1 iothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Teſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von„ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 6 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 f. 2 At.— Pf. 1 „ 3 6„—„ 3„—„ 3 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ 1 V 4 n⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 5 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die— ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Der Jungferthurm. Seeroman von Emilie Flygare⸗Carlén. Dritter Theil. . Aus dem Schwediſchen von Dr. C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. Zehntes bis zwölftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. b 4 Dritte Abtheilung. Erſtes Capitel. Auf Furuwi k. Die Wälder, Wieſen und Blumenbeete dufteten herrlich, die Vögel ſchlugen in der ſtillen Abendſtunde ihre Triller, und die Sonne, welche eben im Begriff war unterzugehen, warf einen Goldſchleier über den großen Hofteich, auf welchem die Enten hin⸗ und her⸗ ſchwammen und ihre kleinen grünen Inſeln von grünen Blättern hinter ſich herzogen. Auf einem Schaukelbrette vor dem großen Herren⸗ hauſe des Gutes Furuwik ſaß der alte Stangerling im Sommerrocke und mit einer ſchwarzen Mütze auf dem Kopfe. Er ſpielte ſeine Violine und blickte bald auf die Bäume, bald auf den Himmel, die Vögel und die Enten im Teiche, welche ihn gar ſehr zu unterhalten ſchienen, und ſehr oft ruhte ſein Blick auf einem großen Weidenkorbe, der neben ihm ſtand, und aus welchem dann und wann eine umbundene Tatze hervorſah. „Sehr wohl, Lona!“ ſchwatzte der Alte mit ſeiner Vertrauten, der Beherrſcherin von Furuwik, welche zur geheimen Freude des ganzen Hausperſonales das Un⸗ glück gehabt hatte, bei einem unerhörten Sprunge ihren einen Puß zu verrenken—„ſehr wohl— kannſt nicht mehr tanzen! Arme Madame Lona!— wohnſt jeßt in einem Korbe... befindeſt Dich gewiß ſchlecht da Der Jungferthurm. III. 1 eile —,—— 2 Und der alte Mann beugte ſich ſo herzlich freundlich auf Lona's Bett herab, welches ſehr nett mit einer Decke und mit Vorhängen von den beſten oſtindiſchen Schnupf⸗ tüchern des Herrn Stangerling verſehen war. Die Töne, welche er der Violine entlockte, wurden immer einförmiger und klagender, während er ſich ſelbſt mit kleinen, kurzen, zum Takte paſſenden Ausrufungen accompagnirte.„Teufelsjunge— keine Liebe, keine Hoch⸗ eit... läßt mich in der Einſamkeit ſitzen... muß am Pnde doch wohl... ſterben.. als.. Einſiedler!“ Bei dem letzten Worte erſtarb der letzte Ton in der Violine; das Kinn des Alten ſank herab auf die alte Dienerin, die auf der Bruſt ruhte, und der Arm mit dem Violin⸗ bogen blieb unbeweglich ausgeſtreckt auf dem Schaukel⸗ brette liegen. Da erklangen in einiger Entfernung ganz andere, friſche, jugendliche, aus einem warmen Herzen entſprun⸗ gene Töne— und ehe es der Alte ſich verſah, ſprang Capitain Albin aus der Chaiſe und flog zu ihm hin. Stangerling kam dabei ſo in Aufregung, daß er bei⸗ nahe ſeine älteſte Freundin auf die Seite geſtoßen hätte, um den Pflegeſohn um ſo eher an die Bruſt drücken zu können. „Hier komme ich, mein theurer Vater, mit einem Gruße von dem alten Jungen, der jetzt wohlbehalten zu Gefle im Hafen liegt, und mit einem Gruße von meinem himmliſchen Seefräulein, die das blaue Element noch nicht mit dem Glücke, ſie zu tragen, beehrt hat!... Gott ſei Lob und Dank, daß ich den alten Papa ohne Podagra treffe!.. Ja, es ſchmeckt ſchön, an einem Vaterherzen zu ruhen!“ „Würde wohl beſſer ſchmecken,“ meinte der Alte, indem er ſich die Augen rieb,„wenn Du an dem Her⸗ zen einer ſchönen Frau ruhteſt— ſieh, das könnte noch etwas ſein!... Aber, willkommen, Brauſewind— wonach flatterſt Du hieher mitten im Sommer? „Bin ich vielleicht nicht willkommen?“ ſagte Albin, 3 indem er mit einem lächelnden Blicke in das von Freude bethränte Auge des Alten ſah. „Geſchwaͤtz!— Siehſt Du nicht, daß Lona krank iſt?“ „Wie?... Nun wahrhaftig, da war es gut, daß ich kam!... Arme Lona, wie langweilig muß es Dir jetzt vorkommen, Du meine Schöne!“ „Und mir wohl auch— meinſt Du, daß es für mich angenehm iſt? Schande genug, daß ich keine beſſere Geſellſchaft habe, als meine gute Lona: das iſt Deine Schuld, Junge— hörſt Du das?“ „Keine Vorwürfe, heute Abend, lieber Vater!“ fiel Albin erröthend ein; denn bei der Hindeutung des Alten konnte er nicht umhin, zu berechnen, wie vortrefflich die kleine Zauberin auf Gottland paſſen würde, dem ernſten Furuwik Leben zu ertheilen.. „Komm her, Du!“ rief Herr Stangerling einem Bedienten zu, der herbei geeilt kam, um die Sachen des Herrn Capitains in Empfang zu nehmen.„Trage die Madame Lona hinein!... So, mein lieber Sohn, nun wollen wir ein Gläschen zu Ehren des alten Jun⸗ gen trinken. In dem Briefe, den Du mir aus Wisby ſchriebſt. ſagteſt Du kein Wort von einer Fracht nach ef e!“ „Es ſollte auch eine Ueberraſchung ſein. Nachher hatte ich doch wohl gedacht, über eine große Unannehm⸗ lichkeit zu ſchreiben, die mich dort getroffen hat; dann aber dachte ich wieder, es wäre wohl eben ſo gut, dieſe Geſchichte ſo lange aufzuſparen, bis ich ſelbſt käme.“ „Welche Geſchichte?— Der Henker! der alte Junge wird doch wohl keine Haverie gemacht haben?“ „O nein, Vater: ich habe es an ſeiner Statt gethan!“ „Stopp, Junge!— erſt Gläſer und Pfeifen in Ordnung!... bin höchſt neugiexig, zu hören, welche Art von Haverie Du gemacht haſt!“ Einige Minuten ſpäter hatten die Herren Alles vor ſich, was der alte Stangerling für ne ithe grlich hielt, um ſich einen angenehmen Augenblick zu machen, und nun mußte Albin die Geſchichte von der Lorrendreierei⸗ Affaire beginnen und ſie auch beenden, ohne daß der Alte ſie mit etwas Anderem unterbrochen hatte, als hie und da mit einer Grimaſſe, einem„Tauſend Teufel“ zder einem„Uff, uff!— was hatte mein Sohn da zu thun!“ „So viel iſt aber gewiß,“ ſagte nun Albin, da Vater Stangerling noch immer ſeine allerhäßlichſte Gri⸗ maſſe beibehielt,„daß ich nie wieder von meinen Grund⸗ ſätzen abgehe.“ „Grundſätze mich hin und grundſätze mich her— wäre beſſer, ohne Grundſätze klug zu handeln, als ſich ſolche zu machen und ihnen dann nicht nachzuleben! Habe in allen meinen Lebtagen nicht geſchmuggelt, habe mir aber, Gott ſei Lob und Dank, auch keine Viertel⸗ und Halbemeilenſteine hingekritzelt— habe doch den geraden Weg vor mir geſehen.“ Albin antwortete nicht hierauf; der Alte mußte Zeit haben, auszubrummen. „Nun, nun, mein Sohn, ich behaupte nicht, daß es ein Fehler iſt, in gewiſſen Fällen nach feſten Regeln zu handeln: ich ſage nur, es wäre für mich ganz ab⸗ ſcheulich geweſen, wenn ich mich ſo hätte binden wollen. Aufrichtig geſprochen, meinſt Du wohl nicht, daß es manche Unannehmlichkeit hat, oder daß man gezwungen iſt, eine Menge von Vergleichen abzuſchließen, um es dahin zu bringen, daß die Grundſaͤtze mit einer und der andern neuen Anſicht zuſammenpaſſen?“ „Es iſt wohl möglich, daß ſolche Fälle eintreffen können; doch da muß ja ein vernünftiger Mann die möglichſt beſte Partie ergreifen. Ich halte es in vielen Fällen für klug, gewiſſe Prinzipien für unſere Hand⸗ lungsweiſe feſtzuſetzen; uns aber zu einem blinden Sclaven derſelben zu machen, davon kann die Rede nicht ſein, denn in demſelben Augenblick, da wir das thäten, handelten wir ja als bloße Maſchinen.“ „Wenn ich mich nicht irre, ſo denkſt Du ſchon liberaler, als ehemals.... Nun gut, gehe Du drauf los mit Deinen Grundſätzen, mein Sohn.. weiß recht gut, daß ſie aus keiner ſchlechten Quelle fließen; und inſofern, als ſie das Aufbrauſen des Gemüths und die Folgen betreffen, welche daraus entſpringen können, ſind ſie vortrefflich für diejenigen, welche im Stande ſind... ſich ihrer zu erinnern, wenn das Blut überbraust. Ich habe es aber meiner Seel' nie gekonnt! Doch habe ich gehört, daß Du auf Deinem Schiff dieſe Kunſt voll⸗ kommen ausübſt, und das iſt ſchön, ſehr ſchön, wenn man jung iſt und ſo warmes Blut hat, wie Du!“ „Dank, Väterchen— ein wenig Lob oben auf die Schelte konnte mir gerade nöthig ſein!... Doch was wollen wir nun über das Seefräulein ſagen?“ „Gar nichts, will ich hoffen,“ entgegnete der Alte kurz,„denn Du wirſt doch wohl nicht nach Hauſe ge⸗ kommen ſein, um ſie für eine Winterreiſe auszurüſten?“ Albin unterdrückte einen halben Seufzer.„Nein, behüte, Väterchen, ſie mag den Winter über noch ſchla⸗ fen— doch im Frühling!... ach, welch ein ſtolzer Augenblick, wenn ihre ſchönen Formen zum erſtenmale auf dem Meere ſchaukeln!“ „Ja, ja, im Frühling, das iſt was Anderes; da ſollſt Du wohl den alten Jungen fahren laſſen, um auf dem prächtigen Verdecke des gnädigen Fräuleins umzu⸗ ſchwenken!... Was aber denkſt Du mit dem Reſte des Sommers anzufangen? Komm nur nicht ſo ſpät im Herbſt zurück— hier iſt's ſo verteufelt langweilig, wenn Du weg biſt. Sogar der Violine wird die Zeit lang: ſie ſehnt ſich nach der Geſellſchaft der Flöte.“ „Wenn Du ſo willſt, Papa,“ antwortete Albin mit einem auf die Seite gewendeten Blick,„ſo mache ich nur eine kurze Reiſe. Vielleicht könnte ich in Gefle eine Fracht nach Wisby zurück erhalten— hernach will ich den übrigen Theil des Sommers zu Hauſe bleiben, die Aufſicht über das Seefräulein führen und Dir Ge⸗ ſellſchaft leiſten.“ „Schön, verdammt ſchön! Doch zum Henker, warum 6 willſt Du denn gerade nach Wisby zurück? Eben ſo gut könnteſt Du eine Reiſe nach England oder Frankreich machen— Du kommſt doch früh genug nach Hauſe, wenn Du nur eine Reiſe machſt.“ „Ja, wenn ich keine paſſende Fracht anderswohin erhalten kann, ſo muß ich wohl; dann aber wäre es nicht ſo ganz ſicher, ob ich auch von dort nach Hauſe kommen könnte, das müßte dann von den Umſtänden abhangen.“ Die Nachricht, daß der Tiſch gedeckt ſei, brach hier das Geſpräch ab, doch ging die Idee, Fracht nach Gott⸗ land zu erhalten, darum nicht aus Albin's Kopf heraus. Die halbe Nacht lag er in ſeinem offenen Fenſter und dachte über dieſe Sache nach; ebenſo viel aber dachte er darüber nach, wie er es ſollte vermeiden können, durch ſeine Verſuche und Erkundigungen die Aufmerkſamkeit des Alten auf den Umſtand zu wecken, daß er gerade nach Wisby wollte, wo er ſo großen Verdruß gehabt hatte.„Und was will ich auch wohl dort?“ ſagte er endlich zu ſich ſelbſt, indem er das Fenſter ſchloß und ſich auf den Sopha warf.„Sie könnte glauben, daß ich um ihretwillen käme— als ob ich ſie ſo nicht ſchon überall ſähe!... Und dieſe Blumen“— Albin ſuchte einige vertrocknete Reliquien von dem Abende auf der Kreuzweide hervor—„gewiß war ich verrückt, daß ich mich damals in der Nacht zurückſchlich, um dieſe zu ſtehlen!.. Ahnte ſie es wohl, als ſie das nächſte Mal dahin ging, daß ich ſpäter als ſie am Kreuze geweſen war? O nein, ſie iſt noch ſo jung, daß ſie nicht einmal rathen kann. Aber ich, ich rieth es an dieſem himmliſchen Abende, daß ihr kleiner Scherz... doch, ich irre mich: es lag nichts darunter; ſo offen, ſo frei, ſo fröhlich kann diejenige nicht ſein, welche tief empfindet— doch wie wäre das auch wohl nach einer ſo flüchtigen Bekanntſchaft möglich?“ Er verſank in das Beſchauen der Blumen und erröthete, da er ſich auf der neuen Schwäche ertappte, daß er dieſe Blumen küßte, welche ihre Hand zuſammen⸗ gebunden hatte. „Iſt es möglich— bin ich wirklich verliebt? Dieſe Leere, dieſe Sehnſucht, dieſe Unruhe, welche nie aufhört... Verliebt?— Was iſt denn eigentlich die Liebe? Macht ſie uns Schmerz oder Freude? Ich weiß es nicht, denn was ich empfinde, das läßt ſich in keine beſtimmte Ordnung bringen. An dem einen Tage iſt meine Seele ſo voller Leben und Kraft, daß ich mit den Vögeln durch die Luft fliegen könnte; an dem andern geht eine Finſterniß über meinen Himmel: ich bin nie⸗ dergeſchlagen, milzſüchtig, ungeduldig und voll wilder, beunruhigender Ahnungen von einem Unglücke, das gar nicht vorhanden ſein kann; an einem dritten Tage da⸗ gegen ſchleicht ſich eine ſchwärmende Wehmuth, angeneh⸗ mer, als die Freude ſelbſt, in mein Herz: ich baue Luft⸗ ſchlöſſer, und in ihnen wohne ich mit ihr, der Wunder⸗ ſchönen, und die Seraphim dort oben können nicht glücklicher ſein, als wir.— Welche Sprache ohne Worte, welche Blicke, welche. Nein, nun werde ich ganz ver⸗ rückt! Kenne ich wohl dieſes junge Mädchen? weiß ich, ob ihr Charakter ihrer Schönheit, ihrer kindlichen Anmuth entſpricht? Weiß ich, ob ſie die rechte iſt, ob mein Gefühl etwas mehr iſt, als ein flüchtiges Aufflammen? Weiß ich, ob ſie, ein Kind, ſchon die Bedeutſamkeit einer Verbindung für das ganze Leben verſteht?... Ach, ich weiß weiter gar nichts, als nur, daß Alles wohl bedacht u werden verdient!... Und Mörk, der nichtswürdige, etrügeriſche Mann, mein Schwiegervater!... Nein, ihr ſchönen Blumen; nein, ihr gefährlichen Fürſprecher! ich muß euch einſchließen— ihr ſollt mich nicht länger in Verſuchung führen!“ Und die Blumen wurden in das innerſte, verborgenſte Fach des Schreibpultes gelegt; doch das half Albin ſehr wenig, denn der Verſucher blieb in ſeinem eigenen Herzen, und das Kreuz, an welches das junge Mädchen ſich lehnte, war das Letzte von Allem, was er ſah, als er entſchlief, das Erſte, das ihm im Traume begegnete. *. ———— Zweites Capitel. Der Triumph des Alten. Nachdem Albin einige Tage zu Hauſe verweilt hatte, begleitete ihn der alte Stangerling ſelbſt nach Gefle, eigentlich um ſeinen Adoptivſohn, ſo lange dieſer dort war, täͤglich zu ſehen, ſeinem Vorgeben nach aber nur darum, weil Madame Lona dort beſſere Pflege erhalten konnte, als dieß auf dem Lande möglich war. Die Fracht nach Wisby aber wollte ſich gar nicht finden laſſen, ſo viele Mühe ſich Albin auch gab. Dagegen bot ihm ſein ehemaliger Patron, der Großhändler N.., welcher nun ihr voriges Verhältniß ganz vergeſſen hatte, eine Fracht nach Holland an, und Albin entſchloß ſich hiezu, ſo ſchwer es ihm auch wurde, der Hoffnung eines Beſuches auf der Inſel, wo er ſein Herz vergeſſen hatte, u entſagen. Vielleicht aber konnte ſich dennoch auf dem Rucwege eine Möglichkeit finden laſſen, wo nicht mit einer Fracht, ſo doch mit einem Sturm— viele waren wohl derjenigen, die gegen einen ſolchen in dem Hafen von Wisby Schutz ſuchten. Doch geſtand er ſich, daß ein ſo verzweifelter Wunſch eines redlichen Seemannes unwürdig wäre, ſo würdig er auch eines Liebhabers ſein mochte, welcher keine Hülfe verſchmäht, weder eine Hülfe von der Erde, noch eine Hülfe von der Luft. „Hier iſt ein Brief von Wisby an Dich!“ ſagte der alte Stangerling, als er an einem Morgen in Albin's Beiſein ſeine Poſttaſche erhielt und durchforſchte. „Ein Brief von Wisby?“ Das Blut ſtieg dem jungen Capitain in das Geſicht; als er aber nun in unüberlegter Heftigkeit die Hand ausſtreckte, um dieſen Brief, der von dort kam, entgegen zu nehmen, klang es ſo kalt in ſeinen Ohren:„Der Tauſend! es iſt ja mein ——————— zatte, zefle, dort nur alten nicht eegen 7 datte, ſich eines atte, dem mit aren afen daß anes ſein ülfe der in's dem rin eſen J es nein eigener, wie ich ſehe; er kommt zurück!“ Und bei dieſen Worten betrachtete der Alte ganz erſtaunt die feurigen Wangen Albin's, und nun kam es ihm zum erſten Male ſonderbar vor, daß ſein lieber Sohn ſo ſorgfältig Fracht nach dieſem Orte geſucht hatte, den er doch keinen Grund haben konnte, zu preiſen. „Hm!— hierunter liegt ein Hund begraben, das kann mir nie fehlſchlagen!“ ſagte Papa Stangerling zu ſich ſelbſt.„Entſinne mich nun auch, daß der gün⸗ ſtige Herr roth wurde, wie eine Tulpe, als ich am erſten Tage nach ſeiner Ankunft mein altes Lied anſtimmte.... Muß ihn dahin bringen, daß er Karte bekennt!“ „Iſt es nicht ſonderbar, Du, daß ich ſo ſehr in der Welt umher geflattert und dennoch nicht das Merkwür⸗ digſte in unſerem eigenen Lande geſehen habe; denn nach demjenigen zu urtheilen, was ich gehört habe, müſſen doch wohl die Ruinen in Wisby das Vortrefflichſte ſein, was wir in dieſer Hinſicht aufzuweiſen haben. Doch, der Henker! es iſt ja noch nicht zu ſpät!“ „Nein, gewiß nicht!“ rief Albin aus mit einer Stimme, in welcher ſo viel Inſinuirendes lag, als eine Stimme möglicher Weiſe enthalten kann:„Du biſt ſo kräftig, daß eine Reiſe nach Wisby die größte Kleinigkeit von der Welt wäre!“ „Ja, beſonders wenn ich unter Deinem Convoi reiste. Wenn Du nach Hauſe kommſt, ſo kann ja der alte Junge ſeinen alten Herrn als Frachtgut an Bord nehmen— was ſagſt Du dazu?“ Albin meinte, es läge ein kleiner ſcherzender Spott in dem Vorſchlage, der an und für ſich ſelbſt ſchon ziemlich ſonderbar war; und fürchtend, ſein lieber Pflege⸗ vater könnte auf eine Spähung nach dem Geheimniſſe, welches er verbergen wollte, ausgegangen ſein, nahm er einen äußerſt ruhigen Ton an, as er antwortete:„Weit beſſer wäre es, lieber Vater, wenn Du den Sommer, gerade die Zeit meiner Abweſenheit, zu dieſer kleinen Luſtreiſe benutzteſt: Du reiſeſt nach Weſterwik und von dort mit dem Poſtfahrzeuge hinüber.“ 10 „Meinſt Du das, mein Sohn? Nein, nein: Jeppe war kein Narr— reiſe ich, ſo geſchieht es in Deiner Geſellſchaft.... Nun aber höre zu: haſt Du wohl nicht zufällig außer den Ruinen etwas anderes Schönes auf Gottland geſehen?“ ſd ja: die Küſtenbildung iſt ebenfalls äußerſt in⸗ ereſſant.“ „Habe auch davon gehört; ſie ſoll bisweilen die For⸗ mation von Frauengeſtalten annehmen— haſt Du das auch geſehen?“ „Nein,“ antwortete Albin herzlich lachend,„ich habe keine Frauen von Kalkſtein geſehen; doch ſchöne leben⸗ dige Frauensperſonen gibt es dort!“ „Gut, mein Sohn!— Verſpürteſt Du denn nicht, daß irgend eine unter ihnen paſſen könnte, daß man ſie zur Königin in unſerem Junggeſellenreiche erhöbe?“ „Sollte kaum glauben, Vater! Zwar habe ich den Bruch zweier Verlöbniſſe überlebt, doch fürchte ich, daß keine der beiden Schönheiten ſich für mein Anerbieten beſtimmen würde, wenn ich mich nämlich dazu entſchlöſſe!“ Und um nun den Alten ganz auf eine falſche Spur zu leiten, erzählte Albin die Geſchichte bei Lilja's Höͤhle und was darauf folgte. „Bewahre der Himmel uns Beide vor dieſen Da⸗ men! Steife, ſtolze und ernſte Frauenzimmer kann ich nicht leiden— eben ſo gut kann ich meine ſchönen Bild⸗ ſäulen betrachten. Leichtſinnige ſind noch ſchlimmer... könnten Seitenſprünge machen wenn Du nicht zu Hauſe wäreſt— Gott ſei da mir als Gärtner und Wächter gnädig! Haſt Du Dich in Eine von dieſen vergafft, ſo erhältſt Du meine Erlaubniß nie wieder, Deinen Fuß auf Gottland zu ſetzen!“ „Nein, Vater, ich kam mit heiler Haut aus der Schlinge— verteufelt hübſche Mädchen aber waren ſie dennoch, wirkliche Göttinnen!— Doch ſage nun einmal zum Spaß, wie willſt Du Deine künftige Schwieger⸗ tochter haben— erſtlich: wie alt?“ „Je jünger, deſto beſter... laͤßt ſich da am beſten ziehen— und ſo iſt das junge Herz immer reicher an Nachſicht: ich bin, wie Du weißt, alt und bisweilen mürriſch.“ „Und demnächſt?“ „Demnächſt muß ſie ſchön ſein, wie eine junge Blume. Ich will mir ein ſchönes Brautpaar haben— der Alte ſieht gern ſchöne Frauenzimmer. Doch die Schönheit vergeht; alſo darfſt Du nicht bloß darauf ſehen, ſondern vor allen Dingen auf ein warmes Herz, auf eine reine Seele. Die Gemüthsart muß fröhlich und friſch ſein, ſo daß ſie die Freude in's Haus bringt — eine kleine Lichtelfe, die es nicht unter ihrer Würde hält, bisweilen nach der Violine des Alten zu tanzen... Dergleichen wäre luſtig!“ „Gott tröſte mich! Wo ſoll ich alle dieſe Eigen⸗ ſchaften vereint finden, ohne daß irgend ein Haken da iſt, an den man ſich ſtößt?... Aber Du ſagſt kein Wort von ihrem Vermögen und von ihrer Verwandt⸗ ſchaft?“ „Das thue ich nicht, weil mir Beides ſo ziemlich gleichgültig iſt. Hat ſie Geld, ſo iſt es gut; hat ſie keins, ſo helfen wir uns ohne— und was ihre Verwandtſchaft betrifft ſo ſind alle Klaſſen gleich gut, wenn man über die Angelegenheiten des Herzens einig iſt.“ „Ja, wenn aber zum Beiſpiel gegen den Charakter des Vaters etwas einzuwenden wäre— wenn man mit ziemlicher Sicherheit annehmen könnte, er wäre ein Schurke?“ „Dergleichen würde ich für ſehr ſchlimm halten— doch ſollte das arme, unſchuldige Kind dafür leiden, vorausgeſetzt, daß der Mann nicht öffentlich gebrand⸗ markt wäre?“ „O nein, das eben nicht!“ fiel Albin unbedacht⸗ ſam ein. „Du Schelm! Glaubſt Du nicht, ich verſtehe, daß Du einen falſchen Cours ſteuerſt?... Sol ſtreiche nun augenblicklich die Flagge und geſtehe, was Du im Schilde verſteckſt! Du biſt verliebt, Junge!“ „Du gehſt mir allzu ſehr zu Leibe, Vater! Doch wenn Du nun die Jagd einſtellen willſt, ſo ergebe ich mich— nota bene unter Bedingungen!“ „Nun, ſo laß ſie hören!“ Der Alte ſchmunzelte ungewöhnlich vergnügt darüber, daß er, der in der Liebe weder theoretiſche noch praktiſche Kenntniſſe beſaß, dennoch den Nagel hatte auf den Kopf treffen können. „Ja, Väterchen, es ſteht ſo; ich bin nicht verliebt, vielleicht aber auf dem Wege, es bald zu werden!“ „Gut.— Weiter im Terxt!“ „Weiter habe ich nichts zu bekennen, außer daß ich es mir zum Grundſatze gemacht habe...“ „Still dort im Lager— keine Dummheiten! Grundſätze in der Liebe!... Laß mich kein ſolches Kauderwelſch mehr hören!“ „Aber ſo höre mich doch zu Ende! Ich wollte nur ſagen, daß ich nicht wie ein Narr drauf losgehen will, ſobald ich merke, daß der Wind die Segel füllt— in unbekannten Fahrwaſſern ſegelt man vorſichtig, ſonſt macht man leicht Haverie.“ „Und durch eine allzu weit getriebene Vorſicht ereignet es ſich wohl, daß man die Zeit verſitzt und mit Scham und Aerger zuſehen muß, wie ein anderer Segler hinein⸗ ſteuert und ganz gemächlich den Ankerplatz einnimmt!“ „O nein, Vaͤterchen: um ohne alle Gleichniſſe zu reden, ſo iſt diejenige, der ich vielleicht in der Zukunft mein Herz ſchenken wollte, jetzt erſt fünfzehn Jahre— und für den Augenblick iſt es auf jeden Fall das Beſte, daß ich warte, denn in der Stimmung, in welcher ich und der Vater ſchieden, kann es nicht denkbar ſein, daß er, wenn ich auch ſeine Schlechtigkeit überſehen wollte — bereit ſein ſollte, demjenigen ſeine Tochter zu geben, der ihn ſo behandelte, wie ich in meinem gerechten Aerger that.“ Jetzt theilte Albin ſeinem Pflegevater die ganze Lage der Dinge mit. „Pfui Teufel! Das war ein ſchlechter Kerl! Doch gebe ich nicht ſo viel auf das Anerbieten, welches er Dir ich zelte Liebe noch iebt, ich tten! lches nur will, in ſonſt gnet ham nein⸗ ut e zu unft L— zeſte, rich daß ollte ben, chten Lage Doch Dir machte, denn dergleichen kann mit in dem Gang des Geſchäftslebens liegen, nämlich einer gewiſſen Art deſſel⸗ ben, womit ich mich niemals abgegeben habe; doch niederträchtig war es, den Matroſen in der Klemme ſtecken zu laſſen— ein armer Schelm mit Weib und Kind und keinen Schilling zur Unterſtützung.... Zum Henker mit einer ſolchen Canaille!“ „Ja, ſiehſt Du, Väterchen, ich glaube wohl, daß ich Grund habe, mich ein wenig zu bedenken.“ „Wenn aber nun das Mädchen ein kleiner Engel Gottes iſt und nicht den Schweſtern gleicht, ſo...“ „Ein Engel, eine Zauberin, das unſchuldigſte, lieb⸗ lichſte Kind iſt ſie, das iſt abgemacht— und gut dazu!“ Hier floß die kleine Scene in der Wohnung des Olaus Erlandsſon mit ein, welche Albin draußen mit ange⸗ hört hatte.. „Vortrefflich!... Nun, die Kinder dürfen nicht für die Väter leiden!... Biſt Du aber auch ſicher, daß ſie mehr denn gewöhnlich aufmerkſam auf Dich geweſen iſt?“ „Das iſt ſchwer zu wiſſen: ſie iſt ſo kindlich, ſo ſchelmiſch, ein ſolcher kleiner Brauſewind, daß man trotz aller ihrer Offenheit nicht weiß, wo man ſie hat. Den⸗ noch ſollte ich faſt glauben, daß ich ſie möglicher Weiſe gewinnen könnte.“ „Und zu dieſem Zwecke ſuchteſt Du Fracht nach Wisby?“ „Nein, Vater, nur um ſie wieder zu ſehen und mich umzuſehen: es iſt beſtimmt, daß ich mich ſelbſt prüfen und erforſchen will, ob es ein ernſtes Gefühl iſt, welches mich eingenommen hat, oder nur ein flüchtiges Wohlgefallen. Iſt das nicht recht, wenn man an eine Verbindung für ſein ganzes Leben denkt?“ „O ja, ich kann nicht anders ſagen. Doch wie lange ſoll denn dieſe Prüfung dauern, ehe Du überzeugt biſt, daß Du nicht fehlgegriffen haſt?“ „In dieſer Hinſicht darf ich von keinem Vorſatze reden; doch meine ich, ich müßte mich dieſer Prüfung ein Jahr lang unterziehen.“ „Und ſie, die von keiner Prüfung weiß?“ „O, ſie iſt ja nur erſt fünfzehn Jahre, und kann ich ſie inzwiſchen wieder ſehen, ſo ſei überzeugt, daß ich die Gelegenheit dazu nicht verſäumen werde.... Nun aber meine Bedingung, Väterchen! Für meine bewieſene vollkommene Aufrichtigkeit begehre ich, daß Du mich weiter nicht fragſt, ſondern den Ausgang ganz auf mei⸗ nem Herzen beruhen läſſeſt: iſt dieſes ſo tief verletzt, daß ich hinweg ſehen kann uͤber die Pein, den Großhändler Mörk meinen Schwiegervater zu nennen, ſo findet es wohl den Weg zum Ziele— iſt dieß aber nicht der Fall, ſo taugt auch meine Liebe zu nichts, und wird dann wohl von ſelbſt verſchwinden.“ „Ich gehe auf Deine Bedingung ein, denn ſie iſt klug und gut: doch, im Vorbeigehen geſagt, verlaſſe ich mich darauf, daß Dein neues Gefühl, ehe Du ein Wort davon weißt, Deine Grundſätze und Vorſätze aus dem Sattel wirft.... Und nun kein Wort mehr!“ Drittes Capitel. Ein Auftrag. Einige Tage vor demjenigen, da der alte Junge zum letzten Male den Hafen von Gefle unter dem Commando ſeines jungen Befehlshabers verlaſſen ſollte, trat an einem Abende Vas in das Zimmer des Capitains Albin und bat mit einer ſehr wichtigen Miene, der Ca⸗ pitain möchte die Güte haben, ihm einen guten Rath in einer Sache zu geben, worin er ſich ſelbſt nicht zu rathen wüßte. Biſt Du verliebt geworden und willſt heirathen,“ fiel ihm Albin ſchnell in die Rede,„ſo rathe ich Dir ernſthaft, zu warten, denn nach meinen Grundſätzen darf man ſich in dieſer Hinſicht nicht übereilen— das iſt der beſte Rath, den ich Dir geben kann.“ 1⁵ „Ich weiß nicht, Herr Capitain, wie Sie ſo mit einem Male darauf verfielen, an Liebe und Heirath zu denken, eins aber weiß ich leider, daß Poll noch immer eigenſinnig im Herzen ſitzt, und daß es gewiß ſchwer ſein wird, ſie jemals wieder hinaus zu ſchaffen.“ „Ach ſo,“ antwortete Albin mit einiger Verlegenheit, „wovon handelt es ſich denn alſo?“ „Sie wiſſen, Herr Capitain, daß der alte Surre⸗ Matts während unſerer letzten Reiſe ſeine Hütte auf dem Eislande verlaſſen hat und vier Ellen tief eingezogen iſt. Gott erfreue die Seele des alten Mannes: er überließ mir das Bett und lag ſelbſt mit dem eichenen Klotz unter dem Kopf auf bloßer Erde— ich bin dem Alten in ner herzlich gut geweſen, denn er hatte ein Herz im eibe!“ „Nun, bin ich ihm wohl nicht auch gut geweſen? Er erhielt wie gewöhnlich meinen erſten Beſuch, ſo oft ich zur Stadt kam; doch dießmal kam mir Niemand entgegen und dankte für den vortrefflichen Tabak, den ich ihm geſchickt hatte... Auch der alte Ennes hat ab⸗ getakelt und iſt in den Winterhafen eingelaufen— Gott ſei gelobt, daß er wenigſtens zu guter Letzt ſelbſt Herr ſein, und ſeinen Rum trinken und ſo gute Cigarren rauchen durfte, als er wollte! Mutter Steuermann hat ſeit der Zeit, da ſie ihn verließ, nichts weiter von ſich hören laſſen.“ „Sie wird jetzt ſchon kommen und ihr Erbtheil in Beſitz nehmen.... Sonſt aber wollte ich nicht hierüber reden, ſondern von dem Rath, um den ich bitten wollte.“ „So laß denn hören, Freund Bas, worin ich Dir dienen kann!“ „Ja, ſehen Sie, Herr Capitain! es iſt ſo, daß es ein hübſches Frauenzimmer, oder richtiger geſagt, einen ſchöͤnen Engel Gottes betrifft, an die ich gerne einen Brief Keſchrieben haben wollte, da Surre⸗Matts todt iſt.“ „Nun, das war mir etwas Neues!“ ſagte Albin lachend.„Stehſt Du mit den Engeln in Briefwechſel? An wen ſoll ich denn ſchreiben?“ —õ—ℳ——ñ—— „Wenn der Herr Capitain ſo gut ſein wollten, feines Papier hervorzunehmen und eine feine Feder zurecht zu machen, ſo will ich's derweilen im Kopfe zuſammen bringen.“ „Sieh, hier liegt das beſte Poſtpapier, das ich habe; die Feder iſt auch in Ordnung— nun ſpute Du Dich nur, denn ich muß heute Abend noch ausgehen.“ „Gleich, Herr Capitain!“ Bas legte das Geſicht in verſchiedene luſtige Grimaſſen, während er nachdachte; endlich kam die Ueberſchrift des Briefes:— „„Meine günſtige und hochgeehrte Mademoiſelle!““ „Aha, eine Mamſell?— ich bin ſehr neugierig.“ „„Ich wollte ganz ergebenſt erſuchen, wenn es gegen den Reſpect iſt, daß ich ſchreibe, daß die günſtige und hochgeehrte Mademoiſelle die Güte haben wollten, zu verzeihen...“ Was meinen Sie, Herr Capitain? wie nimmt es ſich auf dem Papiere aus?“ Bas bückte ſich, ſah über Albin's Schulter und lächelte recht wohlbe⸗ haglich. „Ich meine, es nimmt ſich verdammt gut aus— haſt Du noch mehr in Ordnung?“ „Ja, warten Sie— es iſt in der Mache und geht augenblicklich vom Stapel.“. „So laß es gehen... wir blieben beim Verzeihen ſtehen.“. „Ja, ja.. denn ſehen Sie, ich kann nicht anders, da der alte Surr ſchon in den beſten Hafen eingelaufen iſt und ſich dort verteiet hat...“ „Hieraus werde ich nicht klug!“ „Warten Sie nur, Herr Capitain, ſo werden Sie es ſchon verſtehen!...„Da ich ihm alſo die kleine, feine, ſeidene Börſe mit den beiden Silberthalern nicht geben kann, welche Mademoiſelle Roſa die Güte hatten...44 „Was war das?“ Albin warf die Feder hin und drehte ſich ſo heftig um, daß Bas einen Schritt zurück trat. „Was befehlen Sie, Herr Capitain?“. „Nichts— ich begreife nur nicht, wer den Brief haben ſoll?“ Wis! mein die den bei d von richte einer ſteher Meer geſch eine Meer war denn daß darur Ausd wirkl Klotz Und kann ſo er anſeh aber 1 Surr abſch etwas nehm Der abſchicken kannſt, zu thun? Haſt Du der Mamſell 17 „O, nichts Anderes! Den ſoll Mamſell Roſa in Wisby haben, die jüngſte Tochter des Großhändlers meine ich. Wiſſen Sie nicht mehr, Herr Capitain: ſie, die ſo ſchön und ſo freundlich und ſo herzlich beſchei⸗ den war?“ „Kannteſt Du ſie?“ fragte Albin, hoch erröthend bei dem Gedanken, daß er ſo leicht, ſo ganz unvorbereitet von ihr, die ihm beſtändig in den Gedanken lag, Nach⸗ richten erhalten konnte. „Sollte ich das nicht? Ich ſah ſie in mehr als einer ſchönen Morgenſtunde oben bei der Signalſtange ſtehen und wenn ſie ihr Köpfchen hinſtreckte und auf das Meer hinausblickte, während der Arm um die Stange geſchlungen lag, ſo war es mir accurat ſo, als ſähe ich eine bezauberte Prinzeſſin, die aus dem Perlenſaale der Meerfrau heraufgetaucht war... Jeſus, wie ſchön war ſie!“— „Du dummer Satan! warum weckteſt Du mich denn nicht?“ „O, Herr Capitain, Sie ſind ſo ruhiger Natur— daß ich glaubte, es verlohnte ſich nicht der Mühe, Sie darum heraus zu purren.“ „Von ſo ruhiger Natur— welch ein einfältiger Ausdruck! Weißt Du, mein lieber Bas, ich kann mich wirklich über Dich ärgern! Ich bin doch wohl kein Klotz und kein Stein, kannſt Du das nicht einſehen? Und eben ſo gut, als ich ein ſchönes Gemälde betrachte, kann ich mir wohl auch ein ſchönes Mädchen in einer ſo ſeheückenden Stellung, wie ſie gehabt haben muß, anſehen.“ „Ja wohl,“ ſagte Bas liſtig,„die Gemälde waren aber näher bei der Hand, da ſie in der Kajüte waren.“ „Gut— was hat denn nun aber dieß mit dem Surre⸗Matts und mit dieſem Briefe, den Du aamalic oſa etwas zu ſagen, ſo muß ich wohl die Commiſſion über⸗ nehmen, Dir zu helfen!“— Der Jungferthurm. III. 2 18 „Das wäre ſehr beſcheiden, Herr Capitain; doch weiß ich nicht recht, ob Mamſell Roſa das ſo ganz nach ihrem Sinne finden wird.“ „Was nun, Freund Bas?“ „Ja, ſehen Sie, Herr Capitain, es war ein Ver⸗ trauen von ihr, und da es gewiß nicht ihre Meinung war, daß ich es vor Ihnen ausſchwatzen ſollte, ſo könnte ſte es übel nehmen, wenn der Brief nicht in meinem Namen wäre.“ „Vielleicht haſt Du Recht; aber dennoch mußt Du mir nun Alles umſtändlich erzählen, denn es iſt wirklich recht ſonderbar!“ „Soll ich Ihnen nicht inzwiſchen beim Anziehen helfen? denn Petter darf meine Geſchichte nicht hören.“ „O nein, zum Anziehen iſt's noch zu früh.... Wie kamſt Du mit Mamſell Roſa in's Geſpräch?“ „Ein richtiges Geſpräch kam nicht eher als am allerletzten Abende zu Stande; doch ſehr oft hatte ich ſchon den Hut vor ihr abgenommen und ſie hatte mir ſo herzinnig gut zugenickt, als wollte ſie ſagen: ich kenne Dich recht gut, Conſtabel, oder mein lieber Bas!“ „Da ſollte man alſo glauben, daß ſie wußte, wer oder auf welchem Fahrzeuge Du warſt?“ „Ja, Herr Capitain, das wußte ſie meiner Seel ſo gut, wie ich ſelbſt, wie Sie gleich hören werden!“ Albin nickte, wagte aber kein Wort weiter zu ſagen, aus Furcht, er könnte ſein tiefes Intereſſe verrathen; dieſes aber ahnte Bas ſchon, denn Bas hatte in Liebes⸗ ſachen eine feine Naſe. „Sie wiſſen wohl noch, Herr Capitain, daß Sie mir am letzten Abende, da wir in Wisby lagen, den Befehl gaben, ich ſollte zu Erlandsſon's Frau gehen und ihr einen Zehnreichsthaler⸗Bancozettel bringen. Nun, ich war kaum hingekommen und hatte meinen Auftrag ausgerichtet, ſo ging die Thür auf und die hübſche Mamſell Roſa trat herein.“ „SO,“ dachte Albin,„er hat ſte ſpäter geſehen, als ich— wie werde ich ihn fragen können?“ ; doch az nach n Ver⸗ keinung könnte meinem ußt Du wirklich nziehen hören.“ .. Wie ls am atte ich tte mir „kenne ke, wer Seel ſo 7 ſagen, rathen; Liebes⸗ aß Sie n, den gehen ringen. meinen ind die n, als 19 „Ach ſo! Mamſell Roſa trat herein?... Nun, ſie war wohl fröhlich, wie die Lerche in der Luft?— Das Mädchen hatte einen leichten Sinn.“ „Ja, aber dießmal ſah ſie nicht aus, wie die Lerche in der Luft: auf beiden Wangen ſaß eine Lilie, und gleich nachdem ſie uns, die in der Stube waren, gegrüßt hatte, ſagte ſte:„Gute Erlandsſon! ich vergaß gewiß einen Schlüſſel, als ich vor einigen Stunden hier war?“ ..„Ja, hier liegt er,“ war die Antwort,„und ſehen Sie, Mamſell Roſa, was ich bekommen habe!“ Sie zeigte ihr die Banknote.“ „„Ach, hat der Conſtabel dieſe gebracht?“ ſagte ſie, und ihre Augen begannen zu ſtrahlen, wie die Sonne am Morgen.„Der Capitain Stangerling iſt alſo ſehr wohlthätig gegen die Armen?““ „Sagte ſie gerade ſo?— Entſinnſt Du Dich deſſen auch noch?“ „Ja, accurat jedes Wort!“ „Nun, da will ich hoffen, daß Du auf keine unpaſ⸗ ſenden Dummheiten verfielſt!“ „Ich weiß nicht, Herr Capitain, ob Sie gemeint haben würden, daß meine Antwort dumm klang, Mamſell Roſa meinte aber gewiß, daß es nicht ſo raſend war, denn ſie ſagte zur Frau:„Ich bin ſo müde, daß ich mich ein wenig ſetzen muß.““ „Ich muß auf jeden Fall wiſſen, was Du ant⸗ worteteſt!“ „Wie Sie befehlen, Herr Capitain! Juſtament ſo ſagte ich:„Wohlthätig,“ ſagt' ich—„ja ſo etwas iſt er! Der Capitain hat ſelbſt ſolche Abenteuer in der Welt erlebt, daß er das Eine und das Andere recht gut kennt.““ „Das war eine allzu weitläuftige Antwort! damit haſt Du ſie gelangweilt!— Doch wie kam die Rede auf Surr?“ „Das ging Alles in guter Ordnung zu. Als ſie ſich geſetzt hatte, ſagte ſie:„Ich liebe Abentzner ganz 20 außerordentlich, Herr Conſtabel, und wenn Sie Zeit haben, können wir ein wenig plaudern!““ „O, Bas, nun haſt Du gewiß Alles vergrößert!“ „Kein Härchen, Herr Capitain! Und ſie war ſo ſchön und ſo mild, daß ich, da wir auf jeden Fall an Bord Alles klar gemacht hatten, nicht im Stande geweſen wäre, nein zu ſagen, und wenn ſie mir auch das Aergſte befohlen hätte; und ſo lief denn die eine Geſchichte nach der andern vom Stapel. Sie hatte Thränen in den Augen, als ich von Mutter Kitty erzählte; aber ſie weinte ſo, daß ihr die Thränen wie klare Perlen an den Wangen hinunter liefen, als ich beſchrieb, was Sie für mich thaten, als wir mit Iduna Schiffbruch gelitten hatten und in der Hütte des alten Surr wohnten.“ „Zum Teufel! Du ſagteſt doch wohl nicht, daß ich Holz ſägte?“ „Ja, juſtament das, und wie das letzte Hemde für den Kameraden ſprang— Alles lockte ſie aus mir heraus.“ „Ich bin überzeugt, daß ein ſolches Vertrauen ihr ſehr beſchwerlich war.“ „Das glaube ich kaum, denn ſie bedankte ſich ſo ſchön und bat mich, ich möchte ihr um Alles in der Welt die Freude machen, und das Wenige, das ſie in der Börſe hätte, dem alten Surre⸗Matts zu Tabaksgeld geben, von einem Freunde, ſagte ſie, der ſeine ſchöne Handlung zu ſchätzen wüßte, daß er, der ſelbſt weiter nichts gehabt hätte, als ein Stübchen und ein Bett, Beides an Fremdlinge abgetreten hätte.“ Der Capitain mußte ſich abwenden; ſein Herz klopfte gewaltſam bei dem Gedanken an den Dienſt, welchen Bas ihm geleiſtet hatte. Da er Roſa's warme Gefühle und ihren lebhaften Charakter kannte, ſo war er jetzt ziemlich ſicher, daß er nicht allzu früh aus ihrem Ge⸗ dächtniſſe verſchwinden würde. „Die Börſe,“ ſagte er nach einer langen Pauſe— „haſt Du ſie?“.. „Ja, hier iſt ſie!“ Bas tauchte in die Taſche hinab und Bör von hatte Albi daß Bör anw von ande als dar lich Gell dari gan; dem ſchre beſti Erbt Wen das ihr, drein die ſchier Ban ihm Reich Zeit rt! dar ſo ill an weſen eexgſte nach n den er ſie n den ie für elitten aß ich de für mir n ihr ich ſo 1 der ſie in sgeld chöne veiter Bett, lopfte lchen fühle jetzt Ge⸗ ſe— binab 21 und fiſchte eine kleine, von himmelblauer Seide geſchürzte Börſe auf, welche zwei Speciesreichsthaler, die Hälfte von Roſa's Schatz, enthielten— Erlandsſon's Frau hatte die andere Hälfte erhalten. „Was denkſt Du denn aber jetzt zu thun?“ fragte Albin, der mit Mühe ſeine Freude bezwingen konnte, daß er nun Roſa's ganz gewiß von ihr ſelbſt geſchürzte Börſe in ſeiner Hand hielt. „O, ich dachte Sie zu fragen, wie ich das Geſchenk anwenden ſoll, da nun Surr doch kein Gutes mehr da⸗ von haben kann— ob ich's zurückſchicken oder einem andern armen, alten Fiſcher ſchenken ſoll, dem es mehr als einen glücklichen Tag bereiten könnte.“ „Ich muß mich darauf beſinnen!“ „Ja, wir haben nur nicht viel Zeit zum Beſinnen, da wir in einigen Tagen unter Segel gehen.“ „Weißt Du Jemanden, der einer ſolchen Hülfe wirk⸗ lich bedürftig iſt?“. „Das weiß ich, und gerade Einen, dem ich das Geld zu geben dachte, wenn ich das Verfügungsrecht darüber hätte: ich meine den Fiſcher Truls, der die ganze Stube voller Kinder hat Sie haben ja ſelbſt dem Alten ſo manchen Schilling zugeſteckt.“ „Nun da iſt mein Rath, daß Du keinen Brief ſchreibſt. Iſt das Geld zu einem wohlthätigen Zwecke beſtimmt, ſo kannſt Du es mit gutem Gewiſſen als ein Erbtheil von Surre⸗Matts an Truls übergehen laſſen. Wenn wir das nächſte Mal nach Wisby kommen— und das könnte vielleicht bald geſchehen— ſo erzählſt Du ihr, was Du gethan haſt, und ſie dankt Dir noch oben⸗ drein.“ „Auf Ihr Wort denn, Herr Capitain!“ Bas ſtreckte die Hand nach der Börſe aus; doch Capitain Albin ſchien ihn nicht zu verſtehen, ſondern ſagte: „Es iſt wohl das Beſte, ich wechsle das Geld in Banknoten— ſieh hier!“ Und der Capitain rechnete ihm die entſprechende Summe von acht Reichsthalern in Reichsſchuldſcheinen hin. „Ach ſo!“ ſagte Bas mit klugem Lächeln,„hier iſt nicht mehr zu erhalten?“ „Was meinſt Du— habe ich nicht richtig ge⸗ rechnet?“ „O ja wohl; doch die kleine ſeidene Börſe gehörte mit zu dem Geſchenke!“ „Ach, die! Nun, es iſt wohl einerlei, ob der Alte die Börſe erhält oder nicht— was fragt er darnach?“ „Das iſt wahr; und da ſie gerade in die Farbe fällt, die der Sternſhawl gehabt haben ſollte, wenn Poll mir treu geblieben wäre, ſo kann die Börſe eben ſo gut bei Ihnen bleiben, ſo wiſſen Sie die Farbe, wenn Sie vielleicht einmal einen Sternſhawl kaufen wollen!“ Mit dieſen Worten machte Bas einen Kratzfuß und war zur Thür hinaus, ehe Albin ein Wort erwiedert hatte. „Wieder Einer, der mich durchſchaut hat!“ ſagte unſer Capitain, indem er mit Blicken voll unzweideuti⸗ gen Entzückens Roſa's Geſchenk betrachtete.„Kann man denn nicht wie andere Menſchen ausſehen, wenn man verliebt iſt?... Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie ſo etwas zu ſich ſagt!... O nein, ſie iſt ruhig in ihrem kindlichen Glücke!“ Albin ahnte nicht, welcher neue Sturm durch das Mörk'ſche Haus geweht hatte und wie weit Roſa von dem Glücke entfernt war. Viertes Capitel. Tante Taga's Neuigkeiten. „Ich geſtehe,“ meinte Frau Ringeborg Salzwedel, indem ſie majeſtätiſch das Haupt an den Lehnſtuhl legte, „daß ich mich ſehr glücklich ſchätze, daß mein Karl die⸗ ſer Partie bei Zeiten ein Ende machte! Ein Mann mit ſeinem Aeußern, ſeinem Namen ſeiner Stellung im Staate und mit ſeinem Vermögen braucht ſich eben keine ier iſt g ge⸗ ehörte Alte 27 Farbe Mit ur zur ſagte deuti⸗ mman man ie ſo ihrem h das n dem wedel, legte, el die⸗ Mann ng im nkeine 23 Braut zu erbetteln; ich hoffe, der Himmel wird mir wohl eine Schwiegertochter beſcheeren, welche den Gatten zu ſchätzen weiß, den ſie in meinem Sohne erhält!“ „.. und die Familie, in welche ſie eintritt!“ fügte Tante Taga hinzu; denn ſie konnte es in ihrer herzlichen und gegen die Wünſche aller Menſchen nachgiebigen Güte nicht bleiben laſſen, dem Stolze ihrer ſtolzen Ver⸗ wandten zu ſchmeicheln. Frau Ringeborg nickte anmuthig, nahm darauf eine ihrer zierlichſten Schwammdoſen, und nachdem ſie die angenehmen Düfte lange eingeſchlürft hatte, ſagte ſie mit einem halben Blick, welcher verrieth, daß ſie trotz ihres oft erwähnten„Haſſes aller Klatſchereien“ gerne wiſſen wollte, was Tante Taga auf ihrem letzten Aus⸗ fluge erfahren hätte.„Nun, Couſine, Du warſt ſo artig und ſahſt heute Vormittag bei einigen von Deinen hrhunhinen ein— ich hoffe, ſie befinden ſich ſämmtlich wohl?“ „O ja, ſo ziemlich; doch Du weißt, Couſine Rin⸗ geborg, jeder Menſch hat ſein Kreuz; doch war es ſon⸗ derbar: Überall, wohin ich kam und ging, hatten faſt alle Menſchen ihre eigenen Bekümmerniſſe vergeſſen, um nur an den Mörk'ſchen Antheil nehmen zu können.“ „So? Man hört alſo noch immer von keiner Beſ⸗ erung?“ „Ach du mein Gott, ganz das Gegentheil!— Doch die Leute ſchwatzen ſo viel, daß man nicht die Hälfte glauben darf!“ „Das meine ich auch!“ Frau Ringeborg nahm mit zierlicher Langſamkeit eine mit Steinen eingefaßte Nadelbüchſe, zog eine Nadel heraus und ſteckte dieſe in das Nadelkiſſen. Nachdem ſie dieſe wichtige Arbeit vollendet hatte, beliebte ſie zu erklären, wenn es der Couſine Taga Vergnügen machte, ſo könnte ſie gern erzählen, was ſie gehört hätte— Mörk's hätten ja ehe⸗ dem in ſo nahen Relationen mit dem Salzwedel'ſchen Hauſe geſtanden, daß man nicht unterlaſſen dürfte, von ſolchen Erei nehmen. „Und ich, liebe Couſtne, ſage keinen Buchſtaben zu viel, wenn ich behaupte, daß es unglaublich iſt, was man erzählt... Ach, welch ein Jammerthal iſt doch dieſes Leben— nicht immer hilft der Reichthum!“ „Nein,“ antwortete Frau⸗ Ringeborg und ſchien um einen halben Zoll zu wachſen,„man muß auch einen guten, alten und geachteten Namen haben!“ „Ach, es iſt wohl noch etwas Beſſeres nothwendig!“ meinte Tante Taga mit demuthsvoller Andacht. „Was Beſſeres denn, Couſine?“ „Ein gutes Gewiſſen, liebe Schweſter!“ „Das iſt wahr, und ich bedaure von Herzen, wenn irgend einem Mitgliede des Hauſes, von welchem wir reden, dieſer höchſte Schatz fehlen ſollte!“ „Obgleich ſeit der plötzlichen Erkrankung des Groß⸗ händlers ſchon drei Wochen verfloſſen ſind, ſo hat den⸗ noch bis jetzt kein Menſch hinter die Urſache kommen können, obgleich Alle darauf ſterben wollen, daß es eine ſolche und obendrein eine ſehr tiefe gibt... ein ſolches Fieber, Coufine: anſtatt beſſer zu werden, wird der Kranke immer verrückter! Sie ſagen, er ſoll ganz be⸗ ſonders über den armen Will wunderliche Reden führen, bald glaubt er ihn erſchoſſen und bald ihn ertränkt zu haben; denn das eine Mal ruft er:„Hörtet Ihr den Schuß?“ und das andere Mal heißt es:„Hört, wie es plätſchert... hinab, hinab auf den Grund mit dem Jungen!... Schön! Er gin zu Grunde!“ „Allmächtiger Gott!“ rief Frau Ringeborg aus,„er wird doch wohl gegen den armen Knaben nichts Böſes im Sinne gehabt haben? Frau Mörk hat ihn ſo oft weggeſchickt, daß es mir oft ſonderbar vorgekommen iſt — und recht hat er wenigſtens gegen den Taubſtummen niemals gehandelt.“ „Es kann nicht ſo ſein, Schweſter, wie Du glaubſt,“ erwiederte Tante Taga, ſtolz darüber, daß ſie im Stande war, ſogar die Vermuthungen der Couſine Ringeborg gniſſen, die alle Anderen kennten, Notiz zu mit! da er den, gen im A und 1 regie Verb 25 otiz zu mit klaren Beweiſen über den Haufen zu werfen,„denn da er geizig iſt, ſo wäre es ja für ihn der groͤßte Scha⸗ ben zu den, wenn Will ſtürbe, denn da ginge ja das Vermö⸗ , was gen an eine Anzahl von Taubſtummen über!“ ſt doch„Das iſt ſehr wahr! Doch was ſagen die Leute 3 im Allgemeinen?“ en um„Alles mögliche Böſe, leider Gottes! Sie glauben einen und ſagen mit der größten Beſtimmtheit, daß irgend ein geheimes Verbrechen den Mann plagt— es trifft Vieles nig!“ ſo ſonderbar zuſammen!“ „Die Leute ſind eben ſo verrückt als boshaft! Ihn regiert das Fieber— wäre es ein Geheimniß oder ein Verbrechen, ſo iſt ja klar, daß Amelie alle ſolche Men⸗ wenn ſchen, durch welche böſe Gerüchte in Umlauf kommen wir könnten, von ihm entfernt halten würde.“ „Ja, das iſt eben das Unglück, hätte ich beinahe Groß⸗ geſagt, daß ſie das thut!— Bisweilen hat ſogar der den⸗ Arzt nicht hineinkommen dürfen. Nur Amelie ſelbſt und men Thekla wachen gewöhnlich, und Beide ſollen ſo jäm⸗ s eine merlich von Betrübniß und Nachtwachen heruntergebracht olches worden ſein, daß man kaum eine von ihnen wieder d der erkennt. Der Lieutenant Victor iſt die einzige Stütze, z be⸗ wenn Mörk allzu ſehr tobt: Hildur und Roſa dagegen ihren, dürfen nur bisweilen einen Augenblick einſehen, dürfen kkt zu jedoch niemals allein bei ihm bleiben, und ſobald der uß?“ Kranke erwacht, ſo werden ſie hinausgeſchickt, ehe er rt. auf ſeine wahnſinnige Weiſe zu ſchwatzen anfängt. Und chön! wenn man nun das Eine zu dem Andern legt, ſo ſieht man wohl, daß dort etwas iſt, das ſie innerhalb der „„er Wände behalten wollen!“ Zöſes„Das iſt in der That ſonderbar; ich nehme mir die o oft Freiheit, das ebenſo gut zu ſagen, wie die Uebrigen— n iſt iſt man gezwungen zu verheimlichen, was ein enſch imen im Fieber oder in einem Anfalle von Seelenſchwäche, welches von beiden es auch ſein mag, redet, ſo... Da bſt,“ ſie aber ſo vorſichtig ſind, wie iſt es denn bekannt ge⸗ ande worden?“ borg„Liebe Couſine, gibt es wohl irgend ein Geheimniß, 26 welches nicht durch das Schlüſſelloch kriecht, wenn Dienſt⸗ mädchen im Hauſe ſind? Bisweilen muß man ſie ja im Zimmer haben, damit ſie helfen können, und da hören und ſehen ſie denn ſo Mancherlei, und auf dieſem Wege iſt es auch herausgekommen, daß er ebenfalls von dem Capitain Stangerling phantaſirt und die wahnſin⸗ nige Einbildung hat, daß dieſer von dem Topp eines Maſtes zu ihm herabgelaufen kommt. Einige glauben, daß dieſes von dem Spektakel mit den gefundenen Schmug⸗ gelgütern herrührt, Andere dagegen aus der Urſache, daß der Capitain, wie man ſpaͤterhin erfahren hat, gleich dem Taubſtummen auch Jentzel heißt, obgleich die⸗ ſer nicht den Namen Stangerling führt. Gewiß ſind ſie von zwei verſchiedenen Familien; doch wenn ſie auch von einer einzigen wären, ſo könnte er dem Großhändler wohl unmöglich ſeinen Mündel nehmen. Ein Dritter endlich will wiſſen, daß zwiſchen ihm und dem Capitain etwas Apartes vorgefallen iſt, und das iſt wohl möglich, weil Mörk ſo fürchterlich Angſt vor ihm hat, daß er ſich krümmt wie ein Wurm, um dem peinigenden Anblick zu entgehen, der ihn verfolgt.“ „Die arme Amelie, wie ſie wohl leidet!“ ſeufzte Frau Ringeborg.„Ich geſtehe, daß es mir vorkam, als ginge ihr der Bruch zwiſchen ihrer Tochter und meinem Karl nicht ſehr zu Herzen; doch das hindert mich nicht, einzuſehen, daß ſie eine Frau von großen Verdienſten und großem Werthe, beſonders als Gattin iſt— ſie be⸗ darf jetzt auch ihrer ganzen Stärke. Vielleicht ſollte ich doch daran denken, ſie in ihrem Unglück zu beſuchen.“ „Viele haben eben ſo gedacht, liebe Couſine, aber Niemand iſt angenommen worden— doch verſteht es ſich, Couſine, daß Du angenommen wirſt!“ verbeſſerte Tante Taga ſchnell ihre Rede, als ein erſtaunter Blick der Frau Ringeborg auf ſie herabfiel. „Das meine ich auch; und da uns noch einige Stunden vom Vormittage übrig ſind, ſo kannſt Du meine Saloppe hereinbringen laſſen: ich will mich ſelbſt überzeugen, wie es dort im Hauſe ſteht. Man ſoll nicht von n eines der N Flor, 1 gebor türlie hatte gegan nahe wäre lage lung einer man war, kam Han Frat groß ſie ſ woll und ange ſtän nati neue wen der borg Rin Dienſt⸗ ſie ja nd da dieſem ls von hnſin⸗ eines auben, hmug⸗ rſache, hat, ch die⸗ ind ſie auch ändler Dritter pitain öglich, er ſich lick zu ſeufzte n, als teinem nicht, eenſten ſie be⸗ Ute ich jen.“ „aber eht es heſſerte Blick einige ſt Du ſelbſt nicht 27 von mir ſagen können, ich hätte Diejenigen, welche ich eines Tages Verwandte zu nennen dachte, in der Stunde der Noth ohne Troſt gelaſſen... Auch meinen grünen Flor, Couſine!“ Ungefähr eine Stunde ſpäter treffen wir Frau Rin⸗ geborg auf dem Wege nach dem Hauſe, welches ſie na⸗ türlicher Weiſe ſeit dem merkwürdigen Tage nicht beſucht hatte, an welchem ſie aus Liebe zu ihrem Karl ſo weit gegangen war, trotz ihrer hohen Würde bei Thekla bei⸗ nahe um Verſöhnung zu flehen. Jetzt wünſchte ſie Thekla nicht zu treffen, denn da wäre ſie allzu lebhaft an ihre erſte und einzige Nieder⸗ lage erinnert worden, und ihr Wunſch ſchien in Erfül⸗ lung zu gehen, da nicht Thekla, ſondern Hildur mit einer unbeſchreiblich einnehmenden Unterwürfigkeit, die man bei dieſer jungen Dame nicht zu finden gewohnt war, unſrer alten Frau ſchon im Vorſaale entgegen⸗ kam und mit dem tiefſten Knir verbunden mit einem Handkuſſe— etwas, das ganz nach dem Geſchmacke der Frau Ringeborg war— auf das Verbindlichſte für die große und unbeſchreibliche Güte der Tante dankte, daß ſie iich ſelbſt nach dem Zuſtande des Vaters erkundigen wollte. „Ja, mein Kind, das war wirklich mein Wunſch, und ich würde ſehr betrübt geweſen ſein, wenn ich nicht angenommen worden wäre.“ „ Tante nicht angenommen? Wenn aus Mißver⸗ ſtändniß ſo etwas geſchehen wäre(denn anders wäre es natürlich ganz unmöglich), ſo hätten wir ſämmtlich eine neue Veranlaſſung zur Betrübniß erhalten!... Doch wenn Sie erlauben, liebe Tante, ſo eile ich und ſage der Mutter, daß unſere gute und gnädige Tante Ringe⸗ borg in eigener Perſon hier iſt!“ „Geh, Hildurchen!... Armes Kind!“— Frau Ringeborg ſtreichelte mit vielem Wohlwollen Hildur's 28 Wange—„Du haſt auch Deine großen Bekümmerniſſe gehabt, ſeitdem wir uns nicht geſehen haben!“ „Nein, liebe Tante; ſobald die Vernunft ihre Herr⸗ ſchaft wieder über mich erhielt— Sie entſchuldigen, wenn ich mit Ihnen eben ſo offen rede, wie mit meiner eigenen Mutter— ſo veränderten ſich auch meine Ge⸗ danken außerordentlich: ich ſah ein, daß ich, die ich ſelbſt unvorſichtig und oft unbedachtſam bin, im Allergering⸗ ſten nicht zu einer Vereinigung mit einem Manne paßte, der eben dieſe Fehler hat. Gott ſei Lob und Dank, daß meine Augen zu rechter Zeit geöffnet wurden!“ „Mein beſtes Kind, es freut mich wirklich, Dich ſo reden 3u hören! Bei einem jungen Mädchen in Dei⸗ nem Alter beweist das weit mehr Vernunft, als man zu erwarten berechtigt iſt. Und nun will ich ſo aufrichtig ſein, Dir dagegen zu ſagen, daß ich rückſichtlich Deines ehemaligen Braͤutigams ganz Deiner Meinung bin: der Leichtſinn dieſes Mannes hat mehr Unheil angeſtiftet, als ich ſagen will.“ „Das ſage ich auch, liebe Tante— Gott behüte mich, daß ich an alle Thränen denke, die er mir gekoſtet hat, da er noch mein Herz verblendete! Doch glaube ich kaum, daß ich ihn recht von Herzen geliebt habe, weil ich ſeinen Verluſt gerade ſo tragen kann, als wäre es kein Verluſt... Doch ich will Roſa rufen, da ich zur Mutter gehe, denn es könnte ſein, daß ich ein wenig aufgehalten würde.“ Faſt in demſelben Augenblicke, da Hildur, deren friſche Roſen von der großen Unruhe, die in der Fa⸗ milie herrſchte, nicht im Mindeſten verblichen waren, zu der einen Thüre hinausging, trat Roſa zu der andern herein. Mit einem ſtillen, aber ſanften Ernſt in ihren ſchönen Zügen trat ſie zu der geehrten Frau und begrüßte ſie ebenfalls mit einem Handkuſſe, denn ſo hatte ihr Herz ſie gelehrt, das Alter zu begrüßen— ſie bewies der Tante Taga, obgleich ſie arm war, und allen alten Frauen dieſe Aufmerkſamkeit. „Guten Tag, mein Zuckerkörnchen!“ begann Frau Ring Kind ich h ſchli weſe glau oder gefä Vict Anz. herer ſehen „Wi verã ſiehf gun in¹ Roſ ſen, 29 Ringeborg und ſtreichelte Roſa's Kopf, wie man bei Kendern zn thun pflegt.„Es ſteht hier ſehr übel, wie ich höre!“ „Ach ja, ſehr übel, und ich fürchte, es wird noch ſchlimmer; denn Thekla iſt heute Morgen ſo krank ge⸗ weſen, daß auch ſie phantaſirt hat— ich wenigſtens glaubte, daß ſie phantaſirte.“ „Davon ſagte Hildur kein Wort!“ „Da hat ſie wohl in der Eile nicht daran gedacht oder auch glaubt ſie vielleicht, daß es mit Thekla nicht gefährlich iſt— wollen ſehen, was der Doctor ſagt!“ Kaum hatte Roſa ausgeredet, ſo trat Lieutenant Victor, bleich wie der Tod und mit jener Unordnung im Anzuge, welche immer die Unruhe der Seele verräth, herein und fragte eilfertig, ohne Frau Ringeborg zu ſehen(eine Beleidigung, welche ſie nie vergeſſen konnte): „Wie ſteht's mit ihr?“ „In einer Viertelſtunde kann ſich eben nicht Vieles verändern!“ antworte Roſa halb verlegen....„Victor! ſiehſt Du denn nicht Tante Ringeborg?“ Victor verbeugte ſich und ſtotterte eine Entſchuldi⸗ gung, indem er, die Augen auf die Thüre geheftet, welche in Thekla's Zimmer führte, fortfuhr:„Ich bitte Dich, Roſa, ſei nicht gleichgültig— ich muß nothwendig wiſ⸗ ſen, wie es ſteht!“ „Ich gehe jetzt nicht hinein,“ ſagte Roſa in einem ſo beſtimmten Tone, daß dagegen kein Widerſpruch mög⸗ lich war:„ſie ſchläft noch und darf nicht geſtört werden!“ „So laß mich doch nur einen einzigen Blick durch die Thür werfen!“ Victor trat auf die Thür zu, außer Stand, an irgend eine Art von Beherrſchung zu denken. „Du darfſt nicht einen Achtel⸗Blick in Thekla's Schlafgemach werfen, ſo lange ich ihre Krankenwärterin bin!“ Roſa des den Schlüſſel aus der Thür und gab Victor einen Blick, in welchem ſo viel Verdruß und Be⸗ trübniß lag, daß er endlich zurückwich und faſt wie ein Betrunkener hinaustaumelte, obgleich der Rauſch nur in Verzweiflung und Angſt beſtand. beugte ſich tiefer über Frau Ringeborg's Hand herab— 30 „Hier müſſen große und ſonderbare Veränderungen im Hauſe vorgegangen ſein!“ begann jetzt Frau Ringe⸗ borg mit großen Geberden.„Nimmermehr hätte ich mir vorſtellen können, daß mein Karl ſo gegründeten Anlaß zu ſeinem Betragen hatte!“ „Was für Anlaß, beſte Tante?“ fragte Roſa, die ſich jetzt von einer andern Seite getroffen fühlte; denn Thekla durch irgend eine Art von Mißtrauen beleidigen, das hieß auch Roſa tief betrüben. „Iſt Dir, meine Kleine, der Umſtand nicht bekannt, daß mein Sohn.... doch Du biſt noch allzu ſehr ein Kind, um über dergleichen Dinge urtheilen zu können. Inzwiſchen iſt es immer das Beſte, was unſer Herr thut— ſo viel ſehe ich!“ Und das Haubenband der Frau Ringeborg war in der heftigſten Bewegung bei dem ſchrecklichen Umſtande, daß Diejenige, welche beſtimmt geweſen war, ihre Schwiegertochter zu werden, ſchon ſo früh einem jungen Manne ſolche naſeweiſe Vertrau⸗ lichkeiten erlaubte. Zu Roſa's Glück trat Hildur ein; denn Roſa fühlte 1 ſich ſchon äußerſt gelangweilt von ihrem Amte, Geſell⸗ ſchaft zu leiſten; jetzt aber konnte ſie abtreten. „Ach, liebe Tante, meine beſte, ſüße, gnädige Tante! Mutter iſt in dieſem Augenblick nicht im Stande, Vaters Bett zu verlaſſen; er hat einen ſeiner ſchwerſten Anfälle, und auch Thekla, welche ihr ſonſt geholfen hat, befindet ſich nicht wohl!“ „So?— Ach ſo!“ entgegnete Frau Ringeborg mit lebhafter Röthe auf den Wangen.„Hat Mutter keine Hülfe von ihren Leuten und ihren anderen Töchtern? Bei Krankheitsfällen, beſonders von ſo ſchwerer Beſchaf⸗ fenheit, pflegen Alle angewendet zu werden.“ „Ja; aber Vater duldet keinen Andern um ſich.“ „Ich meine gehört zu haben, daß Lieutenant Victor das Vertrauen erhalten hat, den Damen zu helfen?“ Jetzt mußte Hildur erröthen.„Ach, Tante!“— ſie igen nge⸗ mir ten die denn gen, innt, ein nen. Herr der dem mmt n ſo trau⸗ ühlte eſell⸗ ante! aters fälle, indet zmit keine tern? ſchaf⸗ 7⁴ Zictor 29 — ſie ab— erlebt habe— genug, wir verſtehen uns 31 „man muß Vieles erdulden, das den Stolz verletzt, wenn es auch nicht zu Herzen geht!“ Das war eine Sprache, die auf den Sprößling der „Wohlweiſen“ anſchlug.„Meine liebe Hildur, Du haſt hier eine Freundin, die Deine Gefühle ſo vollkommen theilt, daß ſie ſagt: Komme zu mir, mein Kind, wenn Dein Zartgefühl beleidigt wird von einem Anblicke, der — ich kann es wohl geſtehen— ſchon das meinige ver⸗ letzt hat.“ „Wie, Tante?— Iſt er hier geweſen? Er wollte ſich wohl erkundigen...“. „Mein Kind, es wäre unter Deiner und unter mei⸗ ner Würde, die Scene zu wiederholen, welche ich hier „Ja, ich wußte es,“ feufzte Hildur,„daß Ihr edles und feines Gefühl zurückſchaudern würde vor ſo vieler... Oeffentlichkeit. Ich meines Theils beklage nur, daß die ente einen ſo natürlichen Anlaß zu Klatſchereien er⸗ halten.“ ,„Im Vertrauen, mein Kind!“— Frau Ringeborg ſenkte die Stimme—„glaubſt Du wohl, daß Thekla ihm einige Aufmunterung gibt, welche ſeinen verrückten Manahel an Feingefühl rechtfertigen kann?“ as kann 1 auf mein Gewiſſen nicht ſagen, beſte Tante! Ich will Ihnen nur anvertrauen, was ich weiß, nämlich, daß ſie allein mit ihm, deſſen Gefühle ſie ſo gut kennt, die Nächte an dem Krankenbette des Vaters durchwacht, wenn Mutter im Zimmer nebenan wacht— ich würde mir dergleichen kaum erlaubt haben, als ich Braut war.“ „Ich will nichts Böſes von Thekla denken,“ ent⸗ gegnete Frau Ringeborg, indem ſie ſich erhob;„doch wenn ſie auch nicht leichtſinnig iſt, ſo iſt ſte doch wenig⸗ ſtens ſo gleichgültig, daß ſie ſich über Alles hinwegſetzt, und das ziemt ſich nicht für ein ehrbares Mädchen... Gott ſei nun mit Dir, mein Kind! Da man auf Deine Hülfe, die nach meiner Anſicht wohl nöthig wäre, keine Anſprüche zu machen ſcheint, ſo komme zu uns, ſo oft 32 es Dir zu Hauſe zu langweilig wird, und Du ſollſt ſtets willkommen ſein!“ Ein Freudeſtrahl ſprang in Hildur's Auge auf. „Ach, meine liebe und gute Tante, welche mütterliche Güte. Mit Ihrer gnädigen Erlaubniß werde ich mich gerne eines Troſtes bedienen, der nicht nur wohlthätig, ſondern auch erfriſchend für mein Herz werden wird.“ Hildur half Frau RinRet mit der Saloppe, und ihre Glieder entwickelten bei dem tiefen Abſchiedsknirx eine Elaſticität, welche ganz bewunderungswürdig war. „Nun, Couſine!— Nun?“ Tante Taga kam ihr bis unten an die Hausthür entgegen.„Was ſagſt Du nun von meinen Neuigkeiten?“ „Laß uns hineingehen!“ antwortete Frau Ringeborg feierlich; ſobald ſie aber in dem Lehnſtuhle von Neuem feſten Fuß gefaßt und die Deckel von drei oder vier Schwammdoſen geöffnet und nach einander verſucht hatte, rief ſie mit tiefer Betonung aus:„Couſine Taga! Die Welt iſt dennoch nicht ſo ſchlecht!— Laß uns den Leu⸗ ten danken, daß ſie noch nicht Alles ſagen, was ſie ſagen könnten, wenn ſie wollten!“ 1„Liebe Schweſter! Die unglücklichen Neuigkeiten ſind alſo....“ „.... Nicht um ein Härchen übertrieben— ich ſage nicht mehr!“ Tante Taga ſeufzte andächtig, und jett trat der Rathsherr, der arme Mann, der mit ſeinen Berechnun⸗ gen über den Schatz ſo beſchäftigt war, daß er gar nichts von Demjenigen wußte, was ſich um ihn her zu⸗ trug— aus den inneren Gemächern, um die Mutter zu Tiſche zu führen. 33 Fünftes Capitel. Ein Krankenzimmer. Die gaſtfreundliche, ſtets aus dem Schlafzimmer des Großhändlers Mörk verwieſene Sonne ſpielte den⸗ noch an den Fenſterſcheiben und bildete demnach einen ſchneidenden Contraſt für Denjenigen, der bisweilen die buuha Vorhänge aufhob und über das innere Dunkel eufzte.— Um dieſelbe Zeit, da Frau Ringeborg Salzwedel das Haus verließ, war Amelie, die ſich nach einem Lichtſtrahle ſehnte, an das Fenſter getreten. Ihre bleiche Stirne befand ſich zwiſchen dem Vorhange und dem Fen⸗ ſterrahmen, und der Blick, welchen ſie langſam zum Himmel emporhob, war ſo ſehr von tiefer und heiliger Andacht durchdrungen, daß man verſucht war zu glau⸗ ben, daß das Gebet, welches zu dem Throne des All⸗ mächtigen hinaufſtieg, die Erlöſung einer Seele betraf. Hätte ſie an jenem Tage, da ſie dem Sturme ihrer leidenſchaftlichen Liebe nachgab und ſich an die Bruſt ihres Gatten warf, die ſchrecklichen Qualen, welche ihrer warteten, vorausſehen können; wäre ſie im Stande ge⸗ weſen, die unbeſchreibliche Wichtigkeit ihrer Handlung zu begreifen, da ſie zum zweiten Male freiwillig ihre Gelübde erneuerte, ihm auf ewig anzugehören, ſo würde ſie vielleicht Nuth und Stärke gehabt haben, mit ihren Kindern zu fliehen und den Schutz der Geſetze für ſie und für ſich anzurufen. Doch das arme Weib hatte gedacht, ihr ſollte der hohe Beruf vergönnt ſein, durch ihre Liebe einen großen Verbrecher zu Gott zurückzuführen. Sie hatte nicht alle Schwierigkeiten berechnet, welche dieſem Unternehmen im Wege lagen, und daß dazu vor allen Dingen nöthig war, die Seele des Sünders einer grö⸗ zemn weuſucht als nur nach irdiſcher Liebe fähig zu machen.— Erſt ſeit jenem unglücklichen Morgen, da Holgerſen Der Jungferthurm. III. 3 34 durch den Schlaganfall an das Krankenlager gefeſſelt wurde, lernte Amelie die Tiefe des Abgrundes, der ſich gerade unter ihren Füßen befand, genau ermeſſen, in welchen Abgrund vielleicht nicht allein er und ſie, ſon⸗ dern ſogar auch ihre Kinder hinabſtürzen ſollten, wäh⸗ rend die Welt ihnen höhnend ihre Verachtung nachwarf. Der Brief, der dieſe ſchreckliche Wirkung hervorge⸗ bracht hatte, war von Thekla ſo eilfertig verſteckt wor⸗ den, daß außer ihr und der Mutter Niemand ahnen konnte, welchen Zuſammenhang derſelbe mit der plötz⸗ lichen Krankheit des Vaters und Gatten hatte. Doch auch ſie ahnten den eigentlichen Zuſammenhang nicht ſogleich, ſondern erſt ſpäterhin. Mehrere Tage lang war es zweifelhaft, ob Mörk je wieder aufkommen würde; er befand ſich in einem Zu⸗ ſtande von Erſchlaffung, ja faſt Bewußtloſigkeit, die ihn, wenigſtens ſo lange als ſie dauerte, von der Kenntniß eines Schickſals befreite, welches er hernach ſtets über ſeinem Haupte hangen ſah. Doch in einer Nacht, einige Tage nach ſeiner Er⸗ krankung— Thekla und Roſa ſaßen im Zimmer, die Mutter hatte ſich eben zur Ruhe begeben— ſperrte er plötzlich die Augen weit auf und rief laut:„Wenn der Capitain Donpert draußen iſt, ſo laß ihn herein⸗ kommen!“ Roſa hatte den Namen Donnert nie gehört; in Thekla's Gedächtniß aber rief er ein Andenken aus ihrer Kindheit zurück, obgleich ſie nicht im Stande war, zu beſtimmen, welches es war; und da ſie nicht ahnte, daß der Vater in der Fieberhitze redete, ſondern ſich vor⸗ ſtellte, daß er kurz vor ſeiner Krankheit einen Mann dieſes Namens erwartet hätte, ſo antwortete ſie mit ihrer gewöhnlichen Ruhe:„Lieber Vater, hier iſt Niemand geweſen, der ſich Capitain Donnert nennt!“ „So!— Ich weiß aber beſtimmt, daß er draußen iſt, um mir von den Zurüſtungen der Senkung des Snare⸗Swen Nachricht zu geben.„Nicht eher, als bis das Waſſer an die Regeling ſpült!“ ſagte ich, und da feſſelt er ſich n, in ſon⸗ wäh⸗ warf. vorge⸗ wor⸗ ahnen plötz⸗ Doch nicht oͤrk je Zu⸗ e ihn, intniß über r Er⸗ , die rte er Wenn erein⸗ t; in aus war, ahnte, h vor⸗ Nann ihrer mand außen g des ls bis nd da 3⁵ antwortetete er:„Es war nur ein kleiner, wilder Vogel, den ich mir in Göteborg kniff— von einer Muſterung war gar die Rede nicht.“... Ach, wie dürſtet mich!“ Roſa warf einen ſcheuen Blick auf Thekla; doch dieſe, welche nun ſah, wie es war, ſetzte ſich an die Seite des Kranken.„Soll ich Dir zu trinken geben?... Trinke, lieber Vater!“ „Hu!... Blut?... Geh!— ich habe genug davon getrunken!... Donnert wollte nicht heraus mit dem Namen des Jungen; hernach aber habe ich ihn mit großen, deutlichen Buchſtaben geſchrieben geleſen!“ „Roſa!“ ſagte Thekla, indem ſie ſich mit der gleich⸗ gültigſten Miene, die ſie annehmen konnte, an die jün⸗ gere Schweſter wendete,„ich habe der Mutter ganz beſtimmt verſprochen, ſie zu ufen, ſobald eine Verän⸗ derung in der Krankheit einireten würde— geh Du alſo und lege Dich einige Stunden zu Bette!“ Roſa ging; als ſie jedoch nach dieſen„einigen Stunden“ zurückkam, war die Thür verſchloſſen; und von dieſer Zeit an durfte ſie keine Nacht mehr in dem Krankenzimmer des Vaters wachen. Als Thekla allein geblieben war, neigte ſie ſich mit großer Selbſtbeherrſchung an das Ohr des Vaters herab und flüſterte:„Wie hieß der Knabe?“ „Lies es an der Wand.. dort leuchtet es in Buch⸗ ſtaben mit Feuer geſchrieben: Albin Jentzel!... Nun, nunl erſchrick nur nicht: er war es nicht— nein, behüte Gott! nicht er auf La belle Coquette!... Sch,... ſch! ſage ich!... dort ſiel die kleine Mütze!... ſieh, da haben wir nun das kleine Bein!... an der einen Seite .und nun an der andern!... Ein munteres Spiel! ... guck!... guck!... ſo ſchön!... nun kam mir der Schein der Laterne vortrefflich zu Statten!... Puff!... da fällt er!“ Das Blut ſtockte in Thekla's Adern und ſie wendete ſich unfreiwillig an die andere Seite; doch beinahe wäre ſie vor Schrecken zu Boden geſunken, als ſie ihre Mutter in der weißen Nachtkleidung mit gefalieten Hönden und —— 36 mit Wangen, aus denen jeder Blutstropfen entwichen war, gleich einem Geſpenſt daſtehen und auf den über ſeine ſchrecklichen Thaten fiebernden Gatten blicken ſah. „Ach, Mutter! warum kamſt Du gerade jetzt?“ „Weil eine geheime Ahnung mir ſagte: geh und höre die Beſtätigung von... von...“ Sie hatte keine Kraft, auszureden. „... Eine Fieberphantaſie!“ Thekla ſchlang die Arme um ihre Mutter. „Will’s Bruder!“ ſtotterte Amelie ſo leiſe, daß der Laut kaum Thekla's Ohr erreichte; doch der Kranke hörte es deutlich. „O1.. ſind ſie ſchon hier?“ ſchrie er mit ſchnei⸗ dender Stimme.„Iſt er's, der Andere, der da kommt und erben will? Verdammt ſei Donnert, der ihn nicht mit dem Snare⸗Swen zu Grunde gehen ließ!“ Amelie und ihre Tochter wechſelten einen Blick voll unſäglicher Verzweiflung: ſie ahnten fürchterliche Dinge, begriffen aber nicht den Zuſammenhang zwiſchen dem Capitain Donnert und dem Andernz denn die Geſchichte mit dem Snare⸗Swen kannte Amelie natürlich gar nicht, obgleich ſie wußte, daß ein Capitain Donnert ehemals Fahrzeuge ihres Mannes geführt hatte. Die folgenden Tage verfloſſen unter ſtummer Todes⸗ qual, welche um ſo furchtbarer wurde, da keine der armen Frauenzimmer es wagte, ihrem Herzen in Worten, die alles Schreckliche entſchleiern konnten, das ihre Gedanken ihnen vorſpiegelten, Luft zu geben. In dieſer Zeit der Noth war der Lieutenant Victor der einzige männliche Helfer, den Amelie annehmen wollte oder anzunehmen wagte, und einer männlichen Hülfe bedurfte ſie in buch⸗ ſtäblichem Sinne des Worts, wenn der bisweilen in wirkliche Wuth gerathende Mann ihnen allzu übermächtig wurde. Durch Victor's Zuthun wurde es denn ſo abgemacht und eingerichtet, daß Will(der ſeit dem erſchütternden Abende auf der Kreuzweide Roſa nicht wieder zu ſehen verlangt hatte) in dem Pfarrhofe, an den Amelie ſchon dichen über „ſah. und keine g die 3 der ranke hnei⸗ mmt nicht voll inge, dem dichte gar nnert des⸗ 37 früher gedacht hatte, bis auf Weiteres einaccordirt wurde. Gleichguͤltig, niedergeſchlagen, verzehrt von Sehnſucht nach ihr, zu welcher er vor Scham die Augen nicht erheben konnte, war es dem Jünglinge einerlei, wohin man ihn brachte, und der Lieutenant Victor hatte daher die nicht erwartete Beruhigung, bei der Rückkehr von dieſer Reiſe— von welcher Roſa erſt hernach etwas erfuhr— der Frau Mörk einen Bericht abſtatten zu können, bei welchem ihr Herz nicht durch das bittere Gefühl, daß Will gezwungen worden wäre, verletzt zu werden brauchte.— Die arme Frau, welche ſo viele Leiden hinſichtlich ihrer Töchter und aller ſich durchkreuzenden Liebes⸗ zwiſtigkeiten hatte, welche letzteren ſich auf keine Weiſe wieder zuſammenfügen laſſen wollten, mußte jedes auf⸗ rühriſche Gefühl unterdrücken, welches ihr gebot, Victor's warm angebotene Dienſte auszuſchlagen; denn ohne allen Zweifel war er— ſo wenig delicat gegen Hildur dieſe Vertraulichkeit im Hauſe auch ausſehen mochte— der Einzige, deſſen Verſchwiegenheit eine Ehrenſache war. Thekla, mit ihrer tiefen Theilnahme an dem Leiden der Mutter und den Blick auf die Zukunft voller Schreck⸗ niſſe, die ihrer Aller vielleicht warteten, gerichtet, ſchenkte der Förmlichkeit und der Etikette kaum einen Gedanken. Sie ſah Victor's unausſprechliche und unausgeſetzte Bemühung, die Bürde ihres Kummers, zu lindern — er wußte recht gut, daß er dieſes nicht vermochte— wohl aber ſie ihnen tragen zu helfen, und ſie lernte ihn immer mehr und mehr ſchätzen, obgleich ſie dabei unter⸗ ließ, zu unterſuchen, wie viel Eigennutz in ihrem Wohl⸗ wollen lag, daß ſie doch wenigſtens Einen hatte, auf den ſie ſich verlaſſen konnte. In lichteren Augenblicken, und dieſe kamen nach und nach, hatte Amelie auf geſchickten Umwegen das Verhäliniß zwiſchen den beiden Namen Donnert und Albin Jentzel zu erforſchen Feſucht; und einmal hatte Holgerſen ihr mit zitternden Lippen zugeflüſtert, daß ein Albin Jentzel als Knabe mit dem Capitain Donnert, 38 jenem Schiffer, der mit dem Snare⸗Swen„Schiffbruch gelitten“ gereist wäre. „Was für eine Gefahr ſiehſt Du denn darin, lieber Arne?“ hatte Amelie mit erſtickter Angſt gefragt. „Gefahr?... es war ja Capitain Stangerling!... Ich weiß nicht, woher er dieſen letzten Namen erhalten hat; aber ich weiß, daß ich von dem erſten Augenblick an eine Furcht empfand, daß der Menſch das Ünglück hieher brachte.“ „Du fürchteſt alſo, Arne....“ „Sahſt Du, wie ähnlich er dem Taubſtummen war?“ winſelte er; denn die Stimme wurde immer auf⸗ geregter. „Nun, welches Unglück folgt denn daraus? Wenn er einer von Will's Verwandten wäre?“ „Still, ſage ich, ſtill! Siehſt Du dort oben auf der Fockraa?... dort!... ja, ja, ich wußte wohl!“— Jetzt begann die Phantaſie von Neuem ihr wildes Spiel und Amelie ſtrengte ſich dießmal vergebens an, noch mehr zu erfahren. Aber das Feld der Vermuthungen lag jetzt weit offen; denn oft kamen unter dieſen Phan⸗ taſieen die Namen Stangerling, Will und Albin unter einander gemiſcht vor. An dem Abende vor dem Beſuche der Frau Ringe⸗ borg hatte Holgerſen einen ſeiner ſchwerſten Fieberanfälle gehabt, und war dabei ſo unbändig geweſen, daß Victor die Erlaubniß erhalten hatte, dort zu bleiben. Um Mitternacht, da eine dumpfe Ruhe eingetreten war, ſaßen Mutter und Tochter in den beiden Ecken des Sopha's und ſtützten den Kopf mit der Hand; beide dachten darüber nach, ob wohl jemals ihre ſchreckliche Furcht in Betreff des geahnten Verbrechens, welches Holgerſen an Will's Bruder begangen haben ſollte, ſich beſtaͤtigen oder auflöſen würde. Victor, welcher immer die Delicateſſe gehabt hatte(obgleich er anders dachte), die Parorysmen als nur von dem Fieber hervorgerufen b betrachten, ſaß in einem Ruheſtuhl in der Naͤhe des ettes und betrachtete mit gemiſchten Gefühlen den imen auf⸗ Zenn auf 44 piel noch igen han⸗ nter age⸗ älle 39 ſchlaffen, faſt lebloſen Ausdruck, welchen nach dem Sturme das Geſicht des wilden Mannes angenommen hatte. ohne Hoffnung anbete, vereint zu werden?. O ja, und tauſendmal ja! Mag er den Tod verdient haben: Thekla hatte ſich zur Hälfte erhoben; doch Holgerſen ſah nur ſeine Gattin, glaubte, daß Niemand außer ihr die Worte hörte, welche er langſam, aber vernünftig aus ſprach. „„Amelie! glaubſt Du, daß Kinder die Verbrechen ihrer Eltern ſühnen können?“ „Ach!“ dachte Thekla und drückte die Hand auf das klopfende Herz,„ſie müſſen dafür büßen mit dem Glücke ihres ganzen Lebens!“ 4 Amelie, welche nicht im Stande war, ſeine Mei⸗ nung auf eine andere Weiſe zu faſſen, als daß er an den Worten der Schrift zweifelte, daß die Miſſethaten der Väter an den Kindern geſtraft werden, antwortete mit ihrem troſtreichſten Tone:„Wir wollen hoffen, daß 40 ben Ihut, der die Liebe iſt, keine ſolche Buße gefordert wird!“ „Aber ſie muß gefordert werden, hörſt Du: muß, muß, wenn ich Ruhe ſinden ſoll: die Todten haben keine Ruhe in ihren Gräbern, wenn man ihnen kein Verſöh⸗ nungsopfer gibt!“ Amelie's Faſſungsgabe erreichte hier nicht die Ge⸗ danken des verzweifelten Gatten, doch in Thekla's Seele ſchlug ſeine Meinung herab gleich einem flammenden Blitz. Todtenbleich ſchlich ſie ſich leiſe hinter den Stuhl der Mutter und flüſterte:„Laß mich ein paar Worte mit Vater reden!“ Holgerſen betrachtete mit unzufriedenem und düſterem Blick die Tochter, welche er beinahe fürchtete; ſie aber, welche um jeden Preis in der Finſterniß, die ihre Seele umhüllte, Licht haben wollte, ſank auf ihre Kniee, legte die Lippen an das Ohr des Vaters und flüſterte:„Dieſes Verſöhnungsopfer, welches ich faſſe, und welches Gott vielleicht erlauben wird, reicht es hin zur Sühne...“ Sie ſah mit einem tiefen, langen Blic in die ſtieren Augen des Kranken. Doch der Muth verließ ſie; denn ſte wagte ſehr viel für eine Gewißheit, die ſie auch faſt als einen Wurf des Würfels über das Leben oder den Tod ihrer Liebe betrachtete. „Zur Sühne?“ ächzte er und warf einen verwirrten Blick um ſich her. „Steh auf, Thekla— ich befehle es Dir!“ ſagte Amelie beinahe ſtreng.„Du vergiſſeſt Deine Pflicht als Tochter!“ Thekla aber, welche das Wohl und Wehe ihrer ganzen Zukunft an einem feinen Härchen zwiſchen dieſem und dem folgenden Augenblicke hängen ſah, konnte die Worte der Mutter nicht härde— den feſten Entſchluß ihrer Seele durfte Nichts abwenden. Noch einmal neigte ſie ſich an das Ohr des Vaters und flüſterte:„Reicht bas Fdfer hin zur Sühne... des Mordes an Albin entzel?“. Holgerſen ſtieß einen ſo durchdringenden Schrei aus, ordert muß, keine erſöh⸗ e Ge⸗ Seele tenden Stuhl Worte terem aber, Seele legte Dieſes Gott tieren denn faſt den rrten ſagte tals ihrer eſem e die hluß eigte eicht lbin aus, 41 daß es im ganzen Hauſe wiederhallte; ehe aber der letzte Ton deſſelben erſtorben war, ſo lag Shekla, getroffen von einem Schlage von der Hand des Vaters, ohnmächtig auf dem Fußboden. „Gott, mein Gott! was hat ſie gethan?“ Amelie eilte zu ihrem Gatten, deſſen Haupt jetzt machtlos nie⸗ derſank. Victor hob Thekla auf und trug ſie zu dem Sopha, wo er in Wuth gegen den wahnſinnigen Vater, in Verzweiflung über Thekla's Lebloſigkeit, Alles anwen⸗ dete, was er in der Eile zur Hand bekommen konnte. Doch wir überſpringen die fernere Schilderung dieſer Nacht, in welcher Holgerſen weiter kein Wort redete, in welcher aber Amelie, die vernichtete Gattin, die vernichtete Mutter, wie ein Schatten zwiſchen den Beiden, die ihr ſo nahe ſtanden, hin und her wankte und in ihrer See⸗ lenangſt nicht einmal daran dachte, wie warm, wie voll der thätigſten Theilnahme ein Herz neben ihr ſchlug: erſt ſpäter erinnerte ſie ſich der Dienſte Victor's mit Schauder und Dankbarkeit. In der Morgendämmerung wurde Thekla in ihr Zimmer gebracht, wo ſie jetzt nach einem ſtarken Fieber⸗ anfall ziemlich ſtill ſchlummerte, während Amelie mit zum Himmel gerichtetem Blicke, wie oben erwähnt, am Fenſter ſtand und um Erlöſung betete, nicht für ſich ſelbſt, ſondern für ihn, deſſen Liebe ihr ein ſo großes Wehe zugefügt hatte. Aber wie wage ich es, darum zu beten?“ ſeufzte ſie mit einem bebenden Blick auf den Himmel, zu wel⸗ chem ſie noch vor einem Augenblicke mit einem ſo tiefen Bedürfniß der Erhörung emporgeblickt hatte—„wie wage ich nur zu wünſchen, daß der Todesengel ihn befreien möge, da ſeine Seele den Erlöſer noch nicht geſucht hat! .. O, gib mir eine Antwort, einen Wink, das kleinſte Zeichen, mein Vater und mein Gott, wie ich ihn zu Dir führen ſoll, ehe noch vielleicht dieſe Thüren ſich öffnen und die Diener der Gerechtigkeit ihn ergreifen, um... Amelie war auf ihre Kniee geſunken; doch vergebens 42 fragte ſie den blauen Himmel, die ſtrahlende Sonne und Ihn, der ſein Antlitz dahinter verbarg— da kam keine Antwort, kein Wink, kein Zeichen....„Sollteſt Du, der Du die Liebe ſelber biſt, mich ganz verlaſſen haben! Haſt Du keinen Troſt mehr für ein von Angſt erfülltes erz?“ „Amelie!“ ertönte es leiſe aus dem dunkeln Al⸗ koven. „O! er iſt es, er, der mir antwortet, da ich Gott anrufe!... Werde ich denn zurückgewieſen zu ihm, der mein ganzes Herz erfüllt hat? Iſt das Deine Meinung, o Vater?— oder“— ein Lichtſchimmer beleuchtete das Antlitz des verzweifelnden Weibes—„willſt Du mir ſagen: geh und vollende Deine Arbeit, und dann werde ich Dir antworten!“ „Amelie!“ „Ich komme, ich komme!... Doch, was ſchwebt mir vor?— Er redete von einer Verſöhnung, einer Buße von Seiten der Kinder!... Arme Kinder, ſie müſſen gewiß hinreichend büßen!“ „Warum verläſſeſt Du mich? Wo biſt Du?“ „Ich verlaſſe Dich ja nie; doch da Du ſchlummerteſt, ging ich ein wenig an das Fenſter: es war ſo ſchön, einen Theil des Himmels zu ſehen! Willſt Du, daß ich die Gardine etwas auf die Seite ſchiebe, damit auch Du Dich ſeines Lichtes freuen kannſt?“ „Ich mich erfreuen bei dem Anblicke des Himmels? Du haſt alſo des alten Geiſtlichen in Molde und ſeiner Worte an dem Tage,, da ich die Medaille für lobens⸗ werthe Handlungen erhielt, vergeſſen?... Ha, ha, ha! es geht hier in der Welt luſtig zu: während ein Ver⸗ brecher, ein elender Heuchler, wie ich, mit Ehrenzeichen geſchmückt wird, muß ein ehrlicher Mann mit ſeinem Geſuch um eine unbedeutende Beförderung bei den Hohen Treppe auf und Treppe ab laufen, bis er keinen Schilling mehr hat, um ſich die abgenutzten Stiefel verſohlen zu laſſen! Amelie, was ſagſt Du von einer ſolchen Welt?“ 43 „Ach, Arne, ich ſage, daß Du genug haſt, wenn Du nur an Dich ſelbſt denkſt!“ „Ja, und an die Worte des Geiſtlichen— ſie waren ſo ſchön:„Dereinſt wird der König der Könige, Er, vor dem nichts verborgen iſt, Deine Thaten wägen und ſie nach ihrem wahren Verdienſte belohnen!“.... War es nicht ſo?“ Amelie ſchauderte.„Sei überzeugt, Arne, daß Er, der unſere Thaten wägt, ſie nicht allein auf die Wage ſeiner Gerechtigkeit, ſondern auch ſeiner Gnade legt... ach ja, auf die Wage ſeiner Gnade!... und keines Menſchen Thaten, ſo ſchwer ſie auch ſind, werden zu Boden ſinken, wenn Er, der die Wage in ſeiner Hand hält, eine tiefe Reue, eine ernſte Buße ſieht.“ „Du ſchwatzeſt von Buße und von Reue— habe ich nicht bereut, habe ich nicht Buße erlegt, ſo daß Du, wenn Du ſie geſehen hätteſt, gemeint haben würdeſt, daß ſie tauſendmal eine Seele von dem Abgrunde zurück⸗ ſchaffen köͤnnte? Meine Nächte, meine Tage, meine Träume, meine Martern, meine Gewiſſensqualen, die mich ſo gegeißelt haben, daß ich ſelbſt das Blut fließen ſah— ach, von dem Allem weißt Du nichts... aber ich, ich weiß es, ich!“ „Ja, Arne, Du haſt nicht ſo ſtill geträumt, daß ich nicht... Doch nicht dieſen Blick— ich beſchwöre Dich! Verſuche es, Deine Gedanken vernünftig zu behalten— ſieh mich an: Du haſt mich ja ſo innig geliebt, Du liebſt mich ja noch ſo ſehr, daß Du Deine Verwirrung bekämpfen willſt?“ „Ja, ich habe Dich innig geliebt: Du biſt mir mehr geweſen, als das Leben, mehr als der Himmel— darum bin ich auch aus demſelben verſtoßen!“ „Nicht darum— ganz im Gegentheil!.. Doch wir wollen jetzt nicht mehr reden! Späterhin, wenn Du beſſer wirſt, ſollſt Du mir doch ſagen, was Du damit meinteſt, daß Kinder im Stande wären, zu ver⸗ ſöhnen...“ 7 Er fuhr heftig, faſt mit einer Bewegung der Freude zuſammen.„Dieſen Gedanken hatte ich; eben ihn wollte ich Dir mittheilen, als ſie“— er warf einen ſpähenden Blick um ſich her—„mit ihren großen ſchwarzen Augen mir in die Seele blickte und das Geheimniß heraus zwängte!... Sie hat nicht Deine Augen, denn in ihnen ſehe ich immer das Schönſte, was ich jemals in meinem Leben geſchaut habe, obgleich auch ſie ſchwarz ſind: die ihrigen dringen wie ſcharfe Pfeile in das Herz hinein und reißen die alten Wunden noch mehr auf!“ „Du mußt ihr verzeihen: ſie war krank von dem langen Wachen— ſie wußte nicht, was ſie that. Als wir ſie aufhoben, hatte ſie das Bewußtſein verloren, und überdieß gabſt Du ihr ja keine Antwort.“ „Sie aber that eine Frage— höorteſt Du es?“ „Keinen Buchſtaben!“ „Du würdeſt nicht den Muth oder das Herz gehabt haben zu fragen, ob... doch ich werde müde! Mor⸗ gen... Arme Amelie, armes Weib! Dein Blick ſagt biir, daß Du mit Deinen Gebeten im Himmel geweſen iſt!“ Amelie legte ihre Lippen auf die Stirn des Unglück⸗ lichen und liſpelte leiſe:„Ich betete für Dich!“ 1 „Doch wohl nicht um meinen Tod?“ fragte er mit ahnungsvoller Heftigkeit.„Bete nicht darum, Amelie, denn da... da... Hüte Dich: ich will nicht ſterben, und ich verzeihe es Dir nie, wenn Du mich mit Deinen Thränen einen einzigen Tag, eine einzige Stunde früher von der Erde hinwegflehſt, als... Hu! wie kalt iſt es dort unten im Chore! Wenn ich bisweilen auf meinem eigenen Grabe ſaß, ſo habe ich... ſchl...... meinen eigenen Schatten geſehen, wie er ohne Ruhe hin und her wankte und immer den Holländer nach⸗ ſchleppte; und alle Andere ſchlangen einen Ring um uns, während ein kleiner Vogel, der oben in dem Gipfel eines Baumes ſaß, den Todestanz ſang— denn der Vogel gehörte mir auch an: er war ehedem ein... ein. Amelie! haſt Du die Erzählung gehört?“ Die zitternde Frau hatte ihr bleiches Antlitz in den Kiſſ wirr ſagt Thr Thr Wa plöt „W nich ob ſ etw Die hate hal⸗ hier eini zeig gro von aus hei und ſch aus vollte enden lugen eraus ihnen einem : die inein dem Als oren, 2 u 7 ehabt Mor⸗ ſagt veſen lück⸗ mit eelie, ben, inen üher ſt es nem Ruhe ach⸗ um ipfel der den 45 Kiſſen verborgen— ihr Schluchzen zertheilte die Ver⸗ wirrung in Holgerſen's Gedankengang.„Weine nicht!“ ſagte er klagend.„Wie ſoll ich auch über Deine Thränen Rechenſchaft geben können.. und über die Thränen der Kinder... und über Will's Thränen?... Was haſt Du aus Will gemacht?“ unterbrach er ſich Amelie ſah ihn mit einem fragenden Blick an. „Wünſcheſt Du ihn zu ſehen?“ „Nein, nein... aber wo iſt er? Er kommt doch wohl nicht hieher, wenn niemand hier iſt? Es war mir, als ob ſeine Augen draußen auf der Kreuzweide... Haſt Du etwas davon gehört?“ „Guter Arne, nun kommt wieder eine Idee über Dich!“ Amelie wußte nichts von dieſer Scene; Roſa hatte auf dem Rückwege von dem Vater den Befehl er⸗ halten, davon zu ſchweigen. „Nein, nein; ich weiß, was ich weiß!... Iſt er hier im Hauſe?“ „Nicht einmal auf Elfhagen: ich habe ihn auf einige Zeit auf den**rfer Pfarrhof geſchickt, und er zeigte keinen Widerwillen gegen dieſe Reiſe.“ „Das war gut!“ der Kranke zeigte in ſeiner Miene große Zufriedenheit.„Morgen ſollſt Du mehr hören von... der Verſöhnung!“ Sechstes Capitel. Eine Abendſcene bei den Schweſtern. „Ich begreife nicht, daß ich noch lebe!“ rief Hildur aus, indem ſie ſich gähnend auf den Sopha warf.„Krank⸗ heit in jeder Ecke, ſchlechte Laune, Verſtimmung draußen und drinnen, kein Menſch, mit dem man reden, ge⸗ ſchweige denn keifen kann, nichts Neues, lles alt, ausgeſchliſſen, unerträglich, Keiner, der Einen entzücken — õõõ 46 kann, Keiner, der uns den Hof macht— unſer Haus iſt ja lebendig ausgeſtorben... bald gehe ich hinweg von Allem!“ „Wenn Du,“ meinte Thekla, welche ſich in halb liegender Stellung auf dem Bette befand,„vor einigen Monaten eine Ahnung davon gehabt hätteſt, daß Du eines Tages von ſo vielen Entbehrungen heimgeſucht werden könnteſt, ſo bin ich überzeugt, Du würdeſt das Glück, da Du es noch in Deinen Händen hielteſt, ver⸗ nünftiger geſteuert haben!“ „Du haſt immer guten Vorrath an Vorwürfen— kann ich vielleicht dafür, daß Vater krank iſt?“ „Gewiß nicht; doch bin ich überzeugt, Du würdeſt, ſo krank er auch ſein möchte, gewiß nicht am Leben verzagen, wenn Du Einen hätteſt, der es Dir tragen hälfe: ich meine Jemanden, der ſeine Glückſeligkeit darin fände, unter ſtetem Jubel, unter Liebkoſungen und Spiel die ganze Schleppe Deiner bunten Einfälle zu tragen!“ „Ja, wem habe ich's zu danken, daß ich Keinen mehr habe, der mir dieſe Schleppe nachträgt, wenn nicht Dir? Aber ich verſichere, daß ich Dir Deine Ero⸗ berung nicht mißgönne!“ in Seufzer der Ungeduld flog über Thekla's Lippen, doch begnügte ſie ſich, nur mit einem Blick voll kalter, unbeſchreiblicher Gleichgültigkeit zu antworten. Hildur merkte gar nicht, daß Thekla's kleiner Angriff ganz berechnet war, jeden Eindruck zu verwiſchen, den ihr plötzliches Uebelbefinden am Morgen nebſt ihrem darauf gefolgten Zuſtande hatte hervorrufen können. In Thekla's Seele lag die bittere Qual einer ſtum⸗ men Verzweiflung, eine düſtere und ewige Hoffnungs⸗ loſigkeit; denn jetzt durch die kühne an den Vater ge⸗ richtete Frage und durch ſeine Antwort— dieſen einzigen, herzzerreißenden Schrei— war ſie vollkommen überzeugt worden, daß zwiſchen ihr und Carl eine unüberſteigliche Kluft lag: ein Mord, ein Geſpenſt, das Geſpenſt des gemordeten Bruders Will's, ſollte ſtets vor ihr ſtehen, und ihr die Thore des irdiſchen Himmels verſchließen! deſt, eben inen henn Fro⸗ pen, lter, griff den rem am⸗ gs⸗ ge⸗ gen, eugt iche des en. 47 So lange ſie noch zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebte, wollte letztere nie ganz erſterben; jetzt aber hatte ſie dieſelbe beerdigt, und ſtill, ernſt, im Aeußern vereiſ't ſaß ſie da und legte das Haupt auf das Kopf⸗ kiſſen mit dem innigſten Wunſche, nicht ſterben zu dür⸗ fen, denn ſie hoffte ihrer Mutter und ihren Schweſtern nützlich werden zu können, wohl aber, daß der Traum des Vaters von einer Verſöhnung hienieden kein Traum bleiben möchte— auch ſie glaubte an eine ſolche Art der Verſöhnung. Stark an Willen und Körper, hatte Thekla, ſobald ſie aus dem wohlthätigen Schlafe erwachte, der auf das Fieber gefolgt war, feſ beſchloſſen, ſich keiner fruchtloſen Betrübniß, keiner tödtenden Unthätigkeit zu überlaſſen. Es mußte ſo ausſehen, als wäre ſie ſich ſelbſt gleich— niemand durfte ahnen, daß erſt jetzt das letzte Band zwiſchen ihr und Karl zerriſſen wäre; niemand durfte mit einer ändiden Vermuthung in das düſtre Geheimniß eindringen, welches in ihrer ſtillen Bruſt verwahrt lag. Und aus allen dieſen verſchiedenen Urſachen— ſo lieb und bedürftig ihr auch ein ganz ungeſtörter Augenblick geweſen wäre— that ſie ſich eine ſolche Gewalt an, daß es ihr möglich wurde, ſich mit Hildur in ihren alten Ton zu verſetzen. ildur's ſcharfer Pfeil glitt gleichwohl an ihr vor⸗ bei, denn Thekla hatte weder Victor's noch auch Hildur's Gefühl jemals mit tiefer Aufmerkſamkeit betrachtet, weil ſie meinte, daß dieſelben von der flüchtigen Art wären, welche den einen Augenblick brennen, um in dem andern zu erlöſchen. Und ſo, wie die Sachen jetzt ſtanden, war ſie ſogar zufrieden mit der unglücklichen Wendung, welche ihr eigenes Schickſal durch Hildur's Mitwirkung genommen hatte: dieſe Wendung hatte ihr ja die Qual geſpart, welche ihr ſonſt geblieben wäre, nämlich ſelbſt zu brechen.............. „Du meinſt natürlich, daß es allzu ſehr unter Dei⸗ ner Würde ſein würde, auf die Beſchuldigung zu ant⸗ worten!“ begann Hildur von Neuem, nachdem ſie einige 48. Augenblicke vergebens auf Thekla's Erwiederung gewartet hatte.„Aber weißt Du was? ich meine, Du könnteſt Dir immer, wenn wir hier unter uns ſind, die Mühe ſparen, Königin zu ſpielen! Es gibt gewiſſe Dinge, die ſich in Geſellſchaft oder in der Ferne recht gut ausnehmen, die aber allen Reiz verlieren, wenn man ſie in der Nähe betrachtet.“ „Schreibe Dir dieſe Anmerkung in Dein Gedächtniß, liebe Hildur: man kann daraus abnehmen, daß Du Deine Denkkraft eben ſo wie Dein Urtheil zu erweitern anfängſt! Ganz beſonders rathe ich Dir, daran zu den⸗ ken, wenn Du wieder Einen bekommſt, der Dir das Leben tragen hilft!“ „Und das biſt Du,“ ſagte Hildur, und ihre Wan⸗ gen flammten vor Verdruß,„die überall für ein Muſter der Tugend und der Vollkommenheit gilt! Hätte Dich jedoch heute Abend Jemand gehört, ſo würde wohl we⸗ nigſtens dieſer in ſeiner Ueberzeugung wankend gemacht worden ſein. Mit Deiner Ruhe, Deiner Kälte, Deiner Gleichgültigkeit; ja mit Deiner unausſtehlichen Tanten⸗ Air kannſt Du einer Andern das Gallenſieber an den Hals ärgern! Ich hätte große Luſt den Straßenfeger zu heirathen, um nur der Pein zu entgehen, mich täg⸗ lich von Deiner Einförmigkeit ermüden zu laſſen!“ Roſa, welche am Fenſter ſtand und damit beſchäf⸗ tigt war, ihr Vogelbauer mit friſchen Stäbchen zu beklei⸗ den, hatte noch kein Wort geſagt; aber mit großer Be⸗ trübniß vernahm ſie, daß nicht einmal das ſchreckliche Unglück, welches jetzt das ganze Haus betroffen hatte, im Stande war, die Gemüther der Schweſtern in Har⸗ monie zu vereinigen. Doch hatte ſie gleichſam eine Ah⸗ nung, welche ihr ſagte, daß Thekla fremd war für den Streit, an welchem e Theil nahm. Roſa glaubte dieß aus den Blicken abnehmen zu können, welche ſie dann und wann auffing, wenn ſie ſich von dem Vogelbauer abwendete und Thekla betrachtete, die auf ihrem rothen Bette, den Kopf auf den weißen Sammetarm ſtützend, die ſchwarzen Locken nachläſſig auf das weiße Nachtgewand heral der inder zueil der d wäre wart klein einm liebe freur Blun nicht ſöhnt Dein ein f ſchied die 2 her, demſ Kant Thek fragt wir daß Auge Etwe war Rand artet nteſt fühe die nen, der tniß, Du tern den⸗ das Lan⸗ uſter Dich we⸗ dacht iner nten⸗ den eger täg⸗ häf⸗ klei⸗ Be⸗ liche atte, Har⸗ Ah⸗ den dieß ann auer then die dand 49 herabwallend, ſo ſchön da lag, wie das Schönſte, das der Künſtler ſich unter dem todten Marmor träumt. „Hildur, Du darfſt nicht garſtig ſein,“ ſagte Roſa, indem ſie, die letzten Stäbchen wegwerfend, auf den Sopha zueilte und ſich neben Hildur ſetzte:„Du betrübſt Thekla!“ „Sie betrüben? ſie?.. ich möchte den wohl ſehen, der das vermag! Aber wenn ſte auch wirklich betrübt wäre, ſo mag ſie es meinethalben... Doch warte... warte!“— Hildur nickte und legte den Kopf in die kleine Hand—„die Sommerſonne ſcheint wohl wieder einmal!“. „Du willſt alſo, daß ich Dich gar nicht mehr lieben ſoll?“ flüſterte Roſa und ſchlang ihren Arm ſo freundlich um Hildur's Leib. 1 „Ja, das will ich, denn Du biſt für uns, was die Blume und die Vögel für Dich ſind... ja, ja, lächle nicht: Du biſt unſer Vogel, der immer kleine Ver⸗ ſöhnungslieber zwitſchert: Du biſt unſre Blume, denn Deine Sanftmuth, die wahre Güte Deines Herzens, iſt ein friſcher und lieblicher Duft— hier iſt nur der Unter⸗ ſchied, daß wir Dir nicht die Pflege angedeihen laſſen, die Du Deinen Lieblingen widmeſt, und das kommt da⸗ her, weil wir ſelbſtſüchtiger ſind, als Du.“ „Ach Hildur! woher nimmſt Du ſo ſchöne Worte in demſelben Augenblicke, da Du Dich ſo boshaft zeigſt? Kannſt Du wohl ſagen, daß Du trotz Deines Geſchwätzes, Thekla doch nicht in Deinem Herzen liebſt?“ „Hörſt Du, Thekla, was das kleine Mütterchen ſagt?“ fragte Hildur, zur Hälfte entwaffnet.„Meinſt Du, daß wir uns lieben?... Ich meines Theils glaube beſtimmt, daß dieſe Liebe ziemlich fein iſt!“ Tekla blickte auf, und da ſie ihre großen ſchwarzen Augen den beiden Schweſtern zuwendete, ſo lag darin Etwas, welches machte, daß dieſe zuſammenfuhren: es war eine Thräne, und dieſe ſank bald hinab an den Rand der langen Augenwimpern. 4 Wie ein Wind flog Hildur auf und an das Bett. „Thekla, Thekla! Wenn Du mich nur im Geringſten liebſt, Der Jungferthurm. III. 4 50 ſo bitte ich Dich, ſage es, aus Barmherzigkeit: ſage es, und ich will verſuchen, Dir alle Vorzüge zu verzeihen, die Du vor mir voraus haſt!“ Thekla reichte ihr die Hand, indem ſie mit verän⸗ derter, ja faſt zitternder Stimme ſagte:„Du darfſt nicht glauben, daß Alle kalt ſind, deren Gemüth ſchwer und verſchloſſen iſt! Einige Menſchen ſehen im Leben bald einen Himmel voll überſchwenglicher Seligkeit, bald eine unausſprechlich düſtre und ermüdende Einöde; an⸗ dere dagegen ſehen darin eine Bahn, die lang genug iſt, um ſowohl Roſen als auch Dornen zu tragen; weil ſie aber zu bemerken meinen, daß die Jahl der Roſen bei weitem geringer iſt als die der Dornen, ſo verfallen ſie weder in Gnüzüden noch in Verzweiflung, ſondern hoffen, daß das Eine ſich mit dem Andern ausgleichen wird, und verlaſſen ſich vor allen Dingen darauf, daß ſowohl die Roſen als auch die Dornen von Ihm ge⸗ pflanzt ſind, der am beſten beurtheilen kann, wozu beide nützlich ſind. Ich und Du, Hildur, gehören zu dieſen verſchiedenen Menſchen der Erde— ſollen aber darum unſere Gefühle ſich nicht in Liebe begegnen können? Sie können dieß um ſo herzlicher, als ſie ſich ja ohne⸗ hin ſchon vereinigen in der Liebe zu ihr, die Du ſo ſchön unſern Vogel, unſre Blume nannteſt!... Komm, Roſa, und ſchließe Dich an Deine Schweſtern. Dir allein verdanken ſie es, daß ihre gegenſeitigen Fehler nicht die edleren Gefühle der Natur ganz erſtickt haben!“ Gleich einem lächelnden Engel eilte Roſa mit aus⸗ gebreiteten Armen, mit dem Herzen voll ſeliger Freude zu den beiden durch ſie vereinigten Schweſtern. Hildur hatte ſich vor Thekla's Bett auf die Kniee niedergeworfen, Roſa lag in der nächſten Secunde an ihrer Seite, und ſo, mit verſchlungenen Armen, neigten die drei Schwe⸗ ſtern ihre Häupter an einander. Worte, Thränen, Seuf⸗ zer floſſen in einander: es war ein Abendgebet, an wel⸗ hen die Seraphim des Himmels hätten Theil nehmen oͤnnen. Hildur brach zuerſt das Schweigen. denke werd ſehen ſchlo Gefü age es, rzeihen, verän⸗ darfſt ſchwer Leben lt, bald erfallen ſondern gleichen f, daß hm ge⸗ vorfen, 2, und Schwe⸗ Seuf⸗ n wel⸗ tehmen 51 „Ach, wenn wir einen ſolchen Augenblick früher gehabt hätten— Vieles wäre da gewiß ganz anders!“ „Laß uns glauben“ liſpelte Thekla mit gehemmtem Athem,„daß... es ſo am beſten iſt, wie es iſt! Anſtatt desjenigen, was wir verloren, haben wir uns gefunden— und ihr könnt mir glauben, theure Schweſtern, jetzt, gerade jetzt, iſt dieß mehr denn alles Andere!... Setzt Euch hier zu mir!... Iſt es nicht ſchön, zu füh⸗ len, daß wir uns einander viel ſein können?“ 1 „Ja, ſo ſchön,“ antwortete Roſa, indem ſie neben den Stuhl, auf welchem Hildur ſaß, einen Schemel zog, „daß ich darüber vergeſſen will, daß auch ich— obgleich ſich kein Menſch daran kehrt, es zu ſehen— meinen Kummer habe!“ „Der betrifft den armen Will,“ ſiel Thekla mit faſt mütterlicher Zärtlichkeit ein,„doch hoffe ich, Du wirſt ihn bald wieder hier haben.“ Roſa erröthete und ſagte halblaut:„Ach ja, ich denke viel an Will... auch an ihn!“ Ohne auf Roſa's„Auch an ihn“ aufmerkſam zu werden, begann Thekla von Neuem:„Jetzt wollen wir ſehen, was ein Verein, ſo wie wir ihn unter uns ge⸗ ſchloſſen haben, vermag! So lange wir in Gedanken, Gefühlen und Handlungen verſchieden waren, konnte die Gemüthlichkeit im Hauſe nie feſten Fuß faſſen, denn auf drei erwachſenen Töchtern beruht natürlicher Weiſe die größte Gemüthlichkeit... Ach, wie wird ſich nicht unſere arme Mutter, die ſo viel leidet, die wir ſo hoch ſchätzen und lieben, in ihrem tiefen Schmerze glücklich fühlen, wenn ſie ſieht, daß Frieden, Liebe und Vertrauen ſich als ein vereintes Band um uns ſchlingen! Von der Verwirrung, von der Verſtimmtheit, von dem Elende, die jetzt im Mörk'ſchen Hauſe herrſchen, ſoll bald die Rede nicht mehr ſein, denn durch uns ſoll Alles ſo geebnet und geſchlichtet werden, daß von demjenigen, wasg ſich leider nicht ebnen läßt, nichts aus dem Hauſe kommt... Wir müſſen den Doctor dahin bringen, daß er dem Vater die Landluft verordnet, und Araußen auf —— —— 52 dem ſchönen, ſtillen Elfhagen werden wir ihn vielleicht allmählich in das Leben zurückkehren ſehen; aber wenn für ihn auch das Leben todt bleibt, ſo mag man doch wenigſtens nicht mehr ſagen, daß ein böſer Geiſt auf unſerm Hauſe ruht: von heute Abend an ſind hier alle guten Geiſter eingezogen.“ In dem Augenblicke, da Thekla dieſe letzten Worte ausſprach, trat Amelie ein. O welch ein herrlicher Anblick für die ſo viele Schmerzen leidende Frau, ihre Töchter ſo anzutreffen! „Mutter!“ riefen alle drei, und ihre Herzen, ihre Augen, ihre Hände flogen der Mutter entgegen.„Sieh, Mutter!“ fuhr Thekla fort,„hier haſt Du Deine Töch⸗ ter vereint in Liebe und in dem feſten Willen, Dir in dem Kummer beizuſtehen! Gott wird uns nicht verlaſſen, wenn wir uns feſt an einander ſchließen!“ Amelie's Herz verſtand und deutete die Worte der Tochter. „Friede, Liebe und vor Allem Einigkeit unter Euch, meine theuerſten Lieblinge, wird nicht nur mir doppelte Kraft verleihen, ſondern auch im Stande ſein, mitten in der Wüſte eine kleine grüne Oaſe um uns her zu ſchaffen, wo wir uns begegnen können in froher Dank⸗ barkeit gegen Gott, der uns das Höchſte gab, da er uns egenſeitige Liebe ſchenkte, denn durch ſie können wir Alles ertragen— und uns kann Vieles bevorſtehen!“ Jetzt waren es die Arme einer liebenden Mutter, welche ſich um alle drei ſchlangen— jetzt war es das hochklopfende Herz einer Mutter, an welches ſich drei Häupter legten— eine Mutter nahm ihre erneuerten, heiligen und reinen Gelübde an, deren Zeuge die ſin⸗ kende Sonne war, die ihre Beleuchtung über die ganze Gruppe warf. jelleicht wenn n doch iſt auf eer alle Worte erlicher u, ihre , ihre „Sieh, Töch⸗ Dir in rlaſſen, orte der Euch, oppelte mitten her zu Dank⸗ er uns nen wir en!“ Mutter es das ſch drei euerten, die ſin⸗ 2 ganze 53 Siebentes Capitel. Noſa. Eine halbe Stunde ſpäter ſtand unſere junge Hel⸗ din, deren volles Herz jetzt das Bedürfniß empfand, ſich im Freien zu ergießen, an ihrem Lieblingsplatze neben der Flaggenſtange auf der Schloßruine von Wisborg und blickte auf das Meer hinaus. Dieſes Meer, welches ſie ſo oft in Aufruhr geſehen hatte, lag heute Abend ruhig und ſpiegelblank da. Die Fiſcherboote auf demſelben zogen lange, blinkende Strei⸗ fen hinter ſich her und ſchienen alſo die Rede des Sprüch⸗ wörterbuches von dem„unſichtbaren Wege des Schiffes auf dem Meere“ zu widerlegen. In der Ferne, hinter dem„ſchwediſchen Walle“, ſank die Sonne; die feinen Gewölke nahmen immer grellere Farben an, und ein Roſenſchimmer zitterte über Himmel und Waſſer, über Thuͤrmen und Fenſterreihen in der Stadt. Zwiſchen der Sonnenkugel und dem Geſtade begann der Widerſchein des Feuers der erſteren ſich zu einem breiteren und brei⸗ teren Wege, zu einer mit Gold gewirkten und mit Ru⸗ binen überſtreuten Matte für den Fuß des Schöpfers zu erweitern. Als aber die Feuerkugel in dem Wolken⸗ gewebe ihrem naſſen Grabe ſich näherte, wechſelte ihre Form: bald vergrößerte ſie ſich zu einer länglichten Run⸗ dung, bald theilte ſie ſich in zwei Gürtel, bis ſie wieder verſchmolz. Noch ein paar Verwandlungen— und die untere Hälfte des Geſtirns des Tages war ſchon hinter dem Horizonte verborgen, während die obere noch einige Augenblicke in ſtärkerem Purpur glühte, gleich einem illuminirten Tempel oder einem offnen rundbogigen Thore, durch welchen alle Herrlichkeit des Himmels herein ſtrömt. Voll anbetender Andacht bei einem Schauſpiel, das ſie nie zu oft ſehen konnte, faltete Roſa über die ju⸗ gendliche warme Bruſt ihre Hände zuſammen; und ſo ſtand ſie da, und ihr Auge ruhte ſehnſuchtsvoll auf 54 dem Meere, bis der herrliche Anblick ſich aufgelöst und eine leichte Sommerdämmerung über jedem Gegenſtande zurückgelaſſen hatte. „Hier, gerade hier,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie ſich vertraulicher an ihre alte Freundin, die Signal— ſtange, lehnte, war es, wo ich zuerſt den alten Schoo⸗ ner erblickte!... Ach, ich hatte damals keine Ahnung, daß ich hernach ſo viel und ſo oft an ihn denken würde! ... Es iſt ſchrecklich ſchlimm,“ fuhr ſie unter ſchnellem Uebergange der Gedanken fort,„daß der Vater das fatale Schmuggeln nicht laſſen kann— nicht weil ich eigentlich etwas ſo Strafbares oder Gefährliches darin ſehe, ſon⸗ dern weil es ſo unendlich vielen Aerger verurſacht!... Laß mich nachdenken, wie viele beſondere Verdrießlich⸗ keiten die Folge davon geweſen ſind! „Erſtlich wurde ja allzu plöͤtzlich auf eine ärgerliche Art eine Bekanntſchaft unterbrochen, die uns ſchon an dem erſten Tage ſo vieles Vergnügen verſprach. Ach, wie angenehm war nicht jener ſchöne Spaziergang, und wie intereſſirt war er ſpäterhin zu Hauſe von der ſchönen Sage über den Jungferthurm, welche ich erzählte! Ich fühlte mich an jenem Abende von dem ſchrecklichen Schick⸗ ſale der Jungfrau ſo belebt, ſo wunderbar bezaubert— nicht weil ich nicht immer in meiner Seele mit Jung⸗ hanſens Tochter vertraut wäre, aber damals war es, als wäre ſie und ich Eins, als hätte ich ihr mein Le⸗ ben geben können, um ihr den Frieden zu verſchaffen, nach welchem ſie noch immer ſeufzt... Ach, man ver⸗ ſteht nicht, wie es kommt, daß es Einem bisweilen iſt, als hätte man, Flügel, als hätte man Muth zu Allem: man kann weinen, lachen, ſcherzen, ſtreiten, Alles in einer Secunde, und dennoch trägt man einen ganzen Himmel in ſeinem Innern! Ich kann mich aber dennoch nicht entſinnen, ob ich das Alles in einem Augenblicke empfunden habe, außer an dem Tage, da Vater jene ſchönen Halstücher erhielt. „Am folgenden Morgen, da ich im Wagen ſaß und auf Mutter wartete, kam er auch, und wir plauderten 1 und ſtande indem gnal⸗ Schoo⸗ nung, bürde! rellem fatale ntlich ſon⸗ 11... ßlich⸗ rliche n an Ach, und önen J chick⸗ rt— ung⸗ r es Le⸗ ffen, ver⸗ iſt, lem: s in nzen noch licke jene ſaß rten 5⁵ ſo angenehm, ſo munter. Ich war kindiſcher, als ich eigentlich ſein wollte, doch das that nichts, denn er war gewiß vergnügt. Dann aber kam die abſcheuliche, uner⸗ trägliche Nacht draußen auf Elfhagen: die Güter wur⸗ den weggenommen, der junge Capitain wurde in Vaters Affaire mit verwickelt, und damit wurde die muntere Bekanntſchaft, welche ſonſt noch viele Wochen hätte dauern können, gänzlich abgeſchnitten. Das war nun 1 der erſte Verdruß; der zweite kam bald nach, als er die Einladung des Vaters zu einem Mittag und zu einem Abend ausſchlug... o wie rachgierig und garſtig von ihm! „Den dritten Verdruß kann ich am allerwenigſten vergeſſen: daß aus unſerm Beſuch in dem Jungferthurm nichts wurde. Ach, mein geliebter Thurm— er bekam ihn nicht zu ſehen, er hat nicht auf meiner kleinen Bank geſeſſen, nicht vor der Luke geſtanden und hinausgeſehen! Wie oft würde nicht dieſer Beſuch ſpäterhin, wenn ich nachher allein hinauf gegangen wäre, mir Freude ge⸗ macht haben! „Der vierte Verdruß war ebenfalls recht unerträg⸗ lich, daß ich ihn nicht auf der Flöte blaſen und daß er mich nicht zur Guitarre ſingen hörte. „Laß mich aber nun recht nachdenken über den fünften und letzten Verdruß, der alle andern übertrifft: daß die ganze Geſchichte, die Geldſtrafe, der Aerger und alles Uebrige einen ſo nachtheiligen Einfluß auf ſeine Laune und auf ſeine Meinung von dem Vater machte, daß er an dem Abende, da wir uns zuletzt auf der Kreuz⸗ weide trafen, noch eine ſo bittere Erinnerung davon haben konnte. Einen Augenblick lang hatte er gleich⸗ wohl ſichtbarlich Alles vergeſſen, doch Will's heftiger Schrei— ich begreife nicht, was Will gerade damals dort zu thun hatte— blies die ganze Wärme in ſeinem Weſen hinweg. Ich kann hier keinen Zuſammenhang finden, aber ſo war es dennoch: er ſchien gleichſam aus einem Traume zu erwachen, ſich zu beſinnen und zu verändern, und daran war Vaters Affaire nun wieder 56 Schuld— er ließ es mich ja auch deutlich in den letz⸗ ten Worten verſtehen. Und ſo ging er, ohne zu ſehen, wie traurig ich war— ich verſtand das aber recht gut zu verbergen, da er keinen höhern Werth darauf ſetzte... ch, es geht gewiß ſo manche Sonne auf und unter, bis ein ſolcher Schiffscapitain wieder nach Wisby kommt— und er... er kommt gewiß niemals mehr nach unſerer Inſel!“ Roſa hatte während des Ganges aller ihrer Ge⸗ danken gar nicht daran gedacht, daß die Zeit vorwärts ſchritt. Die Schatten zogen nun ihre düſtern Leichen⸗ tücher über die Tempelruinen, über die Mauern und die Thürme— die ganze Natur war in Schweigen verſenkt. „Ach, ich möchte die ganze Nacht hier bleiben: hier iſt ſo kühl, ſo angenehm, ſo ruhig und ſo ſtill!“ ſagte ſie, indem ſie langſam von der Ruine hinunter ſtieg...„Doch,“ ſetzte ſie plötzlich hinzu, und aus ihren ſchöͤnen blauen Augen ſchien eben jetzt— um mit dem alten Halwar zu reden— Gott der Vater ſelbſt, wie durch einen kleinen Spiegel herauszublicken...„Doch jetzt haben wir's ja auch zu Hauſe ſtill und lieblich. Solchen glücklichen Augenblick habe ich noch nie empfun⸗ den, als da wie alle drei vereint an der Bruſt der lieben Mutter lagen... und dennoch ſoll es ein noch höheres Glück geben! Wie wunderlich muß das Gefühl eines ſehr großen Glückes ſein! Werde ich einmal wirk⸗ lich glücklich, ſo glaube ich, daß ich vor Freuden weine, weil ich Gott ſo nahe bin!... Doch ehe ich nach Hauſe pehen uu ich Junghanſen's Tochter wohl Gutenacht agen!“ 3 Sie blieb einige Minuten ſtehen und heftete den Blick auf den theuren Thurm. „Sieh— blickt dort nicht gleichſam ein kleines weißes Gewölk zur Thurmluke heraus?... Ach nein, ich bilde mir ſo Vieles ein, ich habe ſo viele, viele Ge⸗ danken, aber faſt keiner macht mir jetzt mehr Vergnü⸗ gen außer denjenigen, welche das Andenken an den großen hurtigen Seemann, den angenehmen Conſtabel unter ihren dem wie Doch lich. fun⸗ der noch fühl virk⸗ eine, auſe acht den ines ein, Ge⸗ nü⸗ den abel 57 zurückrufen... Der alte Surre⸗Matts freut ſich wohl jetzt über mein Geſchenk— der gute Alte, der den armen ſchiffbrüchigen Steuermann und ſeinen faſt zer⸗ ſchmetterten Freund bei ſich aufnahm! Und eine ſolche Freundſchaft, wie zwiſchen dem jungen Capitain und ſeinem Conſtabel— die kann ich verſtehen! Ich ſehe Alles, ſelbſt wie der arme verlaſſene Knabe(etzt ein ſo ſtolzer und gewiſſenhafter Mann) an dem Morgen vor dem Koch⸗ hauſe ſtand, wo er hernach mit der guten mannhaften Mutter Kitty Bekanntſchaft machte... Ei! daß er mir nicht ſelbſt einige von ſeinen intereſſanten Jugendaben⸗ teuern erzählte!... Aber wir waren ſo wenig bekannt... und Jentzel hieß er, gerade ſo wie der arme Will!“ „Hier, bei dem Gedanken an Will, an welchen ſie jetzt weniger als ſonſt dachte, fuhr eine Röthe über Roſa's Wange. Sie war nicht im Stande zu ergrün⸗ den, warum ſie ſeit jenem Abende, da er die doppelte Sonderbarkeit beging, zuerſt durch ſein Geſchrei ihr Geſpräch mit dem jungen Capitain zu ſtören und dann ſie mit einer ſo ſchrecklichen Wildheit zurückzuhalten und ſie an ſeine Bruſt zu drücken, daß ſie beinahe den Athem verloren hätte, gegen Will eine Art von Widerwillen empfand. „Doch,“ flüſterte ſte in überlegendem Tone ſich ſelbſt zu, indem ſie ſich wieder und zwar raſcher in Bewegung ſetzte,„doch ich will es ihm, dem armen Jungen, nicht zurechnen!“ Es war deutlich, daß Roſa den kleinen Widerwillen in ihrem Innern bekämpfen wollte.„Er war gewiß erregt über Vieles, das kein Menſch begreift... Ich möchte doch wohl wiſſen, warum er nach dem Pfarr⸗ hofe ſollte! Es liegt etwas Geheimnißvolles zwiſchen dem Vater und Will, das ich nicht begreifen kann, das aber ſehr traurig iſt! Nun ſah es doch ſo aus, als meinte Thekla, daß er bald zurückkommen würde... Sie glaubte, als ich von meinem Kummer redete, daß ich nur an ihn dachte— kein Menſch kann glauben, daß ich... Immer betrachtet man mich als ein Kind... nur der Capitain Stangerling hatte eine andere Meinung!“ 58 Jetzt ſtand Roſa vor dem geheimnißvollen Thurme, in welchem Junghanſen's Tochter auf eine ſo ſchreckliche Weiſe die Schuld an ihre Vaterſtadt bezahlt hatte. „Ach, daß Deine Seele Ruhe hätte in den Woh⸗ nungen des Lichtes!“ ſeufzte das junge Mädchen, welches nie den düſtern Anhang an die Erzählung vom Jung⸗ ferthurm vergeſſen konnte; in ihrer lebhaften und allzu warmen Phantaſie erblickte ſie ſo oft die Jungfrau vor ſich, welche der andern reinen Jungfrau harrt, die den Muth hat, ſie zu erlöſen. Lange ſtand Roſa da, neigte ihre weiße Stirne an die kalte Mauer und dachte an die Geliebte des Königs Waldemar und an den düſtern Trauerzug. Die heiſere Stimme eines Nachtwächters verkündigte endlich, daß es Mitternacht wäre. Da erſchrack das junge Mädchen heftig— ſo ſpät war ſie noch nie allein draußen geweſen— und indem ſie einen zärtlichen, zugleich aber bangen Blick auf die klaffende Thür des Thurmes warf— es war eben eine Dienſtagsnacht— bebte ſte ſchaudernd zuſammen. Täuſchte ſie ſich nicht? klang es nicht wie der dumpfe Ton eines Hammers? raſſelte es nicht in dem Gemäuer? Roſa ſank beinahe zu Boden bei dem Gedanken, daß Junghanſen's Tochter heraustreten würde, als glücklicher Weiſe ein gewaltiges Nieſen ihre Seele aus der Täuſchung riß. Che Roſa Zeit zur Erholung gehabt hatte, offenbarte ſich keine geringere Perſon, als der alte Rathsherr Salzwedel mit dem Hammer in der Hand— und der nachtſchwärmende Schatzſucher und die verſchämte, für abergläubiſche Ein⸗ bildungen ſchwärmende Jungfrau ſtanden Beide faſt gleich verlegen einander gegenüber: Beide hatten einander, ſo zu ſagen, auf der That ertappt. „Kind, es iſt keine Zeit für Dich, jetzt draußen zu ſein! Man ſieht wohl, daß Ihr große Unordnung im Hauſe habt, da Du ſo ganz Deinem eigenen Willen folgen darfſt!“ 4 „O, lieber Onkel, es iſt ſo gefährlich nicht— doch wußte ich nicht, daß es ſchon ſo ſpät war!“ 59 „Nun, nun! unſer Wisby iſt nicht ſo gefährlich, wie eine große Stadt; doch auf jeden Fall begleite ich nun das Jüngferchen nach Hauſe— und dann muß ich wohl verſprechen, Deine Ausflucht zu verſchweigen, Du kleine Nachtſchwärmerin, damit man Dich nicht auslacht?“ „Vielleicht wollen Sie auch von mir dieſen Dienſt haben, Onkelchen?“ fragte Roſa ſchelmiſch, indem ſie den dargebotenen Arm des alten Mannes annahm. „Ja wohl, Naſeweischen! denn man könnte vielleicht lachen, wenn man mitten in der Nacht den alten Salz⸗ wedel in ſolcher Geſellſchaft träfe!... So! nun biſt Du zu Hauſe— gute Nacht, mein Kind!“ „Gute Nacht, lieber Onkel!— Danke für gute Geſellſchaft!“ Roſa ſchlich ſich leiſe wie eine kleine Elfe die Treppe hinauf. Als Roſa eintrat, ſaß Hildur noch ſtill und unbe⸗ weglich am Fenſter— ſo pflegte ſie ſelten zu ſitzen. „Ach, biſt Du noch nicht zu Bette, liebe Hildur?... Wo iſt denn aber Thekla?“ „Sie ging vor Kurzem in das Zimmer des Vaters; ſie ſagte, ſie hätte nun ſo viel geruht, daß ſie wohl wachen könnte. Noch dazu ſchläft Vater ziemlich ruhig — ich erkundigte mich eben darnach— und ſie kann alſo wohl ein wenig in der Sophaecke ruhen.... Aber, liebe Roſa, wo biſt Du ſo lange geweſen? Ich wollte nicht zu Bette gehen, ehe Du hier wäreſt!“ „O, ich bin gegangen, und habe meine eigenen kleinen Gedanken für mich ſelbſt gehabt!“ „Ich bin überzeugt, daß wir das Nämliche gedacht buten fuhr Hildur mit ungewöhnlich weicher Stimme ort. Roſa kam zu keiner Antwort auf dieſe Vermuthung, denn ſie war überzeugt, wo auch Hildur's Gedanken ge⸗ weſen ſein mochten, ſo ſeien ſie doch gewiß nicht mit den ihrigen zuſammengetroffen. 60 „Du antworteſt nicht, Roſa, weil Du fürchteſt, mich zu beleidigen, da ich ſo oft leichtſinnig bin!... Doch jetzt— ich ſchäme mich nicht, es Dir zu vertrauen— jetzt habe ich eben über alles Gute nachgedacht, das aus unſerer heutigen herzlichen Vereinigung entſpringen kann. Ich habe Alles geprüft, was Thekla geſagt hat, ich habe Thekla's ganzes Weſen geprüft und feſt beſchloſſen, mit Euch Beiden gemeinſchaftlich daran zu arbeiten, unſer Haus beſſer und angenehmer zu machen, als wir es bis jetzt gehabt haben.... Ach, ich bin leider immer ſo ſelbſtfüchtig geweſen, als wäre ich nur zu meinem eigenen Vergnügen in die Welt gekommen: ich habe ſo viele Pläne gehabt, die nicht gut waren, weil ich ſelbſt nicht gut war— und Alles iſt aus Mißgunſt und Neid gegen Thekla entſtanden. Jetzt empfinde ich ja keinen Neid mehr: wir lieben einander und wollen dieſe Liebe über unſer Haus und über unſere armen Eltern verbreiten, welche nicht glücklich ſind.... Und nun ſage mir, ob unſere Gedanken nicht gleich geweſen ſind?“ Tief erröthend lehnte Roſa ihr Haupt an Hildur's Schulter.„Heute Abend,“ liſpelte ſie,„haſt Du weit aen und weniger ſelbſtſüchtige Gedanken gehabt, als ich!“ „Das meinſt Du nur ſo, liebes Röschen!— wann hatteſt Du wohl jemals einen ſelbſtſüchtigen Gedanken? Nein, glaube mir, man wird erſt ſelbſtſüchtig, wenn man liebt!“ „Aber die Liebe kommt ja vom Himmel— wie kann ſie alſo den Menſchen ſelbſtſüchtig machen?“ „Darum, weil, ſo himmliſch ſie auch ſein mag, der Himmel doch nimmer auf der Erde zurück bleibt.“ „Das verſtehe ich nicht recht!“ In Roſa's Ton lag der Wunſch, heute Abend eine kleine Unterweiſung über dieſen Gegenſtand zu erhalten. „An den, welchen wir lieben, und an Alles, was ſich auf ihn bezieht, zu denken“— entgegnete Hildur, indem ſie einen Ernſt und eine Würde annahm, welche einer Matrone anſtehen konnte, die eine vor mehr denn ——————-—,— 8 2 n 61 zwanzig Jahren erworbene Erfahrung ausſpricht, welche ſie nun für ihre Tochter früchtetragend machen will „iſt ja ſchon, verſtehſt Du, ſelbſtſüchtig, denn er, den wir lieben, iſt ein Theil von uns ſelbſt und unter dieſer Liebe und Anbetung vergeſſen wir vieles Andere oder vielleicht richtiger, alles Andere, dem wir unſere Aufmerkſamkeit eigentlich widmen müßten.“ „So werden doch wohl nicht Alle?“ fragte Roſa mit einem ſcheuen Blick in das Auge der Schweſter. „O nein, das will icht eben nicht behaupten.. Weißt Du aber, Roſa, ich habe über eine Idee nachge⸗ dacht, welche uns, wie ich glaube, dauernd beglücken und für immer vereinigen würde!“ „Was iſt das für eine Idee, gute Hildur?“ „Hore! wir drei Schweſtern ſollten immer genug für uns ſein! Ich ſchlage vor: daß ſich keine von uns verheirathet, ſondern daß wir gleich den Sagenfräulein der Vorzeit auf unſerem Zauberſchloſſe Elfhagen leben. Da müßte denn ein Freier nach dem andern abziehen, bis ein ganzes Heer von abgewieſenen Rittern daraus würde, wie es ſpäterhin in dem Liede von den drei Schwe⸗ ſtern heißen ſollte.... Nun, Roſa! was meinſt Du? was denkſt Du?— wäre das nicht poetiſch?... Mein Gott! wie viele Seufzer würden nicht in den Parken von Elfhagen verklingen, wie manche von dem Schmerze und von gekränktem Stolze ausgepreßte Thräne würde nicht die Erde befeuchten, während wir unſerer ſchönen Freiheit genöſſen und uns nicht bewegen ließen, ſondern in einem Paradieſe von unſäglichem Frieden und Freude fortlebten!“ „Ja, wenn es uns nur nicht allzu langweilig würde!“ wendete Roſa ein, die keinen Geſchmack an Hildur's Vorſchlag fand. „Was ſagſt Du? In meinem Leben hätte ich nicht glauben können, daß eine ſolche Einwendung von Dir kommen würde— Du, ein bloßes Kind, das gar noch nicht weiß, was es aufgibt!“ „O, ich kann es mir wohl vorſtellen!“ 62 „Aha, Du haſt Vorſtellungen darüber?... das überraſcht mich wirklich!... Doch wenn ich recht nach⸗ denke, ſo iſt es meiner Treu wahr, daß dergleichen von ſelbſt kommt, wenn man fünfzehn Jahre alt geworden iſt. Doch glaube Du mir, die ich dreimal mein Ja egeben und eben ſo oft zurückgenommen habe, daß die reiheit das Herrlichſte von Allem iſt.... Ueberdieß müßten wir einen Jungfrauenorden ſtiften, in welchen wir alle ſchönen Mädchen, die gleicher Anſicht mit uns wären, aufnähmen— das ſollte eine Art von modernem Kloſter werden!“ „Aber, liebe Hildur, welches ſollte denn eigentlich der Zweck ſein?“ „Glücklich zu werden natürlicher Weiſe! Alles Un⸗ glück in der Welt kommt ja einzig und allein durch die dummen, unausſtehlichen Männer— durch ſie lernen wir ſogar, böſe zu ſein. Laſſen wir ſie im Stiche, da⸗ mit ſie ihren früheren Wahn, ihren früheren Uebermuth, ihren früheren Leichtſinn beweinen müſſen, ſo werden ſie ſchon beſſer werden in einer Zukunft, da wir...“ Hildur hielt hier inne, verlegen, wie der Nachſatz klingen ſollte. „.. Als Heilige canoniſirt ſind und Andern Raum bereitet haben, glücklich zu werden!“ fiel Roſa ein. „Ja, gerade ſo, oder wenigſtens ungefähr ſo!... Inzwiſchen müſſen wir die Sache jetzt wohl beſchlafen. Auf jeden Fall iſt abgemacht, wie es auch mit unſerem Orden geht, daß wir Drei nur für einander leben!... Im Vertrauen geſagt“— Hildur's Geſicht erhielt einen Ausdruck voll duͤſterer Betrübniß—„in Vaters Beneh⸗ men liegt ſo viel Sonderbares, daß... Gott allein weiß, ob nicht... Aber lege Dich doch zu Bette, liebes Kind, und träume von...“ Hildur lächelte wieder und küßte Roſa auf die Stirn. „Von wem ſoll ich träumen?“ „Von Deiner großen Puppe!... Gute Nacht, mein Vögelchen, mein Blümchen?“ „Von meiner großen Puppe!“ dachte Roſa—„wie einfältig Hildur doch iſt, daß ſie ſich einbildet, ich träumte 63 noch immer von Fräulein Ebba!... nein, gewiß nicht! ... Doch die armen Kleinen! wie betrübt ſie wohl doch über ihre Verweiſung in den Bodenwinkel ſind! Sie hätten gerne noch bleiben können, beſonders da Ebba's Hut nid ganz fertig wurde und ich ſelbſt in dieſem Sommer auch noch nicht ganz groß bin!“ Achtes Capitel. Die irdiſche Verſöhnung. „Hier bin ich, Arne! Kein Menſch wirft einen Blick herein— niemand kann ein Wort vernehmen... rede offen: ich bin bereit, Dich zu hören!“ „Sage mir erſt— was hat Thekla verrathen?“ „Gar nichts; doch nach dem zu urtheilen, was ich verſtanden habe, bereut ſie herzlich, was ſie gewagt hat. Ich kenne ihre Seele und kann daher begreifen, wie ſie wagen konnte, was ſie that: die Verzweiflung der Un⸗ gewißheit peinigte ſie; ſie hatte ein halbes Licht und wollte klar ſehen, um darnach ihr künftiges Betragen einzurichten.“ „Was hatte ihr Betragen hiemit zu thun?“ „Die Verhältniſſe aller Deiner Töchter ſind ja mit den Deinigen ſo nahe vereint, daß Du nicht ſo fragen ſollteſt! Du weißt, das Salzwedel'ſche Haus iſt ſtolz— ja, ich möchte Frau Ringeborg eine hochmüthige Frau nennen.“ Holgerſen antwortete nicht, ſondern blickte nur ſeine Gattin ſtarr an. „O nein,“ beeilte ſie ſich, dieſen Blick zu beantworten, „ſie haben nicht die entfernteſte Ahnung von dem, was in dieſem Zimmer ſeit dem Beginn Deiner unglücklichen Krankheit verrathen worden iſt; Thekla aber wollte lieber ſterben, als ſich mit einer Familie verbinden, die eines 64 Tages— Gottes Wege ſind ja nicht unſere Wege— Urſache haben könnte, die Verbindung zu bereuen.“ „Doch,“ ſtotterte Holgerſen, erbleichend bei der Vorſtellung von demjenigen, was er vielleicht in der Fieberhitze verrathen haben möchte,„Thekla's Verlobung war ja ſchon vorher gebrochen.... Sage mir lieber die Wahrheit, Amelie, denn ich will Alles wiſſen!“ „Wohlan denn! Thekla hat ſchon längſt geahnt, daß Deine Gemüthsunruhe einen tiefen und gefährlichen Grund hätte. Du haſt unter Deinen Wanderungen in den Kellergewölben irgend einmal Worte geäußert, die ſie gehört hat, ſie, die aus Liebe und Sorge Deine Schritte bewachte, damit dieſelben nicht von Andern bewacht werden möchten. Dieſes hat ſie mir erſt anver⸗ traut, da ihre Verlobung gebrochen war— und nun weißt Du die Urſache, warum ſie von Jahr zu Jahr trotzdem daß ſie den Karl wirklich innig liebt, den Tag der Hochzeit nicht hat beſtimmen wollen, und warum ſie zuletzt ihr Wort zurückgenommen hat.“ „... Während ſie in ihrer Seele ihn verwünſcht, dem ſie das Leben verdankt!“ „O mein Gott, nein, dazu iſt ſie allzu edel und fromm!“ „Das vergißt man, wenn man liebt, ſo liebt, wie es in ihrem Blute liegt!“ „Nein,“ entgegnete Amelie erröthend,„ſo iſt ihre Liebe nicht: ſie kann ſich beherrſchen; um aber das zu können, muß ſie nicht die geringſte Hoffnung haben, und ich glaube wohl“— Amelie's Stimme wurde faſt un⸗ hörbar— ſie hat auch keine Hoffnung mehr.“ Holgerſen wand ſich in krampfhafter Angſt. „Mein Leben, meine Ehre vor der Welt in den Händen zweier weiblichen Perſonen!“ murmelte er.... „Ach, daß ich ſo tief ſinken ſollte!“ „Iſt das nicht beinahe eine Läſterung, Arne?“ begann Amelie ernſt, ja beinahe ſtrenge.„Dein Leben, Deine Ehre könnte in ſchlechtere Hände fallen— Liebe und Pflicht ſind zwei ſtrenge Wächter, wenn es ſich um ein ihnen anvertrautes Geheimniß handelt.“ 65 „Ihr ſeid nicht im Stande, Eure Züge, Eure Blicke ſo zu beherrſchen, daß ſie undurchdringlich bleiben, wenn Jemand es verſucht, darin zu forſchen.... Zwei arme Weiber!... Ach, wer doch den Muth hätte, zu ſterben! Die Angſt mordet mich täglich tauſendmal, weckt mich aber immer wieder, um mich auf's Neue ſterben zu laſſen.... Welch ein Leben, Amelie!“ „Unglücklicher Mann!“— Amelie ſank neben das Krankenlager hin—„wenn Du nur Deine ganze Seele zu ihm zu wenden vermöchteſt, der allein Troſt verleihen ann! Beteſt Du warm, beteſt Du treulich um einen Strahl von Licht in Deiner tiefen Finſterniß?“ „O, ſprich mir nicht von beten— ich kann nicht beten!... Wäre nur die Nacht nicht geweſen! Es gibt einen rächenden Gott: entſinnſt Du Dich... Jentzel's Jammer... über... ſeinen verlorenen Sohn?— Ent⸗ ſinnſt Du Dich, wie er Den zur Rechenſchaft rief... der ... der...2 Nein, ich ertrage es nicht— mich verzehrt dieſe Hitze, dieſe Pein!“ Amelie ſchauderte: ſie zitterte wie ein Eſpenlaub. „Du.. Dul...“ ſtotterte ſie....„Deine Fieberphan⸗ taſten haben alſo wirklichen Grund gehabt? Du... Nein, es iſt unmöglich— ich kann nicht hinabſehen in dieſen Abgrund, ſo ſchwarz von Verbrechen und Sünden! .. Der ſchottiſche Seeräuber, welcher das franzöſiſche Fahrzeug angriff...“ „Schweig, Amelie!... biſt Du wahnſinnig?... Du flüſterſt nicht: Du ſchreiſt!... Du willſt mich vor den Richterſtuhl des Geſetzes bringen, willſt mich gebrand⸗ markt ſehen, willſt mein Haupt von dem Schafefotte herabrollen hören!... Und Dich, Schlange, drückte ich an meine Bruſt, Dich ſegnete, küßte ich!... Und Du — Du verräthſt mich!...“ Er ſank kraftlos zuſammen. Amelie's Thränen auf ihrer Wange waren vertrock⸗ net— ihr Blut war erſtarrt. Sie konnte nicht mehr reden, aber ſie betrachtete ihren wilden, ſchrecklichen Gatten mit Blicken, in denen trotz des unverhüllten Der Jungferthurm. III.— 5 66 Abſcheues und Schreckens noch immer ein Ausdruck von Liebe lag. So verging eine lange Zeit; nur die Schläge ihrer Herzen verriethen, daß ſie noch lebten. Da erhob Amelie das Haupt. „Ich habe es geſchworen,“ flüſterte ſie leiſe,„Dir zu gehören, Dir im Leben und im Tode getreu zu ſein, und mit dieſem Vorſatze folge ich dir überall— wenn die ganze Welt, wenn Du ſelbſt Dich verläſſeſt, ſo will doch ich Dich nicht verlaſſen! Wenn es aber auf Erden eine Buße gibt, ſo laß uns eilen, ſie zu ſuchen... ich ſehe ſie aber nicht... Erſt aber faſſe Dich, zwinge Deine Gedanken zur Beſinnung— dieſe Rückfälle in Verwirrung und Wuth endigen ſonſt damit, daß ſie Dich der Vernunft gänzlich berauben!“ „Ich will verſuchen, mich zu ſammeln! Glaubſt Du aber nicht, Amelie, daß das Vergeſſen des Wahn⸗ ſinnes eine Wolluſt wäre für den, deſſen höchſter Abſcheu die Erinnerung iſt?“ „Ich glaube,“ entgegnete Amelie mit großer Be⸗ herrſchung,„daß Du ſogar in einem ſolchen Zuſtande das Gefuͤhl Deiner Qualen nicht verlieren würdeſt: Dein Wahnſinn könnte ja ein ewiges Wiederholen der ſchreckenvollen Nacht werden.— Suche alſo das Licht der Vernunft, denn nur dadurch kommſt Du aus der Finſterniß!“ „Ja, ja, ich ſuche ja auch! Vielleicht hätte ich ahl endlich einen Schein von Ruhe gefunden, hätte ni icht er, der Andere aus Gefle, alle meine Arbeit über 1 den Haufen geworfen. Auch er kann mir vieles Unglück ufügen: er war dabei, als Snare⸗Swen.. doch glaube ich, Donnert iſt jetzt todt— ich habe ſeit vielen Jahren nichts von ihm gehört!“ „Haſt Du irgend eine Art von Vermuthung, daß der Capitain Stangerling mit Will verwandt ſein ſollte? Jentzel ſagte ja ſelbſt, er hätte keine Verwandten.“) „Das ſagte er, und er hatte nicht mehr Grund, in dieſer Hinſicht zu luͤgen, als ich, an eine Verwandtſchaft daß llte? 8 i in chaft 67 u glauben— was mich verwirrt, das iſt nur der gleiche Name und die ſonderbare Aehnlichkeit in den Zügen.... Wenn wir aber nur eilen auszuführen, was ich im Sinne habe, ſo mag er hernach kommen wann es ihm beliebt, um die Verwandtſchaft geltend zu machen, falls dort eine ſolche vorhanden iſt.“ Bei dieſen letzten Worten flog ein Zug eines für Amelie unerklärlichen Hohnes über Holgerſen's Lippen. „Laß mich Deinen Plan hören, Arne! Ich hoffe, es iſt nicht Deine Abſicht, durch eine Handlung, die man als nicht ganz rechtſchaffen anſehen könnte, zu verſöhnen, was nur durch Gottes Gnade verſöhnt werden kann?“ „Amelie! Haſt Du mit Deinem ſcharfen und ſichern Blick nicht bemerkt, daß in Will etwas Sonderbares vorgeht?“ „Ja, das kann ich nicht läugnen!“ antwortete Ame⸗ lie, welche, von einem neuen Gedanken getroffen, fühlte, wie das Blut auf ihren Wangen wechſelte. „Nun gut; wenn alſo Will durch uns zu einem recht großen, ja zu einem vollkommenen Glücke gelan⸗ gen ſollte, ſo bin ich überzeugt, daß dieſes Glück, wel⸗ ches auf ſein Loos käme, von meiner Schuld abgezogen werden würde: was ich im Wahnſinn und in einem unglücklichen Nothfalle— ich habe Dir ſchon geſchworen und ſchwöre noch einmal, daß es nur nothgedrungen geſchah— in einem Falle an Jentzel ſündigte, das machte ich da wieder gut in einem andern und zwar gegen Einen, der ihm eben ſo nahe ſtand.“ „Rede deutlicher!“ ſagte Amelie mit unſicherer Stimme. „So höre denn: Als ich am Abend vor dem be⸗ wußten unglücklichen Morgen über die Kreuzweide ging, fand ich Will, der ſich von Elfhagen hinweg geſchlichen hatte, zu Roſa's Füßen. Seine Gefühle gaben ſich Luft in wilden Geberden, von denen ſie ſichtbarlich erſchreckt wurde. Sie verſtand nichts; doch Liebe, tiefe und wahn⸗ ſinnige Liebe redete aus ſeinen Augen und aus ſeinem ganzen Weſen.“ 5* n 68 „Weiter, Arne!“ ſiel Amelie ängſtlich ein. gri „Was meinſt Du, wenn ich ihm anzeigte, ich hätte nie 4 beſchloſſen, ihm Die zur Frau zu geben, welche er liebt?“ bre „Ich meine, Du haſt nicht das Recht, eine neue Go Sünde zu denjenigen hinzuzufügen, die ſchon auf Dei⸗ He nem Gewiſſen laſten. Oder glaubſt Du nicht, daß Kin⸗ der Anſprüche an die Eltern zu machen haben? Sind alſ dieſe Geſchenke des Himmels nur eine Wechſelmünze, die womit wir unſere Schulden bezahlen?“ Si „Amelie, Amelie! Das ſagſt Du, die Du doch gan allein für mich ein Herz gehabt haſt? Willſt Du dich un dem Einzigen widerſetzen, wodurch ich Verſöhnung und Ge Seligkeit hoffen darf?“ ſie „Sage das nicht, Arne— eine ſolche Hoffnung iſt nes falſch!“ ſte „Nein, ſie iſt die einzige!“ ger „O ganz das Gegentheil! Denke Dir nur dieſes Ki zärtliche, frohliche Kind auf ein ganzes Leben an den da ſtummen Will gekettet! Denke Dir ihn dereinſt ergrif⸗ ger fen von der Wuth des Verdachtes, der Eiferſucht!.... Ar Welche Ehe, welches grenzenloſe Elend! Nein, Roſa darf nicht geopfert werden!“ in „So weichet denn von mir Alle, ihr falſchen Trö⸗ der ſterinnen! Ihr überlaſſet mich dem Abgrunde, obgleich lic ihr mich hättet retten können!... Ja, auch Du! Deine ſich Liebe iſt erloſchen, ich ſehe es wohl— verlaß mich mit ſei Deinen Töchtern, ehe... Nein, ſo weit kommt es den⸗ noch nicht: ein Mann, der keinen Funken von Hoffnung ter länger übrig hat, weder für dieſes, noch für das künf⸗ lä tige Leben, der fragt auch nichts nach dem Leben!.... ge. Geh', verrätheriſches Weib, verlaß mich, ehe ich ſogar ich den Augenblick verwünſche, da Du mir zum zweiten Male das Geſchenk machteſt, welches Du wieder zurück⸗ tro genommen haſt!“ rie „Nein, nein! Noch habe ich meine Liebe nicht zu-. B rückgenommen: Dein bin ich ſelbſt im Abgrunde, wenn da meine Gebete und Thränen Dich nicht aus demſelben es erlöſen können!... Doch um Dir fernere Qualen, noch hätte bt 22 neue Dei⸗ Kin⸗ Sind ünze, ganz dich und g iſt ieſes den grif⸗ Roſa Trö⸗ leich deine mit den⸗ nung fünf⸗ ogar eiten rück⸗ t zu⸗ venn eben 69 größere Verantwortlichkeit zu ſparen, ſo opfere Roſa nicht— auf meinen Knieen flehe ich Dich darum! Sonſt brennen dereinſt alle ihre Seufzer, ſo wahr es einen Hat gibt— und er iſt da— als Feuer auf Deinem Herzen!“ 3 Jſt ſie nicht Blut von meinem Blute? Mag ſie alſo das Verbrechen des Vaters verſöhnen! Und über⸗ dieß: weißt Du, ob ſie nicht vielleicht Will liebt?— Sie iſt ja ſo gut und freundlich gegen ihn!“ „So iſt ſie gegen Jeden, dem ſie nützlich ſein kann und der ihr Zärtlichkeit zeigt. Sie verſteht ja Will's Gefühle nicht einmal, wie Du ſelbſt geſehen haſt. Wenn ſie dieſelben dagegen erwiederte, ſo wuͤrde gewiß ihr eige⸗ nes Herz ſie lehren, die Gefühle des Stummen zu ver⸗ ſtehen.... Doch mich ſchaudert, wenn ich an den Au⸗ genblick denke, da wir zu ihr ſagen würden: Armes Kind, du mußt geopfert werden!— Dein Vater fordert, daß du auf ein ganzes Leben mit deinem ſtummen Ju⸗ gendfreunde zuſammengekettet werden ſollſt!... O Gott, Arne! ſei barmherzig— es iſt unmöglich!“ Holgerſen antwortete nicht; doch die Verwandlung in ſeinem Geſichte zeugte von einem neuen bevorſtehen⸗ den Kampfe: die Augen begannen von einem unngtür⸗ lichen und verzehrenden Feuer zu leuchten, die Bruſt hob ſich, ein Zittern erſchütterte ſeine Glieder; er betrachtete ſeine Gattin mit wilden Blicken. Verzweifelt rang Amelie die Hände, ihr Herz zit⸗ terte vor Todesfurcht; nun aber ſank ſie, außer Stande, länger zu kämpfen, an dem Lager des Halbwahnſinni⸗ gen zu Boden.„Beruhige Dich, Arne, beruhige Dich: ich verſpreche Dir, mich zu beſinnen— ich— ich...“ Doch er hörte ſie nicht mehr; ein furchtbarer Anfall trat ein, er raſete, und in ſeinen verdoppelten Qualen rief er mit herzzerreißender Stimme:„Amelie, Amelie! Bedenke, daß Du am Tage des Gerichts Rechenſchaft dafür ablegen ſollſt, daß Du mich hätteſt retten können, es aber nicht gewollt haſt!“... *„ 83 8..„* 2...* 1 nahe hätte lächeln müſſen, als Hildur an einem Abende 70 Am folgenden Abende— nach langen und heftigen Kämpfen und nach der Ueberlegung einer ganzen Nacht, während welcher die Hoffnung bisweilen von Möglich⸗ keiten flüſterte, deren Verwirklichung gleichwohl nur der Zukunft vorbehalten blieb— verſprach Amelie ihm, ſich dem Opfer nicht länger zu widerſetzen. Aber ſie nahm ihm dagegen auch das heilige Ver⸗ ſprechen ab, daß Roſa noch nicht in das gräßliche Ge⸗ heimniß eingeweiht werden ſollte: die Mutter wollte ſie allmälig auf das bittere Loos vorbereiten, welches für ſie erwählt war. Von dieſem Augenblick an wurde Holgerſen ruhiger, und die Geneſung ging ſo geſchwind von Statten, daß die Familie bald fuͤr den noch übrigen Theil des Som⸗ mers nach Elfhagen hinaus ziehen konnte. Und hier trat denn endlich eine Periode der Ruhe ein, deren Amelie mit ſtiller Dankbarkeit genoß. Doch konnte es für ſie nunmehr keinen wirklichen Frieden mehr geben, denn ſchwer lag auf ihrem Herzen Roſa's künf⸗ tiges Schickſal, und je öfter ſie ihren Gatten davon als von einer abgemachten Sache reden hörte, um ſo mehr ſchauderte ſie vor Furcht, daß jene Möglichkeiten, die ſie in ihrer Noth angerufen, und auf die ſie zu hoffen ge⸗ wagt hatte, nicht verwirklicht werden möchten. Neuntes Capitel. Hildur im Kloſter. Volle acht Tage nach dem Einzuge in„das Luſt⸗ haus der Winde“ ging Hildur mit dem Schlüſſelbunde am Schürzenbande, einen ſchwarzen Schleier phanta⸗ ſtiſch um die lichtbraunen Locken drapirt, und mit einer Miene ſo voll ernſter und düſterer Würde, daß Thekla, obgleich mit einem Herzen voll Betrübniß, dennoch bei⸗ Luſt⸗ unde unta⸗ einer hekla, bei⸗ bende 71 mit einer gewiſſen andächtigen Entſagung in Ton und Miene begann: „Ach, Thekla, wie glücklich iſt man doch, wenn man ſich ſelbſt vergißt, um nur ſeinen Pflichten zu leben! Es iſt mir, als wären Vater, Mutter, Du, Roſa und ich ſelbſt gleichſam andere Menſchen geworden. Wie zufrieden ſind wir in unſrer Einſamkeit! Ich ertrage es nicht, daß Jemand dieſe ſtört, und wollte Victor mit ſeinen Beſuchen aufhören, ſo wäre es wirklich eine Wohl⸗ that: nicht weil er jetzt noch mein Herz in die geringſte Bewegung verſetzt— himmelweit davon entfernt!— aber dadurch geſchieht es dennoch, daß ſich fremde Ge⸗ danken in meinen ſtillen Frieden miſchen.... Horch, Thekla!— Höre, wie die Winde reden, wie die Gipfel der Bäume in leiſem Geſäuſel mit einander plaudern! Wozu bedürfen wir, die wir das Alles genießen dürfen, eine andere Geſellſchaft? Nein, ich ziehe unſre klöſter⸗ liche Einſamkeit, unſre Liebe und unſre Einigkeit bei weitem vor.. ach, dieſe ſoll nie, nie wieder geſtört werden!“ So ſagte Hildur gegen das Ende der erſten Woche, indem ſie mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit die eine Hand Thekla und die andre Roſa hinreichte. Doch ehe man den Sonnabend in der zweiten Woche erreichte, war ſchon mehr denn ein Seufzer der... Dankbarkeit über die pünktliche Erfüllung ihrer Wünſche über ihre Lippen geſchwebt. Victor, welcher ſehr gut bemerkte, wie läſtig ſeine fortdauernde Vertraulichkeit jetzt, da man ſeiner Hülfe nicht länger bedurfte, Thekla war, zog ſich tief verletzt, aber auch auf das Aeußerſte verzweifelt zurück. Andre beſuchende Freunde kamen ebenfalls nicht heraus, um die Einſamkeit der Familie zu ſtören— man wußte, daß man überflüſſig war; ja nicht einmal die gute Seele, Tante Taga, die doch ſonſt die ganze Welt beſuchte, ließ von ſich hören. „Wie bald man doch vergeſſen wird!“ ſagte Hildur jetzt, indem ſie wegen Zahnſchmerzen über die Stirn 72 ein weißes Halstuch legte, das mit einem Nonnenſchleier die größte Aehnlichkeit hatte. „Wir haben uns ja,“ ſagte Roſa—„Du forderteſt ja nicht mehr, liebe Hildur!“ „Ich fordere auch jetzt noch nicht mehr: ich reflectire nur; die Reflexion iſt eine natürliche Folge des ſtillen und genügſamen Lebens, welches wir hier führen... Sahſt Du, mit welchem Wohlbehagen Vater heute Mit⸗ tag das Hühnerfricaſſée aß? Ich hatte es ſelbſt zu⸗ bereitet, und als Mutter mir für ein gutes Mittagseſſen dankte und mir ſagte, ſie hätte noch nie eine ſolche Pflaumenſuppe gegeſſen, ſo verſichre ich Dich, liebe Roſa, daß ich mein frohes Gefühl dabei nicht gegen zwanzig Kniefälle eines Liebhabers hätte vertauſchen wollen.“ „Warum aber ſeufzeſt Du denn ſo tief, wenn Du dieſen ſchönen Gedanken ausſprichſt?“ fragte Roſa ſchel⸗ miſch. Darum, weil meine Bruſt von einer Laſt beſchwert iſt, welche mich ſo hart drückt, daß ich gezwungen bin zu ſeufzen, tief, ja bisweilen gewaltig tief zu ſeufzen, um Luft zu bekommen.“ „So iſt es wohl auch mit dem armen Will!“ fiel Roſa in verändertem Tone leiſe ein.„Ach, was macht jetzt der Sohn der Seufzer?“— „Er geht wohl und ſeufzt nach der Geliebten ſeines Herzens, die er im Traume ſieht.“ „Armer, guter Will! wo geht die Geliebte ſeines Herzens?— Gewiß nicht hier auf dieſer Erde!“ Roſa ſtützte das Haupt auf die Hand und weinte, da ſie an Will und an ſein hartes Schickſal dachte. Wenig ahnte ſie, wie nahe dieſes mit dem ihrigen ver⸗ eint, und daß ſie ſelbſt dieſe„Geliebte ſeines Herzens⸗ war, die Hildur meinte. Inzwiſchen ſchwanden auf dem paradieſiſch ſchönen Elfhagen die Wochen dahin. Alle waren dort glücklich, außer Hildur, obgleich leier rteſt ctire illen Mit⸗ zu⸗ eſſen blche oſa, nzig Du hhel⸗ wert bin zen, fiel acht ines ines inte, chte. ver⸗ ns“ nen eich 73 ſie immer noch inſtändigſt behauptete, ſie wäre die Alleer⸗ glücklichſte. „Jetzt aber hatte ſie die„Nothwendigkeit“ gelernt, ſelbſt in die Stadt zu fahren, um die Einkäufe für die Wirthſchaft zu beſorgen, und unter dieſem Vorwande verließ ſie ihr geliebtes Kloſter jeden zweiten Tag. In der Stadt war ſie faſt immer bei der Frau Ringeborg, welche durch ihre Bekehrung und Häuslichkeit ſo ein⸗ genommen worden war, daß ſie oft im Stillen wünſchte, daß Karl nicht Thekla, ſondern Hildur gewählt hätte— das war doch eine Schwiegertochter, welche wußte, was die Ehrfurcht gegen eine Schwiegermutter heiſchte! „Aus dieſem jungen Mädchen wird eine exempla⸗ riſche Frau!“ pflegte Frau Ringeborg bisweilen zur Tante Taga zu ſagen.„Die Betrübniß iſt ihr außerordentlich nützlich geweſen, hat ſie gereinigt— und wenn“. Hier aber brach Frau Ringeborg immer ab und begann von etwas Anderm zu reden....... An einem Vormittag zu Anfang des Octobers be⸗ fand ſich Frau Amelie mit ihren drei Töchtern in dem ſchönen Salon des mittlern Stockwerks, ihrem gewöhn⸗ lichen Arbeitsjzimmer. Holgerſen, der nunmehr wieder ſo weit hergeſtellt war, daß er wenigſtens eine augen⸗ blickliche Beſchäftigung ſuchen konnte, ſaß gewöhnlich in einer der kleinen Kajuten und blätterte in den Büchern. Die Herbſtwinde ſpielten durch das luftige Haus und riſſen die prächtigen Gewächſe, welche ſich draußen an die weißen Urnen der Grabſtätte lehnten, hin und her. Hildur, welche von dem zweimonatlichen Sitzen im Kloſter blaß, mager, ungeduldig und kränkelnd ge⸗ worden war, warf plötzlich ihre Arbeit weg und rief aus:„Nein, Mutter! ich will wenigſtens in der Stadt krank liegen, wo ich ärztliche Hülfe haben kann!“ „Was ſchwatzeſt Du von Krankliegen, liebes Kind— Du biſt doch wohl nicht krank?“ „Bin ich das nicht? Nun bin ich zwei Monate lang mit Bruſtſchmerzen gegangen! Ich habe mich für das Wohlbefinden Aller geopfert; doch kein Menſch ſieht, oder —, 74 kehrt ſich daran zu ſehen, daß vielleicht mein Deezünißtag bald herannaht, ſo daß ich mir wenigſtens ſelbſt ſo viel ſchuldig bin zu geſtehen, daß meine Kräfte erſchöpft ſind!“ Thekla und Roſa tauſchten einen Blick aus, den Hildur glücklicher Weiſe nicht ſah; die Mutter aber ſagte zärtlich und guͤtig: „Iſt das niicht Deine eigene Freude geweſen, meine Hildur?“ „Ja gewiß, Mutter; doch kann Einer wohl bei einem beſſern Glücke ermüden, als hier in dieſem kalten, windigen und langweiligen Loche Haushälterin zu ſein!“ „Was wird da aus unſerm ſchweſterlichen Vereine, aus unſerm Jungfrauenorden!“ ſiel Roſa ein, die ein ju⸗ gendliches Gelächter nicht länger zu unterdrücken ver⸗ mochte, welches ſo vortrefflich mit den Tönen der Gui⸗ tarre in Harmonie ſtand— Roſa war nämlich eben dabei, das Accompagnement zu einer neuen kleinen Arie einzuuͤben. „Wie unausſtehlich doch dieſe Roſa iſt!“ Hildur machte eine große Bewegung mit dem Kopfe.„Meinſt Du nicht auch, Mutter, daß Roſa anfängt naſeweis zu werden?“ „Nur Du ſelbſt haſt aufgehört eine Heilige zu ſein!“ flüſterte Roſa, die aufgeſprungen war und 7c zu Hildur's Ohr hingeneigt hatte.„Siehſt Du nun, daß es allzu langweilig wurde zu... zu... zu...“ „Roſa, habe die Güte, Deiner kleinen kindiſchen Zunge zu ſteuern!— ich fühle mich heute ungewöhnlich matt!“ „Ach, wie traurig!“ klagte Roſa.„Da bleibt alſo gar keine Hoffnung, Dich zu dem zu überreden, was man mir aufgetragen hat!“ „Was hat man Dir aufgetragen?“ Hildur's Mie⸗ nenſpiel verkündete eine Rückkehr in's Leben bei dem bloßen Gedanken an eine Veränderung. „Ich wage kaum damit hervorzukommen!“ „Warum denn?“ — tief — 75 „Ach, es iſt allzu weltlich für Dich, die eine ſo tiefe Abſonderung von der Welt liebt!“ „Huͤte Dich, Roſa!“ „Es iſt ſo ermüdend für Dich: Du biſt ja krank!“ „Willſt Du mit Deinen Dummheiten aufhören?“ „Kannſt Du es wirklich aushalten, Hildur, auf einen Ball zu gehen? Kannſt Du bei einem Geſellſchafts⸗ ſchauſpiel mit ſein— und willſt Du es übernehmen, die Liebhaberin des neuen Diſtrictsrichters zu ſpielen?“ Hildur ſprang auf und flog in Roſa's Arme. „Was ſagſt Du, Botin des Himmels!— Ein Ball, ein Geſellſchaftsſchauſpiel, die Rolle einer Liebhaberin! Nun, ich denke, dieſe werde ich recht con amore ſpie⸗ len koͤnnen!... Und ich wußte noch nicht einmal, daß der neue Diſtrictsrichter ſchon gekommen iſt!“ „Hildur, Hildur!“ ſagte die Mutter mit halb lächeln⸗ dem, halb ſtrafendem Blicke, biſt Du noch krank?“ „Höre! wer kommt da die Treppe herauf!“ Hildur fuhr zuſammen, aber in der nächſten Minute ſaß ſie wieder ſtill und fleißig und taub bei ihrer Arbeit. Der Kommende war Lieutenant Victor, und ſeine Schritte kannte Hildur immer noch ſo gut, daß ſie bei dem erſten Laute davon Herzklopfen bekam. „Willkommen, mein guter Victor!“ ſagte die Haus⸗ mutter einladend.„Wir haben lange nicht das Ver⸗ gnügen gehabt, Dich zu ſehen!“ „Sie ſind ſehr guͤtig, beſte Tante!“ Der Lieutenant küßte der Frau Mörk die Hand und verbeugte ſich vor den jungen Damen. Man ſah, daß er ſich ungenirt zeigen wollte, aber man ſah auch, daß er nichts über ſich vermochte, da es darauf ankam ein Gefühl zu beherrſchen, welches er tauſendmal geſchworen hatte zu beſiegen, dem er aber nichts deſto weniger unter⸗ thänig ſein mußte. Bleich und tragiſch, mit verwachſenem Barte, ſechs Zoll langen Locken, die ſich phantaſtiſch um den niedri⸗ Pn Kragen des piquanten Jagdrockes wirrten, und mit Blicken à la Hamlet, ſtand unſer Lieutenant da, düſter, 76 wortkarg, aber dennoch in der möglichſt beſten Stellung, die einem Liebhaber zwiſchen zwei Liebhaberinnen, zwi⸗ ſchen zwei Feuern, möglich war; denn trotz der Leiden⸗ ſchaft, die ſeine Seele zu Thekla zog, führte ihn dennoch ein altes, unerklärliches, inniges Bedürfniß in die Nähe des Stuhles, auf welchem Hildur ſaß. Heute ſah ſie aus, als wollte ſie gar nicht mit ihm keifen. „Haſt Du Neuigkeiten aus der Stadt, Lieutenant Victor?“ fragte Roſa. „Ja, für Thekla habe ich Neuigkeiten und ſogar vielleicht angenehme!“ Er trat zu Thekla und betrachtete ſie mit ſo tiefer und qualvoller Unruhe, daß ſie auf⸗ merkſam wurde. „Was für Neuigkeiten, guter Victor?“ Ihr Ton zitterte nicht, wohl aber ihr Herz; denn ſie fürchtete zu hören, daß Karl zurückgekommen wäre. „Hier haſt Du ſie!“ Victor legte einen Brief in ihre Hand: er war von Karl; da er aber einen Poſtſtempel hatte, ſo ſah man, daß Karl nicht in Wisby war. Mit bewunderungswürdiger Ruhe legte ſie den Brief in ihren Nähkorb und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Victor's Augen verzehrten ſie; da aber Thekla nicht aufſah, daß ſeine Blicke den ihrigen begegnen konnten, ſo wendete er ſich an die Hausmutter mit den Worten: „In vierzehn Tagen haben wir Karl hier, wie mir der Rathsherr heute früh erzählte.“ Thekla arbeitete und ſchwieg; Hildur aber fragte mit einem Erröthen, das Niemand beachtete:„Liebe Mutter! wann ziehen wir in die Stadt?“ „Wenn das Wetter es erlaubt, ſo bleiben wir wohl noch einige Zeit hier!“ entgegnete Amelie, indem ſie aufſtand und zu ihrem Manne ging, der ihre Geſell⸗ ſchaft nie lange entbehren konnte. „Einige Zeit!“ wiederholte Hildur mit einer ver⸗ zweifelten Miene,„da werden wir wohl, die ganze Fa⸗ milie ſammt und ſonders, in das Grabchor hinunter⸗ 77 ziehen müſſen... Meinſt Du nicht auch Victor, daß hier gleichſam eine Todeskälte durch das Luſthaus geht, daß ein Leichenwind durch die Schiffstakelage ſpielt, und daß jene alten Gallionbilder, welche draußen ſtehen und grinſen, ſo daß mir angſt und bange wird, wenn ich ſie nur anſehe, ganz ausſehen wie Geſpenſter?“ „Ja,“ erwiederte Victor mit ſeinem tiefſten Tone— doch ach, er ging dennoch an Thekla's Ohr vorüber— „Hier weht wirklich ein Todtenwind durch die Luft!“ „Der Tauſend, Victor, Du frappirſt mich!“ ent⸗ gegnete Hildur, indem ſie mit der allervertraulichſten Naſeweisheit den Gegenſtand ihrer ehemaligen Liebe firirte.„Ich kann mich gar nicht erinnern, daß Du jemals dieſe Partie ergriffeſt, als wir Beide noch unſer kleines Drama ſpielten; doch betheuere ich, Du hätteſt das thun ſollen, denn dieſe Partie iſt wie für Dich gemacht. Sieh nur, Roſa, wie vortrefflich dem Victor dieſer Blick, dieſer Ton, dieſe ganze Haltung ſteht!— wenn ich eine einzige Anmerkung zu machen hätte, ſo wäre es gegen den Anzug!“ „Ich bedauere!“ ſagte Victor kalt. „Thue, was beſſer iſt: verbeſſere dieſen Fehler für die Zukunft! Dieſer Rock— ich wette meine nächſte Eroberung— iſt ein Vetter, wo nicht gar ein Bruder desjenigen— Du weißt wohl noch?— Der Dich bei⸗ nahe verrückt gemacht hätte, als Du Dich zum erſten Male im Spiegel betrachteteſt, und aus dem Du hernach im Verdruſſe darüber, daß er Dir dieſen Genuß nicht immerwährend ſchenken wollte, Vogelſcheuchen fabricir⸗ teſt... Ach, der arme Rock! wie erſtaunt er wohl über ſein Schickſal geweſen ſein mag!“ „Sein ehemaliger Beſitzer hat wohl noch mehr Grund zu erſtaunen, daß eine Dame die Gewogenheit hat, bei ſo unbedeutenden Erinnerungen zu verweilen!“ „Aber ſo beſinne Dich doch, daß dieſe Erinnerung ihre Urſachen hat! Wir redeten von der Harmonie— ich ſehe, daß Du einen Rock trägſt, der dem vorher er⸗ wähnten ähnlich iſt, finde, daß er gegen Deine jetzige 78 Figur ſchlechten Effect macht, und rathe Dir aus Freund⸗ ſchaft, aus Geſchmack, ja ſogar aus Eigennutz— denn man erfährt es gewiß bald genug, daß der Rath von mir kommt— eine dunklere Farbe, einen ernſteren Schnitt anzulegen, denn da wirſt Du bei meiner Ehre unwider⸗ ſtehlich!“ Victor erröthete, doch antwortete er nicht— dieſe leichtſinnige Stichelei reizte ſeinen Aerger und verletzte ihn zu gleicher Zeit tief— und noch dazu ſtand jetzt Thekla auf, ging hinaus und nahm den Nähkorb mit. „Mein beſter Victor!“ begann von Neuem Hildur, welche über das Vergnügen, ihre Gleichgültigkeit zu zei⸗ gen, nicht darnach fragte, welchen Eindruck ſie übrigens machte,„hier gibt es mit dem Allererſten ein Geſell⸗ ſchaftsſchauſpiel: ich werde die Rolle der erſten Lieb⸗ haberin ſpielen— ſollteſt Du nicht vielleicht geneigt ſein, die Partie des Liebhabers zu übernehmen?“ Roſa, welche bisher ſtumm, die Hände auf den Sai⸗ ten der Guitarre ruhend, da geſeſſen hatte, konnte jetzt nicht länger ſchweigen; es that ihr leid um Victor, der, weit entfernt in den alten Ton einzufallen, aus welchem ein Duett geworden ſein könnte, ſeine Mütze verlegen hin und her drehte und ganz an eine Mücke erinnerte, welche dem Lichte zu nahe gekommen war und ſich in der größten Gefahr zu verbrennen befindet, während ſie ſich noch bemüht davon zu kommen. „Sieh doch, Hildur! die Kloſterglocke iſt ſchon halb wei!— Du, unſre Vorſteherin, welche ſich für uns dlle aufopfert, mußt wohl Deine Runde machen!“ Roſa lächelte Hildur gut und ſchelmiſch zu, dieſe aber gab ihr den verdrießlichſten Blick zurück. Von morgen an mag wer da will die Vorſteherſchaft im Kloſter übernehmen: ich fahre in die Stadt! Und an dem Tage, da ich wieder nach Elfhagen komme, gibt es gewiß ſieben Mondfinſterniſſe... Haben Sie die Güte zu decken, Mamſell Schnipp, und halten Sie ſich dann bereit, die Schlüſſel in Empfang zu nehmen! Hildur ſtand auf und ſchwenkte die Treppe hinab. 79 Mit einem Blick dankte Victor ſeinem rettenden Engel, und nun flog auch Roſa hinab, um zu helfen. Victor blieb allein. „Wann,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, indem er an das Fenſter trat und auf die noch ſogar im Herbſte ſchöne Landſchaft hinausblickte,„wann werde ich wohl wieder, was ich geweſen bin? Und ſie, ſie... keinen einzigen Blick! Bin ich denn ſo unbedeutend? Habe ich mich zu⸗ dringlich gezeigt wie ein Narr? Ich diente ihr, ſo lange ſie meiner bedurfte, und damals nahm ſie meine Dienſte willig, ja gerne an; nun aber, da ſie mich nicht länger braucht, weist ſie mich weg, und mein einziger wirk⸗ licher Troſt iſt nur der, daß ſie es für überflüſſig er⸗ achtet hat, mich mit einem einzigen Blicke, mit einer Hindeutung daran zu erinnern, daß Alles, was in den Wänden des Krankenzimmers vorgefallen iſt, auch dort bleiben muß: ſie verläßt ſich auf meine Ehre— und iſt es nicht ein Reichthum in der Armuth, dieſes zu wiſ⸗ ſen?... Nun aber kommt er, und es bleibt wohl Alles beim Alten!“ Hätte Victor in dieſem Augenblicke in Thekla's Zim⸗ mer blicken können, ſo würde ihre Haltung, wie ſie dort ſaß mit dem Briefe in der Hand, den Blick ſtarr gen Himmel gerichtet, ihn überzeugt haben, daß Nichts beim Alten bliebe. Doch er war himmelweit von der Ahnung Desjenigen entfernt, was noch an dieſem Nachmittage geſchehen ſollte. Bei Tiſche zeigte Thekla ſich nicht; als aber der Kaffee getrunken war, kam ſie herein, dem Aeußern nach ruhig wie gewöhnlich— wer aber fühlte ſich in den dritten Himmel erhoben, wo nicht Victor, als ſie ihn fragte, ob er die Flöte nehmen und ſie zum Piano ac⸗ compagniren wollte! 80 Zehntes Capitel. Eine entſcheidende Unterredung. Bei Thekla's Vorſchlage, der ſo ganz unerwartet kam, da Victor ſie noch nie begleitet hatte, ſo oft er auch daraum gebeten, ſahen Alle auf, denn das Piano ſtand nicht in dieſem Saale, ſondern in dem oberſten. „Wollen wir da nicht die vierhändigen Stücke neh⸗ men, die wir zuletzt elnübten?“ fiel Hildur unwillkür⸗ lich ein. „Nein,“ antwortete Thekla in einem beſtimmten und abweiſenden Tone,„dießmal ſpiele ich mit Victor allein!“ Und indem ſie eine einladende Bewegung auf die Wen⸗ deltreppe machte, ließ ſie ihn voraus gehen, folgte ihm aber ſogleich, indem ſie der Mutter einen Blick gab, welche dieſe mit einem zärtlichen, aber wehmuthsvollen Lächeln erwiederte. Mutter und Tochter verſtanden ſich ganz gewiß. „Denkſt Du nicht hinauf zu gehen und zuzuhören?“ fragte Hildur mit einem Blick auf Roſa. „Darnach frage ich nicht: die Muſik hört man hier unten eben ſo gut— und dann iſt es leicht zu begreifen, daß Thekla etwas mit Victor zu reden hat.“ „O ja, für Thekla ſchickt ſich Alles; aber, Du mein Gott! wenn ich ſo ganz ungenirt einen jungen Mann eingeladen hätte, mit mir in der Einſamkeit zu muſieiren, ſo hätte man ſehen ſollen, wie Himmel und Erde bewegt worden wären, und wie man ſich über meine ungeheuere Unbedachtſamkeit und über meinen Leichtſinn bekreuzt und geſegnet hätte!“ „Ja, mein Kind, ſo iſt es,“ antwortete die Mutter; „ſo Manches, das ſich für Thekla's ernſten Charakter paßt, das ſchickt ſich gar nicht für den Deinigen: eine und dieſelbe Handlung erhält eine verſchiedene Farbe, wenn verſchiedene Perſonen ſie begehen.“ „Ja, liebe Mutter, ich weiß ſchon von Alters her, Du ngen eit zu und über einen itter; akter eine arbe, her, 81 daß Alles, was ich thue, übel gedeutet wird; doch...“ Hildur's Wange brannte blutroth, und ihre Augen er⸗ hielten einen Glanz, der ſelbſt im Halbdunkel noch leuch⸗ tete...„doch gibt es viele Dinge, die übel ausſehen, und dennoch beſſer ſind, als das Rechte.“ „Behüte, liebe Hildur! wüßte ich nicht, daß Victor jetzt für Dein Herz todt iſt, ſo würde ich glauben, daß die Eiferſucht...“ „Ja, es fehlte nur noch, daß Du mich noch für eiferſüchtig halten ſollteſt!“ Und nun brach Hildur wie gewöhnlich in Thränen aus.„Wie ungerecht ich be⸗ handelt werde, das iſt einerlei!... Eiferſüchtig? Mein Gott, welch ein Verdacht, Mutter, und noch dazu von Dir! Ich, die ich Victor für weniger als nichts halte, ich, die ich über meine ehemalige Liebe lache und dar⸗ über ſcherze, wie man über andere Kleinigkeiten ſcherzt, ich, die ich ſo kalt bin wie Eis, ich ſollte eiferſüchtig ſein!... Nein,“ ſagte ſie, indem ſie die Thränen von den glühenden Wangen wiſchte,“ ich bin wohl klüger als ſo!“ „Nun, da iſt ja Alles gut, meine Hildur, und Du brauchſt die Sache ja nicht ſo heftig zu nehmen! „Höre!“ flüſterte Roſa...„ja, es klingt nicht ſo übel— welch ein ſchönes Duett!“ In dieſem Augenblicke ertönte eine Glocke in Mörk's Zimmer. Amelie ſtand auf, nickte ihren Töchtern ein freund⸗ liches Lebewohl, und trat ein zu dem Manne, welcher ſtill und verſchloſſen, mit tief gefurchter Stirn und den Blick wie gewöhnlich auf den Fußboden gerichtet daſaß. „Du bleibſt lange weg, Amelie!— ſetze Dich zu mir und ſprich mit mir: nur wenn ich Deine Stimme höre, leide ich weniger!“ „Mein armer Arne!“ Amelie nahm neben ihm im Sopha Platz, und das Haupt an ſeine Schulter lehnend flüſterte ſie ihm Worte der Zärtlichkeit in das Ohr. „ Ach,“ ſagte er nach einigem Schweigen,„wie ſehne ich mich nach dem Tage, da ich dem armen Will den Erſatz verkündigen kann, welchen ich ihm für alle von Der Jungferthurm. III. 6 8² mir verurſachte Pein beſtimme!... Haſt Du dem Mäd⸗ chen etwas mitgetheilt?“ 4 „Noch nicht, ſo lange Will ſich ſo gut befindet, wie die gute Probſtin mir ſchreibt, laſſen wir die Sache ruhen.“ „Aber ich habe keine Ruhe, bis ſie abgemacht iſt!... Leiſe ſchlich Roſa hinter Hildur's Stuhl und legte die Arme um das geſenkte Haupt der Schweſter.„Du biſt ſo ſtill, gute Hildur!... ſage mir doch, ob... ob Du traurig biſt!“ 1 „Dir?... Ach, Roſa, wenn Du endlich einmal groß würdeſt, ſo könnteſt Du etwas begreifen!“ „Ich begreife viel, ja mehr als Du glaubſt!“ flü⸗ ſterte Roſa, und eine feine Röthe, die von der Dämme⸗ rung verborgen wurde, legte ſich auf ihr Antlitz.„Willſt Du an meinem Herzen weinen, Hildur, ſo weine Du!“ „Ja; doch wenn ich weine, ſo geſchieht es, weil ich krank bin und weil ich ſo leicht weine... Roſa! wenn Du etwas Anderes glauben könnteſt.“... „Was thäte das, Hildur? hätte ich geliebt, ſo könnte ich nimmermehr Gleichgültigkeit ertragen— was Wun⸗ der alſo, wenn Du...“ „Ich bin aber gleichgültig, hörſt Du?“ rief Hildur ärgerlich, ſtieß Roſa von ſich und flog hinauf in ihr eigenes Zimmer. „Arme Hildur!“ ſagte Roſa gutmüthig—„ich möchte wohl wiſſen, ob es ſehr bitter iſt, was ſie jetzt empfindet!... Ja, das iſt es gewiß!“ Oben in dem oberen Salon, deſſen Pracht und Ge⸗ ſchmack wir früher beſchrieben haben, warfen die Lampen in dem großen, vergoldeten Schiffe an der Decke ihre blendenden Flammen nicht nur über die kleinen email⸗ lirten Kanonen, aus denen ſie emporſtiegen, über die vergoldeten breiten Geſimſe der Decke, uͤber die viel⸗ farbige Glasglocke und über den mit himmelblauem Sammet überzogenen Divan, ſondern auch über den Mäd⸗ wie hen.“ t1... legte „Du nmal flü⸗ mme⸗ Willſt Du!“ il ich wenn 83 Flügel und das ſchöne Mädchen, das jetzt, nachdem die Töne unter ihren Fingern erſtorben waren, auf Toöne anderer Zonen zu lauſchen ſchien... ja, die hellen Flammen liehen auch ihre magiſche Beleuchtung der männlichen Geſtalt, welche, die Stirne an die Flöte lehnend, ſie, die an ſeine Gegenwart vielleicht gar nicht mehr dachte, mit unabgewendeten Blicken betrachtete. Unter tiefem Schweigen verfloß eine lange Zeit. Da ſah Thekla auf zu dem jungen Mann, mit einem guten, freundlichen und vertraulichen Blicke, wie ihn Victor nur in ſeinen Träumen hatte ahnen können, denn er hatte nicht einmal im Traume Thekla's Blick von Liebe flammen geſehen: dergleichen Flammen, wenn ſie ja bei ihr vorhanden waren, mußten in der Seele ver⸗ wahrt liegen— in ihren Blicken glänzten ſie niemals. Was aber Victor ſah, das war hinreichend, ihn die ganze Laſt einer Blödigkeit, um nicht zu ſagen Unbe⸗ holfenheit, die ihn noch nie beläſtigt hatte, fühlen zu laſſen. Er wagte nicht zu hoffen, daß in dieſem Blick die allergeringſte Aufmunterung lag— wenn er ſich täuſchte, wenn er vielleicht verächtlich zurückgewieſen werden ſollte, ſo durfte er es ja nie mehr wagen, ſei⸗ nen Blick zu ihr zu erheben. 1 „Guter Victor!“ ſagte endlich Thekla, indem ſie ihm einen Wink gab, ſich geben ſie zu ſetzen,„wir haben noch nie mit einander über die traurige Zeit geredet, da Du ſo viel für mich und für meine Mutter warſt. Deine aufopfernde Freundſchaft, Dein unermüdlicher Eifer, uns zu dienen, hat bei mir eine tiefe Dankbarkeit zurück⸗ Pelaffer— vor allen Dingen, Victor, habe ich das eingefühl zu ſchätzen gewußt, welches Dich hernach ſo ſelten bei uns gemacht hat.“ „Das war ein gezwungenes Feingefühl,“ entgegnete Victor mit der höchſten Beherrſchung, welche er in ſeinen Ton zu legen vermochte...„O Thekla, ich wage Dir nicht zu ſagen, wie viel ſie mir gekoſtet hat— ich wage Dich nicht mit einem Gegenſtande zu beläſtigen, der Dir ſo gleichgültig iſt, wie meine Gefühle 5. Es hat 84 Dir ein Vergnügen gemacht, nicht ſehen zu wollen, wie meine Seele, meine Kraft in dieſem Kampfe erliegt.“ „Haſt Du nicht gehört, Victor, daß Zeiten und Verhältniſſe ſich ändern können? Nach dieſen Ver⸗ änderungen bilden ſich unvermerkt oder ſchnell, je nach⸗ dem die Ereigniſſe ſich langſam oder ſchnell fortbewegen, neue Uebergänge in dem Charakter, in den Meinungen, in den Gefühlen und Gedanken der Menſchen. Wir, mein guter Victor, haben mit einander ſo viele Ver⸗ änderungen erlebt, haben die düſterſten Dinge in ſolcher Nähe betrachtet, daß wir uns ſchon in einem ſehr nahen Verhältniſſe zu einander betrachten können.“ „In des Himmels Namen, Thekla, haſt Du die Abſicht, mit mir Scherz zu treiben— oder wäre es wohl eine Möglichkeit?... Doch nein, es iſt nicht möglich, daß unter Deinen Worten ein Sinn verborgen liegen ſollte, den ich, ſo zurückgewieſen, ſo herabgeſetzt, ſo oft gekränkt durch die bitterſte Gleichgültigkeit, wagen ſollte zu deut... .. Ach, vergib, vergib!— ich weiß, daß ich Dich unrichtig verſtanden habe!“ „Das iſt möglich, Victor, wenn Du nämlich in meine Worte eine tiefere Bedeutung legſt, als wirklich darin liegt. Ich war drei Jahre lang mit Carl verlobt— er klagte oft, beſonders in der letzten Zeit darüber, daß ich ihn nicht warm genug liebte. Was dünkt Dich davon?“ „Daß Du ihn mehr liebteſt, als er verſtand!“ „Wenn das der Fall war, warum zeigte ich es denn nicht?“ „Entweder, weil es in Deinem Charakter liegt, kalt ſcheinen zu wollen, oder... doch erlaube mir, daß ich mich nicht weiter darüber äußere!“ 1 „Nein, das erlaube ich nicht! Zu Anfange müſſen wir ganz aufrichtig gegen einander ſein.“ „Nun wohlan— ich glaubte eine Zeitlang, Du beurtheilteſt Deinerſeits Carl's innern Zuſtand nicht richtig: Du glaubieſt, er ſei mit keinem tiefen Gefühle begabt, weil er mit praktiſchem Verſtande reich begabt iſt.“ „Und was glaubſt Du von ihm?“ — und war hal mir nun erlü Enn — 8⁵ „O Thekla, ſei doch barmherzig gegen mich! Ich bin leichtſinnig geweſen, doch habe ich ein Herz, das darum nicht weniger leidet, weil es heftig fühlt!“ „Beantworte mir meine Frage in Betreff Carl's, guter Victor! mir iſt dieß ſehr wichtig— hernach will ich Dir Deine Fragen beantworten!“ „Carl's Gefühle können lau, ruhig, bedächtig aus⸗ ſehen; ich aber habe ſie anders geſehen. Carl vergißt Dich nie, ſo lange er lebt: ſo lange er ſich noch eine Hoffnung ſchaffen kann und noch lange nachher, wenn Du dieſelbe auch nicht mehr erfüllen kannſt, wird ſeine Seele bei Dir ſein!“ „Dank, Bictor, für dieſe Deine Worte, welche mehr als alles Andere beweiſen, daß Du ein guter und edel⸗ denkender Menſch biſt! Und nun will ich Dir ſagen: gerade darum, weil Carl's Brief auch in mir dieſe Ueberzeugung befeſtigt hat, die Du eben äußerteſt, war es mein Wunſch, mit Dir zu reden.“ „Und nun, Thekla, habe ich Dein Verſprechen, daß Du auf meine Fragen antworten willſt!“ ſagte Victor, und ſeine Augen ſprühten brennende Blitze auf ſie, welche leiſe mit dem Kopfe ſchüttelnd das einzige Wort flüſternd hervorbrachte:„frage!“ „Täuſcht mich die ſchmerzhafte Ahnung, welche in meiner Seele tönt? Bedarfſt Du meiner? Dieſe Augen⸗ blicke voll unausſprechlicher, ja überirdiſcher Seligkeit, die mir zugeworfen werden, muß ich ſie nicht bald mit der Demüthigung bezahlen, mich wieder verſtoßen zu ſehen als eine unnöthige und überflüſſige Sache?“ „Victor!“ antwortete Thekla mit dieſer anmuthigen und einnehmenden Würde, welche ihr ſo eigenthümlich war,„wenn ich Dich beleidigt habe durch eine Zurück⸗ haltung, die in meiner Lage natürlich war, ſo verzeihe mir um der guten Abſicht willen! Ich hatte die Mei⸗ nung gefaßt, daß Dein Gefuͤhl für mich eben ſo ſchnell erlöſchen wuͤrde, als es aufgeflammt iſt.“ „Thekla! Du Reine und Edle ahnſt gar nicht die Entſtehung dieſes Gefühls— Du ahnſt nicht, daß 8⁶ es die Strafe für eine Verrätherei iſt... und eben darum weil es eine Strafe iſt, ſo iſt es auch hoffnungs⸗ los! Habe ich es wohl gewagt, die allergeringſte Gunſt von Dir zu begehren? Habe ich es wohl gewagt, in deut⸗ lichen Worten auszuſprechen, was meine Seele, meine Augen ſtets an den Tag legten? Nein, denn ich weiß, daß ich Deiner unwürdig bin, daß Du, wenn Du Alles genau wüßteſt, mich vielleicht haſſen würdeſt!“ „Was Du nun andeuteſt, will und darf ich nicht wiſſen: ich weiß nur, was Du für mich gethan haſt— noch mehr: ich weiß, daß Du die höchſte Uneigennützig⸗ keit, das edelſte Vergeſſen desjenigen bezeigſt, was mög⸗ licherweiſe Dich ſelbſt betreffen könnte, da Du mit der Kenntniß von ſo Vielem— ich weiß, daß Du Vieles kennſt— dennoch dafür hältſt, daß Du durch eine Vereinigung mit unſerm unglücklichen Hauſe Dein Glück ſchaffen kannſt. Du ſiehſt wohl, daß ich offen rede!“ „Du redeſt ſo,“ ſagte Victor, indem er hingeriſſen zu den Füßen des angebeteten Mädchens ſank,„daß ich Dich anflehe, mir zu erlauben, mein ganzes Leben lang Dein Diener zu ſein! Eben klagte ich darüber, daß ich verworfen werden würde, ſobald Du meiner nicht mehr bedürfteſt— o Thekla, Thekla, Du Herz meiner Seele, Du, der ich nur in Träumen und Ahnungen mit Wor⸗ ten der Liebe zu nahen gewagt habe, mache mit mir, was Du willſt, verſtoße mich nur nicht gänzlich, denn nachdem ich dieſe unermeßlich reichen Augenblicke ge⸗ lebt habe, würde ich hernach verloren gehen in einer ewigen Finſterniß!“ .„Victor, mein guter und treufeſter Freund! wenn Du mich liebſt, ſo ſtehe vor allen Dingen zuerſt auf— und dann verzeihe mir, wenn ich Dir ſage, daß alle ähnlichen Scenen mir ſo äußerſt zuw der ſind, daß... daß... mit einem Worte: ſie mich ermüden!“ Dieſes eiskalte Bad übte ſogleich die Wirkung aus, daß es Victor's Gefühle wo nicht abkühlte, ſo doch wenigſtens in ihre Schranken zurückbrachte.„Ich ver⸗ gaß“ ſagte er mit wieder errungener Faſſung, indem er was Dei (hie ſter der wir wac beza 87 ſchnell aufſtand,„daß ich es vor Dir wagte, ein Menſch u ſein: Du geſtatteſt es wohl den menſchlichen Ge⸗ zuhlen, ſich um Dich her zu bewegen, aber Du erlaubſt es ihnen nicht, ſich zu zeigen!“ „Jetzt gehſt Du allzu weit in Deinem Schlußſatze: was ich verabſcheue, iſt nur die Uebertreibung. So haſt Du mich früher geſehen, ſo wirſt Du mich immer ſehen, und ich würde mehr denn unglücklich werden, wenn der Mann, auf den ich mit meiner Wahl fallen könnte, mehr forderte, als was in meiner Kraft ſtände zu geben.“ Victor, welcher ſich geſetzt hatte, ſprang von Neuem auf, ſetzte ſich jedoch wieder.„Thekla! es iſt eine töd⸗ tende Pein, ruhig und ſtill, als redete man von dem Wetter, Gegenſtände zu verhandeln, bei deren bloßer Be⸗ rührung das Blut ſiedet, die Pulſe fliegen und das Herz ſchlägt!... Doch hier ſitze ich nun unbeweglich wie ein Automat— mache nur die Pein kurz, denn die Vorſtellung, der Himmelsthür ſo nahe zu ſtehen und nicht hineinkommen zu dürfen, iſt fürchterlicher, als weit von derſelben hinweggeſtoßen zu werden: Da liegt man doch wenigſtens nicht auf der Folter der Ungewißheit. Du weißt, Du haſt längſt gewußt, daß ich die Hälfte mei⸗ nes Lebens geben wollte, um in der andern Hälfte Dich die Meinige nennen zu dürfen— ich würde, ohne mich eine halbe Sekunde zu beſinnen, dieſes unausſprechliche Glück bezahlen mit... ja, mit jedem Preis!“ „Nun ſprichſt Du klar und beſtimmt, Victor! Biſt Du aber auch überzeugt, daß Du nicht mehr ſagſt, als was Du noch bei völlig ruhigem und kaltem Blute in Deinem Herzen ſagen kannſt? „So überzeugt, daß, wenn auch ſchon morgen“ (hier ſenkte Victor ſeine Stimme zu einem leiſen Flü⸗ ſtern)„dieſes Haus umringt würde von den Dienern der Gerechtigkeit... rede ich jetzt deutlich genug?— wir haben ja an einem und demſelben Krankenbette ge⸗ wacht... ich dennoch dieſes Glück nicht für zu theuer bezahlt erachten würde!“ „Gleichwohl,“ ſagte Thekla mit einem tiefen Seufzer, 88 welcher ein Zeugniß gab von den inneren Qualen, die ſie in dieſem Augenblicke bekämpfte bei der bloßen Vor⸗ ſtellung, bei der bloßen Furcht vor einem ſolchen Augen⸗ blicke,„wäre dieß ein allzu hoher Preis für ein Glück, das doch nie mehr als ein halbes werden kann!“ „Ein halbes?“ fed liebe Dich nicht ſo, Victor, wie Du vielleicht offſt!“ „Wirſt Du aber die Meinige, ſo will ich Dich ſchon lehren, mich zu lieben!“ „Bethöre Dich damit nicht: ich trage das Bild eines Andern in meinem Herzen— ich liebe Karl, will aber nicht die Seinige werden.“ „Nein,“ ſagte Victor mit unnatürlicher Ruhe,„denn Du zitterſt vor dem Gedanken, daß ein Tag kommen könnte, an welchem er dieſe Liebe verwünſchte— Du liebſt ihn allzu hoch, als daß Du ihm nicht jede Hoff⸗ nung rauben wollteſt!“ „Ich verachte es, Victor, dieſes zu läugnen! Du biſt allein, ohne eine ſtolze und hochmüthige Familie — an Dich feſſelt mich ſchon ein Band: ich wünſche Deine Ehre mit der meinigen noch näher zu verbinden; und ich ſtellte mir vor, nachdem ich geſehen, daß Deine Liebe einen tieferen Ernſt hatte, daß, obgleich ich Dir nur ein ruhigeres Gefühl zu bieten vormöchte, ich den⸗ noch durch das Geſchenk meiner Hand Dich glücklich machen, die großen Verbindlichkeiten, in denen ich zu Dir ſtehe, bezahlen köͤnnte... doch vielleicht überſchätze ich meine Kräfte.“ „Du ſprichſt alſo im Ernſt? Du, Du willſt meine Gattin werden— Du willſt Dich vorläufig vor der Welt meine Braut nennen?“ „Wenn es Dich glücklich macht unter den angege⸗ benen Bedingungen!“ „Ob es mich glücklich macht— himmliſcher Gott!... Deiner Ehre überlaſſe ich die meinige: als meine Verlobte, als meine Braut, gibſt Du Karl nicht einmal einen Blick, den nicht die ganze Welt ſehen könnte!“ „In dieſer Hinſicht erhältſt Du keine Verſicherung — die Kenntniß meines Charakters muß genug ſein für Deine Ruhe... Doch, Victor, nun auch keine Thor⸗ heiten! Ich will das Recht haben, mit Karl zu reden wie mit jedem Andern, und zwar weil mir mehr daran liegt als Dir, ihn von der Ruhe meiner Gefühle zu überzeugen.“ Und von dieſem Augenblicke an—“ Victor ſchloß Thekla's zitternde Hand in die ſeinige—„biſt Du mein, wenn nicht dieſe ganze Scene eine Hexerei, ein Traum iſt?“ „Dein, Victor, für das Leben und für den Tod! Doch darfſt Du unſer Geheimniß erſt nach einigen Wochen verrathen— ich will Zeit haben, mich an das neue Verhältniß zu gewöhnen— und noch dazu darfſt Du erſt in einem Jahre die Hochzeit begehen; wenn Du aber nach Verlauf dieſes Jahres noch denkſt wie heute, ſo bin ich Dein, das ſchwöre ich Dir vor Gott!... Und nun laß uns unſer Geſpräch beendigen ohne Gefühls⸗ ergüſſe— Dein eigenes großes Feingefühl ſagt Dir wohl, wie wenig an ihrer Stelle ſie hier ſein würden. Wir wollen lieber beide warm zu Gott beten, daß er uns Kraft und Muth gebe, die Verpflichtungen zu er⸗ füllen, welche wir übernommen haben!“ Sie ſtand auf, und Victor, welcher wußte, daß er im Himmel ſein mußte und dennoch nicht da war, Victor, der arme Junge, wagte es, ſeine Arme auszu⸗ ſtrecken, um deutlich überzeugt zu werden, daß es eine wirkliche Geliebte und keine Geiſtererſcheinung war, die ſich vor ihm offenbarte. Thekla machte keine Einwendung gegen die Cere⸗ monie, welche die Verlobung bekräftigte; ſee ging in der Gefälligkeit ſogar ſo weit, daß ſie Victor's geheimen Wunſch einer noch genaueren efirgeluns derſelben da- durch entgegenkam, daß ſie ihm ihren Purpurmund zu einem förmlichen Kuſſe darbot. Kaum aber fühlte Victor ſeine Lippen an dieſem kalten Purpur glühen, ſo waren Ruhe, Vernunft und Beſinnung gleichſam weggeweht. Mit der ganzen Heftigkeit ſeiner ſtürmenden Natur preßte er das ſchöne Mädchen an ſein Herz, und nicht ein, ——ᷣ—ᷣ’:x 90 ſondern zahlloſe Küſſe brannten auf ihren widerſtreben⸗ den Lippen: er raste in wilder Entzückung, er war gleichſam ergriffen von Wahnſinn bei der ſchwindelnden Glückſeligkeit, in welche er ſo plötzlich hineingeſchleu⸗ dert worden war. Auf Thekla's Antlitz lag eher eine große Verwun⸗ derung, als Aerger, da es ihr endlich gelang, ſich aus Vietor's kühner Umarmung zu befreien. „Gute Nacht!“ ſagte ſie ſtill, ruhig und anmuthig kalt(ein kühlender Abendhauch nach einem glutheißen Tage).„Vergiß nicht, daß Du unſre Verbindung nicht eher bekannt machſt, als da ich es erlaube, und beſuche uns nicht mehr, ſo lange wir hier draußen wohnen!“ Mit dieſen Worten verließ ſie Victor, der berauſcht von allen ſtuͤrmiſchen Gefühlen, deren Opfer er geweſen war, auf den Diwan ſank. Die Lampen in dem vergoldeten Schiffe begannen matter zu brennen; ihre ſich in dem Glaſe der Glas⸗ glocke ſammelnden Strahlen gaben eine mondenbleiche Erleuchtung wieder. Da rauſchte in dem Hintergrunde des Saales leiſe ein Vorhang: ein Blick, unmöglich zu malen, traf den Träumer auf dem Diwan, darauf, ſank der Vorhang, und zitternde Lippen flüſterten: „Es kam alſo doch dahin!“. Elftes Capitel. Die mütterliche Runde. In ihrem Zimmer ſaß ſpäter an dieſem Abende Thekla allein, Karl's Brief mit der einen Hand feſt zuſammen preſſend, während die andre ihre brennende Stirn ſtützte. Leiſe wurde die Thür geöffnet; die Mutter zeigte ſich. „Nun, mein Kind?— ich ahne etwas!“ V ᷑ Thekla ſprang auf und warf ſich an das Herz, wel⸗ ches das ihrige ſo gut verſtand.„Alles iſt abgemacht, liebe Mutter— und das iſt gut, denn gewiß werde ich nun ruhiger, es mag kommen was da wolle.“ „Nichts von dem trifft uns, mein Kind, was vor Deiner bangen Einbildung ſchwebt: Dieſes ſchreckenvolle Geheimniß ſteigt nicht auf aus der Tiefe des Meeres, um die Unſchuldigen zu treffen. Dennoch aber iſt mir, als wäre mein Gewiſſen von einer Laſt befreit worden, ſeitdem ich weiß, daß Er belohnt und mit uns verbun⸗ den iſt, in deſſen Bruſt unſer Geheimniß ruht und ewig ruhen wird.“ „Belohnt?“ ſagte Thekla und blickte tief in die Au⸗ gen der Mutter—„ich habe gleichwohl meine Skrupeln, ob wir nicht vielleicht eher die Liebe dieſes bethörten und edlen jungen Mannes mißbrauchen.“. „Was in Gottes Namen meinſt Du? Liebt er Dich nicht mit einer ſolchen Leidenſchaft, daß er Deine Hand für das höchſte und beſte Ziel anſieht, welches er errei⸗ chen kann?“ „Ja, in dieſem Augenblicke— doch wenn. wenn.... „Laß dieſe Schatten fahren: Du haſt ihn mit dem Höchſten belohnt, das Du zu geben vermochteſt, und ich ſegne Dich dafür, daß Du unſre gemeinſchaftliche Schuld abträgſt... O, ich hätte viel gelitten, wenn die Ver⸗ bindung mit Karl erneuert worden wäre— unaufhörlich hätte der Gedanke meiner Seele vorgeſchwebt, daß er, der für uns nie gethan hat, was Victor that, der uns nie das hätte ſein können, was er uns war in dieſen ſchrecklichen Nächten und Tagen, dennoch den Preis er⸗ halten ſollte, den Victor zu edel und feinfühlend war zu begehren, obgleich ſeine Augen in jedem Augenblick darum flehten!“ „Doch, laß mich ſagen, liebe Mutter— denn ich will vor Dir gar kein Geheimniß haben— der Bewegungs⸗ grund meiner Handlungsweiſe iſt bei weitem nicht ſo rein, wie Du Dir vorſtellſt.“ 92 „Jch verſtehe Dich nicht!“ „Ich fürchte ſogar, daß Du mich verdammen wirſt: werde ich aber Victor's Gattin, ſo ſoll er wenigſtens nicht mit verbundenen Augen ſein ſogenanntes Glück entgegen nehmen.“ „Erkläre Dich deutlicher! Ich geſtehe, ich wundere mich in meinem Innern, daß Dein Entſchluß in einer Sache, welche ich ſo oft Deinem edleren Gefühle an⸗ heim geſtellt habe, ſo ſchnell entſchieden werden konnte— am meiſten aber wundere ich mich darüber, daß er gerade heute entſchieden wurde, da ich vermuthen mußte, daß Karl's Brief Dich ganz anders geſtimmt haben ſollte.“ „Eben Karl's Brief beſtimmte mich, eine unüber⸗ ſteigliche Scheidewand zwiſchen mich und ihn zu ſetzen. Lies, liebe Mutter!“ Thekla reichte der Mutter den Brief. Dieſer lautete folgendermaßen:. „Ich kehre zurück, Thekla, denn in meiner Seele ruft unaufhörlich eine Stimme, daß ich mich übereilte bei der Handlung, welche unſere Verbindung brach; aber ich fühle auch, daß ſie nicht gebrochen iſt— ich fühle, daß Du für mich das Leben oder der Tod biſt. Sei gefaßt darauf, daß ich kein Mittel unverſucht laſſen werde, um Deinen Widerſtand zu beſiegen: Du ſollſt die Meinige werden und noch einmal ſollſt Du mich nennen Deinen Karl. „Späteſtens in einem Monat liege ich zu Deinen Füßen!“ Amelie blickte ihre Tochter an. Sie, welche Thekla's innige Liebe zu Karl kannte, war nicht im Stande zu begreifen, warum nicht dieſer Brief gerade das Ge⸗ gentheil bewirkt hatte. „Liebe Mutter: ich kann nicht Karl's Gattin werden! Ich kenne ſeinen Charakter— nichts würde im Stande ſein, ihn mit dem ſchrecklichen Gedanken zu verſöhnen, daß er verwandt wäre mit...“ „Still! Du haſt auch gar keine Schonung!— wozu dient die ewige Wiederholung dieſer fürchterlichen Dinge?“ „Damit wir nicht allzu ſehr überraſcht werden, wenn ſie durch irgend ein Ungefähr des Schickſals oder der Vorſehung Gottes uns näher kommen, als wir wollen... Genug, liebe Mutter, ſeitdem meine gräßliche Ahnung zur Gewißheit geworden, iſt mein Entſchluß unwider⸗ ruflich, mich mit Karl nicht zu verbinden. Jetzt aber bedroht mich das Aergſte, das Schwerſte: ſeine eigne Anweſenheit, ſein feſter Vorſatz, zu ſiegen; und in dieſer Noth wählte ich...“ „Ich verſtehe,“ fiel Amelie mit geſenkter Stimme ein, „und kann Dir meinen Schmerz, zu wiſſen, daß kein edleres Gefühl über dieſen Augenblick entſchied, nicht verbergen. Wenn hier Jemand ſtiefmütterlich behandelt wird, ſo iſt es Victor; denn unter ſolchen Umſtänden halte ich ihn, den Du gewählt haſt, für unglücklicher, als ihn, den Du verwirfſt.“ „Aber, liebe Mutter, wenn es anders geweſen wäre, ſo weiß Gott, ob unſre Dankbarkeitsſchuld bezahlt wor⸗ den wäre!“ „Die höchſte Liebe iſt wirklich der höchſte Egois⸗ mus!“ ſagte Amelie gedankenvoll...„Kennt Victor den Beweggrund Deiner Handlungsweiſe, und findet er unter dieſen Umſtänden noch immer ſein Glück in der An⸗ nahme deſſen, was Du ihm geben willſt?“ „Ja, denn er weiß, wenn ich auch nicht im Stande bin, ihm Liebe zu ſchenken, daß ich ſeinem Nebenbuhler nicht gehören kann; und überdieß weiß er auch, daß die freundſchaftlichen Gefühle, welche ich gegen ihn hege, hinreichend ſind, ihn mir aufrichtig theuer zu machen. Nichts deſto weniger habe ich, um mich vor Selbſtvor⸗ würfen zu ſchützen, die Bedingung gemacht, daß die Hochzeit erſt im nächſten Herbſt gefeiert werden ſoll: hegt er nach Verlauf eines Jahres noch dieſen Wunſch— dann iſt unſer innerer häuslicher Friede vielleicht ebenfalls duehr befeſtigt— ſo bin ich bereit, mein Verſprechen zu halten.“ Gut— das billige ich! Und nun will ich kein Wort weiter hinzufügen; denn von dem Augenblicke an, 94 da Du, ſei es aus welcher Urſache es wolle, Victor das Gelübde Deiner Treue und Ergebenheit ertheilt haſt, wirſt Du auch ſeiner und ſeines edlen und innigen Ver⸗ trauens vollkommen würdig ſein!“ „Mit Gottes Hülfe, liebe Mutter! e... Aber noch ein Wort!... Hildur?“ „Hildur's Eigenliebe und Eitelkeit wird ſich verletzt fühlen, iſt ſchon verletzt: vielleicht wird ſie ſich einbil⸗ den, daß ihre ehemalige Neigung wieder aufflammt; doch ſie iſt leider Gottes ſo durch und durch leichtſinnig und ſo leicht getröſtet, daß ſie nach einigen Tagen oder höchſtens einigen Wochen die erhaltene Wunde gänzlich vergeſſen und in Victor nur einen Bruder ſehen wird.“ „Noch einen Augenblick, geliebte Mutter! Ich habe es nie gewagt, einen Gegenſtand zu berühren, den wir doch beide kennen, nämlich die Verſöhnung, welche Va⸗ ter für ſeine Ruhe näthig erachtet!“ „Das iſt in dieſem Augenblicke mein tiefſter, mein verzehrendſter Kummer. Ich kann dieſes gute, liebe und freundliche Kind, das gar keine Ahnung hat von dem harten Schickſale, das ihrer wartet, nicht anſehen, wie ſie oft ſtundenlang wie ein kleiner zwitſchernder Vogel daſitzt und auf die geheime Erwiederung lauſcht, die das Herz auf die Töne gibt, welche ſie ihrer Guitarre ent⸗ lockt, ohne vor dem Augenblicke zurückzubeben, da ſie erfährt, daß eben dieſe Erwiederung, nach der ſie ſich ahnend ſehnt, und die ſie vielleicht zu hören vermeint, ihr niemals toͤnen wird.“ „Selig iſt ſie,“ entgegnete Thekla leiſe,„wenn ſie dieſelbe nie kennen lernt— die Liebe ſchenkt kein Glück!“ „Aber ein ganzes Leben, das niemals von einem warmen Hauche beruͤhrt wird... o meine arme, arme Roſa!“ ſa denn ihr Schickſal entſchieden?“ In Thekla's Blick lag trotz ihres eben geäußerten Glückwunſches die tiefſte Theilnahme. „Entſchieden! Das iſt der einzige Gedanke, der Arne's Seele noch bei einiger Hoffnung erhalten kann— * doch ſchiebe ich die Verwirklichung noch ſo lange hinaus, als ich vermag!“ Amelie ſchloß ihre älteſte Tochter in ihre Arme, küßte ſie auf die Stirne und begab ſich darauf zu Hildur....... „Was in Gottes Namen fehlt Dir, mein Kind!“ Hildur lag auf dem Sopha mit dem Geſichte tief in dem Kiſſen deſſelben. „Ich habe Kopfſchmerzen, liebe Mutter— ich ſagte ja ſchon heute, daß ich krank wäre, doch Du wollteſt mir nicht glauben!“ „Liebes Kind, wer kann wohl Alles glauben, was Du ſagſt? Nicht einmal in dieſem Augenblick glaube ich, daß Du krank biſt. Laß mich in Deine Augen blicken, Hildur, und ſchäme Dich nicht vor Deiner Mutter: ſie hat ſo viele Arten von Thränen geweint, daß ſie gewiß auch die Deinigen verſteht.“ „Aber, Herr Gott! warum willſt Du denn behaup⸗ ten, daß ich geweint habe?... Ich könnte ja tanzen, wenn es in Frage käme. Gewiß aber ſterbe ich, wenn ich nicht in die Stadt zurückziehen darf!“ „Nun wohl, meine Hildur: Du ſollſt dießmal Dei⸗ 3 Willen haben! Sieh nun auf und laß mich Dir agen...“ „Sage nichts, Mutter... um Gottes Willen nichts... kein einziges Wort! Es gibt nichts in der Welt, das mir gleichgültiger iſt, als was Du mir jetzt zu vertrauen beabſichtigſt!“ „Ich denke Dir nichts zu vertrauen— im Gegen⸗ theil wollte ich Dein Vertrauen haben.“ „Und das ſollſt Du auch, ſobald in oder außer mir ſich etwas ereignet, wobei ich mir ſelbſt nicht zu rathen weiß... Doch ſüße, liebe, beſte Mutter, ſei ſo gut und gehe— ich wollte ſo gern allein ſein!“ „Iſt denn nicht Deine Mutter und Dein eigenes Gewiſſen eins, Du trotziges, eigenſinniges Kind? Leſe ich nicht in Deiner Seele? Und ließeſt Du mich dieſen bald vorübergehenden Schmerz theilen, ſo würdeſt ſo ſehen, wie viel leichter er zu tragen wäre!“ 96 „Wenn ich nun aber keinen Schmerz empfinde, Mutter— was ſoll ich da thun?“ „Gute Nacht denn, Hildur! behalte Deine Gefühle für Dich allein, da es Dich glücklicher macht! Eins aber mußt Du doch bedenken, und ernſtlich bedenken: was auch geſchehen mag, ſo iſt es die Folge Deines eigenen Willens, und da man erntet, was man ſelbſt geſäet hat, ſo hat man kein Recht, ſich unglücklich zu fühlen.“ Hildur antwortete nicht anders, als daß ſie die Hand der Mutter unter den Shawl zog, den ſie um den Kopf geworfen hatte; ſie drückte einen langen, warmen Kuß auf dieſe theure Hand und wendete ſich darauf nach der andern Seite. Den Kopf ſchüttelnd und mit einem brennenden Ge⸗ bete auf den Lippen verließ Amelie das Zimmer ihrer zweiten Tochter; hierauf that ſie noch einige Schritte und beendigte ihre Runde damit, daß ſie noch bei ihr, die dem Mutterherzen vielleicht am nächſten lag, auf einen Augenblick einſah. Ehe Amelie jedoch die Thür öffnete, welche in Roſa's kleine Kajüte führte, lauſchte ſie verwundert auf den harmoniſchen Klang eines in leiſen Tönen dahinrollen⸗ den Wiegenliedes. Ein Lächeln beſeelte die Züge der Mutter. In den beiden andern Kammern kämpften alle Arten von unharmoniſchen Gefühlen des Kummers und der Leidenſchaften— hier begegnete ſie der Unſchuld, der Reinheit, mit einem Worte, dem friſchen Hauche des frohen Edens der Kindheit. Sie öffnete die Thuͤr leiſe zur Hälfte, und dort ſaß Roſa vor dem herabgebrannten Zene mit einem Schemel unter den Füßen, mit der großen Puppe im Schooße und der Wiege derſelben neben ſich. „Da lobe ich mir mein kleines Zuckerkörnchen!“ ſagte die zärtliche Mutter, welche hier endlich das Glück zu finden vermeinte—„Du thuſt ganz Recht, daß Du mit Deinen Puppen ſpielſt!“ Roſa erſchrack ſehr, erſchrack ganz fürchterlich, daß ſie ſo auf der That ertappt wurde und die Puppe nicht nur im Schooße hatte, ſondern— was noch weit ſchlimmer war— daß ſie dieſe Puppe, wie es nie gebräuchlich ge⸗ weſen, in ganz neue und ordentliche Windeln wickelte. „Du kleines Kind! ich glaube gar, Du näheſt noch Puppenkleider,“ ſagte die Mutter lächelnd,„obglelch Du im Sommer die ganze Geſchichte unter dem Dachſtuhl verbargſt!“ „Ach,“ entgegnete Roſa, indem ſie hoch erröthend die Schürze über das Fräulein Ebba zog, welche bis an den Hals hinauf barfuß da lag,„es war jetzt im Herbſte zu kalt dort oben auf dem garſtigen Boden.“ „Schäme Du Dich nur nicht, mein kleiner Engel, weil Du noch Vergnügen an Deinen Puppen haſt! Gebe Gott nur, daß ſie Dir recht lange Freude machen— ich wünſche nichts Beſſeres, denn ich bin überzeugt, daß Dir dann keine friedeſtörenden Gedanken nahen.“. Amelie ahnte nicht, daß Roſa in dieſem Augenblicke weit entfernt war mit Puppen zu ſpielen— nein, Roſa's Phantaſie ſchwebte eben jetzt um das liebliche Bild einer jungen Mutter, die ihr Kind für die Nacht kleidet; daſſelbe in die Wiege legt, ihm etwas vorſingt und vorſchwatzt und hiebei eine unausſprechliche Ruhe und einen himmliſchen Frieden im Herzen empfindet. Für Roſa's unſchuldiges Herz war dieſes zwar eben⸗ falls ein Spiel, doch ein Spiel, das ihr tauſendmal mehr Vergnügen machte, als dasjenige, welches ſie ſonſt ge⸗ ſpielt hatte, da ſie die Puppe in Ball⸗ oder Reiſekoſtüme kleidete. Inzwiſchen war ſie dennoch nicht ſo ganz un⸗ ſchuldig, daß ſie nicht bei der Ueberraſchung von Seiten der Mutter mehr über ihre Gedanken erröthete, als darüber, daß ſie in der Geſellſchaft des aus einer Dame in ein Wickelkind verwandelten Fräuleins Ebba angetroffen wor⸗ den war. „Ach, welche ſchöne Spitzen!“ ſagte die Mutter, welche ſich vorgenommen hatte, Roſa's Verſchämtheit wegzuplaudern.„Haſt Du ſie ſelbſt geſtrickt?... Und welch ein breiter Hohlſaum!... Behüte, wie geſchickt Du Der Jungferthurm. III. 7 98 biſt— Du mußt mir gewiß ein paar ſolche an kleinen Kopfkiſſen nähen helfen!“ „Ach ja, liebe Mutter, wenn ſie Dir gefallen— und Spitzen will ich Dir eben ſo ſchöne klöppeln!... Du kannſt wohl glauben, Mutter, daß es nur hier auf Elfhagen geſchieht, wo ich ſo wenig Zeitvertreib habe...“ Und wieder begann Roſa verlegen die Schürze zu falten. „Mein beſtes, liebſtes Kind! ich weiß recht gut, daß Dein Herz noch immer für die alten Spielfreunde redet, wenn Du nun zum Winter von ihnen reiſen mußt... Doch wo haſt Du die übrigen?— Haſt Du nur Fräu⸗ lein Ebba hier unten?“ „Ach, Mutter, ich will nicht ſo viel haben!“ Und Roſa wurde immer röther und wärmer. Die Mutter lächelte.„Gott ſegne Dich! Schlafe wohl— Gottes Engel wachen wohl an Deinem Bette!“ und indem ſie Roſa's friſche, rubinrothe Lippen küßte, nickte die Mutter und entfernte ſich..... Als Roſa allein war, ſanken ihre glühenden, von den glänzenden Locken umſchwebten Wangen auf das Haupt der Puppe hinab. Roſa ſang keine Wiegenlieder mehr: ſie dachte, wie ſonderbar es wäre, daß die Mutter glauben konnte, es naheten ſich ihr keine friedeſtörenden Gedanken, weil ſie die Puppen noch liebte.„Ach, dieſe ſchließen ſie gewiß nicht aus!“ ſagte ſie ſeufzend...„Ich möchte wohl wiſſen, ob der alte Surr noch lebt, und ob der freundliche, gut⸗ müthige Conſtabel ihm erzählt hat, daß es in weiter Ferne eine Perſon gibt, die den alten Mann leiden mag?— Ich möchte auch wohl wiſſen, welche Segler dieſen Herbſt in Wisby eingekommen ſind! Noch ſind die Stürme nicht ſehr ſtark geweſen, und Gott behüte alle, die verſchla⸗ gen werden können!... Doch was iſt das?... Ach, mein Gott! das iſt Er!“ Roſa warf nachſichtslos das Fräulein Ebba auf den Sopha und eilte hinaus, die Wendeltreppe hinab, auf den Hofplatz in den kalten, nebligen Herbſtabend hinaus. —— —e— — 18222 2X — — 8⁸—— ĺ SSSS-—- SͤSͤS—,——ecd Zwölftes Capitel. Will. Der Laut, welcher ſo heftig auf Roſa einwirkte, war der lange ausgehaltene und klagende Ton einer Rohrpfeife, accompagnirt von dem lauten Gebell eines Hundes. 4 „Rolf, Rolf!... wo iſt er? wo ſeid Ihr?“ rief Roſa, indem ſie mit fliegendem Haar und flatterndem Halstuch auf der Terraſſe auf und ab lief. Endlich ſtand ſie einen Augenblick ſtill, um auf Rolf's Signal beſſer Achtung zu geben. „Hu!“ flüſterte ſie,„er bellt dort beim Grabchor!... Wenn Will nicht mit dabei wäre!... Wenn er vor Betrübniß geſtorben wäre, weil ich... Ach, mein Gott! wie habe ich ſo unartig ſein können, in ſo langer Zeit nicht an Will, meinen armen, guten, lieben Will zu denken!... Rolf, Rolf!... großer Gott!... dort!“ Roſa ſchlug die Hände zuſammen. Bei dem An⸗ blicke, den das junge Mädchen jetzt hatte, wäre ſie beinahe zu Boden geſunken; doch ſie überwand ihre Schwäche und eilte weiter. Auf der erſten Stufe der Treppe, welche zu den großen, düſtern, eiſernen Thüren hinab führte, ſaß Will leichenblaß, gleich den weißen Bildern und weißen Urnen, welche dieſen geheimnißvollen Platz zierten. Seine Haare fielen in wilder Unordnung um die magern, eingefallenen Wangen, von denen ſich zwei langſame Thränen einen Weg hinab bahnten; die Kälte hatte ſeine Glieder erſtarrt, der Abendnebel ſeine Stirn gefeuchtet— und ſo, wie er jetzt da ſaß, mit einem über ſein ſchönes Antlitz ausgebreiteten Ausdruck von unbeſchreiblicher Sehnſucht, von unſäglichem Schmerz, mit dem treuen Rolf an ſeiner Seite, die ganze Gruppe von einem bleichen Mondſchein umgoſſen, dachte man ſich das Sinnbild des vor dem Grabe Wache ſtehenden Kummers. 7 100 Jetzt war Roſa ihm ſo nahe, daß ihre zitternden Hände ſeinen Hals umarmten. Da erſt erhob Will den dunklen Blick, und mit einem Schrei ungezügelten Entzückens umfaßte er den Engel, nach deſſen Anblick er ſich ſo lange geſehnt hatte; doch eben ſo ſchnell zog er ſich mit einer ausdrucksvollen monotonen Klage zurück, indem er die magern, eilfertig gefalteten Hände wie in einem Gebete zu ihr empor⸗ ſtreckte. Rolf drückte mit Sprüngen und Bewegungen um Roſa ſein Entzücken aus; Roſa aber hatte kaum ein halbes Auge für Rolf: ihre Seele war jetzt bei dem unglücklichen Jünglinge, deſſen ganze Geſtalt von dem Leiden zeugte, das drei Monate lang ſowohl ſeine Ge⸗ ſundheit als auch die geringe Freude ſeiner Seele unter⸗ graben hatte. „O, mein Will, mein armer, theurer Will! komm, komm!... Ach, er will nicht mit mir kommen!“ Sie legte ſelbſt ſeine erſtarrte Hand in die ihrige, ſie hauchte auf ſeine Stirn, ſeine Wangen, um ſie zu erwärmen; und Will, der vor ſtillem Entzücken zu zittern begann, wagte ſich nicht aus der Stelle zu bewegen vor Furcht, er möchte aus dem paradieſiſchen Zuſtande geriſſen wer⸗ den, der auf die überſtandenen Kämpfe und Leiden gefolgt war. Jetzt kam das Haus oben in Bewegung; eine La⸗ terne wurde ſichtbar; mehrere Perſonen kamen nach einander, und nicht zuletzt die zärtliche Hausmutter, welche, obgleich ſie es faſt für eine Unmöglichkeit hielt, dennoch Will's Töne und Rolf's Gebell zu erkennen geglaubt hatte. „Hier!... komm hieher!“ rief Roſa, und bald war Will in den untern Saal geführt, wo Amelie und gleich darauf Thekla ihn in ihre Arme ſchloſſen; denn alle Herzen flogen heute Abend, gerührt von ſeinem Zuſtande und ganzen Ausſehen, dem armen Jünglinge freundlich entgegen. ———,——,'——. „Wie kann das zuſammenhängen?“ klagte Amelie, indem ſie, unterſtützt von Roſa, die unaufhörlich weinte, und von Thekla, die an die materiellen Bedürfniſſe dachte, Will auf alle mögliche Weiſe pflegte.„Wie kann es möglich ſein, daß ſie ſchreiben, er befinde ſich wohl, und doch iſt es nicht beſſer, als daß er weggeht, denn es iſt ja ganz deutlich, daß er ſich heimlich hinwegbe⸗ geben hat!“ „Eben dieſes,“ meinte Thekla mit geſenkter Stimme, „beweiſet, daß ſeine Seele ſo krank, ſo voller Sehnſucht geweſen iſt, daß er von Allem, was ſeine Wirthsleute für ihn haben thun können, weder Gutes noch Böſes gefühlt hat. Sie haben gewiß keine Schuld, daß er ſie verlaſſen hat.“ „Nein, wenn ſie aber doch geſagt hätten, daß er krank wäre, denn krank muß er geweſen ſein.... Frage ihn doch, Roſa; Dir antwortet er am liebſten!“ Roſa lehnte ſich vertraulich an ihn und legte ihm durch Zeichen die Frage vor, welche die gute Mutter beantwortet haben wollte; doch Will ſchüttelte den Kopf und gab eine verneinende Antwort— er war körperlich nicht krank geweſen. „Doch hier, armer Junge?“ ſagte Amelie, und legte die warme Hand einer Mutter auf Will's Herz. Er nickte und ſah ſie mit einem langen Blicke an, der nicht frei war von Vorwürfen. Amelie deutete denſelben auch als eine Klage über ſeine Verweiſung. Jetzt flog Roſa hinweg, kam aber bald mit einem Bogen Papier zurück, deſſen einzige geſchriebene Zeile ſie mit unbeſchreiblich kindlichem und gutem Lächeln, einem Lächeln voll reicher und angenehmer Gelübde, vor Will's Augen hielt. Und die Worte, welche er zuſammen buchſtabirte und dann mit Geberden, die ſichtbarlich Freude ausdrücken ſollten, aber doch Schrecken erregten, an ſeinem Herzen verbarg, enthielten Folgendes:. „Roſa liebt ihren guten Will ſehr und kann nie 10⁰² im Leben froh ſein, wenn er leidet. Roſa und Will werden nun immer bei einander ſein.“ „Ddie volle Bedeutung dieſer Sätze war das junge Mädchen weit entfernt ſelbſt zu denken oder nur zu verſtehen— ach, ſie dachte nur daran, Will zu tröſten und zu beruhigen, um ihm einen Erſatz zu geben für die ſonderbare unwillige Geſinnung, welche ſie eine Zeitlang gegen ihn gehegt hatte, und welche Geſinnung ſie ſich jetzt zum Vorwurfe machte. „Arme Kleine!“ flüſterte die Mutter ihrer älteſten Tochter in das Ohr(ſie hatten Beide den Brief an Will von der Seite geleſen),„ſie hat keine Ahnung davon, daß ſie dieſes Gelübde einſt ernſter ablegen ſoll, als in dieſem Augenblicke!“ „Höre!“ rief Roſa aus, indem ſie mit Heftigkeit den ÄArm der Mutter ergriff—„Vater kommt! Wenn er jetzt gegen Will unfreundlich iſt, oder das Herz hat, d zeigen, wie unwillkommen er iſt, ſo ſterbe ich vor Betrübniß!“ Und als wollte ſie ihn beſchützen, der eines Schutzes ſo ſehr bedürftig war, ſtellte ſich Roſa an der einen Seite auf, und der ſtets aufmerkſame Rolf nahm die andere ein, denn Rolf der Kluge merkte ſehr gut, daß hier etwas Gefährliches im Anzuge war. Holgerſen war nicht mehr der ſchöne, kraftvolle Mann, welcher einſt eine Frau hinriß, Alles außer ihm zn vergeſſen; er war nicht mehr der kühne, unbändige benteurer, vor deſſen bloßem Blicke Viele erzitterten— nein, dieſe Krankheit hatte ihn ſo verwandelt, ſo gezüch⸗ tigt, ſo an Leib und Seele niedergebeugt, daß Will die Hände zuſammenſchlug und eine Art von Geheul aus⸗ ſtieß, welches allzu gemiſcht war, als daß es als ein Ausdruck des Schmerzes gelten konnte. „Lieber Vater, vergib dem armen Will!“ rief ihm Roſa mit liebevoll bittender Stimme entgegen. Holgerſen's bleiche Züge wurden noch bleicher bei dem Anblicke des traurigen, ja ſchrecklichen Zuſtandes ſeines Pflegeſohnes, und zum erſten Male ſeit der Zeit, da er den vaterloſen, ſtummen Jüngling in ſein Haus aufnahm, fühlte er das Bedürfniß, ihn zu berühren. Er ſtreichelte Will's feuchte Stirne und ſagte leiſe zu Roſa:„Ich bin ihm nicht böſe, wohl aber denen, die nicht beſſer auf ihn Acht gaben. Sage Du ihm, mein Kind, daß er nie wieder weggeſchickt werden ſoll!“ Roſa ſchrie laut auf vor Freuden, und Will war ſo gewohnt, in ihren lebhaften Zügen zu leſen, daß er Alles verſtand, ehe Roſa es ihm durch ihre Zeichen mit⸗ getheilt hatte. Seine Augen füllten ſich mit Thränen, er faltete ſeine Hände und ſtreckte ſie gen Himmel empor, als wollte er Segen über Den herabrufen, gegen welchen er bisher nur Gefühle des Haſſes empfunden hatte. Wunderbar genug wendete er ſich aber dann mit dem Ausdruck ſeiner Glückſeligkeit nicht an Roſa, ſondern an— Rolf, und tief ergreifend war es, zu ſehen, wie aufmerkſam und klug Rolf die Zeichen ſeines Herrn beobachtete. Rolf verſtand, daß die Zeit ihrer Verwei⸗ ſung nun ein Ende hatte, und nachdem Will ſein Glück erzählt hatte, flog Rolf auf und küßte ſeinen Herrn, dieſer aber drückte ſeinen Kopf ſo warm und treufeſt an ſeine Bruſt, daß man ſehen konnte, wie er den Rolf doch als ſeinen allerbeſten und zuverläſſigſten Freund betrachtete. Still wie ein Geſpenſt ſchlich Holgerſen davon, und als bald darauf Amelie zu ihm eintrat, fand ſie ihn in einer Stellung, bei welcher ihr Herz vor Hoffnung und himmliſcher Freude laut ſchlug. Der Sünder lag auf ſeinen Knieen und betete; und daß ſeine Gebete jetzt aus einer zermalmten Seele, aus einem Gewiſſen emporſtiegen, deſſen dringendes Bedürfniß eine wenn auch nur geringe Hoffnung auf Barmherzigkeit war, das konnte man deutlich auf ſeinem Geſichte leſen, wel⸗ ches noch nie ſo frei geweſen war von der gewaltigen Spannung der wilden Leidenſchaften. „O Arne!“ rief Amelie mit heiligem Entzücken,„es iſt mir, als fühlte ich Gottes Liebe!“ Und ſie ſank auf die Kniee neben ihm, der das Haupt auf ſeine Hände 104 hinab ſenkte und zum erſten Male fühlte, wie ſeine Augen von dem Thau gefeuchtet wurden, der ihnen ſo lange fremd geweſen war. „Der Knabe,“ ſtammelte er,„ſahſt Du, wie er um meinetwillen ſeine Hände emporſtreckte— um meinet⸗ willen— und das ſoll er nicht umſonſt gethan haben! Ich Elender habe es gewagt zu beten, und zum erſten Male während meines ganzen ſündigen Lebens empfinde ich Gefühle, die mir ſagen: kein Menſch iſt ſo verwor⸗ fen, daß er es nicht wagen dürfte, am Stamme des Kreuzes zu knieen.“ „Siehſt Du, Arne, ſiehſt Du die unausſprechliche Macht der ewigen Liebe?“ „Aber Opfer, Verſöhnung muß auf die Reue folgen! Morgen will ich mit Will allein ſein... ich...“ „Noch nicht, nein, noch nicht!— ach, ſie iſt noch allzu ſehr ein Kind! Sei auch Du barmherzig, wenn nn darhch lechzeſt, daß der Herr gegen Dich barmherzig ein ſoll!“ ſae kann es aber nicht eher ſein, als wenn ich durch Handlungen meine Reue gezeigt habe!“ „Ja, ſei überzeugt, daß er die Abſicht anſieht! Ueberdieß iſt Will jetzt ſo glücklich, daß er für lange Zeit Gluͤck genug hat.“ „Ausfluͤchte, Amelie! Du willſt nur Zeit gewinnen — und feige und unrecht wäre es von mir, wenn ich jetzt der Macht nachgäbe, welche Du über mich ausübſt. Wird das Mädchen älter, ſo kann ihr Herz ſich bald an einen Andern binden: da iſt es ſchwieriger, da erſt wird es ein Unglück. Jetzt iſt ſie ein ſo gutes und frommes Kind, daß ſie ſich nicht weigern wird, den armen Will glücklich zu machen.“ Amelie ſeufzte tief; ſie ſah ein, daß ihr Mann Recht hatte, und dennoch konnte ſie nicht nachgeben. Sie wagte es kaum, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß ſie weiter nichts wollte, als nur Zeit gewinnen. „Ich ſehe Deine Betrühniß, armes Weib!“ nahm Holgerſen wieder das Wort, mehr beſiegt von ihrem —— — Schweigen als von ihren Bitten,„und wir wollen uns auf dem halben Wege entgegen kommen. Wie ich ſagte, theile ich morgen Will meinen Vorſchlag mit, gleichwohl unter der Bedingung, daß Roſa vor dem nächſten Früh⸗ linge nichts erfahren darf: da wird ſie ſechzehn Jahre alt und in dieſem Alter hat ſchon ſo Manche geheirathet. Biſt Du damit zufrieden, Amelie, und verſprichſt Du mir beſtimmt, dann keine neuen Hinderniſſe zu erdenken, ſo mag ſie noch ein halbes Jahr über ihr Schickſal in Unkenntniß bleiben, länger aber durchaus nicht; denn nachdem ein Mädchen erſt ſechzehn Jahre alt geworden iſt, erhält ſie viele Grillen— wir haben ſchon ſo lange wie möglich gewartet, wenn wir ſie ſo alt werden laſſen!“ Amelie gelobte Alles, um dieſe ſechs Monate zu gewinnen; doch vergebens bemühte ſie ſich, ihrerſeits den Beifall ihres Gatten zu ihrer Bitte zu gewinnen, daß er auch Will auf die Nachricht warten laſſen ſollte. Hierin war Holgerſen ſo feſt, daß er ſchon früh am folgenden Morgen ging, um Will in ſeinem Zimmer aufzuſuchen. Der ſtumme Jüngling war noch nicht wach, und ſein Bild im Schlafe erinnerte an die Zeit, da er noch als Knabe in den Armen des alten Karo ſchlummerte. Er lag mit dem Kopfe über der Kante der Betſſtelle, auf welcher der daneben ſtehende Rolf ſein Haupt und ſeine ausgeſtreckten Vorderfüße ruhen ließ, welche letzteren faſt einen Rahmen um Will's Antlitz bildeten, wo trotz der Freude des vorhergehenden Abends ein tiefes und bitteres Leiden, ein ſehnſuchtsvoller, träumender Gram ſich in deutlicher Schrift auf den bleichen, nicht einmal von dem Schlafe bepurpurten Wangen abgemalt hatte. Als Holgerſen dieſe Gruppe betrachtete, konnte er ſich eines tiefen, erſchütternden Schauders nicht erwehren, und er würde augenblicklich umgekehrt ſein, wenn ſich nicht Rolf knurrend gegen ihn gewendet und durch ein leiſes Kratzen auf die Schulter ſeines Herrn dieſen Peive hätte— vermuthlich erſchien dem Rolf dieſer Beſuch verdächtig nach der Art, wie er die Sachen betrachtete. 106 Will erſchrack, da er ſeinen Vormund erblickte; man konnte aus dem bangen Schmerz, den ſeine Augen verriethen, aus der Unruhe, mit welcher er zuſammenkroch und ſich gleichſam zu verſtecken ſuchte, leicht verſtehen, daß er eine neue Verweiſung fürchtete, daß er fürchtete, er hätte geſtern nur geträumt. „Holgerſen bemühte ſich inzwiſchen, ſeine Züge ſo weich und ſanft wie möglich zu machen: er wollte ſogar die Hand ausſtrecken und ſie Will reichen, doch bei dieſem Verſuche wurde Rolf ſo unruhig und ungaſtfreundlich, daß er ſich zurückziehen mußte. Endlich um ſich ſogleich willkommen und begreiflich zu machen, riß er ein Blatt aus der Brieftaſche, ſchrieb den Namen Roſa darauf und reichte es ſodann Will, mit welchem augenblicklich eine ſo große Verwandlung vorging, daß Holgerſen nicht ohne das größte Erſtaunen das veränderte Gemälde, welches er jetzt vor ſich hatte, betrachten konnte. Will hatte ſich erhoben; er ſchien mit faſt thieri⸗ ſchem Inſtinkt auf Schritte zu lauſchen, die nur dieſer Inſtinkt zu faſſen vermochte. Seine Augen hatten nicht nur Leben, ſondern auch ein vielfach brennendes Leben erhalten; ſein Körper zitterte, ſein Athem war kurz— es wurde ihm unheimlich unter dem Einfluſſe dieſer Leiden⸗ ſchaft, die ſchon von dem bloßen Namen ihres Gegen⸗ ſtandes auf's Höchſte geſteigert wurde. Holgerſen zauderte einige Augenblicke. Was er ſah, das zeigte ihm an, Roſa's Schickſal könnte fürchterlich werden— er entſann ſich noch der Worte ſeiner Gattin: wenn er dereinſt von Eiferſucht leiden ſollte! Beinahe wäre Holgerſen mit dem Gedanken an die Zukunft ſtill wieder ſeines Weges gegangen; doch nun kam wieder ein anderer Gedanke, delcher ſagte: ſie iſt Dein Kind — es iſt ihre Pflicht, zu verſöhnen, und Verſöhnung muß der Erhörung vorangehen!... Er hatte ſich der Thüre ſchon um ein paar Schritte genähert; hier aber wendete er nun wieder um, betrachtete lange duldi ſchrie ſie ge griff verät ſtieg und Opf ſtört die werd den Lipp eine keits konn entl auf 3 lange Will's funkelnde Augen, in denen ſich eine unge⸗ duldige Erwartung malte, nahm dann das Blatt und ſchrieb ferner: „Du liebſt Roſa!“ Will ſtarrte die Buchſtaben an und darauf ihn, der ſie geſchrieben hatte. Eine Art krampfhafter Angſt er⸗ griff ſein ganzes Weſen; er zitterte; ſeine bleiche Wange veränderte die Farbe in jedem Augenblicke; das Blut ſtieg ihm zu Kopfe; er ſeufzte mit dumpfem Schmerz und eine peinigende Qual, eine ſolche, mit welcher das Opfer auf ſeinen Henker blickt, redete aus ſeinen ver⸗ ſtörten Zügen. „Armer Jüngling!“ murmelte Holgerſen und ergriff die Feder auf’'s Neue. „Du darfſt Roſa lieben: ſie ſoll die Deinige werden!“. Ein Laut, ſo unheimlich und widrig, daß es faſt den wilden Nordſeefiſcher ſchreckte, bahnte ſich über Will's Lippen den Weg— und dennoch war es der Ausdruck einer wahnſinnigen Freude, eines wahnſinnigen Selig⸗ keitsgefühles, das ſich auf keine andere Art Luft machen konnte. Doch nach dieſem einzigen Laute, der Alles enthielt, was er nicht deuten konnte, ſank er bewußtlos auf das Kopfkiſſen zurück. Die Erſchütterung war allzu heftig geweſen..... In dem Augenblicke, da er wieder zum Bewußtſein erwachte, ſtand nicht nur ſein Vormund, ſondern auch die Pflegemutter vor dem Bette; doch vergebens ſpähte er mit langen Blicken nach noch einer Perſon. Da heftete er ſeine wilden Augen auf Holgerſen, und dieſe Augen fragten eben ſo deutlich, als Worte es gethan haben würden: habe ich geträumt, oder hat man ſeinen Scherz mit mir getrieben? Jetzt kam die Reihe an Amelie, durch die Zeichen⸗ ſprache— in welcher ſie faſt fertiger war, als ſelbſt Roſa, obgleich Will ſich oft ſtellte, als verſtände er ſie nicht eben ſo 88— dem armen, in ſeinen eigenen Gefühlen und Gedanken verirrten Jüngling anzuzeigen, 108 daß es dem Pflegevater Ernſt wäre; zugleich aber eilte ſie ihm begreiflich zu machen, daß dieſe Sache für Roſa noch ein Geheimniß wäre, und daß ſie es bleiben müßte, bis dieſe erſt ein wenig älter geworden wäre. Will verſiel in keine Zügelloſigkeit— ſeine gerin⸗ gen Kräfte waren auf jeden Fall gänzlich erſchöpft— aber ein Ausdruck von tiefer, uͤberſchwenglicher Andacht, von heiliger, unausſprechlicher Glückſeligkeit legte ſich auf die Züge, welche noch vor einem Augenblicke wilde Stürme verheert hatten. Er lag ganz unbeweglich da — wahrſcheinlich ſah er hinter dem Vorhange der Zu⸗ kunft ein Gemälde, das ſeine ganze Seele feſſelte... Endlich, woollte nachdem er lange ſo verblieben war, ſtreckte er die eine ſeiner Hände nach dem Vormunde und die andere nach der Pflegemutter aus, und indem er Beider Hände an ſeine Lippen drückte, ſah er empor mit Blicken ſo ſchön, ſo voll tiefer und ſprechender Dankbarkeit, daß Amelie's Herz ſchmolz. Mit einem Male aber fuhr er zuſam⸗ men; es ging wiederum ein qualvolles Dunkel über ſeine Seele, ein Wehklagen über ſeine Lippen. Der Laut, welchen er hervorbrachte, ſollte Roſa's Name ſein, und er gab dabei durch ein beredtes Mienenſpiel ſeine Furcht zu erkennen, daß ſie ſich mit Abſcheu von ihm abwenden würde. Holgerſen betrachtete ſeine Frau; er konnte nicht antworten, ſondern überließ ihr, den Jüngling zu be⸗ ruhigen. „Laß mich allein mit ihm!“ bat Amelie; und ſo⸗ bald Holgerſen gegangen war, appellirte ſie an Will's Herz und feines Gefühl, Roſa's kindlichen Frieden noch nicht durch Fragen zu ſtören. Sie zeigte ihm die Noth⸗ wendigkeit, ſeine Gefühle zu zügeln, um nicht Roſa zu erſchrecken, ermunterte ihn aber dagegen, ſie auf alle mögliche Weiſe durch Sanftmuth, Güte und Dienſt⸗ befliſſenheit zu gewinnen. Will betrachtete und verſtand alle dieſe verſchiede⸗ nen Zeichen und Vorſchriften mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit und gelobte mit eben ſo beredten Zeichen, er tiefes einige zugeb eine 2 welch ſah Etwa welte der e feder nicht, vorge dort fand Angf begre War miſch duldi erſt, bräiſ begle und? menk gewe r eilte Roſa nüßte, woollte verſuchen; doch verrieth er glücklicherweiſe ein tiefes Mißtrauen gegen ſich ſelbſt. Aber nachdem er einige Augenblicke, wie Amelie dachte, in ſtillem Gebete zugebracht hatte, erhob er heftig das Haupt und begann eine Menge unbegreifliche, ſonderbare Zeichen zu machen, welche ſie nicht im Stande war zu verſtehen. Zwar ſah ſie ein, daß er auf etwas ſchon Geſchehenes, auf Etwas, das Roſa betraf, hindeuten wollte; doch zu einem weiteren Reſultate konnte ſie nicht kommen. Ein mißtrauiſcher Ausdruck auf Will's Geſicht folgte der eben bewieſenen Unſchuld; er griff nach der Blei⸗ feder und ſchrieb:„Kreuzweide.“ Von Neuem ſchüttelte Amelie das Haupt; ſie wußte nicht, daß in Betreff Roſa's Etwas auf der Kreuzweide vorgefallen war. Plötzlich aber ging ihr ein Licht auf: dort war es ja, wo Arne den Wilt zu Roſa's Füßen fand— Amelie glaubte daher, es ſei die Rede von der Angſt, die Roſa gezeigt hatte, und ſuchte es ihm daher begreiflich zu machen, daß dieſes Ereigniß ihm eine Warnung ſein müßte, ſeine Gefühle nicht allzu ſtür⸗ miſch zu verrathen. Bei dieſer Erklärung ſchüttelte jedoch Will unge⸗ duldig den Kopf und ſchrieb auf's Neue: Ein Mann erſt, Roſa hernach... Will auf Lauer.“ Wenn irgend Etwas in der Welt für Amelie he⸗ bräiſch war, ſo war es dieſe allzu deutliche Anklage, begleitet von Will's Geberden, womit er„des Mannes“ und Roſa's Bewegungen nachahmte, da ſie von der Blu⸗ menkette, welche Roſa um das Kreuz winden wollte, umſchlungen waren. Alles zeigte Will ſo klar und deut⸗ lich, und ſeine bleichen Wangen erhielten bei der Er⸗ innerung daran eine ſo ſtarke Farbe, ſeine Augen, die noch vor einem Augenblicke einen ruhigen und ſeligen Ausdruck hatten, einen ſo ſieberhaften Glanz, daß die erſtaunte Mutter wohl glauben mußte, Roſa hätte irgend Jemanden auf der Kreuzweide getroffen— wer dieß aber geweſen war, das konnte ſie unmöglich ahnen. Da ſie jedoch von Roſa's Unſchuld und Reinheit — 110 eben ſo überzeugt war wie vor ihrer Unbekanntſchaft mit Allem, was die Liebe betrifft, ſo gab ſie ſich alle erdenkliche Mühe, Will zu beruhigen, und dieſes gelang ihr auch zuletzt in dem Grade, daß ſie von Neuem die Hoffnung und die Dankbarkeit in ſeiner Seele hervorlockte... Als Will ſpäter am Vormittage Roſa in dem unteren Saale traf, wo dieſelbe leiſe ein Liedchen ſingend den Frühſtückstiſch deckte, war er ſo verändert, daß ſie, die ihm mit einem entzückenden und fröhlichen, in jedem Blicke und jeder Bewegung ausgedrückten Willkommen entgegen geſprungen kam, ganz beſtürzt wurde, bald aber noch mehr UÜrſache zur Wedürzung erhielt, als, da ſie ſeine Hand ergreifen wollte, er dieſelbe mit blöder und unbehülflicher Vaubidkeit zurückzog. Es lag eine tiefe Angſt in Will's ganzem Weſen, ſowohl in dem Innern, als auch in dem Aeußern; und V 1 ohne Zweifel war in ſeinen Gefühlen, worin die höchſte Freude und die höchſte Unruhe mit einander kämpften, ein ſonderbarer Tumult. Er war ſichtbarlich bange, mit der geringſten Bewegung ſie, die er niemals genug ſehen konnte, von ſich hinwegzuſcheuchen, und auf der andern Seite ſchien es ihm kaum möglich zu ſein, die Thränen zurückzuhalten. Gewiß wäre er gerne geſtor⸗ ben, der arme Will, wenn er in dieſem wundervollen Augenblicke mit der Sprache der Worte ihr Alles hätte ſagen können, was er dunkel fühlte, wenn er ihr hätte ſagen können, er wollte lieber ein ganzes Leben hindurch unglücklich ſein, ſo ſehr er ſie auch in ſeiner wilden vezüctung anbetete, als ihr den geringſten Schmerz ver⸗ urſachen. „Mein Gott! was ſicht ihn nun an?“ Roſa wollte ſeine Wange ſtreicheln und ſeine Locken in Ordnung legen, was er ſonſt ſo gerne geſehen hatte...„Rolf! weißt Du, mein guter Junge, wie ich mir dieſes erklären ſoll? So betrübt, wenn auch auf eine andere Art als geſtern Abend?“ Sie legte ohne weitere Umſtände ihren Arm in den Will's und zog ihn mit ſich hinweg an den Tiſch, um ihn mit warmem Kaffee und warmem Weizen⸗ bror ſein tmit kliche auch nung teren d den 2, die edem nmen bald s, da löder Zeſen, und bchſte pften, ange, genug if der —, die eſtor⸗ vollen hätte hätte durch vilden ver⸗ vollte nung Rolf! lären tt als ihren n den eizen⸗ brod zu traktiren. Doch Will behielt ſeine Blödigkeit ſeine verlegene Unbehülflichkeit— nichts wollte helfen. „Ach, liebe Mutter! rief Roſa dieſer entgegen, die jetzt eintrat, ſieh doch den Will, wie er ſich vor mir fürchtet, vor mir, die er ſonſt ſo lieb gehabt hat— das kann ich nimmermehr begreifen! Er hat Thränen in den Augen und ſieht mich an, als wollte er mir das Herz nehmen, und dennoch kann ich ihn nicht dahin bringen, daß er mir das geringſte Zeichen gibt!“ „Er hat Dich ſehr lieb, der arme Will, und ich rathe faſt, jetzt, da er erwacht iſt und ſeine Erinnerun⸗ gen geordnet hat, denkt er mit Betrübniß an jenen Abend, da er Dich auf der Kreuzweide aufhielt und da Du Dich ſo fürchteteſt.“ „O! wer hat das erzählt, Mütterchen? Vater ſagte mir, ich ſollte ſchweigen!“ „Will hat es mir anvertraut.“ „O, wirklich? Ja, dann verſtehe ich wohl, daß er es bereut, und der gute Will glaubt, daß ich noch immer daran denke?... Hat er Dir aber auch geſagt, weßhalb er damals ſo wild war? Ich habe ihn ſo noch niemals geſehen!“ „Kannſt Du Dir etwas ſo Sonderbares denken? Der unglückliche Junge, der keinen Menſchen ſo lieb hat wie Dich, hat eine recht wahnſinnige Einbildung...“ „Was für eine Einbildung, liebes Mütterchen?“ „Er dachte— denn Du kannſt wohl verſtehen, daß er mit ſeinen ſonderbaren Phantaſien eine Menge ge⸗ reimter und ungereimter Dinge denkt.“... „Ja wohl— das iſt klar... Aber was dachte er denn?“ „Er dachte, daß die Perſon, in deren Geſellſchaft Du Dich befandeſt, Dich gar ſehr intereſſirte.“ Als Amelie dieſes ſagte, erſtaunte ſie, daß ſie eine hohe Röthe auf Roſa's Wange, eine leichte Verwirrung in ihrem ganzen Weſen erblickte. „Wer war denn derjenige, den Du dort trafſt?“ In dem Blicke und in dem Tone der Mutter lag eine —;—x:——:Ox 112 Ruhe, welche in dieſem Augenblicke ihr Inneres keines⸗ weges hatte.„Will ſcheint das nicht zu wiſſen.“ „Es war.. es war— der Capitain Stanger⸗ ling!“ Und wiederum zog ſich eine Purpurwolke über Roſa's liebliches Geſicht. Die Mutter wendete ſich ab— ein Stich von tödt⸗ licher Unruhe ging durch ihre Seele. Dreizehntes Capitel. Sehnſuchtsſieber auf dem Lande. Hm!. der Henker! Du verlierſt ja immerwäh⸗ rend den Takt! Gib die Flöte lieber der Madame Lona!“ Albin lächelte, um Entſchuldigung bittend, dem Pfle⸗ gevater zu, welcher mit der Violine unter dem Kinn in vollem Spiele vor dem Notenpulte ſtand und mit dem Violinbogen ſchlug, ſobald Albin ſich der geringſten Un⸗ aufmerkſamkeit ſchuldig machte. In der letzten Hälfte ging das Duett ziemlich; doch nur mit einer ſüßlich⸗ſauren Miene, welche hinlänglich verkündigte, daß der Alte nicht zufrieden war, legte die⸗ ſer die Lioline weg und winkte Madame Lona zu ſich. „Lieber Vater,“ ſagte Albin, indem er die Flöte auseinanderſchob und ſie auswendig und inwendig be⸗ ſah,„ich verſtehe dieß wahrhaftig nicht.“... „Wenigſtens... ol es iſt doch der Teufel, daß die Gicht wieder im Körper hin und her zu fliegen be⸗ ginnt... wenigſtens wirſt Du die Urſache wohl nicht in der Flöte finden!“ 3 „Ich bin vermuthlich im Sommer, da ich meiſtens freie Phantaſten blaſe, ein wenig zurückgekommen!“ „Ach ſo! alſo weil Du die Phantaſten weggeblaſen haſt, darum gehſt Du hier zu Hauſe und vertrödelſt den Tag, anſtatt daß Du die kurze Zeit benutzen ſollteſt, da man noch auf freies Waſſer rechnen kann?“ ines⸗ ger⸗ über tödt⸗ 113 „Lieber Vater,“ entgegnete Albin mit großer Sanft⸗ muth,„es kann doch wohl nimmermehr Deine Mei⸗ nung ſein, daß ich den Tag vertroͤdle? Wenn ich nicht in der Stadt und mit der Zurüſtung meines Seefräu⸗ leins beſchäftigt bin, ſo bin ich ja bald im Walde, bald in der Scheune, bald zu Deiner eigenen Dispoſition— kurz überall, wo man meiner bedarf.“ „Das iſt allzu ſchön; doch ſowohl das Seefräulein und der Wald und die Scheune, als auch ich können ohne Dich ſein— was Dir fehlt, das iſt nur Ent⸗ ſchloſſenheit und Kraft!“ „Nein, mein guter Vater!“ erwiederte Albin, der nun endlich die alten Spitzen verſtehen mußte, Ent⸗ ſchloſſenheit und Kraft fehlen mir gewiß nicht, denn, wollte ich auch ſogar meine Grundſätze brechen, ſo...“ „Verſchone mich doch mit dieſen verdammten Grund⸗ ſätzen! Da iſt es beſſer, wenn ein junger Mann bis⸗ weilen über die Stränge haut, als wenn er ſo Schritt für Schritt in dem Sielenzeuge der Grundſätze ſpazieren geht! Ich werde böſe, hörſt Du— hol' mich der T—, wenn ich das nicht werde!“ „Wollteſt Du aber damit nicht lieber warten, bis ich erklärt habe, was ich zu ſagen hatte?“ „O, das weiß ich ſchon auswendig: Du willſt ein rundes Jahr gehen und überlegen; waͤhrend dieſer Zeit weht die Windfahne heute hierhin und morgen dorthin, bis es endlich ſo ſtill wird, daß ſie weder vorwärts noch rückwärts geht... Iſt darin aber die geringſte Ver⸗ nunft für einen Liebhaber der... hue, hue!“— Der Alte begann ſo fein zu blaſen, als wollte er Federn entfernen—„auf Liebeswolken und Roſengewölk und wie das Zeug alles heißen mag... genug: fliegen müßte er und nicht gehen wie ein alter hölzerner Bock! „Darf ich nun fortfahren, Vater, wo ich anfing?“ „Ja, ja— aber ich will kein Wort hören von dem dummen Verſprechen, das Du mir entlockteſt, daß ich nämlich nicht eher etwas ſagen wollte, als bis Du ſelbſt Der Jungferthurm. III. 8 114 kämeſt und ſagteſt: ſo, Vater, nun iſt's fertig! denn ſchweige ich bis dahin, ſo müßte ich ſchweigen, bis ich in meinem Grabe läge... Jetzt rede, wenn Verſtand in Demjenigen liegt, das Du zu ſagen haſt!“ „Das magſt Du ſelbſt entſcheiden, Vater!“ So geh denn drauf los!“ Wollteſt Du auch ſogar Deinen Grundſatz brechen—“ an dieſe Deine Lieblings⸗ phraſe wollteſt Du ja anknüpfen?“ „Ganz richtig, Vater, und die Fortſetzung lautet ſo: Wollte ich auch meinen Grundſatz brechen, nämlich den, mich lieber ein ganzes Jahr lang der peinigenden Sehn⸗ ſucht zu unterwerfen, was eben ſo viel bedeutet als mich ein Jahr lang zu prüfen, als mich durch eine übereilt abgeſchloſſene Verbindung möglicherweiſe in der Zukunft der Reue auszuſetzen, ſo diente mir dieſe Nach⸗ giebigkeit dennoch zu gar nichts, denn im Mörk'ſchen Hauſe ſteht es jetzt ſo, daß kein Freier, und am aller⸗ wenigſten vielleicht ich, angenommen werden, geſchweige denn willkommen ſein würde.“ „Aha, Du haſt Deine Nachrichten gehabt— haſt alſo doch die Zeit nicht ſo ganz verſchlafen!... Laß hören, mein Junge, was Du vernommen haſt!“ „Als ich in dieſem Sommer die letzte Reiſe machte und keine Fracht nach Wisby erhalten konnte, ſo be⸗ ſchloß ich auf der Rückkehr von Holland auf irgend eine Art meinen Wunſch erfüllt zu ſehen.“ „Beginnt gut zu werden! Du bekamſt ja aber auch dort keine Fracht?“ „Nein, ich wollte aber dennoch nach Wisby.“ „Hm, hm— ſehe nicht recht klar, wie das zuge⸗ hen ſollte!“ „Alles, was man recht ernſtlich will, das geht auch! Du kannſt Dir wohl denken, daß ich nicht um nichts und wieder nichts mit dem berühmten Capitain Don⸗ nert gereist bin: ich entſann mich ſeiner wunderbaren Erfindung rückſichtlich der Strömungen und der Abwei⸗ chung des Compaſſes.„Du darfſt,“ ſo ſagte er zu mir, „Dich nie an den Kurs kehren, den ich ſteuere, um dar⸗ 115 nach den wirklichen zu beurtheilen, denn es geſchieht oft, daß ich mich bei meinen Berechnungen genöthigt ſehe, nordwärts zu ſteuern, wenn ich eigentlich ſüdwärts kom⸗ men will. Das Alles aber wird Dir deutlich werden, wenn Deine Erziehung erſt ſo weit gediehen iſt, daß wir in das tiefere Wiſſen eindringen konnen.“ „Ha ha ha, Du Schalk!— jetzt glaubſt Du, ſo weit gekommen zu ſein?“ „So ungefähr, Vater, und darum fürchtete ich auch gar nicht, daß nicht ein Sturm, eine Windſtille oder dergleichen eintreffen würde, wenn ich in jenes Fahr⸗ waſſer käme... Ja, ja, Vater, ich will nicht einmal dafür bürgen, ob nicht der alte Junge ganz unver⸗ muthet dem Unglücke hätte ausgeſetzt werden können, eine kleine Haverie zu machen— irgend wie muß doch wohl ein armer Seemann Rath ſchaffen köͤnnen, um hin zu kommen, wohin er will?“ „Der Henker hätte Dich geholt, wenn Du mit dem alten Jungen um Deines verrückten Liebesfiebers willen Haverie gemacht hätteſt! Schämſt Du Dich denn nicht, Junge, einem alten Geſchäftsmanne mit ſolchem Ge⸗ ſchwätz zu kommen?“ „Immer beſſer, lieber Vater, wenn ein junger Mann bisweilen über die Stränge haut, als wenn er Schritt für Schritt in dem Sielenzeuge der Grundſätze geht!“ „So ſo! es ſteht ſo mit dem Reſpekt, daß Du es wagſt, meine Weisheitsſprüche zu eitiren!... Was denkſt Du von einer ſolchen Unehrerbietigkeit, Nadame Lona? So naſeweis Du auch biſt, haſt doch Dich dennoch nicht erdreiſtet, mit ſolchem Zeuge hervorzutreten!... Soll mich übrigens wundern, was den alten Jungen rettete; denn wenn ich mich nach demjenigen richten kann, was jetzt auf Deinem Geſicht und in Deinen Augen zu leſen iſt, ſo will ich gar nicht darauf ſchwören, daß Du nicht eine größere Thorheit hätteſt begehen kön⸗ nen, als für Deine Grundſätze wünſchenswerth gewe⸗ ſen wäre.“ „Siehſt Du, Vater—“ Albin fuhr mit der Hand 8 über die heißen Wangen, die flammenden Augen, welche ſich die Erlaubniß nahmen Alles zu verrengen. was in den Herzen wohnte—„am Abende, als ich aus dem Hafen laufen wollte, traf ich zufällig einen Schiffer aus Gottland, und ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihn ſoviel als möglich zu pumpen. Er hatte eine ſchnelle Reiſe gemacht, ſo daß die Nachrichten leider neuer waren, als ich wünſchte— wären ſie alt gewe⸗ ſen, ſo hätte ich mich mit der Hoffnung tröſten können, daß ſeit ſeiner Abreiſe eine Veränderung in Wisby ein⸗ getreten wäre.“ „Nun wie klangen denn die Neuigkeiten?“ „Sehr betrübt: der Großhändler Mörk war um eben die Zeit krank geworden, da ich Wisby verließ.“ „Kleinigkeit!— das weiß ich ja auch aus der Ant⸗ wort des Buchhalters auf das Geld, welches Stensſon für das Korn remittirte!“ „Ja, Vater, das iſt wahr, aber das wußte ich damals nicht, denn als ich von Gefle abſegelte, ſo war das Geld noch nicht angekommen. Eine Krankheit aber kann von vielerlei Art ſein, und ein Buchhalter wird in ſeinem Briefe an einen fremden Geſchäftsmann ge⸗ wiß nicht verrathen, was ein ganz unintereſſirter Menſch einem andern eben ſo unintereſſirten erzählt, verſtehſt Du, Vater?“ „Ich verſtehe!... Und der unintereſſirte Mann erzählte?“ „... myſtiſche Dinge von der traurigſten Art. Er wollte wiſſen, daß der Großhändler an keinem Fieber, ſondern an einer Geiſteszerrüttung litt; er ſoll bisweilen ganz wild ſein und über ſo viele ſonderbare Dinge phan⸗ taſiren, daß man gefürchtet hat, es ſtände zwiſchen ihm und ſeinem Gewiſſen nicht Alles auf einem guten Fuße, und dieſe Anſicht wurde, nach der Meinung des Erzäh⸗ lers, noch mehr dadurch beſtätigt, daß das Haus allen Beſuchenden verſchloſſen war. Während der letzten Tage kam kein Menſch dahin, denn um es gänzlich abzuſper⸗ ren, zog die Familie am Tage vor der Abreiſe des 117 Capitains B.. von Wisby auf das Land, wo ſie bis ſpät in den Herbſt hinein zu bleiben denkt. Und nach allen dieſen Nachrichten ließ ich die Grundſätze wieder am Steuerruder Platz nehmen, denn wozu ſollte es nun noch dienen, meinen gefährlichen Einfällen zu folgen? Ich konnte und wollte diejenige, welche ich ſuchte, an keinem andern Orte treffen, als in dem Hauſe ihrer Eltern.“ Der T— hole eine ſolche ärgerliche Geſchichte— und nun vergeht der ganze Winter!“ „.. und der Frühling und der Sommer; denn da aus meiner Reiſe jetzt nichts wurde, ſo wird auch vor dem nächſten Herbſt nichts daraus. Dann aber, nach⸗ dem mein ſtolzes Seefräulein ihre Formen in den Wo⸗ gen des mittelländiſchen Meeres gebadet hat, wirft ſie an bine ſchönen Herbſttage auf der Rhede von Wisby die Anker.“ „Und wenn dann der junge Befehlshaber,“ fuhr der Alte fort,„an das Land tritt, um der Dame ſeiner Gedanken die Aufwartung zu machen, ſo wird er unver⸗ gleichlich angenehm überraſcht, zu finden, daß ein ſchlauerer Gönner, anſtatt auf der Rhede von Wisby das Anker zu werfen, in dem Herzen des Mädchens beigelegt hat. Er⸗ gebenſte Dienerin, Herr Capitain— ich kann nicht die Ehre haben: bin ſchon aufgeboten zu dem ehelichen Contretanz!“ „Lieber Vater! wie kannſt Du es wohl über das Herz bringen, ein ſolcher Unglücksprophet ſein zu wollen?“ ſagte Albin, halb böſe und halb ärgerlich.„Ich kann doch jetzt wohl nicht reiſen wie ein Verrückter, da ich weiß, daß es ganz nutzlos wäre, und da ich doch auf jeden Fall noch nicht ſo bald um ihre Hand anzuhalten denke! Nein, das Jahr ſoll erſt zu Ende gehen, und zwar um ſo beſtimmter, als der Umſtand, daß aus mei⸗ ner beabſichtigen Extratour nichts wurde, mir die feſte Ueberzeugung eingegeben hat, der Herr ſelbſt habe mir dadurch gezeigt, daß mein erſter Plan der beſte war.“ „Nun ſo bleibe denn bei Deinem erſten Plan, mein 118 Junge! Inzwiſchen könnte es ſich wohl ereignen, daß Du Dir noch einmal ein Stück Erfahrung kaufen mußt, woraus Du ſpäterhin Nutzen ziehen kannſt!“ „Lieber Vater! ſiehſt Du denn wohl den allergering⸗ ſten Schimmer von Vernunft darin, wenn ich glauben könnte, daß ich, der ich ſo wenig bekannt bin und der ich noch dazu den Großhändler Mörk ſo ſchrecklich be⸗ leidigt habe, dennoch in einem Hauſe voller Unruhe und Zweifel, wo man nicht einmal die nächſten Bekannten zuläßt, entgegengenommen und zum Umgange eingeladen werden ſollte? Und um dort zu liegen, und die Leute ſich darüber wundern zu laſſen, daß ich dieß ohne Urſache und ohne Raiſon thue, darin kann ja gar keine Idee liegen!“ „Ich halte mit Dir, daß dieſe Zeit nicht die paſ⸗ ſendſte iſt— übrigens kümmere ich mich um die ganze Geſchichte nicht: die Gicht ſteigt bald zum Magen hin⸗ auf und dann iſt's aus... Komm, Madame Lona, und tanze mir etwas vor!“ „Mein beſter Vater, ſei nun nicht böſe, denn unter uns geſagt bin ich verrückter als ich ſelbſt geſtehen will!“ Nachdem Albin in aller Eile dieſe Worte geſagt hatte, drückte er die Hand des Alten und ging hinauf in ſeine eigenen Zimmer, welche eine kleine Ecke der großen oberen Wohnung bildeten. Hier kam eben Bas, der im Winter gleichfalls auf Furuwik wohnte, ſeinem Capitain entgegen. „Hörſt Du, Conſtabel, weißt Du Rath gegen eine Krankheit, die oft genug über mich kommt, wenn ich auf dem Lande bin, und die man Langeweile nennt?... Setze Dich und ſchlage Deine Sprachlade auf— Du pflegſt immer etwas zu wiſſen!“ „Ich bin heute nicht bei Humor, Capitain; da wir nun aber auf ſtillſtehendem Grunde ſind, ſo ſetze ich mich mit Erlaubniß... ho ho!“ „Der Tauſend! was für Luſtiges ſoll daraus wer⸗ den? Biſt Du krank?“ 119 „Nein, aber ich hatte in dieſer Nacht einen ſo ſon⸗ derbaren Traum.“ „So laß ihn hören!“ „Ich träumte von Poll— das habe ich ſeit langer Zeit nicht gethan... Ach, Herr Gott, daß doch das Herz ſo zähe ſein ſoll! Geht es aber ſo wie ſie mir in dieſer Nacht verkündigt hat, ſo biegt es ſich wohl noch einmal nach der Seite, daß ich an den Sternſhawl den⸗ ken kann.“ „Der Tauſend, Kamerad! Da würdeſt Du wieder aufleben! Was verſprach ſie Dir denn?“ „Ja, ſie ſagte ſo:„Bas,“ ſagt' ſie,„jetzt nehme ich Dir für immer die ſchwere Bürde ab, mich ſtets Dir nachzuſchleppen, ohne daß Du etwas von mir erhältſt. Du ſollſt Dein Herz einer feinen, ſchwarzäugigen, roſen⸗ wangigen Gottländerin zuwenden, und ich werde ſie Dir zeigen, ſobald es Zeit iſt. Sei nun ruhig und zufrie⸗ den und verlaß Dich auf mich: ich will es ſchon ſo ein⸗ richten, daß Du bezahlt wirſt für alle Seufzer, die ich Dir gekoſtet habe. Und zum Zeichen, daß Du wiſſen mögeſt, wann die Rechte in Deinen Weg kömmt, ſo ſoll ſie Dein Lieblingslied: die Katz' iſt doch mein Geſchwiſter⸗ kind, ſingen“... Und als ſie ſo geſagt hatte, war es mir, als verſchwände ſie in einer prächtigen Silberwolke mit roſenrothen Streifen... Vielleicht iſt ſie todt, weil ſie mir gleichſam aufſagte!“ „Nun es war keinen einzigen Tag zu früh, und wäre ich in Deinen Kleidern, ſo fühlte ich mich, anſtatt ſchlechten Muthes zu ſein, leicht wie ein Vogel. Man wird eheſtens ſehen, daß Du Dir eine hübſche Gottlän⸗ derin kneifſt!“ „Es geht wohl ſo leicht nicht, ſie zu finden; doch kommen wir noch einmal hin, ſo will ich mich richtig umſehen, denn da ich nun doch einmal im Zuge bin, ſo will ich Ihnen ſagen, Capitain, daß es mir in's Kreuz und in die Quere durch das Herz ſchnitt, als ich⸗ dort zu Hauſe war und mir vorkam wie ein verirrter Wallfiſch; alle Menſchen blickten mir ſo ruhig in das Geſicht— kein Menſch dachte daran, daß Olle Bas an demſelben Orte die Sonne hatte aufgehen ſehen, wie ſie... Nun nun, ſie waren dennoch ehrliche und gute Leute— und komme ich an einem hübſchen Häuschen vorbei, aus dem mir eine ſchöne Stimme entgegen klingt, ſo...“ .„So gehſt Du hinein?“ „Ja, Herr Capitain, das thue ich!... Doch es iſt wahr, ich redete geſtern, da ich in der Stadt war, mit einem Wisbyer...“ „Was ſagſt Du?— davon haſt Du mir noch gar nichts erzählt!“ „O Tauſend,“ ließ ſich Bas mit der ernſthafteſten Miene vernehmen, hinter welcher gleichwohl ein kleiner Schelm verſteckt lag,„ich konnte ja nicht wiſſen, Herr Capitain, daß Sie das für ſo wichtig hielten!“ „Ich habe nicht geſagt, daß ich es für wichtig halte; aber Orte, wo man geweſen iſt, haben immer einiges Intereſſe.“ „O, das haben Sie noch nie geſagt, Herr Capitain! Ich traf auch einen Göteborger und einen Weſterwiker und... „Still, Schwätzer— ich frage wohl nicht nach der ganzen Welt!... Hörteſt Du etwas Neues von Wisby?“ „O, das war nur etwas altes Neues. Patron Mörk ſoll den letzten Vers ſingen; ſie glauben, er wird nicht den Winter über leben, und ſie ſagten, er ſpukt ſchon draußen auf Elfhagen, wo ſie ein Famliengrab haben... Wie Schade, daß Sie nicht hinkamen!“ „Sonſt hört man weiter nichts?“ „O ja; eine der Mamſellen hatte ſich in der vori⸗ gen Woche verlobt.“ „Bas!“— Albin ſprag mit einer ſolchen Heftigkeit auf, daß er den Tiſch beinahe umgeworfen hätte—„ich glaube, Du machſt Dir ein Vergnügen daraus, Sachen aufzutiſchen, mit denen es Dir nicht anſteht zu ſcherzen!“ Bas behielt ſeine unverwüſtliche Ruhe bei.„Ich bitte um Verzeihung, Herr Capitain, wenn etwas Un⸗ 3 an wie gute cchen egen s iſt mit gar eſten iner Herr lte; iges ain! diker der y?“ körk ticht hon ori⸗ keit zich hen n 144 Ich Un⸗ 121 paſſendes darin liegt, daß ich die Neuigkeiten erzähle, welche ich gehört habe; aber Sie hatten es mir ja ſelbſt befohlen!“ „Ich fragte nach Neuigkeiten von Wisby; doch keineswegs habe ich begehrt, daß Du dichten ſollteſt!“ „Ich möchte ergebenſt fragen, Herr Capitain, ob Sie mich jemals auf Unwahrheiten ertappt haben? Log der Bootsſchiffer, ſo lüge ich ebenfalls; doch mag der Nir mich reiten, wenn ich nicht ſelbſt gehört habe, was ich erzähle!“ „Sie iſt alſo verlobt?“ „Ja, eine von den Mamſellen iſt verlobt!“ „Hörteſt Du denn den Namen nicht?“ „Ja gewiß hörte ich den Namen; doch da Sie es ſo übel nehmen, wenn ich mir Mühe gebe Sie zu unter⸗ halten, ſo iſt es wohl das Beſte, wenn ich nicht länger beſchwerlich falle.“ „Bas! Du darfſt es mit einem übereilten Worte ſo genau nicht nehmen— Du weißt ja, daß ich von Na⸗ tur ein wenig hitzig bin!... War ſie es, die Dir ſo ſehr gefiel?“ „Glauben Sie, Herr Capitain, ich würde damit ſo plump hervorgekommen ſein?“ antwortete Bas mit einem dreiſten Blick auf das erröthende Geſicht ſeines Capitains.„Ich weiß noch recht gut, welche Beſchwerde Sie ſich machten, mich auf das Weiche zu legen, als Sie mir den Brief von Mutter Kitty vorlaſen, in wel⸗ chen ſie Poll's Untreue erzählte!“ Albin erwiederte kein Wort; er ſchwieg, war zufrie⸗ den und lächelte Bas an, welcher mit ſeiner Feinheit unbeſchreiblich zufrieden war. „Nein, Capitain, nun ſoll's wohl vom Stapel lau⸗ fen: es war die älteſte Mamſell, welche ſich verlobte.“ „Gott ſei Lob und Dank!“ Albin holte unermeßlich Athem.„Alſo hat der Lieutenant Saltzwedel ſeine Herz⸗ allerliebſte wieder bekommen!“ „Nein, ſo hieß der Bräutigam nicht; ein Lieutenant aber war es.“ 122 „O der Tauſend, o der Tauſend! mein unglücklicher Rath wird doch wohl nimmermehr eine ſolche Frucht getragen haben? War es der Lieutenant Victor H...“ „Ganz richtig, Herr Capitain: er war früher mit der andern Schweſter verlobt!“ „Das iſt ganz unbegreiflich— wie hat das zu⸗ gehen können?“ Und der Capitain verſank in Gedanken, denen ihn Bas bald ganz überließ. Der ehrliche Bas war ſtets ſo ſeelenvergnügt, wenn er ſeinem Capitain einen Wink geben konnte, daß er die Lage der Dinge ebenſo gut verſtände, als der Capitain ſelbſt. Albin eilte mit ſeiner Neuigkeit zu Papa Stanger⸗ ling, welcher kopfſchüttelnd meinte:„Sonderbare Da⸗ men!.. müſſen eben nicht ſo unbezwinglich ſein... ſehr leichtſinnig! Weiß Gott, ob es doch nicht das Beſte iſt, wenn Du bei Deinen Grundſätzen bleibſt— ich glaube, ich werde mich nicht länger darüber ärgern!“ Albin war vollkommen überzeugt, daß dieſes Be⸗ nehmen der Thekla, dieſer ernſten, ruhigen und keines⸗ weges ſehr zugänglichen Thekla, eine geheime Urſache hätte; wie es aber auch ſein mochte, ſo kam er in eine weit fröhlichere Laune, als vorher, denn man braucht nur den Vorgeſchmack eines großen Unglückes zu em⸗ pfinden, aus welchem nichts wird, um ſich augenblicklich ſo glücklich zu fühlen, als hätte man eine ganze Ver⸗ ſtärkung ſeiner Lebenskräfte erhalten. An dieſem Abende erhielt der Capitain etwas, das ſeine Gedanken ziemlich zerſtreute; dieß war ein Brief, deſſen Inhalt wir für das folgende Capitel aufſparen. mer Bitt Aus jetzt mög meit Erſt an: einſ nich gen⸗ lich bald den däch iſt eine Alb leſen 123 Vierzehntes Capitel. Der letzte Wunſch. „Herr Capitain! Eine unglückliche, von Krankheit, Qual und Kum⸗ mer tief gebeugte Frau wagt es, Sie zu erſuchen, Ihrer Bitte beizuſtimmen und ihr eine Stunde zu ſchenken. An der Thür des Grabes hat das Leben ein anderes Ausſehen, als ehedem, und mein höchſter Wunſch iſt jetzt, durch eine richtige Anwendung meines großen Ver⸗ mögens Alles wieder gut machen zu können, was in meinem Wandel zufolge meiner Erziehung nicht gut war. Erſt vor wenigen Tagen kam ich hier auf meinem Gute an: ich wünſche in dem Lande zu ſterben, welches mich einſt gebar und dann verſtieß. Ich kann, ich will mich nicht an diejenigen wenden, die einſt meine Glaubens⸗ genoſſen waren: nur bei einem Chriſten ſucht das chriſt⸗ liche Weib Hülfe und Troſt. O, kommen Sie darum bald! Verjagen Sie aus Ihrem Gedächtniſſe das An⸗ denken an jene Augenblicke, welche aus meinem Ge⸗ dächtniſſe laͤngſt verwiſcht ſind! Die Zeit des Wahnes iſt verſchwunden— ich harre geduldig der Morgenröthe eines neues Tages. Suſanne Ennes.“ „Ich muß zu ihr— ich kann nicht anders!“ hatte Albin in dem Augenblicke geſagt, da er den Brief ge⸗ leſen hatte, und noch am folgenden Morgen ſagte er ſo. „Wenn ſie Dich nun aber täuſchte, wenn ſie ganz wider alle Vernunft noch ein Gefühl gegen denjenigen nährte, welcher vielleicht gerade durch ſeine Undankbar⸗ keit das Feuer angefacht hat?... Nein, das iſt undank⸗ bar: ich habe ſie ſeit mehr denn vier Jahren nicht ge⸗ ſehen— ſie muß jetzt ſchon alt ſein... Ach, welche Freude, wenn ich im Stande wäre, durch einen klugen⸗ und guten Plan ihr Vermögen zu großen und edlen End⸗ zwecken fruchtbar zu machen!... Ja, ich reiſe, reiſe 124 beſtimmt! Hat ſie mich zum Beſten, ſo ſteht es mir ja frei, ihr meine Verachtung zu zeigen und ihr den Rücken zuzuwenden.“. Papa Stangerling bekam aber von dem Briefe nichts zu wiſſen; denn wenn Albin das kleine Mißgeſchick haben ſollte, daß ſeine alte Leichtgläubigkeit ihm einen Streich ſpielte, ſo war es das Beſte, wenn er allein lachen konnte. Und Albin verließ Furuwik unter dem Vorwande, er wollte dem Seefräulein ſeine Aufwartung machen. Das Gut der Frau Ennes lag ungefähr drei Mei⸗ len von dem des Herrn Stangerling entfernt, und als Albin an der Grotte vorbeikam, wo er bei ſeinem erſten Beſuche das kleine Duett zwiſchen dem Quaſi⸗Capitain und ſeinem Steuermann mit angehört hatte, konnte er nicht anders als lachen; doch zu gleicher Zeit empfand er ein Gefühl von ruhiger Freude bei dem Gedanken daran, daß der alte Capitain nun nicht länger als ein Opfer ſeiner eigenen Schwäche gepeinigt wurde, ſondern in Ruhe ſchlief. Als der Capitain auf den Hof des Hauſes ge⸗ fahren war, welches mit ſeinen herabgelaſſenen Roll⸗ gardinen und ſeinem Mangel an lebendigen Weſen faſt wie ausgeſtorben ausſah, öffnete ſich nach Verlauf einiger eit die Hausthür und ein paar von den Hausleuten zeigten ſich mit langen Geſichtern, ſo wie diejenigen ſie ſich immer aufſetzen, welche ſich in einem Hauſe befin⸗ den, auf deſſen Schwelle der Tod ſitzt. „Ich hoffe, Frau Ennes wird noch nicht ganz ohne Hoffnung ſein?“ begann Albin, um ein wenig in die Zuſtände eingeweiht zu werden. „Ach,“ ſeufzte die Jungfer— und der Knecht, wel⸗ cher das Pferd entgegen nahm, ſtutzte auch—„es iſt wohl bald aus!“ „Iſt kein Doctor hier?“ „Er reiste vor einem Augenblicke ab.“ „Geh und ſage der Frau Ennes, daß Capitain Stangerling warte, wenn ſie aber ſehr krank iſt, ſo daß ſie mich nicht entgegen nehmen kann, ſo habe ich gar keine Eile.“ Das Mädchen kam bald mit der Nachricht zurück, daß ihre Gebieterin den Herrn Capitain willkommen hieße, und daß ſie hoffte, in einer Stunde mit ihm reden zu können. Albin ließ ſich inzwiſchen in ein Zimmer führen, welches, wenn er aus den darin enthaltenen Bequem⸗ lichkeiten ſchließen durfte, ihn erwartete; und ſobald er allein war, warf er ſich ganz nachdenklich auf den wei⸗ chen Diwan, während ſein Blick ohne beſtimmtes Ziel an den Wänden und Möbeln umherirrte. Der kurze Herbſttag neigte ſich ſchon ſeinem Ende zu aber der Schimmer von den roſenfarbigen Wachs⸗ lichten in den mit Silber und Bernſtein eingelegten Arm⸗ leuchtern auf den hohen Porphyrſäulen zu beiden Seiten des mittleren Wandſpiegels warfen ein hinlängliches Licht über eine Pracht, für welche eine reichere Beleuchtung vielleicht nicht ganz ſo günſtig geweſen ſein würde. „Dieſe Zimmer,“ murmelte der junge Capitain, „müſſen verſchloſſen geweſen ſein, als der alte Ennes hier allein wohnte— wenigſtens habe ich ſie niemals ge⸗ ſehen... auch hätte ich es nimmermehr von der Mutter Steuermann geglaubt, daß ſie einen ſo ausgebildeten Schönheitsſinn hätte. Welche herrliche Venus!... Ach, ja! eine ganze Gemäldegallerie!... Lauter koſtbare Kunſt⸗ werke!... Man ſieht doch, daß Mutter Steuermann ihren männlichen Geſchmack nicht verläugnet: die hurtige Ama⸗ zone meint über alle Prüderie erhaben zu ſein... Herrlich, ſuperbe!— welch ein Arm, welch ein Kopf, welch ein Hals!“ Und den einen Leuchter ergreifend begann Capi⸗ tain Albin in der Gemäldegallerie auf und ab zu ſpa⸗ zieren, und dabei wurde ihm die Zeit keineswegs lang. Die Stunde verging wie einige Secunden, und Al⸗. bin faßte eben den eigennützigen Gedanken auf, wie aus⸗ nehmend paſſend es ſein wuͤrde, wenn Mutter Steuer⸗ 126 mann ihm für ſeine künftige Arbeit mit dem Ordnen ihres Nachlaſſes die ganze Gemäldeſammlung vermachen wollte, als die Thür aufging und das Mädchen ver⸗ kündigte, daß ihre Herrin wartete, dabei aber auch den Herrn Capitain erſuchte, ſehr leiſe aufzutreten, da die eringſte Bewegung und der leiſeſte Laut der Kranken Hein verurſache. „Arme Frau!“ ſagte Albin in ſeinem guten Herzen, „wie bitter muß es wohl für ſie ſein, ihre vorige Kraft mit der jetzigen müden Schwäche zu vergleichen! Viel⸗ leicht denkt ſie jetzt mit Abſcheu und Entſetzen zurück an den Tag, da ihr elaſtiſcher Fuß die Planken des Flieg⸗ ſiſches betrat, da der Blitz ihres Auges ihren Unter⸗ gebenen deſpotiſche Geſetze gab, und da ihre Herrſcher⸗ worte weit um ſie her klangen!... Ach, dieſe Erinnerun⸗ gen fliegen jetzt nur als bleiche, matte Schatten an ihrem Lager vorbei, während vielleicht andere verweilen und ihr drohende Bilder zeigen, welche ebenſo brennend ſind wie der Himmel in dem Lande, wo ſie erzeugt wurden! Welche ſchrecklichen Bilder verfolgen ſie wohl, welche Maſſen ſchwarzer Köpfe erſcheinen über den Vorhängen ihres Bettes, wenn ſie dieſelben vorzieht! O, i kann ihre Pein, ihre Reue begreifen— und gebe Gott, daß ich, der ich hier ganz allein ihr ehemaliges Leben kenne, im Stande ſein möge, ihrem Herzen einen Tro⸗ pfen Troſtes einzuflößen!“ Unter dieſen Gedanken hatte Albin mehrere koſtbar möblirte Zimmer paſſirt und ſtand jetzt mit ſeiner Be⸗ gleiterin vor dem eigentlichen Krankenzimmer, das von keiner Thüre, ſondern von dicken, doppelten Vorhängen von meergrünem Sammet verſchloſſen wurde. Ein Duft, keinesweges von Arzeneimitteln, ſondern viel⸗ mehr von aromatiſchen, wunderlieblichen Gerüchen drang durch die Vorhänge. Albin fühlte ſich plötzlich gleichſam von einer gewiſſen Unruhe ergriffen; er ließ die ſchweren ſeidenen Franſen, die er ſchon hatte theilen wollen, wie⸗ der fallen und blieb unbeweglich ſtehen. Drinnen war es ſtill wie im Grabe, und ſtill wie rdnen achen ver⸗ h den a die anken erzen, Kraft Viel⸗ ck an Flieg⸗ nter⸗ ſcher⸗ erun⸗ hrem d ihr ſind den! elche ngen 127 im Grabe war es rund um ihn her— ſeine Wegwei⸗ ſerin war mit einem leiſen„Dort!“ verſchwunden. „Ich weiß nicht, welche dumme Streiche mir meine Einbildung ſpielt! Ich möchte wohl wiſſen, ob ich nicht hinein zu gehen wagte, wenn der Teufel ſelbſt die Ge⸗ ſtalt der Mutter Steuermann annähme! Eine unglück⸗ liche kranke Frau...“ Er trennte noch einmal die Franſen, noch einmal rauſchte der ſammetne Vorhang, jetzt aber war er offen— Albin trat ein. In dem tiefen, großen und myſtiſchen Zimmer herrſchte eine faſt vollkommene Dämmerung, nicht her⸗ vorgebracht von den Schatten, in welche der Himmel um dieſe Zeit ſich gehüllt hatte, ſondern dadurch, daß eine ſo ſchwache Beleuchtung angebracht war. Zwar brannten mehrere Lampen, aber ſie waren verſteckt in Maſſen von lebendigen Gewächſen, welche mit ihrem ſaftigen und friſchen Grün einen dem Auge ſehr ange⸗ nehmen Contraſt gegen den künſtlichen Mondſchein bildeten. Albin blickte mit ſtummer Verwunderung um ſich her. Er entdeckte weder von einen Krankenbette noch von einer Kranken das geringſte Zeichen; doch ganz hinten im Hintergrunde bemerkte er gleichſam ein kleines Zelt von zuſammengeflochtenen Schlingpflanzen. Dahin ſteuerte er nun ſeinen Schritt und ſtand plötzlich vor einer neuen Draperie, einem luftigen, mit Blumen übergoſ⸗ ſenen Purpurgewebe, auf welchen ein bloßer Hauch hin⸗ länglich zu ſein ſchien, um es zu öffnen. Hatte aber Albin ſchon vor dem ſammetnen Vor⸗ hange gezaudert, ſo zauderte er jetzt noch weit mehr. Konnte es wohl möglich ſein, daß eine kranke, eine ſterbende Perſon an ſolcher weltlichen Spielerei Gefallen fand?... Dieſe Frau aber war ſo ganz ungewöhnlich, daß... Und da er nun doch einmal dahin gekommen war, ſo war es wohl nicht vereinbar mit ſeinen Grund⸗ ſätzen, wenn er nachgäbe, wenn er wie ein Narr um⸗ kehrte— er mußte alſo in der Nähe ſehen, und ſollte er auch ſeinen Vorwitz bereuen. — 128 Ein leichtes Zittern durchbebte ihn, als ſeine Hand die luftige Wand berührte, und als dieſelbe ſich geöffnet hatte, trat er beſtürzt einen Schritt zurück. Was war wohl der Anblick, den er einmal als Jüngling in dieſem Hauſe gehabt hatte, in Vergleich mit dieſem Anblicke, der ſich jetzt vor dem Manne offenbarte, und an welchen ſeine Augen buchſtäblich feſtwuchſen? Durch eine in der Spitze des grünenden Zeltes an⸗ ebrachte gläſerne Kugel, die in ihrem Innern eine klare lamme verbarg, glich der ganze magiſche Tempel einem natürlichen Laubgewölbe, durch deſſen Blätter und Zweige der Mond neugierig herabblickte, und der Schein dieſes Mondes ſpielte auf den grünen Kronen der laubreichen Prachtgewächſe und auf dem auf ihrem Lager von Pur⸗ purkiſſen ruhenden Frauenbilde, welches in einer des größten Meiſters der Antike würdigen Stellung dort ſchlum⸗ mernd lag, mit den Lilien des Todes auf dem Antlitze, aber in jeder Ader mit einem verborgenen Leben voll zuckenden Feuers, verrathen von den wogigen Bewegun⸗ gen des weißen Muſſelins, von dem leichten Zittern der Locken auf dem Arm, der den Kopf ſtützte.— Es vergingen unter ſtummem Schweigen einige Au⸗ genblicke. Albin bewegte ſich nicht von der Stelle; jetzt aber erhob die todkranke Frau die großen dunkeln Augen und heftete dieſelben mit dem Ausdrucke einer träumen⸗ den Niedergeſchlagenheit, eines leidenden und leiden⸗ ſchaftlichen Schmerzes auf ihn, der in ihrem Herzen ein Gefühl geweckt hatte, welches weder die Jahre noch die Entfernung zu tödten vermocht hatten. „Herr Capitain Jentzel!“ liſpelte ſie mit gebrochener Stimme, und dieſe Augen, welche alle Arten von Spra⸗ chen zu reden verſtanden, erſuchten ihn einzutreten; und ein auf der improviſirten Grasmatte liegendes Kiſſen zeigte ihm an, wo er Platz nehmen könnte. Wir müſſen noch hinzufügen, daß er dort auch ohne Zweifel Platz genommen hätte, wenn nicht in eben dem Augenblicke, da er in das Gebiet des geheimnißvollen Tempels trat, 129 dand ein Bild der Unſchuld und der Reinheit, Roſa's kind⸗ ffnet liches und liebliches Bild, nebſt der Erinnerung an die war nänliche Geſtalt auf dem Fliegfiſch ſich zwiſchen ihn und eſem ſie, welche auf dem Purpurbette ruhte, geſtellt hätte. licke, Dennoch war der Zauber noch nicht ganz gelöst, als er lchen ſſiich an ihre Seite ſtellend leiſe fragte: „Welchen Auftrag kann Frau Ennes für einen alten A an⸗ Bekannten haben?“ klare Die geſchwächten Nerven der Frau Suſanne erlaub⸗ inem ten ihr nicht, die Frage zu hören; als jedoch Albin ſich veige näher zu ihr herabbückte und dieſelbe erneuerte, antwor⸗ ieſes tete ſie kaum hörbar:„Er betrifft den letzten Wunſch ichen einer Sterbenden!“ 1 Pur⸗„Um Verzeihung, beſte Frau Ennes! Iſt das wohl des keine falſche Einbildung?— hier ſcheint der Tod nicht lum⸗ zu wohnen!“ litze, Sie ergriff ſeine Hand, und legte dieſelbe auf ihr voll gewaltſam klopfendes Herz.„Fühlen Sie!— iſt das gun⸗ naicht ſchrecklich? Ich ſterbe an den unheilbarſten von allen tder Krankheiten: es iſt Herzſchlag!“ Während dieſe vertrauensvolle Mittheilung in kleinen Au⸗ Unterbrechungen von ihren Lippen floß, hatte ihre Hand Albin's Handwurzel prüfend umfaßt— aber, o weh! 4 aber dieſer Puls würde ſogar die Liebesgöttin ſelbſt in Ver⸗ ugen zweiflung geſetzt haben: die zwei oder drei Takte, die er men⸗ ſchneller ſchlug, als ein Puls in ruhigem Zuſtande ſchla⸗ den⸗ gen muß, waren nicht werth, auch nur eine halbe Hoff⸗ ein nung darauf zu bauen. ) die„Ich bedauere Ihr Leiden von Herzen, Frau Ennes! 1 Stimmt denn aber auch die Ausſage des Arztes überein hener mit der Vorſtellung, welche Sie ſich ſelbſt von Ihrem pra⸗ Zuſtande machen?“ und Bei dieſen in kaltem Tone ausgeſprochenen Worten— iſſen Albin verſtand jetzt Alles, obgleich das Feingefühl ihm üſſen vorſchrieb, ſcheinbar an das Vorhandenſein der angeb⸗ Platz lichen Krankheit zu glauben— flog ein Blitz von Wuth, licke, ungewöhnlich bei einer ſterbenden Perſon, über die trat, Augen der ſchönen Frau; doch beherrſchte ſie ſich und Der Jungferthurm. III. 9 130 antwortete in dem vorigen matten Tone:„Wenn Sie zweifeln, Herr Capitain, ſo fragen Sie den Doctor C., der mich vor einigen Stunden verließ!“ Sie erwähnte es natürlich mit keiner Silbe, daß bemeldeter Doctor ſie in einem ordentlichen Zimmer an⸗ getroffen hatte; ſerner in einem ordentlichen Bette und vor allen Dingen in einer natürlich geſpielten Kranken⸗ rolle, unterſtützt von dem heftigſten, glühendſten Fieber, verurſacht von der Furcht, daß Albin nicht erſcheinen moͤchte, welches Fieber ſie jedoch für ein ſtehendes Uebel ausgab. Sace erlauben Sie mir denn,“ erwiederte der junge Capitain, welcher es nicht nur für klug, ſondern auch für nothwendig erachtete, die gefährliche Unterhandlung ſo bald wie möglich zu beendigen;„ſo erlauben Sie mir denn, Frau Ennes, mich nach ihrem letzten Wunſche zu erkundigen!“ „Ich will ihn offen ſagen, wenn Sie, Herr Capi⸗ tain Jentzel— entſchuldigen Sie, daß ich mich noch immer des alten Namens bediene— mir eine ſolche Offenheit erlauben!“ Albin verbeugte ſich. „Mein Vermögen beläuft ſich auf...“ Sie nannte hier eine Zahl, bei deren Größe Albin zuſammenfuhr. „Ha!“ dachte ſie;„ſollte er endlich den Werth des Goldes kennen gelernt haben?“ „Ha!“ dachte er,„wie vieler armen Neger Schweiß und Blut hat nicht dieſe unerhörte Summe gekoſtet!“ „Ja, dieß iſt mein Vermögen, welches ich ſo an⸗ uwenden wünſchte, daß es für Viele nützlich und frucht⸗ ringend werden könnte. Zu einem ſolchen Zwecke aber iſt es nothwendig, daß mein Teſtament einen Vollzieher vabe, der Herz und Willen hat, für das allgemeine ute zu wirken.“ Jetzt wußte Albin nicht recht, was er glauben ſollte. Wollte ſie, todt oder lebendig, ihren ganzen Reichthum weggeben, um ſich dadurch eine Gelegenheit zu bereiten, große und gute Werke zu üben, ſo wäre ſie doch nicht V 131 ganz verworfen; und mit verdoppelter Aufmerkſamkeit Beuhe er ſich zu ihr mit den Worten herab:„Einem ſo wichtigen Auftrage bin ich allein bei weitem nicht ge⸗ wachſen; wenn Sie mir jedoch einen Vorſchlag geſtatteten, ſo müßte ein Comité gebildet werden, um die beſten Zwecke anzugeben!“ „Dagegen habe ich nichts— doch...“ Sie hielt eine Zeitlang inne. „Ich habe ſie verkannt!“ dachte Albin reuevoll. „Wer einem Andern das Recht gibt, über ſein Vermögen zu verfügen, der muß ſich ſeinem Ende dennoch nahe fühlen: ihre bleiche Farbe, ihre Kraftloſigkeit iſt nicht erkünſtelt; ihre letzte Coquetterie iſt in dem Wunſche aufgeflammt, ſich mir ſo anmuthig wie möglich zu zeigen — das verzeihe ich ihr, und dieſe kleine Sünde wird auch Er, welcher ſowohl die großen Sünden, als auch die kleinen wägt, ihr nicht anrechnen.“ „Herr Capitain Jentzel!“ „Beſte Frau Ennes, reden Sie frei!“ Und Albin dachte nicht einmal daran, daß er in Ermangelung eines Siuhles das Kiſſen einnahm, um ſie beſſer hören zu önnen. „Glauben Sie, Herr Capitain, daß die Lebendigen die Wünſche, welche geäußert werden von denjenigen, die bald keine ſolche mehr ausdrücken können, als ein heiliges Geſetz anſehen werden?“ „Das glaube ich!“ „O, daß es ſo wäre!... Entſchuldigen Sie, wenn ich Sie an eine Zeit erinnere, da ich trotz des Bandes, das mich feſſelte, ein Gefühl zu nähren wagte, das...“ „... Das Sie, zufolge Ihrer eigenen Worte in dem Briefe, längſt vergeſſen haben!“ fiel Albin errö⸗ thend ein. „Verzeihen Sie mir auch dieſe Nothlüge— ohne dieſelbe wäre es mir heute nicht vergönnt geweſen, mich Demjenigen anzuvertrauen, in deſſen Hände ich ſo Vieles⸗ 7 1 4 zu legen wünſchte! 95 13²2 Albin hielt es für das Geeignetſte, hier ein gänz⸗ liches Schweigen zu beobachten. „Eben dieſes unglückſelige Gefühl,“ fuhr das ver⸗ führeriſche Weib fort,„hat meine Kraft gebrochen; vor ihm floh ich von Neuem in fremde Lande: um es zu vergeſſen, warf ich mich bald in den Wirbel der Zer⸗ ſtreuungen, bald in mein altes Lieblingsleben auf dem Meere— nichts ſtillte die Wellen, welche hier tobten, obgleich ich mir tauſendmal die Worte wiederholte, welche mir einen tieferen Schmerz bereiteten, als wenn ich mich mit glühendem Eiſen gebrannt hätte, dieſe Worte: er haßt und verabſcheut Dich! Oft ſah ich bald hier, bald da, wenn auch ungeſehen von ihm, den Mann, deſſen Bild mich verfolgte, und dem ich in der Ferne folgen mußte, indem ich jener geheimnißvollen Macht gehorchte, die den einen Planeten mahnt, den andern zu begleiten. Niemals nahte ſich die Hoffnung meiner Seele; doch als ich Wittwe wurde, da dieſe Hand, nach welcher ſo Viele ſtrebten, frei war, als ich endlich fühlte, daß der kalte Kuß des Todes meine Lippen berührt hatte, da kehrte ich nach Hauſe zurück, um wo möglich die Idee verwirk⸗ licht zu ſehen, welche mich noch allein aufrecht erhielt, nämlich mein ganzes Vermögen auf Ihn übergehen zu laſſen, welcher der ewige Traum meiner Gedanken und Gefühle war und iſt.“ „Unmöglich!“ ſtotterte Albin. „Warum denn unmöglich?“ fragte ſie, da ſie allzu gut ſah, daß ſie in ihm wenigſtens Mitleiden und die Bewegung der Theilnahme erweckt hatte.„Herr Capitain Jentzel! Sollten Sie wohl ſo ſehr eine Frau verachten, welche Ihnen nichts Böſes hat zufügen können, daß Sie nicht für die Pein, ſie einige Tage Ihre Gattin zu nennen, ſich das Recht über ihr ganzes fürſtliches Vermögen verſchaffen wollten?“ „Gattin?“ wiederholte Albin heftig. „Ja wohl, Gattin! Schenke meinem Herzen dieſe himmliſche Freude... verleihe mir den letzten Troſt, Dir, Dir“— ſie ſchlang ihre Arme mit ſolcher Heftig⸗ änz⸗ ver⸗ vor 3 zu Zer⸗ dem bten, elche mich er bald eſſen lgen chte, iten. als giele kalte ihrte virk⸗ zielt, a zu und allzu die tain hten, Sie nen, bgen dieſe roſt, ftig⸗ 133 keit, mit ſolcher Kraft um ſeinen Hals, daß Albin ſich gleichſam gelähmt fühlte und keines Widerſtandes fähig war—„Dir, Dir es zu danken, daß ſich mir hienieden der Himmel öffnet! Jetzt bin ich nicht länger die Gattin eines Andern: ich bin frei, Du biſt frei, und bald wirſt Du noch freier werden, wenn mein Geiſt von Oben herab Dich ſegnet!...“ Jetzt hatte Albin Zeit gehabt, zu ſich ſelbſt zu kom⸗ men; er entzog ſich mit einer einzigen kraftvollen Be⸗ wegung der Feſſel und rief aus: „Jetzt habe auch ich ein Wort zu ſagen: ich verachte tief und ewig diejenige, welche dieſes ſtrafbare Spiel zu ergreifen gewagt hat, um auf die Sinne eines Mannes zu wirken; und wäre dieſes mit Blut beſudelte Vermögen auch doppelt ſo groß, ich kaufte es nicht um dieſen Preis! ... Ich ſollte ein ſolches Unweib, das die Scham ihres Geſchlechtes ſo gänzlich abgeworfen hat, meine Gattin nennen? Nein, meine Gnädige, und tauſendmal nein! Treiben Sie Ihre verächtlichen Künſte, mit wem Sie wollen— bei mir ſind ſie verloren!“ Albin hatte ſich erhoben und ſtand jetzt roth vor Aerger, Verachtung und Abſcheu in ſeinen Blicken mitten in der myſtiſchen Laubhütte. Auf einige Augenblicke ſank Frau Suſanna's Haupt herab auf die gewaltſam arbeitende Bruſt; dann aber flog ſte wie der Blitz oder beſſer wie eine Tigerkatze auf von dem elaſtiſchen Bette, und jetzt war es Mutter Steuer⸗ mann, die ſich mit der ganzen Gewandtheit, welche ſie ehedem in dem Kampfe mit dem Malayen gezeigt hatte, jetzt aber nicht im Spiel, auf Albin warf, welcher kaum Zeit hatte, es ſich ſelbſt begreiflich zu machen, daß die Todes⸗ und Liebesſcene ſehr leicht mit einem Zweikampf auf Leben und Tod endigen konnte. Zu ſeinem größten Glücke machte er ſich jedoch kein Gewiſſen daraus, gegen die außerordentliche Gelenkigkeit und wilde Heftigkeit der Mutter Steuermann vertheidigungsweiſe die Stärke an⸗ zuwenden, welche die Natur ſeinen muskelſtarken Armen verliehen hatte. 134 Dennoch war während mehrerer Minuten der Kampf ungewiß, bis endlich das ſichtbare und fühlbare Beſtreben der Frau Suſanna, ihre ſchmeichelnde Hand mit Albin's Gurgel in Berührung zu bringen, ihm den Muth ein⸗ flößte, gänzlich zu vergeſſen, daß er mit einem Weibe kämpfte. Noch einige Minuten, und die zur Rechten und zur Linken hinſtürzenden Bäume, Spaliere, Laternen und Blumenvaſen bildeten gemeinſchaftlich eine ganze Ruine, die ein um ſo ſichreres Zeugniß ablegte von der doppelten Niederlage der kühnen Amazone, als ſie ſelbſt nach Luft athmend oben auf den von dem Feinde erober⸗ ten Trophäen lag. Doch der Sieger jagte eben ſo heftig hinweg von dem Schlachtfelde, als hätte er mit der Waldfrau ſelbſt ekämpft und fürchtete noch immer, daß ſie iym auf den erſen nachkommen würde........... Es war Nacht, als Albin nach Hauſe kam, und dennoch hatte er am folgenden Morgen die Augen kaum geöffnet, ſo ſtand ſchon Bas mit einem neuen Briefe vor ſeinem Bette. Albin erbrach denſelben und las Folgendes:. „In ein paar Stunden reiſe ich; doch wir treffen uns noch einmal, wenn Du es am wenigſten vermutheſt! Wer auf Rache wartet, wer weiß, daß er nicht fehlen wird, der kann warten!“ 1 Albin hielt es nicht für rathſam, ſeinem Pflegevater etwas von ſeinem Abenteuer zu erzählen; dieſer Auftritt würde ihn gewiß beunruhigt haben, wenn er auch ubri⸗ gens darüber gelacht hätte. „Ich war allzu hitzig,“ ſagte Albin gedankenvoll zu ſich ſelbſt,„ich vergaß meine Grundſätze— ſie war dennoch ein Weib: die Verachtung, welche ich ihr zeigte, verletzte ihre ſchwächſte Seite.... und ſie findet mich gewiß. Jetzt habe ich einen Todfeind!“ mpf eben din's ein⸗ eibe hten rnen anze der elbſt ber⸗ von elbſt den und aum iefe las ffen eeſt! hlen ater tritt bri⸗ voll var gte, nich 135⁵ Fünfzehntes Capitel. Ein Schritt in der Verzweiflung. „Nein, bei Gott, es iſt unmöglich! Dieſer Leichtſinn, dieſe Grauſamkeit läßt ſich gar nicht denken! Sie, ſie ſollte im Stande ſein, mir einen ſolchen tödtenden Schimpf zuzufügen... ſie ſollte ſich ſo verächtlich aufführen Aeher Ich will das nicht öfter hören— ich glaube es nicht!“ So drückte ſich der Lieutenant Karl Salzwedel kaum eine Stunde nach ſeiner Rückkehr aus, indem er mit allen Zeichen einer Gemüthsbewegung, welche Frau Ringeborg vor Angſt ſtumm machten, heftig im Zimmer auf und ab ging. Der Rathsherr, welcher im erſten Augenblicke, noch die Hoffnung friſch und warm lebte, ſeinen Gohn begrüßt hatte, war weislich hinweggeeilt und Tante Taga ebenfalls, ſobald Karl begonnen hatte, von ſeinem Vor⸗ haben, noch heute Abend zu Mörk's hinüber zu eilen— es war der Frau Ringeborg allein vorbehalten, dem Sohne dieſen fürchterlichen Schlag zu ertheilen und ihm Thekla's Verlobung mit dem Lieutenant Victor zu er⸗ zaͤßlen jetzt zitterte ſie vor den 7 olen dieſer Nachricht. „Es iſt ja nicht wahr, liebe Mutter?— Es war nur ein Scherz, nicht übel gemeint, das weiß ich; doch ganz erſchrecklich bitter!“ „Mein Sohn!“ erwiederte Frau Ningehvr mit einer Würde, die ſelbſt in dieſer Stunde der Qual auf Karl Eindruck machen mußte;„kannſt Du wohl glauben, daß Deine Mutter im Stande ſein ſollte, ſo mit Deinem Herzen Scherz zu treiben?“ „O! alſo nicht einmal der geringſte Schein von Hoffnung?“ Seine Züge verwandelten ſich nun immer mehr und mehr; Frau Ringeborg ſah mit Erſtaunen, wie ihr daß ſie ganz beſtimmt glaubte, ihr Karl könnte von dieſer 136 ruhiger und feſter Karl der Uebermacht dieſes fürchter⸗ lichen Schlages unterlag. O wie unrichtig urtheilte nicht Thekla, da ſie glaubte, Karl würde noch in der höchſten Betrübniß ſeiner Liebe ſich von der Vernunft leiten laſſen— eine ſchöne Ver⸗ nunft!... Doch ſie ſoll nichts davon erfahren! „Theurer Sohn! um Deiner Mutter willen komme Dir ſelbſt, und glaube mir: Thekla iſt nicht das kädchen, welches eine ſolche Liebe, eine ſolche Betrübniß verdient!“ „Still, Mutter, ſtill! Wäre mir nicht von meiner Kindheit an ein ſo thörichter und einfältiger Stolz ein⸗ geflößt worden, ſo...“ „Karl, Karl! Zwar biſt Du in dieſem Augenblicke zu betrachten als ein Menſch, der ſeiner ſelbſt nicht bewußt iſt, aber dennoch kannſt Du zu weit gehen— und nun muß ich Dir ſagen: es iſt Deines edlen Blutes und Deiner Ehre ganz unwürdig, eine Schwäche zu zeigen, welche ſich gar nicht rechtfertigen läßt!“ „Ich werde ſie nicht länger zeigen!“ entgegnete Karl und ergriff den Hut. „Wie— himmliſcher Gott! willſt Du das Haus Deiner Eltern, die Liebe und Theilnahme der zärtlichſten Mutter fliehen, um Dich draußen in der Stadt zum Gegenſtande des Spottes fremder Leute zu machen? Soll eine Kälte eintreten zwiſchen Dir und den Deinigen wegen des Einfluſſes einer fremden Macht? O Karl, mein Sohn, mache mir nicht dieſen ſchrecklichen Kummer! Glaube mir: auch die Liebe einer Mutter kann tief und unheilbar verletzt werden!“ Karl hörte nichts. Mit der Hand vor dem Geſichte war er neben dem Nähtiſche der Frau Ringeborg auf einen Stuhl geſunken, und er ſah und hörte nicht, daß er mit dem Arme mehrere von den koſtbaren Artikeln dieſes Nähtiſches auf den Boden fegte. „Ja, nun iſt's hier Zeit zu leben!“ ſeufzte Frau Ringeborg, indem ſie mit einer Sanftmuth, welche bewies, fter⸗ übte, iebe Ver⸗ nme das bniß iner ein⸗ licke nicht utes zu darl aus ſten zum en? gen arl, ier! und chte auf daß keln rau ies, eſer 137 Betrübniß den Tod nehmen, ihre koſtbaren Schwamm⸗ doſen, ihre Herzen und Eier aufſammelte, dieſelben vor⸗ ſichtig mit der Schürze abwiſchte und dann wieder an ihre beſtimmten Plätze hinſtellte. Es gibt Leute, und zu dieſen gehörte Frau Ringeborg, welche nicht einmal der bitterſte Schmerz aus der ge⸗ wöhnlichen Ordnung zu bringen vermag. Noch verſuchte ſie einige Male mit Karl zu reden; da ſie jedoch keine Antwort erhielt, ſo trat ſie in der tiefen Betrübniß ihres Herzens in das Zimmer des Alten, um mit ihm und Tante Taga einen Familienrath zu halten. Der Rathsherr Salzwedel hatte ſchon eine Ahnung von etwas Außerordentlichem gehabt, denn er hatte die alten theuren Riſſe und die Caleulationen bei Seite geſchoben und ſaß jetzt grübelnd da und zwar nicht über ſeine Nachgrabungen— obſchon er in der letzten Nacht eine neue Offenbarung gehabt hatte— ſondern er dachte ganz väterlich darüber nach, welche Freude er wohl von ſeinem großen Funde haben würde, falls er dieſen näm⸗ lich gemacht hätte, wenn ſein lieber Sohn dann ſchon ungluͤcklich geworden wäre. Zwar hatte der alte Raths⸗ herr nun ſo ziemlich vergeſſen, wie ihm damals zu Muthe geweſen war, als er noch in ſeine jetzige theure Gattin verliebt war, aber er wagte dennoch zu glauben, daß er den Verluſt überlebt oder ſich nach demſelben wieder erholt haben würde, wenn es der Wille des Geſchickes geweſen wäre, daß ihm das Gluüͤck nicht beſcheert worden wäre, die ſtolze und herrliche Ringeborg Bulmering heimzuführen. Zu dieſem Schlußſatze war der Rathsherr eben gelangt, als ſeine liebe Ehehälfte die Thür öffnete und mit Kopfſchütteln äußerte:„Vater! dieß geht im Leben nicht gut! Ich will Taga rufen, damit wir in Ueber⸗ einſtimmung...“ „Vergib, Mutter, wenn ich Dir in die Rede falle: doch wäre es wohl nicht beſſer, wenn Du und ich uns allein beriethen, inſofern ſolches nothwendig iſt? Er, über den Du reden willſt, liegt uns am allernächſten, 138 und obgleich ich weiß, daß Taga ihn faſt ebenſo liebt, wie wir, ſo hat ſie doch die Schwäche, Alles auszuplau⸗ dern— und Du weißt ſelbſt, Mutter, ob unſer Haus und was darin paſſirt, jemals ein Lied in Jedermanns Munde geweſen iſt.“ Eine Oppoſition von Seiten des Rathsherrn war etwas an und für ſich ſelbſt höchſt Ungewöhnliches; noch ungewöhnlicher aber war es, daß er ſich gegen Frau Ringeborg, welche zuerſt und zuletzt auf das Anſehen des Salzwedel'ſchen Hauſes ſah, über dieſe Sache ſo ausdrückte, daß es den Schein hatte, als wollte er ſie zu derſelben auffordern. Da dieß nun aber geſchah, ſo fand die ſtolze Hausfrau es angemeſſen, auf Vaters Worte Rückſicht zu nehmen— ſie waren auf jeden Fall ſo klug, daß ſie ſich darüber wunderte, daß ſie nicht von ihr ſelbſt gekommen waren; und um gleichſam dieſen merkwürdigen Umſtand zu rechtfertigen, äußerte ſie mit tiefer Betonung jedes Wortes: „Weißt Du, Vater, es ſteht eine ſchlimme Zeit vor der Thür, da der, welcher ſonſt Vernunft beſitzt, ſo redet, als hätte er ſie halb verloren.... Gott ſegne Taga, die arme Seele: zwar iſt ſie ſo theilnehmend und gut, wie ein Chriſtenmenſch es ſein kann; doch ſie auf die Tiefe ſolcher Familiengeheimniſſe kommen zu laſſen, welche man zehn Ellen unter der Erde begraben möchte, das taugt nicht.... Jetzt aber höre mich, Vater!“ „Ich höre, Mutter!— Willſt Du in meinem Lehn⸗ ſtuhle oder im Sopha ſitzen?“ „Wir wollen uns Beide in's Sopha ſetzen, denn wir müſſen leiſe ſprechen.“ Und nun ſaß das alte Paar in feierlicher Stille neben einander. Der Rathsherr hatte der Mutter eine Priſe aus ſeiner Doſe geboten und Frau Ringeborg dem Vater eine dagegen aus einer von den Ertradoſen, welche ſie ſtets in der Taſche trug, und ſo war denn Alles zur Eröffnung der Sitzung vorbereitet. „Du ſagſt alſo, Mutter?“ „Ja, Vater, ich ſage: er verliert den Verſtand, wenn —— 139 es nicht eine ganz beſondere Wendung nimmt. Du kannſt das aus zwei Dingen ſchließen: erſtlich klagte er mich an— hörſt Du: mich, ſeine Mutter!— daß ich ihm von ſeiner Kindheit an einen einfältigen Stolz ein⸗ geflößt hätte, einen Stolz, dem er nun nach ſeiner Be⸗ hauptung das ganze Unglück zu danken hat; zweitens ſtieß er mit dem Armbogen wenigſtens die Hälfte meiner Sachen von dem Nähtiſche auf die Erde und merkte es nicht einmal, ſondern ließ mich ſie wieder aufnehmen— er, der ſich ſonſt wohl den Athem aus dem Halſe gelaufen hätte, damit ich mich nur nicht bücken und das Mindeſte aufnehmen möchte. Ich glaube, das ſind Beweiſe!“ „Schreckliche Beweiſe für Den, der ſeine Ruhe und Geduld kennt— und jetzt?“ „Jetzt ſitzt er, wie ein in Stein gehauenes Bild, und hat kaum ſo viel Gefühl, wie ein ſolches!“ „Ja, Mutter!“ ließ ſich eine Stimme in der Thür vernehmen, und Karl's entſtelltes Antlitz wurde ſichtbar, „ich habe im Gegentheil noch ſo viel Gefühl meiner ſelbſt, daß ich mir ausbitte, daß Vater und Mutter nach übereinſtimmender Ueberlegung— doch ſchnell muß es gehen— mir ein Mädchen angeben, um deren Hand ich noch heute Abend anhalten kann; denn ich will verlobt ſein, ehe morgen die Sonne aufgeht und ich die Braut des Lieutenants Victor wieder ſehe!“ „Du biſt ein allzu kluger Mann, mein Sohn, als daß Du Deine Zukunft und Dein Glück auf ein ſolches Wurfelſpiel ſetzen kannſt!“ ſagte der Rathsherr mit väterlicher Ueberredung, während Frau Ringeborg ihre Hände zuſammenſchlug und andächtig betheuerte, daß an einem ſo ungewöhnlichen Tage Zeichen an der Sonne und am Monde geſchehen müßten. „Das kann wohl ſein,“ erwiederte Karl mit erzwun⸗ gener Kälte,„jetzt, liebe Mutter, bitte ich Dich, feſt uͤberzeugt zu ſein: was geſagt iſt, das iſt geſagt— und verlobt will ich heute Abend ſein, ſollte ich auch von Haus zu Haus gehen und mir eine Braut ſuchen!“ 140 „Himmel und alle Gerechtigkeit!“ ſeufzte Frau Ringeborg in der Verzweiflung—„ein Sprößling der Häuſer Salzwedel und Bulmering ſollte wie ein Bettler von Haus zu Haus gehen und ſich eine Frau ſuchen— er, den jedes Mädchen in Wisby mit Freude und Dank⸗ barkeit annehmen würde? Nein, mein geliebter, geſeg— neter Karl! Du willſt Dich nicht ganz erniedrigen durch eine Handlung, über welche auch Deine alten Eltern erröthen müßten, ſo daß ſie den Leuten nie mehr in's Geſicht ſehen könnten! Du biſt ſchon wieder zur Ver⸗ nunft gekommen, ich ſehe es!— iſt es nicht ſo?“ „Ich weiß nicht, ob ich vernünftig bin, aber ich will einen Ring am Finger haben, wenn ich ſie wieder ſehe, welche mich auf den Punkt gebracht hat, wo ich jetzt ſtehe— das weiß ich!“ „Aber,“ fiel der Rathsherr ein,„welches Mädchen gibt wohl ſo eilfertig ihre Einwilligung? Wahrlich, mein theurer Sohn, Du wirſt Deiner künftigen Gattin gewiß keine große Delicateſſe zeigen, wenn Du auf dieſe Weiſe ihr Herz einnehmen willſt!“ „O, darüber können wir hernach reden! Da ich aber keinen guten Rath bekomme, ſo laſſe ich's auf Gottes Vorſehung ankommen.... Adieu!“ „Warte!“ rief Frau Ringeborg mit ſterbender Stimme —„ich habe einen Vorſchlag!“ Karl kehrte augenblicklich zurück und ſtellte ſich vor ſeine Mutter. „Komm aber nicht dereinſt,“ fuhr die Alte fort, „und klage mich an, wenn es ſchlecht geht, denn ich be⸗ theure es bei meiner bisher unbefleckten Ehre, daß Du es morgen, wenn dieſer Rauſch vorüber iſt, ſchon be⸗ reueſt und Alles in der Welt geben möchteſt, um wieder befreit zu ſein von den Banden, nach denen Du jetzt in der Fieberhitze ſtrebſt!“ „Nein, ſo iſt es nicht: ich will und ich werde ihr zeigen, daß auch ich bei einer Andern Troſt finden kann! Ich fühle ſchon, was ſie morgen fühlen wird, wenn ſie erfährt, daß meine Gelübde, meine Treue bei einer neuen — O—— —Q—C—C—C—’—L—L—L—B—B— 141 Geliebten verpfändet ſind.... Doch, Mutter, der Vorſchlag?“ „Wenn es denn doch einmal ſo raſend ſein ſoll, ſo magſt Du wenigſtens nicht zum Gelächter werden. Ich glaube, ein Mädchen zu kennen, welches mit Dankbarkeit Deine Hand annehmen will, und was noch mehr iſt, ein Mädchen, welches ich gerne Tochter nenne, weil ich in ſpäteren Zeiten ihren Werth ſo vollkommen kennen gelernt habe, daß ich auf jeden Fall— verſteht ſich, mit Vernunft und Mäßigung— ſie Dir als Deine Braut vorzuſchlagen beabſichtige.“ „Wo wohnt ſie?“ rief Karl mit einer Art wilder Zufriedenheit—„wohin ſoll ich gehen, um ſie zu treffen?“ „Du ſollſt hier bleiben, mein Sohn; ich ſelbſt will in aller Ehrbarkeit zu ihr ſchicken und ſie erſuchen, hie⸗ her zu kommen, um erſt mit ihr zu reden— biſt Du damit zufrieden?“ „Ja, wenn es nur ſchnell geht!“ „Aber Du willſt doch wohl erſt wiſſen, wer ſie iſt?“ „Wie Du willſt, Mutter!“ „Es iſt Thekla's Schweſter, Hildur!“ „O, vortrefflich! daß ich ſelbſt nicht darauf verfallen konnte! Das Mädchen hat ſo viele tauſend Einfälle und Launen, daß ich ganz ohne Hülfe verloren ſein würde, wenn ich unter ihrer Leitung nicht geſundete. Noch dazu wird es ſowohl den Victor, als auch ſeine Verlobte gewiß ungemein munter machen, wenn ſie ein ſo zärtliches und munteres Paar zum Vorbilde haben!... Der Tauſend! der Rath des Capitains Stangerling kam alſo doch zu Stande— ich hätte es damals nicht geglaubt; doch nach dieſem zweifle ich an keiner Sache mehr.“ „Ich will ihr eine Zeile ſchreiben,“ ſagte Frau Ringeborg... oder was ſagſt Du, Vater?— Du haſt Dich ja noch nicht geäußert!“ „O, wozu verlohnte ſich denn das der Mühe? Karl zeigt ja, daß er ſelbſt Herr iſt— er bedarf ſeines Vaters Rath nicht!“ „Ich bedarf nur einer großen Erſchütterung, um 142 wieder ein wirklicher Menſch zu werden, mein Vater; ich bedarf einer ſtarken Arznei; wenn ich dieſe aber ge⸗ nommen habe, ſo verſpreche ich, daß ich mich nie über ihren ſchlechten Geſchmack beklagen werde— ich weiß ja, daß dieß Mittel das einzige iſt, welches mir hilft.“ „Wohlan denn, mein Sohn! ſo treffe wenigſtens keine ſo gefährliche Wahl, als die, welche Mutter zu meinem Erſtaunen jetzt vorgeſchlagen hat! Soll es denn doch nothwendig eine Tochter aus dieſem Hauſe ſein, ſo ſei es die beſte, mit welcher Du mit Gottes Hülfe glücklicher werden wirſt, als ſelbſt mit Thekla! Bewirb Dich um die kleine Roſa, ſie iſt ein geſegnetes Kind und wird Freude und Gedeihen in ein altes Haus bringen!“ „Nein!“ rief Karl aus;„ſie iſt allzu gut, als daß ſie nicht einen Mann erhalten ſollte, der um ihrer ſelbſt willen um ſie wirbt— das will ich nicht auf meinem Gewiſſen haben. Mit Hildur dagegen iſt es ein gleiches Spiel.... Schreibe, liebe Mutter, ſchreibe!“ „Nimmermehr ohne Vaters Willen und Zuſtim⸗ mung! Laß Dir aber ſagen, mein Alter: da ich Hildur vorſchlage, ſo kannſt Du überzeugt ſein und Dich darauf verlaſſen, daß ich das Mädchen kenne. Glaube mir, ſie hat Verdienſte, welche Thekla nicht hat, und ihre muntere Laune paßt beſſer für Karl, als Thekla's mürriſcher und kalter Ernſt!“ „Liebe Mutter, da Du es anräthſt und Karl ſelbſt will, ſo wird es, wie Ihr meint! Nicht ich will hei⸗ rathen, ſondern Karl; wäre es aber umgekehrt, ſo weiß ich, dieſe Wetterfahne wäre von Allen, die ich wählen könnte, die Letzte!“ „Du willigſt alſo ein, Vater?“ „Thut, wie Ihr wollt!“ Und nun ſchrieb Frau Ringeborg mit großen, zier⸗ lichen Buchſtaben folgende Worte: „Meine liebe Hildur! Wenn Deine Zeit es erlaubt, ſo ſteh' heute Abend „ — „ — 143 bei mir ein: ich habe ein angelegenes Geſchäft, mit welchem ich Dich beſchweren wollte. Ringeborg Salzwedel.“ „Aber,“ ſagte der Rathsherr,„werden nicht Alle es errathen, Mutter, wenn ein Brief von Dir ankommt, und noch dazu an dem Abende, da Karl angekom⸗ men iſt?“ „Sonderbar, daß Du zum zweiten Male weiter ſiehſt, als ich! Es geht nicht an zu ſchreiben— nein, es geht nicht!“. „Aber auf dieſe Art kommen wir ja nie an's Ende!“ fiel Karl mit wiederkehrender Ungeduld ein. „Still!... was ſehe ich!... will denn wirklich der Zufall einen Bund mit Karl ſchließen? Ich denke, meine Augen ſind ſo gut, wie die eines Andern, und daß ich mich nicht irre, wenn ich ſage: Hildur kommt dort die Straße herab!“ Frau Ringeborg hatte kaum ausgeredet, ſo ging ſie, gleichſam zufällig, hinaus auf den Hausflur und kam darum auch ganz natürlich in demſelben Augenblick an die Hausthür, da Hildur an der Treppe vorbei paſſirte. „Guten Tag, mein Püppchen! Siehſt Du nicht einmal im Vorbeigehen in ein Haus hinein, in welchem alte Freunde wohnen?“ Hildur hatte Frau Ringeborg ſehr gut bemerkt; doch wollte ſie ſelbſt bemerkt werden und ſich keinem Menſchen aufdrängen. Als aber Frau Ringeborg ſie jetzt ſo freundlich an⸗ redete, ſtieg ſie ſchnell die Treppe herauf, ergriff die Hand der ſtolzen Frau und knirte ſo tief, daß ihre Kniee bei⸗ nahe den Fußboden berührten. . 144 Sechszehntes Capitel. Eine Liebesſeene ohne Liebe. „Setze Dich, liebes Kind! Haſt Du etwas Neues gehört?“ „Etwas Neues, gute Tante?— Ach, wir horen ja nie etwas Neues!“ „O, das ſagſt Du, und doch habt Ihr noch vor Kurzem eine Verlobung im Hauſe gehabt?“ „Ach, liebe Tante, das war eine alte Neuigkeit, an die ich, Gott Lob! nicht viel denke!“ „Daran thuſt Du recht, mein Kind! Meine Neuig⸗ keit iſt ſonſt die, daß Karl vor einigen Stunden nach Hauſe gekommen iſt.“ „Ach mein Gott, iſt der arme Karl zu Hauſe? Sie haben wohl noch nicht gewagt, ihm ein Ereigniß mitzu⸗ theilen, das ihm— ich weiß es— ein ſchrecklicher Schlag ſein wird?“ „Wenn Du das glaubſt, mein Kind, ſo muß ich Dir ſagen, daß die Söhne dieſes Hauſes nicht wiſſen, was es heißt, ſich um eines Weibes willen hängen! Karl hegte zwar ein tiefes Gefühl für Thekla; doch ihr leichtſinniges und in Ewigkeit unerklärliches Verfahren hat ſie ſo tief in ſeinen Augen herabgeſetzt, daß er viel⸗ mehr geſonnen zu ſein ſcheint, keinen Gedanken an ihren Verluſt zu verlieren.“ „O wie gut verſtehe und ſchätze ich dieſes Gefühl, wie ſehr achte ich es! So ſollten die Männer ſein und nicht ſolche Wetterhähne, die dem Winde folgen!“ „Du ſchmeichelſt mir, mein liebes Kind, wenn Du die wirklichen Verdienſte meines Sohnes anerkennſt; ge⸗ wiß aber wirſt Du Dich ſehr wundern, wenn ich Dir eine Sache anvertraue, die bis jetzt noch ein tiefes Fami⸗ liengeheimniß iſt.“ „Man ſoll ſehen,“ ſagte Hildur mit einem Tone, in welchem faſt eine verunglückte Berechnung lag,„daß Karl ſo klug geweſen iſt, ſich anderswo zu verloben!“ 145⁵ „Gewiß iſt die Rede von Verlobung, doch nicht ganz auf dieſe Art! Karl hegt eine allzu hohe Achtung gegen den Wunſch ſeiner Eltern, als daß er ſich eine Frau von einem fremden Orte nehmen ſollte.“ Hildur athmete leichter, hielt es aber nicht für paſ⸗ ſend, etwas zu ſagen, ein Feingefühl, das der Frau Rin⸗ geborg ſehr wohl gefiel. „Ueberdieß will mein Karl bei ſeiner Wahl die Meinung ſeiner Mutter zu Rathe ziehen— er verläßt ſich auf ihr Auge.“ Hildur ſchlug verſchämt die Augen zu Boden; dieſe Rede konnte nicht ganz ohne Abſicht ſein. „Ich fürchte, Hildurchen, Du könnteſt Dich von mei⸗ nem Vertrauen beläſtigt fühlen!“ „Liebe Tante!“ Hildur erröthete von frohen Hoffnungen. O wenn ſie doch dieſen lange erwogenen und berechneten Triumph über Thekla gewinnen könnte, über Thekla, die ihr ihren Victor geraubt hatte, über Thekla, die trotz dieſes Rau⸗ bes dennoch keinen Andern liebte als Karl. In dieſem Augenblicke war Hildur mehr denn leicht⸗ ſinnig, und dennoch that ſie ſich ſelbſt in eben dieſem Augenblicke das heilige Gelübde, wenn ihr lebhafteſter Wunſch in Erfüllung ginge, ein ſo vollkommenes Weib zu werden, als ſich irgend ein Mann zu ſeiner Gattin wünſchen könnte, denn nur ſo konnte ſie hoffen, etwas mehr zu werden, als Karl's Verlobte.... Und Vic⸗ tor— o, es gab wohl auch in ſeinem Herzen einen ver⸗ wundbaren Ort! „Meine liebe Hildur, erlaubſt Du mir, daß ich mit mütterlicher Offenheit rede?“ „Gute, beſte Tante!“ Hildur bückte ſich und nahm das Schnupftuch auf, welches Frau Ringeborg fallen ließ; denn ſie hatte den Takt, der Verſchämtheit ihrer künftigen Schwiegertochter eimigen Raum zu geſtatten. „Wohl, mein Kind; Kar Der Jungferthurm. III. hat ſo eben uns, ſeinen 10. 146 Eltern, angezeigt, daß es ſein lebhafteſter Wunſch wäre, in eine neue Verbindung zu treten; er wünſcht ſogar, daß Alles entſchieden iſt, ehe er diejenige wieder ſieht, welche ihm einſt theuer war, es vielleicht noch iſt— und da er bei der Wahl ſeiner Gattin meine Wünſche um Rath gefragt hat, ſo habe ich, mein Kind, ihn hingewieſen, ſein Glück bei Dir zu ſuchen.“ „Bei mir?“ rief Hildur mit flammender Röthe. „Woran denkt meine geehrte Tante! Ich bin ein allzu unvollkommenes Weſen, als daß ich Karl's Wünſchen nur im Entfernteſten entſprechen könnte— ach, ich bin ein armes, leichtſinniges, unverſtändiges Mädchen, und mein einziges kleines Verdienſt iſt, daß ich ſelbſt meine vielen Fehler ſehe.“ „Geliebtes Kind! Dieſe ſchöne Selbſtbeſchuldigung, dieſes verſchämte Mißtrauen zu Dir ſelbſt beweisk am beſten, was Du biſt, und erhebt Dich ſo ſehr in meinen Augen, daß ich Dich bitte, die Fürſprecherin meines Sohnes werden zu dürfen. Natürlich kannſt Du ihn jetzt noch nicht lieben; wenn Du ihm aber das ſchenkſt, was er Dir bietet: Achtung, Freundſchaft und eine gütige Nachſicht, die ſo natürlich iſt in Euren ehemaligen und jetzigen Verhältniſſen, ſo iſt er vollkommen zufrieden, und ſo manche Ehe iſt mit dieſen Schätzen weit glück⸗ licher geworden, als diejenigen, welche in einem Liebes⸗ rauſche abgeſchloſſen wurden— die wahre und edle Liebe kommt erſt dann, wenn der Diener des göttlichen Wortes den Bund geſegnet hat.“ Hildur, welche ſo Vieles konnte, war auch, wie man weiß, vor allen Dingen im Stande, zu weinen, wann ſie wollte, und ſparte jetzt nichts von demjenigen, was nach Frau Ringeborg's Geſchmack zu einer großen Scene erforderlich war. Darf ich dieſe Thränen zu Karl's Gunſten deuten, mein Kind?— Darf er morgen mit Deinem Vater reden?“ Hildur glitt von dem Sopha herab vor Frau Rin⸗ geborg auf ihre Kniee, indem ſie das Haupt an die Bruſt der ſehr gerührten und jetzt wirklich glücklichen Matrone lehnte, flüſterte ſie:„Ich will für Karl, wenn er es wuͤnſcht, eine treufeſte! ibehegefährlin werden; wenn ich aber im Stande ſein ſoll, ihm eine verſtändige Gat⸗ tin zu werden, ſo kann ich dieß nur hoffen, wenn Karl's geehrte Mutter mir verſprech en will, mich dazu zu bilden!“ Geſegnet ſei die Tochter, welche ſolche Worte äußert und in ihrem Herzen ihren Werth erkennt!“ ſagte Frau Ringeborg feierlich. Jetzt gehe ich, um Karl zu holen, damit er von Deinen eigenen Lippen die Bürgſchaft vernehme, welche Du ihm für ſein kuͤnftiges Glück gibſt.“ Hildur, welche die Urſache dieſes von Karl ſo heſi gefaßten Entſchluſſes nur allzu wohl einſah, begriff auch mit ſehr gutem Takte, daß alle Ziererei, alle Wrſchamte Verwirrung hier nicht nur an einem unrechten Orte, ſondern auch ganz verlorene Mühe ſein würde, denn gewiß würde Karl nie in ſeinem L Leben eine Erinnerung davon haben, wie ſie in dieſem Augenblicke ausgeſehen hatte Seine Gedanken waren ganz gewiß an einem andern Orte, und der beſte Eindruck, den ſie auf ihren Verlobten machen konnte, war gewiß der, daß ſie ſich ſo wenig verlegen und ſo wenig ſentimental wie mög⸗ lich zeigte. Hildur war einige Minuten dieſen Phantaſieen über⸗ laſſen geweſen, als die Thüre aufging und Karl allein und ſchnell eintrat. Noch flammte auf ſeinem Geſichte die von der innern Hitze erzeugte ſtarke Gluth, noch ſtrich der losgelaſſene, wilde Sturm durch ſeine Seele und ließ ihm keinen Augenblick Ruhe vor dem Gedanken: Du mußt Dich rächen, Du mußt ihr zeigen, daß Du das gegebene Beiſpiel der Nachahmung würdig erachteſt, daß Du das alte Band vollkommen zerriſſen ſehen diled— dieß iſt⸗ 148 es nur zur Hälfte, ſo lange nur ſie von neuen Ge⸗ lübden gebunden iſt... kurz: Karl ging in einem Rauſche, und ein Rauſch war auch die unnatürliche Heftigkeit, womit er folgende Worte hervorſtieß: „Entſchuldige, beſte Hildur, wenn ich hier ſo im Fluge Dein Ja zu fangen ſuche! Doch, aufrichtig geſagt, ſtehſt Du nicht ein, daß Du und ich, nach dem Beiſpiele, welches man uns gegeben hat, kaum etwas Beſſeres thun können, als wenn wir es ebenſo machen? Ich meines⸗ theils wenigſtens ſehe nicht ein, warum Du für mich nicht ebenſo gut paſſen ſollteſt, wie Thekla für Deinen ehemaligen Verlobten paßt.“ Hildur, welche, wie wir gehört haben, keine allzu großen Prätentionen auf die Aufmerkſamkeit ihres neuen Liebhabers gemacht hatte, fühlte ſich dennoch beleidigt durch die unbeſchreibliche„Negligence“, mit welcher er ſeine Brautwerbung vorbrachte; und hätte dieß auch ihr Stolz und ihre Eigenliebe verdauen können— kein Menſch konnte es ja erfahren, auf welche Weiſe ſie Karl's Braut geworden war— ſo beſaß ſie dennoch Klugheit genug, um an die Zukunft zu denken, und an den Schaden, welchen ſte davon haben konnte, wenn ſie auf eine ſolche Bewerbung um ihre Hand ſogleich einen Knix gemacht und ja geſagt hätte. Alſo ſetzte Hildur ihre ſelten geprüfte, weibliche Würde auf und antwortete, indem ſie mit ſehr natürlicher Ver⸗ wunderung zwei Schritte zurücktrat, in einem Tone, der kühl und ſcharf in Karl's Ohren ſauste: Wenn der Lieutenant Salzwedel kein anderes Motiv hat, in mir die Gattin zu ſuchen, welche er ſo angele⸗ gentlich gewinnen zu wollen ſcheint, ſo muß ich geſtehen, daß ich, ſo bekannt ich auch wegen meines Leichtſinnes ſein mag, dennoch keinen ſo hohen Grad davon habe, um mich in ein ſo gewagtes Abenteuer ſtürzen zu wollen.“ „Wie?“ entgegnete Karl in halber Verwunderung —„ich meinte, meine Mutter hätte mir eine andere Hoffnung gegeben?“ 149 „Deine Mutter, Karl, drückte in ganz andern Wor⸗ ten das Begehren aus, welches Du jetzt ſelbſt ausge⸗ ſprochen haſt, und dem ich jetzt, da ich die Sache ein⸗ ſehen gelernt habe, meine Zuſtimmung nicht geben kann.“ „Zum Henker, Hildur, Du wirſt doch wohl begrei⸗ fen, Du, die Du doch in allen dieſen Dingen ſo zu Hauſe biſt, daß ich nicht aus Liebe um Dich anhalte— behüte mich Gott, daß ich Dich ſelbſt in dieſer Stunde, da ich ganz von meinem gewöhnlichen Wege abge⸗ kommen bin, in dieſer Hinſicht betrügen ſollte! Ich glaubte auch, Du wuͤrdeſt keine Rückſicht darauf neh⸗ men, da Du neulich denſelben Verluſt erlitten haſt!“ „Ich ſehne mich nicht nach Deiner Liebe, Karl, da ich Dir keine zu geben habe; doch ſteht es ſo, daß ich, da ich jetzt nicht mehr liebe oder vor Eiferſucht brenne, auch nicht geſonnen bin, mich zum Zeitvertreibe in's Unglück zu ſtüͤrzen. Ich kann Deine eilfertige Braut⸗ werbung begreifen, ich verſtehe recht gut, warum Du ſie ſchon heute Abend entſchieden haben willſt; was ich aber nicht begreifen kann, und was mir eine ſehr ſchwache Bürgſchaft uͤber mein künftiges Glück durch Dich gibt, das iſt der gänzliche Mangel an Feingefühl, womit Du die ganze Sache behandelſt.“ „Ich bin heute Abend wahnſinnig— ich weiß nicht recht, was ich ſage und was ich thue! Ich habe Dich vielleicht beleidigt, Hildur; aber ich ſchwöre, daß dieß nicht meine Abſicht war!... Und laß mich nur noch ſagen, ſo wie Du während der langen Reihe von Jahren, da wir mit einander bekannt geweſen ſind, meinen Cha⸗ rakter kennen gelernt haſt, ſo bleibt er, wenn erſt dieſe Gährung ſich gelegt hat— und ich frage Dich, ob Du nicht glaubſt, daß ich in meinem natürlichen, ruhigen und vernünftigen Zuſtande nicht Alles für diejenige thun werde, welche edelmüthig geweſen iſt, in dieſer Stunde nachſichtsvoll gegen mich zu ſein?“ „Doch,“ entgegnete Hildur, welche in der Hoffnung⸗— auf einen beſtimmten Widerſpruch noch einmal das —— 150 Spiel wagte, ſich noch mehr in der Achtung zu befeſtigen, welche ſte jetzt Karl ganz gewiß eingeflößt hatte,„doch warum denn nicht ein paar Tage warten, bis dieſe Gährung in Deinen Gefühlen ſich gelegt hat? Glaube mir, Karl, Du handelſt großmüthiger gegen uns Beide, wenn Du uns zur Ueberlegung Zeit geſtatteſt! „Nein, Hildur, keine Ueberlegung! Was geſchehen ſoll, das muß bald geſchehen— dieſes wilde Fieber ver⸗ läßt nicht eher mein Blut.“ „Glaubſt Du denn, daß es hernach beſſer wird?“ „Das glaube ich nicht allein; das weiß, das fühle ich!“ „Aber bedenke, Karl, daß Du mir nie, wenn ich jetzt einwillige, dieß als eine Schwäche oder einen Leicht⸗ ſinn zurechnen darfſt; denn wenn eines von uns in dieſem Augenblicke leichtſinnig iſt, ſo biſt Du es!“ „Kann wohl ſein, doch morgen werde ich wieder vernünftig.“ „Und dann ſchauderſt Du zurück vor dem, was Du gethan haſt und was Du nicht ungethan machen kannſt! Nein, Karl, nein! je mehr ich an dieſe eilfer⸗ tige Verlobung denke, um ſo widriger wird ſie mir!“ „Du ſchlägſt mich alſo aus?“ ſagte Karl in einem Tone, welcher bewies, daß Hildur's Einwendungen an⸗ fingen, ihn zu reizen.„Gib mir eine Antwort, aber gib ſie beſtimmt!“ „Ertrotzt man ſich denn eine Braut?“ „Ich habe Dich ja gebeten, und jetzt bitte ich Dich noch einmal: werde die Meinige, Hildur! Mit der Er⸗ fahrung, welche wir Beide von dem Rauſche der Liebe haben, ſcheint es mir, als könnten wir mit dem Vor⸗ handenſein eines ruhigeren Gefühles uns vollkommen begnügen. Darf ich jetzt ſagen: meine Braut?“ „So ſage es denn, Karl, wenn es Dich beruhigt!“ „Unbeſchreiblich, meine ſchöne Braut!“ Karl's Lip⸗ pen berührten Hildur's Stirn, während ſeine Augen von einem ſo unnatürlichen Feuer glänzten, daß Hildur bei⸗ nahe davor erſchrack.„Wann ſoll der Hochzeittag ſein? das will ich jetzt ebenfalls wiſſen, damit es nicht wieder ſo geht, wie mit meiner erſten Verlobung, daß keine Hochzeit daraus wird!“ „Die Hochzeit können wir ja mit Victor und Thekla zugleich feiern.“ „Vortrefflich!.. Ich wußte nicht, daß die Zeit ihrer Hochzeit ſchon beſtimmt iſt.“ „Ja, wie Thekla ſelbſt ſagte, wird dieſe im nächſten Herbſte ſein.“ „Nun, das iſt zwar eine lange Wartezeit für den, der mit ſolcher Ungeduld wie ich darauf wartet, daß Hymens Fackel leuchten ſoll; doch wenn ſie ein Jahr warten können, ſo muß ich mich wohl ebenfalls fügen! Du erlaubſt alſo, daß ich morgen früh an Deinen Vater ſchreibe— ich will Euer Haus nicht eher betreten, als bis Alles abgemacht iſt.“ „Thue hierin, wie Dir beliebt!“ Jetzt öffnete Frau Ringeborg die Thür und winkte dem Vater zu kommen. Was nun folgte, das ging ſo ganz den gewöhnlichen Gang, daß es keiner Erwäh⸗ nung bedarf. Hildur ging gleichwohl früh nach Hauſe, um, wie ſie der Frau Ringeborg ſagte, in der Stille ihre jetzt übernommenen Pflichten zu erwägen— und auf welche Art ſie dieſes ausführte, werden wir in Folgendem ſehen. Siebenzehntes Capitel. Alſo umſonſt! Als Hildur in den Saal trat, ſaßen die übrigen weiblichen Mitglieder der Familie um einen großen run⸗ den Tiſch bei ihrer Arbeit. Victor las laut vor und 15⁵² warf dann und wann einen feurigen Blick auf ſeine Braut, welche gleichwohl jetzt wie immer feurigen Blicken ihren alten Greichäültigkeiteſchild entgegenhielt. Auf einem Schemel zu Roſa's Füßen ſaß Will und lehnte den Kopf auf ihren Schooß, und zu Will's Fußen hatte Herr Rolf ſich bequem und gemächlich ausgeſtreckt — das ganze Familiengemälde, beleuchtet von dem hel⸗ len, muntern Feuer im Ofen, hatte ein Ausſehen von freundlicher und ruhiger Anmuth, und würde ganz har⸗ moniſch geweſen ſein, wenn nicht die dunkle Geſtalt des Hausvaters, deſſen langer Schatten ſich an der Wand abzeichnete, während er ſelbſt im Zimmer auf und ab⸗ wandelte, das Ganze verdüſtert hätte. „Unterbrich das Leſen nicht um meinetwillen!“ ſagte Hildur, da Victor das Buch weglegte, um Thekla's Ar⸗ beit zu beſchauen. Dieſe unbedeutenden Worte ſagte Hildur jedoch mit einer Miene und einem Tone, die beide berechnet waren, alles Leſen zu unterbrechen— denn wie wäre es ihr wohl möglich geweſen, ſich mit dem unermeßlich großen Geheimniſſe, welches ſie auf ihrem Herzen trug, hinzuſetzen und ruhig zu überlegen? Nein, ihr befriedigter Stolz, ihre befriedigte Eigenliebe mußten ihre Triumphe nothwendig beſſer zu benutzen wiſſen... O, wie glücklich war ſie, daß ſie endlich dieſe Thekla demüthigen konnte; wenn auch auf eine andere Art, als ſie ſich ehemals vorgeſetzt hatte! Tropfenweiſe wollte ſie das Gift in Thekla's Herz gießen, jetzt eben, da Victor anweſend war, denn ihn konnte keine feinere und ſichrere Rache treffen, als ihm jetzt auf dieſe Art nahen ſollte. „Welche friſche Farbe Du heute haſt,“ ſagte die Mutter—„Du mußt heftig gegangen ſein! Wurde Dir 3 fen.e die Zeit lang, da Du ſo früh nach Hauſe amſt?“ „Bei L..'s, liebe Mutter?— aus dieſer Viſite wurde heute nichts...“ Hildur ſah unglaublich befan⸗ gen und verlegen aus. „Was iſt Dir geſchehen?“ rief Roſa aus und be⸗ trachtete ihre Schweſter mit großer Verwunderung. Jetzt ſah auch Thekla von ihrer Arbeit auf, und verſtand ebenfalls, daß Etwas vorgefallen war, obgleich ſie unmöglich den Ausdruck, der in Hildur's Blick lag, entziffern konnte. „Ich ſehe es,“ meinte Victor, dem es ſchon ſo ziem⸗ lich gelungen war, ſich in die natürliche und brüder⸗ liche Vertraulichkeit eines zukünftigen Schwagers hinein⸗ zuarbeiten.„Hildur hat, ſo wahr ich mich auf dergleichen Dinge verſtehe, eine Repetition der Rolle durchgemacht b welche ſie für das Geſellſchaftsſchauſpiel übernommen hat.“ Doch er hatte kaum geendigt, als er von ſeiner Braut einen Blick erhielt, welcher ihn hinlänglich er⸗ innerte, wie unpaſſend ſie dieſe leichtſinnige Anſpielun auf ſeine Kenntniß von Hildur's Weſen fand; und erß hernach ſah auch Victor ein, daß er der Letzte hätte ſein ſollen, welcher eine ſolche Scharfſichtigkeit geltend machte. Gleichfalls ſah er mit einer gewiſſen Unruhe ein, daß er ſich ſehr ungleichmäßig und gekünſtelt in die Eigenſchaft eines geſetzten Mannes fügte, und doch mußte er ſich bemühen, gerade dieſes zu ſein, wenigſtens vorzuſtellen, wenn es in der Zukunft mit Thekla gehen 1 ſollte, welche jetzt mehr denn jemals verſchloſſen und ernſt war, obgleich ſtets mit ſittlicher Güte und halber b Herzlichkeit in ihrem Benehmen gegen ihn. „Ei, ei,“ ſagte Hildur mit ihrer gewöhnlichen un⸗ genirten Kühnheit,„Du haſt allzu wenig Takt, mein lieber Schwager! Auf jeden Fall aber iſt eine Repetition immer vor der Repräſentation nothwendig.“ Victor begann in Walter Scott's Rob Roy, den er geleſen hatte, zu blättern; er hütete ſich ſorgfältig einen neuen Blick von Thekla zu erhalten, nota bene: einen Blick von der letzten Art. Doch Amelie, welche etwas Sonderbares bei Hildur verſpürte, fragte mit einem Ernſte, der keine Ausflüchte geſtattete:„Woher⸗ kommſt Du?“ 154 „Ich komme von der Tante Ringeborg, liebe Mut⸗ ter, und ſie bat ſo herzlich um ihren Gruß.“ „Ich begreife nicht,“ entgegnete die Mutter,„wie Du Dich in dem alten Salzwedel'ſchen Hauſe ſo wohl befinden kannſt! Mich dünkt, Du könnteſt mit Deinem Charakter dort keine Sympathien haben; wenigſtens hatteſt Du früher keine, da Du dort Alles ſo unendlich langweilig fandeſt.“ „Kann ſich der Geſchmack nicht ändern, gute Mut⸗ ter? Tante Ringeborg iſt jetzt ſelbſt viel freundlicher gegen mich, als ſie früher war, da ſie, wie ich faſt glaube, ein kleines Vorurtheil gegen mich hegte. Auf keinen Fall aber wäre ich heute Abend dorthin gegangen, wenn nicht Tante, gerade da ich vorbeigehen wollte, mich geſehen und gerufen hätte, um ihre Freude über Karl's Rück⸗ kehr zu theilen.“ Bei Karl's Namen ging eine lilienweiße Farbe über Thekla's matte Roſen. Victor's Wange dagegen wurde von einem glänzenden Purpur überzogen. „Er befand ſich doch wohl?“ fragte Roſa, welche meinte, daß irgend Jemand ein Wort ſagen müßte. „Ja,“ antwortete Hildur lakoniſch, er befand ſich wohl— er kommt morgen hieher!“ „Hieher?“ wiederholte Amelie, die unmöglich einige kleine Zeichen von Unruhe und Verwunderung zu be⸗ meiſtern vermochte.„Er iſt immer ſo freundſchaftlich, der gute Karl!“ „Ja, er redete ſehr freundſchaftlich von unſerm Hauſe! Es freute ihn, zu hören, daß Thekla in ihrem neuen Verhältniſſe glücklich iſt.“. „O! rief Roſa aus, indem ſie eine ſo heftige Be⸗ wegung vor Unwillen und Ungeduld machte, daß Will ſchnell ſein Haupt erhob und ſie mit forſchender Unruhe betrachtete,„darüber hat Karl doch mit Dir nicht ge⸗ redet?— Du willſt ihn nur herabſetzen!“ „Liebes Röschen,“ ſagte die Mutter ableitend,„ſieh doch er g freu ihm gun nah legt war dieſe ſtill ſein es j Fre⸗ zu gefa kein mut Wo gew gar Ver nock und jene Son Ver Sch fen Her mit Erſ erkl doch, wie kummervoll der arme Will Dich anſieht— er glaubt gewiß, daß er Dir läſtig geworden iſt.“ wie Noſa ſah mit einem unbeſchreiblich milden und ohl freundlichen Lächeln auf Will herab, und nachdem ſie nem ihm ſchnell ein Zeichen gegeben hatte, daß ihre Bewe⸗ ens gung durch Hildur's Aeußerung veranlaßt worden war, lich nahm ſie ganz ungenirt Will's Kopf in ihre Hände und legte ihn wieder zurecht. Und Will, der jetzt ſo ſelig lut⸗ war, daß Roſa gar nicht im Stande war, die Höhe her dieſer Seligkeit nur im Traume zu ahnen, ſaß wiederum be, ſtill und unbeweglich da und lebte für ſich allein in Fall ſeiner eigenen roſenfarbigen Welt, denn ſo gut wie Will icht es jetzt hatte, war es noch nie geweſen: er hatte ja volle hen Frreiheit, Roſa zu ſehen, ſo oft es ihm beliebte, und Alles ück⸗ zu hoffen, was ihm beliebte. Die gute Abſicht der Mutter, das Geſpräch von der rbe gefahrvollen Richtung abzulenken, gelang ihr inzwiſchen gen keinesweges, denn Hildur nahm ſogleich Roſa's Ver⸗ muthung auf und beantwortete dieſelbe mit folgenden lſche Worten: „Aha! Du meinſt alſo, Karl ſei ſo verſchwiegen ſich geweſen? Ich kann Dir jedoch verſichern, daß er das gar nicht war— und wenn Du darin Etwas zum ge Verwundern findeſt, ſo weiſſage ich, daß Du morgen be⸗ noch mehr Grund zur Verwunderung finden wirſt!“ ich, Dießmal mußte Thekla wieder zu Hildur aufblicken, unnd wiederum fand ſie in den Augen der Schweſter ſe! jenen ſonderbaren Ausdruck. aen Thekla zweifelte nicht länger, daß mit Karl etwas Sonderbares vorgefallen ſein müßte, doch wies ſie mit Be⸗ Verachtung jeden Gedanken zuruück, der den geringſten gill Schatten auf das Feingefühl in ſeinem Charakter wer⸗ uhe fen ſollte. Aus dem leiſen Zittern, welches ihr eigenes ge⸗ Herz berührte, ahnte ſie, daß dieſes Sonderbare, das mit Karl vorgefallen ſein könnte, aus ſeiner heftigen Erſchütterung bei der Ankunft entſtanden wäre, und ſo erklärt konnte wohl Thekla mit Karl und um ſeinet⸗ 156 willen leiden, doch nicht in dem Sinne, wie Hildur ge⸗ hofft hatte, denn noch war es ihr nicht gelungen, in Thekla’s Seele den geringſten Verdacht zu erwecken. „Iſt Jemand, der da wünſcht, daß ich weiter leſe?“ ſiel Victor ein, welcher bisher in der Verlegenheit bald die Blätter in Rob Roy, bald den Schnurrbart gedreht und gewendet hatte. „Ja, guter Victor, ich meinestheils höre gerne noch Etwas mehr!“ ſagte Thekla. „Ich auch!“ ſielen Amelie und Roſa zugleich ein. „Ich aber, wenn ich davon los kommen kann, ſo danke ich!“ ſagte Hildur, ziemlich verdrießlich darüber, daß ſie mit ihren myſtiſchen Mienen und ihren kleinen halben Winken nicht mehr Aufmerkſamkeit geweckt hatte. „Mir iſt der Kopf voll von ſo vielen Gedanken, daß ich hineingehe und mich lege, wenn Mutter es erlaubt!“ „Willſt Du denn nicht zuvor mit uns zu Tiſche gehen?“ Jetzt neigte ſich Hildur mit einem Seitenblick zu der Mutter hinab und flüſterte halblaut:„Ich bin allzu aufgeregt dazu, liebe Muter! Darf ich aber morgen früh mit Dir in Deinem Zimmer allein reden?“ „Sehr gerne, mein Kind! Wünſcheſt Du vielleicht heute Abend mit mir zu plaudern? Man ſieht recht gut, daß Du Etwas auf dem Herzen haſt!“ „Nein, meine beſte Mutter! In gewiſſen Fällen iſt es vielleicht am beſten, erſt mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen: ich bin ſo unruhig, ſo voller...“ Sie brach plotzlich ab und küßte noch einmal die Hand der Mut⸗ ter zum Abſchiede. Darauf ging ſie zum Vater, und nachdem ſie vor dem entfernteſten Fenſter, wo er in ſeiner Promenade, ſtehen geblieben war, ihm einige Worte zugeflüſtert hatte, welche ihn aus ſeiner langen Betäubung zu wecken ſchienen, auf die er jedoch nur mit einem Kopfnicken antwortete, kehrte Hildur wieder an den Tiſch zurück, warf einen faſt durchdringenden Blick von Thekla auf ihren ehemaligen Geliebten und ſagte:„Ich wünſche den Herrſchaften einen guten Schlum⸗ mer men, daß etwa Roſe vor Man klein erthe ſollen ſtand Thei Hild Zimt ben, denn Viet ſtürn Unrr Hand pheze Du, ein? wohl durch oder zu h die i allen Miß 1⁵⁷ mer mit nicht allzu ſonderbaren und unglücklichen Träu⸗ men, denn bisweilen haben Träume den Fehler an ſich, daß ſie ganz unerträglich prophetiſch ſind!“ Weder Victor noch auch Thekla antworteten mit etwas Anderem als einem kaltem„Gute Nacht“; doch Roſa, deren Neugierde eben ſo gereizt war, als ihr Herz vor Aerger über Hildur's überlegte Bosheit und großen Mangel an Feingefühl ſchwoll, gab dem Will einige kleine begreifliche Liebkoſungen, wie man ſie Kindern ertheilt, wenn man ſie daran erinnern will, daß ſie gehen ſollen, und er, der ſeine junge Herrſcherin ſo gut ver⸗ ſtand, zog ſich mit Rolf augenblicklich in den dunkelſten Theil des Saales zurück. Jetzt hatte Roſa die Freiheit, Hildur zu folgen, was ſie auch that. Eine Stunde ſpäter hatte der Hausvater ſich in ſein Zimmer, und die Hausmutter in die Küche hinab bege⸗ ben, und obgleich Will noch dort war, ſo konnte man dennoch ſagen, daß Bräutigam und Braut allein waren. Einige Augenblicke verblieben ſie ſtill; doch nachdem Victor jetzt, ſo lange es ihm möglich geweſen war, die ſtürmende, längſt durch das heftige Athmen verrathene Unruhe in ſeiner Seele bekämpft hatte, rief er, Thekla's Hand ergreifend, aus:„Er iſt hier!... Aber was pro⸗ phezeit Hildur's geheimnißvolles Weſen?— Glaubſt Du, daß... daß... Entziehe mir nicht Deine Hand— ein Fünkchen Freude im Schmerze wirſt Du mir doch wohl gönnen?“ „Im Schmerze, Victor?“ Nun ja, vielleicht ſoll es eine Freude für mich ſein, durch den Shawl, in den Du Dich gehüllt haſt, zu ſehen oder zu ahnen— gleichviel— wie Dein Herz ſchlägt, zu hören, wie es vor Angſt klopft bei der Vermuthung, die ihre Worte gewiß auch bei Dir hervorgebracht haben?“ „Welche Worte, Victor? Laß uns ruhig und vor allen Dingen aufrichtig ſein— um Gottes willen, keine Mißverſtändniſſe mehr! Was meinſt Du?“ „Wenn er verlobt wäre! 158 „Er?“ Thekla ſagte nicht mehr als dieſes Wort, doch darin lag ein ſo beſtimmter Widerſpruch, als mög⸗ licherweiſe in einem Worte liegen kann. „Sei nicht allzu ſicher, Thekla!— Wenn er dennoch verlobt wäre, was kümmerte es Dich, die Verlobte eines Andern?“ „Beruhige Dich, Victor! Das Band, welches uns vereint, habe ich ja ſelbſt knüpfen wollen; und wenn ein Tag erſcheint, da Karl Salzwedel ſeine Schickſale mit einem andern Mädchen vereint, ſo wirſt Du ſehen, daß ich meine Pflichten keine Sekunde vergeſſe!“ „Das weiß ich; doch im Stillen... ach, mein Gott!... immer, wenn ich Dich nicht ſehe, wenn Du Dich nicht zu beherrſchen brauchſt, da werden Deine Gedanken, da wird Deine Seele bei ihm ſein, da wirſt Du Deine Thränen dem Andenken an ſeinen Verluſt weihen... O, welch ein bleiches, mattes und farben⸗ loſes Glück iſt doch eine Verbindung, in welcher nur Einer brennt!“ „Du betrübſt mich mit Deiner Heftigkeit, guter Victor! Glaubſt Du meinen Worten nicht? Biſt Du dieſes farbenloſen Glückes ſchon überdrüſſig?“ „Ach, vergib, vergib!“— Victor beugte ſich tief herab auf die Hand ſeiner Geliebten— vergib, theure Thekla! doch... ich begreife nicht, was jetzt daraus werden ſoll!“ In dem Zimmer der Mädchen ging Hildur heftig auf und ab. Auf alle Fragen, die Roſa ihr vorlegte, hatte ſte noch kein einziges Wort erwiedert. „So behalte dein Dein Geheimniß für Dich allein!“ ſagte Roſa, indem ſie ſich der Thür näherte.„Es ahnt mir, daß es nicht gut ſein kann, weil es Dir Muth gab, die Schonung aus den Augen zu ſetzen, welche Du Thekla's Anweſenheit ſchuldig warſt!“ Thekla's Anweſenheit?— Behüte! iſt ſie denn eine Heilige, vor welcher man Verſchämtheit und Ehrfurcht heucheln ſoll?“ Vort, nög⸗ noch lobte uns venn kſale ehen, mein Du deine wirſt rluſt ben⸗ nur guter Du ſerab ekla! oll!“ eftig legte, ein!“ ahnt gab, kla's eine urcht 159 „Wäre ſie eine Heilige, ſo wäre ſie allzu erhaben, als daß ſie von Deinen Stichen Schmerz empfinden könnte; da ſie nun aber bloß ein Mädchen mit menſch⸗ lichen Gefühlen iſt, ſo ſollte es Dir, ihrer eigenen Schwe⸗ ſter, kein Vergnügen machen, ſie auf eine Art zu plagen, die ſowohl Deiner, als auch eines jeden Menſchen, der ein wenig Herz hat, ganz unwürdig iſt.“ „Ich verſichere Dich, Roſa, Du fängſt an aus einem Tone zu reden, der Dir ſehr wenig paßt! Willſt Du Dich zu einer Meiſterin über mich erheben? Kannſt Du Dir vorſtellen, daß ich es einem Kinde geſtatten ſollte, auf mich einzuwirken? Nein, ſpare Dir ſelbſt den Verdruß, daß ich über Deine Einfalt lache! Auf jeden Fall dauert es noch lange, bis Thekla von mir ſo ſehr geplagt iſt, als ich von ihr geplagt worden bin... Kannſt Du Thekla's Handlungsweiſe gegen Karl und dann gegen mich vertheidigen, da ſie ſich mit Victor verlobt hat, welcher ohne ihre beſtimmte— hörſt Du Roſa, ich ſage: beſtimmte— Aufmunterung gewiß eines Tages zu den Pflichten zurückgekehrt ſein würde, die er vormals ſo heilig beſchworen hatte?... Nein, ſchweig— keine Vertheidigung!“ „Ich will ſie ja nicht vertheidigen, ich will nur ſagen, daß ich eine felſenfeſte Ueberzeugung von dem Adel und der Reinheit in Thekla's Charakter habe. Wir kennen ihre Gründe nicht, doch hat ſie Gründe gehabt; und ſollte ſie auch Deine Gefühle verletzt haben, ſo iſt ſie wenigſtens entſchuldigt, denn Dein eignes Betragen gab am beſten zu verſtehen, daß ſie venkohlt waren.“* „Das ſind ſie auch, und zwüͤr auf ewig— und eben weil mein Herz frei iſt, kann ich auch neue Bande knüpfen, ohne zu erröthen, und ich glaube, das iſt mehr, als was Thekla mit aller ihrer Scheinheiligkeit gekonnt hat.“ „Wie? neue Bande?“ Roſa kam ſchnell von der Thür zurück.„Du ſcher⸗ zeſt, Hildur!— oder iſt wohl etwas Außerordentliches, etwas Unglückliches vorgefallen?“ 160 „Unglückliches? das weiß ich nicht, auch nicht, ob es etwas ſo Außerordentliches wäre, wenn ich wieder einen Freier bekäme!“ „Das nicht! Um ſo mehr aber kommt darauf an, wer der Freier iſt!“ „Ja, Du magſt Dir bis morgen die Zeit damit ver⸗ treiben, dieſes zu rathen; haſt Du aber bis dahin das Räthſel noch nicht gelöst, ſo löst es ſich ſchon von ſelbſt! Und nun gute Nacht!— ich will heute Abend nicht mehr plaudern!............. In dieſer Nacht kam kein Schlaf in Thekla's Augen. Da ſie jetzt das blaue Zimmer allein bewohnte, ſo hatte ſie auch die Freiheit, ſich hin und her zu werfen; aber ſie mochte ſuchen, welche Lage ſie wollte, ſo fand ſie leider keine Ruhe. Zwar nahte ſich die Wirklichkeit ihr in keiner Form— nein, noch genoß ſie des einzigen Glücks, das ſie jetzt das ihrige nennen konnte: die Gewißheit, daß ſie durch ihre Aufopferung Karl von der Verbindung mit einer Familie gerettet hatte, die eines Tages uber die ſeinige Entehrung herabziehen konnte... dennoch aber lag in Hildur's berechnetem Spiele ſo viel zu überlegen. War es nicht ſchon genug, daß Karl zu Hauſe war, daß er ihre Untreue kannte, daß ſie gewiß in ſeinen Augen tief genug herabgeſetzt war, ohne daß ſie anzunehmen brauchte, er wäre mit einer Andern verlobt... verlobt unmöglich!— Sein eigener Brief war ja der beſte Beweis, daß er das alte Band wieder anzuknüpfen wünſchte.. „Was es auch ſein mag,“ ſeufzte ſie und ſtrich mit der Hand über die dunklen Augen, in deren langer Franſe ein paar Thränen hingen,„ſo habe ich kein Recht mehr zu klagen! Noch ein Jahr, und ich habe nicht einmal das Recht mehr, in der Einſamkeit der Nacht dem Gedanken an das Glück, welches mir beſchert ſein könnte, eine Thräne zu weihen, denn in ſeiner Liebe lag dennoch eine größere Tiefe, als ich ahnte.. Ar⸗ mer Victor! Du klagſt ſchon jetzt über Dein farbenloſes — —,——,—..—-—-————— ↄ——— —2— n-——,— 161 Glück, Du willſt den ganzen Himmel herabziehen und umarmſt nur die kalte Erde!... Doch auch Du ſollſt einige Roſen finden, wenn auch bleiche: ich will, ja ich will es mit der ganzen Kraft meiner Seele verſuchen, ſie Dir zu bieten!“ Am folgenden Morgen, da gerade Hildur mit ihrer Mutter die geheime Unterredung hatte, erhielt der Groß⸗ händler einen Beſuch von dem Rathsherrn Salzwedel, welcher im Namen hires Sohnes förmlich um Hildur's Hand anhielt, ein Anhalten, das Holgerſen, nachdem der Rathsherr verſichert hatte, Hildur hätte ihre Zuſtim⸗ mung gegeben, um ſo geneigter war, mit einem dank⸗ baren Ja zu erwiedern, als es ihm, ganz im Gegenſatz mit Thekla, ſehr glücklich zu ſein ſchien, ſich mit einer angeſehenen Familie zu verbinden; denn je mehr Leute in dem Falle des Unmöglichſten(nämlich einer Entdeckung ſeiner ſchwärzeſten That) mit ihm in das Unglück hexab⸗ gezogen würden, deſto beſſer, denn ſie waren ja eben ſo viele intereſſirte Bundesgenoſſen.. Geſchlagen von dem größten Schrecken, von einent Leiden, das keine Worte fand— Amelie war ja gar nicht um Rath gefragt worden, da die Tochter eingewil⸗ ligt und der Rathsherr um ſie angehalten hatte— eilte die bekümmerte Mutter in Thekla's Zimmer. O, wie ſollte ſie ihr dieſen ſchrecklichen Schlag ertheilen können! „Liebe Mutter! in Gottes Namen was gibt's?“ fragte Thekla, welche nicht nur ihre Morgentoilette beendigt hatte, ſondern auch jene Art von geiſtiger Toilette, bei welcher Seelenſtärke und ein ſtarker Wille vor allen Dingen die Aufwartung haben. Auf der Wange brannte keine verrätheriſche Röthe mehr, die Augen waren ruhig und klar, die Stirn Prolätiet, die Haltung feſt wie The⸗ kla's eigenes feſtes Weſen. Der Jungferthurm. III. 11 16² „Mein Kind, ich glaube, Präludien dienen bei Dir zu gar nichts: Du biſt ſo ſtark, ſo beſonnen, ſo muthig.“ „d! iſt er krank? iſt er todt?“ ſtotterte Thekla. „Rede ohne Umſtände, meine Mutter!“ „Nicht krank, nicht todt, aber... aber... Nein, mein Kind! Du veränderſt Dich ſo, Du wirſt ſo blaß— mir fehlt die Kraft...“ „Mir fehlt die Kraft nicht, Mutter, wenn ich jetzt nur nicht lange gepeinigt werde!“ „Er iſt... er iſt verlobt!“ „Weißt Du das auch gewiß, Mutter? Meine Ver⸗ lobung hat er doch vor ſeiner Ankunft nicht erfahren können!“ „Er kam auch noch frei nach Wisby.“ „Alſo,“ ſagte Thekla, und ein Zittern brach die Kraft in den feinen Gliedern,„geſtern Abend knüpfte er neue Bande?“ Die bekümmerte Mutter nickte ein angſtvolles Ja. „Und die Braut?“ „Hildur!“ Thekla ſiel nicht in Ohnmacht, brach nicht in Thrä⸗ nen aus, bewegte ſich nicht einmal aus der Stelle, aber ihr Wange verlor den letzten Reſt von Lebensfarbe, während ihre zitternden Lippen zwei Worte hervorſtießen; dieſe enthielten aber auch Alles: „Alſo umſonſt!“ Achtzehntes Capitel. Der Verlobungstag. Als Karl Salzwedel, nachdem er die halbe Nacht in ungeordneten Gedanken auf und ab gewankt, am folgenden Morgen erwachte, war er nur allmälig und 2 3 — 8 ☛= 8S-—,—,—z — —— 163 mit Mühe im Stande, die Erinnerungen zu entwirren, welche ſich von dem geſtrigen Abende auf ihn eindrängten. Alles kam ihm vor wie ein wahnſinniger Traum nach einem ſtarken Rauſche. Doch das Unglück wollte, daß er wachend geträumt hatte, und daß er nicht aus⸗ rufen konnte: Gott ſei gelobt, daß dieſe Leiden mich nur im Schlafe peinigten! Bei Karl's Charakter war es wohl möglich, bis⸗ weilen während eines langen Lebens außerhalb des ge⸗ wöhnlichen Kreiſes eines ordentlichen und gleichmäßigen Ideenganges zu gerathen— ja, es konnte leider wohl ſogar hingehen, daß ein ſo außerordentlicher Fall die ſonſt ruhige Phantaſie in volle Flammen verſetzte; was jedoch nimmermehr möglich war, was nie hingehen konnte, das war die Fortſetzung eines ſolchen Zuſtandes: mit einer neuen Sonne mußte er ein Ende haben, und er hatte es auch, denn eine ſolche Spannung konnte nicht länger mit Karl's Nerven übereinſtimmen. Doch hörte die eigentliche Urſache, welche dieſe Wallung des Blutes veranlaßt hatte, keinesweges damit auf, daß die Wogen deſſelben ſich ebneten. Nein, nicht allein die Urſache, ſondern auch die Folgen blieben; doch ebenſo ſicher, wie Karl mit Be⸗ ſtürzung und tiefer Reue ſich mit neuen Banden gefeſſelt fühlte, eben ſo ſicher war es auch, daß er in keine feige Wehklage verfallen oder es verſuchen konnte, einen Accord mit ſeiner Ehre zu treffen. Er wußte nicht ganz gewiß, wie weit er mit ſeiner wahnſinnigen Brautwerbung ge⸗ kommen war; als er aber nach einer Unterredung mit den Eltern vernommen hatte, es wäre Alles in ſo gehö⸗ riger Ordnung, daß nur noch das förmliche Anhalten bei den Eltern übrig wäre, ſo bat er den Vater, dieſes Geſchäft zu übernehmen, denn dieſes war das Einzige, was ihm ſelbſt unmöglich war. Erſt als der Rathsherr ſich auf ſeine Beſchickung hinweg begeben hatte, wagte ſich Frau Ringeborg mit einem vertraulichen Worte heraus: 11* 1 164 „Mein theurer, lieber Sohn! jetzt ſiehſt Du gewiß ein, daß ich geſtern mit meinen Bitten nicht ganz Un⸗ recht hatte. Jetzt aber iſt geſchehen, was geſchehen iſt, und ich bin auch feſt überzeugt, daß Du bei dem Tauſch nicht verloren haſt.“ Karl nickte den Worten und Hoffnungen ſeiner Mutter einen ſtummen Beifall zu. „Mein Sohn, ich will, daß Du gegen mich ein wenig offenherziger biſt!“ „Wozu ſollte das dienen, Mutter? Wenn ich geſtern als ein Thor handelte, was ſich ſchwerlich beſtreiten läßt, ſo habe ich wohl jetzt um ſo mehr Urſache, als ein klu⸗ ger Mann zu handeln, und ein ſolcher ſetzt ſich nicht hin, um über Dummheiten zu jammern, welche er doch ſelbſt angerichtet hat.“ „„und Du glaubſt alſo heute Abend ſtark genug zu ſein, um hingehen zu können?“ „Ich muß wohl... Laß mich jetzt aber ein wenig allein, damit ich das Eine und das Andre überlegen kann— ſo viel will ich Dir ſagen, Mutter, daß ich dieß nöthig habe!“. „Thue wie Du willſt, lieber Sohn— nur um eine Sache bitte ich Dich: ſei nicht allzu ernſt gegen Dein Bräutchen, denn das, Du verſtehſt wohl? wuürde ſie tief verletzen.“ „Ich glaube kaum, daß ſie ſo ſehr feinfühlend iſt, ſonſt hätte ſie wohl ein ſo gemachtes Anerbieten ver⸗ worfen!“ ſeisbes nun?“ ſagte Frau Ringeborg in ihrem ſtol⸗ eſten und gebietendſten Tone—„ſprichſt und urtheilſt u ſo über diejenige, welche Deine eigene Mutter Dir gewählt hat?... Ich muß Dir ſagen, mein lieber Karl, es iſt nothwendig, daß Du Alles, was Ihr redetet, ehe ſie ihren Beifall gab, Dir in Dein Gedächtniß zurück⸗ rufſt— ſie war gewiß nicht leichtſinnig!“ Und Frau Ringeborg, welche mit ihrem tiefen Ge⸗ fühl für den Werth der ächten Weiblichkeit Hildur's —— 16⁵ Anſehen gerne retten wollte, wiederholte nun einen großen Theil von demjenigen, was dieſe geſagt und was Karl vergeſſen hatte— wie die gute Alte das Alles wiſſen konnte, davon war natürlich nicht die Rede. „Nun gut!“ meinte Karl,„es iſt um ſo beſſer, daß ſie ſich ſo zeigte. Doch Eins will ich ihr ſagen, ehe ich den Ring an ihren Finger ſtecke: daß ſie ihr leicht⸗ ſinniges Weſen ablegen muß, denn das ſteht meinem Charakter keineswegs an.“ „Hüte Dich aber doch, lieber Sohn, ſie mit allzu vielen Vorſchriften zu ermuͤden! Du biſt nicht ganz ſo, wie ich erwartete— und, Gott verzeihe mir! ich fürchte, daß Du auch nicht wirſt, was Du ſein ſollteſt!“ „Habe keine Sorgen, Mutter; wenn man aber die beſte Freude im Leben verloren hat, ſo kann man nicht recht zufrieden ſein, daß man ſich über leere Kindereien freuen ſoll!“ Als Karl und Thekla ſich an dieſem Abende in Beiſein beider Familien und unter Victoris und Hildur's bewachenden Augen grüßten, konnte Niemand eine merk⸗ liche Veränderung in ihren Geſichtszügen oder ein Zit⸗ tern in dem Tone bemerken, womit ſie ihren gegenſei⸗ tigen Glückwunſch austauſchten. Die Worte waren vielleicht förmlicher, als ſie unter andern Umſtänden geweſen ſein würden; doch Alles war ſo„anſtändig“, ſo ehrbar und ruhig, daß man nach Frau Ringeborg's Ausdruck wirklich Freude daran hatte. Niemand aber war im Stande, die Verzweiflung, den Schmerz und die ſtumme Anklage zu beurtheilen, zu ſehen oder abzuwägen, die in Karl's hartem Händedruck lag— Niemand konnte auch Alles ſehen und ahnen, über das er Thekla aufklärte. Karl dagegen erhielt gar keine Aufklärungen, denn Thekla's feine Finger lagen unbeweglich in den ſeinigen. 166 Das ſtolze Mädchen war im Stande, ihr ganzes irdi⸗ ſches Glück für den Geliebten zu opfern, nicht aber, beſonders nachdem das Opfer einmal gebracht war, ſich nutzlos durch die geringſte Schwäche zu erniedrigen; und die Ueberzeugung, daß ſie wirklich kalt wie Eis war, daß er für ſie gar nichts bedeute, halfen ihm ſeine ſchwere Rolle beſſer ſpielen, als ſonſt vielleicht der Fall geweſen ſein würde. Doch fiel er in keine weiteren Ex⸗ treme: der Stich war tief geweſen, die Wunde ließ ſich nie mehr heilen, und er fühlte, daß von dieſem Augen⸗ blick an ſein Charakter einen weit ernſteren und ſchwe⸗ reren Anſtrich erhielt, als er vorher gehabt hatte. Thekla zeigte ſich nicht im Mindeſten verändert— ſie war ja immer ruhig und nicht ſehr geſprächig ge⸗ weſen— wer aber verändert war, das war Hildur und Victor, welche beide nicht in ihre neuen Verhältniſſe hineinkommen konnten. Karl's Blicke, lau wie die matten Sonnenſtrahlen an einem Herbſttage, ließen Hildur eine Beklemmung empfinden, welche faſt noch größer war, als diejenige, die ſeine wohlgemeinten aber kühlen Worte zurückließen. Victor dagegen, er mit ſeinem ganzen Ueberfluß an Le⸗ ben, ſtand jetzt gleich einer Bildſäule hinter oder neben Thekla's Stuhl und bewegte ſich faſt gar nicht aus der Stelle, außer wenn ſie ihn anredete, was Thekla gleich⸗ wohl heute Abend häufiger als gewöhnlich that— ja ſie erlaubte es ſich zum erſten Male, eine gewiſſe an⸗ muthige Vertraulichkeit in ihr Weſen einzulegen; und da Victor ſich bei einer Gelegenheit zu ihr hinneigte, um ihr eine Kleinigkeit zu reichen, welche ſie verlangt hatte, legte ſie ihre Hand in die ſeinige und flüſterte in einem Tone, welche den armen Lieutenant ein gutes Stück von der Erde erhob: „Sei Dir ſelbſt nicht ſo unähnlich, mein guter Victor: ſonſt muß ich fürchten, daß Du nicht Alles ſehen willſt, was Dich beruhigen kann!“ „O, wie himmliſch gut Du biſt!“ erwiederte er eben △— ͤͤͤ ☛ 167 ſo leiſe.„Wenn ich mir aber in meinem ganzen Leben nicht ähnlich werde, ſo kommt das nur daher, weil die Gefühle, welche Du mir einflößeſt, ſo verſchieden ſind von denjenigen, die der Mann für das Mädchen em⸗ pfindet, welches er nur um der Schönheit willen anbetet — ich fühle mich bei Dir zu gleicher Zeit ſo glücklich und doch ſo fremd.............. Ungefähr um dieſelbe Zeit ſagte Lieutenant Karl Salzwedel zu ſeiner Braut, die ſchon lange mit ahnen⸗ dem Vorgeſchmack eines nicht beſonders wünſchenswerthen Zuſammentreffens unter vier Augen Gelegenheit geſucht hatte, zu entkommen:„Liebe Hildur! erlaubſt Du mir nicht einen einſamen Augenblick?“ „Wie? meinſt Du jetzt?“ „Ja! Laß uns in das blaue Zimmer gehen, da doch Niemand dort iſt!“ „Aber ich glaube, ich muß Roſa jetzt mit dem Therebelſen wendete Hildur ein, welche ſchon zu frieren glaubte. „Ich bin überzeugt,“ entgegnete Karl,„Roſa iſt ſo hurtig, daß ſie ſich ſchon helfen wird!“ Und— unbe⸗ greifliche, wunderbare Kühnheit!— mit dieſen Worten nahm Karl Hildur's Hand und führte ſie in das er⸗ wähnte Zimmer, ehe ſie noch mit einem Worte ihren Beifall ausgeſprochen hatte. Das Wunderbarſte dabei aber war dennoch, daß Hildur gar keine Verſuchung fühlte, ihr tiefes Erſtaunen und— wir mögen es gerne ſagen— ihren unbegrenzten Aerger zu verrathen. Ein Gewinn von Hildur's erſter Lection in der neuen Schule war alſo ſchon gegeben: ſie fühlte die Nothwendigkeit, ſich zu beherrſchen, und weil ſie dieß wollte, ſo konnte ſie es auch. „Meine beſte Hildur! Ein ſo wichtiges Feſt wie dieſes kann oder darf wenigſtens nicht zu Ende gehen, ehe wir einen Blick auf die Pflichten geworfen haben, zu denen wir uns verbindlich machen; und dieß iſt um 168 ſo nothwendiger, als wir ſo wenig Zeit hatten, vorher an dieſelben zu denken.“ „Ich hoffe, Karl, Du wirſt nicht vergeſſen, daß ich geſtern Abend keine Mühe ſparte, Dich zu überzeugen, daß wir mehr Zeit nöthig hätten, als Du geſtatten wollteſt!“ „Ich entſinne mich deſſen ebenſo gut, als daß Du trotz der kurzen Bedenkzeit dennoch Dein Verſprechen gabſt. Wir haben Beide kein Recht, unſere Gründe weder für die Frage noch für die Antwort zu prüfen, denn Beide waren frei; um ſo mehr Recht aber haben wir, von einander eine aufrichtige Erklärung über den Grund zu fordern, auf welchen wir nun die Erfüllung unſerer Gelübde zu erbauen gedenken: die Ehe iſt eine allzu wichtige Sache, als daß ſie nicht unſer ganzes Nachdenken in Anſpruch nehmen ſollte.“ gornit werden uns ja erſt in einem Jahr verhei⸗ rathen!“ „Das iſt wahr; doch die Verlobung iſt eine ſehr ernſte Vorbereitung— und um mit dem Vertrauen den Anfang zu machen, ſo will ich Dir offen ſagen, beſte Hildur: ich kann nicht geſtatten, daß Du Dich in Deinen Gedanken und Handlungen als ſo frei anſiehſt, wie während Deiner vorigen Verlobung!“ Hildur hätte beinahe laut aufgeſchrieen und dadurch deutlich ihre verletzten Gefühle verrathen; aber es kam nur zu einem ausdrucksvollen„O!“ „Daß Dein Herz gut und rein iſt, glaube ich mit vollkommener Gewißheit; doch aus Achtung gegen den Mann, welchem Du das Gelübde Deiner Treue gegeben haſt, aus Achtung gegen Dich ſelbſt und vor allen Dingen aus Achtung gegen die Heiligkeit der Verbindung, in welche Du eingetreten biſt, lege dieſen unglückſeligen Leichtſinn ab, welcher— Du weißt es ſelbſt allzu gut — uns alle Vier auf den Punkt gebracht hat, wo wir jetzt ſtehen!“ „Du machſt einen ſonderbaren Anfang, Karl!“ —, 0 —— D 8S1SSeD ——— ————-—,———,———,—.„ — 4 7 „Gute Hildur! es iſt beſſer, Alles im Anfange klar zu haben, als ſpäterhin zu tadeln und zu meiſtern. Glücklicher Weiſe biſt Du mit meinem Charakter nicht ganz unbekannt, dieſer iſt mehr auf das Ernſte gerichtet, als auf das Fröhliche und Helle; doch bin ich überzeugt, Du wirſt, wenn Du es der Mühe werth erachteſt, auf eine Deiner ſelbſt würdige Weiſe den großen Vorzug anzuwenden, den Dir die Natur in einem frohen Ge⸗ müthe geſchenkt hat, Du wirſt, ſage ich, im Stande ſein, ſpäterhin, da Alles beſſer wird, als jetzt, auf mich vor⸗ theilhaft einzuwirken.“ „Nach demjenigen zu urtheilen, was Du mir ſchon am Verlobungstage ſagteſt, bleibt mir nur geringe Hoff⸗ nung,— auch wird es mir gewiß unmöglich, mich ganz und gar umzuſchaffen!“ „Das fordere ich keinesweges, würde es nicht ein⸗ mal wollen; was ich jedoch mit Wärme wünſche, was ich mit Innigkeit von Dir erbitte, iſt, daß Du ſelbſt den Fehler, welchen ich jetzt andeutete, ſorgfältig prüfſt, und nicht allein ihn, ſondern auch ſeinen natürlichen Begleiter. So zum Beiſpiel haſt Du eine Fähigkeit, auf eine Art zu kokettiren, welche in den Augen anderer Männer entzückend ſein mag, welche jedoch in den meinigen, am gelindeſten ausgedrückt, langweilig iſt. Deine kleine Naſeweisheit mag für Andere eben ſo entzückend ſein, ich aber bin allzu träge, als daß ich mich darauf ver⸗ ſtehen könnte. Werde gut, meine Hildur, behalte Deinen natürlichen Frohſinn ohne geſuchte Zuſätze— und vor allen Dingen: glaube meinen wohlgemeinten Rathſchlägen und meiner aufrichtigen Ergebenheit, und ich bin über⸗ zeugt, daß wir uns dereinſt verſtehen und uns beſſer beurtheilen und ſchätzen werden, als heute!“ „Du wirſt aber doch allzu ſtreng, Karl: mit dem Tone, den Du ſchon jetzt annimmſt, kommt gewiß nie das Vertrauen!“ „„Ich werde niemals ſtreng, Hildur; ich will von Dir nicht mehr fordern, als was ich Dir dagegen gebe 170 — und glaube mir: es kommt auf Dich ſelbſt an, das Herz Deines künftigen Gatten und ſeine ganze Dankbar⸗ keit zu gewinnen! Wer, wenn nicht ich, wird die Be⸗ mühungen zu ſchätzen wiſſen, welche Dich ſo ſehr in meinen und aller Menſchen Augen erheben; wer, wenn nicht ich, wird die Stunde ſegnen, die uns zu einander führte, wenn ich an dem Ende unſeres Verlobungsjahres mit wärmeren Worten, als jetzt, Dir für das theure, mir ertheilte Gelübde danken kann!... Ach, die Macht des Weibes iſt groß, wenn ſie mit Nachdenken die großen Reichthümer anwendet, welche ſie nicht nur in ihrer Schönheit, in ihrer Anmuth beſitzt, ſondern auch in ihrem Verſtande, in ihrer Herzensgüte und in jenem feinen dattiz der ihr ſagt, wann Alles am beſten anzuwen⸗ den iſt!“ „Es iſt mein feſter Entſchluß, mich wenigſtens zu bemühen, ſo zu werden, wie Du wünſcheſt!“ ſagte Hildur, dießmal mit einem Anfluge ernſter Rührung, denn Karl's letzte herzliche Worte hatten einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht. „Danke!“ ſagte er mit ſeinem guten, treufeſten Tone; „das iſt Alles, was ich wünſchen, Alles, was Du ver⸗ ſprechen kannſt— ja, verſprächeſt Du mehr, ſo würde ich Deinen Worten weniger glauben, als jetzt. Und ſei auch Du verſichert, ich werde nie unterlaſſen, zu Deinem Glücke beizutragen, ſo viel in meinen Kraͤften ſteht; und ſo heilig iſt mir der Titel meiner Verlobten, welchen Du führſt, daß ich, ſelbſt wenn es Dir gleichgültig ſein ſollte, mit ernſter Kraft an meiner Befreiung aus der Gewalt der Gefühle, welche ich jetzt nicht einmal zu nennen ein Recht habe, arbeiten will.“ „Ich danke Dir, Karl, für dieſe edle Verſicherung, und gebe Dir dagegen die meinige, daß auch ich niemals vergeſſen will, was Deiner künftigen Gattin ange⸗ meſſen iſt!“ Und hiemit war Alles, was jetzt ſich abmachen ließ, geſagt und beſiegelt. War aber Hildur wohl glücklich . —9— Hͤͤ— o=-N N&⏑ . 8 171 in ihrem erkämpften Triumph? fühlte ſie wohl dieſes überſchwengliche Glück, welches ſie als ihr entſchiedenes Eigenthum angeſehen hatte, wenn ſie das Ziel ihres langen Beſtrebens, Thekla zu demüthigen, erreichen könnte? Nein, ſie empfand kein ſolches Glück, konnte es auch nicht empfinden, denn Thekla war nicht gedemüthigt: ihr ruhiger, ſanfter Blick heftete ſich weder mit Harm, noch mit Schmerz und Verdruß auf die ſiegende Neben⸗ buhlerin— im Gegentheil: es lag darin ein Ausdruck, bei welchem Hildur nicht umhin konnte, ſich ſelbſt faſt gedemüthigt zu fühlen. „Ol“ fluͤſterte es in ihrem Herzen, da ſie am Abende ſich zur Ruhe begab,„wenn man doch im Voraus be⸗ rechnen könnte, wie Alles enden wird, ſo unterließe man gewiß eine ganze Menge von Dingen! Könnte ich jetzt Alles wieder in die vorige Lage zurückzaubern, ſo wollte ich klüger handeln— aber was ſagte Mutter: wenn man erntet, was man ſelbſt geſäet hat, ſo hat man kein Recht, ſich unglücklich zu fuͤhlen!u — Neunzehntes Capitel. Ein Brief. Seit dieſem Abende waren Tage, Wochen und Mo⸗ nate entſchwunden. Die vier Verlobten waren ſo zu ſagen an ihren Plätzen feſtgefroren, Victor und Thekla an dem einen Fenſter, Karl und Hildur an dem andern. Draußen aber war auch jetzt ein ſtrenger und feſter Winter, und hätte nicht Roſa mit ihrem wärmenden, friſchen Frohſinn, mit ihren lächelnden klaren Augen ein wenig Sonnen⸗ ſchein unter den kalten Nebel gebracht, ſo würde man 172 in der Mörk'ſchen Familie ganz vergeſſen haben, wie Sonnenſchein ausſieht und wie er ſich empfinden läßt. Hildur ſetzte mit ihrem Leichtſinne keines Menſchen Geduld länger auf die Probe: ſie war ſo ernſt und vernünftig, als man nur wünſchen konnte, dabei aber auch ſo truͤbe, ſo ſtill und ſo ängſtlich genau in Worten und Geberden, daß ſogar Karl ſie jetzt zu ermuntern ſuchte, obgleich es ihm nicht gelingen wollte. Victor war melancholiſch zerſtreut und langweilig geworden, und ſchweigend ſaß jedes Paar an ſeinem Fenſter, die Mädchen nähten und die Lieutenants ſtarrten bald die Decke und bald einauder an. „Sie ſind ſtummer als Will!“ pflegte Roſa zu ſagen, indem ſie, um nicht ſelbſt in der trägen Wind⸗ ſtille feſt zu frieren, Will zwang, mit ihr zu tanzen; und wenn Will ſo Roſa's ſchlanken Leib mit ſeinem Arme umſchlang und fühlte, wie ihre Locken an ſeiner Wange vorbei flogen, während ſie ihn tapfer und lachend mit ſich hinweg zog, da war wenigſtens er glücklich. Doch auch Roſa hatte ihre kleinen Zwiſchenſtunden, in welchen nicht Alles ſo friſch und fröhlich in ihr war. Da ging ſie zu dem geliebten Jungferthurme, ſtieg die ſchwere Treppe hinauf und ſetzte ſich auf die Moosbank, welche Will ihr vor der Schießſcharte gemacht hatte, auf welcher Junghanſens Tochter vielleicht in den geheimniß⸗ vollen Dienſtagsnaͤchten ſaß und hinausſtarrte nach der Ankunft der Befreierin. „O, wie ſonderbar iſt es doch,“ ſagte Roſa zu ſich ſelbſt, da ſie an einem dunkelgrauen Vormittage ihren, alten Platz an der Schießſcharte des Thurmes einge⸗ nommen hatte,„wie ſonderbar iſt es doch, daß mir bis⸗ weilen ſo traurig, ſo wunderlich zu Muthe iſt! Ich darf es keinem Menſchen ſagen, denn ſie ſind ja alle ſelbſt ſo traurig; gewiß aber iſt, daß ich ſehr froh wäre, wenn ich mit den grauen Wolken weit hinweg zu andern Ge⸗ ſtaden fahren könnte.... Es iſt ſo ſchrecklich öde in ——.————j—./o— X8——-— ð [+☛ ᷣ——— B8 ,— ———* M 173 dieſem Winter: die alten Schiffscapitaine verſammeln ſich nicht mehr wie ſonſt bei dem Vater— meine Wikinger... Bei dieſen Worten ſpielte ein feines und verſchämtes Lächeln auf Roſa's Lippen, und halb⸗ laut wiederholte ſie Albin's Worte: „Mademoiſelle Roſa! laſſen Sie doch nicht das Andenken jedes andern Seemannes durch die glücklichen Wikinger aus Ihrer Erinnerung vertreiben!“ Sie blickte zu der Schießſcharte hinaus— die Er⸗ innerung an dieſe theuren Worte hatte eine Wärme über ihre Wangen verbreitet, welche abgekühlt werden mußte. „Hu! wie unheimlich ſieht es jetzt aus, das große Meer! Die Eisblöcke ſind die einzigen Segler, welche man erblickt, und ſie ſehen aus wie todte Schiffe in ihrem Leichentuche!... Nein, ich will nicht an Tod. und Leichentuch denken: ich will an den Fruͤbling, den herrlichen, friſchen Frühling denken, da lebendige chiffe mit lebendigen Menſchen auf den blauen Wogen ſchwan⸗ ken und da das eine nach dem andern auf unſerer Rhede Anker wirft. O wie ſchön iſt es dann, auf der alten Ruine von Wisborg zu ſtehen und weit, weit in die Ferne hinaus zu blicken!... Viele Fremdlinge kommen wohl hieher und vielleicht auch manche, die ſchon früher hier geweſen ſind... ach, das iſt doch nicht ſo ganz gewiß— nein, man hörte wohl, daß es nicht ganz gewiß war— aber auf jeden Fall bin ich da ein ganzes Jahr älter geworden: ein ſiebenzehnjäh⸗ riges Mädchen darf nicht mehr ſo kindiſch ſein, wie ich im letzten Sommer war.... Hätte er doch nur ein einziges Mal hier auf der Bank geſeſſen und geſehen, wie Junghanſens Tochter es hatte!.. Doch darum kümmert ſich wohl nur der arme, gute Will— Gott ſei gelobt, daß wenigſtens Will in dieſem Winter glücklicher iſt, als er jemals war!.“ „Mamſell Roſa!“ erſcholl eine Stimme von unten. „Was willſt Du, liebe Betty?“ 4 174 Des Gärtners Betty war jetzt als die Aufwärterin der Töchter, beſonders Roſa's, angenommen worden, und war für dieſe eine halbe Geſellſchafterin. Sie hatten mit einander als Kinder geſpielt, ihr Abe gelernt und ihr erſtes Zeichentuch genäht; ſie hatten auch im vorigen Jahre zugleich ihren Confirmationstag gefeiert, und darum war es auch Roſa's Freude, Betty jetzt in allen Arten von weiblichen Handarbeiten und andern Dingen, die für ſie paſſen konnten, zu unterrichten. Wenn es je eine lernbegierige Schülerin gab, ſo war es gewiß die muntere, hurtige und geſchickte Betty oder die ſchöne Betty, wie ſie ebenfalls genannt wurde, denn obgleich ſie die Aufwärterin der drei ſchönſten Mädchen in der Stadt war, ſo konnte doch kein Menſch läugnen, daß Betty's hübſches Geſichtchen ebenfalls ſich ſehen laſſen konnte. „Mamſell Roſa möchte ſo gut ſein, nach Hauſe zu gehen: ich glaube, es iſt was Luſtiges angekommen!“ „Etwas Luſtiges?— Hm, ich möchte wiſſen, was, nite im Winter!“ antwortete Roſa, indem ſie herab⸗ ieg. „O— kann man denn im Winter nicht vergnügt ſein?“ fragte Betty unſchuldig. „O ja, verſteht ſich, aber doch auf andere Art, dh verſchiedene Art.... Aber was iſt es denn, liebe etty?“ „Ja, das weiß ich wirklich nicht recht; ſo viel aber weiß ich doch, daß die Poſt, auf die der Herr ſo lange gewartet hat, nun endlich durch das Eis gekommen iſt, und gewiß war ein Brief mit großen Neuigkeiten dabei.“ Roſa that ein paar Sprünge, als wollte ſie nach Hauſe fliegen; plötzlich aber blieb ſie ſtehen, und indem ſie mit einer mißtrauiſchen Bewegung das ſchöne Köpfchen ſchüttelte, dachte ſie:„Immer bin ich ſo kindiſch — was ſollte Er wohl ſchreiben, daß man mir deßhalb nachzuſchicken brauchte?“ .Ge „Höre, Betty! Biſt Du von der Mutter oder vom Vater geſchickt?“ „Die Frau klingelte, und als ich hineinkam, ſaß ſie mit dem Herrn auf dem Sopha, und er hatte einen Brief in der Hand, und ſo ſagte die Frau, ehe ſie mich zu ſehen bekam:„Ach, mein Gott, wie wird das meine kleine Roſa freuen! Ich kann Dir gar nicht genug für Deine Zuſtimmung dan⸗ ken, mein guter Arne— ſie kann dieſe Freude ſo gut nöthig haben, bevor...“ Hier brach die Frau ab und wendete ſich um, und da ſagte ſie:„Betty! Roſa wollte eine kleine Promenade machen, da ſie aber ſo lange ausbleibt, ſo ſitzt ſie gewiß im Junaſe. thurme. Es iſt ſehr kalt jetzt, dort ſich aufzuhalten; darum mußt Du ſie aufſuchen und ihr ſagen, ſie möchte nach Hauſe kommen!“ So plauderte Betty, bis ſie vor der Hausthüre ſtanden. Mit klopfendem Herzen flog Roſa die Treppe hin⸗ auf zu der Mutter, welche jetzt allein war. „Wollteſt Du mir etwas ſagen, liebe Mutter?“ „Ja, ich glaube wohl! Siehſt Du dieſen Brief, mein Kind?“ „Der ſieht eben nicht ſo angenehm aus!“ meinte Roſa, die bei dem erſten Blick auf den Brief zwei be⸗ merkenswerthe Dinge entdeckte: er hatte einen auslän⸗ diſchen Poſtſtempel und war ſichtbarlich von einer alten und etwas zitternden Hand geſchrieben. „Wie kannſt Du das im Voraus wiſſen, Du kleine Schwätzerin? Ich ſollte Dich eigentlich damit ſtrafen, daß ich Dich Deiner Neugierde überließe.“ „Ich bin nicht neugierig, liebe Mutter!“ „KRoſa ſprach dieſe Worte mit einer Betrübniß aus, die ſie ſelbſt nicht erklären konnte. „Setze Dich hieher, ſo wollen wir ſehen, ob ich Dich nicht munter machen kann!“ Und trotz des ausländiſchen Poſtſtempels und der 176 zitternden Hand hatte wirklich der fremde Brief den Einfluß auf Roſa, daß ſie von dieſem Tage an nicht ging, ſondern tanzte, nicht redete, ſondern ſang... und dennoch enthielt dieſer Brief kein einziges Wort, das die geringſte Verbindung mit den Gedanken rmühilt, welche ſie neulich im Jungferthurme gehegt hatte. Was dieſer Brief eigentlich enthielt, und wie ſein Inhalt mit andern Ereigniſſen und Verhältniſſen ein Bündniß ſchloß, das werden wir ſpäterhin erfahren. 5 5 * 8