Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Wtr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 4 3 41—. 8 11 8„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. .““ — S1PI2AIaIlu uslan gou AA41 ur d 4 Em⸗— gens von 2A tun⸗. 1 hme 3 nme 2. attet 2 und ☛ 191 SIH34431 Der Jungferthurm. Seeroman von Emilie Flygare⸗Carlén. Zweiter Theil. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. SFechstes bis neuntes Bändchen. UU Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. Bweite Abtheilung. Erſtes Capitel. Die Höhle des RNäubers Lilja. Folgendermaßen lautet eine Geſchichte, wie gottlän⸗ diſche Seeleute ſie erzählen: In weiter Ferne in dem wilden Meere, ja faſt an dem Ende der Welt, ging ein Schiff, Namens Räffinut, hin und her, und dieſes war ſo groß, ſo groß, daß man mit genauer Noth ſagen kann, wie groß es war. Denket euch ein ſolches Ungeheuer: wenn Jemand als ein klei⸗ ner Schiffsjunge auf den Topp des großen Maſtes ge⸗ klettert und glücklich wieder herunter gekommen, ſo war er vor Alter weiß geworden, wie eine Taube— volle ſechszig Jahre hatte er zu dieſer Reiſe gebraucht! Und von dergleichen Blöcken hat man wohl noch nie reden gehört: in jedem derſelben war ein Wirthshaus, worin die halbe Beſatzung ganz bequem Raum fand. Das größte Wunderwerk waren aber doch die Marſe: ſie waren mit Erde gefüllt, um darauf den Proviant für die Beſatzung auszuſäen, und enthielten wenigſtens zwölf Tonnenland*) Acker. Als man dort einmal pflügte, ging es nicht beſſer, als daß ein Ochſe mit Pflug und Allem in die Kabuſe hinab und gerade in den Erbſen⸗ keſſel hineinſiel. Da gab's euch ein Suchen in dem *) 414,000 ſchwediſche Quadratellen, Der FJungferthurm. II. Keſſel: mit vierzehn Böten ruderte man Tag und Nacht in's Kreuz und in die Quere, und erſt drei Wochen ſpäter fand man den Ochſen hinter dem Erbſenſchaum an der einen Kante... Eines Tages, da das Schiff in der ſpaniſchen See lag und kreuzte, bekam der Capi⸗ tain den Einfall, einmal einen kleinen Beſuch in der Oſtſee zu machen. Geſagt, gethan, obgleich er eine übermenſchliche Beſchwerde hatte, ſich durch den Oere⸗ ſund zu lootſen. Doch alle ſeine Beſchwerde war ver⸗ gebens: die Oſtſee geſiel ihm nicht, und er fand es bald für gut, wieder umzukehren. Zu dem Ende ließ er dort, wo die Schute verteiet lag, ein paar Matroſen ſich zu Pferde ſetzen und ſich acht Tage vorher mit den Befeh⸗ len hinweg begeben, damit die Leute in Ordnung ſein möchten, die Schooten loszuwerfen, zu geien und back zu braſſen. Doch wollte es nicht recht gehen, ſo lange er das Fahrzeug nicht erleichtert hatte. Jetzt wurde der Ballaſt über Bord geworfen— und daraus entſtand damals auf der einen Seite Gottland und auf der an⸗ dern Oeland, das Bugſpriet aber ſtrich quer über Born⸗ holm hinweg, und nahm allen Wald dieſer Inſel mit ſich fort, welcher hernach in aller Ewigkeit nicht wie⸗ der gewachſen iſt.. Wo das Schiff Räffinut nach dieſer Geſchichte geblieben iſt, das weiß kein Menſch; daß es jedoch noch heutigen Tages in der See ſpuckt, wenn Sturm und Ungewitter bevorſtehen, das iſt ſo wahr wie der Tag. Gottland, auf dieſe Weiſe in die weit offenen Arme der Oſtſee hinausgeworfen, konnte Anfangs keinen feſten Grund finden, ſondern ſchwebte— wie eine andere Er⸗ zählung vermeldet, in jeder Nacht auf der Oberfläche des Meeres und ſank wieder, wenn der Tag grauete. So hatte die Inſel eine Zeitlang zwiſchen Höhe und Tiefe gekämpft, als ein Mann aus Oſtgötland, Na⸗ mens Tialvar nebſt ſeinem Sohne Hafdi und deſſen Gattin Hvita⸗Stjerna*) vom Winde dorthin verſchlagen 5 D. h. Weiß⸗Stern. 3 wurden. Tialvar zündete Feuer an, und dadurch wurde der Zauber gelöst: die Inſel ſchlug Wurzel und wurde bald ganz feſt. Die neuen Ankömmlinge beſchloſſen nun, hier ihre Wohnung aufzuſchlagen, begannen das Land urbar zu machen, bevölkerten daſſelbe ferner und wurden ſo die Stammeltern der jetzigen Bewohner der Inſel, welche, obgleich ſie alſo die Oſtgöten zu ihrer nächſten Verwandtſchaft zählen, dennoch von den Schweden und den Leuten unter dem ſchwediſchen Walle gleich⸗ ſam reden, als wären dieſe ein fremdes Volk. In der Mitte zwiſchen dem Mutterlande und der liefländiſchen Küſte liegt jetzt der räffinut'ſche Ballaſt ruhig da. Daß aus dem Schiffsraume eine ganze kleine Thierwelt mitgekommen iſt, das ſieht man deutlich an der Menge von Schnecken, Seeigeln, Muſcheln und Korallen, welche man von dem Faröſunde bis an die „Schlafkammer des Alten auf dem Hoberge“ in den Kalkſteinlagern überall verſteinert antrifft.*) Schönere, wenn auch nicht ſo intereſſante Natur⸗ wunder hat aber dieſes kleine nordiſche Land in ſeiner reichen, beinahe morgenländiſchen Vegetation aufzu⸗ weiſen. Eine von dem mildeſten Klima umhauchte Ober⸗ fläche— wo der Wallnußbaum die Größe der Eiche er⸗ reicht, wo die Maulbeeren in ihrer üppigſten Schwärze prunken und die Weinrebe unter freiem Himmel die Mauern mit reifen Trauben bekleidet— liefert übrigens einen guten Vorrath von lieblichen Ausſichten über blumenbedeckte Wieſen und fruchtbare Ackerfelder, um⸗ gürtet von dem ewig düſtern Walde, deſſen Stille hie und da von dem Krachen des Maſtbaumes gegen die Axrt des Arbeiters, oder von dem gellenden Geſchrei eines aus den Sümpfen aufgeſchreckten Seevogels unter⸗ brochen wird. *) Der Faröſund trennt im Norden Gottland von der klei⸗ nen ſandigen Inſel Farö, und der Hoberg iſt die ſüd⸗ liche Spitze von Gottland. Anmerk. d. Ueberſ. 1* Zwar beſitzt Gottland nicht die Romantik der ſpiegelblanken Landſeen und der für den Manufactur⸗ ſleiß ſo geſuchten Waſſerfälle; doch hat es ſeinen Erſatz in Hainen von ſchattigen Ulmen,„hangenden“ Birken und„weinenden“ Weiden, unter denen ein mächtiger Kalkſteinblock, der ſpitzige Thurm einer Kirche oder eine fleißig umſchwenkende Windmühle neben einem weißglän⸗ zenden Wohnhauſe aus der Ebene, mit dem endloſen Meere zum Hintergrunde, freundlich hervorblickt. Und wenn dieſes Meer ſeine gewaltigen Wogen gegen die ſcherenloſe weſtliche Küſte wälzt, ſo trifft es dort auf ein ſtarkes Bollwerk in den beinahe ſenkrechten Stein⸗ wänden, welche von tiefen Grotten unterbrochen und an vielen Orten in ſonderbare Geſtalten von menſch⸗ lichen Figuren, Thürmen und regelmäßigen, oft zwölf bis zwanzig Fuß hohen Säulen geformt ſind. Biswei⸗ len ſieht man eine neugierige Ziege oder ein verirrtes Schaf an den hervorſpringenden Knäufen umherklettern und ängſtlich Schutz ſuchen, wenn der allzu ſehr zür⸗ nende Geiſt des Oceans ſchnell das ganze Gemälde in einen tobenden Schaum hüllt, welcher ſich mit dem Rauche der weiterhin im Innern des Landes brennenden Kalköofen vereinigt und in demſelben verſchwindet. An genannter Küſte, kaum eine Meile ſüdlich von Wisby und dicht bei dem Högklint, deſſen ſcharf abge⸗ hauene Spitze den einen Schlußpunkt des beinahe kreis⸗ förmigen Meerbuſens bildet, welcher die von hier deut⸗ lich ſichtbaren Mauern und Thürme der alten Hanſe⸗ ſtadt abſpiegelt— liegt dicht am Meeresgeſtade eine kleine pittoreske Bergpartie, von dem Volke„die Höhle des Räubers Lilja“ genannt. Ueber einen wil⸗ den und ungebahnten Waldboden führt der Weg hie⸗ her am bequemſten längs dem Strande, welcher hier, wie faſt überall auf der Inſel, in verſchiedenen Abſätzen theils mit dem an das Land getriebenen, von der Sonne ſchwarz gebrannten Seetang, und theils mit größeren Kalkſcheiben umbordet iſt, die ſo abgewaſchen und glän⸗ zend weiß ſind, daß der Wanderer in Verſuchung geräth, anſt zeick und broc verf Zeu⸗ Ere reih⸗ lich ſam ſtrech hine Bau Sch. Grä wach gang Als ſchlo revo zwei ande Frem hiehe geſch. nichte orden nen 2 verke! irre; vielen ſeiner Zeit vielen der ctur⸗ Erſatz zirken btiger eine glän⸗ bloſen Und n die rt auf Stein⸗ und enſch⸗ zwölf iswei⸗ rirrtes lettern r zür⸗ lde in dem nenden h von abge⸗ kreis⸗ deut⸗ Hanſe⸗ 2 eine g hie⸗ bſätzen Sonne ößeren glän⸗ geräth, 5 anſtatt des Pergamentes ihre feine Oberfläche zu An⸗ zeichnungen ſeiner Reiſeerinnerungen anzuwenden. Hie und da ſchaukelt in dem plätſchernden Waſſer ein abge⸗ brochenes Ruder, ein losgeriſſener Span, oͤder ein verfaultes Tauende, vielleicht die alleinigen ſtummen Zeugen düſterer, draußen auf dem Meere geſchehener Ereigniſſe. Verborgen hinter einer hohen, freiſtehenden Felſen⸗ reihe, welche faſt einer verwitterten Feſtungsmauer ähn⸗ lich ſieht und auf der Seeſeite geformt iſt wie drei zu⸗ ſammengebaute Thürme mit ſpitzhäubigen Dächern, er⸗ ſtreckt ſich dieſe geheimnißvolle Höhle tief in die Erde hinein, und iſt noch beſſer verſteckt durch herabgeſtürzte Baumſtämme und eine Maſſe in einander verſchlungener Schlingpflanzen. Sie bildet zwei faſt ganz parallele Gräben, getrennt durch eine ſchmale, mit Fichten be⸗ wachſene Erhöhung, welche ihnen in der Tiefe den Zu⸗ gang zu einander durch zwei kleine Pforten geſtattet. Als Wächter dieſes in Ruinen daliegenden Räuber⸗ ſchloſſes, bei welchem Alles von einer mächtigen Natur⸗ revolution zeugt, ruhen von dem Meeresſalze gewaſchen, zwei gewaltige Granitblöcke— der eine blutroth, der andere ſchwarz— zwei aus weiter Ferne angekommene Fremdlinge, vielleicht auf einem gigantiſchen Eisſtücke hieher geſegelt, oder von den rollenden Fluten hieher geſchleudert. Von dem Räuber Lilja ſelbſt weiß das Volk weiter nichts zu erzählen; als daß er ein ſehr kühner und außer⸗ ordentlich gefürchteter Geſell geweſen iſt, daß er bei ſei⸗ nen Militärerpeditionen beim Nachhauſegehen die Schuhe verkehrt unterzubinden pflegte, um die Nachſpähenden irre zu führen, und daß er zuletzt, da er hinlänglich vielen Schaden verübt zu haben meinte, ſich in dieſer ſeiner Refidenz gutwillig fangen ließ. In Betreff der Zeit ſeines Lebens heißt es kurz und gut: ⸗„vor vielen, vielen Jahren...“ „Nein, jetzt bin ich müde und wünſche der ganzen Promenade einen guten Morgen ¹“ ſagte ziemlich ärger⸗ lich eine jugendliche Stimme, und in demſelben Augen⸗ blicke traten aus einem Gebuſche an dem eben beſchrie⸗ benen Geſtade zwei junge Wanderer hervor, welche for⸗ ſchende Blicke um ſich her warfen. Du willſt doch wohl nicht, daß unſere Mühe ver⸗ geblich geweſen ſein ſoll?“ antwortete die ruhigere Stimme des Andern.„Nur noch ein wenig Geduld, lieber Vie⸗ tor, und wir ſind am Ziele!“ „Die Sonne iſt ſchon untergegangen, und gewiß kann ſie wieder aufgehen, ehe wir nach Hauſe kommen!“ fuhr der Erſte fort. Nun was thut's?— oder richtiger, um ſo beſſer; das iſt ein Schauſpiel, welches man nicht oft genug ſehen kann!“ „Ja, vielleicht für Dich, Bruder Karl, deſſen eigene Sonne immer im Aufgehen begriffen iſt; aber ich mei⸗ nestheils... pfui Teufel! welche Stubben und Steine und Schemel und Felſen!— ich bin nicht romantiſch genug gelaunt, um in Gleiches und Ungleiches verliebt zu ſein!“ Der Redende betonte ganz beſonders den letzten Theil ſeiner Worte und begleitete dieſelbe mit einem eben ſo bedeutungsvollen Blicke. „Sollte wohl vielleicht irgend ein myſtiſcher Sinn unter Deinen Worten liegen, Victor„“ „Nicht im Geringſten myſtiſch— wenn Dir beliebt! Ich nahm mir die Freiheit zu ſagen: für Dich, deſſen Sonne immer im Aufgehen begriffen iſt, könnte ein Sonnenaufgang vielleicht etwas Angenehmes haben— und was liegt wohl für eine Merkwürdigkeit darin? Man ſteht es gerne, wenn man ſein eigenes Bild wie⸗ derfindet... in der Sonne... im Spiegel... in ſchönen Damenaugen... mit einem Worte...“ Mit einem Worte?“ „.. in Allem, was die Artigkeit hat, es zurückzu⸗ geben. Ich verſtehe mich nicht auf dergleichen!! Aber Du verſtehſt es aus dem Grunde, einen 7 , ſo r Vie ſehe teſt gehe nich Syn tor'¹ fund nzen rger⸗ gen⸗ hrie⸗ for⸗ ver⸗ mme Vie⸗ gewiß ien!“ heſſer; genug eigene mei⸗ Steine untiſch erliebt s den einem Sinn eliebt! deſſen ite ein ben— darin? ld wie⸗ ſchönen rrückzu⸗ einen 1 7 Menſchen zu beleidigen, der Dich nie beleidigt hat, der mehr als einmal Nachſicht gehabt hat mit Deiner un⸗ gleichen Laune. In welchem Falle ſiehſt Du denn ſo viel Sonnenlicht für mich?“ „Biſt Du nicht erſtlich ein wohlbeſtellter Premier⸗ lieutenant bei der Flotte der königlichen Majeſtät, Du, während nur Secondlieutenants⸗Epaulette, und auch dieſe erſt vor Kurzem an meine Schultern geheftet wor⸗ den ſind? Haſt Du nicht ferner eine Heimath auf dieſer bezauberten Inſel, ein Haus, Eltern, Vermögen.. Reichthum, wollte ich ſagen— die Familie Salzwedel gilt für ſehr reich— während ich weder hier noch ſonſt wo etwas beſitze? Und endlich haſt Du ja in dieſen Tagen ein Commando zu erwarten— wenn auch nur auf einem Kutter, ſo iſt es dennoch ein guter Anfang — während ich hier gehe und beim Exerciren mit einer armen Brigade ſchwitze.“ „Was ſagſt Du?“ „Daß ich ſchwitze!“ „Ich geſtehe!“ „Ich ſchwitze, werde gepeinigt, gemartert, getödtet!“ „Bei Gott, ein ſchoͤner Anblick, dieſes Meer— ſo ruhig, ſo farbenwechſelnd!... Sieh doch dorthin, Victor!“ „..Vielleicht um eine Parodie auf uns Beide zu ſehen? Höre, Karl! weißt Du was?“ „Nein!“ „Ich fange an Dich zu haſſen!“ „Ja, es iſt mir wirklich ſo vorgekommen, als hät⸗ zeß Du ſeit einiger Zeit ein ſo freundſchaftliches Gefühl ehegt!“ 3„Karl! biſt Du vollkommen überzeugt, daß Du nicht zufällig dieſes mein Gefühl mit einer gewiſſen Sympathie erwiederſt?“ „Vollkommen überzeugt— ich bedaure Dich!“ „Sage das nicht noch einmal!“ Das Geſicht Vic⸗ tor's wurde purpurroth, und ſeine Augen— zwei funkelnde ſchwarzblaue Flammen— ſchienen ſich in 2 2—, ———— —jꝛ den ruhigen, ernſten Blick des Andern einbrennen zu wollen.. „Du biſt ſehr aufgeregt, Victor!“ „Ja, die meilenlange Promenade hat mich nach dem Genuſſe dieſes Abends noch nicht abgekühlt. Und Du— iſt es nicht verächtlich, daß Du eine Kälte heu⸗ chelſt, die Du nicht haſt? Warum ſtoßen wir uns nicht lieber gegenſeitig unſere Degen durch das Herz, als daß wir hier gehen und nach romantiſchen Räuberhöhlen ſuchen— das wäre bei Gott weit klüger und weit an⸗ genehmer! Ich meinestheils bin dieſer ganzen Lebens⸗ komödie herzlich ſatt!“ Lieutenant Karl antwortete nicht, ſondern fuhr fort weiter zu gehen. Und Victor, der einen Augenblick ſtill geſtanden hatte, ergriff zuletzt dieſelbe Partie. Eine volle Viertelſtunde gingen ſie ſo mit hurtigen Schritten und beide gleich ſtumm hinter einander her. Keiner von ihnen ſagte etwas davon, daß der Himmel ſich bezog— vielleicht bemerkten ſie es gar nicht einmal, obgleich ſchon hie und da ein Regentropfen in den Blät⸗ „So zum Henker,“ ſagte Karl, indem er ſich plötz⸗ ſind wir an der„Geißſchwelle“ vorbei getrabt; dort unter dem Högklint iſt ſie... nun da können wir ſie auf dem Rückwege beſuchen!... Laß uns aber jetzt in die Felsſpalte hinabgehen, und Du „Ja, ja, Lilja wußte recht gut, was er that... doch wir müſſen auch hinunter in ſeine Säle!“ cht eine Schwadron Schlangen und mal, folg⸗ Höhle in der antik! n der at.. n und 9 Kröten uns zufällig die Ehre erzeugt, das Gewehr vor uns zu präſentiren— das wäre eben nicht angenehm!“ „Warum denn nicht? wir könnten uns ja zu dem Duelle, das Du vorſchlugſt, Secundanten wählen!“ „Bruder Karl, verſuche Du nur nicht, Dich auf meine Koſten luſtig zu machen, denn es könnte ſich leicht ereignen, daß...“ „Wollen wir nicht hinabſteigen? Halte Dich feſt an dieſem Baumſtamme, und folge mir!“ „Laß mich zuvor nur meinen Satz vollenden: es könnte ſich leicht ereignen, daß ich zufällig— nur ſo der Abwechslung wegen— mich auf Deine Koſten uſtig machte!“ Die Dämmerung, welche über der Räuberburg ruhte, hinderte Victor, ſich der rothen Wolken zu freuen, welche auf Karl's Wange flammten; und da dieſer nicht zu hören ſchien, wurde Victor zu noch einem Sarcas⸗ mus gereizt.„Höre, mein ſtolzer Befehlshaber!“ begann er,„Du ſiehſt dieſe verwickelte Paſſage zwiſchen Felſen, Baumwurzeln und Reiſighaufen hindurch— weißt Du wohl, woran ſie mich erinnert?“ „Nein!“ „Sie ſtellt mir leibhaftig— es thut mir weh, Bru⸗ der, doch Du hätteſt mich nicht hieher bringen ſollen— ſie ſtellt mir leibhaftig das Bild Deiner dreijährigen Verlobung vor Augen. Zwiſchen allen dieſen verwirrten Bäumen und kantigen Felſenſtücken biſt Du ſchon als ein kluger Steuermann hindurch geſteuert, das läßt ſich gar nicht bezweifeln; aber um ſo mehr zu bezweifeln iſt, ob Du, ſo wie die Sachen ſtehen, umhin können wirſt, nicht wie jetzt zu klettern, ſondern ganz einfach hin⸗ unter zu ſtürzen in den Abgrund, der hier durch Lilja's Höhle repräſentirt wird.“ „Alſo willſt Du im Ernſte mit mir anbinden?“ Karl's Stimme zitterte.„Du begnügſt Dich nicht län⸗ ger mit kleinen Stichen?“. „Ja, ich geſtehe, es iſt mein höchſter Wunſch, den Bären aus ſeinem Winterſchlafe rütteln zu köͤnnen— Du ſiehſt wohl ein, daß nur ein Bär ohne die geringſte Bewegung mit dieſen kleinen Stichen vorlieb nimmt: aber ſie kommen auch natürlicher Weiſe nicht tiefer, als nur in die bloße Haut.“ „Victor!“ ſagte Karl mit gedämpftem Gefühl, aber voll tiefen Ernſtes,„als ich Dich zu dieſem Spazier⸗ ange einlud, da hatte ich die Abſicht— ich will es läugnen— ein vernunftiges Wort mit Dir zu reben: die Nacht, die Gegend, die Natur, Alles, meinte ich, müßte auch Dich zum Nachdenken ſtimmen. Ich hoffte, wir würden uns aufführen als Männer und nicht als thörichte Knaben!“ „Ganz gewiß iſt es nicht Deine Abſicht, Dir ſelbſt dieſes Epitheton zu geben— alſo beehrſt Du wohl mich allein mit dem Titel„Knabe“ und„thöricht“ oben⸗ drein?“ „Du haſt Dich bisher in unſern äußerſt delikaten Verhältniſſen wirklich als ein ſolcher benommen. Jetzt aber mußt Du einſehen, daß es Zeit iſt, daran zu den⸗ ken, was Du Deiner Ehre ſchuldig biſt!...“ „Aha! ſind wir endlich zu Beſchuldigungen von dieſer Beſchaffenheit gelangt? Weißt Du, Lieutenant Salzwedel, ſo gefällſt Du mir beſſer! Du ſiehſt alſo ein, daß uns ohne einen Aderlaß nicht zu helfen iſt?“ „Schwatze nun nur nicht wieder Wahnſinn! Iſt nicht ohnehin ſchon Verwirrung und Elend genug vor⸗ handen, ohne daß wir gegen Windmühlen anzureiten brauchen?“ „Gut— Du machſt mich zu einem Don Quixotte; wenn Du aber auf den Verſuch eingehſt, ſo wirſt Du ſehen, daß ich nicht in die Luft fechte... Rein heraus geſagt: Du haſt Deine Augen auf meine Braut ge⸗ worfen!“ „Und Du biſt in meine verliebt wie ein Wahn⸗ ſinniger!“ „O, ‚herrlich— jetzt wird es ſchön!“ „Du ſpielſt eine doppelte Rolle, Victor, eine ver⸗ ächtliche Rolle!“ ngſte imt: als aber zier⸗ l es r. zu einte Ich nicht ſelbſt wohl ben⸗ faten Jetzt den⸗ von nant alſo iſt?“ Iſt vor⸗ eiten dotte; Du eraus ge⸗ hahn⸗ ver⸗ 11 „Göttlich!“ „Du biſt ein.. ja, Victor, Du biſt... ein— nein, ich will es dennoch nicht ſagen!“ „O ja, habe doch die Gnade!— auch der ruhigſte Himmel hat ja bisweilen Wolken, die ſich entladen müſſen, damit der Himmel wieder eben ſo ſchön werde — habe die Gnade, Herr Lieutenant, und genixe Dich nicht! Donnere, regne, blitze und ſtürme.. wir ind ja heute Abend nur auf romantiſche Abenteuer at ⸗ gangen!“ „O, welch ein Leichtſinn— der wird uns Alle ſtürzen!“ „O, welch eine vernünftige Vernunft— die wird uns Alle ſtürzen!“? „So? Du erkennſt alſo, daß ich vernünftig bin?“ „Ohne Zweifel— das aber hält Dich gar nicht ab, dich ſo unvernünftig wie möglich zu betragen!“ „In welchem Falle denn?“ „In dem Falle zum Beiſpiel, daß Du Dich nicht vor drei Jahren verheiratheteſt— ja, vor zwei, vor einem Jahre!“ „Menſch, was willſt Du ſagen?“ Nichts als: wer eine gute Sache aufſchiebt, der mag ſich die Folgen ſelbſt beimeſſen!“ „Und welche Folgen ſiehſt Du vorher?“ .„ Ich zeigte ſie Dir eben in dem Bilde der verwickel⸗ ten Paſſage dort oben!“ „Nein, Victor, es ſoll Dir nicht gelingen, mein Blut in Gährung zu bringen: Du biſt ein Wahnſinni⸗ ger, und es verlohnt ſich der Mühe nicht, auf Dich zu hören— ein Mädchen wie Thekla Mörk kann nicht betrügen!“ „Das glaube auch ich!“ „Nun, aus welcher Abſicht ſollte ich denn in den Abgrund hinabſtürzen?“ 3 „Thekla Mörk hat eine Schweſter...“ „... Welche Deine Braut iſt...“ „... Und Deine Geliebte! Karl! wagſt Du zu läugnen, daß Du mit Hildur in einem geheimen Ver⸗ ſtändniſſe lebſt?“ Abſcheulich... niederträchtig!— Und das ſagſt Du mir, Du, der Du Dich auf tauſend Umwegen be Thekla in Gunſt zu ſetzen ſuchſt? Wagſt Du zu läugnen, daß Du meine Verlobte liebſt, daß gerade dieſe wahn⸗ ſinnige, unglückliche Liebe im Stillen alles Unglück ſchafft, welches wir nun eine Zeitlang erlebt haben? Ich kam hieher, glücklich in dem Glauben an das Herz meiner Thekla, in dem Glauben, hier einige Wochen im Himmel verleben zu dürfen. Welches war mein Loos? — Das, von Tag zu Tage leiſe in dem Ofen gebraten zu werden, den Du geheizt haſt. Zwiſchen mir und Thekla war ſonſt nie etwas Anderes, als Frieden und Uebereinſtimmung in Allem— wer hat dieſen Frieden zerſtört, wer hat es ſo eingerichtet, daß Mißverſtändniß und Disharmonie der ehemaligen Uebereinſtimmung gefolgt iſt? O Victor, Du haſt Vieles zu verantworten! Und trennen wir uns nun(was Gott verhüte), Thekla und ich, mit Gefühlen, welche die Wiedervereinigung vielleicht noch ſchwieriger machen— Du weißt, daß ich mich nur noch einige Tage he aufhalten kann— ſo fällt das Strafurtheil auf Dich, Victor; auch Du wirſt nicht lucklich werden!“ „Habe ich das wohl jemals gehofft? Häufe mei⸗ nethalben Vorwürfe auf Vorwürfe, je mehr, deſto beſſer! Es brennt in meinem Innern: je ſtärker die Hitze, deſto weniger Beſinnung... o, es wäre eine Wolluſt, wenn man verrückt werden könnte!... Aber wer iſt dort?“ Victor that einige Schritte rucklings, indem er auf eine menſchliche Figur deutete, die in dem, Innern der Grotte ſtand. „O, an dieſem entlegenen Orte überraſcht uns kein menſchliches Weſen— ſiehſt Du denn nicht, daß es ein Felſen iſt? Der graue Mantel, der ſich ſo phanta⸗ ſiiſch um, ihn drapirt, iſt nichts Anderes, als verwitter⸗ ter Kalk.“ „Vielleicht,“ meinte Victor,„iſt es der ehemalige Fur Bra 13 Geiſt der Grotte, welcher verurtheilt wurde, Wohnung zu bewachen— es liegt eine ſeine eigene grauſame Wolluſt in dem Glauben, daß wir nach dem Tode als Wächter an die Seite derjenigen geſetzt werden können, die uns im Leben theuer geweſen ſind... O, Karl, dieſe Regentropfen, welche herab zu ſtäuben beginnen, kühlen mich ſo ſchön— laß uns hier noch ein weng bleiben— dieſe Wohnung hat eine unheimliche Ang ziehungskraft... Ich will ein wenig in die andere Höhle gehen... Tauſend, ein kleines Thor— ein wirk⸗ liches Thor!... Bei Gott, dieſer Ort iſt ſehr merk⸗ würdig— doch die Zeit der Abenteuer iſt nicht mehr!“ Karl, welcher gedankenvoll in der äußern Höhle zurückblieb, ſchien nicht auf das wechſelnde Spiel in Victor's Ideengange zu lauſchen. Der junge Seemann lehnte ſeine kräftige und hohe Geſtalt an die erwähnte Felſenſäule, und ſo, wie er dort in dem finſtern Innern der Grotte ſtand, erſchien er dem Bilde eines auf dem Hammer ruhenden Vulkan nicht unähnlich. In der andern Höhle war auch Victor allmälig in ſich ſelbſt verſunken. Der Regen, welcher Anfangs nur in Tropfen herab⸗ gefallen war, begann nun gegen die Steine der wun⸗ derbaren Decke zu praſſeln, und ergoß von dort heftige Bäche in das ſchäumende Meer. Eine Viertelſtunde etwa verfloß, ohne daß die Gäſte des Räubers Lilja ſich um einander bekümmerten. Endlich verließ Karl ſeine Stellung, und trat durch das kleine Thor in Victor's Reſidenz ein. „Victor!“ „Karl!“. „Ich bin mit mir ſelbſt zu Rathe gegangen!“ „Ich auch.“ 1 „Ich habe meinen Entſchluß gefaßt!“. „Auch ich: ich will meine geheime Qual, meine Furcht, mit einem Worte, meine anze Seele meiner ht, 1 g Braut offen vor Augen legen! * „Eben dieſes denke auch ich zu thun! Dann, Victor, können wir auch hoffen, daß Alles wieder gut werden kann.. vielleicht habe auch ich meine Fehler gehabt.“ „Ich fürchte, daß auch ich welche gehabt habe.“ „Ich bin gegen Thekla nicht offenherzig genug ge⸗ weſen!“ „Ich bin in meinem Benehmen gegen Hildur feige geweſen... ja,“ rief Vietor plötzlich mit wilder Heftig⸗ keit aus,„feige, ſehr feige— und es kann nimmer⸗ mehr wieder gut werden: ich ſage Dir, Karl, es iſt un⸗ möglich, denn... Du kannſt nicht läugnen— es wäre vergebliche Mühe— daß Du mit Hildur in einem ge⸗ heimen Verhältniſſe ſtehſt: haſt Du nicht mit ihr Blicke gewechſelt, vor denen Thekla und ich errötheten?“ „So! kommſt Du nun wieder auf dieſes unglück⸗ ſelige Capitel? Du behaupteſt alſo noch immer, daß Deine Braut mich eingenommen hat?“ „Ja, das behaupte ich nicht allein— das weiß ich!“ „Und Du wagſt es, mit einer ſolchen einfältigen Klage hervorzutreten, Du, und begehſt nichts deſto weniger einen doppelten Verrath: öffentlich ſtellſt Du Dich, als beteteſt Du Deine Verlobte an, und in der That athmeſt Du nur für meine!..Nein, keine menſch⸗ liche Geduld kann die Laſt ſolcher Thorheiten ertragen!“ „Jetzt wird es wieder gut: wir beſchuldigen uns alſo gegenſeitig der Verrätherei, daß jeder von uns die Braut des Andern liebe! Dieſer gegenſeitige Schimpf muß in Blut abgewaſchen werden— ſiehſt Du das end⸗ lich ein, Du Steinmenſch, Du Verſtandesmenſch, dem ich gar keinen Blutstropfen mehr zutraute? Schlagen müſſen wir uns— und bleibt Einer von uns auf dem Platze, ſo ſorgt unſer ehrenwerther Schwiegervater ſchon dafür, daß der Andere wegkommt... Papa Mörk hat gewiß in ſeinen Tagen ſchon ebenſo myſtiſche Geſchäfte gemacht.“ „Wohlan denn, Victor! Du haſt es gewollt— und obgleich ich ein ſolches Mittel der Genugthuung für eine Suͤnde halte, nicht allein gegen...“ ctor, rden bt.“ ge⸗ feige ftig⸗ mer⸗ un⸗ wäre ge⸗ Zlicke llück⸗ daß ich 1 tigen deſto Du n der dem lagen dem ſchon k hat ſchäfte llt g für 15 „O, kein Geſchwätz weiter! Laß uns lieber die Nacht dazu anwenden, um nach Hauſe zu gehen und unſere Degen zu holen— oder Piſtolen, wenn Dir das beſſer gefällt— ſo können wir um Sonnenaufgang, ge⸗ rade hier an dieſem einſamen Platze unſere Sache ab⸗ machen, wie es Männern von Ehre geziemt!“ Kaum hatte Victor ausgeredet, ſo vernahmen ſie über ſich ein Geräuſch an den Steinen, und eine voll⸗ tönende Baßſtimme, welche gleichſam durch eine Röhre zu kommen ſchien, in der That aber von einer Spalte kam, die gerade in die innere Höhle herableitete, ließ folgende Worte hören:„Entſchuldigen Sie, meine Her⸗ ren, wenn ein ſchlichter und gerader Mann ſich die Freiheit nimmt, Ihnen einen weniger verzweifelten Rath zu ertheilen! Wäre es wohl nicht anſtatt eines Duelles weit vernünftiger, wenn Sie geradesweges die Bräute tauſchten? Inzwiſchen würde derjenige, welcher Ihnen dieſen wohlwollenden Rath ertheilt, gar nichts dagegen haben, wenn Sie aus Dankbarkeit dieſen Platz denen zum Gebrauch überließen, welche ſchon lange mit der größten Geduld auf Ihre Entfernung gewartet haben!“ 4 Victor und Karl eilten beide an die Oeffnung der Grotte... kein Menſch war zu ſehen, doch in der jetzt völlig dunklen und regnigten Nacht vernahmen ſie ein ſonderbares Hin⸗ und Hertappen. 1 Die beiden jungen Männer ſahen ſich gegenſei⸗ ig an. „Dieſer Rath...“ ſtotterte Victor. „Still!“ befahl Karl mit der ſcharfen Stimme eines neugebackenen Befehlshabers:„hier ſind Nachtſchwärmer, elende Spione... ich will wiſſen, wer ſich ſo etwas herauszunehmen gewagt hat!. Und Karl Salzwedel, der mannhafte Premier⸗ Lieutenant bei der Flotte Seiner koniglichen Majeſtät kletterte mit vorſichtigen Sturmſchritten den ſchweren Paß an der Mündung der Grotte hinauf, dicht auf den Ferſen begleitet von dem„lebensmüden“ Landlieu⸗ enant. ——— ¹ 4 16 Ehe wir aber erzählen können, wie das Reco⸗ gnosciren der künftigen Schwäger ablief, müſſen wir die Scene bis an den Morgen deſſelben Tages zurück⸗ verſetzen. Zweites Capitel. Der alte Junge. Am Oeland, dem Lieblingsaufenthalt Karl's X.— dem zweiten Theile des räffinut'ſchen Ballaſtes— glitt vor einer kleiner Briſe ein großer altmodiſcher Schooner vorbei, deſſen Formen ſich weniger mit einer ſymmetri⸗ ſchen Feinheit und Eleganz, als mit einer ernſthaften Gediegenheit brüſten konnten. Borgholm*) mit ſeinen dunkelgrauen Ruinen war ſchon längſt hinter dem Horizonte verſchwunden, und die Herrſcherin des Sundes, die romantiſche Jungfrau,**) hatte ſchon ihren letzten Abſchiedsblick geſendet. Dem Courſe des Fahrzeuges ſah man es an, daß es ſich zu dem größeren Zwillingsbruder Gottland begeben wollte. Es iſt Sonntag. Das Deck erſcheint glänzend; und wenn es auch nicht eben weiß zu nennen iſt— denn die Planken des„alten Jungen“ haben ſchon längſt dieſe reſpectable Farbe des Alters erhalten, welche zwiſchen gelb und braun in der Mitte liegt— ſo iſt es dennoch ſo gebürſtet und geputzt, daß es dem Befehlshaber und der Mannſchaft Ehre 4 *) Die einzige Stadt auf Oeland mit etwa dreihundert Ein⸗ wohnern. Anmerk. d. Ueberſ. **) Eine kleine, in dem Sunde von Kalmar(welcher Oeland von der Provinz Smaland trennt) gelegene hohe Felſeninſel, umgeben von gefährlichen Untiefen, wo ſchon viele Schiffe ver⸗ unglückt ſind. Anmerk. d. Ueberſ. ma aäuß lich alle unrſe und eine man wenn Dise beſu na deh von troſe die L das Raſit eſtee Auf Abtr⸗ uns liegen Ausn einer von ein E wie e Abthe die R wendi ſtänd ſonſt Meſſe Der 17 macht. Es iſt ein Vergnügen zu ſehen, mit welcher äußerſten Sorgfältigkeit die ſämmtlichen Taue in zier⸗ liche Ringe gelegt und wie, vortrefflich alle loſen, alle Frachtgüter eingeſtaut ſind, ohne Unordnung zu ver⸗ urſachen. Ein Handelsfahrzeug mit ſeinem knappen Raum und ſeiner unendlichen Ladung erſcheint in Vergleich mit einem Kriegsſchiffe als ein Laſtthier— es iſt alſo, wenn man die Reſſourcen in Anſchlag bringt, immer löblich, wenn man eine ſolche kleine Welt auch äußerlich in guter Disciplin antrifft. Wenn wir nun damit anfangen, die Schanze zu beſuchen— es iſt gegen das Ende der Tagwache, alſo jaften war nd die u,*) Dem ich zu vollte. hnicht „alten be des in der eputzt, Ehre rt Ein⸗ erſ. Oeland eninſel, ffe ver⸗ erſ. nach unſerer Zeitrechnung zwiſchen ſechs und ſieben Uhr des Morgens— ſo begegnet uns der feierliche Anblick von zwei Waſſerpütſen, aus denen ein Theil der Ma⸗ troſen in aufgekrämpten Hemdärmeln mit den Händen die Quantität auflöſen, welche ſie nöthig haben, um das wettergebräunte Geſicht rein zu ſpülen, nachdem der Raſirproceß vor dem in einen Spalt des Fockmaſtes ein⸗ eſteckten Stück Spiegelglas zuvor glücklich beendigt iſt. Auf das Spülen kommt nach geſetzlicher Ordnung das Abtrocknen, und wir ſehen gar nicht unrichtig, wenn es uns ſo vorkommt; als würde eine Ecke des daneben liegenden reinen Hemdes hiezu angewendet, denn mit Ausnahme des Capitains, des Steuermannes und noch einer dritten Perſon, nämlich des Conſtabels, iſt keiner von den Jungen des alten Jungen in ſo hohem Grade ein Stutzer, daß er ſich mit einem ſolchen Luxusartikel wie ein Handtuch vertraut gemacht hat. Diejenigen von den Matroſen, welche bei der erſten Abtheilung nicht mit ſein konnten, warten geduldig, bis die Reihe an ſie kommt. Kein einziger hat es für noth⸗ wendig erachtet, ſich mit dem Ueberfluſſe eines voll⸗ ſtändigen Raſir⸗Apparats zu verſehen— wozu diente ſonſt wohl die Brüderſchaft? Der Eine hat ein Paar Meſſer, der Zweite ein Stück Seife, der Dritte einen Der Jungferthurm. II. 2 Pinſel, und der Vierte iſt der glückliche Beſitzer eines 1 meſſingenen Kammes; es iſt nämlich ein Inſtrument von Kaj ſo feſter Beſchaffenheit nothwendig, um die vielerlei ver⸗ Pac ſchiedenartigen Gegenſtände, welche während des Laufes Kaj der Woche mit dem ſtruppigen Haare des Seemannes in Berührung gekommen ſind, zu durchdringen. Schen⸗ man ken wir den Regenten der Schanze noch ferner einige er, Aufmerkſamkeit, ſo hören wir, wie unter leiſe ausge⸗ Blich ſprochenen Scherzen— man ſpricht nicht laut an einem ſtall, Sonntagsmorgen— der Eine die Hülfe des Andern in ſtete Ausdrücken in Anſpruch nimmt, welche nicht ſo gewählt 4 als humoriſtiſch ſind. Rede Endlich ſind alle dieſe Einzelnheiten abgemacht, ſatzun und diejenigen von der Beſatzung, welche nicht zu dem gehen nothwendigſten Dienſte berufen ſind, ſitzen zerſtreut auf beweg dem Spill, auf den geringelten Ankertauen oder auf und n. den umgewendeten Pütſen, jeder ſo anſtändig mit ſei⸗„bei d nem Geſangbuche in der Hand— denn was auch dem 2 Seemann fehlen mag: ein Geſangbuch hat er doch faſt den St immer.. etzte u Das letzte Sandkorn in dem achten Glaſe iſt aus⸗„4 gelaufen. macht! Jetzt höͤrt man den zitternden Laut einer Glocke der Ka über die Wogen ſchweben. Die Geſangbücher werden„T zugemacht, und die Blicke der Jungen wenden ſich auf„T die Grütze, welche in den hingeſetzten Backen raucht, lich aus Ein gewaltiges Stück Butter kämpft in jedem Back gegen.„C die ſtarke Hitze an, rinnt aber doch zuletzt— ein Lava⸗ in der; ſtrom im Kleinen— über die Alles verſchlingende Grützen⸗„H. fläche daher. Jeder ſucht nun ſeinen Löffel hervor, in raucher, einem Augenblicke haben ſich die angenehmſten Gruppen jetzt in zum Einhauen gebildet, und bald hat jedwedes leben⸗ den, ob dige Leben auf dem Deck des alten Jungen, ja ſogar„Jer die Hühner und die Enten in ihren Verſchlägen, ſein wird der Frühſtück verzehrt. Aber erſt nachdem der Günſtling Und geſe der Beſatzung, ein junger newfoundländiſcher Hund, helmiſch dem Koche beim Abwaſchen der Backe geholfen hatte, ſeinem V ertönte eine andere Glocke, welche machte, daß der dalder K r eines ent von lei ver⸗ Laufes nannes Schen⸗ einige ausge⸗ einem dern in ewählt macht, u dem ut auf er auf nit ſei⸗ h dem h faſt aus⸗ Glocke verden h au aucht. —. gegen Lava⸗ ützen⸗ , in ippen eben⸗ ſogar ein tling dund, 19 Kajütenwächter aufſprang, und ſich eilfertig mit einem aar blank gewichsten Stiefeln unter dem Arme in die Kajüte des Capitains begab. ir haben ihn bald oben!“ mann, ein kleiner, dicker und ſicherer Seebär, indem er, ſeine Promenade auf dem Deck unterbrechend, den lick auf einen Mann warf, welcher ſtall, der bisweilen anſtatt eines Sopha's Dienſte lei⸗ ſtete, ſitzend ſeine Cigarre in aller Gemuthlichkeit rauchte. er Mann auf dem Hühnerſtalle— in täglicher 5„denn die Mehrzahl der Be⸗ equem unter dem Arme durch⸗ 3„ohne ſich von der Stelle zu bewegen: er warf nur die Augen auf d „als wollte er agen: „bei dieſem Schneckengange ſchlafe ich „8, er wird ſpäter ſchon beſſer werden!“ der Steuermann, indem er d ſetzte und die Naſe nachdenkend „Der Capitain will wiſſen, wie viele Knoop er macht!“ erſcholl die Stimme des Kajütenwächters aus der Kappe. „Drei Knoop!“ antwortete der S „‚Der Wind?“ ſoufflirte der teuermann. , 7 lich aus Junge, deſſen Kopf wirk⸗ einem Souffleurkaſten heraufzuſteigen ſchien. „Ein Paar Striche noͤrdlicher, als da der Capitain in der Morgendämmerung das Deck verließ!“ „Hörſt Du, Petter!“ begann nun der Cigarren⸗ raucher, indem er den Kajütenwächter anhielt, welcher jetzt in einem Geſchäfte heraufkam,„haſt Du verſtan⸗ den, ob der Capitain heute zu predigen denkt?“ .„Jetzt denkt er Kaffee zu trinken— das Andere wird der Conſtabel, ſchon ſeher — 7, wenn's ſo weit kommt!“ Und geſchwind, wie ein Pfei 5 *, log Petter mit einem helmiſchen, aber dennoch eh rfurchtsvollen Blicke an zatte, ſeinem Vorgeſetzten vorbei und w der in der Kabuſe, holen. ar in drei Sprüngen um den Morgentrank des Capitains zu 2* ——-— Etwa eine Stunde ſpäter zeigte ſich der Capi⸗ tain ſelbſt.— Stur Der Befehlshaber des alten Jungen, Capitain ſein Stangerling, war ein junger Mann von ungefähr vier⸗ hatte undzwanzig Jahren, kraftvoll und wohlgewachſen mit gerin dem Aeußern eines Gentlemans. Die Mannſchaft jacken wollte zwar behaupten, daß ſeine ſchönen, feurigen Augen mant von der reinſten tiefblauen Farbe keineswegs an den aß Himmel erinnerten, wenn er ſie auf Einen richtete, da kuug, ſein Mißfallen nur im Geringſten auf ſich gezogen haue Backe doch geſtand auch eben dieſe Beſatzung, und zwar mit L Recht, ſeine Augen und zuſammengezogenen Augen brauen möchten ſagen was ſie wollten, ſo gab ſich die Stutz ſes dennoch nicht auf ſeinen Lippen Luft, ehe er ſit auf ſ zweimal beſonnen hatte. und? Er brach nie in harte Schimpfreden gegen ſeine Len theilu aus; aber eben ſo gewiß war es auch, daß kein Fu hartei gattenchef ſich ſteifer in Reſpect zu halten wußte. d vdeve war beliebt, weil er gerecht war, und geachtet, weilt nes 2 nie das Selbſtgefühl eines Menſchen beleidigte, ſonde ib. meinte, daß auch der Matroſe eine Ehre hätte, die m kränken könnte. Ein ernſter Blick des Capitains ſchlit daß e tete alle Zwiſtigkeiten und ſchickte Jeden an ſeinen Poſta welche für ein Lächeln von ihm(Capitain Stangerling hu nicht immer ein ſolches auf den Lippen) konnte je hi G von ſeinen hurtigen Jungen ſich in die größte Geſt Vu ſtürzen— ſie kannten keinen höheren Stolz, als ihn fuhl Befehlshaber zu gefallen. dh 5 Als der Capitain auf ſein Verdeck trat, zeigte füdß. ſich in einer Toilette, gegen welche man vielleicht! ßt, Anmerkung hätte machen können, daß ſie etwas al vicht vollendet wäre. Sie war nicht geſucht, nicht gebumd nfr nicht für den Salon, aber dennoch war ſie, ſo zu ſa zuheu allzu fein für die groben Planken des alten Jung na in Seine reichen und weichen, zwiſchen Schwarz und Biß thül l ſchilternden Locken ringelten ſich gar frei unter dem dnn lieniſchen, breitgeborteten Wulzelhute, aber dennoch Zeu 8 einem gewiſſen Style, als wären ſie noch nie in i In r Capi⸗ Capitain ihr vier⸗ )ſen mit unnſchaft en Augen an den dtete, der en hatten war mit Augen⸗ ſich die he er ſit eine Leut kein Fu äßte. ,weilt ,ſonde „die m s ſchlit n Poſte ing hut unte ja te Gefi als ihn zeigte elleicht was al gebum zu ſag n Jung ind Bii r dem dennoch ie in d 21 Sturmbö auf dem Meere hin- und hergeflattert; und ſein kleiner, leichter Ueberrock von hellem Sommerzeug hatte einen Schnitt und eine Farbe, welche nicht die geringſte Verwandtſchaft mit dieſen alten blauen Fries⸗ jacken haben, die gewöhnlich von der ſchwediſchen See⸗ mannstracht unzertrennlich ſind. Fügt man nun hinzu, daß unſer Capitain einen kleinen coquetten Kinnbart trug, der ihm unbeſchreiblich ſchön ſtand, daß ſein dunkler Backenbart, nicht ſtruppig, wie der Seetang, ſondern ganz leicht gepinſelt, ſich an eine von der Sonne gelinde gebrannte Wange ſchloß, ſo meinte man eher einen Stutzer auf der Promenade zu ſehen, als einen Schiffer auf ſeiner Schute. Hörte man aber wieder den ruhigen und vollen Baß des Capitains Stangerling bei der Er⸗ theilung eines Befehles, ſah man ihn zufällig in einem harten Kampfe auf dem Meere ſelbſt hineilen, um dieſes oder jenes Manöver auszuführen, um durch ſein eige⸗ nes Beiſpiel ſeine Untergebenen noch mehr zu beleben, ſo überzeugte man ſich, daß er ein echter Seemann war, und man verzieh ihm von Herzen ſeine kleine Schwäche, daß er ſo große Sorgfalt auf ſein Aeußeres verwendete, welches der Wahrheit gemäß angenehm genug war, um beinahe eine kleine Eitelkeit zu rechtfertigen. Capitain Stangerling war keineswegs bigott— himmelweit davon entfernt— da er aber ein Mann war, der feſt auf die Vorſehung vertraute und zugleich fühlte, wie nothwendig eine ſolche Zuverſicht für jede Seele iſt, welchen Muth und welche Sicherheit ſie ein⸗ flößt, ſo pflegte er gewöhnlich an jedem Sonntage, wenn nicht eine widrige Witterung ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, eine Art von Predigt vor der Beſatzung zu halten. Er las keine ſolche aus einer Poſtille vor, diß erklärte er nicht das Evangelium des Tages, ſondern, nachdem dieſes vorgeleſen war, redete er auf⸗ſeine eigen⸗ thümliche Weiſe, eine Weiſe, welche die Leute verſtanden und liebten, weil dieſelbe zu gleicher Zeit ein ſo ſchönes Zeugniß gab von einem warmen Seemannsgeiſte und ——õ— voll im Hintertheile aufgeſtellt hatten, woſelbſt zuerf hißt von einer lebendigen Sympathie zwiſchen dem Capitain und ſeinen Schiffsſchülern. me 1 und Jetzt war es gegen zehn Uhr des Vormittags. Das is Fahrzeug ſteuerte auf Wisby zu, aber bei dem ſchralen Ve Winde ging es ſehr langſam vorwärts. Sert Die Leute hatten den Befehl bekommen, ſich fertig o zu halten, und nachdem der Capitain die Stellung der Segel gemuſtert und mit einem gutmüthigen Kopfnicken den Steuermann und den großen Conſtabel begrüßt hatte, m war er eben im Begriff, durch eine Bewegung mit der kicht Hand die Beſatzung herbeizurufen, als er ſich plöͤtz⸗ follt lich an den Kajütenwächter wendete und die zwei Worte wen ſagte:„Was nun?“ indem er auf den Gehülfen des Brai Kochs, den jungen Newfoundlandshund, zeigte: reit „Bitte ergebenſt um Verzeihung, Herr Capitain?“ paß antwortete Petter, mit der Hand am Südweſt:„er hat An d ſich herausgeſtohlen; ich glaube.... durch das Schlüß⸗ ſelloch— ich ſchloß ihn ordentlich ein!“ 6 „Siehſt Du— er macht ja die Logleine unklar!., fuh 3 Nimm dich in Acht, ihn während des Gottesdienſtes 3 herauszulaſſen!“ Eu ch Der Capitain ging einige Male auf und ab. G bepen ſah ernſt, aber auch mild und ſanft aus; vielleicht dacht Fr 1. er nach über ſeine improviſirte Predigt, welche gleit fer darauf anfing, nachdem die Jungen mit ihren Südweſten unter den Armen und gefalteten Händen ſich ehrfurchts ein, Euch ſchafte Junge ein Gebet geſprochen wurde. Um einen Begriff von der Methode des Capitain Stangerling und von der ziemlich charakteriſtiſchen Auf faſſung ſeines doppelten Berufes als Befehlshaber des Fahrzeuges und als Lehrer der Beſatzung zu geben, füh ob m ren wir das Ende ſeiner Rede an: geſtört „Ja, glaubt mir, Jungen— ſo iſt es! Die Vor herbeig ſehung iſt der Stern, nach welchem Ihr ſteuern folt und ſi wenn ſich die Sonne an Eurem Himmel in den Neht ſie hö zieht und Ihr kein Land peilen könnt. Auf der Segtt Capita fahrt durch das Leben hat man oft ſchlimmes Wein und g Capitain igs. Das ſchralen ich fertig Ulung der opfnicken üßt hatte, mit der ſch plötz⸗ dei Worte ilfen des pitain? „er hat Schluͤſ⸗ aklar!. esdienſtei ab. G cht dacht he glei Füdweſten orfurchts⸗ sſt zuerf Lapitain hen Auf aber de ben, füh Die Vor⸗ ern follt en Nebl r Segel s Weite 23 und ſo manche Bö— habe das ſelbſt erfahren;— doch habt nur Ver...(Conſtabel fiere die Schoote des großen Segels ein wenig; ich glaube, der Wind friſcht ein!)... Vertrauen zu Gott: er klarirt Euch gewiß, wenn die Bö am allerdickſten ausſieht. Bildet Euch aber ja nicht ein, daß er Euch helfen wird, ohne daß Ihr es verſucht, Euch ſelbſt zu helfen— nein, Jungen, daraus wird nichts: Faulpelze mag er nicht! Er hat Euch die Augen nicht dazu gegeben, daß Ihr die Luken darüber zumachen follt— nein, Kinder, haltet guten Ausguck und braucht immer in allen Lebensverhältniſſen den Verſtand, wel⸗ chen er Euch gegeben hat, ſo ſegelt Ihr ſicher unter jeder Breite, ſofern Ihr nämlich den Glauben an den Com⸗ paß und den Rechnungstag vor Augen habt. Wenn Ihr an das Land kommt, ſo...(Steuermann, ich glaube, er kommt in vollem Ernſte— wir müſſen die Raaen vierkant braſſen... beſorgen Sie das, Steuermann!)...“ fuh De Befehl wurde ausgeführt und der Capitain uhr fort: „... Wenn Ihr an's Land kommt, ſo ſollt Ihr Euch an den Feiertagen anſtändig beluſtigen— doch bedenkt; die meiſten von Euch ſind verhetrathet: Eure Frauen ſollt Ihr ehren und nicht fremden Schuten nach⸗ laufen, und wären ſie auch noch ſo ſchön geputzt und getakelt. Denkt immer an die goldene Regel: Laß den Verſtand das Ruder nehmen, wenn die Liebe die Segel hißt, und das Nachdenken Lootſe ſein, wenn die Leiden⸗ ſchaften zum Sturm blaſen... Gott ſei mit Euch, meine Jungen! Amen!“ Hätte die kleine Gemeinde eine lange, ordentliche und gründliche Predigt hören können, ſo ſteht es dahin, ob nicht hie und da ein kleines Gähnen die Andacht geſtört und in der ſtarken Hitze eine Neigung zum Schlaf herbeigeführt hätte; als aber jetzt ihr Prediger ſchwieg und ſie ſich tief und von Herzen verbeugt hatten, kehrten ſie höchlich erbaut und voller Dankbarkeit gegen ihren Capitain, der aus Freundſchaft gegen ſie ſo redete, daß ſie ihre Herzen gleichſam erneuert und verjün auf die Schanze zurück.— „Bas,“ ſagte der Capitain, indem er dem Conſtabel einer Viertelſtunde in die Kajüte!“ Freund Bas mit einem achtungsvollen:„Gut, Capi⸗ tain!“ beantwortete, ging der junge Befehlshaber in ſeine eigene Reſidenz hinab.. Obgleich wir nicht bezweifeln, daß der Leſer unter der Geſtalt des Capitains Stangerling unſern Albin Jentzel wieder erkannt hat, ſo wollen wir dennoch mit einigen Worten aufklären, wie Albin zu dieſer Namens⸗ veränderung, oder richtiger Namensverlängerung gekom⸗ men iſt; denn eigentlich hieß er jetzt Jentzel⸗Stanger⸗ ling, obgleich nur der letztere, vielleicht der Firma wegen, in den Schiffsdocumenten ſtand. Drittes Capitel. Die Adoption. Nachdem Albin mit dem Freunde ſeines Vaters, dem alten ſonderbaren Einſiedler, und der Geſellſchafterin deſſelben, Madame Lona, ſich auf dem ſchönen, wenn gleich etwas düſtern Furuwik niedergelaſſen hatte, das mit ſeinen dichten Wäldern und ernſten, toſenden Strö⸗ men dem Arbeitsfleiße Nahrung gab, ſo fand er zum erſten Male ſeit den Zeiten ſeiner Kindheit nicht nur eine Heimath, ſondern er ſah auch ein, wie angenehm es iſt, eine Heimath zu beſitzen. Der alte Stangerling, ein mürriſcher, aber daber herzensguter Mann, der den Menſchen weit mehr um größere Dienſte geleiſtet hatte, als ſie ahnten— denn er verſchmähte es, wegen ſeiner Großmuth von ſich reden zu laſſen— ſchloß ſich ſchon nach Verlauf der erſten —— —⏑—— gt fühlten, Nachdem er dieſe Worte geſagt hatte, die unſer ſeine Hand freundlich auf die Schulter legte,„komm in unte zu d „Du weni weite du d wenn wollt nicht Und nesal Greif ſpät, haben ſtreuu die Vi ihlten, iſtabel um in unſer Capi⸗ mſeine unter Albin ch mit mens⸗ gekom⸗ anger⸗ vegen, gaters, rfterin wenn , das Strö⸗ r zum t nur enehm dabei r um demn reden erſten 25⁵ Wochen ſo ſehr an Albin, daß er während der Zeit, da dieſer in Göteborg war, zum erſten Mal fühlte, was Sehnſucht nach einer theuren Perſon iſt. 1 Von ſeiner früheſten Kindheit an allein in der Welt — ein Sohn ohne bekannte Eltern, ein aus dem Fin⸗ delhauſe genommener Sprößling— hatte er um ſo weniger die Heiligkeit eines vertraulicheren Bandes gefühlt, als er ſich niemals auf der Freierbahn verſucht hatte, ſo viele unverſtandene Winke ihm auch ertheilt worden waren. Auch hatte er nie ein Weib geliebt— nicht, weil er die Weiber im Allergeringſten haßte, ſondern ganz einfach, weil er ſich in dem emſigen Laufe ſteter Geſchäfte— Fredrik Stangerling war mit ſeinem gan⸗ zen Kopfe, mit ſeiner ganzen wirkenden Kraft ein Ge⸗ ſchäftsmann— eines Tages an der Grenze des Mannes⸗ alters überraſchte, ohne daß er im Stande geweſen wäre, zu begreifen, wo die Jugend geblieben war... er war, der arme Mann, eigentlich gar nicht jung geweſen. Jetzt war er wohl ſein eigener Herr und ein wohlhabender Mann obendrein; doch die Zeit, die koſtbare Zeit wollte unter den ewigen Reiſen zu weiter nichts ausreichen, als zu den Plänen, welche er entworfen hatte. Wohl hundertmal hatte er zu ſich ſelbſt geſagt: „Du mußt heirathen— du mußt doch wohl auch ein wenig Freude van deiner Arbeit haben!“ und er hatte weiter geſagt:„Im nächſten Frühling oder Herbſt nimmſt du dir Zeit, um gehörig an die Sache zu denken!“— wenn aber dann der Herbſt und der Frühling kamen, ſo wollte es ſich in dieſem Jahre nicht recht fügen, auch nicht in dem darauf folgenden Winter oder Sommer. Und ſo überſchritt er nicht allein die Grenze des Man⸗ nesalters, ſondern kam auch eine tüchtige Strecke in das Greiſenalter hinein, als er meinte, es ſei nun allzu ſpät, das ſo lange verzögerte Vorhaben auszuführen. Eine Art von Geſellſchaft wollte er aber dennoch haben, wenn er nach den angeſtrengten Mühen und Zer⸗ ſtreuungen die einſame Junggeſellenwohnung ſuchte, wo die Violine— ſeine vieljährige Freundin— nicht immer im Stande war, ihn zu erheitern; da er aber der Men⸗ ſchen mit ihren Anſpruͤchen und ihrer berechnenden Artig⸗ keit längſt überdrüſſig geworden war, ſo wählte er mit ſeinem eigenthümlichen Eigenſinne dieſe Geſellſchaft unter demjenigen Geſchlechte, welches dem Menſchen nur im Aeußern gleicht. Madama Lona, welche bei einem umherwandernden Leiermanne ihre erſte Erziehung erhalten hatte, wurde von Herrn Stangerling von dem wenig beneidenswerthen Looſe gerettet, unter der Geſtalt eines Kriegsmannes bei der Vorſtellung die akrobatiſche Abtheilung auszuführen. Es war bei einem Gitterthore vor einem Hofe, wo Lona, umgeben von einem ſehr zahlreichen Publicum, ihr Debut machte; da es ihr jedoch bei der Generalrepe⸗ tition nicht ſo ausgezeichnet gelungen war, ſo ging es auch mit der Repräſentation ſelbſt nicht beſſer, als daß der Meiſter gezwungen war, die Peitſche zu gebrauchen, und das that er denn ſo gründlich, daß der gutherzige Reiſende(eben Lona's künftiger Beſchützer), der in dieſem Augenblicke des Weges kam, nicht unterlaſſen konnte, ſte mit ſeiner eigenen Peitſche aus der Gefangenſchaft zu befreien und darauf ihr Löſegeld ſo freigebig zu bezahlen, daß der Leiermann davon ein ganzes Affenballet im Großen aufſetzen konnte. Es dauerte zwar eine ziemlich lange Zeit, ehe Herr Stangerling und Madame Lona— wie er ſie wegen ihrer vielen Launen nannte— mit einander auf einen recht freundſchaftlichen und vertraulichen Fuß kamen, weil Beide herrſchen wollten, Beide Luſt hatten, ihre Uebermacht auf eine fühlbare Art zu zeigen. Endlich aber nahm Madame Lona doch als ein nunmehr gebil⸗ detes Frauenzimmer ihre Partie und wurde vernünftig, das heißt: ſie fing an, ihre untergeordnete Lage in der kleinen Monarchie des häuslichen Staates einzuſehen; und von dieſer Zeit an trat eine Allianz zwiſchen ihr und ihrem Herrn ein, welche nicht überſchritten wurde, als nur in dem außerordentlichen Falle, da es Lona einſiel, entweder die kleine Menuette nicht tanzen zu verwi manc 2 27 wollen, welche Herr Stangerling ſelbſt, mit der Violine unter dem Kinn und mit dem tend, ihr gelehrt hatte, oder auch durch die kleinen Gunſtbezeigungen, welche ſie an ihre Umgebung beſonders dann austheilte, gewagt hatte, ſie zu reizen, jalour machen wollte. Wenn nun die Antlge einlief, bezeugt von Geſichtern, ſo mußte chen Tanz unter Anleitung der Karbat her aber wurde ſie auch weich wie Wachs und auf jede Weiſ entzückend und liebenswürdig, ja Feinde. Es iſt wohl wahr, daß ſie ſich gegen Albin im Anfange ein wenig ſteif und vornehm betrug; denn ſie ahnte mit ihrem feinen Inſtinkt in ihm einen Neben⸗ buhler; doch er gab ſich die Mühe, ihre Launen zu ſtudiren, und richtete ſich nach ihnen ſo, daß er ſie bald ewann und daß ſie in ihrer Vertraulichkeit in kurzer Feit ſo weit ging, daß ſie ihn gan ungenirt auf ſeinem Zimmer beſuchte: eine Gunſt, welche er ihr jedoch gern geſchenkt haben würde, wenn er nicht eingeſehen hätte, daß dieſes gute Verſtaͤndniß zwiſchen ihm und Lona, der gefürchtetſten Regentin des Hauſes, ſeinem neuen Vater gefiel und ihn ungemein beluſtigte. In Göteborg, wohin er nach Weihnachten reiste, genoß Albin die innige Freude, die Jungfer Greta noch einmal umarmen und mit Tibb auf ſeinem Schooße nicht allein den ganzen Verlauf W dem Tode der geehrten Frau Wolk, ſondern auch ganz ſpeciell Alles, was ſie von ihm g fen, wie ſie für ihn zu Gott gebetet und wie ſagt hätte, er würde, nach Jungfer Greta's Ausdrucke, „ein ganzer Kerl“ werden, wenn er nur den garſtigen, verwünſchten Hochmuth ablegen wollte, der ihm ſchon ſo manchen Poſſn geſpielt hatte. „Seier Albin,„jetzt iſt er ganz beſiegt, und ich werde gewiß keine ſolche dummen Streiche mehr begehen, wie ich als Knabe und als Jüngling beging!“ Jungfer Greta pries höchlich einen ſolchen Entſchluß, indem ſie ſich die Freiheit nahm, ganz ſo, wie in der alten guten Zeit, da ſie zur Hälfte in Frau Woll's Hauſe die Gebieterin ſpielte,„dem großen, ſchönen Herrn,“ wie ſie ihn jetzt nannte, eine kleine Predigt zu halten, in welcher jedes Wort ſo herzensgut und wohlgemeint war, daß Albin’'s Blick den kleinen klugen Augen der Alten ſtrahlend begegnete, indem er dabei fortwährend bald ſie, bald Tibb liebkoste. Jungfer Greta wohnte in einem Stübchen in Frau Wolk's ehemaligem Hauſe, welches ihr bis zu ihrem Tode eingeräumt war; und noch jetzt war ſie eben ſo fein und neu geſtärkt wie ehedem, obgleich ſowohl ſie, als auch Tibb alt geworden waren. Tibb hatte ſeine vorigen Künſte gänzlich vergeſſen; er lag jetzt in beque⸗ mer Gemächlichkeit auf ſeinem Kiſſen ausgeſtreckt und ſah nur traurig und wartend aus.„Armer Tibb,“ ſagte Greta mit einem ſchönen Blicke,„die er erwartet, kommt nicht wieder!“ Als Albin an dem ſtillen Mondſchein⸗Abende den ſchönen Göteborger Kirchhof beſuchte, hatte er dort zwei Gräber aufzuſuchen: unter jenem mit dem kleinen einfachen Kreuze ruhte Frau Märta, dieſes mit dem Marmorſtein deckte Frau Wolk's Hülle. Bei jenem weilte Albin mit einem freundlichen und warmen Blicke; bei dieſem kniete er nieder, und indem er die verwelkten Blumen deſſelben mit ſeinen Thränen wäſſerte, ergoß ſein Herz in tiefen Seufzern die Dankbarkeit, welche in ſeiner Seele flammte, worin die reinſten Vorſätze entſtanden, durch einen red⸗ lichen und würdigen Wandel ihr, der Guten, zu lohnen, die ſo Vieles für ihn gewirkt und noch mehr hatte wir⸗ ken wollen. Dieſer Abend, da er mit ſich ſelbſt zu Gericht ging und ſich nicht ſcheute, ſeine Fehler eben ſo ernſt zu prüfen, als die Folgen derſelben ſeinem Gedächtniſſe einzuſchär⸗ fen, trug für ihn in der Zukunft gute Früchte. Oft D— dAO 2ne— fachen orſtein n mit kniete ſelben tiefen mmte, n red⸗ ohnen, e wir⸗ t ging prüfen, iſchär⸗ 1 Oft 29 ſah er in den einſamen Stunden zurück auf dieſen Au⸗ genblick, da er, der einzige Lebende in dem Reiche der Todten, an dem vom Monde beleuchteten Grabe ſeiner Wohlthäterin kniete. Das Sauſen des Windes in den Bäumen war ihre feierliche Antwort, daß ſie ſeine Ge⸗ lubde annahm, das Raſſeln der vertrockneten Blumen⸗ ſtengel, welche, berührt von ſeiner warmen Hand, ſich gegen das Grabmonument ſenkten, war ihre ſanfte Er⸗ mahnung, daß er dieſe Gelubde niemals brechen möchte. Und er brach dieſelben auch nie.... Mit einer Ruhrung, welche ihm ſagte, daß er Beide zum letzten Male ſähe, ſchied er nach einem achttägigen Aufenthalte in Göteborg von Jungfer Greta und von Tibb. Und bald hatte er doppelt Urſache, ſich über ſei⸗ nen Beſuch zu freuen; denn als er im folgenden Jahre nach ſeiner erſten Reiſe mit dem alten Jungen nach Göteborg kam und mit fröhlichem Herzen hinauf eilte, um ſeine treue Freundin als„Capitain“ zu beſuchen, da begegnete ihm ein fremdes Geſicht, und fremde Lip⸗ pen erzählten ihm, daß ſowohl Jungfer Greta, als auch Tibb jetzt in der ſtillen Erde ruhten In den Tagen des Glückes fliehen die Jahre ſchnell. Des Sommers reiste der junge Capitain und machte mit dem alten Jungen immer gute Touren; des Winters lebte er auf Furuwik, woſelbſt der alte Stan⸗ gerling ſich jetzt nach einem umherirrenden Leben in Ruhe geſetzt hatte, und wo er, ſtets von ſeiner treuen Lona begleitet, ſich bald die Zeit mit der Violine ver⸗ trieb, bald ſowohl im Hauſe, als auch draußen die gute Ordnung aufrecht hielt, denn nicht immer plagte ihn die Gicht. Die größte Freude aber war doch, als Albin, der ſchon auf Iduna, unter der Anleitung des Capitains Flyborg, die Flöte hatte blaſen gelernt, dieſe Fertigkeit ſo ausgebildet hatte, daß er ſeinen Freund accompagni⸗ ren konnte: bei dieſen Duetten vergaß der Alte 9 den Spieltiſch. aaß ſagar Wenn Albin im Herbſte zurückkam, ſo wurde immer ein ordentliches Debet und Credit zwiſchen dem Rheder uf und ſeinem Schiffer abgemacht. Albin's Bedingungen 3 waren ſehr gut; aber Herr Stangerling ſchenkte auch 8 gar nichts nach, ſondern Alles ſollte pünktlich abgemacht an werden. Dieß geſiel Albin um ſo mehr, als es mit 1 ſeinen eigenen Anſichten übereinſtimmte. O Um alle Unanuehmlichkeiten zu vermeiden, welche ſein zügelloſer Sinn, der ſtets den Eindrücken des Au⸗ der genblicks folgen wollte, ihm in ſeinen jüngern Jahren ich zugezogen hatte, beſchloß er nun als Mann nach gewiſ⸗ Wo ſen Regeln oder Grundſätzen zu leben. Doch müſſen wir ſon der Wahrheit gemäß geſtehen, daß auch dieſes ſeine bet Unannehmlichkeiten hatte, weil ſich natürlicher Weiſe geh eine Regel nicht für jeden unvorhergeſehenen Fall ſchaffen uch ließ. Aber Albin bemühte ſich wenigſtens, ſtreng genom⸗ den men, ſo zu leben, daß er ſeine ſelbſtgemachten Geſetze nicht allzu oft zu erweitern brauchte.... Etwas über ein Bab vor dem Zeitpunkte, da wir ſein unſern Helden auf der eiſe von Liverpool nach Wisby wiederfinden, war zwiſchen ihm und ſeinem väterlichen glar Freunde folgendes Geſpräch vorgefallen. ſein Es war an einem Abende, kurz vorher ehe Albin 6 reiſen ſollte— der Alte war lange in Gedanken umher führ gegangen und hatte ſchlau ausgeſehen. Jetzt hatte er Albin auf ſein Zimmer rufen laſſen; und ſo wichtig war der Gegenſtand, welcher jetzt verhandelt werden ſollte, daß belic ſogar Madame Lona die Weiſung erhalten hatte, draußen einen zu bleiben. „Hore, mein Junge, willſt Du recht aufrichtig gegen mich ſein?“ begann der Alte, indem er Albin einen Wink zeug ertheilt hatte, ſich neben ihm auf dem Sopha niederzulaſſen. eines „Ich ſollte meinen, Onkel, daß ich gar nicht anders hatte kann!“ entgegnete Albin mit ſeinem herzensguten Tone. Befe „Gut; alſo läugneſt Du nicht, daß Du denkſt, der Gott alte Junge iſt doch etwas ſimpel, alt und kantig für Güte einen ſo feinen, hübſchen und jungen Capitain?“ mer eder ien auch acht mit elche Au⸗ hren ewiſ⸗ nwir ſeine Weiſe haffen nom⸗ jeſetze a wir Wisby lichen Albin umher atte er ig war e, daß raußen egen 4 Wünt ulaſſen. anders 1 Tone. kſt, der ttig für A 31 „Fein und hübſch, Onkel— was ſoll das heißen?“ „Was das heißen ſoll?— der Teufel! daß doch nicht einmal der ehrlichſte Menſch den geraden Weg gehen kann, ohne Krummſprünge zu machen: ich llege ir eine Frage vor, und Du antworteſt mit einer andern!“ „Ich glaubte, es läge Etwas in meiner Perſon, Onkel, das Ihnen mißfiele?“ „Verteufelter Junge! antworteſt Du nun nicht wie⸗ der mit etwas Neuem? Deine Perſon— he!— habe ich jemals über Deine Perſon geklagt, auf die alle Weiber gaffen? Bin recht ufrieden mit Deiner Per⸗ ſon.. könnte, was das usſehen und die Haltung betrifft, recht gut für eine Fregatte paſſen— doch das gehört jetzt nicht hieher: ich will eine einfache und ver⸗ nünftige Antwort auf die Frage haben, die ich Dir über den alten Jungen vorlegte!“ „Onkel! Sie preſſen mich allzu hart!“ meinte Albin, indem er mit einem jugendlich frohen Lächeln dem Alten in die Augen blickte.„Ich ſchäme mich, undankbar zu ſein— ſoll aber die Wahrheit einmal heraus, ſo...“ „Nun, nur rein heraus... hab's wohl gemerkt, glaubte aber, es könnte unſerm kleinen Stolze recht gut ſein, daß man ſich nicht gleich Capitainen an die Seite fullen könnte, welche Schiffe von der erſten Ordnung ühren.“ „Mein guter Onkel!“ „Mein guter Junge, reines Spiel, wenn Dir's beliebt! Gewiß hat der alte Junge Dir mehr denn einen Seufzer gekoſtet, wenn Du Dich in größeren Häfen ruhig hinter die Löwen legen mußteſt?“ „Das iſt wohl mögli„Onkel; aber eben ſo über⸗ zeugt können Sie auch ſein, daß ich mich ſelbſt wegen eines ſo. unverzeihlichen Gefühles beſtraft habe. Ich hatte ja gar keine Hoffnung, ſo bald nur, die geringſte Befehlshaberſtelle zu erhalten, und ſollte alſo wohl Gott danken für die großen Vortheile, die Ihre väterliche Güte mir bereitet hat!“ Hm... hm... hm! nicht übel, ſich hinter ſolchen Wällen zu verſchanzen!.. Möchte mir aber denno einbilden, daß Du bisweilen gedacht hätteſt: der eigen⸗ nym ſinnige Alte könnte mir wohl ein anderes Fahrzeug gut, bauen!“ aus. Albin erröthete ſtark, aber ſeine Antwort war nur der ein undecidirter Ausruf. daß mein Sohn— und ſo ich „Verſtehe ein halbes Wort, ganz Unrecht haſt Du auch mit Deinen Gedanken eben chen nicht gehabt, nämlich nach der Art und Weiſe, wie Du die Sachen ſiehſt. Aber zuerſt und vor allen Dingen ſeufz wollte ich mich von Deiner Tü än einer Schute überzeugen, Meiſterſtück abgelegt; d Deiner Ordentlichkeit und von Deinem Verſtande 1 Geſchäften überzeugen, und mit Beidem bin ich längf Höre e aber war, daß ich— n zufrieden geweſen— das Wichtigſt Deinem Hauptfehler dadurch keine Fahrt und geben wollte, wenn ich alle möglichen Vortheile auf oder Dich warf. Wer ſo viel gelitten hat, wie Du, um un Du, abhängig zu werden, durfte nicht plötzlich von ſeing zu ſ Selbſtthätigkeit hinweggeriſſen und zum Herrn eint reder Fahrzeuges gemacht werden, auf welchem nur eine g prüfte Erfahrung, eine wohl accreditirte Ehre und Tüch daß tigkeit am Steuer ſitzen dürfen. Jetzt ſind außer der bekon erſten Winter, welcher hinreichend für mich war, u von Deinen Werth kennen zu lernen, drei Prüfungsjah 8 verfloſſen: damit kann es genug ſein, und alſo will i Du d noch in dieſem Monate den Bau eines Fahrzeuges t Fredi ginnen, auf deſſen Verdeck unſer junger Befehlshab d Grund haben kann, ſeine Bruſt vor Stolz ſchwellen! aach laſſen.“ K Onkel! ſollte dieſer Wunſch wi konn lich in Erfüllung gehen— ſoll ich ein ſchönes, edh. rächtiges Schiff, eine Seenymphe von der erſten O⸗ uchn 11“ Albin ſprang auf und ſchloß den A fiehſt in ſeine Arme. Lente 3. nir d Der ſolchen denno eigen⸗ ahrzeug var nur und ſo ten eben wie Du Dingen Führung ſt Dein nich von tande in ch längf daß ich Nahrumg heile auf „um un on ſeine ern ein eine g ind Tüch außer dei war, u ungsjah ſo will i geuges b ffehlshab hwellen unſch wit nes, edle erſten Or ß den Alt 33 „Nun, nun, zum Teufel! ich bin ja keine See⸗ nymphe— drücke mich nur nicht todt! Sehe jetzt recht gut, wo der Schuh drückte bei allen Seufzern, die Du auspreßteſt, wenn Du draußen im Beſuchzimmer vor der Brigg Deſirée ſtandeſt... habe mich oft gewundert, daß nicht das Glas geſchmolzen iſt, und noch öfter habe ich bedauert, daß Du nicht lieber für ein ſchönes Mäd⸗ chen ſeufzteſt.“ O, Onkel, es iſt noch nicht Zeit, für Mädchen zu ſeufzen, ehe man ihnen etwas anders als zwei leere Hände und ein Herz zu bieten hat... doch weiß Gott! — hätte mir eine das Herz weggekniffen, ſo hätte ich wohl doch geſeufzt; da das aber nicht der Fall iſt, ſo habe ich es noch ganz frei für mein neues Fahrzeug... Hören Sie, liebſter Onkel! es muß Seefräulein heißen — welch ein poetiſcher und klingender Name!“ „Taufe ſie in Gottes Namen, wie Du willſt, See⸗ oder Landfräulein, das iſt mir einerlei... Aber, ſiehſt Du, über die Tauffrage hätte ich wohl auch noch etwas zu ſagen, da wir doch einmal in Vertrauen mit einander reden, nämlich über eine andere Taufe.“ Was denn in Gottes Namen, Onkel? Iſt es, daß mein erſter Sohn— wenn ich nämlich erſt einen bekomme— Fredrik heißen ſoll, ſo verſteht ſich das ganz von ſelbſt.“ „Ja, das war nicht dumm, Du! Aber was ſagſt Du dazu, wenn wir den Jungen der Vollſtändigkeit wegen Fredrik Stangerling hießen?“ „Ich antworte mit Ihren eigenen Worten, Onkel: das wäre nicht dumm... doch wie wollen wir es machen, daß er auf ehrliche Weiſe dieſen Namen führen könnte?“ „Durch das einfachſte Mittel von der Welt, näm⸗ lich daß ſein Vater dieſen Namen zuerſt annimmt. Du ſiehſt wohl ein, daß ich nicht die Abſicht habe, fremde Leute zu Erben des Wenigen einzuſetzen, welches Gott mir durch meine Arbeit beſcheert hat, und Verwandte, Der Jungferthurm. II. 3 wie Du weißt, habe ich nicht. Nun gut, ich habe ver⸗ geſſen ſelbſt zu heirathen, habe niemals Zeit dazu finden können, möchte aber dennoch gerne, daß der Name Stangerling in einer ehrlichen Familie fortlebte, die ſich des Alten erinnern könnte. Ferner habe ich gedacht, mein Junge, daß es nach dem myſtiſchen Unglücke auf La belle Coquette für Dich, recht gut ſein könnte, meinen Namen dem ehrlichen Namen Deines Vaters hinzuzu⸗ fügen. Kurz und gut, Junge! ich will Dich adoptiren: Du ſollſt mich Vater nennen und Dich recht bald ver⸗ heirathen, damit ich noch die Freude habe, Großvater zu heißen, ehe ich ſterbe! Gehſt Du auf das Alles ein?“ „Ja, mit der tiefſten, der lebendigſten Dankbarkeit, mein theurer und geliebter Vater!“ Und nun lag Albin zum zweiten Male an der Bruſt des Alten. „Dank, Junge, Dank!... Schäme mich beinahe, daß ich weinen will wie ein altes Weib, wenn ich an alle Freude denke, die Du meinem Alter ſchon bereitet haſt und noch ferner bereiten wirſt!— Du höͤrteſt wohl, daß ich Dir befahl, Dich mit dem Allererſten zu ver⸗ lieben?“. „Ja, Onkel, und ich will mein Beſtes dazu thun! Doch fürchte ich, daß ich zu Anfang nur für mein See⸗ fräulein ſchwärme. Aber, Onkel, Sie leben wenigſtens noch zwanzig Jahre, und ſo haben wir noch Zeit genug, ein hubſches Familiengemälde in Ordnung zu bringen, ehe... Ach, mein geehrter Vater, mein guter, warm⸗ herziger Vater!“ Albin ſah den Alten mit Blicken an, welche beſſen als Worte die Unterbrechung erklärten. „Ja, ja, weiß recht gut, daß Du was von mir hältſt!... Wäre der Großhändler N. ſtatt ſeiner füßen jungen Frau abgetrollt, ſo hätteſt Du vielleicht don Deinen Haken eingeſchlagen?“ Nie! Als Jüngling war ich ſehr von der armet Frau N. eingenommen, jetzt dagegen würde ſie meine Wünſche nicht befriedigt haben. Obgleich ich mich nicht vieln ganz nicht ſie nit bald für i beſuck ſeinen Sie f große frei j Wird um v aber Wunſ mache ſamker K Albin Reiſe den al C erſten Briefe Beſchr kein W ſo in ſeines beſeher d anzukn e ver⸗ finden Name ch des mein uf La neinen azuzu⸗ tiren: ver⸗ ßvater ein?“ arkeit, wohl, u ver⸗ thun! 1 See⸗ gſtens genug, ringen, warm⸗ beſſet on mit ſüßen ſt dor armen meint h nicht 3⁵ viel mit dem Courmachen abgebe, ſo denke ich dennoch eine ganze Menge von meiner Zukünftigen, und das ſtimmt nicht überein mit den Eigenſchaften, die Frau N. hatte.“ „Nein, nein, es könnte ſich wohl ereignet haben, daß ſie nicht gepaßt hätte— und eine andere Dame, die gewiß bald Wittwe wird, möchteſt Du vielleicht ebenfalls nicht für ihre treue Flamme belohnen wollen?“ „O, Gott ſei Lob und Dank, daß ſie weg iſt! Ich beſuchte den alten Ennes vor einiger Zeit, und er dankt ſeinem himmliſchen Vater, daß er in Ruhe ſterben darf. Sie ſoll jetzt in Deutſchland leben und zwar auf einem großen Fuße— Reichthum fehlt ihr nicht, zu leben ſo frei ſie will.. doch laſſen wir die Liebe, Onkel!... Wird es eine Brigg, und wann kann ſie fertig ſein, um vom Stapel zu laufen?“ „Es wird ein Dreimaſter— und im nächſten Jahre, aber gegen Ende des Sommers wird wohl Dein eifriger Wunſch erfüllt ſein. Doch darfſt Du keine Winterreiſen machen: da langweile ich mich hier draußen in der Ein⸗ ſamkeit mit Madame Lona zu Tode! In dem Zeitpankte, wo wir nun beginnen, ſtand Albin dem Ziele ſeiner Wünſche nahe: die gegenwärtige Reiſe war eine der letzten, auf denen er den Befehl über den alten Jungen führte. Das Seefräulein war nun beinahe fertig, um ihren erſten Tanz auf den Wogen zu machen, und in ſeinen Briefen machte der alte Stangerling die verführeriſchſten Beſchreibungen über ihre unvergleichliche Schönheit— kein Wunder alſo, wenn das Seefräulein immerwährend ſo in der Seele des jungen Befehlshabers lebte, daß er ſeines Verſprechens vergaß, die Töchter des Landes zu eſehen. 4 Doch wir eilen, den Gang der Begebenheiten wieder anzuknüpfen. . Viertes Capitel. Die Berathung. „Hier bin ich!“ rapportirte der Conſtabel, welcher bei ſeinem Eintritte in die Kajüte den Capitain ſo ganz in Gedanken vertieft fand, daß er das Oeffnen der Thür gar nicht gehört hatte. „Nun, Bas, ſetze Dich: wir wollen ein wenig plaudern!“ Der Conſtabel blieb ſtehen, lächelte aber mit ſelbſt⸗ behaglichem Stolze über die ihm erzeigte Gunſt. Bas, unſer alter Bekannter, war noch immer Bas an Seele und Herz, im Uebrigen aber gänzlich umge⸗ takelt. Segeltuchbeinkleider mit blauen Lappen auf den Knieen lebten bei ihm jetzt nur noch in der Erinnerung: ſeine jetzige Kleidung war zu gleicher Zeit fein und von ſtarkem Stoffe und glich am meiſten der eines ehrſamen und wohlhabenden Befehlshabers auf einem kleinen Fahrzeuge, wenn er des Sonntags auf dem Lande paradirt. Das eigentliche Amt unſeres Bas auf dem alten Jungen war ſchwer zu beſtimmen: er war wohl als Conſtabel gemuſtert, aber er diente nebenher in allen Graden an Bord, außer in dem des Capitains. Ob⸗ gleich es dort natürlicher Weiſe, wie wir geſehen haben, einen Steuermann gab, ſo nahm er doch oft den Platz deſſelben ein, war aber zugleich Proviantmeiſter, Hof⸗ meiſter, Daggführer(wenn dieſe Function bisweilen ohne Wiſſen des Capitains für nothwendig erachtet wurde), Zimmermann, Segelmacher, Schmied und ſo⸗ gar Koch. Seine athletiſche Geſtalt war nun bei durchlebten zweiunddreißig Jahren noch kraftvoller geworden; doch das ſchelmiſche Lächeln war verſchwunden, oder es ver⸗ barg ſich hinter einem großen, grauſen ſchwarzen Barte, W den er ſich in der letzten Zeit angeſchafft hatte. Die„ Achtung, welche er der Beſatzung einflößte, ſowohl durch — — — 14 37 die wohlbekannte Gunſt, in welcher er bei dem Capitain ſtand, als auch durch ſeine eigenen Vorzüge in vielen Fällen, war nicht zu verkennen: es war kaum Jemand an Bord, wenigſtens unter den jüngeren Matroſen, der nicht die Hand an die Mütze legte, wenn er mit ihm redete. „So ſetze Dich doch, Narr!“ wiederholte der Capi⸗ tain:„hier unten biſt Du ja mein Gaſt, wenn ich Dich in andern Geſchäften, als im Dienſte, rufe!“ „Der Reſpect, Herr Capitain!“ „Höre einmal, Bas: iſt es heute das erſte Mal, daß wir in einem und demſelben Zimmer ſitzen? Weißt Du nicht mehr, daß ich unter Dir ſegelte, daß jene verfallene Hütte, in welcher wir nach dem Schiffbruche wohnten, zwei gleich obdachloſen Kameraden Schutz ge⸗ währte, und daß Du mir ſo manchen Rath, ſo manche gute Lehre gegeben haſt? Du haſt ein ſchlechtes Ge⸗ dächtniß, Freund Bas!“ „O, Herr Capitain, das waren andere Zeiten! Sagt' ich nicht an dem Sonntagsmorgen in London, als wir uns zum erſten Male bei Mutter Kitty trafen (hier flog bei dem Gedanken an die unvergeßliche Poll ein Seufzer über die Lippen des Conſtabels), wie wir es auch im Anfange unſerer Bekanntſchaft haben möchten, ſo wollte ich dennoch niemals, wenn wir erſt weiter mit der Rechnung kämen, den Reſpect vergeſſen?“ „Und das haſt Du gehalten mehr als nothwendig iſt!... Jetzt aber fiere mir ohne Umſtände die Reſpect⸗ Schote und verteie dich hübſch auf dem Stuhle dort, mein ehrlicher Bas, denn ich habe auch heute einen guten Rath von Dir zu erbitten!“ „Kann alſo wohl nicht helfen! Aber, Herr Capi⸗ tain, um recht ſicher zu ſein, daß nicht etwa der Ka⸗ jütenwächter kommt, werden Sie wohl erlauben?...“ Bas ſtreckte die Hand nach dem Thürriegel aus. „Ganz nach Belieben!... Du biſt, wie Du ſo oft geſagt haſt, auf Gottland geboren?“ „Ja, ſo iſt's, Capitain, und da ich jetzt im Fahr⸗ waſſer bin, ſo iſt mir den ganzen Morgen gleichſam ein wenig ſonderbar zu Muthe geweſen. Ich war ein kleiner Junge, da ich das Lied von der Katze ſang, ſo daß es in der Schlafſtube des Hobergsalten ſchallte!“ „Das war vielleicht Deine fröhlichſte Zeit... Alſo Du kennſt die Küſte und ihre Beſchaffenheit?“ „Ja, ſo iſt's!“ „Auch bei Wisby?“ „Kenne Alles, wie mein Vaterunſer, Capitain: ich reiste eine Zeitlang mit einem Fiſcher von dort.“ „Höhlen, Grotten, geheime Verſtecke, kann ich mir denken?“ „Wie? was?“ „In meinem Dienſte haſt Du dergleichen nicht auf⸗ ſpüren gelernt; aber ich bin gezwungen zu geſtehen, daß es mir ganz beſonders gefallen würde, wenn Du in der Nähe von Wisby, beſonders in der Nähe des Strandes ein gutes Verſteck wüßteſt— ein ehrlicher Kerl ſollte eigentlich dergleichen gar nicht ausſpüren, wo nicht nur der Naturmerkwürdigkeit willen.“ „Sie wollen alſo einen Ort wiſſen, wo Einer etwas einlegen kann, das um einen ſichern Hafen benöthigt iſt, bis es ausgeladen wird?“ „Ganz richtig!“ „Nun, das war mir etwas ganz Neues— doch Verſtecke ſollen nicht fehlen! Ich kenne gerade dort in der Gegend eine Höhle, die ſo ſchlau und ſo verſteckt iſt, daß kein Menſch denken oder glauben kann, wie viele geheime Räume ſie hat. Das iſt übrigens die Höhle des Räubers Lilja— ſie liegt ein kleines Stück hinter dem Högklint. Als Junge habe ich oft Seeräuber darin geſpielt, von der Zeit an bin ich aber nicht zu Hauſe eweſen— und einerlei kann das auch ſein, da mein Vater und meine Mutter ſich ſchon längſt in dem Win⸗ terhafen verteiet und abgetakelt haben.“ „Gut— Du hältſt alſo dieſe Höhle für ſicher?“ „Wie die Bank!“. „Und wir fließen mit dem Boote hinein?“ 3 ——— 18 & R SAͤ GXSSSSE S OS—,B 39 „Nicht in die Höhle ſelbſt, behüte: ihre äͤußere Wand ſteigt wie eine Mauer aus dem Meere herauf; aber dicht dabei geht ein ſandiger Weg an's Waſſer herab, und dort können wir ganz gut in ſolchem Wetter wie jetzt an's Land legen.“ „Nun ſo wollen wir uns denn heute Abend, nach⸗ dem wir uns beim Högklint verteiet haben und es erſt finſter geworden iſt, auf Abenteuer begeben. Wie Du weißt, habe ich den Grundſatz, mich nie mit der Lor⸗ rendreierei abzugeben; auch leide ich es nicht, daß meine Leute ſich auf ſolche Geſetzwidrigkeiten einlaſſen; aber der Frachteigner in Liverpool bat es ſich ſo artig aus, einige Ballen incognito an ſeinen Commiſſionär in Wisby, den Großhändler Mörk, mitſchicken zu dürfen, daß es mir als Schiffer ſchwer wurde, ihm den Dienſt abzuſchlagen. Da ich inzwiſchen keine Luſt habe, mich der Strafe und allen andern Unannehmlichkeiten auszu⸗ ſetzen— bei einer Viſitation ließen ſich die Güter leicht auffinden— ſo denke ich mich ſo bald wie möglich von dem Plunder zu befreien. Iſt es nur erſt in einem ſolchen Verwahrungsorte wohl geborgen, ſo mag dann der Herr Großhändler für die weitere Fortſchaffung deſſelben ſelbſt ſorgen.“ „Der Tauſend! dieſe Ballen, welche in der Abend⸗ dämmerung ankamen, als der Zollbeamte ſchon gegan⸗ gen war, und als wir eben abfahren wollten... und die ich auf Ihren Befehl einſtauen mußte in...“ „Eben dieſe, und jetzt fragt es ſich, wie wir ſie wieder glücklich los werden wollen. Ich bin ärgerlich auf die ganze Geſchichte— welch ein Beiſpiel fuͤr die Beſatzung! Nun wird wohl jeder von ihnen glauben, er hätte das Recht, ſeinen eigenen Handel zu treiben!“ „O nein, Capitain! Die Jungen laſſen es dabei bewenden, ein halbes Dutzend Taſſen oder ein Tuch für die Alte einzuſchmuggeln— und wenn Sie nichts da⸗ gegen haben, ſo kann ich ſie ja bedeuten, daß der Herr Capitain nur darum eine Ausnahme gemacht haben, um einem guten Freunde zu dienen?“ „Taugt nicht, Conſtabel! Der Befehlshaber kann und darf ſich nicht gleichſam vor ſeinen Untergebenen entſchuldigen... Und genug davon: die Sache mag nun ihren Gang gehen— ich bin überzeugt, das heißt ich hoffe, daß keiner von meinen Jungen ſich eine An⸗ merkung gegen ſeinen Capitain erlauben wird... Gädda ſoll ſich bereit halten, mitzukommen!“ „Gut, Capitain! übrigens war es nur eine gute Abſicht für Sie, da Sie ſo hölliſch genau ſind!“ „Nun, das weiß ich recht gut, alter Kamerad!... Und nun ſollſt Du Dir eine Flaſche von dem feinſten Rum nehmen und eine Geſundheit auf die Zeit trin⸗ ken, da Du in der Schlafſtube des Hobergsalten Deine Spiele triebſt.“ Bas ſchmunzelte und verſicherte, da es ſo gut zu⸗ reichte— denn es wäre wohl die Meinung des Herrn Capitains, daß er eine von den„altmodiſchen“ Flaſchen nehmen ſollte— ſo ſollten auch am Nachmittage die Jungen einen echten Grog zu ſchmecken bekommen.“ Der Capitain nickte beifällig, und mit einer Ver⸗ beugung, die nicht im Geringſten an die Zeit erinnerte, da der Matroſe Bas dem Albin Jentzel zu dem Koch⸗ platze auf Iduna verhalf, verließ der Conſtabel die Kajüte. 1 Als unſer junger Capitain allein war, nahm er aus dem Bücherbrette einen Band von Holberg's Luſtſpielen und warf ſich damit auf den Sopha, in der Abſicht zu leſen, bis es Zeit wäre zu Mittag zu eſſen; da ihm aber das Buch ziemlich bekannt und in dem Brette nichts Ungeleſenes weiter vorhanden war, ſo hatte er bald genug davon und griff nach der auf dem Tiſche lie⸗ genden Flöte, welche er nicht allein darum liebte, weil er durch ſeine größere Kunſtfertigkeit dem Vater Stan⸗ gerling eine ſo herzliche Freude bereiten konnte, ſondern auch darum, weil in der Flöte Töne wohnten, welche beſonders in einer ſtillen Nacht auf dem Meere immer mehr und mehr mit gewiſſen andern Tönen verſchmol⸗ zen, die jetzt oͤfter als zuvor in ſeinem Herzen erklangen. ——-— DI— — — u Nͤ—— 6d 41 Heute'aber wollte nichts ſtimmen— auch die Flöte erhielt ihren Abſchied. Jetzt klingelte er und befahl Petter, den jungen Hund einzulaſſen, und zur Abwechs⸗ lung begann nun der junge Befehlshaber des alten Jungen mit dem Gedanken an Tibb's Vollkommenheiten den unvollkommeneren Bruder deſſelben zu dreſſiren und ihn eine Menge verzweifelt ſchwerer Künſte zu lehren— ein Vergnügen, welches er ſo belohnend fand, daß er es auch noch am Nachmittage auf dem Verdecke zur Belu⸗ ſtigung der Leute fortſetzte. Am Abende lag der Schooner, wie Albin berechnet hatte, vor dem Högklint. Ungefähr um dieſelbe Zeit, da unſere beiden Neben⸗ buhler und baldigen Duellanten in die Räuberburg hinabſtiegen, verließ der Capitain Albin Stangerling ſein Schiff und ſtieg in die kleine Jolle, welche der Conſtabel und der Jungmann Gädda rudern ſollten. Als aber der Capitain das Steuer ergriff und das ge⸗ wöhnliche„Stoßt ab!“ ausſprach, ſo lag in ſeinem Tone Etwas, das ſelbſt dem unerfahrenſten Ohre bewies, wie ärgerlich und verdrießlich er über ſein Abenteuer, das heißt mit ſich ſelbſt war, weil er aus bloßer Artigkeit von einem Vorſatze abgewichen war. Nicht einmal der Anblick der koloſſalen Kirchen⸗ ruinen von Wisby, welche dann und wann durch die regenſchweren Wolken hervorblickten, vermochte einen Lichtſchimmer in ſein Auge zu locken, obgleich der Capi⸗ tain Albin übrigens ein Mann war, der ſolchen Anblick zu ſchätzen verſtand. Leicht wie ein junges Mädchen im Tanze ſchwebte das Boot über den ruhigen Spiegel der Oſtſee. „O mein Gott,“ ſagte Bas, indem er mit dem Aermel der Jacke über die Augen fuhr,„welch eine wundervolle Freude iſt es doch, einmal dieſen Kalkſtein⸗ bergen in's Geſicht zu ſehen!... Ja ja, es iſt ſeitdem eine Zeit verfloſſen, da ich ihnen mein Lebewohl zunickte. .. Ich möchte wohl wiſſen, ob ſich hier noch eine Seele des Olle Bas erinnert!“ „O ja wohl, Du!“ entgegnete der Capitain mit einem troſtreichen Blicke.„Sollte es ſich aber ſo treffen, daß entweder Alle hinweg oder todt ſind, ſo denke daran, daß mehrere Leute eben dieſes Gefühl gehabt haben, wenn ſie in eine ihnen fremd gewordene Heimath zurück gekommen ſind!“ „Will d'ran denken, Capitain!“ Bas nickte zuver⸗ ſichtlich: er verſtand ſeinen Capitain eben ſo gut, wie dieſer ihn. „Wir bekommen beſtimmt ein Douchebad— und es ſieht nicht aus, als wäre dort ein guter Landungs⸗ platz!“ begann der Capitain nach einigen Augenblicken. „Wenn keine Revelſion ein P. vor den geſetzt hat, welchen ich weiß, ſo ſoll er, hol mich der Nix, auch noch da ſein!... Fallen Sie ein wenig ab, Capitain!... Die Regenbö hätte uns ungeſchoren laſſen können!... Ja, ja wohl, ich wußte recht gut, was dieſer Kalkſtein⸗ vorſprung hinter ſich verbarg!— Sehen Sie dort den Spalt, welcher ſo fein von dem Strandberge herabge⸗ gangen kommt?.. Herr Gott! er ſieht gerade ſo aus, wie vor zwanzig Jahren, da ich... nun, das wäre ſchöͤn, wenn Olle Bas ſich nicht für zu gut halten ſollte, ein Tropf zu werden!... Gädda, Junge, rudere nicht ſo ſtark!... etwas mehr backbord, Capitain!... ſo ja — recht ſo!... Gädda! nimm Du auch den andern Riemen, ſo will ich nach Vorn gehen und Ausguck halten — wenn es aber noch ſo iſt, wie ſonſt in der Welt, ſo kommt keine Seele des Tages hieher und keine Katze des Nachts.... und ich denke, es wird wohl auch noch ſo ſein.“ ſeire fern nicht,“ fiel der Capitain ein,„die alte Heimath des Räubers Lilja ganz beſonders als Schmug⸗ gelhaus benutzt wird: in dieſem Falle möchte es ſich wohl ereignen, daß wir Geſellſchaft anträfen... Verdammt! daß ich mich dazu hergeben mußte— ich, der ich mit den Zollſchnüfflern nie etwas zu thun gehabt habe!“ ‧₰ N 43 „Möchte auch kaum glauben, Herr Capitain, daß Sie jetzt etwas mit ihnen zu theilen bekommen! Kenne ich die Zollbeamten in Wisby recht, ſo ſind ſie nicht von der Art, daß ſie luſtige Abenteuer in den Gang bringen... ſie ſind allzu ſtiller und ruhiger Natur!“ „Zu Deiner Zeit, ja!“ „Ich habe gehört, daß hierin keine gefährliche Ver⸗ änderung vorgegangen iſt.... Sehen Sie— hier iſt's ja ſtill wie im Grab: kein lebendiges Weſen, außer den Fiſchen und den Seevögeln!... Aber dennoch, mein lieber Gädda, brauchſt Du die Riemen nicht ſo hoch aus dem Waſſer zu heben: bei ſolchen Unternehmungen, wie dieſes, muß Einer vorſichtig ſein, weil es das Klügſte iſt.... Zieh jetzt die Ruder ein... nur ſachte— ich will abhalten!“ Bas ſprang mit der Fangleine an's Land und zog das Boot auf den weißen, von Kalkblöcken und ver⸗ witterten Muſcheln gezierten Strand, wo der Capitain ald an ſeiner Seite ſtand. „Iſt's weit von hier nach der Höhle, Conſtabel?“ „Nein, das eben nicht, Herr Capitain! Wenn es Ihnen beliebt, ſo könnte Gädda als Patroullle hier bleiben, während wir uns erſt hinbegeben und nachſehen, wie das Land liegt. Es iſt ſchon ſo dunkel, daß das Boot gar nicht zu ſehen iſt, wenn ja Einer auf der See ſein ſollte.“ „Meinethalben! Die Ballen aber verſtecken wir zuvor dort oben im Gebüſch!“ Geſagt, gethan. „Sperr die Augen auf, Gädda!“ befahl der Capi⸗ tain.„Sollte Jemand kommen und Dich anreden, ſo ſagſt Du, daß Du ſchon früh heute Nachmittag an's Land gerudert biſt, um für Deinen Capitain Petrefacten zu ſuchen, und daß Du bald auf das Fahrzeug dort zurückzukehren denkſt!“ „Gut, Capitain!“ „Pfut, welch eine Lumperei iſt doch dieß!“ ſagte Bas, indem er ſich als Avantgarde in Bewegung ſetzte. * ..„Nein, ſehen Sie, als ich zuerſt von Gottland ging und mit einem Schutenſchiffer von der Bohuslän'ſchen Küſte fuhr, da war ich auf Abenteuer aus, die da ein wenig mehr taugten, darauf können Sie ſich ſetzen! Im Sturm, ſo verteufelt, daß das Boot kaum dem Steuer gehorchen wollte, war ich auf der Jagd... der Teufel, was ſie da für Boote haben, und wie ſie ſchmuggeln! Und welche Yachtlieutenants und Spürhunde!... ja, der Mund wäſſert mir ordentlich, wenn ich daran denke, wie ſchön es war, einen ſolchen Fiſch zu belauern— das war ein Leben und tüchtiger Verdienſt!“ „Ich begreife nicht,“ ſagte der Capitain lächelnd, „daß Du ein ſo einträgliches Gewerbe aufgabſt, mein lieber Bas!“ „Ja, Herr Capitain, daran habe ich ſchon mehr als einmal ſelbſt gedacht(— wenn Einer älter wird, ſo denkt man über mancherlei Dinge nach—) das Schickſal macht ſich manchmal einen Spaß, die Flagge nach der verkehrten Seite wehen zu laſſen, ſo daß Einer nicht den rechten Wind wählt. Solche Fehlgriffe ſind aber nicht angenehm. Ich war ſo überzeugt, daß die Flagge nach der rechten Seite hinzeigte, als ich mein Herz bei Poll in Verwahrung gab und ſie mir dann das kleine goldene Herz und die Haarlocke ſchickte.... un dennoch taugte die Flagge nicht, denn ſie zeigte a 12 „Armer Junge! Kannſt Du Poll immer noch nicht vergeſſen?“ „Vergeſſen? O, das geht nicht ſo leicht, Herr Ca⸗ pitain, das werden Sie wohl ſelbſt ſehen, wenn Sie einmal feſt kommen.... Was aber die Bohuslän'ſchen Abenteuer betrifft, ſo nahm mein Glück dort ein trau⸗ riges Ende: der Schiffer kam ein paar Male nach einander unklar, ſo daß er zuletzt das Boot verlor, und da begab ich mich nach England, wo ich den Fliegfiſch und Mutter Steuermann traf.... Ja ja, Einer muß Vieles erleben in der Welt!... Uebrigens ſind wir jetzt an Ort und Stelle!“ 4 45 Bas deutete auf die wunderbaren Naturforma⸗ heden, welche die äußeren Seiten von Lilja's Höhle bilden.. „Das hier iſt ein prächtiges Stück!“ Albin warf einen langen und entzückten Blick auf die romantiſch⸗ wilde Gegend. Es trat eine tiefe Stille ein. Bas, als eingeborener Gottländer— es war ja ein verzeihlicher Nationalſtolz — hatte faſt höheren Genuß durch die Gefühle ſeines Capitains, als von ſeinen eigenen. Fünftes Capitel. Ein nächtlicher Auftritt. An der Seite, wo Capitain Stangerling ſtand, ging der tiefe Spalt, deſſen wir im erſten Capitel dieſer Abtheilung Erwähnung gethan haben, in die innere von den Höhlen hinab, und der Fuß des Capitains befand ſich eben an der Mündung derſelben. Nicht wunderlich alſo, wenn er dieſen Fuß ſchnell zurückzog, indem er den Finger auf die Lippen legte und ſeinem Bas mittelſt eines Zeichens zu verſtehen gab, daß er unten in der Tiefe Bewegung zu vernehmen glaubte. Ein ausdrucksvolles Kopfſchütteln ließ deutlich ver⸗ ſtehen, daß Bas dieſer Vermuthung ganz mißtrauete. Der Capitain aber fuhr fort zu lauſchen und dem unbeweglichen Bas noch ferner Signale zu geben. End⸗ lich ſchlich er ſich von ſeinem zweideutigen Platze hinweg zu ſeinem Begleiter und ſagte leiſe:„Die Höhle iſt be⸗ ſtimmt beſetzt!“ 3 „Unmöglich, Herr Capitain, wo nicht von dem .„Geſpenſte des Räubers Lilja: es iſt der Regen geweſen, der in den Zweigen raſſelt und auf die Felſenblöcke herunter fällt!“ ſich nieder und legte das jetzt entdeckte. hörte nicht nur die Stimmen, ſondern er verſtand ſogar die Worte. Dieſe Recognoseirung begann gerade in dem Au⸗ denblicte da der Lieutenant Carl Salzwedel ſich ſeinem ival näherte, um ihm zu ſagen, er wäre nach reiflicher Ueberlegung zu dem Reſultate gekommen, daß ſie ſich mit ihren beiden Bräuten und mit einander zu verſöh⸗ nen ſuchen müßten. „Aha, ein Paar arme verliebte Narren!“ dachte unſer Capitain, und ſeine feinen Lippen bewegten ſich zu einem faſt ſpottiſchen Lächeln.„Wenn ſie ſich nur bald hinweg trollen wollten— es iſt eben nicht die an⸗ genehmſte Partie, hier im Regen und dennoch wie auf glühenden Kohlen zu ſtehen!“ Jetzt aber nahm das Geſpräch eine, nach Albin's rliche Wendung, daß er Albin ging zurück, bückte Ohr an die kleine Oeffnung, welche er Hiemit hatte aller Zweifel ein Ende: er Dafürhalten ſo herzinnig läche ſich nur mit der größten Mühe enthalten konnte, laut auf zu lachen, als er hörte, wie zwei vernünftige Männer ſich gegenſeitig die ehrenrührige Beſchuldigung machten, aß ſich der Eine in die Braut des Andern verliebt ätte. „Meiner Treu, nette Jungen.. klaſſiſche Jungen!“ murmelte der Capitain, immer mehr beluſtigt, dabei aber zugleich immer verdrießlicher über ſeine eigene unange⸗ nehme Stellung. Dieſe verrückten Nebenbuhler konnten hier ja die ganze Nacht ſtehen und discutiren— wo ſollte er da die Güter laſſen? Kein anderer Ort war vorhanden... und ſie in das Fahrzeug zurückzubringen, gezwungen zu ſein, ſie mit nach Wisby zu nehmen, viel⸗ leicht als Lorrendreier angeſehen zu werden, er, der no nie in ſeinem Leben... Himmel!... dem jungen Ca⸗ pitain wurde es immer heißer im Kopfe, je naſſer Alles um ihn her wurde. Plötzlich aber gaben die ausgeſprochenen Namen der beiden Schweſtern, Thekla und Hildur, ſeinen Ideen eine ſchnelle und lichte Wendung; er entſann ſich ſehr war gen, viel⸗ noch Ca⸗ Alles men deen ſehr 47 wohl, daß er... Jetzt aber ſchlug ihn wie der Blitz ein anderer Gedanke, über den er beinahe laut in einen Seemannsfluch ausgefahren wäre. Die Verbindung zwiſchen dieſen beiden Ideengängen war folgende: Die Namen Thekla und Hildur hatten ihn nämlich ſogleich daran erinnert, daß der Kaufmann in Liverpool unter Anderem geäußert hatte, der Großhändler Mörk in Wisby hätte für ſeine drei Töchter drei koſtbare Shawls verſchrieben, welche Shawls ſo ſchnell wie möglich eingeſchmuggelt werden müßten, und bei dieſer Gelegenheit hatte er die Namen mit eingemiſcht, welche jetzt vor ſeinen Ohren wiederhallten. Ein Irrthum über die Identität der genannten Damen mit den Eignerinnen der Shawls konnte um ſo weniger Statt finden, als die Worte„Papa Mörk“,„Schwiegervater“,„myſtiſche Ge⸗ ſchäfte“ ſich in raſcher Folge vernehmen ließen. Jetzt aber traf es ſich unglücklicher Weiſe ſo, daß dieſe Shawls gar nicht in die Ballen gelegt, ſondern als Unterfutter in einen Mantel genäht worden waren, den der Herr Großhändler zu requiriren für gut erachtet hatte... und dieſer Mantel, da lag eben der Knoten, ruhte nun ganz friedlich eingeſchloſſen in einem Schranke auf dem alten Jungen, während er doch billiger Weiſe ſeine myſtiſchen Gefährten hätte begleiten ſollen. Albin, in gereizter Stimmung über ſeine Vergeß⸗ lichkeit, den Regen, der ihn peitſchte, die Ballen, welche vielleicht naß wurden und verdarben, und die Zeit, welche verfloß, fühlte, daß ſeine Ungeduld in dem Grade zunahm, daß er endlich, da er vernahm, wie die beiden jungen Kampfhähne ſich zu einem Duelle entſchloſſen, dem Verlangen nachgab, ſie durch eine kleine Unter⸗ brechung ihrer Ergüſſe zu distrahiren und zu gleicher Zeit ſich ſelbſt Nutzen zu ſchaffen durch einen Vergleich, der alle Intereſſen gehörig berückſichtigen und die Feſtung in ſeine Hände liefern konnte. — „Wer iſt da?“ rief Lieutenant Salzwedel mit einer Stimme, die keinesweges ſcherzhaft klang. „ Antworte, Nachtſchwärmer!“ rief noch ſtärker und vor Verdruß flammend Lieutenant Viector. Und beim Suchen in den äußeren Palliſaden des Räubers Lilja waren unſere jungen Krieger nahe daran, die untern Regionen noch einmal zu beſuchen— dießmal aber mit dem Kopfe voran. „Hier, meine Herren!“ ertönte dieſelbe reine und angenehme Baßſtimme, welche ſie aus den Kampfes⸗ und Liebesgedanken erweckt hatte.„Derjenige, den Sie ſuchen, denkt nicht zu entfliehen: er hofft vielmehr, daß wir uns gegenſeitig zur Zufriedenheit erklären werden, wenn wir uns nur ein wenig Zeit laſſen.“ „Mein Herr,“ äußerte Karl, der den unberufenen Störer zuerſt zu Geſicht bekam, den er ſo gut, wie es ſich im Halbdunkel thun ließ, genau beſichtigte,„mein Name iſt Salzwedel; ich bin Premierlieutenant bei der Königlichen Flotte, und wenig gewohnt, eine Beleidigung zu ertragen!“ „Und ich, mein Herr, heiße Stangerling und bin Capitain— nicht bei der Königlichen Flotte, wohl aber auf meinem eigenen Fahrzeuge!“ „Sehr ſchön! Doch aus welchem Anlaſſe erlauben Sie es ſich, auf das Geſpräch anderer Perſonen zu lauſchen?“ „Und was berechtigt Sie zu der noch größern Kühn⸗ heit, unberufen Rathſchläge zu ertheilen?“ fügte Victor nachdrücklich hinzu, indem er mit unermeßlicher Ver⸗ wunderung auf den unverſchämten„Kauffahrteimenſchen,“ wie er den Unbekannten in ſeinen Gedanken bezeichnete, ſeine Blicke warf. Ein verbindliches Lächeln ſpielte auf den Lippen des„Kauffahrteimenſchen“, während die Antwort folgen⸗ dermaßen lautete:„Ich habe es mir zu einer Regel gemacht, nie— verſtehen Sie mich recht, meine Herren — nie hitzig zu werden. Ungeduldig, leicht gereizt kann ich ſein, und war es noch vor einem Augenblicke, weil Sie ſo lange den Ort in Beſchlag nahmen, in deſſen 49 Beſitz ich mich ſetzen wollte; jetzt aber, d zu leicht ein kleiner Zank entſtehen könnte, .„.. Feige zu ſein!“ fiel Victor ein, indem er mit einer etwas zweideutigen Schnelligkeit unſerem Capitain „Jetzt,“ fuhr Albin fort, dem es ſeit der bekannten Nacht in dem Hauſe des Herrn N.. immer mehr zu geben!“ „Wir hören!“ ſagte Karl;„doch glauben wir, daß keine Erklärung im Stande iſt, das Vorgefallene zu entſchuldigen!“ „In dieſem Falle,“ antwortete der Capitain ruhig, „mache ich mich anheiſchig, um Verzeihung zu bitten! „O, das bedeutet eben nicht viel!“ meinte Victor etwas hochmüthig. „So verpflichte ich mich denn zum Schlagen, wenn Ihnen das beſſer anſteht, meine Herren!“ „Wir ſind keine Verbrecher gegen das Geſetz bei kaltem Blute!“ fiel Karl ein. „Nun, ſo verpflichte ich mich mit meiner Ehre, das ſtrengſte Schweigen zu beobachten.„Sind Sie aber damit „Laſſen Sie uns die Erklärung hören: dieſe muß dem Reſultate eines ſo ungewöhnlichen Falles voran⸗ gehen!“ „Haben Sie aber die Güte, dieſe Erklärung ſo kurz wie möglich zu machen!“ fügte Lieutenant Vickor unge⸗ duldig hinzu. „Gut, meine Herren! Erlauben Sie mir zuerſt eine Frage, welche der Erklärun vorangehen muß: ſind Sie nicht mit den Töchtern des Großhändtn Mörk verlobt?“ Der Jungferthurm. II. 4. „Ja, gewiß!“ war die Antwort. Nun gut: Schwiegerſöhne haben gewöhnlich die Ar⸗ tigkeit, die Affairen ihrer Schwiegerväter zu reſpectiren.“ „Affairen?“ „Ja, ich rathe, es wird Ihnen nicht unbekannt ſein, daß der Großhändler Mörk ſolche hat... und noch dazu bisweilen etwas myſtiſche obendrein!“ „Das könnte vielleicht wahr ſein!“ meinte Victor. „Sie können alſo, meine Herren, Ihre Ehrenſache bei mir um ſo ſicherer verwahrt anſehen, als ich hiemit meine eigene Ehre in Ihre Hand lege. Ich komme von Liverpool, und habe mich von dem Eigner der Ladung — ganz gegen meinen Willen, denn ich bin kein Freund von dergleichen Geſchäften— überreden laſſen, für Rechnung des Großhändlers Mörk einige Ballen von hohem Werthe mitzunehmen. Aus Furcht, ſie möchten bei der Viſitation verloren gehen, nahm ich Notiz von Lilja's Höhle, und wollte ſie eben hier einprakticiren, als ich vernahm, daß der Ort von Perſonen beſetzt war, welche keinesweges die Abſicht zu haben ſchienen, ihn ſo bald wieder verlaſſen zu wollen. Was war alſo zu thun? Mir, der ich ſonſt nur die Wahl hatte zwiſchen zwei Dingen: entweder die Ballen durch den Regen ver⸗ derben zu laſſen, oder auch ſie auf das Schiff zurück zu bringen, blieb weiter nichts übrig, als die(ich geſtehe es) naſeweiſe Freiheit, welche ich mir nahm, durch einen auf jeden Fall gut gemeinten Rath Ihre Ueberlegungen zu unterbrechen. Und nun, meine Herren, wenn Sie die geringſte Freundſchaft für Ihren Schwiegervater hegen, ſo laſſen Sie uns unſere eigene Angelegenheit ſo ſchnell wie möglich beendigen!“ „Sie iſt ſchon beendigt!“ antwortete Lieutenant Salzwedel, von der feſten, dabei aber doch wohlwollen⸗ den Offenheit des Capitains entwaffnet und eingenommen. „Sie haben ſich uns freiwillig anvertraut— alſo iſt bei der Sache, daß wir gegen unſern Willen einen Vertrauten in unſerer Angelegenheit erhalten haben, gar nichts zu thun; doch dürfte Ihr Feingefühl, wie ich ein, och r. iche mit von ung und für von hten von ren, war, n ſo „ zu ſchen ver⸗ ck zu ſtehe einen ngen Sie vater eit ſo* enant ollen⸗ imen. ſo iſt einen , gar 54 ie ich 51 hoffe, Ihnen ſagen, daß es das Beſte iſt, gar nicht weiter daran zu denken!“ „Wie Sie befehlen, Herr Lieutenant!... Und Sie, mein Herr?“ Albin betrachtete Vietor, der noch unent⸗ ſchloſſen zu ſein ſchien. „Lieutenant H.. iſt ſicherlich meiner Meinung: ich wage mich für ihn zu verbürgen! Und indem er Victor unter den Arm nahm, verbeugte ſich Karl höflich, wenn auch etwas ſteif vor dem Capitain, welcher mit Artigkeit den Abſchiedsgruß erwiederte und lächelnd den unter den Bäumen verſchwindenden Nebenbuhlern nachſah. „Was ſagſt Du zu unſerem Abenteuer, Victor?“ fragte Karl, als ſie ſo weit entfernt waren, daß ſie nicht weiter gehört werden konnten. 8 68 man kann ja verrückt werden über einen ſolchen ath!“ „Victor! woran denkſt Du?“ „An dieſen unſeligen Kauffahrteimenſchen: er hat gewiß ein Buͤndniß gemacht mit dem... Höre, Karl, es gibt— ja, es iſt unnütz zu disputiren— es gibt Zufälle, welche einen bewunderungswürdigen Einfluß auf unſere Schickſale haben...“ „Du mußt zu Bette gehen, Victor!“ fiel Karl ein wenig kühl ein. „Aber ich weiß, was Dich regiert und fühle ſelbſt den Stolz, welcher ſich gegen alles Anſtößige oder rich⸗ tiger Lächerliche auflehnt.“ „Ich will kein einziges Wort hören: Du biſt ver⸗ rückt— Du biſt jetzt wahnſinniger, als da Du Dich duelliren wollteſt! Ich ſchlage vor, daß wir uns mit unſern eigenen Gedanken auf dem Rückwege beſchäftigen, denn durch dieſen Austauſch verrückter Gedanken werden unſere Angelegenheiten unklarer, als ſie ſchon vorher waren.“ 3 „Ich, Bruder Karl, ſchlage ſtatt deſſen vor, daß wir Eins, Zwei, Drei das Schickſal zum Klarmeiſter nehmen— willſt Du ſpielen in dieſer Nacht?“ „Und unſere Bräute ſollten vielleicht der Einſatz ſein?... Doch willſt Du nicht ſchweigen, ſo ſollſt Du wenigſtens allein reden— ich öffne meinen Mund zu keiner weitern Antwort!“ „Trotzkopf, der nicht weiter ſehen will, als die Naſe reicht!“ murmelte Victor; darauf ſchwieg auch er, und unſere Abenteurer erreichten wirklich die Thore der Stadt und darauf ihre eigenen Wohnungen, ohne mehr als ein einziges Wort mit einander ausgetauſcht zu haben, und dieſes Wort war ein kurzes und kaltes:„Gute Nacht!“ „Das Feld iſt unſer!“ ſagte Capitain Stangerling, indem er Bas ein Zeichen gab, welcher ſogleich nach der Entfernung der beiden Herren hervortrat,—„nun raſch an's Werk! Geh' Du zurück und hilf Gädda, ſo bleibe ich hier und mache Bekanntſchaft mit der Höhle.... Die Schwefelhölzer ſind wohl nicht naß geworden?“ „Nein, Herr Capitain: und die kleine Blendlaterne habe ich in der Taſche— ich bin gleich wieder hier!“ Albin war allein. Ein ſonderbares Gefühl ergriff ihn, als er die Ruinen dieſer Räuberburg beſtieg, welche die Beute ſo mancher kühnen und gräßlichen That verborgen hatte, und da der Regen nun anfing aufzuhören, ſo ſah er, wie der Mond aus einer zerriſſenen Wolke hervorblickte und ſei⸗ nen breiten bleichen Schein auf die romantiſch⸗wilde Grotte warf, deren tiefe Höhlen mit ihrer geheimniß⸗ vollen Dunkelheit, ihrem öden Schweigen, ihn unheim⸗ lich angafften. Und rund herum ſauste es in dem Walde, praſſelte es in den Zweigen, während die hohen, weißen Kalkfelſen, gleich Geſpenſtern in ihren Leichentüchern, ſich den ganzen Strand entlang erhoben. Albin ſtieg höher hinauf auf das Bergplateau. Er fühlte gleichſam das Bedürfniß, einen Blick auf das Diler zu werfen; doch auch dieſes lag düſter, grau und ſtill da.— Es war ihm, als hätte ſich eine Beklemmung auf das friſche Herz des Seemannes gelegt, als hätte eine 53 Stimme ohne Laut, eine Stimme aus dem verborgenen Myſterium der Vergangenheit, ihn die Prophezeihung von einem nahen Wechſel in ſeinem äußern oder innern Leben— vielleicht in beiden— vernehmen laſſen. Jetzt erhob er, ergriffen von einem gewiſſen abergläubigen Schrecken, ſeine Augen von dem Abgrunde unter ſeinen Füßen zu dem Himmel über ihm empor; doch die Wolke — die theure, auf welcher er in der ſchreckenvollen Nacht, da er allein und verlaſſen in ſeinem kleinen Fahrzeuge auf der Nordſee umhertrieb, im Traume zu ſegeln glaubte, die ihn zu der Mutter, zu dem Vater, zu dem armen Will brachte, dieſe Wolke, die er ſpäterhin ſo oft zu erkennen gemeint hatte, wenn er in ſtillen Nächten darnach ſpähte— fand er jetzt nicht, ſondern nur ein großes, ſchwarzes Gewölk, das in ſeiner Einbildung einem rieſengroßen Raben glich. Und der Rabe ſchlug ſeine Flügel um den Mond: die Leuchte deſſelben erloſch; es wurde dunkel... und von Neuem begannen Regentropfen zu fallen. Leiſe, aber doch eilfertige Schritte weckten den jun⸗ gen Capitain aus ſeiner ſonderbaren, unerklärlichen Gemüthsſtimmung. Der Conſtabel und der Jungmann näherten ſich mit den Gütern— und jetzt war Albin wiederum in der Gegenwart. „Arme Jungen!“ ſagte er bei ſich ſelbſt mit den Gedanken an die beiden Lieutenante,„ich fühle wirk⸗ lich ein Intereſſe an ihnen und ihrer verrückten Ange⸗ legenheit!“ „Capitain, dort?“ „Ja, hier iſt er! Aber Du, mein lieber Bas, der Du mit dem Locale ein wenig vertraut biſt, mußt Dich zuerſt hinunter fühlen und die Laterne anzünden. Leuchte aber nicht nach oben mit ihr: ich weiß nicht, ob es Ein⸗ bildung iſt, aber es kam mir vor, als höxte ich entfernte Ruderſchläge!“ „O fürchten Sie nichts, Capitain; ich bin ſicher in den Wendungen!“ „Gut!... Gädda ſoll Dir die Ballen hinunter langen; hernach komm ich nach, und dann wollen wir ſie mit einander einſtauen.... Nun aber ſtill: es ſind Ru⸗ derſchläge, ſage ich!“ „Was thut's?“ entgegnete Bas—„wer kann das Licht von unten ſehen? Ueberdieß können Sie mir glau⸗ ben, Herr Capitain, daß ſie ſich in Wisby keine ſo große Mühe machen, wenn ſie ſchmuggeln wollen: kein Menſch kommt hieher!“ Und es kam kein Menſch. Zwei Stunden ſpäter in dieſer Nacht ſtand Petter, gerade wie ein Licht, an der Kajütenthür und erwartete die ferneren Befehle des Capitains. Der Capitain aber ſaß unbeweglich am Tiſche und ſtarrte auf die Wand, ohne an die Anweſenheit ſeines Kajütenwächters zu denken. Petter huſtete ein, zwei, drei Mal. Er war ſehr ſchläfrig, der arme Junge— aber der Reſpect und die Stiefeln des Capitains ſtanden ihm im Wege und er konnte leider nicht hinüberſpringen. Jetzt huſtete Petter zum vierten Male und nahm die Lungen ſo voll Luft, daß der Capitain plöͤtzlich aufblickte. „Was willſt Du?“ „Herr Capitain!“ „Was weiter?“ Petter krümmte und wand ſich. Von den Stiefeln etwas zu ſagen, war ja eine Erinnerung, alſo gewiſſer⸗ maßen ein Verbrechen gegen die Subordination. Aber es ſah ja auch aus, als ob der Capitain gar nicht die Abſicht hätte, zu Bette zu gehen— man mußte ſich alſo auf eine feine Art bemerklich machen.„Herr Capi⸗ tain!... ich wußte nicht, ob Sie nicht Ihre Pantoffeln befehlen!“. „Ach ſo, armer Junge! Du meinſt, es ſei Zeit, daß ich Dich nicht ganz vergeſſe?... Es iſt gewiß ſpät— wie lange kann ich wohl wieder an Bord geweſen ſein?“ ———,———-—ͤ N — ⁷ᷣ Au ⏑ —8 — u&* — 1 e 5⁵ „Eine ſteife Stunde, Herr Capitain!“ —„Gut! Setze die Pantoffeln dorthin: Du magſt gehen!“ 3 Als Petter zur Thüre hinausglitt, dankbar für die Güte ſeines Capitains— Petter hatte ſchon Erfahrung genug, um zu wiſſen, daß es Capitaine von der Wolle 5 gibt, die man nie auf den rechten Faden leiten kann, ohne daß ſie ſogleich zornige Worte oder Prügel in Be⸗ reitſchaft haben— da erhob ſich Albin Jentzel, und es ſah aus, als erwache er aus einem ſchweren Traume. „Es war etwas Sonderbares,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „ſeit dem Augenblicke, da ich jene ſchrecken volle Nacht erlebte, hat ſie mir nie ſo lebendig klar vor der Seele geſtanden.... Das iſt aber dennoch begreiflich: mir iſt etwas ſchwer zu Muthe geworden, weil der Körper ſich nicht wohl befindet. Ich wurde naß, ich arbeitete allzu Peftig mit den Ballen— vielleicht kam mein Blut in ſtärkeren Umlauf, als der junge Lieutenant mich der Feigheit beſchuldigte. Es war auch etwas Bezaubertes dort in der Räuberhöhle.... Die verdammte Schmuggler⸗ geſchichte! Wäre Vater Stangerling jetzt hier, ſo würde er ganz richtig ſagen:„Was hatte mein Sohn auf der Galeere zu ſchaffen?“ Sechstes Capitel. 4 Der Sohn der Seußzer. Mit namn är Blacken gra— 3 Ty rör mig ej, men lat mig sta!**) Dieſe an die Nachwelt gerichtete Bitte las man ehemals als Inſchrift auf einem der Thürme in der *) Wörtlich überſetzt:„Mein Name iſt der Schimmel grau— 3 denn rühr' mich nicht, doch laß mich ſtehn.“ Anmerk. des Ueberſ. Wisby umgibt, ein Ort, welcher, da Gottland von den Dichtern das Auge der Oſtſee genannt wird, mit vol⸗ lem Recht der Augenſtern, das heißt der koſtbarſte Theil des Auges, heißen könnte. 8 Die Nachwelt hat gleichwohl dieſe Bitte nicht reſpee⸗ tirt:„der Grauſchimmel“— ein gewaltiger Vorpoſten des befeſtigten Schloſſes Wisborg— iſt zugleich mit dieſem Schloſſe jetzt der Erde gleichgemacht. Aber der größere Theil ſeiner achtungswerthen alten Kameraden, faſt ein halbes Hundert an der Zahl, ſteht in Betrübniß da, gleich der ganzen Strecke der eigentlichen Mauer. Leider iſt dieſe Schutzwehr, welche ſo manchen Sturm von Feindeshand mit Ehren beſtanden hat, nicht im Stande geweſen, ſich vor dem innern Feinde zu ſchützen, der Eigennutz, die Einfalt, die Rohheit, dieſe Mächte der Finſterniß, welche den Grauſchimmel und ſeinen Klien⸗ ten ſtürzten, haben das köſtlichſte Eigenthum der Stadt, die herrlichſten Denkmäler des Nordens, von einer ſchö⸗ nen, großartigen und der Ewigkeit trotzenden Baukunſt, auf das Grauſamſte verwahrlost, ja man könnte rein herausſagen, geplündert und verheert. Man hat die Tempelſäulen in die Kalköfen geworfen, hat die Grab⸗ ſteine mit den Bildniſſen der Abgeſchiedenen als Treppen vor moderne Villen gelegt, Alfreskogemälde übertüncht, Marmorbilder angeſtrichen, ja ſogar die Altarrunde in ein Viehhaus verwandelt— und noch ärger: es iſt ſo weit gekommen, daß eine obrigkeitliche Behörde einmal verordnet hat, dieſe verwüſteten Kirchen ſollten auf öffent⸗ licher Auction verſteigert werden, mit der ausdrücklichen Bedingung beim Kaufe, dieſelben„niederzureißen und den Boden zu ebnen, damit hieraus ein Gewinn durch Vermiethung des Platzes erwachſen könnte.“ Inzwiſchen ſollte doch ein Tag erſcheinen, an wel⸗ chem das Wehe der Zerſtörung ein Ende nahm. Es ward Licht, Licht der Bildung und des Schönheits⸗ ſinnes, angezündet von dem Hohenprieſter des Geſetzes. Und nun ſtehen die Ruinen da, freundlich unterhalten merkwürdigen Verſchanzungsmauer, welche die Stadt S SSESESSSSS be 57 und gewartet, von allen ungehörigen Anhängſeln be⸗ freit. Reine Winde ſpielen durch die luftigen Gewölbe, die Weinranke und das Wintergrün ſchmiegen ſich ver⸗ traulich an die ehemalige Zelle des Mönches— Alles ſteht geputzt da, wie zu einem Feſte. Und unter dieſen dunklen Schatten des Katholicismus rund umher auf ihrem amphitheatraliſchen Abhange liegt, gleich einer Muſterkarte über die verſchiedene Baukunſt verſchiedener Nationen, die uralte Stadt, eingebettet in Laub und Blumen, beſungen von dem befluͤgelten Geſchlechte des Himmels, und nimmt mit der Gaſtfreiheit in ſeinen Armen die Fremdlinge auf, welche auf ihrer Rhede ankern, und ſchon dort von dem Gruße der„Allen“*) bewillkommt werden. Welche geheimnißvollen und feierlichen Gefühle em⸗ pfindet wohl nicht auch der Reiſende, wenn ſein erſter Blick dieſes gigantiſche Denkmal trifft! Aber man hat ja auch nicht ohne Grund Wisby ein zerſtörtes Jeruſa⸗ lem genannt und geſagt, daß ſeine Mauern denen der alten Zionſtadt ähnlich ſind. An dem Morgen nach dem nächtlichen Auftritte in Lilja's Höhle erſchien auf der zertrümmerten Ruine von Wisborg, in der Nähe der Stelle, wo ehemals der„Grau⸗ ſchimmel“ geſtanden hat, ein junges Mädchen, deren feine Geſtalt die anmuthigſten Formen zeigte, indem ſie ſich gedankenvoll an die hohe Signalſtange lehnte— dieſe Stange, an welcher beim heftigſten Sturm„die rothe Flagge“ gehißt wird, zu einem Zeichen, daß kein Lootſe ſich hinauswagt und nur Gott helfen kann. Jetzt aber war die Fahne herabgehalt; denn das ) Der Pfeilſchwanz(anas acuta), ſchwediſch Alfagel, welcher in den Herbſtmonaten in großen Schaaren in Wisby an⸗ kommt und den ganzen Winter hindurch dort in den Ge⸗ wäſſern liegen bleibt, hat eine ſchöne Stimme, in welcher man die Worte zu hören meint:„Al⸗le, alle„kommt an's Land, kommt an's Land!“ Schwediſch:„Al-la, alla... kom-i-land, kom-i-land!« Meer ſchlief und die Fiſchmöven ſchlugen in aller Ruhe ihre weiten Ringe über ſeiner in Blau und Grün gewäſ⸗ ſerten Decke. Schon hatte vor einigen Minuten die Sonne ſich über die Gipfel des Waldes, hinter der ſogenannten „Kreuzweide,“ erhoben, auf welcher das Vieh, bis jetzt noch in Frieden vor der Hitze des Tages, ganz gemäch⸗ lich um das hohe ſteinerne Kreuz ſpazierte, welches Wal⸗ demar III. Atterdag ſeinen tapfern Feinden, den achtzehn⸗ hundert Bürgern von Wisby, errichten ließ, die hier im Kampfe fuͤr Weib und Kind gefallen waren. Immer luſtiger begannen die Sonnenſtrahlen bald die Thurm⸗ ſpitzen der St. Mariakirche und die treppenförmigen Giebel der Häuſer zu umtanzen, bis ſie endlich tiefer hinabhüpften und ſich auf„das weiße Pferd“ lagerten— ſo nannten nämlich die Gottländer den niedrig ſtreichen⸗ den Nebel, welcher in den Sommernächten auf Wieſen und tiefliegenden Gegenden erſcheint— und der jetzt ſich über die weiten Räume des Meeres hinwegringelte. Und früher erwacht, als die Bewohner der Stadt, hatten die Staarenfamilien ihre ſtets verſchonten Neſter, dieſe netten Wohnungen, welche die gaſtfreien Leute ihren Lieblingen überall in den Gärten, auf den Ruinen und Dächern errichtet hatten, ſchon längſt verlaſſen und weckten ſie zum Danke hiefür und erfüllten die Luft mit ihrem frohen Jubelgeſchrei, worin ſie ſogar den„grauen Sänger“ in ſeinem ſtarken, melodiſchen Geſang über⸗ ſtimmten. Nichts Störendes lag in dieſem Gemälde; denn ein ſolches Epitheton kann man unmöglich dem die Stadt beherrſchenden Galgenberge beilegen, deſſen drei weiße ſteinerne Pfeiler ſeit der Zeit, da ein Seemann, Na⸗ mens Lautin, dort gehenkt wurde, weit poetiſcher„Lau⸗ tin's Schiff“ heißen und jetzt nur als ein Merkzeichen für die Seefahrenden Dienſte leiſtet. Nein, in dieſem Gemälde lag noch nichts Stören⸗ des. Auch auf dem Antlitze des jungen Mädchens lag noch ein träumender Friede ausgebreitet, als ſie von der 59 zertrümmerten Wohnung des Severin Norrby und um⸗ duftet von dem lieblichen Geruch der Nareiſſen, bald den Blick auf der alten Kaufmannsſtadt unter ihren Füßen ruhen, bald denſelben mit einem Seufzer voll unbekannter Sehnſucht über das Meer fliegen ließ, aus deſſen weiter Bucht hie und da ein Seehund ſein dunkelbehaartes Haupt hexvorreckte, ohne ſich von den zu ihren Netzen hinausgleitenden Fiſcherbooten oder von den Seemanns⸗ liedern ſtören zu laſſen, die von den im Hafen liegenden Schiffen ertönten. Ein leiſes Geräuſch hinter einem Abſatz der Mauer machte, daß die hübſche Träumerin zuſammenfuhr. Mit dieſer Bewegung verſchwand der ernſte, den⸗ kende Ausdruck, welcher vor einem Augenblicke auf ihrer Stirn ruhte, und eine unbeſchreibliche Miſchung von Kindlichkeit, Fröhlichkeit und wehmüthiger Zärtlichkeit trat an die Stelle. So wie ſie jetzt, den einen Arm um die Signalſtange geſchlungen, daſtand, und ſich geſchmeidig vorwärts bog, um zu lauſchen, glich ſie einer an ihrem Stengel wiegenden Roſenknoſpe, deren purpurne Blätter ein Schwarm ſchelmiſcher Schmetterlinge umſpielen. Nach einigen Secunden wiederholte ſich das leiſe Geräuſch, dießmal begleitet von einem tiefen Seufzer und einem geheimnißvollen Laute, der an die Klage einer Lomme erinnerte. „Ach, ich wußte wohl, daß er es war!“ ſagte das junge Mädchen und nickte gleichſam zu einem Zeichen, daß ſie den Gruß erwiederte. Darauf ſtand ſie mit einem leichten Sprunge am Abſatze und reichte das Händchen hinunter, indem ein liebliches Lächeln ihr friſches Antlitz verſchönerte. Die Perſon, welche dieſen Gunſtbeweis entgegen⸗ nahm, war ein ſchlanker, wohlgewachſener Jüngling von ungewöhnlicher Schönheit. Unglücklicher Weiſe aber verhielt es ſich mit dieſer Art von Schönheit gerade ſo, wie mit einem aus der Orangerie in die kalte Erde ver⸗ pflanzten Prachtgewächs, deſſen Schönheit, wenn auch noch anmuthig, ſichtbarlich in der Kälte dahinſchwindet. Eine zehrende Schwermüthigkeit, ein ſehnſuchtsvolles Heimweh ſchien ſchon längſt die Jugendroſen von den jungfräulich ſchönen Wangen des Jünglings verjagt zu haben. Seine hellen, ſeideweichen Locken, welche unge⸗ ordnet um ſeine Schultern flogen, verriethen ſeine Gleich⸗ gültigkeit gegen äußere Anmuth. Die Stirn hatte ſchon einige Falten, und über dem dunkelblauen Spiegel des Auges lag in dieſem Augenblicke ein Nebel von unter⸗ drückten Thränen. Aber als ein ſchönes Gegenſtück des blaſſen, ſchmäch⸗ tigen jungen Mannes, der in ſeinen langen Locken, ſei⸗ ner leichten Blouſe mit darüber geſchlagenem Hemdkragen, ſeinem kleinen Strohhute und einer von dem Halſe an einer Schnur herabhangenden Pfeife von Rohr eher einem Knaben, als einem ausgebildeten Jünglinge glich, ſtand gleich einer Art Schildwache neben ihm ein großer, gelbhaariger Hund, wenn auch nicht von der ſchönſten Race, ſo doch mit einer ſo klugen und treufeſten Miene, wie man ſie ſo oft bei dieſen uneigennützigſten Freunden des Menſchen bewundern kann. Der Hund war ein wahrer Rieſe in ſeiner Art, und wenn er ſein wohlge⸗ bildetes Haupt knurrend umdrehte und diejenigen an⸗ bellte, welche ſeinem Herrn nahen wollten, ſo war es nicht rathſam, allzu nahe zu kommen. In dieſem Augenblicke hätte man ſagen können, daß die freundlichen Augen des großen Beſchützers einen gewiſſen düſtern Verdruß ausſprachen; denn indem er ſeine Ohren gegen die Kniee des Herrn ſtrich, als müßte dieſe Liebkoſung den Jüngling tröſten, erhob er ſich auf die Hinterfüße, wedelte mit dem Schwanze und knurrte dumpf.. Sobald ſich jedoch das Mädchen zeigte, war es gleichſam, als hätte ein Sonnenblick die beiden unter der Mauer ſtehenden Wanderer übergoſſen und erwärmt. „Armer Will!“ Dieſe beiden, von ihr ausdrucksvoll ausgeſprochenen Worte wurden von dem Hunde, der für ſeinen Herrn volles den gt zu unge⸗ leich⸗ ſchon des unter⸗ näch⸗ t, ſei⸗ agen, ſe an eher glich, roßer, enſten Niene, unden r ein ohlge⸗ an⸗ ar es nnen, einen em er nüßte h auf nurrte ar es unter ärmt. henen Herrn 61 das Wort zu führen ſchien, mit drei bewunderungswür⸗ dig ſanften Wauf, Wauf, Wauf! erwiedert. Auch die Lippen des Jünglings öffneten ſich, doch wiederum glichen die ungeordneten Laute dem Geſchrei einer Lomme. Er deutete mit der Hand gen Süden und zog dann mit einer verſchämten Geberde und einem traurigen Kopfſchütteln ein Stück Papier und ein Blei⸗ ſtiſt aus ſeiner Taſche. „Gut, gut, Will! Wieder ein kleiner Briefwechſel: das habe ich gerne— das iſt beſſer, als die Zeichen⸗ ſprache!“ Und ſchon hatte die junge Schönheit das dünne⸗ Blatt in der Hand, welches ſie wegen der großen Buch⸗ ſtaben ſchon in großer Entfernung leſen konnte. Es enthielt folgende Worte:„Will gejagt— gehen weg. Roſa zu Hauſe.“ „Ach!“ rief das Mädchen aus(ſie war diejenige, welche den Namen Roſa führte), und eine leichte Wolke flog über ihre Stirn,„ſteht's nun ſchon wieder ſo? Armer Will, armer guter Will! er iſt eine ſo unglück⸗ liche und dennoch unſchuldige Urſache dieſer Ausbrüche!“ Sie ſchien ſich einige Augenblicke zu beſinnen, deutete darauf auf die reine Seite des Papiers und gab dem tanbſtumunn Jünglinge ein Zeichen, ihr die Feder zu geben. Mit einem Blicke, worin der ſchönſte Freudenſtrahl die Finſterniß theilte, gehorchte Will eilfertig ihrer Auf⸗ forderung. Roſa legte das Papier auf ihre flache Hand und ſchrieb:„Wer kann ſo geduldig ſein wie Will? Roſa ſehnt ſich nach ihm. Sie will hinauskommen nach Elfhagen und ſehen, ob Will artig gegen ihre Blumen geweſen iſt.“ Nachdem der ſtumme Jüngling das Blatt zurück⸗ genommen und ohne ſonderliche Mühe ihre Meinung verſtanden hatte, ſchien eine Art von milder und reſig⸗ nirender Ruhe auf die vorige Niedergeſchlagenheit zu folgen. Er berührte das Blatt mit ſeinen Lippen, ſeinen Augen und ſeiner Stirne und zeigte daſſelbe ſogar ſei⸗ nem Gefährten, dem Hunde, welcher während der ganzen Unterhandlung ſeine Theilnahme durch ein tiefſinniges Schweigen an den Tag gelegt hatte, und jetzt, da er die Freude ſeines Herrn ſah, ohne Zweifel einige luf⸗ tige Sprünge gemacht haben würde, ſofern ſolches nicht mit ſeinem Ernſte und ſeiner Würde im Streit ge⸗ weſen wäre. Roſa deutete auf die Sonne— ſie ſchien ſagen zu wollen:„es iſt Zeit!“ Will verſtand ſie, lächelte, ſeufzte, verbarg das Blatt und verſchwand hinter den Ruinen. „Rolf, Rolf!“ rief das junge Mädchen dem Hunde zu, der ſich noch immer nicht entfernt hatte,„Du biſt ſo klug, daß ich Dich küſſen möchte, wenn Du nicht ſo häßlich wäreſt, Du garſtiges Thier! Doch reiche mir den Hals her, Du echter Rolf Krake,*) ſo will ich Dich ſtreicheln... ſo!... O, Du willſt nicht gerne ver⸗ geſſen ſein!... Jetzt aber laufe Deinem Herrn nach... Adieu, mein Thierchen!“ Als wäre erſt jetzt Alles richtig, ſetzte ſich Rolf in einen kurzen Trab, und hatte ſehr bald ſeinen Schützling erreicht— dieſe Eigenſchaft gehörte dem Will in ſeinem Verhältniſſe zu Rolf eher, als die Würde eines Herrn und Gebieters. Noch ſtand Roſa eine Weile da, und ihre ſchönen, dunkelblauen Augen, in denen der Himmel ſich abſpiegelte, zogen ſich nach der Seite hin, wo der Jüngling ver⸗ ſchwunden war.„Armer Will!“ flüſterte ſie, und eine kleine Thauperle ſchlich ſich in die lange Augenfranſe, „nicht ohne Grund hat Thekla Dir den Namen„Sohn der Seufzer“ gegeben.“ *) Name eines altnordiſchen Heldenköniges. Anmerk. d. Ueberſ. derrn önen, gelte, ver⸗ eine aaſe, Sohn 63 Siebentes Capitel. Zwei Schweſtern. „Roſa, Roſa!“ rief eine lebhafte, eilfertige Stimme, „warum läufſt Du ſo früh aus?— Was thuſt Du dort oben auf dem alten Gemäuer?“ „Ich ſtehe hier und betrachte ein Fahrzeug, das dort beim Högklint kreuzt!“ Roſa hatte wirklich ein ſolches zu Geſicht bekommen, und ihr Herz ſchlug vor Sehnſucht, wie es immer that, wenn ſie einen Segler gewahrte, der auf ihre geliebte Inſel zuſteuerte. „Ja, es verlohnt ſich auch noch der Mühe, jetzt einen Gedanken an eine elende Kalkſchute zu vergeuden, da ich ſo ernſte Dinge mit Dir zu überlegen habe! Komm augenblicklich herab, ſo machen wir einen Gang nach dem Fiſchhafen!“. „O, ich habe mich heute Nacht an Deinen Verſu⸗ chen, Thekla zu reizen, zur Genüge gelangweilt und ſehne mich nicht weiter darnach— ich ſtreite mich nicht gerne, will ich Dir ſagen!“ „Um ſo beſſer: Du brauchſt alſo nur zuzuhbren! Jetzt aber ſei nicht ärgerlich und neidiſch, Du kleines Kind: die Reihe wird ſchon auch an Dich kommen, tröſte Dich damit!“ „Fi!“ rief Roſa aus, indem ſie lächelnd an der Mauer herab kletterte und endlich auf dem Grasplatze Anker warf, woſelbſt ihre ältere Schweſter, die ſchöne Hildur, ſie mit Ungeduld erwartete. „Alſo fi ſagſt du?— Du willſt mich alſo wohl glau⸗ ben machen, daß Du keinen Bräutigam haben willſt?“ „Wenigſtens bilde ich mir ſelbſt ein, daß ich es nicht will.“ 4 „Nein, hat man ſo etwas gehört!“ „Setze nur nicht dieſe mißtrauiſche, verdrießliche Miene auf, denn Du magſt gerne glauben, daß alle Mühe, die Ihr Beide, Du und Thekla, mit Euren Lieb⸗ habern habt, und alle Mißhelligkeiten, die um ihretwillen zwiſchen Euch entſtanden ſind, es mir völlig verleidet haben, Eurem Beiſpiele zu folgen.“ „Ach, mein Kind, davon zu reden, iſt noch früh genug, wenn Du erſt groß wirſt! Wie lange iſt es ſchon her, da Du aufhörteſt, mit Deiner letzten Puppe zu ſpielen?“ „Das geſchah in dem Jahre,“ antwortete Roſa, „als Du Deinen erſten Liebhaber verlorſt; in dem darauf folgenden oder vorigen Jahre verlorſt Du den zweiten — und jetzt ſieht es gerade ſo aus, als verlörſt Du den dritten... alſo vor genau drei Jahren hörte ich auf, mit Puppen zu ſpielen und Du begannſt mit Liebhabern zu ſpielen.“ „Wahrhaftig, die kleine Roſe verbirgt eine Weſpe, die recht ſcharf ſticht!... Ach, ſo unglücklich zu ſein, wie ich!“ fügte Hildur mit plötzlich veränderter timme hinzu.„Thekla verſchanzt ſich hinter ihren Tugendpalli⸗ ſaden, Mutter will mich nicht verſtehen, Victor iſt ver⸗ rückt— und Du, von der ich glaubte, daß Du mich liebteſt, Du biſt herzlos und bitter! Dennoch wünſche ich Dir nicht, daß Du jemals empfindeſt, was ich jetzt eide!“ „Wie— Du ſollteſt wirklich leiden?“ Roſa's kindlich liebliches Geſicht, welches vor einem Augenblicke eine ſchelmiſche Reizbarkeit zeigte, unter welcher gleich⸗ wohl ein Ernſt lag, den die Schweſter ſehr gut verſtand, nahm nun ſein eigenthümliches einnehmendes Gepräge wieder an. Sie warf ihren Arm um den Hals der Schweſter, blickte ihr in die Augen und ſagte bittend: „Vergib mir, aber Du weißt woh daß ich nicht immer ein Kind bleiben kann!“ „Komm!“ flüſterte Hildur,„überzeuge Dich, wie ſehr ich einen Rath von Dir ſchätze— ich bedarf deſſen!“ *„n dieſem Falle,“ entgegnete Roſa mit verſchäm⸗ tem, ſcheuem Tone,„glaube ich kaum, daß ich... „Ach ja, Du haſt ein ſo wahres Gefuͤhl: dieſes urtheilt gewiß richtig!“ 1 6⁵ Da mußt Du wenigſtens ſehr aufrichtig gegen mich n! 44 ſei „Ja, ja, zweifle daran nicht!... Nun aber kommt Jemand hieher— laß uns gehen!“ Ohne weiter ein Wort zu ſagen, weder über dieſen noch auch über einen andern Gegenſtand, gingen die beiden jungen Mädchen längs des Strandes an der nördlichen Batterie vorbei, bis ſie endlich am Fiſchhafen ſtehen blieben. „Ach, wie entzückend iſt dieſe Muſik— ich kenne keine, die ſo auf meine Gefühle anſchlägt!“ ſagte Hildur, indem ſie auf die wunderbar wehmüthigen Töne lauſchte, welche dadurch entſtehen, daß der Wind durch die langen Gaſſen der zum Trocknen aufgehängten Netze ſpielt und die zitternden Senkſteine an einander ſe lägt. „Auch ich liebe ſie, doch kenne i eine, die mehr zu meinem Gefühle redet.“ „O, Du meinſt gewiß die Töne, welche der verrückte Will ſeiner Rohrpfeife entlockt? Mich dagegen peinigen ſie: es iſt mir gerade ſo, als hörte ich das Geſchrei der Lomme oder des Pfeilſchwanzes.“ „Warum nennſt Du ihn den verrückten Will? — Das iſt beinahe boshaft von Dir! Iſt er nicht un⸗ glücklich genug, der arme Junge, daß er weder hören noch reden kann, ſondern auch noch des Rechtes beraubt werden ſoll, für ein vernünftiges Weſen gehalten zu werden?“ „Vernünftig? Er? hm! Doch davon zu reden verlohnt ſich jetzt nicht der Mühe: er hat ſich in Dein mitleidiges Herzchen hineingeſeufzt— iſt er nicht verrückt, ſo nimm Du Dich in Acht ich hege kein Vertrauen zu dem Sohne der Seufzer!“ „Hatteſt Du mir nichts Anderes zu ſagen, ſo bin ich ohnehin ſchon bekümmert genug! Du weißt vielleicht nicht, daß die Gemüthsunruhe unſeres Vaters wieder wie gewöhnlich hervorgebrochen iſt: der arme Will wurde heute Morgen nach Elfhagen verwieſen, welches zuletzt Der Jungferthurm. II. 5 für ihn ein Gefängniß wird. Kannſt Du begreifen, warum Vater, der doch Will's Vormund iſt und alle ſeine Wünſche erfüllen ſollte, nicht nur ſtreng gegen ihn iſt, ſondern ihn wirklich ſcheut, ſo daß er nicht im Hauſe bleiben darf?“ „Nein, liebe Roſa, weder begreife ich das, noch auch habe ich Zeit, daran zu denken: ich habe ſo viele andere Dinge in meinem Kopfe.... Laß uns jetzt von Will ſchweigen— ſonſt iſt's aus mit meiner Geduld!“ Ein Seufzer entfuhr Roſa's ſchönen Lippen; darauf ſetzten ſich beide Schweſtern vertraulich neben einander auf ein Stück Bauholz im Schatten des ernſten Pulver⸗ thurms, des ehemaligen Gefängniſſes der Stadt. Mit Ausnähn zweier kleinen weißen Enten, von denen jede auf ihrem Steine ſaß und mit ihrer Morgen⸗ toilette beſchäftigt war, hatten die Mädchen keine Zeugen bei ihrer Unterredung. Es war ein ſchönes Gemälde, dieſe beiden Schweſtern zu ſehen, welche einander mit vertraulicher Hingebung in die Augen blickten. Auf Hildur's Wangen flammte eine dunkle Purpurwolke, und ihre feinen Lippen zitterten ſo, daß ſie einige Minuten zu ihrer Erholung bedurfte, ehe ſie ein einziges Wort hervorbringen konnte— Roſa dagegen war ruhig und friedevoll, wie ein neugeborner Fruͤhlingsmorgen. — „Du ſahſt wohl, daß es geſtern Abend weder zwi⸗ ſchen mir und Victor, noch auch zwiſchen Thekla und Karl ganz richtig war?“ Mit dieſer ganz überflüſſigen Frage eröffnete Hildur ihre Beichte. „Wenn ich es auch nicht geſehen hätte,“ entgegnete Roſa ſanft,„ſo hätte ich es ja aus Deinem und Thekla's erregtem Gemüthszuſtande in dieſer langweiligen Nacht abnehmen müſſen— keine von uns hat ja ein Auge zugethan.“ als ſich bisw Sach Schu wohi oder gema geleit begre und haſt Du 4 Vern. die n. unart noch habe i ertapz ſelbſt⸗ die B ſie iſt ich eir Thekla von A 15 „Nein, „Das we das iſt allzu wahr. T als ich aufſtand— ſ ißt Du nich ſich beherrſchen.“ „Ach!“ rief Hildur aus „Ich weiß nicht recht, bisweilen Einerlei— und Sache zu kommen, Schuld haſt. „Ja, ich bin wirklich geleitet hat!“ begreifen könn und böſen Gedanke haſt Du noch ſagte Hildur leiſe. teſt, wie ich bisweilen vo ie kann wenigf ſo halte ich d Du, Hildur, wohin es gekommen iſt; was Du aber oder durch welche Mittel Du vier Men gemacht haſt, das weiß ich nicht.“ 67 überdieß, diejenige, Du Dich noch nie verſucht gefühlt, tro Vernunft zu thun, was U „Ach, wer hat wohl nicht einmal Gedanken gehabt, Bin ich nicht eben jetzt recht die nicht ganz unartig geweſe noch etwas ſa habe ich mich bi ertappt.“ „Ich gut waren! n... und, gen, ſo“ — Roſa e nrecht iſt?“ ſoll ich hekla aber ſchlief, tens ſchlafen!“ t gewiß, Hildur: Thekla kann „„ſie kann ſich verſtellen!“ doch glaube ich, Beides ſei um ſogleich zur afür, daß Du die haſt das Uebel dahin geleitet, eigentlich gethan, ſchen unglücklich welche das Unglück Roſa, wenn Du n verſuchenden n heimgeſucht werde! nie einen bö Sage mir: ſen Gedanken gehabt— haſt tz Gewiſſen und Dir recht aufrichtig rröthete ſtark— „ſo sweilen auf einem recht häßlichen Gefühle „Welches Gefühl— welches?“ glaube, es war der Neid— ich habe zu mir ſelbſt geſagt: wer doch ſo ſchön wäre, wie Thekla!“ „Weiter haſt Du „Nein, ſo die Beſte! ſie iſt ſtolz ich ein.“ „Du biſt Thekla; ſie iſt von Allen geliebt.“ „Ja, eben darin liegt es. Warum ſoll ſie von 5 viel ich Thekla iſt nicht gut, — die ſchlechteſte aber ungerecht anders, aber gar nichts gedacht?“ weiß, nichts.“ „Roſa, Du biſt und bleibſt dennoch von uns Dreien glaube Du mir, denn bin ich, das geſtehe gegen Dich und auch gegen als Du und ich, aber ſie wird ————V—ʒÿ——— Allen geliebt werden, ohne irgend Jemand wieder zu lieben? Warum ſoll ſie für ein Muſter von Tugend und edler Geſinnung, von Anmuth und Vernunft gelten, da ſie doch mit augenſcheinlicher Gleichgültigkeit aller Huldigung begegnet, mit welcher man ſie überhäuft?... O, dergleichen Muſter von Vollkommenheit kann ich nicht ausſtehen: ich möchte ſie von der Erde vertilgen, denn ſie ſind Andern nur zum Aerger!“ „Mein Gott, Hildur, wie kannſt Du Dich wohl über Thekla beklagen? Obgleich ſie die Aelteſte iſt, hat ſie doch nicht mehr als einen Anbeter, ihren Bräutigam, gehabt, während Du wenigſtens ein Dutzend gehabt haſt.“ „Nun ja“— ein eitles Lächeln ſpielte auf Hildur's Lippen—„ich habe wohl Anbeter gehabt, doch habe ich auch in Thekla's Augen mehr denn einen Blick geleſen, welcher ſagte: wenn ich es nicht verſchmähte, ſo würde ich doppelt ſo viele haben!“ „Vorausgeſetzt,“ fiel Roſa fröhlich ein,„daß unſere Inſel ſo viele präſtiren könnte!“ „O, ſcherze jetzt nicht— ich habe in dieſem Augen⸗ blicke keine Laune dazu!“ „Nun, ſo verläumde Du auch Thekla nicht länger, fonderm laß mich das Geheimniß erſahren, das Dich rückt!“ „Das habe ich Dir ſchon zur Hälfte geſagt, da ich Dir meinen Haß gegen Thekla's vermeinte kalte Tugend und ſtrengen Ernſt vertraute. Zufolge dieſes, ich könnte wohl ſagen, wilden Gefühles, das mich nicht einmal in der erſten glücklichen Zeit meiner Verlobung mit Vietor verließ, geſchah es, daß ich die dreifach unglückliche Idee faßte... doch, Roſa, ich weiß nicht, ob ich Recht thue, Dir dieſes zu erzählen, Du unſchuldiges, engelreines Kind!“ „Iſt es denn ſehr gefährlich?“ fragte Roſa mit verſchämter Neugierde. „Ja, gewiß: Thekla würde es ſündhaft nennen „Ich bin ja aber jetzt ſo alt, daß ich den Unterſchied zwiſchen Gut und Böſe machen kann oder wenigſtens 111 . thue, eines mit 114 ſchied ſtens 69 ſollte machen können— wenn Du mir ſagſt, was Du thun wollteſt, ſo kann es vielleicht eine deenas für mich ſein, denſelben Fehler nicht zu begehen.“ „Da ſehe man nur, ob nicht auch die Unſchuld ihre Liſt hat! Dächte ich aber nur mit einem einzigen Ge⸗ danken daran, daß mein Beiſpiel Dich zu etwas Unrechtem ermuntern könnte, ſo wollte ich lieber mein ganzes Leben⸗ lang ſtumm ſein, als jetzt Troſt bei Dir ſuchen.... Doch, wie ich eben ſagte, Du haſt ein ſo wahres Gefühl, daß ich mich darauf verlaſſe, dieſes wird Dir und auch mir in dieſem Kampfe den rechten Weg zeigen.“ „Nun?“ „Du weißt, ich liebte von Anfang an Victor bis zur Vergötterung und ich liebe ihn noch jetzt, ſonſt wäre ich nicht ſo betrübt. Aber es genügte mir nicht, in meiner Liebe glücklich zu ſein, ſondern ich wollte auch Thekla demüthigen.“ „Wie denn aber das?“ „So, daß ich ſie lehren wollte, mich ihrerſeits zu beneiden— ich hatte ſie lange genug beneidet.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Hildur!“ „Wirſt mich bald verſtehen! Sage mir aber doch zuvor: haſt Du jemals einen ſchönern Mann, als Victor, ſolche Ungezwungenheit, ſolche Anmuth, ſolche fröhliche Liebenswurdigkeit geſehen?“ „ Ja, vor einigen Monaten war er wirklich ſehr liebenswürdig, und ſchön iſt er auch.“ „Du gibſt wohl zu, daß Karl ſich mit ihm nicht meſſen kann?“ „Vielleicht nicht ganz in den Vorzügen, die Du aufgezählt haſt; doch iſt auch Karl ſchön, er iſt männ⸗ licher, als Victor, und hat gewiß einen beſſeren Charakter.“ „Ja, das iſt möglich, oder richtiger, nur allzu gewiß!“ Ein bitterer Seufzer flog von Hildur's unruhig klopfen⸗ dem Herzen.„Inzwiſchen weißt Du, liebe Roſa, daß Alle den Victor für gefährlicher bei den Damen halten, und daher ſiehſt Du wohl ein, daß...“ Sie ſchwieg, ſichtbarlich in Verlegenheit, wie ſie den Satz paſſend fortſetzen könnte. Roſa erhob ihre großen lebhaften Augen mit einem Fragezeichen zu der Schweſter empor. „Ja, ja, Du ſiehſt wohl ein, daß es wenigſtens keine Unmöglichkeit wäre, daß auch Thekla ſo denken könnte?“ „Thekla war ja früher verlobt, als Du?“ „Was ſchadet das? Wie dem aber auch ſei, ſo hatte ich meine böſe Idee, und im Scherz— Du ver⸗ ſtehſt?— unter Liebkoſungen und Geſchwätz ſagte ich einmal zu Victor:„Willſt Du, daß ich Dich doppelt ſo ſeür,, nein. zehnmal mehr lieben ſoll, als ich Dich jetzt ie e 21— „Was ſagte er denn dazu? Er wunderte ſich gewiß darüber, ob Du wohl im Stande ſein könnteſt ihn zehn⸗ mal mehr zu lieben, als Du thateſt, da Du ihm nicht das Fehlende gegeben hatteſt, das auf Deinem freien Willen beruhte?“ „O nein, er erlaubte ſich keine Anmerkungen: er warf ſich mir zu Füßen und rief mit einer Stimme, deren ich mich nur allzu gut erinnere:„Was ſoll ich thun, um dieſe Belohnung zu gewinnen?““ „Nun?“ „„Du ſollſt,“ entgegnete ich,„ein anderes weibliches Herz ein wenig beunruhigen: ich bin nicht recht zufrieden, bis ich überzeugt bin, daß Du auch in den Augen An⸗ derer Werth beſttzeſt.” 44 „O nimmermehr,“ rief Roſa, unwillkürlich einem Gefühl von Abſcheu und Schrecken nachgebend, aus, „nimmermehr haſt Du ſo etwas vorſchlagen können!“ „Ja, gewiß konnte ich das— und kurz, ich wußte Victor's Eigenliebe und Eitelkeit ſo zu kitzeln, beſchrieb unſere Zuſammenkünfte in den Stunden, da er mir den Erfolg ſeiner Verſuche mittheilen ſollte, ſo reizend, daß er, von Liebe und Selbſtvertrauen berauſcht, mir ver⸗ ſprach, er wollte ſein Glück verſuchen bei...“ aſſend einem gſtens enken i, ſo t ver⸗ te ich elt ſo jetzt gewiß zehn⸗ nicht freien n: er mme, ll ich liches ieden, An⸗ einem chrieb r den , daß ver⸗ 71 „Weiter, weiter!“ „ Bei Thekla!“ „O Hildur, ſo etwas habe ich mir gar nicht denken können... wie ſchrecklich mußt Du Dir wohl Deinen Leichtſinn zum Vorwurf machen!“ „Beruhige Dich, Roſa: mein Leichtſinn iſt ſchon beſtraft worden durch ein Ereigniß, das verabſcheuungs⸗ würdiger iſt, als ſelbſt mein Fehler!“ „Laß hören!“ „Victor bereitete ſich zu einem Angriffe vor und wendete gewiß ſeine ſämmtlichen Reſſourcen an; aber er that es unter Scherz und Poſſenſpiel, denn er hatte keine Ahnung davon, daß ich boshaft war, daß ich etwas Anderes, als einen Scherz beabſichtigte.... Ach, er war zum Entzücken, als er mir ſeine erſten Rapporte abſtattete — ſo ſpielend, ſo ſprühend luſtig auf ſeine eigenen und Thekla's Koſten! Er war in aller Eile ein großer Bewunderer unſerer alten Ruinen geworden— ſie ſind ja das Einzige in der Welt, das Thekla vergöttert— und mit bewundernswürdiger Geſchicklichkeit hakte er ſich gerade bei der fürchterlichſten Epoche feſt, die Thekla aus der Geſchichte von Wisby kennt.... O mein Gott! ich hätte mich beinahe zu Tode gelacht, als ich ihn er⸗ zählen hörte, mit welchem Effect er von der gräßlichen Erniedrigung geredet hätte, daß man unſere koſtbaren Alterthümer verauctioniren wollte, und mir kamen wirklich die Thränen in die Augen, als er, Thekla's ernſten Ton nachahmend, ihre Antwort wiederholte:„Wirklich, Victor, Du biſt inhaltreicher, als ich geglaubt habe... ich habe Dich verkannt!“ Und ſie reichte ihm die Hand— ſie, die mit ihren Gunſtbezeugungen ſo karg gegen ihren eigenen Bräutigam iſt!“ „Und darüber konnteſt Du mit Victor lachen?“ „Ja gewiß! Doch Karl war nicht hier, und in meinem Leichtſinne war ich darüber betrübt.... O, er kam immer noch früh genug!“ „Und inzwiſchen?“. „... Inzwiſchen rückte unſer Plan vorwärts. Victor betrieb ſeine geheime Liebesintrigue ſo vortrefflich, daß Thekla wirklich glaubte, er hätte ſich in ſie verliebt. Da begann ſie ihn zu vermeiden, bald eine kleine Ver⸗ legenheit zu zeigen und bald ihn kalt und ſtreng zu behandeln. Jede Gradveränderung ihrer Laune wurde mir von Victor mitgetheilt, und er ſetzte ſeine Betrüge⸗ reien gegen Tauſende von meinen Küſſen um. Aber ſchon nach einigen Wochen... ach, Roſa, woher nehme ich den Muth, fortzufahren?“ „Ich zittere— beeile Dich, Hildur, und widerlege meine ſchlimmſte Ahnung!“ „Nein, ich muß ſie im Gegentheil beſtärken. Wie geſagt, ſchon nach einigen Monaten wich mir Victor aus, ſeine Antworten widerſprachen ſich und waren bis⸗ weilen ſogar einfältig und unbehülflich, er trieb nicht mehr mit dem vorigen Feuer den Lohn für ſeinen Leicht⸗ ſinn ein. Ich fühlte— o fürchterliche Pein, die Du noch nicht kennſt!— ich fühlte, wie meine Lippen an den ſeinigen erſtarrten; ja es wurde noch ärger: ich be⸗ gann eine Todeskälte im Herzen zu fühlen. Er vermied es ſorgfältig, auf dieſe, wie er ſich jetzt ausdrückte, meine kindiſche Laune zurückzukommen; und wenn ich ihn wegen ſeiner Veränderung zur Rede ſtellte, ſo zeigte er eine Verwirrung, eine Niedergeſchlagenheit, eine Reiz⸗ barkeit, die gar nicht zu ſeinem Charakter gehören.... Das Ende aller dieſer wiederkehrenden Zwiſtigkeiten war, daß ich die Gefahr des begonnenen Spieles aus dem Grunde kennen lernte. Victor hatte die Thekla allzu nahe betrachtet: anſtatt ihr dieſes kalte Eisherz, das ſich von gar nichts rühren läßt, abzulocken, hatte er ſein eigenes bei ihr zurückgelaſſen!“ 1 „O Gott! welche traurigen, welche gefährlichen und verabſcheuungswürdigen Geheimniſſe, die ich nie hätte ahnen kännen!“ ſtotterte Roſa mit einem ſcheuen Blick auf Hildur.„Und Du?“ „Ich, betrogen, in meinem innerſten Gefühle ver⸗ letzt, wollte erſt nicht glauben; doch da ich endlich glaubte, ſo wollte ich.“ daß iebt. Ver⸗ zu urde üge⸗ Aber hme lege Wie ietor dis⸗ nicht icht⸗ Du an be⸗ nied deine ihn e er keiz⸗ war, „Was?“ „Mich rächen!“ „Hildur! Hildur!“ „Was denn? Bin ich nicht die Tochter des wilden Holgerſen? Kann ich dafür, daß böſes Blut in meinen Adern fließt?... Und dennoch,“ fuhr ſie in verändertem demüthigem Tone fort, und ihr Haupt ſank auf ihre Hände hinab,„dennoch habe ich eine ſchreckliche Reue gefühlt, ja ich fühle ſie noch jetzt; denn... ich weiß, daß ich ihn verliere: er iſt kaum mehr im Stande, ſeine neuen Gefühle zu beherrſchen!“ „Aber ſage mir, wie kam der geſtrige fatale Auf⸗ tritt? Ich war nicht bei Euch, da es anfing. Karl, der doch ſonſt ſo ruhig und vernünftig iſt, war ſo auf⸗ eregt.“ 3 3Das war die Frucht meiner Rache, die uns Alle traf. Schon als Karl vor einigen Wochen nach Hauſe kam, ließ ich ihn durch zufällige, aber bittere An⸗ merkungen meinen Verdacht über Victor's Gefühle für Thekla ahnen. Anfangs war er in dieſer Hinſicht ungläubig; doch allmälig faßte die einmal angezün⸗ dete Eiſerſucht Feuer: er begann ſtillſchweigend zu beobachten, ſah ſie bei der geringſten Hindeutung auf Victor erröthen und die Stirn runzeln, ſich aber nicht vertheidigen, ja nicht einmal antworten. So wurde es immer aͤrger und ärger, bis endlich geſtern Victor's geringe Selbſtbeherrſchung— er konnte ja ſeine Augen, ſeine Seele nicht von Thekla abwenden— Karl's Augen ganz öffnete. Es würde mir wehe um ihn gethan haben; denn gewiß fühlte er ſich ſehr unglücklich, da er bisweilen Thekla ganz bewußtlos antwortete, wenn ich nicht ſelbſt ſo fürchterlich gelitten hätte. In halbem Sinnestaumel ſtellte ich mich in dem einen Augenblicke, als herrſchte eine geheime Vertraulichkeit zwiſchen mir und Karl, der mir in ſeiner Zerſtreutheit nicht entgegen arbeitete, ja nicht einmal ſah, daß Thekla zweimal erblaßte, und dann wieder zeigte ich mich ſo munter, daß mir war, als müßte ich wahnſinnig werden, als ich in Victor's Augen Mitleiden und halben Abſcheu las. Thekla war ſtolz und hochmüthig, Karl bitter und muth⸗ los, Vietor brennend, ich wahnſinnig... O wir führten ein entzückendes Quartett auf— Du hörteſt ja das Ende... Doch genug über das, was geweſen iſt: jetzt betrifft meine Furcht den Sturm, der gewiß nach dem Unge⸗ witter, das ſich geſtern zuſammenzog, im Anzuge begrif⸗ fen iſt— und darum, Roſa, will ich Deinen Rath haben für dieſes Zuſammentreffen, das gewiß entſchei⸗ dend wird!“ Roſa war ſo erſchrocken über alle dieſe Mittheilun⸗ gen, daß ſie einiger Minuten zu ihrer Erholung be⸗ durfte. Endlich ſagte ſie:„Würdeſt Du wohl meinem Rathe folgen, wenn ich Dir einen zu geben hätte?“ „Ja, gewiß; ſonſt begehrte ich ihn nicht!“ „Meiner Meinung nach iſt es nicht allein das Rich⸗ tigſte, ſondern auch Deine unerläßliche Pflicht, gleich heute Morgen, ehe einer von den Herren gekommen iſt, Deine ganze Beichte Thekla mitzutheilen: ſie wird ein⸗ ſehen, was dann zu thun iſt.“ „Nimmermehr!... Woran denkſt Du? Sollte ich als eine Sünderin vor Thekla's ſpöttiſchen Blicken ſtehen? Sollte ich mich vor ihr und auch vor Karl zum Ge⸗ lächter machen?“ „Wenn Du ſo redeſt,“ entgegnete Roſa ernſt,„ſo iſt es deutlich nicht Deine Abſicht, Deinen Fehler wieder gut zu machen. Du leideſt, das iſt wahr— Du lei⸗ deſt, was Du verdienſt; aber womit haben Thekla und ihr Bräutigam das Unglück verdient, welches Du über ſie hereingezogen haſt? Ich verſichere Dich: es kommt zu einem Bruche, wenn nicht eine Aufklärung über das wahre Verhältniß der Dinge ihm zuvorkommt.“ „O, man kann verrückt werden über weniger!“ klagte Hildur, indem ſie aufſtand und heftig auf⸗ und abzugehen begann. „Beſinne Dich ja recht: jetzt fühlſt Du Reue; doch wenn Du erſt mit Thekla allein ſitzeſt, ſo wirſt Du zehn⸗ fache Reue empfinden!“ —— —— as. uth⸗ rten rifft ige⸗ rif⸗ kath hei⸗ lun⸗ be⸗ nem tich⸗ leich iſt, ein⸗ ich den? Ge⸗ „ſo ieder lei⸗ und über mmt das † 14 eer! und doch eehn⸗ 75 „Ich habe ſchon entſchieden— was Du vorſchlägſt, iſt, kurz und gut, unmöglich. Warum ſoll auch Thekla ſo ſtolz ſein, daß ſie nicht Karl's bittere Gemüthsſtim⸗ mung 1 mildern ſucht? Warum forſcht ſie nicht nach ſeiner Eiferſucht, warum erklärt ſie ſich nicht vor ihm und ſagt, daß ſie unſchuldig iſt?“ „Das ſollte ſie gewiß thun— ich glaube ſogar, daß ihre Pflicht als Braut es heiſcht— aber auch Thekla iſt nicht ohne Fehler, und ich fürchte, durch den bloßen Verdacht einer Untreue von ihrer Seite und dadurch, daß er ſich gleichſam in Dich verliebt geſtellt hat, was natür⸗ lich erkuͤnſtelt war, wie man wohl ſehen kann, iſt Karl ſo ſehr in ihrer Achtung geſunken, daß wenigſtens ſie nicht diejenige iſt, welche ihn zurückzuhalten ſucht.“ „Nun da liebt ſie ihn auch nicht— ich weiß wohl, was ich Alles gethan habe, um Victor's Herz wieder zu gewinnen!“ „Ich kann nicht ſagen, ob Thekla Karl ſo warm liebt, wie er geliebt ſein will; dennoch aber liebt ſie ihn, das habe ich oft genug bemerkt, obgleich die ſchmeichelnde Tändelei ihre ſchwache Seite nicht iſt— und ich bin überzeugt, ſie wird mit keinem andern Manne glücklich, als mit Karl.“ „Aber ich? Du ſagſt kein Wort von mir— werde ich wohl mit einem Andern glücklich, als mit Victor?“ „Das könnte wohl ſein, wenn Du nämlich jemals Zeit bekommſt, glücklich zu werden! Jetzt kommſt Du inzwiſchen zu allerletzt, Hildur— und wenn Du willſt, daß ich Dich fortwährend lieben ſoll, ſo machſt Du wie⸗ der gut, was Du kannſt— oder läßt mich mit Thekla reden!“ „Ich gebe Dir mein Verſprechen, zu thun was ich vermag. Doch eine Bedingung mache ich dabei: Du darfſt mich bei Thekla nicht verrathen; ich will lieber Karl einige Winke über die Wahrheit geben.“ „Gut!“ antwortete Roſa, und nickte mit dem ſchö⸗ nen Köpfchen....„Nun aber haben wir ſo lange hier geſeſſen, daß die Fiſcherböte anzukommen beginnen.“ „So laß uns gehen!“ 8 „Warte einen Augenblick— oder gehe vorweg: ich will erſt wiſſen, ob jenes Fahrzeug zu ſehen iſt!.... Ja, wahrhaftig, es iſt bei dieſer Windſtille dennoch herangekommen!... Ich möchte wohl wiſſen, was es für eins iſt!... Sieh, Hildur— was meinſt Du?“. „O, daran kehre ich mich nicht— vielleicht iſt es Hanſſen's Brigg.“ „Ja, Du verſtehſt Dich darauf! Kannſt Du denn in Deinem Leben nicht das eine Fahrzeug von dem an⸗ dern unterſcheiden lernen— das ſollte doch die Tochter eines Seemanns können!“ „Ich habe wohl Anderes zu ſtudiren, als Naviga⸗ tion und Schiffsbaukunſt! Was für ein Seethier iſt 1 es denn?“ „Ein Schooner— doch keineswegs von der neueſten Form: es iſt ein altes, häßliches Fahrzeug. Aber es manövrirt gut.... Laß uns noch ein wenig bleiben!“ „Nein, komm, komm!“ 1 Roſa gab nach, indem ſie noch mit einem zögern⸗ den Blick den alten Jungen begrüßte, der gleich dar⸗ auf ſeine Segel barg und auf der Rhede von Wisby ſeinen Anker fallen ließ. ———— Achtes Capitel. Töhekla. Von dem Fiſchhafen verfolgten unſere beiden Damen den Weg, der die Strandgaſſe hinaufführte; doch wie 1 nach einer Uebereinkunft blieben ſie einige Augenblicke ſtehen, um einige blühende Apfelbäume auf dem Platze zu betrachten, worauf die Börſe der alten Stadt— das Kalblederhaus, auch die Wohnung der Guter genannt — bis 1777 ihren eigenthümlichen Bau erhob.*) ») Von dieſem Hauſe gibt es eine Sage, welche ganz an nen vie cke itze das ant 77 Ohne ſich in Grübeleien über die königliche Oeko⸗ nomie zu vertiefen, welche damals die Mauern, in denen die würdigen Hanſeaten ihre Berathungen gehalten hat⸗ ten, abbrach und in eine der Krone gehörige Brannt⸗ weinbrennerei verwandelte, begingen die Mädchen eben⸗ falls einen kleinen Raub an dem Heiligthum, indem ſte Beide einen kleinen Zweig von den reichen Bäumen ſtahlen und, ſich Kühlung zuwehend mit dieſen impro⸗ viſtrten Fächern, deren weiße und rothe Blätter, gleich ſpielenden Schmetterlingen die roſigen Wangen umflogen, ſetzten ſie ihren Weg fort und traten in ein an eben dieſer Straße, unweit des jetzt nur dem Namen nach bedeu⸗ tenden Handelsmarktes belegenes altes Haus. Von den alten Häuſern, welche an ihren Herden Beſitzer aller Nationen aufzuweiſen hatten, von Skan⸗ dinaviern und Deutſchen bis auf Ruſſen und Griechen hinab, iſt in Wisby noch eine große Menge übrig, gleich⸗ wohl den Forderungen der Zeit gemäß hie und da be⸗ kleiſtert oder moderniſirt, aber ihrer berühmten eiſernen Thore und vergoldeten Fenſterrahmen beraubt. Dennoch bietet das eine und das andere von dem Alter geſchwärzte Gebäude dem Forſcher unverhüllt Gelegenheit dar, ſeine urſprünglichen Eigenthümlichkeiten zu ſtudiren. Zuſammengefügt aus ſorgfältig behauenen Steinen, ja mit dem Mörtel ſelbſt verſteinert, erheben ſich die allerälteſten, drei bis vier Stockwerke hoch, mit ſpitzwink⸗ ligen Dächern und treppenförmigen Giebeln, letztere der Straße zugewendet und geziert mit Bildſchnitzereien und die Anlage von Karthago erinnert. König Birger kam nach Wisby und bat um ein Stück Land in der Stadt, welches nur ſo groß wäre, daß eine Kalbshaut es um⸗ ſpannen könnte. Als dieſe Bitte bewilligt wurde, ſchnitt er eine ſolche Haut in dünne Streifen und umſpannte damit den Platz, worauf er hernach das genannte präch⸗ tige Haus erbaute, in welchem er und andere Könige, ſo oft ſie Wisby beſuchten, ihre Reſidenz hatten, bis ſpäter⸗ hin dgs Schloß Wisborg angelegt wurde. Anmerk. der Verf. dem in eine Fenſterſcheibe eingebrannten Wappen, das heißt mit einem von Laubwerk umgebenen Sinnbilde, welches die Familie, nachdem ſie ein neues Haus erbaut hatte oder in ein anderes gezogen war, von einem Freunde erhalten hatte, um dieſer neuen Wohnun Glück zu bringen; auch der Name und der Wahl pruch des Gebers war unter dem Bilde ſelbſt angebracht und ſtellte gewöhnlich irgend ein Stück aus dem alten Teſta⸗ mente dar oder deutete hier auf ſein Handwerk, in wel⸗ chem Falle— wenn er zum Beiſpiel ein Tiſchler war — es daher mit einem zierlich ausgeführten Hobel, einer Tonne und dergleichen prunkte. Mit einer gewöhnlich wegen des unebenen Bodens unregelmäßigen Eintheilung haben die niedrigen Stock⸗ werke weniger Zimmer neben einander, mit Ausnahme gleichwohl des unterſten oder des Kellers, unter deſſen gewölbter, von dicken Pfeilern getragener Decke der Kaufmann ſein reiches Waarenlager hatte und woſelbſt zum Bedürfniſſe der Haushaltung lebendige Fiſche in zierlichen Ciſternen verwahrt wurden, durch welche noch heutiges Tages, ebenſo wie damals, ein friſches und wohlſchmeckendes Quellwaſſer ſtrömt. Die Alfresco⸗ Zierden der Wohnzimmer, die gigantiſchen Herde und die marmornen Sitze in den Fenſterniſchen zeugen eben⸗ falls von dem Geſchmacke des alten Hanſeaten und von ſeiner Neigung zur Bequemlichkeit. Das Haus, in welches unſere jungen Damen ein⸗ traten, war ein ähnliches Haus und wich wenig ab von obiger allgemeiner Beſchreibung. Leicht wie Elfen huͤpf⸗ ten ſie die ſchweren, tiefgefurchten Treppen hinauf, und nachdem ſie einen kleinen altmodiſchen Vorſaal durch⸗ wandert, traten ſie über einen hellen, großen und neu umgebildeten Saal, welchem Inſtrumente, Noten, Näh⸗ und Zeichnenapparate ein zu gleicher Zeit angenehmes und elegantes Anſehen verliehen, in ein geräumiges Eckzimmer, geziert mit Gobelinstapeten aus einer ſpä⸗ teren Zeit, aber dennoch von ehrwürdigem Alter im Vergleich mit den glänzenden papiernen Tapeten der 79 3 Jetztzeit, welche den großen Saal bekleideten. Das e, Gobelin⸗Zimmer oder richtiger die Kammer der Töchter t erhielt Licht durch drei Fenſter, unter welchen das Meer n hinter einigen kleinen Gärten einen unüberſehbaren Anblick nach der Küſte von Schweden hin darbot. 3 Das Ameublement dieſes Zimmers konnte prachtvoll d genannt werden, obgleich die Pracht eigentlich in ſolche 1⸗ Dinge niedergelegt war, welche die meiſten jungen 2 Damen vielleicht mit Vergnügen gegen hohe Spiegel, ar moderne Emma's und jene in das Unendliche variiren⸗ er den Toilette⸗ und Lurusartikel, welche mit zu der Tages⸗ 8 ordnung gehören, vertauſcht haben würden. So zum 18 Beiſpiel erblicken wir hier drei jungfräuliche Betten, k⸗ nicht verſteckt hinter weißen, luftigen Gardinen, ſondern ne hinter ſahweren Vorhängen von dickem, geſtreiftem Sei⸗ ¹ en denzeuge von blutrother Farbe. Die Stühle mit ihrer 6 er abgenutzten Vergoldung und ihrem invalidenmäßigen ſt Ausſehen ſchienen gleichſam verwundert zu ſein, daß ſie in noch in ihren alten Tagen in Blut und Purpur glänzten. ch Sie hätten ganz gewiß ſehr gerne ihre Pracht mit dem nd gleichſam aus drei Lehnſtühlen zuſammengeſetzten Sopha . vertauſcht, auf deſſen Sarge⸗Ueberzug mit ſchwarzer nd Grundfarbe eine Menge von unglaublich wunderlichen n⸗ Figuren geſtickt waren: Pferde, Hirſche, fliegende, feuer⸗ on ſpeiende Drachen— kurz die ganze, ſich durch die ſehr knapp zugeſchnittenen, jetzt etwas verblichenen Wolken n⸗ jagende wilde Jagd. Jede der drei Mädchen hatte ihre on eigene Kommode von Nußbaumholz mit einer grünen ſtei⸗ pf⸗ nernen Scheibe, einen zwar nicht großen, aber reich in nd Silber eingefaßten Spiegel, und, was beſſer war, anſtatt ch⸗ der Toilette hatte jede einen kleinen Nachttiſch, auf eu welchem eine große gediegene ſilberne Kanne in ihrer ih⸗ ebenſo gediegenen ſilbernen Schüſſel ſtand. Uebrigens nes war eine Menge von ungewöhnlich ſchönen Blumen ges ſowohl in den Fenſtemm, als auch auf beſonderen Blu⸗ pä⸗ mentiſchen vor denſelben aufgeſtellt. Vögel hüpften in im vergoldeten Käfigen, ein Eichhörnchen ſprang frei im der Zimmer umher und kletterte eben an den langen, mit b grauen ſeidenen Blumen ausgeſtickten Gardinen von gelbem Nankin in die Höhe. „Sie iſt nicht hier!“ ſagte Roſa leiſe und blickte die Schweſter an... „Sie iſt dort im blauen Zimmer!“ flüſterte Hildur, indem ſie auf die verſchloſſene Thür eines Zimmers deutete, in welches auch aus dem Saale eine Thür führte. „Geh Du zu ihr hinein, Roſa— ich will nachſehen, ob der Kaffee fertig iſt!“ Hildur ging zurück; doch anſtatt aus dem Saale in die Küche hinabzuſteigen, blieb ſie vor der Thüre des blauen Zimmers ſtehen.„Ich will wenigſtens hören, ob ſie ſchlecht von mir redet— vielleicht thue ich, was Roſa mir rieth! Es iſt ſchon ſo ſpät... mein Gott, wenn es doch erſt Abend wäre!“ Roſa, welche keine Ahnung von Hildur's Abſicht hatte, öffnete die andere Thür und trat in das Zimmer, in welchem Thekla wirklich ſich befand. Das blaue Zimmer, eine Art von Geſellſchaftsſalon, neumodiſch wie der Saal, zeichnete ſich durch gar keine Eigenthümlichkeit aus; hätte es aber deren auch noch ſo viele gehabt, ſo würde man ſie gar nicht bemerkt haben, ſo lange Thekla dort war, denn in der ganzen ernſten, ja man könnte ſagen, ſtreng edlen Schönheit des jungen Mädchens lag Etwas, das ſo unbedingt die Aufmerkſamkeit rege machte, daß man dieſelbe nicht leicht von ihr trennen konnte. Thekla ſaß vor einem kleinen Tiſche von Mahagony, worauf eine mit Waſſer gefüllte gläſerne Glocke ſtand, in welcher einige Goldfiſche ſchwammen. Als Roſa eintrat, war Thekla entweder in die Be⸗ trachtung der Fiſche oder in ihre eigenen Gedanken ver⸗ tieft, denn ſie ſah ſich gar nicht um. Sie ſtützte die ſammetweiche Wange mit einer Hand von der glänzend⸗ ſten und friſcheſten Weiße, und ihre ſchon völlig geord⸗ neten Locken von jener ſchwarzbraunen Farbe wallten anmuthig herab auf ihre Schultern, die zur Hälfte bedeckt waren von einem Netzſhawl, durch deſſen violette, 81 ſeidene Fächer der blendende„Schnee“ noch blendender erſchien. „Thekla!“ ſagte Roſa, indem ſie näher trat und mit ihren Lippen die Wange der Schweſter leicht be⸗ rührte,„biſt Du traurig?“ „Ich bin müde!“ Thekla erwiederte Roſa's Lieb⸗ koſung ungefähr ſo, wie eine Mutter die Liebkoſung ihres Kindes erwiedert— und doch war Thekla nicht ganz vier Jahre älter, als Roſa, die fünfzehn und ein halbes Jahr alt war. „Ja, Du ſchliefſt nicht viel in der letzten Nacht!“ „Darum denke ich nun dieſes Zimmer zu meiner Schlafſtube einzurichten.“ „O! ziehſt Du weg von uns? Haſt Du die Mutter ſchon um Erlaubniß gebeten?“ Thekla lächelte, und in dem Lächeln lag vielleicht ein unbewußter, aber doch auf jeden Fall ein gewiſſer kleiner Uebermuth, den man ſo deuten konnte: Thue ich nicht, was ich will?— Und Thekla that auch wirklich, was ſie wollte. Sie hatte eine große Macht über Beide, Vater und Mutter, und eine ſolche Macht übte ſie faſt über Alle, ſo oft ſie dieſelbe anwenden wollte. „Ich glaube,“ begann Roſa von Neuem,„Hildur iſt von Herzen betrübt darüber...“ „Worüber?“ „Vielleicht glaubt ſie auf irgend eine Weiſe gefehlt zu haben.“ „Wenn ſie das thäte, ſo würde ich ihr Glück wün⸗ ſchen!“ entgegnete Thekla; doch mit einer Kälte, die allzu fühlbar in die Bruſt der lauſchenden Hildur ſchnitt. „Gewiß würdeſt Du,“ meinte Roſa herzlich,„noch mehr thun: Du würdeſt ihr verzeihen!“ „Ohne Zweifel, denn es verlohnt ſich wirklich der Mühe nicht, ſich über ein ſo gedankenloſes Weſen wie Hildur zu beklagen oder zu betrüͤben!“ „Liebſte, beſte Thekla, antworte nicht ſo kalt, wenn Der Jungferthurm. II. 6 — Du Hildur wirklich verzeiheſt! Was ſie auch gefehlt haben mag, ſo mußt Du ſie dennoch lieben, ſonſt iſt es keine Verzeihung!“ Eine leichte Wolke verdunkelte den Glanz in Thekla's ſchwarzen Augen.„Liebe Roſa!“ ſagte ſie in einem halb bittenden, halb abweiſenden Tone,„miſche Dich nicht in die Angelegenheiten Deiner älteren Schweſtern: Du kannſt— und das iſt ſehr gut— die traurigen Verhältniſſe aller Art, die unſer Haus verdüſtern, jetzt noch nicht faſſen. Sei Du glücklich, ſei Du ein Kind, ſo lange Du kannſt!“ zückendes Antlitz erhielt einen Schatten; aber ſie wagte kein Wort weiter zu ſagen, denn Thekla flößte ihr eine Achtung ein, gegen welche Roſa von der früheſten Kind⸗ heit an Pernoßet geweſen war, nicht in den Kampf zu ziehen, obgleich auch ſie bisweilen einen eigenen Willen zu haben wünſchte. „Sei nicht traurig, liebe Roſa: Dich werde ich immer lieb behalten!“ Ueber Thekla's ernſte Schönheit flog ein Schatten von lächelndem Entzücken; ſie zog Roſa an ſich und ſtreichelte ſie über die Wange. Dieſer Beweis von Wohlwollen und Liebe, ſo ſelten bei Derjenigen, welche ihn gab, rührte Roſa, wenn er auch nicht im Stande war, die ſchmerzhafte Verrechnung wieder gut zu machen, welche ſie daruͤber empfand, daß ſie nicht im Stande war, die Schweſtern zu verſöhnen. Hildur, welche inzwiſchen jedes Wort gehört hatte, beſonders dieſes:„Dich werde ich immer lieb behalten,“ flog nun hinweg von ihrem Poſten. Ein für den Frie⸗ den ſehr wenig verſprechendes Mienenſpiel entſtellte ihre ſchönen Züge, indem ſie leiſe murmelte:„Welche Thörin ich warl Doch Karl ſoll lange auf dieſe Erklärung warten!“ Nachdem Roſa in das gemeinſame Zimmer der Mädchen zurückgekehrt war, und dort begonnen hatte, den Vögeln zu eſſen, den Blumen Waſſer zu geben und mehr dergleichen, ſo verſank Thekla von Neuem in ihre Roſa war entmuthigt; auch ihr ſo friſches, ſo ent⸗ —.—-—— 12——- &ᷣ- S S=EAN efehlt iſt es ekla's einem Dich ſtern: rrigen jetzt Kind, »ent⸗ wagte cr eine Kind⸗ pf zu Villen mmer og ein a an ſelten nn er pnung „daß ihnen. hatte, lten,“ Frie⸗ e ihre hörin ärung r der hatte, n und nihre 83 gedankenvolle Stellung, in welcher ſie noch eine Viertel⸗ ſtunde verblieb. Da ſtand ſie auf, öffnete einen Seecre⸗ tair, ſetzte ſich vor denſelben, nahm einen Bogen Brief⸗ papier, faltete denſelben, und ſchrieb, ohne ſich weiter zu beſinnen, folgende Worte darauf: „Guter Karl! „Da es ohne Zweifel nöthig iſt, daß wir uns ge⸗ genſeitig erklären, ſo ziehe ich es vor, daß dieſes anderswo als zu Hauſe geſchieht. Um ſechs Uhr heute Abend findeſt Du mich in St. Nikolaus. Thekla.* Erſt als das Billet fertig und verſiegelt und die Feder ſchon zur Aufſchrift eingetaucht war, hielt Thekla zum erſten Male inne. Sie blickte auf, warf zufälliger Weiſe die Augen in den Spiegel und fuhr zuſammen, da ſie ſah, wie bleich ihre Wangen geworden waren. Sie unterdrückte einen Seufzer, der ſich hervorarbeiten wollte, und indem ſie das Billet nahm und es einige Augenblicke lang in der Hand wog, öffneten ſich ihre Lippen zur Hälfte zu einem leiſen:„Ich habe es be⸗ ſchloſſen!“ Und nun legte ſie das Billet wieder auf den Tiſch und ſchrieb die Aufſchrift in aller Eile, damit zieſhle das über ſie kommende Zittern nicht verrathen möchte. So hatte alſo Thekla gerade dasjenige gethan, was ſie nach Roſa's zu Hildur geäußerter Meinung nie thun würde: ſie hatte nämlich den erſten Schritt zu einer Erklärung gethan. Wer eine Erklärung will, der will auch die Verſöhnung. Wie ſchwer dieſer Schritt ihr wurde, das konnte nur Der verſtehen, welcher ſie jetzt mit geſenkter Stirn, heftigem Athemzuge und die Hand feſt an die Bruſt gedrückt da ſitzen ſah. Es waren ſchon über drei Jahre ſeit ihrer Verlobung mit dem Lieutenant Salzwedel verfloſſen. Die unabhängige ökonomiſche Stellung ihres Bräutigams erlaubte ihm, ſogleich von der Hochzeit zu reden; doch Thekla hatte dieſelbe unter mancherlei Vorwänden hinausgeſchohen, und ihr bisweilen laues und nie recht herzliches Betra⸗ gen gegen den Bräutigam hatte dieſem oft Anlaß zu düſterem Nachdenken gegeben, bis nun durch Hildur's Leichtſinn das Uebel zu einer ſolchen Höhe geſtiegen war, daß es ſich kaum beſſern ließ. Neuntes Capitel. Ein Familienfrühſtück. Auf der andern Seite, dem ſogenannten Vorſaale gegenüber, war das Speiſezimmer belegen, und hier finden wir nun, mit Ausnahme des armen Will, die ſämmtlichen Mitglieder der Familie verſammelt. Holgerſen, der wilde Nordſeefiſcher, welcher unter der Maske eines redlichen Mannes den Mörder ver⸗ barg, hatte jetzt ungefähr zwölf Jahre auf Gottland gewohnt. Von dem Augenblicke an, da ſeine Gattin durch die Wiederanknüpfung ihrer vorigen Verbindung und durch das Bekenntniß einer Liebe, welcher er ſo lange in ſchwindelnder Leidenſchaft nachgeſtrebt, eine noch voll⸗ ſtändigere Herrſchaft über ihn gewonnen hatte— von dieſer Zeit an war er(mit Ausnahme der kleinen„Affaire“, welche wir in Albin Jentzel's Jugendabenteuern berührt haben) genöthigt geweſen, auf ewig von der Bahn des Verbrechens und der Geſetzloſigkeit Abſchied zu nehmen. Doch ließ es ſich vorausſehen, daß die Leidenſchaft, ſo groß ſie auch ſein mochte, nicht im Stande ſein würde, die Tiefe, die Leere zu füllen, welche bei dieſem Umſturz der Dinge in ſeiner Seele entſtand. Nachdem ſeine wilde Thätigkeit aufgehört hatte, begann eine wun⸗ derbare Unruhe ſich ſeines Gemüthes zu bemächtigen. Lange wollte er es nicht einmal verſuchen, dieſelbe zu deuten; noch weniger vertraute er ſie ſeiner Gattin, bei tra⸗ zu ur's var, 8⁵ welcher er nur Vergeſſenheit ſuchte, die er auch bisweilen fand, wenn die neue Gemüthsſtimmung ihm Ruhe dazu geſtattete. Schon während des Jahres, das ſie nach der Ver⸗ ſöhnung in Molde verlebten, ſuchte Amelie mit aller erdenklichen Zärtlichkeit und Vorſicht ſeine Gefühle dem Ziele zuzuführen, welches ſie ihrer Liebe vorgeſetzt hatte, das einzige, welches im Stande war, ſie mit der noch immer im Geheimen beweinten Sünde, daß ſie einen Mörder liebte, zu verſöhnen. Doch in dieſem Punkte wich Holgerſen ihr ſtets aus, und wenn er nicht umhin konnte, ſie reden zu hören über die Macht des Gebetes, über die herrlichen und himmliſchen Fruͤchte deſſelben, ſo war es nur ſeine äußere Andacht, welche ihr die Hoff⸗ nung auf dieſe Früchte verſprach— in ſeinem Innern war und blieb er ein zum Tode verurtheilter Fremdling, der vor ſeinen inneren Augen ſtets ein Geſpenſt erblickte, von deſſen Daſein Amelie nicht einmal eine Ahnung hatte. Dieſes Geſpenſt war die bis zum Tode beun⸗ ruhigende Gewißheit, daß noch ein zweiter Albin Jentzel, wahrſcheinlich ein Verwandter des erſchoſſenen Knaben, am Leben war, daß dieſer ſich ſogar auf ſeinem eigenen Fahrzeuge befunden hatte; denn nach der in London geſchehenen Angabe von der Verſenkung des Snare⸗ Swen hatte der Capitain Donnert ſehr oft in ſeinen Briefen den Namen des Knaben erwähnt, natürlich ohne eine Ahnung davon zu haben, welchen Schrecken dieſer Name auf Holgerſen ausübte, welcher ſtets eine Zeit fürchten mußte, da dieſer Jüngling ein Mann würde, Will's Daſein entdeckte und.. wer weiß, was daraus weiter erfolgen könnte... Der Tod des Halwar Jenſen im Winter nach der „letzten Nordſeefiſcherei“ wirkte eben ſo ſtark ein auf den geweckten Sünder. Der alte Halwar—„der gute See⸗ räuber“, wie Albin ehemals ihn in ſeinen Gedanken benannte— kam um bei einer Handlung, welche gewiß vor dem Richterſtuhle der ewigen Gerechtigkeit als ein Gegengewicht ſeiner vielen ſchlechten Thaten in die 86 Wagſchale gelegt werden ſollte: er rettete nämlich von einem geſcheiterten Schiffe drei Seeleute, welche ſämmtlich Frau und Kinder hatten. Als aber Halwar zum zweiten Male ſeine edle und kühne Handlung vollführen und auch denen Hülfe bringen wollte, welche von der Kälte ſchon gelähmt waren und von denen er daher nicht die geringſte Hülfe erwarten konnte, ſo warf eine Sturzwelle das Boot um und Halwar blieb alſo bei denjenigen, welche er zu retten nicht im Stande geweſen war, und nahm das Geheimniß von der Rettung des Knaben mit ſich hinab in ſein weites Grab. Man hätte glauben ſollen, daß auf einen ſo ver⸗ härteten Schurken wie Holgerſen der Tod dieſes Mannes — des einzigen, deſſen Ausſage er zu fürchten haben konnte— einen beruhigenden Einfluß ausüben müßte. Aber obgleich dieſes aus weltlichen Rückſichten wirklich der Fall war, ſo lag dennoch in Halwar's unvermuthetem Hingange eine Weckung, die ſich durch Nichts abweiſen ließ. Kein Glück, ſo groß es auch ſein mochte, konnte die Wahrheit dieſer ſchrecklichen Worte ſchwächen:„auch an Dich wird die Reihe kommen!“ Und mit denſelben wiederhallte auch in ſeinen Ohren die prophetiſche Rede des alten Geiſtlichen bei der Ueberlieferung der Medaille: „Dereinſt wird der König der Könige Deine Thaten wägen und ſie nach ihrem wahren Verdienſte belohnen!“ Nicht nur zufolge des Wunſches ſeiner Frau, ſondern ſelbſt überzeugt von der Nothwendigkeit einer Namens⸗ veränderung nahm er bei dem Abſchied von Molde den Namen Mörk an, und unter dieſem hatte er nun in Wisby, welcher entlegene Ort als der paſſendſte erſchienen war, viele Jahre lang einen einträglichen Handel ge⸗ trieben. Daß hiebei, beſonders in den erſten Jahren, eine Maſſe von Schmuggeleien— in Vergleich mit ſeinen ehemaligen Lorrendreiereien ſo unerhört unſchuldig— mit ausgeführt worden ſind, bedarf wohl kaum einer Erwähnung; denn in demſelben Maße, als Herr Hol⸗ gerſen, nunmehr Herr Mörk, ein ehrlicher Mann wurde, wurde er auch ein geiziger Mann, Es floß 87 ja auf dieſe Art doch nur ſo wenig ein, daß er auf der Hut ſein mußte, damit er nicht zuletzt„an den Stock und den Bettelſack“ käme, eine Phantaſie, welche ihm bis⸗ weilen vorſchwebte, wenn er keine andern hatte. Aber eben dieſe andern Phantaſien wurden von Jahr zu Jahr peinigender und verzehrender und gingen zuletzt in eine Milzſucht über, welche bisweilen einen rfahrlichen Charakter annahm, und dann durfte ſich Wiemand ihm nahen, außer ſeiner Frau und bisweilen hekla. In ſolcher Gemüthsſtimmung pflegte er ſich dann mehrere Stunden hinter einander in den tiefen Keller⸗ gewölben einzuſchließen, damit Niemand ſeine ſchweren Schritte und tiefen Seufzer hören möchte, wenn er, ver⸗ folgt von den bleichen Geſpenſtern ſeiner Opfer, ſeinen einzigen Troſt in dem Gedanken ſuchte, daß dieſe Mar⸗ tern einen Theil ſeiner großen Schuld abbezahlten. Erblickte er aber unter dem Einfluſſe einer ſolchen Ver⸗ ſtandesverwirrung bisweilen dieſen Will— den Bruder deſſen, welchen er ſo oft wachend und ſchlafend in ſeinen Träumen, von der bleichen Laterne beleuchtet, in den Wanten der belle Coqueite klettern ſah— ſo konnte er in wirkliche Wuth gerathen, beſonders wenn er ſich dabei auch vorſtellte, daß der andere Albin Jentzel ſich einfin⸗ den und ihn für den lebenden und getödteten zur Rechen⸗ ſchaft fordern würde. Wäre es nur möglich geweſen, ſo würde er den armen Will in eine Nußſchale geſperrt haben, und hätte er nicht als der Vormund des Jünglings ſo großen Vortheil gehabt, ſo würde er Tag und Nacht ſeinen Tod gewünſcht haben. Aber Amelie, klug und aufmerkſam, eilte immer, ſo bald ſie bemerkte, daß die Gemüthsunruhe ihres Mannes im Anzuge begriffen war, den Will zu entfernen, welcher bei dergleichen Gelegen⸗ heiten ſich gewöhnlich auf dem Landgut der Familie, dem ſchönen Elfhagen, aufhielt. Wenn Holgerſen nicht an der eben beſchriebenen Krankheit litt, ſo verſtand er ſehr gut ſeine Würde als ein ehrſamer Bürger und Familienvater zu tragen. Aber trotz des Rufes, er wäre ein vortrefflicher Mitbürger und ein aufopfernder Menſchenfreund, der ihn aus Molde hieher begleitet hatte, trotz der Medaille„für lobenswerthe Handlungen“, ja trotz der nicht unbedeutenden Beiträge, welche er bisweilen, auf Bitten ſeiner Gattin, an die verſchiedenen Anſtalten der Stadt Wisby ſchenkte, war es ihm dennoch nicht gelungen, an dieſem Orte Vertrauen und noch weniger wirkliche Hochachtung einzuflößen, Gefühle, welche man um ſo mehr ſeiner Gattin widmete, die von den Armen angebetet und von Allen geſchätzt wurde. Man wußte eigentlich nichts Böſes von ihm. Er war bekannt als ein tüchtiger Geſchäftsmann, und den⸗ noch war es gleichſam ein Glaubensartikel, daß es nicht richtig mit ihm wäre; gleichwohl hinderte dieß keinen Menſchen, ſeine Gaſtmähler zu beſuchen, die durch eine einnehmende Wirthin und drei blühende Töchter noch mehr an Glanz gewannen. Der geſtrige Tag war einer der ärgſten Tage des Holgerſen oder jetzigen Großhändlers Mörk geweſen, und weder ſeine Frau, noch auch ſeine Töchter hatten gehofft, ihn heute Morgen beim Frühſtück zu ſehen. Ob aber der Anfall ſich dießmal ſchneller gelegt oder gehäufte Geſchäfte ihn zur Selbſtbeherrſchung ge⸗ zwungen hatten— genug, er ſaß dort am oberſten Ende des Tiſches ernſt und gedankenvoll, aber doch mit einem Anſtande, den man hausväterlich nennen konnte. In dem Augenblicke, da wir die Familie wieder⸗ finden, ſehen wir, wie Frau Mörk, das noch immer ſchöne Weib, welches in einem Alter von achtunddreißig Jahren eher ausſieht, wie die älteſte Schweſter ihrer Töchter, als wie ihre Mutter, den Deckel von einer Schüſſel voll echter gottländiſchee Fleiſchklöße hob und dieſelben ihrem Manne hinreichte. Doch erſt nachdem ſie ſeinen Arm leiſe berührt hatte, nahm er davon mit einem:„Entſchuldige, meine Liebe!“ ürger Nolde herthe räge, n die war auen bßen, mete, hätzt Er den⸗ nicht inen eine noch des und oofft, elegt ge⸗ Ende nem der⸗ mer ißig hrer iner und dem mit 89 Thekla las in einer Zeitung, Hildur ſchnitt ihre Brodſcheibe in kleine Würfel, während Roſa, die keinen Grund hatte, zerſtreut zu ſein, ihr Händchen nach der Senfkanne ausfreckte um dem Vater damit aufzuwar⸗ ten. Der Buchhalter war beſchäftigt, den großen Käſe, neben welchem er immer ſeinen Platz ſuchte, fleißig und gründlich zu unterminiren. „Wollte Karl morgen reiſen?“ fragte Mörk, indem er Thekla anſah, welche hinter dem Schutze der Zeitung eine Weile auf den Vater Achtung gegeben hatte. „Nein, übermorgen— vielleicht verzieht er auch noch, bis das Poſtſchiff das nächſte Mal wieder geht.“ „So— und die Befehlshaberſtelle auf dem Kutter iſt ihm ganz gewiß?“ „Vollkommen gewiß!“ „Wo aber iſt Dein Liebling, Hildur?“ fragte Frau Amelie, die erſt jetzt den jungen Lieutenant zu vermiſſen ſchien, der gewöhnlich um dieſe Tageszeit ſeine Viſiten zu beginnen pflegte. „Wie ſoll ich das wiſſen können, liebe Mutter?“ „O, eine Braut muß ja mancherlei wiſſen!“ „Ja, wenn ſie will!“ „Und Du?“ ſiel die Mutter ein mit einem tiefen Blick in das Auge der Tochter. „O, ich kümmere mich wenig um den Lieutenant Victor!“ Es lag etwas Kurzes, faſt ſchlecht Klingendes in Hildur's Stimme. Amelie, welche den abwechſelnden Tonfall in Hil⸗ dur's Laune und die eben ſo wechſelnden Grade in ihrem Liebesverhältniſſe nur allzuwohl kannte, hielt es für das Beſte, in dieſem Augenblicke gar nichts zu verſtehen. Mehr denn einmal hatte dieſe zärtliche, aber keineswegs blinde Mutter Hildur gewarnt vor der unbedachtſamen Hingebung an den Einfluß des Augenblickes; doch der Eigenſinn und das heftig ſiedende Blut des jungen Mädchens wollte keine Bande ertragen, nicht einmal ſolche, welche die ruhige Vernunft einer geliebten Mutter ihr auferlegte. „Wie iſt es denn mit Dir, mein Kind?“ wendete der Großhändler ſich mit einer Art von väterlichem Scherz an Roſa, ſeinen eigentlichen Liebling.„Haſt Du keinen, nach welchem Du Dich ſehnſt?“ „Noch nicht, Väterchen!“ „Sie iſt ſo gelehrt in dem Seeweſen, die junge Mamſell Roſa, daß ſte ganz gewiß auf einen Schuten⸗ ſchiffer wartet!“ ſiel Hildur mit erzwungenem Lachen ein. „O, glaubt Jemand das?“ entgegnete Roſa und nickte ärgerlich—„einen alten rothbraunen Kauffahrtei⸗ bären mit theeriger Friesjacke, den Pfeifenſtummel im Munde und ein halbes Schock Schiffergeſchichten auf den Lippen!“ „Ja, gerade einen ſolchen!“ „Nein, da muß ich ergebenſt danken: ich will einen jungen, feinen und hübſchen Seemann haben— und iſt er nicht Premierlieutenant, ſo mag er... laß mich denken... ſo mag er Capitain⸗Lieutenant ſein— das iſt ja ein höherer Grad, Vater?“ „Ja, Du verſtehſt Dich ganz gut darauf! Doch pflegt es gewöhnlich ſo zu gehen, daß die Jugend ſchon roßentheils verſchwunden iſt, ehe die Cnpitain⸗Lleutenant⸗ Vollmacht die Taſche erreicht.“ „Ach, ſo verdrießlich!“ „Aber, mein Kind, warum nimmſt Du denn an, desale Kauffahrtei⸗Capitaine ſo ſind, wie Du ſie malſt?“ „Herr Gott, Vater, es iſt doch wohl nicht mein Fehler, daß keine andern hieher kommen? Alle dieſe alten Ehrenexemplare, welche zu Dir kommen und mich „die kleine Mamſell“ nennen, ſind ja nur gemacht, um mit ihnen zu lachen und zu ſcherzen, denn gut und artig ſind ſie, und ich mache ihnen ſehr gerne den Toddy zurecht— mich aber in einen von ihnen zu verlieben... hu, mich friert ſchon, daß ich zittere!“ „Aber Dich friert ja doch nicht im Mindeſten,“ ſagte Thekla lächelnd,„wenn Du an den Winterabenden mitten unter ihnen ſitzeſt und unbeſchwert von dem ſuch Ber ganz über nahr Buch 91 Tabaksrauche ihre abenteuerlichen Erzählungen anhörſt: da ziehſt Du ſogar Deinen Stuhl ſo nahe wie möglich an Deine Alten, und das zeigt ja deutlich eine kleine Küſterliebe.“ Schnelle Schritte eines Kommenden unterbrachen das Geſpräch. Es war der Lieutenant Victor, und mit einer all⸗ gemeinen Verbeugung— worin ſogar die Braut auch mit begriffen war— begrüßte der junge Mann ſeine künftige Familie. Roth und erzürnt, daß Victor ihr nicht einmal die Hand reichte, ſtand Hildur auf und verließ das Zimmer unter dem Vorwande, daß ſie Zahnweh hätte, ohne den betrübten und geſpannten Ausdruck auf dem Geſichte des Bräutigams bemerkt zu haben. „Willſt Du nicht mit uns Frühſtück eſſen, lieber Victor?“ fragte die Hausmutter. „Nein, ich danke!“ „Nun, da trinkſt Du doch wohl ein Glas Wein?“ „Das mag ſein.... Uebrigens kam ich nur, um zu ſagen, daß ich heute nach den Karlsinſeln fahre.“ „Was willſt Du dort?“ „Mich beluſtigen.“ „Ach ſo!“ „Ich und ein paar Andere denken dort zu jagen.“ „Schön— was denn für Jagd?“ „.. Und zu botaniſiren.“ „Aha!“ „Ferner wollten wir Sonnerſtedt's neues Boot ver⸗ ſuchen— und ferner....“ Jetzt aber hatte der arme Victor nichts mehr in Bereitſchaft, ſondern er warf ſich, ſeiner ſelbſt und der ganzen Welt überdrüſſig, auf den Sopha und klagte uͤber Kopfſchmerzen. 5 Die Familie wechſelte wundernde Blicke. Ehe aber noch Jemand ein Wort geſagt hatte, ver⸗ nahm man abermals Schritte, und einer von den jüngeren Buchhaltern, als der am Tiſche ſitzende, trat ein mit der Nachricht, daß der Capitain Stangerling, der Schiffer auf dem eben eingelaufenen Schooner„der alte Junge“, anhielte, mit dem Herrn Großhändler reden zu dürfen. „Er ſcheint ſich zu wundern,“ fügte der Buchhalter hinzu, „daß der Brief des Herrn Appleton über ſeine Abſeg⸗ lung von Liverpool nicht vor ihm eingetroffen iſt.“ „Appleton?. Aha, da haben wir alſo Geſchäfte!... Hat eine ſchnelle Reiſe gemacht— aber mit dieſem Poſt⸗ ſchiffe geht es auch ganz elend langſam.... Ich komme im Augenblick!“ „Herr Levander!“ rief Roſa mit freundlichem Kopf⸗ nicken,„verziehen Sie eine halbe Stunde! Iſt der Alte rothbraun und gelbhaarig? Sieht er aus wie ein ehr⸗ licher ſchwediſcher Blaſebalg von der ächten Art? Hat er Ihnen ſchon einige Geſchichten erzählt?“ „Still, Du dummes Ding!“ ſiel der Vater ein, indem er ſich erhob. „O, lieber Vater, Du darfſt Herrn Levander nicht abhalten, ſeinen Rapport abzuſtatten!... Laß ſehen: mit wem hat der Beherrſcher des alten Jungen Aehn⸗ lichkeit— zum Beiſpiel mit dem Capitain Broſcher?“ „Nein, behüte, Mademoiſelle Roſa! Ich kann Ihnen erzählen, daß er keine Brüderſchaft mit Capitain Broſcher getrunken hat.“ „Um ſo ſchlimmer für ihn! Da können Sie ihm gerne ſagen, Herr Levander, daß ich es unter meiner Würde erachte, ihn entgegen zu nehmen— denn ein Schiffer ohne Geſchichten iſt wie ein Segel, das man nicht reffen kann: es taugt zu gar nichts!“ „Solche kleine Plaudertaſche!“ Der Kaufmann er⸗ theilte ſeiner Tochter einen leichten Schlag auf die Schul⸗ ter: darauf wendete er ſich an ſeine Frau und ſagte im Vorbeigehen:„Ich kann ja den Capitain bitten, Mittag bei uns zu eſſen, wenn es ſich ſo paßt?“ „Gerne, mein Lieber!“ entgegnete ſie freundlich. Kaum war der Frühſtücktiſch abgedeckt, ſo wurde die Geſellſchaft mit Karl Salzwedel vermehrt, welcher, ohne ſeine Gefühle und Eindruͤcke den Augen Aller Preis plötzl hinw 4 mann kann ltain ihm einer ein man rer⸗ hul⸗ im ttag cher, reis 93 zu geben, wie Victor that, dennoch ſich ſo ernſt zeigte, daß man ſchließen konnte, er ginge um mit Gedanken, die ſeiner Gemuͤthsſtimmung entſprechend waren. Als die jungen Leute bald darauf in den großen Saal zurückkehrten, trafen ſie dort Hildur an, die ſchon müde geworden war, allein zu ſein. Jedes der Mädchen nahm an ihrem Fenſter Platz, mit ihrem Nähtiſche vor ſich.. An den Tagen des Friedens arbeiteten alle Drei an einem Tiſche; doch an ſolchen Tagen, da Liebeswolken den Himmel der Einen oder der Andern verdunkelten, trennte man ſich wohlweislich.. Es herrſchte eine peinigende Verſtimmtheit in der kleinen Geſellſchaft. Thekla zählte an ihrer Stickerei ruhig und ordentlich, während Hildur die Nadel ver⸗ zweifelt fleißig durch dieſelbe und neben derſelben fliegen ließ. Die jungen Männer gingen mit knarrenden Schritten und knarrender Laune in dem großen Saale auf und ab. Der Himmel war draußen ſchon lange bewölkt ge⸗ weſen— es war grau draußen und darinnen. „Ach mein Gott, ich glaube wahrhaftig, das Eich⸗ hörnchen kratzt die Thür des Vogelbauers auf!“ rief plötzlich Roſa, entzückt über einen Vorwand, daß ſie hinwegeilen konnte, denn ohne Widerrede war es weit angenehmer, mit dem Eichhörnchen Verſteck zu ſpielen, als ſtill zu ſitzen wie eine Nonne und nur ſeufzen und räuſpern zu hören. Zehntes Capitel. Auf dem Comptoir. „Der Herr Großhändler Mörk, vermuthe ich?“ „Der Herr Capitain Stangerling, hoffe ich?“ Albin trat dem in ſein Comptoir eintretenden Kauf⸗ manne ein paar Schritte entgegen; doch gleichſam zu⸗ rückgeſchleudert von einer innern Macht ſtand er plötzlich ſtill, indem ſeine Augen gleichſam feſtwuchſen an den Geſichtszügen und der ganzen Perſon des ihm fremden Mannes. Seinerſeits empfand der Kaufmann ebenfalls eine Gemüthsbewegung, denn ſein Blick ruhte mit einer faſt wen ſo großen unbewußten Aufmerkſamkeit auf dem aſte. Zu gleicher Zeit aber ſchienen Beide das Unſchick⸗ liche in ihrem gegenſeitigen Benehmen und das durch⸗ aus Unmögliche in den Irrbildern der umherflatternden Ideen einzuſehen— keiner von Beiden hatte ja jemals den Andern weder geſehen, noch war er mit ihm in die geringſte Berührung gekommen. „Wir Inſulaner ſind mit dem Poſtenweſen ſehr übel bedacht,“ begann der Großhändler,„ſo daß unſere Briefe ſehr ſpät an uns gelangen. Indeſſen, da Sie nun hier ſind, Herr Capitain....“ Mörk verbeugte ſich und ließ noch ein paar Worte darüber fallen, daß das Poſt⸗ fahrzeug Schaden gelitten hätte, aber zum Nachmittage erwartet würde. „Ich hoffe, Herr Großhändler,“ ſagte Capitain Stangerling, der ſeiner ungewöhnlichen Bewegung jetzt vollkommen Herr geworden war,„daß Sie ſchon vor⸗ läufig durch Ihre Jepeen Schwiegerſöhne gewiſſe Nach⸗ richten erhalten haben?“ „Meine künftigen Schwiegerſöhne,“ meinte Mörk, nicht wenig verwundert über dieſe Einleitung,„ſind keine Geſchäftsmänner... Doch, Herr Capitain, be⸗ lieben Sie nicht die Güte zu haben, Platz zu nehmen?“ „Sehr verbunden!... Die Herren haben alſo von unſerem Zuſammentreffen in dieſer Nacht nichts geſagt?“ „Ich habe nur erſt den Einen der jungen Leute geſehen, und ich bin genöthigt, zu geſtehen, daß er mit keinem Worte auf dieſes Vergnügen hingedeutet hat.“ „O, was das Vergnügen betrifft, ſo iſt ſeine Ver⸗ geßlichkeit ſehr verzeihlich. Sonſt trafen wir uns an einem Orte, der Lilja's Höhle heißt.“ ötzlich n den emden s eine er faſt dem ſchick⸗ durch⸗ ernden emals in die g jetzt ns an „O, nimmermehr!“ „Ganz gewiß!“ „In der letzten Nacht?“ „Wie ich ſage!“ „Was aber konnten ſie zu einer ſolchen Zeit dort zu thun haben?“. „Das zu erklären kommt mir nicht zu— was ich aber dort zu thun hatte, das iſt mit wenigen Worten geſagt: ich...“ „O, mein beſter Herr Capitain“— Mörk's Züge erhielten ein lebhafteres Ausſehen—„erlauben Sie mir die Verſicherung: wäre der Brief des Herrn Appleton an mich gelangt, ſo wäre ich gleich heute Morgen bei Ihnen an Bord geweſen! Ich kann mir denken, daß Sie die Güte gehabt haben, einige Kleinigkeiten mitzu⸗ bringene Lrittar a „Schmuggelgüter, ja!“ „Wohlbehalen 2“ „Ich hoffe, Sie werden dieſelben ſo finden, obgleich ein wenig Regen auf die Ballen kam.“ „Sie können überzeugt ſein von meiner Dankbar⸗ keit und von meiner Bereitwilligkeit zu Gegendienſten. Heute Nachmittag wird wohl der Brief des Herrn Appleton konmen;3 Was haben Sie geladen?“ „Salz!“ „Gut— morgen Vormittag machen wir den Handel ab: ich glaube, einer von meinen Freunden wird geneigt ſein, mit mir in Compagnie die Ladung einzukaufen.“ „Je eher ich dieſe Sache abgemacht ſehen und mit dem Löſchen beginnen kann, um ſo beſſer wäre es— ein Seemann hat immer Eile.“ „Das iſt ganz recht— auch ich gehöre nicht zu den Leuten, welche Zeit verlieren wollen.“ „Und im Falle Sie ſich zu dem allergeringſten Gegendienſt verpflichtet glauben— und ich muß ge⸗ ſtehen, daß bei meiner eigenen großen Abgeneigtheit zu dergleichen Geſchäften dieſes das erſte und auch das letzte iſt— ſo wollte ich mir eine wohlwollende Handreichung hinſichtlich einer Ladung von hier aus, am liebſten nach Gefle, ausbitten.“ „Das trifft ſich verdammt ſchöͤn: ich habe eben eine Ladum Getreide in Ordnung.“ „Vortrefflich!“ „Erlauben Sie mir aber die Anmerkung, daß es für einen Seefahrer ein Verluſt von wenigſtens fünfzig Procent iſt, wenn er ſo übertrieben ſtrenge Grund⸗ ſätze hat!“ Albin lächelte.„Ich glaube im Gegentheil, daß ich mich ſehr gut dabei befinden werde.“ „Hm, Herr Capitain! Schlechte Conjuncturen, ſehr ſchlechte Conjuncturen!“ „Ausgezeichnet ſind ſie nicht; doch mit Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Zeit und mit Fleiß glaube ich, daß ſie auch jetzt nicht hinderlicher ſind als früher zur Erwer⸗ bung der Unabhängigkeit und eines wenigſtens mäßigen Vermögens.“. „„Aber ein junger und hurtiger Capitain, der ſich bei Zeiten Mühe gibt, muß ſo gute Geſchäfte machen können, daß ſein Vermögen bald über die Mittelmäßig⸗ keit ſteigt.“ „Wenn er ſich nun aber beſſer bei dieſer Mittel⸗ mäßigkeit befinden ſollte?“ entgegnete Albin erröthend. „„ So thut er wie ihm beliebt... Doch, Herr Ca⸗ pitain, wie konnten Sie Lilja's Höhle finden?“ „Ich fragte einen meiner Leute, einen gebornen Gottländer, um Rath, und er... doch er ſteht eben draußen mit einem Mantel, den Sie in Liverpool be⸗ ſtellt haben werden.“ „Wie? iſt der Mantel auf offener Straße am hellen Tage hergebracht worden? Mein beſter Herr Capitain, wenn nur keiner von den Zollbeamten ihn geſehen hat!“ „Der Zollfiscal ſelbſt hat die Artigkeit gehabt, ihn an's Land zu tragen.“ „Was ſagen Sie?“ Mörk erblaßte— er hatte noch nie für Schleichhandel Strafe bezahlt. „Ich hatte vergeſſen, den Maniel mit in die Ballen 97 zu legen, welche in der Räuberburg verſteckt ſind: darum und weil ich ſelbſt unruhig war, daß ich bei der Viſi⸗ tation in die Klemme kommen könnte....“ „Mein Herr, mein Herr!“ Mörk's Bläſſe ging in die ſtärkſte Carmoiſinfarbe über. „..Darum benutzte ich die Gelegenheit.“ „Welche Gelegenheit?“ „Der Herr Zollfiscal kam an Bord in einem kleinen leichten Sommerrock.“ „Weiter— weiter!“ „Da wir aber ſo ganz à propos einen Regenſchauer erhielten, ſo meinte ich, es ſei meine Pflicht, ihm einen Mantel anzubieten.“ „Iſt nicht möglich!“ „Warum denn nicht— es war ja nicht mehr, als was die Artigkeit, um nicht zu ſagen die Menſchlichkeit, forderte; und da ich keinen eigenen Mantel bei der Hand hatte, ſo lieh ich den Ihrigen, deſſen er ſich denn auch mit vieler Dankbarkeit bediente.“ „Er— der Zollfiscal ſelbſt hat meinen Mantel an's Land getragen?... ha ha ha!... Verteufelt luſtig, ganz unübertrefflich!... Wenn nur hernach Alles richtig ging!“ „Mein Conſtabel, eben jener Mann, von dem ich vorhin ſagte, erhielt den Befehl, mitzugehen und den Mantel zuruͤckzubringen— und wie geſagt, er ſteht jetzt draußen.“ „Nun, der Ehrenmann ſoll mir dieſen Weg nicht umſonſt gemacht haben!... Aber die ganze Geſchichte i*ſt ſo kühn, ſo vortrefflich und klug ausgedacht, daß ich üct begreifen kann, wie ein Anderer als ein wirklicher Schmuggler ſie erfinden konnte!“ „cdachlſamkeit iſt bei allen Unternehmungen noth⸗ wendig— doch muß ich mir Ihre ſtrengſte Verſchwie⸗ genheit ausbitten; denn, aufrichtig geſprochen, fühle ich mich von meiner Rolle in dieſer Sache keineswegs ge⸗ ſchmeichelt, und will auch um Alles in der Welt nicht, daß der ehrenwerthe Beamte zum Gelächter eriden ſoll.“ Der Jungferthurm. II. „O, fürchten Sie nicht, daß ichgaut lachen werde — was aber Ihre Beſatzung thut, die unſern guten Zollfiscal ſteht!... O, das war in der That der beſte Poſſen, den ich ſeit lange gehört habe!“ „Meine Jungen lachen nie laut über eine Sache, welche ihr Capitain ernſt behandelt: ſie wiſſen, daß wir nter ſolchen Umſtänden nicht lange mit einander ſegeln werden.“ „Solche Disciplin gefällt mir... Jetzt aber er⸗ lauben Sie mir, Herr Capitain, daß ich mir auf einen Teller Suppe Ihre Gegenwart heute Mittag ausbitten darf, um Ihnen meine Familie vorzuſtellen!“ „Danke ergebenſt— wird mir ein Vergnügen ſein Der Capitain Stangerling griff nach ſeinem Hute, Bas wurde ein⸗ und der Capitain hinausgelaſſen, nach⸗ dem der Großhändler noch einmal ſeine Dankſagung abgeſtattet und die Zeit des Mittageſſens angegeben hatte. fu¹ . Eine Viertelſtunde ſpäter, als Bas auf eine für ihn höchſt befriedigende Weiſe abgefertigt war, ſtieg der Großhändler Mörk wieder die Treppe hinauf und trat in das eigene Zimmer ſeiner Gattin— Amelie hatte noch immer ein eigenes Heiligthum. Wenn die Beſuche des Mannes jetzt nicht mehr mit jener früheren Umſtändlichkeit geſchahen, ſo ſah er ſich doch immer mit einem Gefühle ungemiſchter Freude allein mit der Einzigen, die ihn geliebt, der Einzigen, die er von ganzer Seele geliebt hatte, denn die Liebe zu den Töchtern war vergleichsweiſe ein untergeordnetes Gefühl. Er war ſtolz auf ſie, eigentlich aber hatte nur Roſa ſich nahe an ſein Herz geſchmiegt. Gegen Thekla hegte er eine gewiſſe, ihm beſchwerlich fallende Achtung, wogegen Hildurn Naſeweisheit und Eigenſinn ſeine Geduld oft auf die Probe ſetzte und ihn dieſe wil⸗ den Bewegungen erfahren ließ, denen gewaltſame Ge⸗ müther unterworfen ſind, wenn ſie nicht ausbrechen dürfen. Roſa's ſpielende Kindlichkeit konnte er ſehr gut werde guten beſte Sache, aß wir ſegeln er er⸗ einen Bbitten ſein!“ Hute, nach⸗ agung hatte. ne für eg der d trat hatte hr mit er ſich Freude zigen, Liebe dnetes hatte Gegen allende enſinn ſe wil⸗ ne Ge⸗ brechen hr gut 99 leiden, doch Ke! war für ihn das, was ſeine Gattin war, denn— ſie war unerſetzlich. Amelie ſaß am Schreibtiſch und war beſchäftigt, ihre Haushaltungsrechnungen für den verfloſſenen Monat durchzuſehen. „Hier, meine Liebe“— der Großhändler legte den Mantel auf den Stuhl—„hier iſt etwas für die Mäd⸗ chen zu thun!“ „Lieber Arne, haſt Du nun wieder...“ „O, das iſt eine prächtige Geſchichte!“ Und der Großhändler nahm keinen Anſtand, ſeiner Frau ſogleich Alles zu erzählen. „Das Benehmen des jungen Capitains gefällt mir ſehr; da ich mich aber keineswegs auf Hildur's und Roſa's Klugheit verlaſſe, ſo dürfen ſie von dieſer Sache nichts erfahren— es iſt genug, daß ſie ihre Shawls erhalten... Ach, Arne, wie froh würde ich ſein, wenn dieſes das letzte wäre, das ſie auf dieſe Weiſe be⸗ kommen— Du könnteſt wohl im Stande ſein, Deinen Töchtern verzollte Shawls zu ſchenken!“ „Im Stande, im Stande?... O, Ihr Frauen verſteht Euch wenig darauf, was dazu gehört, eine koſt⸗ ſpielige Haushaltung zu führen— Ihr wollt nur, daß Alles vollauf ſein ſoll!“ Amelie lächelte betrübt.„Du weißt recht gut, wie wenig dieſer Vorwurf mich treffen kann: Du weißt, ich würde mit dem Geringſten zufrieden ſein, wenn nur....“ „Ja, ich weiß, was Du ſagen willſt, Amelie— doch ſo kindiſch kannſt Du wohl nicht ſein, daß Du Schmuggelei für mehr anſiehſt als eine Kleinigkeit?“ „Kleinigkeit? Wenn es nun aber herauskommt und Du in die Hände des Geſetzes geräthſt?“ „O, man weiß ſich zu benehmen— gebe Gott, daß ich mich über weiter nichts zu beunruhigen brauchte! Ein Kaufmann kann gar nicht beſtehen, ohne die Zoll⸗ kammer zu betrügen— iſt es meine Schuld, daß wir mit einem ſo verteufelt hohen Zoll belegt ſind und die Waaren zum zweiten Male bezahlen müſſen? „Ein Kaufmann in Deinen Umſtänden kann damit auskommen.“ „Geliebte Amelie! ich fürchte— und gebe Gott, daß dieſe Furcht nicht wahr werde!— Du irrſt Dich in Betreff meiner Umſtände: vielleicht ſitzen wir zuletzt, und das bald genug, auf der bloßen Erde— ich weiß, wie das gehen kann!“ „Ich dachte, Dein Gemüth wäre leichter geworden — falle nun nur nicht wieder in Deine alten Jeremia⸗ den, mein guter Arne!“ „Nein, leichter iſt es nicht— eher das Gegentheil: Dir, der ich Alles vertrauen kann, will ich ſagen, daß ich in meinem Innern etwas Unerklärliches empfinde— ſich muß zum Mittage einige Gläſer trinken!“ „Wie iſt es denn eigentlich?“ fragte die Frau mit zärtlicher und forſchender Aufmerkſamkeit. Die beiden Gatten ſetzten ſich auf den Sopha. Arne nahm Amelie's Hand und preßte ſie hart an ſeine Lippen. Sein Antlitz hatte einen andern Ausdruck erhalten: ein geheimes Beben ſprach aus demſelben. „In Gottes Namen! was iſt Dir, mein Lieber!“ „Hätte ich Dich nicf, ſo hätte man längſt erzählt, daß der Großhändler Mörk ſich Ehu oder erſäuft hätte!“ „O, wie Du redeſt!“ „Haſt, Du den Will nach lfhagen geſchickt?“ „Ja! „Wann kommt er wieder?“ „Das war nicht beſtimmt.“ „Und darf auch für's Erſte noch nicht beſtimmt werden!“ „Wie ihm wohl die Zeit lang wird— der arme Junge!“ „Kleinigkeit! dort ſind auch Leute, und dann hat er ja 5 Hund, der ihm mehr iſt als Menſchen. 4 „3ch ſagte Dir, daß in mir etwas Sonderbares vorgeht— wohlan, Amelie: es iſt mein Wunſch, dem damit Gott, Dich uletzt, weiß, orden emia⸗ theil: daß de— u mit Arne ppen. : ein er! zählt, rſäuft 101 Du die nöthige Farbe geben magſt, daß Niemand von dem Taubſtummen redet, ja nicht einmal ſeinen Namen ausſpricht. Ich kann mich nicht näher erklären, denn ich verſtehe ſelbſt nicht, woher ich den Inſtinkt erhalten habe, der mir ſagt, daß es ſo ſein muß.“ „Ich fürchte, Dich verfolgt irgend ein leerer Schatten. Wie oft haſt Du nicht ſchon bei der Ankunft eines Fremd⸗ lings den armen Will aus dem Wege geſchafft?““ „Ja, aber man hat nicht immer mit Schatten zu thun— die Natur ſpielt bisweilen wunderlich: dieſer junge Capitain...“ „Wie— er?“ „... Er iſt dem Will zum Erſtaunen ähnlich. Es war mir, als ob mein Blut in den Adern erſtarrte, da ich ihn erblickte— und er... ja, ich täuſche mich nicht... warum blieb er eben ſo unbeweglich ſtehen? Dennoch weiß ich gar nichts von dem Manne!“ „Arne!“ ſagte Amelie ſo leiſe, daß die Worte des Gatten Ohr kaum hörbar erreichten,„es muß ſich etwas, das ich nicht weiß, in jener Nacht auf.. auf.. La belle Coquette ereignet haben!“ „Still! Willſt Du mich wahnſinnig machen?“ „Und der Bruder... Will's älterer Bruder?“ Ein Zittern erſchütterte die Glieder des Mannes. „Ich habe Dir ja geſagt, daß er.... Amelie! Du darfſt Deine Macht uͤber mich zu keinem ſolchen Zwecke anwenden! Mein Kopf iſt ſchwach geworden, ſeitdem mein Gemüth in Unordnung gekommen iſt— laß uns kein Wort weiter über den Gegenſtand verlieren! Ich ſchwöre, daß ich mit dieſem Manne gar nichts zu ſchaffen habe; aber ich werde mich beſſer befinden, wenn ich ihn erſt abreiſen ſehe.“ „Und bis dahin?“ „ Wird er natürlich ebenſo wie andere Capitaine in unſerm Hauſe umgehen!“ erwiederte Mörk mit wieder⸗ erlangter Faſſung....„Und nun lebe wohl, meine theure Amelie! Du darfſt nicht unruhig ſein— Du 1 kennſt meine Laune: ſie iſt ſchwer und manchen wahn⸗ ſinnigen Täuſchungen ausgeſetzt.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er hinaus; Amelie aber ſenkte den Kopf auf die Hand und konnte nicht verhindern, daß zwei große Thränen ſich einen Weg bahnten. Wie ſehr litt nicht dieſe Frau, deren Aeußeres ſo ruhig und zufrieden erſchien; wie beweinte ſie nicht den Tag, der ſie in dieſe unſeligen Verhältniſſe geworfen hatte; wie büßte ſie nicht in ihren Gebeten die Sünde ab, daß ſie einen Verbrecher mit einer ſolchen Liebe geliebt hatte, und wie warm betete ſie nicht zu Gott, daß er es ihr dereinſt vergönnen möchte, dieſen Ver⸗ brecher auf den Weg des Glaubens und der Hoffnung zu führen! Ach, ſchon längſt war die Arbeit begonnen, doch ſo verzehrend auch die Reue in dieſer Seele war, ſo war ſie dennoch mit alr vielen weltlichen Begierden, allzu vielem Selbſtbetrug behaftet, um das Licht finden zu können. Auch die Bruſt der Gattin ergriff eine namenloſe Unruhe; aber dieſe verbarg ſich in der Einſamkeit der Nacht, denn ſie wollte nicht gefragt ſein, wollte nicht die Ruhe ihrer Töchter ſtören. Ach, ſie hatte keine Ahnung davon, wie nahe der Augenblick ſei, daß dieſe Ruhe geſtört werde; noch wußte ſie ja nichts von Hildur's ſtrafbarem Leichtſinn und auf welchen Punkt derſelbe die vier Verlobten ge⸗ führt hatte! Elftes Capitel. Gezänk zwiſchen zwei Liebenden. Roſa war hinweggeeilt, um nachzuſehen, ob das Eichhörnchen einen Angriff auf die Reſidenz der Vögel gemacht hätte, und Roſa blieb wo ſie war. inder den blick ihren redu erack ein Hut, nung ſagt falle ſelte zu ſ den ſie tiefe das ögel 103 „Verſäumſt Du nicht Deine Reiſe?“ fragte Hildur, indem ſie ihrem Geliebten einen ſcharfen Blick zuſchickte. „Welche Reiſe?“ Der arme Victor hatte ſeine vorgebliche Reiſe nach den Karlsinſeln längſt vergeſſen. In dieſem Augen⸗ blicke näherte Karl ſich ſeiner Braut und ſtellte ſich vor ihren Tiſch. Thekla ſagte kein Wort. „Weißt Du, daß ich übermorgen reiſe?“ „Frwarteſt Du das Poſtſchiff nicht noch einmal?“ „Nein.“ Neues Schweigen.... „Thekla!“ „Guter Karl!“ „Ich muß mir eine geheime, ganz geheime Unter⸗ redung ausbitten!“. „Ich glaubte, daß Du eine ſolche für nothwendig erachten würdeſt— darum ſchickte ich Dir heute früh ein Billet.“ „Ich habe keines erhalten!“ „Alſo kamſt Du nicht direct von Hauſe?“ „Nicht ſo ganz!“ „Wenn Du nach Hauſe kommſt, ſo findeſt Du es.“ „Und auf welche Stunde darf ich zählen?“ „Das erſiehſt Du aus dem Billette.“ „Da gehe ich augenblicklich!“ Karl ergriff ſeinen Hut, doch mit einem Blick der weder Freude noch Hoff⸗ nung verſprach. Als er ſchon die Hand an das Thürſchloß legte ſagte Thekla, doch nur in dem lauen Tone eines Zu⸗ falles:„Wir ſehen Dich wohl zum Mittage?“ „Ich glaube kaum. Meine Eltern ſehen mich ſo ſelten zu Hauſe— und ſie wiſſen die wenigen Tage zu ſchätzen, welche mir noch übrig bleiben.“ „Das iſt ſehr natürlich!“ antwortete Thekla, ohne den geringſten Aerger über die Betonung des Wortes ſie zu äußern. 1 Karl wendete ſchnell um; doch nachdem er mit tieferem Gefühl, als er ſich merken laſſen wollte, die Hand ſeiner Braut geküßt hatte, verließ er in vollem Ernſte das Zimmer. Gleich darauf ging Thekla zu der Mutter, um mit ihr einige vertrauliche Worte über die ſchwierige Stellung zu reden; als ſie jedoch in dem Antlitze der geliebten Mutter Spuren von Unruhe und Spannung gewahrte, ſo wollte ſie die Anläſſe von Be⸗ kümmerniß, die ſchon vorhanden ſein mußten, nicht noch vermehren, ſondern ſie ſuchte lieber diejenige zu ermuntern und zu zerſtreuen, welche dieſes ſo oft mit ihr verſucht hatte. Während der kurzen Unterredung zwiſchen Karl Salzwedel und ſeiner Braut hatten Hildur und der Lieutenant Victor weder Blicke noch Worte gewechſelt. Doch ſobald ſie allein waren, ſtürzte Hildur, außer Stande, die Heftigkeit ihrer leidenſchaftlichen Eindrücke länger zu zügeln, in Victor's Arme und weinte wie ein Kind, das ausweinen muß, ehe es ſich erholen, reden und hören kann.. So lange der ſtarke Paroxysmus dauerte, ſchloß Victor ſeine Arme um den Leib ſeiner jungen Geliebten, und Bruſt an Bruſt durchkämpften ſie eine Zeit, die Beide mit ihrer Laſt erſticken zu wollen ſchien. Endlich athmete Hildur tor's Arme öffneten ſich langſam— die Verlobten ſtan⸗ den einander gegenüber und wechſelten Blicke voll ſchmerz⸗ hafter Angſt.. 3 ce war diejenige, welche zuerſt das Stillſchweigen rach. „Komm, Victor! ſetze Dich zu mir und laß uns vernünftig reden!“ „Willſt Du vernünftig reden?“ „Du ſollſt hören! Zuerſt weißt Du wohl, Victor, daß ich nicht böſe bin?“ „Ich weiß gar nichts!“ „So darfſt Du nicht antworten: wir wollen uns ange und leichter. Vie⸗ ollem a zu über dem und Be⸗ nicht e zu mit Karl der elt. rußer rücke e ein reden chloß bten, die Vie⸗ ſtan⸗ nerz⸗ eigen uns ictor, uns 10⁵ nicht aufreizen! Sage— Du glaubſt doch wohl nicht, daß ich böſe bin?“ „Das weiß nur Gott allein!“ „Victor, Victor, jetzt biſt Du böſe! und dennoch ſieht Gott, daß wenigſtens jetzt meine Meinung und meine Wünſche die beſten ſind!“ „Jetzt, ja!“ „Du willſt alſo ſagen, Victor....“ „Ja, weil Du es denn verlangſt, ſo will ich ſagen, daß dasjenige, wozu Du mich verleiteteſt, nicht gut unter eine andere Rubrik kommen kann, als unter die der— Bosheit.“ „Und das ſagſt Du mir?“ „Wer ſollte wohl näher ſein, ſo zu ſagen, als ich, der ich in meinem Leichtſinn Dir zu einem verächtlichen Spielballe gedient habe, der ich mich ſo weit habe herab⸗ laſſen können, um zur... zur...“— „Schweig— Du weißt nicht, wie ſehr Du mich verletzeſt!“ „.. Zur Befriedigung Deiner Eigenliebe, Deiner Eitelkeit, Deines Neides eine elende Rolle zu ſpielen!“ „Nimm Dich in Acht, Victor— Du gehſt zu weit!“ Hildur brannte und zitterte; doch Victor ſah gar nichts— er fuhr in dem vorigen Tone fort: „Weißt Du wohl noch, wie ich, der ich jetzt mit Abſcheu und Widerwillen an dieſe Augenblicke denke, zu Deinen Füßen lachend mein Recht ausforderte, nachdem ich zuvor den muntern Rapport über meine Fortſchritte abgeſtattet hatte— und welche Fortſchritte waren es? — Fortſchritte der Verrätherei, die aller Ehre und allem Feingefühle zuwider laufen!“ „O, o!“ Hildur meinte, ſie müßte erſticken. „Weißt Du wohl noch, wie wir, ein Bräutigam und eine Braut, uns mit dem kleinen unſchuldigen Ver⸗ gnügen unterhielten, die geringſten Gunſtbezeigungen Deiner nichts Böſes ahnenden Schweſter bei allen Seuf⸗ zern und geheimen Alluſionen, die Du zählteſt und ich wiedergab, ſtufenweiſe zu berechnen?... Wehe über meine Schwäche— wehe über Deine Coquetterie: dieſe hat uns Alle in's Verderben geſtürzt!“ Victor ſchwieg, als aber ſein Blick von Neuem Hildur's Auge ſuchte, ſo bebte er zurück. Sie, die er ſo oft als einen entzückenden Engel angebetet hatte, war nun in eine halbe Furie verwan⸗ delt. In wilder, uiddeeuhte Raſerei flog ſie auf, ſtampfte mit ihren kleinen Füßen, riß in den langen ſchönen Haaren, und rang dazwiſchen die Hände ſo, daß die feinen Finger tiefe Merkmale erhielten. Reden konnte ſie nicht, doch ſah ſie Victor an mit Blicken abwechſelnden Inhalts: Haß und Leidenſchaft, Abſcheu und Rache blitzten durch einander. Zuletzt ſank ſie auf den Soyha⸗ wo ſie mehrere Minuten unbeweglich lie⸗ en blieb. 9 Etwas beruhigt durch eine Heftigkeit, welche die ſeinige abkühlte, betrachtete Victor mit Gefühlen von Mitleiden, Reue und Unruhe das junge Mädchen, auf deren verblichenem Antlitze die Lebensfarbe allmälig zurückzukehren begann. „Verzeihung!“ war ſein erſtes Wort, als er merkte, daß ſie ihn verſtehen konnte.„Verzeihung, Hildur! Ich weiß, daß ich Dich grauſam beleidigt habe— doch Alles iſt die Frucht von.. Du weißt, was ich meine!“ „Ja, Du haſt mir mehr Aufklärungen gegeben, als ich mir ſelbſt geben konnte... Victor! Du haſſeſt mich?“ ch ein, bei Gott, das kann ich dennoch nicht!“ „Wenigſtens liebſt Du mich nicht mehr?“ „Nicht wie früher!“ „Nicht im Mindeſten?“ Victor ſeufzte.. „Du würdeſt wünſchen— nicht wahr?— daß ich Dir ein Geſchenk machte?“ Victor ſah auf, ohne zu antworten. „Mit Deiner Freiheit?“ 4 „Ich weiß nicht genau, ob das mein Wunſch iſt; 7 7 was ich aber weiß, iſt, daß nach der unſeligen Wendung, ich iſt; ung, 107 die unſer Scherz genommen hat— und wie konnte es auch anders gehen, da wir die Mächte der Finſterniß herausforderten?— wenig Hoffnung uͤbrig bleibt, daß unſer Verein uns das geringſte Glück ſchenken könnte.“ „Und dennoch, Victor“— jetzt brach Hildur wieder in Thränen aus—„kann ich nicht leben ohne Dich!... O, mein theurer, mein einziger, mein geliebter Victor, Du weißt ja, daß ich wahnſinnig werde, wenn Du mich verläſſeſt!“ „Du tröſteſt Dich bald wieder!“ „Niemals— Du kennſt mich nicht! Das Grab oder Dich: für mich gibt es keine andere Wahl!“ „Aber Du mußt die ganze volle Wahrheit wiſſen, Hildur! Ich fühle nicht nur, daß meine früheren Ge⸗ fühle verkohlt ſind— obgleich Gott weiß, daß ich auf die Glut blies, ſo lange ſie noch den kleinſten Funken L— ſondern ich bin Dir auch... untreu— hörſt u, Hildur?— untreu!“ „Nun ja,“ erwiederte Hildur mit einer plötzlichen Tonveränderung und ein neuer Wechſel ging in ihrem Weſen vor,„nicht habe ich ein Recht, mich über dieſes Dein Geſtändniß zu beklagen!“— „Ja, gewiß haſt Du ein Recht dazu, obgleich es ſich unmöglich ändern läßt!“ „Nein, Victor, es iſt wie ich ſage: ich habe nicht das geringſte Recht, Dich zu verdammen— denn....“ Hildur hielt inne, und ließ die ganze Kraft eines ver⸗ ſchämten, wehmuͤthigen und elektriſirenden Blickes auf Victor übergehen. „Was.. was meinſt Du?“ „Bin ich nicht deſſelben Verbrechens ſchuldig? Hat nicht die wechſelnde Kälte und Wärme, womit ich Dir in der letzten Zeit begegnete, Dich überzeugt, daß ich unter dem Einfluſſe eines neuen, fremden Gefühls mich ſelbſt nicht verſtanden, nicht gewußt habe, wie ich han⸗ deln ſollte?“ „Großer Gott! alſo hätteſt Du mich betrogen? Du logſt, wenn Du Deine Lippen an die meinigen drückteſt? Du ſahſt einen Andern vor Dir, wenn Du mich umarmteſt?“ „Ach,“ ſeufzte Hildur,„welche Aehnlichkeit haben unſere Fehler mit einander gehabt!“ AAehnlichkeit?— nein, gewiß nicht! Ich hatte nicht die Abſicht, Dich zu verrathen.“ „Das wollte auch ich nicht! Du ſiehſt, wie ſehr ich mich dagegen geſträubt habe, um nicht von der Bahn der Pflicht hinabzugleiten.“ „Ha— von der Bahn der Pflicht!... Welch ein Mädchen: ſie, die mir ſo oft geſchworen hat, daß ich ihr Gott wäre!“— „Haſt Du mir nicht eben ſo oft geſchworen, daß ich Deine Göttin wäre? Laß uns unſer Debet und Credit abſchließen, ſo wirſt Du finden, daß es genau ſtimmt, und daß wir uns ſo hübſch und ruhig trennen können, wie zwei Reiſende, die ſich zufällig getroffen und einen Augenblick mit einander in einem Wirths⸗ hauſe Sehlanber haben.“ „Schrecklicher Leichtſinn!“ „Was kann ich für meine Natur?“ „Ich ſchaudere zurück vor Dir, Hildur!“ „Ja, das thue ich auch!“ „Eigentlich iſt es eine Sünde, ja eine wirkliche Sünde, ein Weſen wie Dich auf den Weg der Ver⸗ irrungen zu werfen.“ „Werfen— ſagteſt Du werfen?“ „Ja wohl, denn wenn unſer Band gebrochen wird, wenn Dich gar nichts mehr zurückhält.... „Du verſtehſt mich nicht, mein guter Victor!“ ent⸗ Peanete Hildur ſtolz,„nach dieſem Geſtändniß, das ich ir abgelegt habe, beſteht zwiſchen uns gar kein Band mehr. Das Band der Verſtellung oder.. der Pflicht, wenn Dir das Wort beſſer gefällt, hielt uns in der letzten Zeit nur noch ſehr loſe zuſammen; ſeitdem aber die Pflicht aufgehört hat, den Schleier der Delicateſſe zu breiten über dasjenige, was verborgen gehalten wer⸗ den ſollte, hat es ſich von ſelbſt gelöst.“ 109 „Du glaubſt alſo?“ „Ja, ich glaube, wir ſind jetzt ſo frei wie die Vögel in den Lüften.“ „Hildur, Du ſetzeſt mich gar ſehr in Erſtaunen!“ „Ach, wie herrlich, die wohlthätige Luft der Frei⸗ heit athmen zu können!... Doch, lieber Victor, die Zeit eilt dahin, während wir uns hier als zwei alte Freunde ergießen— ich habe kaum Zeit, mich zum Mittageſſen zu kleiden!“ „Und davon kannſt Du jetzt reden?“ „Ja, das iſt keine unbedeutende Sache: wir er⸗ warten Freunde; Vater hat den Capitain des heute an⸗ gekommenen Schooners zu Mittag gebeten. Victor ſtand erſtaunt da. Zwar liebte er ſeine Braut nicht mehr, wie er ſelbſt glaubte— doch in einem Augenblicke mit ihr zu brechen, da er ihr weniger als Nichts zu ſein ſchien.... Dieſer unbegreiflich kühne und ſpielende Leichtſinn hatte dennoch einen Reiz— und war es nicht ſeine Pflicht, ſich lieber ſelbſt zu opfern, als ſie dem Wechſel eines launenhaften Cha⸗ rakters Preis zu geben? Ohne Zweifel! Wenn nur die Vernunft wieder Macht über ihn erhielte, ſo würde er gewiß einſehen, daß jede Handlungsweiſe von anderer Beſchaffenheit ſeiner unwürdig wäre, beſonders da Thekla, die himmliſche Thekla, mit Banden gebunden war, die ſie gewiß nicht brechen wollte, denn ſie war ein Mädchen ohne Leichtſinn. Während Victor ſo dachte, hatte Hildur ſich an das Fenſter geſtellt. „Ach!“ rief ſie plötzlich aus und warf einen langen Blick auf die Straße hinab,„was war das für ein hübſcher junger Mann. Noch nie habe ich ein friſcheres Aeußere, eine ſchönere Geſtalt geſehen!... Hat es dem Gotte Amor beliebt, ſich in eigener Perſon zu unſerer kleinen Colonie zu bemühen?“ 3 „Aha, willſt Du nun auch für dieſen Feuer fan⸗ gen? Ich kenne ihn recht gut: wir hatten in der letzten Nacht ein Abenteuer mit einander.“ „Wie, mein eigener, einziger Victor— ein Aben⸗ teuer?“ „Was fällt Dir ein? Wendeſt Du ſolche Worte an gegen den, welchen Du erſt vor einem Augenblicke mit ſo großer Offenherzigkeit zu ehren beliebteſt?“ „So! ſchnell— erzähle! Wo trafſt Du ihn? Ich dachte, es wäre der fremde Capitain?“ „Ja, gerade er.“ „Aber wo haſt Du ihn denn in der letzten Nacht treffen können?“ „Das iſt ein Geheimniß! „Victor.. geliebter Victor.. wo?“ „In einer Räuberburg bei des Mondes bleichem Schein!“ „Ach, wie peinigſt Du mich! Doch ich werde ihn ſchon ſelbſt fragen.“ „Davor nimm Dich in Acht!“ ſagte Victor mit ſchnell wieder erlangter Kälte:„Du könnteſt da eine Nachricht erhalten, bei welcher Dein ſchneller Gedanken⸗ ang Dir keine Antwort ertheilte. Noch dazu würdeſt u Dir den Karl zum Feinde machen.“ „Aha— Karl war ebenfalls mit dabei? „Ja! Nun aber noch ein ernſtes Wort! Wenn Du noch einen Funken Deines vorigen Gefühles übrig haſt, ſo erſpare Dir ſelbſt die Folgen einer übel ange⸗ wendeten Neugierde— und dann, Hildur, denke an dasjenige, was wir mit einander geredet haben! Unſer Geſpräch iſt leider Gottes jetzt ſo wie immer, es mochte beginnen wie es wollte, in den Ton des Leichtſinnes überge⸗ gangen; aber dennoch hat es Wahrheiten enthalten, die ein tieferes Nachdenken heiſchen. Ich habe Dir nicht gelogen!“ „Ich Dir auch nicht, Victor!... Und noch ein offenherziges Wort: ſieh mich an, wenn Karl Salzwedel eintritt, und Du wirſt nicht weiter fürchten, daß Du mich mißverſtanden haſt!“. Kaum hatte Hildur dieſe Worte geſagt, ſo eilte ſie hinne ictor ſtand da in einem Meer von Gedanken. Nacht ſchem ihn mit eine nken⸗ erdeſt Venn übrig unge⸗ e an UInſer ochte erge⸗ ie ein gen!“ ein vedel Du te ſie 1. 111 Zwölftes Capitel. Das Mittagsmahl. Nachdem Albin das Comptoir des Großhändlers verlaſſen hatte, ging er lange auf der Straße von Wisby hin und her, ohne eigentlich etwas zu ſehen. „Und wenn ich auch nachdächte bis an den jüngſten Tag,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ſo glaube ich, ich wäre nicht im Stande, mich zu erinnern, wo ich die Stimme gehört und das Geſicht geſehen habe.... Aber es iſt klar, daß ich mich irre: ich habe ja in meinem Leben keinen Mörk geſehen,... O, man kann nicht klug wer⸗ den aus dieſen geheimen und ſonderbaren Inſtinkten, welche bisweilen gleichſam Vorboten bei gewiſſen Be⸗ kanntſchaften ſind! Wenn ich mich nicht täuſchte, ſo empfand auch er einen ſolchen Inſtinkt.. ſollte vielleicht dieſer Mann dereinſt meine Bahn feindlich kreuzen?... Wenn ich erſt mit meiner Ladung Wisby verlaſſen habe, ſo ſind wir ja geſchiedene Leute, und wenn er mich irgend wie pudert, ſo iſt das auf jeden Fall eine ſolche Kleinig⸗ keit, daß ſie keine Winke von Innen zu verdienen ſcheint. ... Gott weiß, ob nicht der Geiſt des Capitains Flyborg bisweilen bei mir ſpuckt! Ich habe bisweilen eine kleine Neigung zum Aberglauben— das taugt nicht!“ Der junge Capitain ging an Bord, um einige noth⸗ wendige Befehle zu ertheilen und dann mit mehr denn gewöhnlicher Aufmerkamkeit ſeine Toilette zu beſorgen. Es waren ja ſo viele junge Damen im Hauſe, und dieſe hatten überdieß ſchon ſeine Neugierde erregt. „Höret, meine Kinder!“ ſagte Frau Mörk, indem ſie kurz vor Mittag in das Zimmer der Töchter trat, „die Laune des Vaters iſt heute ſehr ſchlecht, und da iſt es, wie Ihr wißt, ſeine fixe Idee, daß er unſern guten Will nicht leiden kann.“ 112 „Ach,“ antwortete Roſa, indem ſie mit dem Umthun des Kragens inne hielt,„dieſe Ungerechtigkeit kann am Ende dem armen Jungen das Leben rauben! Ich ſah ihn heute früh, ehe er mit ſeinem Rolf hinaus ging: er ſah ſo traurig aus, daß er mich beinahe verführt hätte, mit ihm zu weinen.“ „Ja, ich weiß, wie mitleidsvoll Du biſt, mein Kind — und morgen will ich mit Dir eine kleine Reiſe nach Elfhagen machen: das wird er ſehr gerne ſehen.“ „Aber er darf doch wohl mit uns zurück kommen, liebe Mutter? Vater war ja prächtig beim Frühſtück.“ „Er iſt keinesweges prächtig gelaunt— und ich rathe Euch allen Dreien herzlich, kein Wort von Will's Entfernung zu äußern, ja nicht einmal daran zu denken, daß er vorhanden iſt, ſelbſt wenn Ihr, was ſich vielleicht ſugen könnte, dazu die allernatürlichſte Veranlaſſung abt.“ „Was denn für eine Veranlaſſung, liebe Mutter?“ fragte Thekla, indem ſie der Mutter einen Blick zuwarf. „Eine ſehr einfache: der Capitain Stangerling hat nach Vaters Dafürhalten einige Züge, die an Will erinnern. Ich glaube, daß dieſes nur eine Phantaſie iſt; wenn ſich hier jedoch ein ſo gewöhnliches Ereigniß, wie eine zufällige Aehnlichkeit zwiſchen zwei Perſonen, wirklich vorfinden ſollte, ſo bemerkt Ihr es weder mit Worten, noch mit Blicken; denn heute bedarf es nur der unbedeu⸗ tendſten Veranlaſſung, um den Vater zu reizen und zu gleicher Zeit ſeine Gemüthskrankheit zu erwecken, welche er, wie Ihr wißt, als ein Geheimniß zu bewahren ſucht, das die Welt nicht angeht, ſondern einzig und allein uns, die wir gerne Nachſicht mit ihm haben wollen.“ Die drei Mädchen nickten einen gehorſamen Beifall und die Mutter entfernte ſich. „Wie langweilig und wunderlich das Alles iſt— nicht iſt es ſo an andern Orten!“ meinte Roſa, indem ſie wieder einige Stecknadeln aufnahm. „Wie weißt Du das, liebe Roſa? Du kannſt ja die Verhältniſſe in andern Familien nicht kennen? Doch 113 kannſt Du überzeugt ſein, daß es überall Dinge gibt, die man nicht nur für ſich ſelbſt zu haben wünſcht, ſon⸗ dern auch haben muß.“ „Ja, gute Thekla, das glaube ich wohl! Da jedoch Will ein ſo großes Vermögen hat, und Vater ſein Vor⸗ mund iſt, ſo muß es ja alle Leute Wunder nehmen, daß er immerwährend nach Elfhagen geſchickt wird— ich hätte wohl Luſt, ebenfalls hinaus zu ziehen!“ „Schwatze nun nicht länger über die Lumperei mit Will!“ ſiel Hildur ein, welche, mit ihren Locken beſchäf⸗ tigt, bisher geſchwiegen hatte. „Lumperei?“ rief Roſa aus, glühend, wie eine wirk⸗ liche Roſe—„ſi, wie garſtig Du biſt!“ „Und wie gottesjämmerlich Du biſt!“ „Das beweist wenigſtens, daß ich Gefühl habe!“ „Fanget jetzt nur nicht wieder Euer Duett an!“ ſagte Thekla mit ihrer ruhigen und klaren Stimme. „Wenn der Capitain Stangerling in den Saal tritt, ſo glaubt er, daß ein Rudel Enten hier ſchnattert.“ „Ach, welch' naive Gleichniſſe Du doch immer weißt!“ keifte Hildur. Aber Thekla ließ ſich nicht leicht aus der Faſſung bringen: ſie fuhr in aller Ruhe fort, aufzuräumen, denn gekleidet war ſie ſchon längſt. „Da ihr denn ſo gleichgültig ſeid,“ begann Hildur von Neuem,„ſo ſollt Ihr auch ein Geheimniß, das ich allein kenne, nicht erfahren. Ihr armen Sünderinnen habt nicht einmal eine Ahnung davon, daß ſich in dieſer letzten Nacht etwas Schreckliches in der Höhle des Räubers Lilja ereignet hat— das iſt eine Geſchichte, an welcher nicht nur der Capitain des alten Jungen, ſondern auch unſre eigenen Jungen Theil genommen haben.“ Thekla ſah ungläubig aus, Roſa aber wendete mit redender Neugierde ihr Köpfchen mit den ſchönen, gold⸗ glänzenden Seidenlocken der Schweſter zu. 4 „Ich denke weiter nichts zu ſagen,“ fuhr Hildur fort, entzückt, daß ſie die beiden Andern auf die Zinnen Der Jungferthurm. II. 8 88. 114 des Tempels geſetzt hatte— nicht ein Wort, nicht einen Buchſtaben, und wenn Ihr mich auch auf Euren Knieen anflehtet!“ Ein Reden und Complimentiren, das man jetzt im anſtoßenden Saale vernahm, unterbrach das Geſpräch der Mädchen. „Sch!“ flüſterte Hildur—„das iſt Vater und Gott Amor als Seemann verkleidet! Ich ſagte Euch eben, wie prächtig er iſt— wäre Mutter da nicht gekommen und hätte uns unterbrochen, ſo hättet Ihr erſtaunen ſollen über meine Beſchreibung. Aber um Gottes willen: kein Wort und keine Frage über das Andere: Victor hat geſagt, wir würden uns dadurch auf irgend eine Weiſe dlozſtellen 14 Bei dieſen Worten fuhr eine ſtarke rothe Wolke über die Lilien auf Thekla's Wange; erſt jetzt glaubte ſie, daß unter Hildur's Geſchwätz wirklich ein Sinn verborgen liegen könnte. „Ein Abenteuer... ein wirkliches Abenteuer— ſo ungewöhnlich!“ plauderte Roſa, indem ſie die Schärpe um den ſchlanken Leib ſpannte und ein kleines Bouquet von Nelken und Lilienconvaljen in die Schnalle ſteckte. Jetzt aber ſah die Mutter zur Thür herein— die jungen Damen ſchwiegen ſtill. Da es ihnen eine Pein war, zu gleicher Zeit ein⸗ zutreten und ſich gleichſam zu einer Expoſition aufzuſtellen, ſo ging nur Thekla den gewöhnlichen Weg. Hildur kam etwas ſpaͤter aus dem blauen Zimmer, und Roſa begab ſich in den Speiſeſaal, um die Blumen in den Vaſen u ordnen, eine Arbeit, deren ſie ſo gewohnt war, daß e dabei recht gut an etwas Anderes denken konnte— und heute war es ganz natürlich, daß ihre Gedanken darauf fielen, ob wohl Hildur rückſichtlich des Capitains die Wahrheit geſagt haben möchte.„O nein, das hat ſie gewiß nicht!“ ſagte ſie lächelnd zu ſich ſelbſt.„Doch das ſieht ihr ſo ähnlich— wahrhaftig Amor als See⸗ mann verkleidet wird ſich nicht die Mühe machen, hieher zu kommen!“ 115 Es läßt ſich gar nicht bezweifeln, daß ein Mann, wie unſer Capitain, wenn auch ſein Herz noch nie in vollem Ernſte verletzt worden war, gefühlvoll ſein mußte für das Vergnügen, ſchöne Mädchen zu ſehen. Thekla mit ihren dunkelſchwarzen Augen, ihrem prachtvollen, ſammetſchwarzen Haar, ihren bildſchönen Formen und ihrer edlen Haltung blendete ihn; die ſylphidiſche Hildur, deren ſchelmiſcher Blick in jeder Secunde einen andern Ausdruck annahm, und deren roſenrothe Lippen einem Haufen lärmender Amouren zum Spielplatz angewieſen zu ſein ſchienen, entzückte ihn— doch Roſa, die ihm in aller Eile beim Eintritte in den Speiſeſaal vorgeſtellt wurde, erſchien ihm als ein kleines, bezauberndes Mittel⸗ ding, bei welchem die Göttin, das Kind und die Nymphe ſo in einander verſchmolzen waren, daß er nicht ſagen konnte, welches das überwiegende war. Was dagegen das Glück betrifft, welches unſer Held in dem„Blumengarten“ machte, ſo müſſen wir der Wahrheit gemäß geſtehen, daß es ſehr vortheilhaft war. Man glaubt im Allgemeinen, daß die Damen eine kleine Schwäͤche haben für dasjenige, was in die Augen fällt; und da das Aeußere des Capitains Albin eben von dieſer Art war, und dazu ſein Weſen eine natürliche, mit einer angenehmen Seemannsunbefangenheit gemiſchte Anmuth hatte, ſo müſſen wir es als ganz natürlich er⸗ achten, daß die Mädchen in einem ſchnell gewechſelten Blicke auch ihre gleichgeſtimmten Gedanken austauſchten. Bei Tiſche wendete er ſich inzwiſchen weniger an die Töchter, als an die Mutter. Er war ganz einge⸗ nommen von dieſer Frau mit dem bleichen, feinen und ſublimen Geſichte, und ſeine Blicke folgten ihr ſo getreulich, daß der Capitain Stangerling, wenn es in Holgerſen's jüngeren Tagen geweſen wäre, gewiß zum erſten und letzten Male an ſeinem Tiſche gegeſſen haben würde. Mit ungekünſtelter Anmuth nahm Amelie die Auf⸗ merkſamkeit des jungen Seemannes an, und keine einzige von ihren Töchtern ſah mit einem ſcheelen Blicke den Vorzug, den ſie heute, wie ſo oft, erhielt. 8, 116 Die Aehnlichkeit zwiſchen dem Capitain Stangerling und Will, welche von dem Großhändler angemerkt wor⸗ den war, fiel auch den Uebrigen in die Augen; und Victor, welcher die einheimiſche Geſchichte nicht kannte, ſagte ganz laut zu Hildur, deren Blick je zuweilen über den Fremden glitt:„Meinſt Du nicht, daß das Geſicht des Herrn Capitain an den Sohn der Seufzer erinnert?“ Mörk und ſeine Gattin wechſelten einen ſchnellen, aber nicht unbemerkten Blick, denn Thekla fing ihn auf, und ihr entging es auch nicht, daß ein Ausdruck von geheimer Angſt in den Augen des Vaters lag. „Das war mir eine höchſt tragiſche Benennung!“ ſagte der Capitain, indem er den Lieutenant anſah. „Nie hätte ich gedacht, daß ich einem Sohne der Seufzer ähnlich ſein könnte.“ „Warum denn nicht?“ entgegnete Victor.„Liegen nicht Seufzer und Lächeln, Freude und Schmerz ſtets einander in den Haaren? Kaum hat Einer ſich zum Herrn gemacht, ſo kommt die Reihe der Herrſchaft an den Andern.... Doch alle Haarklaubereien bei Seite, ſo können ſich ja in den Geſichtszügen gewiſſer Perſonen Aehn⸗ lichkeiten vorfinden, ohne daß ihre Charaktere und Lebens⸗ verhältniſſe darum ſchon die geringſte Aehnlichkeit haben.“ „Sehr wahr— doch der Titel ſelbſt iſt auf jeden Fall ſo poetiſch, daß ich mich nicht enthalten kann, ein gewiſſes Intereſſe für die Perſon zu empfinden.“ „Es iſt die Rede von dem Muͤndel meines Mannes, der ſich in dieſem Augenblicke auf dem Lande aufhält!“ beeilte ſich die Wirthin zu antworten. „Wie kamſt Du mit Karl in dieſer Nacht in Lilja's Höhle?“ fiel Mörk plötzlich ein. „Aus dem ganz einfachen Anlaſſe, daß, als wir geſtern Abend von hier gingen, wir das Wetter zu einem Spaziergange einladend fanden. Unter Geplauder dachten wir nicht daran, wie weit wir gingen; als wir aber merkten, daß wir in die weite Welt gegangen waren, ſo ſchlug Karl vor, die merkwürdige Höhle zu beſuchen, von welcher er mir ſo oft erzählt hatte.“ 117 Und da kam denn unſer guter Capitain ebenfalls bei dem Räuber Lilja zu Gaſte.... Ha, ha, ha— das alte Neſt hat gewiß ſeit langer Zeit rüiht ſo viele Fremde geſehen!“ Der Capitain, welcher ſehr neugierig war, zu er⸗ fahren, welche von den Mädchen die beſtrittenen Bräute, und welche von ihnen beſonders Victor's Verlobte wäre, denn dieſes war gar nicht zu merken, weil Hildur ihren Plan hatte und ſich vor der geringſten Vertraulichkeit in Acht nann— der Capitain, ſagen wir, fand nun eine glückliche Gelegenheit, ſich mit der Frage an die jungen Damen zu wenden, ob ſie ſchon eine Wallfahrt in dieſe romantiſche Gegend gemacht hätten. Aus ihren Antworten konnte Albin augenblicklich ihre Neigungen ſchließen. „Wir haben ſo romantiſche Alterthümer innerhalb unſerer Mauern,“ ſagte Thekla,„daß ich meines Theils ſelten den Kreis meiner Genüſſe erweitere. Die Natur auf Gottland iſt nicht großartig, doch erheben ſich auf ſeinem Boden Sroßaeti Ueberbleibſel aus einer Zeit, welche der unſrigen ſehr unähnlich war.“ „Zwar bin ich wohl einmal in der Reſidenz des Räubers Lilja geweſen,“ Außexte Hildur,„doch weiß ich von dieſer Reiſe weiter gar nichts mehr, als daß ich den Beſatz meines Kleides zerriß, und daß ich bei der Beredſamkeit meines Cicerone ganz erſchrecklich gähnte.“ „Man kann nicht beſtimmter eine Probe ſeines Geſchmackes abgeben!“ ſagte der Capitain mit einer artigen Verbeugung— für Thekla hatte er nur einen Blick gehabt, dieſer aber hatte eine Verwandtſchaft ge⸗ zeigt, welche ſie beinahe ſchon mit einander bekannt gemacht hatte. Jetzt ſah er Roſa an; dieſe aber hatte den Einfall, nicht wiſſen zu wollen, daß die ſchönen blauen Augen des Capitains die ihrigen ſuchten. Wenn er ſo wenig zu fragen hatte, daß er drei Antworten auf eine einzige Frage brauchte, ſo...„Liebe Mutter! darf ich den Ku⸗ chen vorſchneiden?“ 118 „Sehr gerne, mein Kind!“ „So'n kleiner Engelſatan!“ dachte der Capitain. „Aber dennoch ſoll es mir wohl endlich gelingen, das Himmelspaar dahin zu bringen, daß ſie den Cours hie⸗ her ſteuern.“ „Alſo hat keine von den Damen dieſe wunderbare Wohnung mit Intereſſe beſucht? darf ich gar keinen Widerſpruch hoffen?“ „Lieben Sie die Widerſprüche ſo ſehr, Herr Capi⸗ tain?“ fragte Roſa, welche jetzt meinte, daß es anginge, zu hören, da er ſich direct an ſie wendete. „Ja, in dieſem Falle!“ 1 „Nun, da muß ich denn geſtehen, daß ich nicht nur ein⸗, ſondern wohl zehnmal in der Räuberburg umherge⸗ klelte bin, und es wenigſtens noch zehnmal zu thun edenke.“ 3„Da ſind Sie ohne Zweifel eine große Liebhaberin von ſonderbaren Naturformationen?“ „Ich bin eine große Liebhaberin von der ganzen Natur ſowohl mit als auch ohne Sonderbarkeiten. Auch kann ich die Ehre haben, anzuzeigen, daß ich mich ein wenig auf Petrefacte verſtehe, ja ſogar ſolche ſammle.“ „O, ich entdeckte gleich, daß es eine Sympathie zwiſchen uns gibt: ich habe eine Sammlung, die viel⸗ leicht nicht ganz ohne Werth iſt— wenn es ſich ſo paßt, werde ich Ihnen einige Proben mitbringen.“ „Vortrefflich: da können wir uns auf den Tauſch⸗ handel legen!“ antwortete Roſa fröhlich. Und indem ſie und der Capitain ihr Geſpräch weiter fortſetzten, wurde die Mittagsmahlzeit beendigt....... „Gott ſei Lob und Dank!“ flüüſterte Victor in Hildur's Ohr, als man ſich wieder in dem Geſellſchafts⸗ zimmer befand. „Ja, Du haſt Grund, Gott zu danken, der Dir geſtattet hat, ſo unbeſchreiblich liebenswürdig zu ſein!“ entgegnete Hildur. „Ergebenſter Diener!“ „Dieſer Fremde muß ſich einen ſonderbaren Begriff A gö à ftain. das hie⸗ rbare einen Lapi⸗ inge, nur erge⸗ thun berin nzen Auch ) ein nle.“ athie viel⸗ h ſo uſch— ndem ßten, r in afts⸗ Dir in! griff 119 333 unſerer Lebensart und von unſerer Converſation ilden!“ „Das mag er meinethalben!“ 1 „Du kannſt ſonſt die Lippen kaum zuſammenhalten, bis ein Anderer ausgeredet hat, heute aber haſt Du den Mund nur zu einigen einfaͤltigen Phraſen geöffnet.“ „Einfältigen?“ „Abgenutzten!“ „O, der Tauſend!“ „Victor, Du haſt eine verzweifelte geſchwiſterliche Aehnlichkeit mit meinem alten vorjährigen Sommerhute!“ „Welche Eigenſchaft hat denn dieſer?“ „Gar keine Eigenſchaft— verſtehſt Du?“ „Oho!“ „Die Farbe iſt verblichen, die Form weckt mein Mitleiden, die Bänder meinen Abſcheu— er kommt ganz beſtimmt in die Polterkammer!“, „Du biſt charmant, mein Engel: Du erinnerſt mich gerade an meinen kleinen coquetten Jagdrock, den ich mir im letzten Winter machen ließ.“ „Wirklich?“ „Als ich ihn das erſte Mal anhatte, ſo wäre ich beinahe vernarrt geworden in mich ſelbſt— ſo verteufelt ſchöͤn kleidete er mich nach meinem Dafürhalten.“ „Du bleibſt Dir immer gleich!“ „Ja, ich geſtehe, daß ich dieſen Rock mit wirklicher Leidenſchaft liebte.“ „Welche geniale Liebe!“ „Ja, nicht wahr?— Doch das Geniale hat den Fehler, daß es unbegreiflich iſt.“ Wie ſo?“ „Als ich meinen Rock zum zweiten Male zur Jagd anziehen wollte, war ich nicht im Stande, zu be⸗ greifen, wie es käme, daß er nicht paſſen wollte. Doch à la bonne heure! ich ließ es gehen, obgleich ich fühlte, daß ich mich nicht recht in ihn finden konnte.“ „Das war ein Zeichen von Klugheit!“ „So kam ein dritter Jagdtag. Ich hätte beinahe 120 den Spiegel zerſchlagen, ſo erbärmlich ſah ich in dem Rocke aus, oder auch ſo raſend hatte der Rock ſich ver⸗ ändert— welches von beiden der Fall war, mußte ich unterſuchen.“ „Nun?“ „Ich zog ihn aus, beſah ihn genau auf allen Sei⸗ ten, wendete ihn hin und her, aus und ein— und Du kannſt Dir meinen Verdruß denken, als ich entdeckte, daß der Rock ſich noch ganz in dem Zuſtande befand, als da ich ihn erhielt: das ganze Geheimniß war... rathe einmal!“ „Unmöglich!“ „Daß die Illuſion verſchwunden war.“ „Welch ein unglückſeliges Ereigniß!— und die Folge war?“ „Daß ich Vogelſcheuchen davon machen ließ!“ Unter dieſem Liebesgeſpräch zwiſchen den Verlobten ordnete Roſa den Kaffeetiſch. Mörk war in ſein Com⸗ ptoir gegangen, die Wirthin hatte draußen zu thun, der Capitain aber ſtand mit Thekla vor dem Fenſter und unterhielt ſich mit ihr lebhaft über die alte Baukunſt. Plötzlich aber bemerkte er, daß ihre Aufmerkſamkeit getheilt war— eine Spannung ſprach ſich in ihren Zügen aus. Gleich darauf wurde die Thür geöffnet und der Lieutenant Karl Salzwedel trat ein. Dreizehntes Capitel. Der Sbaziergang. Capitain Albig Stangerling hatte nunmehr, da Karl angekommen wär und nach den abgeriſſenen Wor⸗ ten, die er von Vietor's und Hildur's Wettkampf aufge⸗ fangen hatte, keine Schwierigkeit weiter zu unterſcheiden, wele obgl war verz auf heiß er n eintt von „ die bark weiß Eile hina ſie n ande purr und Roſe mit Spie drap ausg Kop Forr nicht betra nun Neue zücke an i nern Zaul bten om⸗ und unſt. rkeit yren da bor⸗ fge⸗ den, 121 welche von den drei Mädchen den Brauttitel führten; obgleich aber das Geſpräch beim Kaffeetiſche allgemein war, ſo dachte er doch, es ſei ſeine Pflicht, ſich bei der verzweifelten Lage der Dinge zwiſchen den Verlobten auf die am wenigſten gefährliche Seite zu ſchlagen, das heißt: zu der Mutter und zu Roſa. „Seht hier, Mädchen!“ rief Papa Mörk aus, indem er mit den jetzt aus dem Mantelfutter befreiten Shawls eintrat— ſeine Frau hatte verlangt, daß den Töchtern von der Mantelgeſchichte kein Wort geſagt werden ſollte —„ſeht hier, was der Herr Capitain Euch mitzubringen die Güte gehabt hat!“ Mit freundlicher, aber keinesweges überlauter Dank⸗ barkeit empfing Thekla ihren Shawl, einen großen weißen von der echteſten Art. Hildur drückte in aller Eile einen Kuß auf die Stirn des Vaters und eilte dann hinaus, um den ihrigen zu„verwahren.“ Roſa dagegen, ſie nahm, die Anweſenheit des Capitains und der beiden andern Herren gänzlich vergeſſend, ihren ſchönen, pur⸗ purrothen Shawl ganz ungenirt in den Arm, küßte ihn und tanzte fröhlich im Zimmer umher— es war auch Roſa's erſter wirklicher Shawl— darauf blieb ſie mit der beſten Contenance von der Welt vor dem großen Spiegel ſtehen und begann ſich mit dem Shawl zu drapiren, bald ſo, bald ſo, bei jeder Wendung aber mit ausgeſuchtem Geſchmacke, ſei es, daß ſie ihn über den Kopf warf, ihn wie einen Mantel um die geſchmeidigen Formen hüllte, oder ihn um den Arm ſchlang. „Aber Roſa,“ ſagte die Mutter,„wirſt Du denn nicht endlich müde, Dein eigenes kleines Bild ſo zu betrachten?“ 2 „Ach, Mutter, ich ſehe ja ſo gut darin aus!“ Und nun kam ſie tanzend zurück, ſchlang ihre Arme von Neuem um den Vater und lächelte ſo ſchelmiſch ent⸗ zückend, daß der Capitain Albin— als die Reihe auch an ihn kam, einen Knir zu erhalten— in ſeinem In⸗ nern betheuerte,„das kleine nette Ding ſei eine wirkliche Zauberin.“ ———P—Y—P——⸗—ꝛ—ꝛ—::PPjn——õ— ——— 2— 122 „Zur Dankbarkeit,“ ſagte Frau Mörk,„könnt Ihr nun meiner Meinung nach nichts Geringeres thun, als die Ciceronen des Herrn Capitains auf einem Spazier⸗ gange durch die Stadt zu werden— ich bin überzeugt, daß die Merkwürdigkeiten unſeres alten Wisby einen Fremden intereſſiren.“ Albin erklärte artig ſein Entzücken über den Vor⸗ ſchlag, der einſtimmig angenommen wurde. Roſa eilte hinaus, um Hildur zu rufen, und bald waren die Mäd⸗ chen in Ordnung. Ein halb umwölkter Blick aus Karl's Auge wurde von Thekla beantwortet mit einem leiſen:„Es iſt ja noch lange hin bis um ſieben Uhr— wenn die Andern nach Hauſe gehen, gehen wir nach St. Nikolaus!“ „Gebe Gott,“ antwortete Karl eben ſo leiſe,„daß ich glücklicher von dieſem Geſpräche käme, als ich da⸗ hin gehe... Sage mir, theure Thekla, was weiſſagſt Du mir?“ „Ich wage nichts zu weiſſagen, hoffe jedoch, daß wir mit unſeren eigenen Eindrücken wohl fertig werden mögen!“ „Dank— dieſe Worte thun mir ſo wohl... Alles beruht ja auf Dir!“ „Keineswegs— ſage das nicht: auf Dir beruht eben ſo viel. Sollten wir in einer Hinſicht ungleicher Anſicht ſein....“ „Kommt nun, kommt— wir ſind fertig!“ riefen Hildur, Roſa und Lieutenant Victor durch einander. Durch die letzte belebende Zänkerei mit der Braut — ſchien Victor wieder ſo ziemlich in ſeine gute Laune zurückgekommen zu ſein; doch merkte Albin, wie während Hildur's Abweſenheit Victor's Blicke Karl's Verlobte faſt verzehrten.„Welcher Wahnſinn!“ dachte unſer Capitain.„Wenn ich mich einmal verlobe, ſo will ich auch ſo verliebt ſein, daß ich ſelbſt vor den gefährlich⸗ ſten Blicken aus zwanzig paar ſchönen Damenaugen nicht eine Viertelminute verſchenken wollte, da ich in die Augen meiner Geliebten blicken könnte— aber ich 4 Zug die einen dieſer Volk den ſelten heiten Silbe Schli dieſe hann phine öffent Zeit, t Ihr , als azier⸗ zeugt, einen Vor⸗ 1 eilte Mäd⸗ wurde iſt ja ndern 64 , daß verden Alles beruht leicher riefen der. Braut Laune ährend erlobte unſer öill ich hrlich⸗ augen ich in ber ich 4 123 werde auch nicht gleich laufen und mich verloben, ehe ich recht überzeugt bin, daß die Liebe Stich hält.... Inzwiſchen glaube ich kaum, daß der Premier⸗Lieutenant ſo ſchrecklich entzückt iſt in das Eigenthum des Lieutenants Victor— oder aber weiß er ſich beſſer zu verſtellen.“ „Alles iſt klar, meine Herrſchaften, ſetzen wir uns alſo in Bewegung!“ ermahnte Victor und ging ſelbſt voran. „Wohin gehen wir wohl zuerſt?“ fragte Karl, da man die Straße erreicht hatte. „Der Herr Capitain beſtimmt!“ ſchlug Hildur vor. „O nein, ich ſehe es lieber, wenn Andere für mich beſtimmen!“— „Wir ſparen die Kirchenruinen für einen andern Tag auf,“ fiel Thekla ein:„ſie erfordern eine lange Zeit und man muß ſie überdieß ſehen, wenn die Sonne im Oſten ſteht.“ „So laß uns denn um die Stadtmauer gehen: das iſt hinreichend!“ meinte Roſa. „Ja, das iſt gut!“ ſtimmte Victor ein. Und hiemit war die Berathung geendigt und der Zug bewegte ſich vorwärts..... Unter der Maſſe der Alterthümer in Wisby nimmt die Stadtmauer mit ihren vielen Thürmen vielleicht einen der erſten Räume ein. Schon die ernſten und ſo zu ſagen kräftigen Namen dieſer Thürme deuten auf eine Zeit hin, da unter dem Volke Hofſchmeichelei, Verkünſtelung und Eitelkeit zu den Seltenheiten gehörten, auf eine Zeit, da es noch ſeltener war, daß die Spuren davon in den Angelegen⸗ heiten des Allgemeinen ſpuckten. Grauſchimmel, Alter, Silberhut, Jungferthurm, Lange Liſa, Schmaler Heinrich, Schluck auf, Guck aus— wie gediegen klingen nicht dieſe Namen in Vergleich mit zum Beiſpiel: Karl Jo⸗ hann's, Prinz Karl's, Oskar Fredrik's, Guſtav's, Joſe⸗ phine’s u. ſ. w., u. ſ. w., welche jetzt unbedingt die öffentlichen Gebäude des Reiches während der kurzen Zeit, da ſie ſich erhalten können, vergolden müſſen, 124 mögen ſie nun Baſteien, Kirchen, Fahrzeuge, Schleuſen, Bruͤcken oder auch nur einfache Schulhäͤuſer ſein. Berechnet für eine Kampfweiſe, die auf Armſtärke und Armbruſt beruhte, ſind dieſe Thürme aufgeführt in einer Höhe von ſechzig oder ſiebzig Fuß, faſt ſämmtlich viereckig; doch iſt die der Stadt zugewendete Seite ganz offen gelaſſen. Mit ihren zahlreichen Schießſcharten— nach Außen enge, nach Innen weiter, um dem Bogen beim Abſchießen des Pfeiles freien Spielraum zu gewäh⸗ ren— ſtehen ſie gleich geiſterähnlichen Kämpen da, aus leeren Augenlöchern in die Ferne ſpähend und ſich wun⸗ dernd, ob der Erbfeind im Oſten, er, der ſo oft auf ihrer einſamen Inſel Strandhau*) gemacht, ſie für immer in Ruhe gelaſſen hat, um auf ihren Lorbeeren zu altern. Um nun dieſen Repräſentanten der alten Zeit ſeine Aufwartung zu machen, nahm die Geſellſchaft ihren Ausgangspunkt von den Ruinen des Schloſſes Wisborg, woſelbſt ſie bei eben jener Flaggenſtange, wo wir beim Aufgange der Sonne Roſa das ſtumme Ge⸗ ſpräch mit Will und ſeinem Beſchützer, dem großen Rolf Krake, führen ſahen, einen Augenblick verweilten. „Ach, welch ein ewiger Schade, daß ſie verſchwunden ſind, dieſe ſtattlichen Rieſenmauern!“ rief der Capitain Albin aus, indem er mit einer gewiſſen Ehrfurcht um ſich blickte. „Ja, und welche ewige Schande, daß ſie verſchlungen worden ſind von dieſem!“ ſagte Thekla, indem ſie mit dem Erröthen des Aergers auf der Wange auf den dicht dabei belegenen Kalkofen der Krone deutete...„das Schloß Wisborg durch die Sorge der Krone in Leim⸗ kalk verwandelt!“. *) Die alten nordiſchen Wikinger pflegten ſich bei eintreten⸗ dem Mangel gewaltſam an der Küſte, wo ſie ſich eben befanden, zu verproviantiren. Dieſes nennt man Strand⸗ hau, ſchwediſch: Strandhugg. Anmerk. d. Ueberſ. noth gen ruhi kling das — d gonr mäle Geft ſte be der ewig dig. hielt ſind nicht wenn thün wegg Laut muß ohne gang eiger ſchm dank nicht ſpree — 8 „wa euſen, ſtärke hrt in mtlich ganz en— Bogen ewäh⸗ 1, aus wun⸗ ft auf ie für beeren Zeit Ulſchaft hloſſes ge, wo ie Ge⸗ n Rolf ounden apitain cht um lungen ſie mit n dicht .„das Leim⸗ ntreten⸗ ſich eben Strand⸗ tert 125 „Aber ſo bedenke doch,“ fiel Victor ein,„daß dieß nothwendig war, um andern Gebäuden einen ſchloßarti⸗ gen Anſtrich zu geben!“ „Vor allen Dingen bedenke,“ ſagte Karl mit ſeiner ruhigen Stimme, die ſich grell unterſchied von Victor's klingender und raſcher Stimme,„daß dieſes gegen das Ende des ſiebenzehnten Jahrhunderts geſchehen iſt — damals hatten weder der Regent noch das Volk be⸗ gonnen, an die Wichtigkeit unſerer alterthümlichen Denk⸗ mäler zu denken.“ „... Welches beweist, daß der Nation das edelſte Gefühl einer Nation fehlte, welches vor allen andern ſie beleben muß, nämlich die Ehrfurcht vor den Schatten der Väter, die aus ihren Werken reden.“ „Ach, nun kommt Thekla ſchon wieder in ihr altes, ewiges, langweiliges Capitel!“ erklärte Hildur ungedul⸗ dig.„Ich meines Theils möchte glauben, die Sache ver⸗ hielte ſich ſo, daß Ruinen jetzt eine Modeſache geworden ſind— und was modern iſt, das nimmt man in Acht... nicht wahr, Herr Capitain Stangerling?“ „Ohne Zweifel! Doch möchte es ſehr gewagt ſein, wenn man nur denken wollte, daß unſere ſchönen Alter⸗ thümer aus keinem höheren, edleren und reineren Be⸗ weggrunde geſchützt werden, als durch die unbeſtändige Laune der Mode. Ehe eine Mode in Gang kommt, muß ſie von irgend Etwas ausgehen, und wir nehmen ohne Furcht an, daß eine veredelte Bildung dieſen Aus⸗ gangspunkt geſchaffen hat.“ „Wenn nicht,“ fiel Roſa anſpruchslos ein,„der eigentliche Beweggrund bloß ein Wunſch iſt, dem Ge⸗ ſchmacke anderer Nationen nachzuahmen?“ „Roſa!— was herechtigt Dich, einen ſolchen Ge⸗ danken auszuſprechen?“ fragte Thekla faſt ſtreng. „O, gute Thekla, ſo ganz greife ich ihn doch wohl nicht aus der Luft! Laß mich zur Vergleichung zwei ſprechende Umſtände neben einander ſtellen. Einmal“ — Roſa erinnerte jetzt an zwei wirkliche Ereigniſſe— „waren die ſämmtlichen Ruinen von Wisby zum Verkauf 126 auf öffentlicher Auction angeſchlagen mit der Bedingung, daß ſie hinweggeſchafft werden ſollten— ſo wurden zdaß ſie hier zu Hauſe geachtet. Nachher kam ein reiſender Aufn Engländer hieher und wollte mit aller Gewalt unſere herrliche St. Katharina kaufen, und war ganz außer Vict ſich, daß er die Ruine nicht nach England bringen und Alter ſte dort eben ſo wieder aufrichten durfte.“ und! „Ich fürchte,“ erklärte Albin lächelnd nach einigen ſein Ausrufungen der Verwunderung über das Gehörte,„ich geget fürchte wirklich, daß der Schlußſatz der Mademoiſelle ten, Roſa richtig iſt.“ Helyo „Ganz richtig!“ entſchied Karl.„Und wir haben Auge es Karl Johann's franzöſiſchem Geſchmacke zu danken, lene daß wir uns nicht länger zu ſchämen brauchen, wenn Fremdlinge uns beſuchen... Doch, meine Herrſchaften, in de es möchte Zeit ſein, weiter zu gehen, wenn es uns möglich gem ſein ſoll, uns ein wenig umzuſehen!“ 3 Bei dieſen letzten Worten richtete er einen Blick voll den⸗ kalten Mißvergnügens auf Bictor, der die ganze Zeit auszu mit keinesweges unüberſetzbaren Blicken Thekla's belebtes Antlitz betrachtet hatte. fühl Auf Hildur's Wange brannte die Röthe in glühen⸗ bewa den Wolken. Auch ſie hatte geſehen und gefühlt. der K Die Geſellſchaft folgte nun der Mauer, an dem ten u ſüdlichen Thore vorbei, welches ebenfalls ein Thurm iſt, tapfen den(gleichwie bei den andern Thoren) ein weites Ge⸗ wölbe durchſchneidet, durch welches man aus und ein ein fährt. Dieſe Thürme waren ehemals mit Thoren und einer Fallgattern verſehen geweſen, und von den letztgenannten„denr ſind noch die Rinnen übrig, in welche ſie herabgelaſſen Wild einer wurden. Auf der ganzen inneren Seite der Mauer Aom läuft eine niedrigere, auf kleinen Pfeilern ruhende Stütz⸗ lapo mauer; und obgleich die kleinen, von dieſen Pfeilern ſeine gebildeten Gewölbe in einer ſpäteren Zeit vermauert wenn worden, ſind ſie doch ſichtbar genug, um die Verwunderung Lanze des Betrachters über ihren eigentlichen Zweck zu erregen. auf 3 .„Nimmermehr,“ meinte unſer Capitain,„können ſie doch bloß zur Zierde gemacht worden ſein?“ gung, urden ſender inſere außer rund nigen 7„1 oiſelle haben unken, wenn aften, öglich k voll e Zeit lebtes ühen⸗ dem m iſt, Ge⸗ id ein n und unnten laſſen Mauer Stütz⸗ feilern nauert derung regen. nen ſie 127 „Die allgemeine Annahme iſt die,“ bemerkte Karl, zdaß ſie als Ruheplätze während des Kampfes und zur Aufnahme der Verwundeten gedient haben.“ „Ich hätte in dieſen Zeiten leben mögen!“ rief Victor mit blitzenden Augen.„Die Kampfweiſe der Alten war etwas werth, da perſönlicher Muth, Stärke und Geſchicklichkeit unbedingt bei einem Jeden vorhanden ſein mußte, da der Körper gehärtet wurde und Mann gegen Mann kämpfte! Da brauchte man nicht zu fürch⸗ ten, daß man von einer verrätheriſchen Kugel zu Boden geworfen würde: man ſah ſeinem Feinde gerade in das Auge... welche große Helden hatte nicht eben darum jene Zeit aufzuweiſen!“ „Schön, Victor!“ lächelte Thekla.„Auch ich hätte in dem romantiſchen Mittelalter leben mögen!“ „Das glaube ich wohl!“ ſcherzte Hildur mit ſpitzi⸗ gem Tone.„Es hätte ſich eben für Dich gepaßt, bei den Turnierſpielen im Hochſitze zu ſitzen und die Preiſe auszutheilen!“ „Ja, warum denn nicht? Mit welchem ſtolzen Ge⸗ fühl konnte nicht damals das Weib ihren mit der Lanze bewaffneten Ritter umgürten 2... Jetzt dagegen ſind der Krieg und die Krieger ganz anders: es iſt ein Schlach⸗ ten unſichtbarer Feinde, der elendeſte Feigling kann den tapferſten Mann zu Boden werfen!“ „Und dennoch, geliebte Thekla,“ wendete Karl mit einer Sanftmuth ein, welche bewies, daß die Vorliebe ſeiner Braut für das Alte ihm keineswegs neu war, „dennoch hat gerade das Pulver den Kriegern die rohe Wildheit und die Leidenſchaft für das Schlachten ge⸗ nommen. Bedenke nur— ohne Feuergewehre waͤre Napoleon niemals Napoleon geweſen... hätte er wohl ſeine wunderbaren, großen Thaten ausführen können, wenn er Bruſt gegen Bruſt mit einem grob gebauten Lanzenknechte hätte kämpfen müſſen?“ 4 „..Was bedeuten jene kleinen viereckigen Kaſten auf ihren Stangen oben auf der Mauer und in den * 128 Bäumen?“ fragte Albin unterbrechend, intereſſirt von den wechſelnden Merkwürdigkeiten der alten Stadt. über „Das ſind kleine Häuſer, die wir den Staaren er⸗ bis richten,“ erklärte Roſa, an welche die Frage gerichtet Ber war.„Ach, Herr Capitain, Sie können ſich gar keinen einz Begriff machen, wie luſtig es im Frühlinge iſt, wenn alter wir dieſe Häuſerchen ausſetzen: da gibt es einen förm⸗ lichen Krieg unter den Staaren, welches Paar das Haus pen einnehmen ſoll— doch behauptet man, daß diejenige Anſ Familie, welche zuvor darin gewohnt hat, auch zuletzt umg ſiegreich wieder einzieht.“ „Es iſt eine ſchöne Sitte, ſich ſo der freien Sänger eine anzunehmen; und wenn man aus Kleinigkeiten— die 7 gewöhnlich einen guten Maßſtab abgeben— ſchließen äche darf, ſo möchte ich ſowohl aus dieſer Liebe zu den Staa⸗ ſtade ren als auch aus dieſen ungemein ſchönen Blumenbeeten eine ſogar vor der allerkleinſten Hütte ſogleich den Schluß ſteht ziehen, daß die Bewohner von Wisby ein gutmüthiges Häuf und geſittetes Völkchen mit einem ungewöhnlich ausge⸗ 2 bildeten Schönheitsſinn ſein müſſen.“ ſich „Das iſt auch wahr,“ ſiel Karl ein:„der Gott⸗ Rieſe länder zeichnet ſich im Allgemeinen durch größere Artig⸗ recht keit im Umgange und größere Geſittung im Betragen wäch aus, als das Volk in Schweden. Doch trotz ſeiner Win Gutmüthigkeit läßt er ſich nicht leicht eine Beleidigung gefallen. Und an Bequemlichkeit und Wohlleben ge⸗ und wohnt, wozu ihm eine fruchtbare Erde hinlängliche Mittel entſte darbietet, wird es ihm leicht, ſeine Hauptneigung, die getra Gaſtfreundſchaft, zu befriedigen. Dieſe geprieſene Gaſt⸗ ſchat freundſchaft zeigt ſich aber— damit ich ganz aufrichtig ſei— eigentlich nur gegen reiſende Fremdlinge: ein Berg weniger ſchöner Zug iſt: wenn ein ſolcher ſich auf ſeiner kirchl Inſel niederläßt, daß dieſer dann wegen der Furcht des Geſer Gottländers, er könnte ihm auf die eine oder die andere Geda Weiſe Abbruch thun, auf alle Art ſchlecht behandelt wird.“ rinne „... Vorwärts!“ commandirte Victor. welch ünd unter unausgeſetztem Austauſch von Gedanken ſchie t von en er⸗ richtet einen wenn ausge⸗ Gott⸗ Artig⸗ tragen ſeiner ſeiner cht des andere wird.“ danken 129 über die verſchiedenartigen Gegenſtände ging man weiter, bis man endlich an dem Rande der faſt ſenkrechten Bergwand ſtehen blieb, unter welcher St. Maria, die einzige Kirche, welche jetzt benutzt wird, auf einer von alten Bäumen beſchatteten Fläche liegt. Von hier oben— wohin man an einzelnen Grup⸗ pen unbedeutender Hütten vorbei gekommen war, deren Anſpruchloſigkeit einen grellen Gegenſatz gegen das ſie umgebende Gigantiſche bildet, deren behagliches Aeußere aber dennoch einen guten Eindruck macht— hat man eine freie Ausſicht über die Stadt und ihre ganze Um⸗ ebung. Dieſe Ausſicht, bald düſter und feierlich, bald ächelnd und milde, iſt immer großartig. An dem Ge⸗ ſtade eines unüberſehbaren Meeres, auf welchem das eine Segel nach dem andern langſam vorüberſchwebt, ſteht man eine ungeregelte Maſſe von aufgethürmten Häuſern, welche, in allen möglichen Stylen gebaut, wahre Amphitheater über einander bilden. Hie und da erhebt ſich aus dieſer Maſſe die Ruine eines Tempels, deſſen Rieſenwände noch immer die geborſtenen Gewölbe auf⸗ recht halten, und auf deſſen Dach das Gras jetzt hoch wächst und die Blumen den Staub küſſen, welchen die Winde der Jahrhunderte zuſammen geweht und daraus eine Erdmatte gebildet haben, deren Beſatz von Aepfel⸗ und Kirſchenbäumen— urſprünglich aus den Kernen entſtanden, welche die Vögel auf ihren Reiſen dahin getragen haben— von Mehlkirſchbäumen und Ebereſchen ſchattirt wird. Auf einer Treppe in einem von den Winkeln der Bergmauer ſteigt man auf den prächtigen St. Marien⸗ kirchhof hinab.... Und hier hatte unſere wandernde Geſellſchaft wieder einen Gegenſtand zu verſchiedenen Gedanken in der Verwunderung über die von den Dach⸗ rinnen der Kirche hervorſpringenden diaboliſchen Figuren, welche den Beſchauer angrinſen. Der Capitain Stangerling ſagte, er hätte in ver⸗ ſchiedenen Ländern dergleichen ſonderbare Symbole an Der Jungferthurm. II. 9 Kirchen geſeh man ſich nich meiſters denken wollte— 3 bewahrten Tempel und den Repräſentan der Unterwelt vorhanden ſein könnte, das ließe ſich ſo leicht nicht ſa „O, ſo ſehr ſchwer möͤchte es denn doch wohl nicht „Man könnte ſich wenigſtens Abſicht ſei geweſe Geiſtlichen des Fürſten ſein!“ meinte Thekla. eben ſo gut denken, die Gedanken bildlich darzuſtellen: wo das dort mag der Fürſt der Altar erhebt, weilen, ſondern er flieh „Lieber hätte ich a m Heiligthum einladen kleine Zauberruthe hätte, gegnete Bictor lachend,„ſo würde man bald ſehen, wie der Welt, lebendige und todte, in n— ja, ich glaube, ſogar die Vögel in der Luft und die Fiſche im Waſſer müßten Engel, die zu „Wenn ſämmtliche Figuren in Engel verwandelt würde ebenfalls En „Nun j lebte, ſo ſoll keinen Umguß zu befürchten haben: allzu einförmig in n würde ich Dir auch kein mir ſonſt Doch 130 en. t eine bittere Roſa eine Welche Gen Saty⸗ gen. gelsgeſtalten annehmen! a— do teſt auch Du bei ch ſo wie Noah Tummelplatze anweiſen, denn ich Hofnarren in „Dazu h Dienſtes noch nicht entlaſſen zwungenem Engelnarren in Sur ich nichts dagegen... ſchaftlichen Rath ertheilen, nachzuſehen, daß nicht Thekla Lächeln ein.„ der Hofhaltung d aſt Du kein Recht, ſo habe!“ vivanee ernennen willſt, doch möchte ich neinſchaft aber— ſofern re von Seiten des Bau⸗ wiſchen einem von chriſtlichen nten Chriſ !“ erklärte Roſa. 741 die Sündfluth über⸗ der großen Engelsſchöpfung ich fürchte, es möchte neinem Reiche werden. allzu großes Feld zum wuürde Dich zum er Engel ernennen!“ lange ich ihn meines fiel Hildur mit ge⸗ Wenn Du ihn aber zum ſo habe Dir den freund⸗ ihn inzwiſchen zu ihrem Hoflakaien macht!“ Ueber und über erröt hend üb Scherz, der ſich auf Victor's in d bewieſenen tragen wollte, welchen Dienſteifer bezog, n, den ſchönen ſtenthum ſeinen Finſterniß nicht mehr t mit ſeinem Anhang hinaus.“ ber dennoch dort ein Paar ſchöne “ ent⸗ er dieſen boshaften emſelben Augenblicke da er Thekla's Shawl ſie der Wärme wegen abgenommen — 1 über⸗ pfung möchte derden. d zum zum 11“ meines nit ge⸗ r zum o habe freund⸗ Thekla zhaften enblicke Shawl ommen 131 hatte, ſah ſich Victor nach allen Seiten um, in der Abſicht, einen Gegenſtand zu finden, auf welchen er die Aufmerkſamkeit der Uebrigen ablenken könnte. Doch um die Wahrheit zu ſagen, ſo fühlte er ſich dermaßen auf⸗ gebracht, daß er es nicht wagte, ſeine Stimme zu verſuchen. Thekla ſchien weder zu ſehen, noch zu hören. Karl aber ſah nach der Uhr und ſagte:„Wir ſind ſehr langſam geweſen... liebe Thekla! ich verſprach der Mutter, ſie ſollte Dich heute Abend bei uns ſehen!“ Jetzt nahmen Roſa und der Capitain die Spitze ein, und nachdem man bis an das Norderthor gewandert war, folgte man von dort ab wiederum der Mauer an der langen Liſa und dem Silberhute vorbei und blieb endlich vor dem Jungferthurme ſtehen. „Dieſen Thurm halte ich für das Intereſſanteſte und Merkwürdigſte!“ rief Roſa mit leuchtenden Blicken aus,„Ich bin überzeugt, Herr Capitain, daß Sie nie eine traurigere Geſchichte gehört haben, als die von dem Jungferthurme. An Mondſcheinabenden iſt mir immer, als ſähe ich Junghanſens Tochter in der Thurmöffnung ſitzen... Ach, wer ihr doch helfen könnte!“ „Helfen könnte?“ wiederholte Albin mit einem leb⸗ haften Blick auf die hühſche Gottländerin—„ihr helfen könnte?— was hat das zu bedeuten?“ „Roſa iſt eine kleine gute Sagenerzählerin,“ meinte Thekla;„und obgleich ſie ihre eigenen, vielleicht etwas allzu kindiſchen Anſichten üͤber den Jungferthurm hat, ſo bin ich dennoch überzeugt, Herr Capitain, daß Sie während unſerer Abweſenheit güt unterhalten werden. Karl und ich nehmen uns die Fretheit, uns auf einen Augenblick zu entfernen ich hoffe, heute Abend den Herrn Capitain zu Hauſe wieder anzutreffen!“ Albin Verbeugte ſich verbindlich. Und während Victor und Hildur nach ihrer Weiſe ſich leiſe mit einander unterhielten, begann Roſa ihre Erzählung ohne die geringſte Ahnung von dem geheimniß⸗ vollen Zuſammenhange derſelben mit ihrer eigenen Zukunft. — 95 1³3² Vierzehntes Capitel. Der Jungferthurm. Als eine Ausnahme von den Thürmen der Ring⸗ mauer im Allgemeinen hat der Jungferthurm ſeine vierte Seite geſchloſſen, ſo daß er einen vermauerten leeren Raum von etwa einem Quadratklafter bildet. Der Eingang führt durch eine enge Thür, und auf einer Art von Treppe kann man noch heutiges Tages, wenn auch mit einiger Mühe, auf die breiten Zinnen des Thurmes gelangen. Oben auf der Ringmauer, über welche er ſich erhebt, liegen große, glatte Steine in einer langen Strecke, welche wahrſcheinlich in Kriegeszeiten der Beſatzung als Gehplatz gedient hatten. Dicht darunter nach der Meeresſeite zu breitet ſich die weichſte Grasmatte aus, auf welcher die Wogen, wenn ſie in eine allzu un⸗ regierliche Laune gekommen und müde geworden ſind, länger auf ihrem harten, ſteinigten Bette zu ruhen, in halsbrechendem Spiele umtummeln und dem grämlichen Thurme wohl bisweilen einen Puff ertheilen— ein kin⸗ diſcher Verſuch, den Alten aus ſeiner ernſten Faſſung zu bringen...... „Zwar iſt der Jungferthurm, wie Sie ſehen, einer von den kleineren,“ ſo begann Roſa, indem ſie Albin einlud, neben ihr auf einem bemoosten Steine Platz zu nehmen;„dafür iſt er aber auch der einzige, von dem es eine Tradition gibt, und dieſe lautet folgendermaßen: „Hier in Wisby hatte ſich ein Handwerker, Namens Nils Goldſchmied, niedergelaſſen, der großen Reichthum geſammelt hatte, denn damals gab es hier Silber und Gold genug zu verarbeiten. Eines Tages aber reiste Herr Nils in aller Stille hinüber nach Dänemark zu dem Könige Waldemar Atterdag, der ſchon längſt ein Auge auf Gottland geworfen hatte, und erzählte ihm, wie es in dem alten Liede heißt, daß die Gottländer„ihr Gold auf Lispfundwagen wögen, mit den edelſten Steinen ſpie und iſt, Wa dem ſein nack gege hab ließ die nen, bläſ war Men muß Vat muß ihre ſoga von Fren wird um aus Geſe gefaf ihm einen Perſe zu er verw und ing⸗ eine rten [det. iner denn des über iner eiten nter ratte un⸗ ind, in chen kin⸗ 3 zu iner lbin zu dem zen: nens hum und iste zu ein hm, ‚ihr nen 133 ſpielten; wie das Rindvieh aus ſilbernen Trögen fräße und die Mädchen goldene Spangen ſchwenkten.“ „Ein altes Sprüchwort ſagt, daß es nicht ſchwer iſt, den zu locken, der gerne tanzen will— und die Wahrheit deſſelben bewies ſich auch an dem König Wal⸗ demar... Welchen Grund aber Nils Goldſchmied zu ſeiner Verrätherei haben mochte, darüber habe ich oft nachgedacht.“ „Vielleicht,I“ meinte Albin,„war er aufgebracht gegen die hochmögenden Kaufleute, welche(wie ich gehört habe) die Handwerker außerhalb der Mauern wohnen ließen?“ „Nein, das konnte auf ihn nicht eintreffen, denn die Goldſchmiede durften in der eigentlichen Stadt woh⸗ nen, ſowie auch die Bäcker. Aber„der ſchlimme Kohlen⸗ bläſer“, wie Herr Nils hieß, hatte eine Tochter, und ſie war ſo über alle Maßen hochmüthig, daß man eine Menge von Schmähgedichten über ſie machte, und darüber mußte ſie ſich natuͤrlich ärgern. Vielleicht hat ſie den Vater zur Rache aufgereizt.... Aber welch eine Stadt muß Wisby damals geweſen ſein: jede Nation hatte ihre eigene Straße mit Läden und Packhäuſern, und ſogar ihre eigene Kirche.... Doch ich komme ganz ab von der Geſchichte!“ „Wenn dieſe hie und da mit einer kleinen, dem Fremdlinge höchſt willkommenen Erklärung durchſchoſſen wird, ſo erhält ſie ein neues Verdienſt, nämlich, daß ſie um ſo länger dauert!“ erklärte Albin mit einem Blick, aus welchem Roſa abnehmen konnte, daß ihm in ihrer Geſellſchaft die Zeit eben nicht lang würde. „Wohl— König Waldemar wurde in ſeinem ſchon gefaßten Vorſatze beſtärkt; da aber Nils Goldſchmied ihm nicht alle Aufklärungen geben konnte, die er für einen Eroberungszug heiſchte, ſo beſchloß er in eigener Perſon ſich nach Gottland herüber zu begeben, um Alles zu erkunden und zu erfahren, wo die eigentlichen Schätze verwahrt lägen.... Zu dieſem Ende verkleidete er ſich und peiste ab. Noch wiſſen die Bauern auf dem Lande 2 134 zu erzählen, wie er ſich als ein bloßer Knecht bald auf dem, bald auf jenem Hofe aufhielt, und zwar zuerſt an der Küſte, um die beſten Landungsplätze füͤr ſeine Schiffe auszuerſehen. Als dieſes gethan war, begab er ſich nach Wisby, und nun reiste er als Kaufmann. Nun war ihm aber jeder Weg, in die Stadt zu kommen, abgeſchnitten, denn die Thore wurden damals ſtrenge bewacht und kein Fremder eingelaſſen. Da machte er ſich bekannt mit einem Häuptling im Lande, der in der Nachbarſchaft der Stadt wohnte und Junghans hieß. Dieſer nahm ihn mit großer Gaſtfreundſchaft ohne alles Mißtrauen bei ſich auf.“ „Da haben wir gewiß den Helden in dieſer Ge⸗ ſchichte!“ fiel Albin ein, indem ſeine Augen ſich auf den düſtern Thurm richteten. Ein leichter Seufzer entwand ſich Roſa's Bruſt. „Ich bin ſehr kindiſch,“ ſagte ſie,„daß ich mich ſo ſehr für das Schickſal von Leuten intereſſire, welche vor ſo langer Zeit lebten... aber das kommt wohl daher, daß ich bis jetzt noch ſo wenig habe, worüber ich denken und mich bekümmern muß.“ „Ich möchte eher glauben, 6s kommt aus der ange⸗ borenen Sympathie des Herzens fuͤr das Unglück.“ „Vielleicht... dieſer Thurm hat mir ſo manche Thräne gekoſtet: es iſt mir bisweilen, als ſähe ich ſo deutlich... doch davon zu reden iſt jetzt noch zu früh — Sie ſollen weiter hören, Herr Capitain!“ — „Biſt Du bald zu Ende?“ fragte Hildur, indem ſie das leiſe mit Victor geführte Geſpraͤch ploͤtzlich abbrach. „Das wohl nicht— aber das iſt einerlei: wir können zu Hauſe fortfahren.“ „Aber,“ fiel Albin ein,„wäre es wohl nicht intereſſant, zuvor auf den Thurm hinauf zu ſteigen?“ „Ein andermal!“ entgegnete Roſa.„Ich habe dort eine kleine Bank, die... Jemand mir in Ordnung ge⸗ macht hat.“ Roſa war im Begriff zu ſagen:„die Will mir in Ordnung gemacht hat!“ doch entſann ſie ſich noch des ſonderbaren Verbotes, ſeinen Namen zu nennen, und * auf t an chiffe nach Nun men, renge achte er in ange⸗ 44 nanche ich ſo 1 früh — em ſie brach. : wir — reſſant, be dort ung ge⸗ ie Will ch noch en, und 13⁵ beſann ſich; obgleich ſie dabei ſehr betrübt war, daß ſie kein Wort über den„Sohn der Seufzer“ ſagen durfte, für welchen der Capitain Stangerling gewiß große Theil⸗ nahme gefühlt haben würde. Mademoiſelle Roſa wird ein wenig nachdenkend!“ ſagte Albin, welcher mit dem jungen, kindlich liebens⸗ wuͤrdigen Mädchen ſchon ganz bekannt zu ſein meinte. „Sehen Sie— Victor und Hildur gehen jetzt... Haben Sie die Güte, zu kommen, Herr Capitain!“ Nachdem man ohne weiteren Aufenthalt nach Hauſe n war, Thee getrunken, und Albin neben Roſa an dem Nähtiſche Platz genommen hatte— Frau Mörk ſaß auf dem Sopha, und die übrigen Mitglieder der Familie waren anderswo beſchäftigt— fuhr Roſa endlich gekommen und von ihm worden war.... Nun, dieſer Junghans hatte eine junge und ſehr ſchöne Tochter— ihren Namen habe ich jedoch nicht erfahren köͤnnen— und es dauerte nicht lange, ſo verliebte ſie ſich in den hübſchen Kaufmann, und er ſich in ſie. Ihre Liebe wenigſtens war aufrichtig: ſte gab dem Geliebten ihr ganzes Herz, uͤnd durch ſie, die frei in der Stadt aus⸗ und eingehen durfte, erfuhr der König Alles, was er wiſſen wollte. anders, wenn er, den ſie liebte und von dem ſie alles Gute glaubte, ſie befragte? Sie hatte keine Ahnung davon, daß irgend ein Verrath mit im Spiele ſein konnte .. darum war ſie ja keine Verbrecherin, wie Thekla behauptet, und worüber wir uns oft geſtritten haben! Was meinen Sie, Herr Capitain?“ „Es iſt nicht leicht, meine Meinung auszuſprechen, ehe ich das Ende gehört habe. Doch ſcheint es, als habe Junghanſens Tochter ſehr unbedachtſam gehandelt, als ſte einem unbekannten Fremdlinge eine Menge von Dingen mittheilte, welche— was ein natürlicher Ver⸗ ſtand ihr hätte ſagen müſſen— wichtige Geheimniſſe 136 waren, da ſie auf ſolchen Schleichwegen erforſcht werden mußten.“ „O, Herr Capitain! wie können Sie ſo ſtreng richten? Nun, meinethalben: auch iſt dieß das Einzige, welches ich ihr zum Vorwurfe mache, daß ſie einen fremden Reiſenden lieben und ſich an ihn hängen konnte. Doch hat dieſer ihr Fehler wenigſtens die gute Folge gehabt, daß ſeit jener Zeit die Mädchen in Wisby gegen alle Fremden mißtrauiſch ſind!“ „Die Unterzeichnete alſo mit einbegriffen?“ lächelte Albin..„Hätte ſie aber keinen gröͤßeren Fehler be⸗ gangen, ſo...“ „Das war gerade der größte! Denn wäre ihr Geliebter ein Eingeborener geweſen, ſo hätte er ſie nicht wieder verrathen.“ „Hätte ſie ihm aber nicht mehr als nur ihre Liebe vertraut, ſo wäre auch weiter kein Unglück geſchehen.“ „Ich habe mir immer gedacht,“ entgegnete Roſa mittiefem, verſchämtem Erröthen,„wem man ſeine Liebe vertraut, dem vertraut man auch alles Andere— ſonſt wäre es ja keine Liebe.... Doch gleich viel: nun liebte Junghanſens Tochter den verkleideten Kaufmann, der gleichwohl einmal nahe daran war, ſich ſelbſt zu verrathen...“ „Wie ſo?“ „Ach, liebe Mutter! das weißt Du ja wohl?“ ſagte Roſa, indem ſie mit einer einnehmenden Bewegung das Köpfchen der Mutter zuwendete. „Ich glaube wohl, mein Kind, da Du es ſo oft erzählt haſt.... Eines Tages, da Junghans ſelbſt ganz unvermuthet eintrat, fand er ſeine Tochter auf dem Schooße des Fremdlings, und dabei ſchwellte ſein Vater⸗ gefühl ſo über, daß er dem unredlichen Gaſtfreunde eine Ohrfeige gab. Da erhob ſich dieſer mit ſeiner ſtolzeſten Haltung und wollte eben verkündigen, wem dieſer Schimpf angethan worden wäre— doch wurde er ſeines Aergers augenblicklich Meiſter und entfernte ſich.“ ſonde heißt ſtand geſchl ganze lager wollte ſoglei ſich d Ihrig ihnen Tag ein.. 8 —9— Oonu — 137 „Ja,“ ſiel Roſa ein, da nun der bedenklichſte Punkt vorüber war,„er entfernte ſich, denn er hatte ſchon Alles erfahren, was er wiſſen wollte. Bei dem Abſchiede aber flüſterte er der Geliebten noch zu:„Kommt hier Unfriede in's Land, ſo hänge ein weißes Tuch über das Thor des Hofes Deines Vaters, und Euch ſoll kein Haar auf Euren Häuptern gekrümmt werden!...* Inzwiſchen verging der Winter, das. Eis brach auf und eines Tages landete Waldemar's Flotte bei Klinte. Der König Magnus Smek von Schweden hatte die Gottlän⸗ der zuvor gewarnt; doch übermüthig durch ihre Reich⸗ thümer und große Macht verachteten ſie den Feind und ſchmähten in Liedern und Spielen den Waldemar.... Wir haben noch jetzt ein altes Weihnachtsſpiel aus jener Zeit übrig: man reicht einander die Hände und tanzt in einem Kreiſe rund umher, während eine Perſon, die den Waldemar vorſtellt, draußen umher geht und ſich einzu⸗ ſchleichen ſucht, während Alle ſingen: „Dir waͤre beſſer zu Hauſe zu bleiben, Als gegen die Gottländer zu ſtreiten. u. ſ. w. „Waldemar aber blieb, wie geſagt, nicht zu Hauſe, ſondern landete bei Klinte und zog weiter in's Land. „Sporne den Fuß, ſporne den Fuß: Nun kommen die Gottländer geritten! heißt es ferner in dem Liede. Doch trotz ihres Wider⸗ ſtandes wurden die Gottländer in mehreren Schlachten geſchlagen— und bald ſtand Waldemar mit ſeinem ganzen Heere vor Wisby und begann die Stadt zu be⸗ lagern. Da faßte man einen kühnen Entſchluß: man wollte durch einen unvermutheten Ausfall den Feind ſogleich vertreiben— und achtzehnhundert Bürger weihten ſich dem Tode zum Opfer fuͤr die Vaterſtadt und die Ihrigen. Sie zogen aus. Die Thore wurden hinter ihnen geſchloſſen— doch die Edlen hatten ihren letzten Tag geſehen: Keiner, kein Einziger, trat jemals wieder ein.... Ach, Herr Capitain, wir wollen einmal auf — ——— 138 die„Kreuzweide“ hinausgehen— dort war die Schlacht, und dort ließ der König Waldemar nach Beendigun des Kampfes ein hohes Kreuz errichten, welches u heutiges Tages daſteht als eine Erinnerung an dieſe ſeine tapfern Feinde, die für ihre heilige Sache mit ſolchem Heldenmuthe fochten, daß kein Einziger von ihnen übrig blieb!“ „Herrlich!“ rief Albin aus.„Ein herrlicher Tod und ein edler Feind!“ „„Im Jahre 1361 am Dienſtage nach St. Jacobi fielen vor den Händen der Dänen eintauſend achthundert gottländiſche Bürger — hier begraben. Betet für ſie!“ So lautet die Inſchrift auf dem Kreuze,“ fuhr Roſa fort....„Doch nicht genug damit: er ließ daneben auch eine Kapelle bauen, in welcher über alle Todten und Erſchlagenen Seelenmeſſen geleſen werden ſollten, und er nannte ſie Solberga,*) denn der Kampf war gegen Abend geendigt, da die Sonne ſich barg. Dieſe ſpäterhin in ein Non⸗ nenkloſter verwandelte Kapelle iſt nun aber gänzlich verſchwunden: gar nichts iſt davon übrig.“ „Und dieſes Schickſal,“ fiel Albin ein,„haben ſo viele andere von den Herrlichkeiten des alten Wisby theilen müſſen.“ „Ja, Herr Capitain, die Zerſtörung datirt ſich eben von dieſer Zeit: Sie werden hören!... Als Waldemar einen ſo vollſtändigen Sieg gewonnen hatte, blieb den Bewohnern der Stadt weiter nichts übrig, als ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben: die Thore wurden ge⸗ öffnet, und die Bürgermeiſter mit dem Rathe traten heraus, um dem Sieger die Schlüſſel und das Regiment der Stadt zu überantworten. Ob aber Waldemar nun eine Verrätherei, oder ob er fürchtete, man könnte ſagen, daß er ſeine Eroberung nicht mit Kriegsmacht voll hätte, genug: er wollte nicht durch die Thore einziehen, — 2) Zuſammengeſetzt aus Sol(Sonne) und berg⸗(bergen). Anmerk. d. Ueberſ. vollfuͤhrt ſagen, llfuͤhrt ziehen, rgen). verſ. 139 ſondern ließ ein großes Stück von der Mauer gleich neben dem Oeſter⸗Thore niederreißen, und durch dieſe Oeffnung— ſie iſt noch heutiges Tages zu ſehen— rückte er in voller Schlachtordnung mit ſeinem ganzen Heere ein. Als hernach die Mauer wieder hergeſtellt wurde, ließ er dort eine Inſchrift anbringen, welche der Nachwelt anzeigen ſollte, wie viel Mann er in jedem Gliede gehabt hatte— es ſollen ihrer elf geweſen ſein. Jetzt begann die Plünderung: alle Häuſer und Maga⸗ zine wurden zerſtört, die Kirchen und Klöſter ihrer Koſt⸗ barkeiten, ja ſogar der Glocken, beraubt; und als man gar nichts mehr finden konnte, ließ er die drei größten Bierkufen, die er erhalten konnte, auf einen von den Märkten bringen und erklärte, wenn dieſe innerhalb dreier Tage mit Silber, Gold und Cdelſteinen gefüllt würden— er glaubte, daß die beſten Schätze vergraben oder ſonſt verſteckt worden wären— ſo ſollte die Plün⸗ derung aufhören und die Stadt ihre vormaligen Frei⸗ heiten und Gerechtſame behalten. Und ſo groß war damals der Reichthum in Wisby, daß die Kufen wirklich, und zwar ſchon an demſelben Tage, gefüllt wurden. Waldemar hielt auch wirklich ſein Verſprechen... Doch welche Freude hatte er von ſeiner unermeßlichen Beute? Als er mit ſeinen beladenen Schiffen abgeſegelt war, erhob ſich ein ſo furchtbarer Sturm, daß er ſich ſelbſt nur mit genauer Noth retten konnte, und das größte Fahrzeug, auf welchem ſich die vornehmſten Koſtbarkeiten befanden, ging bei den Karlsinſeln gänzlich verloren: dort kann man noch— ſo erzählen alte Seeleute— wenn man nämlich Anlage hat, dergleichen zu ſehen, die ſchöne und theure Laſt erblicken, wie ſie zwiſchen den Maſten von Gold und Kleinodien ſchimmert. Am klar⸗ ſten ſcheinen aber doch die beiden berühmten Karfunkel, welche St. Nikolaus hat hergeben müſſen— wenn wir die Kirchenruine beſehen, werde ich Ihnen zeigen, wo ſie geſeſſen haben.“ „Ich meine, eben dieſe Sage ſchon von meinem Conſtabel gehört zu haben, der ein geborner Gottländer 140 iſt.... Doch wie kommen wir nun wieder zum Jungfer⸗ thurm?“ „Sehr leicht durch einen kleinen Sprung. Als die Dänen nun wieder hinweg waren und die armen Be⸗ wohner von Wisby Zeit halten, über ihre traurige Stel⸗ lung nachzudenken, ſo wollte es ſie bedünken, daß ſie in ihrer Mitte einen Verräther gehabt haben müßten, der den Feinden ihre verborgenſten Geheimniſſe mitgetheilt hätte, beſonders da es ſich gezeigt hatte, daß die Feinde die allergeheimſten Verwahrungsörter der Schätze gekannt hatten. Man ſtellte eine Unterſuchung an und erfuhr bald, daß während der ganzen Kriegszeit ein weißes Tuch vor Junghanſens Hofe geweht hatte, der eben deß⸗ halb wahrſcheinlich von der Plünderung verſchont worden war. In ihrer großen und grenzenloſen Betrübniß, daß ſie um ihrer Liebe willen ihre Vaterſtadt den Feinden verrathen hatte, geſtand das junge Mädchen ſogleich Alles ein....O, wie hat ſie wohl nicht gelitten! Aber ſie klagte nicht in ihrem bittern Schmerze, ſondern wartete geduldig ab, was der Rath— in welchem auch ihr Vater ſaß— beſchließen würde....“ Roſa ſeufzte tief. „Es gibt Schmerzen,“ bemerkte Albin,„die ſo groß und bitter ſind, daß man keine Klage dafür hat.... Was beſchloß denn der Rath?“ „... Daß Junghanſens Tochter in dem Thurme, welcher hernach von ihr ſeinen Namen erhalten hat, lebendig begraben werden ſollte— bedenken Sie: lebendig begraben... Zoll für Zoll getödtet zu werden!... Wirklich,“ fuhr die Vertheidigerin der Unglücklichen fort, und ihre ſchönen Augen glänzten von dem ſchönſten Feuer,„Thekla mag ſagen, was ſie will; ſie mag mei⸗ nethalben behaupten, daß die Leichtſinnige achtzehn⸗ hundert edle Landsleute getödtet, daß ſie alle unſere Tem⸗ pel in Ruinen verwandelt und daß ſie die größten Reich⸗ thümer des Nordens geſtohlen hat; das und Alles mag Thekla ſagen— gewiß iſt dennoch, daß Junghan⸗ ſens Tochter eine Dulderin, eine Heilige der Liebe war, wele vorſt Stra leben weiß ſie b ihr welch hält ohne Vate doch ergre zitter Seele Du m nicht, „Sch meine von — di genon o mei — we O wieder ſam a Phant gefähr Hände und de im St halten T Mörk ihre C jan⸗ var, welche man eben ſo gut, wie jede andere, anbeten könnten ... O, ich kann mich wahnſinnig denken, wenn ich mire vorſtelle, wie ſie gingen... vielleicht gerade dieſe unſere Straße herauf... der düſtere Trauerzug... mit der lebendigen Leiche in ſeiner Mitte: ich ſehe ihr lilien⸗ weißes Antlitz, ihren gen Himmel erhobenen Blick— ſie brauchte ihn ja nicht auf die Erde zu ſenken... ihr langer, ſchwarzer Schleier wallt herab über Locken, welche der verrätheriſche Liebhaber geliebkost hat. Jetzt hält der Zug vor der Thür des Thurmes. Ohne Klage, ohne Vorwürfe richtet ſie ihren letzten Blick erſt auf den Vater, dann auf ihre Henker und ſteigt auf die Schwelle; doch hier bei dem Anblicke des leeren, eiskalten Grabes, ergreift Entſetzen ihr ganzes Weſen... die Glieder zittern... ſie ſinkt zu Boden— nein, die Kraft der Seele, der Liebe ſiegt dennoch.... Thekla, Thekla! ſiehſt Du nicht, wie ſie jetzt die Hand ausſtreckt— hörſt Du nicht, wie ſie allen Töchtern von Wisby zuflüſtert: „Schenkt mir Eure Thränen, Eure Gebete, damit Gott meinen Kampf verkürzen möge!...“ Ihr Menſchen von Stein! ſchmelzen Eure Herzen denn nicht?... Höret — die Arbeit beginnt... die Mauerkelle wird zur Hand genommen... jetzt klang der erſte Hammerſchlag... o mein Gott— ein Seufzer!... Nein, hinweg, hinweg — weit hinweg von hier!“ Roſa ſprang auf von dem Stuhle, ſank aber ſogleich wieder zurück, bei dem Anblicke ihrer Umgebung gleich⸗ ſam aus dem Zuſtande einer Hellſeherin geweckt. Die Phantaſte des jungen Mädchens war von einer allzu gefährlichen Beſchaffenheit: ſie bedeckte mit den weißen Händchen ihr mit hohem Purpur übergoſſenes Antlitz, und die Gemüthsbewegung war ſo heftig, daß ſie kaum 34 Stande war, einen Strom von Thränen zurückzu⸗ halten. 3 Die Blicke des Capitains Stangerling und der Frau Mörk begegneten ſich: der Ausdruck Beider ſagte, daß ihre Gefuͤhle ſich in dieſem Augenblicke mehr mit der iſrzählerin, als mit der ſo warm aus ihrem kindlich t'guten Herzen entſprungenen Erzählung beſchäftigten. „Beruhige ich, mein Kind!“ ſagte die Mutter ſanft.„Du biſt allzu gefühlvoll!“ Albin ſagte nichts, konnte aber ſeinen Blick un⸗ möglich von Roſa's einnehmender Geſtalt trennen. Endlich legte ſich die heftige Wallung in ihrem jungen Blute, ihre Wangen erhielten ihre natürliche Farbe und ihre Lippen das liebliche Lächeln wieder. „Ach, wie dumm kann ich ſein!“ rief ſie halb in Thränen, halb lachend aus....„Ja, ich bin wirkli einfältig: hat nicht Junghanſens Tochter nun viele Jahrhunderte lang Frieden gehabt... ſofern— hier zog ſich ein leichter Schatten über den warmen Purpur —„ſofern nämlich keine Wahrheit in der Legende liegt, die man von dem Jungferthurme erzählt.“ „Aber, Roſa,“ ſiel die Mutter mit einem faſt vor⸗ wurfswollen Blicke ein,„Du biſt ja ſo abergläubig, daß man kaum aus Dir klug werden würde, wenn Du nicht noch als ein Kind zu betrachten wäreſt!“. Welche Legende?“ rief Albin—„darf ich bitten, Seeleute lieben ebenfalls das Wun⸗ nentgegnete Frau von den gewöhn⸗ das Ende alter 7 ſie zu hören? Wir derbare.“ „Dieſes iſt aber nicht wunderbar, Mörk,„ſondern weiter nichts, als eine lichen Dummheiten, welche man an Erzählungen anflickt.“ „Aber dennoch?“ „Ja, Herr Capitain,“ beeilte ſich Roſa, Albin's mit deutlichem Intereſſe ausgeſprochenem Wunſche nachzu⸗ kommen,„es geht hier eine Sage— die ich meines Theils für recht ſchön halte, ſo ſchrecklich ſie auch ſein mag— und dieſe erzählt, daß die eingemauerte Jungfrau noch immer keine Ruhe in dem Thurme gefunden hat, ſondern daß in jeder Dienſtagsnacht ihr Schemen auf⸗ ſteht und zu der Schießſcharte hinau ch ſehen, ob nicht eine der Jungfrauen von Wisby kommen V V ter un⸗ rem iche » in klich viele hier rpur iegt, vor⸗ daß nicht iitten, Wun⸗ Frau woͤhn⸗ alter 's mit nachzu⸗ meines ch ſein ngfrau en hat, en auſ nachzu⸗ ommen und ſie erlöſen will— denn der Legende zufolge kann Junghanſens Tochter, um derentwillen achtzehnhundert Bürger ihr koſtbares Blut vergoſſen haben, nicht eher ihren ewigen Frieden wieder erhalten, als wenn eine andere unter den Töchtern von Wisby ihr um der Liebe willen ihr Blut opfert.“ Albin fühlte, wie zu ſeiner eigenen Verwunderung ein Schauer von Kälte oder Schmerz— er konnte ſelbſt nicht ſagen, welches von beiden der Fall war— durch ſeine Glieder eilte. Was Roſa jetzt erzählt hatte, das war ja ſo durch und durch kindiſch, und dennoch ver⸗ mochte er ihr nur mit einem einfachen:„Herzlichen Dank, Mademoiſelle Roſa!“ zu antworten. Aber in dieſem Danke lag ein Ausdruck, der Roſa's Anſprüche vollkommen befriedigte, wenn ſie ja auf die Dankbarkeit des Capitains für das Vergnügen, welches ihre Erzählung ihm bereitet haben konnte, dergleichen machte. „Nimm nun die Guttarre und erheitere uns wieder mit einem Liedchen!“ ſagte die Mutter.„Du haſt den Herrn Capitain halb verſtimmt, das ſehe ich deutlich!“ „Ja, es iſt ſchwer zu ſagen, welche geheime Macht in der Legende der Mademoiſelle Roſa lag; doch bin ich genöthigt, zu geſtehen, daß ſie auf mich ungefähr den Eindruck hervorgebracht hat, den wir in der Kindheit empfinden, wenn wir zu gleicher Zeit zuſammenſchau⸗ dern und entzückt werden bei der Erzählung einer Ge⸗ ſchichte, in welcher die Mitternachtsſtunde und weiß gekleidete Geſpenſter um die Wette figuriren.“ „Ich weiß nicht, ob ich mich davon geſchmeichelt fühlen ſoll,“ meinte Roſa;„glaube aber dennoch, daß ich es thue, denn ich entſinne mich noch recht gut, wie ſehr mich Alles entzückt hat, das den geringſten Anſtrich von Unheimlichkeit an ſich trägt.“ „Ich aber eentſinne mich doch,“ entgegnete Albin, „daß ich es für das Angenehmſte gehalten habe, hernach dieſe Eindrücke zu vergeſſen— iſt es mit Ihnen nicht auch ſo geweſen, Mademoiſelle Roſa?“ „Nein, ich kann nicht ſagen, daß ich ſo vernünftig 144 war⸗ oder daß ich es jetzt bin, wenn ich ſolche Gefühle habe.“ „In dieſem Falle“— Albin warf einen beredten Blick auf die Guitarre—„darf ich wohl nicht hoffen, einige vaterländiſche Töne zu hören? Ich bin überzeugt, Mademoiſelle Roſa, daß Sie viele von den Melodien geſammelt haben, die auf den Lippen des Volkes leben 44 „Ja, ich ſinge viele von dieſen Liedern, glaube aber kaum, daß es heute Abend gut gehen würde, daher ſpare ich dieſes mein kleines Talent auf ein anderes Mal— es kann,“ fügte ſie fröhlich hinzu,„heute genug ſein mit demjenigen, welches ich ſchon als Sagenerzählerin ge⸗ leiſtet habe.... Doch, Herr Capitain! ſpielen nicht auch Sie ein Inſtrument?“ „Ich habe eine Flöte, mit der ich mir bisweilen auf der See die Zeit vertreibe— das iſt Alles!“ „Sieh, das war angenehm— da können wir an Duette denken: ich will Ihnen ſagen, Herr Capi⸗ tain, wir unterhalten uns hier auf unſerer einſamen Inſel viel mit der Muſik. Nehmen Sie künftig Ihre Flöte mit— Victor bläst ebenfalls... ach, das iſt ja herrlich!“ 4 „Um mich nicht ungehorſam zu beweiſen, ſo ſei es, wie Sie befehlen!“ antwortete Albin verbindlich, ja bei⸗ nahe herzlich— er wußte nicht, wie es kam, daß er ſich in der obern Wohnung dieſes Hauſes ſo einheimiſch fühlte.„Inzwiſchen,“ fuhr er fort und ergriff den Hut, „iſt es jetzt Zeit für mich, an Bord zurückzukehren— ich bin ſchon allzu lange weg geweſen!“ Nach einem artigen Abſchiede, der die ganze Dank⸗ barkeit eines Fremdlings für einen ſo angenehm verleb⸗ ten Tag ausdrückte, entfernte ſich unſer Capitain. Als er in den Hausflur kam, wollte Albin noch in aller Eile einen Beſuch auf dem Comptoir abſtatten, und war eben im Begriff, die Hand an das Thürſchloß zu l wele Wa Sac Aug ihm Rede ande barn Verf denn pitai Patr beſſer ich i ſo di ſchw daß anne oben der wenr mein geben nicht geber hörſt natü geloc herat Der 14⁵ zu legen, als er die Stimme des Großhändlers hörte, welche mit Härte ſagte: „Was tauſend Tonnen Teufel kümmert das mich? Bef habe ich mit den Gütern zu ſchaffen? das iſt Deine a e!“ chezg nun?“ dachte der Capitain und blieb einige Augenblicke ſtehen, weil er glaubte, es ſei von den von ihm in Lilja's Höhle verſteckten Schmuggelgütern die Rede. „Gott geſegne Sie, Herr Patron!“ antwortete eine andere Stimme;„Sie werden doch in Gottes Namen barmherzig ſein? Der Capitain betrog mich mit ſchönen Verſprechungen, ich ſollte ſagen, die Güter gehörten mir.“ „Was T...“ Unſer Held unterbrach ſich ſelbſt, denn wieder vernahm er die Stimme des Großhändlers: „Das iſt ja eine Sache zwiſchen Dir und dem Ca⸗ pitain, mit der ich unmöglich etwas zu thun haben kann — ſchmuggelt Ihr, ſo mögt Ihr auch davor ſtehen!“ „Ja, aber Herr Jeſſes, es iſt doch ſchrecklich, Herr Patron, daß Sie unter uns läugnen wollen, was Sie beſſer wiſſen, als ich! Nicht jammere ich darüber, daß ich in's Loch komme: ich verdiene es nicht beſſer, da ich ſo dumm ſein konnte, mir Gold und grüne Wälder ein⸗ ſchwatzen zu laſſen— und es iſt ſo wahr, wie der Tag, daß der Capitain ſchwur, Sie würden mir alle Un⸗ annehmlichkeiten erſetzen und noch ein großes Douceur obendrein geben. Nun aber ſehe ich wohl, wie es an der Zeit iſt, und es mag alſo gehen, ſo gut es kann, wenn Sie ſich nur wentggen ſo großmüthig zeigen und zeeiner, Alten ein wenig zur Huͤlfe in der Betrübniß geben!“ „Ja, das wäre mir eben recht! Verſtehſt Du denn nicht, Du einfältiger Narr, daß ich mir dann eine Blöße geben würde in einer Sache, mit welcher ich nichts— hörſt Du, nichts!— zu ſchaffen habe? Du mußt Dich natüͤrlicher Weiſe an den halten, der Dich in die Falle gelockt hat: er iſt auch der nächſte, um Dich wieder herauszuziehen... Adieu!“ Der Jungferthurm. II. 10 146 „Ich ſoll mehrere Monate auf der Feſtung arbeiten — das iſt der Dank für eine gute Handreichung in der Stunde der Noth!— Nun gut, Herr Patron! Sie kön⸗ nen dieſen Verdienſt zu den übrigen legen: aus dem Allen wird ſchon etwas werden, das man am jüngſten Tage hervorſuchen kann... Doch vielleicht kommt es auch ſchon früher!“ Erſtaunt über die kaltblütige Grauſamkeit des Kauf⸗ manns und in ſeinem Innern erſchüttert, hatte der Capi⸗ tain, welcher jetzt einſah, daß es einen armen Teufel auf einem andern Fahrzeuge betraf, ſich kaum zurück⸗ gezogen, ſo kam ein Seemann, auf deſſen Geſicht eine düſtere und faſt drohende Wolke lag, aus dem Comptoir. Albin war jetzt nicht im Stande, hineinzugehen— er verließ eilfertig das Mörk'ſche Haus und ſagte leiſe zu ſich ſelbſt:„Und dieſer Mann iſt der Gatte einer ſolchen Frau.. der Vater ſolcher Töchter!“ —— Fünfzehntes Capitel. Die Unterredung in St. Nikolaus. In den Tagen ihres Wohlſtandes hatte die Stadt Wisby achtzehn Kirchen— ja die Zahl derſelben wird von Einigen ſogar auf dreiundzwanzig angegeben.„In jenen Zeiten,“ ſo bemerkt ein Verfaſſer,„wurde viel ge⸗ baut, nicht eben aus Nothwendigkeit, ſondern einestheils um ſich damit einen großen Namen in der Welt zu ver⸗ ſchaffen, und anderntheils auch, um den Höchſten im Himmel zur Erkenntlichkeit zu verbinden, wenn man aus der Welt ginge, und die Geiſtlichen und Mönche jener Zeiten wußten dieſe Gefühle vortrefflich zu unterhalten.“ Unter dieſen Kirchen, die ſämmtlich von Quader⸗ ſteinen, ohne Zuſatz von Ziegelſteinen, aufgemauert, jetzt aber mehr oder weniger„von dem Zahne der Zeit in Ruderg verwandelt“ ſind, iſt die St. Nikolai⸗Ruine die größ dem in ſe rath Edel dener. teten drau hohe jeder man gega dem Uebe den gega habe man liche Ruir ihr in 1 fünf oben ſind arber trepp jetzt pebn Vorz ſteige ( der f und werfe dieſes die 8 tadt wird „In ge⸗ heils ver⸗ im aus jener ten.“ ader⸗ jetzt it in e die größte und auch die am beſten erhaltene. Der weſtliche, dem Meere zugewendete Giebel erhebt ſich noch faſt ganz in ſeiner urſprünglichen Majeſtät, mit kunſtreichen Jier⸗ rathen geſchmückt, leider jedoch der beiden hochrothen Edelſteine beraubt— dieſer berühmten Karfunkel, von denen die Tradition vermeldet, daß ſie bei Nacht leuch⸗ teten, wie die klare Sonne des Tages, den Seefahrenden draußen auf dem Meere den Weg zeigten und von ſo hohem Werthe waren, daß vierundzwanzig Wächter in jeder Nacht den Tempel rundum bewachten, damit Nie⸗ mand dort vorbeigehen möchte, wenn die Sonne unter⸗ gegangen war, was bei Todesſtrafe verboten war. Nach⸗ dem dieſe merkwürdigen Sagenſteine bei dem gewaltſamen Ueberfalle des Königs Waldemar hinweggebrochen wor⸗ den und in dem Schiffbruche bei den Karlsinſeln verlören gegangen ſind, rufen die leeren Räume, wo ſie geſeſſen haben, jetzt nur einen vergeblichen Seufzer hervor, ſofern man nicht bei einer bloßen Verwunderung über ihr wirk⸗ liches Vorhandenſein ſtehen bleibt. Die ihrer reichen marmornen Bekleidung beraubte Ruine erſtreckt ſich faſt hundert Ellen in die Länge und ihr Gewölbe ruht auf zehn viereckigen Pfeilern. Das in rein gothiſchem Style aufgeführte Chor wird von fünf Fenſtern erhellt, die fünfundvierzig Fuß hoch und oben in Geſtalt von Kleeblättern gebrochen und getrennt ſind durch ſchmale Säulen, deren Knäufe mit reich ge⸗ arbeitetem Laubwerke prunken. Mittelſt einer Spiral⸗ treppe in der nördlichen Mauer gelangt man auf das jetzt von Bäumen und wucherndem Graſe bewachſene Gewölbe, woſelbſt eine in das Endloſe über Jetzt⸗ und Vorzeit ſchön verſchwindende Ausſicht die Mühe des Auf⸗ ſteigens belohnt.. Die heiße Luft, welche in den Sommermonaten außerhalb der ſüdlichen Mauer brennt, wo Tauſende von Hyacinthen und Tulpen ihren Glanz auf den dunklen Fuß des Tempels werfen, verſchwindet gänzlich, ſobald man über die Schwelle dieſes großen Grabes tritt: eiskalte Winde durchſtrömen die Bruſt, und zu gleicher Zeit wird Lugenzlicklich das 0 148 Gefühl der Seele umgeſtimmt; und trotz des Sonnen⸗ lichtes aus den glasloſen Rahmen der Fenſter geben die tiefen Schatten, im Verein mit dem Geſchrei der Vögel unter dem Gewölbe der Decke und dem Geraſſel der Schlinggewächſe in den Riſſen, dem öden Heiligthume einen duͤſtern, ja unheimlichen Anſtrich... Hieher hatte Karl Salzwedel ſeine Braut geführt. Die ernſte Thekla liebte das ernſte und myſtiſche Aus⸗ ſehen der Ruinen. Sie ſetzten ſich auf eine ſteinerne Bank ganz hinten an dem weſtlichen Giebel mit der Ausſicht auf den Chor. Die Grab⸗ und Fußbodenſteine der Kirche waren nicht mehr vorhanden, ſondern die Füße der Lebendigen ruhten auf einer weichen Grasmatte, die hie und da— eine kleine Oaſe in der Wüſte— aus den dunkeln Trümmern hervorwuchs. Hier, theure, geliebte Thekla, wirſt Du nicht an⸗ ders als wahr gegen mich ſein können!“ ſagte Lieutenant Salzwedel mit ſeinem grundehrlichen Tone, und ließ dabei ſeinen grundehrlichen und treufeſten Blick warm auf der Geliebten ruhen. „Wann war ich wohl nicht wahr gegen Dich, Karl?“ „Ich weiß wirklich nicht gewiß, ob Du es jemals geweſen biſt— wenigſtens habe ich bei jenem meinem letzten Beſuche Grund gehabt zu bezweifeln, ob Du von Anfang an mich von recht vollem Herzen geliebt haſt!“ „Mein guter Karl! Die Liebe ſoll in ihrem inner⸗ ſten Grunde unergründlich ſein— warum uns alſo ab⸗ mühen, um nach ihr zu forſchen? Sind wir nicht bis⸗ her glucklich geweſen mit demjenigen, was wir gefunden haben?“ kdi Du denn wirklich glücklich geweſen, meine Thekla?“ „Ich kann nicht läugnen, daß ich das Daſein eines höheren Glückes als das unſrige für möglich halte; auf der andern Seite aber wäre es undankbar, wenn wir über den Antheil, der auf unſer Loos gefallen iſt, eine Klage wag det f und das Höhe ſtärk um würd ich ſ mit halbe zu li Karl weiße verſu fühlt obgle zufol. empft nete, ſam nicht nenſt golde. Theil f * — 7 das S nen⸗ die ögel der ume ihrt. Aus⸗ uten Zhor. nicht ihten eine mern an⸗ nant ließ varm arl?“ mals inem von aſt!“ nner⸗ )ab⸗ bis⸗ inden neine eines ; auf über Klage wagen wollten. Wir lieben einander; unſere Liebe grün⸗ det ſich auf die Kenntniß unſerer gegenſeitigen Charaktere und auf die Gewißheit, daß wir uns hochachten— iſt das nicht genug?“ „Ich fühle aber dennoch eine Sehnſucht nach etwas Höherem!“ „Im Gegentheile, mein Karl, glaube ich, daß jede ſtärkere Spannung des Gefühles Dich in ein fremdes, um nicht zu ſagen unnatürliches Verhältniß verſetzen würde.“ „Du willſt damit ſagen, Thekla, daß Du glaubſt, ich ſei nicht im Stande, eine tiefe Liebe zu empfinden?“ Thekla betrachtete ihren Geliebten einige Sekunden mit einem melancholiſchen Lächeln; darauf ſagte ſie mit halber Stimme:„Liebſt Du mich nicht ſo tief, wie Du zu lieben vermagſt?“ „Du darfſt keine ſolche inguiſitoriſche Fragen thun!“ Karl bückte ſich und drückte ſeine Lippen auf Thekla's weißen Arm. „Nun gut; ſo will ich es denn mit einer andern verſuchen: haſt Du Dich in Deiner Liebe glücklich ge⸗ fühlt, ſo wie ſie bis auf die letzten Wochen geweſen iſt?“ „Ja, bei Gott!“ „Du ſiehſt alſo, daß ſie Dir wie mir genügt hat, obgleich ſie nicht von der ſtärkern Art geweſen iſt!“ „Ja; doch jetzt, jetzt iſt es anders geworden; und zufolge der bittern Gefühle, die ich während einer Zeit empfunden habe, da ich doch auf das höchſte Glück rech⸗ ete, habe ich beſchloſſen...“ Karl hielt inne, gleich⸗ ſam verlegen, wie er fortfahren ſollte; ſein Blick ſuchte nicht länger Thekla's Augen, ſondern ſtarrte die Son⸗ nenſtrahlen an, welche die Kleeblätter der Fenſter ver⸗ goldeten und einen leichten Schimmer über den vorderen Theil der grauen Maſſen warfen. „Was haſt Du ſo entſchieden beſchloſſen, mein Karl?“ „Eine deutliche Probe Deiner Liebe zu begehren!“ „Zwar habe ich geleſen, daß in der alten Ritterzeit das Weib von ihrem Liebhaber Proben forderte— doch 150 haße ih nicht gewußt, daß es jetzt umgekehrt gebräuch⸗ ich iſt.“ „Vielleicht iſt das Wort Probe nicht das rechte! Ich will ganz einfach begehren, daß Du durch die That das Gelübde bekräftigeſt, welches Du mir vor drei Jahren gabſt!“ „Ach!“ rief Thekla aus, und eine flüchtige Röthe brannte auf ihrer Wange. „Geliebte, theure Thekla! Es iſt ſowohl Deiner als auch meiner ganz unwürdig, zu geſtehen, daß ich an Eiferſucht, leide— und dennoch iſt es ſo! Victor's wahnſinnige und offene Liebe zerſtört meine Ruhe und ſetzt mein Gehirn in Brand— ich bin mir ſelbſt bis⸗ weilen ſo unähnlich, daß ich erſchrecke... Genug, ich kann nicht reiſen, ohne daß mein Glück geſichert iſt. Willige ein, ich beſchwöre Dich, daß ich morgen das Aufgebot beſtellen darf!“ „Mein geliebter Karl, das läßt ſich nicht thun: ſo ſchnell, faſt ſtürmiſch, kann ich mich nicht entſchließen!“ „Wieder Ausflüchte!“ ſeufzte Karl.„Was willſt Du, daß ich nun glauben ſoll?“ Thekla ſchwieg— ein Ausdruck des heftigſten Schmer⸗ zes bleichte die Roſen auf ihrem ſchönen Antlitze. „Ich will Dir eine Sache anvertrauen, meine Ge⸗ liebte!“ fuhr Karl fort,„und Du kannſt glauben, wenn ein Mann mit meinem Charakter dergleichen Wahnſinn träumen kann, ſo iſt ſein Gemüth in großer Unordnung!“ Thekla blickte ihm mit einem fragenden Blick in das Auge, und Karl erzählte den ganzen Auftritt in Lilja's Höhle nebſt dem Auftreten des Capitains Stan⸗ gerling. 7 a,“ antwortete ſie in einem Tone, der ihm wun⸗ derlich vorkam,„dieſes wäre wirklich allzu kindiſch gewe⸗ ſen— auch endete das beabſichtigte Trauerſpiel mit einem Luſtſpiele!“ Jetzt erblaßte Karl.„Ich glaube, Du willſt mich verſtehen laſſen, daß Du die ganze Sache für eine ſo geringfügige Kleinigkeit hältſt, die Deiner Aufmerkſam⸗ Stan⸗ wun⸗ gewe⸗ einem mich ine ſo kſam⸗ 15¹ keit nicht einmal würdig iſt? Dennoch, da ich einmal an etwas ſo Wahnſinniges, wie ein Duell, gedacht habe, ſo iſt es auch gewiß, daß es hätte vorfallen können— und vielleicht dürfteſt Du von Allen am wenigſten ver⸗ muthen, daß keine Feigheit von meiner Seite der Grund war, daß ich Gott für das Luſtſpiel dankte, welches da⸗ zwiſchen kam.“ „Ich weiß, Karl, daß Du kein Feigling biſt!“ „Sehr gut— da Du nun aber erfahren haſt, wohin die Eiferſucht führen kann, ſo darfſt Du auch keinen Genuß darin finden, dieſelbe, wenn auch nicht direct anzufachen, ſo doch wenigſtens durch Deine Weigerung in Betreff des Aufgebotes zu unterhalten.“ „Ich Deine Eiferſucht anfachen!“ entgegnete Thekla mit verächtlicher Geberde—„o das iſt beinahe lächerlich!“ „So mache denn dem ganzen Elende ein Ende und erlaube mir, bei Deinem Vater anzuhalten, daß wir mor⸗ gen zum Probſt gehen!“ „Unmöglich— ich habe noch nichts in Ordnung!“ „Fehlt weiter nichts? Dieſen Winter wohnen wir ja bei meinen Eltern, und zum Frühling ſollſt Du ſehen, wie angenehm ich Dir Deine Wohnung in Karls⸗ krona einrichten werde!“ „Daran zweifle ich nicht; doch... doch— vergib mir, Karl— es kann nicht ſein!“ „Bei Gott! Da haſt Du auch einen Grund, den 3ich nicht kenne— und ich müßte die Achtung gegen mich ſelbſt verlieren, wenn ich nach alle dem, was ich jetzt aus der innerſten Tiefe meines Herzens angeführt habe, länger mit mir ſpielen ließe, als wäre ich ein Schulknabe! Du mußt Dich beſtimmen, geliebte Thekla— denn wiſſe, ich habe unwiderruflich beſchloſſen, entweder als Dein Gatte von hier abzureiſen, oder auch... ohne dieſen!“ Er deutete auf den Ring.“— „Haſt Du das unwiderruflich beſchloſſen, Karl?“ „Unwiderruflich!“. „Bedarfſt Du keiner weitern Ueberlegung? Bedenke Dich wohl!“ 15² „Glaube mir: ich habe überlegt, ehe ich redete!“ „Nun wohl, dann haben wir weiter nichts zu thun, als dieſe Ringe auszutauſchen, die wir vor drei Jahren wechſelten!“ „Was ſagſt Du?“ rief Karl mit großer Gemüths⸗ bewegung aus.„Du läſſeſt eine Laune unſer Bündniß zerreißen— einer ſolchen opferſt Du unſere Liebe auf?“ „Was thuſt Du wohl ſelbſt anders? Zerreißeſt Du nicht unſer Bündniß, weil ich Dir nicht das Recht ge⸗ fatten will, daß eine Laune unſer Aufgebot beſtimmen oll?“ „Großer Gott! Wer kann ſich auf die Weiber ver⸗ ſtehen?“— Karl ging heftig auf und ab in der öden Ruine, aus welcher die Sonne immer mehr verſchwand fuſen vermag die Zuſammenſetzung dieſer Weſen zu aſſen!“ „Dieſes kann ſich doch wohl nicht auf mich bezie⸗ hen! Ich habe Dir gewiß keine Hoffnungen vorgegau⸗ kelt, die ich hernach getäuſcht habe!“ „Haſt Du nicht? Du läuſcheſt mich ja an meinem ganzen Lebensglücke, wenn Du Dich von mir trennſt! Man verlobt ſich wohl mit einander, um Hochzeit zu halten— und das Maͤdchen, welches ſeine Treue gelobt, muß auch wohl wiſſen, daß ſie ſich zu gleicher Zeit ver⸗ pflichtet, dieſes Gelübde zu erfüllen!“ „Gewiß; doch verpflichtet man ſich keineswegs, daß man ſich innerhalb einer gewiſſen Zeit wie eine Waare verkaufen will. Der Austauſch der Gelübde iſt eins, ein Anderes aber die Verpfändung eines ganzen Lebens!“ „Wo aber gegenſeitige Liebe vorhanden iſt, dort raiſonnirt man nicht über dieſe Dinge, dort trennt man ſie nicht von einander. Ich bin ein gerader, ehrlicher Seemann und verſtehe es nicht, meine Worte in die rit⸗ terliche Form zu kleiden; aber ich habe ein Herz, Thekla, das Dich höher liebt, als Du weißt, ja vielleicht höher, als ich ſelbſt recht weiß: Du darfſt mit einem Manne nicht ſpielen, der es nicht verſteht, den Liebhaber zu ſpielen, der aber, bei Gott! der zärtlichſte Gatte wird!“ gerur halte Bei dem Ende dieſer aus ſeiner Seele fließenden Worte warf ſich Karl wieder auf die ſteinerne Bank ergriff Thekla's Hände und küßte dieſelben mit einer Hef⸗ tigkeit, die man faſt leidenſchaftlich nennen konnte. Eine Sekunde lang betrachtete ihn Thekla mit einem tiefen und warmen Blicke; dann aber entzog ſie ihm ihre Hand.„Du haſt meine Antwort gehört, Karl; ich kann jetzt nichts beſtimmen!“ „Alſo wäre es zu Ende zwiſchen uns— zu Ende!... Dieſer Gedanke iſt vernichtend!... O Thekla, Thekla, Du haſt mich niemals geliebt!“ Thekla ſchwieg. „Ein ſchreckliches Licht geht mir auf: Du bedienſt Dich abſichtlich dieſer Gelegenheit, Du haſt ſie gewünſcht, Du haſt ſie erwartet: denn Du ſahſt vorher, daß ich finre, Tages aufhören würde, von der Hoffnung zu eben!“ „Du irrſt Dich, Karl!“ „Gebe Gott, daß dem ſo wäre— ich wünſche nichts höher, als daß Du mir dieſen Irrthum beweiſeſt!“ „Das will ich und zwar ſo, daß Dir gar kein Zwei⸗ fel weiter bleiben ſoll. Doch bedenke: was ich Dir jetzt anbiete, das biete ich nur einmal!“ „Was... was?“ „Dieſe Unterredung zu vergeſſen: wenn Du ſelbſt es wünſcheſt, ſo will ich gar nicht mehr daran denken, daß Du mir zwei Bedingungen vorgelegt haſt und daß ich zwiſchen ihnen eine Wahl getroffen habe!“ Es lag ein gelindes Zittern in Thekla's Stimme, und ein Ausdruck, der faſt einer Bitte ähnlich ſah, ſtand in ihren ſchönen Augen. „Ein ſolcher Vorſchlag,“ entgegnete Karl faſt bitter, „iſt ja nur eine Spielerei, ein Wort ohne Werth, denn es verbirgt die Wahrheit. Ich kann eben ſo wenig meine Bedingungen vergeſſen, als ſie zurücknehmen— doch, wenn Du im Stande wäreſt, mir Gründe Deiner Wei⸗ gerung anzuführen, ſo würde ich es für meine Pflicht halten, ſie anzuhbren. Aber Du verachteſt es, mir etwas 154 Anderes zu geben, als leere Ausflüchte.... Oder woll⸗ neſ Du mir den wahren Grund Deiner Weigerung offen⸗ aren?“ „Nein, Karl, das will ich nicht; denn ich darf es nicht!“ „Wann wird denn Dein Widerwille aufhören?“ „Das weiß ich nicht; denn was meine Handlungs⸗ weiſe leitet, iſt weiter nichts, als der bloße Inſtinkt.“ „Der Inſtinkt, daß Du mit mir unglücklich wer⸗ den wirſt?“ „Oder umgekehrt, Karl, daß ich das Unglück über Dich herabziehen würde.... Siehſt Du dieſe Schatten, die ſich hinter dem dritten Pfeiler ſo phantaſtiſch bilden? Die Sonne vermochte ſie nur einen Augenblick mit ihrem Lichte zu zerſtreuen— die Nacht zieht ſie zuſammen— ſie werden immer dichter und dichter: ſo auch die Schatten in meiner Seele, nun da die Sonnenſtrahlen, welche ſie bisweilen beſucht haben, nicht länger wiederkehren.... O, mein Karl, es iſt gut ſo, wie es iſt; denn Du und ich, das Licht und der Schatten, hätten es zuletzt erfah⸗ ren, daß die Vereinigung des Herzens dennoch nicht den Grund jeder Vereinigung bildet!“ „Im Gegentheil, geliebte Thekla, würden der prak⸗ tiſche Verſtand und der ſchwärmende Ernſt ſich bald ge⸗ funden und gegenſeitig unterſtützt haben, ſobald nur die Gefühle zuvor ihr Ziel gefunden hätten.... Ach, glaube mir, glaube Deinem Karl, der, obgleich nur ein Mann von gewöhnlichem und, wenn Du willſt, proſaiſchem Cha⸗ rakter, dennoch im Stande iſt, Deine Gefühle zu faſſen — glaube ihm, wenn er Dir ſagt, daß dieſe krankhafte Düſterheit in Deinem Charakter, dieſes mühſame Suchen der Seele ſich in einen milden und ſtillen Frieden auf⸗ löſen wird, wenn Du Dich entſchließeſt, für den edelſten Endzweck des Weibes zu leben und zu wirken! Als Gattin, als Mutter wirſt Du Dich als ein neues Weſen fühlen: neue Freuden, herrlicher, als Du ſie Dir ſo gerne unter dieſen bden Ruinen träumſt, werden Dir in den edelſten und lieblichſten Geſtalten entgegenkommen!“ 1⁵⁵ „, ſtill— ſage kein Wort mehr! Dieſe Denkmä⸗ ler aus großen Tagen, großen Zeiten bleiben mir immer, und nie kann ich unter ihnen lebend unglücklich werden, und auch Du, Karl, wirſt es ebenfalls in Deinem fri⸗ ſchen Berufe nicht werden!, Doch es wird ſpät— wir müſſen ſcheiden!“ Sie umfaßte den Finger, an wel⸗ chem der Verlobungsring war. „Um des Himmels willen, nicht in dieſem Augen⸗ blicke!“ rief Karl leichenblaß aus.„Laß mich Dich hier noch einmal treffen!“ „Nein, Karl, das würde zu gar nichts dienen! Du ſchlugſt es vor einem Augenblicke ab, unſer heutiges Geſpräch zu vergeſſen. Jetzt haben wir ausgeredet! Mit Deinem Charakter nimmt man ſeine Bedingungen nicht wieder zurück: und auch ich nehme nichts zuruͤck.... Doch gebe ich meinen Beifall, daß wir uns die Ringe erſt zurückſenden, wenn Du reiſeſt— was hier vorgefallen iſt, darf Keiner erfahren ehe Du hinweg biſt!“ Karl konnte nicht länger eigenſinnig ſein. Stumm verließen ſie die öde Kirche und gingen mit einander in das Mörk'ſche Haus; als er aber in dem geräumigen Hausflur von dem Mädchen, das er über Alles liebte, Abſchied nahm, wagte er an nichts Anderes zu den⸗ ken, als an die bittere Trennung. Ein Händedruck, der von weit heftigeren Gefühlen zeugte, als was die Worte vermochten, war ihr Abſchied. Sechszehntes Capitel. Ein altväteriſches Haus. Als der Lieutenant Salzwedel Abſchied genommen hatte von derjenigen, welche er ſeine Verlobte nannte, ging er direct heim in das Haus ſeiner Eltern, in dieſes Haus, welches ſeit Jahrhunderten von Vater auf den Sohn gegangen und deſſen letzter Erbe Karl jetzt war. 1I 1⁵⁶ Mit einer Ehrfurcht, die den Abkömmlingen Ehre machte, war hier der Geſchmack der hanſeatiſchen Vor⸗ fahren nicht allein geſchont, ſondern auch mit der größten Sorgfalt reſpectirt worden; und kein Reiſender, welcher Wisby beſuchte, glaubte alles Sehenswürdige geſehen zu haben, wenn er nicht in der Salzwedel'ſchen Reſidenz geweſen war, in welcher ein altes Paar wohnte, das der Aufmerkſamkeit nicht weniger würdig war, als das alte Haus ſelbſt. Der Vater des Lieutenant Karl hatte ſchon vor vie⸗ len Jahren ſeinen Handel niedergelegt und lebte nun als ein reicher Mann ausſchließlich ſich ſelbſt, ſeiner Familie und ſeinem Steckenpferde, welches in der uner⸗ ſchütterlichen Gewißheit beſtand, daß, wenn man nur im Stande wäre, zu erforſchen und zu berechnen, welche Plätze die vortheilhafteſten geweſen wären zur Vergra⸗ bung von Schätzen, man hier ganz gewiß dergleichen von den Hanſeaten nachgelaſſen finden würde, ſo wie man vermuthet, daß an unankommlichen Stellen in Spanien ein unermeßlicher mauriſcher Reichthum verwahrt liegt. Doch behauptete man, daß dieſe ſeine Liebhaberei bei⸗ nahe allzu weit ging: man wollte wiſſen, daß er Jahr aus, Jahr ein des Nachts in den alten Ruinen umher⸗ wanderte, an alle Steine klopfte und auf jeden Laut lauſchte. Doch glaubte man wieder nicht, daß der Geiz die Urſache des Fiebers wäre, welches die geträumten Schätze ihm verurſachten: er war ein Mann für das Allgemeine und würde ſich für belohnt genug gehalten haben, wenn er die Stadt mit ihrem in undurchdring⸗ lichem Dunkel verborgenen Reichthum hätte glücklich machen können. Ihm war die Anekdote von ſeinem Stammvater und der„goldenen Gans“ ³) ein Glaubens⸗ *) Ein deutſcher Schuhmachergeſelle, Namens Hans Turitz, ſaß einmal in einem Wirthshauſe in Italien und hörte dort ein Geſpräch zwiſchen einigen Mönchen an. Ohne den gering⸗ ſten Verdacht zu hegen, daß Jemand zugegen wäre, der ihre Sprache verſtände, berathſchlagten ſie ſich über die Art und Weiſe, wie ſie ſich eines Schatzes von unermeßlichem Werthe artikel, ſowie auch die Sage, daß Waldemar Atterdag nicht die Hälfte von den Schätzen der Bürgerſchaft erhal⸗ ten hätte, weil dieſe ſchon vor dem Ausbruche des Krie⸗ ges bedacht geweſen wäre, das Koſtbarſte in Sicherheit zu bringen. Und unter dem Salzwedel'ſchen Hauſe— eines von jenen vielen hölzernen im deutſchen Style aufgeführ⸗ ten Häuſern zu Wisby, mit ſeinem Erker an der langen Seite, welche trotz dem eben nicht ſehr dauerhaften Bau⸗ material viele Jahrhunderte hindurch dem nagenden Zahne der Zeit und der Würmer widerſtanden haben— war auch ein Keller, und dieſen Keller hatte der Rathsherr Salzwedel(er war in ſeinen alten Tagen Mitglied des Rathhausgerichtes geworden— der Titel ſchmeckte doch wenigſtens nach den Rathsherren alter Zeiten) in vielen Richtungen durchgraben; war aber glücklich genug, noch hinreichte, ihm für ſeine ganze Lebenszeit Unterhaltung zu gewähren. Wenn ſeine Gattin oder ſein Sohn ihn bei ſeiner gewöhnlichen Arbeit überraſchten, ſo verſicherte er immer mit der glücklichen Miene eines Gläubigen, er hätte eben einen Traum gehabt, daß an dieſer oder jener Stelle ein Schatz von ungeheurem Werthe verborgen läge, ſo viele undurchgrabene Erde übrig zu haben, daß ſte bemächtigen könnten, welcher Schatz ſich auf Gottland in der Mauer der St. Clemenskirche zu Wisby— jener Kirche, der alle Seefahrenden ihre Opfer brachten— verborgen liegen ſollte. Dieſes Alles behielt der junge Geſell ſehr gut, erfragte den Weg nach Wisby, begab ſich dahin und meldete dem Obmann der Schuhmacherzunft, was er gehört hatte. Man ſtellte nun in Gegen⸗ wart mehrerer Perſonen eine Unterſuchung an und fand wirklich an dem beſtimmten Orte den Schatz, welcher in einer Gans mit vierundzwanzig Jungen beſtand, alle(ſowohl die Mutter, als auch die Töchter) von dem feinſten Golde und in natür⸗ licher Größe. Turitz erhielt den größten Antheil an dem Funde; und da er auf dieſe Weiſe ein reicher Mann geworden war, ſo legte er ſein Handwerk nieder, kaufte ſich in Wisby an, wurde Kaufmann, ſpäterhin Rathsherr und zuletzt— im Jahre 1617— der Bürgermeiſter der Stadt. Da nahm er von ſeinem Geburtsorte in der preußiſchen Provinz Sachſen den Namen Salzwedel an. Anmerk. der Verf. — 158 . 4 und da weiter nichts, als nur Geduld erforderlich wäre, V die um in den Beſitz deſſelben zu gelangen, ſo wollte er ihn b obg am Ende ſchon finden. vat Frau Ringeborg, ſelbſt die letzte Tochter eines alten vol Hauſes, ſchien in ihrer Perſon die Ueberbleibſel zweier— edlen Familien an Hoheit und Würde zu vereinigen. wa Auch war das Wappen ihrer Familie neben dem des 1 wo Mannes(die Gans mit den vierundzwanzig Jungen) wa in dem gewaltigen Kamin des Prunkſaales der obern. und Wohnung eingemauert; und über dieſen heraldiſchen der Kleinodien erſtreckten ſich— wie man es wohl noch hie und da an den Kanzeln in den Dorfkirchen ſieht— zwei geb rundbackige Cherubim, welche in ihren Händen Palmen lan und ellenlange Poſaunen hielten, deren Mündungen auſ gen der einen Seite in zierlichen Buchſtaben den Namen Su-⸗ nuf ſanna Ingeborg Bulmering und auf der andern Hans eine Turitz Salzwedel auspoſaunten— ein Sinnbild des fraꝛ großen Rufes dieſer Familien, wahrſcheinlich an Reich⸗ ſtan thum und Chre. Die Decke dieſes genannten Prunkſaales, und der natürlich nur bei ſehr feſtlichen Gelegenheiten geöff⸗ dert net wurde, war an und zwiſchen allen Balken nicht nur ſen mit Gemälden, kühnen Schöpfungen einer launenhaften unte S eeſie entſprungen jenſeits des Meeres und hieher Dur ggefüuhrt— die alten Hanſeaten holten ihre Maler men aus weiter Ferne— ſondern auch mit einer Maſſe von zu Inſchriften, ſowohl geiſtlichen als auch weltlichen Inhalts durc überfüllt. Die Wände waren mit großen Seeſchlachten wäh bedeckt und die gewaltigen eichenen Schränke in jeder den Ecke hatten auf ihren Thüren Platz für die ganze Schiff⸗⸗ Din flotte der Stadt Antwerpen. Die Möbel waren von Sch. ungeheurer Größe; und überzogen mit ſteifem Goldleder Perl ſtanden ſie ſo ſteif und feierlich da, wie die Bilder auf Jeite dem Familiengrabe. In eben dieſem Geiſte waren auch in d die kleinen Kammern zu den Seiten dieſes Saales: und ſchwerfällig, pompös, bde, aber für den Liebhaber von von Antiquitäten dennoch ungemein intereſſant, um ſie einen aufg Augenblick lang in Betrachtung zu nehmen. Entk Der Form nach hatte das untere Stockwerk, welches aber obgleich das große Deckengemälde, welches den Stamm⸗ vater in voller Freierei zu der Stammmutter darſtellte, vollkommen beibehalten war auf ſeinem ebenen Grunde — hier waren nämlich keine Balken an der Decke— ſo war doch alles Uebrige aus einer weit ſpätern Zeit, gleich⸗ wohl immer noch altmodiſch genug. Aus dem Kamin war ein Kachelofen von grünem Porzellan geworden, und Schränke, Tiſche, Stühle und Sophas glaͤnzten in der reinſten Perlfarbe. Als Karl in den untern Saal trat, ſaß Frau Rin⸗ geborg Salzwedel auf ihrem niedrigen, mit unermeßlich langen Gobelinſtichen ausgeſtickten Lehnſtuhle an dem gewöhnlichen Platze zwiſchen dem Sopha und der Wall⸗ nußkommode. Vor der in aufgekämmten Haaren mit einer runden aufſtehenden Haube gekleideten alten Haus⸗ frau— ſie liebte keine Abwechſelung in der Kleidung— ſtand ein kleiner, netter Nähtiſch, etwa zwei Ellen lang und ditto breit, auf deſſen Scheibe außer dem mit Hun⸗ derten von Stecknadeln verſehenen Nähkiſſen ganze Maſ⸗ ſen der allerintereſſanteſten Artikel ausgebreitet waren, unter denen wir nicht unterlaſſen können, ein ganzes Dutzend von, Schwammdoſen von den verſchiedenſten For⸗ men, von einfachen und doppelten Herzen bis hinunter zu den feinſten Eiern von durchbrochenem Silber und durchbrochenem Golde mit echten Steinen beſetzt, zu er⸗ wähnen; hiezu kamen ſieben bis acht Etuis in glänzen⸗ den Maroquinfutteralen, Attrappen von unbegreiflichen Dimenſionen und eben ſo unbegreiflicher Bedeutung, Schnupftabacksdoſen von Schildpatt, Bernſtein und Perlmutter, mit Schnupftabacksſorten aus verſchiedenen Zeiten, Riechflaſchen und Flaſchen für Räuchereſſenzen in der Form von Amouren, Wickelkindern und Puppen, und ulett endlich ein ganzes Regiment Nähſchachteln von Elfenbein und Moſaik— Alles in einer Ordnung aufgeſtellt, welche den muthwilligſten Fingern trotzte, ein Entheiligen zu wagen. Die Arbeit(= in freundlicher, aber immer ſtattlicher Feierlichkeit war Frau Ringeborg die Familie bewohnte, eine ähnliche Einrichtung, aber 160 gewöhnlich mit Häkeln beſchäftigt—) war mit einer großen diamantnen Nadel an dem mit kleinen ſchimmern⸗ den Schmetterlingen bedeckten ſeidenen Kiſſen befeſtigt, und ſchnell und fleißi gingen die geübten Finger der alten Frau, mit der Häkelnadel in der einen und dem luftigen Gewebe in der andern Hand. Auf der Matte zu den Füßen der Herrin lag die Schutzpatronin des Hauſes, die große weiße Katze, der hohe Günſtling der Frau Ringeborg. „Sieh, das war angenehm, mein theurer Sohn, daß Du ſo früh nach Hauſe kamſt!“ ſagte die würdige Frau, indem ſie mit einem anmuthigen Laͤcheln ihr nicht ſchö⸗ nes, aber edles Antlitz erhob, als der Sohn ihre Hand nahm und ehrfurchtsvoll mit einem Kuſſe grüßte. „Es war kein glückliches Ereigniß, meine Mutter, das mich zwang, ſo früh nach Hauſe zu gehen.“ „Das bedaure ich, mein Kind! Biſt Du nicht bei Deiner Verlobten geweſen— ich dachte, ſie würde mit Dir herüberkommen?“ „Ich habe vielleicht keine Verlobte mehr!“ antwor⸗ tete Karl mit einem tiefen Seufzer. „Schütte Dein Herz aus, Kind, wenn es von ſol⸗ chen Bekümmerniſſen beſchwert iſt, die Du mir vertrauen kannſt!“ „Welchen Kummer könnte ich nicht einer ſolchen Mutter vertrauen! Ich habe ein Wort geſagt, das ich nicht zurücknehmen kann, ohne mich vor mir ſelbſt und vor ihr zu ſchämen.“. „Lieber Sohn, ich verſtand Dich ſehr gut, ehe Dein Vertrauen mich aufklärte. Ich ſah es Deinem Geſichte an, da Du gingſt, daß dort ein feſter Entſchluß ſtand: Du haſt ihr eine Wahl gelaſſen, die ich längſt erwartet a, das habe ich gethan; denn ich hatte mir un⸗ widerruflich vorgenommen, mich morgen beim Probſte einzufinden, um das Aufgebot zu beſtellen oder. der ganzen Geſchichte ein Ende zu machen— dieſes Spielen verträgt ſich nicht mit meinem Charakter.“ —.;— — fried mein eelen —— 1161 Und mit Deiner Eiferſucht eben Frau Ringeborg mit ſchlauem Lächeln teſt doch wohl zelnde Victor ſticht in dem Herzen ei chens, wie Thekla, keinen Karl Salzw falls nicht!“ fiel ein.„Du könn⸗ ruhig ſein: der leichtſinnige, ſchwän⸗ nes ſolchen Mäd⸗ edel aus.“ „Dennoch hat ſie meine Bitte abgeſchlagen— es iſt ſo gut als zu Ende!“ die Thekla gemacht hatte Karl erzählte alle Ausflüchte, uf den Wangen der Frau Ringeborg war eine feine Röthe aufgeſtiegen und die ſtolzen Adern ſchwollen an ihrer hohen St irn— dennoch verrieth ihre Stimme keine ungewöhnliche Bewegung, als ſie ſagte:„Wie Du Dich entſinnſt, mein Karl, war ich nie fuͤr die Ver⸗ bindung mit dieſem Hauſe. Ich halte Thekla für ein höchſt achtungswürdiges Mädchen, doch ich nie leiden köͤnnen— und wenn Du D den Vater habe einen Verluſt ſo erträgſt, wie ich es von Dir erwarten muß, da Du die Angelegenheiten ſelbſt auf dieſen Punkt gebracht haſt, ſo würde ich die Auflöſung Deiner Verlobung eher für ein Glück, als für ein Unglück halten.“ „Nein; ein ewiges Unglück iſt und gegnete Karl mit geſenktem Haupte. bleibt es!“ ent⸗ „So laß es bei dem beruhen, was geweſen iſt,“ ſagte die Mutter mit prüfendem Blick— es ihr einmal einfällt, Ernſt zu machen „Unmöglich! „warte, bis 14 . Mein Wort breche ich nie, und auch ſie wuͤrde einen ſolchen Vorſchlag jetzt nicht mehr anneh⸗ men: ſie hat ihn mir ſelbſt gemacht— ſie, ſo ſtolz!“ „Und Du ſchlugſt es aus?“ Ein Strahl von Zu⸗ friedenheit ſprang in dem Auge der Frau Ringeborg auf. „Ja, weil ihre Achtung mir unentbehrlicher iſt, als ſelbſt ihre Liebe: ſie würde mit Verachtung denken, daß meine Bedingungen nur leere Schreckſchüſſe geweſen ſind.“ „Nun wohl, mein liebes Kind, Du haſt recht ge⸗ handelt; da wir jedoch ihre Gründe nicht kennen, ſo dürfen wir auch ihr Verhalten nicht allzu ſtreng rich⸗ ten... Erlaubſt Du, daß Deine Mutte Der Jungferthurm. II. r einige Worte 11 —— —,— der Rathsherr mit einer Miene, welche von einer neuen Caleulation erzählte,„dießmal hoffe ich beſtimmt...“ „... Daß es wieder ſo geht wie immer!“ fiel Frau Ringeborg mit einem kleinen ärgerlichen Blick auf den Alten ein. „Warte, Mutter— faſſe Dich in Geduld: ich haher Dir noch nicht erzählt, was mir in der letzten Nacht geträumt hat, nämlich, daß genau acht und einen hal⸗ ben Schritt von dem fünften Pfeiler zur Rechten... i ſage nicht mehr: Du ſollſt ſehen.. Du ſollſt ſehen!“ „Wenn Du nun aber den Schatz findeſt, Vater?“ ſagte Karl mit einem freundlichen und intereſſirten Blick — er wußte ſo gut, daß der Alte immer auf dieſe Frage wartete.— „Da ich ihn auf meinem eigenen Grund und Boden finde, ſo werde ich ihn dann auch mit der größten Ge⸗ rechtigkeit vertheilen.... Iſt etwas Merkwürdiges dabei, als Geſchmeide und dergleichen, ſo wird es der Krone zum Einlöſen angeboten; übrigens aber hat der Reiche viele Kinder: Du weißt wohl, mein Sohn, ob ich in allen Wittwen und Waiſen eine große Familie habe?“ „Der Fiſch wartet!“ erinnerte Tante Taga, indem ſie die Thuͤr des Speiſezimmers öffnete, deſſen ganzer Beſatz von der gewaltigen zinnernen Terrine mit der Milch zu dem Brei bis hinab zu den rieſenhaften Salz⸗ fäſſern und den ſchweren Tellern von altem holländiſchen Porzellan ein Zeugniß davon ablegten, daß ſie nicht vor ganz kurzer Zeit zum erſten Male in's Haus gekommen waren. „Hätteſt Du geſagt, Couſtne Taga, daß der Schnaps kalt wird, ſo könnte das ſeine Richtigkeit gehabt haben; doch den Fiſch“— der Alte ſchickte der Tante Taga einen complimentirenden Blick zu—„haſt Du ſo vor⸗ trefflich in die Serviette gehüllt, daß Du mich wohl hätteſt meine Patience in Ruhe beendigen laſſen können!“ „Die Uhr ſchlug ja neun, Vater!“ wendete die Mutter ſelbſt mit einem faſt erſtaunten Blick auf den Alten ein. 141 4 164 „Ja, ja; aber heute geht ſie gewiß vor— die Patience pflegt ſonſt gewöhnlich mit der Eßſtunde aus⸗ zugehen.“ „Die Uhr hat in dem eigenen Zimmer meines ſeligen Vaters geſtanden, und gewiß geht ſie richtig!“ entgegnete Frau Ringeborg mit einem Tone, der keinen weiteren Einwand zuließ. Vater und Sohn nahmen den Schnaps, denn der Fiſch ſollte ſchwiimmen, und nun nahm Tante Taga die zu einem gewaltigen Hahn geformte Serviette von der Fiſchſchüſſet⸗ Frau Ringeborg nahm den oberſten Platz an der Mitte des Tiſches ein mit dem Vater zur Rechten und dem Sohn zur Linken. Tante Taga gegenüber hatte den untern Theil des Tiſches inne, doch auch nicht ganz allein, denn hinter ihrem Stuhle ſoupirte die weiße Katze aus ihrer Milchſchale. „Kam heute etwas vor auf dem Rathhauſe?“ fragte Karl, welcher die Aufmerkſamkeit hatte, nicht zu ver⸗ geſſen, daß der Vater gerne über Rathhausneuigkeiten reden wollte. „Ja wohl, und noch dazu eine Sache, die Dir nicht gleichgültig ſein kann, mein Sohn, da ſie Deinen künftigen Schwiegervater betrifft.“ „Was denn?“ Tante Taga ſpitzte ihre Ohren. „Mörk'’s Schooner ſoll Schmuggelgüter an Bord gehabt haben, da er nach Weſterwik kam, wo es ihm aber nicht beſſer ging, als daß ſie genommen wurden. Da aber der Capitain Olsſon einen von der Beſatzung, den Olaus Erlandsſon, verführt hat, die Sache auf ſich zu nehmen, ſo ſteckt nun der arme Teufel im Kleiſter. Die Sache iſt hieher remittirt und Mörk wird auf den nächfie Freitag vorgefordert— doch er hilft ſich ſchon heraus!“ „Er wird doch wohl vor allen Dingen ſo viel Ge⸗ wiſſen haben, daß er dem armen Kerl hilft?“ fiel Tante Taga mit ihrer gewöhnlichen Theilnahme ein.— „Wollen ſehen,“ murmelte der Rathsherr,„ob nicht —— — ——4———S———e 1 Erlandsſon in's Loch kriechen muß... Entſchuldige, mein lieber Karl, wenn ich glaube, daß Dein Schwie⸗ gervater auf ſeine eigene Haut ſieht!“ „Ich will doch hoffen,“ meinte Karl,„daß er ein Verbrechen gegen die Geſthe nicht durch ein Verbrechen gegen einen unſchuldigen Menſchen vergrößern wird!“ „Auf jeden Fall,“ meinte Frau Ringeborg, welche das wichtige Geſpräch ſtill mit angehört hatte,„iſt es eine ſehr kitzlige Sache! Das Recht muß natürlich ſeinen Lauf haben; wird aber Mörk verurtheilt, ſo wird es— beſonders wegen der ſchmutzigen Affaire mit dem Matroſen— ein Gegenſtand des Geſpräches, deſſen Chikane auch auf diejenigen Perſonen zurückfällt, uche g Frau Ringeborg nickte und unterbrach ich ſelbſt. 3„Dafür braucht doch wohl kein Unſchuldiger zu lei⸗ den?“ Karl warf einen milden, aber doch beredten Blick auf die Mutter. „Wahr, mein Sohn!“ ſtimmte der Rathsherr ein. „Doch, wie es auch gehen mag, ſo fürchte ich dennoch, wie Mutter ſagt, daß es nicht ohne Chikane abläuft.“ Siebenzehntes Capitel. Die Stecknadelpoſt. Die Nacht hatte ihre ſchwarzen Schwingen über die Stadt ausgebreitet, die alten grauen Thürme ſtanden gleich drohenden Wächtern auf ihren hohen Mauern, in die Ruinen ſchlichen ſich keine menſchlichen Schritte mehr — wer aber wagt beſtimmt zu verneinen, daß nicht in dieſer Stunde die Geiſter der hanſeatiſchen Kaufleute ihre vergrabenen Schätze bewachten, daß nicht irgend ein Mönch ſich aus dem Grabe erhob, um durch die langen Gänge der öden Kirchen zu ſchleichen und 166 nachzuſehen, ob vielleicht der Stein verrückt worden wäre, unter welchem er das Reſultat ſeines ganzen Lebens, ein koſtbares Manuſcript, verwahrte, oder daß nicht eine Nonne in ihre ehemalige Zelle eilte, um ein Pater pec- cavi für einen andern Schatz zu beten, den ſie mit blu⸗ tigen Händen und heißen Thränen, ohne Hoffnung, ihn jemals wiederzufinden, begraben hatte... wer wußte das Alles— wer wagt mit mehr als der bloßen Ah⸗ nung in die Myſterien der Mitternacht einzudringen?... Die ganze Stadt lag jetzt wie ein Geſpenſt ausgeſtreckt auf dem eigenen Grabe, und die bleichen Strahlen des Mondes umſpielten die Geſpenſtertempel und warfen ihren weißen Schimmer durch die geborſtenen Gewölbe. Auf dem ruhigen und unbeweglichen Meere ruhten die Schiffe gleich ſchlafenden Drachen, und im Hafen ſchlummerten die Boote, jedes an ſeinem Seile, und gaben zuſammen das Bild einer Reihe von ermüdeten Seevögeln wieder. Die wirklichen Seepögel waren längſt verſtummt, außer hie und da einem Nachtſchwärmer, welcher über den Kirchdächern ſchwebte und auf ſeiner ſänen Fahrt bisweilen eine wehmüthige Klage hö⸗ ren ließ. Auch in das Schlafgemach der drei Schweſtern blickte der Mond durch das Fenſter herein. Endlich hatte der Schlaf ſich auf die müden Augenlieder der beiden älteren geſenkt; doch Roſa, deren Gedanken nicht verwirrt wurden von der Liebe und ihrer unendlichen Verwandtſchaft von Bekümmerniſſen, hatte vortrefflich geſchlafen faſt von dem Augenblicke an, da ſie ihr Abend⸗ gebet vollendete. Der Traum aber gaukelte ihr die Bilder des ver⸗ floſſenen Tages wieder vor: der junge Capitain und ſie ſtanden wieder vor dem Jungferthurme und plauderten vertraulich über Junghanſens Tochter. Da— als ſie ſich in dem angenehmen Traume eben verbeugte, um auf die Worte. des Capitains zu lauſchen, und da ſeine Augen mit einem ſo freundlichen und ſchönen Ausdrucke auf ihr ruhten— glaubte ſie plöͤtzlich einen tiefen und — — langen Seufzer zu vernehmen. Kam dieſer aus dem Grabe der Jungfrau, oder war der Capitain der Seuf⸗ zende? Nein— auch er lauſchte aufmerkſam; darauf ſah er ſie wieder an, und der Blick wurde immer ſchö⸗ ner und klarer, bis er endlich einen ſo milden Glanz erhielt, daß Roſa, einer geheimen Macht gehorchend, ſich verſchämt auf die Seite wendete. Bei dieſer Be⸗ wegung, die ſie im Schlafe wirklich ausführte, erwachte ſie, und nun fühlte ſie, daß ihr Herz mit einer gewalt⸗ ſamen Heftigkeit klopfte, denn der Seufzer, den ſie im Traume gehöͤrt hatte, erſcholl wieder ganz in ihrer Nähe, doch wo, das wußte ſie noch nicht. Man hatte oft davon erzählt, daß es in dem Mörk⸗ ſchen Hauſe ſpucke; doch nie hatte Roſa bis jetzt etwas Anderes gehört, als ein leiſes Gehen und Fluͤſtern in dem unteren Stockwerke, welches ſie gleichwohl mit hal⸗ ber Kenntniß von dem Schleichhandel ihres Vaters für keine gefährliche Geſpenſterart hielt. Ein Seufzer aber, und noch dazu ſo tief und ſchwer, war ein weit ſpre⸗ chenderer Beweis von der Wahrheit dieſer Gerüchte. Sie wollte ihre Schweſtern rufen, doch das vermochte ſie nicht, und man hätte ſogar ſagen können, daß ſie trotz ihrer unbeſchreiblichen Bangigkeit nicht das Herz dazu hatte, denn... es konnte ja noch mehr kommen, als dieſer Seufzer! Roſa's Gedanken verirrten ſich ganz in das Dunkel der Sage; ſie ſtellte ſich vor, daß die Jung⸗ frau geſtört worden wäre, weil man ſo viel über ſie geredet hätte. Indem ihre Phantaſie ſo hin und her ſchwebte, entſchlummerte ſie zuletzt wieder, doch leicht und unruhig, bis ſte um die Zeit, da Tag und Nacht ſich aus ihren Armen reißen, von Neuem bei einem noch tieferen Seuf⸗ zer zuſammen fuhr. Da aber jetzt ein erröthender, die erſten Strahlen der Sonne verkündender Schimmer das Gemach übergoß, ſo fühlte ſich Roſa ganz muthig. Sie unterſchied auch deutlich, daß der Laut, welcher ſie ſo ſehr erſchüttert hatte, von der Straße unter ihrem nicht ganz verſchloſſenen Fenſter kam, und es bedurfte kaum 168 der Begleitung eines dumpfen Schnaubens und eines leiſen Knurrens, um ihre Gedanken an ein lebendiges Weſen zu wecken. Leiſe, aber ſchnell ſchob ſie die kleinen Füße in die Pantoffeln, warf eine weite Blouſe über die jungfräu⸗ lichen Formen und begab ſich auf den Zehen an das Fenſter, welches ſie eben ſo geräuſchlos öffnete. Doch beinahe wäre Roſa bei dem Anblicke, der ſie hier traf, von ihrem warmen Herzen überwältigt, in Thränen ausgebrochen. Es war der arme Will, der Sohn der Seufzer, welcher ſich unter dem Schutze der Nacht zurückgeſchli⸗ chen hatte, um, da es ihm nicht geſtattet war, mit Roſa unter einem Dache zu ruhen, wenigſtens vor ihrem Fenſter zu wachen und hinauf zu ſchauen zu dem Zim⸗ mer, in welchem ſie, der einzige Leitſtern ſeines Lebens, ſich jetzt vor ſeinen Blicken verbarg. Der taubſtumme Jüngling ſaß auf der Straße un⸗ ter demjenigen Fenſter, welches Roſa's Schlafſtätte zu⸗ nächſt war. Er lehnte ſein müdes Haupt an die Mauer, und auf ſeinem Schooße lag Rolf, welcher, nachdem er ſich die halbe Nacht müde geſtanden, endlich einge⸗ willigt hatte, mit dem einen Auge zu ſchlummern. Doch mit mehr als dieſem ſchlief Rolf nicht; und bei jedem Seufzer, welcher ſich den Lippen Will's entwand, ver⸗ nahm man ein Knurren von Rolf, oder auch dehnte er ſich, als wollte er fragen, ob es nicht Zeit wäre, mit der Nachtwache aufzuhbren. Doch für ſeinen Herrn war dieſer Ort weicher als das weichſte Bett in dem einſamen Elfhagen; darum ſtreichelte er auch bisweilen mit einer beredten Liebkoſung Rolf's Rücken, wobei denn Rolf, der die Bedeutung ähnlicher Careſſen ſehr genau kannte, fünf gerade ſein ließ, und ſich ſtellte, als ſchlummere er auch mit dem andern Auge. So wie aber das Fenſter aufging, ſchüttelte er nicht allein ſich ſelbſt, ſondern auch ſeinen Herrn ſo heftig, daß dieſer ſich leiſe erhob und die Augen nach Oben richtete, wobei denn der Anblick von Roſa's Geſicht, das — zur Hälfte durch das halbgeöffnete Fenſter hervorſah, einen ganz lichten Tag über das bleiche Geſicht des Jünglings verbreitete, um welches das hellbraune, von der Nachtluft gefeuchtete Haar in ungeordneten Locken herabwallte. Roſa machte eine Bewegung, in welcher Furcht, Unzufriedenheit und Unruhe lag: ſie zeichnete mit be⸗ redten Blicken und Geberden, wie betrübt ſie war. Der ſtumme Will konnte ſich nicht mit der gefähr⸗ lichen Sprache der Lippen vertheidigen; doch in ſeinem Kopfe war ſchon die Ahnung von einem Vorwurfe ent⸗ ſtanden, wenn es ſich ereignen ſollte, daß Roſa ihn ge⸗ wahr würde; und daß er bedacht geweſen war, dieſe Unzufriedenheit von ſich abzuwenden, konnte man daraus erſehen, daß er ſchnell mit Blicken, die gleichwohl für Roſa eine unleſerliche Sprache enthielten, ihr ein Stück Papier zeigte. Schnell und mit einer Faſſung, die bei ihr allzu unſchuldig war, als daß ſie dabei nur erröthen konnte, ſetzte unſere junge Heldin eine Stecknadel in einen Zwirn⸗ knäuel und ließ dieſen hinabgleiten, während ſie ſelbſt das Ende in der Hand behielt. Mit einer Bewegung von faſt wilder Freude ergriff der Jüngling den kleinen Knäuel, befeſtigte das Blatt mit der Stecknadel, und— einen Augenblick darauf war die Poſt glücklich durch das Fenſter gelangt. Roſa band das Papier los und las: „Zur nacht... Will Gehen nach Hauſe... leiſe, leiſe... keiner Hören... keiner ſchelten... Will weinen .. ſeufzer Sticken... herz Sterben... gut zu ſterben— aber gehen nach Hauſe Zur nacht.“ „Ach, welche ſonderbare Gedanken, welche ewige Unruhe bewegt ſich in dem armen Jungen!“ ſagte Roſa zu ſich ſelbſt.„Er kommt immer zu mir, da ich gut gegen ihn bin und ihn lieb habe! Armer, guter Will! Wenn ſich Niemand ſonſt um Dich bekümmert, ſo...“ Und Roſa ergriff eine Bleifeder und ſchrieb: „Will ſoll ſogleich nach Elfhagen vorweg eilen und 170 Roſa entgegen nehmen... Roſa kommt in einigen Stun⸗ den und beſucht Will.“ Sie ließ ihre Poſt wieder hinab. Der ſtumme Lieb⸗ haber hatte dieſelbe mit der gröͤßten Ungeduld erwartet, und kaum hatte er die Worte zuſammenſtudirt, ſo ſtieß er einen Schrei aus, der die ganze Nachbarſchaft hätte ſtören können und zuerſt wenigſtens Thekla und Hildur weckte. Darauf aber flog er auch mit langen Sprüngen die Straße hinab, begleitet von Rolf, der durch ein leiſes Kopfſchütteln ſeine Verwunderung über eine ſo un⸗ erwartete Lebhaftigkeit zu erkennen gab. „Was gibt's?“ fragte Thekla, indem ſie ſich mit Heftigkeit erhob. „Gewiß iſt der verrückte Will wieder da!“ rief Hildur ungeduldig aus.„Roſa! wie kannſt Du ſo un⸗ vorſichtig ſein und aufſtehen, ohne Dich anzuziehen?“ „Warum denn nicht? Glaubſt Du, ich werde mich mitten im Sommer erkälten, wenn ich das große Tuch über die Blouſe geworfen habe?“ „Wer ſpricht von Erkälten? Doch geheime Zuſam⸗ menkünfte um dieſe Zeit— wenn jetzt Jemand vorbei gegangen wäre, was glaubſt Du wohl, daß er gedacht ätte?“ 5„Das glaube ich wohl errathen zu können: wenn Jemand den Will auf der Straße geſehen hätte, ſo würde dieſer Jemand gedacht haben— wie es auch nicht anders iſt— daß Will mehr denn ſchlecht behandelt wird!“ „Schickt es ſich denn für Dich, das wieder gut zu machen?“.. „Es wird wohl einem Jeden erlaubt ſein, ihn wie⸗ der zurückzuſchaffen, wenn er ſich ſein Nachtlager auf der Straße geſucht hat!... Ach, ach, mein armer „ Roſa reichte Will's H&◻ Du do Doch gebot und w K. Roſa's ſonder! einen Daneb ſtand, daß in ſtander Nicht unſchu demjer doch n es dal nung 834 hältnif ihrer vieler danken Aufga trägen C Haust Mädck kleiner dern c T war Peitſch wartet . 7 reiſen Du doch!“ ſagte Hildur mit bedauerndem Achſelzucken. Doch ein ernſter und zurechtweiſender Blick von Thekla gebot Hildur Schweigen: ſie wendete ſich verdrießlich um und war bald wieder entſchlummert. Thekla dagegen ſchlief nicht wieder ein: ihre und Roſa's Gedanken wendeten ſich auf Will und auf den ſonderbaren, unergründlichen Umſtand, daß der Vater einen ſolchen Widerwillen gegen ſeinen Mündel hegte. Daneben dachte Thekla auch noch an einen andern Um⸗ ſtand, den ſie im Stillen längſt geahnt hatte, nämlich daß in dem Herzen des Taubſtummen ein Gefühl ent⸗ ſtanden wäre, das äußerſt gefährlich werden müßte. Nicht mit der geringſten Hindeutung wollte ſie Roſa's unſchuldigen Frieden ſtören oder ihr einen Begriff von demjenigen geben, was ihr noch eine dunkle Rede war; doch nahm ſie ſich vor, mit der Mutter zu reden und es dahin zu bringen, daß Will durch eine kluge Anord⸗ nung aus dem Hauſe geſchafft würde. Was Thekla ferner über ihre eigenen bittern Ver⸗ hältniſſe dachte, das verblieb, wie ſo vieles Andere, in ihrer eigenen Seele. Doch die Nacht, welche Zeugin ſo vieler Dinge iſt, war auch eine Zeugin, daß dieſe Ge⸗ danken ihr Thränen koſteten, die gleichwohl bei dem Aufgange der Sonne von ſelbſt verſiegten und einer trägen Gleichgültigkeit Platz machten. Gegen zehn Uhr ſtand ein leichter Wagen vor der Hausthuͤr, und in demſelben ſaß ein ſchönes junges Mädchen in dem netteſten Sommeranzuge und einem kleinen runden Strohhute mit flatternden rothen Bän⸗ dern auf den hellen Locken. Dieß war Roſa, welche ungeduldig vorweg geeilt war und jetzt mit den Zügeln in der einen und der Peitſche in der andern Hand daſaß und die Mutter er⸗ wartete.. „Ich glaube, Mademoiſelle Roſa, Sie wollen ver⸗ reiſen?“ erſcholl eine Stimme von der andern Seite, 172 und zum erſten Male übte eine Stimme über unſere Heldin die Macht aus, daß ſie fühlte, wie das Blut warm in die Wange emporſtieg. „O, guten Morgen, Herr Capitain Stangerling! Wann darf ich die Petrefacte ſehen?“ „Wann kommen Sie denn zurück?“ „Ja, das weiß ich wirklich nicht gewiß— in ein, zwei oder drei Tagen oder... Wochen.“ „Das heißt, nachdem ich gelöſcht und eingeladen habe und abgeſegelt bin?“ antwortete Albin lächelnd. lad„Nein, ich will beſtimmt zu Hauſe ſein, wenn Sie aden!“ „Wirklich? wie ſoll ich eine ſolche Güte zu erklären wagen?“ „Güte?— O, glauben Sie nur nicht, Herr Ca⸗ pitain, daß ich an eine Güte gegen Sie dachte: es macht mir immer ein ſo herzliches Vergnügen, auf dem Pa⸗ laſte meines Ritters, Severin Norrby, zu ſtehen und den Geſang der Seeleute zu hören, wenn ſie die Fracht⸗ güter einladen.“ „Ach ſo— der Seeräuber Norrby iſt Ihr Held?“ „Ja, ſo einigermaßen... Doch Raub und Plün⸗ derung gefällt mir eben nicht.“ „Eben nicht?“ „Nein, in Friedenszeiten nicht— doch im Kriege... o, da verſteht es ſich ja von ſelbſt! Und hätte ich in jenen Zeiten gelebt, da die Wikinger auszogen, ſo glaube ich, daß ich mich nicht ſo übel gepaßt hätte als die Ge⸗ liebte eines Seehäuptlings, welcher, um mein kleines Herz zu gewinnen, mit der ganzen Beſatzung der be⸗ zauberten Inſel, wo ich reſidiren ſollte, gekämpft und, verſteht ſich, ſte auch beſiegt hätte— denn Sie ſehen natürlich ein, daß ich nicht auf gewöhnliche Art zu ge⸗ winnen geweſen wäre!“ „Man merkt es klar und deutlich, daß die roman⸗ tiſche Natur der Inſel anſteckend iſt: Mademoiſelle Thekla beſtimmt ſich für die Ritter des Mittelalters, und Sie, Mademoiſelle Roſa, gehen ſogar noch weiter, und ſuchen Ihr Ideal bei den Wikingern!“ „Dafür kann ich ja nicht, Herr Capitain! Wie kann man ſich wohl für Menſchen von der alltäglichſten Beſchaffenheit intereffiren?“ „Und Sie haben das entſchiedene Unglück gehabt, niemals Andere zu treffen?“ „Leider Gottes, aher doch mit Ausnahme eines alten Capitains, der in ſeiner Jugend, glaube ich, ein ſolcher Wiking geweſen war.“ „Dürfte man ſo frei ſein, um einige Aufklärungen über die Verdienſte dieſes beneidenswerthen Mannes zu bit⸗ ten?“ fragte unſer Capitain, indem er lächelnd in Roſa's ſchelmiſche Augen blickte. „Recht gerne! Zuerſt und vor allen Dingen... aber, mein Gott, ich glaube, Mutter kommt gar nicht herunter!... kleidete er ſich immer, Sommer und Win⸗ ter, in die unvergleichliche Seemannsjacke, welche ſo wirklich ſchwediſch und ehrlich ausſieht.“ Albin erröthete leicht, denn er trug eben heute den kleinen hellen Sommerrock, welcher trotz der ehrlichen ſchwediſchen Jacke ihm unvergleichlich beſſer ſtand, als dieſe, was auch Roſa in ihrem Innern ſelbſt geſtand. „Demnächſt,“ fuhr ſie fort,„trug er immer ein rothes Seemannshalstuch mit gewaltigen Zipfeln. „Alſo ein ehrenwerther Schutenſchiffer?“ „Bitte um Entſchuldigung! Capitain auf einer Brigg von hundert Laſten!... Doch das rothe Hals⸗ tuch war nicht das einzige Zeichen, welches bewies, daß er dieſe Farbe allen andern vorzog: ſeine Wangen hatten auch eine Farbe ſo zwiſchen Zinnober und San⸗ del— man merkte, daß der Wind ſo manchen luſtigen Tanz darüber gewagt hatte, und wahrſcheinlich hatte auch mehr denn eine gigantiſche Rumbowle dem Winde geholfen, ſte zu färben.“— „Aha! Ihr Held muß alſo auch ein Verehrer des Bachus ſein?“ „Ein Wiking!— Herr Capitain, woran denken 174 Sie?— ſollte er vielleicht da ſitzen und an einem Glaſe Limonade nippen?“ Jetzt mußte der Capitain ſich auf die Lippen beißen: er war geſtern Abend im Stande geweſen, ein Glas Punſch auszuſchlagen, das Roſa ihm mit eigener Hand geboten, und dagegen mit bereitwilliger Artigkeit ein Glas Limonade angenommen, das Frau Mörk ihm bei der Wärme vorgeſchlagen hatte. „Man ſollte glauben, Mademoiſelle Roſa,“ ſagte er vin weni ſpitzig,„daß Sie keinen Mangel an Helden haben!“ „Ja, in ſo fern weiter nichts dazu gehörte, als was ich bisher aufgezählt habe— jetzt aber kommt das Eigentliche: ein wirklicher Seeheld muß nicht bloß All⸗ tagsabenteuer erlebt haben, ſondern auch intereſſante, ungewöhnliche, mit einem Worte: höchſt ſonderbare Abenteuer. Dazu muß er ein fließendes Talent haben, ſie zu erzählen— und nicht mehr hinzulügen, als höch⸗ ſtens die Hälfte. Dann muß er wenigſtens für zehn Söhne des Landes Muth haben, immer bereit ſein, ſeine Sätze zu vertheidigen, und wären ſie auch von der allerunwahrſcheinlichſten Natur, und zuletzt muß er auch geneigt ſein, als ein gewaltiger Kämpe für alle bedrück⸗ ten Damen, junge und alte, die ihre Rechte nicht ſelbſt geltend machen koͤnnen, aufzutreten... Sehen Sie da einen Typus für meinen Helden.. ein Mann in dem Frühlinge des Herbſtes, ſo in den Vierzigen: früher iſt der Mann kein Mann— vor allen Dingen ein Ab⸗ kömmling von dem Stamme der Wikinger!“ Das junge Mädchen lächelte ſo ſchelmiſch, ihre ſanften ſchönen Augen verriethen ſo viel kindliches Ver⸗ gnügen über den kleinen Scherz, den ſie ſich erlaubte, daß auch Albin mit Lippen und Herzen lachen mußte, und wider Willen entzückt wurde von dieſer Kindlichkeit, welche ihm doch, was ihn ſelbſt betraf, ein wenig zu ungenirt vorkam. Jetzt aber hörte er Geräuſch auf der Treppe, und der Capitain hatte das Vergnügen, Frau Mörk zu be⸗ grüßen, welche bald von ihren beiden älteren Töchtern begleitet auf die Straße herabſtieg. Einige Minuten ſpäter, nachdem man ein paar Abſchiedsworte ausgetauſcht und der Capitain artig den Fußſack zugeknöpft hatte, welcher zuſällig an Roſa's Seite nicht recht zugehen wollte, war der Wagen an der Krümmung der Ctbaßt verſchwunden. Der Capitain Stangerling trat mit den beiden. ältern Schweſtern in das Haus; doch ſagte ihm ſein Fein⸗ gefühl, daß er ſie jetzt nicht aufhalten dürfte, und er eilte daher in das Comptoir, um mit dem Großhändler abzumachen, wann das Löſchen des Fahrzeuges begin⸗ nen ſollte. Achtzehntes Capitel. Elfhagen. Dieſes kleine nette Landhaus, welches die Bewohner der Stadt wechſelsweiſe Mörk's Villa, die Mörkſſche Plantage oder die Mörk'ſche Eitelkeit benannten, lag auf einer Anhöhe, welche eines der poetiſchſten kleinen Thäler beherrſchte; und der Wahrheit gemäß mußte man eſehen, daß der Ort ſeine drei Benennungen recht⸗ ertigte. In der Nachbarſchaft von Lilja's Höhle belegen, war Elfhagen doch ſeiner Natur nach von einem mil⸗ deren Farbentone. Die pittoresken Kalkſteinwände der Küſte konnten als Elfhagen's Bollwerk gelten, wohin die zornigen Wogen der Oſtſee ihren Schaum nicht war⸗ fen und ihr Getoſe nicht hören ließen. Die prachtvollſten Blumenbeete zierten zu beiden Seiten den ſchneeweißen Weg, welcher gleich einer in Ringen laufenden Kette ſich um den Hügel ſchlängelte, auf dem die Sommerwohnung lag. Und dieſe Wohnung, oder richtiger, dieſes von zwei Reihen leichter Säulen 176 getragene Spielhaus der Winde, lag dort wie eine mun⸗ tere Satyre über die elegante Nettigkeit der Jetztzeit im Gegenſatze zu der ernſten Vorzeit, welche das Auge in entlegener Ferne ſchaute. Von dem Balkon der Mörk'ſchen Villa hatte man eine große und prachtvolle Ausſicht über die graue Stadt mit ihren Mauern, Thürmen und Ruinen. In das Haus ſelbſt— das in ſeiner innern Einrichtung den Salons mit den Hütten in einem größeren Schiffe glich — führte auf allen Seiten der eine Abſatz über dem andern, jeder mit den verſchiedenartigſten Bildern aller Art geziert, theils aus Kirchen geraubte Heiligenbilder und Pfeiler, theils Gallionbilder von den Fahrzeugen vieler Nationen. Es lag, wenn man ſo will, etwas Bizarres darin, daß ein Luſthaus in ein Schiff verwan⸗ delt war, daß ein Luſthaus auf ſtillſtehendem Grunde unter dem Schutze aller Heiligen und großer Schiffs⸗ patrone ſegelte. Doch bizarr oder nicht, hatte dieſe Idee von dem Augenblicke an, da Holgerſen gleich nach ſeiner Nieder⸗ ſafiua in Wisby Elfhagen kaufte, ihm immer vorge⸗ webt. In allen drei Stockwerken, vereinigt durch eine Spiraltreppe, welche von dem unterſten Saale bis auf das Dach hinaufführte, woſelbſt eine Fahne auf ihrer Stange wehte, fand man denſelben Geſchmack oder Un⸗ geſchmack wieder, wenn auch in mehr oder weniger grellen Farben. Der Salon des unterſten Stockwerkes, ſonſt auch der Speiſeſaal genannt, hatte ſeine Wände mit einer Menge ſonderbarer Dinge, größtentheils aus der Erde gegrabenen eiſernen Geraͤthſchaften, behängt. In dem zweiten Stockwerke fand man ſchon größere Anſprüche und größere Eleganz, doch überall dieſes ſonderbare Ge⸗ miſch des Seeweſens und der Reliquien der Kirche. So waren zum Beiſpiel die Gemälde, welche die Wände bedeckten, bald Abbildungen von Fahrzeugen und bald von einer Maria, das Begräbniß des Erlöſers oder ſeine —[Oꝭ—j— Auferſtehung. Eine Maſſe von Korallen, Schnecken, getrockneten Fiſchen und Seethieren lag in den Fenſtern, untermiſcht mit Roſenkränzen, Räucherfäſſern, Chriſtus⸗ bildern und merkwürdigen Kloſterarbeiten. Alle Zimmer hatten lange Tiſche, ſo wie man ſie in Kajüten ſteht, und Schiffſtühle von maſſivem Mahagony, und an jeder Decke hing anſtatt des Kronleuchters ein prächtig ge⸗ takeltes Schiff herab. 3 Der Saal des oberſten Stockwerkes, der ſtattlichſte von allen, endigte mit einer Kuppel von vielfarbigem Glaſe, in deren Mitte eine große vergoldete Lampe in der Form eines Dreimaſters die Verwunderung und Be⸗ wunderung des Zuſchauers auf ſich zog, ſei es, daß die Sonne oder der Lichtſchein ſeine Funken auf das email⸗ lirte Kunſtſtück warf, deſſen kleine Kanonen von dem reinſten blauen Stahl die eigentlichen Lampen bildeten. Alles Uebrige, von dem koſtbaren Diyvantiſche bis auf den unter dem einen Fenſter aufgeſtellten Octanten, zeugte ebenfalls von Luxus und Reichthum. Zu beiden Seiten dieſes Salons, wo ein Divan von ſchwellenden Eider⸗ flaumkiſſen, mit hochblauem Sammet überzogen, rund um die Wände lief, befanden ſich mehrere kleinere Kam⸗ mern, von denen jede der Töchter ihre eigene nach ihrem Geſchmacke eingerichtet hatte. Thekla's Kammer war die einfachſte, ja ſie war ſo einfach, daß ſie, verglichen mit Hildur's, welcher dieſe den Namen ihres Boudoirs gegeben hatte, einer Kloſterzelle glich, wogegen Roſa's dem Spielhauſe eines Kindes nicht allein glich, ſondern es auch wirklich war. Roſa hatte nämlich, ſeitdem ſie groß geworden, wie ſie ſelbſt ſagte, ihr ganzes weitläuftiges Puppenperſonal mit Haus und Mobilien nach Elfhagen hinausgeſchafft, und hier war denn ihr Zimmer faſt ausſchließlich mit dieſer Kinderwelt angefüllt, und wenn Roſa allein war, ſo verſchmähte ſie es noch immer nicht, dieſe Herrlich⸗ keiten zu betrachten, und ſich in ihrem Innern die Frage vorzulegen, ob ſie wohl damals, als ſie mit Puppen Der Jungferthurm. II. 12 178 ſpielte, nicht weit mehr Vergnügen gehabt hätte, als jetzt— da Niemand da war, mit dem ſie ſpielen konnte. Ehe wir die Beſchreibung von Elfhagen abſchließen, können wir nicht unterlaſſen, das Wunderbarſte von Allem zu erwähnen. Vor der Facade des Luſthauſes lag, gerade unter dem Balkon, ein länglichter, mit einem künſtlichen Gitterwerk umſchloſſener Platz, in der Mitte mit einer großen weißen Urne und an den vier Ecken mit kleineren Urnen geſchmückt. Wenn man die tropiſchen Gewächſe um dieſes Gitterwerk, dieſen außer⸗ ordentlichen Reichthum von Blumen betrachtete, ſo konnte man bei dem erſten Anblick nicht leicht anders glauben, als daß es ein bloßes Blumenparterre wäre; ſenkte man aber den Blick, ſo gewahrte man einige Stufen, die abwärts führten und vor zwei anſehnlichen eiſernen Thoren endigten. Dieſer Platz hatte alſo eine andere Bedeutung, als man bei dem erſten Blicke ſah: er ent⸗ hielt ein Grabchor, das ſchon vor einigen Jahren ein⸗ geweiht worden war, zu einer Zeit, da Holgerſen, mehr denn jetzt ein Raub ſeiner verzehrenden Gewiſſensqualen, meiſtens hier auf Elfhagen lebte, wo dieſes Grab, das dereinſt ſeinen Staub in ſich aufnehmen ſollte, ihn täg⸗ lich die ſchreckenvolle Stunde des Gerichtes und der Re⸗ chenſchaft erleben ließ. Geriſſen zwiſchen der Welt, an welcher er mit der einen Hälfte ſeiner Seele ſo ſtark hing, und dem Gedanken an die Ewigkeit, welche auf die andere Beſchlag gelegt hatte, ſchleppte Holgerſen hier ein elendes Leben hin, wo des Tages ſeine Pein bei der geſchmeichelten und eingewiegten Eitelkeit einge⸗ ſchläfert wurde, wenn Freunde und Reiſende ſeine ori⸗ ginelle Villa lobten, wo aber die Nacht lebhafter als anderswo ihr Recht behauptete und ihre bleichen Ge⸗ ſpenſter mit allen wilden Erinnerungen aus einer ver⸗ geudeten Jugend, mit einem Denkſteine voller Sünden und Wehe, ihn umgeben ließ. Wäre nicht Holgerſen ſtets von der Liebe zu ſeiner Gattin beherrſcht worden, ſo wäre er entweder längſt ein Selbſtmörder geworden, oder auch hätte er ſich von Neuem — ver⸗ nden einer t ein euem —— in die Arme des Verbrechens geſtürzt. Nur von ihr aufrecht gehalten, nur von ihr beherrſcht, verſuchte er auf ſeine Art durch Reue zu verſöhnen; doch, wir haben es ſchon geſagt, die Liebe vermochte nicht, ihn zu reinigen, ja nicht einmal ihn in die erſten Stadien der Seelenänderung eines wirklich reuevollen Sünders einzuweihen. Während der letzten Jahre hatte er ſich keines⸗ weges oft auf Elfhagen aufgehalten: der Anblick des Grabchores erfüllte ihn jetzt mit Grauſen, und er be⸗ reute es nun, daß er in einer Art von Bekehrungswuth um die Erlaubniß angehalten hatte, ſich ein eigenes Grab anlegen zu dürfen. Ja, er warf oft den gehei⸗ men Wunſch hin, Elfhagen zu verkaufen; doch hiezu ſagte Amelie ſehr ernſt nein; und da verlohnte es ſich der Mühe nicht, weiter daran zu denken. In dieſe Wohnung, welche mit ihren bezaubernden Ausſichten rund umher, mit ihrer Bequemlichkeit und ihrem Luxus Jedem ſehr angenehm erſcheinen mußte, wurde Will verwieſen, wenn Holgerſen's Anfälle von Milzſucht allzu gefährlich wurden. Will aber liebte nicht Elfhagen mit ſeinem lachenden Grün und ſeinen lieblichen Blumengerüchen; im Gegentheil: er haßte den Ort, wo er ſich verirrter vorkam, als unter den öden und ernſten Ruinen, an deren kalte Wände er ſo oft ſeine brennende Stirn gelehnt hatte. Auch Rolf befand ſich hier ſichtbarlich ſchlecht, denn er hatte keine andere Geſellſchaft, als den großen argen Kettenhund und den kleinen Mops des Gärtners, und beide waren allzu ſehr unter Rolf's Würde, als daß er mit ihnen hätte Um⸗ gang pflegen können. Auch begleitete er ſeinen Herrn treulich, dieſer mochte ſich nun in die langen Alleen vertiefen, oder auf der Treppe des Grabchores, oder vor der Thür des kleinen Zimmers ruhen, in welchem Roſa ihre Spielſachen verwahrte, welche für Will theure Re⸗ liquien aus einer Zeit waren, in welcher er ſtets zu⸗ ſammen war mit ihr, die ihn wachend und ſchlafend 21 180 in ſeinen Träumen ſtets als ein ſchöner Engel um⸗ ſchwebte— und was wäre wohl das Leben des armen Taubſtummen ohne dieſen Engel ſeines Lebens geweſen? S ieEe hatte nach ſeiner Rückkehr von dem Inſtitute, in welchem er zwei Jahre zugebracht hatte, mit einer Geduld, die man bei einem Kinde nicht leicht wieder⸗ finden kann, Will's Zeichenſprache verſtehen gelernt; und ſobald ſie ſelbſt ſchreiben konnte, begannen ſie dieſe Aus⸗ wechslung ihrer Gedanken auf dem Papiere, welche ſie darauf ſtets übten. Niemand konnte ſo wie Roſa Will's wunderliche Gedanken auffaſſen, niemand war ſo wie ſie intereſſirt, zu erfahren, was er über die Gegenſtände dachte, die ihn umgaben. Thekla verſuchte es zwar bisweilen, dieſelben zu erforſchen, doch Will kümmerte ſich um Thekla nicht. Wenn ſie ſchrieb, ſo antwortete er nur mit einſilbigen Wörtern, und oft verſtand er ihre Schrift gar nicht, oder ſtellte ſich, als verſtehe er ſie nicht; darum verlor denn auch Thekla die Geduld und überließ ihn ihrer jüngſten Schweſter. Nächſt Roſa liebte er die Pflegemutter am meiſten, und ſie war ihm auch immer die zärtlichſte Mutter geweſen. Sie hatte ihn gleich nach der Niederlaſſung in Wisby ſelbſt auf das Inſtitut gebracht und ihn dort mehrmals beſucht, und ſie hatte ihn ſogar, da er ihr bittend durch Zeichen ſeine Sehnſucht, zurückzukehren, angedeutet, gegen Holgerſen's Willen, daß er dort ver⸗ bleiben ſollte, wieder nach Hauſe genommen. Als Will zurückkehrte, war Roſa ſieben Jahre, und daher hatte ihr Freundſchaftsband ſeitdem Zeit genug gehabt, Wurzel zu ſchlagen und zu wachſen. Auf ſeinen Armen hatte Will die kleine Roſa auf die Zinnen der höchſten Ruinen +——— etragen, und wenn er dann mit dem Kinde in ſeinen Armen daſtand, ihre kleinen Arme um ſeinen Hals geſchlungen, ſo hatte er, der Einſame im Leben, ge⸗ fühlt, wie himmliſche Freuden, unbegreiflich, gleich der himmliſchen Seligkeit, ihm durch das Herz ſtrömten. Und tauſendmal hatte er ſich von der Verſuchung hin⸗ geriſſen gefühlt, ſich ſo, gerade ſo, da Roſa's blaue um⸗ armen beſen? titute, einer ieder⸗ ; und Aus⸗ he ſie Will's o wie ſtände zwar merte ortete ihre er ſie d und Roſa ihm g in dort er ihr ehren, ver⸗ Will hatte Zurzel hatte uinen ſeinen Augen in ſeine Seele blickten, mit ihr von den grünen⸗ den Kirchendächern hinab zu ſtürzen; aber immer hatte eine innere Macht ihn zurückgehalten. Will's Religion, obgleich ſie natürlicher Weiſe ihre eigenthümlichen For⸗ men hatte, war keinesweges verſäumt worden: er bebte vor dem Gedanken, wenn er ſo gewaltſam die Bande zerriſſe, die der große Geiſt ihm auferlegt hätte, ſo würde er in dem Paradieſe von einer eigenen glänzenden Art, das er ſich ſelbſt geſchaffen, Roſa, ſeinen Vater, ſeine Mutter, ſeinen Bruder nicht wieder finden. Doch die Jahre ſchwanden dahin: der Lenz der Jugend verblühte, der Lenz des Jünglings war arm an Blumen— heiße Winde aus unbekannten Räumen ver⸗ brannten dieſelben und ließen nur eine unverſtandene Sehnſucht, einen oft wilden Schmerz zurück. Aus der Zeit, da Will noch mit der Familie in Molde wohnte, erinnert man ſich, daß er dort einen Freund hatte, der ihm damals über Alles ging, nämlich den alten Karo, in deſſen Armen der arme kleine Fremd⸗ ling jeden Abend Schutz fand. Auch kam über Will eine grenzenloſe Betrübniß, eine Betrübniß, die lange an ihm zehrte, als Karo, der eines Tages mit den Knechten in den Wald gegangen war, am Abende mit ihnen nicht zurückkehrte. Der ſtumme, nach dieſem treuen Freunde ſuchende Knabe war ein ſo rührendes und dabei ſo trauriges Schauſpiel, daß ſogar die Knechte davon ge⸗ rührt wurden und ſich ganz früh am folgenden Morgen hinweg begaben, um Karo zu ſuchen. Mit bleichen Wangen und ſtieren Augen wartete Will auf ihre Rück⸗ kehr— als er ſie aber endlich erblickte, als ſie ihm Karo's blutiges Halsband reichten, das Einzige, das die Wölfe nicht hatten verzehren können, da ſiel keine Thräne aus Will's trockenem, brennendem Auge, aber er ver⸗ wahrte das Halsband an ſeinem Herzen, und in der Stille der Nacht vernahm man ſein Schluchzen, ſeine Seufzer, dieſe klagenden Seufzer, die immer ſeine bered⸗ teſte Sprache waren und ihm den Namen„Sohn der Seufzer“ verſchafften. 182 Erſt mehrere Jahre nach Karo's Tod ließ Will ſich bewegen, wieder einen Hund anzunehmen— aber es war auch Roſa's Hand, die ihm denſelben anbot; und der Hund erhielt von Roſa den Namen Rolf Krake: er mußte den Namen eines gewaltigen Kämpen führen, um für Will ein gewaltiger Freund zu werden. Und das wurde er denn auch wirklich. In dieſem Augenblicke hatte er das Andenken an Karo faſt gänzlich verdrängt. Als die beiden Damen auf den Hof fuhren, welcher tief unter der poetiſchen Anhöhe lag, kamen Will und Rolf um die Wette den weißen Weg herab gelaufen. Mehrere Stunden lang hatte Will unbeweglich auf dem Altane geſtanden und auf den Weg hinaus geblickt; und als er ſah, daß nur Roſa und die Mutter im Wagen ſaßen, da blitzte eine heftige Freudenflamme in ſeinen Augen auf. Er umkreiste in einer Art von wildem Taumel die Ankommenden, ohne gleichwohl eine von ihnen d berühren. „So umarme mich doch, mein armer Junge!“ ſagte Amelie, und warf ihren mütterlichen Arm um den Hals des Jünglings, worauf ſie einen eben ſo mütterlichen Kuß auf die Stirne deſſelben drückte. Will ertrug dieſe Liebkoſung mit paſſivem Vergnü⸗ en, als aber Roſa mit einer freundlichen Geberde voll innigem Wohlwollen ihm gegen ihre Gewohnheit die Lippen zu einer ſchweſterlichen Begrugung nach der Tren⸗ nung reichte, da wurde Will von einer ſo gewaltſamen Bewegung ergriffen, daß Roſa ihn mit Verwunderung anſah. Dieſes ſonderbare Feuer in Will's Auge kam ihr vor wie ein Fieber, und indem ſie die Mutter, die ſich ſchon umgewendet hatte, um hinauf zu gehen, berührte, ſagte ſie bekümmert:„Mutter, ich glaube, Will iſt krank!“ „Wie ſo?“ fragte Frau Amelie, und warf nun ebenfalls einen erſchrockenen Blick auf Will, der noch immer mit hoch bepurpurten Wangen, klopfender Bruſt, ˖Q———˖—Q———·-·- lſich r. es und e. er hren, Und blicke ängt. cher und 1. auf lickt; agen einen ldem von ſagte Hals ichen gnü⸗ voll die ren⸗ men rung kam die hrte, nk!“ nun noch ruſt, ——, .— ausgeſtreckten Armen und am ganzen Leibe zitternd daſtand. Mit Centnerſchwere fiel in dieſem Augenblicke der armen Frau die Reue auf die Bruſt, daß ſie Will und Roſa ſo vertraulich, ſo ganz geſchwiſterlich mit einander hatte aufwachſen laſſen. Sie war nie auf den Gedanken verfallen, daß dieſer Jüngling, der dem Anſcheine nach ſo wenig von dem Leben zu fordern hatte, das Höchſte fordern wollte: ſie hatte vergeſſen, daß in dem Herzen eines jeden Menſchen— und ſchlüge es auch in der Bruſt eines Taubſtummen— ein unbekanntes Verlangen nach Glück aufwächst und fortlebt; ſie hatte es mit einem Worte vergeſſen, daß der Knabe ein Jüngling geworden war und daß der Jüngling Leidenſchaften entwickeln konnte, die einen ſchrecklichen Contraſt bildeten gegen die ſanften, weichen und demüthigen Gefühle welche er bisher geäußert hatte. Als Thekla am Morgen vor der Abreiſe von der Stadt dieſer delicaten Sache erwähnte, ſo hatte Amelie ſich nicht im Mindeſten daran kehren wollen, ſo unmöglich kam es ihr vor, und ehe ſie Elfhagen erreichte, hatten ſchon tauſend wichtige Gedanken dieſen verdrängt; nicht einmal Will's heftigen Freudenſchwindel hielt ſie für etwas Anderes als für eine Freudenäußerung, daß er nun in ſeiner Einſamkeit Geſellſchaft erhielte. Jetzt aber, da ſie ihn zum erſten Male ſo wunderbar verändert ſah — und es war auch das erſte Mal, daß eine ſolche Erſchütterung Will's Seele umgeſtürzt hatte— jetzt bebte ſie, jetzt ſeufzte ſie zu dem Herrn, daß er ihr Aufklärung geben möchte, wie ſie ſich verhalten ſollte. Sie wagte es nicht, ſtreng zu ſein, nicht in aller Eile eine Scheidewand zwiſchen Will und dem Gegen⸗ ſtande der Flamme, die in ſeinen Blicken brannte, auf⸗ zuwerfen; ſie wußte nicht einmal, ob ſie Roſa aus ihrer kindlichen Gedankenloſigkeit wecken ſollte, in welcher ſie das Uebel ſtets vergrößerte. Ueber alles dieſes mußte ſie mit Thekla überlegen, ehe ſie einen Entſchluß faſſen konnte. Inzwiſchen.. ja, was ſollte ſie bis dahin 184 Käune Will durfte keine Secunde mit Roſa allein eiben. „Geh Du hinauf, mein Kind und rufe des Gärtners Wetihe daß ſie uns bei unſerer kleinen Mittagsmahlzeit i †l“ „Ach ja, das iſt luſtig: Will kann Kartoffeln wa⸗ ſchen, während ich Pfannkuchen anrühre!“ Und Roſa war ſchon fertig, Will zu winken. „Nein,“ ſiel die Mutter ein;„Du ſiehſt ja“— Will war wieder blaß geworden und ſtand mit nieder⸗ geſchlagenen Blicken und Armen da—„daß Will nicht geſund iſt! Ueberlaß ihn mir, damit ich erforſche, was ihm fehlt!“ „O Mütterchen, er hat ja Langeweile!“ „Ja, ich ſehe das, mein Püppchen— doch geh nun!“ Roſa flog ſingend den mit Blumen geſchmückten Pfad hinauf— und es lag gar nichts Wunderliches darin, daß die vielen gemalten Schiffe an den Wänden des erſten Saales ihre Gedanken ſogleich von dem guten Will auf das Seeweſen und von da ganz natürlich auf den jungen fremden Capitain führten, mit dem ſie die Feſs Zeit ihres Zuſammenſeins ſo angenehm verlebt hatte. „Ja, ſo viel iſt gewiß,“ ſagte unſere junge Heldin, indem ſie ganz nachdenklich das Köpfchen in die Hand legte,„daß er den übrigen Seecapitainen ſehr unähnlich iſt— und doch ſieht er ſo aus, als flöße er Reſpect ein.. ja, ich bin überzeugt, wenn er auf ſeinem Ver⸗ deck ſteht, ſo ſieht er aus, wie ein junger Wiking.... Und welche Haare, welche Augen, und welche Stirn, und welch ein Wuchs!... o ja— Hildur hat keine ſo dum⸗ men Vergleichungen— ein Fregattenchef könnte Gott danken, wenn er dieſe Würde hätte!... Gewiß iſt Vie⸗ tor's Schnurrbart hübſch und nett— ja er iſt wirklich ſüß— aber ich glaube dennoch, mir gefällt ein ſchöner Kinnbart beſſer, und beſtimmt... Betty, biſt Du es? und beſtimmt ſteht der kleine luſtige Kinnbart dem Capitain zehn⸗.. laß mich ſehen... ja zwanzigmal — beſſer, als ein Schnurrbart ſtehen würde.... Liebe Betty, mein Kind“— Gärtners Betty war ein volles Viertel⸗ jahr jünger, als Roſa—„habt Ihr Eier und Milch, ſo ſchaffe Alles her, wir wollen einen Schmaus halten, meine liebe Betty!“ „Gleich, Mamſell!“ antwortete eine junge, ſchrille Stimme von draußen. „Und,“ fuhr Roſa in ihrem Gedankengange fort, indem ſie einen zögernden Blick in den Spiegel warf, „und wenn er ſehr gut tanzte... wenn durch einen Zufall— was natürlich für ihn ſehr unglücklich ſein würde— ein Kielholen oder eine andere Reparation an dem Fahrzeuge ihn bis zu Hildur's Geburtstag zurück⸗ hielte, ſo bekämen wir einen Ball... ach, da... da!...“ Und nun nahmen Roſa's Gedanken eine ſo lebhafte Fahrt, daß ſie in dem Salon auf⸗ und abwalzen mußte, bis Betty wieder auf der Schwelle ſtand und verkündigte, daß Alles da wäre und auf die Mamſell wartete. Inzwiſchen mußte Will der Pflegemutter Geſellſchaft leiſten und ihr das Schnupftuch und den Arbeitsbeutel tragen, während ſie, von dem Gärtner begleitet, eine anſehnliche Runde machte, die bis Mittag dauerte. Neunzehntes Capitel. Der Erfolg des Beſuches der Frau Ringeborg. Ungefähr eine Viertelſtunde nach der Abreiſe der Frau Mork und Roſa kam Hildur, die vor einem Saal⸗ fenſter ſtand und hinausſah, ob Victor wohl nicht käme, mit der ſeltenen Neuigkeit zu Thekla gelaufen, daß Püan Ringeborg und Tante Taga um die Ecke gegangen ämen. Ein Beſuch von der alten, ehrfurchtgebietenden und allgemein hochgeachteten Frau Ringeborg Salzwedel, die 186 ſonſt nie Beſuche abſtattete, war ſogar für eine künftige Schwiegertochter eine ſo große Ehre, daß Thekla die Treppe hinunter eilte, um die Alte, oder eigentlich die Alten entgegen zu nehmen— die Beſuche der Tante Taga gehörten gleichwohl zu den Alltäglichkeiten des Hauſes. Mit anmuthigem Lächeln bemerkte die ſtolze Frau Ringeborg, daß ihre liebenswürdige Schwiegertochter— wie ſie Thekla ſchon längſt genannt hatte— ſie hier erwartete, und ihre Stimme klang ganz mütterlich, als ſie mit ihrer würdigen Miene äußerte:„Ich danke Dir, mein Kind!“ Hierauf nahm ſie Thekla's Arm und be⸗ gab ſich die Treppe hinauf. „Liebe Couſine,“ ſagte Tante Taga,„ich laſſe Dich hier in guten Händen; ich will nur einen Augenblick zu der Fiscalin gehen; in einer Stunde bin ich wieder hier!“ Und freundlich und gut nickend, verſchwand die alte Mamſell, die„Räthin“ der Stadt ſowohl bei kleinen, als auch großen Gelegenheiten, und auch— ſagen wir es lieber ebenſo gut zu Anfange als am Ende— die inhaltreichſte Zeitung der Stadt.... „Mutter iſt erſt vor einem Augenblick nach Elfhagen hinaus gereist,“ beklagte Thekla,„ſie wird es gewiß bedauern, daß ſie bei einem ſo theuren und ſeltenen Be⸗ ſuche nicht zu Hauſe geweſen iſt!“ „Ich will ſo aufrichtig ſein, mein Kind, Dir zu ſagen, daß es im Ganzen genommen ſo am beſten iſt: ich wollte das Vergnügen haben, einen Augenblick allein mit Dir zu plaudern.“— „In dieſem Falle,“ entgegnete Thekla in einem Tone, in dem zwar keine eigentliche Verlegenheit, aber doch eine gewiſſe Beklemmung lag,„wage ich vielleicht die Bitte, daß meine gute Tante in das blaue Zimmer zu treten beliebt— wir ſind dort ungeſtört.“ „Wie Du beliebſt, meine gute Thekla!“ Und Tante— ſo prächtig in ihrer ſchwarzen Sa⸗ loppe von geſtreiftem Atlas, ihrem ſteifen, altmodiſchen Hute mit dem aufrecht ſtehenden Lilasſtrauße und ihrem 190—— zierlichen, mit großen Tulpen und Pfauen ausgeſtickten Arbeitsbeutel— ließ ſich von Thekla auf das Bequemſte aufwarten. Die Saloppe wurde aufgemacht, die Hut⸗ bänder gelöst und der Arbeitsbeutel, welcher ein kleines Inventarium von den Herrlichkeiten des Nähtiſches ent⸗ hielt, mit aller denkbaren Sorgfalt auf die Commode gelegt. Nachdem nun ein Fußſchemel unter Frau Ringe⸗ borg's Füße geſetzt und ein Sophakiſſen hinter ihren Rücken gelegt war— die alte Frau ſaß immer gerade, ſo weh es auch thun mochte— blieb für Thekla nichts weiter zu thun übrig, als einen Stuhl zu nehmen und ſich ihr gegenüber zu ſetzen. Während Frau Ringeborg ſich räuſperte und ihre Einleitung überdachte, bemühte ſich Thekla, eine feſte Stellung und Stimme zu erhalten. In ihrer innerſten Seele empfand ſie es tief, daß dieſe Stunde, dieſe Un⸗ terredung mit Karl's Mutter der letzte entſcheidende Schritt war— Karl wollte nichts zurücknehmen— ſie ſollte jetzt auf das Aeußerſte gebracht werden. „Ich hoffe, meine Tochter,“ begann Frau Ringeborg feierlicher als herzlich,„daß Du es auf keine Weiſe für ungehörig anſehen wirſt, wenn ich mich in die Angele⸗ genheiten meines Sohnes miſche?“ „Meine gute Tante!“ Thekla ſah die Alte mit einem Blicke voll ermunternder Zärtlichkeit an. „Du verſtehſt mich— das freut mich ſehr, und Du kannſt glauben, ich ſelbſt bin vollkommen überzeugt, daß eine Mutter nicht anders als im höchſten Nothfalle thun muß, was ich nun zu thun gedenke, nämlich den Verſuch zu machen, einen Zwiſt zwiſchen dem Sohne und ſeiner erwählten Braut beizulegen.“ „Wir haben keinen Zwiſt gehabt, geliebte Tante!“ „Du darfſt die Worte nicht ſo genau abwägen, meine Tochter: die Wahrheit läßt ſich nicht verläugnen, daß Ihr in einem ſehr wichtigen Falle entgegengeſetzter Meinung geweſen ſeid.“ Thekla ſchwieg. „Du haſt meinen Karl ſeit vielen Jahren gekannt 188 — ja, Du kannteſt ihn vollkommen, ehe Du ihm Dein Jawort gabſt. Seit der Zeit ſind nun bald drei Jahre verfloſſen— und ſo viel mir bewußt, hat ſein Charakter keine andere Veränderung erlitten, als daß er geſetzter und feſter geworden iſt... oder weißt Du etwas Anderes, mein Kind?“ „Karl's Charakter iſt allgemein geſchätzt und geachtet — das weiß Niemand beſſer als ich.“ „Auch ſeine Liebe hat ſich gewiß nicht vermindert: er iſt mit ſeinem Herzen zu keiner Andern gelaufen.“ „Deſſen bin ich gewiß!“ „Seine Stellung in der Welt iſt gottlob ſo, daß ſie ſeiner Verlobten keine Unruhe einzuflößen braucht.“ „Beſte Tante!“ „Ja, ja, mein Kind, man muß die Sache von allen Seiten erwägen. Haſt Du Karl etwas vorzuwerfen?“ „Nichts.. eigentlich.“ „Eigentlich? Unter dieſem Worte ſcheint etwas zu liegen— Du entſchuldigſt, mein Kind, wenn ich um eine Erklärung anhalte!“ „In Karl's Charakter liegt eine Neigung zu Miß⸗ trauen...“ „So, ſol 73,ur Eiferſucht...“ „. Und ſo zu ſagen eine kleinliche Genauigkeit in gewiſſen Fällen, wo vor allen Dingen Vertrauen die Hauptſache ſein ſollte.“ „Das waren nicht ſo wenige Beſchuldigungen! Darf ich Dich bitten, mein Kind, den Arbeitsbeutel zu öffnen und mir die grüne Schwammdoſe zu geben— nicht die mit den Goldkanten: die andere in Herzform... die meine ich... danke, danke!... dieſer Geruch iſt für alte Nerven erfriſchend und wohlthuend, wenn man in der Hitze gegangen iſt... ich bin ſo ungewohnt, das Haus zu verlaſſen, daß ich ſogleich athemlos und echauf⸗ firt bin, wenn ich nur einige Schritte gehe!“ Thekla fand das Alles ſehr natürlich, obgleich ſie n die Urſache der Athemloſigkeit und des Echauffements, welche die Schwammdoſe heben ſollte, ſehr gut begriff. „So!“ ſagte die Frau Ringeborg mit einem äußerſt feinen und zierlichen Lächeln,„jetzt wollen wir auf unſern Gegenſtand zurückkommen... Du findeſt Karl mißtrauiſch, eiferſüchtig und kleinlich?“ „Meine wertheſte Tante! Sie dürfen meine Worte nicht mißverſtehen! Karl iſt ein allzu offener, tüchtiger und gerader Menſch, als daß das Wort„kleinlich“ bei ihm in andern Fällen anwendbar ſein ſollte, als nur in denjenigen, die ſeine Liebe, ſeine Verbindung mit mir betreffen.“ „Niemals, meine Tochter,“ entgegnete Frau Ringe⸗ borg mit einigem Stolz,„habe ich den Verdacht gehegt, daß Du meinen Karl ſo wenig verſtehen ſollteſt— und ich bin auch überzeugt, daß dasjenige, was wir hier reden, einzig und ausſchließlich auf ſeine Verbindung mit Dir bezogen werden kann!“ Bei dem Ende dieſer Worte kam der Blumenſtrauß auf dem altmodiſchen Hute in ein gelindes Zittern; und wäre es nicht unter der Würde der Frau Ringeborg geweſen, ihre Gemüths⸗ bewegung zu zeigen, ſo würde die Schwammdoſe gewiß zum zweiten Male in Gebrauch gekommen ſein. Thekla bückte ſich, ergriff Frau Ringeborg's Hand und führte dieſelbe mit einer Bewegung voll unwider⸗ ſtehlicher Anmuth an ihre Lippen— es lag ſowohl Liebe als auch Ehrfurcht in Thekla's Geberde. „Nun, nun!“ lächelte die hochmögende Tochter hoch⸗ mögender Eltern,„Alles iſt ja gut!— und ich bin auch noch nicht ſo alt, daß ich vergeſſen haben ſollte, in wie vielen Formen Liebesgezänk vorkommen kann. Karl iſt, wie Du ſelbſt ſagteſt, ein offener und gerader Menſch; er kann ſich mit dem neumodiſchen Geſchwänzel nicht vertragen— und unter uns, kann er Recht darin haben: hat nicht Lieutenant Victor genug mit der Braut, die unſer Herrgott ihm beſchert hat?“ „Wie, liebe Tante?— Sie werden doch wohl nim⸗ mermehr glauben...“ 4 — 190 „Daß Du, mein Kind, Victor Hoffnung gibſt? — nein, behüte mich Gott, Deine Ehrbarkeit und die Neinheit Deiner Sitten in Verdacht zu ziehen! Wenn man nun aber den bekannten Wahnſinn des jungen Mannes— bemerke, daß ich einen ſo gelinden Ausdruck wie möglich anwende— zu Deinem eigenen Eigenſinn, daß Du die Zeit der Hochzeit nicht beſtimmen willſt, hinzulegt, ſo glaube ich, daß Du Dich nicht länger wundern kannſt, wenn Karl kleinlich, genau, mißtrauiſch und eiferſüchtig wird...“ „... Und despotiſch, meine gute Tante! Denn was anders, als ein verkappter Despotismus liegt wohl ſeinem Eigenſinne, die Hochzeit beſchleunigen zu wollen, zum Grunde?“ 1— „Meine Tochter, meine Tochter, Du ſetzeſt mich in ſehr großes Erſtaunen? Begehrſt Du, daß ein Salz⸗ wedel, ein Mann von Karl's Charakter, ſich als ein Schulknabe behandeln laſſen ſoll? Nein, Ordnung muß in der Welt ſein, und mein Sohn wäre ganz aus der Art geſchlagen, wenn er die Laune eines Weibes über die Achtung ſetzte, die er ſich ſelbſt ſchuldig iſt.“ „Nun wohl, liebe Tante!“ antwortete Thekla mit leiſer, aber doch ziemlich feſter Stimme,„Karl hat ja ſeine Wahl ſchon getroffen, und ich zweifle nicht, daß er ſich gkücklich fühten wird, weil er in dieſem Kampfe ſinne ſogenannte männliche Würde gerettet hat, und ſei 88 auch auf Koſten ſeiner Liebe.“ „Das iſt nicht ſo ganz ſicher,“ entgegnete Frau Ringeborg;„doch wird, wie ich hoffe, ein ſolches Bewußt⸗ ſein ihn theilweiſe tröſten.... Aber, mein Kind, wenn Du Karl noch liebſt— und was willſt Du, daß ich von Deiner Flüchtigkeit denken ſoll— warum die Sache ſo bis auf das Aeußerſte treiben? Erlaube mir; der Mutter Deines Karl, daß ich Euch Beide an dem Rande des Unglückes zurückhalte... denn gewiß, gewiß zieht Ihr Beide Euch Leiden zu durch eine ſolche Trennung ohne alle Urſache.“ „Karl's Gefühle, meine verehrte Tante, ſind nicht ——— 22 von der tiefen Beſchaffenheit oder von der Heftigkeit, daß 4 ie ſein Leiden hart oder dauernd wird— ſeine Trauer in wird eine ruhige werden und nicht weiter gehen, als en ſeine Vernunft geſtattet. Ein Mann, den die Vernunft ick ſtets lenkt, und der ſogar den höchſten Schmerz ſeiner n, Liebe der Vernunft unterordnet, der kann keine große 4* ſt, 4 Betrübniß empfinden.“ er„Der Himmel bewahre uns!— wünſcheſt Du ihn ch zu einem Tollhäusler zu machen?“ 4 Ein flüchtiges Lächeln ging wie der Hauch eines in Windes über Thekla's Wangen.„Ich glaube, das würde hl mir nicht leicht werden!“ n,„Und dafür danke ich Gott, liebe Thekla!“... Der Arbeitsbeutel und die Schwammdoſe mußten wieder her⸗ in vor, das konnte nicht helfen. 4 z⸗ Lange kämpften der Stolz und die Mutterliebe um in die Gefühle der etwas hochmüthigen Dame. Zuletzt aber 1ß erhielt letztere den Sieg, und ihre Arme nach Thekla er— ausſtreckend ſagte ſie:„Mein Kind! ich bitte Dich, bitte er Dich aus dem Innerſten meines Herzens: laß es zu einem glücklicheren Ende kommen— willige ein, daß it das Aufgebot beſtellt werde.“ a„Nein, gute Tante! mein Entſchluß iſt gefaßt, nicht er aus Stolz, nicht aus Eigenſinn, nicht aus Laune—. fe doch er iſt gefaßt!“ 8 ei„Und wenn— ich ſage nur wenn— Karl ein⸗ S 6 willigte, zu warten: welche Zeit willſt Du da beſtimmen?“ 4 u„Keine... o, ich kann es nicht!“ 4 ½ „Da ſind auch geheime Gründe da— Du biſt zu n ſtolz und Dein Herz iſt zu rein, als daß Du lügen n könnteſt... antworte mir aufrichtig!“ he„ZJa, es ſind ſolche Gründe da!“ Thekla's Stimme er zitterte ſtark. e„Und dennoch“— Frau Ringeborg's Blick durch⸗ ht bohrte Thekla—„dennoch gabſt Du Dein Jawort?“ g„Ach, das geſchah vor drei Jahren,“ ſeufzte ſie— 1 ain drei Jahren lernt man viel... doch, meine theure ht Tante, laſſen Sie uns dieſes peinigende Geſpräch nicht das ihr die Demuth bereitet hatte, eine Feh 192 weiter verlängern: Alles iſt geſagt, was geſagt werden ann!“ Frau Ringeborg erhob ihre ſtolze und ſtattliche Geſtalt: ſie ſuchte Thekla nicht länger zu überreden, ſondern ſchickte ſich an, das junge Mädchen u verlaſſen, bitte gethan zu haben. „Gehen Sie nicht mit allzu ungünſtigen Gefühlen von mir hinweg!“ bat Thekla mit flehender Sanftmuth. „Glauben Sie mir, liebe Tante, wenn Sie meine Gründe kermten, ſo würden Sie die Erſte ſein, welche einge⸗ pände⸗ daß ich gehandelt habe, wie meine Pflicht es eiſchte!“ ) Eine ſonderbare Ahnung, welche der Frau Ringeborg ſagte, daß Thekla's Worte Wahrheit enthielten, beruhigte ihr Gemüth auf eine wunderbare Weiſe. Die Ehre des Hauſes Salzwedel lag ihr höher am Herzen, als alles Andere, und ſie hielt dafür, daß ihr Sohn weit leichter mit einem zermalmten Herzen, als mit dem kleinſten Flecken auf ſeinem Namen, ſeiner Ehre zu leben ver⸗ möchte. Zwar konnte Frau Ringeborg es ſich nicht ganz erklären, wie dieſes mit Thekla's Worten zuſammenhing; gewiß aber iſt, daß ſie ohne den geringſten Widerwillen von Thekla, welche ſie ſo lange als ihre Tochter betrachtet hatte, Abſchied nahm. Während des letzten Theiles der Unterredung war Tante Taga von ihrem Beſuche bei der Zollfiscalin zu⸗ rückgekommen, und da ſte Niemanden im Saale fand, ſo ging ſie nach der andern Seite, um mit Hildur ſo lange zu plaudern, bis Frau Ringeborg mit ihrem Be⸗ ſuche fertig war. Hildur aber— müuͤde, länger auf Victor zu warten— war indeſſen ausgegangen, und Tante Taga fand daher keinen Menſchen; dieſes hielt ſie jedoch keinesweges ab, ihre Blicke rund in dem Zimmer umher⸗ zuwerfen, ja ſie trat ſogar in das Schlafzimmer, denn Tante Taga meinte, es wäre angenehm zu ſehen, ob Frau Mörk's Ordnungsſinn wohl auch dann eine Be⸗ trachtung aushalten könnte, wenn keine Fremden erwartet würden. „Hm.. hm!“ Tante Taga ſchüttelte leiſe den Kopf —„übertrieben iſt es eben nicht.... Und die Thür zur Garderobe offen... nun Du mein Gott... wenn man auf's Land reist— und die Dienſtmädchen, dieſe Schlampen, welche Alles umkehren, ſobald die Herr⸗ ſchaften nur aus dem Hauſe ſind!... Nein, das kann ich nicht länger mit anſehen— das hat gewiß Hildur, das nachläſſige Mädchen, in Gedanken gethan... ich mache die Thur zu!“ Und nun ſtand die Tante auf der Schwelle zur Garderobe.. „Tauſend, welch eine Maſſe von Kleidern... Doch was iſt das?— das war mir ſonderbar!... Sind die Leute denn ganz roſenraſend, daß ſie ein neues Stück Zeug auftrennen?... Nein, ſieh— die Wattirung iſt heraus genommen... nur das Unterfutter und das Tuch! ... Mit dieſem Mantel... funkelnagelnen... habe ich den Großhändler noch nie geſehen— ſchöner, blauer Kamelott— grünen Boi zum Unterfutter.... Was in Gottes Namen haben ſie mit der Watte gemacht?... O!“— Tante Taga zog den Fuß ſchnell zurück und ſchlug die Hände zuſammen—„denke, wenn... wenn .. hierunter ein Geheimniß verborgen läge!... Was hörte ich eben von der Fiskalin über den fatalen Rheu⸗ matismus des Zollſiskals, der nach der Viſttation dort auf dem.. wie heißt er doch noch?... auf dem Schoo⸗ ner noch weit ſchlimmer geworden iſt, obgleich der gute junge Capitain ihm zum Schutz gegen den Regen einen neuen feinen Mantel lieh... und der war juſtement von blauem Kamelott, in welchem der Alte ausſah, wie ein Graf?. Nein, das wäre denn doch allzu ſtark! Kein Menſch mag übel von ſeinem Nächſten denken— behüte uns Gott vor allen böſen Zungen und vor allen böſen Gedanken, die man haben kann!“ Der Jungferthurm. II. 13 194 Mit frommer Entrüſtung über ſich ſelbſt machte Tante Taga die Thür zu und kam noch eben zu rechter Zeit hinaus, um Frau Ringeborg zu begegnen, welche von Thekla auf das Ehrfurchtsvollſte bis auf die Straße hinab begleitet wurde. Niemand konnte die erlittene Niederlage auf Frau Ringeborg's Geſicht leſen, ſo lange ſie noch auf dem Heimwege war; als ſie aber bei der Ankunft in ihr eigenes Haus von ihrem Sohne entgegengenommen wurde und die gedämpfte Unruhe auf ſeinem bleichen Geſichte las, da verließen ihre Kräfte ſie beinahe. Sie ließ ſich von Karl in eines der Seitenzimmer führen. „Meine Mutter, meine gute Mutter, mach die Pein kurz!“ Karl's Lippen zitterten; in ſeinen Augen lag ein Ausdruck, den Frau Ringeborg bei ihrem Sohne nicht gewohnt war zu finden. „Du biſt ſtark, Karl— Du bezweifelſt gewiß nicht, daß Deine Ehre guten Händen anvertraut geweſen iſt?“ „Meine Ehre... meine Ehre!“ rief Karl mit einer Heftigkeit aus, die ihm ebenfalls ganz fremd war— „Jetzt iſt davon gewiß nicht die Rede!“ „Mein Sohn!“ Frau Ringeborg ließ den Blick mit imponirendem Schmerz auf ihrem Liebling ruhen. „Fahre fort, meine Mutter, fahre fort!“. „Gerne, mein Kind! Du kannſt mich nicht im Verdacht haben und weißt alſo, daß nicht allein Deine Ehre, ſondern auch Deine Liebe mir am Herzen liegen!“ Ja, ja!“ „Auf mein Gewiſſen, Kind, ich habe gethan, was ich verantworten zu können glaubte und noch ein wenig darüber, denn ich habe es nicht unter meiner Würde erachtet, mich zu Bitten herabzulaſſen— vergebens: es iſt vorbei!“ „Vorbei?“ Karl vermochte kaum dieß Wort hervor⸗ zubringen. „Um des Himmels willen, mein Sohn, mein Karl, faſſe Dich! Sie hat geſtanden, daß ſich ſeit der Zeit, da Ihr Euch verlobtet, ein Hinderniß eingeſtellt hat; achte echter velche traße Frau dem ihr nmen ichen Sie en. Pein lag bohne nicht, iſt?“ einer ar— k mit t im Deine gen!“ was venig Vürde 3: es ervor⸗ Karl, Zeit, hat; ſie wollte ſich zu keiner Zeit beſtimmen— es iſt das Beſte, Du leerſt den Kelch mit einem Male!“ „Eine geheime Urſache... o, das iſt gut... das iſt gut!“ Karl's Züge zeigten eine Spannung, in welcher Aerger und Verzweiflung um die Oberherrſchaft ſtritten. „Ich kenne dieſe Urſache!“ „Wie ſo, mein Sohn?“ „Sie ſtößt mich zurück, weil ſie ein Kind war, da wir unſere Gelübde austauſchten, und weil ſie nun kennen gelernt hat, daß ſie mich nicht lieben kann!“— Frau Ringeborg glaubte nicht im Mindeſten, daß es ſich ſo verhielt, doch nahm ſie ſich ſehr wohl in Acht, ihrem Sohne zu widerſprechen— ſie meinte, ſo verletzend dieſe Ueberzeugung auch für ſein Herz wäre, ſo würde ſie daſſelbe dennoch am beſten und ſchnellſten heilen. „Es iſt gut!“ ſagte Karl noch einmal:„ſie ſoll mich nicht als einen Sklaven zu ihren Füßen ſehen!“ „So ſtark will ich Dich finden, mein Sohn— und keinen ferneren Abſchied?“ „Nein, keinen andern!“ Sein Haupt ſank auf die Bruſt. Frau Ringeborg hielt es für das Beſte, ihn allein zu laſſen. In der Mörk'ſchen Wohnung ſielen um eben dieſe Zeit zwei Geſpräche von folgendem Inhalte vor: In der oberen Wohnung: „Mein Gott, Du biſt doch wohl nicht krank, Thekla! — warum antworteſt Du nicht?“ „Ich bin nicht krank, Hildur!“ „Warum haſt Du denn aber die Thür verriegelt?“ „Weil ich allein ſein will!“ „Thekla, liebe Thekla! ich ahne ein Unglück! Frau Ringeborg's Beſuch... ja, das kann gar nicht fehlen... öͤffne nur, öffne! Ich kehre mich an nichts mehr: ich will Alles wieder in Ordnung bringen!“ „Es iſt Alles ſchon in Ordnung!“ 196 „Thekla, Thekla, Du weißt nicht, Du bereuſt es, wenn Du mich nicht hörſt!“ „Still, ſtill— es iſt gut... ſehr gut!“ „Iſt nichts mit Karl unklar?“ „Nein!“ „O, da wird wohl Alles wieder gut?“ „Ohne Zweifel!“ In ihrem unbeſchreiblichen Leichtſinn war Hildur augenblicklich getröſtet und ſogar fertig, über ſich ſelbſt und ihre Gottesjämmerlichkeit zu lachen.... Das Geſpräch in dem Erdgeſchoſſe ſiel im Com⸗ ptoir vor: „So iſt denn Alles abgeſchloſſen, Herr Capitain, und morgen können Sie mit dem Löſchen anfangen?“ „Ich verlange nichts Beſſeres— ich habe nie Zeit übrig zum Stillliegen!“ Und das Geſicht des Capitains Stangerling hatte jenen eigenthümlichen, angenehmen Ausdruck, welcher ſich gewöhnlich bei einem Geſchäfts⸗ manne nach der Abſchließung einer vortheilhaften Han⸗ delsſpeculation verräth. „A propos!“ begann der Kaufmann mit halber Stimme,„die Waaren wurden wohl ſorgfältig verſteckt?“ „Vollkommen, Herr Großhändler... doch ſind ſie nicht ſchon in Ihren Händen?“ „Gewiſſe Hinderniſſe machten es in der letzten Nacht ganz unmöglich!“ Albin glaubte dieſe Hinderniſſe ſehr wohl zu begrei⸗ fen, da er ſich des Geſpräches entſann, welches er am geſtrigen Abende zwiſchen dem Herrn Großhändler und einem ſeiner Schiffsleute gehört hatte. Er wagt es nicht ohne die größte Vorſicht, ſich einer Sache auszuſetzen, die er mit ſolcher Frechheit läugnet, dachte Albin; doch wußte er natürlicher Weiſe gar nichts, ſondern wünſchte dem Herrn Großhändler Gluͤck zu der Expedition, und ging darauf, zufrieden, daß er es ſo eingerichtet hatte, daß er ſelbſt von Allem frei war.... „Aber das Geſicht dieſes Mannes,“ murmelte unſer Capitain auf dem Wege nach dem Hafen,„wo finde ich — ☛ ANSN X — r h 4 es wieder?— Ich habe es wenigſtens im Traume geſe⸗ hen... O!“— Albin blieb plötzlich ſtehen...„Wahn⸗ ſinn, eitel Wahnſinn! Ein Schattenſpiel!— Doch Ab⸗ ſcheu floßt er mir ein!...“ In dem Augenblicke, da Capitain Albin um die Ecke bog, begegnete er dem Lieutenant Victor, der ſich ohne Widerrede, anſtatt die Braut zu beſuchen, von dem Capitain auf den alten Jungen an Bord führen ließ. Die Abſicht war, einen alten echten Wein zu probiren, und Victor fand dieſen ſo vortrefflich, daß er mit dem größten Vergnügen einwilligte, am folgenden Vormit⸗ tage bei einem kleinen Frühſtück die Bekanntſchaft zu erneuern. —-— Zwanzigſtes Capitel. Wurſt wieder Wurſt. Draußen auf Elfhagen war inzwiſchen der Mittag ſchon vorüber.— Mit dem ganzen Entzücken und der ganzen Zufrie⸗ denheit eines Kindes hatte Roſa die gelungenen Pfann⸗ kuchen, dieſen Beweis ihrer hausmütterlichen Tüchtigkeit, aufgetragen, und Mutter hatte ſie gelobt und Will hatte dreimal mehr gegeſſen, als er vermochte, einzig und allein um Roſa zu gefallen. Ja ſogar Rolf, der ſonſt im Allgemeinen auf Pfannkuchen wenig Werth ſetzte, hatte ſeine Aufmerkſamkeit dadurch gezeigt, daß er, ohne Roſa zu fragen, die ganze gezuckerte Pyramide, welche ſie für den Abend bei Seite geſetzt, verſchlungen hatte. Nach Vollbringung dieſer Heldenthat ſtand nun Rolf ganz einſam und nachdenkend da und ſtützte beide Vor⸗ dertatzen auf den Altan. Mit den großen kluggen Augen blickte er um ſich her zur Rechten und zur Linken; da er aber weiter Niemand bemerkte, als nur den Ketten⸗ hund Preſto, der gleichwohl beim Anblicke des Herrn Rolf 198 ehrfurchtsvoll mit dem Schwanze wedelte, ſo kehrte ſich Rolf um, nachdem er jedoch zuvor durch ein herablaſſendes Knurren— denn er war keineswegs hochmüthig, ſon⸗ dern hatte nur ein Gefühl ſeines eigenen Werthes— den demuthsvollen Gruß des Andern erwidert hatte. Es war klar, daß Monſieur Rolf ſich wunderte, wo alle Menſchen, ja ſogar ſein Herr, geblieben wären; und daruber mußte er ſich ziemlich lange wundern, denn während Rolf ſeinen Angriff auf die Pfannkuchen aus⸗ fuhrte, hatte Frau Mörk den Will zu ſich in das zweite Stockwerk gewinkt, woſelbſt ſie eine lange Unterredung in der Zeichenſprache hatten, deren Reſultat wir hernach erfahren werden; dagegen ſchwenkte ſich Roſa in ihrer eigenen kleinen hübſchen Kajute tapfer umher. Sie hatte heute Vieles mit dem Umzuge zu thun: ſämmtliche Puppen, die bisher ſo angenehm, geräumig und bequem in Roſa's Zimmer gewohnt hatten, ſollten jetzt mit ihrem ganzen loſen und feſten Mobiliar in das eine Treppe höher gelegene Local, das heißt in die Bo⸗ denkammer, verſetzt werden; denn Roſa hatte plötzlich einſehen gelernt, daß dieſe kleinen Häuſer und Schränke ſo ungeheuren Raum wegnahmen, und daß es, da ſte auf jeden Fall fuͤnfzehn und ein halbes Jahr alt war, ſich ohne Zweifel nicht mehr recht ſchickte, Spielſachen um ſich zu haben. Wegen beſagten Umzuges waren nun ſämmtliche Puppen hervorgeholt und auf dem Sopha in eine Reihe geſtellt; denn unmöglich konnte ſich doch Roſa von ihnen trennen, ohne ſie abzuſtäuben, ſie zu putzen und ihnen ein gutes Wörtchen zuzufluſtern— ſie hatten ja ſo manche angenehme Stunde mit einander verlebt. Jetzt aber fand es ſich, daß der Hut des Fräuleins Ebba Brahe— es waren, wohlbemerkt, geſchichtliche Puppen— einen ſo ſchweren Puff erhalten hatte, daß er geſprungen war; die ehrbare Frau Chriſtina Gyllenſtjerna hatte das Hals⸗ tuch verloren, und, das Schlimmſte von Allem, Jung⸗ hanſens Tochter vermißte ihren einen Schuh. „Aber wie iſt das Alles ſo in Unordnung gekom⸗ 515.‧ — = e ——— men?“ rief Roſa faſt in Thränen aus; und nun war an keinen Umzug mehr zu denken, ehe jede das Ihrige erhalten hatte.„Mutter ſchickt nicht einmal eine Magd aus dem Dienſte, wenn ihr etwas fehlt— ſollte denn ich alte Freunde auf dieſe Weiſe wegſchicken?... Nim⸗ mermehr!“ Und im nächſten Augenblicke warf Roſa, die vor einem Augenblicke ſo vortrefflich in der Kommode geordneten Sachen wieder in Unordnung. Flicken, Scheere, Nadel und Seide kamen endlich hervor, und als nun Roſa Schuhe verſohlte, Halstücher ſäumte und Hüte verfer⸗ tigte, wurde ſie von Neuem ein Kind und ſang ſo klar und ſo laut, daß es durch das ganze Haus wiederhallte: „Dort kommt ein Ritter geritten Auf unſern Wall ſo grün. 5 Er wirbet eine Jungfrau, So lieblich und ſo ſchön!“ „Roſa! Roſa!“ erſcholl die Stimme der Mutter auf der Spiraltreppe,„hörſt Du denn nicht, daß Vater ge⸗ kommen iſt?“ Roſa wußte nicht, daß es ſchon ſpät am Nachmittage war, ſie meinte, es ſei erſt ein Augenblick vergangen ſeit dem Anfange ihrer Arbeit. Als ſie in das zweite Stockwerk herabkam, ging der Vater auf und ab mit einer Miene, aus welcher man abnehmen konnte, daß er nicht ſehr disponirt wäre, den ſchönen Abend auf dem Lande zu genießen. Mutter hatte ſelbſt mit dem Thee zu thun. Will war nicht zu ſehen, und nun erſt ſiel es Roſa ein, daß Will heute ſo unſichtbar geweſen war. Sie machte ſich den Vorwurf, daß ſie, die doch eigentlich herausgekommen war, um Will zu zerſtreuen, ſo viele andere Gedanken, als an ihn gehabt hatte— vielleicht war er nun aus Langeweile in den Wald gelaufen... und ferner kam es ihr ſonderbar vor, daß der Vater, der doch Will hinweggeſchickt hatte, nun ſelbſt herausgekommen war. „Ich bleibe die Nacht hier!“ ſagte Holgerſen—(es wird uns ſchwer, hier unter vier Angen mit unſerem alten wilden Bekannten, ihn hier mit dem fremden Na⸗ men zu benennen)— und nachdem er mit einer gewiſſen 200 Zerſtreutheit den Gruß der Tochter erwiedert hatte, blieb er vor ſeiner Frau ſtehen. E Frau Holgerſen ſah mit einem großen, verwunderten icke auf: ſeit mehreren Jahren hatte er keine Nacht in der Villa bleiben wollen. „Ja, es trifft ſich ſo!“ „Aber der arme Juͤngling— willſt Du nun, wir ihn in die Stadt ſchicken?“ Es lag ein unver⸗ ſchleiertes Mißvergnügen in der hingeworfenen Frage. „Ich wäre zufrieden...“ Holgerſen murmelte einige orte zwiſchen den Zähnen; da aber ſein Blick in dem⸗ ſelben Augenblick auf Roſa fiel, ſo ſagte er mit erkün⸗ ſtelter Freundlichkeit:„Ich denke ihn nicht aufzueſſen; er mag ſein wo er will, und morgen früh reiſe ich!“ Zill, der von der Ankunft des Pflegevaters gar nichts wußte, trat eben jetzt mit Rolf ein; aber er zog ſich ſchnell und mit deutlichem Schrecken zurück, als er den Großhändler erblickte. s zuckte in Holgerſen's Zügen, und er ſtarrte den Jüngling mit nicht weniger erſchrockenem Blicke an, als womit dieſer die Muſterung erwiederte; dennoch winkte er mit der Hand, daß Will bleiben ſollte. Still ſchlich ſich der unterdrückte, unglückliche Jüngling in den ent⸗ legenſten Winkel, wo er ſich ſetzte und den Kopf auf Rolf hinab ſenkte, der ſeinen Kopf in den Schooß des Herrn gelegt hatte. „Jetzt wird wohl das Waſſer kochen!“ ſagte Amelie mit einem Blick auf Roſa, die mit Glas, Pfeife, Rum und allem Andern zur Bequemlichkeit und zum Wohl⸗ behagen des Vaters zu thun hatte. „Ja, liebe Mutter, dort kommt Betty damit!“ „Nimm nun hier Platz, lieber Arne, und vergiß bei uns Deine Grillen!— Haſt Du die Geſchäfte mit dem Capitain Stangerling abgeſchloſſen?“ 3 „Ach, Gott ſegne Dich, Du gutes Weib!“— Für ſeine Gattin hatte er immer ſanfte Worte. 4 Inzwiſchen nahm Roſa eine Taſſe Thee, auf daß der Schale vortrefflich mit Brezeln garnirt, und trug ſie zu Will. Er bewegte ſich nicht. „Warte, ich will Dich wecken!“ Und nun ließ Roſa ihr Händchen ganz ungenirt in Will's Locken hauſen. Da ſah er auf mit einem von Thränen feuchten Blick, mit einem ſo klagenden, ſo rührenden Blick, daß Roſa's augenblicklich zur Sympathie entzündetes warmes Gefühl ſich in der beredteſten und troſtreichſten Zeichen⸗ ſprache ergoß. 1 Aber die Wolke auf Will's Stirn wollte nicht licht werden; er ſchüttelte den Kopf, und eine große, warme Thräne ſiel zuletzt auf Roſa's Hand herab. „Ach wie traurig, daß er nie in Ruhe ſein darf!“ dachte das junge Mädchen, und nun machte ſie ihm ein Zeichen, daß ſie beſtimmt wiſſen wollte, was ihm fehlte. „Will deutete zum Fenſter hinaus, weit nach Suden hin, öffnete darauf ſeine Arme und ſtreckte ſie aus, ſo weit er konnte. „Was meint er, liebe Mutter?“ rief Roſa laut. „Will ſoll doch wohl nicht weit hinweg? Das iſt ja nicht möglich!“ „Kannſt Du das beſtimmen, mein Kind?“ fragte Amelie mit zurechtweiſendem Ernſte. „Nein,“ entgegnete Roſa,„aber ich meine, es iſt ſehr ſchade um Will, der keinen Menſchen hat, welcher ſein Recht vertheidigt!“ Mit einem tiefen, prüfend ick maß die Mutter ihre junge Tochter. Sie ſtand dort ſo glühend wie eine Roſe, und ihre Augen blitzten vor Schmerz und Verdruß. „Es ſieht ſo aus,“ ſagte der Vater in einem ernſte⸗ ren Tone, als er ſonſt gegen ſeinen Liebling anzuwen⸗ den pflegte,„als ob ihm keineswegs eine Fuͤrſprecherin fehlte und noch dazu eine recht kühne!“ „Sollte wohl das eine Kühnheit ſein, Vater, wenn man Gedanken hat über Recht und Unrecht?“ 202 „ Ja für Jeden, der noch nicht im Stande iſt, das Eine von dem Andern zu unterſcheiden!“ „O Vater, ſage nicht ſo: dieſes Vermögen hat Gott jedem Menſchen verliehen, und nichts ſoll mich abhalten zu ſagen, daß Will in mancher Hinſicht faſt ſchlechter behandelt wird, als er ſelbſt ſeinen Hund behandelt!“ „Aber, Roſa, was fällt Dir ein? Vergiſſeſt Du, daß Du mit Deinem Vater redeſt? Ich hätte nimmer geglaubt, daß ich es nöthig haben würde, Dir einen ſolchen Vorwurf zu machen! Keine von Deinen Schwe⸗ ſtern hat jemals gewagt, was Du zu meinem Schmerze und Erſtaunen Dich in dieſem Augenblicke erdreiſtet haſt!“ „Wenn ich Unrecht gehabt habe, liebe Mutter, meine Meinung ſo frei herauszuſagen, ſo bitte ich Vater demü⸗ thig um Verzeihung;— aber es iſt auch ſonderbar, daß inder ſo blind ſein und nie weder Vernunft noch Ge⸗ füuhl haben, ſondern nur blind glauben ſollen!“ „Welch ein Raiſonnement, mein Kind!“ Mit Schrecken bemerkte die zärtliche Mutter, daß Roſa's Charakter trotz aller Kindlichkeit oft dieſe gefährlichen Uebergänge in Exaltation enthielt, welche ſo unſäglich ſchwere Folgen haben können. Sie war nicht leicht⸗ ſinnig wie Hildur, nicht im Aeußern verſchwiegen und ſteif mit einer Gluth in ihrem Innern, wie Thekla; aber dennoch hatte auch ſie wallendes Blut. Roſa trat nun ganz demüthig zu dem Vater, nahm ſeine Hand und küßte ſie, ſagte aber kein Wort. „Alſo willſt Du Deinen Vater nicht tadeln?“ „Ja, lieber Vater, wenn ich dürfte!“ Roſa ver⸗ neigte ſich noch tiefer. „Alſo haſt Du ſchon den Katechismus vergeſſen, welcher ſagt: Du ſollſt Vater und Mutter ehren?— „Behute mich Gott, daß ich das vergeſſen ſollte— ich weinte die ganze Nacht, die ganze Woche, ja mein anzes Leben, wenn Du mich für ſo ſündig hielteſt, lie⸗ er Vater! Aber eben darum, weil Niemand ſeine El⸗ tern höher lieben kann, als ich, eben darum...“— jetzt lächelte ſie ſo lieblich und überredend, und ihre feine Hand N Bu ſtreichelte den ſteifen Bart des Vaters—„eben darum kann ich es nicht ertragen, daß Jemand ein Recht haben ſoll zu ſagen, der Großhändler Mörk behandelt ſeinen Mündel ſo, daß man glauben ſollte, er hätte ihn aus Gnaden im Hauſe.“— Holgerſen ſchob die Tochter leiſe von ſich— viel⸗ leicht redete anſtatt Roſa das Gewiſſen. „In der That, mein Kind,“ begann jetzt die Mutter, „Du biſt allzu ungerecht und vorſchnell und auf jede Weiſe unverſtändig! Was ſagſt Du nun, wenn es nicht der Vater iſt, ſondern wenn ich für Will eine lange Reiſe vorgeſchlagen habe?“ Jetzt richtete auch Holgerſen einen fragenden Blick auf ſeine Gattin. 4 „Und das geſchieht zu Will's Nutzen und Vergnü⸗ gen. Er hat hier zu Hauſe nur Langeweile. Mit wem kann er wohl die Gedanken austauſchen, die in ſeinem Kopfe wohnen? Wäre es wohl nicht eine Wohlthat, ihm eine paſſende Geſellſchaft zu ſuchen? Nun wohl: wir finden eine ſolche in dem Pfarrhofe zu**s, wo der eine Sohn eben ſo unglücklich iſt, wie Will. Dieſer Jüngling iſt neulich von dem Inſtitute zurückgekommen; der Umgang mit ihm muß für Will angenehm ſein, ſo⸗ bald nur der erſte Schmerz über die Trennung von uns überſtanden iſt.“ Roſa ſchwieg nachdenkend.„Wenn ſie nur wirklich gut gegen ihn ſind!“ ſagte ſie endlich. „Zweifle nicht daran! Ueberdieß wird die Bezah⸗ lung ſo veichlich, daß unſerem Will gewiß gar nichts fehlen ſoll, was ſein Wirth zu ſeinem Vergnügen nur anzuſchaffen vermag.“ Jetzt kehrte Roſa zu Will zurück und theilte ihm mit den lebhafteſten Mienen, Bewegungen und Zeichen alle Hoffnungen mit, welche ſie ſelbſt zu faſſen begonnen hatte. Will's Thränen verſiegten, denn den ganzen Abend blieb Roſa bei ihm, und auf einem kleinen Tiſche, den ſie zwiſchen ſich und ihn ſchob, wurde die Correſpondenz, die beſte Art, ſich gegenſeitig ihre Gedanken mitzutheilen, geführt.. Die Nacht hatte längſt ihre Schatten auf Elfhagen herabgeſenkt. Roſa ſchlief ſanft und ruhig; Will ſchlief unter Träumen, welche dem müden, ſtummen Erdenſohne die Säle und Freuden des Himmels öffneten— nur in der Schlafkammer des Ehepaares entwich der Schlaf: keines von ihnen hatte ſich gelegt, ſondern Beide ſtanden ſtill Arm in Arm auf dem Altan und ſchauten hinaus in die ſchöne Landſchaft. Der Blick des Mannes, welcher ſtets nach einer Richtung gekehrt war, zeugte von anderen Gefühlen, als der ihrige. Endlich brach ſie das Schweigen. „Du haſt dieß zuvor nie gethan, Arne, und ich bin ernſtlich betrübt daruͤber, daß Elfhagen ein Verſteck heim⸗ licher Güter werden ſoll!“ „Willſt Du denn lieber, daß ich die Waaren ver⸗ lieren und noch obendrein angegeben werden ſoll?“ „Großer Gott, ängſtige mich nicht mit ſolchen Wor⸗ en!... Angegeben?— O welche Schande, welche ent⸗ ehrenden Folgen!“. „Und welche Strafe!“ „Ja, aber das kommt ja gar nicht in Frage: in Wisby pflegt man ja keinen Beſchlag zu machen! Un⸗ glücklicher Weiſe hat nur eben dieſe Sicherheit Dich ſo verwegen gemacht!“ „Höre, Amelie: ich bin ſchon halb in der Falle— doch das bedeutet nichts, man hat keine Beweiſe.“ „Was in Gottes Namen meinſt Du?“ „Der Schooner, welcher Weſterwik anlief, hatte eine Kleinigkeit, welche genommen wurde; doch Olsſon hat einen von den Leuten, Erlandsſon, überredet, die Sache auf ſich zu nehmen. Jetzt iſt der Proceß hieher verwieſen, und...“ 3 „O um Gottes und des Himmels willen, Du wirſt doch wohl wegen Deiner Geſetzesübertretung den armen Matroſen nicht in die Klemme gerathen laſſen?“ + „Verſteht ſich, daß ich ihm alle Verdrießlichkeiten reichlich, ja mehr denn reichlich erſetze— gleichwohl nicht jetzt im Augenblicke: das würde allzu große Auf⸗ merkſamkeit erregen und gerades Weges auf die Spur führen; doch gerade darum, weil es ſich ſo verdammt ſchlecht trifft, daß dieſe beiden Geſchäfte zu gleicher Zeit vorkommen, wollte ich mich in der letzten Nacht gar nicht rühren, und am allerwenigſten wagte ich die Güter nach der Stadt zu bringen. Hier dagegen ſind ſte für's Erſte in Sicherheit— ich denke, Bengtsſon iſt im Augen⸗ blicke mit der Herrlichkeit hier!“ „Wie geht es aber nun mit dem guten Erlandsſon? Arne, ich beſchwöre Dich, bekenne lieber, als daß Du Dein Gewiſſen auf's Neue mit Verbrechen belaſteſt!... Welche Strafe kann Erlandsſon erhalten, da man es recht gut verſtehen kann, daß die Güter ihm nicht ge⸗ hören?“ „Ich weiß noch nicht ſo genau: die Sache war am Mittwoch vor und kommt am Sonnabend wieder vor... Doch ſei ruhig, geliebte Amelie; ihm geſchieht nichts, das ſich nicht mit Geld erſetzen läßt!“ „O, über dieſe unſelige Schmuggelei! Es iſt nicht genug, daß man ſich ſelbſt in Gefahr ſtürzt, auch An⸗ dere ſollen dafür leiden!... Aber, Arne, wenn Du das Herz dazu haſt, daß Du den Erlandsſon.... Du mußt mir beſtimmt ſagen, ob es gefährlich werden kann — denn da. da.. 4 „St, ſtl.. ich höͤre Schritte— Preſto fängt an, ſich zu rühren.... Geh Du hinein, meine Liebe, lege Dich zu Bette und ſei nicht bekümmert!“ „Nicht bekümmert?“ ſeufzte Amelie und warf einen langen Blick auf das Laubgewölbe unter ihren Füßen; dann aber erhob ſie ihren Blick gen Himmel, nickte ihrem Gatten ſtumm zu und ging hinein— ſie wollte nichts von der Scene ſehen, welche nun dort unten er⸗ wartet wurde. Holgerſen hatte nicht falſch geſehen: es waren ſeine Leute, begleitet von unſerm Freund Bas, welcher auf 206 Holgerſen's Bitten von dem Capitain Stangerling die Erlaubniß erhalten hatte, mitzugehen, um die Guter, welche er eingelegt hatte, richtig abzuliefern. Nachdem Bas auch behülflich geweſen war, die Waaren in einen kleinen zur Seite gelegenen Holzſtall einzulegen, wurde er reichlich von dem zufriedenen Geſchäftsmanne belohnt und dann nebſt den Leuten des Großhändlers mit vielen freundſchaftlichen Grüßen an den Capitain Stangerling in die Stadt zurückgeſchickt. „So, mein beſtes Kind, nun wäre das gethan— das ging wie ein Tanz! Nun, denke ich, ſoll der Schlaf ſchmecken!“ Amelie antwortete nicht— ſie lag ſchon— aber ſie konnte ſich eines Gefühles voll bittern Widerwillens, ja Abſcheues, nicht erwehren, wenn ſie daran dachte, wie dieſer Mann, den ſie ſo oft unter den Martern ſeiner Gewiſſenspein hatte raſen geſehen, jetzt guten Muthes, ja munter ſein konnte, da eine Uebertretung der Geſetze, die ihm einige Schillinge einbrachte, nach Wunſch gelang. Holgerſen ſah, daß ſie ungünſtig geſtimmt war; da er aber in dieſem Augenblicke keines Troſtes bedurfte, ſondern im Gegentheile ſich leichter zu Muthe fühlte, als ſeit langer Zeit, ſo entſchlief er, ohne weiter an den Kummer A denken, den er ſeiner Gattin bereitet hatte. Auch Amelie entſchlief zuletzt. Alles wurde ſtill in der e. Ungefähr eine Stunde war ergangen. Da ließ ſich von Preſto zuerſt ein dumpfes Knurren und darauf ein ſtarkes Bellen vernehmen, welches machte, daß Holgerſen und ſeine Gattin zu gleicher Zeit aus dem Schlafe erwachten. Holgerſen erhob ſich und ſtarrte nach dem Fenſter hin. Amelie fühlte, wie ſie am ganzen Leibe zitterte. „Was iſt Dir, meine Liebe?4 ſagte der Mann mit verſtellter Ruhe.„Es iſt Jemand uͤber den Hof ge⸗ gangen!“ „Ueber den Hof— ja wohl. doch höre,, es die er, die all en es an af +̈=22REE ————. 2or geht auch den Sandgang herauf die Terraſſe herauf... hörſt Du dieſe Schritte?“ 8 „Einbildung!... Vielleicht iſt Will ausgeſchloſſen worden— ich will aufſtehen!“ Holgerſen warf die Kleider an; doch hatte er erſt einen Arm in den Rock geſteckt, ſo erſchütterte ein Schlag an die Hausthür das ganze luftige Haus in ſeinen Grund⸗ feſten, und eine Stimme, die als Poſaune hätte ange⸗ wendet werden können, donnerte: „Im Namen der köͤniglichen Majeſtät und der Krone die Thür geöffnet!“ „Arne, Arne!“ ſtotterte die entſetzte Frau,„es kam alſo doch dahin!“ „Jetzt iſt keine Zeit zu Klagen, Amelie: ich weiß einen Rath, aber auch nur einen!“ „Welchen?“ „Während Du, Du ſelbſt, ſie in der oberſten und mittleren Etage umherführſt, will ich dafür ſorgen, daß die Ballen in..“ Holgerſen ſtotterte, die Stimme ver⸗ ſagte ihm den Dienſt, und er war nicht im Stande, den Satz zu vollenden. Ein neuer Schlag, eine neue Aufforderung von Außen gab ihm doch endlich den Muth, flüſternd hinzuzufügen:„in das Grabchor kommen.“ „Mann, was wagſt Du vorzuſchlagen?“ rief Amelie mit Entſetzen aus.„Dieſer Raum, wo dereinſt Dein Staub verweſen ſoll, während Deine Seele zur Rechen⸗ ſchaft gezogen wird, dieſen geheiligten Raum willſt Du als Verwahrungsort von Schmuggelgütern gebrauchen 2... Doch, Arne, warte einen Augenblick, und höre, was ich Dir ſage, was ich Dir bei Gott ſchwöre: Wagſt Du Dein ſündhaftes Vorhaben zu vollenden, ſo kündigſt Du auch unſere Trennung für dieſes Leben an— nichts ſoll mich zwingen, länger mit einem Manne zuſammen zu leben, der ſein eigenes Grab entweiht hat! Denke an den Geiſtlichen in Molde und an die Worte, welche er Dir ſagte!“ „Tod und Verdammniß!“ knirſchte Holgerſen.„Meine . Waaren, die Strafe, die Schande, der Aerger— wer hat mich verrathen?“ Jetzt vernahm man leichte Sprünge auf der Treppe. „Iſt Vater noch nicht wach? Hörſt Du das Rufen nicht? Was wollen die Leute, die draußen ſtehen?“ „Bleibe Du hier, Roſa!“ befahl die Mutter mit feſter Stimme; darauf fuhr ſie fort:„Geh Du, Arne: öͤffnen müſſen wir nun doch einmal— laß ſie lieber ohne weitere Umſtände den Beſchlag machen!“ Holgerſen, der die Unmöglichkeit, zu entkommen, einſah— er hatte gar keine Vorſichtsmaßregeln getrof⸗ fen— ging, an allen Gliedern zitternd, hinunter und ſchob den Riegel hinweg. „Was iſt die Meinung?“ fragte er in einem Tone, der ſtreng und verwundert klingen ſollte, eigentlich aber nur Angſt verrieth. „Darauf will ich Ihnen Antwort geben, Herr Pa⸗ tron, wenn Sie es nicht übel nehmen wollen!“ ſagte ein Mann, deſſen Kopf über den des Zollbeamten her⸗ vorſah.„Ich, einer von Ihren eigenen Schiffsleuten, Olaus Erlandsſon, habe Ihnen, Herr Patron, aus Dankbarkeit für Ihre Güte, daß Sie mich im Stiche ließen, meine Erkenntlichkeit beweiſen wollen! Wir haben bei Lilja's Höhle ſowohl in der geſtrigen, als auch in der heutigen Nacht auf der Lauer gelegen; aber es war ſo angenehm, den Beſchlag bei Ihnen ſelbſt zu machen — darum warteten wir.... Und nun habe ich meine Schuldigkeit gethan und mache den Leuten der Krone Platz! Leben Sie wohl, Herr Patron— Wurſt wieder Wurſt!“ Der Kopf verſchwand, und herein, an dem ver⸗ ſtummten Wirthe vorbei, traten die Zollbedienten. Ehe eine halbe Stunde verging, war der Beſchlag gemacht und die Waaren hinweggeſchafft. Pett letzte nete zu e mehr konn Endl der ⁴ hina „Fer ſagte mitta gegen erſtlic die 1 ſamm läge. beſteh V Puddi Capite Dinge meiner ſelbſt — 7 ſchaft einen Der Einundzwanzigſtes Capitel. Capitain Albin und ſeine Grundſätze. In der Cajüte des alten Jungen hatte der kleine Petter viel zu ſchaffen. Es war am Morgen nach dem letzten Ereigniſſe in der Mörk'ſchen Villa. Petter deckte einen ſtattlichen Frühſtucktiſch und ord⸗ nete ſo verſtändig es ihm möglich war, damit Alles zu einander paſſen, zierlich ausſehen und dennoch nicht mehr Raum einnehmen möchte, als daß man hoffen konnte, daß die Teller nicht hinunter fallen würden. Endlich ſah es ihm ſo aus, als ob der Capitain mit der Herrlichkeit zufrieden ſein könnte, darum ſtieg er hinauf auf das Deck, zog die Mütze und rapportirte: „Fertig, Herr Capitain!“ „So laß uns denn hinunterſteigen, mein Bruder!“ ſagte der Capitain zu Lieutenant Victor. Bei der Weinflaſche, welche ſie am geſtrigen Vor⸗ mittage mit einander ausgeſtochen, hatten ſie verſchiedene gegenſeitige Verdienſte entdeckt, welche Entdeckung ſie erſtlich beſtimmte, Brüderſchaft zu trinken und dann die Uebereinkunft zu treffen, ſo viel wie möglich zu⸗ ſummen zu ſein, ſo lange der alte Junge in Wisby äge.... 9„Tauſend Granaten!“ rief der Lieutenant aus,„Du beſtehſt Dir einen Koch von vorzüglicher Race— dieſer Pudding iſt ganz vortrefflich!“ „Es gehoͤrt zu meinen Grundſätzen,“ entgegnete der Capitain,„meiner Mannſchaft gutes und vor allen⸗ Dingen hinlängliches Eſſen zu geben— und was ich meiner Beſatzung nicht entziehe, das will ich auch mir ſelbſt nicht entziehen.“ 3 „Ganz natürlich!... Sollte wohl Deine Mann⸗ ſchaft zufälliger Weiſe auch Wein trinken? Du haſt einen vortrefflichen Wein!“ Der Jungferthurm. II. 14 1 210 „Bisweilen; doch gehört es zu ihren Grundſätzen, einen Schnaps oder einen Grog vorzuziehen, und da⸗ gegen läßt ſich eben nicht viel ſagen. Ich habe ſie nicht zu überreden geſucht, in den Nüchternheitsverein zu tre⸗ ten, bin aber mit meinen Kerlen dahin gekommen, daß ſie jede Ueberladung verabſcheuen. Sie wiſſen, wenn ich ihnen auch einen Rauſch verzeihen könnte, daß ich dennoch kein beſonderes Vertrauen auf denjenigen ſetzen würde, der ſich einer ſolchen Erniedrigung ſchuldig ge⸗ mach hat, welche ich unter die verabſcheuungswürdigſten zähle.“ „Aha, ergebenſter Diener— das waren mir ſcharfe Grundſätze! Darf ich fragen, ob Du mit Dir ſelbſt eine Ausnahme gemacht haſt, da Du ſolche Geſetze ein⸗ führteſt?“ „Ich habe,“ entgegnete Albin lächelnd,„in dieſer Hinſicht nicht mehr als nur ein Geſetz ausgefertigt, und dieſes lautet folgendermaßen: Derjenige, welcher zum drittenmale berauſcht an Bord kommt, erhält ſo⸗ gleich ſeinen Abſchied. Ich meinestheils verlaſſe mich natürlicher Weiſe auf meine Grundſätze.“ „Ach ſo, Du haſt die Kühnheit gehabt, daß Du gewagt haſt, es Dir zum Grundſatze zu machen, daß Du nie mehr trinken willſt, als was Du tragen kannſt?“ „Ja, das habe ich. Als Jüngling kam ich einmal ſo feſt, daß dieß für die Zukunft Frucht trug: da machte ich mir einen Vorſatz, den ich in fünf Jahren nicht ge⸗ brochen habe.“ „Theilſt Du denn Dein Leben ſtets nach einem ge⸗ wiſſen Maßſtabe ein?“ fragte der Lieutenant, indem er mit ſeinem Freunde anſtieß. „ine ſolche Eintheilung ließe ſich ſchwerlich denken, wenn man nicht— was ich keinesweges wünſche— für einen Pedanten gelten wollte; doch mit meinem eigentlich heftigen Temperamente würde ich wahrſchein⸗ lich tauſend Ungerechtigkeiten begehen, wenn ich für meine Handlungsweiſe nicht gewiſſe Principien feſtgeſetzt hätte. So zum Beiſpiel: wenn eine Sache mich zum Zorn reizt, ſo unterdrücke ich das wilde Blut und handle nicht eher, als bis es erkaltet iſt. Ein Capitain auf ſeinem Fahrzeuge, worauf er eigentlich ein unumſchränk⸗ ter Gebieter iſt, würde ſonſt ſehr oft Gelegenheit zur Reue haben.“ „Welch ein achtungswerther und verſtändiger Ge⸗ danke! Ich will ehrlich ſchwören: ſo heftig auch mein Temperament iſt, ſo habe ich dennoch in allen meinen Tagen keinen ſolchen gehabt.... Doch vermuthlich hat das wilde Blut Dir einmal einen Poſſen geſpielt?“ Der Capitain nickte: er verſank in die Erinnerung des Morgens, da er in dem Hauſe des Herrn N.. mit der entſetzlichen Gewißheit erwachte, daß er die Hand an ſeinen Herrn gelegt hätte. „Bruder, Du mußt mir einen ſolchen Zug erzäh⸗ len!“ rief Victor aus—„dergleichen Warnungen kön⸗ nen meiner Seele von Nutzen ſein!“ „Sehr gerne!“ Und nun ließ der Capitain in leb⸗ haften und malenden Farben die Geſchichte in Gefle vom Stapel laufen. Lieutenant Victor folgte mit ſichtbarem Intereſſe der ganzen Schilderung und erklärte am Ende, man ſähe ſehr wohl, daß der Capitain Albin Stangerling zu den glücklichen Menſchen gehörte, für welche das Schickſal in der Stunde der Noth immer eine Hülfe in Bereitſchaft hat. „Das würdeſt Du mit noch weit größerer Ueber⸗ zeugung ſagen, wenn Du einen Theil meiner andern Abenteuer kennteſt. Mein Leben iſt ſeit meinen Knaben⸗ jahren reich an Abenteuern geweſen; aber nie, ſelbſt wenn ich nicht das geringſte Fünkchen von Hoffnung mehr ſehen konnte, verlor ich den Muth. Auf eine wunderbare Weiſe hat der Herr ſeine Hand über mich gehalten, und mein Glaube an die leitende Macht der Vorſehung iſt der ſtarke Schild, den ich in allen Drang⸗ ſalen vorhalte.“ Einen Augenblick betrachtete der leichtſinnige Victor mit ſtummem Schweigen das Geſicht ſhinzo Wirthes. 212 Dieſes ſchöne, offene und männliche Geſicht erhielt einen für Victor ſo ganz fremden Ausdruck, daß er drei kurze „Hm“ ausſtieß, ehe er zu der Frage kam:„Mein Her⸗ zensbruder! Du gehörſt doch wohl nicht zu den Hei⸗ ligen?“ „Nicht im Geringſten, und am allerwenigſten in dem Sinne, wie Du es verſtehſt— Du wirſt doch wohl ſehen, daß ich ein froher Lebebruder bin! Doch ein ehrlicher Seemann hat Gott im Herzen und läugnet es nicht... aber— dieß iſt ein Gegenſtand, der nicht hie⸗ her gehört!“ „Gewiß— doch wird es Dir nicht bisweilen etwas unbequem mit dieſer ſtrengen Gerechtigkeit?“ „Woher nimmſt Du das? Ich habe geſagt, daß ich mich bemühe, nach gewiſſen Regeln zu handeln— ich bin glücklich dabei. Ehe ich mir ſolche Regeln bil⸗ dete, ließ ich mich von dem Winde treiben.“ „Aber biſt Du denn nicht dem Unglücke ausgeſetzt, daß Du bisweilen Deine Grundſätze verlierſt?“ „Sehr ſelten, denn ich habe, ſiehſt Du, glücklicher Weiſe auch den— und er iſt vielleicht der vernünftigſte — daß ich nie in das Extrem verfalle... ſonſt habe ich es eben ſo gut wie jeder Andere nöthig, mein Sün⸗ denbekenntniß zu beten.“ „Aber höre— im Vertrauen: wie kannſt Du mit Deinen ſtrengen Grundſätzen ein Verbrechen gegen die Geſetze begehen?“ „Ich bin mir nicht bewußt, jemals ein ſolches be⸗ gangen zu haben!“ „Ergebenſter Diener!— Haſt Du den Anfang un⸗ ſerer Bekanntſchaft bei Lilja's Höhle ſchon vergeſſen?“ „Ach, die verdammten Schmuggelguͤter! Du kannſt mir glauben, wenn ich meine Ehre zum Pfande ſetze, es iſt das erſtemal, da ich mich damit abgegeben habe, irgend Jemanden einen ſolchen Dienſt zu erweiſen— es iſt, verſteht ſich, auch einer meiner Grundſätze, nie⸗ mals mit der Zollkammer um Mein und Dein zu rech⸗ ten. Ehrlicher Verdienſt währt am längſten, wenn er — auch nicht ſo viel mit einem Male gibt, und ſiehſt Du, Bruder, eben weil ich ängſtlich war, meine eigene Haut in Gefahr zu bringen, ſo warf ich unterwegs die La⸗ dung hinaus, und bin jetzt froh wie der freie Vogel, daß Dein lieber Schwiegervater ſie jetzt glücklich unter Dach gebracht hat; mein beſter Kerl, der Conſtabel Bas half ſie in dieſer Nacht in das Landhaus des Groß⸗ händlers bringen.. „O, es verlohnte ſich auch der Mühe, von der Kleinigkeit ſo viel Weſen zu machen! Hier ſchmuggelt man am hellen Tage... Aber Du ſtandeſt ja zuvor in keiner Verbindung mit Papa Mörk?“ „Nicht ich, wohl aber der Beſitzer der Ladung; und es iſt verdammt ſchwer, gegen einen ſolchen Ma⸗ tador unhöflich zu ſein. Doch in Zukunft geſchieht das beſtimmt nicht wieder, denn der Teufel und nicht i mag ſeine Ehre und ſeine Caſſe der bloßen Artigkeit preisgeben! Ueberdieß verachte ich die Schmuggelei... Doch wir haben ja die Flaſche geleert... Petter!“ „Herr Capitain!“ „Eine Flaſche Champagner!“ „Man ſieht, Du haſt nicht nothig, zu ſchmuggeln!“ lächelte der Lieutenant.„Doch beim Champagner muß man ſubtilere Geſpräche führen, als wir bis jetzt ge⸗ führt haben— Du willſt mir wohl nicht erzählen, o Du zufälliger Weiſe verlobt biſt?“ „Nein, frei iſt mein Herz und meine Hand!“ Biſt Du denn auch nicht verliebt geweſen?“ ‚Nicht ſo, daß es der Erwähnung werth wäre.“ „Natürlich forderſt Du eine bedeutende Meritenliſte üͤber die Verdienſte Deiner Auserwählten?“ „O nein, ich will nicht allzu unbillig ſein: Voll⸗ kommenheiten haben es ſchwer, ſich hier auf Erden wohl zu befinden.“ 1 „Sehr wahr!“ ſeufzte Victor. „Wenn ich aber erſt meine Wahl getroffen habe, ſo werde ich auch die Heiligkeit derſelben von ſo hoher Bedeutſamkeit anſehen, daß.. ℳ 7 7 „Keine Sylbe mehr! Welchen Rath gabſt Du ſelbſt ei der Räuberburg?“ „Ein leichtſinniger Scherz, abgezwungen durch die Lage, in welcher ich mich befand— vielleicht auch, weil ich glaubte, daß Männer, die einen ſo ſonderbaren Streit führten, es ertragen könnten, eine Sturzſee über ihre Köpfe zu bekommen: dennoch, wenn Du erlaubteſt.... ich wage nicht mehr zu ſagen!“ „Im Gegentheil ſage, ſo viel Dir beliebt, denn ich möchte gern mein armes Herz erleichtern. Zuerſt aber ſage mir: welcher von dieſen drei bezaubernden Mädchen ertheilſt Du den höchſten Preis?“ „Ich fühle mich ſehr geneigt, ſie alle Drei zu prei⸗ ſen! Thekla iſt ohne Zweifel, wenigſtens in dieſem Augenblicke, die Schönſte. Ich will darauf ſchwören, daß Hildur die verführeriſchſte iſt, obgleich ſie keines⸗ weges ihre Gaben an mich verſchwendet hat; ſie iſt eine glühende Blume; doch haben alle ſolche ihre Stacheln — aber dennoch bin ich überzeugt, daß ihr Herz an Sanftmuth reicher iſt, als ihre Worte. Was aber oſa, die kleine Zauberin, betrifft, ſo fürchte ich, daß ſie in ein oder zwei Jahren ihren beiden älteren Schweſtern ſehr gefährlich wird. Sie iſt eine kleine Elfe, eine wirkliche auberin, die mit der Fröhlichkeit eines Kindes und der Verſchämtheit einer Jungfrau eine ſolche Tiefe von Ge⸗ fühlen verbindet, daß man nicht begreift, wie es bei einem ſo jungen Weſen möglich ſein kann.“ „Herr Capitain!“ Bas⸗ Geſicht zeigte ſich in der Oeffnung der Kajütenkappe. „Was gibt's, Conſtabel?“ „Dürfte ich ein Wort mit Ihnen reden?“ „Komm herab! Was gibt's— es wird doch wohl kein Geheimniß ſein?“ „O, nein, aber eine verdammte und ärgerliche Ge⸗ ſchichte iſt es: der Großhändler Mörk..“ „Ha!“ rief der Capitain erröthend aus. .„Ja, ja, der Großhändler erhielt in dieſer Nacht eine Viſitation, nachdem wir die Güter abgeliefert ——— —— Hals zu bekommen, nachdem er ſo viele Jahre lang an ſeinem unantaſtbaren Rufe hon gelebt hat... Aber bedenke Dich dennoch auf den Fall, daß Du feſtkommen ſollteſt: ich entſinne mich eben jetzt, daß ich geſtern Abend etwas Geheimnißvolles munkeln hörte über einen Mantel, den Du dem Zollfiscal bei der Viſttation gegen den Regen angeboten haben ſollteſt.“ „Was ſagſt Du?... Nun, den Tag, da ich wie⸗ der ein Haarbreit abweiche von demjenigen, was ich für Recht anſehe.... Hole der Henker die ganze verdammte Geſchichte!“ „Alſo iſt es mit dem Mantel nicht ganz heil? Eine recht tolle und luſtige Geſchichte, welche, wenn ich mich nicht irre, von einer alten, ſehr achtungswürdigen Dame in Umlauf geſetzt worden iſt, welche die wunderbare Eigenſchaft hat, am allerleichteſten zu entdecken, was man zu verbergen bemüht iſt.... Aber Du wirſt doch, zum Teufel, wohl nicht wahnſinnig ſein, die Sache einzugeſtehen, wenn Du ſo davon kommen kannſt?“ „Was meinſt Du?“ fragte der Capitain. „Ich meine— wenn keine bin denden Beweiſe da ſind?“ „Ja, es waͤre ja nicht übel, wenn es mir gelänge, es ſo einzurichten, daß ich, nachdem ich erſt alle Waffen der Lüge angewendet, zum Eide verurtheilt würde: da hätte ich denn die Wahl, meine Worte zurückzunehmen oder auch falſch zu ſchwören.... Glücklicher Weiſe ſchwatzen wir über des Papſtes Bart: kein menſchliches Auge ſah, daß das Boot von meinem Fahrzeuge abſtieß. Aber der Capitain Stangerling kam auf andere Gedanken, als er am folgenden Morgen von zwei Stadt⸗ dienern eine Aufwartung erhielt, und dieſe ihm ein Gapier präſentirten. Dieſes Papier enthielt nichts weniger und nichts mehr als eine Vorladung, ſich nach drei Tagen zum Verhör in Sachen der auf dem Landgute des Groß⸗ dA 0A — e S ,— händlers Mörk gefundenen Schmuggelgüter einzufinden, da der Matroſe Olaus Erlandsſon, welcher am letzten Sonntagsabende von den Karlsinſeln nach Hauſe ge⸗ rudert, in der Nacht zwiſchen elf und zwölf Uhr geſehen hatte, wie ein Boot von dem vor dem Högklint liegen⸗ den Schooner abgeſtoßen, und daß bemeldetes Boot auf Lilja's Höhle zugeſteuert hätte. Als der Capitain Stangerling dieſe Nachricht ent⸗ gegennahm, fuhr ein Zittern durch ſeinen muskelſtarken Körper. Er verſchloß die Kajüte und unter allen Jun⸗ gen des alten Jungen war kein Einziger, der ihn jetzt hätte ſtören wollen, in welchem Anliegen es auch ſein mochte. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Zwei Unterredungen. Eine Einladung zum Mittags⸗ und eine zum Abend⸗ eſſen von der Mörk'ſchen Familie hatte der Capitain höflich aber kalt ausgeſchlagen, denn noch am dritten Tage nach der Ladung vor das Rathhausgericht hatte ſein tiefer Aerger ſich nicht im Mindeſten gelegt— im Gegentheile hatte er ſich alle mögliche Muhe gegeben, nicht zum Nachtheile ſeiner Grundſätze mit dem Groß⸗ händler zuſammenzutreffen, und Albin, der ſeinen eigenen Charakter am beſten kannte, wußte, daß nichts beſſer ſein könnte, als wenn er und Mörk jede Berüh⸗ rung mit einander vermieden. Es war an dem Morgen des Tages, da unſer Ca⸗ pitain zum erſtenmale nach dem Donnert'ſchen Proceſſe in London und der Seeverklarung in Gefle vorgeladen war, ſich vor einem Gerichte einzufinden. Er war eben vor ſeinem Spiegel in der Kajüte mit dem Raſiren fertig geworden, als der kleine Petter ihm die Anzeige machte, daß der Großhändler Mörk ein paar Worte mit dem Herrn Capitain zu reden wünſchte. Der mürriſche und zornige Ausdruck, der ſchon zu⸗ vor die ſchönen Züge des Capitains Albin entſtellte, verwandelte ſich nun in eiskalte Verachtung.„Grüße den Herrn Großhändler und bitte ihn, zu entſchuldigen, daß ich in dieſem Augenblicke keine Zeit habe: nach Be⸗ endigung des Gerichtes ſtehe ich zu Dienſten.“ Der Kajütenwächter entfernte ſich, kam aber noch einmal zurück. „Der Großhändler bittet den Herrn Capitain, nicht übel zu nehmen, aber er wollte nicht länger als nur einige Minuten beläſtigen.“ „So laß ihn denn kommen!“ Petter flog hinauf wie ein Pfeil— Herr Mörk hatte ihm einen ganzen Reichsthaler gegeben. „Welche Unverſchämtheit! Was kann er wollen?“ murmelte der Capitain—„vielleicht meine verdammte Dienſtfertigkeit verhöhnen?“ Die Oeffnung in der Kajütenkappe verfinſterte ſich. In der nächſten Secunde ſtand der Kaufmann ſich ver⸗ beugend vor dem jungen Wirthe, der ſeine unveränder⸗ liche Kälte beibehielt. „Mein beſter Herr Capitain!“ begann der Groß⸗ ändler inſtnuirend,„ich bin gekommen, um von Herzen zu bedauern, daß Sie ſo gan gegen alle Erwartung in dieſe fatale Geſchichte verwickelt worden ſind!“ „Ich ſehe meinestheils keinen Anlaß zum Bedauern: ich lache über Alle, die es ſo vortrefflich für ſich ein⸗ richten— die Strafe iſt gerecht!“ 1 „O, behüte Gott, Herr Capitain! wie können Sie ſo gleichgültig ſein?“ „Ich äußere mich immer gleichgültig über Dinge, die ſchon vorbei ſind. Zu reden und zu denken, ehe man handelt, das iſt klu; doch über eine Sache zu ſchwatzen, nachdem ſie ſchon gethan iſt, das iſt thö⸗ richt— folglich glaube ich, wir können dieſen Gegen⸗ ſtand füclich auf ſich beruhen laſſen,“ 4 4½ „Wie Sie belieben! Doch, Herr Capitain, wenn Pie erlaubten, möchte ich Ihnen wohl eine Frage vor⸗ egen!“ 8 Albin ſah ihn mit großen Augen an.„Was be⸗ fehlen Sie?“ „Sehen Sie mich um Alles in der Welt nicht für undelicat an; doch Leute, die in einer und derſelben Schlinge ſitzen, befinden ſich meines Erachtens nicht übel bei einer gewiſſen Offenheit. Herr Capitain, haben Sie die Abſicht, die Beſchuldigung einzugeſtehen?“ Albin's Augenbrauen zogen ſich auf eine unzwei⸗ deutige Art zuſammen.„Was iſt Ihre Meinung 2* „Antwort auf meine Frage zu erhalten, wenn es Ihnen beliebt!“. „Ich habe nicht gelernt, den Eid als eine Kleinig⸗ keit zu betrachten: 9 bezahle meine Strafe und da⸗ mit gut!“ Ein Strahl ſprang in Holgerſen's Auge auf.„Das glaubte ich, Herr Capitain!— ich habe keinen Augen⸗ blick bezweifelt, daß Ihr Rechtsgefühl ſiegen würde... Das iſt edel, ſehr edel!“ „Sie finden alſo etwas Edles darin, daß man aus der Nothwendigkeit eine Tugend macht? Meines Dafür⸗ haltens iſt aber das eine elende Tugend, und ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn ich ſie nicht in Anſpruch zu nehmen brauchte.... Doch die Zeit drängt....“ „Ein Wort, Herr Capitain!“— Mörk warf einen ſpähenden Blick auf die Kappe—„ein Wort im Ver⸗ trauen!“ „Was beliebt?“ Der Capitain Albin fixirte ſeinen Gaſt auf eine Weiſe, die wenig Hoffnung auf Nach⸗ giebigkeit einflößen konnte. Dennoch wagte Mörk den Verſuch.. „Mein beſter Herr Capitain! Ein Junggeſelle, ein Reiſender, ein Mann, der, mit einem Worte, nicht das Geringſte darnach fragt, daß er an einem ſo entlegenen Orte wie Wisby für einige Tage den Stoff zu Unter⸗ 220 haltungen hergeben muß— für einen ſolchen Mann i*ſt dieſe unbedeutende Sache eine wirkliche Kleinigkeit!“ „Herr Großhändler! Sie ſcheinen ſeit dem Anfange unſeres Geſpräches Ihre Meinung geändert zu haben, und erweiſen mir noch obendrein die Ehre, daß Sie mich für vorurtheilsfreier halten, als ich wirklich bin. Vor allen Dingen habe ich die Schwäche, daß ich an jedem rte, wohin ich komme, für einen ehrlichen Mann gel⸗ ten will— und daß es wenigſtens keine Ehre iſt, ſich durch Uebertretung der Geſetze berühmt zu machen, darüber möchten wir vielleicht einig werden können; zweitens bin ich auch nicht ſo reich, daß ich die bedeu⸗ tende Geldſtrafe, welche meine Dienſtfertigkeit koſten wird, mit Gleichgültigkeit anſehe.“ „Was dieſen Punkt betrifft, mein Herr Capitain, ſo würde ich mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn....“ „Kein Wort— ich bitte!“ fiel Albin ſchnell ein. „Es wäre doch wohl nicht mehr als recht und billig, da es um meinetwillen geſchieht... Doch bin ich weit entfernt, Sie beleidigen zu wollen: inzwiſchen habe ich Sie, Herr Capitain, um eine Gunſt, ja eine ſehr große Gunſt zu bitten, nicht für mich ſelbſt, obgleich ein Bürger und Familienvater gewiß große Urſache hat, ſehr beſorgt zu ſein um... um. „Um ſein Anſehen?“ ſiel Albin ein. „O, ich glaube kaum, daß dieſes in der Wirklich⸗ keit den geringſten Schaden leiden würde, denn bei Ge⸗ ſchäftsleuten i dergleichen gar nichts Ungewöhnliches; inzwiſchen hat ein ärgerlicher Zufall es nun ſo gefügt, daß ich noch anderweitig ganz unſchuldig in eine ähn⸗ liche Sache verwickelt worden bin— und ein Gatte, ein Familienvater... ach, ach, alle meine Frauenzimmer haben die Sache ſo genommen, als wäre ſie von der allergrößten Wichtigkeit. Kurz, um Sie nicht länger aufzuhalten: ich bin hieher gekommen in der Abſicht, Ihre Güte gegen meine Frau und meine Töchter in Anſpruch zu nehmen!“ 221 „e weche Hinſicht könnte ich dieſen zu Dien⸗ ſten ſein? „In einer Hinſicht, welche uns ſämmtlich zu der größten Dankbarkeit verpflichten würde; und es würde Ihnen gewiß nicht ſo ſchwer ſein, da Sie ohnehin ſchon beſchloſſen haben, nicht zu läugnen, daß Sie die Guter an Bord gehabt haben..... 44 „Aber ich begreife nicht!“ „Wenn zum Beiſpiel“(Mörk ſenkte die Stimme noch mehr),„wenn Sie, Herr Capitain, der Eigen⸗ thümer dieſer Güter wären, und ich nur der Commiſ⸗ ſionär, der ſie entgegen genommen hätte— ich ſetze nur den Fall....“ Der Capitain Stangerling wurde purpurroth im Geſichte, antwortete jedoch nicht, ein Umſtand, der dem Kaufmanne Muth einflößte, fortzufahren:„Natürlich würde ſich dann auch meine Dankbarkeit auf eine reellere Weiſe zeigen, als in bloßen Worten!“ Jetzt ſtieg die Farbe unſeres Capitains in das Car⸗ moiſinrothe, und daß er nicht antwortete, kam nur da⸗ her, weil ſein Blut in einer. ſolchen Wallung war, daß er Gefahr lief, nicht nur ſeine Grundſätze, ſondern ſogar die Pflichten der Gaſtfreundſchaft zu übertreten. Den⸗ noch war er im Stande, ſich zu beherrſchen— nun aber trat ihm der Kaufmann vertraulich einen Schritt näher. „Laſſen Sie uns das Geſchäft abſchließen, mein beſter Herr Capitain! Wenn ich in der Sache nur als Commiſſionär dazuſtehen brauche— was um ſo glaub⸗ wurdiger iſt, da man geſehen hat, daß der Conſtabel Bas bei dem Transportiren der Güter aus Lilja's Höhle zugegen geweſen iſt— ſo bezahle ich außer Ihren Un⸗ koſten für die Strafe noch einen Ueberſchuß, deſſen Be⸗ ſtimmung ich Ihnen ſelbſt überlaſſe.“ „Herr!“ rief Albin, deſſen Wangen, von der Pur⸗ pur⸗ und der Carmoiſinfarbe befreit, jetzt faſt ſchnee⸗ weiß geworden waren,„haben Sie die Guͤte, ſo bald als möglich die Kajüte zu verlaſſen, denn ſonſt endigt es hier auf eine Art, die wahrſcheinlich der Beſchimpfung entſpricht, welche Sie mir zugefügt haben!“ glere e Beſchimpfung! Ich will ja ehrlich be⸗ zahlen?“ „Gehen Sie, Herr Großhändler! Zwingen Sie mich nicht, Ihnen zu zeigen, wie ein ehrlicher Mann antwortet, wenn man ihm das Anerbieten macht, ſeine Ehre zu verkaufen!“ „Aha!“ ſagte Mörk höhniſch—„wenn ich nun ſelbſt mich dieſes kleinen Ausweges bediente? Ich glaube wohl, des möchte eben ſo Vieles dafür als dagegen zeugen!“ de Stenermann ¹“ rief der Capitain nach Oben;„die Leute ſollen ſich im Hintertheile aufſtellen: ich habe ihnen Khwas z ſagen, ehe ich an's Land gehe!“ „Soll geſchehen, Herr Capitain!“ „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Mörk, jetzt eben⸗ falls erblaſſend. „Das ſoll bedeuten,“ entgegnete der Capitain, der jetzt durch die Höhe der Unverſchämtheit des Kaufmanns wieder kalt geworden war—„daß ich, um die beab⸗ ſichtigte Angabe unſchädlich zu machen, die Abſicht habe, Sie auf das Verdeck zu be leiten, um dort in Ihrem Beiſein den Leuten ſowohl Ihre Anerbietungen, als auch die darauf folgende Drohung mitzutheilen. Ich glaube, daß Ihre Ausſage dann nur geringen Werth haben, daß aber im Gegentheil das Ganze einen ganz unver⸗ mutheten Relief erhalten wird!“ „Das heißt, Herr Capitain,“ ſagte Mörk mit zit⸗ ternder Stimme,„Sie wollen die Gaſtfreiheit und das Feingefühl nicht reſpectiren? Was unter vier Augen im Vertrauen geredet worden iſt.. was ein ungluͤck⸗ licher Gatte und Vater in der Hitze ohne Abſicht und Meinung geſagt hat— Sie können ſelbſt nicht glauben, daß ich im Stande ſein ſollte, eine ſolche Handlung auszufüͤhren— das wollten Sie Ihrer Beſatzung Preis geben?“ „Das würde eine durch die Noth erzwungene Vor⸗ ſichtsmaßregel ſein.. Doch zum letztenmale, Herr Großhändler, laſſen Sie uns ſchließen! Niemand kann mit größerem Widerwillen einem Menſchen einen Schimpf zufügen wollen, als ich, und in vollem Vertrauen darauf, daß Sie auf dem Wege zum Rathhauſe mit Ihrem Gewiſſen zu Rathe gehen werden, will ich Sie mit meiner Begleitung auf das Verdeck nicht beläſtigen!“ Mörk nahm kurz und kalt Abſchied und ſtieg, ohne weiter ein Wort zu verlieren, die Treppe hinauf. Als er ſich aber umwendete, warf er einen wüthenden Blick zurück; darauf ging er ſtolz wie ein kleiner König durch di ſich verbeugende Beſatzung und über die Bohle an's Land..... ſtand O nein, nein— ſie iſt eben ſo klug, als ſie rein und bezaubernd iſt!.... Doch das iſt wahr — Petter!“ „Capitain!“ „Sind die Leute in Ordnung?“ „Ja, Herr Capitain!“ Der Capitain beendete ſeine Toilette in aller Eile, denn da es zu ſeinen Grundſätzen gehörte, nicht anders, als in ganz beſonders wichtigen und unvorhergeſehenen Fällen einen Befehl zurückzunehmen, ſo mußte er nun der Beſatzung einige Worte ſagen, und dieſe Worte, die er ſich ſelbſt zu Gute machte, lauteten folgender⸗ maßen: 3 3 3 „Wie Ihr wißt, Kinder, bin ich vor Gericht ge⸗ fordert worden, weil ich dem Eigenthümer der Ladung in Liverpool die Artigkeit bewies, einige Ballen Schmug⸗ gelgüter mit nach Wisby zu nehmen; ehe ich aber gehe, um mich vor dem Gerichte einzufinden, habe ich Euch aufmerkſam machen wollen, wie die geringſte Ungeſetz⸗ lichkeit immer ihre Strafe nach ſich zieht. Ich habe mich nur einer unvorſichtigen Dienſtfertigkeit gegen An⸗ dere ſchuldig gemacht, und muß dennoch dafür büßen, als wäre es meine eigene Sache! Ihr ſeht daraus, wie ſehr ich Recht hatte, wenn ich Euch vor aller Art von Schmuggelei warnte— und ich hoffe, das eigene Zeugniß Eures Capitains, daß er als ein großer Thor gehandelt hat, wird Euch das beſte Arzneimittel ſein, in dieſer Sache ſeinem Beiſpiele nicht zu folgen..... Weiter habe ich Euch nichts zu ſagen, außer daß die⸗ jenigen von Euch, welche zu Zeugen gerufen werden, ihr Zeugniß der Wahrheit gemäß klar und deutlich ab⸗ legen ſollen; denn auch darin, Kinder, ſollt Ihr Euren Capitain zum Beiſpiel nehmen, daß Ihr in allen Ver⸗ hältniſſen das Gewiſſen zum Compaß nehmt.... Nun lebt wohl!... Steuermann! die Arbeit beſchleunigt!“ Ein allgemeines:„Gott behüte den Herrn Capitain!“ begleitet von gewaltigen Schwenkungen mit den Hüten, war die Antwort auf dieſe Rede des Capitains. Und ſobald der junge Chef mit leichten Schritten das Fahr⸗ zeug verlaſſen hatte, rief Bas, der zu ſeinem Auftreten im Rathhauſe ebenfalls feierlich geputzt daſtand:„Habt Ihr jemals in Eurem Leben unter einem ſolchen Capitain geſegelt, Jungen? Beſitze mich der Nix! mir kamen die Thränen in den Hals: hier vor ſeinen eigenen Unter⸗ thanen zu ſtehen und ihnen gerade in's Geſicht zu ſagen: nehmt kein Beiſpiel an den Fehlern, die ich begangen habe!.. Ja, das iſt Herz— das iſt Ehre, das iſt Ehrlichkeit!... oder was meint Ihr?“ 1 „O,“ antwortete einer der älteren Matroſen,„ich will es keinem Menſchen rathen, zu ſagen, daß unſer Capitain eine Ungeſetzlichkeit begangen hat— derjenige, der ein ſolches Wort herausgehen ließe, der bekäme nie wieder Zahnweh, denn ich würde ihm einen Schnauzen⸗ hieb geben, der alle ſeine Zähne hinweg fegte!“ „Und ich,“ rief ein anderer, ein echter Bohusländer, aus,„ich ließe ihm gewiß keinen einzigen weißen Fleck an ſeinem Leibe und malte ihn ſo grün, wie das Gras auf dem Felde.... Unſer Capitain eine Ungeſetzlichkeit! ... Der Teufel in meine kleine Lade— ein ſolcher Ca⸗ pitain geht auf keiner ſchwediſchen Planke mehr!... Ich wollte nur, daß Einer käme und hinter ſeinem Rücken ſo viel thäte!...“ Der Seemann hielt die Hand vor die Naſe. „Biſt Du toll?“ rief ein lebhafter Jungmann,„der ſich ſo etwas erdreiſtete, behielte keinen einzigen Knochen heil! Unſerem Capitain eine lange Naſe machen... nein, meiner Sechsunddreißig, der müßte ſelbſt ohne Naſe gehen!“ —„nun kann es ſtopp ſein!. J folge nach, ſagte Jon!“ Und ſeine Wurde wieder annehmend, verſchwand er mit einem freundſchaftlichen Kopfnicken. „Der Capitain iſt ein vortrefflicher Chef,“ meinte der Steuermann, da das Gemurmel von Neuem aus⸗ zubrechen drohte,„doch wie Ihr wißt, iſt auch nicht gut ſpaſſen mit ihm; und ſollte er recht tüchtig arg ſein, wenn er wieder kommt, ſo möchte es das Beſte ſein, die Arbeit mit verdoppelter Kraft anzugreifen— er hat gewiß keine Luſt, hier länger zu liegen, als noth⸗ wendig iſt.“ Die Gerichtsfitzung war zu Ende.’ Mörk hatte es nicht gewagt, ſich durch eine falſche Angabe zu entehren: er hatte eingeſtanden— Capitain Stangerling ebenfalls, und mit gerunzelten Augenbrauen Der Jungferthurm. II. 15 ——— und ſchwerem Sinne verließ der Letztgenannte nun das Rathhaus. Er dachte eben nach über den Brief, welchen er an ſeinen Pflegevater ſchreiben wollte, als er, da er um eine Ecke bog, Roſa einholte, welche in dieſem Augen⸗ blicke aus dem Salzwedel'ſchen Hauſe kam. In dieſem peinigenden Augenblicke hielt er es für das Beſte, vorbeizugleiten und ſich zu ſtellen, als ſähe er nicht; nun aber wollte der Zufall, daß Roſa ſich umwendete, und nun war nichts Anderes möglich, als er mußte grüßen und ein paar Worte mit ihr reden, da ſie Beide einen Weg gingen. Alles kam allzu ſchnell auf einander, ſo daß unſer Capitain keine Zeit bekam zu einer Reflexion, die ſich ihm ſonſt vielleicht aufgedrängt haben möchte, nämlich, daß es einen unbeſchreiblichen, einen ganz bezaubernden Reiz haben könnte, in gewiſſen Fällen gezwungen zu werden, von ſeinen Vorſätzen abzugehen. „Sieh, Herr Capitain Stangerling!“ ſagte das junge Mädchen kunſtlos, aber doch nicht in ihrem ge⸗ wöhnlichen lebhaften Tone, ſondern eher mit einem Ausdrucke, welcher Unzufriedenheit verrieth. „Mademoiſelle Roſa iſt ſchon vom Lande zurück⸗ gekommen?“ „Ich war nicht länger weg, als nur einen Tag; wenn ich jedoch den alten Jungen nicht hätte liegen ſehen, ſo würde ich geglaubt haben, daß der Herr Ca⸗ pitain ſchon hinweg wäre!“ „Wie ſo?“ „Sie ſind unſichtbar geweſen— wenigſtens bei uns!“ „Eine Maſſe von Geſchäften..“ entſchuldigte ſich Abiß wagte aber dabei keinen Blick in Roſa's offenes ntlitz. „O ſieh, wie förmlich! Ich gebe mich zwar nicht viel mit Errathen ab, wenn ich nun aber riethe, daß die Geſchäfte gar nichts mit Ihrer Unſichtbarkeit zu thun gehabt hätten?“ „Da müßte ich wohl glauben, beſte Mademoiſelle Roſa, daß Sie allwiſſend ſind!“ n das hen er er um ugen⸗ es für 3 ſähe a ſich , als reden, ſchnell bekam drängt lichen, wiſſen ſätzen e das m ge⸗ einem urück⸗ Tag; liegen Ca⸗ uns!“ te ſich pffenes nicht aß die thun oiſelle „O nein, ich weiß nur Eins: wenn Jemand mir wider ſeinen Willen Böſes zugefügt hätte, ſo würde ich weder ihn noch ſeine Umgebung... Es i*ſt vielleicht Unrecht, zu fragen— doch, Herr Capitain, was konnte Vater dafür, daß der engliſche Kaufmann die Schmuggel⸗ güter mit Ihnen ſchickte? und was konnte Vater dafür, daß das Boot geſehen wurde, als es von Ihrem Schoo⸗ ner ruderte?“ „Nicht das Mindeſte— indeſſen...“ „Indeſſen,“ fiel Roſa, faſt in ihre ſpielende Kind⸗ lichkeit übergehend, ein,„wollte ich wohl ſehen, welche Blicke Mutter und Thekla wechſeln würden, wenn ſie zu Hauſe wüßten, daß ich jetzt die ungeheure Unvorſich⸗ tigkeit begehe, allen Formen, ja vielleicht ſogar dem Feingefühle zum Trotz, mit Ihnen ſelbſt über einen Gegenſtand zu reden, von dem ich natürlich dem An⸗ ſcheine nach gar nichts wiſſen ſollte. Aber was ſoll man thun, wenn man nur fünfzehn und ein halbes Jahr alt iſt und noch obendrein die garſtige Gewohnheit hat, ſehr oft die Handlung vorweg laufen zu laſſen und das Nachdenken hintendrein zu ſchicken?“ „Man ſoll glauben,“ fiel Albin ſchnell und völlig beſiegt ein,„daß derjenige, welcher ſo glücklich iſt, eine ſo unſchuldige Offenheit zu hören, nicht umhin kan n, ſie liebenswürdig zu finden, ſelbſt wenn ſie einen Vorwurf enthielte!“ Bei dieſen Worten ereignete es ſich, Seemann ſeiner ſchönen Nachbarin no Schritte näher kam, und zwar tro ſelben Augenblicke zu ſich ſelbſt ſagte:„Welch ein ewiger Schade, daß dieſer Engel einen ſolchen Schurken von Vater hat!“ „Noch dazu,“ fuhr Roſa fort, mit verſchämter Schalkhaftigkeit den Gegenſtand umgehend, welchen die Artigkeit des Capitains hervorgelockt hatte,„habe ich ſo vielen Kummer!“. „Schon ſo früh?“ daß der junge ch um einige tz dem, daß er in dem⸗ 15* —— „Ja, das können Sie glauben, Herr Capitain: zuerſt und vor allen... Liebeskummer.“ Wie?“ „Aber er iſt nicht mein eigener!“ V „Nun, das war denn doch gutz ſonſt würde ich der ſagen, Sie hätten Ihre Zeit nicht verſäumt!“ 3 „O, ich habe mir feſt vorgenommen, in dieſer Hin⸗ ſicht keinen eigenen Kummer zu haben— mein Gott, das 8 — — —/ ich kann ja kaum den der Andern ertragen!... Sie we haben vielleicht gehört, Herr Capitain, daß Karl's und daß Thekla's Verlobung gebrochen iſt?“ ich „Iſt es möglich?“ hab „Es iſt gewiß! Als Mutter und ich vorgeſtern von 4 d unſerer kleinen Ausflucht nach Hauſe kamen, ſo ſahen Et wir— rathen Sie, was!— Thekla ohne Ring. Ach, Wis das that mir weh, und weh thut es mir, Thekla ruhig und ſtill, wie immer, aber dennoch mit Betrübniß im halb Herzen zu ſehen!.. O, man kann verzweifeln, daß die Beg Menſchen ſelbſt dahin eilen und ſich Unglück bereiten! Karl ſoll, nach dem Zeugniſſe der Tante Taga, bei auuc ſeiner Abreiſe ſo verſtört geweſen ſein, daß kein Menſch Ne⸗ ihn erkennen konnte.“ ggehe „Das ſind in der That beklagenswürdige Verhält⸗(R niſſe!“ antwortete der Capitain gedankenvoll. f 9 4„Ja, nun aber iſt es damit noch nicht genug: haben don Sie den Victor heute oder geſtern geſehen?“ Ihn „Nein, nicht in drei Tagen— ich habe mich wirklich gewundert, wo er haushalten mag!“ ſage „Er iſt gleichſam wahnſinnig geworden von dem d 4 11 Augenblicke an, da er erfuhr, daß Thekla frei iſt... Eun Ich rede ſo unumwunden uber unſere inneren Zuſtände, ap b weil wir durch Victor benachrichtigt wurden, daß Sie, lung Herr Capitain, in jener Nacht dort bei Lilja's Hoöhle— die ganze Unordnung erfahren haben.“ „Ja, ich weiß wirklich ſo viel, daß ich mich für Ihn alle Parteien warm intereſſire.... Wo iſt denn aber der warf Lieutenant Victor?“ wn „Er muß ſich in die Geſtalt eines wandernden Hin⸗ Gott, Sie und von ſahen Ach, ruhig ß im ß die eiten! „bei tenſch rhält⸗ haben irklich i dem iſt. tände, Sie, Hoͤhle h für er der ernden Ritters gekleidet haben: verſchwunden iſt er— und nun habe ich Hildur's Kummer noch dazu, und dieſer iſt nicht ſo ruhig und ſtill, wie Thekla's.“ „Ja, ich habe zu ſehen geglaubt, daß die Gefühle der Mademoiſelle Hildur eine große Lebhaftigkeit ver⸗ rathen!“ „Ja, ich glaube wohl! Ferner iſt Alles langweilig, das ganze Haus unangenehm: Vater bei ſchlechter Laune wegen der unglücklichen Affaire, Mutter bekümmert, ſo daß ich bisweilen in Thränen ausbrechen möchte, ſo oft ich ſie nur anſehe, und noch ein Anderer, den ich lieb habe“(Roſa dachte an den Sohn der Seufzer)„leidet und iſt traurig. Ich verſichere Sie, Herr Capitain Stangerling, ſeit dem Augenblicke Ihrer Ankunft in Wisby haben wir unaufhörlich ungünſtigen Wind gehabt.“ „Es wird das Beſte ſein,“ ſagte Albin mit einem halb vorwurfsvollen, halb wehmüthigen Blick auf ſeine Begleiterin,„daß ich mich ſo ſchnell wie möglich von hier hinweg begebe, denn um die Wahrheit zu geſtehen, auch ich habe eben keinen guten Wind in den Segeln gehabt.“ Ach, das weiß ich recht gut— und vielleicht...“ (Roſa ſenkte hier die Stimme— die ſchönſte Röthe ſprang auf ihrer friſchen Wange auf)„.. habe ich Ihnen eben darum alle meine andern Bekümmerniſſe anvertraut, damit ich auch das Recht hätte, Ihnen zu ſagen, wie herzlich betrübt ich bin, daß Sie, Herr Ca⸗ pitain Stangerling, um meines Vaters willen in dieſe Unannehmlichkeit verwickelt worden ſind... doch, Herr Capitain!“(Roſa heftete einen beredten Blick auf den jungen Seemann)„denken Sie nichts Böſes von uns — wir ſind Alle ſo betrübt!“ „Behüte mich Gott, Mademoiſelle Roſa! ebenſo gut könnte ich etwas Böſes von den Engeln denken, als von Ihnen! Laſſen Sie mich nun noch hinzufügen“— jetzt warf Albin einen beredten Blick auf ſeine Geſellſchafte⸗ rin—„daß dieſe freundliche Stunde mich mit vielem Andern verſöhnt hat!“ Es entſtand hier eine kleine Unterbrechung; endlich ſagte Roſa mit geſenktem Tone:„Vielleicht ſehen wir den Herrn Capitain nicht mehr bei uns?“ Seine Grundſätze geſtatteten dem Capitain Albin natürlich nicht, bei denjenigen zu Gaſte zu kommen, mit denen er in einem ſo geſpannten Verhältniſſe ſtand; nichts deſto weniger ertappte er ſich nun auf dem einen oder dem andern Abwege: die Damen waren ja voll⸗ kommen unſchuldig— bei ihnen konnte er ſehr gut einen Abſchiedsbeſuch abſtatten— und daher lautete ſeine Antwort ſo: „Es würde mir ganz unmöglich ſein, Wisby zu verlaſſen, ohne noch einmal die liebenswürdige Frau Mörk und ihre Töchter geſehen zu haben!“ „Dank!“ ſagte Roſa mit einem ſo ſtrahlenden Blicke und einem ſolchen Lächeln, daß Albin, als er ſchon weit von ihr hinweg war, noch immer Beides zu ſehen meinte. Aber noch etwas Anderes glaubte er zu ſeiner größten Verwunderung daneben zu vernehmen, nämlich daß ſeine Gemüthsſtimmung weniger bitter und verſtimmt war, als er an einem ſo ärgerlichen Tage erwartet hatte. Er dachte viel und tief hierüber nach, war aber nicht im Stande, eine natürliche oder nur annehmbare Urfache eines ſolchen Phänomens zu finden. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Vertrauliche Mittheilung. Unter fortdauernden Wolken am Familienhimmel ſind einige Tage verfloſſen.. In dem Cabinette der Mutter finden wir dieſe in einem ernſten Geſpräche mit ihrer älteſten Tochter be⸗ griffen. gelg daß eine Str und Ver ſchu hatt und übe nich tigke aug hatt mat kend des drü mü ſie nur hoch Far mel nur Her will ein Kar eine dlich wir Ilbin men, and; inen voll⸗ gut ſeine y zu Frau licke weit inte. ßten ſeine war, Er t im imel e in be⸗ Man hatte ſich ſchon über die verunglückte Schmug⸗ gelgeſchichte und über den fatalen Aerger ausgeſprochen, daß ein Fremdling, wie der Capitain Stangerling, für eine Sache, die einzig und allein den Vater betraf, Strafe erlegen ſollte; ferner über die zunehmende üble und verzweifelte Laune des Vaters, über die nothwendige Verweiſung des armen Will, über Roſa's kindliche Un⸗ ſchuld, daß ſie gar nichts verſtand, und endlich und zuletzt hatte man auch die ſchlimme Stellung zwiſchen ietor und Hildur von allen Seiten betrachtet. Es waren nun über acht Tage verfloſſen, in denen der Lieutenant ſich nicht gezeigt und in denen Hildur ſich der ganzen Hef⸗ tigkeit ihres unbiegſamen Charakters, ihrer fluͤchtigen, Püdeibütlichen und gewaltſamen Gefühle hingegeben atte. „Das Alles kann Hiob's Geduld zu Schanden machen!“ ſagte Frau Mörk, indem ſie den Kopf gedan⸗ kenvoll auf die Hand ſtützte. „Ja, unſer Haus iſt in der That ein Tummelplatz des Kummers!“ antwortete Thekla mit einem unter⸗ drückten Seufzer. „Und dennoch, mein Kind, wie viele Bekümmerniſſe müſſen nicht in der unruhigen Bruſt bleiben, ohne daß ſie es wagen dürfen, ſich zu ergießen! Ach, ich hatte nur eine wirkliche Freude, die Verbindung mit der ſo hoch geachteten und achtungswürdigen Salzwedel'ſchen Familie; dieſe Hoffnung aber haſt Du ſelbſt, der Him⸗ mel weiß aus welchen Urſachen, vernichtet— ich weiß nur, daß der Bruch zwiſchen Dir und Karl mir tiefer zu Herzen gegangen iſt, als Worte auszudrücken vermögen.“ „Auch mir iſt er tief zu Herzen gegangen— ich will es nicht läugnen.“ „O, iſt es möglich? Alſo wäreſt Du nicht ohne ein wärmeres Gefühl gegen den guten, ehrenwerthen Karl?“ „Ich glaube es nicht!“ Thekla's Stimme hatte einen ſonderbaren Klang. „Meine Thekla!“ ſagte die Mutter, nachdem ſie ihre Tochter einen Augenblick betrachtet hatte,„wenn Du Dir denken könnteſt, wie bitter mein Leben oft ge⸗ weſen iſt, ſo würdeſt Du mir gewiß das einzige Glück, welches jemals mein Loos werden kann, nicht verſagen: das Vertrauen meiner Kinder! Rede mit mir von den Angelegenheiten Deines Herzens, meine geliebte Tochter! Deine Verſchloſſenheit hat mich oft betrübt, obgleich ich darum gewiß nie Deine Liebe verkannt habe!“ „Ach, liebe Mutter! glaube mir: Du virſt nicht glücklicher durch eine vertraulichere Offenherzigkeit! In gewiſſen Fällen iſt es beſſer, zu wenig zu ſehen, als u viel!“ 4„Nicht für den, mein Kind, der ſo an den Schmerz gewöhnt iſt, wie ich— und um Dich zu überzeugen, daß eine zärtliche Mutter ſich unbedingt mit demjenigen beſchäftigen muß, was zunächſt das Kind betrifft, welches ſie liebt, ſo will ich Dir im Vertrauen ein Beiſpiel geben und Dir meinen eigenen Gedanken über Dein Verhalten zu Karl mittheilen.“ „Laß mich hören!“ bat Thekla mit einer gewiſſen Heftigkeit in der Stimme. „Nun, ſo höre: meine Ueberzeugung iſt, daß Du ihm Deine Gefühle ſchon lange maskirt haſt— und die Urſache, weßhalb Du Dich ſo lau gezeigt haſt, liegt darin, daß Du geglaubt haſt, Karl mit ſeinem ruhigen, gleichmäßigen und grundehrlichen Charakter wäre nicht im Stande, die Kraft einer tiefen, heftigen, brennenden Leidenſchaft zu empfinden.“ Thekla ſchwieg, doch antworteten ihre brennenden Wangen ſtatt ihres Mundes.— „Ich bin nicht im Stande, zu ſagen, ob Du in dieſer Beurtheilung Karl's Recht oder Unrecht haſt; was ich Dir aber mit Gewißheit, geſtützt auf eine allzu be⸗ dauernswürdige Erfahrung, ſagen will, iſt das: kein Weib kann unglücklicher werden, als die, welche das Spiel einer großen, heftigen und verheerenden Leiden⸗ ſchaft iſt. O mein Gott, welches Elend, welches Ent⸗ ſetzen, welche Sünde trägt eine ſolche Leidenſchaft in das Herz! Die hohen und reinen Traͤume verbleichen unter der brennenden Berührung der Leidenſchaft, die ſeligen, lieblichen Hoffnungen, den Himmel auf die Erde herab verſetzt zu ſehen, erſterben unmerklich und ſtufenweiſe: man findet ſich ſelbſt erſt wieder, wenn es— zu ſpät iſt!... Meine Tochter, meine geliebte Thekla, glaube, was ich Dir ſage, daß ein ruhiges, friedvolles Leben ohne Leidenſchaft, aber auch ohne Vorwürfe, an der Seite eines achtungswürdigen Mannes, tauſendmal dieſem ſtürmen⸗ den Wirrwarr vorzuziehen iſt, welcher der Seele niemals Ruhe und Frieden gewährt.“ „Ich glaube Deinen Worten, liebe Mutter, glaube ihnen ſo ganz, daß ich, wenn auch mein eigenes Herz auf ſeinem Grunde andere Gefühle verbirgt, als die ſicht⸗ baren, dennoch die Entſcheidung der prüfenden und rai⸗ ſonnirenden Vernunft befolgt und mit herzlicher Dank⸗ barkeit ein mäßigeres Glück angenommen haben würde, wenn nicht eine andere Urſache der Weigerung vorhan⸗ den geweſen wäre, welche meine Verbindung mit Karl gebrochen hat.“ „Welche denn in Gottes Namen, mein Kind?— Doch wohl nichts, das in Karl's Charakter liegt?“ „Nein, nein; die wirkliche Urſache kommt gänzlich von meiner unglücklichen und allzu früh entwickelten Fähigkeit, nicht allein über unſere inneren häuslichen Verhältniſſe zu reflectiren, ſondern auch über....“ Hier brach Thekla ab; ihr Blick ſuchte den der Mutter, deren Auge aber geſenkt war, während eine leichte Bläſſe ihren Schneeſchimmer über ihre Wangen geworfen hatte. „Ueber was?“ fragte ſie langſam. „.. Ueber des Vaters Milzſucht oder richtiger Ge⸗ müthskrankheit!“ Amelie fuhr heftig zuſammen, war aber nicht ſo⸗ leich im Stande zu antworten, weil auch ſie ſich ſchon angſt mit der Furcht getragen hatte, daß Thekla irgend ein wichtiges Geheimniß erſpäht hätte. „Mutter, Mutter! Ich ſehe, Du haſt mich verſtan⸗ den— und laß mich hinzuſetzen: welches Glück kann ich von dem Leben erwarten, ohne das Vertrauen der zärt⸗ lichſten Mutter zu beſitzen?... Laß uns unſere Thränen miſchen; denn ich hege nicht allein Furcht, ich habe eine angſtvolle Ueberzeugung, daß...“ „Mein Kind, mein Kind!“— die Mutter ſah mit ſcheuen Blicken um ſich—„hüte Deine Lippen.... fürchte Deine eigenen Worte!“ „Habe ich nicht meine Angſt beinahe drei Jahre lang verborgen! Zweifle nicht, daß das Herz einer Tochter die ſicherſten Mauern haben ſollte!“ Gatke och er... was räthſt Du?“ ſtotterte die arme attin. „Wie Du weißt, Mutter, waren Vaters innere Lei⸗ den noch weit ſchrecklicher um die Zeit, da meine und Karl's Verlobung geſchloſſen wurde. Einmal, da Du nicht zu Hauſe warſt— er war da mehrere Stunden lang in dem innern Keller eingeſchloſſen geweſen, woſelbſt er ſeinem Vorgeben nach Waaren zu überſehen hatte— konnte ich es nicht länger ertragen, zu wiſſen, daß er ſo leiden ſollte, wie ſein verwirrtes Ausſehen bei der Rück⸗ kehr ſtets verrieth. Es war mir damals, als bedürfte er meiner zärtlichen Theilnahme, und darum fürchtete ich mich eben nicht, ihn zu ſtören. Ich ging hinab in das äußere Kellergewölbe; die Thür des innern war verrie⸗ gelt; doch das dumpfe Jammern, welches ich von dort vernahm, erſchreckte mich ſo ſehr, daß ich nicht im Stande war, ſogleich anzuklopfen oder zu rufen. Es muß ein fürchterlicher Anfall geweſen ſein, den er dießmal hatte: ich hörte ihn heftig auf⸗ und ablaufen, mit den Händen gegen die Mauern ſchlagen und dazwiſchen Laute aus⸗ ſtoßen, die ich nicht habe vergeſſen können. Endlich rief er laut dieſe Worte, die ich zu deuten geſchaudert habe:„O— das Bein, das Bein!... er verbirgt ſich auf der andern Seite des Maſtes.... aber puff!— da blitzt es!. Die See ſchlägt zuſammen... es iſt aus!“ Mit ſtieren Blicken hatte die Mutter die Erzählung der Tochter vernommen. Auf welches andere finſtere, ihr unbekannte Geheimniß deuteten wohl dieſe entſetzlichen 18RR S +— 8☛ Worte hin? Gewiß betrafen ſie das Verbrechen, wel⸗ ches er immer verſchwiegen, obgleich er bekannt hatte, daß auf ſeinem Gewiſſen noch eine Blutſchuld laſtete. „Herr! Herr!“ ſeufzte das hart geprüfte Weib,„ge⸗ recht, aber ſchrecklich iſt meine Strafe! Hätte ich meine Kinder genommen und...“ Sie verſtummte— ſie ſchauderte zuſammen und heftete einen verzweifelten Blick auf die Tochter.— „O fürchte Dich nicht vor mir— wer iſt wohl näher, einen gemeinſamen Schmerz ſich mitzutheilen, als Mutter und Tochter?... Ich täuſchte mich nicht— konnte mich nicht täuſchen: er hat irgend ein ſchweres Verbre⸗ chen begangen, und es ſind Gewiſſensqualen, es iſt die Furcht vor der Rechenſchaft, was ihm den kalten Schweiß auspreßt, der ſo oft ſeine Stirn bedeckt.... Ach, mein Gott, mein Gott! wenn doch unſere Gebete im Stande wären, ſeine Reue in die tiefe und einzige Art derſelben zu verwandeln, welche ihm Verzeihung verſchaffen kann!“ Die Mutter ſtreckte ihre zitternden Arme gegen die Tochter aus, welche ihr Haupt an die Mutterbruſt legte. „O nur dieſe Hoffnung, dieſe Zuverſicht hat mich ſechs⸗ zehn Jahre lang aufrecht erhalten— denn ſo lange iſt es her, da ich eben dieſe Ahnung gehabt habe!“ Die Unglückliche hütete ſich zu ſagen„Gewißheit“; ſie hütete ſich auch, nur ein halbes Wort zu ſagen, wel⸗ ches die Tochter auf die Vermuthung bringen konnte, daß noch mehrere Verbrechen auf der ſchuldbeladenen Seele des Vaters laſteten. „Ach, Mutter, wie haſt Du gelitten!“ „Ja, mein Kind, ſchrecklich; am meiſten aber doch vielleicht darum, weil eine gewaltſame Liebe in meinem eigenen Herzen die wahnſinnige Leidenſchaft erwiederte, welche Dein Vater in ſeinen jüngeren Jahren mir wid⸗ mete. Ich hätte ſeiner Rache, ja ſogar dem Tode trotzen ſollen, um Euch, meine drei Lieblinge, zu retten! Aber ic war ſo ſchwach, ſo verblendet durch meine Liebe, daß ich mich nach tauſend fruchtloſen Verſuchen und drei Jahre langen Kämpfen meinem wilden Gatten von Neuem hingab. Der Lohn für dieſe meine Schwäche war ſein heilig beſchworenes Gelübde, das freie Leben, welches er bisher auf dem Meere geführt, zu verlaſſen, aus Molde zu ziehen und ſich hieher zu begeben. Er hielt ſein Wort, und mit Ausnahme der unſeligen Schmug⸗ gelei— eine Neigung, welche er leider mit vielen ande⸗ ren Kaufleuten theilt— iſt er immer auf dem Wege des Rechten befunden worden.... Seine Zärtlichkeit als Gatte und Vater iſt muſterhaft geweſen; er hat in dem gemeinen Weſen viel Gutes gethan, und da er mir auch ſeinen Eid abgelegt hat, daß das Verbrechen(welches es auch ſein mag), das auf ſeinem Gewiſſen ruht, ihn niemals vor einen menſchlichen Richterſtuhl fordern und ſomit auch keine Strafe zur Folge haben könne, ſo hatte ich es ſchon gewagt, eine glückliche Zukunft für meine Töchter, dieſe armen Weſen, welche für das Verbrechen des Vaters nicht büßen ſollten, zu hoffen.“ „Beſte Mutter! Sucht nicht Gott die Miſſethaten der Väter an den Kindern heim?“ „Ach, ſage das nicht, meine Thekla— Du vernich⸗ teſt mich! Vergiß nicht meine Worte: was geſchehen iſt, das ſteht zwiſchen Gott und Deinem Vater! „Das iſt nur ein Troſt in weltlicher Hinſicht und wer weiß noch dazu, wie ſicher er iſt! Drei lange Jahre habe ich die ſchwere Laſt getragen und das Dunkel, wel⸗ ches mit derſelben in meine Seele eindrang, nicht zu durchdringen vermocht! In ſteten Kämpfen habe ich die Hochzeit auſgeſchoben, denn mein Gewiſſen ſagte mir, die Familie Salzwedel, dieſe alte, ſtolze Familie— ja nicht einmal Karl ſelbſt, ſo ſehr er mich auf ſeine Weiſe liebt— würde es jemals verzeihen, wenn dieſer Name entehrt würde durch eine Vereinigung mit.... o Gott, ich wage es nicht auszuſprechen! Die grauſam⸗ ſten Vorſtellungen verfolgen mich: der Richter dort oben iſt gerecht, und wie lange auch die Gerechtigkeit geſchlum⸗ mert hat, ſo kann ja ein Zufall, den man unmöglich vorausſehen kann, ſie wecken.... Nein, ich wagte es nicht, als es zu einem beſtimmten Punkte kam, dem Schickſale zu trotzen— ich mußte entſagen:“ „Und ewig unglücklich werden, meine Thekla? Die⸗ ſes Opfer mehrt die Höhe meiner Qual!“ „Nein, liebe Mutter, ſo darfſt Du es nicht verſte⸗ hen; denn ich erkläre heilig und nehme Gott zum Zeu⸗ gen meiner Worte, welches Schickſal unſer immer harren mag, ſo werde ich es ſtets demjenigen vorziehen, wel⸗ ches mich als Karl's Gattin erwartet hätte, da ich in ſteter Furcht vor dem Schlage hätte beben müſſen, wel⸗ cher Schlag vielleicht nie gekommen, von mir aber nichts deſto weniger täglich erwartet worden wäre.“ „Dein Edelmuth, Deine feinfühlende Reinheit macht mich ſtolz und ſtürzt mich zu gleicher Zeit in Verzweif⸗ lung.... Doch, mein theures Kind, iſt es Dir denn auch gelungen, vor Karl und Frau Ringeborg Deine Weigerung ſo einzurichten, daß keiner, keiner.... ich wage eine unnöthige Furcht nicht auszuſprechen!“ „Wie kannſt Du nur an etwas Anderes denken? Nein, ſo bitter auch das Gefühl iſt, ſo bin ich doch ge⸗ nöthigt geweſen, mich darin zu finden, in ihren Augen für launenhaft, unvernünftig und undankbar zu gelten.“ „War Karl am letzten Morgen nicht hier?⸗ „Nein; auch erwartete ich ihn nicht; denn ich ſchickte ihm an dem Abende des Tages, da ſeine Mutter hier war, den Ring. Nach Karl's Abreiſe ſchrieb dieſe mir einige Zeilen und überſendete dabei meinen Ring.“ „Hatteſt Du denn nicht geſchrieben?“ „Nur wenige Worte: Lebe wohl auf ewig— Gott ſchütze Dich!“ „Ach, dieſe Worte enthalten tauſendmal mehr, als mehrere Seiten voller Klagen!... Und Frau Ringe⸗ borg's Brief— was ſchrieb ſie?“ „Sieh hier das Billet!“ Thekla zog daſſelbe aus der Taſche ihres Kleides und reichte es ihrer Mutter: „Beſte Thekla! Mein Sohn hat mich beauftragt, Dir dieſes Pfand einer Liebe zu überſenden, welche vielleicht niemals vor⸗ handen geweſen iſt. Wie dem auch ſei, ſo iſt er ein Mann, welcher ſich in ſein unverdientes Schickſal zu finden wiſſen wird. Auch er bittet Gott um alles Gute für Dich, liebe Thekla, und in dieſe Gebete will ich herz⸗ lich mit einſtimmen; denn ein ſtolzes Gemüth und ein eigenſinniger Charakter bedürfen die Kraft vieler Gebete, um zu erweichen. Vergib dieſen vielleicht nach Deiner Meinung allzu offenherzigen Ausdruck einer alten Freundin Ringeborg Salzwedel, geb. Bulmering.“ „Welche ſtolze, hochmüthige Frau!“ „Ja, Mutter; wie Du ſiehſt, iſt es das Beſte, mit der alten Dame vorſichtig zu ſein: ſie würde ſterben vor Betrübniß, wenn auf die theuren Wappen der geringſte Flecken käme.“ „Aber Gott im Himmel! was wird aus Hildur und Roſa?— Sollen auch ſie...?“ „Für ſie können wir das Beſte hoffen: ſie wiſſen nichts, haben alſo auch keinen herzverzehrenden Gedan⸗ ken, der ihr Glück vernichten kann— und überdieß, wenn ein ſo ſchreckliches Ungluͤck eintreffen ſollte, ſo würde Victor ſich weit beſſer darein fügen, als Karl mit aller ſeiner Ruhe.“. „Glaubſt Du das?“ „Ja; denn Victor beſitzt keinen eingewurzelten Stolz, keine Familienhoffahrt, und was noch beſſer iſt, keine Verwandten— er ſteht allein in der Welt gleich uns: er würde mit uns leiden, doch der Verluſt ſeines An⸗ ſehens in der Welt und ſeiner Beförderung würde ihn nicht tödten.“ „Um ſo weniger, als wir ja nur vont einem Traume reden, deſſen wahren Urſprung wir nicht kennen und der nie bekannt werden kann, weil das Meer ihn in ſeinem Schooße verſchlungen hat. Möchte nur Victor u der armen Hildur zurückkehren; denn mit allem ihrem Leichtſinn, der mir mehr denn einen bittern Augenblick verurſacht, liebt ſie ihn dennoch... Aber es ſieht aus, als ruhte ein düſteres Verhängniß über unſerer Familie; Du biſt gezwungen, Deiner Verbindung zu entſagen, Hildur wird vielleicht die ihrige brechen, weil ihr Bräu⸗ tigam zu ſchwach iſt, ein Gefühl zu überwinden, das eines Bräutigams gänzlich unwürdig iſt— Du weißt gewiß recht gut, welche er in ſeinem Herzen vorzieht—; dann der arme Will mit ſeiner Liebe zu Roſa: einer Liebe, von deren Daſein ich ſchwere Folgen fürchte.... O es iſt wie ich ſage: ſogar die Geduld eines Hiob kann ein Ende nehmen!“ „Doch, liebe Mutter, Deine Geduld wird ſtandhaft bleiben— das Herz einer ſolchen Gattin täuſcht nie— und trotz des inſtinktartigen Widerwillens, den ich nicht überwinden kann gegen Denjenigen, welchen ich ehren ſollte, habe ich dennoch ein unausſprechliches Mitleiden mit ihm; während der beiden letzten Tage hat er ſchreck⸗ lich ausgeſehen!“ „Ja, zwiſchen ihm und dem Capitain Stangerling muß Etwas vorgefallen ſein, ich weiß nicht was— Arne war wild empört, als er vom Rathhauſe kam.“ „Vielleicht hat Vater dem Capitain einen Schaden⸗ keſath anneboien, den dieſer natürlicher Weiſe ausgeſchla⸗ gen hat?“ 4 „Vermuthlich iſt es ſo!“ ſagte Amelie— mit einem Seufzer in ihrem Herzen dachte ſie jedoch:„Gott gebe nur, daß er ihm nichts Anderes angeboten hat!“ Die unglückliche Frau kannte ihren Gatten und wußte, daß er ſich ſogar unter dem Aeußern eines ehrlichen Mannes ſehr Vieles erlauben konnte. „Jetzt fühlt ſich mein Herz erleichtert!“ ſagte Thekla, indem ſie aufſtand—„wie ſchön und beruhigend iſt es doch, wenn man ſich mit ſeiner natürlichſten Freundin vertrauensvoll ausſpricht!... Ach, gute Mutter, dieſe Stunde wird für keine von uns fruchtlos bleiben: jetzt können ſich unſere Gedanken in dem kleinſten Blicke, in unſeren Gebeten, ja wenn wir weiter nichts vermögen, in unſeren Thränen begegnen!“ Stumm, aber mit beredter Bewegung, preßte die Mutter ihre edle Tochter an ihr Herz. Vierundzwanzigſtes Capitel. Trauerſpiel mit Epilog. es elt ärger nete, An demſelben Tage kam gleich nach dem Mittags⸗. eeſſen Roſa in das gemeinſchaftliche Zimmer der Mädchen Wort mit leichten Schritten geflogen. 5 75 Prräldu Hildur! Zieh' Dich geſchwind an: Victor ruhi iſt hier!“ Hildur lag auf dem Sopha, das lange, ſchöne„Gla Haar nachläſſig auf die Seite geworfen und in einer„ Kleidung, welche bewies, wie gleichgültig ihr heute ihre wirſt Toilette geweſen war.. merku „Victor?“ wiederholte ſie, indem ſie mit einem er⸗ ſchon zwungenen Gähnen ihre ſtillen Thränen unterbrach hinau giſt er hier?... Du ſagteſt doch natürlicher Weiſe, ich. befände mich nicht wohl, ſo daß ich ihn nicht entgegen⸗ verlon nehmen könnte?“ Du a „Nein, das habe ich nicht ſagen köͤnnen; denn er im C fragte nicht nach Dir, ſondern nach der Mutter!“ Wan „Nach Mutter?“ Hildur ſprang auf mit einem zitterr Blicke, den man der Wahrheit gemäß funkelnd nennen und a konnte.. Roſa, ſagſt Du nicht die Unwahrheit? Fragte Dir ſ er nicht nach mir?“ Erhol V ühle?.. Wo iſt er?. elch ein undankbarer, bin ſe „Ja, wenn ich mich einmal verloben ſollte, ſo ſoll es elf Donnerſtage in einer Woche geben!“ ſagte Roſa ärgerlich, indem ſie die Thür des blauen Zimmers öff⸗ nete, wo Thekla ſaß und las. „Thekla!“ fluͤſterte ſie,„willſt Du ein vernünftiges Wort mi Hildur reden? Victor iſt dort an der andern Seite.“ Thekla ging hinaus und ſagte mit ihrer ernſten, ruhigen Stimme, welche Hildur eine unerträgliche Mee⸗ resſtille nannte, indem ſie Hildur vor den Spiegel führte: „Glaubſt Du wohl, daß Du Victor ſo gefallen wirſt?“ „Mich kümmert wenig, was ihm gefaͤllt— und dann wirſt Du entſchuldigen, wenn ich keine unnöthigen An⸗ merkungen hören will!“ Bei dieſen Worten hatte ſie ſchon die Hand an das Thürſchloß gelegt— ſie wollte hinaus, ſie mußte hinaus. „Haſt Du denn Deinen Verſtand ganz und gar verloren? Willſt Du Dich vor einem Lebzaber, den Du auf dem Wege biſt zu verlieren, roth wie eine Pione im Geſichte, mit brennenden und von Thränen feuchten Wangen und am ganzen Körper vor heftiger Bewegung zitternd zeigen?.. Nimm Deine Würde als Braut und als Weib beſſer in Acht! Darf er ſehen, daß er Dir ſo viel koſtet? Werde erſt ruhig, laß Dir Zeit zur Erholung— Roſa hält ihn ſo lange auf— geh'’ Du zu ihm, Roſa!’“ 1 „Aha, Du meinſt, es wird mir ſo ſchwer, ihn un⸗ treu zu ſehen. O nein, ich kann nicht ſagen— ich bin ſo ziemlich bei Laune. Ich weiß, daß er früher oder ſpäter zurückkommen wird; darum ſinge ich ſo luſtig, wie irgend Eine!“ Und nun begann Hildur laut und klar zu ſingen: „Nein, ich laß den Muth nicht ſinken!“ „Man ſieht in der That, daß Du tapfer biſt! Schrei Dich nun aber nicht heiſer, denn dieſe Tapferkeit bedeu⸗ tet dennoch ſehr wenig, ſondern waſche Deine Augen, lege Deine Haarflechte in Ordnung, und mache, daß Du nicht ausſiehſt wie eine Theaterheldin, Der Jungferthurm. II. „Ach, Du Petrefactmenſch! Welch ewiger Schade, daß Du nicht bei einer Naturrevolution in einen von unſern Kalkbergen eingeſchloſſen und verſteinert worden biſt, da könnten Reiſende aus allen Welttheilen Dich noch heutiges Tages bewundert haben! Ja, das hätte ſich für Dich gepaßt, aber es paßt Dir ſehr wenig, Vorſchriften über Gefühle zu geben— denn, ſiehſt Du, um dieſe zu beurtheilen, iſt es ganz nothwendig, daß man ſelbſt welche hat!“ „So!“ entgegnete Thekla, ohne ſich im Mindeſten an Hildur's unartige Worte zu kehren, denn dieſe waren ungefähr eben ſo ungeregelt, wie ihre Bewegungen mit Kopf, Armen und Händen; aber ſie half den angegebe⸗ nen Mängeln ab;„jetzt ſiehſt Du im Aeußern ſchon recht ordentlich aus! Wenn ich mich nun nur darauf verlaſſen könnte, daß Du im Uebrigen Deine kleine Würde nicht ſo ganz vergiſſeſt: Niemand iſt undankbarer, als der Mann, für eine Nachgiebigkeit von unſerer Seite, wenn er nicht darum bittet!“ „Iſt's immer noch nicht genug?“ Und ehe Hildur das letzte Wort ausgeredet hatte, ergriff ſie das Hals⸗ tuch mit der einen und das Schnupftuch mit der andern Hand, und ſo ging es eins, zwei, drei hinüber nach der andern Seite, wo ſie noch ſo gerade Victor auffing, welcher eben im Begriff war, zu gehen. „O, ich glaube, der Herr Lieutenant wollten deſer⸗ tiren? Doch ich bitte um Entſchuldigung, wenn ich genöthigt bin, einige Minuten aufzuhalten!“ V „Hildur, gute Hildur, ich will heute Abend wieder kommen— laß mich erſt einige Worte mit Deiner Mutter reden!“ „Nein, mein Herr: was meine Mutter hören kann, das kann ich auch hören— ich glaube berechtigt zu ſein, es zu wiſſen, denn ohne Zweifel betrifft es mich ebenfalls!“ „Wie Du denn willſt!“ entgegnete Victor in Ver⸗ zweiflung über den Auftritt, der ſeiner wartete.„Doch, 1 Hildu mit i Hauß noch— wohl muß ich ve zu ſte C währ dern 6 dieſe: begre hat? Rolle ſehr verſti wollt talen geher ſanft pathi ſchelr Ziel wenn faſſen daral als d Wah mit chade, n von orden Dich hätte venig, ſtehſt V endig, d. 1 ucht muß auf irgend eine Weiſe ein Ende nehmen— ſoll deſten varen n mit egebe⸗ ſchon arauf kleine barer, Seite, Sildur Hals⸗ ndern ch der b rffing, deſer⸗ n 19 vieder Deiner V kann, gt zu mich Ver⸗ Doch, 243 Hildur, ich betheure, daß... daß es mir Noth thäte, mit meiner guten Tante zu reden!“ „Das thut mir ebenfalls Noth, und wenn ſie nach Hauſe kommt, ſo können wir Beide mit ihr reden.“ „Wäre ich an Eurer Stelle,“ ſiel Roſa ein, welche noch immer auf der Thürſchwelle ſtand,„ſo wüßte ich wohl, was ich thäte!“ „Und ich weiß es auch!“ ſagte Hildur.„Dieß ich verurtheilt ſein, des Tages tauſendmal vor Ungeduld zu ſterben?“— Jetzt machte Roſa die Saalthür an ihrer Seite zu, während Victor mit ſeiner Braut durch die an der an⸗ dern Seite verſchwanden. Die Verlobten waren allein. „Nun, Victor, jetzt keine Präludien! wozu dienen dieſe? Hältſt Du mich für ſo einfältig, daß ich nicht begreife, was eine achttägige Abweſenheit zu bedeuten hat? Es iſt alſo Deine Abſicht, Deine ehrenwerthe Rolle zu Ende zu ſpielen?“ 1 „Hildur, wir müſſen einander verſtehen! Ich bin ſehr entmuthigt, meine Seele iſt ganz außerordentlich verſtimmt.... o, wenn Du heute nicht boshaft ſein wollteſt!“ „Ach ſo, wir wollen die Sache von der ſentimen⸗ talen Seite angreifen— nun, das kann ja auch an⸗ gehen!... Mein beſter Victor, welche lieblichen und ſanften Gefühle erzeugt nicht die Ueberzeugung der Sym⸗ pathie unſerer Seelen! Auch Deine arme, boshafte und ſchelmiſche Hildur hat es gelernt, im Leben ein ernſteres Ziel zu ſehen, als ſie bisher geſehen hat.... O Victor, wenn Du im Stande wäreſt, die düſtern Gedanken zu faſſen, welche mein Herz zuſammenziehen, wenn ich daran denke, wie übel wir unſere Zeit angewendet haben, als die Liebe noch ihre reichen Schätze auf uns häufte... Wahrlich, wir haben es verdient, daß das Unglück uns mit ſeiner Rache heimgeſucht hat!“ 16* „Hildur! ſollteſt Du im Ernſte ſprechen?“ „Victor!“— Hildur führte die Hand mit dem Taſchentuche an die Augen—„wie kannſt Du nur den Gedanken äußern, daß ich in dieſem Augenblicke im Stande ſein ſollte, zu ſcherzen? Es iſt und bleibt den⸗ noch eine ewig beſtehende Wahrheit, daß wir, Du und ich, uns vereint fühlen durch unſere Erinnerungen und die Gleichheit in unſern Seelen und Charakteren. Wir waren ohne Zweifel für einander geſchaffen, doch da wir uns Beide undankbar bezeigt haben, ſo ſind wir aus unſerem Eden verjagt worden.“ „Ja, wir ſind ſehr undankbar geweſen.... und nach einem achttägigen Seelenkampfe...“ Victor ſchwieg. „Fahre fort, mein Lieber!... ich meine, es iſt ge⸗ rade acht Tage her, da Thekla den Verlobungsring vom Finger ſtrich!“ Victor erröthete ſtark.„Du verſprachſt ja, nicht boshaft zu ſein?“ „Laß uns nicht damit die Zeit verſchwenden, daß wir unſere Worte durchhecheln!... Nach achttägigem Seelenkampfe, ſagteſt Du?“ „.. Bin ich zu vollkommener Ueberzeugung in Betreff des Gegenſtandes gelangt, welchen wir ſchon einmal abgehandelt haben.“ „Welchen Gegenſtand meinſt Du?“ „O, welche erkünſtelte Vergeßlichkeit! Haſt Du nicht ſelbſt geſagt, daß unſere Undankbarkeit uns aus unſerem Eden verjagt hat! Aus Eden vertrieben zu ſein, heißt ſo viel, als nicht mehr lieben— und iſt die Liebe ver⸗ kohlt, ſo iſt es verlorene Mühe, in die Funken zu bla⸗ ſen: es will nicht einmal ein Rauchfeuer, geſchweige denn eine helle Flamme werden.“— „Welche unvergleichliche Offenherzigkeit! Ich ſchmeichle mir mit der Hoffnung, daß ich die erſte Braut bin, welche dergleichen Geſtändniſſe entgegen genommen hat.“ „Das möchte ich beinahe auch glauben, denn nim⸗ mermehr hätte ich zu dieſer Erklärung den Muth ge⸗ habt, wenn wir nicht ſchon eben ſo ſonderbare Erklä⸗ runge meiſt ſuchun Rapp hat, letzte denn Dir u der P ger he tigte ſchnel ſie je Liebhe wenn im E zu lie ich ſa ich ha gegen ner ſo Victor mir ſe ſichtig niema zensw ſamke mein weigen Muth lichen, V rungen gehabt hätten. Doch ein Mann, der durch die Vorſorge ſeiner eigenen Braut auf den Weg der Ver⸗ ſuchung geleitet worden iſt und ihr ſchon längſt den Rapport von ſeiner unfreiwilligen Untreue abgeſtattet hat, der braucht ja nicht zu erröthen, wenn er ihr die letzte Wahrheit mittheilt.“ „Das iſt wahr, Victor! Doch was wollteſt Du denn der Mutter ſagen?“ „Eben das, was ich jetzt Dir ſage: daß mein Herz Dir nicht länger gehört, daß ich vergebens das Gebot der Pflicht zu Hülfe rufe, und daß wir daher nicht klü⸗ ger handeln können, als wenn wir... unſere beabſich⸗ tigte Vereinigung auflöſen.“ „In vollem Ernſte?“ „In vollem Ernſte!“ „Uns auf ewig trennen?“ „Auf ewig!“ „Aber wenn“— Hildur's Stimme nahm hier einen ſchmelzenden Ausdruck an, ihre Augen drangen, ſo tief ſie jetzt kommen konnten, in das Herz des ehemaligen Liebhabers ein—„wenn ich hart geſtraft wäre, Victor; wenn ich trotz alles meines Leichtſinnes... jetzt rede ich im Ernſte, verſtehſt Du?.. nicht aufgehört hätte, Dich zu lieben, obgleich Du mir ungetreu geweſen biſt; wenn ich ſagte: Victor, vergib mir, habe Erbarmen mit mir: ich habe ſchrecklich gefehlt gegen Dich, gegen mich ſelbſt, gegen Thekla, gegen Karl, gegen Gott! Wenn ich fer⸗ ner ſo thäte... ſo“— ſie warf ſich vor dem beſtürzten Victor auf die Kniee—„und Dich flehte, mich nicht mir ſelbſt zu überlaſſen; wenn ich ſagte: ich will nach⸗ ſichtig und ſanft werden, Dir nie Vorwürfe machen, niemals klagen: ich will Dir behülflich ſein, die Her⸗ zenswunde zu heilen, welche meine ſündhafte Unbedacht⸗ ſamkeit geöffnet hat... dann, dann, o mein Victor, mein Leben, meine Seele! dann würdeſt Du es nicht weigern, mich zu hören, dann würdeſt Du nicht den Muth haben, von mir zu fliehen und mich dem entſetz⸗ lichen, tödtenden Schmerze, Dich zu verlieren, überlaſſen!“ 246 „Hildur, um Gotteswillen, Du vernichteſt mich: ſo vieler Liebe bin ich nicht werth! Steh auf, ſteh auf— es könnte Jemand kommen!“ „Nein, ich ſtehe nicht auf! Was frage ich dar⸗ nach, ob auch die ganze Welt käme: ich frage nur nach Dir... hörſt Du: nur nach Dir!.. und hier will ich liegen, bis Du Erbarmen, Vergeſſen, Verſöhnung gelobſt!“ Victor hob ſie nun mit Gewalt auf.„Nie, nie kann ich Dich täuſchen: eine Verſöhnung, welche den Sinn hat, unſere Verbindung fortzuſetzen, iſt ganz un⸗ denkbar... ja, Hildur— vergib meiner Grauſamkeit — undenkbar!“ „Haſſeſt Du mich denn wirklich?“ „Keinesweges— aber ich fühle, daß es mit meinen Gefühlen gänzlich vorbei iſt. Laß uns nicht zum zwei⸗ tenmale das Schickſal herausfordern: ſei ſtark, Hildur! — gib mir meine Freiheit zurück, ſo wie ich hier....“ Victor machte Miene, den Ring abzuſtreifen, doch ein furchtbarer Schrei, den Hildur ausſtieß, verſtei⸗ nerte ihn. „Reiße mir das Herz aus der Bruſt, tödte mich— doch rühre nicht den Ring an!“ „Ich kann ja nicht anders— Du ſiehſt wohl ein, daß unſer ganzes Leben unter ſolchen Auftritten ver⸗ fließen würde... und Du, die ſtolze Hildur, wirſt doch nicht mit Gewalt den Mann zurückhalten wollen, deſſen Herz ſich ſchon losgeriſſen hat?“ „O! Du weckſt mich!— ich ſtand unter dem Ein⸗ fluſſe einer wahnſinnigen Bezauberung! Nicht Du, ſondern ich, ich ſelbſt gebe Dir, Deine Nichtswürdig⸗ keit und Unredlichkeit verachtend, Deine Gelübde zurück! — Sieh da!“— ſie riß den Ring vom Finger und warf ihn weit hinweg von ſich—„ſo zerreiße ich die Gelübde, welche ich Dir geſchworen; ſo werfe ich ſie von mir!... Entſinnſt Du Dich noch des zärtlichen, des wahnſinnigen, unſeligen Augenblickes, da wir auf unſeren Knieen in der kleinen Laube mit verſchlungenen 84 Arme bleich ange ſollte Lippe Ohre her die den zitter hen! Dock verle nich ohnt dar wãg inde ein ): ſo uf— dar⸗ nach will nung nie den un⸗ mkeit einen Armen ſchwuren, daß unſere Liebe nur im Tode er⸗ bleichen ſollte, daß unſere Gelübde, die im Himmel angezeichnet ſtänden, nicht ſtraflos gebrochen werden ſollten?... O, Deine Küſſe brennen noch auf meinen Lippen, Deine falſchen Eide wiederhallen noch in meinen Ohren!... Doch Alles iſt vorbei!... Gib her, gib her das eben ſo falſche Unterpfand!...“ Sie reichte den Ring entgegen, welchen Victor ihr mit eben ſo zitternder Hand reichte....„So! jetzt kannſt Du ge⸗ hen! Meine Verachtung, mein Abſcheu begleitet Dich!.. Doch nicht Du ſollſt von mir hinweg gehen; nein, ich verlaſſe Dich!“ Hildur ſtürzte zur Thür hinaus⸗ Doch ſie kam nicht weiter, als halb über den Saal— dort ſank ſie ohnmächtig zu Boden. Mehrere Minuten blieb Victor unbeweglich ſtehen; darauf ging er langſam, gleichſam jeden Schritt über⸗ wägend, auf den Hausflur hinaus und die Treppe hinab, indem er leiſe murmelte:„Welch ein Mädchen... welch ein Mädchen!“ Drei Tage lang raſete Hildur, als wäre ſie unter dem Einfluſſe des wildeſten Fiebers; ſie lachte, bat, höhnte, ohne ſich ſelbſt und Andern eine Minute Ruhe zu laſſen. „Wir müſſen wohl zum Doctor ſchicken und ihn in unſer Familienelend einweihen!“ ſagte Frau Mörk am vierten Morgen, als ſie mit ihren beiden andern Töch⸗ tern am Kaffeetiſche ſaß. Der Großhändler ſelbſt ließ ſich gar nicht ſehen: er irrte einſam umher oder ſ loß ſich in dem Comptoir oder in den Kellergewölben ein. Seine Familie floh er eben ſo eifrig, wie er andere Menſchen ſcheute, und ſein Buchhalter beſorgte ſowohl das Geſchäft mit der Fracht des Capitains Stangerling, als auch alle übrigen Geſchäfte. „Ja,“ antwortete Thekla;„ich ſehe nicht, daß wir etwas Anderes thun können! Indeſſen hat ſie in die ſer Nacht endlich einmal gut geſchlafen.“ f Thekla. „Wir wollen das Beſte hoffen— doch hat ſie mich einigemale ſo erſchreckt, daß ich geſtehe, wir ſind be⸗ rechtigt, Alles zu fürchten!“ In dieſem Augenblicke wurde die Thür und alle drei Damen flogen hoch i als ſie diejenige, für deren Vernun itterten, diejenige, welche noch geſtern au Ohnmacht in die andere Augenblicke, da ſie ihr voltes Bewußtſein hatte, bald na ch„dem Ab⸗ gotte ihrer Seele“ rief, bald Thekla ankla te, daß ſie küſſen und an dem Kaffeetiſche Pla träumen oder auch im Schlafe w konnte überzeugender ſein, daß der tanden war, als dieſe Worte:„Herr Gott! warum ſeht Ihr mich ſo verwundert und mit ſo großen Augen an? Ich kann mir doch wohl nicht das Leben nehmen und ewig trauern?“ „Doch, mein geliebtes Kind!“ fragte die Mutter halb ängſtlich,„iſt es wohl möglich, daß Du nach drei ſo ſchrecklichen Tagen am vierten Morgen ganz wieder ſo ſein kannſt wie ſonſt?“ „Ja, meiner Treu, das iſt ſo gewiß, wie nur irgend etwas ſein kann! Mir kommt jetzt Alles vor, wie ein verrückter Traum— und was meine Liebe betrifft, ſo S R& iſt ſie gottlob gänzlich hinweggehaucht: wenn ich jetzt Victor ſähe, ſo ſollte er mich nicht mehr rühren, als... dieſen Zwieback!“ „Prahl nur nicht ſo, Du thörichtes Kind!“ entgeg⸗ nete die Mutter in betrübtem Tone;„wenn ich mich nicht täuſche“— ſie lauſchte und ſah Roſa an, welche aufgeſtanden war und ſich der Thür genähert hatte— „ſo kann Dein Muth bald zu Schanden werden! Victor kommt gewiß ſchon heute früh, um ſich nach Deinem Zuſtande zu erkundigen: er kommt mehrmals am Tage.“ Frau Mörk hatte kaum ausgeredet, ſo trat der Lieutenant wirklich herein; doch trat er auch drei Schritte wieder zurück, als er ſeine todtkranke ehemalige Geliebte mit der Kaffeetaſſe in der einen und dem Zwieback in der andern Hand daſitzen ſah. Victor war ſo blaß und verändert, daß er wirklich jämmerlich ausſah— man merkte, daß er in jedem Augenblick mit ſich ſelbſt zu Gericht gegangen war. „Nein, ſieh', welche betrübte Figur der Lieutenant Victor als verabſchiedeter Liebhaber macht!“ rief Hildur aus, und lachte dabei ſo klingend und aushaltend wie möglich....„Komm Du her, lieber Victor, und trinke Kaffee mit uns: es wird gewiß Deinem Herzen wohlthun, zu vernehmen, daß ich darüber nicht ge⸗ ſtorben bin!“ Victor, eben ſo überraſcht als tief verletzt, wendete ſich um und wollte gehen; doch mit einem ſtrengen Blick auf ihre Tochter ſagte nun Frau Mörk:„Victor! da Hildur ſo verſöhnlich und ſchweſterlich iſt, ſo erfülle ihre Bitte!“ „Nein, ich danke!“ entgegnete der junge Lieutenant; „ich habe ſchon Kaffee getrunken— und da mein Ge⸗ ſchäft nun beſorgt iſt, ſo will ich nicht länger beläſtigen!“ Er verbeugte ſich und verließ das Zimmer. „Sildur, Hildur! woher nimmſt Du eine ſolche Kühnheit, einen ſolchen gänzlichen Mangel an Weib⸗ lichkeit?“ fragte die beſtürzte Mutter. „Ich folge nur meiner Natur, liebe Mutter!“ ant⸗ 4 4 1 — — b wortete Hildur ruhig.„Iſt es meine Schuld, daß ich den einen Augenblick ſchreien und den andern lachen möchte? Die Lunge macht ſich Luft, das eine Mal ſo und das andere ſo!“ „Dennoch, Hildur,“ meinte Thekla mit einem Blick, der ihr tiefes Mißfallen verrieth,„könnteſt Du wohl, wenn es nothwendig wäre, Dich beherrſchen!“ „Ich verabſcheue es, im Zwangſchnürleibe zu gehen, wie Dus: ich will nicht beſſer ausſehen, als ich wirklich bin; und da wir jetzt Beide los und ledig ſind, ſo meine ich, Du ſollteſt nicht länger die Gouvernante ſpielen: das gibt Dir den Anſchein, als wäreſt Du alt— es iſt ohnehin ſchon ſchlimm genug, die älteſte Mamſell Mörk zu heißen!“ „Aber, Hildur! ſchämſt Du Dich denn gar nicht?“ rief Roſa aus, welche meinte, es wäre ganz himmel⸗ ſchreiend, daß Hildur ſogar mit Thekla ſcherze. „Will das kleine Mütterchen nun auch moraliſiren? Gott tröſte uns— die Puppen werden ganz gewiß eiferſüchtig!“ „Glaubſt Du das? Aber ich kann Dir ſagen, daß ſie alle mit einander in die Bodenkammer gebracht ſind!“ „O Himmel! das taugt nun und nimmermehr! Jetzt, da Deine älteren Schweſtern nicht länger verlobt ſind, iſt es unbedingt nothwendig, daß die Puppen wieder heruntergeſchafft werden— Du kannſt wohl ſelbſt einſehen, daß Du nun auf's Neue ein kleines Kind, die kleine Schweſter, wirſt, bis wir wieder Ringe an den Fingern haben.“ „Ja, ich danke! wenn Ihr nun aber nie verhei⸗ rathet würdet, ſollte ich da verurtheilt ſein, mein ganzes Leben hindurch mit Puppen zu ſpielen?“ „Ohne Zweifel, mein Kind: Du mußt Dich für Deine Schweſtern aufopfern!“ —— n. — ¹⁵⁸ʃ— N Fünfundzwanzigſtes Capitel. Auf der Kreuzweide. Jetzt lag der alte Junge beladen und klar da, um beim erſten guten Winde die Anker zu lichten. Am Abende vor dem letzten, den Capitain Albin in Wisby verlebte, war er gegangen, um die Frau des Matroſen zu beſuchen, der aus Haß gegen Herrn Mörk die Schmuggelei angegeben hatte. Der Mann war ſchon im Gefängniß, denn daß Mörk ſich nicht zum zweiten Male verurtheilen ließ, da er durch ein freches Laͤugnen frei ausgehen konnte, das war nach der Art, wie er die Sache anſah, ganz natürlich. Albin dagegen, in deſſen redlichem Herzen kein Haß über alle Unannehmlichkeiten, welche dieſe Anzeige ihm verurſacht hatte, entſtehen konnte, war eben im Begriff, der armen Frau mit einem Scherflein beizuſpringen, als er, auf den Hausflur gekommen, eine lieblich klingende Stimme, die er ſehr gut kannte, mit inniger Güte ſagen hörte: „O, ich verdiene gar kein Lob, gute Frau!— Gott gebe, ich hätte nur halb ſo große Macht, als ich den Willen habe, aller Verdrießlichkeit und allem Unglücke, das ſich ereignet, zuvorzukommen!“ „Ja, ja!“ antwortete die Stimme der Frau mit Rachdir„alle Armen kennen Mamſell Roſa ſehr wohl!“ „Ja, wir kennen einander!“ entgegnete Roſa mit unnachahmlicher Anmuth....„Doch, liebe Frau, ſage Sie nicht, daß ich das Geld gegeben habe: es kommt nicht von mir!“ „Dieſes Kind hat das Herz eines Engels!“, ſagte unſer Capitain, indem er, der Vorſchrift des Feingefühls folgend, zurück ging und ſeine Promenade fortſetzte. „Papa Stangerling würde gewiß...“ Hier erröthete Albin ſtark und verſuchte ſeine Gedanken zu unterbrechen, 252 indem er halblaut zu ſich ſelbſt ſagte:„Meine Ehre kaufen zu wollen.... Nein, mein Seefräulein— ſieh, das iſt eine Dame für meine Gedanken!“ „Aber wie ſchrieb doch der Alte?“ Albin öffnete den Brief, da er nun doch einmal durch das Stadt⸗ thor in das Freie gelangt war, und begann, während er fortwanderte, nicht den Anfang des Briefes zu leſen, ſondern einen gewiſſen Abſatz deſſelben, der folgender⸗ maßen lautete: „... Aber ich begreife nicht, mein theurer Sohn, wie es möglich iſt, daß Du vierundzwanzig Jahre alt eworden ſein kannſt, ohne eine Feuersbrunſt in Deinem erzen gefühlt zu haben— die kleine ſelige Frau N.. war nur eine Lilie, welche in dem Mondſcheine der erſten Phantaſie duftete. Mit dergleichen kann aber der alte Junggeſelle, welcher partout Großvater heißen will, ſich nicht immerwährend begnügen. Das Seefräulein verlangt ebenfalls eine Nebenbuhlerin, mit der ſie wett⸗ eifern kann— und, kurz und gut— Inländerin oder Ausländerin, Du wirſt doch wohl Eine finden können, die mit meinen Wünſchen einen Bund ſchließen will....“ „Ja,“ ſeufzte Albin, indem er den Brief wieder einſteckte,„Gott weiß, wo ſie geht oder wie ſie anzutreffen iſt.... Zwar habe ich viele ſchöne Mädchen geſehen; doch meine ſoll erſtlich ſehr jung ſein, ferner muß ſie ein ſanftes, warmes Herz und einen einnehmenden, kind⸗ lichen Charakter haben— ja, ſie könnte ſogar eine kleine, unſchuldige Coquetterie üben und eine angenehme, ſpielende Reizbarkeit beſttzen: das würde die Anmuth erhöhen... und wäre ſie noch dazu ſchön, wie... wie Hebe, ſo wäre das um ſo beſſer.... Thekla iſt ſchön, wie eine Juno, edel, reizend, ein herrliches Weib; aber dieſen entzücken⸗ Zauber, welcher dem täglichen Leben einen ſo ſchönen und fröhlichen Reiz verleiht, den hat nur... Doch in Gottes Namen, wohin verirre ich mich in meinen Ge⸗ danken?... Ach, ich ſehe: es iſt die Kreuzweide, der Ort, wo die achtzehnhundert tapfere Bürger von Wisby nach ihrem edlen Kampfe ausruhen!“ 8 — n—- 2 - Lange und mit Rührung betrachtete Albin dieſes Kreuz, das die Sage von dem Jungferthurme und Jung⸗ hanſens Tochter, vor Allem aber die ſchöne Erzählerin, ſo lebhaft wieder vor ſeine Erinnerung brachte. Er ſah ſie jetzt in der Phantaſte eben ſo lebhaft und deutlich, wie damals, als ſie in ihrem ſchwärmenden Gefühle den Zug beſchrieb, in welchem Junghanſens Tochter ſich befand. 3„Dieſe Wochen,“ fuhr er in ſeinen Gedanken fort, „hätten, wenn nicht der dumme Spaß Alles verdorben hätte, noch weit herrlicher ſein können!“ Wir wiſſen nicht beſtimmt, was Albin mit dieſem„noch weit“ meinte, vermuthen aber beinahe, daß es im Zuſammen⸗ hange ſtand mit den Zufällen, die es mehrmals ſo gefügt hatten, daß ihm auf der Straße eine gewiſſe junge Dame begegnet war, die nicht den geringſten Widerwillen gezeigt hatte, unter der Fortſetzung des Weges ein wenig mit ihm zu plaudern. Und vielleicht dachte er eben an dieſe kleinen, angenehmen Geſpräche, als ein ſonderbarer Laut ihn in ſeſem Nachdenken unterbrach und machte, daß er ſich ſchnell umwendete.... Faſt verſteinert ſtaurte er vor ſich hin bei dem Anblicke, der ſeine Augen traf. Dicht an der andern Seite des Zaunes erhob ſich langſam eine Figur, oder richtiger zwei, ein Jüngling und ein Hund, welche Beide den Fremdling mit Blicken betrachteten, die deutlich zu ſagen ſchienen:„Was willſt Du hier— wir warten hier auf Jemand!“ Und Un⸗ recht hatten Sie nicht, zu warten, denn wirklich pflegte eine der jungen Töchter von Wisby an jedem Dienſtags⸗ abende zu kommen und den alten Kranz, der auf dem ſteinernen Kreuze hing, gegen einen friſchen zu ver⸗ tauſchen. Weit entfernt, zu begreifen, daß er im Wege ſtände, konnte Albin ſeine Blicke nicht von dem Jünglingé los⸗ reißen— dieſe hellen Locken, dieſe ſanften blauen Augen, dieſe ſo melancholiſche Stirne waren alte, aber dennoch lebendige Erinnerungen in ſeiner Seele. „Mein Herr,“ ſagte er, ohne ſich ſelbſt ſeine Drei⸗ ganz unbekannten Mann anredete, ſtigkeit, daß er einen haben Sie doch die Güte, mir zu leg erklären zu können,„ ſagen, in welcher Gegend die merkwürdige Geißſchwelte liegt!“ Si Der Jüngling ſchüttelte langſam den Kopf, Rolf gel indeſſen antwortete mit einem langen Knurren, das endlich die in ein ernſtes und deutlich abweiſendes Bellen überging. wü „Er iſt ſtumm!“ flüſterte Albin, und ein wunder⸗ bares Zittern durchflog ſein Herz und ganzes Weſen. ein 6 Er konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, dmm Zaune ej ſich zu nahen; doch trotz dem ſichtlich theilnehmenden Ne Ausdrucke, den ſein Geſicht ausſprach, war er kaum eir einige Schritte näher gekommen, ſo verſchwand Will, no ſcheu vor der Berührung mit jedem Fremden, ſchnell die wie ein Reh mit ſeinem Begleiter. ſo Eine Welt voll verſchwundener Kindheitsbilder zog nie nun vor Albin's innerem Auge vorüber— alles Andere ſch ¹ war vergeſſen— und Gott weiß, wie lange er über das üb Kreuz gebückt ſtehen geblieben wäre, wenn er nicht durch den Laut von leichten Schritten aus dieſer Verwirrung, die die eine tiefe Gedankenfülle oft hervorbringt, geweckt ſich worden wäre. Als er empor blickte, ſtand Roſa mit einer Blumenſchlinge um den Arm vor ihm. R. „Immer treffen wir uns!“ ſagte ſie mit leichtem be Erröthen.„Es war doch artig, daß Sie der Kreuzweide vo gedachten!“ „Um ganz aufrichtig zu ſein, ſo hat mich nur der un Zufall ſo früh am Abende hieher geführt; ich hatte die wr Abſicht, ſpäter herzugehen, denn unmöglich hätte ich ſo 1 Wisby verlaſſen können, ohne dieſes merkwürdige, ja ich könnte wohl ſagen, heilige Kreuz betrachtet zu haben— ge und die Stelle hat wirklich etwas Geheimnißvolles und m Imponirendes an ſich.“ zu Albin konnte nicht alle Wunden entblößen, welche ſo jetzt in ſeiner Bruſt bluteten: daher mußte der Platz ſe D ſeiner Gemüthsſtimmung zum Vorwande dienen, welche Gemüthsſtimmung ſogar jetzt noch, da er mit einem eb tieferen Blicke, als zuvor, das edle junge Mädchen⸗ 25⁵ betrachtete, eine wehmüthige Betrübniß auf ſeine Seele legte.. 8„Ich möchte faſt glauben,“ entgegnete Sie,„daß Sie, Herr Capitain, eine düſtere Ahnung für Ihre Seele gehabt hätten— ein Gerücht ſagt, daß die Seeleute bisweilen von einem kleinen Aberglauben heimgeſucht würden.“ 1 „Und dieſes Gerücht hat ohne Zweifel mehr denn einmal ſeine Antwort in dem Leben des Seemannes gefunden. Ich ſelbſt habe unlängſt— eben in jener Nacht, da ich die Höhle des Räubers Lilja beſuchte— eine ſolche abergläubiſche Ahnung gehabt, bis jetzt aber noch keine natürliche Erklärung darüber gefunden, denn die Unannehmlichkeiten, welche mich hier getroffen haben, ſo gerne ich auch ohne dieſelbe geweſen wäre, kann ich nicht für wichtiger halten, als daß ſie von den vielen ſchönen Erinnerungen, die ich von Wisby mitnehme, überwogen werden.“ Roſa ſchwieg— hatte die Rede des Capitains über die Ahnungen ſie angeſteckt? Eine Beklemmung legte ſich auf das junge Herz. „Nun mache ich auch Sie ernſt, beſte Mademoiſelle Roſa!— ach, verzeihen Sie; aber ich bin hinlänglich beſtraft, wenn ich dieſe ſonſt ſo lebenertheilenden Augen von einem Schatten verdunkelt ſehe!“ „O,“ ſagte Roſa, indem ſie gedankenvoll den Kranz um das Kreuz zu ſchlingen begann,„was bedeutet es wohl, ob Augen, die man vielleicht niemals wiederſieht, ſo oder ſo ausſehen?“ „Das bedeutet gewiß ſehr viel, wenn man nänlich geneigt iſt zum Aberglauben. So zum Beiſpiel könnte man annehmen, daß ein dunkler Blick beim Abſchiede zwiſchen zwei Perſonen eine Trennung auf ewig— ein ſonnenheller Blick dagegen das Verſprechen eines Wieder⸗ ſehens bedeute.“ Roſa's Wange erhielt neue Blumen; doch ſie wußte ebenſo wenig etwas davon, als ſie wußte, daß der Ca⸗ pitain ſowohl dieſe Veränderung ihres Antlitzes, als auch das Zittern der Hand unter der Bemühung, den Kuan zu befeſtigen, mit gieriger Aufmerkſamkeit be⸗ trachtete. Ein Gefühl von doppelt durchgreifender Macht durchbebte das noch vor einem Augenblicke ſo freie Setz des Seemannes.„Was beginnſt Du!“ ſagte er zu ſi ſelbſt—„Du lockſt einen Engel herab aus dem Eden der Unſchuld, um auf Worte zu lauſchen, die ein ehr⸗ licher Mann zu keiner Andern xeden ſollte, als zu der⸗ jenigen, welcher er Herz und Kand anbieten darf!... Doch der Vater dieſes Engels iſt ein niedriger, gemeiner Menſch— es wäre entehrend, mit ihm ein Verwandt⸗ ſchaftsband zu knüpfen... doch— iſt das wohl ihre Schuld?... Dieſe ſchönen Blumen, die einen eben ſo warmen Purpur über ihr Antlitz gießen, wie die Sonne ihn über das Meer gießt, was bedeuten ſie? dieſes Zittern, das ſie ſelbſt nicht verſteht, was verkündigt es? dieſe geſenkten Augenlider, welche vielleicht in dieſer Secunde von einem noch dunkleren Schleier beſchattet werden, was offenbaren ſie?“... Er verſank in ihre An⸗ ſchauung, und die immer ſchnelleren Schläge ſeines eigenen Herzens ließen ihn ahnen, was Alles bedeuten könnte. Auch ſeine Wange brannte jetzt von dunkler Röthe, und die Hand, welche er ausſtreckte, um die herunter⸗ gefallene Blumenſchlinge aufzunehmen, zitterte eben ſo heni wie die ihrige, welche die Schlinge zu befeſtigen ſuchte. Dort ſtanden nun der junge, ſchöne und kraftvolle Mann, die ſchlanke Jungfrau, die Roſe in ihrer Knoſpe, Beide umgoſſen von der Morgenröthedes erſten Schöpfungs⸗ tages, verſchämt, ahnend, von der Blumenkette um⸗ ſchlungen, und ſchienen nicht im Mindeſten an eine Veränderung ihrer Stellung zu denken. Albin hatte ſich nur weiter vorgebeugt, um Roſa auch das andere Ende wieder hinzureichen, welches ſie nun zum dritten Male um das Kreuz geſchlungen hatte, als plötzlich ein — wilder und unbeſchreiblich klagender Ton Beide erſchreckte, ſo daß ſie die Blumen los ließen und ſich umwendeten. Kein Menſch war zu ſehen. Sie waren nicht im Stande, ſelbſt wenn ſie näher geſtanden hätten, zu be⸗ merken, wie zwei, von Liebe, Haß und Eiferſucht funkelnde Augen an der unterſten Kante des entlegenſten Theiles des Zaunes blitzten; auch konnten ſie nicht ſehen, daß Will, wie ein Igel zuſammengerollt, dicht an dem Ge⸗ büſche lag. Nicht einmal Roſa hatte eine halbe Ahnung, daß es Will ſein könnte, denn ſie war überzeugt, daß er ſich nicht ſo früh nach der Stadtſeite wagte— überdieß war dieſer Ton nicht Will's„klagender Seufzer“, auch war Rolf nicht zu hören; Rolf aber par dennoch da, eben ſo unbeweglich wie ſein Herr. „Woher kam dieſe Weckung?“ ſagte Albin, indem er ſpähend mit ſeinem Blicke über die Gegend fuhr. „Ach,“ rief Roſa beſtürzt,„es war gewiß ein Un⸗ Nlücklicher aus der Heimath der Wahnſinnigen!..“ ie glücklich war Will in dieſem Augenblicke, daß er taub war— Roſa's Worte hätten ſonſt gewiß ſein Herz durchbohrt. Der Capitain konnte über den ſchneidenden Ton ebenfalls keine andere Erklärung geben. Inzwiſchen war der Zauber einmal gebrochen, das Nachdenken trat an ſeine Stelle, und der Mann, welcher die ganze Bahn des Lebens nach Grundſätzen durchwandern wollte, konnte ſich des Verbrechens nicht länger ſchuldig machen, daß er ſich hinreißen ließ von einem Gefühle, das mit denſelben im Widerſpruche ſtand, ſo neu es auch ſein mochte; denn ohne den Äbſcheu in Anſchlag zu bringen, welchen die Handlungsweiſe und die Perſon des Groß⸗ händlers ihm einflößte, war es ein beſtimmter und ſo oft erwogener Grundſatz, nie den Rauſch des Augenblickes über ein ganzes Leben entſcheiden zu laſſen. Eine Liebe, die zu ihrem Aufwachſen nur die Zeit weniger Wochen gehabt hatte, konnte unmöglich reif ſein, das Herz mochte Der Jungferthurm. I. 17 ſchwatzen, was es wollte— ſie konnte es ſehr gut ertra⸗ en, noch den Winter über, und einen Theil des folgenden ommers ebenfalls, zu wachſen.. wenn ſie nicht wäh⸗ rend der Zeit ſtürbe. „Der Wind ſcheint für morgen günſtig werden zu wollen!“ ſagte Roſa, in ihrem Innern verwundert, wa⸗ rum Alles plötzlich ſo verändert worden war. „Ich denke auch ſchon in der erſten Morgendämme⸗ rung abzuſegeln; ungluͤcklicher Weiſe aber iſt noch eine Maſſe von Geſchäften übrig, welche...“ „.. Welche Sie hindern, länger auf der Kreuzweide zu verweilen?... Nun, das trifft ſich gut; denn auch für mich iſt es Zeit, noch anderweitig ein Geſchäft aus⸗ zurichten.. Ihr Inſtinkt ſagte Roſa, daß es eines andern Tones bedurfte. „In dieſem Falle, da ich nicht ſo glücklich ſein kann, Sie zu begleiten, muß ich Ihnen hier mein Lebewohl ſagen— ich hatte nicht das Vergnügen, Sie zu Hauſe zur treffen, als ich heute Vormittag den Damen meine Abſchiedsaufwartung machte. Es ſteht in Gottes Hand, ob oder wann ich jemals...“ „Ach, Herr Capitain, fallen Sie nicht in die lang⸗ weiligen Abſchiedsphraſen!... Unſere Bekanntſchaft iſt ja auf jeden Fall ſo kurz geweſen, daß es bei ihrer Auflöſung keiner Präludien bedarf.... Noch dazu können wir uns ja immer noch einmal treffen: der Seemann reist in der Welt umher, und das denke ich auch zu thun, wenn ich verheirathet ſein werde. Vielleicht kommt eines Tages das Fahrzeug meines Mannes auf derſelben Rhede zu liegen, worauf das Ihrige liegt... ach, das wäre zum Entzücken: da wollten wir Umgang pflegen, wie gute Nachbarn, einander einladen, und wenn Sie da ein ſchöneres und eleganteres Fahrzeug, als den alten Jungen befehligten, ſo bin ich uͤberzeugt, Sie würden für Ihre junge Nachbarsfrau einen Ball arran⸗ giren... ſagen Sie, Herr Capitain! ſind Sie nicht ſo artig, das zu thun?“ rtra⸗ nden väh⸗ n zu wa⸗ ime⸗ eine Heide auch aus⸗ ines ann, vohl auſe heine and, ang⸗ t iſt hrer inen ann zu mmt lben das gen, Sie den Sie ran⸗ t ſo „Um Gottes willen, lieber Vater, ſei Will nicht böſe!— er weiß gar nicht, was er thut! Ich bin über⸗ zeugt, daß ihn Jemand gereizt hat, und daß er ſich bei mir beklagen wollte!“ „Dumme Gans!“ ſchalt Mork, indem er Will zurückſtieß,„ſiehſt Du nicht, was den Tollhäusler an⸗ kommt?... Doch ich will..“ Mörk beſann ſich, und indem ſeine Augen einen flammenden Blitz auf Will ſchoſſen, der dieſem den hefehl ertheilte, ſich zu ent⸗ fernen, gab er Roſa einen Wink, mit ihm in die Stadt zu kommen. Geſenkten Hauptes und mit einer brennenden Röthe auf der Stirne, kehrte Will, von ſeinem treuen Rolf begleitet, langſam zurück auf den Weg nach dem ver⸗ haßten Elfhagen. Als aber der betrübte Jüngling einen einſamen Platz erreichte, ſetzte er ſich auf einen Kalk⸗ felſen, Rolf legte ſeinen Kopf in ſeinen Schooß, und herabgebeugt über dieſen Kopf, der ſeinem beſten Freunde gehörte, dem Einzigen, auf deſſen Liebe er, der Einſame, der Verlaſſene, ſich ganz verlaſſen konnte, brach er in heftige Thränen aus— und Alles, worüber er klagte, Alles, um was er bat, Alles, was er beweinte, das wußte nur Er, der das ſtumme Gebet in den Thrä⸗ nen der Blumen verſteht, ehe die Sonne ſie hinweg geküßt hat. Am folgenden Morgen war der alte Junge von der Rhede zu Wisby verſchwunden. Einige Stunden ſpäter, da die Familie Mörk am Frühſtückstiſche ſaß, kam der Briefträger mit Mörk's Correſpondenz; kaum hatte aber der Großhändler einen Brief in die Hand genommen und die Adreſſe be⸗ trachtet, ſo ſank er ohne ein Wort von dem Stuhle auf den Boden. 4 292 „Der Großhändler Mörk hat einen Anfall von Schlag gehabt und liegt ohne Hoffnung darnieder!“ war die Neuigkeit, welche in der nächſten Stunde durch die Stadt flog.— Der Brief, welcher dieſen Aufruhr veranlaßte, war gleichwohl nicht an Mörk— die Aufſchrift lautete: „Dem Kauffahrtei⸗Capitain, wohlgebornen Herrn Albin Jentzel⸗Stangerling.“ — In unſerem„Belletriſtiſchen Ausland, heraus⸗ gegeben von Karl Spindler,“ ſind erſchienen: Wetterbergh's ſämmtliche Schriften, welche meiſt unter dem Schriftſtellernamen„Onkel Adam“ im Original ausgegeben und von uns in ſorgfältiger Uebertragung dem deutſchen Publi⸗ kum zugängig gemacht wurden. Wir führen dieſelben nebſt ihrem Inhalt der Reihe nach, wie ſie erſchienen, an und beginnen mit: Genrebilder aus dem Alltagsleben, von Onkel Adam. 6 Bdochn. à 6 kr. oder 2 ngr. Inhalt: 1— 3. Bdchn.: 1) Die Gouvernante. 2) Eine Ge⸗ neralmuſterung. 3) Die jungen Nachbarinnen. 4— 6. Bdchn: 1) Treue bis in den Tod. 2) Eine Luſtreiſe. 3) Annehmlichkeiten des Geſell⸗ ſchaftslebens. 4) Eine Revolution. 5) Der Verbrecher. 6) Ein Volksfeſt. 7) Die Leſerin. 8) Nachwehen. 9) Der Sohn der Liebe. 10) Eine academiſche Vorleſung. 11) Die Schutzloſen. 12) Zwei Herren und ein Narr. Genrebilder, neue, aus dem Alltags⸗ leben von Onkel Adam. 13 Bochn. Inhalt: 1—3. Bdchn.: 1) Die Halskette. 2) Die beiden Ringe. 3) Der Rachſüchtige. 4) Aus den Me⸗ moiren des Secretarius Pfefferkorn. 5) Verſuch 1 ä3“—— ————— 2— ——y——⸗——-Oꝛõnõ—C—y— zu einem Thema mit Variationen, aus den Kaenen des Herrn Bagatelli. 6) Vier Stu⸗ enten. 4— 6. Bdchn.: 1) Rache und Verſöhnung. 2) Drei Erdbeeren, drei Küſſe. 3) Der Invalide. 4) Die Glocke. 5) Eine Fliege im März. 6) Die Prüfung. 7—9. Bdchn.: Nur zu! Ein Genrebild aus dem Alltagsleben. 10— 13. Bdchn.: 1) Guſtav III. und der Uhrmacher Jakob. 2) Die Brüder. 3) Dreißig Jahre. 4) Wir und unſer. 5) Die Herren. 6) Die Sturmvögel. 7) Der Schlüſſel. 8) Die Ar⸗ beitsloſen. 9) Der Familienbecher. 14. u. folg. Bdchn.: 1) Der Tännfors. Eine jemt⸗ ländiſche Erzählung. 2) Die Familie im Gänſegäßchen. 3) Das Vierblatt. 4) Zwei Hochzeiter. Unter der Preſſe befinden ſich folgende No⸗ vellen von dem beliebt gewordenen humoriſtiſchen Wetterbergh: 1) Geld und Arbeit. 2) Das Altargemälde. 3) Haß und Fiebe. von welchen jedes ſo ungefähr 3—4 Bändchen in unſerer Sammlung ausfüllen und ſämmtliche im Laufe dieſes Sommers erſcheinen dürften. Was künftig von dieſem Verfaſſer erſcheinen wird, werden wir unſerer Sammlung, je nach Umſtänden, gleich einverleiben. Stuttgart, im Juni 1849. Franckh'ſche Verlagshandlung. — —,—— ö