——— Leihbibliothek . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 9 Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Aeſebedingungen. . 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblioth pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden T 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. „ 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü ek ſteht zur Em⸗ ag von Morgens 1 ſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— I auf 1 Monat 1. Pf. 1 M. 50 Pf. 2 N. f. 11 3 7.„—„ 7„—. 71.— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 3. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der —) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 1 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 T beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. b 3 age feſtgeſetzt und wird r — maldemar Klein. Schwediſche Original⸗Novelle 6 von Flygare Carlén. —“ — Aus dem Schwediſchen überſetzt. Drei Theile. — 333 0O ESe Stuttgart. t. Verlag der Penneh ſche Baihandamd. An das leſende Publikum! Die Verfaſſerin bittet um gütige Nachſicht für ihre Kühnheit, unter den Blumen der ſchö⸗ nen Literatur eine kleine beſcheidene Anemone einſchmeicheln zu wollen, die in den ſtillen Thä⸗ lern des Landes aufgewachſen iſt. Sie tritt ohne große Anſprüche auf; aber, hochgeehrter Leſer, man bringt ja Alles zu Markte, was man verkaufen kann, ſo gering es auch ſein mag! Wie der Markt geht, kann man nach⸗ her erfahren. Zwar legt man den in Orange⸗ rieen getriebenen Gewächſen einen höheren Werth bei; aber leider war es der Verfaſſerin, in Er⸗ manglung der nöthigen Baumaterialien u. ſ. w. zuegen. Selbſt nicht möglich, eine ſolche anzu eine Tochter der freien Natur, erſtehen auch ihre Schöpfungen wie freie Wieſenblumen, aufge⸗ gangen im Sonnenſchein und unter friſchen Winden. Wertheſte Mitſchweſtern auf der klippevollen Bahn, wo ich nun meine erſte Fahrt machen will! Ich bin eurem Beiſpiel gefolgt, obwohl, ich gebe es zu, in bedeutendem Abſtand. Jene Feinheit des Styls, jene Leichtigkeit im Ausdruck, das hohe Leben, den Reichthum der Gefühle, jene poetiſchen Schilderungen, und jene Ver⸗ ſchmelzung von natürlicher Einfachheit und aus⸗ geſuchtem Glanz, alles Das haben meine Zeich⸗ nungen nicht, aber dagegen ſind ſie getreue Bil⸗ der von dem, was uns in den abwechſelnden Lagen des Lebens begegnet. Im Uebrigen bitte ich, es mir nicht zur Laſt zu legen, daß ich nicht mit einigen fran⸗ zöſiſchen Verſen und Redensarten aufwarten kann. Zu meiner Entſchuldigung für dieſen Verſtoß gegen allen guten Ton muß ich an⸗ führen, daß eine Menge Romanleſer keine an⸗ dere Sprache als ihre Mutterſprache kennen, und für dieſe iſt es ein wahres Uebel, wenn „ „——·„ 2,* 7 ihre auf's Höchſte geſpannte Aufmerkſamkeit plötzlich durch etwas Franzöſiſches unterbrochen wird. Es kann dieß mit einem kalten Tuſch⸗ bad verglichen werden, und iſt beſonders ſchlimm, wenn man laut vorliest. Ich habe die Ver⸗ legenheit ſolcher Perſonen mit wahrer Theil⸗ nahme betrachtet. Man räuspert ſich, ſtottert und wird roth.—„Nun, wie wird es?“ fragt die Geſellſchaft.—„Da iſt, da iſt— ach, ich verſtehe es nicht; es iſt gewiß franzöſiſch, ruſ⸗ ſiſch oder Gott weiß was.“— Ich habe dabei gedacht: Sollte ich je einmal ein Buch ſchreiben, ſo will ich mich blos der Mutterſprache bedie⸗ nen, und ich bin nun, ſo viel als möglich die⸗ ſem meinem Grundſatz getreu geblieben. Hier dürfte der Leſer verächtlich die Lippen verziehen, und vermuthen, daß die Verfaſſerin ihre guten Gründe dazu gehabt habe. Vielleicht hat man recht gerathen, vielleicht auch nicht; aber die Verfaſſerin folgt ihrer Ueberzeugung, für welche ihre Freunde auf dem Lande gewiß verbunden ſein werden. Ueberdieß:„In vielen Geſtalten gedeiht das Schöne,“ ſagte unſer großer Barde. Sollte man alſo das Schöne nicht auch in unferer eigenen Mutterſprache ausdrücken können? Schließlich eine Erinnerung, die ziemlich kühn erſcheinen wird, aber dennoch ganz natür⸗ lich iſt. Sie beſteht darin, daß Ihr, wenn die Lektüre von Waldemar Klein Euch nicht all' das Vergnügen gewähren ſollte, das ich wünſche, dann es nicht allein der Zeichnerin zuſchreibt, ſondern auch gütigſt darüber nachden⸗ ken wollt, ob nicht Eure augenblickliche Stim⸗ mung ebenf dazu beigetragen hat, was Euch dann veranlaſſen dürfte zu entſchuldigen die an⸗ ſpruchsloſe und gehorſame Verfaſſerin. —— I. Des Doctors Beſuch. du, der liebt, du verzeibſt! ——— Und der Engel mit ſeiner Hand ocht um den Traum ſein Murtbenband. Liedevlad. O Fl Gleich vor dem Nordthore der Stadt W.— liegt ein kleines, gelbbemaltes Wohnhaus, umgeben von einem hübſchen Baumgute. Eines Abends, gegen Ende Ja⸗ nuars 1828 ſetzte ſich die Wittwe von Horſt, die Eigen⸗ thümerin dieſer Wohnung, in ihren bequemen Lehnſtuhl vor dem luſtig kniſternden Feuer zurecht. Ihre Füße ruhten auf einem gepolſterten Schemel, und auf ihren Knieen lag in der glücklichſten Vereinigung Doſe, Brille und Strickſtrumpf. Das Zimmer war nicht, was man jetzt elegant nennen würde. Die Malerei an den Wän⸗ den war verbleicht, und die Möbel ſchienen ihre jungen Tage vor etwa achtzehn bis zwanzig Jahren geſehen zu haben: gleichwohl waren alle aus der guten alten Schule, mit Roßhaar gepolſtert und mit Damaſt überzogen. Wer die feinen Stoffe der Vorhänge aufmerkſam betrachtete, fand leicht, daß ſie, obwohl ſie bei einem flüchtigen Ueberblick neue Blumen auf altem Zeuge zu ſein ſchienen, ganz einfach, ein zunehmendes Alter und die damit ver⸗ bundene Gebrechlichkeit durch die Geſchicklichkeit verbargen, mit der ſie angebracht waren. Mitten zwiſchen zwei großen Spiegeln, unter denen vergoldete, dreibeinige Tiſche und Marmorplatten ſtanden, hing das Portrait des ſeligen Kapitains von Horſt, ſo wie die ſeiner zwei ebenfalls hinübergegangenen Soͤhne. Alles ſprach hier leiſe von längſt vergangenen, beſſern Tagen; aber in dem Ganzen lag ein Ton von Ordnung und ruhiger Heiterkeit, der dieſen Aufenthalt für die wenigen Freunde, mit denen Frau von Horſt umging, äußerſt behaglich machte. Frau von Horſt war eine Dame, die es verſtand, auch in ihren trüben Tagen eine gewiſſe freundliche Würde, einen Anſtand beizubehalten, der ſie wohl kleidete; und Mancher verſicherte noch aus ſeiner Erinnerung, daß wenige Frauen mit mehr Geſchmack am Tiſche oder im Galon aufzutreten wußten, als Frau von Horſt, zu der Zeit, als ſie und ihr Gemahl noch in der großen Welt lebten. Aber ſchon mehr als zehn Jahre hatte das jetzige einſame Leben fortbeſtanden. Fran von Horſt hatte in hohem Grade den Wechſel des Glückes erprobt. Der Tod ihres Mannes und der ihrer Söhne folgten dicht aufeinander. Die Sachen ſtanden nicht zum Beſten, und es blieb ihr nur eine knappe Penſion, nebſt dem kleinen Hauſe und Baumgute übrig. Sie war je⸗ doch heiter unter ihren Bekümmerniſſen; denn es blieb ihr noch ein Kind. Dieſes einzige Kleinod, das ſie aus dem Schiffbruche ihres Glückes gerettet hatte, war eine gute achtzehnjährige Tochter, welche nun ihren Stolz und ihre Hoffnung ausmachte. „Marie,“ ſagte die Mutter, während ſie ihren Strickſtrumpf wieder aufnahm, und nach der Seite des Zimmers hinüber blickte, wo das einnehmende Mädchen, das holdſeligſte und lieblichſte Weſen, an einem Tiſch ſaß, und, das Köpfchen auf die Hand geſtützt, mit der andern gedankenvoll das Blatt in einem Buche wendets, 11 aus dem ſie vorlas. Bei der wohlbekannten Stimme ſahen die ſchönſten, dunkelblauen Augen in die Höhe; aber wie aus unwillkürlichem Antrieb gleiteten ſie über die Uhr, ehe ſie der Mutter begegneten. Schnell ſchlug ſie ſie nieder, und flüſterte kaum hörbar: „Mama hat gerufen?“—„Ja, mein Kind,“ fuhr Frau von Horſt fort;„ich wollte dich fragen, warum du heute Abend ſo undeutlich lieſeſt. Ich glaube, du ſollteſt dich näher hieher ſetzen.“ „Ach! an dem Oſfen iſt es mir vor Wärme unmög⸗ lich, zu leſen,“ antwortete Marie haſtig, und fing ihr Geſchäft mit einem kleinen Räuspern wieder an, um die Klarheit der Stimme zu befordern. Die Lektüre ging glücklich und gut bis gegen dreiviertel auf ſechs Uhr; aber dann ſchlug die Tochter das Buch zu, und rief, indem ſie aufſtand, in unruhigem Tone:„Das iſt doch zu ſonderbar! Klein kommt gewöhnlich um fünf Uhr, und es iſt nun ſchon dreiviertel auf ſechs!“ 8 „Was ſiehſt du Sonderbares darin, Mariechen?“ fragte die Frau Mama in jenem ruhigen und gleichgül⸗ tigen Tone, der, nun natürlich oder angenommen, das Gleichgewicht im Gedankengang derer ſo gut wiederher⸗ ſtellt, welche von der Eingebung des Augenblicks verleitet, etwas auszuſprechen, das ſie gerne nicht verſtanden wiſſen möchten. Aber Marie war noch zu unerfahren, zu un⸗ ſchuldig, um dieß benützen zu können; ſie wurde über ihre ſchnelle Aufregung verlegen, und erſt, als ſie ſich⸗ wieder geſetzt hatte, antwortete ſie ſo ruhig als möglich: „Der Doctor pflegt ſonſt ſehr genau mit ſeiner Zeit zu ſein.“ Es iſt eine unbeſtrittene Wahrheit, daß man aus verſchiedenen Gründen genau mit der Zeit ſein muß; aber Frau von Horſt hatte zu viel Takt, um bei dieſer Gelegenheit etwas mehr zu ſehen oder ſehen zu wollen, als was ſie ſogleich vor Marien entwickelte.—„Es ſollte nich nicht im Geringſten wundern,“ ſagte ſie,„wenn Klein, der bei ſeiner ausgebreiteten Praxis ſo ſehr mit ſeiner Zeit haushalten muß, ſeine Beſuche bei uns ganz einſtellte, da er mich ja ſchon ſeit mehreren Wochen außer a aller Gefahr erklärt hat. Drei Abende in der Woche 3 hieher zu ſpazieren, iſt eine Artigkeit, womit er in der— Länge nicht aushalten kann, und welche auch etwas zu c viel von uns begehrt heißen würde.“ Da Mariens Ant⸗ S wort ausblieb, fuhr ſie fort:„Ich wünſche es auch gar w nicht, und die Wahrheit zu ſagen, ſo bin ich recht froh, d endlich einmal mit unſerem guten Doctor abrechnen zu können.“ n „Es kommt mir vor, als ob er ſich beleidigt finden h'⸗ würde, wenn Mama ihm für die zarte Sorgfalt, die er für Mama während ihrer Krankheit getragen hat, Geld ul anböte,“ ſtammelte Marie, bekümmert uüber ihre Verwegen⸗ S heit, ein einwendendes Wort gegen den Beſchluß ihrer vr Mutter zu ſagen. ſa „Darin ſehe ich nichts Beleidigendes, mein Kind! Eine ſolche falſche Scham von Seiten des Patienten würde ſi⸗ . für den Arzt don geringem Nutzen ſein; und nach dem, tr was ich glaube, iſt es blos———“ hier unterbrach ſich Frau von Horſt. Im Vorzimmer rauſchte ein Tritt, K und der wohlbekannte Laut vom Ausziehen der Galoſchen di veranlaßte ſie, in Eile die Unterhaltung zu ändern.— zu „Richte den Thee, Marie! ich habe mit dem Doctor zu reden.“ di Kaum hatte das Mädchen dieſen kurzen Befehl em⸗ S pfangen und ſich durch die eine Thure entfernt, als eine 4 andere ſich öffnete, und nun Doctor Klein eintrat, indem do 5 wir die Ehre haben, unſern Helden anzumelden. Er war E ein hochgewachſener Mann, von einem vortheilhaften Aeuſ⸗ ſern, einer würdigen Haltung, mit milden, freundlichen gi Zuügen und einem Ausdruck von Ernſt und Güte auf der ſet reinen Stirne.— 8 ſie *„Guten Abend, beſte Frau von Horſt!“ ſagte er bit mit der vertraulichen Herzlichkeit eines nähern Bekannten, we indem er nach einer leichten aber ehrerbietigen Begrüßung ſch einen Stuhl bei der Hauswirthin einnahm.„Ich habe de mich heute Abend geſäumt; aber die Anordnungen zu einer 13 auf morgen beſtimmten Luſtparthie haben mich aufgehalten. Ich hoffe Ihre Geſundheit ſchreitet in der Beſſerung fort?“ — Ein ſprechender Blick auf den leeren Platz am Tiſch⸗ chen konnte gewiß ebenfalls als eine Frage gelten; aber Frau von Horſt that, als ob ſie die ſpätere nicht merkte, während ſie um ſo eifriger die erſtere aufnahm.—„Ja dem lieben Gott, und Ihrer Sorgfalt ſei Dank, Herr Doctor! ich darf ſagen, daß ich mich ſeit vielen Jahren nicht ſo wohl befunden habe, als wirklich, weßhalb ich hoffe, Sie erlauben mir, mit aller Medizin aufzuhoͤren.“ „Sofern Sie nicht meinen fortdauernden Beſuch unter die Medizin rechnen,“ ſagte Klein in leichtem Scherz,„ſo iſt es ſchon mehrere Wochen her, daß Frau von Horſt aufhörte, ſich deſſen zu bedienen, was ich vor⸗ ſchrieb.“ „Ach, Herr Doctor! Was ſagen Sie!“ erwiederte ſie unruhig,„ich meine das Chinadekokt, das ich noch trinke.“— „Damit mögen Sie immerhin aufhoͤren, wenn Ihre Kraͤfte wieder hergeſtellt find. Aber verzeihen Sie mir die Frage, iſt das gnädige Fräulein heute Abend nicht zu ſehen?“ „Einige kleine Haushaltungsgeſchäfte,“ entſchuldigte die Frau Mama;„Marie wird bald hier ſein. Laſſen Sie uns inzwiſchen ein wenig mit einander reden.“ Der Doctor, der ſchon auf dem Wege war, ſich gegen das Ende des Zimmers zu begeben, ſah ſich durch dieſe Einladung wieder zum Sitzen genöthigt. Frau von Horſt huſtete ein Paar Mal, ſtand auf, ging zu einem Schreibpult, nahm etwas heraus und ſetzte ſich wieder.—„Mein guter Herr Doctor,“ fing ſie mit dem verbindlichſten Ausdruck im Ton an„„ich bin beſchämt, daß ich nicht ſchon früher in der Lage war, den Theil meiner Schuld abtragen zu können, der ſchon längſt in Ihren Händen ſein ſollte. Was den an⸗ dern, meine Dankbarkeit betrifft, die Sie während dieſer —;xℳ—ᷣõõmm---——— ————— Prufungszeit noch beſonders gegen uns bewieſen haben, ſo weiß ich, daß dieſe nicht vergolten, jene aber nur ge⸗ fühlt, nicht ausgedrückt werden kann.“ Nach dieſer vorbereitenden Einleitung, welche in Frau von Horſts Gedanken ein non plus ultra von Feinheit war, übergab ſie Klein ein zuſammengelegtes Papier, in der Gewißheit, daß er die Summe, die es einſchloß, ſehr freigebig für ihre Umſtände finden würde, worauf ſie ziemlich beſchämt das Auge niederſchlug, um nicht ſeine Ueberraſchung zu ſehen. Aber da der Doctor ſeine Hand ausſtreckte, um auf der Seite bei ihr etwas aufzu⸗ heben, konnte ſie nicht umhin, aufzuſehen, und der Blick, der da dem Ihrigen begegnete, drückte Alles Andere eher aus, als Erkenntlichkeit. Ein langes, unbehagliches Still⸗ ſchweigen trat ein. Klein ſah deutlich ein, daß Frau von Horſt ſich der Doctorsgebühr nur als eines anſtändigen Vorwandes bedienen wollte, um ihm zu erkennen zu geben, er mochte mit ſeinen Beſuchen aufhören. Er bedurfte einige Minuten, um ſich nach einer ſolchen Ueberraſchung zu be⸗ herrſchen. Er hatte mit Unruhe und Erſtaunen das Papier geöffnet, aber als die Bankzettel ihm entgegenſtrahlten, ließ er ſie beſtürzt auf den Boden fallen, und es war in dieſem Augenblick, daß er und Frau von Horſt etwas tisfer als vorhin in ihre Gedanken und die Beweggründe hrer Handlungsweiſen ſahen. Sie ihrer Seits fand durch dieſen einzigen Blick, den ſie wechſelten, daß ſie einen großen Verſtoß begangen hatte, und daß ſie klüger daran gethan hätte, die Sache ihren Gang gehen zu laſſen;„aber,“ wandte die mütterliche Sorgfalt ein,„wer kann es wagen, auf die Möglichkeit ſo ungewiſſer Hoff⸗ nungen hin, die Ruhe ſeines einzigen geliebten Kindes auf's Spiel zu ſetzen? Ich bin begierig„wie es jetzt enden wird; das Stillſchweigen mußte einmal gebrochen werden.“ —.,— 700,———-—, ͤ den, ge⸗ rau heit in ſehr ſie eine eine zu⸗ lick, her till⸗ ſich des chte nige be⸗ pier ten, var vas inde and ſie iger zu wer off⸗ des jetzt hen 15 Klein erhob ſich mit Würde, ſchob die genannten Unruheſtifter wieder in das Papier, legte ſie auf den Tiſch, wandte ſich zu Frau von Horſt, und ſprach mit einem Tone anfaͤnglichen Verdruſſes, der von einem andern Ge⸗ fühl, das eben ſo ſehr wie ſein Stolz verwundet war, be⸗ deutend gedämpft wurde:„Gnädige Frau! ich kann aus zwei Grunden dieſes Geld nicht annehmen. Erſtens weil meine Fürſorge während und nach Ihrer Krankheit nicht von der Art war, daß der Arzt eine Gebühr als Vergü⸗ tung für ſeine Bemühung annehmen will. Und für das zweite ſehe ich ein, daß Sie die Abſicht hatten, auf dieſe Weiſe einen Zweck zu erreichen, wozu Sie, verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit! minder kränkende Mittel hätten wäh⸗ len können.“ Er machte eine kalte Verbengung und nahm ſeinen Hut. „Aber was in aller Welt fällt Ihnen ein, lieber Herr Doctor!“ rief Frau von Horſt mit einer ſo meiſter⸗ haft natürlichen Miene der Verwunderung, daß Klein nicht umhin konnte, ſeine Hand in die ihm dargereichte zu legen.„So dürfen wir uns nicht trennen„“ ſagte ſie freundlich.„Obwohl ich mich nicht recht auf das Zart⸗ gefühl der jungen Leute in jetziger Zeit verſtehe, will ich doch nie mehr von dem Gelde ſprechen. Ich ſehe, daß Marie recht hatte, als ſie vor einer Stunde äußerte, daß ich Sie dadurch beleidigen würde.“ „Sagte ſie das wirklich?“ fragte Klein und konnte ſich nun nicht zurückhalten, die Hand, die er in der ſeinen hielt, freundlich zu drücken. „Ja, ſie verſtand die Sache beſſer,“ fuhr die Frau Mama fort;„und Sie, Herr Doctor, wenn Sie für künf⸗ tig wie bisher, ein Freund unſeres geringen Hauſes bleiben wollen, werden erlauben, daß ich jetzt gehe, und Marie ſage, ſich mit dem Thee zu beeilen.“ Klein überlegte ein Paar Augenblicke, und, ſelbſt zu ſehr zur Verſöhnung geneigt, ſagte er:„Nun ich will ver⸗ geſſen, denn ich fühle wohl, daß ich den angenehmen Um⸗ gang in Ihrem Hauſe nicht vermiſſen kann.“ n Frau von Horſt nickte freundlich ihrem Gaſte zu und verſchwand. „Weib, Weib, ſo liſtig du auch biſt,“ murmelte er bei ſich ſelbſt,„ſo habe ich dich doch vollkommen durch⸗ ſchaut. Nu, des war eine heiße Stunde; doch, es iſt beſ⸗ ſer, wie es jetzt iſt!“ II. Ueberlegung, Beſchluß und Anfang einer Luſtparthie. Und ſeine Seele lag auf ſeinen Lippen. Bulwer. Nun offnete ſich die Thüre und ein kleines Jung⸗ ferchen trat mit einem Teller herein, ſtellte ihn auf den Tiſch, machte einen Knix vor dem Doctor, und nach dem 5 geſchickt das Licht geputzt und mit der Schürze einige Fle cken von dem Tiſche abgetrocknet hatte, ging ſie wie⸗ der, erzürnt, daß der Doctor nicht einmal ihre kleine Perſon bemerkt hatte. Kaum ein paar Augenblicke ſpäter zeigte ſich Marie in ihrem einfachen aber geſchmackvollen Hauskleid, worin ſie gleichwohl in Kleins Augen weit lieb⸗ licher ausſah, als wenn ſie eben die ausgeſuchteſte Toilette beendigt hätte. Sie grüßte ihn mit dem freundlichſten Lächeln; aber als er, anſtatt wie gewöhnlich auf einige Schritte Entfernung ihr eine leichte Verbeugung zu ma⸗ chen, ſich nahte, ihre Hand nahm und ſie zum Erſtenmal an ſeine Lippen führte, mit einem Blick, vor welchem ſie den ihrigen zu Boden ſenkte, da fühlte ſie eine ungewöhn⸗ liche Beklommenheit, und der Wechſel von Röthe und Bläſſe auf ihren Wangen verrieth in hohem Grade ihre innere Bewegung. 17 „Theure Marie,“ ſagte Klein mit einem ausdrucks⸗ volien hunt. der zum Herzen ging,„ich danke Ihnen, daß Se meine redliche Abſicht nicht mißverſtanden, daß Sie mich beſſer beurtheilt haben, als Ihre Mutter.“ Dieſe Worte verſetzten Marie wieder in ihre gewöhnliche Gemüthsſtimmung. „O beſter Herr Doctor,“ ſprach ſie mit der naivſten Unſchuld,„es war ja ganz natürlich, daß ich das weit beſſer verſtehen mußte, als Mama; glauben Sie mir, ich bin mehr als froh, daß Sie nicht im Zorne fort⸗ gingen.“— Dieſe Antwort, die Klein ſo glücklich machte, bewirkte auch, daß er aufgeräumter als gewöhnlich wurde und ein wenig über Mariens Offenherzigkeit ſcherzen wollte. „Und warum war es denn ſo natürlich, mein beſtes Fräulein, daß gerade Sie mich beſſer beurtheilen ſollen?“ fragte er mit einem ſchelmiſchen Lächeln. „In Wahrheit, Herr Doctor,“ antwortete ſie und warf einen mißvergnügten Blick auf ihn,„dieſe Frage kann ich nicht beantworten; und ich begreife nicht,“ fügte ſie halb erzürnt hinzu,„warum Sie mich über etwas fra⸗ gen, das ich nicht weiß.“ „Verzeihen Sie mir, holde Marie,“ flüſterte Klein und drückte mit herzlicher Rührung ihre Hand,„ich werde Sie nie mehr ſo fragen. Sie ſind doch nicht böſe auf mich?“ „Nein, gewiß nicht,“ verſicherte ſie, zog ſich jedoch zwiſchen den Sopha und Theetiſch, während ſie dem Docs tor winkte, geradeüber Platz zu nehmen.„Wiſſen Sie was Herr Doctor,“ ſagte ſie freundlich,„ich habe auch ſo eine kleine Belohnung für Sie; Sie ſollen ſie in einer Weile ſehen dürfen.“— Nun kam Frau von Horſt herein, und ſie verbrachten einen der drei glücklichen Abende in der Woche zuſammen, ohne welche der Doctor die übrigen vier nicht aushalten konnte. Als ſie ſich trennen ſollten, fragte Klein:„Nun, Waldemar Klein. 2 ͤ mein gnädiges Fräulein! wie ſteht es mit Ihrem Ver⸗ ſprechen?“— Marie eilte hinaus und kam bald mit einem Papiere zurück, das ſie vor den erſtaunten Blicken ga ihrer Mutter und des Doctors auf dem Tiſche ausbrei⸗ tete. Es war ein Gemälde von ihrer eigenen Hand, noc das ihrer Mutter Krankenzimmer vorſtellte. Eine ſchwache Fr Lampe erleuchtete dieſes. Auf einem Ruhebett lag Frau den von Horſt ausgeſtreckt, bleich und, wie es ſchien, in dem De letzten, entſcheidenden Augenblick. Zu ihren Füßen ſaß das Marie auf einem Schemel und neigte ihr Angeſicht me gegen die Bettſeite. Klein ſtand über die Kranke ge⸗ beugt, und hielt mit der einen Hand ihren Puls, in der M andern eine Uhr, worauf er die Minuten zu zählen Zir ſchien. Sein Antlitz drückte Unruhe und Mitleid aus. ſein Die Züge waren ſo getreu auf dem Papier wiedergege⸗ gel ben, daß der Doctor und die Frau von Horſt ſich an„N Mariens glücklich ausgeführter Arbeit nicht ſatt ſehen mei konnten. kluc „Wahrlich, Marie,“ ſagte die Mama, welche als beſt Kennerin in der Kunſt urtheilte, worin ſie früher ſelbſt Her große Geſchicklichkeit beſeſſen hatte,„du verdienſt Lob. Für gelt wen iſt dieſes Gemälde?“ 8 auf „Im Falle Mama nichts dagegen hat, habe ich ge⸗ mei dacht...“ ſie zögerte mit Vorſatz. Der „Nun, ſprich es aus, liebes Kind! Ich genehmige weſ es zum Voraus.“ Hor „Es iſt für Sie,“ ſagte Marie, und reichte es Klein, kenn „wenn Sie es nicht verſchmähen.“ rein „Ach, beſtes Fräulein! Sie machen mich dadurch Ich unendlich glücklich,“ verſetzte der Doctor, und nahm die das theure Gabe an.„Und wenn Sie Ihre Güte noch dadurch ches vermehren wollen, daß Sie mir erlauben, Sie bei der O morgenden Schlittenparthie fahren zu dürfen, ſo kann ich ſagen, daß das Glück mich heute Abend zu ſeinem Günſt: Eige ling auserwählt hat.“ Abe Marie ſah mit freudiger Ueberraſchung auf ihre Mutter. mich „Das kannſt du ohne weiteres verſprechen, mein 1 — N⸗ Ver⸗ mit licken brei⸗ Hand, vache Frau dem ſaß eſicht e ge⸗ n der ählen aus. gege⸗ h an ſehen als ſelbſt Für ge⸗ mige elein, durch n die durch i der n ich ünſt⸗ itter. mein 19 Kind; du haſt wohl einmal nöthig, auszukommen.“— Marie nickte nun leicht mit dem Kopfe, was als Antwort galt, und Klein nahm ſeinen Abſchied. Aus leicht begreiflichen Gründen ſprach weder Mutter noch Tochter ein Wort über das, was vorgefallen war. Frau von Horſt ſah die Sache nun an, als ſtehe ſie auf dem, was man„ordentlichem Fuße“ zu nennen pflegt. Der Zweck ihrer Erforſchung war erreicht, und ſicher über das, was ſie beunruhigt hatte, ging ſie in ihr Schlafzim⸗ mer, ohne die Sache weiter zu berühren. Deſto mehr ſprach Klein. Es war ſeine Gewohnheit Monologe zu halten. Sobald er zu Hauſe in ſeinem Zimmer angekommen war, ſeine Pfeife angezündet und ſeinen Rock abgeworfen hatte, ſetzte er ſich vor dem nieder⸗ gebrannten Gluthaufen nieder, und fing halblaut an: „Nun mag es genug geprüft ſein! Ich wollte nicht um mein Lebensglück betrogen werden: deßhalb bin ich als ein kluger Mann nicht fortgelaufen und habe um das erſte beſte Mädchen geworben, bei deſſen hübſchem Geſichte mein Herz ſtärker, als gewohnlich zu klopfen anfing. Gott ſei gelobt, daß ich nicht zu Grunde ging, als ich mich einmal auf's haſtigſte in Julie St—hals Netz fing! Nein, es war mein guter Stern, der mir Marie in den Weg führte. Der ehrliche Fare! Hätte er mir nicht während ſeiner Ab⸗ weſenheit ſeine Praris übergeben, und wäre nicht Frau von Horſt eine ſeiner Patienten geweſen, ſo häͤtte ich jene nie kennen gelernt. Marie hält jede Probe aus; ihr Herz iſt reines Gold; ſie iſt ſchön und unſchuldig, wie ein Engel. Ich hore noch ihre kindliche, naive Antwort; und dann das Gemälde! Ich darf ſicher hoffen, denn ohne ein ſol⸗ ches Gefühl hätte ſie meine Züge nicht ſo getreu gezeichnet. O du Theure! wie glücklich will ich dich nicht zu machen ſuchen; mein ganzes Leben, meine Seele ſollen dein Eigenthum ſein! Ich will nun nicht länger ſchweigen. Aber wie nun eine paſſende Gelegenheit bekommen, um mich zu erklären?“— Nach einer Pauſe rief er aus: 2* — — „Das war ein glücklicher Gedanke! Morgen auf dem Heindwen von der Schlittenparthie! Ah, das geht herrhich Nichts kann beſſer paſſ ſen! Morgen alſo bin ich, ſo Gott will, auf dieſe Weiſe ein verlobter Mann, und um Johan⸗ nis reiſe ich mit meiner ſchönen Braut nach Brankenäs, um den väterlichen Segen zu empfangen. Ich erinnere mich, als ich vergangenen Sommer zu Hauſe war, wie mich mein Vater mehrere Male mit Julie St—hal aufzog. Er ſprach auch dabei, glaube ich, ſich für mich bei dem Bergherrn“ zu verwenden. Nun, Gott ſei Dank! mit der nächſten Poſt will ich ihm zu wiſſen thun, daß ich ihm in dieſem Falle für ſeine väͤterlichen Bemühungen danke. Aber jetzt dürfte es Zeit ſein, zur Ruhe zu gehen, damit ich nicht morgen ausſehe, wie wenn ich die Nacht hindurch geſchwärmt hätte.“ Schuell war der Doctor in das Reich der Träume entflohen. Sie ſchienen jedoch nicht von derſelben Natur zu ſein, wie die, mit denen er eingeſchlummert war; denn als er erſt weit im Morgen erwachte, war ſein erſtes Wort:„Hu, ſchauerlich!“ Aber nachdem er eine Zeitlang vor ſich hingeſtiert hatte, rief er, gleichſam um auf einmal die unangenehme Erinnerung an das Traumbild der Nacht zu zerſtören, aus:„Pah! ich bin kein Narr, kein altes Weib, das an Träume glaubt!“ Er ſtand auf, trank ſei⸗ nen Kaffee, kleidete ſich mit beſonderer Pünktlichkeit an, und machte ſeine gewöhnliche Vormittagsrunde, worauf er in Geſellſchaft einiger luſtigen Brüder in dem beſten Wirthshauſe der Stadt zu Mittag aß, und dort mit Glä⸗ ferklang und heiterer Rede ſeine Erinnerung und ſeine Hoffnungen von dem vorigen bis auf den kommenden Abend wieder neu belebte. Um drei Uhr Nachmittags war der Markt der Stadt W... ein Sammelplatz für die junge und elegante Welt derſelben. Die Schlitten verſammelten ſich bunt, mit * Eigenthümer eines Bergwerks. dem rlich! Gott ohan⸗ enäs, nnere „wie fzog. dem t der m in anke. damit durch äume katur denn erſtes tlang nmal kacht altes ſei⸗ an, if er eeſten Glä⸗ ſeine bend Stadt Welt mit 21 und ohne Netze; die Schellen läuteten, die Pferde wie⸗ herten, die Peitſchen knallten, die Herren befahlen, die Poſtillone murrten, Anordnungen zur Rechten und zur Linken; alles Leben und Rührigkeit. Endlich kamen die letzten Schlitten an. „Was Tauſend, Bruder Klein, haſt du keine Dame?“ ſchallten Baß⸗ und Tenorſtimmen von verſchiedenen Seiten. „Ich werde mir ſchon eine verſchaffen,“ erwiederte der Befragte.„Während ihr durch die Straßen der Stadt paradirt, will ich mich nach einer umſehen.“ „Ah!“ ſcherzte ein dicker, in Wolfspelz gehüllter Herr,„der Bruder iſt nicht meiner Anſicht, was die Be⸗ quemlichkeit des Alleinreiſens betrifft. Könnte ich übrigens die Zungen der Damen löͤſen, ſo gut wie ihre Mäntel und Schleier, ſo dürfte man bald erfahren, wie lange eine gewiſſe kleine Dame außerhalb der Stadt noch vermißt werden wird.“ „Errathen, Herr College!“ verſicherte Klein.„Mit deiner Erlaubniß werde ich ſuchen, ihr, der einzig Ver⸗ mißten, Gerechtigkeit anzuthun.“ Und nun ſetzten ſich alle Schlitten in Bewegung. An dem Nordthore ſollten ſie alle zuſammentreffen. Klein fuhr mit ſeinem guten Traber voraus.„Greif aus, greif aus, mein Renner gut; laß ſehn, ob du biſt von Sleip⸗ ners Blut!“ trällerte er vergnügt, und ſchwenkte herum nach Frau von Horſt's Hof. Marie ſtand ſchon reiſefertig da, und die Mama legte den letzten Shawl zurecht, mit vielen Ermahnungen, ſich vor der Abendkälte in Acht zu nehmen, als der Doctor ſich an der Thüre zeigte. „Vortrefflich! ſchon fertig, gnädiges Fräulein! So⸗ gleich werden alle Schlitten hier ſein.“ Frau von Horſt wollte ſie durchaus hinausbegleiten, aber davon mahnte Klein ab, der ganz eifrig verſicherte: „Das iſt durchaus nicht nothwendig, beſte Frau von Horſt; Ihre Geſundheit erlaubt es nicht, daß Sie in die kalte Luft hinſtehen. Ich werde ſchon um das Fräulein 22 beſorgt ſein.“— Und mit dem artigſten Lächeln von der Welt verſchloß er wieder die Thüre, nahm Mariens Hand und führte ſie zum Schlitten; aber hier war unſer Doctor ſo lange mit Knüpfen und Einſtopfen der Schlittendecke beſchäftigt, daß die ganze Caravane ſchon vorbei war, als er endlich fertig wurde. „Beeilen Sie ſich, lieber Herr Doctor; wir kommen hinter allen drein.“ „Hat keine Gefahr, theure Marie! wenn Sie wollen, werden wir ſogleich allen vorfahren.“ Und wie ein Blitz ging es davon. Ehe Marie Athem holen konnte, war ſchon die Hälfte der Schlitten hinter ihnen. 3„Nun, mein Fräulein, ſehen Sie, daß wir nicht dahinten bleiben!“ waren Kleins erſte Worte zu ſeiner Nachbarin. „O! Sie haben einen vortrefflichen Traber; aber wer iſt der Herr dort, der allein in jenem zweiſitzigen Schlitten fährt?“ 1 „Ihr alter Bekannter, Doctor Fare. Er iſt jedoch ſo ſehr in Pelzwerk eingebaut, daß man nicht bis zu ſei⸗ nem eigenen werthen Ich ſieht.“. Der dicke Herr wendete ſich jetzt um.—„Höͤre, Bruder,“ ſagte er zu Klein,„dein neuer Traber iſt ge⸗ wiß gut; aber mit dem meinen nimmt er es nicht auf, ſo ſagte wenigſtens letzthin, glaube ich, der alte D—t. Hätteſt du nicht Luſt zu einer Wette? Der See iſt blos eine halbe Meile lang, und der, welcher verliert, ſoll eine Bowle bezahlen, die wir bei der Heimkehr in die Stadt trinken.“ Klein neigte ſich zu Marie nieder und fragte:„Fürch⸗ ten Sie ſich vor einer ſo ſchnellen Fahrt, dann ſchlage ich es ab? „O nein, nicht im Geringſten, wenn Sie mein Führer ſind,“ antwortete ſie mit vieler Zuverſicht. „ Nun, wie ſtehts?“ rief Fare.— Sie waren jetzt am Anfange des Sees.“ 23 „Es gilt,“ verſetzte Klein und die beiden Schlitten fingen ihre Tour auf einmal an, zuerſt in ordentlichem Trab, der aber mehr und mehr geſteigert wurde, bis ſie am Ende blos noch wie ein aufſteigender Dampf erſchie⸗ nen, der über das Eis hinſchwebte. Der eine kam nicht ein haarbreit dem andern vor. In der Nähe des Ufers jedoch wurde Klein Sieger; ſein Pferd ſchnaubte ein paar Secunden vorher aus, ehe das andere herankam. „Verdammt! Die Boyle habe ich verloren!“ lachte Fare.„Nun, nun, da iſt nicht zu helfen!“ „Sie befinden ſich doch nicht unwohl?“ fragte Klein unruhig, als er ſah, daß Marie die Hand gegen den Kopf hielt. „Nicht bedeutend,“ antwortete ſie.„Ich will jedoch gerne geſtehen, daß ich keine große Heldin bin, und daß ich recht froh bin, daß das Wettfahren vorüber iſt. „Meine theure Marie, warum ſagten Sie denn vor⸗ hin kein Wort davon? Ich würde ja gerne auf der Stelle aufgehört haben. Es quält mich unbeſchreiblich, Ihnen Unruhe verurſacht zu haben.“ „Ach, Herr Doctor, es iſt jetzt Alles wieder gut. Hätte ich Sie wohl, weil ich ein wenig kindiſch bin, des Vergnügens berauben ſollen, die Ehre Ihres Trabers zu retten, die Doctor Faxe angreifen wollte?“ „Ach, mein theures Fräulein! was gilt mir ein ſolcher Sieg, wenn ich Ihnen dadurch auch nur einen minutenlangen Schmerz verurſache? Sie müſſen mir ver⸗ ſprechen, immer aufrichtig gegen mich zu ſein, ſonſt kommt heute meine gute Laune nicht wieder.“ „Ja, ja, immer, immer!“ antwortete Marie leb⸗ haft, und zur Bekräftigung wagte ſie des Doctors Hand⸗ druck leiſe zu erwiedern, als er ihr aus dem Schlitten half. und dem nothigen Zugehör. In dem anſehnlichen Kamine In dem großen Saale zu Halleberg, wo die Ge⸗t ſellſchaft nun angekommen war, ſtand in der Mitte ein großer runder Tiſch mit einer. rauchenden Kaffeekanne flackerte ein luſtiges Feuer, und bald hatten die Damen mit Hülfe ihrer Herren ſich der Pelze entledigt und den Reif aus ihren Locken geſchüttelt, und waren nun mit dem beneidenswerthen Vergnügen beſchäftigt, ſich ſelbſt und ihre Kavaliere mit den blanken, trefflichen Kannen und dem noch trefflicheren Inhalte zu bedienen. Man hatte ſich in einem weiten Kreis um den Tiſch geſetzt, und fleißig gingen alle Stadt⸗ und Ortsneuigkeiten in der Geſell⸗ ſchaft herum; verſteht ſich, auf die gewoͤhnliche Art über⸗ trieben und verbeſſert. Man genoß eine reine, ungeſtört heitere Stunde, waͤhrend unterdeſſen einige Herrn Liebha⸗ ber im nächſten Zimmer Violinen, Flöten u. ſ. w. auf⸗ brachten, worauf eine Tanzmuſik ihren Anfang nahm. III. Das Wiederſehen, der Ball, der Reiſeplan. Groß iſt die Menge und zahlreich— Flatternde Locken— Fräuleins in Schaaren. Frau Lenngren. An demſelben Tage und zu derſelben Zeit, als die Geſellſchaft des vorigen Kapitels ſich in frohem Kreiſe um den Kaffeetiſch verſammelt hatte, fuhren zwei Schlit⸗ ten vor dem Wirthshauſe zu Ingelſtadt in Smaaland ſo aufeinander, daß die Herren, welche darin ſaßen, durch die zu heftige Berührung der Schlittendeichſeln, ſich bei⸗ nahe mit einem Purzelbaum ſalutirt hätten. Der feſte Fuß des Fuhrknechts, der nach alt hergebrachter löblicher Gewohnheit weit heraushing, ſtützte ſich zur rechten Zeit gegen den Boden, und ſo wurde, zur großen Zufrieden⸗ heit beider Theile, das Gleichgewicht wieder hergeſtellt. Aus dem einen Schlitten ſprang ein großer, hübſcher Mann, an deſſen freier und ſtolzer Haltung man leicht — — n— ⏑—— 4 3— * n NV 25 den Herrn von Stande erkannte. Der kleine, ſchwarze Schnurrbart und die Cocarde auf der Reiſemütze zeigten an, daß er Soldat war. Er ſtand mit einem Sprunge im Zimmer, und während er die Hände rieb, die es nö⸗ thig zu haben ſchienen,— denn gegen die ſtrenge Kälte war er durch einen blauen Mantel von leichter Form und eine grüne Tuchbinde ziemlich gering geſchützt,— knüpfte er mit dem Wirthe eine Unterredung an, in der er die wichtige Frage erörterte, ob er deſſen eigenes Pferd haben knne, um nicht auf Vorſpann warten zu müſſen. Unterdeſſen hatte ſich der Herr im andern Schlitten in ſo weit von ſeiner Umhüllung von Bärenfellen, Wolfs⸗ pelzen und Mänteln befreit, daß er in einem enganſchlieſ⸗ ſenden Reiſekleid und Ueberſtiefeln ſeine Befehle aus⸗ theilen konnte. „Paſſe nun auf, was ich dir ſage!“ ſchallte es in einem Ton, der keine Widerrede zu lirben ſchien.„Nehme die Bouteillen aus der Kiſte; hebe ſodann das Flaſchen⸗ futter dort zur Linken aufV; ſei vorſichtig! nicht ſo heftig, du Lümmel! Gib Acht! Jetzt dort das Glas; und ſchlägſt dut etwas entzwei, verſtehſt du?“— Der Befehlende erhob dabei eine kleine geſchmackvolle Peitſche, die er in der Hand hielt—„ſo ſollſt du das hier koſten lernen.“ „Ei was,“ antwortete der Poſtillon beleidigt,„ich habe wohl ſchon manche Bouteillen und Käſtchen ge⸗ tragen.“ Dieſe Worte erreichten jedoch das Ohr des Reiſen⸗ den nicht mehr, denn dieſer ſtand ſchon unter der Stu⸗ benthüre und grüßte den Wirth mit einem ziemlich freund⸗ lichen:„Guten Tag, Vater Gaſtgeber; gibt es kein Zim⸗ mer für mich?“ „Gewiß, Herr Patron, wenn ich dieß behaupten darf, ſo lange es noch nicht geheizt iſt,“ erwiederte dieſer. Der Herr im Mantel wandte ſich nun um:„Was der Tauſend, Kamerad, biſt du es!“ Die Reiſenden ſchüttelten ſich die Hände, und nach —— einer herzlichen Umarmung folgten Fragen und Antwor⸗ ten zu Tauſenden. de „Nun, wahrhaftig,“ rief der Bergherr,„das iſt ein 7 Glücksſchuß, wofür ich meinem guten Stern danke. Mehr d als ein Tag iſt verfloſſen, ſeit wir uns vor acht Jahren 4 in Upſala trennten.“ B „Ja, das iſt gewiß,“ antwortete der Offizier;„aber 5 wir müſſen ein Glas auf unſer Wiederſehen trinken. He, dis Herr Wirth! habt Ihr etwas Ordentliches zu trinken?“ ſei „Ich fürchte,“ ſagte der Wirth, und kratzte ſich be⸗ be denklich hinter den Ohren,„ich fürchte, es iſt ſauer. Du ha haſt ja ſeit Weihnachten nicht gebraut, Martha?“ B „Ha, ha, ha,“ lachte der Bergherr,„es ſcheint, Bruder K... iſt nicht gewöhnt, zwiſchen den Wirths⸗ B häuſern von Smaaland umherzureiſen; denn dann wür⸗ 3. deſt du hier nicht nach Nektar fragen. Aber, ſiehſt du, fü Bruder,“ fügte er mit ſtolzer Selbſtzufriedenheit hinzu, un „der Sache kann ich abhelfen. Ich reiſe nie, ohne mit all ſti den Bedürfniſſen verſehen zu ſein, welche auch die unan⸗ genehmſte Fahrt erheitern können.“ 5 „Ei, Herr Bergherr,“ fing der Wirth wieder an, d der nun begriff, was für eine Art Getränke die Herren 8 meinten,„es nicht überall ſo leer und dürftig, wie hier; und wenn Sie heute Abend Ihren Weg an L— y vorbei 8 nehmen, ſo verſichere ich Sie, daß Sie dort mehr Punſch d und Wein ſinden werden, als Sie in Ihrer ganzen Leb⸗ 3 zeit trinken können.“ 5 „Wie ſo, Vater Gaſtgeber?“ fragten die Herren A durch dieſen Eifer beluſtigt. „Ja, Sie müſſen wiſſen, daß heute Abend dort ein großer Ball iſt, und wenn die Herren bald abreiſen— ſe meine Pferde ſtehen zu Dienſt— ſo bin ich überzeugt, d daß Sie noch zeitig dort anlangen werden.“ ſ „Beim Kukuk der Borſchlag iſt nicht übel,“ meinte A Baron K.„Es iſt Schade, Bruder Stehal, daß ich aus zwei Gründen nicht dabei ſein kann: erſtens, wei mein Weg nicht dahin führt; ich ſollte nämlich eini 27 Verwandte in der Gegend von Trüköping beſuchen; und der zweite und wichtigſte Grund iſt der, daß meine Kaſſe, aufrichtig geſagt, nicht in der brillanten Verfaſſung iſt, daß ſie noch einige Ertratouren aushalten könnte.“ „O, wenn es nichts Anderes iſt!“ ſiel ſcherzend der Bergherr St—hal ein,„ſo hoffe ich, daß Baron K. mir die Ehre anthut, meine Kaſſe, wie vor Zeiten, ganz als ſeine eigene anzuſehen. Mein Weg führt an L— y vor⸗ bei, und wir können dort einen recht vergnügten Abend haben.“ „So ſoll es ſein, Kamerad,“ antwortete munter der Baron.„Ich kann einem Freunde eine ſo anſpruchloſe Bitte nie abſchlagen.“ „Es iſt alſo abgemacht,“ ſprach der Bergherr, und füllte das Glas mit dem ſchäumenden Champagner.„Laß uns nun anſtoßen, mein Bruder, und dann raſch und lu⸗ ſtig davon, ſonſt langen wir nicht bei Zeiten an.“ Eine Viertelſtunde nachher war angeſpannt, und die Herren flogen in einem Schlitten heiſammen die Straße 5 dahin gegen L— y.„Nun,“ fing der Bergherr an, nach⸗ dem man ſich gehörig zurecht geſetzt hatte,„du ſchriebſt Rittmeiſter in das Tagebuch; erkläre einem alten Freupde, wie das zugegangen iſt?“. „Ganz einfach. Du erinnerſt dich, daß mein Onkel, der Oberſt, mir eine Kornetsſtelle bei den— ſchen Dra⸗, gonern verſchaffte. Nachdem ich einmal angeſtellt war,) wurde es meine eigene Sache, durch eine ſtets pünktliche Aufführung das Wohlwollen meiner Vorgeſetzten zu ge⸗ winnen. Bei allen Gelegenheiten war ich eitel Aufmerk⸗ ſamkeit gegen die alten Knaſterbärte; bei Tage machte ich den chargé d'affaires don Allen, und an den Abenden ſpielte ich mit ihnen. Gegen ihre Frauen und Töchter erwies ich mich auf Bällen und bei ſouͤſtigen Tänzen artig und zuvorkommend. So wurde ich überall gerne geſehen, und nach einigen Jahren, auf gute Empfehlun⸗ gen hin, zum Lieutenant ernannt. Ich ſetzte nun mein altes Leben ununterbrochen fort, und da zwei Jahre ] ⸗ ſe 2₰ I esh 7 7 — 1 S 4. f e rranseenn, ine e 4* 7„ 4 7 e eeee e. 8 — S 2 —yõ——— darauf ein Rittmeiſter meines Regiments das gehörige Alter hatte, um ſeinen Abſchied zu nehmen, und als Mi⸗ litär gewiß war, einigen Dutzend Schreibern am Poſt⸗ amt in X. Y. Z. vorgezogen zu werden, wo ein Ertra⸗ ordinarius es über ſich genommen hatte, das Geſchäft gegen die Hälfte der Sporteln zu führen, ſo wurde die Sache durch meines Onkels Bekanntſchaften abgemacht. Mein Vormann, des Reitens müde, und mit der Ausſicht auf ein ruhiges Alter, ſehnte ſich eben ſo ſehr darnach, aus dem Sattel zu ſteigen, als ich mich feſter hineinzu⸗ ſetzen. Die Akkordsſumme wurde durch ein Anlehen aus einer gewiſſen Kaſſe beigeſchafft, und ſo bin ich nun, mit deiner Erlaubniß, Rittmeiſter.“ „Gut, freut mich von Herzen: aber wie ſteht es mit der Abzahlung in die genannte Kaſſe?“ „Die Hälfte der Summe iſt ſchon bezahlt; was die andere Hälfte anbelangt, die erſt in einem Jahre verfal⸗ len iſt, ſo ſpekulire ich auf irgend eine vortheilhafte Hei⸗ rath. Aber nun mußt du mir auch die Frage erlauben, warum ich dich Bergherr nennen höre, anſtatt dich als wohlbeſtallten Richter Geſetz und Recht vor dem gewalti⸗ gen Gerichtsſaale aus verkünden zu ſehen?“ „Das iſt in Folge des anerkannt guten Grundſatzes geſchehen: Schuſter, bleib bei deinem Leiſten! Ich dachte darüber ſo: Warum ſoll der, welcher auf ſeinen eigenen Gütern Bauern genug hat, mit denen er ſich herumzan⸗ ken kann, ſich die Streitigkeiten eines ganzen Bezirks auf den Hals laden? Ich wollte froh ſein, wenn ich denen ſteuern könnte, die ich habe! Mein Vater wird alt, bedarf meiner Hilfe. Zwei Werke vermag er nicht zu beſorgen: es iſt ebenſo nützlich nach Hauſe zu reiſen, als täglich in die Kollegien zu rennen und bei den Pro⸗ feſſoren Viſiten zu reißen. Geſagt, gethan! Nachdem ich mich einige Jahre zu meinem Vergnügen auf der Uni⸗ verſität ausgebildet hatte, reiste ich heim, und übernahm von meinem verehrten Herrn Vater eines ſeiner Werke auf eigene Rechnung. Aber da meine Geſundheit immer — o ſ 12uͤ— nu 29 ſchwach geweſen war, ſo beſchloß ich, die warmen Bäder in Deutſchland zu gebrauchen; und nachdem ich ein paar Jahre in der Fremde herumgeſchweift hatte, wendete ich mich wieder heim zum Vaterhauſe, reich an frohen Erin⸗ nerungen, aber ohne meine Geſundheit ſonderlich verbeſ⸗ ſert zu haben. Nun pflege ich mit vielem Nutzen mei⸗ nes Betriebs, und unternehme blos kleinere Geſchaͤfts⸗ reiſen. Ich begebe mich jetzt nach Halmſtadt; hierauf werde ich ein paar Monate in Kopenhagen zubringen,“ „Ach, du glücklicher Menſch!“ ſeufzte der Rittmeiſter, „ſage mir doch, warum du bei ſo viel Gunſtbezeugungen des Schickſals nicht auch die verlangteſt, ein ſüßes, lie⸗ benswürdiges Weib zu haben?“ „Ach, ſiehſt du,“ ſcherzte der Bergherr,„ich bin zu heikel darin. Ich habe noch kein Weib gefunden, dem ich meine Freiheit aufopfern möchte. Vielleicht bekom⸗ men wir heute Abend unter den L— yer Schönheiten ein hübſches Mädchen zu ſehen, das uns mit ihren Roſenketten zu feſſeln vermag.“ „Gehorſamer Diener! Für ſolche Ketten danke ich ſchön. Die, welche mich feſſeln ſollen, müſſen von reinem Golde ſein,“ meinte der Baron. „Du ſpekulirſt alſo in der Lotterie; aber glaube mir, Bruder, hätte dich nur ein Hauch vom Geiſt der wahren Liebe berührt, ſo würdeſt du nicht ſo ſehr auf das Gold ſehen, das in jedem Falle, ſobald es in die Berechnung gezogen wird, das Gefühl ſelbſt entheiligt.“ „Wie! was muß ich hören!“ jubelte der Rittmeiſter, „iſt das etwa der Herzenserguß eines Menſchen, der nie ein Weib gefunden, für das er hätte ſeine Freiheit auf⸗ opfern mögen! Wenn du es nicht an dir ſelbſt erfahren hätteſt, könnteſt du mir keine ſo ſalbungsvolle Rede dar⸗ über halten.“ „Ich gebe zu, daß ich ein Mädchen kenne,“— und eine ſchwache Röthe flog über das bleiche Antlitz; zu⸗ gleich wurde die Stimme, die ſonſt rauh und gebieteriſch war, nun ſo weich, daß es dem Baron, der gerade kein .“ 30 Freund von ſolchen Rührungen war, ganz Angſt wurde. „Ja, ich kenne eines, das dem Ideale entſpricht, welches ich viele Jahre im Herzen getragen habe; aber Kennen und Errungen haben iſt oft durch einen Ring getrennt, den nur die Zeit abnützen kann.“ „Pah!“ meinte der Rittmeiſter, deſſen Anſichten in dieſem Punkte nicht allzu ſtrenge waren.„Ich ſollte den⸗ ken, daß das für dich nicht in Frage kommen könnte. Welches Mädchen würde es wohl abſchlagen, die Hand des reichen Bergherrn anzunehmen?“ „Hier iſt die Frage weder vom Annehmen, noch vom Abweiſen,“ verſetzte St—hal trocken;„ich habe Niemand einen Antrag gemacht, und habe auch gar nicht die Ab⸗ ſicht, es zu thun.“ „Nun, nun! Du biſt immer ein wenig eigen geweſen, und habe ich eine falſche Saite angeſchlagen, ſo mußt du mir verzeihen, mein Bruder! ſagte der Baron, und lachte ſchelmiſch über ſeines Freundes Verdruß. Nachdem es wieder eine Weile friſch auf dem lan⸗ gen, wohlbefahrenen Weg nach L— y fortgegangen war, rief der Bergherr aus:„Sieh doch, jetzt ſind wir an Ort und Stelle. Was meinſt du, ſollten wir nicht vorher ein wenig Mittag machen, ehe es zu ſpät wird? Das Souper wird nicht vor zwei oder drei Uhr in der Nacht ſtatt⸗ finden.“ Dagegen hatte der Rittmeiſter nichts einzuwenden. Man fuhr vor das Thor, das ganz und gar von der Menge verſperrt war. Nachdem der Baron mit ſeinen guten Ellbogen ſich durch das Gedränge Bahn gebrochen hatte, fand er ein Dienſtmädchen, das ihnen gegen drei⸗ fache Bezahlung ein beſonderes Zimmer verſchaffte. Die belebenden Töne der Muſik ſchallten vom Tanzſaale her, und unſere Reiſenden beeilten ſich, ſo ſchnell als möglich, ihren Leib auf die Kälte und raſche Fahrt zu ſtärken, worauf ſie ſich umkleideten und das Ballzimmer auf⸗ ſuchten. Die erſte Tour war eben beendigt, und auf langen, mit weißen Lacken bedeckten Bänken prahlten hier 31 L— ys weibliche Schönheiten. Unſere Freunde benützten ſowohl ihre natürlichen als künſtlichen Augen, um zu be⸗ ſtimmen, nach welcher Seite ſie ihren Weg zu richten hätten. An beiden Enden des Saales gingen Doppel⸗ thüren in andere Zimmer. Die Reiſenden begaben ſich dahin, fanden aber den Ausgang verſperrt, obwohl die beiden Thüren ausgehoben waren. In einem hier gelegenen Zwiſchenkabinet, das zum Ankleidezimmer führte, waren Erhöhungen für die Muſik angebracht, welche aus acht Muſikern von C— gbs Regi⸗ ment beſtand. Hier war alſo ebenfalls kein paſſender Platz. Mit Hilfe ihrer Lorgnetten entdeckten ſie endlich ein Zimmer, das der Mittelpunkt für die Vergnügungen der Herrn war. Sie ſteuerten dahin und landeten glück⸗ lich unter den Gruppen von ältern und jüngeren Män⸗ nern, dem Kamin, der Punſchbowle, Tabak und Haufen von Pfeifen. Der Bergherr traf hier einige Bekannte, welches über ſich nahmen, ſie den Damen vorzuſtelleu. Um ihre Wahl beſſer beſtimmen zu konnen, faßten ſie an der Thür⸗ ſchwelle Poſto, und ließen nun ihre Blicke eine Ent⸗ deckungsreiſe nach den oben beſchriebenen Reihen antreten. Sie waren bei weitem noch nicht halbwegs, als die Thüren zum großen Vorzimmer ſich öffneten, und ein Frauenzimmer, ohne Zweifel eine vornehme Dame, von drei Grazien gefolgt, hereintrat. Der Anzug der Dame war nach damaliger Sitte äußerſt prachtvoll; er beſtand aus einem glänzend ſeidenen Kleid à la Walter Scott, und einem türkiſchen Shawl, der gerade nicht allzu ju⸗ gendliche Formen bedeckte, auf dem Kopfe trug ſie einen roth und weißen Krausflor⸗Turban mit weißen Federn, die anmuthig hin und herſchwankten, während ſie den rechts und links grüßenden Ballgäſten ihre ſteifen Ver⸗ beugungen machte. Die nachfolgenden Grazien waren in weiße Florkleider gekleidet und hatten Roſen in den Locken. Alle Viere gingen zu der Seite des Saales hinauf, wo unſere Reiſenden ſtanden. Sobald ſie ſich geſetzt hatten, — näherte ſich ein ganzer Schwarm Herren; aber ehe dieſe zu ihnen gelangten, ſtand ſchon ein unglückſeliges Mäd⸗ chen mit dem Theebrett zwiſchen ihnen und dem Gegen⸗ ſtand, den ſie ſo eifrig von einem Ende des Zimmers zum andern ſuchten. Zunächſt der Aufwärterin ſtand ein langer Herr mit Epauletten, und ſchien ungeduldig darauf zu warten, daß ſie ſich hinwegbegeben ſollte. Der Offizier ſtand mit der Seite gegen das Mädchen, und als dieſe ſich von ihrer vorgebeugten Stellung erhob, ſtieß ſie den Kopf gegen ſeine Achſel, ſo daß ein kleines, allerliebſtes Bindhäubchen, mit daran befeſtigtem langem Haarzopf— denn das arme Kind hatte gerade im Nervenſieber ihr eigenes Haar verloren— an des Offiziers Epauletten hängen blieb. Das war nun ſogar für ein Kellermädchen zuviel; ſie ließ das ganze Brett in Ihro Gnaden Schooß gleiten und eilte hinaus. Der Schiffbruch in dem Schooße der Gnädigen überſtieg alle Beſchreibung. Entzweigeſchlagene Theeſchaalen, Scherben von Kriſtallbüchſen, ſchwimmende Citronenſchnitten, Zuckerſtückchen, Zwieback und Pfeffer⸗ kuchen, alles hob ſich untereinander in den brauſenden Wellen eines kochendheißen Theewaſſers und Nahmes. Die Zuſchauer erſtickten faſt vor Lachen. Alle Nastücher wurden aus pflichtſchuldiger Höflichkeit faſt auseinander gebiſſen, um dieſen Ausbruch zu dämpfen, bis der Offi⸗ zier mit dem neuen Ehrenzeichen auf der Achſel der Dame den Arm gab; bei ihrem Aufſtehen entſtand aber ein ſolcher Klingklang, daß Niemand mehr im Stande war, das unterdrückte, aber nunmehr laut ausbrechende Gelächter zurückzuhalten. Als die Dienerſchaft die Split⸗ ter des zerbrochenen Services hinweggeſchafft hatte, und die Ruhe wieder hergeſtellt war, fing die Muſik von Neuem an. „Herr Paſtor!“ fragten der Bergherr und der Ritt⸗ meiſter faſt zu gleicher Zeit den ihrer Bekannten, der ihr Cicerone zu ſein verſprochen hatte:„wer ſind dieſe Damen?“ dieſe Läd⸗ gen⸗ zum mit daß der hrer ꝛegen hen, rme gar lieb. ſie iten der gene ende feer⸗ den nes. cher ner fi⸗ der ber nde nde bit⸗ und von itt⸗ der ieſe 33 „Die Baronin von H— d und die Fräulein von „Wollen Sie ſo gut ſein, und uns denen vorſtellen, die uns zunächſt ſitzen?“ Das war bald gethan, und gleich darauf wirbelten ſie in einem luſtigen Walzer mit ihnen herum. „Nun,“ ſagte der Rittmeiſter ein paar Stunden ſpä⸗ ter lächelnd zu ſeinem Freunde,„was ſagſt Du dazu?“ „Daß es nichts Luſtigeres zu ſehen gibt, als den erſten Akt, weßhalb ich jetzt gehe und mich niederlege,“ antwortete der Bergherr. „Ich komme bald nach,“ verſicherte der Baron, und ſuchte eilig in ein Geſpräch mit dem Paſtor zu kommen. „Recht angenehme Mädchen, die jungen Damen da! Kennt der Herr Paſtor die Familie?“ „Ja wohl, der Major S— z, ihr Vater iſt ein Ehren⸗ mann, aber arm an Allem, außer an Kindern. Dagbo⸗ holm iſt ein kleiner Hof, und....“ „Verzeihung, Herr Paſtor,“ fiel der Rittmeiſter ein, der jetzt mehr als genug gehört hatte,„ich ſehe ſo eben daß St—hal ſich ſchon hinweg begeben hat; ich habe die Ehre, Ihnen für das Vergnügen Ihrer Bekanntſchaft zu danken.“— Und mit einer leichten Verbeugung verſchwand unſer Baron. Als die Herrn den andern Morgen erwachten, hör⸗ ten ſie mit Verwunderung von unten herauf einen luſti⸗ gen Geſang, mit Lärmen, Gelächter und Gläſerklang. Sie gingen hinab und fanden die ganze Geſellſchaft am Frühſtück beſchäftigt. Mitleidig verzogen die Herren den Mund, als ſie beim Eintritt in das Damenzimmer die Veränderung gewahr wurden, die das Tageslicht ſowohl an Kleidern, als Geſichtern hervorgebracht hatte. In einem Saale auf der andern Seite tranken die Herren Punſch und rumorten tüchtig umher. Manche Frau ſtand vergebens an der Thüre, und gab mit dem Tuche das Nee chen zum Aufbruch, und es wurde ein Uhr Mittags, 3 Waldemar Klein. ehe es ſo ruhig ward, daß unſre Freunde an Reiſe und Abſchied denken konnten. „Ich habe einen Plan,“ fing der Bergherr an, als ſie verſtimmt durch den Gedanken an die bevorſtehende Trennung, neben einander auf dem Sopha ſaßen.„Willſt Du mich nicht auf meiner Reiſe begleiten, es ſoll nicht ohne Intereſſe für dich ſein? Ein paar Monate in Ko⸗ penhagen, Alles frei, und du kannſt immerhin noch ge⸗ rade ſo lange zu Hauſe ſein, um vor dem Beginn des Ererzirens ein Paar Tage auf Knapergaard bei meiner Familie zu verweilen. Haſt Du Zeit und Luſt, ſo ſollſt du bei der Zurückkunft meinen Vater, einen gaſtfreien Mann, und meine Schweſter, eine herrliche Roſe kennen lernen.“ Der Rittmeiſter ſchwieg überraſcht; aber da er Ur⸗ laub hatte, und eine ſolche Reiſe in jedem Fall von höherem Intereſſe war, als die, welche er vorgehabt hatte, ſo ſchrieb er in Eile einen Brief voll Entſchuldigungen an ſeine Verwandten, und noch vor zwei Uhr ſaßen die Herrn wieder in den Schlitten, worin wir ſie jetzt bis auf Wei⸗ teres verlaſſen. — IV. Hiopspoſten, vereitelte Hoffnungen, der letzte Wille. Klage die Sterne an, deren zornige Looſe Die Menſchen nicht verrücken; ſie fallen von Donnerndem Himmel auf der Erde Sohn. Tegnér. Es dürfte nun Zeit ſein, ſich wieder nach Halleberg. zu wenden um zu ſehen, ob die dortige Geſellſchaft 9 r 1 4 54 ———— 0 t — 4⁴ s 8 r ſt n n r⸗ m ſo an rn 1 ei⸗ 2 von berg 35 die Heimfahrt dachte. Nichts weniger. Man ſtellte ſich zu einem Fandango auf. Klein hatte ſchon mehrere Male am Abend Marie die, Hand gegeben, und die Frauen, welche in ihrer Eigenſchaft als Duennas den Sopha einnahmen, fingen bereits an, Eines um das Andere be⸗ denklich zu wispern, als ein Kellner eintrat, und dem Doctor einen Brief übergab. Er nahm ihn und ging auf die Seite, um ihn bei einem Lichte zu leſen. Ma⸗ riens Blicke folgten ihm; ſie ſah, daß der Brief von einem erſchütternden Inhalt ſein mußte. Er wurde blaß wie der Tod. Nach einigen Minuten nüäherte er ſich Marien; es koſtete ihn ſichtlich Mühe, auf eine für ihre Umgebung berechngte, fremde Weiſe mit ihr zu ſprechen.. „Entſchuldigen Sie, mein Fräulein, ich muß augen⸗ blicklich abreiſen! Ein Brief unterrichtet mich, daß mein Vater, der das Unglück hatte, in eine Oeffnung im Eiſe niederzufahren, daraus eine ſo ſtarke Erkältung davon⸗ getragen hat, daß ſein Leben jede Minute in Gefahr ſchwebt. Ich eile mit Doctor Fare zu ſprechen, er wird gewiß mit Vergnügen Ihr Beſchützer auf dem Heim⸗ weg ſein.“ Klein machte eine ehrerbietige Verbeugung und ver⸗ ſchwand. Einige Augenblicke darauf, nachdem er mit ſeinem Kollegen ausgemacht hatte, daß dieſer während ſeiner unbeſtimmten Abweſenheit ſeine Praris überneh⸗ men ſollte, bekam Klein Gelegenheit, Marien zuzuflüſtern: „Ich hatte ein anderes Ende dieſes Abends gehofft; den⸗ ken Sie unterdeſſen 9n mich, ſo wie ich immer an Sie denken werde! So bald meine Pflicht es erlaubt, bin ich zurück.“ Nach Verlauf einer Stunde war er in der Stadt, und nach einer zweiten flog er auf der Straße dahin, ſo ſchnell man mit friſchen Pferden auf jeder Station fortkommen kann; und obwohl dieß bisweilen raſch ge⸗ nug geht, ſo glaube ich⸗ doch, daß wir, der Leſer und ich, ebenſo gern den Vogelweg nehmen, um vor dem 3*½ 5⁸ Doctor zur Stelle zu ſein und zu ſehen, wie es in unſeres Helden Vaterhaus ausſieht. Bruckenäs, dem Aſſeſſor Klein, ſeinem Vater ange⸗ hörig, liegt in einer der ſchoͤnſten Gegenden Smaalands. Das Wohnhaus iſt auf einem ausſpringenden Vorge⸗ birge erbaut, an drei Seiten von einem Landſee umge⸗ ben, der mit den reizendſten Inſeln bedeckt iſt. Die vierte, die von einem großen, ebenen Hofe auf beiden Seiten mit herrlichen Baumgütern gebildet wird, führt zu einer, aus hohen Birken zuſammengeflochtenen Allee, die wieder in die große Landſtraße einmündet. In die⸗ ſem wahrhaften Paradieſe herrſchte jetzt das Schweigen des Todes, in Folge der bangen Sorge, die im Hauſe wohnte; und das weiße Leichentuch des Winters bedeckte den Boden. Im Vorzimmer ſchlich die Dienerſchaft ſtill und behutſam hin und her. In einem großen Gemach zu ebener Erde herrſchte aber beſonders jene unheimliche, unglückverkündende Stille, die macht, daß man ſich vor dem Geräuſch ſeiner eige⸗ nen Tritte fürchtet. Die Wände in dieſem Gemach waren mit altmodiſchen Tapeten bedeckt, und durch die niedergelaſſenen, grünen Rollgardinen warf der Mond ſeine düſtern Strahlen auf eine Gruppe im Hintergrunde des Zimmers. Aus einem großen, durch Umhänge ver⸗ ſchloſſenen Bette hörte man den ſchweren Athemzug von des Kranken unruhigem Schlummer. Gegenüber von dem Bette, auf einem Sopha, ſchien ein älteres Frauen⸗ zimmer, überwältigt von Schlaf und Nachtwachen, den Forderungen der Natur unterlegen zu ſein. Ihr Kopf war in halb liegender Stellung gegen die Polſter nieder⸗ geſunken. Ein alter Mann ſtand von einem Lehnſtuhle am Bette auf, trat vor und breitete mit behutſamer Sorgfalt ein Halstuch über die Schlafende. Hierauf ſetzte ſich der Alte wieder, hob einen kleinen Tiſch näher zu ſich hin, und ſchlug, nachdem er den grünen Wachs⸗ ſchirm vor das Licht geſetzt hatte, eine Stelle aus der Bibel auf, worin er von Zeit zu Zeit las. Die Nun⸗ — —— 37 zeln auf ſeiner Stirne, ſo wie ſeine weißen Haare bewie⸗ ſen, daß mancher Winter über ſeinen Scheitel hingegan⸗ gen ſein mochte, ehe er bleichte. Sein ganzes Aeußeres trug den Stempel des Ernſtes und der Redlichkeit. Seine Tracht war die der untergeordneten Klaſſen. Leichte Schritte näherten ſich dem Platze, wo der Greis ſaß, eine kleine weiße Hand klopfte ihm auf die Achſel, und da er ſich umwandte, begegnete ſein wohl⸗ wollender Blick dem unruhig geſvannten Auge eines jun⸗ gen Mädchens. „Wie ſteht es, lieber Herr Inſpector?“ flüſterte eine ſanfte, klangvolle Stimme.. „Noch ganz ſo, wie wo Sie fortgingen, auch iſt es ja kaum eine Stunde her. Er iſt nicht wach geweſen, und da Sie wiſſen, daß der Doctor verſichert hat, es habe heute Nacht keine Gefahr, ſo iſt es nicht artig von Fräulein Karoline, daß ſie nicht einige Ruhe genießt,“ ſchalt der Alte. „Ach, es iſt mir unmöglich zu ſchlafen! Gott ſei gelobt, Tante Liſa Greta hat ihr Haupt niedergelegt! Für ihr Alter iſt es zu ermüdend, ſich die Nachtruhe zu verſagen; aber die gute Alte iſt ſo eigenſinnig, daß es unmöglich war, ſie von hier weg zu bringen. Doch wie viel Uhr iſt es?“ „Eilf,“ antwortete der Inſpector. „O mein Gott,“ ſeufzte das Mädchen,„was zögert Waldemar ſo lange! Meint Ihr nicht, daß er ſchon hier ſein ſollte?“ „Sie ſind gar zu ungeduldig, Fräulein Lina. Man reist von W— nach Brukenäs in nicht weniger als vierundzwanzig Stunden. Er iſt gewiß vor ein Uhr hier.“ Karoline ging nun leiſe und vorſichtig auf das Bett zu, und zog ein wenig die Umhänge bei Seite, aber da der Vater ununterbrochen fortſchlummerte, ſetzte ſie ſich neben den Inſpector, und nahm einen auf dem Tiſche liegenden Theil von den Stunden der Andacht zur Hand. — —— „Wiſſen Sie was, Fräulein Lina, da Sie doch nicht ſchlafen können,“ ſagte der Alte,„ſo mögen wir ebenſo gut mit ein ander ſpreche. Was meinen Sie, oder, viel⸗ mehr, wenn Sie es wiſſen, ſo ſagen Sie mir doch, was es für eine Urſache hatte, daß der alte Bergherr St—hal geſtern Abend mit ſeiner Tochter ankam? Wegen des Bergherrn kann ich mich nicht ſo ſehr verwundern; denn Gott weiß, ein tüchtiger Griff in unſere Angelegen⸗ heiten hier kann wohl nöthig werden, aber das Mäd⸗ chen, ſie kam mir ſo ſtolz vor, als ich ihr aus dem Schlitten half, wie wenn ſie hätte ſagen wollen: ſieh hier deine Gebieterin!“ „Ja, ja!“ ſeufzte Karoline,„Gott weiß am Beſten, was daraus werden wird. Von meiner Kindheit an waret Ihr, Herr Lindman, in manchen kleinen Beküm⸗ merniſſen mein Vertrauter; ich will auch jetzt offen mit Euch reden. Ihr wißt, daß die Familien Klein und St-—hal, ſeit einer Reihe von Jahren her auf einem beſonders freundſchaftlichen Fuße mit einander gelebt ha⸗ ben. Papas und Bergherrn Sts. Freundſchaft hat von Jugend auf beſtanden, da ihre Väter auf dieſelbe Weiſe lebten. Um dieſes Verhältniß zu befeſtigen und noch inni⸗ ger zu machen, hat er bei ſeinem alten Freund um Ju⸗ liens Hand für Waldemar angehalten; und überzeugt von der vollkommenen Uebereinſtimmung des Letztern mit ſeinem eigenen Wunſche, hat er, um noch vor ſeinem Hingang ihre Vereinigung zu ſegnen, gewünſcht, daß ſie hier zuſammen⸗ treffen ſollten.“ „Ewiger Gott!“ ächzte Lindman,„was für ein Weib für einen edlen, redlichen Waldemar! Ein ſolch kokettes Stück, und hochmüthig und geziert!— ei! ei! eil „Nun, nun, lieber Inſpector, ſie iſt freilich kein Engel; aber bedenkt, daß Papa meint, Waldemar habe ſie längſt geliebt, und überdieß iſt ſie ſchön, ungewoͤhnlich ſchön und reich, das wißt Ihr. „Das mag ſie ſein, und leider hat ſie gerade das uUS S 2= “ 39 ſo verhert, aber ich ſage es zum voraus, das gibt ein großes Unglück.“ „Seht Ihr, ¹fuhr Lina fort,„Papa glaubt, daß es gerade ein großes Glück für mich ſei Wohin ſoll ich mich denn wenden? Ihr wißt wohl, ich und die alte Tante können nicht einſam hier woßmn „Das brauchen Sie auch gar nicht, Fränlein Lina! Sie haben einen ſichern Zufluchtsort, wenn Sie wollen. Zwar iſt der Pfarrherr ein Mann bei Jahren; aber es iſt doch keine zu verachtende Partie; und ich ſetzte doch lieber meine Füße unter den eigenen Tiſch, als unter den einer ſolihen Schwägerin.“ „O, ſprecht nicht davon! Ich will lieber dienen als heirathen, nur um verſongt zu ſein.“ Der Inſpektor ſchüttelte den Kopf.„Der Grund, meine ich, wäre wichtig genug; aber des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich! Uebrigens möchte ein Tag kommen, wo Sie es bereuen.“ „Nie, Herr Lindmann! Der gute Pfarrherr verdient wärmere Gefühle für die Hingabe ſeiner Hand und ſei⸗ nes Herzens, als ich ihm ſchenken kann; ich werde deß⸗ halb nie bereuen, daß ich ihn betrügen wollte. Aber,“ fügte ſie hinzu, indem ſie von jenem Gegenſtande ab⸗ brach,„ich fürchte, Papa könnte ſich in Waldemars Ge⸗ fühlen getäuſcht haben.— Still, bellt nicht unſer Hof⸗ hund?“ Der Inſpektor zündete ſchnell einen Wachsſtock an und ging hinaus. Karoline ſiel im Gebet neben dem Bett auf die Kniee. Nach einer Weile hörte ſie, daß ſich Perſonen der Thüre näherten. Dieſe wurde ſachte geöffnet, und ſie ruhte an der Bruſt ihres geliebten 1 Vrnders. „O Waldemar, was für ein trauriges Wiederſehen!“ brach das ſchwerbedrückte Mäaͤdchen aus. „Troͤſte dich, meine Karoline! Du ſollſt i in mir Bru⸗ der⸗ und Vatergefühle vereinigt finden.“ Der Klang dieſer Stimme drang wie eine himmliſche Muſik zu den Ohren des Kranken; er erwachte. „Biſt du hier, hnein Sohn?“ ließ ſich eine matte Stimme hören, und Waldemar über ſeines Vates Todten⸗ bett niedergebeugt, drückte die welke Hand an ſeine Lip⸗ pen, während große Thränen auf des Alten Wangen nie⸗ derfielen. „Nicht ſo, mein Sohn! mache mich nicht zu weich! Meine Augenblicke ſind gezählt; laß mich deßhalb dir ſagen, was meinen Hingang erleichtert. Es iſt dies die Hoffnung, dein Lebensglück begründet zu haben. Der Tod entrückt mich ſchnell, ehe ich mein Haus beſtellen konnte.“— Er ſprach nun mit ſichtlicher Aufregung.— „Du weißt, daß ich dir wegen Karolinen, wegen des Pfarrherrn geſchrieben habe;— ſie wollte nicht— und fern ſei es von mir, ſie zu zwingen!— Deßhalb ſoll ſie in deinem Haus— eine Freiſtatt finden.— Er ſchwieg lange, ſeine Bruſt hob ſich immer ſchwerer, und der kalte Schweiß fiel in großen Tropfen von ſeiner Stirne. Düſtere Gedanken ſtiegen in Waldemar auf.„Was meint er? Guter Gott, er wird doch nicht...“ Er wagte nicht, die geahnte Wirklichkeit vollends ausz zudenken; doch ſollte er nicht lange in Ungewißheit ſchweben. Der Kranke fuhr fort: „Ich habe den Grundſtein zu deinem irdiſchen Glücke gelegt, und darf euch ſegnen, ehe ich ſterbe.“ „Mein Vater, ich verſtehe Sie nicht, ſtammelte der Sohn. Sie wiſſen ja nicht, wovon mein Lebensglück abhängt.“ „O, doch, beſſer als du glaubſt; ich habe des Berg⸗ herrn St—hal und ſeiner Tochter Einwilligung zu einer Verbindung mit dir begehrt und erhalten, was ſeit vielen Jahren meine ſtille Hoffnung ausmachte.“ „Ach, mein beſter Vater! Sie haben...“ „Ruhig, ruhig, Waldemar— ich— kann nicht— — 41 weiter— ſprechen— deine Dankbarkeit— weiß— ich — zum voraus.“ Ein Schlummer ſchloß die Augen des Kranken, und der Sohn wagte nicht, ihn zu ſtören. Waldemars Gedanken und Gefühle waren im ſchreck⸗ lichſten Aufruhr. Er konnte ſich aus dem Labyrinthe nicht heraus finden, in das er hinein gerathen war; ſeine Schläfe ſchwollen, und glühendes Fieder ſchüttelte ſeinen Körper. Von Zeit zu Zeit wollte er zu ſprechen ver⸗ ſuchen; aber der Greis ſchlief gleichmäßig fort, und als Arzt ſah er ein, daß beim Erwachen ſeine Zeit kurz ſein würde. Endlich drangen die erſten Strahlen des anbrechen⸗ den Tages herein. Noch ſaß Waldemar in tiefe Gedan⸗ ken verſunken an des Vaters Bett, als ſeine Schweſter, begleitet von einem jungen Frauenzimmer in einem leich⸗ ten, zierlichen Morgenanzug hereintrat. O welche Ver⸗ ſchiedenheit! Die Eine bleich, niedergebeugt von Schmerz, mit einem Zug von unausſprechlicher Wehmuth auf dem zwar nicht ſchoͤnen, aber engelholden Antlitz. Die Andre regelmäßig ſchön, prachtvoll wie eine eben aufgeſprungene Roſe, aber in ihrer Haltung ſo ſtolz, wie man ſich eine Göttin vorſtellen kann, zu jener Zeit, als ſie ſich herab: ließen, die Söhne des Staubes zu beſuchen, um ſie durch ihr Anſchauen glücklich zu machen. Beide Mädchen bilde⸗ ten in Waldemars Augen einen Gegenſatz, der ihm in die Seele ſchnitt. Er machte eine kalte, ſteife Verbeugung, und eines der bezauberndſten Lächeln von den ſtolzen Lippen der Schönen blieb unbeachtet. Dieß verdroß die hochgeſinnte Jungfrau; doch ſie dachte, daß der Zuſtand des Vaters ihn eine Huldigung verſäumen ließ, die ſie mit Grund er⸗ warten konnte, da er um ihre Hand angehalten hatte. Obwohl dieß durch den Vater geſchehen war, ſo hielt ſie es doch für unmöglich, daß ſeine Gefühle dabei nicht in⸗ tereſſirt ſeyn koͤnnten. Sie blieb vor dem Krankenbette ſtehen, und wie wenn die Norne“ dieſen Augenblick erwartet hätte, er⸗ obgleich ſein Blick ſchon etwas dunkel war und winkte, daß ſie ihm die Hand geben ſolle; die andere reichte er Waldemarn, der von Schmerz und innerer Bewegung zer⸗ riſſen daſtand. Als der Greis ſie eine Weile betrachtet hatte, legte er ihre Hände in ſeine eigenen, und drückte ſie feſt.„Jetzt ſterbe ich ruhig— mein Segen—— Karoline beſchützet ſie!“ flüſterte er leiſe, ſah empor, holte einige Male lang⸗ ſam und ſchwer Athem, ein düſterer Vorbote der Tren⸗ nung;— noch ein Paar ſchwache Zuckungen— und Aſ⸗ ſeſſor Klein war nicht mehr. Noch hielt der Hingegangene ihre Hände in den ſei⸗ nen, als der Bergherr eintrat und die ſchaurige Gruppe erblickte. Waldemar, auf ſeine Kniee niedergeſunken, das Haupt über das Antlitz des Entſchlafenen gebeugt. Julie wirk⸗ lich oder erheuchelt ohnmächtig, und Karoline in ſtummem, thränenloſem Schmerz am Kopfkiſſen ſtehend. Als Herr St-hal die zuſammengedrückten Hände getrennt und ſeine Tochter in ein anderes Zimmer geführt hatte, verſuchte er Worte des Troſtes und der Religion bei den Geſchwiſtern anzubringen; aber da ſeine Bemühugen unverſtanden blie⸗ ben, wandte er ſich zu dem alten Inſpektor, der in einer Ecke des Zimmers in ſtillen aber tiefen Kummer verſun⸗ ken ſaß. „Hört, Herr Lindman,“ ſagte er,„ich kann hier vor der Hand nichts ausrichten. Ich muß überdieß meine arme Tochter nach Hauſe bringen; wenn Ihr meiner be⸗ dürft, ſo ſtehe ich zu Dienſt. Morgen oder übermorgen hoffe ich den Doctor bei mir zu ſehen; grüßt ihn und ſagt ihm das.“— Er reichte Lindman die Hand und verließ das Zimmer. Kurz darauf reiste der Bergherr mit ſeiner Tochter „ Die nordiſche Schickſalsgöttin. wachte jetzt der Aſſeſſor Klein. Er erkannte Julien, — . rückzuhalten ſuchte. V. Das Wechſeln der Ringe. Glaubſt du, auf Roſen ſteh ich hier, und weiſe Mein Lebensglück mit Lächeln von mir ab, Und reiße ohne Schmerz aus meiner Bruſt Ein Hoffen, das verwachſen iſt mit meinem Weſen? Tegneér. Es war ein düſterer und ſtürmiſcher Abend, der Re⸗ gen fiel in ſtarken Schauern, und hatte den Schnee ſchon ganz hinweggeſpült; heulend fuhr der Wind durch die öden Gemächer auf Brunkenäs. Von einer Kammer im obern Stockwerk leuchtete ein einſames Licht, und ein Schatten bewegte ſich dort hin und her; ſtille Seufzer, abgebrochene Klagelaute ſtarben hin im Rauſchen des Or⸗ kans. Ein leiſes Klopfen an der Thüre ließ ſich hören, und mußte mehrmals erneuert werden, ehe die einſame Be⸗ wohnerin dieſes Zimmers es hörte. Sie fuhr zuſammen, erhob ſich jedoch eilig. „Biſt du es, Waldemar?“ ſagte ſie und öffnete. In einen weiten Regenmantel gehüllt, trat der Bruder ein. —„Mein Gott, biſt du es wirklich?“ fragte ſie noch einmal, und trat beſtürzt einen Schritt zurück, als ſie die ſchreckliche Niedergeſchlagenheit in ſeinem ganzen Weſen wahrnahm. „Ja, es iſt der Bräutigam, der von ſeiner Verlob⸗ ten, ſeiner Braut kommt!“ ſprach er mit einem faſt krampfhaften Lächeln, und warf ſich auf einen Seſſel ab, ungeachtet aller freundlichen Einladungen Tante Liſa Gretas, wenigſtens vorher noch Kaffee zu trinken, und ein wenig beleidigt, daß Niemand als die alte Tante ſie zu⸗ nieder. Karoline nahm ihm den naſſen Mantel ab, trock⸗ nete ihm das Waſſer von der Stirne, und ſtrich ihm die verwirrten, dunkeln Haare aus dem Geſichte, dann zün⸗ dete ſie ein Feuer in dem Kachelofen an und ſchellte nach warmem Thee. „Du Gute,“ ſagte er, und ſah wehmüthig auf ihre zärtliche Sorgfalt; aber ſchnell darauf fügte er in dem troſtloſeſten Tone hinzu:„So würde auch Marie mit ihrer ſchönen, liebevollen Seele ſich zärtlich um mich be⸗ müht haben; und nun ſoll ich dieſes Herz wie mein eige⸗ nes durchbohren. Das drückt mich nieder. Daß das un⸗ ſchuldige Kind mich nie kennen gelernt hätte, und daß ich ihr nicht ſo oſſen meine Gefühle gezeigt oder eine Ant⸗ wort in den ihrigen gefunden hätte; dann könnte ich jetzt wenigſtens ohne innere Qual, ohne Klage mein Schickſal ertragen, obgleich der bloße Gedanke an einen Austauſch zwiſchen dieſen Beiden einen namenloſen Schmerz in ſich faßt. Aber nun! nun!“— er ſchlug ſich vor die Stirne —„nun muß ich ja wie ein ſchändlicher Betrüger vor ihrer Mutter daſtehen.“— Er ſchwieg und verſank in tiefe, ſchwermüthige Gedanken. „Mein Waldemar,“ tröſtete Karolinens Engels⸗ ſtimme,„ſei nicht ſo muthlos! Iſt dieſe Marie, die du ſo ſehr liebſt, ſo wie du ſie mir beſchrieben haſt, ſo ſei verſichert, daß ſie dich nicht als einen Betrüger anſehen wird. Sie wird erkennen, daß ein Sohn mit dem letz⸗ ten Willen eines ſterbenden Vaters nicht Spott treiben konnte, daß du, der du ja nicht mit ihr verlobt warſt, unmöglich auf deiner Seite einen Grund auffinden konn⸗ teſt, um die Heilighaltung des Gelöbniſſes eurer Väter und vielleicht Juliens Ruhe zu zerſtören. Glaube mir, Waldemar! Marie kann wohl über den Verluſt ihrer ſtillen Hoffnungen trauern: ſie wird jedoch gewiß nicht mit der tauſchen wollen, die blos deine Hand und deinen Namen bekommt, während ſie dein Herz behält und wie die bibliſche Marie den beſſern Theil erwählt hat. Doch,“ fügte Karoline hinzu, da ſie über das Selbſtſüchtige in 4⁵ dieſem Schlußſatze nachgedacht hatte,„ſie wird am Ende zu dem ewigen Erbarmer flehen und ihn bitten, daß er ihre Liebe reinige, und Waldemars Herz zu der wende, der er vor Gott und Menſchen Treue gelobt hat.“ „Ach, Karoline! ich fühle, daß du Recht haſt, und ich weiß, daß Marie das thun könnte, ja noch weit mehr; denn ſie iſt, wie du, reich an Allem, was Herz und Gemüth Edles beſitzt, und von einer beſſern Natur als wir Andern, aber ich, Lina! du begreifſt nicht meine Qual.“ „Ja, ich begreife und faſſe ſie; aber erzähle mir nun Alles, was bei deinem Beſuche vorfiel. Fand ſich keine Hoffnung von ihrer Seite aus, die eine Ausſicht auf einen anſtändigen Bruch darbot?“ „Nein, nicht die geringſte; du ſollſt Alles hören, was vorgefallen iſt.“ „Als ich am Morgen anlangte, kam der redliche Greis mit dem wohlwollendſten Lächeln mir entgegen. Nun, kommſt du endlich, mein Sohn? ſagte er, indem er mich in ſein Arbeitszimmer führte. Hier entwickelte er mir die Lage unſeres Hauſes. Er hatte ſchon vor meiner Heimkehr, auf unſeres Vaters Begehren, mit Lindman alle Bücher durchgegangen. Er iſt zu deinem Vormün⸗ der erwählt und wunſcht, daß du, bis die Hochzeit vor ſich geht, bei ihm bleibeſt. Die ganze fahrende Habe wird verkauft, um die Schulden zu decken. Den Hof ſelbſt hoffte er jedoch uns retten zu können, und ſchlug mir vor, denſelben bis auf Weiteres unſerem alten, rechtſchaffenen Lindman zur hälftigen Nutznießung zu überlaſſen. Ich antwortete auf alle ſeine Vorſchläge mit Ja.„Gott weiß, mein Sohn,“ ſagte er mit einem mild vorwurfsvollen Lächeln,„zu einem Geſchäftsmanne wür⸗ deſt du nicht taugen. Aber ſei getroſt; die Dinge ruhen in den Händen deines künftigen Schwiegervaters, ſonſt würde ich dir zu etwas mehr Vorſicht rathen!“— Da er mich nicht aufheitern konnte, ſagte er freundlich: „Mein beſter Junge, auch ich verlor einmal einen theu⸗ ren, ſehr theuren Vater; aber es muß bei Allem hier auf der Welt ein Maaß und Ziel ſein, alſo auch bei der „Betrübniß. Ich war damals mit meiner nun hingegangenen unvergleichlichen Frau verlobt; deßhalb bemühte ich mich um ihretwillen meinen Schmerz zu dämpfen. Und ſiehſt - du, Waldemar! ſo mußt du es auch machen. Du betrübſt Julie, wenn du dich ſo vor ihr zeigſt.“ „Gerührt von ſeiner väterlichen Güte und tief füh⸗ lend, wie wenig ich ihnen zum Austauſch gegen ihre Liebe und ihr Vermögen oder vielmehr ihre Reichthümer geben konnte,— denn Juliens Mitgift könnte die an⸗ ſpruchsvollſten Erwartungen befriedigen,— faßte ich mich ſo gut ich konnte, beherrſchte den Sturm meiner auf⸗ rühreriſchen Gefühle, und gelobte bei meiner Ehre und beim Gedächtniß des Hingegangenen, mich des Glückes würdig zu machen, das er mir ſchenken wollte. Juliens Glückſeligkeit, verſicherte ich dem lauſchenden Bater,— und, Karoline, ich werde Wort halten, obgleich es mein ganzes Erdenglück koſtet,— ja, ihre Glückſeligkeit ſoll das Ziel meiner Wünſche, und meiner eifrigſten Beſtre⸗ bungen ſein.—„Nun ich bin froh, mein Sohn,“ ant⸗ wortete er befriedigt.„Ich will dich deßhalb zu dem Mädchen führen.“ Halb träumend folgte ich ihm in das Vorzimmer, wo Julie an ihrem Fortepiano ſaß. Sie erröthete tief, als ich ihr nahte und ihre Hand nahm. „Ei, keine Komplimente,“ rief der Alte; Braut und Bräu⸗ tigam grüßen einander nicht auf dieſe Art!“ Wir ſtanden beide wie Bildſäulen und ſtarrten einander an.„Nun, wie iſt's! Umarmt einander in Gottesnamen! Ich war nicht ſo verlegen, als ich den erſten Kuß von meiner ſe⸗ ligen Alten bekommen ſollte!“ „O, wie quälend war nicht dieſer Scherz für uns „Beide! Ich durfte mich jedoch nicht lächerlich machen. Haſtig beugte ich mich zu dem verlegenen Mädchen nie⸗ der, und Gott weiß, wie es zuging; aber die Sache mußte wohl ihre Richtigkeit haben, denn ich hörte den — 47 Bergherrn ſagen:„So, ſo, Kinder! das iſt brav!“ wor⸗ auf er das Zimmer verließ.“ „Aber jetzt wurde es erſt recht ſchlimm. Julie warf einen Blick auf mich. der mich bis ins Innerſte der Seele erſchütterte. Es war ein Blick von unausſprech⸗ lichem Schmerz. Sie deutete auf ein naheſtehendes Ta⸗ bouret, und ſetzte ſich ſelbſt auf ein anderes. Nun galt es, etwas zu ſagen, das ſie zufriedenſtellen konnte, Doch ich war nicht im Stande, ein Wort über meine Lippen zu bringen. Nach einer Weile gegenſeitigen Stillſchwei⸗ gens, erhob ſie ſich in jener ſtolzen Haltung, die mich immer abſtoßt.„Du haſt mir nichts zu ſagen,“ ſprach ſie,„und es iſt in der That ſehr ſonderbar, daß wir ſo hier ſitzen. Es ſcheint,“ fügte ſie in bitterer Ironie hinzu,„als ob die Gewißheit, das erlangt zu haben, was dein Vater für dich geſucht hat, Gleichgültigkeit bei dir erzeugte.“ „Gewiß nicht,“ antwortete ich.„Ich weiß den Werth meines Glückes vollkommen zu ſchätzen, um das mich ſo viele beneiden würden; aber ich kann mir wohl mit der Hoffnung ſchmeicheln, daß Julie aus einem andern Be⸗ weggrunde als dem, eine folgſame Tochter zu ſein, ihre Zuſtimmung gegeben hat. Es würde mich ſchmerzen, wenn ich glauben müßte, daß du vielleicht durch die Ver⸗ bindung, die unſre Väter unter ſich abgeredet haben, deine Seligkeit und dein Glück verlöreſt.“ 1 „„Du kennſt mich nicht,“ antwortete ſie mit edlem Stolz.„Nie würde ich, ſo wenig als du, darin ein⸗ willigen, mein ganzes Lebensglück aufs Spiel zu ſetzen, um unſern Pflichten gegen die Eltern nachzukommen. Wenn die kindliche Pflicht in Streit geräth mit der Nei⸗ gung des Herzens, ſo ſehe ich nicht ein, warum jene eine unfehlbare Richtſchnur für unſere Handlungen ſein ſollte. Keine Macht auf Erden hätte mir ein Ja ab⸗ zwingen können, wenn nicht meine Gefühle meine Wahl geleitet hätten; und,“ ſetzte ſie ſanfter hinzu,„wenn dieß die Urſache deiner Unruhe iſt, die mich für unſer künftiges Glück zittern macht, ſo ſei ruhig, ich bin dir gut.“ Bei dieſen letzten Worten war ſie wirklich ein⸗ nehmend, und ich hätte gewünſcht, daß mein Herz noch frei geweſen wäre. Aber von dieſem Augenblick an, wo ihr offenherziges Bekenntniß die letzte Möglichkeit eines Bruches hinwegräumte, ward es mir eine heilige Pflicht, ihr den Zuſtand meiner Seele und meines Herzens zu verbergen, da ſie mir eine ſo unverſtellte Probe von ihrem Stolze und ihrer Hingebung gegeben hatte.“ „Ich danke dir, theure Julie,“ antwortete ich herz⸗ lich bewegt,„für dein Vertrauen. Dein Glück ruht in den Händen eines redlichen Mannes, und bei Gott und dieſer wichtigen Stunde! verlaſſe dich auf mein Wort, und vertraue auf mein Verſprechen, kein Wunſch ſoll mir höher ſein, als der, dein Leben ſo reich an Freude zu ma⸗ chen, als das arme Erdenleben den Abkömmlingen des ver⸗ lornen Edens bieten kann.“ „Als der alte St- hal wieder hereinkam, ſchwebte ein Lächeln von väterlichem Wohlwollen und Zufrieden⸗ heit auf ſeinen Lippen, da er das ſcheinbar glückliche Verhältniß zwiſchen uns ſah.—„Ja, ja,“ ſagte er ver⸗ gnügt,„wenn Sie freie Hand haben, glaube ich ſchon, daß Sie die Zeit recht gut vertreiben koͤnnen. Ich und Brink haben nun wieder eine Viertelſtunde im Speiſezim⸗ mer gewartet, und mit wahrem Schmerz beklagt, daß unſer ſchönes Ochſenfleiſch kalt wird, weil Sie vergaßen, daß Sie ſchon vor einer guten Weile die Einladung zum Eſſen erhielten.“ „Verlegen, mehr über des redlichen Alten Mißver⸗ ſtehen meiner Gefühle, als über den Fehler, der Einla⸗ dung zum Mittageſſen nicht Folge eleiſtet zu haben, 98. 3 9 3 ge 9. bot ich nun Julien den Arm, und verſuchte, ſowohl bei Tiſche als den ganzen übrigen Tag, die gleichmüthige und ruhige Stimmung beizubehalten, die ich angenommen hatte. Aber eine ſolche Anſtrengung und ein ſo genaues Abwägen jedes meiner Worte und Handlungen wurde „am Ende zu qualyoll für mich. Ich mußte heim, als — ͤG&SSͤSN-O=———S—.. 1 49 der Abend kam, und alle ihre Bitten und Vorſtellungen konnten mich nicht zurückhalten. Ich ſehnte mich hinaus, um mit den wilden Stürmen der Natur die meines Her⸗ zens zu verwiſchen, welche nun befreit von den Feſſeln des Anſtandes und der Pflicht, faſt meine Bruſt zu zer⸗ ſprengen drohten. Jetzt bin ich wieder bei dir, meine Ka⸗ roline! Es iſt ein ſanfter Troſt, ſein Herz vor einem theil⸗ nehmenden Freunde ausſchütten zu konnen; und wer könnte dieß mehr ſein, als eine Schweſter?“ Es war ſchon ein großer Theil der Nacht vergan⸗ gen, als ſich die Geſchwiſter trennten. Waldemar konnte nicht ahnen, daß Karoline an einer ebenſo tiefen Wunde litt, als die ſeinige war, obwohl von anderer Beſchaffen⸗ heit; doch ſie war geduldig und fromm, und es gibt Schmerzen, die wenigſtens, wenn ſie in eines Weibes Herz eingeſchloſſen ſind, nicht mitgetheilt werden können. Acht Tage darauf waren Verwandte und Freunde auf Brunkenäs verſammelt, um den verlorenen Freund zu ſeiner letzten Ruheſtätte zu begleiten. Eine Weile vor⸗ her, ehe der Zug aufbrechen ſollte, winkte der Bergherr St-—hal Waldemar und Julien, ihm zu folgen. Sie traten in das gewölbte, mit ſchwarzen Tüchern ausge⸗ ſchlagene Leichenzimmer. Auf einem Katafalk ſtand der offene Sarg, und der düſter flackernde Schimmer von der Menge Kandelaber mit Wachskerzen, die denſelben umgaben, warf ſeine Strahlen auf das bleiche Antlitz, das ſchönſte Bild der Ruhe und des Friedens. Von einem mit Geſchmack und Kunſt im Hintergrunde ange⸗ brachten Altare klang in feierlichen Toͤnen eine klagende Trauermuſik herüber. Das Ganze machte einen tief er⸗ greifenden Eindruck. Selten kann ein auch ganz Fremder am Eingange eines Tempels ſtehen, wo das Leben für den Tod eingeweiht wird, ohne von geheimnißvollen Ahnun⸗ gen und düſtern Gefühlen durchſchauert zu werden, um wie viel mehr müſſen alſo dieſe nicht auf diejenigen Waldemar Klein. 4 — ——— 50 einwirken, welche durch die heiligſten Erdenbande mit denen vereinigt waren, deren Staub ſie betrachten. . Kinder,“ ſprach der Gutsherr in ungewöhnlich feier⸗ lichem Tone, und führte ſie hierauf zu beiden Seiten des Sarges,„mein Freund und euer Vater hatte in ſeiner Todesſtunde euere Hände feſt vereinigt. Ich mußte ſie damals trennen; aber hier ſollen ſie wieder vereinigt werden.“ 3 „Er nahm zwei Ringe zur Hand, die er in der Stille beſtellt hatte, reichte jedem von ih nen einen, und beſchwor ſie, beim Gedächtniß deſſen, über deſſen Leiche ſie nun gewechſelt wurden, beſtändig einander zu lieben, aber als Julie Waldemarn den Ring reichen wollte, glitt er aus der Hand, und ſiel mit einem unheimlichen, un⸗ glückbedeutenden Klang nieder gegen die Handhabe an dem Sarge. Waldemar wollte darnach greifen; allein bei dieſer leichten Berührung rollte er von der Hand⸗ habe auf den Boden nieder; von wo er ihn mit einem unwillkuhrlichen Schauer aufhob und an ſeinen Finger ſteckte. Die düſtere Ceremonie war beendigt, und die Ver⸗ lobten gingen hinaus von der kraniigen Ruheſtätte der väterlichen Ueberreſte zu den wechſelnden Geſtalten der Welt. An der Thüre wandte ſich Waldemar noch ein⸗ mal um, und mwinie. daß er allein ſein wolle. Er fiel am Kopfkiſſen auf die Kniee, und betete inbrünſtig. Ge⸗ ſtärkt erhob er ſich und drückte zum letzten Mal die welke Hand, die ihn mit väterlicher Liebe bei den erſten Schrit⸗ ten auf der ſchlüpfrigen Bahn des Lebens geleitet hatte, an ſeine Lippen, er erhob ſodann mit männlicher Kraft den dabeiliegenden Deckel und legte ihn ſachte über das Ruhebett des geliebten Entſchlafenen. Jetzt läuteten die Glocken aus der nahgelegenen Kirche her, und Karvline ſtürzte herein. Wir werfen einen Schleier über das tron rige Feſt, das bevorſtand. Noch ein Mal, am Abend vor Waldemars Abreiſe, Heſchiwiſer vielleicht zum letzten Mal in dem 1 ſaßen die ——————— e =Se=Z—O 2 51 geliebten Vaterhaus beiſammen. Sie verſprachen einander ſich oft zu ſchreiben; im Verlauf des Frühlings ſollte Waldemar zurückkehren, bei welcher Gelegenheit der Hoch⸗ zeittag beſtimmt werden ſollte. Endlich ſchlug die Ab⸗ ſchiedsſtunde; ſie wurde tief, ſchmerzlich von ihnen beiden empfunden; und in der Mitte Februars nahm unſer junger Freund denſelben Weg zurück, den er vor drei Wochen unter ſo ungleichen Ausſichten begonnen hatte. Un⸗ terdeſſen wollen wir nachſehen, wie die Sachen in W— ſtehen. VI. Neue Bekanntſchaften und eine bedenkliche Nachricht. Doch wiß, daß auch viel mindre Kräfte In unſrer Seele wobhnen, Und der Vernunft ſind unterthan. Oxenſtjerna. Im Laufe vieler Jahre hatte ein rechtſchaffener und geachteter Bürger in einem der großen Eckhäuſer auf dem Marktplatze von W. gewohnt. Ein einträglicher Handel und manches gewinnreiche Loos, das er aus der Hand des launiſchen Schickſals gezogen hatte, hatten ihn aus dem unbemerkten Leben der Diürftigkeit zu einer ſehr unab⸗ hängigen Stellung in der bürgerlichen Geſellſchaft empor⸗ gehoben; aber es geſchieht oft, daß auch in der Bruſt des Reichen und Mächtigen ein leeres, freudenarmes Herz klopft. Der Großhändler Billing war eines der vielen Beiſpiele hievon. Von mittelloſen Eltern geboren und gewöhnt, mit den vielfachen Beſchwerden der Armuth zu kämpfen, wurde es von ihm für ein großes Glück und für ein in ſein Leben wichtig eingreifendes Ereig⸗ niß angeſehen, als er in einem Alter von ſiebzehn Jah⸗ ren einen Platz auf einem Handelscomptoir in M. er⸗ hielt. Fleiß und Redlichkeit, vereint mit einem guten Kopf und einem beſcheidenen Betragen gewannen ihm das Wohlwollen ſeines Vorgeſetzten und deſſen Familie. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in dieſem Hauſe wurde er faſt unentbehrlich in den Geſchäften; aber das Unglück, das immer bei der Hand iſt, und gewöhnlich in den angenommenen Geſtalten von Liebe, ſtillen Wün⸗ ſchen, erträumten Hoffnungen umherſpuckt, und uns die vielen herrlichen Früchte zeigt, welche auf dem Baume der Erkenntniß wachſen, dieſes wollte nun, daß auch un⸗ ſer Jüngling Luſt bekam, davon zu koſten; und die Eva, die ihm den Apfel reichte, war des Herrn Großhändler L— s eigene ſüße, liebenswürdige, ſiebenzehnjährige Tochter. Die zwei jungen Leute beſchloſſen, den einzig möglichen Weg zu verſuchen, um ihren beiderſeitigen Wunſch zu erreichen, nämlich Billing ſollte Herrn L. kurz und einfach fragen, ob er etwas gegen ihre Abrede habe. Die einzige Schwierigkeit beſtand darin, eine paſſende Gelegenheit zu finden, um die Sache vortragen zu können. Endlich, eines Tags, als ſie allein auf L—s Arbeitszimmer waren, übergab Billing ſeinem Patron eine Menge Briefe zur Unterſchrift, und ſagte dabei: „Ach war faſt auf dem Weg Ihnen auch zu ſchreiben, err L.“ 8„Wie ſo?“ fragte dieſer in einem ziemlich herben Ton; denn er hatte eine ungewöhnliche Aufregung in Billings Stimme und Haltung bemerkt. Obwohl nun dieſe kurze Frage eben nicht geeignet war, gute Hoff⸗ nungen zu erwecken, beſchloß Billing dennoch, einen eits ſcheidenden Schritt zu thun.—„Mein wertheſter Goͤn ner,“ antwortete er ſchüchtern,„ich habe eine Bitte, die vielleicht zu kühn iſt. Ich liebe Ihre Tochter, vollen Sie ſie mir zur Gattin geben, ſo wage ich zu verſichern — 53 * daß Sie nie Sy aufmerkſameren und zärtlicheren Sohn finden werden, als ich für Sie ſein werde.“ Auf Brern L— s Lippen bildete ſich Etwas, das einem Lächeln ähnlich ſehen ſollte; aber die einzelnen Be⸗ ſtandtheile dieſes Lächelns anzugeben, möchte auch für den feinſten Menſchenkenner ſchwer geweſen ſein. Es war Verwunderung, Mitleib, Verachtung, Kummer, et⸗ was von jedem. Nach einer kleinen Pauſe antwortete er jedoch mit vieler Selbſtbeherrſchung:„Mein lieber Herr Billing! Ihre Aufführung war bis jetzt eine ſolche, daß Sie ſowohl auf meine Dankbarkeit als meine Achtung gegründeten Anſpruch haben, und der Zeitpunkt war nahe, wo Sie die Stelle eines Comptoiriſten gegen die meines Handelscompagnons hätten austauſchen ſollen. Ich hatte deßhalb erwartet, daß Sie, verzeihen Sie meiner Auf⸗ richtigkeit! ſo kindiſche Grillen fahren laſſen würden. Sie kennen mich hinreichend, um zu wiſſen, was für eine Ant⸗ wort Sie auf ihre Werbung' erhalten würden. Ich will dieſe deßhalb, wenn es Ihnen ſo recht iſt, als zurückge⸗ nommen betrachten. 4 Das war zu viel für Billings ſanfte Gemüthsart. Einen Monat nachher zog er aus dieſem Hauſe, und er⸗ öffnete kurz darauf einen eigenen Handel in W. Ob⸗ wohl in geringerem Grade, ſah er hier doch ſein Ver⸗ moͤgen zunehmen. So verfloſſen Monate und Jahre. Das Mädchen blieb ihrem Gelübde getreu, ohnerachtet man ſie durch freundliche Bitten und durch Drohungen zu einer paſſenden Heirath zu vermögen ſuchte. Nach vier Jahren ſtarb Herr L., und da das Sterbehaus ſich im Verfalle fand, gaben alle Freier von ſelbſt ihre Anfpräche auf. Am Schluſſe des Trauerjahres ſtellte ſich Billi ling ein und führte ſeine junge Frau nach W. Aber am nämlichen Tage ihrer Vereinigung, als Billing von nichts Anderem träumte als von Gluck und Frieden, lief die ſchreckliche Nachricht ein, daß ein Fahrzeug mit einer Ladung, die ſein ganzes Vermögen ausmachte, Schiffbruch 54 gelitten habe, und nur die Beſatzung mit Mühe gerettet worden ſei. Das war ein großer, ein fühlbarer Schlag; doch er hatte einen Schatz gewonnen, der viel koſtbarer war, als Alles, was er verloren hatte. Er murrte nicht, obwohl ihn der Gedanke ſchmerzte, diejenige in ein vielleicht un⸗ glückliches Leben eingeführt zu haben, der er ſo gerne die 8 froheſte und ſorgenfreieſte Zukunft bereitet hätte. In⸗ 5 zwiſchen that er Alles, um ſich wieder zu erheben; aber alle ſeine Bemühungen waren fruchtlos. Das Glück, die veränderliche Göttin, hatte ihm den Rücken gewendet. Nur in der immer freundlichen Geſellſchaft ſeiner Gat⸗ tin fand er ſich am Abend des in anhaltender Arbeit hin⸗ geſchleppten Tages, wieder erquickt und geſtärkt gegen die neuen Prüfungen, die ihm noch von weit ſchwererer Art bevorſtanden. Nach einem kurzen Jahre häuslicher Glückſeligkeit, ſo rein wie ſie immer nur unter den mannigfachen Ver⸗ hältniſſen des Privatlebens erreicht werden kann, verließ die junge Frau Billing, nachdem ſie ihrem Manne die theuer erkaufte Freude geſchenkt hatte, einen Sohn zu be⸗ ſitzen, den irdiſchen Tummelplatz unſerer Leiden und Freu⸗ den. Sein Schmerz, als er das Grab ſeine Hoffnungen einſchließen ſah, gränzte an Wahnſinn! aber als einige Monate ſpäter auch der Sohn ſeiner Mutter nachfolgte, zog eine ſo tiefe und finſtere Melancholie bei ihm ein, daß er auf immer für das äußere Leben verloren ſchien. Aber die Zeit, deren wohlthuender Einfluß früher oder ſpäter auch über das kränkteſte Gemüth, wenn nicht Ver⸗ geſſenheit der Qual, doch Linderung der Schmerzen, und. im Vereine mit der Religion ſogar Ruhe, verbreitet, die⸗ ſer gute Engel des Menſchengeſchlechts brachte nach eini⸗ gen Jahren Billing wieder in die Gränzen der Vernunft und Beſinnung zurück. Er fing ſeine Geſchäfte wieder an, und Alles ſchien ihn nun begünſtigen zu wollen. LZangſam, aber um ſo ſicherer ſtieg er von der Armuth zum Wohlſtand, vom Wohlſtand ſchnell zum Reichthum —— 5⁵5 und jetzt vertauſchte er ſeine geringe Wohnung gegen das obenerwähnte große Eckhaus. Zu der Zeit, wovon wir jetzt ſprechen, ſtand Billing ſchon ein gutes Stück auf der jenſeitigen Leiter des Men⸗ ſchenalters. Seit fünfzehn Jahren war es ein Gegen⸗ ſtand der Bewunderung und Vermuthungen geweſen, warum er ſich nicht aufs neue verheirathete. Die Urſache davon war, daß Billing während ſeiner kurzen Ehe zu glücklich geweſen war, um die Hoffnung wagen zu dürfen, es wieder in gleichem Grade zu werden. Er hatte deß⸗ halb gewählt, lieber unverheirathet zu leben; ſein Haus jedoch, dem ſeine alte Haushälterin, Madame Walberg, vorſtand, war ſo trefflich und geſchmackvoll eingerichtet, daß ſeine zahlreichen Gäſte die Hauswirthin nicht ver⸗ mißten. An einem Nachmittage zu Anfang Februars ver⸗ ſetzen wir uns in ein Zimmer im untern Stockwerk des genannten Hauſes. Es war auf der einen Seite vom Boden bis zur Decke buchſtäblich mit Papieren gefüllt auch einige Tiſche waren damit bedeckt. Eiſenbeſchlagene Kiſten, runde Seſſel mit grünem Tuche überzogen, und ein großer Pult zwiſchen den Fenſterpfeilern, welches die einzigen Möbel waren, die ſich hier fanden, zeigten an, daß man ſich in Herrn Billings Comptoir befand. Zwei junge Männer arbeiteten eifrig am Schreibtiſche, und in dem Zimmer war es ſo ſtill, daß man nichts anderes hörte als das Knirſchen der Federn oder ein und das andere nachdenkliche hm— hm!. Nach einer Weile ſteckte der Eine ſeine Waſſe hin⸗ ter das Ohr, zog ſeine Uhr auf, und ſagte ungeduldig: „Was der Tauſend kommt heute unſere Madame an, daß ſie uns keinen Kaffee ſchickt?“ „Der Alte wird wohl noch nicht von ſeinem Mit⸗ „tagsſchläfchen erwacht ſein,“ antwortete der Andere gleich⸗ gültig.— Im ſelben Augenblicke öffnete ſich die Thüre, und Herr Billing ſelbſt trat ein. Obwohl ſchon über die Jahre hinaus, wo man einen Anſpruch darauf machen —jʃ kann, ſchön genannt zu werden, bildete doch ſeine hohe, mehr von Bekümmerniſſen, als von Jahren gebeugte Ge⸗ ſtalt und das bleiche, ſanfte und ausdrucksvolle Geſicht eine vollkommene Vereinigung von dem, was man anzie⸗ hend nennt, und Herr Billing war ein achtungswerther, gutmüthiger und angenehmer alter Mann. Als er in ſein Comptoir eintrat, erweckte Etwas zu⸗ fällig die Aufmerkſamkeit der jungen Herren; denn ſie hatten vor Erſtaunen faſt vergeſſen, in ſchuldiger Ehrer⸗ bietung aufzuſtehen. Er grüßte ſie auf ſeine freundliche und leichte Weiſe: aber eine gewiſſe Haſt verrieth ſich in ſeinem ganzen Weſen, während der wenigen Minuten, die er verzog, um mit ſeinen Herren Comptoiriſten zu ſpre⸗ chen. Man ſah leicht, daß dieſe Haſt nicht von der Na⸗ tur war, die zum Geſchäftsleben gehört. Er war in hohem Grade zerſtreut, gab Befehe und nahm ſie wie⸗ der zurück, fragte mehrere Male naͤch derſelben Sache, und beging, kurz geſagt, all die Fehler, die gewöhnlich geſchehen, wenn die Seele ihre Ausflüge macht, das heißt, wenn es der Phantaſie gefällt, Variationen zu dem The⸗ ma der alltäglichen Geſchäfte zu ſpielen, und wenn dieß eintrifft, ſo muß ja Diſſonanz entſtehen.— Herr Billing mußte das ſchnell eingeſehen haben; denn ohne ein Wort weiter über die Angelegenheiten zu verlieren, die ihn ins Comptoir geführt hatten, nahm er ſeinen engliſchen Hut, ſchlug mit ſehr viel Pünktlichkeit den Mantel um ſich, ordnete ſeinen Anzug, und begab ſich fort. Die Zurückgebliebenen hatten ihrem Erſtaunen noch nicht Luft machen können, als die Thüre ſich öffnete, um Madame Walbergs wohlgenährte Perſon einſchlüpfen zu laſſen, gefolgt von dem heißerſehnten Kaffeebrett. „Willkommen! Willkommen! Was denkt Mutter, uns hier ſitzen und vor Sehnſucht vergehen zu laſſen, einmal nach ihr ſelbſt, wie es ſich ziemt, und dann nach ihrem eigenen, kleinen Goldjungen, unſer aller Liebling?“„Ei, ſieh doch! ſetzt ihn nun hübſch nie⸗ ——— ———— 7— 8 72—— 57 der,“ bat einer der Herren, während der Andere eine Menge Bücher von einem Seſſel abräumte und die Alte zu ſitzen einlud. „Nun, das muß ich ſagen! Die Herren ſind doch gar zu artig,“ ſagte Madame Walberg. „Durchaus nicht, durchaus nicht; aber ſagt, Mütter⸗ chen, was iſt unſerem alten Herrn heute in den Kopf ge⸗ fahren. Er war ja ausſtaffirt, wie wenn er einen Bräu⸗ tigam vorſtellen ſollte?“ fragte der Cine.— „Und dazu in einem Grade konfus, der alle Grade überſteigt,“ lärmte der Andere.* „Nun, die Herren machen ſo viele Fragen auf ein Mal, laßt mir in Gottes Namen die Zeit, mich zu ſam⸗ meln.“ Es lag am Tage, daß Madame Walberg ur ihr Zandern ſie nur peinigen wollte, um dadurch ihrer Mittheilung mehr Wichtigkeit zu geben. „Liebe, beſte, allerſüßeſte Madame Walberg, wir vergehen vor Neugierde! Während der fünf Jahre, die wir hier zuſammen ſind, hat der Alte die Thürſchwelle zu ſeinem Heiligthum nie anders, als im Schlafrock oder im Werktagskleid überſchritten. Und nun ſeine ungewöhnliche Aufführung!— Sagt uns doch ſchnell die Wahrheit!“ „Nun, wenn Sie mir verſprechen, zu ſchweigen, ſo darf ich Ihnen wohl erzählen, daß hier im Hauſe eine große Veränderung vorgehen wird. Ich habe ſchon lange geſehen, daß Eulen im Moore waren; denn manchen Abend hörte ich ihn ſeufzen, daß es mir recht ans Herz ging, und dabei ſagen: Alles iſt doch ſo einſam hier und leer! Es könnte wohl anders ſein, wenn... So hat er manchmal angefangen, aber immer mit wenn geendigt. Doch geſtern Abend löste ſich das Band ſeiner Zunge. Gerade wie ich ihm gute Nacht bieten wollte, ſagte er:„Haltet ein wenig Madame Walberg! Ihr habt nun ſeit zwölf Jahren zu meiner vollkommenen Zu⸗ friedenheit meinem Hausweſen vorgeſtanden, aber dieß genügt meinen Wünſchen nicht. Das Leben iſt für einen Einſamen ſo leer, und ich ſehne mich nach einer Genoſſin, 7 —— 58 die die dunklen Stellen deſſelben erhellen und mich glück⸗ lich machen könnte und wollte; mit Einem Wort, ich beabſichtige mich zu verheirathen. Das Mädchen iſt jung und unerfahren; deßhalb iſt mein Wunſch und Be⸗ gehr, daß in dieſem Fall Madame Walberg wie bisher, ſo auch künftighin die Regentin im Küchendepartement bleibe und als Haushofmeiſterin für meine junge Braut die Geſchäfte führe.“ „Ich weinte ordentlich, und verſicherte den recht⸗ ſchaffenen Herrn, daß ich im Leben und Tod ſeinem Hauſe getreu bleiben wolle. Und nun werden ſich die Herren denken können, daß er heute in Freiersangelegenheiten ausgegangen iſt.“ 8 Herren waren faſt ſprachlos vor Beſtürzung über ein ſo unerwartete Neuigkeit,—„Blos noch Eins,“ fragte der Eine,„wer iſt die Glückliche, die Regentin über dieſes Peru werden ſoll?“ „Ja, das iſt gerade das Wunderlichſte von Allem: und nie würden die Herren errathen! daß das ärmſte Mädchen in der ganzen Stadt dieſe Glückliche iſt, nämlich Fräulein von Horſt.“ „Marie von Horſt!“ riefen Beide zugleich.„Nun, das gibt eine bezaubernde Patronin! Welche Wonne, ſie alle Tage bei Tiſche ſich gegenüber zu haben. Ich muß in den Keller nach einer Bouteille Madera, daß wir auf das gute Vorhaben des Alten und⸗ deſſen glücklichen Er⸗ folg eins trinken,“ ſagte der eine der Herren, und ergriff einen großen Bund Schlüſſeel.. „Eile nicht ſo ſehr,“ ſprach der Andere;„es dürſte Schwierigkeiten geben, die unſer guter Prinzipal nicht in Betracht gezogen hat. Bei der letzten Schlittenpartie fuhr Doctor Klein das Fräulein von Horſt, und ein Jeder konnte einſehen, daß er ſie bedeutend auszeichnete. Daß Herr Billing mit all ſeinem Reichthum gegen einen ſolchen Rival nicht Stand halten kann, wenn nicht etwa in den Augen der Mutter, das getraue ich mir voraus⸗ zuſehen.“ 4 4 1 2 5 59 „Ach, Geſchwätz!“ ſiel Madame Walberg ein.„Da hat es keine Noth. Das Mädchen wird wohl ein bischen Verſtand haben, und was ſie nicht hat, hat die Mutter, und Augen für Beide. Doch ich muß jetzt meine man⸗ cherlei Geſchäfte beſorgen. Wie es auch ablaufen mag, ſo erinnern Sie ſich, daß Sie ſchweigen,“ ermahnte die Alte, und verließ das Zimmer in Geſellſchaft ihres obge⸗ nannten kleinen Goldjungen, welchen die Herren während des Geſprächs geleert hatten. Unterdeſſen wanderte der Großhändler Billing feier⸗ lichen Schrittes die Straße dahin gegen das kleine un wohlbekannte Haus am Nordthore. Da Frau von Horſt ihren alten, geehrten Freund ſo ausſtaffirt und gedanken⸗ voll in ſeinem ganzen Weſen neben ihr auf dem Sauha Platz nehmen ſah, fingen verſchiedene wunderliche Geban⸗ ken an, ſich in ihrem Gehirne hin und her zu wälzen. Ihr ſcharfes Auge hatte ſchon mehrere Male eine gewiſſe Aufmerkſamkeit und einige bedeutungsvolle Blicke bemerkt, die Herr Billing ihrer Tochter zuwarf; doch dieß war auf alle Fälle kein hinlänglich beſtimmtes Zeichen für die Alte, und ſie hatte nie den Gedanken an die Möglichkeit einer Verbindung zwiſchen dem reichen Billing und Marien gefaßt. „Hm, hm, recht verdrießlich, daß Klein gerade jetzt fort ſein muß! Iſt es dem Alten Ernſt, ſo wird er eine deutliche Antwort haben wollen. Hm, hm, wie ſoll man ſich da benehmen? Wenn das Maͤdchen doch nur ver⸗ nünftig wäre!“ Hier folgten drei bedenkliche hm— denn es war mehr als glaubhaft, daß Marie nicht vernünftig ſein würde.—„Es iſt mir unangenehm, daß der Doctor den letzten Abend, wo er uns beſuchte, nicht mit ſeinen Ge⸗ danken herausging. Nun werde ich ſchön in die Klemme kommen, und kann weder Ja noch Nein ſagen.“ So ſchloß Frau von Horſts ſchnell wechſelnder Gedankengang, während Marie den Kaffee einſchenkte, und Herr Billing über der Einleitung zu ſeiner Rede ſtudirte. Dieſe drei verſchiedenen Verfaſſungen veranlaßten ein Stillſchweigen, das Marie nicht begreifen konnte, das ſie aber für paſſend hielt, zu brechen.. „Erlaubt, Onkel,“ ſagte das Mädchen, welches von Kindheit auf gewöhnt war, Billing als einen zweiten Vater anzuſehen,„daß ich Ihm die Pfeife ſtopfen darf?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſprang ſie hinaus und kehrte bald mit der Pfeife und einem brennenden Wachs⸗ lichte zurück. „Danke, danke, mein ſüßes Mädchen!“ ſagte der Großhändler, indem er die Pfeife nahm und ihr die Hand küßte. „Nun wahrhaftig,“ rief Marie lachend,„Onkel iſt in ſeinen alten Tagen ſo außerordentlich artig, daß unſere jungen Herren ein Beiſpiel daran nehmen könnten.“ „Ei, wie alt meinſt du denn, daß ich ſei,“ perſetzte Billing in einem Tone, der ein leichtes Mißvergnügen und Verdruß ausſprach,„da du glaubſt, eine ſolche Artigkeit ſei für meine Jahre zu weit getrieben?“ „Ich weiß nicht ſo genau, beſter Onkel, etwa zwiſchen vierzig und fünfzig Jahren meine ichz aber was ich mit Sicherheit weiß, iſt dieß, daß es nicht meine Abſicht war, Sie durch meinen Scherz zu kränken. Sie wiſſen ja, ich bin ein närriſches Ding..“—— „Du biſt ein gutes Kind,“ antwortete er vollkommen beſänftigt;„aher du biſt auch ein verſtändiges Mädchen; deßhalb habe ich dir einen kleinen Vorſchlag zu machen.“ Frau von Horſt wagte kaum zu athmen.—„Du weißt,“ fuhr Billing fort,„daß ich jedes Jahr unter mei⸗ nen weiblichen Bekannten eine Wirthin auswähle, die dieſer Feierlichkeit vorſteht und ſich erhebt. Dieſer Tag trifft nun zwar erſt vierzehn Tage nach Johanni ein; allein ich wünſchte dich bei Zeit zu fragen, ob du dich für das nächſte Mal mit dieſem Amte befaſſen willſt.“ „Ach, Onkel Billing, Sie überraſchen mich auf das Angenehmſte! Sollte ich wohl die Auszeichnung ver⸗ 61 dienen, an dem Tage die Wirthin zu machen, der von der ganzen Stadt als der herrlichſte und fröhlichſte Feſttag im Jahre angeſehen wird.“ Frau von Horſt hatte eine gute Zeitlang voll Angſt geſchwitzt. So lange Marie nicht begriff, warauf Alles das zielte, ging es gut genug; aber die Mama ſah ein, daß, ſobald ſie es that, ſie ein oſſenes und klares Nein ſagen würde. Nun galt es. Bei Billings letzten Worten wurde die Sache allzudeutlich. „Marie! Marie!“ mit dieſem Ausruf hemmte Frau von Horſt den ſchon auf Billings Zunge ſchwebenden An⸗ trag, da ſie einſah, daß nur eine geſchickte Wendung das Spiel retten konnte;„Waſſer, Waſſer, Kind! mir wird ſo ſchlimm!“ rief ſie mit halb ſterbender Stimme, und das erſchreckte Mädchen ſprang im Augenblicke hinaus. „Entſchuldigen Sie mich,“ bat ſie mit zitternder Stimme ihren Gaſt, und verließ das Zimmer, ehe Marie mit dem Waſſer zurückkam. „Ach, liebe Mama, wie iſt es? fragte die beküm⸗ merte Tochter, und hielt das Glas an ihre Lippen. „O blos ein Schwindel, mein Kind; es geht bald vorüber. Aber es fällt mir nun etwas ein, das du ſchnell für mich beſorgen mußt.“ Zu dem Ende bekam Marie ſo viele Aufträge in der Stadt, als die Frau Mama für nöthig erachtete, um die Zeit, die Billing noch dableiben konnte, auszufüllen. Nach dieſen klugen Anordnungen begab ſie ſich vollkom⸗ maen wieder hergeſtellt, in das Geſellſchaftszimmer zurück, und entſchuldigte ſich, daß Marie, die ſich für heute Abend einer Freundin verſprochen habe, nicht zurückkommen könnte, aber ſie hoffte mit einem freundlichen Lächeln, daß ſte und ihr alter Freund ſich demungeachtet auf eigene Fauſt die Zeit würden vertreiben können. „Im Ganzen,“ antwortete Billing,„bin ich ebenſo froh darüber, und ich wende mich als ein rechtlicher Mann in einer Frage von großer Wichtigkeit an Sie, als die Mutter. Sie kennen meine Stellung im Leben; wollen 6² Sie mir, wenn das Mädchen nichts dagegen einzuwenden hat, die Hand deſſelben ſchenken?“ „Mein geehrter Herr Vetter,“ antwortete Frau von Horſt mit vieler Würde,„Sie erweiſen mir und meiner Tochter durch dieſen Antrag eine wirkliche Ehre, und ich kann Ihnen meine Dankbarkeit für Ihr Zutrauen nicht genug ausdrücken; allein Marie iſt noch ſehr jung. Ich hoffe, daß Sie es deßhalb nicht mißdeuten, wenn die Verſchämtheit eines Mädchens eine kleine Bedenkzeit be⸗ gehrt. „Gewiß nicht! gewiß nicht!“ erwiederte Herr Bil⸗ ling vergnügt; denn von dem beredten, verbindlichen Aus⸗ druck in Frau von Horſts Ton ſchloß er auf das Beſte; „das iſt ganz billig, Frau Schweſter, und mit Ihrer Er⸗ laubniß werde ich morgen Abend die Antwort einholen.“ Aber es lag keineswegs im Plane der guten Frau, daß die ausgebetene Bedenkzeit ſo kurz ſein ſollte; ſie wagte deßhalb ſehr artig einige weitere kleine Bedenklich⸗ keiten, nämlich daß Marie nicht ſo ſchnell ihren Entſchluß faſſen könne, und daß ſie glaube, man ſollte ihr wenig⸗ ſtens vierzehn Tage dazu laſſen. „Obwohl ich nicht einſehe,“ ſprach Billing,„wozu eine ſo lange Zeit nöthig iſt, will ich mich gleichwohl mit Geduld nach Ihrem Willen fügen. Es verſteht ſich von ſelbſt, Frau Schweſter, daß ſie nicht dazu beredet werden darf. Frei und ungezwungen, oder lieber gar nicht, will ich ihr Ja haben; und nach dem Uebereinkommen, das wir jetzt gemacht haben, treffen wir uns erſt heute über vierzehn Tagen wieder.“ Der verliebte Großhändler entfernte ſich nach dieſen Worten. „Vierzehn Tage,“ ſagte Frau von Horſt, und legte nachdenklich den Finger an die Naſe,„das kann nicht fehlſchlagen; und iſt Klein bis dahin nicht zurückgekommen, ſo wünſche ich, daß er nie wieder komme; denn dann würde vielleicht nichts daraus werden, und ich muß in —,5 ☛ 8 SSSͤ Sͤ— — — A „ geſchehen war und noch geſchehen ſollte, beeilte er ſich, 63 ſolchem Falle als Mutter handeln. Das Mädchen iſt noch ein Kind, und je weniger Zeit zur Ueberlegung für ein ſolches, deſto beſſer. Sie würde, wenn ich ſie jetzt bäte, die Sache in Erwägung zu ziehen, Himmel und Erde in Bewegung ſetzen. Nein, ich ſchweige, ſo lang ich kann, und damit Punktum.“ VII. Die Wiederkunft und damit verbundene Folgen. 8 O Weib! du biſt wohl ſtark, dein Sinn Iſt der Gefuble Heimath, und dein Herz Die Wiege jedes zärtlichen Begehrs; Doch Heldenmuth wohnt auch darin. Liedeblad. Etwa zehn Tage nach der ebenerwähnten Begeben⸗ heit arbeiteten ſich ein paar abgemattete Miethpferde mit einem Fuhrwerke durch den tiefen Weg in der Schneenäſſe 4 der Stadt zu. Es war ſchon ſpät am Abend, und der 3 Reiſende, in welchem wir unſern Doctor wieder finden, 5 erreichte, ohne einem einzigen Bekannten zu begegnen, ſeine einſame Wohnung. Ermüdet und aufgeregt von dem, was einige Stunden unruhigen Schlaf zu genießen. Das Ge⸗ rücht von ſeiner Ankunft hatte ſich bald in der Stadt ver— breitet, und kaum war er den folgenden Morgen auf, als Freunde und Bekannte herbeiſtrömten, um ihn willkommen zu heißen und ſeine Trauer zu beklagen.“ Erſt Nachmit⸗ tags konnte er ſich eine freie Stunde verſchaffen, eine Stunde, um die zu beſuchen, welche ihn jetzt mit inniger Sehnſucht erwartete, und der er auf immer Lebewohl 64 ſagen ſollte. Dieſer Beſuch war ſo ſchwer und von ſo kitzlicher Beſchaffenheit, daß unſer Held ganz unentſchloſſen war, wie er ſich benehmen ſollte. Uebrigens es mußte geſchehen, und mit ſchweren Schritten und noch ſchwere⸗ rem Herzen begab er ſich zu der früher ſo heißerſehnten Wohnung. Frau von Horſt war an dieſem Nachmittage auf Beſuch bei einer Freundin, und Marie war allein, als Klein eintrat. Mit einem Ausruf der Freude ſprang ſie von ihrer Arbeit auf, trat jedoch verlegen und beſtürzt einige Schritte zurück, als ſie die merkliche Veränderung in ſei⸗ ner Haltung, ſeinem Weſen, kurz in ſeiner ganzen Perſon wahrnahm. Klein machte eine ſtumme Verbengung, und während er ſich bemühte, ſeine heftigſten Gemüthsbewegungen zu beherrſchen, bll⸗ ſich Marie wieder, bot ihm einen Seſſel, und ſagte mit inniger Theilnahme:„Ich ſehe an Ihrer Kleidung den Verluſt, den Sie erlitten haben, und an Ihrem Ausſehen, wie tief Sie ihn betrauern; aber beruhigen Sie ſich, beſter Herr Doctor, und laſſen Sie Hoffnung und Friede wieder in Ihre Seele kehren!“ „O Marie! ſprechen Sie mir nicht von Friede und Hoffnung; die letztere findet ſich nicht mehr für mich, und den erſteren werde ich erſt dann wieder gewinnen, wenn der unruhige Schlag dieſes Herzens für immer aufhört.“ „Gott! wie können Sie ſo ſprechen? Hat Sie denn noch ein anderes Unglück betroffen, als Ihres Vaters Tod 2. 4 „Ja, meines Vaters Tod hat noch ein größeres Un⸗ glück mit ſich geführt, als ſeinen Hingang ſelbſt, ſo ſehr ich ihn auch liebte. O Marie!“ fügte er hinzu, und drückte krampfhaft ihre Hand in der ſeinen,„das iſt eine ſchreckliche Stunde.“— Er war dabei ſo blaß, ſo aufge⸗ regt, ſo wild, daß das arme Mädchen an jedem Glied zu zittern anfing. — — eine härtere Form angenommen hat, ſo braucht er ſie 6 h hat, 1 „In Gottes Namen, theurer Klein,“ flüſterte ſie bit⸗ tend,„kann ich Ihre Qual lindern, ſo reden Sie; dieſe Angſt iſt ganz unerträglich.“ „Ja, Marie, ich werde reden, da ich es muß. Erin⸗ innerſt du dich— verzeihe dieſe vertrauliche Benennung; ich bin in dieſem Augenblick am wenigſten im Stande, die angenommenen Gebräuche zu beobachten— erinnerſt du dich meiner Abſchiedsworte zu Halleberg? Ich bat dich damals, an mich zu denken, wie ich immer an dich denken wollte.“— Marie nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß ſie ſich deſſen erinnerte. „Nun wohl, wir haben lange ohne Worte einander verſtanden, und du wußteſt alſo, daß ich nicht jenen leich⸗ ten Austauſch von Gedanken meinte, der zwiſchen Bekann⸗ ten bei einer kurzen Abweſenheit Statt findet, ſondern jene Harmonie der Seelen und Gefühle, welche verwandte We⸗ ſen, die eine und dieſelbe Hoffnung vereinigt, nah und ferne mit einander theilen.“— Er hielt inne, und ſah ſie mit einem ſo wehmuthsvollen und traurigen Blicke an, daß ſie nahe daran war, in Thränen auszubrechen.— „Theure Marie, war es nicht ſo?“ fragte er. „Ja,“ antwortete ſie kaum hoͤrbar mit einem unter⸗ drückten Seufzer. „Was würdeſt du nun ſagen, wenn es jetzt ein Ver⸗ brechen für mich wäre, an dich zu denken?“ Als Klein dieſe Worte ausſprach, war ſeine Bewe⸗ gung ſo heftig, daß er kaum ſprechen konnte. Eine brennendheiße Thräne fiel auf die Hand, die er in der ſeinigen hielt. In einem Augenblicke, wo das Gefühl und die Pflicht einen Zweikampf auf Leben und Tod ſtreiten, und die letztere ſiegreich aus dem Kampfe geht, in einer ſolchen Stunde der Entſagung findet eine Thräne auch in dem männlichen Auge ihre Entſchuldigung; denn wenn auch der Stoff, aus dem der Mann gebildet wurde, Waldemar Klein. doch nicht zu ſchämen, Gefühl für Schmerzen und Auf⸗ opferungen zu hegen. Marie ſah empor, ihre Blicke be⸗ gegneten ſich, und der Ausdruck der ſeinigen machte ihr Blut zu Eis. „Ich verſtehe nicht; was für ein Verbrechen könnte das ſein?“ Aber in dieſem Augenblicke fielen ihre Augen auf den Ring; ſie deutete ſtumm auf d. ſelben, er machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopfe. „Verlobt!“ flüſterte ſie ſo leiſe, daß man nur das Lispeln einer Geiſterſtimme zu hören meinte. Ein ein⸗ faches„Ja“ entbebte ſeinen zuſammengepreßten Lippen. Mariens Haupt ſank auf die Hand nieder, und eine Li⸗ lienfarbe übergoß die Züge, die noch eben in der natür⸗ lichen Schönheit der Roſe geblüht hatten; die Lippen er⸗ kalteten, die noch vor einem Augenblick den Freuden des Lebens entgegenlachten; ihr Auge ſchloß ſich, und ſie wäre beſinnungslos niedergefallen, wenn nicht Klein ſie unter⸗ ſtützt und durch eifrige Bemühungen, bei denen der Lieb⸗ haber dem Arzte wich, ſie zu der traurigen Wirklichkeit zurückgerufen hätte. Aber als ſie wieder die Augen auf⸗ ſchlug und mit einem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes auf ihn ſah, da wurde ſeine Qual unerträglich. „Du verachteſt mich, Marie, und doch weiß Gott, wie unſchuldig ich bin.“ „Ich! ich ſollte dich verachten!“ antwortete ſie, und ihre Stimme wurde wieder feſter.„Ohne ein einziges Wort der Aufklärung halte ich dich für unſchuldig. Nein, Klein! du ſtehſt zu hoch in meiner Achtung, um ſinken zu können. Ich wollte lieber ſterben, als den Glauben an deine Redlichkeit verlieren. Deßhalb bin ich überzeugt, daß du genöthigt biſt, dich einem unausweichbaren Gebote des Schickſals zu unterwerfen.“ „O geliebte Marie! deine Worte erheben mich in dieſem Augenblicke in den Himmel; ich ſehe jetzt einen ſeiner heiligſten Engel vor mir. Dein unſchuldsvoller Glaube und deine feſte Ueberzeugung bürgen mir dafür,. daß du mir verzeihen und dein Mitleid ſchenken wirſt. N— V — 67 vor Allem, wenn du die Umſtände erſt kennen lernen wirſt, die meines Lebens Seligkeit zerſtoͤrt haben, jene Klippen, an denen meine theuerſten Hoffnungen geſcheitert ſind.“ Klein theilte ihr nun alle näheren Umſtände mit, und ſuchte ſo ruhig, als möglich, ſie Marien anſchaulich zu machen. Aus er geſchloſſen hatte, blieb Marie einige Augenblicke ſchweigend; dann ſtand ſie auf, reichte ihm die Hand, und ſagte:„Du haſt nicht anders handeln können, ich ſehe es ein, und wir müſſen uns für dieſes Leben trennen; aber unſere Gedanken mögen ſich im Ge⸗ bet für unſere gegenſeitige uhe begegnen, im Gebet zu dem, vor deſſen Beſchlüſſen wir anbetend in Staub ſinken, auch wenn ſie nicht mit den unſern übereinſtimmen. Er wird uns Kraft geben, die Laſt zu tragen, die er uns auferlegt hat, und gewiß dereinſt unſere Vereini⸗ gung gewähren, dort, wo keine Trennung mehr Statt findet. „Ach, du Engel!“ rief Klein aus,„du kennſt und faſſeſt den Schmerz nicht, der in meinem Buſen tobt; aber wohl dir, daß es nicht ſo iſt.“ „Sprich nicht ſo!“ erwiederte ſie ſanft.„Doch dieſe Stunde darf nicht verlängert werden; wir müſſen ſcheiden. Lebe wohl, Klein! Gott ſegne dich, und mache dich und ſie glücklich!“ „O fahr wohl, fahr wohl, du Einzige, die ich je⸗ mals liebte! Meines Lebens guter Engel, bete für mich!“ ſtammelte er, und drückte einen leichten Kuß auf ihre Stirne. Sie floh in ihr einſames Zimmer, wo ſie, in Thränen gebadet und in ſtillem Gebet auf die Kniee nie⸗ derſiel, um den anzurufen, zu dem ſie vertrauensvoll ihr Herz in dieſer erſten Prüfungsſtunde erhob, der ſie auf ihrem jungen, unerfahrenen Leben begegnete. 8 Noch ſtand Waldemar mit dem Blick gegen die Thüre gerichtet, durch welche ſie verſchwunden war, alles vergeſſend, außer daß er ſie verloren hatte, die ihm ſo unausſprechlich theuer war, als Frau von Horſt von ihrem. Beſuch heimkam, und ihn in einem Zuſtand fand, der ihr unbegreiflich war. „Um Gotteswillen, Herr Doctor, was geht hier vor? — Willkommen zu Hauſe! hätte ich zuerſt ſagen ſollen. Aber ſagen Sie mir, wie ſehen Sie aus? Warum ſind Sie allein hier, und wo iſt Marie?“— Alle dieſe Fra⸗ gen fielen wie Schlagwellen auf ihn. Ein ſolches Exa⸗ men war der Gipfel alles Unglücks. „So gut ich es vermag, will ich Ihnen antworten, beſte Frau von Horſt! Ich bin in der That krank, und Marie iſt fortgegangen, da wir ſo eben Abſchied von ein⸗ ander genommen haben und. „Was,“ fuhr ſ ſie quer darein,„ſchon wieder Abſchied genommen! Haden Sie die Güte und erklären Sie mir das ein wenig deutlicher.“ „Ich würde bereits Ihrem Wunſche nachgekommen ſeyn, gnädige Frau, wenn Sie mich nicht unterbrochen hätten,“ antwortete Klein, verletzt von dem Tone der Frau von Horſt. Er mußte nun wieder alle Umſtände der betrübten Geſchichte durchgehen, und es war keine leichte Sache, die Worte ſo zu wählen und zu ſtellen, daß ſie den genauen Mittelweg zwiſchen der Vernunft und der beleidigten mütterlichen Eitelkeit leiſhäslien. Ob Klein wirklich hinreichend Geſchick dazu b eſaß. oder ob Frau von Horſt ihren Vortheil bei ver Verrechnung fand, iſt nicht bekannt; aber genug, daß ſie ihn mit Theilnahme anhörte, und, am Schluſſe der Erzählung ant⸗ wortete:„Sie haben ein allzuſchönes Beiſpiel von kind⸗ lichem Ge chorſam gegeben, ein Beiſpiel, das ich für die Folge Jedermann zum Muſter aufſtellen will.“ In dieſen letzten Worten lag ein Anſtrich von Ironie, den Klein mißverſtand. „Ihre Worte lauten ſehr zweidentig,“ ſagte er kalt, „und die meinen waren vermuthlich nicht geeignet, Ihre Theilnahme zu erwecken; aber haben Sie ſie vielleicht nicht richtig aufgefaßt?“ „Sehr leicht möglich, Herr Doctor, daß ich die 5 bar ihre Hand. 69 8 8— 1. Endmeinung Ihrer Worte nicht auffaſſen kann. Die Handlung ſelbſt hat jedoch meinen vollkommenen Beifall. Aber was das betrifft, daß meine einfache Aeußerung zweideutig für ſie lautete, ſo erlauben Sie mir, Sie nä⸗ her damit bekannt zu machen. Der Großhändler Billing hat ſchon vor ein paar Wochen um Mariens Hand an⸗ gehalten; Sie werden mir alſo die Erklärung ſchenken, warum ich bis jetzt meine Tochter mit dieſem Antrag noch nicht beunruhigt habe. Genug, ich werde es jetzt thun, denn in drei Tagen kommt er, um Antwort zu er⸗ halten.“ „Wie!“ rief Klein heftig, und Leben und Bewegung kamen wieder in die Bildſäule,„iſt es mein Beiſpiel, das Sie ihr dann vorhalten wollen? Sehen Sie denn den weſentlichen Unterſchied zwiſchen meiner Lage, die mir keine andere Wahl ließ, und der ihrigen nicht ein? O ſeien Sie nicht ſo grauſam, verwunden Sie nicht ſo tief ihre und meine Gefühle!“ bat er beweglich. „Beſter Herr Doctor,“ erwiederte Frau von Horſt ſehr gefügig,„ich will ja Mariens Glück. Ich hätte es gerne auf eine andere Art gewünſcht; allein Sie wiſſen ſelbſt am Beſten, daß dieß nun nicht mehr geſchehen kann. Deßhalb dünkt es mir, daß ſie in Erfüllung der Wünſche ihrer Mutter, und verbunden mit einem Manne von ſo allgemein anerkannter Rechtſchaffenheit, nicht un⸗ glücklich ſein kann. Die Zeit wird ſie überdieß mit ihrem Schickſal verſoͤhnen.“ Klein ſchüttelte ungläubig den Kopf, ganz verwirrt von der unvorhergeſehenen Nachricht.„Ich wage kein Wort dagegen zu ſagen,“ ſprach er leiſe und bitter.„Sie werden ſie aber doch wohl nicht gegen ihren Willen dazu bereden?“ „Ich werde thun, was mir die Pflicht gebietet, und ſtelle es Gott und ihrem eigenen Herzen anheim, die Sache zu vollenden,“ — 4 antwortete ſie gerührt. Klein drückte dank⸗ Zum erſten Mal zeigte ſich die Mutter nicht fremd für die Gefühle ihrer Tochter. Mit inniger und tiefer Rührung ſchloß ſie das geliebte Kind in ihre Arme, und Marie fand ſich durch dieſen lebhaften und inni⸗ gen Troſt ſogar beglückt. Sie trocknete ihre Thränen ab, und gelobte ihrer mütterlichen Freundin, daß ſie ſtark ſeie, und ſich ihrer Liebe und Güte würdig ma⸗ chen wolle. Wäre jetzt Frau von Horſt klug genug geweſen, um das Mädchen eine Zeitlang ihren eigenen, ſtillen und ernſthaften Betrachtungen zu überlaſſen, ſowie dem neuen Genuß einer erhöhten warmen Theilnahme der Mutter an ihrem Schickſale, ſo wäre Alles gut gegangen; aber ſie, die kluge Mutter, wollte es machen, wie ſo viele andere Mütter vor ihr, ſie wollte das Eiſen ſchmieven, ſo lange es noch warm war, ohne zu bedenken, wie ſehr ſie durch ihren Eifer der Sache ſchadete, die ſie befördern wollte, hauptſächlich weil Frau von Horſt ihre eigene Ueberzeugung gewöhnlich für unfehlbar hielt, und da ſie glaubte, auf Marie in ihrer jetzigen Gemüths⸗ ſtimmung am beſten einwirken zu können, benützte ſie die Gelegenheit, um Billings Antrag und die Vortheile deſ⸗ ſelben ihr auseinander zu ſetzen. Sie beſchrieb ſie mit lebhaften Farben, erwähnte das Verſprechen, ihm ſchon in drei Tagen Antwort zu geben, und ſchließlich die Freude, die ſie durch ihre Zuſtimmung ihrer alten Mutter verur⸗ ſachen würde, deren wehrloſes Alter wie ihre Jugend eines Beſchützers bedürfe. Alle dieſe Vorſtellungen machten auf Marie denſel⸗ ben Eindruck, wie wenn ſie die wechſelnden Bilder in einer Zauberlaterne geſchaut hätte. Sie erwiederte wenig oder nichts, weder ja, noch nein, ſondern bat blos, zur Ruhe gehen zu dürfen, da ihr Kopf ſie ſo ſehr ſchmerze, daß ſie ihn kaum aufrecht halten könne. Frau v. Horſt war vergnügt; ſie wünſchte nicht mehr; daß Marie gar keine Einwendung gemacht hatte, überſtieg, was ſie zu hoffen gewagt hatte, und ſie glaubte die Sache faſt ganz 8 — n ³æᷣæᷣ—— 6—— 71 als abgemacht betrachten zu dürfen. Den wirklichen Zu⸗ ſtand des Mädchens, ihren verborgenen Schmerz, die Rein⸗ heit der mütterlichen Theilnahme bezweifeln zu müſſen, verbunden mit dem Lehagt der ſie getroffen hatte, wie alles das auf ſie einwirken mußte, das konnte die Mutter nicht faſſen. Ihre Hoffnung beruhte auf dem folgenden Tage; aber mit dieſem kam keine Verbeſſerung. Marie war zu matt und wirklich unwohl, um eine Unterredung mit ihr eingehen zu können, und den Tag darauf ſtieg Frau v. Horſts Unruhe auf ihren Gipfel. Der ausge⸗ machte Zeitpunkt war nahe und er kam ſogar herbei, aber nicht wie ſie es berechnet hatte. Es war ungefähr Vormittags” 9 Uhr, als die beiden Doctoren Fare und Klein in einer ernſten Unterhaltung begriffen, die Hauptſtraße hinaufgingen. Bei einem hefti⸗ gen Laufen hinter ihnen und einem:„Halten Sie, Herr Doctor! Halten Sie doch!“ wandten ſich beide um, unge⸗ wiß, we nem von ihnen dieſes hitzige Gebot galt. Da ſtand Frau v. Horſts Stinchen.—„Ihro Gnaden läßt den Herrn Doctor grüßen, und bitten ihn, er moͤchte ſo gut ſein und ſchnell zu ihr kommen.“ „Nun, wie ſo, Jungferchen ⸗ fragte dsfer„iſt Ihro Gnaden krank?“— „Nein, nicht ſie, aber das Fräulein iſt ſehr ſchlimm, ein ſtarkes Fieber, und jetzt heute morgen hat ſie angefan⸗ gen zu phantaſiren.“ Kleins Lage war nicht beneidens swerth.—„Wie bald kann ich dich antreffen?“ fragte er Fate mit erkünſtel⸗ ter Ruhe.— „Um Mittag bei mir ſelbſt zu Hauſe,“ antwortete die⸗ ſer und verſchwand mit dem Mädchen. Die Stunden, die noch bis zum Mittag bevorſtunden, wurden Jahrhunderte für Waldemar. Nie hatten ſeine Patienten den freundlichen und mitleidsvollen Doctor ſo unfreundl ich und düſter gefunden, als heute. Endlich ſchlug es ein Uhr, und gleich darauf ſtand er an der Thüre zu Fares Studierzinnüer. „Nun?“ war ſeine einzige kurze Frage. „Was, nun?“ fragte dieſer läͤchelnd. „Entſchul dige, mein Bruder,“ fuhr Klein fort,„ich bin verwirrt; ich wollte wiſſen, wie ſich Fräulein v. Horſt befindet.“ „Ah, das habe ich ganz vergeſſen! Sie liegt am Nervenſieber. G. iſt ſchrecklich,“ fügte er hinzu, indem er that, als bemerkte er ſeines Freundes innere Bewe⸗ gung nicht,„wie die Krankheit in dieſem Stadttheil um ſich greift.“ „Es iſt doch keine Gefahr vorhanden?“ fragte Klein in einem Ton, dem er vergebens Feſtigkeit zu geben ſich bemühte. Er verrieth jedoch weit mehr, als eine ge⸗ wöhnliche Theilnahme, weßhalb Fare, der nun auf das wirkliche Verhältniß ſchloß, mit leichter Ironie ant⸗ wortete: „Der Herr Bruder wird ſelbſt wiſſen, daß man bei einer Krankheit von ſolcher Beſchaffenheit nicht den andern Tag ſchon für die Folgen ſtehen kann. Danke Gott, ſo lange dir nicht deine junge Braut eine ſolche Unglückspoſt ſchreibt. Bei der Kenntniß, die ich im Allgemeinen von den Frauenzimmern beſitze, bin ich gewiß, daß ſie ihre ſtolze Stirne gerunzelt hätte, wenn ſie dein Ausſehen bei dieſer Gelegenheit geſehen hätte.“ „Glaubſt du das?“ verſetzte Waldemar, der in dem Augenblick, wo ſeine Braut erwähnt wurde, wieder ganz auf Erden und vollkommen gefaßt war.„Das würde ſie in meinen Augen nicht gut kleiden; denn ich fordere, was ich gebe, Vertrauen und laſſe meine Ehre nicht antaſten.“ Die letzten Worte wurden mit einer Erhebung der Stimme begleitet, die ſein Wirth ſehr wohl verſtand; aber weit entfernt ſich verletzt zu finden, ſagte er ſcher⸗ zend:„Du ereiferſt dich unnöthiger Weiſe, mein Ehren⸗ paſcha! Ich hatte kein anderes Mittel, dich wiederherzu⸗ ſtellen, da du eben, wie es mir ſchien, einen Anfall von dem gefürchteten Eiſenfieber bekamſt. Glaube mir,“ fügte 73 er herzlich hinzu,„ich meinte es gut, und handelte, wie ein Freund immer thun ſollte.“ Sie verſtanden ſich vollkommen, ſchüttelten einan⸗ der die Hände, und brachten das Geſpräch auf andere Dinge. Vezur nämlichen Zeit erhielt Herr Billing von Frau v. Horſt folgendes Billet. „Mein hochgeehrter Freund! Mit dem größten Schmerz benachrichtige ich Sie, daß der Tag, von dem ich hoffte, ja wirklich allen Grund hatte zu glauben, daß er zu unſerer aller Zufriedenheit endigen würde, im Gegentheil ſich in einen Trauertag ver⸗ wandelt hat. Marie iſt am Nervenſieber erkrankt, und Doctor Fare, der hier war, konnte noch keine Auskunft darüber geben. Wir wollen indeſſen das Beſte hoffen, und aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. Mit der groͤßten Hoch⸗ achtung, des Herrn Vetters— gehorſamſte Dienerin, Sophie v. Horſt.“ Der redliche alte Billing, der ſich dieſes Tages ſo ſehr gefreut hatte und ganz neu aufgelebt war, bei der Vorſtellung von dem ſchönen, angenehmen Leben, das er ſeiner jungen Gattin bereiten wollte, zum Erſatze dafür, daß ſie ihm ihre Hand und ihr inniges, zärtliches Wohlwollen ſchenken würde— denn weiter erſtreckten ſich ſeine Anſprüche nicht— er wurde ſo muthlos über dieſen Wink des Schickſals, daß er ſich faſt das ganze Vorhaben aus dem Sinne geſchlagen hätte. Er blies den Rauch in großen Wirbeln aus ſeiner Pfeife, bis er faſt ganz von Wolken umhüllt war. Das war ſeine Lieb⸗ lingsgewohnheit, wenn er uber Etwas nachſann. Alles ſchien ihm dann klarer und faßlicher aus den luftigen Gelbilden die er empor blies, entgegen zu ſchauen, und überallher meinte er kleine Troſtgründe herflüſtern zu 1 hoͤren. Das Endreſultat ſeiner Nachgrübeleien war alſo, in Folge der Mitwirkung der kleinen guten Geiſter, fuͤr diesmal die Zeit abzuwarten und zu hoffen. Das wird dem als ein geringer Troſt erſcheinen, der weiß, wie ſehr es die Hoffnung verſteht, die Sterblichen zu verhöhnen, und wie ſie, wenn ſie entflieht, nur die Erinnerung an ihr Verſprechen und die Wunde zurückläßt, die uns der unter der Blume verborgene Dorn reißt. Aber dieſe Erinnerungen erweckten nicht die geringſte Beſorgniß bei Billing. Nach einer Weile ſchellte er:„Hört, liebe Madame Walberg, ich ſpeiſe heute hier allein auf meinem Zimmer.“ — Ein paar verlegene Huſten folgten darauf.—„Aus unſerer kleinen Feſtlichkeit für heute Abend wird nichts; hm, hm, hm.— Mit einem Wort es wird nichts daraus — wenigſtens bis auf weiteres.“ Dieſe Anordnung wurde Herrn Billing ſichtbar ſchwer. Madame Walberg entfernte ſich ſchweigend. Nachmittags, als ſie den Herrn den Kaffee auf s Komptoir brachte, hielt ſie ſich jedoch dafür durch einen heftigen Ausfall gegen Frau v. Horſt und ihre Tochter ſchadlos, und ſtieß dabei ſo wild gegen ihren kleinen Goldjungen, daß er umfſiel und zur Rache ſie und die Herrn mit dem warmen Inhalte überſchüttete, der natur⸗ lich beſtimmt war, auf eine ganz andere Art zu ver⸗ ſchwinden. 75 VIII. Iunlie, das Schickſal, Erſchrecken und Wirrwar. Es gibt Stunden, wo der Pfeil des Schmer⸗ zes in uns zittert und aller Raum uns zu eng ſcheint. Wir fühlen einen dunkeln, unbeſtimmten Wunſch, fortzueilen, eine faſt wahnſinnige Sehn⸗ ſucht, uns ſelbſt zu entfliehen. 1 Bulwer. An einem herrlichen und klaren Maimorgen, wo die lächelnde, aufblühende Natur in üppiger Pracht die ganze Menſchheit zum Frieden und Genuſſe ihrer ſtillen Freu⸗ den einzuladen ſchien, ſtand an einem der hohen Fenſter von Knapergaarden deſſen Beherrſcherin, die ſchöne IJulie, und ſchaute in den weiten Raum hinaus. Es gehörte nicht zu den Lebensgewohnheiten dieſer jungen Dame, ihr Schlafzimmer zu der frühen Stunde zu verlaſſen, in der ſie heute wach war. Aber was vermag das Alltägliche Einerlei der Gewohnheit gegenüber von jener unbekannten Unruhe, jenem Drängen, jenem raſtloſen Triebrad der Gefühle, welches die dunklen, geheimnißvollen, Schickſals⸗ mächte in Bewegung ſetzen, um den menſchlichen Geiſt auf einen noch unbekannten, jedoch geahnten Eindruck vor⸗ zubereiten?. Eine ſolche, eine höchſt ſeltſame Unruhe hatte Julien faſt die ganze Nacht wach erhalten, und ſie ſo frühzeitig heraufgeführt. Die Angſt und ſonderbare Gemüths⸗ ſtimmung war jetzt, ſeitdem ſie mit Waldemarn verlobt war, nicht mehr ſo ungewöhnlich bei ihr, als in den frühern Tagen, wo ihr Leben blos zwei Endzwecke hatte, zu gefallen und zu herrſchen. Hie und da hatten beſſere und edlere Gefühle ſich mit den vorigen vermiſcht. Dieſe neugeborene Knospen, erzeugt in verändertem Erdreich, hätten vielleicht, ſorgfältig gepflegt, ſich zu Blüthen und dann zu herrlichen Früchten entwickelt; aber es fehlte an einer geſchickten Hand, um ſie aufzuziehen, und ſie blieben leider nur Knospen, die von dem fleißig aufſchießenden Unkraut überwachſen wurden. Julie St— hal, frühzeitig durch den Tod der lei⸗ tenden Sorgfalt einer guten Mutter beraubt, wurde in einem Alter von 12 Jahren in eine der vornehmſten Pen⸗ ſionen geſchickt, wo die Bildung junger Frauenzimmer beſorgt wird. Die Aeußere wurde in hohem Grade vol⸗ lendet, die Innere blieb bedeutend vernachläßigt. Die Grundzüge ihres Gemüthes waren Stolz und ECitelkeit, die von einigen beſſeren Neigungen nicht gemildert wur⸗ den. Wohl kannte ſie das Beſſere, und beſaß einen Reichthum von wärmeren⸗Gefühlen im Grund ihres Her⸗ zens; aber ſie geriethen beſtändig in Streit mit ihren bei⸗ den Hauptfehlern, und mußten ihnen gewohnlich weichen. Als ſie nach einer Abweſenheit von drei Jahren wieder in die Heimath zurückkehrte, bezauberte ſie Jedermann durch ihre Schönheit, ihre Talente, ihr lebhaftes und anmuthiges Weſen, ja ſogar durch ihren Stolz und den glänzenden Ton, den ſie anzunehmen wußte; denn ſie that Alles mit Anmuth. Wenn man dazu das große Bermögen fügt, das ſie zu erwarten hatte, ſo war es natürlich, daß ſie in hohem Grade bewundert werden mußte. Glücksritter von allen Seiten fanden ſich ein, um aus ihrer Gunſt ein Loos für ſich zu ziehen. Sie hatte ihren Scherz mit Allen, ohne einem einen Vorzug zu geben. Das war ein weites Feld für ihren Stolz und ihre Citel⸗ keit, auf welchem ſie gerne jagte, aber ſich dabei wohl in Acht nahm, ihr Wild nicht zu verwunden und ſomit zu verſcheuchen. Das Haus des Gutsherrn St— hal war immer als gaſtfrei angeſehen worden; aber ſeit Julie die Auf⸗ ſicht über ihres Vaters Haushalt übernommen hatte— in ſo weit nämlich das Recht alle die Befehle auszu⸗ führen, die ein launenhafter Geiſt auffinden kann, dieſe „—— 77 Benennung verdient— hatte dieß in ſolchem Grade zugenommen, daß der alte St—hal manchmal im Stillen ſeufzte, und wünſchte, Julie moͤchte bald eine Wahl treffen, durch welche dieſer Lärm und dieß Getoͤſe auf⸗ hörte. Den Sommer vorher, ehe die ECreigniſſe vorfielen, die wir jetzt erzählen, hatte Waldemar, als er ſeine Verwandten zu Brunkenäs beſuchte, die Bekanntſchaft mit Julien erneuert. Als Kinder hatten ſie oft zuſam⸗ men geſpielt, da er, Guſtav, Karoline und Iulie ſich immer bei einer der beiden Familien trafen. Er hatte ſie viele Jahre nicht geſehen, ſeitdem ſie ſchon lange von der Penſton wieder zu Hauſe war. Es ging ihm, wie den meiſten Andern, er wurde von ihren äußern Reizen ganz geblendet, und erwies ihr viel Artigkeit; aber ſeine Gefühle waren gleichwohl nicht in dem Grade gefeſſelt, daß ſie ſeine beſſere Ueberzeugung beſiegen oder einmal beherrſchen konnten. Er ſah bald ein, daß ſie leichtſinnig, ſtolz und launiſch war, Eigenſchaften, die keineswegs zu der Zeichnung paßten, die er ſich von ſeiner künftigen Gattin entworfen hatte. Er legte Ju⸗ liens Fehler auf die eine Wagſchale, ihre Schoͤnheit, ihren Reichthum und ihre Verdienſte auf die andere. Nun glich er hier und dort aus, allein es wollte ihm nicht glücken, das Gleichgewicht zu erhalten. Die Wagſchale, in der das beſſere lag, flog in die Luft, die andere ſank, und damit war Waldemars Beſchluß gefaßt. Er konnte ihn um ſo leichter ausführen, als er nie ein Wort von Liebe gegen ſie geäußert hatte. Um dieſe Zeit ſuchte und erhielt er die Stadtarztſtelle in W—, lernte dort Marie kennen, und vergaß, daß es eine Julie gab, woran er je⸗ doch durch ſpätere Ereigniſſe lebhaft erinnert wurde. Mit ihr verhielt es ſich gerade entgegengeſetzt. Sie erkannte und war vollkommen davon überzeugt, daß ſie Waldemarn warm und innig liebe. Er beſaß ihre Ach⸗ tung in hohem Grade; und ſie war überzeugt, daß ſie 3 mit keinem andern Manne auf Erden das Glück finden würde, das ihr eine Verbindung mit ihm ſchenken konnte. Bei dieſen Gefühlen hätte man von ihr eine weiſere Hand⸗ lungsweiſe als bisher erwarten ſollen; aber die alte Luſt, ſich ihrer Gewalt zu vergewiſſern, ehe dieſe noch befeſtigt war, ſchadete ihr. Das ſah ſie ſelbſt ein, und griff deß⸗ halb zu einem noch ſchlimmeren Mittel, nämlich zu dem, ihn eiferſüchtig zu machen, indem ſie ihm ihre vielen Ero⸗ berungen und die Art und Weiſe, wie ſie damit ſpielte zu erkennen gab. Als auch dieſer Ausweg fehlſchlug, beſchloß ſie die wahren Gefühle ihres Herzens zu verbergen, that als ob ſie alle Andern ihm vorzoͤge und zeigte die groͤßte Kälte und Gleichgültigkeit. Aber da er nun, aller ihrer Launen müde, abreiste, ohne ſich erklärt zu haben, ärgerte ſie ſich bitter über ihr Benehmen, verwünſchte ihren Leicht⸗ ſinn, verabſchiedete ihre Anbeter und beſchloß eine voll⸗ ſtändige Umänderung mit ihrem Kopfe und Herzen vor⸗ zunehmen. Während dieſer Verbeſſerungspläne, die zum Theil wirklich ſchon bewerkſtelligt waren, hielt der alte Klein für Waldemarn um ihre Hand an. So unvermuthet am Ziel ihrer Wünſche, ſchob ſie die Verbeſſerungen bis auf Weiteres auf. Waldemars verändertes, beinahe kaltes Benehmen gab ihren Gedanken und Träumen nun eine neue Richtung. So ſollte der nicht ausſehen, der die hohe Auszeichnungen ihres freiwilligen Ja's genoß. Sie konnte ſich das nicht erklären, und ſeine Briefe ſprachen keineswegs von der Sehnſucht, und dem ſchmerzlichen Vermiſſen, das ſie ſo gerne gehört hätte; im Gegentheile trugen ſie alle den Stempel der Ruhe, einer allgemeinen edlen Denkungsart, der Feinheit im Gefühl und eines faſt zu großen Ernſtes in Stoff und Behandlung. Kurz, Julie fand, daß das nicht die Sprache der Liebe war, und empfand einige Unruhe darüber. Dazu kam der Verluſt ihrer verſchwundenen Bewunderer, für welche ſie einen allzugeringen Erſatz in einem ſo beſcheidenen Bräu⸗ tigam hatte. Sie ſchrieb deßhalb Waldemarn und bat ⁸0 ⏑ ⏑———— n 79 ihn, nach Knapergaarden zu kommen. Aber entweder fehlte ihm die Luſt dazu, oder war ſein Vorgeben richtig, als er antwortete, daß ein ſtarkes Nervenfieber in W— den Aerz⸗ ten verbiete abzureiſen— genug, er kam nicht, und nun fing ihr Stolz an, ſich in Aerger Luft zu machen. Eine dunkle Hoffnung flüſterte ihr wohl zuweilen zu:„er kommt;“ doch dieſe Hoffnung betrog ſie, und vergebens ſtarrten ihre Augen nach der Gegend hin, wohin ihre Ge⸗ danken in Unruhe und Sehnſucht ſchwebten. An dieſem Morgen nun, als Julie mit Hülfe ihrer Lorgnette wieder damit beſchäftigt war, entdeckte ſie einen dunklen Punkt im Thale. Nach und nach wurde der Ge⸗ genſtand deutlicher, und am Ende erſchien er als ein Fuhr⸗ werk mit zwei Reiſenden. Die Krümmung des Wegs, der den langen, hohen Rücken hinaufging, der auf dieſer Seite zu dem Hofe ſelbſt führt, entzog ihr den Anblick der⸗ ſelben; ihr Verlangen war nun auf den Gipfel ge⸗ trieben. Aber wenn jetzt eine Aſtrologe ſein Horoskop geſtellt hätte, ſo würde er gewiß die Konſtellationen nicht günſtig gefunden haben. Der Planet, der ihr Schickſal be⸗ ſtimmte, ſtand bereit, eine andere Bahn, als die vorher berechnete zu betreten. Das Schickſal und ihre eigene Schwachheit beſtimmten ſeine Richtung. Julie, unge⸗ duldig darüber, daß ſie die in ihre Mäntel eingehüllten Reiſenden nicht erkannte, rief Karolinen, welche eben in das Zimmer eintrat, zu:„Meine Beſte! komm und ſieh doch, wer die Herren ſind, die in dem kleinen Wagen dort nahe auf dem Rücken erſcheinen. Glaubſt du, daß es Waldemar iſt?“ Hätte Julie einen Blick auf Karolinen geworfen, ſo hätte ſie deutlich an ihr errathen, daß ſie wenigſtens den Einen im Wagen erkannte. Aber Julie hatte andere Dinge zu thun. Ein erneuertes:„Nun, was ſagſt du?“ brachte Karolinen zu ihrer gewöhnlichen ruhigen Be⸗ ſinnung. „Das iſt nicht Waldemar, ſondern, wie mir dünkt, dein Bruder, und der Andere ein Offizier.“ „Ah!“ rief Julie und klatſchte vor Freude in die Hände.„Das iſt herrlich; denn wenn Guſtav der Eine, iſt, ſo iſt der Andere ſicherlich der Baron v. K—, von welchem er, wie du dich erinnern wirſt, uns ſchrieb. Gott ſei Dank! ich nehme ſo wenigſtens auf einige Zeit gute Nacht von dieſem langweiligen und einförmigen Leben. Beſte Karoline!“ wendete ſie ſich zu der, welche am Fen⸗ ſter ſtehen blieb, während Julie ſchnell ihren Anzug vor dem Spiegel muſterte;„Ich weiß, daß du nicht ſo kritt⸗ lich oder wenn du willſt, nicht ſo eitel biſt, als ich! Em⸗ pfange du die Herrn, während ich mich putze.“ Anſtatt zu antworten, that Karoline einen durchdrin⸗ genden Schrei, und eilte blitzſchnell hinaus. Raſch ſtand Julie, am Fenſter und ſah noch den letzten Schein von einem entſetzlichen Schauſpiel. Der Wagen, ein kleiner, leichter Holſteiner, hatte faſt die Höhe des Hügels gewon⸗ nen, als der Bolzen, der die Deichſelſtange feſthielt, her⸗ ausſprang. Das eine Pferd wurde ſcheu und riß die Stränge entzwei. Die Pferde warfen ſich auf die Seite, und der Wagen rutſchte mit einer ſolchen Schnelligkeit in die Tiefe, daß er und die Reiſenden in einem Augenblick vor dem nachgaffenden Poſtillone verſchwanden, der unge⸗ achtet aller Beſchwoͤrungen und Ermahnung, als das Un⸗ glück geſchah, nichts als dem Wagen nachſehen konnte. Julie ſah das; doch ſie ſchrie weder, noch fiel ſie in Ohn⸗ macht. Sie öffnete das Fenſter; man hörte nicht einen Laut von den Unglücklichen im Thale unten. Karoline und das ganze Hausgeſinde eilte hinab; ſogar der alte Bergherr vergaß ſeine Gicht, und humpelte nach. Julie ſtand unbeweglich:„Ich kann nichts dabei helfen,“ ſagte ſie leiſe, wie wenn ſie dadurch ſich ſelbſt vor den Vorwür⸗ fen verwahren wollte, die ihr ihr beſſeres Ich über die Herzloſigkeit machte, mit der ſie dem Unglück ihres Bruders und eines ihres Gleichen zuſchaute. — 81 „Wäre Guſtay allein, ſo würde ich mich keinen Augenblick bedenken; aber— der Baron— wie wenig zu meinem Vortheil würde ich mich jetzt zeigen, und der erſte Eindruck!“ Eine leiſe, warnende Stimme aus der Tiefe ihres Herzens flüſterte dabei Waldemars Namen. „O,“ ſprach ſie laut, wie wenn ſie ſie betäuben wollte, „Waldemar iſt auch gar zu gleichgültig, und ich habe 1 nicht die Abſicht, in Knapergaarden ein Nonnenkloſter einzurichten.“— Ihr Auge fiel jetzt auf den Verlobungs⸗ ring, und die Liebe zu dem Abweſenden flammte in einem ſtillen Seufzer auf. Aber ach! wieder erhoben der Leicht⸗ ſinn und die Gitelkeit ihren Scepter, und bald nahmen ſie Sitz und Stimme ſowohl im Kopfe als im Herzen ein. Sie ſtreifte den läſtigen Zeugen ihrer verlorenen Freiheit vom Finger, legte ihn in eine Lade nieder, und ſagte:„Ich liebe Waldemarn mehr als mein Leben; aber ich glaube, ich bin zu ſchwach und blind geweſen. Ehe er nicht wieder kommt, und ich in ſeinem Aug und . Herz das Gefühl leſe, das ich wünſche und fordern kann, trage ich dieſen Ring nicht.“ Sie ſchlug haſtig den Deckel zu, und ſtellte ſich hinter die niedergelaſſenen Rollgardinen, um ins Thal hinabzuſehen. Julie war nicht unedel, ihr Herz war warm und gut; aber wie Tauſende ihres Geſchlechtes, hatte ſie ſich nie bemüht, ihre Gefühle und die Beweggründe ihrer Handlungen ernſtlich zu prüfen. Sie konnten mit Hiero⸗ glyphen verglichen werden, und Julie huldigte der Ein⸗ gebung des Augenblicks, wie dieſe auch ſein mochte, wenn ſie nur in ihrer Eitelkeit einen Verbündeten 2* zählte. Karoline und der Buchhalter des Gutes waren in⸗ deſſen die erſten unten am Bergrücken geweſen; aber keine Spur zeigte ſich von den Reiſenden, nicht ein Laut, der zu erkennen gegeben hätte, wo ſie zu finden wären. Sie ſpähten auf der Seite hin, und entdeckten dort den Wa⸗ gen umgeworfen und in dichtes Buſchwerk verwickelt. d Die Knechte, welche herbeigekommen waren, faßten ihn — 6 4 8 Daldemar Klein. 4 an, um ihn aufzurichten, und gewahrten ihren jungen Herrn, der mit Blut bedeckt und beſinnungslos unter dem Wagen lag, welcher jedoch vom Gebüſche aufgehalten, nicht über ihn gegangen war. Er war mit dem Kopfe gegen das Rad geſtoßen, und durch ein halbes Wunder war er nicht an einem nahe dabei liegenden Steinhaufen zerſchmettert worden. Einen Augenblick ſtanden alle ſtumm vor Erſtaunen und Schmerz. Karoline erholte dere Perſonen den jungen Herrn aufhoben und auf den Grasboden trugen, gab ſie ſchnell Befehl, eine Tragbahre herbeizuſchaffen, auf der der Ohnmächtige hinaufgebracht werden ſollte, ging dann dem alten Bergherrn entgegen, um ihn auf das vorzubereiten, was geſchehen war, und erinnerte ihn, ſchnell einen Eilboten nach dem Arzte ab⸗ gehen zu laſſen. Unterdeſſen verſuchte ſie, obwohl fruchtlos, Waſſer, Eſſig und eau de Cologne mit einem Worte Alles, was man bei einem ſolchen Schrecken auf dem Lande anwen⸗ den kann. Erſt als der junge Bergherr all die Fürſorge erhalten hatte, die die Umſtände erheiſchten, erinnerte ſich Karoline, daß er einen Reiſegefährten gehabt habe; Nie⸗ mand hatte in der Verwirrnng an den armen Rittmeiſter gedacht. Sie, der Buchhalter und ein Paar gaffende Mägde wandten ſich deßhalb raſch weiter, und nachdem ſie ihre Entdeckungsreiſe eine Zeit lang nach allen Rich⸗ tungen hin fruchtlos fortgeſetzt hatten, führte ſie endlich der Schall leiſer, abgebrochener Flüche auf die andere Seite des dichten Gebüſches, in dem der Wagen umge⸗ ſtürzt war. „Das iſt wenigſtens ein gutes Zeichen,“ rief der Buchhalter und ſprang nieder zu dem Rande deſſelben. Hier, in dieſem ſumpfigen Loch befand ſich unſer alter ſich zuerſt, und während der Buchhalter und einige an⸗ Bekannter, der Baron von K. in einer höchſt unange nehmen Lage.„Zum Henker! ei! ei— verflucht— oho — oh— ach! denkt denn Niemand an mich?“ Er be⸗ mühte ſich vergebens, feſten Juß zu faſſen: der eine 4 8 5 . ——:⁰ꝗ- 5 —A— ◻ uð-——— 2 Arm war aus dem Gelenke gebrochen, und ein Fuß ver⸗ dreht. So oft er es verſuchte, ſich mit dem guten Arm auf dem Lehm zu ſtützen, machte der Schmerz im Fuß, daß er in dieſelbe Stellung zurückglitt. Seine Geduld war beinahe erſchöpft; und da lag nun der Sohn des Mars, der geſchlagene Held, außer Standes auf die Beine zu kommen, da lag er, ein Gegenſtand des Mit⸗ leids und des Gelächters, als der braye Buchhalter, nicht ohne ein gewiſſes Verziehen des Mundes, ſeine ſchwere Verlegenheit und ſein eitles Streben gewahr wurde, das vielleicht ein treffendes Bild abgab, von der raſtloſen Sehnſucht mancher Menſchen, emporzukommen. Brink bat Karoline vorauszugehen, da er und die Mägde ſchon mit ihm fertig werden würden. Hierauf ergriff er den Rittmeiſter feſt um den Leib, die Hülfstruppen hüpften ins Gebüſch, um ſeinen Beinen denſelben Dienſt zu thun, und ſo trugen ſie mit vereinten Kräften den von Aerger, Schmerz und von Koth übervollen und geplagten Helden hinauf und ſetzten ihn in das Gras nieder. „Ich hoffe,“ ſagte der Buchhalter, ein netter, junger Mann,„daß Sie nicht gefährlich verletzt ſind?“ „Ich bin verdammt entzweigeſchlagen,“ antwortete der Baron barſch. „Ich bedaure,“ fuhr der Erſtere fort, ärgerlich über dieſe kurze, unhöfliche Antwort. „Aber da der beklagenswerthe Zuſtand des jungen Bergherrn unſere Fürſorge erfordert, ſo werden Sie ent⸗ ſchuldigen, daß ich Sie, ſo weit Sie es nicht ſelbſt ver⸗ mögen, auf meinen Arm geſtützt, zum Wauſe hinauf gehen laſſen muß. Wie ich vermuthe, iſt es der Rittmei⸗ ſter v. K., dem ich die Ehre gehabt habe beizuſtehen? Mein Name iſt Brink, Buchhalter des Bergwerkes dahier,“⸗ fügte er mit einer höflichen Verbeugung hinzu. „Entſchuldigen Sie, Herr Buchhalter; aber der ver⸗ dammte Schmerz im Arm läßt mich Alles vergeſſen,“ ſagte der Rittmeiſter mit einem einſchmeichelnden Lächeln. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, daß Sie in dieſem Unter⸗ einander an einen Unbekannten denken.“ Brink war leicht verſohnt, und nachdem er dem Baron mit vieler Dienſtfertigkeit aufgeholfen und ihm einen ſtar⸗ ken Stock in die geſunde Hand gegeben hatte, begannen und ſchloßen ſie glücklich ihre Wanderung zum Wohnhaus hinauf. Brink führte den Rittmeiſter in ein Gaſtzimmer. Und als er ihm aus dem übelzugerichteten Reiſekleid ge⸗ „ holfen hatte, überließ er ihn wohl umbettet auf dem Sopha ſeinen Betrachtungen über die ungleiche Art, womit er in der Wirklichkeit in dieß Haus eintrat, und die, womit er ſeinen Einzug hätte halten wollen. Aber da fehlgeſchla⸗ ene Hoffnungen ein Poſſen ſind, den das Schickſal einem jeden ſpielt, ſo tröſtete ſich der Baron mit dem Gedanken: „Nichts iſt ſo ſchlimm, daß es nicht für Etwas gut wäre. Das gibt einen guten Vorwand, um dem Ererzieren zu entgehen, und dieſe Zeit wohl angewendet, kann das Ende beſſer machen, als der Anfang war. Ich erinnere mich in einem Dichter geleſen zu haben, daß die Zeit Roſen bringe. Vor der Hand wünſchte ich jedoch, daß ſie bald einen geſchickten Arzt hieher brächte, und dann, daß man unter dieſer Unordnung nicht das Mittageſſen— und mich dazu vergäße.“ 2 3 — X= S—————— 8⁵ IX. Lage und Verhältniſſe im Hauſe, des Ritt⸗ meiſters Vorſtellung. So ſaß zu ſeinen Häupten ſie. Von Sorg und Mitleid eingenommen. egnér. Endlich war beinahe der vierte Tag nach dem ſchrecklichen Ereigniſſe verfloſſen. Der Doctor hatte nun das entſcheidende Wort Hoffnung ausgeſprochen, jedoch unter der Vorausſetzung einer äußerſt pünktlichen Pflege und einer getreuen Befolgung ſeiner Verordnungen. Zwei Tage war Guſtav St-—hal ohne Beſinnung ge⸗ legen. Dann ſtellte ſich ein hitziges Fieber mit ſtarkem Phantaſiren ein. Jedoch gab ihn der Doktor nicht ver⸗ loren; aber exr ſagte zum voraus, daß eine längere Zeit hingehen würde, bis er vollkommen geneſen werde. Der Rittmeiſter befand ſich gerade ſchlimm genug, um nach ſeinem Wunſche ein ärztliches Zeugniß zu be⸗ kommen, daß er durch ſeine ſchweren Zufälle außer Stan⸗ des ſei, dem Erxerciren anzuwohnen. Der Arm war zwar, nachdem er wieder in ſeine gehörige Lage eingerichtet worden war, bedeutend geſchwollen. Aber dieſe Plage war noch nichts im Vergleich mit der, daß ſein Fuß ſich nicht in den Stiefel einzwängen laſſen wollte, wodurch er des Vergnügens beraubt worden war, den Damen ſeine Aufwartung zu machen. Sich mit dem Arm in ein ſchwarzes Tuch geſchlungen ſehen zu laſſen, das war noch thunlich Der Rittmeiſter meinte ſogar unter An⸗ derm, als er ſeine Figur in dem großen Spiegel betrachtete, dieß gebe ihm ein gewiſſes pikantes Ausſehen. Aber mit einem Stiefel und einem Pantoffel aufzutreten, das war weder pikant noch anſtändig, weßhalb er bis auf weiteres 86 den Beſuch einſtellen und ſeine alten Troſtgründe wiede verſuchen mußte. Der Bergherr hatte ihn mehrere Male beſucht, und der leichte, angenehme Ton im Umgang, den der Baron vollkommen in ſeiner Macht hatte, wenn er glaubte, daß es ſich der Mühe verlohne, nahm den Hauswirth in ſol⸗ chem Grade zu Gunſten ſeines Gaſtes ein, daß er den Rittmeiſter ganz ungekünſtelt bat, zu thun als ob er hier zu Hauſe wäre, welches Anerbieten er mit vieler Dank⸗ barkeit anzunehmen verſprach und heimlich beſchloß, es ſo lange als moͤglich zu benützen. Es waren ſchon einige Monate des Jahres verſtrichen, an deſſen Schluſſe die Accordſumme bezahlt werden ſollte. Und der Ritttmeiſter, der nicht wußte, daß die Schweſter ſeines Freundes ver⸗ lobt war, hatte demzufolge ganz wichtige Gründe für ſeine Plane. Die Verbindung zwiſchen Julien und Waldemar war ſchnell nach Guſtavs Abreiſe geſchloſſen worden. Er wußte nicht das Geringſte davon, da Julie ihn mit dieſer Neuigkeit bei ſeiner Nachhauſekunft über⸗ raſchen wollte. In Folge des mittheilungsloſen Zuſtan⸗ des, in den er jetzt verſetzt war, konnte es ihm nicht an⸗ vertraut werden, und nach ſeiner langſamen Wiederge⸗ neſung ließ ſie es aus irgend einem Grunde, den ſie ſelbſt gewiß am beſten kannte, außer acht. Der Bergherr dachte entweder gar nicht daran, oder er hielt Guſtavs Zuſtand noch für zu ſchwach, um ihn mit einer Nach⸗ richt zu beunruhigen, die auf ſeine Gefühle einwirken konnte. Kurzum die Sache war abgemacht, und wurde nicht weiter erwähnt, bis ein Zeitpunkt eintrat, der ein Licht über das Dunkel brachte, in das ſie mit oder ohne Abſicht gehüllt war. Am vierten Tage Abends ſechs Uhr, begleitete der alte Bergherr den Doctor hinaus durch den Gang. Der Doctor ſollte abreiſen, und die beiden Herrn ſchienen ſich vorgenommen zu haben, in Höflichkeit mit einander zu wetteifern und ſich in Komplimenten und Dankſagungen zu überbieten. Unterdeſſen war Herr Brink beſchäftigt, † 87 einen Spieltiſch in des Rittmeiſters Zimmer zu ſtellen, welcher, da er ſeine Zeit nicht angenehmer hinbringen konnte, erfreut über dieſe Anordnung war. Während er ſeines Wirthes Znrückkunft erwartete, ließ er ſich ganz artig in ein Geſpräch mit Brink ein über den vortrefflichen Betrieb des Werkes, den Belauf deſſen, was ein ſolches Eigenthum abwerfen müßte, mit verſchiedenen höflichen Fragen, die man natürlicherweiſe blos macht, um einen Stoff zur Unterhaltung zu haben. Brink betrachtete ſie auch als ſolche, und beantwortete ſie heiter und auf eine Art, die den Baron ganz beſonders aufgeräumt machte.— Doch dieſer ſo oft erwähnte Brink verdient eine nähere Bekanntſchaft. Er war einer der vortrefflichen Menſchen, die ſich nicht auf eine Sache beſchränken. Als erſter Buchhalter war er gewiß ſehr in Anſpruch genommen; und doch war er nebenbei Knapergaardens Alles in Allem. War z. B. der alte Bergherr durch ſeine Gicht im Lehnſtuhle zurückgehalten und der junge nicht daheim, ſo übernahm Brink die Pflichten des Hauswirths nicht allein beim Zureden am Trinktiſche, ſondern auch in allen andern Beziehungen. Waren viel Fremde da, ſo half er Fräulein Julien die Gaſtzimmer anordnen, die Plätze am Tiſche, verſchiedene Vergnügungen u. ſ. w., wogegen er zum Verdruſſe der andern Herrn das Glück genoß, das Notenblatt umwenden zu dürfen, wenn ſie ſpielte, Muſter zeichnen, und die Haushaltungsrechnungen aufzuſetzen, welche jeden Monat von Julien ihrem Va⸗ ter übergeben werden mußten. Er war übrigens ihr wahrhafter Freund, und der Einzige, von, dem ſie eine vernünftige Zurechtweiſung und ein ernſtliches Wort duldete. Aber außer allen dieſen Aemtern hatte er noch ein weiteres, er mußte nämlich, im Falle der dritte oder vierte Platz an einem Spieltiſche leer war, immer bei der Hand ſein, ihn einzunehmen. In Folge einer ſol⸗ chen Gelegenheit laſſen wir ihn nun in des Rittmeiſters Zimmer. 88 Julie hatte indeſſen, müde ihrer Sehnſucht— wahr⸗ ſcheinlich derſelben, an der der Rittmeiſter litt, nämlich zu wiſſen, wie ihr erſtes Zuſammentreffen ausfallen würde müde ihres kranken Bruders und des Doctors, der nie reiſefertig werden wollte, und auch etwas über Brink ärgerlich, der verhindert war, ihr vorzuleſen, ſich in ihr Zimmer begeben, um wo msglich alle dieſe Ver⸗ drießlichkeiten über der Lektüre des„Schloſſes Kenilworth“ zu vergeſſen, welches Werk ſie als Geſellſchafter mitge⸗ nommen hatte. Und obwohl Jeder, der es geleſen hat, gerne geſtehen wird, daß es den anſpruchsvollſten Erwar⸗ tungen entſprechen kann, ſo ſind wir doch genöthigt, zu bekennen, daß es Julien nicht zufrieden ſtellte. Nachdem ſie eine Seite geleſen hatte, warf ſie das Buch weit hin⸗ weg in eine Ecke des Zimmers, und verübte dieſelbe Ge⸗ waltthat an drei oder vier andern natürlich ebenſo un⸗ ſchuldigen Gegenſtänden, über denen ihre ſchlechte Laune ausbrach. Bei dieſen war ſie nicht weiter als bis zum Titelblatt gekommen. Gänzlich fremd ſolchen revolutionären Empfindungen ſaß Karoline einſam, von Nachtwachen und Unruhe er⸗ ſchöpft, bei dem Kranken; denn der Doctor hatte ſich mit den Verordnungen, die er hinterließ, immer an ſie und Herrn Brink gewendet. Die Arbeit war auf ihre Kniee niedergeſunken, eine Thräne um die andere ſtahl ſich über ihre Wange, und mit zurückgehaltenem Athem lauſchte ſie auf die abgebrochenen Worte des in unruhigen Fieber⸗ ſchlummer verſenkten Kranken. Nach einer Weile ſah ſie auf die Uhr, und fand, daß die Zeit da war, wo Guſtav eines ſeiner Pulver einnehmen ſollte. Sie miſchte es leiſe in ein wenig Waſſer, erweckte ihn und ſtützte ſein Haupt, während er es verſchluckte, was gegen alle Ge⸗ wohnheit ohne Widerſpenſtigkeit geſchah. Er erkannte ſie wieder deutlich; denn er behielt ihre Hand in der ſeinen, und ſagte kaum hörbar:„Geh nicht fort, im Fall ich einſchlafe,“ worauf er wieder ſchnell einſchlummerte. Karoline ſaß nun in einer gebückten und ſehr be⸗ — — n 89 ſchwerlichen Lage da, ohne daß ſie es wagte, ſich zu be⸗ wegen, voll Schaam und Furcht, wenn Jemand kommen würde. Ihr Herz ſchlug ſo ſtark jedes Mal, wenn etwas draußen über den Boden des Vorzimmers ging, daß ſie glaubte, der Ankommende müſſe deſſen Schlag gut hören, ſchon ehe er die Thüre öffne. Dieſe Furcht war jedoch umſonſt. Es war mißlich und ſchwer, den jungen Berg⸗ herrn in Geſellſchaft zu bringen, wenn er geſund war; jetzt, da er krank war, konnte man mehr als ſicher ſein, daß Niemand von dem niederen Geſinde hereinkam, ohne vorher gehoͤrig gerufen worden zu ſein. Sie wären lie⸗ ber eine Viertelmeile in dem gräßlichſten Unwetter für ihren jungen Herrn geſprungen, als daß ſie eine Viertel⸗ ſtunde lang bei Fräulein Karoline an ſeinem Krankenlager Platz genommen hätten. Die übrigen Mitglieder des Hauſes waren auf die oben angegebene Art beſchäftigt. Aber Karoline, die das nicht wußte, konnte ihre Angſt nicht länger aushalten, und zog ihre Hand zurück. Sogleich erwachte Guſtav, ſah mit einem mißtrauiſchen Blicke auf, und lispelte:„Du willſt dich losmachen, war⸗ um will Karoline nicht eine Stunde bei mir wachen?“ „Ach, ſage nicht ſo, Guſtav!“ antwortete ſie, froh, ihn vernünftig ſprechen zu hören, aber gleichwohl unan⸗ genehm berührt von dem in ſeinen Blicken ausgedrückten Mißvergnügen.„Ich habe ja alle Tage und Nächte bei dir gewacht; Brink, Julie und ich und wir Alle,“ fügte ſie hinzu, da ſie fürchtete, zu viel geſagt zu haben. „Ach, wie lange her iſt das geweſen?“ fragte er. „Vier Tage; aber ſprich nicht weiter, Guſtav; der Doctor ſagt, es ſei gefährlich.“„Ach, du Gute!“ ſeufzte er, und ſah ihr freundlich bittend in's Auge.„Verſprich mir, nicht zu gehen, ſo will ich ſtill ſein und wieder ſchlummern; denn,“ ſetzte er leiſe hinzu,„ich ſehe und ſpreche dich auch da.“ „Ich will gerne da bleiben, Guſtav; aber nur nicht...“ ſie machte da eine Bewegung um ihre Hand zu be⸗ freien, die er bei den letzten Worten wieder gefaßt hatte „du ſiehſt wohl ein...“ „Ja, ja, ich ſehe nur zu wohl ein,“ antwortete er und ließ ſie raſch fahren,„daß du launiſch und kindiſch biſt wie alle andern Weiber.“— Und er, der bis da⸗ her beinahe unbeweglich dagelegen war, wendete ſich nun ſo haſtig um, daß er einen ſchwachen Schrei ausſtieß, den ihm der Schmerz an ſeinem verwundeten Kopfe ver⸗ urſachte. Die arme Karoline war ganz rathlos. Sie ſaß ſchweigend und ſtille da, und weinte bitterlich, ſowohl über ihre, wie es ihr jetzt ſchien, unnoͤthige Verſchämt⸗ heit, als über Guſtavs Härte. Dieſer, den ſie einge⸗ ſchlafen glaubte, weil er ſtille blieb, hörte jedoch nur zu wohl, daß ſie ſchluchzte. Aber er war ſo abgemattet, daß er nicht im Stande war zu reden. Nach einer lan⸗ gen, ſchweren Weile ſchien es ihr jedoch, als hörte ſie ihn ihren Namen flüſtern. Sie beugte ſich nieder, ſtrich ihm mit der einen Hand die Haare aus der Stirne, legte die andere ohne Zaudern in die ſeine, und bat innig: „lieber Guſtav, ſag ob du mir verzeihſt, und ob du dich nicht ſchlimmer befindeſt?“ Ein ſanftes Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen:„Ich bin zwar ſchwach, aber glücklich; ſey nicht bange und rufe Niemand!“ Dieſe Worte konnte ſie eher errathen, als hoͤren, und ſo ſchwer es ihr auch war, ihnen nachzukommen, ſo that ſie doch, um was er ſie bat. So waren mehrere Stunden verfloſſen, ohne daß er erwacht war, und ſie dankte Gott in ihrem Herzen, als Brink kam, um ſie abzulöſen, und verſicherte, daß dieſer Schlaf natürlich und gut war. Wiederum waren mehrere Tage vergan⸗ gen. Jetzt konnte endlich der Rittmeiſter ſich ſeiner bei⸗ den Stiefeln bedienen, und der bevorſtehende Abend war zu ſeiner erſten Aufwartung beſtimmt. Julie, benachrich⸗ tigt daß die lang erſehnte Stunde endlich ſchlagen ſollte, hatte mit beſonderer Umſicht und Geſchmack ihren An⸗ 91 zug geordnet. Der Theetiſch war in dem prächtigſten Zimmer ſervirt, und ſie ſelbſt ſaß auf einem Divan da⸗ vor, als die Doppelthüren ſich öffneten, und der Berg⸗ herr von ſeinem Gaſte gefolgt, eintrat. Im ſtolzen Be⸗ wußtſein ihrer Reize erhob ſich Julie, als ihr der Vater den Rittmeiſter, Baron von K.— vorſtellte.— Und die einfach nachfolgenden Worte:„meine Tochter,“ klangen ſo ſehr im Tone ſtolzer Zufriedenheit, daß Julie ihren Vater für die Krone aller Väter erklärte. Nun kam die Reihe an Karoline. Des Rittmeiſters Blick überlief während ſeiner leichten, anmuthigen Verbeugung die ganze Perſon des Mädchens. Er, ein Kenner des Schönen, fand ihr Aeußeres ſehr angenehm; aber neben Julien war dieß auch Alles, was der Baron finden konnte. Er wandte ſich ſchnell zu ſeiner jungen Wirthin, und beklagte mit der ausgeſuchteſten Ar⸗ tigkeit in Ton und Ausdruck, daß ihn die Noth zu der Kühnheit gezwungen habe, auf eine ſo läſtige Art die Gaſtfreundſchaft ſeiner Wirthe in Anſpruch zu nehmen. „Nennen Sie es nicht ſo, Herr Baron,“ fiel Julie ein;„der Freund Guſtavs kann in meines Vaters Hauſe nie ein beſchwerlicher Gaſt ſein. Wir beklagen Alle auf⸗ richtig Ihr Mißgeſchick.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, meine Gnädige,“ ſprach der Baron im leichten Geſellſchafstone, der ſein eigent⸗ liches Element war,„bediene ich mich Ihrer eigenen Worte: Nennen Sie es nicht ſo. Dieſes Mißgeſchick, wie Sie es zu nennen belieben, ſehe ich als das groͤßte Glück an, denn es erlaubt mir, länger als ich zu hof⸗ fen gewagt hatte, in Knapergaarden zu verweilen. Und es iſt nur Guſtavs bedenklicher Zuſtand, der meine Freude über das vollkommene Behagen, das ich hier fühle, ver⸗ mindern kann.“ „Wahrhaftig, Herr Rittmeiſter,“ ſcherzte Julie,„Sie müſſen geſtehen, daß alle Marsſöhne eine unüberwind⸗ liche Neigung haben, ſich ohne Rückſicht auf Zeit und Ort in der kunſtreichen Sprache der Galanterie zu üben. Ich möchte faſt glauben, daß jenes ein Umſtand iſt, den Sie nie in Betracht ziehen, aber vielleicht täuſche ich mich, und Sie ſind am Ende ein Liebhaber der Einſam⸗ keit. In dieſem Falle bekenne ich, daß das düſtre, unge⸗ wöhnlich dunkle Eckzimmer, das Sie bewohnen, allen An⸗ ſpruch auf Annehmbarkeit hat.“ „Obwohl ich mir ſelten einen ſo großen Verſtoß zu Schulden kommen laſſe, mit einer Dame ungleicher Mei⸗ nung zu ſein, ſo ſehe ich mich doch hier genöthigt, eine Ausnahme von der Regel zu machen; denn ohne mich im Geringſten zu Ihrer Behauptung zu verſtehen,“ ſprach der Baron lächelnd,„bleibe ich mit voller Ueberzeugung auf der meinigen, und kann verſichern, daß ich dieſes ein⸗ ſame Zimmer gegen kein anderes, wäre es hier oder unter allen Zimmern der Welt austauſchen möchte.“. „Nun, das muß ich ſagen!“ rief Julie mit unver⸗ ſtelltem Erſtaunen aus.„Nie glaubte ich, daß man ſo viel Freude an einem Eckzimmer ſinden könnte. Aber er⸗ lauben Sie mir, Ihnen eine Taſſe Thee anzubieten!“ „Einen Göttertrank, wollen Sie ſagen, meine Gnädige! Aber,“ fing unſer Baron wieder an, der fand, daß es gegen den guten Ton ſtreite, länger allein mit Julien zu ſprechen, und ſich deßhalb an die ganze Geſellſchaft wandte,„das erinnert mich an einen ſehr poſſierlichen Auftritt, von dem Guſtav und ich auf einem Balle in L— y Zeuge waren, am Abend, ehe wir nach Kopenha⸗ „ en abreisten.“— Nun folgte in guter Ordnung die g g 9 Erzählung von der Begebenheit, die unſre Leſer ſelbſt mit angeſehen haben. Als ſie beendigt war, wollten Julie, der Bergherr und Brink beinahe berſten vor Lachen; denn der Baron hatte ſehr viel Talent ſolche Scenen zu ſchil⸗ dern. Nur Karoline, die engelgute Karoline konnte nicht lachen; ſie dachte ſich die große Verlegenheit der armen Baronin von H.— Und da ſie ſie perſönlich kannte, ſo konnte ſie ſich nicht enthalten, mit einigen ernſthaften Aeußerungen gegen den ſarkaſtiſchen Angriff des Barons 93 zu Felde zu ziehen. Die Unterhaltung wendete ſich bald auf andere Stoffe, und unter anderem fragte der Berg⸗ herr:„Haſt du gehoͤrt, meine Tochter, wann wir auf dem Probſthofe Hochzeit haben werden.“. „An Johanni, Papa, und ich behaupte, daß der Ritt⸗ meiſter dort eine hübſche Gelegenheit haben wird, ſein Tage⸗ buch mit vielen anmuthigen Anekdötchen zu verſehen, die dann von ihm gehörig ausſtaffirt, nächſten Winter in den Geſellſchaften, denen höchſtderſelbe beiwohnt, Glück machen werden.“ Der Bergherr machte mit dem Finger eine drohende Bewegung gegen ſeine Tochter und der Baron von dem lebhafteſten Geſellſchaftston aufgeheitert, erwiederte:„Neh⸗ men Sie ſich in Acht, meine Gnädige, daß ich nicht über Sie allein Hochzeitsanekdötchen in Umlauf bringe.“ „In dieſem Falle wünſche ich Ihnen alles Glück.“ Karoline wurde nun hinausgerufen, und da der Berg⸗ herr bei Seite mit Brink ſprach, nahm der Baron die Gelegenheit wahr und ſuhr fort:„Erlauben Sie. mir, Ihnen den geheimnißvollen Reiz mitzutheilen, den ich in meinem Zimmer gefunden habe?“— „Mit vielem Vergnügen, ich bin äußerſt neugierig darauf.. Der Herr Rittmeiſter haben gewiß Geiſtergeſichte ehabt? 3„Errathen! Das Geſicht war ein himmliſches, ob⸗ ſchon in körperlicher Geſtalt. Alle Vormittage habe ich von dem Fenſter aus, das die Ausſicht auf das Baum⸗ gut hat, Sie mit dem Baumgutaufſeher an den Gängen auf⸗ und niedergehen ſehen, um ihm Ihre Anordnungen mitzutheilen. An den Nachmittagen habe ich von dem Fenſter, das auf die große Allee geht, Sie mit Herrn Brink oder Ihrer Freundin Ball ſchlagen ſehen. Und endlich an den Abenden, wenn ich die Thüre öffnete, war ich ſo unſäglich glücklich, die Töne Ihres Fortepia⸗ nos aufzufaſſen, die Sie mit der klangvollſten Stimme, die je mein Ohr erreichte, akkompagnirten. Und nach dieſer Beſchreibung hoffe ich, werden Sie einſehen, daß 94 mein glückliches Leben in dieſem Zimmer ſeinen guten Grund hatte.“ „Sehr verbunden,“ verſetzte Julie lächelnd;„wenn der Grund nicht gerade gut iſt, ſo iſt es wenigſtens nicht der Fehler des Bewohners. Aber“ ſetzte ſie ablenkend hinzu:„es würde Guſtav eine große Freude machen, wenn Sie einen Augenblick vor dem Souper nach ihm ſehen würden. Er ſehnt ſich ſchon lange nach ſeinem Neiſe⸗ gefährten.“ Der Baron betrachtete den Wink und entfernte ſich mit dem Herrn. Guſtav hatte gewiß kein Verlangen nach ihm geäußert; aber Julie wollte für heute Abend den Strom ſeiner Wohlredenheit hemmen, und ſie griff deßhalb zu dem natürlichſten Mittel, das ihr beifiel. Die eigentliche Urſache davon war ein dunkles Gefühl von Pflicht, das ihr gebot, nicht auf dieſe Sprache zu lauſchen. —„O, wäre nur Waldemar hier,“ ſeufzte ſie; aber er iſt entſetzlich kalt, und der Baron iſt gewiß nicht gefähr⸗ lich. Ich brauche mir das Vergnügen nicht zu verſagen, das ich in einem ſo geringen Erſatze, wie eine unſchuldige Galanterie iſt, finde. Doch Waldemars Grundſätze ſind ſtreng in dieſer Hinſicht, und es kommt mir als ſeiner Braut wohl zu, darauf Acht zu haben. Braut! Dieſes Wort iſt, glaube ich, nicht der rechte Ausdruck für unſer Verhältniß; denn daß nicht Alles ſo iſt, wie es ſein ſollte, das habe ich, mehr als für meine Ruhe gut iſt, bemerkt. Wäre es doch anders! Aber wie es nun ſteht, ſo finde ich, daß der Rittmeiſter ein ſehr willkommener Ableiter für den Verdruß iſt, der mich plagt.“— So ſtritten Pflicht 4 und Eitelkeit mit einander, und die letztere behauptete wie gewöhnlich, den Platz. —— ℳ— Wir wenden uns wieder zu Waldemar zurück, und leiſten ihm in einer Soirée bei dem Bürgermeiſter Geſellſchaft. Die Seele ſpannt alle ihre Kräfte dur Flucht, und ſehnt ſich nach den chwingen des Morgens, Bulwer. Der Anfang Juni's war da. Für Waldemar floßen Wochen und Monate gleich einförmig dahin. Sein Be⸗ ruf als Arzt gab ihm hinlänglich Beſchäftigung, und ſchenkte ihm ſogar eine und die andere wirklich frohe Stunde, die ſein warmes, menſchenliebendes Herz genoß, wenn er einer armen Familie den Hausvater, oder eine Mutter den vaterloſen Kindern rettete. Ihre Dankbar⸗ keit war für ihn ein ſtilles Feſt, eine Noſe gebrochen von dem Stocke, deſſen noch übrig gebliebenen Knospen eine unwandelbare Erndte für den Beſitzer verſprachen, der aus dem früheren reichen Kranz ſeiner Herzensblumen nur dieſen einen Schößling hatte bewahren können. Aber das war auch Alles. Seine Freunde fanden nicht mehr den lebendigen, frohen Geſellſchafter an ihm. In den Kreiſen, wo er früher den Mittelpunkt alles Angenehmen und Heitern abgegeben hatte, ſehnte man ſich vergebens, ihn wieder zu erblicken. Und kam er ja einmal, ſo er⸗ ſchöpfte man ſich in eitlen Vermuthungen darüber, was den Liebling der ganzen Stadt, den guten, muntern Doctor in einem ſolchen Grade habe veräͤndern können. Nach dem Geruchte ſollte das junge Frauenzimmer, mit dem er verlobt war, ein Ideal aller Vollkommenhei⸗ ten ſein. Dieß hätte alſo eine Urſache mehr für ihn ſein ſollen, heiter zu ſein. Einige wenige ſcharfſichtige Perſonen vertrauten zwar einem oder dem andern näheren Freunde die heimliche Urſache dieſer Veränderung an; aber andere noch ſcharfſichtigere lachten verächtlich über —— 8— — —— — 96 ſo grundloſe Einbildungen, und die eigentliche Urſache blieb unerforſcht. Waldemar ſelbſt war ſo ſehr in ſeine eigenen ſtillen Betrachtungen verſenkt, daß er es nie be⸗ merkte, wie er der Gegenſtand der Andern geworden war. Durch Fare erfuhr er, daß Marie nach ſechswö⸗ chentlichem Kampfe mit dem Nervenfieber wieder auf und ſogar einige Male ausgegangen war. Aber ſie ſchienen auf beiden Seiten alle Orte zu vermeiden, wo ſie ſich treffen konnten, weßhalb er blos noch einmal, und auch dann nur von der Entfernung aus, den Gegenſtand der Träume wieder ſah, die zugleich ſeine Wonne und ſeine Qual ausmachten. Dieß geſchah eines Vormittags, als er von dem Lazarethe zurückkam. Da er um eine Ecke biegen wollte, gewahrte er Frau von Horſt mit Marien, die ſich auf den Arm des Großhändlers Billing ſtützte. Waldemar blieb ſtehen, buchſtäblich wie am Boden feſt gewachſen, und eine Menge neugieriger Köpfe guckten aus den Fenſtern, um zu ſehen, was der Doctor ſo an⸗ ſtarrte. Er ſtand wie das Bild eines Helden vom ſeligen Lafontaine, den Blick unverwandt auf die Herannahenden geheftet, und beſonders auf Mariens marmorbleiche Wan⸗ gen, worüber er die Angſt vergaß, die er ihr dadurch ver⸗ urſachte. Aber da ſie nun aufzublicken wagte, und Wal⸗ demar in ihren Augen die qualvollſte Unruhe las, faßte er ſich ſchnell, und machte ſich in ſolcher Eile in entgegen⸗ geſetzter Nichtung davon, wie wenn er von einer Legion Höllengeiſter verfolgt würde. 3 Ein gutes Stück außerhalb der Stadt angekommen, fing er an, ſeine verwirrten Begriffe wieder zu ordnen. Das erſte, deſſen er ſich klar erinnerte, war, daß Herr Billing ganz höflich ſeinen Hut abgenommen und ſeine Hand zum Gruße ausgeſtreckt hatte, gerade als er, wie ein Verrückter, auf ſeinem Wege fortrannte. Hierauf drängte ſich ihm der peinigende Gedanke auf:„Das wird nun wohl abgemacht ſein, da ſie ſo vertraulich mit einander ſpazieren gehen.“ Die dritte Vorſtellung, die in ihm erwachte, war, was Billing von ſeinem ſonderbaren — 28 —-————,——— ...GʒGʒG-G-G-, 97 Benehmen denken und wie er ihn auslachen würde, im Fall er die Urſache davon kannte. „Verdammt!“ rief er laut, aber da kam die vierte und letzte Erinnerung, in Geſtalt von Mariens ſchmerz⸗ lichem Blicke.„Guter Gott!“ ſeufzte er nun,„ſie iſt gewiß ſehr unglücklich. Ich halte es nicht aus, ſie zu ſehen. Aber in ihrem Weſen lag doch auch ein hoher Grad von Ergebenheit, und ich will nicht länger ein Narr ſein, auf den ein verſtändiger Mann mit dem Fin⸗ ger zeigt. Was einmal geſchehen iſt, kann nicht geändert werden. Hm! wenn ich nur beſtimmt wüßte, ob ſie ver⸗ lobt wären!“ 1 Er bemühte ſich ernſtlich, als der Verſucher wieder auftrat, nicht mehr an dieſe Sache zu denken, und ſuchte mit aller Macht, ſich Juliens Bild zurückzurufen. Aber dieſe mühſam erkampfte Ruhe ward wieder fortgeblaſen, und gewaltſam warfen die aufrühreriſchen Stürme des Herzens ſeine Ueberzeugung wieder in dem heiligen Hafen jenes allmächtigen Gefühls über den Haufen. In dieſer Gemüthsſtimmung kehrte er wieder heim, machte einige Gänge im Zimmer, nahm die alte Familienbibel aus einem Futteral, ſchlug ſie auf, und die erſten Worte, auf die ſeine Augen trafen, waren folgende: „Eines rechtſchaffenen Mannes Gebet vermag viel, wenn es ihm ernſt iſt,“ unterſtrichen von ſeines Vaters eigener Hand. Waldemar war in hohem Grade religiös, und es war ihm, wie wenn des Hingeſchiedenen Geiſt dieſe Worte ſeinem aufrühreriſchen Gemüthe zugeflüſtert hätte. Er fühlte ſich dadurch beruhigt. Für den Anfang beſann er ſich, ob es nicht das beſte Mittel wäre, ſich in ſeinen guten Vorſätzen zu be⸗ feſtigen, wenn er ſo ſchnell als möglich um die Erlaub⸗ niß bitte, auf einige Wochen nach Knapergaarden zu reiſen. „Aber ich will mich doch auch in meinem gewöhnlichen Geſellſchaftskreiſe zeigen, und verſuchen, das wieder zu ſein, was ich früher war.“ Waldemar Klein. 7 — .—— 4 —————— 98 „Während deſſen fiel ſein Blick auf ein Billet, das er dieſen Morgen erhalten hatte, und das eine Einladung auf den Abend bei Bürgermeiſters enthielt.„Ich gehe hin,“ ſagte er, obwohl er ſchon mit Nein geantwortet hatte. Entſchluß und Ausführung war eins. Um acht Uhr ſtand unſer Held im Vorplatz des Bürgermeiſters, und ein paar Augenblicke ſpäter machte er ſeine Bücklinge durch den ganzen Salon, den Hut in der Hand, bis an das andere Ende, wo die Wirthin ihren Platz eingenom⸗ men hatte. Die Verſammlung war zahlreich und das Geſpräch lebhaft. Aber da der Leſer unmöglich wiſſen kann, was man in der guten Stadt W. unter einer leb⸗ haften Unterhaltung verſteht, ſo dürfte ihm ein kleines Probeſtück davon nicht unwillkommen ſein. Man ſtelle ſich fünf Fenſterpfeiler in des Bürgermeiſters Salon, alle auf einer Seite, vor. Unter jedem ſtanden kleine Auf⸗ ſchlagtiſche, um welche junge Damen ſaßen. Die Negli⸗ gés und unbedeckten Haare deuteten bald auf vermählte, bald auf unvermählte Grazien. Hinter ihren Sitzen ſtanden in vorgebeugter Stellung junge, feine, ſehr ge⸗ putzte Herren. Beim Eintritt des Doctors war eine all⸗ gemeine Stille entſtanden, die nur durch das Knarren mit den Seſſeln und das Rauſchen der Kleider unterbrochen wurde. Aber Alles kam bald wieder in ſeine vorige Ord⸗ nung. 6 geine einnehmende Blondine wandte ſich zu ihrem Nachbar hinter dem Stuhle, einer ſchmucken Figur mit einem geſtickten Jagdhorn auf dem Frackſchooße. „Lieutenant M., wiſſen Sie nichts Neues?“ „Ich habe nur auf Ihre Aufforderung gewartet, meine Gnädige, um aufzutiſchen, was der Tag dar⸗ bietet. „Sie ſind immer artig, Lieutenant M.,“ lispelte die Blondine, und ließ ein paar Maſchen an ihrem Strick⸗ zeuge fallen, bei der angenehmen Verwirrung, in die ſie durch den Gedanken gerieth, daß es blos ihren Wink ge⸗ braucht habe, um den jungen Kriegsgott, der den ganzen .8G„»„ 99 Abend verſchloſſen wie ein Räthſel geweſen war, zum Sprechen zu bringen. „Da ich heute,“ fing der Lieutenant an,„ein kleines Geſchäft im Gaſthofe zu verrichten hatte, ſah ich einen kleinen Trupp Seiltänzer anlangen, welche beabſichtigten, ihre Geſchicklichkeit vor dem hochverehrten Publikum zu zeigen. Unter dieſen ſah ich, um in der Sprache des Morgenlandes zu reden, eine der bezauberndſten Houris des Paradieſes.“ „Ich gratulire,“ verſetzte die Blondine mit einem hochmüthigen Lächeln, und ließ eine ganze Reihe Ma⸗ ſchen bei dem entſetzlichen Gedanken fallen, daß Lieute⸗ nant M. den Paradiesvogel ſchöner, als ſie ſelbſt finden konnte. „Du Liebe,“ fragte ein kleines, junges, ſehr unſchul⸗ diges Mädchen, deren Mama ihr nie erlaubt hatte, Ro⸗ mane zu leſen, weßhalb ſie dieſer neumodiſchen Bilder⸗ ſprache ganz unkundig war,„ſage mir, was das war, das der Lieutenant M. ſagte, daß ſie bei ſich hatten?“ Dieſe Frage wurde an eine lebhafte Brünette geſtellt, die neben ihr ſaß. „Hörteſt du nicht! Es war eine von den bezaubernd⸗ ſten Houris des Paradieſes.“ „Ach ja! das hörte ich wohl; aber ich möchte wiſſen, was das ſagen will.“ „Ach, du einfältiges Kind,“ erwiederte die Brünette und zuckte mitleidig die Achſeln.„Das iſt ein Gewächs, ein herrliches Gewächs, das ſich fortgepflanzt hat, ſeitdem Adam und Eva in ESden luſtwandelnden; aber es iſt in hohem Grade giftig, und greift bei der geringſten Annä⸗ herung alle die an, welche ihm aus Neugierde oder Un⸗ vorſichtigkeit zu nahe kommen.“ „Mein Gott! wie ſonderbar!“ rief das junge Mäd⸗ chen, und wandte ſich zum Lieutenant.„Haben Sie die Gute, Herr M., und beſchreiben Sie mir dieß Gewächs ein wenig näher.“ 7* 8 100 „Welches Gewächs?“ fragte dieſer, halb verdrießlich, in einer flüſternden Erklärung an die Blondine unter⸗ brochen zu werden. „Das, welches die Seiltänzer bei ſich hatten. Sie nannten es vorhin. Ich höre, daß es ſo giftig ſein ſoll.“. „Wenn Sie etwa die ſchöne Aktrice ein giftiges Gewächs nennen,“ ſagte Lieutenant M. lächelnd,„ſo möchte Ihnen dieſe nicht ſehr für die Artigkeit verbunden ſein.“ „War es eine Aktrice, die Sie meinten, als Sie von * bezaubernden Paradies— ich habe vergeſſen, wie Sie es nannten?“ „Ja gewiß,“ verſicherte Lieutenant M. lächelnd. Und nun wurden alle Oberlippen einen halben Zoll über die Unterlippe niedergezogen. Und die, welche weniger Welt hatten, lachten ganz ungenirt auf Koſten des jungen Mädchens, das mit einer Thräne im Auge erſtaunt im Kreiſe herumſah, ob nicht Jemand ihre Vertheidigung übernehmen würde. Da trat Klein vor, der das Geſpräch mit angehört hatte, und nie ſchweigend zuſchauen konnte, wie die Bosheit ſich auf Unkoſten Anderer beluſtigte.—„Die Beſchreibung,“ ſagte er,„war ſehr ſinnreich; aber nach meiner Anſicht möchte ich lieber die beglückwünſchen, die ſolche Allegorien nicht verſtehen, als die, welche den giftigen Pfeil des Gelächters gegen die ſchuldloſe Blume richten, welche ſchüchtern vor dieſem verwundenden Schuſſe zurückſcheut.“ 4 Der feurige Blick der Brünette ruhte eine Sekunde auf Waldemar, mit einem rachedrohenden Ausdruck.— „Wie ſteht es, Herr Doctor,“ fragte ſie ironiſch;„dauert Ihr Somnambulismus immer noch fort?“ —„Ich bin nicht glücklich oder ſcharfſinnig genug, um Ihrem Gedankengange folgen zu können,“ verſetzte Klein, der ihre Anſpielung nicht verſtand. „O, ich meine blos, ob der Zuſtand der Verklärung 101 wieder über Sie gekommen iſt, in dem ich Sie heute Vor⸗ mittag ſah. Man hätte dieß aus Ihrer ſonderbaren Aeußerung ſchließen können.“ Der Purpur der Unruhe und des Verdruſſes glühte auf unſeres Helden Wangen. Hätte er ſich verantwortet, ſo hätte er ſich in einem Kampf einlaſſen müſſen, der un⸗ fehlbar, da die ſchlaue Brünette ſeine Gegnerin war, mit ſeinem Untergang geſchloſſen hätte; denn ſie wohnte in dem Hauſe, bei welchem er Vormittags Marien begegnet hatte. Er begnügte ſich deßhalb, einen Blick des Zorns und der Verachtung auf die Sprechende zu werfen, worauf er in ein Nebenzimmer ging, um den Wirth zu be⸗ grüßen. „Du Liebe! was war das?“ fragten Alle auf ein⸗ mal. Die Brünette und die übrigen Damen beugten ſich über dem Tiſche zuſammen, ſo daß. ihre Krie einen ein⸗ zigen großen Büſchel bildeten. Die Herren auſchten lf den Zehen mit vorgeſtreckken Hälſen, faßten jedoch blos die Worte auf:„Wahnwitz— Klein— Marie— Straße — ſpringen— Gelächter— platzen.“ Hierauf löste ſich der Büſchel auf, und die Damen flüſterten die kleine Anekdote mit halblauter Stimme ihren Rittern zu. Unterdeſſen ging es Klein nicht viel beſſer im Herren⸗ zimmer. Bei ſeinem Eintritt hoͤrte er blos über Haus⸗ haltung und Politik ſtreiten. Aber da er ſich von ſeinem Wirthe hinwegwendete, gewahrte er Herrn Billing, der im Begriff war, an einem Tiſche Platz zu nehmen. „Ah! ſind Sie es, Herr Doctor!“ ſagte er mit einem gutmüthigen, freundlichen Lächeln.„Freut mich, Sie zu ſehen! Sie haben ſich wahrſcheinlich heute früh nicht wohl befunden?“ Klein faßte ſich, ſo gut er konnte, obwohl ſich heute Abend Alles gegen ihn verſchworen zu haben ſchien.— „Ich geſtehe gern, Herr Großhändler, daß ich mich bei Ihnen wegen meiner Zerſtreutheit entſchuldigen muß; aber ich bitte Sie, überzeugt zu ſein, daß ich damals 10² derſelben ebenſo unbewußt war, als ich mich jetzt darüber verwundere.“ „Die Sache iſt bald entſchuldigt,“ fiel Herr Billing ein.„Die Herren Doctoren haben ein beſonderes Privi⸗ legium, zerſtreut zu ſein, und die Wahrheit zu ſagen, hätte ich vielleicht nicht Acht darauf gegeben, wenn nicht Fräulein von Horſt, die ich bei einigen Abſchiedsbeſuchen begleitete, ſo ſehr über Sie betroffen geweſen wäre, daß ſie nicht im Stande war, ein Wort auf das, was Frau von Horſt oder ich zu ihr ſprach, zu erwiedern.“ Darauf ſetzte ſich Billing ganz gleichgültig an den Spieltiſch.„Hm,“ dachte Waldemar,„wenn das eine wirkliche Ruhe iſt, ſo iſt er ein glücklicher Phlegmatikus; iſt es eine erkünſtelte, ſo iſt er in Wahrheit ein Mann von Welt.“ Von dieſem Gedanken eingenommen, ward es ihm ſchwer, nur einigermaßen ordentlich auf die Fragen zu antworten, die man über verſchiedene Dinge an ihn ſtellte. Er ging deßhalb ſo ſchnell, als möglich, zum Salon zu⸗ rück, ſtellte ſich an einen Tiſch bei dem Sopha, wo ſich die ältern Damen niedergelaſſen hatten, und betrachtete die Kupferſtiche, die auf demſelben lagen, oder that viel⸗ mehr blos ſo. Hier bekam er ganz abſichtslos Fragmente einer Unterhaltung zu hören, die ſogleich ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nahmen. „Durchaus wahr,“ ſprach die Bürgermeiſterin zu ihrer Nachbarin, einer großen und wohlgenährten Dame im langen Shawle, der bis auf den Boden niederſchleppte, und mit einem Haupte, das theils von ſeinem großen Vorrathe an Neuigkeiten, theils von den kleinen Bergen von Kanonenglocken niedergedrückt war, die an jeder Seite über ihre Ohren herabhingen, als die unterwürſigen Va⸗ ſallen eines mächtigen Barets, das ihr Haupt bedeckte, wie ein Rieſe, der ſich auf ein paar Zwergen erhebt, die er als Fußſchemel benützt. „Ja, auf meine Ehre, es iſt nur zu wahr! Eine wahre Thorheit, daß ein ſo unbemitteltes Mädchen von e V— 10³ ihrem Herzen ſprechen will, einem Ding, meine Couſine, das kaum die reichſten Erbinnen wenigſtens in wirklicher Zeit in Betracht ziehen dürfen. „Ja; aber es iſt auch ganz gewiß wahr?“ fragte eine kleine, ſtumpfnäſige Frau, blos des Vergnügens hal⸗ ber widerlegt zu werden. „Was! ob es wahr iſt!“ brach die Dame los, die die Mittheilung gemacht hatte, über welche die Anderen jetzt ſchwatzten— und bei dieſen fünf Worten erzitterte der Rieſe auf ihrem Haupte, ahnend, daß ein Bulkan losbrechen werde, der in ſeiner Heftigkeit ſelbſt ihn ſei⸗ nem erhabenen Platze zu entrücken drohte. Aber Alles lief glücklich ab. Die gute Frau ſchnupfte zwei⸗ und huſtete dreimal, worauf ſie mit bewunderungswürdiger Faſ⸗ ſung anfing:„Ich pflege nie Etwas auszuſagen, das ich nicht mit Gewißheit weiß. Madame Walberg, die ich ſelbſt vor vielen Jahren unſerem ehrenwerthen Bil⸗ ling als Haushälterin rekommandirte, und die mich bis⸗ weilen beſucht, hat mir jedes Wort haarklein erzählt. Während der langen Krankheit, die eitel Verſtellung war, hielt ihn die alte von Horſt mit ſchönen Worten hin, und da ſie nun geneſen ſein ſoll, und er auf eine beſtimmte Antwort dringt, ſagt die kleine Gans, daß ſie, wenn es ihrer Mutter ſo gefalle, ihm ihre Hand nicht abſchlagen könne, aber daß ſie nicht im Stande ſei, über ihr Herz zu verfügen, das ihm nie angehören könne.“ Bei dieſen Worten verzogen die Damen ſpöttiſch ihre Lippen, und die Bürgermeiſterin fragte:„Nun, was ſagt die Mutter dazu?“ „Wie man ſich leicht vorſtellen kann, hat ſie ver⸗ ſucht, die Sache in Ordnung zu bringen; aber Billing will nicht, daß das Mädchen dazu beredet werde. Und das iſt gewiß die rechte Art, ohne viel Weſens ſein Ziel zu erreichen. Er erfüllt die geringſten Wünſche des ver⸗ zogenen Kindes, und hat unter Anderem dieſer Tage bei Frau von Horſt ausgewirkt, daß das Mädchen ihren Wil⸗ len haben, und auf einen Monat eine Freundin, ich weiß 104 nicht mehr wo, beſuchen darf. Und durch dieſe wohlbe⸗ rechnete Güte hat er viel in der Gunſt des Mädchens ge⸗ wonnen.“ Hier wurde die Unterhaltung durch ein paar da⸗ zwiſchenkommende Perſonen unterbrochen. Waldemar konnte bei dieſer Menge entgegengeſetzter Gefühle, die ihn be⸗ ſtürmten, kaum athmen. Eine Empfindung, die wie Freude ausſah, war jedoch die vorherrſchende. Nachdem er ein paar Stunden herumgeſchwärmt, und an der Luſt und den Scherzen der Jüngeren Theil genommen hatte, gab er Krankenbeſuche vor, und ging eine Weile vor der Abendtafel fort. Bei ſeiner Nachhauſekunft fand er einen Brief von Karolinen vor, in welchem die Nachrichten fortgeſetzt waren, die ſie ſchon vorher über Guſtavs Krankheit, deſ⸗ ſen langſame Wiedergeneſung, und den Aufenthalt des Barons von K. im Hauſe, ſowie ſeine allzuemſige Auf⸗ merkſamkeit für Julien, endlich ihre eigene Ungehaltenheit über ſie gegeben hatte, da ſie durch eine beſondere Ge⸗ ſchicklichkeit es ſo angeſtellt hatte, daß der Baron bis jetzt nicht davon unterrichtet war, daß ſie verlobt war. Karoline ſchloß mit dieſen Zeilen:„Alles das, mein Waldemar, würde ich weislich verſchwiegen haben, wenn du mißtrauiſch, eiferſüchtig oder nur in deine Braut ver⸗ liebt wäreſt; aber da du nichts von all dem biſt, ſo wirſt du nicht unnöthigerweiſe Feuer fangen, ſondern mit ruhi⸗ ger Berechnung handeln. Du wirſt nach deiner beſten Ueberzeugung wohl prüfen und überlegen, und Juliens Aufführung mit eigenen Augen mit anſehen. Meine Meinung iſt nicht, daß du die erſte Gelegenheit benützen ſollſt, mit ihr zu brechen; aber gleichwohl zu thun, was du deiner Ehre und ihrer und deiner künftigen Ruhe ſchuldig biſt. Du mußt bald hieher kommen, ohne daß ſie es weiß, und es wird nicht an einer Gelegenheit feh⸗ len, um ihre Denkungsart beurtheilen zu koͤnnen. Es kann nicht ſo bleiben, wie es iſt. Guſtav weiß nicht das Geringſte von all dem, unter dem Vorwand, daß 105 man ihm keine Unruhe machen dürfe. Komm deßhalb bald, bittet deine treue ꝛc. ꝛc.“. Manche und vielfarbige luftige Geſtalten ſchwebten nach dem Leſen von Karolinens Brief an Waldemars geiſtigen Augen vorüber. Nachdem er eine Zeitlang über⸗ legt hatte, blieb ſein Entſchluß dabei ſtehen, daß er ſeine Abreiſe auf Johanni beſtimmte. XI. Potpourri. Ein Weib, wie eine ſchlechte Erziehung das Weib bildet: edelgeſinnt im Großen, geringſchätzend im Kleinen, eitel, leicht reizbar. 6 Bulwer. Eines Abends, acht Tage vor dem Feſt, ſaßen Ka⸗ roline und Julie in dem Zimmer der letztern, damit beſchäftigt, ein Tüllkleid zu ſticken, welches Julie bis zur oben genannten Hochzeit fertig haben wollte. Nach einer Weile Stillſchweigen ſagte ſie:„Weißt du, Karo⸗ line, daß mich der dumme Einfall da, den Tüll zu ſticken, recht ärgert? Ich könnte ihn ſehr wohl auch ohne das anziehen. Unſere Augen werden verderbt, das iſt eines, und zweitens wird mir dadurch ſo ſelten möglich, unſe⸗ rem vortrefflichen Gaſt nahe zu ſein und mit ihm eine verdrüßliche Stunde zu verplaudern; denn ich würde, glaube ich, nicht bis Weihnachten fertig mit ihm, wenn ich immer bei ihm ſäße. Die Wahrheit zu ſagen, arbeite ich mit ſehr geringem Fortſchritt, da er ſo ſchelmiſch ein⸗ mal nach dem andern bald das Glanzgarn, bald den Fingerhut, bald die Pfrieme, ja Alles, hinter was er kommen kann, verſteckt. Und ſeine lebhafte Unterhaltung, 40⁰⁶ ſo voll Feuer und Anmuth!— allem dem mußte ich jetzt entſagen, um mit dieſer Lapperei fertig zu werden. Und wenn ich es recht bedenke, ſo weiß ich nicht, ob dieſe Aufopferung durch die Genugthuung aufgewogen wer⸗ den kann, die Eleganteſte auf einer ländlichen Hochzeit zu ſein.“ Alles das ſollte wie ein Spaß ausſehen; aber es lag ein hoher Grad von Ungeduld in Juliens Ton, der bewies, daß ihre Worte ernſthafter waren, als ſie ſelbſt glaubte, und daß dieſe Dichtung ein getreues Bild ihres wirklichen Zuſtandes war. „Meine Beſte,“ antwortete Karoline ſehr ernſt,„das ſcheint mir das Wenigſte; aber daß dein Bruder unſere Pflege und unſere Geſellſchaft miſſen ſoll, weil du es nicht aushalten kannſt, in einem Krankenzimmer zu ſitzen, das finde ich, gelinde geſagt, nicht ſehr ſchweſterlich von dir.“ 4 „O liebe Karoline, das macht Guſtav nichts. Papa iſt ja faſt immer bei ihm. Brink liest ihm die Zeitun⸗ gen vor, wenn er es wünſcht, und der Rittmeiſter iſt ein Sklave ſeiner geringſten Laune, um nicht von dir zu ſpre⸗ chen, die du ihm weit mehr biſt, als die holdeſte Schwe⸗ ſter ſein kann.“ 1 8 Dieſes letztere ſprach ſie in einem ſarkaſtiſchen Tone. Auf Karolinens bleichem Geſicht ſchoſſen mit erſtaunlicher Schnelligkeit die friſcheſten Purpurroſen auf, kleine Spröß⸗ linge des verwundeten Selbſtgefühls. Ein hoher Grad von Würde lag in ihrem Tone, als ſie antwortete:„Ich überlaſſe es deinem eigenen Rechtsgefühl, Julie, das Zartfühlende in deiner letzten Aeußerung zu beurtheilen; aber was den Rittmeiſter an⸗ belangt, ſo erlaube mir, zu bemerken, daß du dich ge⸗ waltig täuſcheſt, wenn du glaubſt, er erweiſe Guſtav all ———+₰+8—— .————f.——,— die Aufmerkſamkeit und Theilnahme, die er vielleicht Grund hat, von dem zu erwarten, der ſich ſeinen Freund nennt. Faſt alle Stunden des Tages iſt er mit der Jagd oder mit deiner Unterhaltung beſchäftigt. Ich kann ——— l 3 t d r 1 107 nur nicht begreifen, wie er ſo bald an ſeinem Arm ge⸗ ſund war. Es iſt erſt einen Monat, daß er ihn aus dem Gelenke brach, und nun handhabt er ſchon wieder die Büchſe mit einer Leichtigkeit, die zum Verwun⸗ dern iſt.“ „Deßhalb lobe ich mir ſeine gute Natur,“ antwor⸗ tete Julie.„Ueberdieß,“ fügte ſie hinzu, herzlich froh, von dem Gegenſtande abzukommen, den ſie zu voreilig berührt hatte, nämlich Karolinens Fürſorge für Guſtav, „was die Jagd betrifft, ſo iſt das eine reine Aufmerkſam⸗ keit des Barons für unſern krittlichen Kranken, der, im Vertrauen geſagt, gar zu widerwärtig iſt, oder iſt es nicht ſo? Wenigſtens ich kann ihm nie Etwas recht machen. Sobald ich in ſein Zimmer komme, heißt es gleich:„Schlage die Thüre nicht ſo hart zu! Warum iſt die Rollgardine auf? Julie! du mußt nach der Haus⸗ hälterin ſehen, daß die Fleiſchbrühe nicht zu ſchwach oder zu ſtark wird,“ mit noch mehreren, unendlich launiſchen Anmahnungen. Nie iſt Etwas recht. Ich haſſe alle Krankenpflege; aber Guſtav iſt ein non plus ultra von allem, was widerwärtig iſt.“ „Ich will gewiß nicht läugnen,“ ſagte Karoline, „daß er ein ungewöͤhnlich reizbares Gemüth hat; aber ich glaube, daß dieß in einem gewiſſen Grade bei allen Kranken der Fall iſt. Doch wenn es dir, wie ich glaube, nicht unangenehm iſt, ſo wollen wir auf einen andern Gegenſtand übergehen. Ich habe dich ſchon mehrmals fragen wollen, wie es kommt, daß ich dich ſeit längerer Zeit Waldemars Ring nicht habe tragen ſehen?“ Julie erröthete, antwortete jedoch ziemlich frei: „Er iſt zu eng Du weißt, daß Papa uns mit den Rin⸗ gen überraſchen wollte, und daß man deßhalb kein Maß nahm.“ „Du trugſt ihn jedoch bis zu dem Tag, als dein Bruder heimkehrte. Du willſt doch wohl nicht deine Verbindung ihm oder irgend einem Andern verheim⸗ lichen?“ 4„Meine Verbindung mit Waldemar,“ erwiederte Julie ſtolz,„iſt noch nicht öffentlich erklärt, und was ich thun oder nicht thun will, wirſt du mir erlauben, ſelbſt zu be⸗ urtheilen.“ Karolinens gutes Herz fühlte mehr Mitleid, als Zorn über Juliens leichtſinnige Handlungsweiſe. Sie verſuchte in dem ſanfteſten Tone und mit den reinſten Vernunftgründen ihre Aufmerkſamkeit auf das zweidentige Licht zu ziehen, in das ſie durch dieſe Aufführung in den Augen ihres Bräutigams und denen der Welt kommen müßte, da es ja nie beabſichtigt worden ſei, ihre Ver⸗ lobung mit einer größeren Feſtlichkeit zu feiern. Julie antwortete nichts darauf. Sie ſtand auf und verließ das Zimmer in ſichtlicher Gemüthsbe ewegung. In einem der dunkelſten Gänge des Parkes warf ſie ſich auf eine kleine Bank nieder, dem Lieblingsplatze ihrer beſſeren Stunden. Hier ſuchte ſie die zerſtreuten Gedanken zu einem zuſam⸗ menhängenden Ganzen z zu ordnen, und die Hand auf dem heftig klopfenden Herz en, ſprach ſie in abgebrochenen Sätzen: „Recht thue ich nicht; aber thut denn er Recht, da er mich ſo wie einen Spielball meinem Zweifel und den Umſtänden überläßt? Er weiß, daß der Baron hier iſt, und er kennt auch gewiß deſſen Ruf als galanter Mann. Hm! ich verſtehe mich kaum ſelbſt. Dieſes Vertrauen auf meine Beſtändigkeit iſt gewiß ſehr edel; aber ich haſſe und liebe zugleich dieſe ruhige Zuverſicht. Wenn ſie aus Liebe entſpränge, ſo würde ich ihn ſegnen und ihm beweiſen, daß ich einer ſolchen wadg wäre; aber— aber, leider iſt es wahrſcheinlich blos Gleichgül⸗ tigkeit— und ich— ja ich will ihm beweiſen, daß auch ich gleichgültig ſein kann, wenn auch d erz barüber brechen ſollte.“ Nach einigem Stillſchweigen gingen ihre Gedanken: in einer natürlichen Folgenreihe auf den Ritmeſter über, und ſie fing von Neuem an:„Was für ein Ende oll das nehmen? Was will ich denn eigentlich?“ ͤ— ——— — Z— — 109 Bei dieſer einfachen Frage verſank ſie wieder in tiefe Gedanken. Die dienſtbaren Geiſter der Einbildungskraft liehen dem Baron alle die äußeren Reize und guten Eigenſchaften, die erforderlich waren, um Juliens beſſere Ueberzeugung zu beſtürmen, und Waldemars Kälte, dachte ſie, iſt ein betrübender Gegenſatz zu dem immer aufmerkſamen, artigen, eleganten Weſen des Barons. Mein geringſter Wunſch, mein halber Wink iſt Geſetz für ihn. Nie, nie werde ich bei Waldemar etwas der Art finden, und doch liebe ich ihn, ja ihn allein; aber bei meiner Art zu denken und die Ordnung der Dinge zu be⸗ trachten, werde ich als die gefeierte Baronin von K. nicht unglücklich ſein. Dieſer letzte Gedanke ſchmiegte ſich ſo leiſe und be⸗ hutſam in ihren Geiſt, wie die Eumeniden, wenn ſie vor⸗ ſichtig den Eingang zu dem reinen Heiligthume des Her⸗ zens öffnen, und im Falle ſie ihn unbewacht finden, den vergifteten Apfel hineinreichen. Julie bebte vor der Möglichkeit zurück, daß der Baron wirklich ihre Hand begehren könnte Sie ſtand auf, um dieſen immer wieder⸗ kehrenden Verſucher abzuwenden und zu verjagen. Am Ende des Parkes begegnete ſie dem Rittmeiſter, der von einem Spazierritt zurückgekommen, ſie überall im Hauſe geſucht, und da er ſie dort nirgends fand, ebenfalls ſeine Zuflucht hiehergenommen hatte. In freudiger Ueber⸗ raſchung eilte er ihr entgegen, und rief ſchon von Weitem: „Ach! welches Glück, theuerſte Julie!“ und das in einem Tone, der bewies, welche Fortſchritte er ſeit einigen Wo⸗ chen gemacht hatte. „Sie waren ja ein paar Tage faſt unſichtbar, und wenn ich je einmal das Glück hatte, Sie zu ſehen, ſo waren ſie beſtändig von Ihrem Schatten begleitet.“ „Ich meine,“ verſetzte Julie in dem leichten, ſcherz⸗ haften Tone, in dem ſie ſich immer mit dem Rittmeiſter unterhielt,„daß dieſer auch jetzt mich nicht verlaſſen hat.“ „Wie grauſam von Ihnen, Julie, mich mit der vergleichen zu wollen, die meine lägliche Plage ausmacht! 110 Ich verſichere Sie auf Treu und Glauben, daß, wenn ich je einmal ſo beneidenswerth glücklich würde, daß Sie mir erlaubten, Ihr unzertrennlicher Gefährte zu ſein, es meine erſte Sorge ſein ſollte, die zu entfernen, die durch ihre ſeither unverkennbare Abneigung gegen mich, auch— ich verberge es nicht— die meinige dagegen erweckt hat. Sie ſcheint ſich die ſonderbare Rolle Ihrer Ehrenwächterin gelegt zu haben.“ „Hüten Sie ſich, Herr Baron,“ ſcherzte Julie, wel⸗ cher dieſer Ausfall gegen Karolinens Wachſamkeit in der Wirklichkeit ganz wohl that,„hüten Sie ſich, und er⸗ eifern Sie ſich nicht ſo gegen meine treue Freundin! Und wie Sie in Frage ſtellen mögen,“ fügte ſie mit komi⸗ ſchem Ernſte hinzu,„wie weit ich dieſen Schatten gegen Sie austauſchen möchte! Der Ihre mag gewiß bisweilen ſehr angenehm ſein; aber ich bin erſtaunt zu hören, daß Sie, bei dem erſten Gedanken an eine ſolche Möglichkeit, ſchon davon ſprechen, was für Revolutionen Sie zu ma⸗ chen gedenken. Nein, nein, mein Herr Baron,“ dabei drohte ſie ihm ſchelmich, wie man es gegen unartige Kinder zu thun pflegt,„Sie haben ſchon zu raſch und mit einer wahren Ertrapoſtleichtigkeit die Höhe aller möglichen Kühnheiten erreicht, weßhalb ich Ihr Begehr rein abſchlage.“ Der Baron war ganz entzückt über Juliens muntere Antwort, woraus er viel für ſeine Abſichten hoffen zu dürfen glaubte.—„Meine charmante Wirthin verſteht es, ſich mit einem ſo eigenen Reiz auszudrücken, auch wenn es ſich um eine Verweigerung handelt, daß ihr demüthiger Diener ſeine Kühnheit erkennt und ſie anfleht, ihn wieder zu Gnaden aufzunehmen. Er gelobt und be⸗ theuert, daß er, wenn er je ſeiner Herrin Gunſt in dem Grade gewinnen könnte, um ihr als ihr erklärter Anbe⸗ ter aufwarten zu dürfen, er nie mehr ſo gottloſe Plane hegen will, als der iſt, die zu entfernen, welche gegen⸗ wärtig zwiſchen ihm und dem Gegenſtande ſeiner Hoff⸗ nungen ſteht, wie eine dunkle, drohende Wolke zwiſchen — 1— ⁸— N 8 111 der Sonne, und dem, der ungeduldig ſein Leben von ihren Strahlen erwartet.“ In dieſem Muſter poetiſcher Beredtſamkeit übertraf der Baron ſich ſelbſt. Um die Wirkung davon noch mehr zu erhöhen, beugte er mit der geſchmackvollſten Zierlichkeit ſeine Kniee, und ſchickte Julien einen Blick zu, der einen weit weniger brennbaren Stoff hätte entzünden können, als das Herz war, das er beſiegen wollte. Sie reichte ihm lachend die Hand, und ſagte munter:„Stehen Sie doch auf, beſter Baron; der Boden iſt feucht, und wenn wir durchaus Komöͤdie ſpielen ſollen, ſo kann dieß eben ſo gut im Salon geſchehen, als hier unten in der Abend⸗ kühle. Der Baron fand den Rath gut und ſtand ſchnell auf.„Wie Sie wollen, liebenswürdige Julie! Mir iſt es gleichgültig, wo wir ſpielen, nur dürfen unſere Rollen nicht getrennt werden.“— Er drückte dabei ihre Hand mit ſo froher Zuverſicht, wie wenn er in vollem Ernſte ein Ja bekommen hätte. Dieß war mehr, als IJulie, ohne ſich einen Vorwurf zu machen, auf die Rechnung der Galanterie ſetzen zu dürfen glaubte. Sie wurde deß⸗ halb ſchnell ernſthaft, zog ihre Hand zurück, und ſagte ziemlich kalt:„Verlaſſen Sie ſich nicht darauf; Sie könnten ſich täuſchen.“ Hätte der Baron zu einer Zeit, wo er von großer Hitze geplagt war, ein kaltes Duſchbad erhalten, ſo hätte die Kälte deſſelben nicht mit dem Duſchbade ver⸗ glichen werden können, mit dem er jetzt ganz unvorbe⸗ reitet erfreut wurde. Zwar hatte er ſchon mehrere Male gefunden, daß man ſich auf keinen Barometer weniger verlaſſen konnte, als auf den, der die Grade der wech⸗ ſelnden Laune ſeiner Herrſcherin anzeigt; aber ſo ſchnell war er noch nie geſunken. Der Baron war von dem oberſten Stockwerke ſeines Luftſchloſſes bis in die Rum⸗ pelkammer herabgeſtürzt, wo er den abgelegten Plunder aufbewahrte. Während er dort herumſtöberte traf er er auf einen Artikel, der vermuthlich aus Verſehen dahtn geworfen worden war, da er ſo ſelten benützt wird. Ge⸗ nannter Artikel pflegt unter dem Namen Nachdenken zu gehen und zu gelten. Dieſer kam dem Baron nun ſo wohl zu Paß, daß er ihn mit aller Achtſamkeit aufnahm und eine ganze Viertelſtunde lang ſo ſehr darein vertieft war, daß Julie die Zeit ſehr lang fand, und nicht im Stande war, zu begreifen, an was der Baron ſo tiefſinnig denken konnte „Wie ſteht es, Herr Rittmeiſter,“ fragte ſie nach einer Weile;„ich glaube, Sie ſind nicht bei ſich. Bekennen Sie, wo Ihre Einbildungskraft umherſchwärmt! Ich habe Sie früher nicht als Liebhaber von Träumereien gefunden“ „Keineswegs, Mamſell St—hal! Ich bin vollkommen wach, und auch bei mir ſelbſt, ſo ganz und gar bei mir ſelbſt, daß ich mich mit meinem eigenen unbedeutenden Ich beſchäftigte.“ Julie biß ſich in die Lippen; aber da ſie fürchtete, der Baron mochte ſich damit ſchmeicheln, daß ſeine un⸗ gewöhnliche Kälte ſie beunruhige, fuhr ſie mit der größ⸗ ten Gleichgültigkeit fort:„Nun das iſt gut, daß ie wach find. Ich werde deßhalb von etwas Vernünft : 1 g ſprechen. Eine Menge junger Leute, die weiter entfe g g 8 rnt wohnen und auch zur Hochzeit geladen ſind, kommen ein Paar Tage vor Johanni hieher, worauf wir ſie zu der großen Feſtlichkeit im Probſthofe begleiten.“— Zu einer andern Zeit würde dieſes den Baron außerordentlich ge⸗ freut haben; aber nun war ſeine Antwort blos ein ein⸗ ſilbiges:„So!“ Der Baron hatte gewiß eine Kriegs⸗ liſt gegen Julie im Sinne; allein ſie war wohl eben ſo ſcharfſinnig wie er, und blieb gleichgültig.—„Um ſechs Uhr geht die Trauung vor ſich, dann iſt den ganzen Abend Ball, und am folgenden Tage ein Mittageſſen für die älteren Herrſchaften des Orts. Das wird außerordentlich ſchön; meint der Herr Rittmeiſter nicht auch? auf 113 „Gewiß,“ antwortete er, und beiderſeits verſtimmt, wurde der Spaziergang geſchloſſen.. XII. Die ungelegene Ueberraſchung. Des Lebens Blumen ſind nur ein Farbenſpiel! Wie viele verbleichen nicht ſchon in der Knospe, Ohne eine Spur hinter ſich zu laſſen! Wie wenige bringen Früchte! 6 2. Klar und herrlich ging am Johannistage die Sonne zum großen Vergnügen der auf Knapergaarden ver⸗ ſaumelten Hochzeitgäſte, welche alle zeitig in Bewegung waren. Der kleine Groll, der zwiſchen dem Baron und Julien entſtanden war, war ſchon wieder beigelegt, und ſie ſtanden wieder auf dem vorigen guten Fuße mit ein⸗ ander, bloß mit dem Unterſchied, daß der Baron anſing, die Sache für abgemacht anzuſehen, ſo bald er ſich nur beſtimmt ausſprechen würde, und Julie ihrer Seits wurde öfter als früher von dem leidigen Verſucher beun⸗ ruhigt. Es war ausgemacht worden, daß man, da die Anzahl von masculinum und femininum gleich war, Chaiſen und ſonſtige Fuhrwerke in der Nachbarſchaft entlehnen wolle, um ſich das Vergnügen zu verſchaffen, daß immer ein Herr und eine Dame zuſammenfahren könnten. Dabei begegnete man jedoch vielen Schwierigkeiten, da faſt alle Standesperſonen von nah und fern, die Wagen zu der⸗ ſelben Einladung benützen wollten. Manche Boten kamen deßhalb unverrichteter Dinge von Oſten und Weſten zu⸗ rück, zum offenbaren Verdruſſe der Herrn und dem ge⸗ Maldemar Klein. 8 114 heimen der Damen, um auf's Neue im Norden und Süden ihr Glück zu verſuchen. „Unnoͤthige Mühe,“ ruft der Leſer,„eine Karrenpar⸗ tie ſollte ſich wohl ſchnell auf dem Lande anordnen laſſen.“ Was! eine Karrenpartie! darüber war allerdings keine Frage. Das Bad in S. hatte damals kaum ſeine Mor⸗ gendämmerung, viel weniger jene modernen Erfindungen geſehen, die ihren Mittagsglanz um ſich her verbreiten. So lebten unſere Freunde in Knapergaarden in der größ⸗ ten Unkenntniß, ſowohl über ſolchen Partien überhaupt, als über die noch weit bequemere Art, in laubbegränzten Heuwagen vorwärts zu kommen. Aber wenn auch dieſe wichtige Entdeckung ſchon gemacht geweſen wäre, ſo wären doch gewiß ſtarke Zweifel entſtanden, in wie weit man auf dieſe Art eine Reiſe zu einer Hochzeit unternehmen koͤnne, da es allgemein bekannt war, daß das Haus des Probſtes S. zu der guten alten Schule gehoͤre, der alle Neuerungs⸗ krämerei verhaßt war. Mit einem Wort, unter den mun⸗ tern Badvergnügen können manche geiſtreiche Aufzüge Raum gewinnen, die vor der übrigen Welt blos wie ein glänzen⸗ des Meteor erſcheinen, das nur unſer Auge erfreut und dann verſchwindet. Demzufolge, und da zweiſitzige Fuhr⸗ werke nicht in genügender Anzahl herbeigeſchafft werden konnten, wurde Herr Brink von Julien erſucht, den alten, großen Familienwagen hervorziehen und in Stand ſetzen zu laſſen. Nach dem Frühſtück begab ſich die Geſellſchaft zum Fluſſe hinab, um Krebſe zu fiſchen. Der Baron, der an dieſem Tage beſonders gut aufgelegt war, ſcherzte mit Julien über die Morgentoilette der Fräulein aus der Nach⸗ barſchaft, und als dieſer Stoff erſchöpft war, und alle ſich eifrig damit beſchäftigten, ihre Hamen niederzuſenken, wagte er Julien die Bitte um einen Spaziergang mit ihm an dem herrlichen Ufer hinab zuzufluſtern. Sie ſtand ſchon im Begriff ſeinen Wunſch zu erfüllen, als Brink ſchnell herbeikam und einige Worte leis zu Julien ſagte. —— S=Sg 2 e. 115 Die Farben des Todes und des Lebens wechſelten in ra⸗ ſchem Lauf auf ihren Wangen. Nach einem Augenblick wandte ſie ſich mit erzwungenem Lächeln an den Rittmei⸗ ſter, und ſagte: wir haben Fremde bekommen! Entſchul⸗ digen Sie, aber ich muß die Pflichten einer Hauswirthin erfüllen.“ Der Baron ſchien ſehr mißvergnügt darüber.— „Könnte nicht Fräulein Klein die honneurs machen, bis Sie mit der übrigen Geſellſchaft zurückkehren?“ fragte er in einem Tone, der mehr als Worte für ſeinen Wunſch ſprach. „Das geht nicht an,“ antwortete Julie und warf ihren Shawl um. Aber da ſie ſah, daß ihr der Rittmei⸗ ſter folgen wollte, machte ſie eine haſtige und beſtimmt abwehrende Bewegung mit der Hand, faßte Brinks Arm, und ehe der Baron eine Frage ſtellen konnte, war ſie mit ihrem Begleiter verſchwunden. „Sehr ſonderbar,“ brummte der Rittmeiſter bei ſich ſelbſt; jedoch ohne dem Vorfalle eine weitere Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken, folgte er dem Flußrande ein wenig weiter hinab, und verſchmähte es durchaus nicht, da ſeine Sonne verſchwunden war, ſich mit den weniger glänzenden Sternen zu entſchädigen, denſelben, die noch ſo eben eine Zielſcheibe ſeiner ſcharfen Ausfälle geweſen waren. „Sehr klug von Ihnen, Herr Brink,“ ſagte Iulie, und ſah mit einem dankbaren Blick auf ihren Begleiter, als ſie ſchnell der Heimath zugingen.„Wahrhaftig! ich wäre ſehr beunruhigt, ja, ſehr verlegen geweſen, wenn ich Waldemarn ſo ganz unvorbereitet unter ſo viel Fremden getroffen hätte. Verlobte begrüßen einander, wie Sie wiſ⸗ ſen, am liebſten ohne Zeugen, und ich liebe die Ueberra⸗ ſchung nicht.“ „Um Ihnen eine natürliche Verlegenheit zu erſparen,“ erwiederte Brink,„verhinderte ich den Doctor, gleich wie er es wünſchte hinabzugehen, weßhalb ich ihn davon be⸗ 8* 116 nachrichtigte, daß ſeine Schweſter in der Nähe ſei. Da⸗ durch erhielt ich Zeit, Ihnen die Neuigkeit von ſeiner An⸗ kunft mitzutheilen; aber in wie weit ich von der genannten Verlegenheit annehmen darf, daß ſie ihren Grund in der Verſchämtheit einer Verlobten, oder vielmehr in einem andern Bewegungsgrund habe, wiſſen Sie ſelbſt zu wohl, um vor mir ein Weſen anzunehmen, das Ihnen nicht eigen iſt, und das hier auch gar nicht am Platze wäre.“ „Wie, Herr Brink!“ ſagte Iulie mit übel verhehlter Verlegenheit;„glauben Sie, daß ich meine Gefühle dem Publikum Preis geben wolle? Das kann ein Mann nie beurtheilen.“ „Fäulein Julie möge ſich erinnern,“ fuhr Brink ſehr ernſt fort,„daß einige Freunde, kein ganzes Publikum ſind, und im Uebrigen ſehe ich nicht ein, warum ein Mädchen, das mit der gegenſeitgen Uebereinſtimmung der Eltern ſich verlobt hat, ſich zu ſchämen brauche, eine freu⸗ dige natürliche Bewegung zu zeigen, wenn ſie ihren Bräu⸗ tigam wieder ſieht. Doch,“ fügte er hinzu,„Sie wiſſen, daß es geſchah, um ihre andern Gefühle zu ſchonen, daß ich aller Ueberraſchung zuvorkommen wollte. Niemand kann wärmer als ich wünſchen, daß Alles bald ſo ſein möchte, wie es ſein ſoll; denn Sie ſtehen jetzt an einem bodenloſen Abgrund, den Ihnen Roſen verhüllen und den Sie weder ſehen, nach ſehen wollen.“ „Sie moraliſiren allzuſehr, Herr Brink,“ antwortete Julie ärgerlich,„und ich begreife wirklich nicht, wie ich mir ſo viel von Ihnen gefallen laſſen kann.“ „Das will ich Ihnen erklären,“ erwiederte Brink. „Es rührt davon her, weil Sie nie auf mich einwirken konnten; und ich glücklicher Weiſe durch eine frühzeiti⸗ gere Wahl meines Herzens der Gefahr entgangen bin, die Schwingen an den Strahlen Ihrer Schoͤnheit und den Irrlichtern Ihres Geiſtes zu verbrennen. Kurzum, Sie können auf meine Freundſchaft und meinen guten Willen Ihnen zu dienen rechnen; aber Ihr ſonſt ſo all⸗ 117 mächtiger Blick hat über mich nicht die magnetiſche Kraft, wie über andere, welche Kraft die Urſache des ungebüh⸗ renden Spottes iſt, den Sie mit Gefühlen und Pflicht treiben.“. „O! Sie ſind heute doch zu unerträglich, Herr Brink,“ rief Julie, aber es ſtahl ſich doch eine Thräne neben dem erkünſtelten Lächeln hervor, als ſie in Brinks redlichen und offenen Zügen einen Ausdruck von beküm⸗ mertem Ernſte erblickte. Mit Bewegung ſetzte ſie hierauf hinzu:„Ich weiß, lieber Brink, daß ich keinen Freund beſitze, als Sie, obſchon Sie ſtrenge ſind. Deßhalb bitte ich Sie, ohne Umſtände, ſchnell umzukehren, und die Ge⸗ ſellſchaft, vor Allem aber den Rittmeiſter ſo lange als möglich aufzuhalten.“ „Gerne, Fräulein Julie, aber Sie müſſen mir dann geloben, die Zeit wohl anzuwenden. Bedenken Sie, daß der Doctor in ſolchen Angelegenheiten keinen Spaß ver⸗ ſteht. Seien Sie alſo nicht leichtſinnig, und laſſen Sie nicht wie gewöhnlich einen Einfall des Augenblicks Ihre beſſere Ueberzeugung beherrſchen. Verzeihen Sie meiner Aufrichtigkeit; Sie treiben ſowohl mit ihm, als dem Ba⸗ ron ein gefährliches Spiel, deſſen ſchlimme Folgen auf Sie ſelbſt zurückfallen.“ „Ach, Herr Brink, Sie wiſſen, daß Waldemar in ſeiner Gemüthsſtimmung gegen mich einige Aehnlichkeit mit Ihnen hat, und da er doch mein Verlobter iſt, ſo darf es Sie nicht verwundern, daß mich das ſchmerzt, und daß ich alſo.... „Stille, Fräulein Julie!“ fiel ihr Brink in die Rede;„ſprechen Sie einen ſo unedeln leichtſinnigen Ge⸗ danken nicht aus. Ich beklage es, daß ich Ihre Mei⸗ nung in Beziehung auf die Stärke der Gefühle des Doc⸗ tors nicht beſtreiten kann; aber Sie ſind ſeit dem vorigen Jahre größtentheils ſelbſt die Urſache davon, und wer weiß welchen Kampf er beſtanden haben mag 2 Gewiß iſt, und ich ſtehe dafür mit meinem Leben, daß er Ihrer Liebe, Ihrer Achtung, und vor Allem Ihres Vertrauens, viel⸗ 118 leicht auch Ihrer Nachſicht werth iſt. Denken Sie an ſich ſelbſt!“ „Gut, gut, Herr Brink! ich glaube, daß Sie Recht haben, und ſobald wir von der Hochzeit zurückkommen, werde ich meinen Vater bitten, durch eine kleine Feſtlichkeit die Verlobung zu veröffentlichen, und dann nehme ich auf immer von aller Gefallſucht Abſchied.“— „Aber,“ wandte Brink ein,„ein Sprüchwort ſagt: „„Schiebe nichts auf morgen, was du heute thun kannſt.““ Nichts iſt leichter, als wenn der Rittmeiſter hereinkommt, ihm zu ſagen: Sehen Sie, hier habe ich die Ehre, Ihnen meinen Bräutigam vorzuſtellen.“ „Nein, das iſt rein unmöglich; fordern Sie das nicht. Aber, wenn wir von der Hochzeit zurückkehren, ſoll es auf die Art geſchehen, wie ich Ihnen geſagt habe. Ich brauche ein paar Tage, um darüber ſelbſt nachzudenken.“ Brink ſchüttelte den Kopf und ging, um ihren Auf⸗ trag zu erfüllen. Er hatte durch einen Freund in W. ziemlich genaue Kenntniß von Waldemars Verhältniß zu Fräulein v. Horſt erhalten; aber die wahrſcheinliche Ver⸗ bindung zwiſchen ihr und dem Großhändler Billing war ihm ebenfalls nicht unbekannt, und er tröſtete ſich deßhalb mit dem Gedanken, daß, da dieß einmal abgemacht war, des Doctors Verhältniß zu Julien weniger gezwungen wer⸗ den würde. Der einzige Stein des Anſtoßes ſchien ihm der Baron.„Es wäre nicht unmöglich,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„daß ſie in einem Anfall von Eitelkeit und Leicht⸗ ſinn mit Klein abbrechen und ſich mit dem Baron vermäh⸗ len würde, im Falle dieſer Ernſt mit der Sache macht. Gott bewahre uns vor einem ſolchen Unglück! bat Brink mit aufrichtigem Herzen. Nur einige Augenblicke hatte Julie Zeit gehabt, über Brinks Rath nachzudenken, und Alles war bei ihr noch ein ungeordneter Wirrwar, als ſie in einiger Ent⸗ fernung Klein mit ihrem Vater auf ſich zukommen ſah. 119 Der letztere wurde unterwegs von einem Bauern aufge⸗ halten. Sie begegneten ſich ganz allein. „Willkommen, Waldemar! du haſt mich wirklich überraſcht,“ ſtammelte Julie und legte ihre Hand in die ſeine, die er ihr mit herzlichem Wohlwollen entgegen⸗ ſtreckte.. „Ich will hoffen, nicht unangenehm,“ antwortete er, und ſah ihr mit einem ſanften aber forſchenden Blick ins Auge. „Gewiß nicht, theurer Waldemar; aber du wäreſt mir noch willkommener geweſen, wenn es früher geſche⸗ hen wäre.“ In dieſen Worten lag eine Zweideutigkeit, die Wal⸗ demar auf verſchiedene Art auslegen konnte. Da er über die rechte im Ungewiſſen war, begnügte er ſich mit der Antwort, er habe unmöglich früher Urlaub bekommen kön⸗ nen.„Aber ſei verſichert, beſte Julie, daß dieſe Verſäum⸗ niß jetzt eingeholt werden ſoll; denn ich habe die Abſicht, einen ganzen Monat hier zu bleiben.“ Juliens Antwort darauf war ſehr unzuſammenhän⸗ gend. Sie konnte ihre Seele von dem Gedanken an die Verwirrung nicht lostrennen, die unausbleiblich er⸗ folgen mußte. Der nächſte Gegenſtand ihrer Beküm⸗ merniß war der Baron. Was wiürde er ſagen, denken und thun? Und wie ſollte es mit ihr ſelbſt gehen? Sie hatte nicht den Muth, aufrichtig mit Waldemarn zu ſprechen; und wie würde ſie ihm ſagen können, daß ihre Liebe und Eitelkeit beſtändig im Streit miteinander lä⸗ gen? Daß ſie ſelbſt anfinge ſich einzubilden, der Baron habe ihr ein lebhafteres Intereſſe eingeflößt, als mit ihrer Ruhe vereinbar ſei, und endlich bewegte ſie eine gewiſſe, nicht unwichtige Furcht, als ob Waldemar und ſie nicht für einander paßten; alles das war nicht eben geeignet, der Gegenſtand ihrer erſten Unterhaltung beim Wiederſehen zu werden. Das war Julien klar, und ſie ſchwieg, da ſie nicht wußte, was ſie ſprechen ſollte. Waldemar, der während dieſer langen Pauſe ſie genau beobachtet hatte, faßte ihre Hand, und ſagte: Ich höre, daß ihr heute zu einer Hochzeit reiſen werdet. Wenn du es nicht ſchon einem Andern verſprochen haſt, ſo hoffe ich, du nimmſt deinen Platz bei mir; mein Gefährt iſt geräu⸗ mig und gut.“ Nichts konnte Julien unter gegenwärtigen Umſtän⸗ den weniger angenehm ſein, als ein ſo langes tét-à-tét mit Klein. Ueberdieß hatte ſie verſprochen, mit dem Baron zu fahren. Um beiden Theilen zu entgehen, ant⸗ wortete ſie, jedoch nicht ohne eine gewiſſe Unruhe, wie Waldemar es aufnehmen würde:„Ich möchte im Wagen fahren, man bewahrt ſeine Kleider beſſer in einem bedeck⸗ ten Fuhrwerk. 4 „Wie du willſt,“ ſagte Klein, aber ein leichter Zug von Mißvergnügen ſchwebte auf ſeinen Lippen. „Ich hoffe jedoch, daß du nichts dagegen haſt, wenn ich meinen Platz auf dem Kutſchenbocke einnehme.“— Dagegen war nichts einzuwenden. Julie nickte mit dem Kopfe Beifall, ſo freundlich ſie konnte⸗ und ſagte: Ich glaube, Karoline fährt mit im Wagen; denn ſie hat die Finladung einiger Herren abgeſchlagen.“ „Sie geht nicht mit,“ berſehte Klein,„wie ſie mir eben ſagte.“ „Sie bleibt alſo bei ihrem eigenſinnigen Vorſatze,“ fuhr Julie verdrießlich fort,„obgleich ich ſie ſo ſehr gebe⸗ ten habe. Findeſt du das nicht ſehr ſonderbar von deiner Schweſter?“ „Nicht im Geringſten, meine liebe Julie! Wir beide, ich und Karoline, betrauern noch zu ſehr den Ver⸗ luſt eines geliebten Vaters, als daß wir nach drei oder vier Monaten an irgend einer Art Zerſtreuung Vergnü⸗ gen finden könnten. Sie bleibt aus Geſchmack daheim; ich gehe mit, weil es dich vernachläßigen hieße, wenn ich, da ich einmal da bin, irgend einem jene kleine Ar⸗ tigkeiten Pberlaſf en würde, die jetzt ausſchließlich mein Amt ſind.“ Du biſt wirklich zu gut, Waldemar;“ erwiederte — ᷣ 8 25 — ◻ ———— O ————— 121 Julie lächelnd.„Sei aufrichtig, ich bitte dich; wünſcheſt du, daß ich daheim bleiben ſoll, ſo ſei überzeugt, daß ich ohne Schmerz eine Freude vermiſſen kann, wenn ich da⸗ durch deinen Beifall gewinne.“— Für den Augenblick war dieß ihr Ernſt; denn ſie bekam ſchnell einen Paroris⸗ mus von Reue. Waldemar antwortete mit einiger Ueberraſchung: „Weit entfernt davon, meine beſte Freundin! Es iſt mir ein wahres Vergnügen, dir eine Aufmerkſamkeit zu erwei⸗ ſen. Willſt du indeſſen mich deinen Gäſten vorſtellen?“ „Nein, Waldemar! das überlaſſe ich Karolinen, und bitte für heute um deine Nachſicht. Einige kleine Haus⸗ geſchäfte hindern mich vor Mittag hinabzukommen.“ Sie waren nun in den Salon getreten, und da Klein ſie noch eine Weile zurückhalten wollte, ſagte ſie mit einem wehmüthigen Lächeln:„Heute, lieber Waldemar, kann ich dir nicht angehören. Wir müſſen einander erſt beſſer ken⸗ nen lernen. Glaube mir, wir müſſen das.“ Sie eilte hinaus, von mannigfachen und heftigen Gemüthsbewegungen erſchüttert, um ihre zunehmende Un⸗ ruhe zu verbergen, und in der Einſamkeit ihres Zimmers ſich eine paſſende, mit⸗ dem Tage vereinbare Stimmung und äußerliche Haltung zu erkämpfen. Verwundert ſah ihr Klein nach und ging kopfſchüttelnd zu Guſtav hinein. Eine Stunde ſpäter ſaßen all die fröhlichen Gäſte an der frühzeitigen Mittagstafel, worauf ein jeder an das wichtige Geſchäft der Toilette ging. 122 XIII. Die Fahrt zur Hochzeit. Erſter Akt. Im Probſthof rauſchten Mörſer mit Gewürzen, Das ganze Hausgeſinde war in Eil,. Die Mägde ſchwenkten ſich in Sonntagsſchürzen, Ein fetter Truthahn ſtack am Eiſenpfeil. Frau Lenngren. Von Knapergaarden hatte man eine Meile nach dem Probſthofe S—aryd. Um halb fünf Uhr ſtanden die Damen fertig da in geſtärkten Neſſeltuchkleidern mit roſen⸗ rothen Schärpen, die Füßchen in die allerzierlichſten, klei⸗ nen, grünen Seidenſchuhe gezwängt, und das Haar mit den ausgewählteſten Geſtalten des Blumenreiches geſchmückt. Bajaderen von dem modernſten Schlag, den weißen oder bronzefarbigen Hals bald verhüllt, bald entblößt, je nach⸗ dem es die Umſtände erlaubten oder verboten. So vor⸗ theilhaft ausſtaffirt und in Mäntel und Schleier gehüllt, wurden ſie von ihren wartenden nach eau de Cologne und Reſeda duftenden Kavalieren zu den verſchiedenen Ge⸗ fährten geleitet. Julie hatte durch Brink den Rittmeiſter davon be⸗ nachrichtigt, daß ſie wegen heftigen Zahnwehs(o Wei⸗ berliſt!) im Wagen fahren müßte. Das kam ihm ſehr merkwürdig vor; er beſchloß jedoch ſich nicht ausſchließen zu laſſen, ſondern jedenfalls Platz darin zu nehmen, weßhalb er ſich erkundigte, wer von der übrigen Geſell⸗ ſelben Partie gehöre. Er erfuhr, daß die Wagens aus Julien, einer alten Wittwe als beſtehen ſollten, welche letztere unglücklicher⸗ ame unterwegs, ihrer Tochter und deren — 123 weiſe zu ſpät gekommen waren, um ſich ein eigenes Fuhr⸗ werk verſchaſſen zu können. Des Barons Plan war ſchnell entworfen. Er bot dem Herrn königlichen Sekretarius und deſſen Braut ſein eigenes Pferd und Gefährte an, das dankbar angenommen wurde. Er wußte, daß die alte Wittwe taub war, deßhalb hatte er nicht das Ge⸗ ringſte dagegen, daß ſie als eine Zugabe zu dem unſchätz⸗ baren Weſen, die auf einmal an⸗ und abweſend ſind, in einer Ecke ſaß; und was Klein betrifft, ſo bekümmerte ſich der Rittmeiſter wenig darum, wo der fuhr. Es fiel ihm nicht einmal ein, an ihn anders als an den letzten zu denken. Alles war nun in gehöriger Ordnung und ſämmtliche Damen glücklich aufgehoben. Nur der Baron und der Doctor ſtanden noch im Vorplatz, und warteten auf Julie. Obwohl ſie nicht die geringſte Ahnung davon hatten, daß ſie Nachbarn im Wagen ſein ſollten, ſo ſchienen ſie einander doch inſtinkt⸗ mäßig mit feindſeligen Blicken zu betrachten. Endlich kam die Erwartete, ſchön wie eine Roſe, in ihrem geſtickten Tüllkleide, mit weißem Atlas darunter, einen koſtbaren perſiſchen Shawl, wie eine leichte Draperie, über den prächtigen, feinen Anzug geworfen, und auf den herrlich glänzenden, braunen Locken einen ſtrahlenden Kranz von goldenen Aehren und künſtlichen Kornblumen. Der Baron ſtand ſtumm vor Entzücken. Auch ge⸗ habte ſie ſich heute mit einem Adel und einer Anmuth, die eine Königin geziert haben würden. Beide Herren erhielten einen flüchtigen, triumphirenden Blick, als ſie mit einer leichten Verbeugung des Kopfes, am Eingange zu ihres Vaters Zimmer verſchwand. Auf Waldemar machte dieſer Blick einen widrigen Eindruck; beim Baron war es gerade umgekehrt. Das war ein Blick und eine Haltung, wie ſie der künftigen Baronin von K. würdig waren, ſo dachte er bei ſich ſelbſt. Da Julie zurückkam, ward ſie von Karolinen be⸗ gleitet, deren einfaches, geſtreiftes Baumwollenkleid und 3 124 ſchlechtgemachtes Haar Juliens entlehnte und eigene Reize durch den Gegenſatz, die ſie bildeten, vortheilhaft erhöhte. ſchnell hinzu, um ihr den Mantel umlegen zu helfen; aber Waldemar ſtand auf der andern Seite und war ihm ſchon mit dieſer Artigkeit zuvorgekommen. Der Rittmei⸗ ſter fand das ſehr kühn von dem Doctor; aber nichts konnte ſeinem Erſtaunen gleichkommen, als er ſah, wie Waldemar, da er ſelbſt eben Julie den Arm bieten wollte, ganz ungenirt ihre Hand faßte, ſie in den ſeinigen legte und ſie zum Wagen führte. Der Rittmeiſter biß ſich ſo heftig in die Lippe, daß ein kleiner Blutstropfen auf das Taſchentuch niederfiel. Beim Anblick des kleinen rothen Fleckens ſtillte ſich ſein aufbrauſender Zorn und wer möchte ſich darüber wun⸗ dern? Blut iſt ein heiliges Ding, vor allem freiherrliches Blut. Das wurde ihm übrigens jetzt klar, daß er ſie, da er einen Tropfen von dem ſeinen für ſie vergoſſen habe, als ein ganz und gar ihm, angehöriges Eigenthum zu be⸗ trachten habe. Was den Doctor betraf, ſo war der Baron ſo weit davon entfernt, ſein wahres Verhältniß zu ihr zu errathen, daß er ſein Benehmen theils ihrer alten Jugendfreundſchaft, theils auch einem Mangel an feinerem Takte zuſchrieb, weßhalb er es unter ſeiner Würde hielt, darüber in Zorn zu gerathen. Dieſe Betrachtungen wurden angeſtellt, als er mit dem Tuch an den Lippen, die Treppen nieder und zum Wagen hinging. „Wird der Herr Rittmeiſter auch hier mitfahren?“ fragte Klein mit einem nicht gerade allzu einladenden Ton, als er ihn ohne Umſtände einſteigen ſah. „Ja, mit Ihrer Erlaubniß,“ antwortete der Baron und zog die Wagenthüre zu.— MNun war es an Klein ſich in die Lippen zu beißen. Dieß geſchah jedoch mit ſo viel Behutſamkeit, daß kein Zlutstropfen ſichtbar wurde. Und das war recht; denn Der Rittmeiſter, der ganz aufmerkſam war, eilte. 2 ßen. kein denn gehabt. 125 von ſo ganz und gar plebeiſchem Blute, hätte er wenig Anſprache auf einen Wettſtreit mit ſeinem edlen Gegner Schweigend nahm der Doctor ſeinen Platz auf dem Kutſchenbock ein; und da der Weg zum Probſthofe in entgegengeſetzter Richtung von dem lag, der mit dem ab⸗ ſcheulichen Rücken endigte, verſpürte man kein Hinder⸗ niß gegen eine ſchnelle Fahrt. Des Doctors knallende Peitſche verſetzte die muthwilligen Pferde in die munterſte Laune. Aber mit Ausnahme von dieſem war die Geſell⸗ ſchaft ſehr verdrüßlich; der Baron, weil er auf ſchwediſch und franzöſiſch Julien vergebens aufzuheitern verſuchte; ſie, weil ſie wußte, daß Waldemar, wenn er wollte, jedes Wort hören konnte; die alte Wittwe, weil Niemand ihre beſcheidenen Bemorkungen mit etwas Anderem, als einem einſylbigen:„hm,“ oder„ja, ja,“ beantwortete; und der Doctor, weil er eine Gelegenheit ſuchte, um den Uebermuth des Barons auf eine angemeſſene Art einen Treff zu geben.. So wurde das Stillſchweigen nicht gebrochen, bis man zu Aller Erleichterung an dem mit Wagen und andern Fuhrwerken ganz umringten Probſthofe ankam. Ehe Klein dem herzutretenden Knechte die Zügel über⸗ geben konnte, war der Rittmeiſter ſchon aus dem Wagen geſprungen und ſtand bereit, Julien herauszuheben, was er auch raſch und luſtig in's Werk ſetzte. Er hatte den Mantel abgeworfen, und Julie ſah den Rittmeiſter zum erſten Mal in der Uniform der ſ—ſchen Dragoner. Und dieſe, das mußte ſelbſt der Neid zugeſtehen, war in hohem Grade geeignet, ſein vortheilhaftes Ausſehen und ſeine ſchlanke Figur zu zieren.. Mit Wohlgefallen hing Juliens Auge an der rei⸗ chen, geſchmackvollen Tracht. Nie hatte er ſich ihr in einem ſo verführeriſchen Lichte gezeigt. Dazu gab der gemiſchte Ausdruck von Schmerz und Zärtlichkeit in ſei⸗ nen Zügen, ſeinem ganzen Weſen etwas ſo Eigenes, ſo unwiderſtehlich Einnehmendes, daß ſie nicht umhin konnte, 126 einen vergleichenden Blick von ihm auf den Doctor zu werfen. Waldemar, obwohl an regelmäßiger, männlicher Schönheit dem Baron weit, überlegen, ſchien jedoch nun mit ſeiner rechten Haltung, in dem ſchwarzen, zwar feinen aber doch ſehr beſcheidenen Anzuge, gegen den glänzenden Rittmeiſter keinen Vergleich aushalten zu können. Beim Eingange zum Probſthofe flüſterte der Baron ihr zu:„Darf ich auf die erſte Tour rechnen?“ „Nicht auf die erſte,“ antwortete ſie ein wenig ver⸗ wirrt;„dieſe habe ich ſchon verſagt.“ „Schon?“ Das war unerwartet.„Nun wohl, Julie! dann doch die erſte Quadrille und den zweiten Walzer? O! ſagen Sie nicht nein,“ bat er mit einer ſo ſanften, verführiſchen Stimme, daß ſie ihm haſtig zuflüſterte:„Es mag ſo ſein; aber halten Sie ſich nun in einiger Ent⸗ fernung.“ Dieſe Ermahnung ward von einem Blick begleitet, der gewiß von Niemand, als dem Baron geſehen wer⸗ den ſollte, den jedoch ſo wie einige Worte ihrer Unter⸗ haltung Waldemar, obwohl er bei Seite ſtand, von un⸗ gefähr auffaßte. Und wenn gleich von Karolinen vor⸗ bereitet, ſo war er doch von dieſem Beweiſe des zärtlichen Verhältniſſes, das zwiſchen ſeiner Braut und dem Ritt⸗ meiſter beſtand, auf's Höchſte überraſcht. Julie hatte keine Ahnung von der Entdeckung, die der Doctor ge⸗ macht hatte, weßhalb ſie ſich ganz frei zu dem am Fuße der Treppe wartenden Marſchall wandte, mit vieler An⸗ muth die äußeren Fingerſpitzen ihrer weißen Handſchuhe auf den Arm legte, den er ihr galant anbot, und ſo von ihr zum Toilettenzimmer der Damen geführt wurde. Dieſer in Folge der Feſtlichkeit des Tages für die Grazien umgeſtaltete Tempel, war urſprünglich im All⸗ tagsgeſpräch eine ſogenannte Küchenſtube, und konnte in dieſer ſeiner gewöhnlichen Eigenſchaft als ein Tempel für Spinnrocken und Webſtühle angeſehen werden. Hier gab die geſchäftige Hausmutter den in Unterthänigkeit lauſchenden Prieſterinnen das wichtige Orakel auf ihre — e e —„—— 127 ſchüchternen Fragen. Hier konnte ſie durch die dünne Bretterwand zur Küche alles erfahren, was dort in Worten und Werken vorſiel. Dieſer letztere Vorzug ging heute auch auf ihre Gäſte über, denn ungeachtet der vielen Stimmen, die durcheinander ſchrieen:„hilf mir, ach Liebe, mache mir da die Blume feſt! leihe mir ein Paar Haarnadeln; befeſtige hier die Landroſe! u. ſ. f., wur⸗ den doch alle von einem Duett übertönt, das mit ſchnei⸗ dendem Diskant in der Küche, aus Veranlaſſung der be⸗ ſtrittenen Untereinandermengung eines Markpuddings, zwiſchen des Probſtes Schweſter, allgemein anerkannt als der Kochin Löfflerin würdige Schülerin, und einer kunſt⸗ erfahrnen Madame angeſtimmt wurde, welche des Hoch⸗ zeiteſſens halber von der Stadt herbeſtellt worden war. Wenn man dazu das unglaubliche Geraſſel von Töpfen, Keſſeln, Kaſſerolen und Pfannen nimmt; das Geläufe der aus Küchen⸗ und Stallmägden dazu umgeſchaffenen Kammerjungfern vom Theezimmer zum Saale und vom Saale zur Küche, und von da weiter mit Waſſerſchüſſeln und Handtüchern zu der kleinen Wohnung im Hofe hinab, wo die Stuben des Magiſters und Adjunkten den erſten Sammelplatz der Herrn ausmachten, das heißt, daß ſie in des Magiſters kleinem zerſprungenen Spiegel, der mitten an einem Fenſter hing, ſo viel überſahen, als ſie in demſelben von ihrem äußern Menſchen entdecken konnten, ihre Locken ſtrichen, an dem weißen, feinen Kragen ausglichen, die Schleife des Halstuchs ein we⸗ nig beſſer zurecht zogen, die blinkenden Knöpfchen an den Hemdfalten befeſtigten, ſammt verſchiedenen klei⸗ nen Verbeſſerungen; wenn man ſich weiter das unauf⸗ hörliche Scharren des Marſchalls mit den ſpiegelblanken Stiefeln im Vorzimmer vorſtellt, und die Choͤre von der ewiglichen Repitition derſelben Phraſe:„Gehorſamer Diener, meine Dame! Seien Sie ſo gnädig und treten Sie herein!“ ſo hat man ungefähr einen richtigen Be⸗ griff von dem, was hinter den Couliſſen vorging. Aber — 128 es dürfte nun nicht zu früh ſein, auf die Bühne ſelbſt zu kommen. Die Geſellſchaft von Knapergaarden, als der letzte von den Gäſten erſchien, war endlich bereit, denn genannten merkwürdigen Tempel zu verlaſſen, und nun öffnete ſich die Thüre zu dem weißgetünchten, feſtlich geſchmückten Saale. Herr Probſt S. im Feſtkleide und die Frau Probſtin in einem nagelneuen, ſchwarzen Bombaſſinrocke, ein Ge⸗ ſchenk des künftigen Schwiegerſohns, traten hier mit tiefen Bücklingen und freundlichen Worten der Geſell⸗ ſchaft entgegen. Mitten im Zimmer ſtand ein mit Blumen geſchmückter Altar, und vor dieſem zwei kleine Schemel; mit der Probſtin feinſten Damaſtſervietten bedeckt, deren blendende Weiße durch die zierlich daran befeſtigten Myrthenguirlanden noch mehr hervorgehoben wurde. Nach dem gewöhnlichen Umſtand mit Begrüßungen und Vorſtellungen deutete ein ernſtes, vorbereitendes Räuspern des Herrn Probſtes an, daß die Zeit zum Be⸗ ginn der Ceremonie da war. Man ſtellte ſich in zwei Halbkreiſe, die Damen auf der einen, die Herrn auf der andern Seite des Altars; aber die Thüren zu den beiden kleinen Seitenzimmern wurde von dazu beſtimmten dienſtbaren Geiſtern bereit gehalten, um auf den erſten Wink von innen geöffnet werden zu können. Der Probſt war ſchon hinausgegan⸗ gen, um ſeine Tochter hereinzuführen; ein allgemeines Stillſchweigen herrſchte. Nun gilt es, wertheſte Leſerin⸗ nen; laßt uns beſcheiden bei Seite treten. Auf einmal wurde das erwartete Zeichen gegeben; die Thüren wurden aufgemacht, und aus der einen trat der Bräutigam, der Herr Kommiſſär Lynnel, begleitet von ſeinem ehrenwerthen Herrn Vater und vier Jugendfreunden, ſogenannten Jung⸗ geſellen oder Brautführern, und von der andern die Braut, in ſchamhafter Verwirrung, an des Probſtes Arm, „mit dem Kranz im dunklen Haar.“ Ihr folgten vier Brautjungfern.. —, 8 ———+—— ——— 129 Der Probſt nahm das Gebetbuch und trat vor den Altar, die jungen Leute einander gegenüber auf die andere Seite, wo ſie zur beſtimmten Zeit niederknieten, und die vier Brautjungfern und Brautführer ſpannten den eigenen großen, rothen Brautſhawl der Probſtin wie einen Balda⸗ chin über das weinende Paar aus. Alle Damen hielten pflichtlich ihre Taſchentücher und die Herrn ihre Hüte vor die Augen, oder kurz und gut, es ging Alles in ſo gehö⸗ riger Ordnung vor ſich wie man das bei einer wohlbeſtell⸗ ten Hochzeit erwarten kann. Doch die Hochzeit in S—aryd war nicht beſtimmt, in derſelben Einförmigkeit fortzugehen, wie dergleichen Feſt⸗ lichkeiten gewöhnlich geſchehen. Durch einen Zufall,— die Tradition meldet jedoch nicht durch welchen— hatte Doctor Klein ſeinen Hut ziemlich weit abſeits, wodurch er Gelegenheit bekam, die Augen auf einen Gegenſtand zu heften, der zu der Gruppe zu gehören ſchien, die das Brautpaar umgab. Er machte die Augen zu und rieb ſie mit der flachen Hand, ſah wieder hin und machte ſie wieder zu, fuhr mit dem Nastuch über das Geſicht und ſah wieder hin. War er denn verhert?„Es iſt kein Blendwerk,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„und doch begreife ich nicht, wie es in Wirklichkeit ſein kann.“ Zur Linken der Braut ſtand eine feine, ſchlanke Frauengeſtalt, deren einfacher und kunſtloſer Anzug einen Gegenſatz zu dem überladenen Lurus in der Kleidung ihrer Mitſchweſtern bildete. Ein weißes Gewand ohne Garnirung, ein licht⸗ blauer Sammtſpenzer, eine feine ſchwarze Eiſenkette um den blendend weißen Hals, ein Kranz von Imortellen auf dem goldgelockten Köpfchen, waren ihr einziger Schmuck. Aber ſie bedurfte nicht der Hülfe der Kunſt und Toilette; ſie ſtand da gerade durch ihre erhabene Schönheit und und ihr anmuthiges Weſen als eine Zierde des Feſtes. Sogar Julie, die ſchnell dieſe ihr fremde Geſtalt gewahr wurde, fühlte innerlich, daß dieſe eine ſehr gefährliche Nebenbuhlerin für ſie werden könnte. Ihr Blick ſuchte Waldemar Klein.* 9 13³⁰ ſchnell nach dem des Barons. Dieſer hatte lange ſeine Augen auf die reizende, unnennbar einnehmende Braut⸗ jungfer geheftet; aber ſein Verhältniß zu Julien machte ihn vorſtchtiger. Da er bemerkte, daß ſie acht auf ihn gab, nahm er ſchnell eine Veränderung in dem bewundern⸗ den Blicke vor, den er der unbekannten Schönen zugewor⸗ fen hatte, ehe er Juliens begegnete. Ein ſchalkhaftes Lächeln lag nun darin, wie wenn er ſagen wollte:„Fürchte nichts, ich ſehe blos dich!“ Auf Waldemarn gab Julie nicht Acht; ſonſt hätte ſie ſich gewiß ſehr über den wechſelnden Ausdruck in ſeinem marmorbleichen Geſichte verwundert. Mit einem langen tiefen Seufzer zog er ſich in den Haufen der Gäſte zurück; er hatte Marie v. Horſt wieder erkannt. Die Ceremonie ſchloß, und im Gedränge der Glückwünſchenden, welche das Brautpaar umringten, fand er Gelegenheit ſich fort⸗ zuſtehlen. XIV. Der zweite Akt der Hochzeit. Und fleißig im Kreſ unbe. ging das tiefe Horn. mm Tehnér Sehen will ich noch die goldnen Locken, Hören ihre Stimme, den geliebten Laut. Tegnér. Scchon waren jetzt Rheinwein, Punſch, Biſchof und Konfituren umhergeboten; die geziemenden Geſundheiten von den Ceremonienmeiſtern vorgeſchlagen und getrunken; die Gelegenheitsgedichte mit großer Feierlichkeit abgeſungen, und auf einem Präſentirteller von den kleinen Geſchwi⸗ — „ 131 ſtern der Braut, die an dieſem Tage in ſtrahlenden weißen Kleidchen und vergoldeten Papierflügeln als Engel Dienſt thaten, übergeben; auch war die Rede des Prohſtes ſowohl zu ſeiner eigenen Zufriedenheit, als auch zu der ſeiner Gäſte glücklich überſtanden; kurz alles fertig, den Zug zum Tanzſaale zu beginnen, wozu des Probſtes große, neue Scheune mit eben ſo viel Kunſt als Mühe glücklich umge⸗ ſchaffen worden war. Die Ceremonienmeiſter hatten den Herrn bedeutet, daß ein jeder ein Frauenzimmer führen ſollte; hierauf ſollte man nach einem Marſche, der von zwei vorangehen⸗ den Trompetern geblaſen wurde, aufbrechen und jeder mit ſeiner Dame den erſten Walzer tanzen. Die Herren dräng⸗ ten ſich alſo geſchäftig durch einander, mit Aufforderungen zur Rechten und Linken:„Kann ich die Ehre haben?“— „Nein, ich danke!“—„Ja, ich danke!“ erſcholl es im Saale, wie das Geſummſe eines Bienenſchwarms. Um Fräulein St-—hal ſtand eine ganze Schaar, der Eine um einen Kopf höher als der Andere, und verbeugte und ver⸗ komplimentirte ſich. Sie hielt ein Büchlein von rothem Maroquin in der Hand, worin ſie auf den kleinen Perga⸗ mentblättern mit einem Goldſtifte die Touren und die Namen ihrer Kavaliere aufzeichnete. Mit vornehmer Her⸗ ablaſſung neigte ſie das Haupt vorsdem, deſſen Aufforde⸗ rung angenommen werden konnte; ein leichtes Schütteln deſſelben bezeichnete das Schickſal der Hoffnungsloſen. Der Rittmeiſter ſah dieß mit ſtolzer Zufriedenheit mitan. Sein Loos im Wege des Tanzes war ſchon beſtimmt; er hielt ſich deßhalb, nach ſeiner Herrſcherin Begehr, in einiger Entfernung, und ſuchte einen andern Gegenſtand für ſeine erſte Aufmerkſamkeit. Die Glück⸗ liche, auf welche ſeine Wahl fallen ſollte, mußte jedoch gerade nicht zur Stelle ſein; denn der Baron ſtand wie eine Bildſäule, die Arme gekreuzt, und blickte unverwandt nach einer der Thüren. Raſch ging er nun zum Bräu⸗ tigam hin, und bat ihn, ihn der jungen Dame vorzu⸗ 132 ſtellen, die jetzt zugleich mit der Braut eintrat, welche letztere draußen geweſen war, und dem niedern Geſinde den Anblick ihrer gefeierten Perſon vergönnt hatte. Lynnell kam ſeinem Wunſche nach, der Boron erreichte ſeine Ab⸗ ſicht, und Fräulein von Horſt verneigte ſich ſittſam und dankte. Nun bot der Kommiſſär Lynnell ſeiner jungen Frau den Arm, um mit den Brautführern an der Spitze den Weg zum Tanzſaale zu machen. Alle Andern thaten ebenſo. Julie ſtand in einem Nu ganz allein; denn beim erſten Trompetenſtoß flog jeder an ſeinen Platz. Nur Klein war noch nicht da. Der Rittmeiſter, der ihre Unruhe ſah und errieth, daß der Doctor ihr Kavalier ſein werde, ſagte geſchwind ſeiner Dame eine leichte entſchuldigende Artigkeit, und ſprang fort, um Waldemar aufzuſuchen, welche Aufmerkſamkeit ihm Julie zu gut ſchrieb. Der Doctor, der unterdeſſen wohl zwanzigmal mit großen Schritten Magiſter Traſſelins Stube durchmeſſen hatte, welche nun verlaſſen war, hatte endlich durch Sinnen und Nachdenken die tobenden Elemente in ſeiner Bruſt beruhigt, und ſtand nun mit äußerlicher Kälte und Selbſtbeherr⸗ ſchung bereit, wieder zu gehen, um Marie und ſeine Braut zuſammen zu ſehen. Da traf der Trompetenſtoß ſein Ohr, und er eilte ſo ſchnell als möglich fort. Unterwegs zwi⸗ ſchen der kleinen und großen Wohnung begegnete er dem Rittmeiſter. „Herr Doctor,“ ſagte dieſer in ſcharfem, beißendem Tone,„erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß es, wenn man ein Frauenzimmer auffordert, ſchon die gewöhnliche Lebensart erfordert, ſie nicht durch Ausbleiben, wenn der Tanz beginnt, in Verlegenheit zu ſetzen.“— „Wenn Sie von meiner Dame den Auftrag haben, Herr Rittmeiſter, dieß Geſchäft zu vollführen, ſo erlauben Sie mir Ihnen zu antworten, daß ſie von mir ſelbſt meine Entſchdigung hören ſoll. Haben Sie es dagegen che nde nell lb⸗ ind au den ten im kur ihe de, nde en, Der ßen tte, und igt, vr⸗ aut ͤhr, wi⸗ dem dem zu ert, irch zu ben, ben lbſt gen — 133 aus eigener Artigkeit und auf eigene Rechnung auf ſich genommen, ſo werde ich die Ehre haben, Ihnen für die unverhoffte Mühe, womit es Ihnen gefallen hat, ſich mit meinen Privatangelegenheiten zu beläſtigen, meinen beſon⸗ dern Dank abſtatten.“ „Der Lohn ſoll nicht ausbleiben,“ antwortete der Baron in einem hochfahrenden Tone, und ſie tauſchten beide einen Blick aus, der beiderſeits die Verſicherung zu enthalten ſchien:„Wir treffen uns wieder,“ worauf ſie hineineilten. Julie nahm Waldemars herzliche Bitte um Verzei⸗ hung ziemlich gleichgültig auf. Ein ſchnelles Uebelbefinden in Folge der ſtarken Wärme, dem ſein Ausſehen nicht widerſprach, machte jedoch die Sache glaublich, und ſie folgten nun den übrigen Paaren. Bald überzeugte ſich Klein, daß auch Marie ein Gegenſtand der Galanterie des Barons geworden warz denn ſie machten das Paar aus, das zunächſt vor Julien und ihm, auf dem mit Sand be⸗ ſtreuten und mit Tannen geſchmückten Weg zum Heilgthume des Feſtes ging. Waldemar hatte alle Mühe, um ſeinen innerlichen Aerger über des Rittmeiſters vielfältige, obwohl unſchuldige wenn ſich der Baron niederbeugte, um ein paar Worte 134 wohlthuend waren, wurde er durch Juliens Frage erweckt: „Weißt du, Waldemar, wer das Mädchen iſt, das der Baron von K. zum Tanze führt?“ „Sehr gut,“ antwortete er;„ſie iſt von W. und heißt von Horſt.“ „Kennſt du ſie vielleicht perſönlich?“ fuhr Julie fort. Waldemar ſah ihr forſchend in's Auge; aber da war nichts weiter zu leſen, als eine gewöhnliche Neugierde. Dadurch zufriedengeſtellt, antwortete er, jedoch nicht mit ſeiner gewohnlichen Ungezwungenheit im Tone:„Ich habe das Glück gehabt, während einer ſchweren Krank⸗ heit der Arzt ihrer Mutter zu ſein, und habe ſie auch nachher bisweilen beſucht. Wie findeſt du Fräulein von Horſt?“ „Sehr hübſch, erwiederte Julie,„und wenn ich mich nicht täuſche, ſo thuſt du es auch, Oder wie, Waldemar, habe ich nicht recht?“ 2 Sie lachte ſo ſcherzhaft, daß Waldemar wirklich zu fürchten begann, es könnte dieß mehr als ein bloßer Ein⸗ fall ſein. Ein ungewöhnlicher Grad ruhigen Ernſtes lag deßhalb in ſeinem Tone, als er antwortete:„Du giebſt ſelbſt, zu, daß ſie hübſch iſt, beſte Julie. Ich bekenne, daß ich deinen Gedanken theile, der auch die allgemeine Stimme iſt; denn ſo viel ich weiß, hat nicht einmal der Neid et⸗ was auffinden koͤnnen, um Fräulein von Horſts Ausſehen oder Weſen zu bekritteln.“ Du biſt ein eifriger Bewunderer und Lobredner, merke ich,“ ſagte Julie lächelnd,„und der Gegenſtand iſt in Wahrheit deſſen nicht unwürdig. Hätteſt du ſie vor mir gekannt, wer weiß, wem du deine Huldigung darge⸗ bracht hätteſt?“ 4* K Dieſe Bemerkung warf Imlie wie einen Scherz hin; denn ſie hatte nicht den geringſten Grund zu etwas An⸗ derem. Ueberdieß lag es nicht in ihrer Natur, eiſerſüchtig und argwöhniſch zu ſein; ſie war zu ſehr von ihrem eige⸗ ₰— 2ͤ—+½ „————————,—y-—,.— z— 135 nen Werthe überzeugt, um ſolchen kleinlichen Grillen Ein⸗ gang zu geſtatten. Bei Waldemarn bewirkten ihre Worte eine quälende Verlegenheit, er blieb jedoch vom Antworten befreit, denn die Promenade war zu Ende, und mit ſtürmiſcher Fröh⸗ lichkeit traten die Gäſte in die prächtig erleuchtete Scheune. Die Wände waren mit Laub und Blumenguirlanden be⸗ kleidet, kleine, weißbemalte Holzlampen, in denen die Lich⸗ ter in langen Armen ſtanden, hingen in vielen Reihen rund an den Wänden umher, und verbreiteten eine blen⸗ dende Helle über das Zimmer. Nun wurde ein lebhafter Rundtanz aufgeſpielt. Die Muſikanten beſtanden neben den Trompetern aus den drei Virtuoſen des Kirchſpiels, dem Schmied, dem Schneider und dem Wagenmacher, im Vereine mit des Magiſter Traſ⸗ ſelins Floͤte und der baskiſchen Trommel des Organiſten. In Parentheſis muß jedoch hier bemerkt werden, daß, was die Flöte des Magiſters betrifft, es zwar möglich ſein kann, daß er ſelbſt etwas von ihren Tönen genoß; aber für die Geſellſchaft gingen ſie durch die unhöflichen Trompeten voͤllig verloren. Doch das zog der gute Traſſelin nicht in Erwägung. Er bließ und ſchwitzte und trocknete ſich un⸗ aufhörlich mit einem neuen, blaugeſtreiften leinenen Sack⸗ tuche ab, damit das von weißem Leintuche bis morgen unverſehrt bliebe, wo es wie eine freundliche Friedensflagge zwiſchen ſeiner Hand und dem Predigtſtuhle ſchweben ſollte. Uebrigens iſt es etwas Unſicheres, gar zu ſchüchtern zu ſein. Der Magiſter, von Jugend auf daran gewoͤhnt, Vorleſungen über Sparſamkeit mit der Wäſche zu hoͤren, wollte die Frau Probſtin ſo ſelten als möglich damit beſchweren. Aber dadurch verrieth er, was er gerne ver⸗ heimlicht hätte, daß, während das weiße Nastuch Nro 1.. gewaſchen wurde, die Null einſam in der Schublade zu⸗ rückblieb. Armer Traſſelin! er trocknete ſich mit dem blauen Nastuche, und ſeine ſonſt bleiche Haut nahm immer mehr eine Aehnlichkeit mit der Farbe des Leberkrauts an, blos 136 mit dem Unterſchied, daß das Farbenſpiel ihn nicht ſo gut kleidete als eine Anemone. Nach dem Schluſſe des Rundtanzes begann der Wal⸗ zer. Waldemar und Julie, der Baron und Marie tanzten immer auf einmal, und da die übrige Geſellſchaft genug daran hatte, die leichten Bewegungen dieſer herrlichen und geſchmeidigen Geſtalten zu betrachten, ſo ſtand ſie ſtill, und ließ ſie immer allein tanzen. Mariens Blick war unabläſſig an den Boden ge⸗ heftet. Die arme Marie! Sah ſie vorwärts, ſo begeg⸗ nete ihr Auge dem Waldemars; ſah ſie auf die Seite, ſo ſah ſie ihn, und wohin ſie nur blickte, war es immer er, und an ſeiner Seite Juno ſelbſt, deren feurige ſtrah⸗ lende Blicke Marien gerade an ihre eigene Unbedeuten⸗ heit zu erinnern ſchienen. Sie wagte jetzt ihr Auge zu ihrem Kavalier zu erheben, und ward ganz beſtürzt über den finſtern, drohenden Blick, mit dem dieſer Waldemarn betrachtete. Da wurde ſie, wie alle Evastöchter, von der Neugierde verſucht, zu erfahren, wie Klein den Baron be⸗ trachtete, und ſie war ungewiß, ob er das wirklich war; denn ſein Ausſehen erinnerte an einen gereizten, gebundenen Löwen, vor dem einer ſein Junges im Rachen hält. Nie hätte es Marie für möglich gehalten, daß Waldemar einen ſolchen Ausdruck in ſeinen ſanften, ruhigen Zügen anneh⸗ men könnte.. Jetzt mußte ſie wieder auf Juno ſehen, und Maries edles, hohes Gemüth bebte vor dem triumphirenden Blicke zurück, womit dieſe wechſelweiſe den Baron, Klein und ſie ſelbſt anſchaute. Das iſt alſo Waldemars Braut, d chte ſie bei ſich ſelbſt, und ſeufzte unwillkührlich. Hier⸗ auf dachte ſie darüber nach, wie ſeltſam es ſei, daß all di verſchiedenen Gemüthsbewegungen, die ihre Seelen beelebten, ſich mit der äußerlich angenommenen Fröhlich⸗ keit vereinigen konnten, welche ſie bei dem brauſenden wirbel der Muſik in einem Hafen umherzutreiben ſchien, Wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem 137 Ganzen zuſammenfloß, das wenigſtens von der übrigen Geſellſchaft einzig und allein angebetet wurde. Sobald der Walzer beendigt war, und der Ritt⸗ meiſter und Doctor ihre Damen an ihre Plätze in ver⸗ ſchiedenen Theilen des Saales geführt hatten, ſchienen ſie in ihre Rollen umzutauſchen. Der Baron ſtellte ſich ſogleich hinter Juliens Sitz auf, und begann eine ſeiner windigen, von ihr ſo gerne gehörten Unterhaltungen. Der Stoff war ſo mannigfaltig und reich, daß ſie nicht eher aufhörten, als bis die Quadrille begann, und ſodann un⸗ unterbrochen zwiſchen jeder Tour fortfuhren. Wohl be⸗ wirkte hie und da ein Blick von Brink und ein Paar Worte, die er ihr zuflüſterte, einen kleinen Aufenthalt ihrer Seits; doch die Gelegenheit war ſo lockend, ſo gefährlich und verfuhrerifch fur Juliens unglückſelige Eitelkeit! ſie ſah Waldemar ſchweigend, duſter und verſchloſſen wie ſie glaubte, aus Eiferſucht gegen den Baron; dieſen zärtlich, luſtig, lebhaft und liebenswürdig im hoͤchſten Grad. Zu⸗ weilen machte ſie ſich Vorwürfe, daß ſie auf die ſchmeich⸗ leriſche Sprache hörte, die er führte; doch auf's Neue flüſterte ihr die Schwachheit zu:„nur dieſen einzigen Abend noch will ich mir erlauben, ſeine Geſellſchaft zu genießen; dann....“ Aber da kam der Stolz und wunderte ſich, daß Waldemar nicht eifriger bemüht war, ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln, und an dieſen Gedanken knüpfte ſich immer der weitere:„ſein Herz iſt kalt; er wird nie das meinige verſtehen lernen; denn er liebt mich nicht.“ So bald ſie damit im Reinen war, ließ ſie dem Einfluß des Augenblicks freie Hand, ſie auf ſeiner trüge⸗ riſchen Oberfläche in maßloſem Laufe umherzuführen. Sie genoß die fliehende Stunde, unbekümmert um die folgenden. Klein machte indeſſen ein Paar Gänge im Zimmer auf und ab, und jedes Mal kam er dem Orte näher, wo Marie ſaß. Endlich ging er zu ihr hin, und be⸗ zeugte ihr in kurzen, abgebrochenen und etwas unzuſam⸗ 138 menhängenden Worten ſeine Freude und ſeine Erſtaunen, ſie hier zu ſehen. „Das will ich wohl glauben, Herr Doctor,“ ſagte ſie mit einem ſchwachen Lächeln und einem leiſen Zit⸗ tern der Stimme,„daß Sie verwundert ſind, mich hier zu ſehen; und doch gewiß nicht in hoͤherem Grade, als es mir unerwartet war, Sie zu treſſen, da ich glaubte, Sie wären in W. zu ſehr beſchäftigt, um an kleine Ver⸗ gnügungsreiſen denken zu können.“ „Meine Reiſe habe ich eigentlich nicht als eine ſolche betrachtet,“ antwortete er in dumpfem, wunderlichem Tone. „Ich bat um Urlaub, um meine— meine Schweſter und meine Braut zu beſuchen.“ Er ſchwieg. „Und ich,“ fing Marie wieder an, um das peinliche Schweigen zu brechen,„bekam nach unzählige Mal er⸗ neuerten Bitten endlich meiner Mutter Erlaubniß, der Hochzeit meiner Jugendfreundin beiwohnen zu dürfen. Die jetzige Frau Lynnell war mehrere Jahre lang in der Penſion zu W. Sie wohnte damals im Hauſe meiner Mutter, und ſeit dieſer Zeit ſind wir ununterbrochen in einem freundſchaftlichen Briefwechſel mit einander ge⸗ ſtanden.“ Marie hätte ganze Stunden lang ſortſprechen kön⸗ nen; Waldemar würde nicht einen Buchſtaben gehört haben. Schweigend ſtand er mit gekreuzten Armen vor ihr; ſein ſchwimmender Blick ſchien in die Tiefe ihrer Seele eindringen und dort andere Worte herausleſen zu wollen, als die, welche in fremden, künſtlichen Tönen in ſeinem Ohr erklangen. Marie ſah auf ihn und ein un⸗ ſäglich ſchmerzhaftes Schaudern flog durch ihre zarten Formen. Sie wäre gerne geſtorben, wenn ſie in dieſem Augenblicke ſich an dem treuen Herzen hätte ausweinen dürfen, das mit ihrem eigenen verblutete; doch in ihrer reinen Seele, wo die Engel mit Freuden ihre Wohnung hätten aufſchlagen koͤnnen, ſtieg bald ein weniger ſelbſti⸗ ſcher Gedanke empor, nämlich der, Waldemar zu ſich ſelbſt 139 zu bringen und ihm ſeine Stellung in's Gedächtniß zu⸗ rückzurufen. „Beſter Klein,“ lispelte ſie deßhalb in dem alten, wohlbekannten, lieblichen Tone, der mit dem Schmerze und der Seligkeit der Erinnerung ſich auf einmal in ſeine Seele drängte, und ſie mit einem nie geahnten Gefühl namenloſer Wonne und namenloſer Qual durchbebte. Unzertrennlich waren dieſe zuſammengekettet; denn es faßte ihn eine dunkle Ahnung, der theure Laut, der zu ſeinem Herzen ſprach, möchte mit einem andern verbunden werden, der zu ſeinem Verſtande ſprechen, und ihm den ſeligen Traum ſeiner Phantaſie wieder entrücken würde. In haſtigem Lauſchen beugte er ſich zu ihr nieder. „Was wünſcht Marie?“ fragte er leiſe und innig, da ſie einen Augenblick ſchwieg. „Beruhigen Sie ſich, Klein! Sehen Sie mich nicht ſo an! Gehen Sie zu Ihrer Braut und ſprechen Sie heute Abend nicht mehr mit mir!“ bat ſie mit beweglichem Ernſte. „Nur eine einzige Frage; verweigern Sie mir ihre Beantwortung nicht, dann werde ich gehen. Wie iſt Ihr Verhältniß zu Billing? Sind Sie mit ihm verlobt?“ Tief erröthend ſprach ſie:„Dieſe Frage, Klein, meine ich, hätten Sie uns Beiden erſparen können, aber da Sie ſie einmal gemacht haben, ſo muß ich ant⸗ worten, daß ich es noch nicht bin; aber wahrſcheinlich werde ich in einigen Wochen nicht mehr daſſelbe ſagen können.“ Schweigend neigte er ſich und verſchwand. Wo er mehrere Stunden lang darauf ſich aufhielt, weiß man nicht; aber im Tanzſaale war er nicht; denn manches hübſche Mädchen von ſeinen alten Bekannten hatte mit Sicherheit auf einen Tanz mit ihm gerechnet, und ſich kläglich verrechnet, wie ſo oft die Plane der Menſchen in wichtigeren Fällen von einem unbedeutenden Hauche 140 fortgeblaſen werden, und immer mehr als alles Andere den Geſetzen der Wandelbarkeit unterworfen ſind. In wie weit dieſe Betrachtungen von den genannten Grazien angeſtellt wurden, oder ob ſie ſich mit andern Taänzern tröſteten, bleibt zweifelhaft; man kann jedoch an⸗ nehmen, daß ihr Mißvergnügen nur vorübergehend war, denn ſie ſchienen Alle ſehr zufrieden und glücklich zu ſein, und die ſo fröhliche Hochzeit im Probſthofe zu S—aryd machte viele Monate lange die unerſchöpfliche Quelle der Unterhaltung und angenehmer Erinnerungen aus, ſowohl im täglichen Arbeitszimmer, als während der Fahrt am Sonntag von der Kirche hin und her.— Die Zeit flog indeß raſch dahin; die niedergebrannten Lichter und die loſen Locken der Braut wetteiferten wechſelsweiſe, die Gäſte daran zu erinnern, daß die Zeit zum Sonper da ſein müßte. Nun ſchlug der Bräutigam vor, einen Fandango zu tanzen. Alle waren entzückt daruber. Die Ceremonienmeiſter, welche ſchon mit den Lichtern in der Hand daſtanden, ſtellten ſie ſchnell wieder hinweg, und miſchten ſich unter die frohe Menge. Da kam Klein raſch herein, Gott weiß woher; ohne ſich we⸗ der zur Rechten noch zur Linken aufzuhalten, ging er ge⸗ rade auf Marien los. „Erlauben Sie, gnädiges Fräulein,“ ſagte er laut in einem ganz neuen und vollkommen ruhigen Tone,„daß ich mir den Fandango ausbitten darf, den ich ſo unver⸗ muthet in Halleberg vermiſſen mußte?“ Auf's höchſte erſtaunt, ſah ihn Marie an. So hätte es gerne abgeſchlagen; aber ſeine Bitte war ſo beſtimmt, und es würde bei den vielen Zuhörenden Verwunderung erregt haben, wenn ſie es ihm abgeſchlagen hätte, da ſie noch nicht engagirt war. Das ging nicht anz; ſie trat alſo mit ihm in die Reihe, zitternd, daß Juno ſie anſehen könnte; aber bald war Juno und die übrige Welt ver⸗ geſſen. Noch einmal lag die ganze Glückſeligkeit der Erde in dieſem flüchtigen Momente vor ihnen vereinigt. ce..Gꝗ²³³8e.ö— Der Morgen nach der Hochzeit, oder der dritte Akt, in welchem die Revolution ausbricht. Die Probſtin pflog Rath mit ihrer Tochter Louiſe Ueber die Ordnung der Gedecke und Schuſſeln Frau Lenngren. Zwei Mächte, Angantyr, regieren dieſe Welt! Schwachheit heißt eine, und die andere Kraft. Oehlenſchläger. Die arme Probſtin S— die hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan. Sie trug eine ganze Legion Amei⸗ ſen im Kopfe, und es iſt auch in der That kein unbe⸗ deutendes Geſchäft, eine Menge niederer Kräfte in Be⸗ wegung zu ſetzen. Zuerſt den Kaffee in der Frühe; dann das Frühſtück; dann das Mittageſſen, zu welchem alle geiſtlichen Standesperſonen von fünf Kirchſpielen einge⸗ laden waren; und dann das Schlimmſte von Allem, in der Küche die ganze Bauerſchaft zu empfangen und zu bewirthen, die von der Kirche herſtrömen würde, um ihre Glückwünſche darzubringen, und dafür aus der immer vollen Bierkanne und mit den nie fehlenden Butterbroden und Käskuchenſtücken bewirthet zu werden. Es war un⸗ gefähr acht Uhr Morgens, obwohl die Probſtin den Or⸗ ganiſten vermocht hatte, die Uhr ein wenig zurückzuſtellen. Sie ſtand nun vor dem unter den Ruinen des Soupers ſeufzenden Frühſtücktiſche im Saale, glich eines und das anders aus, rühmte Louiſen, ihre zweite Tochter, welche Alles ſo geſchmackvoll angeordnet hatte, und ermunterte ſie zum Mittageſſen, durch die zierliche Zuſammenlegung der Servietten und die Auszierung des Häringſalates 142 ſich ſelbſt zu übertreffen. Und nachdem ſie dem halb ſchlaftrunkenen Mädchen einige Vorſchriften gegeben hatte, die deſſen Anweſenheit im Keller erforderten, ſetzte ſie ſich in den für den Probſt am obern Ende der Tafel aufge⸗ ſtellten Lehnſtuhl, und überſchaute mit frohem Blick ihr und Louiſens Werk. Nun ſtreckte der Magiſter Traſſelin den Kopf durch die Thüre. Er hatte nicht mehr, als die Probſtin ge⸗ ſchlafen, und war eben ſo ſehr, wie ſie, beſchäftigt, nur mit dem Unterſchiede, daß er ſich bei Einer Sache auf⸗ hielt, und dieß war— ſeine Predigt. Während eines ganzen Monats hatte Magiſter Traſſelin ununterbrochen daran gearbeitet, mit immer neuen Zuſätzen und Verbeſ⸗ ſerungen. Und dennoch begann er, als die Geſellſchaft ſich in der Nacht trennte, ſie noch einmal durchzuſehen; denn vor einer ſo zahlreichen Geſellſchaft zu predigen, erforderte eine im höchſten Grade geordnete und gewählte Behandlung des Stoffes, auf was bei einem jungen, neu ordinirten Lehrer immer genau geſehen wird. Das wußte Magiſter Traſſelin ſehr wohl; er prüfte deßhalb ſeine Arbeit mit der ganzen Strenge eines Re⸗ cenſenten. Wo er nur eine Lücke, oder blos einen kleinen Sprung fand, ſtreute er gleich einige der herrlichſten rhetoriſchen Blumen hinein; er ſtückelte und ſtoppelte ſo lange, bis aus der alten Predigt am Ende eine ganz neue entſtand; und da ſie endlich fertig war, ſank ſein Haupt, aus Mattigkeit und von Zufriedenheit in ſüße Träume gewiegt, auf den Tiſch nieder, aber bald geſchah es, daß er die Uhr berührte, die neben ihm lag. Bei dem kalten Gefühle an ſeinem Ohr fuhr er ſchnell empor, ſah auf die Uhr, und— wo war die Zeit hingekommen?— Der Zeiger wies halb acht.. Beſtürzt ſprang der Magiſter zum Rechen, langte das Handtuch herab, und tauchte es in die Flüſiigkeit, die er für Waſchwaſſer hielt; aber unglücklicherweiſe ſtand an dieſer Stelle ein wenig Punſch, der beim Brauen, was aus Mangel an Bowlen in einem ſolchen Gefäß V ——————,—9— —— ˙— —2— 143 geſchehen war, zuruckgelaſſen worden war. Er fuhr mit der erfriſchenden Kühle über ſein Antlitz, und fing ent⸗ ſetzt und ſchrecklich erwachend an, zu riechen und zu ſchnauben. Verzweifelnd entdeckte er das wahre Verhält⸗ niß. Welche Schmach, daß ein ſolcher Dunſt von ihm in den Tempel gebracht werden ſollte! Gliücklicherweiſe fiel ſein Auge auf eine Waſſerſchüſſel, und er leerte mit wahrhaft ſtoiſcher Ruhe den ganzen Inhalt über ſich aus, worauf er anfing, ſeinen ganzen Menſchen zu ſchütteln, wie man es andere Thiere thun ſieht, wenn ſie aus einem Bade herausſtürmen. Nachdem dieß verrichtet war, und er ſich an der Ecke ſeines Leintuches wohl abgetrocknet hatte, öffnete er den Wandſchrank, nahm ſeinen beſten Kirchenrock heraus, hängte ihn an einen Nagel und bür⸗ ſtete ihn ſorgfältig aus. Bald ſtand er wie ein ganz anderer Menſch da, und als der Prieſterkragen angeknüpft war, begab er ſich in die Hauptwohnung hinauf, um etwas zum Beſten zu bekommen. Wir ließen ihn gerade mit dem Kopf in der Thüre. —„Kommen Sie herein, kommen Sie herein, Herr Ma⸗ giſter!“ rief die Probſtin, und ſchenkte ihm mit eigener Hand von dem deſtillirten Branntwein in den kleinen vergoldeten Silberbecher ein.„Sind wir heute nicht flink geweſen?“ fuhr die Probſtin fort.„Alles das hat Louiſe in den Morgenſtunden verrichtet. Das Mädchen wird dei der Zeit eine tüchtige Hausmutter, das verſichere ich ie „Ei, ei! was das Madchen geſchickt iſt,“ dachte der Magiſter, doch er wurde durch einen großen Huhnflügel, den er zwiſchen den Zähnen hielt, daran gehindert, ſeine Meinung zu ſagen, weßhalb er zum Zeichen der Bewun⸗ derung blos mit dem Kopfe nickte. „Nun!“ ſagte die Probhſtin,„ich war nicht gegen⸗ wärtig, als ſie die Brautkrone tanzten; wem fiel ſie und wem der Kranz zu?“ „Den letztern bekam der Unterzeichnete,“ antwortete 144 der Magiſter mit einem Bückling,„und Fräulein Louiſe erhielt die Krone.“ „Ei, was ſagen Sie!“ rief die Probſtin.„Nun, nun, Niemand weiß, wohin der Haſe ſeinen Lauf nimmt, wie das Sprichwort ſagt. Stellen Sie ſich auf einen guten Fuß mit den Leuten, Herr Magiſter, ſo denke ich, daß Sie ſo nahe als irgend Einer an der Mitprediger⸗ ſtelle ſind, wenn der alte Hartmansſon ſtirbt; und,“ fügte ſie freundlich hinzu,„in einigen Jahren habe ich nichts dagegen, dieſe Beſchwerlichkeit da zu wiederholen.“ Der Magiſter wurde blutroth im Geſicht, und ſtam⸗ melte einige Worte hervor, die er ſelbſt nicht verſtand, geſchweige denn die Probſtin. „Nun, Scherz bei Seite,“ fing die letztere wieder an. „Ich vermuthete, Waldemar Klein und Julie St-—thal, die ja bald nachfolgen ſollen, würden Krone und Kranz erhalten haben.“ „Wenn auch das Brautpaar dieß beabſichtigt hatte,“ antwortete der Magiſter,„ſo konnte es ſich doch nicht ausführen laſſen; denn ſo bald die Geſellſchaft von dem Tiſche aufſtand, ſchlich ſich der Doctor in das Zimmer fort, das den Herren als Wohnſtätte für die Nacht ange⸗ wieſen worden war. Er ſagte, er befinde ſich unwohl, und es ſchien auch ſo zu ſein.“ Bei den letzten Worten hörte man ein Geräuſch auf der Treppe, und gleich darauf trat die Braut in einem weißen Morgenrock und Negligé herein, verſchämt, wie es ſich ziemte, und der Bräutigam, glücklich und ſtolz in ſeiner neuen Würde als Ehemann. Beide naäͤherten ſich der Probſtin, welche mit Thränen in den Augen ihnen ihren Segen und wohlwollenden Ermahnungen für die Zukunft gab. Die letzteren wurden jedoch bald von den herbeiſtrömenden Hochzeitgäſten unterbrochen, und mancher Scherz und eingebildete Witz wurden an die Braut ge⸗ ſtellt, welcher dann durch die guten Lachmuskeln des Kom⸗ miſſärs Lynnell belohnt wurde. Alles war Fröhlichkeit und ſchäumendes Leben. 145 Nach dem Frühſtück ſollte man ſich zur Kirche be⸗ geben, und die, welche nicht dazu geneigt waren, muß⸗ ten, ſo gut ſie konnten, für ſich ſelbſt ſorgen. Nichts geht über die Freiheit; ſie ſetzt der Gaſtfreiheit die Krone auf. Julie, die dieſe Stunden, da Alle fort waren, zum Nachdenken anwenden wollte, hatte ſich in ein kleines Gaſtzimmer hinaufbegeben, um dort in Ruhe die Erklä⸗ rung abzuwägen, die ſie genöthigt war, auf der einen oder der andern Seite zu geben. Entweder mußte ſie mit Klein brechen, wovor ihr Herz doch zurückbebte, ja, bei welcher Vorſtellung es unerachtet aller ſeiner Schwach⸗ heit blutete, und was ſie auf keinen Fall ohne ihres Va⸗ ters Zuſtimmung zu thun wagte; oder zu dem Rittmeiſter ſagen:„Ich bin verlobt, und habe Sie blos zum Beſten ehabt.“ 3 Das Schickſal befreite ſie jedoch von dieſer unange⸗ nehmen Alternative, und griff ſelbſt mit ſeiner feſten Hand in die Kette der Begebenheit ein. Der Rittmeiſter hatte eine Zeitlang in der Kirche geſeſſen; aber da ihm die Predigt zu lang und ſeiner Anſicht nach auch zu langweilig wurde, ſchlich er ſich wieder hinaus. Der Magiſter wurde glücklicherweiſe nichts davon gewahr; es würde ihn ſonſt ſehr verdroſſen haben, ſich und ſeine Predigt ſo vernachläßigt zu ſehen. Der Rittmeiſter nahm ſeinen Weg zu dem Baumgute, um in deſſen ſchattigen Gängen Schutz gegen die bren⸗ nende Sonne zu finden. Hier ſah er den Doctor auf einem Schaukelbrette ſitzen, mit einem Bund Zeitungen in der Hand. Dieſer Augenblick war wie für eine Erklärung gemacht. „Ihr Diener, Herr Baron!“ ſagte Klein, und ſtand auf;„freut mich, Sie zu treffen.“ Er legte die Pfeife hinweg, ſchob die Zeitungen bei Seite und machte eine einladende Bewegung mit der Hand gegen die Bank. Ein paar Augenblicke ſtand der Rittmeiſter unent⸗ Waldemar Klein. 10 146 ſchloſſen; endlich nahm er Platz, und während er mit ſeinem ſpauiſchen Rohre in den Sand zeichnete, ſagte er: „Auch mir iſt es nicht unlieb, den Herrn Doctor zu tref⸗ fen! Sie wählten Ihre Worte geſtern Abend nicht ſon⸗ derlich gut.“ „Wie ſo? was meint der Herr Rittmeiſter damit?“ fragte Klein. „Sie können wohl nicht ſo vergeßlich ſein,“ verſetzte dieſer mit mehr Gewicht im Ausdruck.„Ich will nicht ven mir ſelbſt reden; aber Sie ſprachen von einer ge⸗ wiſſen Dame mit allzu viel Freiheit, und nahmen auch in Ihrem Betragen gegen ſie eine ſo anſtößige Vertrau⸗ lichkeit an, daß ich Sie höflich bitten muß, für die Zu⸗ kunft ein wenig mehr die Etikette bei Ihrer Aufführung zu beachten. Die Jugendzeit kann nicht in Ewigkeit dauern!“ „Nur zu wahr,“ antwortete der Doctor; und wahr⸗ ſcheinlich war es das erſte Mal, daß ein ſpöttiſches Lä⸗ cheln Waldemar Kleins redliche Züge beſchattete. Es fand dieß jedoch ſtatt, als er hinzufügte:„Es thut mir leid, daß ich in Beziehung auf dieſes Frauenzimmer dem freundlichen Wunſche des Herrn Rittmeiſters nicht willfah⸗ ren kann, ſondern leider im Gegentheile mir ausbitten muß, daß es Ihnen ſelbſt gefallen möge, Ihre Bemühun⸗ gen um ſie einzuſchränken, da ſie, kurz geſagt, mir gar nicht behagen.“ „Was zum Henker, Herr Doctor!“ rief der Baron mit ausbrechendem Zorne.„Wenn Sie nicht wiſſen, mit wem Sie ſprechen, ſo bin ich genöthigt, Ihnen ſelbſt zu ſagen, daß ich nie gewohnt bin, mit mir ſcherzen zu laſſen! Herr, Sie haben nicht das geringſte Recht, eine ſolche Sprache zu führen, wie Sie ſich ſo eben erlaubt haben!“ „O, ich meine doch,“ verſetzte der Doctor lakoniſch, „denn ſie iſt meine Braut.“ 1 V V „Ihre Braut!“ lachte der Rittmeiſter mißtrauiſch. mir dem fah⸗ tten zun⸗ gar 147 „Ich fürchte, daß Ihnen das geträumt hat, mein guter Herr Doctor!“ Mit ruhiger Würde ſprach Klein:„Herr Baron! der Geiſt der Ritterlichkeit iſt zwar ſchon lange aus un⸗ ſerer Geſellſchaft entflohen; nichts deſto weniger hätte ich Luſt, Ihnen zu beweiſen, daß ich im Stande wäre, den Flecken zu rächen, den Sie auf meine Ehre ſetzen wollen, da Sie es wagen, die Wahrheit meines Wortes zu be⸗ zweifeln. Ich begnüge mich jedoch, Sie durch Ihre eige⸗ nen Augen überzeugen zu laſſen, bis zu welchem Grade Sie mich beleidigt haben.“ Er übergab dabei dem Baron ſeinen Verlobungsring. Dieſer nahm ihn ſchweigend, wendete ſich gegen das Licht und las:„Julie St—hal, den 1. Februar 1828.“ Nach einem langen Stillſchweigen ſprach der Rittmeiſter mit einem Tone, der hinlänglich die Anſtrengung bewies, womit er ſeine Gemüthsbewegung bezwang und mit einem Grade von Selbſtbeherrſchung, den man ihm hätte nicht zutrauen ſollen:„Die Sache hat ihre Richtigkeit; ich bin vollkommen überzeugt, und bitte den Herrn Doctor, zu verzeihen, daß ich ſie für unglaublich hielt, da ich ganz und gar dieſer Verbindung unkundig war.“ Er verbeugte ſich höflich vor Klein und ging. Ohne recht daran zu denken, nahm er den Weg gegen das Seeufer. Eine ſolche Ueberraſchung, ein ſolcher Schluß ſeiner wohlangelegten Plane auf die ſchöͤne, reiche Erbin war mehr, als der Baron beim erſten Sturm ſeiner Gefühle ertragen konnte. Nach und nach fing er an, einzuſehen, daß man ihn zum Beſten gehabt habe; aber ob dieſes aus Abſicht oder aus irgend einem beſonderen Zufall geſchehen war, dazu konnte er den Faden nicht finden. Daß Julie ihm gut war, wußte er beſtimmt; aber wozu nützte das, wenn ſie ſich mit einem Andern verbunden ſah. Verbunden— das war das einzige Wort, worauf der Baron eigentlich ſeine Aufmerkſamkeit heftete. Sie war ja nicht mit dem gordiſchen Knoten gebunden. Er konnte möglicherweiſe von dem geloͤst werden, der ſie 0 148 gebunden hatte, und im Nothfall konnte er ſelbſt die Rolle ſach Aleranders ſpielen. und Alle dieſe Gefühle, oder beſſer Gedanken, ſprangen flüg wie ein Haufen unlenkſamer, eben losgelaſſener Schul⸗ Bar jungen in, oder vielmehr mit dem Hirn des Barons konn herum. Endlich arbeitete ſich jedoch aus den vielen, dun⸗ keln, ungeordneten Vorſtellungen ein Reſultat hervor. Es gan ſchien die Auflöſung des Problems zu ſein, das der eine Rittmeiſter in Beziehung auf die Aechtheit des gordiſchen robe Knotens zu entwirren ſuchte; und der Entſchluß, der hing ſiegreich aufſtand aus dem Kampfe zwiſchen dem ſoge⸗ löst nannten Ehrgefühl, das predigt:„Du ſollſt dich nicht wie laſſen gelüſten deines Nächſten——“ und dem Gefühle, äuß welches von der Unmöglichkeit, von Kreuz und Entſagung eine ſpricht, machte ſich nun in den halblaut hervorgeſtoßenen liche Worten Luft:„Hm! es iſt wahrlich zum Raſendwerden! eines Sechs Wochen verloren! Nein, nein, gehorſamer Diener! zend man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lang es noch warm gabe iſt— jetzt, oder nie!— Seine Braut— wohl; aber die ich kann nicht helfen.— Das Mädchen iſt mir gewogen, kurz’ das iſt klar, und alſo komme ich blos gemeinſchaftlichem beſa Unglück zuvor.— Und dann der Doctor?“ dabei ſpielte weni ein höhniſches, triumphirendes Lächeln um die wohlgebil⸗ bürg deten Lippen des Rittmeiſters, und er drehte emſig den lich Schnurrbart auf und nieder.—„Ja, der Doctor ſoll ver⸗ flucht deprimirt werden.“ geſue Jetzt bedurfte es keiner weitern Gründe. Der Ba⸗ werd ron war von der Schicklichkeit des Schrittes, den er zu deres thun beabſichtigte, mehr als überzeugt. Er wandte ſich ſagt alſo wieder zum Probſthofe, um ſich eine Unterredung daß mit Julien zu verſchaffen. Jetzt war keine Zeit zu ver⸗ ſo ka lieren. Er war entſchloſſen, wie Alerander den Knoten ihn zu durchhauen. Und was war der Beweggrund ſen Theil Handlung? Liebe? In der That war der Artikel, den Mit der Baron ſein Herz zu nennen pflegte, in dieſem Augen⸗ auch blicke mit im Spiel; aber er ſelbſt wußte am Beſten, verw daß er es nie für der Mühe werth hielt, dieſe Neben- Rolle angen Schul⸗ arons dun⸗ CEs 3 der diſchen der ſoge⸗ nicht efühle, agung bßenen erden! diener! warm aber 7 vogen, lichem ſpielte lgebil⸗ ig den Il ver⸗ r Ba⸗ er zu te ſich redung u ver⸗ Knoten ſeiner l, den Augen⸗ Beſten, Neben⸗ 149 ſache in Rechnung zu bringen. Die Freiheit, zu gehen und wieder zurückzukehren, wenn es ihm auf ſeinen Aus⸗ flügen nicht mehr gefiel, war ein Privilegium, das Baron von K. ſeinem Herzen nie nehmen wollte oder konnte. Nun, war es alſo Eigennutz? Es iſt wahr, der ganze Reichthum des Barons von K. beſchränkte ſich einerſeits auf eine ſeinem Stande angemeſſene Garde⸗ robe, an der jedoch noch einige kleine Bilanzrechnungen hingen, die in Beziehung auf die Zeit, in der ſie einge⸗ löst werden ſollten, auf denſelben Fuß geſtellt waren, wie die halbe Akkordſumme. Dazu kamen drei Stücke äußerſt moderner Peitſchen, eben ſo viel Paar Sporen, eine Meerſchaumpfeife, zwei Hühnerhunde und eine treff⸗ liche Doppelbüchſe. Aber andererſeits war er Inhaber eines ſchoͤnen Geſichtes, eines ſtattlichen Wuchſes, glän⸗ zenden Aeußern und einer ſchmeichleriſchen Unterhaltungs⸗ gabe. Er ritt mit Anmuth, tanzte mit Anmuth, konnte die ausgeſuchteſten Plattheiten mit Anmuth vorbringen; kurzum, er war über die Maaßen anmuthig. Folglich beſaß er eine hinlängliche Anzahl guter Eigenſchaften— wenigſtens ſeiner Meinung nach— um ihm hundert reiche bürgerliche Partien zu verſchaffen. Somit war es eigent⸗ lich nicht Eigennutz.„ Baron von K. war ein vollkommener Geck, ſo aus⸗ geſucht, als nur irgend einer auf dem Lande gefunden werden konnte; und bei einem ſolchen lebt noch ein an⸗ deres und weit vorherrſchenderes Element. Victor Hugo ſagt in Notre Dame de Paris:,Wenn man annimmt, daß die Natur eines Dichters aus zehn Theilen beſteht, ſo kann man ſicher darauf rechnen, daß ein Chemiker, der ihn analyſirte, finden würde, daß der Inhalt aus neun Theilen Eitelkeit gegen einen Theil Eigennutz beſteht.“— Mit einer unbedeutenden Ausgleichung dürfte die Regel auch bei einem Geck eintreffen. Es war alſo Eitelkeit, verwundete Citelkeit, die im Verein mit jenen zwei ge⸗ 1 . 4 ee 150 ringeren Beweggründen den Rittmeiſter vermochte, ſeinen Plan auszuführen. Wie er die Sache anfing, um ſich die erſehnte Un⸗ terredung zu verſchaffen, oder was für ſchöne und erbau⸗ liche Dinge er Julien dabei ſagte, das iſt größtentheils unbekannt geblieben; das iſt gewiß, daß er eine Stunde ſpäter mit ihr denſelben Gang hinabſpazierte, wo er eben die abfertigende Unterhaltung mit dem Doctor gehabt hatte, ohne daß er ſich deren erinnerte oder ſie bedachte; zeit rniger fiel es ihm ein, daß der Doctor noch daſitzen önne. Als Antwort auf Etwas, das der Baron geſagt hatte, erwiederte Julie im Gehen:„Nein, Herr Ritt⸗ meiſter, Sie dürfen das nicht glauben! Mein Vater iſt in dieſem Punkte ſehr ſtreng, und ich ſehe ein, daß dieß bloß eine Menge Unannehmlichkeiten verurſachen würde, die Sie am Beſten thun, zu vermeiden.“ „So weit ſie mich betreffen, theuerſte Julie!“ ant⸗ wortete der Baron,„ſo kennen Sie nicht die Stärke meiner Gefühle, wenn Sie glauben, ſo geringe Hinder⸗ niſſe könnten mich abſchrecken. Weit entfernt! Wo ſo viel zu gewinnen iſt, muß auch etwas gewagt werden. Ich beſchwöre Sie deßhalb, mir aufrichtig zu ſagen, was Sie, wenn Sie zwiſchen mir und dem Doctor noch freie Wahl hätten.... O Julie! ſagen Sie mir be⸗ — ſtimmt, welche Antwort dann Ihr Herz auf meine Wer⸗ bung geben würde?“ Julie ſchwieg überraſcht; denn dieſe Frage war ſehr kitzlich und brauchte einiges Nachdenken, ehe ſie beantwor⸗ tet werden konnte. „O Julie! Ihr Stillſchweigen iſt für mich die pein⸗ lichſte Qual. Sie haben mein Lebensglück in Ihren Händen. Ziehen Sie das Loos, aber thun Sie es ſchnell bat er mit ſtürmiſcher Heftigkeit. Dieß iſt Liebe, es muß ſo ſein, dachte Julie. Arme, bethörte Julie! wie wenig verſtandeſt du dich auf die göttliche Flamme, wenn du glaubteſt, ſie wohne in dem 14 „ — — einen Un⸗ bau⸗ heils tunde eben ehabt chte; ſitzen eſagt Ritt⸗ er iſt dieß ürde, ant⸗ tärke nder⸗ zo ſo rden. was noch r be⸗ Wer⸗ ſehr twor⸗ pein⸗ Ihren tell!“ lrme, die dem 151 Glasherzen des Rittmeiſters von K.!— Aber die uner⸗ bittlichen Mächte des Schickſals, die in ihrer Schwachheit einen treuen Bundesgenoſſen fanden, zogen ſie in ihren dunklen Zauberkreis. Nach einer kurzen Pauſe antwortete ſie mit klarer und ruhiger Stimme:„Ich habe Waldemar Klein geliebt, mehr, als ich je einen andern lieben konnte; aber ich habe nunmehr Grund, zu fürchten, daß wir nicht für enander paſſen. Wäre dieſe Hand noch frei, ſo ſollte ſie Ihnen angehören.“ Der Rittmeiſter, der natürlich dieſe Antwort für eine Folge ihrer zunehmenden Neigung zu ihm hielt, drückte triumphirend ihre Hand an ſeine Lippen. „Aber erinnern Sie ſich, daß ich nicht ohne meines Vaters Zuſtimmung mein Wort brechen darf; und Gott weiß,“ fügte ſie hinzu, auf's Neue dem Einfluß ihrer ſtreitenden Natur unterworfen,„ob ich es je brechen kann.“ „Es iſt ſchon gebrochen in dem Bekenntniß, das du eben thateſt,“ ſcholl eine Stimme, bei deren ernſten und feierlichen Tönen Julie die Todtenglocke zu den ſchönen, auf immer entflohenen Hoffnungen ihres Lebens läuten zu hören glaubte. Sie hatte ſelbſt dan Würfel geworfen. Tief in Innern threr Seele fühlte ſie in dieſem, dem qualvollſten Angenblick, den ſie je erlebte, daß er für im⸗ mer geworfen, ſei. Waldemar, von dem ſie während ihrer Unterredung blos einige Schritte entfernt geweſen waren, war aufge⸗ ſtanden, und da er die überwältigende Bewegung ſah, die ſeine Worte Julien verurſacht hatten, fügte er hinzu:„Alle Erklärung iſt hier überflüſſig; den Ring werde ich deinem Vater übergeben, Julie! und ihn, ſo gut ich kann, be⸗ ſänftigen. Möchteſt du in deiner neuen Verbindung glück⸗ lich ſein, und möchte Ihr Vorſatz, Herr Baron, Ihre zeitliche Glückſeligkeit zu begründen, eben ſo redlich und warm ſein, wie es der meinige war!“ Gerührt drückte er Julien die Hand und eilte hinweg; 15⁵² und ſie— ſie fühlte eine Todtenkälte durch ihre Glieder ſich ergießen; aber ſie vermochte ſich doch zu beherrſchen, und lächelte gegen den Baron, als er über ihre außer⸗ ordentliche Bläſſe beſtürzt, fragte, ob ſie ſich unwohl fühlte und nach Waſſer ſpringen wollte. „Thun Sie das nicht,“ ſagte ſie mit erſtaunlicher Gewalt über ihre ſtürmiſchen Gefühle,„ich befinde mich recht wohl;“ und ein paar Stunden ſpäter ſaß ſie an der großen Mittagstafel, ſo ohne alle Spuren der vorausge⸗ gangenen Gemüthsbewegung, daß bei den übrigen Gäſten nicht die geringſte Ahnung davon aufſtieg. Sie entging dadurch wenigſtens der Unannehmlichkeit, die Zielſcheibe des lauten Geflüſters der Neugierde und des Tadels zu werden. Und dieß iſt kein geringer Gewinn. Aber in Juliens Herzen war eine Saite geſprungen, die keine Zeit und kein Wechſel wieder herſtellen konnte. XVI. urrah! Hurrah! Schwengt die Hüte in 8 h H die Luft! O Liebe! Du Erd⸗ und Himmels⸗Wunder. Tegnéör. Ich bin mit ſo fliegender Haſt durch die drei Akte der Hochzeit dahingeeilt, daß ich erſt jetzt, nachdem ich den letzten friſchen Athem geſchöpft habe, mich er⸗ innere, wie unartig es war, den jungen Bergherrn St—hal ſo lange aus den Augen zu laſſen. Aber eine kranke Perſon ſpielt weder im wirklichen Leben noch auf dem Schauplatz der Phantaſie eine bedeutende Rolle, außer wenn ſie ihr Teſtament aufſetzt. Doch da Guſtav St—hal noch nicht ſo weit gekommen iſt, daran zu —————— — —9———— ——, 8„—·— 18——„— — ͤ— der en, er⸗ te her ich der ge⸗ ten ing ibe zu in Zeit 15³ denken, ſo wird ſowohl er als der Leſer es entſchuldigen, daß er eine Zeitlang in ſeiner Dunkelheit leben mußte. Am Johanni Abend, als das Geräuſch der zuletzt fortrollenden Gefährte erſtorben war, verließ der junge Bergherr zum erſten Male ſein Bett, und machte eine weitläufige Promenade von dieſem bis zu dem Sopha am andern Ende des Zimmers. Er hatte, wie es ſchien, ſich mit beſonderer Sorgfalt gekleidet. Der immer dienſtfertige Brink hatte, ehe er abging, ſein Haar ſehr gut geſchnitten— denn was verſtand Brink nicht Alles— und den während der Krankheit entſetzlich gewachſenen Bart raſirt. Alles Das bewirkte eine ſehr vortheilhafte Aenderung in Guſtavs Aeußerem. Darauf zog er ein Paar weiße Beinkleider an, ein Paar rothe Saffianſchuhe, einen leichten Schlafrock von grüner Seide, der durch einen ſchwarzen Maroquingürtel um den Leib gehalten wurde, und in dieſem nachläſſig geſchmack⸗ vollen Anzug, auf ſein ſpaniſches Rohr geſtützt, winkte er dem Bedienten abzutreten. Sobald dieſer ſich entfernt hatte, was auf einen hal⸗ ben Wink geſchah, ging er an eine Chatouille, die auf ſeinem Schreibtiſche ſtand, nahm eine kleine Doſe heraus, oͤffnete ſie, und hielt einen Ring daraus empor, an dem die ſchönſten Juwelen dem Auge entgegenblitzten. Er küßte ihn ehrerbietig, und ſagte geruͤhrt halblaut zu ſich:„Hei⸗ liges Andenken an die geliebteſte Mutter! wann wirſt du wieder eine weibliche Hand zieren?“ Ein leichter Seufzer hob ſich aus ſeiner Bruſt; aber da ſich in dieſem Augenblicke ein ſchwaches Geräuſch von außen hören ließ, und Guſtav Niemand das Pfand ſchauen laſſen wollte, das er in ſeines Lebens wichtig⸗ ſtem Momente von ſich zu geben beabſichtigte, ſteckte er es ſchnell zu ſich, warf die Doſe in die Chatouille, und ſchlug den Deckel zu. Das Geräuſch, das ihn geſtört hatte, kam nicht von einem Zimmer Lon außen, ſondern von dem Hofe herauf. Er ging anss Fenſter, ſchob die Gardine bei Seite, öffnete jenes ein wenig, und ſaugte 154 in langen, tiefen Zügen die friſche Luft und die herrliche Pracht des Abends ein. Dabei wollte er ſich ſeinen Un⸗ tergebenen zeigen, die ſich im Hofe verſammelt hatten, hier um den Maienbaum zu tanzen. Er blieb dort einige Minuten, und nachdem er dem Hausmeiſter befohlen hatte, ein Fäßchen Branntwein an die Leute auszutheilen, damit ſie einige Gläſer auf die Wiedergeneſung ihres jungen Herrn leeren könnten, zog er ſich vom Fenſter zuruüͤck, ſetzte ſich in einer ruhenden Lage auf das Sopha, und begann wieder ſeine gewöhnliche Beſchäftigung, die Lektüre der Zeitungen. Aber entweder hatte er ſie bereits durch⸗ geſehen, oder fand er kein beſonderes Vergnügen an ihrem Inhalte, er blätterte ſie blos durch, und nachdem er ſie ſehr ſorgfältig durchgeſehen hatte, fing er dieſelbe Arbeit wieder an, bis er am Ende von Karolinen unterbrochen wurde, die mit dem Thee hereinkam. „Ach, Guſtav,“ rief ſie erſtaunt,„biſt du auf! Das freut mich herzlich; aber, lieber Guſtav, ich fürchte, du möchteſt....“— „Wie, Karoline!“ unterbrach er ſie,„biſt du noch nicht fort?“ Das mörderiſche Gelärm auf den Treppen und Gängen iſt ja ſchon lange zu Ende; es wird doch nicht wieder von Neuem anfangen?“ Guſtav hatte ſeine Gründe, über Karolinens Zuhauſe⸗ bleiben eine Unwiſſenheit zu heucheln, der jedoch die vor⸗ ausgegangene ſorgfältige Toilette zu widerſprechen ſchien, ebenſo wie das nur zu merkbare Zittern und der faſt ver⸗ haltene Athem, als er im Vorgemach den erſten Schall ihrer Tritte hörte. „Alle, welche zur Hochzeit wollten,“ antwortete ſie freudig,„ſind nun wohl dort; ich fand kein Vergnügen daran.“ d „Und warum nicht, liebe Karoline? Du biſt jung und geſund und fröhlich; ich ſehe nicht ein, warüm dich das nicht freuen ſollte.“ „Onkel St-—hal hat die Güte gehabt, mir zu er⸗ 15⁵ lauben, daß ich heute meinen alten ehrlichen Lindman und Tante Liſa Greta hieher bitten dürfe. Sie ſind eben angekommen, und ſitzen drinnen im vordern Zimmer beim Onkel am Theetiſch. Wie könnte ich es da über mich vermögen, ſie zu verlaſſen! Ach, es iſt wahr, Guſtav! der Onkel bittet dich, nicht ungeduldig zu werden, daß er erſt am Abend zu dir kommen kann; ſeine Gicht iſt heute ſo beſchwerlich.“— „O, damit rechne ich nicht ſo genau ab, aber ſage, war dieß wirklich die Urſache, weßhalb du zu Hauſe bliebſt? ich müßte dann geſtehen, daß du ſehr artig biſt, Karoline!“ „Nicht zu ſehr, Guſtav! du weißt nicht, was mir Lindman und die Tante an manchem betrübten Tage, ja ſeit meiner Kindheit waren. Ueberdieß würde ſich auch ein ſolches Vergnügen ſchlecht zu dieſen Trauerkleidern und zu dem Kummer meines Herzens paſſen.“ „Dem Kummer deines Herzens, Karoline! Du meinſt den Kummer um deinen Vater?“ Guſtav's Blick haftete mit einem beſondern Ausdruck auf dem verlegenen Mäd⸗ chen, einem Ausdruck, für den ich keinen Namen finde. „Gewiß, wie kannſt du ſo fragen?“— Die mehr als ſeltſame Bemerkung jagte ihr das Blut in die Wangen. „Haſt du nie einen andern Kummer gehabt? Sage mir, haſt du nie einen Schmerz gefühlt, der damit per⸗ glichen werden könnte?“ „Das weiß ich dir nicht zu ſagen. Du machſt mir aber ſo ſonderbare Fragen, Guſtav, daß, wenn du nicht noch als krank anzuſehen wäreſt, ich recht böſe darüber werden könnte.“ „Thu das nicht, Karoline! das wäre nicht ſchön von dir. Aber wenn du mich noch für krank anſiehſt, ſo ver⸗ weigre mir nicht, blos eine einzige Frage zu beantworten, welche einen bedeutenden Einfluß auf meine Wiedergeneſung haben könnte.“ . 156 „Nun!“ fragte Karoline, und wendete ſich gegen den Tiſch, um ſich mit den ſchon in guter Ordnung ſtehenden Arzneiflaſchen zu beſchäftigen. „Nein, nein!“ rief Guſtav ungeduldig,„du mußt mir in’'s Auge ſehen, während du antworteſt. Ich werde dann darin leſen, ob du die Wahrheit ſprichſt.“ Karoline ſtellte ſich vor das Sopha, ſah ihn mit ihrem offenen, freundlichen Blick lächelnd an, und er fing n:„Bei Allem, was dir einſt theuer war, noch iſt und ſein wird, ſage mir nun, aber betrüge mich nicht! gab es nicht noch eine andere Urſache, warum du heute daheim bliebſt?“ „Ich glaube,“ antwortete Karoline unruhig,„daß Guſtav heute das Amt eines Inquiſitors angenommen hat, und wenn es wahr iſt, was man behauptet, daß nämlich dieſe heiligen Perſonen das Vermögen beſitzen, die Beich⸗ tenden vollkommen zu durchzuſchauen, ſo mußt wohl auch du wiſſen, daß ich daheim blieb, um dir zu helfen.“ „Obwohl ſie ſich alle Mühe gab, dieſe Worte mit der größten Ruhe und Gleichgültigkeit vorzubringen, ſo war es doch, als ob das zu Boden geſenkte Auge, ihr tiefes Erröthen und das verlegene Zupfen an der Schürze auf weniger Ruhe deute, als die angenommene war. Er betrachtete Karoline mit einem Blick, der den dichten Schleier durchdringen zu wollen ſchien, wo⸗ mit das Weib, wenn es ihr nothig iſt, ihre innerſten Gefühle verbergen kann, faßte dann ihre Hand und ſagte: „Ich danke dir von ganzem Herzen, daß du, obſch on auf Umwegen. den Muth gehabt haſt, aufrichtig zu ſein. Ich habe in deiner Seelo geleſen; deine geſenkten Blicke, deine glühenden Wangen ſagen mehr als deine Worte zu meiner Ueberzeugung. Und ich glaube dir. O, daß ich dir früher geglaubt hätte! Manche bittre Stunden, Tage und Jahre hätte ich dann dir und mir erſparen koͤnnen,“ 157 „Du biſt ganz räthſelhaft,“ antwortete Karoline und wandte ſich, um zu gehen. „Nein, jetzt nicht,“ ſagte Guſtav in froher Bewe⸗ gung und hielt ſie zurück.„Setze dich zu mir und hoͤre meine Beichte; du ſollſt nun deinerſeits Inquiſitor ſein. Sieh, für dich liegt mein Herz und die vollgeſchriebe⸗ nen Blätter meines Lebensbuches von nun an immer offen. Seit manchen Jahren, faſt von der Kinderzeit, an, warſt du die Herrſcherin, der meine Gefühle und Wünſche huldigten. Mit meiner Gemüthsart liebt man blos einmal; aber ich bin von Natur äußerſt mißtrauiſch, und da ich wußte, daß ich nicht gerade ein Adonis bin, ſo fürchtete ich, du könnteſt, ſo wie ich eben einmal war, mit meiner eigenen, oft finſteren Laune, meiner ſchwachen Geſundheit und meinem ernſten Weſen, keine Antwort für meine warmen, innigen Gefühle haben. Und bitterer als der Tod war mir der Gedanke, daß du mir deine Hand ſchenken könnteſt, weil der reiche St-—hal, wie das Sprichwort ſagt, keine zu verach⸗ tende Partie war. O wie viel, Karoline, habe ich nicht wegen dieſes Mißtrauens in dein edles Herz, ge⸗ litten! Deßhalb habe ich dich ſo oft bald durch eine Aufmerkſamkeit, woraus du auf meine Gefühle ſchließen konnteſt, und bald durch eine zurückſtoßende Kälte ge⸗ quält, wenn ich glaubte, du ſympathiſireſt nicht mit ihnen. Ob du das wirklich thateſt oder nicht, wurde mir nie klar; aber da der Pfarrherr um dich freite, beſchloß ich nach Koppenhagen zu reiſen, um dir Gelegenheit zu geben, einige Monate lang nach eigenem Gutdünken zu handeln. Als ich nach meiner Krankheit meine Beſin⸗ nung wieder bekam, fragte ich Brink, in deſſen Ver⸗ ſchwiegenheit ich immer Vertrauen hatte, wie die Sache abgelaufen ſei. Welche Freude für mich, als ich hörte, du habeſt ſeinen Antrag abgeſchlagen! Brink erzahlte mir auch deine Entſchloſſenheit bei dem verwünchſten Umwerfen, und deine zarte Sorgfalt nachher. Ich be⸗ ſchloß deßhalb, mir volle Gewißheit über deine Denk⸗ 158 kungsweiſe zu verſchaffen. Schon ſeit ein paar Wochen hatte ich zu hoffen gewagt; aber in dieſem Augenblick, meine theure, theure Karoline halte ich mich für überzeugt. O ſprich, willſt du die frohen oder ſtürmiſchen Tage mei⸗ nes Lebens mit mir theilen? Du kennſt mein Gemüth; wenn du glaubſt, es mit mir aushalten zu können, ſo möchte es dir wohl möglich ſein, mich zu etwas Beſſerem zu ma⸗ chen als ich bin.“ „Guſtav, ich will dir Alles ſein,“ ſagte ſie kief ge⸗ rührt, und in ihrem warmen und getreuen Herzen löste ſich der Sturm der Gefühle in ſelige Thränen auf. Wie bald ſie von dieſer Seligkeit zurückkamen, das wußten ſie wohl ſelbſt nicht recht; aber eine gute Weile mußte verfloſſen ſein, als der Inſpektor Lindman den Kopf durch die Thüre ſtreckte.—„Um Verzeihung, Fräulein Karoline! der alte Herr läßt fragen, ob Sie nicht mit dem Arak zum Punſche zurückkommen, den Sie zuzubereiten verſprochen haben?“ „Ach, guter Herr Lindman,“ ſagte Karoline, in der höchſten Verlegenheit, und wand ſich aus Guſtavs Armen, „das habe ich wahrhaftig ganz vergeſſen.“ „Es ſieht ſo aus,“ antwortete Lindman mit einem gutmüthigen Lächeln; ich ſehe nun, warum ich vergeblich über den vortheilhaften Antrag des Pfarrherrn gepredigt habe.“ „Lieber Herr Lindman,“ ſagte Guſtav, und ſchlang den Arm wieder um ſeine Verlobte,„dieſer Zuſtand iſt, aufrichtig geſagt, noch ſo neu für mich, daß ich mich noch nicht von Karolinen trennen kann. Sie müſſen mit dem Punſche ſo gut als möglich, fertig zu werden ſuchen, Herr Lindman. Die Haushälterin weiß, wo der Arak ſich be⸗ findet. Und wenn er fertig iſt, ſo bringen Sie die Bowle hieher, und ſehen Sie zu, daß Papa und die alte Tante uns Geſellſchaft leiſten, aber ſchweigen Sie ſo lange!“ Lindman bückte ſich vergnügt, und ging, um den Auftrag zu erfüllen, der ihn aus purer Freude um zehn ————— Z . 159 Jahre jünger machte. Zwei Stunden darauf blitzte der koſtbare Ring, dieß heilige Sinnbild der neuen Verbin⸗ dung, an Karolinens Finger. Der väterliche Segen war aus gerührtem Munde und warmem Herzen gekommen. Und von dem Hofe her ertönte der frohe Hurrahrufß der Bergleute für das Glück ihres jungen Herrn und ſeiner Braut. Hoch ſchwenkte man die Hüte in die Luft; denn Guſtav hatte eine Geldſumme unter ſeine Untergebe⸗ nen austheilen laſſen, damit ſie ſich an dieſen Tag erin⸗ nern ſollten, der für ihn der Eintritt in das irdiſche Pa⸗ radies war. XVII. Das Examen. Der erſte Gedanke, den Loke hatte, War eine Luge, und er ſandte ſie In Weibsgeſtalt der Erde Männern. Tegnér. „Es war am Johanni Abend, als der alte Bergherr bei ſeinen Kindern ſaß, und mit ihnen über ihre eigene und Waldemars und Juliens nahe bevorſtehende Hochzeit ſprach, welche der Vater zuſammen feiern wollte. Er ver⸗ breitete ſich mit der bei alten Leuten gewöhnlichen Geſprä⸗ chigkeit über den Glanz und die Feſtlichkeiten, die Alles überireffen ſollten, was man bisher im ganzen Kircchſpiele geſehen hatte. Guſtav und Karoline nickten freundlich Bei⸗ fall. In demſelben Augenblicke rollten Wagen in den Hof, und ein Stubenmädchen brachte die Nachricht, daß die Hochzeitgäſte zurückgekommen ſeien. Julie ließ ſich nicht ſehen, ſondern ging ſogleich auf ihr Zimmer, und gab ein ſtarkes Kopfweh vor; und unge⸗ achtet der Vater ſie zweimal auffordern ließ, herab an den 160 Tiſch zu kommen, ſo konnte ſie doch dem Ruf nicht Ge⸗ horſam leiſten, da ſie zu Bette gegangen war. Auch am folgenden Morgen, da alle Fremden abgereist waren, er⸗ ſchien Julie nicht. Schon den Abend vorher hatte Waldemar eine lange Unterredung mit Karoline gehabt, und ihr anvertraut, was auf der Hochzeit vorgefallen war. Karoline ihrerſeits ver⸗ traute ihrem Bruder an, daß ſie jetzt in Folge der Bege⸗ benheit am vorhergehenden Tage das glücklichſte Weib auf Erden ſei. Aus vollem Bruderherzen wünſchte er ihr zu der eingegangenen, ſich ſelbſt zu der abgebrochenen Verbin⸗ dung Gluck. Dieſer merkwürdige Wechſel der Perſonen in der beabſichtigten Berbindung beider Häuſer, gab ihm gute Hoffnung, den Bergherrn über die leichtſinnige Hand⸗ lungsweiſe ſeiner Tochter zu beſänftigen, und ihn dahin zu bringen, in dieſem Tauſch der Geſchwiſter die leitende Hand der Vorſehung zu erblicken. Ferner theilte Waldemar Ka⸗ rolinen mit, daß er mit keinem Worte gegen Marie, eine ſo gute Gelegenheit er auch dazu gehabt hätte, im Probſt⸗ hofe zu S—aryd das in ſeinen Folgen bedeutungsvolle Ereigniß habe erwähnen wollen, bis die Sache mit dem Alten abgemacht wäre. Er ſchloß mit dieſen Worten: „Ehe dieſe kitzliche Geſchichte beſeitigt iſt, erlaubt es mir meine Ehre nicht, mich als frei anzuſehen; aber ſobald der bevorſtehende Sturm voruüber iſt, reiſe ich ſogleich nach W—, und auf's Neue an meinem eigenen Glückstempel zu bauen.“ An jenem Morgen nach der Abreiſe ſämmtlicher Hochzeitgäſte von Knapergaarden, ſchien Alles ein ver⸗ ſtimmtes Ausſehen zu haben. Der Rittmeiſter begab ſich zeitig auf die Jagd; Brink war von der Hochzeit direkt in die Stadt gereist, um einen Holzwaarenhandel abzuſchließen. Der junge Bergherr verſah heute zum erſten Mal ſeit langer Zeit ſein Geſchäft wieder. Ka⸗ roline warn ach dem Probſthofe gereist, um einen Schul⸗ digkeits⸗ und Glückwunſchbeſuch abzuſtatten, welcher Be⸗ am er⸗ nge vas der⸗ ge⸗ auf zu bin⸗ nen ihm nd⸗ zu and Ka⸗ eine bſt⸗ olle dem ten: mir Hald nach npel 161 jedoch eigentlich durch den Wunſch veranlaßt wurde, Marie von Horſt zu ſehen und kennen zu lernen, Julie hatte ſich eingeſchloſſen, unter dem Vorwande, daß ſie Ruhe bedürfe. Und da Lindman und die alte Tante ſich bereits wieder nach Brunkenäs zurückgewendet hatten, waren der Doctor und der Bergherr die einzigen freien Perſonen im Hauſe. Da Waldemar ſah, daß unter dieſen Umſtänden er und der Alte auf jeden Fall einander Ge⸗ ſellſchaft leiſen mußten, ſo beſchloß er, die Gelegenheit zu benützen; denn das Eis mußte doch einmal gebrochen werden. Er trat in das vordere Wohnzimmer ein, wo der Berg⸗ herr ganz allein ſaß, und fennen kranken, von der Gicht geplagten Fuß rieb. „Willkommen Sohn,“ rief er vergnügt;„ich weiß nicht, wo heute alle Leute hingekommen ſind, aber das weiß ich, daß ſie mich allein gelaſſen haben. Nun du biſt wohl mit Julie drinnen geweſen, und haſt Guſtav und Karolinen gratulirt?“ „Nein, mein beſter Vater! Ich habe Julie heute nicht getroffen, und bei Guſtav bin ich noch nicht geweſen, theils, weil er den Vormittag beſchäftigt iſt, und theils auch deß⸗ halb, weil ich zuerſt mit Ihnen in einer Sache von Wichtigkeit ſprechen wollte.“ „Was meint der Herr?“ fragte der alte Bergherr etwas verwundert.„Es iſt doch nichts gegen dieſe Partie einzuwenden?“ „Nein, nicht im Geringſten gegen die Guſtavs und Karolinens, dieſen wünſche ich aus wärmſtem Herzen alles mögliche Glück. Aber— aber. Waldemar war in hohem Grade bange. Die Sache war zu kitzlich und zart, um ohne Umſtände damit los⸗ zubrechen. Er war nie in ſo großer Verlegenheit um paſſende Worte geweſen, um ſeine Gedanken auszu⸗ drücken. Waldemar Klein. 11 ————— 16² „Du haſt etwas auf dem Herzen, was war das für ein: aber? Sprich es aus! ich kann nicht errathen, was du meinſt.“ Waldemar faßte Muth und antwortete: Ja beſter Vater, ich will es ausſprechen, daß nämlich ſo wenig et⸗ was gegen Guſtavs und meiner Schweſter Heirath einzu⸗ wenden iſt deſto mehr Einwendungen gegen die zwiſchen mir und Julien gemacht werden dürften. „Warum nicht gar! Waldemar! Einwendungen— hörte ich recht?“ Der Doctor verbeugte ſich ehrerbietig.. „Nun, das muß ich ſagen!“— Der alte Herr rieb ſich dabei ſeinen Fuß mit ſolcher Heftigkeit, daß es ſchwer geweſen wäre, zu entſcheiden, ob ſein eigenes Zu⸗ thun oder die Gicht ihm am meiſten Schmerz verur⸗ ſachte.—„Ich bin ſehr neugierig, zu erfahren, worin die beſtehen. „Mein guter, redlicher Vater, laſſen Sie ſich nicht zu ſehr davon beunruhigen! Ueber das Herz kann man nicht gebieten. Julie liebt mich nicht; ich habe es von ihren eigenen Lippen gehört, daß, wenn ſie noch einmal wählen dürfte, nicht mehr ich....“ „Schnick, Schnack!“ ſiel der Bergherr ein;„ich traute dir mehr Verſtand zu, als daß du ſolche Grillen hegteſt, welche man höchſtens Knaben hingehen laſſen kann, aber nicht einem vernünftigen Manne, weil vielleicht ein junges, närriſches Ding wie Julie, ein wenig mit ihrem Auser⸗ korenen ſcherzt.“ „Hier iſt die Frage weder von knabenhaften Grillen, noch von Scherz, mein verehrter Vater!“ erwiederte Klein in einem Tone, der keinen Zweifel über die Ernſtlichkeit und Wahrheit ſeiner Worte übrig ließ. „So, ſo! nun was hat der Herr für ein Factum für ſeine Verſicherung?“ „Zuerſt einmal hier,“ ſprach Klein und deutete 163 durch das Fenſter auf den von der Jagd heimkehrenden Baron. „Der Rittmeiſter!“ ſagte der Bergherr lachend.„Er i*ſt ein vortrefflicher und heiterer Geſellſchafter; weiter iſt von dieſer Seite nichts zu fürchten, meine ich. Ueberdieß kann Julie wohl ein Bischen närriſch und unverſtändig, vielleicht ſogar ein wenig leichtſinnig ſein; aber das lautet doch unglaublich, daß ſie dem Herrn Bräutigam ein ſo naives Bekenntniß abgelegt haben ſollte. Ja, wahrhaftig, höchſt unglaublich!“ „Uebrigens hat ſie es gegen den Baron ausgeſprochen, und ich ſaß glücklicherweiſe nahe genug, um es zu hören.“ Klein erzählte nun den ganzen Verlauf der Sache, jedoch in den ſchonendſten Ausdrücken. Und nachdem er dem vor Gram bleichen Vater einige warme Worte geſäͤgt hatte, legte er ſtillſchweigend den Ring, den er an ſeinem Finger trug, auf den Tiſch.„Mit der Ablegung dieſes Unterpfandes entſage ich auf immer dem Anſpruch, Ihnen den heiligen Vaternamen zu geben! aber in meinem Her⸗ zen, in meinem dankbaren Herzen werden Sie ewig unter dieſer Benennung fortleben,“ ſprach er gerührt nach einer langen Pauſe. „Nun, nun, nicht ſo geſchwind, wenn ich bitten darf,“ ſagte der Bergherr mit einem finſtern Blick, und zog die dicken Augbraunen zuſammen.„Laß Julien herunter rufen! Ich will die Sache aus ihrem eigenen Munde hören.“ Waldemar that es und nach einer Weille ſtand ſie bleich und ſchweigend vor dem Vater. „Waldemar hat mir eine ſeltſame Kunde gebracht,“ fing er in einem Tone an, der Widerlegung erwartete; „was haſt du zu deiner Vertheidigung anzuführen?“ „Nichts,“ antwortete Julie mit düſterer Ruhe. „Nichts! Warum nicht? Soll das heißen, daß du dich ſchuldig bekennſt, daß du, die Braut eines Andern, 11*¾ 164 1 dich einem, faſt möcht' ich ſagen, ganz fremden Manne ergeben haſt, daß du, ich ſchäme mich wahrhaftig, Julie, es auszuſprechen!— Kurz und gut, wie ſteht die Sache zwiſchen dir und dem Rittmeiſter?“ „Mein beſter Vater, da Waldemar Ihnen ſchon Alles mitgetheilt hat, ſo habe ich wenig hinzuzufügen. Was ich dem Baron beim Anerbieten ſeiner Hand geantwortet habe, wiſſen Sie vermuthlich.“ „Du biſt ſehr beſtimmt und ſehr kühn, meine Tochter; aber du könnteſt dich in meiner Geneigtheit, dein Luftſchloß zu begünſtigen, bedeutend verrechnen.“ „Mein Vater,“ erwiederte Julie kalt und mit großem Ernſt,„wir haben Alle die Schwachheit, Luftſchlöſſer zu bauen. Auch Sie und Waldemars Vater hatten ſie. Seien Sie indeſſen gewiß, daß von Anfang an eine un⸗ überſteigliche Scheidewand zwiſchen dieſen Wünſchen und ihrer Ausführung ſtand. Worin dieſe beſtand, habe ich beſonders ſeit geſtern zu meiner Kenntniß gebracht.“ „Geſchwätz, Julie, du widerſprichſt dir! Wenn dieſe Scheidemauer ſchon von Anfang da mar, ſo iſt es ja klar, daß es nicht der Baron ſein kann. Was war es denn alſo? Hörſt du, ich will es wiſſen!“ Sie warf einen flüchtigen, ſonderbaren Blick auf Waldemar und antwortete:„Mein theurer Vater, endigen Sie dieſes peinigende Verhör, und ich gelobe, die Wahrheit zu ſagen.“ 4 „Nun wohl, ich verſpreche es; aber ſieh dich vor, Julie, daß du mir nicht Sand in die Augen ſtreuſt.“ „Ich habe,“ ſprach ſie haſtig und mit niedergeſchla⸗ genen Augen,„Waldemar nie geliebt. Wir ſind gerade Gegenſätze. Das fand ich von Anfang an, aber ich wollte nicht, daß mein Vater oder Waldemar glauben ſollte, meine Einwilligung ſei durch Ueberredung erlangt worden. Der Zufall hat euch über meine Denkungsart aufgeklärt. Ich hätte gleichwohl mein Wort nicht gebrochen, 165 wenn nicht der, dem es gegeben war, meine Unter⸗ redung mit dem Baron gehört hätte, und nicht, wie ich ſehe,“— ſie hob dabei den Ring von dem Tiſche auf—„meinem Wunſche ſchon entgegengekommen wäre.“ „Wenn es ſo iſt, liebes Kind,“ verſetzte der Bergherr gerührt und überraſcht,„ſo haſt du meine Erlaubniß, die Verbindung aufzulöſen. Gott ſegne dich, nie hätte ich geglaubt, daß dein Herz eines ſo großen Opfers fähig wäre,“ „Was das letztere betrifft, mein Vater,“ ſprach ſie in einem Tone, der eine doppelte und tiefe Bedeutung in ſich ſchloß,„ſo iſt mein Herz noch eines größern Opfers fähig. Was das Erſtere anbelangt, ſo war Waldemar ſchon dafür beſorgt.“— Sie ſchüttelte ſeinen Ring, zog mit einer raſchen Bewegung ihren eigenen ab, auf den, unerachtet einer gewaltſamen Anſtrengung, eine Thräne fiel, reichte ihn mit einem bittern Lächeln Klein hin und ſagte:„Sieh hier, nimm deine Freiheit wieder, welche blos der Form nach verloren war. Du biſt ja ebenſo überzeugt, wie ich, daß wir nicht zu einem Ganzen gepaßt hätten. Sei glücklich, ſo glücklich, als ich es dir von Herzen wünſche!“ Sie wandte ſich ab, und Waldemar, außer Stand, ihre Worte zu beſtreiten, drückte ſchweigend ihre Hand an ſeine Lippen. „So, laßt es jetzt genug ſein,“ rief der Bergherr halb boſe über ihr Benehmen.„Ich ſehe, daß ihr beide ſehr froh ſeid, einander los zu werden. Die ganze Partie wird wohl eine bloße Dummheit von uns Alten geweſen ſein. Wenn nur Guſtav und Karoline nicht an einem ſchöͤ⸗ nen Tage kommen, und daſſelbe thun!„Indeß,“ fuhr er fort, da Niemand antwortete,„bin ich jetzt einmal daran gewöhnt, dich als verlobt zu betrachten, Julie; wenn du dir alſo die Mühe nehmen willſt, Waldemar, den Ritt⸗ 166 meiſter herunter zu rufen, ſo wollen wir einen kleinen Tauſch treffen.“ „Um Gotteswillen nicht jetzt, mein Vater! bat Julie eifrig. „Ja: gerade jetzt. Es iſt mir unangenehm, dich ſo den Kopf hängen zu ſehen, und ich will dießmal meinen Willen haben. Du ſollſt nicht aufs Neue ein Opfer bringen müſſen. In Gegenwart des Barons ſollſt du ni frei heraus antworten, ob du ihn haben willſt oder nicht.“ Klein ging auf einen Wink des Bergherrn, und klopfte an der Thüre des Rittmeiſters. „Herein!“ rief der Baron, der im Schlafrock und mit Pantoffeln auf ſeinem Sopha ausgeſtreckt lag. Er erhob ſich, verwundert, den Doctor bei ſich zu ſehen. „Ich komme,“ fing Klein an,„als Ihr Glücksherold. Der Bergherr will Sie ſehen Julie iſt dabei; Alles iſt im Guten abgemacht worden! Der Baron war in drei Sprüngen an der Thüre, drückte Waldemars Hand und ſagte freundlich lächelnd: „Können Sie mir verzeihen, mein beſter Herr Doctor?“ „Von Herzen gern, Herr Baron,“ antwortete dieſer mit einer ſo unverſtellten Offenheit, daß es wirklich den Baron verdroß, daß ſein Triumph nicht den Eindruck auf ihn machte, auf den er mit Sicherheit gezählt hatte. Doch nach einigen pro's und contra's in Gedan⸗ ken erwieſen ſich die Sachen in jedem Fall, auch nach Abrechnung des Harms, der Ueberraſchung des Doctors verluſtig gegangen zu ſein, als ſo überſchwanglich glück⸗ lich, daß nur Freude in des Barons Gemüth einniſten konnte. „Nun, Herr Rittmeiſter,“ fing der alte Herr ſcherzend an, als der Baron eintrat,„Sie haben nach dem, was ich gehört habe, dem Doctor ſeine Braut entführt. Haben Sie nicht beſſer an das zehnte Gebot gedacht?“ 167 „Ach, mein werthe eſter Herr Bergherr,“ ſagte der Baron mit ſeinem klu hrrendfen Lächeln,„ich erinnere mich deſſen ſehr wohl; aber da dort blos von dem Weib, aber kein Wort von der Braut geſagt wird, ſo bin ich der Anſicht, daß die Sache mit Fleiß übergangen wurde.“ „Ja, ja, Sie verſtehen ſich auf's Plädiren, wie ich höre;„aber ſehen Sie, es wäre keine Abſchweifung gewe⸗ ſen, wenn Sie ſich auch des Schluſſes erinnert hätten, der dort ſteht:„noch alles, was dein Nächſter hat.“ Se „Nun ja, das mag wohl ſein,“ ſprach der Baron heiter; aber einen Nebenbuhler ſehen wir ſelten als unſern Nächſten an; und ſollte dieß die mächtige Verſuchung nicht entſchuldigen, die mich antrieb, die Rechte des Doctors ein wenig von der Seite anzuſehen, ſo muß der Umſtand für mich reden, daß ich vor dieſer merkwür⸗ digen Hochzeit keine Ahnung davon hatte, daß Julie ver⸗ lobt war, weßhalb meine Neigung zu einem ſolchen Grade ſtieg, daß ich ſie nicht mehr ſiegen konnte.“ „Nun das iſt doch nwimiig,“ nahm der Bergherr das Wort,„daß der Baron nichts von der Sache wußte. Das nahm ich für gewiß an. Warum haſt du darüber geſchwiegen, Julie?“ .„ Warum ich geſchwiegen habe? Ich konnte doch wohl nicht, da man mir keine Frage darüber machte, zum Ba⸗ ron ſagen: wiſſen Sie, daß ich verlobt bin?“ „Ach, Geſchwätz,“ fuhr der Bergherr heraus.„Und ich hatte an etwas Anderes zu denken! Ueberdieß ſah ia der Waxon den Ring?“ „Mit Ihrer Erlaubniß,“ erwiederte der Baron, „Julie hat, ſeit ich hieher ham. nie einen ſolchen Ring getragen.“ „Nun, das war ſonderbar! du zogſt ihn ja eben erſt vom Finger, Julie?“ „Beſter Papa, ich legte ihn an, als ich herunter⸗ ging, Sonſt habe ich ihn ſeit langer Zeit nicht getra⸗ gen. „Hm, hm,“ ſagte der alte Herr,„die Welt iſt ver⸗ kehrt! Und Sie, Herr Rittmeiſter, warum hielten Sie denn nicht um das Mädchen an, ehe Sie erfuhren, daß ſie verlobt ſei?“ „Ach, ich wollte das unterwegs thun; aber das ver⸗ hinderte der Doctor. Und da ich ohne Iulie nicht hätte leben können, ſo beſchloß ich gleichwohl einen Verſuch zu wagen, obwohl der Doctor mir ſeine Verbindung mit⸗ getheilt hatte.“ „Nun, mein Baron, wegen des Lebens hätte es wohl keine Gefahr gehabt; aber da Sie einmal die Sache un⸗ tereinandergewirrt haben, ſo müſſen Sie wohl auch zuſam⸗ men leben. Und es wird meine Sorge ſein, Ihnen das zu verſchaffen, wovon Sie leben können.“ „Das klang wie himmliſche Muſik in des Barons Ohren. Er zog ſeine bleiche, ſchöne Braut zum Vater hin. Und dieſer fragte:„Nun, Julie, biſt du noch feſt in deiner Aeußerung, daß du bei einer neuen Wahl den Baron allen Andern vorziehen würdeſt?“ Das war für die arme Julie, wie wenn ſie ihr eigenes Todesurtheil ausſprechen ſollte. Ihr Kopf ſchwindelte, und ſie ſtarrte ihren Vater an, ohne zu antworten.. „Nun, mein Kind, ſprich deine Herzensmeinung aus, und ſpiele nicht mit deinem und dieſes Mannes kunftigem Glück. Ich waſche meine Hände. Sage ohne Heuchelei, ob du ihn mehr liebſt, als irgend einen auf der Erde.“ „Ja,“ antwortete Julie; denn ihr Blick traf den ge⸗ ſpannten, unruhigen Ausdruck in Waldemars Zügen; ja, ich thue es.“ Und ohne Widerſtreben duldete ſie des Ba⸗ rons heftige Freudenbezeugungen, der, entzückt, daß er es in Gegenwart ſeines Rivals thun konnte, ſowohl ſie als ſeinen künftigen Schwiegervater umarmte. 9 und ein Blatt Papier vor ſich auf dem Tiſche liegen, 169 „Gott ſegne dich, meine Julie!“ ſagte der Bergherr, und drückte einen väterlichen Kuß auf ihre kalte Stirne. Sie entfernte ſich; denn ſie bedurfte in Wahrheit der Ruheé. Bald war die Neuigkeit im ganzen Hauſe bekannt, und des Barons Fröͤhlichkeit theilte ſich den übrigen mit. XVIII. Ueberlegung, Freude, Erſtannen, Kummer, Beſchwerden, und allerhand Schlechtes und Rechtes, was in dieſem Leben vorgeht. Warm wie das Leben und getreu wie's Grab. Tegnér. Sieh ihren heißen Blick, worin die Thräne zittert, Und du vergißt im Schwindel der Gefuhle Wahrbhafte Eide, die dein Mund geſchworen, Und Welten, die dein Geiſt erſchuf. Der Sohn im Adlerwald. Frau von Horſt ſaß eines Nachmittags, acht Tage nach dem Feſte, in ihrem angenehmen, uns wohlbekann⸗ ten Wohnzimmer, und ging in Gedanken durch, wer zu dem großen Feſte einzuladen, oder davon auszuſchließen ſei, das der Großhändler Billing am ſechsten Juli geben wollte. Die Einladungskarten dazu ſollten nämlich un⸗ verzüglich nach dem Vorſchlage angefertigt werden, den Frau von Horſt ihrem alten Freunde über die Anzahl derſelben einhändigen würde. Sie hatte eine Bleifeder 1 170 und allemal, wenn ſie mit etwas im Reinen war, nahm wen ſie ſich eine Prieſe und machte ein Zeichen. du „Was ſchreibt Mama ſo nachdenklich?“ fragte dir Marie, die, noch unbekannt mit des Feſtes eigentlichem war Zwecke, unbekümmert damit fortfuhr, einige Flecken aus Und ihrem neuen Feierkleide mit einem heißen Bügeleiſen und mich Fließpapier herauszumachen; da es den Tag vorher an nich der Mittagstafel im Probſthofe durch die Beihülfe des ſehe Magiſters Traſſelin in feindliche Berührung mit einer Sauceſchaale gekommen war. Marie ſeufzte; leider wa⸗ dav ren die Flecken nicht die einzige Erinnerung von der Mu Hochzeit. ſänf „Ja Kind, glaube mir nur, es iſt wichtig genug!“ übe. ſeufzte die Mutter andächtig.„Du weißt nicht, wie bei ſag ſolchen Gelegenheiten alle Menſchen Anſpruch darauf ma⸗ chen, daß man ſich ihrer erinnere. Wir haben nicht eige viele Bekannte; aber Billing hat deſto mehr, und er hat ſein mir das Vertrauen geſchenkt, für ihn eine Liſte von ihnen zwu aufzuſetzen.“ tiga „Von wem, Mamachen?“ dan „Ei! von den Gäſten meine ich, die zum Verlobungs⸗ ſchmauſe eingeladen werden ſollen. Du haſt wohl nicht Bre vergeſſen, daß du bei deiner Rückkehr mir verſprachſt, die Me Sache nach meinem Wunſche zu beendigen?“. den „Gewiß nicht, Mamachen! Es wundert mich blos, ver daß ſchon als beendigt angeſehen wird, und es dürfte hat wohl mit aller geziemenden Achtung vor Ihnen, mich ihre beleidigen, daß man eher an die Verlobungsgäſte denkt, bev als an die Braut. Weder Sie noch Billing haben dan ein Wort über die Sache geſprochen, ſeit ich nach Hauſe ſie kam. me „Nun, was war das nothwendig!“ verſetzte Frau ſie von Horſt, die es nun für paſſend fand, ihr Anſehen zu euecl benützen.„Die Sache war als abgemacht zu betrachten. eilt Ich hatte dein Verſprechen und Billing das meine. Er weiß von Alters her, daß du immer den Kopf hängſt, ſich wenn es zur Sache kommt. Doch damit du wiſſeſt, daß du wegen der Gäſte in Betracht kommſt, ſo gereiche es dir zur Beruhigung, daß er heute Nachmittag— ich er⸗ warte ihn jede Stunde— kommt, um mit dir zu ſprechen. Und dann Marieo, keinen Auftritt, das ſage ich; wenn du mich liebſt, Kind,“ fügte ſie bedeutend ſanfter hinzu,„und nicht meine grauen Haare mit Kummer in's Grab fahren ſehen willſt.“ „Um Gotteswillen, meine beſte Mutter, ſprecht nicht davon, mich zu verlaſſen,“ bat Marie, die, ſobald die Mutter auf das letztere Kapitel kam, immer bald be⸗ ſänftigt war.„Ich will ja Alles thun, was Sie wollen; überheben Sie mich nur der Mühe, es ihm ſelbſt zu agen.“ ſng„Nein, gewiß nicht, Marie! Er muß es von deinen eigenen Lippen hoͤren. Es würde ſonſt, und mit Recht, ſein Mißvergnügen und ſeinen Zweifel über dein unge⸗ zwungenes Ja erwecken. Du mußt deßhalb deinem Bräu⸗ tigam ſelbſt ſagen, daß du das Glück, daß er dir anbietet, dankbar empfangeſt.“ Es war zum erſten Mal, daß ihn die Mutter als Bräutigam angeführt hatte. Ein eiskalter Schauder flog Marien bei der widrigen Vorſtellung durch die Glieder, den alten Billing, den ſie immer wie einen Vater verehrt hatte, ſich als Gatten denken zu müſſen. Sie hatte ſich genöthigt geſehen, den Vorſtellungen und Bitten⸗ ihrer Mutter nachzugeben; doch nun ſtand das Aergſte bevor, ihm ſelbſt zu ſagen:„ich bin bereit.“ Ihr Ge⸗ dankengang wurde von der Mutter unterbrochen, welche ſie darauf aufmerkſam machte, daß Schritte im Vorzim⸗ mer gehört würden, und in der höchſten Angſt flüſterte ſie ihr zu:„Jetzt gilt es! Muth, mein Kind! Ich will euch allein laſſen, ſo geht es beſſer.“— Frau von Horſt eilte mit ihrer Einladungsliſte hinaus. Marie konnte kaum athmen. Gleich darauf oͤffnete ſich die Thüre, und nicht der gefürchtete Billing, ſondern 172 Waldemar trat ein. Marie wußte nicht, ob ſie träume oder wache. Auf ſeinem Antlitz ſtrahlte das ſeligſte Lä⸗ cheln der Wonne, ſo unähnlich dem, womit er zuletzt auf derſelben Stelle ihr gegenüber geſianden war. „Marie!“—„Klein!“ Worte ſind ja ſo arm; ſchon in der erſten Minute las ihre ganze Seele im Blick; und wie viel beredter iſt nicht dieſe Sprache, als alles, was bis jetzt in Proſa oder Verſen erfunden wurde, um das mächtigſte aller Gefühle zu verdoll⸗ metſchen! „Ich bin frei,“ ſagte er endlich,„frei, meine Marie, und darf mein Herz und den Segen, womit der Höchſte meine Arbeit belohnt, dir zu Füßen Aefen; Auch du biſt deh. frei; beſchließe deßhalb, meine Geliebte, unſer Beider ück 741 Nicht ein Wort kam über Mariens Lippen. Dieſe Ueberraſchung war zu groß; ſie ſah ihn zweifelnd an; eine ſolche Seligkeit war ja unmöglich.„Marie! was bedeutet dieß Schweigen? Um Gotteswillen! es iſt doch noch nicht mit Billing abgemacht!“ „Ich erwarte ihn jeden Augenblick,“ antwortete ſie, ſchnell wieder zur Beſinnung kommend;„auf heute bekam er das Verſprechen einer beſtimmten Antwort. Der edle Billing,“ ſagte ſie wehmüthig,„wird er mir wohl ver⸗ zeihen? O Waldemar, eine Stunde ſpäter— und es wäre zu ſpät geweſen.“ „O ſtill davon!“ antwortete er jubelnd und drückte die Holde an ſein von der reinſten irdiſchen Freude klop⸗ fendes Herz.„Jetzt biſt du mein, Marie, und Himmel und Erde ſollen dich nicht von mir reißen. Ich habe ja deine Zuſage, du Einzige, du unausſprechlich Geliebte.“ „In Ewigkeit, mein Waldemar!“ lispelte ihre ſanfte ſeelenvolle Stimme, und zum erſten Male berühr⸗ ten ſich ihre Lippen. Warm wie das Leben und treu ime Lä⸗ auf m; im als den oll⸗ rrie, hſte biſt ider ieſe an; vas och ſie, kam edle ver⸗ äre ckte op⸗ mel ja ufte ihr⸗ rreu 173 wie das Grab, lösten ſich ihre Seelen in eine einzige ſelige Harmonie auf. Unterdeſſen befand ſich Frau von Horſt im nächſten Zimmer, in der unerträglichſten Angſt, es möchte nicht glücklich endigen. Sie hielt wohl dann und wann ihr Ohr anis Schlüſſelloch; aber es wurde ſo leiſe geſpro⸗ chen, daß ſie blos hie und da einen Laut aufeaſſen konnte.—„Hm,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„Billing iſt nicht gewohnt, ſo leiſe zu ſprechen; und daß ich Marie nicht weinen höre! Gott ſegne ſie, das gute Kind; ſie weiß ihre Mutter zu ehren und ihr gehorſam zu ſein!“ Nun ſtrengte ſie ihr Gehör noch einmal an, und ſie glaubte ihre Tochter ſagen zu hören:„Ja, in Ewigkeit!“ „ GGut, gut,“ ſagte ſie und nickte draußen vor der Thüre mit dem Kopfe.—„Ja, in Ewigkeit!“— Sie faltete andächtig ihre Hände; aber nun hörte ſie nichts mehr; alles war ſo ſtille drinnen, wie wenn Niemand ſich im Zimmer befunden hätte. Da glaubte Frau von Horſt, daß bei dieſer Lage der Dinge alles im Reinen ſein müßte. Sie nahm ein Paar Prieſe aus ihrer großen vergoldeten Doſe, welche ſo wie der Inhalt, der unvergleichlichſte Pariſertabak, ein Geſchenk ihres ge⸗ ehrten Freundes war, guckte nachher in den Spiegel, ob Haube und Haare in ihrer gehörigen Ordnung wären, und mit einem feierlichen Glückwunſch auf den Lippen öffnete ſie die Thüre des Wohnzimmers.— Wenn jetzt ein Geſpenſt aus längſt vergangener Zeit ihrem Blicke begegnet wäre, hätte ſie ſchwerlich erſtaunter ſein können, als nun, da von der Thürſchwelle, die der gegen⸗ über lag, auf der ſie ſtand, die lange, vorwärsgebeugte Geſtalt des Großhändlers Billings wie in eine Bildſäule verwandelt, ihr entgegenſtarrte. Die ſchwarze wohlbe⸗ rechnete Bräutigamstracht, die er gemäß der Feierlichkeit am Abend trug, die blitzenden Ringe an den Fingern und die noch blitzenderen Diamant⸗ und Topasnadeln 174 zwiſchen den blendenden weißen Falten, die zwiſchen der Weſte hervorſchimmerten, alles das, verbunden mit dem leichenblaſſen Geſichte, machte, daß Frau von Horſt un⸗ gewiß den F.S zur Hälfte über die Schwelle zurückzog. Seine ganze Erſcheinung erinnerte an den todten Gaſt in der Sage, wie er leibte und lebte, von dem die Tradition meldet, daß er einmal alle hun⸗ dert Jahre, in der ganz ähnlichen Tracht, wie ſie Bil⸗ ling trug, einige Wochen auf der Erde wandle, während welcher Zeit er drei Bräute als Ziel ſeiner böſen Ab⸗ ſichten auswähle. Und dieſe würden dann, nachdem er ſie durch Schmeicheleien und Verſprechungen bezaubert und bethoͤrt habe, alle drei in der nämlichen Nachm wo das Hauſen des todten Gaſtes aufhöre, todt in hren Betten gefunden, den Kopf nach hinten gedreht.— Wie geſagt, Frau von Horſt glaubte den genannten todten Gaſt deutlich zu ſehen. Sie beruhigte ſich jedoch bald wieder; denn erſtens erinnerte ſie ſich, daß jener während der Faſtnachtzeit erſcheinen ſollte, und dann ſchämte ſie ſich auch, ſich von ihrer Phantaſie ſo erſchrecken zu laſſen. Dreiſt zog ſie deßhalb den Fuß zurück, und ließ nun ihre Augen derſelben Richtung, welche die von Herrn Billing genommen, folgen, und die an einen Gegenſtand auf der andern Seite des Zimmers feſtgewachſen waren. Aber wer ſchildert ihre gränzenloſe Beſtürzung, ihren Kummer, ihren Schmerz, als ſie in einem Augen⸗ blick ihr ganzes, großes, mit Kunſt und Beharrlichkeit aufgeführtes Werk über den Haufen geworfen ſah, wie ein umgeblaſenes Kartenhaus! Der Schreck lähmte eine Minute lang ihre Zunge, da ſie ſah, wie Marie ruhig den Kopf an die Schultern des Doctors gelehnt, daſaß, er den Arm um ihren Leib geſchlungen, herzlich und leiſe mit ihr ſprach, beide taub für die ganze Außenwelt. Doch Frau von Horſt verſtand die Kunſt, ſie zu er⸗ wecken. Schnell ſprang ſie empor und rief mit der gan⸗ zen, leidenſchaftlichen Heftigkeit ihres Zornes:„Marie! 175 um Gotteswillen, biſt du denn ganz wahnſinnig, Mäd⸗ chen! Da ſteht ja dein Verlobter vergeſſen an der Thüre; und Sie, Herr Doctor, ich meine, Sie ſollten einige Rück⸗ ſicht haben!“ du? „Meine beſte Mama!“—„Meine beſte Frau von Horſt!“ entſchuldigten ſich beide zu gleicher Zeit.—„Hören Sie nur den Zuſammenhang der Sache,“ bat Klein;“ meine frühere Verbindung iſt abgebrochen; jetzt iſt Marie mein.“— Dieſe Kühnheit war aber doch zu unerhört. „Was! den Zuſammenhang hören. Die Verbindung abgebrochen! Marie die Ihrige!— Ich will wahnſinnig werden,“ rief Frau von Horſt zum erſten Mal in ihrem Lehan über ein ſo außerordentliches Benehmen aufgebracht undvarf ſich in einen Lehnſtuhl,„wenn ich begreife, wo⸗ her Sie, Herr Doctor, ſich die Freiheit nehmen, in meinem Hauſe und mit meinem Kind nach ihrem eigenen Gut⸗ dünken zu verfahren. Was meinen Sie? Was denken Sie? Was glauben Sie? Bin ich eine Null, die man nach Belieben auslöſcht?“ „Beruhigen Sie ſich, meine beſte Frau,“ ſagte Klein ruhig;„meine Gefühle für Ihre Tochter ſind ja nichts Neues. Erinnern Sie ſich des Verhältniſſes, das uns trennte, und deſſen, was uns jetzt unwiderruflich ver⸗ einigt hat. Der Wille eines ſterbenden Vaters mußte mir damals heilig ſein; aber da dieſes Verhältniß von meiner früheren Verlobten ſelbſt aufgelöst iſt, ſo kam ich, ohne die Veränderung in Ihrer Denkungsart zu ahnen, um in Mariens Herzen und von ihren Lippen die Worte zu hoͤren, die allein meinem Leben Gedeihen und Glück geben können. Führen Sie ſich auch das zu Gemüthe, daß Marie Ihnen aus kindlicher Liebe ein Opfer bringen wollte, das, auf einen Wink von Ihnen, ſie auf immer von mir getrennt hätte.“ „Ja, ſchön hat ſie das bringen wollen,“ verſetzte Frau von Horſt, zitternd vor Aerger. Und obwohl ſie 176 einſah, daß jetzt nichts weiter in der Sache zu thun ſei, da Billing ſelbſt Augenzeuge von allem geweſen war, verdroß es ſie doch bedeutend, daß ſie den Doctor, der nur von ſeiner Praris lebte, gegen den reichen Billing austauſchen mußte. Gewiß hätte ſie noch einige Monate früher, die Partie mit Klein für gut und wünſchenswerth gehalten; aber da der Großhändler ſich angemeldet hatte, und ſie gewohnt war, das Eigenthum dieſes letztern als ihr eigenes anzuſehen, konnte ſie ſich deßhalb mit einem andern Gedanken nicht ſo leicht befreunden. „Ja, ſie hat ſchön ihrer kindlichen Pflicht ein Opfer bringen wollen; fuhr ſie fort.„In dieſem Falle, davon ſeien Sie überzeugt, wäre ſie in dieſem Augenblick die allgemein beneidete Frau Billing geweſen, anſtatt daß ſie jetzt“— hier kam ſie etwas zu ſich, und brach quer ab—„anſtatt daß ſie jetzt ihrer Mutter dieſen Kummer macht.“ Lächelnd hörte Waldemar dieſe Herzensergießung an, nahm dann ihre Hand, ſah ihr mit jenem guten und beredten Bliek in's Auge, dem nicht einmal Frau von Horſt widerſtehen konnte, und ſagte:„In Gottes Namen! laſſen Sie das ſein, und verſtoßen Sie nicht Ihren alten Günſtling, weil er kein großes, ſteinernes Haus beſitzt. Betrachten Sie nur mein und Mariens freudeſtrahlendes Geſicht, und es wird Sie mit dem Verluſte ausſöhnen. Ueberdieß, Mamachen! werden auch wir uns eine angenehme Wohnung anſchaffen, wo Ihre Kinder es immer für das höchſte Glück anſehen werden, dir geachtete und geliebte Mutter bewillkommen zu dürfen.“ 3 Bei dieſen ſanften und zum Herzen gehenden Worten ſchmolz die Eisrinde, die Eitelkeit und Eigennutz um Frau von Horſts beſſere Gefühle gezogen hatte. „Nun, es mag ſein, wie ihr wünſcht, meine lieben Kinder! Segne euch der gute Gott! aber ihr müßt ſelb wol Akt unt die auf Br bla Fa⸗ eine ſein gen beg nen ſind er einf wie glã und gin auf und nun reie cher 177 ſelbſt zu ſehen, wie ihr euern geehrten Gaſt zufrieden ſtellen wollt.“ Der arme Herr Billing, der während des ganzen Aktes vergeſſen und unbeachtet dageſtanden war, hatte ſich unterdeſſen von den vielen und bittern Gemüthsbewegungen, die in ſeiner Seele kämpften, überwältigt, in einer Ecke auf einen Sopha niedergeſetzt, wo er die Arme über die Bruſt gekreuzt, düſter zu Boden blickte. Die letzte Seifen⸗ blaſe, die er gebildet hatte, und deren prächtig ſchimmernde Farben einige Augenblicke lang ihm die Hoffnung auf eine ſpäte Lebensfreude vorgegaugelt hatten, war nun vor ſeinen Augen zerplatzt. Entſagung war immer ſein Loos geweſen. Mehr als einmal hatte er gefunden und es begrundet, wie wenig des Menſchen Wille und Kräfte ei⸗ nem Kampfe gegen die Mächte des Schickſals gewachſen ſind. Wie oft war er nicht am Ziele geſtanden, und als er es zu umfaſſen glaubte, verſchwand Alles, und er, der einſame Wanderer auf der großen Haide des Lebens, war wieder allein. Aber in dieſer dunklen Nacht leuchtete ein glänzender Stern am Firmamente; er fluſterte von Frieden und Wiederſehen dort oben. Und ſeinem geiſtigen Auge ging auch in dieſer ſchweren Stunde der freundliche Stern auf, und er beugte demuthig ſein Haupt in Glauben und Hoffnung einer kommenden Vergeltung. Da Marie nun vortrat, und ihm ſchüchtern und furchtſam die Hand reichte, war der Sturm uberſtanden. Mit einem ſchwa⸗ chen aber feundlichen Lächeln wunſchte er ihr alles mög⸗ liche Gluck. 3 Tief gerührt bat Marie:„Verzeihen Sie uns den Kummer, den wir Ihnen gemacht haben, und glauben Sie mir, daß ich, da mein Herz ſchon vergeben war, ein ſchlech⸗ tes Weib geweſen ſein wurde; aber eine gute Tochter will ich Ihnen ſein, wenn Sie es nicht verſchmähen, mich als ſolche anzunehmen.“ „Ich nehme dein Anerbieten an,“ antwortete Billing, Waldemar Klein. 12 178 nicht weniger gerührt, als ſie. Und da auch Klein mit einem freundlichen bittenden Blicke ſich näherte, nahm er ihre Hände in ſeine und ſprach:„Noch ein Mal, wenn Sie meinen Wunſch erfüllen wollen, werde ich hoffen, daß mir das Leben einige Roſen tragen kann. Ich bitte Sie beide, da ſie keinen Vater mehr beſitzen, mich als ſolchen zu betrachten. Die Wohnung, welche ich ſchon für Marie hatte einrichten laſſen, ſoll ſie mit ihrem Gatten bewohnen. Sie, Herr Doctor, werden dann für mich ein Freund und Sohn, und Mariechen eine gute Tochter und holde Pfle⸗ gerin. Wenn es dann dem Herrn gefällt, mich in die Heimath zu rufen, wo alle Muhen und Täuſchungen ſich endigen, wenn Sie meine Augen geſchloſſen haben, ſo ſoll, was ich von zeitlichen Gütern durch Gottes Gnade und eigene Bemühungen erworben habe, Ihnen angehören.“— Ein Feſt ſtiller und heiliger Freude, wie es ſelten den Men⸗ ſchen hienieden verliehen wird, wurde an dieſem Abend in Frau von Horſts Hauſe gefeiert. Einige Monate darauf las man in der Poſt⸗ und inländiſchen Zeitung unter den auf dem Lande Getrauten: „Auf dem Eiſenwerk zu Knapergaarden, im K bergiſchen Kirchſpiele, den 16. October, der Bergherr Guſtav Kon⸗ ſtantin St—hal, und Fräulein Karoline Aurora Klein;“ und am nämlichen Orte und demſelben Tage:„Des Königs getreuer Diener, der Nittmeiſter bei den[— a Dragonern, Freiherr, Ernſt von K., und Fräulein Julie Wilhelmine St-hal.“ 5 Kurz darauf muß eine ähnliche Feierlichkeit mit großem Pomp und Staat in W. gefeiert worden ſein. Wenigſtens hatte ſich Alles, was Nätherin hieß, faſt außer Athem gearbeitet, um alle die Sachen ſertig zu hringen, die auf den 10. November beſtimmt waren, da Alles, was zur faſhionablen Welt gerechnet werden konnte, ſeine Mar⸗ tinsgans in dem prachtvoll erleuchteten Hauſe des Groß⸗ händlers Billing aß. 4 Rückblick. Dunkfle Tage verkünden dunklere, 8 Die Perlen des Tbau's wandeln ſich in weißen Reif, Das erwachte Auge ſchaut und ſieht und wundert ſich, Schon Winter! G R. Drei Jahre waren verfloſſen, ſeitdem die auf den vorhergehenden Blättern geſchilderten Begebenheiten Statt gefunden hatten. Der Bergherr Sthal ſchlief ſeit an⸗ derthalb Jahren den ruhigen Schlaf des Todes. Gliücklich der, welcher ausgekämpft hat, ehe des Lebens ſchwerere Stürme die Blät er von dem niedergebeugten Baume ab⸗ geriſſen haben! Guſtav St-—hal hatte Knapergaarden in Beſitz genommen. Er wurde nicht um ſein Paradies betrogen; denn bei Karolinen, die in holder Aufmerkſam⸗ keit blos für ihres Mannes Wünſche lebte, war es der alten Schlange unmöglich, ſich einzuſchleichen. Dennoch blieb ihm noch ein Wunſch übrig; denn er beſaß keinen Erben ſeines Namens und Vermögens. Auf Brunkenäs lebten der Inſpektor Lindmann und die alte Tante Liſa Greta ſtill und ruhig während des Winters. Den Tag über rauchte er ſeine Pfeife auf der Thürſchwelle an der Scheune, und ſie wanderte hin und her zwiſchen der Reſidenz der Milchbütten und der Ofen⸗ ecke in ihrem kleinen Stübchen. Die Abende vertrieb ſich das alte Paar mit einer Partie Mariage oder Piket. Im Sommer war mehr Leben da; denn dann kam der Doctor Klein mit ſeiner Familie von W., um dort ein paar Monate zuzubringen, und dann wurden beſtändige Luſtfahrten zwiſchen den zwei Beſitzthümern hin und her unternommen. Doch ſchien es, als ob der Bergherr einen 12 180 Seufzer des Neides und ſeine junge Frau eine Thräne nicht unterdrücken könnten, wenn ſie des Doktors zwei blühende Kinder ſahen. Brink beſaß ein eigenes, nicht unbedeutendes Gut. Auch er war glücklich verheirathet, und lebte auf dem freundſchaftlichſten Fuße mit den beiden Familien. Er war und blieb des jungen Bergherrn rechte Hand, und behielt in dieſer Eigenſchaft noch immer ein Zimmer in Knapergaarden bei, welches, durch ſeinen Namen Brinks⸗ zimmev, deutlich zu erkennen gab, daß er dort nicht als Fremder angeſehen wurde. Frau Brink war ein gebildetes und verſtändiges Frauenzimmer, deren Geſellſchaft Allen angenehm war; denn ſie war mit dem gluctlichen Talente begabt, ſich ſo, wie es gerade nöthig war, in den Geſchmack und die Laune Anderer ſchicken zu können. Aber wie ſtand es denn mit dem Baron von K. und ſeiner jungen Baronin? Gleich nach der Vermählung, als die große Mitgift in guten, ktaren Wechſeln und Banko⸗ zetteln in Bündeln in der wohlverſchloſſenen Chatouille des Nittmeiſters ruhte, waren alle Bitten des alten Bergherrn ſowohl als des jungen, um das neuvermählte Paar zuruck⸗ zuhalten, vergeblich. Sie wollten zuerſt während des Herb⸗ ſtes eine Reiſe unternehmen, um die wenigen Anverwandten des Barons zu beſuchen. Nun, das mochte hingehen: denn wie konnte man wohl der faſhionablen Welt angehören, ohne zu gleicher Zeit, als man ſich verheirathete, auch eine Neiſe zu machen. Aber darauf ſcheänkte ſich der Plan des Rittmeiſters nicht ein. Er gab deßhalb ſeinem Schwieger⸗ vater ſehr artig zu verſtehen, daß er, um ſeiner Julie eine Freude zu machen, und ihre oft melancholiſche Gemuthsart zu erheitern, für den folgenden Winter eine Wohnung in der Hauptſtadt gemiethet habe. „Was zum Henker iſt das für eine Geſchichte?“ fragte der alte Papa beſtürzt.„Ich meine, Knapergaarden war bisher genügend für Julien; deßhalb glaube ich, daß es auch für künftighin unnöthig iſt, nach Stockholm zu reiſen, um ſich aufzuheitern. Die Wohnung zu Möͤllerupp iſt bald fertig: dann zieht Guſtav, hin, und Sie haben dann, glaube ich, hier Raum genug.“ „Das in keine Frage, mein geehrter Herr r Schwieger⸗ vater! Aber wir bleiben ja blos über den Winter weg; nachher freuen wir uns nur um ſo mehr, wieder heim⸗ kommen zu dürfen und die ſchoͤne Jahreszeit auf dem Lande zuzubringen.“ „Gehorſamer Diener! Das glaube ich wohl. Ein Winter in der Hauptſtadt koſtet ein hübſches Geld, weß⸗ halb die Heimreiſe im Frühjahr ſo natürlich darauf folgt, wie die Nacht auf den Tag. Aber es wäre nicht uneben geweſen, wenn der Herr Sohn ſeine Pläne vorher geſagt hätte; denn ich ſage es frei heraus, daß mir das nicht efällt.“ n Der Rittmeiſter war fein genug, oder vielleicht zu ſchlau, um ſeinen Schwiegervater nicht durch Widerſpruch zu reizen. Er ſagte deßhalb mit vieler Umſicht, es thue ihm leid, daß die Sache ſich nicht ändern laſſe; die Wohn⸗ nung ſei ſchon gemiethet. „Sonſt nichts,“ antwortete der Bergherr, ſehr fügſam gegen ſeinen Schwiegerſohn geſtimmt, weil dieſer über ſeine vorige nicht ſehr feine Aeußerung nicht böſe geworden war; „ſonſt nichts? Darüber ſoll ſich der Herr Sohn kein graues Haar wachſen laſſen. Ich bezahle die Miethe und thue das ſehr gerne; denn eine Ahnung ſagt mir, daß es auf die eine oder die andere Art meiner Tochter zum Unglück gereichen wird, wenn man ihr dieſen Wunſch erfüllt.“ Der Baron war ſo unangenehm überraſcht, daß er nicht wußte, was er machen ſollte, um ſeinen ſehnlichſten Wunſch ausgeführt zu ſehen. Darüber kam Guſtav herein. Der alte St-hal theilte ihm ſogleich ſeine Unterredung mit dem Baron mit. Dieſer, der wohl wußte, daß der Rittmeiſter, nach 182 ſeinen früheren ſo lebhaft und geräuſchvoll verlebten Tagen, ſich nie auf die Länge in dem häuslichen, ſtillen Kreiſe gefallen würde, und der auch einſah, daß Julie eben ſo wenig ihr Glück darin finden würde, unterſtützte den Wunſch des Barons. Denn er war überzeugt, daß es, da Beide ſich nach einem Wechſel ſehnten, nicht dazu dienen würde, ein ſchönes Familienleben zu befördern, wenn man ſie ge⸗ gen ihren Willen zurückzuhalten ſuchte. Er bewies dem Vater, daß ſie ein doppelt ſo großes Verlangen nach der geliebten Heimath fühlen würden, wenn ſie eine Zeitlang draußen herumgeſchwärmt hätten; beſchrieb Juliens Sehn⸗ ſucht, alle Herrlichkeiten der Stockholmer Welt zu ſehen, welche ihr Guſtav mit feurigen Farben geſchildert hatte; ſprach davon, als von etwas bei ihrer Sinnesart ganz Natürlichem, und konnte überhaupt nicht einſehen, warum ihrer Reiſe Hinderniſſe in den Weg gelegt werden ſollten. Deer Rittmeiſter drückte ſeinem Schwager dankbar die Hand, und der Alte hatte ſchon zur Hälfte nach gege⸗ ben, als Julie, welche im andern Zimmer ſaß, auf einen Wink ihres Mannes eintrat, und durch Schmeicheleien und Bitten die vielfach beſtrittene Sache zu einem glücklichen Schluſſe brachte. Die Reiſe ging vor ſich. Das vornehme, luſtige und glänzende Leben, das nun ſeinen Anfang nahm, behagte Julien ungemein. Der Rittmeiſter hatte mit Geſchmack und großen Koſten die helle und ſchöne Wohnung mobliren laſſen, die ihm ein alter Bekannter verſchafft hatte. Be⸗ dienten in Livree und ein paar hübſche Mädchen waren in dienſtfertiger Unterthänigkeit um die junge Baronin bei ihrer Ankunft beſchäftigt, um ihren geringſten Befehl zu erwarten. Mit einem triumphirenden Lächeln führte der Baron ſeine Frau durch die prächtigen Zimmer, und blieb endlich bei einem ſtehen, dem er den Namen von ſeiner Frau Boudoir gegeben hatte. Dieſes war mit der aus⸗ geſuchteſten Umſicht und der feinſten Aufmerkſamkeit geordnet und eingerichtet, was nicht zu verwundern war; denn als der Baron dem obengenannten Freunde eine kleine Zeich⸗ nung zur Anordnung ſchickte, war er ſelbſt wie im gegen⸗ wärtigen Augenblicke überzeugt, daß er ganz entſetzlich in ſeine junge Frau verliebt ſei. Mit freudeſtrahlenden Blicken drückte Julie ihrem Manne die Hand, und dankte ihm mit einigen herzlichen Worten für ſeine zarte Aufmerkſamkeit. Aber da er hinausgerufen wurde, ſtützte ſie nachdenklich das Haupt auf die Hand, und ſprach, indem ſie einen Blick um ſich warf:„Wie anders wäre nicht das Leben mit ihm ge⸗ weſen! Und wenn Er mich geliebt hätte, wie gerne hätte ich nicht dieſer Pracht entſagt und in der dirftigſten Wohnung mit ihm gelebt! O, ich mag nicht daran den⸗ ken; Aber dieſe Marie! Ich beneide ſie doch ewig! Ich wünſchte, daß ich nur Einmal ihrem verfolgenden Bilde entgehen, und mich an etwas Anderes heften könnte. Zu⸗ erſt will ich nun alle Vergnügungen genießen, die ſich mir darbieten, und dann, wenn ich ruhiger werde, will ich verſuchen, unſer häusliches Leben auf einen ſolchen Fuß einzurichten, daß es uns Beiden die Zufriedenheit ſchenkt, die man vergebens anderswo, als in ſich ſelbſt ſucht.“ Aber die Baronin von K. fand bald in ihres Man⸗ nes allzuwichtigem Beitritt zu den Zerſtreuungen ſowohl in als außer dem Hauſe, einen Ableiter für alle Gefühle und Gedanken an den Reiz eines einfachen häuslichen Lebens. Julie bemerkte jedoch bald, mit eben ſo viel Erſtaunen als Kummer, daß der Baron, obſchon er ſich noch immer als aufmerkſamer Ehemann zeigte, doch keineswegs mehr der feurige Liebhaber war, der von kei⸗ ner Andern, als von ihr, einen Blick zu gewinnen ſuchte oder wünſchte. Im Gegentheil war der Baron nie auf⸗ geräumter, als wenn er ſich in einem Kreiſe fremder Damen befand. Der Beifall, den ſie ihm für ſeine Be⸗ 184 mühungen, alle zu vergnügen, einerndten ſah, ſtach ihr ins Herz, nicht aus Eiferſucht, ſendern aus Verdruß darüber, daß ein verheiratheter Mann, der ſelbſt eine junge, ſchöne und liebenswürdige Frau beſaß, ſich erniedrigen konnte, die Rolle eines Schmetterlings zu ſpielen, der von einer Blume zur andern flattert. Sie bedachte nicht, daß die Natur des Barons ſich ſo weit von dieſem Namen trennte, daß er, während jener ſich im Winter in ſeine Puppe zu⸗ rückzog, vielmehr das ganze Jahr bindurch Schmetterling blieb, und nicht einmal die erſten Monate ſeiner Ehe von ſeiner alten Gewohnheit abgehen konnte, die weiblichen Zier⸗ den der Salons als ein reiches Feld für ſeine Eroberungs⸗ luſt anzuſehen. 1 Sie machte bisweilen die Erfahrung, daß er andern die Mühe der kleinen Aufmerkſamkeiten abtrat, was, wie ſie ſich geſchmeichelt hatte, er nie einem Andern überlaſſen würde. Da Iulie ihm einen gelinden Vorwurf über dieſen Mangel an Zärtlichkeit von ſeiner Seite machte, antwor⸗ tete er mit leichtem Scherz:„Mein Schatz! ſolche Ein⸗ bildungen werden dich immer plagen, ſo lange du deine Begriffe von einem glücklichen ehelichen Leben nach dem romantiſchen Maßſtabe bildeſt. Du mußt dieſe faden Ideen fahren laſſen, ſie mögen ſich recht gut auf dem Lande aus⸗ nehmen, aber paſſen durchaus ſonſt nirgends hin. Sieh dich um in der eleganten Welt! Hier iſt es nicht noth⸗ wendig, daß eine Frau bei jeder Gelegenheit, wo ſie das Haus verläßt, ihren Mann am Schlepptau mit ſich führt, oder daß er als Hüter zu Hauſe ſitzen muß, wenn ſie Ge⸗ ſellſchaft hat.“ Da Julie ſehr wohl verſtand, daß dieß auch im umgekehrten Verhältniſſe galt, und fand, daß der Ritt⸗ meiſter eine uneingeſchränkte Freiheit wünſchte, ſchwieg ſie; aber ein unausſprechlich bitteres Gefühl verwundete ihren Stolz. Sonſt wäre ſie zweifelsohne in Thränen ausgebrochen bei der Ueberzeugung, daß ihres Mannes Herz ganz leer ſei, und daß er nicht ein Fünkchen von den Gefühlen beſitze, welche er ihr neulich vorgeſpiegelt hatte, und auf welche ſie die Hoffnung ſtützte, glücklich zu werden, wenn ſie erſt bei groͤßerer Ruhe mehr im Stande wäre, ſie zu faſſen und mit ihnen zu ſympa⸗ thiſiren. Und leider waren die Anſprüche des Rittmeiſters ſo gering, daß es nur zu leicht war, ſie zu erfüllen; denn wann würde er ſich wohl die Mühe genommen haben, da⸗ rüber nachzudenken, ob Julie aus Liebe, verwundeter Eitel⸗ keit oder aus irgend einem andern Grunde ſo veränderlich in ihrem Betragen gegen ihn war? Er war der Meinung, daß das zu einem Weibe ge⸗ höre, und bekümmerte ſich durchaus nichts darum. War ſie heiter, ſo war er munter und aufgeweckt; war ſie unfreund⸗ lich, ſo ging er ſeines Wegs und ſuchte ſeine Zerſtreuungen wo anders. Weinte ſie einmal, ſo ſagte er gleichgültig: „Das ſchadet deinen Augen, liebe Julie! und Thränen machen nirgends Effect, außer auf dem Theater!“— Mit einem Wort, er war immer ruhig und freundlich; aber ein Gefühl von Schmerz und Theilnahme war bei ihm nicht zu finden, und tief gekränkt von ſeiner höflichen Kälte, flüchtete ſich die arme Julie in die Einſamkeit ihres Bou⸗ doirs. Nur dieß war Zeuge ihres Schmerzes und ihrer tauſend Thränen. Nachdem ſie einen Winter in ſteten Zerſtreuungen hingebracht hatte, ohne jedoch eine einzige frohe Stunde genoſſen zu haben, wenn man nicht etwa die rechnet, wo ihre Eitelkeit durch die Huldigung fremder Männer Befrie⸗ digung fand, welche jedoch, wie jeder Rauſch, flüchtig wa⸗ ren, und in eine namenloſe Leere übergingen; nach dieſem erſten Winter, den ſie in einer für ſie fremden Welt ge⸗ lebt hatte, ſehnte fie ſich nach dem Frühling und der gelieb⸗ ten Heimath. Mit den Sommervögeln zogen ſie wieder nach Knapergaarden. Der alte Bergherr freute ſich unausſprechlich, ſeine Kinder wieder zu ſehen und Juliens ſcheinbares Glück 8 186 von ihren eigenen Lippen bekräftigt zu hören; denn ſie war zu ſtolz, um die Wahrheit zu bekennen, und bisweilen, wenn ſie dem mächtigen Einfluſſe ihrer Eitelkeit unterwor⸗ fen war, ſchien es ihr ſelbſt, als könnte ſie ihr eigenes ſchimmerndes, obſchon ödes Leben der ihrer Anſicht nach einförmigen Einſamkeit vorziehen, die in Guſtavs und Ka⸗ rolinens herrſchte. Dazu kam noch, daß der Baron, der zu dieſer Zeit niemand Anders hatte, dem er ſeine Huldi⸗ gung darbringen konnte, ordentlich ſeiner eigenen Frau den Hof machte, und ihr mit der ausgeſuchteſten Aufmerkſam⸗ keit begegnete; denn Karolinen konnte er von Alters her nicht recht leiden. Außerdem war Guſtav nicht geneigt, mehr als die unumgänglich nothwendige Artigkeit gegen ſeine Frau zu dulden, wenn ſie von einem andern, als ihm ſelbſt, angewendet wurde, und Frau Klein war ein für alle Mal unzugänglich für die raffinirte Galanterie des Barons. Iulie lebte dieſen Sommer über ſehr eingezogen, und ſchlug faſt immer auf eine kalte, ja beinahe ſtolze Art die freundlichen Einladungen Waldemars und Mariens nach Brunkenäs ab; und wenn dieſe in Knapergaarden waren, befand ſie ſich gewöhnlich unwohl, und wollte allein in ihrem Zimmer ſein. Der Rittmeiſter war ſehr ärgerlich darüber; aber da Julie ſich in einer Lage befand, die ge⸗ wöhnlich als Entſchuldigung für eine Menge Launen gelten darf, ſo glaubte er, daß alle Frauen zu dieſer Zeit einen Widerwillen gegen gewiſſe Perſonen und einen beſondern Geſchmack an Thränen und Einſamkeit haben müßten. Nie⸗ mand widerſprach ihm darin, und er war vollkommen ver⸗ gnügt, beſonders da der alte Papa ihm Tag für Tag gewogener wurde; denn der Rittmeiſter theilte ununter⸗ brochen ſeine Zeit zwiſchen ſeiner Frau und ſeinem Schwie⸗ gervater. Er konnte ganze Stunden lang, wenn die Gicht den Alten in Frieden ließ, Arm in Arm mit ihm durch die Beſitzungen wandern, und bewies die größte Aufmerk⸗ ſamkeit für Dinge, die ihm ſonſt widerwärtig waren, für— 187 Neubauten, Kleeäcker, Waldbrand und anderes von eben ſo proſaiſcher Natur. Mit dem Schluſſe des Sommers ſchenkte Julie ihrem Manne eine Tochter. Aber da der Baron zu ſeinem großen Erſtaunen ſich täglich überzeugte, daß mit ihrer Laune den⸗ noch keine bedeutende Veränderung vorgegangen war, glaubte er, daß es ihr auf dem Lande nicht wohl ſei, und der Vorſchlag, früh im Herbſte nach der Hauptſtadt zurückzu⸗ reiſen, wurde wieder auf die Bahn gebracht. Alle Vor⸗ ſtellungen des Schwiegervaters führten zu Nichts. Der Rittmeiſter ſchwieg fügſam; aber Julie ließ dem Alten keine Ruhe, bis er ſeine Zuſtimmung gegeben hatte. Er verbeſſerte deßhalb wieder ſeines Schwiegerſohns Kaſſe, er⸗ mahnte ihn väterlich, nicht ſo verſchwenderiſch zu leben, und mit dem Verſprechen, das nächſte Jahr wieder zu kom⸗ men reisten ſie nach Stockholm zurück. Mit wenig Unter⸗ ſchied verfloß dieſer Winter wieder wie der vorige. Der Baron, der ſich auf die Gunſt verließ, in der er bei ſeinem Schwiegervater ſtand, gab Diners und Baͤlle, und freute ſich von Herzen über den Schwarm von Anbetern, der ſich um Julien bildete. Ihr Triumph war der ſeine, und weit entfernt, eifer⸗ ſüchtig zu ſein, munterte er ihre Eitelkeit auf, die für ihn ein Grund zu größerer Freiheit in ſeiner eigenen Hand⸗ lungsweiſe wurde. Es lag nun mehr als früher in ſeinem Intereſſe, ſie froh und vergnügt zu ſehen, denn er hatte einen beſondern Grund, zu wünſchen, daß er ihrer näheren Aufmerkſamkeit entgehe, und er glaubte, dieß könne am leichteſten dadurch geſchehen, daß er ihren Gedanken auf alle mögliche Weiſe eine andere Richtung gebe, und ihr zu Hauſe, wenn ſie allein daheim waren, die feinſte Auf⸗ merkſamkeit beweiſe. Die Sache war dieſe, daß der Baron um dieſe Zeit anfing, einer gewiſſen Wittwe, welche wegen ihrer Schön⸗ heit und ihren glänzenden Zirkeln ſehr bekannt war, ſehr emſig ſeine Aufwartung zu machen. Das Spiel machte — 188 eines der Hauptvergnügungen dabei aus. Der Baron nahm faſt immer an ihren Spielpartien Antheil, und Julie bemerkte mit gleichgültiger, äußerer Ruhe, aber grauen⸗ vollem, innerem Schmerz, daß der Baron mit der ſüßeſten Artigkeit und Nachläßigkeit bedeutende Summen verlieren konnte, Zu Anfang des Frühlings, als der alte Bergherr ſchon Reiſegeld geſchickt hatte, und der Baron und ſeine Frau ſich zu ihrer Sommerfahrt zu rüſten begannen, wurde es bekannt, daß Frau von T., die ebenfalls zu dieſer Zeit⸗ wieder auf ihre Güter in Oſtgothland abreiſen ſollte, auf ihren Geburtstag, der ein paar Tage vor der Abreiſe war, ihren Freunden einen Abſchiedsball zu geben beabſichtigte. Julie hatte ſich ſchon einige Zeit her nicht wohl befunden. Schmerzhafte Leiden auf der Bruſt erinnerten ſie oft an den frühzeitigen Tod ihrer Mutter; doch waren ſie noch nicht von großer Bedeutung, und die Schrecken des Todes wurdtn über den Reiz des Lebens vergeſſen. Aber ge⸗ rade an dem Tage, wo der Ball abgehalten werden ſollte, befand ſie ſich in hohem Grade ſchlimmer, als gewoͤhnlich. XX. Fortſetzung des Vorigen. Warum in dieſem kurzen Leben ſo viel ſuchen, Warum nach Ländern ſtreben, die andre Sonnen wärmen, Sein Vaterland verlaſſen, wie wenn man ſeinem Herz entfliehen könnte! Horatius. F Der Baron und ſeine Frau ſpeisten allein zuſammen, Gleich nach dem Mittageſſen ſagte Julie zu ihrem Manne: „ich fürchte, ich kann Frau von Ts. Ball heute Abend 8 nicht und dir e Geſe Ritt da n Der geſur „daß raus wün kann aber weni „lebe rere mach laſſe um bren meiſ ſchie ich iſt 1 eine zu! ſie Beg We nicht beſuchen. Meine alten Leiden ſind heute viel ſchwerer und es macht mir Schmerz, mein theurer Freund, daß du dir ein Vergnügen verſagen mußt, um einem kranken Weibe Geſellſchaft zu leiſten.“ „Ach, mein Engel, ſprich nicht ſo,“ erwiederte der Rittmeiſter; wir werden gleich deinen Arzt rufen laſſen, da magſt du von ihm hören, daß es nicht gefährlich iſt. Der Ball wird dich neu beleben, und morgen biſt du geſund.“ „Ich dachte,“ antwortete Julie nicht ohne Schmerz, „daß ich ſelbſt mein Unwohlſein beurtheilen koͤnnte. Da⸗ raus folgt jedoch nicht, daß du, wenn du es nicht ſelbſt wünſcheſt, zu Hauſe bleiben ſollſt.“ „Wahrhaftig, mein Julchen, wenn du nicht mitkommen kannſt, ſo wird es mir eine wahre Plage ſein, hinzugehen, aber unglücklicherweiſe habe ich mein Wort gegeben, ein wenig zeitiger dort zu ſein, um bei der Anordnung einiger „lebenden Bilder“ meinen Beiſtand zu leihen. Denn meh⸗ rere Freunde der Frau von T. haben unter ſich ausge⸗ macht, die Wirthin vor dem Balle damit zu überraſchen.“ „In dieſem Falle darfſt du dich gewiß nicht hindern laſſen,“ verſetzte die Baronin.„Ich habe ja Hortenschen, um mich mit ihr zu unterhalten;“ und ſie verbarg die brennendheiße Wange an dem Lockenköpfchen des Kindes. „O wir wollen hoffen, mein Schatz,“ ſagte der Ritt⸗ meiſter;„daß es dir bis auf den Abend beſſer wird. Ge⸗ ſchieht das nicht, und du kannſt nicht gehen, ſo verlaſſe ich die Geſellſchaft, wenn der Tanz anfängt; denn dann iſt meine Hülfe nicht mehr nöthig.“ Nachdem der Baron fortgegangen war, fühlte Julie eine ſeltſame, unwiderſtehliche Begierde, ebenfalls den Ball zu beſuchen, obwohl es ihr immer ſchlimmer wurde, und ſie deßhalb durch verſchiedene Beſchäftigungen dieſe thörichte Begierde zu dämpfen ſuchte; aber es war vergebens. Weder das liebenswürdige Lallen ihres Tochterchens, noch 190 ihre Vernunft vermochten ſie ſich zurückzuhalten; denn die Citelkeit fluſterte ihr beſtändig in's Ohr, die Welt könnte ſonſt in Erfahrung bringen, daß der Rittmeiſter von K. am nämlichen Abend, wo ſein Weib krank daheim lag, gleichgültig genug ſei, einem Ball anzuwohnen. Sie ging an ihre Trilette. Nachdem dieſe mit Sorgfalt vollendet und der Wa⸗ gen vorgefahren war, überſah ſie noch einmal vor dem Spiegel ihre glänzende Geſtalt. Eine ungewöhnlich ſtarke Bläſſe ausgenommen, war ſie vollkommen damit zufrieden. Ein verächtliches, bitteres Lächeln entſtellte jedoch auf ein paar Augenblicke die ſchönen Züge, als ſie ihren Blick auf den reichen, herrlichen Schmuck heftete, den ſie an Hals und Armen trug.„Unter dieſem kalten Geſchmeide,“ ſagte ſie, und ſchob ein Diamantkreuz von ihrer Bruſt hinweg, das ſie von ihrem Vater am Hochzeittage erhalten hatte, „ſchlägt ein leeres, an wahrer Freude ſo armes Herz. O Waldemar,“ ſeufzte ſie leiſe, du verſchmähteſt es, und nun iſt Alles vorbei.... Ich muß Zerſtreuungen haben, ja Zerſtreuungen, um meiner eigenen Geſellſchaft zu entfliehen.“ Hierauf küßte ſie ihr Kind, warf ihren Mantel um, und fuhr nach dem Hauſe der Frau von T. Da ſie ſich bei ihrer Ankunft in einem aufgeregten und überreizten Zuſtande befand, wollte ſie ſich nicht ſogleich nach dem Salon begeben, ſondern begehrte in Frau von Ts. Privat⸗ zimmer geführt zu werden, wo ſie eine Weile ausruhen wollte. Ein Bedienter öffnete die Thüre zu dem vordern Zimmer. Als die Baronin eintrat, ſah ſie aus Allem, daß es hier geweſen ſein mußte, wo die genannte Ueberraſchung mit den Tableaus vor ſich gegangen war. Niemand zeigte ſich hier, alle Herrlichkeiten waren verlaſſen, und die Toͤne vom Tanzſaale her gaben zu erkennen, daß die Gäſte dieß Vergnügen mit einem andern vertauſcht hatten. Sie öff⸗ nete die Thüre zu einem innern kleinern Zimmer; aber das lebende Bild, das hier ihrem Blicke begegnete, war ſtan⸗ von der Ste bei Auf kant der T— Sch Faft ſie i ging lich meit 191 war nicht ſehr geeignet, ihren zum voraus aufgeregten Zu⸗ ſtand zu beruhigen. Auf einem Sopha gegenüber von der Thüre ſaß Frau von T— in einem geſchmackvollen Ballanzuge und vor ihr der Rittmeiſter, ein Knie zum Boden gebeugt, in welcher Stellung er etwas nahm, das ſie ihm darreichte, und da⸗ bei ihre Hand feurig an ſeine Lippen drückte. Ob dieſer Auftritt ſich verlängert oder verändert hätte, bleibt unbe⸗ kannt; denn bei dem Geräuſch, das Julie machte, ſtand der Rittmeiſter raſch auf und zugleich gewahrte Frau von T— die Baronin. Aber dieſe Dame war nicht von dem Schlage, um ſich durch unvorhergeiehene Umſtände aus der Faſſung bringen zu laſſen; in der verzweifeltſten Lage blieb ſie immer eine Frau von Welt. Sie erhob ſich ſchnell, ging mit vieler Anmuth ihrem Gaſte entgegen, grüßte freund⸗ lich und ſagte ganz ungekunſtelt:„Sie kommen eben recht, meine liebe Baronin! Sehen Sie, wie ich ihren Mann geſchmückt habe;“(ſie deutete auf ein Blumenbouquet, das der Rittmeiſter in der Hand hielt)„er erhielt dieß billige Pfand meiner Dankbarkeit für ſeine ſinnreiche Er⸗ findung mit den Tableaus, und ich muß geſtehen, daß ich wenig Männer gefunden habe, die nach ihrem Ein⸗ tritt in den Eheſtand noch dieſe Neigung zu jener ritter⸗ lichen Galanterie bewieſen haben, welche die Zierde eines Mannes iſt.“ Unterdeſſen hatte der Rittmeiſter wieder Faſſung ge⸗ nug erlangt, um wie Frau von T=— die Sache als einen zufälligen Scherz zu behandeln.„Gerade das erhöht meinen Triumph, daß meine Julie Zeugin davon iſt,“ ſagte er mit einem erzwungenen Lächeln, indem er das Bouquet an den Schwerdtorden auf ſeiner Bruſt befeſtigte.„Meine Frau und ich haben es uns zum Geſetze gemacht, nie wegen Kleinigkeiten eiferſüchtig zu ſein. Sie weiß,“ fügte er beſänftigend hinzu, da er ſah, daß der ſcherzhafte Ton den ſtolzen Ausdruck ihrer Miene nicht umzuändern ver⸗ 192 mochte,„daß doch nur ſie meine wahre und einzige Herr⸗ ſcherin iſt.“ Dieſe Worte hätten die beabſichtigte Wirkung auf Juliens Hauptſchwäche nicht verfehlt, wenn nicht ein ziem⸗ lich zweideutiges Lächeln auf Frau von T— s Lippen ihre Wangen vor Aerger glühen gemacht hätte. „Es ſcheint mir,“ antwortete mit Ruhe das ſtolze Weib, das weder körperliche Leiden noch der demüthigende Auftritt niederbeugen konnte,„als ob wir zu viele Worte wegen einer an ſich ſo nichtsſagenden Unbedeutendheit ver⸗ lieren. Die Artigkeit des Barons iſt zu wohl bekannt, um für etwas Anderes angeſehen zu werden, als für den Aus⸗ druck einer Huldigung, welche die Männer im Allgemeinen der Schönheit darbringen, wo ſie ſie finden; eine Flamme, meine gnädige Frau von T—, die zugleich in Feuer und Rauch aufgeht.“ Sie nahm dabei, ohne ein Zeichen von Schmerz oder Unwillen, den Arm ihres Mannes, und machte Miene, ſich in den Salon zu begeben. Mit einem artigen Kompliment ging Frau von T— voraus, und nachdem der Baron ſeine Frau an den Platz geführt hatte, den ſie einnehmen wollte, drückte er ihr dunk⸗ bar die Hand; aber da ſein Auge Juliens begegnete, ſchlug er es vielleicht zum erſten Mal in ſeinem Leben nieder; und eilte hinweg. Zugleich ließ das Orcheſter die verführeriſchen Töne eines entzückenden Walzers hören. Die Baronin von K— wurde ſchnell von dem guten Freunde ihres Man⸗ nes und ihrem eigenen eifrigen Bewunderer, dem Lieute⸗ nant Sterner, aufgefordert; wenigſtens war er der Ein⸗ zige, der ſich eines, obwohl ſehr geringen Vorzugs von ihr ſchmeicheln durfte. Doch dieß gründete ſich auf nichts Anderes, als auf die einnehmende Unterhaltungsgabe des Lieutenants Sterner, auf ſeinen geſellſchaftlichen Takt, ſein Gefühl für alles Edle und Schöne, ſein achtungsvolles Benehmen, das ſo fern von aller ſelbſti⸗ er⸗ auf m⸗ hre lze nde örte der⸗ um us⸗ nen ne, und von und atz ink⸗ lug und öne von an⸗ ite⸗ Ein⸗ von hts abe hen ſein ſti⸗ 193 ſchen Einbildung war, und endlich auf eine feine, warme Theilnahme an ihrem ſtillen Schmerz, den er, Gott weiß aus welchem Grunde, ahnte. All dieſes zuſammen machte ihn Julien zu einem willkommenen Gaſt Sie ſtürzte ſich nun in den wirbelnden Walzer, froh, ihren ſturmiſchen Ge⸗ fühlen und den läſtigen Bemerkungen ihrer Nachbarn ent⸗ gehen zu koͤnnen. Sterner bemerkte jedoch ſogleich ihre außerordentliche Bläſſe, und fragte bei der erſten Tour: „Befinden Sie ſich unwohl, Frau Baronin! Vielleicht wünſchen Sie aufzuhoren?“ „Gewiß nicht,“ antwortete ſie haſtig;„ich liebe den Walzer und bin nicht müde.“ „Und ſie eilten wieder in achtloſem Laufe durch den Saal. Nach einigen Touren ſagte er wieder:„Sie be⸗ finden ſich gewiß nicht wohl, meine Gnädige?“ und ſein Auge blickte mit inniger Theilnahme in das ihre. „O doch, vollkommen!“ ſprach ſie mit einem An⸗ ſtrich von Ungeduld, und ſie walzten noch einmal herum, bis die Baronin ohnmächtig hinſank, und von Sterners kraftvollen Armen in das nächſte Zimmer getragen wurde, wo ein heftiger Blutſturz die umgebende Menge aus Furcht für das Leben der jungen, ſchönen Frau ſchaudern machte. Der Arzt wurde gerufen, und der Baron war un⸗ tröſtlich. Mit großer Sorgfalt wurde ſie heimgeführt, und erholte ſich in ein paar Tagen ſoweit, daß ſie das Bett verlaſſen und des Barons zärtliche Verſicherungen von Liebe und Treue anhoͤren konnte, dabei er zugleich Sterners Leichtſinn verdammte, der durch das unverſtän⸗ dige Walzen, vielleicht in Folge zu feuriger Gefühle, ſeine theure Gattin in dieſen troſtloſen Zuſtand geſtürzt habe. Julie antwortete, indem ſie ſtill den Kopf ſchüttelte: „Lieutenant Sterner iſt daran— unſchuldig, das weißt du ſelbſt am beſten. Klage den edlen Jüngling nicht um Gefühle an, die ſeinem redlichen Sinne fremd ſind. In ſeinem warmen Herzen wohnt kein Trug, und was Waldemar Klein. 13 194 den Leichtſinn anbelangt, ſo iſt er, ſo weit ich ihn beur⸗ theilen kann, ein Muſter von dem Gegentheil, nicht allein unter den Jünglingen im Allgemeinen, ſondern auch für manchen verheiratheten Mann.“ Der Rittmeiſter wurde nach dieſen Ausdrücken noch erbitterter gegen den daran Unſchuldigen, und beſtand hartnäckig daranf, daß er an dem ganzen Unheil Schuld ſei; überdieß gab der Rittmeiſter zu verſtehen, daß er noch eine Maſſe Dinge wüßte, von denen weder Julie noch Lieutenant Sterner träumten. Da ſein Weib bei dieſen Ergießungen vor Gram ſchwieg, fing der Baron an zu denken, daß die Sache doch einige Wahrſcheinlich⸗ keit haben könnte, obwohl er bloß deßwegen zu dieſem Mittel gegriffen hatte, um nicht allein durch die Hand⸗ lung, die er auf dem Balle beging, im Schatten zu ſtehen. Jetzt aber anderte er ſeinen Plan; denn konnte wohl Julie ſchweigen, wenn ſie ganz unſchuldig war? Das war in des Barons Gedanken unmoͤglich. Seine Rache fiel in einer unglücklichen Stunde auf Sterner, den er in einer großen Geſellſchaft von Freunden in einem ſolchen Grade beſchimpfte, daß dieſer, der im Anfang der belei⸗ digenden Heftigkeit des Rittmeiſters kalt und ruhig gegen⸗ über ſaß, am Ende durch dieſen öffentlichen Angriff auf ſeine Ehre genöthigt ward, ſeinen Abſchied zu nehmen. Denſelben Tag als der Rittmeiſter in der genannten Geſellſchaft war, einige Woche nach dem Balle der Frau von T—, kam ein Brief mit ſchwarzem Siegel an den Baron, während er gerade abweſend war. Julie, die Brinks Handſchrift kannte, und vor den bedeutungs⸗ vollen ſchwarzen Botſchaftern bebte, riß raſch das Siegel auf, ſah, daß der Brief die Kunde von ihres Vaters Tode brachte, und ſank bewußtlos zu Boden. Ehe noch der Baron nach Hauſe kam, hatte ſchon ein neuer Blut⸗ ſturz ſich eingeſtellt, und der Arzt ſchüttelte bedenklich den Kopf. Aber noch einmal ſiegte die vereinte Natur 195 und Kunſt. Noch einmal ſtand ſie auf; aber die Roſen waren auf immer von ihren Wangen, die Lebhaftigkeit aus ihrem Gemüthe, der letzte Schimmer einer froheren Zukunft aus ihrem halb erſtarrten Herzen geflohen— Nur im Lächeln ihres Kindes fand ſie einen Erſatz für alles das, was ſie täglich zu bekämpfen und zu leiden hatte. Der Rittmeiſter reiste etwas ſpäter allein nach Knapergaarden, um mit ſeinem Schwager die Angelegen⸗ heiten in Ordnung zu bringen. Brink wurde auf Ju⸗ liens ausdrücklichen Wunſch vom Baron auserſehen, ſeine Geſchäſte ſo lange zu führen, bis das feſte Eigen⸗ thum, das ihm zufiel, in Geld verwandelt ſein würde. Dieß konnte jedoch nicht ſo leicht bewerkſtelligt werden, und Brink verſicherte den Baron, daß wenigſtens ein paar Jahre hingehen würden, ehe die weitläufigen Geſchichten ſeinem Wunſche gemäß abgemacht werden könnten. Der Rittmeiſter reiste bald wieder nach Stockholm zurück, wo er ſeine Frau in demſelben ſchwachen Zuſtande fand, in dem er ſie verlaſſen hatte. Nun wurden mit großen Un⸗ koſten und wenig Nutzen Brunnen und Bäder beſucht. Sie war und blieb ſich gleich, beſtändig kränklich und todt für die Freuden und Annehmlichkeiten des äußeren Lebens. Ein halb Jahr ſpäter erhielt Brink, der immer in Briefwechſel mit ihr geſtanden war, folgende Zeilen von ihr: „Ihren Wunſch, lieber Brink, möchte ich, Gott weiß es, gerne erfüllen, wenn nicht um meinet- ſo doch um meiner armen Tochter willen, aber eben ſo leicht könnte man einen Gießbach durch ein kleines Bretter⸗ ſtück zu dämmen verſuchen, als durch Bitten und Vor⸗ ſtellungen den Lauf von K— s unglaublicher Verſchwen⸗ dung aufhalten. Nein, dieſe haben keine Wirkung, wenn nicht hie und da gerade das Gegentheil. Seit meines Vaters Tod, und ſeitdem mein Mann einen be⸗ trächtlichen Theil des Erbes in Beſitz genommen hat, ſieht er jede Zurückhaltung für überſtüſſig an. Ich habe 196 während unſerer ſpätern Reiſen in’'s Bad entdeckt, daß er ein leidenſchaftlicher Liebhaber des Spiels iſt. An⸗ fangs ſuchte er dieß vor mir zu verbergen; doch jetzt legt er ſich hier ebenſo wenig Zügel an, als in andern Fällen, die dazu beitragen, meine Ruhe und die zu dinen frühzeitigen Umſturz ſich neigende Hütte zu unter⸗ graben.“ „Was wird aus meiner Hortenſe werden? Wenn ich nur einmal wieder mein liebes Knapergaarden ſehen dürfte! Dort will ich ſterben, wo ich die froheſten Stunden meines verſchwundenen Lebens genoſſen habe. Ich will wiederſehen— doch gleichviel, der Wille deſſen geſchehe, der unſer Schickſal zum Beſten lenkt. Als Gatte iſt von K— in unſerem häuslichen Leben noch immer gut und aufmerkſam auf ſeine Art; aber er kann ja nicht dafür, daß unſre Herzen nicht in dieſelbe Form gegoſſen ſind; und in Wahrheit, Brink! Sie mein einziger, guter und redlicher Freund, Sie wiſſen, daß mein Gemüth und mein Herz nicht ſo geſchaffen waren, um irgend Einen glücklich machen zu können. Mein Leben war ein beſtändiger Streit zwiſchen den wechſel⸗ weiſe vorherrſchenden Elementen in meiner Natur. Es hätte anders ſein können, doch iſt es ſo gut wie es iſt; denn Er iſt glücklich und das iſt genug.“ „Doch ich komme auf meinen vorigen Gegenſtand zurück. Wie zittre ich vor Ihren Worten, daß, wenn mein Mann dieſes verſchwenderiſche Leben fortſetze, ſogar das Grundeigenthum nicht einmal einige Jahre mehr reichen werde! Alles das iſt hart, ja, gräßlich! Mit ihm zu ſprechen, iſt fruchtlos; aber, lieber Brink, ver⸗ zögern Sie den Verkauf noch, ſo lange es möglich iſt. Wer weiß, wie lange noch mein phyſiſches Leben dauern mag! Gewiß erlebe ich den Herbſt nicht, und im Fruͤhling wollen wir darüber ſprechen; denn ich will in meinem lieben Knapergaarden ſterben. Wie nahe iſt nicht mein Herz daran, zu brechen, wenn ich K— 6 197 Ungeduld und Unruhe betrachte, und dann mein Kind, meinen einzigen ſüßen Troſt in dieſen langen, leidreichen Stunden! Wie wünſchte ich nicht da, daß Sie, Herr Brink, wie einſt in früheren Tagen, bei mir ſitzen und mir die Zeit mit Leſen verkürzen möchten! Ich habe Niemand, der mir die langſam dahinſchleichenden Mi⸗ nuten erheitert. O, wie ſehr vermiſſe ich den Umgang des edeln, feinfühlenden Sterner! Sie kennen ihn aus meinen Beſchreibungen, und aus All dem, was zwiſchen von K— und ihm vorgefallen iſt. Dieß iſt eine Sache, die meine menſchlichen und weiblichen Gefühle gleich ſchrecklich aufgeregt hat. Gott möge von K. dieß verzeihen, ſo gewiß, als ich weiß, daß der Edle ihm verzeiht! Er hat ſich nun über anderthalb Jahre im Aus⸗ lande aufgehalten.“ „Aber ich hätte beinahe vergeſſen, Ihnen zu der neulich ſtattgehabten Veränderung in Ihrem Lebens⸗ gange Glück zu wünſchen. Doch Sie wiſſen und füblen, daß ſich Niemand für Ihr Glück mehr intereſſiren kann als ich. Und einen Bürgen dafür, daß dieſes wahr und dauerhaft ſein wird, beſitze ich in Ihrem edlen Herzen und in Ihrem von mir ſo gut gekannten Gemüth, das bei den böſen Stürmen des Lebens die Eiche ſein wird, an die ſich die ſchwache Ranke lehnt. Aber Brink!— —— doch darum brauche ich Sie nicht zu bitten. Der, welcher ſeit vielen Jahren mein unbeſchränktes Vertrauen gehabt hat, kann das wechſelnde Blatt von den Schickſalen meines Lebens nicht fremde Blicke durchſehen laſſen. Ich möchte nicht für den Reſt meiner gezählten Tage, daß Guſtav und Karoline den wirk⸗ lichen Schmerz meines Daſeins ahnten. Sie haben mich immer unrichtig beurtheilt, und nie ſollen Sie er⸗ fahren, nicht einmal dann— geloben Sie mir das Brink!— wenn dieß Herz erkaltet iſt, wie warm es einſt ſchlug. Ach, bald liegt es und friert im— verwelkten u Buſen; dann iſt es vorbei— vorbei!“——— 198 „Leben Sie wohl, guter, redlicher Freund! Dieſer Brief iſt gewiß der letzte, den Sie von mir bekommen. Komme ich im Frühjahr nicht hinab, ſo erinnern Sie ſich meiner Bitte! Thun Sie Alles für Hortenſe und ſeien Sie ihr, was Sie immer waren Ihrer dankbaren Freundin Julie von K—.“ „Dieſer Brief einige Monate vorher geſchrieben, ehe unſere Erzählung wieder beginnt, war blos ein ſchwacher Umriß des wirklichen Sachverhalts. Der Rittmeiſter hatte ſowohl während der Badereiſen, als während den Wintern in Stockholm, ſeine galante Verbindung mit Frau von T— erneuert. Die arme, kranke und bleiche, leidende Julie konnte nichts anderes mehr für ihn ſein, als ein Gegenſtand ſeines Mitleids und bisweilen auch ſeiner ſchlechten Laune. Das kleine, einſt ſo entzückende Boudoir war jetzt zu einem Tempel der nahenden Ver⸗ gänglichkeit eingeweiht. Nur die eitlen Bemühungen Aeskulaps herrſchten dort, und die ſchöne, lebensfrohe und ſo viel bewunderte Julie St-—hal kämpfte hier, faſt allein, den langen, qualvollen Kampf des Lebens mit dem Tode. In dem düſtern und dumpfen Kranken⸗ zimmer behagte es dem Rittmeiſter allzu wenig, und ſeine Frau hatte mehr als hinreichend Zeit, Betrachtun⸗ gen über die große Veränderung in ſeinem Betragen anzuſtellen. Morgens pflegte er ſie gewöhnlich zu beſu⸗ chen; aber ſeine Laune war dann von den Verluſten verſtimmt, die er den Tag zuvor im Spiele erlitten hatte, und ſomit wenig geeignet, der Kranken eine lin⸗ dernde oder frohe Stunde zu bereiten. Sein Geſpräch bei dieſen Morgenbeſuchen beſchränkte ſich gewöhnlich auf folgende Fragen: „Guten Morgen, mein Schatz! Wie befindeſt du dich heute?“ 8 199 Julie antwortete ſanft und freundlich, wie gerade ihr Zuſtand war. „Du kannſt nie geſund werden, Julie, ſo lange du ſo einſam lebſt. Ich glaube, daß es dich weit mehr auf⸗ heitern würde, wenn du heute Abend in die Oper fahren würdeſt.“ „Nein, mein Lieber!“ antwortete ſie,„meine Kräfte und noch weniger meine Gedanken, die auf etwas Anderes gerichtet ſein müſſen, erlauben das nicht.“ „Pah! dieſe Grillen! Ich ſehe nicht ein, warum du nicht, da du doch in deinem Schlafzimmer und in dieſem von Arzneien verpeſteten Raume aus⸗ und eingehſt, ebenſo gut wenigſtens in den Salon dich begeben, und dort Ge⸗ ſellſchaft empfangen könnteſt. Glaube mir, meine Liebe, hier erſtickſt du ſchon an der Luft.“ „Ich danke dir, mein Freund, ich weiß, du meinſt es gut; aber ich will meine Kräfte ſchonen, um im Frühjahr eine Reiſe nach Knapergaarden machen zu können. Du weißt, das iſt mein einziger Wunſch.“ „Nun, der iſt ganz unſchuldig, meine Süße! Wir wollen hoffen, daß er in Erfüllung geht. Indeſſen mußt du mich entſchuldigen, mein Engel! Ich habe mich auf heute Mittag und Abend verſprochen.“— Und dabei nickte der Baron ſeiner Frau zu, machte einen kleinen Tanz auf dem Boden mit ſeiner kleinen Tochter, und eilte zu neuen Zerſtreuungen. So verging Tag um Tag. Des Barons Beſuche im Krankenzimmer ſeiner Frau wurden immer ſeltener. Julie klagte nie; ſie ſchwieg und litt. Doch ich will den Leſer mit einer Beſchreibung der beſorglichen Sta⸗ dien ihrer ununterbrochen zunehmenden Kränklichkeit nicht ermüden. Jeden Tag drückte der Tod ſein Ge⸗ präge feſter in die bleichen, feinen Züge. In demſelben Maße reſignirte ſich ihre Seele und reifte zu einer nahen Veredlung. Blos die Erfüllung eines einzigen 200 Wunſches ſchien noch die Vereinigung zwiſchen dem Indi⸗ ſchen und Himmliſch en zu hindern. XXI. Eine Jamilien ſcrue, Wiederſehen und Schluß. Dem Abendſchatten gleich, der über Der Schiffe Hafen Rube ſenkt, — Sank nun ibr zartes Haupt bernieder— Sank in des Toͤdes Arme hin. Oſfians Ballade. Es gab noch für ſie eine Welt dieſſeits des Gra⸗ bes; das Leben ſtieg aus der Puppe des Todes; noch ein Mal ſollten ſie wieder vereinigt werden! Bulwer. An einem Morgen in der Mitte Mai 1832 ver⸗ ſpürte man in dem alten bekannten, großen Eckhauſe am Markte zu W. eine lebhaftere Bewegung als ge⸗ wöhnlich. Frau von Horſt und Madame Walberg ſteck⸗ ten in einer offenbar heimlichen und wichtigen Ueberle⸗ gung ihre Köpfe an einer Ecke des noch unberührten Fruhſtücktiſches, zuſammen. Die Tabaksdoſe wurde fleißig hin⸗ und hergeboten, und mit einem zufriedenen Lächeln ſprach Frau von Horſt, indem ſie ſich mit einem Meſſer in der einen Hand und einem Korbe Aepfel zum Schälen in der andern entfernte:„Das wird ſehr hübſch, meine gute Madame Walberg; nur Marie darf nichts davon erfahren.“ „O, das hat keine Gefahr, Ihro Gnaden, wenn nur Alles geſchieht, wie ich gefagt habe,“ antwortete Madame Walberg, indem ſie der andern füwatend nache 4 „—4— — folgte.„Ihro Gnaden laden ſie zu ſich zum Kaffee ein, und wir haben um acht Uhr alles im Saale in Ordnung. Der Doctor iſt aus und hält mit einigen von denen Rath, die in die Geheimniſſe eingeweiht ſind, auch ſah ich geſtern Abend bei den Komptoriſten ein halb Schock der netteſten Anzuge und Masken, die von einigen jungen Herrn benutzt werden ſollen, um ein ganz beſonderes Luſtſpiel aufzufuhren. Nun! nun! wir haben nicht Zeit, länger darüber zu ſprechen. Ihro Gnaden darf glauben, daß ich alle Hände voll habe, und der alte Herr ſelbſt hat es über ſich genommen, der jungen Frau Geſellſchaft zu leiſten, damit ſie nicht herab kommt.“ „In einem andern Theile des Hauſes, in einem großen, man konnte ſagen, eleganten Zimmer, obwohl verſchiedene Werktagsartikel bewieſen, daß es nicht 3 den eigentlichen Prachtzimmern gehoörte, ſaß Herr Billing, in einer Sophaecke, und ſchlürfte bald an ſeiner Pfeife, bald an einer Schaale Kaffee, währenddem er eifrig die Neuigkeiten in den Zeitungen durchlas. Auf dem Boden ritt ein munterer, goldgelockter Knabe auf Großvater Billings Stock herum, und in einer andern Ecke des Zimmers ſtand ein kleiner Wagen, in welchem ein etwas kleineres Mädchen ſchlummerte, mit einer Puppe im Arm, ſo groß wie ſie ſelbſt. Bor dem großen moder⸗ nen Spiegel ſtand eine junge Dame und ſchien mit großer Befriedigung die Haare unter einem äußerſt ge⸗ ſchmackvollen weißen Seidenhut zu ordnen, der durch die dabeiſtehende große Schachtel mit dem Kopenhagener Stempel andeutete, daß er zum erſten Male aufprobirt wurde. Die Pariſerblumen auf dem hübſchen Hut waren nicht friſcher, als die auf den Wangen der jungen Frau Klein, als ſie im Spiegel bemerkte, daß ihr Mann ſich leiſe hineingeſchlichen hatte und einen offenen Brief in der einen Hand hielt, während er mit der an⸗ dren ihr Geſicht gegen das ſeine wendete, und ſie mit einem Ausdrucke ſtolzer Zufriedenheit und inniger Hin⸗ — 6 202 gebung betrachtete.„Ach, mein guter Waldemar,“ ſagte ſie mit dem holdeſten Lächeln,„wie aufmerkſam und gut du immer biſt! Als ich erwachte, war ich ſo betrübt, von unſrer guten Madame Walberg— welche, beiläufig geſagt, ſich heute eine allzugroße Mühe mit meinem Kaffee gemacht hat— zu hören, daß man dich ſchon frühe zu Krankenbeſuchen gerufen habe. Ich begab mich nun hier hemin, um unſern guten Oheim zu be⸗ grüßen und mit den Kindern zu ſpielen. Da erblickte ich die Schachtel, die an mich adreßirt war, und öffnete ſie ſchnell, und jetzt bin ich, wie du ſiehſt, damit beſchäftigt, zu probiren, wie mir der Inhalt ſtehen würde. Was meinſt du, mein Waldemar, kleidet er nicht?“ „Außerordentlich gut, Mariechen,“ antwortete der Doctor, und betrachtete mit freundlicher Bewunderung ſeine liebenswürdige Gattin.„Ich ſchwöre dir, daß du, wenn du dieß Jahr nach Brunkenäs kommſt, den Neid aller Nachbarsfrauen erwecken wirſt.“ „Ja, wohl bin ich beneidenswerth,“ ſagte ſie freudig und drückte ihrem Manne die Hand;„aber glaube nicht, beſter Waldemar, daß ich ſo kindiſch bin, um mir wegen eines äußern Schmuckes Neider zu wünſchen, ob⸗ gleich ich über dieſen ſehr erfreut bin, da er von dir iſt.“ „Das glaube ich auch!“ ſcherzte der Doctor.„Mein Weibchen will blos wegen ihrer eigenen Reize, nicht wegen derer beneidet werden, die die Artigkeit ihres Mannes ihr leiht.“ „Jetzt biſt du recht unartig, Waldemar; oder was meinen Sie, lieber Onkel?“ „Ja, ſehr unartig, Mariechen,“ ſagte Herr Billing und ſtand auf.„Dir einen ſolchen Fehler aufzubürden, iſt wirklich mehr, als er verantworten kann, beſonders, wenn er auch wie ich eine ganze Viertelſtunde lang ver⸗ geſſen in meinem Sophaeck geſeſſen wäre, während du da mit den kleinen Anprobirungen beſchäftigt warſt.— Nun, Mariechen! werde nicht roth; du biſt ja eine 203 Evas⸗Tochter, doch in jedem Falle gehörſt du unter die beſten. Deßhalb magſt du wohl noch ein Bischen eitler werden, ohne daß du dich darüber zu ſchämen brauchteſt.“ „Ja ja, meine Marie,“ rief der Doctor lachend, „jetzt biſt du von dem Regen in die Traufe gekommen. Doch um dich zu tröſten, will ich aufrichtig bekennen, daß ich einen kleinen Grad von Eitelkeit gerne an dir ſehe: denn das beweist, daß du trotz deiner vielen guten und liebenswürdigen Eigenſchaften doch ein Weib biſt. Und eine Heilige habe ich mir nie gewünſcht.“ „Nun, ſo wäre alſo die Sache zur Zufriedenheit der Herrn abgemacht,“ ſagte Marie lächelnd.„Aber jetzt be⸗ kenne ich aus freien Stücken, daß ich noch einen Fehler von unſerer guten Stammmutter geerbt habe, nämlich etwas Neugierde, weßhalb du mich, mein lieber Waldemar, wohl wiſſen laſſen dürfteſt, was der offene Brief da ent⸗ hält, den du in deiner Hand hältſt?“ „Ach, wie habe ich dieſe angenehme Neuigkeit ver⸗ geſſen konnen? Dein Hut iſt Schuld daran, und die damit verbundenen Betrachtungen, und doch enthält dieſer Brief die ſchönſte und willkommenſte Ueberraſchung zu deinem Geburtstage. Rathe, Marie!“— Er hielt den Brief in die Höhe. „Nein, wahrhaftig, ich weiß es nicht! Er iſt doch wohl nicht von Knapergaarden? O ſag, ſag! Ich fange an, eine frohe Ahnung von ſeinem Inhalte zu be⸗ kommen.“ „Ja gerade daher. Hier am Rande des Briefes ſtehen zwei Zeilen von Guſtav ſelbſt, der, glaube ich, vor Freude faſt närriſch iſt. Das Schreiben iſt übrigens von Brink, und lautete alſo:“ Klein ſchlug den Brief auseinander und las laut: „Beſter Herr Doctor! „Ich beeile mich, Sie und Ihre liebenswürdige Frau zu benachrichtigen, daß der ſo ſehr gefürchtete Zeitpunkt, zu welchem wir Sie hier erwarteten, jetzt 204 ganz glücklich und unvermuthet überſtanden iſt. Heute, den 13. Mai, um 1 Uhr Morgens, kam die Berg⸗ herrin mit zwei muntern, wohlgebildeten Söhnen nieder, und befindet ſich nebſt den Kindern, nach der Ausſage des herbeigerufenen Arztes, ſo wohl, als man unter ſolchen Umſtänden erwarten kann. Was die Freude des Bergherrn anbetrifft, ſo will ich blos ſagen, daß ſie mit der anderer Menſchen nicht zu vergleichen iſt. Ich kann Sie im Vertrauen verſichern, daß er meinen Kopf und meine Hände breiweich gedrückt hat. Der Bergherr bittet mich, zu melden, daß die Tauffeierlichkeit nicht eher vor ſich geben wird, als bis die Herrſchaft ankommt, was nach Empfang dieſer Nachricht, ſobald als möglich, geſchehen dürfte,“ u. ſ. f. Herr Billing ließ ſogleich Champagner bringen, und man trank mehrere Gläſer den neuen Weltiburgern zu Ehren, und ſchwatzte eifrig und heiter über die ſchnellen Vorbereitungen zur Reiſe. Frau von Horſt war bereits erſchienen, um ihre Tochter, wie man ausgemacht hatte, zu ſagen, zu einer Taſſe Kaffee auf den Nach⸗ mittag einzuladen, und der Doctor, Herr Billing, die Komptoiriſten und Madame Walberg waren im untern Stocke ſo mit den heimlichen Anordnungen zu der großen féte beſchäftigt, welche Abends eine Ueberraſchung für Marie geben ſollte, daß es halb drei vorüber war, ehe man endlich zum Mittageſſen ging. Da Alle Eile hatten, und man die leiblichen Bedürfniſſe geſchwind befriedigen wollte, ſo war Alles ganz ſtill. Jetzt rollte ein moderner Reiſewagen an dem Fenſter vorbei.„Fremde in unſrer guten Stadt,“ ſagte Billing und warf einen gleichgültigen Blick auf das Fuhrwerk. „Ein Reiſender, der wahrſcheinlich blos durchfährt,“ ſagte Klein und warf gar keinen Blick darauf. 8 „Erlauben Sie, Mamachen,“ fuhr er fort und wandte ſich an Frau von Horſt,„daß ich Ihnen den vortrefflichen Haſen anbieten darf.“ —,—— — 20⁵ „Danke, danke, Herr Schwiegerſohn; ich halte mich an das Huhn, das mein alter Freund tranchirt. Darf ich Sie um einen Flügel bitten, mein verehrter Vetter! Wir Alten thun am Beſten daran, denke ich, wenn wir uns an die zahme Generation halten.“ „Ganz recht, Frau Schweſter! Ich habe Zeit meines Lebens die Wildpretjagd nicht geliebt; aber nichtsdeſto⸗ weniger,“ ſagte der Großhändler lächelnd, indem er auf ſeine jungen Komptoiriſten ſah,„finden ſich noch genug Vogelfänger in meinem Haus.“ Da der alte Billing ſehr ſelten Spaß machte, lachten alle bei ſeinem Einfall gegen die jungen Herrn, als ſich plötzlich ein haſtiges Klopfen an der Thüre hören ließ. 3„Herein,“ rief Waldemar, und ein Livrébedienter öͤffnete und fragte nach Doctor Klein. „Das bin ich: was wünſchen Sie?“ „Die Frau Baronin von K., die eben in der Stadt angekommen iſt, läßt den Herrn Doctor bitten, er möchte ſo gut ſein und ſie gleich beſuchen; denn ſie befindet ſich ſehr unwohl von der Reiſe.“ Ehe der Bediente noch ganz ausgeſprochen hatte, war der Doctor ſchon vom Tiſche auf, nahm Hut und Stock und eilte zum Wirthshauſe. Marie rief ihm nach: hnen möglich iſt, lieber Waldemar, ſo führe ſie ieher! 1 Der Doctor nickte ſeiner Frau freundlich zu, und eilte auf die Straße. Bald ſtand er vor ihrem Zimmer, und ſchöpfte einen Augenblick Athem, ehe er hineinging. Er zitterte vor Schmerz und Freude zugleich, die arme Julie wieder zu ſehen. Zwar hatte er ſie nie geliebt; aber ſie waren in einem Verhältniſſe geſtanden, das es unmöglich machte, ſie mit Gleichgültigkeit anzuſehen Ueberdieß hatte er gehört, daß ſie krank und unglücklich ſei, eine Anſprache mehr an Kleins warmes, theilnehmen⸗ des Herz. 206 Endlich faßte er Muth, öffnete und ſtand bald vor einem Sopha, auf welchem kaum der Schatten der frü⸗ heren Julie St—hal ruhte, an einige aufgehäufte Polſter gelehnt. Der Doctor, von Erſtaunen ergriffen, trat einen Schritt zurück. 3 Sie lächelte und reichte ihm die feine, durchſichtige Pha die ſo abgemagert war, daß jede Ader durch⸗ ien. „Du biſt beſtürzt, lieber Waldemar, mich in einer ſolchen Lage zu ſehen. Du haſt doch, wie ich ſehe, ein Gefühl für mich, das aus deinem mitleidigen Blicke ſpricht.“ „Julie, kannſt du daran zweifeln?“ flüſterte die ihr ſo theure, wohlbekannte Stimme.„Einen aufrichtigeren Freund haſt du nie gehabt. Aber, um Gotteswillen, ſage mir, wie iſt es möglich, daß du in dem ſchwachen Zu⸗ ſtande, in dem du dich befindeſt, allein und noch dazu auf der Reiſe biſt? Wo iſt dein Mann?“ „Auf ſeiner Reiſe zum Ererziren. Er folgte mir bis L., wo er für ein paar Tage durch Geſchäfte zurück⸗ gehalten wird; und da ich wußte, daß ihr jetzt noch nicht nach Brunkenäs abgereist wäret, ſo machte ich nach Ks. eigenem Wunſche dieſen kleinen Umweg, um auf dem übrigen Weg deinen Beiſtand zu genießen.“ „Sprich nicht ſo viel! du befindeſt dich gewiß ſchlim⸗ mer als gewöhnlich?““ „Ich bin ſehr ermüdet und matt von der Reiſe; ſonſt nichts.“. „Liebe Julie, warum haſt du am Wirthshauſe vor⸗ fahren laſſen, da du überzeugt ſein konnteſt, wie ſehr es mich, meine Frau und uns alle gefreut haben würde, dir unſere Sorgfalt widmen zu dürfen? Wenn es deine Kräfte zulaſſen, ſo machen wir heute Abend noch einen Umzug.“ „Heute nicht mehr, lieber Waldemar; ich bin es nicht im Stande. Siehſt du, es iſt nicht thunlich,“ ſagte ſie und ihr Haupt ſank kraftlos auf die Kiſſen nieder. 207 Sie deutete auf einige daneben ſtehende Tropfen. Nachdem ſie davon eingenommen hatte, wurde ſie wieder etwas belebt. Waldemar ſeufzte und betrachtete mit tiefer Theilnahme den leidenden Ausdruck in den einſt ſo herr⸗ lichen und ſtolzen Zügen. „Ich muß doch ſterben,“ ſagte ſie, und ein weh⸗ müthiges Lächeln ſchwebte über die bleichen Lippen.„O Waldemar, wenn der Menſch am Rande des Grabes ſteht, wie ganz anders als vorher erſcheint uns da das Leben und ſeine kleinlichen Sorgen! Jetzt, da mich keine Rückſichten mehr an die widrigen Umgangsregeln der Welt binden, mußt du mir ſagen, was mir immer dun⸗ kel war: liebteſt du Marien vor mir, oder haſt du für mich nie ein wärmeres Gefühl gehegt? Warum, warum, o warum begehrteſt du dann meine Hand?“ Klein befand ſich in der peinlichſten Verlegenheit über dieſe unerwartete Frage. Eine aufrichtige Antwort, fürchtete er, würde ſie zu ſehr erſchüttern; eine zweideu⸗ tige wagte er nicht zu geben. „Beſte Julie,“ bat er in ſanftem und unbeweglichem Tone,„beunruhige dich nicht mit dem Vergangenen. Du biſt wirklich gewiß zu ſehr...“ „Stille, ſtille,“ unterbrach ſie ihn ungeduldig,„keine Ausflüchte! Jetzt will ich das erfahren; denn bald kann ich dich nicht mehr hören.“— Sie winkte ungeduldig, daß er antworten ſolle. „Nun wohl, Julie, wenn du es ſo willſt, ſo muß ich wohl. Ich hatte nie,“— ſeine Stimme zitterte— „wahre Liebe gekannt, ehe ich mit Marien bekannt wurde, und würde eben ihre Hand begehrt haben, als mein Va⸗ ter mich heimrief, und ich an ſeinem Todenbette, ohne daß ich eine Gelegenheit mich zu erklären fand, erfuhr, daß er ohne mein Wiſſen um deine und deines Vaters Ein⸗ willigung zu einer Verbindung zwiſchen uns gebeten habe. Ich gehorchte; denn ich konnte meinen Vater nicht verletzen, und dich nicht ſo tief beſchimpfen. Aber 208 glaube mir, Julie, wäre unſere Verbindung zu Stande gekommen, ſo ſollteſt du es nie erfahren haben; denn ich hatte heilig geſchworen, dich glücklich zu machen.“ Mit einem Blick voll namenlos tiefen Schmerzens ſah ſie Klein an. „Du haſt mich alſo nie geliebt! O ich ahnte es wohl! Waldemar! Waldemar! das war ein grauſames Spiel, das unſere Väter mit uns trieben.— Du er⸗ reichteſt glücklich das erſehnte Ziel.— Ich bin während meiner kurzen Pilgerfahrt wie ein unſteter Flüchtling aus dem irdiſchen Eden auf der öden Haide, die wir Erde nennen, umhergeirrt.— Einſam, immer einſam—— und einſam gehe ich jetzt zur langen Ruhe nach dem kurzen aber mühſamen Tagewerk.“. „O Julie, gute, theuerſte Freundin, quäle mich nicht ſo grauſam!“ bat Waldemar.„Ich hätte, das weißt du, meine Pflicht gerne erfüllt, ich hätte mich bemüht, Marien zu vergeſſen, und im Beſitze deines Herzens, in der Grund⸗ legung zu deiner Glückſeligkeit, wäre nach und nach mein eigenes Glück aufgegangen. Du ſelbſt brachſt da unſere Verbindung durch deine beſtimmte Aeußerung gegen von K.“ „Ich that es, Waldemar, denn mein verwundetes Gefühl, das mir unaufhörlich deinen Mangel an Wärme, deine allzuruhige und ernſte Handlungsweiſe vorhielt, die keineswegs meinen Wünſchen entſprach, und mein böſer Genius, die Eitelkeit, gaukelten mir vor, ich würden in Rang und Zerſtreuungen einen Erſatz dafür finden, daß ich die ſchönſte Gabe, die der Himmel den Erdenkindern ſchenkte, eine gegenſeitige Liebe in häus⸗ lichem Glück nicht genießen durfte.—— Lange, lange darauf habe ich meinen Mißgriff eingeſehen, und mein Schickſal ohne Murren ertragen. Ich hatte blos einen Wunſch; Gott hat ihn erfüllt. Ich habe dich wieder⸗ geſehen. Du wirſt bei mir ſein in meiner Todesſtunde, und meiner Hortenſe ein Vater werden. Gelobſt du 209 mir das? Ich habe dann nichts mehr von dir zu er⸗ bitten.“ Große Tropfen fielen von Waldemars Auge auf die Hand nieder, die er in der ſeinen hielt. „O Julie, heiliger, bald verklärter Engel, verzeihe mir den Sch hmerz, den ich dir unbewußt verurſachte! Nehme mit dir in jene lichte, ſelige Heimath das Gelübde, das ich dir hier thue, ſo lange ein Gedanke in meiner Seele und ein Gefühl in meinem Herzen wohnt, deine Tochter zu pflegen und zu lieben. Dieſes heilige Unterpfand dei⸗ nes Vertrauens werde ich dir dort einſt wiedergeben, wo die irdiſche und die himmliſche Liebe in eine einzige Flamme verſchmil zt, die klar und rein alles vereint, was hienieden getrennt war.“ Ein Lächeln voll himmliſchen Friedens verbreite ſich über das bleiche Antlitz.—„Nun bin ich glücklich,“ lispelte ſie leiſe,„und bereit. Bald iſt Alles überſtanden. Schicke nach deiner Marie, und laß das Mädchen mit meiner klei⸗ nen Hortenſe hereinkommen.“ Dieſe Anordnungen nahmen blos ein paar Minuten in Anſpruch; aber wie ſchandorle Klein, als er wieder zurückkam! Sie hatte ein paar Mal gehuſtet, und ein klarer Blutſtrom floß aus ihrem Munde. Mehrere Minu⸗ ten lang gab ſie kein Lebenszeichen von ſich. Endlich glückte es Waldemars vielf fachen Bemühungen, noch einmal eine Spur des fliehenden Geiſtes zu beleben. Als ſie die Augen aufſchlug, war ſie bei voller Beſinnung. Marie ſaß auf der einen Seite, in ihren edlen Zügen malte ſich der tiefſte Schmerz und Schauder, und Juliens kleine Tochter ſaß auf ihrem Schooße. Waldemar ſtand auf der andern Seite, in tiefer Rührung und geſpannter Erwartung. „Nun iſt es vorbei,“ flüſterte ſie leiſe.„Marie! Waldemar! Eurer Fürſorge vertraue ich das Theuerſte an, das ich beſitze, mein geliebtes Kind. Grüßet Guſtav und ſeine Karoline!“—— Eine lange Pauſe. Waldemar Klein. 210 „Tröſtet von K. Ich weiß, daß er auf ſeine Art mich betrauern wird.—— Danket Brink für ſeine Freund⸗ ſchaft; ſie war mir theuer.“ Eine tiefe Stille folgte, nur von Mariens Schluchzen unterbrochen. „Waldemar!“ rief Julie plötzlich und mit Kraft. Er beugte ſich zu ihr nieder; ihr Blick lächelte Frieden gegen ihn; ſanft drückte er einen ſeuß auf die erbleichenden Lippen. In dieſem Kuße, der Leben und Tod verband, verhauchte Julie St-—hal den letzten Seufzer ihres freu⸗ denarmen Lebens. „Sieh! Mama iſt eingeſchlafen,“ ſagte die Kleine, und zupfte Marie am Kleide.„Liebe fremde Frau! wecke ſie doch auf; Hortenſe will nicht allein mit dir ſein.“ Laut weinend drückte Marie den unſchuldigen Engel an ihre Bruſt. „Komm, meine Kleine, und gehe mit mir,“ ſagte ſie ſchmeichelnd.„Mama will, daß du deinen kleinen Spielkamaraden ſehen ſollſt.“ Klein war aufgeſtanden. 11 Mit männlicher Selbſtbeherrſchung erſtickte er ſeine Em⸗ pfindung, nahm die ſeiner Pflege anvertraute zarte Pflanze auf den einen Arm, bot ſeinem wankenden Weibe den andern, und verließ mit ſäumendem Blicke die Ruheſtätte der Verklärten. Acht Tage nach dieſen traurigen Begebenheiten trat der Doctor mit ſeiner Familie die Reiſe nach Knaper⸗ gaarden an. Der ſchwarze Leichenwagen, der die ir⸗ diſche Hülle der Baronin v. K, einſchloß, folgte in einiger Entfernung nach. Brink, der durch einen Eilboten unter⸗ richtet war, an welchem Tage der Trauerzug eintreffen würde, begegnete ihnen auf dem halben Wege. Seine Rührung war eben ſo tief und wahr, als ſie ruhig und gefaßt erſchien. Er überredete den Doctor, die Reiſe ſei⸗ ner Umgebung willen ſchneller fortzuſetzen, und folgte ——— 1— 211 7 allein der theuern Freundin nach der Kirche von S—arid, wo ſie beigeſetzt wurde. Feierlich und prachtvoll war das Begräbniß. Im Zuge ging der Rittmeiſter, in tiefen Trauerkleidern; doch iſt es zu glauben, daß die Trauer ſeiner leichtſinnigen Seele ſich auf die äußeren Zeichen einſchränkte, und daß manche Herzen mit heftigeren Schlägen klopften, als das ſeine, als die erſten Schaufeln Erde dumpf bönend auf die Silberplatten der Bahre niederfielen, und der herrliche Pſalm, Nro. 492. 8. Vers angeſtimmt wurde. Dabei fielen die tiefen, himmliſchen Toͤne der Orgel ein, und erfüllten jedes Gemüth mit ſtillen, heiligen Ahnungen. Aus mancher Bruſt zitterten die Worte:„Friede ſei mit ihr!“ Der Doctor Klein legte nach einigen Jahren, von ſeinem Schwager beredet, ſeine Praris nieder, und zog mit den ſeinen nach Brunkenäs. Er wurde dahin von Herrn Billing und ſeiner Schwiegermutter begleitet. Der Erſtere hat ſein Geſchäft ſeinen jungen Comp⸗ toiriſten überlaſſen, die es nun unter ſeiner Firma fort⸗ führen. Frau von Horſt kann noch heute nicht aufhören, die ſo unglücklich abgebrochenen Feſtlichkeiten zu ihrer Toch⸗ ter Geburtstag zu beklagen; aber geehrt und geliedt, wie ſie von Allen iſt, dankt ſie täglich Gott für Mariens fort⸗ dauerndes Glück. Oft ſind die Familien bei einander, wo dann die Alten ihr Kartenſpiel machen, und die Jungen in einem freundlichen Kreiſe ſitzen, und über die durchgemachten Leiden und die gegenwärtigen und zukünftigen Freuden ſich unterhalten. Der Rittmeiſter, der nach ſeiner eigenen Ausſage nie aufhört, ſeine Frau zu betrauern, lebt unver⸗ heirathet, und bringt jedes Jahr einige Monate bei ſeinen Verwandten und Freunden im Kbyſchen Kirchſpiele zu, theils um die vortige gute Jagd zu benützen und ſeine Tochter zu ſehen, theils um auch, wie das Gerücht will, aus ſeines Schwagers Kaſſe N lahrung für ſeine eigene zu 212 holen, die durch den Tod ſeiner Frau und die Uebergabe der Vormundſchaft an den Doctor, eine bedeutende Nieder⸗ lage erlitten hat. Die kleine Hortenſe lebt wechſelsweiſe bei beiden Familen, iſt aller Liebling, und verſpricht, eines Tages mit ihrer Mutter Schönheit die Tugenden ihrer Tante und ihrer Pflegmutter zu vereinigen.