopfe herumgedreht worden war, gab 4 Klas Iſaak die lebhafteſten Erinnerungen an ſeinen Mangel an Höflichkeit. „Mutter, Mutter, Du verbrennſt mich, ich büße ein Auge ein, laß mich, laß mich gehen, ich will ja das Thor aufmachen!“ rief er angſtvoll und nahm alle möglichen rührenden Stellungen an, um ſeine holde Mama zu großer Nachſicht zu vermögen. Aber die Execution hoͤrte nicht bälder auf, als bis alle Beſtand⸗ theile Meiſter Erichs ſich aufgelöst und im Winde zer⸗ ſtreut hatten, und mit einem tüchtigen Fußtritt als Nachtiſch kroch Klas Iſaak in die geräumige Hunds⸗ hütte zu Polle, welcher ſchon beim erſten Laut der wohlbekannten Stimme ſich dahin verfügt hatte. „O, was hat man mit den unartigen Buben nicht zu kämpfen!“ puſtete die Dame außer Athem, während ſte die erquickende, aber ſchlecht zuſammengeklemmte Priſe ihrer Naſe näherte, unter welcher ſich ein be⸗ deutendes Lager von demſelben Stoffe zeigte.„O, ich bitte um Verzeihung, meine Herren!“ Sie öffnete das Gatterthor, und Lindorm und Arthur, der letztere laut lachend, ritten in den Hof. Die Dame ſah bös auf ihn, und wandte ſich an Lindorm mit der Frage:„Wen haben wir die Ehre, vor uns zu ſehen? Ich bin die Wittwe Barſch, Hausvorſteherin und Wirthin hier auf dem Pfarrhofe.“ Die Herren ſtiegen ab, verbeugten ſich und gaben ihre Namen an. „Ah ſo! Sie ſind der Herr Baron, der Engelvik geerbt hat? Gehorſame Dienerin, vielmal willkommen! Der Pfarrer iſt zu Hauſe, aber noch nicht ganz in Ordnung. Darf ich die Herren bitten, mir in das grüne Gaſtzimmer zu folgen, während ich ihn ein wenig herausputze.“ „Meine beſte Frau Barſch,“ verſicherte der Ba⸗ ron,„deſſen bedarf es gar nicht. Führen Sie mich nur zu ihm. Wir haben ſo lange und auf einem ſo vertraulichen Fuße mit einander gelebt, daß jede Art kam ſchne net beſch inen büße ll ja alle polde die and⸗ zer⸗ als nds⸗ der nicht prend umte be⸗ „ich das laut auf Wen n die auf gaben gelvik men! z in das n ein Ba⸗ mich m ſo Art 77 bon Cemplimenten durchaus unpaſſend, ja ganz uͤber⸗ üſſig iſt.“ „Das mag ſein,“ ſprach Frau Barſch, in einem Tone, der ihrem Namen nicht widerſprach,„das mag ſein; aber ich meine, daß ich auch ein wenig weiß, was ſich ſchickt oder nicht. Davon war wenigſtens mein ſeliger Mann, der Chriſtian Barſch, Gott ſei ſeiner Seele gnädig! überzeugt. Er that nie einen Schritt, ohne meine Meinung zu vernehmen. Und als Hausvorſteherin dahier halte ich es für meine Pflicht, dieſelbe Sorge um meinen Hausherrn zu tragen.“ „Das ſcheint mir die Pflicht etwas zu weit ge⸗ trieben zu ſein,“ bemerkte Lindorm ungeduldig.„Wo iſt das Zimmer des Herrn Pfarrers?“ „Hier haben wir das grüne Gaſtzimmer,“ ant⸗ wortete Frau Barſch mit unerſchütterlicher Standhaf⸗ tigkeit.„Seyen Sie ſo gut und ſetzen Sie ſich! Ich werde unterdeſſen gehen und meine Schuldigkeit thun.“ — Sie ſchloß die Thüre und ließ die Herren in nicht geringer Verwunderung über dieſe ſonderbare Art des Empfanges. „Wie kann Werner dieſes widerwärtige Weſen dul⸗ den?“ rief Lindorm aus.„Was meinſt Du, Arthur, iſt nicht unſere artige Jungfer Wings eine Heilige ge⸗ gen dieſe Furie hier?“ „Ja, dagegen allerdings,“ erwiederte Arthur la⸗ chend;„aber auch dieſe iſt nicht ſo übel. Nichis geht doch uͤber das Reiſen. Man bekommt da Gelegenheit, ſo viele Merkwürdigkeiten zu ſehen. Und auf meine Ehre, Frau Barſch ſoll mit großem Vortheil in dem Tagebuch figuriren, das ich meinen Daheimgebliebenen zu führen verſprach; ebenſo auch ihr Sohn, der kleine liebenswürdige Klas Iſaak, und ſein ſchwarzer Spiel⸗ kamerad.“ Lindorm war im Begriff, zu antworten, als ſich ſchnelle Tritte der Thüre näherten. Sie wurde geöff⸗ net und der Pfarrer Werner in dem ſonderbarſten und beſcheidenſten Anzug trat oder ſtürzte vielmehr herein. Eine wollene Bauernjacke, ebenſolche Pantoffeln und das zerriſſene Kleidungsſtück, das man Unterbeinkleider nennt, überzeugten einen Jeden, der ihn ſah, daß die Hälfte der Toilette vergeſſen war. Aber etwas Son⸗ derbares war noch hinzugekommen; das war eine blau⸗ geſtreifte Schürze, welche in nachläſſiger Freiheit wie ein Mantel über die Schultern geworfen, und ganz mit Haaren bedeckt war. Sein ganzer Aufzug, beſon⸗ ders mit den nöthigen Bücklingen, erinnerte an Don Ranudo de Colibrados. Nach dem Pfarrer ſtürzte Frau Barſch herein, und ſchwang eine große Scheere. „Herr Gott! dieſer Spektakel!“ rief ſie; gerade, wie ich beſchäftigt bin, ihn zu ſchneiden und zu putzen, fährt er auf und davon wie ein Blitz! Glaubt der Herr Pfarrer, daß das ein Anzug iſt, um ſich darin vor Fremden zu zeigen?“ Während deſſen hatten ſich Werner und Lindorm ſchon umarmt, als der Erſtere, von Frau Barſch's ge⸗ waltiger Stimme aufgeweckt, einen flüchtigen Blick auf ſeine Perſon warf und ihren kläglichen Zuſtand ge⸗ wahrte. In einiger Verlegenheit zog ſie ſich ſchnell gegen die Thüre zurück, während er lächelnd ſeinen Mangel an Punktlichkeit im Anzuge entſchuldigte. „Aber die Sache iſt die, meine Herren,“ ſetzte er hinzu,„daß, während meine Hausvorſteherin im Be⸗ griffe war, meinen Kopf in anſtändige Ordnung zu bringen, ſie mir berichtete, Baron Lindorm und ein anderer Herr ſeien hier und erwarten meine Ankunft im Gaſtzimmer. Um keinen Preis konnte ich jetzt Frau Barſch länger mit meiner Zeit und meinem Kopfe haus⸗ halten laſſen. Ich ging meiner Wächterin durch, und vergaß in der Freude, daß die Sitte auch ihre Anfor⸗ derungen hat. Aber mit Erlaubniß, meine Herren, werde ich jetzt meinen Fehler wieder gut machen.“ Werner verbeugte ſich und verließ das Zimmer, begleitet von Frau Barſch, welche jetzt die Freiheit erhielt, die unterbrochene Toilette in Ruhe zu vollenden. ma We feur Jal Leb jetzt grir gefe einf ſchl Her ſcha ſein von die nem hatt Wilt gewi die men Natt Abhe weit! weßl Doch Alles welch oder Jetzt ein 2 Bar und eider die Son⸗ blau⸗ wie ganz eſon⸗ Don Frau rade, tzen, der darin dorm 3 ge⸗ Blick dge⸗ gegen ingel te er Be⸗ g zu ein kunft Frau aus⸗ und for⸗ rren, 1 imer, iheit iden. 79 Nach einer halben Stunde trat der Pfarrer in einem ſtandesmäßigen Anzug und ſo ſauber um den Hals herein, daß man deutlich ſehen konnte, wie Frau Barſch in alle feineren Myſterien des Waſchens einge⸗ weiht war. Aber Niemand hätte geglaubt, daß die magere, gelbe und zuſammengekrümmte Geſtalt dieſes Werners, welche ſich buckend zur Erde neigte, die des feurigen und anmuthigen Jünglings war, der vor zwölf Jahren Baron Lindorm's Haus verließ. Da war Alles Leben und Poeſie vor ſeinem jungen, leichten Sinne; jetzt hatte die kalte Proſa des Kummers uhn mit ihrem grimmigen Hauche berührt und alle ſeine Blumen fort⸗ gefegt. Dazu kamen die emſigen Nachtwachen in ſeinem einſamen Studirzimmer; denn Werner verehrte aus⸗ ſchließlich Minerva, ſeitdem die Grazien aus ſeinem Herzen geflohen waren. Er war eigentlich nicht geſell⸗ ſchaf sſcheu; aber er liebte keine andere Geſellſchaft, als ſeine Bucher und ſeine Handſchriften. Eine Ausnahme von dieſem ſeinem allgemeinen Geſchmack machte jedoch die Familie Hermer in Roſendal, mit welcher er auf ei⸗ nem vertraulichen Fuße lebte, und aus alter Freundſchaft hatte er die Unterweiſung des jungen und hoffnungsvollen Wilty's uͤber ſich genommen. Aber dazu wurden bloß gewiſſe Tage in der Woche verwendet. Alle übrige Zeit, die nicht durch ſeine Amtsgeſchäf e in Anſpruch genom⸗ men war, brach e er mit ſeinem Lieblingsſtudium der Naturgeſchidte und Phyſit, zu, woruber er verſchiedene Abhandlungen geſchrieben hatte. Jtzt war er mit einer weitlaufigen Arbeit in dieſer Wiſſenſchaft beſchäftigt, weßhalb er ſeine Hausherrnrechte weniger in Acht nahm. Doch Frau Barſch ubte ihre Gewalt ganz kurz aus, und Alles ging auf folgende Art zu. Frau Barſch ſtand um vier Uhr Morgens auf, um welche Zeit der Pfarrer ſich oft erſt zu Bette verfügte, oder dann höchſtens ein Paar Stunden grſchlafen hatte. Jetzt wurde das Hausgeſinde geweckt, und dann ſchlich ein Jedes ſtill an ſein beſtimmtes Geſchäft; denn Frau Barſch, die vollkommen Meiſterin in der Kunſt war, ſich Gehorſam zu verſchaffen, hatte ein für alle Mal Ba befohlen, daß an den Morgen kein Geraſſeel ſtattfinden ſeir ſollte. Sie ſah zu ſehr das Vortheilhafte ihres Platzes von ein, um nicht die Bequemlichkeit ihres Hausherrn zu alle ſchützen und ſich unentbehrlich zu machen. Um acht Uhr er war die beſtimmte Zeit, wo ſie immer mit dem Kaffee tiſch in des Pfarrers Zimmer eintrat. ſtim „Guten Morgen, Frau Barſch, iſt es ſchon um und dieſe Zeit? Setzen Sie die Taſſe dort auf den Tiſch; ich fühle mich ſchlaͤfrig und will noch ein wenig ruhen.“ allt „Ei nichts dal der Herr Pfarrer muß nothwendig Gen aufſtehen. Um neun Uhr kommen ſie von Quiſtby mit beſte dem Kinde, das getauft werden ſoll. Um zehn Uhr ha⸗ ſein ben wir den Kirchenvorſteher hier, der eine Verſamm⸗ Thü lung der Kirchſpielgenoſſen haben will, wegen des Haus⸗ gar ankaufs für den alten Küſter.“ wen „Iſt ſonſt nichts mehr?“ puſtete Werner, als Frau zu d Barſch einen Augenblick innehielt. brech „Ja gewiß, in Gottes Namen! das Brautpaar urſac kommt ja um zwölf Uhr. Sehen Sie! Hier ſind die Pan⸗ war toffeln, dort iſt der Schlafrock; die Pfeiſe habe ich geſtern für Abend geſtopft Ich werde jetzt hinausgehen, und Klas zuger Iſaak mit dem Wachsſtock hereinſchicken; in einer Weile word bin ich wieder zurück.“ im 6 Frau Barſch ging und gehorſam ſprang Werner aus den d dem Bette in die Pantoffeln, und dann in den Schlafrock, ſich e nahm die Pfeife in die eine Hand und die Kaffeeſchaale in beide die andere, und ließ ſich wechſelweiſe beide ganz ruhig imm ſchmecken, bis Frau Barſch wieder zurück kam, und die wohl eide ausgebürſteten ſchwarzen Beinkleider, den Kirchenrock, das haltu Barett, das Halstuch und den Prieſterkragen brachte. die N „Es iſt nur noch fünf Minuten bis neun Uhr,“ rief ſern ſie;„jetzt gilt es ſich geſchwind anzuziehen“— Und da⸗ in un bei ging die treue Seele ihrem Herrn und Meiſter auf lauf l alle Art an die Hand. Das Letzte war, den Kragen um⸗ zubinden, ihm das Gebetbuch zu geben und die Thüre zum Saale zu öffnen, wo eine klagende Stimme unter ei⸗ nem ungeheuren Ballen von ſeidenen Tüchern und bunten 1 Guſte paar Pan⸗ eſtern Klas Weile r aus frock, ile in ruhig wohl , das hte. rief d da⸗ r auf um⸗ hüre er ei⸗ unten 1 Guſtav Lindorm. I. 81 Bändern, ihre Ankunſt zu erkennen gab und zugleich ſeinen Wunſch kund that, bald wieder umzukehren und von ſeiner Feſſel befreit zu werden. Nachdem Werner alle ſeine Amtsverrichtungen vollendet hatte, erquickte er ſich mit einem Spaziergang, worauf der Mittags⸗ tiſch gedeckt wurde. Dann folgte in guter und feſtbe⸗ ſtimmter Ordnung das Mittagsſchläſchen, die Pfeife und der Kaffee, nebſt den Zeitungen. Aber nachdem ſo viele Stunden den Geſchäften des alltäglichen Lebens aufgeopfert waren, kam die Zeit des Genuſſes, welcher für Werner in einer ungeſtörten Ruhe beſtand. Er trat in ſein Arbeitszimmer, das ſich vor ſeinem Schlafkabinette befand, ein, und nachdem er die Thüre verſchloſſen hatte, konnte er ſich für ganz und gar von der übrigen Welt geſchieden anſehen. Mit wenig Ausnahmen verfloß ein Tag wie der andere, und zu den erſtern rechnete er freudig die angenehme Unter⸗ brechung, die ihm durch die Ankunft des Barons ver⸗ urſacht wurde; aber auch dieſer ſo heitere Vormittag war nicht ganz frei von Amtsgeſchäften, und die Zeit für ihre gegenſeitige Mittheilungen war nicht reichlich zugemeſſen. Der Inhalt derſelben iſt nicht bekannt ge⸗ worden; denn ſie waren ohne Zeugen. Während Arthur im Saale die nicht unbedeutende Anzahl von Gemäl⸗ den durchging, die der Pfarrer beſaß, und unter denen ſich einige von wirklichem Werthe befanden, waren die beiden Freunde in dem Allerheiligſten, dem Studir⸗. immer, eingeſchloſſen. Als ſie es verließen, ſchienen eide bewegt, und auf dem Heimwege ging die Unter⸗ haltung der jungen Männer ſehr träge vorwärts. Aber die Mittagsſtunde nahte heran. Wir müſſen alſo un⸗ ſern ehrlichen Werner, den Pfarrhof und Frau Barſch in ungeſtörtem Einerlei ihren gewöhnlichen Kreisum⸗ lauf bis auf Weiteres fortſetzen laſſen. —⏑:⏑—::— Zwölftes Kapitel. Sie ſah ſo ſtolz umher und frei, Wie Jovis Adler aus der Hoͤh', Und wieder wie das Taubenpaar, Das Aphrodite's Wagen zieht. Tegnér. Um halb drei Uhr legte Baron Lindorm's Schaluppe an der Brücke von Roſendal an. Der Baron war ſchwarz gekleidet, da er um ſeinen Oheim, den Oberjägermeiſter Baron Torſten von Lindorm, trauerte, der neulich auf ſeinem Gute Hamringen, am Cjusenelf in Nordland, geſtorben war.—„Was ſind das für Widerſprüche?“ ruft der Leſer;„haben wir nicht das Verſprechen bekommen, näher mit dem Baron Torſten bekannt zu werden?“— Das iſt nicht zu läugnen, aber wertheſter Leſer, auch nach dem Tode kann man mit den Leuten Bekanntſchaft machen, und der Oberjägermeiſter ſoll nicht vergeſſen werden. Und nach dieſer Erklärung eilen wir zurück, um unſere Herren aus der Schaluppe zu begleiten. Arthur paradirte in ſeiner neuen Uniform, in der er ſich außerordentlich gut ausnahm; aber es war doch ein gewiſſes Etwas vorhanden, das die Idee eines hüb⸗ ſchen Papagei's neben einem gewaltigen Adler erweckte. Mit offenen Armen wurde Baron Guſtav von Her⸗ mer empfangen, der beim Anblick der ſchönen Figur und edlen Haltung ſeines Gaſtes einen angenehmen Eindruck fühlte. Nachdem man in Eile einige Willkomms⸗ und Glückwunſcheomplimente ausgetauſcht hatte, führte der Wirth die Fremden in ein großes und prachtvolles Zimmer, deſſen Boden mit türkiſchen Matten belegt und das längs den Wänden mit niedern ſammtenen Otto⸗ manen verſehen war. Die niedergelaſſenen Roſa⸗Vor⸗ hänge brachten ein zauberiſches Helldunkel hervor, in welchem die große Menge von Kriſtallvaſen mit Blumen r, r. ippe varz iſter auf and, ruft nen, auch haft ſſen ück, der doch üb⸗ kte. der⸗ und ruck und der lles und tto⸗ vor⸗ in nen 83 und die herrlichſten Marmorbüſten, ſo wie eine Menge anderer Kunſtwerke eine außerordentliche Wirkung her⸗ vorbrachten. Hier in dieſem irdiſchen Elyſium ſtand, ſchöner als Alles, was ſie umgab, des Thales herrliche Roſe, Georgine von Werdenberg. Ein Kleid von dem feinſten oſtindiſchen Monſſelin umſchloß eine Geſtalt, deren feine aber volle Umriſſe die vollkommenſte Har⸗ monie eines vollendeten weiblichen Weſens bildeten. Sie war nicht hoch gewachſen, aber ſo proportionirt, wie es nur ein Bildhauer in ſeinen kühnſten Träumen ahnen kann. Nie ſah man ein Weſen mit höherer natürlicher Anmuth. Von ihrer Schönheit iſt nicht ſo viel zu ſagen. Manche mögen es im gleichen Grade ſein, und wir geben zu, daß Georgine in dieſem Falle übertroffen werden konnte; aber jener namenloſe Zau⸗ ber, jene unwiderſtehlich dahin reißende Kraft, deren Einfluß Jeder fühlte, und doch Keiner erklären konnte, gehörten ihr ausſchließlich zu. Sie war ſehr blond, neine Haut von Roſen und Lilien gewebt;“ in dem Himmel des großen und ſeelenvollen Auges lag ein faſt ſchwärmeriſcher Ausdruck, aber doch auch etwas kind⸗ lich Liebliches. Ihr Lächeln war beſonders reizend, und die Biegung des kleinen goldgelockten Köpfchens entzückend. So ſtand ſie vor unſern Freunden, als dieſe eintraten. Sie näherte ſich ſchnell ihrem Jugend⸗ freunde und reichte ihm ihre kleine weiße Hand. Der Baron berührte ſie leicht, ohne ſie an ſeine Lippen zu führen, und ſprach in einem Tone, der mehr höflich als herzlich war, und während eine flüchtige Röthe ſeine bleichen Wangen färbte:„Es iſt mir ein wahres Vergnügen, die holde Spielkamerädin meiner Kindheit wieder zu ſehen; aber mit den unſchuldvollen Tagen der Kindheit verſchwindet auch ihr Zugehör, die gol⸗ dene Zeit der Freiheit. Doch erlauben Sie, Fräulein von Werdenberg, daß ich Ihnen meinen Verwandten, den Lieutenant Sæ*r, vorſtelle.“ Nichts konnte Georginen unerwarteter ſein, als die abgemeſſene, faſt unnatürlich kalte Softichteit des Barons, die der ſeelenvollen Herzlichkeit, welche den Kna⸗ ben ausgezeichnet hatte, ſo wenig glich. Das lachende, freundliche Bild, das von den holden Jugendträumen in Georginens Seele zurückgeblieben war, hatten einige Secunden hinweggeblaſen. Der finſtere Genius der Zeit war vorübergegangen und hatte auf ſeiner Fahrt den letzten Schimmer einer Aehnlichkeit zwiſchen dem drei⸗ zehnjährigen Knaben und dem fünfundzwanzigjährigen Baron, bei dem Alles nur an den vornehmen Fremden erinnerte, verwiſcht. Georgine fühlte, daß ſie tief er⸗ röthete; ob es aus Schmerz oder Aerger, oder vielleicht aus dieſen beiden Gefühlen herrührte, wußte ſie nicht. Aber ſie war ſo gewöhnt, überall freundlichen Blicken und freiwilliger Huldigung zu begegnen, daß Lindorm's Benehmen in hohem Grade ihr Erſtaunen erweckte. Den Lieutenant S**x hatte ſie kaum bemerkt. Nach ein Paar verwirrten Worten zog ſie ſich zurück, und die Stimmung der Geſellſchaft würde nichts weniger als angenehm geweſen ſein, wenn nicht Hermer einen ſo vollkommenen Takt beſeſſen hätte, daß es ihm bald glückte, dieſes unerklärliche Etwas zum Theil zu ver⸗ treiben, das die gewohnte Behaglichkeit von ſeinem freundſchaftlichen Herde abhalten wollte. Bald trat die Wirthin ein, und in ſeinem Beneh⸗ men gegen ſie zeigte ſich Lindorm weniger ſteif; doch war er im Ganzen ſehr wortkarg, und der tiefe Zug von Schwermuth, der ſich auf ſeine Stirne gelagert hatte, ſchien heute noch deutlicher als geſtern hervorzu⸗ treten. Auch Arthur belebten nicht die Funken ſeines Witzes. Theils war er noch durch Baron Guſtav's Aeußerung vom Vormittage her verſtimmt, theils fühlte er, daß es wenigſtens jetzt ſchon unmöglich ſei, hier den Ton anzuſchlagen, womit es ihm bis jetzt geglückt war, Aufſehen zu erregen. Er ließ alſo bloß ſeine Augen den Anblick der herrlichen Georgine genießen; aber ſeine Lippen blieben geſchloſſen. Während des Mittageſſens drehte ſich die Unterhaltung faſt blos um politiſchen Stoff; denn Hermer hatte leicht bemerkt, daß ———.,·ͤ Ben zu v halt ſo a man virt ſtopf hoffe Freu uns Hoff auf aus dem ſchw gine wegt ſich, Trax ſetzte Bew zerſt unbe ſeine nähe liche ſtand geſen den 85— Lindorm es vermied, einige Umſtaͤnde ſeines Privatlebene zu berühren; und obwohl Hermer dieß ſo wie das ganze Benehmen des Barons unerklärlich fand, ſo hatte er doch zu viel Welt, um dieß merken zu laſſen, und die Unter⸗ haltung ging mit ſo viel Leben fort, als man aus einem ſo abgenützten Stoffe ziehen konnte. Vom Tiſche ging man in den Garten, wo der Kaffee von Georginen ſer⸗ virt wurde. Willy trug Pfeifen und Tabak hinab. „Beliebt es dem Herrn Baron, eine Pfeife zu ſtopfen?“ fragte Hermer. „Nein, ich danke; ich rauche nie.“ „Der Herr Lieutenant auch nicht?“ „Nicht in Gegenwart von Damen.“ „Nun, ſo laß die Pfeifen liegen, mein Junge; ich hoffe, unſere Geſellſchaft wird bald durch ein Paar Freunde vermehrt werden. Der Oberrichter Holk ſchenkt uns das Vergnügen ſeines Beſuchs mit ſeinem kleinen Hofſtaat. Das Gerichtshaus liegt eine halbe Meile auf der andern Seite der Bai, weßhalb wir oft Gewinn aus dieſem glücklichen Umſtand ziehen.. Arthur ſprach etwas von der Annehmlichkeit, auf dem Lande gute Nachbarn zu beſitzen, worauf ein Still⸗ ſchweigen eintrat. Lindorm's Augen weilten auf Geor⸗ ginens reizender Geſtalt und folgten allen ihren Be⸗ wegungen. Sie ſtellte eine Taſſe nach der andern vor ſich, und bald war die ganze Anzahl mit dem köſtlichen Tranke gefüllt, der in der ſilbernen Kanne ſchäumte. Sie ſetzte nun die Kanne nieder, während ſie eine einladende Bewegung an die Gäſte machte. Aber Lindorm war zu zerſtreut, um die Meinung davon aufzufaſſen. Er blieb unbeweglich an ſeinem Platze, während Arthur, der alle ſeine Sinne gegenwärtig hatte, ſchnell aufſtand, ſich artig näherte, und mit einer Verbeugung und einem verbind⸗ lichen Lächeln ſeine Kaffeeſchaale empfing. Währenddem ſtand Georgine, ſichtlich verlegen, das Auge zu Boden geſenkt. Endlich ſagte Hermer mit einigem Nachdruck in den Worten:„Georginchen, haſt Du Niemand hier, der 86 dem Baron den Kaffee anbieten kann, oder wo iſt Willy hingekommen?“ „Er ging nach meiner Stickerei, Papa; aber wenn es mir erlaubt iſt,“ ſie ſah auf und heftete ihre ſanf⸗ ten Blicke mit einem faſt vorwurfsvollen Ausdruck auf Lindorm,„befehlen der Herr Baron?“ Sie nahm die Taſſe, um ſie auf die Platte zu ſetzen. Nun erſt ſchien er es zu verſtehen, und mit einer Entſchuldigung näherte er ſich dem Tiſche, vor welchem ſie ſtand. Sie hatte die Taſſe noch nicht ganz auf die Platte niedergeſetzt; er empfing ſie deßhalb aus ihrer Hand. Im nämlichen Augenblicke, als ihre Hände einander leicht berührten, begegneten ſich auch ihre Blicke, und was Georgine da in Lindorm's dunkel glühendem Auge ſah, machte ihr Herz in nie geahnter Unruhe beben. „Sie vergaßen den Rahm,“ ſagte ſie in holder Verwirrung, als der Baron mit dem Kaffee an ſeinen Platz zurückkehrte, ohne daran gedacht zu haben. „Ich bin in der That heute ganz zerſtreut,“ ſagte er mit einem erzwungenen Lächeln;„erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich mein Verſäumniß gut machen darf.“ Er näherte ſich; aber etwas Steifes und Frem⸗ des lag wieder in ſeinen Zügen und ſeinem Weſen, als er mit einer leichten Verbeugung einige Tropfen Rahm aus der Kriſtallſchaale nahm. Stehenden Fußes leerte er ſeine Taſſe, und nach einer neuen Höflichkeits⸗ phraſe wandte er ſich wieder an Hermer mit dem Vor⸗ ſchlag, hinauszugehen und die ökonomiſchen Einrich⸗ ſtungen ſeines Wirthes zu ſehen. „Mit vielem Vergnügen,“ antwortete Hermer, ob⸗ wohl er innerlich überzeugt war, daß er nie einen gleichgültigeren Beſchauer bekommen konnte, als der Baron zu ſeyn ſchien. „Gefällt es dem Herrn Lieutenant, uns Geſellſchaft zu leiſten?“ „Nein, ich danke; ich muß aufrichtig geſtehen,“ ſagte Arthur lachend, ,daß ich kein Freund von der⸗ gleichen Spaziergängen bin.“ iilly denn anf⸗ auf die hien erte atte etzt; chen ten, gine ichte lder inen agte Sie, chen em⸗ eſen, pfen ißes eits⸗ Vor⸗ rich⸗ ob⸗ inen der haft en,“ der⸗ Ausflug nach Deutſchland machten. 87 Die Herren entfernten ſich, nur von Willy beglei⸗ tet, und da Arthur nicht mehr unter dem Einfluß von Lindorm's finſtern Blicken ſtand, wurde er ſehr ange⸗ nehm und unterhaltend. Er ergoß ſich in der Be⸗ ſchreibung eines Winters in der Hauptſtadt, den er nach ſeiner eigenen Angabe in wahrem Glück hinge⸗ bracht hatte. Aber da dieſes Thema, ungeachtet ſeiner ſeltenen Wechſel, einen geringen Eindruck auf ſeine Zu⸗ hörerinnen zu machen ſchien, fing er an, von den Be⸗ ſitzthümern ſeines Vaters und ſeinen zu Hauſe lebenden Verwandten zu erzählen. Von da kam er allmählig auf ein Kapitel, das ſeine Unterhaltung ſehr intereſſant für die Damen machte, nämlich auf ſeine Verwandt⸗ und Bekanntſchaft mit Baron Guſtav. „Erlauben Sie mir, zu fragen, ob die Herren lange zuſammen gereist ſind?“ ſagte Frau Hermer mit verzeihlicher Neugierde. ja! Wir ſind lange zuſammen geweſen; denn außerdem, daß ſich Lindorm damals in Stockholm be⸗ fand, als ich dort in die Welt eintrat, haben wir mit einander eine Reiſe in's Ausland gemacht.“ Da Arthur bemerkte, daß man ihm mit Vergnügen zuhörte, fuhr er ungebeten fort.„Als mein Vater, der immer ein unbeſchränktes Vertrauen in Guſtav ſetzte, hörte, daß dieſer, um ſein großes Talent zur Malerei, die aus⸗ ſchließlich ſeine Zeit in Anſpruch genommen und ihn dazu vermocht hatte, ſeine wiſſenſchaftliche Laufbahn abzubrechen, auszubilden und zu vervollkommnen, eine Reiſe nach Italien unternehmen würde, beſchloß er ſo⸗ gleich, mich zu gleicher Zeit einen Blick in die Welt thun zu laſſen. Demzufolge ſchrieb er an ſeinen Vetter, den Baron Torſten von Lindorm in Hamringen, bei dem Guſtav damals verweilte, und bat ihn, die Sache mit ſeinem Neffen abzumachen; bald erhielten wir eine Antwort, die zu unſerer größten Freude uns von der Annahme jenes Vorſchlages benachrichtigte. Wir trafen in Nrrr zuſammen, von wo aus wir unſern erſten Nachdem wir —ÿ:;Oů,ñð——— — 88 dort ein Paar Monate umhergeſchwärmt hatten, reis⸗ ten wir nach Italien, wo wir uns am längſten in und um Rom aufhielten. Wir haben den herrlichen Himmel dieſes Götterlandes genoſſen; ein neues Leben, eine neue Sonne ſchien uns dort aufzugehen, und mit Entzücken haben wir ſeine unendlich rei⸗ chen Erinnerungen an vergangene Größe geſehen und bewundert.“ Arthur ſchwieg, und Georgine fragte ſchnell: „Rna wann kamen die Herren von ihrer Reiſe zu⸗ rück?“ „In den letzten Tagen des Aprils ſtanden wir wieder an der Brücke zu N**x, nachdem wir ein Jahr und einige Wochen fort geweſen waren. Ich reiste direct nach L*r*r*, um den Platz bei der Flotte einzunehmen, den mir mein Vater verſchafft hatte. Lindorm fuhr nach Nordland, wohin er eilig durch einen Brief gerufen wurde, der in N*Xx faſt zu glei⸗ cher Zeit mit ihm ſelbſt eingetroffen war. Sowohl Pflicht und Dankbarkeit, als auch ſein freier Wille be⸗ ſchleunigten ſeine Reiſe, und er war gerade noch ſo glücklich, einige Tage, ehe der Oberjägermeiſter ſtarb, bei ihm einzutreffen.“ „Wie ſich der junge Baron ſeit ſeinen Knaben⸗ jahren verändert hat,“ bemerkte Frau Hermer.„Iſt es, kann es eine finſtere Laune der Natur ſeyn, oder nagt ein geheimer Kummer an dem Herzblatt ſeines jungen, friſchen Lebens?“ „Ich habe ihn immer,“ entgegnete Arthur,„für ſeine Jahre ungewöhnlich ernſt, ja ich möchte faſt ſagen, von einem ſtolzen Sinn, gefunden; und doch weiß ich mit Gewißheit, daß kein Menſch ein wärmeres, edleres Herz haben, oder ſich mit größerer Selbſtverläugnung für Andere aufopfern kann. Der Hochſinn ſeiner Seele gränzt an Uebertriebenheit; das zu bemerken und zu be⸗ wundern habe ich, ohne daß er es wußte, auf unſern Reiſen mehrmals die Gelegenheit gehabt. Allein er be⸗ ſitzt die Gabe, dieſe Eigenſchaften vor fremden Blicken 89 zu verbergen, woher es kommt, daß er oft kalt erſcheint, gerade wenn ſeine Gefühle am wärmſten ſind. Dieß geſchieht nicht aus Berechnung; aber ſeine Natur iſt verſchloſſen. Er ſcheint ſich immer ſelbſt genug zu ſeyn, und überhaupt habe ich ihn nie recht verſtehen können. Doch ich muß hinzuſetzen, daß ich ihn nie ſo düſter geſehen habe, als nach ſeiner letzten Reiſe nach Nordland. Ungefähr drei Wochen nachher beſuchte er auf ſeiner Vorbeireiſe meinen Vater auf ſeinen Gütern. Ich war eben vorher von Lr** angelangt, und da Guſtav's kummervolles Weſen meinen Vater beunruhigte, ſo machte er den Vorſchlag, daß ich, um ihn aufzu⸗ heitern, ihn auch auf dieſer Reiſe begleiten ſollte; aber ich zweifle, daß mein Auftrag geglückt iſt. Geſtern und ſogar heute Morgen ſchien er bei ziemlich guter Laune; aber ſeitdem wir heute Vormittag den Pfarrer Werner beſucht haben, glaube ich ihn aufgeregter und betrüb⸗ ter als gewöhnlich zu finden.“ Als Frau Hermer eben eine neue Frage machen wollte, kam Willy hereingeſprungen und meldete, daß das Gerichtsperſonale angelangt ſey. Dreizehntes Kapitel. Wenn Gabriel ſo ſang von der Erſchaffung Wundern, So weiß ich nun, warum ihn Gott zum Herold nahm, Wenn Eva ſo in Eden's Hainen ſang, So iſt für ſeinen Fall vielleicht entſchuld bar Adam. Kullberg. Gleich darauf hörte man Tritte von mehreren Per⸗ ſonen, die ſich dem Platze näherten, wo die Geſellſchaft war, und ein Paar Augenblicke nachher traten vier Per⸗ ſonen auf. Der erſte, der Oberrichter Holk, war eine ſehr korpulente Figur. Sein Ausſehen offenbarte zugleich 90 einen jovialen Sinn und eine natürliche Würde, welche, da ſie ſich mit einem unendlichen Bauche vereinigten, faſt den Namen ehrfurchtgebietend erhalten konnten. Darnach erſchien der Hofgerichtsnotar Blohm, ein jun⸗ ger Mann aus guter Familie. Er war nach den ſtreng⸗ ſten Regeln der Mode gekleidet, und eine Lorgnette an einer broncenen Kette, die mit einer gewiſſen g geſchmack⸗ voll berechneten Nachläſſigkeit um den Hals und eine Schulter hing, vollendete ſeine Ausſtattung. Zu den beſondern Reizen, deren er ſich rühmen konnte, gehoͤrte die friſcheſte Hautfarbe, die weißeſten Zähne und ein ſehr geſchmeidiger Wuchs. Dazu kam ein Reichthum von braunen Locken, die von ausgeſuchten Oelen glänz⸗ ten, was Blohm ſchon längſt überzeugt hatte, daß er ein vollkommener Adonis und im Stande ſey, wenigſtens einem halben Schock Mädchen den Kopf zu verdrehen. Während der Oberrichter mit Leichtigkeit und nicht ohne Anmuth die Damen begrüßte, und einen Platz bei der Wirthin einnahm, machte der Hofgerichtsnotar eine zierliche Verbeugung, worauf er ſeine ausſchließliche Aufmerkſamkeit Georginen zuwendete. Doch glitt ſein Blick zuweilen über Arthur's leichte, anmuthige Geſtalt mit einem Ausdruck, der einer Muſterung glich, und allemal bemerkte man leichtes Zuſammenziehen ſeiner ſchönen Augenbrauen. Ueber die beiden andern Herren, die Sekretäre A. u. B. iſt Nichts zu ſagen; ſie folgten mit als Anhang. „Wo iſt unſer Wirth?“ fragte der Richter. „Hier, mein Ehrenbruder; herzlich willkommen!“ ſprach Hermer, der in dieſem Augenblicke mit Lindorm erſchien. Das Geſpräch wurde allgemein und in hohem Grade lebhaft, der Baron ſchien weit umgänglicher als im Anfang, und da Hermer eine Spielparthie vorſchlug, nahm er, wie es ſchien, mit Vergnügen daran Theil. Georgine konnte ſich nicht verbergen, daß ſie einen kleinen Verdruß darüber empfand, daß Lindorm es nicht vorgezogen hatte, im Garten zurück zu bleiben.„Er iſt alſo nicht im Geringſten galant,“ dachte ſie.„Warum lche, gten, nten. jun⸗ reng⸗ e an nack⸗ eine den hörte ein thum länz⸗ aß er ſtens ehen. nicht 3 bei eine liche ſein eſtalt und einer rren, lgten ten!“ dorm ohem als einen nicht Er iſt arum 91 mag er doch ſo kalthöflich und ſonderbar ſeyn? Ich möchte es wohl wiſſen; aber gewiß leidet er an einem wahren Kummer. Auch dieſen wünſchte ich zu kennen; denn kann man wohl dieſe bleichen und intereſſanten Züge ohne einen ſolchen Wunſch betrachten?“— Ein Seufzer ging unbewußt über Georginens Lippen. In dieſem Augenblicke wurden ihre ſtillen Betrachtungen durch Blohm's Stimme abgebrochen. „Wer ſo glücklich wäre, wirklich Ihre Gedanken in Anſpruch zu nehmen, meine Gnädige, deſſen Selig⸗ keit wäre unſchätzbar, das iſt klar.“ „Ich glaube nicht, daß das eine Seligkeit wäre,“ antwortete Georgine;„denn meine Gedanken ſchwebten unter formloſen Gebilden umher. Aber verzeihen Sie meine Neugier, Herr Notar, was iſt das für ein Schmuck, den Sie in der Hand halten?“ „Es iſt kein Schmuck, mein gnädiges Fräulein! es iſt blos ein ſchwacher Ausdruck meiner Wünſche für Ihr Wohl. Ich wußte, daß heute Ihr Namenstag iſt, und war ſo glücklich, unter dem Einfluſſe der Begeiſterung dieſe beſcheidenen Strophen zu finden.“ „Wirklich,“ rief Georgine;„laſſen Sie alſo hören, was für ſchöne Dinge Ihre poetiſche Ader erzeugt hat, denn ich hoffe, daß Sie es nicht verweigern, dieſes Pro⸗ dukt Ihres Genies laut vorzuleſen.“ „Wenn Sie befehlen, gnädiges Fräulein, ſo bin ich ganz gehorſam.“ Blohm nahm ein wichtiges Weſen an, wählte die imponirendſte Stellung, entfaltete das Papier und fing mit großer Selbſtzufriedenheit zu leſen an. „Schön wie Freias goldne Locken,“ „Ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie unterbreche, Herr Notar,“ fiel Georgine lachend ein;„aber mit Er⸗ laubniß, das iſt geſtohlen.“ „Es iſt blos meine Imitation,“ verſetzte Blohm mit 92 einem leichten Erröthen, überſprang den ganzen erſten wor Vers, und begann den zweiten. hör „Hebe, du der Jugend Göttin,“ hat zu „Nein, nein,“ rief Georgine;„um Alles in der dare Welt, hören Sie mit Allem auf, was Bezug auf Gott⸗ verd heiten hat. Wenn Ihr Gedicht nichts für eine beſchei⸗ lich dene Evastochter enthält, ſo habe ich ſchon genug ge⸗ 8 hört!“— Sie winkte ungeduldig mit der Hand. daß „Blos ein Paar Minuten Geduld, mein gnädiges ich Fräulein; wir ſind ſogleich auf Erden,“ verſicherte Lau Blohm mit einem ſüßſauren Lächeln, und dabei ſetzte Uebe er ſeine Arbeit fort und ſchloß ſie, ohne weitere Unter⸗ Wal brechung. Sie enthielt von Anfang bis an's Ende die da i geſuchteſten und hochtrabendſten Phraſen, die von bewun⸗ ſehr dernden Ausdrücken überfloſſen, welche er aus allen weiſ Weltgegenden entlehnt hatte. Als er geendet hatte, über⸗„ gab er Georginen knieend und mit einem tiefen Seufzer ſeine und ſprechenden Blicke die zierlichen Verſe. Sie empfing läſſi⸗ dieſelben lächelnd, und ſagte ſo gnädig wie eine Königin auf. zu ihrem Unterthan:„Ich danke Ihnen, Herr Notar, Ehre ſtehen Sie auf!“ wobei ſte ihm mit Anmuth die Hand ſicht reichte, die er mit zu viel Lebhaftigkeit faßte und druͤckte, als daß ſie mit der Ehrerbietung eines Unterthanen und hätte verglichen werden können. ſchlut „Wie bezaubernd ſie iſt!“ dachte Arthur.„Um eine waren ſolche Belohnung wollte ich ewig knieen. Aber es ſcheint Dieſe jeden Falls, daß ſie ungeachtet ihres unſchuldvollen We⸗ Jeder ſens an Huldigungen gewöhnt iſt, und ſie als eine ihr willk ganz natürlich gebührende Steuer annimmt. Unterdeſſen ſtand Herr Blohm wieder auf ſeinen ſpielt zwei Beinen. Aber man ſah deutlich, daß er in den fühl Vorhöfen. des Himmels ſchwebte.—„O mein gnädi⸗ ander es Fräulein,“ ſprach er in flehendem Tone,„o daß zur G ich es wagte, daß ich mich erkühne, noch eine Belohnung chenſt zu begehren.“ Eine „Sie ſind allzu ungenügſam, Herr Notar,“ ant⸗ die S 4 rſten der zott⸗ chei⸗ ge⸗. iges herte etzte iter⸗ die vun⸗ allen ber⸗ fzer fing igin tar, dand ckte, inen eine eint We⸗ ihr inen den ädi⸗ daß ung ant⸗ 93 wortete Georgine ſcherzend;„aber immerhin, laſſen Sie hören, was Ihre Beſcheidenheit ferner wünſcht. „Ja, holdeſte aller Schönen, meine Beſcheidenheit hat ſich erdreiſtet, ihre Blicke auf den herrlichen Kranz zu werfen, den Sie heute tragen. Eine einzige Blume daraus, welche freilich noch von dem Golde Ihrer Locken verdunkelt wird, würde mich zum Glücklichſten der Sterb⸗ lichen machen.“ „Nein, es iſt wahrhaftig zu kühn, Herr Notar, daß Sie auch nur einen Augenblick glauben konnten, ich würde meinen ſchönen Kranz zerſtören, um eine Ihrer Launen zu befriedigen. Nein! darauf gehe ich nicht ein. Ueberdieß habe ich heute dieſe Blumen vom Verwalter Waldenberg erhalten; er hat ſie ſelbſt aufgezogen, und da ich ſeine Tüchtigkeit und ſein beſcheidenes Weſen ſehr ſchätze, ſo habe ich ihm meine Achtung dadurch be⸗ weiſen wollen, daß ich ſie trage.“ Der Hofgerichtsnotar wurde blutroth; er ſpielte mit ſeiner Lorgnette und ſprach mit einer gewiſſen Nach⸗ läſſigkeit:„Sie nehmen einen kleinen Scherz zu ernſthaft auf. Ich kann Fräulein von Werdenberg auf meine Ehre verſichern, daß es in keiner Beziehung meine Ab⸗ ſicht iſt, mit dem Verwalter Waldenberg zu wetteifern.“ Frau Hermer, die Zänkereien der Liebe nicht liebte und deutlich ſah, daß eine ſolche am Ausbrechen war, ſchlug vor, hineinzugehen, da die Mücken ſo beſchwerlich waren; man könnte ſich jetzt mit Muſtk unterhalten. Dieſem ſchenkten Alle freudig ihren Beifall; denn ein Jeder fühlte, daß eine Wendung in der Unterhaltung willkommen war. Vom nächſten Zimmer aus, wo die Herren Karten ſpielten, hörte Lindorm Jemand mit Geſchmack und Ge⸗ fühl auf einer Harfe präludiren. Wer konnte es wohl anders ſeyn, als Georgine? Dieſe Vermuthung wurde zur Gewißheit, als eine angenehme und klangvolle Mäd⸗ chenſtimme ſich mit den ausdrucksvollen Tönen vereinigte. Eine ſolche Stimme zu hören, vor ſeinem geiſtigen Auge die Sängerin in all ihrem Reiz und ihrer Schoͤnheit zu 94 ſehen, und doch an einen Spieltiſch gefeſſelt da zu ſitzen, wo die ernſthaften und unruhigen Blicke der Mitſpie⸗ lenden an den geringſten Mangel an Aufmerkſamkeit erinnerten, das iſt eine Pein, die von einem fühlenden Herzen und einem ſchon zum Voraus von unzähligen Dingen eingenommenen Sinn leichter empfunden als ausgedrückt werden kann. Lindorm fühlte alles das, als der Notar Blohm wie gerufen ſich unter der Thüre zeigte. Die Niederlage, die er im Garten erlitten hatte, gab ihm Stärke, ſich zum erſten Mal für Geor⸗ ginens entzückenden Geſang und meiſterhaftes Spiel gleichgültig zu zeigen. Mit einem Geſichte, wie wenn er nie einen intereſſanteren Anblick geſehen hätte, als den eines Spieltiſches, ſtützte er ſich hinter des Ober⸗ richters Stuhl, und folgte mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit dem Gange des Spiels. Lindorm, der es für paſſend hielt, die Gelegenheit zu benützen, fragte artig, ob es nicht dem Herrn Notar ein Vergnügen machen würde, auf einen Augenblick ſeine Karten zu nehmen.„Ich ſpiele nicht gerne lange al⸗ lein,“ ſetzte er hinzu,„und finde ein doppeltes Ver⸗ gnügen darin, wenn es in Geſellſchaft eines guten Compagnons geſchieht.“ Blohm fand ſich durch das Anerbieten des Barons geſchmeichelt; und da ſeine Geſchicklichkeit in dieſer Sache die Lindorm's weit übertraf, ſo ſahen die andern Herren dieſen Tauſch gerne. Lindorm eilte zu der Thürſchwelle in das andere Zimmer, das Blohm halboffen gelaſſen hatte. Hier ſtand er und ſtarrte mit gekreuzten Armen auf die Sängerin, deren kleine weiße Hände über die Saiten hinflogen, und ihnen Töne entlockten, die in ſeinem Herzen wie Geiſterſtimmen wiederklangen, die von den Hoffnungen einer beſſern Welt flüſterten. „Will der Herr Baron nicht Platz bei uns neh⸗ men?“ fragte Frau Hermer, mit einer einladenden Be⸗ wegung auf den Sopha, wo Georgine ſaß. Lindorm machte eine ſtumme Verbeugung und ſetzte ſich in eine zen, pie⸗ keit nden igen als das, hüre tten eor⸗ piel venn als ber⸗ ꝛerk⸗ mheit otar ſeine ⸗ al⸗ Ver⸗ guten rons ieſer dern ndere ſtand erin, ogen, wie ingen neh⸗ 1 Be⸗ dorm eine 95 Ecke deſſelben. Gleich darauf ſchloß unſre Heldin ihren Geſang und lehnte ihre purpurrothe Wange gegen die Harfe, wie wenn ſie über den Schluß des Stückes nachſänne. „Weißt Du die andern Verſe nicht mehr, Geor⸗ gine?“ fragte Frau Hermer, welcher offenbar der zu frühe Schluß nicht angenehm war. „Nein, Mamachen; ich erinnere mich ihrer wirk⸗ lich nicht mehr; und überdieß...“ „Und überdieß iſt es Deine Gewohnheit, alle ſchö⸗ nen Stücke in der Mitte abzubrechen,“ ſiel Mama etwas ärgerlich ein. „Ich glaube,“ ſprach Lindorm, und ſein Blick hef⸗ tete ſich mit einem beredten Ausdruck auf Georgine, gich glaube, daß das Fräulein darin Recht thut. Alles Schöne, alles Herrliche, Alles, was zum Gefühle ſpricht, muß ſchnell und vorübergehend ſeyn, wenn es ſich zum gewöhnlichen Leben herab begibt. Das Wehmüthige und Liebliche in den Verſen, die Fräulein von Werdenberg ſo eben mit ſo viel Geſchmack und Gefühl vortrug, erweckt die ſchlummernden Funken, die im Dunkel der Seele verborgen liegen. Wohl denn, wenn ſte nur ſelten an⸗ gefacht und leicht berührt werden, damit ſich nicht aus den Funken eine Flamme bildet, die den Gegenſtand verheerk und vernichtet, der ihr Nahrung gewährt hat.⸗— Lindorm's Blick hatte ſich gegen den Schluß ſeiner ſonder⸗ baren Aeußerung gegen den Boden geſenkt; er war bleicher als gewöhnlich und ſichtlich bewegt. Frau Hermer ſchien— wenn dieſer Ausdruck erlaubt iſt— ganz verblüfft. Daß etwas Solches im Zuſam⸗ menhang mit einer unſchuldigen Muſik und Geſang ſtehen ſollte, davon hatte ſie nie etwas gehört. Sie fühlte, daß ſie dieſen hohen Gedankengang nicht begriff; aber etwas mußte doch geſagt werden, meinte ſie, um das Stillſchweigen, das eingetreten war und das Keiner abzubrechen geneigt ſchien, zu endigen. Sie ſagte alſo etwas verwirrt:„Spiele nun etwas Luſtiges, mein Kind; ſonſt werden wir ganz verſtimmt.. 96 Georgine griff wieder in die Saiten, um den Befehl ihrer Mutter zu erfüllen, und als ſie ſich niederbeugte, um die Harfe zu ſtimmen, ſah Lindorm eine unbewußte Thräne auf ihre Hand fallen. Sie brannte auf ſeinem Herzen; denn unläugbar hatte ſeine unberufene Bemer⸗ kung ihr dieſelbe ausgepreßt. In ſeiner Bruſt brauste ein Vulkan; dem weniger ſcharfſichtigen Beobachter er⸗ ſchien ſeine Außenſeite wieder ruhig, beinahe kalt; aber ſiedend ſammelte ſich das Blut um ſein Herz, um auf dieſen Punkt gleichſam des Lebens friſche Kraft zuſam⸗ menzupreſſen, und mit ihrem Ueberfluß die widerſpen⸗ ſtige Feſſel zu ſprengen. In Lindorm's edlem Gemüthe lag der Same zu jenem finſtern und unbeſtimmten Ge⸗ fühle, das, obſchon in tauſend Formen gekleidet, doch den Kern in ſich ſchließt, der einen Stoff für tauſend ein⸗ gebildete und wirkliche Qualen abgibt— die Schwermuth. Es mag ſonderbar, faſt lächerlich erſcheinen, daß ſo etwas ſtatt finden kann, wo kein wärmeres Gefühl zum Voraus Herz und Sinn gefeſſelt hat. Aber vergebens würde man läugnen wollen, daß es Naturen gibt, die mit dem einen dieſer Gefühle unwillkürlich auch dem andern einen Platz einräumen. Bei ſolchen Charakteren ſind ſie Zwil⸗ linge und Kinder des allgemeinen menſchlichen Erb⸗ theils, der Schwachheit und der Stärke. Lindorm warf ſich das Unedle und Selbſtiſche in dem Beweggrunde vor, der ihn veranlaßte, Georginen ſein Mißvergnügen darüber fühlen zu laſſen, daß ein Anderer als er den klagenden und heiligen Geſang an⸗ hörte, dem er allein in ſeines Herzens ſtiller Kammer lauſchen ſollte. Was für ein Recht hatte er dazu? Nicht das geringſte; und doch war es ihm, als ob ſie nicht recht gethan hätte, und er empfand zugleich Freude und Schmerz bei dem Gedanken, des ſie daſſelbe gefühlt und darum den Geſang abgebrochen habe. Aber zeigte ſich in ſeinem unruhigen, gewaltſam dochenden Herzen ein voll⸗ kommen klares Gefähl? Nein, dort war nur ein ver⸗ worrenes Gemenge von mannigfaltigen, weit bittereren und zerſtörenderen Gemüthsbewegungen, die einen ſchreck⸗ 97 lichen Zuſammenklang in ſeiner innern Welt erzeugten, und doch ſich dann wieder in wilde, ſchneidende Diſſo⸗ nanzen auflösten, und die gequälte Seele zerriſſen, ihr Gleichgewicht raubten. Das Schweigen, das nach dem Verſuche der wohl⸗ wollenden Wirthin, einige Harmonie zu Stande zu bringen, eintrat, war noch drückender als das vorher⸗ gehende. Frau Hermer faßte deßhalb ihren Entſchluß, und begab ſich in die Küche hinaus, um die Zuberei⸗ tungen zum Abendeſſen nachzuſehen. Sie ſchüttelte be⸗ kümmert ihren Kopf und ſagte halblaut, während ſie das Ragout verſuchte:„Es geht hier nicht richtig zu; ich wollte, Hermer hätte es mit angeſehen.“ „Wie ſo?“ fragte die Haushälterin ganz beſtürzt; „es iſt ſo, wie es die Frau immer zurichtet.“ „Das Ragout iſt ſchön; ich dachte an etwas An⸗ deres,“ ſagte Frau Hermer, und ging etwas beſchämt in die Speiſekammer, um mit eigener Hand das Muß zu garniren.— Indeſſen hatte Georgine die Harfe hinweggeſtellt und eine Handarbeit ergriffen. Der Sekretariats⸗Anhang A. und B. hatten nie vor dieſem Abend gewußt, daß man in Roſendal Lange⸗ weile haben könne, weßhalb ſie ſich herabließen, mit⸗ Willy auf ſein Zimmer zu gehen und mit ihm zu ſpie⸗ len. Und Arthur, der arme Arthur, nachdem er eine Weile über der Lektüre von Willy's Euklid, dem einzi⸗ gen Buche, das zu Handen war, entſetzlich gegähnt hatte, legte es ganz erſchöpft hinweg und ging in das nächſte Zimmer, um ſich dort eine beſſere Zerſtreuung am Spieltiſche zu ſuchen. Lindorm und Georgine blie⸗ ben allein. Sie nähte mit ununterbrochener Emfſigkeit fort; er zerpflückte mechaniſch die Blätter einer Roſe, die er aus einem nebenſtehenden Blumentopfe genommen hatte. „Der Herr Baron finden wohl öngelvik ſehr ver⸗ ändert?“ fragte Georgine, um etwas zu ſagen, da es Guſtav Lindorm. I. 7 98 in die Augen fiel, daß Lindorm die Unterhaltung nicht beginnen wollte. Er fuhr zuſammen, wie wenn er aus einem ſchweren Traume erwachte:„Was befehlen Sie, meine Gnädige?“ „Aeußerſt verlegen wiederholte Georgine ihre Frage. „Sie finden wahrſcheinlich Engelvik ſehr verändert?“ „Ja, in der That; es iſt ſehr verfallen und ſcheint jetzt mehr als je ſich ſeinem urſprünglichen Namen zu nähern.“ „Welches war dieſer? Ich kann mich nicht erin⸗ nern, es je anders nennen gehört zu haben.“ „Nicht? Es wurde doch früher Trollvik*) genannt. Wenn Sie befehlen, erzähle ich Ihnen die Sage davon.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Artigkeit,“ erwiederte Georgine lächelnd, überzeugt, dadurch auf einen weni⸗ ger gezwungenen Fuß mit ihrem Spielkameradeg zu kommen. Aber mit einem Geſichte, das keineswegs die Sicherheit einer ſolchen Hoffnung in ſich ſchloß, fing Lindorm an: Vor mehreren Jahrhunderten ſoll, wie die Sage meldet, ein finſterer und wilder Ritter, Namens Aller, die Burg erobert haben, die dort ſtand, wo jetzt das verfallene Wohnhaus erſcheint. Er war grauſam und blutdürſtig, und, durch die langwierige Belagerung ge⸗ reizt, ſehnte er ſich darnach, das Blut des Feindes zu ſehen, den er zu beſiegen geſchworen hatte. Da der Burgherr durch Hunger und das Murren der muthloſen Beſatzung endlich ſich gezwungen ſah, in die falſchen Friedensbedingungen einzugehen, die ihm Aller vorge⸗ ſchlagen hatte, rückte dieſer ſtegreich in die Feſte ein, und anſtatt ſein Verſprechen zu halten, das er bei ſei⸗ ner ritterlichen Ehre beſchworen hatte, ließ er Alle er⸗ morden, die er in der Burg vorfand. Dann lebte er dort einige Jahre in Saus und Braus; aber ſein un⸗ ruhiger Geiſt trieb ihn bald wieder hinaus, um neue Abenteuer auf neuen Streifzügen zu ſuchen. Auf ſeinen *) Heyenbgi. 99 Irrfahrten langte er an Norwegens alten Felſengebirgen an, wo er ein ſchönes Ritterfräulein, deren Gunſt noch kein Jüngling hatte gewinnen können, kennen lernte und ſich in ſie verliebte. Aber llern, der ein ſchönes und ſtolzes Aeußeres hatte und es vollkommen verſtand, ſeine wilde und grauſame Gemüthsart zu verbergen, wenn ſein Vortheil es verlangte, glückte es endlich, das Herz der holden unſchuldigen Blanka zu beſtegen. Er hielt alſo bei ihrem Vater an, ſie als Braut heimführen zu dürfen; jedoch der Vater, der den Ritter beſſer durch⸗ ſchaut hatte, als dieſer glaubte, ſchlug den Antrag be⸗ ſtimmt ab. Er wollte ſeine zarte Lilie nicht von Stür⸗ men verheeren laſſen. Da ergrimmte Aller und ſchwur hoch und theuer, er wolle Blanka um jeden Preis be⸗ ſitzen. Der Vater ließ ſie deßhalb in einen Thurm ein⸗ ſperren, zu welchem er ſelbſt die Schlüſſel verwahrte. Aber durch vereinte Gewalt und Liſt überwand Bller alle Vorſichtsmaßregeln und befreite Blanka. Jung und unerfahren ließ ſie die Schlange ſich um ihr unbewach⸗ tes Herz winden; ſie glaubte allen ſeinen Eiden und dem Verſprechen einer heiligen und unverbrüchlichen Liebe, und ließ ſich von ihm gutwillig nach der düſtern, blutbefleckten Burg führen, die er ſeine Heimath nannte. Aber hier erwartete ſie das rächende Schickſal.— So⸗ bald ſie von den Roſſen geſtiegen waren, begaben ſie ſich in die Kapelle, wohin Yller durch einen voraus⸗ geſandten Boten ſeinen Kapellan beſchieden hatte. Er erwartete ſie ſchon. Sie knieten vor dem Altare, und der Prieſter war eben im Begriff, die Trauung zu be⸗ ginnen, als die Thüre in ihren verroſteten Angeln krachte und leiſe aufging, und eine hohe, ſchwarzge⸗ kleidete Frauengeſtalt, in einen dunklen Schleier gehuͤllt, mit feierlicher Unheimlichkeit über den Boden hinſchritt. Sie näherte ſich dem beſtürzten Brautpaar, ſchlug dem Kapellan das Gebetbuch aus der Hand und ſprach, indem ſie einen durchbohrenden Blick auf den Ritter warf: „Elender Wicht! Hier ſteht Dein rechtmäßiges Weib, das Du ſchändlich einſperren ließeſt und allen jürchibasen 100 Mächten der Verzweiflung hingabſt. Hier ſteht ſie frei, um ihre Ehre an Dir, dem Schandfleck der Ritterſchaft, der es wagt, einen neuen Eid zu ſchwören, zu rächen.“ Der Meineidige bebte unwillkürlich zurück, und die betrogene Blanka fiel wimmernd zu den Füßen der ſchwarz⸗ gekleideten Geſtalt nieder. Weine nicht,“ ſprach ſie mit heiſerer, tonloſer Stimme;„ich habe eine Hochzeitfackel angezündet, die uns Allen leuchten ſoll.“ Sie hatte im Geheim eine brennende Lunte in das Pulvermagazin ge⸗ worfen, das unter ihren Füßen lag, und während ſie die letzten Worte ſprach, hörte man eine fürchterliche Ex⸗ ploſion. Die Burg ſtürzte ein, und unter ihren Ruinen ward der Eidbrüchige, die Mordbrennerin, der Prieſter und das unſchuldige betrogene Opfer begraben. Von dieſer Zeit an, ſagt man, haben Hexen dort ihren Wohnſitz aufgeſchlagen.“ Georgine hatte während des Verlaufs der Erzählung ihren Blick unverwandt auf Lindorm's ausdrucksvolle Züge geheftet, welche den bitterſten Schmerz zurückſpie⸗ gelten, aber einen Schmerz von der Art, wie er in der Tiefe der Seele mit Glauben und Ehre verſiegelt ruht. Ein unerklärliches Beben hatte ſich ihres ganzen We⸗ ſens bemächtigt. Es war, wie wenn eine unbekannte feindliche Macht ſie unter ihrem Einfluſſe gefeſſelt hielte; denn angenehm war in der That die Empfindung nicht, die ihr Herz von ſchauerlichen und unbegriffenen Ahnun⸗ gen erzittern machte. Keines von beiden ſprach mehr; aber noch ſchwebten die letzten zitternden Töne ſeiner Stimme vor Georginens Ohr. Das Feuer ſeines Blicks war erloſchen; er ſtarrte in die Weite hinaus, wie wenn er kaum wüßte, daß er eine Zuhörerin hatte. Es lag etwas Furchtbares in ihrem Stillſchweigen, und viel⸗ leicht fühlten ſie Beide eine Erleichterung, als man das Souper anſagte. Gleich nach dem Schluſſe deſſel⸗ ben reisten Lindorm und Arthur ab. 101 Vierzehntes Kapitel. Armer Freund! ich leide mit Dir, ich weine mit Dir! Wie innig wuünſchte ich nicht, zu Dir kommen zu können, damit Dein von Fiebergluth und wilden Bildern wirrer Kopf ſich an dies Herz lehnen könnte, das hier, obwohl in der Ferne, für Dich ſchlägt. Wie magſt Du Vorwürfe von mir fürchten?— von mir nie! Noch bin ich ſchwach, obſchon ich lange ſtrebte, jene Ruhe mir anzueignen, die einer feſten und männlichen Seele zu⸗ kommt; aber, Müller, ich habe gefunden, daß das äußerſte Ziel dieſes Strebens den Glücklichen vorbehalten iſt, welche die Grenzen der Zeit überſchritten haben. Auch wir werden einmal finden, daß, wenn man den Stür⸗ men lange und oft getrotzt hat, ſie allmählig ihre er⸗ ſchütternde Kraft verlieren. Dies iſt auch ganz natürlich; denn fünfhundertjährige Eichen und einjährige Schöß⸗ linge ſind beides Eichen, aber der Sturmwind, bei dem die erſten in unbewegter Ruhe ſtehen, bringt die letztern in heftiges Zittern. Aber laß ſie noch durch die Stürme einiger Jahrhunderte abhärten, und der Orkan, der ſie einſt auszureißen drohte, wird, wenn er auch Blätter und Zweige bewegt, ſie nicht mehr zu entwurzeln vermögen. Doch alles das wirſt Du wohl überſchlagen, und, Müller, ich weiß, ich fühle, daß nichts, das von Men⸗ ſchenlippen kommt, Dich tröſten kann. Deine Lage iſt in Wahrheit entſetzlich, ſeltſam und unnatürlich; aber Du darfſt mir glauben, Lindorm's iſt wahrhaftig nicht viel beſſer, und ich weiß nicht, wenn ich eure ungleichen Bür⸗ den vergleiche und erprobe, wer das ſchwerſte Kreuz zu tragen hat. Gott verzeihe dem Oberjägermeiſter die haie bariſche Härte, die er bis zu ſeinem letzten Augenblicke beibehielt; ich wünſche, er möchte dort oben einen milderen Richter gefunden haben, als er ſelbſt war. Lindorm hat keine Ahnung davon, daß ein Weſen in ſeiner Nähe ſein Geheimniß, den Schlüſſel zu der quälenden, tiefen und unverkennbaren Schwermuth weiß, die aus ſeinem Auge ſpricht und auf ſeiner umwoͤlkten Stirne ruht. In mei⸗ ner Bruſt iſt es wohl verwahrt; ich kenne blos Einen Fall, wo die Pflicht mir gebieten könnte, zu ſprechen, und täglich bitte ich Gott, daß er nicht eintreten möge. Drei Wochen ſind jetzt verfloſſen, ſeitdem der Baron in Geſellſchaft des Lieutenants Srex hier anlangte, welcher letztere, wie Du weißt, ein Sprößling der weiblichen Linie des Geſchlechtes der Lindorm iſt. Er iſt ein jun⸗ ger, froher, ſorgenloſer Jüngling, der gerne ſeine Zeit etwas heiterer vertreiben würde, wenn nicht der finſtere Ernſt des Barons ihm einen Zwang auferlegte, von deſſen Einfluß er ſich nicht befreien kann. Und ich muß bekennen, daß ich nie einen Menſchen geſehen habe, der die Macht, Andere an ſich zu ketten, in dem Grade be⸗ ſitzt, wie Lindorm. Und doch iſt nichts beſonders Herz⸗ liches und Einnehmendes in ſeiner Art, nein, ſeine Zauberkraft liegt in dem Blicke, in dem halben Lächeln, das hie und da wie ein Sonnenſtrahl durch dunkle Maſſen ſich über ſeine Lippen ſchmiegt; er könnte mit einem ſolchen Einen für ſich in's Feuer locken. Auch prägt ſich in ſeinen Zügen und ſeiner Haltung etwas ſo Hohes und Feſtes, ein angeborener Adel aus, wenn es nicht närriſch wäre, es ſo zu nennen. Kurz, er iſt eines der wenig noch übrig gebliebenen Exemplare der Ritterzeit. Damit iſt jedoch nur ſein Edelſinn, ſeine heroiſche Selbſtverläugnung und ſein männlicher Muth, mit dem er ſeine Laſt ungebeugt trägt, gemeint; denn was den Geiſt der ritterlichen Galanterie betrifft, ſo ſcheint es mir, daß dieſer ihn mit ſeinem Hauche nicht berührt hat, oder doch daß er bei den Stürmen, die er durchkämpfen mußte, ſich fortflüchtete. Er gedeiht am beſten daheim unter ſeinen Staffeleien und Büchern, oder auch in den wilden Genüſſen des Waldes. Die Jagd verſäumt er nie. Er und der Lieutenant gehen gewöhnlich Morgens um drei und vier Uhr aus, und wenn ſie ein Paar —————————ua— 103 Stunden geruht haben, reist der Letztere nach Roſendal, um das Verſäumte wieder nachzuholen. In Hermer’s Hauſe, dem ungekünſteltſten, gaſtfreieſten und gebildet⸗ ſten, das wir in der Gegend haben, wird er mit Freu⸗ den aufgenommen, und macht ſich dort, wie es mir dünkt, mit jedem Tage verſtändiger und liebenswürdiger. Vielleicht übt Georgine— es iſt dies beinahe gewiß— denſelben Einfluß auf ihn wie auf Andere aus. Ich kann ihn darum nicht haſſen; denn ich würde in dieſem Falle auf zu viele Gegenſtände des Haſſes ſtoßen. Aber, Müller, es iſt doch hart, zu ſehen, wie Andere, wie Alle ihr nahen, mit ihr ſprechen, lachen, ja ſcherzen und den hinreißenden Klang ihrer Stimme hören können, ihren Geſang— ach, ihren Geſang! und ich, ich wage es kaum, ſie anzuſehen, wenigſtens nicht, wenn ſie ſingt. O Müller! ich würde dieſe zwei langen Jahre hindurch nicht vergebens gelitten haben, wenn es einſtmals mein glückliches Loos würde, daß ich bei dieſem himmliſchen Laute einſchlummern dürfte bis zum herrlichen Erwachen am großen Feſte der Unſterblichkeit! Iſt dies wohl zu viel begehrt? Das Leben iſt ſchön, ſo lange ſie keinem Manne angehört, aber es wird zum öden Grabe, wenn ſie einmal mit einem Andern vereinigt iſt. Gott ſei gelobt, meine Leidenſchaft, obſchon groß, hat doch nie die Gränzen der Vernunft überſchritten. Das will heißen, daß ich nie vermeſſen genug war, mich durch die Hoffnung bethören zu laſſen, die Hoffnung auf eine Erwiederung meiner Gefühle, oder den wahnſinnigen Traum gehegt habe, ſie könnte mein werden. Dennoch fühle ich, Müller, daß im Augenblicke, wo ich die Ge⸗ wißheit erhalte, daß ſie nicht mehr frei iſt, der Vor⸗ bote des Todes den letzten Schlag auf mein Herz thut. Mein theurer und redlicher Freund, ich weiß, daß Du ungeachtet Deines eigenen Leidens, welches das meine bei Weitem übertrifft, dennoch mit Theilnahme an mich, an meinen ſtillen Schmerz, meine ſchlafloſen Nächte und meinen Kampf mit körperlichen und geiſtigen Qualen denkſt. Aber beunruhige Dich nicht um meinetwillen! 1⁰⁴ Ich bin jetzt ruhiger; wenn man den Gang der Ereigniſſe aufmerkſam betrachtet, wird das Herz nach und nach gehärtet, und die Leidenſchaften abgekühlt; bald, deß bin ich gewiß, wird es noch ruhiger. Und einen vollkommen glücklichen Augenblick habe ich noch in dieſem Leben genoſſen; laß mich Dir ihn berichten. Den Tag nach ihrem Namenstag, an wel⸗ chem ich, beiläufig geſagt, kühn genug war, ihr einen Topf mit Blumen zu uͤberſenden, fuhr ich in Geſell⸗ ſchaft des Lieutenants nach Roſendal. O wie ſchwach iſt nicht der Menſch! Ich hatte mir vorgenommen, nie mehr eine Gelegenheit zu ſuchen, ſie zu ſehen, und den⸗ noch reiste ich hin. Der Baron war nicht dabei; er iſt ſelten dort. Als wir in das Vorzimmer eintraten, hef⸗ tete ſich meine Aufmerkſamkeit auf einen halb verwelkten Strauß, der über der Harfe hing; es waren meine Blu⸗ men, Müller! Du begreifſt, was ich empfand. Doch war in dieſer Minute Alles um mich her ein verworre⸗ nes Chaos; ich konnte kaum athmen, und Gott weiß, was ich ſagte; aber gewiß war es etwas ganz Unge⸗ ſchicktes. Da erbarmte ſie ſich meiner Schwachheit, lachte, wie nur ein Engel lachen kann und ſagte: „Beſter Herr Waldenberg, ich danke Ihnen für die Aufmerkſamkeit, die Sie mir geſtern erwieſen; und wenn Sie, wie wir hofften, hieher gekommen wären, ſo würden Sie geſehen haben, daß dieſer Kranz der einzige Schmuck war, den ich trug.“ Müller, wie kann man eine ſolche Minute der Selig⸗ keit überleben! Nicht daß ich mir einen Augenblick ein⸗ bildete, darin eine Spur von einem höheren Gefühle zu ſehen; weit entfernt davon! Ich begriff mehr als zu wohl, daß ſie, wenn ſie ein ſolches gehegt hätte, mir nicht ſo ruhig und ohne alle Verlegenheit das Alles hätte ſagen können; aber von ihr ſo ſehr gewürdigt zu ſein, einen ſolchen Beweis ihrer Freundſchaft zu genießen, zu fühlen, daß meine Leiden ihrem Herzen wehe thun, das war ein zu ſeliges Gefühl, um der Erde anzuge⸗ hören, und ich wünſchte, daß wir damals allein geweſen 105 wären, um ihr ein einziges Mal in meinem Leben ſagen zu dürfen, wie hoch, wie rein, wie uneigennützig ich ſie liebe, ohne etwas mehr zu begehren, als was ſie mir ſchon gegeben. Allein dies konnte nicht geſchehen, und ich bin jetzt froh, daß mein Wunſch nicht erfüllt wurde; denn wozu hätte es gedient, eine Leidenſchaft in Worte zu kleiden, die ſie hinlänglich in meinem Blicke, in meinem ganzen Weſen liest, ungeachtet aller meiner Anſtrengungen, eine Ruhe zu zeigen, die ich nicht beſitze? Nein, es iſt ſo gut, wie es iſt. Beim Abſchiede fügte ſich die Sache ſo, daß wir einen oder ein Paar Augenblicke allein waren. Ich nahm da den Kranz von der Harfe und fragte— der Himmel weiß, woher ich den Muth dazu nahm—„darf ich dieſes wieder mitnehmen?“— Sie zauderte, ſichtlich unruhig darüber, wie ich ein bejahendes Zeichen deuten würde.„Fürchten Sie Nichts, Fräulein von Werden⸗ berg,“ bat ich demüthig und mit Ehrerbietung;„dieſer Kranz wird für mich blos eine heilige Reliquie ſein, welche mich vor jeder überſpannten Schwärmerei ſchützen ſoll, indem er mich an die Stunde erinnert, wo Sie ſo edel und hochgeſinnt vor meiner Seele ſtanden. Das Andenken daran und die Ueberzeugung, daß Sie mir das Einzige gaben, das ſie mir geben konnten, das Einzige, das Höchſte, nach dem ich ſtrebe, Ihre Freundſchaft, Ihr Wohlwollen, wird mich hinüber in jenes Land be⸗ gleiten, wo der beſſere Theil unſeres Seins ſeine Hei⸗ math hat. Sie weigern— ich verbarg den Kranz an meinem Herzen— Sie können mir die einzige Bitte nicht verweigern, die ich je an Sie ſtellen werde.“ Sie faßte meine Worte vollkommen.„Behalten Sie ihn denn, Herr Waldenberg, als eine freundliche Erinnerung an meine Achtung, meine Freundſchaft. Sie hatten Recht, als Sie ſagten, daß etwas Weiteres nicht in meiner Macht liegt, Ihnen zu ſchenken.“—„Der Him⸗ mel ſegne Sie, mein edles Fräulein!“ antwortete ich tief gerührt und eilte an die Brücke hinab, wohin Arthur bald nachfolgte. 106 Der Baron ſpricht davon, daß er beabſichtige, den nächſten Monat eine längere Reiſe zu unternehmen. Wem dieſe gilt, können wir Beide errathen; aber wohin es geht, das wiſſen wir nicht. Seine Unruhe nimmt täglich zu. Dieſe Reiſe könnte einen entſcheidenden Wen⸗ depunkt in ſeinem Leben machen, und, Müller, wäre es nicht das Beſte? Gott halte Dich aufrecht, armer Freund, und wache über Dir bei dieſer ſchrecklichen Prüfung! Nur bei ihm können wir in ſolchen Kämpfen Troſt hoffen und finden. Laß den Muth nicht ganz und gar in deiner Seele erlöſchen; es kommt mir bisweilen vor, wie wenn noch ein Abendſtrahl ſich hinter den Wolken Deines finſtern Lebenshimmels verberge. Gebrochen nicht, gelöst mag wohl Dein Eid noch werden. Und erinnere Dich, daß, je trübere Erfahrungen wir auf der Erde machen, deſto heller uns der Rath des Himmels leuchtet. Mir fällt da ein Bibelſpruch ein, deſſen Wahrheit lebendig iſt:„wir gehen hinaus mit Thränen und tragen einen edlen Samen hinaus, aber wir kommen wieder mit Freude und bringen Garben heim.“ Dieſer Samen ſind unſre Aufopferungen, dieſe Garben ihre Ernte. Doch genug! Schreibe mir um⸗ gehend; mein Herz brennt vor Verlangen, zu erfahren, wie es jetzt mit Dir ſteht. Gebe Gott, daß es beſſer iſt, als Dein letzter Brief andeutete! Der Baron wird mehrere Wochen fort bleiben; bisweilen heißt es auch ein Paar Monate. In welchem Winkel der Erde wird er ſich aufhalten? Keiner von hier ſoll ihn begleiten. Lebe wohl, mein Freund, oder beſſer, ſuche das Leben zu ertragen. Dein Waldenberg. Müller an Waldenberg. „Suche das Leben zu ertragen,“ ſagſt Du; dieſe 7 Worte ſind beinahe das Einzige, was ich von Deiner den nen. bhin nmt Ben⸗ e es mer chen pfen und eilen den den. wir des ein, mit aber rben dieſe um⸗ hren, veſſer wird auch wird eiten. das dieſe heiner 107 ganzen Abhandlung verſtanden habe. Ja es iſt leicht, ruhig in ſeinem Zimmer zu ſitzen und mit Sentenzen und Bibelſprüchen einen armen Teufel abzuſpeiſen, der täg⸗ lich die ſchwerſte Bürde, ſein eignes Daſein trägt und es ſich ſauer werden läßt. Aber bald iſt meine Kraft erſchöpft. Kann ich mich nicht in Kurzem zu der logi⸗ ſchen Klarheit hin räſonniren, daß ein Eid unter ſol⸗ chen Umſtänden gegeben nicht bindend iſt; kurz, werde ich nicht ein vollkommener Schurke, ein Meineidiger, ein verächtlicher Elender, ſo jage ich mir eine Kugel durch den Kopf, um die ganze Tragödie zu endigen. Aber noch will ich ein wenig warten. Ich muß, ja ſtaune nur, ſo viel Du willſt, ich muß ſehen, was mein iſt. Närriſcher Menſch! Du ſcheinſt zu glauben, daß ich beabſichtige, in Ewigkeit hier zu ſitzen und nur um Geduld zu beten. Hier unter dieſer Maſſe von Holz⸗ und Steinhaufen, der man beliebt hat, den ehrenwerthen Titel Stadt zu geben, hier, wo ich buchſtäblich täglich die Qualen eines tauſendfachen Todes leide, hier will „Hich nicht bleiben. Nein, ich will hinaus, hinaus in Gottes weite Welt; ich werde jeden Winkel derſelben durchſuchen! Und iſt es vergeblich und hörſt Du nichts weiter von mir, ſo weißt Du, daß irgend ein freund⸗ licher Abgrund oder eine friedliche Welle den müden Wanderer, den Flüchtling aus dem Eden des Lebens aufgenommen hat. Waldenberg, ſollte dieſes eintreffen, ſo lege ich Dir als eine Gewiſſensſache auf, meinen letzten Wunſch, meine letzte Bitte zu erfüllen, nämlich ſelbſt den Abſchiedsgruß des unglücklichen Sohnes ſei⸗ nem alten Vater zu bringen und ihn zu bitten, mich um meiner Thorheiten willen nicht zu verfluchen. Gib ihm die Briefe, die Du von mir haſt, er wird finden, daß ich kein verächtlicher Bube, blos ein Menſch war. Aber jetzt, jetzt, Waldenberg, iſt es anders; jetzt ſind meine Sinne durch ein Uebermaß von Qual verwirrt. Ich könnte Alles, was es auch ſei, unternehmen, um das Ziel zu erreichen, nach dem meine Leidenſchaft ſtrebt. Und ich werde es erreichen, wenn auch mein eigenes 108 Schickſal damit ſchließt. Es iſt nicht der Mühe werth, daß Du mir ſchreibſt; denn ich kann Dir nicht ſagen, wohin Du den Brief adreſſiren ſollteſt. Weiß ich es ſelbſt? Ich habe noch einmal die Kraft jener Beredt⸗ ſamkeit verſucht, die man mir einſt beilegte, um den alten Faktor von Hamringen durch meine Bitten zu bewegen. Sobald ich ſeine Antwort erhalten habe, mache ich mich auf, mag ſie nach meinem Wunſche ausfallen oder nicht. Aber er war immer mein Freund; warum ſollte er mir den elenden Troſt verweigern, daß ich den Poſtſtempel ſehen darf, ich will ja nicht mehr! Gott ſegne Dich, redlicher Waldenberg! Ich danke Dir für Deine Freundſchaft! O, wer mit Deiner frommen, ruhigen Natur geboren wäre, die ihre Welt, ihren Himmel in einigen welken Blumen findet! Du biſt glücklich, Du biſt beneidenswerth! Müller. P. S. Du ſchwatzeſt einen ganzen Haufen Dinge von Lindorm, die Du meiner Anſicht nach häͤtteſt ganz gut erſparen können. Iſt das ein Stoff, um mein ſiedendes Blut in ſtilleren Umlauf zu bringen? Du willſt eine Vergleichung zwiſchen unſerem Leiden an⸗ ſtellen; Du machſt mich raſend. Triumphirt nicht er in dem ganzen blendenden Glanze des Edelmuths, der Aufopferung, Entſagung und des zufrieden geſtellten Stolzes? Was fällt mir zu? Selbſtvorwurf, Verach⸗ tung meiner ſelbſt und Anderer; eine Schlange, die an meinem Herzen frißt, bis es im Tode bricht. Nein, Waldenberg, keine Vergleichung mehr; es wäre ungerecht. Derſelbe. Gel und der Sie auf Ge⸗ Ma ſen Ma Ger ſch ſpr. ziel lore jäh nich ind ihre Sel ſehr ſchi wo dieſ ihre der auch nen nt ſcho flug lag 109 Fünfzehntes Kapitel. Wie doch das Herz vor Freude klopfen kann, Wenn unſer Auge weint! Atterbom. Wir wollen nun unſer Auge von dem Finſtern und Geheimnißvollen in den Briefen, die wir vorgelegt haben, und ihren Verfaſſern abwenden, und während das Rad der Begebenheiten ſeinen feſtbeſtimmten Gang in aller Sicherheit dahin rollt, wollen wir einen forſchenden Blick auf unſre Heldin, des Thales ſchönſte Roſe, die holde Georgine, werfen. Mit einem Herzen, welches auf ein Mal ſo weich war, wie je eines in einem weiblichen Bu⸗ ſen ſchlug, und ſo feſt und kraftvoll, daß es in eines Mannes Bruſt hätte klopfen können, vereinigte ſie ein Gemüth, das eine nicht unbedeutende Miſchung von ſchwärmeriſchem Feuer und ſpielendem Scherze, ein ſprühendes Leben hatte, welches durch die ſorgſame Er⸗ ziehung, die ſie erhalten, nichts von ſeiner Freiheit ver⸗ loren hatte. Ihr Urtheil war für das eines achtzehn⸗ jährigen Mädchens ſcharf, ihr Geſchmack gebildet, doch nicht überbildet. Sie war ungekünſtelt und gutmüthig, in des Wortes edelſter Bedeutung; aber die Ueberlegenheit ihres Geiſtes vor der Maſſe ihres Geſchlechts hatte eine Selbſtſtändigkeit in ihrem Weſen erzeugt, die eben ſo ſehr von Natur als von der Gewohnheit herzurühren ſchien, daß ſie in manchen Dingen eine Stimme hatte, wo das Weib gewöhnlich als Null angeſehen wird. Mit dieſen Eigenſchaften war es natürlich, daß Georgine unter ihren Bewunderern nicht ſo leicht einen Gegenſtand fand, der ihr Herz feſſeln konnte. Dieſes Herz begehrte aber auch allzuviel, weßhalb keiner der Auftretenden vor ſei⸗ nem heimlichen Richterſtuhl Stand halten konnte. Der Einzige, an dem ihre Aufmerkſamkeit mit einigem Intereſſe haftete, war Waldenberg. Manche ſeiner Eigen⸗ ſchaften nährten ihre Neigung zu jenem höheren Seelen⸗ flug, der Schwärmerei iſt oder doch ſo genannt wird. Es lag etwas Anziehendes in ſeiner warmen, ſtillen und ſitt⸗ 110 lichen Liebe, die ſich in hundert Kleinigkeiten offenbarte, aber immer mit edler Feſtigkeit von ihm bekämpft und von ſeiner beſſern Ueberzeugung zurückgedrängt wurde, die ihm gebot, ſie in ſeine Bruſt zu verſchließen. Sie wäre nicht das ſanfte, gute und fühlende Weib ge⸗ weſen, wenn ſie gegen eine ſolche Verehrung ganz gleichgültig geblieben wäre; aber eine Gegenempfindung in ihrem eigenen Herzen konnte dieſelbe nicht erwecken; dazu war Waldenberg's ganzes Weſen zu fromm, zu weich. Ihre Wünſche waren die ſeinen, ihr Wille der ſeine; ſogar wenn ſie ſich einmal launiſch zeigte, hul⸗ digte er noch dann ihrem Einfluß. Georgine fand daß er in dieſer Hinſicht unheilbar blind war; und deßhalb konnte ſie den guten Waldenberg hochſchätzen, und recht herzlich auf ihn halten, da er auch noch einen beredten Fürſprecher in ſeiner Kränklichkeit hatte, in jenen hektiſchen Roſen auf den abgemagerten Wan⸗ gen, welche beſtändig an ſeine baldige Vermählung mit dem Grabe erinnerte. Aber gefährlich für ihre Ruhe konnte er nie werden; denn obſchon Georgine bei ihrem künftigen Gatten einigermaßen jene Sympathie zu finden wünſchte, die manche Zwiſchenzeit durch ein ge⸗ ahntes Zuvorkommen der gegenſeitigen Gedanken und Wünſche lindert und belebt, ſo fühlte ſie doch, daß der Mann, den ſie lieben konnte, in intellectueller Hinſicht eine Stüfe höher als ſie ſelbſt ſtehen mußte. Er ſollte in ihr eine Gefährtin finden, die zwar den kühnen Flug ſeiner höheren Natur faſſen und ihm folgen konnte, aber doch immer in einem Abſtand blieb, der zwar keineswegs untergeordnet, aber doch ein ſolcher war, wodurch ſte fühlte, daß er es war, der ſie zu ſich hinauf hob, nicht ſie, die ſich zu ihm herabließ. Der, welcher ihr Herz feſſeln und feſt halten konnte, mußte ihr daher als erſte Bedingung eine vollkom⸗ mene Achtung einflößen; weiter mußte er eine Menge guter und ausgezeichneter Eigenſchaften beſitzen, die heut zu Tage ſelten mehr gefunden werden, außer etwa bei denen, die für glückliche Ausnahmen von der Regel 111 gelten können. Aber da der Ausnahmen immerdar wenige waren, ſo würde es auch wahrſcheinlich für Georginen ſchwer geworden ſein, eine ſolche zu finden, wenn nicht ihr Gefühl mit in's Spiel gekommen wäre; ehe ihre Ueberzeugung von dem vollkommenen Werthe des Gegenſtandes ſich hatte befeſtigen können, und da⸗ durch einige Ausgleichung in der Sache zu Stande gebracht hätte. Es war Guſtav Lindorm vorbehalten, dieß Gefühl bei ihr zu wecken und an ihre Perſon zu ketten. Schon die Beſchreibung, die ihr Willy von ihrer erſten Be⸗ gegnung auf dem Kirchhofe gemacht hatte, hatte ihr ein unnennbares Intereſſe für ihn erweckt, und dieſes ver⸗ minderte ſich keineswegs, als ſie am folgenden Morgen erfuhr, daß es Guſtav, ihr Jugendfreund, war, deſſen Gedächtniß noch dunkel in den geiſtigen Träumen der Jungfrau fortlebte, und der all' dem entſprechen mußte, was ſie ſich von ihm gedacht hatte, ja, der es noch übertreffen mußte; denn der Ruf von ſeinem edlen und hochgeſinnten Charakter, der faſt einzig und unver⸗ gleichlich war, ſo wie ein anderes Gerücht, das ſeine ausgezeichnete männliche Schönheit pries, war lange vor dem zu ihren Ohren gedrungen. Manches kleine Ge⸗ heimniß von ſeiner traurigen und ſeltſamen Gemüths⸗ ſtimmung hatte ſich überdieß von den Lippen das Pfar⸗ rers Werner in ihr offenes, für ſolche Eindrücke leicht empfängliches Herz niedergeſenkt, wenn ſte mit all' der einnehmenden Kunſt, die ihr eigen war, dem guten Manne zuſetzte. Es iſt deßhalb leicht begreiflich, mit welcher Unruhe ſie nach ſolchen Vorbereitungen den Mittag, der für ſeinen erſten Beſuch beſtimmt war, er⸗ warten mußte. Die erſehnte Stunde ſchlug endlich, und Georgine war auf alles Andere eher gefaßt, als auf das, was wirklich geſchah. Weder ſeine Perſon noch ſein Weſen entſprach ihrer Vorſtellung. Die hohe, imponirende Ge⸗ ſtalt war edler, ſtolzer und athletiſcher, als die Zeichnung die ſich ihre Phantaſie entworfen hatte; aber dagegen er⸗ mangelte ſie auch ganz jener leichten Schmiegſamkeit, 112 und des einnehmenden Reizes, die ſie ihr in Gedanken verliehen hatte. Ein tiefer, ja düſterer Ernſt war ſeiner Geſtalt und ſeinen Zügen eingeprägt; aber daß dieſe bildſchoͤn waren, und daß ſie, obwohl von keinem zaube⸗ riſchen Lächeln belebt, doch die herrlichſten waren, die ſie bis daher aus den reich ausgerüſteten Händen der Natur und Kunſt hatte hervorgehen ſehen, davon fühlte ſie ſich vollkommen überzeugt. Dabei empfand ſie jedoch ein äußerſt unangenehmes Herzklopfen, das ihr die Kälte, die eiſige Höflichkeit und die ſteife, unbegründete Förm⸗ lichkeit in jedem dieſer ſchönen Züge verurſachte, als er ſich ihr langſam näherte, anſtatt, wie ſie erwartet hatte, in ungetrübter Freude beim Widerſehen ſeiner Jugend⸗ braut zu ſtrahlen, und daß ſie einſt ſo genannt wurde, hatte ſie ja tauſend Mal gehört. Doch die raſche Flucht des Augenblicks erlaubte keine weitere Forſchung. Er ſprach, ſeine Stimme war unendlich wohllautend; aber die Worte waren kalt und fremd. Schmerzlich erſtaunt zog ſie ſich zurück und dieſe Gemüthsſtimmung blieb die herrſchende, bis der Auftritt am Kaffeetiſch ſie bedeutend veränderte. Der Blick, den ſie da wechſelten, erfüllte ihre Seele mit einer Ahnung, die bis daher dort ge⸗ ſchlummert hatte, neu, wunderſam, ſtill, heilig und ge⸗ heimnißvoll. Aber dieſer Eindruck gab bald wieder einem andern Raum, als ſie Lindorm ſeine Kälte wieder annehmen und wo möglich noch ſonderbarer werden ſah, als vorher. Aus Arthur's Mittheilung wurde es Geor⸗ ginen gewiß, daß irgend ein großer und tiefer Kummer in Guſtav's Herzen ruhen mußte, und daß dieſer wahrſcheinlich den Wechſel im Ausdruck ſeiner Augen bewirkte. Endlich kam der Abend, der Geſang und die * Sage; Empfindungen und Gedanken überſtürzten ſich; der Kopf und das Herz wurden beide der Tummel⸗ platz neuer, unruhiger Gäſte. Erſt als ſie nach der Ab⸗ reiſe der Fremden, und nachdem das Gerichtsperſonale ſich zur Ruhe begeben hatte, ihr Zimmer auſſuchte, empfand ſie die Veränderung oder vielmehr den Umſturz, den Lindorm's ſeltſames, unwiderſtehliches, zu⸗ — 113 gleich liebliches und ſchauerliches Weſen in ihrem Herzen bewirkt hatte. Sie ſuchte die letzten Begebenheiten in ihrer Erinnerung zu ordnen, wobei Lindorm's Bemer⸗ kung über den Geſang zuerſt ins Gedächtniß fiel. Ver⸗ wundeter Stolz entlockte ihrem Auge Thränen, als ſie ſich erinnerte, daß er die Rührung nicht hatte verbergen können, die jener in ihm hervorgerufen hatte. Er hatte in der That ihren Vortrag gemißbilligt, und das war niederſchlagend; aber hatte er es nicht auf eine Art gethan, welche alles Bittere und Verletzende daraus entfernte? Ohne Zweiſel, ſo meinte wenigſtens Georgine. Dieſe neue, ſo ganz kühne und ſonderbare, ja ſogar egoiſtiſche Hinſtellung ſeiner Gedanken und Urtheile riß ſie unwiderſtehlich hin; aber dunkler wurde das Ge⸗ mälde, als die Sage wieder in ihrer ganzen grauen⸗ erregenden Fürchterlichkeit vor ſie trat. Es war hand⸗ greiflich, daß er ſie nicht ohne Abſicht erzählt hatte; ohne einen geheimen Grund hätte er gewiß weder ſie noch ſich ſelbſt mit einer langweiligen unintereſſanten Hiſto⸗ rie von der Namensveränderung von Engelvik ermudet; aber welcher Beweggrund veranlaßte ihn dazu? Sie bebte, ihn zu entdecken, und wagte nicht tiefer im Reiche der Möglichkeit nachzuforſchen, um nicht in ein Gebiet zu gelangen, deſſen dunkle Irrgänge der armen Vernunft keinen Ausweg gewährten. Die Nacht war weit vorge⸗ ſchritten, als ſie endlich, von der ungewöhnlichen Span⸗ nung ermüdet, in einen unruhigen Schlummer fiel; aber auch während dieſes Schlummers übten die Bege⸗ benheiten des Abends ihren Einfluß durch ſeltſame und fieberiſche Träume auf ſie aus. Tage und Wochen waren ſeit dem bewußten Abend vergangen. Man war faſt am Ende Auguſts, und Lin⸗ dorm hatte während dieſer langen Zeit ſeine Freunde in Roſendal nur dreimal beſucht. Er war immer gleich, düſter, melancholiſch und wortkarg. Georginens Geſell⸗ ſchaft wich er eher aus, als daß er ſie aufſuchte, und ſte hatten ſeitdem nicht mehr allein mit einander geſprochen. Guſtav Lindorm. I. 8 114 Die Eigenſchaften, die Lindorm während dieſer Zeit kund gab, ſchienen ihm wenig Anſpruch auf die Kunſt des Gefallens zu verleihen, um was er ſich auch durch⸗ aus nicht bemuhte. Nichts deſto weniger hatte er, ſo wie er jetzt war, weit mehr Glück bei Georginen, als wenn er ihr artig und ungezwungen ſeine Steuer der Bewunderung dargebracht hätte. Er wurde jedesmal ihrem Herzen theurer, ihrer Ruhe gefährlicher. Aber ſein ſonderbares Schweigen in Beziehung auf Alles, was ſeinen Aufenthalt im Hauſe des Oberjägermeiſters, deſſen Tod und die Zeit betraf, wo er ſich faſt allein zu Hamringen aufhielt, alles dies warf einen Schatten von Heimlichkeit auf ſeine Handlungen, der Georginen nicht gefiel, da Heimlichkeit und Verbrechen oft nahe vereint ſind. „O Guſtav!“ ſeufzte ſie oft,„iſt es möglich, daß Du ein Anderer ſein kannſt, als Du ſcheinſt? Nein, nein, ſein Blick kann nicht lügen; daraus ſpricht ja die höchſte Seelenreinheit. Aber warum mich ſo fliehen, da er mich doch oft auf eine Art betrachtet, die mir das Gegentheil von den kalten Worten ſagt, die über ſeine Lippen gehen?“ Georgine machte dieſe Betrachtungen, während ſie das nachſinnende, kleine, reizende Köpfchen auf die Hand ſtützte, und in den abgelegenſten Partien des Parkes auf und ab wandelte. Ihr Gedankengang wurde plötzlich durch einen Ausruf unterbrochen.„Um Gotteswillen, nehmen Sie ſich in Acht!“— Sie ſah auf, es war Lindorm, der auf ſie zuflog und in einem Augenblicke mit ſeinem S ocke eine große Natter entzwei ſchlug, die dicht vor ihren Füßen lag, und auf welche ſie ohne ſeine glückliche Dazwiſchenkunft getreten hätte, und wahr⸗ ſcheinlich ſo von ihr verletzt worden wäre. Georgine gehörte nicht zu der Anzahl nervenſchwacher Weſen, die beim geringſten Schimmer von Geſahr laut auf⸗ kreiſchen. Hätte ſie die Natter geſehen, ſo würde ſie wohl ein unbehagliches Gefühl nicht unterdrückt, aber ſich doch durch einen leichten Sprung auf die Seite ——— ½———.— S SEe d echh S— d. das ſeine d ſie Hand irkes blich llen, war hicke „die ohne ahr⸗ gine eſen, auf⸗ e ſie aber Seite 115 gerettet haben. Jetzt war der Dienſt, den ihr Lindorm leiſtete, nicht ohne Werth, und dieſer wurde noch bedeu⸗ tend dadurch vermehrt, daß er es war, der ihr ihn erwieſen hatte. Sie erholte ſich im Augenblicke; denn wenn Georgine eine Schwachheit hatte, ſo war es die ganz verſtändige, dies nie zeigen zu wollen. „Ich danke Ihnen, Baron Lindorm,“ ſagte ſie ver⸗ bindlich; aber erlauben Sie mir die Frage, warum ich Sie hier treffe? Sie waren nicht in Roſendal, als ich dort wegging?“ „Ich ließ meine Schaluppe an der andern Seite der Inſel anlegen,“ antwortete Lindorm nicht ohne eine gewiſſe Verlegenheit, er möchte die täglichen theuren Wanderungen verrathen, die er in dem abgelegenen Theile des Parkes machte, anſtatt deſſen Eigenthuümer zu beſuchen.„Der alte Fiſcher, der da neben an wohnt, pflegt mir bisweilen, wenn er ſeine Netze flickt, ſeine Lebensſchickſale zu erzählen. Ich höre ihm mit Vergnügen zu; aber wenn wir eine Weile geſprochen haben, iſt es mir unmöglich, umzukehren, ohne zuerſt einen Blick auf den Platz geworfen zu haben, wo ich mich ſo oft als Knabe herumtummelte.“ „Und bei ſo guter Geſellſchaft,“ ſagte Georgine, und zeigte dabei auf ein Buch und eine Flöte, die am Fuße eines Baumes lagen,„brauchen Sie allerdings keine andere aufzuſuchen. Ich finde das richtig, aber nicht ſo das, daß Sie dieſes Talent Ihren Freunden verbergen.“ Sie hob die Flöte auf und betrachtete ſie. Auf einem Goldreif an der Seite derſelben ſtanden die Worte gravirt:„von Konſtanze.“ Lindorm erröthete tief; Georgine wurde nicht unmerklich blaß. Sie machte keine Frage, und nach einigem Stillſchweigen ſagte der Baron: „Muſik iſt, meiner Anſicht nach, blos eine Geſellſchaft für die Einſamkeit. Erſt wenn wir vollkommen uns ſelbſt angehören, verſtehen wir dies göttliche Geſchenk recht.“— Eine Pauſe trat ein. Georgine hatte die Flöte hinweggelegt, und war jetzt damit beſchäſtigt die 116 Franſen ihres Sonnenſchirms fleißig auszufaſen. Lin⸗ 8 dorm zeichnete mit ſeinem Stocke Runen in den Sand. d „Ich hatte beabſichtigt,“ ſprach er endlich,„heute meinen Weg durch den alten, lieben, wohlbekannten Park nach dem für mich neuen und fremderen Wohn⸗ hauſe zu nehmen.“ „Wenn auch das Haus Ihrem Gedächtniſſe neu und. fremd iſt, ſo ſollten es doch ſeine Bewohner nicht ſein,“ erwiederte Georgine, von ſeinen Ausdrucken etwas be⸗ leidigt. „Das ſind ſte gewiß nicht, weit entfernt,“ entgeg⸗ nete er mit mehr Herzlichkeit, als er bisher in ſeinen Ton gelegt hatte.„Glauben Sie das nicht, beſtes Fräulein von Werdenberg.“ „Und doch ſind Sie ein ſo ſeltener Gaſt in Roſendal. Wären Ihnen nicht Ihre früheren Freunde nunmehr fremd, ſo würden Sie gewiß nicht ſo viele Förmlich⸗ keiten gegen ſie beobachten.“ Georgine wuürde im nächſten Augenblicke viel darum gegeben haben, wenn ſie dieſe Worte nicht ausgeſprochen hätte. Es war das erſte Mal, daß ſie ſich bewußt war. etwas weniger Schickliches geſagt zu haben; und das gegenüber von Lindorm! Was mußte er fur eine Idee von ihrem feinen und wahren Gefühl als Weib bekom⸗ men? War ſie dieſem nicht gar zu nahe getreten, da ſie ihn in die Nothwendigkeit verſetzte, auf dieſe unge⸗ hörigen Bemerkungen zu antworten? Aber ihr Nach⸗ denken kam zu ſpät. Das Geſagte konnte nicht zuruck⸗ gerufen werden. Georgine fühlte ein Zittern ihre Seele ———— —l.l⸗“—————.,-——y,——-—— durchbeben, als Lindorm's Stimme in einem bittern und ſchmerzlichen Tone ihr Ohr traf.„O, ſprechen Sie nicht ſo!“ rief er aus.„Ich kann, ich darf nicht anders ſein. Ihre Herzen ſind mir gewiß nicht fremd; aber ich kann Ihnen jetzt nicht mehr ſo begegnen, wie ehemals, denn, o Georgine, es liegt ein fürchterlicher qualvoller Moment zwiſchen dieſem Ehemals— und dieſem Jetzt. Doch warum ſollte ich nicht hoͤffen, daß es nach und nach beſſer, ruhiger werden wird,“ ſetzte er mit gewaltſam als, 117 erkämpfter Faſſung hinzu,„wenn die Jahre ihren kühlen⸗ den Balſam auf die Wunde des Herzens gelegt haben?“ Georgine ſtand betroffen. Seine Worte und noch mehr ſeine Blicke und Geberden überzeugten ſie, daß nur die äußerſte Selbſtbeherrſchung das Heer ſtürmender Gefühle zurückhalten konnte, welches jede Bewegung und vor Allem ſein Auge verrieth, das mit der innigſten Hingebung auf ſie geheftet war, und ganze Bände ſprach, als er nach einem kurzen Stillſchweigen ihre Hand faßte und heftig an ſein mit mannigfachen Leiden⸗ ſchaften kämpfendes Herz drückte, indem er leiſe, faſt flüſternd zu ihr ſagte:„Nicht wahr, o Georgine, hier ſtürmt es ſchrecklich?“ Aber ſchnell beſonnen, ließ er ſie wieder fahren.„Verzeihen Sie, o verzeihen Sie; ich erſchrecke Sie mit meiner Heftigkeit. Ich habe oft ſolche dunkle Stunden, wie dieſe, dann bin ich meiner nicht immer mächtig. Doch wir wollen dieſen Gegenſtand verlaſſen, und da ich jetzt zu aufgeregt bin, um Sie nach Hauſe begleiten zu können, müſſen wir uns trennen. Sagen Sie, daß Sie mir dieſes Vergeſſen alles guten Tones verzeihen, und glauben Sie, daß ich meinen ſchwermüthigen Sinn nicht beſiegen kann“ „Warum ſollte ich Sie, Lindorm, wegen einer ſolchen Unbedeutendheit anklagen, wie der Mangel an gutem Tone iſt?“ ſagte Georgine bekümmert.„Aber das betrübt mich, daß Ihre Seele ſo tief erſchüttert iſt. Ich begreife Ihren Schmerz nicht; aber ich bitte Sie, flüchten Sie dahin, wo ſich kein Vorhang zwiſchen dem gequälten Herzen und dem Heile findet. Dort werden Sie einen ſicherern und beſſeren Troſt finden, als wir Kinder des Staubs einander bieten können.“— Sie reichte ihm mit einem unbeſchreiblich holden und tröſtenden Lächeln die Hand zum Abſchied. „Keinen Troſt,“ ſprach Lindorm düſter,„ſondern Muth und Ergebenheit. Leben Sie wohl, Fräulein v. Werdenberg!“ Er eilte fort. Einige Augenblicke ſtarrte ihm Georgine nach.„O Guſtav, Guſtav!“ ſeufzte ſie und eine wohlthuende Thränenfluth erleichterte ihr —õõ gr 118 gequältes Herz,„welch' finſteres Geheimniß umſchließt Dich; ich wage es nicht zu errathen! Er wurde roth, verwirrt, als er ſah, daß ich die einfachen Worte: von Konſtanze, gewahrte. Warum erröthete er? Ich kann mir nur eine Urſache denken. Aber welche es auch ſein mag,“ liſpelte ſie, und ihr Blick klärte ſich auf durch den dunklen Schleier, der ihn umflorte,„ſo weiß ich jetzt und bin deſſen gewiß, daß ſein Herz mein iſt. Und das iſt genug, ich will dieſes grauenhafte Geheimniß nicht kennen; denn, o Gott, wenn er ein Betrüger wäre, wenn eine tiefe Sünde ſeine Seele befleckte, wie könnte ich es aushalten, dies zu erfahren? Nein, es kann ſich nicht ſo verhalten; es muß anders ſein.“— Und ſie erhob das ſchöne Auge betend zum Himmel, und flehte mit gefalteten Händen in tiefer, brünſtiger Andacht:„Vater, möge er rein ſein und frei von Ver⸗ brechen, und ich begehre nicht mehr— nein, nicht mehr; denn ich bin ja ſchon glücklicher als er.“ Sechszehntes Kapitel. Leb' wohl, du vaͤterliches Haus, leb' wohl; Mit Liebe und Verſoͤhnung kehr' ich wohl Dereinſt zu dir zuruͤck. Jetzt kann ich nicht mehr hemmen meinen Lauf, Nimm mich, o Nacht, in deinen Schleier auf! Tegnér. Vierzehn Tage waren verfloſſen, ſeitdem der voran⸗ gehende Auftritt ſtattgefunden hatte. Es war Nacht; die Bewohner von Engelvik waren zur Ruhe gegangen. Nur Lindorm wandelte in endloſer Unruhe in ſeinem einſamen Zimmer umher; das Geränuſch ſeiner Tritte erweckte Waldenberg aus ſeinem leichten Schlummer. Das Welt⸗ licht, das ſo oft über Anderer Leiden und Freuden geſchim⸗ mert hatte, beleuchtete hier zwei Weſen, deren Herzen —— 119 von denſelben Gefühlen, denſelben Schmerzen klopften; denn daß Georgine einen tiefen und unauslöſchlichen Eindruck auf Lindorm's bisher für die Liebe verſchloſſe⸗ nes Herz gemacht hatte, das war unzweifelhaft, obwohl er es gegen die neuen Erſchütterungen, die es erfuhr, zu ſtählen ſuchte, denn weit entfernt, lieblich und himm⸗ liſch für ihn zu ſein, machten ſie eine Quelle der Qualen und verdoppelten Leiden aus. Guſtav Lindorm litt nicht an eingebildeten Schmerzen, an phantaſtiſchen Grillen, welche für Manche ein eben ſo weſentliches Uebel aus⸗ machen, als das Unglück ſelbſt. Das ſeine war nur zu wahr, nur zu unzweifelhaft. „Vater, o Vater!“ flüſterte er, indem er, gegen das halboffene Fenſter gelehnt, hinauf zur ſchönen Hei⸗ math der Sterne ſchaute,„Dein Geiſt umſchwebt mich! Du ließeſt mir als Erbtheil dieſe glühende Seele, dieſen unruhigen Drang, dieſes raſtloſe Streben. Wie konnte ich glauben, daß es mich zur Ruhe einſchläfern würde, als ich meine Ehre, meinen Namen, meine Ruhe, mein beſſeres Leben aufopferte, um für einen Andern all die⸗ ſes Eigenthum zu retten? Wie konnte ich glauben, daß der Gipfel der Entſagung und Selbſtaufopferung mir Frieden ſchenken könnte? O, es erfordert etwas mehr, um mein Herz zu füllen! Und eine Schwachheit war es, eine unverzeihliche Schwachheit, daß ich ſeinen Bitten und Vorſtellungen nicht widerſtehen konnte. Aber wenn ich noch einmal dieſe ſchreckliche Stunde erleben müßte“ — Lindorm trocknete den Angſtſchweiß von ſeiner Stirne —„würde ich dann anders handeln können, als ich damals that? Nein, ich fühle, daß ich es nicht könnte; auch in dieſer Stunde würde ich nachgegeben haben. Meine Seele ſchaudert beim Andenken an die qualvolle, entſcheidende Minute; aber mein Eid, mein Gelöbniß iſt mir heilig.— O, unausſprechlich liebe ich Georginen; mein Leben würde ich mit Freuden hingeben, wenn ich ihr dies ſagen dürfte; ja, wenn ich zehn Leben wegzu⸗ ſchenken hätte, ich gäbe ſie alle hin, um daſſelbe Be⸗ kenntniß von ihren engliſchen Lippen zu hören.— Aber 120 wozu dieſe eitlen Wünſche? Kein Maltheſerritter war je durch ſein Kreuz ſtrenger gebunden, als ich es durch das meine bin. Und ich habe es nicht aus freiem Willen auf mich genommen. Liebe ich nicht den von Herzen, um deſſentwillen ich es trage? Und doch, holde, herr⸗ liche Georgine, muß ich mit Gewalt mein Herz vor Deinem Bilde verſchließen, wenn ich nicht wahnſinnig werden ſoll durch den Verſucher, der mir in's Ohr zu fluſtern wagt:„Du ſelbſt kannſt mit einer einzigen feſten Handlung Dir den Eingang in den Himmel eröffnen, nach dem Du Dich ſehneſt.“ Hebe Dich weg, Satanas! Mit dem Verluſt meiner Ehre erkaufe ich mein irdiſches Glück nimmermehr!“ Er ſchlug heftig das Fenſter zu und wandelte mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und nieder. Schrecklich brausten die Gemüthsbewegungen in ſeinem Innern: „Georgine,“ murmelte er endlich und warf ſich, ermattet von ſeiner heftigen Seelenſpannung, auf ein Sopha nieder,„Georgine! möchte Gott Dich davor bewahrt haben, daß kein Funken jener Flamme, die Du in mei⸗ nem Herzen entzündet haſt, das Deine ergriffen und mit ſeinem Hauche den Glanz der unſchuldigen Welt, in der Du bisher gelebt haſt, berührt und verdunkelt hat. O Herr! verleihe mir Kraft, kalt zu ſein, kalt wie Eis, wenn ich morgen von ihr Abſchied nehme! Möchte ich nicht ihrem holden Blicke begegnen, der mich, als ich ſie im Parke traf, mit unnennbar bekümmertem Ausdrucke betrachtete! Noch glaube ich nicht, daß ſie davon träumt, was Liebe iſt; aber ich ſchaudre bei dem Gedanken, der ſich mir unwillkürlich aufdringt, ich werde ſie ihn kennen lehren. Vielleicht iſt es gegen meinen Willen ſchon geſchehen; denn Gott mag wiſſen, was ich an jenem unglücklichen Morgen im Parke ſagte. Nein, ich muß fort, weit fort von hier, zu Pflicht und Entſagung. Lindorm warf ſich auf's Bett und ſchlummerte end⸗ lich unter fortwährenden Grübeleien ein. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als Lieutenant Arthur in einem 121 leichten Jagdkleid mit einem Haſen in der Hand eilig die Thüre öffnete und vor den Schlafenden hintrat. „So wache doch auf, in Gottes Namen! Du er⸗ ſchreckſt uns mit Deinem langen Schlaf, Guſtav. Ich war heute früh hier, als ich auf die Jagd ausging. Nun bin ich wieder da mit des Waldes haariger Beute, und Du ſchläfſt noch, oder was machſt Du, daß Du nicht aufſtehſt? Jungfer Wings, die ehrenfeſte Dame, iſt beinahe vor Angſt geſtorben. Sie hält es für gar nicht unmöglich, daß Du in aller Stille zur Ewigkeit gewandert ſeieſt, und iſt ſo furchtſam, daß ſie ſich nicht hereinwagt, um ſich von dem wahren Verhältniſſe zu überzeugen.“ „Was liegt denn Beſonderes darin,“ fragte Lindorm etwas mißvergnügt,„daß ein Menſch, der bei Nacht nicht hat ſchlafen können, ſich bei Tage dafür ſchadlos hält? Aber wie ſteht es mit Waldenberg? Er erhielt geſtern Abend einen Brief, der ihn ſehr angegriffen hat. Ich fand ihn in ſeinem Zimmer außerordentlich aufgeregt, wie er mit dem Brief in der Hand auf und nieder ſchritt. Solche Gemüthsbewegungen müſſen einen nachtheiligen Einfluß auf ſeine ſchwache Geſundheit haben. Es ſcheint mir auch, daß er mit jedem Tage mehr abfällt, der arme, beſcheidene Waldenberg. Es würde mich wirklich ſchmer⸗ zen, ihn zu verlieren; es iſt ein ſo wohldenkender und redlicher Jüngling, voll Verſtand und Bildung.“ „Jal es iſt ein verflucht braver und trefflicher Junge,“ bemerkte Arthur;„ſchade, daß er etwas zu ſentimental iſt. Doch wenn man den Blick auf die Ewigkeit gerichtet und die Seele von einer irdiſchen Liebe erfüllt hat, ſo iſt dies ſehr natürlich. Die Lungenſucht iſt übrigens ein langſam tödtendes Gift. Er wird noch lange genug leben, um in doppelter Hinſicht gepeinigt zu werden.“ „Ei, wie ſcharfſinnig Du geworden biſt,“ ſagte Lindorm.„Wie biſt Du auf die Idee gekommen, daß er an einer irdiſchen Liebe leide? Ich habe das wirk⸗ lich nicht bemerkt.“ „Nun, das glaube ich wohl,“ ſiel der Lieutenant 122 lächelnd ein.„Wahrhaftig, ich würde es wiſſen, wenn Du zu gegenwärtiger Zeit etwas gemerkt hätteſt. Aber ungeachtet es mir am Takte fehlt, Verhältniſſe und Per⸗ ſönlichkeiten aufzufaſſen, wie Dir jüngſt zu behaupten ge⸗ fiel, ſo habe ich doch große Fortſchritte in dieſer Kunſt gemacht; und unter andern Beobachtungen habe ich gefun⸗ den, daß Waldenberg's Leben nur ein fortgeſetzter Kampf gegen dieſe Leidenſchaft iſt. Georgine zeichnet ihn aber auch vor allen ihren übrigen Anbetern aus.“ „Was ſchwatzeſt Du da?“ rief Lindorm heftig und fuhr empor.„Liebt er Georginen?“ „Nun, und was dann?“ unterbrach ihn Arthur ganz ruhig.„Iſt das ſo wunderbar? Er ſieht ſie ja ſeit mehr als anderthalb, ich glaube ſeit beinahe zwei Jahren. Wie hätte denn das anders gehen können? Ich ſehe ſie erſt ſeit ſechs Wochen, und wäre dennoch bereit, jedwede Thorheit zu begehen, um ein ſo beredtes Lächeln zu erhalten, als Waldenberg eines bekam, als ſie ihm für die Blumen dankte.“ „Daran zweifle ich nicht,“ verſetzte Lindorm ziem⸗ lich herb,„und was Du von Waldenberg ſagſt, mag vollkommen wahr ſein. Aber woher weißt Du, daß ſie ihn auszeichnet, oder vielmehr in welchem Sinne nimmſt Du das Wort Auszeichnung?“ „Gott bewahre mich,“ rief Arthur laut,„in tief⸗ ſinnige, ſchwierige Wortklaubereien oder langwierige Abhandlungen einzugehen; ſo etwas plagt mich zu Tode. Laß mich Dir deßhalb ganz kurz ſagen, daß es nach meinem beſchränkten Vermögen, derartige Dinge zu beurtheilen, eine Auszeichnung iſt, wenn eine junge Dame einem jungen Manne zulächelt, und ihm ſo naiv als möglich ſagt, daß ſie mit beſonderem Vergnügen ſeine Huldigung empfange.“ „Himmel und Hölle!“ brach Lindorm aufgebracht los,„wie kannſt Du ſo etwas behaupten! Kannſt Du auf Deine Ehre verſichern, daß Georgine geſagt hat, daß ſie ſeine Huldigung gerne annehme?“ „Mein Gott, was für ein wüthendes Leben, biſt Du 123 raſend, Guſtav? Was geht denn Alles das Dich an! Ich will nicht gerade meine Ehre für mein Wort ver⸗ pfänden; denn es kommt Alles darauf an, was Du unter Huldigung verſtehſt.“ „Was ich darunter verſtehe? Einfältige Frage! Wer kann alle die mannigfaltigen Arten auseinanderſetzen, wie man ſie darbringt? Aber ohne Umſtände, laß mich recht und ſchlecht wiſſen, ob ſie ſich gerade ſo geäußert hat, wie Du ſagteſt?“ „Wenn nicht mit Worten, ſo wenigſtens durch ihre Handlung; urtheile ſelbſt. Sie dankte mit der aller⸗ größten Freundlichkeit— ich finde es für nöthig, mich hier eines Superlativ⸗Ausdruckes zu bedienen— Wal⸗ denberg für die Blumen, die er ihr an ihrem Namens⸗ tage ſchickte. Weiter erhielt er die Vergünſtigung, zu ſehen, daß ſie einen Kranz daraus gebunden hatte; we⸗ nigſtens glaube ich, daß ſie ihn deßhalb an die Harfe hängte. Ferner ſagte ſie ihm, deſſen erinnere ich mich beſtimmt, daß ſie ihn getragen habe, um ihm einen freundlichen Beweis ihrer Achtung zu geben, und Gott weiß, ob nicht auch von Freundſchaft die Roͤde war. Wenn alles das, verbunden mit dem Umſtand, daß mein ſcharfer Blick den Kranz vermißte, als Hermer und ich wieder aus dem andern Zimmer kamen, und daß Waldenberg ganz ſelig ſchien, als ich ihn auf der Brücke traf, wohin er ſich vor mir begeben hatte, wenn alles das nicht ſo überſetzt werden kann, wie ich es that, ſo bekenne ich, daß ich mich nicht auf die Sache verſtehe.“ „Nein, das thuſt Du in der That nicht,“ entgegnete Lindorm beruhigt.„Ich habe zwar wenig Erfahrung in dieſen Dingen; aber davon bin ich doch feſt über⸗ zeugt, daß die Liebe ſich nicht in einer ſo öffentlichen Werthanerkennung ihres Gegenſtandes äußert.“ „Nun, wer zum Teufel hat denn geſagt, daß das Symptome von Liebe ſein ſollten? Wenigſtens ich habe das nicht behauptet. Allein ſie kann ihn dennoch aus⸗ zeichnen, und das thut ſie, ſei es nun aus Freundſchaft, Mitleiden, Achtung oder Laune, gleichviel, ich weiß es 124 nicht und bemühe mich auch nicht, es zu entdecken, aber daß ſich kein Anderer einer ſolchen Aufmerkſamkeit noch hat rühmen können, als wie ſie Waldenberg zugefallen iſt, das iſt ſicher. Wohin meinſt Du, daß der Kranz ſeinen Weg nahm?“ „Das kann ich nicht wiſſen; ich glaube, daß ſie ihn entweder verborgen hat, oder daß er ihn ohne ihr Wiſſen nahm. Das letztere läßt ſich jedoch nicht recht mit Waldenberg's gewöhnlicher Schüchternheit vereini⸗ gen. Ich laſſe alſo die Sache bewenden, und verſichere Dich, Arthur, daß ich ihm herzlich gönne, was er ge⸗ wonnen hat, es mag nun mit oder ohne ihre Zuſtim⸗ mung ſein. Dieſe Liebe, ich meine ſeine Liebe, iſt ein ſtrahlender Stern, der ihm freundlich während ſeiner kurzen Pilgerfahrt leuchtet. Bei Gott, Arthur, ich fühle keinen Neid darüber! Waldenberg iſt ein edel⸗ geſinnter Jüngling und außer Stands, Georginen’s Bfii⸗ für ihn zu mißbrauchen oder zu mißver⸗ ehen.“ Arthur ſchien ganz erſtaunt, ſchwieg jedoch gegen ſeine Gewohnheit. Ein ſchwacher Seufzer war ſeine ganze Antwort, und ein Stillſchweigen trat ein, das Lindorm erſt nach einer guten Weile brach.„Wir müſſen uns reiſefertig machen. Ich mache meinen Ab⸗ ſchiedsbeſuch in Roſendal; denn morgen früh um vier Uhr ſitze ich im Fuhrwerk. Ich werde weder Wagen, Bedienten noch ſonſtigen Troß mit mir nehmen.“ „Auch keine Geſellſchaft?“ fragte Arthur mit einem erzwungenen Lächeln. „Auch dieſe nicht,“ erwiederte Lindorm;„dies gibt wahrlich keine Luſtreiſe. Aber wenn Du meinſt, es behage Dir wohl in der Gegend, mein lieber Arthur, ſo bitte ich Dich, Engelvik als Deine Heimath anzuſehen, bis ich wiederkomme, oder ſo lange es Dir gefällt.“ „Ich danke Dir, Kamerad, und ich hätte wohl ſo⸗ gar, im Falle Du vergeſſen hätteſt, mir dieſes Anerbie⸗ ten zu machen, mir noch einige Zeit lang Deine Gaſt⸗ freundſchaft zu Nutzen gemacht. Aber ich muß auf alle aber noch allen ranz ſie ihr recht Lini⸗ chere ge⸗ tim⸗ ein Liner ich edel⸗ nen's Bver⸗ gegen ſeine agen, inem gibt hage bitte „bis ll ſo⸗ rbie⸗ Gaſt⸗ f alle 125 Fälle noch ein ernſthaftes Wort mit Dir ſprechen. Du weißt, daß ich zwar in meinen Anſichten flüchtig und frei, ja oft wirklich leichtſinnig ſein kann; aber ich be⸗ gehe doch nie eine Handlung, die ſtreng genommen meine Ehre beflecken kann, die, Gott ſei Dank! noch ſo rein iſt, wie der Stahl meines Degens, welcher, bei⸗ läufig geſagt, darauf Anſpruch machen kann, da er noch nie gebraucht worden iſt. Aber, Scherz bei Seite, Du erlaubſt, daß ich Dich ganz ohne Umſchweife und frei von der Leber weg frage, wie es einem Mann von Ehre geziemt, und ich hoffe, daß Du mir ebenſo ant⸗ worten wirſt,— trete ich Deinem Recht zu nahe, oder verwunde ich Deine Gefühle, wenn ich mich während Deiner Abweſenheit bemühe, Georginens Gunſt zu ge⸗ winnen? Und im Falle es mir gluͤckt, kann ich dann, ohne von dem Gedanken beunruhigt zu werden, daß ich Freundſchaft und Gaſtlichkeit verrathen habe, um ihre Hand anhalten?“ Lindorm erbleichte merklich, antwortete jedoch ſogleich mit grozer Herzlichkeit:„Es freut mich außerordentklich, Dich eine Denkweiſe äußern zu hören, die einem Ritter in den glänzendſten Tagen des Ritterthums Ehre gemacht hätte. Mein beſter Arthur, das war edel von Dir gehan⸗ delt, und ich ſehe jetzt, daß Du unter Deinem federleich⸗ ten, jovialen Sinne eine kraftvolle Seele birgſt, weßhalb ich Dich von dieſer Stunde an als einen Mann hoch⸗ ſchätze, deſſen Freundſchaft zu beſitzen ich immer ſtolz ſein werde. Ich wünſchte, daß keine ſo ſonderbaren und ſchwe⸗ ren Umſtände das Vertrauen beſchränkten, das ich Dir gerne zum Tauſche dafür ſchenken möchte. Leider ſind jedoch die Verhältniſſe einmal ſo. Aber offen und be⸗ ſtimmt erkläre ich, daß, wie auch meine Gefühle ſein mögen, ich keinen Anſpruch auf Fräulein v. Werden⸗ berg's Hand, und ebenſo wenig auf ihre Liebe mache oder machen kann. Du haſt deßhalb vollkommene Frei⸗ heit, in dieſer Sache ſo zu handeln, wie es Dir am ver⸗ einbarſten mit Deinem Vortheile ſcheint. Doch jetzt, mein guter Arthur, kein Wort mehr von dieſer Angelegenheit.“ K 126 Der Lieutenant ſchüttelte die dargebotene Hand des Barons mit einem Gefühle, das eher dem Verdruſſe als der Freude glich. Still verließ er das Zimmer. Am Abend wurde ein ſchneller Beſuch in Roſendal gemacht. Hermer und ſeine Frau waren wie immer ſehr herzlich, und beklagten den Verluſt ihres Nachbars. Geor⸗ gine war ſtill, Arthur verſtimmt, Lindorm dagegen ruhiger und beſonnener als gewöhnlich. Er ließ ſich mit Hermer in lange Abhandlungen uber Verbeſſerungen und Repa⸗ rationen in Engelvik ein, fragte ihn um ſeinen Rath, hörte dieſen mit Aufmerkſamkeit an, und bat ihn, wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit Waldenberg mit ſeiner Erfahrung beizuſtehen. Hierauf näherte er ſich Georginen, nahm frei und ungezwungen einen Sruhl an ihrem Nähtiſche ein, lobte ihre Stickerei, fragte, ob ſie die Lektüre liebe, und welche Schrifiſteller ſie am gernſten leſe, und bot ihr ſeine Bibliothek an, die der Obhut des Lieutenants Ses anvertraut war und einen reichen Genuß zu verſprechen ſchien, da ſie neulich durch eine Menge der neueſten einheimiſchen und fremden Erzeugniſſe vermehrt worden war. Kurz er war ſo liebenswürdig, artig und lebhaft, wie es nur eiwa ein Held ſein kann, der ſeine ganze Zeit über unter dem Einfluß der nie dunkelnden Sonne des geſellſchaftlichen Lebens zugebracht hat. Geor⸗ gine befand ſich bei ſeiner leichten und reichen Unter⸗ haltung unendlich wohl, und beklagte es in ihrem Herzen, daß er gerade jetzt abreiſen ſollte, da er, wie ſie meinte, in Folge einer glucklichen Wendung der Dinge, ſich ſo ganz verändert hatte; denn daß dies Alles nur eine mit vieler Anſtrengung gewonnene Verſtellung ſei, konnte ſie nicht ahnen, da ſie natürlicherweiſe die Unterredung nicht kannte, die an dieſem Vormittage zwiſchen Arthur und Lindorm ſtattgefunden hatte. Allein ungeachtet des Vergnügens, das ſie empfand, regte ſich doch in ihrer Seele dunkelſtem Behälter eine Art unbeſtimmter Un⸗ ruhe, verurſacht von der Gewißheit, daß mit dem Melancholiſchen, Düſtern und Sinnenden in Lindorm's Weſen auch jene intereſſante und tiefe Bewegung ver⸗ des uſſe dal ſehr eor⸗ iger mer pa⸗ ath, bäh⸗ ung ahm iſche jebe, bot ants 3 zu der ehrt und eine iden eor⸗ ater⸗ zen, inte, h ſo mit nute dung thur des hrer Un⸗ dem rm's ver⸗ ſchwunden war, die ſich ſo ſehr in jedem ſeiner Worte und Handlungen geoffenbart hatte; und ſeine Blicke, jene dunkel glühenden, tief in's Herz dringenden Blicke, Alles das hatte einer ungezwungenen und einnehmenden Artigkeit Platz gemacht, die ihm zwar wohl anſtand, aber ihm doch nicht jene Zauberkraft verlieh, die ihm ſonſt eigen war. Je mehr Georgine auf ihn ſah und hörte, deſto angenehmer und liebenswürdiger kam er ihr vor; und doch lag etwas unerklärlich Schmerzhaftes in der Ueberzeugung, daß ihr Verhäliniß zu einander nie fremder geweſen als jetzt, da ſich gerade das Gegen⸗ theil zu zeigen ſchien. Sie wünſchte faſt, daß er wieder gleich früher werden möchte, obſchon ſie im folgenden Augenblicke ſich dies als ſelbſtiſch und unrecht vor⸗ warf. Inzwiſchen erſtarben die letzten Strahlen der Sonne, die Schatten verlängerten ſich, und die Zeit zum Auf⸗ bruch ruckte heran. Der Abſchied war kurz. Nicht ein Blick, nicht ein Wort verrieth Georginen den Zuſtand ſeines Herzens, er ſchien abſichtlich jede Aeußerung uber ſeine Zurückkunft zu vermeiden. Still ſchlich ſie ſich zu ihrem Lieblingsplatz im Parke. Eine ſchrecklich druckende Unruhe lag auf ihrem Herzen. Sie ſank auf den Boden nieder, und drückte die Hand hart auf den verrätheriſchen Punkt, wo die Wunde brannte. Ach, Es blutet wohl, auch ohne Waffenklirren, Wenn Kampf und Streit des Herzens Ruh' verwirren! In dieſer Nacht war es ruhig im Schlafzimmer unſeres Helden. Entweder ſchlief er ſanft, da er nach einem großen und kraftvollen Entſchluß mit ſich ſelbſt zufrieden war, oder er zwang ſich zur Ruhe, um zeitig auf ſein zu können; genug, Waldenberg hörte dieſe Nacht ſeine einſamen Wanderungen nicht. Um vier Uhr war das ganze Haus in Bewegung. Der Baron ſchien wun⸗ derbar fürchterlich aufgeregt, er ſprach faſt gar nichts, ſondern drückte blos bisweilen mit einem ſeltſamen Lächeln dem Lieutenant die Hand, wenn dieſer freundlich und ———————ÿ—;—:;Oęõñ———; bereitete ſich durch ein nachdrückliches Räuſpern zur Ant⸗ 128 forſchend eine Frage in Beziehung auf die geſtrige Unter⸗ redung machte. Gleich nach fünf Uhr ging er in Beglei⸗ tung von Arthur, Waldenberg und Jungfer Wings zu dem einfachen Fuhrwerk hinab.„Lebt wohl, meine Freunde!“ Er ſprang hinein, ergriff ſelbſt die Zügel, winkte mit der Hand und verſchwand. Siebenzehntes Kapitel. Du reiteſt, ſchreibet Seneka, Im Hundstrab mit Beweiſen, Und mir Exempel im Galopp. Stenhammar. Der Tag nach Lindorm's Abreiſe war ein Sonntag. Der Gerichtstermin war geſchloſſen, und da die Expe⸗ dition am Samstage vor ſich gegangen war, ſo hatten die Herren nicht wie gewöhnlich Gelegenheit gehabt, nach Roſendal hinüber zu reiſen. Sie fanden ſich des⸗ halb bei guter Zeit am Sonntagmorgen ein, um den letzten Freudentag dieſes Termins mit ihren Freunden zuzubringen Der Oberrichter Holk und Hermer ſaßen in dem Zimmer des Latztern, in eine offenbar wichtige Unterredung vertieft, beide mit Pfeifen im Munde und faſt in einer Wolke von Tabaksrauch ſchwebend. Eine Bouteille Madera nebſt Gläſern ſtand auf einem Tiſche vor ihnen, und im Laufe des Geſprächs wurde ihr ziem⸗ lich fleißig zugeſprochen.. 22 „Ich kann dem Leidweſen, das ich bei dieſem unan⸗ genehmen Ereigniſſe fühlte, keine Worte geben,“ ſprach Hermer in einem Tone, der offenbar darauf berechnet war, Vertrauen zu gewinnen, und ſo weit es ſich thun ließ, den Wermuth aus dem Tranke zu nehmen, den er ſeinem Gaſte kredenzte. Der Richter that einige tiefe Zuͤge aus ſeiner Pfeife, zog die Augbraunen zuſammen, und 129 wort vor, als Hermer, der dieſe nicht abwarten wollte, ſchnell hinzuſetzte:„Der Herr Bruder wird wohl einſehen, was für eine kitzliche Sache das für mich iſt. Wäre ſie zum Beiſpiel meine eigene Tochter, dann würde es ein ganz anderes Ding ſeyn. Ich hätte dann eine ent⸗ ſcheidende Stimme in dieſer wichtigen Frage. Aber ſo kann ich nichts thun, als meinen Rath geben, und auch dies dient zu Nichts, da die, welcher man den Rath ertheilt, ſchon zum voraus beſchloſſen hat, keiner andern Ueberzeugung zu folgen, als ihrer eigenen. In Wahr⸗ heit, mein Bruder, es thut mir ſehr leid, aber ich kann in dieſer Sache Nichts ausrichten. Georgine hat Frei⸗ heit, ihre Wahl ſelbſt zu treffen.“ „Ich kann gerade nicht ſagen,“ fing Richter Holk an,„daß ich mich ſo betrubt darüber fühle; ſondern es verdrießt mich eben, ja es ärgert mich recht. Ein Mann von meinen Jahren und meiner Erfahrung hängt ſich nicht wegen eines Korbs. Aber es liegt etwas be⸗ ſonders Angreifendes, um nicht zu ſagen Beleidigendes in einer ſo beſtimmten Abweiſung. Wenn ſie wenig⸗ ſtens um einige Bedenkzeit gebeten hätte, ſo hätte das doch wie ein Bischen Zartgefühl ausgeſehen; aber ſich ſo bums Dich! mit einem kurzen und beſtimmten Nein zu erklären— das iſt zu viel.“ „Aber erlaube mir eine Bemerkung, Bruder! Wie es mir vorkommt, haſt Du unrecht, die Sache von der Seite zu betrachten. Iſt nicht ein reines, klares Nein, auf einmal gegeben, beſſer, edler, wenigſtens richtiger, als einige Tage Aufſchub; ein Gaukelwerk, verwerflich nach ſeinen Gründen, beleidigend nach ſeinem Endzweck?“ „Das iſt unſtreitig ganz fein und ſcharfſinnig räſon⸗ nirt,“ entgegnete Holk,„und läßt ſich ohne Schwierig⸗ keit von dem ruhigen Beſchauer eines Drama's ſagen, in dem ein Anderer die Hauptperſon iſt; aber mit Deiner Erlaubniß will ich einen kleinen, nur ganz unbedeutenden Einwurf machen. Fräulein Georgine empfängt unſtreitig mit großem Vergnügen die Huldigung, die ihr von Guſtay Lindorm. I. 9 13⁰0 allen Seiten zu Theil wird; warum war es denn mein Loos, auf dieſe nicht ſehr beneidenswerthe Art abge⸗ ſpeist zu werden, da dagegen ein Haufen junger Burſche ein Haufen Schmetterlinge mit eitel Lächeln empfangen wird? Es hat mich immer herzinnerlich verdroſſen, wenn ich ſah, wie ſo unreife Kurmacher durch ein dumm⸗ dreiſtes Hinweggeben des Rings, jenes Symbols der Ewigkeit, Gefühle dolmetſchten, die am Morgen er⸗ wacht und am Abend wieder fortgeblaſen waren.“ „Der Bruder ſtichelt jetzt auf Lieutenant Su**, wenn ich mich nicht täuſche,“ ſprach Hermer;„allein er hat Georginen dies Symbol durchaus nicht ange⸗ boten; und woher, was den erſtern Punkt anbelangt, der Unterſchied rührt, ſo will ich Dir auseinanderſetzen, wie ich die Sache aufgefaßt habe. Die Galanterie, in ihrer ſchöneren Bedeutung, iſt ein Kreis, in dem ſich die handelnden Perſonen leicht begegnen, von wel⸗ chem Punkte ſie auch ausgehen mögen, die Ehe iſt ein Dreieck, in dem der Mann, das Weib und das Kind die Winkel ausmachen. Dieſe Figur hat ſcharfe Ecken, und von dem Herzen eines achtzehnjährigen Mädchens verglichen und in der Wagſchaale abgewogen, dürfte es nicht ſehr viel Scharfſinn bedürfen, um einzuſehen, auf welche Seite ſich das Uebergewicht neigen wird. Doch um ohne Bilder zu ſprechen, ſo iſt meine Meinung ganz einfach die, daß Georgine, die ein ſehr gutes und verſtändiges Mädchen iſt, ſich zwar gerne von jungen Herren gefeiert ſehen kann— und ich ſehe nichts Böſes darin— allein ſie iſt zu edel, um mit der Ruhe eines achtungswerthen Mannes ſpielen zu wollen, der von ihr das Glück ſeiner Zukunft begehrt. Da es nicht in ihrem Vermögen liegt, ihm dieß zu ſchaffen, ſo thut ſie, was ſie für recht und mit der Achtung ver⸗ einbar findet, die ſie dem ſchuldig iſt, der ihr ein ſol⸗ ches Vertrauen ſchenkt.“ „Der Henker hole einen ſolchen Beweis der Ach⸗ tung!“ ſagte der Richter, etwas aus ſeinem gleichmäßigen Weltmannstakt gebracht, und ſtürzte in einem Zug ein 131 Glas Madera hinab. Doch dieſe Abweichung konnte bloß einige Minuten dauern; und bald nahm er ſeine ge⸗ wöhnliche Selbſtbeherrſchung wieder an und ſagte lachend: „Ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich mich ſo verei⸗ fere. Hitze macht keine ſchlimme Sache beſſer. Es kommt mir der Gedanke, ſelbſt mit dem Fräulein zu ſprechen, was vielleicht auch von Anfang an das Rich⸗ tigſte geweſen wäre. In ſolchen Fällen ſollte man nie einen Bevollmächtigten haben, und ich weiß nicht, wel⸗ cher böſe Geiſt mir die Idee einblies, den Herrn Bruder zum Sprecher zu wählen. Ich gehe jetzt und mache einen kleinen Spaziergang, damit ich mich abkühle,“ fügte er hinzu und ſtand auf,„und ich würde Dir ſehr verbunden ſein, Bruder Hermer, wenn Du mir in einer Stunde eine Unterredung mit Deiner Tochter unter vier Augen verſchaffen würdeſt.“ „Das thue ich mit vielem Vergnügen,“ betheuerte Hermer,„und wünſche Dir den beſtmöglichen Er⸗ folg. Wir treffen uns Nachmittags wieder hier.“ Die Herren ſchieden; Georgine ſaß allein auf dem Altan. Bei einer Seele wie der ihrigen waren Schmerz, Unruhe und Hoffnungsloſigkeit nur untergeordnete Ge⸗ genſtände, im Vergleich mit dem kummervollen Gedan⸗ ken, wie ſie alle dieſe Gemüthsbewegungen verbergen könnte. Tief fühlte ſie das Unbegreifliche und Unerklär⸗ liche in Lindorm's Weſen; viel hatte ſie darüber nach⸗ gedacht. Dunkle und ſchwere Zweifel kämpften in ihrer Seele mit der Hoffnung, er werde ganz unſchuldig ſein. Sie verſchloß jedoch alle in ihr Herz, und Niemand, Hermer vielleicht ausgenommen, bemerkte die geringſte Veränderung in ihrem Gemüthe und ihrem Weſen. pener jedoch ſah ein, daß ihre Lebhaftigkeit nur erkün⸗ elt war. Sie ſaß auf dem Altane, wo ſie den Richter em⸗ pfangen wollte, und es dauerte nicht lange, bis er ſich einfand. Aber es iſt wunderbar, was ein Spaziergang bei gewiſſen Fällen für merkwürdige Veränderungen in der Gemüthsſtimmung heryvorbringen kann Der Geiſt 132² nimmt ſeine Spannkraft wieder an, das Herz wird leich⸗ ter, die Gedanken klarer, der Aufruhr der Gefühle legt ſich, und man glaubt zu einem neuen Leben zu erwachen, oder was ungefähr daſſelbe iſt, zu einer neuen Anſicht der Dinge, vorausgeſetzt jedoch, daß der Kummer, der den Sturm des unruhigen Geiſtes verurſacht, nicht von der Art war, daß er, wenn Blätter und Blüthen zer⸗ ſtört ſind, die Herzwurzeln ſelbſt auszureißen beginnt. Der Gedankengang des Richters Holk während obiger Spazierfahrt ging in folgenden ſehr verſtändi⸗ gen Monolog über.—„Das hätte ich wohl bleiben laſſen können. Fünfundvierzig und achtzehn, dieſe Zah⸗ len wollen nicht recht übereinſtimmen. Es könnte mich wüthend machen, daß ich ein ſo ſchlechter Rechenmeiſter war. Jetzt iſt es eigentlich nur noch eine Frage, welches Mittel angewendet werden muß, um mein Blut wieder in ſeinen gewöhnlichen geſunden und gleich⸗ mäßigen Umlauf zu ſetzen; denn alle Gemüthsbewegun⸗ gen ſind einmal ſchädlich und rauben die Eßluſt. Laß ſehen, ob ich eine Zahl finden kann, die beſſer zu fünf⸗ undvierzig paßt. Es wäre doch eine kleine Unterhal⸗ tung; fünfundzwanzig zum Beiſpiel. Ich glaube, Fräu⸗ lein von Berr wäre auf dieſe Art kein ſo unebenes Mädchen. Obwohl ein wenig ſchief, iſt ſie gebildet und verſtändig, hat guten Ton, ſie iſt nur etwas zu ſentimental. Uebrigens iſt fünfundzwanzig doch noch etwas zu jung. Fräulein Kronſchjö mag etwa achtund⸗ zwanzig ſein; aber ſie iſt häßlich und ſchwatzt entſetz⸗ lich viel! Das taugt nichts; nein, das taugt durchaus nichts! Ein Frauenzimmer, das ihre dreißig Sommer gezaͤhlt hätte, würde am paſſendſten den Platz ausfüllen, den ich ihr beſtimme. Am beſten wäre noch eine Wittwe; denn mit jungen Mädchen will ich mich nicht befaſſen. Es muß außerdem ein Weib von Verſtand ſein, von Geſchmack, Sanftmuth, Annehnlichkeit im Umgang und von höchſt unbedeutendem Eigenwillen. Sie muß auch das ganz unentbehrliche Talent beſitzen, daß ſie nach ihrer Küche ſehen kann, ich meine nicht 133 etwa blos ſehen, nein, nein, ſie muß dort auch etwas ausrichten können, wenn es gefordert wird. Und end⸗ lich möchte ich auch gerne, daß ſie die Honneurs bei Tiſche und im Salone mit Anmuth zu machen verſteht. Laß ſehen, wie lange kann es wohl her ſein, daß ich die Wittwe Marshauſen beſuchte? Wahrhaftig, ich glaube, daß es ſchon drei Wochen vor dem Beginn des Gerichts war. Sobald ich heimkomme, werde ich ihr meine Aufwartung machen! Sonderbar, daß es mir noch nie in den Sinn kam, mich in Frau Marshauſen zu verlieben! Sie beſitzt all' die Eigenſchaften, die ich fordere, und ich glaube, ſogar noch einige darüber. Freilich liest ſie viel, allein ſie iſt doch kein Blau⸗ ſtrumpf, eine Benennung, die ich nicht leiden kann. Ich wünſchte, daß die Frauenzimmer im Allgemeinen wenig, aber mit Auswahl leſen möchten. Ich bin kein Pedant, der die Lektüre der Damen auf Almanache, Modejournale und das Kochbuch einſchränkt; aber es würde mich höchlich verdrießen, wenn mein Weib wie eine zweite Madame Staël Alles wüßte, nur nicht, daß ſie ein Weib iſt oder... Aber was nützt das, daß ich hier herumgehe und leeren Räumen predige; es wäre am beſten, wenn ich wartete, bis ich ein Weib oder wenigſtens eine Braut zur Zuhörerin habe. Indeß fühle ich mich bedeutend von meiner Unruhe erleichtert; es iſt doch eine köſtliche Sache um's Denken. Und was Frau Marshauſen anbelangt, das wäre nicht ſo dumm; ich muß dieſe Idee doch in nähere Betrachtung ziehen, ſobald ich nach Hauſe komme. Nun kommt zuerſt Fräulein von Werdenberg an die Reihe; es wird Zeit ſein, und ich werde wenigſtens das Vergnügen haben, ihr zu zeigen, daß ein Mann, der eilf Jahre auf dem Richterſtuhl geſeſſen iſt, mit ſtoiſcher Gleichgültigkeit ſein eigenes Urtheil anhören kann.“ „Mein Vater benachrichtigte mich,“ ſprach Geor⸗ gine, die aus dem Stillſchweigen des Richters merkte, daß er erwarte, ſie ſolle das Geſpräch beginnen,„er 134 benachrichtigte mich, daß der Herr Richter mich mit einer Unterhaltung unter vier Augen beehren wolle.“ „Ja, ich war wirklich ſo dreiſt, dies zu begehren, gnädiges Fräulein. Mein Wunſch iſt, aus Ihrem eigenen Munde die Bekräftigung oder Zurücknahme der Antwort zu vernehmen, die mir Ihr Herr Vater in Ihrem Namen auf meine Werbung gegeben hat. Es wäre lächerlich und bemitleidenswerth, wenn ein Mann von meinen Jahren Himmel und Erde in Be⸗ wegung ſetzte, um das Herz ſeiner Gebieterin zu rüh⸗ ren. Mein Charakter und meine Vermögensumſtände ſind in der Gegend vollkommen wohlbekannt. Der erſtere, meine ich, ſollte Ihnen ein Bürge für die Er⸗ füllung des Wunſches ſein, den ich ſo innig hege, das künftige Leben eines ſo liebenswürdigen Weſens zu be⸗ ſchützen und zu erheitern. Die letztern berechtigen Sie zu dem Glauben, daß Alles, was die freundlichſte Auf⸗ merkſamkeit an Bequemlichkeit und Pracht auffinden kann, um die unſchuldigen Wünſche Ihres jugendlichen Herzens zu befriedigen, unzweifelhaft Ihnen zu Gebote ſtehen wuͤrde.“ „An all' dem, beſter Herr Richter, habe ich nie gezweifelt,“ antwortete Georgine ſanft und ruhig.„Kein Weib könnte mit einem Manne von Ihrer edlen Den⸗ kungsart und allgemein geachtetem Charakter ganz un⸗ glücklich ſein. Aber erlauben Sie mir, Sie zu erin⸗ nern, daß das ungenügſame Herz mehr verlangt. Ich bin noch ſo jung, daß die Sympathie, die zwei gleich⸗ geſtimmte Seelen vereinigt, nothwendig zwiſchen uns vermißt werden müßte. Ohne dieſe hat aber die Pflicht nur Feſſeln und keine Blumen zu bieten. Ich hege eine große Achtung für den Herrn Oberrichter, aber lieben kann ich Sie nicht, und was ich einmal geſagt habe, nehme ich nie zurück.“ „Wohl bedacht, gnädiges Fräulein! Auf meine Ehre, ich bewundere eine ſolche Feſtigkeit bei einer ſo jungen Seele,“ ſagte Holk und küßte Georginen'’s Hand, mit ſo viel Ruhe, als ob von der gleichgültigſten 4 135 Sache von der Welt die Rede geweſen wäre.„Ueber⸗ dies muß ich hinzufügen, daß Ihre Gründe mich über⸗ zeugt haben, und daß es künftig immer mein Stolz ſein wird, mich unter die Zahl Ihrer Freunde rechnen zu dürfen.“— Er verbeugte ſich und verließ den Balkon. Georgine war auf dieſen leichten Sieg über die Ueberzeugung des Oberrichters nicht vorbereitet; allein es freute ſie unendlich und hob Holk um viele Grade in ihrer Achtung. Erleichtert von dem nicht ſehr an⸗ genehmen Gefühl, das ſie begleitete, ſeit ſie dem Vater die beſtimmte Abweiſung für Holk übergeben hatte, und welche dieſer erſt heute erfahren hatte, da er in ſeinem Werbebrief den Schluß des Gerichtstermins als die paſſendſte Zeit bezeichnet hatte, um Geſchäfte dieſer Art abzumachen, wendeten ſich Georginen's Blicke nach Engelvik, ihre Gedanken zu deſſen abweſendem Gebie⸗ ter, der leider auch der Gebieter ihres Herzens gewor⸗ den war. Sie ſeufzte bei der Erinnerung an die Sorg⸗ falt, womit er es vermieden hatte, von ſeiner Rückkehr zu ſprechen. Vielleicht ſollte dies nie wieder geſchehen. Plötzlich und unangenehm ward ihr Gedankengang un⸗ terbrochen, als ſich die Stimme des Notars Blohm ihrem Ohre nahte. Achtzehntes Kapitel. Wer betet ſie nicht an? Weſſen Herz hat ſie nicht gefeſſelt, Bald mit dem Zauber des Tons, bald mit dem ſchuldloſen Sinn? 8— 8— „Ah! Fräulein Georgine, Sie ſind hier? Ich habe Sie überall geſucht, um das unſchätzbare Glück zu haben, ein Paar Minuten allein mit Ihnen ſprechen zu können. Mein Gott, wie bin ich Fortuna verbunden, daß ſie mir den freundlichen Wink gab, Sie in den 136 höheren Regionen aufzuſuchen! Doch, wo ſollte man Sie anders ſuchen?“ „Nun, was iſt denn geſchehen?“ ſagte Georgine, die ihren gewöhnlichen ſcherzhaften Ton anſchlagen wollte; „iſt die Jagd nicht gut geweſen, Sie zogen ja mit Willy aus, um wilde Enten zu ſchießen, nun ſehe ich, daß Sie mit der Büchſe ausgerüſtet, aber ohne Beute ſind.“ „Ohne Beute,“ rief Blohm pathetiſch;„warum dieſe grauſame Prophezeihung! Ich habe mich noch nicht fortbegeben, da ich geſonnen bin, nach etwas Höherem zu zielen, als nach wilden Enten.“ „In dieſem Falle,“ ſagte Georgine mit ungewöhn⸗ licher Kälte,„bin ich außer Standes zu begreifen, was der Herr Notar hier oben thun ſollten. Ich glaube gewiß zu ſein, daß Sie an jeder andern Stelle als hier leichter einen Gegenſtand dazu finden würden.“ „Warum dieſe eiſige Kälte, gnädiges Fräulein? Warum ſollte es mir nicht erlaubt ſein, wenigſtens einen Verſuch zu machen? Sie wiſſen und haben längſt gewußt, daß mein Herz buchſtäblich nahe daran iſt, an der Flamme zu verbrennen, die Sie darin angezündet haben, und daß jetzt, wo ich Sie auf ſo lange Zeit verlaſſen, wo ich mich für eine ganze Ewigkeit von dieſer Inſel der Glückſeligkeit, dem entzückenden Roſen⸗ dal, trennen ſoll, daß ich jetzt Ihnen ſagen muß, wie unendlich ich Sie anbete, und daß ich ohne Sie nicht leben kann.“ „In dieſem Falle,“ fiel ihm Georgine in's Wort, die bei der überſtrömenden Liebeserklärung des Hofge⸗ richtsnotars einſah, daß Ernſt hier unanwendbar und unnütz wäre,„in dieſem Falle iſt es am beſten, Sie legen ſich gleich nieder und ſterben; denn es bleibt Ihnen ſonſt keine Hoffnung übrig.“ Georgine wußte allzu wohl, auf welch' loſem Grunde die ganze Herrlichkeit ruhte. „Mein Gott!“ liſpelte Blohm,„wie kann eine ſo grauſame Seele in einer Engelsgeſtalt wohnen! Wie iſt es Ihnen möglich, ſo kalt, ſo herzlos mein Todesurtheil zu unterſchreiben, wie wenn es ſich nur um eine Fliege — — 137 handelte? Vielleicht glauben Sie, ſchöne Georgine, daß ich übertreibe, wenn ich Ihnen von meiner Liebe ſpreche. Aber, o, das iſt nicht der Fall! Es iſt etwas mehr, es iſt etwas weit Höheres, als wie ich mir bisher dies Gefühl gedacht habe, und Lüge iſt etwas, von dem ich nur habe ſprechen hören. Meine Stellung— um etwas über das Materielle zu ſagen, das als Anhang mitfolgen muß, und das ich zum Voraus berühre, obwohl es meine ätheriſchen Gefühle entweiht; denn was kann geſchmack⸗ loſer ſein, als zugleich an Brod und Liebe zu denken? — Aber gut, ich will meine Abneigung für dieſe Un⸗ tereinandermiſchung überwinden.— Alſo meine Stellung — iſt vor der Hand nicht glänzend, das gebe ich zu; gleichwohl habe ich ſchon mehrere Male den Richter⸗ ſtuhl betreten. Mein Vater hat Einfluß; in einem oder in ein Paar Jahre habe ich ganz gewiß einen einträg⸗ lichen Dienſt, und kann dann, wenn ich nur die geringſte Hoffnung erhalte, auftreten, um mich mit jedem Mit⸗ bewerber um Ihre Hand zu meſſen.“ „Ich wünſche Ihnen von Herzen Glück, Herr No⸗ tar, zu Ihren ſchönen Ausſichten in die Zukunft; allein ſchenken Sie mir jetzt Glauben, wenn ich Ihnen auf⸗ richtig ſage, daß ich dieſelben nie, weder jetzt noch nach Jahren, theilen kann. Unendlich gerne, das bekenne ich, ſchwatze ich mit Ihnen ein Paar Stunden hinweg; aber Glück und Unglück mit Jemand theilen, das iſt wieder eine ganz andere Sache.“ „Iſt das Ihr feſter, unwandelbarer Beſchluß?“ fragte Blohm, und verletzter Stolz färbte ſeine Wangen. „Mein unwandelbarer Entſchluß; ſeien Sie über⸗ zeugt, daß er nie eine Aenderung erleidet.“ „Nun wohl,“ ſprach Blohm,„da Sie ſo ſtolz, ſo herzlos ſind, mein Fräulein, ſo ſollen Sie die Folgen Ihrer Art, Herzen wie Inſekten zu zermalmen, erfah⸗ ren. Sehen Sie meine vortreffliche Doppelbüchſe; ſie iſt geladen. Merken Sie ſich, was ein verzweifelter Liebhaber beginnen kann, wenn er keine Hoffnung mehr auf Erden hat.“ 138 Er näherte ſich der Gallerie und ſtützte ſich mit dem Rücken an ihre äußerſte Kante, ſpannte den Hahn, und ſchien in vollem Ernſt eine Vorſtellung aus dem ſeligen Werther geben zu wollen. Georgine ließ ſich jedoch durch⸗ aus keinen Schrecken einjagen; ſie war überzeugt, daß er ſie dadurch nur zum Aeußerſten treiben wollte. Aber da ſie nicht gewiß war, ob die Büchſe geladen war und durch eine unvorſichtige Berührung nicht ein Unglück entſtehen konnte, ſo faßte ſie ſchnell ihren Entſchluß. Mit verſtelltem Entſetzen nahm ſie ihm vorſichtig die gefährliche Waffe aus der Hand.„Ach, warten Sie ein wenig, Herr Notar,“ ſagte ſie mit verhaltenem Lachen.„Kommen Sie weiter daher, ſo, hier mitten auf den Altan. Und jetzt, da Sie tragiſche Auftritte ſo ſehr lieben, laſſen Sie uns einen veranſtalten, der durch ſeine Außergewöhnlichkeit unſere Namen der Nachwelt überliefern wird. Was meinen Sie, würde es nicht mehr Effekt machen, wenn ich den Schuß losbrennte?“ „Bei Gott, das wäre himmliſch!“ rief Blohm aus. „Wollen Sie mir wirklich dieſen einen aber großen Beweis Ihrer höchſt eigenen Ergebenheit ſchenken?“ „Mit vielem Vergnügen,“ erwiederte Georgine, und that, als ob ſie den Hahn ſpannte, den Blohm nicht berührt hatte.„Auf wie viel Schritte Abſtand befehlen Sie den Schuß?“ „Auf Zehn,“ antwortete Blohm, und ſtellte ſich mit gekreuzten Armen und in höchſt lächerlicher Poſitur mitten auf den Altan.— Georgine maß die Schritte ab:„So! jetzt wären wir fertig. Wollen Sie ſelbſt commandiren, oder ſoll ich es thun?“ „Sie werden mich auf's Höchſte verbinden, gnädi⸗ ges Fräulein, wenn Sie auch dies übernehmen. Ich bin bereit und warte.“ „Gut, Herr Notar; Sie ſollen nicht vergebens warten. So fahre denn wohl, ſchönes Leben; fahre wohl, ſchöne Erde; lebe wohl, unglückſelige Liebe, du Urſprung aller meiner Leiden; lebt wohl, muntere Ka⸗ meraden; lebe wohl, Schachſpiel und Whiſtpartie; lebe 139 wohl, ſchöner, grüner Billardtiſch; und Du des Lebens Leben, herrlicher Champagner, ich werde euch nie wieder ſchauen. Eins, zwei, drei; jetzt fahren Sie ab, Herr Notar!“ Sie ſah wirklich aus wie eine Amazone, und ſpielte ihre Rolle ſo gut, daß Blohm am Schluſſe der präch⸗ tigen Abſchiedsrede in ein ſchallendes Gelächter aus⸗ brach, und mit dieſem Paroxysmus ging der größere Theil der verzehrenden Flamme in Rauch auf. „Sie ſind wahrhaftig zu reizend, gnädiges Fräulein,“ rief er entzückt,„und es müßte gewiß nicht ſo übel ge⸗ ſchmeckt haben, von Ihrer Hand zu ſterben, wenn das Leben nicht ſo göttlich ſchön wäre, daß nicht einmal dieſer hohe Preis mich vermögen könnte, es zu verlaſſen.“ Etwas, das einer Gelächter⸗Salve glich, erreichte das feinfühlende Ohr des Notars Blohm. Er wandte ſich um, und ſah den Oberrichter und Hermer, in der Eigenſchaft als Zuſchauer, den oberſten Theil der Treppe einnehmen. Der Notar biß ſich erzürnt in die Lippen, und ſah auf die andere Seite. Auch Georgine, die auf die Büchſe gelehnt daſtand, fühlte ſich etwas beunruhigt. „Auf meine Ehre, mein braver Blohm,“ ſagte der Oberrichter Holk,„Sie haben eine prächtigere Tragödie aufgeführt, als ich je vorher geſehen hatte. Und Sie, gnädiges Fräulein, Sie haben, verzeihen Sie meiner Arfrichtigkeit, ein wahrhaft angeborenes Talent für die Bühne.“ „Ja, mein liebes Mädchen,“ ſagte Hermer, und klopfte ihr auf das goldlockige Köpfchen,„unſer Freund Holk hat wirklich Recht, Du haſt vortrefflich geſpielt.“ „Es iſt mir ſehr angenehm, zu hören, daß die Herren dieſer Anſicht ſind,“ erwiederte Georgine in ihrem gewöhnlichen ſcherzhaften Tone.„Der Notar Blohm und ich wollten verſuchen, wie uns dieſe Scene gelingen würde. Es war ſo oft die Rede davon, ein Liebhabertheater einzurichten, da ſich hier ſo viele Nach⸗ barn und eine ſo zahlreiche Jugend befinden, und zur Feier der Einweihung deſſelben hat der Herr Notar die 140 Güte gehabt, das in Frage ſtehende kleine Stück zu ſchreiben, und ich konnte ihm unmöglich eine Rolle darin verweigern.“ Blohm verſuchte in dieſen Ton einzuſtimmen, und mit ziemlich guter Laune ging ein jedes an die Mittags⸗ toilette. Allein die Etikette, an ſich ſchon ſo widerwärtig, führt auch noch viel anderes Schlimme mit ſich. Wäre die Geſellſchaft jetzt beiſammen geblieben, ſo hätte die eingetretene Heiterkeit wahrſcheinlich den ganzen Tag fortgedauert; doch dieſe verſchwand nun ganz und gar, da ein Jeder auf ſeinem Zimmer den Auftritt vom Vor⸗ mittag überdachte; und bis man ſich endlich bei Tiſche verſammelte, war keine Spur mehr von jener Stim⸗ mung vorhanden. Nicht einmal der alte, ungezwungene Ton wollte ſich einfinden, und der Kaffee war kaum getrunken, als die Herren ſchon wieder ihre Hüte und Handſchuhe ergriffen und ſich entfernten. Mitten in der Bucht begegnete ihre Schaluppe der Arthur's.— „Ihr Diener, Herr Lieutenant!“ rief Holk, der ſich wieder in der beſten Laune befand, ſobald er nicht mehr unter dem Einfluß des Anblicks ſeiner Korbgeberin ſtand. —„Gehorſamer Diener, Herr Oberrichter! Schon von Roſendal zurück! Ich hoffte dort heute Abend das Ver⸗ gnügen Ihrer Geſellſchaft zu haben.“ „Das wäre mir außerordentlich angenehm geweſen, Herr Lieutenant; allein wir müſſen morgen in aller Frühe aufbrechen. Ueberdies befindet ſich mein Amts⸗ bruder, der Hofgerichtsnotar, nicht recht wohl, weßhalb wir die Abreiſe beſchleunigen müſſen.“ „O weh, das beklage ich,“ ſagte Arthur mit einem Lächeln, das nicht ſehr für die Wahrheit ſeiner Worte bürgte;„die Hitze iſt heute auch ungewöhnlich ſtark.“ „Sagen Sie lieber die Kälte,“ rief Holk lachend. Blohm litt wie unter der unbarmherzigſten Geißel, ſchlug den Mantel feſt um ſich, lehnte ſich an den Bord des Bootes und blieb ſtille. „Das wird ein großer Verluſt für uns ſein, daß zu olle und gs⸗ tig, äre die Lag gar, or⸗ ſche im⸗ ene um und der ſich ehr ind. von ger⸗ ſen, ller ats⸗ alb nem orte F.¹³ nd. ßel, ord daß 141 wir die Herren verlieren,“ fing der Lieutenant wieder an.„Lindorm iſt jetzt auch fort, und unſern guten Waldenberg hindert ſeine Kränklichkeit, Antheil an dem Vergnügen zu nehmen, das ich am meiſten liebe.“ „Wenn das iſtſ, ſo meine ich,“ rief Holk ſchnell,„der Herr Lieutenant könnte eine Tour mit mir heim machen. Hol' mich der Kukuk, das wäre nicht ſo dumm. Wir können uns mancher ſehr angenehmen Nachbarſchaft rüh⸗ men. Voran ſtelle ich Frau Marshauſen. Sie macht ein ſehr angenehmes, nettes und vortreffliches Haus. Man fühlt ſich da ſo wohl, daß man wünſcht, es möchte nie Abend werden: kurzum, ich ſtehe dafür, daß auch Sie das finden werden! Verſprechen Sie es mir?“ „Topp!“ ſagte Arthur und bot ihm die Hand. „Wie bald reiſen Sie?“ „Morgen Vormittag um zehn Uhr.“ „Ich werde mich einfinden, und nehme Ihr Aner⸗ bieten mit freudiger Dankbarkeit an.“ „Herzlich willkommen in Björkö als guter Geſell⸗ ſchafter, Herr Lieutenant!“ entgegnete Holk.„Ich werde Sie nicht länger aufhalten! Gehorſamer Diener!“ „Gehorſamer Diener, Herr Oberrichter! Ich wünſche Ihnen gute Beſſerung, Herr Hofgerichtsnotar!“— Die Boote legten wieder aus, und ein jedes nahm ſei⸗ nen Weg. „Das war kein dummer Vorſchlag,“ dachte Arthur. „Ich bin recht froh darüber; denn nichts iſt mir im Ganzen zu gegenwärtiger Zeit dienlicher, als ein Wechſel des Aufenthaltsorts. Das gibt mir Zeit, die Sache beſſer in Erwägung zu ziehen, da ich nie aufhören kann, über Lindorm’s Antwort nachzuſinnen.„Was auch meine Ge⸗ fühle ſeyn mögen, ſo erkläre ich offen und beſtimmt, daß ich keine Anſprüche weder auf Fräulein v. Werdenbergs Hand noch auf ihre Liebe mache und machen kann, und Du haſt vollkommene Freiheit, in dieſer Hinſicht ſo zu handeln, wie es Dir Dein Intereſſe gebietet!“— Darauf ging ſeine Aeußerung hinaus. Hm, es iſt gewiß gut und recht, wenn ich ſeine Worte buchſtäblich nehme. Allein 142 ich kann es doch nicht über mich gewinnen, das zu thun, weil es ein höchſt ſchwieriger Umſtand iſt, daß ſie ihre Gefühle für ihn nicht mehr beherrſchen kann.— Gott weiß, ich würde gerne jedes Opfer bringen, wenn mir das Glück würde, das liebe Mädchen als meine Braut heim⸗ führen zu dürfen, und ich kann mir ſchon zum Voraus das beifällige Lächeln meines alten Vaters vorſtellen, wenn ich ihm eine ſolche Schwiegertochter in's Haus brächte; aber ich liebe Guſtav bei all ſeinen Sonderbarkeiten mehr als er ſelbſt weiß, ja weit mehr als ich vermuthete, daß man einen Freund lieben könne; und es iſt mir unmög⸗ lich, ihm einen ſo bittern Kummer zu verurſachen, als es ihm wahrſcheinlich machen würde, wenn es mir gelänge, ihre Gunſt zu erwerben. Nein, es erfordert eine ſchär⸗ fere Prüfung der Gefühle und Beweggründe, ehe ich weiter ſchreite. Ferne ſei mir alſo jeder Gedanke an einen Verſuch, mich in ihr Herz einzuſchleichen, bis ich Guſtav wieder getroffen und eine neue Unterredung über dieſe Sache mit ihm gehabt habe.“ Mit dieſen guten Vorſätzen ſtieg Arthur die Brücke in Roſendal hinauf, wo er herzlich bewillkommt und von jedem in der Stille als ein Kandidat für die Lücke begrüßt wurde, welche nach der Abreiſe der Gerichts⸗ herren eintrat. Zwar verlor Georgine, in Folge von Arthur's feinem Ehrgefühl, den dritten Antrag an die⸗ ſem Tage; aber ſie fuͤhlte ſeinen Verluſt nicht, und ſie ſchienen gegenſeitig nie mehr Vergnügen an ihrer Ge⸗ ſellſchaft gefunden zu haben, als an dieſem ſo herrlichen Abende. Er hatte ein Buch mitgebracht, aus dem er ihr vorlas; und nachdem ſie ihre gemeinſchaftlichen Be⸗ merkungen darüber gemacht hatten, ſpielte ſie ihm auf der Harfe vor. Beim Abſchied ſagte Georgine:„Sie kommen doch morgen wieder, Lieutenant Arthur?“ und lächelte dabei ſo reizend, daß der Lieutenant ein ge⸗ wiſſes unruhiges Herzklopfen wegen ſeiner guten Vor⸗ ſätze fühlte. Gegen ſeine Gewohnheit etwas verwirrt, ſtammelte er:„Ich glaube nicht.“ „Wie ſo?“ fragte ſie verwundert.“ das her Rei nac Gu 143 „Weil— weil ich mir dies Vergnügen auf einige Zeit verſagen muß. Der Oberrichter Holk hat die Ar⸗ tigkeit gehabt, mich nach Björkö einzuladen.“ „Dafür ſind wir ihm nicht ſehr verbunden,“ meinte Hermer, und Georgine verſicherte mit unverſtellter Auf⸗ richtigkeit:„Wir werden Sie fehr vermiſſen, Lieutenant Arthur, beſonders, da alle unſere anderen Freunde uns auch verlaſſen haben.“ „Ach, mein Fräulein, wenn ich glauben, wenn ich hoffen dürfte, daß Sie mich in Wahrheit nur eine Mi⸗ nute lang vermißten, ſo...“ Arthur hielt ſchnell inne; ſein eben abgelegtes Gelübde trat in der rieſigen Ge⸗ ſtalt einer niedrigen Handlung vor ſein geiſtiges Auge; er ſchwieg, und jener Satz, der nicht zu Ende kam, in einem Seufzer von den Lippen ſchwamm. „Leben Sie wohl, leben Sie wohl! Bald bin ich wieder zurück!“— Arthur eilte, ſich und alle ſeine Gefühle ſo ſchnell als möglich in das kleine Boot ein⸗ zupacken, das ihn bald über die kräuſelnden Wellen nach Hauſe nach Engelvik brachte. /—·—·QC—ꝭ—¶—————— Neunzehntes Kapitel. Geſund war ihre Farbe, wie die Kuͤnſtler malen Aurora's Antlitz in den Kranz von Strahlen. Tegnér. „Sol jetzt ſind wir an Ort und Stelle! Sehen Sie das weiße Gebäude, das dort zwiſchen den Bäumen herausſchimmert?“ fragte der Öberrichter Holk ſeinen Reiſegefährten, den Lieutenant Sexx, als ſie, den Tag nach ihrer Ankunft in Björkö, auf einer Fahrt zu dem Gute der Wittwe Marshauſen begriffen waren.„Sehen 144 Sie das weiße Gebäude, das dort zwiſchen den Bäu⸗ men hervorſchimmert?“ „Nein.“ „Sie müſſen Ihre Augen mehr links halten, Herr Lieutenant; jetzt entdecken Sie es gewiß.“ „Ja wahrhaftig; das ſieht ja ganz ſtattlich aus.“ „Gut; das iſt Balderslund. Hier wohnt die kleine, aimable Frau Marshauſen. Ein nettes Plätzchen, nicht wahr? Freilich kein Roſendal, aber doch ſehr lieblich, ja, wahrhaftig ſehr lieblich. Die Eigenthümerin iſt Wittwe und hat ein bedeutendes Beſitzthum. Ein wirk⸗ lich einnehmendes Frauenzimmer. Sie werden ſchon ſehen. Sie hat auch eine jüngere Schweſter im Hauſe, Louiſe Monteén, ein recht ſüßes und reizendes Mädchen, aber beinahe noch ein Kind; erſt ſechszehn Jahre und ein Bischen ſchüchtern, in Folge der einſamen Erzie⸗ hung, die ſie genoß, ehe ſie vor ungefähr einem Jahre zu ihrer Schweſter kam. Allein in einer täglichen Ge⸗ ſellſchaft, wie die der Frau Marshauſen iſt, bildet ſich ein Mädchen ſchnell durch das Beiſpiel.“ „Alles das läßt höchſt vortreſſlich,“ ſagte Arthur; „ich meine ſchon beide Damen vor mir zu ſehen.“— Der Wagen hielt vor einer großen, halbrunden Stein⸗ treppe. Die Herren ſtiegen aus und ließen ſich anmel⸗ den. Eine Jungfer geleitete ſie in das Vorzimmer mit der Verſicherung, daß ihre Frau ſogleich die Ehre haben würde, ſich einzufinden. Das Zimmer, in das ſie geführt wurden, war weder groß noch elegant; allein es war geſchmackvoll eingerichtet. Die Moͤbel, obwohl nicht koſtbar, waren doch neumodiſch und zeugten von dem Schönheitsſinne der Beſitzerin. Der einzige Pracht⸗ artikel, der Anſpruch auf Auszeichnung machen konnte, war ein gutes Piano, worauf mehrere neue Muſtkalien herum lagen. Verſchiedene hübſche Damenarbeiten be⸗ fanden ſich auf einem Nähtiſchchen am Fenſter; und auf einem ſchönen Büreau ſtanden in guter Ordnung verſchiedene Bände wohlgebundener Bücher. Zäͤu⸗ Herr us.“ eine, nicht lich, n iſt tein⸗ mel⸗ mit Ehre das llein wohl von acht⸗ nnte, alien 1 be⸗ und nung 145 „Was mag wohl ihre Lektüre ſein?“ fragte der Oberrichter Arthurn, der der kleinen Bibliothek zunächſt ſtand.„Seien Sie doch ſo gut und ſehen Sie nach, Herr Lientenant; denn ich geſtehe, daß mich das wirk⸗ lich intereſſirt, zu erfahren. Ich werde indeſſen auf⸗ merken, ob es im Korridor geht, und Ihnen dann einen Wink geben.“ Arthur fing ſein Geſchäft an und ſchlug das erſte Buch in der Reihe auf. „Bauers Lebensbilder.“ „Gut,“ ſagte Holk;„weiter!“ „Die Erde und ihre Bewohner von Zimmermann.“ —„Gut; weiter.“—„Reiſebeſchreibungen, überſetzt von Ordmann.“—„Gut, ſehr gut; und keine Romane?“ —„ich weiß nicht, Franzén und Leopold.“—„Ah, ich wußte wohl,“ ſagte der Oberrichter herzlich vergnügt, „daß ſie ein zu verſtändiges Frauenzimmer iſt, um Ro⸗ mane zu leſen; aber dort ſind noch einige Bände, was mögen die enthalten?“ Arthur beſah ſie.„Handbuch für Frauenzimmer von Angelini.“ „Herr Gott, ein ſo vortreffliches Weib,“ rief Holk bewundernd,„eine ſolche Perle in ſein Haus heimzu⸗ führen. Eine flinke Hausmutter iſt ſie auch; ich wünſchte, wir würden zum Abendeſſen zurückbehalten, dann könn⸗ ten Sie ſich von demjenigen ihrer Talente überzeugen, das meines Erachtens noch keineswegs zu den unbedeu⸗ tendſten gehört. Ein Mann darf ſich glücklich ſchätzen, wenn er es bei ſeiner Frau trifft.“ „Aber ſtill, ſt! es geht.“ Schnell wurde das zu⸗ letzt geöffnete Buch wieder zugeſchlagen. Die Herren ergriffen die weggelegten Hüte, die Thüre ging auf und die Frau des Hauſes trat ein. „Willkommen, meine Herren! Entſchuldigen Sie, daß ich Sie habe warten laſſen,“ ſagte Frau Mars⸗ hauſen mit einem verbindlichen und wohlwollenden Aus⸗ druck in der Stimme;„aber die Wahrheit zu ſagen, war ich an einem häuslichen Geſchäfte und deßhalb nicht ſo in Ordnung, um Sie ſogleich empfangen zu können.“ Guſtav Lindorm. I. 10 146 Der Oberrichter ſtellte ſeinen Gaſt vor. Man ver⸗ neigte und verbeugte ſich, legte die Hüte ab und ſetzte ſich, dann trat ein ſekundenlanges Schweigen ein. Wir benützen dieſe Gelegenheit, um einen flüchtigen Blick auf Frau Marshauſens äußeren Menſchen zu werfen. Sie war ziemlich groß und gut gewachſen, mehr korpulent, als ſchlank, von einem angenehmen Geſichte, das, ob⸗ wohl nicht ſchön, doch Anmuth, Verſtand und Würde ausdrückte. Herzensgüte leuchtete aus ihren großen, lichtblauen Augen und ein lebendiger Geiſt ſprach aus jedem Zug, jeder Bewegung. Sie war mit einem Wort, wie Holk es nannte, ein ſehr einnehmendes Frauen⸗ zimmer. Ihr Anzug war ſehr geſchmackvoll, ein glück⸗ licher Mittelweg zwiſchen der Pracht der Städte und der ländlichen Einfachheit. „Nun, willkommen vom Gerichte, Herr Oberrichter! Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß wir unſern guten Nachbar vermißten; denn obſchon Sie Balderslund wahrlich nicht oft mit Ihrer Anweſenheit beehren, ſo iſt es doch angenehm, zu wiſſen, daß man Sie erwarten kann.“ „Sie verbinden mich auf's Höchſte, meine liebens⸗ würdige Madame Marshauſen; und erlauben Sie mir, Sie zu verſichern, daß ich künftig mich dafür ſchadlos halten und deſto öfter kommen werde!“ erwieder te Holk. „Das wird uns ſehr angenehm ſein; halten Sie nur Wort, Herr Oberrichter! Iſt der Herr Lieutenant Serr ſchon lange in dieſer Gegend?“ „Sechs glückliche Wochen brachte ich an den ſchö⸗ nen Ufern der Oſtſee, theils in Engelvik, theils in Roſendal zu. Doch jetzt habe ich angefangen, größere Ausflüge zu machen.“. Das Geſpräch wurde durch den Auftritt einer Perſon unterbrochen, die Arthur ſpäter unter die vorzüglichſten Kleinode rechnete. Die Thüre fuhr heftig auf, und ein junges, feines Mädchen ſchwebte leicht wie ein Weſen aus den Luftregionen, daher, oder vielmehr ſie kam herein⸗ geſprungen, hielt aber plötzlich, als ſie die beiden Frem⸗ den gewahrte, und indem der Purpur ihrer Wangen zur 1⁴7 vollen Gluth wurde, verneigte ſie ſich mit zu Boden geſenkten Blicken. „Das iſt meine Schweſter,“ ſagte Frau Mars⸗ hauſen.„Komm her, Louischen; der Herr Oberrichter Holk iſt Dein guter Freund, das weiß ich, und der Herr Lieutenant Su iſt ſein Gaſt.“ Louiſe ſchlug ihre ſchönen, ſchwarzen, feurigen Augen auf. In ihrem Blick lag etwas zugleich Naives und Unſchuldiges. Sie war Brunette, aber nicht aus der orientaliſchen Schule. Die Lippen waren ſo roth, wie die ſchönſten Kirſchen, und ließen beim geringſten Lächeln die weißeſten Zähne ſehen. Was den Teint anbelangt, ſo verweiſen wir auf die Ueberſchrift dieſes Kapitels mit dem Beifügen, daß die Sonne ſie nicht ohne einen gewiſſen Anſtrich ihrer Gewaltthätigkeit gelaſſen hatte. Das junge Mädchen kam aus dem Garten heim, und hatte den Wagen der Fremden nicht geſehen, auch Niemand begegnet, der ſie von ihrer Ankunft hätte unter⸗ richten können. Nicht ohne Verwirrung ſah ſie ſich in ihrem einfachen Werktagskleide, ſo ganz unvermuthet vor zwei Herren ſtehen, von denen der Eine ihr ganz unbe⸗ kannt war. Ihr Köpfchen bedeckte ein leichter Strohhut, und am Arm hing ein feines Weidenkörbchen, in wel⸗ chem ſie den Arbeitern das Veſperbrod gebracht hatte. Sie ſah ſich einen Augenblick um, knüpfte ſchnell das Hutband auf und warf mit einer eigenen, nachläſſi⸗ gen und gewaltthätigen Grazie den Hut auf das Piano, ſtellte dann den Korb unter einen Tiſch, eilte auf den Sopha zu, und flüſterte, jedoch ſo laut, daß Arthur, der in der Nähe ſtand, es hören konnte, ihrer Schweſter in's Ohr:„Du unartige Bertha! warum haſt Du mir keinen Boten geſchickt? Da, wie ich ausſehe!“ „Du ſiehſt recht hübſch aus, Louischen,“ antwortete Frau Marshauſen, die ihre ſechszehnjährige Schweſter wie ein Kind zu behandeln ſchien.„Nimm jetzt ſchnell Deine Puppe,“ ſo, erwartete Arthur, würde ſie hinzuſetzen; aber anſtatt deſſen ſagte ſie:„Nimm Deine Stickerei 10 und ſetze Dich neben mich. Es haben Dich doch keine Nattern oder Heuſchrecken unterwegs erſchreckt?, „O nein, Niemand hat mich erſchreckt,“ antwortete Louiſe verdroſſen, und ging, ihre Sachen zu holen. Unterdeſſen war der Oberrichter nach ein Paar Gängen auf und ab vor dem oben genannten Schreib⸗ tiſch ſtehen geblieben, und nachdem er eine Weile in den Werken, die er zum Voraus kannte, geblättert hatte, ſagte er zur Wirthin gewendet:„Das nenne ich eine auserleſene Lektüre; ſie vereint den Reiz der Ro⸗ mantik mit dem Nutzen, daß ſie den Verſtand bildet.“ „Ja, gewiß,“ erwiederte Frau Marshauſen gleich⸗ gültig;„dieſe Werke entſprechen unſtreitig vollkommen ihrem Zwecke und paſſen vorzüglich für die erſte Bil⸗ dung eines jungen Frauenzimmers. Ich habe ſie für Louischen aus der Bibliothek meines ſeligen Mannes herausgeſucht; denn ich hielt es immer für ſchädlich, Mädchen Romane leſen zu laſſen, ehe ſich ihr Urtheil oder Geſchmack befeſtigen konnte.“ Der Oberrichter fühlte bei dieſer Täuſchung ſeiner Hoffnungen eine unbehagliche Beklemmung:„Sie leſen alſo ſelbſt Romane, vielleicht ſogar gerne?“ Die Frage wurde ſo ernſthaft geſtellt, wie wenn die Sache von der höchſten Wichtigkeit geweſen wäre. „Außerordentlich gerne,“ verſetzte Bertha.„Wenn Sie ſich dort zu dem Tiſchchen in der Ecke wenden, werden Sie meine Lieblingslektüre zu ſehen bekommen.“ Holk wandte ſich raſch um, und fing an, die Pro⸗ dukte genau zu unterſuchen, die er im Geheimen todt⸗ geboren wünſchte, ehe ſie von dem Gehirne der Verfaſſer ausgebrütet wurden, und nach denen er lieber eine Treibjagd angeſtellt hätte, als nach Wölfen und Füchſen. Wenigſtens ſchien ihm klar, daß man ſich mit dem Er⸗ ſtern verdienter machen würde, als mit dem Letzteren. Schweigend blätterte er ein Buch nach dem andern durch. Der ſelige Lafontaine, Spieß, Kotzebue und Müller ſtiegen nach einander heran. Der Leſer wird ſich er⸗ innern, daß es im Jahre 1818 war.— Holk ſeufzte genn den, en.“ Pro⸗ odt⸗ aſſer eine jſen. Er⸗ eren. urch. üller er⸗ ufzte 149 bei jedem, den er öffnete. Das war eine tiefbetrübte Entdeckung, gerade jetzt, da er mit einem Entſchluſſe umging, der vollreif war. „Aber,“ ſagte er halblaut, ganz von ſeinen Ge⸗ danken eingenommen, und Zeit und Raum vergeſſend, — nachdem er jedoch vorher im Stillen durchgegangen hatte, wie viele Frauen die üble Gewohnheit hätten, Romane zu leſen, und doch gute Hausmütter und vor⸗ treffliche Wirthinnen wären,„ich will das nicht ſo genau nehmen, wenn es nur mit Auswahl geſchieht. Dreißig paßt ſo gut zu fünfundvierzig.“ „Was befehlen Sie?“ fragte Frau Marshauſen, welche glaubte, der Oberrichter habe etwas geäußert, das ſie nicht verſtanden habe. „Nichts, nicht das Geringſte, meine beſte Madame Marshauſen. Es war bloß eine kleine Zerſtreuung; die verdammte Expedition ſpuckt noch in meinem Kopfe.“ Zum Glück wurde der Gegenſtand durch das bei ſolchen Gelegenheiten willkommene Theebrett abgebro⸗ chen. Die Wirthin ſchenkte ein, und Alles ging mit Ordnung und Geſchmack vor ſich, die Unterhaltung wurde freier, und auch Louischen geſprächiger; denn nachdem Lieutenant Arthur fünf oder ſechs Gegenſtände angeſchlagen hatte, traf er es ſo glücklich, daß ſie über den ſtebenten Variationen wußte. So verfloß der Abend heiter und angenehm. Die Herren wurden zum Abend⸗ eſſen behalten, und mit Allem, ſogar mit der Romanen⸗ leſerei, vollkommen zufrieden und verſöhnt, ſetzte ſich der Oberrichter um eilf Uhr in den Wagen, Arthur ſprang neben ihn hinein, die Damen verneigten ſich mit dem Licht in der Hand auf der Vortreppe. „Gehorſamer Diener, allerbeſte Madame Mars⸗ hauſen! Um Gottes Willen, eilen Sie hinein; Sie erkälten ſich, der Abend iſt kühl!“— klatſch, und im Galopp ſchwand Balderslund mit allen ſeinen Göt⸗ tinnen in Hintergrund. „Nun,“ ſagte Holk, nachdem er ſich gehörig zurecht geſetzt hatte,„was ſagen Sie von der Dame des Hauſes? 150 Und haben Sie je ein ſo delikates Auerhuhn gegeſſen? Ich weiß nicht, was ich darum geben würde, wenn meine Haushälterin das Wildpret ſo gut braten könnte, wie Madame Marshauſen. Der Hummer war auch ſo fein zubereitet, und das Dünnbier, worauf ich ſo großen Werth lege, ganz vorzüglich. Doch ich laſſe Ihnen ja nicht Zeit, auf meine erſte Frage zu ant⸗ worten; das kommt daher, weil ich nun einmal die Schwach heit habe, etwas auf einen guten Tiſch zu halten.“ „O die Wirthin war eine vortreffliche und ange⸗ nehme Dame und ihr Souper ausgezeichnet. Dennoch muß ich bekennen, daß etwas an ihr war, das mir gar nicht gefiel.“ „Was in aller Welt könnte das ſein?“ fragte Holk äußerſt verwundert. „Je nun! die Art, wie ſie ihre erwachſene Schwe⸗ ſter behandelte. Sie war wohl freundlich und gut gegen ſie, aber gerade ſo, wie wenn ſie ein zwölfjähri⸗ ges Kind vor ſich hätte.“ „Nun, Louiſe iſt ja auch bloß als ein großes Kind zu betrachten,“ entgegnete Holk, und es iſt ein ganz vernünftiger Grundſatz, den ich ſehr billige, jungen Mädchen nicht zu früh zu zeigen, daß ſie Damen ſind. Gefallſucht und Geplapper kommen zeitig genug, und die Mädchen ſind am lieblichſten, wenn ſie noch etwas von dem ungezwungenen Reize der Kindheit haben. Louischen iſt ein recht hübſches und gutes Mädchen, noch nicht eingezwängt in die Nußſchale der Mode und des guten Tons. Dahin kann ſie, leider Gottes, zeitig genug kommen! Aber eine ſorgfältige Erziehung hat ſte erhalten, und ſie ſpielt recht brav, oder nicht? Es iſt eine ſchöne Gewohnheit von Madame Marshauſen, daß ſie nach Tiſche Muſik zum Beſten gibt.“ „Ja, ſie ſpielt herrlich, wie ein Engel,“ ſagte Arthur.„Da erſt bekam ſie Leben. Und ſie ſingt auch, wie mir ihre Schweſter geſagt hat; allein ungeachtet aller meiner Bitten konnte ich ſie noch nicht dazu — B—+——— en? henn nte, uch ſo aſſe ant⸗ die zu nge⸗ noch gar Bolk we⸗ gut hri⸗ Lind ganz gen ind. und was ben. hen, und eitig hat Es iſen, agte uch, chtet dazu 151 vermögen. Ich ſehe und höre ſie noch, als ſie mit dem lieblichſten Kopfſchütteln antwortete:„Nicht Alles auf einmal. Nein, nein, wir müſſen etwas auf das nächſte Mal aufſparen. Sie kommen ja doch wieder nach Balderslund?“— Wie ich das ſage, will es nichts heißen,“ fuhr Arthur fort, da ihm die Gleichgültigkeit des Oberrichters, der die Sache keiner Antwort werth hielt, nicht ſehr behagte;„aber von ihren Lippen klang es ſo innig gut und unſchuldig. Ich glaube, daß Sie daſſelbe gefunden haben würden, wenn Sie ſte mit Ihrer Aufmerkſamkeit beehrt hätten. Allein das geſchah, wäh⸗ rend ſie am Fenſter leiſe mit der Frau des Hauſes ſprachen.“ „Das iſt doch ſonderbar, daß wir heute Abend keinen Mondſchein haben,“ ſagte Holk abbrechend.„Es wird dunkel durch den Wald; fahre vorſichtig über die Berge, Lars.— So, der Herr Lieutenant finden Louiſe Montén ſo hübſch? Doch was iſt ſie im Vergleich mit Georgine von Werdenberg?“ „Warum ſoll ich gerade dieſe mit einander ver⸗ gleichen?“ ſagte Arthur;„das will ich durchaus nicht. Georgine iſt die vollkommen entwickelte Roſe, das aus⸗ gebildete Weib, das ſeinen Platz kennt und ihn mit Würde einzunehmen verſteht. Louiſe iſt die vielver⸗ ſprechende Roſenknoſpe, die Alles das auch werden kann, wenn ſie geſchickt behandelt wird. Drei Jahre machen in dieſem Alter viel; ich glaube, Fräulein von Werden⸗ berg wird bald neunzehn.“ „Ja! drei Jahre machen viel,“ ſprach Holk mehr zu ſich ſelbſt als zu ſeinem Reiſegefährten.„Ich bin doch begierig, ob ich bis dahin einige hoffnungsvolle Knoſpen um mich haben werde.“ Frau Marshauſen ſagte zu Louiſe, als dieſe nach der alten Gewohnheit ihre tägliche Abendlektüre„Sturms Betrachtungen“ zur Hand nahm, um ein Stück daraus vorzuleſen:„Laß es ſein, mein Kind; ich bin heute Abend nicht recht wohl! Geh' auf Dein Zimmer, Louischen, und nehme die Betrachtungen mit Dir.“ „Aber ich kann Dich doch nicht verlaſſen, liebe Bertha, wenn Du krank biſt. So iſt es immer, wenn Du Hummer ißt; Du kannſt ihn durchaus nicht ertra⸗ gen, und doch biſt Du ſo unvorſichtig, davon zu eſſen. Das mußt Du nicht mehr thun.“ „Nein, nein, Liebe, ich werde mich ein andermal wohl in Acht nehmen. Aber Du brauchſt nicht aufzu⸗ bleiben, Louischen. Gute Nacht, mein Engel!“ 8 Louiſe ging, und Frau Marshauſen ſetzte ſich auf den Sopha, ſtützte das Haupt auf die Hand, und fing an, über die Begebenheiten des Abends genau nachzu⸗ denken. Holk hatte gewiſſe nicht undeutliche Winke gegeben, die eine nähere Betrachtung verdienten. Frau Marshauſens ökonomiſche Stellung war ſehr günſtig, und da ſie den weſentlichen Unterſchied zwiſchen der gefügigen Nachgiebigkeit eines Liebhabers und dem beſtimmten:„Ich will das ſo haben, mein Schatz;“ oder:„Haſt Du nicht gehört, mein Schatz, daß ich das ſo haben will?“ eines Mannes kannte, ſo war die Sache in Folge ihrer näheren Bekanntſchaft mit der Werktagſeite des Eheſtandes ſehr bedenklich, um ſo mehr, da Frau Marshauſen wußte, daß auch ſie ihre eigenen Ideen hatte und haben wollte, ein höchſt kitzli⸗ ches Ding für eine verheirathete Frau! Inzwiſchen beſchloß ſie, nachdem ſie in Gedanken viel dafür und dagegen angeführt hatte, den Ausgang der Zeit zu überlaſſen, wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich geſchieht. * 5 Zwanzigſtes Kapitel. Dies iſt das Licht, das ſchauerlich und truͤbe Am fernen Unkenteiche flimmernd ſcheint; Nicht Wurzel beut die Erd' den Pflanzen und Gehägen, Nie faͤllt dort Thau, nie ſtroͤmet dort der Regen, Der Wind nur klaget einſam dort und weint! Kullberg. Tief in einer waldigen Gebirgsgegend, in einem der am wenigſten bevölkerten Landſtriche Schwedens lag im Jahre 1818 die einſame, ſehr verfallene Wohnung eines Feldwebels. Das Haus iſt ſpäter an einen an⸗ dern Platz verſetzt worden, und eine wirre Maſſe von Stein und Lehm nebſt zwei Thürpfeilern, die daraus hervorſtehen, ſind die einzigen überlebenden Zeugen einer Begebenheit, die einſt die wenigen Bewohner deſ⸗ ſelben mit ihren ſchauerlichen Schreckniſſen erſchütterte. Keine ordentliche Landſtraße führt nunmehr dahin, und zur Zeit unſerer Erzählung war der Weg ſo ſchlecht, daß die wenigen Perſonen, die in dieſer öden Gegend reisten, zu Pferd und zu Fuß auf die beſchwerlichſte Art ſich vorwärts bewegen mußten. Hie und da konnte man auch einen elenden Karren zu Geſichte bekommen, deſſen Eigenthümer auf die Gefahr hin, Hals und Bein zu brechen, das Gleichgewicht zu erhalten ſuchte, wäh⸗ rend er zwiſchen Sümpfen und Steinen hin ſteuerte. Das Wohnhaus ſelbſt war ein ſehr niederes, von Alter grau gewordenes Gebäude, das auf keinem an⸗ dern Fundamente, als der Mutter Erde ruhte. Auf der Vorderſeite befand ſich eine kleine Holztreppe, mit darüber gebautem hervorſtehendem Dache, und zwei rein geſcheuerten Eichbänken als Ruheplätze darunter. Von dort kam man in den Oehrn ſelbſt, der außer einer großen Thüre in den Hof noch drei andere hatte. Die mittlere derſelben führte zu einem faſt immer geſchloſſenen Zimmer, das für die wenigen Beſucher beſtimmt war, 154 die bisweilen die freundliche Gaſtfreundſchaft des Feld⸗ webels Kramer in Anſpruch nahmen. Eine zweite Thüre führte zur Küche, und die dritte gerade über öffnete den Eingang zu einem niedern, finſtern Saale, wo der Hausbeſitzer mit ſeiner ältlichen Frau wohnte. Dieſe Stube hatte ein ſauberes, jedoch unbehagli⸗ ches Ausſehen. An den nackten Holzwänden, aus wel⸗ chen das braune, getrocknete Moos in langen Kletten hervorſtak, war als Luxusartikel ein oder das andere Zeitungsblatt aufgehängt, das ſich hieher verirrt hatte, ſo wie auch einige Produkte der grotesken Malerſchule, die man von herumziehenden Lumpenſammlern gekauft hatte. Die vornehmſte Zierde war ein alter Spiegel mit vergoldetem Rahmen, in deſſen ſonderbaren Aus⸗ ſchnitten und Figuren ein Paar Pfauenfedern kreuz und quer befeſtigt waren. Die Meubel beſtanden aus einigen grob zugehauenen Stühlen, einem Paar ange⸗ geſtrichenen Käſten und Schränken mit Nummer und Namen, dem Bette des Ehepaars, und einem großen, grauen Ausziehtiſche. An dieſem letztern ſaß auf der einen Seite der Feldwebel Kramer, und ſpielte Patience mit einem Kartenſpiele, das ſchon Anno 1770 dabei geweſen zu ſein ſchien. Sein Weib, eine ſechszigjährige Matrone in Bindehaube und Faltenrock, ſaß auf der andern Seite und hülste Zuckererbſen aus, während ſie fleißig der Schnupftabaksdoſe zuſprach. „Kramer, mein Alter,“ ſagte ſie,„ich meine, Du könnteſt einmal das langweilige und ewige Studiren da genug bekommen. Es wäre ebenſo gut, wenn Du mir bei meinen Erbſen helfen würdeſt. Der Abend naht heran; ich ſollte ſchon damit fertig ſein.“ „Sogleich, Mutter, ich will nur noch ſehen, wie es diesmal ausſchlägt; es iſt das wichtigſte, denn es iſt das dritte Mal. Ach, wenn es doch ginge; ich würde mich ſehr froh fühlen, da ich an Kartenprophezeihungen glaube.—— Aber ſieh', nein— ei, ei, es ging nicht. Herr Gott, das iſt unmöglich, das iſt zu betrübt!“— Er ſchob das Kartenſpiel hinweg und ſeufzte tief. eld⸗ üre den der gli⸗ vel⸗ tten dere atte, ule, auft egel lus⸗ reuz aus nge⸗ und ßen, der ence abei ngen icht. 74 1⁵⁵ „Nun, was gibt es denn, was iſt denn ſo betrübt, Alter, ſag' mir's?“ „„Ach, ich dachte mir, ob die arme junge Frau da drinnen je wieder auf dieſer Welt lächeln werde, das heißt, aus Freude; aber es wird nichts daraus, und es ſchneidet mir in die Seele, wenn ich bisweilen nur einen Schatten von ihr zu ſehen bekomme. Sie kommt mir vor, wie wenn ſie nur noch ein Gebet hätte:— „Herr, laß mich ſterben!““ „ Ja, die Aermſte! Das wäre vielleicht am beſten für ſie,“ antwortete Frau Kramer;“ denn wenn man ſo fein und vornehm geweſen iſt, wie bei ihr aus Allem deutlich hervorgeht, und nun genöthigt iſt, in tiefer Einſamkeit zu verweilen, wo ſelten ein fremdes Weſen 5 Einförmigkeit unterbricht, das muß wohl recht bitter ein. „O, das grämt ſie nicht,“ fiel der Feldwebel ein. „Es iſt klar, daß ihr Kummer einen tieferen Grund hat. Daß ſie hier iſt— was wahrſcheinlich in Folge eines größeren Unglücks geſchah— das, glaube ich, quält ſie nicht; denn wenn ich mich nicht täuſche, ſo würde ſie in einem Schloß mit vergoldeten Sälen ge⸗ nids, ebenſo unglücklich ſein, als unter unſrem geringen a 6.“ „Ja, ja, Kramer, das iſt nicht ſo unwahrſcheinlich! Weißt Du, Alter, ich habe immer gedacht, ſie möchte eine Rechnung mit ihrem Gewiſſen nicht ganz abge⸗ ſchloſſen haben; denn mit rechten Dingen geht das nicht zu, das iſt gewiß, und es kann mich innerlich verdrießen, daß ich der ſchweigſamen Jungfer Hedda kein aufklä⸗ rendes Wort entlocken kann. Aber ich mag meine Angel noch ſo klug auswerfen, ſie nimmt ſich immer wohl in Acht, darein zu beißen. Doch hoffe ich, ihr noch einmal abzulauern, wag da vorgeht.“ „Aber,“ ſagte Kramer nachdenklich,„ich meine, die Zeit ſollte um ſein, wo der Herr, der ſie hierher brachte, wieder zu kommen gelobte. Gib mir den Kalender, Mutter, ich will nachſehen. Ich erinnere mich beſtimmt, 156 daß ich das Datum aufſchrieb.“— Der alte Kramer ſetzte ſeine Brille auf und fing an zu blättern. „Es war im Mai, weißt Du noch, Vater,“ ſagte hitfnen um dem Suchenden auf die rechte Spur zu helfen. „Ja, ja, im Mai, ich erinnere mich noch wohl. Laß ſehen, hier muß ich es finden.— Den zwölften; Befehl vom Kapitän, mich einzufinden in— nein, das iſt's nicht!— Den vierzehnten kalbte die gelbe Roſe. — Da fällt mir ein,“ unterbrach ſich der Feldwebel, „erinnerſt Du Dich, es ſollte ja ein Zuchtkalb werden, Mutter, wegen ſeiner guten Race. Es iſt jetzt wohl groß und lebhaft, hoffe ich?“ „Es iſt längſt aus mit ihm,“ erwiederte Frau Kramer.„Du weißt ja, daß man immer friſche Spei⸗ ſen für die Frau da drinnen haben ſoll, und da weder Kälber noch Schafe auf den Bäumen wachſen, ſo muß man ſie eben nehmen, wo man ſie findet.“ „Nun, nun, dann iſt nichts weiter darüber zu ſagen, Alte. Laß nun ſehen, wo wir den ſiebenzehnten haben, ein Unglückstag; der Bock brach ſich einen Vor⸗ derfuß ab. Hm, hm, ich glaube, er war verhext. Doch nein, ſieh, da ſteht es. Den neunundzwanzigſten Mai kam ein einzelner Herr an.“ „Bewahre Gott, Kramer, wie wir jetzt beide träu⸗ men!“ rief die Frau raſch.„Es war im Juni, daß er zum zweiten Male kam, da hatte er ein Frauen⸗ zimmer bei ſich. Sieh nach im Juni, Alter!“ Kramer ſchlug das Blatt um.„Richtig, richtig, am achtzehnten Juni langten alle Drei an, und in den letzten Tagen des Auguſt oder in den erſten des Sep⸗ tembers ſollte er zurück ſein. Heute haben wir den erſten September; das will ſo viel ſagen, als daß wir ihn jeden Augenblick erwarten dürfen.“ „Ja, ja,“ ſeufzte Frau Kramer,„wohl können wir ihn erwarten, das ſteht uns frei. Aber denke Dir den Fall, daß er nicht kommt. Oder denke Dir nur den nicht unwahrſcheinlichen Fall, daß ihre Niederkunft eintrifft, ehe er anlangt, und daß ſie hier hinliegt und ſtirbt. Dann, bei Gott, Alter, ſtünden wir ſauber da, mit einem zarten Kinde und einer Leiche im Hauſe, ohne zu wiſſen, was mit beiden anfangen.“ „Ei, Alte, das ſcheint mir ſehr klar, wir müßten die eine begraben und das andere aufziehen.“ „Du ſprichſt, wie Du es verſtehſt, Kramer,“ unter⸗ brach ihn ſein Weib ärgerlich.„Ich meine, Du ſollteſt doch wiſſen, daß es mehr erfordert, als zu ſagen: ich will das und das thun. Haſt Du daran gedacht, was für ein Geſicht der Pfarrer machen würde, wenn Du mit dem Begehr zu ihm kämeſt, er ſolle ein Frauen⸗ zimmer begraben und ein Kind taufen? Meinertreu, das wäre ſchön, das! Und ſo dürfte er ganz einfach fragen:„Was ſind das für Leute, Herr Feldwebel? Ich habe nie gehört, daß Eure Haushaltung ſich ver⸗ mehrt hat!! Es wäre hübſch, Alter, zu erfahren, was Du darauf antworten wollteſt?“ „Ich habe zwar früher nicht an all' dieſe Um⸗ ſtände gedacht,“ verſetzte Kramer ſichtlich in Angſt; „aber da würde ich eben ſagen, wie ſich die Sache verhält, daß ein junger Herr zuerſt allein hieher ge⸗ kommen ſei und geſagt habe, er wünſche eine Dame von Stand hier einzumiethen, die in Folge von ge⸗ wiſſen Familien⸗ und anderen Verhältniſſen ſich ver⸗ anlaßt finde, einige Monate von der Außenwelt getrennt zu leben, und er habe für dieſen Endzweck keinen paſ⸗ ſenderen Ort, als dieſen hier finden können. Weiter würde ich hinzufügen, daß wir arm ſeien und einen kleinen Verdienſt wohl brauchen können, und daß wir deßhalb kein Bedenken genommen haben, in ſeinen Vorſchlag einzugehen; worauf der Herr, nachdem er eine Summe Geldes als Vorſchuß zum Ankauf ver⸗ ſchiedener Bedürfniſſe bezahlt und das ſtrengſte Still⸗ ſchweigen anbefohlen habe, abgereist und nach einigen Wochen mit zwei Frauenzimmern, anſtatt einer, wieder gekommen ſei. Darauf habe er uns wieder verlaſſen, mit der Verſicherung in zwei Monaten zurückzukehren.“ 158 „Gut, gut, Kramer. Was meinſt Du, daß Seine Hochwürden darauf antworten würden? Nun, er ſagt genau ſo, darauf will ich ſterben; ‚Ei, ſeid Ihr denn ganz verrückt, Herr Feldwebel, daß Ihr Euch im ſolche Hiſtorien verwickelt? Das kann, die Wahrheit zu ſa⸗ gen, Euch theuer zu ſtehen kommen. Ein ungetauftes Kind und eine Leiche im Haus, von denen man weder weiß, wer ſie ſind, noch wem ſie angehören. Eine ganz kitzliche Affaire! Und ich muß Euch erklären, daß ich weder taufen noch begraben kann, ſo lange ich nicht weiß, was es für Leute ſind. Aber Ihr, Herr Kramer, werdet Euch eine Unterſuchung in der Sache, vielleicht einen Kriminalprozeß zuziehen!““ „Herr Gott, erbarme Dich!“ ſagte der Feldwebel Kramer, von dem Scharffſinne ſeiner Frau tief er⸗ ſchüttert.„Herr Gott, lenke Alles zum Beſten! Noch, liebe Rebekka, kann es gut werden. Es ſteht nicht geſchrieben, daß es ſo betrübt gehen muß, wie Du vorausſagſt. Sie iſt ja noch nicht todt; wir haben noch von keinem Kinde gehört, und der Herr kann noch dieſen Abend hier ſein. Er bat mich beim Abſchied ſo zuverſichtlich, in keiner Hinſicht bekümmert zu ſein; er würde für Alles Sorge tragen. Ich werde wieder zum Zeitvertreib zu den Karten greifen und ſehen, was ſie von der Sache melden”“ „Ja, tröſte Du Dich mit ihnen, Alter,“ verſetzte Frau Kramer,„und möchten ſie Dir Hoffnungen ſchenken, die nicht täuſchen! Ich muß in die Küche.“ Frau Kramer ging mit ihren Zuckererbſen ſort. Am Herde ſtand ein Frauenzimmer und ſah zu, wie ein kleiner Topf mit Waſſer aufkochte. Ein erfahrener Beſchauer konnte aus dem Aeußeren und der Haltung des fraglichen Frauenzimmers leicht errathen, daß ſie zu den unſchätzbaren Weſen gehörte, welche ein Mittel⸗ ding zwiſchen Hausfräulein und Kammerjungfer, Ge⸗ ſellſchafterin und Aushelferin ausmachen; kurz, ſie war eine ſehr nützliche und unentbehrliche Perſon von — 159 abwechſelnden Dienſtgeſchäften, wie es die Gelegenheit erforderte. „Iſt es ſchon Theezeit?“ ſagte Frau Kramer und ſchielte nach Jungfer Hedda.„Der Rahm ſoll ſogleich in Ordnung ſein. Wie befindet ſich das liebe Frauchen heute Abend?“ „Wie gewöhnlich,“ erwiederte Hedda. „Aber, meine beſte Jungfer Hedda,“ fing Frau Kramer wieder an, die gerne aus dem Einen oder dem Andern ein wenig klug geworden wäre,„ich denke, die Zeit wird bald vollends um ſein; würden Sie nicht gut daran thun, wenn Sie ſich umſehen würden, um eine Wiege in's Haus zu bekommen?“ „Eine Wiege!“ rief Hedda ein wenig zornig; „wir brauchen keine Wiege.“ „Nun, nun, ich bitte um Verzeihung,“ erwiederte Frau Kramer,„wenn meine Frage anſtößig war. Es geſchah nur aus Artigkeit und Wohlwollen. Aber wenn ich die reine Wahrheit ſagen ſollte, ſo müßte ich geſtehen, daß es nichts weniger als beruhigend und angenehm iſt, ſolche Gäſte in ſeinem Hauſe zu haben.“ „Ach! daß es ſo weit kommen mußte!“ ſeufzte Hedda;„ſolche Gäſte, und das ihr! Großer Gott, der Du das weißt! Doch gleich viel, gebt mir den Rahm, Frau Kramer, und tröſtet Euch damit, daß Eure beſchwerlichen Gäſte nicht mehr lange hier blei⸗ ben werden.“ Hedda hatte jetzt das Theeſerviee auf einer Platte in Ordnung geſtellt, worauf ſie die Thüre in das nächſte Zimmer öffnete, die Platte dort hinein trug, und ſie auf ein Tiſchchen unter dem Fenſter ſetzte. Auch wir, Leſer, wollen uns dort hinein begeben, und wenn unſer Auge auch auf keinen fröhlichen Anblick trifft, ſo möchfe es doch etwas begegnen, das deſto mehr Anſpruch auf unſre Theilnahme hat. Das Zim⸗ mer hatte ein beſſeres und gefälligeres Ausſehen, als das, welches wir oben geſchildert haben. Die Wände waren weißgetüncht, und vor den Fenſtern hingen ſchöne 160 Gardinen; die Seſſel, obwohl ſehr altmodiſch, mit da hohen Rücklehnen, waren bequem gepolſtert und mit we hübſchen Ueberzügen verſehen. Ein großes Bett mit Tae Umhängen und ein vortrefflicher Sopha mit weichen Kiſſen vollendeten das Ameublement. Weibliche Arbei⸗ De ten lagen da und dort im Zimmer zerſtreut; eine Gui⸗ M tarre ſtand, wie vergeſſen, in einer Ecke, und ebenſo ſchien es ſich auch mit einem Tiſche zu verhalten, der mit e Gegenſtänden bedeckt war, die zur Malerei gehörten. 4. Zwei unvollendete Arbeiten waren, wie das Uebrige, mit bei einem großen, ſchwarzen Schleier verhüllt. Dies war der Anblick des Zimmers ſelbſt. Wir ab wollen nun betrachten, was darin vorgeht. Auf dem Al Sopha lag eine junge Dame von höchſtens neunzehn Jahren. Sie trug tiefe Trauerkleider, und die raben⸗ ſchwarzen Locken des ungeordneten Haares fielen in 9 Wellen über ihre Schultern nieder. Die Farbe der el Wangen war lilienbleich; nicht eine Spur vom Glanze der Roſe war dort zurückgeblieben. Auch der Purpur mit der Lippen war dahin, und das große ſchwarze Auge, aut das von Feuer und Leben geſtrahlt hatte, war beſtändig gel von einem Thraͤnenſchleier umflort, der ſich nie aufklärte. Ih Sie ruhte, das Haupt auf die Hand geſtützt, mit deren des Weiße und ausgezeichnet ſchöner Form gewiß wenige kein wetteifern konnten. Eine Menge koſtbarer und blitzen⸗ ein der Ringe ſtrahlten auf ihrem Schnee. Ihr ganzes wa Ausſehen und ihre Lage gab das Bild eines wunderbar auf ſchönen Kunſtwerkes ab, etwas unnachahmlich Intereſ⸗ leid ſantes und Anziehendes. Schade nur, daß wenn das Bild zum Leben erweckt wurde, es die Natur und die ein ſchmerzliche Wirklichkeit, nicht der Künſtler war, die den ſpr heiligen Ausdruck von Kummer und Ergebung auf die tau alabaſterweiße Stirne und in jeden Zug dieſes unendlich nun ſanften und herrlichen Geſichtes prägte. Wie ſie jetzt ich da lag, ſchien ſie eingeſchlummert zu ſein; aber häufige So und tiefe Seufzer verriethen, daß es nur ein Zuſtand der Betäubung und kein wohlthuender Schlaf war. neh Hedda näherte ſich leiſe dem Sopha:„Der Thee iſt 161 da; darf ich einſchenken?“— Keine Antwort erfolgte, weßhalb ſie etwas lauter wieder anfing:„Darf ich eine Taſſe Thee einſchenken und ſie auf das Tiſchchen ſetzen?“ „Nein, ich danke, gute Hedda,“ antwortete die junge Dame, und man hörte deutlich, daß ihr jeder Buchſtabe Mühe koſtete. „Ja, aber, Ihro Gnaden, das geht nicht an,“ ent⸗ gegnete Hedda mit mehr Kühnheit;„nichts zum Frühſtück, nichts zum Abendeſſen, und höchſt unbedeutend zu Mittag; bei Gott, Ihro Gnaden nehmen alles Leben von ſich.“ Ein mißvergnügter Blick der Unbekannten, und eine abweiſende Bewegung mit der Hand war die Antwort. Allein die unbewegliche Hedda ließ ſich nicht abweiſen, ſondern fing gleich wieder an:„Damit iſt es nicht gethan; nein, Ihro Gnaden haben wohl mehr als Ihr eigenes Leben zu verantworten.“ Die junge Dame erhob den Kopf und ſah Hedda mit einem Ausdrucke an, der den herzzerreißendſten Schmerz ausdrückte. Hedda fühlte, wie ihr Blut beim Anblick ihrer geliebten Gebieterin in dieſem Augenblicke zu Eis wurde. Ihr ganzes Weſen, jede Bewegung ſprach von einem Grad des Leidens, der Ergebung, der grenzenloſen Qualen, daß kein Menſch ſie hätte betrachten können, ohne dabei von einem ſchaurigen Entſetzen erſchüttert, und einer tiefen und warmen Theilnahme ergriffen zu werden. Sie richtete ſich auf.„Bring die Taſſe her,“ ſagte ſie in einem unendlich leidenden Tone;„ich werde trinken.“ Und in den drei Worten:„ich werde trinken,“ lag ein Etwas, das eine Rührung von heiligem und unaus⸗ ſprechlichem Umfange enthielt. Sie trank ihren Thee und tauchte zu Hedda's Freude zwei Brödchen darein.—„Aber nun,“ liſpelte ſie, als ſie die Taſſe zurückgab,„nun will ich Ruhe haben,“ und ihr Haupt ſank auf die Kiſſen des Sopha's nieder. „Ja; aber jetzt ſollten Ihro Gnaden etwas zur Hand nehmen,“ ſagte Hedda, die aus alter und erprobter Liebe Guſtav Lindorm. I. 11 16² zu ihrer jungen Frau ſich eine größere Freiheit nahm, als ihr ſonſt zugekommen wäre.„Nichts iſt ſo ſchädlich, als zu grübeln. Wollen Euer Gnaden nicht die Guitarre haben?“—„Nein!“—„Nun, ſo denken Sie wieder einmal an die lieben Bilder hier, die unvollendet da liegen. Das wäre eine Zerſtreuung, die....“ „Die ich jetzt nicht haben will,“ brach die Unbekannte ab.„Laſſe mich, Hedda!“ „Das werde ich thun, wenn Euer Gnaden es befeh⸗ len; aber erlauben Sie mir erſt zu fragen, ob ich Ihnen kein Buch bringen darf?“ „Nein, ich will nicht leſen.“ „Etwas Weniges zum Sticken alſo; das wäre gewiß nicht ſo übel.““ „Ich bitte Dich, Hedda, quäle mich nicht mehr. Ich mag und kann nichts thun.“ „Ei freilich könnten Euer Gnaden, wenn Sie es nur verſuchten. Ich habe ein Paar Häubchen zugeſchnitten. Sehen Sie nur, wie nett ſie werden! „Bringe ſie her, in Gottes Namen,“ ſagte ſie, und erhob ſich ein wenig,„ich will ſie anſehen.“— Hedda brachte die genannte Arbeit. Die unbekannte Dame nahm ſie in die Hand, und betrachtete ſie ein paar Minuten mit tiefer Rührung, worauf ſie ſie ſchnell weg warf, und in einen Strom von Thränen ausbrach. „Herr Gott,“ ſeufzte Hedda troſtlos,„das iſt doch gar zu betrübt. Nichts ſchlägt an, nichts gelingt.“ Sie kam nun mit einem Tropfenfläſchchen, und bot es der Beklagenswerthen an, aber mit eben ſo wenig Erfolg als bei dem Uebrigen. Sie ſtieß die Flaſche heftig hinweg, und das langgehaltene Schluchzen erſchütterte gewaltſam ihren zarten Körper. Jetzt hörte man in der Entfernung etwas, wie ein Geräuſch von rollenden Rä⸗ dern. Hedda flog an's Fenſter, wo ſie fünf Minuten lang faſt athemlos vor ängſtlicher Erwartung daſtand. „Ihro Gnaden,“ ſprach ſie endlich in einem Tone, der von tiefer und heftiger Bewegung zeugte, obwohl ſie als als urre eder gen. unte feh⸗ nen wiß Ich nur ten. und dda ahm uten und doch bot enig eftig teerte der Rä⸗ ang one, ſie 163 ſich bemühte, ihm Feſtigkeit zu geben,„beruhigen Sie ſich ſo gut als möglich. Der Baron kommt; er wird im Augenblicke hier ſein.“ „Ach, was ſagſt Du, Hedda!“— Die Arme ſtieß einen langen, klagenden Laut aus.„Geh', eile Dich! O begrüße ihn, ſag' ihm, daß ich ihn jetzt nicht, jetzt noch nicht empfangen kann. In einer Stunde habe ich mich wieder erholt.“ Hedda ſprang dem Ankommenden entgegen. Sobald die Thüre zu war, faltete die junge Dame ihre Hände, legte ſie auf das gewaltſam klopfende Herz, hob den ſtum⸗ men Blick zum Himmel, und die blaſſen Lippen bewegten ſich zu einem ſtillen Gebet. Einundzwanzigſtes Kapitel. — Aus der Natur entflieht die letzte Helle, Sie ruht in düſtres Trauerkleid gehüllt; Des Stromes trübe und geſchwellte Welle Wälzt ſich im Bette, gramerfullt; Die Eſpe ſenkt in ſeufzendem Ermatten Den ſtolzen Scheitel dort im Hain, Nicht mehr gewährt der bleiche Ahorn Schatten, Geruchlos ſchlaft die welke Blume ein, Der Mond noch ſchimmernd aus dem Nebelgrunde Saumt ſchaurig auf des Friedhofs ödem Plän, Sprich, düſtre Stille, trübe Abendſtunde, Was buͤrdeſt du der bangen Seele an? Stenhammar. Nach einer Stunde hörte man Tritte. Es war Hedda.—„Wie iſt es, Ihro Gnaden, darf der Baron kommen?“ „Ja, er mag kommen!“ Sie nickte mit dem Kopfe. Wie ſie jetzt ſo aufrecht auf dem Sopha ſaß, in dem flatternden Trauerkleid, das Antlitz bleich wie das einer 11 4 164 eben Entſchlafenen, und die ſchwarzen Locken es rings umwallend, da erinnerte ſie an den Todesengel im Dun⸗ kel der Nacht. Ein Paar Minuten verſtrichen. Da öffnete ſich die Thüre wieder, und— Lindorm's hohe, ſchlanke, nicht viel weniger blaſſe Geſtalt erſchien auf der Schwelle. Sie ſuchte aufzuſtehen und ihm entgegen zu gehen, aber kraftlos ſank ſie zu ſeinen Füßen nieder. Lindorm erh Mitleidens, drückte einen ſanften Kuß auf ihre Stirne und führte ſie wieder zum Sopha.— „Theure Konſtanze,“ ſagte er traurig, und ſetzte ſich neben ſie, indem er ihre Hand faßte,„mein Herz leidet, ja es leidet unausſprechlich, Dich ſo verändert, ſo abge⸗ fallen zu ſehen. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich Deinem Wunſche, Dich zu verlaſſen, nachgab.“ „O Guſtav!“ erwiederte ſie leis klagend,„warum ſollteſt Du in dieſer Wüſte weilen? Haſt Du nicht genug aufgeopfert? Mein Leben iſt für Dich eine Laſt, die Du zu edel biſt, abzuwerfen; aber, Guſtav, mein einziger Freund, mein Bruder, mein Alles, Gott wird Erbarmen mit uns beiden haben.—— Wenn der Schlag dieſes unruhigen Herzens aufgehört hat, wenn es für immer ſtill geworden iſt, wenn keine Seufzer, keine Gebete mehr über dieſe zitternden Lippen ſchweben, dann, Guſtav, wird es Ruhe und Friede in Deiner Seele werden; denn Du beſitzeſt das ſelige Bewußtſein, mit unendlicher Entſa⸗ gung, mit mehr als menſchlicher Geduld die ſchwerſte Pflicht erfüllt zu haben, die einem edlen Manne je be⸗ ſchert war. Mein letzter Gedanke in dieſem Leben iſt für Dich, mein erſter dort oben für ihn. O Guſtav, theuerſter Freund, bete mit mir, daß mein Morgen bald dämmert!“ „Gute Konſtanze,“ antwortete Lindorm, indem er eine Thräne aus ſeinem Auge trocknete,„gute, arme Kon⸗ ſtanze, warum ſind Deine Blicke, Deine Gedanken ganz und gar auf Deine Auflöſung gerichtet? Findeſt Du kein ob ſie mit einem Blicke des innigſtense ings Dun⸗ fnete unke, elle. aber ſtens lirne ſich idet, bge⸗ nem rum nug Du iger —— 165. Gefühl in Deiner Bruſt, kein heiliges Gefühl, das von Mutterfreuden flüſtert?“ „Mutterfreuden,“ ſagte ſie wehmüthig, und ſchüttelte ttraurig das gebeugte Haupt;„warum ſprichſt Du mit mir von dem, was mir nie zu Theil werden wird? Muß dieſes zarte, unglückliche Opfer mir nicht ſchnell entrückt woerden, um der Pflege gemietheter Hände überlaſſen zu werden? O wie entſetzlich, wie unnatürlich! Nur einmal darf ich es ſegnen, und dann, dann! was wird aus ihm werden? Nein, nein, ſprich mir nicht mehr von dem, Guſtav. Gott iſt gnädig; er wird mich gewiß nicht mehr länger leiden laſſen; das hoffe ich mit Zuverſicht.“ „Was aus dem Kinde werden ſoll, fragſt Du, Kon⸗ ſtanze? Kannſt Du daran zweifeln, daß es das meine werden wird? Nur für einige Zeit trennſt Du Dich von ihm, um es dann wieder an Dein Herz zu ziehen. Kannſt Du von mir glauben, meine holde, geliebte Schweſter, von mir, dem Deine Seligkeit und Deine Ehre theurer ſind, als das eigene Leben, daß ich noch einen Tyopfen Galle mehr in den vollen Becher gießen werde, den ein unſeliger Stolz, ein Vorurtheil an Deine Lippen hielt? Nein, Konſtanze, das werde ich nicht. Wenn Du mir auch nicht ſo unausſprechlich theuer wäreſt, würde doch das Kind das meinige ſein.“ „O Guſtav, Guſtav,“ antwortete Konſtanze, und die Thränen ſtrömten über das ſchöne, bleiche Angeſicht,„wie kannſt Du glauben, daß ich.... doch laß uns dieſen Gegenſtand für heute Abend verlaſſen; es iſt ſpät. Du bedarfſt der Ruhe, mein Guſtav, und auch ich. Morgen wollen wir weiter davon ſprechen.“ Lindorm ſtand auf und reichte Konſtanzen die Hand. Mit tiefer Rührung drückte ſie dieſelbe an ihr kämpfendes Herz, und ſtille verließ er das Zimmer, um auf einer Wanderung durch die wilde, einſame Gegend den Brand zu kühlen, der in ſeiner Bruſt wüthete, und durch Nach⸗ denken und Gebet Kräfte zu neuen Anſtrengungen zu holen. Am folgenden Morgen, als Lindorm von ſeinem 166 dürftigen Lager aufgeſtanden war, das man ihm in einer kleinen Dachkammer bereitet hatte, beeilte er ſich, ſeinen Wirth, den alten Feldwebel zu treffen, und zu deſſen unſäglicher Freude begehrte der Baron, er moͤchte ihm die Gefälligkeit erweiſen, und ihm zum Pfarrhauſe Geſell⸗ ſchaft leiſten. Mit welch' großem Vergnügen Kramer in dieſe tröſtliche Spazierfahrt willigte, kann ſich jeder leicht vorſtellen. Sobald der alte unerſchütterlich getreue Uniforms⸗ rock angezogen war, langte er Hut und Stock vom Thür⸗ nagel herab und vereinigte ſich im Hofe mit ſeinem Gaſt, worauf ſich Beide nach der Pfarrwohnung begaben. Dort angekommen, hatte Lindorm über anderthalb Stunden lang eine geheime Unterredung mit dem Pfarrer, welcher hierauf, unter tiefen Bücklingen und Höflichkeitsbezeu⸗ gungen, den Baron in den Saal hinaus begleitete, wo Kramer in ängſtlicher Erwartung ihre Zurückkunft erwartete, und ſich ſichtlich leichter um's Herz fühlte, da er deutlich bemerkte, daß Alles gut ſtand, wenigſtens in ſo weit, daß ihn keine Verantwortung treffen würde. Unterdeſſen hatte man ein gutes Frühſtück eingenommen, das nach der langen Promenade vortrefflich ſchmeckte. Der Pfarrer war ein guter und angenehmer Wirth, und erſt, als es hoch am Tage war, ſchied Lindorm von dem Pfarrhauſe, mit dem Verſprechen, bald wieder zu kommen. Nachmittags beſuchte er wieder Konſtanzen. Sie war mit mehr Sorgfalt gekleidet, als am vorigen Tage; aber das Antlitz war wo möglich noch bläſſer, und die Lippen zitterten merklich, da ſie ein Paar Worte der Begrüßung hervorſtammeln ſollte. Lindorm ſaß wieder bei ihr auf dem Sopha; aber Beide waren ſtill. Hedda trippelte geſchäftig im Zimmer hin und her; es war offenbar, daß ſie den Befehl erhalten hatte, da zu bleiben. „Gehſt Du nie aus, um friſche Luft zu ſchöͤpfen, gute Konſtanze? Es ſchadet Deiner ſchon zum Voraus einer einen eſſen ihm ſſell⸗ r in eicht ems⸗ hür⸗ Gaſt, Dort nden lcher zeu⸗ orm eder Sie age; die der leder edda war ben. ffen, raus 167 ſchwachen Geſundheit, daß Du, wie ich höre, beſtändig zu Hauſe bleibſt.“ „Nein, beſter Guſtav, ich gehe nicht aus; ich bin immer ſo müde, und ſehne mich auch gar nicht nach der Natur und dem friſchen Leben. Ich bin ſchon abgeſtorben für ſeine Genüſſe.“ „Aber, Konſtanze, haſt Du bedacht,“— bei dieſen Worten gab Lindorm Hedda einen Wink, das Zimmer zu verlaſſen; dieſe gehorchte und er fuhr fort—„haſt Du bedacht, daß Du unrecht, ja faſt ſündhaft handelſt, meine theuerſte Freundin, wenn Du ſo maßlos Nahrung für Deine Qual ſuchſt, und nur für das Andenken an den Schmerz lebſt, der Deinen Frühling, Dein ſchönes, junges Leben zerſtört hat, ohne den entfernteſten Wunſch zu hegen, daß die Zeit oder die Freundſchaft die ganze Wunde heilen möge?“ „Warum ſollte ich das wünſchen, Guſtav? Warum mich mit der Hoffnung auf etwas Unmögliches betrügen? Auf Erden iſt keine Heilung für mich zu finden; und könnteſt Du aufrichtig wünſchen, daß ich länger ſollte leben dürfen? Ein ſolches Leben, eine Bürde für Dich und mich; ein Vorenthalt Deiner ganzen irdiſchen Glück⸗ ſeligkeit? Nein, ich weiß gewiß, daß Du gegen Deine beſſere Ueberzeugung ſprichſt.“ „Bei Gott, Konſtanze! das thu' ich nicht. Gerne will ich geſtehen, daß bei einem ſolchen Leiden, womit Du zu kämpfen haſt, Dein Wunſch, der Kampf möchte kurz ſein, verzeihlich ſein könnte; aber um dieſes Wun⸗ ſches willen Dein eigenes Leben und das eines andern Weſens zu vernachläſſigen, das nenne ich eine Schwach⸗ heit, die eines wahren Chriſten unwürdig iſt, der in Glauben und Hoffnung ſeinen Blick zum Himmel erhebt, und wohl weiß, daß die tröſtliche Botſchaft kommen wird, obwohl ſie noch ſäumt. Und mich, Deinen älteſten, Deinen beſten Freund, kannſt Du im Verdacht eines ſo unedlen und abſcheulichen Gedankens haben? Arme Kon⸗ 168 ſtanze! wie unglücklich biſt Du nicht, daß Du ſogar den Glauben an meines Herzens Redlichkeit verloren haſt!“ „O verzeih' mir, Guſtav, allzu edelmüthiger Gu⸗ ſtav! Ich weiß kaum ſelbſt, was ich ſage. Aber Deinem Herzen habe ich nie mißtraut; nein, nein, das könnte ich nicht. Du haſt mir zu große Beweiſe Deiner uneigen⸗ nützigen Ergebenheit abgelegt, als daß ich eine Minute lang dem Gedanken Raum geben könnte, Du ſehnteſt Dich darnach, durch meinen Tod wieder frei zu werden! O, ich meinte es nicht ſo! Du ſollſt mich nicht miß⸗ verſtehen!“— Sie brach in Thränen aus, und fügte klagend hinzu:„Um meinet⸗, wenn nicht um Deinet⸗ willen, ſollteſt Du den einzigen Wunſch theilen, den ich noch habe; und gewiß kann darin nichts Sündiges liegen, guter Guſtav, wenn eine ſo unnatürliche Zukunft wie die unſrige auf der einen Seite, und eine ſo qualvolle Vergangenheit auf der andern vor uns ſteht.“ „O weine nicht ſo, meine gute Konſtanze,“ ſagte Lindorm und drückte ihr in tiefer Rührung die Hand. „Laß uns nicht an Dich oder an mich denken, ſondern einzig an das Weſen, das Dir gewiß dereinſt durch eine unendliche Liebe das vergelten wird, was Du jetzt leideſt. Die Zeit, die Dir gebietet, Dich für den Anfang von ihm zu trennen, wird nicht gar ſo lange ſein, dann, Konſtanze, meine wunderliche Freundin, wird es beſſer werden. Glaube mir, horche auf meine Worte; es wird beſſer werden!“ „Und kannſt Du glauben, Guſtav, daß nicht meine Gefühle das ganze Geheimniß verrathen würden; ja, ohne Zweifel würden ſie das. Dieſer Plan ward von einem kalt berechnenden Kopfe entworfen, der nie die Rechte des Herzens in Erwägung zog. Sonſt hätte er das Unmögliche der Sache eingeſehen.“ „Doch, beſte Konſtanze, die Noth macht ein Gebot daraus; es kann jetzt nicht mehr anders werden.“ „Ja, Guſtav, es könnte, und noch mehr, es muß anders werden. Wenn Gott meine Bitten nicht erhört, — — — 22 2272 1 — 169 wenn er mich nicht zu ſich nimmt, ſo mußt Du mir geloben, ſowohl um Deines eigenen Glücks als um mei⸗ ner Ruhe willen in das einzuwilligen, was ich Dir ſchen früher vorgeſchlagen habe. Ja, Du mußt einſehen, daß....“ „Kein Wort davon, Konſtanze,“ brach Lindorm in beſtimmtem Tone ab, und eine dunkle Röthe flammte über ſein Angeſicht.„Nie, ſo wahr mir Gott helfe! werde ich darein einwilligen. Das Band, das uns ver⸗ eint, iſt zwar blos eine leere Formalität; aber es ſoll uns dennoch heilig ſein; und nie, davon darfſt Du überzeugt ſein, wird es Dir gelingen, mich zu einer Löſung deſſelben zu bereden, die uns Beide entehren würde.“ „Nun wohl,“ ſagte Konſtanze entſchloſſen,„es ſei ſo, wie Du willſt; aber nie, auch wenn ich am Leben bleiben würde, ſoll dieſes Kind in Dein Haus eingeführt werden. Ich will nicht, daß das Gerücht den geringſten Flecken auf Deine Ehre hauchen ſoll, und dem kann man blos dadurch ausweichen, daß das Kind weit von der auferzogen wird, die es nicht zurückfordern kann, ohne es nach dem unwiderleglichen Beweiſe der Natur für das ihrige anzuerkennen.“ „Warum immer blos an mich denken, Konſtanze! Du betrübſt mich dadurch. Es gilt Deine Seligkeit und Deine Ruhe, die wir verſuchen müſſen, ſo weit als mög⸗ lich wieder herzuſtellen. Ich hoffe, Du wirſt Dir in Engelvik gefallen, oder wenn Du Hamringen vorziehen ſollteſt, ſo geſtehe ich, daß ich für meinen Theil mich dort beſſer zu Muthe fühlen würde.“ Konſtanze ſah ihn verwundert an.—„Dann haſt Du Deine Anſicht geändert, Guſtav; denn ich weiß, daß Du jenen Ort mit Entſetzen verließeſt und wünſchteſt, Du, oder beſſer wir Beide, mochten nie mehr dahin zu⸗ rüͤckkehren.“ „In dieſem Falle,“ ſagte Lindorm leiſe und mit unterdrückter Bewegung,„habe ich jetzt denſelben Wunſch 4 170 in Betreff Engelviks. Weißt Du was, liebe Konſtanze, wir thun am beſten daran, ein oder ein Paar Jahre zu reiſen, und wenn wir wieder zurückkommen, wird es noch Zeit genug ſein, an unſern bleibenden Aufenthaltsort zu denken.“ Konſtanze ſeufzte, antwortete jedoch nicht. Schwei⸗ gend ſaßen ſte beiſammen, bis die Schatten ſich verlän⸗ gerten und die letzten Sonnenſtrahlen hinter den Bergen hinabſanken. Dann drückten ſie einander leiſe die Hände und ſchieden. So ging es Tag für Tag. Lindorm ordnete mit Umſicht und der zarteſten Aufmerkſamkeit Alles an, was zu Konſtanzens Bequemlichkeit und Wohlbefinden, und zur Erheiterung ihres düſtern, von Gram verzehrten Le⸗ bens beitragen konnte. Es war klar, daß er dabei unſäg⸗ lich litt, obwohl er es zu verbergen ſuchte, und nur die wildeſten Stellen des Waldes waren Zeugen ſeiner Kämpfe, ſeiner Klagen. Oftmals wiederholte das Echo Georginens Namen, und die glühende Wange lehnte ſich an den Stamm einer friedlichen Eſpe, und der ſtarke Mann weinte wie ein Kind, wenn er ſich mit Gott und ſeinem Schmerz allein wußte. Das finſtre, eiſerne Schickſal, das uner⸗ weichbar alle ſeine Hoffnungen und Freuden zerſtört hatte, erwies ſich ebenſo unverſöhnlich, als es ihn einen Schim⸗ mer des Paradieſes ſchauen ließ, wodurch er nur noch bittrer daran erinnert wurde, daß der Engel mit dem bloßen flammenden Schwerte am Eingang ſtand und ihn zurückjagte. Die Tage weihte er Konſtanzen, und mit faſt übermenſchlicher Kraft vermochte er es, ſeine Mienen und ſein Weſen zu beherrſchen. Die erſtern waren ſo ruhig, als es nur immer bei einem ſolchen innern Sturme möglich iſt; das letztere war ganz Zartgefühl und Aufmerkſamkeit. Er las mit ihr bald religiöſe, bald hiſtoriſche Werke, er ermunterte ſie durch ſeine ſanfte und tröſtende Unterhaltung, er blies Flöte, er ſpielte mit ihr, er ſang ihr vor; kurzum, er that alles Mögliche, um ihre Unruhe zu zerſtreuen und zu lindern; aber obgleich ſie ſich ſtille und dankbar ſeinen nze, zu noch zu vei⸗ län⸗ gen inde mit was und Le⸗ die pfe, nens mm wie nerz ner⸗ itte, im⸗ noch dem ihn faſt und hig, lich keit. er ng, um, und nen 171 Wünſchen fügte, und ſich von ſeinem Willen wie ein from⸗ mes Kind leiten ließ, ſo war es doch deutlich, daß der Wurm, der die Blume zernagte, ſchon an den Wurzeln zu freſſen angefangen hatte. Sie glich einem Schatten, der, zwiſchen Gräbern ſchwebend, ſein eigenes Grab ſuchte. Sechs Wochen waren allmählig vergangen; man befand ſich jetzt im Oktober, als Lindorm eines Abends wieder nach ſeinem düſtern Lieblingsplatze im Wald hinaus wanderte, um ſeine Pein ungeſtört ausathmen zu können. Schon von weitem glaubte er ſeltſame Laute von Zähn⸗ knirſchen zu hören, das von tiefen, lang gehaltenen Seuf⸗ zern und klagenden, dumpfen Tönen unterbrochen ward. Er näherte ſich langſam, von einem unwillkürlichen Schauer ergriffen, und gewahrte auf dem wilden Felſen über ſich einen hochgewachſenen Jüngling von unheimlichem, faſt ſchreckenerregendem Ausſehen. Unläugbar waren dieſe Züge einſt ſchön geweſen; ſie trugen auch jetzt noch, obwohl furchtbar entſtellt, den Stempel einer edlen Feinheit, die nicht verkannt werden konnte. Sein Auge ſtierte wild und ſpähend nach der Gegend, wo das Wohnhaus des Feld⸗ webels lag. Das Haar ſtand ihm zu Berge und Blut aus den Schrammen, die er beim Hinaufklettern empfangen hatte, beſudelte ſeine Wangen und zerkratzten Züge, deren feiner Schnitt bewies, daß es ein junger Mann aus den beſſeren Ständen war, der in dieſe ſo dhene Lage gerathen war. Erſtaunt betrachtete Lindorm die ſonderbare Geſtalt. Ungewiß, was er davon denken ſollte, fragte er, nicht ohne einige Unruhe:„Was ſuchen Sie in dieſer Gegend, mein Herr?“ Jetzt erſt gewahrte der Fremde, daß er einen Zeugen hatte. Sein Blick ſiel auf Lindorm, den er lange und durchdringend anſah.„Sagten Sie etwas?“ fragte er in heiſerem Tone, und ſein Auge glühte von einem verzehrenden Feuer. „Ich frage, was Sie in dieſer Gegend ſuchen?“ wiederholte Lindorm. „Was ſuchen Sie ſelbſt?“ entgegnete der Fremdling höhniſch.„Keiner von uns beiden iſt hier zu Hauſe.“ 172 b „O ja, ich bin es,“ fiel ihm Lindorm in's Wort, „wenigſtens für gegenwärtig. Deßhalb dürften Sie es entſchuldigen, wenn ich Sie erſuche, mir meine Frage beantworten zu wollen.“ „Und doch habe ich keine Luſt, ſie zu beantworten, Baron Lindorm,“ ſagte der Jüngling, und nahm eine trotzige, drohende Stellung an.„Sie hören, daß ich Sie kenne, und, wenn es Zeit iſt, ſollen Sie mich auch kennen lernen. Ein glücklicher oder unglücklicher Traum hat meine Schritte in dieſe Gegend geleitet, nachdem ich lange umher geirrt war, und wenn die rechte Stunde ſchlägt, dann komme ich, da verlaſſen Sie ſich darauf, und hole, was mein iſt! Ha, ha, ha! Leben Sie wohl, Herr Baron!“ Bei dieſen Worten ſprang der wilde, ſonderbare Menſch vom Rand des Felſens in's Thal hinab, ein Sprung, den kein vernünftiges Weſen gewagt hätte. Er blieb jedoch unbeſchädigt; denn Lindorm ſah ihn, ſobald er unten angekommen war, mit der ganzen Schnelligkeit eines Lufte bewohners dahin eilen. „Was war das?“ ſagte Guſtav zu ſich ſelbſt, indem er noch beſtändig in der Richtung hinſtarrte, wo der letzte Schein des Fremden verſchwunden war.„War der Menſch von Sinnen? Ganz gewiß! Wie ſeltſam, wie unbegreiflich war doch Alles, was er ſprach! Großer Gott! wäre es möglich, daß eine Betrügerei Statt gefunden hätte! Dieſe Züge, obſchon wild und verſtört, erinnerten mich doch leb⸗ haft an das Bild, das Konſtanze von dem Manne trägt, der die Urſache unſeres beiderſeitigen Unglücks iſt. Doch welche wahnſinnige Idee drängt ſich mir auf; das kommt davon her, weil meine Sinne und mein armer Kopf ganz verwirrt ſind. Der Alte konnte, mich nicht täuſchen. Nein! er that es auch nicht. Der beklagenswerthe, aber ſchwache Jüngling wagte es nicht, gegen das Schickſal zu ſtreiten; deßhalb zog er es vor, ſein frühzeitiges Grab in den Fluthen des Ljusneelfvs zu ſuchen. Das iſt doch ſeltſam!“ Lindorm ſtützte das ſinnende Haupt auf die Hand; es ſchwindelte bei der Tiefe der furchtbaren, unheilver⸗ 173 kündenden Gedanken, die ſich in ſeinem Gehirne bildeten. Sein Körper zitterte von einem froſtigen Fieber; doch ſein Kopf glühte. Er ſank am Fuße eines Baumes nieder, und blieb im düſtern Dämmerlichte des Waldes liegen, bis die feuchte Nachtkälte ſeine Wangen abkühlte, und ein ſtarker Froſt ihn erinnerte, daß er es bedurſte, Ruhe zu ſuchen. Lindorm ſtand auf, und mit Mühe erreichte er ſeine neue Heimath, wo noch das einſame Licht von Kon⸗ ſtanzens Kammer her leuchtete, und deutlich hörte er einige convulſiviſche Seufzer, als er ſich leiſe an ihrer Thüre vorbei ſchlich. Lindorm blieb ſtehen, in ſichtlicher Unent⸗ ſchloſſenheit, ob er hineingehen ſollte oder nicht. Ein unwiderſtehliches Verlangen trieb ihn, noch einmal das Bild in dem Medaillon zu betrachten, das Konſtanze beſtändig um den Hals trug; jedoch die Furcht, ſie durch ſein verſtörtes Ausſehen und das Sonderbare des Begehrens ſelbſt zu erſchrecken, bewog ihn, ſeinen Weg fortzuſetzen. Bald hatte er ſein ſtilles Kämmerlein erreicht, und ſank auf das ärmliche Lager nieder, wo er ſich am folgenden Morgen in ſtarkem Fieber, mit wilden, verworrenen Phan⸗ taſieen fand. Konſtanze erfuhr jedoch nichts davon. Ihr eigener Zuſtand war an dieſem Tage ſo bedenklich, daß die arme Hedda und die gute Frau Kramer mit der größ⸗ ten Unruhe auf den Ausgang warteten. Brief Müllers an Waldenberg. Immer noch, wie Du ſiehſt, treibe ich mich auf dem großen Schauplatze des Lebens umher; aber, wenn ich mich nicht irre, wird bald der Vorhang zum letzten Akte aufgezogen. Nun wohl, wo meinſt Du, daß ich mich jetzt befinde? Wenn Du in Ewigkeit darüber nachſänneſt, würdeſt Du es doch nicht errathen. Aber noch einmal will ich es verſuchen, meinen Kopf zu einem verſtändlichen Berichte zu zwingen, obwohl er mir ſchwindelt, und ich hundertmal vergebens meine zerſtreuten, verwirrten Ge⸗ danken zu ordnen ſuche. 174 Ich rufe mir in's Gedächtniß zurück, daß mein letzter Brief Dich davon unterrichtete, wie ich mich zu einem Streifzuge entſchloß, um auszuforſchen, in welchem Winkel der Erde er ſie verborgen hielte. Doch dies wäre fruchtlos geweſen, wenn nicht der alte Verwalter von Hamringen — der mir wie ein Vater ergeben iſt— ſchwach genug geweſen wäre, ſich durch meine Bitten und ewigen Klagen bewegen zu laſſen, und mir nicht den Poſtſtempel von dem einzigen Briefe geſchickt hätte, den ſie ſeit ihrer Abreiſe geſchrieben hatte. Dies war zwar nur ein Leitfaden; denn Niemand wußte, in welcher Richtung von Mus ſie woh⸗ nen konnte; allein es war doch etwas. Ich reiste dahin ab, unfähig meine Thorheit länger durch Vernunft und Pflichtgefühl zu beſiegen, welche noch einmal beide, obwohl ſchwächer als früher, ſich warnend erhoben, um mir den Schritt, den ich vorhatte, zu verbieten. Mear iſt ein Kleinſtädtchen, und ich hoffte deßhalb, irgend eine Klatſcherei würde mir zufälligerweiſe auf die Spur helfen; aber ob⸗ ſchon an den erſtern dort durchaus kein Mangel war, betrog ſich doch meine Hoffnung ganz und gar in Beziehung auf die letztere. Ich war nicht im Stande, auch nur ein einziges Wort über den Gegenſtand aufzuſchnappen, der meine ganze Seele ausſchließlich beſchäftigte. Ich hielt mich nur wenige Tage dort auf. Dann zog ich auf's Gerathewohl hinaus, nach welcher Richtung hin das Schickſal meinen Lauf lenken wollte. Ich ſtreifte nach allen Seiten hin auf mehrere Meilen weit im Um⸗ kreiſe der Stadt umher; doch jeden Abend waren meine Geduld und meine Kräfte vergebens erſchöpft, ohne daß meiner Seele die geringſte Ruhe vergönnt war. Eine wilde Verzweiflung, die faſt an Wahnſinn grenzte, hielt mich in ihren ſtarken Feſſeln gefangen. Mein Körper wurde in Folge meiner vollkommenen Gleichgültigkeit in Beziehung auf die Befriedigung meiner materiellen Bedürfniſſe immer ſchwächer; er unterlag und wollte dem in ihm herrſchen⸗ den unruhigen Geiſte nicht länger beiſtehen. In dieſem traurigen Zuſtande unterzog ich mich einer neun. me wo ein wol Ru aufſtehen.“ Er ſchien mit meiner Betheuerung ziemlich 175 neuen Fahrt, oder vielmehr einer Art Herumſchleppung meines Weſens. Doch von dieſer habe ich nur eine ver⸗ worrene Erinnerung, ich weiß nur, daß eine Ohnmacht eintrat, die die Leiden meines Körpers und meiner Seele wohlthätig betäubte. Ich fühlte nichts, als eine ſeltſame Ruhe, eine Sonderung von dem äußeren Leben. Als ich zum erſten Male ſeit dem Eintritt dieſes Schwächungs⸗ zuſtandes wieder mit vernünftigen Gedanken erwachte, fand ich mich in einem kleinen angenehmen Zimmer liegend und an meinem Bette ſtand ein geiſtlicher Herr, von einem gutmüthigen und wohlwollenden Aeußern. Verwundert fragte ich ihn, wo ich mich befinde. „In Eikenberg,“ antwortete er;„ich fand Sie vor zwölf Tagen beſinnungslos auf der Landſtraße liegend, die hierher führt. Ich brachte Sie zu mir heim, man ließ Ihnen zur Ader und verſchaffte Ihnen all' die Hülfe, die hier möglich war. Wenigſtens haben Sie unter meinem geringen Dache eine ſorgfältige Pflege erhalten, und ich danke Gott, daß ich Sie endlich zum Gefühle der Gegen⸗ wart erwachen ſehe.“ „Gäbe Gott, ich wäre nie wieder erwacht!“ feufzte ich.„Das Leben iſt die ſchlimmſte Gabe, die man erhal⸗ ten kann, wenn man keinen heißeren Wunſch kennt, als damit quitt zu werden.“ „Sprechen Sie nicht ſo gottlos, junger Mann,“ ſprach der Pfarrer mahnend,„wenn Sie nicht wollen, daß ich die Fürſorge bereuen ſoll, die ich an Sie ver⸗ ſchwendet habe. Küſſen Sie die Hand deſſen, der Sie gezüchtigt hat, und beten Sie im Staube an vor der Weisheit, deren Wege unerforſchlich, aber dennoch uns nützlich ſind.“ „Ach, Herr Pfarrer,“ entgegnete ich,„verdammen Sie mich nicht. Ich weiß den Werth Ihrer edlen und menſchenfreundlichen Handlung zu ſchätzen, aber ich bin vom Unglück ſo tief geſchlagen, daß mit dem Wieder⸗ erwachen zum Leben auch alle meine Plagegeiſter wieder 176 zufrieden zu ſein, hielt es jedoch als ein eifriger Diener der Religion für ſeine Pflicht, mir das Mißliche meines eid gegenwärtigen und zukünftigen Zuſtandes vorzuſtellen. G Alles, was er mir jedoch ſagen konnte, führte zu Nichts; denn obwohl er ein guter und wohlwollender we Mann war, ſo gingen doch ſeine Geiſteskräfte nicht über kre die Mittelmäßigkeit hinaus. Er gehörte nicht zu den ſel⸗ ho tenen Weſen, die eine wahre Willenskraft mit einer über das Gewöhnliche erhabenen Beredtſamkeit über den Gegen⸗ die ſtand vereinigen, den ſie mit dem tief durchgreifenden al⸗ Ernſte ihres ganzen geiſtigen Lebens erfaßt haben. Hätte ihr ich eine ſolche Perſon getroffen, ſo hätte ſie vielleicht mein da den milden Tröſtungen der Religion verſchloſſenes Gemüth der geöffnet. BJa Der Pfarrer von Eikenberg war dieſem Amte nicht Ic gewachſen, und dieſer unglückliche und ſonderbare Zufall verband ſich mit den finſtern Gedanken, die mein Gehirn da durchkreuzten. 31 Eines Morgens, ungefähr acht Tage nach dieſem kal Geſpräche mit dem Pfarrer, waren meine Körperkräfte tig beinahe hinlänglich wieder hergeſtellt; aber noch ließ mich her mein gutherziger Wirth nicht ausgehen. Ich lag noch und entwarf neue Pläne zur Erreichung meines End⸗ W wecks, als ich durch die dünne Bretterwand, die des der Pfarrors Zimmer von dem meinigen trennte, ein Ge⸗ in ſpräch hörte, welches das Blut in meinen Adern mehr wi als je ſieden machte. Urtheile ſelbſt, Waldenberg. Der in Pfarrer ſprach zuerſt. un „Ich habe nach meinem beſten Vermögen den Auf⸗ kla trag des Herrn Barons zu erfüllen geſucht, und es iſt mir gelungen, eine Amme ausfindig zu machen, für deren wa Geſundheit ſowohl, als guten Ruf ich ſtehen kann.“ ſo „Gut, Herr Pfarrer,“ erwiederte eine Stimme, die ein ich zwar nicht kannte, von der mir aber eine unerklärliche ſta Ahnung oder ſogar der Inſtinkt ſagte, wem ſie angehöre. ſp „Gut, Herr Pfarrer; aber kann man ſich auch auf ihre An Verſchwiegenheit verlaſſen?“ ener nes zu nder iber ſel⸗ iber gen⸗ iden dätte nein nüth nicht fall hirn 177 „Das hat keine Gefahr, Herr Baron. Sie iſt be⸗ eidigt, und Gott ſey Dank! noch iſt ein Eid dem rechtlich Geſinnten und Einfältigen heilig.“ Denke Dir, Waldenberg, wenn Du es vermagſt, was ich dabei fühlte. Mein Körper zitterte von einem krampfhaften Beben. Es ſchien mir, als ob ſie es drinnen hören müßten. Nach einer Pauſe fing der Pfarrer wieder an:„Ueber⸗ dies und für alle mögliche Fälle kennt ja Niemand hier als ich den Namen des Herrn Barons, und ſomit hat ihr Wort wenig Bedeutung, wenn ſie auch das Wenige, das ſie erfahren hat, verrathen würde; denn es bleibt bei dem, was wir zum Voraus mit Kramer ausgemacht haben, daß die Amme und das Kind wenigſtens auf ein Jahr im Wohnhauſe bleiben werden.“ „Ja,“ verſetzte Lindorm— Du wirſt begriffen haben, daß er es war,—„ich glaube, daß es für jetzt der beſte Zufluchtsort iſt, den ich dem zarten Weſen verſchaffen kann. Sobald meine Frau wieder hergeſtellt iſt, beabſich⸗ tigen wir, ein oder ein Paar Jahre zu reiſen, und nach⸗ her nehmen wir das Kind zurück.“ Himmel und Hölle, welche Qualen ſtand ich aus! Waldenberg, Du kannſt Dir nun eine Vorſtellung von dem machen, was ich litt; aber zugleich bewunderte ich in ihm den edelſten Charakter, der je gefunden werden wird. Das letztere Gefühl mußte jedoch in dem Zuſtande, in dem ich mich befand, ſtets das untergeordnete bleiben, und mein Kopf war nun ſo verwirrt, daß ich kein einziges klares Wort ihrer Verabredung mehr auffaſſen konnte. Gegen Abend, als es mir einigermaßen gelungen war, mich auf das Nothdürftigſte zu beruhigen, bat ich ſo dringend, ausgehen zu dürfen, daß der Pfarrer nach einigen fruchtloſen Verſuchen, meinem Wunſche Wider⸗ ſtand zu leiſten, endlich ſeine Einwilligung gab; aber er ſprach ſein Leidweſen darüber aus, daß er durch ein Amtsgeſchäft verhindert wäre, mir Geſellſchaft zu leiſten. Guſtav Lindorm. 1. 12 178 Herzlich vergnügt, meine Freiheit zu haben, machte ich mich auf und ſchlug meinen Weg nach einigen verfallenen Hütten ein, die ich in der Entfernung entdeckte. Näher dabei begegnete ich einem Knaben, den ich um den Weg nach dem Wohnhauſe befragte. „Wenn Sie gerade durch den Wald gegangen ſind, halten Sie ſich rechts,“ ſprach er;„aber der Herr hat weit dahin.“— Ich ſetzte meine Wanderung fort; es war ſchon Nacht, als ich endlich ein einſames Licht von der Seite her ſchimmern ſah, wo das Haus liegen ſollte. Ich ſchlich mich dorthin, wo das Licht leuchtete; das Fenſter lag ganz nahe am Boden, und die herabgelaſſenen Rollgardinen waren ſo ſchmal, daß ich von der Seite jedes Ding im Zimmer erblicken konnte, und, Waldenberg, was meinſt Du, daß ich ſah?— Konſtanze, meine an⸗ gebetete, unglückliche Konſtanze!— Doch, was ſag, ich, war ſie es ſelbſt? Nein, es war nur ihr Schatten. Sie lag vor dem Sopha auf den Knieen, die Hände in quä⸗ lender Angſt gerungen: ohne Zweifel rief ſte den Himmel um eine baldige Beendigung ihrer Leiden an. Ein ſchwa⸗ cher Schrei entfuhr meinen bebenden Lippen; ich war nahe daran, bei dieſem Uebermaß meines Elends zu Boden zu ſinken. Mit knapper Noth hielt ich mich an dem vor⸗ ſtehenden Fenſterbrett feſt, ängſtlich, den heiligen Schein zu verlieren, der, ungeachtet ſeiner Entſetzlichkeit, mich doch überzeugte, daß auch ſie mit gleich großem Schmerz das grauſame Schickſal beweinte, das uns getrennt hatte. Ha, der alte Schurke! hat er wohl jetzt den Lohn für ſeinen Ehrgeiz, unſere Qual, unſern Jammer erhalten? Doch ich will ihn nicht verdammen: wir bedürfen beide eines gnädigen Richters.— Mein Schrei, obwohl ſchwach, war ihr doch nicht entgangen; ſie lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit; ſie ſtreckte die Hände gegen das Fenſter.— „Arel, mein Arel,“ liſpelten jene theuren Lippen, die mir ſo oft Treue zugeſchworen hatten,„Axel, ich komme bald;“ Und es war wunderſam, wie ruhig und ſtill ſie dann ward; ſie ſchien den Ausruf und die gebrochene Stimme — Sie quã⸗ nmel hwa⸗ nahe n zu vor⸗ chein mich zmerz hatte. 1 für lten? beide wach, unter er.— e mir ald;“ dann timme 179 für eine freundliche Einladung des Hingegangenen genom⸗ men zu haben, ſich bald mit ihm zu vereinigen. Arme, theure, geliebte Konſtanze, bald, ja bald werden wir im Tode vereinigt ſein. Ich will keinen Verſuch machen, Dir meine Gefühle, meinen Zuſtand zu ſchildern; es war ein Elend ohne Maß. Ich wachte an ihrem Fenſter, bis die erſten ſchwa⸗ chen Strahlen des Morgens hervorbrachen; dann ſchleppte ich mich wieder nach Eikenberg zurück. Man hatte die Thüren offen gelaſſen; ohne von Fragen beläſtigt zu wer⸗ den, ſchlich ich mich in meine Kammer und warf mich auf's Bett. Von Schlaf war natürlich keine Rede; aber ich fühlte mich ruhiger als am Abend, und ſehnte mich tief und innig nach dem ſtillen Schlummer im Grabe. Ich war nicht mehr im Stande, ſpitzfindige Beweisgründe auf⸗ zuſtellen, was ich früher oft gethan hatte, um das Sünd⸗ liche und Schwache in der That, die ich vorhatte, zu vertheidigen. Nein, ich hatte nur den einzigen Gedanken, um jeden Preis mein Kind zu ſehen und dann ihr nach⸗ zufolgen; denn es brauchte nur einen Blick auf jene ab⸗ gezehrte, verſtörte, und doch einſt ſo ſchöne Hülle, um einzuſehen, daß der Geiſt bald ſeine Wohnung verlaſſen und ſich dahin aufſchwingen würde, wo er nicht vergeblich auf mich warten ſoll. Alles das habe ich am Tage nach dieſem über mein Leben entſcheidenden Abende aufgezeichnet. Du ſiehſt, Waldenberg, daß ich bei Vernunft und voller Beſinnung bin, und nur die Gewißheit, daß dieß der letzte Brief iſt, den ich je ſchreiben werde, iſt es, welche mir die Geduld und die Kraft gibt, Dir einen ſo ziemlich umſtändlichen Bericht von dem, was ſich zugetragen hat, abzulegen; denn da mein Leben nunmehr verloren iſt, und nur noch dazu dienen würde, eine qualvolle Kette von Kämpfen zu bilden, ſo habe ich feſt beſchloſſen, zu ſterben. Heute Abend ſuche ich wieder die Wohnung des Feldwebels auf; doch habe ich mir vorgenommen, noch nicht weiter zu gehen. Ich 12 180 will mich nur in der Nähe aufhalten, bis Alles über⸗ ſtanden iſt. Möchte es dann mir gelingen, wenn auch nur für eine Minute, hinein zu kommen; ich habe von dem Leben nicht mehr zu begehren. Der Pfarrer muß einigen Verdacht in Betreff meines Vorhabens hegen. Außer dem, daß er mir meine nächt⸗ liche Wanderung ſtrenge vorgeworfen hat, verbirgt er mit ängſtlicher Sorgfalt jeden Gegenſtand vor mir, womit er glaubt, ich könnte meinen Endzweck erreichen. Aber er weiß nicht, daß ich mir ſchon lange vorher ein koſtbares Pülverchen zu verſchaffen gewußt habe, das, wenn die Zeit da iſt, mir denſelben Dienſt leiſten wird, wie jedes andere Werkzeug.— Und nun, lebe wohl, Waldenberg; meine Unruhe beginnt von Neuem zu erwachen; ich muß mich hinausſtehlen.“ Nachts zwiſchen eins und zwei.—„Ha, ha, ha! er fragt, was ich hier in der Gegend thue! Ah, Herr Ba⸗ ron, ſind Sie es denn allein, dem die Schätze gehören, welche die kleine graue Hütte in ſich ſchließt? Glauben Sie, daß ich nicht auch einige Rechte auf ſie habe?— O Waldenberg, mein Freund, ich habe ihn geſehen, An⸗ geſicht gegen Angeſicht! Wie ſchön, wie herrlich er iſt! Mein Blut kochte gewaltſam. Konſtanzens Gatte, es iſt ja gräßlich! und ich haſſe ihn, ſo edel er auch iſt. Mein Ausſehen muß entſetzlich geweſen ſein; ich glaube faſt, daß ich ihm Schrecken einflößte. Auch ergötzte ich ihn durch einen Sprung, der ſehr pikant war! Ha, ha, ha! was iſt denn das Leben, mein theurer Waldenberg, an⸗ ders, als eine Menge ſolcher ſeltſamer Sprünge, von paſ⸗ ſiver Ruhe zur höchſten Seligkeit der Erde, und von da hinab in den Abgrund,— und umgekehrt, je nachdem es währt! Gute Nacht; ich kann nicht mehr.“ Um neun Uhr des andern Tags.—„Er liegt im hitzigen Fieber, man hat nach dem Pfarrer geſchickt. Ich bin heute alſo ganz frei und ledig. Du fragſt vielleicht, was ich da thue. Ich weine und lache abwechs lungsweiſe, ich betrachte meinen letzten Schatz, das kleine Pulver, und —— 181 zähle ungeduldig die Glockenſchläge, die mich näher zum Ziele führen.“ Um ſieben Uhr Abends.—„Viktoria, Viktoria, Wal⸗ denberg! Man hat nach der Amme geſchickt; jetzt geht es an! Lebe wohl, Kamerad, lebe wohl! Ich danke Dir für Deine Freundſchaft! Schreibe, oder, wenn Du kannſt, reiſe ſelbſt zu meinem Vater, und übergib ihm den ein⸗ geſchloſſenen Brief, und flehe ihn um Verzeihung für mich. Es war nicht möglich, es konnte nicht anders gehen. Ich bin kalt wie Eis; dennoch brennt es, wie wenn Feuer anſtatt Blut in meinen Adern flöſſe. Dieſen Brief werde ich ſelbſt im Pfarrhauſe zurücklaſſen, wenn ich gehe. Traure nicht zu ſehr, mein treuer Waldenberg; wir ſehen einander bald wieder, und was den Schluß des Trauerſpiels anbelangt, ſo wirſt Du ihn wohl von irgend Einem erfahren.— Leb' wohl, leb' wohl! Bete für Deinen unglücklichen Axel Müller. Zweinndzwanzigſtes Kapitel. Sie beurtheilen mich falſch; vielleicht iſt meine ſcheinbare Kälte nur der Schnee, der einen Vulkan bedeckt; vielleicht wohnt ein Feuer darin, das nie erlöſcht; vielleicht ſtedet und brennt es raſtlos in ihm, bis ſeine Flammen einſt mit unwiderſtehlicher Gewalt heraus⸗ ſchlagen und mich ſelbſt verzehren. Lindeberg. Der Oberjägermeiſter Baron Torſten von Lindorm hatte ſeit ſeiner früheſten Jugend blos einer einzigen aus⸗ ſchließenden Leidenſchaft gehuldigt, nämlich dem Chrgeiz; aber unglücklicherweiſe entſprach weder ſein Genie noch ſein Vermögen dem brennenden Verlangen, das ihm in weit ausſchweifenden Träumen Beförderungen und Ehrenn: 182 ſtellen als die Zielpunkte ſeiner Zukunft vorſpiegelte, und es blieb ſomit nur bei den Träumen. In der Eigenſchaft eines armen Lieutenants bei einem Infanterie⸗Regiment, ohne bedeutende Empfehlungen, und in Ermanglung ſowohl eines vortheilhaften Aeußern als eines erhabenen Geiſtes, gab es wenig Ausſichten zur Verwirklichung der Phanta⸗ ſieen, die ihm, ungeachtet einer Menge Widerwärtigkeiten, einen günſtigen Erfolg ſeines Strebens vorſpiegelten. In⸗ zwiſchen verſtrichen die Jahre, und das höchſte Loos, das Baron Torſten aus der Glücksurne ziehen konnte, war eine Kapitänsſtelle. Damit vereinigte ſich die Hoffnung auf eine bedeutende, wenigſtens ſehr wünſchenswerthe Ver⸗ bindung mit einem Hauſe aus der altadeligen Schule. Nach vielen Anſtrengungen und Intriguen wurde die Sache endlich in's Reine gebracht, und nun ſchienen endlich die Träume ſich in Wirklichkeit verwandeln zu wollen. Da machte zu allem Unglücke die Heirath ſeines älteren Bru⸗ ders, des Barons Karl, mit einem Mädchen von bürger⸗ lichem Stande einen raſchen und kräftigen Strich durch den mit vieler Mühe ſo weit gediehenen Plan. Eine grenzenloſe Wuth erfaßte ihn, als ſein zukünf⸗ tiger Schwiegervater in einem kalten Billette ſein Ver⸗ ſprechen zurücknahm und ihm den Verlobungsring wieder ſandte. Er hatte im erſten Augenblicke den morden wollen, der ſeine Hoffnungen, ſeine einzige Ausſicht auf Glück gemordet hatte. Aber nach einem langen Kampfe, der nur den zum Zeugen hatte, vor dem die dunkelſten Winkel unſres Herzens, die heimlichſten Gedanken unſrer Seele offenbar ſind, nahmen ſeine Züge wieder die ge⸗ wöhnliche feſte Straffheit an, und ſein Eiſenwille be⸗ herrſchte den Aufruhr des Gemüths ſogar in einem ſolchen Grade, daß er nie mit einem einzigen Wort gegen ſeinen Bruder die Sache erwähnte. Dennoch vergaß der Kapi⸗ tän nie das unberechenbare Unheil, das ihm, wie er glaubte, ſein Bruder zugefügt hatte. Er vergaß es blos, um, wenn ſich eine Gelegenheit darbot, von ſeinem Bru⸗ der ſelbſt oder deſſen Nachkommen Erſatz fordern zu —.,— „—·,/·„—–+, ͤ Sf ———— 2 vollkommen ruhigen können. Nur auf eine Art erlaubte er ſich, ſeine Rache zu genießen, nämlich durch einen langen Brief an ſeinen Bruder, der unter der Maske der Freundſchaft und Theil⸗ nahme beißende Bemerkungen über die Macht ſeiner klei⸗ nen bürgerlichen Frau hinwarf, die in ihrem Zaubernetz einen Mann von Karls Geiſt und Selbſtgefühl ſo lange habe feſſeln können. Er erzählte ihm, daß ſeine Verhei⸗ rathung den Stoff zu hundert umlaufenden Anekdötchen ab⸗ gebe, und es gelang ihm vollkommen, durch dieſes giftige Mittel den Dolch in Karks Herz zu bohren. Bei all' dem ſetzte er eifrig ſeine Bemühungen für ſein Glück fort; aber Alles war umſonſt; man wich ſeinen Anträgen als Freier und in andern Beziehungen aus, und mit einem von bitterem Haß gegen die ganze Welt erfüllten Herzen, aber mit einem Aeußern,— denn nie beſaß Einer in höherem Grade die Macht, unter dem Schleier der Gleich⸗ gültigkeit verzehrende Gemüthsbewegungen zu verbergen,— begab er ſich auf Reiſen nach den nördlichen Landſchaften Schwedens, feſt entſchloſſen, jeden möglichen Wink des Glücks oder Zufalls zu benützen, um eine, wenn nicht glänzende, ſo doch unabhängige Stellung zu gewinnen. Unter unabhängig verſtand Baron Torſten die Erringung eines ziemlich großen Vermögens durch eine Heirath, dem einzigen Wege, der ihm für dieſen Zweck offen ſtand. Doch es würde zu ermüdend werden, wenn wir ihm auf dieſen Spekulationsfahrten folgen wollten, zumal da ſie ſich durch keine Abenteuer auszeichnen, denn über ſolche dünkte ſich der Kapitän erhaben. Dafür laden wir den Leſer ein, die Erzählung anzuhören, die Waldenberg Hermern mit⸗ theilt, und in welcher ſich der Charakter und das ſpätere Schickſal des Barons Torſten am klarſten entwickeln. Waldenberg war von Müllers Brief auf's Tiefſte erſchüttert. Stumm, die Trauerbotſchaft, faſt kann man und unfähig eines ſagen, die Todesbotſchaft in der Hand, vernünftigen Gedankens, ſaß er da. So verfloß eine lange Stunde, und noch ſaß er in derſelben Stellung; doch ſchnell, wie wenn ein Blitz die dunkle Maſſe ſeiner Ge⸗ danken erhellt hätte, rief er jetzt aus:„Nun iſt es vor⸗ bei mit aller Geheimhaltung; Lindorm weiß ja Alles! Vielleicht ſind beide ſchon nicht mehr; wer weiß, was für ein Ende ihrer Leiden dieſer Abend geſehen hat? Entſetz⸗ lich, ſchrecklich, armer, wahnſinniger Freund! Unglück⸗ licher Müller, hat keine milde Hand durch die Gnade der Vorſehung Dich zurückgehalten, oder ſtehſt Du ſchon vor Deinem Richter? Was iſt zu thun! ich muß hin; ich will mich nur zuerſt mit Hermer berathen?“ℳ Waldenberg eilte an den Strand hina, rief einen Jungen an, und ließ ſich in aller Schnelligkeit nach Roſen⸗ dal henuüber rudern. Im Hofe begegnete er Georginen mit einem Buche in der Hand; ſie wollte ausgehen. „Willkommen, Herr Waldenberg!“ lautete die theure, freundliche Stimme.„Sie ſind ſo ſelten. Aber wie ſteht es mit Ihnen; Sie erſchrecken mich?“ Er war ſo verſtört, daß man ihn kaum wieder kannte. Die Wangen blühten von einer unnatürlichen Röthe, und im Auge brannte ein nie vorher geſehener Glanz. „Ach, wie ſteht es, Herr Waldenberg?“ „Schlimm, mein gnädigſtes Fräulein, ſehr ſchlimm.“ „Aber mein Gott,“ rief Georgine ängſtlich,„warum ſind Sie dann ausgegangen, Herr Waldenberg?“ „Ich mußte; die Pflicht gebot es mir!“— Er ver⸗ ſuchte einige Schritte vorwärts zu machen, mußte ſich aber an einem Baum halten.— Georgine bot ihm einen dabei ſtehenden Gartenſtuhl an.—„Axel, hole ein Glas Waſſer!“ rief ſie ihrem Bruder zu, der ein Stück weit davon ſpielte. — Unterdeſſen hatte die Gluth auf Waldenbergs Wangen einer ſchrecklichen Bläſſe Platz gemacht. Sobald der Knabe zurückkam, nahm Georgine das Glas, und brachte es ſelbſt an die Lippen des Verwalters, während ſie mit der andern Hand ſeinen Kopf unterſtigte. „Lauf hinein nach dem Papa, Arelchen, beeile Dich! — Wird es Ihnen jetzt beſſer, Herr Waldenberg?“— ☛ + 1 —8 ͤ— u — K8 4 185— Ihre mitleidigen und ſeelenvollen Augen waren forſchend auf ihn geheftet. Er ſah zu Georginen empor mit einem Blicke voll unausſprechlicher Dankbarkeit, berührte das Glas und trank einige Tropfen. „O, daß auch ich in dieſer Stunde ſterben könnte,“ flüſterten ſeine Lippen, doch ſo leiſe, daß die Worte Georginens Ohr nicht erreichten. Jetzt kam Hermer in den Hof herab, begleitet von dem kleinen Axel, der ihn bei der Hand hielt. Er näherte ſich ſchnell. „Was iſt das, mein lieber Waldenberg? wie ſteht es mit Ihnen? Bei meiner Ehre ſehr ſchlimm, wie ich ſehe! Verſuchen Sie, ſich auf meinen Arm zu ſtützen.“ Mühſam erhob ſich Waldenberg und erreichte mit Her⸗ mer's Beihülfe den Saal. Hier ſank er auf einen Sopha nieder, um welchen Georgine zur Bequemlichkeit des Kran⸗ ken mit freundlichen Haͤnden die Kiſſen geordnet hatte. Eine Herzſtärkung wurde herbei geſchafft, und nach Ver⸗ lauf einiger Minuten befand ſich Waldenberg beſſer; das heißt, er, der bei der holden Vorſorge des geliebten Mäd⸗ chens ſchon zu den Freuden des Paradieſes hinüber geflohen zu ſein wähnte, kam ſchnell wieder zum vollen Bewußt⸗ ſein der betrübten Gegenwart zurück, und damit fiel ihm auch der eigentliche Zweck ſeines Beſuches wieder ein. Der ſchreckliche Brief ſtand wieder in klaren, deutlichen Zügen vor ſeinem geiſtigen Auge; und während er ſich bemühte, über die Einleitung zu der ſonderbaren Mittheilung, die er zu machen hatte, nachzudenken, half ihm Hermer ſchnell zum Rechten, indem er ihn einfach fragte:„Was führt Sie hieher, mein beſter Herr Waldenberg? Gewiß nichts Unbedeutendes? Nach Ihrem Ausſehen zu urtheilen, ſind Sie eben ſo ſehr geiſtig als körperlich angegriffen.“ „Das iſt leider nur zu wahr,“ ſeufzte Waldenberg; „ich habe ein Geſchäft mit Ihnen, Herr Hermer, ein Ge⸗ ſchäft von großer Wichtigkeit, wozu mich ein Brief, den ich vor ein Paar Stunden erhalten habe, veranlaßt.“ „Von Baron Lindorm?“ rief Georgine, und eine Lilienfarbe bedeckte ihre Wangen. 186 „Nein, nicht von ihm; doch kann ich nicht läugnen, daß es in genauer Verbindung mit ihm ſteht.“ „Das klingt ſehr betrübt,“ ſagte Hermer.„Will Herr Waldenberg vielleicht allein mit mir ſprechen?“ „Ich glaube in der That, daß es am dienlichſten wäre, antwortete er, mit einem bittenden Blick auf Geor⸗ gine. In ſichtlicher Gemüthsbewegung verließ dieſe das Zimmer. „Nun, jetzt ſind wir allein,“ ſprach Hermer, und rückte ſeinen Stuhl näher an den Sopha.„Sagen Sie mir nun, in Gottes Namen, was es gibt?“ „Ach, beſter Herr Hermer, das iſt nicht ſo in we⸗ nigen Worten geſagt. Ehe ich Sie um Ihren Rath bitte, iſt es zuerſt nothwendig, daß Sie eine genaue Kennt⸗ niß von dem ganzen Verhältniſſe erhalten. Dieſe kann durch das gewonnen werden, was ich Ihnen mittheilen werde, ſo wie durch einige Originalbriefe, die ſich in mei⸗ ner Verwahrung befinden, und die ich mitgenommen habe, um Ihnen einen ziemlich klaren Blick über das Ganze zu verſchaffen.“ „Dies ſcheint auf ein Familiengeheimniß auszugehen. Sie erſchrecken mich, und erwecken meine Neugierde zu gleicher Zeit,“ ſagte Hermer.„Ich muß nothwendig meine Pfeife ſtopfen, um Sie in ungeſtörter Ruhe anhören zu können.“ Als dies geſchehen war, ſetzte ſich Hermer wie⸗ der, und Waldenberg begann: „Ich hatte einen Freund,— ich wage nicht mehr zu ſagen, ich habe einen,— Axel Müller, einen Jüngling mit einem hellen Kopfe, von gutem, doch zu heißem Her⸗ zen, einer vorzüglichen Erziehung, reichen Talenten, viel⸗ ſeitigen Kenntniſſen und einer feinen Bildung. Er war der einzige Sohn eines geachteten und angeſehenen Beam⸗ ten in De**. Profeſſor Müller war in früheren Jahren der vertraute Freund des Oberjägermeiſters Baron Tor⸗ ſtens von Lindorm geweſen, und auch jetzt noch, obwohl die Jahre und eine Menge Wechſelfälle des Schickſals die erſte Wärme abgekühlt hatten, fuhren die beiden Männer 187— fort, Briefe mit einander zu wechſeln, theils um dem Oberjägermeiſter das Vergnügen zu verſchaffen, ein fortge⸗ ſetztes Augenmerk auf die politiſchen Angelegenheiten haben zu können, die ſich erſt ſpät bis in die Gegend verbreite⸗ ten, wo er ſich aufhielt, theils weil die freundſchaftlichen Mittheilungen über ihr Familienleben das vertrocknete Herz des Barons Torſten erfreuten und aufwärmten. Man konnte mit Grund von dieſem ſonderbaren Manne ſagen, daß er nie, mit Ausnahme des Gefühls, das er Freund⸗ ſchaft nannte, mit dem übrigen Menſchengeſchlecht, nämlich mit den Guten, eine Gemeinſchaft hatte. Adeliger Hoch⸗ muth, ein nie befriedigter Ehrgeiz und ein rachſüchtiges Gemüth machten die Grundbeſtandtheile ſeines Weſens aus. Aber in dieſe unglücklichen Eigenſchaften kleidete ſich bei der Macht, die er beſaß, ſie zu verbergen, nicht ſelten ein gewiſſer Hochſinn, ein edler aber feſter Stolz, der dem weniger ſcharfſichtigen Menſchenkenner für gute Münze galt, obwohl es eigentlich nur falſche war. Das Geſchlecht der Lindorm beſaß, wie Sie wiſſen, in ſpäteren Zeiten kein Vermögen; man kann deßhalb annehmen, daß das Ge⸗ rücht nicht ganz unwahr ſprach, wenn es behauptete, es ſei geſchehen, um dieſes ſo lange erſehnte Gut zu erhalten, daß der damalige Kapitän Lindorm um die Erbin des bedeutenden Beſitzthumes Hamringen freite. Er lernte ſie und ihr reiches Erbe auf ſeinen Reiſen in Nordland kennen. Ein glücklicher Zufall verſchaffte ihm die Bekanntſchaft ihres Vaters, eines alten Edelmanns, der aus den Käm⸗ pfen der Hut⸗ und Mützenpartei ſich und ſein Geld von der Welt zurückgezogen hatte, und hier die Tage ſeines Alters in einer faſt einſiedleriſchen Ruhe verlebte. Es war natürlich, daß Lindorm ein willkommener Gaſt in Ham⸗ ringen ſein mußte, theils als Reiſender, der viel Wun⸗ derbares und Neues zu erzählen hatte, theils aber auch, weil die Familie des Herrn von A’*** in früheren Zeiten auf einem beſonders freundſchaftlichen Fuße mit den Lin⸗ dorms gelebt hatte; und noch war kein Monat ſeit ſeiner Ankunft verfloſſen, als er bereits geworben und das Ja⸗ 188 wort erhalten hatte. Das Fräulein war eher ſchön als häßlich, aber kränklich, unwiſſend und wehleidig, ohne ſonſtige außerordentlich anlockende Eigenſchaften. Alle dieſe Flecken wurden jedoch von dem Strahlenglanz ver⸗ dunkelt, der ihrem ganzen Weſen Licht verlieh, nämlich von der Gewißheit, daß ſie einzige Erbin war; und da Baron Torſten den Einfluß der Liebe nie gefühlt hatte und nie erfahren konnte, ſo erkaufte er ohne großen Wider⸗ ſtand ſeine Unabhängigkeit durch dieſe Verbindung. Aber da ſeine Gattin nicht geeignet war, um unter den Be⸗ kanntſchaften, die er in der Hauptſtadt beſaß, auftreten zu können, und er ſelbſt dort keine aufmunternden Erfolge erfahren hatte, ſo beſchloß er, dem Triumph, den ſeine Eitelkeit über den Neid hätte feiern können, zu entſagen, nahm ſeinen Abſchied, kaufte eine Oberjägermeiſterſtelle, und lebte auf Hamringen, wie es ſein Schwiegervater vor ihm gethan hatte, als ein kleiner König unter ſeinen Ber⸗ gen, ſeinen Wäldern und Untergebenen, mit ſeinem ein⸗ zigen Vergnügen, dem Fiſchfange und der Jagd beſchäf⸗ tigt. Inzwiſchen verſtrichen die Jahre; ſeine Frau ſchenkte ihm eine Tochter und fünf Jahre darauf ſah er ſich Wittwer. Herr von A⸗s war ſchon lange vorher zu ſeinen Vätern verſammelt worden. Da wurde von dem Baron die wichtige Frage in Ueberlegung gezogen, ob er dort bleiben, oder wieder in die Hauptſtadt ziehen ſolle. Nach vielem Nachſinnen erkannte er jedoch bei ſich ſelbſt, daß er an keinem Orte das allgemeine und beſondere An⸗ ſehen erlangen würde, das er hier beſaß, und daß es deßhalb eben ſo gut ſei, das zu behalten, das er jetzt genoß, als von Neuem nach etwas zu ringen, das er vielleicht nie erhalten würde. Als dies abgemacht war, kam eine andere unterge⸗ ordnete Sache zur Prüfung, die Erziehung ſeiner Toch⸗ ter; denn daß ſie eine ſolche erhalten ſollte, die mehr mit ihrem Stande übereinſtimmte, als die, welche ihre Mutter genoſſen hatte, darüber war Baron Torſten ſchon⸗ längſt mit ſich einig. Es war nur noch die Frage, wel⸗ 189 cher Plan dabei befolgt werden und womit man eigent⸗ lich den Anfang machen ſollte. Die erſtere dieſer Fragen konnte bis auf Weiteres nicht entſchieden werden; die letztere ſah er für vollkommen beantwortet an, da er alle Werke über Kindererziehung in's Haus ſchaffte, die ihm Commiſſionäre und Beamte aus allen vier Weltgegen⸗ den verſchaffen konnten. Aber ehe alle dieſe literariſchen Produkte in Hamringen ankamen, war ſchon beinahe ein Jahr verfloſſen, und ein anderes ging über dem Durch⸗ leſen dieſer Menge von alten und neuen Scharteken hin, und ein drittes über dem Abwägen und Tiefbedenken derſelben. Am Ende dieſer Zeit ſchien der Oberjäger⸗ meiſter, was den Plan betraf, ungefähr auf demſelben Punkte angekommen zu ſein, als da er dieſe mißliche Unternehmung begann; denn unter all' dem, was er ge⸗ leſen hatte, fand ſich nichts, das ihm behagte, nichts, das er befolgen wollte, und nun begann er wirklich ſich über ſeine Thorheit zu grämen, daß er dret Jahre nicht allein ohne allen Nutzen, ſondern wahrſcheinlich ſogar zum großen Schaden der jetzt achtjährigen Konſtanze hatte verſtreichen laſſen, welche unterdeſſen keine andere Lehrerin gehabt hatte, als die alte Haushälterin, eine freilich rechtſchaffene und gute Alte, die aber doch nicht ſehr für das Amt geeignet war, das ihr gutes Herz bei dem jungen Fräulein über ſich genommen hatte. Der Oberjägermeiſter beſchloß nun, einen auf ein⸗ mal entſcheidenden und zweckmäßigen Schritt zu thun, nämlich ſich einen Hauslehrer zu verſchreiben; denn nach ſeiner Meinung konnte ein Frauenzimmer unmöglich zu einer, wie er es nannte, ſoliden Erziehung verhelfen. Ueberdies bedurfte der Baron einer Geſellſchaft für ſich ſelbſt, und der Plan hatte alſo einen doppelten Nutzen. Aber an demſelben Poſttage, wo er ſeinem alten Freund, dem Profeſſor Müller, darüber ſchreiben wollte, erhielt er die Nachricht von dem Tode ſeines Bruders, des Ba⸗ xons Karl von Lindorm; und da ihm dieſer ſchon meh⸗ rere Jahre vorher für dieſen Fall ſeinen Sohn anem⸗ 190 pfohlen hatte, beſchloß der Oberjägermeiſter, einen andern Weg einzuſchlagen, wodurch er zwei Zwecke ſtatt einem erreichen konnte. Er ſchrieb an ſeinen Neffen, der ſich damals noch unter Werner's Leitung in Upſala aufhielt, und bat ſie beide, ein Jahr in Hamringen zuzubringen, theils um ſich auf die allzu fleißige Anſtrengung etwas auszuruhen, theils auch um den Schmerz um einen ge⸗ liebten Vater in den Schooß der Verwandtſchaft und Freundſchaft niederlegen und mit ihnen theilen zu können. Obgleich die Redensarten in dieſem Brieſe etwas abgedroſchen waren, ſo machten ſie doch, als eine frei⸗ willige Steuer der Freundſchaft und des Wohlwollens einen angenehmen Eindruck auf Baron Guſtavs fühlen⸗ des Herz, und er beſchloß, das Anerbieten anzunehmen, beſonders da er in der That einer beſſern Zerſtreuung bedurfte, als die war, die ihm ſeine luſtigen Kameraden boten; denn unter ihnen hatte er keinen Freund, ſondern blos Geſellſchafter. Werner war zu dieſer Zeit, ſo viel wir uns erinnern, eben zum Pfarrer in Effenbo ernannt worden; aber da es noch ein Jahr dauerte, bis er die Pfarrei antreten konnte, war er bereit, dieſes in Geſell⸗ ſchaft von Baron Guſtav zu Hamringen zuzubringen. Werner hatte ſich eingebildet, daß er bei dem Oberjäger⸗ meiſter in einem gebildeten und angenehmen Hauſe leben würde, wo Vieles, jedoch mit Beimiſchung von neueren Anſichten, an die alte Ariſtokratie erinnerte. Mit Freude überdachte er, wie wohlthuend all' das auf ſeinen Lieb⸗ ling einwirken müßte, deſſen Kummer über des Vaters Gemüthskrankheit, in Verbindung mit einer natürlichen Anlage zur Melancholie, oft die Sorge ſeines Lehrers erweckt hatte. Dieſes Uebel, meinte der brave Werner, ſollte nun in einem feinen und angenehmen Umgange, welcher ihn zugleich mit den Formen des geſellſchaftlichen Lebens bekannt machte und ſeine Seele froheren Ein⸗ drücken öffnete, ein Gegengewicht finden. Alle dieſe lebhaften Hoffnungen wurden jedoch beim erſten Anblick von Hamringens hohen, grauen Mauern, rern nem ſich ielt, gen, was ge⸗ und nen. was frei⸗ lens len⸗ nen, ung aden dern viel annt die ſell⸗ gen. ger⸗ eben eren rude ieb⸗ ters chen rers ner, nge, chen Ein⸗ eim ern, 191 ſeinen düſtern Thürmen, den alten gothiſchen Fenſtern und den umgebenden undurchdringlichen Wäldern bedeu⸗ tend herabgeſtimmt. Das Ganze bot einen imponiren⸗ den, aber finſtern Anblick dar; ſie meinten einen unge⸗ heuren Rieſen zu ſchauen, der im Kampfe mit der Zeit ſich ſeinem Falle näherte. Vielleicht hat Ihnen Werner einmal von der drückenden und unheilverkündenden Un⸗ ruhe erzählt, die ſich in Guſtav's Zügen ausſprach, als ihr leichter Wagen durch das dunkle Thorgewölbe in den ſteingepflaſterten Burghof rollte.„Ich wollte, ich wäre nie hieher gekommen,“ ſagte er leiſe zu Werner;„ich fühle mich ſo unheimlich hier.“ Sie wurden von einem ältlichen Manne mit einem wohlwollenden und gutmü⸗ thigen Geſichte empfangen; es war der alte getreue Die⸗ ner des Hauſes, der ehrliche Wilſon, der des Oberjäger⸗ meiſters rechte Hand war, und ſeit langer Zeit her das doppelte Amt als Verwalter und Haushofmeiſter beklei⸗ dete. Er benachrichtigte die Herren, daß der alte Baron auf der Jagd ſei, aber bald daheim erwartet werde. In⸗ zwiſchen bat er um die Erlaubniß, ihnen ihre Zimmer zeigen zu dürfen, die in einem der Flügel lagen, und wie ſie nachher erfuhren, die beſten und modernſten in dem ganzen verfallenen Gebäude waren. Kaum hatten ſie ſich zum Mittageſſen umgekleidet, als ein entſetzliches Hundegebell die Zurückkunft des Burg⸗ herrn verkündete, und gleich darauf trat er ſelbſt zu ſei⸗ nen Gäſten herein. Es war eine lange, dürre Geſtalt mit einem kalten und beſtimmten Ausdruck in ſeinen Zü⸗ gen, der jedoch jetzt einer ſeltenen Herzlichkeit und einem gewiſſen Reſte von alter Eleganz Platz machte. Nach⸗ dem er dem jungen Barone, der damals ſiebenzehn Jahre alt war, ſo wie Wernern auf das Verbindlichſte für die Güte gedankt hatte, daß ſie ſeinem Wunſche nachgekom⸗ men wären, führte er ſeine Gäſte in den Speiſeſaal, der in dem andern Flügel lag, und wo Alles, vom Zim⸗ mer ſelbſt bis zum Eſſen und der ſchweren Pracht im Tiſchſervice, an längſt Prgangene Tage erinnerte. 192 mann iſt Konſtanze, Wilſon?“ fragte der Oberjäger⸗ meiſter. „Ich meinte, ich habe das kleine Fräulein eben im Hühnerhofe ſpielen ſehen.“ Der Verwalter bekam einen finſtern Blick und einen Wink, den er wohl verſtand. Er eilte hinaus, und kam bald mit einem ſchönen Kinde von kaum neun Jahren zurück, das mit einigen leichten Sprüngen auf den Va⸗ ter zuflog, und mit der ſanfteſten, einſchmeichelndſten Stimme ſagte:„Du biſt doch nicht böſe! ſieh', dieſe habe ich für Dich aufgeſucht, Papa.“ Sie öffnete ihre kleine Schürze und zeigte ihm zwei Cier. Der alte Ba⸗ ron ſtrich mit einem Blicke, der deutlich ſeinen väterlichen Stolz ausſprach, die unordentlichen Locken aus der ſchö⸗ nen, weißen Stirne ſeiner Tochter. „Das ſchickt ſich hier nicht, Konſtanze,“ ſagte er ernſthaft;„geh' und waſche Deine Hände und laß Dir von Madame reine Kleider geben.“ „Will denn Papa die Eier nicht? fragte die Kleine traurig und eine Thräne rollte über ihre Wange herab. „Geh' und mache, daß Du umgekleidet wirſt, Kon⸗ ſtanze,“ antwortete der Oberjägermeiſter, wie es ſchien zugleich ängſtlich und ärgerlich;„ſtehſt Du nicht, daß wir Fremde haben; Du haſt Deinen Vetter nicht begrüßt.“ Still ſchlich das Kind von dem Vater hinweg; mit der einen Hand wiſchte ſie die hervorquellenden Thrä⸗ nen ab; mit der andern hielt ſie ihr Schürzchen feſt, worin die Eier lagen. Sie war der Thüre nahe, als der Vater mit erhobener Stimme ſprach:„Kon⸗ ſtanze, ſtehſt Du Deinen Vetter und den andern Herrn nicht?“ Jetzt ſchlug ſie die ſchönen ſchwarzen Augen auf; ſie ſtand vor Baron Guſtav, der mit der herzlichſten Theilnahme auf ſie zugegangen war.—„Liebe, kleine Konſtanze,“ ſagte er, indem er ihr mit ſeinem Tuche die Thraͤnen abwiſchte und die friſche, glühende Wange küßte,„liebe Konſtanze, Du ſollſt mein ſüßes Schweſter⸗ mas ihre ſich wäl der ſehe Ta glei and Pre wur ger⸗ im inen kam hren Va⸗ dſten dieſe ihre Ba⸗ ichen ſchö⸗ e er Dir leine erab. Kon⸗ ſchien chi üßt.“ ; mit Thrä⸗ feſt, nahe, Kon⸗ Herrn auf; chſten kleine Tuche Vange veſter⸗ 193 chen werden; ich werde ſehr viel auf Dich halten, Du hübſches Kind, und zum Beweiſe, daß Du daſſelbe thun wirſt, gib mir die Eier da, Konſtanzchen. Du glaubſt nicht, wie hoch ich das anſchlagen würde.“ „Gerne,“ ſagte ſie und lächelte ſanft und heiter, indem ſie in jedes ihrer Händchen eines nahm und hinaus eilte. Nach einer Weile kam ſie im Sonntagskleide, ge⸗ kämmt und gewaſchen zurück; die zwei nunmehr geſotte⸗ nen Eier trug ſie auf einem kleinen ſilbernen Teller zu Baron Guſtav hin, vergnügt, daß ſie Jemand eine Freude machen konnte. Bei Tiſche war ihr Platz für immer an ihres Vetters Seite, und von dieſer Stunde an knüpfte ſich das innige Freundſchafts⸗ und Geſchwiſterband, das während einer Reihe von Jahren ſie vereinigte, und das der Oberjägermeiſter mit beſonderem Wohlbehagen zu ſehen ſchien. Unterdeſſen gefiel ſich der junge Baron mit jedem Tage dort beſſer; auch Werner fing an, ſich an die gleichmäßige Einſamkeit zu gewöhnen, die nie von einem andern Fremden unterbrochen wurde, als von dem alten Probſte oder einem Geſchäftsreiſenden. Konſtanzchen wurde Werners Schülerin, und machte unter ſeiner Lei⸗ tung für dieſes Alter bedeutende Fortſchritte. Guſtav lernte ſie Guitarre ſpielen, ſingen und malen, Alles un⸗ ter angenehmen Spielen; aber die Schwermuth des jun⸗ gen Barons, die offenbar angeboren war, ſchien eher zu⸗ als abzunehmen. Doch war ſie nunmehr von einer ſanften und mehr ſchwärmenden Art, obwohl immer gleich ſchädlich. Werner hatte keine Ruhe und freute ſich im Stillen auf die Zeit, welche ſie wieder wie freie Adler in die Ferne hinaus tragen ſollte. Aber wie groß war nicht ſein Erſtaunen und Mißvergnügen, als er am Schluſſe des beſtimmten Jahres erfuhr, daß der Baron die Abſicht habe, auf dem ſtillen Hamringen zu bleiben, unter deſſen dunklen Wäldern und hohen Bäumen er jetzt auf's Beſte gedieh. Guſtay Lindorm. I. 13 „Ich unmöglich Baron ſeinen Entſchluß mittheilte. „Ja, vollkommen Ernſt,“ erwiederte jener.„Ich muß Kon eine Gew „Um Deine eigenen Fortſchritte, vielleicht ſogar Deine künftige Beſtimmung zu verſäumen 2“ ſagte Wer⸗ V 494 hoffe, das iſt nur ein Scherz; denn es kann Dein Ernſt ſein,“ ſagte Werner, als ihm der 3 ſtanzens Erziehung fortſetzen; ich ſehe das für K iſſensſache an.“* ner mißlaunig. a „Ich der Baron, indem er zum erſten will durch Nichts gebunden ſeyn,“ entgegnete Male in einem Tone ſprach, der anzeigte, daß er ſich ſelbſt allein für berech⸗ tigt hielt, in dieſer Sache zu entſcheiden. „Ich liebe die Wiſſenſchaften um ihrer ſelbſt willen, nicht als ein Mittel, um mir ein Brod zu verſchaffen, und es iſt mein feſter Entſchluß, der ſich auf Gründe ſtützt, welche für mich von dem höchſten Gewicht und deßhalb unum⸗ ſtößlich ſind, mich nie einem beſtimmten Fache zu widmen.“ & „Ja 1 aber das ſind eitle Seifenblaſen,“ verſetzte Werner, deſſen warmer Eifer für das Wohl des jungen Barons dabei litt, daß er ihn ſo ſich ſeinen Schwärme⸗ reien überlaſſen ſah. „Gib nur einen vernünftigen oder wenigſtens annehmbaren Grund für dieſen ſo ſonderbaren Entſchluß an.“ „Ich meine,“ erwiederte der Baron,„es iſt Grund 8 genug, daß ich alle Subordination und die darein ge⸗ goſſenen weiß woh mein edler Werner,“ ſetzte er milder hinzu,„aber es iſt Formen eines ewigen Einerlei's haſſe. Ich S l, daß Du es gut und redlich mit mir meinſt, am beſten, einen Jeden ſein Fahrzeug allein durch den ſei Lebensſtrom ſteuern zu laſſen. Ich bin kein Kind mehr. fur Meine Hand ſoll mit Gottes Beiſtand es feſt und ſtet O durch die Brandungen führen. Verlaſſe Dich auf mich! der Der Same, den Du ausgeſtreut haſt, ſoll nicht verge⸗ un bens gefallen ſein; meine künftigen Thaten werden die lie Ich ſehe, daß Du mir etwas er⸗ 8 Frucht davon ſein. ingen irme⸗ oder baren Hrund n ge⸗ Ich neinſt, es iſt h den mehr. id ſtet mich! verge⸗ en die 1s er⸗ wiedern willſt; aber behalte es für Dich; ich weiß, was Du meinſt. Meine Grübeleien werden nie zu etwas wirklich Schlimmem ausarten, deſſen ſei gewiß; denn meine Studien und die angenehme Zerſtreuung, die mir Konſtanzens Unterweiſung darbietet, werden mich voll⸗ kommen heilen. Und jetzt, braver Freund, kein Wort mehr über dieſen Gegenſtand!“— Schhweigend umarmten ſie einander. Werner reiste allein ab. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Süß iſt es zu verlieren, wenn nür Erinnerung leibt, Und ſchön das Scheiden, darf man nur ſich lieben; Doch wenn uns der Verluſt des Angedenkens Troſt verbietet, Und wenn die Trennung Lieb' in Sünde wandelt, Dann iſt's zu Ende; dann erſt wird Leben Tod, Der Tod zum Leben! Nikander. Ich muß nun— fing Waldenberg nach einigem Stillſchweigen wieder an— eine Reihe von Jahren, worüber ich keine Rechenſchaft geben kann, vorüber gehen laſſen; aber wie ich von Müller, und dieſer wieder von ſeinem alten Freund, dem Verwalter zu Hamringen, er⸗ fuhr, wurde der junge Baron mit jedem Tage ſeinem Oheime theurer, und bekam endlich eine Art Macht uber den harten Sinn deſſelben, der unter Guſtav's ſanfter und liebevoller, jedoch ammer feſter Behandlung allmäh⸗ lig erweichte, und eine mehr nachgiebige Natur annahm. So war es ihm zum Beiſpiel nach langwierigen Bewei⸗ ſen von dem Nutzen und der Nothwendigkeit der Sache . 13* gelungen, den Oberjägermeiſter zu vermögen, daß er eine Gouvernante für Konſtanze verſchrieb, da ſie un⸗ möglich länger die Anleitung eines gebildeten Frauen⸗ immers vermiſſen konnte. Der junge Baron war ſeiner Couſine innig ergeben, und ſparte keine Mühe, den rei⸗ chen und ſchöͤnen Blumengarten ihrer Seele zu pflegen, während er zugleich ihren Geſchmack ausbildete und ihre Kenntniſſe erweiterte. Als ein glücklicher Bundesgenoſſe für dieſen Zweck langte Frau Gers an, ein Frauen⸗ zimmer in mittlerem Alter, von feinen Sitten und ſorg⸗ fältiger Erziehung, die Müllers Vater beſorgt hatte. Sie nahm ſich mit mütterlicher Sorgfalt des holden, viel verſprechenden und dankbaren Kindes an, und füllte ſieben Jahre hindurch ihren Platz auf die ehrenvollſte Art aus. Während dieſer Zeit hielt ſich Baron Guſtav wech⸗ ſelsweiſe in Upſala, Stockholm und zu Hamringen auf. Die reiche Unterſtützung, die ihm ſein Oheim gab, ver⸗ bunden mit dem, was ihm die ſelige Baronin jährlich ausgeſetzt hatte, ſetzte den Baron vollkommen in Stand, nach ſeinem eigenen Geſchmacke zu leben. Er theilte ſeine Beſchäftigungen zwiſchen Reiſen, wiſſenſchaftlichen Forſchungen und der Malerei. Sein Gemüth behielt jedoch unveränderlich einen Anſtrich von Schwermuth; aber etwas unendlich Liebes, etwas unerklärbar Anzie⸗ hendes lag in ſeinen ſchönen, ſeelenvollen Augen und beſiegte alle Herzen; und wo er ſich zeigte, ward er hoch geſchätzt und gefeiert. Winters brachte er einige Monate in der Hauptſtadt zu; die meiſten Tage des Sommers vergingen in Konſtanzens Geſellſchaft auf dem theuren, aber einſamen Hamringen. Am Schluſſe der genannten ſieben Jahre wurde Konſtanze von Allen für das ſchönſte Mädchen mit der feinſten und gebildetſten Erziehung an⸗ geſehen; lebhaft und gefühlvoll, von Herzen gut, un⸗ ſchuldig und kindlich wie ein Engel war ſie. Zu allem Unglück für die junge liebenswürdige Konſtanze entrückte ieſe Zeit der Tod ihre vortreffliche Pflegemutter, um di die gute Frau G und ſie blieb ohne eine andere —.,— n⸗ n⸗ er ei⸗ en, hre ſſe en⸗ rg⸗ Ite. viel ben aus. ech⸗ auf. ver⸗ blich and, eilte ichen hielt uth; nzie⸗ und hoch onate mers uren, nnten Fönſte g an⸗ „un⸗ allem trückte nutter, andere „ 197 weibliche Geſellſchaft, als ein beſcheidenes Mädchen von geringem Herkommen, das einige Jahre älter war, als ſie, und das Konſtanze mehr als ihre Freundin, denn als ihre Dienerin anſah. Tief war die Trauer des acht⸗ zehnjährigen Mädchens über die geachtete Freundin; doch Guſtav kam, und mit ihm Troſt, Ruhe und Frieden. Ol wie innig liebten ſie ſich einander, wie Geſchwiſter; aber eine andere Liebe kannten ſie noch nicht. Der Ober⸗ jägermeiſter ſchien vergnügt. Es zeigte ſich deutlich, welche Abſichten er hatte; doch er äußerte ſich nie, we⸗ der gegen ſeinen Neffen, noch gegen ſeine Tochter, dar⸗ über, ſondern ließ die Sache ihren Gang gehen. Es war im Frühjahr darauf, daß Guſtav beſchloß, nach Italien zu reiſen. Dieſer Plan traf jedoch auf eine Menge Einwürfe von Seiten des Oberjägermeiſters; aber der junge Baron beſtand feſt darauf, und der Oheim, deſſen Augapfel er jetzt war, gab endlich nach vielen Schwierigkeiten der lebendigen Beredtſamkeit ſeines Günſt⸗ lings nach, nachdem jedoch Guſtav gelobt hatte, zeitig im nächſten Frühjahre wieder zurück zu ſein. Der Ba⸗ ron hatte ſeinen Oheim wegen ſeines väterlichen Wohl⸗ wollens und der Liebe, die er ihm ſeit ſeinem Eintritt in ſein Haus erwieſen hatte, ſehr hoch geſchätzt; aber beim Abſchied vertraute er Konſtanzen an, daß der un⸗ gewöhnliche Eigenſinn ſeines Oheims in dieſer Sache, ſein düſter flammender Blick und ſein beſtimmter Wunſch, daß Guſtav zu einer gewiſſen Zeit wieder daheim ſein ſolle, ihm wie ein unglücklicher Vorbote vorkomme, und er würde gerne die ganze Reiſe aufgegeben haben, wenn das nicht eine Schwachheit bewieſen hätte. Konſtanze verſcheuchte jedoch leicht ſeine Grillen durch die Verſicherung, daß der Baron nur aus Sehn⸗ ſucht nach Guſtav die Sache ſo wichtig gemacht habe. „Auch ich,“ ſagte ſie,„werde Dich unendlich ver⸗ miſſen, Du meine einzige Freude, mein geliebter Bru⸗ der, meine ganze Luſt auf der Welt; aber ich gönne Dir ſo gerne dies Vergnügen. Reiſe mit Gott und ſchreibe oft!“ 198 Und er reiste! Wollte Gott, er wäre zu Hauſe geblieben! Lange Briefe mit beredten Beſchreibungen, voll Feuer und Gefühl, über Alles, was er ſah, that und fühlte, ergötzten zwar den Oberjägermeiſter und ent⸗ zückten Konſtanze; aber die Zeit wurde ihnen lang und die Tage waren ſo einförmig. Der Baron war zu An⸗ fang März abgereist, und gleich darauf hatte der Ober⸗ jägermeiſter, der jetzt nicht mehr ohne Geſellſchaft leben konnte, nachdem er ſich einmal an eine ſolche gewöhnt, und auch Frau Gurs vortrefflichen und gebildeten Um⸗ gang verloren hatte, ſeinem alten Freunde, dem Pro⸗ feſſor Müller geſchrieben, und ihn gebeten, für einige Monate alle Geſchäfte und Rechnungen bei Seite zu legen, und ſich eine Zeit lang der Ruhe in Hamringen zu widmen und die Einſamkeit ſeines verlaſſenen Freun⸗ des zu lindern. Die Antwort von dem Profeſſor enthielt, daß ſein hohes Alter und mannigfachen Amtsverrichtungen der Erfüllung dieſes Wunſches unüberwindliche Hinderniſſe in den Weg legten, obwohl er ihn ſonſt von ganzem Her⸗ zen theile;„doch,“ ſchrieb er weiter,„wenn der Herr Bruder aufmunternde Geſellſchaft braucht, ſo werde ich meinen Sohn Arel ſchicken. Er iſt ein braver und fröh⸗ licher Burſche, der ſich recht gut auf die Kunſt verſteht, alte Leute zu erheitern und zu vergnügen, das weiß ich aus Erfahrung. Und da er eben gerade ſeinen juridiſchen Kurſus geſchloſſen hat und in eine Hofgerichtsuniform ge⸗ krochen iſt, und es noch Zeit genug hat, ſich in das Amtsjoch zu ſpannen, ſo habe ich auf alle Fälle im Sinne, ihn ein Jahr lang herumwirthſchaften zu laſſen, damit er den Upſalaſtaub recht von ſich abſchütteln kann. Wenn alſo der Herr Bruder ihn haben will, ſo ſteht er zu Dienſt. Antwort erwartet ꝛc. ꝛc.“ Der Vorſchlag war willkommen und wurde gerne angenommen. Der Oberjägermeiſter glaubte in ſeiner egoiſtiſchen Blindheit, daß es kein anderes Weſen von Wichtigkeit in Hamringen gebe, als ſeine eigene Per⸗ — iſſen, ann. öt er gerne einer von Per⸗ 199 ſönlichkeit; denn Konſtanze, ſo liebenswürdig ſie ſich auch zeigte, war doch in jedem Falle nur ein Weib, und Weiber kamen bei ihm nie in Rechnung. Er ſah es deßhalb als ein wahres Opfer von Seiten eines jungen Mannes von Ton an, die heitere Welt zu verlaſſen, um die Einſamkeit eines alten Mannes zu zerſtreuen.„Ein kreuzbraver Junge,“ ſagte er bei ſich ſelbſt und vergaß vollkommen, daß er in ſeinen Briefen an den alten Mül⸗ ler ſo oft von ſeiner ſchönen Tochter erzählt hatte, daß es ſich ſowohl in des Vaters als des Sohnes Gedächt⸗ niß tief eingeprägt hatte, und vielleicht, wenigſtens iſt es nicht unglaublich, hatte der Profeſſor ſeine Pläne bei dieſer Reiſe. Ich brauche kaum zu erwähnen, daß Müller von dem Oberjägermeiſter ganz in Uebereinſtimmung mit ſei⸗ ner oben ausgeſprochenen Denkungsweiſe aufgenommen wurde; und wahrſcheinlich hätte der junge Mann das Opfer für ebenſo groß, wenn nicht für weit größer ge⸗ halten, als es nach der Meinung des Oberjägermeiſters war, wenn nicht der erſte Anblick der holden achtzehn⸗ jährigen Konſtanze ihn überzeugt hätte, daß der ganze Gewinn auf ſeiner Seite ſei. Müller beſaß in ſeinem Weſen jenes einnehmende, man könnte faſt ſagen gefähr⸗ liche Bezauberungsmittel, dem wenig Perſonen wider⸗ ſtehen. Es war etwas ſo Ungeſuchtes und Hinreißendes in ihm, daß er leicht Vertrauen einflößte, und bald ge⸗ wann er die unbeſchränkte Ergebenheit des Vaters und der Tochter. Der ſchöne, lebensfrohe Jüngling, mit einer Seele voll Feuer und Flammen, ſchuf eine neue Sonne in dem finſtern Hamringen. Er wurde ohne Aus⸗ nahme der Günſtling Aller und der Augapfel des alten Verwalters. Was den Oberjägermeiſter betrifft, ſo hatte er ſich viele Jahre her nicht ſo glücklich gefühlt, als ſeit Müller in ſeinem Hauſe war; dieſer verſtand es weit beſſer, als Baron Guſtav, ſich nach den Launen, Nei⸗ gungen und dem Geſchmacke des alten Herrn zu richten. Deſſen ungeachtet war ſeine Aufmerkſamkeit für den Ober⸗ 200 jägermeiſter weder geſucht noch ſtudirt; es war der innige Wunſch eines heißen jugendlichen Herzens, den kalten Herbſt in der Bruſt des Alten zu erwärmen. Arel las ihm aus der alten und neuen Literatur vor, hörte geduldig ſeine bittern Bemerkungen über die Untauglichkeit der letztern an, politiſirte alle Tage, wenn die Zeitungen anlangten, und jagte, fiſchte, ſpielte Schach und Piket mit ſeinem Wirthe. Aber an den Nachmitta⸗ gen, wenn der Oberjägermeiſter ſein zweiſtündiges gutes Mittagsſchläſchen machte, und dann ein oder ein Paar Stunden mit ſeinem alten Verwalter ſich beſprach, und hierauf nicht ſelten ausging, um Eines oder das Andere nachzuſehen; dann brachte Müller ſeine Zeit ununter⸗ brochen mit der holden Konſtanze zu, half ihr bei der Pflege ihrer Blumen, oder beſuchte an ihrer Seite einen Armen aus der Gegend, den Konſtanzens gutes Herz auf⸗ geſucht hatte, um ihm Hülfe und Troſt zu verleihen. Auf dieſen langen und einſamen Fahrten fingen ihre Herzen an, für die Empfänglichkeit der heiligen Gefühle zu erwachen, womit ſie bisher beide unbekannt geweſen waren. Müllers ergötzende, belehrende und unterhaltende Geſpräche waren nach Konſtanzens Meinung nur ein Echo derer, die ſie von Baron Guſtav gehört hatte; aber unmerklich vermiſchte ſich ein anderes Intereſſe damit, als das, welches ſie für den Erſtern gefühlt hatte. Mül⸗ lers feurige Seele goß ein neues fremdes Leben in ihr Weſen, und bald liebte er grenzenlos das ſanfte, un⸗ ſchuldige Mädchen, das denen ſo wenig glich, die er bis⸗ her geſehen und verehrt hatte. „O! Hermer, wenn Sie dieſen Müller gekannt hätten! eine ſolche Feinheit, eine ſolche Leichtigkeit, eine ſolche Anmuth in ſeinem ganzen Weſen! Und eine Macht über die Sprache, die mit Recht Beredtſamkeit genannt werden konnte! Was das Aeußere betrifft, ſo war er eben ſo ausgezeichnet; denn ſo viel ich mich erinnern kann, habe ich mit Ausnahme von Baron Lindorm, deſſen männliche Schönheit wirklich ungewöhnlich groß iſt, nie Jemand ge⸗ 201 ſehen, der darin Müllern gleich gekommen wäre. Es war alſo nicht zu verwundern, daß ſich Konſtanze mit inniger Hingebung an den heftete, der ſo ununterbrochen bemüht war, ihr Herz zu feſſeln.— Der Frühling und der Sommer verſchwanden ihnen wie einige ſelige Augenblicke. Schon lange hatten fie ihre Gefühle in Worte gekleidet, und weder eine Feſſel noch der geringſte Zwang von Seiten des Oberjäger⸗ meiſters erinnerte die Glücklichen an die Möglichkeit einer Störung ihrer Freude. Aber er hatte auch gar nichts bemerkt; es fiel ihm nie ein, daß Müllers Geduld und Aufopferung ſeinen Grund in deſſen Liebe zu Konſtanzen haben könne; daß aber dieſe ihr Herz ohne Wiſſen des Vaters wegſchenken könnte, das hielt er für unmöglich. Unterdeſſen kam der Herbſt und der Winter. Müller ſprach nicht von der Heimreiſe und der Obenh Zermeiſter ſchien ihn mit jedem Tage für unentbehrlicher zu halten. Von dieſem Winter und ſeiner Glückſeligkeit hat mir Müller manche Seiten voll Thorheiten geſchrieben; denn ſeine Liebe war zu einer Höhe emporgewachſen, die es ihm unmöglich machte, ſich an der Erde zu halten. Konſtanze erwiederte ſie eben ſo warm und treu. „Und ich begreife es recht wohl, Hermer,“ fuhr Waldenberg nach einer kleinen Pauſe und einem tiefen Seufzer fort,„und wahrſcheinlich ſehen auch Sie leicht ein, daß zwei Weſen, die von der übrigen Welt ganz und gar getrennt waren, ſich auf eine andere Art lieben mußten, als unter andern Verhältniſſen. Tauſendmal war Müller auf dem Sprunge, dem Oberjägermeiſter ſein Herz zu enthüllen; denn er kannte weder ſeine gehei⸗ men Pläne, noch ſeine ehrſüchtige Seele, und ſah es deß⸗ halb für zweifellos an, daß er, der einzige Sohn ſeines älteſten und beſten Freundes, der Vermögen und ſichere Ausſicht auf einen guten Dienſt beſaß, nach einer ſo viele Monate lang ununterbrochenen Freundſchaft, gewiß eine günſtige Antwort auf ſeine Werbung erwarten konnte. Aber er ſchob die Unterredung von Tag zu Tag hinaus. 1 Eine gewiſſe unbeſtimmte Unruhe und eine damit verbun⸗ dene Trauer über die bevorſtehende Trennung hielten ihn zurück; denn nur noch ein Paar Monate des goldenen Jahres waren übrig. O Hermer! was ſoll ich mehr ſagen! Müller war kein ſchlechter Menſch; bei Gott! er war es nicht; aber ſeine Liebe war zu glühend. Sie verzehrte ihr unſchuldvolles Eden, und ſtürzte ſie beide in den Abgrund.“ Waldenberg ſchwieg und trocknete eine Träne aus ſeinem Auge. Hermer lauſchte mit athemloſer Aufmerk⸗ ſamkeit.„Und dann?“ ſagte er. „Und dann,“ fuhr Waldenberg fort,„ſchüttelten die Eumeniden alle Fackeln ihres Zornes, ihres Haſſes und ihrer Rache über dem Haupte der Unglücklichen. In den erſten Tagen des Aprils ging Müller, Himmel und Hölle im userzen, zum Oberjägermeiſter, um aus ſeinem Munde das Urtheil zu hören, das ihn zum glücklichſten, oder in doppeltem Maße unglücklichſten Menſchen machen ſollte. Der Oberjägermeiſter war in ſeiner allerbeſten Laune; denn er hatte Briefe von dem jungen Baron be⸗ kommen, die ihn benachrichtigten, daß der Letztere gegen Ende Aprils wieder im Vaterlande ſein würde. Müller ſchöpfte Muth bei dem freundſchaftlichen, ja beinahe herz⸗ lichen Tone, womit ſein Wirth von dem Mangel und der Leere ſprach, die nach Müllers Abreiſe eintreten würde, und die nicht einmal Guſtav's erwartete Zurückkunft voll⸗ kommen erſetzen konnte. „O wenn ich wagen dürfte, zu hoffen, daß ich eini⸗ gen Werth für Sie habe, Herr Oberjägermeiſter,“ ſagte Müller gerührt;„vielleicht würden Sie dann meine Bitte mit Liebe anhören.“ „Das kann ich Ihnen ſchon zum Voraus verſprechen, mein junger Freund,“ antwortete der alte Baron, unge⸗ wöhnlich aufgeräumt.„Wollen Sie meine Pferde auf ein Paar Stationen haben, oder haben Sie Luſt zu mei⸗ nen vortrefflichen Jagdhunden, ſagen Sie es nur heraus, ich bin nicht ſo unzugänglich.“ * 203 „Nein, nein,“ entgegnete Müller ungeduldig, indem er vor Aerger glühte, daß der Oberjägermeiſter glauben konnte, ſo lumpige Dinge beſchäftigen ihn in dieſer Minute. „Nicht,“ ſagte der Baron gutmüthig.„Nun, was iſt es denn? Sie haben doch nicht wohl einige Thorheiten in Ihrem Kopfe, lieber Müller, als da ſind Reiſen in's Ausland oder dergleichen mehr? Ich weiß noch wohl, wie mir das ſchmeckte, als Guſtav auf dieſen Einfall fiel, und das ſage ich rein heraus, wenn Sie wollen, daß ich bei Ihrem Vater ein gutes Wort für Sie zu einem ſolchen Zwecke einlege, ſo wird nichts daraus. Junge Männer können ſich wohl in ihrem eigenen Lande ausbilden, meine ich.“ „Ach, beſter Herr Oberjägermeiſter,“ ſtammelte Mül⸗ ler von tiefer Rührung ergriffen, es iſt etwas weit Hö⸗ heres, nach dem ich ſtrebe. Ich weiß nicht, ob Sie mich nicht verſtehen, oder nicht verſtehen wollen. Es iſt Kon⸗ ſtanzens Hand, nach der ich ſtrebe; ihr Herz iſt ſchon mein.“ „Was höre ich,“ rief der Baron, und in dieſem einzigen Ausruf lag die vollkommenſte Verweigerung, die je auf ein Begehren erfolgte.„Nein, mein lieber Müller, und tauſendmal nein! Wenn dies die Urſache iſt, daß Sie es jetzt bald ein ganzes Jahr bei dem alten Vater ausgehalten haben, um an ſeine ſchöne einzige Roſe zu kommen, ſo muß ich Ihnen auf einmal ſagen, daß es vergeblich war. Meine Tochter iſt für ihren Vetter, Baron Guſtav, beſtimmt.“ „Und das ſagen Sie erſt jetzt,“ rief Müller faſt raſend aus.„Zehn Monate lang laſſen Sie mich im Paradieſe leben, um mich dann in den Abgrund des tiefſten Elends niederzuſtoßen. O Herr Baron, laſſen Sie ſich erweichen! Konſtanze liebt mich ebenſo unbegrenzt, wie ich ſie. Sie machen Ihr Kind ebenſo grenzenlos un⸗ glücklich, wie mich, wenn Sie uns trennen.“ „Ach! Geſchwätz,“ ſagte der Oberjägermeiſter, wie⸗ der beruhigter.„Das wird ſich ſchon geben! Sie kehren zu Ihren Verwandten und zu den Geſchäften zurück; 204 was Koſtanze betrifft, ſo wird ſie ſich bald von Guſtav tröſten laſſen.“ „Sie wird ſich nicht tröſten laſſen,“ ſprach Müller beſtimmt;„denn wiſſen Sie, Herr Baron, wiſſen Sie— daß Konſtanze durch die heiligſten Bande mit mir ver⸗ einigt iſt. Sie iſt mein im Leben und Sterben!“ „Sie lügen, Herr, hoffe ich!“ ſagte der Oberjäger⸗ meiſter in einem Tone, der von gewaltſam unterdrückter Gemüthsbewegung zitterte. Seine Geſtalt dehnte ſich, und aus ſeinen Augen blitzte ein verzehrendes Feuer. „Sagen Sie, daß Sie lügen,“ fügte er etwas ſanfter, faſt weich hinzu,„und ich verzeihe Ihnen Ihre grenzen⸗ loſe Vermeſſenheit.“ „Nein, leider, lüge ich nicht,“ ſprach Müller und faßte flehend die Hand des beleidigten Vaters..,9. Herr Oberjägermeiſter, tief fühle ich, wie ſchlecht ich Ihnen Ihre Freundſchaft, Ihre Gaſtfreiheit gelohnt habe; aber laſſen Sie ſich erweichen! Mit einem ganzen Leben voll der zärtlichſten Sohnesliebe werde ich das gut zu machen ſuchen, was ich verbrochen habe. Ich beſchwöre Sie, um Konſtanzens, um meinet⸗, um Ihrer ſelbſt und ſogar um Baron Guſtavs willen, verzeihen Sie uns, und laſſen Sie durch den Segen der Kirche den Bund zweier Herzen heiligen, deren Wohl oder Weh jetzt in Ihrer Hand liegt.“ „In Ewigkeit nie!“ brüllte der Oberjägermeiſter mit donnernder Stimme.„Eher, wenn Sie die ganze Wahrheit wiſſen wollen, will ich ſie von wilden Pfer⸗ den zerriſſen ſehen, als daß ich meine Einwilligung zu einer Verbindung mit einem Manne von bürgerlicher Herkunft gebe. Eine ſolche unnatürliche Narrheit hat ſchon einmal mein Glück und meine Hoffnungen zerſtört; bei Gott! Herr, es ſoll nicht zum zweiten Male ge⸗ ſchehen! Uebrigens iſt Alles Lüge, was Sie geſagt haben. Sie wollen mich damit zum Beſten haben. Es iſt ja klar, daß das unmsglich iſt. Warum ſind Sie ein ſolcher Elender, daß Sie durch eine ſo erniedrigende gen dur me an; Fabel mir eine Einwilligung abzwingen wollen, die Sie nie erhalten können?“ „Es ſcheint mir,“ antwortete Müller, erbittert über die unnatürliche Aeußerung des Oberjägermeiſters,„als ob dieſe Stunde nicht ſehr zu Fabeln geeignet wäre. Ich habe die Wahrheit geſagt, ſo wahr mir Gott helfe! O, Herr Oberjägermeiſter, ſchonen Sie Konſtanzen! Möge all' Ihr Zorn, Ihr Unwille mich treffen! Sie iſt unſchuldig, und ſie wird den Schmerz nicht überleben, ſich auf immer von dem getrennt zu ſehen, den ſte allein auf Erden lieben kann und wird.“ Der Oberjägermeiſter ſaß einige Augenblicke ſchwei⸗ gend; dann ſtand er auf, ging zur Thüre und zog heftig an dem Glockenzuge. Ein Bedienter trat ein.„Sage dem Fräulein, ſie ſolle hieher kommen,“ ſagte er in einem Tone, der erſtaunlich ruhig lautete. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Doch ſtirbt die Rache nicht, vuht ſie auch eine Weile, Und fort im Herzen wachſen ihre Todespfeile. Und Rache heißt: die Lilie niederbrennen, Die treu an deiner Bruſt emporgeblüht, Aus deinem Schooß die zarten Stengel trennen, Hinaus ſie werfen in des Sturms Gewüth! Iſt's nicht ſo?—=———— Des Schickſals Wille iſt ein Fels! Nikander. Waldenberg hatte eine Pauſe in ſeiner Erzählung gemacht; er war theils durch den Gegenſtand, theils durch ſeine Ungewohntheit, ſo viel zu reden, aufgeregt. „Verſuchen Sie, ein wenig zu trinken,“ ſagte Her⸗ mer, und bot ſeinem Gaſte ein Glas alten Rheinwein an; nes iſt bei meiner Ehre nothwendig. Obwohl ganz unbekannt mit den handelnden Perſonen, bin ich doch tief betrübt, und begreife nicht, was für ein Ende alles das nehmen ſoll.“ „O! es wird fürchterlich,“ ſeufzte Waldenberg. „Sie haben nie etwas Erſchütternderes gehört, deß bin ich ſicher. Ich bebe faſt vor meinen eigenen Worten.“— Hermer rückte ſeinen Stuhl näher, und Waldenberg fing wieder an:—„Als der Oberjägermeiſter dieſen Befehl 4 gegeben hatte, entſtand eine Todesſtille im Zimmer. Er hatte ſich niedergeſetzt. Müller ſtand am Fenſter, von namenloſer Unruhe erfüllt; Schmerz, Wuth, Hoffnung und Verzweiflung ſtritten abwechſelnd um die Herrſchaft über ſeine gepeinigte Seele. Einige fürchterlich lange Minuten vergingen; endlich hörte man leichte Tritte. Konſtanze trat ein. Beim erſten Anblick ihres Vaters und ihres Geliebten verſtand ſie Alles; ſie blieb unwill⸗ kürlich ſtehen; ein leichtes Zittern durchbebte ihren zar⸗ ten Körper; die Wangen erblaßten und deckten ſich bald mit Thränen. „Komm hieher, Konſtanze, mein Kind,“ ſagte der Oberjägermeiſter, weit ſanfter, als man hoffen konnte. Sie trat langſam vorwärts.—„Antworte kurz, aber beſtimmt auf meine Frage; ſchuldig oder unſchuldig, Kind?“ „Schuldig,“ ſagte ſie mit klarer und feſter Stimme, und ſiel wie eine gebrochene Lilie zu den Füßen ihres Vaters nieder, die ſie umfaßte und mit ihren Thränen benetzte. „Steh' auf, Konſtanze,“ ſagte der Baron, nach einem kurzen Stillſchweigen. Der Ton war eiskalt, und außer einem ſchwachen Zittern der Stimme verkündete nichts den verheerenden Sturm, der kommen ſollte, und der in ſeinem wilden Hinbrauſen Herz von Herz, Leben von Leben lostrennte.—„Steh' auf, Konſtanze! Das Fräulein von Lindorm iſt genug erniedrigt, meine ich. Geh' auf Dein Zimmer; morgen werde ich weiter mit Dir ſprechen.“— Aber während dieſer Worte war die Unglückliche in Ohnmacht geſunken. Der veränderte Ton des Vaters war ſchon mehr, als ſie ertragen konnte. ch es g. din ng chl Er on ug aft ige tte. ers Ill⸗ ar⸗ ald der ite. ber G 29 me, ers zte. ach und dete und ben Das ich. mit die Ton nte. 207 —„Bringen Sie das Fräulein auf ihr Zimmer und übergeben Sie ſite Hedda's Obhut; dann kommen Sie zurück, ich erwarte Sie hier,“ befahl der Baron in einem Tone, woraus Müller nicht im Geringſten ſchließen konnte, was geſchehen würde. Er eilte hinzu, nahm das geliebte Mädchen auf ſeine Arme, und trug ſie unter Gefühlen, die nicht ſehr beneidenswerth waren, auf ihr Zimmer, und legte ſie auf den Sopha nieder, vor welchem er mit einem heißen Gebet auf ſeinen Lip⸗ pen niederkniete. Müller wagte jedoch nicht zu ſäumen; heiße Thränen, der Reue bittre, heiße Thränen fielen auf Konſtanzens Angeſicht nieder, als er ſich nieder⸗ beugte, und einen langen, den letzten Kuß auf die er⸗ bleichenden Lippen drückte. Ach, er erweckte Konſtanzen aus ihrer betaͤubenden Ohnmacht. „Arel,“ flüſterte ſie, und ihr Blick ſuchte noch ein⸗ mal den ſeinen,„mein Arel, gehe; aber wie es auch enden mag, ſo folgt Dir mein Herz; nur der Tod kann uns trennen, und dann werden wir bald wieder vereinigt ſein.“ Ihr Auge lächelte Frieden durch Thränen. Arel ſtürzte hinaus. Als er wieder in das Zimmer des Oberjägermeiſters eintrat, ſchritt dieſer mit großen, ſchallenden Tritten auf und nieder.„Herr Müller,“ ſagte er,„ich will jetzt nicht mit Ihnen reden. Heute Abend um eilf Uhr werde ich auf Ihr Zimmer kommen. Ge⸗ loben Sie mir bei Ihrer Seligkeit, daß Sie es, unter keinem Vorwande vorher verlaſſen und auch kein Wort an Konſtanzen ſchreiben werden! Geloben Sie mir das, ſo werde ich ſehen, was ich thun kann.“ Müller war zu aufgeregt, um das Unnatürliche in dem Tone zu empfinden, womit der Oberjägermeiſter dieſe Worte vorbrachte; erſt lange nachher erinnerte er ſich daran. Jetzt von dem geringſten Schimmer der Hoff⸗ nung getröſtet, fügte er ſich geduldig dem Befehle, und gelobte bei Allem, was ihm heilig war, zu gehorchen. Sie trennten ſich, und der arme Müller ſaß verlaſſen und tief niedergedrückt von Schmerz in ſeiner einſamen —,IZ 208 Kammer. Es wurde dunkel; aber Niemand kam mit Licht herauf. Inzwiſchen verſtrich die Zeit, es ſchlug zehn, eilf, halb zwölf, und noch hörte man nichts vom Oberjägermeiſter. Müller fühlte bald Fieberhitze, bald Froſt; Alles war ſtill und ruhig in dem großen, öden Hauſe; aber als der letzte Schlag der Mitternacht ver⸗ hallte, öffnete ſich langſam die Thüre, und der Ober⸗ jägermeiſter, eine brennende Wachskerze in der Hand, ſchritt leiſe über die Schwelle. Sein Ausſehen war ſo unheimlich und finſter, daß es Müller zu einem ſchwa⸗ chen Ausruf des Schreckens veranlaßte. „Stille,“ flüſterte er,„wir haben keine Zeit, um viel Worte zu verlieren. Hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe, und wählen Sie dann.“ Er ſetzte ſich und deutete auf einen andern Stuhl für Müller, der faſt mechaniſch der Anweiſung folgte. Nach einigen Mi⸗ nuten fing der Oberjägermeiſter an: „Was geſchehen iſt, kann leider nicht geändert wer⸗ den. Ich will Ihnen das nicht einmal zum Vorwurfe machen; denn ich habe es zu einem großen Theil meiner eigenen Blindheit zu verdanken. Ja, mit Schmerz ge⸗ ſtehe ich, daß ich mich ſelbſt eben ſo ſehr wie Sie wegen des Unglücks anklagen muß, das geſchehen iſt. Aber ich will Ihnen jetzt ein Mittel zeigen, um es ſo viel als möglich wieder gut zu machen. Ich habe, wie ich be⸗ reits erwähnt, heute von meinem Neffen Briefe erhalten. Zu Ende dieſes Monats kann er hier ſein, und ich bitte Sie, wohl auf das zu merken, was ich Ihnen jetzt ſage. Konſtanze wird unter allen Umſtänden ſein Weib werden. Ein Ausruf des Erſtaunens entfuhr Hermern.„Was!“ rief er aus,„war der Alte von Sinnen?“ „Ach nein, das nicht,“ verſetzte Waldenberg;„er war etwas weit Schlimmeres, das härteſte und herzloſeſte Weſen, das je auf Gottes ſchöner Erde herumgelaufen iſt.— Müller hörte ſeine Worte und entſetzte ſich.— „Was meint der Herr Oberjägermeiſter?“ fragte er be⸗ bend von den gewaltſamſten Gemüthsbewegungen.— — „Ich meine, Herr, daß ich meinen Willen erfüllt ſehen werde, und ſollte es auch mein Leben koſten; doch hören Sie mich zu Ende. Um allen Widerſtand von Seiten Konſtanzens auszurotten, muß ſie vollkommen überzeugt werden, daß ihre Liebe ganz hoffnungslos iſt, und dies kann blos auf eine Art geſchehen, nämlich ſie muß glau⸗ ben, daß Sie, in Verzweiflung über Ihre fehlgeſchlage⸗ nen Hoffnungen, Ihr Leben im Ljusne⸗elf geendet haben. Deßhalb fordere ich als einzige Genugthuung von Ihnen, als einzige, die Sie mir geben können, daß Sie hier vor meinen Augen ein Paar Zeilen ſchreiben, welche Konſtanzen benachrichtigen, daß Sie einen ſolchen Ent⸗ ſchluß gefaßt haben. Dann werde ich wegen des Uebrigen, das noch erforderlich iſt, um Ihre Angabe zu beſtärken, Sorge tragen, ſo wie auch, daß Sie ſelbſt in ein Paar Stunden weit von hier weg ſein werden.“ Ein Paar Augenblicke ſaß Müller ſtumm vor Schmerz und Ver⸗ wunderung; endlich rief er mit Abſcheu aus:„Und das können Sie von mir begehren! Ich ſollte ein ſolcher Schurke ſein, um ihrem zum Voraus genug verwundeten Herzen mit dieſem Dolche, der in das Gift der Hölle getaucht iſt, den Todesſtoß zu geben! Nie, nie!“ „Sie müſſen ſich gleichwohl dazu bequemen,“ ſagte der Oberjägermeiſter mit einer fürchterlichen Ruhe.„Und noch mehr, ich fordere, daß Sie mir heilig geloben und ſchwören, für immer todt für ſie zu ſein. Das läßt ſich bei der großen Entfernung Ihres Geburtsortes von Ham⸗ ringen leicht thun. Hier iſt zudem keine plaudernde Zunge. Aber ſollte es das Schickſal dennoch ſo fügen, daß ſie nach ihrer Verheirathung erführe, Sie leben noch, ſo ſind doch Sie durch Ihren Eid gebunden, ihr nie die Wahrheit zu entdecken, und ſelbſt keine Gelegenheit zu ſuchen, ſie zu treffen.“ „Aber ich ſage Ihnen ja, Herr Oberjägermeiſter, daß ich nie einen ſolchen Eid ablegen werde. Nein, Sie ſollen mich nicht zu dieſer eben ſo wahnſinnigen als Guſtav Lindorm. I. 14— 210 unnatürlichen Handlung vermögen, nur um einen elenden Ehrgeiz zu befriedigen. Ich thue es nicht.“ „Ha! Sie zwingen mich dann zu dem Aeußerſten, junger Mann, zu einer That, die einſt mit fürchterlichem Gewicht auf Sie zurückfallen wird,“ ſagte der Ober⸗ jägermeiſter mit wilden Blicken, und zog aus ſeiner Bruſttaſche eine Piſtole und einen Brief.„Sehen Sie hier, Muͤller, Sie haben zu wählen. Dieſe Piſtole iſt geladen. Nun ſchwören Sie einen feierlichen Eid, den ich Ihnen vorſprechen werde, daß Sie das pünktlich er⸗ füllen wollen, was ich von Ihnen verlangt habe, oder Sie häufen auf Ihre Seele das doppelte Verbrechen, die Tochter entehrt und den Vater gemordet zu haben; denn wiſſen Sie, daß Torſten Lindorm ſeine Ehre ge⸗ rettet ſehen oder ſterben wird. Sie begreifen wohl, daß in dieſer Stunde von Scherz nicht die Rede ſein kann. Dieſer Brief, den ich in meiner Hand halte, iſt an Guſtav; ich habe ihm darin ſo viel geſagt, als ich für nöthig erachtet habe, und ihm als meinen letzten Willen anbefohlen, Konſtanzen unverzüglich zu heirathen. Er wird gehorchen, und Sie können nie nach der Hand eines Mädchens ſtreben, deſſen Vater Sie, im Falle, daß Sie ſich weigern, die vorgeſchriebenen Bedingungen zu erfüllen, zu dieſem Schritte zwingen.“ Der Oberjägermeiſter hielt die Mündung der Piſtole gegen ſeine Stirne.„Wählen Sie in dieſem Augenblicke,“ rief er mit furchtbar dumpfer Stimme; im nächſten iſt es zu ſpät.“ „Grauſamer, entſetzlicher Vater,“ ſtammelte Müller und ſiel auf die Kniee, haben Sie Erbarmen und laſſen Sie mich Ihre Ehre auf eine mit Pflicht und Gefühl übereinſtimmendere Weiſe retten. Machen Sie mich nicht ſo grenzenlos elend, und ſie, die Unſchuldige, die Holde, ſo unſäglich unglücklich! O ich beſchwöre Sie, ſeien Sie barmherzig, ſo lange es noch Zeit iſt; denken Sie an den großen Richter üͤber uns, der einſt von Ihnen für zwei Leben, vielleicht für drei Rechenſchaft fordern — 211 wird! Sie ruhen jetzt in Ihrer Hand; verwerfen Sie ſie nicht!“ „Schweige und ſpare Deine Worte! Noch niemals hat ein Menſch eine von mir beſchloſſene Handlung än⸗ dern können,“ antwortete der Oberjägermeiſter mit feſtem Ernſt.„Doch ich will Ihnen noch fünf Minuten Be⸗ denkzeit laſſen.“— Er legte ſeine Uhr auf den Tiſch und hielt die Piſtole in derſelben Richtung, wie vorher.— „Habe ich Deine Antwort nicht, wenn dieſe auf den Punkt hin verſtrichen ſind, ſo, bei meiner armen Seele! drücke ich los und mein Blut wird Dich beſpritzen.“ Er ſchwieg, das Auge auf die Uhr geheftet; es war eine Todesſtille. Die dritte Minute war verfloſſen. Des Oberjägermei⸗ ſters Züge zeigten eine ſchreckliche Verwandlung. Es war kein Zweifel, daß er ſeine Drohung in's Werk ſetzen würde. Müller zitterte unter der Geißel der unerträglichſten Angſt. Wechſelsweiſe betrachtete er die ſchreckliche Uhr und ſei⸗ nen unbeweglichen Richter, ob nicht der geringſte Zug in ſeinem harten Antlitz ſich mildern würde. Doch jede Se⸗ kunde wurden ſie ſtarrer und ſchauerlicher. Die vierte Minute war genaht. Sie ſtanden einander gegenüber, und ſtierten ſich in die Augen; ſie müſſen den Geiſtern der Hölle gleichgeſehen haben. Endlich fehlte nur noch eine Sekunde an der letzten entſcheidenden Minute. Von der Uhr empor, die ſie beide betrachtet hatten, trafen ſich noch einmal ihre Blicke: eine halbe Sekunde Todesſtille; der Daumen des Oberjägermeiſters näherte ſich dem Drücker. „Ich ſchwöre!“ ſchrie Müller, und ſank von der fürchterlichen Anſtrengung ermattet zu Boden. Mit derſelben eiſigen Ruhe legte der Oberjägermeiſter ſeine Waffe auf den Tiſch, half dem vernichteten Jüngling auf, zog Papier hervor, ſchob ihm Tintenfaß und Feder zu, und ſagte beinahe flüſternd:„Beeilen Sie ſich um Gotteswillen; wir haben keine Zeit zu verlieren.“— Mül⸗ ler rang, ſeine verwirrten Sinne zu ſammeln; ſein Kopf war verſtört, er wußte kaum, was er that.—„Schreiben 14* Sie jetzt!“ befahl der Oberjägermeiſter und gab ihm die Feder in die Hand. Zitternd ſchrieb der Unglückliche ſeiner armen Geliebten einige wenige Abſchiedsworte, die ſie be⸗ nachrichtigten, daß er, aller Hoffnung dieſſeits des Grabes beraubt, den Tod zu ſuchen gehe. „So! das iſt brav,“ ſagte der alte Baron.„Jetzt ſchwören Sie, im Fall Konſtanze je einmal erfahren ſollte, daß Sie noch am Leben ſind, nie ihr eine Aufklärung zu geben oder mit den entfernteſten Worten auf dieſe Nacht hinzudeuten.“— Er ſprach ihm einen gräulichen Eid vor, den der unglückliche Müller nachſtammelte; und als die Teufelsceremonie zu Ende war, denn mit etwas Ge⸗ ringerem kann ſie nicht verglichen werden, drang ſein Wirth in ihn, ſchleunigſt einzupacken, was er am noth⸗ wendigſten auf der Reiſe bedürfe.„Das Uebrige,“ ſetzte er hinzu,„muß um des Scheines willen hier zurückbleiben, ich werde es ſpäter Ihrem Vater ſchicken.“ Müller gehorchte mechaniſch, und der alte Herr ging ihm ſelbſt an die Hand. Als das Geſchäft beendigt war, ſagte er: Nehmen Sie den Mantelſack und folgen Sie mir.“ Still wandelten ſie durch die langen, öden Korri⸗ dore, und kamen in den Burghof hinab. Der Oberjäger⸗ meiſter tappte in der finſtern Nacht, die nur von einigen einſamen Sternen erhellt war, voran. Im äußern Hofe angekommen, gewahrte Müller ein beſpanntes Fuhrwerk, worin der alte Verwalter ſaß und ſich ſpähend nach allen Seiten hin umſah. „Steig' ein, Müller!“ ſagte der Oberjägermeiſter und faßte die fieberglühende Hand des armen verwirrten Jüng⸗ lings.—„Lebe wohl, mein armer Junge,“ ſetzte er ſanfter hinzu;„verzeihe mir, wie ich Dir verziehen habe, und klage mich nicht zu ſtrenge bei Deinem Vater an.“ Bei dieſen Worten winkte er dem Verwalter zu; ein leichter Schlag mit der Peitſche und die ſchnaubenden, feurigen Pferde eilten hinaus auf die Landſtraße. Das düſtre Hamringen mit dem unſäglich koſtbaren Schatze, den es einſchloß, lag ſchon mehrere Meilen weit hinter —,— Müller, als er zu einem klaren Bewußtſein ſeines gren⸗ zenloſen Elends erwachte. Er fand ſich dann in einer kleinen Stube, auf einer elenden Bank liegend. Der alte Verwalter ſtand an ſeiner Seite, und während große Thränen in den grauenden Bart des Greiſen niederfielen, bemühte er ſich, dem tief zerſchmetterten Jünglinge Worte des Troſtes und der Beſänftigung zuzuſprechen. Aber aus Furcht, es möchte ſie Jemand ſehen und entdecken, wer ſein Schützling ſei, drängte der Verwalter den Erſchöpf⸗ ten. Sie mußten ſich wieder aufmachen. Der Bewohner der Stube war zwar nur ein alter taubſtummer Greis; aber der Verwalter hatte dem Oberjägermeiſter gelobt, alle mögliche Vorſicht anzuwenden; und ſo matt auch der arme Müller war, und ſo weh es dem Verwalter that, ſie mußten fort. Wilſon hatte von ſeinem Herrn den Be⸗ fehl erhalten, Müllern bis nach Gefle zu begleiten, wo ſie endlich nach mehreren Tagreiſen, die durch Müllers verſchlimmerten Zuſtand verlängert worden waren, anlang⸗ ten. Nachdem der Verwalter ein Paar Tage über ſeinem jungen Freund gewacht hatte, ſchieden ſie, mit dem Ver⸗ ſprechen von Wilſons Seite, Müllern ſchriftliche Nach⸗ richten davon zu geben, wie die Lage der Dinge in Ham⸗ ringen war und künftig werden konnte. Dieſe Briefe ſollten nach B“** geſchickt werden, wo ſich Müller eine Zeit lang aufhalten wollte, ehe er heim⸗ reiste. Von dem genannten Orte aus erhielt ich mehrere lange, herzzerreißende Briefe von ihm, welche die letzteren Begebenheiten, die ich hier geſchildert habe, aufklärten. Inzwiſchen war Müllers Geſundheit ſo zerſtört, daß er alles Ernſtes in B'*'** erkrankte, und mehrere Wochen lang in einer glücklichen Bewußtloſigkeit ſeines wahren Zuſtandes ſich befand. Seine erſte Frage, als er ſich wieder zur vollen Beſinnung und Kenntniß ſeines ſchreck⸗ lichen Geſchickes erwacht fühlte, war nach Briefen. Ver⸗ ſchiedene waren angelangt, unter andern auch einer vom Verwalter Wilſon, den er mir nachher ſandte. Sehen Sie hier ſeinen betrübenden Inhalt.“— 214 Hermer nahm ihn und las mit tiefer Theilnahme und ſteigender Verwunderung Folgendes: Verwalter Wilſon an Müller. Hamringen, den 10. Mai 1818. Wie ſoll ich Ihnen, mein lieber Herr Müller, all' das Elend ſchildern, das hier Statt gehabt hat? Ganz Hamringen gleicht einem großen, ſchauerlichen Leichen⸗ zimmer, in dem wir alle wie bleiche Geſpenſter grinſend an einander vorüber ſchleichen. Ich werde jedoch ver⸗ ſuchen, Ihnen die Begebenheiten im Zuſammenhange zu erzählen. Als ich zu Ende Aprils von Gefle heim kam, — ich wollte von Herzen wünſchen, dieſe betrübende Reiſe wäre die letzte geweſen, die ich hienieden unternehmen muß— fand ich meinen alten Herrn in ſcharfem Kampf mit dem Tode auf ſeinem Bette ausgeſtreckt. Gottes Strafe, dachte ich und näherte mich ihm in der Hoffnung, ihn jetzt von Reue ergriffen, und zur Gutmachung deſſen geneigt zu finden, was ſein ſündiger Plan begonnen hatte. Doch daraus ward nichts. 3 „Wilſon, mein Alter,“ ſagte er,„Du kommſt gerade recht, um bald Deinen alten Herrn zu ſeiner letzten Fahrt zu geleiten. In jener Nacht, welcher Du Dich noch er⸗ innern wirſt, ſtrengte ich mich zu ſehr an; es war mehr, als ein Mann in meinem Alter ertragen kann; denn Du mußt wiſſen, daß ich von finſtern Gedanken erfüllt die ganze Nacht in dem kalten Thau im Hofe umher wankte, nachdem ich zuerſt einige von Müllers Kleidern ſo wie ſeinen Hut an den Fluß hinabgetragen hatte, damit man ſie am andern Morgen dort ſchwimmen finden ſollte; end⸗ lich ging ich, um einige Stunden Ruhe zu ſuchen. Ein unruhiger Schlummer ſchloß zwar meine Augen; allein als ich erwachte, fühlte ich mich in jedem Gliede wie ge⸗ lähmt und von einem ſtarken Drücken über die Bruſt beſchwert. Ich ſah ſogleich ein, was die Glocke war, und nachdem ich mit großer Anſtrengung ein Paar Worte an — ———,. -—————— 2————— ,, 10 nz en⸗ nd er⸗ zu m, iſe nen ipf tes ug, ſen tte. ade hrt er⸗ hr, Du die kte, wie nan nd⸗ Ein lein ge⸗ ruſt und an Guſtav geſchrieben hatte, um ſeine Heimkehr zu beſchleu⸗ nigen, im Falle er ſchon in N*s angelangt war, ließ ich meine arme Konſtanze rufen.“ „So ſanft und tröſtend, als ich es nur vermochte, ſprach ich zu dem unglücklichen, verirrten Kinde, und als ich ſie auf das Schlimmſte vorbereitet glaubte, gab ich ihr Müllers Brief, den ich in ſeinem Zimmer heute früh offen gefunden zu haben vorgab. Ich kann, will und vermag Euch, mein alter Freund, nicht zu beſchrei⸗ ben, welch ein Bild jetzt meinen Blicken begegnete; es ſei genug geſagt, wenn ich Euch geſtehe, daß ich beinahe meine Härte bereut hätte. Doch es war jetzt zu ſpät; es konnte nicht mehr geändert werden, ohne daß ich die Achtung meines Kindes auf immer verloren hätte. Das konnte ich nicht; mein Wort habe ich überdies nie zurück⸗ genommen. Die Arme wurde in einem Zuſtande weggetra⸗ gen, den ich nicht mit anſehen konnte, und voll quälender Unruhe wies ich jede Nachricht zurück, die man mir von ihr brachte. Nach einigen Tagen wurde ſie ruhiger, ſie kam zu mir. Dort, wo Ihr jetzt ſteht, Wilſon, ſiel ſie auf die Kniee und bat mich um Verzeihung. Nie ſchloß ich ſie mit größerer Liebe an mein Herz; nie glaubte die Arme dem Genugthuung geben zu können, der— ach! das ahnte ſie nicht!— die Luſt ihres jungen Lebens zer⸗ ſtört hatte; aber Gott weiß, daß ich nach meiner Ueber⸗ zeugung um ihrer, meiner eigenen und der Chre meines alten Geſchlechts willen that, was recht iſt. Und warum ſollte ſie mit Guſtav nicht glücklich werden?— O gewiß, das gibt ſich ſchon. Doch ich fühle mich von dem vielen Sprechen ermattet, es geht mit mir zu Ende, Wilſon. Des Herrn Wille geſchehe; man muß zufrieden ſein! Doch fühle ich mit Gewißheit, daß ich nicht ſterben werde, ehe Guſtav angekommen iſt. Ach Konſtanze, mein Kind,“ mur⸗ melte er, indem er mir winkte, ihn zu verlaſſen,„nie liebte ich Dich ſo wie jetzt; und traf ich nicht den rechten Weg,„ um Dein Glück mit meiner Ueberzeugung zu vereinigen, ſo möge es mir der Herr in ſeiner Gnade verzeihen!“ Ich blieb noch ſtehen; meine Seele war erſchüttert und außer Standes, etwas Anderes zu denken, als an den unglückſeligen Eigenſinn des alten Herrn, der ſo entſetzlich das Glück und den Frieden dreier Menſchen vernichten, und ihn ſelbſt in ſeiner Todesſtunde allein laſſen ſollte, allein mit einem Gewiſſen, das ihn laut daran erinnern mußte, daß er die Stimme deſſelben zum Schweigen gebracht habe, als ſie ſich noch zur Warnung erheben konnte; alle dieſe Gedanken ſtürmten auf mich ein. Meine zitternden Kniee, die ſich noch nie vor Je⸗ mand gebeugt hatten, als vor dem höchſten Weſen, ſanken jetzt vor einem Geſchöpfe des Staubes, wie ich ſelber, nieder. Ich machte ihm Vorſtellungen, bat und beſchwor ihn bei der Hoffnung auf jenes Leben, deſſen Gränze zu betreten er jetzt nahe war. Umſonſt!— Er antwortete kein Wort, ſondern entzog mir mit ſichtlichem Unwillen die Hand, die ich gefaßt und mit meinen Thrä⸗ nen befeuchtet hatte. Endlich that er, als ob er ſchlafe; ich verließ ihn troſtloſer um ſeiner ſelbſt, als um euret⸗ willen, ihr Armen, deren friſches, ſchönes Leben er zer⸗ ſtört hat. Nun ging ich, um das Fräulein zu beſuchen.— Großer Gott! welch' ein Anblick! Sie war ſo bleich, wie eine weiße Roſe, und ſo mager, daß ſie faſt durch⸗ ſichtig ſchien. Ich nahm ihre Hand und wieder mußten meine alten Augen die Thränen herbeiziehen, die ich längſt vertrocknet wähnte; doch dieſe Trauerquelle war uner⸗ ſchöpflich. Ich konnte kein Wort ſagen; ich konnte nur ihre Hand drücken und troſtlos mit dem Kopfe ſchütteln. „Betrüben Sie ſich nicht meinetwegen, alter Freund,“ liſpelte ſie; ich dulde mit Freuden, denn ich hoffe, daß es nicht lange dauern wird!“ O was hätte ich nicht darum gegeben, wenn ich hätte wagen dürfen, ſie zu tröſten! Aber ich wagte nicht ein halbes Wort, nicht den verſtohlenſten Wink. Das Schlimmſte ſtand noch bevor. Der Zuſtand des Ober⸗ jägermeiſters war ſich mehrere Tage lang faſt gleich ge⸗ weſen. Konſtanzens Sorgfalt war eben ſo unermüdlich, wie die Fragen des alten Herrn, ob der junge Baron noch nicht erſchienen ſei. Eines Abends war er eben ein⸗ geſchlummert. Das Fräulein und ich ſaßen allein im Vorzimmer. Ich hatte ſie überredet, das Krankenzimmer zu verlaſſen, und in einem andern eine geſundere Luft zu ſchöpfen, als unſer Geſpräch durch das Geräuſch von Rädern unterbrochen wurde, die durch das Thor⸗ gewölbe rollten. Gleich darauf ſprang es die Treppe herauf; und wie ich kaum ein Licht gefaßt hatte, um dem Ankommenden entgegen zu gehen, ſtand der junge Baron unter der Thüre. Aber nie kann ich den Schmerz und die Beſtürzung vergeſſen, die ſich in jedem Zuge malte, als er eintrat und ſeinen Blick auf das Fräulein heftete, und den Ausruf des Erſtaunens, als er die ſchöne, herr⸗ liche Roſe, die er von Leben und Geſundheit ſtrahlend verlaſſen hatte, ſich jetzt wie eine niedergetretene Lilie gegen ihn beugen ſah. „Konſtanze, meine geliebte Schweſter,“ rief er,„was iſt geſchehen?“— Ich zog ihn mit aller Macht hinten am Rocke, und trat ihm auf die Ferſe, um ihm begreif⸗ lich zu machen, daß er ſolche Fragen aufſchieben ſollte. Mit der Hand des Fräuleins in der ſeinigen wandte er ſich verwundert nach mir um, als in demſelben Augen⸗ blicke ein Bote von dem Oberjägermeiſter kam, um an⸗ zuſagen, daß dieſer einen Wagen gehört habe, und im Falle es der junge Baron ſei, möchte er ſich ſogleich bei ihm einfinden. Ohne weitere Fragen warf Baron Guſtav ſchnell ſeine Reiſekleider ab, und begab ſich mit mir zu dem Zimmer des Oberjägermeiſters. „Dem Himmel ſei Dank, daß ich Dich noch einmal ſehen darf, mein theurer Junge!“ ſprach der alte Baron und reichte ſeinem Lieblinge die Hand;„mein Herz be⸗ durfte ſehr Deiner Gegenwart. Laß uns allein, Wilſon.“ — Ich gehorchte, machte mir jedoch kein Gewiſſen daraus, draußen ſtehen zu bleiben, wo ich jedes Wort eben ſo 218 gut hörte, als wenn ich drinnen geweſen wäre; auch ſah ich, was vorging, wenn ich das Auge an's Schlüſſelloch legte.—„Mein beſter Oheim,“ ſagte Baron Guſtav, „ich bin tief betrübt über Ihren geſchwächten Geſund⸗ heitszuſtand.“— Er beugte ſich nieder auf die welke Hand des Alten.„Wir wollen jedoch hoffen,“ fügte er nach einem kurzen Stillſchweigen hinzu,„daß es wieder beſſer wird.“—„Nein, mein beſter Junge, das wollen wir nicht,“ entgegnete der Oberjägermeiſter;„denn wir würden uns nur unnöthigerweiſe bethören. Meine Zeit iſt um, und ich muß mich reiſefertig machen.— Sage, Guſtav,“ fing er nach einer Pauſe wieder an,„ſage, Du hältſt doch viel auf Konſtanze?“—„Ja, ſehr viel, mein guter Oheim,“ erwiederte er.„Gott weiß, daß nie eine Schweſter mit größerer Zärtlichkeit geliebt wor⸗ den iſt; wegen ihres Schickſals kann ſie ruhig ſein; ihr Glück iſt das meine.“—„Ja, das iſt wohl recht und gut,“ murmelte der alte Herr;„daß Du ihr wie ein Bruder ergeben biſt; aber ſo war es nicht, wie ich es haben wollte; ich hatte geglaubt und gehofft, daß ich ſie Dir unter einem andern Verhältniſſe zurücklaſſen würde.“—„Ich glaube Ihre Meinung zu verſtehen, mein beſter Oheim,“ ſprach Baron Guſtav in einem Tone, der eine gewiſſe unruhige Verlegenheit deutlich erkennen ließ; aber obwohl wir einander als Geſchwiſter mit unendlicher Liebe zugethan ſind, ſo fehlt uns doch ganz und gar jene Hingebung, die ich für einen ehe⸗ lichen Bund immer für nothwendig erachte.“— Der Oberjägermeiſter winkte ungeduldig mit der Hand.„Das iſt nicht nothwendig,“ ſprach er;„man kann recht gut ohne das auskommen. Das weiß ich am beſten, ich war ja acht Jahre lang mit einem Weibe vereinigt, für das ich nie irgend eine Art von Liebe gefühlt habe; und ich war darum doch nicht unglücklich.“—„Wir denken in dieſer Beziehung verſchieden,“ ſiel Baron Guſtav ein, mißvergnügt, wie man deutlich hörte, über den ziemlich unzarten Eigenſinn des Oheims.„Die Verbindung, 219 welche Sie andeuten, würde weder mein noch Konſtan⸗ zens Glück begründen.“—„Das iſt wohl mäglich,“ erwiederte der Oberjägermeiſter faſt zornig;“„man iſt auch nicht auf die Welt gekommen, um immer glücklich zu ſein.“—„Aber ich ſehe nicht ein, warum man noth⸗ wendigerweiſe mit einer ſolchen Ueberzeugung in Pflichten eintreten ſollte, wozu die freie Wahl des Herzens Einen nicht verbindet,“ verſetzte der junge Baron verwundert! —„Nein, das glaube ich wohl,“ ſeufzte der alte Herr, „daß Du das nicht einſiehſt; aber ich thue es leider nur zu wohl. Doch, ehe ich mich weiter äußere, beantworte mir zuerſt eine Frage: Wäreſt Du im Stande, um Kon⸗ ſtanzens willen jedwedes Opfer zu bringen?“—„Jedes, um ihr Glück zu befeſtigen, das ſchwöre ich bei meiner Ehre.“—„Nun wohl,“ fuhr der Oberjägermeiſter in dumpfem Tone fort,„ſo halte, was Du bei Deiner Ehre geſchworen! Konſtanze gehört jetzt unter die gefallenen Engel. Vermähle Dich mit ihr und erhebe dadurch die Unglückliche zu dem Platz in der Welt, wezu ſie als ein Zweig des uralten Stammes der Lindorm's berech⸗ tigt iſt. Du bezahlſt dadurch eine alte Schuld. Dein Vater, Guſtav, beraubte mich einſt durch den unſinnigen Schritt, den er in ſeiner Jugend that, nicht allein der Hoffnung auf eine ſchöne und reiche Braut, ſondern vernichtete auch dadurch jede meiner Bemühungen, eine Höhe zu erreichen, zu der ich ohne dieſen Schritt gelangt wäre. Dies erfüllte damals mein Herz mit bitterem Grame; aber ich trug ihn wie ein Mann. Nie entfuhr eine Klage meinen Lippen, und nie verletzte ich Deinen Vater mit einem Vorwurf. Im Gegentheile, als er mir auf dem Todtenbette ſeinen Sohn anempfahl, den Sohn des Weibes, um deſſentwillen ich die großen Hoff⸗ nungen meines Lebens verloren hatte, nahm ich ihn wie meinen eigenen auf, räumte ihm einen Platz in meinem Herzen ein und öffnete ihm mein Haus, wie eine Hei⸗ math.— O Guſtav, mein theurer Junge, bis zu dieſer Stunde haſt Du mir Alles reichlich vergolten. Soll 220 jetzt Dein alter, unglücklicher, tief gebeugter Onkel die Rettung ſeiner Ehre vergeblich von Dir betteln?“ Er ſchwieg erſchöpft. Der junge Baron ſtand ſprachlos vor Beſtürzung; ſein Antlitz war todesbleich geworden, ſeine Lippen zitterten. Nach einem minutenlangen fürch⸗ terlichen Schweigen ſprach er langſam:„Wer iſt es denn, der unſere ſchöne Roſe entblättert hat? Warum kommt nicht er, um ihre Ehre zu retten?“—„Guſtav,“ er⸗ wiederte der Oberjägermeiſter,„es war der junge Müller, von dem ich Dir oft ſchrieb. Es war ein liebenswür⸗ diger und einnehmender junger Mann, dieſe Gerechtig⸗ keit muß ich ihm laſſen, und meine Freundſchaft, ich gebe es zu, berechtigte ihn, die thörichteſten Hoffnungen zu nähren. Aber ich war zu dieſer unglücklichen Zeit mit Blindheit geſchlagen, und deßhalb klage ich nicht ſie, ſondern mich ſelbſt an. Da Müller nicht von Adel war, ſchlug ich ihm beſtimmt die Hand meiner Tochter ab, und der verzweifelnde junge Mann endigte in einem An⸗ fall von Wahnſinn ſein Leben im Ljusneelf. Einige ver⸗ wirrte Zeilen an Konſtanze benachrichtigten uns von dem entſetzlichen Unglück, und am folgenden Tage fanden, aus⸗ geſandte Leute ſeinen Hut und ein ſeidenes Taſchentuch auf dem Strome ſchwimmen. Den Leichnam konnten wir aller Bemühungen ungeachtet nicht auffinden.“ Bei dieſer Erzählung brannte der Boden buchſtäblich unter mir; ich hatte es nie für möglich gehalten, daß ein Menſch, um eines elenden Vorurtheils willen, ſeine letzte Fahrt mit einer Lüge auf den Lippen antreten würde. Es war gräßlich; und hätte er nicht in jener ſchrecklichen Nacht durch Drohungen und Bitten mir einen ſchauerlichen Eid abgezwungen, ſo wäre ich hineingeſtürzt und hätte ihm mit Donnerſtimme in's Ohr gerufen:„Du lügſt, alter Sünder!“— Aber jetzt ſtand ich da und bebte vor Angſt, als ich ſah, wie Baron Guſtav's Züge ſchnell zwiſchen Abſcheu, Mitleid und Entſetzen wechſelten.—„Sie waren hart, mein Oheim,“ ſagte er endlich;„Sie müſſen ſehr hart geweſen ſein, bis ein wahnſinniger Schmerz den jun⸗ 221 gen Müller zu dieſem verzweifelten Schritte treiben konnte. Konſtanze, meine arme, liebliche Konſtanze,“ ſetzte er traurig hinzu und drückte die Hand auf die Augen,„was ſoll aus ihr werden?“— Er ſeußzte tief.—„Ja, ja,“ fing der Oberjägermeiſter wieder an,„jetzt iſt blos noch die Frage wegen ihr. Wenn ich es im Stande wäre, Guſtav, ſo wuͤrde ich mich auf meinen Knieen hinſchlep⸗ pen und Dich anflehen, mit Vater und Tochter Erbarmen zu haben, und durch dieſen Schritt zu beweiſen, daß Du mir das vergelten willſt, was mir Dein Vater geraubt hat. O Guſtay, mein Sohn, Du, den ich mehr geliebt habe, als irgend Jemand auf der Welt, da mein Stolz wieder in Dir auflebte, vereine zu einem einzigen die zwei letzten Zweige von dem Stamme der Lindorms! Ich be⸗ ſchwöre Dich, laß mich nicht vergebens flehen!“— Großer Gott, Müller, was muß der arme Mann in dieſer Stunde gelitten haben! Eine hölliſche Qual, die Angſt um Auf⸗ rechterhaltung der irdiſchen Ehre und die peinigende Stimme des Gewiſſens, alles das malte ſich in ſeinem Angeſichte. Nie ſah ich vorher eine Thräne auf ſeinen Wangen; jetzt rannen ſie jedoch in großen Tropfen herab, während ſich die zuſammengefaltenen welken Hände gegen den Neffen ausſtreckten. Noch ſtand der junge Baron ſtumm und bleich; er kämpfte einen ſchrecklichen Kampf. Der Ober⸗ jägermeiſter wurde immer matter.„Guſtav,“ ſtammelte er unter krampfhaften Zuckungen,„Du ſiehſt meinen Jam⸗ mer, willſt Du meine grauen Haare mit Kummer und Schande zur Grube fahren laſſen?“— Langſam ging der Baron auf das Bett zu, fiel an demſelben auf die Knie und faßte die Hand des Ober jägermeiſters. Mit geſpannter Erwartung ſah ihm dieſer in's Auge; ein kur⸗ zes Stillſchweigen trat ein. Dann hörte ich Baron Guſtav klar und deutlich folgende Worte ausſprechen:„Ich weiß nicht, ob ich recht thue, wenn ich das Verſprechen erfülle, das Sie von mir fordern, mein Oheim; aber ich kann der Qual nicht widerſtehen, die aus Ihrem Blicke ſpricht. Nehmen Sie mein Gelübde; ich ſchwöre bei Gott und dem 222 Gedächtniß meines hingegangenen Vaters, Konſtanzens Ehre vor der Welt zu retten und ſie ſo glücklich zu machen als ich vermag!“ Beide waren tief erſchüttert.„Gott ſegne Dich für dieſe troſtreichen Worte!“ ſagte endlich der Oberjägermeiſter.„Du haſt eine ſchwere Laſt von meiner Bruſt gewälzt. Aber da meine letzte Stunde mit raſchen Schritten herannaht, und ich nothwendig vor meinem Tode euch vereinigt ſehen will, ſo reiſe noch heute Abend nach dem Pfarrhofe und bringe die Sache mit dem Geiſtlichen in's Reine, damit Ihr morgen alle drei Male zugleich aufgeboten werden könnt. Gib den gewöhnlichen Grund, eine dringende Reiſe und meine baldige Auflöſung an. Das geht ſchon. Montag früh kann dann die Trauung vor Fch gehen, und mit Gottes Hülfe ſchleppe ich noch mein Leben bis dahin fort.“— Der Baron erhob ſich, und mit einem ſtummen einwilligenden Nicken des Kopfes ſchickte er ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. Ich entfernte mich eilig, ungbegab mich in den Vor⸗ ſaal, wo er ein Paar Minuten nachher eintrat. Aber, guter Gott, wie ſah er aus, der arme, junge Herr! Das war kein Bräutigamsgeſicht!„Mein guter Wilſon,“ ſagte er und warf ſich auf einen Sopha,„thue mir den Freund⸗ ſchaftsdienſt, und bereite Fräulein Konſtanze auf eine Unterredung vor, die ich jetzt gleich mit ihr haben muß. Ich muß dann eine ſchnelle Reiſe machen; befehle deß⸗ halb im Vorbeigehen, daß man ein Reitpferd für mich ſattle.“— Ich ging zu dem Zimmer des Fräuleins, und richtete meinen Auftrag aus. Sie erblaßte und er⸗ röthete abwechslungsweiſe, zitterte wie ein Eſpenlaub und flüſterte kaum hörbar:„Um Gottes willen, lieber Wilſon, was ſoll das werden?“—„Ich weiß nicht, mein gutes Fräulein,“ antwortete ich;„aber Baron Guſtav war immer edel und hat Sie ſo ſehr geliebt. Faſſen Sie Muth und nehmen Sie ihn an; vielleicht wird es für Sie beide beſſer, wenn Sie mit einander geſprochen haben.“—„Nun wohl, es mag ſo ſein, Wilſon: gib mir nur fünf Minuten, um mich zu er⸗ holen, dann iſt er willkommen.“— Sobald ich die Ant⸗ wort überbracht und den Befehl wegen des Pferdes ge⸗ geben hatte, ſtellte ich mich in den ſchmalen Korridor, der zu dem Zimmer des Fräuleins führt, und welcher Weg jetzt nie mehr benützt wird, weßhalb ich in Sicher⸗ heit Alles anhören konnte, was vorfiel; und war das eine Sünde, ſo mag ſie mir Gott um der Liebe willen verzeihen, die ich zu dem armen Kinde trage. Ich mußte nothwendig wiſſen, wie ſich der Baron in dieſer kitzlichen Sache benahm. Bald hörte ich Baron Guſtav die Thüre öffnen, und jetzt ſtrengte ich meine alten Ohren an, darauf können Sie ſich verlaſſen, Herr Müller.— „Verzeihe, liebe Konſtanze, daß ich Dich noch ſo ſpät ſtöre,“ ſagte er in einem Tone, der ruhig ſein ſollte, aber der dennoch merklich zitterte. Das Fräulein blieb ſtille und er fuhr fort:„Ich hätte innig gewünſcht, daß die Zeit mir die nöthige Vorbereitung auf das, was ich Dir zu ſagen habe, gegönnt hätte; aber leider iſt ſie ſo kurz. Erlaube mir deßhalb, Dir ohne Umſchweife mitzu⸗ theilen, daß Dein Vater mir Alles anvertraut und den Wunſch ausgeſprochen hat, daß unſer Geſchick je bälder, deſto beſſer durch das Band der Ehe verbunden werden möchte, damit er es vor ſeinem Hingang vollendet ſehen könnte.“—„Unſer Geſchick,“ rief ſie entſetzt aus.„O Gott, wie kann mein Vater einen ſolchen Vorſchlag machen! Und Du, Guſtav, ich ſollte Dein Weib ſein! Nie!“— aber meine gute, arme Konſtanze,“ entgegnete der Baron gerührt,„die Bitten Deines Vaters, ſeine Angſt, ſeine Qual, wir können ſie nicht anſehen, ohne ihn auf die einzig mögliche Art zu beruhigen; und Du, Konſtanze, kannſt nicht unglücklicher werden, als Dn ſchon biſt.“—„Vielleicht nicht,“ ſeufzte ſi;„denn ich glaube nicht, daß ein menſchliches Herz mehr leiden kann, als das meine. Aber Du, mein edelmüthiger Freund, Du würdeſt grenzenlos unglücklich werden und unrettbar an dies entſetzliche Elend gebunden ſein. Nein, es darf, es kann nicht geſchehen!“—„Beunruhige Dich ——— 224 nicht wegen meiner, beſte Konſtanze,“ ſagte der Baron mit dem ſüßen, überredenden Ton ſeiner Stimme, der ſo unwiderſtehlich iſt.„Kann ich wohl Grund haben zu klagen, wenn Du meine holde Lebensgefährtin wirſt?“ —„O denke nicht daran,“ unterbrach ihn die Arme unmuthig;„ſprich nicht davon, Guſtav! Wiſſe, daß es ganz unmöglich iſt!“— Ich hörte, wie ſie nieder⸗ ſiel und zu ſeinen Füßen ſchluchzte.„Guſtav, Guſtav,“ tönte die wimmernde Stimme, und ſchüttelte mich wie Todespein durch Mark und Bein,„o Guſtav, mein Weſen iſt nicht ein einziges; es iſt ein— doppeltes.“— Jetzt hörte ich, wie er ſie aufhob und zu dem Sopha hintrug, der gerade vor dem Platze ſtand, den ich inne hatte. Ich hörte, wie ſich ſein Schluchzen mit dem ihrigen miſchte, aber keines von Beiden ſprach, und auch ich fühlte mich in Thränen und Schmerz aufgelöst. Ich alter Mann, der das theure Kind hatte aufwachſen, blühen und welken ſehen, wie gräulich litt ich nicht mit ihr, mit ihnen beiden! Endlich ſchien es drinnen etwas ruhiger zu werden.—„Meine Konſtanze,“ ſagte die ſchöne klare Stimme des Barons,„baue auf meine Ehre. Es iſt jetzt doppelt nothwendig, daß der Wunſch Deines Vaters in Erfüllung geht; es wird nur eine leere Ceremonie ſein, darauf berechnet, Dich vor den giftigen Pfeilen zu ſchützen, welche die Welt gegen Dein ſchuldloſes Herz ſchleudern würde. Nie, meine Kon⸗ ſtanze, ſollſt Du etwas Anderes für mich ſein, als meine holde, geliebte Schweſter, und die ganze Aende⸗ rung wird in einem andern Namen beſtehen. Du heißt Baronin, anſtatt Fräulein von Lindorm; nichts wei⸗ ter.—„Thue, was Du willſt, edler, allzu groß⸗ müthiger Guſtav,“ ſeufzte ſie;„ich habe keinen Gedan⸗ ken mehr.“ Und ſo reiste er denn noch denſelben Abend zu dem Pfarrhofe; am Sonntage wurden ſie dreimal aufgeboten, und Montag früh am Bette des Oberjäger⸗ meiſters getraut.“ Hier ließ Hermer den Brief aus der Hand fallen, aron der aben rſt?“ lrme daß eder⸗ tav,“ wie mein 4— opha inne dem auch Ich jſen, mit was die eine nſch eine den Dein don⸗ als nde⸗ heißt wei⸗ xoß⸗ dan⸗ vend mal ger⸗ len, 225 und ſah Waldenberg beſtürzt an.„Was,“ rief er aus, „ſie wurden getraut? Iſt Guſtav verheirathet? Wurde denn etwas daraus? Davon haben wir nie ein Wort gehört. Himmliſcher Vater, ich bin über dieſe Entſetzlichkeiten ganz verwirrt! Aber, um Gotteswillen, ſprechen Sie, Walden⸗ berg; warum hater das verſchwiegen, und wo iſt er wirklich?“ „Alles das,“ erwiederte Waldenberg,„wird durch den zweiten Theil des Briefes aufgehellt. Was dann noch fehlt, um dieſe ganze ſchreckliche Geſchichte zu be⸗ greifen, werde ich ausfüllen.“ Hermer hob den Brief wieder auf, trant ein Glas Waſſer, fuhr mit dem Tuche über die Stirne, und begann die Fortſetzung, die etwas ſpäter geſchrieben war. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „So waren ſie alſo vermählt. Müller, armer junger Freund! ich weiß nicht, ob ich Ihnen die Beſchreibung ſchicken ſoll, die ich vor einigen Wochen hier oben auf⸗ gezeichnet habe, da ſie nur die Wunde Ihres Herzens von Neuem aufreißen würde. Aber ob ſie nun in Ihre Hände kommen wird oder nicht, ich ſehe es als der einzige Zeuge, für meine Pflicht an, das Gedächtniß an jene Begebenheiten aufzubewahren. „Als der Geiſtliche die Trauung, Einſegnung u. ſ. w. verrichtet hatte, zog er ſich zurück; aber noch lag die Braut, oder vielmehr das Opfer, in ihrem weißen Schmucke, die Myrthenkrone in den ſchwarzen, flatternden Locken, unbe⸗ weglich auf den Knieen, den Kopf gegen die Kante des Bettes gelehnt. Der Bräutigam ſchien nur um ein Ge⸗ ringes mehr bai Beſinnung zu ſein. Endlich erhob er ſich und verſuchte ſeiner Braut aufzuhelfen. Das Ausſehen des jungen Barons war ſo ſchrecklich, daß ich Gott bat, mich nie wieder einen ſolchen Anblick ſehen zu laſſen.— „Gute Konſtanze,“ ſagte er leiſe und erhob ſanft ihr ſchönes Haupt aus ſeiner gebückten Lage; aber beſtürzt fuhr er zurück und ſchrie mit durchdringender Stimme:„Sie iſt todt! unſere elende Weltklugheit hat ihr Herz zerſchmettert!“ Guſtav Lindorm. I. 4583 226 Mit ſtarren Blicken betrachtete der Oberjägermeiſter dieſe Gruppe; einige Zuckungen gingen über ſein Antlitz und der kalte Schweiß tropfte von ſeiner Stirne. Hedda, der Pfarrer und ich eilten hinzu. Sie war zwar nicht todt; aber die Anſtrengung war ihr zu groß geweſen; ſie lag in einer Ohnmacht. Es währte ſehr lange, bis man ſie wie⸗ der zur Beſinnung bringen konnte. Als dies endlich ge⸗ lang, war ſie ſo krank und matt, daß ſie zu Bette getragen werden mußte.— Nachmittags, als der Pfarrer abgereist und der junge Baron auf ſein Zimmer gegangen war, um ein Paar Stunden Ruhe zu genießen, ſagte der Ober⸗ jägermeiſter zu mir:„Komm und ſetze Dich zu Deinem alten Herrn her, Wilſon. Die Herrſchaft nimmt jetzt bald ein Ende; aber der junge Schößling wird Vieles vollenden, was mangelhaft oder halb war. Des alten Stammes Rinde war zu hart und rauh; an der jungen und weichen wird meine zarte Lilie von Neuem aufblühen. Meinſt Du nicht, Wilſon, Konſtanze wird gewiß glücklich, wenn ſie allmählig Alles beſſer überlegt?— Ich ſchüttelte ungläubig den Kopf, ſchwieg jedoch mit meiner Meinung.—„Du kennſt die Welt und das Menſchenherz nicht, Wilſon,“ fing der alte Baron wieder an, gleichſam um ſich ſelbſt gegen den Un⸗ glauben zu tröſten, den er in meinen Blicken las;„ſo etwas verſtehſt Du durchaus nicht, alter Freund; aber ich habe gelebt und geſehen, wie es zugeht. Gott ſei Dank, es iſt vollbracht! Sage mir jetzt, denn ich möchte es doch wiſſen, wie es dem armen Jüngling geht? Haſt Du etwas von ihm gehört?“—„Nicht das Geringſte, ſeit wir uns in Gefle trennten,“ antwortete ich;„aber er war ſchon da⸗ mals in einem ſo elenden Zuſtande, daß ich vermuthe, er iſt jetzt dort, wo Sie ihn haben wollten.“—„Es gab keinen andern Ausweg, Wilſon, durchaus keinen,“ fuhr der Oberjägermeiſter in einem Tone fort, der jedoch bewies, daß er durch die Erinnerung daran ſehr litt.„Du ſiehſt wohl ein, daß, wenn ſie gewußt hätten, er ſei noch am Leben, die Heirath nie vor ſich gegangen wäre. Es war eine von jenen unglücklichen Nothlügen, die zuweilen 227 unumgänglich ſind. Er hatte die Wahl; wäre dieſe an⸗ ders ausgefallen, ſo hätte ich mein Ziel ſchon erreicht, und er wäre doch dem ſeinen nicht näher gerückt. Nein, Wilſon, das Schickſal lenkte es ſo, wir waren blos ſeine blinden Werkzeuge. Aber Gott weiß,“ ſagte er leiſer, und legte meine Hand auf ſein immer ſchwächer ſchla⸗ gendes Herz,„daß ich hier hinlängliche Qualen leide. Ich ſinne bisweilen darüber nach, was ich meinem alten Freunde antworten werde, wenn er einſt dort, wohin ich jetzt gehe, Rechenſchaft von mir fordert für das verſpielte Leben ſeines Sohnes. Hu, Wilſon, das iſt doch ſchreck⸗ lich! Doch, ſo Gott will, iſt er noch am Leben. Es wird bald beſſer mit ihm werden, ſeine Jugend wird ſiegen. Wilſon, wenn er lebt, wenn Du ihn einmal triffſt, ſo ſage ihm,— daß ich— in meiner Todesſtunde ihn um Verzeihung bat; aber ich war genöthigt, meine Pflicht zu thun. Das kann ich nicht bereuen.“ Er ſchwieg; auch ich ſaß ſtumm. Es wurde zuſehends ſchlimmer mit ihm, und als die Schatten des Abends ſich verlängerten, wand er ſich unruhig hin und her, und murmelte wechſelsweiſe Müllers und Konſtanzens Namen. Sein Kampf wurde immer härter, deutlich las man auf ſeiner Stirne die körperlichen und geiſtigen Qualen, die ihn peinigten. Er hatte eine ſchwere Nacht; doch flackerte das Lebenslicht noch auf einige Tage empor. Inzwiſchen lag auch Konſtanze mehr an Gram als körperlichen Lei⸗ den krank darnieder. Baron Guſtav wandelte einſam wie ein Schatten in den großen, öden Sälen umher, die Arme über die Bruſt gekreuzt, und das ſtolze, ſchöne Haupt tief niedergebeugt. Seine Schritte werden noch in meiner Todesſtunde mir in den Ohren klingen. Der fünfte Abend nach der Hochzeit war verfloſſen, es ging der Nacht zu, als der Oberjägermeiſter den Wunſch äußerte, man möchte den jungen Baron rufen, und Alle außer mir ſollten das Zimmer verlaſſen. Baron Guſtav kam ſchnell herein und trat an das Bett. „Gott ſegne Dich, mein Sohn, mein Eidam, mein 15* 228 Erbe,“ ſprach der Oberjägermeiſter mit ſchwacher und ſehr veränderter Stimme.„Setze Dich zu mir her, und höre in Ruhe meinen letzten Wunſch, meinen letzten Willen. Auch Du ſollſt zugegen bleiben, alter Wilſon!“— Er winkte mir, Platz zu nehmen.—„Ich höre,“ ſeufzte er, „daß meine arme Konſtanze in einem ſo ſchwachen Zuſtande iſt, daß er es unmöglich macht, ſie hieher zu bringen. Ich darf ſie alſo nicht mehr ſehen oder ſprechen, und kaum würden wir auch den Abſchied aushalten können. Ich glaube deßhalb, daß es ſo am beſten iſt, wie es iſt. Ihr werdet ihr ſagen, daß das letzte Gebet, das meine zitternden Lippen hervorbringen konnten, ihr galt, daß mein wärmſter Segen ſie begleitet, und daß endlich der letzte Gedanke, deſſen meine Seele mächtig war, ihr angehörte. Und jetzt, Guſtav, merke wohl, was ich Dir ſage. In einigen Monaten, wenn die Zeit ihrer Niederkunft herannaht, ſollt ihr an einen Ort reiſen, den ich kenne, und den ich Dir nennen werde. Dort ſoll Konſtanze derſelben abwarten, und wenn ſie wieder Geſundheit und Kräfte gewonnen hat, und das Kind in guten Händen aufgehoben iſt, ſoll ſie, wieder aufs Neue aufgeblüht, Dir als Dein Weib nach Engelvik oder wohin Du ſie immer führen willſt, folgen; doch nicht nach Hamringen, wo ſo viele bittre Erinnerungen ihren Frieden ſtören müßten. Aber bis dahin iſt mein letzter Wunſch, daß eure Heirath ſo geheim als möglich bleibe, denn daß ſie in die⸗ ſer angelegenen Gegend bekannt iſt, hat nichts zu bedeuten.“ aron Guſtav antwortete kein Wort. Er ſtierte den Oberjägermeiſter an, ungewiß, wie es ſchien, ob er bei voller Beſinnung oder im Irrwahn geredet habe. Doch der Alte fuhr klar und deutlich fort: „Die Nothwendigkeit erfordert es, Guſtav, daß Du, wie Du beabſichtigteſt, eine Reiſe nach Engelvik machſt, um Dein Erbe zu übernehmen. Das muß jedenfalls ge⸗ ſchehen; aber Du ſollſt mir heilig verſprechen, daß kein Wort von Deiner Verbindung über Deine Lippen kommen ſoll, bis Du ſie, ſtrahlend wie ehedem, aus der Einöde herausführſt, wo das arme Kind weilen muß, bis ihre Prüfungszeit vollendet iſt.“—„Aber wozu ſoll all' das 229 dienen?“ war die Antwort des jungen Barons.—„Es dient zu ſehr Vielem, was meine Erfahrung einſieht, und Deine Unkenntniß der Welt überſieht,“ verſetzte der Ober⸗ jägermeiſter.„Glaube ja nicht, mein Sohn, daß es je mein Wille oder Wunſch war, einen unterſchobenen Zweig, einen falſchen Schößling dem alten, edlen Stamme der Lindorm's einzuimpfen. Bewahre mich Gott vor einem ſolchen Gedanken! Und dann, wie hätteſt Du unſer Ge⸗ heimniß ſonſt durch den Schleier, den eure Verheirathung darüber wirft, ſchützen wollen? Die ganze Welt muß ein⸗ ſehen, daß Du ſechs Monate nach Deiner Zurückkunft aus Italien nicht zugleich Gatte und Vater werden kannſt, und daß dann ein Schatten auf den Ruf Deines Weibes fallen würde. Nein, mein Sohn, man muß klug und nach Berech⸗ nung handeln. Du wirſt beim geringſten Nachdenken finden, daß ich recht gehabt habe, und der Tod eures alten Va⸗ ters und die darauf folgende Trauerzeit gibt euch einen glimpflichen Vorwand für den Aufſchub der Bekannt⸗ machung eurer Verheirathung. Doch jetzt bin ich ganz er⸗ ſchöpft von dem vielen Reden.“— Sein Haupt ſank kraftlos auf die aufgehäuften Kiſſen nieder; aber ſein Auge ſuchte wieder nach dem jungen Baron.—„Lege Dein Ohr an meinen Mund, Guſtav,“ flüſterte er,„ſo will ich Dir den Namen des Ortes ſagen.“ Dies geſchah ſo leiſe, daß ich nicht das Geringſte horen konnte.—„Du thuſt doch Alles das, mein Sohn?“ fragte der Oberjägermeiſter, als Baron Guſtav ſich wieder erhob.—„Ja, mein Vater, ich werde Ihnen pünktlich Wort für Wort gehorchen, wenn das Sie beruhigen kann,“ antwortete der Baron,„und ich glaube ſogar, daß es ſo am beſten iſt.“— Der Ober⸗ jägermeiſter bewegte das Haupt auf eine Art, die zu er⸗ kennen gab, daß er das Gelöbniß verſtanden und ange⸗ nommen habe; aber er antwortete nicht mehr. Er lag ſtill und ſchweigend, Guſtavs Hand in die ſeinige geſchloſſen. „Gegen Morgen begehrte er, daß der junge Baron ihm etwas vorleſen ſolle. Dieſer ſchlug die Bibel auf, die ich ihm hinreichte, und wählte ein Paar herrliche und paſſende Kapitel, worauf er mit ſeiner klangvollen, tiefen Stimme auf die Bitte des alten Herrn ein Paar von unſern ſchönen troſtreichen Pſalmen ſang. Als er geendet hatte, dankte ihm der Oberjägermeiſter mit ſchwacher Stimme, und bat ihn, zur Ruhe zu gehen, was er nach einigen Schwie⸗ rigkeiten that. Einſam verwachte ich bei meinem Herrn den übrigen Theil der Nacht. Gegen Mittag bekam er einen Schlaganfall, der nach einigen Stunden ſeinem Leben ein Ende machte. Konſtanzens Name war das letzte Wort, das über ſeine Lippen ſchwebte, und damit verband ſich gleichſam wie ein Wunſch für ihr Glück ein zärtlicher und dankbarer Blick auf Baron Guſtav. Darauf ſchlummerte er ohne ſonderlich ſchweren Todeskampf ein. „O Müller, laßt uns zuſammen für den Frieden ſeiner Seele beten; denn ich kenne Sie zu wohl, um nur eine Minute lang zu glauben, daß Sie wünſchen würden, die Vergeltung möchte der Gnade vorgehen!— Drei Wochen ſind ſeitdem dahin geſchritten, und hier iſt noch Alles ſich gleich. Niemand kommt an, Niemand reist von hier ab. Ich wüßte nicht, wie ihre Verheirathung bekannt werden ſollte, und in dieſer Beziehung glaube ich, daß der Wunſch des alten Herrn erfüllt wird. Konſtanze, oder die Baronin ſollte ich ſagen, wandelt auf den Arm ihres Gatten geſtützt in dem großen Baumgute oder den öden Zimmern umher. Ach, wie zart, wie aufmerkſam er gegen ſie iſt; es thut mir in die Seele hinein wohl, das zu ſehen; und ſie ſieht ſo dankbar und freundlich zu ihm auf, indem ſie oft ſeufzt:„Mein armer, armer Gu⸗ ſtav!“—„Sprich nicht ſo, meine Konſtanze,“ hörte ich ihn vor einigen Pagen ſagen, als ſie Arm in Arm in dem großen Saale auf und ab gingen, wo alle Familien⸗ bilder hängen,„ſprich nicht ſo, meine theuerſte Freundin! Glaube mir, ich bin nicht unglücklich, und dürfte ich Dich nur einmal beruhigt ſehen, ſo würde ich ſogar glücklich ſein. Du mußt nicht meinen, Konſtanze, ich traure in der Beziehung, wie Du es verſtehſt. Nein, weit entfernt davon. Du weißt, daß mein Sinn von Natur düſter und ſchwermüthig iſt; ich kann nichts davor.“—„Dein Sinn iſt der eines Engels an Geduld und Güte,“ erwiederte ſie,„und gebe Gott, daß, wenn einſt ein Paar Schaufeln Erde meine zitternde Hülle bedecken, ein edles und ſchö⸗ nes Weib, das Deiner Liebe würdig iſt, Dir Alles das erſetzen möge, was Du mit mir durchzumachen haſt!“— So ſprechen ſie und tröſten einander wechſelsweiſe, und doch ſehe ich, daß Beide gleich ſehr von den Unglücks⸗ fällen und dem Kummer für die Zukunft niedergedrückt ſind. „Mitte Juni, alſo ſehr bald, werden ſie abreiſen; wohin, das weiß Gott allein. Konſtanze hat mir jedoch verſprochen, daß ich einige Zeilen von ihr bekommen ſolle, um mich damit zu erfreuen, wenn ſie an dem Ort ange⸗ kommen iſt, den ihr Vater für ſie beſtimmt hat. Sie ſcheint mit dieſer Anordnung, wodurch ſie der Verlegen⸗ heit entgeht, ſich vor der Welt zeigen zu müſſen, ſehr zufrieden; und unter uns geſagt, ich glaube kaum, daß das arme, liebe Kind viele Reiſen mehr machen wird. Und nun, Müller, wiſſen Sie Alles; Ihre dringenden Bitten und Nachrichten klingen mir immer in den Ohren; deßhalb ſende ich Ihnen dieſe ganze Epiſtel. So können Sie ſich ſelbſt jetzt deutlich auseinanderſetzen, wie Alles ſteht. Gott ſtärke Sie, mein junger Freund! Vielleicht ſind Sie ſchon ſo klug geweſen, meinem Rathe zu folgen, und haben ſich wieder zu Ihrem Vater gewendet. Wo Sie auch ſein mögen, begleiten Sie meine Gebete. Gott nehme Sie in ſeinen Schutz, und wenn Sie das Bedürf⸗ niß fühlen, Ihr Herz vor einem theilnehmenden Weſen auszuſchütten, ſo ſchreiben Sie Ihrem alten, ergebenen Freunde Wilſon.“ Hermer ſaß, nachdem er mit dem Leſen fertig war, ſchweigend mit dem Briefe in der Hand da, und eine gute Weile verging, bis die beiden Männer eine Unter⸗ redung über die ſchmerzlichen Ereigniſſe beginnen konnten, die beider Gedanken ganz und gar erfüllten. Endlich fing Waldenberg an, die letzten Begebenheiten zu ſchildern, die unſern Leſern bereits bekannt ſind, und übergab dann Hermern als Bekräftigung Müllers letzten Brief vom Pfarrhauſe in Ejkenberg. „Was iſt zu thun?“ ſagte er, als Hermer ſchaudernd ——— den Brief weglegte;„was iſt zu thun? Müſſen wir nicht noch dieſe Nacht abreiſen?“ „Freilich müſſen wir das, beſter Waldenberg! Laſſen Sie mich nur ein wenig meine Gedanken ſammeln; ich bekenne, daß ich von den Abſcheulichkeiten, die auf meine Seele eindringen, ganz verwirrt bin. Mein Gott, wie mag es wohl jetzt in dieſer Minute in jener ſchrecklichen Feld⸗ webelswohnung ſtehen, die ſo klar vor mir ſteht, wie wenn ich ſie ſchon hundert Mal geſehen hätte! Guſtav im Fie⸗ berwahn an's Bett gefeſſelt, ſie in Todesängſten, und er, der arme, wahnſinnige Müller, mit dem Gifte in der Hand! Aber laſſen Sie uns eilen; das iſt Alles, was wir thun können. Die Vorſtellung iſt immerhin ſchrecklich, daß, wie guch Alles abgelaufen iſt, wir nur noch Zeugen von den Folgen ſein können. Doch jetzt, Waldenberg, gilt es, unſere Mienen ſo gut als möglich in unſerer Macht zu haben, ſonſt ſchrecken wir alles Leben aus den Weibern. Da, trinken Sie ein Glas Rheinwein, und dann ſchnell hinein, um Alles zu unſerer ſchleunigen Fahrt in Ordnung zu bringen.“ Aber wie ſehr ſich auch Hermer beherrſchen konnte, ſo war doch die erſte Frage ſeines Weibes, als er in das Zim⸗ mer trat, und, wie er meinte, ganz ruhig ſie bat, etwas Weißzeug und anderes Zugehör auf eine Geſchäftsreiſe her⸗ zurichten:„Was iſt das, Hermer? ich ſehe Dir an, daß es etwas Anderes als Geſchäften gilt? Sprich, um Got⸗ teswillen; ich brauche ja keinen Blick auf Waldenberg zu, werfen, um einzuſehen, daß etwas Wichtiges auf der Bahn iſt.“ „Aber, liebe Alte,“ ſagte Hermer und zwang ſich zu lächeln,„welcher Wahrſagergeiſt iſt über Dich gekommen? Das Geſchäft berührt Herrn Waldenberg ſehr nahe; eine Getreidelieferung, die während der Abweſenheit des Barons mißglückt iſt. Ich muß meinem jungen Freunde helfen, die Sache in Ordnung zu bringen, und da wir noch dieſen Abend abreiſen, ſo würdeſt Du mir eine wahre Freude ma⸗ chen, mein Schatz, wenn Du ſo ſchnell als möglich alle nöthigen Bedürfniſſe für eine mehrwöchentliche Reiſe herrich⸗ ten würdeſt. Wenn mein Ausſehen Dir etwas aufgeregt er⸗ ſcheint, ſo brauchſt Du Dich nicht darüber zu beunruhigen; es ̃ed —+⏑— „ ͤe e S.— oͤ ͤ— SSͤ α—9-—,—,— ͤ 8 u n* △—2 ———-—— R Gn n — gibt Geſchäfte von ſo mannigfaltiger Art, daß ſie auch bei dem ruhigſten Manne das Blut in Wallung bringen können.“ „Nun, Gott gebe, daß es nichts Anderes iſt, und ich weiß in der That nicht, was für ein anderes Unglück ein⸗ treffen könnte,“ ſagte Frau Hermer beruhigt und ſtand auf, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen, indem ſie ſich erinnerte, daß das edle Herz ihres Mannes alle Zeit bereit war, einem nothleidenden Freunde die hülfreiche Hand zu reichen, wenn er es nur konnte. Nicht ſo war es mit Geor⸗ ginen. Sie wußte, daß die Sache Lindorm anginge, und obwohl zwar die Erklärung ihres Vaters dies angedeutet hatte, ſo war ſie doch ſo ſcharfſinnig, um nur eine Mi⸗ nute lang an den Verluſt einer Getreidelieferung zu glau⸗ ben. Sie ſah ein, daß es Guſtav perſönlich berührte, und daß es nur um ſo wichtiger ſein mußte, da ihr Vater es zu verbergen ſuchte. Stumm und ſchweigend ſaß ſie da, außer Stands, ihre Lippen auch nur zu einer Frage zu öffnen. Hermer begriff leicht, was in Georginens Seele vorging. Er hatte lange geahnt, wie die Sache ſtand, und dieſe betrübende Gewißheit machte ihn nur um ſo nieder⸗ geſchlagener. Hätte er Zeit gehabt, ſo würde er ihre See⸗ lenſtärke auf die Probe geſtellt und ihr das ganze Geheim⸗ niß anvertraut haben; doch jetzt hätte das in ſolcher Haſt geſchehen müſſen, daß er lieber die Sache gar nicht be⸗ rühren und ſie bis zu ſeiner Rückkehr ihren eigenen Ge⸗ danken und Vermuthungen überlaſſen wollte, um ihr dann, mit all' der Vorſicht, die die Sache erforderte, die Be⸗ gebenheiten mitzutheilen. Nach einigen Stunden ſaß Hermer in ſeinem Boote und fuhr nach Engelvik hinüber, wo Waldenberg, der vor⸗ her heimgereist war, ſchon bereit ſtand und ihn erwartete. Als die erſten Sterne am Firmamente glimmten, waren ſie ſchon ein gutes Stück unterwegs. Georgine hatte ſich, ſobald der Vater fort war, von einem unwiderſtehlichen Ge⸗ fühle getrieben, in den Saal begeben, wo er und Walden⸗ berg die lange und geheimnißvolle Berathung gehabt hat⸗ ten. Ihr erſter Blick traf dort auf ein am Boden liegendes Papier. Sie hob es auf; die Hand war ihr unbekannt, ebenſo die Unterſchrift; aber da ſie oft die Namen Baron Guſtav und Konſtanze ſah, beſchloß ſie, ſich mit dem In⸗ halte bekannt zu machen. Es war der Brief vom Verwal⸗ ter Wilſon an Müller. Georgine verriegelte die Thüre, faßte mit zitternden Händen das Papier und ſetzte ſich auf den Sopha, um eine Lektüre anzufangen, die ihre Seele mit einem Uebermaß von Schmerz erfüllen ſollte, wofür ſich nirgends Troſt noch Linderung fand; kein Anfang, kein Ende, nur ein Abgrund von Elend. Und um alles das auf ſeinen Gipfel zu ſteigern, wollte es der Zufall, daß Waldenberg Müllers Brief, den er in die Rocktaſche geſteckt zu haben glaubte, unter ein Sophakiſſen geſchoben hatte. Als Georgine dies hinwegnahm, um bequemer zu ſitzen, fiel er ihr in den Schooß.— Doch es iſt Zeit, daß wir uns wieder zu unſerer einſamen Feldwebelswohnung zurück⸗ wenden, um zu ſehen, was ſich dort zugetragen hat. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Als Müller den Brief verſiegelt und ſelbſt auf den naheliegenden Pfarrhof getragen hatte, machte er ſich auf den Weg nach jenem Orte, der ſeine Konſtanze, ſeine Welt einſchloß. Der Gemüthszuſtand des armen Jünglings war eine Art ruhiger Erſtarrung, eine Abweſenheit alles Gefühls. Er hatte nur Eine fire Idee; er wollte um jeden Preis ſein Kind ſehen und dann ſterben, da ſeine Kraft gebrochen, und die Quelle des friſchen, jugendlichen glühenden Gefühls für immer vertrocknet war. Finſter in Sinn und Gemüth, und nur von dieſen Gedanken erfüllt, wankte er bleich und zitternd in den Gegenden umher, die Kramers alte Behauſung zunächſt umgaben; aber da noch überall Licht brannte, durfte er ſich nicht näher ſchleichen, ſondern erwartete die entfernteren Stunden der Nacht, und wenn es ſtill geworden wäre, wollte er verſuchen, einzu⸗ dringen. Was er dann beabſichtigte, wußte er nicht ſo genau; das würden die Umſtände beſtimmen. Eben ſo fuhr wie ein heller Blitzſtrahl durch die dunklen Nebel, die ſeine Seele umgaben, der noch entſetzlichere Gedanke, 0+8ᷣ 8ͤ ☛— — 2=SSã8SSSSGSo SSSAS 054nS=ESSOͤ= — — 235 Konſtanzen zu bitten, daß ſie den Trank theilen ſollte, den er einzunehmen gedachte. Feſt drückte er das in das Pa⸗ pier eingeſchloſſene Gift in ſeiner Hand, und ein Gefühl, zu gräßlich, um Freude genannt zu werden, aber auch zu angenehm, um Schmerz zu heißen, durchbebte ihn, als ſeine Gedanken bei der Möglichkeit verweilten, daß ſie gerne den Becher theilen würde, der die Gewißheit einer ewigen Wiedervereinigung enthielt. Es war ein kalter und trüber Abend um die Mitte Oktobers. Ein furchtbarer Sturm hatte ſich beim Be⸗ ginne der Nacht erhoben und fuhr pfeifend durch die öde Landſchaft. Bald ſah man häufige Blitze die dunklen Wolken durchkreuzen, und der Donner übertönte zuweilen das wilde Geheul des Sturmes. Es gibt gewiß noch viele, die ſich der ſchrecklichen Gewitter erinnern, die im Herbſte 1818 wütheten und ſo manchen alten und gewaltigen Baum ſo gut wie den zärtern Schößling zerſplitterten. Ein heftiger Platzregen vermehrte diesmal die Schrecken der Nacht; aber der ſtille Wanderer ſtand gefühllos für Alles, ſtumm und bleich, wie ein Steinbild da. Der ſcharfe Wind fuhr eiſig durch ſeine Glieder, und ſeine Kleider und Haare troffen von Waſſer. Er wußte es nicht, er fühlte es nicht; ſein Blick ſtierte nur immer wilder nach der Feldwebelswohnung, wo bald nur noch ein einziges Licht von dem Zimmer herleuchtete, von dem Müller nur zu wohl fühlte, was es einſchloß. Leſer! wir wollen einen Blick in dies Kämmerlein werfen. Alles war dort in tiefes Schweigen verſenkt. Ein hohes, weißes Paradebett ſtand aufgedeckt; dort lag Kon⸗ ſtanze bis zum Geſichte mit weißen Tüchern bedeckt, deren Farbe man kaum von jenem unterſcheiden konnte. Ihre reichen, ſchwarzen Locken wogten von beiden Seiten herab, wie ein Rahmen, in welchem das unendlich ſchöne, bleiche Bild eingefaßt war. Die Augen waren geſchloſſen, aber ſie athmete leiſe, ſie lebte; doch war es offenbar, daß das Oel der flackernden Lampe bald vollends ausgebrannt war. Auf einem kleinen zur Bettſeite ſtehenden Tiſche lag auf weißen Kiſſen Konſtanzens todtgeborenes Kind. Das Kleine war nie zur Bitterkeit des Lebens erwacht; es ſchlummerte in einem ſchöneren Traume, als die Einbildungskraft her⸗ vorzaubern kann. Die treue, tiefbetrübte Hedda ſaß am Fuße des Bettes und weinte, während ihre Augen unab⸗ läſſig auf ihre Gebieterin gerichtet waren. Ein junges Weib, das zur Amme beſtimmt geweſen war, ſaß einge⸗ ſchlafen am Ofen. Als ſie anlangte, war ihre Hülfe ſchon nicht mehr nöthig; aber ſie war zurückgeblieben, um zu wachen. Acht Stunden waren ſeit dem ſchweren Kampfe ver⸗ floſſen; nur einmal hatte Konſtanze geſprochen und ihr Kind zu ſehen begehrt. Hedda, welche die ſchwache Mutter leicht hintergehen und ihr einreden zu können wähnte, daß das Kind ſchlafe, trug es ihr hin, da ſie es für gefähr⸗ licher hielt, ihr ihr Begehren abzuſchlagen. Konſtanze wollte es nehmen; aber Hedda ſagte ausweichend:„Wecken Sie es nicht, gnädige Frau; das Kleine ſchläft ſo ſüß.“ „Ja; aber es iſt ſo kalt,“ verſetzte Konſtanze ver⸗ wundert, und ſtrich ihm mit der Hand über das Geſicht. „Lege mir das Kind in den Arm; ich will es wärmen, Hedda.“ „Das geht durchaus nicht an, gnädige Frau,“ er⸗ wiederte dieſe voll Angſt;„ich glaube, es liegt beſſer auf dem Bettchen, das ich ihm zugerichtet habe.“ „Ach, laß es mich nehmen!“ Inzwiſchen hatte Konſtanze, in der ein Argwohn über das wahre Verhältniß aufgeſtiegen war, ihr Ohr an die Lippen des Kindes gelegt.—„Hedda,“ ſchrie ſie in einem herzzerreißenden Tone,„Du haſt gelogen; es ſchläft nicht; es iſt— todt,“ und in dem bittern Ausruf:„es ſchläft nicht, es iſt todt,“ lag alle Qual verſchloſſen, die ein brechendes Mutterherz nur fühlen kann. Ihre Arme ließen das Kind fahren, ihr Haupt ſank nieder, und ein Paar große, ein⸗ ſame Thräͤnen rollten langſam auf dieblaſſen Wangen nieder. Hedda trug das Kleine weg, fiel auf die Kniee und bat in unendlicher Angſt um Verzeihung für ihre Unvor⸗ ſichtigkeit.„Ich Unglückliche,“ ſchluchzte ſie,„wußte ja nicht, was ich thun ſollte.“ „Sei ruhig, Hedda,“ liſpelte Konſtanze leiſe;„ich bin zufrieden; es iſt ſo gut, wie es iſt. Der Herr hat Co u A ☛ Alles wohl gemacht; ich komme bald nach. Aber jetzt will ich ruhen— geh'!“ Still ſchlich Hedda wieder an ihren Platz am Fuße des Bettes und bat im Innerſten ihrer Seele zu Gott, daß dieſe ſchreckliche Nacht überſtanden wäre. Es war gegen zwei Uhr. Die alte Frau Kramer, die bis zwölf Uhr gewacht hatte, hatte ſich niedergelegt, und der Zuſtand des Barons war eher ſchlimmer als beſſer. Das Fieber wüthete und brannte in ſeinem Kopfe, der die Gegenſtände verworren auffaßte und unter einander mengte, es war deßhalb unmöglich, ihn von dem zu unterrichten, was vorgefallen war. Der Pfarrer befand ſich zwar noch an Ort und Stelle; aber er war ſüße eingeſchlafen, nachdem er ſich mehrere Stunden lang unruhig hin und her ge⸗ worfen hatte, bald von Lindorms Phantaſieen unterbrochen, in deſſen Zimmer er wachen ſollte, bald von dem furcht⸗ baren Sturme aufgeſchreckt. Der Feldwebel Kramer war in dieſer undlüetichen Nacht, in Folge einer Dienſtoblie⸗ genheit, nicht daheim; aber da er jede Stunde erwartet wurde, blieb die Thüre zum Vorzimmer unverriegelt. So war alſo Hedda allein. Rathlos und voll Ver⸗ zweiflung lauſchte ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf Konſtanzens ſtille Athemzüge.—„Großer Gott,“ ſeufzte ſie,„wenn ich nur Wilſon hier hätte, um mich mit ihm zu berathen; aber Niemand, Niemand! das iſt zu ſchreck⸗ lich; ich bin ganz troſtlos.“— Da ſiel es ihr ein, daß ſie in dieſer großen Noth ihrer Seele dem, der allein helfen und lindern kann, keine wahrhafte und warme Minute geweiht hatte. Sie wandte ſich zur Seite, um das Ge⸗ betbuch vom Fenſtergeſimſe zu nehmen. Der furchtbare Sturm bewegte die Gardinen hin und her. Hedda flüch⸗ tete mit dem Licht auf die Seite; aber jeder Tropfen Blut in ihren Adern ſchien zu Eis zu erſtarren, als ein leichen⸗ blaſſes Antlitz mit wild aufgeriſſenen Augen vom Fenſter her ihr entgegenſtarrte. „Himmliſcher Vater! erbarme Dich mein!“ winſelte ſie in Todesangſt;„das iſt er, das war Müllers Geiſt! O Herr Jeſus, dann geht es aus mir ihr!“ Sie wagte 238 nicht aufzuſehen oder die Amme zu wecken, da ſie ſich vor dem Ton ihrer eigenen Stimme fürchtete. Ihre Lage war nicht beneidenswerth. Die arme, treue Seele litt in dieſer Nacht unerträgliche Pein. Alles war jedoch faſt eine Viertelſtunde lang ſtille eblieben; auch der Orkan ſchien ſich zu beruhigen, um friſche Kräfte zu holen; und Hedda, die ihre Sinne wie⸗ der etwas geſammelt hatte, war auf dem Wege, aufzu⸗ ſtehen, um ſich fortzuſchleichen und ihre ſchlafende Ge⸗ ſellſchafterin zu wecken, als ſie leiſe, aber ſchwere Män⸗ nertritte im Vorzimmer gehen hörte. Auf's Neue ſtockte das Blut um ihr Herz. Wohl ſiel für einen Augenblick der tröſtende Gedanke in ihre Seele, daß es der heim⸗ kehrende Feldwebel ſein werde; aber es war nicht ſein Schritt, und jetzt hörte ſie deutlich, daß er gegen das Zimmer gerichtet war, wo ſie ſaß. Es griff am Schloſſe herum, es drehte den Schlüſſel; ſie war kaum vermögend, Athem zu holen. Da knarrte die Thüre in ihren Angeln, und Müllers hohe, dunkle Geſtalt, zur Hälfte in den nachſchleppenden, durchnäßten Mantel gehüllt, ſchritt lang⸗ ſam durch das Zimmer. Hedda ſank bewußtlos zu Boden. Er näherte ſich zuerſt ſtill und vorſichtig dem klei⸗ nen Bettchen; aber ſeine ſtieren und unheimlichen Blicke waren dabei oft auf das hohe Paradebett gerichtet. O, wer hätte wohl in dieſen bleichen, verdrehten Zügen den einſt ſo ſchönen und lebensfrohen Jüngling wiedererkannt! Müller hob ſein Kind empor, drückte es in krampfhafter Bewegung an ſein halberſtarrtes Herz, betrachtete es genau, und ein ſchreckliches Lächeln ſpielte um die beben⸗ den Lippen, als er bemerkte, daß es ohne Leben war. Er ſchloß es feſt an die Bruſt, und ſchlich ſich zu Kon⸗ ſtanzens Ruhebett hin. Dort ſtand er einige Sekunden lang, und ſchaute mit Blicken der heiligſten Liebe auf die ſchöne, niedergetretene Lilie. Gerne hätte er unter unſäglichen Qualen zehn einſame Leben hingeſchleppt, wenn ſie dadurch wieder die üppige, herrliche Roſe hätte werden können, die in unſchuldvoller Luſt ungeſehen zwi⸗ ſchen den Felſen blühte, bis er kam und mit der Gluth ͤͤ— 239 ſeiner Leidenſchaft ihr Paradies verzehrte, und es in eine öde Haide verwandelte, wo die Blume welkte, hinſank und ſtarb. Wäͤhrend er ſie betrachtete, erhellte ſich der Aus⸗ druck in ſeinen Zügen. Es war ja Konſtanze! Er konnte ſie, die er ſo grenzenlos geliebt hatte, nicht anſehen, ohne daß jedes Gefühl in ſeinem erfrorenen Herzen zu einer Flamme heiliger, unendlicher Reue und zu einer Empfin⸗ dung voll Seligkeit verſchmolz, als die unermeßliche Luſt eines ganzen Jahres wieder in klaren Bäildern vor ſein Gedächtniß trat. Er beugte ſich über ſie hin. Sie ſchlug die Augen auf, die ſchönen, halb erloſchenen Augen; einige ſchwache Zuckungen, wie von einem unwillkürlichen Erſchrecken, glitten über ihre Züge; aber ſie gingen bald in einen ſanften und verklärten Ausdruck über. „Arel, mein Arel, biſt Du hier?“ flüſterte ſie.„Ich habe lange— lange— auf Dich gewartet!“ „Ja, meine Konſtanze, mein Leben, meine Geliebte,“ ſtammelte er,„ich komme, um mit Dir ſterben zu dürfen!“ „Mein— Arel!“ Dieſe zwei ſo theuren Worte, die ſie in den wenigen Tagen ihres Glücks ſo oft an einander gereiht hatte, ſchmiegten ſich noch einmal, wie der leiſe Hauch eines Geiſtergeſangs, über ihre Lippen; einige ſchwache Zuckungen, und die heftige Erſchütterung hatte den letzten flimmernden Funken ausgeblaſen. Kon⸗ ſtanze hatte ausgelitten. Müller beugte ſich, von hef⸗ tigem Froſte geſchüttelt, zu der Geliebten nieder; ſeine Züge wurden wieder finſter und unheimlich; vergebens lauſchte er noch auf ein Wort; es war Alles ſtille.— „So iſt. denn Alles vorbei!“ ſagte er laut, mit einem Tone, der an den ſchneidenden Klang erinnerte, der ent⸗ ſteht, wenn an einem Inſtrumente eine Saite ſpringt.— „Alles, Alles iſt vorbei!— Noch einmal will ich dieſe Lippen küſſen, welche ſo oft mir ent egen lachten, und dann— dann...“ Er legte ſeinen Mund auf den ihri⸗ gen; den langen, kalten Todeskuß! Müller erhob ſich, nahm das in ſeiner Weſtentaſche verborgene Pulyer, warf es mit ziemlich feſter Hand in ein Glas mit Waſſer, das auf dem Tiſche ſtand, rührte es ein paar Male um, 240 und trank es haſtig bis auf den letzten Tropfen aus. Noch ſtand er aufrecht, mit dem todten Kinde auf ſeinem Arm; aber bald fiel er am Bette auf die Kniee nieder und lehnte ſein Haupt an die Kante deſſelben, dann nahm er Konſtanzens Hand und legte ſie auf ſeine brennende Stirne, wie wenn die feinen, ſchon von der Kälte des Todes erfaßten Finger ſte abkühlen ſollten. So verging einige Zeit; da wurden die im nächſten Zimmer ſchlum⸗ mernden Perſonen durch einen ſchweren Fall und einen gellenden, lang ausgehaltenen Schrei erweckt. Franſ Kramer ſprang auf, rief ihrer weiblichen Umgebung, und Alle ſtürzten in der größten Unordnung in das Zimmer, wo ein entſetzlicher Anblick ihren beſtürzten Blicken ſich darbot. Ein ihnen unbekannter Mann wand ſich in gräß⸗ lichen Convulſionen am Boden; das Kind, das er hatte fallen laſſen, lag einige Schritte von ihm enternt; Kon⸗-⸗ ſtanze lag todt und Hedda ohnmächtig da. Das Weib,. das hätte wachen ſollen, jetzt erſt erwacht, miſchte ihr ſcheußliches Geheul mit dem des Sturmes, der wild durch die Räume pfiff und die morſchen Fenſterflügel erſchüt⸗ terte. Der Angſtſchrei und der Lärm der Verwirrung drang bis zu Lindorms Ohren, und ſtörte ſeinen unruhi⸗ gen Schlummer. Er fählte ſich wohl; und da er glaubte, die ſchreckliche Unordnung gelte Konſtanzen, warf er den Schlafrock um, und wollte eben hinabeilen, als der Pfar⸗ rer erwachte. Ueberzeugt, daß der Baron im Fieber gehe, wollte er ihn mit Gewalt zurückhalten und fing an, aus allen Kräſten die Treppe hinab um Hülfe zu rufen. Lin⸗ dorm beſaß jedoch noch Stärke genug, um ſich von ſei⸗⸗ nem ungebetenen Wächter zu befreien; er ſchleuderte ihn bei Seite, und ſprang an ihm vorbei die Treppe hinab. „Iſt ein Bote nach dem Arzte gegangen?“ fragte er eine Magd, die kreiſchend ihm entgegen ſtürzte. Sie antwor⸗ tete nicht. Er drückte die Thüre zu Konſtanzens Zimmer auf, überſah mit Einem Blicke Alles, und ſank ſinnlos auf die Schwelle nieder. ————— — 2 —.————— ‧8ö——ö—ö—ö—ö—ö—ö——*— —— 2 n.———