X — eAee— Leihbib liothek deutſcher, engliſcher unn franzöf ſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leihß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothel Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— unf Monat: 1 Nr—— f. 1 Mt. 50 Pr. 2 Mk.— Pf. — 3— 5. aswärtige Konnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerelſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ dorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ er zlele zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. .Ausleikezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſ vndeds darauf aufmerkſam gemacht, daß das Ackterverlelhhen def Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Em⸗ gens von tun⸗ ihme mme attet —— Der Jungferthurm. Seeroman von Emilie Flygare⸗Carlén. Erſter Theil. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. Erſtes bis fünftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849.“ b Erſte Abtheilung. Erſtes Capitel. Die Fiſcherei in der Nordſee. Ein ſtarker ſüdöſtlicher Sturm hatte mehre Tage hinter einander an der öſtlichen Küſte von Schottland Bewüithei und die Rettungsboote in Bewegung geſetzt. ennoch hatte die Nordſee eine weit größere Anzahl von Herzen in ihrer kalten Tiefe beruhigt, als vor Dankbar⸗ keit ſchlugen für dieſe wenig bemerkten Helden, welche, oft in Lumpen der Armuth gehüllt, aber doch mit Men⸗ ſchenliebe und Muth in der Bruſt, ihr Leben wagen, um Andere zu retten, und welche ihre Medaillen„für lobens⸗ werthe Handlungen“ unter und nicht auf den Röcken tragen. Jetzt aber lag der gewaltige Geiſt des Sturmes gebunden, und als am 17. September des Jahres 18.. die Sonne den Schauplatz des Kampfes der vorher⸗ gehenden Tage beleuchtete, ſo erſchien das Meer gleich einer ebenen, glänzenden Waſſereinöde. Ein gekappter Maſt, einige zerbrochene Stangen und eine Schiffsſcha⸗ luppe mit dem Kiele nach oben gekehrt und in der Ent⸗ fernung einem gigantiſchen Delſtne ähnlich, waren die einzigen Gegenſtände, welche den Gedanken auf die Schreckensſcenen richteten, die hier vorgegangen ſein mochten. Das Meer war ſtill geworden: es ruhte aus von den gehabten Anſtrengungen— der Nothruf der von ihm verſchlungenen Opfer wurde nicht mehr gehört. etwa neun bis zehn Meilen von der ſchottiſchen Küſte erblickte man zwei Fahrzeuge in nicht größerer Der Jungfernthurm. I. 1 ———ℳ--- Entfernung von einander, als daß die menſchliche Stimme von dem einen zu dem andern dringen konnte. Das eine, ein Kutter, hatte einen ungewöhnlich ſcharfen Bug, war aber doch wie alle holländiſchen Koffs mit einer Art von Schwert an den Seiten verſehen. Es hatte nur einen niedrigen Maſt und ein ungeheures Baumſegel, welches nebſt den übrigen Segeln herab⸗ gelaſſen war. Trotz der völligen Windſtille erblickte man einige Klafter vor dem Fahrzeuge ein in das Waſſer geſenktes Treibſegel, welches in Verein mit dem Ganzen andeutete, daß der Kutter ganz ſpeciell für die Fiſcherei auf den jütländiſchen und ſchottiſchen Banken conſtruirt und ausgerüſtet war. In vergoldeten Buchſtaben war hinten an der einen Seite der Name„der Mitbürger“ und an der andern ſeine Vaterſtadt„Molde“ zu leſen. Das zweite Fahrzeug war eine von jenen See⸗ nymphen, die bei den Seeleuten, beſonders bei den jün⸗ geren, ein ſo großes Entzücken hervorrufen. Es war wie ein Schooner getakelt, und der lange, niedrige Numpf, die ſchlanken, nach hinten ſich neigenden Maſten, die feinen, weiß angeſtrichenen Ragen und Stangen, die kleine, zierliche Galion und die Kupferverhäutung ließen einen von jenen kleinen Schnellſeglern erkennen, deren die Amerikaner und Franzoſen ſich ſo gerne zu Luſtreiſen oder zum Schmuggeln bedienen. Auf dieſem Fahrzeuge waren ſämmtliche Segel geſpannt, doch hingen ſie ſchlaff herab und wurden nur von den langen, kaum merkbaren Wogen ſanft bewegt, welche bisweilen das Fahrzeug in ein leiſes Schwanken verſetzten. — Wir gehen an Bord auf die Planken, welche aus den gewaltigen Wäldern des alten Norwegens geholt worden ſind. Es war gegen elf Uhr Vormittags. Auf dem Verdecke des Kutters wanderte mit langen Schritten ein Mann auf und ab, deſſen kühne und ſchoͤne Züge in einem ſonderbaren Mißverhältniſſe ſtanden zu dem duſtern und ſcheuen Blicke, den er öfter ſeitwärts, als gerade vor ſich hin warf, und der, wohin er auch eures erab⸗ lickte Jaſſer unzen cherei truirt war rger“ ſen. See⸗ jün⸗ war drige baren ug in e aus geholt angen ſchöͤne en zu wärts, auch Fahrzeugs 3 gerichtet wurde, gleichſam gegen alles Edle und Reine in der Natur Krieg zu führen ſchien. Der Capitain Arne Hol⸗ gerſen, der Befehlshaber und Rheder des Mitbürgers, trug ſeine hohe Geſtalt mit einer Haltung, die einem von den Kriegern des Königs Karl XII. hätte anſtehen kön⸗ nen; und ſeine breiten Schultern, muskelſtarken Formen und ſonnverbrannten Wangen, um welche ein helles, lockiges Haar wogte, erinnerten an die Wikinger der Vorzeit. Der Anzug des Capitains Holgerſen unterſchied ſich von dem der übrigen Seeleute durch nichts Anderes, als durch die Feinheit und Koſtbarkeit. Er trug, gleich ihnen, eine rothe, wollene Jacke, weiße Beinkleider, Schuhe und einen Hut von blankem Leder mit breiten Rändern. Der zweite Mann des Kutters, Halwar Jenſen, eine große Auctorität auf dem Mitbürger, war nebſt zwei jüngeren Männern— der ganzen Beſatzung des eifrig mit der Fiſcherei beſchäftigt, und die auf dem Verdecke hingeworfene Beute gab ein Zeugniß, daß die Meerfrau ihren Schmarotzern heute einen reichen Vorrath bewilligt hatte. Eine an der andern Seite heraufgezogene Angelleine ließ vermuthen, daß Holgerſen eben ſelbſt ſein Gluck verſucht hatte; entweder hatte er jedoch keines gehabt, oder auch war ſein Gemuth von ſolchen Gedanken beſchäftigt geweſen, welche ſich mit keiner mechaniſchen Beſchäftigung vertragen wollten. Nichts ſtörte die Stille, als nur der taktmäßige Gang des Capitains und der Laut, welcher dadurch ent⸗ ſtand, wenn bei dem Heraufziehen des Fiſches die Schnur ſich an das Horn rieb. Bisweilen blieb Holgerſen ſtehen, legte die Hand über die Augen und betrachtete mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit den kleinen Schooner; nachdem er aber dieſe Bewegung mehrmals erneuert hatte, unterbrach er plotz⸗ lich ſeine Promenade und begab ſich durch die grun⸗ angeſtrichene Kappe in eine Kajute, welche in Vergleich mit der Größe des Fahrzeugs ungewohnlich geräumig ½ und mit ausgezeichneter Sorgfalt ausgerüſtet war, ſo daß man dieſelbe für einen recht angenehmen Aufent⸗ haltsort angeſehen haben würde, wenn ſie nicht ſo wie jede Ecke und jeder Winkel des Fahrzeugs von dem widrigen Geruche der Fiſchlebern verpeſtet geweſen wäre, woraus in einem dazu eingerichteten Keſſel in der Kabuſe Thran geſotten wurde. Es war, wie es ſich ſogleich zeigte, keineswegs die Abſicht des Capitains Holgerſen, hier Ruhe zu ſuchen. Er nahm ein Fernrohr, zog daſſelbe aus dem Futterale und ſtieg dann wieder hinauf auf das Verdeck, woſelbſt er, an die Kappe gelehnt, mit dem Fernrohre vor dem Auge den Horizont mit der äußerſten Sorgfalt muſterte. Er ſchien mit der angeſtellten Muſterung zufrieden, aber dennoch des gewonnenen Reſultates nicht ganz gewiß zu ſein; denn er trat zu dem alten Matroſen mit den Worten: „Höre Jenſen! ich will Deine Arbeit verrichten; nimm Du das Fernrohr, ſteige hinauf und ſieh genau nach, ob Du rund umher zwiſchen Himmel und Waſſer einen Segler erblicken kannſt, und ſage es mir, wenn Du etwas ſiehſt!“ „Gut, Capitain! Iſt einer da, ſo ſehe ich ihn mit bloßen Augen, und wäre er auch nicht größer als der Backtrog meiner ſeligen Mutter; aber ich kann ja doch der Sicherheit wegen den Gucker mitnehmen.“ Ein Blick von bedeutungsvoller und kühner Ver⸗ traulichkeit ſchoß aus den Augen des Untergebenen und wurde von dem Vorgeſetzten aufgefangen; darauf begeg⸗ nete ſich gleichſam zufaͤllig ihr zweiter Blick bei dem Schooner, der noch immer unbeweglich an ſeinem Orte lag. 4 Mit der Gelenkigkeit eines Knaben kletterte Jenſen die ſchmale Wante hinauf und muſterte dann erſt mit den Augen und darauf mit dem Fernrohr den ganzen Geſichtskreis. Kein Anzeichen von einem Segel, als nur das 77 kleine Ding dort!“ ſagte er, indem er wieder herunterſtieg. ſo ent⸗ wie dem äre, uſe die een. rale lbſt dem rte. den, wiß den en; nau ſſer enn mit der och Zer⸗ und geg⸗ dem rem ſen mit zen das ieg. 5 Holgerſen antwortete nicht; nachdem er aber die Leine heraufgezogen und einen großen Dorſch hingewor⸗ fen hatte, gab er dem Halwar Jenſen einen Wink und begab ſich wieder in die Kajüte, wohin dieſer ihm bald folgte. „Was iſt Deine Meinung?“ Der Capitain Holgerſen äußerte dieſe Worte, indem er mit einem Pfropfenzieher gleichgültig den Lack von einer Weinflaſche abklopfte. Jenſen verſtand den Ideengang ſeines Herrn voll⸗ kommen und antwortete, ohne zu ſtottern:„Ich meine, Herr Capitain, wenn es nun einmal nicht anders ſein kann, als daß dem Schooner ein Unglück zuſtößt, daß dann nur die Fiſchmöven und die Meeradler ein Zeugniß ablegen können von Demjenigen, was hier vorgeht, ſo lange die Windſtille dauert.“. „Hm!“ Der Capitain wiſchte mit ſeinem Schnupf⸗ tuche die kleinen Stücke Kork ab, welche an dem Halſe der Flaſche ſitzen geblieben waren, und goß darauf den Wein in ein Bierglas, welches er zur Hälfte füllte und dann koſtete.„Das iſt gar nicht übel... aus ächten Trauben gepreßt— nicht verfälſcht.... Warum ſagteſt Du: wenn es nun einmal nicht anders ſein kann?“ Halwar ſchüttelte den Kopf mit einem gewiſſen ver⸗ legenen Ausdruck; die Frage ſchien ihm ſichtbarlich Schwierigkeiten zu verurſachen. „Du haſt Deine Bedenklichkeiten?“ „Bedenklichkeiten— hm!— das glaube ich wohl! 8 A Ißnen ſ ein(Kaſrtr 5 15. 1 Ich viſ Ihnen ſagen, Herr Capitain, es iſt ſo, daß... „Gut, gut! Kann ich auf Dich zählen— oder kann ich nicht auf Dich zählen?“ „Und Sie wiſſen gewiß, daß...“ „Ich weiß ganz gewiß, daß ſie es iſt, und noch gewiſſer, daß ſie eine koſtbare Ladung Stückgüter nach Göteborg führt. Ich kenne La belle Coquette aus alten Zeiten. Sie hat ſich viele Jahre lang mit der Schmuggelei die Zeit vertrieben 3 und da ſie bis jetzt die Wachſamkeit der Zollbeamten getäuſcht hat, ſo wäre es wenn ſie nun das kleine Mißgeſchick hätte, früher ausgeladen zu werden, als es Rede iſt.... Trinke die Geſundheit des franzöſiſchen Schooners!“ Der Capitain fullte ein neues Glas. „Danke ergebenſt, Herr Capitain!... Ja, das das Paradies reiſen! Sollte es aber zu einer Affaire kommen...“ „Ja, ja, aber noch ſind wir nicht ſo weit ge⸗ kommen!“ „Und ſollten wir nie ſo weit kommen, ſo kann ich den Rum ohne Betrübniß miſſen.“ „St! Du ſchwatzeſt immer doppelt ſo viel, als nöthig iſt!... Höre zu!“ „Ich höre, Herr Capitain!“ „Das Brod beginnt uns knapp zu werden.“ „Das Brod? Wir haben ja wenigſtens noch zwei Tonnen!“ „Das iſt recht ſchön; aber verſtehſt Du? ich muß zwei muß 7 den Platz unterſuchen; ich muß zuſehen, wo das Land liegt— kurz: wir haben kein Brod mehr!“ „Wie Sie befehlen!“ „Du haſt mich alſo verſtanden?“ „Ich bin ſo, wie unſer Herrgott mich geſchaffen hat, und ich glaube nicht, daß er die Finger dazwiſchen legte, als er mir den Verſtand in den Hirnkaſten klemmte.“ „Das glaube ich auch nicht. Mache nun das Boot zurecht, lege ein Stiege ſchöne Fiſche hinein als Probe für den Tauſchhandel, und ſage Rasmus, daß er ſich klar hält, mitzukommen— ich bin augenblicklich oben!“ „Soll ich weiter nichts, als nur die Fiſche in das Boot legen?“ „Nein, dießmal nicht... wenn wir aber den Reſt liefern.... und Tönne ebenfalls mitkommt.... Du verſtehſt?“ „Ig, 0 ja!“ Auf einen Wink des Capitains verſchwand Halwar Jenſen— der wilde Befehlshaber des Mitbürgers blieb allein. Einige Aitgenblicke ſtand er unbeweglich, als lauſchte er auf eine in ſeinem Innern redende Stimme. Dar⸗ auf richtete er die Augen langſam auf ein über der Koje hangendes weibliches Portrait; doch konnte man aus der Scheu, womit dieſes geſchah, zu dem Glauben ver⸗ ſucht werden, daß er eher von einer geheimen Macht, als aus freiem Willen dazu getrieben wurde. Es war das Bild eines jungen und ſchönen Frauen⸗ zimmers. Ihre Lippen ſchienen ſich zur Hälfte zu einem traurigen Lächeln gegen den Betrachter zu öffnen, wenig⸗ ſtens mußte es Holgerſen ſo vorkommen; denn einen Augen⸗ blick erhellte ſich ſein Geſicht. Indem er aber gleichſam fühlte, daß eine fremde Macht die Herrſchaft an ſich reißen wollte, wendete er ſchnell das Portrait um und murmelte leiſe:„Gottes Tod! Was ſoll das bedeuten?“ Einen andern Rock anzuziehen, die Piſtolenſchlöſ⸗ ſer zu beſehen und den Reſt aus der Weinbouteille ſtieg er die Treppe hinauf auf das Deck. „Sogleich klar, Herr Capitain!“ rapportirte Halwar. „Gut! Nimm aber das Fernrohr und ſieh noch einmal nach, ehe wir uns hin begeben!“ „Soll geſchehen, Herr Capitain!“ Ehe man eine Hand umwendete, war der würdige Obſervator wieder an ſeinem hohen Platz, dießmal aber blieb er lange ſtill. „Siehſt Du was?“ rief der Capitain mit einer Stimme, an der man einige Ungeduld merken konnte. „O ja, der Teufel, da iſt'was!“ antwortete Halwar langſam;„ich meine, der Lappen, der dort nordoſtwärts hervorkommt, iſt ein Segel, wenn es nicht zufällig die Meerfrau ſein ſollte, die ihre Hemden auf⸗ gehängt hat, um ſie an der Sonne zu trocknen.“ „Du irrſt Dich wohl nicht zufällig?“ fragte Hol⸗ gerſen mit ſcharfer Stimme.„Uebereile Dich nicht!“ „Nein behüte, Herr Capitain! Ich kann noch ein wenig warteni ſo gewöhnt ſich das Auge beſſer.“ „Nun?“ „Warten Sie ein wenig, Capitain!“ „Wird's noch nicht bald?— Du findeſt wohl keinen Segler?“ „Ja, ja wohl! ſagt' Bengt im Trichter: accurat⸗ ein Segler, Herr Capitain— weder mehr noch weniger.“ „Gut! Ich glaube, wir bekommen bald eine Briſe, ſo daß es ſich kaum der Mühe verlohnt, mit einem Be⸗ ſuch auf dem Schooner die Zeit zu vergeuden. Jungen! nehmt die Fiſche wieder heraus aus dem Boote.“ Und ohne daß ſeine Stimme den geringſten Grad von getäuſchter Erwartung oder irgend eine Art von Ge⸗ müthsbewegung verrieth, begann Holgerſen von Neuem ſeine Promenade über das Deck, nachdem er gleichwohl zuvor ſelbſt mit dem Fernrohr einen Beſuch in der Höhe abgeſtattet und ſich von der Richtigkeit der von Halwar gemachten Entdeckung überzeugt hatte. auszutrinken war das Werk weniger Augenblicke. Nun fra hat ein nur gel zeu übe Ho Bet und ken zu Hal Mu rich ſpä und daß Euc mal nich Wã inde uem vohl öhe war Zweites Capitel. Die erſte Wache. Die dumpfe Windſtille, welche den Kutter und den franzöſiſchen Schooner zu Geſellſchaftsbrüdern gemacht hatte, war ſchon zu Anfange des Nachmittages durch einige leichte Windſtöße vertheilt worden, welche nicht nur die Luft reinigten, ſondern auch, wenn auch nur gelinde, die ſchlaffen Segel füllten. Innerhalb einiger Stunden hatten die beiden Fahr⸗ zeuge einander aus dem Geſichte verloren. Es war in der Dämmerung. Die Sonne war ſchon über den noch in weiter Ferne ſichtbaren ſchottiſchen Hochgebirgen untergegangen und hinabgeſunken in ein Bett von blutrothen, hie und da von einem in Violett und Azur ſchillernden Spitzengewebe durchbrochenen Wol⸗ ken, auf denen die phantaſtiſchſten Figuren auf und ab zu tanzen ſchienen. „Du brauchſt das Treibſegel noch nicht einzuziehen, Halwar!“ ſagte Holgerſen, indem er, die Pfeife aus dem Munde nehmend, den Blick auf das Spiel der Wolken richtete:„die Sonne weiſſagt ſo und ſo. Sollte der Wind ſpäterhin weſtlich werden, ſo bekommen wir einen Treiber, und da kannſt Du mich herauspurren!“ „Soll geſchehen, Herr Capitain!“ „Es iſt wohl noch ſo viel Rum in der Flaſche dort, daß jeder von Euch einen Grog bekommen kann, um Euch warm zu halten?— es iſt heute Abend kalt!“ Holgerſen ging hinab in ſeine Kajüte; doch ſah man bei dem Lampenſcheine durch das Scheilicht, daß er nicht zu Bette gegangen war. „Solche Kuͤchlein, wie Ihr, können auch ohne Grog Wärme genug im Blute haben!“ meinte Halwar Jenſen, indem er ohne viele Umſtände ſich der Flaſche bemäch⸗ tigte und an das Steuer zurückkehrte.“ „Doch ein ſo tüchtiger Kerl, wie Ihr, Vater Hal⸗ war, kann wohl auch in einer Septembernacht nicht ſehr viel von der Kälte leiden?“ entgegnete Rasmus und wagte ein recht zweideutiges Lächeln. „Ja, ſeht Ihr, Jungen,“ erklärte Halwar gravi⸗ tätiſch,„was mein Blut dumpf macht, das ſind meine Wunden aus alten Bataillen. Mich friert faſt immer ſo lange ein wenig, bis ich ſo viel eingeſackt habe, daß das Blut in gehörige Wärme kommt.“ „Aber um bis dahin zu kommen, meine ich, müßt Ihr tüchtig heizen!“ ſiel der zweite Matroſe Tönne ein, und bemühte ſich eine recht ernſthafte Miene aufzuſetzen. „Ja, ganz richtig! Wenn ich des Morgens den Erſten, ja ſogar noch den Zweiten nehme, ſo befinde ich mich immer ſchlecht, und fühle ſo ſtarke Uebelkeiten, daß ich ganz blaß werde; habe ich aber erſt den Dritten bekommen, ſo wird's ſchon etwas beſſer, und bei dem Vierten bin ich wie eine Plötze.“ „Aber, zum Henker!“ ſiel Rasmus ein,„warum fangt Ihr da nicht lieber mit dem Dritten an?— ſo klug ſolltet Ihr doch wohl ſein!“ „Der Tauſend, daran habe ich noch nie gedacht!“ Halwar wurde ſehr ernſthaft und ſchien den vernünftigen Rath ſorgfältig zu bedenken; plötzlich aber veränderte er ſeine Miene und rief aus:„Du Schelm, Du Spott⸗ vogel! ſchämſt Du Dich nicht, einen Mann zum Beſten zu haben, der Dein Vater ſein könnte?“ Inzwiſchen konnte man es den von dem Lichte im Nachthäuschen bleich erleuchteten Geſichtszügen Halwar's anſehen, daß ihm der Scherz gar nicht übel gefiel. „Wir verkaufen aber unſer Erſtgeburtsrecht für kein Linſengericht!“ erklärte Tönne.„Hoͤrt, Vater Halwar! wenn Ihr unſern Rum nehmt, ſo bekommt Ihr ihn nicht umſonſt.“ „Da iſt Raiſon drin,“ entſchied Rasmus,„und ich meines Theils fordere dafür eine halbe Rolle von dem Tabak, den Ihr in Eurer Kiſte links in der Bei⸗ lade habt!“ daß Ras was Ger ſag dem wur dan will ſo derr und lich und ha Pa ſeir gut aus ein wei der daf nic tun liel als ſch pit ſpi ein Hal⸗ ſehr und ravi⸗ neine nmer daß müßt ein, etzen. den de ich eiten, ritten dem arum — ſo icht!“ ftigen rte er Spott⸗ Beſten iſchen ischen „daß ar kein lwar! r ihn und ich n dem Bei⸗ 11 „Und ich,“ begann Tönne von Neuem,„ich will, daß Ihr uns einige Geſchichten erzählt. Nachher theilen Rasmus und ich die Geſchichten und den Tabak— oder was meinſt Du, Rasmus?“ „Ich bin zein raiſonlicher Kerl und laſſe Ungerade Gerade ſein oder umgekehrt, wie es kommt. Eins aber ſage ich noch: Halwar ſoll uns erzählen, warum aus dem Fiſchtauſch mit dem franzöſiſchen Schooner nichts wurde. Was hatte der Segler, den Ihr dort oben ſaht, damit zu thun?“ „Das iſt gerade das, wovon auch ich Beſcheid haben will!“ vollendete Töonne.„So, Vater Halwar, ſeid nun ſo gut und öffnet den Sprachkaſten!“ Während die jungen Männer wechſelsweiſe ihre For⸗ derungen für den vorgeſchlagenen Tauſchhandel angaben und entſchieden, machte Halwar Jenſen in unverwüſt⸗ licher Ruhe ſeinen Grog zurecht, ſah auf den Compaß und ſetzte ſich dann zurecht mit einer Miene von Be⸗ haglichkeit, welche verkündigte, daß er dem Wege in das Paradies ſehr nahe war. Inzwiſchen hatte er jedes Wort ſeiner Gefährten vernommen und fand nun endlich für gut zu antworten: „Ach ſo, meine Jungen, Ihr wundert Euch, daß aus dem Fiſchhandel nichts wurde? Ich aber will Euch einen guten Rath geben, den Ihr Euch merken könnt, weil er von einem Manne kommt, der etwas mehr von der Welt geſehen hat, als Ihr. Dieſer Rath iſt der, daß Ihr Euch nie um ſolche Dinge kümmert, die Ihr nicht verſteht. „O, was das anbetrifft“— Rasmus nickte bedeu⸗ tungsvoll—„ſo kann ich Euch zu wiſſen thun, mein lieber Halwar, ich und Tönne haben ſo viel Vernunft, als ein Anderer! Wir laſſen uns nicht in den April ſchicken: es gibt Leute genug, die da wiſſen, was Ca⸗ pitain Holgerſen für ein Mann iſt, wenn auch...“ „Still, Du Hühnchen! Beiß Dir lieber Die Zungen⸗ ſpitze ab, als daß Du ſo redeſt!— da haſt Du noch, einen Rath, den Du zu dem erſten legen kannſt!“ Halwar —— nahm ſich einen tüchtigen Schluck Grog und warf einen nicht unzweideutigen Blick auf die Kajüte. „Jeſus, er wird doch wohl nicht ſo unerwartet herauf kommen!“ flüſterte Tönne, indem er ebenfalls nach dieſer Richtung hinſchielte.„Sie ſagen, er iſt grimmig auf der See, obgleich er zu Hauſe in Molde den Magiſtrat und die Geiſtlichkeit mit der Haſentatze um's Maul ſtreichelt, ſo daß es heißt:„der ehrliche und redliche gute Mann, Capitain Holgerſen!““ „Das heißt nicht bloß ſo,“ verſicherte Halwar, „denn es iſt wahr wie der Tag, daß er an die Armen und zu andern Einrichtungen allein eben ſo viel gibt, wie vielleicht die halbe Stadt zuſammen.“ „Das kann wohl ſein, aber Ihr ſagt nicht, daß er mit ſeiner Nordſeeſiſcherei allein ſo gute Geſchäfte macht, wie vielleicht die Kaufleute der halben Stadt kaum das ganze Jahr machen. Ja, ja, Vater Halwar, ſingt Ihr nur aus, und macht Euch keine Mühe damit, Euch eine Tugendlarve aufzuſetzen, weil wir doch— rein heraus eſagt— gedacht haben, es möchte ſich vielleicht ein Ausweg finden laſſen, ein wenig mehr zu erübrigen, als man mit der Fiſcherei allein verdienen kann. Holgerſen wußte recht gut, wozu wir taugten, als er uns miethete.“ „Daß Ihr ein paar tüchtige Jungen und im Augen⸗ blicke zu jedem Wageſtück fertig ſeid, das weiß er und ich auch. Aber ſeht Ihr: ehrlich währt am längſten; darum wollen wir wohl ſehen, ob uns nicht unſer Herr⸗ gott irgend ein ſchönes Wrack in die Arme ſchickt, wo ſchon die ärgſte Arbeit gethan iſt; denn ſeht, was willen⸗ los auf dem Waſſer fließt, das gehört einem Jeden, der es nehmen kann, nach dem Geſetzbuche, das ich mir gemacht habe... Aber es iſt doch teufelmäßig, daß ſich der Himmel ſo bezieht!“ „Der Wind ſpringt nach Weſten, wie der Capitain ſagte, und da bekommen wir eine hübſche Kühlte, die uns die dummen Gedanken aus dem Kopf blaſen kann... Aber geh Du zur Koj, Tönne!“ „Ich gehe nicht aus der Stelle, ehe Halwar eine Geſe Dur etwe teuer kenn die ſich, Stil heut dem gehe Där woll Men wede ſie Hau als nach Gen fern ſo ſ Ton Stir offen meit uns wag Holl Rüc liche war dem einen erauf dieſer g auf jiſtrat Maul gute lwar, Irmen gibt, aß er nacht, n das gt Ihr h eine beraus zt ein —, als gerſen thete.“ lugen⸗ r und gſten; Herr⸗ t, wo villen⸗ en, der h mir aß ſich pitain e, die Iun... r eine 13 Geſchichte hergelangt hat! Laßt es nur bleiben von Dummheiten zu ſchwatzen, ſondern erzählt uns regal etwas von Euren und des Capitains Reiſen und Aben⸗ teuern Ihr ſeid ſo viele Jahre mit ihm gefahren und kennt gewiß das Pulver... Nun ſo legt los, daß uns die Haare auf dem Kopfe zu Berge ſteigen!“ „So wartet denn— laßt mich nachdenken!“ Halwar legte das Steuerruder in Ordnung, dehnte ſich, nippte ein wenig Grog und begann mit leiſer Stimme: „Es war in einer Nacht, eben ſo dunkel, wie es heute wird. Der Capitain hatte den ganzen Abend von dem hohen Giebel ſeines Hauſes in Molde gute Wache gehalten auf ein holländiſches Koff, welches in der Dämmerung ſignaliſirt hatte, daß es einen Lootſen haben wollte. Es war ein fürchterliches Wetter, ſo daß ein Menſch die Luken kaum offen halten konnte, und ent⸗ weder hatten die Lootſen die Signale nicht geſehen, oder ſie glaubten auch, es wäre beſſer bei der Mutter zu Hauſe zu ſitzen und die Grütze in Ruhe zu verzehren, als das Leben für einen Holländer zu wagen, der her⸗ nach wohl gar noch um zwei Species gemarktet hätte. Genug, nachdem der Capitain ſo lange durch das Nacht⸗ fernrohr geguckt hatte, als es möglich war zu ſehen, ſo ſchob er es zuſammen und ſagte in kurzem, ſeſtem Tone(denn ſeht, es iſt ſeine Art, daß ihm weder die Stimme zittert, noch auch die Augen zufallen, wenn ſie offen ſein ſollen):„Halwar!“ ſagt' er,„mache ſogleich meine Seeſchnigge klar“(eben dieſe, die nun hier hinter uns liegt),„da dieſe elenden Wichte ſich nicht hinaus⸗ wagen, ſo müſſen wir wohl verſuchen, ob wir nicht dem Holländer eine Handreichung bringen können.“ „Uff— es iſt mir, als liefe mir kaltes Waſſer den Rücken hinunter!“ fiel Tönne ein.„Er iſt ein gefähr⸗ licher Mann!“ „Nun, ich war gezwungen mitzugehen,“ fuhr Hal⸗ war in ſeiner Erzählung fort, keineswegs gefühllos bei dem Eindrucke, den er auf ſeine Gefährten mächte.„Aber ſchlimm ſah es aus: die See tobte und die Brandung ſpritzte bis an die Wolken und ziſchte wie ein Keſſel auf dem Feuer. Wir ſtießen ab— in meinem Leben ver⸗ geſſe ich dieſe Nacht nicht: hätten wir nicht dieſe Schnigge gehabt, und wären wir nicht mit dem Fahrwaſſer ſo bekannt geweſen, ſo hätten wir den Kukuk nicht wieder rufen hören. Ich ruderte, der Capitain ſaß am Steuer, und als wir ein wenig aus den innern Brandungen ge⸗ kommen waren, ſo konnten wir das Schiff deutlich gegen den Himmel ſehen; es war gleich außerhalb des Olſkär auf dem Torske⸗Knatt geſcheitert. Aber haben wir nun nicht eine weſtliche Kühlte? Ich glaube, wir müſſen das Treibſegel beſchlagen und den Capitain rufen!“ Noch nicht!“ bat Rasmus.„Wie war's mit dem 77 7. Wrack— und wie ging es hernach? „Wie geſagt,“ fuhr Halwar fort, nachdem er um ſich her geblickt hatte, ſo gut die zunehmende Finſterniß es erlaubte,„wir ruderten und hielten uns leewärts von dem Olſkär, als wir einen Nothruf hörten. Der Ca⸗ pitain ſtand auf und ſpähte um ſich. Da vernahmen wir noch einen Schrei, und er befahl mir dahin zu rudern, von woher der Ruf kam. Ich that es, und bald bemerkten wir einen Kerl, der aus allen Kräften auf uns zugeſchwommen kam. Der arme Teufel hatte das Boot geſehen... Doch wartet einen Augenblick: mir wird der Hals ſo trocken!“ „Mir aber kommt es ſo vor, Vater Halwar, als ob die Stimme Euch nicht recht gehorchen wollte— Euch fehlt das Herz nicht!“ ſagte Tönne und betrachtete mit einer gewiſſen Bewunderung Halwar's Geſicht, welches, je nachdem er ſich in ſeine Erinnerung immer mehr ver⸗ tiefte, einen gewiſſen melancholiſchen Anſtrich erhielt. O ja, es mag wohl noch ein Stückchen davon übrig ſein, ſonſt aber hat es oft genug ein wenig ſpringen laſſen müſſen; viel iſt gewiß nicht mehr da— doch was fragen wir nach dieſer Waare, Jungen, wenn Einer nur Rum hat und ſeine Gedanken erſäufen kann.“ „Nun, Halwar, kommt Ihr von der Geſchichte dung l auf tteuer, n ge⸗ gegen Alſkär nun nüſſen 14 t dem er um ſterniß ts von r Ca⸗ ahmen ſin zu d bald n auf te das : mir , als Euch ete mit velches, hr ver⸗ ielt. mübrig ingen ch was ner nur ſchichte 15 ab!“ fiel Rasmus ein.„Er ſchwamm auf Euch zu, ſag⸗ tet Ihr?“ „Ja, und der Capitain ging nach vorne... doch es verlohnt ſich der Mühe nicht fortzufahren: mancherlei Dinge können zwiſchen Himmel und Erde vorgehen, aber es taugt nicht davon zu reden.“ „Ja, meiner Seele, Ihr ſollt reden, Halwar! Ich glaube kaum, daß wir ohnmächtig werden, wir mögen hören was wir wollen, und ich ſage Euch, wir ſind keine Kerle, die ſich vor einem kleinen muntern Spiele fürchten, wenn es uns nur etwas in den Beutel ringt.“ GSo laß denn laufen!“ flüſterte Halwar.„Der Ca⸗ pitain ſagte, er wollte den Kerl retten, und bekam den Unglücklichen bald zu faſſen; dieſer hatte an einem Bande die Documentenlade und einen Beutel voll richtiger Gold⸗ münzen um den Hals hangen— vielleicht war es der Schiffer ſelbſt... Nun zieht er ihn herauf! dachte ich, und war wirklich froh in meinem Glauben, daß der Ca⸗ pitain Holgerſen ſo handeln wollte; doch... Ja, ja, ich kann und will es nicht beſchwören, was ich nun er⸗ zähle; aber wahr iſt, daß es vor meinen Augen ſo aus⸗ ſah, als ob der Capitain ihn wieder hinabdrückte und anſtatt ihn heraufzuziehen, ihn unter das Waſſer hielt. Endlich aber brachte er ihn dennoch in das Boot und da ſagte er in immer gleichem Tone— Ihr wißt, Einer kann nie klug daraus werden, von welcher Seite bei ihm der Wind weht—:„Halwar,“ ſagte er,„es iſt aus mit dem Kerl: er iſt todt, mauſetodt, wir können ihm nicht weiter helfen!“ und ſo ließ er ihn wieder hinabgleiten; dabei aber blieb ihm der Geldbeutel zwiſchen den Fingern ſitzen; die Documente aber ließ er ihm, denn er beläſtigt ſich nie mit Dingen, die ihm Beſchwerde machen können. Und ſo reisten wir dießmal nicht weiter, denn ſeht, als ihm das Klingende entgegen gekommen war, ſo wollte er das Glück nicht weiter verſuchen.“. „Nun, Vater Halwar, wie groß, war denn Euer Antheil an dem Nachlaſſe des todten Schwimmers? denn man kann wohl begreifen, daß er todt war, als er Euch entgegen gefloſſen kam.“ Halwar ſtellte ſich, als verſtände er den groben Scherz gar nicht, ſondern ſagte nur als Antwort auf die Frage:„Er gab mir zehn Goldſtücke mit einem Kerl darauf, der Pfeile in der Hand hält.*) Aber ich ver⸗ grub ſie, ſobald wir an's Land kamen, an einer Stelle, wo ſie meines Erachtens in guter Ruhe waren, und dort mögen ſie liegen, bis ich todt bin, und vielleicht nachher auch noch, meine ich.“ „Seid Ihr toll und beſeſſen, Vater Halwar, daß Ihr Euch nicht von dem Erbe frohe Tage macht, anſtatt es in der Erde verroſten zu laſſen?“ „Uſch! meint Ihr, ich wollte dieſes Geld anrühren? Nein, ganz gewiß nicht!“ Rasmus und Tönne wechſelten einen Blick voll un⸗ begrenzter Verwunderung. „Wenn Ihr ſo leckerer Natur ſeid,“ ſagte der Letz⸗ tere,„wie könnt Ihr da mit dem Capitain Holgerſen ſegeln, und das noch dazu, wie es ausſieht, ſehr gerne?“ „O, das verſteht Ihr nicht: es iſt nicht Alles hier in der Welt ſo, wie es ausſieht, und Vieles ſieht man gar nicht. Aber ſeht, als meine Mutter(Gott erfreue ihre Seele) vor meiner Geburt in den letzten Tagen ging, ſo erblickte ſie einen großen, grimmigen Wolf, der ſie unmenſchlich erſchreckte. Es war ihr, als wollte er ihr Blut trinken, und das hätte er wohl auch gethan, wenn keine Hilfe dazwiſchen gekommen wäre. Nun gut; es ging ſo, wie es nicht anders gehen konnte: als ich gleich darauf zur Welt kam, ſo biß ich um mich wie ein⸗Wolf, und ſo erhielt ich ein wildes Gemüth und konnte Blut und andere Abſcheulichkeiten ſehen, ohne zu erſchrecken. Aber ſeht, Sündengeld anrühren, das kann ich nicht, denn meine Mutter war eine ehrliche und rechtſchaffene Seele und ſagte noch kurz vor ihrem Tode zu mir: *⁴) Das Gepräge der holländiſchen Ducaten. Anmerk. d. Verf. „Ha Dir beko herr fiel lohn. wiß, betrit habe es un Poten der ſi — li Rasn darau nun, ſolche ver g die H kann wuth als w .„ einen 7 aber ſ mir ſe Nun kommt ſegel S Der un⸗ Letz⸗ erſen ne?“ hier man freue ging, ſte r ihr venn 3 es leich Volf, Blut ꝛcken. richt, ffene mir: rf. 17 „Halwar!“ ſagte ſie,„wenn du hungern mußt, ſo friſte Dir das Leben lieber mit dem Allerſchlechteſten, das Du bekommen kannſt, als daß Du mit ungerechtem Gut herrlich und in Freuden lebſt.““ „Und das habt Ihr gehalten, kann ich mir denken,“ fiel Tönne mit einer gemeinen Fratze ein. „Das denke ich, denn ich nehme meine ganze Ab⸗ lohnung in Fiſchen, die ich ſelbſt verkaufe.“ „Ja ja, ſo ſo verſteht ſich!— die Fiſche ſind ge⸗ wiß, von ehrlicher Herkunft. Was aber die Bataillen betrifft, in denen Ihr eure Wunden erhieltet!... „Denkt Ihr denn, daß ich ſie nicht ehrlich erhalten habe? Mann gegen Mann, das iſt Krieg, und ſo geht es unter Soldaten und Offizieren und Königen und großen Potentaten zu; doch in aller Stille einen Menſchen, der ſich nicht vertheidigen kann, todt zu ſchlagen— pfui — lieber hiebe ich mir die Fauſt ab““ „Ihr ſeid ein ſonderbarer Mann, Halwar,“ ſagte Rasmus nachdenkend;„und ich kann nimmermehr klug daraus werden, wie Ihr ein ſolcher geworden ſeid... nun, nun! nehmt nur das Confect nicht übel auf: ein ſolcher... gleichviel— Ihr verſteht!... Ihr habt Pul⸗ ver gerochen und Blut dazu.“ „Nie anders, als wenn der verteufelte Wolf mich in die Haare zauste: da... Jeſſes!... der Capitain ſelbſt kann nicht ſchrecklicher ſein, als ich, wenn die Wolfs⸗ wuth über mich kommt: ich bin fürchterlich— ich bin als wäre ich wild!“ „Sollte wohl die Mutter des Capitains nicht auch einen ſolchen Graufuß geſehen haben?“ „Nein, mit ihm iſt's etwas ganz Anderes; da er aber ſein Theil auch hat, das ihn zieht, ſo kommt es mir ſo vor, als gehörten wir gleichſam zu einander.. Nun aber ſtopp mit dem Geplapper: 14) ſehe was da kommt— ſetzt die Flaſche weg und zieht das Treib⸗ ſegel ein!“ Sobald Halwar mit der wieder angenommenen Der Jungfernthurm. I. 2 Würde eines Vorgeſetzten dieſe Befehle ertheilt hatte, trat er an die Kajütenthüͤre und rief hinunter! „Capitain, Wind aus Weſten!“ Gleich darauf erſchien Holgerſen auf dem Verdecke. „Zieht zwei Reffe an dem großen Segel ein und ſetzt nur den Klüwer für's Erſte bei: ehe eine halbe Stunde vergeht, haben wir eine friſche Kühlte. Halwar, Du kennſt die Schute: ſie iſt ein gutes Segelboot, trägt aber bei ſtarken Winden keine Toppſegel— es kann leicht ein Sturm kommen.“ „Die Schute kenne ich ſo gut wie mich ſelbſt, Herr Capitain, und ich denke, wir ſetzen auch die Focke ge⸗ refft auf.“. „Thu' das und ſteure ſüdſüdweſtlich, oder dem Winde ſo nahe wie möglich!“ „Gut, Capitain!“ „Holgerſen ging wieder hinunter und bald war de Mitburger in voller Fahrt nach der angegebenen Him⸗ elsgeende er jetzt in die Kajüte hätte blicken können, dar würde einen ſonderbaren Anblick gehabt haben: di düſtere, hartherzige, eſtählte Mann ſaß mit geſenkten Haupte, gebeugtem kuthe und gefalteten Händen veor dem Tiſche, auf welchem zwei Briefe ausgebreitet lagen, Dieſe, mit einer feinen und ſchönen Damenhand ge⸗ ſchriebenen Briefe trugen mehre Spuren von Thräng an ſich; ob aber dieſe Thränen ihr gehörten, welche di Briefe geſchrieben hatte, oder ihm, der ſie erhalten hatte wer wußte das?— Vielleicht die ſtummen Wände in der Kajüte des kühnen Freiſeglers. war hin welch unbe vorn wenn worte einig an blieb verlo beide . 4 ſeinen Halw 7 „ f könnt e, trat erdecke. in und halbe Halwar, , trägt n leicht ſt, Herr ocke ge⸗ a Winde war der en Him⸗ ien, da den: da geſenkten iden vor et lagen, hand ge Thräng velche di ten hatte Vände in 19 Drittes Capitel. Während der Hundewache. Um Mitternacht hatte der Wind zwar zugenommen, war aber keineswegs in Sturm übergegangen, wogegen hin und wieder ein Regenſchauer den dichten Nebel, welchen Halwar ſchon bemerkt hatte, noch dichter machte. An dem Steuerruder ſaß der alte Seemann eben ſo unbeweglich und ſtill, wie das Bild des heiligen Olof vorne an dem Gallion, während die jungen Matroſen in ſichtbares Nachdenken verſenkt, ſich in die Kappe lehnten. Die Südweſte(Hüte) und die mit Oel beſtrichenen Röcke machten, daß ſie wenig auf die Unannehmlichkei⸗ ten des Wetters Achtung gaben. „Rasmus! geh' Du nach vorne und halte Ausguck — Tönne kann zu Koj gehen, bis ich ihn purre!“ ſagte Halwar, indem er gleichſam aus einem wachenden Traume, vielleicht auch von einem Schläfchen erwachend, ſich aufrichtete und um ſich blickte. „Wozu ſollte es wohl dienen Ausguck zu halten, wenn man nicht Hand vor Augen ſehen kann?“ ant⸗ wortete Rasmus, ohne ſich von der Stelle zu bewegen. Halwar ſchwieg, denn er fand die Anmerkung richtig; einige Minuten ſpäter wiederholte er aber den Befehl an Tönne, verwundert, daß dieſer auf dem Verdecke blieb, obgleich er keine Wache hatte. „Ich fühle, daß ich heute nicht ſchlafen kann, darum verlohnt ſich's der Mühe nicht zu verſuchen!“ „„Was iſt Euch denn angekommen? warum ſeid Ihr beide ſo niedergeſchlagen?“ „Wißt Ihr was! Halwar?“ ſagte Tönne, indem er ſeinen Platz verließ und ſich ſo dicht wie möglich an Halwar drängte,„uns iſt etwas begegnet!“ „Was denn? Ich habe nichts bemerkt.“ „Aber Rasmus und ich, wir haben bemerkt— könnt Ihr rathen was?. Seht, als wir das Treibſegel 2* einziehen wollten, ſo lag die Meerfrau in der Mitte, und als wir anfingen zu ziehen, ſo hielt ſie mit aller Macht die Leike*) feſt, als wollte ſie uns das Segel aus der Hand reißen. Ich konnte nicht anders ſehen, als daß ſie Arme und Hände hatte, wie ein Menſch, und die Augen leuchteten ihr accurat ſo im Kopfe wie Sterne... ja, Rasmus hat's auch geſehen!“ „Still, Jungen!“ fiel Halwar ein, und ſeine Stimme verrieth ein nicht unbedeutendes Zittern.„Auch ich habe ſie einmal geſehen... es war im mittelländiſchen Meere... und dieſer Anblick brachte uns Unglück, denn noch an dem nämlichen Abend ſiel ich von der Marsraa auf das Verdeck und brach ein Bein, und der Capitain an Bord — ich ſegelte damals mit einem Dänen— ſtarb in der⸗ ſelben Woche. Seit der Zeit habe ich ſie, Gott ſei Lob und Dank! nie wieder in meinem Fahrwaſſer gehabt. Nun aber fürchte ich, daß uns ein Unglück bevorſteht— wir haben den morgenden Tag noch nicht geſehen!“ „Kein Menſch ſoll von mir ſagen,“ begann jetzt Rasmus, der bisher geſchwiegen hatte,„daß ich mich von einem Weibsbilde habe ſchrecken laſſen, und wäre es auch die Meerfrau in eigener Perſon geweſen... Nun aber wollen wir keine Reden über ſie länger halten, ſondern ſagt Ihr uns lieber, Halwar, was Ihr meintet, da Ihr ſagtet, daß auch der Capitain ſein Theil hätte, das ihn zoge— es wäre recht ſchön, hinter dieſe Ge⸗ ſchichte zu kommen!“ Und ganz unvermerkt kam nun auch Rasmus dem Steuermanne, oder vielleicht eher dem Lichte im Nacht⸗ häuschen näher: alles Uebernatürliche wirkt auf die Ge⸗ müther der Seeleute, und wären dieſe auch aus noch ſo harten und groben Beſtandtheilen zuſammengeſetzt. Fünf ſolche Kerle, wie er ſelb, würden dem Ras⸗ mus keinen Schrecken eingeflößt haben; doch einer Offen⸗ barung der Meerfrau konnte er nur einen ſcheinbaren Muth entgegenſetzen. *) Leik⸗Tau. zu ur neue zur. lauſch dem durch brau⸗ erſten grof Leben verflu als n gerat net,“ getra als i alte Sohn lich r Welt. ſein, gott daß i Arbei Mantꝛ brauc nicht oft ſo luſtig. Kopfe ſpielte zuhiel und f und Kacht 3 der daß d die ie... mme habe re... h an f das Bord t der⸗ i Lob ehabt. ht— 4 jetzt mich wäre en... aalten, eintet, hätte, e Ge⸗ s dem Nacht⸗ e Ge⸗ doch ſo Ras⸗ Offen⸗ nbaren 21 Halwar zeigte ſich nicht unzufrieden, das Geſpräch zu unterhalten,„denn“— ſo ſagte er, indem er eine neue Tabaksrolle ordnete—„die Wache iſt lang und zur Herbſtzeit eben nicht angenehm.“ Die jungen Männer ſperrten die Ohren auf, um zu lauſchen, und die ganze Gruppe im Achtertheile glich dem Schatten in einer Laterna Magica. Das Meer war durch den dichten Nebel gar nicht zu ſehen, aber es brauste dumpf unter dem Kiele des Fahrzeuges. „Ihr ſollt wiſſen, unſer Capitain erlebte in ſeiner erſten Jugend ein großes Unglück(wenn ich ſage: ein großes, ſo meine ich ein ſolches, das für die ganze Lebenszeit Bedeutung hat): er wurde von ſeinem Vater verflucht, und von dem Augenblicke an iſt er ganz ſo, als waͤre er unter die eigene Vormundſchaft des Satans gerathen.“ „Hu! Gewiß iſt mir auch etwas von dem begeg⸗ net,“ flüſterte Tönne;„doch eine ſolche Laſt habe ich nie getragen; denn mein Vater war nicht im Geringſten beſſer als ich.“ „Ich glaube kaum,“ entgegnete Halwar,„daß der alte Holgerſen aus beſſerem Holze gemacht war, als der Sohn, aber er war ein fürchterlich geiziger und ſchreck⸗ lich rechtſchaffener Herr— wenigſtens in den Augen der Welt. Was er übrigens war, das laſſe ich ungeſagt ſein, doch nicht darum, weil ich glaube, daß unſer Herr⸗ gott ihn zu ſeiner Rechten ſtellt... Ihr ſollt wiſſen, daß ich des Winters bisweilen bei dem Patron Holgerſen Arbeit hatte; es war ein gar mächtiger und reicher Mann in einer großen Stadt, die ich nicht zu nennen brauche, weil es einerlei ſein kann... genug, ſie lag nicht in der Nähe von Molde. Und da traf es ſich denn oft ſo, daß ich dem Herrn Arne, der damals ein junger, luſtiger Burſche war und mancherlei Jugendſtreiche im Kopfe hatte und ſeinem Vater herzlich gerne einen Poſſen ſpielte, weil dieſer den Deckel des Geldkaſtens allzufeſt zuhielt, daß ich, ſage ich, dem Herne Arne aufwarten und für ihn ausgehen mußte.“ „Und Ihr halft ihm wohl auch bisweilen, Vater Halwar?“ „Nein, damals hatte er andere Helfer: er lag im Complott mit dem jüngſten Buchhalter und einem andern Schlingel, ich weiß nicht, was er war. Sie verführten ihn dazu, daß er Würfel ſpielte um ſeine Uhrkette, die von dem reinſten Golde war, und die er von ſeinem Großvater erhalten hatte.“ „Nun, wie endigte denn das Spiel?“ „So, daß die Uhrkette ſpringen mußte. Nun wurde es ihm heiß um die Ohren, und er hatte großen Kum⸗ mer, wie er die Kette wieder auslöͤſen ſollte, denn der Alte ließ ſie ſich oftmals zeigen, um gewiß zu ſein, daß ſie noch vorhanden war; aber er nahm ihm weder die Kette noch auch die Tuchnadel weg, welche in der Mitte einen großen Diamantenſtein hatte; denn es gefiel ihm, daß die Leute ſehen konnten, daß Arne der Sohn des reichen Holgerſen war.“ „Um ſo ärger war er nun in der Klemme.“ „Ja wohl; und er hatte noch keinen Ausweg finden können, um heraus zu kommen, als der Alte zu ihm ſagte:„Arne, ich ſehe die Kette des Großvaters nicht— zeige ſte mir einmal!“ „O weh!“ „„Ich habe ſie weggelegt, Vater,““ antwortete augen⸗ blicklich der ſchelmiſche Junge,„„denn ich meine, ſie iſt allzu koſtbar, um ſie alle Tage zu tragen; wenn Ihr es aber wollt, ſo nehme ich ſie morgen wieder um...““ „Thu' das, mein Sohn!“ antwortete der Alte— er wußte recht gut, was er ſagte— denn eine ſolche Koſtbarkeit iſt nicht ſo leicht zu ſtehlen, wenn Einer ſis am Leibe trägt.“ „Verteufelt fein!“ „Ja, den Mann nahm Keiner wieder auf, wo et ihn hinſetzte: er hatte eine feine Witterung; und Arne mochte es anfangen wie er wollte, ſo mußte er mit der Kette heraus. iejenigen aber, welche ſie gewonnen hatten, ließen ſie nicht wieder los: ſie wollten unbedingt Geld teten wohl mög doch wohl mit zwei allen es n die i iſt, Und auf Mal und nach verſt wort ter l vorp nen in ſe tulle in e gleic ande Arm tulle hera über den. ob Vater ig im undern ührten e, die ſeinem wurde Kum⸗ in der 1, daß der die Mitte l ihm, )n des finden zu ihm licht— augen⸗ ſolche iner ſie wo er d Arne mit der wonnen abedingt 23 Geld haben oder auch behalten was ſie hatten, da fruch⸗ teten weder Düohungen noch Bitten.“ „Wie zum Henker half er ſich denn, das möchte ich wohl hören!“ ſagte Rasmus und beugte ſich ſo weit wie möglich vorwärts. „Jetzt kommt das Unglück! Er verſuchte zu leihen, doch kein Menſch wollte ihm helfen, denn ſie wußten wohl, daß er nichts hatte, ſo lange der Alte lebte, wo⸗ mit er ſeine Schuld abtragen konnte. Da, in der Ver⸗ zweiflung und im Aerger, und in der Betrübniß und in allem Uebrigen, was Einer wohl begreifen kann, ging es nicht beſſer, als daß er auf eine Stimme lauſchte, die ihm ins Ohr flüſterte:„Wenn Dein Vater ſo geizig iſt, daß Du Dir gar nicht zu helfen weißt, ſo...“ Und damit war das Feld angegeben; denn es geht immer auf die Weiſe: wenn Einer den Verſucher nicht das erſte Mal abſchnauzen kann, wenn er die Naſe hineinſtecken und Einen in die Falle locken will, ſo geht Einer her⸗ nach wider Willen hinein, ohne es zu merken— das verſteht ihr gewiß recht gut.“ Weder Rasmus noch Tönne gaben eine direete Ant⸗ wort hierauf; doch jener zwang ein ſchneidendes Geläch⸗ ter hervor, während dieſer einen ſchweren Seufzer her⸗ vorpreßte. Halwar fuhr fort:„Außer dem mit Eiſen beſchlage⸗ nen Geldkaſten, der ſich nicht öffnen ließ, hatte der Alte in ſeinem Schlafzimmer auf einer Commode eine Scha⸗ tulle feſtgeſchraubt. Nun gut; an dem Abende, da er in einer ſchönen Zuſammenkunft war— er hatte der⸗ gleichen faſt immer, bald zu dem einen, bald zu dem andern guten Zwecke, zum Beſten der Stadt und der Armen— an einem Abende öffnete Herr Arne die Scha⸗ tulle mit einem Dieterich und nahm ſich ſo viel Geld heraus, als er brauchte, und wohl noch ein wenig dar⸗ uͤber, meine ich; denn nachdem er der Schande einmal den Kopf abgebiſſen hatte, nahm er es nicht ſo genau, ob es ein paar Species mehr oder weniger waren. ———— Darauf warf er den Deckel wieder zu, ſo daß nichts zu merken ſein ſollte.“ „Nun, Halwar! wonach ſeht Ihr Euch um?“ „Ich wundere mich nur darüber, daß er das Licht dort unten nicht auslöſcht— er ſchläft nie recht gut!“ „Laßt ihn wachen, wennn ihm das beſſer gefällt— fahrt nur fort!... er warf den Deckel zu, ſagtet Ihr?“ „Ja, und der Alte merkte an dieſem Abende nichts, weil er zufällig nicht dahin kam. Am folgenden Tage aber, als er eben im Begriff war, einen ganzen Reichs⸗ bankthaler hervorzuſuchen und ſeinem Sohne gleichſam zum Erſatz dafür zu ſchenken, daß er hinſichtlich der Kette Etwas geargwohnt hatte, da könnt Ihr glauben, ließ die Glocke ihre Stimme erſchallen: er war ganz unſinnig, als er zwei Zettelbunde vermißte; er lebte und regierte wie ein Türke, und ſchwur, er wollte denn Dieb heraus⸗ haben und hätte er ſich in einem Schlüſſelloche verſteckt.“ „Und Herr Arne?“ „In dem Schrecken, daß die Wahrheit an's Licht kommen und er für ſein ganzes Leben gebrandmarkt werden würde— er kannte die Gemüthsart ſeines Vaters— ging er zu ihm, ſchloß die Thür hinter ſich zu... und ſeht, was nun kommt, das kann ich mit der Hand auf der Bibel beſchwören, denn ich kam in demſelben Augen⸗ blick mit einer Tracht Brennholz gegangen, und da ich nicht einkommen konnte, ſo blieb ich draußen ſtehen.“ „Ihr hörtet alſo?— vielleicht ſchieltet Ihr durch das Schlüſſelloch?“ „Nur ein wenig. Er warf ſich vor dem Alten auf die Kniee, ſo daß er wie ein Hund im Staube kroch; er ſchluchzte acceurat wie ein Kind und ſagte:„Vater, ich habe auf zwiefältige Weiſe gefehlt; zuerſt habe ich die Kette des Großvaters verſpielt, und dann habe ich Euch beſtohlen, um ſie wieder einzulöſen. Aber ich bin durch die Angſt und die Reue, welche ich ſeit geſtern Abend empfunden habe, ſo beſtraft, daß Ihr wohl barmherzig gegen mich ſein könntet... ſaget Ihr, daß Ihr Euch verrechnet habt, ſo ſchwöre ich Verzeihet Ihr mir und bei C die de nie w mich, wollt laßt fo! T Vater wilder mein nun e die ge breche für m man Worte und e Alten könner 8— ver ſchrie von 2 ſtehen gelade hinger wie er nehmt habt- verant habt, zeigen habt 4 vogel! eine L Schrec gib m hhts zu Licht gut ällt— Ihr?“ nichts, Tage deichs⸗ ichſam Kette eß die innig, egierte eraus⸗ teckt.“ Licht verden rs— . und d auf lugen⸗ da ich n.“ durch n auf ch; er r, ich ch die Euch durch Abend herzig und re ich 25 bei Gott dem Vater im Himmel und bei der Mutter, die dort ſchon eingegangen iſt, daß Ihr mich nie, nein nie wieder auf einem böͤſen Wege finden ſollet! Peitſcht mich, tretet mich mit Füßen, thut mit mir, was Ihr wollt; macht nur mein Verbrechen nicht bekannt und laßt es keinen Menſchen merken— denn da...“„Ach ſo! Du falſche Canaille, Du Rabe, Du droheſt Deinem Vater noch obendrein!“ brüllte der Alte gleich einem wilden Thiere.„Aber haſt Du geſpielt und haſt Du mein Geld geſtohlen, um Dir zu helfen, ſo magſt Du nun auch ſelbſt ſehen, wie Du durchkommſt! Du magſt die geſetzliche Strafe leiden, denn ich hege keinen Ver⸗ brecher in meinem Hauſe— einen Dieb erkenne ich nicht für meinen Sohn!““ „Es war wirklich Schade um den Herrn Arne— man muß Mark in den Beinen haben, um bei ſolchen Worten das Stehen zu behalten?“ „„Vater, Vater! Ihr werft mich alſo in zeitliche und ewige Verdammniß?““ Er umfaßte die Kniee des Alten und bat ſo, daß es Stock und Stein hätte bewegen können; doch der alte Holgerſen wurde nur noch erboster; er verlor nun ſein Bewußtſein und ſeinen Verſtand und ſchrie wie ein Verrückter von Wache, von Magiſtrat und von Bürgermeiſter, ſo daß die Leute auf der Straße ſtehen blieben. Da riß der junge Arne eine von den geladenen Piſtolen des Alten, die immer über dem Bette hingen, von der Wand herunter, und ſagte ſo eiskalt, wie er von dem Augenblicke an zu reden pflegt;„Vater, nehmt Eure Worte zurück: ſagt, daß Ihr Euch geirrt habt— oder Ihr mußt es vor Gott und meiner Mutter verantworten, daß Ihr mich zum Selbſtmörder gemacht habt, und Jedermann wird mit den Fingern auf Euch zeigen, daß Ihr Euer eignes Fleiſch und Blut geopfert habt!. Jetzt möget Ihr wählen!...““„Galgen⸗ vogel!“ ſtotterte der Alte und wurde vor Wuth blaß wie eine Leiche im Geſicht,„ich...“ er ſtotterte, denn der Schrecken raubte ihm die Stimme,„ich will ſchweigen... 7 gib mir die Piſtole!“ „Seht Ihr? er wurde zu allerletzt doch mit ihm fertig. Wie ging es aber dann?“ „So, daß Arne, der nun keine Betrügerei arg⸗ wohnen konnte, dem Alten ganz demüthig die Piſtole reichte. Kaum aber hatte dieſer ſie eingeſchloſſen und den Schlüſſel in der Hand, ſo riß er das Fenſter auf und ſchrie: „Ein Dieb... ein Dieb... Einbruch! Jetzt mag das Geſetz ſeinen Gang gehen! Ich bin ein rechtſchaffener Mann und weiß von keinem Sohne mehr; und anſtatt des Erbes, von dem Du nie einen Pfennig bekommſt, gebe ich Dir meinen Fluch!“ „Ein ſolcher Schurke!“ Rasmus ballte die Fauſt vor Verdruß, während Tönne ſeine Theilnahme in einem leiſe ausgeſprochenen:„Jeſus, mein Vater!“ ausdrückte. „„Ha! Ihr habt mich betrogen!“ rief Arne aus; „„Ihr werft mich trotz meiner Reue und meiner Bitten hinaus auf den Weg des Verbrechens!.. Jetzt ver⸗ fluche auch ich Euch, und daran ſollt Ihr denken in Eurer Todesſtunde!...““ Und ehe ich mich aus der Stelle bewegen konnte, wo ich draußen ſtand, als wäre ich in einen Stein verwandelt worden, ſo flog die Thüre auf und Arne ſtürzte wie ein Blitz an mir vorbei, hinaus in die dunkle Nacht, verfolgt von der Wache, welche ſchrie:„Haltet den Dieb feſt!“ Aber Niemand hielt ihn feſt, und Niemand hörte weiter Etwas von ihm— es war als wäre er von der Erde verſchwunden; und als mehre Jahre ſpäter der ehrliche und rechtliich den⸗ kende Mann, der ſeinen eigenen Sohn verrathen hatte, auf dem Todbette lag, ſo teſtamentirte er ſein ganzes Vermögen zu ſolchen Zwecken, die ſeinem Namen ein langes Leben voller Segen und Erzählungen von ſeiner Rechtſchaffenheit verſchaffen konnten... Nun, nun, ich hoffe, unſer Hergott ließ ſich nicht täuſchen!“ „Aber, wo in aller Welt war denn unterdeſſen der Capitain geblieben?“ „Er hatte eine lange Wanderung über die Gebirge gemacht, und ſo wie er von Kälte und Hunger oder von dem Mißtrauen und der Bosheit der Leute litt, ſo wurde ſein( wäre in Ar cherlen genau der n und d eine e anfan nahm cherle ſagen F Sünd in die mh na Vater retten für C ich h. murm jüngſt worten nung 7. Frau lich it eine daß ſ ein R men, iſt ein Anver Onkel fragte it ihm i arg⸗ Piſtole und den ſchrie: ig das haffener anſtatt ommſt, 2 Fauſt meinem drückte. je aus; Bitten tzt ver⸗ nken in r Stelle ich in üre auf hinaus welche ielt ihn 2— es und als ch den⸗ n hatte, ganzes ien ein ſeiner un, ich ſſen der Gebirge dder von o wurde 27 ſein Gemüth immer härter, bis es endlich wurde, als wäre es von Stahl geweſen. Eine lange Zeit reiste er in Amerika umher und iſt dort gewiß auch bei man⸗ cherlei Dingen mit geweſen— dieß weiß ich nicht ſo genau— als aber der Vater todt war, ſo kam er wie⸗ der nach Norwegen, aber nach einer andern Gegend, und da hatte er ſchon ſo viel Geld geſammelt, daß er eine eigene Schute kaufen und einen Schmuggelhandel anfangen konnte. Zu jener Zeit ſtieß er auf mich, ich nahm Miethgeld von ihm, und nachher haben wir man⸗ cherlei Abenteuer mit einander gehabt.“ „Und Kniffe ebenfalls, um nichts Aergeres zu ſagen?“ „Er war in dem Augenblicke, da er als ein reuiger Sünder zu den Füßen ſeines Vaters lag, wie ein Hund in die Welt hinausgeſtoßen worden. Dieſer Augenblick machte ihn wild, ſo daß er hernach niemals mehr dar⸗ nach fragte, was er vornahm, wenn er nur, gleich dem Vater, vor der Welt den Schein eines ehrlichen Mannes retten konnte. Er hat einen ſchrecklichen Sinn! Alles für Geld— er will reich werden, wie der Vater. Und ich habe mehrmals zugehört, wie er bei ſich ſelbſt ge⸗ murmelt hat, wenn er allein zu ſein glaubte:„An dem jüngſten Tage ſollſt Du mir meine Verbrechen verant⸗ worten helfen— das ſollen Deine Zinſen für die Rech⸗ nung ſein!“ „Aber die Leute ſagen ganz beſtimmt, daß ſeine Frau viel über ihn zu ſagen hat.“ „Das iſt wahr genug; doch ſie kann ihm unmög⸗ lich in's Herz ſehen: vor ihr lügt er ſich weiß, weil er eine ſo ſtarke Liebe gegen ſie hegt, daß er nicht will, daß ſie wiſſen ſoll, wie ſchwarz er iſt, ja ſchwärzer als ein Rabe. Er hat ſie weit weg im Auslande bekom⸗ men, wo ſie bei einer ſchwediſchen Herrſchaft war— ſie iſt eine geborne Schwedin— und da ſie keinen einzigen Anverwandten in der Welt hatte, außer einem alten Onkel in Holland, der nicht für zwei Stüber nach ihr fragte, ſo hörte ſie dem Capitain zu, der ein hübſcher Kerl iſt, und beſann ſich nicht lange auf das Anerbieten, ſondern ging als Frau mit ihm nach Molde, wo er ſich vor Kurzem niedergelaſſen und den Ruf eines guten Mitbürgers erworben hatte. „Und nun lebt ſie alſo glücklich mit ihm?“ „Gott weiß— damit ſteht's wohl ſo und ſo; kein Menſch verſteht ſich darauf, wie ſie's haben. Sie iſt nicht immer freundlich gegen ihn, obgleich er ſie immer auf ſeinen Händen tragen möchte; aber vor den Kindern, dieſen Engeln Gottes, dieſen drei kleinen Mädchen, vor ihnen hegt er eine wahre Scheu— er weiß recht gut, wie er es mit ſeinem Gewiſſen hat. Und ſeht, es gehört viel dazu, Kindern gerade in die Augen zu ſehen: es iſt gerade ſo, als ſäße Gott der Vater ſelbſt da und blickte durch einen kleinen Spiegel heraus. Und wenn die kleine Roſa, die Kleinſte des Capitains, mir ihre kleinen weißen Tatzen entgegenſtreckt, ſo danke ich Gott immer, daß ich nicht geheirathet habe, und das ſollte auch Keiner thun, der ſich nicht klar machen kann, wenn unſer Herrgott ihn zu Buch führt.“ Nach dieſen Worten Halwar's, die er mit einer ſol⸗ chen Stimme ausſprach, daß ſie ſogar dem Scherze auf den Lippen der Gefährten Schweigen gebot, gerieth das Geſpräch in's Stocken, und noch hatte Keiner, in eigene Gedanken vertieft, dieſes Schweigen gebrochen, als plötz⸗ lich ein fürchterliches Krachen, ſo ſtark wie zehn vereinte Donner, ſich vernehmen ließ, und ein Stoß darauf folgte, daß das Fahrzeug in ſeinen innerſten Fugen er⸗ ſchüttert wurde und die drei Seeleute zu Boden ſtürzten. Viertes Capitel. Nordſee⸗Fiſcherei zur Nachtzeit. „Tod und Teufel! Wir ſind in der Dunkelheit mit einem andern Satan zuſammengeſtoßen! Gab ich Euch nicht gerſen herau 9 zöſiſch Plank F Lage ſcharf einer hatten cher d mehr liche; Raunm ſuchen ich ü 2 ten, r aber d „nicht es iſt meine uns n anma laſſen. ſtüber ſetzlich Umſta rbieten, er ſich guten o; kein Sie iſt immer Lindern, en, vor cht gut, s gehört hen: es da und d wenn iir ihre ch Gott ¹s ſollte n, wenn ner ſol— erze auf teth das meigene ls plötz⸗ vereinte darauf igen er⸗ rzten. heit mit ch Euch 29 nicht den Befehl, die Laterne zu hiſſen?“ donnerte Hol⸗ gerſen, indem er vollkommen angezogen aus der Kajüte heraufgeſtürzt kam.„Die Aexte her!! Rasmus, der zuerſt wieder auf die Beine gekommen war, eilte nach vorne und rapportirte: „Keine Gefahr mit der Schute, Herr Capitain; wie es aber mit dem Kameraden ausſieht, das weiß ich nicht. So viel ich ſehen kann, ſind wir mit dem Buge mitten auf die lange Seite geſtoßen und unſer Klüwerbaum iſt in ſeiner Takelage unklar geworden.“ Die letzten Worte wurden übertönt von einer ſtar⸗ ken Stimme, die auf dem andern Fahrzeuge auf Fran⸗ zöſiſch ausrief:„Der Hund hat uns wenigſtens zwei Planken eingeſtoßen und der halbe Bord iſt zum T—l!“ Holgerſen hatte unterdeſſen mit eigenen Augen die Lage der Dinge beſichtigt; und dieſe Augen waren ſo ſcharf und geübt, daß ſie ſogar die düſtere Dämmerung einer regnigten Septembernacht durchdrangen; daher hatten ſie ihm auch bald einen Umſtand offenbart, wel⸗ cher durch die ausgeſprochenen franzöſiſchen Worte noch mehr verſtärkt wurde und welcher machte, daß der natür⸗ liche Zorn und die eben überſtandene Angſt Gefühlen Raum gab, deren Sympathien man nur bei dem Raubthiere ſuchen darf, wenn dieſes unvermuthet Gelegenheit findet, ſich über eine längſt erſehnte Beute herzuwerfen. Mit einem Signal, welches ſie Alle ſo gut kann⸗ ten, rief er die Beſatzung nach dem Hintertheile. „Jungen!“ ſagte er im ſchnellen, eilfertigen Tone, aber dennoch ſo, daß ſie deutlich jedes Wort vernahmen, „nicht ſinken wir von einem Stoße gegen dieſe Cierſchale: es iſt das kleine franzöſiſche Ding— und wenn Ihr meine Meinung theilt, ſo weiß ich nicht, warum wir uns nicht die koſtbare Ladung, die er hat, eben ſo gut anmaßen können, als daß wir ſie zu Grunde gehen laſſen. Ich glaube kaum, daß er ſich nach dem Naſen⸗ ſtüber lange oben erhält. Auf jeden Fall iſt es unge⸗ ſetzliches Gut: mit einem Schmuggler braucht man keine Umſtände zu machen. Wollt Ihr einen Fang thun, ſo kommt und nehmt zu einer andern Arbeit, als zum Kap⸗ pen, die Aexte mit— wenn es nöthig ſein ſollte!“ „Wir kommen, Herr Capitain!“ war die dreiſtim⸗ mige Antwort. „Erſt aber ſeht zu, daß wir ein Ende feſtkriegen! Laßt das Vorderſegel und das große Segel herab, macht dann das Steuerruder luvwärts feſt— ich bin augen⸗ blicklich bei Euch!“ Der bedachtſame Chef auf dem Mitbünger ver⸗ ſchwand in der Kajüte, kam aber gleich darauf mit einem Säbel und zwei Piſtolen bewaffnet zurück. Alle Anordnungen, welche die Zeit geſtattete, waren nun getroffen, und fuͤrchterlich ſtampften die jetzt noch feſter zuſammengeketteten Fahrzeuge, als Holgerſen's Leute, durch den zur Stärkung reichlich eingenommenen Brannt⸗ wein zu einer ſchnellen Expedition noch mehr angereizt, zum Anfalle bereit ſtanden— Halwar nicht der Letzte, denn jetzt war„der Wolf“ mit Haut und Haaren in ihn gekrochen. Nach einigen in leiſem Tone ausgetheilten Inſtruc⸗ tionen rief der Capitain mit volltönender Stimme: „Klar zum Kappen!“ kletterte darauf mit den Uebrigen in ſeinem Gefolge das Bugſpriet entlang, und kam von den Wanten des erſehenen Opfers unbemerkt auf das Verdeck deſſelben, wo ſein erſtes von der allgemeinen Verwirrung begünſtigtes Geſchäft war, ſich an die Kappe zu ſchleichen, die Thüre derſelben zu verſchließen und den Schlüſſel in die Taſche zu ſtecken, um auf dieſe Weiſe einem Anfall von Denjenigen zuvorzukommen, welche möglicher Weiſe noch dort ſein konnten. Inzwiſchen hatte ein Schwanken des Schooners den Schein von einer in demſelben Augenblick angezündeten Laterne auf den Platz unter der in einander verwickelten Takelage geworfen, woſelbſt ein Mann von der franzö⸗ ſiſchen Beſatzung, ebenfalls mit einer Art bewaffnct hineilte, um ſeinerſeits die bindenden Taue zu kappen. Rasmus, der eben jetzt von dem Springſtag herab⸗ ſprang, hielt das Mandupre des Franzoſen für einen Angri waltig 6 gen 444 Lii c as gegebe 1 Mann glaub „ 6 blickli mit d lich; ſeines zeuge Woge welche Welle ſtande ſich d her o ten. Mant Verla und über 6 8 imme ( miſch riger und dieſes m Kap⸗ 19 reiſtim⸗ riegen! macht augen⸗ 1 er ver⸗ uf mit waren Brannt⸗ ngereizt, r Letzte, in ihn Inſtrue⸗ btimme; lebrigen am von auf das emeinen e Kappe zen und uf dieſe ommen, ners den zündeten wickelten franzö⸗ waffnet kappen. g herab⸗ ir einen. 31 Angriff gegen ſich, und ſtreckte mit einem einzigen ge⸗ waltigen Hiebe den Unvorbereiteten zu Boden. gegeben. Unmittelbar darauf ſtieß Holgerſen gegen einen Mann, deſſen Züge er in der Finſterniß zu unterſcheiden glaubte.„Halwar! biſt Du es?“. „Nein, Schurke!“ Es war der Steuermann des Schooners, und augen⸗ blicklich hatte dieſer den Norweger gepackt und verſuchte mit den Ellenbogen die Stöße zu pariren oder unſchäd⸗ lich zu machen, welche Holgerſen auf die Schultern ſeines Gegners zu führen ſuchte.. Ein fürchterlicher Zweikampf begann. Zufolge des gewaltigen Kampfes, den auch die Fahr⸗ zeuge mit einander führten, welche ſteuerlos durch die Wogen trieben und die Feſſeln zu zerreißen ſtrebten, welche ſie vereinten, war in dem ſchon bedeutenden Wellenſchlage ein bedeutendes Stampfen der Schiffe ent⸗ ſtanden. Holgerſen war ungewöhnlich groß, und konnte ſich daher nur mit Mühe aufrecht erhalten: er war da⸗ her oftmals gezwungen, ſich in der Takelage feſtzuhal⸗ ten. Sein Gegner, ein ſtarker und unterſetzt gebauter Mann, ſtand feſter, ein Vortheil, deſſen er ſich auch im Verlauf des Kampfes bediente, um den Seeräuber mehr und mehr an den Rand zu drängen, in der Abſicht, ihn öber Bord zu werfen. Holgerſen verſtand ſeine Abſicht, und ſeine Wuth wurde immer größer. Der Regen, welcher ſich mit dem vergoſſenen Blute miſchte, machte die ſchwankenden Planken noch ſchlüpf⸗ riger; doch das Rufen, das Angſtgeſchrei, das Geſtöhne und das Todesröcheln an den verſchiedenen Punkten, wo dieſes nächtliche Drama aufgeführt wurde, verſchmolzen — — immer mehr in den Melodien des Sturmes: die eine Stimme nach der andern erſtarb, noch immer aber dauerte der wilde Berſerkergang zwiſchen den beiden letz⸗ ten Kämpen fort. Jetzt ſteckte Holgerſen ſeinen Dolch zwiſchen die Zähne, um alle ſeine Kräfte zu einem letzten und ent⸗ ſcheidenden Verſuche zu ſammeln. Er faßte den Fran⸗ zoſen unter die Arme, hob ihn von dem Verdeck empor und ſtieß ihn mit einer ſolchen Kraft wieder herunter, daß Beide zu Boden ſtürzen, doch Holgerſen oben. In der nächſten Sekunde blitzte der Dolch von Neuem in ſeiner Hand, und nach einer Anſtrengung von einer hal⸗ ben Minute war der hurtige Steuermann auf„La belle Coquette“ ſeinem Capitain nachgefolgt. Der Seeräuber erhob ſich und holte tief Athem; er lauſchte nach allen Seiten. Alles war ſtill an Bord: außer dem Getöſe, das von dem Krengen der Schiffe verurſacht wurde, war kein anderer Laut zu vernehmen, als nur das Pfeifen des Windes in dem Tauwerk und in den Segeln— ein düſterer Trauergeſang über die gefallenen Kämpfer. Holgerſen lappte umher, um ſich von dem Aus⸗ gange des Kampfes zu überzeugen. Wenn dieſer Mann eines Gefühles mächtig war das der Reue glich, ſo betraf daſſelbe wenigſtens nur die Furcht, er könnte vielleicht nach dieſem kühnen Wageſtücke allein ſtehen in dieſer Welt voller Blut und Tod. Ganmf allein vermochte er hier gar nichts; Alles wäre daher vergeblich gethan geweſen; wenn aber ſein Muth bei dieſn Vorausſetzung ſank, ſo wuchs derſelbe ſchnell wieder, als er dicht bei der Kajüte auf eine Perſon, ſtieß, die mit gedämpfter Stimme fragte:„Sind Sie es, Herr Ca⸗ pitain?“ „Aha! biſt Du's, Halwar? Es ſieht ſo aus, als ob die Schute uns gehörte!“ „Ja, Herr Capitain; aber theuer iſt ſie erkauſt, Rasmus und Tönne liegen neben den Andern.... i wünſchte, daß ich auch dort läge!“ 7. — un hin u zum komm 4 fallen Knab und n und d dem ten he fragte net n zuflöß 7 Mein ſelbſt und i land den— der.. viel( len, keit m Vater den, mein nicht Was iſt eh Geſch 1 geſpri Der die eine er aber den letz⸗ chen die und ent⸗ n Fran⸗ k empor Herunter, en. In euem in ner hal⸗ La belle hem; er ſſe, das var kein iifen des — ein fer. i:m Aus⸗ tig war nur die ageſtücke d. Gamß re dahet bei dieſen eder, als die mit derr Ca⸗ aus, als erkauft; .. 33 „Jetzt haben wir mehr zu thun, als zu raiſonniren — und mit dem Philoſophiren magſt Du Dich ſpäter⸗ hin unterhalten. Hurtig an die Arbeit!... Aber was zum T— l iſt das für ein kleiner Satan? Woher kommt der?“ Kaum war dem wilden Capitain dieſe Frage ent⸗ fallen, ſo erhob ſich ein dreizehn⸗ oder vierzehnjähriger Knabe, der eben Halwar's Knie umfaßt gehabt hatte, und näherte ſich mit einer Faſſung, welche ſeine Jahre und die Lage, in welcher er ſich befand, weit überſtieg, dem Manne, der hier über Leben und Tod zu gebie⸗ ten hatte. 1 „Gehörteſt Du mit zu der Beſatzung, Junge?“ fragte Holgerſen mit einer Stimme, die nicht ſehr geeig⸗ net war, Vertrauen und noch weniger Hoffnung ein⸗ zuflößen. „Nein, Herr! Ich bin als ein Paſſagier an Bord. Mein Vater, der krank geworden war in Nantes, wo⸗ ſelbſt wir viele Jahre gewohnt haben, reist nun mit mir und meinem armen taubſtummen Bruder in unſer Vater⸗ land zurück. Wir ſind keine Franzoſen, wir ſind Schwe⸗ den— Sie ſind ein Norweger.... wir ſind Ihre Brü⸗ der.... ſchonen Sie unſer! Mein Vater hat viel Geld, viel Geld: er wird Ihnen ein ſo hohes Löſegeld bezah⸗ len, als Sie verlangen. Aber um Gottes Barmherzig⸗ keit willen laſſen Sie mich hinab in die Kajüte! Mein Vater iſt unterwegs immer ſchlechter und ſchlechter gewor⸗ den, und jetzt vielleicht vor Schrecken ſchon todt— und mein Bruder kann kein Wort mit ihm reden!“ „Sachte.... ſachte!... Du hätteſt die Kajüte gar nicht verlaſſen ſollen..... Wie heißt Dein Vater?... Geſchäfte mehr.“ „Wo warſt Du während des Kampfes?“ „Wo?— Ich habe hier gewartet. Ich war herauf⸗ geſprungen, als die Fahrzeuge an einander ſtießen; als Der Jungfernthurm. I. 3 ich zurückeilen wollte, fand ich die Thüre verſchloſſen, den Schlüſſel ausgezogen.... ‚aus Gnade, halten Sie mich nicht länger auf! Wenn Sie ſelbſt einen Va⸗ ter gehabt haben, ſo“... Der arme Knabe hätte kein unglücklicheres Wort äußern können, als daß er an die ſohnlichen Gefühle des Seeräubers appellirte. Ueberdieß war dieſem eine neue Idee durch den Kopf geflogen. „Still, Junge!“ fiel er barſch und dumpf ein:„Du mußt ſterben!“ „Nein, nein— das wollen Sie nicht!.... Neh⸗ men Sie unſer Geld, aber nicht unſer Leben!... Wir werden ſchweigen, ich verſpreche es!... Ich kann nicht ſterben, denn... mein Vater.. mein...“ Holgerſen, der ſich an die Bitten des Knaben gar nicht kehrte, hatte ſchon ſeinen mit Blut beſudelten Dolch erhoben, als plötzlich Halwar, welcher bis jetzt ſtill ge⸗ ſtanden hatte, ſo kühn war, ſeinem Vorgeſetzten in den Arm zu fallen und mit feſter Stimme zu ſagen: „Schonen Sie des Kindes, Herr!— Sie bereuen, was Sie thun! Mehr denn einen Mann haben Sie und ich im offenen Kampfe getödtet, und das iſt ſo ge⸗ weſen, als ſollte es ſo ſein— doch unſchuldiges Blut zu vergießen“... 1b Halbar Jenſen!“ fiel Holgerſen mit eiſiger Kälte ein,„ich bin Dein Capitain und ſage Dir, dieſer ein⸗ zige Zeuge muß aus dem Wege geräumt werden. Du weißt, wenn ich ein Wort geſagt habe, ſo ſteht die⸗ es feſt!“ Aber in demſelben Augenblicke, da der herzloſe Schurke den Todesſtoß ertheilen wollte, ſprang der Knabe ſchnell auf die Seite und war gleich darauf in der Dun⸗ kelheit verſchwunden. „Bleib hier als Poſten!“ befahl Holgerſen ſeinem Steuermann,„und gehe nicht vom Flecke, ſofern Du es nicht auf einen Kampf zwiſchen uns ankommen laſ⸗ ſen willſt! Ich weiß, was ich thue— hier iſt kein ein⸗ ziger Augenblick zu verlieren!“ —— ſſen, alten Va⸗ Vort ühle eine „Du Neh⸗ Wir nicht gar dolch ge⸗ den euen, Sie ge⸗ Blut Kälte ein⸗ Du die⸗ zloſe nabe Dun⸗ inem Du laſ⸗ ein⸗ 35 Und ohne ſich mit einer Unterſuchung aufzuhalten ob er auf die Leiche eines Freundes oder eines Feindes trat, eilte Holgerſen auf die Mitte des Schiffes und wollte eben die Laterne ergreifen, als eine kleine Mütze vor ſeinen Füßen niederfiel. „Aha— haber ich Dich dort?“ Der Blutmann blickte an den Maſt hinauf und gewahrte gegen das weiße Segel einen kleinen Fuß oberhalb der Fockraa. Augenblicklich riß er die eine Piſtole aus dem Gür⸗ tel, ging an das Gangſpiel, um das arme Opfer beſſer ſehen zu können; als er jedoch nun wieder emporblickte, ſo war der Knabe ganz verborgen auf der andern Seite des Maſtes. Gereizt durch ſeine getäuſchte Hoffnung, kehrte er zurück, um die Laterne zu holen. In ſeiner Angſt eilte nun der Knabe mit Hülfe der Taue an die Raa entlang, ohne an die Gefahr zu den⸗ ken, die der Lichtſchein brachte, und wollte eben die Toppenante ergreifen, als ſein Verfolger ihn entdeckte. Der Schuß brannte ab. Das Fahrzeug krengte in dieſem Augenblick nach der Leeſeite: die ſchlanke Geſtalt des Knaben ſchwankte einen Augenblick in der Luft und verſchwand darauf in der Tiefe. „Dieſe That, Capitain Holgerſen, wird Ihnen der⸗ einſt an dem Tage des Gerichts theuer zu ſtehen kom⸗ men!“ ſagte Halwar, als der Sieger, nachdem er mit der Laterne in der Hand das ganze Schlachtfeld genau unterſucht hatte, mit bleichen Lippen und einigen Schweiß⸗ tropfen auf der Stirne zu ihm zurückkehrte. „Schweig!... Hier gibt's Anderes zu thun: wäre der Unglücksvogel in der Kajüte geblieben, ſo lebte er noch. Aber nun hatte er Alles geſehen, alſo konnte er nicht unter den Lebendigen bleiben, wenn ich ſelbſt es wollte.“ Halwar antwortete nicht. „Du weißt, Du hörteſt, daß dort unten noch Zwei ſind: ſie wiſſen nichts. Wir brechen de Kajüte auf — ——— 2. und retten ſie— verſtehſt Du: wir retten ſie— aus der Hand derjenigen Seeräuber, welche das Fahrzeug übermannt und die Beſatzung gemordet haben. Als wir ur Hülfe herbeieilten, ſo ergriffen die Schurken die Plucht ſchoſſen aber erſt meine Leute nieder.“ „O Herr— Sie ſind fürchterlich!“ „Er hat viel Geld, viel Geld, und ich bringe ihn nach Molde.... Zwei Menſchen durch uns gerettet— begreifſt Du den ganzen Vortheil eines ſolchen Zufal⸗ les? Doch ſchnell!... er muß ſich noch einen Au⸗ genblick gedulden— erſt müſſen wir die Stückgüter ein wenig beſehen!“ Eine Antwort, die nicht von Halwar, nicht von menſchlichen Lippen kam, machte, daß Holgerſen zuſam⸗ menfuhr und einen Blick faſt voller Entſetzen auf ſeinen Mitſchuldigen warf. Es war ein plätſchernder Laut, der ohne die ge⸗ ringſte Zweideutigkeit die Verſicherung gab, daß La belle Coquette ihre reiche Laſt mit ſich in das weiche Bett nehmen würde, das ſie ihrem Befehlshaber und ihren übrigen Vertheidigern bereitete. „Himmel und Hölle!— Sie hat einen Leck be⸗ kommen!“. Mit einem Stoße war die Kajütenthüre geöffnet— und dahereilend gleich einem Geſpenſte, das von ſeinen nächtlichen Spukereien von der Furcht zurückgeſcheucht wird, daß es ſein Ziel nicht vor dem Hahnenſchrei errei⸗ chen wird, warf Holgerſen Alles über den Haufen, was ihm im Wege lag. Ein alter Mann, abgemergelt wie ein Skelett und unbeweglich wie ein Bild, ſaß aufrecht in der einen Koje, oder richtiger halb außer derſelben. Seine wild aufgeſperrten Augen ſtarrten unheimlich nach der Thür hin. Die Angſt, welche er litt, hatte ihm faſt die Sprache geraubt, denn er konnte nur undeutlich das einzige Wort:„Albin! Albin!“ hervorbringen.... Ach, es war der Name ſeines Sohnes, eben jenes Sohnes, der vor einem Augenblicke noch mit einer ſolchen Wärme dum 37 ſeine Bekümmerniſſe für einen geliebten Vater ausge⸗ ſprochen hatte! Vor der Koje ſaß die bleiche Geſtalt eines zweiten Sohnes, eines noch jüngern Knaben, deſ⸗ ſen Auge mit einer Zärtlichkeit, die man nennen konnte, auf dem Vater ruhte. Auge verzweifelt nſcheinlich verſtand er, daß dieſer ihm hatte mittheilen wollen, oben ginge etwas Ungewöhnliches vor; doch ſein Ohr war geſchloſſen, ſeine Lippen ſtumm, und die Verwirrung, welche der Zuſtand des Vaters und das Ausbleiben des Bruders verurſachte, ertheilte ſeinem Benehmen Ausſehen des Wahnſinns. n faſt das Eine halberloſchene Lampe, die an ihrer Kette unter der Decke hin⸗ und herwiegte, erleuchtete dieſe Gruppe und warf einen matten Schein auf einen großen Koffer und zwei auf dem Tiſche ſtehende Schatullen. „Rettung vom Tode!“ war Holgerſen's Anrede, in⸗ g dem er den kranken Herrn in die Decke hüllte ,ihn in ſeine Arme nahm und mit ihm auf das Verdeck eilte. Halwar erhielt dabei einen Wink, mit dem Knaben und den Schatullen, und was er im Augenblick weiter mit⸗ nehmen konnte, nachzukommen. Der Umzug nach dem andern Fahrzeug ging faſt eben ſo ſchnell von ſtatten, und eine Viertelſtunde ſpä⸗ ter waren alle Taue gekappt und das Steuerruder ge⸗ wendet.— Der Mitbürger, welcher faſt gar keinen gelitten hatte, ſteuerte nach Norwegen, und Schaden La belle Coquette mit ihrer todten Beſatzung— nach dem Mee⸗ resgrunde. Fünftes Capitel. Das Schattenſpiel. „Albin!... Albin!... mein Albin!“ dumpfe Stimme in der Kajüte des Seeräubers, rief eine woſelbſt , —=———— ſſſ S 38 ein eben aus einer wohlthätigen Ohnmacht erwachter Mann ſich auf ſeinem Schmerzenlager krümmte. „Tauſend Teufel!“ murmelte Holgerſen, welcher ſelbſt am Steuerruder ſtand, während Halwar mit dem Ordnen der Segel zu thun hatte,„nun habe ich auch den noch auf dem Halſe! Der elende Wahnwitzige ſchrie wie ein Wehrwolf, als ich ihn mit mir von dem Schoo⸗ ner zog; er lief ja umher wie ein toller Hund, der nach ſeinem Herrn umherſchnüffelt!“ „Er ſuchte ja ſeinen Bruder!“ antwortete Hal⸗ war kurz. „Und wäre es nicht um des Vortheils willen, den ich mir aus ihm und dem Vater machen will— das iſt ja nun, da die andere Affaire zu Grunde ging, der einzige Gewinn— ſo ſollte auch er ſeinem Bruder folgen!... Endlich hat er ſich doch müde geheult und iſt auf der Kiſte eingeſchfafen!“ „Albin!... Albin!...“ „Noch einmal!... So nimm Du denn das Steuer⸗ ruder— ich muß wohl das andre Spiel beginnen!“ „Sollten wir nicht erſt das Boot heraufziehen, das wir geſtern Abend vergaßen? Der Wind nimmt gegen Morgen zu.“ 1 „Verdammt dumm, daß ich nicht daran dachte— jetzt bin ich zu müde, Dir zu helfen. Doch iſt hier keine Gefahr: es kommt kein Sturm.“ „Albin!... Albin!“... 1 „Er wird verrückt dort unten— ich muß hin!“ Holgerſen verſchwand in der Kappe. Unmöglich konnte man in den Geberden, dem Aus⸗ ſehen und den Mienen des Mannes, der nun vor die Koje des Kranken trat, den wilden Seeräuber, den be⸗ rechnenden Blutmann mit dem ſteinernen Herzen ahnen, der Alles dem eigenen Gewinnſte aufopferte. „Armer Vater!“ ſagte er leiſe, und ſein Ton nahm den ganzen glaubwürdigen Ausdruck eines innigen Mit⸗ leidens an. Der Kranke ſtarrte ihn an.„Habe ich einen ſo für All ſche ſeir tru in als arn wo ſam jüte gege thuͤr weck rung nich Fall ehe geſp beſte was leich viele reder In plötz laute uns ware nähe wenn 39 fürchterlichen Traum geträumt?... Wer liegt dort?. Albin! biſt Du es?“ Holgerſen zuckte leiſe die Schultern.„Es iſt wahr⸗ ſcheinlich Ihr Sohn. Sie ſelbſt verloren das Bewußt⸗ ſein, als ich Sie von dem ſinkenden Fahrzeuge hinweg⸗ trug, und der arme Knabe hat über Sie geweint, bis er in dem Schlafe Linderung fand.“ „O mein Kind, mein Albin!... Aber es war mir, als hätte ich ihn nicht... das wäre ſchrecklich!... Der arme Will kann ſich ohne Albin nicht helfen.... Aber wo iſt Will?— ſchläft er auch?“ Holgerſen ſchwieg und wendete ſich ab. Der leidende Vater ſchien ſeine Erinnerungen zu ſammeln.„Sie retteten mich... Sie ſtießen die Ka⸗ jüte auf... jetzt entſinne ich mich. Er war hinauf⸗ gegangen, mein Albin.. aber wer hatte die Kajüten⸗ thuͤr verſchließen können?... Ach, wecken Sie, Herr, wecken Sie Beide— ich will meine Kinder ſehen!“ „Ich fürchte,“ entgegnete Holgerſen mit einer Rüh⸗ rung, die jetzt ganz natürlich war— denn er konnte nicht ohne ein eiskaltes Grauſen an den ſchrecklichen Fall denken, daß der ſchwache Mann ſterben möchte, ehe ſie Molde erreicht hätten, woſelbſt der letzte Act geſpielt werden ſollte—„ich fürchte, ich bin mit dem beſten Willen nicht im Stande geweſen, Alles zu thun, was ich gewollt hatte.“ „Dieſe Worte... was bedeuten ſie?“ ſtotterte der leichenblaſſe Mann.„Reden Sie— noch ſind mir ſo viele Kräfte übrig, daß ich Sie hören kann! Doch reden Sie kurz und ſchnell!“ „Ich bin hier auf dem Fiſchfange in der Nordſee. In dieſer Nacht ſteuerte ich in ſüdöſtlicher Richtung; plötzlich vernehme ich mit meinen drei Männern ein lautes Nothgeſchrei, welches uns anzeigte, daß dicht bei uns zwei Fahrzeuge in der Dunkelheit zuſammengeſtoßen waren. Ich ſteuerte nun dorthin und kam ihnen immer näher, in der Hoffnung, ihnen Hülfe leiſten zu können, wenn es nöthig ſein ſollte, Jetzt aber vernahmen wir —— —— das Fahrzeug war ſchon im Begriff zu ſinken, und ich fand nur Sie und dieſen Knaben, und hatte auch das Glück, wie ich vermuthe, den größten Theil Ihres Ver⸗ ein junger Knabe... ſahen Sie ihn nicht?... Ach, Qual eines Vaters!... Albin! Albin!... wo biſt Du? O, Herr Capitain, erbarmen Sie ſich!... ſehen Sie einen Mann, deſſen einzige Stütze und Freude dieſer Sohn war... ſehen Sie dieſes hülfloſe Kind. 41 deſſen beſte Stütze er geworden ſein würde!... Geben Sie mir wenigſtens ſeine Leiche... nur ſeine Leiche— noch iſt das Fahrzeug nicht ganz unter Waſſer— und Wilhelm Jentzel iſt ein dankbarer Mann!“ „Wenn es erſt Tag wird, ſo zeigt es ſich gewiß, daß ſogar die Wimpel von La belle Coquette verſchwun⸗ den ſind.“ Der unglückliche Mann faltete ſeine Hände mit einem ſo herzzerreißenden Ausdruck, daß Holgerſen, der Eismann, ſich hinwegwenden mußte. „Und der Capitain— der hurtige, ehrliche Capi⸗ tain— ich bin überzeugt, er vertheidigte meinen un⸗ glücklichen Sohn!“ „Der Capitain wird unglücklicher Weiſe wohl zuerſt gefallen ſein... Doch, Herr Jentzel, laſſen Sie uns nun an Sie ſelbſt und ihren andern Sohn denken: ſuchen Sie nun um ſeinetwillen zu leben; und wenn der Verſtorbene Ihnen theurer war, ſo— verzeihen Sie, daß ich es Ihnen ſage, aber ich bin ſelbſt Vater— ſo haben Sie nun um ſo mehr Urſache, dem Bedauerungs⸗ würdigſten zu erſetzen, was er vielleicht in doppelter Hinſicht verloren hat.“ „Es liegt Wahrheit in Ihren Worten, Herr Capi⸗ tain, und ich danke Ihnen dafür!“ Der Kranke ſchwieg unter tiefen Seufzern. Dar⸗ auf fuhr er fort:„Ich will verſuchen, ſo lange zu leben bis ich Alles für meinen letzten Sohn geordnet habe.... Armes Kind, er wird dennoch bald genug ſeinen Vater verlieren!... Ach, könnte ich mich nur ſo lange hin⸗ ſchleppen, bis ich Stockholm erreicht hätte— denn ſo ſchrecklich auch meine Qualen ſind, ſo will, ſo muß ich leben, bis ich meinen Wilhelm in den Händen des⸗ jenigen Mannes ſehe, welcher der Vormund, der zweite Vater meiner beiden Kinder werden ſollte... O Albin! Albin!... Schändliche That!... ein Kind.. mein Gott!... Gott!... Wie aber kann ich Ihnen danken, Herr Capitain, der Sie Ihr eigenes Leben und das Leben Ihrer Leute preisgegeben haben, um uns Fremd⸗ linge zu retten?“ „Ein Seemann, der einen andern in Noth ſieht, thut weiter nichts als ſeine Pflicht, wenn er zu Hülfe eilt— das verdient keinen Dank. Und wäre es auch wirlich der Fall, ſo liegt der Dank in der Handlung e 14 „Verzeihung, Herr Capitain— ich kann nicht länger an etwas Anderes denken, als an meinen Sohn.... todt... gemordet... begraben in den tiefen Wogen!... Er, eben noch ſo lebendig, ſo warm, ſo voller Hoff⸗ nung und Liebe... mein ſchöner, hurtiger Junge!... Still, mein Herz, ſtill... warte geduldig: bald, bald... Mein armer Will— o Herr, nimm auch ihn zu dir! Die Erde iſt ſo kalt... und ſo leer... Licht!... Licht!... ich bedarf des Lichtes!“— Ein fieberhafter Schlummer ſenkte ſich wieder herab auf den Unglücklichen: ſeine Augen ſchloſſen ſich. Von ſo vielen Anſtrengungen ermattet warf ſich Holgerſen auf den Sofa. Es wurde ſtill in der Ka⸗ jüte; doch in dem Kopfe des Räubercapitains bewegte ſich eine Schaar wilder Gedanken, die ihn trotz ſeiner Müdigkeit nicht ſchlafen ließen. Wenn man verſuchen wollte, dieſen dunkelfarbigen Geburten eines dämoniſchen Geiſtes die Form der Worte zu geben, ſo würden ſie etwa folgendermaßen lauten: „Nein, keine Reue!— nur die Feigheit, nur der Sklave begreift ſie— ich begreife ſie nicht, habe ſie nicht begriffen von dem Augenblicke an, da ich mich im Staube kruͤmmte vor dem zehnfach elendern Sünder, der mich hinausjagte unter die Verbrechen und Laſter, und der die Ehre, das Blut und vielleicht— die ewige Se⸗ ligkeit ſeines einzigen Sohnes verkaufte... Nein, keine Reue— der Knabe mußte ſterben! Wenn ich dieſen Augenblick noch einmal erlebte, ſo müßte er noch einmal ſterben; denn die Selbſterhaltung iſt das erſte Geſetz, welches ich anerkenne.... Schätzt die Welt mich darum weniger? Sie iſt ſo elend, ſo leicht getäuſcht.... Mein 43 Vater war ja ein ehrlicher Mann— bin ich das nicht auch?.. Ja, gewiß; denn der Schein iſt Alles.... Und bin ich wohl nicht glücklich mit Reichthum, Ach⸗ tung, einer ſchönen Frau, die ich— o das iſt eine un⸗ glückliche Schwäche— die ich allzu wahnſinnig liebe?... Bin ich nicht gel...“ Er preßte die Augenlider hart zuſammen und ver⸗ ſuchte zu ſchlafen, ohne weiter zu denken; doch die Ge⸗ dadfen, dieſe launenhaften Herrſcher, ließen ſich nicht efehlen. Nein, nein, das eben macht mich wild! Ich will wüthen, ich will morden, ich will mit meinen Füßen dieſe Erde zermalmen, welche das einzige Weib trägt, das ich geliebt habe, das ich lieben kann— und das mich haßt!... Ja, ſie haßt mich, ſie verachtet mich, ſie trotzt mir— ſie iſt kalt, wie der Schnee des Nor⸗ dens.... Und dennoch, was weiß ſie... ach, nur Eins außer Demjenigen, was ihre Ahnungen ihr offenbart haben.... Nun aber will ich ſehen, was ſie ſagen wird, wenn ich dieſe beiden durch mich geretteten Men⸗ ſchen nach Hauſe bringe... Sie ſoll, ſie muß getäuſcht werden! Sie ſoll mich lieben— oder.... mag ſie zittern!“ Nicht länger wollen wir den brennenden Gedanken des Sünders folgen, ſondern uns lieber auf das Deck begeben, um zu erfahren, was ſich in dem Kopfe eines andern Mannes bewegt. Ein ſchwerer Nebel, kalt wie der Hauch aus dem Reiche der Todten, hüllte alle Theile des Mitbürgers in eine graue Dämmerung.— Halwar Jenſen, deſſen erfahrener Hand das Fahr⸗ heng jetzt ganz anvertraut war, blickte in dieſem Augen⸗ licke in die Höhe, um zu verſuchen, ob er den Wimpel ſehen könnte. Nachdem er darauf den Blick auf den Compaß geſenkt, einige Veränderungen mit dem Steuer⸗ ruder gemacht und ſich noch einmal überzeugt hatte, daß die Stellung der Segel in gehöriger Uebereinſtimmung ſi mit dem Courſe ſtand, den er ſteuern ſollte, nahm er V dieſe vollkommen ſichere Stellung an, welche bei dem ſü Seemanne zu erkennen gibt, daß er ſich auf das unbe⸗ ſchreiblich Langweilige und Einförmige einer kalten ne Nacht⸗ oder Morgenwache, allein, ohne irgend ein ſei lebendiges Weſen, dem er ſeine Gedanken mittheilen de kann, vorbereitet hat. V Wenn aber Halwar ſeine Gedanken den Lebendigen E. . nicht widmen konnte, ſo widmete er dieſelben ſtatt deſſen wi den Todten, davon zeugten die aus tiefer Bruſt kom⸗ S menden Oh! Ohl! welche von Zeit zu Zeit über ſeine 1 Lippen gingen, und davon zeugte auch der merkwürdige ſtö Umſtand, daß die Tabaksrolle noch immer unberührt ra neben ihm lag. Wenn Halwar dieſen Genuß ver⸗ au ſchmähte, der ein Theil ſeines Lebens war, dann war zu ſein Weſen in ſeiner innerſten Wurzel zerrüttet. ric „Wenn ich nein geſagt hätte,“ ſo raiſonnirte er,. „was hätte der wilde Teufel da wohl anfangen kön⸗ mu nen? Ich ſollte poſitiv belegt und geſagt haben: Stopp! Sc von der Art kann's nun genug ſein!... Vielleicht aber den hätte er mich in demſelben Augenblicke todt geſchla⸗ der gen... ja, das könnte ihm in dem Sinnestaumel wohl peit eingefallen ſein— und dann wären die beiden Andern ſch: mitgegangen... Rasmus und Tönne, ſie tanzten ſtatt näl deſſen zum letzten Male— möge unſer Herrgott ſie in geg Gnaden anſehen! Sie waren gewiß nicht allzu rein, um vor ihn zu treten, wenn er ihnen aber nur Zeit dem 4 läßt zur Reue, ſo... denn Mutter ſagt, und ſo ſagt der Paſtor auch, daß die Reue immer einen ſichern„Rr Hafen findet, wenn ſie richtigen Cours ſteuert.“ 8 Aus der Bruſt des alten Halwar ſtahl ſich wie⸗ ſchw derum ein langſames„Oh! Oh! Es iſt auch für mich Zeit, mich auf dieſe Schute zu begeben; denn geht es zund noch länger auf dieſe Weiſe, ſo wird der Wolf mein imm. Oberherr... Man kann aber doch ſehen, daß die Jun⸗ gefü gen nicht zum Spaß die Meerfrau zu ſehen bekamen: es war mir gerade wie ein Geſpenſt— ganz ſo, als wenn Holg — 45 ſich jetzt einer von ihnen mir zeigte... Herr Jeſus!... Vater unſer, der Du biſt im Himmel!... Ich armer ſündiger Menſch!...“ Halwar Jenſen, der mannhafte Seemann, war nahe daran, zu Boden zu ſinken: zum erſten Male in ſeinem Leben zitterte er wie ein Blatt vor dem Winde; denn trotz aller Gebete, die er herſagte, bewegte ſich im Vordertheile Etwas langſam hin und her, und dieſes Etwas hatte in der nebligen Nacht eine bewunderungs⸗ würdige Aehnlichkeit mit einem Menſchen, oder mit dem Schatten eines ſolchen. „Sie haben keine Ruhe auf dem Meeresboden!“ ſtöhnte Halwar, indem er, allen ſeinen Muth zuſammen⸗ raffend, noch einmal aufzuſehen verſuchte, und ſich auch als Chriſt nicht von der Pflicht freiſprechen konnte zu fragen, ob ſie etwas zu ſagen hätten, das er aus⸗ richten könnte. Doch ſchon bei dem erſten Verſuche, dieſen helden⸗ müthigen Entſchluß auszuführen, bei welchem der kalte Schweiß von ſeiner Stirne herabtrof, verſtummte er; denn nicht der Geiſt des Rasmus oder Tönne, ſondern der Schatten desjenigen, deſſen Tod ihn am ärgſten peinigte, nämlich der Schatten des gemordeten Knaben, ſchwebte mit geiſterähnlichen Schritten immer näher und näher, und ſtreckte ihm gleichſam flehend die Hände ent⸗ egen. 3 Unfreiwillig ſtieß Halwar einen Schrei aus— in demſelben Augenblicke war das Geſicht verſchwunden. Holgerſen's Kopf wurde in der Kappe ſichtbar. „Rufſt Du Jemanden an, oder was gibt's?“ fragte er. Eine unerklärliche Eingebung ließ Halwar ver⸗ ſchweigen, was er geſehen hatte. „O nein,“ antwortete er,„der Wind begann ab⸗ zunehmen, Herr Capitain, und Sie wiſſen, daß ich ihn Vunner zu rufen pflege— jetzt hat er einen Strich gefüllt.“—* „Um dieſe Zeit mag ich keinen Windruf!“ ſagte Holgerſen, indem er herauffam und nach dem Vorder⸗ theile wanderte, wo die geſpenſterartige Geſtalt vor einem Augenblicke verſchwunden war. „Mich ſoll wundern,“ dachte Halwar,„ob er ihn auch ſieht! Das wäre ihm ganz recht und könnte viel⸗ leicht ſeine Reue wecken. Doch es ſieht nicht ſo aus, als ob er etwas ſähe oder hörte— nein, nein, die Ge⸗ ſpenſter ſelbſt fürchten ſich vor ihm.“ Bald kam der Capitain zurück, blickte auf den Com⸗ paß, machte einige kleine Veränderungen an dem großen Segel und an der Focke und wollte darauf wieder hin⸗ unterſteigen, als Halwar, in deſſen Seele der Gedanke wie ein Blitz einſchlug:„wenn der Knabe durch die Muchi des Herrn noch lebte!“ ihn mit gedämpfter Stimme ragte: „Herr Capitän! was wollten Sie wohl geben, wenn es nur ein Traum wäre, was in dieſer Nacht ge⸗ ſchehen iſt?“ Holgerſen ſtutzte.„Alter Feigling! biſt Du ſo lange mit mir gefahren und kannſt dennoch ſo einfältig fragen?“ 3„Hm!— ich bin überzeugt, Sie würden wenigſtens das Letzte nicht noch einmal thun?“ „Ja, ſo gewiß, als ich ihn ganz beſtimmt zurück⸗ ſtoßen würde, wenn er in dieſem Augenblicke aus der See auftauchte. Habe ich Dir nicht geſagt, daß er darum ſtarb, weil er nicht leben konnte, denn er hatte deßehen was ſich ereignete? Ich hatte gewiß nichts Böſes gegen den Jungen im Sinne; aber ein Jeder, der meine Pläne kreuzt, mag ſich ſelbſt zuſchreiben, was geſchieht!“ „Dieſer Bunge hatte Verſtand: er hätte nimmer⸗ mehr den Eid gebrochen, wenn Sie ihn hätten ſchwören laſſen und ihm als Belohnung das Leben geſchenkt hätten.“ zun Du mein ich ſollte mein Viben 5 einen ſo ſchwachen Faden hängen, wie an die Verſchwiegen⸗ hei eines Jungen— Du Dummkopf! Hätte er Ge⸗ egenheit gehabt, mich dem Vater zu verrathen, ſo hätten enn ge⸗ ſo ltig tens ück⸗ der er atte chts der, was ner⸗ bren enkt inen gen⸗ Ge⸗ tten 47 ſie alle Drei ſterben müſſen. Daß ſie“— er deutete auf die Kajüte—„daß ſie nichts wiſſen, das rettet ſie und dient mir tauſendmal mehr, als ihr Tod und ihr Gold... Doch jetzt genug davon: verliere weiter kein Wort mehr darüber; denn bereue ich auch niemals, was ich einmal gethan habe, ſo will ich doch nicht daran erinnert werden!“ Nach dieſen Worten entfernte ſich der Befehlshaber des Mitbürgers mit einem kurzen Kopfnicken. „O, Du wirſt ſchon eines Tages daran erinnert werden von Ihm, der weder Drohungen noch Beſtechun⸗ gen annimmt!“ murmelte Halwar, als er ſeinen Be⸗ fehlshaber verſchwinden ſah; darauf lauſchte er mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf jedes Geräuſch im Vor⸗ dertheile. Jetzt mußte es ſich wohl beſtätigen, ob er geträumt hatte, oder ob ein Wunder, desgleichen er noch nie erlebt, geſchehen war. Lange blieb Alles ſtill. Noch nie auf ſeiner ganzen ſündigen Lebensbahn, auf welcher dennoch hie und da aus dem verdorbenen Erdreiche eine Blume der Mildig⸗ keit wunderbarlich aufwuchs, hatte Halwar Jenſen Ge⸗ fühle gehabt, die denen glichen, welche ihn jetzt bewegten. Entſetzen, Freude, Schmerz, Zittern beſuchten ihn wech⸗ ſelweiſe, und— das wunderbarſte von allen— eine Feuchtigkeit in den Augen hinderte ihn, die Striche des Compaſſes richtig zu ſehen. Er dachte an den alten Mann in der Kajüte und an den ſtummen Knaben, der nun bald ohne Vater und Bruder ſein würde— ferner dachte er an Alles, was er und Holgerſen dort oben zu verantworten hatten. „Nein, keine Wunder!— es war gewiß wie ich dachte, ein Geſpenſt: der Geiſt des Knaben, der den Vater ſuchte... Aber was?... es bewegt ſich wieder!... der Hahn hat gekräht: es iſt...“ „Verrathe mich nicht!“ flüſterte eine Stimme, die Halwar eben ſo gut erkannte, wie die Geſtalt, die nun immer deutlicher aus dem Nebel hervortrat. Halwar betete— der unglückliche Sünder hatte ja, nach ſeiner eigenen Ausſage, noch ein Stückchen von ſeinem Herzen übrig— betete ein kurzes Gebet, daß Holgerſen nicht heraufkommen möchte, ehe der Höchſte ihm ein Mittel gezeigt hätte, wie er dieſes Kind retten könnte, deſſen Tod er gleichwohl als nothwendig erach⸗ tete für ſeine eigene und des Capitains Sicherheit. In der fürchterlichen Angſt und Unentſchloſſenheit erhielten ſeine Züge eine Härte, die ſeinen gegenwärtigen Gefühlen nicht im Mindeſten entſprachen. Der Knabe ſtarrte ihn an und ſtreckte von Neuem ſeine Arme erſt gen Himmel empor, dann gegen Halwar. Dieſer gab ihm ein Zeichen, ohne Geräuſch näher zu kommen, und kein Bewohner aus der Geiſterwelt kann ſich mit lautloſeren Schritten durch eine Menſchen⸗ wohnung ſchleichen, als der arme Knabe über die ver⸗ rätheriſchen Planken des Mitbürgers ſchlich. Jetzt war 3 ſo nahe, daß Halwar ihn mit der Hand erreichen onnte. „Du lebſt alſo wirklich?“ Der Seemann ſchüttelte den Kopf mit mißtrauiſcher Verwunderung. „Der Schuß traf nicht... doch wo i mein Vater, mein Bruder?“ flüſterte mit eilfertiger Stimme der aus dem Reiche der Schatten Zurückgekehrte, welcher, wie wir wiſſen, den Namen Albin Jentzel führte. „O, die ſind in Ruhe vor jedem Unglück. Aber ich antworte nicht eher, als bis ich erfahren habe, wie Du Dich retten konnteſt!“ „Der Schooner ſchwankte in dem Augenblicke, da der Schuß fiel, ſehr ſtark, ſo daß ich zwiſchen die beiden Fahrzeuge hinunterſiel. Ich bekam Etwas zu halten, ich weiß nicht was, denn der Fall hatte mich ganz verwirrt, und mit der größten Anſtrengung behielt ich das Be⸗ wußtſein, bis ich heraufgeklettert war. Was ich dann tha das weiß ich nicht, denn ich erwachte erſt vor einem ugenblicke unter einem Haufen Segel im Kabelgat. Ich bin wie todt geweſen, ſobald aber das Leben zurück⸗ kehrte, ſo merkte ich gleich, wo ich war. Da wollte ich mich leiſe hinwegſchleichen, als Du aufſchrieſt, und der von daß hſte tten ach⸗ In lten hlen uem var. äͤher welt hen⸗ ver⸗ war chen telte ater, aus wir r ich Du da eiden ich virrt, Be⸗ dann inem lgat. rück⸗ e ich d der 49 grauſame Mann heraufkam... O, ich ſähe gerne ſein Heradlnt— Du biſt zu gut zu einem Seeräuber. Doch mein Vater, mein Bruder, die in der Kajüte waren, wo ſind ſie 2...“ Er warf einen langen, forſchenden und fragenden Blick um ſich her. „Armer Junge!— ſie blieben, wo ſie waren: das Fahrzeug ſank, und wir retteten uns nur mit genauer Noth ſelbſt!“ ſagte Halwar mit feſter, aber doch ſo leiſer Stimme, daß ein ſcharfes, lauſchendes Ohr dazu gehörte, dieſe Worte zu vernehmen. 1 Halwar Jenſen ſah allzu wohl ein, wenn es ein Mittel gäbe, das Leben des Knaben zu retten, ſo müßte dieſer überzeugt ſein, daß Vater und Bruder umgekom⸗ men wären; denn wie es ſich auch mit Halwar und ſeinem Wolfe verhalten mochte, ſo hatte er dennoch ein Gefühl, welches ihm ſagte, der Knabe würde, wenn er erführe, daß der Vater lebte, und in der Verzweiflung nach ihm riefe, auf keinen Fall ein Mittel annehmen, welches viel⸗ leicht ſein Leben rettete, den armen Vater dagegen einer verzweifelten Angſt Preis gab. Ueberdieß waren die Augen⸗ blicke ſo koſtbar, daß ein einziges unnöthiges Wort noch zwei Leben koſten konnte. Unſer junger Held war bei der ſchrecklichen Nachricht auf ſeine Kniee geſunken.„Sie blieben, wo ſie waren!“ wiederholte er mit erlöſchender Stimme und gefalteten Händen. O Gott, o Gott! warum war ich nicht bei ihnen, ſo wäre jetzt Alles aus!“ „St... Stl ſage ich Dir: Du brauchſt darauf nicht lange zu warten, wenn der Capitain heraufkommt!“ Albin hörte nicht: in dem überſtrömenden Schmerze, der ſeine junge Seele erſchütterte, vergaß er ſich ſelbſt, ſeine Gefahr, ja den Ort, wo er ſich befand— nur das Eine wußte er, daß er vaterlos und allein in der Welt war, und daß ſein Vater und der arme Will ohne ihn hatten ſterben müſſen. „Das iſt aber doch ſchrecklich!“ ſeufzte Halwar, und von Neuem wurden die Striche des Compaſſes gleichſam in einen Schleier gehüllt.„Ich wollte ihn ſehr gerne Der Jungfernthurm. I. 4 1 8 † 1 8 retten, es wenigſtens verſuchen: eine einzige gute Hand⸗ lung wiegt viele böſe auf— wenn er nur nun zu ſich ſelbſt kommen wollte!“ „Hörſt Du mich, Knabe! Uns iſt die Zeit knapp — und bedenke, wenn auch die Erde unter uns brennte, ſo müſſen wir dennoch darauf gehen, ſo lange unſer Herr es will... Du haſt mit einem Manne zu thun, der viel Böſes in der Welt gethan hat, der aber nun mit keinem Finger an Dich kommen will. Kannſt Du die Wichtigkeit eines Gelübdes faſſen, das Du unter keiner Bedingung brechen darfſt?“ Albin nickte einen ſtummen Beifall. „So gelobe mir denn und ſchwöre bei Deinem Vater, den Du ſo lieb gehabt haſt, wenn ich Dich mit eigener Lebensgefahr zu retten ſuche— und ſei Du überzeugt, es wäre aus mit Dir und mir, wenn der Capitain uns dabei überraſchte— daß Du niemals in Deinem ganzen Leben uns verrathen willſt, und daß Du zu keinem Men⸗ ſchen auch nur den Namen des franzöſiſchen Schooners und noch viel weniger, daß Du darauf geweſen biſt, ſagen willſt! Du mußt im Gegentheil ſagen, Du ſeieſt auf einem Norwegiſchen Fahrzeuge geweſen; nenne es Johanna Brita, oder wie Du willſt, wenn der Name nur ſo gewöhnlich iſt, daß kein Menſch Achtung darauf gibt; und den Ort, wo es zu Hauſe iſt, kannſt Du ver⸗ geſſen haben, weil er eine Inſel iſt oder ſo— und ent⸗ ſinne dich wohl: die Schute ging zu Grunde, weil ſie leck wurde, da ſie in der Dunkelheit gegen ein anderes Fahrzeug ſtieß!“ „Ich gelobe das Alles bei dem Andenken meines Vaters— und dieſes Gelübde kann ich niemals brechen! Ueberdieß biſt Du gut gegen mich geweſen: Du haſt für mich gebeten— ich bin nicht undankbar!“ „Und willſt Du wieder ein Gebet für mich beten — Du biſt rein vor dem Herrn, und findeſt gewiß Er⸗ ornndeg „Ich will von ganzem Herzen für Dich beten, alter Mann. doch was willſt Du thun? Ich ſage Dir ——,——. ——+ — —S=SnSe — 51 gleich: ich werfe mich in das Meer, wenn der wilde Menſch ſeinen Kopf aus der Kajüte ſteckt, denn ehe ich ihn jeßt mit einem einzigen Worte um Gnade bitte, eher ſterbe ich!“ „Gut, mein Junge! Du haſt Muth, und den brauchſt Du! Sieh da(Halwar deutete auf das hinter dem Kutter ſchwankende Boot) das iſt Deine Rettung! Alles was ich im Stande bin für Dich zu thun, beſteht darin, daß ich Dich in dieſem kleinen Boote mitten in der Nord⸗ ſee fließen laſſe. Vielleicht erreichſt du das Land gar nicht— es iſt aber dennoch beſſer, als noch einmal ge⸗ mordet zu werden... doch der Herr iſt ein mächtiger Mann. Rudere nun nur friſch drauf los, ſo daß Du aus dem Geſichte biſt, wenn das Tageslicht leuchtet— denn ſonſt“— Halwar vollendete den Satz nicht, ſon⸗ dern gab dem Knaben einen Wink, das Steuerruder ſo lange anzufaſſen, bis er wieder käme. 3* Während der Minuten, die Halwar verzog, dräng⸗ ten ſich viele ſchreckliche Gedanken auf den armen Albin ein, ſo daß er nur einen einzigen vernünftigen hatte, nämlich den: wenn der Mörder ſich wieder zeigte, ſo wollte er ſeinen Vater und Bruder im Meere aufſuchen. Bald aber kehrte Halwar zurück. Er brachte eini⸗ gen Schiffsproviant, ein Segel und einen Seemannsrock, welches alles er leiſe in das Boot hinabließ. Jetzt winkte er ſeinem Schützlinge; Albin ſchlich ſich hin und reichte ſeinem Retter die Hand „Möge Dir der Herr dieſen Handſchlag vergelten: er zeigt am beſten, weß Herzens Du biſt!“ flüſterte Halwar.„Und fürchte nicht, daß Er, der Dich einmal ſo wunderbar errettete, es nicht noch einmal thun wird. Wenn wir uns einſt dort oben bei„dem Alten“ treffen — hier unten geſchieht es nimmermehr— ſo kannſt Du mir erzählen, wie es mit Dir gegangen iſt... In der linken Taſche findeſt Du einige Schillinge, vor deren Berührung Du Dich nicht zu fürchten brauchſt: ſie ſind ehrlich mit der Fiſcherei verdient... Verſtehſt Du aber 4 auch zu ſteuern und zu rudern, Du armer Junge?— Daß Du ſchwimmen kannſt, das weiß ich.“ „Fürchte nichts: ich kenne die See!“ „Gut!— nun aber noch Eins: wenn der Nebel bei Aufgang der Sonne ſinkt, und Du da den Kutter noch ſehen kannſt, ſo lege Dich in's Boot, denn der Ca⸗ pitain hat einen guten Tubus. Zu allerletzt bitte ich Dich noch: bleibe immer ein ehrlicher Mann, ſonſt haſt Du niemals Frieden mit Dir ſelbſt. Ein großer Sünder gibt Dir dieſen Rath, aber er iſt darum nicht ſchlech⸗ ter.. Und nun: Gott ſei mit Dir!“ Halwar ſchlang ein Tauende um den Leib des Knaben, deſſen dankbarer und bethränter Blick mehr ſagte, als alle Worte, und ließ ihn leiſe in das Boot hinabgleiten; darauf machte er los und warf das Seil hinab, nachdem er zuvor ein altes Tauende dahin gebunden hatte, wo daſſelbe ge⸗ ſeſſen hatte, damit es ausſehen ſollte, als wäre es abge⸗ riſſen worden.. Ein ausdrucksvolles Kopfnicken, welches die gegen⸗ ſeitigen Gefühle des Beſchützers und des Beſchützten aus⸗ ſprach, war ihr letztes Lebewohl. Das Fahrzeug machte eine Fahrt von acht Knoop, ſo daß das kleine Boot, welches ſchnell zurückblieb, bald in dem Nebel verſchwand. Mit der größten Angſt erwartete Halwar den Auf⸗ gang der Sonne. Der Nebel hatte nun begonnen leichter zu werden; aber ſo weit ſeine Augen reichten, merkte er einen kleinen Punkt von verdächtigem Ausſehen. Doch verzog er lange, ehe er es wagte, den Capitain heraus⸗ zupurren. Holgerſen war bald auf dem Verdeck, und nachdem er eine Runde auf dem Fahrzeuge gemacht hatte, um nachzuſehen, welche Schäden es in der Nacht gelitten hätte, ſo kam er nach hinten,. Mit einem:„Wo zum Teufel iſt die Schnigge?“ warf er einen fragenden Blick auf Halwar. 82— ͤ— △7 53 „Ich ſagte Ihnen ja, Herr Capitain, wir ſollten heute Nacht das Boot heraufgehißt haben— nun ſind wir's los!“ entgegnete Halwar und deutete auf das Tauende. Holgerſen runzelte die Stirn, betrachtete das ver⸗ meinte Stück des Taues, ließ ſeinen Tubus holen und ſah ſorgfältig um ſich her; doch nichts war zu ſehen, als eine große ſchwarze, mit gelbbraunen Segeln ver⸗ ſehene Brigg, die er ungefähr zwei Meilen hinterwärts erblickte.„Es mag dabei bleiben... doch verteufelt ſonderbar iſt es— wir haben ja keinen Sturm ge⸗ habt! Jetzt gib mir das Steuer: Du kannſt es nöthig haben, zu Koj zu gehen. Erſt aber nimm Dir einen Schnapps zur Stärkung, und mache den Kaffee für unſere Paſſagiere in Ordnung; noch ſchlafen ſie beide!“ Ohne weitere Abenteuer ſetzte der Mitbürger ſeinen Weg fort, und am zweiten Abende warf er bei Molde ſeine Anker. Sechstes Capitel. Oas Spielhaus. Ungefähr eine Achtelmeile von der Stadt Molde in Norwegen entfernt lag um die Zeit dieſer Abtheilung in unſerer Erzählung ein großes, düſteres, zweiſtöckiges aus ſo dicht an der See, daß die hohe Grundmauer gleich den ſie rund umgebenden Klippen die Wogen der Nordſee zurückwarfen, wenn weſtliche Winde dieſelben in Wuth ſetzten. Dieſes Haus, welches bloß in dem obern Stockwerke ordentliche Fenſter hatte— das untere hatte nur kleine Oeffnungen mit ganz kleinen, in Blei eingefaßten Schei⸗ en— war weder angeſtrichen, mit Kalk beworfen, noch ———— eenſemeama ——— —— mit Brettern bekeidet: die Balken, aus denen es gezim⸗ mert war, lagen entblößt auf einander, waren aber vierkantig behauen und von einer ſolchen Dicke, daß man daraus ſchließen konnte, daß dieſe Föhren zu einer Zeit gefällt worden waren, da die Urwälder Norwegens ein noch reſpectableres Ausſehen hatten, als jetzt. Dieſe Bäume waren von dem Alter keineswegs morſch gewor⸗ den, ſondern im Gegentheile hart, blank und glänzend, gleich bräunlichen Knochen. Zwei große Treppen von gewaltigen eichenen Planken führten an den beiden Gie⸗ beln hinauf zu einer Ausbaute, die ſich an dem ganzen Hauſe entlang erſtreckte, und welche mit einer Baluſtrade von zwergartigen Säulen verſehen war. Dicht vor dem Gebäude war ein eingehegter Platz voll von Eichen, Birken und der ſchönſten Holzart des Nordens, den Taxusbäumen, welche gemeinſchaftlich ein faſt undurch⸗ dringliches Gewölbe bildeten.— Etwa einen Monat nach der Mordnacht auf La belle Coquette betreten wir den oben beſchriebenen Platz. Die matten Strahlen der Octoberſonne brachen ſich durch die Lücken, welche der Herbſt in dem dunklen Laub⸗ gewölbe gemacht hatte, und indem ſie den in Gelb und Roth ſchattirten Blättern deſſelben eine noch höhere Ver⸗ goldung ertheilten, ſchienen ſie ſich auf einem beſtimmten Gegenſtand ſammeln zu wollen, welcher ſich mit einem helleren Grün, als das der Bäume war, an der Ecke der einen Treppe erhob. Der Gegenſtand, welchen die Sonnenſtrahlen zu dem Tummelplatze ihres kurzen Beſuches gewählt hatten, war eine grün angeſtrichene, wahrſcheinlich von dem Wrack eines größeren Schiffes geborgene Kajüte, und die Anordnung im Innern, welche in Miniaturmöbeln, Kin⸗ derſervicen und Spielſachen aller Art beſtand, deutete die Eigenſchaft eines Spielhauſes an, was ſich auch völlig beſtätigt fand, wenn man einen Blick auf die Be⸗ wohner werfen konnte. Vor einem kleinen Tiſche, das nach der Herrſcherin proportionirt war, ſaß ein Mädchen von ungefähr ſieben 5⁵ Jahren in voller Arbeit mit dem Serviren. Die kleine Schönheit hatte ſchon blendende Reize: ihre Haut, von feiner blaſſer Farbe mit dem feinſten Purpur untermiſcht, und ihre großen, ſchwarzen Augen, aus denen nicht der ſpielende Trotz oder die ſtrahlende Munterkeit des Kindes, ſondern ein engelreiner Ernſt, eine ſtille Freund⸗ lichkeit Alle anlächelte, machte einen ſolchen Eindruck, daß man unmöglich in dieſelben blicken konnte, ohne ſich zu derjenigen hingezogen zu fühlen, welche in ſieben⸗ jährigen Augen eine ſolche Macht beſaß. Das ſchwarze, wogige Haar umwallte leicht einen Hals; weiß wie der eines Schwanes und ſchön geformt nach dem edlen und ſtolzen Modell einer Juno. „Darf ich Dir noch eine Taſſe Kaffee bieten?“ fragte das ſchöne Kind einen jungen, ſchwarzgekleideten Kna⸗ ben, deſſen kreideweiße Wangen von zwei großen Thränen gefurcht wurden, die langſam herabliefen, ohne daß er ſie durch die geringſte Bewegung zu hemmen ſuchte. „Daß er doch nicht reden kann, und es auch gar nuißs lernen will!“ klagte das Mädchen mit betrübter Miene. „Dafür kann er weinen, und das iſt auch eine Rede, die Mancher verſteht!“ antwortete draußen eine ſonder⸗ bare Stimme. Dieſe urſprünglich grobe und rohe Stimme legte jetzt eine fremde Sanftmuth in die Worte; ſie wurde faſt rührend, da ſie ſich mit den kindlichen Stimmen miſchte, die um ſie her ſchallten. „Biſt Du da, Halwar?“ Das Mädchen wendete ſchnell ihr Köpfchen gegen die Thür. „Ja, und bringe Geſellſchaft mit, die auch beim Schmauſe ſein will...“ Halwar ſtand neben einem grell angeſtrichenen Kin⸗ derwagen, in welchem eben zwei kleinere Mädchen mit hochlautem Jubelgeſchrei gefahren kamen, gezogen von Halwar, welcher jetzt mit einer verſchämten und mann⸗ haften Demuth, ſo wie oft zuvor, die Rolle eines Pfer⸗ des übernommen hatte. „Hildur mag hereinkommen,“ ſagte die Königin des Spielhauſes,„Roſa aber macht nur Alles entzwei!“ „O, laßt die kleine Roſa mitkommen,“ bat Halwar⸗ „ſie iſt ſo fein!“ „Ich will nicht hineingehen: ich will mehr fahren! Hopp, Halwar!... mehr fahren!“ klang eine ziemlich befehlende Kinderſtimme von dem Wagen. „Ich auch fahren, guter Halwar, guter Halwar!“ ſtimmte ein kleiner Flötenton mit ein, ſanft wie ein Sommerhauch. „Gott ſegne den Engel: ſie ſoll fahren!... doch Mamſell Hildur könnte wohl auch ein gutes Wort ſagen, wenn ich länger ziehe— immer ſagt ſie: ich will!“ „Ja gewiß, Du, wenn ich will, ſo ſage ich's auch!“ antwortete mit großer Naſeweisheit die fechsjährige Hil⸗ dur.„Nun aber will ich nicht fahren... Halt ſtill, Halwar!.. ſo halt doch ſtill: ich will hineingehen— ich will zu Thekla in's Spielhaus!“ „Mir gefällt das Pulver nicht recht!“ murmelte Halwar, indem er der kleinen Eigenſinnigen ihren Willen ließ— und ſie iſt erſt ſechs Jahre... hm... hm!...“ Er ſagte nicht mehr, ſondern ſetzte ſeinen Weg fort mit der jüngſten unter den Schweſtern, einem dreijährigen Engel mit Gold in den Locken und zwei kindlichen Him⸗ meln mit lächelnden Bildern in den dunkelblauen Augen. Inzwiſchen war Thekla von dem Spieltiſche aufge⸗ ſtanden, auf einen Schemel geſtiegen, und war eben dabei, mit ihren weißen Händen dem ſtummen Spiel⸗ kameraden die Thränen von den Wangen zu wiſchen, als Hildur— eine tanzende Kirſche, ein kleines ſchelmiſches Braunauge, eine künftige Herzklemme— in das Spiel⸗ haus geſprungen kam. „Immer weint der Knabe!“ ſagte ſie mit mißge⸗ launter Ungeduld. Wenn uns der alte Karo ſtürbe, ſo würden wir auch weinen, Hildur; der arme Will hat ſeinen Vater verloren. Es iſt ſchade um ihn: er will nicht ſpielen und kann nicht reden!“ 57 „Armer, armer Junge! Ich will ihn ſchon reden lehren, daß er nicht ſo traurig iſt!“ Hildur trat zu Will und reichte ihm eine von den beiden Birnen, die ſie in der Schürze hatte...„Aber, hörſt Du, Thekla! wir würden gewiß nicht weinen, wenn wir unſern Vater verlören!“ „O ja, das würden wir doch,“ entgegnete Thekla nachdenkend:„alle Kinder weinen, wenn ihre Eltern ſterben!“ „Ja, aber Einer kann doch wohl nicht weinen, wenn er nicht will? Wenn Mutter ſtürbe, da wäre es etwas Anderes: da könnte ich auch ſterben, und was ſollten wir wohl anfangen, wenn unſere liebe, ſüße Mutter nie⸗ mals wiederkäme? Aber Vater— uſch!— mir wird immer bange, wenn er nur zur Thür hereinſieht! Iſt Dir nicht auch vor ihm bange?“ „Nein, aber ich werde immer ſo traurig, wenn er nach Hauſe kommt, und der fremde Knabe wird auch traurig, wenn Vater ihn anſieht... Aber ſei nun artig, Willchen, ſo will ich Dir auch das Schönſte geben, was ich habe— dann darfſt Du aber nicht mehr wei⸗ nen.. ſieh da... da haſt Du!“ Und Thekla ſuchte einen kleinen, an eine ſchöne Angelſchnur befeſtigten, vergoldeten Fiſch hervor, und reichte das Ganze dem ſchweigenden Gaſte. Will aber ſchüttelte nur traurig mit dem Kopfe und ſchob das dargebotene Geſchenk ſanft zurück. In dieſem Augenblicke fuhr Halwar mit dem Wagen vorbei, und da eben jetzt auch Will ſich zu der Thür hinwendete, ſo fing er einen Blick aus den Augen der kleinen Roſa auf. Aus eigenem Antriebe, als hätte er für einen Augenblick ſeinen Schmerz vergeſſen, eilte er zu dem Wagen hin; und da ihm das Kind ſeine kleinen geiſchigen Arme entgegenſtreckte, ſo nahm er es auf und drückte es feſt an ſich, während ein freudiges Zittern ihn durchbebte. Es war, als empfände er eine Art von Verwandtſchaft zwiſchen ſich und dieſem Weſen, das ſich noch wenig oder gar nicht ausdrücken konnte, und ihm dennoch durch ſeine Liebkoſungen einen Erſatz für alle ſeine Entbehrungen geben wollte. „Sieh nur 1... Roſa mag er leiden, an uns aber kehrt er ſich nicht: das iſt wahrhaftig luſtig— ſie, die noch ſo klein iſt!“ ſagte Hildur verdrießlich. „Ja, aber Roſa iſt ganz wie eine kleine Puppe,“ trö⸗ ſtete Thekla:„wir ſind viel größer, wir!“ „Genug ſind wir groß, verſteht ſich, aber er könnte uns wohl auch tragen... Ein andermal ſoll er auch meine Birne nicht wieder bekommen, der garſtige Junge!“ „Er nahm aber doch Deine Birne, meinen goldenen Fiſch aber wollte er nicht!“ Thekla konnte nur mit Muhe ihre Thänen zurückhalten. Ein ältliches Frauenzimmer, das nun auf dem Platze erſchien, verkündigte den Kindern, daß ſie nicht länger draußen ſein dürften; und gleich einer Schaar von Tau⸗ ben flatterten ſie, geſcheucht von der unwillkommenen Wärterin, zurück in den Taubenſchlag. Als der arme Will ſeinen Arm wieder leer fühlte, wurde ihm die Leere in ſeinem Herzen von Neuem eben ſo fühlbar; und nachdem das Spielhaus zugeſchloſſen, der Wagen weggeführt und die Kleinen ganz verſchwun⸗ den waren, ſtand er ganz allein da, gelehnt an die Thür des Spielhauſes, und ſtarrte den Himmel an, wo ſein Vater jetzt war, und wo er auch den Bruder glaubte, denn der Vater hatte ihm angedeutet, daß er ſie beide dort treffen würde. Eine grobe, kräftige Hand legte ſich leiſe auf die Schulter des Knaben. Es war Halwar, welcher nach der guten Handlung, deren er ſich bewußt war, ein ſtetes Bedürfniß fühlte, etwas von der großen und ſchweren Rechnung abzutragen, die er mit ſeinem Gewiſſen und mit ſeinem Gott abzu⸗ ſchließen hatte. Jetzt nahm ſich Halwar dieſes armen, un⸗ glücklichen Weſens, das wenige Tage nach ſeiner Ankunft in dem fremden Hauſe ſeinen Vater verloren hatte, mit einem Eifer und einer Wärme an, die ihm ſelbſt die meiſte Freude machten. Und wenn Will nur zuweilen zu in 1 ſitze ſche lade zwei glich Wo eine alle aber die trö⸗ onnte auch ige!“ denen mit Jlatze inger Tau⸗ denen ühlte, eben oſſen, wun⸗ n die , wo ubte, beide f die lung, ühlte, agen, abzu⸗ t, un⸗ kunft „mit t die eilen 59 durch Zeichen andeutete, daß er verſtand und dankbar war, ſo zitterte es in dem Herzen des alten Sünders, und es war ihm, als könnte er dann immer freier in die Augen der kleinen Roſa blicken, von denen er ein⸗ mal in dem vertraulichen Geſpräche mit Rasmus und Tönne geäußert hatte: wenn er in dieſelben ſähe, ſo wäre es gerade ſo, als ſäße Gott der Vater ſelbſt da und blickte heraus durch einen kleinen Spiegel. Der betrübte Blick des eilfjährigen Will wendete ſich auf Halwar, welcher, auf eine Fiſchangel deutend, ihm ein Zeichen gab, daß ſie auf die Landungsbrücke gehen und angeln wollten— ein Vorſchlag, auf den Will heute wie immer mit ſtiller Gleichgültigkeit einging. Indem aber Halwar dabei iſt, alle ſeine Kräfte auf⸗ zubieten, um den taubſtummen Knaben zu tröſten und zu zerſtreuen, wollen wir erſt in Holgerſen's Comptoir und dann in den Zimmern, welche ſeine Frau bewohnt, einſprechen. Siebentes Capitel. Zwei Gatten. Das eigene Zimmer des Capitains, oder wie er zu Hauſe gewöhnlich genannt wurde, des Patrons, lag in dem untern Geſchoſſe; und hier finden wir ihn nun ſitzend vor dem Fenſter, oder richtiger, vor der Fenſter⸗ ſcheibe, von welcher der mit Eiſen beſchlagene Fenſter⸗ laden weggeſchoben war. Das Zimmer— nur mit einem alten Schreibpult, zwei eichenen Schränken und einigen Kiſten möblirt— glich eher einem Gefängniſſe, als der ſelbſtgewählten Wohnung eines reichen Mannes. Auf dem Tiſche lag eine Menge von Papieren und zwei Beutel, gefüllt mit dem ——— ——-—— ——— Metalle, das einen ſo furchtbaren Einfluß auf die Seele dieſes Mannes ausübte. Der Ausdruck in Holgerſen's Geſicht hatte ein wider⸗ wärtiges Gepräge von Triumph und befriedigter Hab⸗ ſucht; doch war es nicht ſchwer zu bemerken, daß ſeine Sinne bei weitem nicht ausſchließlich mit demjenigen beſchäftigt waren, was er vor Augen hatte. Gleichſam um auf angenehme Weiſe eine Zeit zu verkürzen, die er nicht genug antreiben konnte, ſchüttete er den Inhalt der beiden Beutel aus und betrachtete denſelben mit jenem Eifer und jenem Genuſſe, welchen ein Kunſtkenner einem herrlichen Gemälde widmet; er lauſchte auf den Klang zwiſchen ſeinen Fingern, ſo wie der entzückte Muſikfreund auf die Töne eines bezaubernden Geſanges lauſcht— kurz: Holgerſen erſchien in dieſem Augenblicke, da ſicht⸗ barlich zwei mächtige Leidenſchaften um ſeine Seele kämpften, faſt noch abſcheulicher, als unter ſeinen wil⸗ den Heldenthaten. Er that alles Möglicheé, um die lum⸗ pige Geldgier zu reizen; doch der ungeduldige Blick, welcher von Zeit zu Zeit nach der Uhr hinüberſchweifte, bezeugte es, daß ſelbſt der Geiz in dieſem Augenblicke einem Herrſcher gehorchte, der ſich nicht abweiſen ließ. „Dieſe Vögel,“ murmelte er, und etwas, das einem kurzen Lachen glich, verzerrte die ſchönen Züge, welche demjenigen, der den Mann kannte, als eine Parodie auf den Mann ſelbſt vorkamen, wenn es aber denjenigen galt, die ihn nicht kannten, eine Freikarte auf Ehr⸗ lichkeit und Männlichkeit waren—„dieſe Vögel kamen zufällig nicht mit in das Inventarium der Erbſchaft, weil ſie ſich zufällig in der ſchwerſten Schatulle befanden, welche die ſelige Belle Coquette auf ihrer letzten Reiſe begleiteten. Ja, ja, das war ein trauriges Ereigniß — ich wundere mich gar nicht, daß Herr Jentzel den Verluſt bedauerte, beſonders da die kleine Schachtel mit den uneingefaßten Steinen ebenfalls keine Lumperei war. Doch mag man in Seenöthen wohl zufrieden ſein, wenn man Wechſel und Banknoten zu einem Werthe von 28,000 Species rettet: das war mir ein recht hübſches Seele vider⸗ Hab⸗ ſeine nigen chſam die er lt der jenem einem klang nigen Ehr⸗ amen chaft, nden, Reiſe igniß den mit war. wenn von ſches 61 Inventarium, eine recht hübſche Erbſchaft für dieſen Jun⸗ gen, der doch wohl zeitlebens unmündig bleibt, ſelbſt wenn er heirathen ſollte— ich glaube kaum, daß ſich der Fall ereignen wird, daß ſein Bruder wiederkommt und das Erbe mit ihm theilen will... Den beſten Nutzen aber bringt mir doch vielleicht dieſes!“ Holgerſen zog nun mit einer gewiſſen Vorſicht ein auf dem Sterbebette von dem reiſenden kranken Schweden, Wilhelm Jentzel, unterzeichnetes Document hervor, wel⸗ ches von folgendem Inhalte war: er, Jentzel, teſtamen⸗ tirte als einen geringen Beweis ſeiner Dankbarkeit, in welcher er zu dem Capitain Arne Holgerſen ſtand, der ihn und den einen ſeiner beiden Söhne nebſt dem größten Theile ſeines Vermögens mit eigener Lebensgefahr von einem ſinkenden Fahrzeuge gerettet hätte, genanntem Hol⸗ gerſen eine Summe von eintauſend Species. Einige geringere Donkionen an die hinterlaſſenen Angehörigen der gefallenen Matroſen bildeten den letzten Punkt in dieſem Teſtamente. „O, dieß iſt viel werth— mit Jentzel's eigenhän⸗ diger Namensunterſchrift und der des Stadtrichters als Zeugen darunter— und noch werthvoller iſt es dadurch geworden, daß es mir die ganze Erbſchaft gekoſtet hat!“ Mit dieſen Worten deutete Holgerſen auf eine dieſer von der Noth ihm abgezwungenen Aufopferungen hin, welche er je zuweilen— wenn auch ſelten mit dem Effect wie dießmal— zu machen ſich gezwungen ſah, ſofern er nämlich ſein Anſehen als guten und eifrigen Mitbürger beibehalten und gründen wollte— nächſt dem merlangen, Reichthümer zu ſammeln, ſein höchſtes Be⸗ ſtreben. Was er in dieſem vorliegenden Falle gethan hatte, war Folgendes: Er hatte die ganze Summe bei dem Magiſtrate deponirt und erklärt, da er es als ein Sündengeld an⸗ ſehen müßte, wenn er, ein wohlhabender Mann, eine Belohnung für eine Pflicht annehmen wollte, welche er gegen jeden ausgeübt haben würde, ſo ſchenkte er oben bemerkte tauſend Species als das Grundcapital zu einem Fond(woran man ſchon lange gedacht hatte) zur Auf⸗ führung eines Hauſes, nebſt Heizung und Unterhalt für Wittwen von Seeleuten und deren unmündige Kinder. Dieſe Handlung, welche wegen ihrer großen Uneigen⸗ nützigkeit außerordentlich bewundert und weit verbreitet und viel beſprochen wurde, beſtimmte vielleicht mehr als alles Andere den armen Kranken, ihn zum Vormund ſeines Sohnes zu wählen. Jentzel hatte zwar aus alten Zeiten noch einige Bekannte in Stockholm, und beſonders einen Mann, mit welchem er ehemals ſowohl in Handels⸗ als Freundſchaftsverbindungen geſtanden hatte; da er nun aber daran dachte, daß dieſer Mann, Namens Fredrik Stangerling, ſehr oft auf Reiſen und noch dazu unver⸗ heirathet war, ſo— da die Noth und der Tod vor der Thür ſtanden und ſowohl der Stadtrichter als auch der Geiſtliche Holgerſen's Redlichkeit lobten, wovon ja ſein Betragen auch in jeder Hinſicht den deutlichſten Beweis gab— wußte er in der kurzen Friſt keinen beſſern Rath. Er war auch bezaubert von dem unverſtellten Wohl⸗ wollen, mit welchem er in Holgerſen's Hauſe aufgenom⸗ men und mit allen möglichen Bequemlichkeiten ver⸗ ſehen worden war. Verwandte hatte er nicht am Leben, und daher betrachtete er mit Rührung und Dankbarkeit diejenige Familie, welcher er ſeinen Sohn anvertrauen wollte— dieſes letzte Liebespfand einer Gattin, deren Verluſt ihn in ein fremdes Land getrieben und zu einem Einſiedler gemacht hatte. Frau Holgerſen, deren Be⸗ kanntſchaft wir bald machen werden, hatte in ſeine er⸗ kaltende Hand das Gelübde niedergelegt, dem Knaben eine gute und rechtſchaffene Mutter zu ſein; und da hiebei drei kleine Engelsgeſichter durch die in ein anderes Zimmer führende Thür geblickt hatten, ſo hatte er gehofft, daß ſein Will hier glücklicher werden wuͤrde, als anderswo. Er konnte nicht den mindeſten Argwohn hegen, und ſtarb mit Segenswünſchen für ſeinen Sohn und diejenigen, welche die Pflege der Kindheit und der Jugend deſſelben übernehmen wollten. einſt und Kind und der auf aus! ihre kenne 4 findli und( ſtalt, wenig koſten Sorg nem Auf⸗ für er. gen⸗ Lund alles ines eiten inen als nun edrik ver⸗ der der ſein weis ath. ohl⸗ nom⸗ ver⸗ ben, rkeit ruen eren nem Be⸗ er⸗ eine drei imer daß Swo. tarb gen, ben 63 In dem wahrſcheinlichen Fall, daß Will unver⸗ heirathet ſterben würde, war das Vermögen als Erb⸗ theil für eine gewiſſe Anzahl taubſtummer Kinder beider⸗ lei Geſchlechts beſtimmt. Holgerſen richtete ein ſtattliches Begräbniß an und erſtattete darauf die Mühe des Stadtrichters und des Paſtors auf eine ſo freigebige Art, daß er ſich dadurch einen noch berühmteren Namen verſchaffte. Auch die Armen wurden nicht vergeſſen, denn der freigebige Vor⸗ mund theilte im Namen ſeines Mündels an dem Be⸗ gräbnißtage eine bedeutende Geldſumme aus, und dieß hatte zur Folge, daß Herr Wilhelm Jentzel bei ſeiner Beiſetzung eine faſt endloſe Proceſſion erhielt, und daß Alle denjenigen ſegneten, welcher, anſtatt gleich ſo vielen Andern das Geld in ſeine eigene Taſche zu ſtecken, daſſelbe für die Armen ausſtreute.. ur eine einzige Perſon, diejenige, für deren ge⸗ ringſtes lobendes Wort Holgerſen zu Allem im Stande geweſen wäre, ſchwieg hartnaͤckig „So!“ ſagte Holgerſen, indem er das Geld wieder einſteckte, und die Beweiſe für ſeinen ehrlichen Namen und Ruf einpackte,„dieß iſt ein ſchönes Erbe für die Kinder! Ein guter Name iſt doch ein prächtiges Ding, und wenn er auch etwas koſtet, ſo... Aber ich glaube, der Teufel ſelbſt dreht den Uhrzeiger: er zeigt ja erſt auf halb zwölf!... Nein, ich halt's nicht länger aus!... Noch dauert es eine halbe Stunde, ehe ſie ihre Runde in der Haushaltung gemacht hat— o, i kenne dieſe Runde!.. man möchte raſend werden!“ Augenblicklich lagen ſämmtliche auf dem Tiſche be⸗ findlichen Schätze eingeſchloſſen in dem eichenen Schranke, und Capitain Arne Holgerſen erhob ſeine mannhafte Ge⸗ ſtalt, und begann mit einer Arbeit, von der man wohl am wenigſten hätte vermuthen ſollen, daß ſie ihm Zeit und Muhe koſten könnte, nämlich er kleidete ſich mit der äußerſten Sorgfalt, und das zu einem Beſuche bei— ſeiner Frau. ..... Unter den Wohnzimmern im obern Stockwerke waren drei, mit denen der Beſitzer des Hauſes nicht öfter in Communication kam, als wenn ſeine Frau ihn anneh⸗ men wollte, was keineswegs zu jeder Zeit geſchah, ſon⸗ dern nur wenn er ſich die Erlaubniß dazu ausgewirkt hatte. Bei den Mahlzeiten trafen ſie ſich in einem großen dunklen Saale, der in den übrigen Tagesſtunden die Kinder durch ihre munteren Spiele einen Anſtrich von Wohnlichkeit verliehen. Dieſer Saal war beſtimmt, der Sammelplatz auch der übrigen Familie zu ſein; doch traf es ſich mehr denn oft, wenn das Abendfeuer kniſterte, daß nur die Kinder kamen und daß die Mutter, wenn ſie bisweilen da war, ſich bei der Ankunft des Vaters entfernte, oder daß er gleich wieder fortging, ſo⸗ bald er hereinkam, weil ſie nicht dort war, ſondern nur die alte Wärterin, welche die Kleinen immer begleitete. Als der Capitain Arne Holgerſen ſich ſo leiſe, als ginge er zu einer geheimen Liebeszuſammenkunft, durch den Corridor ſchlich, welcher die Zimmer ſeiner Gattin von der übrigen Wohnung trennte, hatte ſein Geſicht eine brennende Farbe erhalten, welche nebſt dem Aus⸗ drucke in ſeinen glänzenden Augen ahnen ließ, daß die in ſeinem ſündhaften Herzen lodernden Gefuhle jetzt ihre volle Mittagshöhe erreicht hatten. Sollte man wohl glauben, daß ſeine Hand, dieſe Hand, welche, ohne zu zittern, mehr denn einen Mann in die Ewigkeit aͤb⸗ gefertigt hatte, jetzt wirklich zitterte, als er dieſelbe auf das Schloß einer Thür legte, die in die Wohnung eines Weibes führte! Dieſes Weib aber beherrſchte ihn: vor ihr war der Tiger ein Lamm— aber doch ein Lamm mit einem Tigerherzen, welches das Blut ſeiner Herr⸗ ſcherin zu trinken im Stande geweſen ſein würde, wenn ſie es nicht verſtanden hätte, dem Ungeheuer, welches ſie bewachte, zu rechter Zeit einige Broſamen vorzu⸗ werfen. Als einen großen Gegenſatz zu den im Agemeinen dü dunklen und druͤckenden Zimmern in dieſem düſtern und ſcht Fra hell nete man Lur⸗ Koſt geſch ſchlo ſchm ihre loren aus auch ma zan und ſowol Verhe war genug durch Zuruͤ⸗ zu bel aus 2 geſcha ſein, weilen gewah Frau, ihr zu herrſch geliebte unbeder müthe gedemü Der ſchwerfälligen Hauſe erfreute die kleine Wohnung der Frau Holgerſen das Auge mit dem frohen Anblicke heller Tapeten, heller Möbeln und einer ſo ausgezeich⸗ neten, geſchmackvoll geordneten Blumenſammlung, daß man ſic in eine andere Welt verſetzt wähnte. Kein Luxus herrſchte in dieſen Zimmern: die Haufen von Koſtbarkeiten, welche ihr Mann ihr im Laufe der Jahre geſchenkt hatte, waren ſämmtlich in ein großes, ver⸗ ſchloſſenes Zimmer verwieſen worden. Seit etwas über drei Jahren hatte ſie den Ge⸗ ſchmack für die faſt orientaliſche Pracht, mit welcher ihre Wohnung ehemals eingerichtet war, gänzlich ver⸗ loren, und in eben dem Verhältniſſe, da ſie allen Lurus aus ihrer Wohnung verbannte, verwies ſie denſelben auch von ihrer Perſon. Man hatte die Anmerkung ge⸗ macht, daß der Ueberfluß, welcher die erſten Kinder um⸗ gab, bei der Geburt der kleinen Roſa gänzlich aufgehört, und daß von dieſer Zeit an eine totale Veränderung ſowohl in den häuslichen, als, auch in den ehelichen Verhältniſſen ſtattgefunden hatte. Schon vor dieſer Zeit war die junge, von ihrem Manne vergötterte Frau karg genug mit ihren Gunſtbeweiſen und verſtand immer, durch dieſe ſtrenge, mit einer gewiſſen unveränderlichen Zurückhaltung verbundene Würde ſich auf einem Platze zu behaupten, wo ſie die Herrſcherin war. Ob dieſes aus Berechnung oder aus einer angebornen Herrſchſucht geſchah, iſt ſchwer zu ſagen; doch möchte man verſucht ſein, den erſten Fall anzunehmen, wenn man nicht bis⸗ weilen die unterdrückte Flamme in ihren ſchwarzen Augen gewahrt hätte. Sie war ohne Widerſpruch eine kluge Frau, welche einſah, daß ſie mit dieſem Manne, der ihr zu Theil geworden war, entweder durch die Macht herrſchen mußte, welche ſie als ein junges, ſchönes und geliebtes Weib beſaß, oder daß ſie nothwendig zu einer unbedeutenden, täglich tauſendmal von dem rohen Ge⸗ müthe und der deſpotiſchen Oberherrſchaft ihres Mannes gedemüthigten Gattin herabſinken wurde. Der Jungferthurm. I. 5 Dieſe beſſeren Zeiten waren aber, wie wir ſchon erwähnt haben, jetzt entflohen, und von dem Tage an, da Frau Holgerſen ſich nach der Geburt ihrer jüngſten Tochter, die ihr beinahe das Leben gekoſtet hatte, wieder zeigte, war ſie ſo gänzlich verändert, beſonders gegen ihn, den ſie ihren Gatten nannte, daß ſie ihn mehr denn einmal faſt bis zum Wahnſinn trieb, was dann Andere erfahren mußten, wenn ſie ihn nicht, um dieſes zu ver⸗ hindern, zu beruhigen ſuchte. Als Holgerſen die Thür öffnete und durch das erſte Zimmer wanderte, kam ihm jener friſche Blumenduft entgegen, welcher immer den Anfang jener berauſchen⸗ den Plagen bildete, die er empfand, wenn er eine Gattin beſuchte, die er bis zum Wahnſinn liebte, die aber wo möglich noch kälter war, als das Eis. In dem zweiten Zimmer ſtand das Fortepiano offen und rund umher war eine Menge von weiblichen Ar⸗ beiten geſtreut, woraus man abnehmen konnte, daß ſie ſich hier gewöhnlich aufzuhalten pflegte. Heute aber ſaß ſie in dem innerſten Zimmer, und als Holgerſen die halb offene Thür ganz aufmachte, ſo fand er ſeine Gattin in einem indiſchen Wiegenſtuhle ſitzend, mit der kleinen Roſa in ihrem Schooße. Das Haupt des ſchönen ſechsundzwanzigjährigen Weibes ruhte auf einem kleinen Kiſſen, welches an ſeinem Bande über die Stuhllehne herabhing, während ihr feiner Fuß auf einem Schemel von geflochtenem Bambusrohr weilte. Das ſchöne gelbe Haar der kleinen Roſa ſchimmerte herrlich neben den rabenſchwarzen Locken der jungen Mutter, und der weiße, um den Nacken der Mutter geſchlungene Arm des Kindes diente nur dazu, um zu zeigen, daß der Marmor in jenem nicht klarer und reiner war, als in dieſem. In einiger Entfernung ſaßen Thekla und Hildur, jede auf ihrem kleinen Stuhl ohne Lehne, mit Puppennätherei beſchäftigt, und in der Ferne an dem andern Fenſter ſtand der ſtumme Will und ſah zu, wie Thekla's und Hildur's herabhangende Füßchen auf dem Rücken des alten Karo ſpielten, ohne daß dieſer, der vor ihnen werde ſuchte attin wo offen Ar⸗ 6 ſie aber die ſeine der onen inen ehne emel elbe den eiße, des in In auf erei ſter und des nen gemächlich ausgeſtreckt lag, ſich im allergeringſten genirt zu fühlen ſchien.. Bei dem erſten Blick auf ſeine Frau, welche ihm den Verdruß machte, in ihrem einfachen grünen Wollen⸗ kleide eben ſo ſchön zu ſein, wie damals, als ſie ſich vor ihm in dem indiſchen Muſſelin oder dem koſtbaren Seidenzeuge zeigte, blitzte es in ſeinen großen blauen Augen; ſobald er jedoch alle überflüſſigen Partien auf dem Gemälde erblickte, ſo verfinſterte ſich der Blick, und der Ton ſprach ſeine ganze Unzufriedenheit aus, als er ſagte: „Ich hoffte Dich allein zu finden!“ „Das bin ich ja auch!“ „Biſt Du das, wenn Du die fünfte Perſon im Zimmer biſt?“ „Die Kinder ſind mir ſelbſt eins, und der arme Will hat das Gl... Unglück, nichts zu hören.“ „Schicke die Kinder weg, Amelie— ich bitte Dich!“ „Ich glaubte, es würde Dir eine Freude machen, e hier verſammelt zu finden, wenn Du mich beſuchteſt... hekla, bringe dem Vater einen Stuhl!“ „Iſt nicht nöthig: ich kann wiederkommen, wenn Du unbeſchäftigt biſt!“ „Wie es Dir beliebt, mein Freund!“ Amelie beugte ihr Haupt zum Abſchiede, doch aus dieſem wurde nichts, denn anſtatt zu gehen, kehrte Hol⸗ gerſen ſchnell zurück und ſich über ſeine Gattin neigend, flüſterte er mit flammenden Blicken:„Reize mich nicht — ich will mit Dir allein reden!“ Holgerſen's eigene Gemüthsbewegung hinderte ihn zu bemerken, daß ein leichtes Zittern Amelie's Geſtalt durchzuckte. Dennoch lag in ihrem Tone die gewöhn⸗ liche Ruhe, als ſie leiſe, doch mit einem ſchnellen Blicke, der Holgerſen's Athemzug hemmte, ihm antwortete:„Zeige Dich nun ruhig und freundlich gegen die Kinder— bald werde ich ſie hinausſchicken!“ Gehorſam, gleich einem Bären an der Kette, ver⸗ ſuchte Holgerſen ſeiner Frau zu gefallen, indem er ihren ſie 68 Willen erfüllte. Er begann damit, die kleineren Ar⸗ beiten ſeiner beiden älteren Töchter zu betrachten: da er jedoch hiebei unglücklicher Weiſe den armen Karo trat, ſo entſtand augenblicklich Lärm im Lager. Die Mädchen eilten um einander hin, um Karo's Fuß zu betrachten, welchen er hinkend zu verbergen ſuchte. Thekla kam ganz altklug und bat um Rigabalſam; Hildur ſchluchzte und warf auf ihren werthen Papa einen ſo böſen Blick, als hätte ſie große Luſt, ihn wieder zu treten, und die kleine Roſa, welche ſich aus dem Schooße der Mutter geworfen hatte, ſchrie aus Sympathie für den allgemein geliebten Karo— ſogar Will näherte ſich, als waͤre es ſeine Ab⸗ ſicht, die kleinen betrübten Weſen zu tröſten. „Welch ein Spektakel für einen alten muffigen Hund!“ murmelte Holgerſen bei ſich ſelbſt, indem er ſich umwendete und zum Fenſter hinausblickte— einen ſo rohen Ausdruck zu gebrauchen würde er in Gegenwart ſeiner Frau nicht gewagt haben, denn bei ihr bemühte er ſich, ja war er wirklich eine ganz andere Perſon, als der Capitain Arne Holgerſen, der Befehlshaber auf ſei⸗ nem eigenen Fahrzeuge, dem Mitbürger. Inzwiſchen war die junge Frau aufgeſtanden und hatte geklingelt. Die Kinderwärterin kam, und ihrer Pflege wurden ſowohl Karo, als auch ſeine ſämmtlichen Freunde, Will mit eingerechnet, anvertraut. Die beiden Gatten waren allein. Achtes Capitel. Eine Eheſeene. Amelie nahm ihren vorigen Platz in dem Wiegen⸗ ſtuhle nicht wieder ein: ſie ſtellte ſich an den Ofen, und ihre Wange, welche noch vor einem Augenblicke die meil ihre kom en Ar⸗ da er ro trat, kädchen dachten, n ganz te und ck, als kleine worfen liebten de Ab⸗ iffigen er ſich en ſo nwart mühte , als if ſei⸗ nund ihrer lichen 69 friſcheſten Roſen gehabt hatte, erhielt, je länger ſie ihren noch immer am Fenſter ſtehenden Gatten von der Seite betrachtete, eine immer merklichere Bläſſe— der Sternblitz, welcher ſich eine halbe Sekunde lang in ihrem Auge gezeigt hatte, war jetzt einer nebeligen Wolke ge⸗ wichen. Holgerſen wendete ſich um und betrachtete einen Augenblick, ohne ein Wort zu ſagen, ſeine Frau; dar⸗ auf trat er zu ihr und wollte ihre Hand ergreifen; doch ſie zog dieſelbe leiſe zurück. „Nicht einmal ſo viel gönnſt Du mir?“ „Willſt Du mir beſonders etwas?“ „Ich will Deine Hand halten— Du mußt mich gar ſehr haſſen, wenn Du einen ſo kleinen Wunſch un⸗ billig findeſt!“ „Du kommſt wohl nicht bloß darum hieher, um meine Hand zu halten? Ich meine, Du ſagteſt geſtern Abend, daß Du mit mir über den armen ſchwediſchen Knaben zu reden wünſchteſt— gebe Gott, er wäre bei uns in guten Händen!“ „Worüber wollen wir denn zuerſt reden?— Ich „Liebevoll?“ Die Lippen der jungen Frau kräu⸗ „Warum ſollte ich das thun?“ „Warum?— Hal.... Du verläßt Dich auf meine Langmüthigkeit!... Warum ſehen andere Frauen ihre Männer freundlich an, wenn ſie nach Hauſe kommen?“ 3 „Das iſt mehr, als ich weiß— ich kenne das Betragen anderer Frauen ſo wenig, daß es mir ſchwer iſt, mich in dieſelbe zu verſetzen.“. „Kennſt Du denn ihre Pflichten? Kennſt Du Deine eigene Pflicht?“ „Das habe ich bis jetzt geglaubt, und ich denke, Du haſt keine Urſache gehabt, Dich zu beklagen!“ „Wie? ich ſollte keine Urſache haben, mich zu be⸗ klagen?... Amelie, ſieh mich ein einziges Mal ſo an, wie Du früher thateſt— Du weißt, daß ich leide!“ „Du— leiden?. O, der Blick eines armen Wei⸗ bes kann auf einen Mann, wie Du, nicht wirken!“ „Das ſollte er nicht; aber leider weißt Du, daß ich vor Dir ſo elendig ſchwach bin, daß ich vor mir ſelbſt erröthen möchte!“ „Und ich... weißt Du wohl, was ich thue? Auch ich erröthe— doch vor Aerger, daß ich die Leidenſchaft eines ſolchen Mannes wecken kann!“ Bei dieſen Wor⸗ ten flammte auf Ameliens Wange eine ſtarke Feuerwolke auf, und der dunkle Schleier, welcher vor einem Augen⸗ blicke den Glanz ihrer Augen verdunkelte, wich dem Blitze eines zornigen Stolzes.— „Es gab gleichwohl eine Zeit, da Du darüber nicht errötheteſt!“ ſagte Holgerſen mit bebenden Lippen. „Nein, denn damals glaubte ich, Du wäreſt im Stande, eine wirkliche Liebe zu empfinden!“ „Und nun gibſt Du Dir den Schein, als glaubteſt Du, daß ich dazu nicht im Stande ſein ſollte?“ „Ich gebe mir nicht nur den Schein, ſondern ich weiß es! Du kannſt nur mit den Sinnen und nicht mit dem Herzen lieben— wäre es anders...“ „Nun?“ „ ſo würde dieſes Gefühl Dich längſt zu einem andern Menſchen umgeſchaffen haben!“ „Und daß es mich nicht zu einem andern Menſchen umgeſchaffen hat, weſſen Fehler iſt das?“ „Dein eigner natürlich, da Du ihn nicht zu faſſen vermagſt.. Ach, Du weckſt mein Mitleiden! Ein Mann, behaftet mit der ſchmutzigſten Leidenſchaft, Geldgier, 8 4 zwer eine Du be⸗ wie Vei⸗ daß mir luch haft dor⸗ olke hen⸗ itze icht im teſt ich icht em hen ſen Fin redet von Liebe, ſeufzt nach dem Blicke eines Weibes, nach einem Drucke ihrer Hand!“ „Amelie, Amelie! ſo bedauernswürdig Du auch dieſen Mann anſiehſt, ſo ſpare dennoch ein wenig Mit⸗ leiden für Dich ſelbſt; denn wie lange Du auch fort⸗ fährſt, Wunde auf Wunde zu ertheilen, ſo könnte es ſich doch ereignen, daß der Schmerz ihn zuletzt reizte, das hierſpraihen zu vergeſſen, welches Du ihm ab⸗ lockteſt!“ „Ich habe Dir kein Verſprechen abgelockt, ſondern Dir vor drei Jahren die Wahl gelaſſen, zu ſehen, daß ich mit meinen drei Kindern Dein Haus verließe, oder auch in mir weiter nichts zu ſehen, als die Vorſteherin Deiner Haushaltung, eine Rathgeberin, wenn Du eine ſolche nöthig haſt. Du wählteſt das Letztere, wollteſt, daß ich auf dieſe Bedingungen bliebe brichſt Du aber Dein Verſprechen, ſo bin ich bereit zu reiſen!“ „Verflucht ſei der unglückliche Augenblick, da ich in der Verzweiflung, Dich zu verlieren, ein Geheimniß verrieth, welches nur ein Wahnſinniger der Liebe gegen ſeine Gattin preisgibt!“ „Ja, wehe über dieſen Augenblick, der mir die Binde von den Augen riß, und mich in die ganze Ab⸗ ſcheulichkeit Deiner ſchrecklichen Seele ſchauen ließ! Kann ich wohl jemals dieſer Nacht voller Martern vergeſſen? Ich war aus einer Ohnmacht in die andere gefallen; doch in einem bewußten Augenblicke ſah ich Dich— vielleicht zum erſten Male in Deinem Leben— mit aus⸗ geſtreckten Armen auf den Knieen liegen, und hörte, wie Du, gleich einem verzweifelten Manne, Deiner ſelbſt nicht bewußt, ausriefſt:„O Herr, du entreißeſt ſie mir!... Iſt das eine Strafe dafür, daß ich geſtern den armen Holländer in die Tiefe zurückdrückte, nachdem ich ihm zuvor ſein Gold geraubt hatte? Auch er hatte vielleicht eine Gattin, und jetzt muß ich die Frucht ihres Fluches tragen!“ „Schweig! ſage ich, ſchweig!... Wiederhole nicht dieſe Worte des Wahnſinnes!“ „Der Wirklichkeit!“ „Meinethalben!— Du haſt dennoch auf eine fürch⸗ terliche Art meine Verzweiflung gelohnt!“ „Worüber?“ „Ueber Dich!“ „Hätteſt Du lieber geſagt: über Dein Verbrechen! Doch Du kennſt keine Reue: Du könnteſt vielleicht noch einmal— ja, Du haſt vielleicht ſchon...“ Sie brach ab; aber ein Fieber durchſchauerte ihren Körper. „Habe ich denn nicht zwei Menſchenleben gerettet? Habe ich nicht der Stiftung für Wittwen von Seeleuten die Summe geſchenkt, welche mir Jentzel als einen Be⸗ weis ſeiner Dankbarkeit vermacht hat?... Amelie, Du⸗ mußt endlich einmal gerecht richten!“ „Ich richte nach meinem Inſtinkt, und dieſer hat mir längſt geſagt, daß Du das Gute nicht allein um des Guten willen gethan haſt. Ich habe in Deinem Geſichte geſpäht, habe in Deinem Blicke, in Deiner Seele geleſen, und...“ „Und?“ fragte Holgerſen, indem er vergeblich einen kühnen Blick auf ſeine Gattin zu heften verſuchte. „Ich habe ein neues Geheimniß geleſen, welches ich nicht zu durchdringen vermag.“ „Wenn ich nun aber ſchwöre?“ „Schwöre nicht; denn ich fühle, daß ich Dir nicht glauben kann— wenn Du mir aber das Allerärgſte erzählteſt, das meine Einbildung zu erdenken vermag, da...“ „Wenn ich das thäte?“— Holgerſen's Blicke be⸗ gannen zu brennen—„was dann?“ „Da würde ich Dir glauben!“ „O Weib, Weib! Du mordeſt mich mit Deinem Hohne und Deiner Eiſeskälte!... Ich bin es müde, mit mir ſpielen zu laſſen: Du biſt meine Gattin,— Du biſt mein Eigenthum! Blitzesſchnell warf er ſeinen Arm um ihren Leib und zog ſie an ſich; doch geſchmeidig, wie eine Gazelle, entwand ſie ſich ihm. Verlaß mich! verlaß mich im Augenblick— oder,.“ +————-—D-- —. 73 „Daraus wird nichts— hier habe ich zu befehlen! Ich bin allzu lange Dein Sklave geweſen— ich habe Dir geſagt, daß ich deſſen müde geworden bin!“ „So laß mich denn mit den Kindern reiſen!“ „Nimmermehr!... Weißt Du, was ich eher thäte, als daß ich im Stande wäre, in eine Scheidung zu willigen?“ „Du mordeſt mich wohl?“ „Ja, und dann drehe ich der ganzen Sippſchaft den Hals um und zuletzt mir ſelbſt! Wage es alſo nicht, von Reiſe und Scheidung zu reden; denn reifeteſt Du auch bis an's Ende der Welt, ſo würde ich Dich den⸗ noch finden!... Du klagteſt darüber, daß ich Dich nicht zu lieben verſtände: doch dieſe Liebe, welche meine Seele in Stücke reißt, ſoll Dich, ſo lange Du lebſt, jeden Tag, jede Stunde verfolgen; ſie ſoll zu Dir rufen um Troſt in ihren Qualen, und wenn Du fortfährſt, ſie zu ver⸗ höhnen, ſo häufe ich Verbrechen auf Verbrechen im Namen dieſer Liebe, welche ich verfluche und dennoch nicht loswerden kann, ohne mir das Herz aus der Bruſt zu reißen! Holgerſen's Wuth hatte eine ſchreckliche Hohe erreicht. Er ſtand vor ſeiner Gattin gleich einem Dämon aus dem Abgrunde; doch ſie verlor die Faſſung nicht: im Gegentheile betrachtete ſie ihn mit einer Miene, in wel⸗ er eine unterdrückte Theilnahme, ja vielleicht etwas noch Höheres lag, und ihre Stimme hatte einen liebko⸗ ſenden Klang, welche wunderbar die brauſenden Wogen in der Seele des Wilden beſänftigte, als ſie leiſe ſagte: „Arne! wenn ich Dich nicht ſo gut kennte, wenn ich nicht wüßte, daß Deine wahnſinnige Liebe bisweilen mit Deinem Verſtande davonläuft, ſo würdeſt Du mich in Schrecken ſetzen. Doch ich verzeihe Dir: jetzt warſt Du auf jeden Fall offenherzig gegen mich!“ „Du vergibſt mir, und das mit dieſer Stimme!... Mache mit mir was Du willſt, gebiete über mich— ſieh mich nur noch ein einziges Mal mit dieſem Blicke an, der mich erwärmen würde, wenn ich ſchon im Tode erſtarrt wäre!... Amelie, Amelie, ich bin ſehr elend, und ich würde über mich ſelbſt weinen, wenn ich weinen könnte. Doch es gab einen Abend in meinem Leben— es iſt nun ſchon ſehr lange her— an dieſem verweinte ich alle Thränen, die ich hatte. Seit dieſer Zeit ſind meine Augen ſtets trocken und mein Herz voller Haß und jeglicher Bosheit geweſen, außer gegen Dich, die ich zu lieben verdammt bin, obgleich es mir oft eine Wolluſt ſein würde, wenn ich Dich haſſen könnte!“ „Dieſer Abend— davon haſt Du noch nie ein Wort geſagt; denn Dein Vertrauen hat mir nie gehört — verweinteſt Du denn alle Deine Thränen an dieſem Abende um eines Weibes willen?“ Amelie's Ton hatte jetzt weder ſeine ruhige Gleichmäßigkeit, noch auch den bezaubernden Klang, der zuletzt darin vibrirte; er ent⸗ hielt im Gegentheil eine unterdrückte Heftigkeit, und in ihren Augen, die ſchnell über Holgerſen's Antlitz fuhren, flammte es auf, wie wenn man auf ein unter der Aſche verborgenes Feuer bläst. „Um eines Weibes willen, ſagſt Du, Amelie?— was fragſt wohl Du darnach? Wäre es möglich?... o nein, ich habe Fieberphantaſien— das würde Dir gewiß gleichgültig ſein!“ „Wohl möglich— dennoch will ich es wiſſen!“ „Entſinnſt Du Dich des Abends vor mehreren Jah⸗ ren, da es mir vorkam, als erwiederteſt Du einen von den heißen Blicken, welchen der junge Maler auf Dich warf— entſinnſt Du Dich noch, wie ich damals war?“ „Sehr gut: Du würdeſt das Herzblut des jungen Mannes genommen haben, wenn ich nicht geſchworen hätte, daß er mich nie anders, als in den ehrfurchts⸗ vollſten Ausdrücken angeredet hat— an jenem Abende warſt Du ein Ungeheuer.“ „Das kam daher, weil ich noch nie gräßlichere Qua⸗ len empfunden hatte, als damals.“ „Warum erinnerſt Du mich aber jetzt daran?“ „Aus dem Grunde, weil ich es nicht über mein Herz bringen könnte, Dich zu peinigen, wenn es möglich — —— 75 wäre, daß Du, nicht etwas Aehnliches, aber do etwas empfinden könnteſt, das ſich im Allerentfernteſten mit der Hölle vergleichen ließe, in welcher ich mich da⸗ mals befand. Darum ſchwöre ich Dir bei dem Einzi⸗ gen, das für mich jemals Wahrheit gehabt hat, bei der Liebe zu Dir, daß kein weibliches Weſen dieſe Thränen meinen Augen entpreßte und mich zu demjenigen machte, was ich geworden bin; ſondern es war mein Vater, mein eigener Vater, und wir verfluchten uns gegenſeitig, als wir uns trennten.“ Holgerſen verbarg ſein Geſicht in beiden Händen; denn die Erinnerung an dieſen ſchrecklichen Augenblick war ihm immer noch ein Geſpenſt, das mit dumpfer Gra⸗ besſtimme in ſein Ohr rief:„In jener Stunde wurde dein beſſerer Menſch zu Grabe getragen— ſeit jener Zeit haſt du das Leben eines Verdammten gelebt!“ Mit unverſtellter Rührung betrachtete Amelie ihren Gatten.„Arne!“ ſagte ſte,„dieſes ſchreckliche Ereigniß ſollſt Du mir in einem ruhigeren Augenblicke erzählen. Es thut mir ſchon wohl, hoffen zu können, daß ein unglückliches Schickſal, nicht Dein eigner böſer Wille, Dich hinausgeworfen hat auf den Weg des Verbrechens. Zuerſt aber— denn unſer Geſpräch muß nun bald ein Ende nehmen, denn die Mittagsſtunde naht— zuerſt ſage mir, ob es auf Erden noch Etwas gibt, das der ſchrecklichen Verheerung, die Dein Herz und Deine Seele an allem Edlen und Reinen gelitten hat, entgegen wir⸗ ken kann?— Gibt es einen Preis, für welchen Du es der Mühe werth halten kannſt, ein neues Leben zu be⸗ ginnen?“ „Nur einen ſolchen Preis gibt es!“ „Meinſt Du?“— Amelie's Stimme zitterte—„die Trennung zwiſchen uns ſoll aufhören, und ich wieder Deine Gattin ſein?“ Holgerſen ſchüttelte den Kopf.„Du biſt meine Frau, und keine menſchliche Macht wüͤrde im Stande ſein, mich zurückzuhalten, wenn ich es über mich vermöchte, gegen Dich meine Rechte in Ausübung zu bringen.“ Hätte ich wohl drei Jahre lang meine Sinne beherrſcht und hätte, daß. Genug: der Preis, um den kein Opfer groß genug und keine Verſuche unmöglich ſein würden, dieſer Preis iſt der, daß ich Dir eine eben ſo brennende Liebe einflößen könnte, wie ich ſie ſelbſt empfinde.... O, könnte ich ſehen, daß Du ſo gepeinigt und gemartert würdeſt; könnte ich, von Dir ungeſehen, an Deinem Lager ſtehen und zuſehen, wie die verzweifeltſten Träume Dich erſchüt⸗ terten, könnte ich hören, wie Du ſeufzteſt, klagteſt und mich riefeſt, und glaubteſt, daß ich weit entfernt und gleichgültig gegen Dich wäre!... Ach, ich wollte ſchon einige Jahre früher in die Hölle hinabſteigen, wenn ich nur dieſes ſehen und hören könnte!“ „Du biſt fürchterlich! Jetzt verlaß mich— über⸗ morgen darfſt Du mich wieder beſuchen!“ „Nein, laß mich nicht ſo lange warten: heute Abend, wenn die Dämmerung mein Antlitz verhüllt, laß mich da kommen und Dir erzählen von...“ „Nicht zu dieſer Zeit, nicht eher als übermorgen! Ich muß mich zuvor erholen— auch Du mußt ruhiger werden. Gehorche mir: wenn Du mich liebſt, iſt es da nicht ſchon mehr als Du hoffen kannſt, wenn ich zu Dir im Namen dieſer Liebe rede?“ „Ich gehe... ich gehorche! Laß mich nur einige Sekunden Deine Hand in die meinige ſchließen— ſei nicht ſo grauſam, mir das zu verſagen, was Du in Gegenwart der Kinder oder fremder Leute nicht zu ver⸗ ſagen wagſt.“ Amelie reichte ihm ihre Hand, und Holgerſen ſchloß dieſelbe zitternd in die ſeinige; kaum aber hatte er ſie berührt, ſo ließ er ſie von ſelbſt mit einer elektriſchen Bewegung aus der ſeinigen gleiten und eilte ſchnell hinaus. Jetzt mußte Amelie ihr von hervorbrechenden Thrä⸗ nen überſtrömtes Geſicht verbergen, indem ſie bei ſich ſelbſt flüſterte:„Dieſer Sünder iſt alſo wirklich im Deinem kleinſten Wink gehorcht, wenn ich nicht gehofft⸗ —— —„ Stande, eine große Liebe zu empfinden; doch— eine ſchreckliche Liebe!“ — An dieſem Abende trafen ſich die beiden Ehegatten in dem großen Saale, wo das Abendfeuer kniſterte, und die Kinder mit Karo, der ſchon wieder hergeſtellt war, einen muntern Wettlauf hielten. In der Ecke am Ka⸗ min aber ſaß der ſtumme Will und ſpielte mechaniſch mit zwei großen rothen Aepfeln, welche die Hausmutter hm neulich mit einer freundlichen Liebkoſung geſchenkt hatte. Später an jenem Abende ſah man den armen Will in derſelben Ecke auf dem Fußboden in Karo's Armen ſchlafen. Die drei kleinen Elfen, welche ſich ſchon müde gelaufen, hatten Karo an Will abgetreten, und dieſer hatte, ſitzend auf einem S emel, Karo's Rücken ſo lange geſtreichelt und geliebkost, bis Beide gleichſam magnetiſirt zuſammen eingeſchlafen waren.— „Laß ſie in Ruhe!“ ſagte Thekla zu Hildur, welche mit ſchelmiſchem Muthwillen dem Spielkameraden in die hellen Locken fahren wollte—„ach, laß ihn in Ruhe, Hildur: er hat ja keine Mutter!“ „Ja, wenn aber Bolla kommt und aufdeckt, dann wollen wir ihn wecken!“ Und von dieſem Abende an verlebten Will und Karo, welche ein ſtilles, aber inniges Freundſchafts⸗ bündniß abgeſchloſſen zu haben ſchienen, immer einige Stunden in dieſer vertraulichen Lage, aus welcher man ſie erſt dann weckte, wenn die Zeit des Abendeſſens da war. Neuntes Capitel. Der Magiſtrat. An dem Tage, da Holgerſen ſich angſtvoll auf eine neue Unterredung mit ſeiner Gattin gefreut hatte, erhielt er ſchon früh Morgens die Nachricht, daß ſie ſich in der Nacht übel befunden hätte und nun in vollem Fieber läge; doch hätte ſie auf das Strengſte jeden Beſuch ver⸗ boten, und daß außer dem Arzte und einem alten Dienſt⸗ mädchen, das ihrer jungen Herrin ganz zugethan war, Niemand zu ihr kommen dürfte. Jetzt begann für den unbändigen, heftigen und gewaltſam erſchütterten Mann eine neue Serie von furchtbaren Gemüthserſchütterungen. Er wollte das Dienſtmädchen beſtechen, um nur eine halbe Stunde in dem Zimmer, in welchem Amelie ſich in wilden Fieber⸗ phantaſten auf ihrem Lager hin und her wälzte, ver⸗ ſteckt zu ſein; doch die getreue Bolla gedachte der Worte, welche ihre Gebieterin vor dem Ausbruche der Krankheit geſagt hatte: „Ich fürchte, daß ich phantaſiren werde, und da ſchwatzt man vielen Wahnſinn, den Niemand hören darf; darum darfſt Du unter keiner Bedingung meinen Mann einlaſſen!“— Und Bolla ließ ihn nicht ein. Der Arzt, welchen er um dieſe Gunſt flehte, ant⸗ wortete ernſthaft:„Sie iſt ſo ſchwach, daß es gefährlich ſein würde, ihrem Wunſche entgegen zu handeln. Nur aus Liebe zu Ihnen will ſie nicht, daß Sie zu ihr kom⸗ men; doch beruhigen Sie ſich, ſobald die Criſis über⸗ ſtanden iſt, wird ſie ſich nicht länger weigern.“ 8 Holgerſen wäre in dieſen Tagen der Verzweiflung, welche zuletzt zu Wochen anwuchſen, beinahe ſelbſt erkrankt; er wurde mager, kümmerte ſich nicht mehr um ſich ſelbſt und war der Grenze des Wahnſinns nahe, als er an einem Abende ein kleines Billet erhielt, deſſen Aufſchrift ihm ſo wohl bekannt war. Mit einer Freude, 79 die faſt einer Wuth glich, drückte er es erſt das eine Mal nach dem andern an ſeine Lippen, und dann erbrach er es ſo heftig, daß es zerriß; dennoch konnte er Fol⸗ gendes leſen: „Morgen kannſt Du mich beſuchen; wenn Du aber willſt, daß ich leben ſoll, ſo beherrſche Dich! Erſt wenn ich meine Kräfte wieder gewonnen habe, dürfen wir eine Erneuerung unſeres letzten Geſpräches wagen, und bald wirſt Du die Folgen deſſelben ſehen.“ — Auf den Zehen, mit geſenkten Augen und gehemm⸗ tem Athem nahte am folgenden Tage Holgerſen dem Zimmer, in welchem ſeine Gattin weilte; als er aber zuletzt vor das Bett trat und ſie nun, bleich, wie eine Lilie, in der weißen Krankentracht erblickte, als er ſah, wie ihr ſchwarzes Haar eine Wange umwallte, die eben ſo weiß war, wie das Kopfkiſſen, da— obgleich er ge⸗ ſchworen hatte, ruhig zu ſein und nicht die geringſte Gemüthsbewegung zu verrathen— ſank er auf ſeine Knie, lehnte den Kopf gegen die Bettkante, und zum erſten Male ſeit dem letzten Abende im Vaterhauſe brach er in Thränen aus. Amelie betrachtete mit einer Art von Entzücken die furchtbare Verheerung, die über ihn ergangen war, und die bittere Betrübniß, welcher er ſich jetzt hingab: ſie ſah in dieſen Zeichen die Beweiſe einer reuigen Seele.. Ach, ſie wußte nicht, daß dieſer große Verbrecher keinen einzigen Gedanken für etwas Anderes, als für ſie ge⸗ habt hatte— die Reue war noch weit entfernt von ſeinem Herzen, das ausſchließlich von der Leidenſchaft erfüllt war. „Setze Dich hier zu mir her!“ bat Amelie mit lieblich klingender Stimme.„Biſt Du gegen die Kinder gut geweſen? Haſt Du nachgeſehen, daß dem armen Will nichts gefehlt hat?“ 2 „Ich weiß nicht, was ich gethan habe— ich habe ſeit dem Tage, da Du erkrankteſt, keine Macht über mich ſelbſt gehabt!“ „Ich habe ſo viel an den armen Knaben gedacht!“ „Er iſt glücklich!“ „Wir dürfen ihn nicht zu Hauſe behalten: wir ſoll⸗ ten ihn wenigſtens auf einige Jahre in ein gutes Inſti⸗ tut ſchicken.“ „Wir bringen ihn, wohin Du willſt.“ „Läßt Du mir meinen Willen?“ „In Allem!“ „Dank, Dank! Ich liebe dieſes Kind— ich habe ihn hier oft bei mir gehabt!“ „Ihn?“ „Ja! Er iſt ſo verſtändig, ſo zärtlich: er macht keinen Lärm; er ſieht mir an den Augen ab, was ich will, und er liebt mich ſchon ſo ſehr, daß dieſe guten Augen voller Thränen ſind, wenn ich leide.“ 5 8*5, das iſt allzu viel für einen Fremdling, ein eind.. „Schon wieder!... Du biſt eiferſüchtig auf Deine eigenen Kinder, ja ſogar auf dieſen armen taubſtummen Knaben?“. „Ja, ich bin eiferſüchtig auf Alles, auf die Erde, worauf Du gehſt, auf die Luft, die Du einathmeſt! Ich wäre für Dich ſo gerne Erde und Luft und Himmel, und— ich bin nichts!... Doch vergib, nein, ich klage nicht, ich ſage gar nichts: wenn Du es willſt, ſo öffne ich meine Lippen nicht mehr.... laß mich nur hier ſitzen!“ Und er durfte täglich eine Stunde oder zwei vor. Amelie's Bett ſitzen. Endlich war die Krankheit beſiegt, und die junge, ſchöne Mutter— jetzt wieder von ihren Kindern umgeben— ſah blühender aus als jemals. Da wagte er es einmal, ſie an das unterbrochene Ge⸗ ſpräch zu erinnern, und ſie antwortete leiſe:„Bald wol⸗ len wir dieſen bittern Gegenſtand wieder aufnehmen, um 144 ihn dann auf ewig ruhen zu laſſen! — 81 Zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebend, und ver⸗ ſuchend, ſich eine Vorſtellung davon zu bilden, wie er, der Tiefgeſunkene, auf eine Wiedergeburt hoffen dürfte, ſaß an einem Morgen Holgerſen in dem oben beſchrie⸗ benen dunkeln Zimmer, als ſein ungewöhnlicher Gedan⸗ kengang durch ein Klopfen an die verriegelte Thür un⸗ terbrochen wurde. „Was gibt's?“ fragte er, indem er aufſtand, ohne gleichwohl zu öffnen. „Ich bin's!“ antwortete Halwar, und ein gewiſſer Schrecken ſprach ſich in ſeiner Stimme aus—„haben Sie die Gute, mich einzulaſſen!“ Holgerſen ſchob den Riegel hinweg, und konnte ſich nicht enthalten, einen eafantdermn Blick auf ſeinen alten Mitſchuldigen zu werfen. „Der Stadtrichter, der Paſtor und ſechs Herren aus der Stadt ſtehen draußen und begehren mit dem. Herrn Patron zu ſprechen, und da ich nicht recht klug daraus werden konnte, was ich antworten ſollte, ſo ſagte ich, daß ich nicht wüßte, ob der Patron zu Hauſe wäre, daß ich aber nachſehen wollte.“ „Der Stadtrichter, der Paſtor und ſechs andere Herren?“ wiederholte Holgerſen langſam, und erblaßte —„was wollen die? Sie können doch wohl nicht... nein, es iſt unmöglich!... Sieh Du nur nicht im Geſichte aus wie ein Unglück, ſondern führe die Herren ſchnell hinauf in den Saal und ſage ihnen, daß ich augenblicklich die Ehre haben würde zu kommen— und dann hole ein paar Flaſchen von meinem älteſten und beſten Lager herauf!“ „Gut, Patron! Ich wünſche nur, daß Alles richtig iſt!“ „Ich wollte, daß Dir die Zunge am Gaumen feſt⸗ trocknete... Waren auch Zollbeamte mit dabei?“ „Nein; wohl aber der Stadtdiener mit ſeinem Ba⸗ ton— und der Stadtrichter iſt in voller Uniform!? „Gut! Thue nun, wie ich geſagt habe— vor allen Dingen aber ſieh ſo aus, wie ein alter treuer Diener in Der Fungferthurm. I. 6. einem reichen Hauſe, und nicht wie einer, der ſich dar⸗ nach ſehnt...“ „Drei Ellen hoch über der Erde zu baumeln?“ fiel Halwar ein.„Nun, nun, was auf mich ankommt, ſoll da nichts fehlen!“ Er ging hinaus, indem er ſeinem Herrn einen beruhigenden Blick zuwarf. Als Holgerſen allein war, ſo durchflog er in Ge⸗ danken eine Maſſe von Möglichkeiten und Unmöglich⸗ keiten. Er war nicht im Stande zu begreifen, welche von allen geſetzwidrigen Handlungen und Verbrechen, die er begangen hatte, an das Tageslicht gekommen war. Außer demjenigen, was er im„offenen Kampfe“ nannte, hatte er nicht mehr denn zwei Menſchenleben auf ſeinem Gewiſſen: den Holländer, welcher auf jeden Fall dem Ertrinken nahe geweſen war, und den Knaben, welchen er der Nothwendigkeit ſeiner Selbſterhaltung opferte— diejenigen zu zählen, welche in Geſchäften umgekom⸗ men waren, kam natürlicher Weiſe nicht in Frage, weil er in ſolchen Fällen Anderen ebenſo gut Gelegenheit gegeben hatte, ſein Leben zu nehmen, als er gehabt hatte, das ihrige zu rauben. Obgleich es nun aber undenkbar blieb, daß dieſe gröbſten Thaten entdeckt wor⸗ den ſein konnten— man pflegte ſich auf die Verſchwie⸗ genheit des Meeres verlaſſen zu koͤnnen— ſo war immer noch eine Menge von ungeſetzlichen Handlungen, Räu⸗ bereien von Wracken, Schmuggeleien, Prellereien und ſo fort übrig; doch ſchien Alles ſo klug und in der ſtillſten Stille ausgeführt zu ſein, daß er nicht ein einziges von allen ſehen konnte, das vernünftiger Weiſe noch einmal ſpuken dürfte. „Sei es was es will!“ fagte er, und die kühne Hal⸗ tung, die ihn einige Augenblicke verlaſſen hatte, nahm ihre Herrſchaft bald wieder ein. Er kleidete ſich in aller Eile an und begab ſich dann hinauf in das zweite Stock⸗ werk. Als er aber an der Thüre ſtand, die in den großen Saal führte, ſo fühlte er, daß ſein Blut dem Herzen ſo heftig zuſtrömte, daß es auf ſeinem Geſichte zu ſehen ſein mußte. 83³ „Gottes Tod!“ murmelte er,„wenn gerade jetzt...“ Er vollendete den Satz nicht, ſondern riß mit einer hef⸗ tigen Bewegung die Thür auf. Als er eintrat, ſo begegnete ſeinen Augen ein etwas ſonderbarer Anblick: der Stadtrichter in Uniform ſtand neben dem Paſtor der Gemeinde, ebenfalls in ſeiner Amtstracht, mit Kaftan und Ringkragen; hinter dieſen beiden hohen Notabilitäten ſtanden ſechs Herren der „Vormannſchaft“ in ihrer ſchwarzen Tracht, und noch weiter hinten der Stadtgerichtsdiener, welcher in ſeinen Händen Etwas hielt, das Holgerſen's Gemüthsbewegung — denn er empfand wirklich eine ſolche— ihm nicht erlaubte zu unterſcheiden. Der Stadtrichter und der Paſtor gingen mit feier⸗ lichem Ernſte dem Wirthe entgegen, und dieſer erhielt zu ſeiner unbeſchreiblichen Verwunderung keine 2 eit, ſelbſt ein Wort zu ſagen; denn der Stadtrichter über⸗ raſchte ihn mit einer Rede, die etwa folgendermaßen lautete: „Herr Arne Holgerſen! Von der Zeit an, da Sie vor etwa neun Jahren unſer Städtchen dadurch beehr⸗ ten, daß Sie darin Ihre Wohnung aufſchlugen, iſt Ihr Leben ſo geweſen, daß es die ungetheilte Hochachtung der Bürgerſchaft geweckt hat. Wir wiſſen, daß Sie— der Sie trotz Ihrer Wohlhabenheit es nicht verſchmähen, das ſchwere, mühſame Geſchäft des Fiſchers zu theilen — auf dieſen Ihren Reiſen bisweilen verunglückte Fahr⸗ zeuge gerettet und dieſelben ohne Bergegeld ihren Be⸗ ſitzern zurückgegeben haben. Mehr denn ein Fahrzeug haben Sie durch überlegene Geſchicklichkeit in den Hafen geführt, wenn kein Lootſe ſich hinaus wagte. Trotz der Anſpruchsloſigkeit, welche Sie beobachten, kennen wir dennoch Ihre monatlichen Austheilungen von Fiſchen und Getreide an die Armen der Stadt und der Umgegend, und wir haben nicht nur den Muth und die Selbſtauf⸗ opferung in friſchem Andenken, mit welcher Sie den ſchwediſchen Mann, Herrn Wilhelm Jentzel, und ſeinen Sohn retteten, ſondern auch die von Ihnen bewieſene 6. 84 ſeltene Uneigennützigkeit, als Sie eine billige Belohnung von ſich wieſen, um den Fond zu einer Anſtalt zu ſtif⸗ ten, deren Gründer Sie mit Recht ſind. Kurz, mein Herr: dieſe männlichen und ehrenvollen, ſo viele Jahre lang geübten Tugenden heiſchen eine öffentliche Belohnung, und ſowohl ich, als auch dieſe Herren glauben nur unſere Pflicht erfüllt zu haben, als wir die Wahrheit Ihrer Handlungsweiſe Seiner Majeſtät vorſtellten, wel⸗ cher denn auch ſich mit ſeiner wohlbekannten. Gerechtig⸗ keit beeilt hat, ein ſo ſeltenes Verdienſt mit einem ſelte⸗ nen Ehrenzeichen zu belohnen.“ Der Stadtrichter winkte dem Stadtgerichtsdiener, und dieſer trat vor mit einem maſſiven Teller von ge⸗ triebenem Silber, worauf eine große goldene Münze blitzte.„Im Auftrage Seiner Majeſtät unſeres allergnä⸗ digſten Königs ſchmücke ich Dich, Arne Holgerſen, als mit einem Chrenzeichen für Dich und als eine Weckung für Deine Kinder und Nachkömmlinge, in Deine Fuß⸗ ſtapfen zu treten, mit der Medaille„für lobenswerthe Handlungen.“ Möge ſie Dir allen Segen vergelten, den Du über eine Stadt verbreitet haſt, welche darauf hofft, ſo ſpät wie möglich eine ihrer ſtärkſten Stützen zu ver⸗ lieren!“ „Und dereinſt,“ fügte der alte Probſt feierlich hinzu, „wird der König der Könige, Er, vor dem nichts ver⸗ borgen iſt, Deine Thaten wägen und ſie nach ihrem wahren Verdienſte belohnen!“ Arne Holgerſen, der große Sünder und Heuchler, zitterte ſo heftig, daß er ſich nur mit der gewaltſamſten Anſtrengung aufrecht erhalten konnte; eine aſchgraue Bläſſe bedeckte ſein Antlitz, und er vermochte ſich erſt wieder zu erholen, als der Stadtrichter fortfuhr: „Herr Holgerſen! Nach dem jetzt erhaltenen werth⸗ vollen Ehrenbeweiſe kann es vermeſſen erſcheinen, Ihnen noch mehr anzubieten; doch die Vormannſchaft und die⸗ jenigen unter den Bürgern von Molde, welche Sie mit Ihrer beſondern Freundſchaft beehrt haben, ſchmeicheln ſich mit der Hoffnung, daß Sie einen Beweis Ihrer 1 ——— Hochachtung nicht verſchmähen werden: in meinem eige⸗ nen Namen und im Namen genannter Perſonen erſuche ich Sie, dieſen Teller, auf welchem die Medaille gelegen hat, als ein Andenken anzunehmen!“ Die unbeſtechliche Gemüthsbewegung, welche die wenigen, aber inhaltsſchweren Worte des Geiſtlichen nach der Ueberlieferung der Medaille in Holgerſen's Seele hervorgerufen hatte, begann allmälig zurückzuſinken, doch nur um einem andern, dieſer eiſernen Natur eben ſo fremden Gefühle, der Scham, Platz zu machen. Eine lebhafte Röthe folgte ſchnell auf das ſchreckliche Erblaſſen, und vergeblich waren alle ſeine Bemühungen, in hurtigen und kühnen Worten ſeine tiefe Dankbarkeit auszudrüchen: er vermochte nur einige unzuſammenhän⸗ gende Sätze hervorzuſtottern, was ihm gleichwohl nicht im Mindeſten ſchadete, ſondern für eine neue Probe ſeiner Anſpruchsloſigkeit und Verſchämtheit erklärt wurde. Erſt als die Gläſer gefüllt worden waren, und Geſund⸗ heiten mit ihren Gegengeſundheiten die Feierlichkeit beſie⸗ gelt hatten, wurde Holgerſen's Zunge gelöst, und das nicht unwillkommenſte Wort ſeiner Rede war die beim Abſchiede hingeworfene Bitte, jedem von den Herren Abgeordneten zum Andenken an dieſen Tag ein Dutzend Champagnerbouteillen ſchicken zu dürfen. Als er endlich mit den ſchönen Beweiſen ſeiner Red⸗ lichkeit und Menſchenliebe allein war, da ſank er, ermat⸗ teter als nach dem wildeſten Kampfe auf dem Meere, auf einen Stuhl, und las oftmals gedankenvoll die In⸗ ſchrift der Medaille: Illis, quorum meruere labores.*) *) Dem Verdienſte ſeinen Lohn. Zehntes Capitel. Die Himmelsleiter. Obgleich Amelie bei der ihrem Manne widerfahre⸗ nen Ehrenbezeigung nicht zugegen geweſen war, hatte ſie dennoch ſchon davon gehört, und in einer Gemüths⸗ bewegung, welche, obgleich edler, doch vielleicht nicht weniger ſtark war, als die ſeinige, erwartete ſie den Nachmittag, da er ſie, dem jetzt in Gang gekommenen Gebrauche gemäß, zu beſuchen pflegte. Sie hatte ſich heute unter dem Vorwande, daß ſie gelinde Kopfſchmerzen habe, nicht bei dem Mittagstiſche gezeigt: ſie wollte Arne zuvor ohne Zeugen ſprechen. Der Novembernachmittag begann ſchon ſeine lan⸗ gen Schatten auf die Gegenſtände zu werfen, als Hol⸗ gerſen leiſe eintrat; doch verbargen dieſelben nicht die Meßaile, welche an dem Knopfloche ſeines Rockes änzte. 3 G Amelie befand ſich an ihrem Lieblingsorte, dem indiſchen Wiegenſtuhle, in halbliegender Stellung. Hol⸗ gerſen nahm neben ihr Platz. Das Geſpräch zu eröff⸗ nen vermochte er gleichwohl nicht; denn er ahnte, daß er einen harten Stand haben würde. „Du haſt heute einen merkwürdigen Beſuch gehabt!“ ſagte Amelie und erhob ihren Blick zu ihm empor. „Ja, einen ſehr merkwürdigen.“ „Und Deine Gefühle dabei— iſt es allzukühn, wenn ich es wage, Dich darnach zu fragen?“ Holgerſen antwortete nicht; er ſtützte den Kopf auf die Rücklehne des Stuhles ſeiner Gattin. „Kein Vertrauen?“ klagte ſie. „Was verlangſt Du?“ „Die Wahrheit!“ „Wer bürgt Dir aber wohl, daß dieſe Wahrheit keine Lüge iſt?“ ☛ — 12 heit 87 „Verlangſt Du nicht von mir Alles? Verlangſt Du nicht dasjenige, was Dir mehr gilt, als das Leben?“ fragte Amelie leiſe. „O!“— Holgerſen fuhr zuſammen—„Du willſt alſo endlich einmal an meine Pein denken?“ „An Deine ewige Seligkeit will ich denken, Arne, und vielleicht auch an Dein irdiſches Glück; und nach dieſer Verſicherung glaube ich kaum, daß Du mich täu⸗ ſchen kannſt, oder daß Du dieß nur willſt. Welche waren Deine Gefühle, als Du dieſes einem redlichen und geachteten Mitbürger beſtimmte Ehrenzeichen ent⸗ gegennahmſt?“ „Nun ſo höre denn: ich habe mich nie in meinen eigenen Augen ſo erniedrigt gefühlt— ich hätte tauſend Meilen von hier entfernt ſein wollen!“ „Gelobt ſei Gott für dieſe Worte! Du fühlteſt alſo keinen geheimen Triumph darüber, daß Du die Welt ſo ſchlau und ſo vollſtändig getäuſcht hatteſt?“ Ein bitteres Lächeln entſtellte Holgerſen's Lippen. „Willſt Du, daß ich Dir die Worte des alten Geiſtlichen wiederhole? Er ſagte:„„Dereinſt wird der König der Könige Deine Thaten wägen und ſie nach ihrem wahren Verdienſte belohnen!““ Amelie ſenkte das Haupt. Es erfolgte eine tiefe Stille, welche von Holgerſen zuerſt durch einen dumpfen Laut unterbrochen wurde, der beinahe wie ein Seufzer klang. Amelie ſtreckte die Hand aus und erfaßte die Medaille, deren Band ſie löste.„Du darfſt ſie nie tra⸗ gen,“ flüſterte ſte,„wenigſtens nicht eher, als wenn Dein Gewiſſen und Deine Handlungen es Dir geſtatten, ohne in Deinen eigenen Augen allzu verächtlich zu er⸗ ſcheinen!“ „Nimm ſie, verwahre Du ſie!— Die Zeit wird wohl nie erſcheinen, da ich ſie zurückfordere!... Und nun laſſen wir dieſes dumme Poſſenſpiel, das für Kin⸗ der und Narren gut genug ſein kann: ich meines Theils habe ein größeres, ein köſtlicheres Ziel vor Augen! O Amelie! Amelie! wenn es in Deiner Macht ſteht, Barmherzigkeit zu üben, ſo thue es! Mein Leben ohne Dich iſt ein ewiger Fluch: ich habe keine Ruhe auf Erden, wenn ich nicht mit Dir vereinigt bin, aber ich würde auch unter der Erde keine Ruhe finden, wenn ich Dich verließe— und vielleicht ein Anderer...“ „Arne! beſchreibe mir die Stürme Deiner Jugend: ich will ſie hören und dann erſt antworten.“ „Damit Dein Abſcheu gegen mich noch größer werde? Doch Du magſt Deinen Willen haben!“ Und nun rollte Holgerſen in grellen, kühnen Far⸗ ben ſeine verfehlte und im Schatten des Schutzes des eigennützigſten und ſchlechteſten Vaters vertrocknete Kindheit und Jugend auf. Er beſchrieb dann das Er⸗ eigniß, welches Halwar während der Wache auf dem Litbürger ſeinen Gefährten Tönne und Rasmus erzählt hatte, und dazu, was Halwar nicht hatte wiſſen können, ſeine inneren Leiden in dem Kampfe gegen die Armuth, ſeine Kämpfe für und gegen die Richtigkeit der Mittel, deren er ſich bediente, um ſich durchzuhelfen, nachdem er keine Ehre mehr zu bewahren, kein ehrliches Leben mehr hatte, für das er leben durfte. Seine Zukunft war zer⸗ ſtört und gebrandmarkt; er ſuchte die Finſterniß und vertiefte ſich immer mehr und mehr, Grad für Grad, in ihre Irrpfade. Es war eine lange und unheimliche Erzählung, doch erwähnte er keiner beſondern Handlun. ſondern redete nur von einem böſen Leben im Allge⸗ meinen und fügte hinzu, welche Strafe ſeiner auch an dem Tage des Gerichtes warten möchte, ſo könnte den⸗ noch keine einzige von allen ſeinen Handlungen vor einen weltlichen Richterſtuhl gezogen werden.„Sie ſchlafen für ewig auf dem Grunde des Meeres!“ „Doch dereinſt erwachen ſie in Deinem Gewiſſen, und dann ſchlafen ſie nie wieder ein!“ Holgerſen antwortete nicht. „Und darf ich glauben, daß das Blut des armen Holländers das einzige iſt, welches über Dein Haupt kommt?“ „Noch ein Leben mehrt das Regiſter;“ ſtöhnte Hol⸗ ——ꝑz ——— 89 gerſen;„doch ich betheuere, daß es eine zwingende Noth⸗ wendigkeit war, über die ich mich ſehr geärgert habe— von Reue kann die Rede nicht ſein, denn ich konnte nicht anders; aber es ärgerte mich, daß das Schickſal es ſo fügte. Du kannſt mir glauben, wenn ich Dir ſchwöre, daß ich lieber alles Andere gethan haben würde, als dieſes.“ „Herr des Himmels! welch ein Unthier mußt Du auf dem Meere ſein!— und ich ſollte in Deinen Armen ruhen, ſollte mich von Deinen mit Blut beſudelten Händen liebkoſen laſſen?. Nein, das geht über meine Kräfte! Habe auch Du Erbarmen mit mir, laß mich hinwegziehen, laß mich meine Kinder retten: ſie werden von Deiner Nähe verpeſtet!“ Die entſetzte und erſchreckte Frau ſprang auf und wollte fliehen: ſie wußte kaum, was ſie that; ſie hatte ſich ſo lange beherrſcht, daß ſie jetzt nahe daran war, ihr Bewußtſein zu verlieren. Mit ſeinem Arm hielt Holgerſen ſie zurück.„Alſo um noch mehr Grund zu haben, mich zu verlaſſen, lockteſt Du mich zu einem ſolchen Vertrauen?“ ſagte er in einem tiefen, vorwurfsvollen Tone. „Nein, der Herr weiß, daß ich einen andern Zweck hatte; doch ſchaudere ich zurück vor Dir und vor mir ſelbſt: Du weißt nicht, Du ahnſt nicht, welche Schuld auch auf mir haftet— ach, eine allzu große Schuld!“ „Auf Dir?“ „Ja, auf mir! Sollte eine rechtſchaffene und tugendhafte Frau Dich wohl nicht verabſcheuen?“ „Das thuſt Du ja!“ „Sollte ſie Dich wohl nicht verdammen?“ „Haſt Du das nicht tauſendmal gethan?“ „Sollte ſie nicht tauſendmal lieber den Tod wählen, als feige hier bleiben?“ „Der Tod iſt kalt!“ „Und ſollte ſie ſich nicht lieber den Dolch ins Herz ſtoßen, als daſſelbe für den Mörder ſchlagen laſſen?“ „Was? was?“ 90 „Und ſollte ſie nicht endlich lieber beten, daß die Berge über ſie fallen und ſie decken, als daß ſie thut, was ich jetzt thue?“ Sie ſtuͤrzte ſich ihrem Manne in die Arme, welche in um ſie ſchloſſen, wie das Eiſen ſich an den Magnet ſchließt. Holgerſen's Bruſt ſtöhnte nach Luft: das unermeß⸗ liche Gluͤck, trotz ſeiner Verbrechen, trotz ſeiner furcht⸗ baren Sündenſchuld dennoch geliebt zu werden, ſo ge⸗ liebt von dem Weibe, das er mit Abgötterei anbetete, dieſes Glück drohte ihm das Leben zu rauben— er konnte nicht daran glauben, denn da müßte er ja an ein Wunder glauben. Ein Strom von Thränen ſtürzte aus Amelie's Augen.„Jetzt habe ich ein Geheimniß verrathen, das ich mit in das Grab zu nehmen gedachte, das ich nicht hätte verrathen ſollen. Nun aber ſollſt Du mir auch dafür Alles geben, was ich verlange!“ „Alles, Alles— was könnte ich Dir jetzt abſchla⸗ gen!.. Träume ich aber nur nicht?... werde ich auch betrogen und verhöhnt erwachen? Es iſt ja un⸗ möglich, daß Du... ſchwöre es mir... O nein, ver⸗ gib mir! Ich fühle, es iſt ſo, wie Du ſagſt!... Ich ſchwindle— wie kann ich Elender auf den Himmel hoffen?“ „Und wie kann ich es? Doch wir wollen hoffen, denn Gottes Barmherzigkeit überſteigt Alles. Wie habe ich nicht gekämpft, wie habe ich mich nicht verachtet, weil ich nicht im Stande war, eine Liebe zu überwinden, die immer wilder und mächtiger wurde ſeit dem Augen⸗ blicke, da ich wegen Deines mir verrathenen Verbrechens Dir ſchwur, daß mein letztes Gefühl für Dich in einer gerechten Verachtung, einem tiefen Abſcheu erloſchen wäre! Ach, ich habe viel gelitten, und am meiſten davon, daß meine Seele nicht klar in dieſes Chaos blicken konnte! Bald ſagte ich zu mir ſelbſt:„Hätte ich ihm ſchon vor langer Zeit die wirklichen Gefühle mei⸗ nes Herzens gezeigt, ſo wäre er vielleicht nicht ſo tief l„ 91 t5 geſunken; doch,“ ſagte ich dann auch wieder,„wenn ich 7 ihm die Wahrheit vertraute, ſo würde ich mich ja zu je ſeiner Mitſchuldigen machen und vielleicht auch zu einem et Weſen, das er nicht länger hochachten kann, und das in demſelben Augenblicke die Macht verlöre, welche ihn G allein bisher zuruͤckhielt, wenn ſein wildes Gemüth her⸗ ⸗* vorbrechen wollte.“ „ Berauſcht horchte Holgerſen auf dieſe Worte, die für ihn ſchöner waren, als der Klang von himmliſchen Harfen.„Du ſollteſt Deine Macht über mich verloren haben, da Du mich zu einem Menſchen machteſt!... So fordere denn, und Du ſollſt ſehen, daß Deine Macht 6 nicht geringer geworden iſt!“ 6„Warte! Als Du Dich zuerſt in fremdem Lande t mir zeigteſt, war ich ſo jung— noch nicht ſiebenzehn ) Jahre— daß ich die Wichtigkeit der Bande, die ich knüpfte, weder faſſen noch verſtehen konnte. Ich war eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe, ich war arm und hatte daher mit Dank den mir erbotenen Platz bei frem⸗ den Herrſchaften angenommen, welche nach Holland — reisten, und hoffte, daß mein Onkel mich dort auf⸗ nehmen würde. Zwei Jahre lang empfand ich die ganze Leere des Aufenthaltes in einem Hauſe, deſſen ſämmt⸗ liche Mitglieder zwar freundlich gegen mich waren, mich aber dennoch nie dieſe ruhige und ſichere Vertraulichkeit empfinden ließen, nach welcher ich mich ſehnte; und mein reicher, kinderloſer Onkel wollte ſich mit keinem jungen Mädchen beläſtigen. Was Wunder alſo, wenn Du mit Deinem ſchönen und männlichen Aeußern mein Gefühl feſſelteſt! Ich glaubte die ehrliche Hausfrau eines ehrlichen Seemannes zu werden, ich ſollte ein eigenes Haus mit aller Bequemlichkeit, die ich wünſchen konnte, in einem Lande erhalten, das meinem eigenen Vaterlande ſo nahe lag. Es war ja alſo nicht zu ver⸗ wundern, daß ich, ermuntert von dem Beifalle der Familie, bei welcher ich mich damals aufhielt, das vortheilhafte 3 Anerbieten annahm!“ 4 „Leider bin ich immer ein ſo großer Egoiſt geweſen, 92 daß ich nicht die Kraft gehabt habe, darüber zu klagen, obgleich ich es hätte thun ſollen!“ Die erſten vier Jahre verlebte ich wie eine Sulta⸗ nin in einem morgenländiſchen Harem. Du warſt eifer⸗ ſüchtig wie ein Türke, Du ſchloſſeſt mich ein, doch Du verſchwendeteſt eine ſolche Menge von Schätzen, daß ich mich trotz meiner beſchränkten Freiheit recht wohl befand. Die ſtarke Liebe, welche ich Dir glücklicher oder unglück⸗ licher Weiſe einflößte, wuchs, anſtatt abzunehmen; denn ſchon in den erſten Monaten unſerer Ehe verſtand ich, daß von derſelben meine ganze Zukunft abhing. Ich pflegte und hütete dieſelbe daher wie einen Schatz, von welchem das Leben abhängt. Die häufigen Trennungen trugen ebenfalls das Ihrige bei, Deine Leidenſchaft bei⸗ zubehalten, und überhaupt, ſo Vieles mir auch in Dei⸗ nem verfloſſenen und gegenwärtigen Leben dunkel erſchien, ſo war ich dennoch glücklich bis zu der Nacht, da... ich will ſie Dir nicht wieder in das Gedächtniß zurück⸗ rufen. Ich glaubte, ich hoffte, ich betete zu Gott, ſter⸗ ben zu dürfen, und dennoch machte ich mir Vorwürfe, daß ich mein Leben ſo ſchlecht angewendet hätte. Statt die Reichthümer, mit denen Du mich überhäuft hatteſt, feige zu genießen, ſollte ich mit tieferem Nachdenken ihrer Quelle nachgeforſcht haben; anſtatt auf Deine Liebesſeufzer und auf die wilden Ergüſſe Deiner Freude zu lauſchen, wenn Du nach einer längeren Abweſenheit mich wieder umarmen konnteſt, hätte ich als Deine Gattin Dein innerſtes Vertrauen begehren ſollen. Doch es gewährte mir ein kindliches Vergnugen, wenn ich ſah, wie Du, der Du mit roher Kraft und kalter Strenge über ſo Viele herrſchteſt, Dich wie ein Selave unter meine geringſte Laune fügteſt und bei mir ein ganz anderer Menſch wurdeſt. Ach, das Alles war ſuͤnd⸗ haft, denn ich überließ Dir ſelbſt die Angelegenheiten Deiner Seele!“ Amelie ſchwieg einen Augenblick; ein tiefer, ein unbeſchreiblicher Schmerz glühte auf ihrem ſchönen Ge⸗ ſichte. Holgerſen lauſchte ſtumm auf ihre Selbſtanklage. * &☛ L 1 7 ſ . 1 2 ) . 2 3 r 2 3 ⸗ 1 93 „Aber die Strafe kam mit dem Augenblicke, da ich nicht ſtarb, ſondern leben mußte, um unaufhörlich zu mir ſelbſt zu ſagen: Du biſt die Gattin eines Mörders, eines Seeräubers! Du mußt ſein Bild aus Deinem Herzen reißen! Du kannſt nicht anders, als dieſes Un⸗ geheuer von kalter Laſterhaftigkeit haſſen und Dich vor ihm entſetzen! Du mußt fliehen und Dich und Deine Kinder in ſo weiter Ferne verbergen, daß er Dich nicht finden, daß er Dich und ſie nicht anſtecken kann! Das Alles habe ich tauſendmal geſagt, und dennoch bin ich während dieſer drei Jahre nur im Stande geweſen, mei⸗ nen erſten Entſchluß, eine von der Welt nicht geahnte Scheidung, durchzuführen. Wenn ich zitterte bei Deinem Anblicke, da Du in mein Zimmer trateſt, geſchah das wohl vor dem Mörder? Möge Gott es mir verzeihen: es geſchah aus Furcht, Du könnteſt ſehen, daß die Liebe, nach welcher Du ſeufzteſt, Dir ſo nahe brannte. Sie nahm mit furchtbarer Stärke zu, und ſie hat mir mit Recht oder mit Unrecht einen Glauben beigebracht, deſſen Wahrhaftigkeit nur die Zukunft entſcheiden kann, näm⸗ lich den Glauben, Du wirſt gerettet ſein von dem Augen⸗ blicke an, da meine Seele ſich in Deine Gewalt begibt. Du machteſt mir eben das Anerbieten, ich ſollte fordern, und jetzt, da ich Dir Alles anvertraut habe, jetzt will ich es auch thun!“ „und ich wiederhole: fordere Alles; denn jetzt iſt meine Seele noch ſicherer in Deiner Gewalt!“ „Habe Dank! Ich will von nun an verſuchen, ſie auf andere Wege zu leiten. Vor allen Dingen fordere ich, daß Du ganz von der See läſſeſt: auf dem Meere wirſt Du nie ein anderer Menſch.“* Nicht von der See, wohl aber von meinem wilden, abenteuerlichen Leben will ich laſſen!“ „Keine Bedingungen! Wollteſt Du mir ſchon meine erſte Bitte abſchlagen, welche Hoffnung könnte ich da haben, daß Du die übrigen erfüllen wirſt? Die Liebe iſt alſo nicht ſtark in Dir!“ Amelie's weiche Hand ⸗ ſchlich ſich leiſe über Holgerſen's Stirn, und dieſe Stirn ſenkte ſich. „Das wird mir ſehr ſchwer werden; da Du es aber beſtimmt forderſt...“ „... So bleibt es dabei! Laß mich aber hinzu⸗ fügen: wenn Du mich betrügſt, ſo werde ich Dir Deine 7. 144 Verrätherei zu bezahlen wiſſen! à 7 „Gegen Dich kann ich kein Verräther werden!“ „Darauf verlaſſe ich mich! Zweitens mußt Du ſo bald als möglich Deine Geſchäfte abſchließen und Molde verlaſſen.“ „Warum denn das? Hier habe ich Anſehen und feſten Fuß— an einem andern Orte... „.Kannſt Du ebenfalls feſten Fuß faſſen und Anſehen erhalten. Ich will in Molde nicht wohnen, an dieſem Orte, der mich an alle Schreckniſſe ekinnert, die ſich hier mit Deinem Leben verflechten. Wir wollen weit hinweg von hier, in eine entlegene Stadt meines Landes uns begeben; dort kannſt Du Dich als Kauf⸗ mann niederlaſſen. Willigſt Du nicht ein? Du willſt ja meine Seufzer nicht täglich hören, wenn ich meinen Blick auf die unheimlichen Wogen der Nordſee werfe? Du willſt ja froh und gerne die Bitte einer Gattin er⸗ füllen, die Du liebſt und die es verſteht, dankbar zu ſein, weil Du ihre Bitte erfüllſt?“ „Ach, Du machſt mit mir, was Du willſt! Sagte ich nicht, daß Deine Macht nie größer geweſen iſt, als jetzt?“ „Habe ich Dir nicht auch geſagt, daß meine Liebe nie pöher geweſen iſt, als jetzt? Mein dritter Wunſch iſt, daß Du einen andern Namen annimmſt, damit wir in der neuen Heimath als neue Menſchen auftreten kön⸗ nen; und viertens wünſche ich— und dieß iſt das Letzte — daß dieſe Heimath kein anderer Ort werde, als den ich billige und wohin ich mit Freuden reiſe.“ „Alles zugeſtanden!“ Holgerſen näherte ſeine zit⸗ ternden Lippen denen ſeiner Gattin, und ſie ließ ihn ohne Widerſtreben das neue Bündniß beſiegeln. In dieſem * N 95 Augenblicke hätte Amelie ſein Leben fordern können, und er würde es 8 nicht verweigert haben. „Dann,“ flüſterte ſie, indem ſie ſich ſanft zurück⸗ zog,„ wollen wir allmälig, doch mit tiefer und leben⸗ diger Beharrlichkeit gemeinſchaftlich arbeiten an der Er⸗ reltung Deiner Seele und an der Verſöhnung alles Böſen, das Du gewirkt haſt. Du biſt noch jung: viel⸗ Uüht liegt noch ein langes Leben vor Dir; dieſes kann Vieles bezahlen, und das Gute, welches Du bisher mit ſchlauer Verechnung gethan haſt, ſollſt Du von jeßt an aus gutem und redlichem Willen thun.“ „Ja, um Deinetwillen!“ „Nicht um meinetwillen, ſondern nur um Deiner ſelbſt, um Deines Gewiſſens, um Deiner ewigen Er⸗ löſung und um Deiner Kinder— hörſt Du: um Deiner Kinder willen!“ „Ich höre!. O, daß ich wiederum Deine Hand, ſo klein, ſo fein, ſo weich, in die meinige ſchließen. daß ich ſie wieder mit meinen Küſſen wärmen darf!.. daß ich...“ „Ach ſtill!— Du hörteſt alſo nicht, was ich von Deiner Weöreetnnß ſagte?“ „Bin ich denn nicht ſſchon gerettet, wenn ich Dich in meine Arme ſchließen darf? Habe ich nicht den Him⸗ mel hier?“ „Was iſt das gegen den Himmel, zu welchem Deine Reue ſtreben muß? Wenn ich Dir ſtürbe, ſo wäre Dein Himmel zugeſchloſſen, und wenn Du nicht durch ein verändertes Leben Dich bemühſt, in den rechten zu gelangen, ſo treffen wir uns nicht mehr!* „Jetzt kann ich unmöglich daran denken— Meine Gedanken, meine Sinne verwirren ſich in einer einzigen Idee: Du und wiederum Du! Leite Du mich, wohin Du willſt... ich kann Dir nicht widerſtehen!“ Amelie ſchlang ihre Arme um den gefallenen Sün⸗ der und verſprach mit einem heiligen Eide, ihn mit ihrer Liebe aufrecht zu halten. ⸗ Was ſie vermochte, wird, wie ſie ſelbſt ſagte, erſt die Zukunft enthüllen. Jetzt aber verlaſſen wir Norwegen und die Perſonen, um welche die Handlung ſich zuletzt gruppirt hat, um zu demjenigen zurückzukehren, welcher der eigentliche Held unſerer Erzählung iſt, nämlich zu dem jungen Albin Jentzel, den wir in einem kleinen Boote mitten auf der Nordſee verließen. Elftes Capitel. Der Fliegfiſch. Das Leben bietet vielleicht wenige Lagen dar, die an Schmerz und Leere diejenige übertreffen, wenn man ſich ganz allein in der Welt befindet, wenn man mit keinem andern Weſen etwas Gemeinſames hat, wenn man nicht einmal einen Freund hat, an den man ſich wenden kann, wenn man nur die innere Stimme um Rath zu fragen hat, wenn man mit einem Worte gleich⸗ ſam ein von dem großen Baume aufgeſproſſener Schöß⸗ ling iſt, der nur in ſeiner eigenen Kraft die Möglichkeit, ſich aufrecht zu halten, ſuchen muß. Legt man nun zu dieſer verlaſſenen Stellung noch ein Alter von nur dreizehn und einem halben Jahre, eine brennende Betrübniß über den Verluſt von Allem, Vater, Bruder, Vermögen, Ausſichten auf die Zukunft — Alles in einer einzigen Nacht verloren: ſo findet man denjenigen, der in eine ſolche Prüfung eingeweiht iſt, mit Recht bedauernswürdig, beſonders wenn er, wie es jetzt mit dem von dem Mitbürger vertriebenen kleinen Paſſagiere der Fall iſt, gleich einem verirrten Vogel zwiſchen Himmel und Waſſer ſchwebt. Wirklich war auch der junge Albin Jentzel während der erſten Stunde der neuen Zeitrechnung in ſeinem Leben bei Weitem bedauernswürdiger, als der Bruder, der ſtumme Will. Dieſer hatte doch die Geſellſchaft dreier lächelnden Engel und des alten Karo: Albin da⸗ gegen hatte nur die Hoffnung, daß die Engel des Him⸗ mels ihn nicht verlaſſen würden. Zu allem Glücke hatte die Natur, die gute Mutter, ihn mit einem Muthe und einer Geiſtesgegenwart aus⸗ gerüſtet, daß dieſe beiden Eigenſchaften eine ſolche Hoff⸗ nung unterſtützen konnten. Ueberdieß war er nicht unbekannt mit dem Elemente, das er jetzt zu bekämpfen hatte: von der Zeit an, da er, ein fünf- oder ſechsjähriger Junge, auf dem Land⸗ gute ſeines Vaters bei Stockholm ſeine Rindenboote auf dem Bache ſegeln ließ, waren die See und das See⸗ weſen ſein Leben geweſen, und die zärtlichen Eltern hatten ſchon damals unter ſich ſo manche Pläne, über ſeine Zukunft verhandelt. Die Mutter zitterte vor der See, doch der Vater, welcher dieſelbe liebte, überredete die Unruhige mit den herzlichſten Machtſprüchen ſeiner Liebe, Albin's ſo früh ſich ausſprechende Neigung für das Seeleben ihre Zuſtimmung zu geben. Damals war aber noch nicht die Rede von der Kauffahrteifahrt, ſon⸗ dern Albin ſollte ein hurtiger Seeoffizier werden und auf Carlberg*) ſeine Bahn beginnen, während der weiche, ſtumme Will zu Hauſe unter dem Schutze der unaus⸗ ſprechlichen Liebe und nie nachlaſſenden Geduld ſeiner Mutter erzogen würde; denn unmöglich konnte ſie ſich dazu entſchließen, dieſen auf das Inſtitut zu ſchicken, wie der Vater wünſchte. So kam der Tod, der grauſame Schiedsrichter in ſo vielen Zwiſtigkeiten, und legte ſeine kalte Hand zwi⸗ ſchen die Herzen der liebenden Gatten, indem er die liebevollſte Mutter von den beiden kleinen, ſie bitter Ein ehemaliges königliches Luſtſchloß dicht bei Stockholm, jetzt die ſchwediſche Kriegsacademie.— Anmerk. d. Ueberſ. Der Jungferthurm. I. 7 98 betrauernden Knaben riß. Doch zehrt der Kummer der Kindheit milde und ſanft, während der des reiferen Alters ſehr oft allzu tief eingreift, und unauslöſchliche Spuren während des noch übrigen Lebens zurückläßt. Wilhelm Jentzel, der reiche Gutsbeſitzer und ehe⸗ malige Kaufmann, fand keine Zerſtreuung länger in ſeinen Geſchäften: ſie waren ihm im Gegentheil zur Laſt in ſeiner unendlichen Trübſal, und hatte er ſich ſchon während der kurzen Glückstage ſeiner Ehe aus dem leeren Geſellſchaftsleben zurückgezogen und für ſich ſelbſt gelebt, ſo war dieß noch weit mehr der Fall, als er ſie ver⸗ loren hatte, die ihm mehr geweſen war, als die Hälfte ſeiner Seele. Nachdem er in ununterbrochener Einſamkeit ein Jahr verlebt hatte, ſo beſchloß er, ſein Gut zu verkaufen und ſich aus allen Verbindungen im Vaterlande, welcher Art ſie auch ſein mochten, zurückzuziehen: er wollte mit ſeinen Söhnen und ſeinem Vermögen in ein anderes Land ziehen, in der Hoffnung, daß dieſes ihm den Muth geben würde, ein neues Leben zu beginnen. Er wählte Nantes zu ſeiner ſogenannten Heimath, und nahm ſich aus Schweden für Albin einen Informator mit; denn die Sprache, welche ſeine geliebte Alida geredet hatte, ſollte nicht in Vergeſſenheit gerathen. Doch der unglück⸗ liche Mann vermochte weder ein neues Leben zu begin⸗ nen, noch konnte Albin's Erziehung ohne Störung fort⸗ gehen, denn nie hatte Wilhelm Jentzel Ruhe. Stets auf Seereiſen mit ſeiner ganzen Umgebung, durfte Albin ſo frei wie er wollte der brennenden Neigung ſeines Herzens folgen, und ſchon als Knabe den Seemann ſpielen; und wenn der Informator über die viele Zeit klagte, welche von dieſen Spielen weggenommen wurde, ſo nickte Jentzel nur und erklärte, Herr N... könnte im Winter ſeinen Eleven den Schaden wieder gut machen laſſen— und das geſchah denn auch wirklich. Sobald aber der Frühling und der Sommer kamen, ſo war es aus mit der Luſt zu den Büchern, und im Herbſt mußte man wieder von Neuem beginnen, 99 Endlich ermüdete der Lehrer, ein bejahrter und etwas pedantiſcher Mann, bei ſeinem unordentlichen Amte; und obgleich ſein Herz wirklich an Albin hing, der mit ſeinem lebhaften und warmen Gemüthe die Nolken auf der Stirn ſeines geliebten Lehrers unmöglich ſehen konnte, ohne einen Verſuch zu machen, dieſelben für den Augen⸗ blick zu zerſtreuen, begehrte er dennoch ſeinen Abſchied, um nach Schweden zurückzukehren. Jetzt aber griff ſo⸗ wohl die Betrübniß als auch der Verdruß dem Knaben in das Herz, und er verſprach auf das Heiligſte und Ernſthafteſte, ein ganzes Jahr hindurch nicht das Aller⸗ geringſte zu verſäumen, wenn nur ſein guter Herr N... bleiben wollte. Herr N... konnte nicht widerſtehen. Doch nur die Hälfte des Jahres war es Albin geſtattet zu zeigen, daß er der zuverläſſigſte Knabe von der Welt wäre, denn um dieſe Zeit, jetzt etwa vor anderthalb Jahren, erkrankte der Lehrer in einem harten Fieber, welches ihn nach einigen Monaten— in denen gleich⸗ wohl Albin Gelegenheit hatte, die ganze Dankbarkeit ſeines jungen Herzens an den Tag zu legen— in das uns Allen gemeinſchaftliche Vaterland führte. Herr N... war, ſo lange er lebte, dem Anſcheine nach für ſeinen Prinzipal keine ſo ganz unentbehrliche Perſon geweſen; als jedoch Jentzel nicht länger das täg⸗ liche Vergnügen haben konnte, ſchwediſch zu disputiren, täglich ſeine Partie Schach zu ſpielen und vor ſchwedi⸗ ſchen Ohren ſeine alten Klagelieder über das Elend der Welt und vor allen Dingen die Langweiligkeit des Lebens anzuſtimmen, ſo geſchah es ganz unmerklich, daß er von einer Art Krankheit befallen wurde, für welche er lange keinen Namen finden konnte, endlich aber als Heimweh erkannte. Als nun noch häufigere Anfälle von lange dauerndem körperlichem Uebelbefinden hinzukamen, ſo beſchloß er, nachdem er noch ein Jahr auf Reiſen zugebracht hatte, ſeine Capitale zu kündigen und in ſein Land zurückzukehren; dort wollte er ſterben, zuvor aber ſeine Söhne einem Manne anvertrauen, der ihm ehe⸗ mals herzlich zugethan geweſen war⸗ Dieſer Mann, 7* 100 mit welchem er während der letzten Zeit ſeines Aufenthaltes in Schweden ganz allein Umgang gepflogen hatte, war früher auf dem Comptoir ſeines Vaters geweſen und hatte dieſem ſein Emporkommen zu verdanken. In den erſten vier Jahren nach ſeinem Abzuge aus dem Vater⸗ lande hatte Jentzel mit Fredrik Stangerling, einem alten Hageſtolz von Leib und Seele, in Briefwechſel geſtanden, nachher aber hatte dieſer ſich in ſehr verſchiedenen Ge⸗ genden aufgehalten, was öftere Unterbrechungen in dem Briefwechſel zur Folge gehabt und in langen Zeiten die Freunde ohne Nachrichten von ihrem gegenſeitigen Be⸗ finden gelaſſen hatte. Das Schickſal wollte, wie wir wiſſen, Jentzel's Wunſch, in ſeinem Vaterlande zu ſterben, nicht erfüllen, denn die Krankheit nahm auf der Reiſe mit ſchnellen Schritten überhand, und die fürchterliche Nacht auf La belle Coquette, deren Schreckniſſe er überleben mußte, ohne ſich rühren zu können, ſo wie der tödtende Schmerz, zu wiſſen, daß ſein Albin, der Liebling ſeiner Seele, unter den mörderiſchen Händen der Seeräuber gefallen war, riß ſeinen Lebensfaden noch einige Tage früher ab, als die Göttin der Zeit ihn vielleicht mit ihrer feinen Scheere abzuſchneiden beabſichtigt hatte. Und in dem Glauben, Albin bei ſeiner betrauerten Gattin zu finden, in dem Glauben, ſeinen Will, Alida's heiligſtes Vermächtniß, in den beſten Händen zu laſſen, legte er ohne Murren, ja mit ſtiller, inniger Sehnſucht, ſein müdes Haupt zur Ruhe. Dolrt aber ſitzt nun der vaterloſe, der erbloſe, der an allen ſeinen frohen Lebensträumen geplünderte Knabe. Laſſet uns ihm folgen auf der Bahn von Abenteuern, welche vor ihm, ſowie vor einem Jeden liegt, welcher der eigene Gründer ſeines Glücks werden will. Mit einer Hurtigkeit, welche einem zwanzigjährigen Lootſenjungen von der bohuslän'ſchen Küſte Ehre ge⸗ macht haben würde, zog unſer Held die Fangleine ein, 2* erg der wa von der und ger gen em We die wer faſt tete mãä auc als mel alle jetzt ſan! ſtan phy hatt ſelb dun er 1 wieg ſich der( der lauſ ande arm weiß altes war und den rter⸗ elten den, Ge⸗ dem die Be⸗ iſch, denn itten belle ohne „ zu nter var, als deere ben, dem niß, ren, nupt der abe. ern, cher igen ge⸗ ein, 101 ergriff die Ruder und hatte das Glück, ſein Boot gegen den Wind zu wenden, obgleich es dabei in dem Kiel⸗ waſſer des Mitbürgers beinahe umgeſchlagen wäre. Es war ein Glück für Albin, daß das Boot eine von jenen ſcharfen, ſpitzigen Schniggen war, welche dem ſtärkſten Wellenſchlage ſo bewundernswürdig trotzen und gleich der Möve mit Verachtung den tobenden Wo⸗ gen Hohn lachen, wenn dieſe aus der Tiefe gezwun⸗ gen werden, die leichte, gebrechliche Schaale von Neuem emporzuheben.. Der unglückliche Knabe ruderte muthig den hohen Wellen entgegen, und ſtützte ſich mit dem Fuße gegen die eine Ruderbank, um das Gleichgewicht zu behalten, wenn das Boot bei dem Aufſteigen auf jede Welle eine faſt ſenkrechte Stellung annahm. Mit Entſetzen betrach⸗ tete er inzwiſchen das hinwegeilende Fahrzeug, welches all⸗ mälig im Nebel verſchwand, und ſo unheimlich ihm auch ſeine Lage vorkam, ſo athmete er dennoch leichter, als er von der ſchwimmenden Räuberhöhle kein Segel mehr entdecken konnte. Ungefähr zwei Stunden hatte er mit der Anſtrengung aller ſeiner Kräfte dieſen ungleichen Kampf ausgehalten, jetzt aber waren dieſe Kräfte endlich erſchöpft; er ver⸗ ſank allmälig in jenen verwirrenden, träumenden Zu⸗ ſtand, welcher eintritt, wenn die Seele dem Uebermaße phyſiſcher Anſtrengungen unterliegt. Ohne es zu wiſſen, hatte er die Ruder von ihren Haken abgehoben und war ſelbſt auf den Boden des Bootes geſunken; er ſtarrte den dunkelgrauen Himmel an, und es war ihm, als würde er von der einen Wolke in die andere geworfen. Bald wiegte er ſich auf dem Schooße ſeiner Mutter, wie er ſich noch aus ſeiner früheſten Kindheit erinnerte, und der Geſang des Windes und der Wogen war die Stimme der geliebten Mutter, wenn er auf die ſchönen Gebete lauſchte, welche ſie ihn lehrte; bald ſegelte er in eine andere Wolke hinüber, auf welcher ſein Vater mit dem armen Will— jetzt nicht mehr arm, ſondern ein licht⸗ weißer Engel— ihm entgegen geeilt kam. Und indem ſie ſo mit einander durch die Luft ſegelten, um die Wolke zu erreichen, auf welcher die Mutter ſaß, und auf welcher ſie gemeinſchaftlich wohnen ſollten, erzählte ihm der Vater, wie lieblich es wäre, den Bekümmerniſſen der Erde ent⸗ gangen zu ſein, welche ihm ſo ſchwer geworden waren ſeit dem Verluſte derjenigen, die er jetzt wiederfinden ſollte. Albin glaubte da zu fühlen, wie ſeine Wange von der Hand des Vaters geliebkost wurde, und er vernahm, wie warm er betete für den Sohn, der bald nach dem kurzen Beſuche auf die Erde zurückkehren ſollte, wo er gezwungen war, noch eine lange Zeit zu verbleiben, ehe er in dem blauen Sternenlande ſeine Heimath auf⸗ ſchlagen durfte. Mit lieblicher und ſtiller Andacht hörte Albin die zärtlichen Worte des Vaters und ſeine milden Ermah⸗ nungen an ihn, ſeinen Liebling, immer auf den Wegen zu verbleiben, die er ihm angewieſen hatte, und Albin gelobte es heilig, die ſchönen Worte niemals zu vergeſſen, welche noch dann, da er ſchon allein in einer andern großen und einſamen Wolke ſegelte, in ſeinen Ohren wiederhallten. Aber nach dieſen himmliſchen Bildern umdüſterten ihn die trüben Erinnerungen aus der Nacht auf La belle Coquette. Noch einmal eilte er, verfolgt von dem Mörder, die Wanten hinauf; noch einmal knallte der Schuß und noch einmal ſtürzte er tief, tief hinab— dießmal in die Arme des Schlafes. Doch bald weckten ihn einige große Regentropfen, welche auf das Geſicht des ſchlummernden Knaben herab⸗ fielen. Er erhob ſich mit Heftigkeit und ſchaute umher auf das weite, öde Meer. Der Wellenſchlag hatte ab⸗ genommen und ein leichter Wind bewegte das jetzt nur von dem unſichtbaren Steuermann gelootſ'te Boot. Albin gebrauchte einen Augenblick, um ſeine Sinne zu ſammeln, und der Fieberſchauer, welcher ſeine Glieder erſchütterte, das fürchterliche Entſetzen, welches ſich auf ſeinem Antlitze malte, zeigte an, daß er in die ſchreckenvolle Wirklichkeit zurück verſetzt worden war. Er ſank auf ſeine Kniee und Wolke elcher Jater, 2ent⸗ varen finden Jange nd er bald ſollte, eiben, auf⸗ in die mah⸗ Vegen Albin geſſen, ndern Ohren en ihn belle örder, s und in die opfen, herab⸗ umher te ab⸗ st nur Albin meln, itterte, ntlitze ichkeit e und ſandte ein brennendes Gebet zu Ihm empor, welcher der Vater der Vaterloſen iſt; er rief zu ſeiner Erquickung den ſchönen Traum in ſein Gedächtniß zurück, und er entſann ſich mit Hoffnung und Zuverſicht der Worte, welche der Vater ihm geſagt hatte:„Gott wird Dich nicht verlaſſen, wenn Du feſt an ihn glaubſt!“ Und Albin glaubte, denn der Rath kam von dem zärtlichſten Vater, und um dieſen Vater durfte er ſich nicht länger betrüben; denn er war glücklich. Um die von der Morgenkälte erſtarrten Glieder zu beleben, ergriff er die Ruder von Neuem und begann zu arbeiten. Obgleich er berechnete, daß er ganz beſtimmt mehrere Meilen von dem Seeräuberfahrzeuge entfernt ſein mußte, wenn nämlich dieſes ſeinen Cours nicht geändert hatte, ſo wagte er dennoch nicht, ſein Boot vom Winde treiben zu laſſen, ſondern richtete es gegen denſelben. Nicht mißtrauete er dem alten Manne, der ihm ſo großmüthig geholfen hatte, und deſſen er darum auch in ſeinem Morgengebete nicht vergaß, daß er ſeine That bereut und dem Capitän Alles entdeckt hatte; wohl aber fürchtete er, daß dieſer, wenn er das Boot vermißte, der Wahrheit auf die Spur gekommen ſein möchte und ihm nun nach⸗ ſetzte. Daher fuhr er fort, eben ſo eifrig zu rudern, wie zuvor in der Nacht. Jetzt hatten die Nebel ſich aus ihrem feuchten Bette erhoben: es war lichter Tag. Verſenkt in den Gedanken an ſeine Hülfloſigkeit, hatte Albin eine Zeitlang gar nicht um ſich her geſpäht, als er plötzlich hinter ſich ein brauſendes Geräuſch ver⸗ nahm. Entſetzt wendete er ſich um und glaubte ſchon einen Wallſtſch oder ein anderes Meerungeheuer zu erblicken, welches ihn und ſein Boot zu ſeinem Frühſtück erſehen hatte.— Doch ein troſtreicherer Anblick wartete ſeiner. Er ſah den ſchwarzen Rumpf eines großen Schiffes, welches mit vollen Segeln faſt gerade auf ihn uſteuerte. Sein erſter, blitzesſchneller Gedanke war, das Boot zu 104 wenden, ſo daß es nicht überſegelt werden möchte, und der zweite, aufzuſtehen und ſo laut, wie ſeine dreizehn⸗ jährigen Lungen vermochten,„Hülfe, Hülfe!“ zu rufen. Unmittelbar darauf ſah Albin, wie ein krauſer, ſchwarzer Kopf über die Regeling herüberblickte, und darauf, wie die ganze Geſtalt eines Mulattenknaben, ungefähr von ſeinem Alter, ſich mit der Gelenkigkeit einer Katze hinaufſchwang. In der einen Hand hielt er ein zuſammengewickeltes Tau, mit der andern hielt er ſich in der Fockmaſtwante feſt. Hinter ihm ſtand ein großer Kerl, ſichtbarlich auch zur Hülfe bereit. Unſer armer kleiner Paſſagier war nun ſo nahe, daß ihn und ſein Boot der Schaum von dem Buge des Fahrzeuges beſpritzte, und der kleine leichte Nachen war bald in Gefahr umzuſchlagen bei der heftigen Wallung, die durch das Vorwärtseilen des Schiffes entſtand, als der fremde Knabe ihm in einem Kauderwälſch von Schwediſch und Engliſch zurief:„Klein Junge! feire nach hinten, ſonſt zerſchmettern Boot!“ Und in dem⸗ ſelben Augenblicke flog die Leine in Ringeln durch die Luft und in das Boot herab. Mit convulſiviſcher Kraft ergriff Albin die rettende Leine und war beſonnen genug, ſie augenblicklich vorn an das Boot feſtzubinden. Gleich darauf zog die Leine mit ſolcher Heftigkeit an, daß der Steven unterging und das Boot ſich mit Waſſer füllte. Der vorher geſehene ſchwarze Kopf erſchien jetzt in dem kleinen Boote, welches gewöhnlich am Hintertheile größerer Fahrzeuge hängt, 8 ſogleich wurde ein dickes Troß zu Albin herabge⸗ aſſen. „Klein Junge! Klettere auf, oder ſoll Achilles runter gehen und helfen?... Weiß Junge nicht klettern gut!“ Ohne auf dieſe beleidigende Artigkeit zu antworten, ſchwang ſich Albin mit der Geſchicklichkeit eines Affen an dem Troſſe hinauf und trat in das Boot. Noch fand er keine Worte für ſein Gefühl, doch rollten zwei große Thränen an ſeinen Wangen herab, als er die Hand des Mulattenknaben ergriff und mit 4 und ehn⸗ fen. iſer, und ben, gkeit t er t er ein ahe, des war ang, als von eire em⸗ die nde orn ine und ene hes gt, ge⸗ ter 51* en, fen ch 1b, nit 105 Herzlichkeit ſchuͤttelte, auch dem rieſenhaften Matroſen einen dankbaren Blick zuwarf, als dieſer das Troß wieder heraufzog, während die beiden hoffnungsvollen Seejungen über den Bord klommen und glücklich auf das Deck herab⸗ kamen. Albin, welcher nach der ſchon erfahrenen bereitwilligen Hülfeleiſtung nicht ohne Grund hoffte, er würde mit dem Wohlwollen und dem Mitleiden empfangen werden, die ſeine verlaſſene Lage heiſchten, war nicht wenig erſtaunt, als er ſich nun von den fremden Geſtalten, die ſich hier auf und ab bewegten, kaum bemerkt ſah. Doch ſein Erſtaunen ſtieg bis zu einer gewiſſen Unruhe, als, indem er mit ſeinem Begleiter an dem Steuerruder vorbeige⸗ kommen war und ſich der Kajüte näherte, eine Perſon aus derſelben heraufſtieg, bei deren Anblick Achilles gleich einem Geiſte verſchwand, indem er den Albin mit ſich hinweg zog. Der Auftretende war auch in der That eine hinläng⸗ lich ſonderbare Geſtalt, um ſogleich die Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Das Geſicht, welches man mit mehr Grund ſchön als häßlich nennen konnte, war gelblich braun, wie die Hände; wenn aber der Wind die kurzen, ſchwarzen Locken bewegte, welche die Stirne und den Nacken beſchatteten, ſo konnte man aus der Weiße des letzteren abnehmen, daß die Farbe des Geſichts nicht die natürliche, ſondern nur die Wirkung einer brennenden Sonne war. Die dunkelbraunen, funkelnden Augen, die leicht gekrümmte Naſe, die zuſammengepreßten Lippen deuteten Feſtigkeit und Beſtimmtheit an; doch ließ ein gewiſſer Ausdruck des Ganzen ahnen, daß dieſe Beſtimmtheit, je nachdem die Seele dem Sturm oder der Windſtille geneigt war, ſich in verſchiedene Formen gießen laſſen konnte. Das Haupt dieſes Mannes oder eigentlich Jünglings— er ſchien wenigſtens noch ſehr jung zu ſein— war bedeckt mit einem breitkrämpigen Südweſt von mit Oel ange⸗ ſtrichenem, mit ſeidenen Schnüren eingefaßtem Cambrik; er trug einen weiten Rock von koſtbarem Zeuge, um den 106 Leib zuſammengehalten von einem bengaliſchen Seiden⸗ ſhawl; gelbe, unter den Waden zuſammengeſchnürte Beinkleider von Nankin, ſowie Schuhe, gewirkt von weißen und grünen feinen und elaſtiſchen Wurzelfaſern, vollendeten den pittoresken Anzug. Kinn und Wangen waren bartlos und ſchienen einem Weibe anzugehören; dagegen aber ſprach die männliche Stimme und die Haltung.— Dieſe Perſon war der Steuermann auf der mit Colonialwaaren aus Weſtindien kommenden, nach Göte⸗ borg beſtimmten Brigg„der Fliegfiſch.“ Es konnte einem Jeden ſonderbar vorkommen, daß dieſes in friedlichen Geſchäften ſegelnde Schiff außer einer Bugkanone von ungeheurer Länge und zwei Kanonen im Hintertheile, mit vierzehn Kanonen beſetzt war. Das Fahrzeug hätte ſich ganz bequem mit ſechszehn bis acht⸗ zehn Mann manövriren laſſen können, doch die Beſatzung beſtand aus einigen und dreißig Mann, aus verſchiedenen Nationen zuſammengeſucht, und unter den Gruppen auf dem Bak entdeckte man ſogar zwei Malayen, welche man leicht an den trockenen, knochigen, aber muskelſtarken Körpern und den brennenden Augen erkannte. Der Steuermann, welcher Albin nicht bemerkte, den der Mulattenknabe bei dem großen Boote gelaſſen hatte, woſelbſt er ſich inſtinktmäßig verborgen hielt, ging mit leichten aber feſten Schritten an das Nachthäuschen, und nachdem er erſt auf den Compaß, dann auf die Wind⸗ flügel und zuletzt auf die Stellung der Segel geblickt hatte, wendete er ſich an einen kleinen, eingeſchrumpften Mann mit dünnen weißen Haaren, der wohl ſeine ſechszig Winter geſehen haben mochte, und redete ihn mit folgenden lakoniſchen Worten an: „Capitän, das Loggbuch!“ Die Frage wurde in einer Sprache geäußert und beantwortet, welche alle mögliche Aehnlichkeit mit ver⸗ dorbenem Schwediſch hatte. Der kleine Mann 30G aus einem an der Kappe feſtgenagelten Futteral von Segel⸗ tuch ein Buch mit ledernen Deckeln hervor und übergab 42 den⸗ ürte von ern, gen ten; die mit öte⸗ daß iner im Das cht⸗ ung nen dem icht dern den atte, mit und nd⸗ lickt ften zig den und ver⸗ aus gel⸗ gab 107 daſſelbe mit einem demüthigen„guten Morgen“ dem Steuermann, welcher mit prüfendem Blicke, ohne ſich im Mindeſten an die Höflichkeit zu kehren, die im Buche gemachten Anzeichnungen muſterte. „Denſelben Cours die ganze Wache, Capitain?“ „Denſelben Cours die ganze Wache, Steuermann!“ „Nur acht Knoop?— Willſt Du, Capitain, daß mein Schiff ſich ebenſo vorwärts kreuzen ſoll, wie Du ſelbſt?“ Der Quaſi⸗Capitain gab guf dieſe Frage keine eigentliche Antwort; er ließ nun ein leiſes Grunzen ver⸗ nehmen. „Als Du die Wache erhieltſt, Du alte Schrankratte, ſo hatten wir eine gute Bris; ich ſehe aber, es iſt wäh⸗ rend der letzten fünf Gläſer ſtill geworden— warum, bei den Wohnungen der Hölle, haſt Du keine Leeſegel beigeſetzt?“ „Zwei Leeſegelſpiren ſprangen im letzten Sturm!“ rapportirte man vorne:„es war Oberbram—“ „Gleich gut, was es war!“ fiel der Steuermann ein und wendete ſich von Neuem an die Perſon, mit welcher er zuerſt geredet hatte. „Hatteſt Du nicht einmal ſo viel Luſt, daß Du dem Zimmermann Befehl geben konnteſt, aus den Reſerve⸗ ſpiren neue zu machen?. Hörſt Du, Capitain! Glaubſt Du, daß Du hier auf dieſem Schiffe weiter nichts zu thun haſt, als meine echten Havanna⸗Cigarren aufzu⸗ rauchen und meine Rumfäſſer auszupumpen? Gleich nach vorn mit Dir, und gib dem Zimmermann Ordre, die Spiren zuzuhauen! Um eine Stunde ſollen ſie fertig ſein, ſonſt ſpreche ich in meiner eigenen Kajüte ein Wörtchen mit Dir unter vier Augen— Du weißt, was das bedeutet, Capitain!“ „Soll geſchehen!“ antwortete die traurige Figur, indem er nach vorne eilte, woſelbſt er gleichwohl in einem nicht viel weniger desvotiſchen Tone, als mit welchem er ſo eben angeredet worden war, den Befehl mittheilte, worauf er zurückkam und rapportirte:„Klär um eine Stunde, Steuermann!“ 108 „Gut!... Iſt ſonſt etwas während der Wache paſſiri?? Der Capitain antwortete nicht, machte aber eine hindeutende Geberde nach der Seite hin, wo Albin's Kopf hervorſah. Zwölftes Capitel. Das Verhör. „Wohnungen der Hölle! was iſt das?— wer iſt der Junge? wie iſt er hieher gekommen?“ „Trieb umher in einem Boote, war in Lebensgefahr, erhielt ein Tauende, wurde gerettet!“ entgegnete der Capitain. „Boot... Lebensgefahr... gerettet!— was iſt das für dummes Gewäſch? Habe ich nicht ſo ſchon faule Hunde genug zu füttern, als daß ich ſie aus der See zu fſſchen brauchte?... Komm her Du, und laß Dich beſehen!“ Albin trat vor. Jetzt war er ganz allein in der Welt, und brauchte keinen Menſchen als nur ſich ſelbſt zu fürchten; dieſes Gefühl verlieh ſeinem Blicke Ruhe und ſeiner Haltung Sicherheit. „Wie heißeſt Du? Was für ein Landsmann?“ „Ich bin ein geborner Schwede, komme aber jetzt von Nantes; mein Name iſt Albin Jentzel!“ „Aus welchem Anlaſſe biſt Du hier?“. Seinem, dem„guten Seeräuber“, wie Albin den alten Halwar oft in ſeinen Gedanken benannte, gegebe⸗ nen Gelübde getreu, verrieth er nichts von Demjenigen, was in Zuſammenhang ſtand mit La belle Coquette, ſondern er erzählte, daß der norwegiſche Schooner, auf welchem er ſic nebſt ſeinem Vater und Bruder in der vorigen Nacht auf ihrer Rückreiſe aus Frankreich be⸗ funden hätte, in der Dunkelheit und im Nebel gegen ein 4 che ine n's „ anderes Fahrzeug geſtoßen, dabei leck geworden und mit Mann und Maus untergegangen wäre. „Wenn Du einmal geſunken biſt, ſo läßt ſich ſchwer begreifen, wie Du wieder heraufgekommen biſt, und das noch dazu im Boote!“ warf der Steuermann mit ver⸗ ächtlicher Miene ein. „Haben Sie die Güte, Herr, mir nicht zu mißtrauen! Ich wurde gerettet, ich ganz allein, weil... weil es Gottes Wille war.“ „Und Dein eigener, wie ich mir denken kann: Du ſahſt Dich bei Zeiten nach einem Platze um?“ Albin's Antlitz übergoß ſich mit blutrother Farbe. „Herr, Sie können mich nicht kennen,“ ſagte er langſam, als wollte er den Anfall von Zorn unterdrücken, der ſeinen Auslauf in Thränen zu nehmen drohte,„wenn Sie mich kenneten, ſo könnten Sie ſolche Nichtswürdigkeit unmöglich von mir glauben!“. „Aha, mein lieber Landsmann, es iſt dennoch ſchwedi⸗ ſches Schrot und Korn in Dir! Wie kamſt Du aber bei ſolchen Umſtänden in den Beſitz des Bootes?“ „Das Boot, in welchem ich Rettung ſuchte, gehörte ganz gewiß dem andern Fahrzeuge“— Albin ſah ſich gezwungen, die Wahrheit von Neuem zu umgehen—„es war wohl im Sturm losgeriſſen worden. Ich ganz allein von Allen“— jetzt wurde die Stimme faſt unhörbar— „erreichte das Boot: doch,“ fügte er mit einer gewiſſen ſcheuen Ehrfurcht hinzu,„es wäre um mich geſchehen haveſen, wenn ich nicht eine ſo gute Hülfe erhalten ätte.“ „Vortrefflich! In Anſehung Deiner Jugend ſpielſt Du Deine Rolle nicht übel; ſpäterhin aber mußt Du es lernen, Deinen Comödien beſſeren Zuſammenhang zu geben, wenn Du Mitleiden wecken willſt. Dennoch liebe ich die einfache Wahrheit mehr— ich glaube kein ein⸗ iges Wort, Du junger Vogel!“ Mit einer verdrießlichen Miene wendete ſich der Steuermann von dem beſtürzten Albin hinweg und fragte, ſich an den Capitain wendend, mit barſchem Tone:„Wer warf das Troß?“„* „Der junge Herr Achilles!“ antwortete dieſer mit einer ärgerlichen Betonung der Worte. Ein Blitz ſchoß aus den Augen des jungen Mannes hervor, und ein leichtes Erröthen färbte ſeine Wangen noch ſtärker; doch der Zornanfall legte ſich.„Wer half ihm?“ „Jungmann Bas.“ „Schicke ihn mir her!“ Bas, ein rieſenhafter, ſtark gewachſener Jüngling, den Albin als denjenigen erkannte, welcher zu ſeiner Rettung beigetragen hatte, trat mit der Mütze in der Hand vor. „Wer warf dieſem Knaben die Leine hin, ohne mich erſt zu fragen?“ „Achilles, Steuermann!“ „Warum hinderteſt Du ihn nicht?“ „Sie hatten keinen Befehl dazu gegeben, Steuer⸗ mann!“ „Dummkopf! ich war ja nicht auf dem Deck. Da Du aber mit dabei geweſen biſt, mein Schiff mit noch einem Kuckuk zu bemannen, ſo denkſt Du ihm wohl auch Deine Ranzion abzutreten?“ „Hm!“ ſagte Bas, indem er ſeine Mütze hin und her drehte und eine außerordentlich einfältige Miene annahm; darauf blickte er nach dem Maſtkorb in die Höhe, als dächte er über die Sache nach. „Ich frage Dich, Lümmel, ob Du ohne Deine Freß⸗ ranzion leben kannſt?“ „Nein, Steuermann, ich glaube kaum, daß ſich das thun läßt. Wäre es die von der andern Art geweſen...“ „Meinſt Du dieſe Art?“ Wit dieſen Worten ertheilte der Steuermann dem Mosje Bas einen Schlag auf das Ohr, um den ſich dieſer unter andern Umſtänden gar nicht gekümmert und den er kaum gefühlt haben würde, denn einer aus ezeichneten Körperſtärke konnte der Be⸗ fehlshaber des Füegftſches ſich nicht rühmen, obgleich er gerne für einen Herkules im Kleinen gelten wollte. Inzwiſchen wußte Bas recht gut, was er that, als er, d gleichſam betäubt von dem Schlage, über das Deck hin taumelte und ſich an dem großen Maſte feſthielt, indem er einige Worte zwiſchen den Zähnen murmelte. „Wagſt Du Dich zu beklagen, Canaille?“ Der Steuermann näherte ſich mit einem barſchen Blicke; hinter der Strengheit aber gewahrte der liſtige Bas einen Schimmer, den er ebenſo deutlich erklären konnte, als wenn der Kalender ſchlechtes oder gutes Wetter prophezeit. „Nein, Steuermann, das wage ich nicht!“ „Nun, was murmelſt Du denn?“ „O, ich dachte nur, wenn der Steuermann auf dieſe Weiſe ſeine Kräfte gegen die Leute anwenden will, ſo wäre es vielleicht das Allerbeſte, ein Lazareth an Bord anzulegen! Ich meine, nicht Alle bleiben wie ich nach einem ſolchen Kerlſchlage auf ihren Beinen.“ „Meinſt Du das, mein Junge?“ entgegnete der Steuermann und ſtrich ſich mit einem leichten Lächeln das Kinn.„Nun ſo ſage denn dem Schiffjungen, er ſoll Dir eine Flaſche Rum geben; Du brauchſt etwas, um Dir das Ohr zu waſchen— ich habe nun vergeſſen, daß Du Dich dumm benommen haſt!“. „Gott behüte Sie, Steuermann! Aber der Teufel dachte daran, den Jungen zu retten: ich wollte nur das Boot bergen, denn das iſt eine der beſten Seeſchniggen, die ich jemals geſehen habe.“ „Gut, gut! Sage auch Achilles, er ſoll Dir zu dem Rum noch ein Paar Rollen Tabak geben: Du kannſt ein wenig davon auf die Zähne legen, wenn Du von dieſem Spektakel Zahnſchmerzen bekommſt. Ferner: nimm den Jungen mit und mach', daß er zu freſſen bekommt— hat man den Teufel in's Boot, oder richtiger aus dem Boote genommen, ſo muß man ihn auch an's Land bringen!“ Ein gnädiges Kopfnicken verabſchiedete unſern Albin und ſeinen Beſchützer, den Jungmann Bas, welcher mit den lächerlichſten Geberden zu ſeinen Kameraden zurück⸗ kehrte, die ihm die einträgliche Ohrfeige auf das⸗Höchſte beneideten. „Höre, Capitain!“ befahl der Steuermann,„geh hinab und lege die Karte in Ordnung, und trage in das Journal ein:„Mit Gefahr des eigenen Lebens einen armen verlaſſenen Knaben, dem verloren gegangenen norwegiſchen Schooner Johanna zugehörig, gerettet. Der Knabe befand ſich in einem elenden Boote, welches bei der Rettung an der Seite des Fahrzeuges zerſchlagen wurde!““ „Gut, Steuermann!“ „Warte Gib erſt den Befehl, daß das Boot auf⸗ gehißt wird. Nimm es in Acht! es darf nicht irgendwo anſtoßen: es iſt vortreffliches Holz in dieſen Schniggen.. ich kenne ſie. Dann kannſt Du es in's große Boot ſtauen!“ „Ja, Steuermann!“ „Da wir gegen Mittag ganz gewiß klares Wetter bekommen, ſo kannſt Du den Octanten heraufbringen: mach die Gläſer gut rein und lege ihn auf die Kappe! Zwar peilte ich geſtern das Schottiſche Land, doch iſt die Strömung hier rein verteufelt— es kann auf keinen Fall ſchaden, die Höhe zu nehmen.“ Der laſttragende alte Capitain ging hinab, um alle verſchiedenen Aufträge auszuführen, die ſein deſpotiſcher Steuermann ihm anbefohlen hatte. Inzwiſchen ſpazierte bemeldeter Cavalier auf dem Verdecke ſeines Fahrzeuges umher— denn der C Capitain durfte es das ſeinige nicht eher nennen, als wenn man in den Hafen ging; dann wurde der Alte einge⸗ kleidet und gehörig reparirt, um als wirklicher, in den Schiffsdoeumenten erkannter Befeh lshaber des Fliegfiſches die Honneurs zu machen. Sobald man aber wieder Aücklich zur See gegangen war, ſo mußte auch der efehlshaber von Neuem zurückkriechen in ſeine ſubordi⸗ nirte und erniedrigende Rolle als eine— Null. Aus welchem Grunde es ſo zugehen konnte, werden, wir wohl zu ſeiner Zeit erfahren. alten Herr, denke Albin, der gegen ſeine bisherige Gewohnheit ge⸗ nöthigt war, ſich im Vordertheile aufzuhalten, hatte eben von der vortrefflichen Schiffskoſt gegeſſen, und ſuchte nun — da er ſeinen erſten Freund Achilles nicht weiter ſah, weil dieſer in ſeiner Eigenſchaft als Kajütenwächter in der Hütte des Steuermanns zu thun hatte— die Be⸗ kanntſchaft mit dem zuletzt erworbenen, nämlich dem Jungmann Bas, in Gang zu bringen. Natürlich mußte Albin über das ganz neue und in gewiſſer Hinſicht verkehrte Verhältniß auf das Höchſte verwundert ſein, und konnte unmöglich wiſſen, was er davon denken ſollte, da es ganz verſchieden war von demjenigen, was er auf anderen Kauffahrteiſchiffen ge⸗ ſehen hatte; weßhalb auch ſeine erſte Frage an Bas— welcher auch ſogleich ſeine Bemühungen um die Bekannt⸗ ſchaft mit ihm ganz ungenirt dadurch erleichterte, daß er ſich als einen Landsmann, einen Gottländer, ankündigte— darauf hinaus ging, zu erfahren, welche Art von Fahr⸗ zeug dieſes wäre, woher es käme, welcher Nation es an⸗ Pehürte warum es ſo viele Kanonen und eine ſo ſtarke Beſatzung führte, und weßhalb beſonders der Steuer⸗ mann der Befehlshaber wäre und der Capitän gar nichts zu ſagen hätte. „Stopp und beleg!— es iſt auf dem Fliegfiſch nicht Sitte, ſo viel zu wiſſen. Wer etwas wiſſen will, der ſteht und hört und verſteht, plaudert aber nicht, wenig⸗ ſtens nicht laut... tralerallerallera!.Ach, Herr Gott, wer doch einmal in der Schalfkammer des Hobergs⸗ alten*) ein Tänzchen machen könnte! Ja, ja, kleiner Herr, dort in der Gegend bin ich geboren, und darum denke ich ein ſo guter Seemann zu ſein wie irgend einer, *) Die ſüdlichſte Spitze von Gottland heißt der Hoberg; in demſelben iſt eine Grotte, die, dem Volksglauben gemäß, von dem Berggeiſte, dem Hobergsalten(Hobergsgubben), bewohnt wird und ſeine Schlafkammer heißt. Anmerk. des Ueberſ. Der Jungferthurm. 8 der einer Schlagwelle ſeinen Tabak in's Geſicht ge⸗ ſpuckt hat.“ ie „Wie biſt Du dazu gekommen, ſo weit von deiner k Heimath Miethgeld zu nehmen?“ v. „Wie kommen die Wogen gegangen und gehüpft w und getanzt aus dem Weſtmeere*) in die Nordſee und in aus der Nordſee in's atlantiſche Meer und in's ſchwarze Meer und in's rothe Meer, und wie alle Meere heißen,* w. die um die Erde fließen? Ich wriß weiter nichts, als daß ſie mitgehen. So iſt's auch mit dem Seemanne: ſe er geht mit, wohin es gilt, heute hierhin, morgen dort⸗ ge hin— Schwede, Norweger, Franzoſe, Isländer, Türke ſiſ oder Heide, das bleibt ſich Alles gleich, ſagt der Deutſche, iſt wenn nur Alles raiſonlich geht, ſo daß er ein wenig ſei in die Kiſte legen kann, bis er nach Hauſe kommt und do⸗ ſich nach einem hübſchen Mädchen umſieht— denn die Liebſte ſoll aus ſeinem eigenen Lande ſein! Ich mag's nicht leiden, wenn die Weibsleute mitgehen, wie die Wellen— nein, Raiſon ſoll ſein!“ Albin lächelte über den muntern Seemann. Ob⸗ Ac gleich er ſelbſt meinte, daß er in ſeinem Leben nicht iſt! wieder froh werden könnte, ſo war es ſeinem Herzen Zei dennoch gewiſſermaßen eine Erleichterung, bei Andern Sc einen muntern Sinn zu finden, beſonders da außer dem da freundlichen Mulattenknaben Jungmann Bas hier der und Einzige war, mit welchem er den Verſuch einer Mitthei⸗ Jet lung machen zu können glaubte. Alle Uebrigen ſahen wir ſo ernſt, kalt und undurchdringlich aus, daß ihn gleichſam ein Fieberſchauer überlief, wenn er ſie nur anſah. The „Eins kannſt Du mir doch wohl ſagen, Jungmann hat Bas: woher kommt das Fahrzeug und was iſt's für ein nie Landsmann.“ ger „Daß wir von Weſtindien kommen, das iſt eben ſo ſicher, als daß wir nach Göteborg gehen; doch zu ſagen, meit was für ein Landsmann der Fliegfiſch iſt, das kann ich bare — herz *) Die ſchwediſche Benennung des Kattegat und Skagerrack. Anmerk, des Ueberſ.) 115 nicht übernehmen, weil ich's ſelbſt nicht weiß. Wenn ich etwas Apartes denken ſollte, ſo... doch ich glaube kaum, daß ich damit an's Land komme, denn ich habe vor Kopfbrechen immer Abſcheu gehabt und geglaubt, wir haben genug auf unſern Theil bekommen, da wir immer mit Händen und Füßen arbeiten müſſen.“ „Du willſt mir nur ausweichen— gewiß iſt doch wohl das Fahrzeug von einem gewiſſen Orte?“ Ja, inſofern vielleicht das Meer ein beſonderer Ort ſein ſollte! Ich glaube, der Fliegfiſch iſt auf dem Meere geboren, die Haiſiſche ſind ſeine Bruͤder und die Wall⸗ fiſche ſeine Geſchwiſterkinder, und der Kapitän Ennes iſt der Meermann ſelbſt: wenigſtens ſagen ſie, daß er ſeit vierzig Jahren nicht von der See gekommen iſt— doch ich weiß nicht, ſagt der Stumme!“ „Aber der Steuermann?“ „Sch. ſch... Die Katz' iſt doch mein Geſchwiſterkind Und hat ſo gute Tage!*) Ach Herr, wenn Sie wüßten, welch ein luſtiges Lied das iſt! Ich habe es mehr denn einmal geſungen zu der Zeit, da ich noch ein kleiner Junge war und in der Schlafkammer des Hobergsalten ſpielte... doch ſieh, da haben wir den Achilles: er iſt ſo klug auf das Eine und das Andere— wenn er nur nicht allzu klug iſt!... Jetzt Adjös, kleiner Herr, bis Ihnen die Zeit wieder lang wird: da ſteh ich zu Dienſt, wenn ich Zeit habe!“ Der junge Mulatte kam zu Albin, mit herzlicher Theilnahme.„Weißer Junge ſein ſehr unglücklich— hat verloren Vater, Bruder! Achilles auch keinen Vater, nie gehabt Bruder, nicht immer fröhlich ſein, aber nicht gern laſſen Andere wiſſen das— am beſten wiſſen ſelbſt!“ „Da paſſen wir ſehr gut zuſammen— auch ich will meine Betrübniß verſchließen, ſobald ich mich nur erſt daran gewöhnt habe!“ ſeufzte Albin, indem er, einen herzlichen Blick mit dem freundlichen Knaben austau⸗ *) Ein gottländiſches Lied. Anmerk des Verf. — 8 I 116 ſchend, ſich auf eine Kanone ſetzte und in das Waſſer hinausſtarrte. So wie der Steuermann vorhergeſagt hatte, wurde die Luft gegen Mittag ganz klar, und er ſtellte da ſeine Obſervationen mit einer Genauigkeit und Sicherheit an, welche bewieſen, daß er ſeine Sache gut verſtand. Der Fliegfiſch eilte mit einer friſchen Kühlte durch die ſchäumenden Wogen der Nordſee; und indem unſer Held, allein bei der Koje ſtehend, die er mit Achilles theilen ſollte, in ſeinen Gedanken überlegte, was er vor⸗ nehmen ſollte, wenn er nach Göteborg käme, woſelbſt er keinen einzigen Menſchen hatte, an den er ſich wenden konnte, ſo verſchwand Meile auf Meile, ohne daß der arme Knabe nur im Stande war, ſich darnach zu ſehnen, ein Land wieder zu erblicken, in welchem er zu Hauſe, und dennoch wieder ein vollkom⸗ mener Fremdling war. Der alte Freund ſeines Vaters, wenn er ſich in dieſem Augenblicke ja in Schweden be⸗ fand, wohnte weit von Göteborg entfernt; ſich auf eine andere Art als in einem Briefe an ihn zu wenden war daher unmöglich. Briefe gehen jedoch langſam, und wer auf eine Antwort warten ſoll, der muß auch Etwas haben, wovon er während der Zeit leben kann, und Albin hatte nichts als ein wenig Kleingeld; denn das Geld, welches er von dem Seeräuberfahrzeug mitbekom⸗ men hatte... hu!... das konnte er nicht anrühren. Noch dazu: wie wollte er wohl die Erzählung von ſeinem Unglücke glaubwürdig machen, da kein Zeuge vorhanden und er ſelbſt durch ſein dem„guten Seeräu⸗ ber“ gegebenes Verſprechen gebunden war— und wie konnte er brieflich oder mündlich den Freund ſeines Vaters belügen?“ Albin's Gedanken wurden immer düſterer. Er er⸗ innerte ſich des Mißtrauens, das der Steuermann ge⸗ äußert hatte; und ſo jung Albin auch war, ſo empörte ſich doch ſein ſtolzes Selbſtgefühl bei der Vorſtellung, noch einmal wegen dieſer Ürſache erröthen zu müſſen. Wozu ſollte es auch überhaupt dienen jetzt, da nichts wen ten, Jun etwo hatt elie eite aufg mehr zu verwalten war, einen Mann aufzuſuchen, der zu ſeinem Vormunde beſtimmt war..„außer mir ſelbſt!“ ſetzte Albin in Gedanken hinzu.„Nein!“ ſagte er augen⸗ blicklich darauf, und die junge Bruſt ſchwoll bei dem Gedanken, daß er ganz allein ſich durch tauſend Schwie⸗ rigkeiten hindurch arbeiten wollte,„ich bin im vierzehn⸗ ten Jahre, ich darf keinem Menſchen zur Laſt fallen: ich muß mich ſelbſt durchſchlagen!“ In einem Alter von dreizehn Jahren fehlt nie das Vertrauen auf eigene Kräfte: Albin aber ſeufzte doch in kindlicher Frömmigkeit:„Und Gott verläßt nicht die⸗ jenigen, welche gläubig ihm vertrauen!“ Indem er aber dieſe Worte halb flüſternd ſagte, brach doch die Kraft und der Muth des armen kleinen Herzens: das Anden⸗ ken an den Vater, ſowohl im Leben als auch in dem ſchönen Traume, ſtand ſo lebendig und klar vor ſeiner Erinnerung, daß er ſich rückſichtslos hinwarf und laut zu weinen begann. Jetzt konnte Niemand ihn tröſten: er weinte ſo lange, bis er einſchlief, und ſchluchzte noch im Schlafe. Dreizehntes Capitel. Ein außerordentliches Vertrauen. Am folgenden Tage war Albin— der ſich noth⸗ wendig ſowohl durch die Philoſophie des kleinen Mulat⸗ ten, als auch durch die ungezwungene Redſeligkeit des Jungmanns Bas einigermaßen getröſtet fühlen mußte— etwas muthiger geſtimmt. Das große, unheilbare Unglück, das ihn getroffen hatte, war ja doch ein für allemal unheilbar. Sein geliebter Vater hätte ja doch nicht lange leben und ihn eiten können; der arme Will war ja im Himmel beſſer aufgehoben, als auf Erden; und was das große Ver⸗ 118 mögen betraf, ſo wäre es gewiß beſſer geweſen, wenn es nicht auf dem Meeresgrunde läge— da dieß aber nun einmal der Fall war, ſo war es wohl darum ge⸗ ſchehen, weil Gott, der Alles wußte, einſah, es waͤre Albin's Glück, ſich mit eigener Arbeit in der Welt vor⸗ wärts zu helfen. Eine Sorge aber blieb immer noch übrig, nämlich die bittere Vorſtellung, daß der Vater in ſeinem letzten Augenblicke gerufen und darüber geſeufzt hätte, daß er nicht zurückkehrte. Es war kurz nach dem Mittage. Die Leute hatten gegeſſen und auch Albin hatte in der Geſellſchaft ſeines Freundes Achilles eine gründliche Mahlzeit erpedirt— die Sorgen der Jugend rauben keinesweges den Appetit. Jetzt ſtanden die jungen Backkameraden auf dem Ver⸗ decke und plauderten mit einander, als plötzlich die Stimme des Steuermannes ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Doch galt es keinem von ihnen, ſondern einem von den beiden Malayen, welcher den Befehl erhielt, vorzutreten. Albin dachte, es wäre natürlicherweiſe die Rede von einem Befehl im Dienſte; doch er war ganz voll von Verwunderung, als er hörte, wie der hochmuͤthige und ſtolze Steuermann mit inſinuirender Freundlichkeit ſagte: „Nun, Freund Antony! wollen wir uns nicht eine Mo⸗ tion auf das Mittagseſſen machen?“ „Was bedeutet das?“ fragte Albin leiſe den Achil⸗ les, welcher auf den Vorſchlag gar nicht Achtung zu ge⸗ ben ſchien. „Bedeuten? ſehen ſelbſt! Eigne Augen immer ſehen beſſer als andre... gewöhnliche Sache, aber luſtige Sache, ſehr luſtig!“ Wiederum richtete Albin ſeinen Blick auf den Be⸗ fehlshaber und ſah nun mit ſteigender Verwunderung, daß dieſer aus einem Kaſten an der innern Seite der Kappe zwei lange hölzerne Dolche mit ſtumpfen Klin⸗ gen hervorlangte. Den einen dieſer Dolche behielt er ſelbſt, und den andern gab er dem Malayen, welcher ihn mit einer düſtern, halb unwilligen Gleichgultigkeit, die aber Gefühle voller Haß zu verbergen ſchien, entgegen nahm. 119 „Nun, Antony! ſo ſieh doch nicht aus wie die Wol⸗ ken vor dem Ungewitter! Du haſt mir ja ſelbſt Unter⸗ richt in dieſer edlen Kunſt ertheilt— ich kann ja nicht dafür, wenn es ſo ausſieht, als ob der Schüler ſeinen Lehrer übertreffen ſollte. Du haſt auf jeden Fall Ehre von mir... O Capitain! warum ſtehſt Du da im Wege? Ich ſehe nicht gern, wenn Jemand auf meinem Schiffe ſeinen Platz nicht weiß. Haſt Du ſchon Geruch vom Lande, Capitain?“ Der Alte warf einen halben Blick, der dem Albin allzu ſonderbar vorkam, auf ſeinen kühnen Chef; darauf begab er ſich leiſe nach hinten mit einem zweiten ſchar⸗ fen Blick auf den Malayen. Der Steuermann fuhr an dieſen gewendet fort: „Bedenke auch, Freund Antony, daß ich drei Stöße von dir zu revangiren habe, von denen der eine, ſo wahr ich auf meinem Schiffe Befehlshaber bin, mich in den Hafen der Ewigkeit vor Anker gelegt haben würde, wenn du anſtatt des hölzernen Dolches zufällig das lange Meſſer gehabt hätteſt, deſſen Spitze ſo freundlich aus der zerriſſenen Scheide an deiner Seite hervorblinkt. Vergiß nicht, ſie auszubeſſern, Antony, denn ſonſt roſtet die Spitze, und nun klar zur Action!“ „Klar, Steuermann!“ Unter dieſem Zwiegeſpräch hatte ſich die Mehrzahl der Beſatzung bei dem großen Boote und um den großen Maſt geſammelt, um einem Schauſpiele zuzuſehen, wel⸗ ches bei ihnen, ſo oft ſie es auch geſehen hatten, immer noch das gleiche Intereſſe weckte. Albin und Achilles bereiteten ſich, von der Höhe eines Waſſerfaſſes dem Kampfe zuzuſehen. Mit dem hölzernen Dolche in der rechten Hand und den linken Arm in vechtem Winkel emporhebend nah⸗ men die Kämpfer faſt die Stellung von Duellanten auf den Degen ein, doch mit dem Unterſchied, daß, wenn dieſe ihre Stellung zu behalten verſuchen und ihre Aus⸗ fälle machen ohne vom Platze zu weichen, die ſtreitluſti⸗ gen Fechter auf dem Fliegſiſche ihr Spiel mit einer Promenade in die Runde begannen, ungefähr wie zwei große Hunde, welche ſich gegenſeitig mißtrauen. Der Malaye begann den Angriff mit einem Stoße nach der linken Seite des Steuermannes. Dieſer pa⸗ rirte mit Blitzesſchnelligkeit, erhielt jedoch in demſelben Augenblicke einen heftigen, jetzt wirklichen Stoß auf das Schulterblatt. Das tropiſche Blut des Malayen fing ſchon an in Aufruhr zu kommen, die Augen ſprühten Funken, er wand und ſchlängelte ſich wie eine Schlange, um ſeinem Gegner noch eine Erinnerung an ſeine größere Geſchicklichkeit zu geben; doch die unbeſchreibliche Ge⸗ lenkigkeit des Steuermannes machte alle ſeine ferneren Bemühungen zu Schanden. „Willſt Du den Meiſterkuß haben, Antony?“ höhnte der übermüthige Abenteurer—„Du weißt— dicht am Halſe... in ſchiefer Richtung... einen Achtelzoll über dem Schlüſſelbein!... Gib nur Acht, Du Sohn des Feuers und der Sonne, jetzt iſt die Reihe an mir!“ Und wirklich erhielt der immer mehr und mehr gereizte Antony von ſeinem Schüler einen ſo unſanften Stoß an dem angedeuteten Orte, daß er, dem ſchlanken Steuer⸗ manne an Stärke ſo ſehr überlegen, nahe daran war, zu Boden zu ſinken. Doch ein ſolcher Schimpf in Ge⸗ genwart der Kameraden forderte Vergeſſen aller Verhält⸗ niſſe: ſchneller als der Gedanke tauſchte der rachgierige Malaye die Waffen um— jetzt blitzte das furchtbare Meſſer in ſeiner Hand. Der Steuermann ſprang eilfertig auf die Seite, warf den hölzernen Dolch weg, und ehe der Malaye ihn erreicht hatte, befand ſich in ſeiner Rechten ein ſchön gearbeiteter milaneſiſcher Dolch mit dreieckiger Klinge, deſſen Aetzung in Blau und Gold in der Sonne ſchimmerte. „Ha, Du nichtswürdiger Schurke! Du willſt Ernſt aus dem Spiele machen und ſtatt der Stöße Stiche ge⸗ ben! Weg mit Deinem Kohlmeſſer, ich befehle es, und will dann Gnade für Recht ergehen laſſen, denn Du biſt ein tüchtiger Seemann— doch bei den Wohnungen der Hölle! fäͤllſt Du noch ein einziges Mal aus, ſo haſt 121 Du augenblicklich einen Meiſterkuß, den Du bis in's Herz hinein fühlen ſollſt!“ Die Seeleute, welche unter ſich über die eben ſo lächerlichen als kindiſchen Anſpruͤche des Steuermanns auf Stärke lachten, zitterten dagegen vor ſeiner unglaub⸗ lichen Gewandtheit und Geſchicklichkeit in der Hand⸗ thierung des Dolches, Säbels und Schießgewehrs. Ehe alſo der Malaye noch die geringſte Bewegung gemacht hatte, war er von hinten von den Kamexaden ergriffen und entwaffnet; denn ſo wenig auch der Steuermann bei ihnen beliebt war, ſo mißbilligten ſie dennoch ſämmtlich Antony's wilden und hämiſchen Verſuch, die Folge eines tief gewurzelten Haſſes gegen den Steuermann, dem er nie verzeihen konnte und doch gezwungen war als ſeinem Vorgeſetzten zu gehorchen. „Die Uebung iſt für heute beendigt, Antony!“ ſagte nun der ſonderbare Herrſcher mit zurückgekehrter Ruhe und ſteckte die ſchöne Waffe ſchnell in die unter dem Rock verſteckte Scheide.„Kajütenwächter!“— Achilles zeigte ſich—„nimm eins von den mit Bambus über⸗ zogenen Ankern und gib es dem Antony, damit er etwas hat, worin er mit ſeinen Kameraden trinken und ihnen danken kann, daß ſie ſein Blut abkühlten, ehe es ihm den letzten Funken von Vernunft verzehrte— ich bin nicht rachſüchtig... geh!“ Das iſt mir eine ſonderbare Art von Disciplin!“ ſagte Albin bei ſich ſelbſt.„Und dennoch geht Alles, was zum Manövriren gehört, ganz wie ein Uhrwerk!“ Er erſchöpfte ſich in Fragen an den Jungmann Bas und Achilles; doch jener entging ihm mit ſeinem alten gottländiſchen Liede:„Die Katz' iſt doch mein Geſchwiſter⸗ ind,“ während dieſer mit ſich ſelbſt gegen das Bedürf⸗ niß anzukämpfen ſchien, ſein junges Herz auszuſchütten vor dem erſten Freunde...... Spät an einem Abende— der Fliegfiſch durchſchnitt ſchon die grünen Wogen des Kattegat— ſtanden beide Knaben an der Gallion und betrachteten die prachtvollen Farbenwechſel des Mondſcheins, der ſich mit den leuch⸗ tenden Funken des Schaumes vor dem Buge des Schif⸗ fes miſchte. Achilles brach das Schweigen, nachdem er zuvor mit Albin, in deſſen klar blauem Auge die ſämmtlichen Eindrücke des friſchen Herzens zu leſen ſtanden, einen Blick gewechſelt hatte. „Kann weißer Junge ſein wirklich Freund mit brau⸗ ner Junge?... Nein, Nigger ſein verachtet, ſein Hund!“ „Es thut mir ſehr weh, lieber Achilles, daß Du eine ſo ſchlechte Meinung von mir haſt!“ antwortete Albin mit freundlichem Eifer, ſich zu rechtfertigen.„Die Farbe iſt gleichgültig, wenn man einen Menſchen liebt— und Du weißt wohl, daß ich Dich liebe: Du haſt mir ja das Leben gerettet!“ „Ich auch lieben, ſehr lieben, geben große Probe von Freundſchaft— Albin nicht verachten arm Nigger?“ Und ehe Albin es hindern konnte, hatte der kleine Mu⸗ latte ſeine Hand an die Lippen gedrückt. „Du armer, guter Achilles! So darfſt Du nicht thun! doch ſchenke mir Dein Vertrauen, und glaube nicht, daß irgend ein Menſch Dich verachten kann— dazu biſt Du ja kein Neger: Du biſt braun!“ Achilles blickte lange nachdenkend auf das Waſſer; endlich entgegnete er:„Kann Albin ſchweigen? Nigger eher beißen ab Zunge, als verrathen Freund!“ Unſer armer Held konnte nicht anders als zittern vor dieſer Verpflichtung zu ſchweigen, die ihm wiederum auferlegt wurde. Doch war er allzu intereſſirt von dem⸗ jenigen, was er auf dieſer Reiſe geſehen und gehört hatte, als daß er nicht ſein Verſprechen einer unverbrüch⸗ lichen Verſchwiegenheit hätte geben ſollen. „Ja,“ ſagt nun Achilles, indem er vorſichtig um ſich her blickte,„Capten und Steuermann fahren oft nach Hauſe in mein Land, kaufen Nigger und überfallen ſelbſt Nachts und ſtehlen Nigger, und dann bringen ſie weg zu gelbe Männer, die peitſchen Nigger todt, wenn nicht fleißig arbeiten in großen Feld mit lang Gras.“ „O, nun verſtehe ich! ſchöne Geſellſchaft... Alſo 123 haben ſte Dich als Sklaven gekauft? Dich aber behan⸗ deln ſie doch wenigſtens mit Güte!“ „Ja, Steuermann halten viel von Achilles; aber Achilles nicht Sklave: verwandt mit Steuermann!“ „Tauſend! wo biſt Du denn geboren?“ „Mein Vaters Land heißt Afrika, nur jung, ſchön Nigger, verkauft an Capten, und er habe ihn auf ſein Schiff viel Jahre. Ich aber geboren an Bord.“ „An Bord?— hatte denn der Neger eine Frau mit?“ „Keine Frau bei ſich!“ „Wer iſt denn Deine Mutter?“ 1 „Es iſt...“(der Mulatte neigte ſich dicht an Al⸗ bin's Ohr)...„es iſt— Steuermann!“ „Biſt Du verrücht, oder glaubſt Du, daß ich's bin?“ „Nein, nein— doch ſehr ſtill! Wenn Jemand hören, Achilles und weißer Junge unglücklich!“ Achilles ſperrte ſeine Augen auf. „Steuermann wirklich Frau, heirathet mit alten Capten, doch kein Menſch wiſſen das mehr als Steuer⸗ mann ſelbſt, Capten und ich und alte Niggrin, die ge⸗ habt Achilles bis acht Jahr alt. Steuermann ſehr lie⸗ ben Achilles, küſſen ihn und ſagen: ſüßer Junge, gelieb⸗ tes Kind— und da ſagen Mutter Steuermann, doch immer verſchloſſen Kajütthür und ſagt, ſie ſchlagen todt füßer Junge, geliebtes Kind, wenn er ſagen das. Capten unbillig böſe auf Vater Nigger und verkaufen ihn oder tödten ihn, Mutter Steuermann nicht wiſſen ob lebendig oder todt. Wenn Mutter Steuermann denken an ſein Nigger, werden wild wie Tigerkatze, peitſchen alten Cap⸗ ten und ſchließen ein Cigarren und Rum; aber Achilles dann immer ſtehlen für armen Capten, und darum Cap⸗ ten auch lieben Achilles.“ „In meinem Leben habe ich keine ſo ſonderbare Geſchichte gehört!“ rief Albin auf das Höchſte intereſſirt aus.„Deine Mutter Steuermann muß wohl gar nicht ihres Gleichen haben: ſie manövrirt ja das Schiff und commandirt, als wäre ſie ihr ganzes Lebenlang auf der See geweſen!“ 124 „Sein auch geweſen!“ fuhr Achilles fort.„Alte Niggrin, die gehabt haben Achilles, erzählte, Capten ihr geſagt von Mutter Steuermanns Undank— groß Un⸗ dank. Capten vor viel Jahr, zwanzig Jahr, finden in dein Land(ſchwediſch Land) klein ſchön Judenkind, kein Menſch bekümmern ſich um— ſehr arm, ſchrecklich arm. Capten immer gutes Herz, wenn kein Nigger mit ſein— nehmen klein Judenkind an, kleiden als Knabe und er⸗ ziehen an Bord— lehren viel Dinge, leſen, ſchreiben, alle Ding als Kajütenwächter— heirathen in ſchwediſch Land, da klein Kind fünf ehn Jahr, der Capten aber ſehr alt. Sie nachher ailt länger Kajütenwächter— Steuermann.“ „Und hat dem Capitain den Befehl abgenommen?“ fiel Albin ein., „Capten nie Befehl, als wenn wir kommen an Land: da er ſich brüſten, ſetzen große Miene auf, Herr auf ſein Deck. Mutter Steuermann da ſtecken Pfeife in Sack— gleichen Turteltaube— holen feine Wein, feine Tabak und wenn keiner ſehen, liebkoſen alt Capten, reißen in Bart und anlächeln.“ „So ein abgeſchliffenes, liſtiges Stück!... Iſt's lange her, ſeit ſie in ihrem Lande waren?“ „Nicht dageweſen ſeit ſich heirathen, aber haben groß Reichthum an Sklavenhandel— beſitzen dieſes Schiff mit Laſt, die verkaufen in Göteborg— dann reiſen noch einmal nach Weſtindien, aber kommen wieder um paar Jahre und kaufen große Plantagen in Schweden, ſagt Mutter Steuermann, und Achilles kommen mit.“ „Du haſt doch wenigſtens eine Mutter, wenn ſie auch Steuermann iſt; ich dagegen bin ohne Vater und Mutter!“ ſagte Albin ſeufzend.„Und wenn wir nach Göteborg kommen, ſo weiß ich gar nicht, wo ich bleiben werde, bis ich Miethe nehmen kann.“ „Ich reden mit Mutter Steuermann, daß Du blei⸗ ben an Bord, fahren mit nach Weſtindien und zurück nach ſchwediſch Land— dann bleiben bei Achilles auf — 125 Plantage. Wenn Mutter Steuermann nicht wollen, ich gehen mit— uns nie wieder verlaſſen!“ 1 „Nein, ſo kann es nicht gehen!“ antwortete Albin kopfſchüttelnd, indem er die Hand des jungen Mulatten ſtark drückte.„Mit dieſem Weibe— werde mir darum nicht böſe— will ich nicht reiſen und auch ihr Brod keine Minute eſſen, ſobald wir an's Land gekommen ſind. Mit Dir iſt es eine andere Sache: Du biſt ihr Sohn, Du kannſt ihr Geld nehmen— aber, aber.“... „Weißer Junge nicht kennen Achilles' alle Beutel mit Gold— koſten Niggers Blut— Achilles nicht trin⸗ ken Vaters Blut, aber doch lieben Mutter Steuermann— nicht verlaſſen Steuermann, wenn ſie alt.. Aber Albin verhungern in fremd Land, wenn nicht haben Goldſtück.“ „Nein, Achilles, es wird ſchon Rath werden! Ich habe keinen, keinen Menſchen auf Erden, und dennoch bin ich nicht muthlos. Als ich in dem kleinen Boote auf den Meereswogen umher geſchleudert wurde, ſah ich im Traume meine verſtorbene Mutter, welche mir die Gebete wiederholte, die ſie mich gelehrt hatte, da ich noch ganz klein war, und dann ſegelte ich in einer Wolke mit meinem Vater, welcher ſo ſchöͤn mit mir redete und ſagte:„Gott verläßt nicht die feſt an ihn glauben!“ Von jenem Augenblicke an kann ich wohl bisweilen eine tiefe und ſchwere Betrübniß fühlen, doch hege ich wiederum die feſte Ueberzeugung, daß Er, welcher mir dreimal das Leben rettete, mir auch fernerhin ſeine Hand nicht ent⸗ ziehen wird. Ich bin über dreizehn Jahre alt und will mein Brod ſchon verdienen; und ſollte ich auch wohl einmal hungern müſſen, ſo will ich bedenken, daß ich dreizehn Jahre lang vollauf hatte, und daß es nicht immer ſo ſein kann.“ „Wenn nun aber ohne Haus, weggejagt?“— wenn weißer Junge nicht finden freundliche Menſchen, alle fremd?“ Albin betrachtete mit Nachdenken die glänzenden Funken, welche aus dem Waſſer aufſprangen.„O nein, es gibt ſo viele Auswege! Ich bin ſtark— ich bin wohl 126 nicht gewohnt, einen Kajütenwächterdienſt zu verrichten, aber ich weiß Alles und kann Alles thun.“ „Bürſten Stiefel auch, wie thun in ſchwediſch Land? ſagt Bas.“ Albin ſah von Neuem hinab auf die Funken, die ſo luſtig und fröhlich tanzten.„Ja, warum denn nicht?“ ſagte er mit einem kleinen Viertelſeufzer—„ich kann wohl noch etwas Schlechteres zu thun bekommen als das! Sorge nur nicht um mich, Achilles; denn mein Vater ſagte, es ſei keine Schande, alles Mögliche zu thun, wenn es nur ehrlich iſt. Zwei Tage nach dieſer Unterredung lag der Flieg⸗ fiſch bei Klippan vor Anker. Der alte Capitain Ennes ſtand auf ſeinem eigenen Schiffe, ungefähr wie ein reicher Nabob gekleidet. Der junge Steuermann lief flink hin und her und unterließ nicht, auf die Befehle des Capitains zu hören, und verſäumte ſogar auch nicht, jedesmal den Hut zu berüh⸗ ren, wenn er an ſeinem Vorgeſetzten vorbei ging. Zum letzten Male ſchliefen die beiden Knaben zu⸗ ſammen. Ehe ſie einſchliefen, gelobten ſie ſich gegen⸗ ſeitig ewige Freundſchaft und ewige Erinnerung, wenn ſie ſich auch nie wieder hier im Leben treffen ſollten. Lange hörte Albin Jentzel das Schluchzen des jungen Mulattenknaben, und auch er ſelbſt war trotz ſeiner vor⸗ hergehenden Verſicherungen keineswegs bei ganz Autem Muthe... Als aber Achilles am folgenden Morgen erwachte, war der Platz an ſeiner Seite leer. Ver⸗ gebens ſuchte er den Freund überall auf dem Schiffe— Albin war verſchwunden, und mit ihm der einzige frohe Lichtpunkt, der bis jetzt an dem Himmel des armen Achilles geglänzt hatte. Vierzehntes Capitel. Das erſte Abenteuer unſeres Helden zu Lande. Es war noch nicht Tag, als Albin, welcher nicht bleiben wollte, bis es auf dem Schiffe lebendig würde, ſich von der Seite ſeines braunen Freundes hinwegſtahl. Der gute Rieſe, Jungmann Bas, hatte die Wache, und er, der vor einigen Tagen Albin an Bord geholfen hatte, half ihm nun auch von demſelben hinweg, indem er mit ſeiner jovialiſchen guten Laune verſicherte, daß der letzte Dienſt mehr werth wäre, als der erſte. Bas empfing den warmen Gruß an Achilles und für eigene Rechnung einen Handſchlag, wobei Albin's kleine feine„Herrenhand“, wie Bas ſich ausdrückte, ganz in der großen Fauſt des Matroſen verſchwand— viel⸗ leicht aber wurde ein Handſchlag auch nie ehrlicher er⸗ wiedert. „Armer Kleiner!“ ſeufzte Bas;„dieß kommt mir gerade ſo vor, als da ich den Staar ausließ, den ich als Knabe hatte.. Nun, nun, die kleinen Vögel haben auch Flügel, und unſer Herrgott wirft wohl vor ihnen auch ein paar Körner auf den Weg! Ich kann nicht mehr, als Gott für Dich bitten— wäre es mein Landtag, ſo ginge ich mit Dir.“ „Dank, guter, ehrlicher Bas! doch das wäre auf jeden Fall nicht gut, denn da könnte vielleicht der Steuer⸗ mann mich von Dir zurückfordern. Ich ſehe am lieb⸗ ſten, wenn hier kein Menſch etwas von mir weiß, denn ich fürchte, daß...“ „Ich verſteh!... Nun, Gott ſei mit Dir! Nimm dieſen Lappen“— er zog eine Banknote hervor—„ſo erzeigſt Du mir einen Dienſt, denn komme ich an's Land, ſo geht er doch... So! ſei nur nicht hoffärtig; Du biſt zwar in Deinem eigenen Lande, biſt aber dennoch fremd.“. „Nimmermehr will ich nehmen, wofür Du ſo ſchwer gearbeitet haſt— bitte mich nicht darum! Und Gott ſegne auch Dich, guter Bas! Grüße Achilles tauſend⸗ mal.. und nun lebe wohl!“ Mit einem Blicke voll tiefer Wehmuth ſah Bas dem jungen Knaben nach.. Albin durchwanderte das Maſthugg— eine Vor⸗ ſtadt von Göteborg— unter warmen Gebeten, daß ihn der böſe Steuermann nicht ſuchen möchte. Die Erzäh⸗ lungen des kleinen Mulatten Achilles hatten ihm den tiefſten Abſcheu vor dem weiblichen Befehlshaber auf dem Fliegſiſche eingeflößt, und nächſt dem Allerſchrecklichſten, von Neuem in die Gewalt des Seeräubers zu fallen, konnte er ſich nichts Aergeres denken, als wenn Mutter Steuermann ihn mit nach Weſtindien nehmen ſollte. Nichts unterbrach das Schweigen in den ſonſt ſo lebhaften Straßen, außer hie und da ein Hahn, der vor ſeinem befiederten Harem die Reveille krähte, und hie und da das Schnarchen eines Matroſen, der in einem ehrlichen Kampfe unter der Fahne des Bachus gefallen war und ſich jetzt in einem bequemen Rinnſtein auf einem kleinen Kehrichthaufen als Kopfkiſſen dehnte. Man konnte auch, wenn man recht aufmerkſam lauſchte, das Gähnen eines ehrlichen Schutenſchiffers hören, welcher den Kopf zu der Pflichtöffnung herausſtreckte und mit der Hand über den Augen auf den Flügel nach dem Winde ſah. Unſer Held, der ohne Widerſpruch einige Anlage für die Philoſophie hatte, fand, Gottlob, ſeine Lage nicht ſchlimmer, als daß er meinte, er könnte der Anziehungs⸗ kraft folgen, die von ſeinen Augen ausging. Glückliches Alter, in welchem der Schlaf unter den Genüſſen des Lebens faſt den erſten Raum einnimmt! Albin nahm Platz auf einer Treppe, woſelbſt er bei der Betrachtung des vergoldeten Stiefels an einem Schuhmacherſchilde ſchräge gegenüber allmälig entſchlummerte. Aus der vertraulichen Zeichenſprache mit dem armen Will, die im Traume ſo ſchnell und lebhaft vor ſich ging, wurde er durch einen unſanften Puff in die Seite geweckt. „Worauf lauerſt Du, kleiner Lümmel?“ waren die Worte, welche dieſen Gruß begleiteten. Albin ſtand auf, und ſein erſter beſonnener Gedanke war, den Puff in Natura wieder abzutragen; doch be⸗ ſann er ſich, als er ſah, daß er dem Oeffnen eines Ladens hinderlich geweſen war, und ging weiter, ohne ein Wort zu ſagen. Als er in die Stadt kam, ſpazierte er die ſchöne und berühmte Hafenſtraße entlang, betrachtete die Re⸗ ſidenz, die Hauptwache und die Kanonen vor derſelben, und wurde von den Handelsbedienten, welche, den Hut tief hinabgedrückt auf die Augen und die Hände in den Taſchen ihrer kurzen Röcke, mit der Fahrt eines Dampf⸗ wagens dahineilten, bald auf die eine, bald auf die andere Seite geworfen. Die Muſik bei der Wachparade war Albin's Früh⸗ ſtück. Nachdem er aber nun ſo lange umhergeſtrichen war, ohne auf Jemand zu ſtoßen, der ſich um ſeine kleine Perſon kümmerte— etwas, das Albin gewiß im Geheimen nicht für ganz unmöglich gehalten hatte— ſo hatte er Grund, an die Befriedigung eines Beduͤrfniſſes zu denken, das jetzt eben ſo ſtark mahnte, wie vorhin der Schlaf; und da er glaubte, daß es in der Stadt theurer wäre, ſo beſchloß er in das Maſthugg zurück⸗ zukehren, um ſich, nachdem er zu Mittag gegeſſen, in den Hafen zu begeben und allen Schiffscapitainen, die er etwa treffen könnte, ſeine Dienſte anzutragen. Ehe er dieſen Entſchluß ausführte, ſetzte er ſich je⸗ doch auf eine unbemerkte Bank, um das Kleingeld in ſeiner Börſe zu zählen, welche glücklicherweiſe in der Jacke gelegen hatte, die er in jener fürchterlichen Nacht über ſich warf; ſo lange er aber zählte— und Albin kannte ſehr gut den Werth des Geldes— ſo konnte er ſeinen Schatz nicht höher bringen, als auf zwei Reichs⸗ thaler Banko in ſchwediſchem Gelde. Es iſt wohl wahr, daß er noch die Bankzettel beſaß, welche der„gute See⸗ räuber“ ihm gegeben hatte; um aber nicht durch irgend einen Zufall in Verſuchung zu kommen, dieſe anzuwenden, Der Jungferthurm. I. 9 ſo meinte er, es ſei das Beſte, ſie ſogleich in den Kanal zu werfen. Er zählte auch dieſe Summe: es waren ganzer zehn Reichsthaler Banco; aber er ſchauderte zuruck vor der Berührung derſelben, ſchauderte noch mehr vor dem Gedanken, daß dieſes Geld ihm den Lebens⸗ unterhalt verſchaffen ſollte— und eins zwei drei flog das vergilbte Convolut mit Halwar's Geſchenk in die Tiefe hinab. Jetzt fühlte Albin ſein Herz um eben ſo viel erleich⸗ tert, als die Kaſſe leichter geworden war. Er war voll⸗ kommen überzeugt, das Geld, welches er noch übrig hatte, und welches ſein einziges väterliches Erbtheil war, würde ihm Glück bringen. Ein kleines Stück wollte er jedoch für immer verwahren, und dieſes ſollte ſpäterhin, wenn er reich wäre(und warum ſollte Albin dieß bezwei⸗ feln? bezweifelt man wohl irgend etwas, wenn man im vierzehnten Jahre iſt?), in Gold und Rubinen und Smaragden und mehreren Cdelſteinen eingefaßt und als eine Reliquie aufbewahrt werden. In der Erwartung der Zukunft und der Erfüllung dieſes goldenen Gelübdes trat der junge Albin Jentzel den Ruckweg nach dem Maſthugg an; und für das erſte Zeichen, daß ihm das Glück gunſtig ſein würde, hielt er den Umſtand, daß das Speiſehaus, vor welchem er ſtehen blieb, auf der Tafel über der Thür folgende In⸗ ſchrift hatte: „Heute für Geld— morgen umſonſt.“ „Ach, welche vortreffliche Leute,“ ſagte Albin, in⸗ dem er mit tiefer Aufmerkſamkeit die Deviſe noch einmal las.„Wie ſchön das wohl für viele Arme ſein muß, die kein Geld haben!“ Und hiemit trat Albin— der bisher nur große, elegante Höôtels beſucht und daſelbſt mit ſeinem Vater geſpeist hatte, und wo keine ſolcher wohlwollenden Wahlſprüche zu finden geweſen waren— in die„Reſtauration“ ein und verlangte eine Portion Beefſteakes mit Kartoffeln— nachdem er gleichwohl zuvor um der Sicherheit willen nachgefragt hatte, ob er auch wirklich recht auf der Tafel geleſen hätte, 131 „Ja wohl,“ antwortete ſchlau lächelnd die Wirthin: „heute für Geld— morgen umſonſt!“ „Danke ergebenſt!“ ſagte Albin mit einer tiefen Verbeugung, aß, erlegte ſeine Bezahlung und verſicherte, daß er nicht vergeſſen würde, ſich am folgenden Tage wieder einzufinden. Im Hafen, wohin er ſich nun begab, war große Bewegung. Er erkundigte ſich bei allen Menſchen nach Schiffscapitainen. Der Eine antwortete ihm damit, daß er ihm nur ſtarr in's Geſicht ſah; ein Anderer ſchuͤttelte den Kopf und ſagte lakoniſch:„Suche ſie an Bord!“ ein Dritter ſchrie:„Aus dem Wege! halte nicht Leute auf, die keine Zeit haben!“ und ein Vierter war endlich ſo wohlwollend, daß er ſagte:„Mein Junge, dort ſtehen der Capitain C.. und der Capitain L.. und ſprechen mit einander.“ Ehe aber Albin erfahren hatte, welche von allen Perſonen, die er ſah, die genannten Capitaine ſein konnten, war der, welcher die Nachricht gegeben hatte, ſchon davon geeilt. Einige mit dem Ausladen beſchäftigte Matroſen gaben ihm Anweiſung auf zwei Fahrzeuge; er begab ſich dahin und traf auch auf dem einen den Steuermann und auf dem andern den Capitain ſelbſt; doch keiner von ihnen brauchte einen Kajüten⸗ wächter— der letztgenannte verſprach gleichwohl ſeine Recommandation bei einem andern Capitain, der aber heute nicht zu treffen war. Es war Abend geworden, ehe unſer armer Albin, der den ganzen Tag in ſteter Bewegung geweſen war, endlich einſah, daß er zu neuen Nachforſchungen einen neuen Morgen erwarten müßte. Ganz ermüdet nahm er Nachtquartier in der erſten beſten Herberge. Er fühlte ein großes Bedürfniß, auch eine Abendmahlzeit einzu⸗ nehmen! aber er entſchloß ſich für die Sparſamkeit und würde gewiß auch mit ſeinem Vorſatz an's Land gekom⸗ men ſein, wenn nicht der Geruch der Grütze ihn ſo ver⸗ führeriſch gelockt hätte, ihn zu brechen. „Nun ſo laß denn gehen,“ dachte er:„morgen kannſt Du auf jeden Fall umſonſt zu Mittag eſſen, und ehe es 132 Abend wird, haſt Du das Miethgeld— es kann ja auch nicht gleich den erſten Tag alles nach Wunſch gehen!“ So aß denn Albin ſeine Grütze, ſprach ſeine warmen Gebete, dachte an Vater und Mutter, die nun im Him⸗ mel waren, und ſchlief vortrefflich, ohne nur für einen einzigen Gedanken zur Vergleichung zwiſchen dem Zimmer, welches er jetzt bewohnte, und denen, die er zu bewohnen gewohnt geweſen war, Zeit übrig zu haben. Am folgenden Tag hatte er die gleichen Schickſale: er wurde von dem Einen an den Andern gewieſen. Der dienſtfertige Capitain, welcher verſprochen hatte, ihn bei einem andern Capitain zu empfehlen, kam ſelbſt nicht an Bord, und das Reſultat des Ganzen war das, daß Albin um zwölf Uhr immer noch los und ledig war. „Nun, nun, am Nachmittage wird's ſchon beſſer gehen!“ Hiemit tröſtete ſich der hoffnungsreiche Knabe und begab ſich in das mildthätige Wirthshaus, wo er um ſeine zweite Portion anhielt, welche er denn auch bekam, als er aber aufſtand, ohne mit anderer Münze zu be⸗ zahlen, als mit einer ergebenſten Dankſagung, ſo erklärte die Wirthin, daß dieß keineswegs genug ſei: ſie müßte für Eſſen, das Brod eingerechnet, ihre ſechszehn Schillinge haben, weder mehr noch weniger. „Aber,“ wendete Albin ganz beſtürzt ein,„es ſteht ja deutlich da: morgen umſonſt!“. „Ja, aber heute iſt es heute— begreift Er das nicht, mein kleiner Herr?“ „Auf dieſe Art wäre es ja alle Tage eine Un⸗ wahrheit!“ „Ha, ha, ha! wie einfältig Er iſt— man kann ſich krank darüber lachen! Iſt nicht„morgen“ immer ein neuer Tag?“ „Aber wenigſtens hätten Sie ſo gut ſein können, ui das zu ſagen, ehe ich aß, ſo hätte ich's bleiben aſſen!“ ſ„O, Er hatte wohl nöthig, ein wenig in den Magen zu bekommen!— Sonſt aber mag Er wiſſen, mein Haus und meine Reſtauration ſind allzu gut für ſolche —,. — —————j-———————————-———12 „— 13³3 Gelbſchnäbel, die nichts von Rechts oder Links wiſſen. Und nun habe Er die Guüte, mit dem Gelde herzurudern — nachher mag Er ſich ſeines Weges ſcheren!“ Mit einem bittern Seufzer bezahlte Albin die er⸗ worbene Erfahrung. Den Nachmittag wendete er an, um in den beſſeren Wirthshäuſern ſich nach Schiffen von allen Nationen zu erkundigen— aber ach, welch ein Unterſchied zwiſchen ſuchen und finden! Albin traf viele Capitaine, aber ein unglückliches Mißgeſchick wollte, daß keiner einen Kajüten⸗ wächter gebrauchte, und einen andern Platz wagte Albin jetzt noch nicht zu übernehmen. Doch wir können dem armen Knaben nicht Schritt für Schritt folgen und ſehen, wie ſein friſcher Glaube, ſeine guten Hoffnungen allmälig zuſammenſinken— kurz: am fünften Morgen nach ſeiner Ankunft in Göte⸗ borg finden wir ihn mit dem düſtern Bewußtſein, nur noch zwölf Schillinge in der Taſche zu haben, vor der Apotheke„die Krone“ ſtehen und bald das alte Emblem betrachten, deſſen Name dieſes letzte Speiſequartier der Sterbenden bezeichnet, bald die vielen Flaſchen mit ihren ängſtlichen, den Läppchen der Geiſtlichen gleichenden Etiketten anſchauend, welche von dort in größter Eile von Dienſtmädchen herausgetragen wurden, deren ſchläf⸗ rige Augen von Nachtwachen und Krankenbetten zeugten. „Es gibt demnach wohl Solche, die ſchlimmer daran ſein können: ich bin doch wenigſtens geſund!“ ſagte Albin in Gedanken; obgleich er ſich aber noch nicht ge⸗ ſtehen wollte, daß die Muthloſigkeit ſich ihm näherte, ſo zeigte doch der feuchte Schleier, welcher die großen blauen Augen beſchattete, daß er ſeinem Glauben immer ſtärker zuzuſprechen gezwungen war. Zu ſeinem Glücke kam aber während der Nacht immer ein freundlicher Traum, in welchem es hieß:„Er, der Dir half, wo keine Hulfe möglich ſchien, wird Dich auch jetzt nicht verlaſſen— und nächſt Gott verlaß Dich auf Dich ſelbſt!“ Da in dieſem Augenblicke kein Platz guf einem Schiffe zu erhalten war, ſo hatte er beſchloſſen, jede 134 mögliche Art von Arbeit zu verrichten, und nicht ohne Abſicht hatte er dieſen Platz gewählt. Ein Proviſor trat heraus auf die Treppe und ver⸗ beugte ſich artig vor einer alten Dame, welche, von einem kleinen ſchwarzen Hunde begleitet, ſich auf die Straße herab begab, wobei ſie dicht an unſerm Helden vorbei paſſirte. Da dieſer ſah, daß der junge Herr auf der Treppe ſtehen blieb, um einen Mundvoll reine, un⸗ vermiſchte Luft einzuathmen, ſo näherte er ſich blöde mit der Frage, ob wohl nicht in der Apotheke ein Knabe zu leichteren Arbeiten gebraucht werden könnte. „Ja, mein Freund, hier werden viele Knaben gebraucht, doch haben wir genug!“ antwortete der Proviſor, indem br nit der Lorgnette nach einer ganz andern Richtung inſah. „Sollte ich aber wohl nicht Arbeit bekommen können, Herr, ſo ſimpel ſie auch ſein mag— nur auf einige Tage?“ „Du hörſt ja: Nein!“ Albin fühlte, wie ſein Herz ſich zuſammenzog. Wohin ſollte er nun gehen? Zurück auf den Fliegfiſch? Dort war Speiſe genug, und Achilles würde ihn gewiß mit offenen Armen entgegen nehmen. Doch Mutter Steuermann, dieſes Ungeheuer, welches Neger ſtahl und ſo vieles Böſe verübte!...„Nein, nimmermehr gehe ich dahin zurück!“ Aus dieſer kurzen Reflexion wurde Albin durch einen durchdringenden Ruf geweckt; es war die alte Frau, welche nur wenige Schritte von ihm entfernt ängſtlich ſchrie:„Tibb, Tibb, mein guter Tibb!— der große Drache verſchlingt ihn!... rette, ach rette ihn, mein Junge!“ Sie winkte Albin, und mußte ſich nun, ganz — von einem ſo großen Schrecken, an die Wand ehnen. In einigen Sprüngen war Albin da. Der kleine ſchwarze Hund war mit einem großen Hühnerhunde in Streit gekommen, und dieſer ſchüttelte und rüttelte nun den kleinen Tibb dermaßen, daß er ohne Zweifel die ſämmtlichen Sterne des Firmamentes vor Augen hatte — 13⁵ und gewiß beinahe„verſchlungen“ worden wäre, wenn nicht Albin ſich gewaltig dazwiſchen geworfen, Tibb befreit und ihn ſeiner Gebieterin Merach hätte, welche ſich nun durch die Artigkeit des Proviſors, der hinein geflogen war, um Hoffmanns Tropfen zu holen, glücklich wieder erholt hatte. „Lebt er noch?“ war ihr erſtes Wort, und ein froher Ausruf foöͤlgte darauf, als ſie ihn unbeſchädigt ſah. „Und Dir, mein lieber Junge!“ ſagte ſie zu Albin in dem herzlichſten Tone,„Dir danke ich! Willſt Du aber nun Deine gute Handlung vollenden, ſo trag' ihn mir nach Hauſe! Komm, mein Sohn, komm!... Dienerin, Herr Proviſor!— herzlich verbunden für die Mühe!“ Und mit der Anweiſung, daß Albin(der mit einem frohen„ja, ſehr gerne!“ die Commiſſion übernommen hatte) neben ihr gehen ſollte, ſetzte ſich die Matrone langſam in Bewegung und ſtand nicht eher ſtill, als vor der Thür eines kleinen, äußerſt zierlichen Hauſes. „Komm mit, Du liebes Kind!“ ſagte unſere Frau, indem ſie die graue ſeidene Saloppe vorſichtig aufhebend die Treppe emporſtrebte. Endlich war dieſes gethan, und alle Drei, die Frau, Tibb und Albin, befanden ſich jetzt in einem ſchönen Zimmer, wo eine alte, ehrbare Hausjungfer, fein und ſauber von Kopf bis auf die Füße, ihnen entgegen kam. „Ach, liebe Greta! warum war ich ſo unvorſichtig, daß ich Dich nicht mitnahm, wie Du bateſt! Wäre nicht dieſer kleine gute Junge geweſen, ſo wäre mein armer Tibb gewiß aufgefreſſen worden!“ „Wie? Tibb aufgefreſſen?“ rief Greta und ließ die Frau ſtehen, welche ſie eben von der Saloppe befreien wollte, um Notiz davon zu nehmen, wie Tibb nach einer ſolchen Affaire ausſehen könnte.„Ach, ach, gnädige Frau! wenn Sie mir doch einmal glauben wollten!“ „Ja, ſei Du ſicher, daß ich das künftig thue!.. Doch komm nun, meine gute Greta, und löſe die Hut⸗ bänder auf und nimm mir den Mantel ab, damit ich zu meinem Arbeitsbeutel kommen kann!, Sieh hier, 136 mein Junge!“ fuhr ſie fort, ſich an Albin wendend, und reichte ihm einen Bankzettel von drei Reichsthaler Banco, „Das ſollſt Du dafür haben, daß Du meinen armen Tibb retteteſt!“ Albin verbeugte ſich, ohne den Zettel zu berühren. „Ich danke Ihnen herzlich,“ ſagte er,„ doch kann i keine Bezahlung dafür annehmen, daß ich den kleinen Hund rettete: das würde ich gethan haben, wenn mich auch Niemand darum gebeten hätte. Wollen Sie mir aber“— Albin erröthete und ſeine Stimme wurde unſicher—„etwas dafür geben, daß ich ihn nach Hauſe trug, ſo... laſſen Sie mich zu Mittag dafür eſſen!“ Die alte Frau, welche inzwiſchen Tibb auf das Sophakiſſen gelegt hatte, betrachtete Albin mit einer ge⸗ wiſſen freundlichen Verwunderung.„Du biſt hier nicht geboren, höre ich— wo biſt Du her, mein Kind?“ „Ich bin unweit Stockholm geboren— es iſt lange her, ſeitdem ich dort war. Als ich von dort reiste, war ich der Sohn eines reichen Mannes... jetzt komme ich vaterlos und arm zurück und begehre nur Arbeit!“ „Armes Kind!— Wie iſt es denn zugegangen, daß eine Ausſichten dieſe Wendung genommen haben? Du kannſt mir glauben, daß ich nicht aus bloßer nutzloſer Neugjerde frage!“ Albin erzählte ſeine traurige Geſchichte mit Aus⸗ ſchluß desjenigen, was er zu verſchweigen gelobt hatte; und die menſchenfreundliche Frau, eine wohlhabende adelige Wittwe, wurde ſo gerührt, ſo eingenommen von dem offenen, unſchuldigen Geſichte des Knaben, ſeinen bittern Leiden, vor Allem aber von ſeinem feſten Glauben an die Vorſehung, daß ſie in ihrem Herzen beſchloß, ihm etwas mehr zu geben, als eine augenblick⸗ liche Hulfe. „Hörſt Du, Greta!“(ſo lauteten Frau Wolk's Worte) „wärme ſchnell den Bouillon und das Rindfleiſch! Bis dahin, mein kleiner Freund, kannſt Du hier in das Nebenzimmer treten und Dir ein Butterbrod mit Käſe zurecht machen— es ſteht Alles dazu auf dem Eßſchranke 137 — ich will während der Zeit ein wenig über die Sache nachdenken.“ Und während Albin ſich gütlich that und herzlich Gott dankte, daß dieſer ihn endlich einen guten Menſchen hatte finden laſſen, beendigte Frau Wolk ihr Nachdenken, und als der Knabe zurückkam, war ihre erſte Frage: Moöm hätteſt du denn wohl am meiſten Luſt, mein Kind?“ „Zur See, jetzt wie immer— wenn ich nur einen guten Capitain finden könnte!“ „Ja, ſiehſt Du, das eben iſt die Schwierigkeit, einen zu finden, der ſich Deiner väterlich und gütig annimmt. Doch wir wollen den Muth noch nicht ſinken laſſen. Du biſt ja noch ſo jung, daß es Dir gewiß ſehr gut ſein würde, wenn Du Deine Schulſtudien noch eine Zeitlang fortſetzen könnteſt!“ „Das iſt wohl wahr: ich bin jung: doch glaube ich ſo ziemlich zu wiſſen, was ich zu wiſſen brauche, bis ich mein Examen als Steuermann machen kann.“ Die alte Dame lächelte.„Nun gut, die Jugend hat immer den beſten Glauben von ſich ſelbſt! Ich ſollte aber doch glauben, Deine Schickſale zur See wären eben nicht die angenehmſten geweſen, ſo daß Du Dich nach dem Seeleben nicht ſo ſehr zu ſehnen brauchteſt. Einige Zeit mußt Du hier bleiben; ſpäterhin will ich Dir ſchon einen paſſenden Platz ſchaffen.“ Ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Doch was Aull ich denn eigentlich thun? Ich bin zu alt, um... um... zu leben ohne eigene Arbeit.“ „Gut, mein Sohn, daß Du ſo denkſt, und die kleine Schuld, in welche Du zu mir zu ſtehen kommſt, ſollſt Du mir ſchon dadurch abbezahlen, daß Du mir meine Rechnungen ausſchreibſt, mein Briefcouverte ſchneideſt, mir vorlieſeſt und bisweilen für mich in den Buchladen gehſt, und mehr dergleichen thuſt, was ich jetzt nicht ſo im Voraus beſtimmen kann. Für das Alles erhältſt Du bei einem tüchtigen alten Schiffscapitain,(mit dem ich zu reden gedenke, weil er ein kleines Wirthshaus hat) 138 freie Wohnung und Eſſen und Trinken, ſowie Unterricht bei einem meiner Bekannten, dem Magiſter L... An den Mittwochs⸗ und Sonnabendnachmittagen kommſt Du und beſuchſt mich— und meine höchſte Belohnung ſoll ſein, wenn ich höre, daß Du Fortſchritte machſt, denn von allen Handwerken iſt und bleibt die Bildung doch immer das erſte und vornehmſte!“ Albin, der von Natur das wärmſte und dankbarſte Herz beſaß, fühlte ſich von der Güte der unbekannten Wohlthäterin bis zu Thränen gerührt; doch Albin hatte auch, wie man ſchon geſehen hat, viele Eigenliebe und eine allzu ſtarke Zuverſicht zu eigenen Kräften: daher ſchmeckte es ihm nicht ſehr ſchöͤn, daß er den von ihm ſelbſt entworfenen Lebensplan unterbrechen und ſtatt der See und des friſchen Lebens auf derſelben in das lang⸗ weilige Schulleben hineinkriechen und überdieß noch abhängig werden ſollte. Wie ſehr aber auch ſeine Ge⸗ danken nach allen Richtungen hin ſpielen mochten, ſo waren dennoch die Worte, in welche er ſeine Dankbarkeit kleidete, ſo, daß die alte freundliche Dame überzeugt ſein konnte, ſie verſchwende ihre Güte an keinen Un⸗ würdigen. Während die gute Frau Wolk nun in die Küche ging, um ein Conſeil mit Greta zu halten; denn ohne deren Mitwiſſen und Zuſtimmung that die gutmüthige Gebieterin nichts(Greta ſollte gehen und nachhören, wie es ſich mit dem erwähnten Logis verhielte), unterhielt Albin ſich damit, die Gemälde zu beſehen, die an den Wänden hingen, und zu ſeiner Verwunderung ſah er die ganze lange Wand mit Bildniſſen von Hunden bedeckt: es waren ſämmtliche entſchlummerte Lieblinge der ehrlichen alten Frau, und Tibb beſchloß die Reihe derſelben. Albin lächelte.„Wer Hunde ſo liebt,“ dachte er,„der muß ſeine Mitmenſchen noch mehr lieben!“ Nach einigen Stunden, welche Frau Wolk anwen⸗ dete, um nicht allein von Albin's buchlichen Kenntniſſen Notiz zu nehmen, ſondern auch ſich nach ſeinen Rela⸗ tionen zu erkundigen— dieſe waren jedoch gleich Null, 139 denn Albin hatte es für das Beſte gehalten, den Namen des Herrn Stangerling zu verſchweigen, um ſich nicht in Erörterungen zu verwickeln, die er nicht zu erklären wagte— war die kleine, für ihn aber ſo große Sache abgemacht. Und nachdem unſere Dame es uͤbernommen hatte, das Zeugniß des Capitains Ennes über die Auf⸗ nahme Albin's in ſein Fahrzeug aus einer Seenoth einzufordern, welches Zeugniß nothwendig war zu der ordentlichen Einſchreibung des Knaben in das Kirchen⸗ buch, und nachdem ſie eine hübſche und mütterliche Predigt über ſchlechte Geſellſchaft, Verführung und mehe dergleichen gehalten hatte, ſtand Jungfer Greta mit Flor über der Bindmütze bereit, ihn nach dem Hauſe zu be⸗ gleiten, welches nun ſein Aufenthalt werden ſollte. „Ich habe ſo Vieles auf dem Herzen, daß ich nicht weiß, was ich ſagen ſoll!“ erklärte Albin, indem er die Hand der edlen alten Frau an ſeine Lippen drückte. „Aber meine Eltern im Himmel kennen meine Gedanken!“ „Ich ſehe ſie auch, mein Junge! Heute Nachmittag rede ich mit dem Magiſter und ſobald wir Deine Kleider in Ordnung haben, beginnſt Du Deinen Schulgang... Gott ſei mit Dir! Hier haſt Du das neue Teſtament: lies darin, ſo wird Dir nie Muth und Troſt fehlen!“ Albin war ſchon zur Thür hinaus, als Frau Wolk ihn noch einmal zurückrief.„Mein Kind,“ ſagte ſie feierlich,„der alte Stare, Dein Wirth, iſt ein durch und durch ehrlicher alter Seemann; doch kann ich nicht für Alle bürgen, die in dem Hauſe aus⸗ und eingehen. Suche das Sammlungszimmer nicht öfter, als wenn Dir die Zeit allzu lang wird!“ 140 Fünfzehntes Capitel. Capitain Donnert. „Nun, ich denke, hier ſoll Er wohnen, wie ein Prinz, mein Freund!“ ſagte Jungfer Greta, als ſie an dem Orte ihrer Beſtimmung angekommen waren.„Und das ſage ich Ihm: wenn Er ſich gut aufführt und fleißig liest (die gnädige Frau iſt mit in der Bibelgeſellſchaft und verſteht ſich darauf), ſo iſt Sein Glück gemacht; und die gnädige Frau hat Relationen mit Hohen und Nied⸗ rigen, zu Waſſer und zu Lande bis weit hin an das gelbe Meer und die wilde Wüſte, ſie ſchafft ihm ſpäter⸗ hin, ſo wahr ich Greta Graberg heiße, einen Platz, der da taugt!“ „Das glaube ich gewiß,“ entgegnete Albin, nicht wenig erſtaunt über die viele und große Macht der gnä⸗ digen Frau,„und Sie kann mir glauben, Jungfer Greta, daß ich dankbar ſein werde ſowohl gegen die gnädige Frau, als auch gegen Sie ſelbſt!“ „Dank!.. das iſt gut: ich werde Ihn auch ſchon protegiren— denn, es iſt unnöthig zu ſagen, daß ich eben⸗ falls ein Wörtchen mitzuſprechen habe... doch das iſt wahr: Er darf den letzten Rath der gnädigen Frau über den Wirthshausſaal nicht vergeſſen; denn wenn es auch bisweilen luſtig genug ſein kann, zu hören, wie die Capitaine von Dieſem und Jenem ſchwatzen, ſo lügen ſie doch wieder ſo fürchterlich, und das kann ein junger Knabe ohnehin ſchon lernen... Und nun Adieu! der Wirth kommt bald nach Hauſe: er iſt ein vortrefflicher Alter und ſeine Haushälterin eine beſcheidene und galante Frau.— Wenn Albin meinen und der gnädigen Frau Rath nicht hören kann, ſo hat Er alſo wenigſtens Frau Märta, auf die Er ſich verlaſſen kann... Gott ſei mit Ihm!“ Albin Jentzel's Wohnung war ein kleines, nettes 141 Bodenzimmer, welches das Heiligthum des Wirthes zu ſein ſchien, und deſſen Ameublement aus folgenden Dingen beſtand: drei ungeheure Seemannskiſten, welche anſtatt des Sopha's fungirten, ein mit Sternen eingelegtes Schreibepult, ein Tiſch von Bambusrohr mit lackirter Scheibe, welche einen oſtindiſchen Potpourritopf beherbergte, um welchen ſich eine kleine Batterie Muſcheln und dito Korallen gruppirte, und endlich zwei mit gelbem Leder überzogene dreieckige Stühle.. An der mittlern Wand hingen— zwiſchen Land⸗ und Seekarten, einem invaliden Tubus u. ſ. w.— zwei Gemälde, nicht„in dieſem Jahr“ geſudelt. Das eine ſtellte die Schlacht bei Hogland dar und das zweite einen Altar, auf welchem man zwei Herzen in hellen zinnober⸗ rothen Flammen und zu beiden Seiten derſelben zwei Figuren erblickte, von denen Kenner behaupteten, daß die eine derſelben einen Unteroffizier bei der Flotte vorſtellen ſollte, der in der einen Hand einen Kranz hielt, welchen er der andern Figur, einem Mädchen, überreichte; dieſe hielt an einem roſenrothen Bande ein Lamm oder einen kleinen Hund gefeſſelt— welches von beiden es ſein ſollte, hat noch kein Artiſt beſtimmen können. Unter dem Ge⸗ mälde aber ſtand mit zierlichen Frakturbuchſtaben: „Meiner Härtzens Freundinn, der thugendſammſten und ſchönſten Jungfrau Rebecka Lannerſtedt zugeeignet von Chriſtian Stormbom, Flaggenſchiffer bei der Flotte Seiner Königlichen Majeſtät, Medaljör und Beſitzer von zwei Bleſſüren.“*) Unſer Held ſtand eben und betrachtete die Schlacht bei Hogland und den betrübten Zuſtand, in welchem die ſchwediſche Flotte ſich befand, als— in demſelben Au⸗ genblicke, da ſeine purpurfriſchen Lippen ſich zu einem jugendlichen Lächeln über die großen cirkelrunden Wolken zuſammenzogen— die Thür aufging, und ein alter, *) Ueber dieſe beiden Perſonen vergleiche:„der Einſiedler auf der Jahannisklippe“ von Emilie Carlen. Anmerk. d. Ueberſ. 142 etwas gebückt gehender, aber dennoch kräftiger Mann, in einen blauen Friesrock gekleidet, eintrat. „O willkommen, Junge! Fehlen keine Recomman⸗ dationen, da Frau Wolk ſich deiner angenommen hat— ſiehſt mir gerade ſo aus, als könnte was Tüchtiges aus Dir werden!“ Albin's offener Blick begegnete dem des Greiſes mit einnehmender Freundlichkeit, und ſeine Worte, mit denen er für die hübſche Wohnung dankte, waren ebenfalls nach dem Geſchmacke des Alten. „Nun, wir werden ſchon bekannt mit einander werden! Ich ſehe, Du betrachteſt meine Bilder— man⸗ cher ehrliche Seemann hat abgetakelt ſeit der Zeit, da⸗ ſie gemacht wurden: es war in meiner Jugend, und ich bin nun bald fünfundſiebenzig.“ „Sie haben ſie alſo ſelbſt gemacht, Herr Capitain?“ „Nein, ſie ſind mir wohl noch mehr werth, als das: ſie ſind ein theures Andenken von einem alten Freunde, dem ſeligen Flaggenſchiffer Stormbom; der malte ſie in jener Zeit, da die geſegnete Liebe uns auf die Sandbank ſetzte— ich ſage u ns, denn Du ſollſt wiſſen: auch ich hatte ein gutes Auge auf Jungfrau Rebecka geworfen. ... Ja, Herr Gott, das war damals!... Da er aber das beſte Theil, das Mädchen ſelbſt, auf ſeinen Anpart bekam, ſo ſchenkte er mir die Bilder, und nachher haben wir Beide, er und ich, mehr als einmal mit der Pfeife im Munde davor geſtanden und uns über alte Zeiten gefreut... Sind's nicht ſchöne Bilder?“ „Ja wohl: ſie ſind ſo herzlich gut gemeint!“ „Und ausgeführt auch!“ fiel der alte Seemann mit einem gewiſſen Stolze ein, und ſein Blick hatte noch Feuer, als er ihn auf das Mädchen mit dem rothen Bande heftete.„Je t aber,“ fuhr er mit einem Seufzer leiſe fort,„hat die Alte ſchon längſt den letzten Lappen zerpflückt und iſt auf Charon's Fähre an Bord gegangen, wohin ihr der alte Flaggenſchiffer bald nachfolgte, denn ſie waren Eins im Leben und im Tode... O, Du verſtehſt nicht, was ich ſchwatze: der Greis iſt alt, ein n 4 Wittwer und ein Einſiedler... keine Frau Rebecka, nein, nein, mein Sohn, nur ein Haar von dem T...I.. ſtill! ich habe nur meine Schwägerin, will ich ſagen, und ſie ſoll doch wohl nach meinem Tode das Wirths⸗ haus haben, denn die Alte iſt gut... klagen wäre Sünde!“ „Sie ſehen ja noch ſo raſch aus, Herr Capitain, daß Sie noch Zeit genug haben können, daran zu denken, was nach Ihnen kommen ſoll.“ „Muß immer ſegelklar liegen, ſo daß man, wenn der Wind weht, nicht allzu Hals über Kopf hinaus⸗ kommt.... Wollen ſehen, wie lange der Alte hier noch gehen und wollen wird, ehe er ſeine alten See⸗ und Klubbkameraden trifft! Der ſelige Stormbom und ich, wir haben unter froͤhlichem Geplapper mehr als einen Toddy zuſammengebunden. Die Alte hielt ihm wohl den Daumen ein wenig auf die Augen; doch wenn Klein⸗ Olle— auch Bambus⸗Olle genannt—(ſo hieß nämlich ſein Branntweins⸗ oder Rumanker) in Legerwall war, dann.. Nein, nun ſchwatze ich dummes Zeuo Werde immer ſo froh, wenn ich an jene Zeit denke!“ „Haben Sie denn gar keinen Freund mehr übrig, Herr Capitain?“ fragte Albin, theilnehmend an der Rührung des Alten. „Keinen von dem alten Stamme: Alles neu, un⸗ tauglich— nur Gewäſch und Geſchwätz— wirſt ſchon ſehen.. Doch wiſſe, Du junger Seehund! flinkere Mars⸗ gaſten, als ich und Stormbom waren, gab es in der ganzen ſchwediſchen Kauffahrteiflotte nicht— in ſeiner Jugend reiste er auch zur Kauffahrtei... So, nun habe ich ja geplappert, daß mir die Pfeife ausgegangen iſt! Sei Du nun hier zu Hauſe, wohne Dich ein: die Kunden ſind gleich hier, und ſie haben gleichſam eine kleine Gewohnheit, den Alten in ſeinem Lehnſtuhl zu ſehen... Morgen will ich Deine Geſchichte hören... Adieu, mein Junge! Um drei Uhr gehſt Du hinunter ſunn echaſfen: ich will Dich bei der Schwägerin em⸗ pfehlen!“ 8 3 Und die Schwägerin, Frau Maria Torner, war keineswegs ein„Haar vom...,“ wie der Capitain ge⸗ ſagt hatte, ſondern im Gegentheil eine gutmüthige und unſchuldige Seele, die nur zum Beſten des Alten und vielleicht auch zu ihrem eigenen künftigen Heile darauf drang, daß die Rechnungen der vielen Brüder nicht bloß an der Kreide ſitzen blieben.„Du haſt ein zu ſchwaches Gedächtniß, Schwager!“ war das Aergſte von Allem, was ſie ſagen konnte; aber es war auch das Gefährlichſte, denn der Capitain Stare, der wirklich angefangen hatte, von Neuem wieder aufzuleben, konnte Zweierlei unter keiner Bedingung leiden, nämlich erſtlich, wenn man ſich über ſein ſchwaches Gedächtniß über Dinge, die täglich paſſirten, hermachte, und zweitens, daß Frau Märta„ſich ſo viel zu ſchaffen machte, wie Martha,“ wenn der Alte allzu fleißig ſeinen Toddy von Neuem gemiſcht haben wollte, erſt weil er zu ſtark war, dann weil er zu ſchwach wurde, und wiederum, weil er nun zu ſüß geworden war. Mit vieler natürlicher Gutmüthigkeit vereinte Frau Märta ein vortreffliches einſchmeichelndes Weſen: ſie betete ihr Abendgebet jeden Abend, wenn der Alte ſie hören konnte, redete fromm mit den Dienerinnen, gab den Armen an jedem Sonnabendmorgen ihr Stück Brod und zeigte trotz dem Brummen des Alten an jedem Abende in dem Kellerſaale an, wenn die Uhr zehn ge⸗ ſchlagen hatte. Sie war mit einem Worte der ordnende Geiſt des Hauſes und des Klubbs, und es dauerte nicht lange, ſo ſah unſer Held ein, daß Frau Märta auch für ihn eine freundliche Stütze war, auf welche die gute Frau Wolk vielleicht eben ſo viel gerechnet hatte, wie auf die des Alten, als ſie Albin bei dem Capitain Stare einaccordirte. Man ſollte ſich vorſtellen, der ſo bitter geprüfte Albin hätte ſich jetzt, von allen Seiten von Wohlwollen und herzlicher Güͤte umgeben, in ſeinen neuen Verhält⸗ niſſen glücklich gefühlt; doch das ruhige Leben des Still⸗ ſitzens war nicht im Mindeſten nach ſeinem Geſchmack. Auch das Haus, welches Frau Wolk für ihn wählte, 2* 1 ge⸗ und und rauf bloß iches lem, chſte, atte, anter man die Frau ha,“ uem daann nun Frau ſie e fe ga Zrod dem ge⸗ ende richt für gute wie tare 145 hatte den Fehler, daß ſie ſeiner Lieblingsneigung allzu vielen Nahrungsſtoff gab. Die Seegeſchichten des alten Stare und ſein ſtetes Zurückkommen auf ſeine eignen und aller verſtorbenen Kameraden Jugendabenteuer riefen oft Seufzer über Albin's eigene Unthätigkeit her⸗ vor: er erſchien ſich ſelbſt wie ein gefangener Vogel; und in den Augenblicken, welche die Schulſtudien— die er gleichwohl nie verſäumte, denn der Stolz gebot ihm, ſich der Guͤte ſeiner Beſchützerin würdig zu zeigen— ihm frei ließen, entwickelte ſich der Schmerz über das Unglück, welches ſeine Feſſeln auf ſeine erſte Sngend gelegt hatte, immer ſtärker in ihm. Er ſchloß ſich an keinen ſeiner Mitſchüler an, obgleich ſich viele derſelben wegen ſeines ſowohl ſanften als auch ſtarken Charakters an ihn anſchloſſen, ohne daß dadurch ein anderes Band gebildet ward, als ein freundlicher Schulumgang. An den Nachmittagen des Mittwochs, Sen abends und Sonntags ging er regelmäßig zu ſeiner Wohlthä⸗ terin. An den Abenden der beiden erſtgenannten Tage mußte er mehrere Stunden hinter einander unter ſtets unterdrücktem Gähnen das Protokoll über alle bei dem Boſtontiſche vorkommenden Béten führen— Frau Wolk hatte wöchentlich zweimal ihre beſtimmte Partie; und wenn die alten Damen ihn nicht gebrauchten, ſo nahm Jungfer Greta ihn in Beſchlag: er mußte Zucker ſtoßen, Brod ſchneiden, Servietten brechen und mehr dergleichen. Am Sonntage war er gewöhnlich zum Mittageſſen ein⸗ geladen; und wenn gegeſſen war, ſo mußte er immer (vor ſeiner Beſchützerin ſtehend, welche mit Tibb auf dem Schooße in dem großen Lehnſtuhle ſaß) einen genauen und ausführlichen Rapport abſtatten über Alles, was er im Laufe der verfloſſenen Woche eleſen, gethan und gedacht hatte, welches Alles Frau Wolk dann nach den Umſtänden corrigirte oder billigte. Jedes Sonntagsverhör endigte jedoch immer mit guten mütterlichen Ermahnungen, eini⸗ gen kleinen vorſichtigen Erkundigungen nach Frau⸗Märta und oben darauf mit einem Capitel aus der Bibel, das Albin laut vorleſen mußte. Der Jungferthurm. I. 10 146 „Jetzt kannſt Du Dich ein wenig beluſtigen, mein Kind!“ pflegte Frau Wolk zu ſagen, nachdem ſie das Zeichen, welches Albin in die Bibel gelegt, andächtig glatt geſtrichen hatte; und da Albin allzu gut wußte, worin das Vergnügen beſtehen würde, ſo ſing er an, Tibb, deſſen Erziehung bei weitem noch nicht beendigt war, zu dreſſiren. Frau Wolk und Jungfer Greta lachten ſo herzlich über jeden kleinen Salto mortale, den Tibb über den Stock machte; und an dem Tage, da Tibb (ganz ſo wie kleine Kinder, wenn ſie den Gehſtuhl los laſſen) zu ſeiner Herrin mit ihrem Arbeitsbeutel um den als gegangen kam, weinte die zärtliche Seele vor Freuden, und ſchenkte dem Lehrer einen blanken Species⸗ thaler, welcher unbeſchreiblich gut zu Paß kam für ein paar ſchiffbrüchige Seeleute, die er am folgenden Tage traf. An den Herbſt⸗ und Winterabenden, da Frau Wolk ausgegangen war, mußte er ſie holen, um, während Jungfer Greta mit der Laterne voran trippelte, die arme alte Frau mit dem einen Arm zu ſtützen und mit dem andern Tibb zu tragen. So, indem Albin zu gleicher Zeit fleißig beſchäftigt war, und doch nur vegetirte, ſchlich ein ganzes Jahr dahin, deſſen ſämmtliche Tage einander ſo ähnlich waren, daß wir mit der jetzt gelieferten Schil⸗ derung Alles geſagt haben, was darüber zu ſagen iſt. Nur eine merkwürdige Begebenheit hatte ſich in dieſem Jahre ereignet, nämlich der Tod des alten Capitains Stare. Der Alte entſchlummerte ſanft, faſt ohne es zu wiſſen, indem er ſich in Gedanken noch mit ſeinen See⸗ thaten beluſtigte und wie gewöhnlich ſich darüber wun⸗ derte, wann er wohl die Kameraden aufſuchen würde. „Jetzt hat er ſie gefunden,“ dachte Albin, da er bei dem Staube des Greiſes ſtand—„wann finde wohl ich einen treuen Kameraden für das Leben?“ Frau Märta erbte das Haus und die Wirthſchaft und es war von einer Veränderung in Albin's Leben gar nicht die Rede. Er ſelbſt aber dachte um ſo fleißiger daran, denn nach dem Tode des alten Capitains be⸗ mächtigte ſich ſeiner eine tiefe, wirkliche Betruͤbniß, und die * mein e das ächtig vußte, r an, endigt achten Tibb Tibb hl los n den 2 vor ecies⸗ ar ein traf. Wolk hrend arme t dem ſeicher chlich nder Schil⸗ n iſt. ieſem tains es zu See⸗ wun⸗ hürde. dem einen ſchaft Leben ßiger 3 be⸗ nd die 1 1 147 Thränen kamen ihm in die Augen, wenn er vor den beiden Bildern in ſeiner Kammer ſtehend an alle muntern Aben⸗ teuer dachte, welche mit denſelben verknüpft waren. Sollte er wohl ganz allein dazu erſchaffen ſein, um gar keine Abenteuer zu erleben— ſollte er eine Landkrabbe, ein Mutterſöhnchen oder dergleichen werden? Albin hatte keine Vergleichungen weiter, doch mit einem beſtimmten Vorſatze ſagte er zu ſich ſelbſt!„So kann es nicht län⸗ ger bleiben!“ Ueberdieß wurde es dem ſteifen Geiſte, der ſeinen kräftigen, feſten und elaſtiſchen Körper beherrſchte, ſehr ſchwer, das Gnadenbrod zu eſſen— es wurde ihm auch ſchwer ſtill zu ſitzen und zu lernen, und immer zu lernen. Auch das war dem jungen Herrn Albin nicht ſehr unterhaltend, wenn er an den Sonntagsmorgen das große Geſangbuch der Frau Wolk in die Kirche getragen und dort mit ihr die Predigt gehört hatte, am Nachmit⸗ tage noch drei andere Predigten von ſeinen drei Schutzpatro⸗ ninnen— Frau Wolk, Jungfer Greta und Frau Märta— zu hören. Alle drei glaubten Antheil an Albin zu haben, alle wollten ein Tugendmuſter oder doch wenigſtens einen angenehmen Jüngling aus ihm machen; und Albin, welcher mit Sicherheit hoffte, wenigſtens das Letztgenannte zu werden, wollte gar gerne den Tag anbrechen ſehen, da er die friſche Luft auf dem Meere einathmen durfte— ja, wenn ihm auch das eine oder das andere hart⸗ händige Abenteuer zuſtoßen ſollte, ſo wäre das dennoch weit beſſer, als hier aus der Hand der einen alten Frau in die der andern zu wandern und noch dazu an jedem Sonntagsmorgen trotz der ſprechendſten Einwendungen ezwungen zu ſein, die Chikane zu ertragen, ſein Ge⸗ icht und ſeine Locken von Frau Märta's eigenen Händen renoviren zu laſſen.„Nein,“ hatte Albin zu ſich ſelbſt Peſagt,„ſo kann es nicht länger bleiben!“ Und ein Zufall ſchloß ein Bündniß mit ſeinen geheimen Vorſätzen. 10* 148 Es war in den erſten Tagen des September. Frau Märta's wohnlich einladender Kellerſaal, der während des Sommers nicht ſo viele Gäſte geſehen hatte wie ge⸗ wöhnlich, war an den Herbſtabenden wiederum der Ver⸗ ſammlungsort vieler fremden Capitaine geworden, welche dort beim Kartenſpiel, beim Toddy oder beim Abend⸗ brod rauchend und plaudernd einige Stunden zubrachten. An einem ſolchen Abende, da Albin nach vollen⸗ detem Schulpenſum in den Saal hinabſah, woſelbſt es ihm das größte Vergnügen machte, die eine oder die andere Erzählung aufzufangen, während er auf ſein Abendeſſen wartete, wurde ſeine Aufmerkſamkeit auf einen unn adetommenen Gaſt gezogen, der beim Zeitungs⸗ tiſche ſaß. Der Mann war etwa vierzig Jahre alt und ſah gut aus mit ſeinem ſchwarzen wohlgeputzten Haare und ſeinem ſtarken ſchwarzen Backenbarte; der Anzug, wel⸗ cher ebenfalls ſehr reinlich ausſah, war zbichh bei näherer Betrachtung ſehr fadenſcheinig; doch hatten Reiben, Schaben und Bürſten den blauen Ueberrock ſo aufgefriſcht und verjüngt, daß man ihn in der Ent⸗ fernung wirklich für neu halten konnte. Beſagter Mann, der noch dazu eine recht reſpectable Figur hatte, unterhielt ſich damit, einen Zettel über Seiltänzer⸗ und Akrobatenkünſte zu prüfen; als er je⸗ doch im Hausflur Schritte mehrer ankommenden Gäſte vernahm, warf er den Zettel bei Seite, und als drei andere Capitaine eintraten, war er in voller Fahrt, in der Eile alle Zeitungen zu durchſuchen und ſie ver⸗ ächtlich über den Tiſch durc einander zu werfen. Da er nicht fand, was er ſuchte, ſo wendete er ſich in bar⸗ ſchem Tone an Albin mit den Worten: „Markör, was tauſend Teufel iſt das für ein Spek⸗ takel? Hier iſt ja weder„the Times,“ noch„le Conſtitu⸗ tionnel,“ noch die„Hamburger allgemeine Zeitung,“ noch ſonſt eine andere ausländiſche Zeitung zu finden! Iſt das eine Taverne für gebildete Schiffscapitaine?“ „Ich bin nicht Markör hier,“ antwortete Albin höflich, hinzr oder Hote ſind er de unger Luna auf hauſe nichie Lächel dieſen Säuſe Sturn Frau rend ge⸗ Ver⸗ elche end⸗ dten. len⸗ t es die ſein nen igs⸗ 149 „wenn jedoch der Herr Capitain auslaͤndiſche Zeitungen zu leſen wünſchen, ſo will ich Ihnen einen Ort zeigen, wo ſolche zu ſinden ſind.“ „Habe ich Dir befohlen, mir Etwas zu zeigen— wie? Wenn keine Zeitungen da ſind, die ich zu leſen gewohnt bin, mein Junge, ſo antworteſt Du ein andermal auf meine Frage:„Nein, Herr Capitain,“ oder auch ſagſt Du:„befehlen Sie, daß ich ſie hole,“ und fügſt immer hinzu:„ik you please“...„s'il vous pilaitee... oder„wenn Sie belieben,“ welche Phraſen jetzt auf allen. Hotels für Schiffscapitaine im Auslande gebräuchlich ſind— der Kellner lernt ſie ſchon am erſten Tage, wenn er den Dienſt antritt, damit er erfahre, zu welcher Na⸗ tion der Fremde gehört. Spitzt dann der Capitain bei einer von ihnen die Ohren, ſo notirt der Kellner das ſogleich, damit der Wirth ohne die Unhöflichkeit zu be⸗ gehen, darnach zu fragen, die beſtimmte Nachricht erhält, in welcher Sprache er ſeinen Gaſt anreden ſoll; — denn im Auslande, meine Herren“(der Mann wen⸗ dete ſich nun an die Geſellſchaft)„darf Niemand Wirths⸗ haus oder Reſtauration halten ohne das ſogenannte Kellnereramen gemacht zu haben, wozu die Kenntniß von vier Sprachen gehört, die ſchwediſche und norwegiſche ungerechnet; ferner die quatuor species rechnen und Lunar⸗Obſervationen anſtellen zu können, um die Gäſte auf den rechten Weg zu führen, falls ſie beim Nach⸗ hauſegehen einen falſchen Cours ſteuern ſollten. Iſt das nicht vortrefflich— oder was ſagen die Herren? Wie?“ Die drei Capitaine hatten mit einem begreiflichen Lächeln, Albin mit einer verzeihlichen Verwunderung dieſen Wortſchwall angehört, der doch nur dem leichten Säuſeln zu vergleichen war, welches dem Ausbruche des Sturmes vorangeht. „Haſt Du Perſico⸗Likör, mein Kind, aus der Fabrik des Draoul et Fils in Paris?“ fragte er das eintre⸗ tende Mädchen. „Nein, Herr Capitain, wohl aber ausgezeichnet guten ſchwediſchen.“ ———ͤ 1⁵⁰0 „Ich koſte nie ſchwediſchen Likor; aber es iſt eine von meinen Eigenheiten, daß ich ſimplen Brannt⸗ wein trinke, wenn ſolcher Likör, den ich haben will, nicht zu haben iſt... So ſchenke denn vier Perlen Klaren ein mit Zubiß— belieben die Herren nicht, Theil zu nehmen?“ Er verbeugte ſich rechts und links...„Wie geſagt: bekomme ich nicht von Draoul et Fils Fabri⸗ kation, ſo trinke ich nie etwas Anderes, als Finkel: das iſt ein Charakterzug, meine Herren, ein Princip, und von Principien muß man nicht abgehen.“ „Eben darum muß ich danken für die Einladung!“ antwortete der eine von den Capitainen, ein kleiner, unterſetzter, knochenfeſter Mann,„denn ich habe das Princip, nie Branntwein zu trinken!“ „Im Allgemeinen geſchieht es ſelten, daß Jemand, dem ich meine Geſellſchaft geſtatte, eine Einladung ab⸗ ſchlägt... doch gleichviel: es iſt nicht meine Gewohn⸗ heit, es mit Kleinigkeiten ſo ſtreng zu nehmen... doch à propos, mein Herr, Sie haben wohl vielleicht noch nichts gehört von einem Abenteuer, das ich in Batavia mit einigen Negerſklaven hatte, welche aus meinem Fahr⸗ euge Eiſen ausladen ſollten? Sie ärgerten mich durch ihre Faulheit: ſie konnten nicht mehr Stangen tragen, als höchſtens ein Schiffpfund ſchwer! Nun wohl, meine Herren, was that ich da? Ja, ich nahm die Tracht zweier Neger unter jeden Arm, biß den einen Neger, der mich am meiſten geärgert hatte, in den Gürtel, und trug nun den ganzen Plunder aus dem Schiffe in das Magazin. Als ich aber dahin kam, ſo war der arme Teufel, den ich im Munde hielt, erſtickt, und die Eiſenſtangen hatten durch den ſtarken Druck einen ſolchen Schaden gelitten, daß ſie nur zu dem halben Werthe angenommen wur⸗ den. Der Spaß koſtete mir fünfhundert Dollars, die ich natürlich auf der Stelle erlegte— das war ja ein Kerlsgriff, nicht wahr?.. doch mein beſter Herr Ca⸗ pitain! ſollte es ſich jetzt nicht thun laſſen, daß Sie mit uns Uebrigen einen Schnaps tränken?“ „Nein, mein Herr; trotz ſo bewegender Gründe ver⸗ bleibe ich bei meinem Principe!“ „Nun gut,“ ſagte jetzt der neue Münchhauſen, indem er feierlich das Glas wegſetzte, die Arme zu ſtrecken und die Beine in verſchiedene Richtungen zu ſpreizen be⸗ gann, wobei die Uebrigen ſich vorſichtig zurückzogen, weil ſie fuͤrchten mochten, daß ſie ihren kurzen Kameraden bald von dem langen zu Boden geſchlagen ſehen wür⸗ den—„nun gut!“... Weiter aber kam es zu Aller Verwunderung nicht; und als hätte er gleichſam einem Gedanken von ſanfterer Natur nachgegeben, fuhr er fort:„ſo werden Sie natürlicherweiſe nach Ihrem eigenen Belieben handeln!“ und nun ergriff er von Neuem ſein Glas mit großer Würde, verbeugte ſich vor der Geſell⸗ ſchaft und leerte es in einem Zuge. Nachdem ein munteres Gelächter der gelungenen Wendung Beifall gegeben hatte, nahm der ſtarke Mann von Neuem das Wort und redete folgendermaßen: „Meine Herren! mein Name iſt Donnert, der Na⸗ tion ein Norweger, und wie die Herren vielleicht ſchon haben verſtehen können, ein Mann, der da weiß, was er iſt. Ich habe gleichwohl die Eigenheit, daß ich die Gewohnheiten anderer Leute reſpectire, ſo wie auch(ent⸗ ſchuldigen Sie, daß ich daran erinnere!) derjenige zu bedauern ſein würde, welcher gegen die meinigen Etwas anzumerken hätte. Sehen Sie, meine Herren, das iſt der glückliche Zufall, welchem dieſer Kamerad es zu dan⸗ ken hat, daß er noch geſund und mit unzerbrochenen Gliedern unter uns ſteht, und dieſer Umſtand, geprieſen ſei meine bisher unübertroffene Kaltblütigkeit, wird mir auch, wie ich hoffe, das Vergnügen ſeiner näheren Be⸗ kanntſchaft verſchaffen.... Erlauben Sie mir jedoch, meine Herren, Ihre Aufmerkſamkeit darauf zu lenken, daß es eine Eigenheit der Vorſehung iſt, in diejenigen Männer, welche ſie mit übermenſchlichen Kräften begabt hat, auch eine Sanftmuth des Charakters, eine Ruhe, eine Selbſtbeherrſchung niederzulegen, welche Anderen fehlt. Denken Sie ſich den entgegengeſetzten Fall: wie vieles Unglück würde geſchehen, wie viele Wittwen, wie viele Waiſen, wie viele blutende Herzen gäbe es, wenn Gat⸗ ten, Väter, Söhne mit zerſchmetterten Köpfen nach Hauſe getragen würden.“. er zurechtgewieſene Capitain, welcher, weit ent⸗ fernt ſich beleidigt zu fühlen, ſeit langer Zeit keinen ſo luſtigen Bruder getroffen hatte, wie den Capitain Don⸗ nert, fragte nun, ob er nicht zur Beſieglung einer nähe⸗ ren Bekanntſchaft die ſämmtlichen Zeuren auf einen Toddy bitten dürfte, ein Vorſchlag, den Alle dankbar annahmen, ſelbſt Capitain Donnert nicht ausgenommen; doch dieſer erklärte dabei, daß es ebenfalls zu ſeinen Eigenheiten gehörte, ſich nicht für zu gut zu halten, um von Kameraden eine Artigkeit anzunehmen. Die vier Söhne des Neptun ſetzten ſich nun mit ihren Gläſern um den gewaltigen eichenen Tiſch des ſeligen Capitains Stare, an welchem er ſelbſt an ſo manchem ſeligen Abende das Wort geführt hatte; die eine Schiffsgeſchichte löste die andere ab, und ſeit lange hatte Albin in ſeiner Ecke keinen ſo ſchönen Abend er⸗ lebt. Das war ein ganz anderes Ding, als an dem Spieltiſche der alten Damen zu ſitzen und halbnickend die Béôte anzuzeichnen! „Alſo, Herr Capitain, Sie wollen Ihre Brigg kiel⸗ holen laſſen? da müſſen Sie eilen, ehe die Tage zu kurz werden!“ bemerkte Donnert, der nie das Amt des Wort⸗ führers aus den Händen ließ.„Ich meines Theils bin bald ſegelfertig: ich bin eben dabei, Korn einzuladen, um ait dem Fahrzeuge, das ich ſelbſt führe, nach Liverpool zu ſegeln. Ich habe die ſonderbare Idee, nie meine eigenen Fahrzeuge ſelbſt führen zu wollen, obgleich ich einen Dreimaſter von zweihundert und zwei Briggen à neunzig Laſten beſitze— alle überſtrichen mit meinem patentirten Firniß— ich bezweifle gar nicht, daß Sie, meine Herren, davon gehört haben.“ „Nein, in der That nicht!“ erklärten die Herren. „Wie— nichts gehört von dem Donnert'ſchen Lack⸗ firniß? Auf meine Ehre, meine Herren, das iſt zum 15⁵3 Erſtaunen! Doch gleichviel! Sie koͤnnen den Werth deſſelben beurtheilen, wenn ich Ihnen ſage, daß die Nord⸗ amerikaniſchen Staaten mir fünfzigtauſend Dollars ge⸗ boten haben, wenn ich ihnen das Geheimniß mittheilen wollte; aber es iſt eine von meinen Eigenheiten, niemals, ſo lange ich noch lebe, meine Erfindungen mitzutheilen; doch liegen in der Freimaurerloge zu Boſton eine Menge von werthvollen Manuſcripten verwahrt, die nach mei⸗ nem Tode der Welt zu Gute kommen werden..Was aber dieſen Firniß beſonders betrifft, ſo gibt er dem Fahrzeuge nicht nur das Ausſehen, als wäre es polirt oder richtiger emaillirt, ſondern er iſt auch ſo hart, daß der Kiel, welcher dreimal damit beſtrichen iſt, die ſchärf⸗ ſten Korallenriffe ſchneidet, ſo wie der Diamant das Glas.“ Jetzt wagten die Herren ein Lächeln von ſo wenig zweideutiger Art, daß die Naſenſpitze des Capitains Don⸗ nert erröthete.— „Bei Gott, meine Herren, jedes Wort iſt wahr!— und à propos, ich entſinne mich einer ſakramentiſch lächerlichen Begebenheit, die ſich ereignete, als ich den Firniß zum erſten Male verſuchte, und die vielleicht am beſten für dasjenige ſpricht, was ich ſchon über ſeine Wunderbarkeit geſagt habe. Das geſchah mit einem roßen Dreimaſter, den ich von Bahia nach London huet: ich ſtand eben und ſah über die Regeling in's Waſſer, welches von dem Spiegelglanz des Schiffes noch durchſichtiger ausſah, als acht koloſſale Schwertfiſche auf einmal und in einer langen Linie auf das Schiff los⸗ ſtürzten, dieſes erhielt eine ſolche Contuſion, daß die ganze Beſatzung, ich ganz allein ausgenommen, auf das eck geworfen wurde. Die Sache war, wie Sie vielleicht ſchon rathen, daß die acht Schwertfiſche, welche ihre eige⸗ nen Bilder in dem Rumpfe des Schiffes erblickten, eben ſo viele Feinde zu ſehen glaubten. Sie brachen ſämmt⸗ lich ihre Schwerter ab; ich aber fiſchte dieſelben auf und verkaufte ſie ſpäterhin an das brittiſche Muſeum in London für fünfzig Pfund Sterling, die ich meinen Leuten als Trinkgeld ſchenkte.“ 1⁵4 Sämmtliche Capitaine bedauerten, daß ſie nicht in den Genuß einer ſo unſchätzbaren Sache kommen konn⸗ ten, wie dieſer Firniß war, wagten aber doch eine Frage, ob nicht der Capitain Donnert ihnen eine geringe Quan⸗ tität bereiten könnte. „Unmöglich, meine Herren! ich reiſe übermorgen— ſonſt würde es mir ein wirkliches Vergnügen geweſen ſein, Ihrem Wunſche genügen zu können!“ „Wie ſtark iſt Ihre Beſatzung, Herr Capitain?“ „O, in dieſem Augenblicke macht es mir Spaß, eine Schaluppe von dreißig Laſten zu führen, worauf ich ſelb dritte, den Kajütenwächter natürlich unberechnet, ſegle. Aber einen Kajütenjungen darf ich nie behalten, denn da ich die Eigenheit habe, meine Jungen ſelbſt zu unter⸗ richten, ſo haben ſie gewöhnlich in dem Laufe eines Jah⸗ res die Höhe des theoretiſchen Wiſſens in der Schifffahrts⸗ kunde erreicht, und kaum habe ich in irgend ina Droſen Stadt den Fuß an's Land geſetzt, ſo überlaufen Schiffs⸗ rheder und Mäkler mich mit Bitten, ihnen meinen Ka⸗ juͤtenwächter abzutreten, und dieſer wird dann gewöhnlich als Oberſteuermann auf einem Oſtindienfahrer angeſtellt. Den letzten mußte ich in Portsmouth laſſen: ich konnte den Admiral, einen von meinen Freunden, nicht eher los werden, als bis ich ihm den Jungen ließ, der glück⸗ licherweiſe den erledigten Platz eines Unterlehrers an der Navigationsſchule füllen konnte. Jetzt lachten die Herren ganz übermäßig und baten den Capitain Donnert um die Gunſt, ihre aufwachſenden Sproßlinge unter ſeine Handleitung ſetzen 7 dürfen. Mit der größten Aufmerkſamkeit hatte Albin Jentzel, faſt ganz verborgen in ſeinem Winkel am Ofen, die wechſelnden Erzählungen mit angehört. In ſeiner Un⸗ erfahrenheit hielt er Alles für ganz unfehlbar, was ſo alte, erfahrene Männer ſagten: Hauptſächlich war ihm wichtig, was Capitain Donnert von den unerhörten Kenntniſſen geſagt hatte, die ſeine Kajütenwächter in ſo kurzer Zeit einſammelten. Er vergaß daher das Ver⸗ ſprechen ſeiner guten Beſchützerin, daß ſie fkünftighin —& SHee—— ₰ BS p — 9— FUA —2ßNKKRN g— 2-————- SAR R R 15⁵ (ein Wort, das ihm gar nicht gefiel) an ſein Fortkom⸗ men denken wollte, und beſchloß, ſich auf eigene Hand zu empfehlen und wo möglich in den Beſitz des nach dem jetzigen Unterlehrer an der Navigationsſchule in Portsmouth noch unbeſetzten Platzes zu kommen. Hätte Albin nur zu Frau Märta, die in der Küche ſtand und Flundern briet, ſeine Zuflucht genommen, ſo würde ſie ihm beſtimmt von dieſem Schritte abgerathen und wahrſcheinlich über ſeine Unbedachtſamkeit ein ſol⸗ ches Weſen gemacht haben, daß er vielleicht davon ab⸗ gelaſſen haben würde; jetzt aber handelte er, ohne den Beiſtand der Frau Märta in Anſpruch zu nehmen, und da der Zufall gerade wollte, daß der Capitain Donnert noch einen Augenblick da blieb, als die Anderen ſchon gegan⸗ en waren, ſo hielt unſer Held dieß für ein untrügliches Zeichen, daß er der mächtigen Anziehungskraft, die er in ſeinem Innern fühlte, gehorchen mußte, und trat daher vor mit der beſcheidenen Frage, ob der Herr Ca⸗ pitain nicht einen Kajütenwächter nöthig hätte, und wenn das der Fall ſein ſollte, ſo wäre er ſchon am folgenden Tage willig und bereit, den Dienſt anzunehmen. „Nöthig?... Capitain Donnert ſollte irgend Et⸗ was nöthig haben? Wiſſe, einfältiger Junge, einmal auf einer Reiſe zwiſchen Malaga und Stockholm verlor ich in der ſpaniſchen See die ganze Beſatzung: eine Sturzwelle ſpülte ſie ſämmtlich über Bord; aber ich ganz allein mit Hülfe meines Pudels navigirte das Schiff glücklich nach Stockhoͤlm, woſelbſt der Hund auch von der Rhederei die Miethe als Steuermann erhielt, wofür ich ihn in ſeinen alten Tagen bei einem invaliden See⸗ manne, der den Verdienſt nöthig hatte, einaccordirte. „Es war gewiß nicht meine Meinung, Herr Ca⸗ pitain, daß Sie nicht ſollten ganz gut ohne mich ſein können; doch der gründliche Unterricht, den die Kajüten⸗ wächter auf Ihrem Fahrzeuge erhalten, erregte in mir den Wunſch, daß ich ſo glücklich ſein möchte, angenom⸗ men zu werden. Ich bin hier ein Fremdling, ohne Vater 8 und Mutter, und wollte mich ſo gerne dem Seeweſen widmen.“ „Biſt Du ein Fremdling, ohne Vater und Mutter?“ wiederholte der Capitain mit einiger Veränderung in der Stimme.„Haſt Du vielleicht Niemanden, Du armer Junge, der darnach frägt, wo und wie Du lebſt?“ „Ja, eine alte gute Frau hier in Göteborg hat mich mit der allergrößten Zärtlichkeit aufgenommen und die Fortſetzung meiner Erziehung bezahlt; doch allein bin ich auf jeden Fall, ſo daß ich ſelbſt über Alles be⸗ ſtimmen kann, was ich für das Beſte halte.“ „Nun gut, mein Sohn; ſuche morgen früh gegen neun Uhr die Schaluppe Snare⸗Swen auf, ſo will ich Dir beſtimmte Anwort geben: vielleicht— ich ſage nur vielleicht, aber ſchon das iſt ſehr viel— übernehme ich die Sorge für Deine Zukunft, und dann iſt Dein Glück gemacht!“ Froh und dankbar verbeugte ſich Albin vor dem großen Mann, der ſo gnädig war, ihm zum Abſchiede die Hand zu reichen. Ohne der Frau Märta mit einem einzigen Worte ſein Geheimniß zu verrathen, weil er fürchtete, daß dieſe ſeine Beſchützerin beſuchen könnte, ehe er ſelbſt zu ihr gelangen könnte, ging unſer Held zu Bette; da er jedoch nun in die Einſamkeit gekommen war, ſo begann er doch wieder ein wenig auf die Stimme des Gewiſſens zu lauſchen, welche ihm deutlich verkündigte, daß er eine ſehr große Undankbarkeit beginge, da er, ohne Frau Wolk nur um Rath zu fragen, Miethe nehmen wollte, und das noch dazu ſo ganz unvorbereitet.„Ach, ach!“ ſeufzte Albin, und ſeine gedrückten Gefühle nahmen in einigen großen Thränen ihren Auslauf,„ach, wenn die gute Frau Wolk verſtehen wollte, daß ich ſterbe, wenn ich noch län⸗ ger das Gnadenbrod eſſen muß, und daß ich lieber ar⸗ beiten will wie... ja wie der ärmſte Arbeiter, als für das Geld anderer Leute Unterricht genießen— wer in das fünfzehnte Jahr geht, der kann ſchon auf eigene Hand lernen, was er noch ferner gebraucht. Und wenn noch 4 2ESeS—- g 157 dazu Capitain Donnert ſelbſt die Güte hat, mich in dem techniſchen Theile des Seeweſens zu unterrichten, ſo wird es ſchon gut werden; und bin ich einmal mein eigener Herr, habe ſelbſt ein Fahrzeug und komme hie⸗ her nach Göteborg, ſo will ich die gute Frau Wolk und Jungfer Greta und Frau Märta beſuchen und ihnen mit andern Worten danken, als jetzt, da ich im Stillen umhergehe und traurig bin, obgleich ſie nichts davon wiſſen. Und wenn Tibb dann todt ſein ſollte, ſo will ich meiner vortrefflichen Frau Wolk einen Hund ver⸗ ſchaffen, der zehnmal ſo ſchön und zwanzigmal beſſer ſein ſoll, als Tibb. Sieh, der Hund des Capitains Donnert: das war etwas! O, mit bloßer Hülfe eines Pudels an allein aus der Spaniſchen See ein Fahr⸗ eug nac tockholm zu führen.. welch ein geſchickter Mann muß er nicht ſein!... Ach, die gute Frau Wolk wird mir ſchon verzeihen, wenn ſie ſieht, wie glücklich ich werde...o ja, ſie hat das beſte Herz; und dann, iſt es einmal gethan, ſo iſt es gethan— werde ich un⸗ glücklich, ſo... habe ich's mir ſelbſt zu danken!“ Sechszehntes Capitel. Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich. Früh am folgenden Morgen jatte unſer Held ſeine Toilette vollendet und warf nicht ohne ein gewiſſes Wohlbehagen den letzten Blick in ſeinen kleinen Spiegel. Er war jetzt vierzehn und ein halbes Jahr alt und wirklich ein ausgezeichnet ſchöner Jüngling mit den klar⸗ ſten dunkelblauen Augen, in welchen ſich Herzensgüte und Geiſtesernſt freundlich paarten. Sein Wuchs war nicht von der Art, daß er allzu ſchnell in die Höhe ge⸗ ſchoſſen war, doch war er zu gleicher Zeit ſchlank, ſtark und vortrefflich proportionirt. Zwar las man keinen 158 eigentlichen friſchen Lebensmuth— wenigſtens jetzt nicht — in ſeinem blühenden Antlitze, wohl aber meinte man ſchon jetzt Entſchloſſenheit und einen feſten Willen zu entdecken: ihn hatte in dem Uebergange von dem Knaben zum Jüngling allzu hartes Unglück getroffen, als daß er die gewöhnliche Fröhlichkeit der Jugend empfinden konnte, wenn er auch in gewiſſen Fällen ihre Sorgen⸗ loſigkeit empfand. Das letzte ſo einförmig verfloſſene Jahr hatte ebenfalls mit beigetragen, ſeinem Charakter einen gewiſſen ſchwermüthigen Anſtrich zu geben, welchen er inſtinktmäßig für nicht nützlich erkannte, welcher aber dennoch in einem höheren Grade den Geiſt der Selbſt⸗ ſtändigkeit und des allzu großen Vertrauens auf eigene Kraft entwickelte, welcher in dem jungen Blute gährte. Schon vor neun Uhr ſtand er auf dem Kai und ſpähte unter den Fahrzeugen nach der Schaluppe Snare⸗ Swen. Endlich erblickte er eine kleine Jacht mit plattem und breitem Hintertheil, an deſſen Spiegel dieſer Name mit gelbem Ocker gemalt prunkte. Wie der Capitain erwähnt hatte, lud ſie Roggen ein, wobei es aber nich auf gewöhnliche Weiſe zuging; denn die Laſt wurde nicht in den Raum ausgegoſſen, ſondern in Säcke geſchüttet. Albin eilte über die Bohle und fragte einen Mann, den er für den Steuermann hielt, weil er beſchäftigt war, die Ladung einzurechnen, ob der Capitain Donnert an Bord wäre.„Er hat mir geſagt, ich ſollte um neun Uhr hieher kommen.“ Der Steuermann, eine kleine, ſtille, ernſte Figur, der gerade Gegenſatz des Befehlshabers, fixirte den Kna⸗ ben einige Augenblicke und deutete dann auf die Kajüten⸗ kappe, ohne ein Wort zu ſagen. Albin begab ſich die drei oder vier Stufen hinab, und weil keine Thüre da war, ſo ſtand er gleich vor dem Capitain Donnert. Dieſer war eben daran, mit einem Taſchenmeſſer einen geſalzenen Ferkelbug abzukrapen, wozu er von Zeit zu Zeit einen Löffel voll kalte Erbſen nahm, was dann mit einander durch einen Schluck Finkel aus einer grünen Flaſche gehörig hinuntergeſpült wurde, — d 1⁵9 In dieſer ſogenannten Kajüte war nur eine brauch⸗ bare Koje, weil die zweite mit allerlei Artikeln ganz vollgepfropft war; es lagen darin zum Beiſpiel alte Segel, Zwiebeln in ein altes Kerriſſenet Schnupftuch eingebunden, eine Bütte voller Butter ohne Deckel, ein halbes geſchlachtetes Schaf und ein zerbrochener Octant ohne Futteral. Die Kajüte war überdieß beladen mit einem Sack voll Kartoffeln, einem kleineren mit Grütze, und von der Decke herab hingen fünf oder ſechs Stücke geſalzenes Rindfleiſch, wahrſcheinlich eben erſt geholt, denn die Lake leckte auf eine Karte über die Nordſee herab, auf welche Rauchtabak zum Trocknen ausgebreitet war. Zwei neben der Karte ſtehende, mit Erbſen gefüllte Compaßfutterale machten das Ameublement in dem eigenen Salon des Capitains Donnert vollzählig. „Willkommen, mein junger Freund!“ ſagte der Capitain ungenirt.„Lege das Branntweinsanker in meine Koje und ſetze Dich dort auf die Bank, damit ich erſt mein Frühſtück eſſen kann: ich habe die Eigenheit, daß ich auch den Jungen erlaube, in meiner Anweſenheit zu ſitzen, nota bene, ſo lange ſie noch nicht unter meinem Commando ſtehen— ſpäterhin fordert der Reſpekt, daß ſie ſtehen!“ Ehe Albin die erhaltene Erlaubniß ſich zu Nutze machte, verbeugte er ſich hinlänglich tief, um den Capi⸗ tain zu überzeugen, daß er die ganze Bedeutung der gemachten Anmerkung einſähe.. „Du alſo biſt einer von denjenigen, die ſich um den erledigten Kajütenwächterdienſt bewerben? Es war Dein Glück, daß Du geſtern Abend mit mir redeteſt, denn ſeit der Zeit haben ſich elf Bewerber angemeldet, und unter ihnen Söhne reicher und mächtiger Eltern, welche wiſſen, was die Recommandation bedeutet, ein Jahr unter dem Capitain Donnert geſegelt zu haben; ich habe aber die Eigenheit, daß ich die Armen vor den Reichen begünſtige: alſo nehme ich Dich an, und zweifle gar nicht daran, daß Du Dein merkwürdiges Glück gehörig wirſt zu ſchätzen wiſſen!“ 160 „Ich danke ergebenſt, Herr Capitain!“ antwortete Albin, weil der Gedanke an das jetzige einförmige Leben mit ſeinen Moralpredigten, Boteprotocollen und Fendrein Tibb's Erziehung machte, daß er zu ſagen vergaß, er bereute das Ganze ſchon mehr als zur Hälfte. „Sei mit Deinen Sachen heute Abend gegen ſieben Uhr an Bord!“ fuhr der Capitain fort.„Eine Muſte⸗ rung iſt nicht nothwendig und um die Miethe werden wir ſchon einig— vor allen Dingen aber, mein Sohn, ſuche mit dem Steuermann in ein gutes Vernehmen zu kommen: das iſt ein wahrer Seebär und eine harthän⸗ dige Krabbe, wenn man ihn reizt oder ſeine Schuldigkeit verſäumt.“ „Ich will mein Beſtes verſuchen!“ erklärte Albin, weranf er, einem Winke des Herrſchers gehorchend, abtrat. „Ich bin angenommen worden!“ rapportirte unſer Jüngling, indem er höflich vor dem Steuermanne die Mütze abnahm. „Gut,“ entgegnete der Mann trocken,„da wird man bald ſehen, wozu Du taugſt: Trägheit und Ungeſchick⸗ lichkeit taugt hier nicht und wird nicht geduldet!“ „Ich werde eine Ehre darein ſetzen, Steuermann, Sie zu uͤberzeugen, daß kein Menſch ſo etwas von mir ſagen kann; doch bin ich jung und unerfahren, und brauche gewiß Unterweiſung.“ „Die ſoll nicht fehlen!“ entgegnete der Steuermann lakoniſch, und hierauf ſetzte er ſeine Arbeit beim Ein⸗ laden unbekümmert fort. Ehe Albin ging, hatte er noch Gelegenheit, das Aeußere des Fahrzeuges zu betrachten, welches wo möglich noch ſchauerlicher war, als die Kajüte. Die Regeling war entzwei und mit Holzſtückchen geflickt, ohne daß dieſe hernach angeſtrichen oder getheert worden waren; die Deckplanken waren geſprungen und das Werg aus den Fugen verſchwunden, die Lauftaue größtentheils geſplißt und verſchliſſen, und an vielen Stellen dienten geſchwärzte und getheerte Baſtſtricke anſtatt der Hanftaue, H „ 161 Albin konnte unmöglich begreifen, wie ein Mann, der mehrere Schiffe beſaß und mit Admiralen und Mil⸗ lionären in Freundſchaftsverbindungen ſtand, und der noch dazu in dem Beſitz des großen Geheimniſſes war, einen Lackfirniß bereiten zu können, für welchen die Amerikaniſchen Staaten ihm fünfzigtauſend Dollars an⸗ geboten hatten, ſich ſo tief erniedrigen wollte, ſeinen Fuß auf ein ſo elendes Fahrzeug wie die Schaluppe Snare⸗ Swen zu ſetzen; dennoch ſiel es ihm gar nicht ein, die Wahrheit der Angaben des Capitains Donnert in Zweifel zu ziehen. Es blieb daher für Albin kein anderer Er⸗ klärungsgrund übrig, als die vielen Eigenheiten des Capitains. Albin hatte ja von Leuten mit tauſend Sonderbarkeiten geleſen und erzählen gehört— warum ſollte er denn wohl nicht auch mit einem ſolchen, der ganz verſchieden war mit andern Leuten, zuſammen ge⸗ kommen ſein, da er vor ganz kurzer Zeit mit einer Frau zuſammengetroffen war, die wohl ihres Gleichen ebenfalls nicht hatte; und wenn er in ſeinen Gedanken den Capi⸗ tain Donnert mit Mutter Steuermann verglich, ſo war die Donnert'ſche Wagſchale bedeutend ſchwerer. Jetzt entſann er ſich noch dazu, daß der Capitain Donnert zu den andern Capitainen geäußert hatte: die ſogenannten Schiffsgeſchichten oder Schiffslugen enthielten den Begriff von Etwas, das nur in einer längſt verfloſſenen Ver⸗ gangenheit vorhanden geweſen wäre. Eine Stunde nach der Aufwartung auf dem Snare⸗ Swen ſtand Albin vor ſeiner Wohlthaͤterin. Warm und demüthig war ſeine Bitte um Verzeihung, daß er, belebt von den glänzenden Ausſichten, einen ſo entſcheidenden Schritt gewagt hätte; nachdem er aber der Wahrheit gemäß, aber doch in ſo ſchonenden Worten, wie er irgend zu wählen vermochte, erzählt hatte, wie lang ihm die Zeit würde, und wie er ſich ſehnte, hinaus zu kommen auf die liebe See, ſo wurde allmälig der Der Jungferthurm. I. 11 16² ſtrenge Ausdruck ſanfter, welcher ſich bei der erſten Mit⸗ theilung auf dem Geſichte der herzensguten Dame abge⸗ ſpiegelt hatte.— „Du haſt ganz und gar nicht recht gehandelt, mein Kind,“ ſagte ſte,„und ich will herzlich zu Gott beten, daß Du die Erfahrung nicht allzu theuer kaufen mußt; denn nach aller Beſchreibung iſt Dein Capitain nichts weiter, als ein Schwätzer und ein Prahlhans. Noch aber iſt es nicht zu ſpät, zurückzutreten; willſt Du nicht bis zum Frühling warten, ſo kannſt Du erſt zum Abend⸗ mahl gehen, und dann ſchaffe ich Dir— verlaß Du Dich auf mich— einen Platz bei einem guten und or⸗ dentlichen Schiffer.“ „Ach, liebſte, beſte Frau Wolk! bitten Sie mich nicht, zu ändern, was ſchon gethan iſt; ich bin noch allzu jung, um ſchon recht an meine Confirmation denken zu können, und dann ſo... ſchmeckt es am beſten, ſelbſt ein wenig verdienen zu können.“ „Mein theurer Junge! ich fürchte, es iſt ſo, wie ich oft bemerkt habe, daß Du allzu hochmüthig biſt: das thut mir ſehr weh, denn— denk' an meine Worte, Kind! — Hochmuth kommt vor dem Fall!“ 3 „Ich bin nicht hochmüthig, liebe Frau Wolk, doch... „... Doch willſt Du Dein eigener Herr ſein!... Nun, nun, es kann Dir dieß vielleicht nützlich ſein; und mag es Dir gut oder ſchlecht gehen, ſo vergiß ja nicht, daß Du hier eine alte Freundin haſt, die es beſſer mit Dir meint, als Du ſelbſt. Ach,“ ſeufzte die gute Frau, gwer ſoll nun in dieſem Winter Tibb tragen? Armer Tibb, er hat ſchon ſo Vieles von Dir gelernt, mein guter Albin— aber Tibb und ich, wir müſſen hier Beide in der Einſamkeit ſitzen! Du vergiſſeſt uns aber doch nicht, das weiß ich, und Greta vergiſſeſt Du ebenfalls nicht— ſie iſt gewiß ganz außer ſich, wenn ſie dieß hört... Aber zuerſt und zuletz mein lieber Junge, vergiß nicht, in Deiner Bibel zu leſen und jeden Abend Dein Gebet doch zu beten! Prüfe Dich da recht ſcharf ſelbſt, wie Du Mit⸗ bge⸗ nein 163 dieſen Tag gelebt und gehandelt haſt: merkſt Du, daß irgend ein Unkraut aufgewachſen iſt, ſo reiße es heraus mit der Wurzel— ſieh Dir nie durch die Finger, wenn es darauf ankommt, eigene Fehler zu beſtrafen, ſonſt ſtrafen ſie Dich ſpäterhin... Und dann noch eine Sache von großer Wichtigkeit: Du biſt leichtgläubig, mein Kind, und glaubſt von allen Menſchen das Beſte: hüte Dich, daß man Dich nicht anführt! Mißtraue immer den Leuten, welche viel prahlen: ſie taugen gewöhnlich nicht viel. Sollte es ſich endlich ſo fügen, daß Du Deine übereilte Handlung bereueſt, ſo laß Dich durch keine falſche Scham abhalten, unter meinen ſchwachen Schutz zurückzukehren; denn dieſer ſoll Dir immer offen ſtehen, ſo lange ich lebe und Du Dich ſo aufführſt, daß Du es verdienſt!“— „Wenn ich das nicht thäte,“ entgegnete Albin, der mit andächtiger Aufmerkſamkeit dieſer letzten Predigt ſeiner Beſchützerin zugehört hatte,„ſo würde ich weder wagen zurückzukommen, noch es auch wollen! Hilft Gott mir, ſo komme ich doch vielleicht bald genug wieder — doch ich mag kommen oder nicht“(hier wurde Albin's Stimme ganz unklar, während um ſo klarere Thränen an ſeinen Wangen herabrollten)„ſo vergeſſe ich nie— nein, gute Frau Wolk, nie, ſo lange ich lebe— den Morgen, da ich vor der Apotheke„die Krone“ ſtand!“ „Dank, mein Kind! ich verſtehe Dich, und um Dich um ſo lebhafter an den Tag und an das Jahr, welches darauf folgte, zu erinnern, ſo will ich Dir das letzte Portrait ſchenken, das ich von Tibb habe malen und in mein Taſchenbuch einfaſſen laſſen— Du verſtehſt wohl, mein Kind, in dem Taſchenbuche wirſt Du auch etwas für künftige Bedürfniſſe finden!“ „Ach, Frau Wolk, ich weiß nichts zu ſagen, doch fühle ich gleichſam einen Vorwurf, daß ich nicht ſo dankbar geweſen bin, wie ich hätte ſein ſollen!“ „Beruhige Dich, mein Sohn! Dein Herz iſt allzu rein und gut, als daß es nicht einen kleinen Streit mit Deinem eigenmächtigen Charakter ſollte auſtaänen laſſen; 164 aber ich liebe Dich darum nicht weniger, weil Du nicht länger unter meinem Schutze ſtehen willſt; und was Deine Ausrüſtung für die Reiſe anbelangt, ſo ſei unbe⸗ kümmert: Deine kleine Seemannskiſte wird heute Abend an Bord kommen.“ Wir übergehen Albin's ſteigende Rührung und den Abſchied ſowohl von Frau Wolk, als auch von Jungfer Greta, welche die ganze Schürze voll Thränen weinte, aber doch endlich ſich ſelbſt damit tröſtete, daß ſie Sturm's kleines Gebetbuch in Albin's Hand ſchob. Die letzten Worte des Knaben zu ſeiner Wohlthäterin, als er am Nachmittage wieder kam, um die Reiſekaſſe in dem Ta⸗ ſchenbuche mit Tibb's Portrait, ſowie die letzten Segens⸗ wünſche, die letzten Ermahnungen entgegen zu nehmen, war die Verſicherung, daß er ſich dieſer theuren Ermah⸗ nungen ſtets erinnern würde; und als nun die Lippen der guten Frau zu einem mütterlichen Segen ſeine Stirn berührten, ſo ſank er auf ſeine Kniee und lispelte unter Thränen das heilige Geluüͤbde, auch nie den zu vergeſſen, der ihm eine Mutter geſchenkt hatte, da er ohne Vater und ohne Mutter war. Nachdem unſer Held ferner noch von ſeiner guten Wirthin, ſeinem kleinen Bodenzimmer und den Storm⸗ bom'ſchen Bildern, die ihm eine ſo angenehme Geſell⸗ ſchaft geworden waren, Abſchied genommen hatte, begab er ſich zu der beſtimmten Stunde an Bord und meldete ſich bei dem Steuermann, welcher ihm eine Koje in der Schanze oberhalb der des Matroſen und ſo dicht unter dem Deck anwies, daß er in horizontaler Stellung hin⸗ einkriechen mußte. „Da kannſt Du Deine Matratze und Dein Kiſſen hinlegen, wenn Du ſo etwas mitgebracht haſt; ſonſt mußt Du wohl zum Kopfkiſſen die grüne Kiſte anwenden, welche Du an Bord geſchickt haſt. Wenn Du keine Decke haſt, ſo magſt Du die Stücke des alten Klüvers leihen, die dort auf der Backbordbank liegen— und biſt nicht was nbe⸗ bend den gfer inte, rm's tzten am Ta⸗ ens⸗ nen, nah⸗ ppen Stirn unter eſſen, zater zuten orm⸗ eſell⸗ egab Adete der unter hin⸗ eiſſen ſonſt nden, keine vers 165 Du ſchläfrig, ſo ſchlafe jetzt, denn, wo nicht eher, wirſt Du zur Tagwache herausgepurrt: wir ſegeln ab, ſobald der Capitain an Bord kommt!“ Nach dem Empfange dieſer Befehle ging Albin, um mit den Bequemlichkeiten der Schanze Bekanntſchaft zu machen. heur Matroſe Krabbe war eben beſchäftigt, den Inhalt ſeiner Kiſte in Ordnung zu bringen, und ſchlug darauf ein Paar Nägel vor dieſelbe in den Durk, damit ſie bei den Schwankungen nicht aus dem Gleichgewicht kommen möchte. „Hörſt Du!“ ſagte Albin, welcher glaubte, er müßte das Zwiegeſpräch eröffnen,„beſteht der Capitain ſeinem Kajütenjungen keine Kojekleider?“ Der Matroſe ſah ſich halb um.„O, Hunde und Teiiie üdhte ſchlafen am weichſten auf dem bloßen urkl Unſer Held meinte, es ſei unter ſeiner Würde, auf eine ſolche Grobheit zu antworten; er begann daher mit einer bewunderungswuͤrdigen Ruhe ſich aus dem zu ſeiner Dispoſition angeſchlagenen Klüver eine Art von Bett einzurichten, als ſeine Augen zufällig auf die grüne Kiſte fielen, zu welcher er den Schlüſſel ſelbſt in ſeiner Taſche hatte. Ohne eine Seecunde zu verlieren, begann er dieſelbe zu durchſuchen— und man denke ſich ſeinen Dankbarkeitsſeufzer zu ſeiner alten Freundin, als er, außer einem vollſtändigen Seemannsanzuge, Wäſche und allem andern Nothwendigen, eine wollene Decke, ein Kiſſen und drei Paar Laken fand. Mit Hülfe dieſer letztgenannten Effecten, welche von ſeinem mürriſchen Backkameraden neidiſch gemuſtert wurden, richtete er ſich bald ein ziemlich gutes Nachtlager ein; da er jedoch nicht ſchläfrig war, ſo begab er ſich wieder auf das Deck, vergaß aber nicht, ſeine Kiſte zuvor zu verſchließen und den Schlüſſel zu ſich zu ſtecken. Es dauerte nicht lange, ſo kam der Capitain an Bord und gab ſogleich Befehl zum Abſegeln. Albin erhielt die Weiſung, in der Kajüte Alles einzuſtauen ——ᷣᷣ 166 und feſt zu ſorren, und als er wieder auf das Deck kam, war das Fahrzeug ſchon in vollem Gange. „Setz die Pumpe in Gang, mein Junge!“ ſagte der Capitain, welcher mit den Händen in den Jackentaſchen auf⸗ und abwanderte.„Du weißt wohl, wie das zugeht?“ „Ja, Herr Capitain!“ „Pumpe alles Waſſer heraus! Es iſt eine von meinen Eigenheiten, gründlich zu Werke zu gehen: daher beginnt ein junger Menſch, der ein Seemann werden will, damit, daß er die erſten Elemente lernt, als Ein⸗ ſtauung, Reinſpülen, Holzhacken, Keſſelſcheuern und ſo fort; hernach kommt man zu der Lehre vom Pumpen, eine Sache von ſo großer Wichtigkeit, daß Du dieſelbe erſt durch unausgeſetzte Uebung recht würdigen lernen kannſt!“ Albin goß ſogleich eine Pütſe voll Waſſer in die Pumpe, ſetzte den Schwengel feſt und begann. Er war ſtark und für ſein Alter ſehr ausdauernd; nachdem er jedoch eine Viertelſtunde gepumpt hatte, war er ganz ermüdet und nahm ſich die Freiheit, den Capitain zu fragen, ob nicht ein Anderer ihn ablöſen könnte. „Nein, mein Junge!“ entgegnete Donnert.„Die erſte Pflicht eines Seemannes iſt die, daß er ausdauert, die zweite, daß er ohne Einwendung gehorcht: dieß letztere beſonders aus dem Grunde, weil Niemand zu einem Befehlshaber tauglich wird, wenn er nicht erſt gelernt hat, was Gehorſam heißt— das gehört mit zu dem Erziehungsſyſteme. Ich gehe nun hinab; inzwiſchen ſieht der Steuermann darauf, daß Du meinem Syſteme keine Schande machſt!“ Der Steuermann, welcher den Wink verſtand, langte ein kurzes Tauende hervor und legte daſſelbe neben ſich auf die große Luke, nachdem er zuvor kurz commandirt hatte:„Halk aus!“ Der Jüngling begann einzuſehen, auf welche Art der Capitain Donnert ſeinen Eleven den praktiſchen Theil der Seemannskunſt beibrachte, und ſtrengte ſich daher über ſeine Kräfte an, der beabſichtigten Demüthigung ⸗8 — ͤ—ͤ—, 4———,———,— 8* 167 zu entgehen. Inzwiſchen begann ihm das Blut aus der aſe zu ſpritzen; doch ſobald er nur aufhörte, um daſ⸗ ſelbe abzuwiſchen, ergriff der Steuermann ſogleich das Tauende, und dann fuhr der arme Junge wieder fort, obgleich das Blut mit verdoppelter Heftigkeit floß. Endlich zeigte das gewöhnliche Sauſen an, daß der alte Rumpf lens war. Mit genauer Noth vermochte Albin ſich jetzt nach der Schanze zu ſchleppen, wo er ſich hinſetzte, um das Blut abzuwaſchen; darauf benutzte er die ihm zuvor ertheilte Erlaubniß, ſeine Koje in Beſitz zu nehmen— und ſo müde war er, daß es ihm unmöglich war, über etwas nachzudenken, ſondern ſogleich ebenſo gut ent⸗ ſchlummerte, als hätte er auf Eiderdunen gelegen. Da er jedoch die See nicht gewohnt war, ſo wurde er leider ſehr bald von dem Schwanken und Stampfen des kleinen Fahrzeuges geweckt; und da er nicht länger ſchlafen konnte, und auch nicht auf die Stimme horchen wollte, welche ihn an die Prophezeiung der guten Frau Wolk erinnerte, ſo ſtieg er auf das Deck. Die Nacht war ſo finſter, daß er kaum einige Klafter weit ſehen konnte; doch bei dem Scheine aus dem Nachthäuschen erblickte er den Matroſen Krabbe, welcher bei dem Steuerruder ſaß. „Ich mache wohl noch einen Verſuch, weil es hier ſo langweilig iſt,“ ſagte Albin zu ſich ſelbſt; als er aber auf ſeine Frage, wie weit ſie gekommen wären, die Antwort erhielt;„Halt die Freſſe, Du junges Huhn, und bleib, wo Du ſein ſollſt!“ ließ er dieſe Hoffnung fahren, legte ſich auf das Deck und neigte den Kopf an den Maſtbaum. Als er nun bald hinauf ſchauete nach dem ſchwarzen Himmel, bald hinab auf das unangenehme Aeußere des Snare⸗Swen, konnte er unmöglich anders, als zu ſich ſelbſt zurückkehren— nicht daß er geſtand, er hätte beſtimmt unrecht gehandelt, denn ſchon huldigte er dem Satze, daß der Wille des Menſchen ſein Himmel⸗ reich iſt; weil aber das Himmelreich unter dem Befehle des Capitains Donnert von etwas zweideütiger Art werden zu wollen ſchien, ſo begann er zu vermuthen, daß er vielleicht beſſer gethan, wenn er dem Rathe ſeiner Wohlthäterin gefolgt und bis zum Frühlinge gewartet hätte. Demnächſt fragte er ſich: wenn es jetzt in ſeiner Macht ſtände, mit einer zufälligen Gelegenheit zurückzu⸗ kehren, ob er ſich hiezu wohl verſtehen wuͤrde; als er jedoch auf dieſe Frage von ſeinem Stolze, ſeiner Eigen⸗ liebe und ſeiner Entſchloſſenheit ein dreifaches Nein zur Antwort erhielt, ſo faßte er den Vorſatz, ſein Schickſal auf die beſte Art zu nehmen, und war eben muthig ent⸗ ſchloſſen, ſeine Koje wieder aufzuſuchen, als er durch eine Ritze in den Deckplanken einen Lichtſchein ſchimmern ſah und die Stimmen des Capitains und des Steuer⸗ manns unter ſich vernahm. Ohne ſich Zeit zu laſſen, an das Unrechte ſeiner Handlung zu denken, gehorchte er nur dem Inſtinkt, kroch leiſe an die Oeffnung, und konnte ſo, wenn auch nicht ganz, doch wenigſtens theil⸗ weiſe die Fortſetzung des ſchon begonnenen Geſpräches vernehmen; ſehen aber konnte er weiter nichts, als den kahlen Kopf des Steuermannes. Die Stimme des Capitains ließ ſich zuerſt ver⸗ nehmen: „Du legteſt wohl die leeren Häringstonnen unter die Kornſäcke? Kommen ſie dem Boden zu nahe, ſo verdirbt der ganze untere Theil davon. Das alte Wrack iſt ſo verdammt leck, daß ich wünſche, wir hätten es erſt dahin, wo es den ewigen Schlaf ſchlafen ſoll!“ „O,“ meinte der Steuermann,„noch iſt mit uns keine Noth, beſonders wenn der Wind bis übermorgen um dieſe Zeit ſo bleibt.... Wie hoch hat der Patron ihn aſſecurirt bekommen?“ „Viertauſend Reichsthaler Banco für das Fahrzeug und zweitauſend für die Laſt; die Papiere gingen vor⸗ eſtern ab an die Lloyd'ſche Aſſecuranzcompagnie in ondon.“ „Wie zu tauſend Teufeln war es möglich, ihn ſo hoch taxirt zu bekommen?... Doch der Patron hat immer Glück in ſeinen Geſchäften; ich meines Theils —— 169 gäbe nicht viertauſend Schillinge, geſchweige denn Reichs⸗ thaler dafür!“ „O ja, ſie ſtolzirt in den Papieren als neulich reparirt und mit dem Kupfer verſehen, welches zu Hauſe im Magazin in guter Verwahrung liegt.“ Der Steuermann lachte.„Wo, Herr Capitain, denken Sie ihm die Schlafkammer zu bereiten?“ „Das kommt auf die Umſtände, auf den Wind, das Wetter, die Nähe von Seglern und unſere eigene, bequeme Rettung an. Natürlich aber ſoll es irgendwo am Eingang in den Canal geſchehen, ſei es an der franzöſiſchen oder an der engliſchen Küſte.“ „Nun gut; wollen wir denn ſtoßen oder bohren?“ „Du verdienteſt wegen einer ſo dummen Frage ſelbſt geſtoßen oder gebohrt zu werden! Welcher kluge Mann ſtößt wohl jemals, wenn das Fahrzeug Waaren geladen hat, die— wieder ausgeladen worden ſind? Der Zufall könnte es ja ſo fügen, daß die Schute nicht entzwei geſchlagen würde, und da ſtände es ja Jedermann frei, ſich zu uͤberzeugen, daß keine Ladung da iſt, obgleich die doppelten Certepartien und Connaiſſemente das Gegen⸗ theil beweiſen, und dann ſtände man ſchön da. Glück⸗ licher Weiſe habe ich die Eigenheit, wie Du weißt, nie eine Dummheit zu begehen, geſchweige denn eine Unvor⸗ ſichtigkeit!“ „Es wäre ſchön, Capitain, wenn Sie keine Ausnahme machten, als Sie dieſen Jungen an Bord nahmen!“ „Keinesweges; ich habe meine Pläne mit dem Kna⸗ ben. Er iſt noch zu jung, als daß ich ihn in das Ge⸗ ſchäftsleben einweihen kaun; doch in der Zukunft ſoll er mir zu großem Nutzen gereichen.“ Der Steuermann ſchüttelte ungläubig den Kopf.„Er hat aber doch jetzt ſchon Augen und Ohren!“ „Es iſt wahr, aus dem Jungen iſt etwas zu machen, von dem Senken des Fahrzeugs kann er aber dennoch nie das Geringſte ahnen. So leck, wie die Schute iſt, kann ihm nichts natuͤrlicher vorkommen, als daß ſie zu Grunde geht, wenn ſie ſich durch Pumpen nicht länger 170 oben halten läßt. Wenn das Manbver gemacht wird, ſo werde ich ihn ſchon zu beſchäftigen wiſſen... Doch noch eins, Steuermann! der Junge mag arbeiten, doch laß das Tauende weg, denn er gehört zu der Art, welche am beſten ohne Erfriſchung dreſſirt werden.“ Aus dem ganzen Geſpräche, welches Albin nur frag⸗ mentariſch vernahm, je nachdem ſie laut oder leiſe redeten, verſtand er weiter nichts, als daß von einem Schelmen⸗ ſtück die Rede war, der Zweck mit demſelben blieb ihm aber ein Räthſel. Doch fühlte er ſich beruhigt von dem Befehle des Capitains, das Tauende nicht anzuwenden, und nachdem er wiederum auf ſein hartes Lager gekrochen war und ſich in die vortreffliche wollene Decke gehüllt hatte, ſank er in einen erfriſchenden Schlummer, aus welchem er nicht eher geweckt wurde, als da man vier Gläſer von der Tagewache gezählt hatte; da purrte ihn der Steuermann mit dem Befeyle den Gritzenkeſſel zuuſeben und den Kaffee in einer Stunde fertig zu aben. Die Gewißheit, dem Schimpfe einer körperlichen Züchtigung zu entgehen, gab dem Jünglinge ſeine ganze Federkraft wieder, und wenn er ſich auch von den ſon⸗ derbaren Bildern, welche ihn dieſe Nacht umgaukelt hatten, etwas beunruhigt fühlte, ſo waren ſie doch jetzt mit denen des Schlafes ſo verwebt, daß er ſie nicht recht entwirren konnte, und es daher für das Beſte hielt, gar nicht weiter daran zu denken: er wußte ja auf jeden Fall, daß Niemand ſeine Hülfe in Anſpruch nehmen würde, es mochte geſchehen, was da wollte. Hurtig eilte er daher an ſeine Arbeit, ſpaltete einige Scheite Holz ſo ferm, als hätte er ſein ganzes Lebenlang Holz gehauen, und ehe es ganz Tag war, meldete er dem Capitain, daß der Kaffee fertig wäre. „Du biſt ein guter Junge; zeige Dich jetzt nur arbeitſam bei der Pumpe, ſo werde ich ſchon zufrieden mit Dir ſein. Und da es eine meiner Eigenheiten iſt, meine Leute es eben ſo gut haben zu laſſen, wie ich ſelbſt es habe, ſo kannſt Du hernach den Kaffeekeſſel holen und mit Krabbe den Reſt austrinken: Sahne iſt, wie Du weißt, nicht an Bord, und Zucker magſt Du Dir im Munde denken— Gritze iſſeſt Du ſo viel Du willſt. Jetzt weißt Du die Morgenordnung an Bord! Albin verbeugte ſich und wollte ſich eben hinweg bege⸗ ben, als der Capitain noch einige Ordres hinzufügte: „Zum Mittag kochſt Du Erbſen zu dem Stücke Salz⸗ fleiſch, das geſtern in's Waſſer gelegt wurde, und mor⸗ gen wärmſt Du, was übrig bleibt. Um ſechs Uhr jeden Nachmittag haſt Du für die Kajüte warmes Waſſer be⸗ reit— und damit ſtopp!“ Der Morgen war klar und ſchön, und die Schaluppe lenste ziemlich hurtig vor einer friſchen öſtlichen Briſe. Die ſchwediſche Küſte war längſt verſchwunden, und an dieſem Tage ereignete ſich weiter nichts, das eine Er⸗ wähnung verdient. Siebenzehntes Capitel. Eine Stimme von der Blutnacht. Am folgenden Tage zog ſich der Wind weiter nach Süden; der Steuermann hielt das Steuerruder in der Hand, und der Capitain ſtand neben ihm und lehnte ſich an die Kappe. Albin, welcher zufällig das Auge auf den Compaß warf und meinte, es könnte nicht ſchaden, wenn der Ca⸗ pitain etwas von ſeinen Kenntniſſen erführe, trat zu ihm und drückte höflich ſein Erſtaunen darüber aus, daß man nördlich ſteuerte, da nach ſeiner Anſicht der Kanal, welchen man paſſiren mußte, um nach Liverpool zu kommen, mehr ſüdwärts läge, und daß er ſich daher einbildete, man könnte mit dem Courſe, den das Schiff jetzt ſteuerte, nie nach Liverpool kommen, wenn nicht der Capitain nördlich um Schottland ſegeln wollte, Der Capitain ſtutzte und warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Steuermann; doch faßte er ſich augen⸗ blicklich und antwortete:„Es freut mich, mein Junge, zu ſehen, daß Dir die geographiſchen Kenntniſſe nicht fehlen; doch biſt Du noch zu unerfahren, als daß Du beurtheilen könnteſt, welchen Cours man ſteuern muß. Du ſollſt nämlich wiſſen: in dieſen Fahrwaſſern macht die Strömung jede ſichere Coursberechnung unmöglich, ausgenommen für mich; denn zu meinen neueſten Er⸗ findungen gehört ein Inſtrument, womit ich auf das Allergenaueſte das Abtreiben des Fahrzeuges und die Abweichung des Compaſſes mit vollkommener mathema⸗ tiſcher Sicherheit berechnen kann. Daher, mein Junge, darfſt Du Dich nie an den Cours kehren, den ich ſteuere, um darnach den wirklichen zu beurtheilen, denn es ge⸗ ſchieht oft, daß ich mich bei meinen Berechnungen ge⸗ nöthigt ſehe, nordwärts zu ſteuern, wenn ich eigentlich ſüdwärts kommen will. Das Alles aber wird Dir deut⸗ lich werden, wenn Deine Erziehung erſt ſo weit gediehen iſt, daß wir in das tiefere Wiſſen eindringen koͤnnen.“ Beſchämt über ſeine vermeinte Unwiſſenheit und dank⸗ bar für die freundliche Art, womit der Capitain ihn zurechtgewieſen hatte, ging Albin nach vorn und zün⸗ dete Feuer an, um die Ueberbleibſel von geſtern zu wärmen. Gegen Abend, nachdem er wiederum die harte Ar⸗ beit bei der Pumpe überſtanden hatte, welche viermal des Tages im Gange war, rief der Capitain ihn zu ſich in die Kajüte hinab. „Ich pflege immer,“ ſagte er in väterlichem Tone, „meinen Leuten nach ſtrenger Arbeit eine Extraverpfle⸗ gung zu geben; daher ſollſt Du jetzt ein gutes Glas Wein trinken, mein Junge: das ſtärkt die Kräfte— hernach kannſt Du in Deine Koje gehen!“.— Capitain Donnert ſchmelzte nun ſelbſt Zucker in ein großes„Bierglas“ und füllte dann daſſelbe mit Port⸗ wein, welchen Albin darauf aus ſchuldiger Ehrerbietung, gewiß aber nicht, weil es ihm ſchmeckte, zu leeren ge⸗ nöthigt war. 8 173 Als er wieder auf das Verdeck kam, fühlte unſer junger Seemann bald die Wirkung des Weines. Es war ihm, als könnte er nicht recht feſt auf den Füßen ſtehen, und um ſich von dem Gegentheile zu überzeugen, begann er längs der Regeling hin zu wandern. Der Capitain nickte dem Steuermann zu, darauf trat er zu Albin, nahm ihn bei der Hand und führte ihn ſelbſt nach der Schanze hin, woſelbſt er mit großer Zärtlich⸗ keit den ganz bewußtloſen Knaben in die Koje einſtaute. Das Wetter war ſeit der Abreiſe von Göteborg ſchön geweſen, und das Fahrzeug ſegelte nun mit einer friſchen Kühlte an der weſtlichen Küſte von Norwegen hin. Nach der Berechnung des Capitains wollte er gegen Mitternacht bei Molde ſein; denn der Patron, für wel⸗ chen Donnert dieſe Reiſe machte, war kein anderer, als der Befehlshaber des Mitbürgers, der Beſitzer der Me⸗ daille für lobenswerthe Handlungen, der Freund der Armen, der Vormund des unglücklichen Will, der Stützpfeiler der Stadt Molde, der allgemein geachtete Capitain Arne Holgerſen, welcher erſt jetzt nach dem Ver⸗ laufe eines Jahres zu der Abſchließung der vielen ver⸗ ſchiedenartigen Affairen gekommen war, deren Auflöſung dem binnen kurzer Zeit beſchloſſenen Abzuge vorhergehen mußte. Eine ſeiner letzten Affairen war diejenige, welche der Capitain Donnert übernommen hatte; denn wenn er auch nach ſeiner eigenen Meinung ein ver⸗ beſſerter, durch die Liebe einer angebeteten Gattin ver⸗ edelter Mann war, ſo konnte er dennoch in ſeiner Be⸗ kehrung nicht ſo weit gehen, daß er ſich nicht ſeine alten Schiffswracke zu Nutzen machte. Der Wahrheit gemäß müſſen wir gleichwohl geſtehen, daß Snare⸗Swen das einzige war, welches beſtimmt war, die Aſſecuranzkaſſe leichter zu machen: die uͤbrigen waren nach Befund, wie der ſelige Petter Gran zu ſagen pflegte,*) verſchachert *) Vergleiche Frau Carlén's ſchon früher angeführten See⸗ roman:„Der Einſiedler auf der Johannis⸗Klippe. Anm. des Ueberſ. worden. Große Fahrzeuge hatte Holgerſen nie gehabt, denn er hatte nicht ganz ſo viele Eigenheiten, wie der Capitain Donnert, und er hielt es daher nicht für paſſend, daß derjenige, welcher ſelbſt in der Nordſee fiſchte, über wirkliche Capitaine Principal war. Wir haben gleich⸗ wohl jetzt nicht eigentlich mit Holgerſen zu thun, ſon⸗ dern wollen nur andeuten, daß der kleine Abſchieds⸗ beſuch, welchen Snare⸗Swen vor ſeinem ſeligen Ende incognito abzuſtatten gedachte, keinesweges unerwartet war. Gegen Sonnenuntergang bezog ſich der Himmel, und obgleich man ſich ſchon im. September befand, war die Luft ſchwül. „Ich fürchte, wir bekommen ein Gewitter und Re⸗ gen und— was das Allerärgſte wäre— Windſtille!“ äußerte der Steuermann zu dem Capitain. „Thut nichts,“ antwortete dieſer;„wir haben nur noch drei Meilen, und der Patron kann nach dem Tage unſerer Abfahrt, den er ſchon kennt, berechnen, daß wir in dieſer Nacht hier ſein müſſen. Zur Sicherheit wollen wir zwei Laternen aushängen, eine im Hintertheile und eine oben auf den Maſt— und mache Alles klar, daß wir ohne Verzug die Säcke aufhiſſen können!“ Einige Stunden waren verfloſſen. Wie der Steuer⸗ mann vorhergeſagt hatte, war das Gewitter ausgebro⸗ chen, und der Regen floß in Strömen herab. „Das ſind verteufelte Blitze!“ murmelte Capitain Donnert, indem er den Kragen der Jacke beſſer über die Ohren zog: ſie können den Schein der Laternen un⸗ deutlich machen und das Signal verderben!“ „O nein, es hält immer ein wenig dazwiſchen auf... Sollten wir aber jetzt nicht den Krabbe purren? Hernach machen wir die Lucke zu für den Fall, daß der Junge aufwacht!“ „Mit einem:„Recht ſo!“ gab der Capitain zu er⸗ kennen, daß er die Anſicht des Steuermannes billigte. — 175 Noch nie hatte Albin ſo viel Wein getrunken, daß er davon das Bewußtſein verloren hatte. Sein Schlaf war ſchwer und verworrene Bilder ſchwebten ihm im Traume vor. Es war ihm, als läge er in der Vertie⸗ fung unter einer Felſenplatte, welche er vergebens auf⸗ zuheben ſich anſtrengte. Es praſſelte und donnerte um ihn her und über ihm, die Wirklichkeit und die Phan⸗ taſie vermiſchten ſich, und noch lange, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß er wachte, ſtemmte er ſich mit allen Kräften gegen das dicht über ihm befindliche Deck, über welchem der Donner rollte und auf das der Regen herab⸗ ſtürzte. Endlich hatten ſeine eigenen heftigen Bewegun⸗ gen zur Folge, daß er aus der Koje auf die Kiſte fiel — ein Gkuch, welches ihn aus der überſtandenen, be⸗ täubenden Angſt herausriß. Jetzt entſann er ſich, wo er war, und da er das Bedürfniß der friſchen Luft em⸗ pfand, ſo tappte er zu der Luke hin— dieſe war. ver⸗ ſchloſſen. Jetzt kam eine andere Angſt als in dem Traume über ihn: das Zwiegeſpräch des Capitains und Steuer⸗ mannes fiel ihm ſogleich ein. Vielleicht wollte man jetzt das Fahrzeug ſenken und ihn mit demſelben, weil man möglicherweiſe argwohnte, daß er etwas verſtand und ſeiner daher los ſein wollte. Er betaſtete die Koje des Matroſen— auch dieſe war leer. Während einiger Augenblicke ſuchte er über ſeine Lage nachzuſinnen. Er erkannte, daß dieſe verzweifelt war, dennoch aber hoffte er, denn er konnte den füͤrchter⸗ lichen Gedanken nicht ertragen, daß er auf dieſe Weiſe eingeſperrt den Fiſchen vorgeworfen werden ſollte, ſo wie man einen Hund erſäuft.„Wenigſtens,“ ſagte er entſchloſſen,„mögen ſie ſehen, daß ich nicht geſonnen bin, es in Gutem geſchehen zu laſſen!“ Mit ſeiner gan⸗ zen geſammelten Kraft ſuchte er nun die Luke zu ſpren⸗ gen; doch vergebens. Sein lautes Rufen wurde nicht gehört wegen des über ihm und um ihn herrſchenden Ge⸗ töſes. Jetzt ſuchte er nach der Art, aber dieſe war un⸗ glücklicherweiſe auf dem Deck vergeſſen. 176 Nun entſtand eine Pauſe. Die bleiche Furcht kam dem Herzen des jungen Knaben immer näher und näher; ſchon bildete er ſich ein, daß das Waſſer zu ihm herauf⸗ ſteige, und der Gedanke an den vermeinten Tod des Vaters und des Bruders auf der ſinkenden„La belle Co⸗ quette“ ſtand wiederum lebhaft vor ſeiner Seele. Doch als er nahe daran war, ſich ganz der Verzweiflung eines Aufgegebenen zu überlaſſen, erwachte ein neuer, friſcher Funke von der Kraft der Selbſterhaltung: er flog an den Kamin in der Abſicht Feuer anzuſchlagen und die Luke zu verbrennen, als er plötzlich, da er ſich vorbeugte, um das Feuerzeug zu nehmen, einen Lichtſchimmer durch eine Ritze der Wand, welche die Schanze von dem Laſt⸗ raume trennte, erblickte und auch Stimmen zu hören vermeinte. Er legte das Auge an die Wand und ſah wie der Matroſe und ein anderer Kerl, den er bis jetzt noch nicht geſehen hatte, den einen Kornſack nach dem andern an einen eiſernen Haken hängten, und wie dieſer darauf durch die Luke hinaufgewunden wurde. Albin ſah nun ein, daß man das Fahrzeug in Ordnung machte für das Schickſal, welches ſeiner war⸗ tete, und war eben im Begriff, dem Gefühle des Augen⸗ blickes zu gehorchen und dem Matroſen zuzurufen, als er plötzlich, da der Donner einen Augenblick ſchwieg, eine Stimme vernahm, welche der ſeinigen Schweigen ebot.„Der Mörder!“ wiederholte es in der inner⸗ ſen Tiefe ſeiner Seele, indem er kraftlos auf die Kiſte ſank. „Der Teufel hole mich, Jungen! Ihr müßt Euch ſputen!“ waren die donnernden Worte, welche Albin vernommen hatte, und nun war er überzeugt, daß er berauſcht und eingeſperrt worden war, um nicht der Zeuge eines Schurkenſtreiches ſein zu können. Dennoch aber konnte er die Sache nicht recht verſtehen, denn theils fehlte es ihm an Begriffen von dieſer Art von Betrügereien, theils hatte er den Zuſammenhang der Anordnungen des Capitains Donnert nicht recht zu faſſen vermocht. Sobald er ſich ein wenig erholt hatte, kroch er heftig zitternd von Neuem an die Ritze, und ſah nun, 177 daß anſtatt der Säcke Steine hinabgewunden wurden. Als die Arbeit gethan und die Luke wieder aufgelegt war, vernahm er noch einmal die Stimme des ſchreck⸗ lichen Seeräubers:„Sei vorſichtig, Donnert, und ver⸗ laß das Fahrzeug nicht früher, als wenn das Waſſer ſchon an die Regeling ſpült— und nun glückliche Reiſe! Spuckt die Schute nicht von Neuem, ſo ſoll auch das Douceur dem Accorde keine Schande machen!“ „Damit hat's keine Gefahr!“ antwortete Donnert: ges iſt eine von meinen Eigenheiten, daß ich ſtets die Verbindlichkeiten erfülle, welche ich übernommen habe.“ „Und dieſer Junge— was iſt er für Einer?“ 5 Albin's Zähne klapperten; er vermochte kaum zu athmen. „Ein kleiner guter, wilder Vogel ohne Eltern und Verwandte, den 1) mir in Göteborg kniff— von einer Muſterung war gar die Rede nicht.“ Unmittelbar darauf zeigten Bewegungen und die Stimmen auf dem Decke an, daß das andere Fahrzeug abſtach, worauf Snare⸗Swen ſich ſeinem Ziele zuwendete. Ein tiefer Athemzug erleichterte Albin's Bruſt. Leiſe ſchlich er in ſeine Koje zurück, und erwog, daß die einzige Partie, welche er zu nehmen hätte, keine andere waͤre, als den Capitain, welchen er jetzt verabſcheute, und die übrige Beſatzung glauben zu laſſen, er hätte ſo feſt ge⸗ ſchlafen, daß er nichts von dem Vorgefallenen, ja ſogar nichts von dem Ungewitter vernommen hätte. Daß es ihm unmöglich war, zu ſchlafen, verſteht ſich von ſelbſt, und eben ſo natürlich war es, daß er wie ein Stein ſchlief, als endlich in der Morgendämmerung der eiſerne Riegel von der Luke hinweggeſchoben wurde und Jemand herabhorchte. Als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, ohne daß er geſtört wurde, zog Albin unter ſeinem Kopfkiſſen, Sturm's Gebetbuch, das Geſchenk der Jungfer Greta, hervor, las mit mbrünſtiger und warmer Andacht ſein Gebet und dankte mit brennendem Gefühle Ihm, der Der Jungferthurm. 1. 142 wiederum ſeine Hand über den Vaterloſen ausgeſtreckt hatte. Wenn der Capitain es nicht für nöthig erachtet hätte, ihn bei Seite zu ſchaffen, ſo würde er ja gerade denjenigen getroffen haben, welcher ſeinen Tod geſchworen hatte— konnte er wohl jemals, ſo lange er lebte, in Allem eine leitende Vorſehung bezweifeln? Eins aber ſtand daneben bei ihm feſt, nämlich ſobald ſich eine Ge⸗ legenheit dazu erböte, dem Capitain Donnert zu ent⸗ laufen— welche Schickſale ihn auch treffen mochten, bei einem Schurken wollte er nicht bleiben! Und nun flogen ſeine Gedanken ſo ſchön zurück zu der edlen Be⸗ ſchüͤtzerin in Göteborg: mit einem tiefen Seufzer flüſterte er:„Sie hatte dennoch Recht!“ Endlich gegen acht Uhr kam der Capitain ſelbſt an die Luke und rief:„Steh auf, Junge! Du haſt eine lange Schlafwache gehabt, Du kleiner Satan! es iſt aber eine von meinen Eigenheiten, gegen die Jungen im Anfang nicht zu hart zu ſein.“ Albin ſprang auf, rieb ſich gleichſam ſchlaftrunken die Augen, warf ſich in die Kleider und war augenblick⸗ lich auf dem Decke, wo er in dem gewöhnlichen Tone (denn Albin wußte ſich zu beherrſchen) fragte, was der Capitain befehle. „Daß Du ſogleich den Kaffeekeſſel und die Grütze aufſetzeſt: wir können nach dem ſchrecklichen Wetter in dieſer Nacht etwas Warmes nöthig haben!“ „Was für Wetter?“ fragte Albin mit großen Augen. „Haſt Du das Gewitter und den Regen nicht ge⸗ hört— und auch ſogar den Sturm nicht, den Sturm?“ „Tauſend! hat es ſo geſtürmt? Ich meinte, es wäre ganz ſtill geweſen!“ „Ja doch,“ entgegnete der Capitain,„hier hat es in jedem Winkel gehämmert, als ob Alles durch ein⸗ ander geworfen würde, was im Fahrzeuge vorhanden war— doch da es Tag wurdo, legte ſich der Wind.“ „Gehört habe ich wohl nichts,“ erwiederte Albin, „wenn Sie mir aber erlauben, zu ſagen, Herr Capitain, ſo habe ich nach dem Wein, den Sie mir gaben, eine treckt achtet erade voren e, in aber Ge⸗ ent⸗ hten, nun Be⸗ ſterte ſt an eine s iſt n im itnken blick⸗ Tone s der Brütze er in igen. t ge⸗ m 2“ wäre at es ein⸗ nden 77 lbin, ttain, eine ſolche Schwere im Kopf gefühlt, daß ich in meinem Leben nicht ſo feſt geſchlafen habe!“ Der Capitain beliebte mit großer Anmuth zu lächeln. Albin ging an ſeine Geſchäfte. Während der folgenden Tage war der Wind ſüd⸗ lich. Snare⸗Swen lag und kreuzte, Capitain Donnert aber hatte viel in einem kleinen Keller unter dem Ka⸗ jütendurk zu thun und verſchiedene Sachen in einen Kof⸗ fer einzupacken, welcher bisher in der Kajüte geſtanden hatte, jetzt aber auf das Verdeck geholt wurde, damit, wie er ſagte, die Kleider nicht verſtocken möchten. Doch am dritten Morgen nach jener für Albin ſo peinigenden Nacht ſprang der Wind nach Suden um, und jetzt merkte er, daß der Capitain und der Steuermann öfter mit einander redeten. Nach noch einigen Tagen erblickte man gegen Mittag Land. In der Dämmerung aber, als man der engliſchen Küſte immer näher gekommen war, ließ der Capitain das Fahrzeug back legen, worauf Albin den Befehl er⸗ hielt, ſich in ſeine Koje zu begeben. Er war gezwungen, dem Befehle nachzukommen, konnte jedoch nicht ſchlafen, denn nun litt es keinen Zweifel mehr, daß das Schreck⸗ liche eintreffen ſollte, und mit geſpannter Unruhe erwar⸗ tete er den Angenblick. Seine ärgſte Furcht war, daß man die Luke auflegen würde; doch das geſchah nicht; dagegen hörte er, wie der Capitain und der Steuermann mehrere Stunden auf⸗ und abſpazierten. Dieß waren für unſern armen Helden ſchreckliche Stunden, denn er wagte ſeinen Argwohn nicht durch die geringſte Bewegung zu verrathen und doch ſchwebte er in der fürchterlichſten Angſt. Als einen Beweis ſei⸗ ner Geiſtesgegenwart müſſen wir gleichwohl ſagen, daß er leiſe ſeine Kiſte öffnete und mehrere Hemden heraus⸗ nahm, ferner die neuen Kleider anzog und die gewöhn⸗ lichen darüber ſo wie endlich, daß er Sturm's Gebet⸗ buch, das neue Teſtament und verſchiedene Bedürfniſſe in ein Tuch knüpfte— die Brieftaſche mi ih Por⸗ 180 trait ruhte in der Bruſttaſche. So ausgerüſtet ſetzte er ſich auf die Bank vor der Koje und— wartete. Endlich lockte ihn die Stille, welche oben herrſchte, den Kopf hinauszuſtrecken; jetzt ſah er nur den Matroſen Krabbe, welcher an der Regeling mit etwas beſchäftigt war, das der Morgennebel ihm nicht zu ſehen geſtattete. Da er es aber gerne wiſſen wollte, ſo ſchlich er mit unhörbaren Schritten die Treppe hinauf, ſpähte über die Baſtingering hinüber und ſah nun mit ſtarkem Herz⸗ klopfen, daß die kleine Schaluppe ausgeſetzt war und daß Krabbe Sachen in dieſelbe hinabließ, welche der Steuermann in Empfang nahm. Ebenſo leiſe ſchlich er nun zurück und legte ſich auf die Kante der Koje; doch war er nicht lange dort geweſen, ſo ſprang er vor einem ſonderbaren Sauſen unter dem Durk auf. Dieß⸗ mal war es keine Einbildung: das Waſſer begann in die Schanze hereinzudringen. „Alle Mann zur Pumpe!“ rief der Capitain mit donnernder Stimme;„die Schute iſt leck geſprungen!“ Albin flog hinauf.„Was iſt!“ Ja, es iſt ſo, daß wir Alle mit einander ſinken, wenn wir das Waſſer nicht herauspumpen können! doch iſt es eine von meinen Eigenheiten, in der Stunde der Gefahr immer meine Kaltblütigkeit zu behalten.“ Trotz dieſer Worte war es gleichwohl dem Capitain Donnert gelungen, ſeinen Zügen einen ſolchen Ausdruck von Schrecken und Entſetzen zu geben, daß Albin nie im Stande geweſen ſein würde, die Wahrheit zu be⸗ zweifeln, wenn er vorher nichts gehört hätte. Obgleich unſer Held ſehr gut einſah, daß alles Pumpen eine verlorene Mühe war, ſo that er arnc dem Capitain Donnert den großen Verdruß, daß er no nie anhaltender gepumpt hatte. Als aber der Capitain, welcher auf dem Vorderdecke beſchäftigt wär, ſah, daß das Fahrzeug nicht weiter ſank, wurde er unruhig, eilte zu Albin und ergriff ſelbſt den Pumpenſchwengel mit den Worten:„Du biſt müde, mein Junge: lauf hinab in die Kajüte und ſieh zu, ob Du noch an meinen Com⸗ 181 paß kommen kannſt; er hängt an der Decke— unter⸗ deſſen will ich Deine Arbeit thun!“ Albin eilte, um den neuen Auftrag zu verrichten; als er aber zurückkam, ſo war der Pumpenſchwengel durch die übermenſchlichen Kräfte des Capitains abge⸗ brochen, folglich war alles fernere Pumpen unmöglich „Kinder,“ ſagte jetzt mit feierlicher Stimme Capi⸗ tain Donnert,„gegen Gottes Willen vermag kein Sterb⸗ licher zu kämpfen! Wir haben gethan, was in unſeren Kräften ſtand, um Fahrzeug und Ladung zu retten; unſere Pflicht als ehrliche Seemänner haben wir erfüllt, das könnet Ihr Alle bezeugen— nicht wahr?“ Er warf ſeine Augen beſonders auf Albin, und dieſer mußte eben ſo gut ja ſagen, wie die beiden Andern. „Nun gut, Kinder!“ in dem Unglücke iſt dieß im⸗ mer eine Befriedigung— jetzt bleibt uns alſo nur noch übrig, an unſere eigene Rettung zu denken. Zufälliger⸗ weiſe gehört es zu meinen Eigenheiten, auf Alles bereit zu ſein; daher habe ich das Boot ausſetzen laſſen, denn die erſte Pflicht eines Befehlshabers iſt die, daß er über das Leben ſeiner Untergebenen wacht.... Und nun ſchnell Alle in das Boot— wir haben keine Zeit zu verlieren!“ Das Debarquement wurde bewerkſtelligt. Der Capitain ſetzte ſich an das Steuerruder, der Steuermann und Krabbe ergriffen die Ruder und Albin mußte die in Eile herabgelaſſenen Güter einſtauen. „Haltet noch ein wenig!“ ermahnte der Capitain; „ich will das bittere Schauſpiel bis an's Ende ſehen... armer Snare⸗Swen!... Der Capitain erhob zu größe⸗ rem Effert den Rockärmel zu den trockenen Augen... „jetzt iſt das Waſſer an den Ruſten— laßt uns ein wenig hinwegrudern, denn wenn erſt der Raum voll iſt, ſo geht es geſchwind... holt aus, Jungen!“ Da der Seenebel die Schiffbrüchigen hinderte, klar zu ſehen, ſo kam der Compaß ihnen ſehr gut zu Statten; nachdem ſie jedoch eine halbe Stunde gerudert atten, ſtieg der Nebel empor, und ſo, wie wenn der Vorhang langſam hinaufgezogen wird und die Scenerie 182 eines ſchön decorirten Theaters ſich den Zuſchauern dar⸗ ſtellt, ſo beſchien die Sonne, als der Nebel ſich theilte, die geſpannten Segel einer ungeheuren Menge großer und kleiner Fahrzeuge. Die Blicke des Capitains und der Uebrigen fuhren ſpähend umher, Snare⸗Swen war aber nirgends mehr zu ſehen; vielleicht hatte irgend eine ernſte Buttenfamilie ſeine Kajüte ſchon in Beſitz genommen, während Dorſche und Schellfiſche ihre luſtigen Spiele um den Maſtbaum aufführten, den vielleicht ein alter neidiſcher Langfiſch bewachte, welcher mit ſeinen großen glasartigen Augen durch eines der unzähligen Löcher des großen Segels hindurchblickte. „Schade um die vortreffliche Ladung!“ ſagte der Capitain in betrübtem Tone zu Albin;„ſo mancher Arme hätte ſich ſatt daran eſſen können, mein Junge!“ n ſeinem Innern aber genoß der ehrenwerthe Capitain Donnert eines ungemeinen Vergnügens über ſeinen ſo vortrefflich gelungenen Schurkenſtreich. Eines von den zahlloſen Lootſenbooten, die vor der Mündung der Themſe kreuzen, wurde jetzt ſichtbar; der Capitain rief daſſelbe an, und der Lootſe übernahm es, Boot und Mannſchaft wohlbehalten nach Gravesend zu führen. Achtzehntes Capitel. Ein unvermuthetes Wiederſehen. Es war ein friſcher, beinahe kalter Herbſtmorgen. Die Sonne, welche in der Entfernung einiger Meilen vielleicht klar ſchien, konnte die gewaltigen von Stein⸗ kohlendampf gebildeten Wolkenmaſſen, welche über der ungeheuren Weltſtadt London ruhen, nicht durchdringen, ſondern ihnen nur, wie die Künſtler es nennen, einen gen. eilen tein⸗ der gen, 183 warmen, röthlichgelben Farbenton verleihen. Nur die Thurmiſſits der St. Paulskirche und die Kuppeln einiger anderer Kirchen, welche über die ſchwere Atmoſphaͤre emporſtrebten, glommen in voller, glänzender Pracht, wenn die Sonnenſtrahlen ihr Gold darauf warfen, und gewannen einen um ſo höheren Relief durch die unzäh⸗ ligen Schornſteine der Fabriken, welche ihre koloſſalen Häupter erhoben und aus ihren Rachen unaufhöͤrlich Maſſen von Rauch und Feuer ausſpieen. Um die Zeit, da die Bewohner dieſes unermeßlichen Ameiſenhaufens ſich zu bewegen anfingen, ſah man einen in der Tracht eines ſchwediſchen Seemannes gut und anſtändig gekleideten Juͤngling vor einem der kleinen Kochhäuſer am Hafen auf⸗ und abgehen. Die in die Jackenärmel eingeſteckten Hände, die langſamen Schritte und die nachdenkliche Miene, welche gegen das jugendlich friſche und blühende Geſicht einen ſo großen Gegenſatz bildete, ließen deutlich erkennen, daß er zu jenen Weſen gehörte, die nichts zu thun haben, aber ganz gewiß etwas zu thun bekommen. In dem Innern des Kochhauſes ſchien irgend etwas ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, denn er blieb vor der offenen Thüre ſtehen und blickte hinein in dieſe Grützen⸗, Erbſen⸗, Speck⸗ und Fleiſchkochungsfabrik. Rund herum waren Feuerherde mit Röhren durch die Decke angebracht; die jungen ſchwarzen Cyklopen aber, welche an Bord unter der Benennung„Köche“ bekannt ſind, ſchienen ſich verſchlafen zu haben, oder auch war es für die allgemeine Regſamkeit im Kochhauſe noch zu früh am Tage. Inzwiſchen ſah unſer junger Seegaſt Albin Jentzel (denn er war es und kein Andrer) daß ſich an der linken Seite des Kochhauſes Geſtalten hin und her bewegten, erhellt von dem Scheine einiger Herde und dem meteori⸗ ſchen Leuchten des einen oder andern brennenden Holz⸗ ſcheites oder einer Steinkohle, welche, von kräftigen Ar⸗ men geworfen, von der einen ſteinernen Wand bis an die andere eine Kreisbahn beſchrieb. 4 184 Der Auftritt kam ihm faſt vor wie eine Schlägerei; da er jedoch nicht die geringſte Luſt verſpürte, ſte näher zu betrachten, ſo ließ er ſeine Blicke einen angenehmern Gegenſtand ſuchen, welches ſie auch rechter Hand fanden. In einer Art von Abſchauerung in der Form eines Gitters erblickte er eine alte Frau von faſt gigantiſchen Kerdeebimeffonen doch mit einem angenehmen, gut⸗ gelaunten Ausdrucke in dem wohlgenährten Geſichte. Vor ihr ſtand ein Tiſch, worauf in zierlicher Ordnung ein ehrfurchtgebietender Kaffeekeſſel, oder eigentlich eine Kaffeetonne von blankgeſcheuertem Kupfer aufgedeckt ſtand, deſſen Inhalt über einem darunter angebrachten Feuerfaſſe fortwährend ſott. Neben dieſem Stücke, welches den Ehren⸗ raum inne hatte, ſtand ein Flaſchenfutter, aus welchem Genever und Conjak die Beſuchenden freundlich anlächelte, welche daneben auch unmöglich unterlaſſen konnten, ihre Aufmerkſamkeit auf verſchiedene kleine Anker, Ankerbojen, Flaggen und andere Embleme der Schiffahrtkunde zu heften, die aus gelber Butter zierlich geformt auf Tellern lagen, wo man in grellen Farben das Schiff Seiner brittiſchen Majeſtät Victoria, den Admiral Nelſon, einen nach Hauſe kommenden Seemann in gelben Beinklei⸗ dern und rother Jacke, der eine Geliebte in blauem Rocke an's Herz drückt, und daneben zwei Pyramiden, von ſchneeweißem Schiffsbrode erblickte, welche über einen ge⸗ ewaltigen, an ihrem Fuße einheimiſchen Yorkſhirekäſe ominirten. „Könnte ich mir vielleicht hier ein Butterbrod mit Käſe und eine Taſſe Kaffee kaufen?“ fragte Albin in aulich gutem Engliſch, indem er an den einladenden iſch trat und ſich höflich vor der Matrone verbeugte. „Ja, Sir; und da ich an Ihrer Kleidung und zu⸗ meiſt an Ihrem Geſichte ſehe, daß Sie ein Gentleman ſind, der auf die Ehre rechnen kann, einer von meinen Kindern zu ſein, ſo haben Sie die Güte, in mein Local zu treten, Sir, ich werde Sie augenblicklich bedienen!“ Unſer Held trat ein, ſehr ermuntert durch dieſen Empfang; hierauf hieb die riefige alte Frau ſogleich von erei; äher nern den. ines ſchen gut⸗ chte. ung eine and, faſſe ren⸗ hem elte, ihre jen, zu lern iner nen klei⸗ ocke einem Anker ein Stück ab, ſtrich daſſelbe auf ein Brod, legte oben darauf eine Scheibe von dem Yorkſhirekäſe und goß dann dampfenden Kaffee in den netteſten kleinen Seemannshut von ſchwarzem Porcellan. „Woher, Sir, ſind Sie, mein Kind?“ fragte die Patronin des Kochhauſes, indem ſie den ſchönen Knaben mit Wohlgefallen betrachtete und nebenbei einen Löffel voll Sahne in den Seemannshut goß.„Haben jetzt kei⸗ nen Dienſt, kann ich mir denken?“ „Nein, meine gute Frau, ich bin eben dabei, einen zu ſuchen, weil ich ein verunglückter Seemann bin; übrigens bin ich in Schweden geboren?“ „O, mein Kind iſt alſo aus dem Eiſenlande... gut gekleidet... haben viel Geld, Sir?“ „Ach nein, damit iſt's bald zu Ende; ich habe nur noch drei Kronen und einige Pences übrig. Darum liegt mir ſehr viel daran, Miethe zu bekommen— erhalte ich ſie aber nicht bald, ſo geht es mir gewiß ſehr ſchlecht.“ „Sehr möglich, Sir: viele von meinen Kindern ſind verhungert bloß aus dem Grunde, weil ſie meinem Rathe nicht folgen wollten; aber noch weit mehr ſind verun⸗ glückt und ertrunken, weil ſie mich nicht um Rath gefragt haben, ehe ſie Miethe nahmen.“ „Sollte ich vielleicht Sie um ihren Rath bitten dürfen?“ fragte Albin mit einer Beſcheidenheit, die ihm ſehr gut anſtand. „Sehr gerne, Sir, und dieſer mein Rath iſt der, daß Du an keinem Dienſtag oder Freitag Miethe nimmſt. Morgen iſt's Montag, und kannſt Du da Miethe erhalten, ſo will ich für dieſe Reiſe gern dein Leben aſſecuriren, Sir... Haſt Du Geld bei Dir, Sir, daß Du das Verzehrte bezahlen kannſt?“ „Ja!“ ſagte Albin und zog ſeinen kleinen von Tibb bewachten Schatz aus der Taſche. Es iſt gut, Sir! Stecke nun das Geld nur wieder ein bis künftighin: ich laſſe gewöhnlich die großen Kin⸗ der für die kleinen beſahlend 3 Zwar erröthete Albin bei dem großmüthigen Vor⸗ 186 ſchlage; doch der Stolz mußte der Nothwendigkeit weichen, und zu ſeiner eigenen Demüthigung fühlte er ſich ſehr erfreut über die Freigebigkeit der ſonderbaren Alten. Nachdem er herzlich gedankt hatte, wollte er ſich eben entfernen, als er ein heftig ausbrechendes Unweſen von dem Theile des Kochhauſes vernahm, wo er die Feuerbrände und Kohlen von den Herden hatte umher tanzen geſehen. „Ich glaube, es wird Ernſt!“ ſagte er zu ſeiner Wirthin. „Nichts, Sir, gar nichts! die Kinder ſind ein wenig munter! Wenn ſie ein wenig harthändig ſind, ſo mag das paſſiren: ich dulde es nicht, daß meine Jungen verweich⸗ licht werden, denn dann und wann ein blaues Auge gehört zu der Uniform eines Seemannes. Ich jagte im vorigen Jahre zwei Kinder weg: eins war dreißig alt, und jammerte, als es aus einer Ohnmacht nach einem Schlag auf den Kopf mit dem Brandeiſen erwachte; das andere von deinem Alter, Sir, nur darum, weil er einen Finger kappte, da er Holz hacken ſollte. Nein, Sir, ich ſorge für die Erziehung meiner Kinder und dulde keine Feiglinge!“ Während die mütterliche Amazone ſo redete, hatte inzwiſchen das Unweſen unter den Seeleuten zugenommen, und plötzlich wurde Albin's Ohr von vaterländiſchen Tö⸗ nen getroffen; obgleich dieſe keinesweges auf den Fittichen der Poeſie ſchwebten, ſo entzückten ſie ihn dennoch in ihrer ärmlichen ſchwediſchen Rohheit. „Schäme Dich, du verfluchter franzöſiſcher Zahn⸗ ſtocher, und laß meine Luken in Ruhe! Ihr ſolltet Euch ſchämen, Ihr verdammten Hunde: Fünf gegen Einen— gleiche Würfel iſt ehrliches Seemannsſpiel!.... Mutter Kitty!“ fuhr er auf Engliſch fort,„haben Sie doch die Güte und nehmen Sie mir dieſe Meerkatze ab, die mir auf der Naſe reitet!“ „Das Kind kenne ich an der Stimme,“ äußerte Mutter Kitty:„iſt ſonſt mein größter Günſtling; doch mag er ſich ſelbſt durchbeißen; wenn nicht mehr als Fünf uber mur mere Bas eine ſein, Achi Herr wie jage er 187 ihn her ſind! denn bei recht guter Laune wird er ſchon mit Sechſen fertig!“ Auch Albin glaubte die tiefe Stimme zu erkennen, und außer Stande, ſeiner Neugierde zu ſteuern— ein natürliches Gefühl, wenn man ſo wenige Bekanntſchaften hat, wie er— begab er ſich auf das Schlachtfeld. Hier ſah er, wie ſich ein rieſenhafter Matroſe auf der Erde liegend gegen eine Uebermacht von fünf Mann verthei⸗ digte. Der ſtarke Matroſe hob zwar oft ſeine Gegner hoch in die Luft, doch ſie hängten ſich gleich wieder wie Blutigel an ihn feſt. Einen Augenblick überlegte Albin; darauf nickte er, als hätte er einen guten Einfall, eilte zu einem von den Herden, ergriff eine Kelle voll rauchender Grütze aus einem Keſſel, und mit dieſer guten Bewirthung be⸗ waffnet war er eben ſo eilfertig wieder da— und ehe die Kämpfenden ſich umſehen konnten, hatte er aus Wohl⸗ wollen gegen den ſchwediſchen Kameraden und gänzlich das ihm von Tibb gegebene Beiſpiel, das heißt die Ge⸗ fahr kleiner Hunde, ſich mit großen abzugeben, vergeſſend, mit feſter Hand jedem Halſe eine Portion applicirt. Dießmal aber hatte es keine Gefahr, denn der un⸗ bekannte heftige Schmerz zong den fünf Kämpfern ebenſo viele Ausrufungen ab, indem ſie wie durch einen elektriſchen Stoß getrennt nach allen Seiten hinſtoben. „Was war das? Was Teufel kam ihnen an?“ murmelte der Matroſe, indem er ſich erhob. „Es war ein junger Freund, der einem alten Ca⸗ hierapen half— kennſt Du mich nicht mehr, ehrlicher as 74 „Ich kann nicht mehr ſehen, als ein Hund, der eine Nacht alt iſt— und dennoch will ich verdammt ſein, wenn es nicht Albin Jentzel iſt, weißer Junge, wie Achilles ſagt.... Aber was iſt aus dem jungen Herrn für ein Sauſewind geworden, daß er ſo ſchnell wie man die Hand umdreht fünf grobe Seemänner weg⸗ jagen kann?“ fuhr der hurtige Gottländer fort, indem er von Albin begleitet hinter dem mütterkichen Locale 188 einen Hafen ſuchte und fand, ehe die Uebrigen wieder zu ſich ſelbſt gekommen waren. „O, das Verdienſt war nicht ſo groß,“ antwortete Albin,„ich ſetzte ihnen nur eine ſpaniſche Fliege in den Nacken!“ „Woher aber kam denn das Fliegenpulver zu ſo gelegener Zeit?“ „Aus einem von den Keſſeln dort!“ Und Albin lächelte recht zufrieden über ſein gelungenes Schelmenſtück. „Mutter Kitty! Vor allen Dingen Waſſer her und ſpülen Sie mir die Augen rein, damit ich den vortreff⸗ lichen Jungen ſehen kann!“ Mit vieler mütterlichen Zärtlichkeit kam die alte Frau dem Auftrage nach, und bald war das eine Auge brauchbar; das andere aber lag mittelſt einer hohen Geſchwulſt in ſtillen Schlummer verſenkt, während das Geſicht ſelbſt ſich eines großen Theiles ſeiner Leder⸗ bedeckung beraubt ſah. Als Bas endlich mit Hülfe des Waſſers und des Genevers vöollig rein gewaſchen war, glich er faſt ganz einem ſchlechten Exemplar jener indiſchen Häuptlinge, welche das Tätowiren für den Typus aller Schönheit halten: über Stirn und Wangen bildeten hunderte von ſchwarzen Schrammen kreuz⸗ und querweiſe die aben⸗ teuerlichſten Figuren. „Sieht nicht ſo übel aus am Sonntagsmorgen!“ ſagte Bas in jämmerlichem Tone, indem er ſich in der blanken Kaffeetonne der Mutter Kitty ſpiegelte.„Aber bei dem Unterrocke der heiligen Brita und ſo wahr Olle Bas mein ehrlicher Name iſt, ich will dieſen franzöſiſchen Zahnſtocher baſen und kalfatern, daß ſeine eigene Mutter ihn nicht wieder kennen ſoll!— denn er war es, der auf meiner Naſe ritt.“ „So, mein Kind,“ ſagte mit gebietender Würde die Herrſcherin des Locales,„nun kannſt Du dein Herz genug durch dergleichen Ergüſſe erleichtert haben!“ „Genug, Mutter Kitty, da es heute mein Landtag iſt, und ich mich darauf gefreut hatte, mit Poll zuſammen zubrit 1 Herr! ſo gu ſo vie jüten mere Hand ſitze 5 Freur Anfa ausd. Fran holte. ſo gr ihrer ſpani in ſo warfe achtet etwas fernte zuvor nom herau kann dieſer daß habe, tenſck zu er heraus waren,„laß mi 189 zu ſein.... Doch Ihre Tochter wird mich gewiß nicht ſehen wollen, ſo ausgemalt wie ich jetzt bin— darum denke ich den ganzen Tag mit dieſem jungen Herrn zu⸗ zubringen... er iſt ein alter Bekannter!“ „Bas!“ ſagte Albin verdrießlich,„warum ſagſt Du Herr? Siehſt Du es nicht an meiner Jacke, daß ich eben ſo gut ein Seemann bin, wie Du, und doch noch nicht ſo viel wie Du, denn ich bin, weiter nichts als ein Ka⸗ jütenwächter und noch dazu ohne Dienſt!“ „So will ich denn heute mit dieſem jungen Ca⸗ meraden zubringen!“ ſagte Bas, indem er Albin's Hand ſchüttelte, und Mutter Kitty nickte von ihrem Hoch⸗ ſitze einen majeſtätiſchen Beifall. Nach Verlauf einer kurzen Zeit, nachdem die beiden Freunde noch einmal gefrühſtückt und Bas noch einen Anfall von Zorn gehabt hatte, der begleitet war von den ausdrucksvollſten mimiſchen Geberden, als er ſah wie der Franzoſe ſich mit einem höhniſchen Lachen entfernte, holte er endlich ſeinen Grützenkeſſel. Da der Haß gegen die Engländer bei weitem nicht ſo groß war, ſo nickte er dieſen gutmüthig zu; ſie aber ihrer Seits ſtanden ſtolz und mit ſteifen Nacken da, wie ſpaniſche Granden, und erwiederten die Höflichkeit nur in ſo fern, als ſie einen verächtlichen Blick auf Albin warfen, indem ſie es vermuthlich unter ihrer Wuͤrde er⸗ achteten, ſich an einem Knaben zu rächen und daher etwas von„ſwediſh dogg“ murmelten. Hierauf ent⸗ fernten ſich unſere Seemänner, nachdem ſie gleichwohl zuvor von der Mutter Kitty ehrfurchtsvoll Abſchied ge⸗ nommen hatten. „Nun, Albin,“ ſagte Bas, als ſie zum Kochhauſe 63 nun erſt wiſſen, ob Du ſagen kannſt, daß Du irgendwo wohnſt, das heißt, ob Du in dieſem Augenblicke uͤber einen ſo großen Fleck Herr biſt, daß wir dort, nachdem ich die Gruͤtze an Bord getragen habe, allein ſein können; denn ärger als der Hoizichu⸗ tenſchiffer ſich nach Wind ſehnt, ſehne ich mich darnach, zu erfahren, wie zum T—l Du hieher gekommen biſt,— 190 Ich ſehe übrigens, was Geld betrifft, mußt Du mit los⸗ geſchlagenen Schoten ſegeln!“⸗ „Nein, Du irrſt Dich! zwar habe ich noch ein Paar Schillinge: kann ich aber keinen Platz bekommen, ſo..“ „Aha— verſteh's Liedel, eh's halb geſungen iſt!“ „Uebrigens,“ fuhr Albin fort,„iſt die Woche bald zu Ende, und ich habe kein Geld, das Zimmer noch länger zu miethen. Dennoch aber iſt mir nicht ſehr bange, denn Gott hilft mir gewiß!“ „Ja, ja, es iſt recht gut, einen feſten Glauben zu haben— doch...“ „... Man ſoll nicht die Hände in den Schooß legen und nur ſtill ſitzen und die Hülfe erwarten, meinſt Du? Nein, Bas, das habe ich nicht gethan und das denke ich auch nicht zu thun! Ich bin überzeugt, daß wir auf alle Weiſe ſelbſt arbeiten, uns anſtrengen und denken müſſen, um eines guten himmliſchen Schutzes zu ge⸗ nießen; wenn wir aber das gethan haben, ſo dürfen wir auch nicht verzweifeln— Du ſollſt bald ſehen, daß ich Urſache habe das zu ſagen.... Du haſt mir aber noch nicht geſagt, wie Achilles ſich befindet: ich weiß nicht einmal, ob Du noch mit dem Fliegfiſch reiſeſt— nach dem Grützenkeſſel zu urtheilen, moͤchte ich es faſt bezweifeln.“ „Der Teufel vielleicht und nicht ich reiſe jetzt mit dem Fliegfiſche: ich ſegle mit einer ſchwediſchen Brigg und mit einem ehrlichen Capitän!... Jetzt aber müſſen wir uns auf einen Augenblick trennen— die Geſchichten kommen hernach!“ Eine Stunde ſpäter ſaßen Albin und ſein Ehren⸗ freund Bas in der Wohnung des Erſtgenannten, einer kleinen Kammer oder richtiger einer Art von Schrank im Erdgeſchoß. „Nun, du kleiner Flatterer!“ begann der Gottländer, „öffne nun deinen Sprachkaſten, und laß mich wiſſen, wie es Dir in die Hände gegangen iſt, ſeitdem wir in Göteborg von einander ſchieden. Hätte ich nur einen änger denn en zu chooß neinſt d das 3 wir enken 191 Schilling und doppelt auch für jedes Mal, da ich an Dich gedacht habe!“ „Erſt aber ſage mir nur ein einziges Wort von Achilles.“ „Kein ſterbendes Wörtchen pumpſt Du aus mir heraus, mein Junge, ehe Du nicht ſelbſt bis zum Punktum geredet haſt!“ „Nun ſo höre denn!..“ Und nun begann Albin die Erzählung ſeiner Abenteuer. Mit Vorliebe weilte er bei dem Morgen, da er faſt muthlos und ohne Geld vor der Apotheke ſtand, wo die gute Frau Wolk ihn traf; darauf kamen die Beſchreibungen über Tibb, Jungfer Greta, die Predigten, die Spielabende, die Schule, Frau Märta und ſo fort, und zuletzt, wenn auch etwas kürzer, ſeine Undankbarkeit und ſein Eigenſinn, zur Be⸗ friedigung des Einfalles, ſelbſt ſein Schickſal leiten zu wollen, trotz der freundſchaftlichen Warnungen der guten alten Frau vor Capitain Donnert, welcher— Albin mußte es eingeſtehen— ihn durch ſeine Ge⸗ ſchichten und die Vorſpiegelungen, die er von dem hohen Glücke ſeiner Kajütenwächter machte, ganz bezau⸗ bert hatte. „So ein Wahnſinn!“ murmelte Bas mitleidig— „ſitzt mit dem Gücke in der Fauſt und läßt es ſo un⸗ vorſichtig auf die Erde fallen wie das eigenſinnige kleine Mädchen die Puppe! Schande für Dich, Junge, daß Du ſo unklug und hochmüthig warſt: iſt nicht anders als recht, wenn Du dafür büßen mußteſt!“ „Das mußte ich auch, lieber Bas!“ Und nun tiſchte Albin die zweite Abtheilung auf, nämlich die Scene auf Snare Swen bis zu dem Augenblicke, da ſie das ſin⸗ kende Fahrzeug verließen und das Lootſenboot anriefen, welches ſie nach Gravesend führte. „Regiere und hole der T— einen ſo eingepeitſchten Baſilisken!“ fluchte Bas und erhob ſich in ſeiner vollen Länge—„einen Jungen, ein Kind ſo zu betrügen! Ich wollte nur wünſchen, daß ich ihn in meinen Armen hätte; ich wollte ihn pumpen, ich! Doch wir fingſt 192 Du es an, um von dem Wallſiſch wegzukommen? Das war noch das Klügſte von Allem, was Du gethan haſt!“ „Als wir an's Land kamen und eine endloſe Straße entlang wanderten, um uns zu dem Commiſſionar des Capitains zu begeben, gingen der Capitain und der Steuermann„auf einen Augenblick,“ wie ſie ſagten, in ein Wirthshaus, und hießen mich und Krabbe draußen bleiben. Der Lootſe und Krabbe kamen bald in ein Ge⸗ ſpräch; und da die Augenblicke— ſo überzeugt ich auch war, daß der Capitain ſo ſchnell nicht wiederkommen würde— theuer waren, ſo nahm ich meine Partie und bog in eine Quergaſſe ein, in deren Nähe wir eben ſtanden. Nachdem ich nach allen Himmelsgegenden hin bald gelaufen und bald gegangen war, fühlte ich mich ſo müde, daß ich ſtehen bleiben mußte, und da ich ſah, daß ich nicht verfolgt wurde, ſo blickte ich um mich her; es war eben vor dieſem Hauſe, und da mich hungerte, ſo ging ich herein und habe hier nun ſchon ſechs Tage Plebt ohne von dem Capitain Donnert oder einem der Andern etwas gehört zu haben. Dem Wirthe habe ich der Wahrheit gemäß geſagt, daß ich Schiffbruch gelitten habe und von einem Lootſenboot gerettet worden bin. Und nun haſt Du meine Abenteuer bis auf eines, welches ich vor Scham nicht gern erzählen mag!“ „Oho, was ſollte denn wohl das füͤr eins ſein?“ „Ja, meine gute Frau in Göteborg gab mir eine gute Kaſſe mit, die in acht Tagen⸗-gewiß nicht zu Ende ge⸗ gangen ſein würde, wenn ich kein ſolcher Dummerjan eeſen wäre, wie ich wirklich war, obgleich ich recht lug zu ſein glaubte!“ „Nun?“ „Siehſt Du: als ich geſtern ausging— gerade das erſte Mal, da ich den Verſuch wagte, denn mir iſt bange geweſen, ich könnte auf den Capitain Donnert ſtoßen— nahm ich nur den kleinſten Theil des Geldes in meinem Taſchenbuche mit... Doch ſieh hier!“(Albin zog Frau Wolk's Andenken aus der Taſche)„Du mußt wohl das Taſchenbuch und den Tibb leibhaftig ſehen! So ſah er * auis! Wol zu g Hals Bede „Her Fral Nun mit in er Hand dara ausſe in d glau dacht gab! glaul weg, wollt mein Poliz ließe, genu mein könnt fahrt der it nen und denn, Der 193 ahs! Und nie kann ich ſagen, wie froh die gute Frau Wolk war, als ich Tibb gelehrt hatte, auf zwei Beinen zu gehen, und als er mit ihrem Arbeitsbeutel um den Hals ihr entgegen gegangen kam!“ „Zeig' her!“ ſagte Bas und wendete mit großer Bedächtigkeit Tibb's kleine Phyſiognomie hin und her. „Herr Gott!“ fuhr er leiſer fort,„wie beſcheiden die alte Frau ſein muß, daß ſie eine kleine Töle ſo ehren kann! .. Mancher Menſch wäre gern an ihrer Stelle!... Nun aber rudre vor mit der Geſchichte!“ „Das iſt eine kurze Geſchichte!“ antwortete Albin mit einem halben Seufzer.„Ich nähte meinen Schatz in ein Schnupftuch ein, ſteckte das Schnupftuch in einen Handſchuh und den Handſchuh in einen Strumpf, und darauf legte ich das kleine Paket, welches gerade ſo ausſah, wie ein Paar zuſammengelegte Strümpfe, unten in das Bett, und den Schlüſſel nahm ich mit— ich glaubte, ich hätte recht verſtändig gehandelt!“ „Ja, ja wohl!“ ſiel Bas lächelnd ein.„Aber Du dauhirſ daran nicht, daß es vielleicht noch einen Schlüſſel abl“ 3„Wer konnte an ſolche Schlechtigkeit denken und glauben? Als ich nach Hauſe kam, war mein Geld weg, und als ich den Wirth zur Verantwortlichkeit ziehen wollte, war er aufgebracht und ſagte, ich hätte es nur meiner Jugend zu danken, daß er mich nicht vor die Polizei brächte und mich meine Unverſchämtheit bezahlen ließe, daß ich gegen ein ſo ehrliches Haus Verdacht hegte!“ „Armer Junge!“ ſagte Bas,„Du haſt überall theuer genug Verſtand kaufen müſſen! Wenn Du nun aber meinſt, daß Du Lehrgeld genug gegeben haſt, ſo könnte ich es vielleicht ſo einrichten, daß Du freie Ueber⸗ fahrt nach Göteborg bekämeſt: ich weiß einen Schooner, der in dieſen Tagen dahin ſegelt— und willſt Du mei⸗ nen Rath hören, ſo reiſe Du zurück zu der guten Frau und Jungfer Greta und Tibb und Schule und ſo fort; denn, ſiehſt Du, ein kleiner, feiner Herrenjunge, wie Du, Der Jungferthurm. I. 13 194 muß, wenn er er denn nothwendig zur See gehen will, unter ehrlichem Convoi reiſen, und nicht bloß das, ſondern er muß auch mit einem Capitain auf einem roßen Schiffe reiſen, der Dir in der Welt vorwärts helſen kann mit Hülfe der guten, ehrwürdigen, alten Frau!“ „Nein, dieſem Rathe folge ich beſtimmt nicht!“ ſagte Albin, indem er heftig aufſtand, und das Blut, welches in ſeine Wangen ſtieg, und das Feuer, welches in ſeinen Augen blitzte, bezeugten zur Genüge, daß in ſeinem Innern das Gefühl des Verdruſſes gährte. „Der Tauſend! biſt Du toll und beſeſſen, Du kleiner Dümmling?— Du biſt ja erſt vierzehn Jahre!“ „Höre zu, Bas: wenn wir Freunde bleiben wollen, ſo lege ſolche Worte ab! Ich will weder ein„kleiner Dümmling,“ noch ein„feiner Herr“ heißen, oboleich ich gewiß glaube, ich kann das Letztere werden; auch bin ich nicht bloß vierzehn Jahre, denn ich gehe ſchon ein gutes Stück in das fünfzehnte! Noch dazu mußt Du verſtehen, Bas, wer ſo großes Unglück gehabt hat, wie ich, bei dem hat auch der Verſtand Gelegenheit gehabt, ſchneller reif zu werden, als bei vielen Andern, die nicht wiſſen, was es heißt, Alles beſeſſen und mit einem Male Alles verloren zu haben.“ „Das kann wohl wahr ſein,“ ſagte Bas nachdenk⸗ lich;„doch viel Verſtand lag eben nicht darin, als Du die Vormundſchaft der ehrenwerthen Frau verließeſt— auch liegt nicht das Geringſte von Verſtand darin, daß Du jetzt nicht wieder umkehren willſt.“ „Das Erſte war eine Unvorſichtigkeit, aber Du, der Du immer für Dich gearbeitet haſt, Du kannſt gar keinen Begriff davon haben, was es heißt, Gnadenbrod zu eſſen; das Zweite aber kann nun und nimmermehr Unverſtand heißen: meinſt Du, ich wollte nach einigen Wochen mit einer langen Naſe zum zeiten Male als ein Bettler zurückkommen?... Nein, lieber ſpringe ich in die Themſe!“ „Und dennoch ſchwatzeſt Du davon, daß Du auf den welc als ſich 95 ſchu abra geſa at! ſoll, an 1 Wal brau mit es 1 frem nicht den unſer gütig troſe habe beiſa will, das, einem wärts alten ſagte delches ſeinen einem leiner ollen, leiner ch ich in ich gutes tehen, , bei neller viſſen, Illes hdenk⸗ 8 Du eſt— daß 1, der t gar nbrod mehr nigen s ein ich in auf — 195 den Schutz des Herrn vertrauſt? Was meinſt Du wohl: welches Wohlgefallen kann er an Dem haben, der lieber, als daß er die Hochmüthigkeit zu Kreuze kriechen läßt, ſich zu einem Selbſtmörder machen will?“ „Lieber Bas!“ ſagte Albin, erröthend über den ſcharfen Vorwurf;„Du kannſt wohl wiſſen, daß ich es nicht ſo dumm und ſündig meinte, wie ich in der Ge⸗ ſchwindigkeit ſagte; nur ſollſt Du mir nicht von dem abrathen, was ich feſt beſchloſſen habe; denn Eins iſt eſagt, nämlich ich gehe jetzt nicht nach Schweden zurück! Rathe mir daher lieber, wie ich einen Platz bekommen ſoll, und ſobald dieſe Sache abgemacht iſt, ſchreibe ich an meine gute Frau, und will mich nicht ſchämen, die Wahrheit zu geſtehen, wenn ich nur nicht zurückzukehren brauche!“ Bas ſchwieg einige Augenblicke; darauf ſagte er mit einem Ausdrucke reiflichen Nachdenkens:„Ich kann es nicht auf meinem Gewiſſen haben, Dich hier im fremden Lande ſteuerlos umherfließen zu laſſen, auch nicht, Dir einen Platz zu ſchaffen bei einem Capitain, den ich nicht kenne. Da magſt Du Dich lieber auf unſerer Brigg als Koch vermiethen: der Koch iſt ſo gütig geweſen, wegzulaufen, und ich, ſonſt leichter Ma⸗ troſe, verrichte nun ſeinen Dienſt. Willſt Du den Platz haben, ſo ſchaffe ich ihn Dir; da können wir wenigſtens beiſammen ſein; und was den ehrlichen Convoi betrifft, ſo glaube ich, kein Menſch wird gegen den Capitän Flyborg ein Wort zu ſagen haben— mit den Keſſeln und dem Uebrigen helfe ich Dir ſchon zurecht.“ „Ach, lieber, guter Bas, wie kann ich Dir in meinem Leben genug danken: Du haſt ein ſo gutes Herz und mehr Zartgefühl, als Mancher, den man vornehm nennt! Aber Du ſollſt auch keine Schande von mir erleben... Ach, und dennoch, Bas!“— hier ging eine kleine Ver⸗ finſterung über Albin's Geſicht—„welch ein Schade, daß Capitain Donnert ein ſo ſchlechter Kerl iſt! Denke nur, wie bald ich ſonſt mein Examen als Steuermann hätte machen können unter einem ſo gelahrien Manne!“ 196 „Verſtehſt Du denn noch nicht, daß Alles nur Ge⸗ ſchwätz war? Er war gewiß eben ſo unwiſſend in der Gelehrſamkeit als er in Schelmſtücken gelehrt iſt... Jetzt aber laß mich in aller Kürze erzählen, wie es Olle Bas ergangen iſt! Ich glaube faſt, Achilles hat Dir in der Stille anvertraut, was der Steuermann für eine Art von Menſch war?“ „Wußteſt Du es denn auch?“ fragte Albin zurück. „O, ich und alle Andern wußten recht gut, wie es damit zuſammenhing, obgleich Niemand ſich etwas mer⸗ ken ließ. Ich konnte ſie aber nie ausſtehen: ſie war ein rechter Teufel, ſo ein guter Seemann ſie auch ſein mochte. Schon in Göteborg hatte ich gedacht, ich wollte abmuſtern, dann aber redete ich mit dem armen Achilles, und um ſeinetwillen— ich mochte den Jungen leiden— ging ich noch einmal mit, und das hat mich hernach gefreut— denn, ſiehſt Du...“ Bas hielt hier inne und zog das Schnupftuch aus der Taſche. „Nun, Bas! Du ſiehſt ſo ſonderbar aus... es iſt doch wohl dem armen Achilles nicht ſchlecht ergangen?“ „Nein, behüte— im Gegentheil: er iſt gut auf⸗ gehoben, und nie war ein Menſch ſo froh, wie er, daß er abmuſtern durfte... Du darfſt nicht glauben, daß ich ein altes Weib bin!... Nun, ich ſehe, Deine Luken halten nicht dichter, als meine!— Aber es war ein ſchöner Anblick, den Jungen ſterben zu ſehen. Ich wartete ihm ab, als er ein verteufeltes Fieber hatte: er war ſo artig und ſo geduldig, daß er einem armen Wichte das Herz aus der Bruſt hätte locken können.„Wenn Du treffen weißer Junge,“ ſagt' er,„ſo ſagen ihm, Achilles immer hedacht an ihn, ihm ſehr gut ſein und vielmal grüßen aſſen!“ Bei dieſem herzlichen Abſchiedsgruße ſchluchzte Albin leiſe: er hatte den Augenblick ſo lebhaft vor ſeiner Seele, da er ganz allein und hülflos in ſeinem kleinen Fahr⸗ zeuge auf der Nordſee umhertrieb, als der Fliegſiſch auf ihn losgeeilt kam und der ſchwarze Kopf des Achilles über der Regeling hervorſah. Ster aber Men chen, bis mehr kauf der zeit Com groß Beid erwa viel, genb guten wäch und eing Teuf hatte zu p heit bart Tag Cap nicht Jahrl der ſager werk es zu achte verſt Affa Bas 197 Nach kurzem Schweigen fuhr Bas fort:„Mutter Steuermann wäre beinahe verrückt geworden. Sie hielt aber auch wirklich viel von dem Jungen, das kann kein Menſch anders ſagen— auch gab ſie ihm ein Verſpre⸗ chen, welches ſie ehrlich gehalten hat, und ich denke auch bis an ihren Tod halten wird, nämlich, ſie ſollte nicht mehr„in das Land des Vaters Nigger reiſen und Nigger kaufen oder ſtehlen.“... Dieſes geſegnete Werk hat alſo der Tod des Jungen ausgerichtet. In der erſten Trauer⸗ zeit bekam der alte Ennes auf volle vierzehn Tage das Commando wieder; kaum aber hatte Achilles in dem großen Seemannsgrabe, in welchem vielleicht auch wir Beide unſer Bett bekommen, eine kurze Zeit geruht, ſo erwachte Mutter Steuermann eines Tages wieder ſo viel, daß man erfuhr, ſie lebte noch; und von dem Au⸗ genblicke an, da ſie wieder zu Humeur kam, krochen die guten Tage des Alten in den Kaſten; der neue Kajütens wächter meinte, daß er täglich dreimal Prügel erhielt, und der Grog und die Cigarren wurden immer mehr eingezogen; denn es war eine von den Freuden dieſes Teufels, den armen alten Mann, der nicht ſo viel Muth hatte, ein Weib ſich vom Leibe zu halten, recht tüchtig zu peinigen. Als nun Achilles todt war und ihre Bos⸗ heit ſich auf jede Art gegen die ganze Beſatzung offen⸗ barte, nahm ich es mir heilig vor, dem Fliegfiſch guten Tag zu wünſchen. Es that mir herzlich leid um den Capitain, dieſen Wicht; aber ich konnte ihm ja doch nicht helfen, und ſo muſterte ich vor einem halben Jahre mit mehreren Schweden ab. Das muß ich aber der Mutter Steuermann doch hinter ihrem Rücken nach⸗ ſagen, ich habe es ihr zu danken, daß ich das Seehand⸗ werk aus dem Grunde verſtehe, und ich ſchäme mich faſt es zu ſagen, daß Capitain Flyborg mich gleichſam hoch⸗ achtet— und er iſt doch ein Kerl, der ſich auf Leute verſteht!“ Es dauerte eine Weile, ehe Albin wieder recht in die Affairen hineinkommen konnte; dann aber fragte er, ob Bas, wie er ſagte, auch ein wenig in die Kiſte gelegt hätte. 198 „Nein, Gott ſei Lob und Dank!“ ſagte Bas,„keine Ratte kann mir in meiner Kiſte etwas zernagen! Mutter Steuermann gab zwar gute Miethe; doch damit war kein Segen; aber ich habe nicht ſo lange unter ihr geſegelt, daß ich eine Reiſe in das Land des Vaters Nigger mit ihr gemacht habe, und gewiß würde ich auch, wenn ich mit iiveſen wäre, nicht ſo viel wie einen halben Neger eſtohlen haben... Aber ich will Dir ſagen, wie es iſt, Albin: es gibt gewiſſe Leute, welche zu dem Unglücke geboren ſind, daß ſie niemals etwas im Taſchenbuche leiden können, ſo viel ſie auch davon ſchwatzen, daß ſie es in die Kiſte legen wollen... ja ja, Du, ſieh mich nur an: ſo ſehr auch das Taſchenbuch gewachſen iſt, während ich auf der See war, ſo bekommt es ſogleich einen Leck, wenn ich den Fuß ans Land ſetze! Das iſt ſehr ſchlimm; aber ich tröſte mich damit, daß ich wohl auch einmal in dieſer Hinſicht regal werde!“ Albin antwortete nur mit einem Lächeln, und fragte dann, ob er ſich am folgenden Tage bei dem Capitain Flyborg anmelden könnte. esbir wollen noch ein Paar Tage warten: ich habe im Sinne, dem Capitain Donnert einen Poſſen zu ſpielen und zu gleicher Zeit uns ein kleines nettes Priſengeld zu verſchaffen.“ „Auf welche Art denn das?“ fragte Albin. „Auf die allereinfachſte: wir gehen und melden bei der Direction der Aſſecuranzcompagnie an, wie es mit dem Abladen und Verunglücken der Schaluppe Snare⸗ Swen zugegangen iſt— können wir auch weiter nichts ausrichten, ſo wollen wir dem Capitain Donnert die Hölle wenigſtens eben ſo warm machen, wie er ſie Dir bei der Pumpe machte!“ „Iſt das aber auch wohl ganz recht?— er war gegen mich eben nicht ſo böſe!“ „Iſt es aber wohl recht, ein Verbrechen zu kennen, und es nicht anzugeben? Ich habe gehört, wenn der geringſte Grund zu einer Anmerkung vorhanden iſt, ſo ſoll es ſchwer halten, die Aſſecuranzſumme zu erhalten, nun laufe Du ſeine Him Freu Wel⸗ Gefi ganz von an 1 wird es a und Sta Son 199 und mehr will ich ja gar nicht... Doch laß Du mich dafür ſorgen! Gleich morgen rede ich mit unſerm guten Steuermanne, daß ich ans Land gehen darf, und da treffen wir uns im Kochhauſe— bis dahin habe ich mir die Sache auch beſſer überlegen können.“ „Mach's wie Du willſt, Bas— ich glaube, daß ich mich auf Deinen Rath verlaſſen kann.“ „Dank für das Wort, Junge! ich will künftig auch auf mich ſelbſt aufmerkſam ſein, um ein noch beſſeres Auge auf Dich werfen zu können, ſo lange es nothwendig iſt. Fremdlinge ſind wir Beide, und für's Erſte können wir uns in Freundſchaft an einander ſchließen. Später⸗ hin wird das anders: Du wirſt ein Herr und Capitain, ich bleibe immer ein ehrlicher Matroſe— fürchte Du aber nicht, daß ich nicht weiß, wie es ſein muß, obgleich nun Wind und Wellen mit der Vertraulichkeit davon laufen. Jetzt bin ich Dein Beſchützer, ſpäter kannſt Du der meinige werden!“ „Bas, lieber Bas!“ ſagte Albin, und es blitzte in ſeinem Auge,„gib mir Deine Hand! Mein Vater im Himmel ſieht gewiß, daß ich unmöglich einen beſſern Freund bekommen kann; und wenn man in der weiten Welt ſo ganz allein ſteht, wie ich, ſo iſt es ein ſeliges Gefühl, wenn man einen Freund hat, auf den man ganz verlaſſen kann. Ich bin nun mit ſo vielen Schurken von Menſchen zuſammengetroffen, doch die Erinnerung. an meine alte aan und die Erinnerung an Dich, Bas, wird mich immer in dem ſchönen Glauben erhalten, daß es auch gute Menſchen in der Welt ibt.“ „Amen, mein Junge! Hier haſt Du meine Fauſt und damit ſtopp! Jetzt wollen wir ein wenig in der Stadt umher ſpazieren und uns beluſtigen— es iſt ja u . Sonntag heute 200 Neunzehntes Capitel. Das Verhör. Am folgenden Vormittage um zehn Uhr befanden ſich Bas und unſer Held in einem Zimmer neben dem „Comptoir des ſchwediſchen und norwegiſchen Conſuls, woſelbſt ſie Befehl erhalten hatten, zu warten. Nach einem Zeitraum, der ihnen unermeßlich vor⸗ kam, wurden ſie endlich eingeführt, nicht in das Comp⸗ toir, ſondern in ein kleines Kabinet, wo der Conſul, in einen Schlafrock gehüllt, mit einer Calotte auf dem Kopf, einer türkiſchen Pfeife im Munde und einer Taſſe Chokolade vor ſich, ſaß und in den Zeitungen des Tages blätterte. „Guten Morgen, Kinder!“ ſagte er gnädig, denn der Conſul war ein humaner und wohlwollender Mann. „Was Ihr zu ſagen habt, ſaget es ſchnell, denn ich habe keine Zeit— nur keine Klagen über Eure Capi⸗ taine, die leide ich nicht: bekommt Ihr Eure Miethe hier nicht, ſo geſchieht es gewiß zu Eurem eigenen Beſten!“ „Ich wollte aber doch unterthänigſt ſagen,“ fing Bas an, der im Anfange das Wort führen zu müſſen glaubte,„daß wir ganz eigentlich hieher gekommen ſind, um von einer Canaille zu reden, welche...“ „Du benennſt doch wohl keinen Schiffscapitain mit dieſem Titel?“ fiel der Conſul ſtreng ein. „Ja, es wird wohl ſo ſein, daß ein ſolcher damit gemeint iſt!“ Bas machte einen Kratzfuß und ſah dem Conſul feſt in's Geſicht.„Ich ſollte denken, daß ich handelte wie ein Schelm, wenn ich nicht einen Kerl an⸗ gäbe, der ſein Fahrzeug gebohrt hat.“ Der Conſul legte die Pfeife weg, ſtand auf, ging hinaus in's Nebenzimmer und ſchickte den Comptoiriſten mit einem Auftrage weg; darauf nahm er ſeinen Platz wieder ein und äußerte:„Bedenke erſt und rede her⸗ nach— biſt Du aber Deiner Sache gewiß, ſo rede frei heraus!“ nden dem ſuls, vor⸗ mp⸗ , in dem Laſſe ages denn 201 „Nicht ich bin dabei geweſen, Herr Conſul, ſondern dieſer Knabe; er kann Zeugniß darüber ablegen.“ Deer Conſul heftete einen langen, muſternden Blick auf Albin und bat ihn darauf in ſehr ſanftem Tone, zu erzählen, was er wüßte. Unſer Held erzählte ganz genau den ganzen Verlauf ſeiner erſten Bekanntſchaft mit dem Capitain Donnert in Göteborg, die Unterredung zwiſchen ihm und dem Steuermann nebſt dem Einen und dem Andern, das er zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Wohin aber die Laſt geführt worden war, das war er in Anſehung der neuen Coursſetzung und Berechnung des Capitains nicht im Stande zu beſtimmen. „Was iſt das für eine neue Erfindung?“ fragte der Conſul mit einem flüchtigen Lächeln. Albin erklärte die Sache eben ſo, wie Capitain Don⸗ nert ſie ihm erklärt hatte, obgleich Albin jetzt nicht mehr daran glaubte, und man konnte es der Miene des Conſuls anſehen, daß er nach dieſer Entdeckung der Talente des Capitains Donnert von der Glaubwürdigkeit der Angabe überzeugt war. „Und die Ladung wurde in offener See gelöſcht, ſagſt Du?“ „Ja, wenigſtens ruderten oder ſegelten ſie damit von dem Snare⸗Swen hinweg.“ „Albin nahm ſich übrigens ſorgfältig in Acht, zwei Gegenſtände zu entdecken, nämlich erſtlich, daß ſeiner Ueberzeugung gemäß das Fahrzeug an der norwegiſchen Küſte gelöſcht und zweitens, daß er die Stimme des Mannes erkannt hätte, der das Getreide in Empfang nahm und wahrſcheinlich der Beſitzer deſſelben und des Fahrzeuges war. Vielleicht konnte ja auch der grau⸗ ſame Seeräuber, der Blutmann auf La belle Coquette, nur der Commiſſionar des wirklichen Beſitzers geweſen ſein— Albin wollte gar nichts davon wiſſen; denn käme nur irgend etwas an den Tag, ſo ließe ſich leicht ein Faden finden, welcher an die Quelle des Verbrechens führte... und wie ginge es dann mit dem heiligen 202 Gelübde, das er in der fürchterlichen Nacht dem Retter ſeines Lebens gegeben hatte, und wie ginge es ihm ſelbſt, wenn er es wagte, die doppelte Rache des ſchrecklichen Mannes auf ſich zu lenken? Albin ſchauderte vor der großen Verantwortlichkeit, die er zu übernehmen gezwungen geweſen war, und ge⸗ lobte ſich ſelbſt, auf jedes Wort, das er redete, aufmerk⸗ ſam zu ſein, damit kein einziges mit dem andern, weit gräßlicheren Verbrechen verwebt und verwickelt werden konnte. Während Albin dieſe Reflexionen machte, wurde er zu ſeinem Glücke nicht von dem Conſul bewacht, denn dieſer hätte ſonſt vielleicht aus dem ſtets erneuerten Farbenwechſel ſeiner Wangen Verdacht ſchöpfen können. Auch der Conſul hatte nachgedacht; und das Reſultat dieſes ſeines Nachdenkens war folgende Frage: „Wie alt biſt Du?“ „Vierzehn und ein halbes Jahr!“ „Schade, daß Dein Zeugniß noch nicht rechtskräftig iſt— wenn es aber wäre, könnteſt Du dann mit einem Eide Alles bekräftigen, was Du hier erzählt haſt?“ „Das könnte ich— und mein guter Freund Bas hat mir dieſen Schritt angerathen.“ „Gut, meine Kinder! Ihr habt gehandelt, wie es ehrlichen Skandinaviern anſteht. Kommt morgen um dieſe Zeit wieder, ſo wollen wir ſehen... lebt wohl indeſſen!“ „Ja Du, nun iſt's Zeit zu leben!“ plauderte Bas vergnügt, als ſie auf der Straße waren.„Gib Acht, ob das nicht eine große Belohnung gibt: da kaufe ich beſtimmt einen Shawl für Poll, und der ſoll himmelblau ſein— denn, ſiehſt Du, das iſt ſo zu verſtehen, obgleich Du es noch nicht begreifſt, daß die Liebe ihre Kratzfüße dahin macht. Und dann ſoll er, reite mich der Nir! an den Borten und in der Mitte Sterne haben; denn Du ſollſt auch begreifen: mit der Liebe iſt es gerade ſo, wie mit dem Rum; hat Einer davon zu viel Ballaſt eingenommen, ſo macht es, daß Einer immer Sterne vor den Augen ſieht... Du meinſt wohl, daß ich jetzt in 203 den Wind ſchwatze, aber Du ſollteſt Poll, Mutter Kitty's Tochter, ſehen! Sie verachtet mich nicht— doch was hilft das?... Nun, nun: ſtehen mir die Jugend und die Kräfte bei, ſo kann ich eben ſo frank werden, wie ein Anderer, und wenn es damit nur geht, ſo willigt die Alte auch wohl ein.“ „Aber ſagteſt Du nicht, da Du noch auf dem Fliegſiſch warſt, daß die Liebſte aus Deinem eigenen Lande ſein ſollte?“ „Ja wohl, das ſagte ich— aber damals hatte ich ja Poll noch nicht geſehen... Das iſt die ganze Sache!“ Am folgenden Tage, als etwa um dieſelbe Zeit die jungen Seeleute in ein kleines Zimmer neben dem Comptoir des Conſuls eingelaſſen waren, welches von dieſem nur durch eine dünne bretterne Wand geſchieden war, kam ein Notarius Publicus mit ſeinem Gehülfen an, und gleich darauf hörte man in dem äußern Zimmer die Stimme des Capitains Donnert, der mit einem der Comptoiriſten redete. „Ich hoffe, der Herr Conſul iſt zu Hauſe?“ äußerte er in einem Tone, als wollte er ihn beſuchen, nicht als wäre er gefordert worden.„Haben Sie die Güte, den Capitain Donnert zu melden, ihn, der mit eigener Lebensgefahr für Rechnung der Aſſecuranz⸗Com⸗ pagnie das Boot der verunglückten Schaluppe Snare⸗ Swen gerettet hat!“ „Iſt gar nicht nöthig!“ war die Antwort.„Der Herr Conſul hat befohlen, den Herrn Capitain einzu⸗ laſſen, ſobald er käme.“ „Nun gleich gut: einer von meinen Freunden hat ihn wohl benachrichtigt, daß ich die Abſicht hätte, eine Viſite zu machen.“ Der Comptoiriſt öffnete die Thüre, und der kühne Norweger trat ein. „Ergebenſter Diener, Herr Conſul!— freut mich, Sie bei guter Geſundheit zu ſehen!.. Haben Sie die 204 Güte, ſich um meinetwillen nicht zu geniren— behalten Sie Platz, ich bitte!“ Der Conſul, welcher auf ſeinem Armſeſſel ſaß und gar keine Miene gemacht hatte, aufzuſtehen, nickte kalt und zeigte dem Capitain einen andern Stuhl, auf welchem dieſer mit ſeiner gewöhnlichen Freimüthigkeit Platz nahm. „Ich habe,“ begann der Conſul,„Sie zu mir be⸗ müht, Herr Capitain, damit Sie mir einige nähere Aufklärungen geben möchten über die Art und Weiſe, wie die Schaluppe Snare⸗Swen verunglückt iſt! Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß hier gewiſſe kränkende Gerüchte gehen, welche Sie gewiß mit der größten Leich⸗ tigkeit widerlegen werden.“ „Andere Aufklärungen,“ entgegnete Donnert,„als aus meinem Proteſte und der von mir und der Beſatzung mit einem Eide erhärteten Seeverklarung zu erſehen iſt, habe ich nicht abzugeben— und es muß Ihrem Ge⸗ dächtniſſe entfallen ſein, Herr Conſul, daß ich die Eigen⸗ heit habe, dergleichen Urkunden ſo genau aufzuſetzen, daß unmöglich ein einziges Wort hinzuzulegen oder davon hinwegzunehmen ſein kann... Doch, Apropos! es ereignete ſich in Batavia...“ „Entſchuldigen Sie! die Geſchichten müſſen wir ſparen— kurz und einfach, Capitain Donnert: man hat mir erzählt, die Ladung ſei in offener See gelöſcht und das Fahrzeug unweit der Mündung der Themſe in den Grund gebohrt worden.“ „Ha, ha, ha!“ lachte Donnert.„Ich will Sie kaum mit einer Frage beleidigen, Herr Conſul, ob Sie nicht die Reitpeitſche oder den Stock anwendeten, als Sie dieſe abenteuerliche Angabe beantworteten?“ „Ich erlaubte mir weiter gar nichts, als daß ich wie billig, aufmerkſam Rückſicht darauf nahm... Wie aber war es, hat die ganze Beſatzung die Seeverklarung beſchworen?“ „Entſchuldigen Sie, Herr Conſul! haben Sie den eepaß geleſen?— ich ſollte meinen, dieſer könnte die Frage am genügendſten beantworten.“ 20⁵ „Gewiß— war aber doch nicht noch Jemand an Bord, zum Beiſpiel ein junger Knabe?“. Donnert ſtrich ſeinen buſchigen Backenbart und be⸗ gnügte ſich mit der unbeſtimmten Aeußerung:„Was bedeutet das?“ „Das bedeutet ſo viel, daß ein ſolcher mit dabei geweſen ſein muß, und daß erwähnter Knabe in dieſen Tagen fünfzehn Jahre alt wird und alſo ſein Eid geſetz⸗ liche Kraft erhält.“ Es dauerte ziemlich lange, bis der Capitain Donnert antwortete; endlich aber ſagte er mit fröhlicher Stimme: „Nein, mein wertheſter Herr Conſul, einen jungen Kna⸗ ben habe ich dießmal nicht mit gehabt. Ich dachte nur nach, ob Sie eine andere Reiſe meinen könnten, denn viele junge Leute ſind unter meiner Leitung erzogen worden.“ Der Conſul klingelte; Albin und ſein Freund traten ein. „Kennen Sie dieſen Jüngling, Herr Capitain?“ „Nein, in der That, nein!“ antwortete Donnert; er ſtand mit der kühnſten Unverſchämtheit auf, griff Albin unter das Kinn und ſtreichelte ihn.„Wirklich, ein hur⸗ tiger und hübſcher Junge! Biſt Du ein Schwede, mein junger Freund, oder welcher Nation gehörſt Du an?“ „Unterſtütze doch das Gedächtniß des Capitains!“ fiel der Conſul ein, der trotz ſeiner Würde ein leichtes Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte—„oder iſt nicht Capitain Donnert der Mann, von dem Du mir erzählt haſt?“ „Er iſt es, Herr Conſul— und wie können Sie“ (Albin warf einen verächtlichen Blick auf ſeinen ehema⸗ ligen Chef)„das läugnen?“ Juüngling!“ antwortete Donnert feierlich,„entweder biſt Du wahnſinnig, und das wäre ſehr zu bedauern, oder auch biſt Du für die Nichtswürdigkeit, die Du begangen haſt, bezahlt, und das wäre bei Deinen Jah⸗ ren noch bedauernswürdiger!“ „Herr, haben Sie die Güt Albin mit zitternder Stimme mehr jenes Abends in Ght ich zu ſchämen!“ ſagte tſinnen Sie ſich nicht oi als Sie den andern Capitainen von dem Lackfirniß erzählten, für den die Amerikaniſchen Staaten fünfzigtauſend Dollars geboten haben: gerade an dem Abende war es, in dem Kellerſaale der Frau Märta Törner, wo ich zuerſt mit Ihnen redete. „Ah!“ fiel Donnert lächelnd ein,„jetzt begreife ich den Irrthum des armen Knaben: das war mein Bruder Czekiel Donnert— wir ſind einander ſehr ähnlich, alſo darf man ſich darüber nicht weiter wundern... Nun, mein junger Freund, iſt der Capitain Ezekiel in London? Wann kamt Ihr an? das war mir wirklich eine höchſt angenehme Ueberraſchung!“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr!“ ließ ſich der Conſul ſtrenge vernehmen:„dieſer junge Knabe kann unmöglich eine ſolche Geſchichte erſonnen haben... Erzähle Alles, was Du auf dem Snare⸗Swen geſehen und gehört haſt!“ Während Albin dieſem Befehle nachkam, wurde Donnert bald, blaß bald roth; als aber der Jüngling zu Ende war, ſagte er mit funkelnden Augen:„Ich hoffe, Herr Conſul, Sie erlauben mir, daß ich Ihrer Bedienung die Mühe erſpare, dieſe beiden jungen Schur⸗ ken hinauszuwerfen?... Vermuthlich hat der Aeltere dieſes einfältige Kind verführt!“ Bas, der bisher mit zuſammengebiſſenen Lippen und glühenden Wangen dem geheimen Verhöre beige⸗ wohnt hatte, konnte jetzt, da der Angriff ſich gegen ihn perſönlich richtete, ſich nicht länger halten. Er vergaß die Ehrfurcht gegen den Königlich Schwediſchen und Norwegiſchen Conſul und gegen den Ort, wo er ſich be⸗ fand, ſchoß wie ein Blitz von der Thüre in's Zimmer und begann:„Was ſagſt Du, Betrüger, Lümmel, Prahl⸗ hans!“(Bas duzte alle Menſchen, ſobald er zufolge eines außerordentlichen Falles das Joch des Reſpectes abwarf.)„Warſt Du es nicht, der in Frau Törner's kleinem Wirthshauſe zu Göteborg dieſem Knaben vor⸗ ſpiegelte, er ſollte in einem h Steuermann auf einem Oſtindienfahrer werden tz⸗ 3 au Haſt Du die Schwertfiſche vergeſſen, Du, die ſic e Linem Fahrzeuge die Schwer⸗ die oten aale dete. ich uder alſo nein on? öchſt der ann 207 ter abbrachen, Du weißt wohl, gegen das, welches ſo ſtark gefirnißt war, daß es Korallenklippen zerſchneiden konnte, wie der Diamant das Glas ſchneidet? Haſt Du vielleicht den Kajütenwächter vergeſſen, den Du auf die Bitten Deines Freundes, des Admirals, zu einem Unter⸗ lehrer bei der Navigationsſchule in Portsmouth hergabſt, Du? Haſt Du nicht Luſt, Du, mich anſtatt eines Negers in's Maul zu nehmen und zu erſticken, Du? Ja Du, es iſt hier ſo, daß wir Dich kennen, Du!“ „St... ſt. kein Unweſen mehr!“ befahl der Con⸗ ſul mit einer Stimme, vor welcher Bas verſtummte, obgleich die Wuth noch in ihm brannte.„Capitain Donnert! ſeien Sie nur aufmerkſam auf zwei Dinge: das Zeugniß des Knaben iſt bald geſetzlich gültig, und der Lootſe, der Sie einbrachte, kann bezeugen, daß dieſer Knabe wirklich mit dabei war.“ „Es thut mir leid,“ entgegnete Donnert triumphirend, daß eben dieſer unglückliche Lootſe vorgeſtern, da er kreuzte, mit ſeinem Boote kenterte*) und mit ſeinem Ge⸗ hülfen ertrank; ſonſt könnten ſie es am beſten bezeugt haben, daß der Junge ein Betrüger iſt, einexrercirt von dieſem zerriſſenen und ſchmutzigen Murmelthiere!“ Er warf einen äußerſt verächtlichen Blick auf Bas. Doch dieſen Blick und dieſe Worte mußte Donnert bezahlen, denn ehe noch Jemand Zeit gehabt hatte, daran zu denken, geſchweige denn dazwiſchen zu treten, hatte der Rieſe Donnert mit Beihülfe des Rieſen Bas drei oder vier Luftreiſen zwiſchen dem Fußboden und der Decke gemacht, ohne daß ein einziger Laut, als nur das Wort Murmelthier über die zuckenden Lippen des ſchwediſchen Seegaſtes gegangen war. „Werde ich in dem Londoner Conſulatscomptoir der Krone Norwegen und Schweden Schutz genießen gegen perſönliche Beleidigungen?“ ſchrie Donnert. „Ja, Herr Capitain,“ antwortete der Conſul, indem er mit kinem unzufriedenen Bligke und einer unabweis⸗ *) Umſchlug.* —— 4 S—— 208 baren Bewegung den ergrimmten Bas wieder an die Thür verpaßte—„Sie ſollen Schutz genießen! Für's Erſte aber geſchieht dieſes in einem von den Gefäng⸗ niſſen der Krone Britanniens! Der Bericht des Knaben iſt ſchon zu Protokoll genommen“(der Conſul deutete auf eine Thür, hinter welcher die Männer des Geſetzes ihren Platz hatten)„und die Polizeibedienten werden ſogleich hier ſein.“ „Entſchuldigen Sie, Herr Conſul!“ begann nun Donnert,„wenn ich Sie erſuche, zu bedenken, welche Verantwortlichkeit Sie durch dieſes Verfahren gegen einen Unterthanen der Krone von Norwegen übernehmen— außerdem will ich Ihnen noch anzeigen, daß ich die Eigenſchaft habe, nie eine Beleidigung zu vergeſſen!“ „Ich bedaure,“ äußerte der Conſul,„daß ich keine Rückſicht darauf nehmen kann: die Pflicht geht Allem vor!“ „Man wird doch wenigſtens die Höflichkeit haben und mir erlauben, daß ich mich auf eine halbe Stunde in mein Logis begebe? ich habe ein Geſchäft von der größten Wichtigkeit!“— „Es thut mir leid, aber es iſt unmöglich!“ „Nun, wohlan denn, Herr Conſul!“ ſagte der be⸗ klommene Capitain, nachdem er einige Augenblicke in tiefe Gedanken verſenkt geſtanden hatte,„ich ſehe mich genöthigt, ein Mittel zu ergreifen, welches ich nur zwei⸗ mal in meinem Leben angewendet habe: aber ich muß nach Hauſe, und gebe alſo mein Ehrenwort, daß ich in einer halben Stunde zurückkomme— ich ſagte mein Ehrenwort, und das hat noch nie ein Donnert gebrochen!“ „Das Ehrenwort eines Donnert habe ich noch nie bezweifelt, kann aber jetzt weiter nichts thun, als daß ich mein eigenes darauf gebe: Sie kommen von hier auf keine andere Weiſe, als in der ſchon erwähnten Geſell⸗ ſchaft!. Und nun genug: Herr Capitain! Belieben Sie in dieſes Nebenzimmer zu treten, wo Bas bis auf Weiteres aufwartet!“. ſein Bericht ſollte noch ein⸗ Albin mußte b mal geprüft werden Bowſ 2 geſetzle wie ſo ſicht d dem L nert, Der 209 „Du biſt ein verteufelt hurtiger Seemann, der einen ſolchen Kerl wie ich bin heben konnte, den bis jetzt noch kein Menſch zu berühren gewagt hat!“ ſagte Donnert zu ſeinem improviſirten Chremwäͤchter.„Und da ich die Eigenheit habe, nicht nur Nachſicht, ſondern auch Achtung gegen denjenigen zu haben, der— und wäre er auch ein ſimpler Seemann— ſich an Muth und Körperkräfte mit mir zu meſſen wagt, ſo würde ich Dir gerne einige Kronen geben, wenn h nur Kleingeld bei mir hätte; willſt Du aber mit mir in das Wirths⸗ haus hier nebenan kommen, ſo will ich eine Note von fünf Pfund wechſeln!“ Bas ſchwieg. „Ich verſtehe Deine Anſpruchsloſigkeit, mein Junge, und weiß ſie vollkommen zu ſchätzen; doch derjenige, welcher ſich rühmen kann, den Konradin Donnert beſiegt zu haben, der hat auch einige Belohnung verdient!— Komm alſo, komm, damit ich Dir zeige, wie ein ſtolzer Mann in ſolchen Fällen handelt!“ „Danke!“ antwortete Bas kurz; Murmelthiere haben aber die Eigenheit, daß ſie nicht wieder loslaſſen, was ſie einmal gepackt haben!“ Dem Manne mit den übermenſchlichen Kräften blie⸗ ben alſo weiter keine Ausflüchte: nach einer halben Stunde ſah er ſich genöthigt, trotz ſeiner gegebenen Verſicherung, daß eine ſolche Arbeit, wie die, den Konradin Donnert hinwegzuführen, eine ſowohl phyſiſche als auch moraliſche Unmöglichkeit wäre, ganz geduldig zweien Herren von Bowſtreet zu folgen. Am folgenden Tage legte Albin ſeinen Bericht vor dem geſetzlichen Richterſtuhle ab; unglücklicherweiſe aber konnte, wie ſchon der Conſul angemerkt hatte, jetzt keine Rück⸗ ſicht darauf genommen werden— die Begebenheit mit dem Lootſen war noch dazu wahr. Der Capitain Don⸗ nert, welcher Alles aigenſbinig und hartnäckig läugnete, Der Jungferthurm. I. 14 210 mußte zwar im Gefängniſſe bleiben, bis von Göteborg Nachrichten ankamen; als jedoch keine bindenden Beweiſe herbeigeſchafft werden konnten, ſo kam er zuletzt wieder auf freien Fuß... doch das Wenige von ſeinem guten Rufe, das er bisher noch gehabt hatte, ging durch dieſe infame Geſchichte ganz verloren. Inzwiſchen war es eine von den Eigenheiten des Capitains Donnert, ſich niemals über erlittenes Unrecht zu beklagen: lieber als daß er nur im Mindeſten darauf hindeutete, daß man ihn ſo himmelſchreiend beleidigt hatte, ſpielte er den Mär⸗ tyrer. Nur ein Einziger erhielt die Erlaubniß, ihm ſeine Theilnahme zu bezeigen, aber dieſer Einzige mußte auch eine ſo große Ehre auf eine Weiſe bezahlen, daß er wünſchte, der Capitain Donnert möchte den Snare⸗ Swen in's Brautgemach begleitet haben. Noch müſſen wir hinzufügen, daß gewiſſe Gerüchte ſich bis Molde verbreiteten und es dem„Beſitzer der Medaille für lobens⸗ werthe Handlungen“ zu einer noch größern Nothwendig⸗ keit machten, ſich nach einem andern Vaterlandegum⸗ zuſehen, was er auch noch im Laufe dieſes Herbſtes that. Doch erſt ſpäterhin treffen wir in unſerer Erzählung die Familie von Molde wieder an. Nachdem unſer Freund Bas bei dem Conſul ſein großes Unglück, ſeinen Sinn nie ſteuern zu können, wenn er in den Wind käme, ehrfurchtsvoll und in unter⸗ thänigſter Unterthänigkeit abgebeten hatte, ſo ſtellte er es der Beurtheilung des Herrn Conſuls und der gnä⸗ digen Aſſecuranz⸗Compagnie anheim, ob nicht der Jung⸗ ling für ſein Betragen eine kleine Belohnung verdient hätte; der Conſul aber antwortete auf dieſes Anheim⸗ ſtellen, die Direction hätte ſich darauf beſchränkt, ihn, den Conſul, zu erſuchen, dem Knaben Albin Jentzel die Zufriedenheit der Compagnie und ihren Wunſch mitzu⸗ theilen, daß er dieſe Begebenheit ſich zu einer glücklichen Warnung gereichen laſſen möchte, immer auf dem Wege der Ehrlichkeit zu wandeln. — — mag Gel zum ließe Mut 3 l ſein onnen, unter⸗ llte er nä⸗ Zäng⸗ erdient aheim⸗ „ihn, Bel die mitzu⸗ klichen Wege 211 „Solche verfluchte, elende Landkrabben!“ mur⸗ melte Bas, als er zum letzten Male die Treppe des Conſulathauſes der Krone von Schweden und Norwegen hinunterſtieg—„das verlohnte ſich auch noch der Mühe, um ſolchen Plunders willen ſich Ungemach zu bereiten und zu beköſtigen!... Aber paß für ein ander Mal, ſagt Olle Bas: mag die ganze ſchwediſche und norwe⸗ giſche Handelsflotte und die Kriegsflotte dazu ſich in den Grund bohren— ich lege für die Rechnung der Aſſecuranz⸗ Compagnie nicht zwei Strohhalme in's Kreuz!“ Unter dieſen barſchen Gedanken kam Bas in das Kochhaus. „Sie haben wohl nichts dagegen, Mutter Kitty, wenn ich die fünfzehn Schillinge und ſechs Pence ſchul⸗ dig bleibe, die wir hier verzehrt haben?“ ſagte Bas, indem er in das Local der großen alten Frau trat, wo⸗ ſelbſt er der Verabredung gemäß⸗Albin traf; denn die⸗ ſer hatte ſeinen Stolz unmöglich dahin bringen können, bei dem Vorſchlage zugegen zu ſein, welchen Bas dem Conſul zu machen gedachte, und auf deſſen Reſultat er keiner weitern Erklärung bedurfte, als daß Bas um Kredit anhielt. „Was meinſt Du mit Deinem„wir“, Sir? fragte die mütterliche Patronin des Tiſches—„redeſt Du noch von einem Andern als Dir ſelbſt, Sir?“ 4 „Ich meine den Kleinen hier, denn es iſt ſo ziem⸗ lich abgemacht, daß er mit uns fährt— und ſo will ich als Pfand meine ſilberne Uhr und meine Jacke hier laſſen, wenn ich reiſe.“ „Gut, recht gut; aber jedes Kind ſoll für ſich ſelbſt bezahlen: von den fünfzehn Schillingen und ſechs Pencen hat mein kleines Kind das Meiſte verzehrt, und darum mag er ſeine eigenen Kleider hier laſſen, wenn er kein Geld hat!“ „Wie Sie reden, Mutter Kitty! er würde ja ſich zum Krüppel frieren, wenn er ſeine neue Jacke hier ließe!“ Bas machte eine ſehr häßliche Miene gegen die Mutter ſeiner Geliebten, 14⸗ * 1. 212 Doch Mutter Kitty antwortete ganz ruhig:„Würde Dich denn ohne Deine Jacke nicht frieren, Sir?“ „Mich?“ Bas lachte.„Es iſt lange her, ſeitdem 1 mich zum letzten Male fror, und an Bord ſind Preſen⸗ ningen— doch dieſes kleine Weſen...“ Bas' Stimme war ſo rührend, daß ſie das härteſte Herz hätte bewe⸗ gen können. Jetzt aber miſchte ſich Albin in den Streit.„Den⸗ ſ ken Sie nicht ſo ſchlecht von mir, Mutter Kitty; ich wollte nur hören, was Bas, der gute Bas, zu ſagen f hatte! Aber ſehen Sie, gute Mutter Kitty! wenn ich nur erſt mit dem Capitain geredet habe und gemuſtert worden bin, ſo gebe ich Ihnen mein neues Zeug, das ſ ich jetzt anhabe, wenn ich von der Miethe nichts erhal⸗ le ten kann— ich behelfe mich ſchon ſo lange mit dem u andern Anzuge!“ S „Recht ſo, Sir: immer ordentlich! Inzwiſchen kannſt de Du Deinen Kaffee und Dein Butterbrod mit Yorkſhire⸗ g. Käſe ſo lange bekommen, als Du hier bleibſt!“ ſe Nachdem die Sachen auf dieſe Weiſe abgemacht G waren, begaben ſich unſere beiden Seeleute an Bord ſt der Brigg Iduna, um bei dem Capitain Flyborg den he Prätendenten zu dem Kochamte auf genanntem Fahr⸗ be zeuge anzumelden. w „Nun?“ ſagte Bas, indem ſie vertraulich Arm in w Arm wanderten,„Du biſt wohl neugierig, zu erfahren, ei wie es bei dem Conſul gegangen iſt?“ G „Das ſehe ich Dir an!“ „Ja Du, Du biſt ſicher, daß es eine Compagnie ge iſt, die Ehre und Herz im Leibe hat! Sie dankte Dir H auf alle mögliche Art durch den Conſul für Deine gute ja Aufführung, und hoffte, daß Du, verſteht ſich eben dieſe gute Aufführung, Dir zur Warnung gereichen laſſen di mögeſt, immer auf dem Wege der Ehrlichkeit zu wan⸗ da deln— das war accurat Alles— doch hübſche Lieder Ke ſind niemals lang... ſolches verfluchte dumme Zeug!“ är „Sei Du nur darum nicht traurig, Bas!“ D. . 8 ber 1 rde em en⸗ me we⸗ hen⸗ ich gen ich ſtert das hal⸗ dem nnſt jire⸗ acht Zord den ahr⸗ n in Fren, gnie Dir gute dieſe aſſen wan⸗ ieder ug 10 213 „Wer iſt denn traurig? Ich habe nur an das Eine und das Andere gedacht!“ „Zum Beiſpiel?“ „Als wir die Diebeskniffe des Capitains Donnert angaben, ſo handelten wir als ehrliche Jungen!“. „O ja, ſo ziemlich; doch wie Du wohl weißt, ge⸗ ſchah es nicht ſo ganz um der guten Sache willen.“ „Wir handelten als Gentlemen, wie man hier ſagt,“ fuhr Bas fort, ohne auf Albin's Anmerkung Acht zu geben. „Gewiß!“— „Ja, aber es koſtet verteufelt viel, den Gentleman zu ſpielen: hier haben wir nun, um der Compagnie viel⸗ leicht drei⸗ oder vierhundert Pfund Sterling zu ſparen, uns ſelbſt für fünfzehn Schillinge und ſechs Pence in Schuld geſetzt, was ſonſt gar nicht nöthig geweſen wäre; denn hätten wir uns mit dieſer Sache gar nicht ab⸗ gegeben, ſo hätteſt Du ſchon vor mehreren Tagen Koch ſein und Deine Koſt an Bord haben können. Die ganze Geſchichte war ein dummer Streich von mir: wären wir ſtatt deſſen zu dem Capitain Donnert gegangen und hätten ein paar Worte mit ihm geredet, ſo hätten wir beſtimmt eine Note von fünf Pfund dafür gehabt, daß wir gar nichts gethan hätten, wogegen wir nun, da wir in's Kreuz und in die Quere gelaufen ſind, nur eine lange Naſe haben... Einer kann auf dieſe Art allen Geſchmack an der Ehrlichkeit verlieren! „Lieber Bas!“ ſagte Albin,„jetzt redeſt Du gewiß ganz anders, als Du denkſt, wenn Du erſt ruhiger wirſt! Haben wir denn nicht unſer gutes Gewiſſen? Das iſt ja doch eine gute Befriedigung!“ „Ja, o ja, verſteht ſich, und ich werde dieſe Befrie⸗ digung wohl herbeirufen müſſen, wenn ich des Nachts das Steuerruder in der Hand habe und mich in einer Kälte von zwölf oder fünfzehn Graden in bloßen Hemde⸗ ärmeln ganze vier Stunde abkühlen muß— ja, ſiehſt Du, mein Junge, ich freue mich ſo darüber, daß mir bei dem bloßen Gedanken daran ſchon die Zähne im Munde klappern!“ 214 „Weißt Du, Bas, nun mag ich Dich gar nicht leiden!“ ſagte Albin mit einer kleinen ſchlauen Betrübniß, die die ſchwache Seite des ehrlichen Bas angriff. Biſt Du nicht derjenige, der es verſprochen hat, mein Freund zu ſein und mir gute Beiſpiele zu geben?“ „Stopp, mein Junge, Du ſagſt ein Wort zu rechter Zeit, das ich nicht zu verachten denke— und wenn nur unſer Herrgott ſo gnädig ſein und zuſehen will, daß er nicht den Bock zum Gärtner geſetzt hat, ſo hoffe ich auch, daß der gute Wille nicht fehlen ſoll! Recht haben wir gehandelt, das iſt ein geſagtes Wort, das hörſt Du: ganz wie ehrliche Kerle haben wir gehandelt, das kannſt Du der alten Mutter in Göteborg ſchreiben— und nun keinen Schnack mehr darüber! Im ärgſten Falle ſagt Poll ein gutes Wort zur Mutter Kitty— aber hundert⸗ ſtebenmillionenmal ärgerlich war es dennoch, daß ich den Sternſhawl nicht bekam!“ „Der mag bleiben bis auf ein ander Mal!“ trö⸗ ſtete Albin. „Das muß er— doch laß uns nun ein wenig ſchneller gehen, denn der Capitain bleibt nicht lange an Bord, morgen legen wir höher hinauf nach London⸗ Bridge und fangen an einzuladen!“ „Iſt es ſehr ſchwer, mit dem Capitain zu reden?“ „O nein, das iſt es nicht, wenn man ſich nur ein wenig auf ihn verſteht. Wenn Du zu ihm hinab kommſt, ſo ſollſt Du Dein Anliegen ſo kurz wie möglich vor⸗ bringen, ſogleich angeben, wie viel Du als Miethe ver⸗ langſt, und vor allen Dingen Dich ſehr ernſt zeigen, denn der Capitain gehört ſelbſt zu dieſer Art von Leuten: in den fünf Monaten, da ich bei ihm geweſen bin, habe ich ihn den Mund noch nie verziehen ſehen. Er iſt ſehr ordentlich und immer gerecht: Proviant bekommen wir vollauf und die Miethe bezahlt er pünktlich, wir mögen am Land oder unter Sturm in der See ſein. Nach meinen Begriffen iſt er einer der geſchickteſten und muthig⸗ ſten Capitaine in der ſchwediſchen Handelsflotte, aber er hat eine ſonderbare Gewohnheit und findet ein großes „» H * 1 215 Vergnügen darin, immer davon zu ſprechen, daß er keine Erziehung gehabt und in ſeiner Jugend nichts gelernt hat. Die ſich darauf verſtehen, die meinen, es ſoll ſo zu ver⸗ ſtehen ſein, daß er eine Art von Krankheit hat, welche die Landkrabben Melancholie oder Milzſucht nennen; das hin⸗ dert aber gar nicht, wie geſagt, daß er in ſeiner Kunſt ein ſehr geſchickter Mann iſt, und bange iſt ihm vor gar nichts unter der Sonne, als nur vor Weibsleuten: dieſe ſcheut er wie die Peſt. Nun haſt Du ſein Signalement; kehre Dich nicht daran, daß ſeine Rede kurz und barſch iſt, denn ſeitdem ich an Bord bin, habe ich das Tauende noch gar nicht in Bewegung geſehen... Friſchen Muth: jetzt ſind wir da— ich will den Steuermann bitten, daß er Dich anmeldet!“ „ Möge es gut gehen!“ ſagte Albin mit einem hal⸗ ben Seufzer, und jetzt befanden ſich unſere Seemänner auf dem Verdeck der Brigg Iduna, Zwanzigſtes Capitel. Capitain Flyborg. Der Steuermann, welcher hinunter gegegangen war, um unſern Helden anzumelden, kam ſogleich mit der Nachricht zuruͤck, daß er ſich einfinden könnte. Wegen der Aufklärungen, die ihm Bas über den Capitain geliefert hatte, konnte es nicht anders ſein, als daß Albin ein kleines Herzklopfen fühlte, als er die weiß⸗ geſcheuerte Treppe hinunterſtieg und in die Kajüte trat. Dieſe Kajüte war ganz einfach eingerichtet, aber überall herrſchte eine bis auf das Aeußerſte getriebene Reinlichkeit: Alles, was man hier ſah— und das war viel — war ſo geordnet, daß die mannigfaltigen verſchie⸗ denen Artikel ſo wenig Raum wie möglich einnehmen ——— — 216 ſollten. Die Wände waren faſt ganz mit Karten be⸗ deckt, an der Decke war zwiſchen den Balken einigen, feſtgeſchraubte Sextanten und Octanten enthaltenden Futteralien ein Platz angewieſen worden. Keine zuſam⸗ mengerollte Seekarten waren zu ſehen, obgleich ſie vor⸗ handen waren: ſie waren nämlich ſämmtlich auf Lein⸗ wand geklebt und lagen auf einer hölzernen Scheibe, welche jedoch in dieſem Augenblicke zwiſchen der Wand des Achterſpiegels und dem Scheilicht ebenfalls an der Decke befeſtigt, aber ſo eingerichtet war, daß, wenn man die Scheibe herabließ, die Karten gleichſam auf einem ſchrägen Leſepulte lagen. Die Nachtlampe und der Compaß hatten den gewöhnlichen Platz, was aber auf einem Handelsfahrzeuge, wenigſtens in jener Zeit, ſelten war— man erblickte auf dem Tiſche eine koſtbare Chro⸗ nometer⸗Uhr in ihrem Gehäuſe und daneben ein Pſal⸗ modikon und eine kleine Terzflöte nebſt einem Notenbuche, das Choralmuſik enthielt. Einige ſchön eingebundene Andachtsbücher blickten aus einem an der Hinterwand angebrachten Glasſchranke hervor. Der Unterſchied zwiſchen der Einrichtung in der Kajüte des Capitains Flyborg und der des Capitains Donnert äußerte eine eben ſo ſchnelle als vortheilhafte Wirkung auf Albin, und er ſchickte einen Wunſch zu Gott empor, daß er angenommen werden möchte. Als unſer Jüngling eintrat, ſaß der Capitain auf der Bank und ſtützte den Arm auf den Tiſch. Er war ein langer, hagerer Mann in den Fünfzigen mit einer hohen, ſtarkgewölbten Stirn und dünnen ſchwarzen, hie und da graugeſprenkelten Haaren; die großen blauen Augen hatten einen Ausdruck voll ſchweren, unveränder⸗ lichen Ernſtes. So war Capitain Flyborg, der die Brigg Iduna von Gefle führte. 3 Er legte eben das Choralbuch weg, worin er ge⸗ blättert zu haben ſchien, und fragte, ohne Albin zu grüßen: „Biſt Du der Knabe, von dem der Steuermann und der Matroſe Bas geſagt haben, daß er als Koch Miethe nehmen wollte?“ 4 etwa erhie jetzt. navig Flyb. ſchick Theil ſeufzt lichſte fuhr f * K 217 „Ja, Herr Capitain!“ „Biſt Du ſchon mit einem andern Capitain als mit dem Schurken Donnert zur See geweſen?— Ich habe von Bas Deine Abenteuer mit ihm gehört!“ „Nicht im Dienſte, als Paſſagier aber bin ich mit meinem Vater oft auf langen Reiſen geweſen; und da ich Luſt zur See und mich dafür beſtimmt hatte, ſo machte es mir immer Vergnügen, mit dabei zu ſein.“ „Schön!... Wie wurdeſt Du mit Bas bekannt?“ „Ich war mit meinem Vater und Bruder auf der Ueberfahrt von Frankreich nach Schweden: wir wurden überſegelt“... hier wurde die Stimme des armen Albin unſicher— ſollte er auch jetzt wegen ſeines Gelübdes, das er dem guten Seeräuber, dem Retter ſeines Lehens, gegeben hatte, wieder verkannt und gekränkt werden.— „Ach!“ rief er aus, indem er der Heftigkeit ſeines Schmer⸗ zes nachgab,„ich habe ſo großes Unglück erlebt, daß mir das Herz bisweilen ſchwer wie Blei in der Bruſt wird! das Schiff, auf welchem Bas ſegelte, fand mich in der Nordſee auf einem kleinen Boote— daß ich Schutz darin fand, das war nicht mein, ſondern Gottes Werk!“ „Stimmt überein! Beruhige Dich, wen unſer Herr hart prüft, dem ſchenkt er auch ſeine Gnade!... Kannſt Du leſerlich ſchreiben? verſtehſt Du einige Sprachen?“ „Ich kann ziemlich gut Franzöſiſch und Engliſch reden, etwas Deutſch und ſchreibe eine leſerliche Hand!“ „Ich konnte nichts, da ich in Deinem Alter war, erhielt eine höchſt vernachläſſigte Erziehung kann auch jetzt noch wenig oder gar nichts, höchſtens ein Schiff navigiren und einige Sprachen ſchwatzen“(Capitain Flyborg war allgemein bekannt wegen ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit im Schreiben und Sprechen eines großen Theiles der lebenden Sprachen), und bei dieſen Worten ſeufzte der alte Mann ſo tief, als wäre er der Unglück⸗ lichſte unter allen Menſchen...„Wie viel forderſt Du?“ fuhr er nach einigem Aufenthalte fort.— „Monatlich ein Pfund!“ 218 „Kannſt Du einige Arbeiten verrichten, ſo daß man ſich darauf verlaſſen kann?“— „Das wage ich nicht zu verſprechen; doch habe ich guten Willen.“ „Das iſt die Hälfte. Kannſt Du klettern und ein Segel reffen und einziehen?“ „Nicht ſo, daß ich es für gut ausgeben kann— wenn ich aber verſuchen dürfte...“ „Gut! Wir haben heute den zweiten October: von heute an biſt Du im Dienſt auf der Brigg Iduna und beziehſt Dein Monatsgeld— morgen wirſt Du gemuſtert und erhältſt, was Du verlangſt... Aber ich ſage Dir: ich leide keine Weichlichkeit und keine Unordnung: rein und ſauber ſoll Alles ſein: in jedem Wetter jage ich Dich hinauf, um zu reffen— ſo machte man's mit mir, da ich Junge war, und ich denke mit Dir ebenfalls keine Umſtände zu machen! Richte Dich darauf ein und übe Dich bei Zeiten, auf den Maſtkorb zu klettern, ſonſt magſt Du Dir ſelbſt die Schuld beimeſſen. Jetzt weißt Du Beſcheid— Gott ſei mit Dir und uns Allen... Adieu!“ Albin flog die Treppe hinauf. Oben wartete Bas auf ihn und horte mit großer Zufriedenheit, wie es ab⸗ gelaufen war. „Das iſt wahrhaftig kein Spottgeld, ein Pfund im Monat!“ ſagte Albin und fühlte ſich von dem Augen⸗ blicke an um einen Zoll länger, da er eigenen Ver⸗ dienſt rechnen konnte. Doch bei der Art, die der Capitain hat, wagte ich nicht von Vorſchuß zu reden!“ „Da handelteſt Du klug: Du hätteſt ihm gleich von Anfang an einen ſchlechten Gedanken von Dir beibrin⸗ gen können, ſo ordentlich wie er iſt!“ In der Eigenſchaft als Koch auf der Brigg Iduna fand Albin ſich am folgen ein. Sein Debüt würde jedoch keinesweges glänzend den Morgen im Kochhauſe geweſen ſein, wenn nicht Mutter Kitty ſich des Kindes ang dem Gri poti auf, liche ihn woh Kitt kein Es „Ick kom! Mut Du kann wenn kom hera Albi Koch theilt ſeine keit, zu n neuer hart, recht teſte, ſein C wegli Weig dadur 2 von und iſtert Dir: ung: jage mit falls und ſonſt weißt 1.... Bas 8 ab⸗ ad im ugen⸗ Ver⸗ pitain h von ibrin⸗ Iduna hhauſe unzend Kindes 219 angenommen hätte, als der gereizte Franzoſe, der bei dem Auftritte mit Bas die größte Portion von der heißen Grütze erhalten hatte, ihm jetzt dieß wieder einbacken wollte. Die hurtige Alte, welche in ihrem Reiche einen des⸗ potiſchen Scepter führte, fand ſich bei dieſer Gelegenheit aufgefordert, dem Franzoſen mit ihren eigenen mütter⸗ lichen Händen eine tüchtige Tracht Prügel zu geben und ihn darauf aus dem Kochhauſe zu verweiſen— eine wohlverdiente Strafe, weil er ſich gegen das von Mutter Kitty ausgefertigte Geſetz vergangen hatte, nach welchem kein älterer Seemann einen Knaben überfallen durfte. Es half nichts, daß Albin der Mutter Kitty zurief: „Ich bin ja kein Knabe!— Laſſen Sie ihn doch nur kommen: ich will mich ſchon ſelbſt vertheidigen!“ denn Mutter Kitty antwortete mit der größten Ruhe:„Halt Du den Mund, Sir, und danke für die Hülfe; denn Du kannſt überzeugt ſein, Sir, der Capitain jagt Dich weg, wenn Du ſchon am erſten Tage gezeichnet nach Hauſe kommſt!“ Außer dieſen Liebesbeweiſen ließ ſich die Alte ſogar herab, daß ſie, nachdem der Franzoſe deſertirt war, dem Albin ſelbſt einigen Unterricht in den Geheimniſſen der Kochwiſſenſchaften und viele recht gute Rathſchläge er⸗ theilte, deren Albin ſich noch lange erinnerte. Als der junge Koch endlich fertig war, um ſich mit ſeinem Keſſel an Bord zu begeben, hatte er die Dreiſtig⸗ keit, Mutter Kitty auf die einnehmendſte Weiſe überreden zu wollen, ihm auf die Schuld ohne das Pfand der neuen Kleider Kredit zu geben, denn es wäre doch ſehr hart, ihrer entbehren zu müſſen, wenn man die Sache recht bedächte; dagegen verſprach er auf das Beſtimm⸗ teſte, der Mutter Kitty das Ihrige zu ſchicken, ſobald er ſein Monatsgeld erhalten hätte. In dieſem Punkte aber war die Alte ganz unbe⸗ weglich; doch ihre Weigerung, obgleich ſie immer eine Weigerung blieb, enthielt ſo viel Güte, daß Albin ſich dadurch nicht beleidigt fühlen konnte. Als er mit ziemlich herabgeſtimmter Laune auf die 2²0 Brigg kam, waren die Leute ſchon in voller Arbeit mit dem Einladen, und er konnte daher in aller Stille ſeinen neuen hübſchen Seemannsanzug, das letzte Geſchenk der guten Frau Wolk, hervorſuchen, ohne daß Bas etwas davon merkte— dieſes war nämlich von großer Wich⸗ tigkeit, weil Bas ſonſt das ganze Manbver zu Waſſer gemacht haben könnte Die Kleider wurden in den Keſſel geſtauet, welcher zu Mittag in dem Kochhauſe Dienſt thun ſollte; als er dort aber ſeinen Schatz hervorzog, ſo erklärte Mutter Kitty, Bas hätte ihr ſchon die Nachricht gegeben, er wollte für das ganze Pfand ſetzen, und er würde gewiß ſehr böſe werden, wenn Albin das Seinige nicht behielte. „Ach ſo,“ ſagte Albin vor Verdruß erröthend,„bin ich denn ein Windelkind, das gar nicht weiß, was es zu thun hat? Sehn Sie aber, Mutter Kitty! nun gehe ich zu einem Kleidermakler und verkaufe die Kleider: da müſſen Sie doch wohl Ihr Geld nehmen?“ „Das darfſt Du nicht thun, Sir!“ ſagte die Alte in befehlendem Tone—„daraus wird nichts!“ „Ja, daraus wird etwas, da ich's geſagt habe!“ erklärte Albin und nahm das Paket unter den Arm, um das Kochhaus zu verlaſſen. „Schämſt Du Dich nicht, Sir, daß Du Dich dem Befehle Deiner Mutter widerſetzeſt?“ rief Mutter Kitty halb böſe aus und riß ihm die Kleider weg.. „Wollen Sie die Kleider denn als Pfand behalten?“ G„Ja wohl, mein Kind, da erhältſt Du ſie doch wenigſtens zurück, wenn wir uns wieder treffen!...“ „Ach, wie ſoll Bas belauert werden, wenn er nun mit ſeiner Jacke kommt!“ ſagte Albin ſeelenvergnügt zu ſich ſelbſt; und die Freude, der Großmuth des guten Bas zuvorgekommen zu ſein, machte das Gefühl ſeiner eigenen Verlegenheit weniger bitter. An einem Abende, einige Tage ſpäter, als das Ein⸗ laden beendigt wär, kam der Capitain an Bord und ab den Befehl, Alles ſollte beim Eintritt der Ebbe zur Abfahrt in Ordnung ſein. mat Alb⸗ Bas Klei gerit und tief gehö aus in d Cap Boo zu b begle führ auf Göte habe hatte obgl’e ſenkt ausl denn fen mit Ach, kein nicht wir d t mit einen fk der etwas Wich⸗ Jaſſer elcher ils er kutter , er gewiß hielte. „bin es zu he ich da Alte abe!“ , um ) dem Kitty ten?“ doch 44 r nun gnügt guten ſeiner Ein⸗ d und be zur 221 Albin ſah, daß Bas einige Worte zu dem Steuer⸗ mann ſagte und darauf mit der Jacke an's Land ging. „Iſt Alles ſchon abgemacht, mein Junge!“ dachte Albin; doch was dachte er wohl, als nach einer Weile Bas ohne Jacke wieder kam und auch ſeine eigenen Kleider nicht mitbrachte. „War denn auch dieſe gute alte Frau eine Betrü⸗ gerin? Iſt die Welt denn nur mit Mördern, Schurken und Betrügern bevölkert?“ Der arme Knabe ſeufzte ſo tief und ſo ſchwer, daß, wenn Jemand dieſen Seufzer gehört hätte, er gewiß verſtanden haben würde, er käme aus einem ſchwr betrübten Herzen. Aber er wurde bald in die Gegenwart zurückgerufen von der Stimme des Capitains, welcher ihm befahl, mit drei Mann in's Boot zu gehen, um die Brigg auf den Strom hinaus zu bugſiren. Ehe wir aber unſern Helden weiter auf ſeiner Bahn begleiten, möchte es Zeit ſein, den kleinen Brief anzu⸗ führen, welchen er an dem Tage nach ſeiner Anſtellung auf der Brigg Iduna an ſeine mütterliche Freundin in Göteborg ſchrieb. „Beſte, gute, theuerſte Frau Wolk! „Da ich keine Unwahrheit auf meinem Gewiſſen haben will, ſo beginne ich damit, daß ich bekenne, Sie hatten Recht in Ihrem Urtheile über den Capitain Donnert. „Ich habe vieles Ungemach bei ihm ausgeſtanden, obgleich er eben nicht ſchlimm gegen mich war. Er ver⸗ ſenkte das Fahrzeug, nachdem er es zuvor irgendwo hatte ausladen laſſen— wo, das weiß ich nicht beſtimmt, denn ſie hatten mir viel Wein gegeben, damit ich ſchla⸗ fen ſollte, und dann hatten ſie die Luke verſchloſſen, da⸗ mit ich nicht heraufkommen könnte, wenn ich erwachte. Ach, Frau Wolk! Sie können glauben, dieſe Nacht war kein Spaß, denn ich erwachte und hörte Vieles, was ich nicht Alles erzählen kann. Einige Tage ſpäter wurden wir des Morgens von einem Lootſen boote vor der Mündung 222 der Themſe aufgenommen: hier bohrte nämlich der Ca⸗ pitain das Fahrzeug Snare⸗Swen und verſenkte es, obgleich er mich glauben machen wollte, daß es leck geworden war und darum ſank. Sobald wir nach Gravesend gekommen waren, lief ich ihm weg, und nachdem ich mich acht Tage lang verborgen gehalten, ſchickte mir Gott, ſchon da ich zum zweiten Male ausging, den großen, guten Matroſen Bas entgegen, von welchem ich Ihnen oft erzählt habe. Von ihm erfuhr ich, daß er den Fliegfiſch verlaſſen hatte, denn Achilles, der gute Achilles, war todt— Gott ſei gelobt es war für ihn gewiß das Beſte! — und Sie, Frau Wolk und Jungfer Greta, können ſich denken, wie gerührt ich war, als ich erfuhr, daß er in ſeinen letzten Augenblicken noch an„weißer Junge“ gedacht und mir ſo viele warme Grüße geſchickt hat. Bas, der nun als Matroſe auf der Brigg Iduna von Gefle reist, iſt ſo gut geweſen, mir auf eben dieſem Fahrzeuge unter einem ehrlichen und guten Capitain einen Platz zu verſchaffen. Ehe ich an Bord kam, rieth mir Bas, Donnert's Schurkenſtreiche anzugeben; das that ich denn auch bei dem ſchwediſchen und norwegi⸗ ſchen Conſul. Aber können Sie wohl glauben, daß Donnert behauptete, er kennete mich gar nicht? Er kam aber dennoch in's Gefängniß, und dort wird er wohl für's Erſte ſitzen müſſen; aber verurtheilt wird er wohl aus Mangel an hinlänglichen Beweiſen nicht werden können. „Ach, die Menſchen ſind ſehr ſchlecht, aber eine herzlich hute Frau habe ich doch im Kochhauſe getroffen“(als Albin dieſes ſchrieb, hatte er ſeine vermeinte Erfahrung noch nicht gemacht),„Gott ſei gelobt, daß es doch auch gute Menſchen gibt! Die beſte, die zärtlichſte iſt aber dennoch in Göteborg: das ſind Sie, Frau Wolk, die ich ſo herzlich liebe und ehre! Aber haben Sie die Güte, mir keine Vorwürfe zu machen, weil ich nicht zurückkehre: es war etwas in mir, welches ſagte, ich dürfte es jetzt nicht thun. Iduna kommt wohl bald nach Schweden, und da bin ich vielleicht in den beſten Umſtänden. Ich Ca⸗ leich war men acht ſchon ſuten nnen rung auch aber e ich Güte, ehre: jetzt eden, Ich 223 habe ein Pfund im Monate— denken Sie, liebe Frau Wolk und Jungfer Greta auch— ein Pfund, das iſt viel in ſchwediſchem Gelde, können Sie glauben! „Alle Tage, beinahe alle Tage, leſe ich ein Capitel im neuen Teſtamente, und hiebei erinnere ich mich mit dem Herzen voller Thränen aller der Stunden, da ich vor Ihnen ſtand und Rechenſchaft ablegte von meinen Gedanken und von demjenigen, was ich gelernt hatte— und Sie können glauben, Frau Wolk, wenn ich auch jetzt nicht mehr komme, wie damals, ſo komme ich dennoch in Gedanken— ſo wie zu Gott: denn es war Gott, der Sie an dem Morgen ausſchickte, als ich vor der Apotheke ſtand. „Jungfer Greta kann auch überzeugt ſein, daß ich Sturm's Gebetbuch nicht vergeſſe— auch vergeſſe ich Jungfer Greta ſelbſt nicht. Auch an die gute Frau Märta denke ich ſehr oft. „Haben Sie die Güte, beſte Frau Wolk, und laſſen Sie Frau Märta kommen, und leſen Sie ihr meinen Brief vor, und ſagen Sie ihr, daß ich ſie herzlich grüßen laſſe und um Verzeihung bitte, daß ich an den Sonn⸗ tagsmorgen immer ungeduldig und böſe war, wenn ſie meine Haare kämmen wollte— ſie kann aber überzeugt ſein, daß ich das jetzt ſehr gut ſelbſt kann. „Jetzt, Frau Wolk, ſollen Sie um meinetwillen nicht beſorgt und unruhig ſein, denn der Capitain Flyborg iſt nicht nur ein allgemein geachteter Schiffscapitain, ſondern auch ein gottesfürchtiger Mann, das ſehe ich an Allem. Und dann habe ich Bas: er iſt zwar nur ein Matroſe, aber er hat dennoch mehr Herz und mehr Ehre, als mancher Capitain. „Haben Sie die Guͤte, Frau Wolk, und grüßen Sie vielmals den artigen Tibb und den Magiſter: ſeien Sie verſichert, daß ich nicht vergeſſen werde, was ich gelernt habe. Hat Tibb es ſchon gelernt, die Tabacksdoſe zu tragen? „Adieu, ſüße, gute, theure Frau Wolk! Sobald 19 etwas zu ſchreiben habe, werde ich es auch thun. J 224 würde ſehr, ſehr froh ſein, wenn ich unter der Adreſſe des Capitains Flyborg einen Brief erhielte: wir ſegeln in das mittelländiſche Meer— auf dem Großhändler⸗ comptoire N.. in Gefle wiſſen ſie ganz gewiß, wo der Capitain Flyborg mit Briefen zu treffen iſt. „Noch einmal.. leben Sie wohl. „Ihr ergebenſter und immer dankbarer „Albin Jentzel. „N. S. Ich rettete gottlob die neuen Kleider, die Brieftaſche mit Tibb's Portrait, das neue Teſtament und Sturm's Gebetbuch... Ach, wie liebe ich Sie, Frau Wolk: jetzt mehr als ſonſt!— denn wenn Einem das Gute fehlt, kennt man ſeinen Werth erſt recht.“ Albin ſagte kein Wort von dem Schickſale der Kleider und des Geldes: der ganze Brief athmete alſo ſein warmes, kindliches Herz, zeigte aber auch zu gleicher Zeit ein ſtolzes Ausweichen, ſolche widrige Schickſale zu berühren, welche mit erwähntem kleinen Stolze in Widerſpruch ſtanden. Früh am folgenden Morgen, ehe noch der Nebel ſich von ſeinem Bette auf der ruhigen Oberfläche der Themſe erhob, durchzitterte Bas' tiefe und klare Stimme den Raum, da er, accompagnirt von den Kameraden und von dem Geraſſel der ſchweren Ankerkette, mit dem Lichten des Ankers beſchäftigt war. Seine athletiſche und geſchmeidige Geſtalt, wenn er, mit dem linken Fuße auf dem Spill, ſich erhob, um dem Zuge mit der gewaltigen Handſpake größere Kraft zu geben, bildete einen Typus unſerer hurtigen, faſt adeir ſorgenfreien und lebensluſtigen ſchwediſchen See⸗ gaſten. Der Lichtungsgeſang, welchen Bas jetzt wie immer mit großer Vorliebe anfuͤhrte, hatte folgende, zu gleicher Zeit kräftige und wehmuthsvolle Melodie: ddecke ,— ſeitig das 2 längſt mona wöhnl Freier waren, nebſt e „ der S Frauen der Bi die Se Der —— lichte Dich, und zieh, pall! ———y— Ho, hei! zieh an und lichte Dich, pall! ———y=——— 1 S 1. Zieh an, hei! und lich⸗ te Dich, pall! Zieh an, hei! —ſß——— 5—y— —,—,—————— HO— Bald war die Kette eingezogen und auf dem Ver⸗ decke klar gemacht, die Boote aufgehißt und befeſtigt, der Lootſe an Vor— und da der Wind gut war, ſo glitt binnen Kurzem die ſchwediſche Iduna mit vollen Segeln durch den Kanal. Sie war nach dem mittelländiſchen Meere befrachtet. Am Nachmittage, als eben Albin und Bas gegen⸗ ſeitig über Mutter Kitty ihre Herzen ergoſſen— etwas, das Bas am meiſten zu Herzen ging, denn er hatte längſt ausgerechnet, daß drei Jahre mit zwei Pfund ämli inge wie ge⸗ , die einem Freier zu Poll anſtändig wären— als ſie eben dabei waren, kam der Steuermann und gab Bas zwei Paquete „Unter meiner Wache in dieſer Nacht,“ ſo erzählte der Steuermann,„legte ein Boot an, und ein Paar rauenzimmer, die darin ſaßen, gaben mir dieſes mit der Bitte, es Dir nicht eher zu geben, als bis wir in die See hinaus gekommen wären!“ Der Jungferthurm. 15 226 Ohne etwas begreifen zu können, eilte Bas mit Albin und dem koſtbaren Funde hinab in die Schanze, und bald lag vor ihren erſtaunten Blicken Albin's neuer Anzug, begleitet von einer Pelzjacke und zwei Hemden. Bas dagegen konnte ſeine Seele an einer ſo gut wie funkelnagelneuen Friesjacke anſtatt ſeiner eigenen er⸗ freuen, wonebſt ſeine Augen funkelnd auf zwei rothen, ſeidenen Schnupftüchern, an der Ecke mit 0. B. gezeich⸗ net, und ferner drei Hemden und einer eleganten See⸗ mannsweſte weilten. „Nun ſo belohne und ſegne Gott die verdammte Alte, die mich ſo belauern konnte!“ ſtotterte Bas, indem er in fliegendem Entzücken das eine Stück nach dem andern verſuchte.„Ja, ja, das iſt dennoch ein Wort, warauf man ſich ſetzen kann: unſer Herr hilft zu aller Letzt, wenn Einer nur den Muth nicht verliert... Ach, Herr mein himmliſcher Vater, welche kleine feine Schute würde wohl Poll nicht werden!... Ei, es wurde mir wirklich ſonderbar zu Muthe, als ich den Gedanken aus⸗ dachte, und der gute Gott könnte es wohl, wenn es ihm gefiele, ſo einrichten, daß ich Rheder und Schiffer auf dieſer Schute würde... Ach, luſtig hei, hei luſtig und Die Katz' iſt doch mein Geſchwiſterkind— ich glaube, ich muß tanzen.. 4 „So ſei aber nun doch ſtille!“ bat Albin, deſſen eigene Gefühle in dem bethränten Blicke zu leſen waren, „ſei ruhig und lies den Brief: vielleicht läßt Mutter Kitty mich grüßen— lies laut!“ „Ja...o ja!“ ſagte Bas in einem veränderten, ſonderbaren Tone; darauf erbrach er den Brief, durchlief denſelben und ſteckte ihn in die Taſche. „Nun, was ſchreibt ſie denn?“ „O, allerlei!“ „Iſt er von der Alten oder von Poll?“ „Von der Alten... oder Poll— ich glaube... Du kannſt wohl begreifen, 3 Poll nicht... doch weiß der Teufel: vielleicht.. nein. ja... es iſt einerlei!“ 4 3 1 9* deſſen aren, tutter erten, & chlief 3e... weiß rlei!“ 227 und bei allen dieſen Widerſprüchen wurde Bas immer betrübter, ſo daß er zuletzt gar jämmerlich ausſah. „Was kommt Dir denn an?“ fragte Albin be⸗ kümmert. „Das,“ antwortete Bas mit einer ſchnellen Röthe auf der braunen Wange,„ich kann nicht Schwediſch zuſammenbuchſtabiren, geſchweige denn engliſche Schrift — lies Du!“ Und hiebei, als fühlte er ſich von Scham überwältigt, daß er ſo unwiſſend erſcheinen mußte vor einem Knaben, den er zu leiten übernommen hatte, eilte er auf das Deck, ſteckte aber augenblicklich den Kopf wieder zur Luke herein und fragte leiſe:„Es i wohl nicht von Poll?... Doch warte— ich will nach⸗ ſehen, daß keiner von den Andern uns ſtört!“ Und zu dieſem Zwecke legte ſich Bas, ſo lang er war, auf das Verdeck und ſteckte immerwährend den Kopf zur Luke herein:„So— fange nun an!“ Albin öffnete den Brief und begann folgender Maßen: „Mein lieber Sohn Bas!“ „O Teufel! es iſt alſo von der Alten.— doch weiter „Obgleich Du Dich aufgeführt haſt wie ein elender Wicht... „Was ſagt ſie? ſteht dort wirklich elender Wicht? Du biſt gewiß ein Wicht im Leſen, Du, mein lieber Alübinee „Möchte es kaum glauben: i leſe Engliſch eben ſo gut, wie Schwediſch.“ cj j „Nun ſo laß denn gehen!“ „Obgleich Du Dich aufgeführt haſt, wie ein elender Wicht, da Du Dir von den Franzoſen das Geſicht kal⸗ fatern ließeſt...“(ich will ſterben,“ interfoliirte Bas mit zuſammengebiſſenen Zähnen,„wenn ich nicht alle Franzoſen, die ich treffe, blau anſtreiche“)„„... ſo biſt Du mir dennoch der liebſte von allen meinen Jungen...“ („aha— jetzt geht der Wind in eine laue Kühlte uͤber 14) „.. und Du kannſt überzeugt ſein, daß Poll...“,(„ſtopp einmal! dergleichen muß man langſam genießen,“ ſagte 228 Bas feierlich, indem er, ſich auf den einen Ellenbogen ſtützend, einige Tabaksblätter hervorholte, welche gehörig eingeſtaut wurden,„.. ſo, ſetz nun in Gang; laß aber kein einziges Wort aus und lege keines hinzu— das ſage ich Dir!“)„.. daß Poll von Dir eben ſo viel hält, wie ich, ja wohl noch ein wenig mehr. Sie hat die Hemden genäht und die Schnupftücher gezeichnet und mich gebeten, Deinen Rock mit dem meines Sohnes, des ſeligen Eduard, den der Herr vor zwei Jahren zu ſich nahm, auszutauſchen. Ferner ſendet ſie Dir einen hüb⸗ ſchen Gruß und verſpricht Dir treu zu ſein, ſo lange ſie geſagt hat: und ich meines Theils habe nichts dagegen, daß Du ſie unter Convoi nimmſt— daß Du daran aber nur nicht denkſt, ehe Du fünfzig Pfund erworben haſt; dann lege ich eben ſo viel Kinzi... „Fünfzig Pfund?“ fluͤſterte Bas— ſein Ton hatte durch die ſtarke Rührung, welche ihn während des letzten Theiles von jedem Ausrufe abgehalten hatte, jetzt kaum noch einen Laut.„Das iſt nicht ſo wenig, das, Albin! Aber wenn ich auch ſo manche durchſchwitzte Jacke be⸗ komme, ehe ich ſie zuſammen kriege, ſo ſollen ſie dennoch zuſammen! Ach, ich armer Sünder! verdiene ich wohl ein ſolches Glück?— Die Schnupftücher gezeichnet!... die Hemden genäht!... Schreibt die Alte noch mehr?“ „Noch ein Paar Zeilen!“ 1 „Wenn Du in der linken Weſtentaſche nachfühlſt, ſo liegt dort ein Andenken von Poll: eine Haarlocke und ein kleines goldenes Herz, das ſie als Kind um den Hals trug... Grüße meinen kleinen, ſteifnackigen Koch, mein kleines Kind— und möget Ihr Beide immer auf ſolchen Wegen wandeln, daß Ihr, ohne die Augen niederzuſchlagen, wieder ſehen könnet „Eure getreue Mutter „Kitty Tilburney.“ Der entzückte Bas hatte keine Zeit, aufzuſtehen, ſondern ſtürzte köpflings durch die Luke herab, riß die Kleider auf, und da er die kleine Haarlocke und das „ 229 kleine Herz fand, das Poll als Kind getragen hatte, brach er in Thränen aus. Bas hatte nicht geweint ſeit der Zeit, da er als Kind in der Schlafkammer des Hobergsalten ſpielte. Albin überlegte bei ſich ſelbſt, welch ein wunderliches Gefühl es ſein müͤßte, wenn man verliebt iſt, da Bas, der ſtarke Matroſe Bas, davon ſo ſtark ergriffen werden konnte. Der Befehl des Capitains rief Beide bald auf das Verdeck; doch ſo oft ſie ſich begegneten, zeigten ihre Blicke, wie glücklich das Geſchenk der Mutter Kitty ſie Beide gemacht hatte. ach Verlauf von einigen Tagen ſchwankte Iduna auf dem atlantiſchen Oceane. Albin, welcher den Rath des Capitains Flyborg ſehr gut behalten hatte, übte ſich fleißig, in der Takelage zu klettern, und Bas entwickelte als Lehrer eine Sach⸗ kenntniß, von welcher der Schüler ſtets die Früchte erntete. der ſtets mit ſolcher Pünktlichkeit ſeine Pflichten erfüllte. Auch Albin fühlte ſich recht glücklich, denn bis jetzt hatte er noch keine einzige Demüthigung zu ertragen gehabt, die ſein reizbares Gemüth beleidigen konnte. ber an einem Sonntage, da das Fahrzeug in der ſpaniſchen See lag, kam Albin, der eben die Speiſe abgetragen und nach dem Mittagseſſen in der Kajüte des Capitains aufgeräumt hatte, zu Bas, welcher in der Koje hinwarf.„Hat die alte Dogge hinten Dich an⸗ geknurrt?“ Noch immer ſchwieg Albin, doch die Farbe auf ſeinen Wangen wurde in demſelben Verhältniſſe bleicher, als die Flamme in ſeinen Augen ſtärker blitzte. 230 „Sol erleichtere nun Dein Gemüth! man ſieht es Dir an, daß Du die Pumpe in Gang ſetzen mußt.... Ich meinte ſonſt, Du ſtändeſt ſo gut bei ihm?“ „Gut?... bin ich ein Hund, Bas?“(Albin fuhr mit der geballten Fauſt durch die Luft)—„ſage, bin ich ein Hund?.. ſchlechter als ein Hund?... ſchlechter als ein Sklave?“ „Still, mein Junge! ich glaubte nicht, daß Du ſo wilden Sinnes wäreſt— komm nun aber zu Dir ſelbſt, und laß hören, welche Noth vor der Thür ſteht!“ „O!“ ſtöhnte Albin,„der Capitain hat mich auf die niederträchtigſte Weiſe verletzt, betrübt, beleidigt!“ „Aha!“ murmelte Bas,„ich beginne Schwediſch zu verſtehen— aber ſage mir doch.. Erſt nach einiger Zeit war Albin im Stande, ſein „Herz auszuſchütten, nachdem er gleichwohl zuvor von Bas das heiligſte Verſprechen genommen hatte, daß dieſer die gräßliche Erniedrigung nie verrathen ſollte, welche Albin hatte ertragen müſſen. „Wie Du weißt, hat der Alte des Sonntags immer Sagoſuppe zum Mittage. Eine Weile, nachdem ich das Eſſen hinabgetragen hatte, rief er gegen alle Gewohn⸗ heit:„Koch!“ Ich ſprang hinab, und ſobald ich ihn nur anſah, wußte ich gleich, daß er ärgerlich über etwas war, wunderte mich aber darüber, was es ſein könnte, das er in dem Löffel zuſammenrührte und mit Salz und Pfeffer miſchte. Darauf winkte er mir, näher zu kom⸗ men, und mit einer Miene, als gälte die Antwort Leben oder Tod, fragte er:„Habe ich Dir befohlen, reinlich und ordentlich zu ſein?“...„Ja!“ antwortete ich, denn das hatte ſeine Richtigkeit....„Habe ich Dir beſonders befohlen, die Grütze zu reinigen, von der Du das Eſſen bereiteſt?“... Ich wagte nicht zu antworten, denn nun entſann ich mich— und Du kannſt glauben, mit großer Betrübniß— daß ich vergeſſen hatte, ſie zu reinigen. „Kannſt Du die Speiſe eſſen, die Du ſelbſt kochſt?“ ſagte er. Ich fühlte, daß ich blutroth im Geſicht wurde, denn ich verſtand die Meinung.... Aber erlaß mir das Uebrige, 231 Bas— genug: er zwang mich, verſtehſt Du, zwang mich, niederzuſchlucken, ſo wie man ein Kind zwingt, dem man Arzenei eingibt. Dann ſagte er noch:„Er⸗ innere Dich, daß ich an kein Dingen dachte, als Du Deine Miethe begehrteſt, darum erlaube ich Dir nun ebenfalls nicht, von Deinen Pflichten etwas abzudingen, ſondern ich mache es mit Dir gerade ſo, wie man es Pnit niie machte, als ich noch Junge war.... Jetzt magſt u gehen!“ „Ha, ha, ha!“ lachte Bas!„das war auch etwas, um darüber in Zorn zu gerathen! Solche Bewirthung erhielt ich jeden zweiten Tag, da ich als Koch reiste.— Und Du biſt mit dieſem Lumpenhunde Donnert gefahren, und kannſt etwas an dem Capitain Flyborg zu hecheln haben, gegen den Du gefehlt hatteſt und von dem Du Deine Strafe anzunehmen ſchuldig warſt?“ „Capitain Donnert war ein großer Schurke, aber er verletzte mich nie auf eine ſolche Weiſe!“ „Und Du wollteſt lieber dem Befehle eines ſolchen Kerls gehorchen, wenn er Dir nur bisweilen ein wenig ſchmeichelle, als unter einem ehrlichen Manne reiſen, der ſeine Schuldigkeiten kennt und will, daß auch Andere die ihrigen erfüllen ſollen! Nein, lieber Junge, jetzt biſt Du in eine unrechte Tonne gehüpft— und willſt Du meinem Rathe folgen, ſo gehſt Du zu ihm und bitteſt um Verzeihung!“ „Das hätte ich gethan, wenn er mir Zeit dazu gegönnt hätte— aber nun, nachdem er... nein, Bas, wer geſtraft hat, der hat kein Recht, eine ſolche Höflichkeit zu fordern. Werde ich aber einſt Capitain, ſo will ich niemals vergeſſen, daß der Koch und der Schiffsjunge ebenfalls ein eben ſo feines Gefühl und einen eben ſo deoßen zlbſchen vor Demüthigungen haben können, wie ich ſelbſt!“ Und hiemit kroch Albin hinauf in ſeine Koje und verſchlief ſeinen großen Verdruß. 232 Einundzwanzigſtes Capitel. Veränderung in Albin's Ausſichten. Die Reiſe ging glücklich unter dem günſtigſten Wet⸗ ter, bis das Fahrzeug die Einfahrt in die Meerenge von Gibraltar erreichte. Hier aber entſtand ein Sturm von ſolcher Stärke, daß die Brigg, welche mit Bovenbram⸗ und Unterſegeln ging, in einem ſolchen Grade krengte, daß es einige Mal ausſah, als wollte ſie kentern. Der Capitain Flyborg ſah ſich endlich wider ſeinen Willen gezwungen, Ordre zum Bergen und Beſchlagen zu geben. Albin erhielt den beſondern Befehl, auf dem ramraanock Platz zu nehmen, und begab ſich ohne Bedenken hinauf. Bas folgte ihm dicht auf den Ferſen, als Albin an den Wanten der Luvſeite hinaufenterte. „Halt Dich gut feſt, Junge!“ ſchrie der für ſeinen jungen Schützling beſorgte Lehrmeiſter mit gewaltiger Stimme.„Verlaß Dich gar nicht auf die Füße, ſon⸗ dern nur auf die Fäuſte— ſchlägt's Dir Triller vor den Augen, ſo rufe nur mich!“ 3 „Hat keine Gefahr, Bas!“ rief Albin, der nicht für ſchlechter gehalten werden wollte, als ein Andrer. Bas aber ärgerte ſich grimmig über den Capitain, der den Jungen zu einer Arbeit ſchickte, welche nur erfahrenen Seeleuten anſtand. Endlich kamen ſie hinauf zu der Bramraa, und Albin begann ſie entlang zu klettern. Bas folgte dicht hinter ihm her.— „Halt Dich mit dem Arm gut feſt um die Raa, mein Junge, und mache, daß Du die Partleine recht ſtraff hältſt! Krieche Du nur ſachte hin nach dem Raa⸗ nock, verſuche aber nicht zu helfen— Du haſt noch nicht Uebung genug dazu— ich will auf meiner Seite das Segel ſchon allein beſchlagen!“ Die müde Iduna, in jeder Stunde von einer tanz⸗ luſtigen Welle aufgeboten, wurde hineingeriſſen in den 233 Wirbel des wilden Tanzes, der auf dem Meere aufge⸗ führt wurde. Oben in der Luft ſchwenkten ihre eigenen treuen Ritter in den weiten Kreiſen umher, welche die Maſten auf einer ſolchen Höhe beſchreiben mußten. Hundert Mal wohl war Albin auf dem Bovenbram⸗ raanock geweſen: er hatte den Wimpel umgedreht und ſich ſogar auf die Spitze geſetzt— doch da war es ſtill geweſen. Jetzt begann es vor ſeinen Augen bei den Schwenkungen des Fahrzeuges rundum zu gehen: ſeine Sinne verwirrten ſich, und es war ihm, als wäre es ein Genuß, das Tau los zu laſſen und ſich hinunter in die Tiefe zu begeben. „Bas! Bas!— ich... falle!...“ ſchrie er: Albin ließ wirklich das Tau los. Aber Bas griff in eben die⸗ ſem Augenblicke mit ſeiner gewaltigen Fauſt nach dem Kragen ſeiner kleinen Jacke. Aber dieſe war zu ſchwach für das Gewicht: ſie blieb in der rettenden Hand und Albin ſtürzte in das Waſſer. Der augenblickliche Gedanke unſeres Bas war, ſich ſelbſt ihm nachzuſtürzen; aber eben ſo ſchnell faßte er die gefährliche Lage des Fahrzeugs und die Gefahr für das Leben Aller auf, und wagte daher den Befehl, die Segel zu beſchlagen, nicht zu übertreten; daher rief er, ſo laut er vermochte:„Capitain, ohoi!... der Junge iſt über Bord... ohnmächtig!“ „Mein Werk!“ murmelte Capitain Flyborg bei ſich ſelbſt, indem er mit der ſchnellen Bewegung eines Jüng⸗ lings zu dem Steuernden eilte und commandirte:„Laßt den Rettungsboi fallen— ſetzt dann das Schiff in den Wind und fallt bei Zeiten ab!“ In einem Augenblicke hatte er die Jacke abgeworfen und zu dem Steuermann geäußert:„Der Steuernde hat Ordre.. ein Tauende bereit uns au zufiſchen!“ Und in der nächſten Sekunde(er war zu gleicher Zeit auf die Regeling geſprungen) ließ er den Stag des Maſtes, woran er ſich feſthielt, los, und verſchwand in dem ſchäumenden Elemente, als eben die Brigg mit fürchter⸗ „ 234 lichem Stampfen ihren Steven gegen den Wind ſetzte, ſo daß ſie faſt ſenkrecht zu ſtehen kam. Daß der Knabe beim Falle ohnmächtig war, machte, nach dem Gedanken des Capitains Flyborg, die Gefahr nur noch größer und veranlaßte das edle Wageſtück. Sobald aber Albin in's Waſſer gekommen war, erhielt er die Beſinnung augenblicklich wieder; und da er bald ſeine Lage vollkommen begriff und ein geſchickter Schwim⸗ mer war: ſo war er eher derjenige, der ſeinem Retter beiſtand, als dieſer ihm. Iduna fiel ab, bald hatte ſie den Rettungsboi mit ſeinen beiden Menſchenleben in ihrem Kielwaſſer, und ehe eine Viertelſtunde verging, ſtanden der Capitain und der Kochjunge wohlbehalten auf dem Verdecke. „Schon bezahlt, das Ding... wollte wünſchen, daß ſich jeder Schiffer ein ſolches anſchaffte!“ war die einzige Aeußerung des alten Flyborg, indem er auf den Boi deutend in ſeine Kajüte hinabſtieg. Nach fünf Minuten war Albin umgekleidet, und nach noch andern fünf Minuten lag er, trotz aller Vor⸗ ſtellungen, die Bas machte, wieder neben dieſem auf dem Raanock, um das Segel völlig zu beſchlagen. Dießmal aber ſtellte ſich kein Schwindel ein. „Wie iſt's mit dem Jungen, war die erſte Frage des Capitains, als er heraufkam. „Dort iſt er!“ antwortete der Steuermann und deu⸗ tete nach oben. „Gut— wird ein tüchtiger Seemann!“ Gegen Mittag war der Sturm in eine gute friſche Kühlte uͤbergegangen. Albin war wieder in ſeinem Kochamte und trat mit dem Mittageſſen des Capitains in die Kajüte. „Höre, Knabe!“ begann Capitain Flyborg und hef⸗ tete ſeine Augen forſchend auf den Jüngling,„ſage auf⸗ richtig, ob Du nicht meinteſt, ich handelte unrecht, als ich Dich auf den Maſt klettern ließ in einem ſo ſtarken Sturme?“ —omr um und nel mie bel ſeh wil die hal Dit wer mei dock auf bild übe Dir Dir beſi „ſo⸗ ein mu abe zwi zwi bra alle ſend der das und 235 tte,„Nein, Herr Capitain!“ „Gewiß aber meinteſt Du doch wohl, es ſei Schade hte, um einen ſo feinen Knaben?“ ahr„Gewiß nicht, Herr Capitain: ich habe meine Miethe ück. und thue meine Pflicht! Wenn Sie es aber nicht übel ielt naehmen wollten, ſo wollte ich Sie ganz ergebenſt bitten, ald mich lieber Lümmel, Dummkopf oder was Sie ſonſt im⸗-⸗ belieben zu nennen, als einen„feinen Knaben“; denn h tter ſehe ich fein aus, ſo kann ich dafür nicht— und dann . will ich dem Herrn Capitain recht herzlich danken für 1 mit die Hülfe: nicht viele Capitaine würden ſo gehandelt und haben!“ und„Keinen Dank, Junge! Nun aber höre, was ich Dir zu ſagen habe: ich ſelbſt bin ein ſchlechter Seemann, daß wenigſtens bei weitem keiner der beſten, was ſich am ige meiſten von meiner vernachläſſigten Erziehung herſchreibt; 0t doch mein Lebenszweck und meine Beſtrebung geht dar⸗ auf hinaus, tüchtige Seeleute für unſere Handelsflotte zu und bilden, und das iſt mir denn durch Gottes Gnade mehrmals dor⸗ über meine Erwartung gelungen. Da ich alſo nun in auf Dir einen guten Stoff dazu ſehe, ſo habe ich beſchloſſen, Dirr die theoretiſchen Kenntniſſe mitzutheilen, welche ich V beſitze, wenn Du es willſt!“ age„Herr Capitain!“ ſtotterte Albin heftig gerührt, „ſollte es wohl möglich ſein, daß...“ deu⸗„Gut, gut, ich ſehe, Du gehſt auf den Vorſchlag b ein— alſo wirſt Du im nächſten Hafen als Koch abge⸗ b muſtert und als Kajütenwächter wieder aufgemuſtert... aber Du erhältſt keine Miethe. Drei Jahre lang beſteht zwiſchen Dir und mir ungefähr ein Verhältniß wie ſche zwiſchen Vater und Sohn: ich gebe Dir, was Du . V brauchſt, und damit ſtopp!— Gefällt Dir dieß auch?“ mit V„Ach, Herr Capitain, das gefällt mir gerade am allerbeſten— ja es gefällt mir ſo, daß ich lieber tau⸗ hef⸗ ſendmal in den Tod gehen, als dem mißfallen wollte, auf⸗ der mir an Vaters Stelle ſein will!... Ach, wie wird ich ddas meine gute Frau in Göteborg und Jungfer Greta e? und Bas freuen!... Verzeihen Sie, Herr Capitain, 236 wenn ich den Reſpekt vergeſſe; aber Sie merken wohl, daß es nicht aus Mangel an Reſpekt geſchieht, ſondern darum, weil das Herz ſo voll iſt!“ „Gut, Junge! 83 iſt ein Glück, wenn man ein friſches Herz und ein dankbares Gemüth hat— vergiß aber nicht, daß Du fortwährend Koch biſt, bis Du ab⸗ gemuſtert wirſt!... Jetzt ſei Gott mit Dir... geh!“ Als Bas die große Neuigkeit vernahm, ſo ſah er nach der Takelage, das heißt gen Himmel, und nahm den Hut ab, als wollte er auch durch dieſe Ehrfurchts⸗ bezeigung Ihm danken, der ſeine häufigen Gebete für Albin gehört hatte. Nachdem dieſe kleine Andachts⸗ übung augenblicklich gethan war, rief er mit jubeln⸗ dem Tone aus:„Jetzt, mein Junge, vergehen nicht mehr als zwei, höchſtens drei Jahre, ſo ziehen wir den großen Querſtrich zwiſchen Steuermann Jentzel und Olle Bas!... Hei luſtig: Die Katz' iſt doch mein Geſchwiſterkind! ... ſo ſoll's gehen— friſchen Wind in die Segel!“ „Ach, wenn's nur ſo fortgehen wollte!“ ſeufzte Albin.„Mir iſt ſo bange, daß mein altes Unglück wiederkommt und mir einen Poſſen ſpielt!“ „Was für Zeug? Biſt Du ein ſolcher Wicht, daß Du an Bekümmerniſſe denkſt, ehe ſie kommen? Nein, Du; es iſt früh genug, ſie anzuſehen, wenn ſie ſich Einem mitten in den Weg ſtellen— doch ſieh, da ſoll man ſie gerade beim Schopf faſſen, ohne zu bangen oder zu blinzeln, und freimüthig ſagen: Hart gegen hart!— Denn unſerm Herrn gefällt es nicht, wenn man ſich hinſetzt und flennt.“ „Haſt Du mich das thun ſehen?“ fragte Albin mit Selbſtgefühl. „Nein, hol' mich der T—! das kann ich nicht ſagen: Du biſt ein tüchtiger Junge geweſen, und biſt Du nur erſt ein Kerl geworden, ſo wirſt Du auch ein tüchtiger Kerl, wenn Du nur nicht ohne Beſinnung den Zorn überkochen läſſeſt!“ — gepr hätte läche der 1 ſamk der f zeugt Eile Donn eben eben habe ihm desme bie 1 olchen 80 nen, ihn a übern 237 „Willſt Du mir das ſagen, Du?... Weißt Du wohl noch beim Conſul?... Denk' an Capitain Donnert!“ „Das war eine Sache, das!— Weißt Du aber wohl, mein lieber Albin, was einem ſimplen Matroſen, der ſich nicht auf Herrſchaftsgrimaſſen und Herrſchafts⸗ rede gelegt hat, anſtehen oder bei ihm wenigſtens über⸗ ſehen werden kann, das möchte dem nicht ſo gut an⸗ ſtehen, der Capitain Jentzel heißen und ein feiner Herr werden wird, den feine Damen mit ſeidenen Halstüchern und Caſtorhüten mit langen Federn anlächeln werden; denn hol' mich der Nir! ich fühle es an mir ſelbſt, daß Du ein feiner Cavalier wirſt, und obgleich Du Muth in der Bruſt haben magſt, wie es einem Seemanne anſteht, ſo ſollſt Du dennoch kein ſolcher lebendiger Teufel werden, der Alles gleich thut, wozu der verrückte Sinn ihn mahnt!... Doch ſtopp!— nun habe ich genug gepredigt: wenn die alte Frau in Göteborg mich gehört hätte, ſo wäre ſie ordentlich erbaut worden!“ „Begnüge Dich damit, daß ich es bin!“ ſagte Albin lächelnd und in ſeinem Herzen wirklich überzeugt, daß der wohlgemeinte Rath des Bas alle mögliche Aufmerk⸗ ſamkeit verdiente. „Ja, um nun aber vom Dienſte zu reden,“ fuhr der frohe Matroſe fort,„ſo kannſt Du vollkommen über⸗ zeugt ſein: wenn Capitain Flyborg auch nicht in ſolcher Eile einen tüchtigen Seemann zuſchneidet, wie Capitain Donnert, ſo ſchneidet er ihn dennoch richtig Pu; denn eben ſo unwiſſend, wie er in ſeinen eigenen Augen iſt, eben ſo gelehrt iſt er in den Augen anderer Leute. Ich habe von dem alten Kolja gehört, der lange Jahre mit ihm gereist iſt, wie ſehr die Patrone ihn ſchätzen. Je⸗ desmal, wenn er zu Hauſe iſt, beklagt er ſich bei ihnen, wie unglücklich er geſegelt hat, und warnt ſie, einem ſolchen ungeſchickten Manne ihr Gut nicht anzuvertrauen. Die Patrone, welche ſeine Sonderbarkeit recht gut ken⸗ nen, geben ſich viele Mühe, ihn zurückzuhalten; um ihn aber dahin zu bringen, daß er den Befehl wieder übernimmt, pflegen ſie zu ſagen, daß eben kein anderer 238 Schiffer zu haben iſt... O, ſie wiſſen recht gut, was ſie thun, die Herren! Unſere alte Dogge iſt ehrlich wie Gott der Vater ſelbſt: er prellt die Rhederei nicht um zwei Stüber und macht weder unnöthige Reparationen, noch putzt er die Kajüte heraus zu einem Frauengemach — nein, der Alte iſt eine Perle, und ſelig biſt Du, mein Junge, daß Du ihm gefällſt!... Einen Rath aber will ich Dir noch geben: hüte Dich, ihm zu wider⸗ ſprechen, wenn er von ſeiner ſchlechten Erziehung und ſeinem großen Mangel an Kenntniſſen ſpricht, denn das iſt nun einmal ſein Lied, und das mag er gerne in Frieden ſingen!“ „Sei Du ganz ruhig, Bas— Du ſollſt ſehen, daß ich mich zu benehmen weiß. Ich will ihn ſo ſorgfältig ſtudiren, daß ich ihn von Blatt zu Blatt auswendig weiß — und ſo dankbar will ich ſein, daß er ſich ſelbſt glück⸗ lich fühlen ſoll von dem Guten, das er an mir ge⸗ than hat!“ Bei der Ankunft in Malaga erwartete der Capitain Ordres, welche die ſchon vorher zwiſchen ihm und der Rhederei wiederholten, daß das Fahrzeug mit Fracht gehen ſollte, ſo lange der Capitain Flyborg meinte, daß es dieß ohne bedeutende Reparation ausſtehen könnte; wenn es aber nicht länger ginge, ſo ſollte er ſogleich nach Gefle zurückkehren. Ganz wie der Capitain verſprochen hatte, wurde Albin jetzt als Koch abgemuſtert und zog noch an dem⸗ ſelben Tage in die Kajüte, wo er die Koje benutzen durfte, welche der des Capitains gegenüber war. Nach⸗ dem er auf Heller und Pfennig ſeine Miethe erhalten, und der Capitain erklärt hatte, er hätte nun keine Ab⸗ lohnung weiter zu erwarten, ſo begann auch noch an dem nämlichen Tage der Unterricht. Vier Stunden des Tages beſchäftigte ſich der Capi⸗ tain damit, ſo lange ſie im Hafen lagen, und er ermahnte ſeinen Schüͤler, während dieſer Zeit äußerſt fleißig zu ſein, weil er auf der See vollkommenen Matroſendienſt forderte. Und Albin war nicht allein fleißig, ſondern unermüdlich; denn hier galt es und vor allen Dingen erſtlich einer Wiſſenſchaft, die er mit ganzer Seele umfaßte, und zweitens ſeine Dankbarkeit auf die einzige Weiſe zu bezeigen, welche dem Lehrer gefallen konnte. Capitain Flyborg geſtand ſelbſt, daß er noch nie einen ſolchen Schuͤler gehabt hätte, und es dauerte nicht lange, ſo merkte Albin mit inniger Freude, wie das Herz des alten Seemannes gleichſam aufthauete bei den neuen, friſchen und warmen Gefühlen, die um ihn her lebten und immer näher und näher kamen. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Ein Lebewohl. Die Zeit entflieht ſchnell, das Leben wechſelt ſeine bald bunten, bald einförmigen Gemälde, ohne daß wir im Stande ſind, bei einem jeden zu weilen; der Menſch ſelbſt reist ja ſo eilfertig an den Gegenſtänden auf ſeiner Lebensbahn vorüber, daß er oft in ſeinem Gedächtniſſe gründlich nachforſchen muß, damit er im Stande iſt, dieſe oder jene Station wieder auf ufinden— wie ſollte es alſo dem Romanverfaſſer möglich ſein, ſo lange auf dem Wege zu raſten, bis er die ſämmtlichen Stücke geſammelt hat, aus welchen der Moſaik eines ganzen Lebens zuſammengeſetzt iſt: hie und da mag es ihm geſtattet ſein, ein kleine Lücke zu laſſen... Jetzt befin⸗ den wir uns auf der andern Seite einer ſolchen: zwiſchen dem Punkte, auf welchem wir zuletzt ſtehen blieben, und demjenigen, auf welchem wir jetzt ſtehen. Um den Gang der Ereigniſſe wieder aufzunehmen, liegt der kleine Ab⸗ grund von drei Jahren— wie wenig in dem Leben des Jünglings, und wie viel in dem Leben des Greiſes! Alſo— drei Jahre ſind verfloſſen, 4 240 Iduna iſt während dieſer Zeit ſtets mit Frachten zwiſchen Oſt- und Weſtindien hin⸗ und hergegangen. Die Geſundheit des Capitains Flyborg iſt lange wan⸗ kend geweſen; ſowohl er als auch das Fahrzeug bedürfen der Ruhe: darum iſt auch Iduna's Schutzbild dem alten Europa zugewendet; doch die Winde, welche ihr weißes Gewand füllen, führen ihr noch nicht die Luft der Hei⸗ math zu. Albin, jetzt ein friſcher und hübſcher Burſche im achtzehnten Jahre, war vor ſechs Monaten als⸗Steuer⸗ mann mit bedeutender Miethe gemuſtert worden; dieſe erhielt er jedoch nicht, weil der Capitain erklärte, dieſe käme ihm ſo lange zu, bis die drei accordirten Jahre auf den Tag voll wären. Dieſer Tag war nun aber nahe, ohne daß gleichwohl Albin ihm mit Sehnſucht entgegegenſah; denn theils war die Reiſe bald zu Ende, theils verſah die väterliche Güte des Capitains Flyborg ihn mit Allem, was er nöthig hatte; doch auch mit keinem Ueberfluſſe: der Capitain war ein guter Haus⸗ hälter— zu welchem Endzwecke er jedoch ſparte, das wußte Albin nicht, daß es aber ein guter war, davon war er überzeugt. Obgleich die Geſpräche des Capitains ſich im All⸗ gemeinen auf den Dienſt und auf die nautiſchen Studien bezogen, die Albin noch immer unter ſeiner Leitung fortſetzte, ſo hatte er doch in vertraulicheren Augenblicken während der einen und der andern Nachtwache ſeinen Günſtling(denn das war Albin in der vollſten Bedeu⸗ tung des Wortes) in ein Herz ſehen laſſen, das bei weitem nicht ſo vertrocknet war, wie es ſich den Anſchein geben wollte. Eine tiefe und ernſte Gottesfurcht war mit dem Mißtrauen zu ſeinen eigenen Kräften in der Seele dieſes Mannes gepaart; und wenn das Beiſpiel des Capitains Flyborg das kühne Selbſtvertrauen, das Albin ſtets zu ſeiner eigenen Kraft gehegt hatte, nicht vollkommen mil⸗ derte, ſo wirkte doch ſein einfacher und warmer Glaube um ſo mehr auf den Jüngling ein; denn auch dieſer 241 hegte von ſeiner früheſten Jugend her eine unumſtößliche uverſicht zu der Vorſehung. Capitain Flyborg machte Albin nicht bloß zu einem tüchtigen, wiſſenſchaftlich gebildeten Seemanne, ſondern auch zu einem guten und rechtſchaffenen Menſchen; er pflanzte ihm Grundſätze ein und lehrte ihn den Werth derſelben kennen— kurz: Capitain Flyborg gab Albin einen Schatz von höherem Werthe, als den des Reichthums, wenn er ihm dieſen hätte geben wollen: er gab ihm nämlich drei Jahre lang das lehrreiche Beiſpiel eines Mannes, der ſeine Pflichten als Menſch, als Vorgeſetzter und als Chriſt kennt und pünktlich erfüllt. Mehrmals hatte Albin in dieſer Zeit an ſeine gute Frau Wolk geſchrieben, und mehrmals hatte er auch von ihr Briefe mit den wärmſten Wünſchen für ſein Wohlergehen, den reichſten Ermahnungen und den aus⸗ führlichſten Nachrichten ſowohl über ihren eigenen, als auch Greta's und Tibb's Geſundheitszuſtand zurück⸗ erhalten. Die ehrliche Alte hatte auch an den Capitain Flyborg einen dankbaren Brief geſchrieben, und dieſer hatte 3 mit einer Antwort erfreut, welche ſie, ſo oft ſie dieſelbe auch ihrer alten Greta laut vorlas, nie ohne Thränen leſen konnte; denn ſie handelte von Anfang bis zu Ende von der vortrefflichen Aufführung ihres Schützlings, und daß der Capitain Flyborg, obgleich ſelbſt ein Mann mit den beſchränkteſten Kenntniſſen, dennoch hoffte, er würde mit Gottes Hülfe aus dieſem Jünglinge Etwas machen können. ährend der zweiten Hälfte des letzten Jahres hatte jedoch Albin keine Nachricht von ſeiner alten Freundin gehabt; darum ſehnte er ſich um ſo mehr darnach, ſie zu überraſchen und ſich ihr als der Steuermann Jentzel vorzuſtellen— das hatte doch einen Klang, und war auch etwas; denn obgleich Iduna kein großes Fahrzeug war, ſo kam ſie ja doch von Oſtindien, und alſo war es eine eben ſo wichtige, als unbeſtreitbare Sache, daß Albin Jentzel als Steuermann auf einem Oſtindien⸗ Der Jungferthurm. I. 16 242 fahrer geſegelt war, ehe er noch ſein achtzehntes Jahr zurückgelegt hatte. Daß Albin jetzt das Leben in himmelblauer Farbe ſah, das verſteht ſich ſo ziemlich von ſelbſt: er hatte ſeine alten Widerwärtigkeiten faſt vergeſſen und richtete ſeine Gedanken um ſo weniger auf die Veränderlichkeit des Glückes, als er überzeugt war, daß er ſich nur zu melden brauchte, um ſogleich auf das Vortheilhafteſte angeſtellt zu werden. Es war ſeine Abſicht, nachdem das Fahrzeug in Gefle eingelaufen war, woſelbſt der Capitain Flyborg ſich für ſeine noch übrigen Tage in Ruhe niederlaſſen wollte, eine Reiſe näch Göteborg zu machen und dort nicht nur bei ſeiner alten Beſchützerin zu überwintern, ſondern ſich auch hier unter ihren Augen zu ſeiner bis jetzt noch immer aufgeſchobenen Confirmation vorzubereiten.... Jetzt aber wird es Zeit ſein, einige Worte über Bas zu ſagen. In dem erſten Jahre verſuchte er ehrlich, den großen Leck in ſeinem Taſchenbuche zu repariren, und dieß ge⸗ lang ihm auch wirklich uͤber ſeine Erwartung— wer aber vermag gegen das Schickſal anzukämpfen? Eines Tages erhielt er einen Brief von der Mutter Kitty, welche mit einem ihrer vielen Kinder einen ſolchen an den ungeduldigen Liebhaber geſendet hatte, der ſich unter der brennenden Sonne Indiens im Schweiße ſei⸗ nes Angeſichtes bemühte, außer der Niederlaſſungsapanage noch einen kleinen Ueberſchuß zuſammenzubringen und Puar zu dem„Sternſhawl,“ der ihm noch immer im inne lag, ſo oft er Poll's Haarlocke und das kleine goldene Herz betrachtete. Doch mit dem Briefe, dem ſchrecklichen Briefe, ſtürzte das ſo prächtig aufgeführte Gebäude des jungen Seemannes plötzlich zuſammen und ertheilte ihm noch dazu einen Herzenskummer, bei wel⸗ chem Albin ihn mehr denn einmal an ſeine eigenen Worte erinnern mußte:„wenn die Bekümmerniſſe ſich Einem mitten in den Weg ſtellen, da ſoll man ſie ahr arbe hatte htete hkeit r zu fteſte hdem der ge in g zu Berin ugen ation über roßen ß ge⸗ wer dutter Dlchen ſich e ſei⸗ anage n und er im kleine dem führte n und wel⸗ genen e ſich in ſie 243 geradezu beim Schopf faſſen, ohne zu bangen und zu blinzeln und freimüthig ſagen: hart gegen hart!“ „Unnd hart gegen hart war es, als Bas, der über ſeine Qualen gar nicht jammern konnte, fühlte, wie ihm das Blut gleichſam in den Adern erſtarrte, als er hörte, wie Albin mit ſtockender Stimme las: „Tröſte Dich, mein lieber Sohn Bas! auf Erden gibt es Mädchen genug, die ſchöner ſind als Poll und getreuer dazu. Geſagt bleibt aber geſagt und gethan bleibt gethan— Poll iſt verheirathet! Sie bittet Dich um Verzeihung, und ſo bitte auch ich, damit ihr das Glück in ihrer Ehe nicht fehlen möge.“ Bas mit ſeinem warmen und tief verletzten Gefühle konnte nicht anders, als Poll verzeihen, und das ſchrieb auch Albin in ſeinem Namen in einem Briefe an Mut⸗ ter Kitty. Aber noch fernerhin an Liebe, Hochzeit. und Haushalten zu denken, davon war keine Rede mehr: die Brieftaſche bekam den alten Leck wieder, und wenn Albin an Sparſamkeit für alte Tage erinnerte, ſo ant⸗ wortete Bas ganz kurz: der T— mag ſparen für den Tag, der da kommen ſoll; ich ſparte ja, und welche Freude habe ich wohl davon gehabt?“ Von dem Augenblicke an, da Albin ſein Examen als Steuermann machte, und der zweite Mann auf Iduna wurde, ſagte Bas:„Stopp und belege die Kame⸗ radſchaft! Der Matroſe duzt keinen Steuermann aus der Herrenklaſſe; Freundſchaft im Herzen und in den Handlungen kann doch bleiben, aber Raiſon ſoll ſein in allen Dingen!“ Alſo hieß es in Rede und Antwort Steuermann und nie mehr ſchlecht und recht Albin. Daß der wirklichen Freundſchaft hiedurch gleichwohl kein Abbruch geſchah, das wird ſich im Folgenden zeigen. .[.— Obgleich das gelbe Fieber heftig in Batavia wüthete, als Iduna von dort abſegelte, ſo war dennoch Keiner von der Beſatzung angeſteckt worden. Aber der ehrliche, von allen ſeinen Leuten hochgeſchätzte Capitgin ſchien 244 immer milzſüchtiger und düſterer zu werden; und obgleich er, wie man meinte, nicht angeſteckt war von irgend einer Krankheit, ſo nahmen dennoch ſeine Kräfte in dem Maße ab, daß er einige Tage nach der Abreiſe von Batavia die Koje einnehmen mußte; und in dem Augen⸗ blicke, da wir die Kajüte der Iduna wieder beſuchen, hat ihr Befehlshaber ſich ſchon eine ganze Woche auf dem engen Krankenbette gewendet. Es war Abend. Nachdem Albin ſeinem müden Freunde ſeine ge⸗ wöhnliche Portion franzöſiſchen Wein und Waſſer nebſt einigen eingemachten Früchten, das Einzige, welches er nunmehr verzehren konnte, gegeben hatte, bat er Albin, ſich vor ſeine Koje zu ſetzen. Mit, ſtiller, ahnender Wehmuth kam der Jüngling ſeinem Wunſche nach. Die Nachtwache war geſetzt, der Cours beſtimmt und das Fahrzeug ging vor einer gleichmäßigen Briſe — es war ſo ſtill an Bord, wie in einer Hütte im Walde. Die Lampe warf ihren ſanften, aber klaren Schein auf eine Specialkarte über die Aland'ſchen Scheren, welche auf dem Tiſche lag, und worin Albin eben ſtudirt hatte; ein Heft Miniaturkarten über die meiſten europäi⸗ ſchen Gewäſſer bezeugten ebenfalls, daß er eifrig be⸗ müht war, ſich Localkenntniſſe über die Gegenden zu verſchaffen, welche er beſuchen wollte. „Hänge ein Tuch oder eine Karte vor die Lampe: der Schein thut meinen Augen weh,“ ſagte Capitain Flyborg...„ſo gut— das war ſchön!... und das Kiſſen ein wenig höher hinauf... gut... Alles gut, 44 mein Junge!. „Ich fürchte, es iſt heute Abend ſchlimmer als 4 2 wöhnlich!“ Albin's Stimme verrieth Alles, was er fühlte. „Sei nicht traurig, mein Sohn!— komm ein wenig näher: ich habe Dir Etwas zu ſagen, wobei Du dich eben ſo vernünftig zeigen ſollſt, wie ich Dich in den meiſten wichtigen Fällen gefunden habe!“. „Herr Capitain... mein Wohlthäter... mein leich gend dem von gen⸗ chen, auf ge⸗ nebſt es er Abin, gling immt Briſe alde. ſccheein deren, tudirt opãäi⸗ be⸗ in zu mpe: vitain das gut, a9e. wenig Di den mein — 245 Vater!“ ſtotterte Albin und drückte ſeine Lippen auf die verwelkte Hand des alten Mannes. Capitain Flyborg nickte bedeutungsvoll— es lag eine ernſte Zärtlichkeit in dem ruhigen Blicke der großen blauen Augen.„Ich fühle, mein Sohn, daß mein nutz⸗ loſes Leben bald zu Ende iſt: es muß ein Anfall vom gelben Fieber ſein oder auch eine ſtarke Erkältung— genug, mir bleiben nur noch wenige Stunden übrig!“ „Stunden?“ rief Albin aus, und die Beſtürzung der Verzweiflung verbreitete ſich über ſein Antlitz. „In einigen Stunden iſt es aus!“ wiederholte der Capitain mit der größten Ruhe—„und das kann auch ſehr gut ſein. Meine Eltern habe ich nie gekannt: ſie ſtarben, da ich noch ein kleines Kind war. Ohne alle Erziehung, arm und verachtet, wurde ich in die Welt hineingeworfen, und nicht viel beſſer gehe ich wieder hinaus... Still, mein Kind! ich weiß, was Du ſagen willſt, aber ich kenne mich ſelbſt am beſten. Als ich neun Jahre alt war, kam ich auf die See, habe nun zwei⸗ undvierzig Jahre lang das Meer gepflügt und natüͤrlich in einer ſo langen Zeit einige Erfahrung eingeſammelt; doch wegen des Mangels der erſten Erziehung, welche das Fundament iſt, habe ich nie werden können, was ich erſtrebte, ich meine: ein geſchickter und gebildeter Seemann. Dagegen wage ich zu glauben— ſo ſonder⸗ bar es auch klingen mag— daß mehrere, die meinen Unterricht genoſſen haben, es geworden ſind. Du, mein Junge, wirſt es ganz gewiß, wenn Du fortfährſt, wie Du begonnen haſt und noch zwölf bis fünfzehn Jahre ſtudirſt— in einem Alter von einigen und dreißig Jah⸗ ren wirſt Du ſchon einer Frucht genießen, die ich trotz aller meiner Beſtrebungen nie habe ſchmecken können: Du wirſt nicht nur Andere überzeugen können, ſondern auch ſelbſt überzeugt ſein, daß Du ein Mann von aus⸗ gezeichneten Verdienſten in Deiner Kunſt biſt. Mir, wie geſagt,“— Capitain Flyborg's Bruſt hob ſich von einem leiſen Seufzer—„iſt dieſes Glück nicht vergönnt geweſen... ſtill! ich ſehe, Du willſt mich unterbrechen, 246 weiß wohl, was Deine Dankbarkeit, Deine Freundſchaft, Dein gutes Herz mir zu ſagen haben kann, habe aber doch meinen eigenen Glauben... So, gib mir etwas zu trinken— nachher will ich ein wenig ruhen; bald ſollſt Du mehr erfahren.“ Albin wagte ihn weder zu tröſten noch von einer Sache zu überzeugen, wovon er ſelbſt ſo uͤberzeugt war, aber tief und innig beklagte er, daß dieſer edle Mann ſo ſehr gelitten haben ſollte durch eine allzu weit ge⸗ triebene Anſpruchsloſigkeit und durch Mangel an Selbſt⸗ vertrauen. Mit Schamröthe geſtand er ſich, welchen hohen Werh dieſes Beiſpiel für ihn hatte. Er entſann ſich ſehr gut, mit welchen ſtolzen Gefühlen er in den erſten Tagen ſeinen Befehl als Sterermann führte, und wie er die Beſatzung, Bas ausgenommen, in verſchie⸗ denen Kleinigkeiten hatte fuhlen laſſen, daß er nun ihr Vorgeſetzter war.„Und was“— ſo ſagte er jetzt zu ſich ſelbſt in einer ernſten Selbſtprüfung—„was iſt wohl ein Steuermann, der noch nicht achtzehn Jahre zählt, gegen dieſen achtungswürdigen und hochgeachteten Mann, der ſein ganzes Leben im Streben nach Kennt⸗ niſſen zugebracht hat, und dennoch in ſeiner eigenen Meinung ſo gering iſt? Was ich bin, das bin ich durch ihn— wenn er nicht mehr iſt, ſo erfahre ich gewiß wieder, was es heißt, allein zu ſein... Und nun dieſe ſchrecklich große Verantwortlichkeit, bin ich ihr wohl ge⸗ wachſen?“ Ein Zittern durchzuckte ihn bei dem Gedanken daran, daß er es nun allein wäre, der den Befehl über Iduna übernehmen und ſie in den Hafen zuruckführen ſollte, wo ſie wegen ihrer jetzigen wirklichen Baufällig⸗ keit ausgebeſſert werden mußte. Capitain Flyborg machte eine Bewegung, und wie⸗ der befand ſich Albin's Geſicht vor dem Kopfkiſſen, auf welchem das Haupt des Kranken ruhte. Eine ziemlich lange Zeit beſchäftigte der redliche Capitain ſich ausſchließlich mit Rath und Belehrungen über die große Verantwortlichkeit, welche nun auf Albin ruhte: nachdem aber dieſer Gegenſtand ſo weitläuftig, — ½ 2 — —— SSgESS= al haft, aber twas bald einer war, kann t ge⸗ elbſt⸗ lchen ſann den und ſchie⸗ ihr jetzt as iſt Jahre bteten ennt⸗ genen durch gewiß dieſe l ge⸗ anken über ihren ällig⸗ wie⸗ . auf dliche ingen Albin uftig, 247 als die Kräfte des Capitains geſtatteten, erörtert war, ging er auf das Beſondere über. „Alles, was ich in dieſer langen Arbeitszeit erwor⸗ ben habe, beträgt dreihundert Pfund in Gold— nicht viel, doch iſt's ehrlich erworben. Die Kleider, die In⸗ ſtrumente, die Bücher und die Chronometeruhr ſchenke ich Dir, mein Junge, mit warmer Hand, aber keinen Schilling von dem Gelde; denn mit zwei geſunden Armen und auf dem Punkte, worauf Du jetzt ſtehſt, brauchſt Du es nicht. Es liegt inzwiſchen in dem verborgenen Kaſten des kleinen Schrankes in einem ledernen Beutel, und dieſen ſollſt Du nebſt dem Teſtamente und einem Briefe, den Du in dem blechernen Kaſten findeſt, einem Kaufmann übergeben, deſſen Name und Adreſſe ſowohl auf dem Briefe als auch auf einem andern Stück Pa⸗ pier, der oben auf dem Gelde liegt, geſchrieben iſt. Der Mann, den ich meine, wird wohl in dieſem Augenblicke, nach Demjenigen zu urtheilen, was ich in Briefen er⸗ fahren ha e, die Geſchäfte niedergelegt haben und auf einem Gute fünf Meilen ſudlich von Gefle wohnen. Du ſollſt mir verſprechen, das Gold in ſeine eigenen Hände zu überliefern: er ſoll das Teſtament vollſtrecken; dieſes beſagt, daß die ganze Summe auf Zinſen aus⸗ gethan und das jährliche Einkommen unter drei arme Seeleute ausgetheilt werden ſoll, welche nicht verheirathet und es auch nicht geweſen ſind— wenn ſie aber hei⸗ rathen, ſo verlieren ſie ihre Penſion.“ „Sollen ſie ihre Penſion verlieren, wenn ſie hei⸗ rathen?“ wiederholte Albin, der eine geheime Urſache eines oft gezeigten Widerwillens gegen Frauenzimmer ahnte. „Verheirathete Seeleute habe ich niemals leiden können, weil ſie ſelten recht tüchtig werden— und kannſt Du es, mein Junge, ſo bewahre Dich unangeſteckt von dem Fieber, das man, wie ich gehört habe, Liebe nennt. Die Weiber ſind geſchaffen zu einer verderblichen Rei⸗ zung: ſie ſind ein allen Muth und alle männliche Kraft mordendes Gift: eben ſie verführen den Mann zu Ver⸗ 248 brechen, Falſchheit und Feigheit— das lernen wir ſogar aus dem, was uns die heilige Schrift von Adam und Eva erzählt.“ „Ich habe ganz anders von Ihnen gedacht!“ ſagte Albin mit einer gewiſſen Betrübniß: es ſchmerzte ihn, daß dieſe Weſen— die einzigen, welche ihm, mit Aus⸗ nahme des Capitains Flyborg und Bas, Gutes erzeigt hatten— ſo grauſam beurtheilt werden ſollten. „In Deinem Alter denkt man Vieles, was man nachher keinen Pfennig werth hält! Reiche aber Deine Hand lieber einer von dieſen kleinen gelblichgrünen, glänzenden Schlangen, die ich Dir auf Java zeigte, und deren Gift in fünf Minuten den Tod bringt, als einem Weibe— denn der Biß eines Weibes trifft das Herz und tödtet erſt nach einem langen, ſchmerzlichen Todeskampfe. Glaube meinen Worten— ich will mit keiner Lüge auf den Lippen in die Ewigkeit gehen!“ Albin ſchauderte, als er ſeinen ſonderbaren Chef das weibliche Geſchlecht ſo läſtern hörte, und konnte die theilnehmende, beſcheiden ausgeſprochene Frage nicht zurück⸗ halten, ob der Herr Capitain vielleicht ſelbſt eine bittere Erfahrung gemacht hätte. „Kein Wort davon, Knabe!“ antwortete der arme Hageſtolz; aber ein leichtes Zittern der Stimme erklärte Albin Alles, was dieſes verletzte und verſchmähte Herz während eines langen, einſamen Lebens gelitten und ge⸗ kämpft hatte. Es vergingen einige Stunden— der Capitain ſchlum⸗ merte bisweilen einige Augenblicke, erwachte aber dann wieder mit vollem Bewußtſein, um ein paar Worte zu ſegen G ndlich fragte er:„Warum haſt Du die Lampe ausgelöſcht, mein Junge?“ „Ich habe nur etwas davor gehängt, Herr Capitain!“ Albin nahm die Seekarte hinweg und putzte den Docht. „So— nun ſcheint ſie klar!“ „Scheint ſie nun klar?“— ach ſo!... gut, daß es ſo weit gekommen iſt!.. doch hörſt Du— mein —— und agte ihn, lus⸗ eigt nan eine nen, gte, als das hen mit chef die ück⸗ tere me irte derz ge⸗ im⸗ inn orte npe 1!“ ht. daß ein Gedaͤchtniß beginnt abzunehmen— iſt der alte Slommer, der Zimmermann, noch hier— oder wurde nicht Bas als Zimmermann gemuſtert?“ „Ja, Herr Capitain, als der alte Slommer am Fieber ſtarb, wurde Bas angeſtellt als...“ Albin's hef⸗ tige Rührung hinderte ihn, auszureden. „Gut, mein Sohn! bitte Bas, herzukommen!“ Albin eilte die Treppe hinauf, und nach einigen Minuten ruhte der ehrliche Blick des Matroſen mit einem betrübten Ausdruck auf dem geliebten Vorgeſetzten. „Biſt Du hier, Bas?“ fragte der Capitain und ſtarrte vor ſich hin. „Ja, Herr Capitain, und ich wollte ergebenſt bitten, Ihre Hand ein wenig anfaſſen zu dürfen— es kann mir künftighin gut thun, wenn ich denken darf, daß ich die Hand eines ſolchen Mannes berührt habe!“ „Ehrliche Seele!“ murmelte der Capitain leiſe— lauter aber ſagte er:„Du biſt ein guter Junge, Bas, und Du ſollſt dieſen jungen Vogel, der nun bald wieder auf eigene Hand fliegen wird, nie verlaſſen: wenn Du meinſt, daß er auf dem Wege iſt, ſchief zu fliegen, ſo kannſt Du ihn an den alten Flyborg und an dieſe Stunde erinnern... doch hörſt Du: Du haſt ja wohl gehobelte Bretter?“ „Ja, Herr Capitain!“ ſeufzte Bas. „Gut!... Vor der Tagwache bin ich todt, und Du ſollſt ſogleich einen Sarg zuſammenſchlagen, drei Ellen und zwei Zoll lang: ein Stück Gußeiſen wird zu den Füßen hineingelegt, und zwei Stunden, nachdem ich den letzten Seufzer gethan habe, ſollt Ihr Beide, Albin und Du, mich hineinlegen. Dann mögen meine andern Jungen mich in das Meer ſenken, während Ihr einen Pſalm über mich ſingt: Das iſt die ganze Ceremonie — aber unſer Herr ſteht nicht an, was da fehlt... Gott ſei mit Euch, meine Kinder, und mit den andern dort oben auch!... Jetzt könnet Ihr für mich beten, daß der Höchſte mit Gnaden den Sünder anſehen möge, der nun bald an ſeine Thür klopft!“ 25⁰ O Albin war nicht im Stande, die lange gehemmten in Thränen zurückzuhalten; er ſank neben der Koje auf d ſeine Kniee: ſeine Gefühle ſtrömten über, und in un⸗ u ausſprechlich lieblichen und warmen Worten floß der T Thau ſeiner Dankbarkeit auf das Herz des Sterbenden. p. In der Kajüte wurde es ſo ſtill, daß nichts zu hören ſe war, als nur das leichte Brauſen der Wogen, welche b gegen Iduna's ſchwankenden Kiel ſchlugen. Ehe aber u der letzte Stern von dem nächtlichen Himmel verſchwun⸗ n den war, hatte Iduna keinen andern Befehlshaber, als de den jungen Knaben, welcher bei ihrer Abreiſe auf ihren te Rollen untenan ſtand. w Um neun Uhr wurden Alle auf's Verdeck gerufen. Die ganze Beſatzung erſchien in Feierkleidern— ei auch ihre Herzen hatten die Feiergewänder ihrer Trauer di angelegt. Die Flagge war zur Trauer gehißt. Das er 3 Meer lag ſtill und ruhig: es hatte nicht das Herz, die B einfache Ceremonie zu ſtoͤren. Der Sarg ſtand auf der Regeling. Albin führte mit zitternder Stimme den er Choral an, und nach Beendigung deſſelben wurde der Sohn des Meeres leiſe hinabgeſenkt, um in dem Schooße m des Meeres zu ſchlummern, und in jedem Herzen ſeufzte na eine Stimme, welche ſagte:„mit dem Capitain Flyborg de G ging einer der redlichſten und beſten Befehlshaber dahin, der jemals ein Commando führte! Albin beugte ſich weit über die Regeling hinaus— wi heiße Thränen miſchten ſich mit dem Wirbel, den der ſinkende Sarg veranlaßte. Gr — fre b Dreiundzwanzigſtes Capitel. de Neue Prüfungen und Demüthigungen. der Es war eine halbe Stunde vor dem Abgange der Poſt. der Auf dem Comptoir des Großhändlers Ludwig N. iten auf un⸗ der den. bren lche aber zun⸗ als in Gefle war ziemlich lange das Schweigen nur von dem Gekritzel der beiden fleißigen Federn der Buchhalter unterbrochen worden, als der Comptoirjunge leiſe die Thür öffnete und auf den Zehenſpitzen an den Schreib⸗ pulten der jungen Herren vorbeiſchlich. Der Knabe ſchob die halb offene Thür eines innerhalb des Eomptoirs belegenen Zimmers auf, blieb aber auf der Schwelle unbeweglich ſtehen, wie das Bild auf einem Grabmo⸗ numente— er erwartete ohne Zweifel den Augenblick, da der gefürchtete Patron N., welcher hier allein arbei⸗ tete, aufſehen und ſeine Augen auf ihn fallen laſſen würde. Nach Verlauf einiger Minuten, da der Patron eben einen Haufen unterzeichneter Briefe von ſich ſchob, traf dieſes ein; doch nur mit einem Blicke, nicht mit Worten erkundigte ſich Herr N. nach dem Anliegen des Com⸗ ptoirjungen. „Draußen ſteht ein junger Kerl, welcher ſagt, daß er nothwendig mit dem Herrn Patron reden muß!“ Der Großhändler zog nur die Augenbrauen zuſam⸗ men und antwortete, indem er einen andern Brief vor⸗ nahm:„Wie wagſt Du mich zu ſtören, Lümmel?— der Kerl kann morgen wieder kommen!“ „Es wäre von großer Wichtigkeit, ſagt' er!“ „Gleich gut— geh! morgen um acht Uhr kann er wieder nachhören!“ Patron N. kritzelte und ſchrieb, bald aber ſtand das Grabmonument wieder in der Thür. „Willſt Du Deinen Dienſt nicht länger haben?“ fragte der Patron mit einem halben Seitenblicke. „Bitte ganz ergebenſt um Verzeihung: er ſagt, der junge Kerl, er wäre Steuermann auf der Brigg Iduna geweſen...“ Der Patron lauſchte.„Geweſen?“ dieſes Wort be⸗ deutete ſo viel wie:„Weiter!“ „.. Der Capitain Flyborg iſt geſtorben und er, der Steuermann, hat die Brigg bis hieher geführt, aber 2⁵² in dieſer Nacht iſt Iduna auf Langſkär aufgeſtoßen und ſo total verloren gegangen, daß gar nichts hat gerettet werden können.“ Ein leichter Farbenwechſel zwiſchen roth und grau ſpielte auf den Wangen des Kaufmannes. Er legte einen eigenhändigen Brief zuſammen und verſeegelte ihn, und ſagte, während er die Aufſchrift ſchrieb:„Geh hin⸗ aus und frage den erſten Buchhalter, ob die letzte Aſſe⸗ curanzſumme für die Brigg Iduna bezahlt iſt!“— er Knabe ging, und der Patron ſetzte ſeine Arbeit fort. Nach einigen Minuten machte er eine neue Pauſe, er ſah den wieder eintretenden Knaben an und ſagte nur das einzige Wort:„Bezahlt?“ „Herr Colling ſagt: nein!“ „Der zweite Verluſt in dieſem Jahre!... Warte!“ Endlich hatte der Geſchäftsmann ſeine Poſt abge⸗ fertigt, ſtand auf, ging hinaus und legte, ohne ein Wort zu ſagen, die ganze Poſt auf das Pult des erſten Buch⸗ halters. Als er in ſein Arbeitszimmer zurückkam, ſagte er kurz:„Laß ihn heraufkommen!“ Gleich darauf aber rief er ihm nach:„Erkundige Dich zuvor, ob Capitain Flyborg an einer anſteckenden Krankheit geſtorben und ob die Beſatzung nach ſeinem Tode geſund geweſen iſt!“ Die Antwort fiel ſo aus, daß der Capitain lange an der Schwindſucht gelitten, und daß mit Ausnahme eines in Batavia geſtorbenen, alten Zimmermannes, ſeit Iduna's Abreiſe von London vor drei Jahren kein Ein⸗ ziger von der Beſatzung krank geweſen wäre. Noch ein Befehl wurde ausgefertigt, den jungen Mann heraufkommen zu laſſen, und einige Minuten ſpäter ſtand Albin Jentzel— ein ſchiffbrüchiger See⸗ mann, weit ärmer, als da er zuletzt Schweden verließ— vor dem Rheder des Fahrzeuges, welches unter ſeiner Leitung, wie man ſagt, vor der Thür der Heimath unter⸗ gegangen war. Auf der bleichen Wange des Jünglings war ein ernſter und ſchmerzlicher Kummer zu leſen, doch in ſeinem und ettet rau egte ihn, hin⸗ lſſe⸗ ort. uſe, agte tel4 bge⸗ Vort uch⸗ agte aber tain und iſt!“ unge hme ſeit Ein⸗ igen uten See⸗ iner iter⸗ ein nem 253 Auge, das er frei zu ſeinem Vorgeſetzten aufſchlug, lag das ſichere Zeugniß eines guten Gewiſſens. „Wer ſind Sie?“ In der Frage lag ſowohl Kälte, als auch trockene Kürze. „Gemuſterter Steuermann auf Ihrer ehemaligen Brigg Iduna, Herr Patron— mein Name iſt Jentzel!“ „Der Capitain Flyborg— ein ehrlicher und ach⸗ tungswürdiger Mann— ſtarb auf der Reiſe, höre ich, und Sie führten das Fahrzeug hierher?“ „Ja, Herr Patron!“ „Und legten es in einen ſichern Hafen?... Das kann man einen recommandirenden Anfang nennen— oder was meinen Sie ſelbſt?“ „Ich meine nicht nur, ſondern ich habe ſogar das völlige Bewußtſein,“ antwortete Albin erröthend,„daß ich Alles gethan habe, was in menſchlichen Kräften ſtand— über Wind und Wetter aber gebietet ein Herr, der über dem Schiffer und dem Rheder ſteht!“ „Es iſt vollkommen überflüſſig, zu ſagen, welcher Herr über oder unter mir ſteht. Ich vermuthe, Sie haben Ihr Journal bei ſich und die Seeverklarung fertig?“ „Die Schiffsdocumente ſind ſämmtlich verloren ge⸗ gangen, Herr Patron, weil bei dem Scheitern des Fahr⸗ zeuges die Kajüte binnen wenigen Augenblicken unter Waſſer ſtand; und was die Seeverklarung betrifft, ſo bin ich erſt vor einer Stunde in die Stadt gekommen, und ich habe weder Schreibmaterialien noch auch einen Ort, wo ich mich hinſetzen und ſchreiben kann.“ „Hier gibt es ja Wirthshäuſer— ſind Sie irgendwo eingekehrt?“ „Sie werden ſich entſinnen, Herr Patron, daß weder ich, noch Einer von der Beſatzung das Allergepingſts von unſerer Habe gerettet haben, und eben in An aß deſſen muß ich erwähnen, daß Einer von der Beſatzung, der Zimmermann und Matroſe Bas, als der Fockmaſt über Bord ging, das Unglück hatte, das rechte Bein zu zerbrechen und die linke Schulter aus dem Gelenke zu 254 bekommen. Nach vieler Mühe und Weigerungen iſt es uns endlich gelungen, ihn bei einem alten Fiſcher auf dem Islande unterzubringen; da jedoch dem Kranken— dem hurtigſten und tüchtigſten Kerl von der ganzen Be⸗ ſatzung— Nahrung und nothwendige ärztliche Hülfe fehlt, ſo hoffe ich, Sie werden die große Güte haben, ihm zukommen zu laſſen, was er braucht, wenn auch nur als Vorſchuß, denn ſo bald er wieder geſund wird, kann er ſeine Schuld leicht abtragen.“ „Ich bedauere das Unglück, kann aber nichts thun — und da Sie ſelbſt Steuermann auf meiner verun⸗ glückten Brigg geweſen ſind, ſo werden Sie wohl verſtehen können, daß ich auf Ihre Empfehlung keine Rückſicht nehmen kann. Ueberdieß iſt der Verluſt des Fahrzeuges ſchon groß genug, als daß ich ihn noch zu vergrößern brauche.“ Albin fühlte, wie ihm das Blut wärmer durch die Adern ſtrömte; doch er ſchwieg, denn die letzte Anmer⸗ kung des Kaufmannes ſchien ihm richtig genug zu ſein. „Wie viel haben Sie im Monate gehabt?“ fuhr Herr N.. fort.„Wie viel haben Sie zu fordern?“ Die letzte Frage that er mit einer Miene, als wäre er bereit, den Anſprüchen zu begegnen, wenn ſie nicht allzu groß zugeſchnitten ſein ſollten. „Ich habe mit dem Capitain Flyborg einen beſon⸗ dern Accord gehabt, ſo daß ich gar nichts zu fordern habe, wenn nicht die Zeit gerechnet werden ſoll, die ſeit dem Tode des Capitains verfloſſen iſt. Für dieſe aber will ich nach dem Unglücke, welches das Fahrzeug ge⸗ troffen hat, keinen Erſatz begehren, obgleich ich vielleicht dazu berechtigt ſein möchte.“ „Sehr richtig, mein lieber Steuermann!— Doch die Uebrigen?“ „Leider hatte der Capitain, welcher ein ſtreng ordent⸗ licher Mann war, die Gewohnheit, ſelbſt auf der See pünktlich ihre Miethe auszuzahlen, und bei der letzten Liquidation, kurz vor ſeinem Tode, that er, was er nie zuvor gethan hatte: er bezahlte einen Monat voraus, ſo daß Alle bis auf vierzehn Tage ihre Ablohnung erhalten aben.“ 4 h„Gut!... Die Beſatzung hat wohl ihre Abrech⸗ nungsbücher, worin der Capitain angezeichnet hat, was ſie erhalten haben?“ „Nein— ich habe ſchon erwähnt, daß nichts von ihrer Habe gerettet iſt. Was aber dieß betrifft, ſo iſt das Einerlei, da ich bezeugen kann, was ſie ſelbſt gewiß nicht zu leugnen im Sinne haben werden.“ 4 „Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Herr Jentzel! „.Hole dem Steuermann ein Glas Wein und einen Zwieback!“ ſagte der mächtige Mann zu dem Comptoir⸗ jungen, welcher ſogleich hinaus eilte, um das Verlangte anzuſchaffen, während der Patron die beiden Buchhalter herein rief.. „Alſo,“ begann das Verhör von Neuem,„die Mann⸗ ſchaft hat nur eine Ablohnung für vierzehn Tage zu fordern?“ „Ja, Herr Patron!“ „Und Sie ſelbſt haben nach Ihrer eigenen Erklärung gar keine Anſprüche?“ „Nein!“ „Herr Colling! ſetzen Sie eine Beſcheinigung auf, welche Herr Jentzel die Güte haben wird, zu unterzeich⸗ nen, daß die Beſatzung bis auf den heutigen Tag ihre accordirte Miethe erhalten hat— Herr Jentzel wird darauf das Reſtirende in Empfang nehmen und daſſelbe quittiren.“ „Sehr gerne, Herr Patron: denn ich kenne ſie und weiß, daß ſowohl ſie, als auch ich ſelbſt, wenn wir Schurken wären, die Miethe für viele Monate hätten fordern können; do ehrlich war unſer Capitain und Ehrlichkeit hat er ſeine Beſatzung gelehrt!“ antwortete Albin ſtolz, indem er höflich das Glas ausſchlug und das Geld quittirte. „Gut!“ ſagte der Großhändler, indem er ſeinen vorigen kalten Ton wieder annahm und Albin mit 256 einem Blicke maß, welcher anzeigte, daß es dieſem nun frei ſtände, an ſeinen Abſchied zu denken. „Einen Arzt werden Sie aber dem unglücklichen Seemanne wohl ſenden? Er leidet jetzt die fürchterlich⸗ ſten Schmerzen und hat noch keine Huͤlfe erhalten!“ „Mein beſter Freund! ſuhen Sie ſelbſt einen— ich habe wirklich eine ganze Maſſe anderer Dinge zu thun. Sie haben ſeine reſtirende Ablohnung, und ich habe weiter nichts zu erinnern, als daß Sie ſich mit der uͤbrigen Beſatzung morgen um zehn Uhr auf dem Rath⸗ hauſe einfinden im Betreff der Abmuſterung und Beei⸗ digung der Seeverklarung, welche Sie dann fertig haben werden.... Gott ſei mit Ihnen!“ Mit einem Lächeln, doch einem Lächeln voller Bit⸗ terkeit und Verachtung, verließ Albin Jentzel den herzloſen Mann. Als er auf die Straße hinab kam, warf der Jüngling einen forſchenden Blick auf den Himmel: dieſer wölbte ſich nach dem geſtrigen Sturme grau und düſter über die Erde, welche ihm doppelt kälter, doppelt karger erſchien, als ſelbſt das öde Meer. „Habe ich mir Vorwürfe zu machen? Hätte ich anders handeln können?“ fragte er die fliegenden Wol⸗ ken; doch die phantaſtiſchen Figuren der Wolken tanzten an ſeinen ſtarrenden Blicken vorüber, während eine Stimme in ſeinem Innern dienſtbefliſſen kam, um ſeine Plagen mit dem allzu ſpäten Rathe zu vermehren:„Du hätteſt beidrehen können, Du hätteſt verſuchen können, u ankern! Ach,“ ſeufzte er,„ich that vielleicht nicht Alles, was ein Anderer mit größerer Erfahrung hätte thun können! Ich habe meine Bahn mit Unglück be⸗ gonnen, ich habe mir einen ſchlechten Ruf erworben, ich habe keine Mittel zu meinem Schiffereramen, und wenn ich ſie auch hätte, ſo würde mir niemand ein Fahrzeug anvertrauen wollen!... keine andern Auswege zum Verdienſt— und der Winter ſteht vor der Thür!“ Es war der milzſüchtige und ſich ſelbſt mißtrauende Geiſt des Capitains Flyborg, welcher jetzt in Albin's ſonſt ſo muthiger Seele ſpuckte. Der Muth war gebrochen; ab⸗ erl und alt im get alle übr auf hat das auf Hüt wo erth einer rung thun Kück welc in d ſicht beleg der und dreiv Licht icht Fenſt hölze gläſer Tiſch Der nun uende bin's chen; aber mit Stolz gedachte er dann wieder ſeiner un⸗ erhörten Anſtrengungen in der letztverfloſſenen Nacht und der glaubwürdigen Verſicherung der Beſatzung, der alten, erfahrenen Seeleute, daß kein wirklicher Capitain im Stande geweſen wäre, mehr zu thun, als was er gethan hätte, und daß ſie beſchwören könnten, er ſei ohne alle Schuld an dem Unglücke. In einem kleinen Seemannswirthshauſe, wo die übrige Beſatzung wohnte, ſetzte Albin ſeine Seeverklarung auf, während er den Doctor erwartete, welcher verſprochen hatte, in anderthalb Stunden ſich einzufinden, theilte das Geld unter die Kameraden aus und bat ſie, ſich auf den folgenden Vormittag bereit zu halten. Wir laden jetzt den Leſer zu einer der entlegenſten Hütten auf dem Islande ein. Es iſt dieß eine Gegend, wo die Aermſten unter den Armen wohnen. Das Haus— da wir ihm doch dieſen Namen ertheilen müſſen— enthielt nur ein einziges Zimmer mit einer Abſchrankung vor demſelben, welche als Verwah⸗ rungsort für Holz, Fiſchgeräth und das einzige Eigen⸗ thum des Fiſchers, ein kleines Boot, diente. Von einer Küche war gar die Rede nicht, aber an dem Tage, welcher Kochtag war, benutzte man den baufälligen Kamin in der Stube, und um den Rang deſſelben in dieſer Hin⸗ ſicht zu bezeichnen, ſtanden dort ein mit eiſernen Reifen belegter Schiffgrapen nebſt einigen irdenen Schüſſeln an der einen Mauer des Kamins. Nur ein einziges Fenſter, und dieſes von einer höchſt eigenthümlichen Form, etwa dreiviertel Ellen breit und zwei Ellen hoch, erleuchtete am Tage dieſe Wohnung der Armuth— doch blieb das Licht ſehr ſparſam, denn in den meiſten Oeffnungen des enſterrahmens dienten(mit kreuzweiſe davor geſetzten hölzernen Stiften, um ſie feſt zu halten) anſtatt der Aläſernen blaue papierene Scheiben. Einen wirklichen iſch hatte der alte Fiſcher ſeit der Zeit nicht gehabt, Der Jungferthurm. I. 17 258 da der letzte gepfändet worden war; doch ein Seemann weiß für Alles Rath, und ſo hatte ſich denn der Greis ein altes Bootbrett über zwei Blöcke gelegt. In dem Augenblicke, da wir eintreten, haben die Schatten des Abends ſchon lange auf dem Islande und der Hütte des armen Fiſchers geruht. Auf dem oben beſchriebenen Tiſche brannte ein dünnes Talglicht, welches nicht im Stande war, ſeine eigene Schwere zu tragen, und daher hin und her wiegte in der weiten Oeffnung eines rothgeblümten Topfes, der in alten Tagen, ehe er gekittet wurde, mehr denn einmal das Quartier Schwach⸗ in beherbergt hatte, welches der Alte ſich Sonntags eſtand. Um den Windzug abzuhalten, die ſchwache Flamme zu löſchen, hatte man einen Südweſt(einen Matroſen⸗ hut) an dem Theile des Fenſters aufgehängt, welchen man am unfähigſten hielt, einem Angriff von den Söh⸗ nen des Aeolus zu widerſtehen. Was aber kann ein armer, einfältiger Südweſt wohl ausrichten, um ſolchen Feinden zu begegnen? Er that gleichwohl ehrlich, was er vermochte, weil er nicht herunterfiel und das ganze Licht zerſchmetterte; aber keine Macht konnte ihn hindern, auf ſeinem Nagel hin und her zu ſchwanken, ſo daß das Licht bald wie eine Fackel aufflammte und bald zu einem ſchwindſüchtigen blauen Rauch zuſammen ſank, und daß die ſchmalen, leinenen Streifen, welche auf dem Tiſche lagen, das eine Mal nach dem andern eine Reiſe über den Fußboden antraten. In dem düſtern Zimmer finden wir drei Perſonen verſammelt. Der Beſitzer des Hauſes— ein ehemaliger alter Matroſe mit weißen Haaren, jetzt Fiſcher, mit einer rothen wollenen Mütze auf dem Kopfe— ſaß auf einem eichenen Klotze, dem Kamine gegenüber, worin ein luſti⸗ ges Feuer brannte, welches bezeugte, daß, ſo groß auch die Armuth, dennoch an dieſem Artikel kein Mangel war, der in ſo vielen andern Provinzen in hohem Grade die Laſt des Armen erſchwert. nann Greis n die mme oſen⸗ lchen Söh⸗ nein lchen was ganze dern, das inem daß iſche über ſonen alter einer inem luſti⸗ auch war, de die 259 Der alte Surr, gewöhnlich Surre⸗Mats genannt, war eifrig beſchäftigt, auf den Knieen, die er oft mit Kreide einrieb, eine Angelleine von Pferdehaaren zu drehen. Dazwiſchen wendete Surr oft einige geſalzene Fiſche um, welche wegen Mangel an Sonne vor dem Feuer gedörrt wurden. Auf einem an der einen Wand angebrachten, halb mit Stroh gefüllten und mit einer Preſenning bedeckten Gerüſte lag eine lange Geſtalt, deren Fuͤße eine Viertel⸗ elle aus dem ärmlichen Bette hervorſahen, und wovon der eine an ein Stück Brett feſtgebunden war. Der Maun, der in fieberhaften Schlummer verſenkt war, ſah nichts von den traurigen und theilnehmenden Blicken, welche eine dritte Perſon auf ihn richtete. Dieſer Dritte aber— ein ſchöner, ſchlanker Jüngling mit feſten, ernſten Zügen— ſtand an dem Tiſche, wo er, beleuchtet von der flackernden Flamme des Lichtes, beſchäftigt war, mit einem Meſſer leinene Streifen in verſchiedene Formen zuzuſchneiden. Wenn man zufällig den Anzug des Jünglings genau gemuſtert hätte, ſo würde man noth⸗ wendig bemerkt haben, daß kein Hemdkragen unter der rothen wollenen Jacke hervorſah und den ſchwarzen, lockigen Haaren im Nacken oder der jugendlichen Röthe der friſchen Wangen Relief ertheilte; und die oben an⸗ gedeuteten warmen Blicke, welche der junge Mann auf den Kranken heftete, würden deutlicher als jede Verſiche⸗ rung geſagt haben, daß es das einzige Hemde des Schiffbrüchigen war, welches er— zu ſtolz, um bei Fremdlingen, die ihm kalt zu ſein ſchienen, zu betteln— für den leidenden Kameraden zerſchnitt. „Dicht angeholt, Ihr Teufel!— recht ſo!— lavirt ein wenig— recht ſo! Seid ganz ruhig, Mutter Kitty: ich will ſchon mit ihnen fertig werden!... Nimm Dich in Acht, Du verdammter Zahnſtocher! vergiß nicht, ich ſtreiche alle Franzoſen blau an, wenn Du das brennende Herz anfaſſeſt, welches ich von Poll erhielt... ach, Poll! .. das Schnupftuch hat ſie gezeichnet und die Haarlocke lag in der Weſtentaſche und fünfzig Pfund habe ich 260 zuſammen gearbeitet!... Aus dem Wege, Zahnſtocher verdammter Lügner! Poll verheirathet?— Du wlllſt Dich wohl grün anſtreichen laſſen, da blau nicht genug iſt?... Und gelbe Ränder.... Zieh an und lichte Dich, zieh an, pall!... So, ſo, Jungen— friſche, gleichmäßige Zuͤge... Recht ſo!“ So phantafirte der arme Bas; und Albin Jentzel, der die Fragmente ſeines einzigen Hemdes zuſammen⸗ legte, ſetzte ſich nun auf die Kante des elenden Bettes, um nachzuſehen, ob vielleicht der Verband, den der Arzt eben angelegt hatte, in der Fieberhitze verſchoben würde. Da es erſt am nächſten Tage Kochtag war, ſo nahm der alte Surr aus dem Schranke eine hölzerne Bütte mit Ueberbleibſeln ſeiner Grütze hervor und verzehrte ſie in aller Ruhe allein, ohne ſich von ſeiner Umgebung geniren zu laſſen, und oben darauf nahm er zum Deſ⸗ ſert ein wenig kalte Fiſche zu ſich, welche geſchwiſterlich die andere Seite der Buͤtte einnahmen. Nachdem der Alte ſeine Mahlzeit gehalten, die rothe Mütze abgenom⸗ men und einen warmen Seufzer zu dem Geber ſowohl des Großen, als auch des Kleinen emporgeſchickt hatte, legte er ſich neben dem Kamin auf den Fußboden zur Ruhe, mit dem eichenen Klotz zu ſeinem Kopfkiſſen— dieß war die einzige Bequemlichkeit, die ihm blieb, ſeit⸗ dem das eigentliche Bett verliehen war. Was Albin betraf, ſo wachte er unter wechſelnden Gedanken, die jedoch ſämmtlich von dunkler Farbe waren, bis zu der Morgendämmerung; dann weckte er Surr und— die Müdigkeit verleiht allen Dingen Reize — nahm das Lager des Alten ein. Im Schlafe war er in Geſellſchaft mit dem Geiſte des Capitains Flyborg; es war ihm, als käme dieſer, um ihn zu beſuchen und ihm die Verſicherung zu geben, daß er, der vorige Befehlshaber auf der Iduna, Albin nicht den geringſten Vorwurf zu machen wüßte über die Art und Weiſe, wie er ſeine Pflicht erfüllt hätte. Wer das Schiff mit der größten Geſchicklichkeit von Batavia ocher willſt enug lichte iſche, ntzel, men⸗ ettes, der oben ahm Zütte te ſie bung Deſ⸗ rlich der vom⸗ wohl atte, 261 geführt hatte, der würde es gewiß auch, wenn es nur auf Geſchicklichkeit beruht hätte, in den Hafen von Gefle gebracht haben; doch Iduna's Zeit war aus— das bewies am beſten der Umſtand, daß der ſchreckliche Sturm, welcher ſie in die Tiefe hinabriß, erſt an dem Eingange zu den Thoren der Heimath erwachte. Obgleich ein Aberglaube in dieſem Traume lag, ſo übte derſelbe dennoch einen wohlthätigen Einfluß auf Albin's niedergeſchlagenes Gemüth aus; und mit Ruhe und Selbſtgefühl fand er ſich zu rechter Zeit auf dem Rathhauſe ein, um nebſt der Beſatzung die Seeverkla⸗ rung zu beſchwören; und Alle bezeugten, der Steuermann hätte, nach ihrer Ueberzeugung, Alles gethan, was ein Schiffer, der nicht allwiſſend wäre, hätte thun können, und daß der Steuermann nicht nur zu allerletzt in das Boot gegangen wäre, ſondern auch mit wirklicher Lebens⸗ gefahr den Zimmermann Bas gerettet hätte, der faſt zerſchmettert worden war, als der Fockmaſt und die große Marsſtenge über Bord gingen. Der Steuermann Jentzel wurde von aller Verant⸗ wortlichkeit ganz freigeſprochen. Aber alle Kaufleute, denen er ſeine Dienſte zu irgend einem Geſchäfte wäh⸗ rend des Winters antrug(und überwintern mußte er hier, um Bas zu pflegen und ihm, wenn auch nur den dürftigſten Unterhalt zu ſchaffen), gaben ihm einen höflichen Abſchlag: Niemand bedurfte ſeiner Hülfe, weder bei den Magazinen, noch im Laden, noch zur Aufſicht über die Arbeitsleute— Niemand bedurfte ſogar eines Segelmachers, denn dergleichen hatte man in der Stadt. „Und dieſes iſt dennoch das Land, in welchem ich geboren bin!“ ſagte Albin zu ſich ſelbſt. Vor vier Jah⸗ ren kam ich als Bettler nach Göteborg, und vier Jahre darauf komme ich wieder als ein Bettler in einen andern ſchwediſchen Hafen; aber es iſt bitterer, in einem Alter von achtzehn Jahren arm und hülflos zu ſein, als wenn man erſt vierzehn alt iſt— meine Jugend trägt keine Roſen mehr!“ Er blickte zum Himmel empor,.„Doch 262 die Zeit der Prüfung nimmt vielleicht auch ein Ende!... Wenn ich an Frau Wolk ſchriebe!. Nein, jetzt noch nicht— ich will noch ein wenig warten!“ Noch einmal beſuchte er das Haus des Großhänd⸗ lers N.., um ſich zu erkundigen, ob nicht während des letzten Jahres ein Brief an ihn oder an den Capitain Fly⸗ borg von Göteborg angekommen wäre. Deer erſte Buchhalter beſann ſich: ſeinem Gedächt⸗ niſſe ſchien Etwas vorzuſchweben. Albin's Herz klopfte— vielleicht lag eine Hoffnun in dieſem Beſinnen verborgen.„O, nun entſinne ich mich, Herr Jentzel! Es war eine Notificationskarte, die dem Capitain Flyborg zugeſchickt werden ſollte. Schade, daß die Karte verkommen iſt; ich weiß jedoch, daß ſie die Nachricht ertheilte von dem Tode einer alten Wittwe.“ „Frau Wolk?“ „Ja, richtig— Frau Wolk!“ Und der beſchäftigte wchen ſah von Neuem auf die Ziffern ſeines Haupt⸗ uches. Albin ſagte kein Wort; aber der Schmerz ergriff ihn ſo heftig, daß er die Treppe faſt hinabtaumelte. Als er auf die Straße kam, zog er die leere Brieftaſche mit Tibb's Portrait hervor, betrachtete dieſes genau und ſeufzte aus der Tiefe ſeiner Seele:„Auch ſie dahin!“ Den ganzen Abend bis ſpät in die Nacht hinein trieb er ſich ohne Ziel umher; als er aber endlich nach dem Islande hinſteuerte, hatte der Brand der Gefühle, von der kalten Nachtluft abgekühlt, ſich ſchon etwas gelegt — er konnte ſich wieder faſſen, und mit der Faſſung kehrte auch die Zuverſicht zurück. 1 .. noch händ⸗ d des Fly⸗ ücht⸗ nun 3 ich ,die hade, ß ſie twe.“ ftigte aupt⸗ rgriff Auu mit und hin!“ trieb dem von gelegt ſſung 263 Vierundzwanzigſtes Capitel. Der Stolz ſtreicht die Segel. An dem fünften Tage nach der Seeverklarung hatte das Fieber endlich ſo weit nachgelaſſen, daß Bas anfing, die ſchwierige und unglückliche Lage, in welcher er ſich befand, zu begreifen. „Ach ſo, es iſt der Steuermann, der hier neben mir ſitzt?... Nun es konnte auch kein Anderer ſein!— Bas iſt nun caſſirt; doch Einer verläßt ihn nicht!... ank!— ich ſage nicht mehr, aber ich meine etwas Beſſeres— ich fuͤhle es hier inwendig!“ Und in dem Auge des ehrlichen Matroſen gewahrte Albin etwas, das er dort nicht öfter geſehen hatte, als nur einmal, näm⸗ lich als der arme Bas durch die Luke in die Schanze herabſtürzte und die Weſte aufriß, um Poll's Haarlocke und das kleine goldene Herz zu betrachten, welches noch immer an einer feinen Schnur um ſeinen Hals hing. Nach einer Pauſe, die Albin nicht ſtörte, begann Bas wieder:„Wie lange ſind wir denn in dieſem Para⸗ dieſe geweſen?... Das iſt mir ein Teufelsbein, ſo weh thut es!— Hat es der Doctor zuſammengeſplißt?— Aber wo hat der Steuermann ſelbſt gelegen? Ich ſehe hier ja kein Zeichen von einer Koje, außer dieſer Fol⸗ terbank, und ſie iſt eben nicht die weichſte!“ Albin ſah ein, daß Bas jetzt ihre Lage ganz begreifen konnte, und erzählte ihm daher Alles, was ſich zuge⸗ tragen hatte, ausgenommen Frau Wolk's Tod— Albin hatte nicht das Herz, den armen Bas noch mehr zu betrüben: er wußte ſo gut, wie ſchwer dieſer Todesfall dem Freunde zu Gemüthe gehen wuͤrde.. „Der Teufel!“ fluchte Bas, nachdem er geduldig alle Einzelheiten gehört hatte,„daß der geizige Erzjude — doch es iſt zu gut, ihn einen Juden zu nennen: Juden ſind meiner Treu oft weit beſſer, als Chriſten— nicht dem Steuermann die verdiente Miethe geben wollte! Sagte er geradezu nein?“ 264 „Wegen des Accordes mit Capitain Flyborg, wie Du weißt, ſagte ich ihm ſelbſt, daß ich nichts zu for⸗ dern hätte.“ „War auch nothwendig— kommt weit auf die Art!... O! ei!... legen Sie doch die Planke ein wenig zurecht. Das Bein liegt ſchief!... Der Teufel hole bene den...! Den Arzt beſtand er aber doch wohl?“ „Nein, mein armer Bas: er ſagte, er hätte keine Zeit, an dergleichen zu denken.“ „Wie, Steuermann? ſchlugen ihn wohl auf die Schnauze?— So'n Patron verdient kein beſſeres Trac⸗ tament.... Ach, nun verſchob ich gewiß das Bein!... Wäre eine große Barmherzigkeit von unſerm Herrn, wenn er ſo gnädig ſein wollte, mir zu erlauben, in „Geſellſchaft dieſes Patrons in einem Wetter, wie wir es hatten, als das ſelige Wrack Iduna zu Grunde ging, oben vn der Bovenbramraa Segel zu bergen!... Ach, ach, ach!...“ cj„O mein lieber Bas!“ fiel Albin mit einem ſchwa⸗ chen Lächeln ein,„ſo böſe Du auch jetzt biſt, ſo weiß ich doch, hätteſt Du Herrn N.. zwiſchen der Raa und dem Toppenant, ſo retteteſt Du ihn, wenn Gefahr vor⸗ handen wäre und du es könnteſt!“ „Nein, bei St. Brita's Unterröcken, in Ewig⸗ „So kehre Dich nur jetzt nicht weiter daran— ich kenne Dich beſſer— gib mir lieber die Schulter her, damit ich ſie ein wenig ordentlicher verbinde, als unter Deiner Bewußtloſigkeit geſchehen konnte!... Hüte Dich aber, Freund Bas, das Bein zu bewegen: der Doctor ſagt, es iſt„ſehr gut“ gebrochen und wird bald wieder zuſammenheilen, wenn Du Dich nur ſtill hältſt. Mit der Schulter ſieht's ſchlimmer aus: er glaubt, Du be⸗ oidinſt kaum in einem halben Jahre Deine vorige Kraft wieder.“ Bas' Geſicht verdunkelte ſich zu einer fürchterlichen Sturmwolke, doch er ſchwieg; denn in dieſem Augenblicke wie for⸗ f die ein keufel doch keine warf er ſeine Augen auf ein Stück von ſeinem Verbande, das mit Albin Jentzel's Namen gezeichnet war, und als gleich darauf ſein Blick auf den groben Kragen von Sackleinwand an dem Halſe des Jünglings ſiel, ſo ſah er ſeine aufopfernde Zärtlichkeit ein, und obgleich der Ton vor tiefer Rührung zitterte, ſo verſtand doch Albin folgende Worte:„Werde ich einmal wieder geſund, ſo will ich nicht allein das letzte Hemd für den ſpringen laſſen, der mir das gethan hat— das Fell darunter mag gerne mitfolgen, wenn es ihm nützlich ſein kann!“ „Schwatze Du nur keine Dummheiten!“ antwortete Albin gewiſſermaßen ſtreng,„Du ſiehſt ja, daß ich mir ein neues und wärmeres geſchafft habe!“ „Ja, Herr Jentzel! Sie haben ſich wohl ein Ma⸗ troſenhemde geborgt— kenne das Pulver, weiß, wie es ſchmeckt... weiß allzu gut, daß keine Leinwand fein genug war... Aber warte, warte!... Ei, ei— nun verrückte ich das Bein wieder!... Aber warte!.. — Ein Monat war verfloſſen, und mit Hülfe einer Krücke, die Bas ſelbſt ſich aus einem tüchtigen Stocke gemacht hatte, konnte er im Zimmer umherhinken. „„ Wo aber in Gottes Namen, Steuermann, halten Sie den ganzen lieben Tag Haus?“ fragte Bas forſchend, als Albin an einem Abende ſpät nach Hauſe kam und ſich auf den eichenen Klotz des alten Surr ſetzte— dieſer hielt zur Abwechſelung auf dem Gerüſte an der Wand ein Schläfchen. „„O ich habe Geſchäfte draußen gehabt!“ antwortete Albin ausweichend. „Draußen? wo draußen?“ Bas ſchüttelte den Kopf. „Ich will kein ehrlicher Kerl ſein, wenn das richti zuſammenhängt! Die armen Schillinge, welche ich erhielt, ſind längſt ausgegeben— aber ich weiß, Steuer⸗ mann, Sie retteten den ledernen Beutel mit Capitain Flyborg's Teſtament für arme Seeleute.“ 2 „Was denn weiter?“ fragte Albin. 266 „Was weiter?— Was weiß ich! Sind wir denn keine armen Seeleute und ſeine allernächſten oben⸗ drein?... Nun, nun, fliegen Sie nur nicht auf mich los: ich weiß jetzt nicht eigentlich, was ich denken ſoll, außer daß ich meine, unſer Herrgott hätte ſo gut ſein können, mir dieſes Letzte zu ſparen— Poll's Seiten⸗ ſprung war am Ende doch nicht ſo übel!“ „Die Beſchlüſſe der Vorſehung dürfen wir nicht tadeln, wir müſſen uns unterwerfen! Aber ich glaubte, Du kennteſt mich als wenigſtens ſo ehrlich, daß Du die Hand auf die Bibel legen und ſchwören könnteſt, ich hätte lieber Dich und mich dazu todt hungern laſſen, als daß ich ein einziges Geldſtück von denjenigen an⸗ rühren würde, die mein ſterbender Vorgeſetzter meiner Ehre anvertraute.... Nein, ſo bald ich kann— und ich hoffe, das geſchieht bald genug— reiſe ich zu dem Kaufmanne, der das Geld haben ſollte; und obgleich weder Brief noch Teſtament gerettet ſind, ſo ſchadet das gar nicht: ich weiß noch die ganze Dispoſition des Ca⸗ pitains Flyborg.“ „Mit dem Briefe des Capitains war es das Schlimmſte; ich will oben von der Raa herabfallen, Steuermann, wenn nicht darin viele Dinge zu Ihrem Beſten ſtanden— Capitain Flyborg war ein Mann, der recht gut wußte, was er that!“ Bas urtheilte vollkommen richtig: dieſer Brief, wel⸗ cher jetzt verſchwunden war, hatte wirklich die wärmſten Empfehlungen für Albin an einen Mann enthalten, von welchem Capitain Flyborg wußte, daß er es in ſeiner Macht hatte, ihm mehr zu nützen, als er ſelbſt gekonnt hätte, wenn er ihm ſein kleines Kapital ver⸗ macht hätte: denn bei Albin's Charakter war ein paſ⸗ ſender Wirkungskreis, in welchem er ſich ſelbſt empor arbeiten konnte, das Allerglücklichſte. „Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß Du den Nagel auf den Kopf trafſt— vielleicht aber war es ſo, wie es kam, doch das Beſte!“ „Aber was war es denn für ein Kaufmann?“ — denn ben⸗ mich ſoll, ſein iten⸗ nicht ubte, t die 1 ſſen, an⸗ einer und dem leich das Ca⸗ das llen, drem ann, wel⸗ iſten lten, in elbſt ver⸗ paſ⸗ ipor auf am, „Das weiß ich nicht: die Adreſſe ſoll bei dem Golde liegen; aber ich habe den Beutel noch nicht geöffnet, und ich will es auch nicht, ehe ich reiſefertig bin.“ „Sie reden gerade ſo, Steuermann, als ſtände es in Ihrer Macht, zu reiſen, wann es Ihnen gefiele! Wenn es nicht allzu naſeweis wäre, ſo wollte ich wohl fragen, wo das Reiſegeld liegt, und woher Sie das Geld genommen haben, für welches wir dieſen ganzen Monat gelebt haben— ich habe doch wohl nicht die ſchöne Fleiſchſuppe und das Fleiſch aus dem Armenhauſe erhalten?“ „O nein, Bas; jetzt kann ich Dir Alles ſagen!“ „Alles?— Konnte mir wohl denken, daß etwas entzwei war!“ Bas war fürchterlich umwölkt.„So laſſen Sie doch hören!“ „Siehſt Du: ich konnte ja doch mich hier nicht umhertreiben und hungern; daher bin ich in Ermang⸗ lung einer beſſern Beſchäftigung zu einem Brauer, der gut bezahlt, gegangen und habe bols geſägt.“ Bas runzelte die dicken Augenbrauen noch mehr. „Alſo dahinaus geht's, daß ein junger, feiner Herr ge⸗ zwungen iſt, bei einem Brauer Knecht zu werden?... Aber hol' mich der T—, wenn ich das leide! Ich hinke zu dem Patron N.., ich, und ich halte ihm eine Rede, ich, daß er die Beine in die Luft ſetzen ſoll! Iſt das Raiſon, das, iſt das eine Rhederei, das, welche die rechte Hand und das rechte Auge eines alten und ehr⸗ lichen Schiffers auf die Manier belohnt?...“ Stopp, Steuermann! verſuchen Sie es nur nicht, mir Capriolen zu ſagen von dem Willen und Wohlgefallen unſeres lieben Herrgott; denn, reite mich der Nix! ich kenne unſern Herrgott auch, und er iſt, hol' mich der T—, allzu ehrlich, als daß er mit Wohlgefallen zuſehen ſollte, wenn die Rhederei den Steuermann ihres ver⸗ loren gegangenen Fahrzeuges arbeiten läßt wie einen Hund.“ „Still, Tollkopf!“ ſagte Albin, indem er aufſtand und Bas die Hand auf die Schulter legte,„mit dem 268 Holzſägen iſt's jetzt ja zu Ende, und es iſt mir gar nicht üͤbel bekommen.“ „Ach ſo, das Holzſägen iſt Ihnen gut bekommen— warum denn?“ „O, aus vielerlei Gründen!“ antwortete Albin bei dem Gedanken erröthend, wie viele Kämpfe er mit ſeinem Stolze zu beſtehen gehabt hatte, ehe er es hatte ſo weit bringen können, das einzige ſichere Mittel zu ergreifen, um für den Augenblick die täglichen Bedürfniſſe zu be⸗ friedigen. „Nun, wie iſt es denn damit zu Ende gegangen?“ „Ja, Du ſollſt hören, daß ich eine Art von Glück gehabt habe, welches(ein leichter Seufzer ſtahl ſich hier über Albin's Lippen), obgleich es eigentlich eine größere Demüthigung in ſich trägt, als ſelbſt das Holzſägen, dennoch beweist, daß die Vorſehung immer in der Stunde der Noth auf irgend eine Art Hulfe ſchickt.“ „Ja, ja... ja wohl— aber bisweilen kommt es ſo, daß ſie ſich ein wenig allzu lange unterwegs auf⸗ hält... nun, nun, darüber darf ſich Keiner wundern, denn das gehört wohl zu ihrer Religion und zu ihrem Reglement, kann ich mir denken.... Ich bin übri⸗ gens ſehr neugierig, dieſes Glück kennen zu lernen, wel⸗ cches ſo glücklich und dennoch ſchwerer zu tragen iſt, als dazuſtehen wie ein ſimpler Kerl und in dem Holzſtalle des Brauers Holz zu ſägen.“ „Du wirſt die Sache wohl nicht ſo verſtehen, wie ich, Bas— doch das iſt einerlei: Du haſt vielleicht mehr Recht, als ich.... Als ich heute Nachmittag in mei⸗ nem Schuppen ſtand— er liegt nach der Straße hin⸗ aus, ſo daß mich ein jeder Menſch ſehen kann— kam ein Kerl herein und grüßte von Patron N.., ich möchte zu ihm hinaufſehen, er wollte mit mir ſprechen.“ „Siehſt Du!“ murmelte Bas...„Ja, ja, dort oben iſt Einer, der dem Härteſten das Leder weich machen kann!. Nun, Steuermann, Sie flogen wohl?“ „O nein,“ ſagte Albin lächelnd,„ſo eilig hatte ich's nicht, aber ich beſann mich auch nicht lange; denn gar 2n— n bei inem weit eifen, 1 be⸗ en?“ Glück hier ößere igen, unde it es auf⸗ dern, rem bri⸗ wel⸗ als talle wie nehr mei⸗ hin⸗ kam chte dort chen jatte denn 269 wenn man ſo übel daran iſt, wie ich in dieſem Augen⸗ blicke, ſo darf man ſich keine Zeit gönnen, um mit dem Hochmuthe zu accordiren: ich ging alſo— aber ſchwer genug wurde mir's!“ „Verſtehe— bin nicht ganz dumm und einfältig!“ „Als ich eintrat, ſpazierte der Patron im Zimmer auf und ab. Seine erſte Frage war:„Wie befindet ſich der kranke Matroſe 2...“—„Gut!“ ſagte ich.—„Wo⸗ von leben Sie?..“—„Ich ſäge Holz!...“—„Hm, konnten Sie auf keine paſſendere Weiſe Geld verdienen? Aus Ihrer Seeverklarung habe ich erſehen, daß Sie Ihre Gedanken leicht und vernünftig aufſetzen können und daß Sie eine ſchöne Hand ſchreiben; auch habe ich gehört, wenn es wahr iſt, daß Sie ſich erboten haben, in mehreren Sprachen Unterricht zu ertheilen, und das ſetzt ja wohl voraus, daß ſie darin zu Hauſe ſind?...“ Ich ſagte ihm, welche Sprachen ich reden und ſchreiben könnte; und wieder nahm er das Wort:„Ich verabſchie⸗ dete geſtern wegen einer begangenen Nachläſſigkeit mei⸗ nen zweiten Buchhalter; wenn Sie meinen, daß Sie ſeinen Platz füllen können, ſo erhalten Sie ihn!.“— „Wie können Sie, Herr Patron,“ entgegnete ich,„ſich auf meine Tauglichkeit verlaſſen; da Sie ſich weigerten, auf meine Empfehlung für einen Andern Rückſicht zu nehmen, ſo muß dieß um ſo weniger der Fall ſein, wenn ich mich ſelbſt empfehle!“ ³ „Verteufelt ſchön! Das ging wohl in ihn hinein — oder blieb's ihm vielleicht im Halſe ſtecken?“ „O nein, er lächelte gnädig und antwortete: Ich habe ſo redende Beweiſe von Ihrer Ehrlichkeit geſehen, daß ich mich darauf verlaſſe! Die Bedingungen ſind folgende: Zweihundert Reichsthaler Banco jährlich, freie Station an meinem eigenen Tiſche, zwei Paar Stiefel mit Galoſchen, ein Rock zu Weihnachten, und wenn ich finde, daß Sie ſich ſo aufführen, daß ich Sie drei Jahre behalten kann, ein ſchwarzer Anzug.“ „Herr Jeſſes, das war recht anſtändig!“ ——=—— — ——— 270 „Es geht wohl an— ich ſchlug auch ein, und in vier Tagen trete ich meinen Dienſt an.“ „Gebe Gott, daß es in einer glücklichen Stunde geſchieht!“ ſagte Bas.„Aber Steuermann, Sie ſehen nicht vergnügt aus und haben doch ein ſolches Glück gemacht!“ „Nein, ich bin weit entfernt von vergnügt— doch das gibt ſich wohl!... Und nun will ich, da ich einen kleinen Vorſchuß erhielt(den er mir ſelbſt anbot), mich auf das Land hinausbegeben und den Kaufmann auf⸗ ſuchen; und wenn ich wiederkomme, ſo miethe ich Dir ein nettes Stübchen, wo Du in Frieden und Ruhe woh⸗ nen kannſt, bis Du ſo kräftig biſt, daß Du wieder Miethe nehmen kannſt— ein tüchtiger Matroſe findet immer ſeinen Platz. Ich meines Theils muß meine drei Jahre warten: dann mache ich ſogleich mein Schifferexamen, und dann, wenn Gott will, gibt mir wohl der Patron oder ein Anderer ein Fahrzeug, und dann, mein ehrlicher Bas, trennen wir uns nicht mehr: Du wirſt mein Con⸗ ſtabel, mein Hofmeiſter, da Du doch an keine Navigation denken willſt, ſo daß Du Steuermann werden kannſt.“ „Ein treuer Hund werde ich,“ ſagte Bas mit einer kleinen Unklarheit in der Stimme,„und ein Proviant⸗ meiſter auch, wenn Sie nur erſt eine Schute zu pro⸗ viantiren bekommen!... doch— wenn kein Anderer dafür ſorgt, Steuermann, ſo haben Sie ja immer noch ihre alte Frau in Göteborg: ich kann begreifen, Sie waren nun wieder zu hochmüthig, um an ſie zu ſchreiben?“ Eine dunkle Wolke voller Schmerz und Betrübniß zog ſich über Albin's Geſicht. Ach Bas! ſo lang wir allzu vielen Kummer hatten, habe ich Dir nicht geſagt, daß ich nun weiß, warum ich in dem letzten Jahre keinen Brief von ihr erhalten habe!“ „Im Namen des lebendigen Herrn! die Alte wird doch wohl nicht in die Ewigkeit gereist ſein?“ „Ja, die edle Frau mit ihrem warmen Herzen iſt todt!“(Albin zerdrückte eine Thräne, welche ſich in ſeine Augenwinkel hervorſtahl.)„Ich hatte keine Gelegenheit, b V ihr bal und Ste mit letz gett zeig kön auf und hein Flyf Ver zu wele Sch nahr vor, Albi einen gab: ſo u hatte welch um ſich! guten liche erſtar Nam ad in tunde ſehen Glück doch einen mich auf⸗ Dir woh⸗ tiethe nmer Fähre men, atron licher Con⸗ ation nſt.“ einer iant⸗ pro⸗ derer noch Sie en?“ ibniß wir ſagt, Lahre wird —n iſt ſeine theit, ihr zu danken für ihre Zärtlichkeit, ihr meine Undank⸗ barkeit abzubitten! Doch ich habe es hernach gethan, und ich hoffe, ſie hat mich gehört!“ 3 „Ja, ich cavire, daß ſie es gethan hat!.. Aber, Steuermann, haben Sie nicht hingeſchrieben? Ich denke mir, es kann unmöglich anders ſein, als daß ſie in ihrem letzten Augenblicke an Sie gedacht hat.“ „Wie Du redeſt! Hat ſie nicht genug für mich gethan? Sie hatte Erben, die ihr näher ſtanden, als ich.“ „Schreiben Sie aber dennoch an Jungfer Greta und zeigen Sie ihr an, daß Sie hier ſind!“ „Ich habe zwar daran gedacht, aber ich fürchte, es könnte unrichtig ausgelegt werden.... Nein, hin iſt ſie auf jeden Fall— wozu nützt das Schreiben!“. In nächtlicher Stille, da Bas eingeſchlummert war und der alte Surr ſchnarchte, zog Albin aus einem ge⸗ heimen Verſteck den anvertrauten Schatz des Capitains Flyborg hervor. Jetzt wagte er es, ſicher vor allen Verſuchungen, eine Anleihe machen zu wollen, den Beutel zu öffnen und die Adreſſe heraus zu nehmen. Mit tiefer Rührung löste er den feſten Knoten auf, welchen der redliche Mann ſelbſt um ſeinen erworbenen Schatz geſchlungen hatte, und mit noch tieferer Rührung nahm er den oben darauf liegenden Papierſtreifen her⸗ vor, deſſen Schrift von Flyborg's eigener Hand war. Albin hielt das weiße Blatt gegen das Licht, und las einen Namen, der in ſeinem Innern ein heftiges Echo gab: es war der Name des Freundes, den ſein Vater ſo oft ausgeſprochen hatte, derſelbe, welchen er beſtimmt hatte, das Vermögen der Unmündigen zu verwalten, welchen aber Albin bis jetzt zu vergeſſen geſucht hatte, um bei ſich ſelbſt einen Vorwurf zu bemänteln, den er ſich bisweilen gemacht hatte, daß er nämlich weder ſeiner guten Frau Wolk, noch dem Capitain Flyborg dieſe mög⸗ liche Hülfsquelle in der Noth mitgetheilt hatte. Jetzt erſtaunte er, da durch eine Schickung der Vorſehung der Name Fredrik Stangerling ihm entgegen leuchtete,„Dieſer 272 Mann hat,“ ſeufzte Albin,„wenn er eine eben ſo freund⸗ ſchaftliche Geſinnung gegen den Sohn hegt, wie er ſie gegen den Vater hegte, ein Recht, die Wahrheit zu be⸗ hehre— und Wahrheit kann ich nicht reden!“ Das Andenken an denjenigen, welcher in der Blutnacht ſein Leben gerettet hatte, ſtand lebendig vor ſeinem innern Blick— er fühlte ſich jetzt mehr denn jemals von der Ehre gebunden. In der ganzen Nacht kam wegen der Mannigfaltig⸗ keit ſeiner Gedanken kein Schlaf in Albin's Augen; als aber der Morgen erſchien und er ausging, um ſich nähere Nachrichten über das Landgut des Herrn Stangerling zu verſchaffen, ſo fiel ihm gleichſam ein Stein von ſei⸗ nem Herzen, als man ihm ſagte, daß Herr Stangerling ſchon früß im Herbſte Furuwik verlaſſen hätte, daß er jetzt im Auslande und erſt nach einem oder anderthalb Jahren zurückkommen würde.„Bis dahin,“ dachte Albin mit froher Faſſung,„kann ich mich ihm beſſer vorſtellen als jetzt; vielleicht gebe ich mich auch gar nicht zu er⸗ kennen als der Sohn ſeines alten Freundes— das ſoll darauf ankommen, wie er mir gefällt... den Schatz kann ich ja bis dahin bei dem hieſigen Magiſtrate de⸗ poniren!“ Dieſen letzten Beſchluß führte er denn auch ſchon an demſelben Tage aus; und das Gerücht, der arme Jüngling, welcher, um das tägliche Brod zu verdienen, einen ganzen Monat vor dem Sägebock geſtanden, hätte mit ſo ſtrenger Redlichkeit das anvertraute Gut bewahrt, vermehrte noch die Achtung, welche er ſchon durch ſein Betragen gegen Bas ſowohl, als auch durch ſeine An⸗ gabe der bezahlten Ablöhnung gewonnen hatte— er wurde ein Gegenſtand der Theilnahme in demſelben Ver⸗ hältniſſe, wie er ein Gegenſtand des Geſpräches wurde. Mit und enth ſein him war müh halte viele die und n fordert Gnade Der ſein nnern der eltig⸗ als ähere rling ſei⸗ rling uß er thalb Albin ellen u er⸗ 3 ſoll jchatz e de⸗ ſchon arme enen, ätte böte ſein An⸗ — er Ver⸗ urde. Fünfundzwanzigſtes Capitel. Der erſte Pfeil. Zwei Winter waren verfloſſen, ſeitdem Albin ein Mitglied in Herrn N.s Hauſe geworden war. Bas reiste längſt wieder auf der ſalzigen Woge, und Albin, welcher nach drei Jahr enthalt auf dem Lande angewendet hatte, um ſich auf ſeine Confirmation vorzubereiten, hatte 1 dieſelbe mit himmliſchem Frieden im erſten Frühlinge beendigt und war darauf mit doppelter Elaſticität der Seele an die mühſamen Pflichten gegangen, die er als zweiter Buch⸗ halter auf dem Comptoir des Herrn N. übernommen hatte. Dieſe Pflichten, welche ſchon an und für ſich ſelbſt viele Zeit erforderten, waren noch erſchwert worden durch die Einziehung eines Magazinsbedienten; und Albin mußte daher, um die Bücher ſtets in Ordnung zu haben, „was das Gelaufe in das Ma⸗ gazin am Tage wegnahm. Doch das ſchadete nichts, ſo lange er bei friſchem Muthe und friſcher Geſundheit war, und Beides war er trotz der Beobachtung, die er ſich ſelbſt nicht verbergen konnte, daß ſein Principal ihn nicht recht leiden konnte. Er meinte, daß der Grund davon ſich aus zwei Urſachen herſchriebe. err N. war Selbſtherrſcher in ſeinem kleinen Reiche, 9 iſ Gehorſam und von uf den geringſten Laufburſchen, die größte Aufmerkſamkeit. Da nun aber aus dem Herzen floß(wovon hier jedoch nicht die Rede ſein konnte), ſo war er nur höflich, niemals demüthig und noch viel weniger kriechend, und dieſes letztere eben orderte 274 Grund war nach Albin's Dafürhalten der, daß der Patron, wie er gehört hatte, für die nachläſſige, um nicht zu ſagen, ſchlechte Art, womit er die Beſatzung ſeines eige⸗ nen Fahrzeuges, beſonders den Steuermann, empfangen, viele Sticheleien und indirecte Vorwürfe hatte hören müſſen, obgleich er doch wußte, daß der verdienſtvolle Capitain Flyborg, ſein beſter Schiffer, dieſen Steuer⸗ mann mit einer väterlichen Liebe umfaßt hatte. Es war alſo ein halber Zwang, eine Art von Schuldigkeit 25 gegen ſein eigenes Intereſſe, dem Jentzel Verdienſt zu geben. Doch obgleich der Großhändler N. ſehr bald den großen Nutzen einſah, den er von ihm zog, ſo war dennoch die Anſtellung des Jünglings auf dem Com⸗ ptoir unter Umſtänden geſchehen, die ſich nur hätten ver⸗ geſſen laſſen durch ein doppelt demüthiges Nachgeben von Seiten Albin's. Inzwiſchen verdoppelte dieſer nur ſeinen Arbeits⸗ fleiß, und trotz der Aufforderung des erſten Buchhalters, auch an ſeine Vergnügungen zu denken— was dieſer nie⸗ mals verſäumte— blieb Albin immer, ja ſelbſt Sonntags, zu Hauſe; denn theils hatte das bedeutungsvolle Feſt des ———— verfloſſenen Winters, ſein erſter Gang zum heiligen Abend⸗ e mahle, ſein Gemüth zu Ernſt und innerer Beſchauung geſtimmt, theils machte das Spiel und das Geräuſch ihm kein Vergnügen, und er beſchäftigte ſich daher lieber mits demjenigen, was er bisher verſäumt hatte, mit der leich⸗ ten Literatur, worin er viele Gedanken, die er früher ge⸗ habt, und viele Träume, die er früher geträumt hatte, wiederfand und ausbildete. Hinſichtlich der äußern Pflege ſeiner Perſönlichkeit, hatte er immer eine kleine Anlage für Feinheit gehabt, und dieſe entwickelte ſich jetzt übereinſtimmend mit ſeiner vergrößerten Einnahme vielleicht um ſo mehr, als er nicht umhin konnte, bisweilen die freundlichen Blicke, welche manches ihm begegnende hübſche Mädchen ihm zugeſchickt hatte, in das Gedächtniß zurückzurufen. Ja er glaubte ſogar nicht ganz ohne Grund, daß mehrere junge Damen abſichtlich an dem großen Holzſchauer Jatron, cht zu s eige⸗ angen, hören iſtvolle Steuer⸗ e. Es ldigkeit nſt zu r bald ſo war Com⸗ en ver⸗ chgeben lrbeits⸗ jalters, er nie⸗ antags, Feſt des Abend⸗ ½ hauung ſch ihm ber mit r leich⸗ äher ge⸗ t hatte, lichkeit, gehabt, t ſeiner als er Blicke, en ihm n. Ja mehrere ſc chauer vorbeigegangen waren, in welchem er während des letzten Herbſtes Holz geſägt hatte, um ſich und Bas zu ernäh⸗ ren; und wenn er darauf in die Hüttte des alten Surr zurückgekehrt war und einen halben Blick in das kleine Stück Spiegel geworfen hatte, deſſen er ſich bei ſeiner dürftigen Toilette bediente, ſo war es ihm, als ob der warme Purpur, den die Arbeit auf ſeiner Wange hervor⸗ gerufen hatte, ihm gar nicht übel ſtand— auch war es ihm, als könnte er weder den langen braunen Locken noch auch den klaren blauen Augen einen ſolchen Vor⸗ wurf machen. 4 „Sie ſehen, daß ich die Arbeit, ſie ſei ſo ſchwer ſie wolle, lieber wähle, als daß ich krieche und mich bücke!“ pflegte er ſich dann zuzuflüſtern, und ſo flüſtert er noch heutiges Tages, wenn er in ſeinen Geſchäften hin und her eilend der einen oder der andern von dieſen„gefähr⸗ lichen Javaſchlangen“ begegnet, vor denen der Capitain Flyborg ihn auf ſeinem Sterbebette ſo ernſtlich ge⸗ warnt hatte. In Betreff des Geſchäftsfreundes ſeines Vaters, des Kaufmanns Stangerling, hatte er noch gar nichts ver⸗ nommen, als daß es unbeſtimmt väre, wann er kommen würde, um ſich in Ernſt auf ſeinem Gute niederzulaſſen. —w Kurz vor dem Johannisfeſte theilte der Patron eine Neuigkeit mit, die gleichwohl im Stillen ſchon längſt bekannt geweſen war, nämlich, daß er nach Uen reiſen und ſich dort verheirathen würde. Herr N. war zehn Jahre lang Wittwer geweſen, und als er auf einer Reiſe im vorigen Jahre ſich mit einem Mädchen von gerin⸗ gem Vermögen aber großer Schönheit in U⸗ verlobt hatte, ſo meinte man, daß nur ſein großes Vermögen ihm ſtatt eines Korbes das Jawort verſchafft hätte. Albin hatte das Vergnügen des übrigen Perſonals, den böſen Herrn los zu werden, nicht getheilt: er fühlte nicht die geringſte Furcht vor Herrn N., weil ihm die Hochachtung gegen denſelben fehlte; bald aber hatte auch 276 er Gelegenheit, ſich über die Abweſenheit des Herrn während des bevorſtehenden Feſtes zu freuen. Eines Tages, da er von einem in der Stadt ver⸗ richteten Geſchafte nach Hauſe kam, ſagte ihm der Com⸗ ptoirjunge, daß eine Dame auf ihn wartete, um Proben der neulich eingekommenen Trauben zu erhalten. Albin, der jetzt aus einem Steuermann und darauf Holzhauer in einen recht eleganten jungen Buchhalter verwandelt war, trat artig herein und verbeugte ſich vor einer hoch⸗ gewachſenen Frau in einer äußerſt prachtvollen, dabei jedoch noch weit ſonderbareren Kleidung; beinahe aber wäre er rücklings wieder zur Thür hinaus geflogen, als er in den männlichen, ſtark gezeichneten, aber ſehr ſchönen und lebhaften Zügen dieſer Frau keine geringere Perſon zu erkennen glaubte, als— Mutter Steuermann. Doch blieb er da, in der Ueberzeugung, daß er ſich geirrt haben müßte; jetzt aber maß ihn ihrerſeits die Dame mit er⸗ ſtaunten Bicken und rief zuletzt aus:„Sind Sie nicht der junge Jentzel, der Jüngling, welcher auf dem Schiffe meines Mannes aufgenommen und ein ſo guter Freund des Achilles wurde?— Armer Achilles! er iſt todt!“ Und bei dieſen Worten fuhr die mannhafte Frau mit dem Schnupftuche über die Augen. „Ja, Madame!“ ſtotterte Albin...„aber ich weiß nicht... ich bin ſo verwirrt... ich...“ Albin war ge⸗ zwungen, inne zu halten, denn es war ihm unmöglich, die große Verwandlung ohne Verlegenheit zu betrachten. „O, ſtellen Sie ſich nur nicht ſo verwundert, mein Herr! ich war damals Steuermann auf dem Schiffe meines geliebten Mannes— er war alt, und es war meine Pflicht, ihm zu helfen. Jetzt iſt er älter und natürlich noch gebrechlicher, weßhalb ich, um mich ſeiner Pflege ganz hinzugeben, die See verlaſſen habe. Wir haben uns vor Kurzem auf einem Gute niedergelaſſen, das nur einige Meilen von hier entfernt iſt... kommen Sie zu uns, Herr Jentzel, und bringen Sie das Johannis⸗ feſt bei uns zu, ſo kann ich mit Ihnen von Achilles, meinem kleinen, lieben Pflegeſohn, reden— ich habe —— keit es noe nen unf das und er Ste Ach ſün jetzt uns nen heit als ſie i Ver ſpra jetzig im als konn Land das auf Anku alles an ſe Pferd Ausg in ihr C wo h⸗ Herrn ver⸗ Com⸗ roben Ulbin, hauer mit weiß r ge⸗ glich, chten. mein Schiffe 3 war r und ſeiner Wir aſſen, mmen unis⸗ hilles, habe — 277 keinen Menſchen in dieſem Lande, der mich verſteht, ob es gleich mein Vaterland iſt.“ Und die ſchöne Amazone warf ihre Augen, die jetzt noch eben ſo funkelten, wie damals, als ſie den hölzer⸗ nen Dolch mit dem Malayen Antony verſuchte, auf unſern Albin, welcher nicht im Stande war, die Kraft, das Feuer und den Ausdruck dieſes Blickes zu ertragen und daher ſeine eigenen Augen zu Boden ſenkte, indem er gleichwohl dachte:„Ach, wie ganz anders iſt Mutter Steuermann jetzt geworden! Vielleicht hat der Tod ihres Achilles und vielleicht auch die Reue über ihr voriges, ſündhaftes Leben dieſes bewirkt— auch ſte verſteht es jetzt, was es heißt, allein zu ſtehen in dem Lande, das uns erzeugt hat!“ Frau Ennes, wie ſie nun hieß, begann nach dieſer klei⸗ nen Unterbrechung ſich ziemlich eifrig mit der Angelegen⸗ heit zu beſchäftigen, wegen welcher ſie gekommen war; als ſie jedoch den Handel abgeſchloſſen hatte, erneuerte ſie ihre Bitte, Herr Jentzel möchte alten Freunden das Vergnügen ſeines Beſuches ſchenken. Und Albin ver⸗ ſprach dieß, ohne ſich weiter zu beſinnen, denn in ihrer jetzigen Geſtalt erſchien Mutter Steuermann ihm nicht im Mindeſten gefährlich: ganz anders war es damals, als ſie den Fliegfiſch commandirte— und noch dazu konnte er ja die Zerſtreuung einer kleinen Reiſe auf's Land recht gut nöthig haben.... Schnell verfloß die letzte Woche vor Johannis, denn das ganze Perſonal des Hauſes war in Bewegung, um auf das Allerbeſte die neu möblirte Wohnung auf die Ankunft der jungen Frau anzuordnen. Endlich war das alles vorüber: der Patron reiste, und ein Jeder begann an ſeine eigenen Geſchäfte oder Vergnügungen zu denken. Albin meinte es gut machen zu können, ſich ein Pferd und ein Gig zu miethen, und wagte daher dieſe Ausgabe, um als ein ganzer Herr die Herrſchaften Ennes in ihrem ländlichen Paradieſe beſuchen zu können. Das Gut lag in einer myſtiſch ſchönen Gegend, wo hohe Wälder ihre Kronen über unzähligen kleinen — ——ꝛ—xx:n — —— — 278 Ströͤmen wiegten, deren rieſelndes Geräuſch ſich ange⸗ nehm mit dem Säuſeln der Wälder miſchte; und Albin, der ſeit ſeiner Jugend auf keinem ſchwediſchen Landgute geweſen war, genoß in vollen Zügen des Glückes, eine ſo ſchöne, friſch duftende Luft einzuathmen, die für ihn noch dazu die Luft der Freiheit war, denn jetzt war er ja ungebunden, glücklich, ſelbſtſtändig. Wie ganz anders damals, als er auf den Fliegfiſch geklettert war und vor dem ſcharfen Auge der Mutter Steuermann ſtand! Und nun trat von ſelbſt der Gedanke an Achilles und Bas hervor: Jener war glücklich im Himmel, dieſer trieb umher auf dem geliebten Meere... vielleicht kehrte Bas nie wieder— er hatte ſich auf eine lange Reiſe begeben — und bei dem Gedanken an den tüchtigen, warmher⸗ zigen Matroſen wurde Albin's eigenes Herz recht warm. Er ließ den Skjutsbauer ſtill halten und ging in Betrachtungen vertieft langſam zu Fuße weiter, als er plötzlich von der Seite, ohne Jemanden zu ſehen, eine Stimme vernahm, welche ihm nur allzu lebhaft ſeinen kurzen Aufenthalt auf dem Sklavpenſchiffe zurück rief. „Wohnungen der Hölle! willſt Du denn nicht be⸗ greifen, Du altes, abgetakeltes Schiffswrack, daß ich zu Lande eben ſo unfehlbar commandire, wie zur See? Setze Dich augenblicklich in Gang mit drei Mann von der Beſatzung des Hauſes— und haſt Du die Laube nicht in zwei Stunden zuſammengeſplißt, ſo rede ich ich mit Dir in meiner eigenen Kajuͤte... haſt Du mich verſtanden, Capitain?“ „Ja, ja, behüte!... Aber ſagteſt Du nicht, liebe Suſanne, Du wollteſt artig werden, wenn wir unſere Geſchäfte zur See niederlegten? Ich ſitze ſehr gerne in Ruhe und rauche meine Pfeife!“ „Capitain!“ rief das erzürnte Weib,„führſt Du oder führe ich den Befehl auf dieſer Schut... auf dieſem verdammten Erdlappen, wollte ich ſagen? Weißt Du: ich laſſe Dich in Arreſt ſetzen! Du wäreſt nicht zu gut, im Mars zu ſitzen, und ich laſſe zu Deiner Züchtigung einen ſolchen im höchſten Maſtbaume, der in meinem Walde wächst, einrichten, wenn Du nicht an Deine Pflichten denken willſt, Capitain!“ „Ja, meine liebe, gute Suſanne, ich will immer daran denken; doch...“ „Kein Wort! Fehlt Dir irgend Etwas, Capitain? Trinkſt Du nicht eben ſo guten Rum, wie ich ſelbſt, wenn Du Dich darnach aufführſt? Erhältſt Du nicht Cigarren, die nächſt meinen von der beſten Sorte ſind? Darfſt Du nicht an meinem Tiſche eſſen, und haſt Du nicht die Erlaubniß, in meiner Abweſenheit die Beſatzung zu commandiren? Du ſollteſt Dich ſchämen, alter Faul⸗ pelz, daß Du murrſt, wenn Du den Befehl erhältſt, aus Deiner ewigen Erſtarrung zu erwachen!... Marſch! die Laube iſt in zwei Stunden fertig— oder...“ In dieſem Augenblicke ſteckte Frau Ennes den Kopf aus einer Grotte des Berges heraus und ſtand ganz unerwartet vor dem jungen Jentzel, welcher auf das Höchſte beſtürzt nach dem geheimnißollen Platze blickte. Mutter Steuermann trat ſogleich ganz hervor und präſentirte ſich in dem pittoresken Coſtüme eines über den reichen Haaren ſchief ſitzenden Südweſt nebſt einem kurzen Rocke von Nankin und weiten türkiſchen Bein⸗ kleidern von weißem Zeuge. Nur wenn ſie in die Stadt reiste oder Fremde bei ſich empfing, legte ſie ſich den Zwang an, eine europäiſche Damenkleidung zu tragen; doch erhielt dieſe gewöhnlich ſo viele Zuſätze, daß ſie faſt vunner ein großes Gefolge von Straßenjungen hinter ich hatte. 8„Willkommen, Herr Jentzel!“ ſagte ſie mit einem inſinuirenden, äußerſt ſüßen Tone.„Wir erwarteten Sie ſo früh noch nicht, mein beſter junger Freund— haben Sie aber die Güte, Ihren Weg fortzuſetzen: ich werde das Vergnügen haben, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten, denn mein Mann, mein alter, geliebter Capitain, will in Ruhe ſein, um mir eine kleine häusliche Ueberraſchung zu bereiten.... Sehen Sie hier!“— ſie deutete auf einen durch das Laub hervorblickenden luftigen und neuen Pavillon—„dieſen habe ich in aller Eile bis auf — ——— — 280 Weiteres aufgeführt: es drückt mich, in einem ſolchen Gefängniſſe zu wohnen!“ Bei dieſen Worten richtete ſie den Blick auf das alte Haus, welches jetzt ebenfalls ſichtbar wurde. Albin fühlte ſich genirt von der ehelichen Scene, deren Zuhörer er eben geweſen war, und ſpielte daher in ſeinen eigenen Gedanken eben nicht die glücklichſte Rolle; doch mußte ſein blödes Schweigen ſehr beredt ſein, denn Frau Suſanne lächelte dem Jüngling immer anmuthiger zu; und dieſer ließ ſich denn auch wie ein gutes Kind führen, wohin ſie wollte— und nun ging es in den zeltähnlichen Pavillon, wo Albin in ein kleines Cabinet verwieſen wurde, um ſich, wie es hieß, einen Augenblick allein zu unterhalten. Dieſes wurde ihm bei weitem leichter, als er ſelbſt glaubte, denn Frau Suſanna Ennes hatte in dieſem Zimmer ein kleines Muſeum angelegt von allen koſtbaren und merkwürdigen Dingen, die ſie von ihren weiten Reiſen mitgebracht hatte; und bald war Albin ſo vertieft in die Beſchauung der intereſſanten Sammlung, daß er kaum bemerkte, wie die Thür aufging und Jemand ſeine Schulter leiſe berührte. Er wendete ſich um und wußte kaum, ob er ſeinen eigenen Augen glauben ſollte. War es die Meerfrau, war es die Waldfrau, oder war es eine verwünſchte Prinzeſſin aus einem Wunder⸗ märchen?... Unmöglich konnte es wohl Mutter Steuer⸗ mann ſein! Doch das Zauberbild verſchwand nicht vor ſeinen Blicken. Die elaſtiſche Geſtalt war in eine kurze, faſt ganz mit Perlenſtickerei überſäete Tunika von blutrother Seide gehüllt, und Steine von der edelſten Art bedeckten Hals, Stirn und Arme. Die Haare umwogten anmuthsvoll die kühnen Formen, und in den Augen blitzten noch glänzendere und leuchtendere Strahlen, als diejenigen, welche die Sonne in dem reinen Waſſer der Steine wiedergab. ſohn läng ſchön des Diſtr mein ſchän keine Lippe bei d lchen e ſie falls cene, aher chſte eredt mer ein ging ines nen lbſt ſem tren iten ieft er ine nen — „Gefalle ich Dir ſo beſſer?“ fragte ſie mit einer Stimme und einem Lächeln, vor welchem Albin zuſam⸗ menfuhr und ſich unbewußt zurückzog, ſo wie man zur Seite eilt, wenn man merkt, daß man nahe daran iſt, auf eines jener Thiere zu treten, welche der menſchliche Inſtinkt verabſcheut. „Warum erſchrickſt Du, Jüngling?“ fuhr ſie fort mit einer ſo milden Stimme, wie das Säuſeln des Abendwindes in den Kronen der Bäume.„Iſt nicht die Freundſchaft lieblich?... Komm, ſetze Dich hier zu mir her: Du warſt der Freund des Achilles— ich will Deine Mutter ſein, oder noch beſſer Deine Schweſter! Du haſt keinen Menſchen, auf den Du Dich ſtützen kannſt: auch ich habe Keinen, denn ich muß ja ſelbſt Denjenigen ſtuͤtzen, den der Himmel mir zur Stütze gegeben hat: unſere Schickſale, Deines und meines, ſind gleichſam zwei Ringe in einer und derſelben Kette.... Setze Dich, Du Freund meines Acchilles, hier auf das Kiſſen zu meinen Füßen: ſo ſaß Achilles immer!“ Indem Albin noch ganz verwirrt aufrecht und un⸗ beweglich ſtehen blieb, ſenkte ſich die in eine Nymphe verwandelte Amazone auf den weichen Divan; und ehe er Zeit hatte, zu begreifen, wie es zuging— ob er einem andern unerklärlichen Inſtinkte oder der Kraft in dem Arme des ſonderbaren Weibes gehorchte— fand er ſich ſelbſt auf den Kiſſen wieder, und Frau Suſanna's ſo wunderbar klingende und einſchläfernde Stimme redete von Achilles und von der Liebe zu ihrem geliebten Pflege⸗ ſohne, indem ſie in der Betrübniß, dieſen Abgott nicht länger liebkoſen zu können, ihre Hand ſich in Albin's ſchönes Haar und dann und wann über ſein flammen⸗ des Antlitz verirren ließ. Als ſie aber nun in der Diſtracton ihrer Träume leiſe ausrief:„O mein Achilles, mein geliebter Sohn!“ und dabei das Geſicht des ver⸗ ſchämten Jünglings gegen das ihrige wendete und einen keineswegs mütterlichen Kuß auf ſeine halbgeſchloſſenen Lippen drückte, da ſprang er auf, ſchnell wie eine Feder bei dem Drucke zuckt, und ſtarrte mit einem Blicke voll ——— 282 unverſchleierten Abſcheus auf dieſes Weib, das ihm in ihrer glänzenden Pracht noch häßlicher und abſcheulicher erſchien, als ſelbſt die Sphinxe. „Was ſicht Dich an, mein Sohn?“ fragte ſie mit vortrefflich geſpielter Beſtürzung—„iſt nicht die Pflege⸗ mutter des Achilles auch die Deinige?“ „Nein, Gott ſei Lob und Dank!“ entgegnete Albin und blickte ihr kühn in die glühenden Augen. „Ach ſo!— nun wir wollen wohl ſehen!“ ſagte ſie mit kurzem Lachen.„Jetzt magſt Du den Capitain Ennes beſuchen, wenn's Dir beliebt; zuvor aber will ich Deine Anweſenheit dadurch ehren, daß ich mich in die Tracht kleide, welche dieſem kalten und abſcheulichen Lande angemeſſen iſt!“ Als Albin allein war, holte er tief Athem: es war ihm, als wäre er einer ſchrecklichen Gefahr entronnen; gleich darauf aber fühlte er eine Beklemmung in ſeinem Herzen— er hatte ganz gewiß dieſe Furie beleidigt, und ſie würde ihn gewiß ihre Macht fühlen laſſen. Wie bereute er es jetzt, daß er nicht ſeinem erſten Abſcheu gegen dieſes Weib gehorcht hatte! Gar nichts war geſchehen, vielleicht hatte er ſie ſogar mißverſtanden— und dennoch trug er die ganze angſtvolle Ahnung eines kommenden Unglückes in ſeinem Innern. Erſt beim Mittagstiſche, wo Mutter Steuermann ſich zeigte, wie es der Herrin in einem ordentlichen Hauſe geziemt, ſah Albin den Quaſicapitain, den alten Ennes, wieder; doch ſchien dieſer ſich über ſeine Ankunft nicht im Allergeringſten zu freuen und antwortete nur mit kurzen und unfreundlichen Worten, bis Albin erklärte, er müßte gleich nach dem Mittageſſen reiſen. „Herrliches Wetter, ſehr klares Wetter und eine ſchöne Johannisnacht!“ ſagte nun der Alte und warf einen, nicht einmal von Albin unbemerkten, halb trium⸗ phirenden Blick auf ſeine tyranniſche Gemahlin. „Weil Du die Nacht ſo ſehr liebſt, Capitain,“ ent⸗ gegnete Mutter Steuermann, halb erſtickt vor Bosheit, nſo ſollſt Du ſie auch draußen genießen; und damit Du ord: wac jetzt mar batſ nebe und vor in ſ wied t in cher mit ege⸗ lbin ſie tain ich die chen war nen; nem und Wie cheu war ines ann auſe nes, nicht mit ärte, eine varf um⸗ ent⸗ heit, Du nicht bei ihrer Schönheit einſchläfſt, magſt Du Dich damit unterhalten, die Laube mit eigenen Händen wieder abzubrechen: ſie iſt ſo elend zuſammengeſplißt, daß man wohl ſehen kann, wie Du bei der Arbeit geſchlafen haſt.“ „Wollteſt Du nicht zuvor,“ erdreiſtete ſich der Ca⸗ pitain mit einem halben Seitenblicke einzuwenden,„dort Deinen Mokka trinken in der Geſellſchaft... hm... Deines Gaſtes?“ „Biſt Du krank, Capitain,“ fragte Mutter Steuer⸗ mann, deren Augen jetzt zwei kleinen Veſuven glichen, „oder denkſt Du es zu werden? Ich möchte ſo etwas beinahe aus Deiner Redſeligkeit vermuthen!“ Man ſah, wie ein Schauer über den Rückgrat des Capitains bei dem Gedanken hinablief, ſeine Kühnheit könnte wirklich die geweiſſagte Krankheit nach ſich ziehen, welche ſich immer einfand, wenn die Ebbe in dem Rum⸗ faß ſich einſtellte. Sobald man von Tiſche aufgeſtanden war, ent⸗ ſchuldigte die Wirthin ſich mit Wirthſchaftsangelegen⸗ heiten: ſie mußte nämlich, wie ſie ſich ſelbſt ausdrückte, Dreien von der Unterrocksbeſatzung, welche die Schiffs⸗ ordnung durch die Verwechslung der Tag⸗ und Nacht⸗ wache übertreten hatten, ihre Ablohnung ertheilen. Und jetzt ſchauderte Albin, als er ſah, wie Mutter Steuer⸗ mann ſich in der Geſellſchaft der allereleganteſten Kar⸗ batſche von geflochtener Seide, die während der Mahlzeit neben ihr gelegen hatte, mit einem höhniſchen Blicke und einem Lächeln voller Boshaftigkeit entfernte. Es war eine Erleichterung fuͤr Albin, daß er ſie vor ſeiner Abreiſe nicht wieder ſah; und als er wieder in ſeinem Gig ſaß, that er ſich das Gelübde, ſich nie wieder in die Falle locken zu laſſen. —— ——— 284 Sechsundzwanzigſtes Capitel. Der zweite Pfeil. „Nun, Herr Jentzel! wie gefällt Ihnen unſre Pa⸗ tronin?“ fragte der erſte Buchhalter, als die Herren am erſten Mittage nach der Rückkehr des Großhändlers mit ſeiner jungen Frau in das Comptoir eingetreten waren. „Sie iſt,“ antwortete Albin in einem weit leiſeren Tone, als worin er befragt worden war,„ſehr ſchön!“ „Tauſend! warum erröthen Sie dabei, wie ein Mädchen? Ich wette, ſie meint eben daſſelbe auch in umgekehrter Bedeutung!“ „Haben Sie die Güte, dergleichen Scherzreden zu laſſen— ich ſollte meinen, ſie paßten uns Beiden nicht!“ antwortete Albin ziemlich kurz. „O, meinen Sie das?“ fiel Herr Colling mit lau⸗ tem Lachen ein.„Ich meines Theiles glaube, ſie leidet keinen Schaden davon, wenn man von ihr redet, und ich hatte eben die Abſicht, Ihnen eine kleine, hübſche Geſchichte zu erzählen, welche durch Murman, den erſten Kammerdiener Seiner hochgebietenden Herrlichkeit, mir bekannt geworden iſt.“ Durch ſeine Neugierde zur Hälfte beſiegt, ließ Albin das aufgeſchlagene Kladdbuch wieder zuſammenfallen und begann einige ſchon geſchnittene Federn zu ſpitzen. „Wenn der Herr Patron nur begreifen könnte, wie dumm er that, da er dieſen Murman zu ſeinem Bedienten machte: der ſchlaue Junge, welcher früher ſtets mit Klatſchereien zwiſchen dem Comptoir und der Küchen⸗ kammer lief, hat jetzt zum Dank für ſeine Erhöhung den werthen Herrn zur Zielſcheibe ſeiner guten Laune gemacht. O, man kann ſich krank darüber lachen, ob⸗ gleich ich natürlich dem Schlingel einen Sitzauf gab, daß er die Kühnheit hatte, mir mit ſolchen Fabeln zu kommen!“ Albin ſpitzte und ſchwieg: er hätte herzlich gerne mög ſo 1 daß buch die Ich daru alle etwas von Murman's Fabel gewußt, doch hielt er es für unrecht, daß die Buchhalter ſich auf Koſten des Herrn luſtig machten. Da aber jetzt auch Herr Colling ſich auf dem Pultſtuhl zurecht ſetzte, ſo ſah Albin ſich genöthigt, die Neugierde und das Zartgefühl einander nahe zu bringen, daß daraus folgende Frage entſtehen onnte: „War es denn ſo ganz unter Ihrer Würde, Herr Colling, die Sache anzuhören?“ „O, damit hatte es eben keine Gefahr, aber ich meinte doch, daß ich ihr zu aller Sicherheit ein ſolches Ausſehen geben müßte; denn ich glaube kaum, der Pa⸗ tron würde ſehr entzückt ſein, wenn er erführe, daß die Geſchichte im ganzen Hauſe circulirt.“ „Wirklich?“ „Wirklich!“ „Das iſt doch ſonderbar!“ „Singen Sie lieber aus, Herr Jentzel, und geſtehen Sie, daß Sie gerne eben ſo viel wiſſen möchten, wie das ganze Hausperſonal!“ „Nun wohlan denn, Herr Colling!“ ſagte Albin lächelnd;„Sie haben mich neugierig gemacht.“ „Da ſehe man— es verlohnt ſich der Mühe nicht, den Heiligen zu ſpielen! Ich halte mich für einen eben ſo ehrlichen Kerl, wie einen Andern, aber ich will den⸗ noch das Recht haben, über Alles zu lachen; Andere mögen es mit mir wieder ſo machen.“ „Ja, wenn aber der Patron auf dem Comptoir iſt, ſo lachen Sie niemals: er glaubt ganz gewiß von Ihnen, daß Sie der perſoniftcirte Ernſt, ein Pebendees Rechen⸗ buch ſind.“ cj„Ja, es gehört zu meinem Genre, mich immer in die Umſtände zu fügen, in denen ich mich eben befinde. Ich erwarte mein Etabliſſement durch Herrn N.., und darum mache ich mir kein Gewiſſen daraus, mich durch alle erlaubten Mittel bei ihm beliebt zu machen.“ „Und das wagen Sie mir anzuvertrauen?“ „Warum denn das nicht dergleichen Ehrenexemplaren, 286 welche Rechnungen aufſetzen, wie Sie nach dem Schiff⸗ bruche der ſeligen Iduna, kann man Alles anvertrauen, ohne Gefahr zu laufen, verrathen zu werden.... Jetzt aber verplaudern wir ja die Geſchichte; dieſe iſt kürzlich folgende: es war nahe daran, daß aus der Trauung gar nichts geworden wäre, und ich glaube faſt, ich hätte ein halbjähriges Einkommen geben wollen, wenn die Sache ſo geendigt hätte, daß er, der von Liebe und Hochmuth ſo dick und aufgeblaſen, wie der Vollmond in ſeinem höchſten Flor, von hier abreiste, ſo gottes⸗ erbärmlich elend zurückgekommen wäre, wie... wie der Mond im letzten Achtel.“ „Wie ging denn das zu?“ „Es ging ſo zu, daß die Braut, deren Beifall er⸗ zwungen war, am Vormittage den allernetteſten Brief ſchrieb, worin ſie verkündigte, ſie wollte lieber tauſendmal — merken Sie: tauſendmal- ſterben, als mit einem Manne in den Brautſtuhl treten, dem ſie nicht einmal Freundſchaft, geſchweige denn Liebe ſchenken könnte, und wenn keine Aenderung getroffen würde, ſo könnte er über⸗ zeugt ſein, daß ſie den letzten ihr übrigen Ausweg ergriffe und im Brautſtuhle Nein ſagte.„Hülfe!— ich erſticke... Pauline... Pauline... ich gehe darauf, Murman!“ ſchrie der Patron, der die Sache von der ernſten und ſenſibeln Seite genommen hatte und ganz kohlblau in einem halben oder ganzen Schlaganfall(ich weiß nicht genau, welcher von beiden es war) dalag, als Murman hereingeſtürzt kam und in aller Bequemlichkeit den Brief las, ehe er Leute herbeirief und einen Arzt holte. Endlich aber kam doch unſer geliebter Herr— Gott erfreue ihn — wieder zu ſich ſelbſt, und nun wurde Murman augen⸗ blicklich zu dem Vater der Braut abgeſchickt; und durch die nur angelehnte Thür hörte darauf der Schelm, wie der Patron, der alte, liebesſieche Narr, in Weh und Angſt dem lieben Schwiegervater ſchwur, er würde ſich ganz beſtimmt in der nächſten Nacht erhenken oder erſchießen, wenn er nicht mit ſeiner angebeteten und geliebten Pauline vereinigt würde, Ueberdieß wäre es b chiff⸗ auen, Jetzt rzlich uung hätte 1 die und mond ottes⸗ e der ll er⸗ Brief dmal einem nmal und über⸗ griffe e... nan!“ und au in nicht rman Brief nlich e ihn ugen⸗ durch „wie und e ſich oder und re es b V undenkbar, daß er den Skandal überleben könnte, der auf ihn ſelbſt zurüttfallen müßte wenn die Verbindung in dem Augenblicke abgebrochen würde, an welchem ſie abgeſchloſſen werden ſollte.“ „Nun?“ fragte Albin ganz erregt. „Der Vater der jungen Braut ſchwur dagegen, von einer ſolchen Dummheit könnte gar die Rede nicht ſein, und ſein theurer Schwiegerſohn könnte ſich vollkommen beruhigen. Ruhig aber wurde er nicht, ſondern er ging wie ein calkcutiſcher Hahn und gurrte und gackerte und ſchrie den ganzen Tag, bis er endlich gegen ſieben Uhr in den Brautſtuhl humpelte und hörte, wie das Täub⸗ chen ihr zitterndes Ja hervorſeufzte. Von dieſem Augen⸗ blicke an erhielt der Herr Patron ſeine Sprache und ſeinen Muth wieder, obgleich er ſo eiferſüchtig war, daß er in jeder Ecke ſeine Augen ſpielen ließ, um nachzuſehen, ob ſich wohl etwas zeigen möchte, welches die Urſache ſeiner ausgeſtandenen Angſt ſein könnte— aber keine Nachtigall ſchlug der Schönen ihre Triller vor, wenig⸗ ſtens nicht in der Nähe.“ „Aber hernach— wie fand ſie ſich hernach?“ „Wer Henker kann das wiſſen?“ erwiederte Herr Colling, welcher immer lachte, wenn er nicht die mür⸗ riſche Geſchäftsmiene aufſetzte.„Sie fand ſich wohl ebenſo gut, wie viele Andere vor ihr ſich haben finden müſſen, das arme Lamm! Auch iſt der werthe Mann ſo entzückt, daß er ſeine Politik, ſeine Zeitungen und ſeine alten Klagelieder über die Regierung vergeſſen hat.“ Die Schritte des Herrn N.. auf der Treppe brachen ſogleich jedes fernere Geſpräch ab. Augenblicklich ſetzte der erſte Buchhalter ſeine grüne Brille und ſeine mür⸗ riſche und ernſte Miene auf und blätterte in den Büchern, ſo daß er weder hörte noch ſah.... Als am folgenden Mittage Albin zu Tiſche gerufen wurde, ſo war es ihm, als hätte er irgend einen Fehler gegen die junge Herrin auf ſeinem Gewiſſen gehabt. Es that ihm ſehr weh, daß der Brief, welcher ihren bittern Schmerz verrathen, in die Hände eines Bedienten 288 gefallen und darauf der Gegenſtand eines Geſpräches zwiſchen den Comptoiriſten ihres Mannes geweſen war. „Wüßte ſie das, ſo verziehe ſie mir gewiß niemals einen ſolchen Mangel an Zartgefühl; doch ſie ſieht ſo gut und ſanft aus, daß ſie gewiß auf keinen Menſchen lang böſe ſein kann, ſo viele Urſache ſie auch dazu haben mag.“ Da ſein Platz bei Tiſche der jungen Frau gegen⸗ über war, ſo konnte er ſich auch heute nicht enthalten, bisweilen einen flüchtigen Blick auf dem ſanften, blaſſen Geſichte und den faſt immer niedergeſchlagenen Augen weilen zu laſſen.„Sie leidet— ach, wie bedaure ich ſie! So jung, ſo ſchön, ſo innig gut, ſo beläſtigt von den dummen Liebkoſungen des unerträglichen Menſchen, die er ſich ſogar bei Tiſche erlaubt!“ Und Albin hatte Recht: dieſes verſchämte, weiche und junge Weſen, das vielleicht in ihrem ganzen Leben nur ein einziges Mal die Kraft gehabt hatte, einen Willen zu zeigen, hatte ſich jetzt unterworfen, litt aber von der Zärtlichkeit und den Geberden des Mannes, den ſie kaum ertragen konnte, ohne gleichwohl den Muth zu haben, ſich Beides zu verbitten. Die Thränen ſtanden ihr in den Augen bei dem rohen und naſeweiſen Scherze über„die kleine Alte,“„das kleine Weibchen“ und mehr dergleichen; und vielleicht wußte ſie ſelbſt nicht, daß, während Albin's Wangen eben ſo jungfräulich wie die ihrigen errötheten, ihre Augen bisweilen mit verſchämter Unruhe zu ihm ihre Zuflucht nahmen— es that dem armen Herzen ſo wohl, zu ſehen, daß Jemand an ihrem Leiden Theil nahm. Der erſte Buchhalter dagegen erhielt keinen einzigen Blick, denn er lächelte beifällig über die Alltagswitze ſeines Patrons. Es vergingen mehrere Wochen ohne die geringſte Veränderung in dem alltäglichen Leben innerhalb des N..'ſchen Hauſes. Auch für Albin gab es nichts Storendes, als nur die ziemlich häufigen Beſuche, welche Frau Suſanne 1 gewe einan Mor Beid⸗ daß Getre Beme die S er ſei blickli — ar auf d 4 Der Ennes auf dem Comptoire machte, ſo oft ſie in der Stadt war. Aber alle ihre Bemühungen, ſo mütterlich freundſchaftlich ſie auch ausſah, ſo viele Grüße von ihrem alten Capitain ſie auch mitbrachte, waren ver⸗ ebens: Albin ließ ſich zu keinem neuen Beſuche wieder ereden. Zuletzt wurde er beinahe unhöflich, um ihrer Zudringlichkeit zu entgehen; aber Mutter Steuermann hatte ihre Partie ergriffen: ſie wollte ſich nicht beleidigen laſſen. Sie lächelte und wartete auf eine Veränderung der Zeiten— Albin war ja noch nicht zwanzig Jahre alt!“ Der Großhändler fuhr fort, die doppelte Rolle eines Tyrannen und eines Liebhabers zu ſpielen— obgleich er den ſichtbaren Widerwillen ſeiner Frau ſowohl gegen ſeine Perſon, als auch gegen ſeine Reden verſtand, ſo machte es ihm doch Vergnügen, ſie mit den zärtlichſten Bitten zu peinigen, ſie möchte doch bleiben, wenn ſie zu ihren haͤuslichen Geſchäften zurückkehren wollte; und ſo wie ein böſer Junge einer Fliege die Fluͤgel abſchneidet, ſo ſchien es auch ihm Freude zu machen, die zarten Flügel, welche die Verſchämtheit und die Sittlichkeit um das reine, unſchuldige Weib hüllen, und durch welche allein ſie ſich zu den Engeln erheben kann, immer kürzer und kürzer zu ſtutzen. Albin hatte mit ſeiner Patronin kaum einige Worte gewechſelt; doch ſobald beim Mittagstiſche ihre Blicke einander begegneten, ſo ſtahl ſich augenblicklich eine Morgenwolke über Beider Wangen, ein Lächeln über Beider Lippen. Eines Tages aber ging es ihnen nicht beſſer, als daß Herr N.., als er Albin fragte, wie viele Tonnen Getreide er an dem Vormittage aufgemeſſen hätte, die Bemerkung machte, daß ſein Geſicht ſtrahlte, als ob die Sonne darauf geſchienen hätte. Inſtinktmäßig warf er ſeine Augen auch auf ſeine Frau, und ward augen⸗ blicklich leichenblaß, denn— war es Zufall oder nicht? — auch ſie hatte Sonnenſchein in den Augen, Lächeln auf den Lippen. 24 Der Großhändler ließ von ſeinen Gedanken nichts Der Jungferthurm. I. 19 290 laut werden: am folgenden Tage aber erhielt Albin ſo viele Geſchäfte in dem Magazine, daß er nicht zum Mittagstiſche kommen konnte, ſondern ſpäter eſſen mußte, und ebenſo traf es ſich, ſonderbar genug, auch an den beiden folgenden Tagen; und bald nahmen die Geſchäfte eine ſolche Wendung, daß Albin nur an den Sonntagen Zeit hatte, mit bei Tiſche zu erſcheinen. Als Albin zuerſt nach einer längeren Abweſenheit die junge Frau wieder ſah, ſchien ſie noch verſtimmter und trauriger zu ſein, als vorher; ſie erwiederte die tiefe Verbeugung des hübſchen Buchhalters mit einem unbe⸗ ſchreiblich einnehmenden und freundlichen Kopfnicken, etwa ſo, wie Geſchwiſter ſich zu beprüßen pflegen; als aber Herr N.. mit gerunzelten Augenbrauen ſagte: „Mein Liebchen, ich glaube kaum, daß Herr Jentzel auf eine größere Aufmerkſamkeit Anſpruch macht, als der erſte Buchhalter!“ da erröthete ſie und ſah ganz verwirrt aus, ſichtbarlich vor Furcht, etwas Unrechtes gethan zu haben, uͤber welches ihr Mann ihr hernach wie gewöhn⸗ lich eine Gardinenpredigt halten würde. Gegen Albin veränderte der Großhändler ſein Be⸗ tragen nicht— er war immer kurz und unfreundlich geweſen— aber er verlangte immer mehr und mehr Arbeit, und ſchien noch dazu im Stillen auf eine Gele⸗ genheit zu lauern, an die er ſich feſthaken konnte. Wenn Albin auch weit entfernt war, einzuſehen, daß die Eiferſucht ſich der vorigen Abgeneigtheit beigeſellt hatte, ſo war doch ſein Blick klar genug, um Linzuſehen daß ſein Patron an ihn zu kommen ſuchte, vermuthlich, um ſeiner los zu werden, und darum war er unermüd⸗ lich, den ſchweren Pflichten zu genügen, die er durch eine Maſſe ziemlich natürlicher Ereigniſſe ſich faſt über den Kopf wachſen ſah..... „Herr Jentzel! ich ſchwöre Ihnen, daß Sie ſich mit einer ſolchen Sklaverei zuletzt ihre Geſundheit verderben!“ meinte Herr Colling an einem Sonntagsnachmittage, indem er ſich auf eine Junggeſellenmahlzeit für den Abend in Stand ſetzte. ——— ſche ford Ver S — Arb zu gebe wen hätt mit bein die ſa ch richt Urſa aus liche es n die und zu g Patr Deut „der Läch „Ja, ich glaube das ſelbſt; doch kann ich die Ge⸗ ſchäfte ja nicht liegen laſſen!“. „Sie ſind zu nachgiebig: Sie ſollten einen Gehülfen fordern! Es ſieht faſt aus, als hätte Herr N.. den Verſtand verloren— doch, wie geſagt, es iſt Ihre eigene Schuld: wenn Sie für Zwei arbeiten, ſo gibt er Ihnen Arbeit für Drei, und macht es Ihnen Spaß, für Drei zu arheiten⸗ ſo wird er Ihnen ſchon für Vier zu arbeiten eben!“ 3„Ich arbeite, ſo viel ich kann, denn ich will ihm wenigſtens keinen Grund zur Klage geben.“ 4 „Wenn er nun aber wider Ihren Willen etwas hätte, worüber er ſich beklagt?“ „Was meinen Sie, Herr Colling?“ fragte Albin mit einem Blicke, der ſein ganzes Erſtaunen ausdrückte. „Sie ſind allzu unſchuldig, um ein Jüngling von beinahe zwanzig Jahren zu ſein!“ „Es iſt wohl möglich, daß hier Dinge vorgehen, die ich nicht verſtehe, doch glaube ich kaum, daß er Ur⸗ ſache hat, ſich darüber zu beklagen.“ „Wer weiß— das kommt darauf an! Doch auf⸗ richtig, Herr Jentzel! Wiſſen Sie gar nichts von der Urſache des lebhaften Wunſches unſeres Patrons, Sie aus einer feinen und gentilen Spieljacht in einen ordent⸗ lichen Laſtprahmen zu verwandeln?“ „Nein, nicht das Allergeringſte!“ „Wollen Sie es wiſſen?“ „Warum nicht, wenn Sie die Güte haben wollen, es mir zu ſagen!“ „Nun gut: Sie ſehen der Patronin allzu tief in die ſchönen Augen, und ſie beliebt Ihnen zuzulächeln und im Allgemeinen kleine unſchuldige Aufmunterungen zu geben; ich vermuthe, ſie meint gar nichts damit, der Patron aber gibt der Sache eine um ſo ungünſtigere Deutung.“ „Das iſt ja niederträchtig,“ rief Albin heftig aus, zder unſchuldigſten Sache von der Welt, einem armen Lächeln, eine ſolche Farbe zu geben; und übedieß habe 292 ich ſie doch nicht anders angeſehen, als Menſchen im Allgemeinen einander anzuſehen pflegen?“ .„Ja, entſchuldigen Sie, das haben Sie wirklich! Sie haben ſehr ſchöne Augen, Herr Jentzel— möchte, in Parentheſe geſagt, ſie mir gerne eintauſchen— und ewiß liegt auch eine kleine Zauberformel in ihnen ver⸗ ſteckt, deſſen bin ich gewiß, denn ich habe ſelbſt bemerkt, wie die kleine Frau bisweilen erröthet... gerade ſo, wie Sie in dieſem Augenblicke!“ „Wenn ich erröthe,“ entgegnete Albin mit einer Würde, welche ſeinen zwanzig Jahren nicht übel ſtand, „ſo können Sie überzeugt ſein, daß es nicht über mich ſelbſt geſchieht, ſondern über Sie, daß Sie die eigene Frau Ihres Patrons zum Gegenſtand eines ſo rohen und ſchlechten Scherzes zu machen wagen— und dann will ich Sie bitten, daß dieſes das allerletzte Mal iſt, daß Sie mich in ein Vertrauen über ſolche Dinge ein⸗ weihen!“ Ohne ein Wort zu erwiedern, begann Colling die Melodie eines Liedchens aus Precioſa zu pfeifen. Albin warf ſich mit einem Buche in der Hand auf den Sopha. Was ihm aber noch nie geſchehen war, das traf jetzt ein. Auf jeder Seite ſtand ein Portrait der jungen Ge⸗ bieterin, und in jeder Zeile ſtand in allen Farben des Regenbogens der Name„Pauline.“ Mit einem gewiſſen Schrecken ſchlug Albin das eine Mal nach dem andern das Buch zu, überzeugt, er würde bald wieder die alten, gewöhnlichen, wohlbekannten Buchſtaben in Milton's verlorenem Paradieſe wiederfinden; doch daraus wurde nichts: nur Portraite und Namen ſtrahlten ihm entgegen. „Mein Gott! ſollte es wohl möglich ſein,“ ſeufzte er in großer Unruhe,„daß ich... 2 O nein, da hätte ich weder Ehre noch Zartgefühl— aber ſo etwas, wie jetzt, habe ich noch nie empfunden!... Und ihre Lippen, welche dem innerſten Purpur der Roſe gleichen, haben mir zugelächelt, und ihre Augen, blau wie der Himmel und weit klarer und milder als er, haben mich angeblickt, heute noch, heute vor einer Stunde— und gerade ſo, tödte für nen fortf. ſo hi merk Ihne . in ge unſer zerſtre malig junge eine einme keinen hen im rklich! nöchte, — und n ver⸗ emerkt, ade ſo, einer ſtand, r mich eigene rohen dann al iſt, ge ein⸗ ng die Albin Sopha. tzt ein. n Ge⸗ en des wiſſen undern alten, ilton's wurde gegen. ſeufzte hätte 3, wie ippen, haben immel eblickt, nde ſo, ’ wie ich ſie jetzt ſehe, mit dem lieblich wehmüͤthigen, traurigen Blicke!... Doch was ſicht mich an?... Nein, auf dem Meere iſt's am beſten— armer Bas! ich möchte wohl wiſſen, ob er noch von Poll und dem Sternſhawl träumt!... Und der elende Menſch peinigt, tödtet ſte mit tauſend Stichen!“ Albin verſank immer tiefer in ſeine neuen Träume. Siebenundzwanzigſtes Capitel. Die Uebereilung. „Hören Sie, Herr Jentzel, ich habe einen Vorſchlag für Sie!“ ſagte Herr Colling, indem er nach einer klei⸗ nen Ausflucht in ein anderes Zimmer mit ſeiner Toilette fortfuhr. 3 Albin hörte nicht. „Ich glaube, es iſt nicht recht, ſich ſeinen Phantaſien ſo hinzugeben— haben Sie die Güte, mir Ihre Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken und zu vernehmen, was ich Ihnen zu ſagen habe!“ „Wovon iſt die Rede?“ Albin erhob ſich ſchnell in großer Verlegenheit über ſeine Zerſtreutheit. „Ich ſchlage vor, daß Sie heute Abend mit auf unſern Schmaus kommen: das wird Sie recht ſchön zerſtreuen— übrigens iſt es ja lächerlich, daß der ehe⸗ malige Steuermann auf einem Oſtindienfahrer, ein junges Feuer, ein hurtiger Seemann, ſo zipp iſt, wie eine Jungfer, und in einer fröhlichen Geſellſchaft nicht einmal ein Glas trinken kann!“ „O, zipp bin ich nicht: ich glaube, wenn von einer Wette die Rede wäre, ſo hielte ich mich wohl noch auf⸗ recht, wenn Sie ſchon unter dem Tiſche lägen; doch will ich Ihnen ſagen: ſolche Vergnügungen machen mir keinen Spaß.“ 294 „Thun Sie nur nicht ſo dick, mein junger Herr! der Tiſch iſt noch nicht gemacht, unter den ich zu liegen komme... Doch gleich viel, aus dergleichen Geſchwätz riecht dennoch Mannhaftigkeit und Tüchtigkeit hervor! Nun ein raſcher Entſchluß: Ihnen thut eine kleine Er⸗ munterung Noth— und hol' mich Dieſer und Jener, munter ſoll's hergehen!“ Albin hatte in ſeinem Innern noch nie einen Beruf geſpürt, an einem Gelage Theil zu nehmen, heute Abend aber fürchtete er ſich vor ſeiner eigenen Geſellſchaft, und die vorhergehenden Erſcheinungen hatten ihm ſogar vor dem Paradieſe bange gemacht. Alſo entſchloß er ſich für den Vorſchlag des Herrn Colling; und einige Stunden ſpäter befanden ſich beide Herren an dem beſtimmten Orte, wo eine Anzahl junger Leute nebſt Spieltiſchen, Cigarren und Bowlen ihrer warteten. In Anſehung der übermüthigen Aeußerung Albin's ließ Herr Colling es ſich angelegen ſein, die Sache durch I die feinſten Anordnungen zu einem umgekehrten Ende zu bringen; doch dergleichen gelang ihm nicht. Albin trank zwar, trank ſogar ſehr viel; aber davon war keine andere Wirkung zu ſpüren, als daß er aufgeräumter wurde, als gewöhnlich, wogegen Herr Colling ſelbſt bei ſeinen öfteren Angriffen ſeine eigene Sicherheit ſo gänzlich vergaß, daß der erſte Buchhalter die Zahl der geſchla- genen Helden vermehrte, als Albin ſpät Abends die Geſellſchaft verließ. Unter dem Tiſche lag er aber dennoch nicht, denn er war immer ſo klug, den Cours auf einen Sopha zu⸗ zuſteuern, während er noch die Füße regieren konnte, und ſich dort auf einige Stunden vor Anker zu legen. Als Albin, in welchem die halb bewußten, halb unbewußten, keineswegs aber feſtgewurzelten Liebesgrillen beinahe ganz verdunſtet waren, auf die Straße herab kam und ein wenig ſtolz über den Sieg, den er bei ſeiner erſten großen Heldenthat im Trinken erfochten, einher⸗ ſchritt, ſo erblickte er nicht ſehr weit von dem Hauſe des Herrn N. einen ſeiner Trinkbrüder, welcher vor der Herr! liegen chwätz ervor! ne Er⸗ Jener, Beruf Abend t, und ar vor ch für tunden umten iſchen, llbin's durch Ende Albin keine iumter bſt bei änzlich eſchla⸗ ds die denn ha zu⸗ konnte, gen. halb grillen herab ſeiner einher⸗ iſe des or der Thür eines Hauſes ſtand und polterte, wo er, wie Albin ganz beſtimmt wußte, nicht wohnte. Ohne an Etwas zu denken, trat Albin zu ihm und ſuchte ihm ſeinen Irrthum zu erklären; doch der junge Bachusſohn läugnete eigenſinnig jeden Fehlgriff: er mußte hier hinein, weil er hier wohnte— das war ja beſtimmt das Haus ſeines Principals. Eins.. zwei.. drei.. vier.. fünf.. ſechs.. ſieben Fenſter nach vorne... ſechs Stufen an der einen und ebenſo viele an der andern Seite— die Sache war ja klar, wie der Tag. „Komm, komm!“ bat Albin eilfertig und mit über⸗ redendem Tone,„ich will Dich nach Hauſe begleiten!“ „Nein, ſtopp, Bruder! bemühe Dich nicht: ich wohne hier!“ „Aber Du weckſt ja alle Leute, und dann ſtürzeſt Du die Treppe hinunter und brichſt Dir die Beine ab!“ „Wer wagt zu behaupten, daß ich mir die Beine breche! Sind das Beine zum Abbrechen?— Sieh, welche Muskeln, welche Kraft!... Verſuch einmal, eins abzubrechen, Du!“ „Nun, nun! Du ſtehſt ja aber, daß hier auf jeden Fall eine Stufe fehlt: hier ſind ja nur fünf!“ „Wirklich? das wäre der T—! Ich will alſo zu größerer Sicherheit noch einmal nachfühlen!“ und nun begann er unter eifrigem Zählen ſich vorſichtig wieder hinab zu begeben. Als er die Straße glücklich erreichte, nahm Albin ſeinen neuen Bruder unter dem Arm, denn es zeigte ſich jetzt, daß der Mann auf eigene Hand nur höchſt unbedeutend gehen konnte; als ſie aber zu der Treppe gelangten, welche in das Haus des Herrn N.. führte, ſo betheuerte der muntere Kumpan, der jetzt an⸗ Ffangen hatte, ein Liedchen zu ſummen, daß er in alle Ewigkeit nicht zum zweiten Male von ſeinem Hauſe wegginge, man müßte ihn denn hinwegtragen; denn hier wohnte er beſtimmt, das ließe er ſich nicht abſtreiten. Albin gerieth in eine fürchterliche Angſt: das Schlaf⸗ zimmer der Herrſchaften lag nach der Straße zu. „Ich kann doch dieſen armen Jungen hier nicht — —— — — 8 — 296 laſſen, damit er ſich zu Tode fällt, auch kann ich ihn hier nicht auf der Straße ſchlafen laſſen— und wie ſoll ich ihn wegbringen? Hier galt es einen guten und ſchnellen Entſchluß. „Mach auf, Stinchen! ich kann den Hausſchlüſſel nicht finden, mein Kind!“ lallte der Unverbeſſerliche, indem er immerwährend ſang und an die Thür klopfte. „Hier iſt nur ein Ausweg übrig!“ ſagte Albin zu ſich ſelbſt, indem er die Thür öffnete und den Gegenſtand ſeiner Sorgen mit ſich hineinzog,„ich muß ihn mit in mein Zimmer nehmen!“ Und dahin brachte er auch den Mann wirklich, doch nicht ohne eine ſo große An⸗ ſtrengung, daß er ſich ſelbſt ein wenig wirr im Kopfe fühlte und ſich ſchlecht befand, beſonders nachdem es ihm gelungen war, den Schiffbrüchigen auf dem Sopha in den Hafen zu ſchaffen. „Ich glaube, ich habe kaum Luſt, dieß noch einmal zu thun!“ dachte Albin, indem er vor dem geſchlagenen Helden ſtand und ſeine Betrachtungen darüber anfeellte, wie dieſe wilden Bachusfeſte Gottes Ebenbild verwandeln und ganz entſtellen.„Noch vor einigen Stunden war er ein prächtiger junger Herr, fein, fröhlich, ſcherzend. Jetzt iſt er... ſchlechter, als ein Thier!“ Albin dachte gar nicht daran, daß er ſelbſt mehr getrunken hatte, als dienlich war.. „Stinchen, Stinchen! kannſt Du den Schlüſſel nicht finden?... Haſt Du Dein Herz noch— verwahre es ja recht gut, mein Kind!... Haſt Du Waſſer, Stina?“ Rheinwein und Pimpinelle— Das Frühſtück wir hinſtellen. Ruh'n wir bei dieſer Quelle Und'ne geſpickte Beckaſſin!*) ‧ Ein bekanntes Lied des ſchwediſchen Anakreon, Bell⸗ manz ſedoch verſetzt, ſo daß die dritte Strophe den Anfang macht, darauf die zweite und ſo die erſte und a vierte folgt. Anm. des Ueberſ. „Still, Du Narr— ſtill um des Himmels willen: Du machſt mich unglücklich!“ „Und niemals wir wieder ausziehen, Wir trinken am tapferſten hier. Mag Handel und Schiffahrt ſtets blühen, Zum mördriſchen Schwertergeklirr!“ „Wahnſinniger Menſch, Du kehrſt nicht nur alle Deine Lieder um, ſondern auch gewiß bald den ganzen Hausfrieden— ich muß Dir ein Schnupftuch in den Mund ſtecken!“ „Hülfe, Stina— Räuber... Mörder!“ „Ha!“ rief Albin, und fuhr auf von ſeiner gebückten Stellung, als er auf der Treppe Fußtritte knarren hörte. Unmittelbar darauf wurde die Thüre aufgeriſſen, und Herr N.., halb angekleidet, mit vor Schadenfreude funkelnden Augen, ſtand da— gleich dem Teufel, vor dem gefallenen Menſchen. CEhe wir in der Schilderung dieſes Auftrittes fort⸗ fahren, müſſen wir ſagen, daß der Großhändler N.. eigentlich ein ganz roher Menſch war, der nur durch den Gährungsproceß des Schickſals aus der Hefe an die Oberfläche der großen Weltkufe heraufgekommen war. Seine moraliſchen Begriffe waren im Allgemeinen be⸗ dingend; und ohne an dergleichen, wie Tugend und Gottesfurcht, zu glauben— Worte, welche ganz bequem waren, gelegentlich bei den Dienſtboten anzubringen, für das Geſchäftsleben aber gar nicht taugten— glaubte er auch nicht an Albin's Tugend und Gottesfurcht, ſondern hielt Beides für eine Maske, welche dieſer für ſeine Lebenszeit anzulegen gedächte. Von ſeiner Redlichkeit, oder wie Herr N.. ſich ausdrückte, von ſeiner Einfalt hatte er ſo überzeugende Proben geſehen, daß dieſelbe ihn in dem Gange des Geſchäfislebens oft auf das Höchſte genirt hatte. Dieß Alles in Verein mit ſeiner alten Abgeneigtheit gegen Albin war hinreichend geweſen, in ihm den Wunſch rege zu machen, daß ſich ihm eine Gelegenheit darbieten möchte, die Tugend auf der That 298 zu ertappen; denn gegen ſolche Charaktere, wie Albin, hegte Herr N.. einen inſtinktartigen Widerwillen. Man kann ſich daher denken, daß ihm jetzt die Gelegenheit um ſo willkommener war, als er(zufolge der zwiſchen Albin und der jungen Frau gewechſelten unſchuldigen Blicke) den Jüngling wirklich haßte. Wir ſagten: Herr N.. ſtand dort gleich dem Teufel vor dem gefallenen Menſchen— und wir müſſen geſtehen, daß Albin in dieſem Augenblicke, mit der Schamröthe auf ſeinen Wangen, mit geſenktem Blick und unſicherer Haltung, dem letzteren Bilde vollkommen entſprach. „Was zum Teufel geht hier vor?... Holl a draußen!“ Zwei Comptoirjungen, die in dem angrenzenden Zimmer lagen, ſprangen ſchlaftrunken auf und eilten über Hals und Kopf herein.„Seht hier Etwas, das ich ſchon längſt erwartet habe— ha, ha, ha! Meinem Tugend⸗ mußte iſt die beſchwerliche Maske zu ermüdend gewor⸗ den, und jetzt kommt er nach Hauſe, um mitten in der Nacht Unweſen zu machen und mit ſeiner liederlichen Geſellſchaft das ganze Haus zu wecken.“ „Ruh'n wir bei dieſer Quelle Und ne geſpickte Beckaſſin'!“ „Gott verdamm einen ſolchen Auftritt in dem Hauſe eines ehrlichen Mannes!... Kennen Sie den Reſpect, Herr?— können Sie nicht draußen auf der Straße liegen bleiben, bis Sie den Rauſch ausgeſchlafen haben? Sie ſind ja faſt eben ſo beſoffen, wie der elende Wicht dort!... Haben Sie keine Sprache im Munde, Herr?“ „Rheinwein und Pimpinelle...“ „Nein, das geht allzu weit: ich muß die Hülfe der Polizei anrufen, um das Haus rein zu machen!... Elender Heuchler, entarteter Jüngling, welches Beiſpiel geben Sie dieſen anſtändigen Knaben!“ „Herr N...!“ ſtotterte Albin— aber er ſtotterte nicht bloß darum, weil er getrunken hatte, ſondern da⸗ rum, weil die Heftigkeit, die Anlage zum Zorn, welche llbin, Man enheit iſchen digen Leufel tehen, röthe cherer zen!“ nmer Hals ſchon gend⸗ ewor⸗ n der lichen oft in dem Charakter des Knaben hervorleuchete, jetzt eine ſo gewaltſame Fahrt erhielt, daß dieſes Gefühl bei den ſich häufenden Beſchimpfungen ihn zu erſticken drohte, und nur mit der letzten Anſtrengung der Vernunft und der Selbſtbeherrſchung war es ihm möglich, die Fort⸗ ſetzung hervorzubringen—„Herr N..! ich bitte Sie in Gegenwart dieſer Zeugen um Verzeihung, daß ich durch meine Schuld die Nachtruhe dieſes Hauſes geſtört habe, und verſpreche, es ſoll eben ſo wahr, wie es das erſte Mal iſt, auch das letzte ſein!“ „Danke unterthänigſt! Sie meinen, es ſei genug, ſich ganz einfach zu entſchuldigen, als wäre ich Ihres Gleichen! Ich aber denke Ihnen mitzutheilen, daß ich in meinem Hauſe keine Bacchanalien leide; und wer es wagt, auf dieſe Weiſe ſeinen Herrn zu beleidigen, indem er ſich ſelbſt erniedrigt, der wird von mir ebenſo behan⸗ delt, wie meine Knechte!“ Bei dieſen Worten ließ Herr N.., deſſen Kühnheit durch Albin's vorhergangene Nachgiebigkeit geſteigert worden war, ſich zu einer Handlung verleiten, die bei ihm gar nicht ſo ungewöhnlich war: er gab nämlich Albin einen Stoß, ſo daß dieſer, der auf eine ſolche Grobheit gar nicht vorbereitet war, rücklings auf den im Sopha liegenden Sünder ſiel. Jetzt war es aus mit Albin's Vernunft. „Elender Jammerlappen! wenn ein Herr das Recht hat, den fehlenden, um Verzeihung bittenden Diener auf dieſe Weiſe zu lohnen, ſo müßte dieſer eben ſo feige und elend ſein, wenn er damit zufrieden wäre, daß man ihn behandelt, wie einen Hund! Nehmen Sie dieß, Herr, und denken Sie künftig daran, wenn es Ihnen wieder einfällt, Ihre Buchhalter wie Ihre Knechte zu behandeln!“ Und hiemit brannten ein Paar gewaltige Ohrfeigen auf den Wangen des Herrn N.., und unmittelbar darauf wurde ſeine werthe Perſon, ganz ohne ſein Mitwirken, zur Thür hinaus verſetzt und dieſe von Albin zugemacht. „Gut— wir treffen uns morgen!“ ſchrie Herr N.. mit einer Stimme, welche gewiß Albin's Blut abgekühlt 300 haben würde, wenn ſein erregtes Gemüth ihm geſtattet hätte, zu hören; doch hörte er nichts, denn der Zorn raubte ihm das Bewußtſein. Eine Viertelſtunde ſpäter ſahen die im Nebenzimmer liegenden Knaben durch die Glasſcheibe an der Thür, daß das Licht, welches eine Weile hin und her geflackert hatte, ſchnell ausgelöſcht wurde; einige Minuten ſpäter war es ganz ſtill in dem Zimmer des zweiten Buch⸗ halters. „Kann er darauf ſchlafen,“ ſagte der Eine von den Knaben,„da iſt ſein Muth wahrhaftig nicht klein— ich möchte für tauſend Reichsthaler nicht an ſeiner Stelle ſein!“ „Für tauſend Reichsthaler— nein, das glaube ich wohl!“ erwiederte der Andere,„denn der Patron murmelte ſo etwas von Feſtung: Du weißt vielleicht nicht, was es heißt, ſeinen Herrn mit Hieben und Schlägen zu überfallen?“ „Armer Herr Jentzel— er iſt und bleibt doch immer der beſte Buchhalter, den wir gehabt haben!“ „Ja; wenn wir nun aber als Zeugen auf das Rathhaus gerufen werden, ſo hilft es nichts, was wir meinen: die Wahrheit muß heraus!“ Achtundzwanzigſtes Capitel. Am folgenden Morgen. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als Albin, der ſich angekleidet auf das Bett geworfen hatte, endlich erwachte und die Unordnung ſowohl ſeiner Perſon, als auch des Zimmers mit verwunderten Blicken maß. MNachdem er einige Minuten in den Annalen der verfloſſenen Nacht geforſcht hatte, wurde er erſt roth und dann blaß. 3 in, lich als der und .— Schrecklich traten, gleich Geſpenſtern aus ihren Grä⸗ bern, aus dem umnebelten Haupte die Ereigniſſe nach einander hervor. Er erhob ſich langſam und warf die Augen auf den Sopha— dieſer war leer. Der Gefährte, welcher eine Stunde vor Albin er⸗ wacht war, hatte ebenfalls, das heißt, in einer Art von Schattenſpiel, den Auftritt der letzten Nacht vor ſich geſehen; er hatte daher die Zeit ſogleich benutzt, und es war ihm gelungen, ſich hinweg zu ſchleichen, ohne daß ihn Jemand bemerkt hätte, als nur der Eine von den Knaben, der ihn hinaus ließ. Albin trat vor den Spiegel: er entſetzte ſich vor dem Ausdrucke, den die Orgien der Nacht in Verein mit den gemaltſamen Gemüthserſchütterungen auf ſeinem Antlitze zuruckgelaſſen hatten. „Was aber iſt das,“ murmelte er,„in Vergleich mit dem Flecken, den meine Ehre erhalten hat, in Ver⸗ Zleich mit der Anklage, die mein Gewiſſen macht, in Vergleich mit der Demüthigung, die eine Abbitte mir koſten muß— eine Abbitte, die vielleicht ganz ohne Erfolg bleibt? Vielleicht wartet meiner ein öffentlicher Schimpf— laß mich nachdenken: ſich an ſeinem Herrn vergreifen... das Geſetz iſt ſtreng in dieſem Falle... O, Fluch über dieſe elendigen Vergnügungen, welche die Sinne berauſchen und das Blut in Wallung bringen, ohne einen andern Gewinn zu geben, als im beſten Falle Leerheit und Erſchlaffung! Und tauſendfältiger Fluch über die verächtliche Schwäche, ſich nicht ſelbſt beherrſchen zu können, wenn der Zorn im Innern kocht!... Bin ich wohl darum mit Vernunft begabt worden, um ſie in der Erſtarrung liegen zu laſſen? Bin ich beſſer, als ein Thier, wenn ich nur dem Inſtinkte folge, und im Sinnestaumel mich wie ein Tollhäusler benehme?... O, o, wie wird ſie mich wohl beurtheilen— wie wird wohl der erbärmliche Kerl, vor dem ich nun bald ge⸗ zwungen bin, als ein demüthiger Sünder zu ſtehen, ihr meinen Fehler geſchildert haben, und dieſer kann auch nur von dem Rauſche eine Entſchuldigung leihen— von 30² dem Rauſche! Großer Gott, welche Entehrung, und noch um ſo größer, als es, wenigſtens theilweiſe, eine Lüge iſt: nicht der Rauſch des Weines, ſondern der Wuth brannte in meinen Adern!... Wenn mein alter, ehren⸗ werther Capitain mich jetzt ſähe, ſo würde er mit Abſcheu ſich von mir hinwegwenden!“ In dieſer peinigenden Unruhe, mit vieſen verzehren⸗ den Vorwürfen, wandelte Albin heftig auf und ab; er konnte nicht an ſeine Geſchäfte gehen, denn er hielt es für entſchieden, daß ihm der Großhändler im glücklichſten Falle ſeinen Abſchied geben würde...„Sollte ich viel⸗ leicht hinauf gehen und bitten, mit ihm reden zu dürfen — oder ſollte ich...“ Albin hatte nicht Zeit, den Satz zu Ende zu denken, denn die Thür ging auf, und der Eine von den Knaben ſteckte den Kopf herein. „Herr Jentzel! der Patron läßt Ihnen ſagen, Sie möchten zu ihm kommen: er erwartet Sie in ſeinem Zimmer!“ Und ohne eine Antwort zu erwarten, eilte der Junge davon: er fürchtete ſich augenſcheinlich vor allen Fragen. „Wohlan denn,“ rief unſer Held aus, indem gleich⸗ wohl ein Zittern durch ſeine Glieder eilte,„ich kann meiner Strafe nicht entgehen! Was mich am meiſten drückt, iſt aber doch, daß ich noch geſtern rein vor dieſem Menſchen ſtand und ihn mit Ruhe und Selbſtvertrauen anſehen konnte: mein Leben und meine Handlungsweiſe gaben mir ein gewiſſes Uebergewicht. Wenige Stunden haben Alles verändert: heute bin ich in moraliſcher Schlechtigkeit ihm gleich— in allen andern Stücken iſt das Uebergewicht auf ſeiner Seite, und ich habe es mir ſelbſt zu verdanken, daß ich zu gleicher Zeit meinen Dienſt, meine Ehre und den einzigen frohen Genuß verliere, den ich in dieſem Leben gehabt habe, Mittags die arme, unglückliche, junge Frau zu betrachten.... Albin hielt hier inne; er wurde von einem neuen Gedanken über⸗ raſcht.„Wenn... wenn irgend eine geheime Urſache, ein geheimer Unwille gegen den Herrn mich zu dem Verbrechen verleitet hätte?.. Nein, ich ſenke mich —— ſelbſt immer tiefer und tiefer hinab, ich rede irre, und muß doch, wenigſtens in dieſem Augenblicke, ruhig und kalt ſein, um nicht Alles zu verlieren!“ r half dem unordentlichen An uge nach, und wie verheert ſeine inneren Gefühle auch ſein mochten, ſo war es ihm doch gelungen, einen Anſtrich von Ruhe auf ſein Geſicht zu legen, als er zu dem beleidigten Herrn eintrat. — Herr N.. ſtand mitten im Zimmer, und ſein durch das geſchwollene, in Grün und Gelb ſchillernde Auge, durch die von unſäglichem Haß und Erbitterung ver⸗ zerrten Geſichtszüge entſtelltes Aeußere war ſo ſchrecklich, daß Albin unwillkürlich einen Schritt rückwärts that. „Nein, haben Sie die Güte, näher zu treten, mein Herr!“ ſagte der Patron mit einem widrigen Hohnlachen; „damit Sie mich erkennen, wenn wir uns morgen vor Gericht treffen; denn ich habe Sie rufen laſſen, um Ihnen in eigener Perſon die beſtimmte Nachricht mitzutheilen, daß ich die Abſicht habe, Ihr Verbrechen anzugeben.“ „Dieſes Verbrechen iſt wirklich ſo groß, daß ich kaum glaube, es werde mir etwas nutzen, Ihr Mitleiden mit meiner Jugend und meiner gänzlichen Ungewohntheit mit dem Weine und ſeinen Folgen anzurufen. Doch kann ich nicht anders, Ihr Entſchluß mag nun ausfallen, wie er will; ich muß auf das Demüthigſte dieſes Ver⸗ brechen eingeſtehen und Sie eben ſo demüthig um Ver⸗ zeihung bitten!“ „Wie— Verzeihung? Nun, das wäre bei meiner Ehre recht luſtig, wenn ich verzeihen ſollte, daß mein Buchhalter ſich an mir vergreift und mich gleich einem Ladenjungen zur Thür hinauswirft!... Nein, Herr, ſchläfern Sie ſich nicht ein mit ſolchen wahnſinnigen Hoffnungen, denn da kann ich Ihnen ſchwören, daß Sie mich ſchlecht beurtheilen!“. „Ich habe auch an keine Barmherzigkeit geglaubt,“ entgegnete Albin,„doch dieſer mein Glaube konnte mich 304 von einer Schuldigkeit nicht freiſprechen, die ich jetzt erfüllt habe! Inzwiſchen erlauben Sie mir wohl die Erinnerung, daß einige mildernde Umſtände vorhanden ſind: Sie ſelbſt, Herr N.., haben einen Menſchen, der ſich ſtets bemüht hat, ſeine Pflichten zu erfüllen, erſt ſehr fühlbar beleidigt und ihn darauf, wie Sie ſelbſt ſich ausdrückten, wie einen ihrer Knechte behandelt, und zwar trotz der Anweſenheit zweier Zeugen, vor denen ich Sie vorher um Verzeihung gebeten hatte, daß ich von der Straße den armen Narren mit mir in's Haus ge⸗ nommen hatte, welcher den Lärm veranlaßte, wodurch Ihre Nachtruhe geſtört wurde.“. „Vortrefflich— ganz vorzüglich: Sie üben ſich auf den morgenden Tag in der Advokatur! Haben Sie nun aber auch die Güte, des kleinen Umſtandes ebenfalls nicht zu vergeſſen, daß eben dieſelben Perſonen bezeugen können, wie Sie hernach gleich einem wilden Tiger auf mich los flogen!... O, wie ſchön wird es Ihnen ſchmecken, wenn Sie Ihre mannhafte Stärke bei den Steinen eines unſerer Feſtungswerke anwenden konnen— oder vielleicht haben Sie zufälliger Weiſe den Paragraphen in unſerem Geſetze nicht geleſen, der von ſolchen Verbrechern handelt? ... Vielleicht iſt aber der Augenblick dennoch der in⸗ tereſſanteſte für Sie, wenn Sie auf dem Karren abgeführt werden— behüte, wie werden wohl alle Damen ein ſo ungewöhnliches Schauſpiel angaffen!. Doch ich ſehe, Sie werden ganz blaß: haben Sie die Artigkeit, mich u verlaſſen, ehe die Berſerkerwuth über Sie kommt! Ich habe Ihnen überdieß geſagt, was ich zu ſagen hatte: ehe es Mittag wird, iſt die Anzeige gemacht!“ Albin wußte kaum, wie er wieder in ſein Zimmer kam. Während der beiden folgenden Stunden war er ſo betäubt von Betrübniß, Eahmnes und Harm, daß er nur einen einzigen Gedanken hatte, wie er nämlich, da er doch ganz allein in der Welt ſtand, dem Schimpfe und der tiefen Erniedrigung, die ſeiner warteten, zuvor⸗ kommen könnte. Endlich aber erſchienen die Schatten der Abgeſchiedenen: ſein Vater, ſeine zärtliche Mutter, wart mich lung heit ſchwe an d ſeiner arme beim Der ſeine edle alte Beſchützerin und der Capitain Flyborg, der vortreffliche Freund, um ihn von dem Rande des Abgrundes, vor welchem er ſtand, zurückzuziehen— wie wollte er wohl hoffen, ſie wieder zu ſehen und ihnen Allen zu begegnen, wenn er ſich durch neue Verbrechen den Weg zur Verzeihung ſelbſt verſchloß? „Was aber ſoll ich denn thun: Feſtung, Zwangs⸗ arbeit unter Dieben und Mördern?... Nein, nie, nie — da wäre meine Bahn auf ewig beendigt!“ Albin ſtürzte wie ein Sturmwind in das Comptoir und holte ſich das Geſetzbuch. Als er damit wieder in ſein Zimmer kam, ſchlug er das Capitel auf, gegen wel⸗ ches er ſich vergangen hatte, und fand, daß anſtatt der Strafe, welche Herr N.. ihm vorgeſpiegelt hatte, eine noch ſchrecklichere in Frage kommen könnte, falls er als ein Diener betrachtet werden ſollte, nämlich Abſtra⸗ fung mit Ruthen.„O, ſchrecklich! Welches Leben wartet meiner wohl, nachdem ich einmal eine ſolche Strafe erlitten habe?.. Ich laufe weg; doch da läge es noch offener am Tage: er würde mir vielleicht noch obendrein einen Diebſtahl aufbürden— alſo auch das unmög⸗ lich.. und die Stunden enteilen!... Sollte er die Anzeige wohl ſchon gemacht haben? O nein, damit wartet er ſo lange wie möglich, um den Genuß zu haben, mich zwiſchen der ſchwachen Hoffnung und der Verzweif⸗ lung auf der Folter liegen zu ſehen.... Doch morgen, morgen iſt es zu ſpät!... O— keine Hülfe... keine Hoffnung... kein Licht!“ Albin hatte Recht in ſeiner Vermuthung, daß das bloße Vergnügen, durch die Qualen der Ungewißheit Albin's Pein zu vergrößern, dem Herrn N.. die Bos⸗ heit dictirte, ihn einige Stunden in der Ungewißheit ſchweben zu laſſen; denn er hatte feſt beſchloſſen, ſich an dem Jünglinge auf eine ſolche Art zu rächen, daß ſeiner Zukunft dadurch am meiſten geſchadet werden könnte. Große Schweißtropfen floſſen von der Stirn des armen Jünglings herab.„O, warum blieb ich nicht beim Holzſägen: da hätte ich im nächſten Frühlinge als Der Jungferthurm. I. 20. — ÿÿ. wäre. 306 „Was ſoll das bedeuten?“ fragte er. Es iſt ja klar, s der Dunkelheit „Ich habe ja geſagt, daß wir vor morgen nichts mit einander weiter zu ſchaffen Ich habe das Gegentheil geglaubt!“ ſo doch in einem Albin, wenn auch nicht ubermüthig, Tone, der zu er verhielt. haben!“ kennen gab, daß es ſich entgegnete wirklich ſo klar, elheit äuber ht die s ihr Bru⸗ dem , das it wie igen geben ippen ver⸗ Leben Hefe ſt ihr taugt Ha 14 Arme 144 Ver⸗ war einem 2gt. Weg r den haben b von weſen habe ander egnete einem ich ſo „Nun was zum Teufel wollen Sie denn?“ „Ich will Sie zuerſt und vor allen Dingen noch einmal um Verzeihung bitten; demnächſt will ich Sie erſuchen, dieſe unangenehme Geſchichte zu vergeſſen, die ich mein ganzes Leben lang bereuen werde. Meine Meinung iſt jedoch, daß ſie ſehr verſchlimmert werden würde durch eine Veröffentlichung, die uns Beiden keine Ehre bringen kann.“ „Aha! Sie glauben wohl, Sie haben mit einem Narren zu thun?... Gehen Sie Ihres Wegs, Herr; ſonſt klingele ich und laſſe Sie hinauswerfen!“— „Herr N..! Ehe Sie dieſe Drohung ausführen,“ begann jetzt Albin mit einer etwas veränderten Stimme, „haben Sie wohl die Güte, meine Worte mit anzu⸗ hören, die ich noch hinzuzufuͤgen habe! Ich habe meine Pflicht, ja mehr als meine Pflicht erfüllt, da ich zwei Mal Abbitte gethan habe für einen Fehler, woran Sie ſelbſt durch Ihr grobes Benehmen Schuld waren, und nun bleibt mir nur noch übrig, Ihnen zu ſagen: ehe Sie mich auf der Feſtung ſitzen ſehen, möchte es gar nicht unwahrſcheinlich ſein, daß Sie dort ſelbſt Ihr Quartier aufſchlagen, wenn Sie nicht etwa gar den Kopf verlieren!“ Bei dieſer überaus kühnen und beſtimmten Aeuße⸗ rung, die Albin ohne Hitze, aber mit dem tiefſten Ernſte, einem Ernſte, der imponiren mußte, ausſprach, ſtand unſer Patron im buchſtäblichſten Sinne des Wortes da, als wäre er aus den Wolken gefallen. Er wurde aſchgrau im Geſicht und konnte nur mit Mühe hervorſtottern:„Was meinen Sie, Herr?“ „Was ich meine, iſt ſehr einfach,“ erwiederte Albin in gleich ruhigem Ton:„Majeſtätsverbrecher werden mit dem Tode beſtraft!“.. „Majeſtätsverbrecher!— Sind Sie bei Troſt?“ „O ja, ich habe ein gutes Gedächtniß. Wiſſen Sie noch wohl, daß Sie am vierten April, da der Kron⸗ prinz hier vorbeiritt, ſich ſo und ſo äußerten? Am fol⸗ genden Tage beliebten Sie im Comdloie, in eben ſo 308 läſternden Ausdrücken ihre Anſichten über Seine Maje⸗ ſtät auszuſprechen, und darauf ein drittes Mal über die ganze königliche Familie!“ Die Tage wählte Albin ſo, wie es ihm einfiel, die Aeußerungen aber waren ganz der Wahrheit gemäß, was man auch an Herrn N.'s verlängertem Geſichte ſehen konnte. „Welche dumme Lüge!“ rief er aus.„Sie können gar nichts beweiſen!“ „Ja, entſchuldigen Sie, Herr N..! Das erſte Mal waren außer mir ſowohl Murman, als auch zwei Comptoirjungen zugegen; das zweite Mal hörte der erſte Buchhalter und der Bootſchiffer G.. zu, und das dritte Mal geſchah es bei Tiſche.“ Jetzt war Herr N.. geſchlagen. Doch im Vertrauen auf ſein hohes Anſehen im Hauſe klingelte er ſogleich und befahl, daß der erſte Buchhalter und die Comptoir⸗ jungen gerufen werden ſollten. „Hören Sie,“ begann er, als ſich Alle eingefunden hatten,„kann Jemand von Ihnen ſich entſinnen, daß ich(es iſt ja doch ganz verdammt liſtig ausgedacht, aber Keiner von Ihnen kann ſich, Gott ſei Lob und Dank! entſinnen, was er niemals gehört hat)... daß ich mir verkleinernde Ausdrücke über unſer allergnädigſtes und geliebtes Königshaus erlaubt haben ſollte?“ Herr Colling und die beiden Comptoirjungen ſahen Alle ſehr überraſcht und verlegen aus, beſonders Col⸗ ling, welcher den Zuſammenhang ahnte. „Hier kommt es höchſt wahrſcheinlich zu einem Eide!“ fiel Albin ein, indem er von dem Einen auf den Andern einen ſcharfen Blick warf. „Sie werden die Guͤte haben zu ſchweigen, wenn ich mit meinen Leuten rede!... Herr Colling“(dieſer erhielt einen Blick, welcher folgendermaßen überſetzt werden konnte: Hilfſt du mir heute, ſo helfe ich dir ein ander Mal!)...„Herr Colling kann das Niederträchtige in dem hinterliſtigen Anfalle des Herrn Jentzel am allerbeſten bezeugen, durch welchen er in ſeiner * Laje⸗ r die t ſo, ganz .. 6 unen erſte zwei erſte dritte auen leich toir⸗ nden daß aber ank! mir und ahen Col⸗ de!“ dern venn dieſer rſetzt ich das derrn einer Dummheit ſich von dem begangenen groben Verbrechen zu befreien hofft!“ Herr Colling warf auf ſeinen werthen Herrn Prin⸗ cipal einen erwiedernden Blick, welchen dieſer auf fol⸗ gende Weiſe zu deuten gezwungen war: Alles, nur keinen falſchen Eid!— und darauf hieß es:„Ich glaube wirklich, daß Sie bisweilen einige unüberlegte Worte über den fraglichen Gegenſtand geſagt haben, vermuthe jedoch, daß Sie in Ihrem Hauſe keinen Verräther haben werden, der ſich ſelbſt mit einer ſolchen Anzeige beſchmutzen will.“ „Ja, das könnte ſich doch vielleicht ereignen,“ ent⸗ gegnete Albin,„denn die Selbſtvertheidigung iſt überall erlaubt. Inzwiſchen beruht natürlicher Weiſe Alles auf Herrn N.. ſelbſt!“ „Geht; ich ſehe, hier iſt ein Complott, das ich ſchon zu entdecken wiſſen werde!“ ließ ſich Herr N.. in wich⸗ tigem Tone vernehmen; und fertigte hierauf mit einer ausdrucksvollen Geberde Kläger und Zeugen ab. „Verdammt pfiffig eingefädelt!“ flüſterte Herr Col⸗ ling in Albin's Ohr, als ſie mit einander die Treppe hinabſtiegen.„Jetzt haben Sie das Spiel in Ihrer Hand— doch ein ander Mal nehmen Sie ein Beiſpiel an mir: ich blieb klüglich ſo lange wo ich war, bis ich einige Stunden durch Schlaf meine Glieder geſtärkt und meine Gedanken klar gemacht hatte. Und merken Sie: hätte ich in einem ſolchen Zuſtand meinen eigenen Bruder auf der Straße angetroffen, ſo hätte ich ihn lieber dem Schutze des himmliſchen Vaters überlaſſen, als mit mir hieher genommen!...“ Gleich nach dem Mittage, als Albin oben ſaß und über die Lage der Dinge nachdachte, trat der Patron ſelbſt herein und begann in ſehr hohem Tone: „Gerührt durch Ihre Reue und Ihre Jugend, die einzigen Fürſprecher— hören Sie: die einzigen— welche für Sie reden können, habe ich beſchloſſen, Ihnen 310 zu verzeihen, und wenn ich verzeihe, ſo habe ich auch vergeſſen!“ „ ch danke Ihnen beſtens!“ ſagte Albin, der augen⸗ blicklich ſeine unterthänige Rolle wieder annahm— „lange wird es jedoch dauern, ehe ich meine Unvernunft beugeſ Inzwiſchen bitte ich um meinen Abſchied; denn nach Demjenigen, was vorgefallen iſt, kann ich wohl nicht darauf rechnen, länger in Ihrem Hauſe zu blei⸗ ben— ja, ich glaube faſt, daß es ganz unmöglich iſt!“ „Kehren Sie ſich daran nicht, mein Freund: Alles bleibt, wie es geweſen iſt!“ „Wie der Herr Großhändler befehlen!“ Albin war über dieſe letzte Wendung auf das Höchſte erſtaunt und konnte dieſelbe erſt vier Tage ſpäter richtig verſtehen, als an einem Vormittage der Principal in das Comptoir trat und öffentlich in ganz kurzem Tone äuſ⸗ ſerte:„Herr Jentzel macht ſich bereit, innerhalb einer Woche zu ziehen!“ „Das habe ich ja ſelbſt eingeſehen!“ antwortete Albin mit unterdrücktem Aerger und auch Unruhe darüber, daß er jetzt wieder ohne Platz war. „Ja; doch ſehen Sie,“ entgegnete der Patron, indem er einen Blick auf die Anweſenden warf,„in meinem Dienſte pflegt man ſich nicht aufzuſagen: ich ſelbſt gebe den Perſonen Abſchied, welche ich für untauglich halte, oder welche ſich ſonſt durch ein ſchlechtes Betragen meiner Gnade unwürdig gemacht haben!...“ An dem Abende vor dem Abzuge, als Albin— der ſeit der Kataſtrophe nicht mit am Tiſche gegeſſen hatte— an der Thür des Beſuchzimmers vorbeiging, wurde dieſelbe leiſe zur Hälfte geöffnet, und ſeine bis⸗ herige Herrin ſteckte ihren ſchönen Kopf und ihre kleine Hand heraus. „Leben Sie wohl, Herr Jentzel!“ ſagte ſie leiſe mit etwas zitternder Stimme.„Da mein Mann mir nicht erlauben will, von Ihnen Abſchied zu nehmen, ſo wage ich dieſes, um Ihnen zu ſagen, daß ich Ihnen alles Gute wünſche, und daß ich Sie nicht bedauere, weil ſie auch gen⸗ nunft denn wohl blei⸗ iſt 1* Alles chſte chtig das äuſ⸗ einer lbin daß dem rnem gebe alte, einer — eſſen zing, bis⸗ leine mit nicht vage alles l ſie von hier hinwegkommen; Gott hat für Sie gewiß etwas auserſehen: Sie ſind ſo gut und rechtſchaffen!“ „Ach, mein Gott! iſt ſo viele Güte möglich?“ ant⸗ wortete Albin, indem er vor der jungen Frau beinahe auf die Kniee fiel.„Und dennoch habe ich ſo ſchrecklich efehlt!“ 3„Hatten Sie nicht um Verzeihung gebeten?“ ſagte ſie hoch erröthend. „Und Sie, auch Sie verzeihen mir?“ ſtotterte Al⸗ bin—„auch Sie denken ohne Unwillen an mich?“ „Ich will zu Gott für Sie beten!“ Jetzt durfte Albin die kleine Hand ergreifen, durfte es wagen, dieſelbe an ſeine Lippen zu drücken. In dem nächſten Augenblicke war Alles verſchwunden, die Thür verſchloſſen und Albin wieder auf ſeinem Zimmer, wo er, wunderbar geſtärkt und beruhigt, mit dem Einpacken ſeiner Sachen fortfuhr, um einſtweilen in ein Wirths⸗ haus zu ziehen. Geſpart hatte er nur ſehr wenig; denn im erſten Winter konnte Bas nicht arbeiten; überdieß mußte der alte Surr immer einen Wochenſchilling zu Bier und Tabak haben, und Surr hatte viele Brüder, die Albin's warmem Herzen nahe lagen. Auch wollte der junge Herr fein und gut gekleidet ſein— kurz: er hatte nicht viel zu fordern. Von dieſer Kleinigkeit wollte Albin aber dennoch ſo lange leben, bis er ſein Schiffereramen machen konnte; denn— mochte er hernach ein Fahrzeug erhalten, oder genöthigt ſein, als Steuermann, ja als bloßer Ma⸗ troſe zu fahren— das Erxamen mußte er machen. Neunundzwanzigſtes Capitel. Die Sonne geht zwei Mal auf. Die gelben Blätter des Herbſtes hatten längſt ihren Wirbeltanz um die Stadt beendigt; Schnee, Hagel, 312 Nebel und Stürme waren darauf gefolgt. Jetzt ſchickte es ſich zum Winter an: man war dem December nahe, Unſer Held, der ſich mit ſeiner unbedeutenden Kaſſe mehrere Monate durchgeholfen und jetzt glücklich ſein Eramen gemacht hatte, befand ſich in dieſem Augen⸗ blicke auf dem nicht ſehr beneidenswerthen Punkte, weder ein Schiff, noch Brod, noch auch Ausſicht auf eines von beiden zu haben. Das Einzige, welches ihm noch blieb, war der Kredit; denn durch ſeine ganz an ein Wunder grenzende Sparſamkeit, verbunden mit ſeiner außerordentlichen Pünktlichkeit im Bezahlen, hatte er ſich bei dem Wirthe ein ſolches Anſehen verſchafft, daß dieſer ihm ſehr gern„ein Stück Kreide“ angeboten hatte; ſo lange er jedoch umhin konnte, wollte Albin ſich nicht in Schulden ſetzen. Bis jetzt hatte Albin noch keinen Verſuch gemacht, ſich eine Anſtellung zu verſchaffen; denn man hatte ihm an die Hand gegeben, daß ein Menſch, der ſich an ſei⸗ nem eigenen Herrn vergriffen hätte— er möchte übrigens ſo geſchickt ſein wie er wollte— eben nicht hoffen könnte, daß man ſich um ihn ſehr reißen würde, weder als Comptoiriſt, noch auch als Schiffer. Ein ſolcher Menſch würde, wenn man ihm eine Befehlshaberſtelle anver⸗ traute, bald die ganze Beſatzung zur Meuterei bewegen und überdieß diverſe Spectakel anſtiften, welche der Rhe⸗ derei zum Schaden gereichen könnten. „Hier geht es nicht!“ ſagte Albin zu ſich ſelbſt— und er hatte Recht; denn ohne daß er ein Wort davon Wie, eirculirten viele andere Gerüchte über ihn in der Stadt. Albin war weit entfernt, zu ahnen, daß ſeine Ab⸗ eneigtheit, die immer höher auflodernde Flamme der Frau Suſanne begreifen zu wollen, ihm mehr Schaden gebracht hatte, als ſie ihm zuwider geweſen war. Gleich nach ſeinem Abzuge aus dem Hauſe des Herrn N.. hatte ſie ihn beſucht und in klareren Wor⸗ ten, als zuvor, ihm das Opfer ihres Gefühls und Geld und Fahrzeug, ſo groß er es haben wollte, obendrein hickte nahe, Kaſſe ſein igen⸗ veder eines noch ein einer e er daß atte; nicht acht, ihm ſei⸗ gens unte, als enſch ver⸗ egen Rhe⸗ 1— wvon der angeboten— ja ſie war ſo weit gegangen, ſich ihm ſelbſt bei ſeinen erſten unerfahrenen Schritten als Befehlshaber zum Steuermann vorzuſchlagen. Und für alles dieſes, für Reichthum, Unabhängigkeit, Selbſtſtändigkeit ver⸗ langte ſie weiter nichts, als nur die Hoffnung, daß er ſie eines Tages ohne Unwillen ſehen wollte. Aber zurückgewieſen zu ihren Pflichten als Gattin, abgewieſen in ihren verſchiedenen Rollen als Mutter, Freundin und Schweſter, begann die Liebe der Mutter Steuermann ſich nach der ſchwarzen Tiefe zu neigen: der Widerſtand reizte ſie. Obgleich ſie jedoch die Hoff⸗ nung keineswegs aufgab, ſo wuͤnſchte ſie doch Rache, um ſich einſtweilen zu unterhalten. Es war wohl bis jetzt nur ein Spiel— das Spiel der Tigerkatze— doch aus dem Spiele konnte einſt Ernſt werden. Dahin aber durfte es ſobald noch nicht kommen: der Jüngling reifte wohl zum Manne heran! Sie hatte ſchon fruͤher auf die Frucht gewartet, welche ſie ernten wollte, und inzwiſchen ſchlichen in der Finſterniß Geküchte umher, welche ſeine Lage noch ſchutzloſer, bitterer und drückender machen konnten— mit einem Worte Gerüchte, wie ſie dieſelben haben wollte. Bald erzählte man ſich, er wäre mit auf einem ausländiſchen Fahrzeuge geweſen, welches durch ein unbekanntes Ereigniß zu Grunde gegangen wäre, und wobei er Vater, Bruder und bedeutende Reichthümer verloren hätte; an die Reichthümer glaubte kein Menſch, obgleich man ſeine eigenen Gedanken hatte von dem Umſtande, daß er ganz allein gerettet worden war; bald war er auf einem Fahrzeuge geweſen, das in den Grund gebohrt worden— eine ganze ſchmutzige Ge⸗ ſchichte, in welche er zu London verwickelt geweſen war. Aus Göteborg war er entlaufen und, wie man glaubte, aus Frankreich ehenfalls, woſelbſt es mit ſeinem Vater nicht ganz richtig geweſen war; doch lag immer ein geheimnißvoller Schleier über dieſe ganze Sache verbreitet. Genug: Albin Jentzel war ein kühner und gut maskirter Menſch, der nur ſeiner Jugend und ſeiner großen Ver⸗ ſtellungskunſt es zu danken hatte, daß ſeine zweideutigen 314 Abenteuer nicht für ärger angeſehen wurden, als ſie in der That betrachtet zu werden verdienten, und derglei⸗ chen mehr. An einem Abende, da Albin ſich gleichwohl wenig geneigt fühlte, an das Glück zu glauben, ſagte er zu ſich ſelbſt:„Glücklicher Weiſe kann ich immer noch dar⸗ auf rechnen, daß Herr Colling mir eine ſo große Summe leiht, daß ich nach Stockholm reiſen kann: dort muß es wohl möglich ſein, wo nicht ein Schiff zu erhalten, ſo doch einen Platz als Steuermann für eine Winterreiſe. Ich will ein Billet an Colling ſchreiben— er weiß, daß ich ihn nicht betrüge!“ Und Albin ſchrieb, und der erſte Buchhalter auf dem Comptoir des Herrn N.. antwortete: „Es thut mir leid, mein allerbeſter Herr Jentzel; aber es iſt eben in dieſen Tagen die Rede von einer Aſſociation zwiſchen mir und meinem Principal, und daher würde es höchſt unpolitiſch von mir ſein, ja viel⸗ leicht meine eigenen Vortheile gänzlich vernichten, wenn ich einem Manne, den er ſo von Herzen haßt, Geld leihe. Entſchuldigen Sie mich daher und ſeien Sie überzeugt von der aufrichtigen und mitleidsvollen Theil⸗ nahme, welche ich Ihrer ungewöhnlichen Einfalt im Ge⸗ ſchäftsleben zolle! Glauben Sie mir— und ich beſitze einige Erfahrung— auf die Art, wie Sie angefangen haben, geht es gewiß nicht! Ein ehrlicher Kerl gilt oft für einen Schelm, während ein Schelm noch öfter für einen ehrlichen Mann gilt. Ihr verpflichteter A. Colling.“ Mit Verachtung warf Albin den Brief in den Ofen. Zwar wußte er eine Perſon, welche ihm dieſen Dienſt ſehr gern erzeigt haben würde; doch mit warmer Röthe auf der Wange geſtand er ſich, daß es ihm rein unmög⸗ lich ſein würde, ſich an ſie zu wenden: ſie war ja die Gattin des nichtswürdigen N.. Ueberdieß verboten ihm das Feingefühl und gewiſſe Symptome in ſeinem Her⸗ zen, zu ihr auch nur in der allerentfernteſten Verbind⸗ wenn Geld Sie Theil⸗ n Ge⸗ beſitze angen lt oft r für Ofen. Dienſt Röthe nmög⸗ ja die n ihm Her⸗ ;bind⸗ lichkeit zu ſtehen: das Andenken an dieſe junge Frau war ein ſchöner Traum, ein Tag des Sonnenſcheins in ſeinem bewölkten Leben— nichts mehr und nichts weni⸗ ger... An ſie(die Andere), welche mit ausgebreiteten Armen für einen einzigen Blick zu ſeinem Beiſtande geflogen ſein würde, an ſie dachte er gar nicht, und ſo verzweifelt ſeine Geldangelegenheiten auch ſtanden, würde er ſich dennoch nie dazu herabgelaſſen haben, mit ſeiner Ehre zu wuchern. „Wie oft in meinem Leben bin ich wohl ſchon eben ſo rathlos und arm geweſen wie jetzt!“ dachte er, indem er die Gluth im Ofen umſchürte, wo jetzt das Billet in Flugaſche aufgelöst lag und er phantaſtiſche Figuren von getakelten Schiffen mit voller Beſatzung zu ſehen vermeinte: der Capitain Flyborg, Bas, der alte gute Seeräuber, ja ſogar Capitain Donnert auf dem Sngre⸗ Swen, nebſt vielen Erinnerungen aus der Vergangen⸗ heit ſegelten vor ſeinem innern Blick vorbei. Plötzlich wurde er durch das Geräuſch eines Ankommenden aus ſeinen Träumen geriſſen: es war der Wirth, welcher mit einem Zeitungsblatte in der Hand eintrat. „Denken Sie an etwas Luſtiges, Herr Jentzel; an etwas Neues, etwas recht Großartiges!“ ſagte der freund⸗ liche Mann, indem er Albin das Blatt hinreichte und ihm eine gewiſſe Stelle in der Abtheilung der Bekannt⸗ machungen zeigte. Miit einer freudigen Unruhe, die keinen einzigen vernünftigen Gedanken von dem Inhalte der Zeitung auffaſſen konnte, zündete Albin Licht an, und las mit Staunen, Entzücken und jubelnder Dankbarkeit folgende ſonderbare Anzeige: „Wenn ein Jüngling, der vor mehreren Jahren in Göteborg von einer guten Freundin eine Brieftaſche ent⸗ gegennahm, in welcher das Bild eines kleinen Hundes, Namens Tibb, eingeſchloſſen war, aus Oſtindien zurück⸗ gekommen ſein ſollte, ſo wird er erſucht, ſich bei einer Perſon anzumelden, welche Tibb noch pflegt, da dann dieſe Perſon ihm die Anweiſung auf Eintauſend Reichs⸗ 316 thaler Banco geben wird, welche oben erwähnte gute Freundin in ihrem Teſtamente für genannten Jüngling angeſchlagen hat. Die Urſache, warum man auf dieſe Art anzeigt, iſt die, daß man vergebens die Antwort auf den Brief zerwartet hat, welcher vor etwas über zwei Jahren unter der Adreſſe des Capitains Flyborg nach Batavia abge⸗ ſchickt wurde. Unterzeichnet von derjenigen, welche dem Jünglinge Sturm's Gebetbuch ſchenkte. G.. a.“ „Ach, mein Gott, wann verließeſt du mich wohl je in meinem Leben!“ rief Albin mit ſtrahlenden Blicken, und zwei warme Thränen ſielen auf das Blatt, welches das theure Andenken an ſeine edle Beſchützerin, an Jungfer Greta und Tibb— Tibb, der noch lebte— verwahrte. Und Albin zog ſeine Brieftaſche hervor und war ſo herzlich kindiſch, daß er mit dem Gedanken an die Geberin Tibb's netten Kopf eben ſo lebhaft küßte, als wären es Frau Wolk's eigene Hände geweſen, und es ihm noch geſtattet wäre, dieſelben zu küſſen. „Ja, ſehen Sie, ſo lohnt der Herr denjenigen, die beſſer ſind als ihr Ruf!“ ſagte der Wirth mit einem treu⸗ herzigen Kopfnicken.„Nun darf ich Herrn Jentzel wohl heute Abend ein Gläschen anbieten?“ „Herzlich gerne zwei; denn nun kann ich wieder anbieten!... Ach, ach— ſchon morgen reiſe ich nach Göteborg!. Denke— Bas hatte dennoch Recht!“ „in vierſpänniger Wagen!“ rief die Schenkjungfer, indem ſie zu gleicher Zeit eintrat. „So, ſo!... nun gut! Iſt es ein Herr, ſo logire ihn in dem rothen Zimmer— und ſind es mehrere, ſo...“ Der Wirth ging hinaus, und eine lange Zeit hörte Albin nichts von dem angebotenen Gläschen, und das war ihm auch ganz gleichgültig, denn jetzt war ihm der Kopf voll von allen möglichen herrlichen Gedanken an die Zukunft. Aber plötzlich erſchien der Wirth von Neuem mit einer eben ſo wichtigen Miene als vorhin. „Herr Jentzel, hier iſt ein Gaſt, ein alter, ſonderbarer Man daß erwa beeil eine zu b doch wolle gentl beſter roß Sopl „Hm einen eine der n Win! ben! zu v das. gute gling eigt, zref unter bge⸗ inge hl je cken, lches an 8— und an üßte, und Mann, der mit Ihnen reden will; und ich glaube kaum, daß Sie von ihm etwas Anderes, als nur Gutes zu erwarten haben.— Sein Sie aber ſo gütig, ſich zu beeilen!“ „Ich kenne ja keinen alten Mann, der mich auf eine ſolche Weiſe holen laſſen kann— was hat das zu bedeuten?“ „Das werden Sie ſchon ſehen!— Sie werden es doch wohl einem alten kranken Manne nicht abſchlagen wollen, auf einen Augenblick bei ihm einzuſehen?“ „Nein, gewiß nicht— behüte Gott! Ganz im Ge⸗ gentheil! Hier bin ich!“ „So kommen Sie denn!“ Der Wirth ging voraus und öffnete die Thüre des beſten Gaſtzimmers. Hier ſah Albin keinen Menſchen; aber von einem Poßen Haufen Pelzwerk und wollenen Decken auf dem Sopha ließ ſich ein öfteres Huſten, eine Maſſe von „Hm! hm!“ Grunzen, kleine Flüche und eine ganze Legion von„O!“„Pfui!“„Tout beau!“ vernehmen, welches Letztere gegen irgend eine Art von Weſen, das ſich ebenfalls mit unter dem Pelzhaufen befand, gerichtet zu ſein ſchien. „Haben Sie die Güte, näher zu treten!“ ermahnte der Wirth, indem er die beiden ſchläfrigen Talglichter ſo ſetzte, daß es Albin gelang, einen Greiſenkopf zu entdecken, von welchem alles dieſes Unweſen kam, und ein wenig weiter nach unten gewahrte er einen andern Kopf, den Albin, obgleich derſelbe mit einer kleinen feſt⸗ gebundenen grünen Mütze bedeckt war, nothwendig als einen Affenkopf erkennen mußte. „Sieh ſo... hm!.. iſt er das? Nun, was für eine Art von Menſch iſt Er denn eigentlich?“ begann der wunderliche Mann, nachdem er mit einem doppelten Winke ſeiner unruhigen Geſellſchaft die Weiſung gege⸗ ben hatte, ſtill zu liegen, und dem Wirthe, das Zimmer zu verlaſſen. „Für eine Art von Menſch?“ wiederholte Albin auf das Höchſte erſtaunt. 318 „Nun denn: was für eine Art von Thier? hungert den einen Tag und hackt Holz, um einen kranken Ge⸗ fährten zu ernähren, und liefert dennoch Geld ab, von deſſen Daſein kein Menſch...(ach!... hol's der Teufel! ... tout beau, Madame Lona!... Reſpect!— hat Sie nicht eine neue Mütze auf?)... kein Menſch das Ge⸗ ringſte gehört hat, und den andern Tag prügelt er ſeinen Herrn, daß er gelb und grün wird, und droht ihm noch dazu mit einer Anzeige wegen Majeſtätsverbrechen... hm!.. ach!l... hm!... „Wäre es nicht vielleicht ebenſo ſehr erlaubt, wenn ich mir die Freiheit nähme, zu fragen, wer es iſt, der ein Recht zu haben vermeint, ſo mit mir zu reden?“ „Ein Recht?... oho, iſt man von dieſer Wolle 2... Hörſt Du, Madame Lona, keine Scham in Jungen heut zu Tage!... ein Recht?... So, ich glaube, nun kommt die Gicht bald in die Bruſthöhle!“ „Ich verſtehe dieß Alles wirklich nicht!“ Albin wußte nicht, ob er lachen oder böſe werden ſollte. „Ich aber verſtehe, daß ich Fredrik Stangerling heiße, und Er heißt, ob mit Recht oder mit Unrecht, Albin Jentzel— und wenn nicht der Teufel los iſt... (Lona, glaubſt Du, ich hätte die Karbatſche zu Hauſe vergeſſen?)... ſo werden wir doch wohl etwas mit einander zu ſchaffen haben... fühle es an der Gicht, die ſich heute Abend auf ein fremdes Gebiet zurückzieht.“ „Herr Stangerling?“ rief Albin unwillkürlich, und ſchon in ſeinem Tone lag es deutlich, daß dieſer Name eine alte Bekanntſchaft war. „Da ſehe man nur! Hörſt Du, Lona... horchſt auf den Ton— nicht übel!... Setzen Sie das Licht noch ein wenig näher, mein junger Herr, obgleich es meinen Augen weh thut... hm... ſo wollen wir uns Sein Geſicht ein wenig anſehen— einige alte, theure Züge müſſen doch wohl zu entdecken ſein!“ Ehrfurchtsvoll nahete Albin dem alten Freunde ſeines Vaters und bog ſich tief herab. Jetzt wurde er ſcharf gemuſtert nicht allein von dem Herrn Stangerling 1 1 eine 7 Haup in un Gewi Herrg ſchrie I ſelbſt, ſondern auch von der Madame Lona, welche ſich mit den Vordertatzen auf die Schultern ihres Herrn ſtützte, ſeine Bewegungen nachahmte, und den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite legte. „Keine Aehnlichkeit... ein hübſcher Junge, männ⸗ lich, tüchtig, ein verteufelt netter Junge, aber keine Aehnlichkeit— dergleichen ſteht nur in Romanbüchern zu Befehl!“ klagte der Alte.„Doch gleich gut: Albin Jentzel iſt dennoch Albin Jentzel!— jetzt aber keine Seitenſprünge: reines Spiel... das hat dem alten Stangerling immer gefallen!... Ich muß wiſſen, wohin es ging, da Ihr Euch auf dem franzöſiſchen Schooner einſchifftet, von dem man nie ein Wort gehört hat— weiter habe ich Euch nicht nachſpähen können!... Du ſchweigſt.. Du wirſt roth... Du wirſt blaß?— ich irre mich ganz gewiß nicht, daß Satanszeug mit dabei iſt!“ Albin verſuchte einige Worte hervorzuſtottern, doch ſeine Rührung war allzu heftig. „Willſt Du vor mir ſchweigen, Du, Jentzel's Sohn! — Janbel. ach, ſeitdem ich Euch in Frankreich ver⸗ lor, habe ich den theuren Namen nicht eher gehört, als eben jetzt erſt, da ich auf mein Gut zurücktehrte: der Bürgermeiſter ſchrieb mir eine anze lange Geſchichte. Ich lag krank, Junge, verſtehſt Du, krank zu Hauſe in meinem Bette— ein alter Junggeſelle— kein Menſch kümmert ſich um ihn um ſeiner ſelbſt willen, außer Madame Lona— aber ich ſetzte mich dennoch in einen Wagen, um deſto eher der Sache auf die Spur zu kommen.. hielt ſtill beim Bürgermeiſter... erfuhr eine ganze Maſſe: jetzt ſollſt Du vollenden!“ „Wenn ich nun aber ſo unglücklich wäre, in der Hauptfrage nicht antworten zu koͤnnen?“ ſeufzte Albin in unſäglicher Beklemmung. „Sollteſt Du wohl ein Verbrechen auf Deinem Gewiſſen haben, Jüngling?.. o, ei!... da hätte unſer Herrgott Dir einen falſchen Paß auf das Geſicht ge⸗ ſchrieben!“ 320 „Nein, kein Verbrechen, keine Schuld, das ſchwöre ich!“ „Warum willſt Du denn nicht zu dem ſliehen, wel⸗ chen Dein Vater ſeinen Freund nannte— oder ſollteſt Du es vielleicht läugnen, Dich als den Sohn des Wil⸗ helm Jentzel zu erkennen? Alles ſcheint gleichwohl zu beweiſen, daß Du es biſt. Man hat mir erzählt, daß Du Dich ſelbſt für einen eingebornen Schweden, für den Sohn eines ehemaligen Kaufmannes ausgegeben, daß Du Dich mit Deinem Vater und Deinem Bruder im Auslande, zuletzt in Frankreich aufgehalten haſt, bis Du dreizehn oder vierzehn Jahre alt warſt, und daß Du Dich allein von der ganzen Beſatzung des Fahrzeuges, welches Euch herüber führen ſollte, gerettet haſt. Das Einzige, das ich nicht zuſammen reimen kann, iſt der ſonderbare Umſtand, daß Ihr auf einem franzöſiſchen Schooner von Nantes abginget, daß aber Du, zufolge Deiner eigenen Angabe, da Du gerettet und auf dem Fahrzeuge des Capitains Ennes aufgenommen wurdeſt, von einem norwegiſchen kamſt. Auf dieſes Alles m ußt Du mir Antwort geben, denn ich ſage Dir, ich habe das Recht, im Namen Deines Vaters Wahrheit zu fordern; Dein Vater— ich wage darauf zu ſchwören— hat Dir gewiß mehr denn einmal geſagt, daß er die Abſicht hatte, Dich und Deinen ſtummen Bruder meiner Für⸗ ſorge anzuvertrauen?“ „Ja, das war wirklich ſein oft ausgeſprochener Wunſch, den er gewiß auch ausgeführt haben würde, wenn Gott es erlaubt hätte.“ „Nun wir ſind alſo, Gottlob! ſo weit gekommen, daß Du Dich für Wilhelm Jentzel's Sohn erkennſt!“ „Bewahre mich der Himmel, den beſten und liebe⸗ vollſten Vater, meinen ſo heiß geliebten Vater, zu ver⸗ leugnen! Ach, Herr Stangerling! mehr denn ein⸗, ja mehr denn tauſendmal habe ich an dieſen ſo frohen und dennoch ſo bittern Augenblick gedacht, da wir uns treffen würden— durch das Teſtament des Capitains Flyborg erwartete ich es ganz beſtimmt!“ „Sonderbarer Junge!“ ſagte der Alte gedankenvoll; ——— ich!“ wel⸗ llteſt Wil⸗ ol zu daß den daß im 3 Du Du iges, Das der ſchen folge dem deſt, ußt das eern; Dir jſicht Für⸗ ener ürde, nen, 19 iebe⸗ ver⸗ ja ohen uns ains voll; ———— „lieber als daß Du zu dem gingeſt, welchem Du gewiſſer⸗ maßen angehörteſt, hungerteſt Du und arbeiteteſt Dich ſelbſt durch tauſend Abenteuer hindurch!“ „Machen Sie mir keine Vorwürfe; ich war ungluͤck⸗ lich, war von allen Menſchen verlaſſen, hatte keinen andern Rathgeber, als nur mich ſelbſt, ein kaum vier⸗ zehnjähriges Kind, gebunden von einem Verſprechen, deſſen Bedeutung man mich hatte einſehen gelehrt! Auch war ich ſtolz: ich wollte nicht kommen als ein Bettler, ein Glückſucher, welcher ſich nicht zu helfen weiß, welcher fürchtete, daß man ihm nicht glauben würde, und welcher dennoch ebenſo ſehr ein Aufſehen fürchtete, das Dinge beleuchten würde, welche er in der Finſterheit zu laſſen gezwungen war. Und ſogar noch in dieſem Augenblicke,“ fuhr er mit tiefer, zitternder Stimme fort,„ſteht ja noch eben dieſes Geſpenſt, eben dieſes dem Kind abgedrungene Gelübde zwiſchen mir und dem, welchen ich ſonſt ſo gerne Vater nennen möchte! Ich, ſchon in meiner Ju⸗ gend ein Einſiedler, ich, der ich mich ſo warm nach einem Herzen geſehnt habe, an das ich mein eigenes legen könnte, muß ich nicht davon gehen, denn wer wird mir wohl glauben!“ „Das will ich, Junge!“ ſchrie der alte Herr auf, indem er ihm ſeine beiden Hände hinreichte.„Ich fühle es in meinem eigenen Herzen, daß Deines, hol' mich der Henker, von dem rechten Schrot und Korn iſt!... Und nun theilſt Du mir Alles mit, was Du erlebt haſt — gehe um das unglückliche Gelübde herum, ſo nahe Du kannſt: ich höre Dir zu mit offenen Ohren.... Zuvörderſt aber noch ein Wort: ſage mir, ob der Capi⸗ tain Flyborg etwas von dem Verhältniſſe wußte, in welchem Dein Vater zu mir ſtand!“ „Weder vor ihm noch vor irgend einem andern Menſchen habe ich jemals Ihren Namen genannt, außer in dem Zuſammenhange mit der Dispoſttion des Capi⸗ tains Flyborg; auch der Capitain nannte ihn niemals: er ſagte mir auf ſeinem Sterbebette nur ſeinen letzten Der Jungferthurm. I. 21 322 Willen, und daß die Adreſſe des Mannes, der ihn aus⸗ führen ſollte, oben auf dem Gelde läge. Doch iſt es mehr denn wahrſcheinlich, daß er in dem Briefe, welcher nebſt dem Teſtamente in dem Schiffbruche der Iduna verloren ging, mich dem Manne zu empfehlen geſucht hat, welchen er ſo hoch geſchätzt haben muß.“ „Siehſt Du denn nicht Gottes Finger in dieſem Zufalle? Flyborg, Dein alter Freund— ach, ach... ich wollte die verdammte Gicht vergeſſen, aber ſie nimmt ar keine Raiſon an— Flyborg, der arme, milzſüchtige hrenmann, den auch ich zu ſchaͤtzen verſtand, wies Dich zu einem Vater, den Du ſelbſt nicht ſuchen wollteſt!“ „Dieſer ſo ſchöne und befriedigende Gedanke iſt auch in mir aufgeſtiegen!“ ſagte Albin, indem er ſich immer vertrauensvoller an den alten Mann anſchloß, und ſich dicht neben den Sopha ſetzend, mit Zärtlichkeit denjenigen betrachtete, der ihn vielleicht als einen Sohn anſehen wollte.. als einen Sohn— o himmliſcher, friedevoller Gedanke: einen Vater, einen Freund, einen ſichern Hafen zu beſitzen, nachdem man ſo lange als ein Flüchtling umhergeirrt iſt! „Stolzer Junge, ich leſe in Deiner Seele!“ Der Alte nickte....„Doch fang nun an— aber ehrlich ſoll es ſein, ſo ehrlich, als ſtändeſt Du vor Gott!“ Und ſo grundehrlich war die Darſtellung des Jüng⸗ lings, daß— als er in dem Anfange ſeiner Erzählung genöthigt war, die Ereigniſſe von dem Zuſammenſtoße der„belle Coquette“, da er auf das Deck ſtürzte, bis zu dem Augenblicke, da er auf den Fliegſiſch kam— dieſe Lücke für den alten Herrn nicht unüberſteiglicher war als daß er durch verſchiedene gewiſſe Winke ſo ziemlich den Zuſammenhang begriff. hne daß Albin in deut⸗ lichen Worten ſein Gelübde brach, verſtand er, daß es Seeräuber geweſen waren, welche ihm dieſes abgezwungen hatten. Von hier an lief die Kette der wechſelnden Abenteuer in klarer Folge weiter, und nachdem der Alte bei der Nachricht von dem Tode ſeines alten Freundes einige unartikulirte, wilde Laute ausgeſtoßen hatte— ebenſo wie Albin ſelbſt nahm er es als abgemacht an, daß Wilhelm Jentzel und der ſtumme Sohn dem Fahr⸗ zeuge auf den Grund gefolgt waren— wurde er all⸗ mälig ruhig, und kam endlich bei der Beſchreibung von dem Capitain Ennes und Mutter Steuermann, Achilles, Bas, Frau Wolk, Jungfer Greta, Tibb, Capitain Don⸗ nert, Mutter Kitty und andern Figuren, die in den Scenen auftauchten, welche Albin malte, in eine ſo gute Laune, daß, als unſer Held an die Geſchichten in Gefle, beſonders an das nächtliche Abenteuer mit ſeinem Prin⸗ cipale kam, durch die Motion, welche der Ehrenmann ſeinen Lungen geſtattete, das Pelzwerk in eine tüchtige Erſchütterung gerieth. Her N.. war nicht im mindeſten beliebt, ſondern eher das Gegentheil, und daher hatte der alte Stangerling nicht das Herz, dem einzigen Sohne ſeines Freundes den geringſten Vorwurf zu machen; er ſagte nur, mit dem Finger drohend: Du läufſt wohl jetzt nicht Straße auf Straße ab, um die junge Frau zu ſehen zu bekommen!“ „Nein,“ antwortete Albin lächelnd und erröthend, aber ganz offen,„das thue ich nicht und brauche es auch nicht, denn ich entſinne mich ihrer ohne dieſes.“ „Zweifle gar nicht daran— fühlſt Du aber nicht gleichſam ein eigenſinniges Bedürfniß, mit ihr zu ſprechen?. 1 „Nein, nicht im Mindeſten, das erkläre ich in allem Ernſte.... Und nun,“ fuhr er mit geſenkter Stimme fort,„habe ich Alles erzählt, was ich erzählen durfte.“ „Und ich ſage: komm an mein Herz, Junge! Nur Eins kann ich Dir ſo bald noch nicht verzeihen, näm⸗ lich daß Du ſo ſpät gekommen biſt...(ach, ach, die Gicht!)... Stolz, Hoffahrt, weiter nichts, iſt Dir im Wege geweſen, bis Du zwanzig Jahre alt geworden biſt doch man lebt nicht, ohne ſich die Erfahrung zu Nutze zu machen. Hätteſt, Du mich ſchlecht und eecht ſogleich 324 aufgeſucht, ſo hätteſt Du, ſollte ich meinen, Deine Welt ſo ziemlich ruhig dahin gelebt— aber wer weiß, ob Dir dieß Alles nicht nützlich geweſen iſt, und wir wollen mehr denn einmal im Laufe dieſes Winters über Deine Knabengeſchichten lachen... denn darauf umarme ich Dich, Junge, daß Du mich ſo in der Eile nicht verlaſſen darfſt! Wollen ſehen, ob nicht„der alte Junge“ ledig wird: das iſt mein letztes noch übriges Fahrzeug, und Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß Du es be⸗ kommſt!“ Jetzt lag Albin, trotz der bewachenden Blicke der Madame Lona, welche, auf zwei Beine aufgerichtet, dem Auftritte eiferſüchtig zuſah, in den Armen des alten Mannes und ſo feſt an ſein Herz gedrückt, daß der Greis gar nicht weiter an ſeine Krämpfe und an ſeine Ausrufungen dachte. Albin gelobte, ein zärtlicher Sohn zu werden, mit unendlicher Liebe die Güte, die vaterlichen Gefühle zu belohnen, welche er erfahren hatte, und der Alte gelobte, Albin den Verluſt ſeines Vaters zu erſetzen. Endlich hatte der Schwall der Gefühle ſich gelegt, und nun nahm der Alte ſeine Madame Lona, beugte ihr den Kopf zu einem Gruße herab und ſagte:„Sieh, mein Junge, hier will ich Dir ein Weſen vorſtellen, welches, ſo lächerlich und häßlich es Dir auch ſcheinen mag, ſich gewiß Deine Gunſt erwerben wird, wenn Du erfährſt, daß ſie nun ſchon mehrere Jahre meine liebſte Geſellſchaft geweſen iſt.... O, ziere Dich nur nicht, Madame!... Sie hat mir oft Verdruß gemacht, hat mir manches theure Stück zerſchlagen... nun nun! ſie nimmt ja auch keinen Lohn, beſtiehlt mich nicht, ärgert mich nicht— wenigſtens nicht abſichtlich— peinigt mich nicht mit Dummheiten, Faulheit, Unarten und wie dieſe Teufelsdinge alle heißen, die mich ſonſt immer umgeben.... Nun, kehre Dich daran nicht, mein Junge: bisweilen, ſagen ſie, bin ich ein wenig mürriſch und zänkiſch; doch Du verſtehſt wohl ſelbſt, wie es ſein kann, wenn man kein anderes Weſen hat, das man lieben darf, als nur einen armſeligen Affen — jetzt dagegen!...“ Sein Blick leuchtete, und wiederum lag ſeine Hand in Albin's Hand, und Albin drückte mit unbeſchreiblicher Rührung ſeine Lippen darauf mit der Verſicherung, daß er ſich mit der Madame Lona um die Gunſt des alten Mannes ſchon vertragen würde. „Ja, wir wollen alle Drei recht vergnügt ſein auf Furuwik— eine hübſche Stelle!... Aber, mein Junge, kannſt Du denn auch rauchen, wie ein Seemann, und ein Gläschen trinken, ohne wie eine Jungfer zu nippen? Ich will immer meinen Wein bei Tiſche haben und dann eine Partie Piquet, wenn wir zum Wira nicht vollzählig ſind.“ „Seien Sie überzeugt, ich werde verſuchen, mich auch in dieſer Hinſicht als ein würdiger Seemann zu zeigen!... Doch zuerſt, mein theurer und lieber Onkel — darf ich nicht ſo ſagen?“ „Onkel... o ja— mag für's Erſte paſſiren!... Zuerſt, ſagteſt Du?“ „Zuerſt, ſobald ich mich auf Furuwik ein wenig eingewohnt habe, muß ich nach Göteborg reiſen, um die Jungfer Greta zu umarmen, um noch einmal mit Frau Mäarta in die Kirche zu gehen, und dann“— hier wurde die Stimme etwas unſicher—„das Grab meiner edlen Wohlthäterin zu beſuchen!“ „Ja, mein Sohn, das Alles mußt Du thun!... Nun aber laß uns in Gottes Namen endlich daran denken, wie wir ein wenig zu eſſen bekommen, und uns dann zur Ruhe begeben, denn morgen reiſen wir nach Hauſe.“ Am folgenden Tage flog das Gerücht von dem merkwürdigen Glücke des jungen Jentzel wie ein Lauf⸗ feuer durch die Stadt. Man hatte ſchon alles Böſe vergeſſen, das von ihm erzählt worden war, um ſich nur ſeiner Verdienſte zu erinnern. Unter dieſen war das keinesweges das unbedeutendſte, daß er jetzt der Günſtling und muthmaßliche Erbe eines reichen Man⸗ nes war. Und hiemit beendigen wir das Jünglingsleben un⸗ ſeres Helden, um ihn unter neuen Verhältniſſen wieder zu finden. a. Q — 03