22 X ibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatu von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ALeiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines jedem Tag 5 Pf bezahlt. den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe beträgt: geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 4„ 5 7 8 3— tr 7— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. — 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt r Leſ frſ. 2— 8 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheze it. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, i ſelben von mir geliehen, auch indem Diejenigen, welche die⸗ dafür zu ſtehen haben. Der Jungferthurm. 4 SFeeroman 3— von 6 Emilie Flygare⸗Carlén. vierter Cheil. Aus dem Schwediſchen von 1 C. F. Friſch, 3 Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. b 83 Dreizehntes bis ſiebenzehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. ſteht chere Lini fern ſcha den umg Land vert. Antt chen ſchör ſcha alle nen und dem mit Vierte Abtheilung. Erſtes Capitel. Das Seefräulein. Es iſt gegen das Ende des Juli. Die Morgenſonne, welche ſchon hoch am Himmel ſteht, beleuchtet klar die flachen Küſten der Inſel Wal⸗ cheren, deren lange, ſchwarze Brückenköpfe, welche ihre Linien den Strand entlang ausſtrecken, in einiger Ent⸗ fernung eine täuſchende Aehnlichkeit haben mit den Schieß⸗ ſcharten in einem gewaltigen Feſtungswalle, der hier von den gelben Sanddünen gebildet wird, welche die Inſel umgeben und das innerhalb derſelben gelegene niedere Land gegen die unaufhörlich angreifenden Meereswogen vertheidigen. Hier begegnet man der Einfahrt zu dem alten Antwerpen, der Hauptreſidenz, der Generalbörſe der rei⸗ chen Kaufmannsariſtokratie und dem Niederlagsplatze der ſchönſten Kunſtprodukte der niederländiſchen Malerſchule. ... Und wirft man den Blick auf das Meer hinaus, ſo ſchaut man eine unzählige Menge von Seglern, welche alle dieſer Einfahrt zuſtreben. 3 Wenn ein achtzigjähriger Seemann, in ſeinem klei⸗ nen Bodenfenſter verteiet, dieſes Gemälde voller Kraft und Leben betrachtet, von dem weißen Punkte dort an dem fernen Horizonte bis zu dem nächſten Schiffe, welches mit vollen Segeln über das treuloſe und dennoch ſo warm Der Jungferthurm. IV. 1 ———ÿÿ— ——— geliebte Meer dahin eilt: welche friſche Winde müſſen ihn dabei nicht umſäuſeln und ſeine Bruſt erweitern; aber auch welche unermeßlich tiefe Wehmuth ergreift ihn, wenn er, ermüdet von dem bloßen Stehen, mit wan⸗ kenden Knieen ſeine Ruheſtätte ſucht, wo er ſo gut Zeit hat, an ſeine friſche, lebensfrohe Jugend zu denken, da auch er mit dabei war, da er in Sturm, Sonnenſchein, Sommer und Winter, in Glück und Unglück ſtets den gleichen warmen Muth und die gleiche Luſt empfand, da er in einer Kälte von zwanzig Graden beim Ruder ſtehend nur an den Tanz mit ſeinem Mädchen zu Weih⸗ nachten, da das Fahrzeug landen wird, denkt. In keinem Stande, unter welchen Verhältniſſen des Lebens es auch ſein mag, fühlt man vielleicht den Ver⸗ luſt einer verflogenen Jugend, einer verlorenen Kraft ſo bitter, ſo ſchneidend, wie bei einem alten Seemanne. Sieh nur den wehmüthigen Blick, mit welchem er das kleine, ſechs Zoll lange, für den Enkel verfertigte Schiff betrachtet; höre nur den Seufzer, welcher ſeine Bruſt hebt, wenn der kraftvolle Sohn ſeine Hand zum Abſchiede drückt, um an Bord zu gehen... an Bord, unter Segel gehen— er kann es jetzt nicht mehr, der Alte; ſein Wunſch iſt alſo, zur Koje zu gehen, aber zu der ruhigen, kalten Koje, wo ſeine ſehnſuchts⸗ volle Trauer endlich aufhört.......... Auf der Rhede vor Vließingen liegt eine Menge Fahrzeuge von allen Nationen vor Anker. Ein Theil will hinauf nach Antwerpen, ein anderer kommt von dort und wartet nun nur noch auf die Ebbe und auf das Boot, welches an's Land gefahren iſt, um die letzten Aufkäufe an friſchem Fleiſch und Gemüſe zu machen. Es iſt eine abwechſelnde Scene, in ihrem kleinſten Detail voll Beweglichkeit und anmuthsvollen Lebens. Hier ſieht man ein holländiſches rundgattetes Kuff mit der vergoldeten Büſte des Admirals Ruyter über dem Ruderſtock, den hellgelben Rumpf gefirnißt und blank wie eine Violine, das Ruff zierlich grün ange⸗ ſtrichen, die Segel weiß und gut genäht; und wenn man jung zwiſe ſchul Spit Mun 3 noch bezweifelt, daß das ein Niederländer iſt, ſo wird man wohl davon überzeugt, wenn man ein Frauenzim⸗ mer in blendend weißer Kontuſche mit ernſten Schritten über das rein geſcheuerte Deck ſchreiten ſieht mit einer Kanne voll rauchenden Waſſers in der Hand, um jenem unbeweglichen Herrn dort eine Taſſe Thee zu ſerviren, welcher Herr in ſeinem blauen Flausrocke mit den unge⸗ heuer großen hornenen Knöpfen gemächlich über die Baſtingage blickt, nicht um die ihn umgebenden Fahr⸗ euge zu betrachten— denn in ſeiner Meinung iſt außer fenm eigenen kein einziges der geringſten Aufmerkſam⸗ keit würdig— ſondern um mit unendlichem Intereſſe den Rauchwirbeln zu folgen, welche aus ſeiner Thonpfeife aufſteigen. Neben dem Holländer liegt eine engliſche Brigg, kohlſchwarz, mit von dem Steinkohlendampfe braun ge⸗ färbten Segeln, und hie und da in der Takelage eine rothe, zum Trocknen oder Lüften ausgehängte wollene Jacke. Bei der Kappe ſteht ein Mann, an deſſen feſter Haltung und ſichern Blicken man ſogleich den Capitain erkennt; und bedenkt ſich noch Jemand, bemeldten Capi⸗ tain für einen der Söhne des John Bull zu erkennen, ſo verweiſen wir ihn auf das Grogglas, welches auf der Kappe ſteht und ſich vertraulich an ein Stereotyp⸗ exemplar der Bibel lehnt. Noch dazu flattert die britiſche Flagge auf dem Topp und der Mann betrachtet dieſelbe mit großem Wohlgefallen. Etwas weiter entfernt erblickt man ein langes, niedriges, ausgezeichnet ſchön bebordetes Fahrzeug, deſſen ſämmtliche Segel ſo nett und zierlich beſchlagen ſind, daß es einem Rangſchiffe Ehre gemacht haben würde. Auf dem Halbdecke, oder dem Theile des Deckes, welches ein ſolches vorſtellen ſoll, geht ein elegant gekleideter junger Mann mit elaſtiſchen Schritten auf und ab; zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger der behand⸗ ſchuhten rechten Hand hält er eine Cigarre in einer Spitze von Bernſtein, aus welcher er je zuweilen einen Mund voll Rauch zieht, den er hernach znit der linken —y— — — —ͤͤͤͤͤͤͤͤͤſͤſͤſſöſſ ℳ—— 3— 2 Hand hinweg ſcheucht. Bisweilen ſteht er ſtill und liest einige Zeilen im„Faublas“ oder er blättert in einem neuen Bande, der Paul de Kock's Namen auf dem Titel⸗ blatte führt. Einer der Matroſen iſt auf die Gallion hinaus geklettert, um das Geſicht eines ſchön ſkulptirten Venusbildes rein zu waſchen; er küßt je zuweilen die kalten Lippen dieſes Bildes und ſucht durch das lebhaf⸗ teſte Mienenſpiel ſich einen oder den andern Blick von dem holländiſchen Frauenzimmer in der weißen Kontuſche zu erhaſchen. Daß dieß ein Franzoſe iſt, leidet gar kei⸗ nen Zweifel. Ehe wir ihn jedoch aus dem Geſichte laſſen, müſſen wir in der Mitte des Schiffes einer Gruppe erwähnen, beſtehend aus einigen pfiffigen Jungmännern, welche ein unbeſchreibliches Vergnügen bei der Betrach⸗ tung eines dicht neben dem ihrigen liegenden Fahrzeuges zu haben ſcheinen. Doch mag ſich kein Menſch wundern, daß die mun⸗ tern Franzoſen ſowohl über das erwähnte Fahrzeug, als auch über ſeine Beſatzung ihre Anmerkungen machen, da Alles einen ſo ſchneidenden Contraſt bildet gegen das ihrige und gegen ſie ſelbſt. Die Takelage ſchien auf eine Galeaſſe zu deuten, welche urſprünglich klinkerweiſe gebaut, dann verhäutet, und ſo in das ariſtokratiſchere Karviel verwandelt worden war. Der in ehrfurchtgebietenden Maſſen auf den Rumpf geſchmierte Theer iſt hie und da geſchmolzen und hat von der Regeling bis an den Waſſerrand hinab unzäh⸗ lige Querſtreifen gebildet, die roſtfarbigen Fluthen unge⸗ rechnet, welche ſich unterhalb der Speigaten gebildet haben und grell abſtechen gegen den mit gelbem Ocker angeſtrichenen Rand, welcher gleich oberhalb der Ruſten in ſchlangenähnlichen Windungen rund um das Fahrzeug läuft. Wenn auch das Nationalgefühl uns beſtechen wollte, zu ſchweigen, ſo laufen wir dennoch Gefahr, daß mehrere Kenner begreifen, wir haben vor uns eine echte ſchwediſche„Bauernfregatte“ von der weſtlichen Küſte des Reiches, denn jeder Kenner heftet ſeine Aufmerkſamkeit auf die ungeheure Deckladung, auf die grauen, rothen ä—=ͤ-S—- 5 st und weißen Lappen, aus denen die Segel zuſammengeſetzt m ſind und ihnen in der Entfernung das Ausſehen geklei⸗ A⸗ ſterter Fenſterſcheiben ertheilen. Ueberdieß deutet man, on um den Beweis vollſtändig zu machen, auf den Umſtand en hin, daß der„Capitain“ auf der Kappe Blättertabak ie zerſchneidet; daß zwei Mann von der Beſatzung ausge⸗ :f⸗ ſtreckt auf dem Magen liegen und im Sonnenſcheine on ſchlafen, und daß endlich ein barfüßiger Koch in zerriſſe⸗ he nen Hemdärmeln ein kleines Ferkel aus dem Back, ei⸗ woraus er ſelbſt zu eſſen pflegt, mit Erbſen füttert. yte Glücklicher Weiſe gibt es aber auch eine Menge pe von ſchwediſchen Fahrzeugen, welche wegen ihrer ausge⸗ en, zeichneten Conſtruction die Aufmerkſamkeit der Seeleute ch⸗ auf ſich ziehen, beſonders die Brigg Wiking und der ges Dreimaſter Zenobia von Göteborg. Dieſe Prachtexem⸗ plare ſieht man ſtets umgeben von Booten voll von in⸗ Seeoffizieren und anderen Liebhabern. Die⸗ Seeleute als lächeln vor Entzücken, die Schiffsbaumeiſter ſeufzen vor en, Aerger, daß ſie dergleichen nicht zu leiſten vermögen, as und die Schiffsrheder fluchen vor Neid und— nehmen eine Priſe Tabak. en, Wenn man nicht recht weiß, welche unter den vor tet, Anker liegenden Fahrzeugen in die See ſtechen oder welche den nach Antwerpen zu gehen beabſichtigen, ſo braucht man apf nur auf diejenigen Achtung zu geben, denen ſich ein hat kleines Boot nähert, das von einem Ruderer in Bewe⸗ äh⸗ gung geſetzt wird, und in deſſen Hintertheil ein junger ge⸗ Mann mit jenem Ausſehen von„Vigilance“, womit die det Natur ſelbſt gewiſſe Geſichter geſtempelt hat, ſich befindet. ker Sieht man ferner beſagten jungen Mann die Fallreegs⸗ ten treppe hinaufſpringen, auf den Capitain zueilen und ihn eug mit einer Herzlichkeit begrüßen, als wäre er ein lange hen erſehnter Bruder, Vater oder Freund, ſo iſt dieſer Mann daß unfehlbar ein Mäklerbedienter oder ein ſogenannter chte„Auslieger“, den die größeren Antwerpener Mäflerhäuſer des in Vließingen beſolden, um ſich Commiſſtonen zu ver⸗ keit ſchaffen: und nun weiß man beſtimmt, daß dieſes Fahr⸗ hen zeug aufwärts gehen ſoll. ——— ͤn Nachdem aber unſere Aufmerkſamkeit hin und her eſch ebt hat, muß ſie endlich ſich auf einen prächtigen reimaſter heften, welcher mit vollen Segeln der See zuſteuert. Die ſchwediſche Kauffahrteiflagge iſt gehißt, und an dem geſchmackvoll gebauten Achterſpiegel erblickt man ein meiſterhaftes Gemaͤlde, welches eine Seenymphe darſtellt, der eine Sammlung von verliebten Tritonen auf ihren Inſtrumenten von Muſchelſchalen ein Ständ⸗ chen zu bringen ſcheint. Unter dem Gemälde iſt in blendenden, neuvergoldeten Buchſtaben zu leſen:„Das Seefräulein von Gefle.“ Die Sicherheit und die Schnelligkeit, womit die Segel herabgefiert oder aufgegeiet werden, zeugt von einer geübten Beſatzung, und die vollkommene Eleganz, womit das Seefräulein zwiſchen Zenobia und Wiking vor Anker geht, erinnert an den ruhigen und ungenirten Takt, mit welchem eine Dame von hohem Range bei dem Eintritte in einen Salon nach einem ungezwungenen Gruße den ihr gebührenden Platz bei den Vornehmſten in der Geſellſchaft einnimmt. Wenn jedoch das Seefräulein ſelbſt an Schönheit und Eleganz in jeder Hinſicht mit den Göteborger No⸗ tabilitäten wetteifert, ſo gibt ihr junger Befehlshaber an Eleganz ſogar dem eleganten Franzoſen gar nichts nach. Und gewiß ſchwellt die ſtolze Bruſt, gewiß ſchlägt das junge Herz einige Takte ſchneller, als gewöhnlich, wenn ſich ſo mancher Blick mit gemiſchten Ausdrücken auf das Seefräulein richtet, dieſe edle Dame, deren wirklicher Ritter, Beſchützer, Rheder und Beſitzer in einer einzigen Perſon, nämlich in der des Capitains, vereinigt iſt. „Conſtabel!“ rief der Capitain Stangerling, als auf dem Deck Alles klar war,„komm her!“ Unſer Freund Bas ſtellte ſich ein. „Laß das eine Boot hinabfieren, Conſtabel, und fahre an's Land! Melde auf dem Conſulatscomptoir meine Ankunft und frage nach, ob von dem Handels⸗ hauſe Imſchout zu Middelburg Ballen angekommen ſind, enen iſten aheit No⸗ aber ichts hlägt rlich, icken deren r in ains, 3 auf und ptoir dels⸗ ſind, 7 die ich mitnehmen ſoll— der Mäkler zu Antwerpen ſagte ein paar Worte davon. Mit friſchem Fleiſch und was Du an Gemüſe anſchaffen kannſt, mußt Du uns verſehen.... Ich ſelbſt bleibe an Bord!“ „Gut, Capitain— ich werde die Augen offen halten!“ „Warte! Während Du die Augen offen haſt, ſo ſieh zu, daß Du uns einen Matroſen auffiſcheſt anſtatt dieſes Paulsſon, der...“ Hier brach der Capitain ab, doch eine Röthe, die ſeine Wangen noch ſtärker färbte, drückte hinlänglich aus, was er ſagen wollte. Es war nämlich dem Capitain ein kleiner Verdruß zugeſtoßen, den er noch nie gehabt hatte, nämlich daß am Abende vor der Abreiſe einer von ſeinen in Gefle eingemuſterten Matroſen von dem Seefräulein weggelaufen war. Ein triftiger Grund dieſes Entlaufens ließ ſich um ſo weniger denken, als der Kerl ſich ſtets ſehr zu⸗ frieden gezeigt und oft auf der Reiſe nach einem Hafen am mittelländiſchen Meere, von dem das Seefräulein Fracht nach Antwerpen gehabt hatte, von welchem letzt⸗ genannten Orte ſie jetzt mit Stückgütern nach Stockholm ging, ſich einiger lobenden Worte aus dem Munde des Capitains verdient gemacht hatte. Die ganze Geſchichte verdroß unſern Capitain alſo mehr, als er jemals ein⸗ geſtehen wollte— ja es beleidigte und reizte ihn, daß man ſagen konnte, es wäre dergleichen unter dem Be⸗ fehle des gerechten Capitains Stangerling vorgefallen. Nun aber war es einmal geſchehen, und daher erhielt Bas den Befehl, einen andern Matroſen zu ſchaffen. Nachdem Capitain Albin ſich unter Austheilung verſchiedener Befehle auf dem glänzenden Verdecke des gnädigen Seefräuleins— wo Alles ſo neu angeſtrichen, ſo glänzend weiß und ſymmetriſch war, wie man es ſich wohl bei einem edlen Fräulein denken kann, das ſich zum erſten Male nicht allein in neuer, ſondern auch in großer Parüre zeigt— umhergeſchwenkt hatte, ging er hinab in ſeinen Salon. Das Seefräulein hatte einen ſo geräumigen Salon, daß man, wenn der Capitain “ — — —ÿ——— (wie er auch zu thun gedachte) bisweilen Paſſagiere mitnahm oder vielleicht künftig die Haushaltung ver⸗ rößerte, man nicht nöthig hatte, des Genuſſes zu ent⸗ hedren, ein angenehmes Geſellſchaftszimmer zu beſitzen. Und es wäre eine Suͤnde, wenn man ſagen wollte, Vater Stangerling hätte bei der Einrichtung dieſes Zimmers Koſten geſpart. Albin's Geſchmack war in allen Stücken zu Rathe gezogen worden, und da dieſer Geſchmack die Erlaubniß hatte, ſeiner kleinſten Laune zu folgen, ſo war auch der Salon ein unverwerflicher Zeuge des Sinnes unſers jungen Capitains für Schönheit, Bequem⸗ lichkeit und Harmonie. Seine Schlafkammer ſtand in Verbindung mit dem Salon, von welchem man in Be⸗ tracht deſſen, daß er auf einem Kauffahrteiſchiffe war, eigentlich mit Recht ſagen konnte, daß er allzu viel von dem Laſtraume wegnahm. Doch das Schiff war ja auch nicht nach der Beſparung gebaut worden, welche man jetzt ſo oft ſehen muß: das Schöne war dem bloß Nützlichen hier nicht aufgeopfert worden. Ein friſcher Wind ſpielte herein durch die geöffneten Fenſter des luftigen Salons und hob bisweilen die kir⸗ ſchenfarbigen ſeidenen Gardinen auf, ſo daß ſie, ihre weichen Falten ausbreitend, auf die Seite flatterten und ſich dort auf einen Augenblick phantaſtiſch um eines der in ſeinen Niſchen befeſtigten Marmorbilder drapirten und dann wieder launenhaft gleich ſchwaienden Flaggen zum Fenſter hinaus flatterten, und, mit einigen blinken⸗ den Waſſerperlen beſpritzt, zurückkehrten— ein Ehren⸗ geſchenk der Meerfrau, welche den Gruß hiemit erwiedert atte.— Albin trat an den mit einer türkiſchen Decke beklei⸗ deten Divantiſch, auf welchem ſein Journal, nebſt ver⸗ ſchiedenen Büchern, Karten und Inſtrumenten lag; denn während der heißeſten Zeit des Sommers arbeitete er am liebſten hier; und nachdem er den Rock abgeworfen und die bequeme Kajütentracht(einen kurzen Rock von violettem Sammet und eine kleine runde Mütze von derſelben Farbe) angelegt hatte, warf er ſich nicht auf 9 giere die elaſtiſch ſchwellende Ottomanne, ſondern ſetzte ſich ver⸗ mit einer angezündeten Cigarre im Munde vor den ent: Tiſch und begann ſeine Anzeichnungen im Journale zu itzen machen.. Rater Nachdem das gethan war, wollte unſer Capitain mers einige Papiere in der verborgenen Schieblade des Tiſches ücken fuchen— er verlegte öfter Papiere dahin— und da ck die meinte er denn heute, ganz ſo wie gewöhnlich, er könnte d, ſo wohl, da er die Lade nun doch einmal zufällig ge⸗ des öͤffnet hatte, einen Blick auf einige⸗ Kleinigkeiten werfen, ſuem⸗ welche dort verwahrt lagen, und unter welchen Kleinig⸗ ad in keiten ganz beſonders zwei ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich Be⸗ zogen, nämlich ein Bouquet getrockneter Blumen und war, eine kleine blaue ſeidene Börſe. l von„Wollen ſehen, wollen ſehen!“ Dieſe Worte bahnten ur ja ſich nebſt einem glückſeligen Lächeln einen Weg über ſeine welche Lippen, als er, mit der verführeriſchen Börſe in der einen bloß und mit den Blumen in der andern Hand, einen Anfall von der alten Vorliebe für Sturm⸗ und Abtriftſcenen fneten erhielt— wir meinen nämlich ſolche, die man ſich auf ie kir⸗ der Oſtſee zu einer paſſenden Zeit beſtellen konnte. Die „ihre Fracht ſollte, wie man weiß, nach Stockholm,— und den n und Sund von Calmar paſſiren, hieß ja faſt ebenſo viel, als es der n dem Hausflure von Wisby ſein. pirten Seeit dem letztverfloſſenen Herbſte entbehrte Albin aggen aller Nachrichten von ſeiner kleinen Göttin auf Gott⸗ inken⸗ land; ſo viel aber wußte er jetzt, daß ſeine Gefühle Shren⸗ giwiß mit den Sommervögeln davon geflogen wären, wenn viedert ſie nämlich zu der flüchtigen Art gehört hätten, und daher war es ſein feſter Entſchluß, ſofern ihn jetzt kein Zufall beklei⸗ nach Gottland führte, zum Herbſt beſtimmt mit oder ſt ver⸗ ohne Zufall dahin zu reiſen— und wenn ſie, die Zau⸗ ; den herin, das kleine Engelweſen, jetzt kein bloßes Kind mehr, tete er ſondern zu einer noch weit ſchöneren Jungfrau herange⸗ worfen wachſen, als da er ſie geſehen hatte, dann das Gemälde ck von ſchauete, welches das Seefräulein ſchmückte, ſo würde ſie — gze von ganz gewiß die Bedeutung deſſelben verſtehen und über cht auf die Serenade der Tritonen lächeln. ö —, — — Von den Tritonen und der Seenymphe wurden ſeine Gedanken ganz natürlich auf den gelenkt, welcher ihm mit warmer Hand ein ſolches Geſchenk, wie ſein ſtolzes, prächtiges Schiff, gemacht hatte; und als ſein Herz ſich öffnete, um gleichſam das Bild des geliebten Pflege⸗ vaters zu umfaſſen, floß dort mit demſelben noch ein anderes zuſammen, nämlich das Bild des Capitains Flyborg, des hochgeachteten und geſchätzten Vorgeſetzten, der ihm die Stelle eines Vaters vertreten hatte, da er ohne einen andern Beſchützer als Bas gleich einem ver⸗ irrten Vogel in dem großen London ſich ſelbſt überlaſſen war. Noch eine andere Erinnerung dämmerte hervor: die Erinnerung an ſeine theure Pflegemutter, die edle Frau Wolk; und nun mußte die Brieftaſche mit Tibb's Portrait, welche ebenfalls in dem verborgenen Fache lag, hervor und auch einen Blick voll beredter Herzlichkeit erhalten.„Ach, ſie ſind herrlich und ſchön, dieſe Erin⸗ nerungen!“ ſagte er mit einem ſonnenklaren Blicke. „Alles hat ſich ſo glücklich gewendet, und das ganz gewiß darum,“ fügte er mit einem ſcherzhaften Uebergange in den Gedanken hinzu,„weil ich dem Rathe der Mutter Kitty gehorchte, und nicht an einem Freitage Miethe nahm... Mutter Kitty! alte Ehrenfrau! ich ſehe Dich noch, wie Du ſitzeſt vor dem gewaltigen Tiſche mit dem Kaffeekeſſel, der Brodpyramide, der in Flaggen⸗ und Ankerform aufgelegten Butter und vor Allem dem gigan⸗ tiſchen Yorkſhirekas, von dem ich ſo manche Scheibe gratis erhielt!“ Mit weichem Herzen ſtand der Capitain auf, ver⸗ ſchloß ſeine Schätze und kehrte auf das Verdeck zurück. Zwei Stunden ſpäter legte Bas mit dem Boote an. Sch am niß mit iſt und dach eine hm zes, ſich ege⸗ ein ins ten, er ver⸗ ſſen vor: edle bb's lag, kkeit rin⸗ icke. wiß e in atter eethe Dich dem und gan⸗ eibe ver⸗ ick. an. 11 Zweites Capitel. Derneue Matroſe. Capitain Albin war in ſeiner ſchönen Kajüte oder Schlafkammer, als der Conſtabel eintrat, um von ſeinen am Lande ausgerichteten Aufträgen Rapport abzuſtatten. „Nun, mein lieber Bas, Du ſiehſt ja ſo geheim⸗ nißvoll aus, als hätteſt Du recht intereſſante Dinge mitzutheilen!“ „Ich will eben nicht ſagen, daß es ſo ſehr intereſſant iſt, mitzutheilen aber habe ich wirklich Etwas.“ „Was meinſt Du?— Trafſt Du vielleicht Jeman⸗ den von...“ Albin ſchlug ein paar große, verwunderte n lebhaft ſpielende Augen auf— Gott weiß, was er dachte. „Ich habe einen Auftrag vom Conſul!“ fiel Bas ein. „Ach ſo— ſonſt Nichts?... Erhieltſt Du alſo die Frachtgüter?“ „Ja, Herr Capitain, das iſt Alles klar.“ „Und neuen, friſchen Proviant von aller Art?“ „Ich ſuchte das Beſte zu erhalten, was zu haben war, und— es iſt eine Schande, ſelbſt ſo zu ſagen— ich habe eine gute Witterung!“ „Und der Matroſe?“ „Auch auf einen Solchen habe ich Beſchlag gelegt und das ohne viele Mühe: er trieb ſich ſelbſt herum und bot ſeine Dienſte aus. Aber ich weiß nicht gewiß, ob er Ihnen anſtehen wird: er ſagt, er ſei ein Amerikaner und verſteht kein Wort Schwediſch. Doch das thut ja wohl Nichts, wenn er übrigens nur taugt, da Sie und ich und Mehrere von der Beſatzung Engliſch können.“ „Nein, das bedeutet nicht viel! Laß ihn herabkom⸗ men, ſo will ich mit ihm reden!“ „Soll geſchehen, Capitain! Erſt aber muß ich den Auftrag des Conſuls ausrichten. Er ſagte mir, ich ſollte fragen, ob Sie nicht ſo gut ſein wollten, drei Frauen⸗ ——— e ————— — E.— zimmer als Paſſagiere mit nach Schweden zu nehmen, wohin ſie reiſen wollten. Es iſt eine Frau oder zwei Frauen— ich kann nicht recht ſagen, wie es ſich damit verhält— und eine Jungfer. Sie waren ſo angelegen, guten Convoi zu erhalten, ſagte der Conſul, denn ſie hatten lange auf ein Schiff gewartet, und der Capitain könnte ſie in Calmar abſteigen laſſen.“ „Drei Frauenzimmer— o, das gibt ſo furchtbare Umſtände und Mühe und iſt gar nicht angenehm!“ ſagte der junge Capitain nachdenkend. „Der Conſul ſagte, ſie ſind reich und bezahlen eine anſtändige Fracht!“ „Das iſt Alles recht gut— doch zwei alte, lang⸗ weilige Frauen auf einer langen Seereiſe..“ „Ich weiß nicht, ob die Frauen ſo erſchrecklich alt ſind, doch,“ entgegnete Bas mit einem angenehmen Schmunzeln,„die Jungfer iſt jung und hübſch und fein, denn dieſe ſah ich— ſie hatte eben etwas beim Conſul auszurichten— und als wir von dort hinweggingen, ſo legte ſie ihre Hand ſo innig auf meinen Arm und ſagte: „Lieber, guter Conſtabel! iſt es ein gutes Fahrzeug? Es iſt doch wohl nicht gefährlich?“...„Gefährlich?“ ant⸗ wortete ich—„nein, behüte, es iſt ſo ſicher, wie auf dem Lande!““ Albin lächelte über das ſichtbare Entzücken, welches ſich auf dem ehrlichen Geſichte des Conſtabels ausſprach, ein Entzücken, das wahrſcheinlich, wenn Gelegenheit dazu wäre, ihn eine neue Liebesflamme erleben laſſen könnte, wo es dann möglich wäre, daß es mit dem Sternſhawl, den die undankbare Poll verſchmäht hatte, endlich Ernſt werden könnte. „Wohlan denn,“ entſchied unſer junger Capitain, „ich muß alſo wohl auf Deine Empfehlung— und da es auf jeden Fall eine Sünde wäre, da die Damen eine gute Gelegenheit bekommen könnten, ſie derſelben um meiner Bequemlichkeit willen zu berauben, ſo muß ich ihnen auch wohl meine Schlafſtube einräumen. Doch das ſage ich: ihre Aufwartung kommt auf Deinen Antheil: men, zwei amit egen, n ſie itain tbare ſagte eine lang⸗ h alt hmen fein, onſul en, ſo agte: 2 Es ant⸗ e auf elches brach, enheit laſſen t dem hatte, ditain, nd da meine n um iß ich Doch nheil: 13 ich will mit ihrer Seekrankheit und abſcheulichen Bangig⸗ keit nichts zu ſchaffen haben.“ „Machen Sie ſich darüber keine Sorge, Capitain: ich nehme ſie alle Drei auf meine Partage; und da die Jungfer doch wohl auch ihren Platz haben muß, ſo erhält ſie meine Koje: ich lege mich unter die Treppe — habe wohl ſchon ſchlechter gelegen, als ſo!“ „Aha! Du denkſt es ſo ſchön einzurichten? Haſt Du auch wohl vergeſſen, daß wir weder Wein noch Brannt⸗ wein bekommen können, ohne durch Deine Schlafkammer in den Laſtraum zu gehen? Die Deckluken öffne ich auf keinen Fall, wenn ſie erſt feſtgemacht und mit ihrer Perſenning belegt ſind— oder rechneteſt Du auf dieſen Umſtand, als Du den Vorſchlag machteſt, die kleine Jungfer bei Dir einzulogiren?“ „O,“ ſagte Bas, indem er ſich ſchmunzelnd um das Kinn ſtrich,„daran habe ich in der Eile nicht gedacht; auf jeden Fall aber will ich ihr's ſchon beizubringen wiſſen, daß wir weder ohne Wein noch auch ohne das holländiſche Bier ſein können— ſie muß ſich wohl Etwas gefallen laſſen, wenn ich mich ihrer annehme.“ „Nun gut! Rudere alſo an's Land und ſage den Damen: ſie ſind willkommen zu den Bequemlichkeiten, die ſich anſchaffen laſſen— und iſt es ſpät in der Nacht, da ſie an Bord kommen, was vermuthlich der Fall ſein wird, ſo führſt Du ſie hier ein und entſchuldigſt mich, denn ich denke nicht, ſitzen zu bleiben und auf ſie zu warten.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Herr Capitain: ich werde den Hofmeiſter ſpielen, ſo daß es verſchlägt— und kann ich noch mehr Rares für den Tiſch zu faſſen kriegen— Obſt, Backwerk und ſolchen Kram— ſo werde ich Ihre Kaſſe nicht ſchonen!“ „Vor allen Dingen rathe ich Dir, eine ſchwere Menge von Sahne mit Zucker einzukochen; denn werden ſte krank, und das werden Damen immer, ſo verzehren ſte nichts Anderes, als Kaffee.... Adieu nun!... Schicke mir den Matroſen!“ — — ————ÿõ „Sogleich, Capitain!“ man nicht die ſchweren Tritte eines plumpen Matroſen, ſondern leichte, man könnte ſagen, unſichere Schritte. Der Prätendent zu dem erledigten Matroſendienſte auf dem Seefräulein trat ein und blieb an der Thüre ſtehen, wo er ſchweigend wartete, bis der Capitain ihn anredete. Es war eine ſonderbare Figur, deren Aeußeres nicht viel Empfehlenswerthes hatte. Die Farbe des Mannes war braun, wie die eines Indianers; das Haar, welches im Nacken ganz kurz war, hing ſtumpf abgeſchnitten über die Stirn bis auf die Augenwimpern herab, die ſich immerwährend auf ein Augenpaar herabſenkten, welches ſo klein war, daß es kaum ſichtbar werden wollte. Ein ziemlich langer, ſchwarzer Kinnbart vereinigte ſich mit der für einen Seemann ungewöhnlichen Halsbekleidung, nämlich einer Binde, die faſt bis an die mit einem ebenfalls ſchwarzen Barte verſehenen Backen hinaufreichte. Ein ſchwarzes Pflaſter, wie Bas es oft in jenen Zeiten trug, da er noch unter den Augen der Mutter Kitty im Kochhauſe ſeine Kämpfe hielt, ging gerade über die Naſe ein Stück auf die rechte Wange herab. Der Anzug beſtand nur aus Unterkleidern von Segeltuch und einer rothen, unge⸗ wöhnlich langen, wollenen Blouſe; doch war Alles neu und anſtändig. Der Eindruck, welchen der Ankömmling auf den Capitain Albin machte, war nicht angenehm: es lag etwas zu gleicher Zeit Liſtiges und Kühnes in dem Aeußern des Mannes, und unſer Capitain war ſchon halb entſchloſſen, ihn nicht anzunehmen, ehe ſie noch ein Wort gewechſelt hatten. „Wo biſt Du geboren und woher kommſt Du jetzt?“ fragte der junge Befehlshaber auf Engliſch. Der Conſtabel verſchwand, und gleich darauf hörte wil einer arzen arzes da er hauſe Stück nur nge⸗ neu den lag dem ſchon noch tzt?“ 1⁵ „Geboren in Bahia, kam nach Antwerpen, von dort entlaufen, nenne aber weder Capitain noch Schiff... will jetzt unter einem Schweden Miethgeld nehmen.“ „Warum denn gerade das?“ „Weil ich gehört habe, daß die Schweden tüchtige Seeleute ſind. Ich bin faſt mit allen Nationen gefahren, außer mit dieſer, rede faſt alle Sprachen, außer dieſer . will ſie auch lernen.“ „Biſt Du denn aber auch ein tüchtiger Seemann?“ „Kommt auf den Verſuch an— zweifle, daß Sie jemals einen tüchtigeren gehabt haben!“ „Beſcheidenheit ſcheint eben nicht Deine ſchwache Seite zu ſein!“„ „Man weiß, wozu man taugt, Herr Capitain!“ „Es iſt möglich, daß Du Recht haſt— wenigſtens will ich mein Urtheil über Deine unberufenen Lobes⸗ erhebungen aufſchieben.... Was für Merkmale haſt Du aber im Geſicht? Ich habe es nicht gerne, daß meine Leute dergleichen dort tragen!“ „Ich ſtieß mich zufällig gegen eine Fauſt und be⸗ ſchädigte die Naſe— dieſe aber iſt wohl nicht noth⸗ wendig für den Dienſt an Bord?“ „Du ſiehſt mir ſo ſchwach und ſchmächtig aus, daß ich meine, Du hätteſt Dich in Acht nehmen müſſen, einem ernſten Seebären in die Klauen zu fallen!“ Aus den tiefliegenden Augen des Matroſen fuhr ein Blitz, ſo ſcharf wie der des Donners; ſchnell aber ſenkte er wieder die langen Augenwimpern und erwiederte ausweichend:„Herr Capitain! Sie zerbrechen ja den eichenen Stock mit ihrer Kraft; voch der elaſtiſche Rohr⸗ ſtock trotzt derſelben.“. Capitain Albin, welcher einen Augenblick mit einer auf dem Tiſche liegenden Kleinigkeit beſchäftigt geweſen war, ſah bei dieſen Worten ſchnell auf: es war ein gewiſſes Etwas an dieſem Manne, welches anzeigte, daß ſeine Aeußerungen keine leere Prahlerei waren— es war auch Etwas, das den Capitain inſtinktmäßig —,— — —ÿÿ·,· — intereſſirte und machte, daß er fragte:„Wie viel Miethe verlangſt Du denn?“ „Achtzig Franken im Monat!“ „Das iſt doppelt ſo viel, als meine beſten Matroſen erhalten!“ „Wenn der Herr Capitain mir erlauben, meine Meinung zu ſagen, ſo wollte ich ſagen, daß ich glaube, ich bin ſo gut wie Drei!“ „Du biſt beinahe unverſchämt! Willſt Du vierzig Franken nehmen?“ „Nein, Herr Capitain!“ „Adieu denn! ich ändere nie ein Anerbieten, das ich kuunne gethan habe.... Ich werde Dich an's Land ſetzen aſſen!“ „Aber, Herr Capitain, ich will nothwendig zur See, und meine achtzig Franken verdiene ich. Entweder muß ich ſte haben oder auch gar nichts; was es aber ſein ſoll, das überlaſſe ich Ihnen zu entſcheiden— kommen Sie glücklich nach Hauſe, ſo werden Sie mir das Ge⸗ forderte nicht verſagen!“ Albin hatte ſich auf die Seite gewendet und gewahrte nicht das Hohnlächeln, welches die Lippen des Matroſen kräuſelte.. b „Weil Du mit die Beſtimmung der Bedingungen überläſſeſt,“ antwortete der Capitain nach kurzem Be⸗ denken,„ſo nehme ich Dich an. Rechtfertigſt Du Deine prahleriſche Selbſtempfehlung, biſt Du wirklich ſo gut wie Drei oder auch nur wie Zwei, ſo iſt es billig, daß Du darnach Deine Ablohnung erhältſt; biſt du dagegen, was ebenſo wahrſcheinlich iſt, ein Aufſchneider und ein Taugenichts, ſo erhältſt Du auch Nichts. Jetzt iſt es abgemacht— Du kannſt gehen!“ Der neue Matroſe verbeugte ſich und verließ die Kajüte mit einem kurzen:„Ich danke, Herr Capitain!“ „Ein ſonderbarer Paſſagier!“ ſagte unſer Capitain, indem er aufſtand und mit dem Gedanken an die erwar⸗ teten Damen ſeine Kajüte in nähers Betrachtung nahm; „doch, taſie b weilte, keit. eine 7/ G hier in kommſ ſein w aufmer Dingen iſt! F erhältſt Dir al zu Sch. uſchre beſſer, nun ſo ſondern Dieſe 2 mache wieder glänzen dieſe S Mühe! Der J 17 „doch,“ fuhr er fort, indem ſeine erfindungsreiche Phan⸗ taſie bald bei der einen, bald bei der andern Verbeſſerung weilte,„er machte mich neugierig auf ſeine Geſchicklich⸗ keit. Wie es auch ſein mag, ſo iſt die Zeit knapp und eine Reiſe keine Ewigkeit.... Petter!“ „Herr Capitain!“ „Ich will Dir ſagen, mein lieber Petter, daß Du hier in der Kajüte ein paar Damen aufzuwarten be⸗ kommſt, wenn ſie, was wohl die meiſte Zeit der Fall ſein wird, ſich nicht ſelbſt helfen können. Sei höflich, aufmerkſam, flink in Deinen Arbeiten, und vor allen Dingen zeige, daß Reinlichkeit die Hauptſache an Bord iſt! Führſt Du Dich zu meiner Zufriedenheit auf, ſo erhältſt Du auch von mir ein Trinkgeld— läſſeſt Du Dir aber die geringſte Nachläſſigkeit und Verſäumniß zu Schulden kommen, ſo magſt Du Dir die Folgen ſelbſt zuſchreiben!“ „Aber,“ wendete Petter ein, welcher meinte, es ſei beſſer, vor⸗ als nachbedachtſam zu ſein,„wenn ſie mich nun ſo fleißig beſchäftigen, daß ich nicht an zwei Orten ſein kann, welcher Glocke ſoll ich dann gehorchen, wenn es beim Herrn Capitain gerade dann klingelt, da ich bei ihnen bin?“ „Biſt Du bei ihnen, ſo thuſt Du natürlich erſt ſo ſchnell wie möglich, was zu thun iſt; wo Du aber ſonſt ſein magſt, ſo halte die Ghren offen, wenn ich klingle. =. Und nun hurtig an's Werk mit unſern Anordnungen! Du ſollſt in beide Kojen Matratzen legen und oben drauf die feinſten Laken, die wir haben, und die weißen Piqué⸗ decken. Beſchmutze die grünen ſeidenen Gardinen nicht, ſondern nimm Dich in Acht, damit Alles fein ausſieht. Dieſe Armleuchter muß ich Dir wohl losſchrauben— mache nur den Wandſpiegel nicht entzwei, wenn Du ſie wieder feſtſchraubſt, und mache ſie ſo blank, daß ſie glänzen, wie Gold!... Doch warte: Du mußt mir erſt dieſe Schiebladen ausräumen helfen. Teufel, ſolche Mühe! Wir müſſen Alles in den Salon ſcaffen, ſo Der Jungferthurm. IV. ö will ich zuſehen, wo ich in einem von den Schränken Raum dafür ſchaffen kann!... Nun hurtig, Petter! zeige, daß Du ein tüchtiger Junge biſt!“ Nachdem unſer Capitain endlich alle ſeine Anord⸗ nungen für die erwarteten Damen beendigt und mit einem gewiſſen zufriedenen Stolze ſein Werk überſchaut hatte— die hübſche Kajüte glich jetzt auch wirklich mehr dem Toilettenzimmer einer feinen Dame, als der Reſidenz eines Schiffers— trat er in die Hütte des Conſtabels, in der Meinung, auch hier einen prüfenden Blick auf dasjenige zu werfen, was ſich in Rückſicht auf die Bequemlichkeit für Poll's zukünſtige Nebenbuhlerin ma⸗ chen ließ. Aber unter einem jugendlichen und herzlichen Lachen bemerkte er, daß hier jede Sorgfalt ganz unnöthig war: Bas hatte ſich ſo gute Zeit gelaſſen, ehe er an's Land fuhr, daß in ſeinem Lokale nichts für die künftige Herr⸗ ſcherin fehlte. Inzwiſchen würde ſich kein Menſch, welcher Gelegen⸗ heit gehabt hatte, die von Bas angewendete Schlauheit und ſeinen wirklichen Kunſtſinn zu prüfen, auch nur im Geringſten über die kleine Munterkeit des Capitains auf Koſten ſeines Conſtabels gewundert haben— ja, der Capitain Albin lachte ſo echt kindlich, daß er ſich ohne allen Reſpekt auf das Bett warf, welches Bas mit be⸗ dachtſamen Händen für die künftige Beſitzerin des Stern⸗ ſhawls vor Kurzem zubereitet hatte. Wort für Wort Alles anzugeben oder zu wieder⸗ holen, was Bas geleiſtet hatte, das wäre unmöglich aber ein wenig müſſen wir uns dennoch wohl mitt dieſem Lokale vertraut machen, welches vielleicht in Zukunft der Zeuge der einen und der andern Scem wird, in welcher unſer ehrlicher Conſtabel nicht der allei⸗ nige Held ſein wird. Die Hütte des Bas hatte außer der Koje und dem drei F eine n für ih Mund welche hatte, man, andern fidenz und T und a war de falt ar rechtig Stand zubrin⸗ J Tinten unſern er jetzt Eau d eintreff einem herſtolz um der welche Glückli Jetzt a Conſta war, delicate Mitte präſent gende hränken Petter! Anord⸗ und mit verſchaut ich mehr Reſidenz nſtabels, zlick auf auf die erin ma⸗ n Lachen hig war: n's Land ge Herr⸗ Gelegen⸗ jchlauheit hnur im tains auf ja, der ſich ohne 3 mit be⸗ es Stern⸗ wieder⸗ nmöglich vohl mitt elleicht in en Scem der allei⸗ und dem 19 drei Fuß breiten Raum vor derſelben, zwei Thüren, die eine nach Außen für einen Jeden, die zweite nach Innen für ihn allein; denn als der wirkliche Hofmeiſter und Mundſchenk des Seefräuleins war nur er derjenige, welcher über Wein, Branntwein und dergleichen zu ſagen hatte, und, wie der Capitain ſchon angemerkt hatte, konnte man, nachdem die Luken aufgelegt waren, auf keinem andern Weg in den Laſtraum kommen, in welchem gleich⸗ wohl jetzt wegen der leichten Frachtgüter mehr Ballaſt als Laſt vorhanden war.(Doch dieſes im Vorübergehen für kommende Zeiten.) Natürlich hatte jedoch der Conſtabel in ſeiner Re⸗ ſidenz auch noch etwas mehr als Schlafſtätte, Fußboden und Thüren: er hatte auch einen feſtgeſchraubten Tiſch; und auf dieſem eine feſtſtehende Toilette anzubringen, war die Arbeit geweſen, auf welche er die größte Sorg⸗ falt angewendet hatte— und mit einem Fünkchen Ge⸗ rechtigkeit wird man auch einſehen, daß Niemand im Stande geweſen war, mehr mit den Reſſourcen hervor⸗ zubringen, welche hier zu Gebot geſtanden hatten. In dem kleinen Tiſche befanden ſich nämlich für Tinten⸗ und Sandfaß kleine Löcher; da jedoch dieſe für unſern Freund Bas beinahe Luxusartikel waren, ſo hatte er jetzt das grüne Tintenfaß ausgeſpült und daſſelbe mit Eau de Cologne von der ausgeſuchteſten Art, die er für eintreffende Gallatage bewahrte, da der Conſtabel mit einem rothen, ſeidenen Taſchentuche auf dem Lande ein⸗ herſtolzirte, gefüllt. Das Sandfaß war hinweggenommen, um der porcellainenen Seifenſchachtel Platz zu machen, welche— kann man ſich wohl etwäs ſo übermenſchlich Glückliches denken?— genau zu dem leeren Loche paßte. Jetzt aber war nicht die Rede von der Bartſeife des Conſtabels— weit entfernt davon: als er in der Stadt war, hatte er in dc. Apotheke die allerausgeſuchteſte, delicateſte und feinſte Roſenpommade gekauft. Und in der Mitte zwiſchen dem Eau de Cologne und der Pommade präſentirten ſich in einem ſymmetriſchen Halbkreiſe fol⸗ gende Artikel: in der Mitte ein kleiner Leiſetten pitgel *† —————————— in einem rothlackirten Rahmen mit vergoldeten Leiſten, und an den Seiten deſſelben ein Stück Seife mit Por⸗ trait auf dem Umſchlage, eine halbe Flaſche voll Haaröl aus dem Vorrathe des Capitains, eine kleine Flaſche voll Spiritus, um ſie bei eintreffender Seekrankheit oder bei Ohnmachten unter die Naſe zu halten. So war die Toilette. Noch aber war etwas übrig. Eine kleine Zimmermannskiſte für feinere Werkzeuge war ausgeleert worden und bildete mit ihrem polirten abſchüſſigen Deckel einen netten Secretair, eine Nach⸗ ahmung desjenigen, der in der Kajüte des Capitains unter dem Wandſpiegel ſtand. Eines von den beſten ſeidenen Taſchentüchern des Conſtabels flatterte als Gardine vor der Fenſterſcheibe, und der Schooß eines abgetragenen blauen Rockes bildete nun, gehörig feſtge⸗ nagelt, eine Matte über den kleinen Fußboden. „Ehrlichet Bas!“ ſagte Albin, der wirklich Scheu genug hatte, das jungfräuliche Bett wieder in Ordnung zu machen,„wie froh iſt wohl Dein Herz bei dieſem Allem geweſen!... Möge nur Deine neue Göttin aller dieſer Huldigung würdig ſein!“ Und um ſeinen Bas recht zu erfreuen, legte Albin noch einige Artikel auf den Tiſch und ging darauf zurück in den Salon, wo er ſelbſt ſich niederzulaſſen gedachte, und wo er auch gut ſchlief, als Bas ſpät in der Nacht mit der weiblichen Bevölkerung des Seefräuleins zurück⸗ kehrte und dieſelbe unter unzähligen Complimenten, Ver⸗ beugungen und Entſchuldigungen über die Abweſenheit des Capitains in das für ſie beſtimmte Zimmer führte. Conſte zu kon b . 1, Stimn / 77 nicht k Leiſten, mit Por⸗ [ Haarbl iſche voll oder bei war die Verkzeuge polirten ne Nach⸗ Capitains en beſten eerte als voß eines ig feſtge⸗ ch Scheu Ordnung ei dieſem ttin aller gte Albin uf zurück gedachte, der Nacht s zurück⸗ ten, Ver⸗ weſenheit er führte. 21 Drittes Capitel. Die Paſſagiere. Das ganze prachtvolle Gemälde der Rhede von Vließingen lag noch in Morgennebel gehüllt, als der Capitain Albin den Petter zu ſeinem Dienſte in den Salon rief. „Was für Wind?“ fragte der Capitain, indem er ſich gähnend auf dem weichen Divan dehnte. „Kein Wind, Herr Capitain!“ Albin gähnte noch einmal und ſah ungemein un⸗ zufrieden aus. „Haben die Damen ſchon geklingelt?“ „Nein, Herr Capitain!“ „Gut!... Wenn Du die Jungfer ſiehſt, ſo erkundigſt Du Dich, ob ſie Kaffee oder Thee befehlen, und machſt, daß Beides in Ordnung iſt!“ „Ja, Herr Capitain!“ „Du hatteſt wohl die Lichter angezündet und Alles klar, als ſie kamen?“. „Alles klar, Herr Capitain!“ „Sind es alte Damen?“ „Nein, behüte, ſie ſind ſo hübſch und ſo fein!“ „Darnach habe ich nicht gefragt.... Sobald der Conſtabel auf dem Deck ſichtbar iſt, ſo bitte ihn, herunter zu kommen!... Kaffee in einer Stunde!“ „Der Conſtabel iſt hier!“ ließ ſich draußen eine Stimme hören. „So! Du biſt ſchon in Bewegung? Du haſt alſo nicht beſonders gut geſchlafen, kann ich mir denken?“ Petter verſchwand und die große Geſtalt unſeres Bas zeigte ſich in der Thür. „Ich habe nicht gut geſchlafen, ſagt der Capitain? Ja, meiner Seel', ich habe in meinem Leben keinen ſüßern Schlaf gehabt! Ich war wirklich traurig, als ich aufwachte; da es nun aber einmal geſchehen war, ͤͤͤͤͤſſͤſſſſſſſ ſo dachte ich, ich müßte wohl nachhören, ob der Capitain nichts zu befehlen hätte.“ „Schaffe Wind, wenn Du kannſt— da haſt Du meinen erſten Befehl!“ „Hat keine Noth, Herr Capitain: in einigen Stun⸗ den haben wir ſo vielen Wind, daß wir auslaufen können.... Verlaſſen Sie ſich auf mich, Herr Capitain! — Sie wiſſen, ich verſtehe mich darauf, ihm auf die rechte Art meine Cour zu machen!“ „Ja, jetzt aber fürchte ich, Du bekommſt mit einer andern Art von Courmachen genug zu thun!“ „O, Einer kann wohl mit zwei Arten von Couren zu gleicher Zeit fertig werden, denke ich... doch verzeihen Sie meine Frage, Herr Capitain: wollen Sie die frem⸗ den Damen zum Frühſtück haben, oder ſollen ſie allein eſſen?“ „Ich müßte ſie wohl getroffen haben, ehe ich der⸗ gleichen Anſtalten träfe. Du kannſt mich bei ihnen zum Beſuch anmelden, ſobald ſie in Ordnung kommen— oder wenn ſie es bei ſich ſo durch einander geworfen haben, daß ſie mich nicht annehmen können, ſo bitte ſie, hier einzutreten: hier ſoll es bald ebenſo fein ausſehen, wie in einem Salon zu Lande; wenn ihnen das aber auch nicht anſteht, ſo bitteſt Du ſie, auf's Deck zu kom⸗ men: ich möchte ſie gerne ſprechen, ehe wir unter Segel ehen.“ geh„Sobald ſie fertig getakelt ſind, werde ich ſie hieher führen, während die kleine Jungfer drinnen rüſtet, und dann können Sie ja vom Deck kommen. Sie wiſſen ja nichts davon, wo der Capitain wohnt— ich bringe ſie nur in den Salon, und damit gut!“— „Behüte, mein lieber Bas. Du ſetzeſt mich ja mit aller Deiner Feinheit und Delicateſſe ganz in Erſtaunen! Ich denke, ein paar ehrliche Frauen werden ſich eben nicht genirt fühlen, wenn ſie wiſſen, daß ich in dieſem Zimmer wohne— ſie werden doch wohl begreifen, daß unmöglich das ganze Fahrzeug zu Wohnzimmern einge. richtet ſein fann!“ 8 Bas, i der He kam m bäte, i Capita denke ſind es ( ſa gte“ aber ke als da 7 G 7 Land U ſtand rothe und p verſpro lein er und h Achterd rohre: in der um ein etwas apitain haſt Du Stun⸗ slaufen apitain! auf die nit einer Couren eerzeihen ie frem⸗ ie allein ich der⸗ nen zum imen— geworfen bitte ſie, ausſehen, das aber zu kom⸗ ter Segel ie hieher ſtet, und wiſſen ja wringe ſie h ja mit rſtaunen! ſich eben in dieſem ffen, daß en einge⸗ 23 „Was ſie begreifen, das weiß ich nicht,“ meinte Bas, indem er mit einem ſchwer zu deutenden Blick mit der Hand über das ſchon fein raſirte Kinn ſtrich;„es kam mir nur ſo vor, als paßte es beſſer, wenn ich ſie bäte, in den Salon zu treten, als in das Zimmer des Capitains.“ „Bitte Deine Damen, einzutreten, wo ſie wollen: ich denke, mäßige Umſtände mit ihnen zu machen.... Was ſind es für welche— wie heißen ſie?“ „Das kann ich wirklich nicht ſagen! Der Conſul ſagte es wohl, aber ich hab's contant vergeſſen: ſo viel aber kann ich doch ſagen, obgleich ich ſie nicht eher ſah, als da es dunkel war, alt ſind ſie nicht.“ „Sie ſind hübſch, wie Petter verſicherte.“ „Ach ſo, er will ſich auf ſo etwas verſtehen?. Nun, nun, Herr Capitain! werden's ſchon ſehen!... Doch pſt!— es geht draußen ſo fein, wie die Hühner mit ihren Füßchen trippeln. Das iſt die kleine Jungfer, ich höre es recht gut!“ „So geh denn hinaus und ſieh nach, wie das Land liegt.“ Ungefähr ein paar Stunden ſpäter— die Sonne ſtand jetzt hoch am Himmel und warf eine faſt gelblich rothe Beleuchtung auf die Inſel und die vielen ſtolzen und prächtigen Schiffe— war wirklich, wie Bas es verſprochen hatte, Wind gekommen. Auf dem Seefräu⸗ lein erwartete man bald den Lootſen an Bord, und hin und her auf ſeinem feingeſcheuerten und geräumigen Achterdeck ging der junge Befehlshaber mit dem Fern⸗ rohre in der einen und der halb ausgerauchten Cigarre in der andern Hand, indem er je zuweilen ſtehen blieb, um einen Befehl zu ertheilen, oder mit eigener Hand etwas zu ordnen, das ſeinem kritiſchen Auge mißfiel. „Herr Capitain, die Damen ſind klar!“ rapportirte Bas, indem er auf das Verdeck trat. ö — —— —= „Gut, Conſtabel! Ich lade ſie zum Frühſtück ein; ſobald wir unter Segel gehen, iſt der Tiſch in Ord⸗ una Sage dem Koch ich will keine Schande von ihm aben!“ „Soll geſchehen, Herr Capitain!“ Bas lenkte ſeine Schritte auf die Kabuſe zu, wo er den Koch in unglaubliche Thätigkeit ſetzte.. Der Capitain dagegen warf die Cigarre über die Regeling, nahm das Fernrohr unter den Arm und begab ſich hinunter in den Salon, um als Wirth auf dem Seefräulein die Honneurs zu machen.. Mit einer raſchen Bewegung drehte er den Handgriff um; doch er war kaum über die Schwelle geſchritten, ſo ſtutzte er zurück mit jenem Ausdrucke von Heftigkeit und Erſtaunen, welcher ſich gewöhnlich zu erkennen gibt, wenn man zufällig auf eine recht große Ueberraſchung nt, ſie mag nun von angenehmer oder unangenehmer rt ſein. „Wetter! nun bekam er einen Stich in die Bruſt! Ja, ja, Bas iſt der Mann dazu, eine kleine Luſtigkeit anzuſtiften!“ murmelte der glückliche Conſtabel, welcher ſich zurückgeſchlichen hatte und eben bei dem Eintritte des Capitains mit ſeiner reſpektabeln Perſon die Oeff⸗ nung der Kappe füllte. Und dürfen wir Albin's Gefühle bei ſeiner Ueberraſchung nach dem Ausdrucke in ſeinem Geſichte beurtheilen, ſo müſſen wir annehmen, daß dieſe Gefühle ausſchließlich der Freude angehörten, denn ſelten hat wohl ein Geſicht ſo viel ungemiſchtes Entzücken verrathen, ſo buchſtäblich geſtrahlt von dem inwohnen⸗ den Glücke, wie in dieſem Augenblick das ſeinige, und nur durch die höchſte Anſtrengung vermochte er ſein Entzücken zu einer hinlänglichen Wärme, zu einer ſchicklichen Ruhe zu mäßigen, als er, vortretend, die Hand der älteren von den beiden Damen küßte und herzlich und verbindlich ſeine ebenſo große als angenehme Ueberraſchung äußerte, die Frau Mörk und die Demoiſelle Roſa als Paſſagiere erhalten zu haben, ein Glüͤck, welches das Seefräulein gewiß niemals vergeſſen könnte. Bei de von de 7/5 ſeine 4 ziges U ſie au welches gemild Roſeng weißen dieſer Roſeng Röthe, kein Li Schim ſeligkei ihr eng Anmut trug, Sprach ſo klar ſie den fräulich Zeitpur Blätter ſte beſch hat, in 7I d dem er hat ſein ſie dare „ Frau 2 herzlich würde, mit ein dieſem ick ein; n Ord⸗ on ihm „wo er ber die d begab uf dem andgriff chritten, eftigkeit en gibt, aſchung enehmer Bruſt! uſtigkeit welcher Eintritte ie Oeff⸗ Gefühle ſeinem aß dieſe n ſelten ntzücken vohnen⸗ ge, und er ſein zu einer end, die ßte und genehme emoiſelle Glück, könnte. 25⁵ Bei den letzten Worten glitten natürlich ſeine Blicke von der Mutter auf die Tochter. „Wie,“ fragte ſich unſer Capitain, indem er Rofa ſeine Hand zum Willkommen reichte,„wie hat ein ein⸗ ziges Jahr ſie ſo himmliſch ſchön machen können?“ Und ſo ſchön, wie Roſa in dieſem Augenblicke, war ſie auch noch nie geweſen. Das volle Sonnenlicht, welches durch die Decken⸗ und Fenſtergläſer hereinſiel, gemildert durch die rothen Gardinen, umfloß gleich einem Roſengewölk ihre ganze Geſtalt und verlieh ſelbſt dem weißen Morgenrocke einen erröthenden Schimmer. Doch dieſer Anleihe hätte Roſa entbehren können, denn keine Roſengewölke hielten einen Vergleich aus mit der feinen Röthe, welche in dieſem Angenblicke ihre Wangen bedeckte, kein Lichtſchimmer konnte ſich meſſen mit dieſem reinen Schimmer, den jungfräuliche Verſchämtheit und Glück⸗ ſeligkeit, zu einem einzigen Ganzen verſchmolzen, über ihr engelſanftes Antlitz verbreiteten, das noch die ganze Anmuth der hüpfenden Spielluſt eines Kindes an ſich trug, aber doch vereint mit dieſem Etwas, dem keine Sprache ſeinen richtigen Ausdruck leiht, und ſich dennoch ſo klar bei dem jungen und edlen Weibe offenbart, wenn ſie den Zeitpunkt erreicht hat, daß ihre feinen und jung⸗ fräulichen Gefühle ſich in gewiſſe Formen kleiden, dieſen Zeitpunkt, da die Knoſpe der Roſe ihre geſchloſſenen Blätter öffnet und dieſelben leiſe entwickelt, weil die Sonne ſie beſchienen und mit ihrer Herrſchermacht ihnen befohlen hat, in ihrer vollen Pracht auszuſchlagen. „Herr Jeſſes, wie ſchön ſie iſt!“ bemerkte Bas, in⸗ dem er vorſichtig zur Thür hereinblickte.„Ja, ja, es hat ſeine Richtigkeit: ſie ſieht accurat ſo aus, als wartete ſie darauf, gleich in den Himmel zu fahren.“ „Mein beſter Herr Capitain Stangerling,“ ſagte Frau Mörk verbindlich, doch bei Weitem nicht in jenem herzlichen Tone, den Albin weit lieber gehört haben würde,„es war für uns ſehr angenehm, die Ueberfahrt mit einem Bekannten machen zu konnen. Wir ſind ſeit dieſem Frühlinge von unſerer Heimath entfernt geweſen, und wenn irgend Jemand um gute Winde und eine ſchnelle Reiſe zu Gott betet, ſo bin ich es.“ 4 „Hm... hm— ſingt ſie aus dem Tone!“ Hier runzelte Bas ſeine Augenbrauen. „Wir wollen hoffen,“ entgegnete unſer Capitain artig,„daß Ihre Geduld, gute Frau Mörk, nicht auf allzu harte Proben geſetzt werden wird.... Darf ich fragen, ob Mamſell Roſa auch eine Heldin zur See iſt?“ „Auch?“ wiederholte Roſa lächelnd—„wie wiſſen Sie, Herr Capitain, daß Mutter eine Heldin zur See iſt?“ „Das ſchloß ich ſogleich aus Frau Mörk's guten Wünſchen: eine Dame, welche ängſtlich iſt oder an der Seekrankheit leidet, würde es nimmermehr gewagt haben, ein ſolches Gebet auszuſprechen, deſſen Verwirklichung faſt immer mit Sturm und Wogen vereinigt iſt.“ „Verteufelt liſtig— das hätte ich ſelbſt nicht beſſer gemacht!“ Bas verzog den Mund zu einem vergnügten Lächeln. „Um Alles in der Welt, Herr Capitain,“ entgegnete Amelie mit einem leichten Verſuche zu ſcherzen,„ver⸗ ſcheuchen Sie nicht die Kleinigkeit von Muth, welche ich noch habe! Die Wahrheit zu geſtehen, iſt nur Roſa allein eine Heldin zur See. Es iſt das Beſte, daß ich deſtehe: ich werde nicht allein ſchrecklich ſeekrank, ſondern in auch furchtſam wie ein Haſe. Ich und Betty, unſere kleine Jungfer, wir ſchreien um die Wette.“ „Und dennoch,“ erwiederte Albin fröhlich,„wollen Sie mit Ihren Gebeten die Luftgeiſter einander in die Haare reizen? Doch ich muß mir wohl Mühe geben, den Mittler zu machen, und vielleicht tritt auch Mamſell Roſa aus Theilnahme für ihre Mutter auf meine Seite über?“ „Wenn ich das nur wagte, ſo... thäte ich es viel⸗ leicht, denn ich liebe die See und bin gerne dort; wenn aber Mutter ruft:„Roſa, ich ſterbe— ich kann das wirklich nicht überleben, mein Kind!“ da muß ich natürl daß n Pein zu ſta Fahrt Niema Zelt e feſt un in mer und he ſo hät mocht. hinlän wartet ( 2 „. ſolche; voller es glei abzuſte den Fe § ſtark— des Wi doch w er dara war ie welcher da mei tern m. gehabt, K tain ſe wurde Ankung nd eine „ Hier Lapitain icht auf Darf ich din zur e wiſſen din zur 3 guten an der t haben, klichung ht beſſer gnügten tgegnete „„ver⸗ elche ich ir Roſa daß ich ſondern , unſere „wollen r in die e geben, Mamſell f meine es viel⸗ t; wenn ann das muß ich 27 natürlich ebenfalls mit meinem kleinen Gebete kommen, daß nur die Pein ſo kurz wie möglich werde.“ „Warum aber wollen denn die Damen eine ſolche Pein annehmen? Unter einer gleichmäßigen und nicht zu ſtarken Kühlte macht man wohl keine ſo ſchnelle Fahrt, aber es geht dennoch recht gut, und da wird Niemand krank; und auf dem Deck wollen wir uns ein Zelt errichten, wo die Damen mit ihrer Arbeit ebenſo feſt und gut ſitzen können, wie in einem Zimmer.“ „Nein, nein,“ verſicherte Amelie,„ich gewöhne mich in meinem Leben nicht an eine ſolche Art von Zimmer; und hätte mich nicht eine Pflicht ſo weit hinweg gerufen, ſo hätte mich Nichts in der Welt zu einer Seereiſe ver⸗ mocht. Denn ich habe früher ſchon das blaue Element hinlänglich befahren, um zu wiſſen, was meiner dort wartete.“ „Der Herr Großhändler iſt ſelbſt nicht mit geweſen?“ „Es ſchmeckt gewiß nach Rhabarber, wenn er über ſolche Dummheiten redet und gleichwohl Herz und Mund voller Bonbons hat!“ dachte der theilnehmende Bas, der es gleichwohl jetzt für das Gerathenſte hielt, ſeinen Platz abzuſtehen und eine Art von Arbeit vorzunehmen für den Fall, daß Jemand käme. „Ach nein: er war“— hier erröthete Amelie ſehr ſtark—„im verwichenen Herbſte ſehr krank. Während des Winters verbeſſerte ſich ſeine Geſundheit zwar etwas, doch war ſie bei der Ankunft des Frühlings nicht ſo, daß er daran denken konnte, mich zu begleiten; denn eigentlich war ich es, die zu einem alten Verwandten reiſen mußte, welcher lange in Vließingen anſäßig geweſen iſt, und da mein Onkel wünſchte, daß ich eine von meinen Töch⸗ tern mitnehmen möchte, ſo hat Roſa das Vergnügen gehabt, ſich ein wenig in der Welt umzuſchauen.“ Kaum hatte Frau Mörk ausgeredet und der Capi⸗ tain ſeine Einladung zum Frühſtuck ausgeſprochen, ſo wurde Petter in der Thür ſichtbar und verkündigte die Ankunft des Lootſen. „Wir gehen ja jetzt auch auf's Deck, Mütterchen?“ ————————= ÿ —— —— ſagte Roſa.„Ach, wie luſtig ſoll es ſein, zu ſehen, wie das Seefräulein ſeine Fahrt beginnt!“ „Ja, das iſt Etwas, was ich gewiß ebenfalls nicht verſäumen will— wir kommen ſogleich nach, Herr Capitain!“ „Heute, bei dieſem Wetter, können Sie überdieß auch unmöglich krank werden!“ verſicherte Albin.„Aber er⸗ lauben Sie mir, meine Damen, daß ich in einer kleinen Weile wieder komme und Sie abhole!“ Der junge Capitain ließ ſeinen Feuerblick ſchnell und brennend wie einen Blitz Roſa überfahren; darauf verließ er das Zimmer............ „Schelm!“ ſagte er draußen zu dem Conſtabel, „warum hatteſt Du den Namen vergeſſen?“ „O, ich hätte es nimmermehr uͤber mein Gewiſſen bringen können, ihn geſtern Abend zu ſagen!“ entgegnete Bas mit einem ungemein zufriedenen Lächeln. „Wie ſo?“ „Der Tauſend! ſollte ich wohl nicht meinem Capi⸗ tain die Nachtruhe gönnen?“ „Auf Deinen Platz, Conſtabel— Du vergißt Dich anz!“ „Ich danke recht ſehr, Herr Capitain, daß Sie mich bei Zeiten vor dieſem Fehler warnten, ſonſt hätte ich gewiß auch aus Vergeßlichkeit herausgeplaudert, was Mamſell Roſa ſagte, als ſie in die Kajüte trat.... Doch entſchuldigen Sie, Herr Capitain: ſo wahr, wie 7 7 ich Olle Bas heiße, ſoll nie wieder etwas am Reſpect mangeln!“ Und mit einem Blicke und einer Miene, die ebenſo ausdrucksvoll waren, wie ein herzliches Gelächter geweſen ſein würde, wenn„der Reſpect“ ein ſolches geſtattet hätte, flog Bas an ſeinen Poſten, während der Capitain an den ſeinigen ging, indem er Petter im Vorbeigehen den Deſeh ertheilte, ein paar Stühle auf das Deck u ſetzen. „Welche wunderbare und unerforſchliche Schickung des Himmels!“ dachte Albin, als er da ſtand und nur mit zzun ſie 1 Gott es ſie der lung zu te Brie hielt ſich Jung Freut reiſen ſo ar Roſa ihres nießer Liebh kunft Alles von darau einem Augen erſcher dem a Briefe trübn math erſehn ,wie nicht Herr auch r er⸗ einen chnell arauf tabel, viſſen egnete Capi⸗ Dich mich te ich was „wie eſpect benſo weſen ſtattet pitain gehen Deck ickung d nur 29 mit den Lippen redete, denn die Seele war im Salon: „zum erſten Male, da das Seefräulein draußen iſt, muß ſie meine und ihre Herrſcherin tragen!...“ Was in Gottes Namen hatten ſie in Vließingen zu thun?“ Späterhin erfuhr unſer Capitain dieſes, erfuhr, daß es ſich um ein großes und reiches Erbe handelte, welches der eben erwähnte und auch im Anfange unſerer Erzäh⸗ lung vorkommende Onkel ſeiner Nichte, der Frau Mörk, zu teſtamentiren dachte.......... Um mit den merkwürdigen Nachrichten, welche der Brief des, Roſa gänzlich unbekannten Verwandten ent⸗ hielt, bekannt gemacht zu werden, wurde ſie, wie man ſich erinnern wird, von ihren kleinen Grübeleien im Jungferthurme abgerufen, und die neue, bezaubernde Freude, über das Meer weit hinweg in ein anderes Land reiſen zu dürfen, war eben dasjenige, was ihre Gedanken ſo auffriſchte, daß ſie die Grübeleien faſt ganz vergaß. Roſa konnte auch noch glücklich ſein, denn damit ſie ihres Entzückens in vollem Maße unvermiſcht ſollte ge⸗ nießen können, hatten Vater, Mutter und der blöde Liebhaber das Uebereinkommen getroffen, erſt ihre Rück⸗ kunft nach Wisby ſollte der Zeitpunkt ſein, an welchem Alles auf einmal abgemacht würde. In dem Briefe war außer dem beſtimmten Wunſche von Amelie's Reiſe, von dem Teſtamente und andern darauf bezüglichen Dingen noch die Rede geweſen von einem Segen in den letzten Augenblicken; dieſe letzten Augenblicke aber wollten während der zwei Monate nicht erſcheinen, welche Amelie mit ihrer jungen Tochter bei dem alten Hageſtolz verlebte. Dagegen waren Holgerſen's Briefe ſo dringend, ſo voller Klage, Sehnſucht und Be⸗ trübniß, daß Amelie ſich ganz auf ſeine Worte verlaſſen konnte:„Wenn Du nur nach Hauſe kommſt, ſo frage ich nicht nach einem Schilling von dem Erbe!“ Und ſte, welche ſich ebenfalls zu ihrem wilden, unruhigen Gatten, zu ihren andern Töchtern und nach ihrer Hei⸗ math zuruͤckſehnte, woſelbſt ſie wußte, daß ſie von Allen erſehnt war, ſchickte ſich alſo nach dem langen Beſuche — —— zur Abreiſe an und wartete nur auf eine Nachricht von dem Conſul, um bei der erſten der beſten Gelegenheit an Bord gehen zu können. Ach was hätte ſie doch nicht geben wollen, wenn ſie, da ſie allzu ſpät erfuhr, mit wem ſie reiſen ſollte, einen paſſenden Vorwand gehabt hätte, ihren Entſchluß zu ändern! Doch der alte Herr, weit entfernt, ſich ſchlechter zu fühlen, oder ſie zurückhalten zu wollen, rieth ihr ſelbſt — denn nun war er des Frauenzimmerregiments doch überdrüſſig geworden— ſich einer ſo ausgezeichnet gün⸗ ſtigen Gelegenheit, welche ſich vielleicht nicht ſo bald wieder darböte, zu bedienen. Einmal überlegte ſie, ob ſie nicht auf den erhaltenen halben Wink eingehen und Roſa dort laſſen ſollte; dieſes aber konnte noch ſchlimmer werden, und daher war kein anderer Rath, als Roſa und ihre Zukunft in Gottes Schutz zu befehlen und darauf bei dem vielleicht verrätheriſchen Seefräulein an Bord zu ſteigen. Geringen Troſt hatte hiebei Amelie, daß ſie in ihrem Koffer eine Abſchrift des Teſtamentes, welches ſie zu der Erbin ihres Onkels einſetzte, mit ſich nahm— was halfen ihr alle Güter dieſer Welt, ſo angenehm es auch ſein mochte, ein ehrlich erworbenes Vermögen zu be⸗ ſitzen, da ſie mit demſelben nicht im Stande war, das Glück ihrer Kinder zu bereiten!........ „Gott weiß, ob nicht, wenn wir erſt in Ordnung kommen, unſere eigene Kajüte doch am kühlſten iſt!“ ſagte Amelie zu ihrer Tochter, als ſie nun allein waren. „Hier in dieſem Salon iſt allzu viel Sonnenſchein!“ „Nein, Mutter, die Kajüte iſt beſtimmt am beklom⸗ menſten, da Du keine offenen Fenſter ertragen kannſt! Hier aber iſt es luftig und ſchön, und auf dem Deck wird es noch luftiger, wenn wir dort ein Zelt haben.“ „Das Zelt— ja, das kann ich mir denken: das ſchützt ſehr wenig in einer ſolchen Sonnenhitze! Du verbrennſt auch obendrein Dein Geſicht ganz und gar, wenn Du in Wetter und Wind viel dort oben biſt.... Ach, wenn wir erſt glücklich zu Hauſe wären!“ „ F/ pitain er aß indem ein u nicht nicht lich ſo obglei und digt he 77 geben, ohne einem bewieſ kann? / aber mir v er den Dir, anders ner A mit D paar? ht von genheit unn ſie, einen uß zu hlechter rſelbſt s doch t gün⸗ o bald ſie, ob en und limmer 3 Roſa n und eiin an ihrem zu der — was s auch zu be⸗ r, das rdnung n iſt!“ waren. in!“ beklom⸗ kannſt! n Deck ben.“ n: das 2! Du nd gar, iſt.... 31 „Liebſte, beſte Mutter, fange nicht ſchon jetzt an zu wünſchen, da wir gar noch nicht hinausgekommen ſind! Ich bin ſo froh und glücklich auf der See— es iſt auch recht angenehm, mit alten Bekannten zu reiſen, da man ſo lange nur Fremde geſehen hat!“ „Alte Bekannte?— Ich glaube, Du haſt den Ca⸗ pitain Stangerling nur zwei⸗, höchſtens dreimal geſehen: er aß ein einziges Mal zu Mittag bei uns!“ „Du weißt ja recht gut, liebe Mutter,“ ſagte Roſa indem ſie lächelnd ihrer Mutter die Hand küßte,„nur ein unglückliches Ereigniß war Schuld daran, daß es nicht öͤfter geſchah.... Doch, liebes Mütterchen, ich weiß nicht ob es mir nur ſo vorkommt, aber es iſt mir wirk⸗ lich ſo, als wäreſt Du ſeit geſtern Abend traurig geweſen, obgleich Du früher Dich ſo ſehr nach Hauſe geſehnt und ſo oft beim Conſul nach Gelegenheit erkun⸗ digt haſt!“ „Es kann ja für mich viele Urſachen zur Betrübniß geben, mein Kind! Meinſt Du zum Beiſpiel, ich könnte ohne Rührung zum letzten Male Abſchied nehmen von einem Verwandten, der ſich gegen uns Beide ſo gütig beinſeſfn hat, und den ich nie wieder zu ſehen bekommen ann?“ „Onkel iſt gewiß ein recht guter, alter Herr, gewiß aber glaube ich, er zieht ſeine alte Hausfrau Dir und mir vor— und dann war es ja ſo ungemein ſpät, da er den Einfall bekam, ſich nach uns zu ſehnen! Denke Dir, wenn wir arm geweſen wären— wir hätten ja ſehr gut verhungern können, ehe dieſer Brief kam!“ „Du urtheilſt, wie Kinder zu thun pflegen, ohne zu wiſſen, worüber ſie urtheilen! Dein Onkel wußte, daß ich mit einem wohlhabenden Mann verheirathet war, daß mir von den Gütern dieſer Erde nichts fehlte, und daß er gewiß etwas von mir erfahren hätte, wenn es anders geweſen wäre. In den erſten Jahren nach mei⸗ ner Abreiſe von Holland, wo ich mich, wie Du weißt, mit Deinem Vater verheirathete, ſchrieb ich jährlich ein paar Mal; nachdem ich aber nach Wisby gekommen war, ͤͤͤ —ͤͤ ——— geſchah es ſeltener, bis es endlich ganz aufhörte und es war daher um ſo ſchätzenswerther, daß er ſelbſt von ſich hören ließ, und das auf eine Weiſe, welche Dein und Deiner Schweſtern Vermögen weit mehr vergrößert, als was Vater einſt hinterläßt.“ „Noch nie zuvor haſt Du über dergleichen ſo viel geredet,“ entgegnete Roſa zur Hälfte mißmuthig— „ich meine, wir könnten über andere, weit angenehmere Dinge reden.... Nun aber kommt gewiß der Capitain bald zurück: ich ſpringe hinein, Mutter, und hole meinen neuen Hut, und meinen rothen Langſhawl, der ſteht mir ſo ſchön!“ „Behüte Gott! Du willſt Dich wohl nicht kleiden, als wollteſt Du ſpazieren gehen? Nimm Du Deinen grauen Hut, der iſt auf der See hinreichend gut!“ „Nein, Mutter, da bleibe ich lieber unten— ſollte ich in meinem alten, grauen Reiſehut, der auf der Her⸗ reiſe ſo garſtig wurde, hinauf gehen auf das ſchöne, feine Seefräulein?“ „So nimm den Strohhut!“ „O ja, der hätte wohl angehen können, doch... ihn verſprach ich geſtern Abend Betty— Betty verbrennt ja mit dem bloßen Tuche um den Kopf ihr Geſicht ganz und gar.... Doch höre— nun iſt der Capitain hier ... ja, das iſt er!... Ich laufe hinein und nehme meinen kleinen ſüßen Hut!“ „Warte, warte!— ich will wohl auch einen Hut haben!“ Amelie eilte ihrer Tochter nach in ihr Schlaf⸗ zimmer. P 7. nehm junge neben ihre ſ Stand trefflie komm mann fort, d ein S krank Roſa, wie n 2 ſtöre 1 Reiſe worde gut 2 Capit oder er ſic der K nichts ſtump ſich e gebrei dahin Neber bewun 4 und es von ſich Dein und bößert, als eichen ſo nuthig— genehmere Capitain le meinen ſteht mir öt kleiden, u Deinen ut!“ — ſollte der Her⸗ öne, feine doch... verbrennt ſicht ganz itain hier ad nehme inen Hut Schlaf⸗ 33 Viertes Capitel. Probe des Geſellſchaftslebens auf der See. „Mamſell Roſa! meinen Sie nicht, daß es ange⸗ nehm wäre, ein Seemann zu ſein?“ fragte Betty ihre junge Herrin, welche den fuͤr ſie hingeſetzten Lehnſtuhl neben der Mutter noch nicht eingenommen hatte, ſondern ihre ſchlanke Geſtalt an die Kappe lehnte, von welchem Standpunkte aus ſie hinter dem Sonnenſchirm ſo vor⸗ trefflich die Manöver betrachten konnte, die der Lootſe kommandirte, während der Capitain und der Steuer⸗ mann nur zuſahen.„Wäre ich ein Mann,“ fuhr Betty fort, da ſie keine Antwort erhielt,„ſo würde ich beſtimmt ein Seemann— man wird da nicht ſo fürchterlich ſee⸗ krank.... Sehen Sie nur den Capitain an, Mamſell Roſa, wie ſtolz und ſicher er ausſieht— und hören Sie, wie munter und froh Herr Bas ſein„Zieh pall“ ſingt!“ „Ach ja, Betty, gewiß iſt es angenehm.... doch ſtöre mich jetzt nicht: ich denke an etwas!“ Betty— Gärtners kleine Betty, welche durch eine Reiſe in das Ausland ebenfalls eine halbe Dame ge⸗ worden war— dachte auch an etwas, denn ſie gab ſehr gut Achtung darauf, wie Mamſell Roſa's Blick dem Capitain treulich folgte, wenn er einen Befehl verbeſſerte oder bei einem Manbver half, wie aber dagegen, wenn er ſich an die Regeling lehnte und ſeine Blicke nach der Kappe herüber ſchweben ließ, Mamſell Roſa für nichts Anderes Augen zu haben ſchien, als für den alten ſtumpfnaſigen Lootſen und ein paar Fahrzeuge, welche ſich ebenfalls klar machten, um den Hafen zu verlaſſen. Jetzt hatte das ſtolze Seefräulein ihre Flügel aus⸗ gebreitet, ſchwebte vor einer leichten ſüdöſtlichen Briſe dahin über die blaue Bahn, und ließ hinter ſich ihre Nebenbuhler, um ſie in ihren kleinſten Bewegungen zu bewundern. „O, wie herrlich!“ rief Roſa unſchuldig aus, als Der Jungferthurm. Iv. 3 — — — — der Capitain jetzt zu ihr herankam.„Wie glücklich ſind Sie, Herr Capitain, da Sie den Befehl auf dieſem präch⸗ tigen Schiffe führen!“ „Ich bin wohl noch glücklicher als ſo,“ antwortete Albin, und ein Zug von ſtolzer und froher Selbſtzufrie⸗ denheit flog über ſein ſchönes und männliches Geſicht; „ich nenne mich in doppeltem Sinne den Beherrſcher des Seefräuleins, denn ſie gehört mir! Noch aber iſt das letzte unendliche Glück— ich meine dasjenige, was mir heute zu Theil geworden iſt— ſo neu, ſo beinahe un⸗ begreiflich, daß ich nicht recht zu mir ſelbſt kommen kann. Doch entſinne ich mich jetzt beſtimmt eines vielverſpre⸗ chenden Blickes, des letzten, der mir auf der Kreuzweide wurde.... Doch wahrſcheinlich iſt Ihnen, Mamſell Rofa, jener Abend längſt aus dem Gedächtniſſe ent⸗ ſchwunden und ebenſo der Aberglaube, den ich über die verſchiedenen Blicke hege?“ „Nein, ich habe kein ſo ſchlechtes Gedächtniß: ich entfinne mich ſogar noch, daß es ſchien, als wollten Sie, Herr Capitain, an jenem Abende ganz beſonders davon überzeugt werden, daß wir uns damals zum letzten Male ſähen— das heißt,“ verbeſſerte Roſa erröthend,„daß Sie Wisby zum letzten Male ſähen.“ „Ihre Deutung meiner damals geäußerten Worte beweist mir, daß ich nicht allzu kühn war, als ich mir einbildete, daß ſie nicht gänzlich vergeſſen wären!“ Roſa zupfte an den langen Shawlfranſen: ſie hätte ſo gerne noch mehr in dieſer Art gehört, doch verbot ihre Verſchämtheit ihr, dem Capitain nur durch ein einziges Wort Anlaß dazu zu geben. „Hatte Wisby in dieſem Winter viele Wikinger?“ fragte Albin mit einem ſchelmiſchen Blicke, der kühn unter den ſchönen Sonnenſchirm, unter den kleinen netten Hut, ja gerade in Roſas eigenen ſtrahlenden Blick fuhr. „Nein, in dieſem Winter war wirklich Mangel an meinen theuren Wikingern!“ entgegnete ſie fröhlich und wiederum frei von aller unruhigen Verlegenheit, denn nun wußte ſie ja ſo gut, ohne daß er weiter etwas geſagt hatte, Wiking als we Sie ſi denken Wiking — Un geſagt zens d W Eile a Albin ihr die konnte von d tigen über d roſafar hatte, der M 9 geliebt hen di ſames bens e blicken unter ſam d daß w fragte Aufme liebte. C und e dasjen wölke Als a ich ſind präch⸗ wortete tzufrie⸗ Geſicht; cher des iſt das as mir ihe un⸗ n kann. verſpre⸗ uzweide Namſell ſſe ent⸗ äber die iß: ich en Sie, davon n Male „„daß Worte ich mir 14 ſie hätte bot ihre einziges inger?“ er kühn nnetten ick fuhr. ngel an ich und , denn 3 geſagt 35⁵ hatte, was er alles hatte ſagen wollen. Von den Wikingern zu ſprechen, das war ja genau eben ſo viel, als wenn er gefragt hätte:„Mamſell Roſa! entſinnen Sie ſich nicht meiner Bitte: laſſen Sie nicht das An⸗ denken jedes anderen Seemannes durch die glücklichen Wikinger gänzlich aus Ihrer Erinnerung vertreiben!“ — Und ferner meinte er:„Das würde ich gewiß nicht geſagt haben, wenn ich nicht in einem Winkel des Her⸗ zens die Abſicht zurückzukehren verſteckt gehabt hätte.“ Während Roſa auf dieſe Weiſe in der allergrößten Eile alle früheren und jetzigen Gedanken des Capitains Albin überſetzte, und das mit einer Fertigkeit, als wäre ihr dieſe Sprache ebenſo bekannt wie die Mutterſprache, konnte der junge Seemann nur mit Mühe ſeine Blicke von dem jungen Weſen abziehen, welches in dem luf⸗ tigen weißen Morgenkleide, in dem ſo nett und coquett über die Schulter drapirten Langſhawl und dem kleinen roſafarbigen Hute ganz, wie Bas ſich einmal ausgedrückt hatte, einer bezauberten Prinzeſſin aus dem Perlenſaale der Meerfrau glich. „Ach, wäre ſie ſchon jetzt mein, meine Braut, meine geliebte, angebetete Braut, welcher ich meine Dienſte wei⸗ hen dürfte!... Doch nein, ich will durch kein gewalt⸗ ſames Abſchließen der höchſten Glückſeligkeit meines Le⸗ bens einen einzigen von dieſen vielen entzuckenden Augen⸗ blicken verlieren, welche vorangehen müſſen, und welche unter Göttertagen, für die es keine Sprache gibt, lang⸗ ſam den Uebergang auf den höchſten Punkt vorbereiten. „Bedeuten nicht jene zuſammengezogenen Wolken, daß wir heute noch Regen bekommen, Herr Capitain?“ fragte Frau Mörk, welche durch dieſe Anmerkung die lune üſanleüt des jungen Befehlshabers zu feſſeln be⸗ iebte. Capitain Albin flog an die Seite der edlen Frau und erklärte ihr mit aller erdenklichen Artigkeit, daß dasjenige, was ſie Wolken benannte, nur leichte Ge⸗ wölke wären, die auf keine Weiſe mit Regen drohten. Als aber jetzt das freundliche Geſicht des Hofmriſteus auf — dem Seefräulein aus der Kajütenkappe hervorblickte, wo⸗ bei beſagter Hofmeiſter mit dem anmuthigſten Lächeln von Roſa's Lippen erfreut wurde, ſo bot der Capitain, verkündigend, daß das Frühſtück fertig wäre, der Frau Mörk ſeinen Arm. Natürlicher Weiſe hatte er gehofft, es würde ihm verſtattet ſeyn, auch der Tochter eine kleine Hülfsleiſtung erzeigen zu können, doch ſie war eben ſo ſchnell unten wie die Mutter; und nun trat man in den gemüthlichen Salon, worin Alles ſo vortrefflich ange⸗ ordnet war, daß Amelie ſich aufgefordert fand, ſowohl mit Worten als auch mit Blicken dem Capitain Com⸗ plimente zu ſagen, welche dieſer beim Koche wieder zu beſtellen verſprach. „Ich bitte für den Hofmeiſter, daß auch er ſein Compliment erhält,“ ſagte Roſa:„ich weiß, daß er ge⸗ holfen hat, der gute Conſtabel, dem ich ſo ſehr gut bin.. Sie wiſſen vielleicht nicht, Herr Capitain, daß er und ich alte Bekannte ſind?“ „Bei einer anderen Gelegenheit werde ich Sie von dem Gegentheile überzeugen, beſte Mamſell Roſa!... Doch jetzt erlauben Sie mir, meine Damen, daß ich, ungewohnt bei Damen den Wirth zu ſpielen, Sie hoch⸗ achtungsvollſt erſuche, ſich hier wie zu Hauſe zu betrach⸗ ten. Wenn Mamſell Roſa die Güte haben will, die Chokolade zu ſerviren, ſo will ich zuſehen, was von die⸗ ſer Paſtete zu erhalten iſt... Zuvor aber erlauben Sie mir, daß ich Ihren Hut weghänge und Ihnen den Shawl abnehme!“ „Nicht ſo viele Umſtände, Herr Capitain!“ fiel Amelie mit einem Tone ein, welcher zu verſtehen gab, daß die Umſtände wirklich überflüſſig wären:„Roſa iſt keiner ſolchen Artigkeit gewohnt— auch hat Betty nichts zu thun. Betty! trage Du dieſe Sachen hinweg: hier ſind ſie nur im Wege!“ Die Worte ſauſ'ten gleichſam ein wenig kühl in Albin's Ohren; im Ganzen aber war er allzu beſchäftigt mit ſeinem neuen Glücke, als daß er ihnen eine unvor⸗ theilhafte Deutung hätte geben können. Wenn er wirklich wo⸗ heln tain, Frau hofft, leine en ſo mden unge⸗ wohl Lom⸗ er zu ſein r ge⸗ bin.. und e von ß ich, hoch⸗ trach⸗ „ die n die⸗ n Sie Shawl ühl in häftigt unvor⸗ virklich 37 einen beſtimmten Gedanken dabei hegte, ſo war es der, daß vielleicht alle ehrſamen Mütter ſich ein wenig un⸗ freundlich zeigten, wenn ſie vernähmen, daß jemand nach der Gunſt ihrer Töchter ſtrebt— niemand konnte ja auch vernünftiger Weiſe verlangen, daß es anders ſein ſollte, da die Töchter für ſich ſelbſt ſprachen. Was aber empfand jetzt Roſa dabei, daß ſie dort, aufgewartet von dem Capitain Albin und ſo gut als die Wirthin, an ſeinem Tiſche ſaß? Sie hatte niemals ein Zehntheil geträumt, gedacht oder geahnt von aller gren⸗ zenloſen Freude, welche eine ſolche Reiſe, die vielleicht einige Wochen dauerte, entwickeln konnte. Nein, es war ein Glück, daß ihre Gedanken auch nicht ein einziges Mal darauf verfallen waren, denn da hätte ſie ſich ja betrüben müſſen, weil dieſe Idee nur durch einen ganz beſondern Zufall verwirklicht werden konnte. Und erſt jetzt erſchien ihr der Brief des alten Onkels als eine himmliſche Taubenpoſt. Roſa ſervirte den Capitain mit Chokolade, er ſie mit Paſtete, Gemüſe und mehr dergleichen, und bald begegneten ſich ihre Blicke, bald ihre Hände. Wenn ſie aber auf Roſen ſaßen, ſo ſaß dagegen Amelie auf Nadeln oder auf glühenden Kohlen. Wie in des Himmels Namen war Roſa mit dem Capitain ſo bekannt geworden? Sie mußten ſich ſehr oft zuͤfällig getroffen haben! Auf jeden Fall war es nach einem ganzen Jahre ganz unbegreiflich, unerklär⸗ lich! Doch wie unbegreiflich und unerklärlich die Sache auch war, ſo ſah ſie jetzt, wie ſich unter ihren Augen der Anfang einer ganzen Liebesgeſchichte, folglich auch der Anfang eines neuen Unglückes entwickelte. Wie be⸗ reute es jetzt die arme Frau, daß ſie nicht der erſten Bitte ihres Gatten nachgegeben, und Roſa gleich ihr Schickſal mitgetheilt hatte! Da wäre alles Elend, wel⸗ ches jetzt vermuthlich zu erwarten war, größtentheils ge⸗ ſpart geweſen.... Ach, ſo gut man auch denkt, denkt man dennoch niemals klug! Hier war nun zwar eine von den Möglichkeiten eingetroffen, die Amelie früher herbeigewünſcht hatte; doch ſeitdem Will das Verſprechen erhalten hatte, dienten alle Möglichkeiten zu nichts mehr. O wehe— Finſterniß und Kummer überall, wohin man ſich wendeten „Wenigſtens kann ich mich noch auf Eins verlaſ⸗ ſen,“ ſagte ſie mit einer gewiſſen Zuverſicht in ihren Gedanken,„ein Strohhalm in der Stunde der Noth— und ſo Mancher hat ja nicht mehr als eines Strohhal⸗ mes bedurft, um ſich zu retten!“ Was Amelie damit meinte, und von welcher gehei⸗ men Macht ſie Beiſtand hoffte, werden wir bald Gele⸗ genheit haben zu vernehmen. Inzwiſchen war man mit dem Frühſtück beſchäftigt; aber der lebhafte Wirth, der auf allerlei luſtige Gegen⸗ ſtände helennden war, ſetzte die Geduld der armen Frau unglaublich auf die Probe, und ſie war eben im Begriff, das fröhliche kleine Gelage zu brechen, als Bas eintrat und der Freude wie dem Kummer dadurch ein Ende machte, daß er rapportirte, der Lootſe wollte ſie verlaſſen. „Wie?“ rief unſer Capitain aufs Aeußerſte ver⸗ wundert aus,„iſt es ſchon ſo an der Zeit?... Ent⸗ ſchuldigen Sie, meine beſte Frau Mörk: ich habe ganz ewiß bei meinem eigenen Vergnügen vergeſſen, daß die Zeit auf ungleiche Art berechnet wird!“ Die Geſellſchaft erhob ſich; kaum aber hatte Amelie verſucht einige Schritte zu gehen, als ſie hin und her „gierte“ und dadurch zu erkennen gab, daß ihr ärgſter Feind auf der See, ein Feind, dem ſie jetzt mit doppel⸗ ter Furcht und doppeltem Abſcheu entgegen ſah, ſchon im Anzuge begriffen war. „Nehmen Sie meinen Arm, beſte Frau Mörk: die friſche Luft auf dem Deck iſt Ihnen unumgänglich noth⸗ wendig!“ 1 „Nein, Herr Capitain! werde ich krank— und leider iſt das ganz gewiß: ich fühle es ſchon an dieſen ſchrecklichen Vorboten— ſo iſt das beſte, was ich thun kann, wenn ich in der Koje bleibe; und mit Ihrer Er⸗ laubniß ſuche ich ſie ſogleich!“ Der jüte, ob ar 7 das 7 Capit Freut ſo un greife war mer 2 und d Roſa ſtand. ſter 3 kein a len: geht Sie n ich Ir 1 klären pitain Arbeit L rechen mehr. man erlaſ⸗ ihren dth— hhal⸗ gehei⸗ Gele⸗ ftigt; degen⸗ Frau egriff, intrat Ende aſſen. ver⸗ Ent⸗ ganz ß die melie d her rgſter ppel⸗ ſchon : die noth⸗ und ieſen thun Er⸗ 39 „Wie Sie befehlen, gut aber iſt es bei Gott nicht!“ Der Capitain führte die Frau Mörk ſelbſt in die Ka⸗ jüte, wohin Roſa vorweg geeilt war, um nachzuſehen, ob auch Alles in gehöriger Ordnung war. „Um Alles in der Welt, Mamſell Roſa, laſſen Sie das Fenſter offen, hier wird's ſo ſchwül!“ ermahnte der Capitain, indem er Frau Mörk mit aller erſinnlichen Freundlichkeit und Dienſtfertigkeit zurecht half. Er war ſo ungenirt und ſo vollkommen im Stande, Alles zu be⸗ greifen, daß Amelie ſich herzlich dankbar fühlte— es war auch etwas, worauf ein krankes Frauenzimmer im⸗ mer Werth ſetzen mußte, einen artigen, wohlwollenden und dienſtfertigen Capitain zu finden. „Mutter kann die Seeluft nicht ertragen!“ ſagte Maſa⸗ welche noch immer bei dem halboffenen Fenſter ſtand. „Nein, ſi— wie riecht die See! Mach das Fen⸗ ſter zu, Roſa!“ „Unmöglich!“ entſchied der Capitain.„Hier iſt jetzt kein anderer Rath, als ich muß den Selbſtherrſcher ſpie⸗ len: das Fenſter muß offen bleiben— in dieſer Hitze geht es ſonſt nimmermehr gut!.... Und nun leben Sie wohl, meine Damen: wenn ich zurückkomme, werde ich Ihnen, Frau Mörk, eine paſſende Diät ordiniren!“ Und ehe Frau Mörk dazu kommen konnte zu er⸗ klären, daß er ſich nicht bemühen möchte, war der Ca⸗ pitain ſchon auf dem Deck und in voller Fahrt mit ſeinen Arbeiten.... Während Amelie da lag und jammerte, ſtand Roſa, nachdem ſie der Mutter zurecht geholfen hatte, vor dem großen Wandſpiegel und kräuſelte ihre Locken, indem ſie mit Betty ſchwatzte, welche ſich noch tapfer hielt. „Sieh, Betty, wie nett dieſe Klappe unter dem Spiegel iſt, die man herablaſſen kann: hier haben wir ja eine ganze Chiffonnière!— Jetzt will ich einlegen, was ich vielleicht gebrauchen werde.... Wie gefällt Dir mein roſenrothes Muſſelinkleid, Betty?“ „Iſt es wohl nicht auf der See zu prächtig, Mamſell?“ “ — — —, ——B23 40 „Ach, wie einfältig Du doch biſt— ein armes Muſ⸗ ſelinkleid, das kann ich mir wohl denken! Siehſt Du denn nicht, wie fein der Capitain ſelbſt iſt?.... wie nett er ſich kleidet!“ „Ich ſah ihn heute früh, ehe die Herrſchaften auf⸗ ſtanden, in einem kleinen Morgenrock, der ihm noch weit beſſer ſtand als der, den er jetzt anhat: er war von Sammet, gerade von ſolcher violetter Farbe, wie Mam⸗ ſell Hildur's kleine Kontuſche.“, „Und ich wählte gruͤn zu meiner! Ich kann die grüne Kontuſche gar nicht ausſtehen— meinſt Du nicht auch, Betty, daß ſie recht häßlich iſt?“ „Nein, das meine ich gewiß nicht— ich weiß nichts Angenehmeres, als wenn ich den Tag erlebte, da ich eine grüne ſeidene Kontuſche bekäme! Jetzt habe ich nur dieſe ſchwarze.... Herr Bas aber ſagte dennoch heute früh, daß er noch nie ein Stück Zeug geſehen hätte, das beſſer ſäße!“ „Roſa!“ rief die Mutter. „Gleich, liebe Mutter!“ Und mit beiden Händen voller Kleinigkeiten trat Roſa vor die Koje der Mutter. „Was denkſt Du mit dem Allem? Ich glaube gar“— hier ſenkte Amelie die Stimme, damit Betty nichts hören möchte—„Du willſt den Capitain eitel machen!“. „Den Capitain eitel, liebe Mutter?“ Roſa ließ einen Kragen und zwei Paar Manſchetten fallen. „Nun ja— Du zeigſt Dich allzu intereſſant!“ „Wie ſoll ich denn ſein, beſte Mutter?“ „So wie andere Mädchen: höflich aber nicht....“ „Was nicht, Mutter?“ „... Weiter nichts— ſonſt erhält er eine ſchlechte Meinung von Deiner Erziehung.“ „Ich darf alſo nicht ſein, wie ich von Natur bin?“ „Ja, gerne; ſei fröhlich, doch nicht gedankenlos— wenn ein Mädchen in das ſiebzehnte Jahr geht, ſo muß ſie ihre kleine Würde in Acht nehmen.“ „Wollteſt Du mir noch mehr ſagen, Mutter?“ Muſ⸗ ſt Du . wie auf⸗ h weit r von Mam⸗ nn die nicht nichts da ich ch nur heute hätte, dänden Lutter. glaube Betty n eitel a ließ 114 . 41 „Ja, Betty, Du kannſt auf einen Augenblick hin⸗ ausgehen!— Ich wollte Dir ſagen, mein Kind, daß Du mit dem Capitain niemals über unſern armen Will reden darfſt. Du weißt, daß der Capitain Stan⸗ gerling ebenfalls Jentzel heißt, und obgleich ich keinen Grund zu der Annahme habe, daß er mit Will verwandt iſt, ſo hat Vater(deſſen Willen wir auch in der Ent⸗ fernung ehren müſſen) eine fire Idee, daß er eines Ta⸗ ges kommen und auf Will Anſprüche machen könnte— darum, verſtehſt Du...“ „Nein, liebe Mntter, ich verſtehe nicht das Ge⸗ ringſte!— Ich habe noch nie daran gedacht, daß der Capitain mit Will verwandt ſein könnte; wenn das jedoch der Fall iſt, wornach wir uns meiner Meinung nach eher erkundigen ſollten, ſo halte ich es für wirklich grauſam, dem armen Will die Freude, welche daraus entſpringen koönnte, vorzuenthalten. Was kann wohl Vater fuͤr Nachtheil davon haben, wenn Will noch einen Schutz auf Erden erhält?“ „Liebe Roſa! wie oft ſoll ich es Dir wiederholen, daß Du allzu eilfertig Schlußſätze ziehſt? Vaters Wille ſollte Dir genug ſein und muß Dir hier genug ſein— ich verhiete Dir auf das Beſtimmteſte, hieruͤber mit dem Capitain zu reden!“ „Wenn er aber nun nach Wisby kommt, was ſich doch wohl ereignen kann, oder wenn er, was doch eben⸗ falls, nöclich iſt, von einem Andern Will's Namen hört?, „Da iſt es noch Zeit genug, daran zu denken, was man antworten ſoll! Inzwiſchen weiß ich, daß Du nicht ungehorſam ſein kannſt, nachdem ich meinen Willen geſagt habe!“ „Ich gehorche gewiß, liebe Mutter— aber...“ „Keine Aber, mein Kind! Und nun lege Deine Sachen hübſch ein— das blaue kattunene Kleid paßt ganz gut auf der Reiſe.“ „Darf ich mich nun auch nicht einmal kleiden?“ ief- Moſa halb weinend aus—„welche Freude habe — ———— ich dann davon, daß ich jung und ſchon bin!... Ach vergib mir, Mütterchen! Ich weiß nicht, wie mir in der Eile das Letzte entfuhr— ich bin gewiß nicht ſehr ſchön, aber dennoch...“ „Ja, Du ſiehſt nun ſelbſt, wie ſehr ich in meinem Urtheile Recht hatte: Du biſt gedankenlos— denke Dir, wenn der Capitain Stangerling Dich jetzt gehört hätte!“ „Willſt Du, Mutter, daß ich eine Blouſe hervor⸗ ſuche? Du kannſt es in dem engen Kleide nicht aus⸗ halten!“ Gegen Abend trat eine ſo vollkommene Windſtille ein, daß Amelie es nicht über das Herz bringen konnte, Roſa, die wohl ſchon zwanzigmal über die drückende Luft in der Kajüte geklagt hatte, länger eingeſperrt zu halten, und ſich daher bewegen ließ, auf dem Deck in dem Zelte, das der Capitain hatte verfertigen laſſen, und das jetzt zier⸗ lich und einladend den Damen winkte, Thee zu trinken. Späterhin, da die Sonne ſich immer mehr dalte, und ein Hauch von unbeſchreiblichem Frieden und von Ruhe auf dem Meere und dem ſtolzen Schiffe ruhte, nahm Albin ſeine Flöte und bat, Roſa's Guitarre, welche ihm in der Kajüte ſchon in die Augen gefallen war, holen zu dürfen. Roſa flog ſelbſt hinab, denn bei dieſem Vorſchlage ver⸗ gaß ſie die ſämmtlichen Vorſchriften der Mutter, deren ſie ſich doch während des Theetrinkens erinnert, und welche ſie fortwährend ſo befolgt hatte, daß der Capi⸗ tain ſchon glaubte, er hätte ſich ganz geirrt, wenn es ihm am Morgen ſo vorgekommen war, als hätte ein Himmel voll Freude in ihren Augen und in ihrem gan⸗ zen Weſen geruht. Die Muſik aber brachte Alles wieder in Ordnung oder Alles in Unordnung, wie man es nehmen will. Roſa's Stimme war die ſchönſte, die reinſte, die man nur hören konnte, ihr Geſchmack ein natürlicher, und ihre Kunſtfertigkeit nicht ohne Werth. Sie legte dazu in ihren Geſang ein Gefühl, welches den Tönen einen doppelte auf All daß ſie heute 5 als ſie nun er den B zuhörte 3un Al nichts volle 0 mit der dieſer merkter Schaut ſie gen zeuges ie geh ſ D unable an, ut geben Und d von a ſeine einem khm Schm C merun fühle, in die .. konnte ſie von wachſ Ach mir in t ſehr neinem ke Dir, hätte!“ hervor⸗ t aus⸗ ndſtille konnte, Luft in halten, tte, das zt zier⸗ rinken. e, und che auf Albin in der dürfen. ge ver⸗ deren , und Capi⸗ enn es tte ein gan⸗ dnung will. e man , und 2 dazu einen 43 doppelten Reichthum verlieh; und als ihr Auge einmal auf Albin fiel, ſo fühlte ſie mit dem freudereichſten Stolze, daß ſie noch nie einen ſolchen Triumph gehabt hatte, wie heute Abend, und ſie fühlte dieß um ſo angenehmer, als ſie die Guitarre auf den Schooß gleiten ließ und nun erblickte, daß die ganze Beſatzung, hie und da auf den Backen ſitzend, ihr mit einer Art von Andacht zuhörte. 1u Albin ließ natürlicher Weiſe von ſeinen Gefühlen nichts laut werden; doch auch er hatte eine ſchöne und volle Stimme, ſo daß er Roſa bald mit dieſer, bald mit der Flöte begleiten konnte. Und ſo ſehr waren ſie mit dieſer Uebung beſchäftigt, daß ſie eben ſo wenig be⸗ merkten, wie Frau Amelie immer öfter mit einem kleinen Schauder den Shawl feſter um die Schultern zog, als ſie gewahrten, daß von einem entfernten Theil des Fahr⸗ zeuges ein Paar Augen von der ſchwärzeſten Farbe auf ſie geheftet waren. Die Augen, welche unter den blinkenden Wimpern ſie unabläſſig betrachteten, gehörten dem neuen Matroſen an, und dieſer ſtand ſo, daß Niemand auf ihn Achtung geben konnte, während er ſelbſt Alles beobachtete. Und die Eindrücke, welche er erhielt, mußten eben nicht von angenehmer Natur ſein, denn bisweilen ballte ſich ſeine fur einen Mann ungewöhnlich kleine Hand zu einem krampfhaften Drucke, während die Bruſt ſo hef⸗ tig arbeitete, als läge ſie unter der Laſt einer ganzen Schmiede. Endlich hatte die ſchöne Sommernacht ihre Däm⸗ merung auf das Schiff und auf alle wechſelnden Ge⸗ fühle, Gedanken, Eindrücke und Eingebungen, die ſich in dieſer kleinen Welt bewegten, herabgeſenkt.. In ihrer netten Koje ſaß Jungfer Betty. Sie konnte vor lauter Entzücken ſich noch nicht legen, denn als ſie von ihrer jungen Herrin ſchied, hatte dieſe geſagt: „Hörſt Du, Betty: weil wir faſt ganz gleich ge⸗ wachſen ſind, ſo kannſt Du meine grüne ſammtene — ö Kontuſche erben!“ Und nun ſaß Betty eben und dachte nach, ob dieſe wohl eben ſo gut ſitzen würde wie die ſchwarze, als jemand ſich die Freiheit nahm, an ihre Thüre zu klopfen. „Iſt es die Mamſell?“ fragte Betiy, welche ſehr gut begriff, daß dieſes ſtarke Klopfen von einer ganz andern Hand herrührte. „Um Vergebung, Jüngferchen!— Iſt Sie ſchon zu Bette gegangen?“ „O! es iſt der Herr Conſtabel? Nein, noch habe ich nicht daran gedacht!“ „Da will ich Sie bitten zu entſchuldigen,“— hier öffnete Bas die Thür und trat ein—„daß ich nicht früher daran gedacht habe, daß ich noch in den Raum muß. Es iſt nämlich ſo, liebe Jungfer, daß kein An⸗ derer, als nur ich, das Recht hat hinein zu gehen, und es würde mir ſehr Leid thun, wenn es Ihr nicht Recht wäre, daß es keinen andern Eingang gibt.“ „O, das kann wohl nicht helfen!“ antwortete Betty mit einer kleinen Verlegenheit, die ihr nicht übel ſtand.... „Aber ich habe noch gar nicht danken können für alle Seine überflüſſige Sorgfalt und Güte, Herr Bas, und daß ich dieſes kleine eigene Zimmer ſo nett und rar erhielt!“ „Ich bitte Sie, Jungfer, kein Wort davon zu ſa⸗ gen! Wenn Sie nur nicht ſeekrank wird, ſo iſt Alles gut. Es geht nicht immer ſo her wie heute: kann ich Ihr aber zu Dienſten ſein, ſo bin ich gewiß nicht un⸗ raiſonlich, das weiß Gott!“ „Ich glaube nicht, daß es mir dießmal ſchlecht gehen wird: ich pflege meiſtens vor Bangigkeit krank zu werden, wenn es ſehr ſchnell geht, ſo daß das Fahrzeug ſich auf die Seite legt. Nun aber furchte ich mich gar nicht, weil ich weiß, daß ein ſolcher Mann, wie Herr Bas, ja gerade ein ſolcher Mann, mit iſt... Er iſt gewiß ein ſehr guter und ſtarker Seemann, Herr Con⸗ ſtabel?“ „Sollte es auch glauben!“ entgegnete Bas und richtete ſich ſo, daß er den Kopf an den Deckbalken ſtieß; ich, daf ich weif feinen e verſtand ſchuldig von Di machen holen— will!“ „3 Gute N. zu ſich hat— will es „T der Ca⸗ d dachte wie die an ihre lche ſehr er ganz ie ſchon och habe — hier ſch nicht Raum ein An⸗ den, und ht Recht te Betty ud.... le Seine daß ich ielt!“ zu ſa⸗ ſt Alles ann ich icht un⸗ ſchlecht rank zu ahrzeug lich gar ie Herr Er iſt rr Con⸗ as und ckbalken 45 ſtieß;„und wenn Sie Vertrauen zu mir hat, ſo hoffe ich, daß Ihr Vertrauen nicht zu Schanden werden ſoll: ich weiß einiger Maßen, wie man mit ſolchen kleinen, feinen Schuten umgehen ſoll— und wäre Poll...“ „Conſtabel!“ erſcholl Petter's Stimme von Oben, „der Capitain hat gerufen!“ „Gut— ich hole nur Tiſchwein für den Koch.“ „Er hat gewiß ſehr viele Frauenzimmerbekannte, Herr Bas?“ „O nein, jetzt bin ich geſetzt geworden— Poll verſtand ſich darauf, mich zu curiren... doch ent⸗ ſchuldigen Sie, daß ich hier in's Kreuz und in die Quere von Dingen rede, die dem Jüngferchen kein Vergnügen machen! Vielleicht kann ich den Wein morgen früh holen— ich will jetzt nicht länger aufhalten!“ „Gute Nacht denn, beſter Herr Conſtabel!— Weh nur der Koch den Wein nicht allzu früh haben will!“ „Ich will erſt anklopfen, ehe ich hereinkomme. Gute Nacht, Jungfer Betty!“ „Ach, wie gut und angenehm er iſt!“ ſagte Betty zu ſich ſelbſt.„Doch dieſe Poll, welche ihn betrogen hat— Gott weiß, was ſie für ein Mädchen war! Ich will es ſchon dahin bringen, daß er mir Alles erzählt!“ „Was zum Teufel zauderſt Du, Conſtabel?“ fragte der Capitain mit ungeduldiger Stimme. „Was befehlen Sie, Herr Capitain?“ „Ich will wiſſen, ob Du die Ballen von Vließin⸗ gen ordentlich einſtauteſt!“ „Ja wohl, ſie liegen in guter Ordnung.“ „Haſt Du das friſche Fleiſch gut conſervirt?“ „So gut ſich thun läßt, Herr Capitain!“ „... Und haſt Du das Obſt und das Gemüſe ſo gelegt, daß es ſich friſch hält?“ „Ich hoffe es, Capitain!“ ————ͤn——— —— ͦ— ———— „Bas!“ „Herr Capitain!“ „Du biſt ein ſakramentiſcher Trotzkopf!... Sieh ſo! laß es nun gut ſein!... Du kannſt wohl be⸗ greifen.. „Daß ich einige Kleinigkeiten zu wiſſen wünſche!“ „Ich kann doch wohl nicht über den Reſpekt gehen? Ich vergeſſe mich nicht gern zum zweiten Male!“ E Y lein T rückſich ging r Segeln A auch d ſchlecht Beſchw empfind fcte 3 ſchließli De keit ſehr angenel einzigen ſucht ne Tage in Seele e ſo dumn ür ſeine und bat unge Y den möc ſich für den vere nennen k Doc täuſchen, Roſa ſich Feingefül wa 47 Fünftes Capitel. Ein Strohhalm wird feiner befunden, als ein Haar. Mehrere Tage waren verfloſſen ſeitdem das Seefräu⸗ lein Vließingen verlaſſen hatte, und die letzten waren rückſichtlich der Fahrt beſonders günſtig geweſen— es ging ſraſch vorwärts mit ſtehendem Winde und ſtehenden Segeln. eglher auch die See ging hoch. Sowohl Amelie als auch die arme Betty befanden ſich in gleichem Grade ſchlecht, und Roſa, welche allein das Gluͤck hatte, keine Beſchwerden von dieſer faſt peinigendſten Krankheit zu empfinden, war unaufhörlich bei ihrer Mutter beſchäf⸗ tigt, während der dienſtfertige Bas die Betty faſt aus⸗ ſchließlich auf ſeinen Antheil bekam. Der junge Capitain war mit dieſer Widerwärtig⸗ keit ſehr unzufrieden, denn es unterbrach faſt ganz das angenehme Verhältniß, welches, obgleich es nur einen einzigen Tag gedauert, dennoch eine brennende Sehn⸗ ſucht nach ihr zurückgelaſſen hatte, welche mit jedem Tage immer größere Herrſchaft über ſein Herz und ſeine Seele erhielt. Er wußte es kaum noch, daß er einen ſo dummen Grundſatz gehabt hatte, eine gewiſſe Zeit ür ſeine Brautwerbung zu beſtimmen; er wünſchte nun und bat Gott, daß dieſes ſo weiche und dennoch ſo feſte unge Mädchen einen Hauch von den Gefühlen empfin⸗ ven möchte, welche ſie eingeflößt hatte, und er würde ſich für übermenſchlich glücklich erachtet haben, wenn er den verabſcheueten Mörk ſeinen Schwiegervater hätte nennen können. Doch konnte Albin ſich bei dem Umſtande nicht käuſchen, welchen er ſich ſelbſt zu geſtehen ſcheute, daß Feingefühl und die weibliche Verſchämtheit heiſchten. gwar machte die Pfle —— — — —— — in der Kajüte, und die töchterliche Aufopferung war eine Pflicht; gewiß aber fühlte ſie ſelbſt das Bedürfniß friſche Luft einzuathmen, denn bisweilen, wenn Albin nicht auf dem Deck war, wußte er, daß ſie oben in der Kappluke ſtand— und hier ſtand Roſa mehr denn einmal und blickte nach der noch fernen Küſte, welche ſie von dem Seefräulein trennen ſollte, woſelbſt ſie meinte, daß trotz des Zwanges, der ihr auferlegt worden war, der Himmel wohnte. Albin, welcher einſah, daß dieſer Platz der einzige ſein würde, welcher nunmehr(außer da Frau Mörk ſich oben zeigte) ſeine junge Beherrſcherin aufnehmen ſollte, ließ neben der Kappe einen bequemen Lehnſtuhl hin⸗ ſetzen, welcher ſicher feſtgeſorrt und mit einem kleinen Spiegelzelte bedeckt wurde, ſo daß Roſa ſelbſt unter Sturm und Regen, wenn ſie ſo wollte, in ihrem eignen Häuschen ſitzen konnte. Wie angenehm wurde ſie nicht von dieſer Aufmerk⸗ ſamkeit überraſcht, als ſte am vierten Morgen nach ihrer Verſetzung auf das Schiff das kleine niedliche Zelt er⸗ blickte, aus welchem ſie jeden Augenblick hinunter ſehen und, wenn die Kajütenthür offen ſtand, die Stimme ihrer Mutter hören konnte, und wo ſie auch im Stande war, Alles zu ſehen und zu hören, was ſich auf dieſer ihr ſchon ſo theuer gewordenen Heimath zutrug! Sie ſetzte ſich auf den weichen Lehnſtuhl und ſtützte das Köpfchen mit der Hand, um recht im Stillen empfinden zu können, wie ſchön und gut es war, hier auf dem Platze ſitzen zu können, den er ihr bereitet hatte. Um dieſe Zeit war der Capitain Albin gewöhnlich nicht auf dem Verdecke; aber Roſa ſah ihn dennoch vor ihrem innern Auge gerade ſo wie ſie ihn am vorigen Abende geſehen hatte, da er bei einem der kleinen Be⸗ ſuche, die er bisweilen bei ihrer Mutter abſtattete, dieſe faſt flehentlich gebeten hatte, ſie möchte es der Made⸗ moiſelle Roſa nicht geſtatten, daß dieſe ſich unaufhörlich einſchlöſſe. Als den Grund ſeiner Bitte hatte er auf Roſa's bleich⸗blühende Wange gedeutet,„Ach!“ dachte à ſie, und war! flog ſeine gepr leich um henr erü Sche Roſe tigke welch verri des Zelt wir weldc Frar guter Albi von würd De war rfniß Ulbin der imal von daß der nzige ſich ollte, 49 ſie, als ſie nun, da die Mutter ſchlummerte, hier ſaß und lieblich träumte,„ach, wie wenig verſteht er doch, warum...“ Weiter kam Roſa nicht; ein Zittern durch⸗ flog ihr Herz— ſie blickte auf: der Capitain Albin in ſeinem kleinen violetten Morgenrock, den Betty ſo ſehr geprieſen hatte, ſtand an ihrer Seite, und als er den leichten Strohhut abnahm und ſich in das Zelt bückte, um mit einem fröhlichen und glückſeligen„Guten Mor⸗ henr den Schemel unter Roſa's Füßen zurecht zu ſetzen, erührten ſeine ſchönen Locken ihre Hand, welche auf dem Schooße ausgeſtreckt lag. „Wie wird der Wind heute, Herr Capitain?“ fragte Roſa, die Albin unmöglich für irgend eine ſeiner A 2 tigkeiten danken konnte, aber doch mit einem Erröthen, welches zu gleicher Zeit, da es ihr geheimes Vergnügen verrieth, dieſelben anzunehmen, den ſtrahlenden Augen des Capitains einen doppelten Glanz verlieh. „Ich fürchte,“ ſagte er, indem er den Arm auf das kleine Zelt lehnend in der Oeffnung deſſelben ſtehen blieb,„daß wir bald eine Windveränderung zu fühlen bekommen, welche ſich noch unvortheilhafter für das Befinden der Frau Mörk beweiſen wird: wir bekommen heute keinen guten Wind.“ „Arme Mutter, was ſie leiden wird!“ „Und was Andere mit ihr leiden müſſen!“ erkühnte Albin ſich zu flüſtern. „Wie theilnehmend Sie ſind, Herr Capitain— ich vernehme in dieſen Worten, einen deutlichen Hauch von dem Geiſte der Wikinger!“ „Wirklich? Ich bin ſehr glücklich, Ihre Gedanken auf dieſes kleine Steckenpferd gelenkt zu haben; zum Dank dafür aber glaube ich fordern zu können, daß Sie wenigſtens mein Mißgeſchick bedauern! Mit einem ſo wuͤnſchenswerthen und paſſenden Winde wäre ſonſt die ganze Reiſe nur eine Luſtfahrt zu Lande geweſen— und ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß keiner von Ihren Günſtlingen unermüdlicher geweſen ſein würde, dergleichen kleine Vergnügungen zu erfinden, Der Jungferthurm. Iv. 4 , — ——— ——— welche die kleine Welt in einem Schiffe zu bieten ver⸗ mag.“ 8. Achl entgegnete Roſa mit einem halb unterdrück⸗ ten Seufzer,„es iſt dennoch nicht ganz gewiß, daß mit der Seekrankheit meiner Mutter⸗Allem geholfen wäre!“ Die Worte kamen ſo ſchnell und unbedacht, daß ſie erſt nachher den Mangel an Delicateſſe und das Unpaſſende in ihrer Antwort beurtheilen konnte, welches ſie oben⸗ drein jetzt auf keine Weiſe zu erklären vermochte. Beſtürzt ſuchte Albin's Blick den ihrigen; doch die⸗ ſer war geſenkt, und ihre Wange, die vor einem Augen⸗ blick noch ſo ſchöne Roſen gehabt hatte, war jetzt dem Schnee ähnlich geworden. „Wie?— wenn der Alte dennoch Recht gehabt, wenn ich mit meinem vernünftigen Beſinnen, mit mei⸗ ner wahnſinnigen Bemühung, ſelbſt in der Liebe Grundſätzen zu folgen, jetzt eine Zeit verſchwendet hätte, die ſich niemals wieder kaufen läßt!“ Dieſer Gedanke, den Albin augenblicklich auffaßte, ließ ihn die ganze Laſt einer Qual empfinden, die ſo groß war, daß er ſie nicht zu verbergen vermochte. Er war nicht im Stande, ein einziges Wort hervorzubringen. „Hier iſt's heute Morgen ſo kalt ſagte Roſa, die bei dieſem plötzlichen Schweigen ſich eines leichten Fie⸗ berſchauers nicht erwehren konnte; als ſie aber nun auf⸗ blickte, da ſie Albin's Wange ſo bleich ſah, wie den weißen Schaum, der ſeine Perlen auf die feinen Formen des Seefräuleins warf, da wurde ſie von einer ſo tiefen, reinen und himmliſchen Freude ergriffen, daß ſie nahe daran war, anſtatt des Froſtes über Fieberhitze zu kla⸗ gen— dieſe beiden Symptome einer ſtarken innern Be⸗ wegung kämpften nicht nur in ihrem Innern; ſondern auch auf ihrem Geſicht um die Oberherrſchaft. Und er, der einige Augenblicke unbeweglich geſtanden hatte, eilte nun hinweg, kam aber gleich darauf mit einem großen, indiſchen, weichen und warmen Shawl zurück, welchen er, ohne erſt um Erlaubniß zu bitten, eilfertig um ſie warf, und ſo groß war dieſer Shawl, daß er ihr ſowo Roſe kind. zu de Blie verſe Toil gleie dieje klein eine hier glüc liege irge biete dieſe zu! einz Ant berr unte nur „Iſl Nei die teter Fra nait frül aus Ver 51 ſowohl als Mantel, als auch als Decke dienen konnte. Roſa hatte einen ſolchen noch nie geſehen, und ſie war kindlich genug, einen Augenblick nur an den Shawl zu denken; in dem darauf folgenden aber wagte ſie einen Blick auf den Beſitzer deſſelben, und mit einem durch die verſchämten Reize deſſelben bezaubernden Lächeln ſagte ſie: „Das Seefräulein iſt gewiß ſehr ſchwach für die Toilette, da ſie ſich dergleichen beſteht!“ „Gewiß: ſie hat ihre kleinen Schwächen; aber zu gleicher Zeit iſt ſie auch eine ſo artige Wirthin, daß ſie fuͤr diejenigen Paſſagiere, welche bei kühler Witterung dieſe kleine Vorbedachtſamkeit anzunehmen nicht verſchmähen, einen Shawl in Bereitſchaft liegen hat— und jetzt“.. hier machte Albin eine kurze Pauſe...„wäre ſie ſehr glücklich, wenn dieſer im Zelte für Rechnung derjenigen liegen bleiben dürfte, für die es errichtet worden iſt!“ „Ich glaube kaum,“ erwiederte Roſa fröhlich,„daß irgend jemand ein Recht hat, dem Seefräulein zu ver⸗ bieten, ihre Shawle hinzulegen, wohin ihnen beliebt.“ „O, haben Sie Dank, tauſend Dank!— und wärmt dieſer Shawl nicht, dann.... iſt Ihrem Froſte nicht zu helfen!“ Roſa's lebhaftes und ſchönes Antlitz glich jetzt einer einzigen Purpurwolke, und es bedurfte keiner andern Antwort, um Albin's erregte Gefühle ſo vollkommen zu beruhigen, daß er, unvermögend ſeine Glückſeligkeit zu unterdrücken, leiſe, mit dieſem verführeriſchen Tone, den nur die Stimme eines Liebhabers beſitzen kann, flüſterte: „Iſt es nicht wahr, Mamſell Roſa, daß Sie eine kleine Neigung haben boshaft zu ſein, und daß nur dieſe Neigung die Worte dictirte, welche ſo eben die meinigen beantwor⸗ teten; als ich mich uͤber den Geſundheitszuſtand der Frau Mörk beklagte?“ Albin hatte ſich auf eine von jenen fröhlichen, naiven, halb kindlichen Antworten bereitet, welche Roſa früher ihm ſo oft gegeben hatte, oder auch nur auf eine ausweichende, welche wenigſtens einen Leitfaden für ſeine Vermuthungen enthalten könnte; doch weit Ptſeint: von — — ͦ— “ 5“ 4 Roſa's Blick und Geſichtsausdruck verſchwand ſogleich jene volle, reine Freude, welche noch vor einem Augen⸗ blick darauf geruht hatte, und mit einem Tone voller Betrübniß, mit innig rührendem Ernſte erwiederte ſie: „Herr Capitain! ich würde es nicht gerne ſehen, wenn Sie übel von mir dächten— und ich glaube..“ hier wurde ihre Verwirrung unausſprechlich, ihre Furcht, eiwas Unpaſſendes zu ſagen, ganz ſichtbar....„ich qube... 8„Was?— ach, vollenden Sie!“ „.... wenn ich auf die Weiſe, an welche Sie zu denken ſcheinen, boshaft ſein wollte, ſo würde ich ver⸗ muthlich auch ſo fröhlich ſein, wie man zu ſein pflegt, wenn man über etwas ſcherzt.“ „Mademoiſelle Roſa! Ihr Weſen iſt ſo wahr, ſo unſchuldig, daß es ein Verbrechen wäre, wenn man nicht glauben wollte, daß Sie jetzt nicht die Wahrheit redeten— und dennoch würde ich es lieber ſehen....“ „Roſa!“ erſcholl die Stimme der Mutter mit einem Ausdruck, den man faſt ängſtlich nennen konnte—„wo biſt Du?“ „Hier, Mutter;“ Roſa ſtand auf, und indem ſie mit einer anmuthi⸗ gen Bewegung den Shawl des Seefräuleins abnahm, ſagte ſie zu Albin:„Danke für die Anleihe!“ „Für dießmal, ja!“ Roſa hörte nichts, ſondern war ſchon die Treppe hinunter, ehe der Capitain ihr die Hand reichen konnte; als ſie aber auf dem untern Verdecke ſtand, machte ſie eine kleine, ſo entzückende Verneigung und gab Albin einen kleinen ſo ſchalkhaften Blick, daß er ganz verwirrt an ſeinen Poſten zuruͤckkehrte und doch nicht wußte, ob er glauben ſollte, daß ſie eben im Ernſt ge⸗ ſprochen hatte, da ſie darauf hindeuten wollte, daß etwas Anderes als die Unpäßlichkeit ihrer Mutter die Ent⸗ wickelung dieſes reichen und ſchönen Lebens, auf welches er hingedeutet hatte, hindern könnte. ſie; ehen, ganz nicht ge⸗ was Ent⸗ ches 53 „Warſt Du jetzt wieder oben, liebe Roſa? Ach, wie leide ich! Wie unerträglich iſt dieſes Elend!.. Wie kannſt Du das Herz haben, von mir zu gehen?“ So ſelbſtſüchtig war Amelie noch nie geweſen. „Als Du ſchliefſt, liebe Mutter, meinte ich, daß ich wohl ein wenig Luft ſchöpfen könnte— ich war nicht weiter, als bei der Kappe.“ „Du ſprachſt mit Jemanden?“ „Ja, mit dem Capitain!“ „Wie warm iſt es, und wie peinigt mich der Ge⸗ ruch! Zuletzt kommt es wohl noch ſo weit, daß ich alles Bewußtſein verliere— doch, wenn das geſchehen ſollte, Roſa, ſo.... O, mein theures, liebes Kind, ſieh nicht ſo traurig aus, blicke Deine Mutter nicht ſo an: Gott ſ mein Zeuge, daß ich nicht dafür kann, wenn ich Dich betrübe!“ .... „Ei.... gib mir das Waſſer!.... Denkſt Du ernſtlich an Dein dem Vater gegebenes Verſprechen?“ „Ich werde ja von Dir täglich daran erinnert „Und dieſes Verſprechen mußt Du halten, Roſa, aus Mitleiden mit uns beiden— Du kennſt den Vater und weißt, was daraus werden würde, wenn Du unge⸗ horſam würdeſt!“ „Liebe, ſüße Mutter, ſei ruhig, ich werde nicht ungehorſam! „Ich fürchte aber dennoch, daß Du Deine Ver⸗ pflichtung nur nach dem Buchſtaben auffaſſeſt! Wieder⸗ hole mir, wie es war, als Vater Dich am Abende vor unſerer Abreiſe zu ſich einrief!“ —— f „Vater ſagte zu mir, und ſah dabei ſo gut aus: „Liebe Roſa,“ ſagte er,„Du biſt jetzt ſechzehn Jahre alt, und obgleich Du noch in jeder Hinſicht ein Kind biſt, ſo könnte es ſich dennoch ereignen, daß Jemand ſeine Augen ein wenig näher auf Dich heftete!““ „Was antworteteſt Du darauf?“ „Ja, lieber Vater, das glaube ich wohl: als Thekla und Hildur in meinem Alter waren, hatten ſchon Viele ſie näher betrachtet.“ „Weiter!“ „Weiter ſagte Vater, indem er mich ſtreichelte:„Du haſt eine ganz gute Meinung von Dir ſelbſt, verſtehe ich; da Du aber jung biſt und einen kindlichen Sinn haſt, ſo mußt Du mir verſprechen und mir die Hand darauf geben, daß Du nicht Dein Jawort gibſt und Dich auch nicht auf die geringſte Weiſe bindeſt, wenn ſich Jemand um Deine Hand bewirbt, denn wenn es bis auf den Punkt kommt, ſo will ich Dir etwas ſagen.““ „Du verſprachſt alſo?“ „.... Daß ich an den Befehl des Vaters denken und ihm gehorſam ſein wollte.“ „Das war recht und ſchön; um aber Wort halten zu koͤnnen, verſtehſt Du wohl, wäre es im höchſten Grade unpaſſend, wenn(ich ſage hier nur wenn; denn ich kann es natürlicher Weiſe nicht wiſſen), wenn der Capitain Stangerling die Abſicht haben ſollte, Deine Gefühle zu gewinnen— jetzt rede ich ganz offen— Du ihn mit einer Hoffnung bethören wollteſt, welche Du hernach nicht erfüllen könnteſt.“ Roſa ſchwieg lange: darauf antwortete ſie leiſe, aber mit einer Stimme, welche der Mutter gar nicht ge⸗ fallen wollte: „Es iſt ſehr hart, Mutter, daß eine Sache, die man nicht einmal zu denken oder bei ſich ſelbſt zu ahnen wagt, und die man glücklich iſt nicht zu wiſſen, ſon⸗ dern nur zu rathen und zu verbergen, ehe ſie geſchehen iſt, auf dieſe Weiſe überlegt und beſtimmt werden ſoll!“ „Mein geliebter kleiner Engel! wenn Du wüßteſt, —— ze—2 aus: Jahre Kind emand Thekla Viele :„Du erſtehe Sinn Hand ſt und wenn enn es gen.““ denken halten chſten denn in der Deine fen— he Du ,aber ht ge⸗ e, die ahnen 55 wie ſchmerzhaft es für mich iſt, Dein feines jungfräu⸗ liches Gefühl zu verletzen, ſo würdeſt Du mir von Her⸗ zen verzeihen, daß ich genöthigt bin, ſo zu handeln— doch ſage ſelbſt, welchen Nutzen hätteſt Du von einer Warnung, welche zu ſpät käme?“ „Wann kommt ſie zu ſpät, liebe Mutter?“ „Wenn Dein Ohr und Dein Herz von dieſer Sprache vergiftet worden ſind, die, ich hoffe es, Dich bis jetzt noch nicht erreicht haben.“ Roſa ſchwieg. „Wozu nützt Dein dem Vater gegebenes Verſpre⸗ chen, wenn Du es, wie ich eben ſagte, nur nach dem Buchſtaben verſtehſt? Als Vater ſagte, daß Du Dich nicht binden ſollteſt, da meinte er natürlicher Weiſe, Du ſollteſt Deine Gefühle nicht binden.“ „Davon ſagte Vater nichts, liebe Mutter; wenn er es aber auch gethan hätte“— Roſa ſenkte ihren milden Blick in dene er Mutter—„ſo...“ So?“ „ So wäre das ja ſehr einfältig geweſen— wer kann wohl ſeine Gefuͤhle binden oder nicht binden?“ „Mein letzter Strohhalm!“ ſeufzte es in dem Her⸗ zen der angſtvollen Mutter— laut aber klagte ſie:„Mein Gott, mein Gott, daß ich dieſe Reiſe antreten ſollte!.. Denke Dir, Roſa!— ich ſage nur: denke Dir— wenn Bater ſelbſt Dir einen Gatten auserſehen hätte?“ „Das könnte ich ja nicht hindern,“ antwortete Roſa. „Siehſt Du! Du mußt das zugeſtehen! Und wenn es nun ſo wäre?“ „Da ſagte ich Nein!“ „Du? Liebes Kind, Du vergiſſeſt des Vaters Cha⸗ rakter und ſeine Beſtimmtheit in allen Vorſätzen!“ „Nein, liebe Mutter, das alles weiß ich recht gut, aber ich weiß auch eben ſo gut, daß mich nichts in der Welt dahin bringt, mich mit Einem zu verheirathen, den ich nicht liebe!“ „Ich glaube auch nicht, daß Vater dieß fordert— aber man kann auf verſchiedene Art lieben.“ „Davon weiß ich nichts, Mutter“— Roſa wendete ihr erröthendes Antlitz hinweg—„wenn es jedoch ſo weit kommt, ſo will ich auf die Art lieben, welche mir dann gefällt, oder... auch will ich gar nicht lieben!“ Die körperlichen Leiden erhielten die Oberhand über Amelie's Seelenleiden; und jetzt unter dem ſtarken Wel⸗ lenſchlage wurde ſie ſo krank, daß Roſa ohne Bitten und Befehle auf keinen Fall von dem Kopfkiſſen der ge⸗ liebten Mutter gewichen ſein würde. Nur auf einige flüchtige Augenblicke ſchöpfte ſie dann und wann ein wenig Luft auf dem theuren Platze an der Kappe; dieſe Augenblicke aber waren auch von einem ſolchen Reichthume, daß ſie ihr geſtatteten, die Zwiſchen⸗ zeiten ganz gut zu ertragen, denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie dieſelben nicht allein genoß. Sechstes Capitel. Sonderbare Beobachtungen. In einer Nacht, da der Steuermann die Wache hatte, trat Bas ohne erhaltenen Befehl in den Salon des Capitains. „Was gibt's Conſtabel?“ fragte Albin, der noch wach und mit ſeinen Liebesgedanken beſchäftigt war. „Das iſt ſo leicht eben nicht geſagt, Herr Capitain; da es aber ſo iſt, wie ich glaubte, daß Sie noch nicht ſchliefen, ſo erlauben Sie mir wohl, daß ich einen Augenblick mit Ihnen plaudere?“ „Setze Dich— Du kommſt mir eben gelegen: ich liege hier und dehne und wälze mich.. Haſt Du bei der kleinen Betty Dein Wort ſchon angebracht?“ „O. behüte Gott, Herr Capitain, woran denken Sie? Die arme Kleine iſt ja ſo krank, daß ich ſie wie ein Kind handthieren muß.... Das wäre mir etwas Rechtes, um die anzuhalten, welche ihrer Sinne gar 57 nicht mächtig iſt! Wenn ich aber auch wirklich ſo ver⸗ rückt geweſen wäre, ſo hätte ich dennoch mich wohl ge⸗ ſchämt, mitten in der Nacht mit einer ſolchen Neuigkeit zu kommen.“ „Nun was gibt's denn?“ „Ich wollte Sie erſt fragen, wie Ihnen der neue Matroſe John gefällt?“ „Ich kann ihn nicht recht leiden; das hindert mich jedoch nicht, zu ſehen, daß er ausgezeichnet geſchickt iſt. Er iſt zum Erſtaunen gelenkig und hurtig in Allem, was 5 thut: er iſt eben ſo tüchtig, wie Du ſelbſt, mein lieber as!“ „Das geſtehe ich ein, Herr Capitain!— Haben Sie aber übrigens auf ſein Benehmen Achtung gegeben? Er nimmt des Nachts immer die ganze Wache, wenn er ſie bekommen kann, und erhält er ſie nicht, ſo iſt er dennoch auf. Schlafen thut er nur des Tages, und da verſteckt er ſich bald im großen Boote, bald im Kabel⸗ at, bald hinter einer Kiſte— ja, er hat ſogar im Marskorbe geſchlafen: in eine Koje aber iſt er nicht ge⸗ gangen, ſeitdem er an Bord kam. Augen hat er übri⸗ gens wie ein Luchs, und arg iſt er wie ein Panther!“ „Nun was wird denn weiter aus dem allem? Der Gegenſtand iſt eben nicht lockend!“ „Er kann um ſo wichtiger ſein!“ entgegnete Bas ruhig.„Als er zum erſten Male in der Schanze mit den Andern ſchaffte, ſo hatte er ein kleines Spiel mit dem langen Olle, welcher ſonſt der Uebermüthigſte von allen Backgeſellen iſt. Als der Koch die Erbſen in die Schüſſel gefüllt hatte, ſo kriegte Olle, der an ſeine ge⸗ wöhnliche Macht dachte, den John ganz unvermuthet beim Kopf— es ſollte nämlich das alte Spiel mit dem Taufen beginnen, da John ein neuer Ankömmling war und noch dazu nicht darnach ausſah, als ob er ſich ver⸗ theidigen könnte. Als aber der lange Olle ſich erhob, um laut aufzulachen, ſo gab ihm John, und zwar wie man klar und deutlich ſah, ohne alle Bemühung, einen leichten Puff vor die Bruſt; ſo leicht dieſer aber auch — —— ſein mochte, ſo fiel Olle dennoch, ſo lang er war, über die Kiſte, und hätte noch dazu beinahe die Beſinnung verloren. John dagegen wiſchte ſich mit dem Blouſen⸗ ärmel die Erbſen aus dem Geſichte und ſetzte ſich darauf ruhig wieder zur Mahlzeit hin, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Von dieſem Augenblicke an hat er bei der ganzen Beſatzung einen ganz unerklärlichen Reſpekt gewonnen; doch redet er ſelten Einen an, und auch ihn beläſtigt Keiner mit Reden. Olle läßt ihn immer vorweg gehen, wenn ſie auf den Maſt klettern, und dieſe Ehre hat doch der lange Olle außer mir noch nie einem Andern überlaſſen.“ „Aber was zum Teufel geht das mich an? Ich kehre mich daran nicht, wer zuerſt oder zuletzt geht, wenn das Manbver nur hurtig ausgeführt wird.“ „Gedulden Sie ſich ein wenig, Herr Capitain— alles muß in der Ordnung gehen, wenn man es be⸗ greifen ſoll. Aus demjenigen, was ich nun erzählt habe, können Sie leicht begreifen, daß John anders iſt, als alle Andern: er hat Macht über die Leute, obgleich ihn Keiner leiden kann; er hat Macht über ſich ſelbſt, was noch beſſer iſt, wenn es nothwendig wird; er kann ſich mit Jedem in den Streit geben, obgleich er ausſteht wie eine Eierſchaale; er iſt teufliſch, er iſt heimtückiſch, er iſt gleichſam als ſuchte er etwas... und Augen— ich habe nie mehr als eine Perſon mit ſolchen Augen ge⸗ ſehen.... nun, es wäre ein reiner Wahnſinn, an der⸗ gleichen zu denken; Eins aber iſt dennoch da, das kein Wahnſinn iſt, obgleich Sie es gewiß nicht glauben werden— und wollen Sie einen guten Rath hören, ſo ſeien Sie nicht allzu ſicher!“ „So klemme doch endlich hervor, was Du brüteſt! Du wirſt mir doch wohl nicht ſagen wollen, daß er daran denkt, Meuterei anzuſtellen— Meuterei auf meinem Schiffe.... Ich glaube, Du weißt, ob meine Jungen mich lieben oder nicht, und ob die Art und Weiſe, wie ich meinen Befehl führe, ſo iſt, daß ſie dadurch zum Aufruhr verlockt werden können!“ , über nnung louſen⸗ darauf nichts hat er rrlichen , und ißt ihn lettern, ir noch 2 Ich t geht, ain— es be⸗ lt habe, iſt, als eich ihn t, was inn ſich eht wie ſch, er 1— ich gen ge⸗ an der⸗ das kein glauben dren, ſo brüteſt! daß er rei auf b meine Art und daß ſie 59 „Ob Sie beliebt ſind, Herr Capitain, das läßt ſich gar nicht bezweifeln, ich will aber nicht gut dafür ſagen, ob John nicht den Willen hat zu irgend einem böſen Anſchlage.... Uebrigens dachte ich an gar keinen Aufruhr.“ „Nun woran dachteſt Du denn?“— „Es iſt Alles ſo toll und raſend, daß ich ſchon im Voraus weiß, Sie werden keinen Buchſtaben glauben wollen; doch Pflicht iſt Pflicht, und Recht iſt Recht— heraus muß es!“ „Gut, daß wir endlich ſo weit gekommen ſind! Du behaupteſt alſo?“ „Ich behaupte“— hier ſenkte Bas die Stimme und bückte ſich zu dem Capitain herab—„der Nichtswürdige geht damit um.... Nein, warten Sie Capitain: ehe ich fortfahre, erkenne ich als meine Schuldigkeit, zu ge⸗ ſtehen, daß ich mich möglicher Weiſe geirrt haben kann, und demnächſt bitte ich Sie, daran zu denken, daß ich ein ehrlicher Kerl bin, der nicht aus Bosheit im Stande wäre, eine Chriſtenſeele zu verleumden oder zu belügen!“ „Unnöthige Erinnerung, Bas, an einen alten Freund, der Dich in ſo vielen Lebensverhältniſſen geprüft hat! Heraus nun damit!.... Der Nichtswürdige geht damit um, ſagteſt Du?.....— „Ja, Herr Capitain!“ ſeufzte Bas leiſe—„er geht damit um, der Mamſell Roſa das Leben zu nehmen!“ „Haſt Du,„the Romare,“ dort im Schranke einen Beſuch abgeſtattet, oder ſchwatzeſt Du ſolchen Wahnſinn im Schlaf?“ rief Albin mit einem Lächeln aus, das aber doch einen ſchneidenden Gegenſatz zu der Todten⸗ bläſſe bildete, welche ſein Antlitz bedeckte. „Ich habe Ihnen geſagt, Herr Capitain, daß ich mich geirrt haben kann; nun aber laſſen Sie mich erzählen, worauf ich meinen Verdacht gründe— aus dem Winde greife ich ihn nicht, ſo viel können Sie wenigſtens glauben, da ich hieher gekommen bin!“ „Du haſt einen Grund dazu zu haben geglaubt— das Andere iſt unmöglich. Aber um Gotteswillen, rede ohne Umſchweife!“ „Ja; erſtlich habe ich oftmals bemerkt, daß, ſo oft ſich Sie bei dem kleinen Zelte ſtanden und mit Mamſell die Roſa plauderten, John ſich immer im Achtertheile des die Schiffes etwas zu thun machte und ſich ſo ganz all⸗ das mählig der Kappe näherte, und da habe ich denn recht Ver gut verſtehen können, daß er lauſchte und verſuchte, das eine oder das andere Wort aufzuſchnappen. Wozu aber ſollte das nun wohl dienen, wenn es wahr wäre, daß er kein einziges ſchwediſches Wort redet oder verſteht?“ „Der Schurke wird doch wohl nicht in Roſa ver⸗ pfle⸗ liebt ſein und aus irgend einer Art von Eiferſucht mit ja? Racheplänen umgehen! Vielleicht... Ha, mir fällt etwas ein!“ Albin erhob ſich heftig.„Sie iſt ſo ängſt⸗ gefã lich, ihren Fuß auf's Deck zu ſetzen: ob ſie dieſen Göͤn⸗ hatt ner kennt, ob ſie weiß, daß ſie verfolgt iſt, ob er eine vornehmere Perſon, irgend ein Abenteurer iſt, welcher hier einen Platz geſucht hat, um nur auf einem Fahr⸗ ich: zeuge zu ſein...“ den „O nein, Herr Capitain! Warten Sie ein wenig: dert ſo iſt es nicht!“ auf „So? das weißt Du ſo beſtimmt?“ hatt „Ja, das weiß ich ganz beſtimmt: Mamſell Roſa hat ihn nicht mehr Ahnung von einer Gefahr von dieſer Kante, als das, was niemals war— und darüber können Sie ſelbſt am beſten urtheilen, wenn ich ſage: ſo bange der ſie iſt, des Tages ihr Füßchen auf's Deck zu ſetzen, ſo um fein kann ſie dort des Nachts umher ſpazieren, wenn kei⸗ und ner außer der Nachtwache und den Seevögeln ſieht, daßs here ſie Luft ſchöpft.“ Kap „Geht ſie des Nachts auf dem Deck?“ 1 „Sehr oft, und ſie weiß recht gut: wenn Sie es auch wüßten, ſo könnte ſie dort dennoch ungeſtört gehen, ja, b ſonſt müßte ſie ja rein erſticken, die arme Kleine— ben * und eben dieſe Deckpromenaden anbelangend, hatte ich ſo ſ ein paar Worte zu ſagen.“ ſie i „Aber was thut ſie, wenn ſie dort oben iſt?“ Ma rede »oft nſell des all⸗ recht das aber daß ht?“ ver⸗ mit fällt ngſt⸗ Gön⸗ eine lcher fahr⸗ enig: a hat ante, Sie ange —, ſo kei⸗ daß ie es ehen, e— te ich 61 „O, bald ſitzt ſie in dem Zelte und ſpielt mit den Franſen an dem großen, hübſchen Shawl, in den ſie ſich einhüllt, ſobald ſie hinaufkommt, bald ſieht ſie über die Regeling hinaus oder blickt auf die Sterne oder auf die Wellen, bald ſpazirt ſie auf der Backbordſeite und das ſo ſicher und feſt, daß ich mehr denn einmal mein Vergnügen daran gehabt habe.“ „Hat ſie mit Dir geſprochen?“ „Oft, ſehr oft!“ „Was kann ſie da ſagen?“ „O, bald das Eine, bald das Andere— gewöhnlich pflegt es damit anzufangen:„Guter Conſtabel! Hier iſt ja Niemand auf dem Deck?““ Albin lächelte mit ſo ſeligen Gefühlen, daß er den gefährlichen Theil des Rapports, den Bas abzulegen hatte, faſt ganz darüber vergaß. „Und was antworteſt Du dann?“ „Gehen Sie frei drauf los, Mamſell Roſa,“ ſage ich:„wenn nicht etwas vorfällt, das rapportirt zu wer⸗ den verdient, ſo wird vor der Tagwache nichts verän⸗ dert...“ Doch, Herr Capitain, laſſen Sie uns nun auf das Wichtigſte kommen! da ich Achtung gegeben hatte, daß John das Zelt ſpionirte, ſo beſchloß ich, auf ihn wieder zu ſpioniren.“ „Nun?“ „In der geſtrigen Nacht war der Wind während der erſten Wache ziemlich ſteif, ſo daß die See friſch um die Unterröcke des Seefräuleins ſtäubte. Ich ſtand und dachte: heute wagt ſich Mamſell Roſa gewiß nicht herauf; doch es dauerte nicht lange, ſo ſtand ſie in der Kappluke. Ich ging zu ihr.“ „Weiter— weiter!“ „Es iſt heute kalt, Mamſellchen!“ ſagt' ich.„O ja, Herr Conſtabel; doch ich kann es wohl nöthig ha⸗ ben, mich hier draußen ein wenig zu rühren— es iſt ſo ſchwül, immer dort unten zu ſitzen!“ Und damit war ſie im Zelte, ſchlang den Shawl mehrmals wie einen Mantel um ſich und wanderte nach einem kleinen freund⸗ lichen Kopfnicken nach Vorne. Ich wußte, daß ſie trotz des Wellenſchlages faſt eben ſo ſicher ging, wie ich ſelbſt; aber es war, als hätte mir jemand in's Ohr gefluͤſtert: Du mußt ihr nachgehen! und das that ich denn auch. Ich ſchlich mich leiſe die Leeſeite entlang und kauerte mich vor dem Spille nieder. Mamſell Roſa ſpazirte erſt einigemal auf und ab, ging darauf ganz nach Vorne, und nachdem ſie mit dem einen Arme einen feſten Griff gefaßt hatte, lehnte ſie ſich hinüber. Es machte ihr wohl Vergnügen, kann ich mir vorſtellen, zuzuſehen, wie ſich der funkelnde Schaum ſo prächtig am Buge brach. Inzwiſchen...“ „Aber, zum Teufel, laß mich hier nicht länger auf der Folter liegen— mach ſchnell!“ „Inzwiſchen,“ fuhr Bas fort, ohne ſich ſtören zu laſſen,„hatte ich eine große Angſt: das Schiff ſtampfte ſo heftig, daß mir bange wurde, ſie möchte, wenn das Seefräulein die Naſe in die Tiefe ſteckte, das Ueber⸗ gewicht bekommen und über Bord fallen; aber ich wollte auch nicht gerne naſeweis ſein und ſie ſtören.“ „Ehrlicher Bas!“— Albin's Ton war jetzt ſanfter geworden—„ſte war gewiß in guten Händen, da ſie in den Deinigen war!“ „Sollte es auch glauben, Capitain! Ich kletterte nun ſo fein über das Bugſpriet und kam ihr ſo nahe, daß ich, ohne daß ſie etwas merkte, die Falten ihres Kleides ſicher zu faſſen bekam, und darauf lag ich ganz unbeweglich ſtille. Nun, ſie fuhr noch eine Weile fort auf das zu ſehen, was ihr Vergnügen machte, und kehrte ſich gar nicht daran, daß der Schaum ihr in das Geſicht ſpritzte, denn ſie iſt nicht ſo zimperlich wie andre Weibsleute. Da kam es mir plötzlich vor, als hörte ich ganz in der Nähe ein ſonderbares leiſes Tappen. Sie wiſſen ſelbſt, Herr Capitain, daß wir Seeleute ſehr leicht jeden andern Laut von demjenigen unterſcheiden, welcher von dem Spielmann in der Takelage oder von dem Knacken in den Fugen entſteht; daher wußte ich jetzt, daß ich mich nicht getäuſcht hatte. Ich ſpannte jede 2 das N auch Unſer Wolk plötzl. noch habe denken vorw gang einen zu ſe werfe Geſta gerne der 63 jede Nerve, und bald hörte ich nicht allein, ſondern als das Fahrzeug ſich auf eine größere Welle erhob, ſah ich auch gleichſam eine ſchleichende menſchliche Geſtalt. Unſer Herrgott hatte eine kleine weiße Luke zwiſchen den Wolken am Himmel gelaſſen, ſo daß die Geſichtszüge plötzlich eine kleine Beleuchtung erhielten, und da ich noch dazu von meiner Kindheit an im Dunkeln gut habe ſehen können, ſo entdeckte ich— können Sie wohl denken, wen?“ „Weiter, nur weiter!“. „Ich ſah den John, der ganz wie ein Geſpenſt vorwärts glitt!“ „Ha, was ſagſt Du? Was ſoll das bedeuten?“ „Als er näher kam, duckte er ſich unter dem Bre⸗ gang nieder, und ſtand der Mamſell Roſa bald auf einen Schritt nahe. An ſeiner Stellung war es leicht zu ſehen, daß er einen Sprung nehmen, ſich auf ſie werfen und ſie über Bord werfen wollte.“. „Iſt er ein hölliſcher Geiſt, der ſich in menſchliche Geſtajt verkleidet hat?... Was thateſt Du denn?“ „Ich hielt ihr Kleid ſo feſt, daß ich den Schurken gerne hätte verſuchen laſſen können; aber ich fürchtete, der Schreck möchte ihr nicht gut ſein. Da war nicht lange Zeit zum Beſinnen: als er eben zuſpringen wollte, ſo ergriff ich die Canaille beim Schopf und warf ihn mehrere Schritte zurück. Ich ſah etwas in ſeiner Hand blitzen und machte mich ſchon auf einen Meſſeerſtich ge⸗ faßt; doch er ſchien ſich zu beſinnen und zog ſich leiſe nach der Luvſeite zurück, wo er verſchwand. Was war das für ein ſonderbares Geräuſch, lieher Conſtabel!“ fragte Mamſell Roſa, welche ſich ſchnell umgewendet und mich erblickt hatte.„O, es glitt nur einer von den Matroſen aus und fiel!“ ſagt' ich— ſie dachte ebenfalls an nichts Böſes, die arme Kleine, ſondern ſagte freundlich gute Nacht und ging hinab in die Ka⸗ lue... Und nun habe ich für dießmal mein Herz er⸗ eichtert.“ Albin ſaß ſtumm da und ſtützte den Kopf auf die ————— ——“ Hand. Vielerlei Bewegungen kämpften in ſeinem In⸗ nern; doch ſah er ein, er müßte hier mehr als jemals ſich in Schranken halten. Auf ſo ganz eigenmächtigen, vielleicht völlig grundloſen Verdacht wagte er weder Allarm zu machen, noch ſich der Perſon des ſonderbaren Ma⸗ troſen zu bemächtigen; doch auf der andern Seite, nach⸗ dem die Mittheilung ſeines Bas ihn in Todesangſt ver⸗ ſetzt hatte, den nichtswürdigen Schurken in der Nähe zu dulden, das überſtieg faſt Alles, was die höchſte Selbſtbe⸗ herrſchung über ſich gewinnen konnte— und noch dazu, ſo ſorgfältig er auch wachen wollte, ſo könnten ja den⸗ noch viele unbewachte Augenblicke zu finden ſein. „Nein, Bas!“ ſagte er, da ſich endlich ein geord⸗ neter Gedanke hervorarbeitete,„das iſt allzu fürchterlich, allzu unmöglich, als daß es auch nur einen Schein der Wahrheit haben könnte! Wodurch könnte wohl dieſer Engel, der für einen Jeden von der Beſatzung ein Lä⸗ cheln hat, ſich den Haß irgend eines Menſchen zugezo⸗ gen haben?... Aber in dieſem Augenblick, wo befindet ſi ſich jetzt?“ Von einer ſchrecklichen Angſt ergriffen, war Albin im Begriff aufzuſpringen. „Sein Sie ruhig, Herr Capitain! Ich ſtände nicht hier, wenn ich ſie nicht unten in guter Verwahrung wüßte. Sie geht in dieſer Nacht nicht mehr hinauf. Sie ſtand vor Kurzem in der Kappluke, und da ich vorbeiging, ſagte ich gleichſam zufällig zum langen Olle, der maͤchtig darüber erſtaunte:„Ich glaube, es artet ſich zum Sturm— ich muß es gewiß dem Capitain rappor⸗ tiren!“ und darauf tauchte ſie wieder hinunter, wie ein verſcheuchtes Täubchen.“ „Du thateſt ſehr Recht,“ ſagte Albin ſeufzend,„und Du haſt eine Feinheit, Bas, die ich bei Dir gar nicht begreifen kann!“ „Nein, nein,“ entgegnete Bas etwas ſpöttiſch,„auf das Feine können nur Herrenleute ſich verſtehen!“ „Das fällt mir nicht ein zu behaupten— doch wenn ich nach Deinen häufigen Beſuchen bei der kleinen 6⁵ . Betty urtheilen darf, ſo nimmſt Du es gewiß nicht im⸗ 2 mer ſo genau.“ nals„Wie können Sie das wiſſen?“ fragte Bas mit Jen, einer Heftigkeit, die faſt über den Reſpekt ging.„Glau⸗ Mn⸗ ben Sie nicht, daß Jungfer Betty ihre Verſchämtheit 34 und ihre Feinheit eben ſo gut hat wie Mamſell Roſa, ach⸗ obgleich auf eine andere Art, da ſie einer andern Klaſſe däde angehört? Und noch dazu verſteht ſie recht gut, daß ſie fbe⸗ in meiner Koje eben ſo ſicher iſt, als wenn ſie in dem h Schooße ihres eigenen Vaters läge. Die arme, kranke Han Kleine, welche die Mamſell Roſa nur dann und wann eu⸗ auf einen Augenblick zu ſehen bekommt, weil dieſe bei zord⸗ der Koje der Mutter wie angebunden iſt, wird ſo herz⸗ rlich lich froh, wenn ich komme und mich bach ihr umſehe, chein ihr zu trinken gebe und Riechwaſſer auf ſie gieße!“ dieſer„Du biſt aber wirklich ſehr glücklich, Du!.. Doch, Lä⸗ um wieder auf den ſchrecklichen Kummer zu kommen, den ge o⸗ Du auf mich geworfen haſt, ſo fühle ich mich ganz Indet unſchlüſſig über die Maßregeln, welche ich ergreifen ſoll. iffen Ich muß ſichere Beweiſe haben, ehe ich mich zu etwas 4 entſchließen kann!“ nicht„Das ſehe ich ein, Herr Capitain!“ rung„Unterdeſſen bewachen wir jeden ihrer Schritte, ohne nauf daß wir durch die geringſte Hindeutung auf irgend eine 1 ich Art von Gefahr ihre Unruhe erwecken. Des Nachts— Olle wenn ſie nämlich bei ihrer Gewohnheit verbleiben ſollte, t ſich welche, ich ſehe es ſehr gut ein, ihr ſo nothwendig iſt, ppor⸗ wenn ſie nicht ſelbſt durch die mehr denn großen An⸗ e ein ſtrengungen, denen ſie ſich unterzieht, erkranken ſoll— muß ich natürlicher Weiſe unten bleiben, da nichts mich und zwingt, oben zu ſein; aber Du, redlicher Freund, ſollſt nicht uͤber ſie wachen!! „.. So wie ich bisher gethan habe!“ vollendete Bas. auf„... Und niemals,“ fuhr Albin fort, darfſt Du 6 deen ſchwarzen Satan aus den Augen laſſen!“ doch„Bauen Sie auf mich, Herr Capitain!.. Und b leinen nun können Sie ein wenig ruhen— denn hente iſt ſie ſicher!“ Der Jungferthurm. IV. 5 ——.— —— —— ——— — „Eine ſchöne Ruhe!“ murmelte Albin, indem er mit einem Kopfnicken von dem treuen Wächter des See⸗ fräuleins Abſchied nahm. Bas machte die Thür des Salons vorſichtig zu; doch anſtatt zu Bette zu gehen, ging er ganz beſcheident⸗ lich und horchte vor Betty's Thür, und ſeit dem Augen⸗ blick, da er das Verſprechen von Poll's Treue erhalten, hatte er keine ſo ganz angenehmen Gefühle gehabt, als er eben jetzt hatte, da er hörte, wie Betty als Antwort auf eine Frage ihrer jungen Herrin mit einer freund⸗ lichen Betonung der Worte ſagte: „Ach ja, Mamſell Roſa, das iſt gewiß wahr, daß er gut iſt, der vortreffliche und ehrliche Conſtabel! Ich weiß wirklich nicht, was aus mir Armen werden ſollte, wenn ich ihn nicht hätte in meiner Noth!“ „Aber,“ fragte Roſa weiter,„meinſt Du nicht, daß bn ſchlimm iſt, wenn er hereinkommt, da Du krank j 2“. „Man hört wohl, daß Mamſell Roſa nicht ſeekrank geweſen iſt. Man fragt wahrhaftig nicht darnach, wer Einen ſieht und wie Einer ausſieht— und für den Conſtabel macht das auf jeden Fall gar nichts aus: er iſt wie ein Vater oder ein Bruder.“ „Ach ſo, mir war es, als wäreſt Du ihm noch ein wenig lieber!“ „Noch ein wenig lieber? Iſt das denn nicht gut?“ „O ja, wenn Du meinſt, daß es gut iſt, da... Ich habe mich wohl nur geirrt, als ich meinte, daß er Dich noch freundlicher betrachtete?“ Bas lauſchte mit großem Herzklopfen; doch da kam keine weitere Antwort. „Der Tauſend!“ ſagte Roſa nach einer Pauſe,„ich glaube gar, Betty, Du weinſt!“ „Nein, das thue ich gewiß nicht: ich dachte nur, daß es Schade iſt um den armen Conſtabel, der von ſeiner Geliebten betrogen wurde— er denkt gewiß an keine Andere mehr!“ 1 Ein ſchwacher Ruf aus der Kajüte, in welcher 9 auf ann im Mi ſch zu er nen vor! ſein ter gerc als Am den eſſen 67 Amelie lag, machte dem Geſpräche ein Ende. Roſa eilte an dem in der Dunkelheit verborgenen Bas vorbei; dieſer aber faltete die Hände und betrachtete die Thüre zu Betty's Koje mit Blicken, welche, wenn man ſie hätte ſehen können, alles Warme und Edle, das in dem Herzen des vortrefflichen Seemannes verborgen lag, ver⸗ rathen haben würden. Siebentes Capitel. Noch ein Wink. Am folgenden Tage ruhte eine dumpfe Windſtille auf dem Meere. Das Seefräulein wiegte ſo ſanft und anmuthig auf ihrem blauen Bette, wie eine Jungfrau im Bade. „Beſte Frau Mörk!“ ſagte Albin, indem er gegen Mittag bei den Damen anklopfte,„heute haben wir ſchönes Wetter, und ich rathe Ihnen, dieſe Gelegenheit zu benutzen!“ Er nahm ſich ſehr wohl in Acht hinzuzuſetzen, was er in ſeinem Innern dachte, nämlich daß dieſe bren⸗ nende Luft, die Unthätigkeit der Winde eine Zurüſtung vorherſagte, bei welcher es ſeinen Paſſagieren nicht gut ſein würde, auf dem Verdeck Luft zu ſchöpfen. Roſa öffnete die Thür.. „Guten Morgen, Herr Capitain Stangerling! Mut⸗ ter iſt, Gott ſei gelobt, auf und angezogen— ich ſagte gerade in dieſem Augenblicke, ihr fehlte weiter nichts, als ein wenig Bewegung oben im Freien.“ „Und ich will mich heute nicht widerſetzen!“ fiel Amelie ein, mit einem verbindlichen Lächeln gegen den jungen Wirth. „Zu einem guten Anfange dürfen wir ja das Mittag⸗ eſſen im Salon ſerviren? Außer am erſten Morgen habe ich ja nicht das Vergnügen gehabt, die Damen bei mir u ſehen, und da Sie, Frau Mörk, ſich heute ein wenig eſſer befinden, ſo weigern Sie mir dieſe Freude ge⸗ wiß nicht!“ „Ach, mein beſter Herr Capitain, ich bin nicht im Stande das Allergeringſte zu eſſen!“ „Das hat nicht ſo viel zu bedeuten,“ verſicherte Albin eindringlich,„es iſt dennoch eine Veränderung. Ich bin überzeugt, daß es Ihnen gut bekommen wird— oder was glauben Sie, Mademoiſelle Roſa?“ „Ich wage nie etwas zu glauben, wenn es auf das Befinden meiner Mutter zur See ankommt!“ antwortete Roſa mit einer Gleichgültigkeit, hinter welcher ſich gleich⸗ wohl ein ſchelmiſches Vergnügen über den Vorſchlag verſteckte. Der Capitain fühlte ſich auch keinesweges beleidigt, ſondern beeilte ſich, ſeine Anordnungen in ſo vortreff⸗ lichem und üppigem Maße wie möglich zu treffen. Amelie wagte gar keinen Verſuch, Roſa Vorſtel⸗ lungen zu machen, Roſa aber ſah in den Augen der Mutter eine Angſt, welche ſie zu gleicher Zeit rührte und tief ſchmerzte.„Warum fürchtet, warum beunru⸗ higt meine Mutter ſich? Vater verlangte ja weiter nichts, als daß ich Keinem ein bindendes Verſprechen geben ſolle. Welche Vorbedachtſamkeit— wer weiß, 4 ich einmal Gelegenheit dazu bekomme!“.. „Ich bin heute bei der allerſchlechteſten Laune, liebe Mutter!“ So flüſterte Roſa der Mutter in das Ohr, als ſie eben in den Salon traten; kaum aber hatte der Capi⸗ tain mit förmlicher und ſteifer Artigkeit— denn Albin hatte es ſich in den Kopf geſetzt, die Frau Mörk durch keine allzu offene und lebhafte Vertraulichkeit zu ver⸗ ſcheuchen— ſeine Gäſte willkommen geheißen, als Roſa's ſchlechte Laune verſchwand bei der Furcht, ſie hätte durch ihre erkünſtelte Gleichgültigkeit nicht allein den Capitain Stangerling beleidigt, ſondern auch vielleicht ihm die Vorſtellung beigebracht, daß ſte ſich zierte und launen⸗ — ———————————— —-—+ —)—— 2— 4 — — pitain i die unen⸗ 69 haft wäre oder, noch ſchlimmer, ſich in Anweſenheit der Mutter anders zeigte, als wenn dieſe nicht zugegen war. Bei dem letzten Gedanken fühlte Roſa, daß ſie er⸗ röthete. War nicht dieß gerade jetzt der Fall? Mit dem Capitain allein würde ſie wahrſcheinlich ſogleich irgend ein freundliches Wort gefunden haben, das im Stande geweſen wäre, ihm zu zeigen, daß ſie keinesweges lau⸗ nenhaft wäre; doch Mutter, die alles Aufmunterung nannte, würde gewiß verwundert ausſehen, wenn etwas geſagt würde, das ſie nicht billigte. Heute wurde es ihr auch nicht geſtattet, Wirthin zu ſein: Albin gab die Suppe ſelbſt auf, und mit eben der Ar⸗ tigkeit, mit welcher er die Mutter nöthigte, mit derſelben Artigkeit nöthigte er auch die Tochter, die Kochkunſt des Seefräuleins nicht zu verachten; kurz: Roſa wurde be⸗ handelt wie eine fremde Dame; doch in demſelben Maße, als ſie aufhörte, der Gegenſtand einer näheren Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſein, wurde Amelie geſprächiger und artiger. Albin, welcher nicht umhin konnte, dieſes ſonderhare Betragen zu bemerken, kam erſt jetzt auf den peinigen⸗ den Verdacht, daß ein anderer Grund, als er ſich ge⸗ dacht hatte, nämlich das bloße Feingefühl, dem Bemü⸗ hen der Frau Mörk, alle Vertraulichkeit zu vermeiden, zum Grunde läge. So wie es jetzt war, da ſie ſelbſt ihn beſchäftlgen konnte, ſchien ſie zufrieden zu ſein. „Was kann es denn wohl eigentlich ſein?“ dachte Albin, indem er eifrig bemüht war, einer ehemaligen Bewohnerin des Hühnerhauſes den Flügel zu entreißen. „Sollte ſie wohl etwas gegen meine Perſon und meine Stellung einzuwenden haben? Ich vermuthe, ſie weiß es, daß das Schiff mir gehoͤrt und daß ich alſo ohne Einwendung das Recht haben kann, mich nach einer Gattin umzuſehen!“ Jetzt ſtellte ſich ſeiner Erinnerung wieder Roſa's ſonderbare und ernſte Aeußerung bei ihrer Unterredung in dem kleinen Zelte vor einigen Tagen dar; jetzt ent⸗ ſann er ſich ihrer Kälte in der Erwiederung auf die Kinlazung in den Salon— und indem er das Eine 9 1 u dem Andern legte, worunter die einſamen nächtlichen Promenaden keinesweges zu dem Allerletzten gehörten, ſie da dieſelben ja auch einen andern Grund haben konn⸗ Ve ten, als um friſche Luft zu ſchöpfen, ſo wurde es ihm. auf einmal ſo heiß um das Herz und um den Kopf, die daß trotz ſeiner Grundſätze Jemand einen Theil der wel Gährung in ſeinem Innern ertragen mußte, und der⸗ Fri jenige, der dieſes Unglück hatte, das war der gute Koch, welcher den ganzen Tag in der Küche geſchwitzt hatte, nn um... Lob zu erhalten. An „Petter!“ tigt „Herr Capitain!“ wo „Trage dieß hinaus— ſage dem Koch, wir ſpre⸗ ath 4 chen uns hernach! Bringe den Pudding!“ Ne 8 Und damit waren die Hühner, welche Frau Mörk mit wirklichem Appetit beſchaut hatte, zu ihrem unausſprech⸗ dn lichen Erſtaunen ſchon halb die Treppe hinauf, denn Petter ſah recht gut, daß hier keine Zeit zum Zaudern war. „Aber mein beſter Herr Capitain! Ich verſtehe ſell — mich auch ein wenig auf die Kochkunſt, und ſühle mich daher wirklich geneigt, die Vertheidigung des Koches zu übernehmen!“ un „Nein, dieſe Güte verlohnt ſich nicht der Mühe!“ ha entgegnete Albin mit einer gewiſſen Kürze im Tone; das „ſie waren ſo zähe, daß ſie ſich nicht ſchneiden ließen.“ dar 1„Sollte ich mich geirrt haben?“ ſagte Amelie zu ol 4 ſich ſelbſt mit einer Zufriedenheit, die ihr wirklich eine ſch Wohlthat war,„ſollte er nicht verliebt ſein? Er ſieht d gar nicht ſo aus. Wenn Alles um und um kommt, ſo er habe ich vielleicht nur durch meine eigene Vorſicht und ſo meine Furcht Roſa auf Gedanken gebracht, die gar mo keinen Grund hatten— ja, je mehr ich ihn anſehe, M deſto mehr überzeuge ich mich, daß ich Unrecht gehabt 3 b habe; ein Mann, der ſich durch irgend etwas, es ſei geſ was es wolle— und irgend etwas hat ihn eben ver⸗ M ſtimmt— dazu verleiten läßt, den Gegenſtand ſeiner kur⸗ Liebe zu vergeſſen, der iſt nicht ſehr verliebt!“ 71 Roſa war ſo traurig und ſo erſtaunt wie möglich— ſie wußte nicht, woher alle dieſe geheime und offenbare Verwirrung kam. Und im Ganzen iſt es ſehr ſchwer, der Spur aller dieſer kleinen, luſtigen, dienſtbaren Geiſter zu folgen, welche in einem engen Kreiſe im Stande ſind, allen Frieden, alles Behagen, alle Freude zu verjagen. Nichts war vorgefallen, was man zu erzaͤhlen wußte, und dennoch hatte das Eine ſich an Dieſes und das Andere an Jenes gefügt, bis zuletzt aus der beabſich⸗ tigten himmliſchen Harmonie etwas ganz Anderes ge⸗ worden war. Jetzt war Amelie diejenige, welche frei zu athmen begann, während die beiden Andern eine gewiſſe Neigung zum Erſticken fühlten. Als man am erſten Tage im Salon Frühſtück aß, da war es umgekehrt geweſen— und das Alles war das Werk dieſer kleinen dienſtbaren Geiſter! Kaffee und Thee wurden auf dem Verdeck getrunken, und um etwas Leben hinein zu bringen, ſchlug Amelie ſelbſt vor, daß Roſa die Guitarre nehmen ſollte, Roſa aber konnte heute Abend unmöglich ſingen, und Niemand bat ſie auch ſehr darum. Der Capitain hatte viel zu thun mit ſeinen Befehlen; bald war es das Eine, bald das Andere; er benützte bei weitem nicht die ganze Zeit, die er in der Geſellſchaft der Damen hätte zubringen können, und darum fing Roſa an ſchläfrig zu werden und ging vor der Mutter hinab. So wie ſie verſchwunden war, ſetzte ſich Albin zu der Frau Mörk hin und gab ſich alle mögliche Mühe, ſo angenehm und intereſſant zu ſein, wie ihm nur immer möglich war. Er redete von ſeinem Pflegevater, von Furuwik, von Madame Lona, von ſeinem glücklichen, frohen Jung⸗ geſellenleben auf dem freien Meere, von der Glückſelig⸗ keit, nach einer Jugend voller Prüfungen, einem Mannesalter voller Frieden entgegen ſehen zu können— kurz: er war ſo vernünftig, ſo geſprächig und unter⸗ haltend wie möglich; doch kein ſterbendes Wort floß mit —, — — ein, welches auf einen Wunſch hingedeutet werden konnte, als wollte er ſie zu einer gewiſſen Abſicht gewinnen. Bei dem Fortſchreiten ihres Geſpräches wurde man immer ungenirter, immer vergnügter; und wäre es nicht wegen des dem armen Will gegebenen Verſprechens, wegen Arne's mächtigen Willens geweſen, wie gerne hätte nicht Amelie gewünſcht, daß das Gefühl des Capi⸗ tains für Roſa wirklich wäre— jetzt aber war es vor⸗ trefflich, ſo wie es war. Mit einer Ruhe, welche ſie ſeit langer Zeit nicht gehabt hatte, verließ ſie das Deck und dankte dem Capitain artig für dieſe höchſt angenehmen Stunden. „Nun, ſo viel liegt jetzt offen am Tage,“ ſagte Albin, da der letzte Zipfel ihres Shawls auf der Treppe verſchwunden war,„daß es ihr nicht ſehr angelegen iſt, mich zu ihrem Schwiegerſohne zu bekommen, das weiß ich jetzt ganz beſtimmt; mir bleibt alſo noch übrig zu erfahren, ob auch Roſa mich als Gatten verſchmäht. Doch darnach brauche ich wohl kaum zu fragen; ihr ganzes Benehmen hat heute verrathen, daß ſie des kleinen Abenteuers überdrüſſtg iſt.... O, ſie iſt gewiß ihren andern Schweſtern ähnlich; und ich wäre wirklich zu beklagen, wenn mir die Vernunft fehlte, einzuſehen, daß dieſe ganze Phantaſte nur ein Traum, eine Laune, mit einem Worte: gar nichts geweſen iſt. Die Nachtwache war längſt geſetzt. Auf ſeinem Lager aber wendete ſich der junge Befehlshaber hin und her; die Hitze drohte ihn zu erſticken, und mit peinigender Unruhe lauſchte er auf das leichte Geplätſcher der Woge gegen den Kiel. „Nein, dieß ertrage ich nicht länger: ſoll ich nicht einmal die Erlaubniß haben, auf meinem eigenen Deck Luft zu ſchöpfen? Ueberdieß iſt ſie jetzt nicht dort, das iſt gewiß— ja, hinaus muß ich, wenn ich nicht ver⸗ brennen will!„Welcher Dämon ſaß heute mit uns einem n und gender Woge nicht Deck , das t ver⸗ t uns 73 zu Tiſche? Warum mußte ich mir durch mein eigenes geſchraubtes Benehmen eine Ueberzeugung verſchaffen, die mir beſſer geweſen wäre, nicht zu haben? Kein einziges gutes Wort erhielt ich von ihr!“ Während dieſes ſchnellen Gedankenmonologes hatte Albin ſich angekleidet und ging nun ziemlich geräuſch⸗ voll— kein Menſch ſollte glauben, daß er ſich auf das Deck ſchlich— die Treppe hinauf. Das Seefräulein mit ihrem ganzen Segelgewande lag in dunkle Dämmerung gehüllt, welche um ſo dunkler war, als die Nacht neblig war. Der Capitain ging ſogleich auf das Halbdeck, ohne einen einzigen Bkick in das Zelt zu werfen; wenn er aber nichts ſah, ſo war es darum nicht ſo abgemacht, ob er auch nichts hörte. „Wie ſoll ich hinunter kommen? Ach, wie ſoll ich hinunter kommen?“ dachte Roſa ängſtlich. Sie hatte in ihre kleinen Phantaſien verſenkt ge⸗ ſeſſen, als die gefährlichen Tritte ſich auf der Treppe vernehmen ließen, und faſt wäre ſie da ſogleich hinunter geeilt, doch da wäre ſie ihm ja unfehlbar begegnet. Jetzt war er vorbei— Roſa ſchöpfte tief nach Athem. Gott ſei gelobt, er hatte nichts geſehen— wenn ſie nun nur einen kleinen Augenblick wartete, ſo ging er gewiß ſo rit hinweg, daß ſie ſich ſtill zum Zelt hinaus ſchleichen onnte. Sie lauſchte; bald aber vernahm ſie, daß er eine regelmäßige Promenade hin und her begann. Jedesmal wenn es ihr vorkam, daß er weit weg bei dem Steuer⸗ mann war und mit dieſem redete, war ſie bereit, den Fuß hinauszuſtrecken— aber ach, wie ſchlimm: da wendete er wieder um und kam zurück, und da mußte dann auch das Füßchen zurück. Mit einem Male aber wurde ſie ganz gefeſſelt. Albin begann die Flöte zu blaſen, und dieſe Töne waren ja ganz diejenigen, welche ſie ſo gut kannte, obgleich ſie dieſelben noch auf keinem Inſtrumente ge⸗ hört hatte. — — —— p—,— Der bittere Verdruß, der unbekannte Schmerz, der Roſa wach gehalten hatte, begann hinwegzuſchmelzen, und liebliche, zu gleicher Zeit fröhliche und wehmüthige Gefühle folgten darauf. Was geſchehen war, das was ja doch ſo wenig, ſo ganz und gar nichts.... wie war es wohl möglich, hier draußen auf dem unermeßlichen Meere, wo der Himmel das Dach und die Welle die Matte bildete, wo Gott ſo nahe war— er blickte ja hervor aus jeder Wolke— und.... und.... wo er ſo nahe war, der in den Tönen ſeine warme Seele aushauchte— wie war es bei dem Allem möglich, an Kleinigkeiten zu denken! „Ach, wer doch ſo, gerade jetzt in dieſem Augen⸗ blicke, ſterben könnte!“ Dieſes war Roſa's einziger Gedanke, indem ſie, den Shawl des Seefräuleins feſter um ſich ziehend, das Haupt ſenkte, um nur in ihrer inneren Welt zu leben— und ſo vertiefte ſie ſich in dieſelbe, daß ſie gar nicht vernahm, wie die Töne ihr näher und näher kamen, bis ſie endlich dicht bei ihr waren. Jetzt zog ſie den Shawl von den feuchten Augen hinweg; aber es war ſo dunkel, daß ſie gar nichts ſah, denn des Oeffnung des Zeltes war von einer Geſtalt verfinſtert. „Verzeihen Sie, Mademoiſelle Roſa! Ich hatte nicht die Abſicht, nicht den Willen, Sie zu ſtören, aber eine von jenen Ahnungen des Aberglaubens, von denen wir an jenem Abende auf der Kreuzweide redeten, ſagte mir, ich müßte den Augenblick im Flug ergreifen— er vergeht ſo ſchnell; wenn ich Sie aber beläſtige, oder wenn meine Sehnſucht nach einer Unterredung von einigen Miruien allzu kühn iſt, ſo.... entferne ich mich augen⸗ icklich.“ Roſa konnte kein Wort erwiedern, ſie hatte nicht einmal Zeit zu bedenken, was wohl Mutter ſagen könnte: ſie fühlte nur, daß ſie zu gleicher Zeit ſo glücklich und ſo angſtvoll wie möglich war. 7 die n nein, ſein k licher den N 2 einen jemar getret 7 mir i gelobe auf d währe will, beiden 1 trauri peinig der he ander⸗ Kühn ſein „der Izen, thige enig, glich, » der „ wo jeder „ der wie iten igen⸗ 1 ſie, „das en— nicht men, lugen ſah, eſtalt hatte aber denen ſagte — er oder nigen ugen⸗ nicht nnte: und 75⁵ „Darf ich eintreten?“ „Ach, ich weiß nicht!“ „O, dieſe Stimme verſcheucht ſogleich alle Dämonen, die mich heute verfolgt haben— es iſt nicht möglich, nein, es iſt nicht möglich, daß die Engel launenhaft ſein können!“ „Und warum denn nicht?“ wagte Roſa mit lieb⸗ licher und verſchämter Stimme einzuwenden,„ſetzen wir den Fall, daß ſie in ſchlechte Laune gerathen!“ „Damit dieſes der Fall ſein kann“— Albin trat einen halben Schritt näher—„iſt erforderlich, daß jemand ſie erzürnt hat.... iſt dieſer Fall denn ein⸗ getreten?“ „Fragen Sie nicht ſo— es iſt ſo ſpät: mir iſt... mir iſt ſo bange, länger hier oben zu verziehen!“ „O, bleiben Sie nur zwei Minuten, und dagegen gelobe ich, ſofern nicht meine Pflicht mich um dieſe Zeit auf das Deck ruft, daß ich es nicht ein einziges Mal während dieſer Stunden, die mir heilig ſein ſollen, wagen will, mich hier einzufinden! Sind aber nun auch dieſe beiden Minuten mein?“ „Sie ſind gewiß ſchon verfloſſen!“ „Wie?— ſie ſollen doch wohl erſt beginnen?“ „Nein, nein, ich kann ſie nicht gewähren— ich bin ſo unruhig, doß ich kaum noch athmen kann! Glauben Sie nicht, daß ich launenhaft bin— doch.... ich will hinunter!“ „So leben Sie denn wohl!“ ſagte Albin leiſe und mit trauriger Stimme.„Meine Ahnung betrog mich: die Stunde war micht gut!“ „Leben Sie wohl!“ liſpelte Roſa—„ſein Sie nicht traurig!“ „Traurig— o nein: ich habe nur ein unausſprechlich peinigendes Gefühl welches mir ſagt, daß dem Nebel, der heute über meinen Himmel gegangen iſt, noch viele andere folgen werden... Und nun verzeihen Sie meiner Kühnheit, Mamſell Roſa, daß ich Sie geſtört habe— ſein Sie überzeugt, daß es nie mehr geſchehen wird!“ “— 7 d— ————— Er grüßte ſie nicht kalt, aber ernſt, und war bald auf dem Deck verſchwunden. Ein paar Minuten blieb Roſa noch ſtehen, darauf eilte ſie hinunter. „O Gott!“ ſeufzte ſie in ihrem Herzen,„wäre es doch nur Tag geweſen, und hätte die Sonne klar und ſchön am Himmel geglänzt, ſo hätte ich gewiß mehr Muth gehabt!.... Hätte Hildur mich geſehen und ge⸗ hört, ſo hätte ſie gewiß gelacht— Thekla hätte mich ewiß geſtreichelt, wie ich es mit kleinen Kindern mache.. ein, das iſt fürchterlich, ſchrecklich ſchlimm— und nun ſoll man ſehen, daß er morgen nicht wieder kommt!“ Und Albin kaum auch nicht wieder. Obgleich auch heute noch dieſelbe Ruhe, dieſelbe Schwüle auf dem Meere lag, ſo wartete der Capitain dennoch mit keiner Einladung zum Mittagseſſen auf. Man blieb auf beiden Seiten für ſich, denn nun fühlte Albin ſich eben ſo feſt überzeugt, als hätte er ihn ſchon erhalten, daß er einen Korb davon tragen würde, ☛ wenn er den Verſuch wagte. Der Gefühle oſa’'s war er nicht gewiß: es war wenigſtens noch eine Möglichkeit vorhanden, daß dieſe für ihn waren— bisweilen ſagte er ſich ſelbſt vor, daß ſie es ganz beſtimmt wären; dieſe Gefühle aber flogen, doch den ſeinigen nicht mit ſtarker Gewalt entgegen, denn hätten ſie das gethan, ſo wäre ſie nicht im Stande geweſen, in jenem Augenblicke, da ſo Vieles anders hätte werden können, zu ſagen: ich will hinunter! Nein, dort gab es einen Einfluß, welcher bei ihr ſtärker war, als die Liebe— und eine ſolche Liebe..Albin lachte bitter: er fühlte es, daß ſie nicht diejenige war, welche ihm dieſe höhere Glückſelig⸗ keit verleihen konnte, von welcher er geträumt hatte. Am folgenden Morgen um vier Uhr, da Bas den Capitain zur Tagwache herauspurrte, war Bas unge⸗ wöhnlich aufgeregt. er vo aber— obglei und duldit einen dicht ganz Luvb bald darauf äre es &☛ — — N ◻ nd nun mt 1„ dieſelbe apitain auf. un nun eer ihn würde, l's war glichkeit n ſagte a; dieſe ſtarker ſo wäre icke, da gen: ich welcher e ſolche daß ſie ückſelig⸗ datte. Bas den as unge⸗ 77 „Es iſt etwas vorgefallen?“ rief Albin aus, indem er von dem Bette aufſprang. „Nein, Herr Capitain, es iſt nichts vorgefallen, aber es war etwas auf dem Wege vorzufallen, und obgleich es mir verboten iſt, davon zu reden, ſo kann und darf ich nicht ſchweigen!“ „Rede, rede!“ „Sie können ſich meinen Schrecken ſelbſt denken..“ „Laß alles Ueberflüſſige aus!“ ſiel Albin unge⸗ duldig ein. „Gut, Capitain! In der erſten Wache hatten wir einen tüchtigen Antreiber von Nordweſten und preßten dicht beim Winde mit Backbordshalſen; die See tobte ganz verteufelt und brach ſich unaufhörlich über dem Luvbug, ſo daß wir uns gut feſthalten mußten, wo wir ſtanden. Wer aber dennoch hinauf kam, um der Sturz⸗ ſee ins Geſicht zu blicken, das war Mamſell Roſa.“ „Mein Gott, wie unvorſichtig!“ „Es kam ihr aber doch wohl ein wenig unangenehm vor, und darum ging ſie in ihr kleines Zelt. Ich weiß, daß Sie geſtern Nachmittag ſelbſt mit eigenen Augen nachſahen, daß die Stroppen und die Taue ſicher feſt⸗ geſorrt waren, und daß der Stuhl gut belegt war, und ich hatte noch ſpäter darnach geſehen, damit nicht eine Sturzſee die ganze Herrlichkeit zum Teufel werfen möchte. Aber Mamſell Roſa hatte noch keine zehn Minuten da geſeſſen, ſo bekamen wir einen Bö von ernſter Art, und als eben das Schiff am ärgſten krengte, ſo rutſchten Mamſell Roſa, der Stuhl und das Zelt nach der Lee⸗ ſeite hinab. Doch im Nothfall kann ich flink ſein wie der Sturmwind: ich warf mich flugs nieder und bekam ſie zu faſſen, als ſie von der überſpülenden Welle ge⸗ hoben, der Kante der Regeling nahe war— aber Stuhl und Zelt flogen über Bord.“ Albin's Entſetzen, ſeine Todesangſt um die Geliebte, obgleich die Gefahr ſchon überſtanden war, griff ſo tief in ſeine Seele, daß er einige Minuten lan keinen ein⸗ zigen Laut hervorzubringen vermochte. Großer Gott, wenn ſie nun dahin wäre, begraben in der Tiefe der kr Wogen! Für dieſen Gedanken gab es keine Worte— ratz *— ͤ—— ———— 1 ——— 3 er war kälter als der Tod ſelbſt.... o, der Tod wäre Mi eine himmliſche Wohlthat geweſen gegen eine ſolche Rit Wirklichkeit!“ dug/ 1„Beweis,“ ſtotterte er endlich mit zitternden Lippen, d „Beweis, daß der Matroſe ſeine Hand im Spiele hatte!“ 8 „Ja,“ antwortete Bas, der mit herzenswarmer Theil⸗ Weif nahme die ſchreckenvolle Veränderung in den Geſichts⸗ zügen des Capitains betrachtet hatte,„dieſe waren deut⸗ ſagt lich genug: als ich die Sache näher unterſuchte, ſo fand ſend 1 ich die Stroppen, welche an der Kappe befeſtigt waren, au 3 abgeſchnitten, nicht abgeriſſen.... Wer außer ihm hätte hen das hier thun können?“ „Der verdammte Schurke!— möchte meine Rache ihn erreichen können! Doch mit dieſen Beweiſen, welche d Alles bedeuten und doch auch wieder gar nichts, kann em V ich ja nichts beginnen.... Doch, bei meiner Seele, unru ich will einen Rath erfinden, um ihn während der Nächte dar vom Dienſte auf dem Deck abzuhalten— und Roſa, dal ſie ſoll ſchon unten bleiben! Wenn die Sturzſee ſie hatt nicht zwingt, in der Kajüte zu bleiben, ſo gibt es wohl redle noch etwas Anderes, das ſie dazu vermag,“ fuhr er bitter i fort;„erzähle Du ihr, daß ich künftig die Nachtwache mein immer ſelbſt nehme!“ un n „Gut und wohl,“ ſagte Bas,„aber ich ſetze mein n 4 Leben zum Pfande, daß die Canaille hier auf die eine Aufin 1 oder die andere Art Unglück anrichtet, wenn er nicht Aufi eingeſperrt wird: das iſt ein Tiger, der nach Blut ſucht Serce ” und ſchon Blut wittert. Gedenken Sie meiner Worte, u 5 Herr Capitain— ſie ſind ſo gewiß Wahrheit, als es zu ho ———; — mir unmöglich iſt zu erklären, wie ich davon ebenſo fen 2 1 überzeugt ſein kann, als hätte ich darauf einen Brief 1 von Gott dem Vater ſelbſt erhalten!“ dem! „Bas, hüte Dich, daß Du mich zu einer Handlung reizeſt, welche vielleicht zu gleicher Zeit feige, ungerecht ſage: und gefährlich wäre! Mein Blut ſiedet ſchon ſo genug, ge: ohne Deine Aufforderung.“ 7 ke der te— wäre ſolche ppen, atte!“ Theil⸗ ichts⸗ deut⸗ fand daren, hätte Rache welche kann Seele, NRächte Roſa, ee ſie wohl bitter wache mein e eine nicht ſucht Worte, als es ebenſo Brief dlung gerecht genug, 79 „Ja, ja, das ſehe ich wohl— doch...“ Bas kratzte ſich ausdrucksvoll hinter den Ohren. „Ich will ihn unſchädlich machen durch andere Mittel, als durch Zwangsmittel— ich ſperre ihn nicht ein, da er keines Verbrechens überführt iſt... Doch in des Himmels Namen, wie iſt es mit Roſa? Der bloße Schrecken hätte ſie tödten können! Sie ſank natürlicher Weiſe wohl in Ohnmacht?“ „O nein, ſie war nur ein wenig ängſtlich, und ſo ſagte ſie mit ihrer ſchönen, freundlichen Stimme:„Tau⸗ ſend, tauſend Dank, guter, beſter Conſtabel!“ und dar⸗ auf drückte ſie mir die Patſche mit ihrem feinen Händ⸗ chen, als ich ſie ganz ſimpel die Treppe hinunter trug.“ 1„Wer verbot Dir, das Vorgefallene zu erzählen?“ „Sie ſelbſt.„Conſtabel“, ſagte ſte,„Sie brauchen dem Capitain nichts zu ſagen— er könnte vielleicht unruhig werden.““ „Unruhig!“ Albin verblieb einige Augenblicke ſtill: darauf reichte er ſeinem Bas die Hand mit einem Blicke, den dieſer ſehr gut verſtand— keine andere Sprache hätte ſo vollkommen Albin's Dankbarkeit gegen dieſen redlichen und wachſamen Freund ausdrücken können. „Gut, Herr Capitain! Verſtehe Alles ſo gut wie mein Vaterunſer!... Aber welchen Rath haben Sie nun gefunden?“ „Ich will ihm ſagen, daß ich ihn zu meiner eigenen Aufwartung nehme: da iſt er nicht allein während des Tages oft vom Deck hinweg, ſondern er ſoll auch, um bei etwaigen Befehlen jemanden ſogleich bei der Hand zu haben, bei mir im Salon ſchlafen.“ „Nein, Herr Jeſſes, laſſen Sie ihn hier nicht ſchla⸗ fen— das geht nimmermehr gut!“ „Bildeſt Du Dir denn ein, daß er auch mir nach dem Leben trachtet?“. „Ich weiß nicht, was ich mir einbilde, aber ich ſage: laſſen Sie das ſein!“ „Nein, Bas, das muß geſchehen: da iſt er meiſten⸗ theils vom Dienſte befreit— ich will ihn ſchon zu be⸗ ſchäftigen wiſſen!“ 3 Bas ſah, daß hier kein Widerſpruch zu etwas ein diente, und da er überdieß in der Eile keinen beſſern mie onnte, ſo ging er, für ſich ſelbſt un⸗ Hie verſtändliche Worte murmelnd, ſeines Weges, und über⸗ pitain, während der langen Tagwache geh ließ es dem Ca ſich mit ſeinen eigenen Gedanken und Gefühlen zu un⸗ 5 terhalten, und dieſe wechſelten zwiſchen düſterer Unruhe nen und einer unausſprechlichen, brennenden Dankbarkeit Nen gegen ihn, der wiederum ſeine ſchützende Hand über den bein nãß irdiſchen Engel gehalten hatte. ig jedoch Albin auch erſchüttert war, ſo beſchloß er dennoch, dieſe Gefühle Roſa nicht u verrathen— ſie ſollte gar nicht erfahren, wie viel ging ſie ihm war, wie viel er für ſie litt. Noch hatte er den Schmerz nicht vergeſſen, den ſie ihm zufügte, als ſie ihm die zwei Minuten nicht ge⸗ könr währen wollte. der — —— — — — — I Achtes Capitel. Sie umſe Einer ſo gut wie Drei. beitr die der Kajüte war, eilte der Befinden der Damen zu er⸗ Han⸗ Sobald Bewegung in Capitain, ſich nach dem kundien. amſell Roſa befand ſich nicht ganz wohl, ſo hieß werd es in dem Bulletin, welches Petter ablieferte, und Frau Mörk ſchlecht, wie gewohnlich; wünſchte aber doch, in ſtand einer Stunde den Capitain zu ſprechen.. cher 1 Und eine Stunde ſpäter trat der Capitain ein. 1 Roſa war auf, ſchien aber einen kleinen Anfall durch von Fieber zu haben— Amelie dagegen war wirklich Seek krank. 7 er —————ͤͤͤ — be⸗ twas eſſern un⸗ über⸗ vache mun⸗ nruhe arkeit er den püttert nicht e viel den ſie hht ge⸗ lte der zu er⸗ ſo hieß nd Frau doch, in ein.. Anfall wirklich 81 „Um Gotteswillen, Herr Capitain, kann nicht dieß ein Ende nehmen? Können wir keinen Hafen ſuchen?“ „Meine beſte Frau Mörk! Gott weiß am beſten, wie weh es mir thut, doch es iſt wirklich unmöglich! Hier iſt kein anderer Rath als Geduld: je tüchtiger es geht, um ſo eher kommen wir an's Ziel.“ „Alſo kein Troſt— und noch dazu meine Angſt um Roſa! Ich bitte Sie, ihr zu verbieten, daß ſie wie⸗ der in einem ſolchen Sturm, wie während der letzten Nacht, auf das Verdeck geht. Ich rief ſte, und wäre beinahe vor Angſt geſtorben, als ſie endlich ganz durch⸗ näßt ankam.“ „In dieſem Falle bin ich ganz Ihrer Meinung!“ So ſagte Albin, indem er auf Roſa's Seite hinuͤber⸗ gins und auf dem Sopha Platz nahm, worauf ſie ſchon aß. „Was hätte wohl nicht in dieſer Nacht geſchehen können?“ fuhr er fort mit einem Ausdruck in der Stimme, welchen Roſa ſeit langer Zeit nicht gehört hatte und der ſie daher beinahe geſund machte. fe 180 werde wohl hier unten bleiben müſſen!“ ſagte ie leiſe. „Ja, Mademoiſelle Roſa! ich bin überzeugt, daß Sie das thun werden!— und da der Wind jetzt ſo oft umſchlägt,“ ſetzte er laut hinzu,„will ich, wenn dieſes beitragen kann, Sie, Frau Mörk, zu beruhigen, künftig die Nachtwache ſelbſt nehmen!“ „O mein Gott, wie gütig Sie ſind, Herr Capitain, erlauben Sie, daß ich Ihnen danke!“ Amelie ſtreckte ihre Hand aus, welche Albin an ſeine Lippen drückte.„Nun werde ich gewiß ruhiger!“.... Eine Weile nach Albin's Aufwartung in der Kajüte ſtand der Matroſe John vor ſeinem Befehlshaber, wel⸗ cher ihm ſeinen Entſchluß ankündigte; und hätte der Capitän ſich nicht den Schein der Gleichgültigkeit da⸗ durch geben wollen, daß er während ſeiner Rede auf die Seekarte ſah, ſo würde er gewiß höchlich erſtaunt ge⸗ weſen ſein, daß bei dem Befehle,„in der Kajüte zu Der Jungferthurm. IV. 6 ſchlafen“, ſich auf dem braunen Geſichte des Matroſen ein Erröthen zeigte; und hätte er noch obendrein das Feuer gewahrt, das in ſeinen Augen aufflammte, ſo wäre er noch mehr erſtaunt geweſen, denn dieſes Feuer war zu gleicher Zeit das Feuer des Haſſes, der Rache und der Freude. Wenige Minuten nachdem John abgetreten war, erſchien Bas. „Herr Capitain! habe ich die Freiheit, ungefragt ein Wort zu ſagen?“ „Sage, was Du willſt!“ „Ja, aber es könnte ſein, daß es nicht recht paſſend wäre!“ „O, mit dergleichen kannſt Du nicht kommen!“ Bas ſchüttelte leiſe das Haupt.„Ja, gerade damit komme ich!“ 1 „Nun, ſo ſage es denn um der Seltenheit willen!“ „Herr Capitain, Sie ſind mehr denn einmal übe angelaufen, weil Sie eigenſinnig geweſen ſind!“ „Eines ſolchen Falles kann ich mich gar nicht ent⸗ ſinnen!. Ich aber kann es, „₰ ch Dir— was hatteſt Du denn zu 74 und wenn Sie mir ein Bei⸗ ſpiel befehlen...“ „Das ſchenke i ſagen?“ „Kurz und gut denn: ich habe eine kleine Rechnung, die ich bezahlt haben will!“ „Aha, das wird gewiß etwas Artiges koſten, ehe ich Deine Quittung bekomme!“ „Ja, Herr Capitain, das will ich nicht läugnen: ³ es koſtet ein kleines Nachlaſſen in dem bewußten Eigen⸗ g 11 „Mehr als einmal haben Sie geſagt und zuletzt cht:„mein lieber Bas! es iſt mir nie⸗ „Dir die Dienſte zu lohnen, welche Du mir geleiſtet haſt und leiſteſt, denn ſie kommen von ttroſen n das te, ſo Feuer Rache war, gefragt — paſſend 1“ damit illen!“ al übel hht ent⸗ in Bei⸗ denn zu chnung, Hehe ich äugnen: * Eigen⸗ * zuletzt mir nie⸗ lche Du nen von 9⁵ „Sobald ich meinen Poſten verlaſſen kann, komme ich zu Dir— ſage mir aber jetzt ein ſüßes Wort zum Abſchiede!“ „Ach, mir fällt kein ſo ſchönes ein, als ich geben möchte!“ 3 chtezh ine Roſa! laß mich nur hören, wie mein Name von Deinen Lippen klingt— ich verlange nicht mehr!“ „Ich habe ihn oft leiſe für mich ſelbſt ausge⸗ ſrochom: dieſer Name klingt ſo unbeſchreiblich ſchön. Albin!“ „Dank, o Dank! Gott ſchütze Dich, ſchütze uns Alle— Du, mein lieber Engel, ſollſt beten für Deinen in!“ „Ja, für meinen Albin!“ Unter dieſem kurzen Geſpräche hatten ſie die Kappe erreicht. Jetzt nahm Bas Roſa in ſeine Arme, und als der Liebende nichts mehr ſah von ihr, die ihm in dieſer Stunde das Heiligſte, das Theuerſte geſchenkt hatte— den reichen Schatz einer Liebe, die ſchon in dem erſten Augenblick ihres getheilten Lebens, ja ſchon vor dem⸗ ſelben, mit ihm, der ſie geweckt, hatte ſterben wollen— da verſchwand das beruhigende und ſanfte Lächeln von ſeinen Lippen, das beredte Feuer aus ſeinem Auge, und mit einem düſtern, nichts weniger als hoffnungsvollen Blicke ſchaute er hinaus über das wilde, in dem ewigen Nebel begrabene Meer. „Sagten Sie etwas, Herr Capitain?“ fragte der Steuermann, welcher, obgleich er keinen Laut von den Lippen des Capitains vernommen hatte, es doch am paſſendſten erachtete, auf dieſe Art die Meinung ſeines Vorgeſetzten zu erforſchen. „Ich ſagte nichts, Steuermann, wollte jedoch ſagen, daß das Aergſte vielleicht erſt kommt. Wenn ich mich „nicht verrechnet habe, ſo haben wir bald wieder Bran⸗ dungen, durch die es ſchwerer wird, zu kommen, weil das Land auf der andern Seite liegt. Das Einzige, worauf wir hoffen können, iſt, daß wir guten Anker⸗ ——— —— grund finden. Daher gut auf das Loth gepaßt, Steuer⸗ mann— und Du, Bas,“ ſagte er zu dieſem, welcher bald wieder ſichtbar wurde, denn aus dem Blicke des Capitains hatte er abgenommen, daß er ſich beeilen müßte,„geh Du wieder nach Vornen und halte die Augen offen!“ Inzwiſchen hatte der Wind ſich mehr nach Norden gezogen; aber der Capitain hielt dennoch weſtlichen Cours in der Hoffnung, einen Hafen oder wenigſtens Anker⸗ grund zu finden. Nach einiger Zeit wurde vorweg Land gemeldet und der Capitain hielt ab beim Winde. Es wurde immer heller und heller, und da auch der Nebel ſich hob, war es kein beruhigender Anblick zu ſehen, wie das Fahrzeug gleichſam in einem Kranze von weißen, ſchäumenden Brandungen eingeſchloſſen war. Eine Spitze des feſten Landes erſtreckte ſich weit in die See hinein; hinter derſelben aber ſah das Meer rein aus. „Wir muͤſſen verſuchen, die Spitze zu doubliren,“ ſagte der Capitain,„können wir überliegen, ſo ſind wir geborgen.“ „Ich glaube, wir liegen im zweiten Schlage über die Spitze!“ ſagte der Steuermann zu Bas. „Das könnte wohl möglich ſein,“ antwortete dieſer, „wenn ſie aber beim Wenden nicht gehorchen will, ſo iſt es ganz gewiß, daß wir probiren müſſen, welches das Härteite iſt, unſer Seefräulein oder die weißen Klippen dort unten— und hat der Steuermann eine Rechnung mit dem Irdiſchen noch nicht abgeſchloſſen, ſo iſt es am gerathenſten, Alles gleich klar zu machen, denn es könnte immer ſein, daß wir in die Ewigkeit hinein drehwenden!“ Jetzt kommandirte die Stimme des Capitains die Beſatzung nach Hinten, wo ſich auch Alle einfanden. „Meine Jungen!“ begann er mit feſtem und tiefem Tone,„ihr ſeht ſelbſt, wie die Sachen ſtehen— wir haben nicht mehr als zwei Dinge zu wählen: entweder müſſen wir abhalten und geraden Weges in die ſüdlichen 97 Brandungen ſetzen, oder auch müſſen wir anliegen und die Spitze klaren. Gelingt das, ſo ſind wir mit Gottes Hülfe in Sicherheit— auf jeden Fall iſt es nach meiner Meinung unſere einzige vernünftige Hoffnung.“ „Die letzte, die letzte!“ rief die ganze Beſatzung mit Ausnahme einer einzigen Stimme. Aber der Capitain vermißte eben ſo wenig jetzt dieſe Stimme, als er vorher bemerkt hatte, wie zwei Augen, oder richtiger zwei wilde Flammen, ſowohl ihn als auch Roſa in dem Augenblicke verzehrten, als ſie auf der Grenze zwiſchen der Erde und der Ewigkeit das erſte Unterpfand des Bundes ihrer Herzen wechſelten. „Gut— wir verſuchen es!“ fuhr der Capitain fort. „Erſt aber macht das große Boot auf der Luke leer, macht die Noktaljen klar und haltet Euch bereit zum Kappen— ſeht auch nach, daß die übrigen Boote klar ſind!“ Un⸗ mittelbar darauf redete er einige Worte mit Bas, welcher antwortete: „Bei meinem Leben, Herr Capitain, ſie ſollen oben ſein, ſobald es nöthig iſt, wenn es nöthig iſt, und ſie eher zu beunruhigen, iſt, wie geſagt, nicht nöthig!“ „Wir müſſen ihr recht voll geben, wenn ſie in einer ſolchen See ſtagwenden ſoll!“ ſagte der Capitain bald darauf zu dem Steuermann.„Stich ein Reff aus den Marsſegeln und ſetze die Focke gerefft bei!.. Recht ſo!“ Jetzt ſchoß das Schiff ſo heftig dahin und krengte ſo ſchrecklich, daß die Wogen von der Leeſeite auf das Deck herein ſchäumten und eine Sturzſee nach der andern über den Luvbug ſchlug, und alles auf dem Deck Befindliche über Bord zu ſtürzen drohte. „Beſſere Fahrt dort!“ rief der Capitain und wiſchte ſich das Seewaſſer aus dem Geſichte.... Gut! Klar zum Wenden!“ Der Capitain ſtand auf der Ludſeite und hielt ſich mit der linken Hand feſt in den Wanten des großen Maſtes. Dem Ausſehen nach war er ruhig, aber jede Muskel ſchien in Spannun zu ſein. Sein Blick fuhr ſpähend von dem Segel nach dem Ruder, von dort auf Der Jungferthurm. IV. 7 ... die Brandungen, welche gerade vor dem Schiffe gafften, von dort mit einem erſtickten Seufzer auf die Kappluke, und zuletzt auf die Leute, die ſämmtlich unbeweglich auf ihren Poſten ſtanden und das nächſte Kommandowort erwarteten. Jetzt berührte eine leichte Hand ſeine Schulter; er drehte ſich raſch um. Es war der amerikaniſche Matroſe. 2 „Entſchuldigen Sie, Herr Capitain, ich wollte er⸗ gebenſt fragen, ob Sie befehlen, daß ich die Seeverkla⸗ rung aufſetzen ſoll? Zwar weiß ich nicht gewiß, ob ſolche in dem Lande gebräuchlich ſind, wohin Sie jetzt zu ſteuern im Begriff ſind; aber nach den Anordnungen zu ſchließen, die ich jetzt ſehe, weiß ich wenigſtens, daß innerhalb weniger als eines halben Glaſes die Thore des Paradieſes der ganzen Geſellſchaft ſperrangelweit offen ſtehen werden!“ „Geh in die Hölle, aus der Du gekommen ſein mußt, widriger Vampyr!“ zürnte der Capitain.„Wenn ⸗ wir untergehen, ſo iſt es die Strafe des Herrn, weil wir Mörder an Bord haben! Inzwiſchen habe ich ge⸗ ————— than und denke mit Gottes Hülfe auch ferner noch zu 1 thun, was ein ehrlicher und geſchickter Seemann unter ſolchen Umſtänden vermag.“ „Ja,“ ſagte der Matroſe, indem er ſich etwas zu⸗ rückzog,„was ein ehrlicher und geſchickter, aber nicht was ein ausgezeichnet geſchickter vermag! Ha ha ha— der Teufel ſoll mich holen mit Haut und Haaren, wenn das Schiff wendet mit dieſer Fahrt, und die Boote ſind zerſchlagen, ſobald ſie über die Regeling kommen!“ Ulbin fühlte die ganze Nothwendigkeit, in dieſem kritiſchen Augenblicke die Faſſung zu behalten; er zügelte daher ſeine Wuth und verſchob die Rache gegen den 1 kühnen Matroſen bis auf gelegenere Zeiten. Doch ein⸗ ſehend was dieſer vorzuſchlagen dachte, antwortete er: „Ich bin allzu ſehr ein Seemann, als daß ich Fahrzeug 6 und Leben auf ein Wageſpiel ſetzen ſollte, deſſen Ge⸗ lingen eine Möglichkeit gegen neunundneunzig Unmög⸗ —— 1 fften, pluke, h auf owort r; er te er⸗ erkla⸗ 3, ob e jetzt ungen 3, daß Thore elweit ſein Wenn „weil ch ge⸗ och zu unter as zu⸗ r nicht Ha ha garen, Boote men!“ dieſem zügelte in den ch ein⸗ n er: rzeug en Ge⸗ nmög⸗ E 99 lichkeiten hat— mein Grundſatz iſt, in zwei verzwei⸗ felten Fällen den zu wählen, der am wenigſten verzweifelt iſt Jetzt aus dem Wege!“ Als das Seefräulein den Brandungen auf ungefähr zweihundert Ellen nahe gekommen war, kommandirte der Capitain: „Ruder in Lee!“ Das Seefräulein ſchoß auf in den Wind, ſie luvte auf und die Schooten wurden gelöſ't. Eine Minute ſtand das Schiff ſtill und die Segelmaſſen ſchlugen ſo gewaltig hin und her, daß es ausſah, als ſollten die Maſten ſpringen— eine Minute voll athemloſer Erwartung. Darauf las man die Hoffnungsloſigkeit auf allen Ge⸗ ſichtern, denn das Seefräulein gehorchte nicht in der Wendung und fiel ab. Der fremde Matroſe, welcher mit düſtern Blicken Alles mit angeſehen hatte, ſtand von Neuem an der Seite des Capitains. „Es macht mir Spaß,“ ſagte er ſtolz, doch ohne Hohn,„dießmal Fahrzeug und Beſatzung zu retten! Wollen Sie mir auf eine Viertelſtunde den Befehl über⸗ laſſen, ſo bürge ich dafür, daß das Schiff wenden ſoll — entſchließen Sie ſich aber augenblicklich!“ Schon lag eine ſtolze und kalte Weigerung leſerlich auf dem Geſichte des Capitains geſchrieben: doch nun neigte ſich Bas zu ihm herab und flüſterte ſo leiſe, daß der Matroſe es nicht hören konnte:„Um Gottes willen, Herr Capitain, geben Sie ihm den Befehl! In dieſem Augenblicke erkannte ich ihn: er rettet das Schiff, wenn irgend ein Menſch es kann!“ 3 Dieß war ein demüthigender Augenblick für den jungen Mann, der tauſendmal Regeln für alle gefähr⸗ lichen Fälle, in welche Fahrzeuge kommen, und für alle Arten, wie ſie gerettet werden können, aufgeſtellt hatte. Er hatte gehandelt nach einem von ſeinen allerklügſten Grundſätzen— und dort ſtand er nun verlacht von ihm, welcher ihm vorhergeſagt hatte, wie es gehen würde! Albin verſtand das Mandver, welches der Matroſe machen 7 wollte, ganz gut, aber gerade dieſes hatte nie zu ſeinen Grundſätzen gehört. Doch in dieſer Sekunde— hier wurden nicht Minuten gewogen, ſondern Sekunden— war er allzu aufgeregt, als daß er im Stande geweſen wäre, ſich ganz auf ſeine Stimme, ſeine Beherrſchung zu verlaſſen, und mit einem Kurzen:„Jungen! eine Viertelſtunde lang iſt dieſer Mann der Lootſe auf dem Seefräulein!“ trat er ein paar Schritte auf die Seite, und überließ, ja wirklich überließ dem ſonderbaren Ma⸗ troſen den Befehl; denn hier galt es etwas mehr, als den Stolz und die Grundſätze eines Menſchen: hier galt es das Leben Aller, an dem Härchen der Sekunde hängend. Kaum waren die entſcheidenden Worte aus dem Munde des Capitains gekommen, ſo flog der Matroſe an das Ruder, von wo ſeine Stimme, wenn auch fein und gellend, deutlicher zu hören war, als die Baßſtimme des Capitains— die Befehle wurden in einer den See⸗ leuten leicht begreiflichen Miſchung von Engliſch und Schwediſch ertheilt. „Noch ein Reff aus im großen Marsſegel und um⸗ gebraßt.... Klart den Steuerbordsanker und ſeht nach, daß der Ankertroß klar iſt zum Auslaufen! Der Con⸗ ſtabel nimmt das Beil und ſtellt ſich neben das Klüſen⸗ loch: wenn zwanzig Faden ausgelaufen ſind, ſo ſtopp in der Klüſe und den Befehl abgewartet, den Troß zu kappen— aber fern und nicht mit dem Beil gefummelt!.. Seht auf, Jungen, und macht raſches Manöver!“ Das Schiff kam allmälig wieder in Fahrt und ſtürmte bald mit ſchrecklicher Geſchwindigkeit auf die Brandungen zu. 1 „Das iſt eine ſteife Canaille— darf ich Sie bitten, Herr Capitain, ein oder ein paar Reffe in der Focke los zu laſſen?“ Albin that es, indem er mit geheimer Wuth er⸗ kannte, daß er hier ſeinen Uebermann gefunden, und daß er zwar nicht Unrecht gehabt hätte— nein, weit entfernt, noch in dieſem Augenblicke hielt er Alles, was er gethan hatte, für das richtigſte— wohl aber 101 Unglück, da er ſich nicht ſogleich dazu entſchloß, die Klugheit dem Wageſpiel aufzuopfern. Hätte er Zeit gehabt, ſo würde er es gewiß auf der Stelle abgeſchworen haben, je wieder nach Grund⸗ ſätzen zu handeln; doch die Augenblicke waren von allzu großem Werthe, um Betrachtungen irgend einer Art Raum zu geben. „Der Herr Capitain iſt gewiß in Gefle geweſen?“ fuhr der kühne Matroſe ſo ruhig und ungenirt fort, als ſäße er in einer Schweizerei bei ſeiner Cigarre und ſeinem Jamaica.„Habe gehört, ſie ſoll eine der bedeutendſten und beſten Seeſtädte in Schweden ſeyn.“ „Still, Lümmel, oder ich werfe Dich über Bord, wenn Du noch ein einziges Mal vergiſſeſt, wer auf dieſem Schiffe Befehlshaber iſt!— Du haſt es nur meinem gegebenen Worte zu danken, daß Du noch daſtehſt!“ „Gut!“ murmelte der Matroſe mit einem teufliſchen Lächeln—„wir treffen uns ſchon, wenn dieſes Spiel zu Ende iſt!“ Darauf ließ er wieder, als das Schiff kaum noch einen Steinwurf von der Klippe war, ſeine gellende Stimme hören: „Klar zum Wenden!“ Die Seeleute hielten ſich bereit— ſie glaubten, der Mann wollte gerade auf die Klippe ſetzen. Er wartete noch; endlich aber erſcholl das zum dritten Male während dieſer angſtvollen Stunden ange⸗ wendete Kommandowort: „Ruder in Lee!“ und darauf:„laßt die Vorſtengen und Fockſchooten gehen— die Beſahnſchoote angeholt!.. Recht ſo!“ Das Schiff ſchoß in den Wind auf wie das erſte Mal:„Laß das Ankertau höchſtens zwanzig Faden gehen!— klar zum Kappen!“ Das Anker fiel hinab, ſtoppte jedoch bei der an⸗ gegebenen Fadenzahl ohne den Grund zu erreichen; aber durch den Widerſtand, den das ausgeſierte Ankertau und der Anker hervorbrachten, wirkten Wind und Wogen mehr auf das Achterſchiff, ſo daß das Seefräulein endlich anfing über Stag zu gehen. „Den Anker gekappt— ſchnell, augenblicklich!“ Bas' gewaltiger Arm hieb nur zweimal zu. Anker und Tau waren verloren, doch das Fahr⸗ zeug war gerettet. „Vorſtengenſchoote nach Backbord geholt! die Achter⸗ raen rund geholt!... So! gut!“ Jetzt lag das Seefräulein dicht beim Winde auf dem andern Buge; beim nächſten Schlage paſſirte ſie die Spitze, und das Schiff befand ſich wieder in rau⸗ mer See. Der Matroſe übergab nun dem Steuermann das Ruder und ſagte, ſich an den Capitain wendend, deſſen Blick ſtolzer und kälter war als je:„Nun, Herr Capi⸗ tain! log ich? bin ich nicht ſo gut wie Drei?“ „Ja,“ antwortete Capitain Stangerling mit einer Würde, welche nicht die geringſte Vertraulichkeit geſtat⸗ tete,„ich geſtehe, daß Du darin Recht hatteſt; Du biſt ein kühner Mann in Deinem Geſchäfte; dabei aber biſt Du auch außer demſelben etwas zu kühn. In dem erſten Hafen, den wir anlaufen, haſt Du Deinen Ab⸗ ſchied, verſteht ſich mit Deiner vollen Miethe! Neuntes Capitel. Im Salon. Gleichſam um das glückliche Manöver des Matro⸗ ſen mit noch größerem Glücke zu krönen, hatte das Seefräulein kaum die Spitze paſſirt, ſo ſprang der Wind weſtlich, und ſie ſteuerte öſtlichen Cours vor vollen Segeln. Der Sturm aber raste noch immer fort. „Conſtabel!“ Der Capitain winkte den Bas zu ſich, welcher ſchon im Begriff war, durch die Kappluke zu gleiten— ſie hatten noch kein Wort über das Geſchehene gewechſelt. „Herr Capitain!“ ahr⸗ hter⸗ auf ſie rau⸗ das eſſen api⸗ einer ſtat⸗ biſt biſt dem Ab⸗ „ Zum erſten Male in ſeinem Leben fühlte Bas eine kleine Schwierigkeit, ſich auszudrücken. Er glaubte ganz beſtimmt, daß der Capitain ihm etwas ſagen wollte, welches er begreifen müßte, bevor es geſagt war; doch eben ſo beſtimmt war es auch, daß er um des leidigen Reſpekts willen nicht begriff, wie er es dem Capitain am beſten erklären ſollte, daß er ihn verſtände, ohne daß dieſer ein Wort zu ſagen brauchte. „Was denkſt Du nun von unſerm Abenteurer?“ „Denken?... hm— was iſt da zu denken? Ich meine, er hat ein Stück vom Teufel in ſich, und das habe ich immer gemeint!“ „Es war eigentlich,“ fuhr der Capitain fort,„ein ganz einfaches Manöver, welches er machte, und dieſer Nothkniff würde auch mir ſelbſt nicht entgangen ſein, wenn ich es nicht vorgezogen hätte, nach kluͤgeren Maß⸗ regeln zu handeln.“ „Ja, ich ſchwöre,“ ſagte Bas, ſehr eifrig bemüht, das ſo tief verletzte Selbſtgefühl ſeines Capitains zu heilen, ich ſchwöre“— und dieſes war auch Bas' innigſte Ueberzeugung—„daß kein Capitain, der ein ſolches Fahrzeug, wie das Seefräulein geführt hat, dieſes Mittel gewagt hätte, ſo lange noch eine andere Möglichkeit da geweſen wäre. Und dazu würden Sie ja, ſo lange als noch die erſte Möglichkeit vorhanden war, die ganze Beſatzung gegen ſich gehabt haben!“ „Du weißt wohl, Bas“— und der Capitain Stan⸗ gerling erhob ſich auf eine Weiſe, welche zu erkennen gab, daß dieſe Süßigkeiten ihm ſehr ſauer ſchmeckten— „Du weißt wohl, wenn ich eine andere Anſicht gebil⸗ ligt hätte, als diejenige war, welcher ich folgte, ſo wäre davon gar die Rede nicht geweſen: dieſe Appellation an die Beſatzung iſt eine Art von Ceremonie, welche außer⸗ ordentlichen Zufällen angehört, und welche die Beſatzung zu fordern berechtigt iſt; dennoch aber kommt die Be⸗ ſtimmung immer dem Befehlshaber allein zu.“ „Ei, Olle Bas, da hauteſt Du mit der Art in den Stein!“ dachte Bas, und ferner dachte er,„jetzt iſt es ganz unmöglich ihm zu ſagen, daß ich verſtehe, wie ich mich dort unten ſchicken ſoll!“ „Ich möchte wohl wiſſen,“ begann jetzt der Capitain, „wie ſich die armen Damen befinden!“ „So gut wie ſie in dieſem fürchterlichen Wetter ſich befinden können, denke ich, da Mamſell Roſa in dem Glauben, welchen ſie auch wohl den Uebrigen mittheilte, hinunterging, daß alle Gefahr uͤberſtanden wäre, als ſte das Deck verließ. „Du glaubſt alſo, daß ſie davon vollkommen über⸗ zeugt war?“ „Das ſollte ich wohl glauben! Sobald ſie hinein⸗ kam, rief ſie der armen kranken Frau zu:„Jetzt iſt alle Gefahr vorüber, Mutter; und wenn ſich auch die Wel⸗ len zu Bergen erhöben, ſo wäre ich dennoch ruhig!“ Albin lächelte; ein Gefühl himmliſchen Urſprunges miſchte ſich unter die gereizten und bitteren Gefühle, welche er vor einem Augenblicke hatte— er verſtand ja Roſa's himmliſche Ruhe. „Du widerſprachſt ihr wohl nicht?“ fragte er. „Das ließ ich hübſch bleiben!“ antwortete Bas, der jetzt eine lichte Idee bekam.„Ich ſagte mit der ehrlichen und glaubwürdigen Miene, die ich, wie Sie wohl wiſſen, ſo gut aufſetzen kann:„Ja, Mamſell Roſa, nun können Sie ſo ruhig ſein, als wenn Sie ſchon in dem neuen Zelte ſäßen, welches der Capitain beim erſten ſchönen Tage wieder aufſchlägt!“ Und wenn ich jetzt daran denke, wie fröhlich und dankbar ſie mich dabei anſah, ſo kann ich nicht anders, als Sie bitten, daß Sie ihr keine Unruhe über das Geſchehene machen— wozu dient es, einem Frauenzimmer Alles auf die Naſe zu ſchreiben, was in einer ſolchen Nacht wie dieſe paſſirt.“ („Uff, Olle Bas, wie geſchliffen Du biſt!“— ſo lautete der Ideengang des Conſtabels.) „Vielleicht haſt Du im Ganzen nicht Unrecht; geh' nur hin und frage, ob ſie etwas befehlen, und ob ich ihnen perſönlich einen Dienſt erzeigen kann— da ver⸗ ſtehen ſie, daß keine Gefahr weiter vorhanden iſt.“ — 2 3— vie ich pitain, er ſich n dem thheilte, , als inges fühle, ſtand „Gut, Capitain!“... Aber noch ein Wort: was denken Sie mit ihr anzufangen? Sie nehmen wohl nicht übel, daß im letzten Winter, da wir in Furuwik lagen, das Gerücht das Eine und das Andere mittheilte — und ſagen Sie mir, ob es nicht ein Glück war, vor dem Einer ordentlich erſchrecken kann, daß Sie ſie nicht in den Salon nahmen!“ „Was ſchwatzeſt Du da für Hebräiſch?“ fragte Albin mit einem äußerſt erſtaunten Blick. „Nun, das wäre doch ſonderbar— Sie haben ſie doch wohl auch erkannt?“ „Wen?“ „Den Matroſen, verſteht ſich— Mutter Steuer⸗ mann!“ „O!“— Albin fuhr vor Erſtaunen einige Schritte zurück und legte die Hand auf die Stirn—„welch ein ſchreckliches Licht geht mir jetzt auf!“ Er ſchwieg einige Augenblicke; darauf fuhr er lang⸗ ſam fort, als könnte er nur mit Mühe nach dieſer außer⸗ ordentlichen Ueberraſchung wieder zu Athem kommen: „Sie gelobte mir Rache und hat dieſelbe von einer Seite her begonnen, wo ſie meinte, daß dieſelbe mich am ſicherſten treffen würde! Nun aber bedarf es einer zehnfachen Wachſamkeit— wir müſſen uns hüten, den geringſten Argwohn zu verrathen.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Capitain! War es aber nicht ſonderbar, daß ſie, gerade ſie kommen ſollte, um das Schiff...“ „Geh nun, Conſtabel— ich will allein denken!“ „Sogleich, Herr Capitain— ich wollte nur um die Erlaubniß bilten, noch ein einziges Wort ſagen zu dürfen!“ „Was denn?“ „Nehmen Sie ſie in Verwahrung, binden Sie ſie, wenn man ſie auf keine andere Art regieren kann, an Händen und Füßen, laſſen Sie ſie aber nicht ledig umher⸗ gehen— dazu iſt ſie allzu gefährlich! dieſen Rath habe — —— ——— ich Ihnen ſchon einmal gegeben, und ob er jetzt ſchlech⸗ ter iſt, als damals, das mögen Sie ſelbſt entſcheiden. Albin runzelte die Augenbrauen, ohne zu ant⸗ worten. „Nun gut, Capitain“— Bas zog ſich rücklings nach der Kappe hin—„ich bleibe dennoch dabei, daß der Rath klug iſt!“ „Klug mag er ſein, meiner unwürdig aber wäre er; auch würde dieſe Handlung von abenteuerlicher Un⸗ gerechtigkeit, nach Demjenigen, was ſie gethan hat, mich in den Augen der Beſatzung herabſetzen; ſie können ja unmöglich etwas von meinen geheimen Gründen für eine ſolche Maßregel wiſſen. Nein, Bas, es iſt un⸗ möglich: ich würde nimmermehr im Stande ſein, ſo gegen einen Mann zu handeln, geſchweige denn gegen ein Weib. Wachſamkeit Nacht und Tag— ſieh, das iſt mein einziges Hülfsmittel!“ „Wie Sie befehlen, Herr Capitain— ich waſche meine Hände! Und hiemit verſchwand der Conſtabel in der Kappe. Endlich hatte der Wind den dichten Nebel zu zer⸗ reißen vermocht; aber aus den Lappen deſſelben hatten ſich eine Menge von wunderbaren Geſtalten gebildet, welche nun ebenſo ſchnell durch die blauen Gewölke ſchwebten, wie das Seefräulein, jetzt wieder von der klaren Sommerſonne beleuchtet und ſtolz über den Kampf und die Siege, über die bläuliche Woge dahinflog. Der Capitain, welcher einige Stunden geſchlafen hatte, ſtand jetzt und betrachtete, nicht die Bewegungen der Wolken, des Waſſers und des Seefräuleins, ſondern ganz einfach die Uhr über der Kappenöffnung: er meinte, ſie ginge ganz falſch; Bas betheuerte jedoch, daß ſie mit der in der Kajüte gleich ginge. „Und um elf Ühr war es?“ fragte der Capitain. „Accurat!“ Frage und Antwort bezogen ſich auf die Botſchaft, — 107 welche Roſa dem Capitain durch den Conſtabel gegeben hatte, daß ſie nämlich verſuchen wollte, ein wenig zu ſchlafen, daß ſie jedoch um elf Uhr in Ordnung ſein würde, und daß ſie hoffte, der Capitain würde um dieſe Zeit in die Kajüte kommen. Als aber nun die Uhr wirklich elf wurde und Bas hinunter ging, um Erkundigungen einzuziehen, da wurde dis Geduld des Capitains von Neuem auf die Probe geſetzt. Erſtlich wurde Bas ganz erſchrecklich lange aufge⸗ halten, und dann kam er mit der Nachricht, Frau Mörk dankte dem Capitain auf das Höchſte für ſeine Auf⸗ merkſamkeit, könnte ihn jedoch nicht annehmen. „Und doch hat ſie mich mehrmals angenommen, da ſie ſich nicht beſſer befand als jetzt,“ ſagte Albin beleidigt und verdrießlich.„Was ſagte aber Roſa?“ Bas hatte noch keine ſo förmliche Unterweiſung erhalten, daß Albin das Wort„meine“ hinzufügen konnte — noch weniger wagte er ſie ſeine Braut zu nennen, ſo ſehr er ſich auch darnach ſehnte, zu hören, wie dieſes Wort klingen möchte. „Mamſell Roſa ſah betrübt aus.“ „Betrübt?— o, das glaube ich nicht!“ „Ja, ich aber glaube es: ſie ſah ſogar aus, als hätte ſie geweint.“ „Ach ſo! Nun beginne ich auch dort klar zu ſehen! Du ſollſt mit einem Körbchen voll Obſt zurückkehren— lege es in Ordnung und komm dann zu mir in den Salon, ſo will ich ein Billet bereit haben, welches mir Zutritt verſchaffen wird!“— „Das iſt gut, Herr Capitain: dieſen Auftrag will ich ſo fein ausführen, wie nur irgend ein Menſch!“ Und Bas erfüllte auch in der That ſein Verſprechen ſo fein, daß Roſa zehn Minuten ſpäter folgende Worte las: „Wenn das Glück, welches meine ganze Seele er⸗ füllt, nicht bloß die Erinnerung an einen Traum iſt, ſo weiß ich nicht, was den Engel des Traumes abhalten — — —— 108 kann, ſich auf's Neue zu offenbaren, und zwar dieſes Mal im Salon.“ Gleich darauf hatte Albin folgende Antwort: „Mir iſt ſo bange!“ Jetzt konnte kein neues Billet zu Roſa gelangen, bis man das Mittageſſen auftrug; nun aber kam wieder ein ſolches an, worin es hieß! „Wenn es ſo ſein ſoll, ſo habe ich nur geträumt; aber noch eine andere Sache von großer Wichtigkeit macht, daß ich nicht nachgeben darf. Der Salon iſt während des anhaltenden Sturmes das einzige Geſell⸗ ſchaftszimmer des Seefräuleins; und dieſer ſteht um drei Uhr offen.“ Und um drei Uhr ſtand der Salon offen. Auf der Schwelle wartete der ungeduldige Liebhaber auf die An⸗ kündigung ſeines Urtheils— er konnte Roſa's vier Worte nicht recht verſtehen. War es die Furcht vor dem Willen der Mutter, was ſie jetzt beherrſchte; war es der Befehl derſelben, wodurch ſie zurückgehalten wurde, oder war es wohl möglich, daß ſie, welche in der zuletzt verfloſſenen Nacht einen ſolchen Heldenmuth bewieſen hatte, jetzt, da die Gefahr und die Spannung vorüber waren, wiederum ein Kind geworden war? War ſie wieder eben ſo blöde und zitternd wie damals, als ſie ihm nicht die zwei Minuten ſchenken wollte, um welche er ſo flehentlich bat? „Ja,“ ſagte Albin,„nur in der Liebe hat meine kleine Heldin keinen Muth; doch wenn ich ſie nur erſt recht unter meine Obhut bekomme, ſo will ich ſie ſchon auch darin muthig machen!“ Jetzt ging die Kajütenthür leiſe auf, und ſo wogen⸗ förmig wie das Schiff, ging es auch in Roſa's Kopfe umher, als ſie in den kleinen Korridor hinaustrat. Sie blieb ſtehen, legte die Hand auf die Stirn, und war ſchon im Begriff, den ausgeſtreckten Fuß zurückzuziehen, als Albin ſie mit einem plötzlichen Blick auf das Deck auffing. Sie ſchien nicht ſo ganz feſt zu ſtehen— und nun wußte Roſa gar nicht, was mit ihr geſchah, bis — R— ——²⁷———— ſie mit Albin auf dem Divan ſaß, und zwar nicht vor offenen, ſondern vor verſchloſſenen Thüren. Tauſend Purpurgewölke glühten auf Roſa's Antlitz. Sie war ganz überzeugt, daß man ſich im Himmel nicht glücklicher fühlen konnte, als ſie ſich jetzt fühlte, und dennoch hätte ſie Gott weiß wie viel darum gegeben, wenn ſie weit weg geweſen wäre. Sie war ſo blöde, ſo ängſtlich, ſo ganz ein Kind, daß Albin in halber Verzweiflung ausrief:„Ich ſehe, daß es nur ein Traum geweſen iſt!“— Roſa ſchwieg— was ſollte ſie ſagen? „Ich bitte Dich, mein lieber, ſchöner Engel, ſieh mich wenigſtens an mit einem einzigen von Deinen herrlichen Blicken!“ Sie ſchämte ſich ſo ſchrecklich— ſollte ſie nicht jetzt Liebhaberin ſein? und dennoch benahm ſie ſich ſo lin⸗ kiſch, daß ihrer Meinung nach„Fräulein Ebba“ in dieſem Augenblick nicht einfältiger hätte ſein können. Allein was ſie ſich auch ſagen mochte, es diente dennoch zu gar nichts— ſie wurde dadurch nicht muthiger. Da es nun einmal weder mit Worten noch mit Blicken ging, ſo wollte Albin ſich ohne Beides begnügen, denn man konnte wohl dennoch glücklich ſein; als er jedoch mit der Leitung ſeiner kleinen Erfahrung von geſtern Abend den Arm ausſtreckte, und ſich näher an ſeine blöde Nachbarin ſchmiegte, da fuhr ſie ſo heftig zuſammen und ſah ihn mit einem ſo ängſtlichen und flehenden Blicke an, daß Albin es nicht wagte, die Bitte zu kränken, welche dieſe ſchönen Augen ausſprachen. Da fiel es ihm ein, ſein Gluͤck auf einer andern Seite zu ſuchen. Er entfernte ſich um einige Ellen von Roſa, und ſate nui einem angenommenen Tone beleidigten Selbſt⸗ gefuͤhls: „Ich war auf dem Wege zu vergeſſen, warum ich es eigentlich gewagt habe, um dieſe Unterredung zu bitten — ſollte Roſa wohl erlauben, daß ich rückſichtlich eines außerordentlichen Falles einige Warnungen ertheilte?“ — ——“ 110 „Sehr gerne!“ „Da muß ich jedoch ein Ereigniß voranſchicken, das mich allein betrifft— iſt mir das erlaubt?“ „Ach ja!“ „Schon vor vielen Jahren, da ich noch das Leben eines irrenden Junggeſellen führte, lernte ich ein Frauen⸗ zimmer von ſonderbarem Charakter, damals als Mann verkleidet, kennen. Sie war als Seemann bewunde⸗ rungswürdig— ich habe nie einen tüchtigeren und ge⸗ ſchickteren kennen gelernt.“ „Reiſ'te dan— Roſa konnte unmöglich Du ſagen— „reiſſte da der Capitain mit ihr?“ „Nur eine ſehr kurze Zeit; doch einige Jahre ſpäter, als ſie die Kleidung ihres Geſchlechtes wieder ange⸗ nommen hatte, trafen wir uns wieder, und...“ Albin ließ ſeinen Blick forſchend in Roſa's Augen ſinken— er mußte ergründen, welche Wirkung dieſes hatte. Roſa ſchlug ihre ſchönen blauen Augen auf; in ihnen lag Unruhe und Verwunderung. „Nun das iſt denn doch wenigſtens Etwas!“ ſagte Albin zu ſich ſelbſt, indem er fortfuhr:„Dieſes Frauenzimmer beſaß Schönheit, Reichthum, Liebe: ſie erbot mir alle ihre Schätze— aber...“ „Aber?“ ſagte Roſa, und ihre feinen Lippen zit⸗ terten. „Sie war verheirathet, und ich wies ſie zurück auf den Weg der Pflicht!“ Ein Strahl von unbeſchreiblicher Freude blitzte auf in den Augen des jungen Mädchens; doch die Wimpern ſanken ſchnell über den Sternfall. „Es verfloſſen mehrere Jahre, ohne daß ich ſie wieder ſah; ſie hielt ſich fortwährend im Auslande auf. Endlich wurde ſie Wittwe und kehrte in die Heimath zurück.“. „Wann?“ „Im verwichenen Herbſt!“ „Ah— alſo nach der Reiſe von Wisby?“ „Ja, mehrere Monate nach derſelben.“ * 2 2 111 „Und wo wohnte ſie damals?“ „Auf ihrem Gute, welches drei Meilen von dem meines Pflegevaters liegt.“ Jetzt begannen die Roſen auf dem Antlitze unſerer Heldin zu erbleichen. Dieſe vertrauliche Mittheilung war ſo ſonderbar— was hatte ſie mit der Gegenwart zu thun? „Will Roſa das Ende hören?“ „Wenn ich es darf!“ „Ich glaube, es iſt nothwendig, um dasjenige, was uns zunächſt liegt, beurtheilen zu können; es iſt über⸗ dieß mit wenigen Worten geſagt. Dieſes Weib wußte von keiner Liebe, die mit der Zeit erblaßt: ſie kam eben ſo glühend, ja noch glühender zurück, und um mich zu ſich zu locken, ſchrieb ſie, daß ſie auf dem Sterbebette läge.“ „O! Du reiſ'teſt nicht... nein Du reiſ'teſt nicht!“ rief Roſa aus; und jetzt kehrten die Purpurflammen zurück auf ihr liebliches Antlitz, von welchem mit einem Male alle blöde Bangigkeit verſchwunden war. „Ja,“ ſagte Albin, der nichts zu merken ſchien, ſo hoch auch ſein Herz klopfte,„ich reiſ'te!“ „Und das zu einer Zeit, da ich... ſo viele wahn⸗ fünvide Gedanken hatte— ja, ſie waren gewiß wahn⸗ innig!“ „Ich glaubte ihrem Briefe— ja, ich glaubte einen Augenblick an ihre gute Abſicht, ſogar da ich an ihrem improviſirten Sterbebette ſtand, bei welchem die ausge⸗ ſuchteſte weibliche Coquetterie thätig geweſen war.“ Jetzt verbarg Roſa ihr Antlitz— warum ſollte er ſie beleidigen und ihre Ohren mit dieſer Erzählung vergiften?“ „Verurtheile mich nicht, ehe Du mich gehört haſt!“ flüſterte Albin, welcher den Eindruck, den er jetzt her⸗ vorgerufen hatte, verſtand;„kein einziges Wort, das Du nicht hören kannſt, ſoll Deine Ohren vergiften! Der Wunſch dieſes Weibes war, mich durch das Band der Ehe zum Herrn über ihr fürſtliches Vermögen zu ma⸗ chen— dgrum.“ — IV 5 5— — Be 11² „Die Schändliche!“ rief Roſa mit flammenden Blicken aus.„Darum alſo war ſie krank?“ „Ja, ſie rechnete darauf, daß ſie mich mit der Hoff⸗ nung auf ihren Tod betrügen könnte.“ „Und warum ſiegte ſie denn nicht?“ f teie, fragte Albin,„wie weißt Du, daß ſie nicht ſegte?“ „Wie ich das weiß?“ fragte Roſa mit einem Stolze, der Albin's Glück zu dem höchſten Entzücken ſteigerte— „willſt Du mich darnach fragen?“ „Ja, gewiß Dich, Du himmliſche Zauberin, die Du gänzlich vergeſſen zu haben ſcheinſt, daß in dieſer Nacht etwas vorgefallen iſt! Jetzt aber, da ich aus Deinem Tone, aus Deinen Worten vernehme, daß die Erinnerung wieder wach geworden iſt, jetzt, bevor ich meine Erzählung beendige, fordere, bitte, flehe ich um ein Wort, das nicht den Traum zur Wahrheit macht— denn er war die ſchönſte, vollkommenſte Wirklichkeit— ſondern mich überzeugt, daß Du, meine theure, unaus⸗ ſprechlich theure Roſa, Dich eben ſo glücklich fühlſt durch die Gewißheit, daß wir uns gefunden haben, und daß nichts das Band zerreißen ſoll, welches in einem ſolchen Augenblicke geknüpft wurde!“ „Du glaubſt alſo,“ liſpelte Roſa,„daß es durch diihi zerriſſen werden kann, daß es feſt, unzerſtörbar 1 2“ „Glaubſt Du denn das nicht auch?“ fragte Albin, und jetzt kam an ihn die Reihe zu erblaſſen, indem er ſie ohne Widerſtreben an ſich zog. „Ja,“ entgegnete ſie entſchloſſen,„jetzt weiß ich es mit Gewißheit, denn Deine Blicke können nicht be⸗ trügen!“ „Eben ſo wenig wie mein Herz! Dieſes habe ich ein ganzes Jahr lang geprüft, um überzeugt zu ſein, daß die Gefühle, welche ich Dir bieten könnte, feſt und Deiner würdig wären; Dein Bild zog ſchnell ein, aber es blieb auf ewig da... Und nun, Du Geliebte meiner Seele! nun nicht länger dieſe unſäglich blöde Kind⸗ lichkei hat! ligſte gelegt zu be der b . 2 mein inden nicht Küſſe 7 ihm Seele jenige will, daß i meine denno im L o, ve Himn meine die T Du d bloße ich b kühn 113 lichkeit, die uns ſchon ſo viele Tage des Glückes geraubt hat! Iſt nicht die Liebe das ſchönſte, reinſte, das hei⸗ ligſte Gefühl, welches Gott in das Herz des Menſchen gelegt hat? Warum willſt Du denn bange ſein, dieſes zu bekennen vor Deinem Geliebten, Deinem Verlobten, der bald Dein Gatte wird?“ „O, wir haben noch weit, bis dahin— Du biſt mein Verlobter noch nicht!“ „Wie willſt Du mich denn nennen?“ fragte Albin, indem er ſie noch feſter an ſein Herz drückte.„Iſt es nicht Dein Verlobter, der Deinen warmen Lippen dieſe Küſſe raubt?“ „Nein, nein!“ „Iſt es denn Dein Geliebter?“ „Ja, das iſt er!“ antwortete Roſa, indem ſie jetzt ihm mit der vollen und ſtarken Kraft ihrer ganzen Seele in das Auge, in die Seele blickte,„es iſt Der⸗ jenige, dem ich im Leben und im Tode allein angehören will, Derjenige, dem ich in dieſem Augenblicke ſchwöre, daß ich ihm, und ſollte ich ihn auch niemals, weder meinen Verlobten, noch auch meinen Gatten nennen, dennoch meine Treue rein und unbefleckt erhalten will— im Leben und im Tode Er, einzig und allein Er!“ „Und dieſes Gefühl wagte ich lau zu nennen... o, vergib mir! Bisweilen entſchleierſt Du mir einen Himmel, in welchem es mir iſt, als ſollten die Flammen meiner Liebe ewig brennen, vereint mit den Flammen, die Deine Liebe mir opfert; doch bisweilen verſchleierſt Du dieſen Himmel ſo, daß ich nicht weiß, ob nicht eine bloße kindliche Illuſton Dich hinriß.“ „Ach, ich war ja noch vor ſo kurzer Zeit ein Kind— ich bin blöde, wenn nicht ein recht ſtarkes Gefühl mich kühn macht! Doch nun, nachdem ich ſo viel, ſo viel ge⸗ wagt habe, bin ich nicht länger blöde.“ „Der Himmel ſei dafür gelobt!...“ Und alle Worte, die Du ſo eben ſagteſt, waren ja nur hervorgerufen von Deinem Wunſche, mich für die Zukunft zufrieden zu ſtellen?“ Der Jungferthurm. Iv. 8 —— 114 „Nein, ſie waren hervorgerufen von der Nothwen⸗ digkeit! Ehe ich aber mehr ſage, mußt Du den erſten Gegenſtand abſchließen!... Sie ſiegte nicht?“ „Wie hätte ſie das können? Ich hatte ja Dich ge⸗ ſehen, und Du warſt an jenem Abende auf der Kreuz⸗ weide nahe daran geweſen, mir mein Geheimniß zu entlocken!“ Roſa nickte nur— bei ſich ſelbſt aber dachte ſie: „O, daß dieß geſchehen wäre: da hätte der Vater kein Verſprechen von mir erhalten!“ „Doch,“ fuhr Albin fort,„ein ſolches Weib, das ſich eine ſo unendliche Mühe gegeben hatte, einen Mann zu feſſeln— das Alles erzähle ich Dir ſpäterhin— ließ ſich nicht abweiſen und am allerwenigſten auf die Art abweiſen, wie ich in meinem Aerger es mir erlaubte, ohne daß eine wilde Rachgier in ihr entſtehen ſollte. Das todtkranke Weib, die verführeriſche Nymphe war plötzlich in eine Furie verwandelt, welche mit hand⸗ greiflicher Gewalt den Mann demüthigen wollte, der ihre Reize, ihren Reichthum verſchmäht hatte... doch auch dieſes muß ich übergehen— ſei es genug, wenn ich ſage, daß ſie noch einmal erröthen mußte; und am folgenden Morgen erhielt ich einen Brief, der mir nicht allein ihre Abreiſe meldete, ſondern auch anzeigte, daß ich auf Rache zählen könnte, wo ich es am wenigſten vermuthete... und hierin hat ſie Wort gehalten!“ „Wie?“ fragte Roſa mit faſt athemloſer Aufmerk⸗ ſamkeit—„haſt Du ſie wieder geſehen?“ „Auch Du haſt ſie geſehen!“ „Ich?— wo in Gottes Namen denn?“ Wie?“— Roſa ſchlug in kindlichem Entzücken 72 ihre Hände zuſammen—„iſt es wohl möglich, daß ich ſo intereſſante, ſo ſonderbare Abenteuer erleben kann: eine Liebende, eine Nebenbuhlerin an Bord hier auf dem Schiffe meines eigenen... eigenen...“ „Geliebten!“ ſo beendigte Albin den abgebrochenen Satz.„O, wenn dieſes Abenteuer ſo ſehr nach Deinem Geſch merin 1 kleiden — ge entlie buhlen zu ne ſichtig Lipper mich Leichtt dieſer ihre u Wann wurde „ geweſe 8 liebten E drückt, unterbr 115 Geſchmacke iſt, Du kleine, Abenteuer liebende Schwär⸗ merin, ſo wirſt Du es bald noch romantiſcher bekommen!“ „Das iſt ja rein unmöglich!“ „Unglücklicher Weiſe nicht! Dieſe als Matroſe ver⸗ kleidete Liebende, welche ſich in Vließingen vermiethete — gewiß hatte ſie den Matroſen, der mir in Antwerpen entlief, ſelbſt dazu erkauft— dieſe verkleidete Neben⸗ buhlerin iſt zweimal nahe daran geweſen, Dein Leben zu nehmen, meine Geliebte! Sage, ob ſie nicht ſcharf⸗ ſichtig war, da ſie meine Liebe ſchon verſtand, ehe meine Lippen ſie Dir verrathen hatten, und einſah, wie ſie mich am tiefſten und ſchrecklichſten treffen könnte!“ „Ach,“ rief Roſa noch in dem erſten gedankenloſen Leichtſinne aus,„ich möchte wohl wiſſen, was Hildur zu dieſer ganzen Geſchichte ſagen würde— was ſind wohl ihre und Victor’s Abenteuer im Vergleich mit dieſem!... Wann aber trachtete ſie nach meinem Leben, und wie wurde ich gerettet?“ „Beide Male durch meinen treuen Bas!“ Albin erzählte, wie Alles zugegangen war, und daß er wegen dieſer Urſache ſeitdem die Nachtwache ſelbſt genommen hätte. Jetzt ſah Roſa etwas ernſthafter aus; doch das war nur augenblicklich, was am beſten daraus abzunehmen war, daß ſie bald wieder mit ihrem fröhlichen, friſchen Tone äußerte:„Du uͤbertriffſt meine Wikinger— ich kann ſie nie mehr vermiſſen! Aber was iſt nun zu thun?“ „Eben um dahin zu kommen, bin ich gezwungen geweſen, Dich zu beunruhigen!“ „Nein, ich bin nicht unruhig— ich liebe dergleichen!“ Albin blickte in ihre klaren Augen.„Wie würde es Dir gefallen,“ ſagte er,„wenn Du morgen hörteſt, daß ich todt da läge mit einem Dolch in der Bruſt?“ Roſa ſprang auf und eilte in die Arme ihres Ge⸗ liebten.„Ich folgte Dir!“ Einige Sekunden hielt er ſie feſt an ſein Herz ge⸗ drückt, ehe er die Sprache der Gefühle mit Worten unterbrach. Darauf ſagte er: 6* V 116 „Ich wage dieſen gefährlichen und dennoch ſo ſeligen Gedanken beinahe ſelbſt zu hegen; aber da Du, meine geliebte Roſa, ganz gewiß zugeben wirſt, daß es ſchöner iſt, mit einander zu leben, als mit einander zu ſterben, ſo mußt Du auch die Nothwendigkeit einer bis auf den höchſten Grad geſteigerten Vorſicht einſehen... Denke Dir: wäre Bas nicht geweſen, ſo hätte ſie des Nachts mit mir in einem Zimmer geſchlafen!“ „Mein Gott! Du erſchreckſt mich bis zum Tode! Gewiß ſollte das geſchehen, damit ich zu meinen kleinen Promenaden Freiheit erhielte?“ „Sehr richtig; Bas aber bat ſo lange, bis ich nach⸗ gab und auf den Einfall gerieth, Dich ſelbſt unten zu halten... Und nun ſollſt Du mir bei Deiner Liebe heilig geloben, daß Du es nie verſäumen willſt, auf Deiner Hut zu ſein! Gehe niemals, weder bei Nacht noch bei Tage, auf das Deck, ohne daß ich oder Bas Dich begleiten, und halte des Nachts die Kajütenthür ſtets verſchloſſen!“ „Ja, das will ich wohl thun! Aber Du, Du? Ich fühle ſchon, wie mein dummer Uebermuth vor der Furcht ſchmilzt! Wäre es nicht beſſer, wenn Du Dich der Perſon dieſer gefährlichen Frau verſicherteſt?“ „Das hat mir auch Bas gerathen, aber es iſt rein unmöglich: erſt jetzt habe ich entdeckt, wer ſie iſt— ſie weiß dieß nicht— in dieſer Nacht aber habe ich nächſt Gott ihr die Rettung des Fahrzeuges zu verdanken... ich erzähle Dir das ein ander Mal... Und nun, meine geliebte, angebetete Roſa, können wir uns die heilige Freude nicht verſagen, daß wir an die Zukunft denken. Ach, wie wird ſich mein alter Pflegevater, er, den Du auch einmal warm lieben wirſt, an meinem Glücke weiden und ſich deſſelben freuen! Wie wird er auf Furuwik beſchäftigt ſein, und welchen paradieſiſchen Win⸗ terhafen wollen wir dort aufſchlagen— denn ich ſehe kein Hinderniß, daß wir zu Ende des Herbſtes nicht ſollten unſere Hochzeit feiern können!“. „Hochzeit?— Ach, Gott weiß, wann die gefeiert daß konn der könn weſer zu o⸗ und ſeine ihrig heim geſtel war, nicht eligen meine höner erben, af den Denke Nachts Tode ¹ leinen nach⸗ ten zu Liebe nacf acht Bas enthür Du? or der Dich ſt rein — ſie nächſt n... meine heilige enken. n Du Glücke r auf nicht efeiert 117 wird! Erinnere Dich, daß ich Dir nur meine Liebe, mein Herz, meine Seele geſchenkt habe, daß ich aber nicht über meine Hand beſtimmen kann: als ich reiſ'te, forderte Vater mir das Verſprechen ab, daß ich mich während meiner Abweſenheit nicht binden ſollte!“ „O Roſa, wie iſt das? Die Abneigung Deiner Mutter iſt die Folge einer Ueberlegung geweſen, das iſt ganz gewiß!... Nun meinethalben! Eben ſo gewiß aber iſt es auch, daß ich die Abſicht habe, das Recht, welches Du mir jetzt ertheilt haſt, zu vertheidigen— und verlaß Du Dich darauf, mein geliebter Engel, ich werde dieſes Recht vertheidigen: ſobald nur Deine Mutter ſich einigermaßen beſſer befindet, ſo rede ich mit ihr!“ Zehntes Capitel. Die Nache der Tigerkatze. Der Sturm raſ'te mit einer ſolchen Heftigkeit fort, daß das Seefräulein nur gereffte Unterſegel führen konnte. Nach einer Fahrt von ſechs Tagen aber hoffte der Capitain bald das Feuer von Skagen peilen zu können. Während dieſer Tage war Albin gezwungen ge⸗ weſen, das jebige Glück faſt ausſchließlich der Pflicht zu opfern: nur Augenblicke konnte er derſelben abſtehlen, und Roſa zerſtreute durch keine Beſuche auf dem Deck ſeine Gedanken. Sie fürchtete ſich, daß jedes Auge, welches dem ihrigen begegnete, entdecken möchte, was noch ein Ge⸗ heimniß ſein mußte; und der entzückte Liebhaber mußte geſtehen, daß Roſa's Entſchluß nicht allein ſehr klug war, ſondern auch glücklich, denn ſo ganz gut ging es nicht, zu gleicher Zeit den Liebhaber zu machen und ein —— 118 Fahrzeug zu führen, wohl bemerkt in ſchwerem und hartem Wetter. Unter den jetzigen Umſtänden war für Albin na⸗ türlicherweiſe nicht daran zu denken geweſen, der Frau Mörk ſein Anliegen vorzutragen; doch war er ſchon vorher auf eine aFſchlägice Antwort gefaßt, weil ſie auf ſeinen hingeworfenen Vorſchlag, die Damen direct nach Wisby zu führen, mit ziemlicher Kälte geantwortet hatte, ſte könnte nicht zugeben, daß der Herr Capitain um ihretwillen ſeine koſtbare Zeit verlöre. „Nun, nun,“ dachte Albin und ſo ſagte er auch zu ſeiner Geliebten,„ich werde wohl doch dahin kommen!“ Mehr denn einmal hatte Roſa ihre herzliche, kind⸗ liche Luſt zu erkennen gegeben, ſie wollte ihre ſonderbare Nebenbuhlerin etwas näher betrachten; aber Albin wollte ihr dieſes nicht geſtatten: nur in der Ferne durfte ſie bisweilen die Geſtalt der Mutter Steuermann ſchauen. Dennoch entſtanden viele romantiſche Gedanken in Roſa's lebhafter Seele, wenn ſie, ihr Köpfchen durch die Kappenöffnung ſteckend, der dunkeln Geſtalt mit den Augen folgte. Wie war es möglich, daß ein Weib, und noch dazu ein ſchönes, ſich unter einer ſolchen Maske verbergen wollte? Roſa, welche von dem Gefühle der Rache, am wenigſten von einem ſolchen, wie es in Suſanna's Bruſt wüthete, gar keinen Begriff hatte, dachte ſo:„Wie un⸗ erhört muß ſie ihn nicht lieben, da ſie ſeine Achtung und die Scham ihres Geſchlechtes fahren laſſen kann Auch ich liebe ihn, ja ich weiß, daß ich ihn über alles Andere liebe, und auch ich wollte Vieles für ihn thun, doch nicht auf dieſe Art... Und iſt es wohl ein Wun⸗ der, wenn ſie mich haßt, mich, die Glückliche, ach ja, jetzt die allzu Gluͤckliche?— Doch es kommt nach dieſem wohl etwas Anderes!“ n und n um uch zu men!“ kind⸗ erbare wollte fte ſie nuen. ken in ich die t den ) dazu bergen e, am Bruſt ie un⸗ chtung kann! alles thun, Wun⸗ ch ja, dieſem 119 Albin, der mit einer größeren Angſt, als Roſa ahnen durfte, jeder kommenden Sonne entgegen ſah, machte mit Verwunderung die Anmerkung, daß das Geſicht und das ganze Weſen des verkleideten Matroſen, eine gewiſſe ſtumpfe Gleichgültigkeit angenommen hatte. r ſchien ſich um gar nichts zu bekümmern, that faſt niemals Dienſt, ſondern ſuchte die einſamſten Plätze auf dem Fahrzeuge, wo er unbeweglich zuſammengekauert lag. Keiner von den Leuten fühlte die Neigung, ihn zu ſtören, denn Alle hegten eine gewiſſe Bangigkeit vor dieſem Manne, und waͤre nicht der Befehlshaber des Seefräuleins eben ſo geachtet als geliebt geweſen, ſo wäre wahrſcheinlich eine Meuterei ausgebrochen, als er während jener wichtigen Viertelſtunde„dem braunen Teufel,“ wie die Mannſchaft ihn nannte, den Befehl überließ. Sie waren beinahe überzeugt, daß er ſie auf die Klippe ſetzen würde— ſich jedoch dem Capitain widerſetzen, dazu hatte Keiner Luſt, der Erſte zu ſein, und es hatte ſich ja auch hernach gezeigt, daß er kaht gehandelt hatte, den Mann als„Lootſen“ anzu⸗ ellen. „Sollte ich glauben können,“ ſagte eines Tages Albin zu Bas,„daß ein Fünkchen von Reue ihr Herz berührt, daß ſie mit der Jugend und der Schönheit des Engels Mitleiden gefaßt hätte?“ „Ja, darauf kann Einer ſich ſetzen,“ entgegnete Bas mit mürriſcher Verdrießlichkeit, weil man ſei⸗ nen Rath nicht gehörig berückſichtigte—„gewiß haben Engel etwas vom Satan zu hoffen! Ich wundere mich nur, daß Sie einen ſolchen Gedanken haben können! Nein, da kenne ich die Mutter Steuermann beſſer und weiß, was dieſe Windſtille bedeutet: ſo wahr ich Olle Bas heiße, brütet ſie auf einem Unglück!...“ Einige Minuten ſpäter hatte Albin eines von ſeinen kurzen Geſprächen mit der Geliebten. Sie befanden ſich dießmal in Betty's Hütte, wohin Roſa gekommen war, um Betty zu tröſten und aufzuheitern, und um vielleicht zufällig noch Jemanden zu treffen, der jetzt ebenfalls ein — 7 120 großes Bedürfniß hatte, ſich nach Jungfer Betty's Be⸗ finden zu erkundigen. „Deine Wange iſt ſo bleich, mein geliebter Engel,“ flüſterte Albin, indem er ſich unruhig auf Roſa herab⸗ beugte—„Du biſt doch nicht krank? es iſt doch wohl nichts vorgefallen?“ Betty, welche keinen Troſt entgegen nehmen konnte, außer etwa von ihrem eignen Liebhaber, lag der Wand zugekehrt und ſah und hörte gar nichts. „Ja, es iſt etwas vorgefallen!“ entgegnete Roſa eben ſo leiſe, indem ſie ein kleines Billet hervorzog. „Ach, welch ein Glück, daß Du mir Alles anvertraute t, ſonſt wäre ich gewiß heute vor Betrübniß wahnſinnig geworden!“ Mit ahnender Furcht entfaltete Albin das Billet und las Folgendes: „Derjenige, von dem Du glaubſt, daß er Dich liebt, Derjenige, auf deſſen Redlichkeit und Treue Du Dich verläſſeſt, täuſcht Dich unter Deinen Augen! Du biſt ihm nicht mehr als eine Spielſache, auf die er in un⸗ beſchäftigten Stunden die Augen wirft: ſeine wirkliche Geliebte begleitet ihn als Seemann verkleidet, ſie iſt mit Dir auf einem Schiffe— und zweifelſt Du an der Wahrheit dieſer Mittheilung, ſo erkundige Dich, ob nicht der Capitain vor einigen Tagen einem ewiſſen Matroſen befahl, in dem Salon zu ſchlafen, we hen er ſelbſt be⸗ wohnt. Dieſer Befehl wurde zwar nachher zuruͤckge⸗ rufen, doch ſchon der Umſtand, daß er gegeben werden konnte, beweist hinlänglich, daß auf Dich keine Rück⸗ ſicht genommen wird!“ Albins Geſichtszüge veränderten ſich beim Leſen dieſes Billets ſo ſchrecklich, daß Roſa ſeinen Arm ergriff und ihn mit Bangigkeit betrachtete. Er wollte, ohne ein Wort zu erwidern, hinauseilen, denn nun war ſeine Geduld erſchöpft. Hätte er nicht Roſa im Voraus vorbereitet, hätte ſie nicht ein ſo feſtes Vertrauen zu ihm gehegt, was hätte da nicht die Folge ſein können? Nein, jetzt war es Zeit, ihr zu zeigen, über 8 Be⸗ ngel,“ herab⸗ wohl onnte, Wand Roſa orzog. auteſt, ſinnig Billet Leſen rgriff eilen, nicht feſtes Folge igen, 121 daß ihr teufliſches Spiel ein Ende haben müßte— ein⸗ geſchloſſen ſollte ſie werden, ſo daß weder Sonne noch Mond ſie beſcheinen konnte. „Geh nicht, geh nicht!“ bat Roſa, indem ſie das Thürſchloß umfaßte—„ich fürchte etwas Schreckliches!“ „Meine geliebte, theure Roſa, fürchte nicht, daß ich nicht meiner Sinne mächtig bin! Zwar ſind ſie in dieſem Augenblicke erregt, doch werde ich ebenſo wenig Deine Ehre vergeſſen, als daß dieſes Ungeheuer ein Frauenzimmer iſt. Nun aber muß ich ſie haben!“ „Und wohin willſt Du ſie wohl rufen?“ „Hinab in den Salon— ich kann nicht öffentlich mit ihr reden!“ „Aber ich ſterbe vor Angſt, wenn Du ſie allein zu Dir einläſſeſt!“ „Was fürchteſt Du denn, meine Geliebte?“ „Alles, was ſchrecklich iſt!“ „Ihren weiblichen Einfluß in Frage ſetzen kannſt Du nicht, und ich hoffe, Du wirſt ebenſo wenig meine Kraft Prziveifeln, daß ich nicht unter vier Augen mit dieſer Abenteurerin fertig werden ſollte, wenn nämlich ein Zweikampf noch einmal vor ſich gehen müßte!“ „Ich hege nur eine Furcht, nämlich daß ſie einen Dolch in den Kleidern verborgen hat— mit einem Worte: ſie ſoll ja nicht, nein, ſie ſoll ja nicht in den Salon kommen!“ Roſa's Ton erhielt eine ſo ſchmeichelnde Lieblichkeit, ihr Blick eine ſo warme Beredtſamkeit, als ſie nun zum erſten Male ihre Macht als Geliebte geltend machen zu müſſen glaubte, daß Albin, deſſen ganze Seele in ſeinen Augen lag, ſie mit einer gewiſſen Vergötterung betrachtete. „Es wird etwas ganz Neues für mich werden,“ ſagte er mit einem zärtlichen Lächeln,„der ich ſo eifer⸗ ſüchtig auf die Herrſchaft bin, wenn ich nicht länger der erſte Befehlshaber auf dem Seefräulein bin— aber ich merke wohl, daß meine Regierung ſchon ihre beſten Tage überlebt hat!“ Mit einem Ausdruck des höchſten irdiſchen Entzückens 122 ſchlug Roſa die Händchen zuſammen. Ach, wenn doch Hildur gehört hätte, wie ritterlich und ſchön ihr Ge⸗ liebter ſich äußerte.„Doch,“ ſagte ſie in Gedanken weiter zu ſich ſelbſt,„ich werde es auch nicht machen wie Hil⸗ dur, und in Zeit und Unzeit meine Herrſchaft anwenden! Genug, ich weiß, daß ich ſie habe— und es iſt doch wohl etwas ganz Anderes, über den Beherrſcher des Seefräuleins Macht zu haben, als über den Lieutenant Victor, der ſo ſchwach gegen alle Frauenzimmer iſt!“ Albin folgte dem Wechſel in ihrem ſchönen Antlitze, er ſah ihre liebliche, kindliche Freude und meinte, er könnte die Offenbarung eines ſo ſchönen Anblickes un⸗ möglich zu theuer bezahlen. „Nun aber muß ich dennoch hinauf!“ Er nahm die noch gefalteten Hände und führte ſie an ſeine Lippen, an ſein Herz.„Lebe wohl, Du entzückende Zauberin!“ „Lebe wohl!“ flüſterte Roſa, und da Betty doch gewiß ſchlief, konnte Roſa dem flehenden Blicke ihres Geliebten nicht widerſtehen: ihre friſchen Lippen ruhten eine halbe Sekunde an den ſeinigen; darauf eilte er hinauf auf das Verdeck, und ſie in die Kajüte zu ihrer Mutter.... „Ja, Mamſell Roſa iſt weit gekommen!“ ſagte Betty mit einem halb unterdrückten Seufzer, indem ſie— erwachte. „Um Vergebung, Jungfer!“ erſcholl eine Stimme, und gleich darauf ging die Thür auf,„vielleicht ſtöre ich, wenn Sie ein wenig ſchlafen kann— ſonſt bin ich hier mit der Suppe!“ „Ach, guter Conſtabel, ich Arme kann gewiß nicht ſchlafen, und ebenſo wenig vermag ich Suppe zu eſſen — nein, das vermag ich gewiß nicht!“ „Liebſtes Jüngferchen! Einer muß ſich ein wenig überwinden, wenn man in Gefahr und Drangſal iſt, und gewiß wäre es hart, wenn die Suppe nicht ſchmecken wollte, weil ich ſie ſelbſt angerichtet habe!“ „O, iſt es möglich?“ „Möglich?“ ſie der un doch ihr Ge⸗ weiter die Hil⸗ venden! iſt doch her des utenant iſt!“ Antlitze, nte, er kes un⸗ r nahm Lippen, berin!“ ty doch e ihres ruhten eilte er u ihrer ſagte nſie— Stimme, ht ſtore bin ich ß nicht zu eſſen wenig gſal iſt, hmecken 123 „Ja— der Conſtabel ſcherzt wohl nur?“ „Nein, meiner Seele, kein Menſch außer mir hat ſie geſehen— doch vielleicht ſchmeckt ſie gerade darum der Jungfer Betty nicht?“ „O welch ein ſonderbarer Glaube!“ Betty ſah ihn mit einem ſehr ſchönen Blicke an. „Wenn ich Unrecht habe, ſo...“ Bas begann eifrig auf die Suppe zu blaſen. „Ich glaube, ich kann ein paar Tropfen verſuchen.“ „Das war herrlich!“— „Wenn ich nur nichts übergieße!“ „Nein, ſei Sie ganz ruhig, Jungfer Betty: ich will Sie feſt um den Leib halten.... So! laß' Sie es gut ſein, Jungfer, denn, Herr Gott! ich weiß recht gut, daß ich mit dergleichen nicht kommen dürfte, wenn Sie geſund wäre.“ „Welche vortreffliche Suppe!“ „Schmeckt ſie?“ „Es iſt gerade das rechte Maß Wein darin!“ „Trinke Sie mehr, Jungfer— Gott weiß, wie gerne ich etwas für Sie thue!“ „O, Herr Conſtabel, es geht nicht an, daß Er um meinethalben ſich ſo viele Mühe macht! Ich bin bis⸗ weilen ſo traurig, wenn ich daran denke, was der Con⸗ ſtabel für mich Alles gelitten hat, aus ſeinem Zimmer iſt er gezogen und ſo vieles Andere!“ „Da Jungfer Betty daran denkt, ſo iſt es klar, daß Sie nicht gerne eine Aufmerkſamkeit von mir annehmen will— das ſind fatale Piquen für Einen, der's von Herzen meint!“ „Wie mißtrauiſch der Conſtabel iſt! Nicht wollte ich Piquen ſagen, nein, weit entfernt, aber....“ „Sei Sie ſo gut, liebes Jüngferchen, und laſſe Sie den Reſt auch vom Stapel laufen!“ „.... aber wenn man keine Dankbarkeit wieder zeigen kann....“ „ Ach ſo, ich verſtehe, Jungfer! Sie iſt müde, jetzt länger zu ſitzen, und....“ 124 „Conſtabel!. Iſt der Conſtabel hier? Schnell hinauf zum Capitain!“ z nu Petter's Stimme war es zu hören, daß es Eile atte. Bas hatte nicht einmal Zeit, derjenigen, welche er für grauſamer hielt, als ſie wirklich war, ein halbes Wort zu ſagen. In zwei Sprüngen war er die Treppe hinauf und auf dem Deck. „Herr Capitain!“ Bas ſtand vor ſeinem Befehlshaber. Das Geſicht des Capitains war weißer, als der Schaum auf den Gipfeln der Wogen. „Wo iſt ſie?“ ſagte er mit kaum unterdrückter Hef⸗ tigkeit.„Sie iſt nicht zu finden— laß das ganze Schiff durchſuchen!’? „Wollten Sie mit ihr reden?“ „Ja gewiß— durchſuche jeden Winkel!“ Bas wagte nicht mehr zu fragen. Als Albin von ſeiner Geliebten ging, war es ſeine Abſicht, die Mutter Steuermann auf das Hintertheil zu rufen, woſelbſt ſie ebenfalls ſehr gut ein ungeſtörtes Téte⸗à⸗Téte haben konnten. Er dachte nicht zu ver⸗ ſchweigen, daß ſie durchſchaut wäre, und daß er zur Sicherheit gegen ihre fernere Hinterliſt begehrte, daß ſie ſich gutwillig als Geißel überlieferte, bis ſie in einen Hafen kämen; wenn ſie es aber weigerte, der Freiheit zu entſagen, ſo war ſein Entſchluß feſt, ſich mit Ge⸗ walt ihrer Perſon zu bemächtigen. Aber welche Gefühle der Beſtürzung, übergehend von Furcht zur Hoffnung, ergriffen ihn, da er auf ſeinen Befehl, den Matroſen John vorzurufen, die Antwort erhielt, man hätte ihn in mehreren Stunden nicht geſehen. Hier konnten drei Fälle möglich ſein: entweder war ſie während des ſtarken Sturmes durch ein unglückliches Ereigniß über Bord geworfen worden, oder ſie hatte in der Verzweiflung wahnſinniger Eiferſucht ſelbſt dieſe Wahl getroffen, oder— und dieſer dritte Fall war eben derje ſie l Dech war von aber noch auf „Ge ihre ſteht das ande es war orka nich und mit Sal nun lich gän chnell Eile hhe er albes fund 8 der Hef⸗ Schiff ſeine eil zu törtes ver⸗ r zur aß ſte einen eiheit Ge⸗ ehend einen twort ehen. war liches te in dieſe eben 125 derjenige, welcher Albin's Wangen bleich machte— ſte hatte ſich in irgend einer ſchrecklichen Abſicht verſteckt. Mit langen, unruhigen Schritten ging er auf dem Deck auf und ab, bald theilte er Befehle aus, und bald warf er ſeinen Blick nach allen möglichen Richtungen, von wo die Erwartete kommen und nicht kommen konnte. Endlich erſchien Bas wieder. Der Blick des Conſtabels war kalt und ruhig, ſagte aber dem Capitain mehr, als Worte geſagt haben würden. „Es iſt gut!“ ſagte Albin ungeduldig.„Hier ſoll noch einmal geſucht werden— ſie muß zu finden ſein!“ „Gut, Capitain, aber verlorene Muhe iſt es!“ „Du glaubſt alſo, ſie iſt... dort?“ Albin deutete auf das empörte Meer. „Das wäre gewiß ſehr wünſchenswerth, aber...“ „Es iſt gut!“ ſagte der Capitain noch einmal. „Geh und thue, wie ich geſagt habe! Daß Du Dich ihrer Perſon verſicherſt, falls Du ſie findeſt, das ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt!“ Bas ging, indem er etwas bei ſich ſelbſt murmelte, das Albin nicht hören wollte; doch dieſe und mehrere andere Runden waren ebenſo erfolglos wie die vorigen; es wurde Abend, es wurde Nacht— Mutter Steuermann war und blieb verſchwunden. Dieſe Nacht war außerordentlich neblig, der Sturm orkanähnlich, und noch war der Leuchtthurm von Skagen nicht erſchienen. Alle Hände waren auf Deck befohlen und die Signallaterne gehißt, um das Zuſammenſtoßen mit einem andern Fahrzeuge zu verhindern. Um Mitternacht ging der Capitain hinab in den Salon, um auf der Karte abzupricken und die Berech⸗ nungen fortzuſetzen. Doch war ſeine Anweſenheit oben allzu unentbehr⸗ lich, als daß er einen Augenblick länger, als unum⸗ gänglich nöthig war, hätte verweilen ſollen. Er war 126 im Begriff zurückzukehren und wollte im Vorübergehen nur die Thuͤre des Zimmers berühren, in welchem ſeine Geliebte wohnte, und falls ſie noch auf wäre, den Kopf einſtecken und ihr ſagen, ſie möchte nicht unruhig ſein; als er jedoch in den Corridor trat und nach der Kajüte ehen wollte, glaubte er in Betty's Hütte ein angſtvolles ammern zu vernehmen. Zwar hatte Albin ſchon früher gehört, wie das junge Mädchen jammerte, doch, es mochte nun Ein⸗ bildung oder Wirklichkeit ſein, es war ihm, als läge in dieſen Tönen eine andere Art von Klage, als die See⸗ krankheit verurſachen könnte. Ein ſchrecklicher Gedanke blitzte plötzlich in ſeiner Seele auf— augenblicklich ſtieß er die Thuͤr der Hütte des Conſtabels auf. Dort war es ſtockfinſter. „Iſt Herr Bas da, ſo komme Er her— aber um Gotteswillen ſtill!“ flüſterte eine matte Stimme. Albin tappte nach der Koje hin, ſteckte den Kopf hinein und antwortete leiſe: „Es iſt der Capitain, mein Kind! Was gibt's? Wie ſteht's mit Dir, liebe Betty?“ Das Mädchen zitterte nicht wie ein Espenlaub, ſondern als wenn ſie von dem heftigſten Fieberfroſte geſchüttelt würde. „Gott im Himmel, Herr Capitain! ich konnte nicht ſchreien und bin ſo krank, daß ich nicht auffommen kann. Der fürchterliche Mann hatte eine Laterne in der Hand und... er leuchtete zu mir herein, und ich ſah durch die Augenwimpern, obgleich ich mich in der Angſt ſtellte, als ſchlief ich, wie ſeine Augen brannten und funkelten. Ich war einer Ohnmacht nahe!“ „Und wo blieb er? Wie lange iſt es wohl her? Verſuche es, Dich deutlich daran zu erinnern!“ Es iſt ſchon eine ganze Weile her, über eine halbe „/ Stunde: die Thür glitt ſo leiſe auf, daß ich es nicht eher hörte, als da er hier war— aber er kam auch nicht durch die äußere Thür.“. „Woher denn?“ fragte der Capitain athemlos. 1 127 „Von dort!“ Betty deutete auf den Laſtraum.„Gott, wie fürchterlich war er! Er ging auf den Zehen und hatte eine Blendlaterne in der Hand, die er hier an⸗ zündete; darauf hielt er ſie mir vor das Geſicht, blies dann das Licht aus, welches der Conſtabel eingeſetzt hatte, und ließ mich hier im Dunkeln... Aber er macht dort etwas, das höre ich deutlich— vielleicht ſtiehlt er Albin fühlte einen Stich in ſeiner Bruſt; da er jedoch einſah, wie gefährlich es war, eine einzige Mi⸗ nute zu verlieren, ſo gab er ſich keine Zeit, Jemanden zu rufen— überdieß war ſeine Seele, beſonders in der Gefahr, allzu kühn, als daß er derjenigen nicht zu trotzen wagen ſollte, die hier ſeiner warten konnte. Da die Thür nicht verſchloſſen war, ſo ſchob er ſie leiſe auf und trat ſtill in den Laſtraum. Der Ballaſt, welcher aus Sand beſtand, machte ſeine Schritte beinahe lautlos; doch war er nicht weit gekommen, ſo ſtand er, ſtumm vor Schrecken, einige Augenblicke ſtill, um zu überlegen. Folgender Anblick traf ſeine Augen. An der Leeſeite des Fahrzeuges war ein großer Haufen des Ballaſtes aufgeworfen, und die Schaufel, welche hiezu gebraucht worden war, ſtand neben einer Laterne, die nur an der einen Seite mit Glas verſehen war, ſo daß ſie nur einen Theil des Raumes erleuchtete; das Uebrige war von Finſterniß eingehüllt. Von dem Punkte aus, wo Albin ſtand, ſah er zwar keinen Men⸗ ſchen, doch an dem Punkte des Fahrzeuges, welcher von dem Laternenlichte erleuchtet wurde, war in ſcharfen Contouren der Schatten einer Figur abgezeichnet, die ſich regelmäßig hin und her bewegte. Wegen des Stampfens des Schiffes gegen die ſchreck⸗ lichen Wogen knackte und knarrte es in jeder Fuge, und man konnte ſehen, wie die Balken des Zwiſchendeckes, wo ſie an den Seiten befeſtigt waren, ſich hin und her bewegten. Hie und da war ein Nagel nicht vollkommen zugenietet worden! man hörte, wie das Waſſer ſauste, ———— 128 wenn es durch die kleine Oeffnung drang. Das Waſſer im Kielraum plätſcherte zwiſchen der Garnirung und den Rippen hin und her bei jedem Schlingern des Schiffes, ſo daß, wenn es längs der Seiten hinab eilte, ein Un⸗ erfahrener geglaubt haben würde, das Meer bräche durch große Oeffnungen herein; und über dem Ganzen brauſ'te der Sturm, bald in einzelnen Tönen, dem letzten Stoß⸗ ſeufzer, dem letzten Schmerzenslaute eines Sterbenden, bald einem in vollem Chor angeſtimmten Geſange von knirſchenden Geiſtern des Abgrundes ähnlich, die einan⸗ der jetzt aus der Tiefe und nun wieder in der Takelage antworteten. Vorſichtig nahte Albin, welcher trotz der mächtigen Unruhe, die ſeine Bruſt hob, dennoch Macht genug über ſich beſaß, um ſich nicht durch eine einzige unbedacht⸗ ſame Bewegung zu verrathen. Er wollte die Tigerkatze überraſchen und fangen, ehe ſie Zeit haben konnte, dieſes niedrige Werk zu voll⸗ enden, welches ſie bis zuletzt geſpart hatte, da Alle übrigen fehlgeſchlagen hatten, wobei ſie aber ſicher ſein konnte, daß ſie alle Uebrigen mitnehmen würde. Der tiefe Sand und das ſtete Schlingern machten indeſſen, daß Albin mehrmals taumelte und ſich mit den Händen erhalten mußte. Endlich gelang es ihm aber doch, auf den Sand⸗ haufen zu gelangen, und hier hatte er einen Anblick, der jenem, welchen er in dem vom Monde beleuchteten Blumentempel hatte, wo Frau Suſanna auf dem Pur⸗ purbette ihren letzten Seufzer ausathmete, ziemlich unähn⸗ lich war. Dieſe Frau, deren Liebe er zu verabſcheuen gewagt, deren Hand er mit Verachtung zurückgewieſen, deren brennende Gefühle er mit eiſiger Kälte erwiedert hatte, dieſe Frau hatte in dieſem Augenblicke nicht nur das Fahrzeug, ſondern auch ſein eigenes Leben, das Leben ſeiner Geliebten und der ganzen Beſatzung in ihrer Hand; ſie war beſchäftigt, mit einem Traubenbohrer das Fahr⸗ zeug an der Seite zu durchbohren, und ſie war durch o ſt erſtie ſie 1 und ſeine hatte gan; ſie ſlieg aus und ſtrer Stu liche Hoff Sar zu grof mac Tige ihm D 129 Waſſer das Graben ſo tief nach unten gekommen, daß das Loch g und unfehlbar unter die Waſſerlinie kommen mußte. hiffes,„O!“ dachte Albin, indem er im Begriff war, ſich 1 Un⸗ ſeiner gefährlichen Beute zu verſichern,„dieſe Rache war durch allzu fürchterlich, als daß Gott ſie zulaſſen konnte!“ rauſ'te Inzwiſchen fühlte er, wie ſeine Bruſt vor Schrecken Stoß⸗ bei dem Gedanken an das, was da hätte geſchehen können, henden, ſich mit einer Eisrinde überzog— dennoch brannte das ge von Blut gewaltig in ſeinen Adern, das Herz ſchlug ſo ſchnell, einan⸗ ſo ſtark, daß es ihm war, als wäre er nahe daran zu kelage erſticken. Er legte ſich nun nieder auf den Sandhaufen, um htigen ſie mit den Armen erreichen zu können. g über Aber durch dieſe Bewegung glitt der Sand hinweg, dacht⸗ und in einem Nu ſtürzte Albin hinab zu den Füßen ſeiner verſchmähten Liebhaberin. angen, Hier aber war keine Zeit zu Liebesſcenen; denn ſchon i voll⸗ hatte die wilde Rächerin ſich ihres Raubes verſichert. a Alle Schnell wie der Sturmwind, ja wie der Blitz, ihrer er ſein„ ganzen außerordentlichen Gelenkigkeit ſich bedienend, warf ſie ſich auf Albin, welcher halb begraben unter dem rachten fliegenden Sande, aus allen Kräften arbeitete, um ſich ich mit aus ſeiner eingepreßten Lage zu erheben. Er war ſo gefallen, daß er zwiſchen der Garnirung Sand⸗ und dem Ballaſte lag. Inblick, Nur die ſtarken Athemzüge bei der gegenſeitigen An⸗ ichteten ſtrengung waren, untermiſcht mit dem Rauſchen des Pur⸗ Sturmchores und der Wogen, zu hören. mähn⸗ Hätte Albin nur ſehen können, ſo würde er mög⸗ licher Weiſe, ſo peinigend ſeine Lage auch war, einige eewagt, Hoffnung gehabt haben; doch ſeine Augen waren voller deren Sand und erlaubten ihm nicht, auch nur das Geringſte hatte, zu unterſcheiden. ur das Aber das Ziel, für welches er kämpfte, war allzu Leben groß, als daß es nicht das Unmögliche hätte möglich Hand; machen ſollen. Zweimal war es ihm gelungen, die Fahr⸗ Tigerkatze von ſich abzuhalten, doch aufzukommen hatte r durch ihm nicht gelingen wollen— dafür ſorgte ſie, die ſich Der Jungferthurm. IV. 9 — ͦ-ëÜü= — 130 augenblicklich wieder an ihn feſtſog, während ihre wilden Gefühle endlich zu ihrem Erguſſe die Sprache der Worte anden. f„Mein Liebling, mein Liebling! Du kommſt alſo dennoch endlich zu mir; das war eine große Gunſt des Glücks! Aber das Glück war mir auch etwas dafür ſchuldig, daß es mich ſo oft mit ſchönen Verſprechungen bethört hatte! Ich will Deine Augen mit meinen Thränen waſchen, damit Du Deine warme Braut recht erkennen mögeſt!... Aber ſtrenge Dich nicht ſo ſchrecklich an.. ach ſo! das war eine Umarmung!.... Du preſſeſt mich an Dein Herz!.... Schön, himmliſch, Bruſt an Bruſt zu ruhen!. Und denke, alle Hände auf Deck: wir haben Zeit mit einander zu plaudern, ehe.... So! mache keine Umſtände, rühre Dich nicht, mein Bräu⸗ tigam! ſiehſt Du dieſen!— oder wenn Du nicht ſehen kannſt, ſo fühle!“ Und vor Albins halbblinden Augen blitzte gegen den Laternenſchein der blanke Stahl eines Dolches. In der nächſten Sekunde fühlte er ſeine Eiskälte an der Gurgel. Bis jetzt hatte er noch kein Wort geredet; unter einem ſolchen Sturme um Hülfe zu rufen, wäre ohnehin fruchtlos geweſen— jetzt würde es ein augenblicklicher Tod geweſen ſein. Das Einzige, was ihn vielleicht retten konnte, war Kaltblütigkeit. „Suſanna!“ ſagte er mit einer Stimme, die be⸗ rechnet war, Eindruck zu machen— er hatte ſie noch niemals bei ihrem Namen genannt—„Suſanna! Ich habe Sie ſchon längſt erkannt, längſt gewußt, daß Sie hier wären, um ſich zu rächen, und dennoch habe ich mich Ihrer Perſon nicht verſichert. Ich hätte mich ſelbſt verachten müſſen, wenn ich mich gegen eine Frau feige bewieſen hätte: ich verließ mich auf Ihre Ehre und ließ Ihnen Fahrzeug und Leben in den Händen!“ „Ziſche nicht ſo melodiſch, Schlange! Dieſe Töne ſind nur für ſie, dort— denke an Dein Sündenregiſter wilden Worte ſt alſo nſt des dafür hungen hränen kennen an.. ſt mich Bruſt f: wir So! Bräu⸗ ſehen gegen 8. ilte an unter hnehin klicher e, war feige id ließ Töne egiſter 131 gegen mich, und Du wirſt die Macht Deiner Stimme nicht länger verſuchen! Tropfenweiſe haſt Du dieſes brennende Gift in mein Herz gegoſſen, Du haſt es er⸗ füllt mit dieſer Göttergabe des Abgrundes, welche Liebe genannt wird— dieſes wahnſinnige Gefühl, zuſammen⸗ gegoſſen aus der Seligkeit des Himmels, wovon die Kinder ſchwatzen, und aus den Martern der Hölle, welche die Prieſter malen— ein Wahnſinn, in welchem der Kranke bald in den höchſten Genüſſen zu ſchwelgen meint, und bald auf der Folterbank der Qualen ächzt. Das iſt es, was Du mir gethan haſt— das iſt ja gar nichts; aber ich liebe Dich dennoch, bete Dich dennoch an... ja, ich liebe Dich trotz der Qualen, welche Du mir hier bereitet haſt, und die ich mit keinem Worte nennen will, weil keine Worte erfunden ſind, welche ſie malen können!“ „Aber ſo bedenken Sie doch, Suſanna: habe ich Ihnen dieſe Qualen abſichtlich zugefügt? War es, um Sie zu verhöhnen?“ „Genug!— Es gibt nur Eines, das Alles ver⸗ ſöhnen kann: Du mußt ſterben..., und ſie, die Blau⸗ äugige, ſoll auch ſterben, denn ſie liebt Dich, Dich, den ich mir auserſehen habe! Ein elendes, dahinwelkendes Topfgewächs liebt ja ebenſo gut die Sonne, wie die wilde, friſche Blume— doch die wilde, die friſche leidet keine ſolche Eindringlichkeit.... hörſt Dul ſie leidet es nicht! Meine Liebe iſt wild, friſch und ſtark wie eine Naturrevolution: ich halte ihren Dolmetſcher in meiner Hand; aber auch ich will ſterben.... ol aber doch ein herrlicher Tod, denn es geſchieht in Deinen Armen! Und wenn dieſer Dolch das Ziel erreicht hat, welches ich nicht zu erreichen vermochte, wenn Dein warmes Herzblut auf meine Bruſt ſprudelt, dann reiße ich den Bohrer aus dem Fahrzeuge, damit das Waſſer herein⸗ ſtürzt— und dann, Du Hochgeliebter! lege ich mich an Dein Herz; der Sand bereitet bald die Decke über unſer Brautbett.... o, wie lieblich wollen wir ſchlum⸗ mern in der blauen Tiefe dort unten!.„„ Glaubſt Du 9 vielleicht, ſie werde gerettet werden? Nein, alle Boote ſind durchlöchert, mehrere Bretter an ihnen losgeriſſen— ſie ſoll ertrinken und eine Speiſe für die Fiſche werden, während wir dagegen hier in einem koſtbaren Mauſo⸗ leum liegen!“ Es lag eine diaboliſche Höhe in dem Blicke des wilden Weibes, eine tiefe, allzu lebendige Kraft in ihrer Stimme, welche bewies, daß ſie die Abſicht hatte, Alles zu vollenden, was ſie geſagt hatte. Noch immer hielt ſie den Dolch ſo nahe an Albin's Hals, daß er nicht im Stande war, die geringſte Be⸗ wegung zu machen— ſeine letzte Hoffnung war auf die Sekunde gerichtet, da der Wahnſinn des inſpirirten Weibes ſchweigen und ſie vielleicht eine Bewegung machen würde, die ihm günſtig ſein könnte. Dieſe Sekunde von unermeßlicher Wichtigkeit war jetzt gekommen. Sie beugte ſich zurück und betrachtete ihn mit Blicken voll wahnſinniger Leidenſchaft. „Warte!“ ſagte ſie,„warte einen Augenblick! Höre! — wenn....„o, daß ich Dich ſo elend lieben ſoll!.. wenn.. Willſt Du mir bei Gott etwas ſchwören. wenn ich Wahrheit von Dir fordere?“ „Das will ich— erſt aber nimm den Dolch weg, denn wenn Du das nicht thuſt, ſo ſchwöre ich nicht!“ Sie hielt den Dolch auf die Seite, hatte ihn jedoch noch immer in der Hand. „Wenn ich Dir das Leben ſchenke— Du weißt, daß Du ſterben mußt; doch lügſt Du, ſo ſei überzeugt, daß meine Rache Dich noch einmal treffen wird— willſt Du mich da betrachten als Deine— nicht Gattin, dar⸗ nach frage ich nichts, aber als Deine Geliebte.... willſt Du dieſem Kinde entſagen, das gar nicht begreift, was Liebe iſt, denn ſeit heute morgen weiß ſie, daß ſie eine begünſtigte Nebenbuhlerin hier an Bord hat, und hat dennoch dieſe Nebenbuhlerin nicht finden können, welche hier unter einer loſen Sanddecke verborgen lag: ich hätte ſie ſelbſt in der Hölle gefunden, wenn ich ſie da der Kop den lung zum jetzt einen nach denn half ähn! Boote ſen— erden, Nauſo⸗ fe des ihrer Alles lbin's e Be⸗ uf die Veibes vürde, t war Zlicken Höre! .. pören. weg, icht!“ jedoch weißt, zeugt, willſt dar⸗ greift, aß ſie , und unen, lag: ich ſte 133 an keinem andern Orte hätte treffen können!... Nun entſagſt Du ihr, um mir allein anzugehören?— Schwörſt Du, der Meinige zu ſein?“ 1 „Nein,“ ſagte Albin mit feſter und deutlicher Stimme, um dieſen Preis kaufe ich mein Leben nicht— der Deinige kann ich niemals werden!“ „Beſinne Dich!“ heulte die Unſinnige— beſinne Dich recht!“ „Das brauche ich nicht!“ „Wehe, wehe! Beſinne Dich noch einmal: Du mor⸗ deſt mich mit fuͤrchterlicheren Qualen, als ich Dir zu⸗ gedacht habe!“ Albin ſchwieg. „Willſt Du mir denn geloben, daß Du Dein Schick⸗ ſal nie mit der blauäugigen Roſa vereinigen willſt? Schwöre bei Deiner Seele, daß Du ſie verlaſſen willſt, und ich will noch Erbarmen mit Dir haben!“ „Eben ſo leicht könnte ich ſchwören, daß ich nicht nach der ewigen Seligkeit ſtreben wollte!“ Und indem er dieſe Worte ausſprach, machte er eine ſo gewaltſame An⸗ ſtrengung, daß Suſanna zur Hälfte zurückgeworfen wurde. Weiter aber kam es nicht. „Ha!“ rief ſie aus,„jetzt erloſch das letzte menſch⸗ liche Gefühl, das noch in meiner Bruſt war!“ Sie erhob den Dolch; doch in eben der Sekunde, da derſelbe in Albin's Bruſt geſenkt werden ſollte, fiel der Schlag eines ſchweren Gegenſtandes auf Suſanna's Kopf... Sie taumelte einige Schritte zurück und ließ den Dolch fallen— dieſes war die unbewußte Hand⸗ lung der Minute. Aber die Minute war hier genug, um Albin Zeit zum Athmen zu verſchaffen: er kam auf; und als er jetzt auf den Füßen ſtand, ſchloſſen ſeine Arme ſich gleich einem Schraubenſtock um die Tigerkatze, die in der Wuth nach dem Dolche ſuchte, ohne ihn erreichen zu können; denn hier gegen die volle, ſtarke Kraft eines Mannes half ihr alle ihre Geſchmeidigkeit nicht, ſo ſchlangen⸗ ähnlich ſie ſich auch wand. 134 Albin's Blick ſuchte jetzt die rettende Hand; und in demſelben Augenblicke, da ſeinen Lippen ein jubeln⸗ der Ruf des Entzückens entfuhr, ließ das von tauſend Martern gequälte Weib einen andern Ruf erſchallen, in welchem ſich Verzweiflung, Zorn und Wuth mit dem wildeſten Geheul miſchten. Der Schein der Laterne beleuchtete jetzt eine Geiſter⸗ erſcheinung: auf dem wiegenden Sandhaufen ſtand bleich wie der Engel des Todes eine weiße weibliche Geſtalt unbeweglich, verſteinert, mit der wieder erhobenen Schau⸗ fel in der Hand. „O Du Heldin unter den Weibern, die dieſes ge⸗ wagt, Du die das Leben Deines Geliebten, die Heimath, welche Dich trägt, gerettet haſt— höre mich, höre Dei⸗ nen Albin! Eile auf's Deck, rufe den Conſtabel!... Er ſoll mit Stricken kommen!“ Roſa antwortete nicht, aber ihre weißen, bloßen Füßchen eilten zurück über den dunklen Sand— man glaubte die leichten Schwingenſchläge einer weißglänzen⸗ den Möve zu ſehen, welche herabeilt auf den Spiegel des Gewäſſers. „Gib mir den Dolch: ich will ihn in mein eigenes Herz ſenken— aus Erbarmen gib ihn mir!“ „Nein, unſinniges Weib! Du ſollſt ihn weder ge⸗ gen Dich, noch auch gegen mich wenden: Du ſollſt vor dem Geſetze Deinen Mordverſuch verantworten!“ „O, Du biſt feige, wenn Du ſo handelſt gegen diejenige, die ſterben wollte, um mit Dir ſterben zu dürfen!“— Wäre ich feige geweſen, ſo würde ich meine Liebe verleugnet und mein Leben gerettet haben, oder auch hätte ich einen falſchen Eid geſchworen, und das Leben wäre dennoch gerettet geweſen! doch gelobſt Du, ſchwörſt Du bei dem Gott, den Du doch wohl auch einmal zu der Rettung Deiner Seele anrufen wirſt, daß Du mit Deinen Verfolgungen aufhören willſt, ſo will ich der Beſatzung Deinen gräßlichen Mordanſchlag verhehlen und Dich zu Helſingör an's Land ſetzen!“ Him ſchw vern habe Ja, jetzt da i ende kann muß werd ſeit hatte den wied auf ein und Erla Stin ähnl telſtu einen und beln⸗ uſend allen, t dem eiſter⸗ bleich zeſtalt ſchau⸗ s ge⸗ math, Dei⸗ 1 bloßen man inzen⸗ piegel igenes r ge⸗ ſt vor gegen en zu Liebe auch Leben hwörſt ral zu nmit ch der zehlen 13⁵ „Halte dieſes Verſprechen, ich ſchwoͤre— ja bei Himmel und Hölle, ſelbſt bei meiner wahnſinnigen Liebe ſchwöre ich, daß ich künftig für Dich todt ſein will!“ Jetzt ließ ſich die gewaltige Stimme des Conſtabels vernehmen, und ſeine feſten Schritte näherten ſich. „Nun, zum Henker, Herr Capitain! ich glaube, Sie haben es endlich erfahren, wozu ein guter Rath taugt! Ja, hier iſt ein Spiel geweſen— doch paß, Madame, jetzt heißt es: ſtopp! Ich habe zwar ſeit alten Zeiten, da ich noch die Ehre hatte, auf dem Fliegfiſche das Tau⸗ ende zu ſchmecken, einen gewaltigen Reſpekt; aber ich kann nicht helfen, wenn ich jetzt den Reſpekt losbinden muß, während ich dieß hier feſtbinde!... So— jetzt werden wir ſchon einig um die Herrſchaft!“ Nach einigen Minuten war die Tigerkatze, welche ſeit dem Eintritte des Conſtabels kein Work geäußert hatte, ganz unſchädlich und dieſer in voller Arbeit, um den Schaden, welchen das Seefräulein erlitten hatte, wieder auszubeſſern. Mit einigen Sprüngen ſtand der junge Capitain auf dem Deck, und der erſte Anblick, den er hatte, war ein erfreulicher: die Feuerbake von Skagen. Und ſobald er den Cours des Fahrzeuges überſehen und ſeine Befehle ausgetheilt hatte, erhielt das Herz die Erlaubniß, ſeine Rechte geltend zu machen. Elftes Capitel. Mutter Steuermann nimmt Abſchied. „Roſa, meine Roſa! wo biſt Du?“ klagte eine Stimme in der Kajüte. Es war Amelie. Sie war erwacht aus der todten⸗ ähnlichen Erſtarrung, in welcher ſie während einer Vier⸗ telſtunde alle ihre Leiden vergeſſen gehabt hatte, und bei einem Blicke nach Roſa's bisweilen von der an der — · — 5— 6 1 —— Decke hin⸗ und herflammenden Lampe beleuchteten Koje hatte ſie dieſe leer gefunden. Roſa konnte die Klage der Mutter unmöglich hören: ſie lag jetzt eben ohnmächtig auf dem Sopha in dem Salon und an ihrer Seite kniete Albin und machte unaufhörlich alle möglichen Verſuche, ein Leben zurück⸗ zurufen, welches faſt erloſchen zu ſein ſchien. Ob es das kalte Waſſer war, was endlich ſiegte, oder ob es die heißen Küſſe waren, das wiſſen wir nicht — wir wiſſen nur, daß ſie die Augen endlich öffnete, und daß der ſonſt ſo milde Blick vor Schrecken ver⸗ wirrt war, als ſie nach dem Geliebten ſuchte; da ſie ihn jedoch ſo nahe fand, zog ſich über ihre erbleichten Lippen ein ſo liebliches Laͤcheln, daß gewiß die Engel es ihr geliehen haben mußten, und auf ihrer weißen Wange erblühten die Roſen von Neuem. „Du lebſt?“ liſpelte ſie. „Ich lebe durch Dich, mein geliebter, angebeteter Engel, lebe für Dich, ſo lange mein Herz ſchlägt! O Roſa, Roſa! ſchon zuvor habe ich Dich geliebt, weil Du von allen, die ich kannte, das liebenswürdigſte Weſen warſt, das ſchönſte für mich, weil die unausſprechliche Kraft der Liebe meine Seele zu der Deinigen hinzog; aber nun— nach demjenigen, was jetzt geſchehen iſt, nachdem ich vollkommen einſehen gelernt habe, daß dein Muth, Deine Geiſtesgegenwart nicht allein die Frucht des erſten Augenblickes war, in welchem unſere Herzen ſich fanden, ſondern daß dieſe großen und edlen Eigen⸗ ſchaften Dir angehören, Du himmliſches Kind, Kind und Heldin zugleich— jetzt, ſage ich, liebe ich Dich nicht nur mit einer irdiſchen Liebe, ſondern mit einer himmliſchen, ja mit der ewigen Macht einer unver⸗ gänglichen Liebe!“ Roſa's ſchöne, gleich zwei klaren Sternen leuchtende Augen glänzten von heiliger Freude. „Ach!“ ſagte ſie leiſe,„wie Unrecht hatte ich, zu klagen, wie ich doch bisweilen that, daß ich Keinen hatte, den ich lieben könnte, als nur Fräulein Ebba! Denke, wer ein wär Alb geh ihre lach lach ſteh arn gni bez mel Koje hören: n dem nachte urück⸗ ſtegte, nicht ffnete, ver⸗ da ſie eichten Engel veißen beteter gt! O „weil Weſen chliche nzog; n iſt, ß dein Frucht derzen Ligen⸗ Kind Dich einer nver⸗ ztende h, zu hatte, denke, 137 wenn ich früher groß geworden wäre, ſo hätte vielleicht ein Anderer mein Herz weggeſiſcht, ehe Du gekommen wäreſt!“ 3 „Was meinſt Du nun, meine Geliebte?“ fragte Albin.„Haſt Du eine Jugendfreundin mit dieſem Namen gehabt?“ Roſa verbarg die erröthende Wange an der Bruſt ihres Geliebten.„Ja, eine theure, eine theure! Aber lache nicht— nein, ich glaube nicht, daß Du darüber lachen kannſt: Du biſt ja ſo zärtlich, ſo gut und ver⸗ ſtehſt mich ſo vortrefflich: Fräulein Ebba iſt nur eine arme Puppe... aber wenn Du wüßteſt, wie viel Ver⸗ gnügen ſie mir gemacht hat!“ „Eine Puppe! O mein Gott, welch ein kleines bezauberndes Weſen Du biſt! Erſt, nachdem ich Dich mehr und mehr kennen lerne, kann ich Dich und was ich früher an Dir nicht recht verſtehen konnte, ganz faſſen— ja, Du biſt wirklich zu gleicher Zeit das un⸗ ſchuldigſte Kind und das vollendetſte, edle Weib, und eben dieſe Vereinigung macht Dich zu dem Herrlichſten, das ich mir denken kann. Ach, wie verliebt wird Papa Stangerling in Dich werden! Ich ſehe ſchon voraus, daß Du mich und ſelbſt Madame Lona verdrängſt!... Nun aber um Gottes willen ein Wort darüber, wie Du dazu kamſt, Deine mir, noch immer unerklärliche Heldenthat auszuführen!“ „Ja, Mutter war eingeſchlummert... Aber, mein Gott!“ unterbrach ſich Roſa,„denke, wenn ſie wach wäre und mich vermißte!— Es iſt das Beſte, daß ich ſogleich zu ihr eile, ſie wird ſonſt ſo ſchrecklich unzuhig, die arme Mutter!“ 5 „O, haſt Du das Herz dazu, jetzt von mir zu gehen, da ich im Begriff bin, vor Neugierde zu Deinen Füßen zu ſterben?“ „Ach, wie luſtig, Dich ſo zu ſehen! Sie meinten immer, Thekla und Hildur, ich wäre ein Kind. O, es iſt nicht der Mühe werth, daß Roſa über dergleichen Dinge ſpricht: das verſtehſt Du nicht— ſpiele Du mit —ÿÿ——V———ꝛꝛ———·———————ͤͤͤͤͤdſ⁄ 138 Deinen Puppen! Ja, ich danke! Ich wollte ſehr gerne, daß ſie dort zu Hauſe, Thekla ebenfalls, davon träumten, daß ich ſolche Abenteuer gehabt habe, und daß ich einen Ge⸗ liebten habe, der eben jetzt an meiner Seite auf den Knieen liegt— ach, ſie ſchlügen gewiß die Hände zu⸗ ſammen und riefen aus:„nein, ſeht nur, die kleine Mut⸗ ter will auch Liebhaberin ſpielen!“ Aber ich ſpiele nicht, ich ich bin es— und eben das iſt zum Entzücken uſtig!“ „Und Du biſt ſelbſt ſo entzückend, daß Du eine Liebe einflößen kannſt, die tauſendmal ſtärker iſt, als Hildur und Thekla ſie einflößen können!“ „Glaubſt Du das?“ fragte Roſa mit blitzenden Augen.„Ich bin nicht ſo voll Eigenliebe; da ſie aber immer gemeint haben, der arme Will wäre für mich genug... O, mein Gott!“ unterbrach ſie ſich,„daß ich das vergeſſen konnte.“ Roſa erſchrack darüber, daß Will's Name ihr ſo ganz unbewußt über die Lippen geglitten war. „Will?“ ſagte Albin mit einem leichten Seufzer— dieſer Name war ihm allzu theuer, als daß er ihn ohne Bewegung hören konnte— wer iſt Will?“ „Darnach darfſt Du mich nicht fragen?“ „Wie?“ „Das iſt Einer... Einer, den ich ſehr lieb habe, und der mich noch weit mehr liebt!“ „Und nach ihm ſollte ich Dich nicht fragen, geliebte Roſa?“ ſagte Albin verwundert.„Das kann nicht Deine Meinung ſein!“ „Ja, meine volle Meinung!“ „Wie willſt Du denn, daß ich nur einen Augen⸗ blick Ruhe haben ſoll? Einen, den Du ſehr lieb haſt, und der Dich noch mehr liebt!.. Man liebt nicht, ohne auch eiferſüchtig zu ſein auf Alle, die um die Liebe der Geliebten ſich bemuͤhen!“ „O, es verlohnt ſich nicht der Mühe, auf den armen Will eiferſüchtig zu ſein: er liebt nicht auf die Art wie Du oder ich— er hat mich aber dennoch ſo lieb auf ſein der als war ich ſ Du neug berin man ich nie taub ſah, delt Bru rede mer nicht, zücken eine , als enden aber mich ß ich hr ſo er— ohne habe, iebte nicht gen⸗ haſt, icht, eiebe men wie auf 139 ſeine Art... Ach, er iſt ſo unglücklich,„der Sohn der Seufzer!“ „Welch ein poetiſcher Name! Ich hörte ihn ſchon, als ich zum erſten Male in dem Hauſe Deiner Eltern war— es war ja der Mündel Deines Vaters— aber ich ſah ihn nicht!“ „Er war damals auf dem Lande... Aber wollteſt Du nicht wiſſen, wie... Du warſt ja eben noch ſo neugierig?“ „Das bin ich auch jetzt noch; aber Du kleine Zau⸗ berin haſt es in Deiner Gewalt, meine Gefühle auf ſo mannigfaltige Art zu distrahiren. Iſt es gewiß, daß ich vor dieſem Will ruhig ſein kann? hat er Dir noch nie ein Wort der Liebe in das Ohr geflüſtert?“ „Niemals und niemals wird er es, denn er iſt—“ taubſtumm! hätte Roſa beinahe geſagt; da ſie aber ein⸗ ſah, daß ſie ſchon gegen den Befehl der Mutter gehan⸗ delt hatte, ſagte ſie ſtatt deſſen ſchnell—:„nur ein Bruder!“ „Da mag er Dich lieben ſo ſehr er will! Und nun rede, meine Geliebte!— Deine Mutter war eingeſchlum⸗ merkt, ſagteſt Du?“ „Und ich war noch wach: da hörte ich, daß Jemand an das Thürſchloß rührte. Da ich dieſe weiße Blouſe anhatte, ſo ſteckte ich nur die Füße in die Pantoffeln und eilte an die Thür— ich dachte...“ „Daß ich es wäre?“ fiel Albin lächelnd ein. „O nein, das dachte ich eben nicht,“ entgegnete Roſa erröthend;„aber es ſtürmte ſo erſchrecklich, daß ich nicht wußte, ob wir leben oder ſterben ſollten. Ge⸗ nug— ich öffnete die Thür ein wenig und erſchrack ganz gewaltig, da ich ſah, daß es Betty war, die ſich dorthin geſchleppt hatte; und ſie war wirklich einer Leiche ähnlicher, als einem lebendigen Menſchen.“ „Gute Betty,“ wie froh wird Bas ſein! „Mamſell Roſal ich kann nicht weiter kommen,“ ſagte ſie,„aber ich glaube, im Laſtraume geht etwas Schlim⸗ mes vor: erſt ſchlich ſich der garſtige Matroſe mit dem ——— ———— ——— 140 Pflaſterlappen von dort hinweg und wieder hinein, und der Capitain war ſo ſonderbar, als er kam und mich fragte, und darauf eilte er ihm nach— ich habe auch ſpäter⸗ hin ſo ſonderbare Laute vernommen! Betty's Rapport weckte in mir Gefühle, die mich zwar betäubten, aber dennoch meinen ganzen Muth hervorriefen: ich empfand gar keine Bangigkeit mehr, ich wurde ſo ſtark und hur⸗ tig wie eine Löwin, und da ich keinen andern beſtimm⸗ ten Gedanken hegte, als dieſen: ſie iſt es! ſo eilte ich durch Betty's Hutte in den Laſtraum. Ich ſah den Schein der Laterne, hörte Worte, ergriff im Vorbeieilen die große Schaufel und ſtieg leiſe auf den Sandhaufen, wo ich mich, da ich meine Pantoffeln verloren hatte, um ſo unhörbarer für diejenigen, welche unten waren, bewegen konnte.“ „Und als Du ſo auf jenem verrätheriſchen Walle ſtandeſt, der nur Dich trug, weil Du ſo leicht biſt, was fühlteſt, was dachteſt Du da?“ „Ich hatte keine Zeit zum Denken, aber ich hörte deſto mehr, hörte ihre Frage an Dich, ob Du Dein Leben dadurch erkaufen wollteſt, daß Du der Ihrige würdeſt!“ „Gott ſei gelobt, daß Du das hörteſt!“ „Ich hätte beinahe den Athem verloren— doch Deine Antwort! O, mein Albin! woher nehme ich ein Gleichniß, um meine Gefühle dabei auszudrücken? Noch einmal fragte ſie: ob Du nur die Blauäugige verlaſſen wollteſt, und...“ „Ich antwortete: eben ſo leicht könnte ich davon ablaſſen, nach der ewigen Seligkeit zu ſtreben.“ „Ja, ſo ſagteſt Du, und darum wurde auch meine Hand ſo ſtark, ſo ſicher, da ſie den Dolch erhob, daß ich nicht fehlte, ſondern meinen Schlag auf ihren Kopf fallen ließ. Wenn ich nur keinen Schaden zugefügt habe— o mein Gott, wenn der Schlag gefährlich war!“ O, damit hat's keine Gefahr: er betäubte ſte nur auf ein paar Minuten, und das war Alles, was für mich nöthig war, um Herr über ſie zu werden.“ walt durch Betty ſchlich rigen zu b⸗ ausſt haufe Rück lag, Liebe bettes Auge aber gräßl gefall wund ſen ü es ko jetzt vergle wir Arme ( willen gegeb die T im T halb ſo zä ind der fragte, ſpäter⸗ apport aber npfand d hur⸗ timm⸗ lte ich h den eieilen aufen, hatte, varen, Walle , was hörte Dein Ihrige doch ch ein Noch laſſen davon meine , daß Kopf gefügt Har!“ 2 nur s fur 141 „Wie aber warſt Du ſelbſt dahin und in ihre Ge⸗ walt gekommen?“ „Das will ich Dir ſagen, meine kleine Heldin! erſt durch den Inſtinkt von der Gefahr und dann durch Betty's Mittheilung geweckt, war ich in den Raum ge⸗ ſchlichen, um den niedrigen Schurkenſtreich des rachgie⸗ rigen Weibes zu hindern. Sie war dabei, das Schiff zu bohren; aber ich war zu ſchwer: als ich den Arm ausſtreckte, um ſie feſt zu packen, da wich der Sand⸗ haufen unter mir hinweg, und hinabgepreßt, auf dem Rücken liegend, kämpfend mit dieſer Furie, die auf mir lag, mußte ich die wahnſinnige Geſchichte ihrer wilden Liebe, die Beſchreibung unſeres, meines und ihres Braut⸗ bettes hören, während der Dolch immer vor meinen Augen blitzte. Es war eine Stunde aus der Hölle, aber ein Engel kam vom Himmel herab und löste den gräßlichen Zauber.“ wie groß und gut iſt Gott!“ ſeufzte Roſa mit gefalteten Händen.„Und,“ fuhr ſie leiſe fort,„wie wunderbar himmliſch iſt es, ſolche Augenblicke wie die⸗ ſen überlebt zu haben!... Nun aber laß mich gehen!“ „Ja, ich wage Dich nicht länger aufzuhalten; doch es kommt ein Tag, da die Glückſeligkeit, welche wir jetzt empfinden, nicht erbleicht, da wir ſie aber für un⸗ vergleichlich geringer erachten werden, als diejenige, welche wir da empfinden!... O, Dich als Gattin in meine Arme ſchließen zu dürfen!“ Ein Zittern durchflog Roſa's Glieder. Um Gottes willen ſage niemals, daß ich Dir ein Verſprechen gegeben habe: ich will dem Vater mein Wort halten; die Deine aber bin ich dennoch ewig, im Leben und im Tode, wenn ich auch nicht Deine Gattin werde!“. „Roſa, Roſa!“ klagte noch immer die vor Angſt halb todte Amelie und blickte nach der Kajütenthür.“ Und jetzt flog Roſa zu ihrer Mutter und bat ſie ſo zärtlich und rührend, ihr nicht böſe zu ſein— es ———— 142 wäre beinahe etwas Schreckliches vorgefallen, das die Mutter ſpäterhin erfahren ſollte. „Betraf es das Fahrzeug?“ „Ja, Mutter; nun aber iſt Alles wieder gut: wir ſehen die Blüſe von Skagen, und geht nur der Wind um, ſo können wir hernach bald bei Helſingör Anker werfen.“ „Gut!“ ſeufzte Amelie— ja, ich weiß beſtimmt, daß es gut iſt, und beſſer wird es wohl!“ Als man nach Helſingör kam, wurden die Bande gelöst, welche die geſchmeidigen Glieder der Mutter Steuer⸗ mann gefeſſelt gehalten hatten, und da ſie über das Deck ging, um in das Boot zu ſteigen, ſo geſchah dieſes mit der Haltung eines Chefs, der ſein Fahrzeug verläßt. Albin wollte ſelbſt an das Land fahren, um aber Roſa nicht unnöthiger Weiſe zu beunruhigen, ließ er für ſich ein anderes Boot bemannen. Roſa blieb mit ihrer Mutter an Bord— Amelie wollte nichts Anderes, als bis zu ihrer Ankunft in Kalmar in Frieden ſein. Zwar hatte Roſa es einmal gewagt, zu äußern, daß es gewiß das Beſte wäre, wenn ſie bis Weſterwik mitführen; aber ſie hatte darauf eine ſo kurze abſchlä⸗ gige Antwort erhalten, daß ſie es klar einſah, wie der einzige Wunſch der Mutter das Verlangen war, ſo ſchnell wie möglich das Seefräulein verlaſſen zu können. Der Capitain ſtand ſelbſt an die Regeling gelehnt bei der Fallreegstreppe, als der Matroſe John, welcher, wie es hieß, die Erlaubniß erhalten hatte, in Helſingör bei einem Amerikaner Dienſt zu ſuchen— ihr Mord⸗ anſchlag war nicht erwähnt worden— vortrat, um auf dieſem Wege hinabzuſteigen, welcher ſonſt für Matroſen nicht gebräuchlich iſt, wenn ſie ohne Jemanden, der zu den Befehlshabern gehört, an's Land gehen, wo aber jetzt Albin, als eine Art von Honneurs für den hurtigen „Lootſen“ das Boot in Bereitſchaft halten ließ. mit Lippe Albit daß auf Wink I Frau auf d erſtre ich je dieſer ab. Sie halten den ſtabel und Aufw ſingör dieſe meine aufhö deln! ebenfa nicht gemac ſpreche ſämm: s die : wir Wind Anker immt, Bande teuer⸗ ißern, terwik ſchlä⸗ ie der r, ſo unen. elehnt elcher, ſingör Mord⸗ n auf troſen der zu aber rtigen 143 Da ſie vor den Capitain kam, verbeugte ſie ſich mit kaltem Stolze, und das Hohnlächeln, welches ihre Lippen kräuſelte, der Blitz, welcher aus ihrem Auge auf Albin ſchoß, gaben ihm die unheimliche Verſicherung, daß er in ihr mehr als jemals eine Todfeindin hätte. Gleichſam ſich ſelbſt unbewußt legte er die Hand auf ihre Schulter, indem er alle Zeugen durch einen Wink entfernte. „Vielleicht ſoll ich zurückgehalten werden?“ fragte Frau Suſanna mit einem Zittern, das ſich nicht allein auf die Stimme, ſondern auch auf ihren ganzen Körper erſtreckte. „Ja, das wäre gewiß das Sicherſte, Madame; da ich jedoch wenig Ehre dabei ſehe, in einem Proceſſe von dieſer Beſchaffenheit der Held zu ſein, ſo ſtehe ich davon ab. Entſinnen Sie ſich aber ja des Verſprechens, das Sie mir dort unten gaben! Ich habe das meinige ge⸗ halten: ich habe der Beſatzung den Anſchlag verborgen, den Sie beinahe ausgeführt hätten— nur der Con⸗ ſtabel, ein eben ſo verſchwiegener Mann wie ich ſelbſt, und noch dazu Ihr älteſter Bekannter, hat mit Ihrer Aufwartung zu thun gehabt. Jetzt werden Sie in Hel⸗ ſingör an'’s Land geſetzt... Sollte ich wohl nicht für dieſe Nachſicht, dieſe vielleicht allzu genaue Erfüllung meines Verſprechens darauf rechnen können, daß Sie aufhören, mich zu verfolgen?“ „Wenn der Herr Capitain als ein Thor zu han⸗ deln belieben, ſo folgt daraus noch nicht, daß ich mich ebenfalls dazu bequemen muß... Wollen wir nun aber nicht ſcheiden?— Ich glaube, unſere Geſchäfte ſind ab⸗ gemacht!“ „Schlange!“ ſagte Albin mit glühenden Wangen, „Du willſt noch in den letzten Augenblicken ſtechen! vaſdene das Verſprechen nicht zu halten, welches Du gabſt? „Gelübde, welche die Noth abpreßt, ſind keine Ver⸗ ſprechen: ich könnte ihrer tauſend geben und ſie dennoch ſämmtlich brechen!“ 444 „Und wenn ich mich jetzt noch beſinne, und Sie in die Hände des Geſetzes liefere?“ „... So würde ich ohne viele Mühe dem Geſetze aus den Händen gleiten... Doch wozu dient es, von Dummheiten zu reden— Du haſt nicht den Muth, Deine kleine Treibhauspflanze vor das Gericht zu ziehen: wenn Du mich anklagteſt, ſo müßte ja auch ſie, die die einzige Zeugin war.. ha ha ha!... Ich glaube, Capitain, Du befindeſt Dich nicht ganz wohl?“ „Hinunter mit Dir!“ Albin machte eine verächtliche Bewegung mit der Hand. Aber in demſelben Augenblicke, da Mutter Steuer⸗ mann ſich mit der Leichtigkeit eines Affen hinabge⸗ ſchwenkt hatte und das Boot unter ihren Füßen fühlte, reichte ſie ein Papier hinauf, welches ſie zufälligerweiſe vergeſſen hatte, dem Capitain zu geben.. Albin nahm daſſelbe, und nachdem ſein Blick ein paar Minuten darauf verweilt hatte, warf er es mit Abſcheu über die Regeling. Das Papier enthielt folgende Worte: „Lebe wohl, bis wir uns wieder treffen! Meine Liebe und mein Haß ſind von gleicher Stärke — Du magſt alſo Deine Phantaſie üben, darüber nach⸗ zudenken, unter welcher Geſtalt ich das nächſte Mal von mir hören laſſen werde. Sieh Dich um, wenn Du gehſt, wenn Du ſitzeſt, wenn Du liegſt... Dein ge⸗ treuer Schatten verläßt Dich nicht— die Kinder ihrer Gedanken umſchweben Dich ſtets!“ Zwölftes Capitel. Auf der Rhede von Kalmar. Ein warmes, ſtrahlendes Licht ruhte über der alten Unionſtadt und ihrer Vormauer zur See, das lang⸗ geſtreckte Oeland, und in großen Schnuren umſchwärmten u alten ang⸗ mten die Dohlen das alterthümliche Gebäude des Schloſſes, dieſe Schatzkammer der blutigſten Erinnerungen des Vaterlandes. Die beflügelten Schaaren konnten ihr Jubelgeſchrei jetzt ungeſtört vom Morgen bis zum Abende fortſetzen: ſie durften jetzt ſicher ihre Wohnung in den bequemen Schießſcharten aufſchlagen, deren Hakenbüchſen und Kanonen ſie ehemals wie den Feind in die Flucht geſcheucht hatten, und heute war ihre Freude lauter als gewöhnlich, weil ſie in der reinen, ſonnenklaren Luft umherſchwärmten. Wie reich und angenehm ſind ſie, dieſe Gefühle, welche wir empfinden, wenn wir nach einer langen See⸗ reiſe zuerſt die Küſten wiederſehen, welche, ohne die eigentliche Heimath zu ſein, uns dennoch ſo theuer ſind, weil ſie dieſe Heimath, deren ruhigen Hafen wir nun mit Sicherheit bald zu erreichen hoffen dürfen, ſo freund⸗ lich in unſere Erinnerung rufen! Wie oft hatte nicht Amelie, während der ermüden⸗ den Reiſe zu ſich ſelbſt geſagt:„Werde ich wohl jemals die ehrwürdigen Mauern von Wisby wiederſehen?... Ach nein, ich komme nie mehr dahin!“ Jetzt, endlich, war ſie zwar nicht in Wisby, doch hinter den alten Wällen und Thurmruinen von Kalmar befanden ſich ja auch die von Wisby: Oeland lag ja mit Gottland faſt auf dem geſchwiſterlichen Bette, und die Dohlen gaben ja ein Bild von den theuren Staaren in Wisby. O, es war ſo herrlich: ſie war ja faſt ſchon zu Hauſe! Und am allerglücklichſten fühlte ſich Amelie bei dem Gedanken, daß ſie nun das Seefräulein ver⸗ laſſen durfte, welches vor einigen Stunden auf der Rhede von Kalmar Anker geworfen hatte. War aber Amelie froh, ſo gab es wohl Andere, die es nicht waren— Albin hatte die wichtige Unter⸗ redung bis auf dieſen Zeitpunkt aufgeſpart. Heute ſollten die Damen, zum letzten Male, bei einem Mittagmahl auf dem Seefräulein zu Gaſte ſein. Frau Mörk wollte noch an dieſem Abende auf eine Der Jungſerthurm. 1Vv. 10 Segelſchaluppe an Bord gehen, die ſich am folgenden Morgen bei guter Zeit nach Wisby zu begeben gedachte. Es war Leben und Bewegung in der Kajüte und im Salon. Amelie war unglaublich thätig, Betty ebenfalls, obgleich ſie ihre Gedanken ſowohl für als auch gegen das Glück hatte, das Seeleben verlaſſen 2 dürfen. „Hat es ſeine großen, fürchterlichen Schwierigkeiten gehabt,“ ſagte ſie in Gedanken, indem ſie ihrer Herrin aus⸗ und einpacken half,„ſo hat es auch wieder ſeine kleinen Annehmlichkeiten gehabt, die ich gewiß noch oft ver⸗ miſſen werde!“ Wer aber gar nicht thätig war, ſondern zuſammen⸗ gekauert in der Sophaecke ſaß und nichts that, das war Roſa. „O mein Gott, daß Du ſo träge biſt!“ ſagte die Mutter—„ich glaube, jetzt, daſwir Andern geſund ſind, kommt an Dich die Reihe, krank zu werden! Gott ſei gelobt: ſobald als das Fahrzeug Anker geworfen hatte, war es mir, als wäre ich ein neuer Menſch geworden!.. Nein, liebe Betiy! warum nimmſt Du dieſe Flaſche? Sie gehört ja dem Capitain! Sieh hier: auf dieſer Seite liegt Das, was Du einpacken ſollſt— aber ich glaube, Roſa's Kontuſche ſitzt Dir ſo eng, mein Kind, daß Du Dich gar nicht rühren kannſt!“ „Mir ſitzt ſie gewiß nicht eng ¹“ ſagte Betty auf's Höchſte beleidigt, denn ſie war ja präciſe eben ſo ſchlank wie Mamſell Roſa, und um das zu beweiſen, begann ſie ſich nun in ſo verſchiedenen Richtungen zu wenden und zu drehen, daß Amelie ſie lächelnd bat, ſie möchte nicht Alles hinunterkehren, was auf dem Tiſche und dem Sopha lag. Gärtners kleine Betty war jetzt nicht länger„bloße Buttermilch,“ wie Hildur ſich bisweilen im Scherz aus⸗ drückte— nein, behüte: der Gärtner hätte ſeine Betty zu Hauſe behalten ſollen, und darum hatte die kluge Hildur geſagt, Jungfer Betty ſollte als reine Morgen⸗ milch betrachtet werden, und gerade ſo wurde Betty auch den hte. und ulls, egen eiten aus⸗ inen ver⸗ egann venden möchte nd dem „bloße 3z aus⸗ Betty 2 kluge korgen⸗ ty auch 147 betrachtet: weder Frau Mörk ſelbſt, noch auch eine von den Töchtern behandelte Betty jetzt auf eine andere Weiſe, als da ſie noch in eigentlicherer Bedeutung Roſa's Spielgenoſſin war. „Hörſt Du nicht, Roſa, daß ich Dir etwas ſagte?“ Aehann die Mutter nach dem kleinen Zwiſchenſpiele mit etty.“ „Ja, Mutter!“ „Nun!“ „Ich wußte nicht, was ich antworten ſollte.“ „Denkſt Du denn nicht auch Deine Sachen einzu⸗ packen? Du weißt wohl, daß wir heute Nachmittag einige Viſiten zu machen haben und uns dann bei Zeiten an Bord begeben wollen.“ „Ach, liebe Mutter, ich möchte gerne keine Viſiten machen!“ „Wo willſt Du denn ſo lange bleiben?“ „Wo?— ich bleibe hier, bis ich das Fahrzeug ganz verlaſſe!“ Amelie erröthete ſtark.„Willſt Du allein auf dem Seefräulein bleiben, wenn Deine Mutter ſchon gegangen iſt? Roſa, Du ſetzeſt mich ſehr in Erſtaunen!“ Roſa warf ſich auf die andere Seite. Sie war nicht wie Hildur, und dennoch gab es tauſend Unmöglichkeiten, die Thränen zurückzuhalten. Das Seefräulein verlaſſen, hieß den Himmel verlaſſen— den Geliebten nicht mehr ſehen, hieß beinahe dem Leben entſagen. „Nein, ich will wenigſtens das Recht haben, aus⸗ zuweinen!“ rief ſie faſt gewaltſam. Und nun war es aus mit aller Selbſtbeherrſchung, welche Roſa ſich die ganze Zeit hindurch vor ihrer Mutter auferlegt hatte. „Nun fehlt weiter nichts, als daß der Capitain Stangerling käme!“ ſagte Amelie in Verzweiflung. „Roſa! wenn Deine Schweſtern Dich ſähen— wenn Thekla glauben könnte, daß Du.“ Es klopfte an die Thür, 10* 148 „Erlauben die Frau Mörk, daß ich meinen Ab⸗ ſchiedsbeſuch abſtatte?“ „Beſter Herr Capitain, ich ſtehe eben und... ich bin beim Einpa...“ Sie konnte nicht ausreden, denn Albin öffnete die Thüre und trat ein mit einem Strauß friſcher, ſchöner Blumen— er war ſelbſt am Land geweſen und hatte ſie geholt. Nachdem er mit einer Verbeugung, die tiefer war als gewöhnlich, Frau Mörk begruͤßt hatte, trat er zu dem Sopha. „Roſa befindet ſich nicht ganz wohl!“ ſagte Amelie entſchuldigend. „Da werden gewiß dieſe Blumen willkommen ſein: ſie haben einen ſo erfriſchenden Duft!“ Und trotz Amelie's Gegenwart beugte der junge Capitain ſich über den Sopha herab und drückte ſelbſt den Blumenſtrauß in Roſa's Hand, welche er dabei küßte. Bei dem Anblick der ſchönen, von ihm auf dieſe Weiſe geſchenkten Blumen miſchte ſich ein Lächeln unter Roſa's Thränen, und ohne an das Erſtaunen der Mutter zu denken, küßte Roſa die Blumen und ließ ihre Thränen in die Kelche derſelben fließen. Amelie ſchwitzte. „Betty! Du haſt gewiß etwas für Dich ſelbſt zu thun— geh Du, mein Kind, und mache das in Ord⸗ nung, denn gleich am Nachmittage ſind wir fertig!“ Betty flog hinaus. Sie hatte den ganzen Vormittag auf dieſe Erlaubniß gewartet, und wünſchte jetzt nur in ihrem Herzen, daß „Jemand“ oben auf dem Deck, den ſie vielleicht nie mehr zu ſehen bekam, ahnen möchte, daß ſie frei wäre. Betty konnte unmöglich hinauf gehen— nein, dazu hatte ſie nicht Muth genug; überdieß mußte ſie ja ihre Sachen in Ordnung legen... alſo konnte ſie nichts Anderes thun, als ein Liedchen ſingen, in der Freude, daß ſie— im Hafen war. Und während ſie in dem Locale des Conſtabels Alles un ſa die Sc her auf rol erle ren die daß wat da inn kon ſtal die oner atte war r zu nelie ſein: trotz über rauß dieſe unter Lutter ränen sſt zu Ord⸗ 14* * ubniß „daß mehr „dazu a ihre nichts Freude, Alles 149 umwendete, und einen kleinen Koffer in der Koje packte, ſang ſie das erſte Lied, das ihr einfiel, und das war „das Lied der Eule“: „Die Katz' iſt doch mein Geſchwiſterkind, Und hat ſo gute Tage! Doch ach, doch ach, ich häßliches Ding, Wie traurig iſt meine Lage! Wohin ich fliege, aus oder ein, So kratzen mich Alle zur größten Pein... Sollt' ich nicht weinen und heulen? Ja, ich muß heulen! Ich weiß, wo'ne hohle Eiche ſteht, Sie ſteht an des Paſtors Garten. Als heut' ich dort mich verſtecken wollt', Gingen Kinder unten und ſcharrten. Sie liefen mir nach mit großem Geſchrei— Ich mußt' an dem Loche fliegen vorbei! Sollt' ich nicht weinen und heulen? Ja, ich muß heulen!“ Als eben die erſten Töne von Betty's Liede über die Meerenge erſchallten, kam der Conſtabel mit einer Schüſſel voll Himbeeren gravitätiſch von der Kabuſe hergewandert. Aber bei den bekannten Tönen, ſprang er ſo heftig auf, daß Schüſſel und Himbeeren über das Deck hin⸗ rollten. Darauf ſtand er ganz ſtille und, ſei es uns erlaubt, uns ſo auszudrücken, ſog jeden Ton ein, wäh⸗ rend ſein Geſicht und ſeine ganze Stellung die beredteſte, die rührendſte Freude ausdrückten. 5 „Poll's Traum!“ ſagte er leiſe— jetzt weiß ich, daß ſie die Rechte iſt!“ Und in demſelben Augenblicke, da das Lied zu Ende war, erfüllte die große Geſtalt des Bas die kleine Thür; da es jedoch für den Anfang ſich ſo traf, daß er vor innerer Bewegung kein Wort über die Lippen bringen konnte, ſo begnügte er ſich damit, Betty's ſchlanke Ge⸗ ſtalt und feine, ſchöne Formen, die ſich unter ihren —— 4— ——— 150 leichten Bewegungen ſo anmuthsvoll darſtellten, zu be⸗ trachten— denn Niemand wird wohl auf die Vermu⸗ lhun fallen, daß Betty hörte, wie Jemand die Treppe herab kam und in ihrer Thür ſtehen blieb. „Liebes Jüngferchen!“ „, der Tauſend! ich ſehe und höre nicht— aber ich habe ſo eilig!“ „Ach ſo! es iſt ſo eilig?“ „Ja wohl!“ „Sonſt wollte ich ſo herzlich danken, liebes Jüngfer⸗ chen, für das Lied, welches ſo luſtig zu meinem Herzen redete und mich an das Eine und das Andere aus der Zeit erinnerte, da ich noch ein kleiner Junge war und in der Schlafkammer des Hobergsalten ſpielte!“ „Ach ja, der Conſtabel iſt ja auch auf Gottland geboren— kehrt ſich aber nun wohl nicht mehr daran!“ „Kehre ich mich nicht daran?— Ja, das thue ich! Eine geraume Zeit, da ich in den Schwirrjahren war, hatte ich es gleichſam vergeſſen; aber nach dieſem— ich will hoffen, Jungfer Betty nimmt meine Aufrichtigkeit nicht übel auf!— vergeſſe ich in meinem Leben nicht Gottland wieder und auch Die nicht, welche mein altes, liebes Lied ſang! Herr Gott, Jungfer Betty! welche ſchöne Stimme hat Sie doch!“ „O, das meint Er gewiß nicht ſo, Herr Bas!“ „Wenn Sie ſich ein klein wenig umdrehte, ſo würde Sie es mir wohl anſehen!... Doch, um Entſchuldigung! ich komme allzu ungelegen— Sie hat wohl keine Zeit, Jungfer Betty, ſich umzudrehen?“ „Das iſt wohl bald gethan, und wenn es dem Conſtabel ein Vergnügen macht, ſo...“ Betty's erröthendes Antlitz wendete ſich nun dem artigen Bas zu, welcher mit Thränen in den Augen maden Herzen auf den Lippen nur zu ſeufzen ver⸗ mochte: „O Gott! wer doch nur den Muth ſo hätte, wie er den Willen hat!“ Betty legte das Tuch, welches ſie einpacken wollte, — 151 be⸗ 1 zuſammen, ſtrich daſſelbe glatt, ließ es fallen, legte es nu⸗ von Neuem zuſammen, und dennoch bekam der Conſtabel ppe keinen Muth. fer⸗„Iſt es Ihr denn ſo ſchwer geworden, mich zu rzen ſehen, weil Sie von Dankbarkeit redet?“ der„Alſo wäre man nicht dankbar gegen den, welchen und man gerne ſieht?“ fragte Betty. „Ich weiß nicht recht; was ich aber weiß, iſt dieſes, land daß es die ſchönſte Zeit geweſen iſt, welche ich in allen un!“ meinen Tagen erlebt habe. Gewiß hegte ich eine große ich! Liebe zu Poll, nun aber iſt es contant zu Ende!“ wär 8 Gewiß hat der Conſtabel ein ſehr gefühlvolles —i erz!“ gkeit„Ja, Jungfer Betty, davon kann Sie ſo überzeugt nicht ſein, als wenn Sie es ſchon als ewiges Geſchenk ent⸗ eltes, gegen genommen hätte... Aber es wäre wohl allzu elche dreiſt, wenn ich fragte, ob Jungfer Betty mit einem ſo . ſimplen Geſchenk fürlieb nehmen wollte?“ 4„Wie Er redet, Herr Bas!— das kann gewiß bürde nicht Seine Meinung ſein!“ ung!„Ja, Gott der Vater weiß, daß es meine volle Zeit, Meinung iſt! Aber die Jungfer Betty ſtellt ſich wohl nur ſo, um mich auf eine höfliche Art dahin zu bringen, dem„ daß ich damit aufhöre?“ 4 8„Ich bin ſo jung: ich bin erſt ſechzehn Jahre!“ dem„Ich bin beinahe doppelt ſo alt, aber, Jungfer lugen Betty, das iſt für einen Mann immer noch nicht alt. ver⸗ Alſo bin ich ja auch noch jung— und iſt zwiſchen uns kein anderes Hinderniß, ſo.. doch, beſte Jungfer Betty! „wie Sie kann mir gewiß nie recht gut ſein? vollte, —yöönn 147 „Danke für das Wort: es war doch wenigſtens verl Etwas! Ich kann es nicht verdient haben, daß Sie eine Cor Art von Liebe gegen mich hegen ſollte, und das thut gut Sie gewiß auch nicht?“ Betty ſchwieg. 1—. tain „Herr Du mein Gott, wie dreiſt wird man doch Dir 1 durch ein ſolches Schweigen! Liebes Jüngferchen, ich Du bitte, ſei Sie ſo gut und verſchweige Sie es nicht, wenn zur Sie was für mich übrig hat, denn, Herr Gott, es ſind Neit uns eben nicht ſo viele Stunden für unſer Glück übrig, liebe aber heute Nachmittag würde ich wenigſtens Zeit haben, und es iſt ſo ſchön hier um Kalmar zum Spaziren⸗ zu d gehen, und Einer, der das Recht dazu hätte, könnte hier in allen Ehren mit ſeiner Herzensgeliebten plaudern.“ Ein „Es iſt ſo lange her, ſeitdem ich das Grüne nicht nich geſehen habe— es iſt gewiß ſehr friſch draußen 14 noch Jetzt war Bas auf bekanntem Grund und Boden. wie 6„Liebe Betty! ich glaube gewiß, wir verſtehen uns nich und ſind auf dem rechten Fahrwaſſer, und ich bin nicht gebe derjenige, welcher nicht glauben kann, ohne gleich im 3 erſten Handumwenden das Jawort zu hören. Wenn Du mich nur mit einem kleinen Blick in die Augen ſiehſt, ſo weiß ich, wornach ich mich zu richten habe!“ 6 Betty verſuchte mit dem kleinen Blick aufzuſehen, und Bas war ſo befriedigt, daß er ſeinen kraftvollen Arm um Betty's ſchlanken Leib legte und mit zitternder er f Stimme flüſterte: ſah, t„Alles iſt richtig: Du biſt mir gut— und biſt Du vorg das jetzt, ſo ſoll es wohl meine eigene Sorge ſein, mech daß die Liebe nicht ausſtirbt... darf ich aber nun auch gleichſam eine kleine Bekräftigung begehren?“ an h Betty, welche an jenem Morgen, da ſie ſchlief, wele Alles vernommen hatte, was zwiſchen dem Capitain könn und ihrer jungen Gebieterin vorging, konnte nicht ſo Geft ff einfältig ſein, daß ſie Bas nicht verſtehen ſollte. Zwar habe V hielt ſie es für paſſend, auszuweichen und das Köpfchen wür bald hierhin bald dorthin zu wenden, doch das half nicht nicht viel— und ſo wurde denn Betty eine Braut und unſe ens eine ut doch ich enn ſind rig, den, ten⸗ hier 74 icht en. uns richt im enn gen 124 hen, llen nder Du ſein, auch 153 verlobt mit dem huübſchen, einem Herrn gleichenden Conſtabel auf dem Seefräulein.„O ja, das ging ſehr gut: ich habe mein Glück nicht verſchlafen!“ dachte ſie. „Heute Nachmittag, wenn ich erſt mit dem Capi⸗ tain geredet habe, ſuche ich die Frau Mörk auf, welche Dir gleichſam an Mutterſtelle iſt, und im Herbſt haſt Du mich in Wisby, damit ich Dich von Deinen Eltern zur Frau begehren kann. Sie werden doch wohl nicht Nein ſagen?— oder was glaubſt Du ſelbſt, meine liebe Betty?“ „Ich glaube das nicht: ich weiß, daß ſie Ja ſagen zu dem, welchem ich mein Herz geſchenkt habe!“ „Gottes Gnade über ſie fuͤr eine ſolche Geſinnung! Eins aber will ich Dir ſagen, meine Theure: werde mir nicht ungetreu, denn eine ſolche Betrübniß halte ich nicht noch einmal aus! Und nun bin ich wohl ſo glücklich, wie ein Menſch auf Erden ſein kann! Wie wird ſich nicht der Capitain mit mir freuen! der Herr, der Höchſte gebe, daß er eben ſo vortrefflich geborgen iſt, wie ich!“ Doch der Capitain war gewiß nicht geborgen! Kaum hatte Betty die Thüre zugemacht, ſo wendete er ſich mit glühenden Wangen an Amelie, welche ein⸗ ſah, daß ſie dieſer Unterredung, die ihr ſchon lange be⸗ vorgeſtanden hatte, nicht entgehen konnte, und ſich daher mechaniſch ſetzte. „Meine theure Frau Mörk!“— jetzt ſtand Albin an ihrer Seite—„ich glaube kaum, daß die Gefühle, welche ich für Roſa hege, Ihnen ein Geheimniß ſein können; laſſen Sie mich aber noch hinzufügen, daß dieſe Gefühle, welche ein Jahr zu ihrem Heranreifen gehabt haben, mich dieſen Herbſt nach Wisby geführt haben würden, wenn auch dieſes glückſelige Zuſammentreffen nicht geweſen wäre, welches nun einige Monate früher unſer Schickſal entſchieden hat— ich wage, zu ſagen ——.— 154 unſer Schickſal, weil Roſa ſo himmliſch gut iſt, meine Gefühle zu theilen.“ Albin wählte ſeine Worte abſichtlich ſo, damit Amelie auf den wahrſcheinlichen Fall einer abſchlägigen Antwort von vorne herein überzeugt ſein möchte, daß eine ſolche einem eben ſo ſtarken Widerſtande begegnen würde. „Sagten Sie entſchieden, Herr Capitain?“ fragte Amelie, und eine leichte Röthe färbte ihre Wange. „Ja, beſte Frau Mörk, ich wagte es, mich dieſes Ausdruckes zu bedienen in der Hoffnung, daß meine Wünſche auch bei den Eltern meiner Roſa keinen Wider⸗ ſtand finden werden, da meine Stellung ſo iſt, daß ich nach ihrem Beifalle ſtreben kann.“ „Hat Roſa Ihnen einige Aufmunterung geben koönnen?“ Bei dieſen Worten glitt Amelie's Blick hinüber zu der Tochter, welche das glühende Antlitz auf den Blu⸗ menſtrauß geſenkt hielt und zuhörte, ohne beinahe Muth zu haben, zu athmen. „Sie hat es geweigert, mir das Verſprechen ihrer Hand zu ertheilen, ein Verſprechen, das ich auch nicht einmal fordern konnte, da die Erfüllung deſſelben auf ihren Eltern beruht; aber ſie hat nach einem Ausweichen, das mich beinahe in Verzweiflung brachte, mich die reichen Schätze, welche ſie zu verſchenken ein Recht hatte, ihre Gefühle, ihre Treue, ahnen und endlich ſehen laſſen — und dieſe Schätze gehören mir!“ „Roſa!“— Amelie wendete ſich nun an ihre Toch⸗ ter mit einem Blicke, in welchem ſich Schmerz, Mit⸗ leiden und Angſt miſchten—„Roſa! haſt Du, die Du ſchon gebunden warſt durch das ältere, Deinem Vater gegebene Verſprechen, es gewagt, dem Capitain Stan⸗ gerling Deine Treue zu geloben?“ Roſa verließ den Sopha und kam langſam auf die Seite herüber, wo die Mutter ſaß. Sie machte gar keine Ausflüchte, ſagte kein einziges Wort, ſondern ſie ſank auf die Knie und legte weinend ihr Haupt an die Bruſt der Mutter. 15⁵ „O mein Kind!“ klagte Amelie, welche ihre eignen Thränen kaum zurückzuhalten vermochte,„ich hatte Dich ja doch gewarnt!“ „Ha!“ ſagte Albin,„jetzt verſtehe ich Roſa’s blöde Bangigkeit, ihre Furcht vor dem Deck: dieſe Verbindung war alſo Ihnen, Frau Mörk, ſchon ſo ſehr zuwider, ehe noch die Rede davon war? 24 „Verzeihen Sie, Herr Capitain, daß ich aufrichtig ſein muß! Schon an dem erſten Tage, da wir an Bord kamen, lagen Ihre Gefühle offen vor meinen Augen: und ſo bitter es uc für mich war, von ſolchen Dingen mit dieſem Kinde zu reden, ſo wollte ich dennoch, daß ſie die Gefahr vermeiden ſollte, denn ich wußte, daß Ihre Wünſche niemals den Beifall meines Mannes erhalten können.“ „Sage nicht niemals, meine Mutter!“ rief Roſa aus, indem ſie zu der Mutter einen Blick erhob, in welchem ſich der tiefſte Schmerz abſpiegelte. Amelie hob ſie auf und drückte ihr die Hand; ſie, welche ſelbſt ſo innig geliebt hatte und noch dazu einen dieß war ein fürchterlicher Augenblick— ſollte ſie ihrem Kinde, ihrem Lieblinge, den Gegenſtand ſo unſchuldiger, himmliſch reiner Gefühle entreißen?. Und dennoch, wenn ſie an Arne, an Will, an die zent⸗ nerſchweren Pflichten dachte, die ihr jetzt oblagen, allein über Roſa zu wachen, ſo mußte ſie den Muth haben, ihr die Glückſeligkeit zu entreißen. Albin, welcher mit wachſender Hoffnung Amelie's innern Kampf geſehen hatte, jetzt aber auf ihrem Ge⸗ ſichte die bitterſte Hoffungsloſigkeit las, war nicht im Stande, ſich einen vernünftigen Grund bafür zu denken, wie einer Mutter, die ihre Tochter ſo innig, ſo rein liebte, den Thruͤnen derſelben zu widerſtehen vermochte. Nach einigem Schweigen begann er:„Darf ich mir die Frage erlauben, warum eine Verbindung mit mir dem Herrn Großhändler ſo ſehr mißfallen ſollte? Es kann doch wohl nicht möglich ſein, daß Sie meinen, die Erinnerung an die kleine Affaire, welche wir im 156 verwichenen Herbſte mit einander hatten, habe dieſen Widerwillen hervorgerufen?“ „Ich weiß nicht beſtimmt, was bei dieſer Gelegen⸗ heit vorgefallen iſt, aber ich bin genöthigt zu ſagen, daß mein Mann nie eine, wenn auch noch ſo gerechte, Beleidigung vergißt.“ „Nimmermehr wird er jedoch im Stande ſein, einige in einer aufgeregten Gemüthsſtimmung vielleicht nicht ſo ganz ungerecht ausgeſprochene Worte gegen das Glück ſeines Kindes in die Wagſchaale zu legen— und hier kann ja um ſo weniger von ſeiner Weigerung die Rede ſein, als ich ihm noch gar keinen Antrag ge⸗ macht habe!“ „Hier rede ich auch nicht von dieſer Weigerung, in ſo fern ſie Ihre Perſon betrifft— wäre für Roſa's Glück kein anderes Hinderniß vorhanden, ſo könnten wir wohl hoffen, daß ſich eine Möglichkeit finden ließe, ſeine Abneigung zu beſiegen. Doch jedem andern Manne, der um Roſa's Hand angehalten hätte, würde ich die⸗ ſelbe Antwort ertheilt haben, welche ich jetzt gezwungen bin, Ihnen mit blutendem Herzen zu geben, nämlich ein beſtimmtes Nein!“ „in beſtimmtes Nein,“ wiederholte Albin mit flammenden Wangen,„iſt zwar ſehr leicht gegeben; doch hoffe ich, Frau Mörk, Sie werden überzeugt ſein, daß die Gefühle, welche Roſa mir eingeflößt hat, von einer allzu ſtarken und edlen Natur ſind, als daß ſie ſich eben ſo leicht abweiſen laſſen!“ „Ich kann nicht über Ihre Gefühle verfügen,“ ent⸗ gegnete Amelie mit einem gewiſſen Stolze,„auch nicht über die meiner Tochter; aber als die Gattin eines Mannes, deſſen Willen ich während einer zweiund⸗ zwanzigjährigen Ehe achten gelernt habe, werde ich mich demſelben auch heute nicht entziehen. Arne will ſelbſt über die Hand ſeiner Tochter verfügen, und da Roſa eingeſtanden hat, daß dieſes eine Macht iſt, gegen welche gar kein Widerſpruch gilt, ſo glaube ich, das Fein⸗ dieſen egen⸗ agen, reechte, ſein, lleicht gegen en— erung g ge⸗ rung, Coſa's nnten ließe, anne, die⸗ ungen ch ein 7 mit eben; ſein, von aß ſie ent⸗ nicht eines eiund⸗ hmich ſelbſt Roſa velche Fein⸗ 157 gefühl fordert, daß wir dieſen Gegenſtand als abgemacht betrachten!“ „Nun gut!“ erwiederte Albin mit jener Kälte, die ſich bisweilen den Weg auf die Lippen bahnt, wenn das Herz von dem Vulkane glüht, der inwendig brennt, „nun gut!— doch, Frau Mörk, Sie werden entſchul⸗ digen, daß ich in einigen Monaten in Wisby eintreffe, um aus dem eigenen Munde des Herrn Großhändlers das Urtheil zu vernehmen, welches Sie mir jetzt vor⸗ hergeſagt haben!“ „Ich weiß wirklich nicht, warum Sie ſo lange warten wollen: da Sie den Abſchlag, den ich als Mutter gegeben habe, nicht für hinlänglich erachten, ſo braucht es nicht länger als ein paar Poſttage zu dauern, bis Sie in Stockholm die Antwort meines Mannes haben.“ Albin verbeugte ſich.„Dieſe Mühe kann der Herr Großhändler ſich ſparen: ich komme auf jeden Fall nach Wisby, ſobald ich die nächſte Reiſe gemacht habe!“ „Iſt aber das delicat, Herr Capitain?“ „In einer Angelegenheit, wo es ſich um das ganze irdiſche Glück zweier Perſonen handelt, wäre jede Art der Delicateſſe, alle Verlegenheit an unrechtem Orte— und hier, in Gegenwart der Mutter meiner Geliebten, ertheile ich ihr das Verſprechen, daß nur der Tod mich abhalten kann, ſpäteſtens am Ende des October, viel⸗ leicht aber auch weit früher, bei ihr zu ſein, und wenn Roſa mich liebt, wie ich ſie liebe, ſo erneuert ſie hier die Gelübde, welche ſie mir gegeben hat!“ „Dagegen proteſtire ich feierlich!“ ſagte Amelie: „Roſa iſt ein Kind, das noch nicht ſelbſt zu handeln weiß!“ „Nein, Mutter!“ rief Roſa, die mit immer lauter klopfendem Herzen die Worte ihres Geliebten und ſeine feſte Verſicherung gehört hatte,„nein Mutter, ich bin nicht länger ein Kind! Zwar bin ich ſehr kindiſch, aber ich weiß dennoch, was ich will, wenn es auf etwas Wichtiges ankommt: ich kann keinen Menſchen ſo lieben, wie ich Albin liebe— darum kann ich ihm auch nie untreu werden. Wenn er kommt— und zögerte er auch eben ſo viele Jahre wie Tage— ſo ſoll er mich ent⸗ weder treu finden oder auch nur den Raſen, unter wel⸗ chem ich ruhe; denn Zwang iſt nicht dort, wo Liebe iſt!“ „O Dank, tauſendfachen Dank, Du Geliebte meiner Seele, für dieſe Ausdrücke— ich weiß, ſie ſind keine leeren Worte!“ Und Alles außer ſeiner Liebe vergeſſend, ſtreckte Albin ſeine Arme aus, und Roſa warf ſich an ſeine Bruſt mit jener vollkommenen Sicherheit, als wäre ſie ſchon geborgen in dem Hafen. Amelie wendete die Augen hinweg; ihr Herz war zerriſſen, und da es der letzte ſelige Augenblick war, den Roſa im Leben haben ſollte, ſo vermochte Amelie es nicht über ſich, ihn zu ſtören.„O armes Kind! Du wirſt ihn gewiß mit tauſend andern bezahlen müſſen, die nicht ſo lieblich ſind!“ „Nun,“ ſagte Albin endlich, indem er, ſich mit Muth bemannend, die Geliebte in die Arme der Mutter legte, nun will ich gehen, denn nun bin ich ſicher; es geſchehe was da wolle!“ Am Nachmittage, als Amelie vollkommen fertig im Begriff ſtand, die Kajüte zu verlaſſen— Roſa war ſchon in den Corridor hinausgetreten— ſchob der Con⸗ ſtabel mit einem ſichern:„mit Erlaubniß!“ die Thür auf; und in demſelben Augenblicke, da Bas in der Thür der Kajüte verſchwand, fühlte Roſa ſich, ſie wußte nicht wie, in den Salon hineingezaubert. „Ich wollte Sie eben aufſuchen, Herr Conſtabel,“ ſagte Amelie, mit freundlichem Lächeln,„denn ich weiß keinen Beſſern, an den ich mich wenden könnte, um dieſes“— ſie reichte ihm ein Bund Bankzettel—„unter die Leute auszutheilen... Sie haben doch wohl die Güte, dieſe Mühe zu uͤbernehmen?“ „Danke pflichtſchuldigſt: das ſoll richtig beſorgt werden!.. Nun aber iſt es ſo, daß ich in meiner Juge den blau Gede dara es w Ande das wir komn Krat wurd ich v Seit den Ihne zuwe der k mit! Ehre unm wir ich h ſie u ſagen könn Conſt den i bin, zu ge auch ent⸗ wel⸗ iſt 19 einer keine ſend, ) an wäre war den le es Du iſſen, Nuth legte, chehe g im war Con⸗ Thür der vußte bel,“ weiß um unter Güte, eſorgt teiner 159 Jugend— das war nun eben nicht geſtern— es mir in den Sinn geſetzt hatte, einen Sternſhawl von himmel⸗ blauer Farbe zu kaufen... denn es iſt immer mein Gedanke geweſen, die Liebe, wenn man eine Farbe darauf ſetzen könnte, müßte himmelblau ſein... aber es wurde nichts aus dem Handel, weil auch aus etwas Anderem nichts wurde.“ „In Gottes Namen,“ dachte Amelie,„wohin ſoll das führen?— Es iſt eine Gnade des Himmels, daß wir mit aller dieſer Liebe glücklich nach Hauſe ge⸗ kommen ſind!“ „Wollte ergebenſt fragen,“ fuhr Bas mit einem Kratzfuße fort,„ob mein Vertrauen übel aufgenommen wurde?“ „Nein, mein beſter Conſtabel, gewiß nicht— aber ich verſtehe nicht recht!“ „O, Herr Gott, das iſt ſehr leicht zu verſtehen! Seit einiger Zeit hat mir der Sternſhawl wieder vor den Augen geſpukt, und nun war mein Anliegen bei Ihnen, Madame, zu fragen, ob Sie etwas dagegen ein⸗ zuwenden haben, daß ich ihn, wenn ich ihn finden kann, der kleinen Betty ſchenke, und ich glaube auch, ſie wird mit dem Geſchenke zufrieden ſein, da ſie mir ſchon die Ehre erzeigt hat, ein anderes Geſchenk anzunehmen.“ „Was denn für ein Geſchenk?“ fragte Amelie, die unmöglich ein Lächeln beſiegen konnte. „Dieſes!“ ſagte Bas und ſchlug ſich dabei mit einer würdigen und vergnügten Geberde auf das Herz—„und ich hoffe, beſte Madame, Sie werden nicht meinen, daß ſie unrecht darin gehandelt hat, denn wenn ich's ſelbſt ſagen darf, ſo hätte ſie einen ſchlechteren Geſchmack haben önnen.“ Ich tadle auch ihren Geſchmack nicht, mein beſter Conſtabel, und hoffe und vermuthe, Betty's Eltern wer⸗ den ihre Wahl billigen! da ich aber nur Betty's Herrin bin, je habe ich kein Recht, einen beſtimmten Beifall zu geben.“ „Das iſt alles möglich und auch recht; aber ich 160 werde einen Brief an ſie ſchreiben; und da mein Capitain, der— ich erſuche Sie, die Güte zu haben, dieſes Wort zu erwägen— der prächtigſte, vortrefflichſte und tüch⸗ tigſte Herrenmann iſt, der ſich jemals auf einer Planke geſchaukelt hat, viel von mir hält, und der Betty für eine kleine Handreichung, die ſie ihm zu meinem größten Stolze geleiſtet hat, großen Dank ſchuldig iſt, ſo hat er mir vor einem Augenblicke ein kleines huͤbſches Capital als Brautgeſchenk für Betty verſprochen. Ich ſelbſt bin ebenfalls nicht ſo ganz barfuß, und darum dachte ich, Sie zu erſuchen, Betty's Eltern ſowohl das Eine als auch das Andere unter die Augen zu halten, ſo ſagen ſie gewiß nicht Nein.“ „Sein Sie überzeugt, mein guter Conſtabel, daß ich mich an die Wahrheit halten werde— weiter wird nichts nöthig ſein. Und daß Betty unſer Haus ohne Mitgift verläßt, kommt ebenfalls nicht in Frage!“ „Danke allerergebenſt! Nun aber habe ich noch zu allerletzt eine kleine Bitte, deren Erfüllung ganz allein von Ihnen abhängt, und wenn ich Ihnen unterwegs irgend einen kleinen Dienſt habe leiſten können, ſo wer⸗ den Sie mir dieſelbe nicht abſchlagen!“ „Was denn?“ „Daß Sie Jungfer Betty erlauben, heute Nach⸗ mittag einen kleinen Spaziergang mit mir zu machen: ſie ſehnt ſich darnach, im Grünen zu ſitzen, und ich habe ihr auch wohl noch das Eine und das Andere zu ſagen, wozu ich bis jetzt noch keine Zeit gehabt habe.“ „Sehr gerne! Sobald Betty die Sachen an Bord zehrachi und die Kajüte der Schaluppe ein wenig in rdnung geſetzt hat, wobei Sie ihr gewiß helfen werden, iſt ſie frei bis heute Abend.“. Sich tief verbeugend, dankend und Kratzfüße ma⸗ chend, ging Bas rücklings zur Thür hinaus, und als ſeine fotem Schritte in den Salon hinein erſchallten, entwand ſich Roſa den Armen ihres Geliebten. „Nun, nun,“ flüſterte ſie, und ein ſchmerzhafter Schauder durchzitterte ihr ganzes Weſen,„nun... iſt es aus dort o⸗ noch d K mit ſe Alles tiefe A Dir d Conſta Umſtär 92 Deine Andere ſagen aß ich nichts Nitgift och zu allein erwegs d wer⸗ Nach⸗ lachen: nd ich dere zu habe.“ Bord nig in werden, ze ma⸗ nd als hallten, rzhafter 161 » es aus!— werden wir uns hier wiederſehen, oder. dort oben?“ „Erſt hier, dann dort oben, denn weder der Himmel noch der Abgrund trennen liebende Herzen!“— Keine Ahnung hatte Albin, daß er ſich eben jetzt mit ſchnellen Schritten einem Abgrunde näherte, der Alles verſchlingen konnte. „Ich weiß nicht, ſagte Roſa,„warum ſich eine ſo tiefe Angſt auf meine Seele legt! Einen Brief von Dir darf ich gewiß nicht annehmen, wenn aber der Conſtabel an Betty ſchreibt....“ „O, es iſt ſehr hart, daß man zu ſolchen Umwegen ſeine Zuflucht nehmen ſoll— doch wir dürfen darauf nicht ſehen, Du ſollſt Briefe erhalten, mein theurer, geliebter Engel, die Dir helfen können, die Zeit der rwartung zu verdirzen 14 „Und wenn Du kommſt.... wie— wenn da etwas Schreckliches geſchehen iſt, wenn ſich tauſend fürchterliche Schwierigkeiten zwiſchen uns geſtellt haben?“ „Da gehſt Du mit Deinem Wiking an Bord nach den Küſten von Norwegen: dort wird man ohne ſo viele Umſtände getraut.“ „Mein Gott! was ſagſt Du?... Ach, das iſt nicht Deine Meinung!..Und dennoch, wenn uns nichts Anderes übrig bleibt....“ „Roſa, Roſa!“ erſcholl die Stimme der Mutter. „Mutter ruft! O, warum ſoll ich ſo viel leiden, einen ganzen Abend hier ſein, ohne Dich zu ſehen!.. Nein, nicht nach Norwegen: dort hat ja Mutter ſo vielen Kummer gehabt....“ „Roſa, Roſa!“ „In Norwegen?— hat ſte denn....“ Nun aber erſcholl zum dritten Male der mütterliche Ruf. Noch eine Umarmung für das Leben und für den Tod gegeben— ein Kuß, ſo heiß, daß keine Kälte die Gefühle, welche in demſelben flammten, zu kühlen ver⸗ mochte— ein Blick, nicht in die Augen, ſondern in das Herz.... und Alles war vorbei! Der Jungferthurm. Iv. 11 Im Sonnenaufgang ging die Schaluppe ab nach Wisby.. 3 Auf dem Deck des Seefräuleins winkten zwei Tücher, von der Schaluppe ebenfalls. Gleich darauf ſpannte das Schiff ſeine Segel aus. Aber Capitain Stangerling vergaß nie die Rhede von Kalmar. Dreizehntes Capitel. Die Heimkehr. „Meine Erfindungsgabe iſt erſchöpft: er hat weder Kraft noch Willen mehr— bald iſt's wohl ganz aus mit ihm!“ So ſagte Thekla zu ihrem Vater, welcher neben ihr ſaß auf einem kleinen Sopha, dem Ruheſtuhle gegen⸗ über, in welchem das Skelett eines Menſchen ſich in halb liegender Stellung auf einigen Kiſſen befand. Holgerſen beantwortete die Rede ſeiner Tochter nur mit einem tiefen und dumpfen Seufzer. Er ſelbſt ſah nicht aus, als ob er ſehr viele Lebens⸗ kraft übrig hätte: es lag ein Todeskampf in jeder Muskel ſeines Antlitzes. Er mußte unerhört gelitten haben— und dennoch, wenn man ihn mit dem durchſichtigen, erſtarrten Weſen im Ruheſtuhle verglich, ſo hätte man meinen ſollen, daß Holgerſen, wenn er auch mit dem einen Fuße in der Nähe ſeines offenen Grabes ſtand, dennoch den andern auf den feſten Grund des Mannes⸗ alters ſetzte. Seit der Zeit, da der arme Will die Sonne ver⸗ loren hatte, welche ihn wärmte und belebte, ging ein Milzſucht durch ſeine Seele. In dem erſten Monat hielt er ſich gber wenigſtens noch einiger Maßen auf⸗ recht. lings⸗ hinau des 2 Roſa wande er un Roſa vermo nicht und n wurde ſamm ( durch ſo we war, ſchon hatte wie e Dank moch t K komm⸗ die H. und g den L hatte; ſich bi wilden Hnach Lücher, l aus. de von t weder unz aus r neben e gegen⸗ ſich in nd. hter nur Lebens⸗ Muskel aben— ſichtigen, atte man mit dem es ſtand Mannes⸗ onne ver⸗ zin eine onate aßen guf⸗ 163 recht. Bald ſtand er Stunden lang auf Roſa's Lieb⸗ lingsplatze, auf der Ruine von Wisborg, und blickte hinaus auf das Meer; bald lag er in der Schießſcharte des Jungferthurmes und dachte an die Zeiten, da er Roſa behülflich war, die Moosbank zu bauen; und bald wanderte er mit Rolf umher in den öden Ruinen, wo er unzählige Male die kleinen Briefe ſtudirte, welche Roſa ihm aus dem fremden Lande zuſchickte. Aber bald vermochten die todten Buchſtaben der hinſterbenden Seele nicht länger Leben zu ertheilen, ihr Leben verkohlte nach und nach, und je ſtumpfer, gleichgültiger und leerer ſie wurde, deſto mehr und mehr ſank auch der Körper zu⸗ ſammen. Er wollte keine Speiſe zu ſich nehmen, und nur durch tauſend verſchiedene Erfindungen brachte man es ſo weit, daß er wenigſtens ſo viel aß, als hinreichend war, die flackernde Flamme zu unterhalten. Er war ſchon lange ſo kraftlos geweſen, daß er das Zimmer nicht hatte verlaſſen können, und hier ließ er ſich behandeln wie ein lebloſes Ding, ohne das geringſte Gefühl von Dankbarkeit, Freude oder Betrübniß zu zeigen, man mochte thun, was man wollte.„ Die erneuerten Zeichen, daß Roſa bald nach Hauſe kommen würde, wirkten ebenfalls nicht mehr: er ſchien die Hoffnung, ſie wieder zu ſehen, aufgegeben zu haben, und glaubte vermuthlich, man hätte ihn getäuſcht mit den Bildern von Glück, die man ihm einſt vorgegaukelt hatte; denn wenn Holgerſen darauf hindeutete, ſo zeigte ſich bisweilen eine halbe Minute lang der Ausdruck eines wilden Vorwurfes in ſeinem Blicke, aber es war weiter nichts, als ein Schattenſpiel, welches in einem Augen⸗ blicke ſich offenbarte und wieder verſchwand. Nur ein einziges menſchliches Gefühl ſchien ihm noch übrig zu ſein: die Liebe zu Rolf. Aber auch Rolf ſchien milzſüchtig geworden zu ſein. und lag dort zu den Füßen ſeines Herrn jetzt ebenſo ſtill und unbeweglich, wie Will ſelbſt. Wenn jedoch Will's matte Hand, welche gewöhnlich mechaniſch auf 164 Rolf's Haupte ruhte, eine Bewegung machte, da bewegte ſich auch Rolf und heftete mit fragenden, forſchenden Blicken die Augen auf ſeinen Gebieter. Ein leiſes Schütteln des Kopfes antwortete auf Rolf's Frage, und ſo war das Geſpräch zu Ende, und ſie ſaßen dort beide neben einander und bildeten eine Gruppe, die Niemand ohne tiefes und wehmüthiges Intereſſe ſehen konnte. Holgerſen ſelbſt war unermüdlich geweſen, Will zu pflegen, zu ermuntern und zu tröſten, ſo lange noch ein Troſt möglich war, und nächſt der ſeinigen war Thekla's Geduld muſterhaft geweſen. Thekla war während dieſer Zeit viel für ihren Vater geworden: er hatte ſeine inſtinktartige Furcht vor ihr überwunden, ſie ihren Abſcheu vor ihm; ſie hatten mit einander gelitten, getrauert und gebetet, und oft war es Thekla's Stimme geweſen, welche mit kraftvol⸗ leren Worten, als Amelie ſie hätte finden können, die Seele des Lebensmüden an den Rand der Gnadenquelle geführt hatte, wo er trinken konnte, aus der lebendigen Fluth trinken konnte, bis er, geſtärkter und getröſteter, das Kreuz von Neuem auf ſeine Schultern nahm, weiter ging und erſt ſeines Lebensengels hienieden harrte und dann der Stunde, da der Todesengel einen Zipfel des Vorhanges öffnen ſollte, der das unbekannte Land ver⸗ hüllte, wohin er bald ſich mit ſeiner ganzen Seele ſehnte, und vor welchem er bald wieder zurückbebte, weil er nicht hoffen konnte, dort eintreten zu dürfen, ehe die Verſöhnung hier vollbracht war. „Heute habe ich ihm weder einen Blick, noch ein Lächeln, noch die geringſte Bewegung abgewinnen kön⸗ nen!“ fuhr Thekla fort.„Ich hätte beinahe Luſt, Roſa's Puppen von Elfhagen holen zu laſſen— vielleicht möchte der Anblick dieſer Bilder aus der Kindheit eine Erſchüt⸗ terung bewirken.“ „Es ſoll Leben und Blut in demjenigen ſein, was eine ſolche Erſchütterung hervorbringen kann,“ ſagte Hol⸗ gerſen,„die Puppen ſind ſtumm und todt wie er ſelbſt — er wird ſie nicht einmal anſehen.“ will Pup⸗ heftet die 1 war lang mach keine Lider das faſt „Sie er w endli und Rolf ſeine Will ſtum des da!“ abge jener als entge in d Einz drück einer die die ſ drei vegte enden leiſes und beide mand ill zu noch war ihren dt vor hatten d oft ftvol⸗ 7, die quelle ndigen ſteter, weiter e und el des d ver⸗ ehnte, eil er he die cch ein n kön⸗ Roſa's möchte rſchuͤt⸗ , was te Hol⸗ rſelbſt 16⁵ „Ich will es aber dennoch verſuchen— zuvörderſt will ich ihn fragen, ob er nicht einen Blick auf Roſa's Puppen werfen will.“ Thekla trat nun zu Will, berührte ſeine Stirn und heftete ſo anhaltend ihren Blick auf ihn, daß er zuletzt die matten Augenlider erheben mußte; doch vergeblich war alle Mühe, ihn dahin zu bringen, daß er ſie ſo lange offen hielt, als erforderlich war, ihm Zeichen u machen: die nebligen Spiegel faßten kein einziges Bild, keinen einzigen Ausdruck auf, und ſchwer ſanken die Lider wiederum über ſie zuſammen. In dieſem Augenblicke flogen elaſtiſche Schritte über das äußere Zimmer, die Thür flog auf, und Hildur, faſt athemlos vor Eilfertigkeit und Freude, ſchrie laut: „Sie ſind da ſie ſind da!“ Will wußte nicht, daß man ihn allein ließ, denn er wußte nicht, daß er vorhin Geſellſchaft gehabt hatte; endlich aber vermochte ihn doch Rolf's Kratzen, Wedeln und Unruhe dazu, daß er emporblickte. Da lief denn Rolf ſogleich zur Thür und wieder zurück, als wollte er ſeinen Herrn auffordern, ſeinem Beiſpiele zu folgen: Will aber folgte dem Rufe nicht: er betrachtete mit ſtumpfer Verwunderung die ungeduldigen Bewegungen des Hundes— das war Alles. Aber bei den erſten Worten:„ſie ſind da, ſie ſind da!“ hatte Holgerſen's Seele den ſchweren Grabesſtaub abgeſchüttelt und ſich noch einmal ergriffen gefühlt von jenem flammenden Feuer, das in ſeinem Blute loderte, als er vor dreizehn Jahren Amelie's erneuerte Gelübde entgegen nahm. Jetzt wurde ſie ihm zum dritten Male geſchenkt, und in der leidenſchaftlichen Heftigkeit, womit er ſie, die Einzige, welche er jemals geliebt hatte, an ſeine Bruſt drückte, lag ſo viel von der vollen Kraft und dem Leben einer verfloſſenen Jugend, daß Amelie erſt nachher, da die erſte heftige Aeußerung des Gefühls vorüber war, die ſchreckliche Verheerung gewahren konnte, welche dieſe drei Monate an ihrem Gatten bewirkt hatten. .„Ich hätte es beinahe nicht länger ausgehalten!“ flüſterte er mit jenen Tönen, die einſt ihr Herz einge⸗ ſchläfert hatten.„O, ſage mir, haſt auch Du Dich zurückgeſehnt? war ich Dir noch Etwas?“ „Etwas? War mein Herz nicht immer bei Dir, Arne? bleibt es nicht immer bei Dir?“ „O, welche herrliche Kühlung weht mir aus dieſen Worten zu! Amelie, ich freue mich, daß Du gekommen biſt: nun wird Deine Liebe mich zurückhalten, bis Alles ſo gut geworden iſt, wie es hier werden kann.“ Bei dieſer Andeutung ſchlich ein tiefer Seufzer über Amelie's Lippen: ſie wußte ja, daß es nicht gut werden würde, ſparte dieſes jedoch für eine andere Gelegenheit auf und erkundigte ſich theilnehmend nach Will. „Du wirſt wohl ſehen! Die Trauer hat ihn ſo hart angegriffen, daß er einer feſten Hoffnung bedarf, und wir wollen auch nicht zaudern, ſie ihm zu geben: Roſa's Herz wird ſich ſeines Leidens gewiß erbarmen.“ Während die beiden Gatten ihre Herzensgefühle, ihre Blicke, ihre Thränen austauſchten, lag Roſa bald in Thekla's, bald in Hildur's Armen, bald waren alle drei Schweſtern zu einer einzigen Gruppe vereinigt. Darauf kam die Reihe an Thekla und Hildur, an dem Herzen der geliebten und liebenden Mutter zu ruhen, während Roſa von den Armen ihres Vaters umſchlun⸗ gen wurde. Doch wir übergehen die erſten Augenblicke, in denen man nur Zeit hat zu fühlen, nicht aber zu ahnen, welche Veränderung die Trennung einiger Monate auf beiden Seiten herbeigeführt haben kann; erſt ſpäterhin ſieht man ſich ſtufenweiſe mit ſteigender Verwunderung, Unruhe und Erſtaunen von ſo Vielem umgeben, das ganz unerwartet und fremd iſt. Wer dieſe Erfahrung hier zuerſt machte, das war „Ach,“ rief ſie aus,„wie freuten wir uns, wie herr⸗ lich war es, da wir zuerſt die alten Ruinen, die Vogel⸗ neſter, die Blumen, die Flaggenſtange und Alles erblich Will: fährte Juger ſchon Hauſ 1 einen Schn Jüng 6 Ohr er ſie Geda wiede rung liebe. ander das Holg einge der denn ſond große blieb an 2 order ein verm Herz ten!“ einge⸗ Dich er bei dieſen umen Alles über erden nheit n ſo darf, eben: nen.“ ühle, bald alle nigt. dem then, hlun⸗ denen nen, auf erhin eung, das war herr⸗ ogel⸗ Alles 167 erblickten!.... Aber, Herr Gott! wo iſt mein guter, lieber Will?“ fuhr ſie ungeduldig fort, weil ſie den Spielge⸗ fährten ihrer Kindheit, den ſtummen Vertrauten ihrer Jugend nicht ſchon begrüßt hatte. Warum iſt er nicht ſchon hier?— Doch er weiß gewiß nicht, daß wir zu Hauſe ſind!“ „Mein Kind!“ ſagte Holgerſen und nahm abſichtlich einen imponirenden Ton an,„Du wirſt gewiß mit großem Schmerze vernehmen, was Deine Abweſenheit den armen Jüngling gekoſtet hat, deſſen Leben ohne Dich nichts iſt!“ Doch der tiefere Sinn dieſer Worte glitt an Roſa's Ohr vorbei. Es war ihr ſo bekannt, daß Will ſie lieb hatte, daß er ſie vermißt hatte, und es konnte daher keinen andern Gedanken wecken, als den, daß ſie eilen müßte, ihn wieder zu ſehen, um ihm wie gewöhnlich die Verſiche⸗ rung zu ertheilen, daß„Roſa ihren guten Will noch ſehr iebe.“ Und nachdem ſie vernommen, daß er ſich an der andern Seite befand, eilte ſie ſogleich in jenes Zimmer, das neben der Schlafſtube ihrer Eltern lag, ehemals Holgerſen's eigenes Zimmer geweſen, nun aber für Will eingerichtet worden war. Der Vater folgte ihr zunächſt, Amelie, die Hände der lieben Tochter in den ihrigen, kam ein wenig ſpäter, denn Thekla wollte der Mutter zuvor in aller Eile Will's ſonderbaren Zuſtand mittheilen. Als Roſa eintrat und Will's Schemen in dem großen Lehnſtuhle liegen ſah, ſchrie ſie laut auf und blieb dann unbeweglich ſtehen. Es war nicht allein die unbeſchreibliche Theilnahme an Will's Leiden und das Erſtaunen über dieſe außer⸗ ordentliche Veränderung, was ſie ſo erſchütterte: es war ein Gedanke, eine Ahnung, die Niemand zu errathen vermochte— es war ein furchterlicher Blitz, der in ihr Herz ſchlug und daſſelbe beinahe zermalmte. Vor Roſa's Augen verſchwand Will. Nicht ihn ſah ſie länger: es war ihr Geliebter, ihr 168 Albin, im Tode verblichen! Ihm gehörte ja dieſe Stirn, dieſer Mund, dieſe Wimpern, dieſe feingebogene Naſe— ja dieſe ganze Geſtalt gehörte ihm an, nicht ſo, wie ſie von ihm ſchied, voller Lebenskraft, Liebe und Muth, ſon⸗ dern ſo, wie er vielleicht bald werden würde, wenn ent⸗ weder der Dolch verſchmähter Liebe ſeine Bruſt träfe, oder wenn die verrätheriſche Meerfrau ihn zu ſich herabzöge und ſein warmes Herzblut in ihren Armen erkalten ließe. Niemand zweifelte daran, daß der Schmerz über Will Roſa ſo ergriff. Holgerſen und Thekla bauten auf dieſe ſtarke Rüh⸗ rung große Hoffnungen. Amelie ſah nur eine ſchwache Hoffnung darin. Hildur dachte nur an das, was da war, denn ſie wußte nichts von dem Schickſale, das für Roſa beſtimmt war. Niemand wollte den erwarteten Eindruck dadurch ſtören, daß man Will auf die Ueberraſchung vorbereitete; doch Rolf, der hier, ohne es ſelbſt zu wiſſen, füͤr Alle handelte, Rolf kratzte und ſtieß ſeinen Herrn ſo lange an, bis dieſer zuletzt, wie man berechnet hatte, den müden Blick erheben mußte. Mit tiefer Theilnahme folgten Alle dieſem Blicke. Die Augenlider ſanken nicht augenblicklich ſchlaff nieder wie gewöhnlich; die„nebligen Spiegel“ nahmen allmälig einen Ausdruck an, der zur Klarheit zu kommen ſuchte; auf der Wange zeigte ſich eine ſchwache Röthe, in den Gliedern ein leiſes Zittern; das Leben arbeitete in ſeinen Quellen, und während dieſer Arbeit war der Blick gleichſam an Roſa feſtgewachſen. Jetzt wurde er plötzlich wie von einem mächtigen elektriſchen Schlage berührt. Er hatte vermuthlich geglaubt, zpaß er träume; ſo⸗ bald er jedoch zur Gewißheit erwachte, ſchleppte er ſich hin zu Roſa's Füßen, und umfaßte ulller ſtrömenden Thränen unter wunderlich ſchneidenden Ausrufungen— Freude, Qual, Verzweiflung und Entzücken wollten ſich darin ausdrücken, ohne daß ſie etwas Anderes als einen gränzenloſen Wirrwarr auszudrücken vermochten— die Stirn, taſe— vie ſie „ſon⸗ n ent⸗ , oder abzöͤge ließe. über Rüh⸗ wache as da as für durch eitete; Alle lange „ den gZlicke. chlaff hmen nmen köthe, veitete r der gtigen ; ſo⸗ ſich nden en— ſich einen — die 169 Hände und Füße des jungen Mädchens mit Liebkoſungen, wild und heftig wie die eines treuen Hundes bei dem Wiederſehen ſeines Herrn; und hätte man nicht ſeine Augen geſehen, in denen zwei ſcharfe Flammen brannten, ſo würde man geglaubt haben, daß auch er zufrieden ſeyn würde, wenn er dagegen die kleinen freundlichen Liebkoſungen erhielte, die man dieſen treueſten Freunden des Menſchen zu geben pflegt. Roſa erwachte aus den Gedanken, die für einige Augenblicke ihre Seele weit von Will hinweg geführt hatten, und ſah nun das ganze troſtloſe Elend, das ſich in ſeiner Geſtalt darſtellte; ſie folgte daher ihrem natür⸗ lichen Gefühl, bückte ſich und ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals— ſie hatte das liebliche Bedürfniß, ihre Thränen mit den ſeinigen zu miſchen. Kaum fühlte aber der Jüngling, wie ihr Athem über ſeine Wange, ihre Locken über ſeine Stirn wehten, ſo ertheilte die Heftigkeit der Leidenſchaft ſeinen ausge⸗ mergelten Gliedern Kraft und ſeinem Blute Leben; ſeine ſchwachen Arme, jetzt nicht länger ſchwach, rollten ſich wie Ketten um Roſa's ſchlanken Leib, ſeine Lippen wollten die ihrigen ſuchen, während der verzehrende Brand ſeiner Blicke ihr, welche nun die Bedeutung dieſer Blicke verſtehen gelernt hatte, die ganze ſchreckliche Wirklichkeit in Will’s Gefühlen kund gab. Mit einem Abſcheu, der ohne Worte war, ſich aber um ſo beſſer in Geberden ausdrückte, ſtieß ſie Will ſo heftig zurück, daß er vor dem Stuhle niederſank, und weder ſeine Thränen, noch ſein wildes Geheul— denn jetzt konnte man ſeine Töne mit nichts Anderem vergleichen— noch ſeinegusgeſtrerkten Hände vermochten auf Roſa's ſonſt ſo ſanftensſichte in Gefühl des Mitleids hervorzulocken. Sie ſtän ſtumm da mit erröthendem Antlitz, ihr Buſen bewegte ſich heftig. Wenn Will die Erlaubniß hatte, ſie in Gegenwart ihrer Eltern zu beleidigen, o, da lag auch noch etwas Schreckliches darunter verborgen; und hatte ſie mit ſeli⸗ gem Entzücken in den Augen des Geliebten die Sprache der Liebe geleſen, ſo empfand ſie jetzt einen ſo unüber⸗ windlichen Widerwillen, dieſelbe in Will's Augen zu leſen, daß ihre früheren freundlichen Gefühle gegen ihn ſich beinahe in Haß umwandelten. Niemand durfte ſie lieben, als nur der Eine!... Aber ach, mein Gott, mein Gott!— eine plötzliche Todesqual berührte ihr Herz— wenn es Will, der ſtumme Will wäre, für den ſie ihre Treue bewahren ſollte! Roſa war nahe daran, zu Boden zu ſinken. Die tiefe Stille, die auf dieſer Seene geruht hatte, wurde jetzt von Holgerſen gebrochen, der Amelie auf die Seite zog. „Was bedeutet das? Warum verſteht ſie jetzt?— woher hat ſie dieſe Kenntniß? Sie wird doch wohl nicht Jemand kennen gelernt haben, der.... 1 „Um Gotteswillen beruhige Dich, mein Freund! Du wirſt doch wohl nicht unſer erſtes Wiederſehen dadurch verbittern wollen, daß Du einen Gegenſtand be⸗ rührſt, den wir am beſten unter vier Augen verhandeln 2“ Inzwiſchen war Thekla zu Will geeilt. Sie war es, die ihm eine Stütze in dem Ruheſtuhl wieder gab, die ſein mattes Haupt an ihrer Bruſt ruhen ließ und mit einem Blick voll tiefen Vorwurfs zu Roſa ſagte:„Behandelſt Du ſo den, der Dir mehr gegeben hat, als ſein Leben? Seine ganze Seele, ſeine ganze Denkkraft gehört Dir, und er wird jetzt ohne Zweifel vor Schmerz ſterben über Deine Kälte!“ „Meine Kälte?“ wiederholte Roſa und ſah Thekla an mit einem Blick, aus welchem alle Abhängigkeit, die ſonſt immer in dem Blicke gelegen hatte, mit dem ſie einen Vorwurf von Thekla erwiederte, gänzlich ver⸗ ſchwunden war— denn damals meinte ja Roſa, daß Thekla Alles ſo gut verſtände und ihr an Verſtand ſo überlegen wäre, daß es ja unmöglich anders ſein konnte, als daß Alles Recht war, was Thekla ſagte. Bei den beiden Worten Roſa's, welche ſie mit Er⸗ ſtaunen und deutlichem Verdruß ausſprach, begegneten ſich Thekla's und Hildur's Augen zum zweiten Male. Sie ſtau von grof wor ſtim Unt antt Iſt weſe wele Ver Gef zu w verſt ließ wie nun doch begr wuͤr ſagt „Ni ganze weifel onnte, it Er⸗ gneten Male. 171 Sie waren ſich zuerſt mit dem Ausdrucke tiefen Er⸗ ſtaunens begegnet, da Roſa den Will ſo ſchonungslos von ſich ſtieß, und nun ſagten dieſe Augen zu einander: große Dinge müſſen vorgegangen ſein, da Roſa ſo ge⸗ worden iſt, daß ſie aus dieſem Tone mit dieſer Be⸗ ſtimmtheit redet! Aber Alles ging ſo geſchwind, daß kaum eine Unterbrechung eingetreten zu ſein ſchien, als Thekla antwortete: „Warum nehmen dieſe Worte Dich ſo ſehr Wunder? Iſt Dir die kurze Zeit von wenigen Monaten genug ge⸗ weſen, das unbeſchreibliche Verhältniß zu vergeſſen, in welchem Du Jahrelang zu Will geſtanden, und welches Verhältniß Du ſelbſt aufgemuntert haſt?“ „Wenn ich,“ entgegnete Roſa,„wie Du ſagſt, Will's Gefühle aufgemuntert habe, ſo geſchah ſolches, wie leicht zu verſtehen war, aus kindiſchem Unverſtande, der nicht verſtand, was er that. Doch Du, die mich immer wiſſen ließ, wenn ich unrecht handelte, warum machteſt Du denn hierüber keine Anmerkung? Oder biſt Du ebenſo blind geweſen wie ich? Biſt Du es vielleicht auch jetzt noch? Siehſt Du nicht, daß Will's Gefühle von der Art ſind, welche ich nicht leiden kann, nun da ich ſie verſtehe?“ Holgerſen ſtand mit weit aufgeſperrten Augen da. „Amelie, Amelie!“ Mehr konnte er nicht ſagen. „Du haſt Dich ſehr verändert!“ ſagte Thekla, und ihre Stimme verrieth eine Bewegung, die für Hildur und Roſa unbegreiflich war, nicht aber für den Vater und die Mutter, welche wußten, daß Thekla ebenſo ſehr wie der unglückliche Verbrecher ſelbſt auf dieſe Verſöh⸗ nung ihre Hoffnungen gebaut hatte. „Ja, ich geſtehe, daß ich mich verändert habe, Thekla; doch wirſt Du eine ſolche Veränderung wohl nicht un⸗ begreiflich nennen wollen— oder haſt Du geglaubt, ich wuͤrde immerwährend ein Kind bleiben?“ Indem Roſa ſo ſagte, nahm ſie Hildur's Arm und ſagte mit einem bittenden Blick auf ihre Mutter: „Nicht wahr, liebe Mutter! ich darf ja gehen?“ „Ja, wenn Du dazu im Stande biſt!“ antwortete Amelie, indem ſie ihren Blick auf Will heftete, der gleich einem Wahnſinnigen da ſaß und bald die Einen, bald die Andern anſtarrte. „Kein Menſch glaube, daß ich nicht für Will leide—“ Roſa konnte ſich eines leichten Zitterns nicht erwehren, da ſie den unglücklichen Jüngling betrachtete—„ja, ich leide für ihn mehr als Jemand, doch... welchen Troſt kann ich hier geben? Alles, was ich für ihn thun könnte, würde das Uebel nur vergrößern— nein, ich kann hier nicht bleiben!“ Sie eilte hinaus und zog Hildur mit ſich. „Das Schlimmſte, das ich ſtets gefürchtet habe, iſt alſo geſchehen!“ Holgerſen hatte nicht den Muth, ſeine Gattin mit einem Vorwurfe zu beleidigen, in ſeinen Augen aber las ſie deutlich die Worte:„Du ſiehſt nun ſelbſt, wie übel Du gehandelt haſt, da Du Dich meinem Wunſche widerſetzteſt, als er ſich noch ohne Schwierig⸗ keiten erfüllen ließ!“ „Nein, ſeht ſeinen Blick an!“ ſagte Thekla, und winkte Vater und Mutter näher heran. Während der langen Zeit, die ſie mit Will beſchäftigt geweſen war, hatte ſein Zuſtand und die verſchiedenen Grade zwiſchen Leben und Stumpffinn, die ſich darin offenbart hatten, ihr tiefſtes Intereſſe auf den Gang der Krankheit ſeiner Seele und ſeines Körpers gefeſſelt.„Seht, ob in dieſem Blick der geringſte Schimmer von Licht oder Anweſen⸗ heit der Seele liegt! Ach, wenn.... nein, ich wage gar nicht daran zu denken!“ „Ja, das fehlte nur noch!“ ſagte Holgerſen.„Ich muß es auch noch auf dem Gewiſſen haben, daß ich ihn um den Verſtand gebracht habe!“ O nein, nein!“ rief Amelie in einem Tone aus, FI der tröſten wollte, obgleich ſie ſich ſelbſt leider troſtloſer fühlte, als irgend Jemand.„Thekla irrt ſich, in dieſem Blick liegt nichts, das zu der Meinung berechtigen kann, daß, er nicht das Bewußtſein ſeines Schmerzes mehr hat!“ 3 wird und zwiſe Will Roſe wäre allen ſo ſt gen Stei tet, wenn lang wurd und ſeine geme habt warn Jetzt daß 1 noch men den verm Win hina Gebe ſchw Aug⸗ de, iſt ſeine einen nun einem ierig⸗ und d der war, iſchen atten, ſeiner ieſem beſen⸗ wage „Ich ch ihn aus, ſtloſer dieſem kann, mehr 173 „Ja, eines Schmerzes, der ihn wahnſinnig machen wird, wenn er es nicht ſchon iſt!“ entgegenete Holgerſen und trat mit der Vertraulichkeit, die in der letzten Zeit zwiſchen ihm und dem Jüngling eingetreten war, zu Will, dem er mit deutlichen Zeichen zu verſtehen gab, daß Roſa's Benehmen nur die Folge des heftigen Erſchreckens wäre, und daß ſie bald wieder wie früher ſein würde. Aber er mochte immerhin mit Augen und Zeichen allen Troſt ertheilen, den er finden konnte: Will ſaß ſo ſtumpfſinnig da, daß man deutlich ſah, alle Bemühun⸗ Pn ſeines Vormundes rührten ihn nicht mehr als einen tein. „Laß mich verſuchen!“ ſagte Amelie. Die arme Amelie hatte etwas ganz Anderes erwar⸗ tet, hatte eine Feier voll Frieden und Freude erwartet, wenigſtens an dem erſten Abende, da ſie nach einer ſo langen Abweſenheit wieder mit den Ihrigen vereinigt wurde. „Verſuche!“ ſagte Holgerſen und trat zurück. Jetzt nahm Amelie Will's Haupt in ihre Hände und drückte es an ihre Bruſt; ihre Thränen fielen auf ſeine Stirn, ihre freundlichen Hände liebkosten die ab⸗ gemagerten Wangen: er hatte ſie ja immer ſo lieb ge⸗ habt— doch nichts zeigte an, daß er Etwas von der warmen Theilnahme einer zärtlichen Mutter empfand. Jetzt erhob ſie von Neuem ſein Haupt und deutete ihm an, daß Roſa ſehr krank geweſen und daher ſo verändert wäre. Alles einerlei. Will war eine Maſchine, er war nichts, und nach noch einigen erneuten Verſuchen ſiel er plötzlich zuſam⸗ men wie ein Luftgebilde, das nur unter gewiſſen Stun⸗ den die irdiſche Hülle anziehen und dieſelbe zu tragen vermag, um bei einem gewiſſen Glockenſchlage, bei einem Wink von Ihm dort oben von Neuem in ſein Grab hinabzuſinken. Es war als hörte man das Raſſeln der Gebeine des Skelettes: die ergilbten Augenlider fielen ſchwer herab über dieſe Augen, die noch vor einem Augenblicke von dem mächtigen Feuer irdiſcher Liebe belebt geweſen waren; der Athem hielt inne— der Geiſt des Stummen ſchien ſchon dorthin entflohen zu ſein, wo auch die Stummen ihre Gefühle ausdrücken und eine Erwiederung derſelben finden können. Eine ſchreckenvolle Pauſe! Nur Rolf's traurige Klage, ſein Kratzen an den Füßen ſeines Herrn unterbrach dieſelbe. Vierzehntes Capitel. Der Ausſpruch eines Arztes. „Im Gegentheil!“ „Sagen Sie dieſes„Im Gegentheil“ aus wirklicher Ueberzeugung, und nicht bloß um mich zu beruhigen, Herr Doctor?“ fragte Amelie mit matter Suimme Sie war allein mit dem zu Hülfe gerufenen Arzte. „Alſo nehmen Sie ſehr ernſte Rückſicht auf die Bedeutung dieſes Wortes?“ „Ja, das weiß Gott! Ich weiß, daß die Aerzte bis⸗ weilen Hoffnung geben, wenn ſie ſelbſt ſehr wenig davon haben; doch hier”’— Amelie's Wangen bedeckten ſich mit einer feinen Röthe—„hier iſt es das Wichtigſte, die Wahrheit zu erfahren!“ „Nun wohl, ich will Ihnen dieſes im Gegen⸗ theil noch deutlicher erklären. Nach meiner Ueber⸗ zeugung wird trotz ſeiner Schwäche eben dieſe eingetretene Kriſe, anſtatt ihn zu tödten, dieſes Leben retten, das dem Erlöſchen ſo nahe zu ſein ſcheint, wenn nämlich die äußerſte Sorgfalt und Behutſamkeit angewendet wird.“ Es entſtand eine Pauſe von einigen Augenblicken. „Herr Doctor!“ „Madame!“ „Ich glaube, und es iſt nothwendig, ſehr aufrichtig zu ſein!“ eiſt in, ind den 175 Das glaube ich auch, und bei dieſer Gelegenheit wollen wir die Präludien überſpringen. Mir, der ich von dem Anfange ſeiner Krankheit an berufen war, die Aufſicht über ihn zu haben, iſt natürlicherweiſe die Urſache derſelben nicht verborgen geblieben, ſo daß ich faſt vorbereitet war, daß dasjenige, was nun eingetroffen iſt, theilweiſe geſchehen würde, ſobald der Gegenſtand ſeiner heftigen Leidenſchaft ſich wieder zeigte, aber ich war darauf nicht vorbereitet, daß die Kriſe ſo heftig werden würde.“. „Ach, ſie konnte nicht anders: er, der keiner Selbſt⸗ beherrſchung mächtig iſt, entdeckte, ohne es ſelbſt zu wiſſen, den ganzen Wahnſinn ſeiner Gefühle, die ſein Leben ſind, und...“ „Und ſie?“ „Sie ſah zum erſten Male die rechte Art dieſer Ge⸗ fühle ein und ſtieß ihn mit Abſcheu von ſich hinweg.“ „Ich verſtehe!“ „Nun, Herr Doctor, was iſt jetzt zu thun?“ „Das beruht ganz auf der Wichtigkeit, die man dem Leben des armen Weſens beilegt. Ich weiß, daß er eine beſtimmte Hoffnung gehabt hat, ſeine bis jetzt zum Wahnſinn verirrte Liebe mit dem höchſten Glücke gekrönt zu ſehen: ich meine den Beſitz Derjenigen, nach deren Beſitz er ſtrebt.“ „Mein Mann hat Ihnen alſo geſagt... 2“ „Ja, er hat es mir anvertraut, daß er dem Jüng⸗ ling dieſen ſeinen, ich wage zu ſagen, edlen, wenn auch nicht klugen Entſchluß mitgetheilt hat; denn klug iſt er nicht, da er für die Bereitwilligkeit ſeiner Tochter keine beſſere Bürgſchaft beſaß, als ſeinen eigenen Willen und das geſchwiſterliche Wohlwollen, das ſie ihrem ſtummen Liebhaber gezeigt hat.“ Würde alſo, nach Ihrem Dafürhalten, Will's un⸗ glückliche Liebe nicht dieſe ſchreckliche Höhe erreicht haben, wenn er keine Hoffnung gehabt hätte?“ „Gewiß hätte ſie eben dieſe Höhe erreichen können, —y— doch würden die Wirkungen verſchieden geweſen ſein: er hätte ja nie verlieren können, was er nie beſeſſen, ſich nie geträumt hätte. Nun aber denken wir uns, wenn es uns möglich iſt, ein Weſen, deſſen ganzes ſich ſelbſt vielleicht unbegriffenes Daſein in einem einzigen Gedanken concentrirt iſt, ein Weſen, deſſen phyfiſches und geiſtiges Leben, vereinigt durch die zarteſten Bande, auf der Erfüllung dieſes raſtloſen Gedankens beruht — denken wir ihn uns iſolirt von Allem, allein in ſeinem eigenen Innern ſtets die Glückſeligkeit ſuchend, weil das Verlangen nach derſelben das Einzige iſt, wel⸗ ches er klar einſieht, denken wir ihn uns getäuſcht, be⸗ trogen in ſeiner einzigen Hoffnung, in ſeinem ein⸗ zigen belebenden Gedanken... und er muß ſterben, weil die ganze Lebenskraft in dieſem Gedanken lag.“ „O mein Gott, Herr Doctor— das war ein fürch⸗ terliches Vertrauen!“ „Das iſt es in der That, und wenn es Sie bedün⸗ ken ſollte, daß ich hier die Grenze der Freiheit eines Arztes überſchreite, ſo ſchieben Sie nicht mir die Schuld davon zu, ſondern dem höchſt ungewöhnlichen und delika⸗ ten Falle, mit welchem wir zu thun haben. Die Krank⸗ heit des armen Taubſtummen kann nicht als eine bloße körperliche Krankheit behandelt werden, weil ſie ihre Wurzel in ſeinem innern Leben hat.“ Und wenn es denkbar wäre, daß Roſa ſich über⸗ reden ließe, dem grauſamen Befehl zu gehorchen, oder wenn ſie,“ beeilte ſich Amelie, hinzuzuſetzen,„aus Mit⸗ keiden dem Jugendfreunde ihr Leben opfern wollte, ann... „... Dann würde er wieder ein Menſch werden, der Lebensgeiſt von Neuem in das erſtarrte Blut drin⸗ gen— mit einem Worte: er würde gerettet ſein.“ „Beehoſe ich nichs c hab „Weiter habe ich nichts zu ſagen: ich habe geſagt, was meine Pflicht heiſchte, was Sie forderten— welche Intereſſen hier die tiefſten ſind, das zu beurtheilen oder guch nur zu ahnen, liegt ganz außer meiner Sphäre.“ tete c wiede als n daß, ſpräck lückl amm Veran beſiegt Gewiſ ſchreck T nichts ſich ei allen mißver daß ie wenn redung „. rung I felbſ würdern ganz Der 177 „Wahrlich, eine fürchterliche Wahl!“ Amelie betrach⸗ tete angſtvoll den Arzt, deſſen Züge ihre ganze Feſtigkeit wieder angenommen hatten— jetzt war er weiter nichts, als nur Arzt. „Das gebe ich zu und kann nur noch ſagen, daß, wie es auch ausfallen mag, der Inhalt dieſes Ge⸗ ſpräches das tiefſte Geheimniß bleibt, mag ſich dem un⸗ lücklichen Jünglinge das Grab öffnen oder die Braut⸗ ammer.“ 1 „Noch ein Wort, Herr Doctor, ein einziges nur, auf Gewiſſen!“ „Nein, Madame! Rath kann ich nicht geben, und als Arzt habe ich, auf Gewiſſen, kein Wort weiter zu ſagen!“ 3„Ich will auch keinen Rath verlangen, ſondern nur eine Frage beantwortet haben, die ich Ihnen als Men⸗ ſchen vorlege!“ „Nun?“ „Herr Doctor!“ würden Sie es für... für...“ Amelie hatte nicht den Muth fortzufahren: die Verantwortlichkeit, welche ſie vor einigen Augenblicken, beſiegt von der tiefen Kraft der Mutterliebe, auf ihr Gewiſſen zu legen beabſichtigte, war ſo unermeßlich, ſo ſchrecklich groß. Der Doctor betrachtete ſie mit einem Blicke, in dem nichts Anderes als ein Fragezeichen zu leſen war. „Ich bin Mutter,“ fuhr Amelie fort, nachdem ſie ſich ein wenig erholt hatte,„und dieſer heiligſte von allen Titeln auf Erden überzeugt mich, daß jch nicht mißverſtanden werde, wenn ich frage, ob Sie meinen, daß ich eine große Schuld auf mich lade, wenn... wenn ich meinem Manne kein. Wort von unſerer Unter⸗ redung mittheile?“ „Gute Frau Mörk! Da Sie hierüber meine Aeuße⸗ rung begehren, ſo iſt meine Meinung die, daß Sie ſich ſelbſt für die Zukunft einen nagenden Schmerz ſchaffen würden. Es iſt ja wenigſtens möglich, daß ſie, die ganz allein den Will zu retten vermag, es auch thun Der Jungferthurm. IV. 12 wird, und thut ſie es nicht, ſo iſt doch wenigſtens die Pflicht derjenigen erfüllt, welche ihm die Hoffnung ein⸗ geflößt haben, deren Opfer er wird.“ „Dank für dieſe offenherzige Antwort! Ich hätte wohl auch nicht anders gehandelt.“ „Und wenn er,“ fuhr der Arzt fort,„morgen aus dem Schlafe erwacht, in welchen er jetzt gefallen iſt, ſo darf er Niemand anders ſehen, als diejenige, welche ihn ſo lange mit Zärtlichkeit gepflegt hat: ich meine die Mamſell Thekla, ſofern nämlich nicht bis dahin ein für ihn günſtiger Entſchluß gefaßt iſt.“ „In dieſem Falle ſollte alſo Roſa...“ „... neben ſeinem Bette ſitzen— ja, das würde Peiß wohlthätig auf ihn einwirken. Doch keine andere Erklärungen, als die der Blick und das Weſen ertheilen können: das wird er begreifen können, und das ſei ſeine Arznei, denn da wird der Wille, zu leben, wieder erwachen!“ Linzß⸗ Minuten ſpäter war der Arzt verſchwunden, doch in Amelie's Bruſt lag eine ganze Welt von Kum⸗ mer.„Mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte ſie,„zu welchen Sorgen bin ich heimgekommen!“ Das vorhergehende Geſpräch war in Amelie's eige⸗ nem Zimmer gefuͤhrt worden, welches durch das Schlaf⸗ gemach von demjenigen getrennt war, worin Will auf das Bett gelegt worden war, von welchem er ſich vielleicht nicht wieder erheben ſollte. Einige Minuten waren verfloſſen: da vernahm die geängſtigte Frau die Schritte ihres Gatten. Sie waff⸗ nete ſich mit ihrem ganzen Muthe, mit ihrer ganzen Stärke— Beides war hier erforderlich, da es ihr oblag, ihm nicht allein den Ausſpruch des Arztes mitzutheilen, ſondern auch den großen Widerſtand, den ſein Plan durch Roſa's Liebe zu dem erhalten hatte, welchen der zitternde Verbrecher mehr fürchtete, als irgend ein anderes menſchliches Weſen auf Erden. und Dich word mich hält und mein Verſt mein habe ihm ſeine wußte freuer Hülfe men leute ehrlich mit e Biſt iſt, u endlich herzig Ordni der I nicht, 7 Holgen tens die ng ein⸗ h hätte gen aus llen iſt, welche beine die hin ein 3 würde e andere rtheilen ſei ſeine achen!“ wunden, n Kum⸗ welchen e's eige⸗ Schlaf⸗ Vill auf wielleicht ahm die ie waff⸗ ganzen r oblag, atheilen, n Plan chen der anderes 179 Holgerſen trat ein. 423. Ohne zu reden ſchloß er Amelie in ſeine Arme, und ſie war dankbar für dieſen kurzen Aufſchub. „O. Du geliebtes, ewig geliebtes Weib! hätte ich Dich nicht zuruckerhalten, was wäre wohl aus mir ge⸗ worden! Was frage ich nach Gold— was kümmert es mich, wenn es heißt: der reiche Großhändler Mörk er⸗ hält ein großes Erbtheil?... Ich frage nur nach Dir und nach dem großen Werke der Verſöhnung— ich meine damit nicht allein Will's Glück: ich meine alle Verſöhnung.“ „Gott ſei gelobt, daß Du ſie noch weiter ausdehnſt, mein Arne: es iſt mir angenehm, das zu hören!“ „Ich dehne ſie ſo weit aus, wie ich reichen kann. Ich habe den Olaus Erlandsſon in eine Lage verſetzt, die ihm nicht im Traume einfallen konnte: er hat jetzt ſeine eigene, für mein Geld angekaufte Schute— ich wußte, daß dieſe Neuigkeit Dich bei Deiner Rückkehr freuen würde.“ „Mehr als ich mit Worten ausdrücken kann!“ „Und Viele, die gar nicht wiſſen, von woher die Hülfe kommt, habe ich unterſtützt: ich habe große Sum⸗ men an Abgebrannte, an Wittwen verunglückter See⸗ leute nach verſchiedenen Küſten geſchickt, ich habe einem ehrlichen Kaufmanne wieder auf die Beine geholfen— mit einem Worte: ich habe beigeſtanden, wo ich konnte. Biſt Du zufrieden, und glaubſt Du, daß dieſes genug iſt, um ein wenig von der großen Schuld abzuziehen?“ „Glaubte ich das nicht, ſo wüßte ich nicht, wie un⸗ endlich die Gnade des Herrn iſt: er wird gewiß barm⸗ herzig gegen Dich ſein.“ „Er wird es, wenn wir nur das Wichtigſte in Ordnung bringen können. Gott ſei Lob und Dank! der Junge ſchläft jetzt ruhig— der Doctor ſagte wohl nicht, daß es Gefahr hätte? „Er gab Hoffnung.“ „Wäre er in jenem Augenblicke geſtorben,“ fuhr Holgerſen mit einer Stimme fort, welche noch 4 Schrecken zitterte,„ſo wäre ich in meinen vorigen verzweifelten Zuſtand zurück verſunken.“ „Wenn es nun aber Gottes Willen geweſen wäre?“ fiel Amelie forſchend ein. „Da,“— er verbarg das Geſicht in ſeinen Händen— „da wäre mein Urtheil geſprochen geweſen! Was hätte ich hoffen können, wenn Will dahingegangen wäre, ohne daß ich im Stande geweſen wäre, mein Wort zu löſen?“ Amelie empfand gleichſam einen Krampf im Herzen; ſie wußte kaum, womit ſie beginnen ſollte. Bald aber erhielt ſie einen Leitfaden dazu. „Ich wollte ungerne,“ fuhr er fort,„Dich betrüben, denn Du biſt ja meine ganze armſelige Freude auf Erden— aber... ich fürchte, Du handelteſt nicht ſo klug, wie Du zu handeln pflegſt, als Du mir im vorigen Jahre es abſchlugſt, Roſa meinen unwiderruflichen Entſchluß mitzutheilen. Ich weiß nicht, ob nur die Unruhe mich ſo ängſtlich macht, gewiß aber kam es mir ſo vor, als ob ſie nicht aus bloßem Inſtinkt dem Bejammernswürdigen einen ſolchen Abſcheu gezeigt haben önnte.“ „Ich fürchte, Arne, Du haſt in dem Einen ſo ſehr Recht, wie in dem Andern; wenn Du mich aber noch ſo liebſt, wie ſonſt, ſo haſt Du nicht das Herz dazu, mir Vorwürfe zu machen. Ich ſelbſt habe es mehr denn einmal bereut, daß ich nicht Deinem Willen ſogleich nachgab,“ „Amelie!“— er ſah ſie ohne Vorwürfe an, aber mit einem Schmerz, der grenzenlos genannt werden konnte—„Du haſt alſo nicht ſo über ſie gewacht, wie Du verſprachſt?“ „Ja, ich habe ſo gewacht, daß vielleicht eben meine Vorſichtigkeit mehr als alles Andere geſchadet hat; doch das Schickſal arbeitete mir entgegen. Ich war fertig und wartete auf die erſte die beſte paſſende Gelegenheit, nach Schweden herüber zu kommen: da ließ der Conſul ſagen, daß ein großes, prächtig eingerichtetes Schiff eben ang bere den zu o vern daß Gef Zuſe Aber daß ich: als wirſt chenl Albit erreit ..( ſchien und nicht Man keine. wohl ſie ſt ¹ Weig unnu Treue daß 181 angekommen wäre, und daß ich mich auf den Abend bereit halten möchte. Und erſt am Abende erfuhr ich den Namen des Capitains, als es zu ſpät war, etwas zu ändern— überdieß: wie konnte ich wohl das Aergſte vermuthen?“ Amelie ging in ihrer Aufrichtigkeit nicht ſo weit, daß ſie ihrem Gatten die halbe Kenntniß von dieſer Gefahr verrieth, welche ſie ſchon durch Will über das Zuſammentreffen bei der Kreuzweide erhalten hatte. „Wer war denn der Capitain?“ „O Arne, erſchrecke mich nun nicht gleich am erſten Abende mit einem Ausbruch Deiner Wildheit! Ich weiß, daß Du ſehr aufgeregt werden wirſt; doch glaube mir, ich wollte lieber begraben liegen in der Tiefe des Meeres, anain dieſem Augenblicke leben, wenn Du mir böſe wirſt!“ „Fürchte das nicht— ſprich nur!“ „Capitain Stangerling!“ Holgerſen bebte zurück— ſein Geſicht wurde lei— chenblaß. „Ach ſo!“ ſagte er endlich langſam,„Capitain Albin Jentzel⸗Stangerling ſollte mich zuletzt dennoch erreichen! das war ein teufliſches Spiel des Schickſals d aber“— er erhob ſich und eine friſche Manneskraft ſchien in ſeinen Adern zu wachſen und ſeinen Gliedern und der ganzen Geſtalt Stärke zu geben—„noch iſt nicht Alles verloren, noch bin ich Arne Holgerſen, ein Mann, der da weiß, was er will, und der ſich von keinem Kinde zum Beſten haben läßt!... Sie vergaß wohl nicht, was ſie verſprochen hatte?“ „Nein, daran dachte ſie wohl, aber leider erinnerte ſie ſich ihres Verſprechens nur dem Buchſtaben nach.“ „Was meinſt Du?“ „Als ich ihm in Deinem Namen eine beſtimmte Weigerung gab, ſo beſtimmt, daß alle weitere Mühe unnütz war, da verſprach ſie ihm, daß ſie niemals die Treue brechen wollte, welche ſie ihm geſchworen— und daß ſie dieſes in meiner Gegenwart wagte, beweist uns, daß ſie wahrſcheinlich a Andern anzugeht „Und er— was ſag „.. Daß wir i „Gut, daß wir allzu aufgeregt, als will weder Dir noch die Liebe kommt und ſch ſeinem Schickſale zu wid ommt es auf den an, der am S genſtand ſeiner Liebe erh und auch ich h Will denken?“ „Nicht durch mich, Ankunft eine Ahnu „Schadet nichts— Voraus zu bedenken... will Ruhe ſuchen zur Klarheit kom Amelie, welche in der einen So lles Andere lieber wäh cht ihr Geliebter iſt.“ hn im Herbſte hier erwarten könnten.“ ſeiner bis dahin los ſind! ich jetzt etwas ſagen ka einen Vorwurf machen. Wenn da iſt, ſo vermag kein erſtehen; hernach aber rruder ſitzt— lieben alten, ſind zwei ganz will ich ihr ſchenken, g— hernach will ich mit l noch nicht, daß wir an aber ich glaube, ſie erhielt bei ng, die ihr Alles ſagte.“ ſie hat alſo Zeit, ſich ſchon im etzt laſſen wir das Alles: ich „und an Deiner Bruſt meinen K phaecke ſaß, ließ ihn r wünſchte— hatte g zu ſammeln, Ach, wenn es einige Tage unter eßen können!... auch ſie es nöth ehe ſte ihm den letz möglich geweſen wäre, einem Schein von Frie n Schlag gab? daß wenigſtens den hätten verfli — Urtheile nun, erfaſſe, um Will „er ſoll belohnt glaubſt Du, Arne, was ich, der ich di gelitten habe und i werden: ſie iſt doch auch nicht ganz oh ſie nicht— aber blaſſen können?“ ich hätte von Dir a „Nein, da hätteſt Du es au ein Kind: Liebe und Liebe uns geſagt, glaube ich a ch gethan; ſie aber iſt ſind verſchieden— und, unter uch kaum, daß wir Dumm⸗ heite ein f hatte gewi mühr ſich! räun ewif Einn daß gab! gegeb „ſond auf i gegeb das hören mit 4 und ſo flü verſte daß k konnt Gewi und i füllun 1 Verlo n wird, ker iſt.“ unten.“ ſch bin n, und Wenn g kein h aber lieben i ganz henken, ch mit dir an At bei on im ¹: ich Kopf ß ihn hatte meln, n es unter nun, Will bohnt Irne, r iſt nter um⸗ 183 heiten von dem Capitain zu befürchten haben: er ſchien ein ſo durch und durch ehrlicher Mann zu ſein, und hatte ſo übertriebene Begriffe von Ehre, daß es ihm gewiß nicht einfallen wird, ſich viel und lange zu be⸗ mühen, wenn er ein neues Nein bekommt. Er fühlte ſich doch wohl, ſchon von dem erſten ſehr beleidigt?“ „Das that er wohl, daß er jedoch ſo leicht das Feld räumt, das iſt nicht ſo ſicher.“ „Mag er thun, was ihm beliebt: mit ihm habe ich ewiß kein Mitleiden, wenn wir nur das Mädchen zur Einwilligung vermögen... Ach, welche göttliche Gnade, daß der Doctor ſichere Hoffnung über Will's Aufkommen a 1* „Ich habe nicht geſagt, daß er ſichere Hoffnung gegeben hat,“ entgegnete Amelie mit geſenkter Stimme, „ſondern nur, daß er Hoffnung gab!“ Holgerſen fuhr zuſammen.„Haſt Du mich denn auf irgend eine Art getäuſcht?“ „Nein, Arne; aber Du haſt mir noch keine Zeit gegeben, mich näher zu erklären: was der Doctor ſagte, das war ſehr viel!“ „Aha, viel— das iſt kein gutes Wort! doch laß hören!“ Amelie theilte ihm den Inhalt ihres Geſpräches mit dem Doctor mit. Während deſſen ſaß Holgerſen ganz unbeweglich und ſtarrte ſeine Gattin an; als ſie nun aber ſchwieg, ſo flüſterte er mit einer Stimme, welche ſie allzu gut verſtand— es war jene Stimme, von welcher ſie wußte, daß keine menſchliche Macht dagegen etwas ausrichten konnte:—„Er ſoll nicht hinein, in das Grab, Amelie! .. Hörſt Du! ich will nicht noch einen Mord auf mein Gewiſſen legen! Ich habe ihm die Hoffnung ertheilt, und ich will auch zeigen, daß dieſe Hoffnung in Er⸗ füllung gehen ſoll!“ „Und morgen, wenn er erwacht?“ ſtotterte Amelie. „.. Da 6t die Braut an ſeinem Bette, und die Verlobung wird keinen Augenblick länger geheim gehalten!“ 184 „Wie aber wollen wir ihren Widerſtand beſiegen? Wer ſoll zuerſt verſuchen, Du oder ich?“ „Mache Du den Anfang! Kann Allles in der Stille abgemacht werden, ſo iſt noch keine Tochter ſo geſegnet worden, wie ich ſie ſegnen werde; ſpukt aber mein wil⸗ des Blut auch in ihr, kann ſie darauf eingehen, ihn ſterben zu laſſen, in der wahnſinnigen Hoffnung, daß ſie den Andern erhalten wird, da will ich in dieſer Nacht, wenn im Hauſe Alles ruhig und ſtill iſt, mit ihr unter vier Augen reden. Beginne aber ſo früh wie möglich— und erlaube, daß ich Dir nur noch eine Sache an's Herz lege: täuſche Dich nicht ſelbſt mit einer ſo ge⸗ fährlichen und ſündigen Einbildung, daß ich Jentzel's Sohn ſollte ins Grab ſinken laſſen, da ich ihn retten konnte, ich, der ich nichts hätte, was ſich der Mühe ver⸗ lohnte, gegen meine Sünden in die Wagſchagle zu legen, wenn dieſe Handlung nicht in Erfüllung ginge. Nein, wenn Du dieß bedenkſt, ſo kannſt Du Dich nicht ſelbſt täuſchen, und wenn Du nur recht klar auffaſſeſt, was Du auszurichten haſt, ſo wirſt Du es gewiß auch durch⸗ ſetzen können!“ „Ich faſſe und kenne die volle Wichtigkeit dieſer Stunde, zweifle nicht daran— doch wirſt Du mir wohl ſagen, was Du mit ihr zu machen denkſt, wenn wir nichts über ſie vermögen?“ „Frage mich nicht! das erfährſt Du früh genug!“ „Arne! Du redeſt mit einer Sicherheit, die mich in Schrecken ſetzt und mein tiefſtes Entſetzen weckt: Du haſt Dich alſo ſchon jetzt zu etwas entſchloſſen?“. „Ja, ich bin entſchloſſen: was ich da zu thun habe, das kann nur Eins ſein!“ „Du mußt es mir ſagen— Du kannſt nicht ver⸗ langen, daß ich eher von der Stelle gehe!“— „Wohlan denn!... Nein, Du darfſt nichts wiſſen ch Gott ſei mit Dir und mit Deinem Gange!— J h gehe inzwiſchen wieder zu Will!“ Amelie hatte nicht den Muth, länger eigenſinnig zu ſein; ſie war erſchrockener und verwirrter über die uner wen! hätte doch bei über ob ſtß das Roſe Letzte gleic Roſe ihren für Stär hinü uͤber: ſchein zuſar dank Will laſſer ſelbſt wund unerwartete Ruhe, mit welcher ihr Gatte handelte, als wenn er in ſeinem ganzen früheren Wahnſinne getobt ätte.. 5 Ohne weiter ein Wort zu wechſeln, trennten ſie ſich; doch der gegenſeitige harte Händedruck ſagte ihnen, daß bei ihrem Wiederſehen vielleicht in mehr als einem Falle über Leben oder Tod beſtimmt werden würde. Nachdem Amelie einige Augenblicke überlegt hatte, ob ſie Roſa zu ſich kommen laſſen oder ob ſie ſelbſt in das Zimmer der Mädchen ſich begeben ſollte, woſelbſt Noſs jetzt bei Hildur war, entſchloß ſie ſich zu dem etztern. 8 Das Erſtere konnte durch die Wichtigkeit, welche gleich von vorne herein darauf gelegt zu ſein ſchien, Roſa Zeit geben, ihr Herz im Voraus zu ſtählen und ihren Entſchluß zu beſtimmen. Nach einem kurzen aber warmen Gebete nicht nur für einen guten Ausgang, ſondern auch für Roſa's Stärke zur Entſagung, ſtand Amelie auf und begab ſich hinüber auf die andere Seite. Fünfzehntes Capitel. Das Grab oder das Brautgemach. Auf dem kleinen Sopha mit dem ſchwarzen Sarſch⸗ uͤberzuge, auf dem die ganze wilde Jagd durch die faden⸗ ſcheinigen Wolken ſchwebte, ſaßen die beiden Schweſtern zuſammengekauert und tauſchten vertraulich ihre Ge⸗ danken aus. Sie wußten gar nichts von Demjenigen, was in ſill's Zimmer vorgefallen war, ſeitdem ſie daſſelbe ver⸗ laſſen hatten, denn Niemand hatte ſie geſtört, und ſie ſelbſt waren allzu ſehr beſchäftigt, als daß ſie ſich hätten wundern können, daß die Zeit fortſchritt. Sie glaubten nur eine Stunde geplaudert zu haben, und dennoch war es nun beinahe Abend— alſo etwa drei Stunden lang hatten ſie keine Notiz genommen von Allem, was ſich außer ihrer Welt, die jetzt aus dem Sopha und ihnen ſelbſt beſtand, zutrug. Dieſes aber iſt ſehr leicht erklärt. Roſa erzählte den ganzen Roman auf dem See⸗ fräulein von Anfang bis zu Ende, ein Zaubermärchen, das Hildur bald ein Lächeln, bald einen Ausruf, Ab⸗ ſcheu, Beſtürzung und Thränen entlockte; ſie lebte in dem Grade mit, daß ſie ihrem eigenen Geſtändniſſe zufolge vor Neid vergehen konnte, weil keine ſolche großen Abenteuer auf ihr Loos gefallen waren. Sie war bis zum Wahnſinne entzückt in die ama⸗ zonengleiche Rächerin, ſie bewunderte und vergötterte Albin's Stärke, welcher dalag mit dem Dolche auf der Bruſt, und dennoch nicht ſeiner Liebe abſchwur; aber ſie hätte die Hälfte ihres Lebens hingeben wollen, wenn ſie mit Roſa hätte tauſchen können, da dieſe, nachdem der Schlag auf die Tigerkatze gefallen war, mit der er⸗ hobenen Waffe in der Hand. auf dem Sandhaufen ſtand und von dem Geliebten als Heldin und Befreierin mit Jubel begrüßt wurde. „O mein Gott, muß ich nicht vor Aerger und Be⸗ trübniß vergehen, wenn ich Dein unerhörtes, vielfarbiges Glück mit dem meinigen vergleiche: ich habe mich wohl tauſendmal ſatt gegähnt— dieſes bunte Gemälde Dei⸗ ner erſten Liebesepiſode und die langweilige Windſtille, der mein Leben geweiht iſt!“ „Wie, Hildur! ſteht es ſo ſchlecht mit Deinen Hoff⸗ nungen?“ „Schlecht?“ „Liebe Hildur!“ „Du haſt ſehr matte Ausdrücke, Roſa, wenn Du von mir redeſt!“ „Ach mein Gott! iſt es denn noch ſchlimmer als ſchlecht?“ Hildur nickte. der fürch frei darat das glück wäre ſerer als daß die g nicht mich vor2 ſolche einat ) war lang ſich ihnen See⸗ rchen, Ab⸗ te in niſſe olche ama⸗ tterte der aber venn dem -er⸗ tand mit Be⸗ iges vohl Dei⸗ ille, als „Schrecklich?“ „Schlimmer!“ „Weiter wage ich aber nicht zu gehen.“ „Ich citire die Worte des Conſtabels, da Du in der Nacht auf das Verdeck gehen wollteſt und Dich fürchteteſt, Deinem Liebhaber zu begegnen:„Gehen Sie frei darauf los, Mamſell Roſa!“— ja, geh Du frei darauf los, denn Du findeſt doch nimmermehr ein Wort, das der Wirklichkeit entſpricht!“. „Ach Hildur!“ „Kein Bedauern, Roſa! Wäreſt Du ebenfalls un⸗ glücklich, da wollten wir um die Wette klagen, nun aber wäre es allzu ungleich!“ „Sage mir aber dennoch Etwas!“ „Ich möchte mich unter der Erde verbergen!“ „Es iſt alſo eine große Veränderung während un⸗ ſerer Abweſenheit eingetreten?“ „Ja!“ „Eine ſehr große?“ „Eine unermeßlich große!“ „Ach, wie gerne möchte ich ſie wiſſen!“ Hildur ſah ganz unbeweglich aus. „Wenigſtens kannſt Du mir doch wohl ſo viel ſagen, als Thekla betrifft— iſt es denn noch immer beſtimmt, daß ſie und Victor im Herbſt ihre Hochzeit feiern ſollen?“ „Es iſt beſtimmt!“ „Und Deine Hochzeit mit Karl?“ „Soll ebenfalls im Herbſte gefeiert werden!“ „Da ſehe ich ja aber gar keine Veränderung „Kann es denn nicht viele Veränderungen geben, die gar nicht zu ſehen ſind?“ „Ja, das iſt wohl wahr— doch, Hildur, es iſt nicht artig von Dir, daß Du nicht aufrichtig gegen mich biſt! und doch lege ich Dir mein ganzes Herz offen vor Augen und könnte daher wohl verdienen, daß Du ein ſolches Vertrauen mit Deinem eigenen erwiederteſt.“ „Geh und werde unglücklich, dann wollen wir mit einander klagen!“ 1u * —— ——— ö 188 „Ach Hildur, ich weiß ſo gewiß, daß Du jetzt nicht von Herzen redeſt, und dennoch redeſt Du jetzt vielleicht weit prophetiſcher, als Du ſelbſt glaubſt: mein Unglück klopft wahrſcheinlich bald an die Thür!“ „Wie ſo?“ „Entſinnſt Du Dich, daß die Mutter meinen Albin ausſchlug? O wie lieblich iſt es,„mein Albin“ zu ſagen — es iſt das erſte Mal, daß ich ſo vor einer andern Perſon, als vor mir ſelbſt, ſagen kann!“ „Ja, Dul ich kenne dieſe Gefühle— was aber das betrifft, daß Mutter ihn ausſchlug, ſo iſt das eben nicht gefährlich: ſie wollte ohne die Einwilligung des Vaters nichts abmachen, und wenn Dein Ritter hieher kommt, ſo wird er ſeine Gerechtſame ſchon zu bewahren wiſſen.“ „Aber was ſagſt Du denn zu dem Verſprechen, welches ich dem Vater am Abende vor unſerer Abreiſe geben mußte?“ „Nichts als väterliche Vorſicht, damit Du Dein Herzchen nicht an Jeden, der da kommen könnte, ver⸗ lieren möchteſt.“ „O, gewiß hat er wichtigere Gründe!“ „Welche Gründe könnte er denn wohl haben?“ „Zum Beiſpiel...“ Nun?“ „, wenn er an einen Mann für mich gedacht hätte?“ „Wie dumm Du jetzt biſt! Hier in Wisby haben wir Dich ja Alle bis zu dem Augenblick Deiner Abreiſe für ein bloßes Kind gehalten: ich weiß Keinen, auf den der Vater die Augen geworfen haben könnte, und auf⸗ richtig geredet, weiß ich auch Keinen, der ſeine Augen auf Dich geworfen haben könnte.“ „O ja, Einer hat es dennoch gethan!“ „Ich bin wirklich neugierig, zu wiſſen, wer dieſer iſt!“ „Sahſt Du denn im andern Zimmer heute gar müthit wie ſe ein, r ſ ,6 Antlitz mußtn der S Art vo wirklie Sonne die Bl es, da Etwas 1 verließ wird i verpla⸗ Feſttag gutes nach 4 8 Kind liche erſte A deutun nicht eicht lück lbin gen dern ber das ung tter zu en, eiſe ein er⸗ 189 Wie— Will?... das iſt ja eben ſo gut wie Kei⸗ ner: er wird gewiß die Pläne keines Menſchen kreuzen!“ „Gott weiß! Aber ich fürchte, ich war wenig edel⸗ müthig, da ich vergeſſen konnte, daß Will nicht verſtand, wie ſehr er mich beleidigte. Ich würde ſehr betrübt ſein, wenn er es allzu ſchlimm aufnähme!“ Ein Zug nachdenkenden Ernſtes ging über Hildur's Antlitz.„Ich fürchte, er nimmt es ſo auf; doch Du mußt wohl ſeine Betrübniß wegzuplaudern ſuchen, denn der Sohn der Seufzer darf doch wohl nicht ohne alle Art von Troſt ſeufzen: da hat er bald ausgeſeufzt.“ „Ha!“ ſagte Roſa nach einer Pauſe,„es wird mir wirklich unheimlich!... Doch ſieh, Hildur!... die Sonne ſinkt dort ſchon herab auf das Vogelbauer und die Blumen, meine theuren Blumen!... Wie kommt es, daß wir weder von der Mutter noch von Thekla Etwas gehört haben?“ „Und dann der Thee!“ rief Hildur aus.„Aber ich verließ mich auf Thekla, die immer Alles beſorgt. Was wird wohl Mutter von mir denken!“ „Laß uns hinein eilen: ich muß mich doch nach Will umſehen!... Aber geht nicht Mutter dort im Saale?“ „Ja, ſo iſt es!“ Amelie öffnete die Thür und trat zu ihren Töch⸗ tern ein. „Liebe, beſte Mutter!“ rief Hildur, indem ſie der⸗ ſelben entgegen eilte und die Arme um ihren Hals ſchlang,„ich vergehe vor Scham, daß ich in der Freude, Roſa wieder getroffen zu haben, den ganzen Nachmittag verplaudert habe; doch Thekla hat gewiß beim Theetiſche Feſttag gemacht— wollen wir nun hineingehen, mein gutes, ſußes Mütterchen, die Du doch endlich wieder nach Hauſe gekommen biſt?“ „Beunruhige Dich nicht über den Theetiſch, mein Kind! Mir ſind ſchon ſo viele, große und tiefe häus⸗ liche Bekümmerniſſe begegnet, daß nicht einmal dieſer erſte Abend durch etwas Anderes, als ſeine traurige Be⸗ deutung feſtlich ſein kann!“ —— —— 190 „Wie das in Gottes Namen, geliebte Mutter?“ „Habt Ihr denn gar nichts gehört, nicht einmal ſo viel, daß der Doctor hier geweſen iſt?“ „Der Doctor?“ Jetzt war es Roſa, die aufſprang und mit bleichen Wangen auf die Thür zueilen wollte. „Warte!“ Amelie ſprach dieſes Wort mit einer Strenge aus, die bei ihr ganz ungewöhnlich war. Roſa blieb ſtehen— ſie verſtand jent, daß ſie mit dem Beſuche des Doctors einige Gemeinſchaft hatte. „Niemand darf in Will's Zimmer kommen,“ fuhr Amelie fort,„der nicht die Selbſtbeherrſchung hat, daß er ſich denken kann, was ein ſo ſchwaches Weſen fordert — noch weniger darf Jemand dahin kommen, der herz⸗ los genug iſt, zu vergeſſen, daß der Stumme, welcher ſeine Gefühle, ſeinen Freudentaumel nicht ergießen kann, Beides in ſeine Geberden legt.“ Roſa ſtand zitternd vor ihrer Mutter, die ihr in dieſem Augenblick als ein gerecht ſtrafender Engel erſchien. „Aber,“ wagte Hildur zu vermitteln,„es war doch wohl nicht ſo wunderlich, gute Mutter, daß Roſa ängſt⸗ lich wurde, ſie hatte ja bisher gar keine Ahnung von Demjenigen gehabt, was in dem Herzen des armen Jun⸗ gen verborgen lag!“ „ Ich danke Dir, meine Hildur, für Deine Bemühung, Roſa mit ſich ſelbſt zu verſöhnen; doch iſt Roſa ſich ſelbſt nicht allzu unähnlich geworden, ſo wird dieſe Ver⸗ ſöhnung nicht ſo leicht ſein.“ „Kann es denn,“ ſagte Roſa und erhob den Blick mit etwas größerer Freimüthigkeit,„ein Verbrechen ſein, Abſcheu gegen den Ausdruck ſo gewaltſamer Gefühle zu äußern, oder ſollte ich annehmen, was ich nicht theilen konnte?“ „Du äußerſt Dich hier über Will, wie über eine fremde Perſon. Hätte eine ſolche Dir eine Beleidigung zugefügt, ſo hätteſt Du vollkommen Recht gehabt, Dei⸗ nen Abſcheu und Deine Verachtung zu eigen; doch Will... Dein Bruder, Dein Freund, Dein Spiel⸗ gefährte, dieſes arme, unglückliche Weſen, das Dich ſo uner! than da T ihn Fuße uner! Uebe⸗ daß wiede geger ſtumt nie g 2 nal ſo prang vollte. einer te mit le. fuhr , daß ordert hung, ſich Ver⸗ Blick ſein, le zu zeilen eine gung Dei⸗ doch piel⸗ ch ſo 191 unermeßlich liebt, und dem Du bisher ſo warm zuge⸗ than geweſen biſt... ihn ſo grauſam zu behandeln, da Du nach einer langen Abweſenheit zurückkehrſt und ihn von Sorge und Sehnſucht verzehrt, mit dem einen Fuße im Grabe findeſt— das war für uns Alle ſo unerwartet und ſo ſchmerzhaft überraſchend, daß dieſe Ueberraſchung nur mit derſenigen gemeſſen werden kann, daß wir Dich hernach nicht zuruͤckkehren ſahen, um wieder gut zu machen, was Du gegen ihn geſündigt haſt, gegen ihn, der Dir keine Vorwürfe machen kann, deſſen ſtummer Schmerz dich aber um ſo lauter anklagt.“ „Liebe Mutter, beſte Mutter!— So biſt Du noch nie geweſen!“ „Auch Du, mein Kind, biſt noch nie ſo geweſen!“ „Ja, nun weiß aber Hildur, daß ich auf dem Wege war, hineinzugehen, und ſie weiß auch, daß ich mit Reue und Unruhe über mein unfreiwilliges Be⸗ tragen gegen Will redete. Aber, liebe Mutter, ich war ſo überraſcht, und es war mir ſo fürchterlich zuwider, von einem Andern Liebkoſungen anzunehmen, als...“ Roſa ſchwieg, und die Mutter wendete ſich von ihr ab mit einer Kälte, die berechnet war, Eindruck zu machen. „Meine kleine Hildur! wo Dein Bräut'gam iſt, weiß ich: ihn werden wir wohl ſo bald nicht ſehen; doch habe ich Thekla noch nicht nach dem ihrigen ge⸗ fragt— ich wundere mich, daß Victor nicht kommt, uns zu beſuchen!“ „Victor!“— Hildur's Wangen erhielten eine höhere Röthe—„hat Thekla nicht geſagt, daß er ſeit mehre⸗ ren Wochen nicht in Wisby iſt?“ 1 „Kein Wort habe ich davon gehört!“ „Er iſt in Göteborg, und kommt in den erſten vier⸗ zehn Tagen noch nicht zurück!“ „Nun, er konnte eine kleine Abwechſelung gebrau⸗ chen— es iſt langweilig, hier immerwährend zu liegen... Doch da Du gewiß in der Wirthſchaft ein wenig zu thun haſt, meine Hildur, ſo will ich Dich nun nicht länger aufhalten— Roſa, die noch ſo gut wie fremd iſt, kann mir einen Augenblick Geſellſchaft leiſten!“ Hildur küßte die Hand ihrer Mutter und verſchwand. Scobald ſie allein waren, ſtürzte Roſa ihrer Mutter in die Arme. „O Mutter, Mutter! Warum alle dieſe kalten, harten Worte? Kann ich dafür.... Haſt Du nicht ſelbſt ſo ſehr geliebt?“ „Ja, das iſt wahr!“— Amelie drückte die Tochter der an ſich—„bin ich aber darum auch glücklich ge⸗ weſen?“ „Biſt Du denn niemals glücklich geweſen?“ „Einſt war ich berauſcht von dem Glücke, das die Liebe ſchenkt: doch ein Rauſch geht ſehr bald vorüber, das Leben iſt lang, und unter der ermüdenden Wanderung gibt es nur ein Glück, welches verdient, daß man ihm nachſtrebt, nämlich das Glück, welches uns das Be⸗ wußtſein einer erfüllten Pflicht verleiht. Je größer die Anzahl von theuren Erinnerungen dieſer Art iſt, die wir ſammeln können, deſto reicher ſind wir: dieſe Er⸗ innerungen leben fort, wenn die Liebe längſt geflohen iſt!“ „Die Liebe flieht nicht, liebe Mutter, wenn ſie von der rechten Art iſt! Wie geliebt biſt Du nicht ſelbſt, und das nach ſo vielen Jahren!“ „Ja, Dein Vater hat das ſeltene Beiſpiel einer zwanzigjährigen Treue und Zärtlichkeit gegeben, die nie⸗ mals nachgelaſſen hat! doch dieſes trifft unter fünfzig Fällen nicht einmal ein, denn in den meiſten Ehen wird das erſte ſchöne Gefühl von den tauſendfachen Beküm⸗ merniſſen erſtickt, welche einen Platz neben ihnen ein⸗ nehmen. Aber obgleich Dein Vater in mir die erſte Neigung ſeiner Jugend geliebt hat und noch liebt, ſo haben dennoch dieſe Gefühle es nicht vermocht, uns vor Unglücksfällen zu bewahren, vor Unglücksfällen.. von ganz ſchrecklicher Art— und glaube mir: das Gefüh weil ſü eigener in kein ben k und m Liebe! 6 iſt, in reiſe kl Erklär emd iſt, hwand. Mutter kalten, mnicht Tochter lich ge⸗ das die er, das derung in ihm 6 Be⸗ ßer die ſt, die eſe Er⸗ en iſt!“ ſie von ſelbſt, einer ie nie⸗ fünfzig en wird Beküm⸗ 193 Gefühl derſelben iſt darum nicht weniger bitter geweſen, weil ſie diejenigen getroffen haben, die wir mit unſerem eigenen Leben beſchützen möchten.“ „Das Alles glaube ich, liebe Mutter; da wir aber in keiner Lage des Lebens von Bekümmerniſſen frei blei⸗ ben können, ſo iſt es beſſer, ſie um der Liebe willen m mit einer erwiederten Liebe zu tragen, als ohne die iebe!“ „Du redeſt, mein Kind, als ob es auf Erden gar nichts gäbe, das mit dieſem Gefühle verglichen zu wer⸗ den verdiente; eine Liebe, die ſich zu einem großen und edlen Zweck opfert, iſt das Höchſte— ſie iſt das ſchönſte Bild einer himmliſchen Flamme!“ „Liebe Mutter! warum ſprechen wir davon?“ fiel Roſa plötzlich ein. „Setze Dich hierher zu mir, geliebtes Kind! Ich ſehe, Dein Herz hat geahnt, daß der Augenblick gekommen iſt, in welchem Dir mein Betragen auf unſerer Rück⸗ reiſe klar werden ſoll!“ „Ach, mein Gott! Das wird gewiß eine ſchreckliche Erklärung... wenn... wenn ich ſie nicht zu hören brauchte!“ „Glaubſt Du denn allein geboren zu ſein, um nicht zu leiden? Gibt es wohl irgend einen Menſchen, der das Recht hat, ſtets auf das Glück Anſpruch zu machen? Du, meine Roſa, biſt glücklich geweſen!“ ſn Mutter, ich bin unbeſchreiblich glücklich ge⸗ weſen!“ „Nun, mein Kind! wie wagſt Du alſo zu klagen? Denke Dir, wie viele Menſchen es gibt, die niemäls während ihres ganzen langen Lebens einen Strahl von Sonnenſchein erhalten, an dem ſie ſich wärmen können: ſie müſſen dennoch ihr Kreuz tragen, und Viele thun nan mit einer Geduld, die ihnen die Märtyrerkrone geben ollte.“ „Ach Mutter, die Märtyrerkrone iſt aber nun doch ſchwer im Vergleich mit der Myrthenkrone!“ Der Jungſerthurm. IV. 13 — ——C—’—xxͦꝛ 194 „Die Myrthenkrone kann ja bisweilen eine Märtyrer⸗ krone werden!“ „Niemals, wenn die Braut ſie trägt als das Zeichen ihres höchſten Glückes!“ „Ja, auch dann— doch wenn ſie dieſelbe nun trägt als ein beſſeres Siegeszeichen?“ „Das verſtehe ich nicht, liebe Mutter— ich will an eine ſolche Krone gar nicht denken!“ „Wenn Du nun aber dennoch keine andere erhielteſt?“ „Da begnüge ich mich mit dem Leichenkranze!“ „Roſa, Roſa! Du darſſt keine Beſchlüſſe und Ge⸗ danken faſſen über Dinge, die Du noch nicht kennſt! Glaubſt Du, wenn es mir möglich wäre, ich würde Dich nicht dem geben, welchen Du liebſt? O, wie gerne möchte ich dieſen ſo einnehmenden und achtungswürdigen jungen Mann meinen Sohn nennen?“ Jetzt war Roſa's Ohr offen: mit purpurrothen Mangen und ſtrahlenden Augen küßte ſie die Hand der utter.. „O Dank, Dank, liebe Mutter, daß Du mir dieſe unſägliche Freude ſchenkteſt! Ja, mein Albin iſt.... Nein, ich will jetzt nicht undankbar ſein, da Du ſo gut geweſen biſt— ſage mir Alles was Du willſt!“ „Aber Du antworteteſt mir ja nicht!“ „Ich darf ja nicht antworten, liebe Mutter!“ „Ja, thue es frei!“ „Da ſage ich: wenn Du, die Du über den Vater ſo große Macht ausübſt, es nur recht wollteſt, ſo...“ „Unmöglich, mein Kind! Vielleicht wäre es möglich geweſen, wenn der Capitain ſich im vorigen Jahre, ehe der Vater krank wurde, angemeldet hätte; doch ſeit dieſer Zeit hat er einen Entſchluß gefaßt, von welchem er nie— merke wohl, ich ſage nie— abgehen wird!“ „Welchen Entſchluß?“ „Eine Vereinigung zwiſchen Dir und....“ Will?“ e. 44 Ja! „Aber, liebe Mutter!“ ſagte Roſa, ohne weder in Erſtaun Mutter vor eit getroffen auf mi Wahl t dieſes 9 allen i urtheilt iſt, um will, d wenn 2 Du Di der bei zudrücke betracht wünſcht Er hat bekümm 7 weggrün rtyrer⸗ Zeichen e nun h will lteſt 2 1d Ge⸗ kennſt! e Dich gerne rdigen rothen nd der r dieſe t ſo gut Vater b 44 öglich ee, ehe dieſer em er 247. der in 195 Erſtaunen noch in Ausrufungen zu fallen, denn die Mutter kleidete ja nur den Gedanken in Worte, welcher vor einigen Stunden ihre Seele ſo heftig und ſo tief getroffen hatte,„warum ſollte dieſes ſtiefmütterliche Loos auf mich fallen? Thekla und Hildur haben ſelbſt ihre Wahl treffen dürfen, und mir dagegen wird nicht allein dieſes Recht verweigert, welches doch das natürlichſte von allen iſt, ſondern ich werde auch zum Gefängniß ver⸗ urtheilt mit einem Weſen, das dadurch, weil es ſtuum iſt, um ſo ſchrecklicher wird, wenn es Gefühle ausdrücken will, die bei Andern ſo himmliſch ſchön ſein können!“ „Beſtes Kind! Das mußte Dir das erſte Mal, da Du den Ausbruch dieſer Gefühle ſahſt, ſo vorkommen; wenn Du aber Zeit erhältſt zur Ueberlegung, und wenn Du Dich recht in das Weſen desjenigen hineindenkſt, der bei der heftigen Erſchütterung ſie nicht anders aus⸗ zudrücken vermochte, ſo wirſt Du ſie gewiß ganz anders betrachten!“ „Niemals!“ „Ich baue auf Gott und auf Dein Herz, daß Du dieſes Wort zurücknehmen wirſt, wenn Du erfährſt, daß Du, Du ganz allein, Will's Leben in Deinen Händen haſt.“ hn„Wie, liebe Mutter?“ „Das iſt das Wort des Arztes, mein Kind, und dieß iſt von ſo unermeßlichem Gewichte, daß Du es nicht für einen Schreckſchuß von uns halten wirſt, womit wir Dich bewegen wollen, unſern Wunſch zu erfüllen.“ Roſa ſchüttelte leiſe das Haupt. 1 „Warum,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„warum wünſcht Vater dieſe unnatürliche Verbindung ſo eifrig? Er hat ſonſt den Will weder geliebt, noch ſich um ihn bekümmert, und auf einmal.. iſt es anders geworden. Will iſt reich: wenn er heirathet, ſo bleibt uns ſein Reichthum— wenn er ſtirbt, ſo geht derſelbe ja von uns?“ „Bewahre uns der Himmel! kannſt Du ſo die Be⸗ weggründe Deiner Eltern verkennen? Neln bei der 3* ——— Wichtigkeit dieſer Stunde, und bei Gott, der uns ſieht, ſchwöre ich, Deine Mutter, daß eine Urſache von edlerer Art den Entſchluß Deines Vaters hervorgerufen hat! Ich wage es nicht, Dir dieſe Urſache mitzutheilen; doch, wenn Du Dich widerſetzeſt, ſo werden die Folgen ſchreck⸗ lich, ja ſo' ſchrecklich, daß ich es nicht einmal wage, in eine Ahnung davon einzudringen. Und Deine Be⸗ ſinnungszeit iſt ſehr kurz: vor morgen früh muß Alles abgemacht ſein— hernach iſt es zu ſpät!“ Roſa's Antlitz wurde weiß wie die weiße Roſe, die ſie in der Hand hielt. „Sei barmherzig, Mutter! Setze mich nicht in die Nothwendigkeit, ungehorſam werden zu müſſen, denn ich werde es gewiß!“ „Du wirſt nicht ungehorſam, wenn Du verſtehſt, was ich ſage— höre aufmerkſam zu!“ „Ich höre, Mutter!“ „Will's Leben hängt jetzt nur an einem Haare. Die ſtarke Kriſe, welche eintrat, da Du ihn ſo gewalt⸗ ſam zurückſtießeſt, kann ihn retten, doch nur auf eine Art. Sagſt Du Nein, ſo darfſt Du ihn niemals wieder⸗ ſehen, denn Dein Anblick würde dann die jetzt im Todes⸗ kampfe ſchweigenden Gefühle in den letzten Aufruhr ver⸗ ſetzen; rufſt Du ihn aber zurück in das Leben, ſo ſitzeſt Du morgen früh, da er erwacht, an ſeinem Bett, und Dein Blück, Dein Lächeln, Dein Händedruck wird ihm ſagen, daß Du das Gelübde rechtfertigen willſt, welches Deine Eltern ihm vor acht Monaten gaben.“ „O Gott— ein Geluͤbde Will gegeben.“ „Ja, an dem Morgen nach der Nacht, da er ſich von dem Pfarrhofe nach Elfhagen geſchleppt hatte. Du entſinnſt Dich wohl noch ſeiner Blödigkeit und Befangen⸗ heit, als er dann herunter kam, und wie er Dich her⸗ nach ſo oft und ſo forſchend betrachtete? Hätte er dieſe gewiſſe Hoffnung nicht erhalten, ſo würden auch ſeine Gefühle nicht zu einer ſolchen nothreifen Höhe erwachſen ſein, und gewiß iſt auch, daß er geſtern nicht ſo außer⸗ ordentlich gelitten hätte, als nun der Fall war, da er von ſei als er erwarte um ſer morgen Du ih auch D Gemüt Elend, gebliche herabge Alles zu ver Beſatz! Un Seene hatte 3 Liebe! gebadet und A ſtung durfte R. niederg ich mi s ſieht, edlerer n hat! ; doch, ſchreck⸗ lwage, ne Be⸗ ß Alles oſe, die in die denn ich erſtehſt, Haare. gewalt⸗ af eine wieder⸗ Todes⸗ ahr ver⸗ ſo ſitzeſt tt, und ird ihm welches mer ſich te. Du ich her⸗ von ſeinem Himmel in den Abgrund geſchleudert wurde, als er demüthig zu Deinen Füßen lag und ſein Urtheil erwartete. Und nun magſt Du beſchließen: Will ſtirbt um ſeiner Liebe willen, wenn Du Dich weigerſt, ihn morgen als ſeine verlobte Braut zu beſuchen; beſuchſt Du ihn aber, ſo retteſt Du nicht allein ihn, ſondern auch Deinen Vater von ſeiner jetzt nur ſchlummernden Gemüthskrankheit, und Du retteſt uns Alle aus einem Elend, welches Du ſonſt eines Tages tief und unter ver⸗ geblicher Reue beklagen wirſt, daß Du es über uns herabgezogen haſt.“ „O, Zu welchen Leiden bin ich verurtheilt!“ klagte Roſa, indem ſie, dem Sturm in ihrem Herzen nach⸗ gebend, angſtvoll die Hände rang.„Ich habe Albin Treue geſchworen, und will lieber ſterben, als ſie brechen!“ „Iſt er— dieſer junge Mann, den Du nur eine ſo kurze Zeit geliebt haſt— iſt er allein denn Alles für Dich? Hat Deine Liebe Eltern, Pflicht und Menſchlich⸗ keit aus Deinem Herzen verdrängt? Willſt Du ihm Alles opfern?“ „O Mutter! Du weißt nicht, daß er, um mich nicht zu verleugnen, ſein eigenes Leben, das Leben ſeiner Beſatzung, ja unſer Aller Leben opferte!“ Und hier beſchrieb Roſa mit Flammenzügen dieſe Stene im Schiffsraume, die ſie bis jetzt nicht gewagt hatte zu erzählen....„Sieh, Mutter, ſo iſt die rechte Liebe! Fordere alſo nicht, daß ich ihn verläugnen ſoll, ihn, der mich ſo liebt! Ich ihn verläugnen.... welch ein Gedanke!“ „Still! ſtill!“ 4 Amelie erhob ihr von Thränen und Angſtſchweiß gebadetes Antlitz gen Himmel— ſie fühlte, daß Roſa's und Albin's Liebe, ſo befeſtigt, eine uneinnehmbare Fe⸗ ſtung war.... doch Will, doch Arne!... Nein, ſie durfte Roſa nicht loslaſſen! Roſa war zu den Füßen der Mutter auf ihre Kniee niedergeſunken.„Fordere von mir Alles, nur nicht, daß ich mich in den Augen deſſen entehre, den ich anbete! —— 198 Ich kann mich dem Schickſale unterwerfen, ihm nie zu gehören, zu ſterben, aber nie, daß er ſich mit Verach⸗ tung von der Verbrecherin abwendet, die das heilige Gelübde ihrer Treue brach!“ „Und haſt Du Dir wohl auch Dein Leben jenſeits des morgenden Tages gedacht?“ rief Amelie angſtvoll aus.„Halt einen Augenblick inne in Deiner wilden Begeiſterung, da Du noch Zeit dazu haſt! Steh ſtill und ſchaue ruckwärts, ſchaue vorwärts! Was ſiehſt Du? Hinter Dir die Gewiſſensqualen, Will's bleicher Sche⸗ men, der ſich aus dem Grabe erhebt und Dir mit ſeinen hohlen Augen nachblickt; und hinter ihm den Geiſt Dei⸗ nes Vaters drohend und düſter, der Dich des zerſtörten Friedens in ſeiner Todesſtunde anklagt, und vielleicht auch der Schatten dieſer Mutter, die Dich jetzt noch mit warmen Bitten fleht, daß Du Dich über uns alle erbarmeſt, denn es iſt ein fürchterliches Geheimniß, das mit Will Zuſammenhang hat; es iſt ein großes und hohes Werk der Verſöhnung, das Dir auferlegt wird, wenn Du ihn retteſt!... Und nun ſchaue vorwärts! Was ſiehſt Du? Ein einſames, verlaſſenes Leben, denn von Deinem Albin ſcheidet Dich nicht allein Pflicht und Gewiſſen und die Ereigniſſe, welche Du ſelbſt hervor⸗ gerufen haſt, ſondern auch der Fluch Deines Vaters... ein langer Tag der Buße, an dem Du mit herzlicher Sehnſucht vielleicht keine angenehmere Beſchäftigung fin⸗ den wirſt, als das Stundenglas umzudrehen, um die lenaſamren Stunden bis zu Deiner eignen Todesſtunde zu zählen!“ Roſa war allzu heftig erſchüttert, als daß ſie wäh⸗ rend einiger Minuten einen Laut hätte hervorbringen können, und ſchon begann Amelie, welche der zunehmen⸗ den Verwirrung, Verzweiflung, Todesangſt auf ihrem Geſichte gefolgt war, eine ſchwache Hoffnung zu faſſen, als Roſa, die bis jetzt in der knienden Lage zu den Füßen der Mutter geblieben war, plötzlich aufſprang, die Arme zum Himmel empor ſtreckte und ausrief:„Mag es ſo werden! mag es meine angenehmſte Beſchäftigung A Zimme war; die Ab lichkeit oſ wechſe A Platz; weilte nie zu zerach⸗ heilige enſeits gſtvoll wilden eh ſtill t Du? Sche⸗ ſeinen ſt Dei⸗ ſtörten elleicht t noch is alle ß, das es und wird, wärts! , denn ht und jervor⸗ erS... rzlicher ng fin⸗ um die öſtunde 2 wäh⸗ ringen ehmen⸗ ihrem faſſen, zu den prang, „Mag tigung ſein, das Stundenglas umzudrehen und die Stunden bis zu meiner Todesſtunde zu zählen— dort komme ich ihm doch treu entgegen!“ Amelie ſank zurück.„Und Will?... Du ſprichſt ihm das Urtheil?— Soll er ſterben?“ „Kann er nicht leben, als nur durch mich, ſo mag ihn der Tod in ſeine ſanften Arme nehmen— an mei⸗ nem Herzen ſoll nur das Herz meines Albin ſchlagen, oder auch gar kein Herz! Gott hat mich gehört, es iſt geſagt!— Und nun bin ich bereit, die Bußübungen zu beginnen!“ dit Erſtaunen ſah Amelie den eiſenfeſten Willen, der ſich in Roſa's Veheiſterung verbarg: in dieſen gen Himmel gewendeten Augen, in dieſer erhobenen Hand lag ein unverbrüchliches Gelübde. Amelie erhob ſich. „In dieſer Nacht erwartet Dich der Vater! Er will allein mit Dir reden!“ „Ich komme!“ „Und Will ſoll in ſein Grab hinunterſteigen?“ Roſa nickte ſtumm. Sechzehntes Capitel. Die Vorbereitung. Als Amelie von Roſa ging, begab ſie ſich in Will's Zimmer, woſelbſt Holgerſen in dieſem Augenblick allein war; denn Thekla war gegangen, um zu ſorgen, daß die Abendmahlzeit wenigſtens einen Anſtrich von Feſt⸗ lichkeit erhalten möchte. Die beiden Gatten brauchten gar keine Worte zu wechſeln: ihre Blicke redeten. Amelie nahm auf dem Sopha neben ihrem Gatten Platz; doch nicht auf ihn heftete ſie ihren Blick: dieſer weilte auf dem Bette, wo Will, bewacht von ſeinem —————— 200 treuen Rolf, jetzt ſo ſtill ſchlummerte, als hätte er die Finſterniß der Erde ſchon hinter ſich gelaſſen. „Er ſoll alſo in die tiefe Hochzeitkammer gebettet werden?“ flüſterte endlich Holgerſen mit ſtotternder Stimme. „Sie will ihn nicht retten: ihre Liebe krümmte ſich unter dem Kampf mit der Pflicht, aber dieſe Liebe iſt ſchon erwachſen— ſie wollte nicht ſterben!“ „Gut!“ ſagte Holgerſen. Aber er ſprach dieſes Wort mit eine fürchterlichen Kälte aus. „Arne!“ flüſterte Amelie und ſchmiegte ihr Haupt dicht an ſeine Bruſt,„Deine Seele brütet über einem ſchrecklichen Plane: habe Barmherzigkeit mit meiner Angſt — läß mich mit dabei ſein, wenn Du mit Roſa redeſt!“ Nein! „Ach ja, Du kannſt, Du darſſt es mir nicht ab⸗ ſchlagen!“ „Ich ſchlage es Dir beſtimmt ab, Amelie ich will mit ihr allein ſein— einige Minuten vor zwölf Uhr ſoll ſie mich treffen!“ „Im Saale?“ „Nein, in den Kellergewölben!“ Ein kalter Froſt erſchütterte das mütterliche Herz. „Ich glaube, es iſt gegen meine Pflicht und mein Recht, Arne, daß ich ſie allein mit Dir gehen laſſe! Ich kenne die ganze Weite Deiner wilden und unbän⸗ digen Gemüthsart, ich verſtehe, um wie viel größer Deine Erſchütterung werden wird, wenn Du abſichtlich dieſen Ort wählſt, an welchem Du unter Leiden, die nur Gott und dieſe umheimlichen Gewölbe kennen, ſo manche Nacht durchwacht haſt— ich ſage Dir, Arne, Du kannſt hin⸗ geriſſen werden zu einer ſchrecklichen Handlung, ja zu einem Verbrechen, das ich in Worten auszuhauchen nicht den Muth habe, denn das Blut erſtarrt ſchon in meinen Adern!“ „Fürchte nichts für das Kind— glaubſt Du, ich will auch ein Kindesmör....“ Dir j und 3 übrig beſchl Du ſ in der den darar hat!“ „ aber kalter denne Du d ſicher als 1 thun früh von Dich ihre er bi an u Leide habe er die gebettet ernder te ſich ebe iſt rlichen Haupt einem Angſt edeſt!“ ht ab⸗ h will lf Uhr derz. mein laſſe! inbän⸗ Deine dieſen r Gott Nacht ſt hin⸗ ja zu n nicht neinen u, ich „Still, ſtill!— ich bin überzeugt, daß Du außer Dir ſein wirſt!“ „Bin ich denn jetzt außer mir? Sitze ich nicht hier und ſage Dir mit kaltem Blute, daß mir nur Eins übrig iſt?... Dieſes Einzige iſt alſo ſchon im Voraus beſchloſſen.“ „Nimm Dich in Acht, Arne! nimm Dich in Acht: Du ſtehſt am Rande eines Abgrundes und blickſt hinab in denſelben— Dein Kopf wird verwirrt, Du bekommſt den Schwindel, Du wirſt hinunter ſtürzen!“— „Ich werde kein Selbſtmörder!“ antwortete er dumpf. „Gib mir Deine Hand, Dein heiliges Gelübde darauf, daß nicht dieſer Gedanke ſich bei Dir geſtaltet hat!“ Holgerſen reichte ihr die Hand: ſie war heiß, drückte aber doch treufeſt die ihrige. „Und keinen gefährlichen Anſchlag nährſt Du mit kaltem Blute gegen Dein Kind, das weiß ich— aber dennoch, um aller Gemüthsveränderungen willen, denen Du dort unten ausgeſetzt ſein kannſt, gib mir die Ver⸗ ſicherung, daß ihr nichts Böſes widerfahren ſoll!“ „Nichts Böſes!“ Wiederum erhielt Amelie die Hand ihres Mannes als Unterpfand. „Was in Gottes Namen denkſt Du denn aber zu thun?“ —„Ich denke ſie dahin zu bringen, daß ſie morgen früh vor dieſem Bette ſitzt.“ „Ich verſtehe: Du glaubſt, daß die Nachricht von... von der tiefen Bedeutung, welche dieſe Verbindung⸗für Dich ſelbſt hat, wirken wird! Doch baue darauf nichts: ihre Liebe iſt eine Art von Wahnſinn!“ „Ich baue nichts darauf— was könnte wohl,“ ſagte er bitter,„der Friede und die Verſöhnung eines Vaters an und für ſich allein bedeuten unter dem Einfluß dieſer Leidenſchaft, deren Macht ich ſelbſt allzu gut erfahren habe? Es iſt mein Blut, das überall ſpukt!“ „Sage mir nur noch Eines, Arne! hernach will ich Dich mit keinen Fragen mehr beläſtigen! Haſt Du die Hoffnung, Roſa's ſtarke Seele zu beſtegen?“ „Jal“ „Und wenn Du ſie nun nicht beſtegen kannſt?“ „Du darfſt nicht mehr fragen, Amelie! Sammeln wir uns nun ohne Worte: ſie ſtören nur. Möge Gott ſeine Hand über Dich, armes Weib halten: ſchlecht habe ich Deiner Liebe gelohnt, und noch haſt Du vielleicht den bitterſten Kelch nicht geleert! Doch ſtill, ſtill!— laß mich jetzt einer Art von Ruhe genießen!“.. Bei der Mahlzeit waren die Glieder der Familie, mit der einzigen Ausnahme des Kranken, um den Tiſch verſammelt, welcher wohl bei der Rückkehr der Gelieb⸗ ten einen Anſtrich von feſtlichem Wohlbehagen, von häuslicher Freude hätte haben ſollen, um den aber jetzt die Gäſte gleich bleichen Bildſäulen ſaßen, und nur mechaniſch beſchäftigt waren, die materiellen Bedürfniſſe zu befriedigen. Roſa ſah aus wie eine aus dem Sarge gehobene Braut, die man bei der Mahlzeit auf den Stuhl geſetzt hatte, den ſie füllen ſollte. Amelie's Geiſt ſchien ſchon zur Hälfte in den Himmel zurückgekehrt zu ſein. Auf Holgerſen's Stirn ſtand in lesbaren Zügen ein Entſchluß, eiſenfeſt wie das Eiſen in ſeiner Seele. Thekla ſah mit prophetiſchem Blicke, wie ſich die Thüren des Grabchores öffneten und wieder ſchloſſen, nachdem ſechs ſchwarze Särge dort ihren Platz erhalten hatten. Hildur wider⸗ ſtrebte, als ſtände ſie allein noch entfernt von dem Wahlplatze, auf welchem die Uebrigen ſich vereint hatten; aber der Kampf wurde immer matter— was ſollte ſie allein machen? Sie näherte ſich Zoll für Zoll, um ſich zu ihnen ziehen zu laſſen, und jetzt war auch ſie in dem magiſchen Kreiſe— ſie ſollte mit den Ihrigen ſtehen oder fallen. Nachdem man alle Gerichte geſchmeckt hatte— die Dienſtboten ſollten gar nichts ahnen— ſtand die ver⸗ ſtimmte Familie auf von ihren Plätzen. Man ſprach ein ſt dem nehm Hand mit e gehal Läſter als f flüſter Mutl — ie des 2 Band aus, Körp mer Kind noch Thek es ni mit und dieſes welck jenig nur wach wenn eina nur ein ſtilles Tiſchgebet, und darauf traten die Töchter zu dem Vater, um den gewöhnlichen Kuß entgegen zu nehmen. Da legte Holgerſen zum erſten Male ihnen die Hand auf die Häupter und ſagte:„Der Herr ſegne Dich!“ mit einem Tone, als hätte er jetzt vollkommen das Recht gehabt, ſeine Töchter zu ſegnen, als wäre es keine Läſterung länger, daß der Sünder dieſe Worte ausſprach. Thekla und Hildur waren bei ihm geweſen. Jetzt kam die Reihe an Roſa; ſie beugte ihre Kniee, als ſie den Kuß und den Segen entgegen nahm. Da flüſterte der Vater in ihr Ohr:„Sammle Deinen ganzen Muth, mein Kind: in drei Stunden treffen wir uns — ich komme und hole Dich ab!“ Die weiche Stimme, die Zärtlichkeit in dem Blicke des Vaters, das Zittern ſeiner Hand löſ'ten das harte Band um Roſa's weiches Herz: ſie brach in Thränen aus, und indem ein krampfhaftes Schluchzen ihren feinen Körper erſchütterte, wurde ſie von Thekla in jenes Zim⸗ mer geführt, das ſo oft Zeuge froher Scenen aus ihrer Kindheit— jener Kindheit, da die Puppen und Will noch ihre ganze Welt bildeten— hewweſen war. „O!“ rief ſie aus, und ſchlang ihre Arme um Thekla's Hals,„ich wurde früh genug groß— ich hätte es nicht ſo eilig damit haben ſollen!“ „Armes Kind! Es iſt aus mit unſerm kleinen Vogel, mit unſrer lieblichen Blume— das Leben iſt ſo kalt und ſo hart! Aber lege Dein Haupt an mein Herz: dieſes hat ſchon lange gekämpft! Die Höhe der Liebe, welche wir unſern Geliebten zeigen, iſt nicht immer die⸗ jenige, welche man ſieht— nein, die tiefſte iſt die, welche nur wir allein meſſen können... Soll ich mit Dir wachen, bis die entſcheidende Stunde naht?“? „Nein, laß mich allein— klopfe nur an die Thür, wenn die Uhr dreiviertel iſt!“ Thekla ging. Sie und die Mutter blieben zuſammen: ſie hatten einander noch ſo viel, ſo viel zu vertrauen, dieſe Mutter und dieſe Tochter, die gleichſam zwei vertraute Schweſtern waren. Der Vater ging nicht aus Will's Zimmer. Roſa hatte die Thüre von Innen verriegelt. Sie wollte allein ſein mit ſich ſelbſt, mit Gott, mit ihrer Liebe und mit ihren Erinnerungen. Sie wollte ihren Muth durch Gebet ſtärken, doch mit Entſetzen fand ſie ihre Seele ſo erregt, daß ſie nicht zum Gebet kommen konnte. Mit über die marmorweiße Stirne ſtrömenden Thränen lag ſie auf dem Geſicht über dem Sopha und rief den Tod an, denn leben— wie konnte ſie es wagen, daran zu denken, ſie, die ſo eben den Tod über einen Menſchen ausgeſprochen hatte. Nein, ihren ſchönen, himmliſchen Traum von Glück nahm Will mit ſich in's Grab. Will... ſie erhob leiſe das Haupt, eine geheim⸗ nißvolle Macht zog ihren Blick auf die Seite: hatte die Bußübung ſchon begonnen? War es Will's weißer Schatten, der ſich aus dem Grabe erhob, um zu kommen und ihr Vorwürfe zu machen, daß es dort ſo kalt war? „Hu! wie friert mich!“ Die Glieder des jungen Mädchens begannen zu zittern. „Es bewegt ſich dort Etwas!— o, vielleicht iſt er ſchon todt... vielleicht fliegt eben jetzt ſein Geiſt empor zu Gott!... Nein, ich muß mich umſehen— ich will Muth haben: ich will ihm ſagen, daß es unmöglich war, daß mein Gelübde keinem Andern gegeben werden konnte, als nur dem, der mein Herz hatte! „O, wie leide, wie brenne ich!— doch das thut nicht ſehr weh, nein, nicht ſehr; denn ich leide ja für ihn! „Vielleicht war er ſo, der Kampf, den ſie, Jung⸗ hanſens Tochter, in der Nacht vor jener, da der Rath, in we ſprack geſpr (jetzt mich meine jubel auch und Gral die] komr die 1 auf einen wie auf erbli halte heſtern t, mit doch nicht weiße zeſicht en— die ſo hatte. Glück heim⸗ te die veißer nmen war? n zu iſt er mpor will glich erden thut a für gung⸗ Rath, in welcim ihr eigner Vater ſaß, das Urtheil über ſie prach! 3„In dieſer Nacht ſoll auch über mich das Urtheil geſprochen werden; doch gleich Junghanſens Tochter (jetzt weiß ich, warum ich ſie ſo ſehr liebte) ſollen ſie mich lieber lebendig einmauern, als daß ich die Eide meiner Liebe breche— meiner Liebe!... nie, nie! Mit jubelnder Zunge will ich den kurzen Traum beſingen, auch wenn ich in das kalte Grab hinabgeſtiegen bin— und was wird mein Leben anders als ein großes, leeres Grab, worin ich mit dem Stundenglaſe in der Hand die Minuten zähle, bis die Stunde der Befreiung ſchlägt! „Wer klopft? Iſt es Junghanſens Tochter, welche kommt, um mir zu ſagen, daß ſie wartet?.. St!— die Uhr ſchlägt ja eins... zwei... drei Viertel, aber auf Elf!... noch eine Stunde habe ich zu leben!“ Noch einmal klopfte es. Roſa mußte ſich faſt zur Thüre ſchleppen. „Wer iſt da?“ „Ich, Mamſell!“ „Betty?“ Ein Lächeln voll unbeſchreiblicher Freude weilte einen Augenblick auf Roſa's Lippen: mit Betty ſtand wie mit einem Zauberſchlage das ganze himmliſche Leben auf dem Seefräulein vor ihrer Seele. „Darf ich hinein kommen, Mamſell?“ „Nein, Betty, ich muß allein ſein!“ „Machen Sie auf, nur für eine Secunde!“ „Geh' Du zu Bette: Du biſt ja glücklich!“ „Ich habe hier Etwas für Sie, Mamſell!“ „Was denn?“ „Ein Brieſchen!“ Roſa zog den Riegel von der Thür. Betty flog erſchreckt zurück, als ſie ihre junge Herrin erblickte. „Den Brief! den Brief!... halten?“ „Früh bei Sonnenaufgang am Morgen, da wir wo haſt Du den er⸗ 206 von Kalmar reiſ'ten, kam er, der mich lieb hat und nahm ſeinen letzten Abſchied— da gab er mir dieſen Brief und ſagte:„der Capitain vertraut dieſes in deine Hände, aber du darfſt es der Mamſell Roſa nicht eher geben, als wenn Ihr nach Hauſe kommt und du ſiehſt, daß ſie in Betrübniß iſt.““ Roſa legte den Brief an ihr Herz, drückte ihn an ihre Augen, ihre Lippen; nachdem ſie ihn jedoch mit unzähligen Liebkoſungen willkommen geheißen hatte, legte ſie ihn wieder in Betty's Hand und ſagte:„Jetzt will ich ihn nicht leſen, nicht vor morgen fruͤh: da ſoll er meine Belohnung ſein— jetzt will ich von keinem andern Einfluß als meiner eigenen innewohnenden Liebe belebt ſein: ſie iſt hoch und tief genug, um allein meinen Muth aufrecht zu halten. Geh jetzt und bewahre treu⸗ lich den Schatz, welchen Du trägſt: er iſt mein Leben!“ Sie ſchob Betty hinaus und blieb dann in der Einſamkeit in der Lage, welche ſie vorher gehabt hatte, bis Thekla anklopfte. Da fuhr ſie zuſammen, die To⸗ deskälte kehrte wieder, ſie konnte nicht ahnen, nicht faſſen was ihrer wartete: ſte faßte nur Eines, daß man auf eine fürchterliche Weiſe auf ſie einzuwirken verſuchen wollte— doch ſie war geſtählt. „Liebe Roſa!“ „Hier!“. Jetzt war die Thüre offen, ſo daß Thekla eintreten konnte. „Biſt Du fertig?“ Ja Iu „Gott, wie zitterſt Du, armes Opfer! Ergib Dich, denn geopfert wirſt Du doch— und Dir wird hernach beſſer werden!“ „Ich werde nicht geopfert, denn ich will es nicht — komm mit!“ Thekla nahm ein großes Tuch und warf dieſes um Roſa. „Warum denn das? Gehe ich nicht bloß nach der andern Seite?“ Er w 7 bürge ſcenen er ſeit dem 1 vorſte das n dieſer beſten daß ſ ſie ni ſeiner beding 7 ausſtr 2 8 hatte, C die er macht G an di rung 7 Du n 7 Dich durch meine at und dieſen deine ht eher ſiehſt, hn an ch mit hatte, „Jetzt a ſoll einem Liebe neinen treu⸗ ben!“ n der hatte, e To⸗ faſſen n auf ſuchen treten Dich, rnach nicht 3 um h der „Das wird Vater Dir ſagen: er wartet.“ „Ich bin bereit!“ Sie gingen... Im Saale nahm der Vater ſeine Tochter entgegen. Er war beinahe eben ſo blaß wie ſie. Der ehemalige Seeräuber, der Chef auf Hem„Mit⸗ bürger,“ gehörte nicht zu jenen Vätern, welche Theater⸗ ſcenen auffuͤhren, um ſeine Töchter zu ſchrecken: wenn er ſeine Tochter in einen Theil des Hauſes fi arte, von. dem man am wenigſten vermuthen konnte, dap ie be⸗ vorſtehende Ueberlegung dort geſchehen konnte, ſo geſchah das nicht um des Effectes willen, ſondern darum, weil dieſer Ort ganz einfach derjenige war, welcher ſich am beſten zu Demjenigen paßte, was er zu ſagen hatte; und daß ſeine Worte von ſolcher Art ſein würden, wie man ſie nicht öfter als nur einmal ausſpricht, das ſah man ſeiner Haltung und ſeinen Zügen an, worin eine un⸗ bedingte Entſchloſſenheit geſchrieben ſtand. „Komm!“ ſagte er, indem er die Hand nach Roſa ausſtreckte. Roſa ergriff dieſelbe faſt krampfhaft. „Wohin gehen wir, Vater?“ „In die Kellergewölbe!“ Thekla, die ſich auf einige Minuten entfernt gehabt hatte, kehrte jetzt mit einer Laterne zurück. Sie wollte dieſelbe dem Vater reichen. „Leuchte Du uns, bis wir hinunter kommen und die erſte Thür geöffnet iſt!“ „Aber, lieber Vater, dieß gefällt mir nicht!“ Roſa machte eine Bewegung, als wollte ſie ſich zuruͤckziehen. Sie hatte gleich einer dunkeln Sage das Andenken an die ehemalige Wildheit des Vaters in ihrer Erinne⸗ rung bewahrt. „Daß es Dir nicht gefällt, kann ich nicht helfen— Du mußt dennoch gehen“ „Ich muß?“ „Ein Zwang iſt es gewiß nicht: entſchließeſt Du Dich ſchon hier zu Demjenigen, um welches ich Dich durch Deine Mutter habe bitten laſſen, ſo gehe mit meinem Segen zu Betie— ich wünſche nichts Beſſeres!“ —— „Nein, da gehe ich lieber, wohin ich ſoll!“ Sie ergriff von Neuem den Arm des Vaters und folgte Thekla, die mit der Laterne voranging, aus dem Saale, über den dunklen Hausflur die große Treppe hinunter in das Erdgeſchoß, woſelbſt ſie vor den ge⸗ wölbten eiſernen Thüren eines der Gewölbe ſtehen blie⸗ ben, die in der Geſchichte von Wisby eine ſo große Rolle ſpielen. Holgerſen ließ den Arm der Tochter los und ſuchte den Schlüſſel hervor. „Warte ein wenig, Vater,“ ſagte Thekla, indem ſie den Blick auf Roſa heftete,„ich will Etwas vorſchlagen.“ „Was denn?“ „Wenn Du einige Augenblicke hier bleibſt und uns erwarteſt, ſo brauchſt Du vielleicht nicht weiter zu gehen: Roſa muß, ehe ſie hinabſteigt, zuvor einen Blick in Will's Zimmer werfen. Sage, Roſa, geliebte Schweſter! willſt Du das thun? Und hilft das nicht, ſo folge denn in Gottes Namen dem Vater!“ „Das dient zu nichts!“ „Das weißt Du nicht, Roſa: Du wirſt mir, die Dich ſo warm liebt, die Freude machen und wenigſtens verſuchen!“ „Geh!“ ſagte Holgerſen—„ich warte!“ „Ihr ſchleppt mich ja gleich einer Verbrecherin von der einen Tortur zu der andern, um das Geſtändniß zu erhalten, welches mich allein retten kann!“ ſagte Roſa, mit beinahe kaltem Unwillen. „Vergib, vergib!— das Alles geſchieht, um Dir künftige Gewiſſenspein zu erſparen... Sieh, jetzt ſtehen wir vor der Thür— blicke nun hinein!“ In dem großen alterthümlichen Zimmer mit ſeinen dunklen Wandgemälden, brannte nur eine einſame Nachtlampe; aber ihr Schein reichte hin, um die Gruppe zu beleuchten, welche Roſa's, halb von Thränen ver⸗ dunkelter Blick ſuchte und fand. In dem weißen Bette lag Will ausgeſtreckt, wie auf dem letzten Paradebette. Ueber die eingefallenen wachsg Hemdk tiefen Lampe merten über d dunkler geſunk abgezel A Roſa. D der, de und er gekomr „Ihr 1 — 2( eine S Muth! T ntgege Holger 77 z3 und 3 dem Lreppe en ge⸗ blie⸗ große ſuchte em ſie gen.“ d uns gehen: lick in veſter! denn r, die iſtens in von niß zu Roſa, n Dir ſtehen ſeinen nſame jruppe ver⸗ , wie allenen wachsgelben Wangen, ſielen die Locken bis auf den Hemdkragen hinab und ließen die Stirn mit ihren tiefen Furchen faſt ganz frei zu einem Spielraume der Lampenſtrahlen, welche in den Falten derſelben ſchim⸗ merten und unter den Augenwimpern verſchwanden, die über die weit in ihre Höoͤhlen hineingeſchobenen, mit dunklen blauen Ringen bezeichneten Augen tief zuſammen geſunken waren. Der magere Arm, mit der dünnen abgezehrten Hand lag ausgeſtreckt auf der Decke. Weder Roſa noch Thekla wagten zu athmen. „Ich will einige Schritte weiter gehen!“ flüſterte Roſa. ſach ſie ging nur drei Schritte; mit einem Schau⸗ der, der durch Mark und Bein fuhr, zog ſie ſich zurück, und erſt als ſie wieder in das äußere Zimmer hinaus gekommen war, vermochte ſie zu reden. „Menſchen ohne Barmherzigkeit!“ rief ſie aus. „Ihr wollt mich ja mit einer Leiche vermählen! Komm! — Macht mit mir, was Ihr wollt: habe ich bis jetzt eine Secunde geſchwankt, ſo habe ich jetzt tauſendfältigen Muth!“ hhekla ſeufzte— Will's Anblick hatte eine ganz entgegengeſetzte Wirkung hervorgebracht, als ſie berechnete. Sie ſtanden wiederum vor der Kellerthüre, an die Holgerſen unbeweglich gelehnt ſtand. „Nun?“ „Oeffne, mein Vater!“ Siebzehntes Capitel. Eine Nachtſeene im Kellergewölbe. Der Schlüſſel knirſchte in dem großen Schloſſe. Ein dumpfes, unheimliches Geräuſch, das in der Der Jungferthurm. IV. 14 zden Hausflur weiderhallte, ließ ſich vernehmen, als ſich endlich die Thüre um ihre groben Angeln drehte. Eine eiskalte Luft wehte ihnen entgegen. „Gib mir die Laterne!“ ſagte Holgerſen. Thekla zündete das Licht an, welches ſie mitge⸗ nommen hatte, um ſich wieder hinauf zu leuchten. Darauf gab ſie dem Vater die Laterne, indem ſie Roſa die Hand reichte. „Lebe wohl, Schweſter!“ „Lebe wohl!“ flüſterte Roſa mit zitternder Stimme. „Kehre ich nicht wieder, ſo ſchreibe Du und berichte ihm, daß ich meine Treue bewahrt, daß ich um unſrer Liebe willen, zu Allem Muth gehabt habe!“ „Fuͤhrt Dich nicht die Hand eines Vaters 2“ ent⸗ gegnete Thekla beinahe ſtreng.„Geh Du muthig mit— Gott ſei mit Dir!“ Holgerſen ſtieg ein paar Stufen voraus hinab und reichte dann der Tochter die Hand. „Steh jetzt ſtill, ſo lange, bis ich die Thüre zuge⸗ macht habe!“ Er verriegelte die Thüre von Innen. In dieſem Augenblicke fühlte Roſa, wie die Füße unter ihr wankten: ſie war nahe daran, die noch übrigen Stufen hinunterzuſtuͤrzen, doch der Vater umfaßte ſie und führte ſie vorſichtig hinunter. Bald ſtanden ſie in dem erſten Gewölbe. Es war lang und tief, getragen von einer doppelten Reihe koloſſaler Pfeiler, die in dem dämmernden La⸗ ternenlichte gleich wacheſtehenden Poſten die Schätze der alten Hanſeaten bewahren zu wollen ſchienen, welche Schätze hier vielleicht noch in ihren genau zuſammen⸗ gepaßten Gräbern ruhten. Sie gingen an dem Brunnen vorüber, in welchem die Hochmächtigen ihre Fiſche verwahrt hatten; jetzt war er gefüllt mit reinem, klarem Waſſer. „Laß mich hier einen Augenblick ruhen, Vater!“ „Gerne, mein Kind!“ mie ſtig lich Sch Wo Sti ſchl war er i lan ihre lud um her. nich glich nen Stu ſich freie möch des gerſ als ſich mitge⸗ n. ndem ſie Stimme. hte ihm, er Liebe 2“ ent⸗ mit— nab und re zuge⸗ die Füße übrigen faßte ſie voppelten nden La⸗ hätze der , welche ſammen⸗ welchem jetzt war gter!“ 211 „Müſſen wir weiter gehen?“ „In das nächſte Gewölbe.“ „Laß uns hier beim Brunnen bleiben— ich fühle mich ſo ermüdet!“ „Es iſt nicht weit!“ „Ach, wenn Er mich ſähe!“ ſeufzte das geäng⸗ ſtigte Kind. „Komm— die Zeit vergeht!“ Sie ſtanden vor der Thuͤr des zweiten Gewölbes. Dieß war der Ort, wo Holgerſen ſo manchen ſchreck⸗ lichen Kampf gekämpft hatte, wo er, verfolgt von den Schatten ſeiner gemordeten Opfer, bisweilen wie ein Wahnſinniger auf⸗ und abgelaufen, bisweilen mit ſeiner Stirn gegen die kalte Mauer gefahren war, bis er, er⸗ ſchlafft, das Gefühl ſeiner Pein verloren hatte— es war dieß der Ort, wo der Entſchluß erwacht war, den er in dieſer Stunde Roſa mittheilen wollte, und welchen, lange erwogen, er auch ausführen wollte, wenn ſie bei ihrer Weigerung verbliebe. Sie waren eingetreten. Eine kleine von Schimmel grünende ſteinerne Bank lud zur Ruhe ein. Holgerſen ſetzte die Laterne auf ein umgekehrtes Faß. Roſa warf einen langen furchtſamen Blick um ſich her. Dieſes Gewölbe war ebenſo gebaut wie das erſte — es kam ihr nur vor, als ob die grauen Pfeiler hier nicht über die Schätze der Hanſeaten wachenden Poſten glichen, ſondern den geharniſchten Geiſtern der geſchlage⸗ nen Bürger von Wisby, welche ſich in der nächtlichen Stunde verſammelten, um über die Wahl der Jungfrau ſich zu berathſchlagen, welche Junghanſen's Tochter be⸗ duß ſollte, damit ihr Staub im Grabe Ruhe finden möchte. In dieſem Augenblicke verkündigte der heiſere Ruf des Nachtwächters die Stunde der Mitternacht. Roſa's Haupt ſank auf die Bruſt herab. 4 „Beruhige Dich, mein geliebtes Kind!“ ſagte Hol⸗ gerſen ſanft, ja mit einer Stimme balt unendlicher Zärtlichkeit:„Deines Vaters Herz hat noch nie ſtärker und wärmer für Dich geſchlagen, als in dieſem Augen⸗ blicke, da er die Entſcheidung einer Frage von höherem Wenthe, als Du ahnſt, in Deine Hände legen will!“ „BVater!“ „Du haſt gleich einer Löwin für die Sache Deiner Liebe geſiegt, ich ſchätze Dich darum doppelt! Ich hätte Dir dieſe Standhaftigkeit nicht zugetraut, denn ſie iſt groß in Deinen Jahren und kann nur durch die Liebe vorhanden ſein, deren Macht ſo unermeßlich iſt.“ „Ach, wie gut biſt Du, lieber Vater! Du verſtehſt mich— Du zürneſt mir nicht?“ „Ich verſtehe Dich beſſer, mein Kind, als irgend Jemand, denn in keinem menſchlichen Herzen hat dieſes Gefühl, das in Dir lebt, ſtärker gewüthet, als in dem meinigen— wie könnte ich alſo zürnen? Nein, meine Tochter, verſtehe Deinen Vater nicht falſch! Was in ſeiner Seele bebt, das ſind ganz andere Eindrücke, als die des Zornes: ich leide mit Dir, für Dich: es geht ein Wehejammer um Deinetwillen durch mein Herz!“ Roſa warf ſich an die Bruſt ihres Vaters.„O wie ſchön, o wie herrlich und wohlthuend! Ich meinte, da ich hieher kam, ich müßte vor Betrübniß ſterben, und finde ja einen himmliſchen Frieden: ich darf aus⸗ weinen an einem Herzen, das mich nicht verdammt!“ „Weine, Kind, weine! dieſer Troſt iſt mir ſelten vergönnt— aber ich habe auch keine ſchuldenfreie Seele, wie Du!“ Aber warum brauche ich zu weinen, lieber Vater, da Du ſo unausſprechlich gut gegen mich biſt?“ „Darum, mein Kind, weil dieſer flehende Blick, den Du auf mich hefteſt, keinen Troſt erhalten kann. Dein Vater liebt Dich, iſt zufrieden mit Dir, bewundert Dich, kann Dich aber dennoch, weil er es nicht vermag, nicht freiſprechen von der Wahl, die Du hier treffen ſollſt.“ „Du gibſt dem Zwange einen gelinden Ausdruck, Vater! Kann das den Namen von Wahl erhalten, wozu man mich mit aller Gewalt zu zwingen ſucht?“ daß Zwo Dich zwir „ſoll hieh jeme kein abge fühl von denn als Holg eini ſten war, ſagte verm aus, daru leide, gut 1 dem gewef wenn ſtärker Augen⸗ oherem 4** Deiner h hätte ſie iſt e Liebe erſtehſt irgend dieſes in dem meinte, ſterben, rf aus⸗ mt!“ rſelten eSeele, Vater, ick, den Dein rt Dich, g, nicht ollſt.“ usdruck, rhalten, icht?“ „Deine Mutter hat es verſucht, Dich zu überreden, daß Du meinen Wunſch erfüllen möchteſt, doch iſt von Zwang die Rede gar nicht geweſen— wie könnten wir Dich wohl gegen Deinen Willen in den Brautſtuhl zwingen?“ „Wie?“ rief Roſa mit erhobenem Haupte aus, „ſoll ich nicht gezwungen werden? Kam ich nicht darum hieher?“ heuier ſollſt Du freier ſein in Deiner Wahl als jemals. Wenn Du Will verwirfſt— für welchen ich kein einziges Wort verſuchen will, da weder ſeine eigene abgezehrte Geſtalt, noch Deine ehemaligen warmen Ge⸗ fühle für ihn bei Dir Anklang finden— ſo ſollſt Du von mir keinen einzigen Vorwurf hören.“ „O geliebter Vater! da iſt ja Alles abgemacht; denn nie, nie nehme ich einen andern Gatten entgegen, als meinen Albin!“ Bei dieſem Namen flog ein ſo heftiges Zucken durch Holgerſen, daß auch Roſa zuſammenfuhr. Es verfloſſen einige Minuten, ehe der in das Meer ſeiner ſchrecklich⸗ ſten Erinnerungen hineingeſchleuderte Mann im Stande war, ſeine Beherrſchung wieder anzunehmen, doch nun, ſagte er ſo leiſe, daß Roſa kaum ſeine Stimme zu hören vermochte:„Sprich nicht den Namen Deines Geliebten aus, Kind! Nicht aus Haß gegen ihn bitte ich Dich darum, denn er kann nicht für ſeinen Namen, aber ich leide, wenn ich ihn höre!“ „Ach Vater, wenn Du nur wüßteſt, wie edel, wie gut und ſtark er iſt, ſo würdeſt Du ihn lieben!“— „Ich hörte ſchon von Deiner Mutter, was Du auf dem Seefräulein erlebt haſt, und wäre es Gottes Wille geweſen, wie glücklich würde ich mich gefühlt haben, wenn ich Dich hätte einem Manne geben können, deſſen Gefühle für Dich eine ſolche Feuerprobe beſtanden haben! Doch laß uns wieder auf den Gegenſtand unſeres Ge⸗ ſpräches zurückkommen— Du ſchlägſt Will aus, und da Du das thuſt, ſo bin ich gezwungen, Dir die Wahl zu laſſen zwiſchen ihm und... doch erſt muß ich Deine — —————*. —— 214 junge Seele in ein Geheimniß einweihen, über welchem bis jetzt noch der Schleier des Geheimniſſes ungelüftet ruht. Haſt Du Muth, mein Kind, hinter dieſen Schleier zu blicken?“ „Ich muß ja Muth haben, Vater!“ „Wahr genug: Du mußt Muth haben! Nun wohl, meine Tochter! Eine Handlung der barbariſchſten Un⸗ gerechtigkeit trieb mich als Jüngling aus dem Vater⸗ hauſe, beladen mit der Laſt der Verfluchung meines Vaters. Wehe dem Kinde, auf welchem ein ſolcher Fluch ruht: es iſt den böſen Mächten verfallen!“ „Hu, Vater!— rede nicht ſo!“ „Zittere nicht, meine geliebte Tochter: wie Du auch handeln magſt, Dich ſoll dieſes Strafurtheil niemals heimſuchen. Ich war von Natur von wildem Gemüth, geboren mit heftigen Leidenſchaften, im Innerſten meiner Seele erbittert durch die gräßliche Qual, welche die Handlungsweiſe meines Vaters mir zufügte; ich lebte eine lange Zeit wie ein Wilder im Gebirge, und wurde dadurch zuletzt wirklich ein Wilder. Ich erwählte die See, und manche kühne und gräßliche That, die der Nordſeeſiſcher ausführte, und die das weite Meer birgt, würde meinen Namen zu einem Abſcheu gemacht haben, wenn.. das Meer nicht ſo tief wäre!“ „Doch die Liebe zu der Mutter 2“ ſtotterte Roſa mit ſchwacher Stimme. nunft gebracht; aber es dauerte lange, bis ſie mich zu dem gebeſſerten Menſchen machte, der ich ſpäterhin durch ſie wurde.“ „Mutter wußte alſo... Roſa wagte nicht aufzublicken. „Hüte Dich, Kind, einen Verdacht zu werfen auf Deine Mutter, die reinſte und edelſte unter allen Wei⸗ bern! Erſt mehrere Jahre ſpäter entdeckte ſie, wer ihr Gatte geweſen war und noch war. Sie wollte von mir hinwegfliehen und euch Alle mitnehmen; aber ich hätte ſie aufgeſucht am Ende der Welt, ich hätte ſie lieber 44 Ja, dieſe Liebe hätte mich beinahe um die Ver⸗ elchem elüftet chleier wohl, 1 Un⸗ Vater⸗ neines ſolcher auch iemals emüth, meiner he die hlebte wurde lte die die der birgt, haben, Roſa e Ver⸗ nich zu durch fen auf n Wei⸗ ver ihr von mir hh hätte 2 lieber — mit eigener Hand getödtet, als gewußt, daß ſie von mir getrennt lebte!“ „Das war Liebe, Vater!“ „Das war eine ſündige Leidenſchaft! Wäre meine Liebe rein geweſen, ſo hätte ich es zugelaſſen, daß ſie weit hinweg geflohen wäre mit ihren Kindern, und hätte mich nie vor ihr gezeigt; aber ich lernte erſt in weit ſpäterer Zeit kennen, was es heißt, die Sinne zu bän⸗ digen. Und jetzt, Kind, ſtehe ich vor dem Aergſten! Gib mir einen Blick aus Deinen milden Augen— ſonſt habe ich den Muth nicht, weiter fortzufahren!“ „O mein Vater!“ Roſa legte zwar mit Schaudern, aber dennoch frei⸗ willig, ihr Haupt an ſeine Bruſt, denn jetzt wußte ſie ja, woher ſein vieljähriges Seelenleiden entſprungen war! „Vor vielen Jahren überfiel ich einen mit Contre⸗ bande beladenen franzöſiſchen Schooner. Wir hatten einen fürchterlichen Kampf. Die Beſatzung wurde nie⸗ dergemacht, und erſt als das Fahrzeug in meiner Hand war, erfuhr ich, daß in der Kajüte Paſſagiere waren: ein alter kranker Mann und— ein ſtummer Knabe.“ „Mein Gott!“ rief Roſa mit gefalteten Händen. „Sie wurden doch wohl gerettet?“ „Ja; doch dieſe Beiden waren nicht allein: der kranke Mann hatte noch einen Sohn, der oben auf dem Verdeck mich um das Leben ſeines Vaters und ſeines Bruders anflehte.“ „Vater, Vater!“ Roſa verbarg ihr Antlittz. „Ja, verbirg Dich, armes Kind, denn Du biſt die Tochter— eines Seeräubers und Mörders!“ 4 Ein ſchwacher Ausruf entfloh Roſa's Lippen, aber kein Wort— ihr Herz war beinahe erſtarrt. „Will's Bruder durfte nicht leben— er hatte Alles geſehen und würde mein Leben verrathen haben. Höre nun aufmerkſam zu: der Knabe floh vor meinem Dolch hinauf in die Takelage, er verbarg ſich, er lief in den Wanten, der Sturm heulte und pfiff um uns her, die zuſammengeketteten Fahrzeuge ſchoſſen krachend durch —y 216 die Wogen. Die Nacht war ſchwarz, doch der Lichtſchein zeigte mir ein kleines Bein, das dort oben ſichtbar war .. hörſt Du zu? die kleine Mütze ſiel herunter, ein Piſtolenſchuß knallte, das Fahrzeug ſchwankte... und er eichunm des Knaben ſank hinab, hinab in die iefe... Jetzt ſank auch Roſa hinab— ihre Kraft war er⸗ ſchöpft; ſie ſank in Ohnmacht zu den Füßen des Vaters. Ueber eine Stunde war verfloſſen. Bleich und vereiſ't ſaß Roſa wieder auf der Bank an der Seite ihres Vaters. „Sieh,“ ſagte er,„ſieh dieſe kahlen Mauern, mein Kind! Könnten ſie reden, ſo würden ſie Dir eine Ge⸗ ſchichte erzählen, die fürchterlicher wäre, als die ich er⸗- zählt habe. Sie würden Dir die Geſchichte der Ge⸗ wiſſensqualen erzählen, welche geſchrieben iſt in einer Sprache, die Menſchenlippen nicht ausſprechen können, denn ſie iſt mit brennender Blutſchrift geſchrieben, die menſchliche Augen zu ſehen nicht aushalten können— aber in dem Herzen iſt ein Dolmetſcher, welcher ihre Sprache deuten kann... und ich habe ſie verſtehen gelernt!“— „O, welches Leiden!“ „Leiden?... ich habe viele lange Jahre die ganze Hölle in mir getragen, und wenn meine Laſt mir allzu ſchwer war und die Bruſt zerſpringen wollte, dann floh ich in dieſes Gewölbe, wo ich es wagte, mich zu ver⸗ ſchnaufen— hier konnten meine Lippen der verzehrenden Pein Worte geben. Dieſer Raum iſt die Folterkammer Deines Vaters geweſen und das Fegefeuer, aus dem er zwar geiſtig und körperlich verzehrt herausgegangen iſt, aber dennoch mit einer Hoffnung, daß der Herr der Barmherzigkeit ihn nicht verwerfen würde, wenn er ihm ein Verſöhnungsopfer bringen könnte. In Will's Liebe zu Dir ſah ich einen Wink von Oben, und ich hoffte, mein der war willi da d Dan ich n vor ich g der 6 der L einar nicht liche ich m gehör das( deſt I leideſt hinzu ſchein war , ein . und n die ar er⸗ aters. Bank mein e Ge⸗ ich er⸗ r Ge⸗ einer onnen, 1, die ten— r ihre rſtehen ganze allzu n floh u ver⸗ renden ammer dem er gen iſt, rr der er ihm 3Liebe hoffte, mein Kind, Du würdeſt aus Rückſicht bloß auf Will— der Gedanke an ein ſolches Ueberredungsmittel wie dieſes war mir in der Seele zuwider— in die Verſöhnung willigen, nach welcher meine Seele dürſtete.“ „O mein Gott! warum wurde mir nicht ſogleich, da dieſe Idee bei Dir entſtand, dieſelbe mitgetheilt? Damals... da wäre es mir noch möglich geweſen...“ „Deine Mutter flehte um Schonung für Dich, und ich war ſchwach genug, ihr nachzugeben.“. „Ach, wäre doch das nicht geſchehen! Hätteſt Du vor einem Jahre ſo zu mir geredet, wie heute, da wäre ich gehorſam geweſen, doch...“ „Doch?... vollende!“ „O Vater, es iſt doch nur eine ſchöne Phantaſie, der Gedanke von dieſer Verſöhnung! Gott, die Quelle der Liebe, will gewiß nicht, daß Du zwei Herzen von einander reißen ſollſt! Er kann eine ſolche Verſöhnung nicht mit Wohlgefallen anſehen: Deine tiefe, unermeß⸗ liche Reue hat bei ihm weit mehr geredet— und ließe ich mir jetzt, erſchreckt durch alle Gräßlichkeiten, die ich gehört, durch Alles, was meine Seele zuſammenpreßt, das Gelübde abzwingen, welches Du wünſcheſt, ſo wür⸗ deſt Du dereinſt zu der grauſamen Pein, welche Du jetzt leideſt, auch noch mein und eines Andern zerſtörtes Leben hinzulegen müſſen!“ „Glaubſt Du, Roſa, ich würde Dich hierher gerufen haben, wenn ich Dir nicht noch etwas mehr zu ſagen ehabt hätte? Merke, mein Kind: Dein Vater erbettelt ch von Dir nicht den Frieden ſeiner Seele— dieſes ſoll Dein freiwilliges Geſchenk ſein— und keinen ein⸗ zigen Augenblick bezweifelte ich es, daß Deine Selbſt⸗ ſucht Deine eigene Glückſeligkeit voranſetzen würde. Ich täuſchte mich nicht mit der romantiſchen Hoffnung, Du würdeſt mit dem Gedanken an den Abgott Deiner Liebe Dich für einen Vater opfern.“ „Vater! Vater!“ „Ich ſehe Dein Erröthen, mein Kind, und ver⸗ zeihe Dir Gefühle, die ſo menſchlich ſind, daß ich ſie ſchon vorausſah; doch— nun gilt die Wahl!“ Holgerſen erhob ſich, ging zu einer Niſche in der 1 Mauer und öffnete einen dort ſorgfältig verborgenen Schrank. Roſa zitterte an allen Gliedern— ſie glaubte, ihre letzte Stunde ſei gekommen. „Sieh hier, Kind!“— Holgerſen's Ton hatte noch Beherrſchung, doch in dieſer Beherrſchung lag eine Un⸗ heimlichkeit, welche auf Roſa mehr wirdte, als heftige Rührung gewirkt haben würde. Er reichte ihr ein Papier und ſchob das Faß mit der Laterne näher. Kaum aber hatte Roſa die erſten Zeilen dieſer geheimnißvollen Schrift betrachtet, ſo ließ ſie dieſelbe fallen, umfaßte die Kniee ihres Vaters und rief mit der ganzen Stärke eines feſten und unveränderlichen Ent⸗ ſchluſſes der Seele:„Ich bin Dein, Vater, mit Leben und Blut! O, ich war ſehr verirrt— verachte nicht Deine Tochter! Befiehlſt Du, daß ich mit Will noch in dieſer Nacht, in dieſer Stunde, in dieſer Minute ge⸗ traut werden ſoll? Sieh, ich bin bereit, nicht überredet, nein, aus freiem Willen, mit Jubel und Dankbarkeit!“ „Vergiß nur nicht, wenn Du erwachſt aus dieſem heftigen Taumel, aus dieſer Spannung, worin Deine Seele jetzt iſt, daß ich Dich nicht zwinge, Dich nicht bitte: Deine Handlung iſt frei— Du haſt ſelbſt gewählt!“ „Ja, ich habe ſelbſt gewählt, und ſo lange ich lebe, werde ich mit Entzücken mich dieſer Stunde erinnern, wenn Du! mein Vater, jetzt ſagſt, daß Alles gut iſt, daß Du das Verſöhnungsopfer Deines Kindes annimmſt!“ „Ich nehme es an, und ſegne Dich mit Thränen meiner ewigen Dankbarkeit— nicht um meiner ſelbſt willen, denn für mich wäre es vielleicht beſſer geweſen, wenn Du nicht ſo gewählt hätteſt, wohl aber um Deiner Mutter, um Deiner Schweſtern willen: Du biſt die Dulderin, die Gott zur Rettung ihrer ganzen Familie erſehen hat!“ f ſie do in ta zu A zerſtre dieſen Kopf! maße 7 einer dem Verze nichts zu ver S ſtreut die B höhere Wang ich ha block und n keine nunft der T komm derum ch ſie n der genen „ihre noch 2 Un⸗ heftige ß mit dieſer ieſelbe rit der Ent⸗ Leben nicht noch ite ge⸗ rredet, rkeit!“ dieſem Deine nicht dählt!“ h lebe, innern, gut iſt, umſt!“ hränen ſelbſt eweſen, Deiner iſt die familie 219 „Und nun iſt dieſes mein!“ ſagte Roſa, indem ſie das Papier ergriff;„es iſt in meinen Händen, die es in tauſend Stücke zerreißen ſollen; ich darf dieſe Stücke zu Aſche verbrennen und dieſe Aſche hinwegblaſen und zerſtreuen, ſo daß nicht der kleinſte Staub davon aus dieſen Wänden herauskommt!“ Das Papier, welches Roſa jetzt auf ein ſtummes Kopfnicken ihres Vaters vernichtete, begann folgender⸗ maßen:. „Ich, Arne Holgerſen, ſeit dreizehn Jahren mit einer ſchrecklichen Blutſchuld belaſtet, gehe nun, um vor dem weltlichen Richterſtuhl Rechenſchaft davon abzulegen. Verzehrt von unheilbaren Gewiſſensqualen, wünſche ich nichts höher, als mit meinem eigenen Blute das Blut zu verſöhnen, das durch meine Hand vergoſſen iſt,“ u. ſ. w. Als Roſa die Aſche dieſes Documentes umherge⸗ ſtreut und in die Erde getreten hatte, warf ſie ſich an die Bruſt ihres Vaters, geſtärkt und gehoben durch eine höhere Kraft, als ſie jemals empfunden hatte. „Armes Opfer!“ Holgerſen's Thränen benetzten die Wange der Tochter.„Ein Engel kam und rettete mich — glaube aber nicht, daß ich gewankt haben würde: ich habe ſo oft, gerade hier an dieſem Orte, den Richt⸗ block vor meinen Augen geſehen, habe das Beil blitzen und meinen Kopf fallen geſehen, daß ich mich durch keine Feigheit erniedrigt haben würde.“ „O, ſtill, ſtill, ſtill! Raube mir nicht die Ver⸗ nunft: ich weiß, daß Du Wort gehalten hätteſt!“ „Ja, ich ſchwöre bei dem höͤchſten Richter, daß, ich es gethan hätte, denn meine Seele hat ſich oft, beſon⸗ ders jetzt, während der letzten Monate, nach dieſer Ver⸗ ſöhnung geſehnt, obgleich ich es nicht gewagt habe, Deiner Mutter mein Vorhaben zu verrathen... Doch komm jetzt, Du ſtarkes, hochherziges Kind, Du Retterin der Deinigen, Du verſöhnender Engel Deines Vaters, komm und laß uns dieſes Gewölbe verlaſſen, das wie⸗ derum der Zeuge einer Seene geweſen iſt, welche dieſe 220 ſchweigenden Mauern eben ſo treulich bewahren werden, wie unſere eigene Bruſt!“ „Ja, komm, mein Vater! nach einigen Stunden ſitzt die Braut vor dem Bette des Bräutigams!“ Achtzehntes Capitel. Der Welt Urtheil. „Und ich hatte eine ſo gute Meinung von dem Mädchen,“ ſagte Frau Ringeborg, die beim Mittagstiſch im Hochſitze ſaß. „Ich hätte eher geglaubt, daß der Mond mir auf die Naſe herabfallen wuͤrde, als daß ich den Tag er⸗ leben ſollte, da ich den Eigennutz in einer ſo reinen Geſtalt ſehen ſollte, als in der ihrigen!“ fügte der Raths⸗ herr mit einer gewiſſen Unſicherheit in der Stimme hinzu. „Es thut mir weh, Mutter, ſo daß es im Herzen brennt: ſie, der gute Engel, verheirathet mit einer Leiche, einem Stummen, einem Halbwahnſinnigen, um zu einem Reichthum zu kommen, der ihnen ſonſt aus den Händen gegangen wäre— ſie hatten immer noch nicht genug!“ „Und noch dazu,“ fuhr Frau Ringeborg fort,„in demſelben Augenblicke, da Amelie das Teſtament über das große holländiſche Erbtheil erhalten hat— doch je mehr man hat, je mehr man will!“ „Aus meinem Kopfe,“ ſagte Tante Taga, die jetzt, nachdem ſie die Suppe aufgegeben hatte, auch ein Wörtchen mitzuſprechen haben wollte,„geht der Glaube nicht heraus— mag übrigens die ganze Stadt plaudern was ſie will— daß ſie dazu nicht nur überredet und gelockt, ſondern auch gezwungen worden iſt 1⸗ „Couſine!“— Frau Ringeborg ſah ſehr verwun⸗ dert aus—„haſt Du denn ſchon vergeſſen, daß ich ſelbſt mit dem Mädchen geredet habe, da ich heute Vor⸗ eifrig Geſpr Ding von. ihm ſchütt . tig!“ Geſpr allen weiſſa⸗ dritten der G T daß ſi Hochze wollen Der C den, nden dem ztiſch auf 3. er⸗ einen aths⸗ inzu. ennt: einem einem inden nug!“ „in über öch je , die ch ein laube udern t und 221 mittag dort war und ſie willkommen hieß? Sie kam nicht aus dem Concepte, da ſie als Will's Braut prä⸗ ſentirt wurde und ſah weder auf die Wand, noch an die Decke, ſondern mir gerade in die Augen, da ich ſagte: „das iſt gewiß ein ſchlimmer Scherz!““ „Aber ſie ſchwieg doch wenigſtens, die arme Kleine — ſie hatte nicht den Muth, Couſine Ringeborg, zu antworten!“ „Meinſt Du das, Couſine Taga? Aber Du mußt wiſſen, daß Du Dich jetzt, wie es oft geſchieht, ſehr irrſt!“ „Liebe Couſine, was ſagte ſie denn?“ Tante Taga war eben erſt von ihrer Runde zu⸗ rückgekehrt, ſo daß die alten Damen ſich jetzt erſt beim Mittagstiſche trafen, und der Gegenſtand, der ſie ſo eifrig beſchäftigte, war heute und noch viele Tage das Geſpräch in ganz Wisby. „Sie ſagte ſo:„Warum wollten wir mit ſo ernſten Dingen ſcherzen, liebe Tante? Will hat mich lange, ja von Kind auf geliebt, und eben ſo lange bin auch ich ihm gut geweſen.““ „Herr Du mein Gott, wie ſonderbar!“ Tante Taga ſchüttelte den Kopf... „Ich habe nichts dagegen, mein Kind!“ antwortete ich:„Du biſt für Deine ſechzehn Jahre ſehr vernünf⸗ tig!“ Nun aber kam Amelie und unterbrach das ganze Geſpräch von der Verlobung mit großem Geſchwätz von allen drei Hochzeiten im Herbſt... Nun, nun, ich weiſſage gewiß kein ſchlechtes Wetter, ob aber aus der dritten etwas wird, das will ich ungeſagt laſſen!“ „Mutter, Mutter!“ Der Rathsherr trommelte mit der Gabel auf dem Teller. Doch Mutter war allzu tief hineingekommen, als daß ſie auf das wohlgemeinte Signal hätte hören ſollen. „Ich wiederhole, Couſine Taga, daß wir die dritte Hochzeit noch nicht geſehen haben, und mit Freuden wollen wir hoffen, daß wir ſie nicht zu ſehen bekommen! Der Charakter des Mädchens, das ich jetzt meine, war leider immer zweideutig— ſie ſind alle mit einander höchſt ſonderbare junge Mädchen!“ „Aber, Mutter, Du wirſt Dich wohl erinnern, daß Du eine lange Zeit ganz anderer Meinung warſt: ich wagte damals mit einer kleinen Anmerkung hervorzu⸗ kommen— fand ſie wohl Gehör?“ „Meine Liebe, es möchte ſich wohl kein Menſch finden laſſen, der allwiſſend iſt,“ entgegnete Frau Ringe⸗ borg mit hochrothen Roſen auf beiden Wangen.„Uebri⸗ gens bleibe ich immer bei der Ueberzeugung, daß ſie damals gute Vorſätze hatte; und wären nur beide Hoch⸗ zeiten ſogleich gefeiert worden, ſo daß beide Paare das Ihrige gehabt hätten, ſo hätte Alles gut werden köͤnnen— aber.... aber.... die Abweſenheit der Mutter und Karl's Abweſenheit— es mußte den Holzweg gehen!“ „Biſt Du überzeugt, Mutter, daß es den Holzweg gegangen iſt?“ „Vater, Du biſt ſehr ſonderbar! Seit wann iſt mein Urtheil ſo krumm und ſchief geworden, daß Du nicht einmal darauf bauen kannſt? Danke Gott, Vater, wenn es nicht noch ärger als auf den Holzweg gegan⸗ gen iſt?“ „Das iſt ſchon genug, Mutter, und wenn Karl nach Hauſe kommt, ſo wird er es wohl für mehr denn genug halten!“ „Nimm nun die Stürze von der Pfannkuchenſchüſſel, Couſine Taga! Ich glaube, es iſt Zeit, von dieſem Gegenſtande abzubrechen— und was den zweiten betrifft, ſo ſage ich gerade ſo, wie heute Frau G...:„Gebe Gott, daß der Eigennutz ſich nicht ſelbſt ſtürzt— das war mir ein häßlicher Zug von einem ſo jungen Mädchen!“ So urtheilt die Welt.. Handlungen, deren Gründe ein Geheimniß bleiben, müſſen aus einer unreinen Quelle entſprungen ſein. — dem Erſte Doct Holg zu d mit welch heftet den klärte dennt Hand 4 Antli zeuge Trau 4 ihre Hand ſagte Auge mend der 2 linge ſehnte thum 5 Docte feiert Traut Bette den empor 1 5 Einige Stunden vor dem angeführten Geſpräche in )O 3 Höchſt dem Salzwedel'ſchen Hauſe war Will aus ſeinem, einer „daß Erſtarrung gleichenden Schlummer erwacht. : ich In dem Zimmer waren nur drei Perſonen: der orzu⸗ Doctor, welcher auf einem Stuhle zu den Füßen ſaß, Holgerſen, der ſich an den Ofen lehnte, und Roſa, die kenſch zu den Häupten des Kranken auf den Knieen lag und linge⸗ mit feſter und tiefer Reſignation auf dieſe Züge blickte, Uebri⸗ welche bald ihre todtenähnliche Steifheit verlieren ſollten. aß ſie Will's ſchwere Augenlider erhoben ſich langſam; er Hoch⸗ heftete den Blick auf Roſa, welche ihn mit einem mil⸗ e das den und lieblichen Lächeln betrachtete: es war das ver⸗ nen— klärte Lächeln auf den Lippen eines Engels— und r und dennoch fühlte ſie gerade in dieſem Augenblicke die eiſige hen!“ Hand des Todes auf ihrem Herzen. olzweg Es verfloſſen einige Augenblicke. Da erhob der Jüngling die kraftloſe Hand zu ihrem unn iſt Antlitze empor; er ſchien ſich durch das Betaſten über⸗ iß Du zeugen zu wollen, daß dieſe himmliſche Erſcheinung kein Vater, Traum war. gegan⸗„NRoſa nahm die Knochenhand und führte ſie über 3 ihre Stirn, über ihre Wangen; darauf behielt ſie dieſe Karl Hand in der ihrigen und nickte mit einer Miene, welche r denn ſagte:„Glaube Alles!“ 3 Doch Will konnte nicht Alles glauben: die in die ſchüſſel, Augen zurückkehrende Seele, das in die Wangen ſtrö⸗ dieſem mende Blut enthielten eben ſo viele Fragen. Da winkte betrifft, der Doctor Holgerſen: er war derjenige, der dem Jüng⸗ „Gebe linge die Gewißheit geben ſollte, nach welcher dieſer, ſich — das ſehnte; denn was ſeine Augen ſahen, konnte ein Irr⸗ dchen!“ thum ſein. Mit einem Ausdruck, deſſen ſtrahlende Freude dem bleiben, Doctor ganz unbegreiflich war— denn was hier ge⸗ en ſein. feiert wurde, das war in ſeinen Augen eher ein großes Trauerfeſt, als ein Freudenfeſt— nahte Holgerſen dem Bette, und nachdem er auf den Ring gedeutet hatte, den er ſelbſt am Finger trug, hob er Roſas Hand empor, darauf Will's Hand, und deutete an, daß auch ſie, ehe die Sonne ſich wieder erhöbe, ſolche Ringe tragen ſollten. ſeine Durch die Glieder des Kranken ſlog ein gewalt⸗ kann ſames Zucken, dann heftete er die Augen auf Roſa mit ſtumn einem Ausdruck voll erſchrecklicher Angſt. Sie hatte ein den 2 noch ſchöneres Lächeln für dieſe Berufung auf ſie, und will indem ſie ſich herabbeugte, betrachtete ſie ihn mit einem Opfer Blicke, der ebenſo reich an Verſprechungen war, als je der Ring ſein konnte. die j Will's von einem feuchten Nebel umſchleierte Augen hinwe weilten einen Augenblick auf Roſa; darauf wendeten ſie. ſich ſuchend auf den Fußboden. ſtände Holgerſen lockte Rolf. Liebe Dieſer, der unter das Bett gekrochen war, kam. nun hervor und legte mit einer Vorſicht, als ob er ſehr komm gut begriffe, daß hier, die größte Vorſicht von Nöthen könnte D war, die Vorderfüße auf die Bettkante, und begann leiſe Capit mit dem Kopf über die Hand ſeines Herrn zu ſtreichen. zugetr Jetzt lächelte Will und entſchlief bald von Neuem.. andern Der Arft verließ den Kranken. 3 wirſt Auf Holgerſen's Frage gab er die beſte Hoffnung, läßt, erklärte aber doch, daß wenigſtens ein paar Monate ver⸗ ſo übe gehen würden, ehe Will wieder ein Menſch werden könnte. den Lo nd trat wieder in das Zimmer, haber Holgerſen ſeufzte u wo Roſa jetzt allein war.— Vorſte „Meine zärtliche und geliebte Tochter,“ ſagte er Kampef und ergriff ihre Hände,„ſei jetzt nicht bloß zur Hälfte R eine Heldin, denn dann dient lles, was wir gekämpft komme und gelitten haben, zu gar nichtsl!„ Roſa blickte mit einer gewiſſen Gleichgiltigkeit auf nicht?“ § — was konnte man wohl jetzt noch fordern, das ſo„8 vieler Umſtände bedurfte? wort a „Ich habe von Deinem Herzen und von Deinem ſelbſt Verſtande eine große und harte Probe zu fordern; doch Betty . hoffe ich, Du wirſt meinen Vorſchlag billigen.“ geſchick „Ich höre, Vater!“. ſie bei „Was haſt Du rückſichtlich des jungen Capitains kümme beſchloſſen?“ n ſie, — er Heinem ; doch pitains „Ihm zu ſchreiben, und ihm zu ſagen, daß i ſeine Verachtung nicht verdiene, vbgläich 49 aenich kann, und daß ich im Herbſte, ehe ich mich mit meinem ſtummen Bräutigam vereinige, noch ein einziges Mal den Bräutigam meines Herzens ſehen will, denn ich will gereinigt ſein in ſeinen Augen, ehe ich das letzte Opfer bringe!“ „Dieß Alles will ſagen, daß die ſchwache Ruhe, die jetzt eingetreten iſt, von der Macht eines Orkans hinweggeblaſen werden ſoll. „Sollte ich mein Wort brechen, das ich unter Um⸗ ſtänden gab, welche mir theurer ſind, als ſelbſt meine Liebe und mein Leben?“ rief Roſa mit blitzenden Augen. „Kein einziger Gedanke iſt mir in die Seele ge⸗ kommen, mein Kind, der Deine edleren Gefühle kränken könnte; ſchreibſt Du aber nun nach Stockholm an den Capitain und erzählſt ihm die Ereigniſſe, die ſich hier zugetragen haben, ſo erhält wohl das Seefräulein einen andern Beſehlshaber für die nächſte Reiſe, denn Du wirſt wohl verſtehen, daß er Alles ſtehen und liegen läßt, um hieher zu kommen; und iſt er nur erſt hier, ſo überlaſſe ich es Dir ſelbſt, zu beurtheilen, ob nicht— den Lärm unberechnet, den ein junger, feuriger Lieb⸗ haber anrichten kann— Dein Herz bei ſeinen Bitten, Vorſtellungen und Machtſprüchen einen noch ſchwereren Kampf zu beſtehen haben wird.“ Roſa's geſenktes Haupt bewies, daß ſie dieſes voll⸗ kommen einſah. „Du gibſt mir Recht, mein Kind, und ſchreibſt nicht?“ cj„Ach, was ſoll er da denken? Laß mich die Ant⸗ wort aufſchieben, bis ich erſt einen Augenblick mit mir ſelbſt zu Rathe gegangen bin! Geſtern Abend wollte Betty mir ein Briefchen zuſtellen, welches er mit ihr geſchickt und ſie gebeten hatte, es mir zuzuſtellen, wenn ſie bei der Rückkehr vielleicht ſehen möchte, daß ich be⸗ kümmert wäre(ach, er ahnte einen Kummer!): ich aber bat ſie, den Brief zu behalten, denn ich wollte den edeln Der Jungferthurm. IV. 15 um meiner Liebe willen ohne ſein Mitwirken ſiegte— hernach ſollte der Brief meine Belohnung ſein. Doch jetzt, da ſo Vieles ſich verändert hat, da ich auf eine andere Weiſe geſiegt habe, wollte ich ihn nicht leſen, als da dieſer Augenblick vorüber war, da ich an Will's Bett geſeſſen und ihm mein Ge⸗ lübde gegeben hatte.“ Triumph haben, daß ich „Dank, geliebte Tochter, für Deine edle Aufrichtig⸗ 1 keit! So gehe denn und lies dieſen Brief, und gib mir dann Deine Antwort— ich bin überzeugt, ſie wird Deiner ſelbſt und Deiner neuen Verhältniſſe würdig werden. Dann aber ſchenke Deiner Mutter einen Augen⸗ blick: ſie ſehnt ſich darnach, Dich wieder zu ſehen, und zittert zu gleicher Zeit: ſie hatte nicht den Muth dazu, bevor Du hier Dein ſchweres Werk beſtanden hatteſt.“ Roſa ſtand auf und ging ſogleich in das Schlaf⸗ gemach, wo Amelie, umgeben von ihren beiden älteren Töchtern, ſich in einem ſolchen Zuſtand der Schwäche befand, daß ſie ſich kaum aufrecht zu halten vermochte. Sobald Roſa ſich zeigte, ſtreckte ſie ihr ſogleich die Arme entgegen. „Verdamme uns nicht, mein Kind! Habe Mitleiden mit den Qualen Deiner Mutter: ſie ſind ebenſo groß wie die Deinigen!... O, wie ſchwer ſielen mir geſtern alle dieſe Worte, da ich Dich aus Deinem friſchen und ſchönen Eden locken wollte, um Dich hinabzuſtürzen in. Gott, Gott! nimm mich hinweg von dieſer Erde, auf welcher ſo unerhört viele Leiden meine Seele zermalmen!“ „Mutter, geliebte Mutter ich bin ja ſtark; ich leide nicht, nein, nicht im Geringſten!“ Und Roſa lächelte— es war ein Lächeln von hoher und tiefer Entſagung— und ihr ſeelenvoller Blick ermahnte die Mutter zur Hoffnung. Mutter und Tochter verblieben lange ſtumm, Bruſt an Bruſt. „Ich kann in Ewigkeit nimmermehr begreifen,“ ſagte Hildur,„wozu dieſes Unglück dienen ſoll!“(Hildur und der Bräutigam ſelbſt waren die Einzigen in der — Liſſa mißr delicat erſcheinen, daß ich Sie mit einer Antwort beläſtige. Doch mich von der Hoffnung trennen, das hieße mich vom Leben trennen, und das thut man nicht, ohne zuvor gekämpft zu haben. Ich bin vollkommen überzeugt, es iſt etwas nach Roſa's Heimkehr vorgefallen, welches mir nicht mitge⸗ theilt worden iſt, weil man gemeint hat, es ſei nicht nothwendig, daß ich es wiſſe; aber eben ſo überzeugt bin ich auch, daß dieſes Etwas nicht vollendet werden wird, ehe ich ſie wieder geſehen habe, und darum reiſe ich, zwar tief bekümmert um mein künftiges Glück, aber dennoch keinesweges ohne Hoffnung. Denn der Umſtand, daß Roſa's kleiner Brief in dem Ihrigen lag, erklärte es mir vollkommen, daß Sie den Inhalt deſſelben kannten und daß folglich meine Ankunft im Herbſt Ihnen nicht unerwartet erſcheinen wird. Ich ſpare alſo bis dahin Alles, was ich anzuführen habe, bitte Sie jedoch, überzeugt zu ſein, daß ich mit Scham und Reue an meine Hitze, bei der Gelegenheit unſrer unglücklichen gemeinſamen Affaire gedacht habe. Hieran aber können Eie gewiß bei einer Angelegenheit nicht denken, wobei das ganze irdiſche Glück oder Unglück zweier Menſchen entſchieden werden ſoll. Nebſt meinem Compliment an Frau Mörk und der Hoffnung, unſer Wiederſehen werde nicht allzu bitter ſein, habe ich die Ehre, mit tiefſter Hochachtung zu ver⸗ bleiben Ihr ergebenſter Diener Albin Stangerling. N. S. In einigen Tagen gehe ich von Stockholm nach Liſſabon.“ Der Brief an Roſa war offen und lautete ſo: „Fürchte nicht, daß ich die Kürze Deiner Antwort mißverſtanden habe! Mir ſagte ſie Alles, was ich zu wiſſen brauchte: keine Erklärungen, keine Verſicherungen hätten mehr ſagen können, und nur der Tod vermag mich zu hindern, daß ich zu der beſtimmten Zeit nicht bei Dir bin. Glaube jedoch nicht, daß ich mich mit allzu kühnen Hoffnungen täuſche; aber ich werde Dich ſehen, Du erwarteſt mich, und— für das Uebrige wird Gott ſorgen. Ich hege das Vertrauen zu der Ehre Deines Va⸗ ters, daß er ebenſo wenig, als er Deinem Billete einen Platz in ſeinem Briefe weigerte, es weigern wird, dieſes an ſeine Beſtimmung gelangen zu laſſen. In Leben und Tod Dein Albin.“ Jetzt trat in den ſtürmiſchen Familienverhältniſſen eine gewiſſe Ruhe ein. Holgerſen ſchöpfte tief Athem, denn in ſeinen Gedanken erblickte er das Seefräulein auf ihrem langen Wege. Roſa ſah in der Faſſung und Zuverſicht ihres Geliebten eine Art von Boll⸗ werk, an dem ſie ſich ſtützen konnte, bis es zufant⸗ menſtürzte und die letzten Reſte ihres kurzen Glückes zermalmte. In Will's Zuſtand war noch immer keine große Veränderung merklich, daß er jedoch das Leben behalten würde, das ſah man wohl. Bis jetzt ſchien er aber mit ſeinen Gedanken und mit ſeinen Wünſchen ſich noch auf kein höheres Glück zu verſteigen, als Roſa's Hand an ſeine Augen zu führen, während er mit Blicken, welche Thränen in die Augen der Uebrigen locken konnten, den Ring betrachtete, welchen ſie trug. Wenn Roſa nicht bei ihm war, wenn er ſich nicht an ihrem Lächeln ſonnte, ſo konnte er ſtun⸗ denlang liegen und ſeinen eignen Ring anſtarren, den er von Zeit zu Zeit an ſeine bleichen Lippen führte oder Melh hinhielt, damit auch dieſer ſehen und begreifen möchte. —2 2 lichkei am w gewif S und j abend eingef zuletzt der ei nirten ſo tote mehr Der Es war merkwürdig, daß Roſa, deren Seele in igen der Feſſel der ſtummen Verzweiflung gebunden lag und nicht auf deren Lippen nie ein Lächeln kam, außer in Will's nucht Zimmer, bei dieſem ihrem ſtummen Bräutigam über Dich alle ihre Bewegungen gebieten konnte. Sie nickte ihm wird ſo ſanft und ruhig zu, wenn gerade ihr Herz unter der 3 ſchweren Laſt brechen wollte. Ihre Augen nahmen einen Va-⸗ Ausdruck des Friedens an, während die Thräne ſich nur einen mit Mühe zuruückhalten laſſen wollte, und für ihn hatte ieſes ſie ſtets ein ſo liebliches Lächeln, daß es ein Wunder mar. wie dieſes nur auf den Lippen vorhanden ſein onnte. Nach ſolchen übermenſchlichen Anſtrengungen, ſolchen Beſuchen in Will's Zimmer, ſank ſie gleichwohl ermattet auf den Sopha ihres eigenen. Aber keine Klage ent⸗ iiſſen ſchlüpfte ihren Lippen, außer wenn ſie im Jungfer⸗ thurme ſaß. them, ulein— fam⸗ Zwanzigſtes Capitel. ückes Laß uns vorſichtig gehen! b roße Jetzt war der Lieutenant Victor zu Hauſe. Tuoh Aber nichts, das den Namen von häuslicher Behag⸗ lichkeit verdiente, entſtand daraus für irgend Jemand, und am wenigſten für ſeine Braut, obgleich ſie ihn mit einer Glück gewiſſen Herzlichkeit empfing.. n azu Victor zeigte ſich jetzt weder als der vergötternde n 5 und jubelnde Liebhaber, wie wir an dem Verlobungs⸗ chtete abende auf Elfhagen ſahen, noch als der milzſüchtige, 7 eingefrorene, wie wir ihn zuletzt verließen; er hatte dieſe Run⸗ zuletzt angewendeten Geſtalten abgeworfen, um die Klei⸗ den der eines verunglückten muntern Bruders, eines unge⸗ oder nirten Chemanns anzulegen, dem die Flitterwochen ſchon reifen ſo total zu Ende gegangen waren, daß er ſich kaum mehr erinnern konnte, daß ſie jemals vorhanden geweſen Der Jungferthurm. Iv. 16 —-«? waren. Er ſchwatzte laut und viel, mit und ohne Zu⸗ ſammenhang, lachte über ſeine eigenen Einfälle, und that ehrlich Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, um auch die Andern zum Lachen zu bewegen; ſein ganzes Leben ſchien eine Jagd nach Witzen zu ſein, die aber bisweilen einen Anſtrich von Tollhäuslergenie erhielten. Roſa's und Will's Verlobung fand er„göttlich arran⸗ girt,“ weil der Lichteffect, der ihr allzu ſehr geſchadet haben würde, mit ausgezeichnetem Kunſtſinn von den Schatten verſteckt wierde. Zu ſeiner Braut ſagte er oft mit großem Ernſte:„Deine Matronenwürde entzückt mich— kann ich wohl etwas Anderes glauben, als daß wir ſchon vor zehn Jahren getraut ſind 2.. und dieſe angenehme Ruhe oben auf dem Unſinn iſt mehr werth, als tauſendmal ein Liebesrauſch.“ Auf dergleichen Eröffnungen pflegte Thekla bisweilen mit einem kalten und vorwurfsvollen Blick, bisweilen mit einigen Worten voller Ernſt zu antworten; doch dieſes hatte keinen andern Erfolg, als daß der Bräu⸗ tigam nach ſeinem Hute griff und ſich für dieſen und den folgenden Tag entſernte. „Liebes Kind!“ ſagte Amelie einmal,„ich glaube kaum, daß Du ihn richtig behandelſt: Du bedienſt Dich Deiner Macht zu wenig.“ „Es iſt nicht ſo leicht, eine Sache anzuwenden, die man nicht hat, liebe Mutter!“ „Wenn Du nur wollteſt, ſo könnteſt Du ſie haben!“ „Vielleicht werde ich ſie künftig erhalten, und da will ich auch verſuchen, einen guten Gebrauch davon zu machen; jetzt aber mag er auf eigene Hand ausraſen.“ „Ich fuͤrchte nur...“ „Was denn, Mutter?“ „... Daß er es nicht ſo genau nimmt, ob das allein oder in Geſellſchaft noch einer Perſon geſchieht.“ „Mutter!“ Thekla's Wange überzog ſich mit einer dunklen Röthe. Vergib mir, mein Kind, wenn ich Dich beleidigte, 144 aber Du darfſt nicht ſo gleichgültig ſein! — Zu⸗ und um anzes aber elten. rran⸗ chadet den er oft atzückt s daß dieſe werth, weilen weilen doch Bräu⸗ n und glaube t Dich en, die aben!“ und da von zu raſen.“ ob das ſchieht.“ it einer leidigte, — 243 „Ich ſollte mich nicht ſo tief beleidigt fühlen, denn ich ahnte es ja immer, daß ſein Gefühl für mich nur eine aufbrauſende Wallung wäre, die ſich bald legen würde; könnte jedoch Karl's Verlobte vergeſſen, was er von ihr zu fordern das Recht hat, da würde ich ſchmerz⸗ haft betrübt ſein, denn er müßte am Ende den Glauben an das Weib, an alles Edle verlieren.“ „Aber auch er wird ſich vielleicht zuletzt frei machen.“ „Daran zweifle ich, wenn nämlich nicht ſeine Ehre ihn dazu zwingt, und ſo weit kann es denn doch wohl nicht kommen.“ „Aber Du, mein Kind, denkſt Du Victor die Frei⸗ 8 zanzubieten, wenn das Verlobungsjahr zu Ende geht?“. „Dazu habe ich mich verpflichtet; gleichwohl wird auch er nicht den Muth haben, ſie anzunehmen: er hat ebenfalls eine Ehre zu bewahren....“ Zu Hildur ſagte die in ewiger Bekümmerniß lebende Mutter: „Warum ſind Deine Augen ſo oft vom Weinen angeſchwollen? Mein Kind, das kleidet einer Braut „Nimm nicht Deine Zufluchr zu dieſem kalten Hohne: laß mich lieber Deinen Muth aufrecht erhalten, und Dich mit Herz und Seele erſuchen, Deine Würde in Acht zu nehmen! Victor ſieht dieſe Zeichen der Schwäche — und ſie bethören ihn!“ „Liebe Mutter! glaubſt Du, zwei Menſchen, die einſt einander von ganzer Seele geliebt haben, könnten ſich täuſchen? Nein, ſie blicken durch die Schleier hin⸗ durch, und legte man auch tauſende auf einander!“ „Aber in des Himmels Namen, Hildur! wie kam es wieder auf dieſen unglückſeligen Punkt, Ihr leicht⸗ ſinnigen Weſen?“ „Frage die Winde, Mutter! Ich wußte es immer, 16* daß Victor das Joch abwerfen und zu mir zurückkehren würde.“ „Doch als ich reiſ'te?“ „Da hatte er es noch nicht ganz abgeworfen, aber er war auf gutem Wege dazu; und ſchon im letzten Winter, wenn Karl mich bisweilen mit einer kalten Liebkoſung beehrte, ſah ich in Victor's Augen die Däm⸗ merung der Morgenröthe, aus welcher er begreifen ſollte, daß ſeine Phantaſie für Thekla nur ein Rauſch war, aus welchem er bald erwachen könnte, und aus welchem er jetzt erwacht iſt.“ „Und Du?“ „Ich hätte, wenn ich gewollt hätte, ihn längſt zu meinen Füßen den alten Banden huldigen ſehen können, aber ich bin nicht unwürdig genug, um zu vergeſſen, was Karl mir anvertraut hat. Ich liebe Victor, ich vertrauere mein Leben, weil ich aus unbegreiflicher Bos⸗ heit Karl's Anerbieten annahm; doch, liebe Mutter, auch ich fühle jetzt das Bedürfniß, recht und klug zu handeln. Ich kann nimmermehr das gedankenloſe, leichtſinnige Weſen wieder werden, das ich ehemals war: ich habe eine Lehre erhalten, deren Folgen meinem Ge⸗ dächtniſſe für immer eingeſchärft bleiben werden.“ „Gott ſei geprieſen für dieſe Worte, mein Kind! Ja, Du haſt übel, ſehr übel gehandelt; doch durch dieſe Geſinnung verſöhnſt Du Dich nicht nur mit Demjenigen, deßſdein Gatte werden ſoll, ſondern auch mit Dir ſelbſt.“ In ihrem Innern dachte Amelie:„Vielleicht ändert es ſich, wenn Karl kommt— doch das kann ja nur einem von beiden Paaren gelten.“ Ein Glaube daran, daß Thekla ſich ändern würde, dahin konnte Amelie ſich mit keinem Gedanken wagen. hren aber etzten alten Däm⸗ ſollte, war, lchem gſt zu nnen, geſſen, 5, ich Bos⸗ utter, ig zu nloſe, war: 1 Ge⸗ Kind! dieſe nigen, t Dir ändert a nur daran, ie ſich In einer Art von träger Erſtarrung verfloſſen der Auguſt und der September. Der October war nahe. Jetzt endlich konnte Will wieder gehen und ſich be⸗ wegen. Er war wieder im Stande, Alles, ſowohl An⸗ genehmes als auch Schmerzhaftes, zu denken, zu be⸗ greifen, zu faſſen, und Niemand konnte länger ſagen, der Großhändler Mörk hätte, um ſich des Erbes zu verſichern, das Aufgebot für ſeine Tochter und einen armen Tollhäusler, der nicht wußte, was man mit ihm that, abkündigen laſſen. Es iſt zwar wahr, daß Will ſelbſt weder Aufgebot noch Trauung begehrte: er war allzu ſelig durch ſein gegenwärtiges Gluͤck, als daß er es hätte wagen ſollen, ein noch höheres zu träumen; nun aber hatte Holgerſen ſo lange gewartet, als möglich war, um nicht von einem Beſuche überraſcht zu werden, der in die Ordnung, welche jetzt in den Zuſtanden herrſchte, große Unordnung bringen konnte— wir meinen die Zuſtände, welche Roſa und Will betrafen, denn um die andern— wir müſſen es geſtehen— kümmerte Holgerſen ſich nicht viel, ſo oft auch Amelie über dieſelben ſeufzte und ſagte:„Wollen ſehen, wenn Karl kommt!“ Karl aber blieb immer noch aus.„Und überdieß,“ meinte Holgerſen einmal,„wäre es das Allerbeſte, wenn die erſte Hochzeit erſt überſtanden wäre, ehe wir an die andern zu denken brauchten.“ „Hochzeit?“ entgegnete Amelie—„wie kannſt Du dieſen Namen anwenden?“. 7 „Nun, ſo laß es denn Begräbniß heißen!“ antwor⸗ tete der Mann, in einem Tone des Unmuthes, der ſelten in Amelie’s Ohren erklang; es kam dieß aber daher, weil Holgerſen angefangen hatte, von einer tiefen Un⸗ ruhe, einer Furcht, daß etwas Störendes eintreten könnte, ergriffen zu werden.... „Wer hätte es ahnen können, daß die kleine Mutter vor Dir und mir eine Frau werden würde!“ ſagte Hildur 246 eines Tages zu Thekla.„Wir hätten alle Drei zugleich aufgeboten werden ſollen.“ „Ich wäre nicht im Stande geweſen, dazu meine Zuſtimmung zu geben!“ antwortete Thekla.„Wir Beide, Du und ich, gehen mit keinen großen Hoffnungen in den Brautſtuhl, aber dennoch führt unſre freie Wahl uns dahin— Roſa geht dahin als eine Dulderin!“ Und Dulderin hieß Roſa bei allen Menſchen, wenn ſie an dem Arme ihres blaſſen Bräutigams, ihn mehr ſden als er ſie, umherwanderte, um friſche Luft zu öpfen. Ach, wie ſehr bedurfte ſie es auch, Luft zu ſchöpfen! Aber ſie hörte nicht auf die Anmerkungen, welche gemacht wurden, ſah nicht die Blicke, welche mit ge⸗ miſchten Ausdrücken der Bewunderung und des Mit⸗ leidens ihr begegneten; denn ſie ſah meiſtens auf Will, welcher ſtolz und glückſelig, mit einem Erröthen für jeden Gruß, den er erhielt, kaum wußte, ob er auf Erden oder im Himmel wandelte. Dennoch war er jetzt blöder und linkiſcher, als jemals: er wagte es nie, Roſa's Hand zu nehmen, ohne daß ſie ihm dieſelbe reichte, und da nahm er nur die äußerſten Fingerſpitzen. Eine Lieb⸗ koſung hatte er noch nie gewagt: er ſchien eine dunkle Erinnerung an die Veranlaſſung ſeiner Krankheit zu haben, und vielleicht lag eben in dieſer Zurückhaltun Will's die Möglichkeit, daß Roſa das ſo ſchrettlich bittere Verhältniß ertragen konnte, und daß ſie bisweilen Will's Stirn oder Wange mit einem ſchweſterlichen Kuſſe berührte. Auf einer dieſer Promenaden begegnete das ſtille Paar einer prächtig gekleideten fremden Dame, die ſich in Wisby aufhielt, um die Merkwürdigkeiten der Stadt zu beſehen. Aber Roſa gewahrte nicht den triumphi⸗ renden, von Haß blitzenden Blick, welcher mit Verach⸗ tung ſie und ihren ſtummen Geliebten maß: zu ihrem Glucke wurde ſie auch nicht von dem kalten Hohnlächeln der Fremden vergiftet: dieſes Lächeln würde ſonſt nicht nur Erinnerungen der peinigendſten Art, ſondern au gleich neine Zeide, en in Wahl 74 wenn mehr ift zu pfen! velche it ge⸗ Mit⸗ Will, n für auf r jetzt doſa's , und Lieb⸗ dunkle 3 zu eltun ecklich veilen Kuſſe ſtille ie ſich Stadt mphi⸗ erach⸗ hren ächeln nicht auch eine fürchtende Ahnung in Roſa's Seele geführt haben. Doch ſie ſah nichts, denn ſo oft nicht Will ihre Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nahm, war der dunkle und herneloſe Blick auf die Straße oder die Mauern ge⸗ eftet. Endlich ließ die Stunde ſich nicht länger verſchieben. In wahnſinnigem Freudentaumel vernahm Will, daß am nächſten Sonntage, dem dreißigſten September, das erſte Aufgebot Statt finden ſollte, und von dem Bräutigam ging der Vater zu der Braut, um ſie zum letzten Male zu fragen, ob ſie bereit wäre, ihr Wort zu löſen und das Opfer zu vollenden. Man hatte ſich auf eine neue, eben ſo erſchütternde und ſchreckliche Scene gefaßt gemacht; aber Roſa war in ihrer innerſten Seele des Kampfes überdrüſſig und reichte daher mechaniſch die Hände der Feſſel dar: es war ja gar keine Hoffnung auf Rettung vorhanden, ſie konnte nicht einmal einen Gedanken daran hegen, ohne ſich zu gleicher Zeit nicht nur als die Zerſtörerin ihrer ganzen Familie, ſondern auch als die unnatürlichſte Tochter anzuklagen. Wie? ſollte ſie wegen einiger Jahre voll irdiſcher Qual, die vielleicht nicht lange dauerte, ihrem Vater die Gefängnißthür öffnen? Hu! was erblickte ſie dort im Hintergrunde? was blitzte dort vor ihren Augen? ... War es nicht jenes ſchreckliche Inſtrument, welches ..„D mein Gott! wie kann ich wohl jemals un⸗ ſchlüſſig ſein!— Eine Tochter, die das Haupt ihres Vaters dem Henker überliefert hat!.. Nein, nein, mögen meine Henker kommen— ich lege willig mein Haupt auf das Brautkiſſen!“ „Mein Kind!“ ſagte Holgerſen feierlich,„fühlſt Du in dieſem Augenblick die geringſte Reue, iſt Dir der arme Will allzu ſehr zuwider, ſo ſprich ein Wort— und Deine Bande ſind gelöſ't!“ ODas iſt ein grauſamer Spott, Vater!“ antwortete ſie beinahe kalt.„Bleibt mir wohl eine Wahl? Ich gehörte gar nicht den Menſchen an, wenn ich ſagen könnte, daß ich eine Wahl hätte!“ „Du vernichteſt mich, Tochter! Doch ſchone meiner!“ — es lag eine wilde Beſtimmtheit in Holgerſen's Blick— „ich bettle nicht um Deine Aufopferung, als um ein Gnadengeſchenk... denn hier ſchwöre ich Dir bei dem Blute des Erlöſers: glaubte ich nicht, daß die Aufopfe⸗ rung Deines Glückes vergleichungsweiſe gering wäre gegen eine ganze in Elend und Entehrung geſtürzte Fa⸗ milie, ſo wurde ich Dich heute nicht gefragt haben! Meine Seele iſt müde, und meine Verſöhnung wäre beſſer geweſen, als jede andere!“ „Kein Wort mehr, Vater, wenn Du mir nicht den geringen Reſt von Vernunft, der mir noch übrig iſt, rauben willſt! Beſtelle in Gottes Namen das Aufgebot: ich bin bereit! Nur die Trauung darf nicht eher ge⸗ ſchehen, als wenn mein Albin mich von meinem be⸗ ſchworenen Gelübde gelöſ't hat!“........ Und an Roſa's Aufgebotstage ging die Sonne wie gewöhnlich auf. Hildur hatte in ihren Gedanken einen ganzen Roman mit Sonnen⸗ und Mondfinſterniſſen, Donner und Blitz entworfen, denn nimmermehr konnte doch etwas ſo Schreck⸗ liches geſchehen, ohne daß irgend Etwas dazwiſchen käme. Roſa's Ritter müßte doch wohl die Gefahr ahnen, zu ihrer Befreiung herbeifliegen und ſie hinwegrauben. Aber o weh!— kein Hinderniß ließ ſich verſpüren, und als Betty mit rothgeweinten Augen aus der Kirche kam und erzählte, daß Roſa mit Will aufgeboten, richtig und ordentlich aufgeboten wäre, da faltete Hildur die Hände zuſammen und weinte um die Wette mit Betty, welche ebenfalls von einem Befreier etwas geträumt hatte. Roſa war den ganzen Vormittag mit ihren Todes⸗ qualen eingeſchloſſen geweſen. Sie hoffte, daß Gott aus Barmherzigkeit ihren Geiſt zu ſich nehmen ſollte; aber er hörte dieſe Gebete, dieſe qualvollen Seufzer nicht, wel Nich des Aug das mit riet. mei lang auf ſo l geth druc Gott die ihn gezie edles geben wie iſt e Gebe ner loſch Inne würd würd die E iner!“ lick— n ein i dem fopfe⸗ wäre te Fa⸗ Meine beſſer ht den ig iſt, gebot: ſer ge⸗ m be⸗ ne wie doman Blitz jchreck⸗ biſchen ahnen, auben. welche ſämmtlich dieſen einen Wunſch in ſich trugen. Nicht einmal die wohlthuenden Thränen, dieſer Thau des Himmels, kamen, um die brennende Hitze in ihren Augen zu mildern. Und mit Gefühlen eines Leidens, das ſie zur Erde drückte, ſagte ſie zwar leiſe, aber doch mit einer Stimme, die beinahe Sinnesverwirrung ver⸗ rieth, zu ſich ſelbſt:„Gott hat mich verlaſſen, weil ich meine heiligen Gelübde brach— meiner wartet ein langer, ewig drückender Lebenstag!“ 1 Dreimal hatte die Mutter angeklopft— jetzt endlich auf das vierte Klopfen öffnete Roſa. 4 Ach, hatten ſchon zwei Monate ſie viel veränderk, ſo hatte dieſer letzte Tag es in noch weit höherem Grade gethan! Sie war weiß wie Marmor, ihr Blick aus⸗ druckslos, ihr Haupt geſenkt. „Segne mich, Mutter, damit ich wiſſe, daß nicht Gott und Menſchen mich verlaſſen haben!“ „Was ſagſt Du, armer, verirrter Engel!“ ſeufzte die Mutter—„ſollte Gott Dich verlaſſen haben?“ „Ja,“ verſetzte ſie mit zitternder Angſt,„ich habe ihn angerufen, und er hört mich nicht!“ „Vielleicht haſt Du nicht ſo gebetet, wie es Dir geziemt, um Muth und Kraft, damit Du ſiegend Dein edles Opfer vollenden mögeſt?— Du haſt um den Tod gebeten, das ſehe ich Dir an!“ „Ja, Mutter, ich habe um den Tod gebeten— ach, wie himmliſch ſchön muß er nicht ſein!“ „Wenn er nach ſeinem Rathſchluſſe kommt, da iſt er es ganz gewiß. Doch auch ich habe dergleichen Gebete geſeufzt, und er wendete ſein Antlitz von mir ab.“ „Und entſtand da nicht eine plötzliche Nacht in Dei⸗ ner Seele, Mutter? Du ſahſt ja, wie jeder Stern er⸗ loſch, ſo wie ich ſie eben erlöſchen ſah?“ „Ich ſah ſie erlöſchen, aber ich ging in mein eignes Inneres, und fand, daß die dunkle Nacht verſchwinden würde, und daß die Sterne noch einmal hervorblicken würden, wenn ich nur verſuchte, Muth zu faſſen. Nur die Ergebung, nicht die ſtumpfe, todtenbleiche, ſondern nnnn— die warme, lebendige Ergebung in unſer Schickſal und in Gottes Willen und Belieben, kann uns retten und mit ihm vereinen. Und nun ſollſt Du weinen an dem Herzen Deiner Mutter: ſie will Deine Thränen hervor⸗ locken, denn ſie will es wagen, einen Namen auszu⸗ ſprechen, der Dir bald nur eine heilige Erinnerung wird: der Name Albin!“ Roſa ſchrie laut auf in ſeligem Schmerze.„Albin, Albin!“ wiederholte ſie oft, und nun waren ihre Augen nicht länger trocken: die Quellen derſelben ſtrömten, ſie ank zu den Füßen der Mutter, verbarg ihr Antlitz in ihrem Schooße und weinte aus. Es war ein himmliſcher Genuß; und nun wendete der Herr ſein Antlitz nicht länger ab, denn ſie bat nicht länger um den Tod, ſondern um das Leben............... Als ſie am Mittage zu Tiſche kam, glaubte man in dem holden jungen Mädchen mit dem verklärten Ge⸗ ſichte einen von dem Staube, den drückenden Banden der Erde befreiten Engel zu erblicken. Mit einem ſanften Lächeln, mit einer kindlich frommen Ergebung nahm ſie von Will's bebenden Lippen den Verlobungskuß entge⸗ gen und ging dann zu Allen, um einen Segen und eine Umarmung zu empfangen. Thekla's Rührung war am tiefſten: ihre Seele, ſtark in eignem Leiden, war nahe daran, der Theilnahme an Roſa's Kummer zu erliegen; doch Roſa liſpelte mit lieblicher, liebkoſender Stimme:„Weine nicht um mich: ich bin ſtark, wie Junghanſen's Tochter!“ Es ging ein Seufzer voller Andacht durch die ganze Familie. Auch Victor hatte heute ſeine Seele zur Befinnung geſammelt: da er den Muth dieſes jungen Mädchens ſah, hatte er ſich ſo klein und niedergebeugt gefühlt, ſo ganz vernichtet wegen des Leichtſinnes, der bisher ſein Leben und ſeine Handlungen gelenkt hatte, daß er zitterte und ſich niedergeſchlagen in ſich ſelbſt zurückzog; doch ſo oft er es konnte, nahte er Thekla mit Worten und Blicken, welche ſich ge V dem 2 Unterſe der ein tober dem er noch ir ſehen. nen ſie 7F aberglä daß wir Roſa r Stunder ſteht? untergel dem, w kſal und ten und an dem hervor⸗ auszu⸗ ng wird: „Albin, re Augen nten, ſie Intlitz in umliſcher ht länger dern um ibte man irten Ge⸗ Banden m ſanften nahm ſie uß entge⸗ egen und rung war den, war immer zu ebkoſender tark, wie die ganze Befinnung dchens ſah, t, ſo ganz ſein Leben itterte und doch ſo oft nd Blicken, 251 welche beide verkündigten, daß er es fühlte, wie ſehr er ſich gegen ſie vergangen hatte. Von dem Tadi des Aufgebotes oder richtiger von dem Beginne des Monats October an begann Roſa die Unterſchreibung ihres Todesurtheils zu erwarten; doch der eine Tag nach dem andern kam und ging, der Oc⸗ tober war ſchon halb verfloſſen, und ſie war ſchon an dem erſten, zweiten und dritten Sonntage aufgeboten, nech immer ließ das Seefräulein ſich weder hören noch ehen. „Wie ſchrieb er doch noch?“ ſagte Holgerſen zu ſei⸗ ner Frau,„nur der Tod könnte ihn zurückhalten? Nun, nun, es iſt heute erſt der vierundzwanzigſte!“ „Still, ſtill, um des Himmels willen!“ flüſterte Amelie;„ich fühle, wir gehen auf einem Vulcan— laß uns vorſichtig gehen!“ „Ja, laß uns vorſichtig gehen! Aufgeboten iſt ſie doch wenigſtens ſchon!“ „Ein Aufgebot iſt noch keine Trauung!“ „Nein, aber ich glaube, ſie würde, wenn Du es verſuchen wollteſt, ihr die Thorheit dieſes Aufſchubes zu zeigen, dieſelbe ebenfalls einſehen und...“ „Nimm Dich in Acht, Arne! Wir ſind ſo weit wie möglich gegangen: greife jetzt nicht ein in die Ereig⸗ niſſe, ſondern laß dieſe ſich ſelbſt entwickeln; ſonſt kön⸗ nen ſie ein anderes Ende nehmen, als Du ahnſt!“⸗ „Was meinſt Du, Amelie? Du biſt doch ſonſt nie abergläubig geweſen!“ „Brauche ich das wohl zu ſein, Arne, um zu ſehen, daß wir einer ſchrecklichen Kataſtrophe nahen? Haſt Du Roſa recht betrachtet? Haſt Du geſehen, wie ſie die Stunden zählt, wie ihr Blick auf das Meer geheftet ſteht? Haſt Du jene Seufzer gehört, welche über jede untergehende Sonne klagen? Niemand wagt, mit ihr von dem, was ſich in ihrer Seele bewegt, zu reden, ſie wagt 5 es ebenfalls nicht, mit jemandem darüber zu reden: aber bete Du mit mir zu Gott, daß der Capitain kom⸗ men möge, denn eine ganze Revolution iſt beſſer, als dieſe Ruhe, dieſes Hinſchleichen über Gräber!“. „Komm, Betty, und begleite mich!“ ſagte Roſa eines Tages mit matter Stimme zu ihr, die ſeit ihrem gemeinſamen Aufenthalt auf dem Seefräulein ihr doppelt theuer geworden war.„Komm, laß uns ausgehen— ich bin ſeit langer Zeit nicht in den Ruinen geweſen!“ Da Roſa Betty zu ihrer Geſellſchaft rief, ging keine von den Schweſtern mit, denn da wußten ſie ſehr gut, daß es ihr ein Bedürfniß war, allein mit derje⸗ nigen zu reden, die durch ihre Verbindung mit dem red⸗ lichſten Freunde des Capitains Stangerling gewiſſer⸗ maßen ein Glied der Kette zwiſchen ihm und ſeiner Geliebten war. 1 „Wir gehen hier ein in St. Lars!... Ach, hier iſt es ſo ſchoͤn und kühl! Meinſt Du nicht auch, Betty, daß es gut iſt?“ „Nein, Mamſell! Hier iſt es ſo unheimlich, daß mir mitten am Tage graut... und noch dazu im Herbſt— hu!“ 4 „Eben da iſt es am ſchönſten... Höre, Betty! wenn Du dereinſt mit dem ehrlichen Conſtabel verhei⸗ rathet biſt, und es kommt Jemand und beſucht Euch und ſitzt vielleicht eine Zeitlang und plaudert von alten Zeiten, da brauchſt Du gewiß nicht ſo verſchwiegen zu ſein wie jetzt; da kannſt Du ihm Alles ſagen, was Du geſehen haſt... das iſt ja viel, nicht wahr, Betty?“ C.⸗ „Ja, liebes Mamſellchen, ſo viel, daß mir biswei⸗ len das Herz in der Bruſt brechen wollte! Ach, Herr Gott, wie wird er trauern!“ „Glaubſt Du, er werde tief um mich trauern?“ Es fuhr eine matte Wolke über die lilienweiße Wange des jungen Mädchens; ihre Lippen wollten ein Lächeln verſuchen— aber ach, ſie hatten es vergeſſen zu lächeln, dieſe L. Leben B leiſe. „4 Betty? 8 F legen i den ſie unter 2 „ gewiß in den ten kön wenn glauben Sinne! es mir lieber, Du mi nunft neigt!“ 9 „LA Betty 1 traurige leidet, genehm Beſorgn undzwa⸗ „A denken bleichen! n reden: ain kom— ſſer, als gte Roſa eit ihrem r doppelt gehen— geweſen!“ ief, ging n ſie ſehr nit derje⸗ dem red⸗ gewiſſer⸗ nd ſeiner Ach, hier ch, Betty, lich, daß dazu im „Betty! ell verhei⸗ ucht Euch von alten wiegen zu „was Du „Betty?“ lir biswei⸗ lch, Herr trauern?“ ße Wange in Lächeln zu lächeln, dieſe Lippen, die ehmals ſo friſch und roſig das ganze Leben anlächelten! g ganz leiſ „Haſt Du den Brief Deines Bräutigams bei Dir, Betty?“ „Ja,“ antwortete Betty, gleichſam ein wenig ver⸗ legen und zog den halbzerleſenen Brief aus der Taſche, den ſie vor ſteben Wochen erhalten hatte, und worin es unter Anderem hieß: „Der Capitain ſputet ſich ſo tapfer, daß ich ganz gewiß glaube, ich werde Dich, mein Herzensmädchen, in den erſten Tagen des October in meinen Armen hal⸗ ten können. Ach, welche liebliche Gedanken habe ich, wenn ich an den Augenblick denke— und Du kannſt glauben, ich habe ihn mehr als einmal des Tages im Sinne! Wenn ich aber den Capitain betrachte, da geht es mir wie ein kaltes Eiſen durch das Herz. Ich wollte lieber, daß Du im Sarge lägeſt, liebe Betty, als daß Du mir untreu würdeſt— und Gott behüte die Ver⸗ nunft des Capitains, wenn ſeine Trauer ſich dorthin neigt!“ „Liebe Mamſell Roſa! leſen Sie es nicht!“ ſagte Betty mit flehender Stimme: es macht Sie nur noch trauriger!“ „O nein, es thut nicht ſo weh: wenn man viel leidet, ſo gibt es gewiſſe Arten von Schmerz, die an⸗ genehm ſein können. Doch Betty, fühlſt Du gar keine Beſorgniß, gar keine Furcht? Wir haben heute den vier⸗ undzwanzigſten, und noch...“ „Ach, Herr Gott, ich will an nichts Schreckliches denken— nein, das will ich nicht!“ ſagte Betty er⸗ bleichend. „Doch wenn.... wenn....“ „Nein, ſagen Sie kein Wort mehr, Mamſell! Sie erſchrecken mich zum Tode!“ „Betty! Du darfſt nicht ſo ſchwach ſein— ich „Betty hielt die Schürze vor die Augen und weinte e. dahin, ſage noch einmal: wenn ſie dahin wären, auf ewig könnteſt Du dann leben?“ „Leben? Jeſus! ich müßte es wohl, ſo brennend heiß die Erde auch würde. Wollten Sie denn nicht leben, Mamſell?“ Bei dieſen mit bangem Tone ausgeſprochenen Worten raſſelte es oben in einer der öden Treppen: es war, als ob ein Theil des Kalkes unter dem Fuße eines Menſchen Ich glaube, es ſpukt hier! d. Wollten Sie nicht leben, Mamſell, ſagte ich.“ Roſa's kommen. In ſeinem ganzen Weſen lag die Spur eines männ⸗ lichen Willens; doch auch in ſeinen Blicken lag die Betrübniß auf der Lauer. „Das Fürchterliche naht!“ ſeufzte Amelie oft— „laß uns vorſichtig gehen!“ Einundzwanzigſtes Capitel. Noch einmal auf der Rhede von Kalmar. Verfolgt von widrigen Winden, die ihren Lauf hemmen zu wollen ſchienen, hatte das Seefräulein end⸗ lich alle Hinderniſſe glücklich beſiegt und lag nun wie⸗ de an dem Orte, wo es vor drei Monaten ſich befunden atte. Ein Theil der Ladung ſollte in Kalmar gelöſcht werden, und durch die fieberartige Thätigkeit des Capi⸗ tains, war die Arbeit wie durch Zauberei vollendet: die übrige Ladung gehörte ihm ſelbſt, und war beſtimmt, in Wisby verkauft zu werden. C K zu dur enge w rakter, der Ir darſtel Y lichen milder doch ſ und ei entſinn Meer D lauten Dohler teten, ſchien. im Ha Viele eigene Weite guten 2 ausritte den erre ſich au ſobald er wied In Stange welche ſi if ewig rennend öt leben, Worten var, als Nenſchen s ſpukt gte ich.“ Roſa's ete Roſa war ge⸗ es männ⸗ lag die e oft— mar. ren Lauf llein end⸗ nun wie⸗ befunden r gelöſcht des Capi⸗ vollendet: beſtimmt, Es war am Morgen des dreißigſten October. Die Sonne vermochte heute nicht die neblige Luft zu durchdringen, welche ſich ſchwarzgrau über der Meer⸗ enge wölbte, in welcher ein Gemälde von wildem Cha⸗ rakter, ſehr verſchieden von demjenigen, das wir von der Juliſonne beleuchtet ſahen, ſich den unruhigen Blicken darſtellte, welche ſich demſelben unaufhörlich zuwendeten. Man hatte während dieſes Herbſtes keine eigent⸗ lichen ſtarken Stürme gehabt: die Winde ſchienen mit milder Gnade auf die Dfee herabgeblickt zu haben; doch ſeit geſtern Abend war die Gnadenzeit aufgeſagt, und ein Wetter, wie man ſich ſeit vielen Jahren nicht entſinnen konnte, ſchien das Himmelsgewölbe und das Meer erſchüttern und mit einander vereinigen zu wollen. Der Sturm tobte durch die Straßen und ſang ſeine lauten Klagelieder in einem fürchterlichen Chor mit den Dohlen, welche ſich ſchreiend in das alte Schloß flüch⸗ teten, das in ſeinen innerſten Grundfeſten zu zittern ſchien. Am ärgſten aber war das Getöſe des Sturmes im Hafen zu hoͤren, wo Fahrzeuge und Boote raſſelten. Viele der letztgenannten riſſen ſich los und ſegelten auf eigene Hand, ohne Steuermann und Compaß, in die Weite hinaus, um niemals wiederzukehren. Die Seeleute waren in jener unheimlichen Bewe⸗ gung, welche bei ähnlichen Auftritten immer in den Häfen zu ſpüren iſt. Unter allen Capitainen, deren Fahrzeuge jetzt vor guten Ankern auf der Rhede von Kalmar den Sturm ausritten, war nur ein einziger, welcher Gott nicht für den erreichten Hafen dankte; dieſer einzige aber dachte ſich auch des Hafenſchutzes nicht zu bedienen; denn ſobald es ſich am Morgen ein wenig aufklärte, wollte er wieder auslaufen. In der Kajüte des Seefräuleins ſaß der Capitain Stangerling und neigte das Haupt auf eben jene Kiſſen, welche ſich oft an Roſa's blühende Wange geſchmiegt hatten. 2⁵6 Auf ſeinem ſchönen und männlichen Antlitze lag keine Beleuchtung einer ſtrahlenden Freude. Man ver⸗ meinte nicht einen Bräutigam zu ſehen, der brennend vor Ungeduld den Elementen und dem Tode trotzt, um in die Arme der Geliebten zu fliegen: ſondern man ſah eher den Rächer, deſſen fieberheißem Blute jeder Wider⸗ ſtand weichen muß, wenn er ſich den Weg bahnen will, und wäre es auch durch die wolkenhohen Wellen, um das Bild, den Schatten oder die Wirklichkeit zu erreichen, die ſich immerwährend in allen möglichen Geſtalten vor ſeinen Blicken zeigen. Albin's Stirn trug eine düſtere Gewitterwolke, ſeine Lippen waren feſt geſchloſſen, und ſeine Augen, nicht ſanft und feurig wie ehedem, ſondern ſcharf und fun⸗ kelnd, ſtarrten ohne Unterbrechung auf einen einzigen Gegenſtand— und dieſer Gegenſtand waren Roſa's kleine Pantoffeln, welche ſie auf dem Sandhaufen verlor in jener Nacht, da ſie ihrem Geliebten ſo heldenmüthig das Leben reitete, in jener Nacht, da ſie hernach mit ſo heiligen Worten ihre Gelübde erneuerte. Als Albin reiste, hatte er nicht die geringſte An⸗ wandlung der Gemüthsſtimmung empfunden, welche ihn jetzt beherrſchte; ſonſt hätte er für ſeine Perſon ſich ge⸗ wiß begnügt, nach Gottland zu ſteuern und hätte einen Andern den Befehl über das Seefräulein nehmen laſſen, um nach Liſſabon zu ſegeln. Hier aber erwartete ihn der Brief, welcher die erſte Revolution in ſeinen Gefuühlen hervorbrachte. Wir wollen den kurzen Inhalt deſſelben anführen: „Mein Liebling! Von wem nähmeſt Du wohl lieber eine glückliche Neuigkeit entgegen, als von mir? Ach, ich weiß allzu wohl, dieſe wird Dir dadurch zehnfach angenehm, zehn⸗ fach theuer werden! Du gutmüthiger, einfältiger Narr! Du begreifſt nicht, daß man Deiner nur los werden wollte! An demſelben Abende, da Deine getreue Maid den Fuß ar ſie ſich ein hit liegen Richtur im Stc beſſer, ein un auf den 4 N. holm f weſen, mit der lange 6 ein wen In Probe geworfe! einer Ar We mit irge das Ein Und thun kar er nur dort fan erwartet dem Con deres we Der Ju itze lag kan ver⸗ rennend tzt, um nan ſah Wider⸗ ten will, en, um rreichen, lten vor ke, ſeine n, nicht und fun⸗ einzigen a's kleine verlor in enmüthig nach mit igſte An⸗ elche ihn ſich ge⸗ itte einen en laſſen, die erſte anführen: glückliche veiß allzu hm, zehn⸗ mbegreifſt 8 Maid den 257 Fuß auf das Land der alten Hanſeaten ſetzte, verlobte ſie ſich mit Deinem Nebenbuhler— ha, ha, ha! welch ein himmliſches Gefühl wird das ſein für Dich, zu liegen wie eine gebundene Schlange, Dich nach allen Richtungen zu drehen und zu wenden, und dennoch nicht im Stande zu ſein, die Geliebte zu erreichen, oder no beſſer, den Gegenſtand ihrer Liebe auszuſtechen! Welch ein unbeſchreibliches Entzücken muß es für Dich ſein, auf den Schall ihrer Küſſe zu lauſchen! So treu war ſie— nein, treuer ſollſt Du finden Deine wilde Blume. N. S. Ich wußte dieſes ſchon, ehe Du von Stock⸗ holm fuhrſt, aber es wäre höchſt unedel von mir ge⸗ weſen, Dich zu distrahiren, da Du beſchäftigt warſt mit den Vorbereitungen zu einer Reiſe, die Dich ſo lange entfernt halten mußte, daß Du Zeit hatteſt, Dich ein wenig an meine Neuigkeit zu gewöhnen.“ In dem erſten Augenblick hatte Albin dieſe neue Probe der Verfolgung ſeiner ewigen Feindin von ſich geworfen; bald aber überraſchte er ſeine Gedanken bei einer Art von geheimer Spionerie. Welcher Umſtand hätte wohl Roſa abhalten können, mit irgend einem Wort ihre Treue zu beſtätigen? Nur das Eine hatte ſie geſagt, daß ſie ihn erwarte. Und nun that er ehrlich Alles, was ein Menſch thun kann, um ſeine Abreiſe zu beſchleunigen. Wenn er nur nach Wisby kam— das war die Hauptſache: dort fand er die Auflöſung; wenigſtens wurde er ſelbſt erwartet! Um dieſen Seelenleiden eine mögliche Linderung zu geben, theilte er ſeinem Bas den Inhalt des Briefes mit; und ſo kräftig waren die Argumente, die Bas hervorbrachte über die Unmöglichkeit, daß ein ſolcher Engel, wie Mamſell Roſa, betrügen konnte, daß Albin, der das Bedürfniß hatte die Hoffnung feſtzuhalten, gleich dem Conſtabel anfing zu glauben, daß hier nichts An⸗ deres wahr wäre, als die Niederträchtigkeit der Mutter Der Jungferthurm. IV. 17 25⁵⁸ Steuermann: ſie hatte dieſes Gift erfunden, um ihm die ganze Reiſe zu verbittern. „Daraus aber ſoll dennoch nichts werden,“ ſagte er eifrig,„denn eigentlich wäre es eine allzu große Thor⸗ heit, nur eine einzige Minute auf ihre Neuigkeiten Rückſicht zu nehmen!“ Nun aber kam ein anderer Brief an, und zwar von ſeinem Pflegevater, worin es hieß: „So glücklich, ſo innig erfreut ich mich durch Deine Briefe fühlte, ſowohl durch den von Kalmar, als auch durch den aus Stockholm, da Du mit Farben— ja, man ſah wohl, worin ſie getaucht waren— Deine ganze romantiſche Reiſe, Deine wechſelnden und intereſſanten Abenteuer, Deine roſenrothe Liebe und das allerliebſte Kind beſchriebſt— o, wenn ich ſie doch gemalt hätte, wie ſie dort in der Nacht auf dem Sandhaufen ſtand!— ja, mein Sohn, ſo ſehr das Alles mich erhob und mein altes Herz in eine Bewegung ſetzte, wie es ſeit vielen Jahren nicht mehr geweſen iſt, ſo verſtimmt bin ich jetzt, ſo verkohlt iſt mein Glück. In dieſem ganzen Sommer habe ich in dem oberen Stockwerke auf eine Weiſe gehauſet, als erwartete ich zum Herbſt eine Hoch⸗ zeit. Und da Gott der Vater ſie Dir ſelbſt auf Dein eigenes Schiff, Dir gerades Weges in die Arme ſchickte, ſo meinte ich dankbar, er hätte alles Mögliche gethan, und kümmerte mich nicht im Allergeringſten um die kleinen Seitenſprünge der Mutter, von denen ich dachte, das iſt ja eine bloße Kleinigkeit, da er mit dem Mäd⸗ chen fertig iſt!“ Doch jetzt, jetzt e... hörſt Du, Junge! Du darfſt die Vernunft nicht mit dieſer verwünſchten Neuigkeit da⸗ von laufen laſſen!.... aber wahr iſt es dennoch, daß ann gan einerlei ſein, ſie— gezwungen oder nicht, das kan da ſie ſich hat zwingen laſſ— dern verlobt hat, und das noch vor Deiner Abreiſe von Stockholm. Ich will Dich nicht beleidigen, mein Sohn, und ſagen, welche Art von Perſon ſie Dir vorgezogen hat; trügen, „ der tau ſchnippi der in d weil der aus den wild, ſo und ich gel und der entz! meine gr J entweder wenn ich teufelte 2 rechten 5. große, ko darauf 1 die Häͤlſe dert ang! die ihre meau, in denn Alle hatte es kleines ei⸗ tochter w wenn ich faſſe oder ſiehſt Du, und daru nünftiger kann, nur n ihm ſagte e Thor⸗ igkeiten id zwar h Deine ils auch — ja, ne ganze reſſanten lerliebſte lt hätte, tand!— ind mein it vielen bin ich ganzen auf eine ine Hoch⸗ auf Dein e ſchickte, e gethan, um chte dachte, 9 Mäd⸗ es iſt Alles mit einander ſo erbärmlich, ſo verdammt niederträchtig und gemein, daß ich jeder Seele in ganz Wisby den Hals umdrehen möchte. at man wohl jemals ſo Etwas gehört: einen alten Mann um ſeine ſichere, frohe Hoffnung zu be⸗ trügen, einen jungen, ſchönen, wohlhabenden Freier, der tauſend⸗, elftauſendmal zu gut iſt für das kleine ſchnippiſche Ding, um einen Wahnſinnigen zu heirathen, der in den Armen des Todes liegt— und das nur darum weil der Vater an ein Erbe kommen will, das ihm ſonſt aus den Händen gehen würde! Ich bin raſend, ich bin wild, ſo daß ſogar Madame Lona vor mir bange wird, und ich bin faſt geſonnen, alle Kronleuchter und Spie⸗ gel und Gemälde und Statuen und den ganzen Plun⸗ der entzwei zu ſchlagen! 1 as habe ich nun für alle meine Mühe, für alle meine großen Unkoſten? Ich muß es Dir nur im Vertrauen ſagen, daß ich entweder erſtickt wäre oder den Schlag bekoimen hätte, wenn ich nicht in dem Augenblicke, da ich dieſe ver⸗ teufelte Nachricht zuerſt erhielt, meinem großen und ge⸗ rechten Zorne dadurch Luft verſchafft hätte, daß ich eine große, koſtbare Vaſe, einen Trumeau entzweiſchlug und darauf noch zwei oder drei Paar dummen Paradetaſſen die Hälſe brach, weil ſie da ſtanden und mich verwun⸗ dert anglotzten, als ich die Heldenthat an der Vaſe, die ihre Blumen aufnehmen ſollte, und an dem Tru⸗ meau, in dem ſie ſich ſpiegeln ſollte, ausgeführt hatte; denn Alles ſtand in dem kleinen Eckzimmer, und i Du darfſt hatte es mir immer in den Sinn geſetzt, daß dieſes ein igkeit da⸗ nche daß ꝛerlei ſein, inem An⸗ breiſe von ohn, und ogen hatz kleines eigenes Paradies für meine künftige Schwieger⸗ tochter werden ſollte... Aber hol mich der Teufel, wenn ich mich jemals wieder mit dem Paradieſe be⸗ faſſe oder... Nun, nun, ich wurde gleichſam beruhigt, ſiehſt Du, durch dieſe Revolution: ſie reinigte die Luft, und darum ſchreibe ich jetzt auch wieder wie ein ver⸗ nünftiger Menſch, der, Gott ſei gelobt, Alles ertragen ann, nur nicht einen einzigen Verluſt. 17* 1 . Du weißt, was ich meine, Junge, und wäreſt Du ſo undankbar, daß Du um einer ſolchen Spielerei willen, wie ein Weib, Deinen alten Vater ganz vergeſſen könn⸗ teſt, da— ſchlage ich nichts mehr entzwei, aber ich lege mich und ſterbe, denn da habe ich genug gelebt.. Mein Sohn, mein theurer, geliebter Sohn! reiſe nicht gleich nach Wisby, reiſe gar nicht hin, ſondern komm nach Hauſe und laß uns in Gottes Namen, laut oder ſchweigend, unſere Noth mit einander klagen! Es war mir angelegen, daß Du erfahren ſollſt, wie die Sachen ſtehen, während Du noch weit entfernt biſt — Du ſollteſt Zeit haben, Dich auf der Reiſe zu be⸗ ruhigen. Gott ſei mit Dir! Noch einmal: reiſe nicht nach Wisby! Deine Ehre verbietet es Dir, und daraus kann nichts Anderes entſtehen, als Scenen, bei denen kein Anderer der Verlierende wird, als Du ganz allein“ u. ſ. w. u. ſ. w. Jetzt gab es für Albin keinen Zweifel mehr, und dennoch zweifelte er. Roſa ſollte ihn betrogen, abſicht⸗ lich das Schweigen gewählt haben, um ihn entfernt zu halten!... Nein, nein; ein Gerücht, ein falſches Ge⸗ rücht konnte die Ohren ſeines Pflegevaters erreicht haben — Roſa konnte unmöglich betrügen, konnte unmöglich ſchreiben:„ich erwarte Dich,“ wenn ſie bei ſeiner An⸗ kunft einem Andern angehören wollte! Wieder wurde Bas in das Vertrauen eingeweiht, und wieder ſtritt er männlich an gegen alle dummen Gerüchte; aber der Glaube war nicht mehr ſo feſt in ſeiner eigenen Seele. Es war ihm immer wunderlich vorgekommen, daß Betty in ihrem kleinen Briefe kein Wort von Mathſell Roſa geſagt hatte, und eben weil Bas in ſeinen eifrigen Argumenten jetzt den feſten Grund vermißte, auf dem er fußen konnte, nämlich einen feſten Glauben, ſo wirkten dieſe Argumente auch nicht, ſondern zeigten Albin die ſchreckliche Möglichkeit, ja Gewißheit, daß an Roſa's Treue gezweifelt werden konnte. Wir wollen uns mit keinen Beſchreibungen über Albin's Gefühle weiter aufhalten; denn da dieſe bren⸗ nend und heftig waren, ſo mußten ſie auch gewaltſam raſen; lange fen, je fühlte, ſich zu ihn dor chen er ihre Kr M Seele „Sie ſe vor den zwei To — und nicht al Dir nur fühlſt, mich ein Seele ar ſo lichten Du mich „Ja ſatzung „Ke gen mich es vorbr ſage Du nach Wi ſollte er „Be⸗ ſich! Kei daß er de äreſt Du ei willen, ſen könn⸗ r ich lege t. hn! reiſe ſondern nen, laut gen ollſt, wie fernt biſt iſe zu be⸗ nicht nach aus kann n Anderer w. u. ſ. w. nehr, und —, abſicht⸗ ntfernt zu ſches Ge⸗ icht haben unmöglich einer An⸗ ingeweiht, dummen o feſt in unſerlis Briefe kein weil Bas en Grund inen feſten dt, ſondern Gewißheit, e. ngen über dieſe bren⸗ gewaltſam raſen; wir begnügen uns daher, zu erwähnen, daß er, lange zwiſchen Furcht und Hoffnung hin- und hergewor⸗ fen, jetzt endlich, da er ſich dem Ziele näherte, gleichſam fühlte, wie ſein Geiſt die drückenden Feſſeln abwarf und ſich zu einem kräftigen Streite rüſtete gegen Alles, was ihn dort am fernſten Horizonte treffen konnte, gegen wel⸗ chen er anſteuern wollte, wenn auch tauſend Stürme ihre Kräfte gegen ſein Fahrzeug loslaſſen ſollten. Mit dem Gedanken an ſie, welche über ſeine ganze Seele gebot, erhob er ſich jetzt, indem er ausrief: „Sie ſoll nicht den Vorwand haben, daß ich nicht komme vor dem Ende des Monats October; noch bleiben mir zwei Tage, noch zwei Tage, an denen ſie mich erwartet — und ehe die Sonne am erſten November aufgeht, liegt das Seefräulein auf der Rhede von Wisby, oder auch liegt ſie mit ihrem Herrn auf dem Meeresgrunde!“ Jetzt ging die Thür auf und der Conſtabel trat ein. „Herr Capitain!“ „Was willſt Du, Bas? Ich hoffe, Du willſt mir nicht abrathen, abzuſegeln? In dieſem Falle muß ich Dir nur ſagen: wenn Du keine Sehnſucht nach Wisby fühlſt, ſo fühle ich ſie, und wenn auch ganz Kalmar mich einen wahnſinnigen Narren ſchilt, und wenn jede Seele auf dem Schiffe ſagt, daß ich ſie umbringen will, ſo lichten wir dennoch die Anker in einer Stunde! Haſt Du mich verſtanden, Conſtabel?“ „Ja, Herr Capitain! Aber ich muß ſagen: die Be⸗ ſatzung—“ „Kein Wort mehr! Iſt Jemand da, der Etwas ge⸗ gen mich einzuwenden hat, ſo mag er kommen und es vorbringen, und er ſoll des Schiff verlaſſen; doch ſage Du ihnen, daß ihr Capitain vor morgen Abend nach Wisby will, und daß er dahin kommen muß, ſollte er auch ſein Schiff ohne Beſatzung ſteuern!“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Capitain, beruhigen Sie ſich! Kein Menſch hat ein Wort davon verlauten laſſen, daß er das Schiff verlaſſen will: es war nur gleichſam 262 ein kleiner Wink... und dann,— war es etwas An⸗ deres, das ich ſagen wollte!“ „Was denn?“ „Hier iſt ein alter Herr an Bord gekommen, der ar ſehr fadenſcheinig, aber dennoch ein wenig ſteif aus⸗ ſeht. Ich will darauf ſchwören, daß ich ihn ſchon irgendwo geſehen habe, doch weiß ich nicht recht, wann oder wo. Er hat ſeinen Namen nicht geſagt, verlangt aber mit dem Capitain zu ſprechen, und ich habe aus Allem abnehmen können, daß er als Paſſagier nach Wisby zu gehen gedenkt.“ „Nun, da iſt denn doch Einer, der nicht daran zweifelt, daß wir hinkommen werden, da er ſich ſelbſt einfindet, um einen Platz zu erhalten! Laß ihn augen⸗ blicklich herein!“ Einige Minuten ſpäter ſtand komplimentirend an der Thür eine lange, magere Geſtalt von ſonderbarem Aus⸗ ſehen, denn ſie ſtellte eine komiſche Miſchung der abgetra⸗ genſten Armuth und des anſpruchvollſten Stolzes dar. Beim erſten Blicke fuhr Albin zuſammen, und ein Ausruf des Erſtaunens wäre beinahe ſeinen Lippen entſchlüpft. Nun aber äußerte ſich der Fremde, welcher die ſichtbare Beſtürzung des Capitains bemerkte, folgen⸗ dermaßen:. „Es iſt möglich, Herr Capitain, daß wir uns in einer Periode getroffen haben, da ich das Incognito ab⸗ gelegt hatte, welches ich gewöhnlich ſelbſt vor meinen Peeznden zu beobachten die Eigenheit habe, denn einem reichen Manne fällt es beſchwerlich, wenn er ſich bloß wegen ſeiner irdiſchen Güter geſchmeichelt und bewundert ſieht: ich entſage dieſem eitlen Flitter, welcher das Ziel der Beſtrebungen eines Thoren ſind! Meinethalben mag das eine Eigenheit ſein, welche die Welt nicht begreiſt, doch ich lache darüber, und denke, Conrad Donnert wird darum nicht übler angeſehen ſein bei den Wenigen, die ihn kennen. Gleichwohl kann ich mich nicht ent⸗ ſinnen, daß ich jemals einen Stangerling unter die Zahl dieſer Wenigen gerechnet habe!“ wirklie die üb nert, cognitt der N werden jungen einer mich d bei mi machte führen und hi Mühe Vermit würde, buges, ſt Ett Iſt er jüte zu anmeld twas An⸗ men, der ſteif aus⸗ hn ſchon cht, wann verlangt habe aus gier nach cht daran ſich ſelbſt )n augen⸗ end an der rrem Aus⸗ r abgetra⸗ zes dar. , und ein en Lippen e, welcher e, folgen⸗ ir uns in ognito ab⸗ or meinen enn einem rſſich bloß bewundert r das Ziel alben mag öt begreift, nnert wird Venigen, nicht ent⸗ unter die „Vielleicht,“ entgegnete Albin lächelnd und hatte wirklich im Voraus einen Genuß von der Beſtürzung, die über ſeinen alten Befehlshaber, den Capitain Don⸗ nert, der jetzt leider wirklich in dem allertiefſten In⸗ cognito zu leben ſchien, kommen würde,„vielleicht hat der Name Jentzel mehr Hoffnung, wieder erkannt zu werden?“ „Jentzel... Jentzel?“— ja, ich will mich eines jungen Knaben dieſes Namens entſinnen: er war doch einer von den Suchenden, die ſich in jedem Hafen an mich drängten, um das Glück zu haben, Kajütenwächter bei mir zu werden, damals, als es mir noch Vergnügen machte, meine eigenen oder anderer Leute Fahrzeuge zu führen. Richtig, richtig: der kleine Jentzel— ein artiger und hübſcher Junge, mit deſſen Erziehung ich mir viele Mühe gab, und der ohne allen Zweifel durch meine Vermittelung einen vortheilhaften Platz erhalten haben würde, wenn wir nicht bei dem Schiffbruche des Fahr⸗ euges, das ich damals befehligte, getrennt worden wären. i Etwas aus ihm geworden, dem armen Jungen? Iſt er vielleicht verwandt mit Ihnen, Herr Capitain, ſo bin ich überzeugt, daß er mehr denn einmal mit Rührung und Dankbarkeit den Namen ſeines alten Be⸗ fehlshabers genannt hat.“ „Es iſt derjenige, welcher in dieſem Augenblick die Ehre hat, den Herrn Capitain Donnert in ſeiner Ka⸗ jüte zu ſehen; und er, der die Ankunft des Herrn Capitains anmeldete, iſt eben jenes„Murmelthier“, das ſich auf dem ſchwediſchen und norwegiſchen Conſulatscomptoir zu London auf eine ſo eigenthümliche Weiſe in der leinen Affaire mit dem Snare Swen bekannt machte. Doch,“ fuhr Albin fort, ergriffen von Mitleiden bei dem jammervollen Anblicke, den das Geſicht und die ganze ſtolze Haltung des Capitains Donnert, welches beides ſo ſehr abſtach gegen den geflickten Rock, hier darbot, „doch das ſind alte, verlegene Geſchichten, die es gewiß nicht verdienen, daß man weiter an ſie denkt. Erlauben Sie mir lieber die Frage: welchem Zufalle habe ich 264 den Beſuch des Herrn Capitain Donnert auf dem See⸗ fräulein zu danken?“ b Nachdem Conradin Donnert, der Stärkſte unter einar den Starken, tief Athem geſchöpft und ſich durch einen an u forſchenden Blick auf Albin's ehrliches Geſicht überzeugt zu er hatte, daß unter dieſen Zügen keine alte Rachſucht wohnte, will ſagte er langſam, aber mit einer Stimme, welche be⸗ habe wies, daß der Wogenſchwall in ſeinem Innern ſich noch gerne 3 nicht gelegt hatte:„das war eine höchſt muntere und angenehme Ueberraſchung, doch nicht im Geringſten über 3 unerwartet, denn Alle, welche zu einem Theile ihre Er⸗ noch ziehung durch mich genoſſen haben, die haben ſpäterhin ſtickt gutes Glück gehabt. Aber es iſt eine Eigenheit von mir, auf d alles Unangenehme zu vergeſſen, das zufolge meines— originellen und bizarren Charakters mir im Leben hat Donn begegnen können. Der Mann, welcher einen ſo unge⸗ ſichter heuren Reichthum an Erinnerungen hat, wie ich, der— at braucht mit ihnen nicht karg zu ſein: er kann ohne und Schaden diejenigen wegwerfen, die ihm nicht ſchmecken... theile! Und um nun, wie der Herr Capitain ſich ſo glücklich Donn ausdrücken, von dieſen alten, verlegenen Geſchichten ab Geld und zu meinem Anliegen zu kommen, ſo war meine händl — Abſicht, nachzuhören, ob Sie nicht einem Paſſagier er⸗ nicht lauben wollten, mit nach Wisby zu kommen. Man— ar könnte wirklich ſagen, daß das Wetter alle Paſſagiere Geſche verſcheuchen ſollte, doch der Tag iſt noch nicht geboren,„ b der etwas zeigen kann, das im Stande wäre, den Con⸗ waren radin Donnert zu ſchrecken. Ueberdieß ſehne ich mich er wi G 1 dahin, um noch einmal einen dort wohnhaften alten„Gew Freund zu treffen.“ der N b„Einen dort wohnhaften Freund?“ wiederholte Albin der B mit ſchleppender Stimme.„Was war es nur, das über O, es ihn kam? warum fühlte er einen plöͤtzlichen Anfall von komm Fieberfroſt? warum konnte er kaum die Frage hervor⸗„ ſtottern:„Und der Name dieſes Freundes?““ Imbif „Jetzt Großhändler Mörk.“ in Ge „Und ehedem?“ ſchwör 6„Capitän Holgerſen.“ See b dem See⸗ ſte unter rch einen überzeugt öt wohnte, velche be⸗ ſich noch ntere und Beringſten ihre Er⸗ ſpäterhin von mir, e meines Leben hat ſo unge⸗ ich, der unn ohne mecken... glücklich dichten ab ar meine ſagier er⸗ en. Man Paſſagiere t geboren, den Con⸗ ich mich ften alten olte Albin das über nfall von ge hervor⸗ „Aus Norwegen?“ fragte Albin faſt tonlos. „Ja, aus Molde. Wir haben viele Geſchäfte mit einander gemacht, und eben darum komme ich, um ihn an unſere ehemaligen freundſchaftlichen Verbindungen zu erinnern... Aber, mein Gott! Herr Capitain! ich will nicht hoffen, daß ich etwas Unangenehmes geſagt habe— es iſt ſonſt eine Eigenheit von mir, daß ich gerne alle Menſchen fröhlich mache.“ „Entſchuldigen Siel“— Albin fuhr mit der Hand über die Stirne—„entſchuldigen Sie!“ wiederholte er noch einmal ganz mechaniſch; darauf ſank er faſt er⸗ ſtickt von Gemüthsbewegung, Beſtürzung und Schrecken auf den Sopha. „Ein unbegreifliches, curioſes Ereigniß!“ murmelte Donnert, ſehr unbefriedigt mit den gegenwärtigen Aus⸗ ſichten. Er hoffte frei nach Wisby hinüber zu kommen — auf eine andere Weiſe war es ihm unmöglich— und hin mußte er, um ſeinem alten Patrone mitzu⸗ theilen, wie verzweifelt ſchlecht die Affairen des Conrad Donnert jetzt ſtänden. Er brauchte Geld und mußte Geld haben, ſonſt ſollte wohl der ehrenwerthe Groß⸗ händler vernehmen, daß ein Mann mit Donnert's Genie nicht zu ſeinem Vergnügen von Norwegen gereiſ't käme — auf die alten Handreichungen ließen ſich leicht neue Geſchäfte machen. „Nein, es muß ein teufliſcher Traum ſein!“ Dieſes waren die Worte, welche Albin's Lippen ausſtießen, da er wieder emporſtarrte. In Gedanken ſetzte er hinzu: „Gewiß hieß er nicht Holgerſen, der Mann, welcher in der Nacht die Laſt vom Snare Swen holte— o'nein! der Beſitzer hieß ſo, wie ich mich entſinne, doch... O, es iſt unmöglich!“ Sein Kopf verwirrte ſich voll⸗ kommen. „Dürfte ich Ihnen einen tüchtigen Schnapps mit Imbiß anrathen?“ ermahnte Donnert und ſchnalzte ſchon in Gedanken mit den Lippen—„ich wage darauf zu ſchwören, daß Sie noch nicht gefrühſtückt haben! Die See beſchwert Einen auch im Hafen!“ „Herr Capitain Donnert!“ ſagte Albin endlich und * ſuchte einen Schein von Faſſung in ſeine Haltung zu legen,„wollten Sie mir wohl eine Sache erklären, deren Bekenntniß Ihnen nach ſo vielen Jahren keinen Nach⸗ theil verurſachen kann?“ „Mein beſter Herr Capitain! es iſt eine Eigenheit von mir, in gewiſſen Fällen ein ſchlechtes Gedächtniß zu haben: ich wage nicht zu glauben, daß es mir beiſtehen wird, wenn die Frage Dinge betrifft, die vielleicht mit meiner Ehre— merken Sie! ich ſage: mit meiner Ehre!— Zuſammenhang haben kann. Die Donnerte haben damit nie geſcherzt!“ Albin unterdrückte ſeine Ungeduld.„Ich verſichere, daß ich keinen Mißbrauch von Ihrer Ehre zu machen denke, und hier, unter uns, kann nicht einmal die Rede davon ſein; doch lege ich ein großes Gewicht auf eine vollkommene Aufrichtigkeit— und kann ich Ihnen auf irgend eine Art wieder zu Dienſten ſein...“ „So laſſen Sie denn hören!“ Capitain Donnert ſetzte eine ſehr wichtige und würdige Miene auf; er ſchien zu überlegen, welchen Gewinn er ungefähr aus ſeinem entaligſen Schüler ziehen könnte. Laſſen Sie hören, junger Mann!“ „Ich wünſche nur zu wiſſen, ob...“ Hier aber fühlte Albin ein Stocken, welches die Stimme beinahe unhörbar machte, und es vergingen mehrere Minuten, ehe er im Stande war, fortzufahren...„ich wünſche zu wiſſen, ob der Rheder des Snare Swen, deſſen Namen ich mich aus der Geſchichte zu London noch ſehr gut entſinne, nämlich Holgerſen, ob er und derjenige, deſſen Stimme ich in jener Nacht hörte, da die Säcke ausge⸗ laden wurden, ein und dieſelbe Perſon waren. Was ich hier meine, das kennen Sie vollkommen durch die Angabe, welche ich bei dem ſchwediſchen und norwegiſchen Conſul machte. Donnert ſchwieg einige Augenblicke; dann fragte er kurz:„Was iſt die Abſicht bei einer ſolchen Frahei „Keine andere, als eine Antwort darauf zu erhalten. lich und ung zu ;, deren 1 Nach⸗ igenheit tniß zu veiſtehen icht mit neiner donnerte rſichere, machen die Rede auf eine nen auf Donnert auf; er ihr aus en Sie ter aber beinahe linuten, wünſche Namen eehr gut , deſſen ausge⸗ Was irch die egiſchen fragte Faßes. rhalten. Ich hoffe, Herr Capitain, Sie haben keine urſachs meine Chre in Verdacht zu ziehen?“ „Nun ich ſehe auch keine Gefahr darin, die Frage 1 hier unter vier Augen zu beantworten: es war der Patron⸗ 8* ſelbſt, der das Korn in Empfang nahm.“ „Sie entſinnen ſich wohl ſeiner letzten Worte nicht mehr?“ fragte Albin mit leichenblaſſen Wangen und bebenden Lippen. „Ja, es gehört zu meinen Eigenheiten, Ausdrücke von dieſer Beſchaffenheit zu behalten.„Donnert!“ ſagte er, verlaſſe die Schute nicht eher, als da ſchon das Waſſer an die Regeling ſpült, und ſpukt ſie nicht von Neuem, ſo ſoll auch das Douceur dem Accorde keine Schande machen!“ Aber das Douceur ſiel verteufelt ſchlecht aus, weil es ſich zufällig ereignete, daß die Schute ſpukte... Nun, nun, er ſoll es mir jetzt er⸗ ſetzen— nicht darum,“ verbeſſerte ſich Donnert,„weil es für einen Mann in meiner Stellung viel bedeutet, aber es iſt immer eine Eigenheit von mir geweſen, meine Forderungen nicht nachzuſchenken, wenn ich auch lange darauf warte, und der ſteinreiche Großhändler wird ge⸗ wiß ebenfalls nicht viele Umſtände machen— er gab ſich immer große Mühe, der Welt eine reinliche Außen⸗ ſeite zu zeigen.“ Jetzt hätte Donnert reden können, ſo lange er wollte: Albins Kopf flammte und brannte; er meinte, es würde eine Wolluſt geweſen ſein, alles Gefühl, alles Bewußt⸗ ſein von einem ſo fürchterlichen Daſein ju verlieren. Roſa's Vater der Seeräuber, Mörder, Blutmann auf la belle Coquette, der Mörder ſeines eigenen geliebten Vaters! O, warum wurde er nicht wahnſinnig! warum hatte er dem geheimen Winke nicht gehorcht, den er in der erſten Nacht ſeiner Anweſenheit auf Gottland d den Ruinen der Höhle des Räubers Lilja erhielt!„O es war alſo keine Ahnung des Aberglaubens, ſondern die Ahnung von einer künftigen Hölle, die mir dort begegnen ſollte... und dennoch— wie war es mög⸗ — 9 8 lich?— dennoch ſchwebte über dieſer Hölle ein weißer, unſchuldreiner Engel mit glänzenden Flügeln!“ „Ich glaube, meine Geſellſchaft beläſtigt nur!“ nahm Donnert ſich die Freiheit, das Schweigen zu unter⸗ brechen.„Wenn Sie befehlen, Herr Capitain, ſo kann ich anderswo das Frühſtück einnehmen, welches ohne Zweiſeh nothwendig iſt, ehe wir uns auf den Weg be⸗ geben.“ „Nur noch ein Wort— befehlen Sie hernach über Alles, was da iſt! Reiſ'te Capitain Holgerſen ſelbſt mit einem ſeiner Fahrzeuge?“ „O ja, kleine Reiſen: er beſchäftigte ſich meiſtens mit der Nordſeeſiſcherei, und man ſagte, er hätte viel dabei verdient.“ „Genug!“ ſtöhnte Albin,„genug!... Und die Familie, die Familie?“ „Es iſt eine Eigenheit von mir, nicht neugierig zu ſein nach den Intereſſen Anderer, doch in der That...“ „Er hatte Familie, frage ich?“ Es lag eine ſo entſchiedene Ueberlegenheit in Albin's Frage, daß Don⸗ nert ſich veranlaßt ſah, dieſelbe zu beantworten. „Eine ſehr angenehme Familie: eine ſchöne Frau, die ihn beherrſchte, und drei kleine Töchter!“ In dieſem Augenblicke trat Bas ein, um die Be⸗ fehle des Capitains entgegen zu nehmen; da er jedoch ſeinen Befehlshaber mehr einem Geſpenſte als einem Menſchen ähnlich daſtehen ſah, ſo wandte er ſich an den Fremden, der ſeines Erachtens Schuld daran ſein mußte. Donnert zog ſich inzwiſchen in ſeiner Zerſtreut⸗ heit um einige Schritte zurück: er entſann ſich nur allzu wohl, daß der Mann, den er jetzt vor ſich ſah, ſich rühmen konnte, den Unüberwindlichſten unter den Un⸗ überwindlichen mit Handkraft überwunden zu haben. „Was T—l!“ rief Bas, der nun den Mann näher betrachtete und bei der Ueberraſchung nicht nur ſeinen Capitain, ſondern auch deſſen jetziges Ausſehen vergaß; „iſt das nicht... ja, meiner Seel', das iſt der Capi⸗ tain! Welt Zeit Donn Frühſ zurück neuer einma in der der ſt ſehen das il „das zer— ſo hef fangen ganz Junge Jentze 77 . . 77 die V. / geſehe 71 halten nen, richtur ! weißer, nur!“ unter⸗ ſo kann s ohne Leg be⸗ ch über n ſelbſt neiſtens tte viel nd die erig zi at...“ eine ſo 3 Don⸗ Frau, die Be⸗ jedoch einem ich an an ſein rſtreut⸗ r allzu h, ſich en Un⸗ ben. näher ſeinen dergaß; Capi⸗ tain Donnert! Nun, wie lebt denn heut zu Tage die Welt mit den Schwertfiſchen und dem Lackfirniß?“ „Bas!“ unterbrach ihn Albin mit einer zu gleicher Zeit ſchneidenden und kurzen Stimme,„der Capitain Donnert iſt ein Gaſt auf dem Seefräulein; laß ein Frühſtuͤck auftragen und komm dann augenblicklich urück!“ 4 Als Albin allein war, allein mit dieſer Welt voll neuer Qualen, fühlte er ſich ganz vernichtet. Doch auß einmal kam ihm eine, kamen ihm mehrere Erinnerungen in den Sinn: der Name Will, ausgeſprochen von Roſa; der ſtumme Jüngling, den er auf der Kreuzweide ge⸗ ſehen und der in ſeinem Aeußern etwas gehabt hatte, das ihn erinnerte an... an...„Ach,“ rief er aus, „das iſt ganz ein und derſelbe... der Sohn der Seuf⸗ zer— der Sohn der Seufzer iſt...“ Er kam nicht weiter in ſeinen Gedanken: er ſtürzte ſo heftig in den Salon, daß Donnert, der ſchon ange⸗ fangen hatte, ſich auf das Bequemſte zu arrangiren, ſich ganz beſtürzt umwendete. „Noch eins, Herr Capitain! noch eins, wenn es Ihnen bekannt geworden iſt: hatte nicht Holgerſen einen Pflegeſohn, Mündel oder ſo etwas?“ „Ja behüte, Herr Capitain! Sie ſind ja vortreff⸗ lich unterrichtet, vermuthlich verwandt mit dem armen Jungen: ich will mich auch entſinnen, daß er ebenfalls Jentzel hieß.“ „Das iſt gut, das iſt gut... Aber ein alter Mann .er hatte ja einen Vater, dieſer Pflegeſohn?“ „Ohne Zweifel; aber da er ſtarb, ſo übertrug er die Vormundſchaft dem Herrn Holgerſen!“ „Unmöglich, unmöglich! Wer hat das Teſtament geſehen? Wer war Zeuge dabei?“ „Da es eine Eigenheit von mir iſt, Alles zu be⸗ halten, ſo kann ich Ihnen auch mit der Nachricht die⸗ nen, daß der Magiſtrat in Molde Zeuge bei der Er⸗ richtung des Teſtamentes war und daſſelbe mit unterſchrieb.“ „Der Magiſtrat in Molde?— Ach, daß ich nicht wahnſinnig werde!“ ſeufzte Albin unter der Laſt ſeines„ Erſtaunens.„Der alte Mann ſtarb doch nicht in Molde?“ loſer C „Ja, das iſt ganz gewiß; er wurde dort mit großer mögt Pracht begraben, und an Holgerſen teſtamentirte er be⸗ Eures ſonders ein ganz bedeutendes Douceur, weil dieſt ihn E und den Sohn nebſt einem großen Theile ſeines Ver⸗ beina⸗ mögens mit eigener Lebensgefahr gerettet hatte.. auf de laſſen Sie mich ein wenig denken!— ja, jetzt hab' für da ich's!... von einem franzöſiſchen Schooner, der von hinaus ſchottiſchen Seeräubern angegriffen war.“ wenige Albin taumelte einige Schritte zurück.„Iſt es eine halbe völlig bewieſene Wahrheit, daß der alte Herr lebendig den m nach Molde gekommen iſt?“. waltig „Wenn er dort ſtarb, ſo muß er auch wohl lebendig wollen hingekommen ſein, und der Sohn, der taubſtumm war, Befehl blieb unter Holgerſen's Vormundſchaft. Ob es ſich jetzt ſich du G noch ſo verhält, das weiß ich nicht; doch als die Familie„ unter dem Namen Mörk nach Wisby zog, da nahmen menſch ſie den Knaben mit, und gewiß fand Holgerſen ſeinen Beiſpie Vortheil dabei, ihn gut zu behandeln, denn ich entſinne ſteuern mich, daß im Teſtamente ſtand, das Vermögen ſollte„S nach ſeinem Tode einer Anzahl Taubſtummer zufallen.“ fahrt d Albin blieb einen Augenblick unbeweglich ſtehen; der Ca darauf tröpfelten einige große Thränen aus ſeinem Auge Aufme herab— ſie fielen wie ein wohlthätiger Thau auf ſein ſeinem ſieberheißes, gewaltſam ſiedendes Blut.„Er lebt! er den er lebt!“ das waren die einzigen Worte, welche ſich aus und de ſeiner Seele einen Weg bahnen konnten. Nun aber gähren flog er wie ein Sturmwind auf das Deck und zeigte ſich Grenze ſeiner Beſatzung in einem Zuſtande, daß faſt Alle für g. den Verſtand ihres Capitäns zu fürchten begannen. mit ein „In Jeſu Namen, Herr Capitain! ich vergehe in Capitan dieſer Angſt!“ erklärte Bas in verzweifeltem Tone.„Was ſegeln ſoll daraus werden? Was hat der verdammte Teufel Jeman geſagt oder gethan?“ Al „Sage mir kein Wort, Bas! Wenn Du mich ſank la liebſt, ſo gehorche, verdopple Dich!— Alles klar, ſchnell De klar!“„S „3 / ſeines olde?“ großer er be⸗ ihn Ver⸗ t hab' er von es eine bendig bendig nwar, h jeßi amilie ahmen ſeinen ntſinne ſollte allen.“ ſtehen; Auge uf ſein bt! er 271 „Jungen!“— jetzt redete der Capitain mit athem⸗ loſer Eile zu der Beſatzung—„Euer Capitain hat Eile! mögt Ihr daran denken, und ich werde Eurer Liebe und Eures Gehorſams gedenken!“ Es gab Leben in jedem Winkel. Der Sturm hätte beinahe einige von den Leuten über Bord gefegt, und auf dem Lande ſagte man:„der Mann muß reif ſein für das Tollhaus, weil er ſich in einem ſolchen Wetter hinaus begibt, da er im Hafen iſt!“ Aber nichtsdeſto⸗ weniger wurde das Seefräulein klar gemacht, und eine halbe Stunde ſpäter ſahen die auf dem Strande Stehen⸗ den mit namenloſem Erſtaunen ſeine Abfahrt. Die ge⸗ waltigen Wogen ſchienen ſie ſogleich verſchlingen zu wollen, der Wind war zuwider, Alles zuwider; aber der Befehlshaber hatte eine Wuth, hinauszukommen, die ſich durch gar nichts zurückhalten ließ. „Und zu dem noch größeren Erſtaunen der Strand⸗ menſchen folgte eine kleine Schaluppe dem gefährlichen weiſpiele und dieſe Schaluppe ſchien gleichen Cours zu ſteuern. „Wir haben hier nichts zu ſchaffen mit der Ueber⸗ fahrt des Seefräuleins, ſondern nur zu erwähnen, daß der Capitain, ſobald als das Mansöver ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen begann, ſich an ſeinem wichtigen Poſten wie feſtgewachſen fühlte. Durch den ermüdenden und wilden Kampf gegen das Meer und den Sturm wurde ſeine Bruſt erweitert, und ſeine gährenden Erinnerungen ſanken zurück in beſtimmte Grenzen. Aber kurz nach dem Mittage kam der kleine Petter mit einer gottesjämmerlichen Miene und bat den Herrn Capitain um Verzeihung, daß er in der Eile beim Ab⸗ ſegeln vergeſſen hätte, einen Brief abzugeben, den ihm Jemand, er wüßte nicht wer, in die zun geſteckt hätte. Albin nahm den Brief mechaniſch, erbrach ihn und ſank lautlos auf das Deck hin. Der Brief enthielt folgende Zeilen: „Du kommſt gerade recht zur Hochzeit: ſie iſt ſchon ——— 272 dreimal aufgeboten worden. Hat ſie nicht einen guten Geſchmack, Deine ſchöne Blauäugige, daß ſie Dir einen Taubſtummen vorzieht? Ach, welch ein Genuß für mich, Dir dieſe Nachricht zu allererſt geben zu können!“ Zweiundzwanzigſtes Capitel. Eine geheimnißvolle Botſchaft. Weißer als eine weiße Roſe, weißer als neugefalle⸗ ner Schnee, ſtand Roſa auf der Ruine von Wisborg, an die Signalſtange gelehnt und den Blick unruhig auf die blauen Wogen geheftet. Das eine Fahrzeug nach dem andern eilte in den Hafen, aber keines war zu ſehen, deſſen Achterſpiegel mit einem Haufen vor einer herrlichen Seenymphe knien⸗ der Tritonen geſchmückt war. Und dennoch ſchrieb man heute den erſten November. Der Wind blies ſcharf auf die Wangen des jungen Mädchens, erhob ihre Locken und bewegte ſie hin und her in wogendem Spiele. Die tobenden Winde wollten es den Töchtern des Aegir nachmachen, welche draußen tanzten, nicht bei der glänzenden Beleuchtung der Sonne — vor derſelben hing eine große, ſchwarzgraue Wolke, eine flatternde Trauerfahne, welche ihr Antlitz verbarg — ſondern bei dem Scheine, den ihre eigenen weiß⸗ bekränzten Häupter von ſich gaben. „Er kam nicht!“ ſeufzte Roſa mit lautloſer Stimme .„Warum kam er nicht? Weiß er Alles und gibt er küi dieſe Antwort?“ Ihr Haupt ſank auf die Bruſt inab. 1 Ein Arm legte ſich um Roſa's Leib: es war Thekla. „Komm, ach, komm! Der Wind erſtarrt Deine Glieder!“ „Mich friert nicht!“ „Ja, Du zitterſt, Deine Hand iſt erſtarrt— komm!“ halten ich verl ab, Va Mi Kampf „Amelie Verlobu gebote k nennbar Will er will er rückte Di ich nicht „O. klar zu ihren erl! heweſen, eherrſch wenn me ewig, ja Holg zu, ordne Der Jun n guten ir einen nuß für önnen!“ ugefalle⸗ Visborg, unruhig ein den erſpiegel he knien⸗ vvember. jungen hin und wollten draußen r Sonne Wolke, verbarg n weiß⸗ Stimme und gibt ie Bruſt Thekla. Blieder!“ komm!“ „Ach, daß ſie erſtarrt wäre! Doch bald erſtarrt ſie auf immer, denn ich lege ſie bald ins...“ Mit ſanfter Gewalt führte Thekla ihre junge Schweſter hinweg. Zu Hauſe kam ihnen der Vater entgegen; er wollte mit Roſa in ihr Zimmer gehen. „Erbarmen, Vater!“ „Mein Kind! willſt Du noch länger warten?? Laß mich ſeinem Andenken noch vierzehn Tage leben, nur noch vierzehn Tage! Die Verurtheilten er⸗ halten ja bisweilen noch auf dem Richtplatze Gnade— ich verlange ja nur Aufſchub! Schlage mir das nicht ab, Vater!“ Mit einem finſtern Blicke, in welchem ein wilder Kampf flammte, ging Holgerſen zu ſeiner Gattin.— „Amelie, Amelie! ich war ſo ſicher, da ich es bis zur Verlobung gebracht hatte, noch ſicherer als es zum Auf⸗ gebote kam; und dennoch beginnt mich jetzt eine un⸗ nennbare Furcht zu ergreifen. Warum kommt er nicht? Will er ſich von einer andern Seite zu uns ſchleichen? will er ſte uns wegſtehlen? Ich denke an tauſend ver⸗ rüte Dinge, ich plage mich zu Tode, und dennoch ſterbe ich nicht!“ „O, wären wir Alle todt! Will fängt ſchon an, klar zu ſehen: er zittert, ſo oft er ihre bleichen Wangen, ihren erloſchenen Blick betrachtet; ſie iſt nicht im Stande geweſen, in dieſen letzten Tagen ihre Geſichtszüge zu eherrſchen— und wen kann das Wunder nehmen, wenn man die ſchreckliche Spannung bedenkt, in welcher ſie Tag und Nacht lebt!“ „Ja, er merkt, daß man ihm eine Komödie, eine Tragödie aufführt! Ja, ja, er kann wohl auch nicht ewig blind ſein!.... Er geht jetzt wieder allein aus. Du ſiehſt, Amelie, daß Alles vergeblich iſt, was ich auch thun will! Will wird unglücklich— der Herr hat auf ewig, ja auf ewig, ſein Antlitz abgewendet!“ Holgerſen ſchloß ſich ein. Amelie wankte ab und zu, ordnete mechaniſch ihre auamütterlhen Geſchäfte, Der Jungferthurm. Iv. — —— während gleichwohl die Seele von einer nie ruhenden Angſt erfüllt war. Karl und Victor ſetzten ihre Beſuche regelmäßig fort. Von Aenderungen ihrer Seits war nichts zu hören; doch konnte weder von Aufgebot noch von Hoch⸗ zeit die Rede ſein, ſo lange das geſpannte Verhältniß mit Roſa's Hochzeit nicht zu Ende gebracht war. Oft ſagte Frau Ringeborg, die in ihrem Glauben, Karl's und Hildur's für einander paſſende Charaktere betreffend, ganz bekehrt worden war:„Mein Karl! wenn Du dem Rathe Deiner Mutter folgen wollteſt, ſo würdeſt Du den Bach ſtämmen, ehe es in den Fluß geht!“ „Nein, Mutter!“ pflegte Karl da zu antworten: „ich kam in den Bach durch Deine Fürſorge— jetzt mag es gehen!“ „Ja, aber für das lebendige Leben! ſiehſt Du denn nicht lieber Sohn, ſie hat nicht mehr Gefühl für Dich a 8 44 „Sie hat genau ſo viel für mich, wie ich für ſie! Laß uns nun für uns ſelbſt ſorgen— ſind wir nur erſt Mann und Frau, ſo kommen wir ſchon zurecht...“ Thekla hatte zu Victor geſagt: „Die Prüfungszeit iſt zu Ende— haſt Du jetzt einen Wunſch, der demjenigen widerſtreitet, den Du vor einem Jahre äußerteſt, ſo ſage ihn!“ Und Victor hatte mit vollkommener Offenherzigkeit geantwortet:„Ich glaube nicht, Thekla, daß ich Dich für das Leben meiner annehmen, ſo werde ich vielleicht endlich mehr Geſetztheit und Kraft erhalten!“ Thekla hatte ſich mit dieſer Antwort begnügt, doch würde ſie das nicht gethan haben, wenn ſe nicht ge⸗ ſehen hätte, daß Karl an nichts weniger als an einen Bruch dachte. Es ſtand und ſchwankte— die Hochzeiten ſollten vor Weihnachten gefeiert werden, aber man wartete. Dem erſten November folgte der zweite, der dritte. Roſa's Kräfte waren erſchöpft: ſie konnte weder leben noch ſterben. Wenn ſie auf ihrem jungfräulichen Bette Deiner würdig bin, oder richtiger: ich weiß, daß ich es nicht bin; doch willſt Du lag,— Athen verrie — 9. 1 A ein, l in der wahnſ rieth d Eilfert Verhät nahe z „ Neuigk den wa herausz G ruhenden egelmäßig nichts zu von Hoch⸗ gerhältniß ar. Glauben, Charaktere arl! wenn ſo würdeſt geht!“ intworten: ge— jetzt Du denn für Dich ch für ſie! wir nur urecht...“ Du jetzt n Du vor ictor hatte el:„Ich bin, oder willſt Du werde ich erhalten!“ aügt, doch nicht ge⸗ an einen Hochzeiten an wartete. der dritte. beder leben ichen Bette lag,—glich ſie einer Verſtorbenen; nur die ſchwachen Athemzüge, die bisweilen über ſie kommenden Zuckungen verriethen, daß es nur ein ſcheinbarer Tod war. „Ich wollte wünſchen, daß wir eine Kriſe bekämen — ich wäre mit Allem zufrieden!“ ſagte der Arzt. Und es kam eine Kriſe. — Am dritten November trat Holgerſen zu ſeiner Frau ein, bleichblau im Geſichte, aber dennoch mit Blicken, in denen eine unheimliche Betrübniß und eine halb wahnſinnige Freude blitzten. Sein ganzes Weſen ver⸗ rieth dieſe, zu gleicher Zeit gezwungene und ſtürmiſche Eilfertigkeit, welche durch ungewöhnliche, unerwartete Verhältniſſe hervorgerufen wird. Er hätte Amelie bei⸗ nahe zu Tode geängſtigt. „Sammle Dich, ſei nicht ſchwach: hier ſind große Neuigkeiten!“ „O warte, warte— gib mir Zeit!.... Mein Pens hört auf zu ſchlagen.... nein, ich will nichts ören!“ Jetzt kam Thekla. Ihre ſonſt ſo ſorgfältig und ſchön geordneten Locken waren unordentlich auf die Seite geworfen; man ſah es ihrer Kleidung und ihrem ver⸗ ſtörten Geſichte an, daß ſie merkwürdig erſchüttert wor⸗ den war— ihre Lippen vermochten kaum dieſe Worte herauszuſtottern: „Iſt es wahr, mein Vater? iſt es wahr?“ Und ſie ſank kraftlos auf den Stuhl. Im nächſten Augenblicke kam Hildur unter über⸗ lautem Schluchzen hereingeſtürmt. Sie wollte vermuthlich eben dieſelbe Frage thun, vermochte aber vor Bewegung kein Wort hervorzubringen. „Darf ich jetzt reden?“ fragte Holgerſen in einem unnatürlich eiskalten Tone.. „Ja!“ ſtöhnte Amelie—„ich kann dieſem Schick⸗ ſale, das uns Alle treffen ſoll, doch wohl nicht entgehent 276 „Du weißt ja, Amelie, daß Stürme die Luft rei⸗ nigen, und ich hoffe, ſobald dieſer jetzige vorüber ge⸗ brauſ't iſt, werden wir wieder Ruhe haben!“ „Rede!“ „Ein paar Leute von den Karlsinſeln ſind hieher gekommen mit einem unheimlichen Funde, den man dort gemacht hat.. Aber, Herr Gott, Weib, ſo zittere doch nicht ſo fürchterlich! Ehemals hatteſt Du Muth, Amelie — jetzt biſt Du ſehr ſchwach geworden!“ „Ein unheimlicher Fund?“ fiel Amelie ein, ohne auf den Vorwurf ihres Mannes Achtung zu geben— „was iſt es?... Laß hören!“ „Eine Flaſche— und eine armſelige Flaſche, wenn ſie ſo kommt, kann ſehr Vieles enthalten!“ „Großer Gott!“ Sie faltete ihre Hände mit einem Ausdruck, als wollte ſie um Verſchonung von ihren ſchrecklichſten Ahnungen flehen. „In der Flaſche befand ſich ein Papier, welches ich hier habe. Vermagſt Du, Amelie, vermögt Ihr, Kinder, es zu hören, ſo können wir hernach unſre Sinne zu einer vernünftigen Ueberlegung ſammeln!“ „Lies, lies!“ ſtammelte Amelie. Holgerſen entfaltete das Blatt, welches er aber wegen des heftigen Zitterns der Hände kaum zu halten vermochte. Endlich, immerwährend nach der nöthigen Luft kämpfend, las er folgende geheimnißvolle Botſchaft: „In der Oſtſee zwiſchen Oeland und Gottland den 30. October 18.. Der Dreimaſter Seefräulein von Gefle, kommend von Kalmar, deſtinirt nach Wisby, iſt leck geſprungen und voller Waſſer, in jeder Secunde bereit zu ſinken. Alle Boote ſind über Bord geſpült. Ich, Albin Jentzel⸗Stangerling, Rheder und Schiffer, der Steuer⸗ mann Malmros und der Zimmermann Holje ſind die Einzigen, welche noch leben. Der Sturm nimmt mit jedem Augenblicke zu. Keine Rett...“ „Hier,“ ſagte Holgerſen mit unſichrer Stimme,„iſt 4 die Sch Hand: „C Bald i Zeile ka zu ſchlit Eit einander ſeitig in End Worte m „Si dernswür ſtand Ro merkt. Eine ihren Au irdiſchen Abendrötl Hände we hatte Rof ligen Ver wollte ma können ſch Die im Stand halten, ſo welche ihr den Himm verdamme „Verz Liebe, voll ommen— hin für ſei 2 Luft rei⸗ rüber ge⸗ id hieher man dort tere doch „Amelie in, ohne geben— he, wenn nit einem on ihren elches ich „Kinder, Sinne zu er aber u halten nöthigen otſchaft: land den ommend prungen inken. „Albin Steuer⸗ ſind die umt mit ime,„iſt 74 bie Schrift abgebrochen; das Uebrige iſt von einer andern and: „Eine Sturzſee ſpülte den Capitain über Bord. Bald iſt Alles aus. Meine Frau, meine Frau!— keine Zeile kann ich ſchreiben... ich habe kaum Zeit, dieſes zu ſchließen und die Flaſche zu pfropfen. Nils Malmros, Steuermann.“ Eine Todtenſtille herrſchte im Zimmer: man wagte einander kaum anzuſehen— man wagte ſich nicht gegen⸗ ſeitig in die Gedanken zu blicken. Endlich brach Holgerſen den Zauber, indem er die Worte murmelte:„Wer ſoll ſie vorbereiten?“ „Sie iſt ſchon vorbereitet!“ antwortete eine bewun⸗ dernswürdig klare Stimme, und als man aufblickte, dand Roſa auf der Schwelle— Niemand hatte ſie be⸗ merkt. Eine liebliche, eine himmliſche Freude leuchtete aus ihren Augen, welche eher zwei leuchtenden Sonnen, als irdiſchen Augen glichen; ein Purpur, ſchön wie die Abendröthe, färbte ihre weiße Wange; ihre gefalteten Hände waren gen Himmel empor gehoben— noch nie hatte Roſa's ſchönes Antlitz dieſen Ausdruck einer hei⸗ ligen Verklärung gehabt. Welche Worte des Troſtes wollte man wohl ihr ſagen, ihr, welche Alle tröſten zu können ſchien! „Die Mutter ſtand leiſe auf, und obgleich ſie kaum im Stande war die zitternden Glie f 6 halten, ſo ſchleppte ſie ſich doch zu der Tochter hin 1 *„ 7 7* 7 welche ihr bereit zu ſein ſchien, von der Erde hinweg in den Himmel 1 278 „Das kann Alles mit einander falſch ſein!“ rief Thekla aus mit wieder erhaltener Kraft, und ſchlecht zu⸗ frieden mit der tiefen, wunderbaren Ruhe, die über das ganze äußere und innere Weſen der Schweſter ausge⸗ breitet lag. „Warum willſt Du wohl, daß es falſch ſein ſoll?“ entgegnete Roſa ſanft und griff nach dem Papiere. „Dieſe Handſchrift... Du kennſt ſie nicht, ich aber kenne ſie: die Hand meines Albin hat auf dieſem Pa⸗ piere geruht! O, mein Herz läßt ſich nicht täuſchen!“ „Ich glaube dennoch kein Wort, Vater!“ Thekla's Ton wurde jetzt vollkommen entſchieden. In dieſem Augenblicke trat Karl ein, und auch auf ſeinem Geſichte ſtanden traurige Neuigkeiten zu leſen. Er ſtutzte, da er Roſa erblickte. „Rede!“ ſagte Holgerſen,„Du ſiehſt hier ein Mäd⸗ chen mit einer Stärke, daß nur Gottes Engel im Himmel eine ſolche Geduld zeigen köͤnnen!.. Hat ſich die Bot⸗ ſchaft durch irgend etwas beſtätigt?“ Noch einmal ſah ſich Karl erſtaunt um; dann trat er zu Thekla und fluſterte: „Sie wird wahnſinnig— wie wagt Ihr es, von ihm mit ihr zu reden!“ „Sie wird nicht wahnſinnig!“ entgegnete Thekla; „es iſt eine höhere Inſpiration, als die des Wahnſinnes, die aus ihren Augen redet... Sage— was haſt Du zu verkündigen?“ Roſa nahte ihnen und legte leiſe ihren Arm auf Karl's Schulter. „Verbirg mir nichts! Ich war ſo traurig, ach, ſo ſehr traurig, weil er nicht kam; doch nun bin ich ruhig, glücklich, ſelig: mein Glaube iſt gerettet... rede, rede!“ „Armes junges Mädchen! Du weißt nicht, was Du ſagſt; doch vielleicht gibt es eine Liebe, welche ſich über die Erde erhebt. So höre denn— wenn es Dich glücklich macht zu wiſſen, daß er hierher wollte— daß er dieſes mit ſtarker Kraft wollte. Am dreißigſten October unter dem fürchterlichſten Sturme, deſſen man ſich ſeit vielen Jahren angekor ab; Je würde, ebenſo! vernom ging.. 4 n überlau⸗ zwiſchen Ro des Hin herab a Thränen für den, den: ich man trö n!“ rief hlecht zu⸗ über das r ausge⸗ in ſoll?“ Papiere. ich aber eſem Pa⸗ ſchen!“ chintl auch auf zu leſen. ein Mäd⸗ n Himmel die Bot⸗ dann trat es, von e Thekla; ihnſinnes, haſt Du Arm auf „ ach, ſo ich ruhig, de, rede!“ „was Di ich über aalch Zer dieſes öber unter ſeit vielen Jahren entſinnen kann(ſo erzählt ein eben von Kalmar angekommener Schiffer), ging das Seefräulein von dort ab; Jedermann glaubte, daß es ihm unmöglich ſein würde, ſich durchzuarbeiten; und es gelang ihm auch ebenſo wenig, wie man von einer Se elſchaluppe etwas vernommen hat, welche zu gleicher Zeit von dort ab⸗ ging... In dieſem Augenblicke hörte man von draußen überlautes Geſchrei und Schluchzen. Eine Hand klopfte an die Thür. „Laſſen Sie mich ein, laſſen Sie mich ein!“ Es war Betty mit der wildeſten Verzweiflung in ihren Zügen. Sie ſtürzte zu Roſa's Füßen und umfaßte mit krampfhaften Zuckungen die Kniee ihrer jungen Gebieterin. Es war ein unheimlicher, aber ſchöner Contraſt zwiſchen dieſen Beiden, die ihr Alles verloren hatten. Roſa's bleiches Antlitz, worin der lichte Frieden des Himmels noch immer ausgebreitet lag, neigte ſich herab auf Betty's Wangen, die von den ſtrömenden Thränen und dem innern Schmerze glühten. „Weine, Betty, weine aus bei mir! Es iſt ſo ſchön für den, der nur weinen kann! Klage dann Deine Lei⸗ den: ich will Dich hören, aber Dich nicht tröſten— man tröſtet ſich nicht, wenn man mit Thränen trauert. Weins, weine... o, wie lieb hatte er Dich, Dein Ge⸗ iebter!“ „Aber der Ihrige, Mamſell Roſa?“ ſchluchzte Betty —„haben Sie denn keine Thränen für Ihn, der Sie ſo innig liebte?“ „Nein, Betty, ich habe keine Thränen: ich habe ſie ſchon längſt alle weggeweint! Doch ſei Du darum nicht traurig— er verſteht mich ſchon!... Komm nun mit mir in mein Zimmer, Du arme, junge Wittwe!“ Es waren mehrere Tage verfloſſen. Hatte bisher noch bei Jemanden ein Zweiſel ob⸗ gewaltet, ſo war er nun verſchwunden. Das Seefräulein ſchlief auf dem Meeresgrunde, denn hätte es dort nicht geſchlafen, ſo würde es wohl vom Lande oder Strande zu ſpüren geweſen ſein, und wäre der junge Befehlshaber gerettet, ſo hätte man wohl von ihm gehört; doch nirgends war eine andere Nach⸗ richt zu erhalten, als die in der Flaſche eingeſchloſſene, ſpäterhin von mehreren von Kalmar angekommenen Seglern beſtätigte Botſchaft. Betty weinte Tag und Nacht. Roſa dagegen ſaß mit ihrem verklärten Antlitze da, und ſchien mit Sanftmuth Alles anzuhöbren, was man ſagte, obgleich ſie jetzt eigentlich auf gar nichts hörte, außer auf die redende Stimme in ihrem Innern, durch welche und mit welcher ſie ſich aber ſo glücklich fühlte, daß ihre ganze Umgebung vor dieſer Ruhe in Schrecken war. Am meiſten aber war der Bräutigam in Schrecken, denn ſo oft er ſich ihr demüthig und erröthend nahte, zeigte ſie ſich ihm zwar auf dieſelbe Weiſe wie zuvor, aber er merkte doch mit gepreßtem Herzen, daß nur die Augen, nicht die Seele, auf ihm ruhten. Er ſtreichelte ihre Hand— ſie lächelte; er legte ſich zu ihren Füßen und blickte zu ihr empor mit einer un⸗ ausſprechlich rührenden und qualvollen Bitte— ſie lächelte wieder; er wagte es einmal zitternd ſeine Lippen an die ihrigen zu legen— und dennoch lächelte ſie... ach, ſie hatte weder etwas gemerkt noch gefühlt, und ihre liebliche Gleichgültigkeit war dem Unglücklichen weit ſchmerzlicher als ihr Abſcheu! Will magerte von Neuem ab, und nahm ſeine ein⸗ ſamen Wanderungen wieder vor. Er hatte von Demjenigen, was ſich um ihn her zutrug, einige dunkle Ideen erhalten. Roſa hatte einen Geliebten gehabt, der nun todt war, und um dieſen Geliebten trauerte ſie jetzt, an ihn allein dachte ſie, währen jenigen geben In lingspl Hoſpita ungewö eckigen Zellen. und da ſetzungs den To Wahnſi Hi Sarge zu ſucht i kelheit z war, h erwieder einer 8 Lippen länger mit Ger Herzens Bild eir ſeinem Ahnung ſtillen, d gen. U da mein Bahrdec ſei, und ſcharfe ergilbte: wehte, Bahrdech iſel ob⸗ Sgrunde, es wohl in, und an wohl e Nach⸗ hloſſene, mmenen Antlitze n, was r nichts Innern, glücklich Ruhe in ſchrecken, d nahte, e zuvor, nur die legte ſich iner un⸗ — ſie e Lippen 2 lt, und ücklichen eine ein⸗ ihn her tte einen n dieſen achte ſie, während ſie mit bloßer mechaniſcher Freundlichkeit den⸗ jenigen anblickte, der für ihr Glück das ſeinige hätte. geben wollen. In einer von den Ruinen hatte Will ſeinen Lieb⸗ lingsplatz: es war in der Heiligen⸗Geiſt⸗Kirche, auch die Hoſpitalkirche genannt, in dieſem zu gleicher Zeit ſo ungewöhnlichen und würdigen Tempel mit ſeiner acht⸗ eckigen Geſtalt, ſeinen Treppengängen und ſeinen düſtern Zellen. Auf dem Hofe deſſelben liegt das Hoſpital, und das geputzte Schiff der Kirche dient jetzt als Bei⸗ ſetzungshaus für die unglücklichen Weſen, welche, durch den Tod befreit, aus der Heimath der Armuth und des Wahnſinnes gegangen ſind. Hier pflegte der ſtumme Jüngling auf dem ſchwarzen Sarhe zu ſitzen und nach dem ermüdenden Gange Ruhe zu ſuchen. 3 ſachen war es, wo ſein Geiſt ſich bemühte, die Dun⸗ kelheit zu entwirren, welche demſelben auferlegt worden war, hier weinte er die heißen Qualen über ſeine un⸗ erwiederte Liebe aus, und hier träumte er bisweilen von einer Zeit, da dieſelbe erwiedert werden, da Roſa's Lippen an den ſeinigen glühen und ihre Blicke ſich nicht länger ſenken würden vor den Flammen, welche er jetzt mit Gewalt aus ſeinen Augen tief in das Innerſte des Herzens hinab drückte. Hier rief er das verworrene Bild eines Nebenbuhlers hervor, welchen er noch nach ſeinem Tode haßte— und hier endlich ergriff ihn die Ahnung an ſeinen eigenen Tod, an die Ruhe in der ſtillen, dunklen Wohnung, in welcher alle Stürme ſchwei⸗ gen. Und wenn er ſo weit kam, da wurde er ruhiger, da meinte er, wie er ſaß mit den Füͤßen auf der ſchwarzen Bahrdecke, Nolf zu ſeiner Seite, daß es hier ſchön ſei, und noch ſchöner dort unten; er fühlte nicht, wie der ſcharfe Herbſtwind ihn umſauſſte, ſah nicht, wie das ergilbte Laub in großen Flocken in die öde Kirche hinein⸗ wehte, und ſich über ihn, über den Sarg, über die Bahrdecke und über Rolf ausbreitete. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Der Jungferthurm. Mit unbeſchreiblicher Angſt erwarteten Eltern und und Schweſtern die Entwicklung des geheimnißvollen Zuſtandes des jungen Mädchens. Anfänglich wagte man es kaum, ſie allein zu laſſen, dieſes aber merkte ſie, und da ihr Blick bat, ſo wagte es Niemand, der Bitte ungehorſam zu ſein. Immer aber wachte Jemand in der Nähe, doch nichts war zu bemerken, das die Unruhe hätte ſteigern können, und da man fürchtete, man könnte durch eine allzu große Aufmerkſamkeit Gedanken wecken, die viel⸗ leicht noch nie in ihrer Seele wach geworden waren, ſo nahm Jeder, der ihr nahte, eine Ruhe an, die Keiner einen einzigen Augenblick fühlte. Und dennoch, wie weit waren nicht Alle entfernt, Roſa's wirklichen Zuſtand nur zu ahnen! Was man durch eine zu weit getriebene Aufſicht zu wecken fürchtete, das war bei ihr ſchon ein völlig reifer Gedanke, und daher kam ihre friedevolle Ruhe, die den meiſten als das keimende Zeichen des Wahnſinnes erſchien. Der Entſchluß, dem Geliebten zu folgen, war in Roſa ſchon von dem erſten Augenblicke an erwacht, da ſie angefangen hatte, die Vorſtellung davon zu faſſen, daß eine andere Macht, als ſein eigener Wille, im Stande geweſen ſein könnte, ihn von der Ausführung ſeines Vorhabens zurückzuhalten. 3 Zuerſt hieß es: „Wenn er nicht kommt, wenn der kalte Tod ſich zu ſeinem Herzen den Weg geſucht hatz, warum ſollte ich da verſuchen, mein Leben noch länger hinzuſchleppen? Nein, das kann ich nicht, denn die erſte Bedingung dieſes Lebens wäre ſeine Verzeihung geweſen und die danken D zu verg willig wenn ein ew gleichur Signal über il licheren Al mit ein ganz v griffen Hoffnu gelangt ligte Lo wäre, Vater wäre, Leben Tod ta vereinig und ſch hielt. Du di herzigke ſie dach ſie war ſchönen Ewigke Müdigl! rn und ßvollen laſſen, bwagte 2, doch ſteigern rch eine ie viel⸗ aren, ſo Keiner ntfernt, ſicht zu g reifer die den rſchien. war in cht, da faſſen, le, im ührung Tod ſich n ſollte leppen? dingung und die Erlaubniß, es der ſchweren Pflicht zu weihen. Wenn er mir weder die eine noch auch die andere mehr geben kann, ſo... Und ſie dachte und entwickelte die gefährlichen Ge⸗ danken immer mehr. Darauf begann ſie Albin's Tod mit der Vorſtellung zu vergleichen, daß er ſie gutwillig verlaſſen, gut⸗ willig von einem Wiederſehen abgelaſſen hätte, und wenn auch dieſes nur darum geſchehen wäre, um ihr ein ewiges Lebewohl zu ſagen— und bei dieſer Ver⸗ gleichung erhielt die Idee von ſeinem Tode als ein Signal zu ihrem eigenen eine immer größere Macht über ihr Herz, welches keinen Raum für einen gräß⸗ licheren Schmerz hatte, als für den: er verachtet Dich! Als nun aus der Tiefe des Meeres der Trauerbrief mit einer Nachricht kam, welche, wie Alle meinten, ſie ganz vernichten würde, da fühlte ihre Seele ſich er⸗ griffen von einem hohen Muthe, einer ſtarken und frohen Hoffnung; denn ſchon damals war ſie bis zu dem Punkte gelangt, daß Albin's Tod nicht nur für ſie eine gehei⸗ ligte Losſprechung von den zuletzt übernommenen Pflichten wäre, ſondern daß auch die Verſöhnung, welche der Vater beabſichtigte, eben ſo gut dadurch zu gewinnen wäre, wenn ſie ſich dem Tode, als wenn ſie ſich dem Leben opferte— der Unterſchied lag nur darin, daß der Tod tauſendmal lieblicher war, weil er ſie mit Albin vereinigte. Es war offenbar, daß ein Gedanke an die große und ſchreckliche Sünde in ihre Seele nie Eingang er⸗ hielt. Sie fragte ſich kein einziges Mal: wie wagſt Du dieſes? wird wohl Gott die Fahne ſeiner Barm⸗ herzigkeit über der Selbſtmörderin wehen laſſen? Nein, ſie dachte nicht einmal an ſich als eine Selbſtmörderin: ſie war müde, ſie wollte in ihre Heimath gehen: in den ſchoönen Sälen des Himmels, wo ſie und Albin von Eiwigkeit zu Ewigkeit fortleben würden, dort war keine Müdigkeit, ſondern nur ein Rauſch der Seligkeit. Doch wie, wie ſollte ſie dorthin kommen? ſc Das war der Gedanke, welcher ſie ohne Raſt be⸗ äftigte. Der Entſchluß war unwiderruflich, die Ausführung dagegen noch ein Chaos; doch machte ſie es ſich zum Vorwurfe, daß ſie ſo arm an Erfindungsgabe war, und daß daher Albin auf ſie warten müßte; aber kommen wollte ſie ebenſo lieblich und ſchön, wie ihre Liebe hie⸗ nieden auf Erden lieblich und ſchön geweſen war. Endlich in einer Nacht, da ſie in ſcheinbarem Schlafe lag und über die Löſung dieſes Räthſels nachdachte, fuhr ſie ſo heftig zuſammen, daß Hildur, welche eben⸗ falls zu ſchlafen ſchien, obgleich auch ſie wach war, ſich in ihrem Bette erhob und nach Roſa's von der Nacht⸗ lampe ſchwach erleuchtetem Lager blickte. „War da etwas?“ flüſterte Hildur mit unruhiger Stimme. Roſa fuhr fort, den Schein des Schlafens beizube⸗ halten, und Hildur, welche glaubte, daß die von ihr bemerkte Bewegung von irgend einem Schmerz im Traume veranlaßt worden wäre, ſchloß von Neuem die Augen und verſank in ihre Gedankenwelt. Inzwiſchen benetzte Roſa das Kopfkiſſen mit ſtillen Thränen, welche nicht hervorgepreßt waren von dem Schmerze, ſondern von einer hohen und herrlichen Freude, von einer Freude, die der Ueberſpannung würdig war, worin ihre Sinne ſich jetzt befanden. „O,“ jubelte eine Stimme in ihrem Herzen, ich wußte wohl, daß ich zuletzt das Beſte, das Richtigſte, das Schönſte finden wuͤrde, und es iſt nur zu verwun⸗ dern, daß meine Augen ſo lange geſchloſſen geweſen ſind! Jetzt habe ich ein Ziel, welches alle Schmerzen des To⸗ des überwindet— ach, der Tod hat keine Schmerzen, wenn die Braut zu ihrem Bräutigam eilt!... Mor⸗ gen, Du leidende und harrende Jungfrau, die Du Jahr⸗ hunderte lang Dich nach Deiner Befreierin geſehnt haſt, morgen, ehe die Stunden der Nacht eintreten, hat Dein müder Geiſt die ewige Ruhe gefunden!..,“ „Jetzt entſinne ich mich, wie meinem Albin gleich⸗ ſam eit Sage e in ihre andere willen nißvolle ihn füh ich, ich habe, u blick ge daß All mußte und mo Du!— gegen: Secunde früher z 0 etwas I Ein Wolke g ie ihren V. ſie mit ſt ſter, Ge. auf ewig Jetz den Aug⸗ len anklo dende Ar hinein n fühlte es blieb, un rufungen mer laut „Ko „Un mer laut⸗ aſt be⸗ ührung ch zum ir, und ommen be hie— Schlafe dachte, eben⸗ ar, ſich Nacht⸗ uhiger eizube⸗ on ihr raume Augen ſtillen n dem Freude, g war, u, ich ttigſte, rwun⸗ mſind! es To⸗ herzen, Mor⸗ Jahr⸗ haſt, Dein gleich⸗ ſam ein Schauder durch das Herz fuhr, als ich ihm die Sage erzählte, welche meldet, daß Junghanſens Tochter in ihrem Grabe nicht eher Ruhe findet, als da eine andere von Wisby's Töchtern ihr Blut um der Liebe willen geopfert hat: es war die Ahnung, das geheim⸗ nißvolle Band zwiſchen uns und der Geiſterwelt, welche ihn fühlen ließ, daß dieſe Jungfrau ihn anginge. Und ich, ich, die ich Junghanſens Tochter ſo ſehr geliebt habe, warum war mein Gedanke bis an dieſen Augen⸗ blick gefeſſelt? Hätte ich wohl nicht verſtehen können, daß Alles, was geſchehen iſt, ſo, gerade ſo geſchehen mußte, damit eine Befreierin kommen konnte?... und morgen— höͤrſt Du, Albin, mein Geliebter, hörſt Du!— morgen komme ich! Eile mir nur ſogleich ent⸗ gegen: nicht einmal im Himmel will ich eine einzige Secunde allein ſein ohne Dich, um den ich gewagt pane früher zu kommen, als ich gerufen ward!... Doch,“ fuhr ſie weiter fort,„morgen iſt auch noch etwas Anderes!“ Ein Fieberſchauer erſchütterte heftig ihren Leib, eine Wolke ging über ihre Seele. Sie erblickte in dieſen Träumen der Einbildung ihren Vater, ihre Mutter, Will, Thekla, Hildur, wie ſie mit ſtieren, thränenloſen Blicken die Tochter, Schwe⸗ ſter, Geliebte ſuchen und ſie endlich finden, aber ach— auf ewig entflohen! Jetzt begann ein fürchterlicher Kampf; denn aus den Augen der Geliebten ergoſſen ſich bald heiße Quel⸗ len anklagender Thränen, und Schluchzen und ſo ſchnei⸗ dende Ausrufungen, daß ſie ihr bis in den Himmel hinein nachdrangen, wiederhallten in ihren Ohren. Sie fühlte es, wie ihr Geiſt auf dem halben Wege ſtehen blieb, um flehend zu bitten, daß dieſe klagenden Aus⸗ rufungen ſchweigen möchten, aber ſie wurden nur im⸗ mer lauter. „Komm zurück, komm zurück!“ „Unmöglich!... hört! dort oben ruft Albin im⸗ mer lauter!“ „Nein, hieher, hieher— ſchnell! hier bin ich, Dein Albin!... O, ſchwebe nicht hinab, da hat meine Seele keine Heimath!“ „Und höre, dort ertönt auch noch ein anderer Ruf aus dem Jungferthurme, aus dem Grabe der Jungfrau: „Verrätherin! brichſt Du Deine Gelübde? Ich hatte ſchon angefangen die Seligkeit der Erlöſung halb zu ſchmecken, und nun zwingſt Du mich, meine Wanderung von Neuem zu beginnen?... Komm nicht zurück— ich bitte, ich flehe— meine Pein wird da ſchrecklicher, als ſie jemals geweſen iſt!“ Es brannte ein verzehrendes Feuer in Roſa's Adern; die losgelaſſene, in immer wildere Regionen gejagte Phantaſie mahnte ſie vorwärts, unaufhörlich vorwärts, bis endlich der Schlaf ſie erlöste von dem übermenſch⸗ lihhe Schmerz, welcher der erſten ſeligen Täuſchung olgte. Es war ſchon ſpät, da ſie erwachte; aber ſie hatte ihre Idee nicht vergeſſen: dieſe nahm jetzt die Geſtalt eines verſöhnenden Friedens an; und wenn ſie ſich noch entſann, daß eine Macht ſie nach der Erde hatte ziehen wollen, ſo war dieß nur, um ſie zu erinnern, daß ſie eilen mußte, ſich einer Zeit zu bedienen, da die flehen⸗ den Stimmen ſchwiegen. In Roſa's Charakter lag eine angeborene poetiſche Schwärmerei, in ihrer Seele ein flammender Enthuſtas⸗ mus für das Myſtiſche, das Ueberſinnliche; und daß dieſe gefährlichen Eigenſchaften unter den Verhältniſſen, welche hier dargeſtellt worden ſind, ihre vollkommene Höhe erreichen mußten, das iſt ſo natürlich, daß wir es nicht anders erwarten konnten. Weſen, die mit Eigenſchaften begabt ſind, wie dieſes junge Mädchen, laſſen ſich nicht Hethmimen von der Seite der kalten und raiſonnirenden Vernunft; doch greife ſie vorſichtig an auf irgend einem von den Wegen, die u ihrer reichen Einbildung führen, und ſie werden mit eichtigkeit Eindrücke annehmen. Wie viel Verſtand, Feinheit und wirkliche Herzensgüte ſind aber erforderlich, um die fall ka zun Ge ufall AW daß di auf die als au von kle ſind al welche, gen ſin meſſen dennoch wickelur in der jungen in den und en bal d9 viellei Gatten ter— herin dr , Dein te Seele ter Ruf agfrau: ch hatte hHalb zu derung — i er, als Adern; gejagte rwärts, menſch⸗ uſchung je hatte Geſtalt ich noch e ziehen daß ſie flehen⸗ poetiſche tthuſias⸗ ind daß oltniſſen, ommene z wir es die dieſes von der ch greife gen, die rden mit Verſtand, orderlich, um die Erziehung ſolcher Charaktere zu leiten: ein Zu⸗ fall kann es hindern, daß ihr innewohnender Geiſt ſich ur Gefahr für ſie ſelbſt entwickelt; ein eben ſo leichter ufall kann aber auch die Urſache des Gegentheils werden. Wir unſeres Theils möchten von Herzen wünſchen, daß die Mütter eine größere Aufmerkſamkeit anwendeten auf die Erforſchung der Seelenkräfte ihrer jungen Töchter, als auf die Erforſchung ihrer Anlagen für dieſe Maſſe von kleinen Geſellſchaftstalenten, welche zwar recht gut ſind als das, was ſie ſind, nämlich Kleinigkeiten, und welche, wenn man ſo will, auch ein veredelndes Vergnü⸗ gen ſind, wenn ſie mit einem geringeren Maßſtabe ge⸗ meſſen werden, als gewöhnlich geſchieht, welche aber dennoch himmelweit zurückſtehen müſſen, um der Ent⸗ wickelung derjenigen Anlagen Raum zu geben, welche in der Jakunſt nicht allein über das eigene Leben des jungen Mädchens, ſondern auch über die Verhältniſſe, in denen ſie vielleicht dereinſt leben wird, beſtimmen und entſcheiden ſollen. Amelie war eine gute Frau, eine zärtliche Gattin, vielleicht allzu zärtlich und ſchwach für einen ſolchen Gatten; ſie war auch eine zärtliche und liebende Mut⸗ ter— war ſie aber wohl auch eine vollkommene Erzie⸗ herin dreier Töchter mit ſo verſchiedenartigen Naturgaben, wie wir hier zu ſchildern verſucht haben? Sie war es nicht: denn die Erziehung fordert etwas mehr, als bloß Liebe und bloßen guten Willen. Sie wollte von Seele und Herzen das Rechte, das Beſte; was ihr je⸗ doch fehlte, das fehlt vielen Müttern: Kraft und etwas noch Schlimmeres und noch Gefährlicheres: eine voll⸗ kommene Einſicht in die unermeßliche Verantwortlichkeit, welche einer Mutter auferlegt iſt, welche immerwährend die bei den Kindern ſich entwickelnden Charakterfehler oder Tugenden zu beobachten hat, und die einander oft ſo nahe liegen, daß ſte ohne eine tiefere Auffaſſung und Prüfung ſich leicht verwechſeln laſſen können, und die oft wirklich ſo mit einander verwachſen ſind, wie die aus einem Zweige erwachſenen Schößlinge— welche Behut⸗ ſamkeit iſt da nicht von Nöthen, um den einen abzu⸗ ſchneiden, ohne den andern zu beſchädigen! Da der Roman in unſern Zeiten nicht auf den Stand⸗ punkt ſteht, daß er einzig und allein berechnet iſt, einige unbeſchäftigte Stunden zu füllen, haben wir es gewagt, hier die Gegenſtände des Nachdenkens anzu⸗ deuten, welche bei einer Mutter entſtehen können, die in Thekla's, Hildur's oder Roſa's Charakteren ein ihr theu⸗ res Bild erkennt. Die Schleier des Novembertages umhüllten ſchon gegen die Zeit des Mittages die Feſte des Himmels; es war ein düſterer, ſonnenloſer Tag— und düſter war es auch in dem Familienleben. Der Hausvater hatte wieder angefangen, die Ein⸗ ſamkeit der Kellergewölbe zu ſuchen. Zwar hatte Alles ſeine Berechnung weit übertroffen; dennoch aber fühlte er ſich jetzt weiter als jemals vom Ziele entfernt, denn er war nun zu der ſixen Idee ge⸗ kommen, daß Gott kein Opfer hatte annehmen wollen. Sein zertheiltes und zerriſſenes Gemüth begann ſich von Neuem mit tiefer Finſterniß zu bedecken, während im Hintergrunde die ſchrecklichen Symbole hervordämmerten, auf welche er in der geheimnißvollen nächtlichen Unter⸗ handlung mit Roſa hingedeutet hatte. An dieſem Tage, von welchem wir jetzt reden, war er ſeit dem Morgen nicht aus den Gewölben gekommen, und Amelie's Angſt iſt nicht zu beſchreiben: ſte war in einer beſtändigen Wanderung zwiſchen dem oberen und unteren Stockwerke begriffen; doch ihr Flehen diente zu gar nichts. Sie konnte nicht einkommen. Hildur hatte von ihrem Bräutigam eine Einladung erhalten, die ſie nicht abzuſchlagen wagte, nämlich in dem Hauſe ſeiner Eltern zu Mittag zu eſſen. Roſa und Thekla waren allein. Th daß Rof zeigte, ängſtigte welche i und der floſſen, gange d Ma ein Tag tiſch zu Glaubſt „Au als auch ten, von dereinſt ſ ſei Lob u zurückkehr nicht, da ſondern 2 Thekla? Gutes in „Ja kennen ur auf Will ſeiner ſch ten Ruin Der Jun abzu⸗ Stand⸗ net iſt, wir es anzu⸗ die in rtheu⸗ ſchon ls; es war es e Ein⸗ roffen; Is vom dee ge⸗ ollen. ch von end im merten, Unter⸗ n, war mmen, war in en und ente zu ladung alich in 289 Thekla hatte bei ſich ſelbſt die Bemerkung gemacht, daß Roſa heute eine vollkommnere Ruhe als gewöhnlich zeigte, und zwar eine Ruhe, die Thekla nicht länger ängſtigte, denn es war eine bewußte und gute Ruhe, welche ihnen geſtattete, über vielerlei Dinge zu reden— und dennoch waren nicht mehr denn zwölf Tage ver⸗ floſſen, ſeit dem Tage, da die Nachricht von dem Unter⸗ gange des Seefräuleins zu Roſa's Kenntniß gelangt war. Man ſchrieb heute den füͤnfzehnten November— ein Tag, den man in der Mörk'ſchen Familie nie vergaß. „Auch Will kommt nicht zu Mittag nach Hauſe!“ ſagte Thekla mit tief bekummerter Stimme.„Es ver⸗ lohnt ſich jetzt kaum mehr der Mühe, einen Mittags⸗ tiſch zu decken; kein Menſch kommt, und Niemand ißt. Glaubſt Du, liebe Roſa, daß es jemals beſſer wird?“ „Ja, das glaube ich!“ entgegnete Roſa mit Zu⸗ verſicht. „Worauf kannſt Du bei allen Schatten, die uns umgeben, dieſen Glauben ſtützen?“ „Auf den ewigen Gang ſowohl der Jahreszeiten, als auch des Lebens!“ „Kannſt Du ſo reden, armes Mädchen?“ „Ja, ich! Wir haben Sturm draußen und im Innern, und vielleicht bleibt es noch eine Zeitlang ſtuͤr⸗ miſch; dennoch ſollſt Lu ſehen, Thekla, daß dieſe Schat⸗ ten, von denen du redeſt, ſich auflöſen, und daß Du dereinſt ſagſt, wenn Du an dieſe Zeit zurückdenkſt: Gott ſei Lob und Dank, daß auch nach derſelben der Friede zurückkehrte! Und wenn Du ſo denkſt, dann möchteſt Du nicht, daß nur das Allergeringſte anders geweſen wäre, ſondern Du dankſt Gott für Alles, denn— nicht wahr, Thekla?— Die großen Schmerzen haben immer etwas Gutes in ihrem Gefolge!“ „Ja wohl! durch ſie lernen wir uns ſelbſt recht kennen und unſere Kräfte beurtheilen... doch ich komme auf Will zurück; es geht nimmermehr gut, daß er mit ſeiner ſchwachen Geſundheit länger draußen in den kal⸗ ten Ruinen ſitzt!“ Der Jungferthurm. Iv. 19 Kirche auf?“ fragte Roſa plöͤtzlich. „Ja, es hat einen traurigen Reiz für ihn, ſich gerade dort aufzuhalten, wo er ſo oft die Sinnbilder des Todes antrifft... Armer Will!“ „Ja, armer Will!“ wiederholte Roſa langſam, da⸗ bei aber mit einem Tone, der hörbar zitterte— erſt hernach verſtand Thekla, warum er zitterte.„Meinſt Du nicht, es würde ihm lieb ſein, wenn ich ihn auf⸗ ſuchte?“ „Wäre es möglich, daß Du das wollteſt?“ fragte Thekla. „ Ach ja, ich will mich zu ihm ſetzen und herzlicher gegen ihn ſein, als ich ſeit langer Zeit geweſen bin; denn ich fühle gleichſam ein Bedurfniß, ihn um Ver⸗ zeihung zu bitten— er hat ſo viel gelitten, und ich bin nicht im Stande geweſen, es beſſer für ihn zu machen.“ „Gott ſegne Dich für dieſe Worte: ſie enthalten eine liebliche Hoffnung!“ „Ja,“ erwiederte Roſa mit einer Stimme, die noch mehr zitterte,„eine liebliche Hoffnung! Ich will mich ſogleich ankleiden.... Doch wo iſt Mutter? Ich will ihr Lebewohl ſagen, ehe ich gehe!“ 3 „O, Du bleibſt ja nicht ſo lange weg! Mutter iſt unten und ſucht zum Vater einzukommen.... O, wenn es ihr ebenſo gut gelänge, mit ihm fertig zu werden, wie Tn mit Will fertig wirſt und ihn bald nach Hauſe ührſt!“ li Jetzt hatte Roſa ungeſucht den Vorwand gefunden, über den ſie ſchon ſtundenlang nachgedacht hatte, um aus dem Hauſe zu kommen, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen. Da ſie nun bereit war zu gehen, ſo wollte ſie ſich nicht die geringſte Schwäche geſtatten. Wie wenig hätte nicht dazu gehört, Thekla's Auf⸗ merkſamkeit rege zu machen; doch wäre es wohl unge⸗ wiß geweſen, ob Roſa im Stande geweſen wäre, dies⸗ mal das Vaterhaus zu verlaſſen, ohne ſich in Thekla's „Hält er ſich nicht am liebſten in der Heiligen⸗Geiſt⸗ Arme Kra ft unterlt S und ſe 3 flüſtert Roſa's D hinunt A die ho Lippen welches von F Straße D ſie faſt blieb u He Au nen lei gegenüb leicht l denn er faſt wi und au blonden Ro Schaude ſo in de leuchtet ruine ei auf ihre bald au Sie ſeinen§ Bei gen⸗Geiſt⸗ ihn, ſich sinnbilder ſam, da⸗ 1— erſt „Meinſt ihn auf⸗ 2 fragte erzlicher hen bin; um Ver⸗ d ich bin machen.“ enthalten ,die noch will mich Ich will Mutter iſt O, wenn zu werden, ach Hauſe gefunden, jhatte, um ſamkeit zu lte ſie ſich kla's Auf⸗ vohl unge⸗ äre, dies⸗ n Thekla's 291 Arme zu werfen, wenn nicht Victor's Ankunft ihr die Kraft wieder gegeben hätte, welche im Begriff war zu unterliegen. Sie reichte ihm die eine und ihr die andere Hand, und ſagte ihnen ihr Lebewohl. „Willkommen zurück mit unſerm armen Kranken!“ flüſterte Thekla und drückte einen mütterlichen Kuß auf Roſa's Stirn. Das junge Mädchen wußte kaum, wie ſie die Treppe hinunter kam.. Als ſie in die Hausflur kam, ſchlich ſie ſich an die hochgewölbten Kellerthüren, und druͤckte die heißen Lippen an das eiſige Eiſen: das war das Lebewohl, welches ſie ihren Eltern ſagte; und nun eilte ſie, ergriffen von Furcht, daß man ſie zurückholen möchte, auf die Straße hinaus. Die Thurmuhr in St. Karin ſchlug eben zwei, als ſie faſt athemlos bei der Heiligen⸗Geiſt⸗Kirche ſtehen blieb und in das öde Heiligthum blickte. Heute ſtanden hier zwei Särge. Auf dem einen ſaß Will. An ſeinen Wangen ran⸗ nen leiſe einige Thränen hinab, während der Blick an dem gegenüberſtehenden Sarge faſt feſtgewachſen war. Viel⸗ leicht hatte er in ſeinen Gliedern einen Froſt gefühlt, denn er hatte das Bahrtuch hinaufgezogen, ſo daß daſſelbe faſt wie ein Mantel um die eine Schulter drapirt war, und auf dieſem ſchwarzen Grunde glänzten die langen blonden Locken, welche nachläſſig ſeinen Hals umgaben. Roſa empfand einen unbeſchreiblich ſchmerzhaften Schauder, als ſie die bleiche, zuſammengeſunkene Geſtalt, ſo in das Bahrtuch gehüllt, das Antlitz zur Hälfte be⸗ leuchtet von dem grau⸗nebligen Lichte, das in die Tempel⸗ ruine eindrang, ſitzen ſah. Seine Thränen brannten auf ihrem Herzen, und ihr einziger Troſt war, daß er bald ausgeweint haben würde. Sie trat langſam vor und legte ihre Arme um ſeinen Hals. Bei dieſer Berührung fuhr er hoch aufi und da er — ſah, wer ihm dieſe freundliche Liebkoſung gegeben hatte, ſo zog er Roſa hinab auf den Sarg; ſie ſollte dort ſitzen; und er nahm Platz zu ihren Füßen, indem er mit Thränen und heißen Küſſen auf ihre Hand, ſeine Freude und Dankbarkeit üͤber das unerwartete Glück zu erkennen gab. Mehrere Minuten durfte Will ſeines Glückes genießen. Roſa entzog ihm ihre Hände nicht und betrachtete ihn nicht mit jener gleichgültigen Freundlichkeit, welche nichts ſagte: ſie ſah ihn bald mit ſchmerzhaftem, bald mit glücklichem Ausdrucke in ihrem Geſichte an, und mehrmals ruhte ihre Stirn auf ſeiner Schulter. Darauf deutete ſie auf den Sarg mit einer Frage, ob er nicht meinte, daß es ſchön ſein würde, in demſelben zu ſchla⸗ fen, wenn ſie in dem andern ruhte. Dieſe Idee faßte Will mit einer Art von wildem Entzücken auf. Sie ſchien ihm himmliſch zu ſein im Vergleich mit Demjenigen, was er gelitten hatte; und da nun Roſa's Thränen ſich mit den ſeinigen miſchten, da ihr Hände⸗ druck immer wärmer wurde, ſo begann es vor ſeinem Blicke zu ſchwindeln— ſeine geringen Seelenkräfte waren nahe daran, ihn zu verlaſſen. „Armer Junge!“ dachte ſie,„das wird bald genug geſchehen: er kann mich nicht überleben und er will es auch nicht, und gewiß wird er ſanft ſterben, denn in dieſem einzigen Augenblicke hat er ſo viele Freude em⸗ pfunden, als ihm hinieden beſcheert werden konnte!.. Und nun, nun zu ihm, der meiner harrt!“ Sie erhob ſich. Will erhob ſich ebenfalls— er ſollte ſie ja be⸗ gleiten. 1 Nun aber deutete ſie ihm an, daß er nachkommen ſollte, und gehorſam und ungeduldig ſetzte er ſich von Neuem, und als nun ſein Lebensſtern mit einem leiſen Kuß auf ſeine Stirn verſchwand, da wurde es wieder kalt um ihn her— ja, eine wirkliche Todeskälte ſchlich ſich durch ſein Herz. Er kroch zuſammen, zog das Bahrtu legen der Eri wärmte Er und To In die jun hinauf. Al ſo oft blickt, gen, vo gedacht ſenkte d Si zen Ta jetzt na heranne brennen über il hatte. Ab Be ſündhaf Ach und die wilde, ſo gener Da ihre Ge Do geſchah einen A mit Fre m hatte, lte dort dem er ,ſeine Slück zu nießen. rrachtete welche n, bald n, und Darauf er nicht u ſchla⸗ wildem eich mit Roſa's Hände⸗ ſeinem te waren d genug will es denn in ude em⸗ nte!.. ja be⸗ hkommen ſich von m leiſen s wieder te ſchlich zog das Bahrtuch um ſich und befahl Rolf, ſich auf ſeine Füße zu legen und dieſe zu erwärmen, während er ſeine Seele mit der Erinnerung an die verfloſſenen ſeligen Augenblicke wärmte, die ihm als eine heilige Offenbarung erſchienen. Er verſank in liebliche Träume, in denen Leben und Tod verworren zuſammenſchmolzen. Inzwiſchen ſtieg mit feſten und elaſtiſchen Schritten die junge Todtenbraut die Treppen des Jungferthurmes hinauf. Als ſie an die Schießſcharte kam, vor welcher ſie ſo oft geſtanden und über das blaue Meer hinaus ge⸗ blickt, ſo oft über das geheimnißvolle Schickſal derjeni⸗ gen, von welcher der Thurm den Namen erhalten, nach⸗ gedacht hatte, ſank ſie vor der Bank auf die Kniee und ſenkte die bleiche Stirn gegen die Mauer herab. Sie hatte ſich kein einziges Mal während des gan— zen Tages von Wankelmuth ergriffen gefühlt, und auch jetzt nahte dieſelbe ihrer Seele nicht; aber da die Stunde herannahte, ſo empfand ſie das Bedürfniß, in einem brennenden Gebete zu ihm zu fliehen, den ſie bis jetzt über ihr Vorhaben nicht um Rath zu fragen gewagt hatte. Aber wie betete Roſa? Betete ſie um Erbarmen wegen ihres gottloſen, ſündhaften Entſchluſſes? Ach nein, kein Gedanke an Sünde wollte ihr nahen und die unglückſelige Täuſchung zerſtören, in welche ihre wilde, poetiſche Liebe, ihr der abergläubigen Schwärmerei ſo geneigtes Gemüth ſte verſetzt hatte! Darum betete ſie zu allererſt nicht für ſich ſelbſt: ihre Gebete betrafen diejenige, welche ſie erlöſen wollte. Das Verbrechen, welches ſie zu begehen vorhatte, geſchah nicht in der Verzweiflung, ſo daß es dadurch einen Anſchein des Wahnſinns hatte— nein, mit Ruhe, mit Freude, ja mit ſeligem Entzücken betrachtete ſie —õ jenen Augenblick, da ihre grauſamen Leiden aufhören, da ihre Seele Albin's Seele wiederfinden und ihr ſagen isde„ſiehſt Du, daß ich Wort hielt, daß ich Dir olgte!“ Aber dieſes aus ſo ſonderbaren Elementen zuſammen⸗ geſetzte junge Weſen würde es für eine allzugroße Selbſt⸗ ſucht gehalten haben, wenn ſie in demjenigen, was ſie vorhatte, nur ihr eigenes Glück geſucht hätte: ſie war glücklich genug, ihre Einbildung noch mehr an⸗ feuern zu können durch die gedoppelte Hoffnung, daß Gott ihr Blut als Verſöhnungsopfer der Schuld ihres Vaters annehmen würde, und daß Junghanſens Tochter, deren nächtliches Wehklagen ſo oft in wachen und ſchla⸗ fenden Träumen vor ihren Ohren ertönt hatte, jetzt endlich durch ſie den himmliſchen, den ewigen Frieden finden würde. „O!“ liſpelte ſie leiſe, indem ſie zu noch inbrünſti⸗ geren und wärmeren Gebeten die Hände faltete,„o, mein Gott! Du nimmſt ja mein junges Blut an als Verſöhnung? Es war eine reine Jungfrau, die ſich um der Liebe willen opfern ſollte— bin ich nicht rein, und bin ich nicht noch mehr gereinigt durch die ſchreck⸗ lichen Qualen, die ich in der letzten Zeit gelitten habe? Ja, ich fühle es: Du nimmſt dieſes Opfer an, mein Gott— Du lüſſeſt es gelten für ſie, für meinen Vater!.. Armer Vater! vergib, daß ich nicht noch mehr ver⸗ mochte!.... Und Du, Mutter, geliebte Mutter! wie wirſt Du weinen und vergeblich mich zurückrufen! Ach, rufe nicht ſo, ich bin ſo ſelig, ſo frei und ſtark unter den ſchönen Engeln, die mich unter ſich aufnehmen! Aber ich, ich eile hinweg von ihnen zu meinem Albin: auch er iſt rein, und unſere Seelen werden vereint die Welten durchfliegen, und bald in dieſem, bald in jenem Sterne wohnen und hinabblicken auf Euch, Ihr Armen, die ihr weint, und Gott bitten, daß er Euch nahe ſein möge mit ſeinem Troſte! Thekla, Hildur, geliebte Schweſtern, lebet wohl! Vergebt, daß ich von Euch hinweg ging! Ich konnte nicht län glückliche Und der Du O, laß Wenn ie Blut ver ihn denje Mein Al es mir Quellen Ach, me daß Du Sie 69n hi Schatten Doe „W „Er erw ſchritten ich— ſe Sch und ſcha auf die l Ehe irdiſches fühlte ſi hinauszi Sie von der dieſen ge frohen K Dur ligem Se ſtange h über das Meer, n viele vor hören, ſagen h Dir nmen⸗ Selbſt⸗ as ſie E: ſie cr an⸗ „daß ihres ochter, ſchla⸗ jetzt rieden künſti⸗ ,„0, in als ie ſich t rein, chreck⸗ habe? mein ter!.. r ver⸗ 1 wie Ach, unter hmen! Albin: int die jenem lrmen, ze ſein wohl! konnte nicht länger verziehen.... und Will, er wird im Tode glücklicher ſein, als ich ihn hätte machen können! Und nun eine Bitte für mich, Du liebreicher Vater, der Du bald Dein müdes Kind in Deine Arme nimmſt! O, laß mich nicht lange harren auf meinen Albin! Wenn ich fühle, wie meine Sinne erſtarren, wenn das Blut verfließt, möge ich ihn da ſchon wahrnehmen, laß ihn denjenigen ſein, der mich zu Deinen Füßen trägt!.. Mein Albin, mein Albin! hörſt Du mich? O, wäre es mir vergönnt, Dein Bild zu ſehen ehe ich dieſe Quellen öffne, die ſehr bald erſchöpft ſein werden!. Ach, mein Gott, mein Gott! da wäre ich überzeugt, daß Du mit Gnaden auf mich herabblickteſt!“ Sie erhob das Haupt und ſchickte einen flehenden einen himmliſch begeiſterten Blick um ſich her auf die Schatten des Thurmes. Doch Albin's Geiſt zeigte ſich nicht. „Warum begehrte ich auch dieſes!“ liſpelte ſie leiſe. „Er erwartet mich, ſobald ich nur die Schwelle über⸗ ſchritten habe, und ich will eilen!.... Albin, hier bin ich— ſei bereit mich zu holen!“ Schnell zog ſie aus dem Buſen ein kleines, ſpitziges und ſcharfes Meſſer, und ſetzte daſſelbe, ohne zu zittern, auf die blauen Adern ihres weißen Armes. Ehe ſie jedoch dieſes Band abſchnitt, welches ein irdiſches und ein geiſtiges Leben mit einander vereinte, fühlte ſie ein heftiges Bedürfniß zu der Schießſcharte hinauszublicken.— Sie wollte Abſchied nehmen von den alten Ruinen, von der Flaggenſtange, von dem Meere, von allen dieſen geliebten ſchönen Bildern, von ihrer herrlichen, frohen Kindheit. 1 Durch dieſe Tempelruinen war ſie zitternd vor hei⸗ ligem Schauder ſo oft gewandert; an die geliebte Flaggen⸗ ſtange hatte ſie ſich ſo oft gelehnt, während ihr Blick über das herrliche Meer hinaus ſchwebte— und dieſes Meer, wie theuer war es ihr geweſen: es hatte ja, ſo viele von ihren Wikingern an ihre Geſtade geführt!“ „Ach, meine Wikinger!“ ein Lächeln der Be⸗ geiſterung erhellte ihr ſchönes Antlitz— nun gehe ich zu meinem Wiking... ja, nun gehe ich...“ Ihr letzter Blick durch die Oeffnung fiel auf einen offenen Platz in einiger Entfernung vom Thurme. Die Schatten der Dämmerung hüllten ihn in ein graues Dunkel, aber durch dieſes Dunkel meinte Roſa's Auge den Geliebten zu gewahren. Sie ſtieß einen lauten Jubelruf aus, denn nun wußte ſie, daß der Herr das Opfer annahm. „Lebt wohl, lebt wohl, Alle, die ich zurücklaſſe!— Vergebt mir... ich fliege zu meinem Geliebten!“ Blitzesſchnell ſenkte das kleine Meſſer ſich tief ein in die blauen Adern— zwei hohe, rothe Strahlen ſpritzten auf. Roſa ſank hin auf die Bank. Sie fühlte, wie eine unſägliche Wolluſt durch ihre Glieder ſchlich; mit jedem Tropfen des Blutes, welches dahinfloß, glaubte ſie, daß die Seele entfloh: entzückendere Bilder, als ſie jemals im Leben geſchaut hatte, begannen ihren kafch Tanz um ſie her. Die Ermattung nahm zu: bald ſo kam es ihr vor— bald ſollte ſie ganz frei werden, und das Signal, daß ſie übergegangen war in das ſchöne er⸗ ſehnte Land, war die Stimme ihres Albin. Ihre Lip⸗ pen ſprachen noch immer unaufhörlich ſeinen Namen aus ... und jetzt, jetzt!— nein ſie täuſchte ſich nicht— jetzt hörte ſie ihn antworten! „Roſa, Roſa!“ „Hier!“ liſpelte ſie mit erſterbender Stimme hier! ... Aber es iſt noch nicht hell genug... ich ſehe Dich nicht... Deine weißen Fittiche... O, mein Albin!“ „Roſa, Roſa!“ erſcholl es dicht an ihrer Seite in dem wildeſten und herzzerreißendſten Tone der Verzweif⸗ lung,„Roſa, höre mich, antworte!... Du biſt nicht todt! Ih bin's, ich! dein Albin lebt, und auch Du ſollſt leben! Befiehl Deiner Seele, zurückzukehren!“ „Ja, ja... an Deine Bruſß im Himmel!... Dank!.. Jetzt iſt es aus!“ Fe erblichern Si den die es war den anl! nigfalti Brief g jungen ertheilte men wü⸗ für tod⸗ — aufg ſinnen ſeiner u Do dieſe wo Er ſein; al menſchli tig, daß brennend Verſtand All auf dem der Be⸗ ehe ich ff einen te. Die graues s Auge lauten err das aſſe!— 12 ein in ten auf. vie eine t jedem ie, daß jemals Tanz ſo kam nd das öne er⸗ re Lip⸗ nen aus nicht— e hier! he Dich bin!“ zeite in rzweif⸗ t nicht u ſollſt I... —— 297 Es entſtand Geräuſch unten, ein Laufen in den verfallenen Treppen. Feſte Binden ſchloſſen ſich bald um die Arme der erblichenen Jungfrau. Sie wußte nichts mehr von den Sorgen und Freu⸗ den dieſes Lebens; ſonſt würde ſie erwacht ſein, denn es war Albin wirklich ihr eigener Albin, der dieſe Bin⸗ den anlegte, der ſie hinwegtrug. Vierundzwanzigſtes Capitel. Gottes Strafgericht. Wir müſſen nun zurückkehren zu dem Seefräulein, und zu dem Augenblicke, da wir unſern Helden verließen. Als Albin, ſchon hinlänglich erſchüttert von ſo man⸗ nigfaltigen und ſchrecklichen Gemüthsbewegungen, den Brief geleſen hatte, der am Morgen an ſeinen Kajüten⸗ jungen abgegeben worden war, und der ihm die Nachricht ertheilte, daß er noch zu rechter Zeit zur Hochzeit kom⸗ men würde, daß Roſa dreimal mit Will,— Will, ſeinem für todt gehaltenen, jetzt aber wiedergefundenen Bruder — aufgeboten wäre, da verlor er, wie man ſich ent⸗ ſinnen wird, plötzlich das Bewußtſein und das Gefühl ſeiner unerhörten Qualen. Doch bei einem jungen, ſtarken Manne, wie er, konnte dieſe wohlthuende Betäubung nicht lange dauern.“ Er erwachte zur Erinnerung, zu vollem Bewußt⸗ ſein; aber dieſes Bewußtſein war ſo ſchrecklich, alle menſchliche Anſtrengung, daſſelbe zu ertragen, war ſo nich⸗ tig, daß er mehrmals, indem er mit der Hand über die brennende Stirn fuhr, glaubte, daß er fieberte oder den Verſtand verloren hätte. Alle dieſe Entdeckungen waren einander ſo ſchnell auf dem Fuße gefolgt, daß Alles gleichſam ein Chaos war, in welchem er nur zwei Bilder ſah, die er feſtzu⸗ halten vermochte: Roſa war die Tochter eines Seeräubers und Mör⸗ ders— doch Roſa gehörte ihm nicht länger: ſie ge⸗ hörte Will, ſeinem eigenen Bruder! „Und ich,“ ſetzte er leiſe hinzu,„ich gehöre dem Toll⸗ hauſe an!“ Ein kalter Schweiß brach aus und verjagte das heiße Fieber; er aber wußte nichts von ſeinem körper⸗ lichen Zuſtande, auch kümmerte es ihn weder, noch fühlte er, daß Alles um ihn her mit donnerndem Getöſe um⸗ geworfen wurde, daß das Seefräulein ſo heftig gegen Wind und Wogen anarbeitete, daß ihre Beſatzung fürch⸗ tete, hier das Grab zu finden, dem ſie vor einigen Mo⸗ naten entgangen war. „Herr Capitain!“ ſagte der Conſtabel und legte mit kraftvollem Ernſte ſeine Hand auf Albin's Schulter, „hier ſteht es ſo, daß Sie Beſinnung und Vernunft zu ſich nehmen müſſen: ſonſt können Sie vor unſerm Herrn nie alle Menſchenleben verantworten, die Sie hier unter den Händen haben!“ Das war eine kühne Rede; doch Bas wußte recht gut, was er that. Albin erhob ſich, und in ſeinem dunklen Auge leuch⸗ tete ein Blitz des heftigſten Zornes. „Gut,“ dachte der Conſtabel—„wenn es nur los⸗ bricht, ſo wird er ſchon wieder ein Menſch werden!“ „Wie wagſt Du eine ſolche Sprache?— Bin ich nicht länger Befehlshaber auf dieſem Schiffe?“ „Gott mag wiſſen, wer im Umſehen hier Befehls⸗ haber wird!“ entgegnete Bas, ohne daß es ausſah, als bemerkte er den Zorn ſeines Capitains:„bald wird wohl jeder den Befehl nehmen wollen, da derjenige, dem er gebührt, ſich nicht darum bekümmert— für's Erſte hat eihn jetzt der Capitain Donnert genommen!“ Einen Augenblick betrachtete Albin ſeinen redlichen, alten Freund; darauf reichte er ihm die Hand und ſagte: „Ich verſtehe, Bas! Meinen herzlichen Dank!... Doch kei leide. N Platz wie Er theilte ſer Aber ten zu tro Ihr auch der er beſchlo Aber Eine mit dem „Es „an keine der mich zuwerfen; Sturm je von meirn Command Dummhei ihm das eher über Nun, Gli der mag Die gleich dem heit. Da Am einen anh der Wind Anlaß zur Capit Zeit, faſt laſſen. 6. ausmatten Seine worden du feſtzu⸗ Mör⸗ e ge⸗ Toll⸗ 2 das orper⸗ fühlte um⸗ gegen fürch⸗ Mo⸗ legte zulter, uft zu Herrn unter recht leuch⸗ r los⸗ 144 in ich fehls⸗ ), als wird enige, für's nen!“ lichen, ſagte: 1 Doch kein Menſch hat jemals gelitten, was ich jetzt leide. Nun aber bin ich kalt, nun nehme ich meinen Platz wieder ein!“ Er eilte hinauf, überblickte die Lage der Dinge und theilte ſeine Befehle aus. Aber wie lauteten dieſe Befehle?— Die Leute mein⸗ ten zu träumen. Ihr Capitain, der rechtlichſte, der geliebteſte, aber auch der eigenſinnigſte von allen Menſchen, beſchloß, ja er beſchloß wirklich— zu wenden. Aber nicht zurück nach Kalmar. Eine Viertelſtunde ſpäter ſteuerte das Seefräulein mit dem günſtigſten Winde den Cours nach Stockholm... „Es iſt eine Eigenheit von mir,“ ſagte Donnert, „an keinen Menſchen, der ſich nicht daran kehrt, und der mich nicht darnach gefragt hat, meinen Rath weg⸗ zuwerfen; könnte jedoch meine Stentorſtimme durch den Sturm jene Segelſchaluppe dort erreichen, ſo würde ich von meinem Grundſatze abgehen, um dem, der das Commando führt, zu ſagen, daß er eine verdammte Dummheit begeht, da er nicht dem Beiſpiele folgt, das ihm das Seefräulein gibt. Er ſcheint inzwiſchen ſich eher über Ihr Manöver zu wundern, Herr Capitain. Nun, Glück zu!— Wer keinen Rath annehmen will, der mag die Folgen ſich ſelbſt zuſchreiben!“ Die Schaluppe ſteuerte auf Wisby und verſchwand gleich dem Seefräulein in einer geheimnißvollen Dunkel⸗ heit. Das Schickſal Beider erfuhr man jedoch ſpäterhin. Am folgenden Tage hatte man zwar noch immer einen anhaltenden Sturm, aber wenigſtens keine Orkane. der Wind fuhr fort der beſte zu ſein— kein fernerer Anlaß zur Unruhe. Capitain Stangerling hatte während der ganzen Zeit, faſt achtzehn Stunden lang, das Deck kaum ver⸗ laſſen. Er wollte ſich bis zur äußerſten Anſtrengung ausmatten, um hernach einige Stunden ſchlafen zu können. Seine Abſicht war jetzt erreicht: er war geſtärkt worden durch dieſe Ruhe des Leibes und der Seele, und hatte nun nach dem Capitain Donnert geſchickt, welcher, ohne ſich über den Zeitverluſt zu beklagen, zufrieden war, ſo lange er auf fremde Unkoſten leben konnte. Der Entſchluß, welcher die Beſatzung ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt hatte, ihr aber zu gleicher Zeit ſo an⸗ genehm geweſen war, hatte keinesweges, wie man leicht erräth, die Furcht vor der Gefahr hervorgerufen, denn nach Albin's Ueberzeugung war dieſe Gefahr nicht ſo groß, daß es für ſo beſonders tollkühn angeſehen werden konnte, wenn ein Mann in ſeiner Lage ihr trotzte; nach⸗ dem er aber jenen Brief geleſen hatte, über deſſen Urſprung gar kein Zweifel obwalten konnte, und da er durch die von Donnert erhaltenen Nachrichten nun wußte, wer ſein Nebenbuhler war, ſo fühlte er die Unmöglich— keit, in Wisby aufzutreten, ehe er Zeit gehabt hatte, ſeine wilden Gedanken, ſeine ſtürmenden Gefühle zu ordnen. Nein, er wollte nicht hin: daraus konnte nur Vernichtung folgen— und würde nicht dieſe Vernich⸗ tung zurückfallen auf jenen armen Bruder, den ſein Vater ſo oft ſeiner Liebe und zärtlichſten Sorgfalt teſta⸗ mentirt hatte? Ueberdieß... doch hier kamen hunderte von„Ueberdieß“, bald dagegen, bald dafür. Der Seeräuber, der Mörder, jener Mann, welcher, wenn ihm ſein Recht werden ſollte, es verdient hätte, daß er ſein Haupt unter das Beil des Nachrichters legen mußte, jener Mann hatte ſich dennoch menſchlich be⸗ zeigt gegen ſeinen Vater und gegen ſeinen Bruder! Der Vater war nicht ertrunken, ſondern in dem Hauſe dieſes Mannes in Frieden geſtorben... wie? in Frie⸗ den? während er ſeinen Sohn rief und ſein Herz von Trauer über ſeinen Tod zerriſſen fuͤhlte?... Und der zum Bewundern mitleidige, der„gute“ Seeräuber, der Alte, welcher den Knaben Albin rettete und ihn in das kleine Boot ſetzte, um allein dem Leben oder dem Tod entgegenzuſtreben, hatte er nicht ein heiliges Gelübde entgegengenommen, das jetzt nicht weniger heilig war, als damals?... Warum aber verſchwieg er die Ret⸗ tung des Vaters und des Bruders? Alb Labyrint die Verſ in der wenn er haben m Und la belle chen erze den ſtun gerettet! fen und Alb übermen Menſcher recht wä vorzuent rettet, er ihren ¹ „Ja, ga ergriffen kann mi Nebenbut werden; einen kla meinen 2 ſchönen, — ich w zen lieber ſie ſehen obgleich einer ewi einer W. verſchmac .. nein So und herg⸗ velcher, en war, ſehr in ſo an⸗ n leicht , denn icht ſo werden ; nach⸗ deſſen d da er wußte, aöglich⸗ t hatte, ihle zu nte nur Bernich⸗ en ſein lt teſta⸗ zunderte welcher, t hätte, e's legen lich be— Bruder! 1 Hauſe n Frie⸗ erz von Und der ber, der in das em Tod Gelübde ig war, die Ret⸗ Albin ſah keinen Ausgang aus dieſem ſchrecklichen Labyrinth. Gleichwohl glaubte er zu verſtehen, daß die Verſchwiegenheit des alten Seemannes ihren Grund in der Ueberzeugung gehabt hatte, Holgerſen würde, wenn er Albin erkannt hätte, ihn zum zweiten Male haben morden wollen, denn ein Zeuge durfte nicht leben. Und dieſer Nichtswürdige, dieſer Mörder, welcher la belle Coquette überfiel, er hatte das teufliſche Mär⸗ chen erzählen können, daß er den alten Kaufmann und den ſtummen Knaben von einem ſinkenden Fahrzeuge gerettet hätte, das von ſchottiſchen Seeräubern angegrif⸗ fen und darauf verlaſſen worden war! Albin fragte ſich, wie es möglich wäre, daß ſo viele übermenſchliche Frechheit und Kaltblütigkeit in einem Menſchen wohnen könnten; er fragte ſich, ob es wohl recht wäre, dieſen Mann dem Richterſpruche des Geſetzes vorzuenthalten... Ach, er hatte ja ſeinen Vater ge⸗ rettet, er hatte Will erzogen, und Roſa nannte ihn ihren Vater: Roſa ſollte ja das Verbrechen ſühnen! „Ja, ganz gewiß hat die Reue die Seele des Sünders ergriffen— er denkt an eine Verſöhnung... Nein, ich kann mich nicht dahin begeben, ich kann nicht Will's Nebenbuhler ſein, ich kann Holgerſen's Angeber nicht werden; iſt aber erſt mein Blut abgekühlt, habe ich erſt einen klaren Entſchluß gefaßt, dann will ich hinreiſen, meinen Will ſehen— ich entſinne mich ja noch dieſes ſchönen, leidenden Antlitzes draußen auf der Kreuzweide — ich will ihn ſehen, umarmen und von ganzem Her⸗ zen lieben, dieſen armen„Sohn der Seufzer,“ und auch ſie ſehen, die ich weder richten noch verurtheilen will, obgleich ſie mein Leben zu einer ewigen Verdammniß, einer ewigen Wuſte gemacht hat... ja, aber doch zu einer Wuſte, in welcher ich zu meinem Glücke bald verſchmachten und ſterben werde— denn leben ohne ſie .. nein, das vermag ich nicht!“ So waren ſeine Gedanken vor dem Schlafe hin⸗ und hergeeilt. Bei ſeinem Erwachen begehrte er, wie —— oben erwähnt, den Beſuch des Capitain Donnert, und jetzt ſehen wir dieſen werthen Herrn eintreten. „Das war eine aͤrgerliche Verrechnung!“ begann Albin, „und es würde mir ſehr leid thun, Herr Capitain, wenn es ſehr unpaſſend fuͤr Ihre Zeit wäre, daß jetzt eine Reiſe nach Stockholm daraus wird, anſtatt einer Tour nach Wisby!“ „Eine Reiſe nach Stockholm, Herr Capitain?— Sie ſind ja nach Wisby deſtinirt, und ſteuern Cours auf Stockholm!“ „Das Fahrzeug mit ſeiner Ladung gehört mir ganz allein, und darum beſchloß ich, da der Wind ſo verdammt zuwider war, meine Geſchäfte in Stockholm abzumachen. Doch verſteht es ſich von ſelbſt, daß es, falls ſie bei Ihrem Entſchluſſe verbleiben und nach Wisby reiſen wollen, meine Schuldigkeit iſt, dieſe Reiſe zu beköſtigen.“ „Nun ja, warum denn nicht? Es iſt eine Eigen⸗ heit von mir, unter Kameraden nie hoffärtig zu ſein! Ich ſehe ein, daß es ein ſehr delicater Fall für Sie ſein würde, wenn ich es ausſchlüge, beſtimmt ausſchlüge, einen Schadenerſatz für meine verlorene Zeit anzuneh⸗ men, und ich ſetze meine Freunde nicht gerne in Ver⸗ legenheit, denn ich habe es ſelbſt nie leiden können, in dergleichen Verbindlichkeiten zu ſtehen.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Bereitwilligkeit, Herr Capitain! Da wir nun aber doch einmal nichts Anderes zu thun haben, ſo erlauben Sie mir, daß ich noch ein⸗ mal Ihr Gedächtniß in Anſpruch nehme rückſichtlich des Gegenſtandes, den wir bei Ihrer Ankunft abhan⸗ delten— ich meine das verfloſſene Leben des Capitains Holgerſen, jetzigen Großhändlers Mörk... Geſchah es lange nach der Uebernahme der Vormundſchaft für den jungen Jentzel, daß Holgerſen mit ſeiner Nordſeefiſcherei aufhörte und nach Gottland zog?“.. „Ich kann mich nicht entſtunen, daß er noch eine kein W „L Anſehe beinahe — er ſatzung gluͤcklich zeuge z ich, der kleinſten verhalt lobensn „2 Geſichte 2 durch f welches erhielt, kapital loſe W Zuflucht rt, und n Albin, n, wenn etzt eine er Tour ain?— Cours nir ganz erdammt machen. ſie bei y reiſen ſtigen.“ Eigen⸗ zu ſein! für Sie sſchlüge, unzuneh⸗ in Ver⸗ nen, in t, Herr Anderes noch ein⸗ cſichtlich abhan⸗ apitains ſchah es für den eſiſcherei och eine Reiſe nach derjenigen machte, da er das Glück hatte, den alten Herrn zu retten. Im folgenden Jahre zog er nach Wisby.“ „Hatte man denn gar keine Vermuthungen über den Grund dieſes Umzuges?“ „Vermuthungen?“ der Capitain Donnert öffnete die Schnupftabaksdoſe, ſah nachdenklich aus, ſagte aber kein Wort weiter. „Stand der Capitain Holgerſen zu Molde in gutem Anſehen?“ „Ja, das that er gewiß. Zu derſelben Zeit, da er beinahe mit Verluſt ſeines Fahrzeuges und ſeines Lebens — er verlor auch wirklich zwei Kerle von ſeiner Be⸗ ſatzung, und dieſe beſtand nur aus Dreien— die Un⸗ gluͤcklichen rettete, welche auf dem franzöfiſchen Fahr⸗ zeuge zurückgeblieben waren... zu derſelben Zeit, ſage ich, denn ich habe die Eigenheit, daß ich mich ſelbſt der kleinſten Details entſinne, wurde er wegen ſeines Wohl⸗ verhaltens von Seiner Majeſtät mit der Medaille für lobenswerthe Handlungen begabt.“ „Wie?“ ſagte Albin, indem er ganz blutroth im Geſichte ſich erhob. „Wie ich ſage! Doch war es ihm auch gelungen, durch ſein uneigennütziges Verfahren mit dem Erbe, welches er, wie ich ſchon erwähnt habe, für ſich ſelbſt erhielt, eine große Theilnahme zu erregen.“ „Das heißt?“ „Er teſtamentirte dieſe große Summe als Grund⸗ kapital zu der Anlage eines Inſtitutes, in welchem ſchutz⸗ loſe Wittwen und unmündige Kinder von Seeleuten eine Zuflucht finden konnten.“ „Bei Gott, das iſt ſehr merkwürdig!“ Albin verſank in Gedanken. Er weilte einige Augen⸗ blicke bei der lichten Vorſtellung, daß Holgerſen, ſchon augenblicklich ergriffen von den Qualen der Reue, das rinzige ihm zu Gebote ſtehende Mittel ergriffen hätte, die Verſöhnung zu beginnen. „Herr Capitain Donnert!“ begann er endlich mit 304 der möglichſten Beherrſchung, die er bei ſo ſtarken Ge⸗ müthsbewegungen in ſeinen Ton zu legen vermochte, „dürfte ich Sie um Ihr eigenes Urtheil über den Mann bitten, von welchem wir jetzt reden?“ „Ein kluger Mann,“ entgegnete Donnert mit großer Würde,„ſieht ſich vor, ehe er über einen ſolchen Gegen⸗ ſtand ſich ausſpricht! Um offen zu reden, Herr Capitain, ſo haben Sie mich nun auf alle mögliche Weiſe aus⸗ zupumpen beliebt— jetzt aber muß ich auf eine Gegen⸗ frage bedacht ſein: welche Abſicht haben Sie dabei?“ Albin erröthete vor Ungeduld und vor Aerger, die⸗ ſer Vertraulichkeit ausgeſetzt zu ſein; doch er mußte ſich in Schranken halten. „Herr Capitain Donnert!“ ſagte er artig,„es kann in meinen Fragen kaum eine andere Abſicht liegen, als daß die Beantwortung derſelben mich intereſſirt; und da ſie auf keinen Fall von der Beſchaffenheit ſind, daß ſie Ihnen den geringſten Nachtheil zufügen können, ſo ſehe ich auch gar keinen Grund, warum Sie Ihre Mit⸗ theilungen einſchränken wollen!“ „Ach ſo, Herr Capitain! Sie ſehen keinen Grund dazu? doch, meine Ehre, die Ehre der Donnerte, deren Strengheit zum Sprüchwort geworden iſt, empört ſie ſich nicht gegen alle fernere Fortſetzung unſeres Geſprä⸗ ches? Holgerſen und ich, wir haben einſt Geſchäfte mit einander gemacht, und da ich bei ihm noch eine große Forderung einzutreiben habe, ſo will ich mich auf keine Weiſe mit ihm entzweien.“ „Da will ich Sie denn alſo nicht länger aufhalten, daraus Winter, Leute ret Jetzt gen zu n alſo todt gerſen's Vater, 5 entehrt, oben eine b chaf eſchäfti Handlund ihr ſagen luſt eines Achtung: ſagen: idh wenn Du Hälfte vor Nein, da das Beſte dieſer Käl ner Gefüh ein Gedaur hätte: we und bedaure nur, daß ich Ihnen ſo viele Mühe gemacht fürchterlich habe! Ich glaube auch beinahe, daß der kleine Umſtand, der mir eben einſiel, Ihnen auf jeden Fall nicht ſehr bekannt ſein wird.“ „Welcher Umſtand? Ich kann ihn wenigſtens hören — das iſt nicht unter meiner Würde.“ beſchäftigt um gerad erreicht ho ſeines Au ihm ſich „Sie ſagten, Herr Cap tain, daß Holgerſen bei der in dieſe V oft erwähnten Rettung zwei Mann verlor— doch der Brief ſeine dritte, erhielt er nicht ebenſo gut wie Holgerſen ſelbſt Der Jun en Ge⸗ mochte, Mann großer Gegen⸗ pitain, ſe aus⸗ Gegen⸗ bei?“ er, die⸗ nußte s kann en, als t; und d, daß nen, ſo re Mit⸗ Grund , deren bört ſie Geſprä⸗ ifte mit 2 große if keine fhalten, gemacht mſtand, cht ſehr s höͤren bei der d 4. bſr von dem freigebigen alten Herrn eine Belohnung für disſenlr Handlung, bei deren Ausführung er ſeinem Herrn alf?“ „Deſſen entſinne ich mich in der That nicht— wie dem aber auch ſein mag, ſo hätte er doch keinen Nutzen daraus ziehen können, denn er ertrank im folgenden Winter, da er von einem geſcheiterten Schiffe einige Leute rettete.“ Jetzt hatte Albin erfahren, was er vor allen Din⸗ gen zu wiſſen wünſchte. Der alte, gute Seeräuber war alſo todt: außer Albin ſelbſt war kein Zeuge von Hol⸗ gerſen's gräßlicher That weiter vorhanden— Roſa's Vater, Will's Schwiegervater, konnte hienieden nie entehrt, nie verurtheilt werden... aber er hatte dort oben einen Richter!... Wäͤhrend des Tages, der auf dieſes Geſpräch folgte, beſchäftigte Albin ſich mit tauſend Vorſchlägen für ſeine Handlungsweiſe. Bald wollte er an Roſa ſchreiben und ihr ſagen, er könnte ſich nicht betrüben über den Ver⸗ luſt eines Mädchens, das durch eigene Schwäche ſeine Achtung verloren hätte; bald wollte er ſchreiben und ihr ſagen: ich verzeihe Dir Dein Verbrechen gegen mich, wenn Du Deine Schuld nur bei ihm abträ ſt, der die Hälfte von mir ſelbſt iſt, denn er iſt mein Vruder.. Nein, das ging auch nicht: ſie wußte das ja nicht— das Beſte war alſo, gar nicht zu ſchreiben, ſondern ſie in dieſer Kälte, in dieſer Verachtung die Veränderung ſei⸗ ner Gefühle ſehen zu laſſen... Plötzlich aber ergriff ihn ein Gedanke, der ihn beinahe ganz wahnſinnig gemacht hätte: wenn es ein teufliſches Spiel wäre, wenn die fürchterliche, die blutdürſtige, mit ewigen Racheplänen beſchäftigte Suſanna dieſe Erdichtung erfunden hätte, um gerade dieſen Zweck zu erreichen, den ſie wirklich ereiht hatte— wenn Roſa harrte und erſt in Folge ſeines Ausbleibens müde und gleichgültig, da ſie von ihm ſich verlaſſen glaubte, ſich überreden laſſen ſollte, in dieſe Vereinigung zu willigen, von der doch, wie der Brief ſeines Pflegevaters bezeugte, die Rede geweſen war. Der Jungferthurm. IV. 20 Auf einmal vergaß er Alles, außer daß es mit ſei⸗ ner eignen Hoffnung vielleicht noch nicht ganz aus ſein koönnte, und fühlte ſich ſchon verſucht, ſeine Befehle über den Cours zu verändern und nach Wisby zurück zu ſteuern. Da er jedoch einſah, daß er durch ein ſol⸗ ches Verfahren ſein Anſehen gänzlich verlieren, ja ſich zu einem completten Narren machen würde— ein Ge⸗ danke, der auf ihn nothwendig einen bedeutenden Ein⸗ druck machen mußte, ſo verwirrt und aufgeregt er auch immer war— ſo mußte er nothwendig nach Stockholm. Und nach Stockholm kam er auch. Hier hatte er nun zwei Geſchäfte, die ihm angelege⸗ ner waren, als Schiff und Ladung: jenes überließ er der Aufſicht ſeines Steuermannes und dieſe ſeinem Com⸗ miſſionär. Für das eine Geſchäft wurde der Conſtabel in Bewegung geſetzt. 3 Sobald das Seefräulein in den Hafen ekommen und die Viſitation überſtanden war, warf ſich Bas in das Boot, ruderte an's Land und flog gleich einem Sturmwind von Hafen zu Hafen, bis er endlich eine Schute von Gottland fand, die gerade ſegelklar lag. Bas machte den Handel augenblicklich mit dem Schiffer ab und eilte dann zurück, um dem Capitain Rapport abzuſtatten, deſſen letzte Worte Bas noch immer zu hö⸗ ren meinte:„Bas! komm zurück mit guten Nachrichten, ſonſt geht mein Verſtand bald darauf!“ „Gott gebe, daß er nicht ſchon ein wenig verwirrt iſt!“ ſagte der Conſtabel in beſtem Vertrauen zu ſich ſelbſt,„denn ſo iſt er noch nie geweſen— da iſt etwas mehr als die Liebe in Unordnung. Gott ſei Lob und Dank, daß ich mitreiſen darf!“ Und dieſes ſagte der ehrliche Seemann nicht allein um ſeiner eignen Sehnſucht willen, obgleich dieſe ſo warm war wie ſein Herz, ſondern darum, weil er bei der Hand ſein konnte, wenn ſeinem geliebten Capitain etwas zuſtieße. Während der Conſtabel ſeinen Auftrag beſorgte, machte Albin ſelbſt ſein zweites Geſchäft ab, welches darin b. wo dieſe nur für konnte ſ und Don ein Sig gen gebe denjenig 0 Vortheil benrſi o gin Gigenhe konnte— Geſchäft und anſt eine Pro Stockhol Capitain zeigte, il So Und gerling nach Wif verſchriel Der unſere H auch für fahrt ſeh Es verſuchen Reiſe fat die er he danken 1 werden k Schute la unwichtig trafen, u iit ſei⸗ z aus Befehle zuruͤck in ſol⸗ ja ſich in Ge⸗ n Ein⸗ er auch ckholm. ggelege⸗ rließ er n Com- onſtabel kommen Bas in einem zu hö⸗ hrichten, verwirrt Lob und chht allein dieſe ſo r bei der in etwas beſorgte, „welches darin beſtand, den Capitain Donnert in Stockholm, oder wo dieſer ſonſt bleiben wollte, zurückzuhalten, wenn er nur für's Erſte nicht nach Wisby ginge. Denn Albin konnte ſich gar nichts Schrecklicheres denken, als daß er und Donnert dort zu gleicher Zeit auftreten ſollten, was ein Signal zu einer Menge von abſcheulichen Erklärun⸗ gen geben mußte, und man hatte doch gewiß genug an denjenigen, welche ſeine Ankunft allein verurſachen mußte. Donnert war ein Mann, der ſich auf ſeine eigenen Vortheile verſtand; und da er des Geldes noch nie ſo bedürftig geweſen war, wie jetzt, da er gar nichts beſaß, ſo ging er mit Vergnügen— verſteht ſich, weil er die Eigenheit hatte, ſeinen Freunden zu dienen, ſo oft er konnte— auf Albin's Vorſchlag ein, ihn(Albin) das Geſchäft mit dem Großhändler Mörk abmachen zu laſſen; und anſtatt Commiſſionsgebühren zu erhalten, mußte Albin eine Proviſion dafür bezahlen, mit welcher Donnert in Stockholm überwintern konnte, weil dieſer ehrenwerthe Capitain ſeinem ehemaligen Kajütenjungen die Ehre er⸗ zeigte, ihn zu ſeinem Bevollmächtigten zu ernennen. So weit hatte Alles ſich ordnen laſſen. Und am folgenden Morgen war der Capitain Stan⸗ gerling wieder auf dem Wege, wenn auch nicht direct nach Wisby, ſo doch nach der Gegend; denn die Schute verſchrieb ſich von den Karlsinſeln und wollte dorthin. Der Wind, welcher zu einer beſondern Gunſt gegen unſere Helden während der Nacht umſprang, war alſo auch für die Rückreiſe vortrefflich. Auch ging die Ueber⸗ fahrt ſehr ſchnell, beſonders für die kurzen Herbſttage. Es würde ſich nicht der Mühe verlohnen, wenn wir verſuchen wollten, alle Pläne, die Albin während dieſer Reiſe faßte und verwarf, alle wahnſinnigen Gedanken, die er hatte, zu ſchildern, denn weder Pläne noch Ge⸗ danken weilten ſo lange, daß ein klares Bild daraus werden konnte. Auch war er ganz unentſchloſſen, da die Schute landete, und es war etwas erforderlich, das wenig unwichtiger war, als die Neuigkeiten, welche ihn hier trafen, um ihn recht wach zu ſchütteln. —— Möge man ſich ſeine Beſtürzung, ſeinen Schrecken denken, da er erſt das unglückliche Schickſal des See⸗ fräuleins und ſeinen eignen, in der verſpundeten an's Land gefloſſenen Flaſche verwahrten Rapport erfuhr, und darauf, daß erſt geſtern zwei Leichen an's Land getrie⸗ ben waren, welche der Vermuthung nach der Segel⸗ ſchaluppe angehört hatten, die mit dem Seefräulein zu gleicher Zeit von Kalmar abgeſegelt war, beſonders da der Eine der Ertrunkenen als ein hurtiger Seemann aus Kalmar erkannt worden war; aber die zweite Leiche— und das war eben das Wunderbarſte von Allem— war kein Mann, ſondern ein als Mann verkleidetes Frauen⸗ zimmer. Ein einziger Blick, den Albin mit ſeinem Conſtabel wechſelte, druͤckte ihren übereinſtimmenden Gedanken aus. eh Albin begehrte ſogleich die letztgenannte Leiche zu ehen. Auf dem Wege nach dem Schuppen, wo dieſelbe verwahrt wurde, überfiel ihn eine unbeſchreiblich unheim⸗ liche Angſt, ein wirkliches Entſetzen. Sollte die Hand des Herrn dieſes Weib gerade in dem Augenblicke ge⸗ troffen haben, da ſie ihre letzte ſchwarze That ausführte? Sie war ihm von Kalmar gefolgt, um ſich zu weiden an den Qualen, die ſeiner vermuthlich in Wisby war⸗ teten; da ſie aber ſah, daß er wendete, ſo war gewiß ein kühnerer Gedanke in ihrer Seele aufgedämmert: ſie hatte ſeine Handſchrift nachgeahmt, den Rapport ge⸗ ſchrieben und in die Flaſche gelegt, in der Abſicht, ihn ſelbſt an's Land zu führen. Dieſes war denn auch auf eine wunderbare Weiſe gelungen; doch die Hand des Herrn erreichte ſie auf dem Wege: der Tod kam wie ein Blitz, ſchlug auf ſie herab und vernichtete ſie, ehe noch ein Gedanke an das Gericht in ihrer Seele tagen konnte. Welche Frucht hatte ihre letzte Ausſaat getragen?— Das war jetzt zu erforſchen. Ach, vielleicht hatte dieſe letzte Rache beſſer getroffen, als alle vorhergehenden Verſuche! Als Albin eben auf dieſen letzten Gedanken gekom⸗ men wo Schupp zutreten Er Au gelegt m Segel ü⸗ Schaude Courage Beſinnu Bas far es war . Da ſtiſche S Unt und mit damals, verwilde hatte, de dem gen ſtand, ſ Miene, ihrer let ſo brenn ſtrahlend verſöhne Alb mes Geb herabger Er hegte daß er hegen kö hatte, n nigen Li nige Liel Erſt hrecken 3 See⸗ n an's r, und getrie⸗ Segel⸗ lein zu ders da nn aus iche— — war Frauen⸗ onſtabel en aus. eiche zu dieſelbe unheim⸗ ie Hand licke ge⸗ sführte? tweiden by war⸗ ir gewiß nert: ſie port ge⸗ icht, ihn auch auf dand des wie ein ehe noch n konnte. agen 2— atte dieſe rgehenden n gekom⸗ 309 men war, hörte er den Schlüſſel in dem Schloſſe des Schuppens raſſeln, und eine Stimme erſuchte ihn, ein⸗ zutreten. Er bewaffnete ſich mit Muth. Auf einem alten Sophaſitze, der über zwei Böcke gelegt war, lag die todte Weibsperſon, mit einem alten Segel über ſich. „Hebe eine Ecke auf, Bas!“ ſagte Albin mit tiefem Schauder. „Meiner Seele, Herr Capitain, ich habe wohl kaum Courage! Herr Jeſſes, wenn ſie doch bloß eine kleine Beſinnungszeit gehabt hätte!... Aber ich muß wohl!... Bas faßte leiſe den einen Zipfel des Segels an, aber es war ihm nicht möglich— er wendete ſich hinweg. Da griff Albin mit kühner Hand zu, und der my⸗ ſtiſche Schleier war geöffnet. Unter demſelben lag— Frau Suſanna, nicht ſchön und mit einem verſteckten Leben in jedem Puls, wie damals, als ſie auf dem Purpurbette lag, nicht mit verwilderten Zügen, wie die Leidenſchaft ſie gezeichnet hatte, da ſie mit dem blitzenden Dolche in der Hand auf dem gewaltig ſtampfenden Schiffe über ihrem Geliebten ſtand, ſondern mit einer kalten, ſtrengen und höhnenden Miene, ſo wie dieſe vermuthlich bei der Ausführung ihrer letzten That geweſen war. Es war erkaltet, dieſes ſo brennende Herz, ſte ſtanden auf ewig ſtill, dieſe ſtrahlenden, feurigen Augen: doch kein Frieden, keine verſöhnende Ruhe lag auf der erblichenen Stirn. Albin ſprach aus der Tiefe ſeines Herzens ein war⸗ mes Gebet fuͤr diejenige, welche über ihn ſo oft die Rache herabgerufen hatte. Jetzt war wenigſtens er verſöhnt. Er hegte kein einziges Gefühl von Haß, und er fühlte, daß er auch gegen ihr Andenken kein ſolches Gefühl hegen könnte, denn ſo viel Unglück ſie auch angerichtet hatte, war doch dieſes Unglück nur aus ihrer wahnſin⸗ nigen Liebe gefloſſen— und was eine ſolche wahnſin⸗ nige Liebe vermochte, das wußte er ſelbſt. Erſt nachdem er die Leiche verlaſſen und ſich mit —— 310 Anſtrengung aller ſeiner Kraft auf die Entgegennahme jeder Nachricht bereit gemacht hatte, fragte er nach Neuig⸗ keiten von Wisby und von dem Hauſe des Großhänd⸗ lers Möork. Ach, was er erfuhr, das war doch mehr, als was dieſe Anſtrengung zu ertragen vermochte! Suſanna's Brief hatte nicht gelogen... großer Gott!... das Auf⸗ gebot war alſo wirklich für Will und Roſa abgekündigt! Albin lag während der ganzen Nacht in wildem Fieber; als aber der Morgen dämmerte, ſtand er auf— er wollte und mußte nach Wisby. „Herr Jeſſes! Sie ſehen aus, Herr Capitain, daß Sie Alle mit einander zu Tode ängſtigen!“ Und über die Wange des Conſtabels bahnten ſich zwei Thränen einen Weg.„Reiſen Sie jetzt noch nicht, Herr Capi⸗ tain— Sie nehmen ſich ſelbſt das Leben!“ „Um ſo beſſer!“ antwortete Albin feſt—„wir reiſen!“ Und eine Stunde ſpäter reiſ'ten ſie. Bei ihrer Ankunft in Wisby— es war beinahe: drei Uhr Nachmittags— ſagte Albin: „Geh Du voran, Bas, und ſchaffe uns Logis— — ich will mich ein wenig ſammeln, ehe... ehe... Sieh mich nun nur nicht ſo an: ich will hier ein wenig um⸗ herwandern und meine Gedanken ordnen.“ Er ging nach dem Fiſchhafen. Ehe er irgend einen Menſchen aufſuchte, wollte er 7 auf dem Platze beim Jungferthurme ſitzen, wo er einmal mit Roſa geſeſſen hatte; indem er aber einige Augen⸗ blicke ſtehen blieb, denn eine durchgreifende Müdigkeit erfaßte ſeinen Körper und ſeine Seele, warf er die Au⸗ gen auf die Höhe dieſes wunderbaren Thurmes... Was gewahrte er dort?... Ein lilienweißes Antlitz, nicht Roſa's und dennoch Roſa's Antlitz! Es war wohl nur eine Täuſchung: es kam und verſchwand. Einige Minu— ten ſtand er unbeweglich ſtill; dann aber eilte er dahin und die Treppe hinauf. — Victor bleiben geben, Heilige allein gelben B namen als ſie erfuhr, „ Namen ſeine e C laß un ſein, a S ( loſer E nicht t ließ!“ T Augen war es hemmt währen Der 2 ſchreckl nahme Neuig⸗ ßhänd⸗ Is was anna's us Auf⸗ ündigt! wildem auf— n, daß ad über hränen r Capi⸗ reiſen!“ beinahe kogis— — .. Sieh nig um- wollte er r einmal Augen⸗ Nüdigkeit die Au⸗ .. Was ttz, nicht wohl nur ge Minu⸗ er dahin — Etwa eine Viertelſtunde früher hatte Thekla und Victor, welche anfingen, ſich über Roſa's langes Aus⸗ bleiben zu wundern, ſich auf Will's Lieblingsplatz be⸗ geben, um ſie beide nach Hauſe zu führen; doch in der Heiligen⸗Geiſt⸗Kirche fanden ſie den Sohn der Seufzer ganz allein auf dem Sarge ſitzen und mechaniſch mit den gelben Blättern ſpielen, die um ihn her wehten. Bei dieſem Anblicke wurde Thekla ſogleich von einer namenloſen Angſt ergriffen, die keineswegs kleiner wurde, als ſie durch einige ſchnell mit Will gewechſelte Zeichen erfuhr, daß Roſa ſich ſchon längſt entfernt hatte. „Du erbleichſt, Du zitterſt! Was in des Himmels Namen fürchteſt Du?“ fragte Victor, der nur mit Mühe ſeine eigene Unruhe beſiegen konnte. „Ich weiß nicht, was ich fürchte— komm nur: laß uns zum Jungferthurm eilen... ſie kann nirgends ſein, als dort!“ Sie eilten hin... „Dort aber redet Jemand!“ ſagte Thekla mit athem⸗ loſer Stimme.„Himmliſcher Gott! Er iſt's! Er iſt nicht todt— aber ſiel.. O, daß ich ſie ausgehen ieß!“ Thekla's Seele erlag nicht unter der Laſt dieſes Augenblickes und ſeiner unerhörten Erſchütterung: ſie war es, die mit Albin's Hülfe das dahinſtrömende Blut hemmte; doch Albin's Arme allein trugen ſie nach Hauſe, während Victor hinweg eilte, um den Arzt zu holen. Fünfundzwanzigſtes Capitel. Der Befehlshaber auf dem Mitbürger und der Knabe von la belle Coqguette. Was waren wohl alle Unordnungen, Sorgen und ſchrecklichen Auftritte, welche während der zuletzt ver⸗ floſſenen Monate in der unglücklichen Familie gewechſelt hatten, in Vergleich mit den Auftritten, die jetzt dort vorgingen!. Die Betrübniß, der Wahnſinn, die Gewiſſensbiſſe, welche bei Roſa's Todtenbette herrſchten, zeigten ſich auf ſo mannigfaltige Weiſe, daß es ausſah, als wäre ſie allein das Glied in der Kette geweſen, welche alle übrigen zuſammengehalten hatte. Alle uͤbrigen Gefühle, Haß, Erſtaunen, Schrecken, Alles war dem einzigen, fürchterlichen Gedanken unter⸗ geordnet: wir verlieren ſie!... Die ganze Macht und das Anſehen des Arztes, unterſtützt von Thekla's ernſten Bitten, waren erforderlich, um von dem Zimmer, in welchem Roſa, ein erblichener Engel, auf ihrem weißen Bette ruhte, alle dieſe klagende, ſtumme und überlaute Verzweiflung zu entfernen. Will's unheimliches, herzzerſchneidendes Geſchrei— er war unglücklicher Weiſe gerade ſo nach Hauſe ge⸗ kommen, daß er Albin mit der bleichen, mit Blut be⸗ ſpritzten Braut auf ſeinen Armen begegnet war— wieder⸗ hallten durch das ganze Haus, während er gleich einem Wahnſinnigen und mit den ſchrecklichſten, von ſtrömenden Thränen begleiteten Geberden den gräßlichſten Qualen, welche in ſeiner Seele ſtürmten, einen Auslauf gab. Amelie fiel aus einer Ohnmacht in die andere. Hil⸗ dur flog ſchluchzend aus dem einen Zimmer in das andere, um zu helfen, war jedoch allzu verwirrt im Kopfe, als daß ſie denken konnte. Holgerſen war zurück⸗ geflohen in ſeine Torturkammer, wo er, die Stirn an die kalte Mauer lehnend, auf den Knieen lag und zu beten verſuchte. Die Seelenangſt des erſchütterten Sün⸗ ders war ſo tief, ſo unermeßlich, daß er die Hand ge⸗ ſegnet haben würde, welche ihn von der Laſt des Lebens befreit hätte— er ſelbſt wagte dieſes nicht zu thun: er krümmte ſich im Staube vor dem Fuße des Erlöſers, und konnte nur ein einziges Wort ſtammeln:„Gnade!“ In dem blauen Zimmer, welches innerhalb des⸗ jenigen war, in welchem Roſa lag, ſaß unbeweglich, als hät mehr„ Verſtand macht, melte di ſpät— Ganze l Alles ge gann de erhielt d Gehülfe ohne Wi ließ, w die kalte die zur Thätigke welches Gliederr die man groß; d welche folgte. Wi können unter w ſchlugen zweiflun En echſelt t dort oiſſ⸗ auf äre ſie brigen recken, unter⸗ Arztes, derlich, ichener igende, hrei— ſe ge⸗ lut be⸗ vieder⸗ einem nenden zualen, f gab. . Hil⸗ n das ert im zurück⸗ irn an und zu Sün⸗ nd ge⸗ Lebens un: er rlöſers, nade!“ b des⸗ peglich, 313 als hätte er Gefühl, Gedächtniß und Leben verloren, der zurückgekehrte Geliebte. Er weinte nicht, er betete nicht, er dachte nicht einmal— er wußte von gar nichts. „Der,“ ſagte der Doctor flüſternd zu Thekla,„erfordert mehr Pflege, als einer von den Andern: er verliert den Verſtand!“ Thekla hatte keine Antwort: ihr troſtloſer Blick war auf Roſa's weißes Antlitz geheftet; darauf erhob er ſich zu dem Arzte. „Glücklicher Weiſe hat ſie es nicht ſo ſchlimm ge⸗ macht, wie ſie es möglicher Weiſe gekonnt hätte!“ mur⸗ melte dieſer;„in dieſer Hinſicht kam die Huͤlfe nicht zu ſpät— nun kommt es darauf an, welche Wirkung das Ganze haben wird!“ Und von Roſa, bei welcher nun Alles gethan war, was ſich gegenwärtig thun ließ, be⸗ gann der Doctor ſeine Runde bei den Uebrigen. Karl erhielt den Will auf ſeinen Antheil, Victor wurde als Gehülfe des Doctors bei Albin verwendet, welcher ſich ohne Widerſtreben in eines von den Gaſtzimmern führen ließ, woſelbſt er das Bett einnehmen mußte. Erſt als die kalten Bäder auf ſeinen Kopf gewirft hatten, begann die zur Hälfte zerſtörte Maſchinerie in demſelben ſeine Thätigkeit von Neuem; nun aber brach das Fieber aus, welches ſchon während der vorigen Nacht in ſeinen Gliedern getobt hatte. Doch, Dank ſei der Sorgfalt, die man ihm widmete, die Gefahr wurde nicht eigentlich groß; aber eine wilde Phantaſie ſtellte ſich ein, auf welche dann eine bedeutende, abſtumpfende Maſigket folgte. Wir müſſen nun drei Wochen übergehen, denn wir können allen dieſen Umſtänden von tauſendfältiger Art, unter welchen ſich den Herzen, welche hier ſo unruhig ſchlugen, bald die Hoffnung und bald wieder die Ver⸗ zweiflung nahte, nicht Schritt für Schritt folgen. Endlich erſchien der Tag, an welchem der Arzt den trauernden Eltern verkündigte, daß ihre Tochter ihnen zurückgegeben war. Tief und brennend ging der Seufzer von ihren Herzen. Doch mit dieſer friſchen Hoffnung entſproßten immer noch keine neuen Triebe, denn es blieben ja immer noch ſo unausſprechlich bittere Stoffe der Angſt. Eine Braut von zwei Bräutigamen!... Man wagte kaum zu reden, kaum zu athmen; man wagte einander kaum anzuſehen, wenn man flüſterte:„Gott ſei gelobt, daß wir ſie behalten durften!“ Aber ach, zu welchem Leben war ſie wohl gerettet! Von Neuenm begannen Rathloſigkeit und Verzweiflung. Und jetzt mußte man doch einen Entſchluß faſſen, denn der junge Fremdling war wieder auf, und täglich fürchtete man, daß er ſich nicht länger mit den Ver⸗ ſicherungen des Arztes über Roſa's Wiederherſtellung begnügen, ſondern verlangen würde, ſie ſelbſt zu ſehen. Aber noch immer verzog er damit. Zweimal hatte er dagegen ſeinen Wunſch geäußert, Will zu ſehen, denſelben jedoch wieder zurückgerufen, ehe er ausgeführt werden konnte, und zuletzt ſchien er keinen Menſchen ſehen zu wollen, außer dem Doctor und dem treuen Conſtabel, der ſein eigenes Glück ganz vergaß, um ſich ausſchließlich ſeinem Herrn widmen zu können. Weder Holgerſen, noch Amelie, noch Will hatten alſo bis jetzt mit Albin ſeit ſeiner Ankunft in Berührung geſtanden; aber die beiden Erſtgenannten, welche ſtets auf glühenden Kohlen einherſchlichen, fühlten es, daß die Stunde der Erklärungen nahte. Es war eine Morgenſtunde. Holgerſen, der eben ſeinen Mündel beſucht hatte, trat zu Amelie ein, um ihr zu ſagen, daß er, was Will beträfe, die Vorſtellung hegte, dieſer würde ihnen wenig⸗ ſtens keinen Kummer weiter machen.„Er hat ſich auf eine merkwürdige Weiſe gefaßt— und iſt es nicht wun⸗- derlich, daß er eben ſo wenig begehrt hat, Roſa zu ſehen, als der Andere?“ „D mit jen unwider kennen nicht 3. gewinne „H ein, de hätte, zu rede Es antwor Hi 0 mich ſ wahnſi wir ha und he er, ehe „ ihnen ihren immer er noch Braut um zu kaum t, daß erettet! iflung. faſſen, täglich n Ver⸗ ſtellung ſehen. eäußert, fen, ehe keinen nd dem vergaß, können. hatten rührung he ſtets es, daß ht hatte, das Will nwenig⸗ ſich auf ht wun⸗ zu ſehen, „Das iſt gar nicht wunderlich,“ erwiederte Amelie mit jener hinſterbenden und müden Stimme, welche das unwiderſtehliche Bedürfniß der Seele nach Ruhe zu er⸗ kennen gibt:„ſte lieben Beide allzuhoch, als daß ſie ihr nicht Zeit gönnen ſollten, ihre Kräfte völlig wieder zu gewinnen.“ „Hat ſie nach Einem von ihnen gefragt?“ „Nicht mich, aber zu Thekla ſagte ſie einmal gleich nach dem Unglücke:„Es war Albin, der mir befahl, in das Leben zurückzukehren— warum kommt er denn nicht und ſieht, daß ich ihm gehorcht habe?““ „Armer Engel!“ „Wenn Du geſund wirſt,“ hatte Thekla geant⸗ wortet,„ſo kommt er und dankt Dir.““ „Nach Will aber hat ſie nicht gefragt?“ „Sein Name ſchwebt oft auf ihren Lippen, aber ſie ſcheint zu nichts weiter Kraft zu haben.“ „Und was ſoll nun daraus werden?“ Siehſt Du ein Fünkchen Tageslicht in dieſer Finſterniß?“ Amelie antwortete nur mit einem Seufzer. In dieſem Augenblick trat Hildur mit der Nachricht ein, daß der Conſtabel ſich eingefunden und gemeldet hätte, der Capitain wünſchte mit dem Herrn Großhändler zu reden. Es überlief Holgerſen eiskalt.„Ich werde kommen!“ antwortete er. Hildur ging. „Jetzt, Amelie, jetzt! Ich weiß nicht, warum es mich ſo heftig ergreift— der Kerl kann ja nicht ſo wahnſinnig ſein und hier noch etwas anrichten wollen: wir haben um ſeinetwillen Trauerſpiele genug gehabt, und hat er nur die geringſte Ehre im Leibe, ſo reiſ't er, ehe die See zufriert.“ „Doch, Arne, wenn er— was er gewiß thut— von Roſa Abſchied zu nehmen begehrt, ſo läßt ſich das nicht abſchlagen, verſtehſt Du wohl?“ „Ja, aber ich verſtehe auch, daß dieß zum zweiten Male ihrem Leben gelten kann, daß aus der Hochzeit —— mit Will wohl nie etwas wird, und daß ich dennoch nicht nein ſagen darf, denn da würde es wohl noch ärger.“ „Das iſt auch meine Meinung!“ ſagte Amelie mit einem Kopfnicken............. Holgerſen richtete mit unwilligen Schritten ſeinen Gang hinauf zu dem Gaſtzimmer; an der Thüre aber erfaßte ihn eine ſo plötzliche und unbeſtimmte Unruhe, daß er faſt im Begriff war, wieder umzukehren, als der Conſtabel die Thüre von Innen öffnete und mit einem höflichen:„Haben Sie die Güte, einzutreten, Herr Groß⸗ händler!“ ihn zur Beſinnung zurückrief. Er trat ein, vermochte aber Albin nur mit einer ſtummen Verbeugung zu begrüßen, denn gerade ſein Geſicht, in welchem die höchſte Spannung, eine mit der äußerſten Mühe erkämpfte Selbſtbeherrſchung zu liegen ſchien, führte Holgerſen's immer fürchtenden Geiſt an den Abgrund, welcher ihm ſtets vorſchwebte. Es vergingen mehrere Minuten, ehe Einer von ihnen nur reden konnte. Albin machte den Anfang, indem er, auf einen Stuhl deutend, auf den Holgerſen ſich mechaniſch nieder⸗ ließ, leiſe ſagte: „Herr Großhändler! Ich habe Ihnen für eine drei⸗ wöchentliche Gaſtfreundſchaft meinen Dank abzuſtatten!“ „Ich hoffe, Herr Capitain,“ entgegnete der verlegene Wirth,„daß Sie jetzt vollkommen hergeſtellt ſind!“ „Die Krankheit iſt gewichen, doch die Kräfte ſind noch nicht ganz wieder da.“ Holgerſen ſeufzte unbewußt.„Aha, er will einen Vorwand haben, um noch länger hier zu bleiben!“ „Ich glaube, Ihre Furcht zu verſtehen, Herr Mörk! Ich bin ein nicht gerne geſehener Gaſt, der nichts Beſſeres thun kann, als daß er ſo ſchnell wie möglich abreiſ't!“ ſöbenr Capitain! unſere häuslichen Verhältniſſe ſind kein Geheimniß: das Mädchen kann ja nicht mehr als Einem gehören!“ „Un mit dem wäre, al Ehrenme gekomme zuziehen Tone eir „Hi „es iſt e verlaſſen bald, un Alb Großhär Gründer Welche günſtigu höchſte? Alb zerrte Z. bald un einem b 3 7 ein liebe „Li Glück ei gern da⸗ könnte, „I geweſen nnoch noch le mit ſeinen aber nruhe, ls der einem Groß⸗ einer ſein nit der liegen iſt an r von einen nieder⸗ e drei⸗ ttten!“ legene 174 e ſind einen 144 Mörk! nichts löglich ſe ſind hr als „Und wer dieſer Eine iſt, das hat ſie gezeigt, da ſie ihn im Tode aufſuchte.“ „Verirrung... Wahnſinn!“ ſtotterte Holgerſen. „Sie that es nicht in der erſten Fieberhitze: ſie ſchien reiflich überlegt zu haben, daß das Grab, welches ſie mit dem vereinte, welchen ſie ganz allein liebte, wärmer wäre, als das Brautgemach, welches ihrer harrte.“ „Herr Capitain! Um Gottes Barmherzigkeit willen“ — die Stimme des Vaters erhielt einen flehenden Aus⸗ druck—„laſſen Sie mich nicht glauben, daß ein Ehrenmann in unſer ohnehin ſchon unglückliches Haus gekommen iſt, um noch mehr Unglück auf daſſelbe herab⸗ zuziehen! Haben wir nicht genug davon?“ „Wer,“ wendete Albin mit ſehr vorwurfsvollem Tone ein,„hat denn alles dieſes Unglück geſchaffen?“ „Die Hand des Herrn!“ antwortete Holgerſen dumpf: „es iſt eine Strafe, die über mein Haus ergeht! Doch verlaſſen Sie uns, Herr Capitain, verlaſſen Sie uns bald, und vielleicht können wir noch hoffen!“ Albin ſchüttelte den Kopf.„Sagen Sie mir, Herr Großhändler— wenn Sie es können— aus welchen Gründen wird dieſer ſtumme Jüngling mir vorgezogen? Welche Verdienſte, welches Recht hatte er zu dieſer Be⸗ günſtigung?“ ragen Sie nicht darnach— genug: er hatte das höchſte Recht!“ Albin betrachtete einige Augenblicke Holgerſen's ver⸗ zerrte Züge, ſeine tief eingeſunkenen Augen, in denen, bald unter einer todtenähnlichen Erſtarrung, bald unter einem brennenden Feuer, eine ewige Unruhe ſpielte⸗ „Dieſer junge Mann, Ihr Mundel, iſt Ihnen alſo ein lieber Sohn?“ „Lieb— ja, wenn es Liebe iſt, daß man für das Glück eines Andern ſein Herzblut geben möchte: ich gäbe gern das meinige, wenn ich in der Ueberzeugung ſterben könnte, daß er glücklich wäre!“ „Iſt er denn immer Roſa's beſtimmter Bräutigam geweſen?“ „Ich könnte Ja antworten, aber ich will nicht lügen. Häͤtten Sie im vorigen Jahre, da noch Vieles ganz anders war, meine Tochter zur Gattin begehrt, ſo wäre gar kein Hinderniß entgegen getreten, denn damals hatte ich noch gar nicht daran gedacht, ſie mit Will zu ver⸗ binden; doch gleich nach Ihrer Abreiſe entdeckte ich den Zuſtand des Jünglings: dieſer war ſchrecklich, und ich verſprach ihm Roſa, welche ganz allein ihm Alles er⸗ ſetzen konnte, was er verurtheilt iſt, zu entbehren.“ „Und ſeine Liebe war ſein Alles?“ „Ja, ſein Alles! Ach, Herr Capitain! es iſt den⸗ noch ein Unterſchied zwiſchen Ihnen und ihm: er beſitzt nichts, gar nichts außer ihr; Sie dagegen haben Vie⸗ les, ſehr Vieles außer dieſem armſeligen Einen, wornach er ſich ſehnt, und ſelbſt dieſes Eine beſitzen Sie, denn Sie haben ihr Herz!“ „Herr Großhändler!“ ſagte Albin mit unſicherer, immer erregterer Stimme,„ich habe Achtung vor dem Gefühle, welches Sie mit dieſem Jünglinge vereinigt! Und laſſen Sie mich noch ſagen, daß auch ich von Her⸗ zen theilnehme an ſeiner Qual, daß ich ihn liebe, wie wie einen Bruder: wir ſind ja auch verwandt— wir müſſen verwandt ſein!“ Holgerſen ſah auf; ein ſchreckliches Erbleichen zog ſich über ſeine Wangen. Albin, der bis jetzt ihm gegenüber geſeſſen hatte, ſtand nun auf und ging zu der Thüre, deren Riegel er vorſchob. Mit ſtieren Blicken folgte der unglückliche Verbrecher dieſer Bewegung. Als Albin zurückkehrte, entſetzte er ſich über den zitternden Schrecken, die ſichtliche Todesangſt, welche in Holgerſen's Geſicht gemalt ſtand, und er beeilte ſich da⸗ her, mit aller möglichen Ruhe, die er in ſeine Stimme zu legen vermochte, dieſe Worte zu äußern: „Fürchten Sie nichts, ich komme nicht als Feind — vielleicht komme ich eher, Ihnen eine Laſt abzuneh⸗ men, die ſchwer auf Ihrem Gewiſſen gelegen hat. Faſſen Sie Mut zuſammen Stande it Eini immer ve die Kran Mann be Zweifel, Sünders — er ha ſollte dar um ſo f Verbrech Mit Veränder er mit m Verbrech ſate hin igen. ganz wäre hatte ver⸗ den d ich 's er⸗ 1 den⸗ beſitzt Vie⸗ rnach denn herer, r dem einigt! n Her⸗ , wie ndt— en zog hatte, egel er brecher er den lche in ich da⸗ Stimme Feind zuneh⸗ aſſen Sie Muth: Gott will gewiß barmherzig ſein, da er uns zuſammen geführt hat, ohne daß mein Herz mehr im Siide iſt, Haß und Rachgier zu empfinden.“ inige immer verwirrter werdenden Augen erinnerten Albin an die Krankheit, welche im vorigen Jahre den armen Mann beinahe ſeiner Sinne beraubt hatte. Er war in Zweifel, aber er mußte reden, ſowohl um der Seele des Suͤnders Ruhe zu ſchenken, als auch, um ſelbſt das Recht zu haben, nach welchem er ſich ſehnte, nämlich um als Bruder ſeinen ſtummen Bruder zu umarmen. „Was... was?“... ſtotterte Holgerſen mit bebenden Lippen...„was meinen Sie?... Ich fühle keine Sehnſucht mehr, meinen Todeskampf zu verlängern — er hat lange genug gedauert!“ „Ich ſehe es, ich glaube es; wenn jedoch in jener Nacht, die wir Beide kennen, Ihre Hand das Ziel ver⸗ fehlte, wenn der Knabe von Schrecken betäubt, nicht von dem Schuſſe getroffen ſiel... wenn er hernach, eben auf dem Mitbürger einen Schutz und einen Be⸗ ſchützer fand, der ihm Mittel gab, ſich zu retten— ſollte dann wohl das Alles nicht beweiſen, daß der Herr um ſo ſicherer Hoffnung auf Erlöſung gibt, als das Verbrechen nicht vollendet wurde?“. Mit jedem Worte, das Albin redete, ging eine Veränderung über Holgerſen's Antlitz: dort malte ſich Grauſen... Furcht... Hoffnung... und endlich gleichſam ein zitterndes Licht; und als Albin ſchwieg, da ſprang er auf und ſank mit gefalteten Händen zu den Füßen des jungen Mannes nieder. 3 „Sagen, o ſagen Sie das noch einmal!“ flüſterte er mit matter Stimme—„ſagen Sie mir, daß dieſes Verbrechen, das ſo ſchwer auf meiner Seele gelaſtet huif hinweggenommen iſt, und laſſen Sie mich hernach erben!“ „Ich wiederhole, daß Gott mich auf eine wunder⸗ bare Weiſe gerettet hat durch einen alten Seemann, deſſen Namen ich nicht kenne, dem ich aber heilig gelobt Zuckungen in Holgerſen's Körper und die habe, nie ein Wort von Demjenigen zu ſagen, was ſich auf la belle Coquette zugetragen hat. Dieſes Wort habe ich denn auch heilig gehalten.. Aber um Gotteswillen, Herr Mörk, ſtehen Sie auf! Ich vermag es nicht, Sie in dieſer Stellung zu ſehen!“ „Das iſt die Stellung, die dem Mörder vor ſeinem Opfer zukommt, und in der ich verbleibe, bis ich das Wort vernommen habe, welches allein den himmliſchen Troſt vollkommen machen kann, der jetzt mein Herz durchſtroömt. Aber iſt es wohl möglich, daß dieſes Wort jemals mein Ohr erreichen wird, iſt es wohl möglich, daß Sie, Herr Capitain, eine dreizehnjährige Reue, eine dreizehnjährige Todesqual als ein Sühnopfer für das unerhörte Unglück, welches ich bereitet habe, als ein Sühnopfer fͤr alle Tage voll bittern Schmerzes, den dieſe Nacht Ihnen verurſacht hat, annehmen wollen?“ „Es iſt wahr, meine Kindheit und meine Jugend haben ſehr viel gelitten durch das Unglück, daß ich nicht im Stande war, Beſcheid über mich zu geben; doch ich fand einen Pflegevater, eine Heimath, einen neuen Namen, und ich müßte kein menſchliches Gefühl in meiner Bruſt haben, wenn ich nicht dieſe Verzeihung ertheilte und das aus innerſter Seele. Mein Vater, mein Bruder wurden zärtlich gepflegt, ihnen widerfuhr nichts Boöſes— hier die Verſöhnung!“ Albin reichte ſeine Hand mit einem Blick, welcher alles Mitleiden, das er gegen den reuigen Verbrecher empfand, ausdrückte; und mit Heftigkeit ergriff Holgerſen dieſe Hand, welche— ſo meinte er— die Macht beſaß, ihn von der ſchwerſten Blutſchuld zu reinigen, die auf ſeinem Gewiſſen laſtete. „O!“ ſeufzte er endlich, indem er, aufgehoben von Albin's Hand, ſich wieder neben ihn ſetzte,„o, Herr Capitain! warum verſchwiegen Sie dieſes? Alle dieſe Sorgen, alle dieſe ſchrecklichen Verwirrungen wären dann nich geweſen— dann wäre die Verſöhnung mit Will nicht zu einer firen Idee bei mir geworden!“ „Ich ſchwieg, weil ich bisher nicht wußte, daß Sie jener M fuhr da Weiſe di „Er kann— „Ic dem alt Sünder welches das ſteht Mann! ſtarb bei eines C deutlich Familie Zeit haf Alb und der den Ged aufzuſuc Umſtand entdecken Nachrich und auf zurückge vorzukor „I können,“ ſchen ſo könnte gethan! mels! es Hauſe: Roſa, überlebe Ho Der Ii s ſich habe villen, Sie 7 einem Jugend h nicht och ich neuen ühl in eihung Vater, derfuhr welcher brecher lgerſen beſaß, die auf den von », Herr lle dieſe n dann ait Will daß Sie jener Mann waren, der... mit einem Worte: ich er⸗ fuhr das erſt ganz vor Kurzem auf eine wunderbare Weiſe durch den Capitain Donnert.“ „O! lebt er noch? Er wußte doch nicht...“ „Er wußte gar nichts, das nicht Jedermann wiſſen kann— ich will Ihnen Alles erklären!“ „Ich bitte— fangen Sie von vorne an!... Alſo dem alten Halwar verdanke ich die Gnade, die mir Süͤnder widerfährt?... Ach, das losgeriſſene Boot, welches der Sturm nicht hinweggefuhrt haben konnte—: das ſteht jetzt klar vor meiner Seele Segen über dieſen Mann! der Herr hatte auch Erbarmen mit ihm: er ſtarb bei der Ausuͤbung der lobenswurdigſten Handlung eines Chriſten... doch erzählen Sie Alles: ich muß deutlich und klar wiſſen, ob kein Verdacht, der meiner Familie zum Unglück gereichen kann, an der verfloſſenen Zeit haftet!“ Albin lieferte eine kurze Ueberſicht ſeiner Schickſale; und der beſte Beweis für Holgerſen, daß Albin niemals den Gedanken oder die Abſicht gehabt hatte, den Mörder aufzuſuchen und zur Verantwortung zu ziehen, war der Umſtand, daß er in London ſich die Gelegenheit, ihn zu entdecken, aus den Händen gehen ließ. Darauf kam die Nachricht über das letzte Auftreten des Capitains Donnert, und auf welche Weiſe Albin denſelben in Stockholm zurückgehalten hatte, um ſeinem Beſuche in Wisby zu⸗ vorzukommen. „In meinem Leben hätte ich es mir nicht denken können,“ ſagte Holgerſen leiſe,„daß es bei einem Men⸗ ſchen ſo viele Großmuth und wahre Menſchlichkeit geben könnte— und für Denjenigen, der das Alles fuͤr mich gethan hat, kann ich gar nichts thun! Herr des Him⸗ mels! es ruht dennoch ein großes Elend über meinem Hauſe: ich bin der Mörder meines Kindes, meiner Roſa, denn ſie ſtirbt gewiß— ſie kann dieſes nicht überleben!“ Holgerſen vergoß bittere, bittere Thränen. Der Jungferthurm. 1V. 21 Einen Augenblick ſchwieg Albin— ſie war allzu wahr, dieſe Selbſtbeſchuldigung— dann entgegnete er langſam, als ob ihm jedes Wort Mühe koſtete:„Nun aber ſagen Sie mir auch, wie, durch welche Mittel es möglich war, Roſa mit ihrer ſtarken, feſten Seele zu zwingen, die heiligen Gelübde zu brechen, die ſie mir gegeben hatte!“ „Dazu gab es nur Ein Mittel, nachdem Bitten und Ueberredungen vergeblich angewendet waren, nach⸗ dem ſie ſogar ſelbſt dem armen Jünglinge das Todes⸗ urtheil geſprochen hatte... o, ſie war dreß in ihrer Begeiſterung, in der Vertheidigung ihrer Liebe!“ In glühenden Worten, indem Albin mit athemloſer Aufmerkſamkeit jedem Laute folgte, beſchrieb jetzt Hol⸗ gerſen alle Kämpfe und Siege, das Zuſammentreffen mit Will und die Folgen deſſelben, den Ausſchlag des Arztes über den armen Juͤngling, und ihre Worte, welche Amelie oft wiederholt hatte:„Mag der Tod ihn in ſeine ſanften Arme nehmen, denn an meinem Herzen ſoll nur mein Albin oder auch gar Keiner ruhen!“ Bruſt hob und ſenkte ſich mit einer Glückſeligkeit, die darum nicht weniger groß war, weil ſie unter den Qualen der Betrübniß entkeimt war...„Doch,“ fuhr er gleich darauf fort,„welches war denn dieſes Mittel, das den⸗ noch im Stande war, ſie zu beſiegen?“ Jetzt ſchilderte Holgerſen die Scene im Kellerge⸗ wölbe; und als er in ſeiner Erzählung auf den Punkt kam, da er, als nichts ſie zu beſiegen vermochte, die Schrift hervorholte, in welcher er ſich ſelbſt angab, da flog ein heftiges Zittern durch Albin's Glieder. „Sie nahm wohl keinen Anſtand— ſie zauderte keinen Augenblick?“ rief er aus. „Nein, das that ſie nicht: ſie wurde die Dulderin, welche ſich willig für die Ihrigen opferte... Ja, in jenem Augenblicke war ſie ein heiliger Engel, der keine Schmerzen dieſer Erde fühlt; doch ſie erwachte, und obgleich ihr Entſchluß feſt ſtand, ſo begann ſchon von — Engel! heiliger Engel!“ fluſterte Albin, und ſeine dieſem Jungf S da Al armes ihr Y Will, ſeine 9 meine unglü billige will ie das C bleiben beweiſ lich, o r allzu znete er „Nun Nittel es Seele zu ſie mir 4 n Bitten hemloſer etzt Hol⸗ rentreffen und ſeine gkeit, die 1 Qualen er gleich das den⸗ Kellerge⸗ den Punkt ochte, die ngab, da zauderte Dulderin, Ja, in der keine ichte, und ſchon von dieſem Augenblicke an der Todeskampf, den ſie dort im Jungferthurme beendigen wollte.“ Hierauf erfolgten noch viele Erklärungen, und erſt da Albin eben ſo klar in die unglücklichen Familien⸗ verhältniſſe e ſehen konnte, als Holgerſen ſelbſt, kam dieſer zu der Frage: „Was iſt nun zu thun?“ „Das angefangene Werk zu vollenden!“ entgegnete Albin mit feſter Stimme—„hier iſt keine Wahl! Will —o Gott, ich werde ihn wieder in meine Arme ſchließen! — Will ſoll nicht der leidende Theil werden: mein Vater legte ihn mir immer zärtlich an das Herz. und überdieß erhält er dennoch den kleinſten Theil, da er ihre Liebe micht zu gewinnen vermag!“ „Aber,“ ſagte Holgerſen zaudernd;„gibt es denn gar keinen andern Ausweg?... Jetzt, da Alles ver⸗ ändert iſt, kann dieſer Gedanke, kann dieſe Verſöhnung über mich keine ſolche Macht länger haben!... Mein armes, armes Kind! ſie erträgt es nicht... ich werde ihr Mörder!... doch wieder auf der andern Seite: Will, Will!... ach, was hat er gelitten fur ſie, für ſeine Liebe... ſoll er. Nein er ſoll nicht aufgeopfert werden, und Roſa, meine ſtarke, herrliche Roſa, wird ebenfalls nicht ſo unglücklich werden, da ich ähre Aufopferung nicht allein billige ſondern ihr dieſelbe recht klar mache— ja, das will ich thun, ich will mich ſelbſt überwinden!... Aber das Geheimniß dieſer Verwandtſchaft muß unter uns bleiben— nicht wahr?— denn um dieſelbe geſetzlich beweiſen zu können, ſind gewiß meh 3 Beweiſe erforder⸗ lich, als wir anzuſchaffen vermögen? „Gott ſei gelobt! Die Angſt vor dieſem Beweiſe, dieſem Eingriffe der Welt, laſtete noch auf meiner Seele — o Dank! daß ich von dieſer Furcht befreit bin!. Und nun, Herr Capitain— wann wollen Sie ihn ſehen?“ „Noch in dieſer Stunde!“ 21* 324 Sechsundzwanzigſtes Capitel. Vier Unterredungen. Bei dem zu gleicher Zeit ſo erſchütternden und rührenden erſten Zuſammentreffen Albin's und Wi"s wollen wir nicht gegenwärtig ſein, ſondern daſſelbe nur mit einigen Worten berühren. Noch entſann Albin ſich der alten Zeichenſprache, und als Will dieſe, gerade dieſe, deren er ſeit ſeiner früheſten Kindheit gewohnt geweſen war, wieder erkannte, da ließ ſein ſtummes Entzucken ſich nur vergleichen mit Albin's edler Befriedigung, dieſem unglücklichen Bruder, deſſen ganzes freudearmes Leben in ſeinem leidenden Antlitze abgeſpiegelt lag, ſeinen eignen höchſten irdiſchen Himmel— ſeine Roſa— abtreten zu können. „O mein Gott!“ dachte Albin, da er dieſes geiſter⸗ gleiche Weſen in ſeinen Armen hielt,„wäre ich, ich im Stande, ihm den Dolch in die Bruſt zu ſtoßen?— Nein, das vermag ich nicht! Mag er glücklich ſein während der kurzen Zeit, da er ſich noch durch das Leben ſchleppen kann, und ich will glücklich ſein in dem Bewußtſein, daß ich meine Liebe der ſeinigen geopfert habe!“ Will's Herz vermochte ſich nicht vor Albin's zärt⸗ licher Forſchung zu ſchließen, und lag bald offen da wie ein Buch. Konnte Will aber jetzt wohl noch eiferſüchtig ſein? O nein, nicht auf Albin, auf Albin, welcher erklärte, daß er nur gekommen wäre, um Will's Glück zu grun⸗ den! Will weinte an dem Herzen ſeines lange verreisten Bruders; aber es waren ſchöne Thränen, ſo wie ſeine Augen ſie bis jetzt noch nie geweint hatten. Die beiden, einander zuruͤckgeſchenkten Brüder eilten, in ihrer vertraulichen und ſchnellen Sprache das erſte reine Glück ihrer Kindheit, ihre Spiele, bei denen Albin dem ſtummen Bruder immer ſeinen ſtarken, eigenmäch⸗ tigen Zeit, d Lieben Will n mit gi und di ſein ei andern geweſer hätte n Himme keit ha⸗ N. gerſen aber w ein ere Nebel. Di W ſte woh ſich mit Sollten Knoſper wollte? In teten G zu zitter Vaters, genießer Eh konnte, brochene werden weiht— und um meinte, die einzi ihres V. den und Wi Us elbe nur ſprache, t ſeiner rkannte, hen mit Bruder, eidenden irdiſchen eiſter⸗ 9, ich zen?— ich ſein is Leben in dem geopfert 's zärt⸗ da wie ig ſein? erklärte, u grun⸗ rreisten die ſeine reilten, as erſte n Albin enmäch⸗ tigen Willen, ja, jeden ſeiner Wünſche aufopferte, dieſe Zeit, da ihr Vater noch lebte und ſeine reiche und tiefe Liebe unter ſie theilte, in ihr Gedächtniß zurückzurufen. Will war glücklich, unausſprechlich glücklich, indem er mit gierigen Blicken allen Bewegungen Albin's folgte, und dieſes Glück wurde immer noch vergrößert, je mehr ſein eigenes Gedächtniß das eine ſchöne Bild nach dem andern von dieſer Welt, die ihm ſo lange verſchloſſen geweſen war, aufdämmern ließ. Wenn man ihn ſah, hätte man glauben können, daß ſeine Seele ſchon im Himmel war— und das war ſie wirklich: dieſe Selig⸗ keit hatte er auf Erden noch nie geſchmeckt... Nach dieſen doppelten Erklärungen zwiſchen Hol⸗ gerſen und Albin, Albin und Will, ging eine ſtille, aber wunderbare Veränderung durch das ganze Haus: in⸗ erquickendes Sonnenlicht brach hervor durch den ebel. Die beiden Ehegatten ſchloſſen ſich an einander. Wie war dieſe himmliſche Gnade möglich? Konnte ſie wohl Dauer haben? Durfte man es wohl wagen, ſich mit dem Gedanken an Ruhe vertraut zu machen? Sollten wohl nicht neue Stürme kommen, um die neuen Keſpen abzuſchütteln, welche die Hoffnung hervortreiben wollte? In dem friſchen Gefühle dieſes neuen, ſo unerwar⸗ teten Glückes vergaß man ſogar, vor Roſa's Zukunft zu zittern— ach, auch ſie ſollte ja des Friedens ihres Vaters, ſeiner Befreiung von dem grauſamen Verbrechen genießen! Ehe man aber noch zu einem Entſchluſſe kommen konnte, wie das alles Roſa, die noch gleich einer ge⸗ brochenen Lilie auf dem Ruheſopha lag, mitgetheilt werden ſollte, war Thekla mit in das Vertrauen einge⸗ weiht— und auf wen konnte es wohl einen größeren und umfaſſenderen Einfluß ausüben, als auf ſie welche / 7 meinte, daß dieß die einzige Blutſchuld, wenn auch nicht die einzige wilde Handlung war, die auf dem Gewiſſen ihres Vaters laſtete! 326 Sie warf ſich mit einer, ihrer Natur gänzlich fremden Heftigkeit aus den Armen des Vaters in die Arme der Mutter. Die Freude traf ſie ohne Faſſung, ja faſt ohne Beſinnung— ſie, die doch in der Betrübniß ſolche Selbſt⸗ beherrſchung gehabt hatte. „Wird nicht Alles gut werden, wenigſtens für Euch beide?“ flüſterte Holgerſen, indem er die weinende Tochter noch einmal an ſeine Bruſt drückte.„Du und Hildur ſolltet doch das Glück kennen lernen!“ „Ja,“ antwortete Thekla mit athemloſer Stimme, aber dabei mit einer Offenherzigkeit, welche eine voll⸗ kommene Erklärung über dasjenige gab, was ſie nun zu beobachten hatte,„wir werden glücklich ſein!— Und fürchte nicht, Vater: ich werde dieſe verwirrten Verhält⸗ niſſe ſo leiten, daß Alles natürlich ausſieht! Victor's Herz iſt längſt zurückgekehrt zu ihr, welcher er nur in einer flüchtigen Selbſttäuſchung untreu war— mein, Karl's und Hildur's Herzen dagegen haben ihre erſten Gefühle noch nie verläugnet, obgleich ſie genöthigt ge⸗ weſen ſind, ſcheinbar eine ſolche Farbe anzunehmen.“ „Aber, theures Kind,“ wendete Amelie ein,„es iſt mehr erforderlich als Takt und Vernunft, um Alles wieder in Ordnung zu bringen: Karl... ich fürchte...“ „Laß mich Alles nur allein leiten, liebe Mutter, und das ſoll um ſo leichter gehen, als Victor begehrt hat, nur eine Stunde mit mir zu reden. Ich habe es ſchon ſeit mehreren Tagen bemerkt, daß er ſein Schickſal an die eine oder die andere Weiſe entſchieden ſehen will.“ „Vertrauen wir ganz Thekla's eigner Klugheit!“ ſagte Holgerſen:„ich bin feſt überzeugt, daß ſie Alles in das rechte Licht ſetzen wird— ich weiß auch, mein Kind, däß Du weder die Ehre Deines Vaters, noch auch Deine eigene vergeſſen kannſt!“ „Dank, Vater! ich mißbrauche ein ſolches Ver⸗ trauen nicht— und dennoch will ich ſo offen ſein, wie einem 2 mit wel Gegenſt „K mich vo — mit Gefühle fortd auer Ziel ſal Leben: zwiſchen gänzlich in die ſt ohne Selbſt⸗ für Euch Tochter Hildur Stimme, ne voll- ſie nun — Und Verhält⸗ Victor's nur in — mein, e erſten thigt ge⸗ chte...“ Mutter, begehrt habe es Schickſal en ſehen ugheit!“ ſie Alles ), mein och auch es Ver⸗ ſein, wie ich ſein muß, um Karl's Vertrauen zu gewinnen und auf ewig zu behalten!“ „In dem blauen Zimmer harrte Thekla der Ankunft Victor's, und ſie brauchte nicht lange zu warten. „Vergib mir!“ ſagte er, indem er neben ihr Platz nahm und ihre Hand ergriff,„vergib, wenn mein Eigen⸗ ſinn Dir nicht gefällt; aber es überſteigt meine Kräfte, länger auf die Weiſe zu leben! Wann ſoll das Aufgebot Statt finden?“ „Mein guter Victor! Du legſt mir dieſe Frage in einem Tone vor, der ſehr verſchieden iſt von demjenigen, mit welchem Du vor einem Jahre mich nach demſelben Gegenſtande fragteſt!“ „Kann es Dir ein Vergnügen machen, daß Du mich vor Dir erröthen ſiehſt?“ „Erröthen?“ „Ja, erröthen! Spare mir dieſe Demüthigung— ein ſolches Verfahren wäre Deiner unwürdig!“ „Aber, Victor, bedenke doch, ob es wohl nicht meiner noch unwürdiger wäre, wenn ich nicht Rückſicht nähme auf dieſes Dein freiwilliges Bekenntniß... auf — mit einem Worte— auf die Veränderung Deiner Gefühle!“ „Thekla!“ „Warum ſoll ich Gelübde entgegen nehmen, die nur Deine Ehre Dir zu ſtammeln gebietet?“— „Weil es ſo zwiſchen uns gleichmäßiger wird: unſer Einſatz in die Lotterie des Eheſtandes iſt nun ja gleich!“ Gewiß; nachdem aber das einzige Gefühl, welches unſere Verbindung natürlich machte, gänzlich erloſchen iſt, ſo iſt auch kein Grund länger da, warum dieſelbe fortdauern ſollte. So lange ſie in Deinem Glücke ein Ziel ſah, hatten wir etwas Gemeinſames für unſer Leben: dieſes Ziel iſt nicht mehr— ſei es alſo aus zwiſchen uns, Victor!“ 328 „Wir ſollten uns alſo trennen?“ „Ja! Haſt Du etwas dagegen einzuwenden?“ „Was ſoll da aus mir werden?“ rief Victor aus, indem er mit der Hand durch die langen Locken fuhr. „Ich werde am Ende.... Gott weiß was! Ich bin muthlos, ich verachte die ganze Welt, und vor allem Andern mich ſelbſt: Du thuſt Recht darin, daß Du mich verſtößeſt, daß Du mich wegwirfſt, da Du meiner nicht länger bedarfſt— ich bin ein Spielzeug in Deinen Händen geweſen, und weiter nichts!“ Thekla erröthete ſtark.„Du biſt ſehr aufgeregt, Victor!“ ſagte ſte mit einem kleinen Tonfall in der Stimme. „Das bin ich— kannſt Du aber beſtreiten, daß ich dennoch Recht habe?“ „Victor!“ Wagſt Du diejenige anzuklagen, die gegen Dich ſo offen gehandelt hat, wie ich? Verbarg ich Dir an unſerem Verlobungstage etwas? Glaubte ich nicht, daß ich im Stande ſein würde, Dein Glück zu bereiten? Glaubteſt Du das nicht ſelbſt, und gab ich Dir nicht ſchon damals das Verſprechen, wenn nach Verlauf eines Jahres Deine Gefühle ſich geändert hätten, daß Du dann die Freiheit haben ſollteſt, Dich zurückzuziehen?“ „Ach, vergib mir, Thekla! ich weiß kaum, was ich ſage— ich weiß nur, daß Du mir die Einzige in der Welt biſt, da ich doch nicht vereint werden kann mit ihr, die ich auch damals allein liebte, als ich mich in einem gedankenloſen Rauſche Gefühlen hingab, die Deiner und meiner unwürdig waren, weil ſie auf einem ſo loſen Grund ruhten, daß ſie bei dem erſten neuen Windſtoße hinweggehaucht werden mußten!“ „Doch, Victor, wenn es denkbar wäre, daß ſich etwas ereignet hätte, welches eine Möglichkeit darböte, daß wenigſtens Du mit Hildur ein Glück erlangen könn⸗ teſt, welches ihr beide jetzt gewiß beſſer zu bewahren wüßtet?“ „O Gott! was ſagſt Du? Habe ich einen Schim⸗ mer von Hoffnung? Hat Karl ſeine eben ſo unnatür⸗ liche Verbindung gebrochen?“ ſagteſt, immer wege z und a hältniß „T der wa l /. 77— „ Ewigken Verbrec meinen „T forſchen wenn ich wacht he die Wo blicken 2 tor aus, en fuhr. Ich bin r allem Du mich her nicht Deinen ufgeregt, Stimme. en, daß ie gegen ich Dir h nicht, ereiten? dir nicht uf eines zu dann 4 was ich in der inn mit mich in ab, die if einem nneuen daß ſich darböte, n könn⸗ wahren Schim⸗ nnatür⸗ nNein, er hat es nicht, vielleicht aber wird er es thun! „Vielleicht?“ „Du weißt, Victor, wenn wir uns auch nicht lieben, ſo bleibt dennoch zwiſchen uns immer ein unbegrenztes Vertrauen, eine unendliche Freundſchaft— Du weißt ja, daß gewiſſe Familiengeheimniſſe uns vereinigen?“ „Gehören dieſe auf irgend eine Weiſe hieher?“ Thekla nickte, ohne ſogleich zu antworten. 3 „Ich brauche mich nicht zu erniedrigen und ein ein⸗ iges Wort von meiner Verſchwiegenheit, von meiner Vorſicht zu ſagen— in dieſer Hinſicht haſt Du mich geprüft!“ „Das habe ich, Victor!“ „Und eben darum, weil es ſo iſt, wie Du eben ſagteſt, daß ein Band des unbegrenzteſten Vertrauens immer zwiſchen uns bleibt, ſo brauchſt Du keine Um⸗ wege zu machen, um mir zu ſagen, was vorgefallen iſt und auf welche Weiſe dieſes einem glückſeligen Ver⸗ hältniſſe günſtig ſein kann!“ „Ich will Dir ſagen, was ich kann, und das wird Dir genug ſein!“ „Wohlan denn!“ „Du weißt, während der Nächte, da wir mit einan⸗ der wachten, fürchteten wir etwas Schreckliches!“ „Und dieſes Geſpenſt?“ „... hat ſich entfernt!“ „O, was ſagſt Du!“ „Derjenige, den der unglückliche Kranke in, die Ewigkeit geſchickt zu haben glaubte, der lebt— das Verbrechen iſt nicht mehr vorhanden.... glaubſt Du meinen Worten?“ „Vielleicht!“ ſagte Victor in ſeinen Erinnerungen forſchend,„wäre ich nicht ſo leicht uͤberzeugt geweſen, wenn ich nicht neulich bei einem andern Krankenbette ge⸗ wacht hätte— Du weißt, welches ich meine. Jetzt verſtehe ich die Worte, die Ausrufun gen, die ihm in den Augen⸗ blicken ſeines verworrenen Gemüthszuſtandes entfuhren.. —— 330 Geht aber denn das Alles ſo ruhig, ſo ſtill, daß es nur in den Herzen derjenigen wiederhallt, die es am nächſten angeht?“ „Ja, ſei überzeugt, daß es nie weiter kommt!“ „Um ſo beſſer— das geſchieht zu ihrem Intereſſe.. doch wir— was meinſt Du?“ „Ich meine, Du darfſt das Beſte hoffen, wir Alle haben Urſache zu hoffen, ſofern... Doch ſt!— was höre ich?.... es iſt Karl, der mit Hildur in den Saal kommt! Du ſollſt ſehen, daß.... daß....“ Thekla wurde ganz bleich. „Beruhige Dich, Thekla! es wird nichts entſchieden, das Du hernach nicht ändern könnteſt: doch muß ich Dir ſagen, daß Deine Ahnung ganz richtig iſt, denn Karl und ich waren einig geworden, heute unſer Schick⸗ ſal entſchieden zu ſehen.“ „Gut!“ erwiederte Thekla mit einiger Zerſtreutheit— „verlaß mich nun, ich gehe zu Roſa!“ Hildur, mehr todt als lebendig, ſank faſt athemlos auf den Stuhl, zu welchem Karl ſie geführt hatte. „Aengſtigt mein bloßer Wunſch, allein mit Dir zu reden, Dich ſo ſehr?“ ſagte Karl in einem Tone, der eher traurig als rauh war. „Ach, alle dergleichen Geſpräche haben einen An⸗ ſtrich von Zwang— man iſt gleichſam an einen ein⸗ zigen Gedanken gebunden!“ „Darf ich fragen, wie der Gedanke lautet, der Dich jetzt bindet?“ „Der Gedanke,“ entgegnete Hildur ſeufzend,„wel⸗ chen ich immer zu entfernen ſtrebe, daß Du einſt, viel⸗ leicht bald, ja wohl gar in dieſem Augenblicke die Er⸗ füllung meines Verſprechens begehren wirſt!“ „Du räthſt nicht übel: ich hatte wirklich dieſe Ab⸗ t 44 Hildur ſchwieg. Kar bald in wärts be En „Hi Frage v begehre; nicht du falſchem gebührt. wage ich wiſſen! achte al bitten, u Hild Lippen bringen. „De weil aue „S Deine A „Ur „, s nur ichſten 44 eeſſe.. r Alle — was Saal dieden, uß ich denn Schick⸗ geit— emlos dir zu 2, der An⸗ n ein⸗ Dich „wel⸗ „viel⸗ ile Er⸗ e Ab⸗ Karl ging im Zimmer auf und ab, wie es ſchien, bald in tiefe Gedanken verſenkt, bald ſeine Braut ſeit⸗ wärts betrachtend. Endlich trat er wieder zu ihr. „Höre mich, Hildur! Ich will Dir eine andere Frage vorlegen, ehe ich die Erfüllung Deines Verſprechens begehre; doch erſuche ich Dich von Herzen, daß Du dich nicht durch eine falſche Delikateſſe, durch eine Art von falſchem Gefühl verleiten laſſen mögeſt, die Wichtigkeit. dieſer Frage zu überſehen— Du mußt ganz aufrichtig ſein, denn ich habe das Recht, von Dir Aufrichtigkeit zu fordern!“ „Ich will ſo aufrichtig ſein, wie Du wünſcheſt!“ „Willſt Du Dich denn auch nicht davon beleidigt fühlen, daß ich dieſe Probe von Dir begehre?“ „Karl, Du hegſt gegen Dich ſelbſt allzu viel Achtung, als daß Du ein Mädchen beleidigen willſt: was Du mich alſo fragſt, will ich ſchon im Voraus als ein Recht betrachten, und glauben, daß es Dir zu erfahren ebührt.“ 4 eee für dieſe Geſinnung, gute Hildur! Nun wage ich vertrauensvoll eine Berufung auf Dein Ge⸗ wiſſen!... Kann ich, der ich meine Ehre faſt höher achte als mein Leben, ohne dieſelbe zu verletzen, Dich bitten, unſern Hochzeittag zu beſtimmen?“ Hildur wurde roth wie Blut, verſuchte einigemal die Lippen zu öffnen, vermochte aber kein Wort hervorzu⸗ bringen. „Deine Gemüthsbewegung iſt in der That ſtark!“ ſagte Karl mit gerunzelter Stimme. „Ja,“ ſtotterte Hildur,„das kommt aber daher, weil auch Deine Frage ziemlich ſtark war.“ „Sie war nothwendig, und.... nun erwarte ich Deine Antwort!“ „Und auf dieſer Antwort beruht unſer Schickſal?“ „Natürlich!“ „Das heißt, wenn ich.... Nein, Karl, Du haſt Dich nicht deutlich genug ausgedrückt; Deine Ehre kann unmöglich durch ein Nichts verletzt werden— wir müſſen uns gegenſeitig verſtehen!“ „Ich will Dir gar keinen Zweifel übrig laſſen, wie ich die Beantwortung meiner Frage verſtehe!“ „Nun?“ „Bei unſerer Verlobung ſagteſt Du, Deine Gefühle wären für den, welcher ſie noch vor Kurzem beſaß, gänzlich erkaltet.“ „Das ſagte ich, Karl: aber ich bin überzeugt, daß Du mich beſſer beurtheilteſt, als ich ſelbſt damals im Stande war, da mein Gemüth in ſo mancher Hinſicht verletzt und gereizt war.“ „Ja, das that ich wirklich: ich glaubte nicht, daß Deine Liebe ſo verkohlt war, wie Du ſelbſt glauben wollteſt.“ „Und dennoch meinteſt Du damals nicht, daß Deine Ehre verletzt würde durch die Vereinigung mit einem Mädchen, das nicht mehr im Stande war, ihre Gefühle zu geben?“ „Unter anderen Verhältniſſen, als damals Statt fanden, würde ich derjenigen, nach deren Herzen ich nicht zu gleicher Zeit hätte ſtreben köͤnnen, nimmermehr meine Hand angetragen haben; ſo wie aber die Sachen damals ſtanden, ſo hatte ich nicht das Recht, mehr zu verlangen— ich will mich entſinnen, daß wir uns unſre inneren Verhaͤltniſſe ganz offen vertrauten!“ „Deſſen entſinne ich mich ebenfalls!“ „Entſinnſt Du Dich denn aber auch unſeres gegen⸗ ſeitigen Verſprechens, daß wir ſuchen wollten, einander würdig zu werden und die Gefühle zu beſiegen, welche mit unſern neuen Pflichten im Streit wären?“ „Ja wohl!“ „Haſt Du Dein Verſprechen gehalten, Hildur?“ „Haſt Du das Deinige gehalten, Karl?“ „Ja, bei Gott, und ich glaube auch, Du haſt das ſehen können!“ „Du willſt alſo ſagen, daß Du ſie, der Du vor⸗ mals Dein ganzes Herz weihteſt, nicht mehr liebſt?“ ———ꝗꝙ—— „W würde ic Dir ein glauben, größten Gefühl ſelben n keinen e gewechſel Steht es ſagen, d dieſe Au Titel me achteſt 77 8 einer Ni I Du währ Ohren e rungen; bindung Hil darauf ſ „Ne und und eine unb eine ben denn, K meinem? Augen ei geſehen, rung geft ſeine Au „Da Antworte Du unſe müſſen n, wie hefühle beſaß, t, daß uls im inſicht , daß auben Deine einem efühle Statt en ich rmehr Sachen ehr zu unſre gegen⸗ nander welche ——— „Wenn ich Dir eine ſolche Verſicherung gäbe, ſo würde ich ſelbſt meine Ehre verletzen, denn da ſagte ich Dir eine Unwahrheit; dagegen aber kannſt Du mir glauben, wenn ich Dich verſichere, daß ich mit dem größten Ernſte und mit kraftvollem Willen gegen dieſes Gefühl angearbeitet, und daß ich dem Gegenſtande deſ⸗ ſelben niemals die geringſte Schwäche verrathen habe: keinen einzigen Blick, kein einziges Wort haben wir gewechſelt, die Du nicht hätteſt ſehen und hören können. Steht es auch ſo mit Dir und Victor? Ich muß Dir ſagen, daß es mir anders vorgekommen iſt, und eben dieſe Aufrichtigkeit fordere ich— denn haſt Du den Titel meiner Braut, den Du trägſt, nicht geachtet, ſo achteſt Du gewiß auch nicht den Titel meiner Gattin.“ „Sage mir ganz offen: was verſtehſt Du unter einer Nichtachtung dieſes Titels?“ „Wenn Du ihn eine einzige Minute vergeſſen, wenn Du während meiner Monate langen Abweſenheit Deinen Ohren es geſtattet hätteſt, auf unerlaubte Liebeserklä⸗ rungen zu lauſchen!“ „Wenn ich nun Ja ſagte, wäre da unſere Ver⸗ bindung gebrochen?“ „Das wäre ſie!“— Hildur verſank einige Augenblicke in Nachdenken; darauf ſagte ſie ſchnell: „Nein, ich bin jetzt nicht länger das leichtſinnige und unbedachtſame Weſen, das ich früher war! Durch eine unbewußte Unwahrheit wurde ich Deine Braut— eine bewußte ſoll unſer Band nicht löſen. So höͤre denn, Karl: ich habe es nie vergeſſen, daß ich an meinem Finger Deinen Ring trage; ich habe in Victor's Augen eine neuerwachte, weit tiefere und feurigere Liebe geſehen, als ſeine erſte war: aber ich bin jeder Annähe⸗ rung geflohen, und noch in dieſem Augenblick haben nur ſeine Augen, ſein Weſen ſie verrathen.“ „Dank, Hildur! Dank von meinem ganzen Herzen!.. Antworte nun auf meine zweite Frage: wann beſtimmſt Du unſern Hochzeittag? Das muß bald geſchehen, denn — ef wenn wir unſere Hochzeit gefeiert haben, wird es eſſer.“ Hildur betrachtete Karl mit einem forſchenden Blicke! „Biſt Du gewiß, Karl, daß es da nicht erſt recht ſchlimm wird?“ „Es iſt meine feſte Ueberzeugung, daß wir uns beſſer kennen lernen, wenn wir uns erſt ſelbſt überlaſſen ſind, und dann auch mit feſtem und aufrichtigem Willen Alles zu überwinden ſuchen, was ſich jetzt zwiſchen uns legen will. Und, theure Hildur, fürchte nicht, daß ich ſo kalt und ernſt bleibe wie jetzt: nein, da wird Alles natürlicher, als unter dieſem ewigen Zwange— Du ſollſt ſehen, daß ich Dir das Leben nicht ſo ſauer machen werde, als Du jetzt zu fürchten ſcheinſt.“ „Doch, Karl! laß mich Dir auch eine Frage vor⸗ legen: da wir uns beide nicht lieben, wozu dient es denn, dieſe Vereinigung zu vollenden?“ Karl's Wangen überzogen ſich mit einer ſtarken Röthe.„Das machten wir ja ſchon vor einem Jahre ab; ich ſeh ne mich nach dieſem Hafen, als dem Ende aller dieſer Unruhen.“ „Aber Du ſollteſt warten, bis Dein Herz von Neuem redete!“ „Da müßte ich gewiß allzu lange warten! Und dann— hältſt Du mein herzliches Gefühl gegen Dich für gar nichts? Glaube mir, für ſo wenig Du das hältſt, was ich für Dich empfinde, ſo könnte ich es viel⸗ leicht nie für eine Andere empfinden!“ Ein tiefer Seufzer entwand ſich Hildur's Bruſt. „Gib mir Bedenkzeit bis morgen!“ „So lebe denn wohl bis morgen!— Gott ſegne Dich!“ „Lebe wohl!“ Karl ging. „Herr Lieutenant!“ ſagte Betty, die in der Hausflur Karl entgegen kam,„Mamſell Thekla befahl mir, Ihnen dieß zu geben!“ Sie gab ihm ein Billet. bei Ka leiſe, de Worte ganz di men ko Th dieſes ihr ſo ſtürzung ſtehen vor ſein der Ein weiß, de dird es Blicke! hlimm r uns rlaſſen Willen en uns daß ich Alles — Du machen ge vor⸗ denn, ſtarken Jahre n Ende Neuem Und n Dich Du das es viel⸗ uſt. ſegne ausflur Ihnen Mehrere Minuten, nachdem Betty ſchon verſchwun⸗ den war, ſtand Karl noch da mit dem Briefchen in der Hand. Er war ſchrecklich bleich, und die Hand, welche dieſes Papier umſchloß, das von ihr gekommen war, welche auf ewig zu vergeſſen er ſo eben heilig gelobt hatte, zitterte heftig. Endlich trat er an das Fenſter, brach das Siegel und las: „Wenn Du Zeit haſt, mir eine Viertelſtunde zu ſchenken, ſo komme in das Zimmer meiner Dhatee ekla.“ „Ja, dieſe Prüfung fehlte auch noch! Sie will wohl mit mir über die Jochzeitsfeierlichkenten u Rathe ehen— oder ſollte ſie für Hildur um Erbarmen itten wollen?... Ja, ſo iſt's: Victor iſt vielleicht frei, und...“ In dem Cabinette ihrer Mutter ſaß Thekla nach⸗ läſſig in dem indiſchen Wiegenſtuhl und barg das Ge⸗ ſicht in beiden Händen. Ihre innere Bewegung hinderte ſie vermuthlich, bei Karl's Eintritt aufzuſehen; denn er ging nicht ſo leiſe, daß es nicht zu hören geweſen wäre. „Du haſt mich gerufen!“ Karl ſagte dieſe wenigen Worte ziemlich ungenirt, doch lag in der Stimme nicht ganz die Feſtigkeit, deren Karl ſich im Allgemeinen rüh⸗ men konnte.. Thekla zog die Hände von dem Geſichte zurück: dieſes glühte von Röthe und Thränen; es hatte einen ihr ſo ganz unähnlichen Ausdruck, daß Karl vor Be⸗ ſtürzung und Gemuthsbewegung unbeweglich vor ihr ſtehen blieb. „Karl!“ ſagte ſie in einem Tone, wie er kaum jemals vor ſeinen Ohren geklungen hatte,„was denkſt Du von der Einladung, die Du von mir erhalten haſt? Ich weiß, daß Du nicht im Stande biſt, mir etwas Anderes 336 zu ſagen, als was Du denkſt... doch nimm Dir einen Stuhl, guter Karl, und ſetze Dich neben mich: unſer Geſpräch iſt vielleicht nicht allzu kurz!“ Mechaniſch zog Karl ein Tabouret zu dem Wiegen⸗ ſtuhl, in welchem ſie ſo anmuthig ruhte; doch da er jetzt neben ihr ſaß, war ſie genöthigt, die Frage zu erneuern, ehe er im Stande war, zu antworten. „Ich dachte,“ ſagte er,„Du wollteſt mit mir über Hildur und Victor reden— und ich ſtellte mir vor, daß Du vielleicht ſchon ein Beiſpiel⸗gegeben hätteſt, zu deſſen Nachfolge Du mich auffordern wollteſt.“ „Ja, ſo iſt es wirklich! Ich habe keinen Grund ge⸗ funden, Victor zurückzuhalten: ſeine Illuſion iſt ver⸗ ſchwunden, und es wäre eine um ſo unverzeihlichere Grauſamkeit von mir geweſen, wenn ich ihn dafür hätte ſtrafen wollen, als ich ihm bei unſerer Verlobung das Verſprechen gab: wenn er nach einer Prüfungszeit von einem Jahre anderer Meinung geworden wäre, als er damals war, ſo ſollte er in dieſem Falle ſeine Freiheit zurück erhalten.“ „War Cure Verlobung ſo bedingungsweiſe?“ Karl bemühte ſich, ſeine Ueberraſchung zu verber⸗ gen, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. „Ja, das glaubte ich Victor und auch mir ſelbſt ſchuldig zu ſein.“ „Ich habe wohl nicht das geringſte Recht, zu fragen: weßhalb denn das?“ „Das Recht magſt Du gerne haben, wenn Du ſo willſt. Doch bitte ich Dich, dieſe Frage ſo lange zu verſchieben, bis ich Deine Antwort erhalten habe auf eine andere Frage, die ich Dir vorzulegen wünſche.“ „Karl's Antwort lag in ſeinem Blicke. „Was hat nach Deiner Meinung den höchſten Werth, die Wirklichkeit oder der Schein?“ „Thekla! wie kannſt Du ſo fragen?“ „Weil ich Dich ſo gut kenne, Karl! Jetzt glaubſt Du, es ſei gegen Deine Würde— das heißt: was die Welt als Deine Würde betrachtet, alſo der äußere Schein beſitzt, a ſinniges men Ver r einen : unſer Wiegen⸗ er jetzt tneuern, ir über or, daß u deſſen und ge⸗ iſt ver⸗ hlichere ir hätte ng das heit von als er Freiheit verber⸗ r ſelbſt fragen: Du ſo nge zu abe auf he 74 Werth, glaubſt bas die Schein — wenn Du Deine Hochzeit mit Hildur nicht feierſt, welche ein volles Jahr beſchloſſen geweſen iſt: die Welt würde ja, wenn auch dieſe Verlobung gelöst würde, ein Recht zu haben vermeinen, eine Maſſe von Dingen zu ſchwatzen, gegen welche Du nicht gleichgültig biſt?“ „Nun ja,“ entgegnete er erröthend,„man muß der Welt keinen Anlaß zum Plaudern geben!“ „Ein gelinder Grad von Ungeduld offenbarte ſich in ihrem Weſen. „Iſt denn Dein Egoismus ſo groß, Karl, daß Du, um Dich einer ſo geringen Unannehmlichkeit nicht zu unter⸗ werfen, lieber das Gluͤck zweier Menſchen opferſt? Und glaube mir, jetzt, nachdem ſie dieſe Prüfung überſtanden, dieſe Erfahrungen gemacht haben, jetzt werden ſie es wiſſen, ſich beſſer in Schranken zu halten: jetzt haben ſie es einſehen gelernt, daß das Gluͤck, wenn man daſſelbe beſitzt, allzu koſtbar iſt, als daß man es auf ein leicht⸗ ſinniges Spiel ſetzen ſollte.“ Karl verblieb ſtill; ſeine Augen wagten nicht Thekla's Blicke zu begegnen. „Du ſchweigſt?... Könnte es möglich ſein,“ fuhr ſie mit einer Beherrſchung fort, die ihr gewiß die größte, unerhörteſte Anſtrengung koſtete,„daß dieſe unangeneh⸗ men Verhältniſſe ſich von einer neuen Seite verwickelt hätten— ſollteſt Du, Karl...“ Karl erhob langſam den Blick zu ihr:„Was meinſt Du?“ „Sollteſt Du vielleicht Deinerſeits jetzt den Ein⸗ fluß der Reize und der Liebenswürdigkeit Hildur's kennen gelernt haben?“ Karl ſchüttelte nur den Kopf; in dieſer Bewegung aber lag eine ſo beſtimmte Merneiuus. ja beinahe ein Verdruß, daß Thekla fühlte, wie die eſinnung zurück⸗ kehrte— ſie meinte vor einem Augenblick dieſelbe bei⸗ nahe verloren zu haben. „Nun, Karl, welche Antwort haſt Du alſo zu geben?“ „Daß ich reiſe, ſobald ich hinüber kommen kann!“ „... Und daß Du ſchon heute Hildur von ihrem Der Jungferthurm. Iv. 22 338 Worte löſeſt? Du kannſt dabei nicht leiden, wenn Du ihr Glück ſiehſt!“ „Kann ich dabei nicht leiden?“ ſagte Karl bitter urde befläts einen langen vorwurfsvollen Blick auf hella. „Nein, warum ſollteſt Du das?“ „Ach, Thekla, dieſer Hohn iſt Deiner nicht würdig! Wenn ich jenes Bild von einer verfloſſenen Zeit vor meine Augen treten ſehe, werde ich daſſelbe wohl mit Gleichgültigkeit betrachten können?“ „Du verſtehſt mich ganz falſch, Karl! ſollte ich die Abſicht haben, Dich zu beleidigen, und noch dazu auf eine ſo undelicate Weiſe?“ „Die Art und Weiſe haſt Du nie ſo genau erwo⸗ gen, wenn es darauf angekommen iſt, mich zu beleidigen! Doch vergib— das iſt ein Gegenſtand, der...“ Er ſtand auf, hob das Tabouret auf die Seite und griff nach ſeinem Hut. Das hatte Thekla nicht erwartet. Hier gerieth ihr Stolz in einen harten Kampf mit ihrer Liebe. Karl war von ihr tief beleidigt worden; er konnte von einer Veränderung in ihrer Geſinnung gar nicht träumen, ſie hatte ſelbſt geſagt, daß dieſe un⸗ veränderlich wäre— und was konnte er daher anders thun, als dem edlen Selbſtgefühle folgen, das ihm gebot, ſie zu verlaſſen?... Ginge er aber jetzt, wie war es da möglich, wieder zurückzukommen auf einen Gegen⸗ ſtand, den er nicht Recht zu haben meinte, ferner zu be⸗ rühren? Sollte ſie um eines unſtatthaften Stolzes willen dieſen ganzen Himmel, von dem ſie nun ſchon ſtunden⸗ lang geträumt hatte, auf's Spiel ſetzen? Wäre nicht dieſe Schwäche unter ihrer Würde, unter einer reinen und wirklichen Liebe? Karl hatte vor ihr ſtehend die wechſelnden Bewe⸗ gungen auf ihrem Anlitze betrachtet. Eine unbeſtimmte Ahnung, eine blitzesähnliche Hoffnung wollte ſeinem Herzen nahen; vic nun dachte er wieder an Thekla's Charakt verſchwo und ver; der See zu mir ſame S. der anfe zahlloſen laß mich denn Di Deine 1 Herzens „Dr unvorher dieſen G könnte, i die Du „O wollte Dir verz wie ich g werden n 2 Se ſuchen, T dunkel ge Karl er ſo trei ihre Han entziehen Herz von die demſe „Vor 1, wenn el bitter lick auf würdig! zeit vor ohl mit llte ich dch dazu u erwo⸗ eidigen! 74 eite und npf mit vorden; ſinnung eſe un⸗ anders n gebot, war es Gegen⸗ zu be⸗ willen tunden⸗ re nicht reinen Bewe⸗ ſtimmte ſeinem hekla's Charakter, und ſowohl die Ahnung, als auch der Blitz verſchwanden. „Du haſt nichts weiter zu befehlen?“ „Nein, Karl; doch möchte ich wünſchen... daß Du nicht ſo förmlich wäreſt, wenn Dir dieß nicht allzu fremd vorkommt!“ „Thekla!“ ſagte Karl in einem ſo ernſten, tiefen und verzweifelnden Tone, daß er Thekla in das Innerſte der Seele drang,„was können dieſe Worte von Dir, zu mir geredet, bedeuten? Du wirſt doch wohl das grau⸗ ſame Spiel mit meinem Herzen nicht von Neuem wie⸗ der anfangen wollen? Es iſt noch nicht geheilt von den zahlloſen Wunden, die Du ihm gegeben haſt— und laß mich hinzufügen, daß es auf ewig ungeheilt bleibt, denn Du raubteſt mir, was mir noch theurer war, als Deine Liebe: den Glauben an die Reinheit Deines Herzens!“ „Doch, Karl, wenn ich durch ein in jener Zeit unvorhergeſehenes Ereigniß jetzt im Stande wäre, Dir dieſen Glauben zurückzugeben— wenn ich Dich zwingen könnte, über die unvortheilhaften Gedanken zu erröthen, die Du von mir gehegt haſt?“ „O Gott, wenn Du das vermöchteſt, wenn Du das wollteſt, dann, Thekla, dann ſchwöre ich es, ich würde Dir verzeihen, daß Du mich nicht ſo lieben konnteſt, wie ich gegen das Ende unſerer Verbindung geliebt zu werden wünſchte!“ „Setze Dich wieder zu mir, Karl, ſo will ich ver⸗ ſuchen, Dir dasjenige klar zu machen, was Dir ſo lange dunkel geweſen iſt!“ Karl nahm nun dicht neben derjenigen Platz, welche er ſo treu und ſo lange geliebt hatte; er wagte ſogar ihre Hand zu nehmen, und da ſie ihm dieſelbe nicht zu entziehen ſuchte, ſo konnte er es nicht hindern, daß ſein Herz von Neuem von Hoffnungen zu ſchwellen begann, die demſelben ſo lange fremd geweſen waren. „Von wo wollen wir ausgehen?“ fragte Thekla. 340 „Von dem Zeitpunkte, da ich den Schmerz zuerſt kennen lernte. Wir waren nicht lange, kaum ein hal⸗ bes Jahr, verlobt geweſen, ſo fingſt Du ſchon an, zu allerlei Ausflüchten Deine Zuflucht zu nehmen, ſobald von Hochzeit die Rede war.“ „Das kam daher, Karl, weil ich ſchon einige Mo⸗ nal nach unſerer Verlobung eine ſchreckliche Entdeckung machte.“ „Ich weiß, ich weiß: daß Du Dich ſelbſt getäuſcht hatteſt, daß Du mich nicht liebteſt,— ja, das habe ich genug fühlen müſſen!“ „Na täuſcheſt Du Dich, Karl: das war es nicht!“ „Nicht?“ „Nein! Wenn ich Dir hernach kalt und immer käl⸗ ter erſchien, ſo kam das nicht daher, weil ich mich in meinem Gefühle irrte, ſondern darum, weil ich viel⸗ leicht das Deinige verkannte.“ „Unmöglich! Du ſagteſt mir ja oft: gerade ſo, wie unſere gegenſeitige Liebe wäre— ruhig, voller Ver⸗ trauen, ohne Heftigkeit— ſo gefiele ſie Dir am beſten!“ „So ſagte 19 aus zwei Gründen: ich war allzu ſtolz, um Dir einen Schimmer von Gefühlen zu zeigen, welche wärmer waren, als die Deinigen in meinen Augen — und dann war ich zufolge der Entdeckung, die ich eben erwähnt, gewiſſermaßen zufrieden damit, daß kein innigeres Verhältniß eintrat.“ „Ehe Du mir das Letztgenannte erklärſt, ſo ſei ſo edel und laß mich eine Secunde bei dem Erſten, bei unſeren Gefühlen, verweilen!“— „Nein, nein, noch nicht!“ fiel ſie erröthend ein: „Du mußt zuerſt das Bitterſte erfahren— doch vergiß nicht: was ich jetzt zu ſagen gedenke, das iſt ein Ver⸗ zrior, welches ich Deiner Ehre und nicht Deiner Liebe mache!“ „Sei ruhig!“. Ja, ich bin es! dieſe Entdeckung betraf die Gemüths⸗ nrheit meines Vaters: einige Worte ließen mich ahnen, ꝗ„„ 74 mit wele Verbindr der einer ben und „Gl leicht wu ... ach, liſche Fr dieſer edl es ſich ol „Fr aufhielt? uns. Un ſeine wi. Befürchtu Gott für mich— ich ſah a — nichts haßt und Schatten 3 zuerſt ein hal⸗ an, zu ſobald ge Mo⸗ tdeckung getäuſcht jabe ich nicht!“ ner käl⸗ mich in ſch viel⸗ ſo, wie r Ver⸗ beſten!“ r allzu zeigen, Augen die ich aß kein ſei ſo een, bei nd ein: vergiß n Ver⸗ r Liebe müths⸗ ahnen, „Was?“ fiel Karl ein und bückte ſich tief zu ihr herab. „... Daß ein Verbrechen von ſchrecklicher Beſchaffen⸗ heit ſeine Hände beſudelt hätte. Doch wußte ich nichts mit Gewißheit: es war eine Ahnung, aber ſie hatte alle Wahrſcheinlichkeit für ſich.“ „Nun?“ Es lag eine ungewöhnliche Haſtigkeit in Karl's Ton. „Nun wohl, Karl— gequält von den Gedanken: vielleicht ziehſt Du dereinſt Entehrung herab auf ihn, mit welchem Du Dich verbunden haſt, wenn Du dieſe Verbindung vollendeſt, konnte ich nicht anders, als von der einen Zeit zu der andern unſere Hochzeit aufzuſchie⸗ ben und zuletzt, da Du mich beſtimmt aufforderteſt, den Tag derſelben zu beſtimmen, unſere Verbindung ganz zu brechen.“ „Dieſer Entſchluß wurde Dir aber wohl leicht,“ fiel Karl faſt athemlos ein—„ſonſt hätteſt Du nicht die Kraft gehabt, ihn auszuführen?“ „Glaube, wenn Du ſo willſt, Karl, daß er mir leicht wurde!“ „O, daß ich alles Andere glauben könnte! Sage ach, gönne mir für alle meine Leiden dieſe himm⸗ liſche Freude!... ſage: widerſtrebte nicht Dein Herz dieſer edlen, allzu edlen und ſtarken Handlung? Ergab es ſich ohne Kampf?“ „Fragſt Du ſo, Karl, da ich Dich drei Jahre lang aufhielt?.. Doch höre weiter! Es war aus zwiſchen uns. Um dieſe Zeit wurde mein Vater krank, und durch ſeine wilden Fieberphantaſien ſtieg meine ehemalige Befürchtung zur Gewißheit— da, Karl, da dankte ich Gott für dasjenige, was ich gethan hatte. Du liebteſt mich— ich wurde davon nicht nur uͤberzeugt, ſondern ich ſah auch, daß Du mich wahrhaft und innig liebteſt — nichtsdeſtoweniger aber würdeſt Du die Gattig ge⸗ haßt und verabſcheut haben, die einen unverbeſſerlichen Schatten auf Deine Ehre geworfen hätte. 342 „Nein, nein! Du hältſt mich für ſelbſtſüchtiger und ſchlechter, als ich wirklich bin! Ich ſchwöre Dir bei Gott, ſo bitter auch dieſe Entehrung, von welcher Du redeſt, mich gekränkt haben würde, ſo wäre ich dennoch nie⸗ mals im Stande geweſen, Dich weniger zu lieben!“ „Kann wohl ſein; aber ich wäre geſtorben durch Deine Betrübniß— und dann Deine ſtolze Mutter!... Nein, es war mir unmöglich, und deßhalb, um mich vor Dir ganz ſicher zu ſtellen, beſchloß ich in demſelben Augenblicke, da Dein Brief ankam, Victor's zu jener Zeit ſo warmen Wunſch zu erhören.“ „Was ſagſt Du? O mein Gott! alſo nur um vor mir zu fliehen...“ „Nur darum verlobte ich mich mit Victor.“ „Und er?“ „Er wußte was mich zu meinem ſchnellen Entſchluſſe trieb. Bictor hatte mit mir an dem Krankenbette meines Vaters gewacht, er war eingeweiht in das ſchreckliche Familiengeheimniß; er war überdieß allein in der Welt, ihn beherrſchte kein allzu großer Stolz— kurz: da ich an mein Gelübde die Bedingung einer Prüfungszeit von einem Jahre band, konnte ich ihm daſſelbe geben.“ „Und Du ſagteſt ihm, ſagteſt ihm offen, daß...“ „... Daß ich darein willigte, die Seine zu werden, weil ich Dich allzu ſehr liebte, um mich mit Dir zu verbinden.“ In demſelben Augenblicke, da Thekla dieſe Worte ausgeredet hatte, lag Karl zu ihren Füßen. „Thekla, Thekla! Deine Seele iſt allzu groß, allzu edel und rein, um mit der meinigen recht einig werden zu können, denn erſt in dieſem Augenblicke faſſe ich die Panze unermeßliche Tiefe Deiner Liebe, Deines Opfers! u wurdeſt grauſam, wurdeſt ſelbſtſüchtig gegen einen Andern, weil...“ ...„Weil ich Dich um jeden Preis retten wollte. Du ſiehſt es jetzt ein, wie verzeihlich es war, daß Victor zu ſeiner erſten Liebe zurückkehrte!“ „Wie verzeihlich? Sage lieber: wie über alle Be⸗ 7 meinte Kopf un jenem 2 weißt ni „S Du mia Welt! 8 Du mic für eine ich weiß nichts de wiſſenden grenzenl Komme ſicher ru ger und dei Gott, i redeſt, och nie⸗ en!“ n durch ter... m mich mſelben zu jener um vor tſchluſſe meines reckliche r Welt, da ich geit von 1.“ d...“ werden, Dir zu Worte , allzu werden ich die Opfers! a einen wollte. Victor lle Be⸗ ſchreibung glücklich, denn für dieſes Glück können wir ott nie genug preiſen; denn hätte er Dich fortwährend geliebt... „So waͤre ich ſeine Gattin geworden— und Du kannſt überzeugt ſein, welche Urſache auch unſere Ver⸗ einigung geknüpft hätte, ſo würde ich es immer für maise höchſte Pflicht erachtet haben, ihn glücklich zu machen!“ „Und ich, der ich in der Fieberhitze über Deine ver⸗ meinte Untreue, Dein unwürdiges Betragen, Hals über Kopf um Hildur's Hand mich bewarb!... Doch an jenem Abende war ich meiner Sinne nicht mächtig!“ „Das verſtand ich; doch nie, nie kannſt Du meinen unerhörten Schmerz faſſen, da ich ſah, daß meine Auf⸗ opferung vergeblich war!“ „Ja, ja, mehr denn zu gut!“ „Vereint mit Hildur ſchwebte ja das gleiche Schick⸗ ſal über Deinem Haupte!“ „Großer Gott!“ rief Karl aus, indem er ſeine Arme feſt um die Geliebte ſchlang,„wollteſt Du vielleicht bloß darum dieſe Verbindung gebrochen ſehen? Nein, Du machſt mich von Neuem wahnſinnig!... Hörſt Du, Geliebte meiner Seele, meine Gattin!— denn mein ſollſt Du werden!— Du raubſt mir nicht noch einmal die Hoffnung... und die Hoffnung iſt ja das Leben!“ „Aber weißt nicht...“ „Still, ſtill! ich will weiter nichts wiſſen, als daß Du mich, mich allein, liebſt! Was kümmert mich die Welt! O Thekla, wie ſchlecht beurtheilteſt Du mich, da Du mich nicht allein für einen kalten, ſondern ſogar für einen kleinlichen Egoiſten hieltſt! Prüfe mich nun: ich weiß kein Wort von dieſem Verbrechen, will auch nichts davon wiſſen; aber ich ſchwöre Dir vor dem All⸗ wiſſenden, daß mein Glück in dieſem Augenblicke ebenſo grenzenlos iſt, als meine Liebe zu Dir tief und rein iſt! Komme was da will— an meinem Herzen ſollſt Du ſicher ruhen: ich habe in Dir einen Schatz gewonnen, u weißt ja noch gar nichts, Karl— Du 344 der mir Alles erſetzt, wenn ich das Uebrige auch ver⸗ lieren ſollte!“ „Dank, mein Karl! Aber Du darfſt mir die Schwäche nicht zutrauen, daß ich Dir dieß Alles mitgetheilt haben würde, wenn nicht mein peinigender Kummer jetzt be⸗ ſeitigt wäre. Vater iſt ſelbſt im Irrthum geweſen: der⸗ jenige, welchen er mit ſeiner Hand getödtet zu haben glaubte, iſt mit ihm verſöhnt, und darum...“ ...„Darum iſt Alles gut!... doch kann ich an dieſen Himmel glauben? Kann ich glauben, daß das Höchſte, nachdem ich getrachtet habe, jetzt mein iſt, mein durch Dein freiwilliges Geſchenk?“ „Ja, Karl, jetzt und auf ewig bin ich Dein! Aber laß uns unſer Glück noch in unſere eigene Bruſt ein⸗ ſchließen: Roſa...“ Karl ſeufzte tief; und in dem Seufzer paarten ſich Freude und Schmerz.„Ich ſoll wohl nicht noch ein Jahr warten?“ ſagte er forſchend und unruhig. „So ſteh doch nur für's Erſte auf, Karl! Bedenke, wenn Jemand ſähe, daß Karl Salzwedel ſo zu den Füßen eines Weibes läge! Karl, dieſe Art von Huldi⸗ duuanſ ganz neu für Dich!“ ſagte ſie mit einem feinen ächeln. „Bin ich denn nicht auch zu einem neuen Daſein geboren? Ach, ſei überzeugt, ich falle nicht zurück in meine ehemalige Steifheit, ſeitdem die ſchönſte Sonne des Lebens ſo warm auf meine Seele herabgeleuchtet hat! O Thekla, meine Braut!“ „Mein Karl!“ Sie neigte ſich zu ihm herab. In dieſem Augenblicke aber, da Zeugen am aller⸗ überflüſſigſten waren, ging die Thüre auf. Es war Victor. „O mein Gott!— bitte um Entſchuldigung!“ rief er heftig aus. Und ohne an einen Glückwunſch das geringſte Wörtchen zu verſchwenden, warf er die Thür wieder zu. In dieſe no einſtürzt 9 keit wiſſ zitternd, „D. ganzen fundenen Zeit zu; „De ſchieben nie wied „Ne „Dl geweſen glücklich G / „W Vergleich wollteſt niger liel „Wi „Ich Dich zu weihen w „Da h ver⸗ wäche haben tt be⸗ : der⸗ haben ich an ß das mein Aber t ein⸗ n ſich h ein denke, i den Huldi⸗ feinen daſein ück in Sonne that! aller⸗ *rief ingſte r zu. In dem Saale, wo Karl Hildur gelaſſen hatte, ſaß ieſeinoc immer, als plötzlich ihr alter Liebhaber her⸗ einſtürzte. „Aſdne, Hildur! willſt Du eine himmliſche Neuig⸗ keit wiſſen? Karl...“ „Nun?— Karl?“ „... Und Thekla... „Weiter!“ „O, mein Herz, mein Herz! es wird erſtickt von dieſem unermeßlichen, himmelhohen, unglaublichen...“ „Aber ſo rede doch— ich will nicht erſticken! Karl und Thekla?“ „. Sind auf's Neue und auf ewig verlobt!“ Oh!“ Hildur war aufgeſtanden, doch an allen Gliedern zitternd, mußte ſie ſich wieder ſetzen. „Du erblaſſeſt!“ ſagte Victor, indem er mit der ganzen Heftigkeit ſeiner feurigen Natur den wieder ge⸗ fundenen Schatz an ſich preßte.„Haben wir, wir wohl Zeit zu vergeuden? Laß uns alle Erörterungen ſparen!“ „Doch, Victor“— Hildur verſuchte ihn zurückzu⸗ ſchieben—„nun dürfen wir nie wieder... hörſt Du— nie wieder... leichtſinnig ſein!“ „Nein, nie wieder!“. „Du biſt ſehr, ja ſchrecklich grauſam gegen mich geweſen und ich glaube nicht, daß wir jemals wieder ſo glücklich werden können, als wir geweſen ſind!“ „Das iſt wahr!“ Wie?“ „Weil dasjenige, was wir jetzt empfinden, keinen Vergleich mit dem blaſſen Ehemals aushält— oder wollteſt Du vielleicht behaupten, daß Du mich jetzt we⸗ niger liebſt?“ „Wie iſt es denn mit Dir?“ „Ich, meine entzückende Göttin, habe aufgehört Dich zu lieben, weil ich Dir künftig eine Vergötterung weihen will, die alle Liebe weit übertrifft!“ „Das iſt gut— die nehme ich an!“ „Gott ſei gelobt dafür! Und Du?“ „O. ich will mir Mühe geben, daß ich mich wieder an Dich gewöhne!“ Und ſomit waren alle Erklärungen zu Ende. „Wenn uns dieſer Rauſch nur nicht tödtet!“ flüſterte Victor einige Secunden ſpäter, da er fühlte, wie Hil⸗ dur's Lippen an den ſeinigen glühten. „Was ſagſt Du, Victor?— Nennſt Du unſer Glück wieder einen Rauſch?“ „Sagte ich das? Nun, das iſt einerlei, da ich doch nie mehr nüchtern werde!“ Siebenundzwanzigſtes Capitel. Die Brüder und die Braut. An dem Morgen, der auf alle dieſe Auftritte folgte, welche wir in den beiden letzten Capiteln geſchildert ha⸗ ben, ſtand Albin vor Will's Bette, das nach dem Wunſche Beider in Albin's Zimmer gebracht worden war, und betrachtete mit tiefer Rührung den Sohn der Seufzer. Noch ſchlief Will. An dem geſtrigen Tage hatte das Gefühl des Glückes ſeinen Zügen Leben verliehen, doch die Nacht hatte jede Spur des Lebens und des Glückes wieder verweht: eine müde Erſchlaffung, ein ſchmachtendes Leiden lag über ſein ganzes Weſen ausgebreitet. In Betreff der Rettung Albin's von dem Fahrzeuge, deſſen Zuſammenſtoßen mit einem andern Will ſich voll⸗ kommen entſann, hatte er ihm Folgendes mitgetheilt: Nämlich Albin wäre, da er in der ſchrecklichen Nacht auf das Deck eilte, um ſich nach dem Unglücke zu er⸗ kundigen, von den Seeräubern hinweggefuͤhrt worden, doch hätte er hernach durch einen derſelben Gelegenheit erhalten, zu entkommen und ſich in dem kleinen Boote zu rett zeug b A durch theils nungen den ge entſtan ſie wu nahe 2 und do wären, Ei damit aufzuſe offen und da ganze Er Capita⸗ deckung Mutter Ueberze nach A der G dieſes glühend wunder theilte wie Ho⸗ hatte, ſelbſt ir M keit ſein welche zu ſtille ſeinem ſogar wieder lüſterte ie Hil⸗ unſer da ich folgte, rt ha⸗ zunſche , und ;er. blückes te jede : eine g über rzeuge, h voll⸗ eilt: Nacht zu er⸗ vorden, genheit Boote zu retten, aus welchem ihn hernach Bas in das Fahr⸗ zeug brachte, auf dem dieſer ſich damals befand. Auch ſeine übrigen Abenteuer erzählte Albin theils durch die Zeichenſprache, theils durch Schreiben und theils mittelſt kleiner mit der Bleifeder gemachter Zeich⸗ nungen von gewiſſen Scenen, denn die Brüder blieben den ganzen Tag bei einander. Und dieſe ſo plötzlich entſtandene Vertraulichkeit ſiel keinem Menſchen auf, denn ſie wurde augenblicklich dadurch erklärt, daß man die nahe Verwandtſchaft Will's und Albin's entdeckt hatte, und daß dieſe als Knaben ſo oft zuſammen gekommen wären, daß das wärmſte Freundſchaftsband ſie vereint hätte. Einen Theil der Stunden der Nacht hatte Albin damit zugebracht, einen Bericht an ſeinen Pflegevater aufzuſetzen, einen Bericht, welcher zu gleicher Zeit ſo offen war, wie es ſeinen ſehnlichen Gefühlen oblag, und dabei doch ſo vorſichtig und ausweichend, wie ſeine ganze ſchwierige Lage es heiſchte. Er erzählte ihm das Zuſammentreffen mit dem Capitain Donnert nebſt gewiſſen Theilen ſeiner Ent⸗ deckungen, die doppelte Wirkung des Briefes, den die Mutter Steuermann geſchrieben, nebſt ſeiner innigſten Ueberzeugung, daß Gott ſelbſt ihn zu ſo gelegener Zeit nach Wisby geſendet hätte, um den entfliehenden Geiſt der Geliebten zurückzurufen. Nachdem nun Alles dieſes— das Letzte natürlich vor allem Andern— mit glühenden Farben geſchildert war, ging er über zu dem wunderbaren Wiederfinden ſeines ſtummen Will, und theilte ſeinem Pflegevater in Betreff der Art und Weiſe, wie Holgerſen ſeinen Vater und ſeinen Bruder gerettet hatte, ganz genau die Geſchichte mit, welche Holgerſen ſelbſt in Molde aufgetiſcht hatte.. Mit Worten, die den ganzen Adel und die Feſtig⸗ keit ſeines Charakters verriethen, berührte er die Pflicht, welche ihm gebot, den Sturm in ſeinem eigenen Herzen zu ſtillen, um ſich ganz und ausſchließlich mit Will und ſeinem Glücke beſchäftigen zu können— ein Ziel, das ſogar während der jetzt überſtandenen Krankheit ihm 348 vorgeſchwebt hatte; und zuletzt folgten einige vorſichtige Zeilen über Roſa's Krankheit, welche mit folgenden Worten endigten: ...„Wir haben uns noch nicht wieder geſehen; heute aber denke ich, ſtark in der Kraft meiner Pflicht und meines redlichen Willens, dieſes Glück zu begehren. Ich weiß, daß ich daſſelbe erhalten werde, weiß aber auch, daß ich nicht im Stande bin, es zu mißbrauchen. Ich habe Gott um Beiſtand angerufen, um ſelbſt ihr ſchö⸗ nes und unſchuldiges Herz zu den Pflichten hinzuleiten, welche ſie Will gelobt hat...“ Beruhigt und beſänftigt durch das troſtreiche Gefühl, welches immer auf den Erguß großer Seelenleiden folgt, ſtand Albin, wie oben erwähnt, vor dem Bette ſeines Bruders, und da er in Gedanken alle bitteren Tage durchging, die Will verlebt hatte, da er ſich aller ein⸗ zelnen Züge aus dem freudearmen Leben des Jünglings entſann, welche er an dem geſtrigen Tage geſammelt hatte, da empfand er unbeſchreibliche Gefühle von Glück⸗ ſeligkeit bei dem Gedanken, daß Vater und Mutter im Himmel ſähen, wie er, Albin, ſein Verſprechen hielte. Ueberdieß lag jetzt kein Fünkchen von Bitterkeit in der Entſagung mehr, denn von dem Augenblicke an, da er der Spur aller Kämpfe ſeiner Roſa, ihrem ſtarken und feſten Widerſtreben, gefolgt war, und ſie, ſein Ideal, wiederum rein wie ein Engel, ja herrlich wie ein Engel mit der Märtyrerkrone, vor ſeiner Seele ſtand, von die⸗ ſem Augenblicke an, da er noch überdieß die zu gleicher Zeit ſchreckliche und beſeligende Gewißheit erhalten hatte, daß ſie um ihrer Liebe willen ihr Leben hatte geben wollen, konnte er entſagen— denn war nicht auf je⸗ den Fall das höchſte Loos ihm zugefallen? „Und Du, ehrlicher Kamerad, der Du mit Deiner Treue ihm die Bitterkeit ſeines Lebens verſüßeſt,“ ſagte Albin, indem er Rolf liebkoſ'te,„nimm meinen herz⸗ lichſten Dank hin! Ich weiß, welchen Werth ein treuer Freund hat!“ dem er, mit eine „daß Si konnten! warum der Jün daß alle „Hü unangen ſollte, d Alles nü Taubſtun wiſſen, will nich und das Verbindu Eigennut Deiner a über dieſ „Wi wenn Ei⸗ * 349 Bei den letzten Worten reichte Albin ſeine Hand ichtige dem eben eintretenden Bas, welcher mit einem ſtolzen enden und zufriedenen Lächeln den herrlichen Beweis der ſchö⸗ nen Geſinnung ſeines Caiptains entgegen nahm. ſehen;„Ach, Du mein himmliſcher Vater!“ ſagte er, in⸗ t und dem er, das ſo angenehme Lob von ſich abwendend, Will Ich mit einem Blicke voll herzlicher Theilnahme betrachtete, auch,“„daß Sie ein ſo großes Glück in dieſem Unglück ſinden Ich konnten!.. Doch ſagen Sie mir, Herr Capitain: ſchö⸗ warum wollen Sie eine falſche Flagge hiſſen? Iſt leiten,“ der Jüngling wirklich Ihr Bruder, ſo ſollte ich meinen, daß alle Menſchen es auch wiſſen könnten!“ efühl,„Höre, Bas! Ich bitte Dich, daß Du mich nie folgt, vieder an jene Zeiten erinnerſt, Da mich der Fliegfiſch ſeines aufnahm— ich möchte gerne auf ewig dieſe Erinne⸗ Tage rungen vergeſſen! Sind wir beide, ich und der arme reein⸗ V Junge, nicht eben ſo glücklich, da wir beide wiſſen, wie llings es ſich damit verhält? Das würde einen langen und nmelt unangenehmen Prozeß geben, wenn es bewieſen werden Glück⸗ ſollte, daß wir Bruder ſind.... und wozu würde das er im Alles nützen?— vielleicht daß ich, falls er ſtirbt, den hielte. Taubſtummen ein Erbtheil raubte! Denn Du ſollſt n der wiſſen, Herr Mörk hat mir geſtern Abend geſagt, er da er will nicht, daß ſeine Tochter dieſes Erbe haben ſoll— und und das iſt edel: die Welt wird daraus ſehen, daß dieſe Heal, Verbindung aus edlen Beweggründen und nicht aus Engel Eigennutz geſchloſſen wird. Alſo, mein lieber Bas, bei die⸗ Deiner alten Freundſchaft, ſchweige, ſchweige für immer Ficher über dieſen Gegenſtand!“ hatte, „Wie Sie befehlen, Herr Capitain— ich wußte geben recht gut, daß der Vortheil nicht auf Ihrer Seite war!.. uf je⸗ Wie lange aber bleiben wir noch hier?“ „Du ſehnſt Dich doch wohl nicht von hier weg?“ deiner„Behüte, nein! Hätten Sie mir nicht ſo am Her⸗ ſagte zen gelegen, und thäten Sie das nicht noch immer, ſo herz⸗ vürde ich leben wie im Paradieſe. Aber, Herr Gott, treuer wenn Einer ein Herz hat, ſo....“ „... ſo begreift man wohl, Bas, was es heißt, 3⁵⁰ wenn man kommt und die Geliebte zur Hälfte vereinigt findet mit einem Bruder.... verſtehſt Du.... mit einem Bruder, der ſo unglücklich iſt wie dieſer... Wenn Du das eingeſehen haſt, Bas, ſo frage ich Dich, hätteſt Du ihm wohl ſeine armſelige, ſeine einzige ſelige Hoffnung rauben wollen, um Dir ſelbſt Alles zu ſchaffen, ausgenommen ein ruhiges Gewiſſen?“ „Nein, Herr Capitain, das hätte ich meiner Seel' weder gewollt noch gekonnt.... und dreimal aufge⸗ boten!.... Gott behuͤte Sie, Herr Capitain!“ Jetzt erwachte Will, und da ſein erſter Blick auf Albin fiel, der ihn mit unendlicher, man könnte faſt ſagen, väterlicher Liebe betrachtete, da ſtreckte der Sohn der Seufzer augenblicklich ſeine Arme aus, und die matten Zuͤge erhielten wieder Farbe und die Augen ein ſchönes glänzendes Feuer. „Herr, mein Gott, welch ein Gemälde, ſie beide zuſammen zu ſehen!“ ſagte Bas bei ſich ſelbſt, indem er mit dem Aermel eine Thräne abwiſchte.„Sie ſind einander ſo ähnlich und dennoch ſo unähnlich; der Capi⸗ tain iſt ſchön wie ein ſchöner und prächtiger Mann, aber der andere iſt gerade wie ein Engel.... was er, will's Gott, wohl bald wird!“ fügte der ehrliche Matroſe in ſeinen tiefen Gedanken hinzu, und nun ging er hinab, um ſeiner Seits die Liebſte aufzuſuchen, welche er an dieſem Tage noch nicht geſehen hatte. Nachdem Will lange ohne ein Bedürfniß der Mit⸗ theilung zu zeigen, ſein Haupt an Albin's Bruſt ge⸗ ſchmiegt hatte, zeichnete er endlich die Frage, ob Albin Roſa heute zu beſuchen dächte. Und da Albin Beifall nickte, verlangte Will Papier und Bleifeder. „Was kann er wollen?“ dachte Albin, indem er ihm beides gab. Will ſchrieb mit ſeinen gewöhnlichen großen Buch⸗ ſtaben mehrere Sätze, und überlegte lange bei jedem derſelben, wie er pflegte, wenn er die Worte ſuchte, aus denen er eine verſtändliche Kette bilden wollte. Während des Schr Papier 1 ſelbſt. 2 Will ein ſichtbarlie End Papier n Gegenthe Albi dieſe tin war, ſchr Roſ brochene3 er preßte eine Heim „„ Viel einander derſelben? ſterben, a „Und Stirn. nigt. d des Schreibens blickte er bald auf Albin, bald auf das mit Papier und bald mit einer ſonderbaren Miene auf ſich 5. ſelbſt. Albin verſtand ihn nicht, und eben dieſes ſchien 2* Hich, MWVilll eine unbeſchreibliche Freude zu machen— er war elige ſichtbarlich ſehr glücklich mit ſeinem Geheimniſſe. ffen, Endlich ſtanden drei volle Reihen mit einzelnen Sätzen da, und jetzt gab Will mit Zeichen zu erkennen, Seel' daß es fertig war. ifge⸗ Albin reckte die Hand hin, um es zu nehmen— doch nein, daraus wurde nichts. auf Will ſchüttelte den Kopf und deutete an, daß das faſt Papier nicht für Albin beſtimmt war; dieſer ſollte im Sohn Gegentheil ihm Petſchaft und Lack geben. die Albin gehorchte mit einer geheimen Ahnung, und mein dieſe täuſchte ihn nicht. Sobald der Brief verſiegelt war, ſchrieb Will mit zitternder Hand die Aufſchrift: beide Roſa. ndem Hierauf deutete Will durch Zeichen an, Albin ſollte ſind den Brief mitnehmen. Lapi⸗ Albin wurde unruhig. ann, Will hatte bis jetzt ſeine Gedanken über die unter⸗ s er, brochene Verbindung noch auf keine Weiſe zu verſtehen troſe gegeben; wenn Albin darauf hindeutete, ſo hatte er nur inab, gelächelt und genickt, als wollte er ſagen, ich bin ge⸗ r an duldig— ich warte! 1 Jetzt verſuchte Albin durch fragende Zeichen den Mit⸗ Inhalt des Briefes zu erfahren. t ge⸗ Will ſchien jedoch dieſe Zeichen nicht zu verſtehen; Albin er preßte ſich näher an Albin's Bruſt, als hätte er dort eine Heimath gefunden, die er nicht laſſen wollte. 1 apier„Vielleicht,“ ſagte Albin,„ſind unſere Gefühle einander in einem und demſelben Gedanken, einer und nher derſelben Aufopferung begegnet— aber ich wollte lieber ſterben, als ſein Opfer annehmen... ſein Opfer!“ Zuch⸗ Und Albin's Thränen ſielen auf Will's bleiche edem Stirn. aus— hrend —O — 3⁵² Eben hatte die Uhr zwolf geſchlagen. Wenn man bedachte, daß es zu Ende des November war, ſo war die Luft ziemlich heiter. In Roſa's Zimmer, wohin wir uns verſetzen wollen, hatten einige einſame Sonnenſtrahlen durch die ſchöne Orangerie, welche die Fenſter darboten, den Weg ge⸗ funden. Das friſche Grün, die blühenden Roſenſtöcke und die in ihren Käfigen zwitſchernden Vögel bildeten einen angenehmen Kontraſt gegen die weiße Schneedecke, welche über die niedrigeren Hausdächer und den kleinen Garten vor den Fenſtern ausgebreitet war. Daß wir bis jetzt kein Wort über Roſa geſagt haben, kommt daher, weil wir alle einzelnen Partien zuſammen⸗ führen wollten, ehe wir im Stande waren, die letzten Hauptereigniſſe in unſerer Erzählung zu ſchildern. Roſa hatte mit Niemanden über ihre jetzigen Ge⸗ fühle, über ihre Sehnſucht, ihre Furcht oder ihre Hoff⸗ nungen geredet— am wenigſten aber hattee ſie ſich über ihre unglückliche Verirrung ausgeſprochen, und es ſah faſt ſo aus, als hätte ſie dieſelbe ganz vergeſſen. Das war aber keineswegs der Fall. Mit der tiefen Gefühlvollheit ihres Herzens hatte ſie ſich geſchämt, über dieſen Gegenſtand, deſſen Niemand ſich zu entſinnen ſchien, mit Jemanden zu reden; doch hatte ſie während der einſamen Stunden auf ihrem Krankenbette, oft darüber nachgedacht, und dabei hatten ihre Gedanken eine ganz andere Richtung erhalten, als ſie zuvor gehabt hatten. Noch immer lag in Roſa's Seele Schwärmerei ge⸗ nug, daß dieſelbe hinreichte, um die nackte Wirklichkeit, das heißt die Sünde in ihrer Handlung, auszuſchmücken und faſt zu bedecken. Aber ſie war wenigſtens dahin gekommen, daß ſie wußte, ſie hätte eine große Sünde begangen; doch lag für ſie eine liebliche Anmuth in der Entwicklung des Glaubens, der Hoffnung, daß Gott, die Quelle der Liebe, ihre Verirrung mit Mildigkeit anſehen würde, da dieſe von der Liebe und von derjenigen Zuverſicht veranlaßt löſung au löſung zu Auch der Auflöſ frau, wele ſollte: den ließ, um trachtunger über dieſe größer wu und jetzige hanſens T ganzen ſo als nur de 5 zogen hatte ſiſchen als und paſſen Ameli waren beq hatte daher ſelbſt nicht glückliche, wenn ſie d gerade ſo, Selbſtvorw bei dem G weſen wäre ihren Kind einer blind Roſa aber ſie n der Nähe zu daß er ger die Rückkeh gleichbedeut Der Jung mber ollen, chöͤne ge⸗ ſtöcke deten decke, einen aben, men⸗ etzten Ge⸗ Hoff⸗ über 3 ſah hatte mand doch ihrem hatten , als ei ge⸗ chkeit, zücken aß ſie h lag g des e der de, da erſicht daß er geneſen wäre, veranlaßt worden wäre, daß ſie neben ihrer eigenen Er⸗ löſung auch im Stande geweſen wäre, Andern die Er⸗ löſung zu bereiten. Auch beſtand vielleicht Roſa's bitterſter Schmerz in der Aufloͤſung der blendenden Täuſchung von der Jung⸗ frau, welche durch eine andere Jungfrau erlöst werden ſollte: denn je weiter ſie den Aberglauben hinter ſich ließ, um in gewiſſen moraliſchen und religiöſen Be⸗ trachtungen Licht und Erleuchtung zu ſuchen— gerade über dieſe Dinge redete ſie oft mit Thekla— un ſo größer wurde der Schwalg zwiſchen ihrem ehemaligen und jetzigen Glauben in Betreff der Erlöſung, die Jung⸗ hanſens Tochter erwartete; und zuletzt blieb von der ganzen ſo zärtlich geliebten Ill uſion weiter nichts übrig, als nur das Poetiſche in der Sage ſelbſt. Thekla, deren ſtarke Seele ſich beinahe ſelbſt er⸗ zogen hatte, wurde für Roſa in dieſer ihrer ſowohl phy⸗ ſiſchen als auch moraliſchen Geneſungszeit die koſtbarſte und paſſendſte Geſellſchaft. Amelie's religiöſe Fundamente und Hoffnungen waren bequemer und ſchöͤner, als feſt und ſtark; ſie hatte daher ihren Töchtern nicht geben können, was ſie ſelbſt nicht beſaß. Wie zermalmt wurde wohl dieſe un⸗ glückliche, ſo warm liebende Mutter ſich gefuͤhlt haben, wenn ſie dieſes hätte ahnen können! Sie glaubte ſo, gerade ſo, wie ihr Bedürfniß es heiſchte, um nicht von Selbſtvorwürfen gänzlich zu Boden gedrückt zu werden bei dem Gedanken an eine Zeit, da es ihr möglich ge⸗ weſen wäre, wenn ſie den Muth gehabt hätte, ſich mit ihren Kindern zu retten, aber ſtatt deſſen ſich und ſie einer blinden Leidenſchaft geopfert hatte. Roſa wußte, daß gfeich ihr der Geliebte krank lag; aber ſie war ſo glüͤcklich durch den Gedanken, ihn in der Nähe zu haben, daß ſie faſt fürch ete, zu vernehmen, denn in ihren Gedanken waren die Rückkehr der Geſundheit und eine ewige Trennung gleichbedeutende Begriffe: die Krankheit hatte ihr ja keine Der Jungſerthurm. IV, 23 —— p⅛, —— —; 354 einzige Erinnerung geraubt: im Leben war ſie Will's, im Tode dagegen Albin's Braut! Nun aber war vom Sterben nicht die Rede, ſon⸗ dern ſie ſollte leben und ihre Sünden verſöhnen. Aber ſie ſollte doch wenigſtens von Albin Abſchied nehmen— und die Vorſtellung von dieſem Augenblicke war der ſchönſte Lichtpunkt in ihren Gedanken. Roſa wußte kein Wort von den großen Entdeckun⸗ en, die am geſtrigen Tage gemacht worden waren: lbin hatte es ſich vorbehalten, ihr ſelbſt dieſe, wie er meinte, bittern und dennoch lieblichen Neuigkeiten mit⸗ zutheilen. Als Thekla am Morgen ihre junge Schweſter be⸗ ſuchte, ſagte ſie nur:„Heute kommt der Capitain Stan⸗ erlinahn Darauf kleidete ſie Roſa, und machte ſich ein Vergnügen daraus, ſie ſo ſchon zu machen, wie Roſa ſichtbarlich ſelbſt bei dieſer Feſtlichkeit zu ſein wünſchte. Als ſie endlich ganz fertig und von Thekla zu dem Ruheſopha geführt worden war, wo ſie ihr müdes Haupt auf den feinen Kiſſen ruhen ließ, während die Schweſter eine roſenfarbige ſeidene Decke leicht über ihre weiße Morgenk eidung warf, ſagte ſie mit verſchämter Stimme und mit einem Lächeln, das an ihre ehemalige ſeelen⸗ volle Kindlichkeit erinnerte; „Ach, liebe Thekla! willſt Du mir nicht den großen Spiegel vorhalten?— Schiebe aber erſt den Sopha ein wenig näher an das Fenſter, damit die Sonne ſchön auf meine rothe Decke ſcheint!“ Thekla kam dieſen beiden kleinen Befehlen nach, und da das junge Mädchen nun ihr ſchönes Bild, das blaſſe, feine Geſicht mit einer ſo matten Röthe, und die üppigen weichen Locken leicht um den Hals auf das weiße Kleid herabwallen ſah, da ſagte ſie mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke des Glückes:„Ich bin ſehr froh, daß die Krankheit mich nicht ſchlimmer gemacht hat— doch glaubſt Du, Thekla, daß etwas Sundhaf⸗ tes darin liegt, wenn man ſchön ſein will in den Augen desjenigen, den man liebt?“ F Schön Seele: und ur Strafb eringe Augen Geſicht noch ni betracht Loos ge ſo gut, gegenſe Du die röthen. O „A heiligere wie ein weiß vo Seele h würde ſi und dar aber die wechſelr⸗ er ſich b Will's, e, ſon⸗ Aber men— ar der deckun⸗ waren: wie er en mit⸗ ſter be⸗ Stan⸗ ſich ein ie Roſa ünſchte. zu dem 3 Haupt chweſter e weiße Stimme ſeelen⸗ mgroßen opha ne ſchoͤn n nach, ild, das und die auf das it einem bin ſehr gemacht Suͤndhaf⸗ n Augen Freundlich entgegnete Thekla:„Gott hat uns die Schönheit des Leibes ebenſowohl gegeben, als die der 1 Seele: wir haben alſo das Recht, dieſelbe zu pflegen und uns ihrer zu freuen, und erſt dann liegt etwas Strafbares darin, wenn wir vergeſſen, wie unendlich eringer ſie iſt, als die der Seele, welche wir mit den Augen nur dann erblicken können, wenn wir ſie in den Geſichtszügen abgeſpiegelt ſehen!“ „Liebe Thekla, kannſt Du mir jetzt eine ſolche Art der Schönheit ſagen?“ „Ja, ich kann Dir zwei Arten derſelben nennen!“ „So thue das!“ „Die eine Art habe ich bei dem ehrlichen Conſtabel gefunden, der mit ſeinem Capita'n gekommen iſt. Er iſt nicht ſchön; betrachtet man ihn aber, wenn ſein edles Herz, wenn ſeine einfachen, tiefen und wahrhaft edlen Gefühle reden, da wird er ſo ſchön, da habe ich noch nie ein Geſicht geſehen, das ich mit größerer Freude betrachtet hätte. Betty iſt wirklich glücklich, daß ſie ihr Loos gezogen hat, und ich bin dem einfachen Seemanne ſo gut, daß ich mit Stolz ſagen kann: wir haben uns gegenſeitig verſtehen gelernt.“ „Wie gut Du biſt, Thekla! wie tief Du denkſt! Doch die zweite Art der Seelenſchönheit, bei wem haſt Du dieſe geſehen?“ fragte Roſa mit einem feinen Er⸗ röthen. „Bei Will.“ O!“ „Auf ſeinem Antlitze offenbart ſie ſich in einer noch heiligeren Form. Sein Herz iſt eben ſo weich und rein, wie ein Tropfen Thau in dem Kelche der Blume; er weiß von keinem unreinen Gedanken— und hätte ſeine Seele hienieden recht reifen können, welche reichen Früchte würde ſie nicht getragen haben! Doch ſie iſt gefeſſelt, und darum bringt ſie nur Blitze von Schönheit hervor; aber dieſe ſind auch unbeſchreiblich, gleich den tiefen und wechſelreichen Gefühlen, welche in ihm arbeiten, während er ſich bemüht, ſie ſelbſt zu ordnen und zurückzuhalten.., 3⁵6 Armer, armer Jüngling, der mit ſeinem reichen Herzen unverſtanden durch das Leben wandern muß!“ „Sage das nicht, Thekla! Auch ich will von nun an die Schönheit der Seele ſtudiren, und ich werde es können, wenn der ſchreckliche Gedanke mich nicht länger unaufhörlich verfolgt: Dein Albin verachtet Dich! Nun kann er es nicht mehr, und... Still— man kommt, Thekla! Wie glücklich bin ich: dieſer Augenblick iſt alſo gekommen! Laß uns allein— es ſchadet nichts, denn auch er, mein Albin, hat dieſe Seelenſchönheit, von der Du redeteſt!“ Thekla nickte freundlich und zog ſich mit einem Lächeln in das blaue Zimmer zurück. Einen Augenblick ſpäter wurde Albin von Jemand eingelaſſen, der ſelbſt draußen blieb. Es war Holgerſen, welcher ſich noch gleichſam unter dem Einfluſſe eines unnennbar beruhigenden Traumes befand. Dennoch kam bisweilen über ihn eine drückende, unbeſtimmte Furcht, oder richtiger, eine Art von Ahnung von einer noch bevorſtehenden Umwälzung. Auch war er von allen verſchiedenen Erſchutterungen an Leib und Seele ſo matt, müde und angegriffen, daß er mehrmals zu Amelie ſagte: „Könnten Deine Thränen jetzt meine Befreiung beſchleunigen, ſo würde ich darüber nicht klagen!.. O, wenn Du wüßteſt, wie ſehr meine Se le ſich ſehnt „Und mich wollteſt Du laſſen, mich, die in Dir Alles iſt?“ ſeufzte Amelie. „Du kommſt bald nach— ſo iſt es am beſten!“ 1u Als Albin in das Heiligthum trat, wo er ſie, die der herrliche Gegenſtand einer ſo hohen und reinen Flamme geweſen war, wiederfinden ſollte, ſie, die ſelbſt die unermeßliche Tiefe ihrer ſchwärmeriſchen Liebe ge⸗ fühlt 1 er den N Leidenf von hei deren 1 lodern und das Dir anz Ausdruch derzen nun de es änger Nun ymmt, t alſo denn in der einem enblick ſelbſt unter numes cende, hnung h war b und rmals reiung ehnt!“ 1 Dir n 19 fühlt und bewieſen hatte, da war es ihm, als beträte er den Eingang zum Himmel. Nicht mehr die gewaltſamen Stürme der irdiſchen Leidenſchaften tobten in ſeinem Herzen: eine Flamme von heiligem Urſprunge erwärmte daſſelbe, eine Flamme, deren Urſprung ſo heilig war, daß ſie nicht wild auf⸗ lodern konnte. Er nahte leiſe; aber es ſchwindelte vor ſeinem Blicke, da er Roſa's unausſprechliche Schönheit mit dieſer Glorie von himmliſcher Reinheit, welche das Ge⸗ ſpräch mit Thekla auf ihrem Antlitze hinterlaſſen hatte, recht betrachtete.. Ohne ein Wort kniete Albin vor ihrem Sopha und ſchaute ihr tief in die ſchönen Augen, dieſe Augen, welche mit ſchwindelnder Freude auf ihm ruhten, den auch ſie noch niemals ſo ſchön geſehen hatte. Albin ſenkte ſein Haupt auf ihre Bruſt herab, ſie ihre Stirne auf ſein Haupt; darauf brachen Beide zu gleicher Zeit in Thränen aus, und dieſe Thränen durften ſich mit einander miſchen, wie ihre Küſſe, ihre Seufzer. Es war der Schwanengeſang ihrer Liebe. Albin ermannte ſich zuerſt. „Ich weiß Alles, Alles! Ich habe Deine ſchweren Kämpfe hier in meinem eigenen Herzen gefühlt! Ich habe geſehen, was Deine heilige Liebe vermochte!“ „Aber Du weißt nicht, warum meine Kraft dennoch unterlag... O, wenn Du nur das wüßteſt!“ „Ich weiß es, Du Edle und Engelgute; ich weiß, was zwiſchen Dir und Deinem Vater vorgefallen iſt: er hat es mir ſelbſt geſagt!“ „O, geprieſen und gelobt ſei Gott, daß er die Kraft und das Vertrauen zu Deiner Ehre gehabt hat, ſich Dir anzuvertrauen!“ flüſterte Roſa und faltete mit dem Ausdruck einer brennenden Dankbarkeit die Hände.„Da, o da haſt Du Alles verſtanden!“ „Ja, und Dich ſo ganz, ſo vollkommen gebilligt, daß ich gekommen bin, Dich zu ſegnen, weil Du mir den ſchönen Glauben an Deine hohe Geſinnung und an 3⁵⁸8 Deine Reinheit nicht geraubt haſt. Hätte in jenem Augenblicke Deine Liebe nicht nachgegeben, ſo würde ein Fluch auf ihr geruht haben!“ „Du biſt zufrieden mit mir! Du ſegneſt mich!“ wie— derholte Roſa mehrmals in halbem Sinnentaumel,„Du zürnſt alſo nicht im Mindeſten dem bedauernswürdigen Weſen, welchem das Opfer gebracht werden ſoll? Du verzeihſt auch ihm?“ „O, tauſend⸗, tauſendmal: er iſt meinem Herzen nahe durch heilige, ſtarke Bande!“ „Wie, mein Albin?— heute ſage ich noch: mein Albin!— alſo war ſie gegründet, dieſe Furcht, oder richtiger, dieſes Glück, welches ich nicht verſtand, weß⸗ halb ſie es fürchteten: Du biſt verwandt mit Will?“ „Beſſer als verwandt! Gott hat uns Allen in der Qual ein großes Glück zugeführt: das Verbrechen, wel⸗ ches Deinem Vater ſo ſchwer auf dem Gewiſſen gelegen hat... Du weißt, was ich meine?“ „Ja, ja; den Knaben, Will's Bruder, den der Vater erſchoß, weil dieſer ſonſt verrathen haben würde...“ „Genug, genng— dieſer Knabe wurde durch ein Wunder gerettet und iſt nun gekommen, um Dir zu ſagen: da Du nicht mehr meine Gattin werden kannſt, ſo werde meine Schweſter! Denn in allen dieſen ſturm⸗ vollen Prüfungen hat Gott mir eine Belohnung bewahrt, welche mir von dem Verlorenen Vieles erſetzen wird: ich habe in Will den Bruder wieder gefunden, den unſer Pater niehe denn einmal ſo zärtlich meiner Liebe an⸗ e a 144 hach, iſt es wohl wahr?“ rief Roſa mit blitzendem Auge aus, mit einer hohen und ſtarken Kraft, welche ſie über alle Selbſtſucht, über alles Irdiſche erhob,„iſt wohl dieſes Glück dem Sohne der Seufzer zu Theil ge⸗ worden und dazu meinem Vater, meinem armen Vater, der ſo grauſam und ſo unausſprechlich gemartert worden iſt? Iſt dieſes wahr— und ich ſehe es an Deinen ſchönen Augen— dann haben wir mit keiner Klage, mit keiner Betrübniß länger etwas zu ſchaffen!... wer 2 könnte Belohnt Du kein weilteſt! dieſelbe weiß ni nun, d weißt, halten: . Deine 2 vorüber Deine h wir Bei ſitzen de den Pfli übernehr „AC Es gefährlie an dasje Gedanke ſie ſogar zu erblie zu verler Schreckli konnte. lieben A enem würde derzen mein oder weß⸗ 2 dir zu annſt, ſturm⸗ wahrt, wird: unſer de an⸗ endem welche 18„iſt eil ge⸗ Vater, vorden Deinen ge, mit wer 2 könnte ſich nicht aufopfern, wenn ſo große und herrliche Belohnungen der Schwäche Kraft verleihen!“ „Dank, Dank, Du Theuerſte, Du Geliebteſte, daß Du keinen Augenblick bei einer andern Hoffnung ver⸗ weilteſt!— wie bitter wäre es für mich geweſen, Dir dieſelbe wieder zu entreißen!... Doch ſieh... ich weiß nicht, was dieſes enthält, aber ich rathe es— und nun, da ich weiß, wie Du denkſt, ſo wie auch Du weißt, wie ich denke, jetzt lies es... was es auch ent⸗ halten mag, ſo kann es nunmehr nichts wirken!“ „Nein, gar nichts, denn Du, mein Albin, wirſt Deine Augen auf mich halten, wenn ich vor dem Altare ihm die Hand reiche, ihm, den Dein Vater Deiner Liebe und Pflege anbefohlen hat... nicht wahr? Du läſſeſt mich ja nicht allein?“ „Nein, ich laſſe Dich nicht eher allein, als da Alles vorüber iſt, da Du ruhiger geworden biſt und Dich an Deine hohe Entſagung beſſer gewöhnt haſt! Ich weiß, wir Beide ſind jetzt in der Gemüthsſtimmung und be⸗ ſitzen den Muth, daß wir dieſes wagen können, ohne den Pflichten zu nahe zu treten, welche Du nun bald übernehmen ſollſt!“ „Ach, daß ich Dich ſo reden höre!“ Es lag in Roſa's Blick und in ihrem Tone eine gefährliche Begeiſterung. „Erbrich den Brief und lies!“ ſagte Albin leiſe. Roſa nahm Will's Brief, und mit dem Gedanken an dasjenige, was Thekla ihr geſagt hatte, mit dem Gedanken an Albin's edle, aufopfernde Zärtlichkeit, war ſie ſogar im Stande, Will in dieſem poetiſchen Lichte zu erblicken, der allein im Stande war, ihm den Glanz zu verleihen, welcher nothwendig war, damit ſie alles Schrelkliche in ihrer bevorſtehenden Hochzeit vergeſſen onnte. „Sie erbrach den Brief und las mit immer höher ſteigender Bewegung folgende Zeilen: „Will über Alles... lieben Roſa, Albin, Albin— lieben Albin— Albin lieben Will, ſo hoch, ſo Hoch— Albin, Roſa— Roſa, Albin— Will nicht weinen— Will glücklich— Roſa frei— Will frei— ſchenken Albin Will's Ring.“ „O nein, nie, nie!“ rief Roſa aus und drückte Will's Brief an ihre Lippen—„er ſoll mich nicht an Großmuth übertroffen haben! Jetzt weiß ich mit Ge⸗ wißheit, daß ich ihn gluͤcklich machen werde!“ „Das wirſt Du— doch laß es bald, bald geſchehen, da wir noch die Kraft dazu beſitzen!“ Albin ſagte dieſe Worte mit einer Stimme, welche von einem heftigen Zittern hörbar gebrochen war. In dem Augenblicke, da Roſa, ohne an dieſe Be⸗ wegung zu denken, Will's Brief an ihre Lippen drückte, fuhr ein ſchrecklicher Stich durch Albin's Seele: er fürchtete, ſeine Kräfte allzu ſehr angeſtrengt zu haben— es waren ja doch immer nur die Kräfte eines Menſchen. Aber auch ihn hatte Will's Brief wunderbar gerührt; und da er fühlte, wie ſehr nothwendig es war, ſogleich, augenblicklich allen dieſen qualvollen Gefühlen, welche hervorbrechen wollten und vielleicht die ganze Frucht der entſchwundenen Stunde vernichten konnten, einen ſtarken Damm entgegen zu ſetzen, flüſterte er:„Darf ich ihn jetzt gleich zu Dir fuͤhren, und willſt Du den Tag der Hochzeit beſtimmen?“ „Ja, ach ja— doch eile!“ 1 Es war als hätte die Veränderung in Albin's Stimme irgend eine Saite in ihrer eigenen Seele elektriſirend berührt: auch ſie fühlte, daß es für ſie Beide nothwendig war, den Augenblick zu benutzen. Albin ſtürzte hinaus, ohne weiter einen einzigen Blick zu wagen. Fünf Minuten ſpäter war es Will, der vor Roſa's Sopha lag, Will, der von ihrer Hand den wärmſten Druck erhielt, Will, der ihren, Kuß auf ſeiner Stirn Will dankbar— Will nicht Traurig— nicht weinen— annehme lich werd In acht Als wolke ſe zum Hin den es k zu ihm! „Alb wiſſen, w ſich in d von der führte ih „W „Al ſie die S Und Sie Roſt heitzeit l ſicheidende Dieſ en— en— henken rrückte ht an t Ge⸗ hehen, dieſe ftigen e Be⸗ rückte, : er den— ſchen. rührt; gleich, velche ht der arken h ihn g der lbin's Seele Beide zigen Roſa's mſten Stirn fühlte— während Albin, mit dem Lächeln auf den Lippen und dem Tode im Herzen, ihr in dem Blicke, der ſeinem ſtarken Willen gehorchte, ſeinen vollen Beifall gab— und Willl, der ihr Bleifeder und Papier reichen mußte, um die Antwort auf ſeinen Brief entgegen zu nehmen. Und dieſe Antwort lautete ſo: „Roſa kann Will's edles und großes Geſchenk nicht annehmen, denn ſie würde hernach mit Keinem glück⸗ lich werden können. Roſa gehört Will, Will Roſa. In acht Tagen wird Roſa Will's Gattin.“ Als Will dieſes las, übergoß eine ſtarke Purpur⸗ wolke ſeine bleichen Wangen; er ſtreckte ſeine Arme zum Himmel empor, und darauf mit einem Blicke, für den es keine Sprache gibt, Roſa entgegen, welche ſich zu ihm herab neigte. Albin fühlte, wie ſeine Kräfte wankten. Ohne zu wiſſen, was er that, öffnete er eine Thuͤr— er befand ſich in dem blauen Zimmer. Faſt aleihzeitig trat Thekla von der andern Seite herein. Sie eilte auf ihn zu und führte ihn zum Sopha. „Wie iſt es?“ flüſterte ſie athemlos. „Alles gut— Will iſt bei ihr: in acht Tagen wird ſie die Seinige!“ Und Albin's Haupt ſank auf Thekla's Schulter herab. Sie fluſterte ſeinem Herzen Troſt zu. Achtundzwanzigſtes Capitel. Der Hochzeittag. Roſa hatte acht Tage als die letzten ihrer Frei⸗ heitzeit beſtimmt— alſo eine Woche nach dem ent⸗ ſcheidenden Geſpräche ſollte die Hochzeit gefeiert werden. Dieſe Woche war nun verfloſſen. 36² Man ſchrieb heute den zwölften December. Keine fremden Zeugen waren eingeladen worden, mit Ausnahme der Familie Salzwedel, deren Mitglieder kaum ſo genannt werden konnten, und die Cermonie ſollte kurz vor Mittag in aller Stille vor ſich gehen. Während des Laufes dieſer Woche hatte Albin Roſa täglich zwei⸗ oder dreimal beſucht, doch hatten ſie ſich nicht mehr allein getroffen. Roſa ſchien mit gutem Vorbedacht, immer entweder ihre Mutter oder eine von ihren Schweſtern bei ſich zu haben, und Albin gab mit keinem Blicke oder mit dem geringſten Winke einen Wunſch, ein Bedürfniß zu er⸗ kennen, noch einmal ohne Zeugen mit ihr reden zu können. Dennoch war dieſes ſein brennendſtes Verlangen. Aber er durfte ihm keine Luft geben, denn er fühlte es an ſeiner täglich abnehmenden Beherrſchungskraft, oder vielmehr an der immer peinigendern Anſtrengung, welche dieſe Beherrſchung ihn koſtete, daß ein einziger ſolcher Augenblick im Stande ſein würde, den ganzen hochgeſpannten Flug, der jetzt Roſa's Geiſt aufrecht hielt, zu hemmen oder ganz zu vernichten— und welche Gewiſſensqualen, bitterer als alles Andere, mußte er hernach nicht empfinden! Was waren wohl ſeine Leiden, wenn man ſie gegen die ihrigen abwog? Konnte nicht einzig und allein durch ſie Will auf Glück hoffen 2... Ach, es war ja nur ein bleiches Glück! Nein, er mußte dieſes Sturmes, der von Neuem anzuwachſen begann, Herr werden— er wollte Roſa nicht ſehen, ohne daß die Anweſenheit der Uebrigen die gefährlichen Stimmen in ſeinem Herzen zum Schweigen brachte. Während dieſer letzten Woche war Albin oft mit Karl zuſammen, denn ſollen wir die Wahrheit ſagen, ſo müſſen wir geſtehen, daß Victor und Hildur ſo viel pplitten zu haben meinten, daß ſie jetzt wohl zu einem Erſatze berechtigt ſein könnten, den ſie auch gewiſſenhaft in Anſ ſelbſtſüc No himmlie hatte, Nieman ſich imn für ein Seele n ſellſchaf Di aus, u Muth a das Gr bedauer! Sc geheime Albin i welche Weſen Nei und der fläche v die Reit keit, die aber er und zuf nicht ni Geſichts war, wo forſchen Un dem er zogen h erhob u jetzt gar der tieff nach ſei vorden, tglieder ermonie gehen. Albin tten ſie ntweder ſich zu iit dem zu er⸗ den zu ngen. fühlte gskraft, ngung, einziger ganzen aufrecht welche ußte er nan ſie g und ich, es dieſes „Herr daß die men in ft mit ſagen, ſo viel einem ſenhaft in Anſpruch nahmen. ſelbſtſüchtig. Nachdem er in Thekla's unumwölktem Auge die himml iſche Bürgſchaft für ſein künftiges Glück geleſen hatte, wollte er ſich ihrer nicht unwürdig zeigen und Niemanden mit ſeiner Freude verletzen; darum ſchloß er ſich immer näher an Albin, der jetzt keine Bürgſchaft für ein höheres Glück hatte, und Karl's edle und ernſte Seele war in dieſer Zeit für Albin eine paſſendere Ge⸗ ſellſchaft, als Victor. Die beiden jungen Maͤnner tauſchten ihr Vertrauen aus, und mit kräftigen Worten fachte Karl Albin's Muth an, während er auf eine feinfühlende Weiſe ihm das Große und Schöne in ſeinem Benehmen gegen den bedauernswürdigen Will zu Gute hielt. Schloß aber wohl Will ſeine Augen bei Albin's geheimer Qual? Sah er nur die edle Außenſeite, welche Albin ihm zeigte, nur die zärtliche und offene Liebe, welche aus allen ſeinen Geberden, aus ſeinem ganzen Weſen redete? Nein, Will ſah auch mit den Augen des Inſtinktes und der jetzt veredelten Eiferſucht was unter der Ober⸗ fläche vorging. Nicht daß Will nur einen Augenblick die Reinheit und die Uneigennützigkeit in der Zärtlich⸗ keit, die Albin ihm zeigte, in Verdacht gezogen hätte; aber er ſah, welche Gewalt dieſer ſich anthat, um ruhig und zufrieden zu ſcheinen, und wie er vor allen Dingen nicht nur ſeine Gefühle, ſondern auch ſeine Blicke, ſeine Karl dagegen war weniger Geſichtszüge in ſtarke Feſſeln legte, wenn er bei Roſa⸗ war, woſelbſt Will's Augen bald auf ihm, bald auf ihr forſchend ruhten. Und des Nachts, wenn Will zu ſchlafen ſchien, nach⸗ dem er zuvor die Decke faſt ganz über den Kopf ge⸗ zogen hatte, bemerkte er da nicht, wie Albin ſich erſt erhob und lauſchte, wie er dann mit einem Blicke, der jetzt ganz unbeſchleiert war, mit einem Blicke, worin der tiefſte Schmerz, aber niemals Neid oder Härte lagen, nach ſeinem Bette ſah, und wie er dann aufſtand und 364 ſtundenlang, während alle Todesqualen der Verzweiflung auf ſeinem Antlitze wechſelten, halb angekleidet um her⸗ wankte! Rührte ſich jedoch hiebei Will nur im Aller⸗ geringſten, ſo ſtand er augenblicklich ſtill, und wie durch eine Jaubermacht nahmen ſeine Züge ihren gewöhnlichen ſanften Charakter, ihre gewöhnliche Ruhe wieder an, denn es ereignete ſich wohl, daß Will plötzlich aufblickte, und Albin wollte nicht überraſcht werden. Zwiſchen Roſa und Will fand ein gutes, faſt liebe⸗ volles Verhältniß Statt, gleich demjenigen der ent⸗ ſchwundenen Tage. Will durfte wieder neben ihr ſitzen, ihre kleinen Briefe entgegennehmen und beantworten, und auch dieſe Briefe glichen den alten. Roſa war ihrem artigen Will ſehr, ſehr gut, und wollte ihn immer lieb haben! — „Wenn ein irdiſches Weſen jemals einem von den Seraphen des Himmels ähnlich ſein könnte,“ ſagte Thekla, da ſie an dem Morgen des Hochzeittages zu der Mutter kam,„ſo iſt es gewiß Roſa heute! Ach, Mutter! Du kannſt Dir gar nicht vorſtellen, welch' ein heiliger Friede, welche entſagende Kraft ſich in ihr offenbart!“ „Ich preiſe Gott für die große Gnade, die er uns erzeigt hat!“ ſagte Amelie leiſe.„Roſa's Ergebung iſt gleichwohl das Wunder der Liebe— was dünkt Dich von einer ſolchen Entſagung, wie der Capitain ſie zeigt? Was hältſt Du von ihm?“ „Ich halte ihn für einen Mann, der meine voll⸗ kommenſte Hochachtung verdient, und beſteht er die Prü⸗ fung dieſes Tages, ſo füge ich hinzu, meine höchſte Bewunderung und Erkenntlichkeit, denn auf ihn kommt es am meiſten an, ob der ganze Tag ſo ſchön werden wird, wie er angefangen hat. Ich ſehne mich darnach, ihn zu ſehen— bald ſammeln wir uns Alle zum Früh⸗ ſtuck im Saale, ausgenommen Roſa, welche allein in ihrem Zimmer bleibt, bis...“ „Ja ich habe können- finden, ſchüttert. ach, mei⸗ flor vor daß Wil Be „Ge an die 2 mein Go ſich ſelbſt „Ni „Da Paradebe ſeidene D mich wir Thel drücken. „Ja. ſehen ſol einen ſo Blut erſt ſtine, kl. ich, ergri nahm un zu mache Bewegun gebeugt Kiſſen ge fallen ſa als würd Eine Mitgliede 1/ veiflung um her⸗ 1 Aller⸗ ie durch hnlichen der an, ffblickte, ſt liebe⸗ der ent⸗ r ſitzen, tworten, dſa war immer don den ſagte zu der Mutter! heiliger art!“ er uns gebung kt Dich zeigt? ne voll⸗ ie Prü⸗ höchſte kommt nach arnach, Früh⸗ lein in MNititzlieder ſich im Saale zu verſammeln. „Ja, ja; mit Arne aber iſt's heute gar nicht gut: ich habe noch kein einziges Wort aus ihm herausbringen können— ich glaubte, ſeine Seele würde jetzt Ruhe finden, doch der Friede ſeiner Seele iſt für immer er⸗ ſchüttert.... Und dieſer Tag... Roſa's Schickſal... ach, mein Kind, ich ſehe gleichſam immer einen Trauer⸗ flor vor meinen Augen!“ „Muth, geliebte Mutter! der Hochzeittag iſt natür⸗ lich der ſchwerſte— hernach wird es beſſer!“ „Vielleicht— findeſt Du es aber nicht ſonderbar, daß Will's Glück ſich nicht begreiflicher ausdrückt?“ „Begreiflicher?“ „Geſtern Abend, da ich mit Hildur die letzte Hand an die Anordnungen in der Brautkammer legte... o, mein Gott, welch ein Bräutigam!“ Amelie unterbrach ſich ſelbſt, um die hervorſturzenden Thränen abzuwiſchen. „Nun, liebe Mutter? was da?“ „Da kam er herein und ſtarrte unaufhörlich das Paradebette an, auf welches Hildur eben die hellblaue ſeidene Decke legte— ja, das war ein Starren, welches mich wirklich erſchreckte.“ Thekla konnte einen leichten Schauder nicht unter⸗ drücken. „Ja, ja!“ fuhr Amelie fort,„Du hätteſt ihn nur ſehen ſollen! In der einen Secunde hatten ſeine Augen einen ſo ſtarken und unnaturlichen Glanz, daß mein Blut erſtarren wollte; in der andern drückte ſie eine ſo ſtine, klagende und hoffnungsloſe Betrübniß aus, daß ich, ergriffen von dem herzlichſten Mitleiden, ſeine Hand nahm und es verſuchte, ihm einige freundliche Zeichen zu machen. Doch er zog die Hand leiſe und mit einer Bewegung von Pein zuruck, und nachdem er ſich herab⸗ gebeugt und die Lippen leiſe auf die kleinen weißen Kiſſen gedrückt hatte, in deren Spitzen ich ſeine Thränen fallen ſah, eilte er ſo ſtürmiſch und ſo wild hinaus, als würde er von den ſchrecklichſten Dingen verfolgt..“ Eine Stunde nach dieſer Unterredung begannen die 366 Karl, welcher oben geweſen und Albin beſucht hatte, war unter den Erſten, in der Hoffnung, einen vertrau⸗ lichen Augenblick mit ſeiner Geliebten zu finden. Victor, der eben dieſe Hoffnung gehabt hatte, ſtand mit Hildur ſchon in dem entlegenſten Fenſter. Thekla ging ab und zu, ordnete bald das Eine, bald das An⸗ dere; als aber Karl kam, als er ohne Worte, aber mit dem ausdrucksvollſten Blicke ſeinen Arm um ihren Leib legte, da, ergriffen von dem hohen Glücke, das ihr zu Theil geworden war, während Noſa zum Opferfeſte geſchmückt werden ſollte, brach ſie heftig in Thränen aus und barg das Antlitz an Karl's Bruſt. Karl hob ſanft ihr Haupt empor und küßte die Thränen hinweg. „Haben wir wohl ein Recht, ſo glücklich zu ſein?“ liſpelte ſie mit einer Stimme, welche für Karl der ſchönſte und ſtärkſte Beweis war, daß Thekla in ihm jetzt wirklich ihr höchſtes Glück ſah. Dieſe Ueberzeugung verlieh ſeinem Tone ein leichtes Zittern, da er antwortete: „Wenn wir, ſo wie jetzt, dieſes Glück in unſere Seelen ſchließen, ſo iſt es unſer heiliges Recht— und ſchöpfen wir nicht gerade aus ihm den Muth, daß wir es vermögen, gleichſam jeden Augenblick des Glückes, den wir beſitzen köͤnnten, aufzuopfern, um die Schmer⸗ zen Anderer zu theilen oder zu lindern?“ „Ja, mein Karl, Du haſt Recht!... Aber wie iſt es heute mit dem armen Capitain?“ „Beſſer als ich jemals zu hoffen wagte: er hat noch nie mehr Macht über ſich ſelbſt gehabt!“ „Und Will?“ „Er iſt wohl nicht froh wie ein Bräutigam, ſieht aber doch glücklich und ruhig aus... O, da haben wir ſie!... Nein, es iſt nur Albin!“ Der Capitain trat ein und grüßte mit einer Unge⸗ zwungenheit und Sicherheit, worin nicht die geringſte Gemüthsbewegung lag. Er hatte, wie Hildur anmerkte, eine ſuperbe Farbe, ob dieß Wange Blutes, nen Ar keine m zunndi eſitzen „Der 2 ſeine Ar Wi Augen den; be b der nicht vo Da genomm zu der b Sol Bräutige auf ein bewilligt bleichen ſichte des t hatte, dertrau⸗ , ſtand Thekla as An—- ver mit en Leib ihr zu pferfeſte hränen ßte die ſein?“ irl der n ihm leichtes unſere — und aß wir Zlückes, ochmer⸗ wie iſt at noch „ſieht haben Unge⸗ ringſte Farbe, ob dieß jedoch von der Art war, welche ehedem ſeine Wangen zierte, oder nur ein Widerſchein des glühenden Blutes, das ließ ſich ſo beſtimmt nicht ſagen. In ſei⸗ nen Augen ruhte etwas Ernſtes und Gedankenvolles, keine wechſelnden Blitze zwiſchen Verzweiflung und er⸗ zwungener Faſſung: er ſchien eine wirkliche Faſſung zu beſitzen und beſaß ſie auch wirklich in dieſer Stunde, auf welche er ſich während acht Martertagen vorbereitet atte. h Gleich nach Albin zeigte ſich Holgerſen. Es war ſchmerzhaft, die tiefe und drückende Nieder⸗ geſchlagenheit zu ſehen, welche in ſeinem ganzen Weſen lag; er ſchien eben ſo wenig im Stande zu ſein, ſelbſt zu reden, als zu antworten, wenn er angeredet wurde. Mit einer convulſiviſchen Bewegung erwiederte er Al⸗ bin's Händedruck, und darauf war ſein Blick unauf⸗ hörlich auf die Thür geheftet, bis Will eintrat. Da ſagte er mit dumpfer, halberſtorbener Stimme: „Der Bräutigam!“ indem er den Jüngling heftig in ſeine Arme ſchloß. Will lächelte ſanft und gut, und ließ dann ſeine Augen auf der Thür ruhen: auch er erwartete Jeman⸗ den; bald erfuhr er jedoch von Thekla, daß Roſa erſt bei der Trauung ſichtbar würde, und daß die Mutter nicht von ihr ginge. Das Frühſtück wurde mit einer Schnelligkeit ein⸗ genommen, als hätte jeder die größte Eile gehabt, ſich zu der bevorſtehenden Feier in Ordnung zu ſetzen. Sobald man von Tiſche aufgeſtanden war, trat der, Bräutigam an ein Fenſter und ſchrieb folgende Worte auf ein Papier: „Will einen Augenblick ſehen Roſa!“ Dieſes Papier reichte er Thekla, die damit hinaus eilte. Bald kehrte ſie zurück und winkte Will zu folgen. Da der Sohn der Seufzer zu der von der Braut bewilligten Zuſammenkunft ging, zog ſich ein tiefes Er⸗ bleichen uüber die rubinfarbigen Flammen auf dem Ge⸗ ſichte des jungen Capitains; er wendete ſich um und 368 deüct unbewußt Victor's Arm gewaltſam und krampf⸗ haft. Willſt Du vielleicht auf Dein Zimmer gehen?“ fragte dieſer mit herzlicher Theilnahme. „O nein, ich warte, bis...“ Er wollte Will's Rückkehr abwarten.. Inzwiſchen hatte Thekla dieſen in Roſa's Zimmer geführt. Das junge Mädchen ſaß noch in ihrer Morgenklei⸗ dung am denſer und betrachtete mit tiefer Aufmerkſam⸗ keit ihre Vögel in dem vergoldeten Gefängniſſe: ſie hüpf⸗ ten fröhlich und leicht umher in dem engen Raume. „O ja,“ liſpelte Roſa,„ihr Gefängniß iſt ange⸗ nehm, denn ſie wollen es mit einander theilen— ſie beſingen ihre Liebe!“ Bei Will's Eintritt erhob ſie ſich ſchnell und trat ihm mit einem lieblichen und freundlichen Lächeln ent⸗ egen. dig Er betrachtete ſie lange und aufmerkſam, und es lag etwas in ſeinem Blicke, das Roſa heftig rührte, obgleich ſie den Ausdruck deſſelben nicht recht verſtand. Darauf warf er die Augen langſam im Zimmer umher, bemerkte das weiße Brautkleid, die Krone und den Kranz, die auf einem Tiſche lagen, den Braut⸗ ſchleier, der über einem Stuhle daneben hing. Er ging dahin, betaſtete jeden dieſer Gegenſtände mit der größten Vorſicht— er laͤchelte— er ſah Roſa an, welche hiebei fühlte, wie ihr die Thränen in die Augen kamen; ſie wendete ſich, um dieſelben abzuwiſchen. Will ſchüttelte leiſe das Haupt, trat von Neuem zu ihr, die in einigen Stunden die Seinige ſein ſollte— die Seinige auf ewig— und ſank auf das Knie, indem er ihre Hände ergriff und dieſelben mit kaum zurückge⸗ haltener Heftigkeit an ſeine Lippen drückte. Roſa begann zu zittern und einen ſcheuen Blick um ſich her zu werfen. Sie waren allein. Die Mutter war mit Thekla in das blaue Zimmer gegangen zu denen ihr, die Die ſchon an zurück; a Sopha ſe Kopfes be Er t Der Jur rampf⸗ ehen?“ zimmer genklei⸗ erkſam⸗ hüpf⸗ me. ange⸗ — ſie nd trat in ent⸗ und es rührte, rſtand. zimmer ne und Braut⸗ r ging größten hiebei en; ſie iem zu llte— indem rückge⸗ ick um immer gegangen: ſie hatten noch einige kleine Ueberlegungen, zu denen bis jetzt die Zeit gefehlt hatte. Einige Secunden lang nahm die ſtarke Bewegung des Bräutigams und die ſtille Furcht der Braut zu. Ihre Augen waren einander von dem Augenblicke an, da er ſich vor ihr auf die Kniee geworfen hatte, nicht begegnet. Jetzt aber begannen heftige Zuckungen über Will zu kommen; ſeine Hände umſchloſſen Roſa's Hände immer feſter, und ſeine Augen erhoben ſich langſam zu ihr, die in dieſem Augenblicke nicht zu ſehen wagte, was darin geſchrieben ſtand. Dieſes Ausweichen ſchien inzwiſchen ſeine Ungeduld reße zu machen, und nachdem er mehrmals ohne Er⸗ folg mit ſeinem Haupte ihren Aermel berührte und mit ſeinen Händen, worin die ihrigen immer noch ruhten, ſie zu ſich herabzuziehen geſucht hatte, ſtand er heftig auf und wollte hinausgehen. — W dieſer Bewegung ſammelte Roſa ihren ganzen uth. Sollte er an dem heutigen Ta9 unzufrieden, ge⸗ demüthigt, zornig von ihr gehen? Wie konnte ſie, die ... die in drei Stunden ſich verpflichten ſollte, ſeine Gattin zu werden, ihm den Blick weigern, um den er flehte? Nein, mochte auch in ſeinem Blicke liegen was da wollte— hier zog Roſa's Herz ſich zuſammen— ſie mußte dennoch Kraft haben, ihm mit Güte zu be⸗ gegnen. „O, dieſe Furcht, dieſe ſchreckliche Furcht! wenn ich ſie nur beſiegen könnte!“ Denudch mußte ſie beſtegt werden. Sie ging ihm nach, ſie ergriff die Hand, welche er ſchon an das Thürſchloß gelegt hatte, und führte ihn zurück; aber ſie zitterte ſo heftig, daß ſie ſich auf den Sopha ſetzen mußte. Mit einer matten Bewegung des Kopfes bat ſie ihn, neben ihr Platz zu nehmen. Er that es. Der Jungferthurm. Iv. 24 —— 370 „Jetzt,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„will ich ihn recht innig, herzlich und freundlich anſehen, und wenn da etwas Gefährliches, etwas Unheimliches in ihm vorgeht, ſo wird er ſich wohl zu beherrſchen wiſſen!“ Als aber Roſa eben die Macht ihrer Augen zu prüfen gedachte, fühlte ſie ſich plötzlich von ſeinen Armen gefeſſelt, an ſeine Bruſt gedrückt— nicht brüderlich, wie er während der Zeit ihrer Verlobung bisweilen ver⸗ ſchämt und ſanft gewagt hatte, ſondern ſo, wie der Bräutigam die Braut an ſich drückt. Es war ihr, als müßte ſie erſticken, ſie fühlte eine Todesqual im Herzen, aber ſie blieb unbeweglich, denn der Schrecken und das troſtloſe Bewußtſein, daß er ein Recht, ja ein Recht hätte, ſie ſo zu umarmen, lähmte ihre Glieder. 5 Wen dch mußte ſie verſuchen, welche Macht ſie über ihn hatte. Sie beſtegte ihre Schwäche und blickte auf, ohne daß ihre Augen den Abſcheu verriethen, der ihr Blut in Eis verwandelte. Aber ach, dieſer Blick ſo voller Anmuth, der nicht befahl, ſondern bat, dieſer Blick war allzu ſchön, allzu zärtlich, als daß er etwas Anderes wirken konnte, als gerade den Gegenſatz von dem, was ſie wirken wollte! In Will's Augen glühten verzehrende Flammen, Flammen, die alle Lebensfarbe von den Wangen des jun⸗ gen Mädchens verjagten— und nun berührte ſein heißer Athem ihr Antlitz, ſeine Lippen näherten ſich den ihrigen. Sie ſchloß die Augen, ſie hoffte wenigſtens das Be⸗ wußtſein zu verlieren. Doch nein: gleichſam in einer magnetiſchen Be⸗ zauberung ſah ſie durch die halbgeſchloſſenen Augenlider, wie ſeine Blicke immer wilder und verwirrter wurden und gleichſam an ihrer Angſt Genuß zu haben ſchienen — ſah, wie dieſe Lippen, welche den ihrigen ſo nahe waren, bald ſich zurückzogen, bald ſich ſo nahten, daß ſte nur einen Zoll entfernt waren— ſah, wie in ſeinen Zügen bald ein verzweifelter Kampf und bald wieder eine todte die ſchree Jetz! Seit drückten dennoch nicht ſchr denn der ſtrahlend leiden, be So Da, da die L unterjocht Füßen, l blickte z2 Verzeihun Die um weder zu könner blick frei antwortet Vorwürfe In d dieſe kam Anzug zu Will kommen Er ſt ſeine Bra ſchon geöf ſchnell die „Lieb aus: geh wird dant Roſa Die hn recht denn da vorgeht, igen zu Armin üderlich, len ver⸗ wie der Ite eine h, denn er ein lähmte ſie uͤber f, ohne or Blut er nicht u, allzu te, als wollte! immen, des jun⸗ Graßr⸗ hrigen. das Be⸗ en Be⸗ enlider, wurden ſchienen o nahe 1, daß ſeinen wieder eine todte, ſchlaffe Troſtloſigkeit und bald eine Wuth lag, die ſchrecklicher war, als alles Andere. Jetzt aber war es aus mit der letzten Beherrſchung. Seine Umarmung wurde krampfhaft, ſeine Lippen drückten ſich feſt, wild, brennend an die ihrigen, und dennoch konnte ſie in ihrer unbeſchreiblichen Todesangſt nicht ſchreien, nicht den geringſten Laut von ſich geben, denn der Ausdruck in ſeinen Augen, zu gleicher Zeit ſtrahlend und drohend, voller Liebe, Schrecken und Mit⸗ leiden, beherrſchte ſie vollkommen. So verfloſſen einige Secunden. Da, nach einem von jenen moraliſchen Erdbeben, da die Leidenſchaften wieder von einer höheren Macht unterjocht wurden, warf er ſich von Neuem zu ihren Füßen, benetzte ihre Hände mit ſeinen Thränen und blickte zu ihr empor mit der demuthvollſten Bitte um Verzeihung. Die junge Braut war noch allzu ſehr erſchüttert, um weder ihr Mißfallen noch ihren Schmerz ausdrücken zu können; ſie war glücklich, daß ſie ſich für den Augen⸗ blick frei fühlte, und der Blick, welcher den ſeinigen be⸗ antwortete, ſprach daher eher von Dankbarkeit, als von Vorwürfen. In der nächſten Minute öffnete Thekla die Thür; dieſe kam, um anzuzeigen, daß es Zeit wäre, an den Anzug zu denken. Will hörte nicht, merkte jedoch, daß Jemand ge⸗ kommen war. Er ſtand auf, warf noch einen langen Blick auf ſeine Braut und ging dann zur Thür; als er ſie aber ſchon geöffnet hatte, kehrte er noch einmal um und ſtreckte ſchnell die gefalteten Hände nach Roſa aus. „Liebe Roſa!“ ſagte Thekla,„er ſieht ſo aufgeregt aus: geh' und gib ihm die geringſte Liebkoſung— er wird dann ruhiger werden!“ Roſa eilte nach der Thür hin.— Die Veränderung in Will's Zügen fſilt⸗ ſie mit 372 neuem Schrecken: ſie reichte ihm ihre Stirn, welche er leicht berührte. In dem darauffolgenden Augenblicke war er ver⸗ ſchwunden. Die drei letzten Stunden waren verfloſſen. Die Gäſte waren verſammelt. Die Brautmatte lag ausgebreitet im Saale, die Tabourete und die Kiſſen vor derſelben warteten; auch der Hochzeittiſch, an dem andern Ende gedeckt, wartete. Nur der Geiſtliche war noch nicht gekommen, konnte aber in jedem Augenblicke eintreffen. „Iſt die Braut ganz in Ordnung?“ fragte Frau Ringeborg, indem ſie mit einem vertraulichen Blicke, der von ihren jetzigen günſtigen Gefühlen zeugte, Thekla's Hand drückte. „Vollkommen!“ „Und der Bräutigam?“ flüſterte Karl Holgerſen zu, welcher vor Kurzem oben geweſen war. „Er wartet!“ antwortete dieſer dumpf. „Wo haben wir den Capitain?“ forſchte der Raths⸗ herr, welcher bis jetzt den einzigen Verwandten des Bräutigams noch nicht geſehen hatte. „Hier, Vater!“. Karl blickte auf die Thür, durch welche in dieſem Augenblicke Albin eintrat, doch nicht mit jener feierlichen Würde, welche die Wichtigkeit des Tages und der Stunde heiſchte, auch nicht mit jenem freien, anmuthigen und angenehmen Anſtande, der ihm ſonſt eigen war, ſondern eilfertig, heftig, ſonderbar, und kaum ließ er ſich Zeit zu einem kurzen Gruße, ſondern trat ſogleich zu Victor und flüſterte dieſem einige Worte zu.. Victor wurde todtenblaß und verließ ſogleich mit Albin das Zimmer.. „Was bedeutet das?“ ſtotterte Amelie und betrach⸗ tete ihren Mann. Holg zu empfit mit Seel Es zeitſaale Karl während wo ſie ſic „In Karl. In k wortete A ich aber mich ſehe ſtabel, in habe— i finde ich d Schlüſſel rief er un Schnell! „Das das Leben Karl.„Ke „Ja ſchon zehn denn Will — ſonſt n „Nur Capitain eellche er er ver⸗ le, die 1; auch vartete. konnte e Frau Blicke, Ehekla's Algerſen Raths⸗ en des dieſem erlichen Stunde en und ſondern ſch Zeit Victor ich mit betrach⸗ V Holgerſen ſtarrte die Decke an; er ſchien kaum Etwas zu empfinden, und dennoch konnte man ſagen, daß er mit Seele und Leib hörte und ſah. Es gab ein Gelaufe in der Hausflur, in dem Hoch⸗ zeitſaale herrſchte ein ſtarres Todesſchweigen. Karl flog hinaus. Er fand Vietor und Albin gleich zwei Bildſäulen vor der Thür des Zimmers ſtehen, welches die Brüder während der letzten Zeit gemeinſchaftlich bewohnt und wo ſie ſich vor einem Augenblick gekleidet hatten. en des Himmels Namen! was gibt's?“ fragte Karl. In kurzem, abgebrochenem, athemloſem Tone ant⸗ wortete Albin: „Vor etwas über einer Stunde war ich fertig; da ich aber ſah, wie ſehr mein armer Will litt, daß er mich ſehen mußte, ſo ging ich hinab zu dem Con— ſtabel, in deſſen Zimmer ich die letzte Stunde zugebracht habe— ich ließ Victor bei Will. Bei meiner Rückkehr finde ich dieſe Thür, wie Du ſiehſt, verſchloſſen und den Schlüſſel abgezogen... der Schmied, der Schmied!“ rief er ungeduldig...„Ach, ſieh da! Endlich!... Schnell!— die Thür geöffnet! „Das heißt ja aber beinahe den Leuten vor Schrecken das Leben rauben um nichts und wieder nichts!“ meinte Karl.„Kann er nicht ganz natürlich allein ſein wollen?“ „Ja wohl,“ entgegnete Victor,„das habe ich auch ſchon zehnmal geſagt, und es kann nichts Anderes ſein, denn Will ſagte mir das mit ganz deutlichen Zeichen — ſonſt würde ich nicht gegangen ſein!“ „Nur nicht lange gezögert!“ rief ungeduldig der Capitain—„Menſch, kannſt Du die Thür nicht öffnen?“ So.. jetzt iſt ſie geöffnet!“ Der Schmied trat auf die Seite— Albin ſtürzte hinein. Das Zimmer war leer. Ohne ein Wort mit einander zu wechſeln, flogen 374 die drei jungen Männer wie Blitze hinunter und zum Hauſe hinaus. Sie durchſuchten die Heilige⸗Geiſt⸗Kirche und mehrere von den Tempelruinen; doch da war kein Bräutigam zu finden. Jetzt eilten ſie zu dem Jungferthurm— vieelleicht hatte er ſich an Roſa's Lieblingsplatze vergeſſen. Albin ſtürzte voraus und ſchob Karl heftig auf die Seite, da er merkte, daß dieſer, gleichſam zufolge eines inſtinktartigen Gefühles der Erſte ſein wollte— Karl mußte weichen. Alſo ſehen wir Albin noch einmal die Treppe dieſes geheimnißvollen Thurmes hinauf eilen, wo vor einem Monat ein ſo ſchrecklicher Anblick ſeiner gewartet hatte. Welcher Anblick harrte ſeiner wohl heute? Er taumelte zurück gegen die Mauer. Die beiden Andern kamen nach. Doch keinen Laut gaben ſie von ſich— ihre Augen waren unbeweglich feſtgewachſen an demſelben Gegen⸗ ſtand, auf welchem Albin's Blicke ruhten. Auf der Moosbank, auf jener Bank, die Will ſeiner Geliebten errichtet, und auf welcher ſie ihr Blut aus Liebe zu einem Andern geopfert hatte, dort ſaß jetzt Will, der Sohn der Seufzer, mit einem himm⸗ liſchen Lächeln auf ſeinem Antlitze... doch er ſaß dort— todt, den treuen Rolf feſt in ſeine Arme gepreßt. Eine abgebrannte Piſtole lag neben ihm, eine an⸗ dere auf dem Boden. Er hatte zuerſt den Hund— den einzigen Freund, von welchem er überzeugt war, daß er ſich nie würde tröſten können— und dann ſich ſelbſt erſchoſſen. In ſeinem Taſchenbuche fand man ſpäterhin einen Bogen Papier, welcher folgende mit großen Buchſtaben geſchriebene Aufſchrift hatte: „Will's Teſtament.“ Und die Beſtimmungen dieſes myſtiſchen und rüh⸗ Weiſe di einen neu nen uner erſchöpfter unerwarte Nach ſinnung Alle über Sein wittwete 2 und mit „O 4 Wozu hät „Um ind zum mehrere äutigam vielleicht auf die ge eines — Karl de dieſes einem t hatte. Augen Gegen⸗ ll ſeiner lut aus aß jetzt himm⸗ er ſaß gepreßt. ine an⸗ Freund, würde n einen hhſtaben nd rüh⸗ renden Teſtamentes, jede in einer beſonderen Reihe, lau⸗ teten folgendermaßen: „Pflegevater— ſeine Danbarkeit. Pflegemutter— ſeine Liebe. Hildur— ſeine Juwelennadel. Karl— ſeine Achtung. Victor— ſeine Freundſchaft. Thekla— ſein Herz. Roſa— ſeine Thränen, ſein Blut. Albin— ſeine Rohrpfeife, ſeinen Ring, ſeine Braut.“ Weiter unten ſtanden folgende Sätze: „Will ſehr Glücklich. Lange gedacht. Will ſuͤß zu Sterben. Will ſegnen.“ An dem Abende dieſes Tages ſuchte der Todesengel noch einmal das Mörk'ſche Haus heim. Bei der Nachricht, welche auf eine ſo ſchreckliche Weiſe die Hochzeitfeier unterbrach, erhielt Holgerſen einen neuen Schlaganfall: ſeine durch die vorhergegange⸗ nen unerhörten Erſchütterungen der Seele ſchon ganz erſchöpften Körperkräfte ertrugen nicht dieſen letzten und unerwarteten Schlag. Nach einigen Stunden erhielt er jedoch ſeine Be⸗ nnung wieder und konnte mit einem dankbaren Blicke Alle überſchauen, die vor ſeinem Bette knieten. Seine Augen fielen zuerſt auf die lilienbleiche, ver⸗ wittwete Braut, welche ihre Arme zu ihm ausſtreckte und mit der Kraft der Verzweiflung ausrief: „O Vater, geh Du nun nicht auch hinweg!— Wozu hätte da Alles gedient?“ „Um Dich zu belohnen, geliebtes Kind!“ flüſterte 376 er matt:„auf dieſen beiden Gräbern werden Dir friſche Blumen erkeimen!“ Er berührte ſegnend ihre Stirn und ſah ſich dann um nach ihr, die ihm noch im Tode das Theuerſte war. Auf ihre beiden älteſten Töchter geſtützt, wankte Amelie hin zu dem Todeslager ihres Gatten. Was ſie einander ſagten, das hörte Keiner: doch lag Friede in ihren Blicken, Friede in ihren Seelen mitten unter der Trauer der Trennung— doch nur ſie litt von dieſer Trauer: Holgerſen's Blick war mit Hoff⸗ nung und feſter Zuverſicht nach Oben gerichtet, wo er bald den Hafen finden ſollte; doch ſah man, daß er noch Jemanden erwartete, noch Jemanden ſuchte. Thekla eilte hinaus. Vor dem Bette, wo der erblaßte Will, benetzt von den Thränen eines Bruders, den ewigen Schlaf ſchlum⸗ merte, ſaß Albin unbeweglich, gleichgültig gegen Alles, außer ſeiner eigenen Trauer.. Da berührte ihn eine leichte Hand; es flüſterte ihm Jemand in's Ohr: „Ein Sterbender wartet— komm!“ Albin erwachte aus der Erſtarrung ſeines Schmerzes, verſtand Alles und eilte als ein Bote des Troſtes, des Friedens und der Verſöhnung zu Holgerſen's Bett. Zwei Stunden ſpäter ſtand der reuige, lebensmüde Sünder vor dem Richter, dem er mit ſo demüthiger und hoffnungsvoller Zuverſicht zu nahen gewagt hatte. Seine letzten zuſammenhängenden Worte waren dieſe geweſen:. „Der Geiſt.. meines Vaters.. beſuchte mich.. in dieſer Nacht.. Frieden.. der Fluch.. iſt.. gelöſ't!“ Im Ereignit Es angeſtell Paradie Es zornigen Bei eine wollen, man ihre — von glocke he Gruppe aber un Geſellſch Der eignen 4 wo er n bis er ei beſorgt l begeben Schätze „Au rigen zor tigkeit be den Trad Sie wiſſ Tage übe die Piqu Sieht Si Mad r friſche tirn und ode das wankte r: doch Seelen nur ſie it Hoff⸗ wo er daß er etzt von ſchlum⸗ Alles, rte ihm tt. nsmüde ger und waren in h.. ſt!“ Neunundzwanzigſtes Capitel. Im Paradieſe. Im Jahre nach dem zuletzt in Wisby geſchilderten Ereigniſſe befinden wir uns auf Furuwik. Es iſt zu Anfang des September. „Ich arretire Sie, Madame, hört Sie, ich arre⸗ tire Siel... Hat Sie hier jetzt nicht ärgern Rumor angeſtellt, als ich ſelbſt an dem verdammten Tage im Paradieſe!“ Es war Vater Stangerling, der in böſem und zornigem Tone dieſe Worte zu Madame Lona ſagte. Bei einem ihrer netten Sprünge hatte ſie, ohne es zu wollen, verſteht ſich, ganz ohne es zu wollen— was man ihrer gottesjämmerlichen Miene auch anſehen konnte — von dem eigenen Secretär ihres Herrn eine Glas⸗ glocke heruntergekehrt, unter welcher eine ausgeſuchte Gruppe von Sevresporzellan Schutz gefunden, nun aber unglücklicherweiſe der Glasglocke auf der Reiſe Geſellſchaft geleiſtet hatte. Der Alte hatte vor kaum einer Viertelſtunde mit eignen Händen die Gruppe auf den Secretär geſetzt, wo er meinte, daß ſie ſo lange ſicher ſtehen könnte, bis er einige Kleinigkeiten, die ihm noch übrig waren, beſorgt hätte, da er ſich dann mit ſeinem Schatze hinauf⸗ begeben wollte in ein gewiſſes Zimmer, wo alle Schätze geſammelt wurden. „Auf jeden Fall,“ fuhr der alte Herr in dem vo— rigen zornigen Tone fort, indem er ſich mit einer Hur⸗ tigkeit bewegte, als wenn Podagra und Gicht nur in den Traditionen vorhanden wären,„auf jeden Fall ſoll Sie wiſſen, Madame, daß Ihr Regiment ſeine beſten Tage überlebt hat— was ſagt Sie?... verſteht Sie die Pique? Hier kommt eine andere Herrſcherin!... Sieht Sie?— Ja, ſtelle Sie ſich nur gottesjämmerlich!“ Madame Lona hatte eine Phyſiognomie mit dem 378 allertragiſchſten Effekte aufgeſetzt, denn ſie wußte ſehr wohl, daß ihr Gebieter mehr denn mißgelaunt war; da jedoch das Trauerſpiel eigentlich nicht ihre ſtarke Seite war— was ſie auch aus dem geringen Erfolge abnehmen konnte— ſo hatte ſie Takt genug, ohne Zeit⸗ vexluſt umzuſatteln; ſie bot daher ihre ganze Gefall⸗ ſucht, ihre ganze verführeriſche Liebenswürdigkeit auf, und begann die allerentzückendſte Menuette,„ein Lä⸗ cheln unter Thränen.“ Die Luſtige ſah recht gut, daß die Züge ihres Herrn, je nachdem ſie ſich im Tanze ihm näherte, einen weniger ſtrengen Ausdruck annahmen; und da ſie end⸗ lich, ſie, die ſich ſo gut darauf verſtand, dieſe Züge zu ſtudiren, dieſelben in einen grellen Anſtrich von Zärtlichkeit übergehen ſah, blieb ſie ſtehen und reichte die Tatze hin. In der Grazie, mit welcher ſie dieſes Manöver ausführte, lag etwas wirklich Rührendes — doch was war dieſe Grazie, dieſe rührende Ein⸗ fachheit, verglichen mit dem Blicke, der aus dem Auge der Madame Lona den Alten traf!... o, es war unmöglich, ihm zu widerſtehen: ſein Herz ſchmolz, er nahm die dargereichte Hand an und brummte in einem wirklichen Nachtigallentone: „Nun ſo mag es denn wieder gut ſein! Halt Dich aber nun auch in Ruhe und erwarte geduldig die Stunde, da Du wieder aus dem Arreſte kommſt; denn, meine Allergnädigſte, in's Loch mußt Du dennoch ſo lange bis unſre junge Gebieterin ſich hier ein wenig eingewohnt hat und hauswarm geworden iſt, denn, ſiehſt Du, Madame Lona, Du fuhrſt Dich bisweilen ſo auf, daß man ganz an Dir irre werden kann— ich will erſt Deine Verdienſte loben, ehe ich Dich präſentire!“ Und da die Stunde eines in den Annalen von Furuwik und ſeines Beſitzers großen und wichtigen Ereigniſſes jetzt herannahte, nahm Vater Stangerling die Madame Lona ſogleich auf den Arm und trug ſie in eine kleine entlegene, für ſie eingerichtete Kammer, wo ſie o Ausnah meinen I/ meiner punkte i von mel welchem aber in und die verletzter er mit d die halb ten, wie derte. 1 und ſeir ſo viel r unbewegl konnte, d und unte Gedanken Herr die geſucht, geſehen! daß er fand— gekleidet Etage, teſte Aue te ſehr war; ſtarke Erfolge e Zeit⸗ Gefall⸗ it auſ, in Lä⸗ ihres einen e end⸗ Züge h von reichte dieſes rendes 2 Ein⸗ Auge 6 war lz, er einem t Dich ig die denn, och ſo wenig denn, weilen inn— Diſch n von chtigen gerling rug ſie mmer, wo ſie allen möglichen„Comfort“ haben konnte, mit Ausnahme deſſen, was ſie am meiſten liebte— wir meinen die Freiheit. „So, Lona, ſei nun nur nicht böſe; ich kann meiner Seel' nicht helfen— und ich verſpreche, daß es nicht mein Fehler ſein ſoll, wenn Du nicht bald heraus kommſt!“ Bei dieſem unerwarteten und merkwürdigen Wende⸗ punkte in Madame Lona's Leben nahm ſie eine Miene von melancholiſcher Würde an. In dem Blicke, mit welchem ſie ihren Herrn betrachtete, lag kein Vorwurf; aber in der Geberde, womit ſie den Kopf zurückwarf und die Tatze bewegte, lag ein tief, faſt unverbeſſerlich verletzter Stolz. In dieſem Augenblick war Lona erhaben! Es war auch ganz eigen, den Alten zu ſehen, wie er mit dem Körper draußen ſtand und den Kopf durch die halb offen gehaltene Thür ſteckte, und zu betrach⸗ ten, wie ſeine Miene ſich in jedem Augenblicke verän⸗ derte. Bald hatte er ſichtlich die Abſicht, nachzugeben und ſeine Favorite wieder freizulaſſen: er hielt ja ſo viel von ihr; bald nahm er wieder eine martialiſche, unbewegliche Miene an, aus welcher man abnehmen konnte, daß er tapfer ſein wollte oder, richtiger, mußte, und unter dem Einfluſſe eines ſolchen Gedankens ge⸗ ſchah es denn auch, daß er die Thür heftig zuwarf, den Schlüſſel einſteckte und hinweg eilte. Aber neue, friſche Gedanken verdrängten bald die Gedanken an Madame Lona; und nachdem der alte Herr die Trümmer ſeiner ſchönen Gruppe zuſammen⸗ geſucht, die Uhr betrachtet und darauf in den Spiegel geſehen hatte, wobei ein anmuthiges Lächeln anzeigte, daß er ſeine Perſon in ganz vortrefflichem Zuſtande fand— er war auch wirklich mit großer Sorgfalt gekleidet— ſtieg er die Treppe hinauf zu der obern Etage, wo man von dem Balcone im Salon die wei⸗ teſte Ausſicht im ganzen Hauſe hatte. 380 Obgleich im Monat September, lag noch ein ſo friſches und ſammetweiches Grün auf Bäumen und Wieſen, auf Höhen und Thälern— Furuwik war gleichſam in einem Kranz von, Hügeln eingeſchloſſen — daß man ſich in die Mitte des Juli zurückverſetzt glaubte, und dieſe Täuſchung wurde gewiß nicht ver⸗ mindert, wenn man gewahrte, wie glühend und gold⸗ roth die Mittagsſonne in den Blättern der Waſſerlilien des breiten, ſchönen Fluſſes ſpielte, welcher den Hügeln zum Spiegel diente. Eine kühle und angenehme Sommerluft ſtrömte durch die feſtlich geordneten Zimmer, und der Duſt einer Maſſe von ſchönen ausländiſchen Gewächſen miſchte ſich mit dem noch friſcheren Duft, der von dem Walde und dem Blumenparterre auf dem Hofe kam, wo der Roſenbuſch und der Lavendel ſich anmuthig zu den in unendlichem Farbenwechſel ſchimmernden Herbſtblumen geſellten. Hinter dem Blumenparterre erblickte man den großen Teich, auf welchem die Enten in freundlich holder Vertraulichkeit lagen und ſchnatterten und auf ihren kleinen grünen Inſeln plätſcherten, gerade ſo, wie wir ſie ſchon früher auf einem andern Gemälde von Furuwik geſehen haben. Damals, als der Alte draußen auf dem Schaukelbrette ſaß und auf ſeiner Violine der Madame Lona etwas vor⸗ ſpielte, welche in dem Korbe lag und Vater Stangerling's beſte Schnupftücher als Bettgardinen benutzte, wartete er auf Niemanden, wurde aber doch durch die Ankunft des geliebten Sohnes auf das Angenehmſte überraſcht— heute war es anders: heute erwartete er den Sohn, doch nicht ihn allein, ſondern auch die junge, ſchöne Braut, die mit Mutter, Schweſtern und Schwager von Gottland nach Stockholm herübergekommen war, von wo aus die ganze Familie ſich zu Lande nach Gefle begeben hatte, wohin Albin geſtern ihnen entgegen gereist war, um ſie abzuholen. In dieſem Jahre hatte unſer Capitain ſchon im Auguſt das Seefräulein in den Hafen gelegt, und wäre es ſchon ſer Welt m und nur beredteſte ſich endl des Tra Die nehmſten ſetzten F besinſel nen zu d Alb ſelben ar Furuwik einig ger in den le in dem a Schutze d ren Thrã jungen E Göttin irn ſich endli war kind ehemals; war Roſe war jetzt ihren All und endli ken an de chen letzt er endlich wohlbeha ſeiner Ki ein ſo n und Ek war hloſſen verſetzt ht ver⸗ bgold⸗ rlilien Hügeln ſtrömte r Duſt miſchte Walde vo der den in olumen e man undlich nd auf de ſo, emälde Abrette as vor⸗ rling's tete er nft des ſcht— Sohn, ſchöne er von , von Gefle tgegen on im , und wäre es auf ihn allein angekommen, ſo hätte ſie gewiß ſchon ſeit Johannis ruhen können; doch hier in der Welt muß ja Alles ſeinen ordentlichen Gang gehen, und nur auf Albin's anhaltendes Flehen und auf die beredteſten Briefe ſeines Pflegevaters hatte Frau Mörk ſich endlich bewegen laſſen, die Hochzeit vor dem Ende des Trauerjahres zuzulaſſen. Dieſe Nachgiebigkeit hatte gleichwohl ihren vor⸗ nehmſten Grund in dem Umſtande, daß im entgegenge⸗ ſetzten Falle unſer Brautpaar vielleicht auf ſeiner Lie⸗ besinſel hätte einfrieren und nicht hinüberkommen kön⸗ nen zu dem unruhig wartenden Vater. Albin's und Roſa's Hochzeit, und zugleich mit der⸗ ſelben auch die des Conſtabel's und Betty's, ſollten auf Furuwik gefeiert werden— darüber war man ſtets einig geweſen; die beiden andern Paare dagegen waren in den letzten Tagen vor der Reiſe mit großem Pompe in dem alten Salzwedel'ſchen Familienſaale unter dem Schutze der goldenen Gans und Frau Ringeborg's dankba⸗ ren Thränen über das endlich ſo deutlich erreichte Glück des geliebten Sohnes getraut worden. Man kann ſich vorſtellen, welche Reiſegeſellſchaft ſich darauf nach Stockholm einſchiffte. Lieutenant Karl war entzückt und ſelig mit ſeiner jungen Gattin, Lieurenant Victor ſchwebte mit ſeiner Göttin in Roſengewölken, Roſa, deren vielfacher Schmerz ſich endlich in eine himmliſche Ruhe verwandelt hatte, war kindlich, natürlich, voller Leben und Freude, wie ehemals; denn mit dem Ende der großen Ereigniſſe war Roſa wiederum ein Kind geworden, und noch dazu war jetzt ihr Herz voll lieblicher Sehnſucht: ſie hatte ihren Albin ja in vollen ſechs Monaten nicht geſehen, und endlich Betty tanzte vor Freuden bei dem Gedan⸗ ken an den Conſtabel und den Sternſhawl, über wel⸗ chen letztgenannten der Conſtabel geſchrieben hatte, daß er endlich gefunden und gekauft wäre, und daß er nun wohlbehalten und ſchön wie ein neugeborner Tag in ſeiner Kiſte läge und wartete. 382 Nur über Amelie's Züge hatte eine ewige Betrüb⸗ doch Got niß ihren wehmüthigen Schleier gebreitet. ihrem Fre. Sie lächelte über das reine Glück ihrer Kinder; He! 1 ihr eigenes Glück hinieden ſollte jedoch keine Blüthen mehr Marie! treiben: ihr innerer Blick war gen Himmel gerichtet und ſeid und auf das ſtille Grabgewölbe bei Elfhagen, wo ſie Ihr?.. bald zwiſchen ihrem Gatten und ihrem Pflegeſohn zu hinunter ruhen hoffte. Ihr Euch Doch bemühte ſie ſich, ihre ſtille Sehnſucht und umherlau ihre Träume nach Befreiung zu beherrſchen, denn ſie gepackt w wollte das Glück der geliebten Töchter nicht verbittern: Zimmer! dieſe hatten ja neun Monate lang mit ihr geweint, wie ein mit ihr gelitten— ſollte ſte nun wohl nicht, da die— ſchlag Töchter in das roſenrothe Leben traten, das ſo friſch Ihr Geſi und ſo reich an neu knoſpenden Freuden war, dieſes denn doch Glückes ebenfalls genießen und ſich mit ihnen freuen! nachher l Ja, ſie that es. ſehen!... alle Herr — wie Albir — jungen D „Meiner Seele, nun könnte es auch wohl endlich Aha— 1 Zeit ſein, daß die Herrſchaften kämen!“ ſagte der Alte, den erſten indem er vor Ungeduld den Balkon verließ und einen Der? eilfertigen Gang durch die wenigſtens zwanzigmal ſo⸗ Mitze in wohl von ihm ſelbſt als auch von Albin revidirten Die. Zimmer machte. Es war die elegante Wohnung des Karren. erwarteten Paares, in welcher Herr Stangerling jetzt In d ſtand; als er aber eben noch Zeit genug zu haben Capitains meinte, nach der andern Seite hinüberſpringen zu Braut dar können, um den einundzwanzigſten Kennerblick über Albin; in alle Gaſtzimmer zu werfen, blieb er plötzlich wie an⸗ Staatswa gewachſen ſtehen. beiden nei Es fuhr und lärmte, als ob Thor mit zehn Don⸗ Conſtabel nern gefahren käme— und doch hatte ja der Alte bei„Herr der Krümmung des Weges dort oben auf der Waldhöhe, Erſte glüc welche das ſchöne weiße Gebäude beherrſchte, gar nichts verdammt bemerkt...„Siel Aha, ich merke, die Augen beginnen zu trügen; friſche und etrüb⸗ inder; mehr richtet vo ſie hn zu t und un ſie ttern: weint, a die friſch dieſes reuen! endlich Alte, einen nal ſo⸗ jdirten g des g jetzt haben en zu über ie an⸗ Don⸗ te bei dhöhe, nichts rügen; doch Gott ſegne die Ohren! Sie wiſſen noch, was zu ihrem Frieden dient.“ He! hört Ihr, Olle, Petter, Chriſtin, Charlotte, Marie!— wo haltet Ihr Haus? Hinaus mit Euch, und ſeid bei der Hand!— nur keine Confuſion, hört Ihr?... Halt!... So wartet doch... laßt mich erſt hinunter kommen!... So, Kinder!... Nun ſollt Ihr Euch vernünftig benehmen, und nicht ohne Kopf umherlaufen, ſondern Ihr tragt alle Sachen, die aus⸗ gepackt werden, an den gehörigen Ort, auf eines Jeden Zimmer! Vergeßt nur bei Leibe nichts: Alles ſoll gehen wie ein Uhrwerk, ſonſt— hol' mich Dieſer und Jener — ſchlage ich Euch Allen Arme und Beine entzwei, Ihr Geſindel!... Nun, nun, gute Leute, ſo arg iſt's denn doch nicht gemeint: Ihr ſollt auch einen Schmaus nachher haben, ſo daß... ja, ja, Ihr ſollt ſchon ſehen!... Arme Madame Lona, die nicht mit ſein und alle Herrlichkeiten betrachten darfl. Aber es iſt ſo, wie Albin ſagte: es könnte ihr vielleicht einfallen, die jungen Damen allzu freundlich zu bewillkommnen.„. Aha— nun wirklich... endlich! Da haben wir ja den erſten Wagen!“ Der Alte ſtellte ſich ganz gravitätiſch mit der grünen Mütze in der Hand auf die unterſte Stufe der Treppe. Die Karavane beſtand aus zwei Wagen und einem Karren. In dem erſten— der ſtattlichen Landaulette des Capitains Stangerling, neulich beſtellt, um die junge Braut darin zu holen— ſaßen Frau Mörk, Roſa und Albin; in dem zweiten— dem eignen altmodiſchen Staatswagen des Vaters Stangerling— ſaßen die beiden neuvermählten Paare, und in dem Karren der Conſtabel und ſeine Herzallerliebſte. „Herr Gott!“ ſeufzte der Alte,„wenn nun nur das Erſte glücklich überſtanden wäre! Dieſes Erſte iſt ſo verdammt verkehrt, eben weil es ſo langweilig iſt!“ „Sieh hieher, Vater! ſieh hieher!“ ertoͤnte eine friſche und muntere Stimme. 384 Und kaum hielt der Wagen, ſo ſtand Albin mit einem Sprung auf der Erde; ehe er ſich aber umge⸗ wendet hatte, um Roſa herabzuhelfen, war ſie ihm ſchon nachgeſprungen und an ihm vorbei geeilt; ſie wartete auf keine Präſentation, ſondern warf ſich fröh⸗ lich und warm mit dem Ausrufe kindlicher Hingebung in die weit offenen Arme des Alten. Unmöglich aber hätte Roſa es beſſer machen kön⸗ nen, als daß ſie ſo ihrem augenblicklichen ſchönen Ge⸗ fühle, ihrer tiefen, mahnenden Bewegung folgte. Als der alte Hageſtolz zum erſten Mal in ſeinem Leben den reinen Hauch des Kuſſes von einem jungen, ſchönen und unſchuldigen Mädchen auf ſeinen Lippen, eine feine, liebkoſende Hand an ſeinem Halſe fühlte, ward er ſo gerührt und ſo warm um daß Herz, daß alle unbehagliche Verlegenheit augenblicklich verſchwun⸗ den war. Ohne ſich um irgend Jemand zu bekümmern, als um ſeine Tochter— wie ſtolz war er, ſagen zu können: meine Tochter, meine ſchöne Tochter!— führte er ſie im Triumph mit ſich hinein in das untere Stockwerk, ſeine eigene Wohnung, wo die Ankömmlinge zuerſt ent⸗ gegen genommen werden ſollten; und da es zwiſchen Vater und Schwiegervater mit den gegenſeitigen Aus⸗ rufungen von Glück und Entzücken gar kein Ende nehmen wollte, ſo mußte Albin bei der übrigen Geſellſchaft den Wirth ſpielen. „Nein, nun iſt's Zeit, daß auch die Andern ihr Theil bekommen!“ ſagte Roſa, indem ſie mit ihren weißen Händchen die Thränen von der Wange des Alten hinwegſtrich und ihn dabei mit einem lächelnden und freudevollen Blicke betrachtete.„Wir durfen nicht länger eigennützig ſein, Väterchen, ſondern da ich ſehe, daß ich mich ſchon in den Beſitz der Favoritſchaft ge⸗ ſetzt habe, ſo beginne ich auch ſogleich mit der Aus⸗ übung meiner Macht!“ „Gott ſegne Dich, daß Du ſo ſüß und lieblich biſt! Zwar habe ich immer geglaubt, daß der Schelm einen 1* — rauſch es ebe ſich n ſtrahl nächſt ſeligke als z Pfleg⸗ nun e eine werde Reiſe S man ſo zu faſſur woger Der in mit umge⸗ e ihm t; ſie fröh⸗ gebung n kön⸗ en Ge⸗ ſeinem en, als önnen: er ſie ckwerk, ſt ent⸗ viſchen Aus⸗ nehmen aft den rn ihr ihren ge des helnden nnicht ſehe, aft ge⸗ Aus⸗ h biſt! einen guten Geſchmack hätte; daß er aber ein ſolches Glück haben würde, das glaubte ich nicht! Du kleine Elfe, Du Zuckerpüppchen! Du wirſt ſchon tanzen können, wenn der Alte die Violine ſtreicht!“ „Tanzen?... ja, Vater, ich will ſogar mit Ma⸗ dame Lona darin wetteifern!— Du hörſt wohl, Vä⸗ terchen, daß ich meine Nebenbuhlerin ſchon kenne.... Doch nun denke auch an die Mutter: ſie ſtirbt ja vor Sehnſucht!“ Und nun gab es große Ceremonien, mit Handkuß, Komplimenten und tauſend ſchönen Dingen. Der Alte war in dem ſiebenundzwanzigſten Him⸗ mel über alle dieſe ſchönen Damen, welche es ſich vor⸗ geſetzt zu haben ſchienen, ihn mit ihren Reizen und ihrer Liebenswürdigkeit ganz verwirrt zu machen: es war der erſte vollkommen ſelige Tag in ſeinem ganzen Leben, und darum kam er auch in den erſten Stunden nicht aus dem bezaubernden Rauſche. Aber war er wohl der Einzige, der ſich ſo be⸗ rauſcht fühlte? Waren da nicht noch zwei Andere, die es ebenfalls waren? Albin konnte kaum eine Minute ſich mit ſeiner Geliebten beſchäftigen, und dennoch ſtrahlten ſeine Augen von überirdiſcher Freude; denn nächſt dem Gefühle ſeiner eigenen unermeßlichen Glück⸗ ſeligkeit konnte es für ihn nichts Angenehmeres geben, als zu ſehen, welchen tiefen Eindruck Roſa auf ſeinen Pflegevater machte— dieſer gute und edle Vater, der nun endlich das ſo lange erſehnte Glück erreicht hatte, eine Familie um ſich zu ſehen. Die Hochzeit ſollte einige Tage ſpäter gefeiert⸗ werden, nachdem die Gäſte ſich ein wenig von der Reiſe erholt hätten. Nach dem Mittageſſen und dem Kaffee, nachdem man ein wenig bekannter mit einander geworden und ſo zu ſagen in eine gewiſſe ordentliche Gemüthsver⸗ faſſung gekommen war, die nach den großen Schwall⸗ wogen ruhig und gut ſchmeckte, ſchlug der Alte vor, Der Jungferthurm. IV. 25 2 386 daß die Mutter und Geſchwiſter die Wohnung des neuen Paares beſehen ſollten. Doch weit entfernt, an dieſer„grand tour“ Theil zu nehmen, wo Vater Stangerling ganz hochmüthig an der Spitze geht, machen wir ſtatt deſſen einen kleinen Sprung quer über den Hof, um uns in dem kleinen, allzu kleinen Hauſe Eingang zu verſchaffen, welches dort ſo anmuthig unter zwei großen Aepfelbäumen, einer gewaltigen alten Eiche und einer jungen Geis⸗ blatthecke verſteckt liegt. Dieſes kleine Gartenhäus⸗ chen, beſtehend aus drei Zimmern, war von dem Guts⸗ beſitzer zu der Dispoſition des Conſtabels geſtellt worden: hier ſollte er während des Winters mit ſeiner Betty wohnen; hier ſollte ſie während des Sommers ihn fröhlich, treu und arbeitſam erwarten. Während die Herrſchaften ihre Runde machten, nahm der Conſtabel den Arm ſeiner Liebſten: auch ſie mußten ja ihre Runde machen. „Sieh dich nur recht um, liebe Betty: ich glaube gewiß, daß dieß nach Deinem Geſchmack ausfallen wird— hier kannſt Du geräumiger wohnen, als in meiner Hütte auf dem Seefräulein!“ „Aber die Wohnung vergeſſe ich dennoch nie— nein, niemals, ſo lange ich lebe!“ antwortere Betty und lächelte unter Thränen den entzückten Conſtabel an, welcher ſie ſeinerſeits mit Blicken betrachtete, in denen alles Warme, das in ihm lebte, ſich ſo ſchön abſpiegelte. „Herr Gott, liebe Betty!“ Du wirſt eine allzu ſüße Frau— Fraul... nein, höre nur, wie ſchön das klingt!... o, iſt es möglich, daß ein ſolch himm⸗ liſches Loos mir zu Theil werden konnte— aber es wird denn doch wohl ſo ſein, und ich gelobe auch, daß ich Dich auf meinen Händen tragen will! Dort oben haben ſie mehr Staat, aber mehr Glück als wir haben ſie dennoc hätte: Als i nung ſoll e macht und 1 ich in Da n wirſt nehm ſichtis f gerne daß noch ſo ko mach wahr mach ſchei des komn ziehe des Theil thig inen nen, ches nen, heis⸗ aus⸗ uts⸗ den: etty ihn ten, ſie dennoch nicht. Bisweilen iſt es mir accurat ſo, als wollte mir die Bruſt geradezu zerſpringen... wie iſt es mit dir, liebe Betty?“ „Gerade ſo auch!.. Aber welch einen ausge⸗ zeichnet ſchönen kleinen Sopha haſt Du da! darauf kann ich ja ſitzen wie eine wirkliche Dame!“ „Ja, ja, das ſollſt du auch! Und meinſt Du, ich hätte nicht auch einen gepolſterten Fußſchemel für Dich? Als ich ſah, wie viele der Capitän für ſeine in Ord⸗ nung geſtellt hatte, ſo ſagte ich zu mir ſelbſt:„Betty ſoll es partout auch nicht ſchlechter haben!“ und ſo machte ich ſelbſt einen Schemel und polirte ihn ſo fein und überzog ihn mit dieſem ſeidenen Weſtenzeuge, das ich in Marſeille zugleich mit dem Sternſhawl kaufte... Da wir nun aber auf das Kapitel gekommen ſind, ſo wirſt Du wohl Deine Augenweide haben und ihn um⸗ nehmen müſſen— oder willſt Du vielleicht die Be⸗ ſichtigung nicht eher als am Hochzeitabend vornehmen?“ „Ja, wenn Du es erlaubſt, ſo möchte ich ihn ſehr gerne ſehen!“ „Erlaubſt. erlaubſt?— Ja, ich meine wirklich, daß ich Dir etwas abſchlagen könnte, Bettychen, und noch dazu wenn Du dieſe Miene aufſetzeſt!... Nun ſo komm denn— ich glaube, Du wirſt große Augen machen!“ „Ach, wie herzlich gut Du biſt— es wird wohl wahr ſein, was ſie ſagen, daß ich ein großes Glück ge⸗ macht habe!“ Bas lächelte mit der Seele in den Augen. „Siehſt Du dieſe galante Commode?“ „Die iſt doch wohl nicht unſer mit der Marmor⸗ ſcheibe und der ſchönen Stutzuhr darauf?“ „Unſer jedes Stück! Sie iſt übrigens ein Geſchenk des alten Herrn, der gewiß mehr denn einmal her⸗ kommt und Dich anlacht.... Nun gib Achtung! Jetzt ziehe ich die Lade heraus!“ „Ein ſo großes Paquet!“ Betty's Stinint zitterte 388 vor Entzücken.— Aber was wurde wohl daraus, als Bas das Paquet öffnete und einen himmelblauen ſei⸗ denen Shawl mit glänzenden goldenen Sternen über⸗ ſtreut vor ihr ausbreitete! Betty glaubte ganz beſtimmt, ſie müßte in Ohn⸗ macht ſinken; doch überwand ſie glücklich die Schwäche, um, nachdem der Bräutigam ſie in die Sterne gehüllt und mit ſich an den Spiegel gezogen hatte, ſo recht den Anblick ihrer einnehmenden Figur zu genießen. Doch müſſen wir ſagen, daß Betty ſich am liebſten in den Augen des entzückten Bräutigams ſpiegelte. Aber ſo ſage mir doch, warum durften wir nicht, da wir Alle hier waren, dieſes Zimmer ſehen?“ ſagte Roſa mit lebhafter Neugierde zu Albin, der eben mit einem Schlüſſel in der Hand über den Salon ge⸗ laufen kam. „Darum mein geliebter Engel, weil Vater, der ein ſo feines Gefühl hat, es uns gönnen wollte, erſt allein dieſe kleine Freiſtatt zu betreten, welcher er im Scherz, gewiß aber nicht ohne Bedeutung, den Namen des Paradieſes ertheilt hat!“ „Paradies?“ „Ja, es ſoll ja Dein kleiner Tempel ſein, meine liebliche Roſa!... Bilde Dir aber nur nicht ein, daß Du der Einſamkeit allzuviel genießen wirſt!“... Dieſe Worte wurden gewechſelt, während der alte Stangerling und„Couſine Amelie“ in einem entlegenen Zimmer Platz genommen hatten, um altklug zu reden, während Victor und Hildur im Garten promenirten, oder richtiger auf und ab liefen, und Karl mit ſeiner jungen Gattin in einem mitten im Parke aufgeführten Pavillon ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen hatte. Alle dieſe glücklichen Menſchen hatten an ſich ſelbſt und ihrem eigenen Glücke genug, ohne die Verlobten — zu verm des Par Geſpräch 77 Blumen ihrem„ ſie Viect Blumen armen E doch wi erhalten wir wo morgen ihre Ble bild vor warteſt in eine die un „C Biswei — zu vermiſſen; und während dieſe noch vor der Thür des Paradieſes ſtehen, wollen wir im Fluge ein paar Geſpräche der Neuvermählten belauſchen. „Meinſt Du wohl, daß ein Kranz von dieſen Blumen mich morgen kleiden würde?“ ſagte Hildur zu ihrem„Geliebten“, denn natürlicher Weiſe betrachtete ſie Vietor noch als einen ſolchen. „Da Du ſelbſt, mein Engel, ſchöner biſt, als alle Blumen, ſo bedarfſt Du ihrer Hülfe nicht, um Deinen armen Sklaven zu blenden und ganz verrückt zu machen; doch wird dagegen ihr Purpur einen erhöhten Glanz erhalten von Deinen ſchönen goldenen Locken. Aber wir wollen ſie heute Abend nicht brechen; ich fliege morgen früh hieher und hole ſie, da noch der Thau ihre Blätter küßt— das gibt ein ſo angenehmes Sinn⸗ bild von unſerer eigenen Morgenſtunde!“ „Dann aber gehſt Du auch Deines Weges und warteſt mit Geduld, bis ich fertig bin!“ „Gewiß würde es mir beſſer gefallen, wenn ich Dir helfen dürfte; aber ich unterwerfe mich, weil ich weiß, daß ich um ſo entzückter zurückkomme!“ „Ja, das eben will ich auch! Aber hier gibt es viele Fremde, und ich will, daß Du ein wenig ſtolz ſein ſollſt auf Deine Frau... Höre, mein liebender Herr! wenn wir in unſer eigenes Haus kommen, ſo wollen wir uns ja nicht einſchließen? Dergleichen iſt in einer gewöhnlichen Idylle recht gut, wir aber wollen die unſrige variiren!“ „Dadurch wird ſie um ſo entzückender werden!⸗ Bisweilen Geſellſchaft ſchadet nicht!“ „Und ein Ball erfriſcht das Gemüth... Doch ſieh, welch ein kleiner göttlicher Schmetterling!— ſchnell! — hilf mir ihn fangen!“ „Unmöglich! Meinſt Du, ich ſelbſt ſollte Dir Schmetterlinge fangen helfen? Höre, meine kleine Göttin! Du darfſt an dieſe gefährlichen Inſekten nicht weiter denken— Ich finde es ganz unter meiner Würde, Dir das zu erlauben!“ 390 „Woran ſoll ich da denken, mein Herr!“ „An mich, immer an mich!“ „Iſt das nicht ganz ein und derſelbe Begriff? Du ſiehſt alſo ein, daß es faſt eine Pflicht für mich iſt, die Kunſt zu erlernen, wie man Schmetterlinge fangen und feſthalten kann!“ „Hildur, nicht dieſen Scherz! alles Andere, was Du willſt, nur nicht das!— Sollte wohl ich jemals von Dir wegflattern können?“ „Die Zutunft,“ ſagte Hildur mit einem Blick voll reizender Schalkheit,„hat einen ſchrecklichen Fehler!“ „Welchen meinſt Du? daß ſie nicht ausreichen will?“ „O nein, daß ſie nicht ſchon vergangen iſt!“ „Wie glücklich wird meine kleine Roſa hier werden, und wie glücklich auch Albin durch ſie!“ ſagte Thekla mit einer Stimme, ſo warm und ſo weich, daß man wohl hörte, wie Thekla jetzt weit wärmer war, als vormals. „Ja,“ entgegnete Karl, indem er den Arm feſter um ſeine junge Gattin ſchlang,„wie glücklich ſie aber auch werden mögen, ſo wiſſen ſie wenigſtens jetzt noch nicht viel davon— was iſt die Liebe zwiſchen Braut⸗ leuten in Vergleich mit der Liebe zwiſchen Ehegatten! ... Weißt Du, es wird mir ſchwer, wenn wir von andern Leuten umgeben ſind, unter der Oberfläche einer äußern Ruhe mein Glück zu verbergen— und dennoch muß ich es, weil ich nicht will, daß irgend Jemand außer uns ſelbſt vollkommen klar in unſern Himmel blicken ſoll!“ „Dieſes Dein Feingefühl, mein Karl, iſt auch mir unausſprechlich theuer— wie iſt es wohl möglich, daß Hildur und Victor nicht allein ihre Gefühle, ſondern ſogar ihre Liebkoſungen den Blicken Aller Preis geben mögen!“ „Dieſer Pavillon,“ fuhr Karl fort mit einem Lächeln, das ſeine männlichen und ernſten Züge ver⸗ ſchönert unſre Z1 dieſem, dann, w wie wol denn gil welche i „In glaube uns übe mit ein Er wirklich gekomm In vorſtehe verſehen Lorbeere wächſen man nit ſollte— die Abe warf. Geliebte rückgege noch zu der ſaft „hier n f? Du iſt, die en und „ was jemals ck voll ehler!“ will?“ verden, Thekla 3 man r, als feſter e aber t noch Braut⸗ gatten! r von einer ennoch emand immel ch mir h, daß ondern geben einem e ver⸗ 391 ſchönerte,„hat eine herrliche Lage: hier wollen wir unſre Zuſammenkünfte haben, ſelige Augenblicke, gleich dieſem, die wir dem Geſellſchaftsleben rauben— und dann, wenn wir in unſere eigene ſchöne Heimath kommen, wie wollen wir da uns ſelbſt leben, geliebte Thekla!... denn gibt es wohl Freuden, die denen vergleichlich find, welche wir in unſerer eigenen Welt beſitzen?“ „Immer begegnen ſich unſere Wünſche!— dennoch glaube ich nicht, daß wir dadurch Urſache haben werden, uns über Einförmigkeit zu beklagen!“ „So öffne doch endlich, mein Albin!“ ſagte Roſa mit ihrem lieblichſten Lächeln:„ich ſehne mich darnach, in unſer Heiligthum blicken zu können!“ „Meinſt Du nicht, daß ich mich ebenfalls darnach ſehne?— wir haben ja noch kein ordentliches Wort mit einander wechſeln können!“ Er ſchob ſchnell die Thür auf und Roſa glaubte wirklich in eine kleine ſchöne Abtheilung des Paradieſes gekommen zu ſein. In dieſem Zimmer, welches achteckig und an jedem vorſtehenden Pfeiler mit einem ſchmalen Wandſpiegel verſehen war, traf das Auge auf eine ſolche Maſſe unter Lorbeeren, Myrthen und üppig blühenden Prachtge⸗ wächſen aufgeſtellter herrlicher Kunſtgegenſtände, daß man nicht wußte, was man eigentlich zuerſt betrachten ſollte— es war ein bezauberndes Ganzes, über welches die Abendſonne jetzt ihren erröthenden Goldſchimmer warf. Ueberall erblickte Roſa ihr eigenes und ihres Geliebten Bild, beide mit dem glückſeligen Lächeln zu⸗ rückgegeben von allen dieſen Spiegeln, welche ſich den⸗ noch zur Hälfte verbargen hinter den grünen Blättern der ſaftigen Schlingpflanzen. „„Ach ja,“ rief Roſa mit frohem Erſtaunen aus, „hier muß der irdiſche Himmel ſein in dieſem ſtillen 392 und geheimnißvollen Zimmer, angefüllt mit lauter Blu⸗ men und den Meiſterwerken großer Künſtler... und Gottes Werke hier unten... welch eine Ausſicht!... O, herrlich, über alle Beſchreibung herrlich!... Und dann das große freudereiche Gefühl, zu wiſſen, daß ich nun Dein bin!— keine Trennung, kein Tod mehr!“ „Keine Trennung mehr, kein Tod, meine Geliebte, meine Braut, meine Gattin! Welche Tage werden wir hier verleben, nachdem nun alles Schmerzhafte, Düſtere und Stürmiſche gewichen iſt! Gott ſei gelobt für das, was vorüber iſt und nun ruht!“ „Ja, Gott ſei gelobt!“ flüſterte Roſa.„O, es iſt ſchön, für die Entſchlafenen zu beten, ja auch für die⸗ jenigen, welche uns Böſes zufügen wollten! Die Un⸗ glückliche...“ „Ach, ſprich ihren Namen hier nicht aus! Welchen tiefen Blick muß ſie aber wohl nicht in Dein Weſen geworfen haben, da ſie gleichſam das Reſultat ihrer letzten Handlung vorausſehen konnte— denn wahr⸗ ſcheinlich war es eine Ahnung von den Folgen, was ihr den Muth gab zu dieſem letzten Verbrechen ihrer Eiferſucht!“ „Das glaube auch ich, mein Albin, und ich habe Gründe zu meinem Glauben, wenn ich mir Vieles von demjenigen in's Gedächtniß zurückrufe, was im vorigen Jahre ſich ereignete. Sie war ganz gewiß in Wisby, ſie ſah mich gewiß ſehr oft; und in einer Abendſtunde, da ich mit Betty in der Ruine von St. Lars allein zu ſein glaubte, hörte ſie gewiß ſo viel, daß ſie begreifen konnte, welche Wirkung die Nachricht von Deinem Tode auf mich hervorbringen würde; wir Beide, ich und Betty, hörten auch wirklich ein Geräuſch auf der Treppe; ohne Zweifel war ſie es... doch die Er⸗ innerung an ſie darf unſer Glück nicht ſtören!“ „Und biſt Du nun ganz glücklich, meine herrliche Roſa? Iſt Dein Albin Dir genug? Iſt er Dein Alles?“ „Ja, mein Alles!“ er Blu⸗ .. und ht... uUnd daß ich nehr!“ zeliebte, den wir Düſtere für das, I, es iſt für die⸗ Die Un⸗ Welchen n Weſen at ihrer wahr⸗ n, was en ihrer ich habe Vieles was im gewiß in in einer von St. biel, daß eicht von ir Beide, uſch auf die Er⸗ 4 herrliche Alles?“ „Möchteſt Du dieſes Wort nicht zurücknehmen, wenn Deine Mutter, Deine Schweſtern Dich verlaſſen, und du nur noch mich haſt!“ „Nur Dich?— Ach, Du biſt allzu edel, als daß Du einen Neid fühlen ſollteſt gegen die warmen Ge⸗ fuͤhle, die bei der Trennung den Geliebten in die alte Heimath folgen! Du weißt auch, daß ich keine Heimath gegen diejenige vertauſchen will, welche Du mir an Deinem Herzen ſchenkſt: überall, wo Dein Herz ſchlägt, da iſt meine Heimath!“ „O, wie reich machen mich Deine Worte!... Ja, ſo träumte ich mir die Liebe!“ „Aber was ſehe ich? Was iſt das?“ rief plötzlich Roſa aus, indem ſie in Thränen ausbrach, ſich den Armen des Geliebten entriß und auf den kleinen Sopha zueilte, auf welchen ihr Blick eben deßhalb fiel, weil Albin ſie dahin führen wollte. Albin lächelte und betrachtete mit unbeſchreiblichem Entzücken ſeine junge Braut. Er, der an dieſes gedacht hatte, er wußte auch am beſten, welcher Gegenſtand ihre Aufmerkſamkeit feſſelte. „O, unmöglich, unmöglich,“ rief Roſa aus, indem ſie plötzlich lachend und weinend in dem Zimmer umher zu tanzen begann,„unmöglich konnte ein ſchöneres und froheres Wiederſehen meiner warten und mich mit meiner neuen Heimath vertrauter machen!. Dank, mein Albin! Dank, tauſendmal Dank fuüͤr eine ſo herr⸗ liche Idee!“.— Und nun war Roſa ſo ganz ein Kind, ein frohes und entzücktes Kind, daß ſie augenblicklich ihren Ge⸗ liebten, ihre Umgebung, ja Alles vergaß über das Zu⸗ ſammentreffen mit— Fräulein Ebba. Fräulein Ebba war aber dießmal in großem Staat, gerade ſo, wie Roſa ſie bei dem Abſchiede mit einem tiefen Abſchiedsſeufzer in den Puppenſchrank ge⸗ ſtellt hatte, denn ſie konnte leider nicht daran denken, dieſen mitzunehmen. Der Jungferthurm. IV. 26 Ein gutes und warmes Gelächter erſcholl jetzt in der Thür. Es war Vater Stangerling, der ſich nachgeſchlichen hatte, um vielleicht der Zeuge einer kleinen Liebesſcene im Paradieſe ſein zu können, der aber ſtatt deſſen ſeine junge Schwiegertochter in vollem Tanze antraf mit einer— Puppe. Ende.