Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelden entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————.— auf 1 1 Mon at: 1 Mt.— Pf. 1 Mrt. 50 Pf. 2 Wct.— Pf. 5. 3 uswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Gan en verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— 6—————õ— Kammerer Laßman —- 2* als alter Junggeſelle und Ehemann. Humoriſtiſcher Roman von Frau Emilie Flygare-Carlén. Aus dem Schwediſchen von Dr. Stein. — Vierter bis letzter Theil. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. Erſtes Kapitel. Der Kammerer führt ſeinen Entſchluß in allem Ernſte aus.— Was ein Weib in der Einſamkeit alles denkt. „Sie iſt's! Welch' ein Thor bin ich geweſen, in der Welt umher zu reiſen!“ ſagte der Kammerer Laß⸗ man, als er an der Ecke der Königinſtraße und Meiſter Samuels Gäßchen Liſa Normans weißen Schleier und rothen Shawl gewahr wurde. Liſa kam eben von einer ihrer gewöͤhnlichen Wanderungen nach dem Triangel zu⸗ rück; und es war in der That ein ganz eigener Zufall, daß ſie heute am Abend dahin gegangen war, indem ſie dieß gewöhnlich ſonſt Morgens that. „Willkommen, willkommen, liebſter Oheim! Welch' ein Zufall!— wie unverhofft— Sie kommen aber gerade recht! Nun, wenn werden Sie ſie heimführen, Onkelchen? Die ſchelmiſche Liſa merkte wohl, daß die Freierei für dieß Jahr zu Ende war, da der Alte ſo un⸗ vermuthet heimkehrte. Sie kehrte um und begleitete den Kammerer die Treppe hinauf. „Nun, ſagen Sie, Oheim, wann holen Sie denn Ihre Braut?“ wiederholte ſie lächelnd, als ſie auf ihre erſte Frage keine Antwort erhielt. „Du wirſt es ſchon erfahren, Liſa. Es iſt gut, daß ich Dir gerade begegnet habe, ſo brauche ich doch nicht nach dem Schlüſſel zu gehen. Laß uns jetzt hinauf gehen.“ „Ei Gott bewahre, glauben Sie denn, ich wollte mich ſo lange aufhalten? Wenn Sie erſt ein Mal oben ſind, dann haben Sie allerlei andre Sache zu denken— und ich möchte närriſch werden vor Neugierde, denn Sie ſagen einem ja kein Sterbenswörtchen. Liebſtes Onkel⸗ chen, Sie brauchen ja nur zu ſagen, in welchem Monat — denn ausgemacht iſt es natürlich bereits.“ „Ach was, Du wirſt es ſchon früh genug erfahren! Laß mich doch erſt den Fuhrmann bezahlen;“ entgegnete der Kammerer nicht ohne einige Verlegenheit bei dem Gedanken an die Rechenſchaft, welcher er kaum zu ent⸗ gehen hoffen durfte. „Nur ein einziges Wörtchen, liebſtes Onkelchen! Wirds im Oktober ſeyn, oder im November, Dezember? Nein, bis dorthin iſt es ſchon zu kalt!“ „Es wird Nichts mehr gereist! Gib Dich nur zu⸗ frieden und laß mich wenigſtens in Ruhe hinaufgehen.“ Ah ſo, ſie kommt her! Die Hochzeit iſt hier! Ach das iſt herrlich; da bin ich doch auch dabei!“ „Ja, Liſa, Du ſollſt dabei ſeyn!“ ſagte der Kam⸗ merer und ſtolperte die Treppe hinauf, die Hutſchachtel in der einen Hand, Schnapsflaſche und Stock in der andern;„und noch mehr, Liſa, Du ſollſt.... aber ſt! warte nur und laß mich erſt ordentlich zu Hauſe ſeyn! Das war ein verdammtes Gerüttel und Geſchüttel! ich glaubte die Hornſtraße wolle gar kein Ende nehmen. Aber hör jetzt, Mädchen, wie ſteht's mit meinen Sachen, meinen Marmorplatten, meinem Porzellanſervice und mit dem...“ „Pelzwerk, den Vögeln und dem alten Schlafrock?“ fiel ihm Liſa in die Rede.„Sammt und ſonders in beſter Ordnung, nichts kaput gegangen, Alles ſteht ſchönſtens an ſeinem Ort.“ „Gut, gut, ſo mach' ein Mal auf, Kind! Wie freue ich mich wieder auf meinem alten Sopha zu ſitzen!“ Wir übergehen die folgende Viertelſtunde, welche der Kammerer damit zubrachte, eine große, haſtige Tour im Zimmer umher in den Triangel und hinter den Schirm zu machen. Freilich war es Nichts weiter als ein flüch⸗ — 1— Sie nkel⸗ tonat hren! gnete dem ent⸗ chen! iber? r zu⸗ hen.“ 1 Ach Kam⸗ achtel — der er ſt! ſeyn! l! ich hmen. achen, und cock?“ beſter nſtens freue 1“ welche Tour chirm flüch⸗ ,⸗ 7 tiger Blick, um die frohe Ueberzeugung zu gewinnen, daß Alles am rechten Platz ſtand. „So!“ ſagte er mit einem vergnügten Lächeln und ſetzte ſich auf den Sopha,“ nun will ich ein Bischen aus⸗ ruhen und dann genauer nachſehen, ob Du Dein Amt gehoͤrig verwaltet haſt, Liſa. Es iſt mir ganz wohl ums Herz, daß ich Alles wieder ſo um mich ſehe: meine Kam⸗ mer, mein Pult, meinen Schrank und mein Bett. O, es iſt ſo heimlich und gut hier und das Sprichwort hat wahrlich Recht: draußen iſt's gut, daheim aber am be⸗ ſten, und da ich nun, Gottlob, wieder daheim bin, ſo will ich auch meinen alten Schlafrock anziehen— Du kannſt mir ihn hergeben, liebe Liſa.“ „Er iſt aber ja ſo häßlich!“ meinte Liſa.„Sie ſollten einen neuen haben, Oheim, wenigſtens auf die Hochzeit.“ „Ja, ja, verſteht ſich! Ich werde wohl nicht aus⸗ weichen können. Es iſt zwar ein ſchönes Hausmöbel, ſo ein Schlafrock, aber hoͤlliſch theuer. Ich ſollte doch faſt meinen, daß er billiger kommen müßte, wenn ich das Zeug dazu ſelbſt kaufte und ihn dann machen ließe? „Ja, das glaube ich,— das iſt keine Frage.“ Liſa brachte den alten zerlumpten Rock; und kaum war der Kammerer zur Hälfte hineingeſchlupft, ſo kam er ihm ganz ſonderbar vor; er zog ihn wieder aus und entdeckte nun, was er nicht ſogleich im Anfange merken konnte, daß Liſa einen neuen ſtattlichen Schlafrock ſtatt des alten gebracht hatte. „Was iſt denn das?“ mit dieſen Worten drehte der Kammerer die neue Bekanntſchaft in der einen Hand herum, den alten treuen Diener in der andern.„Was bedeutet das, liebes Kind,— hat ihn Jemand zum Ver⸗ kauf gebracht? Wenn er nicht zu theuer iſt, ſo wäre es ein ganz wackerer Rock. Er ſteht mir wahrlich an“— der Alte kroch hinein— ja, mein' Seel', er ſteht mir herrlich— ich ſehe ganz ſtattlich drin aus! Wie viel ſoll er koſten?“ —— 8 „Keinen Pfenning, außer einen ſchönen Dank! Ich habe mir den Spaß gemacht, ihn ſelbſt zu verfertigen: für Sie Onkelchen, denn der andere iſt ja ſo ſchlecht, daß — Sie ihn nicht länger mit Ehren tragen konnten.“ „Ja, aber das Zeug? es iſt mir, als ob ich das ſchon geſehen hätte.“ „Das glaub' ich wohl!“ lachte Liſa.„Ich habe. es aus Ihrem eigenen Verlag genommen. Es war ein Stück Kattun, welches die Motten doch gefreſſen haben würden, wenn man es noch länger hätte liegen laſſen. 1 Und um es vor dem Verderben zu bewahren, habe ich einen Rock für Sie daraus gemacht, Onkelchen und ein Kleid für mich, das mir prächtig ſteht.“ 2 „Was, zum Henker?“ rief der Kammerer aus, wel⸗ 8 chem dieſe Dreiſtigkeit ein böſes Omen war. Er dachte: h Sie iſt mit meinem Kattun verfahren, als wenn er ihr gehörte, ſie hat ihn zwiſchen uns getheilt— und mit u all' den alten Stücken Kattun könnte ſie ſich Jahrelang d kleiden? Sie iſt erfinderiſch, ich brauchte wohl dann am v Ende nicht das Geringſte zu kaufen!“ So löste eine an— genehme Vermuthung die andre ab, und dieß Alles war S Liſa's Glück, denn ſonſt, wenn ihm andere Gedanken. gekommen wären, hätte er ſicherlich ihre Eigenmächtigkeit fi ſehr ungnädig aufgenommen, und es wenigſtens für ge⸗ di waltig naſeweis erachtet, nur ſo ohne alles Weitere über ho ein Stück Kattun zu disponiren, welches ihm gehörte. Manſell Lucie ſchien ſogar ſelbſt ein wenig ver⸗ S 3 wundert darüber, daß die Strafpredigt ausblieb, auf be welche ſie ſich ſchon gefaßt gemacht hatte, und ihr Er⸗ m ſtaunen verminderte ſich gewiß keineswegs, als der Kam⸗ ga merer hinzuſetzte:„Hübſch, daß Du ſo gut nähen kannſt, 4 Liſa! Es freut mich in der That! es läßt ſich mancher Schilling ſparen. Ein ander Mal mußt Du mich aber Ni vorher fragen, hörſt Du?— denn zu dem Schlafrock nu würde geringeres Zeug auch gedient haben.“ per „Ein ander Mal?“ wiederholte Liſa lachend.„Ei, Di Onkelchen, Sie übertreffen ja alle meine Erwartung— Ich gen; daß das habe ein aben ſſen. eich dein wel⸗ chte: ihr mit lang am ean⸗ war unken gkeit ge⸗ über örte. ver⸗ auf Er⸗ dam⸗ nnſt, ncher aber frock „Ei, -— 9 Sie übertreffen ſich ſelbſt. Nicht allein komme ich ganz ungeſchält davon, obgleich ich vielleicht ein Bischen aus⸗ gezankt zu werden verdient hätte, ſondern darf mir am Ende auch gar noch mehr Kleider mache.?“ „Allerdings, liebe Liſa, allerdings, aber nichts Ueber⸗ flüſſiges! denn das Zeug, ſiehſt Du, Kind,— das koſtet gewaltig viel Geld. Du darſſt nicht ſo verſchwenderiſch damit umgehen, das will ich Dir doch an's Herz legen!“ In dem Ton des Kammerers lag etwas Rührendes, welches ſich Liſa nicht zu erklären wußte— ſie hatte auch nicht die entfernteſte Ahnung davon. „Ach, was dieß betrifft!“ verſetzte ſie mit Lachen, „ſo werde ich wohl nicht oft mehr einen Fuß in den Triangel ſetzen dürfen, wenn Sie ein Mal eine Frau haben, Oheim.“ „Wer kann das wiſſen? vielleicht haſt Du dann nur um ſo mehr Recht dazu? Ja, ja, ſieh mich ſo verwun⸗ dert an, wie Du willſt— das hängt einzig und allein von Dir ab.“ „Von mir? Was, in des Herrn Namen, wollen Sie damit ſagen, Oheim?“ Der Kammerer ſtand auf, nahm Liſa bei der Hand und führte ſie auf die Schwelle des Allerheiligſten.„Willſt Du dieß Alles haben?“ fragte er in feierlichem Ton.„Nämlich, haſt Du ſchon daran gedacht, wenn man eine Wohnung hätte — ſo allenfalls ein, zwei, drei Zimmer, Liſa, wo alle dieſe Sachen in ſchönſter Ordnung, aufgeſtellt wären— Nota⸗ bene, das Zimmer, in welchem das Vornehmſte ſtünde, müßte ſtets beſtens verſchloſſen ſeyn, außer natürlich bei ganz beſonderen Gelegenheiten?— Was meinſt Du dazu?“ „Das müßte freilich ſehr ſchön ſeyn— aber...“ „Aber Du weißt nicht, was Dich dieß angehen ſoll? Nicht wahr? Das geht Dich ſo viel an, daß es Dich nur Ein Wort koſtet, ein einziges Wort von Deinen Lip⸗ pen, ſo gehört Alles, was Du hier vor Augen ſiehſt, ir— uns nämlich!“ „Ach!“ rief Liſa mit ſtrahlender Blicken aus,„Sie 10 haben ſich das Heirathen aus dem Kopf geſchlagen und machen mich zu Ihrer Erbin, wenn ich bei Ihnen woh⸗ nen und Sie in ihren alten Tagen pflegen will— iſt's nicht ſo?“ Bei dieſen Worten wollte Liſa dem Alten um den Hals fallen und ihn küſſen. „Nicht ganz ſo,“ entgegnete der Kammerer und ſchob das Mädchen leicht auf die Seite.„Nichts um⸗ ſonſt, liebe Liſa! Wenn ich Dich nur auf die Bedingung hin zu meiner Erbin einſetzte, daß Du zu mir ziehen und mich bis zu meinem ſeligen Ende warten und pfle⸗ gen ſollteſt, ſo könnte Dich dieß nicht hindern, einen Mann zu nehmen, der vielleicht bald mit all' dem fertig wäre, was ich mir im Schweiß meines Angeſichtes, mit großen Opfern und mancher Entbehrung erworben habe. Nein mein Kind, Du wirſt ſelbſt einſehen, daß dieß un⸗ billig wäre— aber wie geſagt, Nichts umſonſt— ich mache Dich zu meiner Erbin, zu meiner einzigen Erbin. Und dafür, daß Du All' das, was Du hier ſiehſt, Dein nennen darſſt, nebſt dreitauſend Thalern jährlichen Ein⸗ kommens, wenn ich ein Mal nicht mehr bin, verlange ich Nichts weiter, als daß Du meine Frau wirſt, und mich mit Liebe hegſt und pflegſt.“ „Ich?“ kreiſchte Liſa und ſprang vier Schritte weit zurück.„Ich ſoll Ihre Frau werden, Oheim? Nun, das iſt noch das luſtigſte, was mir noch je vorgekommen! Ich bin ja kaum erſt neunzehn Jahre alt und Sie über fünfzig— nein— wie paſſen wir zuſammen!“ „Alſo meinſt Du nicht?“ verſetzte der Kammerer etwas kleinlaut.„Und ich habe es ſo gut gemeint! Ich wollte Dich vor all' den leichtſinnigen jungen Burſchen bewahren, welche, ſo wahr ich lebe, es nicht im Ge⸗ ringſten ehrlich mit Dir meinen uud denen es im hoͤch⸗ ſten Falle nur Ernſt ſeyn mag, wenn Du auf mein Ver⸗ moͤgen rechnen darfſt. Du darfſt mir glauben, liebe Liſa, daß ich aus Erfahrung und Ueberzeugung nur für Dein wahres Beſte ſpreche, welches bei der Art, wie Du jetzt lebſt, nicht gedeihen kannſt, wo Du keinen andern Um⸗ +— —8bſͤſſſͤͤſ 11 gang haſt als mit dem einen oder dem andern Kunden Deiner Mutter. Heiratheſt Du dagegen mich und läßſt die jungen Laffen laufen, welche doch nur ihren Spaß mit Dir treiben, ſo kannſt Du ein Haus machen ſo gut als irgend Eine. Du kannſt zuweilen, gleichwohl nicht zu oft, das ſage ich Dir vorher, aber doch hie und da eine Spazierfahrt im Thiergarten machen. Du kannſt auch ein Mal ein Billet auf die dritte Gallerie in der Oper nehmen, kannſt dann und wann in das Konzert gehen, und ein paar Mal im Sommer eine Fahrt auf dem Dampfboot machen. Was meinen ganzen Vorrath von Zeug, Pelzwerk und dergleichen mehr betrifft, ſo ſollte ich meinen, daß genug davon da iſt, um Dir zu einer prächtigen Toilette zu verhelfen. Auch werde ich nicht entgegen ſeyn, wenn Du ein paar Mal im Jahre Deine Verwandte zuſammen bitten willſt, wenn im Fall Du ſonſt haushälteriſch, ſparſam und ordentlich biſt, denn auf ſolche Tugenden halte ich am meiſten. Mein Vor⸗ ſchlag wird jedenfalls des Bedenkens werth ſeyn,— oder wie?“ „Ach ja, das iſt er ſchon— namentlich da....“ dieſe Zugeſtändniſſe ſich ſammt und ſonders ſchon erwei⸗ tern laſſen werden,“ dachte Liſa bei ſich, ſetzte aber laut hinzu,„namentlich da, wie ich glaube, ſich Niemand beſ⸗ ſer auf Sie verſteht, Oheim, als ich, und Niemand ihre kleinen Eigenheiten und Liebhabereien ſo genau kennt. Auf jeden Fall iſt es aber doch ein gräulicher Vorſchlag — ein Vorſchlag, der viel Bedenkzeit und einer genauen Erwägung bedarf! Sie ſind ſo alt, Oheim, und ich möchte mich über die ganze Sache todtlachen, wenn ſie nur nicht ſo ſchrecklich ernſthaft wäre. Mein Gott, dann müßte ich ja Du zu Ihnen ſagen, mein lieber Laßman, liebſtes Männchen, Herzens⸗Alterchen u. ſ. w. Ach nein, das wäre gar zu kurios! Und trotz dem, daß es„eine ſo ſchreck⸗ lich ernſthafte Sache“ war, lachte Liſa aus vollem Halſe, bis ihr die Thränen in die Augen traten. Dieß verdroß aber unſern guten Kammerer und er ——— 8 12 ſagte ganz ärgerlich:„Wenn es etwas ſo Lacherliches iſt, ſo laß uns nicht weiter davon reden! Ich meine in⸗ deſſen doch, derjenige ſollte Anſpruch auf eine etwas höflichere und klügere Behandlung haben, welcher Dir einen— es iſt eine Schande, daß ich es ſagen muß— ſo ehrenvollen Antrag gemacht hat; und vielleicht erlebe ich noch den Tag, wo Du wünſcheſt, ihn minder ſpaßhaft gefunden zu haben! Inzwiſchen magſt Du doch wiſſen, daß ich in meinem Leben nicht auf den Gedanken ge⸗ kommen wäre, um Dich zu freien, wenn ich nicht einen ganz beſondern und wahrhaft wunderbaren Grund dazu hätte. Das Schickſal, oder wie ich mir in meiner Thor⸗ heit einbildete, der Herr ſelbſt hat Dich mir dazu be⸗ zeichnet. Wie geſagt, meine Werbung iſt etwas Ueber⸗ natürliches— allein jetzt ſehe, ich daß es ein Mißgriff war. „Jetzt ſprechen Sie in lauter Räthſeln, Oheim, ge⸗ wiß nur um mich recht neugierig zu machen;— aber ſagen Sie doch, was Sie eigentlich meinen?“ Der Kammerer berichtete ihr nun in ernſthaften, und, wie er wenigſtens meinte, höchſt delikaten Ausdrü⸗ cken, ſein Riiſeabentheuer. Halbverdeckt ſpielte er auf die unglückliche Schlußſcene an, welche den etwas tollen und übereilten Ausgang ſeiner Freierei zur Folge gehabt hatte. Alles was er darüber ſagte, beſtand nur in halben Winken, allein die pfiffige Liſa merkte ganz gut, wo der Haaſe im Pfeffer lag, und als er mit ſeiner Geſchichte fertig war, wußte ſie ſo vortrefflich Beſcheid, als wäre ſie mit dabei geweſen. Natürlich verrieth ſie nicht im Mindeſten, daß ſie weiter ſahe als der Kammerer wün⸗ ſchen mochte; heimlich lachte ſie aber und machte ſich über das Mißgeſchick deſſelben herzlich luſtig. Was ſei⸗ nen letzten Entſchluß betraf, nämlich die erſte Beſte zu nehmen, welche ihm begegne, ſo hatte ſie indeſſen doch die Grauſamkeit, es für ganz und gar unglaublich anzuſehen, daß bei ihrem Zuſammentreffen mit dem Kam⸗ merer der Himmel die Hand im Spiel gehabt haben ſollte; dieß war nichts als der reinſte Zufall, und dazu 13 noch ein ſo höchſt natürlicher, daß ſie gar nicht weiter davon reden wollte. „Mag es nun Zufall, Schickſal, Gottes Finger, oder was Du ſonſt willſt, geweſen ſeyn, das letzte in⸗ deſſen doch vor Allem, ſo warſt Du doch immer die Erſte, welcher ich begegnete. Auch weißt Du, liebe Liſa, wenn ich nicht ſo wählig wäre, daß mir ſelten Eine recht iſt, ſo dürfte ich nur die Hand ausſtrecken und an jedem Finger hinge ein Dutzend; allein es iſt nun einmal wie es iſt, und ich will Beſcheid haben, ob Du mich willſt oder nicht!“ „Ich paſſe auch gewiß gar nicht für Sie— ich bin ſo luſtig und munter, kindiſch und oft unüberlegt. Sie hätten gewiß alle Stunde Urſache, mich auszu⸗ anken.“ „Nein, weiß Gott, liebe Liſa, das will ich nicht, Du ſollſt nicht ausgezankt werden! Häusliches Glück und muntre Arbeit erfriſcht das Herz und gibt neue Kraft.“ „Ja, Arbeit!“ ſchmollte Liſa,„Sie wollen, daß ich unaufhörlich arbeiten ſoll, Oheim,— aber daran bin ich mein Lebtage nicht gewöhnt geweſen.“ „Gott ſoll es wiſſen, Du haſt freilich ſtets Deinen eigenen Willen gehabt, und biſt leider ſo erzogen, daß man es ein reines Wunder nennen kann, daß Du nur ſo geworden, wie Du biſt. Haſt Du denn nicht den Schlafrock gemacht, und auch Dein Kleid?“ „Ja, allerdings,“ aber mit Muhme Mallas Hülfe. „Hätte Liſa hinzuſetzen ſollen, hielt es aber für über⸗ flüſſig.“ Ich mache faſt alle meine Kleider ſelbſt, und bin auch noch außerdem nicht ungeſchickt, wenn ich will.“ „Ja, ja, das iſt es, wenn Du willſt; aber eine Hausfrau, däucht mich, ſollte immer wollen, und ſtets zu Allem geſchickt ſeyn! Es iſt ja zu ihrem eigenen Beſten!— iſt's denn nicht ihr eigenes Haus, welches dadurch gewinnt?“ „Das weiß ich wohl, aber Sie werden gewiß recht knapp, geizig und knickig ſeyn, Oheim! Ich wäͤre wohl 14 am Ende über Nichts Herr— mit alten Junggeſellen ſoll in dieſem Stück ohnehin ſchwer auszukommen ſeyn— hu, da gehört ein beſonderer Magen dazu, einen Sol⸗ chen zu nehmen!“ „Nun, wenn Du glaubſt, es koſte Dich ſo viele Ueberwindung, ſo brauchen wir keine Worte mehr darüber zu verlieren! Ich habe es, wie geſagt, gut mit Dir ge⸗ meint, wollte Dich ſowohl von Deiner Mutter unab⸗ hängig machen, als auch von den jungen Herren, welche Dich, ſo wahr ich das Leben habe! doch in Ewigkeit nicht heirathen!— Wenn Dir alſo mein Anerbieten nicht gefällt, ſo gibt's der Mutter Töchter mehr!“ Langſam zog der Kammerer die Thüre zum Triangel zu. Liſa warf eben noch den letzten Blick in einen großen prächtigen Spiegel, welcher vom Boden bis zu dem oberſten Wandbrett reichte, dachte ſich als eine junge, gefeierte Frau, in einem hübſchen Hauſe wohnend, alle die Herrlichkeiten, von welchen ſie nun Abſchied nehmen ſollte, in das gehörige Licht geſtellt, um ſich her,— ſah einen ganzen Schwarm unterthäniger Anbeter zu ihren Füßen, und bei dem Gedanken an dieſes roſenrothe Paradies, in welchem der Herr Gemahl im ſchwacher⸗ leuchteten Hintergrunde ſtand, neigte ſich die Wagſchale, wiewohl nicht ohne einiges Widerſtreben, auf die Seite des Triangels. „Guten Abend, Liſa! ich will Dich nicht länger aufhalten!“— Es war merkwürdig, wie dem Kammerer der Muth wuchs, in dem Maße, als Liſa's Unſchlüſſig⸗ keit ſichtbar wurde—„ich will Dich nicht länger auf⸗ halten,“ wiederholte er in einem Ton beleidigter Würde. „Ich muß ohnehin auch ausgehen, um meine Auf⸗ wärterin aufzuſuchen, und mir das Abendeſſen zu be⸗ ſtellen— ich habe nichts zu Mittag gegeſſen. Im Ue⸗ brigen kannſt Du Dich ja, wenn Du willſſt, beſin⸗ nen,— bis Morgen Vormittag; da will ich dann kom⸗ men und mir Antwort holen,— oder vielleicht biſt Du ſo gut und ſagſt mir ſogleich rund hergaus, daß es Du jung hab. Hin noch Rac riger Anb die e eines aller künft Herz Aben wollt zu othe cer⸗ hale, Seite nger nerer ſſig⸗ auf⸗ ürde. Auf⸗ t be⸗ Ue⸗ eſin⸗ kom⸗ t Du Du 15 nicht für der Mühe werth hältſt, Dich darüber zu be⸗ ſinnen.. „O— beſinnen kann man ſich ſchon darüber; ſo viel iſt es denn doch werth und weniger kann ich wohl auch für Ihren guten Willen nicht thun, Oheim. Alſo, wie geredt, ſo bleibt's— Morgen ſollen Sie Antwort haben.“ Damit ging Liſa. „Sie nimmt's an!“ murmelte der Kammerer in ei⸗ nem Ton, worin drei Viertheile Entzücken und ein Vier⸗ theil Verdruß lagen.„Alles nichts weiter als eitel Ver⸗ ſtellung und Ziererei, daß kann das Weibervolk nun ein⸗ mal nicht laſſen! Sie war, mein' Seel' ſo froh darüber, daß ſie gern, wenn ſie ſich nicht geſchämt hätte, vor mir auf die Kniee gefallen wäre. Na na, na na, die Verſchämtheit will auch ihr Recht haben— Morgen ſagt ſie ja, ſo wahr ich als ein ehrlicher Kerl hier auf meinen zwei Beinen ſtehe! Aber es verdrießt mich doch, daß ſie es nicht ohne Umſtände ſogleich rund herausſagen wollte, da hätte ich mir das Antwortholen ſparen können.“ So tröſtete ſich unſer guter Kammerer in ſeiner Einſamkeit, welche ihm indeſſen doch länger wurde, als er ſich ſelbſt geſtehen mochte. Liſa war ein hübſches, junges Mädchen, welches er immer ein wenig gern ge⸗ habt hatte; ſeit er ſich aber in den Kopf geſetzt, daß der Himmel ſeinen Finger dabei im Spiel habe, und er noch außerdem überzeugt war, daß er Liſa aus dem Rachen von wenigſtens einem halben Dutzend heißhung⸗ riger Wölfe rette, wenn er ſie vor ihren liebenswürdigen Anbetern bewahre, ſo war ſeine Oheimszärtlichkeit in die eines Liebhabers übergegangen, welcher von der Seite eines geliebten und liebenden hübſchen Weibchens dem allerbehaglichſten Leben entgegenſieht. Während Laßman ſo in dem Vorgefühlen ſeines künftigen Eheglücks ſchwärmte, ſaß die Erwaͤhlte ſeines Herzens allein in ihrem Kämmerlein. Sie hatte dieſen Abend weder Luſt zum Eſſen noch zum Plaudern, ſie wollte ungeſtört ſeyn; ihre Mutter ſowohl, als die Hof⸗ *———* e 16 meiſterin erhielten auf ihre Fragen nur ausweichende, kurze, abweiſende Antworten und überließen ſie dann ſich ſelbſt und ihrer Laune— ſie waren ja von jeher gewohnt, dem verzogenen Kinde allen Willen zu thun. In dem vorliegenden wichtigen Falle wollte Liſa gleich ihren ei⸗ genen Verſtand um Rath fragen. Sie wußte, daß ihre Mutter partheiiſch ſeyn würde, und hatte auch Recht; Frau Norman hätte ihrer Tochter keine Sekunde Ruhe gelaſſen, ehe ein ſo überaus glücklicher und wünſchenswerther Handel abgeſchloſſen geweſen wäre,— denn nächſt dem Wunſch, ſelbſt den Kammerer zu heirathen, konnte ihr natürlicherweiſe nichts willkommner ſeyn, als ihn zum Schwiegerſohn zu haben... Liſa wußte den Vortheil einer ſolchen Parthie nicht gebührendermaßen zu ſchätzen,— die Mutter hätte ſte darüber belehrt. Einer ſolchen Un⸗ terweiſung wollte aber die Tochter eben entgehen— und deßhalb behielt ſie die Sache für ſich. Es kitzelte zu⸗ gleich auch ihren Stolz und ihren Leichtſinn, ſelbſt über ihr Schickſal zu entſcheiden. Allein was für Beweggründe waren es, welche das neunzehnjährige Mädchen vermochten, ernſthaft an eine Verbindung mit dem alten Kammerer zu denken, ein Mann, welcher ſie bisher kaum anders als wie einen Vater anzuſehen gewohnt war? Wir bedauern ſagen zu müſſen— allein wir ſind es der Wahrheit ſchuldig— daß Liſa's Motive um kein Haar beſſer waren, als bei hundert anderen jungen Mädchen, wenn ſie mit äußer⸗ lichem Zwang und ſcheinbar widerſtrebend den Antrag eines alten Mannes annehmen. Als Liſa Abſchied von dem„Triangel“ nahm, warf ſie einen Blick in den großen Spiegel, und zu gleicher Zeit konnte der Leſer einen an⸗ dern in ihr Inneres werfen und dort deutlich ſehen, daß ſie der Meinung war, der Eheſtand biete eine unendliche Menge von Vortheilen, welche ſie ſich im ledigen Leben ſammt und ſonders verſagen müſſe.— Nicht daß ſie hätte heirathen wollen, um ſich in ihre vier Wände zu begra⸗ ben, nichts als zu arbeiten und ſich zu plagen, nur für ihren 2 förmig tags un Konzert — das dieſe H waren, gewiſſe tarius 1 S wenn ſi zugleich die Nac er ſollte weggew der letzt lein, d ernſtlich lich am nichts i tochter ders wi ſeyn,“ Blick vo Liſ Gegenſa Nicht, d ſehen he erhabene legen w Grazie, der früh treten. ſollte me rau La neuen H Kamm 17 ihren Mann zu leben;— nein, dieß wäre viel zu ein⸗ förmig und langweilig. Aber ein Haus machen, Mit⸗ tags und Abends Leute bei ſich ſehen, Theater, Bälle, Konzerte beſuchen, und was dergleichen Luſtarbeiten ſind — das war der Mühe werth! Sintemalen aber alle dieſe Herrlichkeiten auf keine andere Weiſe zu erringen waren, ſo war es am Beſten, das Gewiſſe für das Un⸗ gewiſſe zu nehmen. Ihre früheren Gefühle für den No⸗ 1 tarius kamen dabei nicht im Geringſten in Betracht. So„hausgebackner“ Art war Liſas Herz nicht;— wenn ſie auch jetzt an Wetterquiſt dachte, ſo war es nur zugleich mit dem Gedanken an den Triumph, wie ihn die Nachricht von ihrem Glück niederſchmettern müſſe,— er ſollte ſehen, der eingebildete Einfaltspinſel, was er weggeworfen hatte! Der Regierungs⸗Sekretär war in der letzten Zeit bedeutend in Liſa's Gunſt geſtiegen; al⸗ lein, da er auch nicht das mindeſte in Bezug auf eine ernſtliche Verbindung fallen ließ, ſo war es handgreif⸗ lich am Tage, daß die jungen Herren von A bis Z ſonſt nichts im Sinne hatten, als mit der hübſchen Trödlers⸗ tochter eine kleine„Pouſſage“ zu unterhalten.—„An⸗ ders wird es aber mit der eleganten Frau Laßman ſeyn,“ fuhr ſie in ihrem Gedankengang fort:„nur ein Blick von ihr iſt ſchon eine Auszeichnung!“ Liſa nahm ſich auch vor, als Frau durchaus der Gegenſatz von dem zu ſeyn, was ſie bisher geweſen. Nicht, daß ſie ſich nicht jetzt als ganz vollkommen ange⸗ ſehen hätte; dieß war jedenfalls ein Bagatell gegen die erhabenen Eigenſchaften, welche ſie künftig an den Tag legen wollte. So zum Exempel mußte eine würdevolle Grazie, ein ruhiges, feines, ſtolzes Weſen an die Stelle der frühern Luſtigkeit und des ehemaligen Muthwillens treten. Mit Entzücken,— mit Bewunderung und Neid ſollte man von der reizenden, einnehmenden, modernen Frau Laßman ſprechen, von ihr, die alle Monate einen neuen Hut hatte, und allen Männern den Kopf verrückte, Kammerer Laßman. II. 2 “—y44 18 welche durch Freunde und Freundesfreunde ſich Zutritt zu ihren Geſellſchaften zu verſchaſſen wußten. Hu!— wenn der arme Mann, unſer ehrlicher Kammerer, eine Ahnung von der Verſchwörung gehabt hätte, welche ſich in Liſa's erfinderiſchem Köpfchen gegen ſeine lieblichen Ausſichten auf erſehnte Ruhe bildete, eine Ahnung von allen den Ertraausgaben, welche ſeine künf⸗ tige Ehehälfte bereits in Gedanfen machte!— wir furchten, daß er ſich bei Zeit aus der Affäre zu ziehen bedacht geweſen wäre. Aber wenn wären die Weiber wohl aufrichtig genug, um einem ehrlichen Freier wohl offenherzig zu ſagen, was er zu erwarten hat? Niemals— nein, das bleibt der künftigen Ehe überlaſſen! Daher kommen denn auch alle die entzückenden Scenen, welche eigentlich nur dazu in der Welt zu ſeyn ſcheinen, um den Mann in der Geduld zu prüfen, und ihn in der Refignation zu üben, — oder auch, um ihm den geradeſten Weg in das Wirthshaus und in ſonſtige Geſellſchaften aller Art zu zeigen, wo er wenigſtens Zerſtreuung findet. Auf der andern Seite— denn Alles hat ſeine zwei Seiten— gibt es auch wohl keinen Mann, welcher im Voraus ſeiner Braut ſagt, was für kleine naive Eigen⸗ heiten er ſelbſt beſitzt. Nein— was um des Himmels Willen hätte ſie dann ſpäter ſonſt als Frau zu thun, wenn ſie ihn nicht ſtudiren, ihn gleichſam, wie früher ihren Katechismus, auswendig lernen müßte, um mit Huͤlfe dieſer Lektionen ihr hauptſächliches und beſtes Ta⸗ lent gehörig zu entwickeln;— allen Ausbrüchen zuvor⸗ zukommen, welche den Hausfrieden ſtören könnten. Wie die Sachen aber jetzt überhaupt ſtehen, kommt die Aufrichtigkeit ſtets hinterher gehinkt, zuerſt iſt ſie mit ungemeiner Delikateſſe verhüllt, dann kömmt ſie in einer Art von Halbnegligé, und am Ende ganz nackt. Im Anfange genirt man ſich ein Bischen, iſt aber der Schleier einmal gefallen,— ſo genirt man ſich nicht mehr. Jedoch„keine Regel ohne Ansnahme“; allein es gibt d Kamm Folge Heirath⸗ A Entſchl Manne umſonſt daß ihr S bleiben, Sylbe Zimme — ihr falls w ſie mit Werk 9 halb Vo klaren wie wer res übe die Hau mit freu der Kan ſprichſt, offen he „D ſchlug d tritt zu hrlicher gehabt n gegen te, eine ne künf⸗ — wir ziehen genug, ſagen, 3 bleibt in auch ur dazu in der u üben, in das Art zu ne zwei cher im Eigen⸗ immels t thun, früher im mit tes Ta⸗ zuvor⸗ kommt iſt ſie t ſie in kt. Im ſer der t mehr. ein es 19 gibt deren leider nur zu wenige, und ob unſer ehrlicher Kammerer ſeine Ehe darunter rechnen darf, wird die Folge zeigen. Zweites Kapitel. Heiraths⸗ und Chetraktat. Was für Einfluß die Neuigkeit auf Muhme Neta und die blauen Flaſchen hat. Am andern Morgen erwachte Liſa, mit dem feſten Entſchluß, ſich als Opfer für das Lebensglück des alten Mannes hinzugeben. Gewiß hegte ſie, wie er:„Nichts umſonſt!“ wenigſtens könnte gewiß kein Menſch beſtreiten, daß ihr Opfer nicht w enig werth war. Sie hatte die Vorkehrung getroffen, ganz allein zu bleiben, auch erfuhren weder Mutter noch Hofmeiſterin eine Sylbe von der Rückkehr des Kammerers, Sie ging im Zimmer auf und ab;— ſie war doch etwas unruhig — ihr Herz klopfte mehr als gewöhnlich; denn jeden⸗ falls war es ein wichtiger Schrit, und„vielleicht,“ dachte ſie mit zu nehmender Angſt:„biſt Du zu leichtſinnig zu Werk gegangen.“ Sie machte ſich jetzt ſelbſt halb und halb Vorwürfe darüber; ehe ſie jedoch zu einem beſtimmten klaren Gedanken über die eigentliche Sache kam, und in wie weit alle ihre Skrupel nicht vielmehr eine Folge ih⸗ res übertriebenen feinen Zartgefühls ſeyen, hoͤrte man die Hausglocke. Liſa eilte hinaus, um zu öffnen, und mit freudeſtrahlendem Geſicht ſtand der alte Freier vor ihr. „Vorderſamſt will ich Dich gebeten haben,“ begann der Kammerer und faßte ihre Hand,„daß Du mir ver⸗ ſprichſt, keine Sparenzien zu machen, ſondern ehrlich und offen herausſagſt, ob Du mich willſt oder nicht.“, „Das geht aber ſo plötzlich,“ entgegnete Liſa und ſchlug die Augen zu Boden, denn ſte wußte ſelbſt nicht, 2 ——— warum ſie des Kammerers Blick nicht recht auszuhalten Mal vermochte. keiten „Plötzlich oder nicht plötzlich, ich will jetzt ein Mal L wiſſen, wie ich daran bin. Haſt Du Dich beſonnen und geben, entſchloſſen?“ 78 „Ja, das wohl— aber...“ wandte „Nun, wenn es ſo iſt— heraus damit! Courage, bares mein Kind! Komm her, zuerſt den Verlobungskuß,— und ſal dann Brautviſiten und zuletzt Hochzeit! Ja— oder 91 nein?“ Freund „Gott bewahre, ich kann ja kaum Athem kriegen ſpiele, Wenn das Wort ein Mal heraus iſt, läßt es ſich nicht P—. mehr zurücknehmen.“ einem „Sehr wahr, liebe Liſa; es freut mich ungemein haſt, daß Du die Wichtigkeit eines ſolchen Gelübdes ſo klat wenn ſ einſtehſt. Wenn das Wort ein Mal geſagt iſt, ſo bleibt 673 es geſagt. Es muß Dir dann heilig ſeyn; denn Gott leben?⸗ ſelbſt hat die Ehe geſtiftet und eingeſetzt— ſie iſt Etwas 20 höchſt Bedeutſames und Ernſtes.“ nicht le „Ja, ſchrecklich ernſthaft! Es iſt mir gerade, als Mir de wenn ich in's Kloſter ſollte;“ verſetzte Liſa mit höchſ ich Dir feierlichem Geſicht. nun en „Gewiſſermaßen allerdings, mein Kind, aber doch Abände nicht ganz,“ erwiederte der Kammerer und that ſich nicht ihn de wenig auf ſeine angenommene Predigerwürde zu Gute legt ha „Es iſt doch einiger Unterſchied, mußt Du wiſſen, zwiſchen„7 einer keuſchen Ehefrau und zwiſchen einer keuſchen Brau entgegn Chriſti; allein beide müſſen ſich in ſtrengſter Heiligken Thaler halten, ſo weit dieß, Du verſtehſt mich, die Ungleichhei dreißig ihrer beiderſeitigen Stellung mit ſich bringt. Uebrigen reichen machſt Du Dir einen zu ſtrengen Begriff, wenn D dafür e glaubſt, in klöſterlicher Einſamkeit leben zu müſſen. D dergleic kannſt ſchon hie und da Deine Mutter, die Hofmeiſterin am beſt Muhme Neta und Will zum Kaffee bitten. Den alte Gegenſt Ficker dagegen möchte ich nicht gerne ſehen, er iſt z„2 oft benebelt, und da wäre es leicht möglich, daß er ei dafür l fünf un szuhalten ein Mal nnen und Courage, skuß,— — oder kriegen! ſich nicht ngemein, ſo klat ſo bleibt enn Gott ſt Etwas — ade, al nit höchſ ber doch ſich nicht zu Gute zwiſchen en Brau Heiligkei gleichhei lebrigent denn D ſen. D. meiſterin den alte er iſt z aß er en 21 Mal eine oder die andere meiner werthvollſten Koſtbar⸗ keiten zu Schanden ſchlüge.“ Ohne auf den Schluß der Rede des Alten Acht zu geben, fragte Liſa: „Werden wir denn Niemand außer unſern Ver⸗ wandten bei uns ſehen?“ Es lag durchaus kein ſicht⸗ bares Mißvergnügen in dieſen Worten. Sie fragte blos und ſah dabei ganz unſchuldig aus.— „Warum nicht? Ich habe ein paar alte gute Freunde, mit denen ich zuweilen eine Partie Schafskopf ſpiele, den Leinwandhändler Sundberg und den Doktor P—. Dieſe können hie und da zu einer Taſſe Thee und einem Butterbrod zu uns kommen, und wenn Du Luſt haſt, magſt Du auch ihre Frauen bitten, Notabene, wenn ſie mit uns vorlieb nehmen wollen!“ „Vorlieb mit uns? Ja— wie werden wir denn leben?“ „Gut, wie ich denke, aber nicht lecker, durchaus nicht lecker; das verdirbt den Magen und macht krank. Mir däucht, Du ſollteſt wohl auskommen können, wenn ich Dir für die Haushaltung monatlich ausſetze...“ und nun entwickelte der Kammerer mit einer oder der andern Abänderung denſelben ökonomiſchen Vorſchlag, wie er ihn der hübſchen Pfarrwittwe zur Begutachtung vorge⸗ legt hatte. „Fünf und vierzig Thaler Reichsgeld im Monat!“ entgegnete Liſa;„das macht ja nicht ein Mal einen Thaler Banko auf den Tag, wenn der Monat ein und dreißig hat. Nun ja, zur Handkaſſe mag es allenfalls reichen, das heißt, wenn ich ſo nur die Kleinigkeiten dafür einkaufe, friſche Fiſche, Butter, Eier, Gewürz und dergleichen; dagegen müſſen Sie aber, Oheim(es wird am beſten ſeyn, wir behalten das Wort bei) die andern Gegenſtände beſtreiten: Holz. Licht, Fleiſch u. ſ. w.“ „Wa— was?— das ſoll ich einkaufen? Nein, dafür bedanke ich mich! Zu was gebe ich Dir denn fünf und vierzig Thaler des Monats? Ein Tag koſtet —— f 22 natürlich nicht ſo viel als der andere; ein paar Mal in der Woͤche ißt man Häring oder Stockfiſch und ſpart dann das Fleiſch. Glaub' mir, liebe Liſa, die Wirth⸗ ſchaft iſt das beſte von Allem, was eine Frau verſtehen kann; das lernt ſich aber mit der Zeit, und wenn Du erſt einige Uebung darin haſt, wird es ſchon gehen!“ „Vielleicht; wenn ich aber betrachte, was die Haus⸗ haltung der Mutter koſtet, ſo zweifle ich, daß ich mit dem reichen werde, was Sie mir ausgeſetzt haben.“ „Das wird ſich wohl machen! Die erſten vier Wochen kaufe ich ſelbſt ein; da wirſt Du ſchon ſehen, daß es geht. Deine Mutter darfſt Du Dir übrigengs nicht zum Muſter nehmen;— ich ſollte es freilich nicht ſagen, aber ich kann es doch unmöglich verſchweigen, denn es iſt wahr,— eine ordentliche Haushälterin iſt ſie nie geweſen.“ „Beſſer werde ich auch nicht werden,“ meinte Liſaz „und wenn Sie ſo, genau und filzig ſind, Oheim, ſe wird es wohl am Beſten ſeyn, ſich ſonſt wo umzuſehen— denn das ſage ich beſtimmt vorher, mit dreißig Thalern Banko im Monat getraue ich mir nicht auszukommen!“ „Nun, nun, liebe Liſa, wie werden ſchon einig werden. Es ſoll mir auch nicht darauf ankommen,— ich gebe Dir fünfzig Thaler Reichsgeld für den Monat, fünfzig Thaler, Lischen! Gott ſteh mir bei, wenn ich weiß, wie ich es erſchwingen will! Hausmiethe, Wäſche und Magdlohn dazu gerechnet, macht gewiß und wahr⸗ haftig neunhundert Thaler im Jahr. Zwar hölliſch viel Geld! aber um Dir eine Freude zu machen und damit Du ſiehſt, daß ich mit mir reden laſſe und nicht ſo unträtabel bin, ſoll es dabei bleiben!“ „Ja, fünf Thaler weiter im Monat, das iſt auch was Rechtes!“ erwiederte Liſa lachend;„nun, man muß eben fünf gerade ſeyn laſſen. Wie viel bekomme ich denn jährlich oder vierteljährig für meine Garderobe?“ „Wie— was?—“ rief der Kammerer aus um ſperrte die Augen weit auf. 7 dem kleiden laufen vielleie Geld Oheim hälteri wohl der Ko freilich auszuſ Zeugſt Du ne machſt kann e andere mit al vor ze ſoll ich gehört ſchirm Spitze noch, werde ſollen? verbluͤf getraut geirrt den G. S 7„ lächeln! „Na„ ſage ie Mal in nd ſpart Wirth⸗ verſtehen enn Du hen!“ ie Haus⸗ ich mit en.“ ten vier n ſehen, übrigens ich nicht hweigen, terin iſ tte Liſaz eim, ſo ſehen— Thalern mmen!“ n einig nen,— Monat, venn ich Wäſche d wahr⸗ iſch viel d damit nicht ſo iſt auch an muß ame ich robe?“ aus und 23³ „Ja, für meine Garderobe,“ wiederholte Liſa;„von dem lumpigen Haushaltungsgeld kann ich mich nicht kleiden und werde doch nicht ewig in den Fahnen herum⸗ laufen ſollen, die ich mitbringe! Am Ende haben Sie vielleicht nicht ein Mal daran gedacht, daß eine Frau Geld koſtet,— oder haben Sie ſich vielleicht eingebildet, Oheim, daß man ſich ſo etwa mit dem Lohn einer Haus⸗ hälterin abſpeiſen laſſen werde?“ „Ja, daß eine Frau Geld koſten werde, habe ich wohl gewußt, und erfahre es leider immer mehr,“ ſagte der Kammerer etwas verdrießlich;„aber daran habre ich freilich noch nicht gedacht, eine beſtimmte Summe dafür auszuſetzen. Du weißt ſelbſt, Liſa, daß ich eine Menge Zeugſtücke beſitze, hübſche, rare, koſtbare Sachen, welche Du nach und nach alle für Dich benützen kannſt; Du machſt Dir ja Deine Kleider ſelbſt und an Zeug dazu kann es Dir ſomit hoffentlich nicht fehlen!“ „Aber, du mein Gott, man braucht ja auch noch andere Sachen als nur Kleider, wenn ich mich auch mit all' dem altmodiſchen Bafel begnügen wollte, welcher vor zehn Jahren vielleicht einmal Mode war! Woher ſoll ich denn wohl das Uebrige nehmen, was zur Toilette gehört?— Hut, Shawl, Echarpen, Hauben, Regen⸗ ſchirm, Sonnenſchirm, Schuhe, Strümpfe, Handſchuhe, Spitzen, Bänder, Blumen, Tüll und was ſonſt Alles noch, was ſich jetzt nicht Alles herrechnen läßt; dieß werde ich doch nicht von jenen paar Schilkingen beſtreiten ſollen?“ 1 „Herr meines Lebens!“ rief der Kammerer ganz verbluͤfft aus;„ich habe Dir in der That Verſtand zu⸗ getraut, Liſa, aber leider ſehe ich jetzt, daß ich mich geirrt habe. Ich weiß bei Gott nicht, was ich auf all' den Galimathias antworten ſoll.“ „Wollen's abwarten,“ dachte Liſa, klopfte dem Alten lächelnd auf die Schulter und ſagte herzlich und kindlich: „Na, na, ich laſſe ſchon mit mir handeln; aber dan ſage ich, Onkelchen, wenn ich Ihnen das Vergnüges “ machen ſoll, Bellmanns Lieder vorzuſingen, ſo will ich zucke auch meinen Spaß haben, und dafür müſſen Sie mir Freu ein hübſches Taſchengeld geben!“ und „Gott ſegne Dich, mein Kind, wie lieb Du ſeyn künft kannſt, wenn Du willſt!“ ſchmunzelte der Kammerer, ſenkt freundlich wie ein Ohrwürmchen, und zerſchmolz faſt in näm Zärtlichkeit, ſo völlig hatte ihn die feine Liſa mit ihrem an a unſchuldigen Weſen zu kirren gewußt.„Wenn Du mir zu K ſo recht herzlich ſchmeichelſt und mich ſchön bitteſt, ſo ſollſt Du ſehen, das ich Dir wohl manchmal ein paar groß Thaler zu Bändern und dergleichen Zeug gebe.“ Freu „Recht herzlich ſchmeicheln?“ wiederholte Liſa heim⸗ befar lich und ein kalter Schauder fuhr ihr dabei durch die nehn Glieder, aber ſchnell ſtellte ſich wieder das Bild, welches laute ſie von ihrem zukünftigen Leben entworfen hatte, vor aber ihre Phantaſie. Sie ſchwieg; aber ein halb unterdrückter hatte Seufzer entſchlüpfte ihren Lippen. trag 6„Seufze nicht, mein Kind! Ich bin nicht böſe,“ die — ſagte der Kammerer, welcher Liſa's Bewegung ganz hatt: falſch deutete.„Aber ſoll ich jetzt nicht mit Deiner ſie h Mutter reden? Oder haſt Du vielleicht ſchon ſelbſt mit ſchaf ihr geſprochen?“ nun „Nein, kein Wort; auch hab' ich, meines Wiſſens, gewe eben ſo wenig noch mein Jawort gegeben.“ doch „Ja, für was haben wir denn die ganze Zeit mit der einander geredet, wenn Du nicht Ernſt machen willſt? muß Sey nicht kindiſch, liebe Liſa, ſondern wenn Du mich auch mit Gottes Hülfe haben willſt, was ich Dir im Geſicht nicht anſehe, ſo reich' Dein Mäulchen her und gib mir den arm Brautkuß.“ wede Nach einem unbedeutenden Widerſtreben und ein paar halben Einwendungen erhielt er das erſehnte„Ja.“ den Der Kuß ging nicht ohne kleines Sträuben vor ſich— ſchw jedoch eroberte er ihn glücklich— und nun war Liſa bittr Braut. zu 2 Der glückliche Kammerer ſuchte jetzt ſogleich Frau Norman auf. Die würdige Frau machte ihrem Ent⸗ Nat will ich Sie mir Du ſeyn mmerer, faſt in it ihrem Du mir tteſt, ſo ein paar ſa heim⸗ urch die welches te, vor edrückter t böſe,“ ig ganz Deiner lbſt mit Wiſſens, Zeit mit willſt? du mich Geſicht mir den und ein e„Ja. ¹ ſich— dar Liſa ch Frau m Ent⸗ 2⁵ zücken über das unvermuthete Glück mit einem ſo lauten Freudenrufe Luft, daß man ihn über die Straße hörte, und hatte dann eine lange geheime Konferenz mit ihrem künftigen Eidam. Nur bei einem Punkt des Traktats ſenkte ſie verſchämt ihre gewöhnlich höchſt ſonoxe Stimme, nämlich als der Artikel feſtgeſetzt wurde, daß von nun an auf keiner Seite mehr ein Wort über das Abentheuer zu Karlberg zu Tag kommen ſolle. Auf nächſten Sonntag hatte Frau Norman ein großes Souper zu geben im Sinne, wozu die ganze Freundſchaft eingeladen werden ſollte. Mutter Neta befand ſich leider nicht in der Verfaſſung, daran Theil nehmen zu können; denn die gute arme Frau war vor lauter Kummer und Jammer krank geworden. Es war aber auch ein harter Schlag! Schon ſeit manchem Jahr hatte ſie ſich mit dem angenehmen Gedanken herumge⸗ tragen, daß ihr lieber Will und kein Anderer, ein Mal die hübſche, reiche„Luſchie“ beſitzen ſollte. Mutter Neta hatte ihre lieblichen Hoffnungen noch weiter ausgeſponnen: ſie hatte nämlich ihren Will und ſeine Frau zu gemein⸗ ſchaftlichen Univerſalerben des Kammerers eingeſetzt und nun war plötzlich dieſer herrliche Traum zu Waſſer geworden, das ſchöne Luftſchloß eingefallen. War es doch eine Sünde und Schande, daß der unſelige Menſch, der alte Schafskopf, ſo auf's Heirathen verſeſſen ſeyn mußte, daß er ihrem Will nicht nur ſeine Frau, ſondern auch zugleich ſein Erbe nahm;— er ſchämte ſich gar nicht, Liſa zu heirathen— Liſa— und nun ſtand der arme Will da,— nackt und blos— keine Ausſicht,— weder auf eine Braut, noch auf eine Erbſchaft! „So ein gemeines Benehmen könnte einen unter den Boden bringen!“ ſeufzte Muhme Neta und über⸗ ſchwemmte ihr Kiſſen mit einem Strom von Thränen, bittre Thränen einer Mutter, deren ſchönſte Hoffnungen zu Waſſer wurden. Will, der im Allgemeinen eine ruhige und fügſame Natur beſaß, zeigte weit mehr Faſſung.„Laß Dich dieß ———— —— 26 nicht anfechten, Mutter,“ tröſtete er ſie.„Es gibt noch mehr Mädchen in Stockholm, außer Liſa, und den Kamme⸗ rer vermag ich nöthigenfalls auch zu entbehren. Uebrigens kann er mir doch unter die Arme greifen, wenn er will, im Fall mein Prinzipal mich zum Compagnon annimmt und dann bin ich ſchon geborgen.“ „Geborgen, ja,— Du weißt nicht, was das heißen will, des Kammerers Erbe zu ſeyn. Ach Du mein Er⸗ barmer! wenn ich das Glück erlebt häͤtte, des reichen Kammerer Laßmans Erbe und die hübſche Luſchie Norman zur Frau!“ „Was ich nicht habe, das brauch' ich nicht,“ ent⸗ gegnete Will philoſophiſch,„und was den Umſtand betrifft, daß mir Liſa entgangen iſt, ſo wird das Unglüuͤck auch nicht ſo groß ſeyn. Sie iſt ein liebes, herrliches, Mädchen, aber ſie will auch die ganze Welt coujoniren. Wir wollen ein Mal ſehen, ob nicht Oheim Laßman der Erſte ſeyn wird, der nach ihrer Pfeife tanzen muß. Vielleicht bereut er es noch, ſich eine junge, hübſche und gefallſüchtige Frau genommen zu haben; wenn ich Liſa recht kenne, ſo wird ſie ſich wohl dafür bedanken, im Käfig ſitzen zu bleiben, um ihrem Alten eins vorzu⸗ pfeifen.“ „Gott behüte mich, Will, was Du geſcheidt biſt, mein Junge!“ rief Neta aus, ſetzte ſich ein wenig in ihrem Bett empor und ſtützte ſich auf den Ellbogen; „Du ſprichſt ja wie ein Buch. Ja, ja, Du haſt Recht, ſo wird es auch kommen, und, Gott verzeih' mir's, daß ich es ſage— es wird mir in der Seele wohl thun, wenn ich ſehe, wie ſie den alten Gecken am Narrenſeil herumführen wird.“ „Sag' dies nicht, Mutter, man ſoll ſich nicht über das Unglück Anderer freuen. Wie ſich Einer bettet, ſo liegt er— wir wollen's abwarten— wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Wir brauchen ihm aber deßhalb nicht gram zu ſeyn, denn, ſtreng genommen, geht uns die Sache gar nichts an, auch dürfen wir nicht vergeſſen, daß Nich Ohe von ich es a böſe lobu nehn gen, Ver weh ſiehſ liebt läug eben ſich nich: Ver Ich Zeit liebe meiſ herk geſp und wied gun⸗ Unr erſte ſich bt noch Kamme⸗ brigens er will, nnimmt heißen ein Er⸗ reichen korman ent⸗ mſtand Unglück rliches, oniren. aßman n muß. che und ch Liſa n, im vorzu⸗ t biſt, nig in bogen; Recht, 6, daß thun, renſeil t über et, ſo lacht, * 4 27 daß aus der Compagnonſchaft mit meinem Prinzipal Nichts werden kann, wenn wir uns nicht gut mit dem Oheim Laßman und beſonders mit Liſa ſtellen, denn von nun an wird wohl ſie das Heft in der Hand haben.“ „Ja freilich,“ ſeufzte Muhme Neta,„daran zweifle ich nicht! Luſchie, die liſtige Schlange, weiß, wie ſie es anzufangen hat. Man muß freilich gute Miene zum böſen Spiel machen. Gehſt Du heute Abend zum Ver⸗ lobungsſchmauß, Will?“ „Gewiß, das verſteht ſich; ſie könnten's ſonſt übel nehmen. Ich will Dich möglichſt entſchuldigen und ſa⸗ gen, daß Du unwohl ſeyſt, Dich erkältet habeſt.“ „Ja, thu' das. Aber höre, Will, ſag' einmal im Vertrauen, ehe Du gehſt, ob es Dir nicht im Herzen wehe thut, wenn Du ſie als die Braut eines Andern ſiehſt? Geſtehe es nur, Du Schelm; Du biſt doch ver⸗ liebt in ſte?“ „Ja, das bin ich auch, ich kann und will es nicht läugnen; aber wenn ſie mich nicht mag, ſo mag ich ſie ebenfalls nicht, auch halte ich es für das Geſcheidſte, ſich keine graue Haare wachſen zu laſſen, wenn Etwas nicht zu ändern iſt.“ „Du biſt ein herrlicher Junge, Will! So viel Verſtand und Gewalt über Dich, bei Deinen Jahren! Ich ſage Nichts, aber gib nur Acht, es wird noch die Zeit kommen, wo ſie es bereuen wird. Nun, leb' wohl, lieber Sohn! Grüße Alle ſchönſtens und ſag' der Hof⸗ meiſterin, ſie ſoll ſo gut ſeyn und Morgen ein wenig herkommen und mir erzählen, wie Alles zugegangen ſt.“ Will ging. Muhme Neta war durch das Zwie⸗ geſpräch mit ihrem Sohn um Vieles ruhiger geworden, und kam jetzt nach und nach auf die große Erſchütterung wieder in das alte Geleiſe ihrer häuslichen Beſchäfti⸗ gung zurück, welche ſie in den letzten Schmerzens⸗ und Unruhetagen ganz auf der Seite hatte liegen laſſen. Ihr erſter Gedanke war an die blauen Flaſchen und ſie machte ſich die größten Vorwürfe, daß ſie dieſe ſo ſchmählich —.—— 2—— ———— —— 8—,— 28 vernachläſſigt hatte; nicht ein einziges Mal hatte ſie ihre Taſchenſpielerkünſte damit getrieben, und als ſie einen Blick auf ihren Alten warf, der mit rothaufge⸗ laufenem Geſichte da lag und ſeinen Mittagsſchlaf hielt, merkte ſie mit betrübtem Herzen, was ihr Verſäumniß für traurige Folgen gehabt. Drei volle Tage lang hatte Meiſter Ficker das Le⸗ ben genoſſen und war„Kapitan“ geweſen, wie er es zu nennen pflegte, und war bei der Erinnerung an die goldene Zeit ſo ſelig, daß er ſich im Paradieſe glaubte. Natürlich ſetzte der Alte dies einzig und allein auf Rech⸗ nung der nicht genoſſenen Fleiſchbrühe, und wir treten der Wahrheit keineswegs zu nahe, wenn wir behaupten, daß Meiſter Ficker durchaus nicht untröſtlich geweſen wäre, wenn ſeine Ehehälfte noch ein paar Tage hätte das Bett hüten müſſen. Denn in dieſer glücklichen Zeit ſtand nur Sauermilch und Syrupkalteſchale auf dem Speiſenzettel. „Ja, ja, das ſieht ſchön aus!“ meinte Muhme Neta, während ſie in ſehr verzeihlicher Eile in den grünen Unterrock ſchlüpfte und ſchleunig auf den unglückſeligen Wandſchrank losſtürzte. Aber beinahe wäre ſie vor Schrecken in Ohnmacht geſunken, als ſie entdeckte, daß der Alte ſchon reinen Tiſch gemacht hatte, und auch nicht ein Tropfen mehr in der Flaſche war, welche er am Abende vorher mit nach Hauſe gebracht.„Herr meines Lebens, was für ein Saufaus!“ rief Muhme Neta den Himmel zum Zeugen ihres Jammers an.„Hab' ich unglückſeliges Weib mit all' meiner Pflege und Sorge ſo Etwas um das alte Schwein verdient? Aber wart' nur, Alter, wart' nur!“ Bei dieſen Worten verwandelten ſich die kummervollen Züge ihres Antlitzes in Zorn und grimmige Entſchloſſenheit.„Wart' nur, Morgen iſt wieder ein Tag! Morgen, ſo wahr ich das Leben habe, fangen wir die alte Ordnung wieder an, da bin ich Dir Mann dafür!“ Nach dieſer Herzensergießung, welche ihr eine ge⸗ atte ſie als ſie haufge⸗ ff hielt, äumniß das Le⸗ r es zu an die laubte. f Rech⸗ treten aupten, geweſen e hätte en Zeit if dem e Neta, grünen ſeligen ie vor e, daß d auch lche er „Herr Nuhme „Hab' Sorge wart' ndelten en und gen iſt habe, ch Dir ne ge⸗ 29 wiſſe Erleichterung verſchaffte, kroch die Alte wieder unter ihre Bettdecke, und ſchwur heimlich hoch und theuer, daß der Alte vier Wochen lang nichts Anderes zu ſehen be⸗ kommen ſollte, als Fleiſchbrühe und verdünnten Fuſel, mit Ausnahme des Morgenſchnapſes, denn an die erſte Flaſche wagte ſie doch nicht Hand anzulegen. Ohne ſich Etwas von den verrätheriſchen Plänen träumen zu laſſen, welche ſeine kurze Seligkeit zu zer⸗ ſtören drohten, erwachte der alte Ficker in der beſten Laune von der Welt. Mit blinzelnden Aeuglein und wackelndem Kopfe wie ein beweglicher Gipschineſe ſchlich er zum Bett, um zu ſehen, ob ſeine theure Ehehälfte noch immer unpäßlich ſey. Aber o Jammer und Schmerz, da ſaß ſie aufrecht, mit dem Strickſtrumpf in der Hand, und ſah ſo munter und wacker drein, wie ein Fiſch im Waſſer,— leider konnte ſich unſer guter Alter nicht verhehlen, daß ſie wieder friſch und geſund ſeyn müſſe. „Biſt Du wieder wohl auf, Mutter?“ fragte er ſchluchzend.„Bleib Du liegen, arme Neta! Es thut Dir nicht gut, wenn Du ſchon aufſtehſt.“ „O nein, Väterchen; Du ſollſt ſchon ſehen,“ ließ ſich Muhme Neta mit einem höchſt zweideutigen, etwas boshaften Lächeln vernehmen.„Morgen bin ich wieder gehörig bei der Hand!“ Der Alte ſchnitt ein klägliches Geſicht, und verbarg ſeinen Schmerz, denn auf Mitleid konnte er nicht rechnen. Drittes Kapitel. Verlobungsſchmaus bei Fran Norman. Eine Frau dünkt ſich ſo gut wie die andre; aber Liſa dünkt ſich beſſer als Alle. Um fünf Uhr verſammelte ſich in Frau Normans Wohnung eine glänzende Aſſemblée der Elite aller Trödel⸗ weiber der Hauptſtadt. Das äußere Zimmer, welches an gewöhnlichen Tagen ein buntes Durcheinander von allen möglichen ganzen und halbganzen Möbeln, Roß⸗ haar und Saͤgeſpänen, Lappen und Lumpen, nebſt unter⸗ ſchiedlichen Gefäſſen mit Firniß und Politur— denn Frau Norman„that in allen möglichen Artikeln“— war zum Salon eingerichtet und auf das prächtigſte mit Blumen und diverſen Piecen von Bronce und Glas aus ihrer Bude herausſtaffirt. Man bilde ſich aber ja nicht ein, daß Frau Nor⸗ man an einem großen Kaffeetiſche das große Wort ge⸗ führt hätte;— keineswegs! Unſere Trödlerin war viel zu vornehm, um nicht zu wiſſen, daß die guten Kaſſee⸗ tiſche ſchon längſt aus den Kreiſen der feinern Geſell⸗ ſchaft verwieſen ſind. Sie dürfen fürwahr Gott danken, die armen Kaffeetiſche, wenn ihnen noch irgend ein freundlich gefinntes Pfarrhaus ein ſtilles Plätzchen in ſeinem Schooße gönnt. Ihre Zeit iſt leider vorbei! In den Kränzchen unſrer Großmütter und Tanten haben ſie eine große Rolle geſpielt, aber gleich vielem andern Modernen und Gefeierten iſt auch ihre Sonne unbemerkt untergegangen. Statt daß in früheren Tagen ungeheure ſteife Friſuren ſte großartig überſchatteten, ſind ſie jetzt in irgend ein Nebenzimmer verwieſen, und nur ein un⸗ bedeutendes Dienſtmädchen verſteht den Opferdienſt vor der ſonſt ſo gefeierten Kaffeemaſchine. Bei Frau Norman, welche auf den Namen einer Dame von Welt Anſpruch machte, trug man die Kaffee⸗ kanne ſammt Taſſen auf einem Präſentirbrett umher, und die Gäſte bedienten ſich ſelbſt. Die Geſellſchaft beſtand eigentlich nur aus Frauen⸗ zimmern— aufgedonnerte, ſtattliche Frauen in Seiden⸗ kleidern, welche ſich vielleicht früher dem graziöſen Wuchs irgend einer Gräſin angeſchmiegt hatten, jetzt aber da⸗ mit vorlieb nehmen mußten, koloſſalen Formen zum Feigenblatt zu dienen. Rothe, grüne und blaue Shawls hingen anmuthig über fette Achſeln, ließen aber doch hie und da ſo viel Ausſicht offen, um den Bronzeſchmuck auf den in Krebsroth prangenden, modernen. Conturen bei Die auch ſchm dern ande tung Silb Es in a man befar ſie d dirt. bekon vierſ nur Frau thun Allg⸗ es a zu tl gar gen, Ihre Gaſt dieſen von digen ſicht zu ſi war Winl! Erſch Roß⸗ unter⸗ denn 1— te mit 3 aus Nor⸗ rt ge⸗ viel aſſee⸗ heſell⸗ unken, dhein en in In en ſie ndern merkt heure jetzt t un⸗ vor einer affee⸗ „und amuen⸗ iden⸗ Zuchs r da⸗ zum awls hhie muck turen 31 bei der Einen oder der Andern bewundern zu können. Die Hauben zeigten in ihrer Art, denn Hauben haben auch ihre Art, mehr oder minder Bekanntſchaft mit Ge⸗ ſchmack und gutem Ton. Die meiſten waren mit Bän⸗ dern, Spitzen und Blumen überladen; aber ein oder das andere Häubchen verrieth durch ſeine unverkennbare Hal⸗ tung etwas Nobles, welches ihm nicht einmal die in's Silbergraue fallende Blondengarnirung benehmen konnten. Es war augenſcheinlich, daß ſich dieſe Hauben bereits in anderen Geſellſchaftskreiſen umgeſehen hatten, denn man ſah es ihnen an, daß ſie ſich etwas in Verlegenheit befanden und ſich fremd an dem Orte fühlten, zu welchem ſie durch das beſtändig ſteigende Gleichheitsſyſtem degra⸗ dirt worden waren. „Werden wir denn die liebe Liſa gar nicht zu ſehen bekommen?“ fragte die Primadonna der Geſellſchaft, die vierſchrötige, ſtrahlende Frau S....., deren Mann ein, nur von Vornehmen beſuchtes Weinhaus hielt. Die Frau Kellermeiſterin wußte, daß ſie ſowohl ihres Reich⸗ thums halber, als auch wegen ihrer höhern Würde im Allgemeinen die Tonangeberin war. Deßhalb hielt ſie es auch für ſchicklich, die erſte Frage wegen der Braut zu thun. „Ach, liebe, herzige Frau S..... ich kann Ihnen gar nicht genug danken für die Ehre und das Vergnü⸗ gen, die Sie uns angethan, an Liſa's Ehrentag uns mit Ihrer Gegenwart zu beglücken— ſo eine lieber, rarer Gaſt— Lucie wird im Augenblick kommen!“ Nach dieſen Worten wiſchte ſich Frau Norman, noch glühend von den Anſtrengungen des Vormittags, unter beſtän⸗ digem Wedeln, die Schweißtropfen von dem fetten Ge⸗ ſicht und citirte ihre Alles in Allem, die Hofmeiſterin, zu ſich. „Liebe Malla, kommt denn Lucie noch nicht?“ Dies war für die dienſtfertige Frau Malla Fogelquiſt ein Wink, die langſame Braut zum dritten Mal an baldiges Erſcheinen zu erinnern.— ——4j— 32 „Wahrlich eine herrliche, ganz paſſende Partie!“ 4 ſagte die Kellermeiſterin und wandte ſich mit herablaſſen⸗ E. der Vertraulichkeit an die überglückliche Mutter. die Ge „In der Meinung bin ich auch! Lucie wird viel kam ſie Aufſehen mit ihrer Heirath machen,“ erwiederte Frau einem Normann in ſtolzem Entzücken.„Mein zukünftiger Schwie⸗ den Au gerſohn, Herr Kammerer Laßman, kann ſich einrichten, eine an daß nicht leicht ein Haus neben dem ſeinigen ſich ſehen über it laſſen darf. Geſtern bin ich mit meiner Schweſter, der die Zuk Hofmeiſterin, dort geweſen, und Malla, welche ja ſo D lange Jahre in vornehmen Häuſern gelebt hat, vermaß Hand. ſich hoch und theuer, daß ſie nicht einmal zu Dagſta⸗ Frau 2 holm, was doch gewiß der erſte und vornehmſte Herrenſitz mit gro in ganz Schweden iſt, Etwas dergleichen geſehen habe. Wohl d Es würde ſich Manche glücklich ſchätzen, an Lucies Stelle G zu ſeyn; aber ſo Etwas kommt nicht alle Tage und Seiten ſolch' gute Partien findet man nicht auf der Straße—.„2 aber, ſage ich immer und muß es ſagen— es gibt auch fluſterte nicht leicht ein Mädchen wie meine Lucie! Schon als lichen ſie noch ein kleines Kind war, prophezeiten alle Leute, ſathan daß noch einmal etwas Außerordentliches aus ihr wer⸗ de Bo den würde. Sie war gar nicht wie andere Mädchen, ſo 2 beler geſcheidt und ſo gelehrig, daß ich wohl ſah, das viele he Geld, welches ich mich für ſie habe koſten laſſen, würde ſolche 2 nicht zum Fenſter hinausgeworfen ſeyn... aber ſieh! ſo went da, der Herr Bräutigam! Er ſieht noch ganz jugendlich magſt! aus. Nicht wahr?“ ich huir Nun ging es an ein allgemeines Aufſtehen und iſt mir Verneigen vor dem Kammerer, welcher in ſeinem ſchwar⸗ werden. zen Rock, mit Hut und Handſchuhen, ſich in weiten und beſt Kreiſen bald rechts, bald links ſchwenkte. Aber er mochte u ſich ſchwenken wie er wollte, er konnte mit keinem Blick um doch die liebenswürdige Braut erhaſchen. dazwiſch „Sie wird im Augenblick da ſeyn,“ ſagte Frau 3 A Norman, welche ſchon gewiß zehn Mal dieſe Antwort es iſt n auf dieſelbe Frage gegeben hatte, welche ſie dem Kam⸗ Fälhe Fen 334 wie liel merer in den Augen las. Kamm Partie!“ ablaſſen⸗ vird viel rte Frau Schwie⸗ nrichten, ich ſehen ſter, der he ja ſo vermaß Dagſta⸗ Herrenſitz en habe. s Stelle age und traße— gibt auch con als ee Leute, hr wer⸗ ſchen, ſo as viele „ würde ber ſieh' gendlich jen und ſchwar⸗ weiten r mochte m Blick te Frau Antwort n Kam⸗ 383 Es dauerte indeſſen noch eine gute Weile, ehe Liſa die Geſellſchaft mit ihrer Gegenwart beglückte. Endlich kam ſie, hübſch und geſchmackvoll gekleidet, und mit einem Lächeln auf den Lippen, welches, wenn auch nicht den Ausdruck der Seligkeit einer glücklichen Braut, doch eine andere Sorte von Glück beurkundete: einen Triumph über ihr jetziges Verhältniß und kühne Hoffnungen auf die Zukunft. Der Kammerer ging ihr entgegen und ergriff ihre Hand. Da gerade Rheinwein umhergereicht ward, nahm Frau Norman die Gelegenheit wahr, ſtand auf und bat mit großer Würde ihre Gäaͤſte, ein Gläschen auf das Wohl der Neuverlobten zu leeren. Gratulationen nebſt unterſchiedlichem Geküſſe von Seiten der näheren Bekannten erfolgten jetzt. „Was ich von all' den Menſchen ausſtehen muß!“ flüſterte Liſa ihrem Kammerer zu, der mit dem glück⸗ lichen Bräutigamsprivilegium ſeine Schoͤne aus dem ſogenannten Geſellſchaftsſal hinweg in eine Fenſterniſche des Vorzimmers führte.„Ich weiß gar nicht, wofür Mama all' die widerwärtigen alten Plandertaſchen her⸗ gebeten hat, daß ich mich mit ihnen ennuyiren ſoll— ſolche Geſellſchaft iſt mir in den Tod zuwider!“ „Ach, liebe Liſa! wie freut es mich, daß Du eben ſo wenig wie ich die Geſellſchaften im Allgemeinen leiden magſt! Dieſe glückliche Uebereinſtimmung, auf welche ich mir übrigens keine Rechnung machen zu dürfen glaubte, iſt mir Bürge dafür, daß wir fortan nur uns ſelbſt leben werden. Das häusliche Gluck iſt doch das ſchönſte und beſte.“ „Und wenn man ja Geſellſchaft bei ſich ſehen will, um doch jedenfalls zu ſeyn wie andere Leute,“ meinte Lucie dazwiſchen,„ſo— ſo muß ſie wenigſtens gewählt ſeyn.“ „Allerdings, liebſte Liſa, ſehr gewählt muß ſie ſeyn; es iſt mir ungemein lieb, ich kann Dir gar nicht ſagen wie lieb, daß Du mit dem Umgang Deiner Mutter Kammerer Laßman II. 3 ———ẽ 5,—*— 5 Nichts zu t thun haben willſt— Du haſt alſo hoffentlich 4 nicht im Sinne, irgend Jemand davon in unſer Haus Päckch einzuführen?“⸗ fprang „Nein, da ſey Gott vor!“ antwortete Liſa mit Braut großer Bereitwilligkeit.„Wenn ich in Bezug auf die, Hochzeit einen V zorſchlag machen darf, ſo ſoll Niemand merer von ihnen dabei ſeyn. Ich war ſtets der Anſicht, eine ſo glü Hochzeit dürfe nicht ſo laut gefeiert werden: ein paar alte S Leute als Zeugen cind hinreichend.“ weißer „Herr Gott, Liſa, welch' herrliche Anlagen entdecke der ne ich in Dir! Wie konnte ich nur bisher ſo blind für ganz Deine Verdienſte ſeyn!“ Dem Kammerer traten in ſah. allem Ernſte Thranen in die Augen. Liſa übertraf ihrem ſeine kühnſten Hoffnungen. Sie verſprach ja ein wahrer lige † Tugendſgiegel zu werden, ein Muſter von einem Weibe, einem „Ach, darin ſehe ich kein ſo großes Verdienſt, wenn fünfzel man feiner Neigung folgt,“¹erwiederte ſie verſchämt, ausgel „Es ſoll mir unendlich viel Vergnügen machen, Oheim, 5 — wenn Du— ach, es iſt doch ſchrecklich, wenn ich aber ſt den Oheim Du nennen ſoll.... wenn Du mit mei⸗ und m nem V Borſchlag übereinſtimmen wirſt.“ tigaml „Warum ſollte ich nicht mit Dir übereinſtimmen, E Liſa? Das werde ich ganz gewiß, wenn Du ſo ver⸗ welcher ſtändig redeſt. Sag' nur, wie Du es haben willſt!“ ſeattlich „Ja, das will ich, aber jetzt nicht. Morgen oder ganz nächſter Tage können wir darüber ſprechen. Vor allen Pracht Dingen darfſt Du aber meiner Mutter nichts davon Geſellſ ſagen! Es würde ſie betrüben und ärgern, wenn ſie bewund hörte, daß ich gegen ihren Plan bin, eine große, mir zeug, ſo widerwärtige Hochzeit zu halten.“ Hand. „Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ich reinen 2 Mund halte. Kein Wort ſoll über meine Nin kom ganz d men— wie könnte ich es auch über's Herz bringen terlaſſe Dir, liebſte Liſa, irgend einen Verdruß zu bereiten, da Schmu Du mir. ſo viel Freude machſt! Sieh⸗ da habe ich altväter Dir auch Etwas mitgebracht.... Du follſt ſehen, daß ich kein Geizh als bin.“ offentlich er Haus Liſa mit auf die Niemand ht, eine ein paar entdecke lind für raten in übertraf wahrer n Weibe. ſt, wenn erſchämt. Oheim, venn ich nit mei⸗ timmen, ſo ver⸗ wllſt!“ gen oder or allen 3 davon venn ſie dße, mir reinen en kom⸗ bringen iten, da abe ich hen, daß Damit reichte er Liſa ein ſorgfältig eingewickeltes Päckchen; ſie dankte ihm mit freundlichem Nicken und ſprang auf ihr Zimmer, um zu ſehen, worin das Brautgeſchenk beſtand. „Es war ſchon der Mühe werth!“— Unſer Kam⸗ merer war den ganzen Tag umhergelaufen und endlich ſo glücklich geweſen, bei einem Seidenhändler für eine alte Forderung zwölf Ellen Gros de Naples und einen weißen, ächten Shawl zu erſtehen, der zwar nicht bei der neueſten modernen Sendung geweſen, aber doch ganz reputirlich und noch keineswegs ſehr vergilbt aus⸗ ſah. Bei dieſen ausgeſuchten Koſtbarkeiten, welche zu ihrem Hochzeitſtaat beſtimmt waren, lag ein in unzäh⸗ lige Papiere eingewickeltes Etui mit einer Broche und einem paar Armbändern, welche der Kammerer vor fünfzehn Jahren in Verſatz bekommen und als nicht ausgelöst auch behalten hatte. Der Schmuck erfreute ſich ihres vollen Beifalls, aber ſie hatte gehört, daß das Antike jetzt ſehr geſucht und modern ſey; ſie betrachtete dieſen Beweis der bräu⸗ tigamlichen Zärtlichkeit mit ſehr gnädigen Augen. Ein alter Freund und Bruder des Kammerers, welcher Goldſchmied war, hatte ihm die Kleinodien ſtattlich und umſonſt wieder hergerichtet. Sie ſahen ganz wie neu aus und funkelten, daß es eine wahre Pracht war;— mit ſtrahlenden Augen kam Liſa zur Geſellſchaft zurück, um ihre Herrlichkeiten zu zeigen und bewundern zu laſſen— und nun wanderte das Seiden⸗ zeug, der Shawl und das koſtbare Etui von Hand zu Hand. „Die Braceletten,“ ſagtes die Kellermeiſterin,„ſind ganz dieſelben, wie mir meine Großmutter welche hin⸗ terlaſſen hat. Sie liegen daheim bei meinem übrigen Schmuck; denn heutzutage trägt kein Menſch mehr ſolch' altväteriſches Zeug.“ „Ich bitte um Verzeihung,“ ſiel ihr eine Trodler⸗ 3* ————‿—ᷓ—— 36 frau aus der großen Neuſtraße in das Wort,„gerad das Altmodiſche iſt gegenwärtig am geſuchteſten. Das muß ich wiſſen, denn ich habe viel davon. Die vor⸗ nehmſten Leute ſind wie närriſch darauf verſeſſen, ſie fragen nach nichts als nach„Ruguckuck!““ Die Kellermeiſterin verzog die Lippen zu einem ſpöttiſchen Lächeln.„Ich finde das natürlich,“ erwie derte ſie bedeutungsvoll,„Sie müſſen das freilich am beſten wiſſen... aber à propos, haben Sie nicht viel⸗ leicht auch Töpfe und Keſſel aus der alten Schule! In einem ſo wohlaſſortirten Trödelladen muß es, denke ich, alle möglichen Sorten von dergleichem altem Ku⸗ kuckszeug geben, und obgleich ich gerade nicht beſonders darauf erpicht bin, altmodiſche Armbänder zu tragen, ſo lange ich mir noch moderne kaufen kann, möchte ich doch gern meine Küche mit dergleichem altem Zeug rekrutiren, denn mein Kochgeſchirr wird nachgerade alt und theilweiſe ſchlecht.“ Aus vollem Halſe belachte die Frau Kellermeiſterin dieſe vermeinten Witze, mit denen ſte der übermüthigen Trödlerin den Mund zu ſtopfen gedachte; allein dieſe wußte ſich dafür ſchadlos zu halten, indem ſie ihrer Nachbarin halblaut in's Oht flüſterte:„Die Frau Luiſe Dillberg hat es auch nöthig, ſich ſo breit zu machen— als wäre ſie Wunder was beſſer als andere Leute— ich weiß aber wohl noch die liebe Zeit, wo ſie die Teller in der Wirthſchaft ſpülte ehe ſie der Kellermeiſter geheirathet hat!“ „Ja, es iſt ein unerträgliches Weib,“ verſetzte die Angeredete;„ich wollte ihr ſchon beſſer hinausgegeben haben! Ich habe es Dir nur noch nicht ſagen wollen, aber ſie war kürzlich in meinem Laden und ſetzte Deine Möbel herunter, die ſie altes, wurmſtichiges, von den Motten zerfreſſenes Zeug nannte, was zu Nichts zu brauchen ſey. Der Herr, zu welchem ſie das ſagten wollte bei Dir kaufen, und hätte es auch ſicher gethan als ich ihm meinen blauen Sopha zeigte, ſagte er mir 7 er ſey ſchon halb Handelseins mit Dir geweſen. De kam f ſie ker Möbe der S und 4 iſt ein daß er gut w bin a⸗ Freun ſagt, der S cherin Dich 7 fragte Liſa's „ habe i Dein mahl hie un 77 vorneh das m roth t Umſtär „geradt en. Das Die vor⸗ eſſen, ſie zu einem „erwie⸗ eilich am nicht viel⸗ Schule? es, denke ltem Ku⸗ beſonders u tragen, nöchte ich m Zeug erade alt belachte tze, mit Nund zu ſchadlos in's Ohr ) nöthig, zder was noch die ft ſpülte, ſetzte die sgegeben wollen, te Deine von den ichts zu s ſagte, gethanz er mir en. Dn 37 kam ſie aber mit ihrem Maul dazwiſchen und meinte, ſte kenne Dich und wiſſe wohl, wie Du es mit Deinen Möbeln machteſt: alten Plunder, den man nicht von der Straße aufheben möchte, ſchmierteſt Du mit Firniß und Politur an und verkaufteſt ihn für neu. Ach, es iſt ein gemeines Stück! Es that mir wahrlich leid, daß er meinen blauen nahm: er war ſchon vorher ſo gut wie verkauft, und ich habe es Gottlob nicht nöthig, bin auch nicht die Frau dazu, welche einer guten Freundin die Schuhe austritt! Aber unter uns ge⸗ ſagt, Deine Möbel darf man freilich nicht gerade in der Sonne betrachten!“ „Die Armbänder, und Alles miteinander iſt in der That prächtig!“ ſagte eine junge Frau, in einem von den erwähnten vornehmen Spitzenhäubchen.„Ich wollte nur, mein Mann hätte mir an unſerm Verlobungstag auch ſolche Präſente gemacht!“ „Du brauchſt Dich nicht zu ärgern,“ flüſterte ihr Liſa in's Ohr;„es ſoll ihr nicht geſchenkt ſeyn. Es iſt wahrhaft lächerlich, was ſich der Kaſten aufthut, ſie ſoll noch an mich denken! Warte nur, Du Großſpre⸗ cherin, wenn ich einmal verheirathet bin, ſo kenne ich Dich nicht mehr!“ „Vielleicht geht es mir dann auch nicht beſſer?“ fragte die junge Frau, welche als Mädchen eine von Liſa's beſten Freundinnen geweſen war. „Ach, das will ich gerade nicht ſagen. Auf Dich habe ich ſtets Etwas gehalten, Lotte; und wenn auch Dein Mann gerade keine Geſellſchaft für meinen Ge⸗ mahl iſt, ſo hindert dieß doch nicht, daß Du mir nicht hie und da ein Mal Morgens eine Viſite machen kannſt.“ „Ei, ſo?“ fiel Lotte ein,„Du willſt wohl ganz vornehm werden, und auf großem Fuße leben? Nun, das muß ich ſagen!“ „Nein, gewiß nicht,“ entgegnete Liſa und wurde roth dabei;„was kann ich aber dafür, daß ſich die Umſtände jetzt ändern?“ „Ja, das iſt freilich wigr⸗“"¹ verſetzte Lotte etwas ſpitzig.„Jedenfalls bleibſt D du aber doch, die Umſtände mögen ſich ändern wie ſie wollen, die Tochter einer Klei⸗ derhändlerin.“ Und wenn Du Deine Mutter beſuchſt, ſo kannſt Du auch zuweilen ein Bischen zu uns herein⸗ kommen— unſer Schuſterladen ſtößt ja an die Troͤdel⸗ bude Deiner Mutter. „Ach, was eine Schneegans!“ dachte Liſa und wandte ihrer frühern Freundin den Rücken. Während ſich die Damen in allerlei ahnlichen Sti⸗ cheleien ergingen, ſtieg der Kammerer mit einer ge⸗ wiſſen herablaſſenden Artigkeit der Reihe nach umher, blieb bald bei der Einen, bald bei der Andern ſtehen und ſprach ein paar Worte mit ihnen; und das Reſultat dieſer Beweiſe von großer Lebensart war das einhellige Urtheil der Damen, daß Liſa eine vortreffliche, gang erſtaunlich glückliche Parthie mache— ob dieß übrigens bei dem Kammerer gleicherweiſe der Fall ſey— dieß hielten ſie noch nicht für ſo ganz ausgemacht. Liſa's⸗hochmüthiges und vornehmes Weſen, welcher Hauptzug ihres Charakters immer mehr hervortrat, er⸗ regte viel Mißgunſt und machte ihr nicht wenig Feinde. Sämmtliche Gäſte hatten etwas gegen ſie einzuwenden; aber ſie würdigte dieſelben keines Gedankens, denn— ſte wollte höher hinaus. 7 Viertes Kapitel. Wie zwei junge Herren ganz verſchiedene Anſichten von der Liebe und von dem Courmachen haben. „Ich bringe Dir eine Neuigkeit, eine große Neuig keit!“ ſagte der Notar Wetterquiſt, als er am Tag nach Frau Normans Viſite Roſell begegnete, welchen vierzehn Tage von Stockholm entfernt, in Upſala geweſen und m mora 77 an der der N S Liſa 3 77 Smal möbel fand b ſtatt. rathet hübſch traut fentlich 7 5 chen 6. Deine mich muß i Sache wenn einen Spaß⸗ wöhnl guten Nachr Allein biſt? kennef 3 te etwas Umſtände ner Klei⸗ beſuchſt, herein⸗ Trödel⸗ eiſa und hen Sti⸗ iner ge⸗ umher, n ſtehen Reſultat einhellige he, gang übrigens — dieß welcher rat, er⸗ Feinde. wenden; denn— der Liebt le Neuig m Tag welchen n geweſen 39 und mit ein paar Bekannten einen Ausflug nach Danne⸗ mora gemacht hatte. „Und was für eine? Laß uns in das Kaffeehaus an den Strand hinabgehen!“ Die Herren hatten ſich an der Nordbrücke getroffen. Der Kammerer Laßman hat ſich mit der hübſchen Liſa Norman verlobt— Was ſagſt Du dazu?“ „Was zum Teufel? Der Alte iſt ja verreist nach Smaland oder ſonſt irgend wohin, um ſich ein Haus⸗ möbel zu ſuchen.“ „Daraus muß nichts geworden ſeyn; denn geſtern fand bei Frau Norman ein förmlicher Verlobungsſchmaus ſtatt. Ich war ebenfalls eingeladen.“ „Biſt Du toll! Verlobungsſchmaus! und Liſa hei⸗ rathet den Kammerer? Tauſend Donnerwetter! i hübſche Mamſell Liſa iſt abgeriebener, als ich ihr zug traut hätte. Der arme alte Narr! Du warſt doch ho fentlich dort?“ „Nein, gewiß nicht!“ „Du einfäl tiger Menſch, wer wird auch einen ſol⸗ chen Spaß in die Schanze ſchlagen! Wäre ich nur an Deiner Stelle geweſen. Aber, wart' nur, ich werde mich ſchon in dem neuen Hauſe einſtellen— Hausfreund muß ich werden— täglicher Gaſt! Wenn ich mir die Sache gehörig bedenke, ſo iſt es gar nicht ſo dumm,— wenn Du nicht am Ende einen Witz gemacht und mir einen Bären uufgeunden haſt.“ „Ich ſollte Doch meinen, daß ich nicht für einen Spaßmacher gelte!“ erwiederte der Notar in ſeinem ge⸗ wöhnlichen abgemeſſnen Ton. „Es iſt auch wahr, Du haſt keinen Sinn für einen guten Witz, ſo etwas ginge gegen Deine Natur. Deine Nachricht iſt indeſſen dankenswerth, denn ſie iſt gut. Allein ſag' mir, wie kam es, daß Du geladen worden biſt? Ich meine doch, Du haſt mir einmal geſagt, Du kenneſt ſie nicht.“ Dieſe Frage genirte den Notarius einigermaßen; da —— —————j 40 er aber von der Zeit an, wo ihm der Sekretär den er⸗ wähnten reellen Dienſt gethan, für dieſen eine Art Freundſchaft gefaßt hatte, ſo gab er zu, daß er früher in einer gewiſſen Bekanntſchaft mit dem Normaniſchen Hauſe geſtanden habe. „Und beſonders zu der Tochter?“ flüſterte ihm Ro⸗ ſell in's Ohr.“ O Du Schelm! meinſt Du denn, ich kenne nicht das Sprichwort:„Stille Waſſer gründen tief!“ Glaubſt Du denn, ich hatte nicht hundertmal Liſa's weißen Schleier im Hopfengarten flattern ſehen. Wenn ich wollte, könnte ich mich leicht bei der Baronin Lind⸗ heldt vorſtellen laſſen, und dann dem jungen hübſchen Fräulein Mathilde einige kleine pikante Abentheuer er⸗ zählen, in welchem ihr vortrefflicher Lehrer, trotz ſeiner ſcheinheiligen Zurückhaltung und liebenswürdigen Schüch⸗ ternheit die Hauptrolle geſpielt hat.“ „Ich zweifle nicht, daß Du zu Allem fähig biſt, was Dir einmal Tolles in den Kopf kommt;“ erwiederte der Notar erblaſſend, und ſeine Stimme verrieth, daß Roſell nicht leicht etwas Unangenehmeres auf das Tapet bringen konnte. „Ja, ja, das wäre eine gerechte Rache dafür,“ verſetzte der Sekretär„daß Du an jenem Sonntage bei Winters die Frau Norman, die ehrliche Seele, vergebens mit ihrem grauen Paraſol haſt winken laſſen. Kommt Dir's jetzt, he? Du ſaßeſt damals ſo unbeweglich und ſteif wie eine Gypsſigur— und hatteſt nicht die ge⸗ ringſte Connaiſſance mit dem Volk. Ja, ja, der Hoch⸗ muthsteufel hat Dir einen ſchönen Streich geſpielt— ich weiß wohl, wie Dir die erboste Troödlerin am andern Tage den Text geleſen hat.“ „Ich will mein damaliges Benehmen gerade nicht rechtfertigen,“ entgegnete Wetterquiſt;„allein ich ſehe nicht ein, was Dich eigentlich die Sache angeht! Du weißt, daß ich bei der Baronin Lindfeldt gut ſtehe und....“ 3 „Bei Fräulein Mathilde auch!“— fiel Roſell ein; Juſt kenne gerad in de Jeme Treu könnt Norn noch b delt. daß HDu auf ſchück rade hätte heit was ders nicht Es alle zuſch ihr d daſſe alle der Wür Rech den er⸗ ne Art früher aniſchen im Ro⸗ in, ich gründen — Liſa's Wenn Lind⸗ übſchen uer er⸗ ſeiner Schüch⸗ ig biſt, diederte z, daß Tapet dafür,“ ge bei gebens Kommt ch und ie ge⸗ Hoch⸗ lelt— andern e nicht ch ſehe ! Du t ſtehe ell ein; Juſt deßhalb ſollte ſie Deine Neigung zur Treuloſigkeit kennen.“ „St, St!“ wisperte der Notar, denn es gingen gerade Leute an ihrer Bank vorüber.„St! um Alles in der Welt, ſprich nicht ſo laut! es ſönnte uns ſonſt Jemand hören! Was iſt das nur für ein Ausdruck: Treuloſigkeit! Als ob von ſo Etwas die Rede ſeyn könnte, wenn man von Fräulein Lindfeldt und von Liſa Norman ſpricht!“ „Nun wenn es ſo unbedeutend iſt, ſo thut es ja noch weniger, wenn man davon redet!“ „Allerdings, wenn es ſich um meine Perſon han⸗ delt. Ich bin nicht ſo atpueg um mir einzubilden, daß Fräulein Mathilde ein Auge auf mich hätte. Aber Du mußt doch zugeben, daß auch nur eine Anſpielung auf ein ſolches Abentheuer höchſt verletzend für ihre ſchüchternen Ohren ſeyn müßte— denn es könnte ge⸗ rade ausſehen, als glaubte man an die Mögli ichkeit, ſie hätte ein Intereſſe für..., gleichviel, es iſt eine Dumm⸗ heit nur davon zu reden!“ „Dich haben!“ rief Roſell lächelnd aus.„So Et⸗ was zu fagen wäre freilich ſchrecklich zeideri ich, beſon⸗ ders wenn Du der feſten Ueberzeugung biſt, daß es nicht ſo fey. „Nun ja, ſchwören wollte ich nicht darauf.“— Es war eine ſaure Aufgabe für die Eitelkeit des Notars, alle die ſchmeichelhaften V ermuthungen Roſells nieder⸗ zuſchlagen“— allein ſo weit ich urtheilen kann, bin ich db durchaus gleichgültig.“ „Für Deinen Theil kannſt Du indeſſen wohl nicht daſſelbe Glaubensbekenntniß ablegen; denn ſoweit nicht alle Anzeich en trügen, biſt Du richtig angeſthofſen? „Beſter Bruder,“— dabei drehte und wendete ſich der Notarius mit einem Gemiſch von Verlegenheit und Würde— nich weiß in der That nicht, was Dir das Recht zu einer ſolchen Frage gibt!“ „Ach was, wer wird von Recht oder Nichtrecht —◻—— 42 ſchwatzen; ſolche Förmlichkeiten laſſen wir bei Seite! Ich möchte lediglich wiſſen, ob es Dich ernſtlich genirt, wenn ich irgend Jemanden Etwas von Deiner kleinen Liaiſon mit Mamſell Norman erzählte? Wenn Dir ein Gefallen damit geſchieht, ſo kann ich auch ſchweigen; ſonſt hatte ich wohl Luſt, mir mit dem jungen Herrn Ehegemahl einen kleinen Spaß zu machen und ihm Flöhe in's Ohr zu ſetzen.“ Wer den Sekretär anſah, konnte keinen Augenblick zweifelhaft ſeyn, daß Roſell vollſtändig im Spaß ge⸗ ſprochen hatte, ſelbſt der mißtrauiſche Wetterquiſt mußte merken, daß jener nur in einer augenblicklichen Laune den vermeinten Liebhaber necken wollte. Nichts deſte weniger gerieth unſer Notar in keine kleine Verlegenheit darüber und dieſe ſpiegelte ſich ſo deutlich auf ſeinem Geſicht ab, daß Roſell eine königliche Freude darüber empfand und zugleich in dem kaum erſt in ihm aufge⸗ tauchten Verdacht beſtärkt ward, daß Wetterquiſt in der That ernſthafte Spekulationen im Kopf habe und Trotz ſeiner Armuth und ſeiner ſchlechten Ausſichten an Nichts geringeres dachte, als an eine Verbindung mit einem hochadeligen Hauſe. „Ich ſehe jetzt wie die Gurken hängen,“ ſagte Roſell lächelnd, und will Dir Nichts in den Weg legen! Aber ein ernſtes Wort im Vertrauen, nimm Dich in Acht, Bruder, daß Du nicht wie eine Fliege zu nah an das Licht fliegſt und die Flügel verbrennſt!“ „.. Ich denke... ich vermuthe... ich hoffe doch nicht, daß Du irgend— irgend....“ „Eiferſüchtig wärſt— meinſt Du vielleicht?“ er⸗ griff Roſell das Wort.„Nein, Herzensbruder, ich bin ſo weit entfernt nach der Ehre eines Schwiegerſohns ihrer hochfreiherrlichen Gnaden zu ſtreben, als Du darauf ausgehſt, den alten Laßman bei ſeiner jungen Frau auszuſtechen! Du gehſt Deine heimliche Schlichwege— ich gehe gerade und offen meinen Gang. Aber noch ein Mal, haſt Du auch Deine Stellung wohl bedacht 1 Auf doch verrü⸗ In e mehr „und ſo ebe Frau 7 ſchied darau allein liche junge mögl. ganze ja ni f haſt wie auf L und dem daß 6 die E noch auf d ſetzen „das beme daß weſer dort eine Seite! genirt, kleinen Dir ein peigen; Herrn id ihm genblick aß ge⸗ mußte Laune 3 deſto genheit ſeinem arüber aufge⸗ in der d Trotz Nichts einem ſagte legen! ich in zu nah hoffe 2“ er⸗ ich bin rſohns darauf Frau ege— r noch dacht? 43 Auf Ehre, ſo leichtſinnig ich auch bin, ſo möchte ich doch nicht einem jungen unſchuldigen Mädchen den Kopf verrücken oder, noch ſchlimmer, ihren Frieden zerſtören. In einem ſo delikaten Fall kann bei Gott Leichtſinn mehr Unheil anrichten, als man ſich zuweilen träumt.“ „Gut gepredigt!“ verſetzte der Notar empfindlich; „und um ſo beſſer, aus dem Munde eines Herrn, der ſo eben erſt noch ſagte, daß er einen Ehemaun bei ſeiner Frau ausſtechen wolle.“ „Nun ja, das iſt aber auch ein verteufelter Unter⸗ ſchied! Ich mache mir nicht das geringſte Gewiſſen daraus, zehn Weibern auf ein Mal die Cour zu machen; allein ſich durch Blicke, Worte, Händedrücken, halbmerk⸗ liche Anſpielungen und dergleichen, in das Herz eines jungen Mädchens einſchleichen, mit welcher es mir un⸗ möglich Ernſt ſeyn kann, das könnte ich mir in meinem ganzen Leben nicht verzeihen,— denn dieß iſt gemein— ja niederträchtig!“ „Vielleicht“ lachte der Notarius verächtlich.„Du haſt wohl Liſa nie den Hof gemacht, Du?“ „Nein, auf Ehr' und Seligkeit, ſo wenigſtens nicht, wie Du! Ich hatte wohl ein Mal ernſtliche Abſichten auf Liſa Norman: denn ſie hat viel in ihrem Ausſehen und Weſen, das mich anzieht. Ich horchte indeſſen bei dem alten Laßman ein wenig hin, als ich aber merkte, daß es mit der Erbſchaft nichts ſeyn ſollte, da nahm die Sache natürlich von ſelbſt ein Ende. Ich hatte noch kein Wort geſagt, und konnte deßhalb recht wohl auf die alte freundſchaftliche Weiſe meine Beſuche fort⸗ ſetzen, verſtehe mich wohl— freundſchaftliche!“ „Freundſchaftliche Beſuche,“ verſetzte der Notarius, „das iſt ein weitumfaſſender Begriff. Ich erinnere mich, bemerkt zu haben, wenn mich meine Augen nicht trügten, daß Du den Kammerer ein Mal während ſeiner Ab⸗ weſenheit beſuchteſt; wahrſcheinlich muß doch Jemand dort geweſen ſeyn, der Dir öffnete, denn Du bliebſt wohl eine ganze Stunde darin.“ 44 Ein leichtes Roth flog über Roſells Geſicht.„Ich glaube Du legſt Dich auf das Spioniren?“ entgegnete er in einem Ton, welcher den Notarius nichts weniger als nach Spaß zu ſchmecken ſchien. „So gut Du Liſa's weißen Schleier im Hopfen⸗ garten wehen ſahſt, ebenſo wenig konnte ich die Augen verſchließen, als ihr rother Shawl in des Kammerers Stube auf und nieder flatterte und kurz darauf, als ich zufällig abermals vorüber kam, Dich in das Haus gehen ſah.“ „Auch haben Dich in der That Deine Augen nicht betrogen;“ erwiederte Roſell.„Liſa hatte einige Auf⸗ träge von dem Alten in deſſen Wohnung zu beſorgen, und während ſie damit beſchäftigt war, hatte ich drei Mal das Vergnügen, ſie beſuchen zu dürfen. Ich will Dir aber noch mehr berichten, was Du glauben oder nicht glauben magſt, wie es Dir beliebt! Ich fühlte, daß es Unrecht von mir war, Liſa's Ruf um meiner Unterhaltung willen, blos zu ſtellen; und um nicht weiter in Verſuchung zu gerathen, machte ich die ſchon längſt beabſichtigte Tour nach Upſala.“ „Und da Du ſo delikat gegen Liſa Norman ge⸗ handelt haſt, willſt Du jetzt gegen Frau Laßman eine andere Methode annehmen?“ „Jetzt iſt es ihres Mannes Sache ſie zu hüten. Eine Frau hat an ihrem Frauentitel eine ſehr große Schürze— der Ruf eines Mädchens dagegen...“ „Aha, ich verſtehe,“ meinte der Notar,„wie ein Spiegel: man braucht nur daran zu hauchen, ſo wird er trüb— oder wie eine zarte Roſe; ſobald man dieſe anrührt, iſt ſie entblättert.“ „So ſchrecklich ſentimental meine ich es denn doch nicht,“ rief Noſell luſtig aus;„ich wollte blos ſagen, daß der Ruf eines jungen Mädchens weit empfindlicher ſey. Er iſt viel ſchwerer wieder herzuſtellen, deßhalb halte ich es für die Pflicht jedes ehrlichen Kerls, vor⸗ ſichtig damit umzugehen. Aber um noch ein Mal anf meine zurück nicht denn Liebhe 7 verſetz Einen Lindfe meine denn wenn Mathi thäte, erwied die ſe fährlie am kü⸗ mit de deßhal dem großes nichts 7 haſt 2 glaube lieber „Ich egnete eniger opfen⸗ Augen nerers „ als Haus nicht Auf⸗ orgen, ) drei ) will oder ühlte, neiner nicht ſchon n ge⸗ t eine hüten. große 77 te ein wird dieſe doch agen, licher ßhalb vor⸗ il auf 4 meine Warnung in Bezug auf Fräulein von Lindfeldt zurüt zuommen— nimm Dich in Acht, und ſpiele nicht dieſelbe Rolle bey ihr, wie bey Liſa Norman: denn nicht alle M ädchen ſind verſtändig genug, einen Lieb haber zu vergeſſen.“ „Ich begreife gar nicht, was Du damit willſt?“ verſetzte Wetterquiſt ärgerlich.„Wie magſt Du nur in Einem Athem auf dieſelbe Weiſe von Fräulein von Lindfeldt und von Liſa Norman reden? Ich ſollte doch meinen, daß hier ein kleiner Uinter ſchied wäre! Biſt Du denn in der That ſo einfältig, Dir einzubi iiden, daß wenn ich meine Augen zu der lieblichen einnehmenden Mathilde erhöbe, ich dieß nicht in ganz auderer Weiſe thäte, als gegenüber von Liſa?“ Die Art und Weiſe kommt hier gar nicht in Betracht,“ erwiederte Roſell luſtig, und die feinere, oder vielmehr die ſentimentale Courmacherei iſt gerade die allerge⸗ fährlichſte, denn die armen Maͤdchenherzen kommen juſt am kürzeſten dabei weg. Du weißt, daß die Sprache mit den Augen weit beredter iſt, als die mit Worten, deßhalb beherzige meinen Rath und nimm Dich mit dem Fräulein in Acht. Auch wäre es im Ganzen kein großes Glück, denn nich dünkt, ich hätte gehört, ſte habe nichts weniger als Vermögen.“— „Aber Verbindungen!“ wendete der Notar ein. „Aha, denkſt Du bereits an V Jerbindungen! Da haſt Du auch ernſthafte Abſichten.“ „Gewiß nicht; o weit entfernt! Wie kannſt Du glauben, dic ein armer Ertranotarius— nein, mein lieber Roſell— da biſt Du gewaltig auf dem Holzweg?“ Mag ſeyn!— ein Jeder macht's ſo gut er Lnun— aber à propos, da fällt mir ein, wie ſteht es denn mit Deinen ökonomiſchen Verhältniſſen? Geht es gut mit dem Stundengeben?“ „Ach ja, ich kann nicht klagen. Es bringt mir wenigſtens ſoviel ein, daß ich nicht Tag für Tag in Sorgen leben muß: im Gegentheil ich bin nie ohne, und lebe ſtets nur für baares Geld.“ 8 „Aber die Zinſen für den Kammerer vergiſſeſt Du doch hoffentlich nicht?“ ermahnte ihn Roſell. „Sey ohne Sorgen: ich werde ihn dieſer Tage bezahlen! Ich möchte Dich um keinen Preis in Miß⸗ kredit bringen, da Dein Name ein ſo ſicherer Bürge bei dem alten Laßman, wie auch noch bei andern Wu⸗ cherern iſt.) „Gehorſamer Diener! Danke für das Kompliment und gebe es zurück; aber ich bitte mir aus, meinen ehrlichen Kammerer keinen Wucherer zu nennen— gehe ein Mal zu einem Solchen, da wirſt Du ſogleich den Unterſchied finden! Jetzt muß ich aber fort, um dem Papa Laßman zu gratuliren und mich zur Hochzeit ein⸗ zuladen, und ſollteſt Du allenfalls durch Fräulein Lind⸗ feldts„Verbindungen“ in eine etwas ſchätzbarere Lage kommen als zur Zeit, und aus Dankbarkeit dem Fräu⸗ lein Deine ſchaͤtzbare Perſon zu Füßen legen, ſo rechne ich darauf, daß Du mich gleichfalls bey der Hochzeit nicht vergiſſeſt! Ich mache gern den Marſchall, um mir zu meinen übrigen Delorationen, noch den Hoſen⸗ oder vielt Strumpfbandorden zu verdiènen. Was meinſt Du zu Liſa Normans Strumpfband— he?“ Bei dieſen Worten küßte Roſell ſeine Fingerſpitzen, warf den aus⸗ gebrannten Cigarrenſtumpf weg und ſpazierte die Strand⸗ treppe hinauf. Der Notar ging den entgegengeſetzten Weg und begab ſich nach Hauſe. Wetterquiſt wohnte immer noch in ſeinem Dach⸗ kämmerchen, allein ſeine Phantaſie nahm jetzt einen ſo hohen Flug, daß er ſich nicht viel darum kümmerte, wo oder wie er in ſeiner gegenwärtigen Zeit der Er⸗ niedrigung lebte. Einſt müßte ja die Zeit kommen, wo er den Gipfel erklommen haben würde, wo er das Ziel ſeines treuen Strebens erreichte, wo ihm der Lohn werden müßte für den ſiegreichen Kampf mit den Qualen der 2 Ziel e lag, Wette Verge Schad die S miſche beſſer Zuwa mit m Weſte patent neuer komm öfter nicht Beihi freit r hagen. hatten Schul ausdrt nes L Art; Lindfe patent men v Unkoſt S nichts ſieht, ſtutzt ſuch ihm d Tage Miß⸗ Bürge n Wu⸗ liment meinen — gehe ich den m dem eit ein⸗ n Lind⸗ e Lage Fräu⸗ rechne oochzeit um mir n⸗ oder meinſt dieſen n aus⸗ Strand⸗ eg und Dach⸗ inen ſo umerte, der Er⸗ ommen, er das er Lohn Qualen 47 der Armuth und der Entſagung; und— wenn das Ziel erreicht war— dann war Alles, was hinter ihm lag, nie geweſen: da begann ein neues Leben; der Wetterquiſt von ehemals lag tief gebettet im Grabe d er Vergeſſenheit. Der arme Notarius— es iſt doch Sünd' und Schade um ſolche Leute, welche ſchon bei Leibesleben die Seelenwanderung beginnen.— Mit ſeinen ökono⸗ miſchen Verhältniſſen ſtand es in der That nicht viel beſſer als vürger denn ſeine vier Eleven haiten keinen Zuwachs erhalten, dagegen war aber ſein Budget jetzt mit weiteren Ausgaben belaſtet, als da ſind, reine weiße Weſten, friſchgewaſchne Nachtmützen, gentile Handſchuhe, patente Stirſeln und Halsbinden, vor Allem aber ein neuer Hut. Dieß Alles hatte ſein ganzes ſchmales Ein⸗ kommen der geſtalt in Anſpruch h genommen, daß er nicht öfter als ein Mal im Tage eſſen konnte und ſich ſogar nicht ſel lten den geliebten Kaffee verſagen muß d „Seildem er übrigens durch Roſell's freundſchaftliche Beihülfe von den unhöflichen Schloßkanzleidienern be⸗ freit war, hatte ihn das Andenken an das große Unbe⸗ hagen, welches ihm dieſe ewigen Plagegeiſter verurſacht hatten, ganz und gar von ſeinem früheren leichtſinnigen Schuldenmachen geheilt, und er lebte jetzt, wie er ſich ausdrückte, ſtets nur„für baares Geld.“ Aber ſotha⸗ nes Leben war, wie vorhin etwähnt, bedeutend magerer Art; denn da er einmal in der Woche zu Frau von Lindfeldt kam, ſo mußte er, mochte es koſten was es wollte, patent gekleidet ſeyn. Und ſomit reichte das Einkom⸗ men von drei Lektionen mit knapper Noth hin, um die Unkoſten für die vierte damit zu beſtreiten. Von den weiteren Plänen des Notarius wollen wir nichts ſagen. Wir bemerken häufig, wie närriſch es aus⸗ ſieht, wenn ein kleiner Vogel, welchem die Flügel ge⸗ ſtutzt ſind, ſich alle Mühe gibtezzu fliegen. Der Ver⸗ ſuch mißglückt natürlich; allein mit der Zeit wachſen ihm die Flugel und gewinnt er auch ſeine Freiheit nie ————C 5— 48 wieder, und kann er ſich auch nimmermehr in die Lüfte erheben, ſo öffnet ſich doch zuweilen einmal ſein Bauer, und er kann wenigſtens in einem, wiewohl eingeſchränk⸗ tern Gebiet umherflattern— in der Stube. Er iſt doch⸗ wenigſtens geflogen, und hat unterdeſſen in der Hoff⸗ nung gelebt. Am andern Tag, es war ein Dienſtag; hatte Wet⸗ terquiſt Fräulein von Lindfeldt Unterricht zu geben. Punkt halb zwölf Uhr machte er ſich auf den Weg, in völliger Galla, in lichtgrauen Sommerbeinkleidern— welche er ſich unglücklicherweiſe nicht früher als jetzt, gegen den Herbſt hatte zulegen können— einer friſch⸗ gewaſchenen weißen Weſte und ſeinem braunen Gehrock, den er in voriger Woche, an einem Tage, wo er frei von Lektionen und in Folge eines Schnupfens zu Hauſe geblieben war, hatte moderniſiren laſſen. Der Notarius ſah in der That wie ein echter Dandy aus, und die bleichen, in Folge der äußerſt ſtrengen Diät etwas ein⸗ gefallenen Wangen, gaben ihm ein unläugbar feines, höchſt nobles Ausſehen. Sein ſpaniſches Rohr in der Hand, mit Glacéhandſchuhen, an welchen kein einziger Fleck, keine einzige aufgeplatzte Naht war, und mit dem gelben ſeidenen Taſchentuche, welches er ſelbſt zweimal in der Woche in der Waſchſchüſſel wuſch, hatte er die gerechteſten Anſprüche auf vollkommenſte Eleganz. Si⸗ cheren Trittes, und hübſcher Haltung, ſpazierte er zum Kornhafen hinab, die wohlbekannten Treppen zu der Wohnung der Baronin hinauf. Wetterquiſt mußte ein wenig in dem Kabinet war⸗ ten, wo die Lektionen gewöhnlich gehalten wurden. Die Baronin war ausgegangen, das Fräulein würde aber, wie man ihm ſagte,„ſogleich kommen.“ Da ſich in⸗ deſſen Fräulein Mathildens Ankunft etwas verzögerte, vertrieb ſich der Notarius die Zeit damit, daß er im Zimmer umherging und ſich allerlei Kleinigkeiten beſah⸗ welche durch die Gewohnheit, dieſelben oft zu ſehen, ein gewiſſes Intereſſe für ihn gewonnen hatten. Daß er Fräulein trachtete, lereien durften, lein ſovi deſſen Ge ten, konn bemerken einem N Wet für eine lüftete e thet ode was dem Herzklopf nahm ze ſein eige Normans And fall verg vor ſein einen für der Furc Zweck, ſeyn, ja ihn in e der darü⸗ Thüre d in den 2 Leben du bornem ſich ſonſt helfen ge lung dur ſelbſt ma er ſich al Kamme Lüfte Zauer, Wet⸗ geben. g, in ern— jetzt, friſch⸗ ehrock, er frei Hauſe btarius nd die is ein⸗ feines, in der inziger it dem veimal er die Si⸗ er zum zu der t war⸗ Die aber, ich in⸗ ögerte, er im beſah, en, ein Daß er 49 Fräulein Mathildens Näharbeit mit andern Augen be⸗ trachtete, als das Uebrige, und gewiſſe werthvolle Spie⸗ lereien ſich einer zärtlicheren Aufmerkſamkeit erfreuen durften, als manches Andere, verſteht ſich von ſelbſt; al⸗ lein ſoviel Vergnügen dies auch dem Notarius machte, deſſen Gefühle bisher in lauter Süßigkeit geſchwelgt hat⸗ ten, konnte er doch nicht umhin, einen Gegenſtand zu bemerken, welcher mit einem weißen Tuche bedeckt, auf einem Nebentiſchchen lag. Wetterquiſt's Neugierde ward rege, und da er es für eine ſehr verzeihliche Sünde hielt, ſie zu befriedigen, lüftete er vorſichtig die Verhüllung. Er hatte vermu⸗ thet oder vielmehr ſich geſchmeichelt, etwas zu finden, was dem liebenswürdigen Fräulein angehörte; aber das Herzklopfen, mit welchem er ſeine Unterſuchung begann, nahm zehnfach zu, als er ſtatt deſſen, was er erwartete, ſein eigenes Gemälde fand, welches Mathilde in Frau Normans Trödelbude gekauft hatte. Andere Gefühle und Vorgänge hatten ihn den Vor⸗ fall vergeſſen laſſen, jetzt aber ſtand ſie wieder lebhaft vor ſeinen Augen. Die unangenehme Erinnerung an einen für ſeinen Stolz ſo peinlichen Augenblick, neben der Furcht, das Bild möchte vielleicht zu irgend einem Zweck, welcher auf ihn Bezug haben könnte, hingelegt ſeyn, jagte ihm das Blut in die Wangen, und brachte ihn in eine folche Aufregung, daß er die Serviette wie⸗ der darüber zu werfen vergaß. Als das Fräulein die Thüre öffnete, war es zu ſpät. Er hätte vor Schaam in den Boden ſinken mögen, und das erſtemal in ſeinem Leben durchfuhr ihn der Gedanke, daß es ihm an ange⸗ bornem Takt mangle. Wie einfach und leicht hätte er ſich ſonſt aus einer ſo unbedeutenden Verlegenheit zu helfen gewußt, ſo aber wuchs das Peinliche ſeiner Stel⸗ lung durch den unvortheilhaften Schluß, den er über ſich ſelbſt machte. Mit tiefſter Niedergeſchlagenheit erblickte Fer ſich als das Bild eines jungen Gymnaſiaſten, welcher Kammerer Laßman. II. 4 ——— vor ſeinem Abgang auf die Hochſchule, die erſte Viſſ in einem vornehmen Hauſe macht. Aber das Fräulein, und dies war gerade das Arg ſte beſaß und zeigte jenen natürlichen Takt, welcher der armen Wetterquiſt jetzt einzig als das beneidenswertt Vorrecht des Adels erſchien. „Ach, Sie betrachten mein Bild, Herr Notar — iſt es nicht hübſch? Und woher meinen Sie woß daß ich es habe? Ja, von einem Ort, wohin es geu nur in der höchſten Noth gekommen iſt— aus eim Trödelbude.“ Wetterquiſt ſah ſo roth wie ein Krebs aus, und fühlte es ſelbſt, ſo unbeholfen wie ein Zaunpfahl— hätte allerwenigſtens ſeine neuen Beinkleider darum g. geben, wenn er es anders zu machen im Stande gem ſen wäre— aber dies war eine reine Unmöglichkeit.( ſuchte ſich damit zu helfen, daß er einen oder den a dern Fehler(welche er natürlich am beſten kennen mußt in der Ausführung verſchiedener Partieen bezeichnen allein mit ſo undeutlicher Stimme, daß das Fräulcz kaum mehr davon verſtehen konnte, als ob er ihren G ſchmack und ihre Kunſtkennerſchaft tadeln wollte. Aus Ueberzeugung oder im Verdruß darüber, da letztere nur im Geringſten in Zweifel gezogen werde könne, vertheidigte ſie ihr Gemälde höchſt eifrig, un ſagte ihm, als unlaͤugbaren Beweis des Werthes, daß ihre Mutter im Begriff ſey, es zu ihrem Schwagt bringen zu laſſen, um ihm ein Geſchenk damit zu mi chen.„Graf L.... mein Oheim, iſt juſt in der Stadt, fuhr Mathilde fort, wir erwarten ihn heute Abend un ſind gewiß, daß er mit größtem Vergnügen unſerem klel nen Bild einen Platz in ſeiner reichen Gemäldegallen auf Dagſtaholm gönnen wird. Es iſt nicht der erſt Beitrag, den Mama ſo glücklich iſt, in ſeine Samm lung zu liefern. Meine Mutter erweist ihm zuweilat und gern eine ſolche Artigkeit, für die viele und großt Aufmerkſamkeit, welche der Oheim gegen uns hat. W Notarit g verräth — We liche, r Kouſin ſten W es in ſ nug, ſ zu bem M Heiterke barer 2 „S Iſt es Tropfer „” muß in Verwir und ſtü W kelſten hatte. Stirne ternden kens m hintrete ſeine H dern, a und Q niederſe nern, nichtet ſtürzt l bodenlo ſamer rſte Viſt das Arg. elcher da denswerll Notari Sie woh es geu aus eim s, und fahl— darum 9 nde gew chkeit. 6 r den an ien mußt ezeichnen Fräulei ihren G e. über, da in werde frig, un thes, da Schwagt it zu mi r Stadt, lbend un ſerem klei ldegallen der erſt e Samm zuweilen und groſt jat. 51 Wo ſtand jetzt dem Notarlus der Kopf?— Armer Notarius!— Der Graf zu Dagſtaholm, der treuloſe, verrätheriſche Freund des unglücklichen Baron Henning! — Wetterquiſt ſchwindelte das Hirn; Mathilde, die lieb⸗ liche, reizende Mathilde war alſo ſeine..... das Wort Kouſine getraute er ſich nicht einmal in dem verborgen⸗ ſten Winkel ſeines Herzens zu flüſtern— aber doch klang es in ſeinen Ohren wider. Kaum hatte er Faſſung ge⸗ nug, ſeine Aufregung mit einem plötzlichen Unwohlſeyn zu bemänteln. Mathildens Blick verlor ſchnell den Ausdruck von Heiterkeit und haftete mit ſchuͤchterner, aber unverkenn⸗ barer Theilnahme auf ihm. „Sie ſehen in der That ſehr blaß und unwohl aus. Iſt es denn ſo ſchnell gekommen? Nehmen ſie ein paar Tropfen! Mama hat Hofmänniſche und Prinzenstropfen.“ „Nein, nein, ich danke, danke unendlich.... ich muß in die friſche Luft! Entſchuldigen Sie!“ In ſeiner Verwirrung ergriff er die Hand des Fräuleins, küßte ſie, und ſtürzte hinaus. Wetterquiſt lief unaufhaltſckin fort, bis er den dun⸗ kelſten und abgelegenſten Theil des Hagaparks erreicht hatte. Hier warf er ſich nieder und kühlte die heiße Stirne im bethauten Gras. In dieſem düſtern erſchüt⸗ ternden Augenblick war er keines vernünftigen Gedan⸗ kens mächtig. Er wollte trotzig vor den Grafen L... hintreten und ihm ſagen, welch' großes Recht er auf ſeine Hilfe und ſeinen Schutz habe, er wollte Alles for⸗ dern, als billigen Erſatz für die Erniedrigung, Schmach und Qual, zu welcher er bisher verdammt geweſen; niederſchmetternde Worte wollte er dem entgegen don⸗ nern, der das einſt ſchuldloſe Glück ſeiner Mutter zer⸗ nichtet und ihn ſelbſt in den Abgrund des Elends ge⸗ ſtürzt hatte, der ihm, wenigſtens in dieſem Augenblick, bodenlos ſchien. Aber bald gewann ſein ſtolzer unbeug⸗ ſamer Sinn die Oberhand über dieſe Phantaſien. Wie 4* —— feig kam es ihm vor, wenn er vor dem, welchen er nicht Vater zu nennen wagte, ſchüchtern, im Gefühl ſeiner Schmach, namenlos, um Barmherzigkeit flehend, ſtehen ſollte, der, obgleich ihm ſo nahe ſtehend, niemals gefragt hatte, ob und wo er lebe und ſey! Sollte er ſich dem Schimpf ausſetzen, wahrſcheinlich mit Verachtung, Gleich⸗ giltigkeit oder Lauheit abgewieſen zu werden— abge⸗ ſpeist, vielleicht mit ein paar lumpigen Thalern! — Nein. mochte es auch gehen, wie es wolle, er war nicht im Stande, ſeine aufrühreriſchen Gefühle zu be⸗ zwingen, die bei dem bloßen Gedanken an die Qual, welche er ſelbſt mit peinlicher Sorgfalt nährte, ſeine Bruſt durchtobten. Dieſe letzte Erniedrigung wollte er ſich wenigſtens erſparen.„Er hatte bisher dieſen Weg zu ſeinem Fortkommen verachtet,— mußte er ihn nicht ferner verachten? Aber von der andern Seite, wenn er den glücklichen Fall annahm— welche Ausſicht öffnete ſich ihm? Konnte nicht möglicherweiſe der Graf auf an⸗ dere milde Gedanken kommen. War es nicht denkbar, daß er mit Freuden für das Glück desjenigen ſorgte, den er ſo lange hilflos gelaffen? Und endlich, ſtand es nicht in ſeiner Macht, den einfachen Namen Wetterquiſt mit einem Zweig einer hochgebornen Familie zu verbinden? Eine angebetete Gattin, eine gute Anſtellung, ein ſor⸗ genfreies Leben, Alles dies ſtand in der Macht des rei⸗ chen, vielvermögenden Mannes, wenn er es dem Ver⸗ kürzten zum Erſatz geben wollte. Aber nun entſtand die Frage, in wie weit wollte er, Wetterquiſt, dies anneh⸗ men: war es nicht edel, beiſpiellos, Allem zu entſagen, und unzweifelhaft noch bewundernswerther, nie den Schleier zu lüften, welcher ſeine Abfunft deckte? Blos ein Um⸗ ſtand ſträubte ſich gegen ein ſolches Opfer, blos ein Tropfen Galle miſchte ſich in dieſe Befriedigung ſeines Stolzes: Wer außer ihm ſelbſt, konnte ſeine Entſagung, ſeinen Muth bewundern? So phantafirte der junge Mann und kämpfte mit ſich ſelbſt, bis er endlich, ſpät am Abend, nach der auf ſe Stadt den I der T viellei haſche offen, Bild, zen S eines lauten es ſell wer e Lebens ohne halten 9 den C und d nicht mel u verlor vornel Gedäc welche wechſe 5 Fenſte ſagte die B Schul gleich S 5 rück; auf, 2 er nicht al ſeiner , ſtehen gefragt ſich dem Gleich⸗ 3 abge⸗ er war zu be⸗ 2 Qual, 2, ſeine ollte er en Weg hn nicht wenn er öffnete auf an⸗ denkbar, gte, den es nicht uiſt mit binden? ein ſor⸗ des rei⸗ n Ver⸗ tand die anneh⸗ ntſagen, Schleier in Um⸗ los ein ſeines ſagung, pfte mit ach der 53 Stadt zurückkehrte. Er konnte es ſich nicht verſagen, den Weg über den Kornhafen zu nehmen, er wollte an der Wohnung der Baronin Lindholdt vorüber— um vielleicht einen Schatten von Mathildens Geſtalt zu er⸗ haſchen. Es war noch nicht völlig dunkel; ein Fenſter ſtand offen, aber in dieſem Fenſter erſchien nicht das holde Bild, welches ihm auch in der ebenvergangenen, ſchwar⸗ zen Stunde vorgeleuchtet hatte,— ſondern die Geſtalt eines Mannes, deſſen Anblick dem Notarius faſt einen lauten Ausbruch des Erſtaunens erpreßt hätte— er war es ſelbſt. Hätte ihm nicht eine plötzliche Ahnung geſagt, wer es ſeyn könne, hätte er nicht die ganze Figur in Lebensgröße und ſich daneben in Miniatur erblickt— ohne Zweifel würde er ihn für ſeinen Doppelgänger ge⸗ halten haben. 1 Nun zweifelte er aber nicht im geringſten, daß er den Grafen Ernſt L— von Dagſtaholm vor ſich habe; und da der hohe Mann den unbedeutenden Fußgänger nicht zu bemerken ſchien, ſo blieb Wetterquiſt, den Him⸗ mel und die Hölle in der Bruſt, in ſeinem Anſchauen verloren ſtehen. Jeder einzelne Zug des noch ſchönen, vornehmen Geſichtes des Mannes prägte ſich tief in ſein Gedächtniß. Ach, wie klopfte ſein Herz, welche Qual, welche verſchiedene Gefühle beherrſchten ſeine Bruſt, wie wechſelte Feuer und Eis in ſeinen Adern! In dem Augenblick ging Frau von Lindfeldt am Fenſter vorüber.„Sieh' da, Notarius Wetterquiſt!“ ſagte ſie halblaut.„Er ftrirt Dich ſcharf.“ Dabei klopfte die Baronin ihren gräflichen Schwager leicht auf die Schulter. Er ſah ebenfalls hinab; ein kalter, eiſiger gleichgültiger Blick traf den Fremdling— den Sohn. Das Blut trat Wetterquiſt von den Wangen zu⸗ rück; nur Einen Blick ſandte er noch zum Fenſter hin⸗ auf, dann verſchwand er. Die Nacht brachte er nicht auf ſeinem Zimmer zu. „Sonderbar!“ rief die Baronin aus;„was der Meuſch Dir ähnlich ſieht! Haſt Du es nicht auch be merkt?“ „Ich habe Nichts bemerkt, als daß er ſich wie ei Narr gebärdet hat!“ antwortete der Graf in ſcharfen kaltem Ton. Mathilde ſtand an dem ande Vorhange und ſah gleichfalls Sie ſah, wie er ſtehen blieb, außerordentlichen Aufregung, kundeten, nem gewöhnlich ſo eleganten Anzug und ſonſt ſo hül ſchen Anſtand. Auch der letzte Blick, welchen er a war ihr nicht enm en Fenſter hinter der auf den Notar hinal folgte mit den Blicken de welche ſeine Züge beu das Fenſter herauf geworfen hatte, gangen und obgleich ſie ſich das Auffallende der Sach auf keine Weiſe genügend zu erklären vermochte, ſ fühlte ſie doch einen geheimen unerklärlichen Schmer Ihr ſanftes Herz litt, wenn es einen Andern leide ſah; ſie hatte Mitleid mit jedem Unglücklichen un ſchon ſeit ihrer erſten Bekanntſchaft mit dem Notarin kam es ihr vor, als ob er ein Stiefkind des Glücke ſeyn müßte. Als Mathilde am Abend ihr Kammerchen betrat ſtand Wetterquiſts Bild, wie ſie ihn auf der Straß geſehen, immer noch lebhaft vor ihrem Innern. Sie verſuchte wohl den Gedanken an ihn mit einigen anden jungen Männern zu theilen, welche ihr augenſcheinlich Aufmerkſamkeit zu erzeigen pflegten, allein deren Bil erblich bald, denn ſie ſtanden auch nicht entfernt i einem romantiſchen, ungewöhnlichen Licht. Dagege erfreute ſich der Notarius mancherlei derartiger Eigen ſchaften, welche den Eigenthümer in den Augen einen achtzehnjährigen Mädchens intereſſant machen. Als Fräulein Mathilde der lockenden Gewalt der Schlafs nachgeben mußte, entſchlief ſie mit dem Wun ſche, wenn doch morgen Unterrichtsſtunde leider war dieß nicht vor Donne duldig ſehnte ſie ſich darnach wäre; aben rſtag der Fall. Unge und zu ihrer eigenen Ver⸗ 8 bemerkte die offenbare Nachläſſigkeit in ſe wund nung oder, zu n Liſa Norrl gewü wie Wun Sach Etwe ter ſt nen b an de ware! uns; von führe trübſt Liſa Alten gehör chem der denn Vt auch be ch wie ei ſcharfen linter den rar hinat Blicken de züge beu eeiit in ſei⸗ ſt ſo hül ſen er a nicht en der Sach ochte, ſ Schmer on leide ichen un Notarin § Glücke n betrat r Straß rn. Si en ander ſcheinlich ren Bih tfernt i Dagegen r Eigen een einer walt der m Wun re; aben Unge nen Ver 55 wunderung überraſchte ſie ſich bei der geheimen Hoff⸗ nung, daß die Mutter dann vielleicht Beſuch bekommen oͤder, wie heute, gar ſelbſt einige nothwendige Viſiten zu machen haben möchte. —— Fünftes Kapitel. Liſa beweist dem Kammerer erſtens: die Nothwendigkeit ſich in Norrbacka trauen zu laſſen, und zweitens: daß man unmöglich mit drei Zimmern auskommen könne. „Da bin ich, liebe Liſa, auf die Minute, wie Du gewünſcht haſt! Nun ſag' mir aber auch, rein beraus, wie Du es haben willſt; denn es ſoll ganz nach Deinem Wunſch gehalten werden— das iſt eine Ansgennachte Sache!“ „Ja, aber vielleicht iſt es doch Unrecht von mir, Etwas vorzuſchlagen, was gegen die Wünſche der Mut⸗ ter ſtreitet: ſie freut ſich ſo ſehr, ihre alten Freundin⸗ nen bei dieſer Veranlaſſung zu ſehen: aber das Schlimmſte an der Sache iſt das, wenn ſie zuerſt auf der Hochzeit waren, ſo kommen ſie ſicher rlich den andern Tag, um uns zu gratuliren und dieß erfordert wieder eine Menge von Zurüſtungen.“— „Gott bewahre! Gott bewahre! Wohin ſollte dieß führen?“ rief der Kammerer aus und machte ein höchſt trübſeliges Geſicht dazu. „Ja, und damit iſt es noch lange nicht aus!“ fuhr Liſa fort, der es vollkommen in den Gram taugte, den Alten erſt ein wenig ins Bockshorn zu jagen, um ihn gehörig mürb zu machen für den Vorſchlag, mit wel⸗ chem ſie nachkommen wollte. „Nun, und was wäre es denn noch weiter?“ fragte der Kammerer mit merklichem Erſtaunen;„ich meine denn doch, das wäre ſchon ſchlimm genug!“ „Ja, dann ſollen wir auch zu ihnen kommen, und — ——— 56 wenn wir ihre Artigkeit nicht annehmen, ſo verſchreien ſte uns für ſchrecklich hochmüthig und Gott weiß für was noch Alles! Gehen wir aber hin, ſo wird das ein ein ewiges Hinüber und Herüber viſiteln, was wir nicht unter fünfzig Thaler im Monat ausmachen.“ „Daraus wird Nichts; daraus wird wahrhaftig Nichts!“ eiferte der Kammerer;„unter ſolchen Um⸗ ſtänden iſt es freilich ein für alle Mal nöthig, eine ſolche Hochzeit zu vermeiden! Aber laß vernehmen, wie Du die Sache eigentlich einrichten willſt.“ „Wenn Du meinem Vorſchlag Gehör ſchenkſt, ſo wäre mein Rath(ich meine aber nur ſo— Du kannſt doch in der Sache handeln, wie es Dir beliebt) wir nähmen ein paar Wagen und führen über Land, zum Beiſpiel nach Norrbacka. Es dürfte Niemand von der Partie ſeyn, als wir ſelbſt, der Pfarrer, die Mutter und Muhme Malla; Du könnteſt noch ein paar Herren von Deiner Bekanntſchaft mitnehmen, allenfalls wenn Du meinſt, den Regierungsſekretär Roſell. Er iſt ſo freundſchaftlich und hat uns ſo herzlich Glück gewünſcht.“ „Ach ja, er hat ſich bereits ſelbſt eingeladen; aber — was den Vorſchlag mit dem Wagen betrifft, liebe Liſa,— das iſt eine zu theure Geſchichte, beſonders wenn wir auch dort noch Etwas verzehren, und dieß muß man ja doch wohl, Schanden und Ehrenhalber.“ „Ach, das iſt eine Lappalie gegen die Widerwär⸗ tigkeit, all' das Volk von Mama's Bekanntſchaft auf den Hals zu kriegen— das würde am Ende noch viel mehr koſten,— glaub' mir!“ „Ja, das glaube ich wohl; allein das iſt Etwas, was man thun oder bleiben laſſen kann. Wenn indeſſen Deine Mutter an den Koſten Theil nehmen will, ſo könnten wir es ſchon auf die Art, wie Du meinſt, machen.“ „Ich glaube, daß wir dieß der Mutter nicht wohl zumuthen können, wenn ſte die Hochzeit nicht nach ihrem Kopf halten darf.“ — Ton, Geda und und ſ laſſen ſüßer wäre wir — l nein, daß i lich Mitte ich d / einzu verme ſo m. ten d ſo üb uns d auch ſobalt nung gehup bei de dieſe und I den z es Et uns ſ erſchreien weiß für das ein wir nicht ahrhaftig hen Um⸗ ig, eine nehmen, enkſt, ſo u kannſt ebt) wir 1d, zum von der Mutter Herren s wenn r iſt ſo ünſcht.“ n; aber „liebe eſonders nd dieß ber.“ derwär⸗ aft auf och viel Etwas, ndeſſen ill, ſo meinſt, t wohl ihrem 57 „Zwei Wagen!“ ſeufzte der Kammerer in einem Ton, welcher verrieth, daß er die Ausgabe bereits in Gedanken überrechnet hatte,„zwei Wagen! Hm, hm, und dann noch Thee, Konfekt, Wein, und den Teufel und ſeine Großmutter— das wird ein Heidengeld koſten!“ „Eine Hochzeit muß man ſich freilich Etwas koſten laſſen, liebes Laßmanchen,“ wendete Liſa mit honig⸗ ſüßer Sanftmuth ein.„Zum Thee erſt hinausfahren, wäre offenbar zu ſpät, es wird bereits früh dunkel— wir müſſen nothwendig draußen zu Mittag eſſen.“ „Mittageſſen zu Norrbacka', für ein, zwei, drei — laß ein Mal ſehen— acht Perſonen! Nein, Liſa, nein, mein Schatz, das kann nicht angehen! Gott weiß, daß ich Dir in Allem, was menſchenmöglich iſt, herz⸗ lich gern Deinen Willen thun will— allein Wagen, Mittageſſen, Wein, Konfekt, Gott ſteh' mir bei, wenn ich dieß zu erſchwingen im Stande bin!“ „Dann muß es eben bleiben, wie es die Mutter einzurichten gedenkt, und wir müſſen uns in das Un⸗ vermeidliche fügen; denn hat man einmal A geſagt, ſo muß man auch B ſagen.“ Der Kammerer maß nachdenklich mit großen Schrit⸗ ten das Zimmer.„Dein Einfall war im Ganzen doch ſo übel nicht, liebe Liſa, auf ein Dorf zu fahren und uns dort trauen zu laſſen! Könnte dieß denn aber nicht auch anderswo geſchehen, etwa in unſerer Wohnung,— ſobald ich eingezogen bin und ſie ein wenig in Ord⸗ nung gebracht habe?“ „Wenn es in der Stadt geſchehen ſoll, ſo iſt es gehüpft wie geſprungen, und gerade ſo, als wenn es bei der Mutter wäre,“ lautete Liſa's Einwand.„Alle dieſe Leute, weißt Du ja, ſind euch alte Bekannte und rechnen darum ſammt und ſonders darauf, eingela⸗ den zu werden. Fahren wir aber über Land, dann iſt es Etwas ganz anderes: dann ſehen ſie, daß wir unter uns ſeyn, nur für uns leben wollen und die Abſicht 58 haben, mit Niemand Umgang zu pflegen und keinen Beſuch anzunehmen.“ Die pfiffige Liſa hütete ſich wohl ihrem Bräuligam zu ſagen, daß ſie ſich aus purer Eitelkeit von ihren ehemaligen einfachen Bekanntſchaften los machen, aus Eitelkeit ſich auf dem Land trauen laſſen wollte— um mit einer Suite von Wagen pompös auszufahren. Es war, ſo dachte wenigſtens Liſa, etwas ganz Beſonderes, etwas Ausländiſches, etwas höchſt Vornehmes. Das ſetzte ſie auf einmal in eine andere Stellung; die ganze Nachbarſchaft mußte ja von Lucie Normans mo⸗ derner Hochzeit ſprechen; und dann, wie herrlich war es draußen in Norrback, wo man ſich nicht von dem alten langweiligen Trödelweibervolk und hauptſächlich vor der dicken Kellermeiſterin zu geniren brauchte und nach Herzensluſt plaudern konnte mit— ihrem Mann vielleicht? ach nein,(dazu war immer noch Zeit genug) mit dem luſtigen, liebenswürdigen Roſell. Liſa war leichtſinnig— ſie konnte ſich dieß ſelbſt nicht verhehlen— allein ſie wollte es fortan mit äu⸗ ßerſter Feinheit und größter Anmuth ſeyn. Sie liebte weder, noch wollte ſie irgend einen Mann um ſeinet⸗ willen lieben, allein ſo vieler junger Männer Blick als nur möglich auf ſich ziehen, ohne irgend Einem den geringſten Vorzug, den geringſten Schimmer von Hoff⸗ hung zu geben, dieß ſchien ihr das höchſte Glück, die ſchönſte Ehre für eine Frau zu ſeyn. Demungeachtet dürfen wir uns übrigens Liſe nicht ohne allen Werth denken. Ihr Herz war von Natur gut; ſie hatte ein obwohl undeutliches Gefühl oder beſſer, eine Vorſtellung von den Pflichten, welche ſie übernahm; ſie wollte ihren Mann ehren und hochſchätzen, ſeine Wünſt ihrigen übereinſtimmten; ſie wollte fleißig und ordent⸗ lich in ihrem Hausweſen ſeyn, ſich beſtens in den Alten ſchicken, ihm die freundlichſten Worte geben, und ſeine kleinen Launen und Eigenheiten tragen. Dafür wollte 1 che erfüllen, ſo lange dieſe nämlich mit den ſie ſ über unu woll kann das ihr vore wir zer 8 dieß einer des Beg den fand anne es w erfüll ich d keinen äuligam en ihren en, aus — um en. Es onderes, 3. Das ig; die ans mo⸗ ich war on dem ſächlich hte und Mann genug) ß ſelbſt nit äu⸗ 2 liebte ſeinet⸗ lick als em den 1 Hoff⸗ ck, die e nicht Natur l oder ſche ſie hätzen, nit den ordent⸗ Alten dſeine wollte 59 ſie ſich aber auch, vermittelſt der Gewalt, wel lche ſie über ihren zukünftigen Gatten zu dewinden gedachte, unumſchränkte Freiheit ſchaffen, Alles zu thun, was ſie wollte, ſich alle möglichen Bergnügungen erlauben, Be⸗ kanntſchaften in den höhern Ge ſellſchaften ſuchen und das ganze Haus kommandiren und gouverniren, wie es ihr in's Köpfchen kam. Daß All' dieß ſchnurſtracs im Gegenſatze zu ihren vorerwähnten guten Vorſätzen ſtand, merkte Liſa— wie wir verſichern können— nicht im geringſten: ihr gan⸗ zer Plan war baufällig und auf Schrauben geſtellt; dieß zeigte ſich aber ſpäter noch klarer. Trotz allen möglichen Beweiſen Liſa's für den Nutzen einer Fahrt nach Norrbacka, kämpften doch noch immer des Kammerers Kargheit und ſein Wunſch Liſa's Begehren zu erfüllen, einen ſchweren Streit. Gegen den Vorſchlag an und für ſich hatte er eigentlich Nichts, fand ihn ſogar ganz geeignet, um dadurch all' der Un⸗ annehmlichkeiten quitt zu werden, welche ihm Liſa- vor⸗ gerechnet hatte; allein, gleich andern Geizhälſen, ſah der Kammerer nur auf den augenblicklichen Gewinnſt. Richtete Frau Norman die Hochzeit aus, ſo hatte er die Geſchichte vom Halſe und der Spaß koſtete ihn keinen Stüber, denn in dem Fall bezahlte ſicher die Frau Schwiegermama auch Pfarrer und Kutſcher, und dann wollte er Den ſehen, der ihn zwingen wollte, ſeine Thüre aufzumachen, wenn er ſie ein Mal zugemacht hatte. Freilich war Alles dieſes nichts für Liſa's Ohren; der Kammerer begnügte ſich ſonach nur durch eine ſpre⸗ chende Pantomime ſeine Abgeneigtheit zu erkennen zu geben. „Ich hatte geglaubt, erwiederte Liſa, welche meinte, es ſey nun an der Zeit, einen andern Ton anzuneh⸗ men— nich war vielmehr ſo kindiſch mir einzubilden, es würde Dir Freude machen, meinen erſten Wunſch zu erfüllen; da dieß aber nicht der Fall iſt, ſo werde ich auch kein Wort mehr darüber verlieren! Soviel — 60 weiß ich aber, daß ich im Leben nicht vergeſſen werde, wie mein erſter Wunſch ſogleich eine abſchlägige Ant⸗ wort erfahren mußte. Ich bin etwas abergläubiſch und halte es gewiß für eine ſchlimme Vorbedeutung.“ Das hieß den Kammerer am rechten Fleck anpacken; er war ſelbſt etwas abergläubiſch und gar nicht abge⸗ neigt, an ſogenannte böſe Vorzeichen zu glauben. Liſa freute ſich, ihm eine ſeiner ſchwachen Seiten abgelauert zu haben— die Wirkung davon ſtand deutlich auf des Alten Geſicht zu leſen. 8 Nach einer kurzen Pauſe erwiederte er:„Das koſtet Geld, Liſa, viel Geld; aber Du ſollſt keine Urſache haben mir vorzuwerfen, daß ich Dir Deine erſte Bitte abgeſchlagen hätte! Ich will zwei Wagen nehmen— ſie ſollen noch heute beſtellt werden— Du mußt mir aber dagegen verſprechen, daß wir bei Zeiten wieder heimfahren— denn ich habe nicht im Sinne bis ſpät in die Nacht aufzubleiben.“ Mit einem tiefen Seufzer, denn es waren ganz ſchwarze Gedanken, welche jetzt unſre junge Braut über⸗ kamen, gab ſie ihm das verlangte Verſprechen, ließ ſich dann mechaniſch den Kopf umwenden und litt den Kuß des Kammerers, den er ihr gleichſam zur Belohnung für ihre große Nachgiebigkeit verabreichte. „Haſt Du Dich ſchon nach einer paſſenden Wohnung umgeſehen?“ Mit dieſen Worten begann Liſa ein neues für ſie nicht minder wichtiges Thema. „Ja, ich habe zwei auf dem Korn, die eine im ſüd⸗ lichen Theil der Stadt, in der Göthaſtraße, die andere, welche heute im Tagblatt angezeigt iſt, liegt am Ende der Nordlandſtraße.“ „Das ſind beide keine hübſche Lagen,“ meinte Liſa. „Beſonders will ich nicht im Südtheile wohnen. Wie viel Zimmer ſind es?“.. „Drei, nebſt Küche.“ „Drei Zimmer?— doch wohl ohne die Magd⸗ kammer?“. roth r menen ſagt, es dock Schla einem 77 ſchlecht muß die Fe⸗ ſondere unſer 71 Herren mir ni der Sc ſchäft? „ durcha wachſen werde, e Ant⸗ ch und 4 acken; abge⸗ Liſa lauert uf des koſtet irſache Bitte en— t mir vieder 3 ſpät ganz über⸗ 5 ſich Kuß pnung hnung neues ſüd⸗ -dere, Ende Liſa. Wie Lagd⸗ 61 „Nein, zwei Zimmer und ein Kämmerchen dicht neben der Küche.“ 3 „Und dieß nennſt Du eine Wohnung?“ rief Liſa roth vor Aerger aus, und fiel ganz aus der angenom⸗ menen Sanftmuthsrolle.„Haſt Du nicht beſtimmt ge⸗ ſagt, daß wir drei Zimmer haben ſollten; weniger dürfen es doch nicht ſeyn als ein Saal, ein Vorzimmer, und eine Schlafſtube!“ „Ach Gott, lieber Schatz, was ſollen wir denn mit einem Saal? Wir geben ja keine Geſellſchaften und wenn wir Staatszimmer und Schlafſtube haben, ſo iſt das wohl hinreichend.“ „Und das Staatszimmer ſoll als Wohnzimmer be⸗ nützt werden?“ „J Gott bewahre! da wären unſre Koſtbarkeiten ſchlecht aufgehoben! Nein, liebe Liſa, das Staatszimmer muß ſtets ſorgfältig verſchloſſen ſeyn, außer wenn wir die Fenſter öffnen, um auszulüften, oder bei anderen be⸗ ſonderen Gelegenheiten, das Schlafzimmer iſt zugleich unſer gemeinſchaftliches Arbeitszimmer.“. „Und wenn, wie dieß häufig der Fall ſeyn wird, Herren in Geſchäften zu Dir kommen, ſo ſoll ich ſie ſo mir nichts Dir nichts empfangen, entweder gar noch in der Schlafhaube, oder Gott weiß bei was für einem Ge⸗ ſchäft? Nein, dafür danke ich— das gienge mir ab!“ „Du haſt Recht—'s geht nicht an— nein, nein, durchaus nicht!“ fiel der Kammerer eifrig ein!„Du haſt ganz Recht; wenn ich eine junge hübſche Frau daſitzen hätte, ſo wäre es wahrhaftig noch ein größeres Geläufe als bisher. Nein, ich muß eine eigene Stube haben, das iſt allerdings nothwendig, auf die Koſten darf ich dabei nicht ſehen.“ „Ach, wenn Du meinſt, daß ſo hie und da ein Mal ein paar Herren um meinetwillen gelaufen kommen ſoll⸗ ten— darüber brauchſt Du Dir keine grauen Haare wachſen zu laſſen, denn ich werde ſie ſchon in gehöriger ——— 62 Entfernung zu halten wiſſen— und ſo thöricht wirſt Du hoffentlich nicht ſeyn, eiferſüchtig werden zu wollen?“ „Dafür kann ich Dir denn doch nicht Brief und Siegel geben, liebe Liſa! Ein alter Mann mit einer jun⸗ gen hübſchen Frau mag wohl einige Urſache dazu haben. Ich ſetze zwar mehr Zutrauen in Dich; allein man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen, und wie geſagt, ich muß ein beſonderes Zimmer für mich haben, wo ich die Leute empfangen kann, die mit mir reden wollen. „Gut— das heißt alſo ſoviel, daß wir vier Zimmer haben müſſen?“ „Ja, wir werden wohl in einen ſauern Apfel beißen müſſen— vorausgeſetzt daß nicht die Magd in der Küche ſchlafen kann.“ „Und die Wohnung ſelbſt entweder in der Stadt oder in der Nordvorſtadt!?“ „Oder im Südtheil, mein Schatz; dort iſt die Miethe am wohlfeiſten.“ „Wohlfeilſten und immer wohlfeilſten! Sprich doch nicht immer von theuer und wohlfeil, und laß uns auch ein Mal darauf ſehen, ob es das beſte iſt.“ Bei dem letzten Wort ſtrich Liſa dem Alten ſchmeichelnd mit der Hand über die Stirne. Des Kammerers Geſicht hellte ſich auf; es wurde ihm ganz warm um's Herz.„Wir wollen ſehen— es wird ſich wohl machen laſſen.“ Die folgende Woche war unſer armer Kammerer ſtets auf den Beinen— immer auf der Straße. Er hatte ſchrecklich viel zu thun, um Alles gehörig in Ord⸗ nung zu bringen. Endlich entſchied er ſich, am erſten Oktober für ein Parterrelogis in der Regierungsſtraße, mit vier Zimmern, eine ganz huübſche nett möblirte Woh⸗ nung, höchſt„confuntabel“ nach Frau Normans Ver⸗ ſicherung,„magnifik“ nach der Hofmeiſterin Anſicht, und „gräulich vornehm“ wie ſich Muhme Neta„nicht ſo ganz unrichtig ausdrückte, als ihr eines Tags die Ehre zu Theil ward, ſie beſehen zu dürfen, L eine de in der keinem die M kaum Liſa n helfen. Stube um d wurde erhielt Die S den un rauchig nur in rade a ein Zi Gebär oft ſie hier au ſpielte Bedeut Der Ka D nur imn erwacht nach d war, h tt wirſt ollen?“ ief und der jun⸗ haben. an ſoll geſagt, wo ich llen. Zimmer beißen Küche Stadt Miethe h doch s auch ei dem nit der wurde — es amerer Er Ord⸗ erſten ſtraße, Woh⸗ Ver⸗ t, und bganz Theil 63 Liſa hatte ſich bereits heimlich Rechnung gemacht, eine der Stuben zum Salon umwandeln zu können, allein in dem wahrhaften Kellerloch von Küche konnte man keinem Menſchen zumuthen zu ſchlafen, deßhalb mußte die Magd eine eigene Kammer bekommen, welche freilich kaum ein Saal genannt zu werden verdient hätte. Allein Liſa war nicht auf den Kopf gefallen und wußte ſich zu helfen. Beſagte Magdkammer ſtieß an eine große hübſche Stube, welche zum Viſitenzimmer beſtimmt war, und um dieſem einen Anſtrich von Vornehmheit zu geben, wurde die Magdkammer zum Vorgemach umgetauft und erhielt das Privilegium als gewöhnliches Speiſezimmer. Die Staatsſtube, Wohnzimmer und Schlafgemach ſtan⸗ den unter der Dispoſition der Frau, und ein abgelegener rauchiger Winkel, deſſen einziges Fenſter hinten auf den Garten ging, erfreute ſich der Ehre, Arbeits⸗ und Ge⸗ ſchäftslokal des Kammerers zu heißen. Am Abend vor dem Hochzeittage war Alles, was nur immer von Herrlichkeiten Platz finden konnte, in Pa⸗ rade aufgeſtellt und die geſchmeichelte Braut durchſchritt ein Zimmer um das andere und grüßte mit anmuthiger Gebärde ihr Bild in dem erwähnten großen Spiegel, ſo oft ſie daran vorüber ging— freilich nahm ſich dieſer hier auch anders aus, als im Triangel. Ein frohes Lächeln ſpielte um Liſa's Lippen; ſie dachte nicht an die tiefe Bedeutung des kommenden Tags. Sechstes Kapitel. Der Kammerer ſagt dem Junggeſellenleben Valet. Hochzeit. Was Frau Norman für Betrachtungen darüber anſtellt. Der Hochzeitstag brach an, ſo trüb und häßlich wie er nur immer im Oktober zu erwarten war. Unſer Kammerer erwachte in der feierlichſten Stimmung. Heute erſt, wo nach der großen Unruhe endlich Stillſtand eingetreten war, hatte er dazu kommen können, ſeine Betrachtungen ——j—;— 64 anzuſtellen, wie wichtig und folgereich der Schritt ſey, welchen er zu thun im Begriff war. Unter ſehr natürlichem Herzklopfen verließ er das Kämmerchen, welches er für die paar noch übrigen ledi⸗ gen Tage im Beſitz genommen hatte und ging in das Staatszimmer. Er trat höchſt behutſam auf; es kam ihm jeder Schritt wie ein Vergehen vor— auf dem ſehonen Teppich, welchen er bisher nur mir dem Aus⸗ klopfſtöckchen berührt hatte— der Teppich ſchrieb ſich nämlich aus demſelben dreieckigen Heiligthum her, wie die übrigen Herrlichkeiten. Man konnte übrigens wohl bemerken, wie all' dieſe Siebenſachen, mit welchen er ſo vertraulich umging, als ſie noch in ihren eigenen vier Pfählen der frühern kleinen Wohnung, an Meiſter Sa⸗ muels Ecke, eingepfercht waren, ihm nun ganz vornehm, fremd und kalt vorkamen, als ſie an ihrem erhabenen Platz prunkten. In den großen Marmorvaſen dufteten Blumen: Liſa hatte es ſo haben wollen; und obgleich es der Kamme⸗ rer faſt für eine Vermeſſenheit hielt, ſie auf ſolche Weiſe gleichſam zu entweihen, mußte es dennoch geſchehen, denn Liſa's bewunderungswürdige Weibermacht war be⸗ reits zur Hälfte allmächtig. Der Kammerer blieb vor dem großen Spiegel ſtehen, und betrachtete mit einem mehr kummervollen als frohen Lächeln zuerſt ſeine eigene Geſtalt— ein Schlafrock, in welchem ein alter Kerl ſtack— dann die Menge von Prachtartikeln um ihn her, mit welchen Liſa den Spie⸗ geltiſch völlig bedeckt hatte.„Als Alles noch im Tri⸗ angel ſtand, gefiel es mir doch beſſer— da war es an— ders;— Iſt mir's doch jetzt, als ob ich in ein fremdes Haus träte.“ Der Kammerer konnte einen Seufzer nicht unterdrücken; es kam ihm unwillkürlich vor, als ob, trotz allem winterlichen Geſchick, er dennoch ſeine glücklichſten Tage gehabt habe Liſa— jung, hübſch, wohl auch etwas leichtſinnig,— ſollte ſie wohl ihr Glück in dieſem hübſchen Käficht finden?— ſollte ſie wohl für ihn leben und ihm und hoff Unſ zu beant kommen drängten denn nic rige ſtell Auf Kammer ein und Bettvork Stück b fünfzehn ſchlumme auch die denn ſie welche d hin,„de machen Liſa: wi ſchlafen nicht der andere. Hälfte v Möbelüb ſehen m Sein K Hoffnung dem Tro Ende ha man mu Er Kamme itt ſey, er das en ledi— in das es kam if dem n Aus⸗ eb ſich r, wie s wohl ner ſo en vier er Sa⸗ rnehm, abenen 1: Liſa amme⸗ Weiſe ſchehen, var be⸗ ſtehen, frohen vock, in ge von Spie⸗ m Tri⸗ es an⸗ remdes r nicht 5, trotz lichſten ol auch dieſem 8 n leben 65 und ihm ſeine Tage ſo verſüßen, wie er ſo herzlich wünſchte und hoffte? Unſer alter Laßman wagte ſich dieſe Fragen nicht zu beantworten; er konnte faſt nicht aus dem Zimmer kommen vor all' den Betrachtungen, welche ſich ihm auf⸗ drängten. Der Beſchluß war ein Mal gefaßt— war denn nicht ſein ſehnlichſter Wunſch erfüllt?— Das Ueb⸗ rige ſtellte er dem Himmel anheim. Auf der Schwelle des Schlafgemachs machte der Kammerer abermals Halt; er ſtreckte nur den Kopf hin⸗ ein und warf einen flüchtigen Blick auf die prächtigen Bettvorhänge, wozu Liſa ſonder Schaam und Scheu ein Stück blaues Seidenzeug genommen, welches allbereits fünfzehn Jahre lang in der Stille des Triangels ge⸗ ſchlummert hatte. Die blauen Gardinen trugen indeſſen auch die ſichtbaren Spuren dieſer lang genoſſenen Ruhe, denn ſie waren über und über mit gelben Flecken bedeckt, welche der Tapezierer, trotz aller Ermahnungen Liſa's, durch den künſtlichſtem⸗Faltenwurf nicht zu verbergen im Stande geweſen war. „Herr Gott,“ ſagte der Kammerer halbleiſe vor ſich hin,„das iſt ja gerade als ob man den Himmel nach⸗ machen wollte! Das war ein frevelhafter Gedanke von Liſa: wie man nur unter einem ſolchen Seidentuch wird ſchlafen können?“ Allein der nachgemachte Himmel war nicht der einzige Kummer des Kammerers; es gab noch andere. Mit ſchwerem Herzen hatte er mindeſtens die Hälfte von allen vorräthigen Zeugen des Triangels zu Möbelüberzügen, Vorhängen und dergleichen drauf gehen ſehen müſſen. Allein war es dabei geblieben? Nein! Sein Kaſſenbuch wußte davon zu erzählen;— Seine Hoffnungsanker in dieſer Bekümmerniß hafteten einzig an dem Troſt, daß es ein Mal geſchehen und damit ein Ende haben werde— es war auch hohe Zeit dazu;— man mußte eben hinterher deſto mehr ſparen. Er warf noch einen langen Abſchiedsblick auf alle Kammerer Laßman. II. 5 ——— 66 ſeine Herrlichkeiten und verſchloß dann die Thüre. Denn den übrigen Theil des Vormittags brauchte er um ſich in Staat zu werfen. Gegen Ein Uhr war der Kammerer fir und fertig, den Weg nach dem Hauſe ſeiner künftigen Schwieger⸗ mutter anzutreten, wo Wagen und Geſellſchaft ſeiner warteten. Die Trennung von ſeiner neuen Kammer ſchien jedoch unſerm guten Alten ſchwer zu fallen, denn er machte ſich bald da, bald dort Etwas zu thun. Als er aber, das letztemal als Junggeſelle, nach alter Gewohn⸗ heit, ſeinen treuen vieljährigen Freund Schlafrock auf⸗ hängte, der bisher Freud und Leid mit ihm getheilt hatte— da überwältigte ihn ſein Gefühl. Nichts iſt mehr geeignet, eine ſchmerzliche Rührung hervorzubrin⸗ gen, als der Anblick eines alten theuren„Gottfrieds“. Der Alte mußte nach dem Taſchentuche greifen; er war tief bewegt, helle Thränen liefen ihm die Wangen herab — was er gehabt hatte, wußte er— aber was ſeiner wartete, lag noch im Schooße der Zukunft. „Was um des Himmels willell ſoll das bedeuten?“ ließ ſich auf ein Mal eine luſtige Stimme auf der Schwelle vernehmen,— es war Sekretär Roſell.„Nur Courage, Papachen! Gott Amor in höchſt eigner Perſon nimmt den alten Junggeſellen unter den Schirm ſeiner Schwin⸗ gen. Kann es denn etwas Göttlicheres geben als eine Hochzeit, nämlich wenn man ſelbſt Hochzeit macht? Ach was wollte ich darum geben, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!“ „Das glaub' ich wohl!“ lächelte der Kammerer, während er ſich wieder faßte, und die letzte Thrane mit ſchnellem Augenblinzeln zerdrückte.„Das glaub' ich frei⸗ lich— es paßte ſich am Ende auch wohl beſſer,— je⸗ doch kann auch ein alter Mann, ohne gerade lächerlich zu werden, ſich noch nach ein Bißchen irdiſchem Glück ſehnen. So lang man jung iſt, geht es recht gut mit dem einzelnen Leben; kommt man aber ein Mal in's —— Denn n ſich ertig, ieger⸗ ſeiner ſchien nn er lls er vohn⸗ auf⸗ etheilt ts iſt übrin⸗ ieds“. war herab ſeiner lten?“ hwelle trage, nimmt hwin⸗ s eine 2 Ach Stelle merer, ie mit · frei⸗ — je⸗ herlich Glüͤck ut mit al in's —x& Alter und fühlt immer mehr, wie viele Verdrüßlichkeiten das„Eigenbrödeln“ mit ſich führt— da lautet es anders.“ „Nichts in der Welt kann weniger lächerlich ſeyn, als ſo Etwas!“ ſagte Roſell.„Sie ſind ja wahrlich, rund heraus geſagt, ein Mann in Ihren beſten Jahren.“ „Ach Gott, nein, nein! Wenn man einmal die fünf⸗ zig hinter ſich hat, ſo iſt man, ungeachtet der beſten Ge⸗ ſundheit und Kraft, ein hubſches Stück Wegs über ſeine beſten Jahre hinaus. Indeſſen kann ich— ſo Gott will — noch manches Jährlein leben— und ich hoffe, Liſa ſoll ſie nur zu glücklichen machen.“ „Das unterliegt keinem Zweifel!“ meinte der Se⸗ kretär.„Sie ſcheint Sie wirklich ganz aufrichtig zu lieben.“ „Meinen Sie das, Herr Sekretär? Gott gebe, daß Sie die Wahrheit reden. Zuweilen ſcheint es mir ſelbſt ſo, manchmal kommen mir aber auch wieder kleine Skru⸗ pel, welche bei einem alten Mann wohl verzeihlich ſind. Ich bin viel älter als Liſa und könnte wohl ihr Vater ſeyn.“ „Und wenn Sie ihr Großvater ſeyn könnten, ſo ſteht dieß einer glucklichen Ehe gar nicht im Wege. Gefühle und Sympathien richten ſich nicht nach den Jahren, wo Bertrauen und herzliches Wohlwollen die Grundlage bil⸗ det, da bleiben häuslicher Friede und Eheglück nicht aus.“ „Sie ſprechen heute ungewöhnlich vernünftig und recht, Herr Sekretär,“ ſagte der Kammerer und ſah mit freundlichem Blick auf den troſtreichen Brautführer. „Meinen Sie, man hätte nicht auch hie und da ſeine ernſthaften Stunden?“ entgegnete Roſell und nahm ein gewiſſes ſublimes Weſen an. Der Kammerer ſah nach der Uhr und griff nach dem Hut. Es war Zeit. Da der Kammerer Alles nach alter bürgerlicher Sitte liebte, ſo war noch nicht zwei Uhr voruber, als die beiden Wagen, mit dem Braut⸗ paar, dem Pfarrer und den Hochzeitgäſten Norrbacka zurollten. Als Brautführer war es auch Roſells Sache, die 3 5* ☛8————ᷓ“ 68 hübſche Braut in den niedern grünen Saal hinauf zu* un geleiten. Wir wollen uns nicht bei Liſa's Anzug aufhalten, 4 e er war, wie er bei einer Braut ſeyn ſoll, hübſch und nn geſchmackvoll. Ihr Ausſehen dagegen bietet ein dank ſu bareres Feld für die Beobachtung dar. Sicherlich hat ihn I noch nicht leicht ein junges Mädchen die Stunde, welche 5 ihr Leben in zwei ſo merkbare Hälften theilt, nahen ſehen, 1 b ohne ſich tief und mächtig ergriffen zu fühlen, wenn auch— nicht früher, doch mindeſtens in dem Augenblicke, wo ſie 5 im Begriff iſt, vor den Altar zu treten. Es bemächtigt 9 ſich ihrer gewiß ein Gefühl, welches ſich über das All⸗ fü I tagsleben erhebt, weit hinaus reicht über die Gränzen wo A des Leichtſinns— ſobald ſie nur irgend den geringſten de Grad von Gemüth beſitzt. ſer War nun die Fahrt ſelbſt oder irgend eine innere 6 Aufregung daran Schuld— Liſa's Ausſehen hatte nicht au 4 die glänzende Friſche, nicht den Ausdruck von naiver Aus⸗ 1 gelaſſenheit und von Muthwillen, welcher ihr ſonſt eigen 3 war. Heute war ſie ernſt: das Lächeln war von ihren 4 Lippen gewichen, ihren Augen fehlte das Feuer, ihren ſat Wangen die Farbe. Das ſchwarze Brautkleid trug wohl Er auch zur Erhöhung der Düſterheit bei, welche die Braut zu umgeben ſchien. l Dieß Alles war für einen ſolchen Tag etwas höchſt n Natürliches; aber bei Liſa mußte es doch um ſo mehr len 4 überraſchen, da man nicht umhin konnte, zu bemerken, 4 wie ſie mit einer gewiſſen natüeclichen und zärtlichen, 4 ihrer ſonſtigen Laune, wie ſie ſich wenigſtens bisher zu 8 I zeigen gewohnt war, völlig unähnlichen Mildheit ihren— la — alten Bräutigam betrachtete. Jedesmal, wenn ſeine 3 4 breiten Frackſchöße vorbeiſchwebten, füllten ſich ihre Augen d mit Thränen— und Roſell konnte ſich auch nicht eines a einzigen Blickes rühmen. R Mit Liſa, welche noch den Tag zuvor an nichts kle I Anderes, als an die Eroberungen gedacht hatte, welche ſie als junge, hübſche, elegante Frau nothwendig machen ge if zu lten, und dank⸗ hat delche ehen, auch o ſie htigt All⸗ inzen gſten anere nicht Aus⸗ eigen hren hren wohl raut öchſt nehr rken, chen, r zu hren ſeine igen ines chts elche chen 69. mußte, war durch einen der Eindrücke, deſſen heimliche Triebräder ſo viele und unbekannte Kräfte in Umlauf ſetzen, ſeit ein paar Stunden eine völlige Umwandlung vorgegangen. Es kam ihr vor, als ob ſie mit der Sehn⸗ ſucht des alten Mannes nach einer ruhigen Häuslichkeit ihren Spott treibe. Sie hatte vielleicht gar noch ſchlim⸗ mer gehandelt, als ſie, leichtſinnig, nur von launenhaftem Eigenwillen geleitet, ſich ohne weiteres zu einem Ehe⸗ band entſchloß, welches ſowohl in Bezug auf Alter wie auf Gemüthsart ein völlig unpaſſendes genannt werden konnte. So wie Liſa ein Mal zum Nachdenken erwacht war, fühlte ſie, daß ihre Handlungsweiſe bisher eine unrechte war, und wäre es nicht zu ſpät geweſen, ſo würde ſie, der neuen Eingebung folgend, ſchnurſtracks umgekehrt ſeyn. Da dieß übrigens nicht ſo leicht anging, ſo wollte ſie den heldenmüthigen Entſchluß faſſen und faßte ihn auch in der That, die Hoffnungen des alten Mannes nicht zu täuſchen, der in ihr eine freundliche Stütze, eine ſanfte Pflege erwartete. In dieſer lichten Stunde war ihr Innerſtes von den beſten und redlichſten Vor⸗ ſätzen erfüllt und manches heiße Gebet um Kraft zu der Erfüllung entrang ſich ihrem Herzen. Vielleicht ließe ſich ſagen, dieſe Umwandlung ſey allzuheftig gekommen, ihr nur ſo angeflogen, allein wir wiſſen ja, daß in der jungen Mädchenbruſt ein warmes lebendiges Gefühl herrſcht, welches gar oft nicht ent⸗ fernt an Beweggründe denkt, ja ſie oft nicht ein Mal faßt: wie ein Funke ſprüht es auf, zündet und lodert fort, ſo lange es Nahrung findet. Wie lange es dauert, läßt ſich ſchwer, wo nicht gar unmöglich, vorausſehen. In Bezug auf Liſa ſelbſt, können wir hier nur wünſchen, daß der Fuuke nicht zu ſchnell unter der Aſche erſterbe. „Was mag ſie wohl angekommen ſeyn?“ dachte Roſell.„Will ſie etwa die Heilige ſpielen? Die Rolle kleidet ſie nicht beſonders— und daß ſie ſich plötzlich geändert haben ſollte, daran glaube ich kaum— ſo —— 70 leichtgläͤubig bin ich nicht!“ Er ſcherwenzte auf alle mögliche Weiſe um die ernſthafte Braut, ließ ſeine zier⸗ lichſten und galanteſten Redensarten aufmarſchiren. Liſa verzog kaum den Mund. Während der Trauung zeigte ſie eine wahrhafte Rührung; und als des Kammerers Blick ihr naſſes aus⸗ drucksvolles Auge traf, fuͤhlte er den Himmel in ſein Herz einziehen. Welche warmen, liebevollen Gebete ſandte er nicht fur ſeine Liſa empor! Bei Tiſche ging es ebenfalls noch ſtill her. Frau Norman ſaß ſchweigend da; ar muthiglich wogten die Federn ihres Kopfputzes hin und her, ſie ſelbſt aber war höchſt verdrießlichen Humors und alle Leckerbiſſen der Tafel konnten ſie nicht bewegen, ihnen die gebührende hre anzuthun. Frau Norman war ärgerlich, ſehr ärgerlich über die„tolle Einrichtung“ auf dieſe Art in die Welt hinauszufahren, ſtatt eine anſtändige und ehr⸗ bare Hochzeit zu Hauſe zu halten, wie andere Leute. Die Hofmeiſterin, welche um des lieben Friedens willen, es für das gerathenſte hielt, auch etwas von der Art ihrer Frau Schweſter anzunehmen, ſaß da wie ein Stock. Das Brautpaar war ſtill— der Kammerer überrechnete— Gott verzeih' es uns, aber wir können es nicht ver⸗ hehlen— in Gedanken die Koſten der Partie, welche er ſich leider nicht vom Hals hatte ſchaffen können, und in Liſa's Köpfchen kreuzten ſich allerhand Gedanken, bis zu deren Analyſtrung wir uns nicht verſteigen dürfen. Der Pfarrer aß und trank ohne Unterlaß, vergebliche Verſuche gemacht hatte, auf die Beine zu bringen, und man jetzt von Rechts⸗ wegen nicht eher Etwas von ihm verlangen konnte, als bis die Gefundheit des Brautpaares ausgebracht werder ſollte. Roſell war verdrießlich und machte allerlei Pläne, wie er bei Gelegenheit Rache dafür nehmen w er ſich über die heutige Luſtbarkeit ſo gewal hatte. Der einzige, welcher, tro nachdem er einige eine Unterhaltung ollte, daß tig verrechnet t ſeiner fehlgeſchlagenen⸗ Hoffunng, ruhig und vergnügt daſaß, und es ſich ſo wohl uf alle le zier⸗ 1. Liſa hrhafte s aus⸗ in ſein ſandte Frau en die er war n der hrende ſehr Irt in d ehr⸗ Leute. oillen, r Art Stock. te— ver⸗ he er 71 wie nur immer moglich ſeyn ließ, war der beſcheidene Will Ficker. Zwar hatte er Liſa verloren, und was noch ſchlimmer war(wenn auch nicht in ſeinen, doch wenigſtens in ſeiner Mutter Augen), die Ausſicht auf die Erbſchaft; aber den Muth hatte er deßhalb noch nicht verloren. Will war ein herrlicher Junge! Endlich ging es an die Gefundheiten— der Braut⸗ führer ſchwazte einiges unbedeutende langweilige Zeug, der Pfarrer hielt einen ausgezeichnet magern Sermon und damit war das Mittageſſen vorbei. Der Kaffee, Thee, Wein und das Konfekt wurden ordentlich hinab⸗ geſchlungen, die Wagen fuhren vor und die Hochzeitge⸗ ſellſchaft begab ſich nach Hauſe. „So langweilig iſt mir's in meinem Leben noch nicht gegangen!— es war, als wenn das Mädchen verhext wäre!“ dachte Roſell, als er nach der Heimkunft Wetterquiſt aufſuchte; denn nach Hauſe konnte er unmög⸗ lich gehen, ehe er ſeinen Gefühlen oder vielmehr ſeinem Aerger Luft gemacht hatte. „Kannſt Du Dir in Deinem Leben etwas Tolleres denken?“ fragte Frau Norman die Hofmeiſterin, als ſie, etwa gegen neun Uhr, zu Hauſe in ihren vier Wänden ſaßen.„Um acht Uhr daheim ſeyn! Ja, das muß ich ſagen! Nicht ein Mal ein Souper! Pfui Teufel! Um eine ſolche Hochzeit iſt's auch der Mühe werth! Ich kann mich nur über mich ärgern, daß ich ſo dumm war und mitging! Großer Gott, was ein Wahnwitz, da hinaus zu kutſchiren, gerade als ob die Braut ſich nicht ſehen laſſen dürfte!— Man kann ſich's mit fünf geſun⸗ den Sinnen gar nicht denken! Nein, wenn nicht Narr⸗ heit und Eigenſinn Trumpf geweſen wären, und ich hätte thun dürfen, was ich wollte, da hätte Etwas anders herauskommen ſollen!— ich wollte einen körperlichen Eid darauf ablegen, die Leute hätten mir das Haus ein⸗ gerannt, nur um die Braut zu ſehen. Aber wenn die Kinder nicht weinen ſollen, muß man ihnen den Willen thun. Ich hätte übrigens meine Tage nicht geglaubt, 72 daß Liſa auf ſolche Narrenſtreiche kommen könnte— denn ſie hatte die Geſchichte ſo angegeben, das iſt klar. Der Kammerer iſt, mein' Seel'— nicht ſo ſchnell mit der Hand im Geldſack— ich kann mir's denken, wie er ſich gedreht und gewunden hat, bis er ſein Jawort gab. Es iſt aber doch luſtig zu ſehen, was Liſa ſchon eine Gewalt über ihn hat.“ „Ich weiß recht wohl, was Liſa dabei im Sinne hatte,“ meinte die Hofmeiſterin, als Frau Norman inne hielt, um Athem zu holen.„Liſa iſt geſcheidt und ſtolz iſt ſie auch; ich ſage nicht zu viel, wenn ich behaupte, ſie hat ſich die Sache ſo ausgedacht, um ſich ſo am beſten alle Deine Freunde und Bekannte vom Halſe zu ſchaffen.“ So Etwas hätte Frau Malla Fogelquiſt nicht zu äußern gewagt, wenn nicht ihre allmächtige Schweſter und Beſchützerin ſelbſt über Liſa aufgebracht geweſen wäre. Nun that es der armen Hofmeiſterin auch ein Mal wohl, ihrem Herzen Luft machen zu können. „Das war kein ſo dummer Gedanke, Malla! Lucie hat ſtets einen vornehmen Sinn gehabt; das hat ſie von mir. Aber auf alle Fälle will ich doch hoffen, daß ich weiß und ſtets gewußt habe, mit wem ich umgehe; und Lucie braucht mich ſo Etwas nicht zu lehren, was ich ſchon wußte, ehe ſie auf der Welt war.... Es wird wohl noch etwas kalter Braten da ſeyn, liebe Hofmei⸗ ſterin, damit müſſen wir uns fuͤr heute Abend ſchon behelfen. Ha, ha, ha— hungrig von einer Hochzeit heim kommen— das iſt doch zugleich das miſerabelſte und zugleich lächerlichſte, was ich je gehört habe!“ „Gott gebe Dir Glück und Segen! An Liebe und Wohlwollen wird es nicht fehlen,“ ſagte der Kammerer gerührt, als er in ſeiner neuen Wohnung die junge Gattin in die Arme ſchloß.„Ich bin ein alter Mann, Liſa; aber Gott iſt mein Zeuge, wie aufrichtig ich im Sinn habe, Dir das Leben angenehm zu machen. Habe le— t klar. ll mit vie er t gab. eine Sinne inne ſtolz aupte, o am ſe zu ht zu veſter veſen ein Lucie von 3 ich und ich wird mei⸗ chon zeit elſte und erer nge nn, im abe 73 Geduld und Nachſicht mit meinen Eigenheiten und Launen — Du wirſt ſie mit Sanftmuth und Güte tragen.“ „Und Du habe auch Nachſicht mit mir— ich bin deren viel mehr bedürftig!“ entgegnete Liſa ſchluchzend., „Gott ſegne Dich!“ Der Alte küßte Liſa auf die geſenkte Stirne und ſetzte mit innigſter Selbſttröſtung hinzu:„Mag der Winter jetzt kommen, wann er will, mich ſchreckt er nicht mehr.“ Während wir nun den Kammerer auf eigene Fauſt den erſten Schritt auf der Bahn des ehelichen Lebens thun laſſen, wollen wir einen Blick zurück auf den Notarius werfen, welchen wir nach dem Auftritt unter dem Fenſter der Baronnn Lindfeldt nicht in der glück⸗ lichſten Stimmung verlaſſen haben. Siebentes Kapitel. etterquiſt muß ſich unvermuthet einem Examen unterwerfen, macht die Runde bei den Buchhändlern der Hauptſtadt und wird wegen dreier Stüber auf das Tiefſte gedemüthigt. Es war in der Morgendämmerung, als ein paar heftige Schläge des Thürklopfers die artige Marie auf⸗ weckten. Sie war ſo charmant geweſen, nicht zu Bette zu gehen, denn ſonſt wäre der Notarius, welcher keinen Hausſchlüſſel bei ſich hatte, ſchwerlich hereingekommen. Was doch die Mädchen aus purer Menſchenliebe dienſt⸗ fertig ſeyn können! Wetterquiſt hatte nie ſo viel Geld, um Marien ein kleines Trinkgeld geben zu können, ihr ein Halstuch, ein paar Handſchuhe oder etwas dergleichen zu kaufen, noch weniger, ſie in das Theater zu führen. Deſſen ungeachtet ſtand er ſehr hoch bei ihr angeſchrieben, denn ſie war keineswegs gefühllos gegen ſeine hübſchen Augen und ſtattliches Weſen. Marie warf ſchnell ihr Halstuch um, eilte hinab und öffnete die Thüre. ————“ 74 „Was in des Himmels Namen bleiben Sie ſo lange aus? Es iſt ja ſchon drei, wo nicht gar vier Uhr! Aber Gott bewahre, wie ſehen Sie aus? Was iſt Ihnen denn paſſirt?“ Das düſtre Halbdunkel der Auguſtnacht warf Licht genug auf Wetterquiſt's entſtelttes Geſicht, um Mariens Ausruf zu rechtfertigen. „Nichts iſt paſſirt,“ entgegnete er kurz, eilte an dem Mädchen vorbei und dankte ihr nicht ein Mal für die Mühe, ihm die Thüre aufgemacht zu haben. „Das muß wahr ſeyn,“ rief Marie aus, welche bei ihrer reizbaren Gemüthsart dieſen Mangel an Aufmerk⸗ ſamkeit doch ein wenig zu auffallend fand,„der Herr Notarius ſind ſehr artig! Ein anderes Mal kann er draußen ſtehen bleiben und ſich die Hände wund klopfen! Ich habe nicht nöthig, aufzuhocken und zu paſſen, bis die Herren kommen und dann hinunter zu laufen und ihnen aufzumachen, wenn es ihnen gefällig iſt, ihre Hausſchlüſſel daheim zu laſſen!“ „Gib mir Licht!“ „Licht? So? meinen Sie, ich ſoll immer nur ſo die Lichtſtümpfe für Sie wegputzen? Der Herr Notarius kann ſelbſt ſehen, woher er Licht bekömmt, wenn er haben will.“ „Sind denn keine Kerzen mehr da?“ „Na, das muß i ſagen! Es iſt wohl ſchon eine halbe Ewigkeit, daß ich das halbe Pfündchen für Sie kaufte, und ſeitdem habe ich wenigſtens ein ganzes ange⸗ ſchafft!“ Wetterquiſt antwortete nicht, er ſprang die Treppe hinauf, tappte nach ſeiner Thüre, öffnete haſtig, eilte hinein und ſchlug hinter ſich zu. Die Neugierde trieb Marien noch ein Mal, ein Werk der Barmherzigkeit zu thun; ſie klopfte an ſeine Thüre.„Machen Sie auf, Herr Notarius— hier bringe ich Licht.“ „Ich will keines!“ No bun lange Uhr! s iſt Licht riens ur ſo arius n er eine Sie ange⸗ reppe eilte ein ſeine hier 73 „Sie ſehen ja nichts zum Auskleiden. Liebſter Herr Notarius, was brauchen Sie denn gleich ſo kurz ange⸗ bunden zu ſeyn?“ „Laß mich in Frieden!“ „Ich muß ja aber hinein— Ihr Bett iſt noch nicht gemacht!“ „Geh' zum Henker mit Deinem ewigen Gekläffe!“ „Eutweder hat er einen getrunken oder iſt er über⸗ geſchnappt,“ ſagte Marie vor ſich hin und es kam ihr ganz unbegreiflich vor, wie der ſonſt ſo feine Notarius ſo grob ſeyn konnte. Indeſſen war es doch ein Gegen⸗ ſtand, über welchen nothwendig noch weiter geredet wer⸗ den mußte. „Herr Notarlus!“ Keine Antwort. „Lieber Herr Notarius!“ Wieder ſtill. 1 „Wollen Sie kein giiſches Waſſer zum Trinken? Ich habe vergeſſen, Ihre Flaſche zu füllen.“ Wetterquiſt, allerdings von brennendem Durſt ge⸗ plagt, vermochte dieſer Verſuchung nicht zu widerſtehen. Ohne ein Wort öffnete er die Thüre. Sobald Marie drinnen war, nahm ſie ſich die Frei⸗ heit, ihm mit dem Lichte unter die Augen zu leuchten. heſus wie Sie blaß ausſehen, Herr Notarius!— jetzt ſehe ich es erſt recht! Sagen Sie um Gotteswillen, wo ſind Sie denn geweſen?“ „Im Weinkeller!“ ſchrie Wetterquiſt die arme Marie ſo heftig an, daß dieſe drei Schritte zurückrollte. „Das kann man wohl ſehen!“ murmelte Marie vor ſich hin. We tterquiſt war vom Kornhafen aus wirklich nach einem Keller gegangen. Er fuhlte das Bedürfniß nach einem Glaſe Punſch und beſtellte eine halbe Flaſche; als ſie vor ihm ſtand, blieb er ſtumm ſitzem bis die Wirth⸗ ſchaft geſchloſſen wurde und man ihm andeutete, ſeiner Wege zu gehen. Er machte ſich nun, wenigſtens ſeiner —— Meinung nach, auf dem Nachhauſeweg; allein in ſeiner Sinnesverwirrung ſchlug er eine falſche Richtung ein, kam über die Schluſenbrücke in die Südvorſtadt und ge⸗ rieth in ein Labyrinth von engen dunkeln Gäschen, wo er in ſeinem Leben nicht geweſen war. Er ging und ging; die heftige Gemüthsaufregung, im Verein mit einer Menge geiſtigen Getränks, welche er nicht gewohnt war und faſt unwiſſend hineingegoſſen hatte, wirkten berau⸗ ſchend, als er an die Luft kam, und ſicherlich wäre er bis zum hellen Morgen umhergelaufen, wenn ihn nicht eine menſchenfreundliche Patrouille, welche er nach der der deutſchen Kirchſtraße fragte, auf den rechten Weg gewieſen hätte. Am folgenden Tage hielt ihn ein ernſtliches Fieber zu Hauſe; dieſes dauerte, wiewohl ſchwächer, noch am Donnerſtag fort; trotz dem gingder aber doch zu Lind⸗ felts; denn die Lektion durfte nicht verſäumt werden, ungeachtet er ſeine letzte vierundzwanzig Schillinge dran wagen mußte, um die Stiefel beſohlen zu laſſen, denn die lange Wanderung der vorigen Nacht hatte ſie in Invalidenzuſtand verſetzt. Eine verzehrende Gluth tobte durch ſeine Adern. Gedanken, Gefühle, Vorſätze aller Art durchkreuzten ſich in ihm bunt durcheinander. Aber in Mitten dieſer baby⸗ loniſchen Verwirrung ſtand gleichwohl eine helle lichte Ge⸗ ſtalt— die ſchöne Mathilde. Mit ſo inniger Milde, mit ſo aufrichtiger Theilnahme hatte ſie ihn noch nie⸗ mals empfangen. Mathilde war nicht gewohnt, viel zu reden, allein was ſie ſagte, kam aus dem Herzen und fand auch den Weg dahin. Schon ſeit der verhängnißvollen Stunde, wo der Notarius ſie in der Trödelbude geſehen, hatte ihr ſanf⸗ tes holdes Auge ihn gefeſſelt. Welch' ein Unterſchied in der hehren Reinheit, welche Mathilden umgab und dem flüchtigen Sonnenſchimmer, der um die launige Liſa ſpielte, welche heute die ſchmachtende Liebhaberin, mor⸗ gen die allmächtige Herrſcherin machte, und in jeder ſeiner g ein, d ge⸗ „ wo g und einer war erau⸗ re er nicht h der Weg Fieber h am Lind⸗ rden, dran denn ie in dern. u ſich Hbaby— Ge⸗ Lilde, nie⸗ el zu und „ der ſanf⸗ ed in dem Liſa mor⸗ jeder 97 Geſtalt gebieteriſch die Huldigung der Männerwelt ver⸗ langte! 3i Aper,“ dachte der Notarius, welcher natürlich zu⸗ letzt bei Mathildens Verdienſten ſtehen blieb,„dies iſt der Vortheil ihrer Geburt und Erziehung. Arme Liſa!“ Der arme Wetterauiſt— er hatte ſo wenig in der Welt gelebt, daß er der Meinung war, Geburt und Er⸗ ziehung ſeyen hinreichend, auch noch viel größere Män⸗ gel als Liſa beſaß, bedecken zu können. Die Baronin Lindfelt— es möchte vielleicht nicht ganz unpaſſend ſeyn, bei dieſer Gelegenheit Etwas von der Dame zu ſagen— war die Wittwe eines Flotten⸗ majors und ohne großes Vermögen. Sie gehörte zu der Menge von achtungswerthen Vernunftsmenſchen, die überall hin paſſen und gewöhnlich weit beſſere und zu⸗ verläſſigere Geſellſchafter ſind, wenn man auch ſogar allein mit ihnen iſt, als die feuerfangenden, anſpruchs⸗ vollen Gemüther, welche jede Wendung benützen, um ihren Witz und ihre Genialität durchſcheinen zu laſſen. Die Baronin Lindfelt ging nicht im mindeſten darauf aus, für witzig oder genial angeſehen zu werden. Sie hatte gar nicht ſo Unrecht in ihrer Anſicht, daß ein ſolcher Vorzug von Geiſtesreichthum auch ſeine Plage habe, und gab lieber Veranlaſſung zum Gähnen als einen Einfall Preis. Sie hatte das Glück,— und ſah es für kein un⸗ bedeutendes an— mit dem reichen und hochgeſtellten Grafen Ernſt L— auf Dagſtaholm verſchwägert zu ſeyn, welcher geruht hatte, ihrer Schweſter, einem armen Fräu⸗ lein, wie ſie ſelbſt vormals, ſeine Hand anzubieten: und da beide Schweſtern immer auf dem beſten Fuße mit einander ſtanden, ſo brachte die Baronin, nachdem ſie Wittwe geworden, jeden Sommer einige Zeit mit Ma⸗ thilden auf Dagſtaholm zu. Mutter und Tochter ſaßen bei ihrer Arbeit, als der Notarius eintrat. Mathildens Hoffnung, daß die Mutter einen Ausgang machen oder ſelbſt Beſuch erhalten möchte, ſchlug durchaus fehl: die Baronin war ſelbſt begierig, Etwas über Wetterquiſts damaliges ſonderbares Be⸗ nehmen auf der Straße zu erfahren und wollte ihre Neugierde befriedigen; deßhalb blieb ſie ruhig und ſtill auf ihrem Stuhl ſitzen— auch fehlte ſie überhaupt ſel⸗ ten bei den Lektionen. In dem ganzen Weſen des Notars lagen ohne Zweifel noch die hinterlaſſenen Spuren des gewaltigen Sturms, welcher über ihn hingegangen war, denn kanm hatte er ſeine gewöhnliche ſteife, ehrfurchtsvolle Verbeu⸗ gung gemacht, als ihn die Baronin fragte, ob er nicht wohl ſey. „Nicht ganz; doch hoffe ich, daß die Unpäßlichkeit, welche mich ſeit ein paar Tagen quälte, bald vorüber ſeyn wird.“ „Ich habe von Mathilden gehört, daß Sie bei der letzten Lektion unwohl geworden ſind. Die Hitze iſt auch in dieſem Monat ſo drückend und die Zimmerluft ſchreck⸗ lich ſchwül und erſtickend.“ Wetterquiſt machte abermals eine Verbeugung, legte den Hut ab und näherte ſich dem Tiſchchen, an welchem Mathilde mit dem engliſchen Wörterbuche vor ſich ſaß. Der Notarius nahm Platz. Mathilde ſchlug die Augen auf, ſenkte ſie aber ſo⸗ gleich wieder, denn Wetterquiſt erröthete gleich ihr. Er zitterte ſogar, und trotz aller Anſtrengung war ſeine Stimme undeutlich. Die Baronin dachte darüber nach, wie ſie wohl am beſten ihre Fragen an den Notar ſtellen könne und wäh⸗ rend dieſer Gedanken merkte ſie nicht, was an dem Tiſch vorging. Als es ihr aber, wie dies zuweilen geſchah, nicht glücken wollte, irgend etwas Paſſ ndes auszufinden, ſo gab ſie ſich weiter keine Mühe des Nachdenkens mehr, und fragte ohne alle Umſchweife:„Sie haben vorgeſtern Abend Ihre beſondere Aufmerkſamkeit auf meinen Schwa⸗ ger, den Grafen L.. gerichtet, Herr Notarius, als er am Fenſter ſtand. Ich kann mir wohl denken, Sie wer⸗ jerig, Be⸗ ihre d ſtill t ſel⸗ ohne ltigen kanm rbeu⸗ nicht hkeit, rüber 2i der tauch hreck⸗ legte lchem ſaß. er ſo⸗ Er ſeine ſl am wäh⸗ Tiſch ſchah, inden, mehr, eſtern chwa⸗ als er wer⸗ 79. den ebenſo wie ich und Mathilde von der Aehnlichkeit der beiden Herren überraſcht geweſen ſeyn? Wahrlich, zwei Brüder könnten einander nicht ähnlicher ſehen.“ „Mein Vetter Leopold ſieht dem Oheim nicht mehr gleich,“ bemerkte Mathilde, um doch auch Etwas zu ſagen. „Die Natur hat zuweilen ſolche Launen,“ verſetzte der Notarius mit ſchwacher, kaum hörbarer Stimme. Das heftige Herzklopfen ließ ihn kaum Athem holen, als er hinzuſetzte:„Hat der Herr Graf vielleicht einen Sohn in Stockholm?“ „Ja, einen Sohn aus zweiter Ehe, meinen Neffen Leopold. Er hat ihn kürzlich in das Kadettenhaus nach Karlberg gebracht. Sie haben mir aber noch nicht ge⸗ ſagt, was an jenem Abende Ihre Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch genommen hat.“ „Gerade das, was Sie ſo eben bemerkt haben, gnä⸗ dige Frau; ich war dergeſtalt überraſcht, daß ich alle Regeln der Artigkeit auf die Seite ſetzte. Ich habe mir ſpäter Vorwürfe genug darüber gemacht.“ Zum Glück fur den Notarius wurde ein Beſuch gemeldet und dadurch ſowohl ſeiner peinlichen Lage ein Ziel geſetzt, als auch zu gleicher Zeit Mathildens heim⸗ licher Wunſch erfüllt. Es ging aber dem jungen Fräu⸗ lein, wie es den Leuten überhaupt häufig geht, wenn unverſehens ihr Wille geſchieht: ſtatt daß ihnen die Erfüllung Annehmlichkeit bereitet, führt ſie weiter Nichts als ein drückendes Gefühl in ihrem Gefolge. So war es auch hier. Mathilden wurde auf ein⸗ mal angſt und bange um das Herz. Ihre Theilnahme für den Notarius war gewiß gleich groß, wo nicht mehr, — inniger; allein als die Mutter das Zimmer verlaſſen hatte, war ſte keines Wortes mächtig, und dies noch um ſo mehr, als der Notar ebenfalls hoch erröthete und ſie, wie es ihr wenigſtens dünkte, mit anderen Augen als gewöhnlich anblickte. „Iſt Graf L... noch in der Stadt?“ fragte Wetter⸗ quiſt, als das Schweigen gar kein Ende nehmen wollte. — 86 „Nein, der Oheim iſt heute Morgen abgereist. Er hatte die Güte, uns mit nach Dagſtaholm nehmen zu wollen, allein die Mutter war dagegen, da wir ja erſt vor kurzem, den ganzen Mai und Juni, dort waren. Vor dem nächſten Frühjahr gehen wir nun nicht mehr hin.“ aus?“ „Ja, den ganzen Sommer, will der Oheim haben. Es iſt ſo hübſch zu Dagſtaholm, daß man es gar nicht überdrüſſig werden kann.“ „Das glaub' ich wohl.“ Wetterquiſt beugte ſich auf das Buch nieder, und die Lektion nahm ihren Anfang. Aber es wollte nicht recht damit gehen. Dem Notarius war von dem geſtri⸗ gen Fieber der Kopf noch angegriffen. Er war beinahe außer Stande fortzufahren, und es reute ihn zu ſpät, daß er das Zimmer und das Bett verlaſſen hatte, da er jeden Augenblick einen neuen Anfall befürchtete. Kör⸗ perliche Unpäßlichkeit und einen überreizten Seelenzuſtand ſollte man nicht mit vor die Thüre nehmen. Wetter⸗ quiſt ſtand auf und ſah ſich nach Waſſer um. Mathilde ſprang haſtig auf und reichte ihm ein Glas. Sie zitterte vor Furcht und Unruhe.„Mein Gott, wie ſehen Sie bleich aus, Herr Notarius! Sie hätten nicht ausgehen ſollen, wenn Ihnen ſo unwohl iſt; thun ſte dies nicht mehr!“ „Ich habe Sie erſchreckt, mein Fräulein— das war ſehr unartig von mir. Es iſt nun ſchon ein paar Mal nach einander vorgekommen, daß ich die Lektion ausſetzen mußte. Ich wage es kaum wieder her zu kommen.“ „Sprechen Sie nicht ſo— wir wären in Unruhe um Sie, wenn Sie nicht kämen.“ „Sie ſind wahrhaft allzu gut, das zu ſagen, und ich kann kaum glauben, daß es in der That Ihr Ernſt iſt.“ „Gewiß iſt es ſo; ich könnte gar nicht anders als mir einbilden, Sie wären ſehr krank oder ſehr... ich weiß nicht, ob es ſich ſchickt es zu ſagen.“ „Nächſtes Frühjahr? Da bleiben Sie wohl lange ſage ſich mir lich für ſcho dari nur Her ſpre faßt nich mer keit Mel nug aufz verg befa er ſt durf gen Sin dies unte zu dicht Roſ K aren. hin.“ lange aben. nicht und nicht eſtri⸗ nahe ſpät, „ da Kör⸗ ſtand tter⸗ ein Nein Sie vohl war Mal etzen ruhe und iſt.“ als 81 .„Was meinen Sie? Haben Sie die Güte, es zu ſagen! Sie können nichts ſagen, mein Fräulein, was ſich nicht ſchickte.“ „Sehr betrübt— unglücklich— meine ich. Es iſt mir immer vorgekommen, als ob Sie irgend einen heim⸗ lichen Kummer hätten.“ „Mein beſtes Fräulein, wie dankbar bin ich Ihnen für Ihre Theilnahme, welche Sie mir auf ſo milde und ſchonende Weiſe beweiſen— allein vergönnen Sie mir, darüber zu ſchweigen— meine Aufrichtigkeit könnte Sie nur betrüben.“ „Iſt es Etwas, wovon Sie nicht ſprechen können, Herr Notarius?“ bemerkte Mathilde ſchüchtern. „Ja, es iſt in der That Etwas, wovon ich nicht ſprechen kann.“ Mit einem ausdrucksvollen innigen Blick faßte er ihre Hand.„Wenn Sie mich eine Zeitlang nicht ſehen, ſo ſeyen Sie gewiß, daß mir nichts Schlim⸗ meres widerfahren iſt, als die gebieteriſche Nothwendig⸗ keit, meine Lektionen bei Ihnen ausſetzen zu müſſen.“ Mehr wagte er nicht zu ſagen; allein es war auch ge⸗ nug: weder er noch Mathilde getrauten ſich ein Auge aufzuſchlagen, als er das Zimmer verließ. Fünf nachfolgende Lektionstage wartete Mathilde vergebens auf ihren Lehrer. Wetterquiſt war zwar nicht bettlägerig; allein er befand ſich in einer allzu gereizten Stimmung, als daß er ſich in die Nähe der liebenswürdigen Mathilde wagen durfte, ohne ſich zu verrathen. Es hätte ſcheinen mö⸗ gen, daß ſeine an die Hungerkur gränzende Däät ſeine Sinne wieder in's Gleichgewicht bringen würde; allein dies geſchah nicht: Mattigkeit und fieberhafte Phantaſten unterhieiten das verzehrende Feuer. Er brauchte höchſt nothwendig Geld; um ſich dies zu verſchaffen, beſchloß er, einen Verleger für ſeine„Ge⸗ dichte“ zu ſuchen. Dieſe waren ſeit jenem Abend, wo Roſell ſie ſo unbarmherzig recenſirt hatte, nicht zum Kammerer Laßman. 6 82 Vorſchein gekommen. Was die von ſeinem Freunde vor⸗ geſchlagene Novelle betrifft, ſo machte Wetterqguiſt bald die Erfahrung, daß dieſes Genre mehr Schwierigkeiten hatte, als er zu überwinden im Stande war. Er konnte nie weiter als bis zum Anfang kommen— dagegen hatte dieſer aber auch mindeſtens zehn veränderte und ver⸗ beſſerte Auflagen, als zum Beiſpiel„Blutigroth ſank die Sonne im Weſten nieder, als ein junger Mann“ c. ac., oder„Es war eine ſchwarze ſtürmiſche Nacht: in großen Flocken ſenkte ſich der Schnee auf den düſtern Burg⸗ garten herab,“ und dergleichen mehrere. Vor einem ſol⸗ chen Anfang, auf einen großen Foliobogen mit breitem Rand geſchrieben,— denn die Herrn Ertraordinarii haben freies Papier— ſaß Wetterquiſt Stunden lang und kaute an den Näͤgeln; da er aber mit ſeiner Erzählung durch⸗ aus nicht weiter zu kommen vermochte, gab er die ganze Geſchichte auf und gelangte ohne große Muhe zu der Ueberzeugung, daß ſein Genie nicht für ſolchen Lumpen⸗ kram wie Romanen⸗ und Novellenliteratur gemacht war. Die Poeſie hingegen war ein Feld, würdig ſeines Stre⸗ bens; und da das Schickſal ihm verweigerte, auf ſimpeln irdiſchen Roſſen zu reiten, ſo konnte es ihm doch nicht verwehren, ſich kühn auf den Rücken des Pegaſus zu ſchwingen.. Die Papierrolle unter dem Arm machte ſich Wetter⸗ quiſt auf den Weg, allein ſein Stolz fühlte ſich empfind⸗ lich gekränkt und der Muth ſank ihm gewaltig, als ein Verleger nach dem andern ihn mit mehr oder min⸗ der höflichem Bedauern abfertigte, ohne mehr als einen kaum flüchtigen Blick in ſein Manuſeript geworfen zu haben. Wetterquiſt konnte gar nicht begreifen, wie dieſe Leute nur glauben mochten, ſein Buch werde nicht reißend abgehen: er wußte freilich nicht, daß die Ver⸗ leger allezeit einen merkwürdigen Scharfblick beſitzen, wenn es darauf ankommt, ſey es auch nur dem Aeußern nach, die erſte Arbeit eines jungen Schriftſtellers zu beurtheilen. Wer hat ſie geleſen?— wer kennt ſie? e vor⸗ bald keiten onnte hatte d ver⸗ nk die . zc., roßen Zurg⸗ n ſol⸗ eitem haben kaute zurch⸗ ganze t der ipen⸗ war. Stre⸗ apeln nicht 1s zu etter⸗ öfind⸗ als min⸗ einen n zu wie nicht Ver⸗ izen, ßern 3 zu I 83 wer weiß wie ſie geht— ob ſie nur überhaupt gehen wird?— Wetterquiſt würde leichter und früher erfahren und begriffen haben, wie es mit ſolchen Händeln zuzugehen pflegt, wenn er nur eine kleine ſpaßhafte Anekdote ge⸗ kannt hätte, welche vor einiger Zeit in dem Tageblatt ſtand, und die wir, ihres Zuſammenhangs mit unſerem Gegenſtand halber, hier mittheilen wollen. Ein junger deutſcher Schriftſteller— welcher ſchon öfters für ſeine Romane einen Verleger geſucht hatte, aber noch nicht ſo glücklich geweſen war, einen zu finden, machte eines Tags mit einem veritabeln„Bauchwehge⸗ ſicht“ ſeine Tour in den Buchläden ſeiner Vaterſtadt L... Er kömmt zu dem Buchhändler Nro. 1., bittet um die Gnade, ihm ein paar Minuten zu ſchenken,— trägt ihm ſeinen Noman„Simpathien“ betitelt an, und wird, ohne daß der Buchhändler das Manuſcript nur in die Hand genommen hätte, mit einer ſüßſauern Miene abgefertigt:„Es thut mir leid, allein ich bin bereits für dieſes Jahr verſehen.“ Der Buchhändler Nro. 2. ſteht auf den Titel, ſchneidet ein Geſicht, ſagt:„der⸗ gleichen geht nicht,“ und gibt ihm das Manunſecript zu⸗ rück. Nro. 3. läßt ſich durch die angelegentlichen Bitten des Verfaſſers bewegen, das Manuſcript acht Tage zu behalten, um ein wenig„hineinzugucken.“ Nach einer Woche kömmt der Verfaſſer wieder, wo dann der Buch⸗ händler ihm verſichert, wie ausnehmend leid es ihm thue, derartige Schriften nicht verlegen zu können.— „Haben Sie es denn durchgeleſen?“„Blos flüchtig; aber dieß war hinreichend, ich habe einen ſehr ſichern Blick in dergleichen Sachen. Der Roman taugt nichts; entſchuldigen Sie, daß ich ſo aufrichtig bin, mein Herr!“ Der junge Schriftſteller geht nun mit ſeinem Manu⸗ ſcript zu Nro. 4. und bewegte dieſen endlich, mit allem Aufwand ſeiner Beredſamkeit, ſich wenigſtens ein Ka⸗ pitel, z. B. das zweite, vorleſen zu laſſen. Der Ver⸗ 6* 1 faſſer billt hübſch, der Buchhändler hört mit halbem Ohr zu und gähnt zuweilen ſehr reputirlich dazwiſhen. Das Kapitel iſt zu Ende.„Nun?“—„Das iſt Alles ganz gut und hübſch,“ verſichert der Buchhändler,„nur — ich muß Ihnen offen geſtehen— etwas langweilig. Das Buch würde nicht gehen, ich getraue mir nicht Ein Exemplar davon zu verkaufen;— es thut mir leid!“ „Herr,“ fährt endlich der Schriftſteller heraus,„wiſſen Sie wohl, was es für eine Arbeit iſt, welche Sie und alle ihre Herrn Collegen ſo weit weggeworfen haben? es ſind Göthe's Wohlverwandſchaften, ich habe mich eigens zu dieſem Zweck, der Mühe des Abſchrei⸗ bens unterzogen. Adieu!“— Der jange Mann ging nach Hauſe, ließ das Manuſcript in Marokin binden und ſtellte es auf ſein Bücherbret, wo es ſteht, als ein Bei⸗ trag zu der Geſchichte des deutſchen Buchhandels. Tout comme chez nous! Die Papierrolle unter dem Arm und Verzweiflung im Herzen, kam unſer Schriftſteller von ſeiner ver⸗ geblichen Entdeckungsreiſe heim. Er war tief gebeugt, muthlos, rathlos, vollkommen lebensüberdrüſſig. Es war auch ganz natürlich: denn wenn eine geſcheiterte Hoffnung bei Jedem, der mit leeren Taſchen nach Geld ausgeht, etwas ſehr Bittres iſt, ſo trifft doch das Miß⸗ geſchick einer getäuſchten Erwerbung den unglücklichen Schriftſteller doppelt hart. „Was nun anfangen?“ ſragte Wetterquiſt ſich ſelbſt und ſtrengte vergeblich alle ſeine Erfindungsgaben an. Roſell, wollte er in ſeiner abermaligen Verlegenheit nicht wieder angehen und außer dieſem hatte er keinen Freund. Nachdenklich, mit geſenktem Haupt, ging er fürbaß, als ihn auf einmal eine wohlbekannte Stimme überraſchte:„Ah! Herr Notarius— gehen Sie bereits wieder aus?“ Es war Mathilde. Der arme Wetterquiſt— welches Begegnen— und in was für einem Augenblick!. „Ach, Fräulein von Lindfelt, verzeihen Sie, ich hatte Halbem ziſchen. Alles „„nur weilig. nicht leid!“ „wiſſen ie und haben? ) habe sſchrei⸗ ging en und n Bei⸗ . eiflung er ver⸗ beugt, Es heiterte 5 Geld 3 Miß⸗ klichen ſelbſt en an. genheit keinen ing er timme bereits — und h hatte 8⁵ Sie gar nicht bemerkt! Es iſt heute das erſte Mal ſeit acht Tagen, daß ich das Zimmer verlaſſen habe,“ ſtotterte der Notarius und hielt inſtinktmäßig ſeine Papierrolle mit dem unſeligen Manuſeript möglichſt weit hinter dem Rücken, um es ihren Blicken zu ent⸗ ziehen.„Erlauben Sie, daß ich Ihnen ein Stückchen das Geleit gebe?“ „Wenn Sie ſo gütig ſeyn wollen! Sie kommen doch wohl morgen zu uns, Herr Notarius? Die Mutter hat ſich ſchon lange gewundert...“ „Ich hoffe wohl, daß es mir morgen möglich ſeyn wird!“ ſagte der Notarius, nur Mathildens Frage be⸗ antwortend,— die billige Verwunderung der Mutter überging er. Wetterquiſt hatte es nicht gewagt, Marie mit einer Entſchuldigung hinzuſchicken, denn er fürch⸗ tete, das Mädchen möchte ihm den Streich ſpielen und Etwas auf eigene Rechnung hinzuſetzen. Nachdem ſie noch einige gleichgültige Worte ge⸗ wechſelt hatten, ſchritten ſie ſchweigend neben einander her und kamen ſo bis zur Statue Guſtafs III, ohne daß er wenigſtens daran dachte, wohin es ging. „Ich werde hier überfahren,“ ſagte Mathilde. Wetterquiſt vergaß(und was vergißt ein Liebhaber nicht Alles?) daß er keinen Pfennig Geld hatte und folgte ihr ohne Beſinnen, trunken von dem Glück, neben der reizenden Mathilde ſitzen zu dürfen. Etwas anders würde ihn ſicher nicht ſo ganz und gar haben vergeſſen laſſen, daß er gerade bei denſelben Fährweibern noch für mehrere Ueberfahrten in der Kreide ſtand. Was für Minuten der Seligkeit, ſo mit der An⸗ gebeteyn ſeines Herzens über die Wellen des Stroms zu ſchwimmen!— dieß war doch etwas ganz Anderes, als ſteif und feſt, mit drei Schritten Abſtand auf der Straße mit ihr zu gehen oder am Untetrichtstiſche ge⸗ genüber von der Baronin zu ſitzen. „Wie angenehm doch die Seeluft iſt!“ brach Ma⸗ thilde das Schweigen. — „Ich habe ſie noch nie ſo himmliſch gefunden wie heute,“ erwiederte Wetterquiſt ein wenig unbeholfen, woran man gewöhnlich merkt, daß der Sprechende fühlt etwas höchſt Gewöhnliches vorgebracht zu haben. Mathilde fand indeſſen die Phraſe nichts weniger als langweilig. Man findet gar leicht Gefallen an Et⸗ was, was geſagt wird, ſobald es, wenn es auch noch ſo unbedeutend, nur von Jemand kommt, für den man ſich intereſſirt. Außerdem konnte auch die einfach erzogene Mathilde unmöglich dieſe abgenützte Gefühlsäußerung übel nehmen, welche ſich auf einen ſchrecklichen alten Gemeinplatz hinausführen ließ. Weit früher, als die beiden Paſſagiere wünſchten, landete das Boot, man ſprang an das Land— es fehlte nur ein kleiner unbedeutender Umſtand: die drei Stüber Fährgeld. „Sie ſind vielleicht ſo gütig, Herr Notarius?“ ſagte Mathilde und ahnte nicht, in welche Verlegenheit ſie ihn brachte: ſie ſah es im Gegentheil für eine freund⸗ liche Artigkeit von ihrer Seite an. Es waren ja nur drei Stüber, und ſie hatte Nichts bei ſich als einen Dreithalerſchein. So niedergeſchmettert hatte ſich unſer feiner deli⸗ kater Notar in ſeinem Leben nicht gefühlt— und da er, wie wir uns erinnern, von der Natur keineswegs mit dem glücklichen Takt begabt war, der ſich ſowohl in kleineren wie in größeren Verlegenheiten zu helfen weiß, ſo fand er ſich zugleich vernichtet und vermochte Mathilden nicht in die Augen zu blicken, als er die Entſchuldigung hervorſtotterte, daß er unglücklicherweiſe auch keine Münze bei ſich habe. 4 „Wir können ſchon wechſeln, geben Sie nur her,“ verſetzte eines von den Weibern,„ſo kriegen wir unſer Geld für das Frühere auch. Es iſt wohl ſchon wenig⸗ ſtens fünf Mal, daß der Herr übergefahren iſt, bohne uns etwas Anderes zu geben, als eine Vertröſtung auf das nächſte Mal.“ 4 en wie holfen, efühlt, veniger an Et⸗ noch ſo an ſich zogene ßerung alten ſſchten, fehlte Stüber ſagte heit ſie reund⸗ ja nur einen r deli⸗ ind da swegs ſowohl helfen mochte er die rweiſe her,“ unſer venig⸗ dohne g auf 87 Wie bei dieſen Worten Wetterquiſt wünſchte, daß ihn die Erde verſchlingen und ſeine Schmach und Scham⸗ röthe verbergen möchte, brauchen wir nicht erſt zu er⸗ zählen. Für einen Mann von ungewöhnlicher Art wäre es eine Kleinigkeit geweſen, ſich aus der Klemme zu ziehen— aber nicht ſo mit dem Notarius, welcher bei ſeinem Hochmuth und ſeinem eingewurzelten Miß⸗ trauen Alles von der ſchiefen Seite betrachtete. Er bil⸗ dete ſich jetzt ein, daß Mathilde ihn über die Achſel anſehen würde, wenn ſie nun merkte, daß er weder kleines noch großes Geld bei ſich hatte, und überhaupt ſo arm ſey wie eine Kirchenmaus. Was eigentlich Mathilde ans ſeiner Weigerung ſchloß, iſt nicht lei ht zu ſagen. Sie ſchien ſelbſt ein wenig be⸗ treten über die Freiheit zu ſer on, welche ſie ſich genom⸗ men hatte— und ebenſowohl über die Frechheit der Fährweiber. Indeſſen zog ſie ſchnell ihren Dreithaler⸗ ſchein hervor;— er wurde gewechſelt— während ſie aber bezahlte und herausbekam, eilte der N ar welcher das Schlimumſte fuͤrchte te, daß ſie nämlich ihm den Dienſt würde leiſten wollen, den ſie eben erſt von ihm verlangt hatte, mit einer haſtigen Verb P du von dan⸗ nen. Dieß war das erſte Mal, ſeit er Mathilden kannte, daß ihm gleichſam ein Stein vom Herzen ſiel, als er außer ihrem Bereich war. Das Abentheuer mit der Ueberfahrt, vergaß er nicht— allein es erfolgte nie auch nur die geringſte Hindeutung darauf. Im Laufe des Herbſtes glückte es Wetterquiſt, noch Herrere Schüler zu bekommen, wo⸗ durch ſich auch die Sorge für ſeinen täglichen Lebens⸗ bedarf etwas verringerte. Sobald ſeine ökonomiſche Lage leidlich war, beſſerte ſich auch ſeine Laune auffallend. Von den Gedichten und deren fernerem Schickſal wiſſen wir nichts weiter, als was Roſell darüber be⸗ richtet hat,— ob man ſich darauf verlaſſen kann, iſt eine andete Frage. Der Regierungsſekretär behauptet nämlich, Wetterquiſt habe, in einem Anfall von Zorn 2 ——y——— 88 und Verzweiflung, ſämmtliche Secripturen den Flammen geopfert, als er bei einem abermaligen Verſuch, ſie in baare Münze und Lorbeeren umzuſetzen, auf's Neue eine abſchlägige Antwort und Verdruß einernten mußte. Mag es ſich aber auch mit der Wahrhaftigkeit von Roſells Worten verhalten, wie es will— ſo viel iſt gewiß, daß ſich der Notar nicht weiter mit der Vers⸗ macherei abgab. Er wollte ſich von nun an einſchließ⸗ lich dem Dienſte der Frau Themis widmen, in der Hoffnung, daß ihn die treuen Dienſte, welche er dieſer leiſtete, mit der Zeit zu dem Altare der Venus hinüber⸗ leiten würde, von der er ſich indeſſen vor der Hand noch in beſcheidener Ferne zu halten beſchloß. Daß ein junger Mann von Wetterquiſts Charakter Wort zu halten im Stande war, wird man glauben dürfen— und da es mit ſeinen Liebesaffairen wohl nicht ſo ſchnell gehen wird, ſo dürfte es das Beſte ſeyn, wenn wir uns wieder zu unſerm jungen Ehepaar wenden. 4———— Achtes Kapitel. Nach einigen Tagen des Sonnenſcheins findet ſich der Kammerer vermüßigt, ſeine Würde zu wahren. Wie eine junge Frau die Honigmonate anwendet. „Was für ein Glück, was für ein Segen des Him⸗ mels iſt doch eine fleißige und zärtliche Hausfrau!“ ſagte der Kammerer noch am Schluſſe des erſten Mo⸗ nats ſeiner Ehe, jedes Mal, ſo oft er in das Schlaf⸗ zimmer trat, und die junge, emſige Hausfrau entweder mit Strümpfeſtopfen oder Hemdenflicken beſchäftigt fand. „Liſa, mein Schatz, ein ſolcher Gottesengel biſt Du! Womit habe ich, alter Mann, dieſe Gnade von Gott verdient!“ Man ſieht, daß der Kammerer noch in dem ſoge⸗ nannten Honigmonate war— ein Umſtand, welcher auch mmen ſie in Neue nußte. t von jel iſt Vers⸗ hließ⸗ n der dieſer lüber⸗ Hand rakter auben wohl ſeyn, nden. merer iu die Him⸗ au!“ Mo⸗ hlaf⸗ deder and. biſt von oge⸗ auch 89 daran Schuld geweſen, daß er ſich bei dem Haushal⸗ tungsgeld etwas geſtoßen und fünfzig Thaler Reichs⸗ geld mit fünfzig Thalern Banko verwechſelt hatte. Als aber die Summe in das Hauptbuch eingetragen werden ſollte und der Irrthum an den Tag kam, gelobte er ſich feſt und heilig, daß dergleichen nicht mehr vorkom⸗ men ſollte. Liſa lächelte anmuthsvoll.„Ich habe auch ewig mit dem Herausflicken Deiner alten Sachen zu thun,“ ſagte ſie;„denn eine ſolche Unordnung, wie ich ſie hier antraf, iſt mir noch nicht vorgekommen, ſoll aber auch nie mehr einreißen.“ Sobald aber der Alte den Rücken wandte, wurde es anders: Strümpfe und Hemden flogen in einen Korb unter den Tiſch— und was that Liſa nun? Sie trat zu ihrer Toilette, wuſch ſich die Hände mit Eau de Cologne, ergriff einen Roman und warf ſich auf den Sopha, wo ſie ſo lange liegen blieb, bis das Leſen ſie langweilte, was nicht lange anſtand. Nun legte ſie ſich in's Fenſter; da ſich aber nichts Intereſſantes ſehen ließ, öffnete ſie die Garderobethüren, holte eine Schachtel hervor, worin ſie eine kleine Partie allerlei modernen Putzes verwahrte, zu deren Anſchaffung ſie vor der Hochzeit ihre Mutter mit leichter Mühe zu bewegen gewußt. Da ſich aber bisher noch keine Gelegenheit gezeigt hatte, die prächtigen Hauben paradiren zu laſ⸗ ſen, ſo ſuchte Liſa wenigſtens darin einigen Erſatz, daß ſie ſolche vor dem Spiegel flüchtig aufprobirte, und mit dieſer Unterhaltung gewöhnlich, ohne derſelben über⸗ drüſſig zu werden, ſo lange fortfuhr, bis der wohlbe⸗ kannte Tritt ihres Alten von der andern Seite her der angenehmen Zerſtreuung ein Ende machte. Bei die⸗ ſer Veranlaſſung, welche ſich faſt täglich wiederholte, wurden die Hauben drunter und drüber in die Schach⸗ tel hineingeworfen, und dieſe im Hui wiederin die, vorſichtig ſtets nur angelehnte Garderobethüre hinein⸗ geſtoßen und zugeſchloſſen. Nun war Liſa ſchneller als ——————— 90 ein Gedanke an ihrem Nähtiſch und ergriff mit einem kleinen Naſerümpfen dieſelben Socken, an welchen ſie ſchon den ganzen Monat über flickte. In den Augen des Kammerers machte ſich aber ihr haͤuslicher Fleiß ganz anders;— lag ja doch ſeine unterſte Kommodeſchublade voll von reinen und unzer⸗ riſſenen Strümpfen und eine andere mit ſchönſtens ge⸗ ordneten Hemden. Dabei war blos der eine Umſtand, von dem er freilich nichts wußte, daß nämlich dieß Alles das Werk der Hofmeiſterin war, welche für ihre ſorg⸗ ſame Mühwaltung von Liſa reichlich belohnt worden war, und zwar mit unterſchiedlichen Zeugſtücken aus dem alten Verlag des Triangels, welche in fremden Händen zu wiſ⸗ ſen, den ehrlichen Kammerer in offenbare Verzweiflung geſtürzt haben würde. Der arme Mann glaubte ſie gut und ſicher in der großen Eckkiſte verwahrt, welche er den Tag nach der Hochzeit Liſa's Obhut übergeben hatte. „Was für ein Glück, was für ein Segen iſt doch eine fleißige und zärtliche Hausfrau!“ Der Kammerer trat eines Vormittags in das Zim⸗ mer ſeiner Gattin; es war ein den erſten Tagen des Novembers— der zweite Honigmonat hatte kaum be⸗ gonnen. „Haſt Du geleſen, was hier ſteht?“ fragte Liſa, reichte ihrem theuern Eheherrn das Tagblatt und zeigte mit den Fingern auf eine Stelle: „Der Verein„Par bricole“ hält den und den ꝛc.“ „Ich weiß es ſchon,“ erwiederte der Kammerer, und da ich als Junggeſelle nie verſäumt habe, den Ge⸗ ſellſchaften des Vereins beizuwohnen,— es war das einzige Vergnügen, welches ich mir erlaubte— ſo will ich jetzt als Ehemann meinen Beitrag auch nicht unnö⸗ thigerweiſe geben. Indeſſen bleibe ich eben ſo gerne bei Dir zu Hauſe, liebſte Liſa, als ich hingehe.“ „Aber,“ entgegnete Liſa mit einer Beredtſamkeit und einer ſo ſchmeichelnden Stimme, daß der Alte bei⸗ nahe weg war,„aber liebſter Freund, ich will durchaus mat cher Eh All ſein mö die ſog geg zu zu liel des einem hen ſie haber ſeine unzer⸗ ns ge⸗ rſtand, Alles ſorg⸗ n war, talten u wiſ⸗ iflung ie gut er den te. h eine Zim⸗ n des m be⸗ Liſa, zeigte 4 2c.“ nerer, G e2 d a8 will innö⸗ te bei mkeit bei⸗ 91 nicht, daß Du meinethalben Deine lieben alten Gewohn⸗ heiten aufgeben ſollſt! Ich habe ſchon gehört und glaube es auch in der That, daß ein Mann auf die Länge ver⸗ ſauert, wenn er jeden Abend zu Hauſe bei ſeiner Frau hockt. Und dann vollends, wenn ein Mann in Deinen Jahren nicht mehr in Geſellſchaft geht, deſſen ange⸗ ſehenes Mitglied Du ſo lange geweſen und wo Dich ſo viele Freunde vermiſſen, ſo könnte dieß einen Schatten auf uns beide werfen— ohne Zweifel würde es heißen: „Seine junge Frau läßt ihn nicht fort; der arme Laß⸗ man iſt ſchon tüchtig unter dem Pantoffel,“ und derglei⸗ chen mehr. Wenn es darauf ankommt, über ein junges Ehepaar etwas zu ſagen, ſo wiſſen die Leute ſogleich Allerlei.“ „Ja, ja, mein Schatz, da haſt Du wirklich nicht Unrecht. Man darf den Läſterzungen keine Gelegenheit geben.“ In der That hielt auch unſer Kammerer ſehr viel auf ſeine liebe Geſellſchaft Par bricole und es war ihm nichts lieber, als ein guter Vorwand, um hinzukommen. Er hatte ſich freilich vorbehalten, ſich das Vergnügen zu verſagen, damit er Liſa keine Gelegenheit gäbe, vielleicht ein Exempel für ein anderesmal davon abzunehmen; jetzt ſtand aber die Sache anders, da es darauf ankam und als durchaus nothwendig erſchien, daß er ſowohl ſeine Reputation bewachen, als auch Liſa vor jedem möglichen Tadel freiſtellen mußte. Da er zudem ſelbſt die Wichtigkeit der Sache einſah, ſo wäre es wahrlich ſogar ſchlecht geweſen, wenn er nicht ihrer Bitte nach⸗ gegeben hätte, welche ſie offen und wahr ausſprach. „Es iſt freilich etwas langweilig, ſo allein zu Hauſe zu ſeyn,“ meinte die junge Frau;„ich werde aber zeitig zu Bett gehen.“ „Du könnteſt ja Deine Mutter herkommen laſſen, liebe Liſa.“ k „Ach nein, das ſehe ſo ſchwach aus, wenn ich je⸗ desmal Jemand herbringen und Geſellſchaft halten wollte, —— 92² wenn Du ausgebhſt! Ich mache mir nichts daraus— man darf ſich nicht ſo verwöhnen“ „Wie verſtändig von einem ſo jungen Geſchöpf!“ verſetzte der Kammerer mit einer Art heiliger Ver⸗ wunderung. „Na, da iſt es auch der Mühe werth, mich ſo zu loben;“ meinte Liſa ganz naiv;„ich thue ja nichts weiter, als meine Pflicht.“ Der Kammerer küßte im hellen Entzücken ſeine Frau auf die Wangen.„Nichts als Deine Pflicht thuſt Du?“ entgegnete er.„Ach, Du Gottesengel, wie viele Frauen gibt es, welche ſich darum nicht viel fümmern! Doch, das ſind Sachen, wovon Du Gott Lob Nichts verſtehſt, mein Kind. Ich kann nur gar nicht begreifen, wie Du Dich auf einmal ſo verändert haſt, Liſa? Es iſt mir, als wärſt Du ein ganz anderer Menſch geworden.“ „Nun, Du wirſt doch wohl einſehen, daß ein Un⸗ terſchied iſt zwiſchen einem wilden Mädchen und einer ge⸗ ſetzten Hausfrau!“ erwiederte Liſa geſchämig.„Wenn man in den Eheſtand tritt, muß man wohl denken, daß es nicht mehr ſo fortgehen kann, wie vorher; das liegt in der Natur der Sache.“ „Ja, in Deiner Natur, Liſa, und es iſt auch leicht einzuſehen, aber leider thun es nicht alle Frauen— weit entfernt! Das iſt gerade Dein größtes Verdienſt, mein Kind, daß Du ſelbſt Deinen eigenen Werth ſo wenig kennſt. Ich ſchätze es nur um ſo mehr. Durch Dich werde ich wieder ganz jung und lebe jeden Tag mehr auf, gleich als wäre ich im Himmel.“ Ein feines Lächeln, welches dem Alten übrigens ent⸗ ging, flog wie ein Blitzſtrahl über die Lippen der jun⸗ gen Frau.„Wie froh bin ich, zu hören, daß Du mit mir zufrieden biſt!“ „Ja, Liſa, Gott weiß es, daß ich mit Dir zufrie⸗ den bin; und wenn Du es denn durchaus willſt, daß ich in meine Ceſellſchaft gehe, ſo werde ich auch hin⸗ * us— öpf 12* Ver⸗ ſo zu nichts Frau Du?“ rauen Doch, ſtehſt, ie Du mir, 1 Un⸗ er ge⸗ Wenn „ daß liegt leicht n— dienſt, th ſo Durch Tag z ent⸗ jun⸗ nmit ufrie⸗ daß hin⸗ gehen! Aber noch eins, ließ nicht im Bett,— Du könn⸗ teſt darüber einſchlafen und die Gardinen anbrennen.“ „Nein, nein, ſey ohne Sorgen! Ich⸗ leſe nicht im Bett, und löſche mein Licht aus, ſobald ich darin liege. Du kömmſt wohl vor zwölf Uhr heim?“ „Ach ja, ich glaube gewiß; wenigſtens bleibe ich nicht lange drüber. Sollte etwa Jemand heute Abend kommen, ſo ſage der Magd vorher, daß ſie Niemanden einlaͤßt, ſte kann ſagen, daß ich ausgegangen, und Du unwohl ſeyſt“ „Viſite werden wir wohl keine zu befürchten haben,“ verſetzte Liſa lachend;,es kommt ja kein Chriſtenmenſch zu uns. Außer jenem Nachmittag, wo die Mutter, die Hofmeiſterin und Muhme Neta zum Kaffee bei uns wa⸗ ren, und der Sekretär Roſell ein paar Minuten dazu kam, weiß ich nicht, daß wir irgend Jemand bei uns geſehen hätten, ſeit wir verheirathet find.“ „Ja, ja, Gott ſey Dank, wir haben uns über kein allzugroßes Geläufe zu beklagen,— aber es wäre doch möglich, daß irgend ein Herr käme, der zu mir wollts.“ „Kommt ein Solcher, ſo mag ihm Karoline ſagen, was auch wahr iſt, daß Du nicht zu Hauſe ſeyſt.“ Nun war der Alte vollkommen zufrieden; er konnte ſich ohne die geringſte Sorge dem Vergnügen eines lu⸗ ſtigen Abends hingeben. Bei dem Mittageſſen wagte es der Kammerer, in Folge der ausgezeichnet guten Laune, welche Liſa am Morgen gezeigt hatte, das erſtemal mit einer kleinen Anmerkung herauszurücken, welche ihm ſchon lange auf dem Herzen lag. „Liebſte, beſte Liſa,“ begann er mit möglichſt be⸗ weglicher Stimme, während er ſich Mühe gab, ein Beef⸗ ſteak zu durchſchneiden, welches die Magd nach Anwei⸗ ſung der Hausfrau zubereitet hatte— die, im Vorbei⸗ gehen geſagt, außer der Küche auch über die übrige in⸗ nere Haushaltung auf gleiche Weiſe das Oberregiment fuhrte—„liebſte beſte Liſa, ich ſollte meinen, es würde — 94 wohlfeiler kommen, wenn wir nicht ſo oft in der Woche Reiſch auf dem Tiſch häͤtten. Auch abgeſehen von dem Erſparniß, kann ich Dir verſichern, daß ich viel lieber Strömling mit Schnittlauchſauce, Gründlinge, Stiet oder dergleichen eſſe, als mir an den zähen Beefſteaks meine letzten Zähne ausbeiße.“ „So, ſie ſchmecken Dir alſo nicht!“ erwiederte Liſa zum erſten Male, ſeit ſie Frau war, ärgerlich, und ſah dabei gerade ſo aus, wie ſie früher die ſchnippiſche Ma⸗ nier gehabt hatte. „Nimm es nicht übel, mein Zuckerherz; da wir aber einmal auf dieſes Kapitel gekommen ſind— Gott iſt mein Zeuge, daß es in der beſten Abſicht geſchieht — ſo wuͤrdeſt Du mir in der That ein Vergnügen ma⸗ chen, wenn Du hie und da einmal Strömling oder ſonſt einen gewöhnlichen Fiſch brächteſt, denn das Fleiſch iſt, wie Du ſelbſt weißt, gewaltig theuer.“ „Ich kann Stromling nicht leiden,“ verſetzte Liſa. „Und was das theure Fleiſch anbelangt, ſo werde ich es doch nicht wohlfeiler verlangen ſollen, als andere Leute? Ich halte ſo gut Haus, als ich kann. Den gan⸗ zen Tag denke ich daran, wie ich ſparen und wirth⸗ ſchaften kann, und Nachts träume ich von nichts, als wie ich bei den Bauern auf dem Wochenmarkte ſtehe und handle und knauſere;— aber das iſt nicht genug— ich ſoll auch noch ſtatt des Danks Vorwürfe dafür haben. Wahrhaftig, das habe ich damit verdient!“ „Herr Gott, Liſa, liebſtes Kind, ich habe ja vor heute noch kein Sterbenswörtchen erwähnt, und was ich vorhin geſagt habe, iſt, wenn Du Dich erinnern willſt, auch keineswegs ſo ſchrecklich geweſen.“ „So?— das iſt freilich nicht ſchrecklich!— Iſt es vielleicht nichts, mir Verſchwendung vorzuwerfen, während ich ſo ſparſam haushalte, daß ich mich kaum ſatt zu eſſen getraue— und auch noch ſagen, das Beef⸗ ſteafk ſey zäh!— Weißt Du aber auch, wenn cs zäh iſt? Ja, deßhalb, weil das rechte Stück, welches zum Bee dazu hätt die ſchlu Alle Kan heut men vorg hätt füge deres zähe ihm er. Du keit Brit Woc eſſen ſtren noch Nun dieſe gewe Liſa. ndere gan⸗ dirth⸗ als und — ich aben. vor s ich illſt, Iſt rfen, aum Zeef⸗ zäh zum 9⁵ Beefſteak gehörte, viel mehr koſtet, als Du mir Geld dazu geben willſt. Aber, Du liebſter Gott!— das hätte ich Alles voraus wiſſen können!“ Damit hielt Liſa die Serviette vor die Augen, und begann laut zu ſchluchzen. Dieß war die erſte Eheſtandsſcene. Bis daher war Alles ſo in Ruhe und Friede abgegangen, denn der Kammerer hat ſtets zu Allem Ja geſagt, und wäre auch heute nicht mit ſeiner Bemerkung zum Vorſchein gekom⸗ men, wenn nicht, wie geſagt, Liſa's Sanftmuth bei dem vorgängigen Geſpräche ihn auf die Vermuthung gebracht hätte, ſie werde ſich auch im andern Fall ſeiner Wünſche fügen. Allein dießmal hatte der Kammerer etwas An⸗ deres vernehmen müſſen! Bekümmert ſchob er den Teller mit dem theuern, zähen Beefſteak zurück, ſtand auf und trat zu Liſa, welche ihm gegenüber ſaß. „Mach' mir nicht dieſe Störung, liebſte Liſa,“ bat er.„Ich kann Deine Thränen nicht ſehen; wie kannſt Du nur ſo kindiſch ſeyn, und über eine ſolche Kleinig⸗ keit weinen— es war ja etwas ſehr Menſchliches! Bring mir vom Lieblingsgericht Strömling einmal in der Woche, ſo will ich, ohne den Mund aufzuthun, Alles eſſen, was Du mir ſonſt vorſetzen magſt.“ Liſa ſchwieg und ſchluchzte: aber trotz aller An⸗ ſtrengung, welche ſie ſich gab, waren ihre Augen den⸗ noch ziemlich trocken. „So antworte doch, ſag' nur etwas, nur ein Wort! Nun iſt meine Mittagsruhe dahin, liebſte Liſa! Laß dieſe unangenehme Viertelſtunde die erſte und die letzte geweſen ſeyn!“ „Soll ich denn Alles dulden und leiden?“ ſchluchzte Liſa.— „Nun, was iſt es denn eigentlich, das Du zu dul⸗ den und zu leiden haſt? Ich ſehe nicht das Geringſte darin — ich weiß wahrhaftig nicht, was Dir angeflogen iſt!“ „Was brauchen wir die Sache wieder auf's Neue ——— 96 zu verhandeln, wenn Du nicht einmal ſo viel einſehen willſt, daß Du Unrecht gehabt haſt,“ ſo fuhr Liſa heftig auf, ſprang in die Höhe, eilte in das Schlafzimmer, und ſchlug die Thüre hinter ſich zu und warf ſich auf den Sopha. Der Kammerer ſtand, wie vom Donner gerührt, die Serviette in der Hand, mitten in der Stube. Es kam ihm wie ein böſer Traum vor, daß ſeine ſanfte, fromme Liſa, welche er vor kaum zwei Stunden noch ſelbſt zu überzeugen geſucht hatte, daß ſie einen viel höhern Werth beſäße, als ſie ſelbſt nur ahnte, daß ſie — der Gottesengel— ſich ſo benehmen könne, und zwar bei der allererſten Bemerkung, welche er ihr zu machen ſich unterſtand. „Was doch die Weiber für empfindliche, ſchwache Geſchöpfe ſind!“ murmelte der Kammerer, als er ſich wieder an ſeinen Platz ſetzte, um einen neuen Angriff auf das Beefſteak zu wagen, welches er der Magd nicht zu überlaſſen im Sinn hatte; nein, koſte es auch, was es wolle, hinunter mußte es; denn es war ja bezahlt, und theuer bezahlt. Die Suppe, welche ein Bischen angebrannt war, ſchmeckte noch ſchlechter, aber er aß dennoch davon, um Liſa nicht noch mehr zu erzürnen, wenn ſie bemerkt hätte, daß er ſie gar nicht angerührt. Als der Kammerer mit ſeiner einfachen Mahtzeit zu Ende war, verließ er das Zimmer, nicht um Liſa aufzuſuchen— denn er war entſchloſſen, ein Mann zu ſeyn— ſondern ging in ſeine Stube. Sein alter Jung⸗ geſellenſopha, welcher dort ſtand, empfing ihn wenigſtens ebenſo freundlich und einladend wie ſonſt immer, und nachdem er ſich, die Pfeife im Munde, auf den alten Freund niedergelaſſen hatte, begann er über das beſte Mittel nachzudenken, wie ſich Liſa's ſcheinbaren, auf's Neue vortretenden Kapricen am beſten entgegentreten laſſe. Allein ein ſolcher Ausweg war nicht ſo leicht zu finden. Daß Nachgiebigkeit und Bitten nichts halfen, hatte er bereits erfahren, und an Strenge war bei ihrer keizt dem er e Wür gleie Spe leien mach ſoll, zu ſe mere nach Rind von Fleiſ nicht male dann groß die l zu v feln brüh ſamn Erbſ brei. ſuppe einen ſehen heftig nmer, h auf rührt, Es anfte, noch viel aß ſie und hr zu vache ſich ngriff nicht was zahlt, schen er aß rnen, ührt. hlzeit Liſa in zu sung⸗ ſtens und alten beſte auf's laſſe. öt zu ilfen, ihrer 97 keizbaren Gemüthsart ohnehin nicht zu denken. Nach⸗ dem der Kammerer lange hin und hergedacht hatte, kam er endlich zu dem Schluß, daß er eine gewiſſe beſtimmte Würde annehmen müſſe, als deren erſte Probe er ſo⸗ gleich ein ſchriftliches Regultativ oder einen woͤchentlichen Speiſezettel aufſetzen woltte, wovon weder Schmeiche⸗ leien noch Bitten, noch ſogar Thränen ihn abwendig machen ſollten. Da man etwas Gutes nie aufſchieben ſoll, und es jedenfalls immer am beſten iſt, das Eiſen zu ſchmieden, ſo lange es warm iſt, nahm der Kam⸗ merer ſogleich Papier und Feder zur Hand, und ſchrieb nach kurzer Ueberlegung:. „Sonntag: Drei Pfund Fleiſch zu Bouillon, und Rindfleiſch mit Meerrettig.— Montag: das übrige Fleiſch von geſtern, gebraten mit Kartoffeln, ſammt gewärmter Fleiſchbrühe.“— 8 Hier hielt der Kammerer ein wenig inne; er war nicht gewiß, ob er nicht zu ſehr knauſere, fuhr ſich mehr⸗ mals nachdenklich mit der Hand um das Kinn, ſtrich dann die drei Pfund aus, und ſchrieb vier hin. Dieſem großen Beweis von Freigebigkeit folgten indeſſen doch die lauten Worte:„Mein Seelv', ich glaube faſt, es iſt zu viel zugegeben!“— Dienſtag: Strömling mit Kartof⸗ feln und Schnittlauchſauce, ſammt Suppe von Fiſch⸗ brühe.— Mittwoch: Zwei Pfund Fleiſch zu Klößen, ſammt Hafergritzenſuppe.— Donnerſtag: Lutfiſch und Erbſen.— Freitag: Stiet und Kartoffeln, nebſt Milch⸗ bit— Samſtag: Haͤring mit Schminkbohnen und Bier⸗ uppe.“ „So iſt's mein Seel' ganz gut; ich will ſehen, wer einen beſſern Tiſch führt;“ ſagte der Kamimerer, gleich⸗ ſam um ſich ſelbſt zu überzeugen, daß nicht leicht ein brillanterer Speiſezettel gefunden werden könnte. „Jetzt kann ſie ſich ſelbſt die Schuld beimeſſen und ſehen, was dabei herauskommt, wenn man ſeiner Laune Heftigkeit nachgibt! Das iſt nicht meine Liebhaberei Kammerer Laßman. II. 7 —, . 98 und zähes Beeſſteak noch weniger. Wenn ſie es gehörig zu machen verſtände, könnte man es ſich noch gefallen wo 8 laſſen, aber das kann weder ſie, noch die Magd. Das eiſe 6 Hausrecht muß gewahrt werden! Hätte ich nicht ſogleich blic 1 beim erſtenmale meine Perſon in Sicherheit geſtellt, ſo Hat würde ſie bald das Heft in die Hand genommen haben, han und dann— Gute Nacht, alter Laßman!“ Stolz und zufrieden mit dem Werk zur Beförderung eint ſeiner Hausherrlichkeit, legte ſich der Kammerer wieder auf ſeinen Sopha und eniſchlief bald nach dieſer erſten nich Eheſtandsſcene. Du Liſa ſchlief nicht. So lange der Alte in dem äußern— Zimmer war, lag ſie in horchender Stellung. um, wenn dem er hereinkommen ſollte, ſogleich bereit zu ſeyn, ihre konr Rolle als beleidigte Gattin weiter zu ſpielen. Als ſie gen ihn aber die Thüre zumachen und in ſein Zimmer gehen ge hörte, empfand ſie noch ein Gefuhl von Unruhe und ich: Ungeduld. Verdrießlich über ihre fehlgeſchlagene Erwar⸗ run. tung, warf ſie ſich auf die andere Seite, um, in Er⸗ Du wartung von etwas Beſſerem, in Gedanken einen kleinen will Roman zu ſpielen, in welchem ſie ſelbſt die Heldin war. fann Als es vier Uhr ſchlug— die Zeit, wo der Kam⸗ Hau merer gewöhnlich zu kommen und ſeinen Kaffee zu nur trinken pflegte,— erhob ſich Liſa; nachdem ſie vor dem Spiegel eine leidende und niedergeſchlagene Miene an⸗ beno genommen hatte, rief ſie die Magd und verlangte die- Erzi Kaſſeekanne. 5 Aber es ſchlug halb, drei Viertel auf fünf, und noch noch immer ließ der Kammerer Nichts von ſich hören. für Als es beinahe fünf Uhr war, wurde Liſa unruhig.„Ich nicht muß doch ein Mal ſehen,“ ſagte ſie vor ſich hin,„ob es allei den Alten ſo ſehr verſchnüpft hat, daß er am Ende Mach nicht in ſeine Geſellſchaft gehen will! Aber das darf Geſe nicht geſchehen— er muß!“—— Bei dieſen Worten mehr änderte Liſa ihre Miene und nahm den Ausdruck ſanfter, Zwif verſöhnender Zärtlichkeit an; dann trat ſie hinaus auf Du „— 8 den Gang und klopfte an ihres Mannes Stubenthüre. 7 ehörig ffallen Das ogleich t, ſo haben, derung wieder erſten üußern wenn ihre lls ſie gehen e und Erwar⸗ in Er⸗ kleinen n war. Kam⸗ ffee zu or dem ene an⸗ zte die— f, und hören. J.„Ich „ob es Ende as darf Worten ſanfter, ius auf thüre. 99 Der Kammerer hatte nur ein Bischen ſchlummern wollen, weil er ſich ſpater als ſonſt niederlegte. Bei Liſa's Klopfen erwachte er und es wurde ihm augen⸗ blicklich klar, daß nur Er es ſey, der die Macht in der Hand hätte;— er wollte ſie auch mit aller Würde handhaben. „Biſt Du es?“ ſagte er mit kalter Ruhe, als Liſa eintrat. „Ja, lieber Freund, ich wunderte mich, warum Du nicht wie gewöhnlich zu Deinem Kaffee kamſt. Willſt Du Dich denn nicht jetzt ankleiden? „Mich ankleiden? Glaubſt Du denn, daß ich nach dem, was heute Mittag vorgefallen, noch Luſt haben könnte, in Geſellſchaft zu gehen? Nein, dieſes Vergnü⸗ gen haſt Du mir verbittert!“. „O nein, ſo mußt Du nicht ſagen! Bedenke, daß ich noch ſo jung bin! Ich habe ja noch keine Erfah⸗ rung— mit der Zeit wird's ſchon beſſer gehen, wenn Du nur im Anfang ein wenig Geduld mit mir haben willſt. Es thäte mir ſo leid, daß ich es gar nicht ſagen kann, wenn Du meines kindiſchen Betragens halber zu Hauſe bleiben wollteſt. Thue das nicht, wenn Du mich nur ein Bischen lieb haſt.“ „Du haſt Dich aber in der That ganz ungeeignet benommen, Liſa,— ganz auf eine Art, welche ſchlechte Erziehung verräth!“— Liſa erröthete heftig: allein ſie beherrſchte ſich den⸗ noch und entgegnete ohne Bitterkeit:„Ich kann nichts für meine Erziehung, und deßhalb iſt es wohl auch nicht Recht von Dir, daß Du mir ſo Etwas vorwirfſt; allein das Uebel läßt ſich hoffentlich noch verbeſſern. Mach' mir nur den Kummer nicht, daß Du von Deiner Geſellſchaft wegbleibſt; denn ich könnte mir's nimmer⸗ mehr vergeben, wenn mein Unverſtand Anlaß zu einem Zwiſt gegeben hätte. Auch kann ich nicht glauben, daß Du mir wieder gut biſt, wenn Du nicht gehſt.“ 7*⁵ 1⁰0— „Du ſiehſt alſo ein, daß Du völlig Unrecht gee habt haſt?“ “ Ach ja, das habe ich ſchon lange. Wenn es mich nicht gereut hätte, wäre ich wohl nicht gekommen.. „Nun, dann iſt Alles wohl und gut,“ erwiederte der Kammerer und griff ſie unter das Kinn.„Aber damit Du mich vollends überzeugſt, liebe Liſa, daß es Dich nicht nur reut, ſondern daß Du auch mit Gehor⸗ ſam meinen Wünſchen entgegenkommen willſt, ſo nimm den Zettel da, und lies ihn heute Abend. Ich hoffe, daß Du ſelbſt ſo vernünftig ſeyn und dem Inhalt buch⸗ ſtäblich nachkommen wirſt.“— Liſa überblickte flüchtig den wichtigen Aufſatz, ein verächtliches Lächeln flog über ihre Lippen, aber ohne den geringſten Aerger im Ton merken zu laſſen, erwie⸗ derte ſie:„Wir wollen ſehen! Ich werde mein Mög⸗ lichſtes thun, Deinem Willen nachzuleben— aber nach dem Zettel da wird es nicht immer angehen.“ „Nun, hie und da ein Mal vill ich es auch nicht ſo genau nehmen, aber in der Regel muß es ſo bleiben, wie ich es vorgeſchrieben habe.“ „Willſt Du Raſirwaſſer haben?“ „Ja, aber auch meinen Kaffee, das heißt, wenn Du ſchon welchen fertig gemacht haſt; ſonſt iſt es eigentlich ein großer Ueberfluß, Morgens und nach Tiſch Kaffee zu trinken.“ „Soll ich nun am Ende wohl auch den noch ver⸗ ſagen?“ fragte Liſa, und machte ein Geſicht wie eine Märtyrerin. „Nein, das verlange ich nicht,“ ſagte der Kam⸗ merer, gerührt von dem gewonnenen Sieg,„das ver⸗ lange ich nicht, mein Kind.“ Liſa ging; kaum hatte ſie aber die Thüre des Alten im Rücken, ſo machte ſie ein Geſicht, woraus auch der blödſüchtigſte Beobachter erſehen hätte, daß ſie der Vor⸗ ſchrift deſſelben nicht weiter nachzukommen im Sinn hatte, als ihr gerade anſtändig war. Sobald ſie in ihrem Schlaf⸗ — — — nimm hoffe, buch⸗ ‚ein ohne erwie⸗ Mög⸗ r nach nicht leiben, nn Du entlich Kaffee ch ver⸗ ie eine Kam⸗ as ver⸗ 8 Alten uch der er Vor⸗ n hatte, Schlaf⸗ 101 zimmer war', warf ſie den„Speiſenzettel“ in den Korb unter dem Tiſche. Da war gerade ſein rechter Platz bei den Strümpfen und dem übrigen Zeug! Liſa nahm ſich nun ernſtlich vor, Herrin im Hauſe zu ſeyn; ſie Galte ſich genug geopfert und wenn der Alte den Befehlshaberton annehmen wollte, ſo ſollte er wenigſtens eines Andern belehrt werden, Morgen nämlich, ſetzte ſie in Gedanken hinzu; denn heute Abend wäre es wahrlich Sünde ge⸗ weſen, ihn zu ſtören, da er ja nach ſeiner Geſellſchaft mußte. Der Kammerer empfing ſeinen Kaffee aus Liſa's eigner Hand, ſie ſelbſt knüpfte ihm deu Halstuchknoten, bürſtete ihm ſogar den Rockkragen aus, ſteckte ihm das Schnupftuch in die Taſche und reichte ihm Hut, Stock und Handſchuhe. Völlig ausgeſöhnt ſagte der glückliche Ehemann: „Welch' ein Schatz iſt doch eine gute nachgiebige Gattin! Liſa, mein liebes Kind, denk' nicht mehr daran, wenn ich auch ein wenig ſtreng war,— ich bin überzeugt, daß Du es nie mehr ſo weit kommen laſſen wirſt.“ Liſa antwortete nur mit einem leichten Seufzer. Laß das, Gott fegne Dich! Weine nicht mehr, leg' Dich zeitig zu Bette und geh' mir nicht mit dem Licht in das Staatszimmer! Adieu!“ Der Alte küßte ſein Weibchen auf die Stirn, ſie leuchtete ihm durch den Gang und er ging ſeine Wege. Von der Straße herein rief er ihr nochmals zu, doch ja nicht mit dem Licht in das Staatszimmer zu gehen. „Wird doch geſchehen, mein Herr Gemahl!“ ſagte Liſa lachend. Unmittelbar darauf vernahm man ihre Stimme, welche Karoline rief.. „Frau!“ „Mach' Feuer im Staatszimmer!“ Nun ging Liſa an ihre Toilotte, ordnete ihr Haar, holte dann aus der Garderobe ein grauſeidnes Kleid, einen geſtickten Kragen nnd ein elegantes Häubchen. Binnen einer Viertelſtunde, denn ſie ſchien Eile 10²2 zu haben, war ſie umgekleidet, nachdem ſie noch ihre wiſ prächtige goldne Kette, mit der gänzlich überflüſſigen ſtör Lorgnette umgehängt, und verſchiedene Male den Spie⸗ gel zu Rath gezogen hatte, ob ſie glücklich und ge⸗ ſchmackvoll gewählt habe, trat ſie in das Staatszimmer, wo das helle behagliche Feuer ſeinen wohlthuenden Schein über die rings umher ſtehenden Lurusartikel ſtan warf. Liſa legte eine Stickerei auf dem Nähtiſchchen zurecht und ging dann im Zimmer auf und nieder, wei und horchte bald auf die Straße, bald in den Gang es hinaus. ihr Um ſich das Benehmen der jungen F Frau zu erklären, es müſſen wir ein wenig zurückgehen. von Man wird ſich erinnern, daß Liſa's Benehmen in nich den Hochzeitstagen den Sekretär Roſell argerlich machte, fie, denn er hielt daſſelbe für erkünſtelt. Er hatte ſich in i vorgeſetzt, für die ausgeſuchte Gleichgültigkeit, mit wel⸗ aalte cher ſie ihn behandelte, eine kleine Rache zu nehmen, voll und was er ſich ausdachte, war auch ganz geeignet, und eine ebenſo erwünſchte als berechnete Aufmerkſamkeit bild bei einer Frau von Liſa's reizbarem und gefallſüchtigem Charakter zu wecken. ver Seinem Plan zufolge nahm der Regierunas⸗Sekretär und von dem Augenblick an, wo Liſa Frau Laßman hieß, in ein gewiſſes abgemeſſenes, ehrfurchtsvolles Benehmen nich an. Wenn er an ihrem Jenſiet vorbei kam, grüßte er etw ſo ging er vorüber, ohne ſich bei ihr aufzuhalten, und als er acht Tage nach der Hochzeit dem jungen Paar artig, aber außerſt kalt. Traf er Liſa auf der Straße, völl einen kurzen Morgenbeſuch machte, ſo lobte er des Kam-⸗ Ru merers Geſchmack von eingezogenem Leben, und ver⸗ Har ſicherte, daß es ſeine vollſtaͤndigſte Ueberzeugung ſey, Leſe ein Ehepaar könne am allerbeſten und reinſten ſein ehe⸗ daß liches Glück fern von allen Frenden und Stürmen in ſie dem Kreiſe froher Häuslichkeit genießen. Dabei drückte„es er ſeine Bewunderung aus, daß Frau Laßman ſich ſo der durchaus in den Geſchmack ihres Gemahls zu ſchicken ihre ihre ſigen Spie⸗ ge⸗ mer, nden etikel ſchen eder, Gang ären, n in ichte, ſich wel⸗ men, anet, nmkeit igem retär hieß, hmen te er raße, und Paar Kam⸗ ver⸗ ſey, ehe⸗ en in rückte h ſo jicken 103 wiſſe und fand es beinahe herzlos, wenn ſie Jemand ſtören wollte.. d All' dieſer Saame war für Liſa ausgeſtreut; leider verfehlte er auch nicht, Wurzel zu ſchlagen und Frucht zu treiben. Im Anfange, d. h. in der erſten Woche ihres Ehe⸗ ſtands, ſchickte ſie die Magd auf den Markt, um einzu⸗ kaufen; in der zweiten ging ſie ſchon ſelbſt mit, theils weil es der Kammerer zu wünſchen ſchien, theils weil es ſich immer traf, daß der Regierungs⸗Sekretär Roſell ihr begegnete. Die drei oder vier erſten Male behielt es ſein Bewenden bei einer einfachen Begrüßung, welche von ſeiner Seite ſo ehrfurchtsvoll war, daß ſich Liſa nicht wenig dadurch geſchmeichelt fühlte. Bald wünſchte ſie, ſein Gruß möchte weniger ſteif ſeyn, deßhalb legte ſte in ihre Erwiederung eine Freundlichkeit, welche an die alte Bekanntſchaft erinnerte, ohne übrigens die anmuths⸗ volle Würde ganz aufzugeben, welche ſie ſo ſorgfältig und mühſam einſtudirt hatte, und für eine junge, ge⸗ bildete Frau für durchaus unentbehrlich hielt. So verging, unter allerlei ſinnreichen Uebungen in verſchiedenen Grußmanieren die ganze nächſte Woche, und obgleich dieß ſchon eine intereſſante Unterbrechung in Liſa's einförmigem Leben war, ſo konnte ſie ſich doch nicht aus dem Kopfe ſchlagen, daß eigentlich eine. noch etwas vollſtändigere Amour dazu gehöre, um ſie zu einer völligen Dame von Welt zu machen. 3 Um dieſe Zeit erſchien ein neuer Roman von der berühmten Verfaſſerin der„Couſinen“ und da Liſa einen Ruhm darein ſetzte, ein wenig in der Romanliteratur zu Hauſe zu ſeyn, las ſie ihn natürlich auch. Aber vom Leſen hatte ſie nicht genug, die ganze Welt ſagte ja, daß das Buch intereſſant und geiſtreich ſey; noch mehr, ſie hörte ein Mal einen Herrn zu dem andern ſagen: „es ſeyen teufelshübſche und pikante Schilderungen aus der haute volée darin.“ Dieſe Worte bewahrte Liſa in ihrem Herzen und da ſie unendlich gern den vornehmen L —aauf Roſell haftete, beſſeren Erinnerung halber zum zweiten Male, gerade in der erſten langweiligen Woche ihres Eheſtands. Die Augen gingen ihr nun vollkommen auf. Sie las ein paar vorhergehende Romane von derſelben Feder; und da ſie daraus erſah, wie Baroninnen und Gräfinnen ihre Männer hinter das Licht führten und mit größter Leichtigkeit und nach Gefallen unter der Naſe oder hinter dem Rücken ihrer Männer, je nachdem es die Umſtände mit ſich brachten, ihre Liebesintriguen ſpielten— als unſere Liſa dieß las, hob ſich ihre Bruſt vor Entzücken, und ſie faßte den Entſchluß, daß nichts ſie abhalten ſollte, gleichfalls eine Dame von gutem Ton zu werden. Hatte ſie nicht einen ſo langweiligen unb widerwärtigen Mann, als ſich nur eine Gräfin Eines erfreuen konnte? Und außerdem, warum ſollte, ein ſolches Privilegium nur für die vornehme Welt da ſeyn? Das wäre höchſt Unrecht, meinte Liſa, und fand nicht den geringſten Grund, warum ſie dieſen erlauchten Beiſpielen nicht folgen ſollte. 3 In der dritten Woche faßte unſere Liſa den Ent⸗ ſchluß, einen kleinen Schritt vorwärts zu thun, d. h. im Fall dieß nicht von Roſell ſelbſt geſchähe. Sie wollte nämlich im Vorbeigehen ſtehen bleiben und eine einfache kurze Frage an ihn richten. Mit hocherröthenden Wangen fand ſie ihren Ritter an ſeinem gewöhnlichen Platz und vermuthlich leitete ihn die Sympathie; denn er blieb zuerſt ſtehen und fragte ehrfurchtsvoll, ob„Frau Laßman ſich für ge⸗ wöhnlich die Beſchwerde aufgelegt habe, ihre Küchenein⸗ käufe ſelbſt zu machen?“ „Das gerade nicht; ich thue es nur, wenn es mir gerade Vergnügen macht,“ antwortete Liſa mit einem leichten Lächeln und einem Blick, welcher ſich freilich über die Straße hinüber auf einen gleichgültigen Ge⸗ genſtand richtete, aber doch zufällig eine halbe Sekunde Damen gleich ſeyn wollte, ſo las ſie das Buch der der erade Sie eder; innen ößter inter tände als icken, alten rden. tigen inte? gium böchſt gſten nicht Ent⸗ h. im vollte fache ritter eitete und r ge⸗ nein⸗ mir inem eilich Ge⸗ kunde 10 Einen ſolchen Blick hatte Roſell noch nie in Liſa's Augen geſehen, und noch nie hatte er jene entzückende Friſche, jene feine Koketterie und jede ihrer Bewegungen gefunden. Liſa merkte wohl, daß ſie Eindruck auf ihn gemacht hatte— dieß war für das erſte Mal genug. Mit einer faſt kalten Neigung des Kopfs verabſchiedete ſie ſich und ſchlug den Weg nach dem Heumarkt ein, um dort ihr Wirthſchaftstalent zu kultiviren und ver⸗ mittelſt deſſelben in der Gunſt ihres Mannes zu ſteigen. Roſell ſah ihr lange nach; er konnte ſich den ganzen Tag nicht von dem Gedanken los machen, wie hübſch Liſa heute geweſen. In den folgenden Tagen erneute ſich ungefähr der⸗ ſelbe Auftritt— dann fing die junge Frau an weniger oft nach dem Heumarkt zu gehen, denn ſo ſchwer ihr auch die Entſagung ward, ſo gab es doch kein ſichereres und beſſeres Mittel, um zu ergründen, wie ſtark Roſell gefeſſelt war, oder ob er es überhaupt ſey. Die Probe glückte über alle Erwartung. In dieſen Tagen ging der Regierungs⸗Sekretär mehrere Male au Liſa's Fenſter vorbei; allein dieſe ließ ſich Nichts mer⸗ ken, ſie war ganz und gar mit ihrer Näherei beſchäftigt, bis ihr eine neue Kaprice ankam und dieſe ſie veran⸗ laßte, abermals auszugehen, und eine Scene zu ſpielen, welche ſie zu Hauſe einſtudirt hatte, während ſie mit der lobenswertheſten Aufmerkſamkeit den Hauswirth⸗ ſchaftsleben-Vorleſungen des Alten zuhörte. So verging ein Monat. An dem Tage, vor dem im Anfang des Kapitels beſchriebenen, hatte wieder eine der ganz zufälligen Zu⸗ ſammenkünfte zwiſchen dem Sekretär und Liſa Statt gehabt, und Letztere im Vorbeigehen geäußert, daß der gegenwärtige ſchlimme Weg ſie hindere, ſelbſt ihre Aus⸗ gänge zu machen und ſie nöthige, vor der Hand der Magd die Einkäufe zu überlaſſen. „Alſo ſind die kurzen theuren Augenblicke vorüber,“ ſagte Roſell— o was er ſagte, ſchien ſeine wirkliche ——ys— 106 Ueberzeugung zu ſeyn!„Sie leben ſo eingezogen, Frau Laßman, und haben erſt ein einziges Mal, ſeit Sie verheirathet ſind, das Theater beſucht.“ Liſa lächelte.„Der Honigmonat hat ſein Privi⸗ legium,“ ſagte ſie ſcherzend:„dann aber werde ich das Theater jede Woche ein Mal beſuchen. Es iſt aber widerwärtig, daß Laßman keinen anderen Platz nebmen will, als in einer Seitenloge des dritten Rangs. Wir ſitzen freilich wenigſtens am nächſten an der Bühne.“ Dies waren höchſt koſtbare und angenehme Nach⸗ richten und die ausdrucksvolle Verbürgung des Regie⸗ rungs⸗Sekretärs beurkundete hinlänglich ſeine Dank⸗ barkeit. „Ich höre, morgen iſt Geſellſchaftstag im. Par Bricole⸗Verein.“ begann er nach einer kleinen Pauſe. „Wenn ich nicht irre, ſo iſt Herr Laßman Mitglied?“ „Ja, es iſt ſo; wenigſtens ging er als Junggeſelle immer hin.“ „Es wäre auch wirklich hart, wenn man ſich als Ehemann eine ſolche gewohnte Unterhaltung verſagen ſollte. Sie werden ſelbſt füblen, verehrteſte Frau, daß es ſehr habſtüchtig von einer Gattin wäre, wenn ſie ih⸗ ren Mann überreden wollte, von ſeinen⸗ alten lieben Gewohnheiten abzugehen!“ Das habe ich auch keineswegs im Sinn,“ ſagte Liſ, a und das Hochroth ihrer Wangen verkündete deut⸗ lich, daß ſie ſeine Meinung gefaßt hatte. Mit klopfen⸗ dem Herzen ging ſie nach Hauſe, in er feſten Ueber⸗ zeugung, daß der Sekretär dieſe Gelegenheit zu einem Beſuch nicht verſäumen würde. Es war jetzt nur die Frage: wie den Alten aus dem Wege ſchaffen?— Ihr Scharſſinn fand auch leicht ein paſſendes Mittel— welches noch zugleich ihren Mann überzeugte, daß ſie die zärtlichſte und verträglichſte Frau von der Welt ſen⸗ fträu ſchli dem from niede ihre lag laſſe treib Herr men ſeine keine Frau Sie rivi⸗ das aber amen Wir 7⁴ egie⸗ dank⸗ Par auſe. 2 ſelle als agen daß ih⸗ eben agte deut⸗ ffen⸗ 107 . Neuntes Kapitel. Wie die Frau, während die Herren„par bricole“ dem Bacchus opfern, der Venus ihre Huldigung darbringt. Während unſer ehrlicher Kammerer, der ſich nicht träumen ließ, daß ſeine theure Liſa ihm ſchon einen ſchlimmen Streich ſpielen könnte, ruhig und vergnügt in dem frohen Kreiſe alter Freunde ſaß, ging ſeine junge fromme Frau, wie bereits gemeldet, im Zimmer auf und nieder und horchte mit Unruhe, zuweilen mit Furcht, daß ihre Hoffnung ſie betrügen möchte. Aber nein— jetzt klingelte es. Liſa’'s ganze Seele laag in ihren Ohren. Er wird ſich doch nicht abweiſen laſſen— denn ſo weit hatte Liſa die Kühnheit nicht zu treiben gewagt, um der Magd zu ſagen, daß wenn ein Herr kommen würde, ſie ihn nur ohne weiteres anneh⸗ men ſollte. Ob nun Roſell Einlaß erbielt, hing von ſeiner eigenen Schlauheit ab, und daran zweifelte ſie keinen Augenblick. Sobald Liſa die Gangthüre aufſchließen hörte, flog ſie in das Schlafzimmer zurück, wo ſie vor den Spie⸗ gel ſich ſtellte, als probire ſie das vorhin angezogene Kleid an. „Gott bewahre, was Sie geputzt ſind, Frau!“ rief Karoline voll Verwunderung aus, als ſie nach Liſa's Berechnung wirklich hereintrat;„wollen Sie ausgehen.“ „Ausgehen? nein, keineswegs. Du ſiehſt ja, daß ich hier ſtehe und das Kleid anprobire, welches ich in voriger Woche gemacht habe. Es kommt mir vor, als mache es zu viele Falten auf der einen Seite? Stell' Dich einmal mit dem Licht hier hin, damit ich beſſer ſe⸗ hen kann.— Was haſt Du denn aber für eine Karte in der Hand?“ Es iſt ein Herr draußen, der nach der Herrſchaft fragt. Ich ſagte ihm, der Herr Kammerer ſey nicht zu 108 Hauſe; er ließ ſich aber nicht abweiſen, ſondern ſagte, ich ſolle mit der Karte hineingehen und hören, ob die Frau ihn nicht annehme.“ Gib her— ach— der Sekretär Roſell! O wie dumm! Aber was kann ich machen? ich muß ihn doch wohl annehmen. Führ' ihn in das Staatszimmer; dann machſt Du Thee, ſorg' aber dafür, daß er gut wird, liebe Karoline! Hier haſt Du vierundzwanzig Schillinge zu Zwieback und Brezeln.“ Karoline ging; nachdem Liſa nun der Magd die gewöhnlichen Geſchäfte der Hausfrau aufgehalst und ſich zugleich von der Neugierde derſelben in Bezug auf ihren auffallenden Anzug befreit hatte, blieb ſie ein paar Mi⸗ nuten, das Licht in der Hand, mitten im Zimmer ſte⸗ hen. Sie konnte ſich nicht eben ſo leicht eines heim⸗ lichen Gefühls, Furcht und Unruhe entledigen.„Aber, du mein Gott,“ ſagte ſie, um ſich vollkommen zu beru⸗ higen,„was iſt denn auch Schlimmes dabei, wenn er daher kommt, eine Viſite macht, ein Stündchen ſitzen bleibt, Thee trinkt und plaudert? Dagegen kann kein Menſch etwas haben, und es wäre ja lächerlich, ſo et⸗ was in Frage zu ſtellen.“ Geſtärkt und ermuntert durch die leichten Troſt⸗ gründe, welche ſie ſich ſelbſt gab, war ſie im Begriff hinein zu gehen, als ſie ſich plötzlich erinnerte, daß das Staatszimmer gar nicht erleuchtet war. Erfreut über einen Vorwand zu einer weitern Zögerung, eilte ſie in die Küche, ließ dort das Licht, und befahl Karolinen, es eiligſt hinein zu tragen. Während dem hatte Roſell Muße, ſich in der Geduld und im Warten zu üben. Das Letztere war ihr ganz angenehm, und ohne Zweifel mußte ihn ihr Ausbleiben auf den Gedanken bringen, daß ſie ſich gerade nicht ſehr beeile, ihn zu empfangen. Aber plötzlich fiel ihr auch ein, er könnte ſich einbilden, ſie ſey die ganze Zeit, ihm zu gefallen, nur mit ihrer Toilette beſchäftiget; ſte war im Begriff, ihr ſeidenes Kleid und die Haube abzuwerfen. Endlich entſchloß ſie ſich gen das Tiſch Sch mach fen, Thü Feu gege frau zitte hiel her wel rend acht tref We kein den wie Am neit den Sa eine deſt wol grö Gu ihr wol ſagte, 5 die wie doch dann wird, llinge d die d ſich ihren Mi⸗ r ſte⸗ jeim⸗ Aber, beru⸗ in er ſitzen kein o et⸗ rroſt⸗ egriff das über ie in inen, doſell üben. veifel ngen, igen. lden, ihrer denes ß ſie 1⁰9 ſich aber doch zum Anbehalten, und mit hochrothen Wan⸗ gen und einem leichten Herzklopfen trat ſie zu ihm in das Zimmer. Die beiden trüben Talglichter brannten auf dem Tiſch am Divan und warfen einen matten, ungewiſſen Schein über das Zimmer. Am Kamin ſtand Roſell und machte ſich mit den Feuerbränden ſo vertraulich zu ſchaf⸗ fen, als wenn er hier zu Hauſe wäre; ſo wie aber die Thüre aufging und Liſa ſich zeigte, ſtellte er ſchnell die Feuergabel bei Seite, und ging der jungen Frau ent⸗ egen. be Er hatte den alten Brauch erneuern, und der Haus⸗ frau die Hand küſſen wollen; aber Liſa's ſchüchterne, zitternde Verwirrung, welche gar nicht zu verkennen war, hielt ihn zurück. Er verbeugte ſich tief, wie er nie frü⸗ her gethan, und folgte ihr zu dem Stuhl am Sopha, welchen ſie ihm mit anmuthiger Gebärde anbot, wäh⸗ rend ſie ſelbſt die nächſte Ecke einnahm. Liſa ſah Roſell an, und überzeugte ſich aus feinem achtungsvollen Benehmen gegen ſie, daß er ſich vor⸗ trefflich betragen werde. Sie hatte ſich natürlich ihren Weg ſchon vorgezeichnet, und gewiß, dachte ſie, hätte keine Gräfin ihren Liebhaber mit mehr Beſtimmtheit auf den Platz neben dem Sopha weiſen können. Und dann, wie ſchrecklich unſchuldig iſt dies auch! Ueber eine ſolche Amour braucht man gar nicht einmal roth zu werden, nein, gewiß nicht: es kann ja gar nicht anders ſeyn; denn gerade das Feine und Schüchterne iſt es, was der Sache die meiſte Anmuth verleiht. Und je mehr man einen Liebhaber plagen, und ſeine Gefühle ſteigern kann, deſto beſſer! Liſa wollte angebetet, vergöttert ſeyn; allein ſie wollte auch mit höchſter Sparſamkeit und mit der aller⸗ größten Unterſcheidung bei dem Zumeſſen ihrer kleinen Gunſtbezeugungen zu Werk gehen, womit ſie, ſo lange es ihr Spaß machte, ihren Liebhaber an der Leine halten wollte. 11⁰ „Wie gütig Sie doch ſind, meine beſte Frau Laß⸗ man, wahrhaftig mehr als ich zu hoffen wagte!“ ſagte Roſell und ruckte mit ſeinem Stuhl ſo nahe als nur immer möglich, an den Sopha. „Was meinen Sie damit, Herr Sekretär?“ fragte, Liſa mit der naiven Unſchuld der vollendetſten Kokette. „Nach Ihrer Verwunderung zu ſchließen, leidet es vielleicht keine Erklärung.“ entgegnete Roſelt lächelnd. Liſa erröthete; aber es focht ſie wenig an. Sie dachte, es gehore zum guten Ton, etwas tuhn zu ſeyn, und ſobald ſie nur einmal die erſte Verlegenheit bei dem Eintritt uberwunden hatte, ging es ſchon von ſelbſt. „Meine Verwunderung iſt in der That um ein Be⸗ deuten es geſtiegen“ ſagte ſie, und warf einen Blick auf Roſell, welcher ihre Worte bekräftigte.„Sie ſprechen in Räthſeln, Herr Sekretär, aber es ſolt mich freuen, zu hören, was denn eigentlich für eine Güte von mei⸗ ner Seite auf Ihren Dank Anſpruch machen kann?“ „Vielleicht habe ich mich auch geirrt. Da Sie mich ader ſelbſt auffordern, zu ſagen, was Ihnen meine Dankbarkeit erworben hat,— es iſt Ihre Güte, mich heute Abend anzunehmen, worauf ich mich ſchon geſtern Morgen gefreut habe.“ „Wenn Sie ſchon geſtern Morgen daran gedacht haben, uns heute Abend die Ehre zu ſchenken, ſo ſehe ich wahrlich darin keinen Zuſammenhang mit dem Um⸗ ſtand, daß ich Sie angenommen; denn obgleich mein Mann in ſeiner Geſellſchaft iſt, wovon wir ja ſchon ge⸗ ſprochen haben, ſo halte ich es doch für keine ſo große Gnade, einen Bekannten anzunehmen.“ Liſa gab dieſe kleine Erklärung nicht allein mit großer Sicherheit, ſon⸗ dern auch in einem Ton, welcher zu erkennen gab, daß ſie ſich durch die Freiheit, welche in Roſells Anſpielung lag, ein wenig beleidigt fühlte. „Es iſt wirklich zum Erſtaunen,“ dachte der Sekre⸗ tär,„daß die Natur ſelbſt ein Weib ſo ausbilden kann!“ Indeſſen verſtand er wohl, daß noch nicht der Tag ge⸗ .„ kom Gle den her war Mu hin hat me Fei Liſe zau reie ma We ſich wo der hal allt wel hen run Ihr Ko nae iſt Se da zu ſich ſich euen, mei⸗ 2„ Sie neine mich eſtern dacht ſehe Um⸗ mein 1 ge⸗ große dieſe ſon⸗ daß lung ekre⸗ nn!“ ge⸗ 111 kommen ſey wo er den erklärten Liebhaber ſpielen durfte. Gleichwohl hatte er für jetzt keinen höhern Wunſch, als den, Liſa's Herz zu erobern. Die Neigung, welche bis⸗ her nichts weiter als eine Morgendämmerung geweſen war, ſtieg immer mehr und mehr bis ſie endlich zur Morgenröthe wurde. Er fühlte ſich oft über die Grenze hinausgezogen, welche ſich ſein fluͤchtiger Sinn gezogen hatte, und zuweilen ſah er mit wahrer Furcht dem Mo⸗ ment entgegen, wo dieſe bisher gedämpften Gefuhle in Feuer und Flamme ausbrechen würden, denn ſo oft er Liſa wieder ſah, kam ſie ihn immer gefahrlicher und be⸗ zaubernder vor. Aber gerade, weil er ſein Ziel zu er⸗ reichen ſtrebte, wollte er ſich nicht übereilen. Kälte machte offenbar eine weit größere Wirkung auf Liſa als Wärme. Nach einer kleinen Pauſe, welche Liſa dazu benützte, ſich zu der Rolle vorzubereiten, in welcher ſie zeigen wollte, wie die weibliche Wurde blios durch die Macht der Blicke die zudringliche Kühnheit eines feurigen Lieb⸗ habers in Schranken halten kann, ſagte Roſell in dem alltäglichſten und gleichgiltigſten Ton, in einem Ton, welcher Liſa höchlich pikirte, obgleich ſie ſich das Anſe⸗ hen gab, als habe ſie gar keine Acht auf die Verände⸗ rung, welche mit ihm vorgegangen:„Es iſt ſchade, daß Ihre Zimmer ſo niedrig ſind— ich habe mir faſt den Kopf angeſtoßen, als ich herein trat.“ „Wenn wir wieder ausziehen, werden wir uns wohl nach höheren umſehen,“ meinte die junge Frau.„Rom iſt auch nicht an einem Tage gebaut worden.“ 3 „Nein, leider,“ erwiederte Roſell mit einem leichten Seufzer,„Alles will ſeine Zeit haben.“ „Ach, das iſt pure Verſtellung,“ dachte Liſa, putzte das Licht, nahm ihre Stickerei zur Hand, und fing an zu arbeiten. Roſell erbot ſich, ihr vorzuleſen, nahm ohne Rück⸗ ſicht auf den Stuhl am Sopha, ein Tabouret und ſetzte ſich an die andere Seite des Tiſches. —————yj—— 112 Dies war etwas, worauf Liſa noch nicht gerechnet hatte; allein ſie fand ſich darein, und wenn ſie auch ein leichtes Gähnen unterdrücken mußte, als Roſell einen Band von Brauns Gedichten aus der Taſche zog, wel⸗ che Liſa gänzlich unbekannt waren, ſo fand ſie doch bald ſo viel Geſchmack und Intereſſe daran, daß ſie, als der Thee kam, und eine Pauſe entſtand, ihn bat, ihr das Buch auf ein paar Tage zu leihen. . Während des Theetrinkens entſtand eine gewiſſe kleine Vertraulichkeit, welche gegen Liſa's zuerſt ange⸗ nommene und weiter fortgeſetzte Würde etwas abſtach. Waren es Brauns Gedichte, welche dieſe Wirkung hat⸗ ten, oder reichte die Wärme, welche die Theekanne ver⸗ breitete, weiter als bis zu den Taſſen, bei einer ſchnel⸗ len Bewegung Roſells, der Wirthin hilfreiche Hand zu leiſten, flog das Tabouret auf die Seite und ſeine Kühn⸗ heit eroberte ſich einen Platz auf dem Sopha. Liſa konnte ihn natürlich nicht wegweiſen, und bald theilten ſie ſich in die Beſorgung des Geſchäfts, wobei es ziemlich lebhaft zuging. Roſell war ſchrecklich eigen mit dem Thee; bald war er ihm zu ſtark, bald zu ſchwach. Liſa hatte beſtändig mit ihm zu ſchaffen, und kam endlich in eine ſo fröhliche Laune, daß man eher glauben konnte, es handle ſich um ein muthwilliges Spiel, als um ein ordentliches Theetrinken. Das widerliche Horn des Nachtwächters gab plötz⸗ lich mit kräftigen Tönen das Zeichen zum Aufbruch. „Mein Gott, iſt es ſchon zehn Uhr!“ rief Liſa aus, und vergaß ganz und gar die Artigkeit der Wirthin, bei dem Gedanken, daß der Alte ſchon ſeine Geſellſchaft verlaſſen haben und kommen könnte, während Roſell noch da war. „Die Zeit kennt kein Erbarmen,“ erwiederte Roſell, nahm mit großem Widerſtreben ſeinen Hut, allein um ſo williger Liſa's Hand, und führte dieſe zweimal an ſeine Lippen. Sie zeigte einen gelinden Grad von Ungeduld, welcher ſie entzückend kleidete. 3 — len legen nich war däch! zu l das ſam Aben dem am ihr E ausk löſch als komn ſchla denes keln der( ſams und blicke ſo ru als d Kam Stüc mehr a echnet ch ein einen wel⸗ bald [s der r das ewiſſe ange⸗ bſtach. g hat⸗ e ver⸗ ſchnel⸗ ind zu Kühn⸗ d bald wobei eigen ald zu I, und n eher illiges plötz⸗ ruch. a aus, irthin, Ulſchaft noch Roſell, um ſo - ſeine geduld, 113 „Nächſten Freitag wird Robert gegeben; Sie wol⸗ len ihn ja ſehen— und könnte man denn da bei Ge⸗ legenheit Sie nicht auch— etwas Schönes kann man nicht zu oft ſehen.“ „Ich hoffe, daß ich hinkommen werde.“ „Im dritten Rang, die Loge zunächſt der Bühne, war es nicht ſo? Ach, ich habe ein ſehr gutes Ge⸗ dächtniß.“ „Gute Nacht, gute Nacht!“ Liſa rief Karolinen und befahl ihr, dem Sekretär zu leuchten. Sie ſelbſt räumte eiligſt Alles weg, trug das Theeſervice hinaus, und überließ Karolinen, gleich⸗ ſam zur heimlichen Entſchädigung, für das verſäumte Abendeſſen, ſämmtlichen übrig gebliebenen Zwieback. Nach⸗ dem ſie noch einmal Alles überblickt hatte, ob es auch am rechten Platze ſtehe, nahm ſie das Licht, eilte auf ihr Schlafzimmer, wo ſie ſich ſchneller als ein Gedanke auskleidete, in ihr Bett ſchlüpfte und das Licht aus⸗ löſchte. „Gott ſey Dank, daß ich ſo weit bin!“ dachte Liſa, als ſie die Decke über ſich zog.„Nun mag mein Alter kommen, wann er will; ich verſpreche es ihm, daß ich ſchlafe. Aber, ja ſo— ich habe vergeſſen, mein ſei⸗ denes Kleid hineinzuhängen!“ damit ſtand ſie im Dun⸗ keln noch einmal auf, um in dem verſchwiegenen Schooß der Garderobe das verrätheriſche Zeichen ihres Ungehor⸗ ſams zu verbergen. 4 Der Kammerer kam erſt gegen ein Uhr nach Hauſe; und obgleich Liſa eben ſo gut wachte, als in dem Augen⸗ blicke, wo ſte zu Bett ging, ſtellte ſie ſich, als ſchliefe ſie ſo ruhig, wie ein Kind, und rührte ſich nicht im geringſten, als der Alte dasLicht über ſie hielt. „Gott ſegne ſie, ſie ſchläft ſüß!“ murmelte der Kammerer und brachte aus ſeiner Taſche unterſchiedliche Stücken Backwerk, Mandeln, Roſinen und dergleichen mehr und legte Alles auf ein Blatt Papier, um Liſa am Kammerer Laßman. II. 8 ———j— 114 andern Morgen eine Freude zu machen. Sie blinzelte ein wenig mit dem einen Auge, nahm die zärtlichen Zurüſtungen des Alten wahr und drehte ſich, wie im Schlaf, auf die andere Seite, um ein unwiderſtehliches Lächeln zu verbergen. Der Kammerer ſchlich ſtill wie eine Katze hin und her. Wie hätte er auch das Herz haben können, ſeine theure Liſa aufzuwecken! Sie hatte ſich gewiß lange genug in Unruhe und Erwartung im Bett umhergewälzt, bis ſie eingeſchlafen war. Am andern Mittag bekam der Kammerer Strömling mit Lauchſauce und Fiſchſuppe. Ach, wie vergnügt und zufrieden war er mit Liſa in dem einen Zimmer, aber mit ſich ſelbſt in dem andern— denn hätte er nicht ſo⸗ gleich die Sache am rechten Fleck angepackt und die gehörige Autorität gebraucht, wer weiß, wie weit es noch gekommen wäre! Nachmittags ſang Liſa ein paar Verſe aus Bell⸗ man's Liedern. Das war eine Freude! So ein glück⸗ liches Ehepaar, meinte der Kammerer, gebe es in der ganzen Welt nicht.— „Mir fällt Etwas ein,“ ſagte Liſa, ließ die Guitarre auf den Schooß ſinken und erhob ihre ſanften Augen zu dem alten entzückten Eheherrn. „Was fällt Dir ein, mein Kind, was?“ fragte der Kammerer mit ermunternder Freundlichkeit. „Ja, mir fällt ein, als ich noch Braut war, machte ich zur Bedingung, daß Du mir jedes Mal eine kleine Freude machen müßteſt’, wenn ich Dir Etwas von Alla Weiblad ſänge. Jetzt will ich auch meine Forderung einziehen.“ zas willſt Du denn? Wenn es nicht etwas gar zu Tolles iſt, ſollſt Du es haben.“ „Ach nein, etwas Tolles iſt es keineswegs! Ich möchte nur morgen gern in die Oper und Robert ſehen.“ „Robert?— Ach Gott, Liebſte! Ich bin ganz überdrüſſig, nur von Robert reden zu hören.“ zelte ichen 2 im iches und ſeine ange välzt, nling und aber t ſo⸗ die t es Bell⸗ glück⸗ n der tarre en zu 2 der achte kleine Alla erung 3 gar Ich hen.“ ganz 8 113 „Biſt Du auch überdrüſſig, ihn zu ſehen?“ „Nein, das kann ich nicht wohl ſagen, weil ich ihn noch nie geſehen habe; es iſt aber ja noch gar nicht lange her, daß Du im Theater warſt, liebe Liſa.“ „Noch nicht lange her?“ ſagte Liſa ſchmeichelnd und klopfte ihm auf die Wange;„liebſter Mann, gewiß iſt es lange her— über drei Wochen, ich glaube ja ſchon einen Monat! Es war in der erſten Woche nach unſrer Hochzeit.“ „Ja, ja, ein Mal im Monat, das iſt doch ſchon oft, ſollte ich meinen.“ „Ein Mal in der Woche wäre nicht zu viel;“ meinte Liſa; aber ſie lachte dazu und ſah ſo ſchelmiſch und liebenswürdig wie möglich aus. Dieß Mal ſchien aber ihre Schmeichelmiene keine Wirkung zu thun, wie aus des Kammerers höͤchſt ernſt⸗ hafter, wo nicht gar abſprechender Antwort zu ſchließen war. „Ich will nicht hoffen,“ ſagte er,„daß Du an etwas ſo Unſinniges im Ernſte denken kannſt: ein Mal die Woche— ja, da müßte Einer ja bis an den Hals im Gelde ſitzen, und wer es ſo verſchleudern könnte, hätte es gewiß nicht auf ehrliche Manier erworben!“ „Ach, Du kommſt auch ewig mit Deinem Geld und Deinem Erwerben und Verſchwenden! Man darf auch nicht ein Mal einen Scherz machen. Weg damit— laß uns nicht weiter davon reden.— Verſprich mir nur, daß ich morgen hingehen darf. Bedenke nur, wie hübſch ich Dir geſungen habe— Du kannſt es nicht über das Herz bringen und ſo garſtig ſeyn, nein zu ſagen.“ „Es thut mir leid, liebe Liſa. Glaube mir, ich ſchlage Dir es nicht aus Geiz ab. Aber die Komödie iſt mir in den Tod zuwider!“ „So laß mich allein gehen! Als Frau kann ich das recht gut und da iſt es mit Einem Billet abgethan.“ 8 X ————————— 116 „Du biſt zu jung und unerfahren, um allein zu gehen, mein Kind.“ „Ach, was das betrifft,“ fiel ihm Liſa unbeſonnen iw's Wort,„ſo bin ich vielleicht eben ſo klug als manche Frau, welche älter iſt als ich. Du kannſt ja aber, wenn Dich das beruhigt, Jemand mit mir ſchicken, allenfalls Muhme Neta.“ „Ganz gut— aber müßte ich da denn nicht immer für Zwei bezahlen, wenn ich gleich nicht ſelbſt mitgehe.“ „Ja, da haſt Du Recht. Es war ein einfältiges Verlangen von mir. Aber ſey mir nicht böſe deßhalb, lieber Mann. Ich ſitze ſo viel zu Hauſe. Manchmal wird mir ordentlich bang, daß ich die Schwindſucht bekommen möchte und dann ſehne ich mich ſo innig hin⸗ aus, um nur noch ein Bischen von der Welt zu ſehen. Doch beſſer, als daß ich gegen Deinen Willen handle, ſitze ich zu Hauſe, bis mir das Haupt ſinkt, wie Deinem kleinen Kanarienvogel, der heute Morgen todt in ſeinem Bauer lag.“ „Liſa, liebſtes Kind,“ ſagte der Kammerer höchſt bewegt,„Du thuſt mir ſehr weh; allein Deine Nach⸗ giebigkeit freut mich auch, denn ſie zeugt von Deinem reifenden Verſtand. Bleib immer ſo und Du wirſt ſehen, daß ich Dir manches Opfer zu bringen im Stande bin. Es iſt jetzt abgemacht,— Du gehſt morgen in’s Theater, ſiehſt Deinen lieben Robert und die Hofmeiſterin ſoll mit Dir gehen.“ 4 Wir brauchen nicht zu ſagen, daß der Kammerer im Laufe der ganzen Woche ſeinen Speiſezettel auf das pünktlichſte befolgt ſah. Liſa überraſchte ihn außerdem mit einigen kleinen unvermutheten Aufmerkſamkeiten und niemals war ein alter Mann dankbarer gegen ſeine junge Frau. Er hätte, wie das Sprichwort ſagt, ſie auf den Händen tragen mögen.— In der Mitte des Dezembers war des Kammerers 3 Geburtstag. Liſa hatte im Sinne, bei dieſer Gelegen⸗ heit ein kleines Feſt zu feiern; denn nebenbei, daß ſie der ſell glã wer Etr frei und auf, ſich Sel eint und beſte Mü⸗ Zuſ Mu Ohr kum läng ſie das Blic Ver nur weg hauß Trät i zu anen nche ehen. ndle, inem inem öchſt Kach⸗ inem ehen, bin. Later, lmit merer f das erdem und junge f den terers legen⸗ aß ſie 1 117 der Eitelkeit des Alten dabei ſchmeichelte, wollte ſie ſich ſelbſt Gelegenheit machen, in verſchiedenen Geſtalten zu glänzen. Es ſollte nämlich ein lebendes Bild vorgeſtellt werden; aber nicht genug damit, Liſa wollte auch ſogar Etwas von Theater haben. An ein ganzes Stück war freilich nicht zu denken, denn dazu fehlte es an Raum und an Mitſpielern, allein ein paar Scenen in Koſtüm aufzuführen, war eine ganz leichte Sache. Sowie ſie ſich die Sache ausgedacht hatte, wollten ſie und der Sekretär ſich vor der Hand bei der Mutter mit einander einüben; Nichts konnte natürlicher und nichts herrlicher und angenehmer ſeyn. Es war nur noch die Frage, wie eine möglichſt beſte Geſellſchaft zuſammenbringen? denn ſich all' die Mühe allein um des Alten willen geben und keine anderen Zuſchauer haben als ihn, die Mutter, die Hofmeiſterin, Muhme Neta und Will— daran war nicht zu denken. Zwar ſprach ihr eine heimliche Stimme in das. Ohr, daß das Vergnügen der Proben das kleine Publi⸗ kum, welches der Hauptvorſtellung beiwohnen ſollte, hin⸗ länglich erſetze; allein auf der andern Seite, wenn Roſell ſie vor Anderen bewundert und gefeiert ſah, mußte er das Glück doppelt ſchätzen, daß ſie hie und da einen Blick für ihn allein hatte, und dann wäre es auch kein Vergnügen, ſondern ein reiner Zwang, wenn man ſo nur en famille ſeyn ſollte. Es müßte irgend ein Aus⸗ weg gefunden werden,„wozu hätte man denn ſonſt über⸗ haupt einen Kopf!“ ſetzte Liſa in ihren angenehmen Träumereien hinzu. ———õ Zehntes Kapitel. Frau Laßman wirbt Subjekte für ihre Geſellſchaft. Prächtige Ausſichten. „Ich meine mich zu erinnern, lieber Mann,“ ſagte die junge Frau eines Abends,„daß Du vor unſrer Hoch⸗ zeit ein Mal gelegentlich bemerkt haſt, Du ſeyſt immer früher gewohnt geweſen, kleine Spielpartien zu haben;— war es nicht ein Leinwandhändler hier in der Stadt und ein alter Doktor in der Südvorſtadt, mit welchen Du umzugehen pflegteſt? Warum bitteſt Du ſie nicht mehr zu Dir? Es wäre doch eine Abwechslung! Und ein Hutterbrod und ein Glas Bier koſten auch nicht alles eld.“ „Das iſt kein übler Vorſchlag, liebe Liſa; denn, um die Wahrheit zu ſagen— eine kleine Spielpartie in den Winterabenden iſt etwas ganz Angenehmes. Ich kann ſie einladen, hie und da ein Mal Abends herzu⸗ kommen.“ „Würde es ſich wohl nicht eher ſchicken, da Du jetzt verheirathet biſt, wenn wir eine Viſite bei ihnen machten? Mich dünkt, Du hätteſt geſagt, ſte hätten ganz artige Frauen, und da wäre es nicht unangenehm fur mich, zuweilen Umgang mit ihnen zu haben. So habe ich keine weitere Unterhaltung, als hie und da ein Mal in das Theater zu gehen.“ „Hie und da, ſagſt Du?“ fiel der Kammerer mit einem ſauerſüßen Lächeln ein.„Meine Kaſſe kann ein anderes Wörtchen davon erzählen— in den letzten vier⸗ zehn Tagen biſt Du in jeder Woche ein Mal dort geweſen!“ „Und dieß macht gerade zwei Mal,“ ſagte Liſa lachend;„aber, liebſter Freund, findeſt Du denn nicht, daß gerade in dem Mangel an Umgang der Grund liegt, warum ich mich nach öffentlichen Luſtbarkeiten ſehne? Ein Ein dan wier ſich zu und eint: dürt fügf bei Die hatt geſe verſ Alle Lekt mac ihre eige und zu erhi Gro Viſt ſein ſie: habe mir ande Kanr ſchn Blo 119 Eine junge Frau kann nicht in einer ſolchen klöſterlichen Einſamkeit leben; ſchaffe mir paſſende Geſellſchaft— dann werde ich auch zu Hauſe bleiben.“ Der Kammerer muß Liſa's Bemerkung Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, und da ſie wirklich die Billigkeit für ſich hatte, ſo erhielt ihr Verlangen, den Leuten Viſite zu machen, ſeinen Beifall, jedoch nur unter der ſtrengen und beſtimmten Vorausſetzung, daß bei möglicherweiſe eintretendem Gegenbeſuch nichts weiter aufgetiſcht werden dürfe, als ein Glas Bier und Butterbrod. „Ganz nach Deinem Gefallen!“ verſicherte Liſa fügſam. Am nächſten Abend machten ſie die erſte Viſite bei Doktor S—, wo ſie zufällig einige Fremde trafen. Dieß war eigentlich das erſte Mal, daß Liſa Gelegenheit hatte, ſich in einer gebildeten Geſellſchaft zu zeigen. Der geſellige Kreis, welcher ſich zuweilen bei ihrer Mutter verſammelte, nebſt ein paar Bällen und Redouten, war Alles, was ſie bisher vom Geſellſchaftsleben kannte. Aber Lektüre und eine angeborne Leichtigkeit der Auffaſſung machte, daß Liſa ſich ohne die geringſte Schwierigkeit in ihre Stellung fand. Sie wußte wohl, daß ſie keine eigentliche Bildung beſaß, allein deſto mehr Inſtinkt; und ſie war ſicher, keinen Verſtoß gegen den guten Ton zu machen. Nach einigen Einwendungen des Herrn Gemahls erhielt Liſa doch endlich die Erlaubniß, ihren ſchwarzen Gros de Naples anziehen zu dürfen.„Bei der erſten Viſite,“ hatte ſie den Alten verſichert,„müßte man ſtets ſein Allerbeſtes anhaben; und das weiß ich gewiß,“ ſetzte ſie mit einem bezaubernden Lächeln hinzu,„daß Du nicht haben willſt, daß die Leute ſagen, Du ſeyſt ſo knickerig, mir nicht ein Mal zu gönnen, mich ſo zu kleiden, wie andere beſſere Frauen.“ Vor ſolchen Argumenten mußte, wie geſagt, der Kammerer die Segel ſtreichen. Und nun in ihrem ſchwarzen Seidenkleid, dem weißen Shawl und dem netten Blondenhäubchen, eine Roſenknospe in dem ſchwarzen ———j 120 glattgekämmten Haar, ſah Liſa ganz präſentabel aus,— und man weiß, wie ſte bemüht war, ſich das Benehmen und die Art einer Dame von Stande anzueignen. Der Doktor und ſeine Frau, eine brave, geſchwätzige Alte, empfingen die Neuvermählten ſehr artig; die Töchter vom Hauſe, die eine ledig, in Liſa's Alter, die andere an einen Reviſor verheirathet, zeigten ſich gegen die junge, ſchüchterne, einnehmende Frau Laßman, welche hier alles Andere zur Schau trug, nur nicht ihren eigent⸗ lichen Charakter, nicht minder wohlwollend. Es war ein Glück füͤr Liſa, und ein wirkliches Verdienſt, daß ſie ihren Standpunkt erkannte und in Folge deſſen ein ſanftes und ſchüchternes Weſen annahm, welches weder Mißtrauen, noch allzuviel Selbſtvertrauen verrieth, ſondern ein ge⸗ wiſſes Juſte milieu athmet, wobei ſich Liſa ſelbſt ſagen mußte, daß ſie hier an ihrem Platze ſey. Später lernte ſie alle Gäſte kennen, unter welchen ſich auch, außer dem Schwiegerſohn des Hauſes, Reviſor T. und ſeine Frau, nebſt einem Paar älterer Herren und Frauenzimmer, ein Unterlieutenant von der Flotte befand. Liſa fühlte ſich im ſiebenten Himmel; gleichwohl würden wir der Wahrheit zu nahe treten, wenn wir verſchweigen wollten, daß ſie ſich mehrere Male Gewalt anthat, um nicht in ihren gewöhnlichen muthwilligen Ton zu fallen; aber wenn ſte auf die andern Frauen⸗ zimmer blickte und ſah, wie geſetzt und ehrbar dieſe um den runden Tiſch vor dem Sopha ſaßen, wenn ſie hörte, mit welcher Leichtigkeit jede ihren kleinen Beitrag zur Unterhaltung gab, ohne daß es ſchien, als denke ſie an etwas Anderes als ihre Arbeit, ſo bemühte ſie ſich, dem Beiſpiele zu folgen, und ſchien das Beſtreben des goldgelockten Lieutenants, ihre Aufmerkſamkeit zu gewin⸗ nen, nicht im Geringſten zu bemerken. Um zu zeigen, daß ihr die Anforderungen des geſel⸗ ligen Lebens nicht fremd ſeyen, ging ſie ein paar Mal ſo weit, dem Herrn Lieutenant auf direkt an ſie gerich⸗ * 121 tete Fragen faſt gar keine Antwort zu geben; dazu fand ſte ſich durch die Bemerkung veranlaßt, daß die jüngſte Tochter des Hauſes, Fräulein Georgine, ihm die offen⸗ barſte Gleichgültigkeit bewies, und ſo ſchlau Liſa ſonſt war, ſo kam ſie doch nicht darauf, daß der Lieutenant möglicherweiſe Mamſell Georginens heimlicher Anbeter ſeyn könne und die Gleichgültigkeit rein auf Verſtellung beruhe. Sie war nichts deſto weniger ſehr geſchmeichelt von ſeiner Aufmerkſamkeit, und wäre es noch in viel höherem Grad geweſen, wenn ſie geahnt hätte, daß ihr dieſelbe von dem Anbeter einer Andern zu Theil werde. In Gedanken rechnete ſich der Lieutenant bereits zu den Gliedern ihres künftigen Geſellſchaftszirkels— worauf er denn auch, zum Erſatz für die knappen Antworten von vorhin, mit einem freundlichen Lächeln beglückt wurde. Nach ein paar raſch vergangenen Stunden, eine ziemliche lange Viſite für das erſte Mal ſtand Liſa auf, nachdem ſie ſchon eine gute Weile dem Kammerer ver⸗ gebens gewinkt und mit den Augen geblinzelt hatte, wel⸗ cher aber, in ein Geſpräch vertieft, nicht Acht darauf gab. Endlich merkte er es doch; nun kam aber die Wirthin und verſicherte das Paar mit der größten Herz⸗ lichkeit, daß ſie durchaus noch dableiben müßten, indem noch etliche andere Bekannte von ihnen gekommen waren. Dem Kammerer wurde eine Partie Schafskopf als Lock⸗ vogel hingeſtellt, ſo daß er wenig Einwendungen machte und nach einigen Umſtänden ſetzte ſich Liſa auch wieder. Beiden eilte die Zeit ſehr angenehm dahin, und als ſie nach eilf Uhr heim kamen, dankte Liſa ihrem Manne für das Vergnügen, welches er ihr durch die herrliche Be⸗ kanntſchaften von heute bereitet hatte. Der Kammerer wußte nicht, daß Liſa bereits mit der jungen Frau T... übereingekommen war, einander gegenſeitig zu beſuchen, woraus ſich Liſa Rechnung auf einen weitern vertraulichen Umgang machte. „Ich dachte gar nicht an all' die vielen Leute,“ ſagte der Kammerer,„und hatte mein' Seel', ganz vergeſſen, —— 1²² daß der Doktor eine verheirathete Tochter beſitzt. Bei dieſer Viſite mag es ſein Bewenden haben!“ Liſa fand es im Augenblicke nicht gerathen, mit ihren weiteren Plänen heraus zu rücken. Statt deſſen trug ſie Sorge, daß der Alte ſeine ſämmtlichen kleinen Wünſche auf's pünktlichſte erfüllt ſah und zeigte ſich über⸗ haupt als die Folgſamkeit ſelbſt. In der folgenden Woche wurde die Bekanntſchaft mit Leinwandhändlers eingeleitet, auch ganz charmant artige Leute, allein da ſie weder Söhne noch Töchter hatten, womit Liſa ihr Feſt hätte bevölkern können, ſo leuchtete ihr die Nothwendigkeit ein, durch irgend eine Finte es dahin zu bringen, daß ein Beſuch bei Reviſor T— s gemacht werden müßte. Um ſich nicht einer förm⸗ lich abſchlägigen Antwort auszuſetzen, welche ein direktes Verlangen hieher nach ſich gezogen hätte, nahm Liſa ihre Zuflucht zur Liſt— was mit ihrem Charakter ſo innig verwebt war, daß ſie ſich nie das geringſte Ge⸗ wiſſen daraus machte, zu einem ſolchen Mittel zu greifen. Mehrere Tage lang hatte Liſa heftiges Kopfweh und leichtes Fieber, Schaudern und allerlei andre Uebeln. Der Kammerer war höchlich bekümmert und beſtrich Liſa's glücklicherweiſe nicht ſehr heftig brennende Stirne un⸗ aufhörlich mit Eſſig und Eau de Cologne. Am Ende machte ſie den Vorſchlag, ſtatt nach dem Arzt zu ſchicken, zu probiren, ob nicht ein Gang in'’s Freie ihr zuträglich ſeyn würde. In ihrem ſchönen neuen Seidenpelz, mit dem theuren Futter, mit Boa, Kragen und Muff, Alles zum erſten Male im Gebrauch, ſtand ſie fertig da, auf den Arm des Alten geſtützt, um auszugehen und Kräfte zu ſammeln. Sie konnte freilich einen Seufzer nicht un⸗ terdrücken, als ſie ihren ſeidebedeckten Arm auf die ab⸗ geſchabte Wildſchur des Alten legte,— aber da ließ ſich durchaus nichts machen, denn ſich einen neuen machen zu laſſen, dazu war er trotz ſeinem großen Vorrath von Pelzwerk nicht zu bewegen,— dieſem Rieſenwerk war ihre Beredtſamfeit noch nicht gewachſen. Das ſchlimmſte — wr. war hatt eine ten. beſo hin; fiel auf befü in d lichſ wir verſt Näh num woh nich falle Leu Ger dem wir mich nich Ueb weit Got Abe fand Her w*⅝⅜- wir gute Miene zum böſen Spiel machen. 123 war aber noch, daß er unter der Wildſchur Nichts an hatte als den alten bouteillengrünen Ueberreck— an einen Frack war Vormittags natürlich nicht zu denken! Liſa hatte ſich vorher erkundigt, wo Reviſors' wohn⸗ ten. Nach jener Richtung— weil ſie die Gegend in beſondere Affektion genommen hatte— ſteuerte das Paar hin; allein was ein fataler Umſtand!— plötzlich über⸗ fiel Liſa eine tödtliche Mattigkeit und ſie hatte mitten auf der Straße nichts geringeres als eine Ohnmacht zu befürchten.„Iſt denn hier kein Haus?“ ſtammelte ſie in der peinlichſten— nämlich für den Kammerer pein⸗ lichſten— Angſt. „Nein, Liebſte! Nein— ach Gott— was ſollen wir denn anfangen? Ich weiß mir gar nicht zu helfen,“ verſicherte der arme Mann. „Wohnt denn gar Niemand Bekanntes hier in der Nähe? Sieh' ein Mal dort, was iſt dieß für eine Haus⸗ nummer? Ich meine, Frau T— hat mir geſagt, ſie wohne hier in der Gegend, Nro 37. eine Treppe hoch — Ach mein Gott, was ein Glück! Sie nimmt es gewiß nicht übel— Spute Dich, lieber Alter, führe mich hin — unterſtütze mich, daß ich nicht auf der Straße hin⸗ falle, ſonſt ſammelt ſich am Ende ein ſchrecklicher Haufen Leute um uns her.“ Was war da zu machen?— Der betrogene Herr Gemahl führte ſein todtkrankes Weibchen hinauf; auf dem Vorplatze reiſperte ſie aber:„Alterchen, jetzt müſſen Ich fühle mich etwas beſſer, ſeit ich von der Straße weg bin und nicht mehr zu fallen befürchten muß. Wir müſſen unſere Ueberläßigkeit mit einer Viſite bemanteln; es iſt auch weit höflicher ſo.⸗) „Nein, nein, liebe Liſa! Nein, du mein Herr und Gott, nur ums Himmelswillen keine Viſiten mehr!“ Aber ehe der Kammerer zu weitern Einwendungen Zeit fand, ging die Saalthüre auf und Frau T— hieß die Herrſchaften willkommen. ——————— 124 „Was Einem doch für allerlei Dummheiten paſſiren können!“ murmelte der Kammerer auf dem Nachhauſe⸗ weg.„Nun haben wir dieſe auch auf dem Halſe!— das ſey Gott geklagt!“—— „Liebſtes, beſtes Männchen, ſey mir doch nicht böſe darum! Ich kann ja doch nichts dafür, daß mir unwohl geworden iſt.“ Bei dieſen Worten war Liſa drauf und dran, in Thränen auszubrechen. „Ich habe ja kein Wort geſagt, liebſte Liſa— iſt's nun beſſer mit Deinem Kopfweh?“ „Ja ſo ziemlich, es iſt beinahe weg. Du glaubſt nicht, wie gut mir das Ansgehen gethan hat; wenn Einem die Luft auch Anfangs ein wenig angreift, ſo iſt ſie nachher um ſo wohlthuender.“ Am Abend, wo Liſa wieder ſo wohl auf war daß ſie ein Stück aus Ulla Wieblad ſingen konnte, war der Alte hochvergnügt und faſt mit dem„dummen Zufall“ ausgeſöhnt; denn ſo lange Liſa krank geweſen, ſchlich er immer umher wie ein verſcheuchtes Huhn. Die junge Frau hatte bereits in aller Stille mehr⸗ fache Vorbereitungen zu dem bevorſtehenden Feſte ge⸗ macht. Ihre Mutter wurde in das Geheimniß einge⸗ weiht und ſtreckte gerne das Geld dazu vor, denn es kitzelte ihre Eitelkeit, ein Mal in eine ordentliche große Geſellſchaft zu kommen; und ihre Liſa in einen tableau vivant und Komödie in Koſtüm ſpielen zu ſehen, ach, mein Gott!— dieß überſtieg die höchſten Hoffnungen ihres mütterlichen Hochmuths. Die Hofmeiſterin, welche an ihren fünf Fingern herzuzählen wußte, wie es beim Serviren in vornehmen Häuſern zugeht, hatte es über⸗ nommen, den Tiſch zu arrangiren und die Küche zu be⸗ ſorgen. Die Hauptzurüſtungen wurden bei Frau Norman gemacht, damit der Alte keinen Verdacht ſchöpfte, und um ſeinem Gebrumm darüber nach der Föte zuvorzu⸗ kommen, ward beſchloſſen, daß von den nicht unbedeuten⸗ den Ausgaben auch nachher ihm nichts zu Ohren kom⸗ men dürfe; Frau Norman wollte Alles aus ihrem Beu⸗ tel Hoch gen wele mer der paſſe The⸗ hübſ viell möck chen nun zuſir aller kein ſchre klein hätt Mei ſich ſcha⸗ mer kann wen jung geru geſe war gröf aber mich 12³ tel beſtreiten, und damit war dann auch die„dumme Hochzeit“ bezahlt, quittirt und vergeſſen. Bei all' dieſen Zurüſtungen und Rathsverſammlun⸗ gen war Niemand glüͤcklicher als der Regierungs⸗Sekretär, welcher jeden Tag Liſa ungeſtört in dem vordern Zim⸗ mer ſehen durfte, Alles aus dem höchſt natürlichen Grund der Betrachtung wegen den Feierlichkeiten und um ein paſſendes Sujet für das lebende Bild, ſowie ein kleines Theaterſtück ausfindig zu machen, von dem man ein paar hübſche Scenen einüben konnte. Unſrer Liſa fiel nicht entfernt ein, daß ſie ſich doch vielleicht nicht in Beiden gleich vortrefflich ausnehmen möchte; obgleich ſie zu einem ſchnippiſchen Kammerkätz⸗ chen oder etwas dergleichen einige Anlage hatte; aber nun war noch die Schwierigkeit, ein Fragment heraus⸗ zuſinden, welches als ein Ganzes gelten konnte. Von allen Stücken, welche ſie mit einander durchgingen, wollte kein einziges paſſen. Liſa machte den Vorſchlag, Roſell ſollte felbſt eines ſchreiben; allein obgleich er ohne Bedenken mit Liſa eine kleine Poſſe vor einem beſcheidnen Auditorium geſpielt hätte, worauf er rechnete, ſo wurde er doch ganz andrer Meinung, als er bei dieſer Gelegenheit erfuhr, daß es ſich darum handle, vor einer großen unbekannten Geſell⸗ ſchaft aufzutreten. Mit großer Delikateſſe wagte er Liſa darauf auf⸗ merkſam zu machen, daß es doch vielleicht ihre neue Be⸗ kannten zu einigem Erſtaunen Veranlaſſung geben könnte, wenn ſie ein Stück auswählten, wo ſie allein mit einem jungen Mann auftrat. Man konnte daraus allerlei Fol⸗ gerungen ziehen, beſonders ehe ihr Ruf in dem neuen geſelligen Kreiſe feſtgeſtellt war. „Ich meines Theils, theure Liſa,“— wenn ſie allein waren, ſagte er nicht mehr Frau Laßman—„hätte das größte Vergnügen daran, was ich mir denken könnte; aber eine kluge Frau muß auch dem Schein wehren. Laß mich dieſe unausſprechlich koſtbaren Augenblicke unbenei⸗ man nicht überſehen darf.“ Ein Mal über das andere küßte er Liſa die Hand und ſetzte leiſe hinzu:„Durch einen allezeit tadelfreien Ruf erhalten die Frauen die größte Freiheit in ihrem Thun und Laſſen.“ Die Schule war gut; allein man ſieht doch dabei, daß es gewiſſermaßen ein Glück für Liſa war, nicht in andere Hände gefallen zu ſeyn. Ein Mann mit weniger Weltkenntniß hätte binnen Kurzem ſowohl ihren Ruf als auch alle beſſern Gefühle in ihr zu Grunde gerichtet. Roſell war ein Libertin, allein nicht ohne eine gewiſſe Ehrenhaftigkeit, und im beſagten Fall zeigte er die letztere um ſo mehr, als zugleich ſein eigener Vortheil mit im Spiele war. Er beabſichtigte nämlich nicht allein Liſa's Courmacher zu ſeyn, ſondern er liebte ſie auch in der That ſo aufrichtig, daß er ſich ihrer Erziehung anneh⸗ men wollte und ihr Achtung vor den äußern Formen und vor ſich ſelbſt als Weib beizubringen hoffte. Liſa hatte ſich bereits in Gedanken in einem bunten Seidenkleid, einem grünen goldgeſtickten Sammtleibchen, weißen Schleier und Gott weiß was noch Alles geſehen — deßhalb koſtete es ſie viel Ueberwindung, von dieſen entzückenden Vorſtellungen Abſchied zu nehmen, und dieß Alles um dem einfältigen dummen Weltton ſein Opfer zu bringen. Es war in der That ſchrecklich, allein ſie konnte doch nicht umhin einzuſehen, daß es Rofell beſſer mit ihr meinte, als ſie ſelbſt. Indeſſen ſaß ſie ſtumm und nachdenklich da und wußte ſeldſt nicht, was ſie wollte, denn wozu war nun Alles— wenn ſie ſich nicht in dem bunten Seidenkleid, dem grünen Leibchen und weißen Schleier ſehen laſſen konnte.. „Es wird am beſten ſeyn, wenn wir die ganze Ge⸗ ſchichte bleiben laſſen!“ entgegnete ſie auf eine Frage Roſells. „Warum denn?“ erwiederte der Sekretär.„Es ſoll ja eigentlich ein geſelliger Kreis gebildet werden, das iſt die Hauptſache, und nicht kleine Komödien ſpielen, we⸗ det genießen: das geſellige Leben hat ſeine Regeln, welche Abe mir liche ſich Frei darc auch ſchu kein genb ken Kop unve bega Sin: Deir Du; Dia rief! iſt d habe Präc Woll welch wend deres 127 nigſtens nicht mehr als eine auf ein Mal,“ ſetzte er mit einem feinen Lächeln hinzu, um Liſa's gute Laune wie⸗ der herzuſtellen. „Nun, und mit dem Tableau? Halten Sie das auch für überflüſſig, Herr Sekretär?“ „Nein, gewiß nicht, das muß aufgeführt werden. Aber ſagen Sie doch wohl, Herr Sekretär— haben Sie mir nicht geſtern verſprochen, mir einen andern, freund⸗ lichern Namen zu geben!“ „Ach, das war ein Spaß von mir: wie mögen Sie ſich nur einbilden, Herr Sekretär, daß ich mir eine ſolche Freiheit erlauben könnte! J bewahre, da wird nichts daraus und Sie dürfen glauben, Herr Sekretär, daß ich auch ohne Vorleſungen weiß, was eine Frau ſich ſelbſt ſchuldig iſt!“ Das letztere ſagte ſie in einem Tone, welche keinen Zweifel darüber ließ, daß die Liebe in dieſem Au⸗ genblicke eine ganz untergeordnete Rolle in ihren Gedan⸗ ken ſpielte. Das Tableau und die ihr immer noch im Kopfe ſpuckenden Theaterſcenen, nebſt dem dazu gehörigen unvergeßlichen Koſtüm, beſchäftigten ſie ausſchließlich. „Nun, ſo laſſen Sie uns an das Tableau denken!“ begann Roſell, als er fand, daß ſie für Nichts anders Sinn hatte.„Wenn Du— lerlaube wenigſtens, daß ich Dein Verſprechen von geſtern nicht für Spaß halte) wenn Du z. B. irgend eine Gottheit vorſtellteſt, allenfalls Hymen, Diana, Hebe? Du paſſeſt für Alle.“ „Die Madonna mit dem Kinde will ich vorſtellen!“ rief Liſa mit ſtrahlenden Blicken;„ja das will ich. Das iſt das ſchönſte Tableau, was man denken kann. Ich habe es ſchon auf dem Theater geſehen! es gibt nichts Prächtigeres und man iſt gleichſam ganz in Luft und Wolken. Ich habe eine ganze Menge Flor zu Hauſe, welcher trefflich dazu dienen wird.“* „Aber wird ſich denn dieß auch gehörig paſſen?“ wendete Roſell ein.„Ich ſollte eher meinen, etwas An⸗ deres, allenfalls....“ „Nichts anderes macht ſich nur halb ſo gut,“ fiel ——— 128 ihm Liſa in das Wort, welche der augenblicklichen Ein⸗ gebung folgend, von keinem Wenn oder Aber hören wollte, ſondern feſt und unwiderruflich ihren Entſchluß faßte, durch eine ſo entzückende Madonna, als nur je Menſchenaugen geſehen, die ganze Geſellſchaft zu bezaubern. In Roſells Lächeln ſah ſie übrigens einen ſtärkeren Widerſpruch ihres Wunſches, als Worte auszudrücken vermochten, deßhalb ſetzte ſie ganz erzürnt hinzu:„Ich möchte doch wohl wiſſen, was ſonſt paßte, und was ich denn vorſtellen ſoll! Es iſt juſt ſo, wie ich ſage: ich will und muß eine Madonna ſeyn! Morgen Vormittag komme ich her und da werden wir ſehen, wie es ſich aus⸗ nimmt. Inzwiſchen will ich mich zu Hauſe auf das Ko⸗ ſtüm beſinnen, ich bin gewiß, daß es herrlich glücken muß. Sie kommen doch wobhl, Herr Sekretär?“ „Der Herr Sekretär wird nicht kommen!“ er⸗ wiederte Roſell ſcherzhaft. „Du kommſt aber!“ verſetzte Liſa erröthend und gab ihrem Anbeter einen Schlag mit dem Handſchuh. „Warum nicht?“ dachte Roſell.„Hier, vor mir kann ſie meinetwegen die Madonna ſpielen, ſo oft fie will!“ Sein Herz klopfte dabei ſo heftig, daß er kaum ſeine Aufregung bemeiſtern konnte, als die Hofmeiſterin, welche im anſtoßenden Zimmer ſaß, hereintrat, um auch ihr Schärflein zu der Berathſchlagung beizutragen. Nach einer Weile empfahl ſich der Sekretär; nach⸗ dem Liſa noch mit Muhme Malla über Eins oder das Andre übereingekommen war, ging ſie nach Haufe, um den Alten mit der angenehmen Nachricht zu überraſchen, daß ſie, trotz den geſtiegenen Marktpreiſen einen wunder⸗ vollen Kalbsſchlegel faſt um den halben Preis erhandelt habe. „Finde ich mich nicht nach und nach in die Haus⸗ haltung, Papachen?“ ſchmeichelte Liſa ihm das erſte Mal mit dieſem Namen und lehnte ſich mit ihren bluhenden Wangen an den graugeſprenkelten Backenbart des Alten. „Ja, ja, das geht mit jedem Tag beſſer, es wäre —e halt mere gute Schl hielt ſonſt als aber vier. — w den borge den mögli türlich es au nach ſchma Kan 129 Sünde, wenn man anders ſagen wollte;— und hätten wir nur die dummen Viſiten nicht gemacht, ſo wäre Alles ſchön und gut! Aber ſo lebe ich nun in ſteter Furcht, die ganze Kleriſei möchte ein Mal an einem ſchönen Tage daherkommen— und da wollen ſie Alle Etwas — des Doktors Soupé war fein Naſenwaſſer!“ „Na, gar zu oft werden wir ſie nicht bei uns haben, liebes Männchen! Wenn ihnen dann ein Butterbrod mit kaltem Fleiſch und eine Taſſe Thee nicht genügt, ſo mögen ſie es in Gottes Namen bleiben laſſen! Es hängt ja immer von uns ab, ob und wenn wir ſie haben wollen. Deßhalb verlangte ich auch ſchon lange nicht in das Theater, und in der vergangenen Woche habe ich mir ganze drei Thaler darauf hin geſpart, wenn ſie allenfalls kommen ſollten. Du ſiehſt, ich denke auch in die Zu⸗ kunft, und ſorge dafür, daß Du Dich nicht wegen der Unkoſten zu beunruhigen brauchſt.“ Höchlich vergnügt, daß Liſa täglich mehr Haus⸗ haltungsgenie entwickelte, ein Verdienſt, das der Kam⸗ merer mit Stolz als ſein Werk betrachtete, ließ ſich der gute Mann von der ſchmeichelnden Sirene völlig in den Schlaf lullen. Während der Alte ſeine Mittagsruhe hielt, welche nach Liſa's Berechnung heute länger als ſonſt dauern müßte, denn ſie aßen eine Stunde früher als gewöhnlich— ſie hatte nämlich die Uhr vorgeſtellt, aber ſchnell wieder zurückgerichtet, als es auf St. Jakob vier Uhr ſchlug, damit ihr Pfiff nicht an den Tag käme — während alſo, wie geſagt, der Alte ſchlief, kramte ſie den weißen Seidenflor aus, ebenfalls ein Theil der ver⸗ borgenen Schätze des Triangels. Und nun ging es vor dem Spiegel an ein Probiren und Drapiren in allen möglichen phantaſtiſchen Faconen; denn da ſie ſich na⸗ türlich nicht mehr ganz genau zu erinnern wußte, wie es auf dem Theater geweſen war, ſo konnte ſie es wohl nach eigenem Belieben einrichten, wenn es nur mit Ge⸗ ſchmack geſchah und hauptſächlich gehörigen Effekt machte. Kammerer Laßman. II. 9 —— .7 130 Nachdem Liſa dieſe beiden Erforderniſſe heraus⸗ gefunden und den Effekt durch das Auffnüpfen des Haa⸗ res, welches ſie frei um die Schultern flattern ließ, bedeutend unterſtützt hatte, wurde zu beſonderer Erhöhung des Eindrucks ein Kranz von weißen Roſen mit ſilbernen Aehren hervorgeholt, in welchem ſie nur Ein Mal auf dem Ball geglänzt, worüber damals der Notarius vor Entzücken faſt außer ſich geweſen. „Der Notarius— ja, wahrhaftig, der ſoll auch eingeladen werden!“ und nun ſchwebten Liſas bewegliche Gedanken plötzlich von der Madonna, dem Flor und dem weißen Roſenkranz auf den abſcheulichen Notarius hin⸗ über. Ja, er ſollte ſie in ihrer Pracht ſehen und ſprach⸗ los vor Erſtaunen werden! Aber nicht genug damit, er ſollte auch ſehen, wie der Regierungs⸗Sekretär und der Lieutenant, welchen ſie höchſt fein und artig durch Frau T.... hatte einladen laſſen, weil ihr Mann ſo großes Gefallen an ihm finde— er ſollte ſehen, wie dieſe beiden jungen Herren ſich ordentlich darum ſchlagen würden, an ihrer Seite zu ſeyn. Und dann ſollte er die Pracht ihrer Staatszimmer bewundern, worin die Wirthin ſich mit ſo großer Anmuth bewegte,— es war nur ewig Schade, daß ſie nicht ſagen konnte: mein Sa⸗ lon. Allein dieſer war leider, wie wir wiſſen, etwas klein davon gekommen, und man mußte froh ſeyn, we⸗ nigſtens ſagen zu können:„Ich hoffe, die Mäntel und Hüte der Herrſchaften ſollen nicht erfrieren, denn im „Vorzimmer’ iſt den ganzen Tag Feuer. Aergerlich war es aber auf jeden Fall, daß der Tiſch im Schlafzimmer gedeckt werden mußte, und die junge Frau legte ſich das heilige Gelübde ab, daß ihr, ſo wahr ſie das Leben habe — das nächſte Jahr ein Saal her müſſe, in welchem man ſich doch wenigſtens umdrehen könne. Dies mußte freilich jetzt der Zeit anheim geſtellt werden— aber für den Augenblick galt es, ſich zu ſpu⸗ ten, zu ſchneidern und zu nähen, um all' die Herrlich⸗ keiten fertig zu kriegen, denn der Geburtstag nahte mit was äuß gnü ſage Abe das ferti ſchn wäh Sie dank ſell, Seit hätte Beſp aus⸗ Haa⸗ ließ, pung rnen auf vor auch liche dem hin⸗ rach⸗ amit, und durch un ſo wie lagen te er n die 3 war Sa⸗ etwas „ we⸗ und in im h war mmer h das habe man geſtellt ſpu⸗ rrlich⸗ ge mit —— 131 ſtarken Schritten, und alle Gäſte waren, unter dem Siegel ſtrengſter Verſchwiegenheit, bereits zu der großen Ueberraſchung eingeladen. Eilftes Kapitel. Probe von den Tableau vivant, an welcher Napoleon Frau, ein dritter Regierungs⸗Seeretär und Mann Theil nehmen. „eine junge endlich ein bejahrter Am nächſten Vormittag ging Liſa unter dem ge⸗ wöhnlichen Vorwand ihres Ausgangs auf dem Heumarkt oder an den Kornhafen, zu ihrer Mutter, wo die Probe ſtatt haben ſollte. Nun begab es ſich, daß Frau Nor⸗ man gerade im Laden und Muhme Neta in der Ku e mit Geleekochen beſchäftigt war; deßhalb fand ſich kein anderer Rath, als daß ſie allein mit Roſell ſeyn mußte, was Liſa vielleicht für kein beſonderes Unglück hielt. Der Regierungs⸗Sekretär wartete bereits in dem äußern Zimmer. „Mein Koſtüm iſt in Ordnung,“ rief ihm Liſa ver⸗ gnügt entgegen.„Ich will einmal ſehen, was Sie dazu ſagen, Herr Sekretär. Ich denke, es kleidet mich gut. Aber nun hören Sie, wie wir es machen; ich gehe in das vordere Kämmerchen und ziehe mich an; wenn ich fertig bin, mache ich die Thüre auf, dann kommen Sie ſchnell und helfen mir die ſchonſte und beſte Stellung wählen— das werde ich natürlich ſelbſt thun, allein Sie halten mir den Spiegel, Herr Sekretär.“ „Hat denn heute Frau Laßman keinen einzigen Ge⸗ danken, der nicht auf das Feſt Bezug hat?“ ſagte Ro⸗ ſell, ein wenig beleidigt, ſich ſo ganz und gar auf die Seite geſetzt zu ſehen. Es war ihm vorgekommen, als hätten ſowohl die Proben, als auch die vorhergehenden Beſprechungen darüber nur ebenſo viele glückliche Ver⸗ 9* 13² anlaſſungen geben ſollen, um einander ungeſtört zu ſehen; allein nun ſah er wohl ein, daß Liſa daran am wenigſten gedacht hatte, wenigſtens ſo lange ſie ſich noch nicht im Madonnenkoſtüm gezeigt und die dazu gehörige Huldi⸗ gung angenommen. „An was Anderes ſoll ich denn denken, als an das, was ich jetzt gerade vor habe?“ erwiederte Liſa lachend; „ich dachte doch, dies wäre das natürlichſte! Da muß man mehr Zeit dazu haben, wenn man ſich mit— mit...“ Unbedachtſam, wie ſie oft war, hatte ſie mehr geſprochen, als ſie geſollt hätte, und da ſie nicht ſchnell genug ſich herauszuwickeln vermochte, ſchwieg ſie verlegen ganz ſtill. „Sey doch ſo gut und ſprich aus,“ fiel Roſell ein —„oder vielleicht kann ich es thun. Man muß mehr Zeit dazu haben, wenn man zum Exempel, in Ermange⸗ lung einer andern intereſſanten Zerſtreuung, ſich beſchäf⸗ tigen will mit— einem Liebhaber.“ „Was!“ platzte Liſa mit dem glücklichſt nachgemach⸗ ten Erſtaunen heraus,„einen Liebhaber— das muß ich ſagen! Sie, Herr Sekretär, deklariren ſich für meinen Liebhaber? Na, dies iſt wahrhaft offenherzig und dreiſt genug, darauf war ich in der That nicht gefaßt! Ich hatte geglaubt, eine Frau müſſe auf Etwas mehr als nur auf den ,Schein' ſehen?“— und nun nahm Liſa eine Miene und ein Benehmen an, welches Roſell ganz wirr im Kopf machte. „Warum biſt Du auch ſo hold und reizend, Du Zauberin, daß man wahnſinnig werden möchte!“— Und Liſa, welche jetzt triumphirte— der Triumph, angebetet zu ſeyn, war das vorherrſchende Gefühl in ihr— ent⸗ riß dem bezauberten Roſell ihre Hand. „So nimmſt Du mich doch wenigſtens zu Deinem Sklaven an?“ „Ach ja, das läßt ſich allenfalls hören; aber komm mir nie wieder und rede ſo abgeſchmackt von einem Lieb⸗ haber! Nun genug von dergleichen! Ich muß mich —,— n; en im di⸗ as, d; uß ſie cht ſie ein ehr ge⸗ äf⸗ ich⸗ ich nen eiſt Ich als Liſa anz Du Und etet ent⸗ nem mm ieb⸗ nich 13³3 beeilen, damit ich zu Mittag heim komme, ſonſt könnte man aller Wunder was denken.“, Und mit ein paar Sprüngen war Liſa in dem nächſten Zimmer. Das Umkleiden ging äußerſt ſchnell; denn Roſells Ungeduld ſie zu ſehen, war kaum größer, als ihre eigene, ſich ſehen zu laſſen. Es war ein Glück, daß der Kam⸗ merer heute Morgen ſo ſehr beſchäftigt war, daß ſie Muße genug hatte, die Kunſt einzuüben, die nach eigener Phantaſie zurecht gemachten Madonnenkleider anzupaſſen. Es war kaum eine Viertelſtunde vorüber, als Roſell den Befehl erhielt, die Thüre zu öffnen. Er ließ ſich dies nicht zwei Mal ſagen— und nun ſland Liſa auf der Schwelle, in der idealiſch'ſten Stellung, welche gewiß der heiligen Maria nicht im Traum eingefallen wäre. Aber auch kein Menſch, außer Liſa ſelbſt, konnte auf den Gedanken kommen, daß hier das Bild einer Madenna zu ſehen ſeyn ſollte. Schoöͤn war ſie, mit dem fliegenden Haar, der Flor⸗ draperie und dem weißen Roſenkranz, eine Nymphe, im Begriff zu Tanze, Spiel oder Luſt wegzuſchweben. „Ach, wie ſchön biſt Du!“ rief Roſell in unwill⸗ kührlicher Bewunderung aus.„So reizend habe ich Dich nie geſehen! er vergaß ganz und gar, was ſie vorſtellen ſollte. Das war auch ganz gut, denn wenn er in dieſem Augenblick an Liſa's Abſicht dachte, würde er habe lachen müſſen, und dies hätte ſie fürchterlich beleidigt. „Nun, iſt die Stellung ſo recht?“ fragte ſie mit freudeſtrahlenden Augen und klopfendem Herz. „Aber Herr Gott,“ rief ſte heftig aus und ſprang mit einem ſolchen Satz in die Höhe, daß die weichen Gazewolken ihres leichten Kleides ſie üppig umflatterten. „Herr Gott, wo ſoll ich nur ſchnell ein Kind hernehmen — daran habe ich gar nicht gedacht!“ Roſell lächelte ſchalkhaft; aber Liſa riß ihm einen bronzirten Napoleon aus der Hand, welchen er vom Ka⸗ min herabgenommen hatte. Mit dieſem Kleinod ſprang 134 ſie in die Kammer zurück; nachdem ſie Alles wieder aufs Beſte in Ordnung gebracht, trat ſie hervor, mit den kleinen Napoleon auf dem Arm,— halb war er in Flor gehüllt und halb verbarg er ſich unter ihre langen ſchwarzen Locken. „Nimm jetzt den Spiegel und halt' ihn vor mich! Zum Feſte ſelbſt werde ich mir ein lebendes Kind zu verſchaffen ſuchen. Ach, wie dies hübſch ſeyn wird! Iſt es ſo recht?“ und Liſa wandte und drehte den Heiland bald ſo, bald ſo. „Denke um Gotteswillen an keine weitere Vorſtel⸗ lung als an die gegenwärtige!“ ſagte Roſell, außer Stand das Lachen zurückzuhalten.„Uebrigens,“ ſetzte er ernſthaft hinzu, als er ſah, daß Liſa offenbar ärger⸗ lich war,„iſt dieſes Tableau von zu großartiger Bedeu⸗ tung, als daß man ſeinen Spaß damit treiben dürfte— es geht in der That nicht an!“ „Ach, nun weiß ich woher dies kommt!“ ſagte Liſa, welche glaubte, daß Roſells Eiferſucht ſich gegen den Gedanken empörte, daß mehrere Leute den Anblick genießen ſollten, welcher ihn entzückte.„Kein Wort weiter— ſondern komm hierher mit dem Spiegel!“ Er gehorchte, hielt den großen Spiegel vor ſie hin, und in demſelben ſah Liſa nicht nur ihre eigene hübſche Geſtalt, ſte erblickte auch Roſells glühende Wangen und feurige Blicke.„Und Niemand weiter ſoll mich ſehen?“ dachte ſie;„ganz Stockholm, wünſche ich, möchte mich ſehen!“ In dem Augenblick ging die Seitenthüre haſtig auf, und in dem verrätheriſchen unglücklichen Spiegel erſchien, dicht neben dem feurigen, liebeſtrahlenden Geſicht des Liebhabers ein anderes düſteres, grimmiges. Liſa kreiſchte laut auf— in tauſend Stücken lag Napoleon zu den Füßen der bleichen, zernichteten Madonna. Roſell drehte ſich um und wollte eilig den Spiegel weglegen, als das ſo plötzlich veränderte Tableau vor den Augen des erzürnten— Herrn Gemahls ſtand. 2 „Was iſt dies für ein gottloſer Spektakel! Liſa, Liſa! iſt das der Kornhafen? Ich glaube, Du lältſt heimliche Zuſammenkünfte... Du führſt nih an der Naſe herum— Du hintergehſt mich!“ „Herr Gott, kannſt Du Deine arme Frau dergeſtalt erſchrecken!“ ſagte Liſa, welche ſich wieder gefaßt hatte und auf den Alten losſprang.„Nun haſt Du die g nze Herrlichkeit geſtört. Ich war gerade daran, ein Tableau vivant zu Deinem Geburtstag einzuüben.“ „Tableau vivant! was iſt das für Zeug? Zu mei⸗ nem Geburtstag— das unterbleibt— well ich mir ausgebeten haben! Höorſt Du, Liſa, ich will von ſolchem Spektakel nichts wiſſen, Du weißt jetzt, wonach Du Dich zu richten haſt!“ „Aber, beſter Herr Kammerer,“ fiel ihm Roſell in höchſt mildem und verſöohnlichem Ton in die Rede,„iſt⸗ das nicht etwas zu ſtreng, wenn es die Frau ſo herzlich wohl gemeint hat?“ „Und der Herr Sekretär ihr ſo herzlich gern hat helfen wollen!“ ſpottete der Kammerer und warf einen wüthenden Blick auf den Sekretär. „Ich ſehe es immer fur meine Pflicht, den Damen zu Dienſten zu ſeyn: das iſt die Aufgabe eincs artigen Kavaliers!“ entgegnete der Sekretär, welcher ſich nicht ſo leicht verbluͤffen ließ. „Aber ich muß bitten, und zwar ganz nachdrücklich, daß Sie die Güte haben, ſich mit Ihren Artigkeiten, we⸗ nigſtens was meine Frau betrifft— in keine Unkoſten zu verſetzen! Ich werde ſchon ſelbſt dafür ſorgen; und obgleich ſie ſo kindiſch und thöricht iſt, ſolche Narren⸗ ſtreiche hier aufzuſtellen, ſo ſoll es wenigſtens nicht mit meinem Willen geſchehen!“ „Das ſteht in Ihrem Belieben, Herr Kammerer,“ erwiederte Roſell gleichgültig.„Ohnehin wird Frau Laßman alle Luſt verloren haben, in irgend einem Tableau aufzutreten.“ „Ja, das weiß Gott!“ verſetzte Liſa halb weinend. 136 „Es iſt recht garſtig von Dir, lieber Alter, daß Du mir die Freude ſo zu nichte gemacht haſt! Ich wollte die Madonna machen, und Du kannſt Dir gar nicht vor⸗ ſtellen, wie hübſch es ſich ausnahm, als ich das Kind ſo in dem Arm hielt, gerade wie eine junge Mutter. Aber Du willſt das nicht ſehen— ich weiß, daß Du die Kinder nicht leiden magſt, daß Du ſie haſſeſt.“ „Nein, nein, Herr Gott, ich haſſe ſie gewiß nicht!“ ſagte der Kammerer, der bei der Vorſtellung, wie rei⸗ zend Liſa mit dem Kind im Arm ausgeſehen haben müſſe, ſich ganz erwärmt fühlte und faſt in Zärtlichkeit zerfloß. „Ich haſſe ſie gewiß nicht, liebſte Liſa, und wenn es des Herrn Wille wäre, ſo....“ „Was ſchwatzeſt Du da?“ unterbrach ihn Liſa blut⸗ roth, in ganz ärgerlichem Ton. Aber als ob ihr plötz⸗ lich ein neuer Gedanke durch den Kopf führe, lehnte ſie ſich ſchüchtern auf den Arm des Alten.„Erkennſt Du nun,“ fuhr ſie fort,„wie unartig und garſtig es von Dir war, und willſt Du dem Herrn Sekretär nicht Ein Woͤrtchen des Danks dafür ſagen, daß er die Güte ha⸗ ben wollte, mich darin zu unterweiſen?“ „Was dies betrifft,“ meinte der Kammerer,„ſo hätte ich Dich am liebſten ſelbſt darin unterwieſen. Aber gleichviel, laß jetzt die Kindereien vergeſſen ſeyn— denn ſo gut auch Deine Abſicht war, kann ich es doch nicht leiden, daß man mit heiligen Dingen ſeinen Spaß treibt.“ „Na, was iſt denn viel Heiliges dabei?“ fragte Liſa, welche in ihrem Leben nicht auf den Gedanken gekommen war, daß die Madonna und die Jungfrau Maria eine und dieſelbe Perſon ſeyen. Nach Liſa's dunk⸗ ler Vorſtellung war die Madonna ſo eine Art Gottheit, gleichbedeutend mit Venus, und eigentlich nur zur Dar⸗ ſtellung in Tableaux vivants da. Sonſt hatte ſie ſich nie über die heilige Bedeutung deſſelben den Kopf zer⸗ brochen. „Wo denkſt Du hin, Kind!“ ſagte der Kammerer vorwurfsvoll.„Weißt Du in Deiner Unwiſſenheit nicht er hal ſchl mae nich hatt es bei ſey mer unte und habe Alte ausz liebe 13³7 einmal, daß Du die Jungfrau Maria mit dem Jeſus⸗ kinde vorſtellen wollteſt?“ „Ich hoffe, daß weder Du, noch ſonſt Jemand mich für ſo unwiſſend halten wird?“ entgegnete Liſa mit einem Aerger, welcher ziemlich gut ihre Schaam und Verwir⸗ rung verbarg. Sie erkannte nun, warum Roſell ſo ſehr dagegen geweſen war, und ſchätzte ſich glücklich, daß ein Zufall ihr zu Hülfe gekommen war, denn ſonſt hätte ſich ohne Zweifel ihre Unkenntniß verrathen. „Na, na,“ meinte der Kammerer,„ich konnte Deine Worte nicht wohl anders deuten!“ „Du biſt gleich bei der Hand, meine Worte falſch zu deuten. Ich wollte nur ſagen, daß es von uns nicht unheiliger ſeyn könne, als von Andern, die Jungfrau Maria in einem Bilde darzuſtellen. Aber was brauchen wir länger davon zu reden— die Sache iſt einmal her⸗ aus— und alle Ueberrafchung fällt weg? ich wollte, ich hätte nie daran gedacht!“ Als der Kammerer Liſa's Veränderung ſah, welche er dem Kummer darüber zuſchrieb, etwas gethan zu haben, was ihm unangenehm ſey, verſchwand bald der ſchlimme Eindruck, welchen der erſte Anblick auf ihn ge⸗ macht hatte. Vielleicht war es auch mit dem Sekretär nicht ſo gefährlich, wie es ausſah, aber ſeine Augen hatten doch einen ganz böſen Ausdruck gehabt— wie es der Kammerer bezeichnete— und bei Liſa— war bei ihr auch nicht Etwas, welches zu ſagen ſchien, es ſey nicht Alles ſo, wie es hätte ſeyn ſollen? Der Kam⸗ merer gab ſich freilich alle Mühe, ſeinen Verdacht zu unterdrücken; allein der Saame war einmal ausgeſtreut, und ließ ſich nicht mehr ausreißen. Alte Ehemänner haben ohnehin große Anlage zur Eiferſucht:— unſer Alter beſchloß in aller Heimlichkeit jeden Tritt Liſa's auszuſpioniren. „Wie traf es ſich denn, daß Du gerade herkamſt, lieber Mann?“ fragte Liſa. 138 „Das ging ganz einfach:(Du ſiehſt, daß alle heim⸗ lichen und verbotenen Wege ſich ſelbſt verrathen) ich be⸗ gegnete der Magd. Kommſt Du allein? fragte ich; wo iſt Deine Frau?— Sie war mit mir auf dem Markt und iſt jetzt zu Frau Norman gegangen.— Als ich dieß vernahm, ging ich, um zu hören, warum Du mich be⸗ logen hatteſt— und mein' Seel', was ich ſah, war über meine Erwartung!“ „Schlag Dir's aus dem Sinne!“ bat Liſa.„Es gibt viele Frauen, welche den Geburtstag ihres Mannes auf ſolche Weiſe feiern, und ich meinte es ſo herzlich gut. Aber ich verſpreche Dir— wenn Du wieder gut ſeyn willſt— nie mehr an ſo etwas zu denkfen.“ Es ſchmeichelte dem Kammerer, daß Roſell Zeuge davon war, was Liſa für einen Reſpekt vor ſeiner Au⸗ torität hatte, und Liſa ſchmeichelte es nicht minder, dem Sekretär zu zeigen, welche Gewalt ſie durch ihren feinen Takt über den Alten ausübte. Was Roſell ſelbſt betraf, ſo fand er Liſa in allen Rollen reizend; da es ihm aber doch, um die Wahrheit zu ſagen, etwas widerlich war, Zeuge von den gegen⸗ ſeitigen Ergießungen des Chepaars zu ſeyn, nahm er Abſchied mit der Verſicherung, daß es ihm mehr, als er ausdrücken könne, leid thue, die unſchuldige Mitveran⸗ laſſung zu der Unzufriedenheit des Kammerers geweſen zu ſeyn. Als Liſa mit dem Alten allein war, nahm ſie einen andern Ton an; ſie wollte darauf ſterben, daß gewiß keine Frau in der Welt eine ſolche Schmach für ihr Wohlwollen ausſtehen müſſe. Es war hart, bitter, ſchrecklich, ſich ſo verkannt und gekränkt zu ſehen; o ſie würde gewiß keine frohe Stunde mehr haben, wenn nicht ihr Mann von ganzem Herzen erkenne, daß er ihr das himmelſchreiendſte Unrecht gethan habe. Ganz überwältigt ließ der Kammerer für dießmal fünf gerade ſeyn. Er glaubte am Ende ſelbſt, daß Liſa unmöglich einen ſolchen Lärm zu ſchlagen im Stande rül und Me in der lich erh⸗ ſcho ſcha hat. non von ihre Fre terch voll kürz feur erlel müſſ Sta das ſeine Rüh I⸗ 139 ſey, wenn ſie nicht unſchuldig wäre. Zuletzt wurde Frlede geſchloſſen, das Madonnenkoſtüm abgelegt und Liſa ging am Arm des Alten heim, froh, daß ihre Mutter aus dem Spiel geblieben war. Zwölftes Kapitel. Frau Laßmans erſtes Soupe mit Vor⸗ und Nachſpiel, Die zwei folgenden Tage wagte Liſa kaum, ſich zu rühren. Der Kammerer war ſo argwöhniſch, ſo krittelig und knurrig, daß man in ihm, den ſonſt ſo geduldigen Mann, gar nicht wieder erkannte. Aber Liſa fügte ſich in Alles und beklagte ſich kein einziges Mal, blos in der Ausſicht auf den Geburtstag. Es war unumgäng⸗ lich nothwendig, ihn bis dorthin bei möglichſter Laune zu erhalten. An dem Feſttage ſelbſt hatte Liſa den Kaffeetiſch ſchönſtens herausgeputzt und brachte eine prächtige Meer⸗ ſchaumpfeife zum Angebinde für den Herrn Gemahl. Sie hatte ſie, in Erwartuug beſſrer Zeiten, auf Kredit ge⸗ nommen; bei dem Alten hieß es freilich, ſie habe ſie von Erſparniſſen vom Haushaltungsgelo gekauft: ſeit ihrer Verheirathung ſammelte ſie daran, um ihm dieſe Freude zu machen— ſie wußte ja, daß ihr liebes Al⸗ terchen Spaß an hübſchen Pfeifen habe. Zu all' dieſem fügte Liſa einen zärtlichen, thränen⸗ vollen Blick, eine Bitte, um nur Vergebung für ihr kürzliches kindiſches Betragen und einen warmen, ja faſt feurigen Wunſch, daß ihr lieber Laßman noch viele Jahre erleben möoͤge. Der Kammerer hätte ja ein Tiger ſeyn müſſen, wenn er ſo vieler Zärtlichkeit zu widerſtehen im Stande geweſen wäre! Er that es auch nicht: es war das erſtemal ſeit ſeiner Kinderjahre, daß Jemand ſich ſeines Geburtstags erinnerte und er fühlte eine ſolche Rührung über die freundliche Aufmerkſamkeit ſeiner jun⸗ 140 gen Frau, daß ihm die Augen voll Waſſer ſtanden— ganz andre Thränen freilich, als in ihren Augen glänzten! Alles war vergeſſen. Der Kammerer ging ſogar ſo weit, daß er innerlich ſchwor, er ſey ein Narr geweſen, ſolchen Argwohn gegen Liſa zu faſſen; denn mochte ſie auch noch ſo viele Fehler haben, Verſtellung gehörte nicht darunter. Bald nach vier Uhr kam der Doktor, ſein alter Spielgenoſſe, um Liſa's freundlicher Bitte zufolge den Kammerer in ſeiner Stube feſtzuhalten. Die Sache ging ganz gut; denn der Alte war ganz froh, in ſeinen ei⸗ genen vier Pfählen zu ſitzen, wo er ungenirt ſeine Pfeife rauchen konnte, Liſa hatte dafür geſorgt, daß den Her⸗ ren nichts abging, und unſer guter Kammerer wußte und erfuhr folglich nicht, was auf der andern Seite vor⸗ ging; auf dem Kronleuchter und allen Wandleuchtern wurden Lichter aufgeſteckt, alle Thüren— leider waren es blos zwei— weit aufgemacht, und Liſa ging, äußerſt geſchmackvoll gekleidet, auf und nieder, in Erwartung ihrer Gäſte und guckte zuweilen einmal in die Küche, wo die Hofmeiſterin handthierte. Frau Norman und Muhme Neta waren bereits an⸗ gekommen. Als Mutter und Schwiegermutter hatte ſie ihr anſehnliches Volumen in eine Sophaecke placirt, wo ſte mit der feierlichſten und würdevollſten Miene der An⸗ kunft der Uebrigen harrte. Muhme Neta in einem großgeblümten Kattun, ei⸗ nem braunen Seidenſhawl und einer abgelegten Haube von Schweſter Dora, hatte beſcheidener am Ofen Platz genommen, von wo aus ſie Liſa zuweilen zunickte und ihr verſicherte, wie hübſch es von„Luſchie“ ſey, daß ſie ihre Muhme nicht vergeſſen habe. „So komm' um Gotteswillen doch nicht immer mit Deiner Luſchie!“ polterte Frau Norman heraus, und ſchauderte vor dem Gedanken, daß ſie unter ſolchen Leuten in den Fall kommen koöͤnnte, ſich ihrer eigenen Schweſter ſchämen zu müſſen.„Liebſte beſte Neta, nenne doch bey ein ein gab ger: der unv von als G& 141 Lucie nicht beim Namen, wenn Du von ihr mit Jemand ſprichſt, ſondern ſag’:„Meine Schweſtertochter, Frau Laßman, oder meine Nichte, die Frau Kammerer!“ Später langten die übrigen Gäſte an. Die junge Wirthin benahm ſich höchſt anmuthig; als aber ihre neue Bekanntſchaft, der Lieutenant G.— eintrat, und höflich und ehrfurchtsvoll für ihre Güte dankte, zur Feier dieſes Tage auch ihn mit einer Einladung beehrt zu haben, konnte Liſa einen kleinen Seufzer nicht unter— drücken: der Gedanke an das erſehnte Tableau ſtand wieder vor ihr— welches Aufſehen würde ſie erregt haben! Der Regierungs⸗Sekretär und der Notarius waren die letzten. Nun genoß Liſa einen doppelten Triumph. Den Notarius durch ihre blendende Pracht in Verzweif⸗ lung zu ſtürzen, und den Sekretär zur höchſten Verwun⸗ derung zu bringen, durch einen halben Blick auf den hübſchen Lieutenant, von welchem ſie ihm noch keine Silbe geſagt hatte. Als Wirthin konnte ſie aber dem jungen Herrn natürlich nur eine flüchtige Aufmerkſam⸗ keit ſchenken; ſie mußte, wenn gleich ungern, ihren Platz neben dem Sopha bei den älteren Damen nehmen, und wartete mit einiger Unruhe den Ausgang ihrer Kühnheit ab— ſie hatte ſoeben den Doktor bitten laſſen, den Kammerer her zu bringen.* Der alte Held des Tags ſollte mit einigen Verſen bewillkommt werden, welche Roſell ſich aus dem Vorrath eines Freundes zu verſchaffen gewußt hatte, und nach einer kleinen Umarbeitung für ſein eigenes Machwerk aus⸗ gab. Sie mußten übrigens in Ermanglung eines Sän⸗ gers deklamirt werden, damit während des Vortrags der Kammerer Zeit bekam, ſich zu ſammeln, und zu der unvermutheten Rolle eines Wirths von einer Geſellſchaft von ſechszehn bis achtzehn Perſonen vorzubereiten. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Kammerer, als der Doktor die Thüre halb öffnete und hinausſah. 142 „Eine Einladung von Deiner Frau— ſie läßt uns zum Thee in das Staatszimmer rufen!“ „Thee?“ wiederholte der Kammerer mit einem ge⸗ wiſſen unangenehmen Vorgefühl irgend eines bevorſtehen⸗ den Verdruſſes.„Was iſt denn das für ein Hin- und Herlaufen im Gang geweſen?— ich hörte es ſchon ſeit einer ganzen Stunde.“. „Es wird wohl Beſuch bei den Leuten ſeyn, welche⸗ auf der andern Seite wohnen— ich habe den Lärm auch gehört.“ Der Kammerer ſtand auf.„Gott verhüte, daß Liſa wieder auf eine Thorheit gekommen iſt!“ ſagte er ganz ernſthaft.„Thee trinken im Staatszimmer und ein ſolches Laufen! Aber das kann ſie nicht gewagt haben— was meinſt Du, Herr Bruder?“— „Ach nein, das iſt nicht möglich, das hat ſie nicht?“ beruhigte ihn der Doktor.„Aber jetzt wollen wir nicht länger ſäumen.“ In dem alten blauen Frack, den er zur Ehre des Tags angelegt hatte, ging der Kammerer mit dem Doktor über den Gang. Die Geſellſchaft drinnen hielt ſich ganz ruhig. „Für was hängt dann da eine Lampe?“ ſagte der Kammerer und betrachtete argwöhniſch das helle Licht. Allein der Doktor ließ ihm kaum Zeit zu weiteren Grü⸗ beleien, ſondern öffnete die Thüre zum Staatszimmer. Da ſtand nun unſer Kammerer, geblendet von dem Lichte, keines Wortes mächtig, mit zuſammengekniffenem Mund und ſchoß grimmige Blicke auf die Geſellſchaft rings umher. Liſa wagte nicht, die Augen aufzuſchlagen. Es war ein Glück, daß der Regierungs⸗Sekretär mit dem Repitiren ſeiner Verſe begann; dieß gab dem Kammerer Zeit, ſich unmittelbar zu beſinnen. Darauf ſpazierte ein großes Bret mit vollen Gläſern umher; des Alten Geſundheit wurde getrunken und er ſelbſt ſo mit Händedrücken und Glückwünſchen überſchüttet, daß G 4 V V V 143 er kaum zu ſich kommen und nichts weiter ſagen konnte, als unaufhörlich: „Diener, Diener, danke gehorſamſt!“ Liſa wagte ſich erſt zu allerletzt hervor. Sobald ſie dem Alten in die Augen ſah, merkte ſie, daß ſie zu⸗ viel gewagt hatte. Mit inniger, faſt kindlicher Zärt⸗ lichkeit beugte ſie ſich vor ihm. „Dank, Dank, mein Kind! Du haſt mir ein großes Vergnügen bereiten wollen, eine große Ueberraſchung, wie ich ſehe!“ ſagte der Kammerer laut; aber leiſe wiſperte er ihr in's Ohr:„Das ſollſt Du mir nicht umſonſt gethan haben! Wenn es auch ein Soupé geben ſoll, ſo koſtet mich das fünfzig Thaler, ſo gut wie einen Stüber!“ „Das koſtet uns noch nicht einen halben Stüber,“ erwiederte ſie eben ſo leiſe.„Die Mutter hat Alles be⸗ ſorgt, ſtatt der Hochzeit. Sey nur jetzt gut und ver⸗ gnügt, daß Du die Gaͤſte nicht erſchreckſt und der Mutter für ihre gute Abſicht nicht wehe thuſt!“ Obgleich ſich die Züge des Kammerers bei der er⸗ ſten Aeußerung, daß es nicht ſeinem Beutel gelte, be⸗ deutend aufhellten, ſo ſchwebte doch noch eine kleine Wolke auf ſeiner Stirne;„denn,“ dachte er,„hab' ſie einmal angefangen und wird das Ding gewöhnt, ſo.... „aber ſchnell durchfuhr ihn ein Lichtgedanke, wie er die Wirkung von Liſa's Ueberraſchung unſchädlich machen könne. Sobald er darüber mit ſich im Reinen war, ging auch plötzlich eine Veränderung mit ihm vor, und kein Menſch, am wenigſten ſeine Frau, konnte begreifen, daß es ihr Alter ſelhſt war, der ſo trefflich den artigen und angenehmen Wirth zu ſpielen wußte. „Na, mag daran Schuld ſeyn, was da will, ich werde es ſchon noch früh genug erfahren!“ dachte Liſa, und überließ ſich ohne Zurückhaltung der Freude des Abends. Es war ihr etwas ſo Neues, ſo Angenehmes, die Wirthin zu machen, bald den einen, bald den andern Kavalier hinter ihrem Stuhl zu haben, Mit welch' 144 ſchalkhafter Koketterie drehte ſie das Köpfchen bald rechts, bald links. Noch nie hatte ſie ſich ſo glücklich gefühlt, und gleichwohl lag ihr Glück nicht ſowohl in dem Ge⸗ nuß der Gegenwart, als in der Hoffnung auf alle die Einladungen und Soupé's, welche dem heutigen Abend folgen würden; denn wenn der Alte einmal gehörig im Zuge war, ſo ſollte es ſchon mit ihm gehen.“ „Wie geht es Ihnen? Was treiben Sie, Herr No⸗ tarius?“ fragte Liſa mit einer Art vornehmer Nachläſ⸗ ſigkeit ihren frühern Liebhaber und erröthete nicht einmal bei dem Gedanken, daß er dieß einſt geweſen. Die ganze Geſchichte war ja ein Bagatell; außerdem war Wetter⸗ quiſt nunmehr eine Perſon, den ſie, bei ihrem Einfluß auf ihren Mann, in eine ſehr demüthigende Lage brin⸗ gen konnte. Was ſollte wohl aus dem armen Kerl werden, wenn ihr Mann ihm das Anlehen aufkündigte? Ja, da würde es ſchön ausſehen! aber ſie war zu edel⸗ müthig, eine ſolche Rache zu nehmen; Kleinlichkeit lag nicht in ihrem Charakter. „Wie geht es Ihnen? Was treiben Sie, Herr Notarius?“ Liſa mußte ihre Frage wiederholen, denn Wetterquiſt gab das erſte Mal nicht Acht darauf. „Ich bereichere meine Erfahrung,“ antwortete der Notarius, mit dem ſteifen, abgemeſſenen Ton, welcher Liſa ein Dorn im Auge war. „Es gibt doch keinen ſchändlicheren Kerl als der Notarius!“ dachte ſie, als ſie zu ihrem größten Verdruß die Bemerkung machen mußte, daß er völlig gefühllos gegen ihre perſönliche Eleganz war, ſowie gegen ihre neue Stellung im Leben, ihre brillante Einrichtung u. dgl. m.„Ja, das iſt ein wahrer Abſchaum! Ich kann gar nicht begreifen, wie ich nur jemals dieſen Klotz einnehmend finden konnte— aber ich hatte da⸗ mals freilich noch gar zu wenig Erfahrung.“ Und mit einem verächtlichen Blick wandte ſie ſich von dem lum⸗ pigen Notarius zu dem dankbaren und aufmerkſamen Lieutenant, einem jungen Mann, der ſich eine erſtaun⸗ welch nehn gege. nie Neta ernſt den Ka um⸗ men aun⸗ 145 liche Zungenfertigkeit rühmen konnte, nicht daß gerade Witz darin geweſen wäre, aber es floß ihm doch vom Munde— wie Waſſer. Liſa war ganz entzückt von ſeiner gebildeten und lebhaften Unterhaltung, indem Alles, was er ſagte, ihre Eitelkeit auf das angenehmſte kitzelte. Sie überzeugte ſich heute vollkommen, daß ſie in einem großen Irrthum befangen geweſen, wenn ſte glaubte, es ſey gegen den guten Ton, jungen Herrn Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Denn gerade wie ſie ſich ſelbſt einer lebhafteren an⸗ muthigen Unterhaltung hingab, bemerkte ſie, daß Frau T.— ebenſo viel Spaß daran fand, dem Regierungs⸗ Sekretär zuzuhören, welcher ſie zu unterhalten ſtrebte, und nicht minder ſah ſte, wie Fräulein Georgine ver⸗ ſchiedene Angriffe auf denſelben vertrackten Notarius machte, bei welchem ſie übrigens kein gewaltiges Glück zu machen ſchien. „Wie wird ſie Leben in den Stock bringen können, wenn ich es nicht vermocht habe!“ meinte Liſa, und war weit entfernt zu ahnen, daß Wetterquiſts Seele bei der hübſchen liebenswürdigen Mathilde Lindfelt war, der Einzigen, für welche er Sinn und Gedanken hatte. Frau Normans Geſicht ſtrahlte vor ſeliger Zufrie⸗ denheit; ſie ſaß am Spieltiſch mit ihrem Schwiegerſohn, dem alten Doktor und deſſen Frau. Zuweilen überließ Papa Laßman theils in Folge ſeiner Schuldigkeit als artiger Wirth, theils auch aus einer Anwandlung von Eiferſucht die Karten ſeinem Freund Leinwandhändler, welcher nie zu bewegen war, an dem Spiel Theil zu nehmen. Seine Frau, welche in ihrem Widerwillen gegen das Spiel noch weiter als ihr Mann ging und nie eine Karte anrührte, nahm ſtatt deſſen Muhme Netas Zunge in Anſpruch; ſie war eine ſehr ſtille und ernſthafte Perſon, welche Liſa einzig gebeten hatte, um den Platz auszufüllen. Auf dieſe Weiſe war die Unterhaltung ſo ziemlich Kammerer Laßman. II. 1⁰ 146 gleich vertheilt, und nur Will, unſer ehrlicher, beſchei⸗ dener Will, zu unbedeutend, um die Aufmerkſamkeit der Wirthin auf ſich zu ziehen, und zu ſchüchtern, um ſich ſelbſt vorzudrängen, ging einſam hin und her, blieb bald vor dem großen Marmorvaſen bald vor dem Spiegel⸗ tiſch ſtehen und all' die ſchöne nie geſuchte lebendige und lebloſe Umgebung konnte ihm keinen Blick der Freude entlocken. Je ſpäter es wurde, deſto öfter drehte der Kam⸗ merer voll unruhigen Verdachts ſeinen Kopf vom Spiel⸗ tiſch nach der Seite, wo Liſa ſaß, und jedes Mal ſah er die Epauletten des Lieutenants in ihrer Naͤhe.„Es iſt, als wenn ſie der Teufel ritte, daß ſte gar nicht von ihm los rommen kann!“ dachte der Kammerer, dem es in der That ganz unheimlich und peinlich um's Herz wurde, als er ſah, mit welch' unverkennbarem Intereſſe ſie dem Waſſerhelden zuhörte. Alle Augenblicke ſtand er auf; bald hatte er ſeine Frau dieß, bald jenes zu fragen; das letzte Mal war es indeſſen ein Wink, ſtatt daß er ihr vorher nur eine Ermahnung in’s Ohr ge⸗ flüſtert hatte. Nur mit Widerſtreben verließ Liſa ihren Platz und mußte gerade die intereſſanteſte Wendung einer alten verbrauchten Allegorie unterbrechen. „Was iſt Dein Begehren, lieber Mann? Du haſt mir ſo oft Etwas zu ſagen, daß nothwendig unſere Gäͤſte ſich darüber verwundern werden,“ ſagte ſie, als der Kammerer ſie glücklich bis hinter die Schlaffammerthüre gebracht hatte. „Was mein Begehren iſt, fragſt Du, nachdem ich Dir bereits ein vaar Mal in's Ohr geraunt habe,— aber Du ſcheinſt mich nicht verſtehen zu wollen!“ Der Kammerer war aufgeregt, faſt zornig und ſprach ſo ſchnell und eifrig, das ihm beinahe die Worte zwiſchen den Zähnen blieden. „Ja, was iſt es denn?“ „Das iſt es: Daß Du ſo gut ſeyn und Achtung vor lan⸗ den aus hält ſetze leich aus wen raſy nim Die ſam was die zubr ſacht mich den wah Sta rief nach ſein Geri das ſeine Fehl ange. Ohr Für chei⸗ der ſich bald egel⸗ ige eude dam⸗ piel⸗ ſah „Es von n es Herz ereſſe ſtand s zu ſtatt r ge⸗ und alten haſt Gäſte der hüre n ich Der ch ſo ſchen tung 147 vor Dir ſelbſt haben ſollſt! Bedenke, wie es noch nicht lange her iſt, daß ich Dir Deine Unvorſichtigkeit mit dem Sekretär zu vergeben hatte. Nun bitte ich mir aus, daß Du Dir den windigen Lieutenant vom Leibe hältſt— wage es nicht, Dich abermals neben ihn zu ſetzen, mein' Seel', ich leide es nicht! Du meinſt viel⸗ leicht, ich ſehe es nicht, wie Gefallſucht und Verliebtheit aus ſeinen Augen leuchten und wenn er Dich anſieht, wenn er mit honigſüßer Miene Dir ſein Süßholz vor⸗ raſpelt.... Ja wage nur zu lachen— lach' nur— nimm Dich in Acht, Liſa, ich bitte Dich, gib Acht auf Dich! Es iſt zu viel auf ein Mal— heimliche Zu⸗ ſammenkuüͤnfte mit dem Einen, und der Henker weiß, was es mit dem Andern noch werden kann!“ „Das iſt in der That luſtig!“ ſagte Liſa, und biß die Zähne zuſammen, um nicht in ein Gelächter aus⸗ zubrechen.„Du biſt, glaub' ich, gar eiferſüchtig?“ „Ja, das bin ich, und habe mein' Seel', alle Ur⸗ ſache dazu. Nimm Dich valſo wohl in Acht und reize mich nicht. Wie konnteſt Du Dich aber nur unterſtehen, den Gelbſchnabel von Lieutenant herzubitten? Du biſt wahrlich nicht blöde, und wollte ich.... 44 Ein Geſchrei und eine laute Stimme von dem Staatszimmer her unterbrach die Eheſtandsſeene. „Am Ende haſt Du gar noch Mehrere eingeladen?“ rief der Kammerer aus und verließ ſeinen Platz, um nachzuſehen, ob ſeine Vermuthung ihn nicht trüge; aber ſein Erſtaunen ſtieg auf das höchſte, als er Niemand Geringeres erblickte, als den alten Ficker, welcher auf das prächtigſte herausgeputzt vor ihm ſtand, er hatte ſeine beſten Sonntagskleider an, wobei nur der einzige Fehler vorgegangen war, daß er die Weſte verkehrt angezogen hatte und daß der Halstuchknoten hinter dem Ohr ſaß. Der alte Ficker war allein zu Hauſe geblieben. Für ein Zwölſſchillingſtück, welches er vor den Falken⸗ 10* augen ſeiner Frau in Sicherheit zu bringen gewußt, hatte er ſich eine halbe Maß unverfälſchten Schnaps gekauft, der die angenehme Wirkung äußerte, ihn ohne Aufſchub zum Kapitän zu avanciren. In dieſer luſtigen Stimmung und nachdem er ſich ſeine Freiheit möglichſt zu Nutze gemacht und die Flaſche bis auf den letzten Tropfen geleert hatte, beſchloß er ebenſowohl ſeiner theuern Neta als ſeinem Herrn Vetter Kammerer eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten. Sicher waren nur Neta's Ränke daran Schuld, daß er nicht ſogleich Anfangs mitkam, allein er wollte ſchon ſeinen Schaden wieder nachholen; denn es war doch nicht mehr als Recht und billig, daß er mit bei der Viſite war. Wo die Fran iſt, da gehört auch ihr M— a— a— nn mit dazu!“ argumentirte unſer alter Ficker. „Gehorſamer Diener, gehorſamer Diener, meine Herrſchaften ſammt und ſonders!“ ſagte der ehrliche Faßbinder, verbeugte ſich in großen Kreiſen unb ſchwenkte dabei ſo eifrig ſeinen Hut, daß nicht viel fehlte, er hätte die prächtigen Blumenvaſen heruntergeſchmiſſen. Muhme Neta's Beſtürzung war eben ſo gränzenlos, als Frau Normans Wuth vor der ganzen Geſeltſchaft den kupfernaſigen alten Tölpel ausrufen hören zu müſſen: „Guten Abend, Schwägerin, guten Abend, Schwä⸗ gerin! Mein Seel', da iſt's hübſch unb glänzend, wie— wie— wie— ha, ha, ha! Na, guten Tag, Neta, Du haſt wohl gemeint, Du ſeyſt mich los; aber ſiehſt Du — ich— ich— finde doch den Weg— ja, ja— ich hab' ihn gefunden— gelt?“ . Bei dieſen Worten war es, wo der Kammerer ein⸗ trat, Liſa fiel vor Aerger faſt in Ohnmacht, als ſie des alten Fickers Stimme erkannte. Das war ein ſchöner Beſchluß ihrer Geſellſchaft! was mußten ihre Gäſte von einer ſolchen Verwandtſchaft denken, von einem Ver⸗ wandten der Art! Ach, daß es doch keine Freude ohne Leid gibt! Damit war es noch nicht genug, daß ihr eigner Mann ſie ärgerte und lächerlich machte, nun kam au Ei zut eig liel ſche Sie Wit polt „G Ich alte: viel daß Zeit auf Ha, denn liche ſo an alter Dein gerin Sie . ſicht, ging ſie m. rathen nen, Euch / 4 wirſt Zimm vußt, dnaps ihn dieſer eiheit f den wohl nerer varen gleich haden r als Wo mit neine rliche denkte hätte nlos, ſchaft iſſen: chwä⸗ ie— „Du Du — ich ein⸗ e des böner von Ver⸗ ohne 3 ihr kam — * 149 auch noch die Volleule, der Ficker— ach, da könnte Einen der Schlag rühren vor Zorn und Aerger! Dem nüchternen Kammerer war Nichts heftiger zuwider als ein Betrunkener und noch dazu in ſeinem eigenen Hauſe. Gleichwohl mußte er ſich faſſen.„Mein lieber Ficker,“ begann er mit gedämpfter Stimme, aber ſcharfem Ton,„es iſt ein Irrthum— machen Sie, daß Sie fortkommen!“ „Gehöre ich denn nicht auch zu der Verwandtſchaft? Ich will doch ſehen, wer mich hinauswirft. Weg, Du alter Laßman! hat Dir Deine Frau ſchon vielleicht ſo⸗ viel Sand in die Augen geſtreut, daß Du nicht ſiehſt, daß ich Kapitän bin? Und das weißt Du aus alter Zeit, daß wenn ich Kapitän bin, ſo— ſo— ſtehe ich auf meinem Poſten, wie ein— ein— tüchtiger Kerl.— Ha, ha— Kerl! Na, Laßman, alter Kerl— biſt Du denn kein ſo ehrlicher Kerl, daß Du einen andern ehr⸗ lichen Kerl einladen magſt?— So zieh mich doch nicht ſo am Rock, Neta, Du reißeſt mir ja den Arm aus, alter Drache!— Haſt Du dieſe Höflichkeit allenfalls von Deine Schweſter gelernt? Guten Abend, Frau Schwä⸗ gerin!“ Ficker machte die poſſirlichſten Bücklinge:„haben Sie vielleicht Zahnweh, daß Sie ſo roth ſind im Ge⸗ ſicht, wie ein— Feuerbrand?“ „Nein, das dauert doch zu lang!“ rief Liſa aus und ging haſtig auf den Alten los.„Seyd ſo gut,“ ſag te ie mit einer gewiſſen Artigkeit, welche ſie für das ge⸗ rathenſte hielt, um den unwillkommenen Gaſt zu gewin⸗ nen,—„ſeyd ſo gut und geht mit mir hinaus, ich habe Euch Etwas zu geben.“ „Da hinaus? Nein, da wird nichts daraus, Du wirſt wohl nicht ſo gut ſeyn, Deinem Oheim hier im Zimmer Etwas geben zu können! Na, na, ärgere Dich 150 nur nicht.— Wenn mir Niemand Etwas geben will, ſo bin ich ſchon ſelbſt ſo frei!“ Mit dieſen Worten arretirte der Alte einen Aufwärter, nahm ihm ſeinen ſämmtlichen Punſch ab und leerte ihn auf ein paar Züge. Muhme Neta ſchluchzte laut und gab ſich alle Mühe, ihren Ehegemahl im Guten in das äußere Zim⸗ mer zu perſuadiren. Aber nie war eine Anſtrengung vergeblicher, Gewalt konnte man doch nicht brauchen und auf andere Weiſe ließ ſich offenbar Nichts mit ihm machen. Liſa war in Verzweiflung, die Gäſte lachten und zuckten die Achſeln, und hätte dem alten Ficker der Punſch nicht unmöglich gemacht, auf den Beinen zu ſtehen, ſo wäre wohl die Ruhe den ganzen Abend nicht wieder hergeſtellt worden. Als er aber nicht mehr ſtehen konnte, und ihm Schluchzen die Sprache verſagte, ge⸗ lang es endlich Will, ihn in die Küche hinaus zu ſchaffen, wo er auf dem Bett der Magd, welches aus dem ſo⸗ genannten Vorzimmer dorthin geflüchtet worden war, bald ſchnarchte wie ein Bär und noch ſeine Kapitän⸗ ſchaft im Traume weiter ausmalen konnte. Mit einigen paſſenden Worten entſchuldigte der Kammerer die unangenehme Störung bei ſeinen Gäſten, allein es dauerte doch eine ziemliche Weile, bevor die Unterhaltung wieder in den gewöhnlichen Gang kam. Für Liſa war der eigentliche Spaß vorüber, da ſie, ihres Mannes halber, nicht länger weder mit dem Lieutenant, noch mit dem Regierungs⸗Sekretär kokettiren konnte.„Aber das ſoll mir der Alte ſchon entgelten,“ dachte ſie.„Warte nur— ich will ihn ſo mürbe ma⸗ chen, daß er ſich ſo wenig wünſchen darf, als mein Pantoffel— der undankbare, alte Narr!“ Da indeſſen der Kammerer ſah, daß ſie ſeinem Befehl nachkam, ſo kehrte bald ſeine gute Laune zurück, und er wurde immer beſſern Humors, je öfter er in Gedanken die kleine Rede wiederholte, welche er bei „— Tiſch zu halten im Sinn hatte, womit er den Gäſten will, orten einen paar alle Zim⸗ gung uchen t ihm ichten er der en zu nicht tehen „ge⸗ affen, m ſo⸗ war, pitän⸗ te der gäſten, ör die kam. a ſie, dem ettiren elten,“ e ma⸗ mein ſeinem zurück, er in er bei Gäſten ¼ 151 ſeine Herzensmeinung für die Zukunft eröffnen wollte. Er hielt aber ſeine Abſicht durchaus geheim, es war ein kleiner, wohlausgedachter Streich, um Liſa den Dau⸗ men aufs Aug zu halten und ihr den Herrn zu zeigen. Man ſieht, daß der Kammerer ſich vorgenommen hatte, das Heft nicht aus der Hand zu geben. Endlich ging es zum Abendeſſen. Es war ausge⸗ ſucht und machte ſowohl Frau Normans Gaſtfreiheit, als dem Küchentalent der Hofmeiſterin alle Ehre. Liſa triumphirte wieder, denn Wenige konnten eine Tafel aufweiſen, welche wie die ihrige auf ſo ausgezeichnete Art mit Porzellan, Silber und Criſtall verſehen war: in oberſter Reihe prangten die Herrlichkeiten des Trian⸗ gels, in das gehörige Licht geſtellt; und wer bemerkte, wie ungleich die verſchiedenem Stücke einander waren, und wie auf dem Silbergeſchirr allerlei unterſchiedliche Wappen und Namenzüge ingrahdt Wren, konnte nicht im Zweifel ſeyn, daß man am Tiſch eines jener geſeg⸗ neten Menſchenfreunde ſaß, welche auf Pfänder leihen. „Meine Herrſchaften,“ erhob ſich der Kammerer bei dem Nachtiſch, nachdem eine neue Sorte Wein aufge⸗ ſtellt und ſeine Geſundheit getrunken worden war,„ich muß mir auf einen Augenblick Ihre Aufmerkſamkeit erbitten...“(„Was, in des Himmels Namen ſoll das werden,“ dachte Liſa,„will er wohl gar meine Geſund⸗ heit ausbringen?“)„.... Meine Herrſchaften“— der Kammerer hielt abermals inne, und räuſperte ſich einige Male ſehr vernehmlich— das Gefühl, welches man jedem Beweiſe von Wohlwollen und Aufmerkſamkeit ſchuldig iſt, treibt mich, in Anbetracht der Ehre, einen ſo werthgeſchätzten Kreis bei mir verſammelt zu ſehen, meiner theuern Schwiegermutter, der achtungswürdigen Frau Norman, meinen pflichtſchuldigſten Dank für die große Artigkeit abzuſtatten, womit ſie auf ihre Koſten, ganz und gar auf ihre Koſten, die gegenwärtige Ge⸗ ſellſchaft zu arrangireu ſo gütig war. Meine verehrte Frau Schwiegermutter, welche weiß, wie fremd ich durch vieljähriges Junggeſellenleben den ſogenannten geſelligen Vergnügungen und deren Zerſtreuungen geworden bin,— meine Schwiegermutter, welche weiß, wie ich darüber denke, hat, als einzige Ausnahme von dem ſtillen zu⸗ rückgezogenen Leben, welches ich und meine Gattin hinfüro zu führen beabſichtigen, mich an meinem Ge⸗ burtstage mit einer angenehmen Ueberraſchung zu beehren gedacht. Ich fühle mich deßhalb gedrungen, ihr mit aller Wärme für die erzeigte Ehre, welche auf ſie ſelbſt zurückfällt, meinen Dank abzuſtatten; denn ich bin es meiner theueren Frau Schwiegermutter ſchuldig, hier öffentlich auszuſprechen, daß wir ohne dieſe, für mich in der That große Ueberraſchung, nie in den Fall ge⸗ kommen wären, dieſen geachteten Kreis, welchen ſie eingeladen hat, bei uns zu ſehen. Ich hoffe deßhalb, meine Herrſchaften, Sie werden ſich mit mir vereinigen und ein Glas auf die Geſundheit meiner Frau Schwie⸗ germutter trinken!“ Frau Norman, deren Eitelkeit durch dieſe Aus⸗ zeichnung auf das Hoͤchſte geſchmeichelt war, platzte ſchon vor Hochmuth. Allein Liſa merkte wohl, was der Alte mit ſeiner Rede im Schilde führte, und was noch ſchlim⸗ mer war, ſämmtliche Gäſte merkten es auch, denn ein Lächeln ganz eigener Art flog über Aller Lippen. „Er bringt mich um's Leben— kein Menſch kommt jetzt mehr zu mir!“ dachte die unglückliche junge Frau, — denn wo ſie hinblickte, begegnete ſie demſelben Lächeln. Das Abendeſſen war voruͤber, die Gäſte fort, der alte Ficker heimgeſchoben, die Lichter niedergebrannt und im Zimmer lag Alles unter einander. Liſa ſtand weinend am Kamin. „Ja, ja, laß nur das Maul hängen!“ ſagte der Kammerer, während er, ein Licht um das andere aus⸗ löſchend, hin und her fegte;„häng nur das Maul— Du haſt es Dir ſelbſt zuzuſchreiben! Nun wiſſen ſie doch, Gottlob, Alle, daß ich das Gelaufe ein für alle Mal nicht haben will. Und Du kannſt Dich darauf 1,— über zu⸗ tttin Ge⸗ hren mit elbſt tes hier nich ge⸗ ſie alb, gen vie⸗ us⸗ hon Alte im⸗ ein umt au, eln. der und der Us⸗ ſie alle verlaſſen, daß ich meine Augen nicht umſonſt habe und mich nicht mehr mit Deinen Ränken und Schwänken hinter's Licht führen laſſen werde! Aber Du läßt mich hier Alles allein thun— ſtell' die Stühle in Ordnung, das iſt geſcheidter, als da zu ſtehen und die Hände in den Schooß zu legen.... Haſt Du auch nach dem, was abgetragen worden, geſehen? Wenn die Ueber⸗ bleibſel nicht aufgehoben ſind, ſo frißt ſie die Magd, oder verſteckt ſie. Es war noch eine ganze Flaſche Port⸗ wein übrig— noch nicht angerührt— in der Madeira⸗ flaſche waren auch noch wenigſtens drei Gläſer, auch eine ganze Platte mit Braten und noch vielerlei Sonſtiges.“ „Das wird, hoffe ich, wohl der Mutter gehören!“ entgegnete Liſa ſchnippiſch.„Knickere Du an Deinem Eigenthum— ich denke, Du läſſeſt es wahrlich nicht daran fehlen!“ „Da ſie aber die tolle Viſite hier für mich gehalten hat, ſo gehört auch mir, was übrig bleibt. Nun iſt's fertig; jetzt geh' ins Bett— ich will ſelbſt nachſehen, wie es draußen ſteht.“ „Du wirſt ſo gut ſeyn und mir aus der Küche blei⸗ ben!“ verſetzte Liſa in rauhem Ton.„Ich bin die Frau im Hauſe und weiß, was mir zukommt.“ Sie eilte in die Küche; die Hofmeiſterin hatte aber bereits Alles aufgehoben, was der Kammerer mit Vergnügen bemerkte, welcher, trotz Liſas Verbot, dennoch ſeine Naſe hinein⸗ ſtecken mußte. „Komm jetzt und geh' zu Bett.“ Liſa ging, ohne ihn einer Antwort zu würdigen in, das Staatszimmer zurück, wo ſie ſich noch Etwas zu ſchaffen machte. „Komm herein, Liſa; es iſt Zeit, ins Bett zu gehen, es iſt ſchon zwei Uhr— ich verſpreche Dir aber, dies ſoll der erſte und letzte Spektakel dieſer Art hier geweſen ſeyn! Vorwärts! komm herein!“ „Ich mag nicht— ich lege mich nicht zu Bett!“ 154 „Sey vernünftig, Liſa! Bring mich nicht noch mehr auf, als Du bereits ſchon gethan haſt!“ „Ich will nicht vernünftig ſeyn, und frage nichts darnach, ob Du aufgebracht biſt oder gar überläufſt! Du haſt es nicht beſſer verdient, da Du mich ſo be⸗ handelſt.“ „Liſa, Liſa!“ „Ja, ja, Liſa, Liſa— ſo? Vielleicht ſoll ich gar nicht einmal ſo viel freien Willen haben, daß ich zu Bett gehen kann oder nicht, je nachdem es mir beliebt? Ja, das geſiele mir noch!— und jetzt lege ich mich erſt nicht!“ „Meinetwegen— wie Du willſt! Aber Licht werde ich Dir nicht dalaſſen; das Haus will ich Deiner Laune halber nicht aufs Spiel ſetzen...“ „Du wirſt mir doch hoffentlich das Licht nicht neh⸗ men?— Laß es ſtehen, ſag' ich!“ „Nein, mein' Seel', das geſchieht nicht!“ ſagte der Kammerer, faßte neue Courage, riß ſeiner zornigen Ehe⸗ hälfte den Leuchter aus der Hand, und zog die Schlaf⸗ kammerthüre hinter ſich zu. Nun ſtand Liſa einſam im Finſtern. Sie liebte die Dunkelheit nicht, denn ihre Einbildungskraft bevölkerte ſie, ſeit ihrer Jugend, mit einer Menge unkörperlicher Weſen. Um nicht allein zu ſeyn, blieb ihr nichts übrig, als ihm in die Schlafkammer nachzugehen, wo ſie ſich auf den Sopha warf. Der Alte legte ſich in das Bett und löſchte das Licht aus. So lange ſich ſein Blut noch in aufgeregter Wallung befand, hatte er Muth genug, Liſa Widerpart zu halten; allein als er ſich geſammelt hatte und ſich ihm der Gedanke aufdrängte:„Es iſt ein Mal geſchehen und eigentlich meinte ſie es von Anfang an gut, ich bin doch wohl zu ſtreng geweſen— da lautete ihm Liſa's unterdrücktes Schluchzen vom Sopha her ganz anders in die Ohren. Kaum hatte er ſich ſeinen immer weicher werdenden Gefühlen eine Viertelſtunde lang überlaſſen, —————— 2 der Ehe⸗ hlaf⸗ e die lkerte licher brig, ſich das egter rpart ſich jehen h bin Liſa's rs in eicher aſſen, —y 155 ſo ſtand er auf, warf den Schlafrock um und tappte nach dem Sopha. „Liſa, mein Schatz! Gott verzeihe mir's, daß ich Dich in meiner Heftigkeit weinen gemacht habe! Wir wollen Alles vergeſſen— ſey wieder gut:— es ſoll nicht mehr geſchehen!“ „Ich erſticke faſt,“ flüſterte ſie matt,„es iſt mir gräßlich, gräßlich übel.“ „Herr Gott, mein Engel, Du erſchreckſt mich!— zieh' Dich nur aus— dann wird Dir ſchon beſſer wer⸗ den. So, liebe Liſa, ſtütze Dich auf mich! Wie konnt' ich nur ein ſolcher Barbar ſeyn— und ſo mit Dir um⸗ gehen! Willſt Du morgen in's Theater gehen, Kind — ſoll ich ſelbſt mit Dir gehen?“ „Morgen, lieber Mann,“ ſchluchzte Liſa,„liege ich noch im Bett, oder gar im Grab!“ So ſchlimm wurde es aber nicht. Der Kammerer war ſo glücklich, daß ein neuer Friedenstraktat abge⸗ ſchloſſen ward— aber er kam dem armen Mann theuer zu ſtehen. Dreizehntes Kapitel. Während Frau Laßman ſich auf Fenſterparade beſchränken muß, macht ihr früherer Liebhaber Fräulein Mathilden auf den Unter⸗ ſchied zwiſchen einem Sprachlehrer und einem Freunde aufmerkſam. — Der erſte Winter vom Eheſtandsleben des Kamme⸗ rers war vorüber. Zuverläſſig hatte der häusliche Ther⸗ mometer nicht immer mit dem harmonirt, welcher im Fenſter hing, denn wenn dieſer auch zwanzig Grad Kälte andeutete, ſo fand doch der Kammerer häufig, daß der erſtere eben ſo viel Grad Hitze zeigte. Deſſen ungeachtet ging es aber ziemlich ordentlich: noch war unſer Kam⸗ merer, wenigſtens hielt er ſich dafür, Herr in ſeinem Hauſe, und obgleich ihm Liſa tüchtig warm machte, ſo 1⁵6 gab es doch gewiſſe Punkte, wobei all' ihre Liſt und Ueberredungsgabe ſie im Stiche ließen. Das eben be⸗ ſchriebene Soupé hatte kein zweites zur Folge gehabt, und trotz aller Verſuche und Pfiffe von ihrer Seite wa⸗ ren doch die Augen des Alten ſo ſcharf, daß ſie nur ſelten zu einem flüchtigen Téte à Téte mit dem Re⸗ gierungs⸗Sekretär Gelegenheit fand. In der Kirche, bei einem Morgengang nach dem Kornhafen, oder hie und da im Theater waren die einzigen Orte, wo es ihr zuweilen noch gelang. Aber auch dieſe Zuſammenkünfte wurden immer ſel⸗ tener, denn der Kammerer examinirte jedes Mal die Magd, ob die Frau unterwegs nach dem Markte mit Niemand zuſammen geweſen, und da Jungfer Karoline nicht die Gabe der Schweigſamkeit beſaß, ſo wurde bald auch dieſer Ausweg abgeſchnitten, indem der Kammerer alle Einkäufe ſelbſt beſorgte, weil es für ſeine liebe Liſa nach gerade zu kalt zu werden begann, als daß er ſie hätte ſo früh ausgehen laſſen dürfen. Endlich ward der Alte ſo mißtrauiſch, daß er ſich nicht einmal mehr in ſeine Abendgeſellſchaft wagte. Er wurde Tag für Tag von einer fieberhaften Angſt geplagt, denn ſein Falken⸗ auge entdeckte nicht ſelten die ſchlanken Geſtalten des Regierungs⸗Sekretärs oder des Lieutenants unter Liſa's Fenſtern. Was den Letztern betraf, ſo war es mit ihm nur eine kleine Fenſterpouſſage; trotz ihres nähern Verhält⸗ niſſes zu Roſell, machte ſich indeſſen Liſa nicht das ge⸗ ringſte Gewiſſen daraus, dieſelbe durch feinere Koketterie zu unterhalten. Es machte Liſa unbeſchreiblich viel Spaß, wenn ſie die Angſt des Alten ſah, welcher jetzt, ſtatt wie früher ſeine Zinſen zu berechnen und in ſeinen Büchern zu blättern, den lieben ganzen Tag an dem Reflexionsſpiegel ſaß, welchen er ſich eigens dazu angeſchafft hatte. Da nun Liſa keinen freien Spaß mehr hatte und ihm keinen andern Verdruß zu machen vermochte, ſo ſparte ſie we⸗ 1⁵⁷ nigſtens ihre freundlichen Grüße nicht. Der Kammerer ſchnitt die ſchrecklichſten Geſichter dazu und wohl hun⸗ dert Mal, wenn er den Lieutenant oder den Sekretär die Straße herabkommen ſah, ſuchte er Liſa durch einen ſchicklichen Vorwand vom Fenſter zu locken. Aber Liſa, welche wohl merkte, was er im Sinn hatte, blieb ſtock⸗ ſtill ſitzen und ließ ſich bewundern. Es ſchnitt dem Kammerer durch das Herz, wenn er mit anſehen mußte, was für feurige Blicke und bedeutungsvolle Grüße an ſeiner Naſe vorüber ſeiner Frau zuflogen. „Ich werde Dir IJalonſieläden machen laſſen!“ ſagte er eines Tages, als es dem Frühjahr zuging. Die Vor⸗ fenſter waren bereits weggenommen und Liſa ſaß nicht ſelten am offenen Fenſter. „Jalouſteläden? nein, dafür danke ich— ich habe Jalouſie genug im Hauſe ſelbſt!“ meinte Liſa laut lachend. „Thue ich denn nicht Alles, was Du billigerweiſe von mir verlangen kannſt, liebe Liſa!“ fragte der Alte melancholiſch, und glaubte durch eine Berufung an ihr Rechtsgefühl den beſten Beweis zu führen.„Gibt es Einen Wunſch, welchen ich Dir nicht erfülle. Du brauchſt ja nur mit dem Finger zu deuten, ſo thue ich Dir Dei⸗ nen Willen. Ich ruinire mich ja offenbar, um Dir bei dem kleinſten Wink gefällig zu ſeyn.“ „Ja, das iſt wahr!— was meinſt Du denn, daß es mir helfen könnte, wenn ich auch alles Erdenkliche erſönne— wo ich hier eingeſperrt ſitzen muß, wie ein Vogel in ſeinem Käſicht?“ „Aber, liebſte, beſte Liſa, biſt Du nicht zwei Mal im vergangenen Winter Schlitten gefahren— biſt Du nicht im Conzert geweſen, und Gott weiß wie oft im Theater?“ „Ach ja, das iſt bald zuſammengerechnet! Aber ich klage nicht darüber; noch viel ſchlimmer iſt es, wenn ich nur die Naſe zur Thüre hinausſtecke, ſo hängſt Du oder die Magd mir am Rock. Nicht einmal ausgehen darf ich, wenn ich will.“ — 158 „Nicht ausgehen, wenn Du willſt? ja, das glaub' ich wohl— Du wärſt im Stande und kämſt gar nicht wieder heim! Und die verdammten Windbeutel, welche immer hinter Dir her ſind, und liebäugeln und ſcher⸗ wenzeln— Ach, liebſte Liſa, daß ich ſo Etwas erleben mußte!—“ „Nun, was haſt Du denn ſo gewaltig Merkwürdiges erleben müſſen? Ich werde doch wahrhaftig noch die Leute grußen dürfen!“ „Ja, liebes Kind, allein ſo wie es einer ſittſamen Frau zukommt. Aber wie grüßeſt Du ſie? O, das iſt ein Gedreh und ein Gewende und ein Gezier, daß ich mich ordentlich ſchäme, wenn ich es nur anſehen muß. Im Anfang war es ganz anders; da warſt Du ſo lieb und ſo zärtlich gegen mich— nun kümmerſt Du Dich keinen Pfifferling mehr darum, ob Du mir das Leben angenehm machſt oder verbitterſt.“ „Kümmerſt Du Dich denn vielleicht bei mir darum? Darf ich denn auch nur Einen Chriſtenmenſchen zu mir bitten?“ „Du weißt, Liſa, daß ich in gewiſſen Punkten mei⸗ nen eigenen Kopf habe: ich will aus meinem Hauſe keinen ſolch' modernen Tummelplatz für allen Saus und Braus gemacht ſehen. Ich bin ein alter Mann und will leben, wie es ſich für mich paßt.“ „Nun, was will ich denn Anderes: ich will auch leben, wie es ſich für meine Jugend paßt. Ich habe Dir ſchon ein Mal geſagt, daß ich bei dieſer Lebensart noch die Schwindſucht kriegen werde!“ Unter ſolchen kleinen, häufig ſich erneuernden Diſ⸗ ſidien verfloß das Frühjahr. Um dieſe Zeit ereignete es ſich, daß ein anderes Paar in unſerer Erzählung ebenfalls einen Kampf hatte— freilich ganz anderer Art— nämlich unſer platoniſcher Notarius und ſeine Angebetete. Man mußte das Phlegma der Baronin Lindfelt ha⸗ ben, um blind zu ſeyn fur das, was ſich ſo zu ſagen unter ihren Augen zutrug. In Bezug auf unſern Wet⸗ terquiſt gehörte wirklich kein großer Scharfblick dazu, um an ſeinem ſchüchteren Ausſehen und ſeiner immer etwas ſteifen zurückgezogenen Haltung ſeine ſtufenweiſe ſich ſteigernde Leidenſchaft zu erkennen, welche nahe daran war, alle Schranken der Vernunft zu durchbrechen. In ihm tobte ein wildes Feuer— allein zu gleicher Zeit bewahrte ihn auch wieder ſein Stolz und erſetzte den Mangel beſſerer Motive. Er verlor ſich in kühnen Träu⸗ men, kühner als je zuvor; aber es blieb auch bei dem Träumen, und trotz ſeiner ungeheuern Eigenliebe würde er es für etwas aller Ehre Widerſtreitendes gehalten haben, wenn er ihr ſeine Gefühle hätte entdecken wollen — ihr, einem adelichen Fräulein— verſteht ſich, ſo lange er ſelbſt nicht beſſere Ausſichten hatte. Mit aller Kraft verbarg er deßhalb, was in der Tieſe ſeiner Seele vorging. Allein dieſe Verſtellung oder Selbſtbeherrſchung hatte Mathilde bei weitem nicht, und deßhalb war es ſehr zu verwundern, daß ihre Mutter nie bemerkte, welch' war⸗ mer Schimmer jedes Mal ihre Wangen übergoß, ſo oft der Notarius eintrat, daß ſie niemals den unſichern Ton in ihrer Stimme, die auffallende jungfräuliche Blödig⸗ keit beachtete, mit welcher ſie möglichſt lang den Augen⸗ blick zu verzögern trachtete, wo ſie an dem kleinen Tiſch Platz nehmen mußte, an welchem ſie in täglichem Streit mit ihren Gefühlen und in der lebhafteſten Furcht, ihre Mutter oder ihr Geliebter möchten verrathen, was in ihr vorging,— wie auf der Folterbank ſaß. „In der nächſten Woche reiſen wir nach Dagſta⸗ holm,“ ſagte eines Tages die Baronin gleichgültig, als der Notarius im Begriff war, ſich zu verabſchieden. „Aber auf den Winter,— wenn Sie Ihre Lektionen fort⸗ ſetzen wollen, Herr Notarius— bitte ich, Mathilden wieder dieſelben Stunden in der Woche zu widmen!“ Wetterquiſt verbeugte ſich und äußerte halblaut, wie dankbar er für dieſes Vertrauen ſey, allein er muſſe 16⁰ fürchten, daß er im nächſten Winter ſchwerlich mehr in Stockholm ſeyn werde. Mathilde ſchlug den Ausweg ein, deſſen ſich Mädchen gewöhnlich bedienen, um ihre Verlegenheit zu verbergen; ſie buͤckte ſich, um ihr Taſchentuch aufzuheben, welches ſie abſichtlich hatte fallen laſſen. „Nicht in Stockholm?“ wiederholte die Baronin. „Wohin wollen Sie denn gehen, Herr Notarius?“ „Ich habe mir vorgenommen, während des Sommers bei einem Gerichte zu praktiziren und wenn ich ein Mal in dem rührigen Geſchäftsleben bin, ſo werde ich wohl auch längere Zeit darin aushalten.“ 4 „Bei einem Gericht praktiziren?“ wiederholte die gnädige Frau;„da ſcheinen Sie ſich alſo in die praktiſche Carrière werfen— Aſſeſſor werden zu wollen?“ „Ja, ich hoffe, es ſoll ſich mit der Zeit machen.“ „Dazu wünſche ich Ihnen alles mögliche Glück; es wird mich jederzeit ſehr freuen, wenn ich höre, daß es Ihnen wohl geht! Da es aber vielleicht das letzte Mal iſt, daß wir beiſammen ſeyn werden, ſo haben Sie die Güte und eſſen nächſten Sonntag bei uns— wir ſind ganz unter uns.“ Mit einem Herzen voll vor Freude und Sorge begab ſich unſer Notarius nach Hauſe. Er ſollte mehrere Stun⸗ den mit Mathilden zuſammen ſeyn, Gaſt bei der Mutter ſeiner Geliebten— allein mit dieſem Tag ging auch ſein Glücksſtern unter! Wie dunkel und lang, wie kalt und dornig ſchien ihm in dieſem Augenblick, wo jede freund⸗ liche Täuſchung ſchwinden mußte, der Weg, den er vor ſich hatte. Die baldige Trennung, die nackte Wirklichkeit öffnete ihm die Augen— was hoffte, was träumte er?— wie weit konnte er dann kommen, ohne Gönner, ohne Freunde, ohne alle Verwandtſchaft und Verbindung? Hatte er wohl Kraft genug, alle Hinderniſſe zu überwinden und ſich empor zu ſchwingen? Heute zum erſten Mal lautete die Antwort auf ſeine Fragen ſehr zweifelhaft: die Eigen⸗ 1.“ ; es ß es Mal die ſind egab tun⸗ utter ſein und und⸗ vor fnete wie inde, e er und utete gen⸗ liebe war heute in Bezug auf ſeine eigene Kraft weniger blind als ſonſt. Er war eigentlich zwiefach unglücklich— denn mit der Geliebten ging ihm auch zugleich die bis⸗ herige ſüße Täuſchung verloren. So viel indeſſen ſtand feſt: Stockholm wollte er verlaſſen; er wollte ſich durch Brauchbarkeit auszeichnen, durch Geſchicklichkeit und Fleiß die Gunſt ſeiner Vorge⸗ ſetzten gewinnen, um dann zu weiterer Beförderung empfohlen zu werden und vielleicht über kurz oder lang deſſen Richterſtelle ſelbſt zu erhalten. Wenn dieß auch nicht ſogleich glückte, ſo war er doch ſchon Mathilden näher, wenn er nur ein Mal auf der erſten Stufe zur Richterwürde ſtand. Und in ein Paar Jahren war es leicht möglich, daß er ſelbſt eine Stelle erhielt, oder doch wenigſtens ſeinem Prinzipal adjungirt werden konnte. Man ſieht aus dieſen Spekulationen, daß der Nota⸗ rius mit ſeinen Prätentionen etwas weiter herabgeſtiegen war; allein es war auch um ſo weniger unwahrſcheinlich, daß er zum Ziel gelangen konnte. Wir ſind es der Gerechtigkeit ſchuldig, anzuerkennen, daß er in gewiſſen proſaiſchen Augenblicken ſogar einiges Bedenken darüber hatte, ob ihm überhaupt jemals eine Richterſtelle im Garten wachſen werde. In ſolchen Stunden ſank ſein Muth tief unter Null— da verließen ihn ſeine ſchöne Phantaſien ſammt und ſonders, da klagte er über ſeine Armuth, über die Ungerechtigkeit des Schickſals, über alle Täuſchungen, die er je erfahren, und vor Allem über den Mackel, welcher auf ſeinem Namen haftete. Mathilde hatte nur Einen Gedanken: daß ſie ihren allzu intereſſanten Lehrer nie wiederſehen ſollte. Ent⸗ weder liebte er ſie nicht, da er ſelbſt den Anlaß ſuchte, ſich zu entfernen, oder er ſah ein, daß ihre Liebe keine Hoffnung hatte, ſondern verdammt war, unter der Aſche zu glimmen, bis ſie endlich erſtickte und auslöſchte. „Wie glücklich iſt doch ein einfaches Bauernmädchen im Vergleich zu einem armen Fräulein!“ dachte Mathilde. Kammerer Laßman. II. 11 162 „Sie kann nach dem Wunſch ihres Herzens heirathen und nach Herzensluſt Sauermilch und Kartoffeln, Brei und Haferbrod eſſen!— Wenn aber ein Mädchen beſſern Standes ſich vermaͤhlen ſoll— was wird da nicht Alles gefordert! Woher ſollte der arme, unvermögende Wetter⸗ quiſt dieß Alles nehmen? Wie gerne wollte ich mit ihm ohne allen den Tand, wenn er mich nur liebte, in einem Dachkämmerchen leben! Ich wollte fröhlichen Herzens mit ihm arbeiten und mich plagen, und wenn wir nur ſo viel hätten, um uns ſatt eſſen zu konnen, wären wir ſicher glücklicher, als meine reiche, vornehme Tante mit ihrem Grafen auf dem prächtigen Dagſtaholm. Was iſt es doch etwas Dummes um die Formen in der Welt— wie wollte ich mein Geſchick ſegnen, wenn ich ein Bauern⸗ mädchen wäre!“ Wie ſo viele Andere pries und beneidete Mathilde einen Zuſtand, den ſie nicht kannte. Hätte ſie einen Blick in die vielen leidenden Herzen werfen können, welche auch unter dem groben Wollenmieder ſchlagen, hätte ſie gewußt, daß auch der Bauernſtand ſeine Ariſtokratie hat, und daß die Tochter des Landmanns eben ſo oft, viel⸗ leicht noch öfter einem Vertrag als Opfer dahingegeben wird, zuweilen nur um zwei Aecker zu einem zu machen, oder einen Erbſchaftsſtreit zu ſchlichten. Nicht ſelten macht auch hier die Romantik ihre Rechte häufiger geltend, als in dem feineren Leben, und auch in der niederen Klaſſe kommt es vor, daß Liebende den Tod der Tren⸗ nung von dem geliebten Gegenſtande vorziehen; und wenn darin auch vielleicht ein Vorwurf für die Mora⸗ lität liegen könnte, ſo iſt es jedenfalls ein Beweis, daß ihre Gefühle tiefer und ſtärker ſind— eine nothwendige Folge davon, daß dieſe in ihnen mehr verſchloſſen leben und ſelten oder wohl nie durch das Treiben der Außen⸗ welt in Anſpruch genommen und dadurch abgenutzt wer⸗ den. Der Blumenduft der Sprache iſt ihnen unbekannt: und mag man ſagen was man will von dem Glück, aus⸗ drücken zu können, was man fühlt— dieſes eitle Erge⸗ paar vorül zog j zu ru kläru⸗ berei eigen wollt Hoffr erſpa ſie in irathen „ Brei beſſern dt Alles Wetter⸗ nit ihm einem Herzens dir nur en wir ite mit Las iſt Jelt— auern⸗ athilde einen welche itte ſie le hat, viel⸗ egeben nachen, ſelten eltend, ederen Tren⸗ und Mora⸗ „ daß endige leben lußen⸗ wer⸗ annt: aus⸗ Erge⸗ 163 hen in allen Arten von poetiſchen und unpoetiſchen For⸗ men iſt und bleibt am Ende doch nichts weiter, als eine Gewohnheit wie alle anderen. Gleich einem mächtigen Waldſtrom braust die Liebe durch die Fibern des Herzens, ſo lange ſie keinen Ausweg findet;— gib ihr aber Worte— ſo wird die einengende Sprache nach und nach ihre Kraft mindern; in dem ſtillſtehenden lauen Waſſer, welches zurückbleibt, erblickt die Liebe bald ihr eigenes gähnendes Bild und keine Spur der brauſenden Wogen, welche vorher dahintanzten, iſt mehr auf der ruhigen Fläche zu gewahren. Der Bauer drückt ſeinem Mädchen die Hand und nickt ihr zu, er dreht ſich mit ihr im ländlichen Tanz und Beide haben nur Augen für einan⸗ der, keines von ihnen kennt oder vermißt die ſüße giftige Gabe des Wortes.„Liebſte Britte“—„lieber Olte“ iſt ihr zärtlichſter Ausdruck, und doch ſind Beide der größten Aufopferung fähig, der mächtigſten unter allen— ſie können mit und für einander ſterben.— Aber wir kommen zu weit von unſerm Text ab. Am Sonntag fand ſich der Notarius gegen Mittag ein, um die Hochfeier ſeiner Liebe zu begehen. Die Baronin war äußerſt gnädig, Mathilde dagegen ſtumm und unruhig; ſie war nicht im Stande, länger als ein paar Minuten ſtill zu ſitzen. Das Eſſen ſelbſt war bald vorüber, unmittelbar darauf kam der Kaffee und dann zog ſich die Baronin in ihr Kabinet zurück, um ein wenig zu ruhen. Die jungen Leute blieben im Speiſezimmer. Mathilde hatte ſich gewiſſe Rechnung auf eine Er⸗ klärung gemacht und auf alle möglichen Antworten vor⸗ bereitet, womit ſie ihm einen ſchwachen Wink von ihren eigenen Gefühlen geben, aber zugleich auch merken laſſen wollte, daß in ihrer gegenwärtigen Lage von irgend einer Hoffnung kaum die Rede ſeyn könne. Sie hätte ſich aber alles Kopfzerbrechen darüber erſparen können. Wetterquiſt hatte ſich feſt vorgenommen, ſie in keine ſolche peinliche Verlegenheit zu ſetzen; außer⸗ 11* 164 dem fürchtete er auch, eine derartige Erklärung möchte gerade dazu dienen, eine Kluft zwiſchen ihnen zu befe⸗ ſtigen, wogegen jetzt noch, wie er wohl ſah und fuhlte, ein heimliches, aber darum nicht minder ſtarkes Band zwiſchen ihren Herzen beſtand. Während der letzten Tage hatte er Gelegenheit gehabt, ſich vollſtändig davon zu überzeugen, daß Mathilde ſeine Neigung theilte— was bedurfte es weiter? Was hätte ſte ihm für ein Ge gen⸗ gelübde ablegen können, welches ſie nicht, durch die Macht der Umſtände gezwungen, vielleicht brechen mußte? Beſſer kein Gelübde, als ein halbes! Liebte ſie ihn wie er ſie, ſo wartete ſie auf ihn und blieb ihm treu; ſie mußte innerlich erkennen und that dieß auch gewiß, daß er eben ſo zartfühlend als edel handelte, wenn ſein Schweigen ihr ein peinliches Erröthen erſparte. Um die Wahrheit zu ſagen, ſo erröthete unſer Notarius ſelbſt bei dem Gedanfen, daß ſich Fräulein Mathilde Lindfelt durch die Liebe ſo weit hinreißen laſſen könnte— wenn es bis zu einer ſolchen Erklärung kommen ſollte— um ſich mit ihrem Sprachlehrer zu verloben; und ihr Ruf war ihm doch wahrlich zu theuer, als daß er ſie nicht unter allen Umſtänden vor einer ſolchen Uebereilung hätte bewahren mögen. Der Hoch⸗ muth bringt oft wunderliche Dinge zur Welt! Die Baronin konnte ganz ruhig ſchlafen— und that es auch. „Liegt Dagſtaholm in einer hübſchen Gegend?“ fragte der Notarius und ſetzte ſich wenigſtens ſechs Schritte weit entfernt von Mathilden auf einen Stuhl. „Ja, es iſt ſehr hübſch dort und viele Nachbarſchaft.“ „Angenehm?“ „O ja, ſo ſo!“. „Dann werden Sie wohl Stockholm leicht vergeſſen, mein Fräulein?“— „O, Stockholm allerdings: ich habe ſo wenig von den Freuden der Hauptſtadt genoſſen, daß ich ſie nicht ſehr vermiſſen werde.“— Prir lang wogt ſagen er p. delike „Frä der Spra als ausge zulebe guüge ſchöne daß i 7 Eigen bekenn einem Lindfe unglei wäre ſpreche einige 2 Stolz ſich la mußte etwas mächti verſchy ausget G möchte zu befe⸗ dfühlte, s Band en Tage avon zu — was Gegen⸗ rch die mußte? ſie ihn m treu; gewiß, un ſein unſer räulein nreißen lärung ter zu theuer, einer Hoch⸗ Die 3 auch. gend?“ ſechs Stuhl. haft.“ geſſen, g von nicht 165 2 „Und die engliſchen Lektionen werden Sie durch Privatſtudien erſetzen?“ „Das glaube ich kaum,“ erwiederte Mathilde langſam. „Fräulein Mathilde“.... ſeine aufgeregten Gefühle wogten heftig auf und nieder: er wollte gern Etwas ſagen, eine feine Andeutung machen— allein wie ſollte er paſſende Worte finden, reich und doch auch wieder delikat genug— nicht zu wenig und nicht zu viel— „Fräulein Mathilde.... wie glücklich würde mich oft der Gedanke machen, wenn ich hoffen dürfte, nicht als Sprachlehrer— dieſes Amt hat nun ein Ende— ſondern als Freund, mit welchem Sie ſo oft Ihre Gedanken ausgetauſcht haben, in Ihrem Andenken freundlich fort⸗ zuleben.“ „Wenn Ihnen dieſer Glaube das geringſte Ver⸗ gnügen macht,“ verſetzte Mathilde mit ihrer ſanften, ſchönen Stimme—„ſo gebe ich Ihnen die Verſicherung, daß ich meinen Lehrer nie vergeſſen werde.“ „Ich bitte, denken Sie nie mehr an mich in dieſer Eigenſchaft! Ich... ich habe... ſoll ich es Ihnen bekennen?... einen großen Fehler... ich leide an einem unbezwinglichen Stolz. Fräulein Mathilde von Lindfelt und ihr Sprachlehrer ſtehen auf einem viel zu ungleichen Standpunkt; ich wollte... wenn es möoglich wäre... aber wahrhaftig, ich weiß nicht, was ich ſpreche!“ Er ſprang von ſeinem Sitze auf und ging einige Mal im Zimmer hin und her. Mathilde verſtand ihn; nun wußte ſie, daß der Stolz ihm die Lippen verſiegelte: ein liebendes Mädchen mußte dieſen Stolz edel und hochſinnig finden. Es lag etwas höchſt Romantiſches in ſeinem Benehmen. Die mächtige Sprache der Augen verrieth, was der Mund verſchwieg, und glücklich, als hätten ſte den erſten Kuß ausgetauſcht, ſchieden ſie nach ein paar Stunden, um ſich lange, vielleicht nie wieder zu ſehen. Einige Tage nachher ſah man die Fenſter der kleinen 166 Wohnung am Kornhafen mit Kreide überſtrichen. Glück⸗ licherweiſe war unſer Notarius wieder auf der ſchwin⸗ delnden Höhe ſeiner Hoffnungen, ſonſt hätte er leicht auf den ſentimentalen Unglücksgedanken kommen können, in den weißen Scheiben, vor welchen er oft verweilte, das Todtenkleid ſeiner Liebe zu erblicken. Allein unſer Wetterquiſt ſchwebte in den Aetherge⸗ filden der Hoffnung. Vierzehntes Kapitel. Der Kammerer wird in Avpril geſchickt. Zugleich macht er eine große Entdeckung, welche ihm am Ende Geld koſtet. „Was haſt Du hier, Liſa?“ fragte der Kammerer eines Tags. Er war ſchnell in das Zimmer getreten und ſah ſeine Frau über ein Papier gebeugt, welches zur Hälfte durch ihre Schürze bedeckt war.„Was liest Du, mein Kind?“ „Was ich leſe— ſoll ich auch für das, was ich leſe, Rede ſtehen? Wenn Du es alſo doch wiſſen willſt — ein altes Lied iſt es.“ „Ein altes Lied? O, laß es mich ſehen!“ „Nein, daraus wird Nichts,— gerade weil Du immer ſo neugierig und mißtrauiſch biſt!“ Liſa faltete das Papier raſch zuſammen, welches ganz einem Briefe ähnlich ſah und ſteckte es in ihre Schürzentaſche. „Du verbirgſt es vor mir,— es war ein Brief,“ ſagte der Kammerer mit zitternder Stimme und drohend aufgehobenem Finger,„ein heimlicher Liebesbrief? Wenn es nichts als ein Notenblatt geweſen wäre, hätteſt Du es nicht ſo ſchnell auf die Seite gebracht.“ Der alte eiferſüchtige Mann gerieth in tödtliche Angſt; da er aber Liſa am Geſicht anſah, daß ſie feſt entſchloſſen war, ihm den Willen nicht zu thun, durch⸗ — = flog ihn der Gedanke, ihr durch Liſt den Rang abzu⸗ 4 laufe wege dreir ſeine Woh in w war was weit heim ſünd Thal Aber Ausf und ſolche ſehr von nicht übere ihm konn! ſchlin vielfe den wer klägli zu d Wag dem ſchla⸗ Der der g Kam es ih genhe Glück⸗ ſchwin⸗ cht auf en, in 2, das herge⸗ er eine imerer etreten es zur t Du, 's ich willſt Du faltete Briefe rief,“ ohend Wenn 1 Du btliche e feſt zurch⸗ abzu⸗ 167 laufen, denn er ſah nun offenbar, das ſie auf Schleich⸗ wegen ging. Der Kammerer ſeufzte ſchmerzlich und tief; kaum dreiviertel Jahre verheirathet, und wie ſchrecklich ſchon ſeine Hoffnung auf eine glückliche Häuslichkeit getäuſcht! Wohl war ihm Liſa, gerade durch die unendliche Angſt, in welcher er für ſie ſchwebte, noch theurer als vorher, war er ja doch bereits ſo ſchwach, daß er ihr Alles that, was ſie nur wollte; war er nicht in ſeiner Thorheit ſo weit gegangen(und darüber ſeufzte der Kammerer noch heimlich, denn es kam ihm, rund herausgeſagt, als eine ſündige Schwachheit vor), daß er am erſten Mai zehn Thaler Banko für einen Miethwagen bezahlt hatte! Aber Liſa hatte ihm die Wahl gelaſſen zwiſchen einer Ausfahrt oder einem Spaziergang mit ihrer Mutter und einigen Bekannten.„Der Himmel bewahre uns vor ſolchen Bekanntſchaften!“ dachte der Kammerer, und wie ſehr es ihm auch zuwider war, mit einer ſolchen Menge von Leuten zuſammen zu ſeyn, ſah er doch, daß er ſich nicht losmachen könne. Wie konnte man aber die Augen überall haben? Wie leicht konnte es geſchehen, daß ſie ihm im Gedränge aus dem Geſicht kam— und was konnte da nicht alles für Unheil paſſiren! Bei zwei ſo ſchlimmen Dingen hatte der Kammerer nach langer und vielfacher Ueberlegung endlich die Wahl getroffen, lieber den Beutel als das Herz daran zu wagen. Allein nur wer es geſehen, kann einen Begriff davon haben, welch' klägliche Figur unſer ehrlicher Kammerer machte, als er zu der in ausgeſuchter Toilette ſtrahlenden Liſa in den Wagen ſtieg. In dem bouteillegrünen Ueberrock und dem drei Jahre alten Sonntagshut ſaß er mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und getraute ſich kaum außzuſehen. Der Alte ſcheute ſich in der That, am erſten Mai unter der ganzen ſchönen Welt herumzukutſchiren. Der arme Kammerer hatte nicht Nein zu ſagen gewagt, obgleich es ihm vorkam, als ob es Jedermann der Niedergeſchla⸗ genheit, mit welcher er daſaß, anſehen müßte, daß er 168 lediglich als Wächter ſeiner jungen Frau im Dienſte war, welche, freundlich links und rechts grüßend, in ihrer lebhaften und hochfahrenden Einbildungskraft nicht viel Geringeres zu repräſentiren ſich ſchmeichelte, als Ihro königlichen Hoheiten ſelbſt. Aber jetzt waren jene erſten Maitagsſorgen vor neuen Bekümmerniſſen vergeſſen und der Kammerer erin⸗ nerte ſich jener merkwürdigen Begebenheit nur noch als eines Beweiſes an die faſt unglaublichen Opfer, welche er ſeiner Liſa ſchon gebracht— und wofür er wenigſtens einige Dankbarkeit verdient zu haben glaubte,— allein ſie gerirte ſich ohne weiteres, als ob Alles ſo wäre, wie es nur immer ſeyn könnte und als ob er noch Gott für das Glück danken müßte, eine ſo liebenswürdige Frau zu haben. „Das weiß der liebe Gott, welche Qual und Sorge es für einen alten Mann iſt, eine junge, hübſche, gefall⸗ ſüchtige Frau zu haben!“ dachte der Kammerer und doch war der Zeitpunkt noch nicht gekommen, wo er den gan⸗ zen Umfang des Wagſpiels ermeſſen konnte, welches er mit ſeiner Verheirathung getrieben hatte. Den Tag darauf, nachdem ſich der kleine Vorfall mit dem Brief ereignet hatte, war der Kammerer mit ſeiner Frau zu Leinwandhändlers eingeladen. Liſa ging gegen ihre Gewohnheit voraus. Sobald der Kammerer allein war, ſuchte er unverweilt nach Liſa's Schrank⸗ ſchlüſſel, welchen ſie, gleich andern unachtſamen Weibern, nicht am beſten verwahrt hatte. Mit dieſem Talisman öffnete er die oberſte Schublade, wo ſie ihre Kleinigkeiten aufzuheben pflegte. Der Kammerer kramte unter allen den Bandrollen, Handſchuhen, Blonden und Shäwlchen, — aber es wollte kein, Papier zum Vorſchein kommen. „Ein Brief war es— der Kuckuck ſoll mich holen, wenn es kein Brief war!“ murmelte er vor ſich hin. „Irgendwo hat ſie ihn verſteckt— ich muß die Schub⸗ lade herausziehen.“ Das Manoeuyre wurde mit Erfolg belohnt: ein war, ihrer t viel Ihro vor erin⸗ h als velche ſtens allein „wie t für Frau Jorge fall⸗ doch gan⸗ 8 er rfall mit ging erer ank⸗ ern, man iten llen zen, en. len, hin. ub⸗ ein Papierſtreifen ſtack zwiſchen dem Holz. Dem Kammerer verſagte faſt der Athem; in wahnſinniger Aufregung warf er ſich auf den unglücklichen Fund.„Ha, da iſt es! ja, ja, hab' ich mir's doch meiner Seele gedacht! Ein Brief— richtig ein Brief! Unſeliges, verblendetes Weib, unglückliches Kind! Iſt dieß der Lohn für all' meine Zärtlichkeit und Nachgiebigkeit?“ Im Nu hatte er die Brille auf der Naſe; ſeine Hände zitterten, daß er kaum das Papier feſthalten konnte— er riß es aus⸗ einander und las: „Angebetete! („Den Teufel magſt Du anbeten, Du Hund!“ lautete der Commentar des Kammerers.)„Ich bin be⸗ zaubert(...„das glaub' ich mein' Seel' wohl!“...) über die ſelige Ausſicht, Dich den ſiebenten zu ſehen ...„Am Freitag,“ rechnete der Alte nach,„das iſt Morgen! Aa, ha, da wollen wir dem Herrn doch zuvor⸗ kommen“....) Welch' entzückende Stunden haben wir unter dem verſchwiegenen Schattendunkel des Hopfengar⸗ tens verlebt,(.... ha, was ein Schuft!— und welch' verdammtes Weib, ſich ſo verſtellen zu können! Aber wart', ich kann mich auch verſtellen! Morgen will ich ihr ſchon die Maske herunterreißen!...) und wie viele haben wir noch zu hoffen!(....„da ſoll ſchon dafür geſorgt werden!“....) Lebewohl bis dahin! Ich küſſe Dir die Hand und erwarte mit der ſehnlichſten Ungeduld den ſechsten Glockenſchlag, Nachmittag den ſiebenten. In Eile, den 5. Juli. Dein W— t.“ „So?“ rief der Kammerer ganz niedergeſchmettert aus,„hat ſie mehr als Einen?“ Er war ſo gewiß, Ro⸗ ſell's Namen unter dem Brief zu finden, daß er gar nicht früher nach der Unterſchrift geſehen hatte, als jetzt, wo er, außer ſich vor Eiferſucht und Zorn, zu Ende war. „W—t“ dachte er.„Das heißt Wetterquiſt! Ich er⸗ innere mich jetzt ganz genau, daß ich, lange vor meiner Verheirathung von einer Liebſchaft hörte, welche ſie mit dem Notarius gehabt. Nun wird mir Alles klar. Sie 170 that mit dem Regierungs⸗Sekretär und dem Lieutenant nur ſo, um mich auf die falſche Fährte zu leiten, und während ich mich in meiner Einfalt an der Naſe herum⸗ führen laſſe, treibt ſie ihr Spiel mit dem alten Liebha⸗ ber und zerrt nicht allein mich, ſondern auch noch den Dritten und Vierten am Narrenſeile umher.„Welch' ein Höllenabgrund iſt doch das Herz eines leichtſinnigen Weibes! Laßman, Laßman, Du biſt ein großer Narr geweſen!“ Sein Haupt ſank auf die Bruſt nieder— in ſeinem Innern war es kalt und öde;— er ermannte ſich jedoch— er wollte ruhig ſcheinen, um Liſa ganz zu vernichten. Der Irrthum des Alten iſt deßhalb ſehr erklärlich, weil das Datum des Briefs gerade zufällig paßte und keine Jahrzahl darauf ſtand. Liſa war ſehr verwundert, als ihr Mann um acht Uhr Abends ſich noch nicht einfand, und eilte nach Hauſe, herzlich froh von Leinwandhändlers los zu kommen, wo ſie keine angenehme Geſellſchaft antraf, welche der von Tag zu Tag pretenſiöſer werdenden jungen Frau ange⸗ ſtanden hätte. Der Kammerer dachte ſich einen Plan aus, wie er um ſo beſſer ſeine Abſicht erreichen könne; er lag ſchon im Bett, hatte Leibſchmerzen und Gott weiß, was ihm Alles noch fehlte. Mit einem grimmigen, faſt an Wuth gränzenden Gefühl ſah er Liſa ſich ſeinem Bett nähern und vernahm, wie ſie durchaus ohne Verſtellung, mit aufrichtigem Er⸗ ſtaunen beklagte, daß er ſo ſchnell krank geworden ſey. „Ha, was eine liſtige Schlange!“ dachte er;„wart' nur, morgen ſollſt Du mir nicht aus dem Garn hüpfen!“ Er that ſich aber Gewalt an, um in ihr keinen Verdacht zu erregen und ſtellte ſich ſo freundlich, wie möglich. Liſa entdeckte gleichwohl in ſeinen Augen Etwas, welches ſie ſich nicht zu enträthſeln wußte; den Brief, welchen ſie geſtern bekommen, hatte ſie noch bei ſich;— darin war ſie alſo ganz ſicher. ₰———————.——-—— ͤͤ 5 171 Am andern Tag befand ſich der Kammerer natür⸗ lich noch viel ſchlimmer. Liſa war den ganzen Morgen auf den Beinen, bald brachte ſie Salben, bald warme Servietten, und dgl.— nicht ein einziges Mal kam ſie an das Fenſter. Wäre der Kammerer in der That krank und ohne ſein gewöhnliches Mißtrauen geweſen, ſo hätte er Liſa bei ihrer zärtlichen Sorgfalt ohne Zweifel in ihrer alten Glorie erblickt. Aber jetzt war dieß leider nicht ſo: Der Kammerer wußte, was er wußte, und je weiter der Tag vorrückte, deſto mürriſcher und unleidiger wurde er. Seine Aufregung und ſein Zorn wuchſen, während eine Stunde um die andre verlief, ohne daß Liſa ein Wort vom Ausgehen erwähnte, oder auch nur das geringſte Anzeichen dazu gegeben hätte. „Sollte ſie vielleicht,“ dachte der Alte,„ſo viel Schaamgefühl beſitzen, ſollte ihr noch ſo viel Zartgefuhl geblieben ſeyn, daß ſie um meinetwillen zu Hauſe bliebe? Ich muß ſie ein Mal auf die Probe ſtellen.“ „Es iſt Dir nicht gut, mein Kind,“ begann er mit verſtellter Zärtlichkeit,„ſo den ganzen lieben langen Tag in der warmen Stube zu ſitzen. Es iſt mir jetzt beſſer — nimm Deine Arbeit, liebe Liſa und geh' auf ein Stündchen zu Deiner Mutter!“ Ein Freudeſtrahl leuchtete aus Liſa's Augen;— ſte ahnte nicht, daß es das Schmeicheln der Katze war. „Es wäre Unrecht, Dich allein zu laſſen“ ſagte ſie mit einer Art von Selbſtvorwurf über die Freude, welche ſie bei der unerwarteten Erlaubniß empfand. „Laß Dich dieß nicht anfechten, mein Kind; Du mußt Dich auch wieder etwas erholen— Du haſt mich den ganzen Tag ſo freundlich und ſorgſam gepflegt.“ „Du biſt zu gut, lieber Mann!“ Damit kuüßte Liſa flüchtig den Alten auf die Stirne und eilte hinweg, um ſich anzukleiden und fort zu kommen; es wäre ja Unrecht geweſen, ſeinen Willen nicht zu thun, und in der Schlaf⸗ ſtube war es in der That auch ſchrecklich dumpfig und heiß. 172 „Angebiſſen!“ triumphirte der Kammerer, als Liſa aum aus dem Hauſe war, ſprang er mit beiden Füßen gus dem Bett und warf den Schlafrock über: er hatte ſich nie kräftiger gefühlt. Es war noch nicht fünf Uhr. Liſa war alſo ſicher zuerſt nach dem Hauſe ihrer Mutter gegangen— dieß war, was der Alte gerade wollte, um das verbrecheriſche Paar im Hopfengarten in Flagranti zu ertappen. Sobald unſer Kammerer den wohlbekann⸗ ten grüͤnen Oberrock angethan hatte, begab er ſich, mit grimmiger Miene, ſein ſpaniſches Rohr in der Hand, die Straße hinab nach dem Hopfengarten. Bei ſeiner Ankunft fragte er den Portier, ob nicht ein junger Herr, ſo und ſo ausſehend, hineingegangen ſey,— worauf er eine verneinende Antwort erhielt.„Aber ein junges Frauenzimmer in einem rothen Seidenhut und ſchwarzem Sonnenſchirm?“ Abermals Nein. „Gut,“ dachte der Kammerer und ſah nach der Uhr; es fehlten noch einige Minuten zu ſechs.„Da habe ich einen Vorſprung; ich will mich in die Rotunde auf die Lauer ſtellen.“ Wer je den Hopfengarten beſucht hat, weiß, daß die Notunde der Hauptallee gegenüber liegt, an deren An⸗ fang ſich der Eingang zu dieſem Promenadeplatz befindet. Ohne darauf Acht zu geben, daß er dadurch die Auf⸗ merkſamkeit erregen mußte, ſtellte er ſich hinter eine der Säulen auf den Poſten und ſo oft die Thüre aufging, fuhr er mit einem Schauder zurück, welcher andeutete, wie ergriffen er war. Allein er ſpähte vergebens; es verging eine Viertelſtunde nach der andern und weder ein Notarius noch eine pflichtvergeſſene Frau ward ſicht⸗ bar.„Der Kerl an der Thüre hat es ſicherlich nicht recht gewußt; vielleicht waren ſie vor mir da, und liebeln und ſchnäbeln ſich jetzt im dunkelſten ſchattigſten Gebüſche!“ Von dieſer grimmigen Vorſtellung überwältigt trat der Alte haſtig aus der Rotunde, ſchlich ſachte und vor⸗ ſichtig vorwärts, das ſpaniſche Rohr in den gekreuzten Händen auf den Rücken haltend, horchte mit geſpanntem 173 Ohre nach allen Weltgegenden, die eine Allee hinauf, die andere hinab. Jeden Hügel, jeden Buſch durchſpähte er mit ängſtlichen Blicken. Eitle Mühe! er wartete bis neun Uhr— Niemand erſchien. „Die haben Lunten gerochen,“ ſagte der arme Kam⸗ merer, welcher am Ende keinen geſunden Gedanken mehr faſſen konnte.„Rache muß ich haben, an der Naſe laß ich mich nicht länger herumführen! Der Notarius, der Schurke, ſoll mir's wohl entgelten, und der Liſa will ich's auch eintränken— warte nur!“ Und der Kamme⸗ rer, der rontinirte Geſchäftsmann, vergaß zum erſten Mal in ſeinem Leben den Verfalltag eines Wechſels, denn er erinnerte ſich nicht, daß Wetterquiſts Revers noch ein paar Monate zu laufen hatte. Er dachte an Nichts als an den Schimpf, den er ſich von ihm zuge⸗ fügt glaubte. Mit großen Schritten eilte der Alte nach det Kirchſtraße, fand richtig den Weg zu der Dachkam⸗ mer, drei Treppen hoch und pochte heftig an der Thüre. Der Notarius hatte den ganzen Nachmittag zu Hauſe geſeſſen und baute ein Luftſchloß um das andre. Er war nämlich ſo glücklich geweſen, in Folge einer ge⸗ lungenen Berechnung durch die Rekommandation eines Gönners, welchen er ſich bei dem Hofgerichte erworben, von dem Diſtriktsrichter des Bezirks, zu welchem Dagſta⸗ holm gehörte, als Gehülfe angenommen zu werden, und dachte eben darüber nach, wie er einige kleine aber kitze⸗ liche Schuldpoſten bezahlen könne, als z. B. die letzte Vierteljahrsmiethe, Wäſcherin, Flickerin u. ſ. w., das Reiſegeld nicht zu vergeſſen; denn obgleich ihm ſein ehe⸗ maliger Vormund das Geld dazu ſchon vorher ein Mal gegeben hatte, war es für die Beſtreitung verſchiedener unumgänglich nothwendiger Artikel drauf gegangen— und unſer Notarius ſaß trocken. Da er aber binnen zehen Tagen an ſeinem Beſtimmungsort ſeyn mußte, ſo machte es ihm keine geringe Sorge. In dieſem Wirwar von freudigen und traurigen Gedanken ſtörte ihn das heftige Pochen des Kammerers. 174 Wetterquiſt öffnete und fragte mit einem gewiſſen unbehaglichen Gefühl, welches er bei dem unvermutheten Anblick des alten Laßman nicht unterdrücken konnte, was ihm das Vergnügen eines ſo ſeltenen Beſuchs verſchaffe. „Vergnügen?“ wiederholte der Kammerer gereizt. „Ja, ja, ich kann mein' Seel' glauben, daß es Ihnen ein Vergnügen iſt! Aber rund heraus, Herr, wenn Sie mir meine Forderung nicht bis Morgen früh neun Uhr bezahlen, ſo laß ich den Herrn in den Schuldthurm ſetzen, — ja, ja, ſehen Sie mich an wie Sie wollen— in den Schuldthurm!“ „Das werden Sie wohl bleiben laſſen, mein Herr Kammerer,“ entgegnete Wetterquiſt kalt,„ich habe noch zwei Monate Zeit, ehe Sie mich mahnen dürfen.“ Der Kammerer fuhr mit der Hand über die Augen, er erinnerte ſich jetzt, daß er in ſeiner Verwirrung Wet⸗ terquiſts Schuldſchein mit einem andern, in demſelben Betrag, verwechſelt hatte, der heute verfallen war. Aber gerade der Umſtand, daß ihn dieſer Zufall nicht allein hinderte, Rache an dem Notarius zu nehmen, ſondern daß er dieſem auch Anlaß gegeben, ſich über ihn luſtig zu machen, verdoppelte ſeinen Aerger. Der Kammerer, ſonſt von Natur ſanftmüthig und geſetzt, war jetzt, vom Teufel der Eiferſucht beſeſſen, ein ganz andrer Mann als ſonſt. In ſeinen Adern tobte eine völlige Berſer⸗ kerwuth. „Sie ſind ein Schuft— ein Schurke, Herr,“ platzte er heraus und ſchlug mit ſeinem ſpaniſchen Rohr auf den Tiſch—„ein ganz gemeiner Schuft!“ „Wenn ich nicht Achtung vor Ihren grauen Haaren hätte,“ erwiederte Wetterquiſt mit hochrothen Wangen, „ſo dürfen Sie überzeugt ſeyn, daß ich eine ſo grobe Beleidigung mit einer Spedition die Treppe hinab be⸗ zahlen würde. Jetzt erſuche ich Sie aber, mich in Ruhe zu laſſen, denn es ſieht nicht aus, als ob es der Mühe werth wäre, mir eine Erklärung auszubitten.“ „So? Sie wagen es auch noch, mir Trotz zu bieten ———A V V b 4 nach Füße worf höchf einen ſell von Sie 2 o— xͤxy; 175 und den Beleidigten zu ſpielen!“ rief der Kammerer und riß die Weſte auf, um ſich Luft zu ſchaffen.„Aber wiſſen Sie, ich kenne Ihre niedrigen Kunſtgriffe, Herr! Hat der Mann, welchen Sie an der Naſe herumgeführt und ſeine Frau zu heimlichen, ſtrafbaren Zuſammenkünften verführt haben, vielleicht nicht das Recht, Sie einen Elenden, einen Schurken zu nennen? Ja, ja,— Sie erbleichen und zittern!“ „Ob ich erbleiche oder zittere,“ entgegnete Wetter⸗ quiſt,„ſchreiben Sie dieß meiner Verwunderung zu, welche eben ſo groß iſt, als mein Aerger über dieſe ſo grobe wie unverdiente Beſchuldigung.“ „Schämen Sie ſich, Herr!“ erwiederte der Kamme⸗ rer mit Verachtung und Abſcheu,„ſchämen Sie ſich, Ihre ſchlechte Sache noch vertheidigen zu wollen! Glauben Sie, daß ich umherlaufe wie ein Narr— glauben Sie, daß ein Mann in meinen Jahren, mit meiner Erfahrung, nicht Schwarz auf Weiß hat, ehe er einen Andern einen Schurken nennt? Verſtehen Sie mich jetzt?“ „Ich verſtehe kein Wort; allein ich muß glauben und zugleich ſehr beklagen, daß Ihr ſonſt ſo klarer Kopf an einer hoͤchſt bedauerlichen Sinnesverwirrung leidet.“ „Na, das geht doch zu weit!“ ſchrie der Alte mit einem Blick, welcher bewies, daß er eine ſolche Frechheit gar nicht im Bereich der Möglichkeit geglaubt hatte. „So läugnen Sie denn Ihre eigne Handſchrift, wenn Sie können, und dann ſagen Sie mir, warum Sie heute Abend nicht zu dem beſtellten Rendezvous gekommen ſind.“ Mit der lebhafteſten Neugierde griff der Notarius nach dem Billet, welches ihm der Kammerer vor die Füße ſchleuderte; kaum hatte er einen Blick darauf ge⸗ worfen, ſo brach er in ein unböfliches, für den Ehemann höchſt verletzendes Lachen aus.„Das iſt ja ſchon vor einem Jahr geſchrieben, kurz vorher, ehe ich mit Mam⸗ ſell Norman brach, welche damals noch keine Ahnung von dem Glück hatte, Frau Laßman zu werden. Um Sie übrigens völlig zu beruhigen, mein vortrefflichſter 176 Herr Kammerer, werde ich Ihnen den Brief zeigen, auf welchen Ihr gefundenes Billet die Antwort iſt, und der hoffentlich eine Jahrzahl trägt.“ Der Notarius öffnete ein Fach in ſeinem Schreib⸗ tiſche, blätterte in einer Menge vergilbten Briefe, und fand endlich den geſuchten, welcher gegen die gewöhn⸗ liche Regel mit Jahreszahl und Datum prangte. Der Kammerer ſtand wie zu Boden geſchmettert. „Al lſo⸗ war dieß nicht der rechte Brief!“ ſagte er mit veränderter Stimme. Er ſprach langſam und ſtin Ton hatte etwas ſo Bitteres und Schmerzliches, daß es Wetterguiſt in der That leid um den alten Mann that. „Nicht der rechte?“ wiederholte er.„Was habe ich nun gewonnen?— Daß ſie mich auslacht.— Herr Notarius,“ der Kammerer bemühte ſich ſichtbar, in Ton und Weſen Faſſung zu erringen,„verzeihen Sie einem alten Mann, der ſich von Tag zu Tag tiefer in das Netz Lines liſtigen Weibes verſtrickt ſieht. Verlange ich wohl zu viel, Herr Notarius, wenn ich Sie erſuche, über dieſe Vorfall Stillſchweigen zu beobachten? Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, wie ſehr mich das Bekanntwerden dieſer Geſchichte bloßſtellen müßte, wenn ſte, ſicherlich mit allerlei lächerlichen und gemeinen Zu⸗ ſätzen begleitet, in den Mund der Leute käme.“ Unſerm Wetterquiſt, den man ſonſt gerade nicht ſehr erfinderiſch nennen konnte, hüpfte bei dieſen Wor⸗ ten das Herz. Sicher war es die Liebe, welcher er es zu danken hatte, daß ihm auf einmal die Augen auf⸗ gingen über den Vortheil, den er aus dieſem Zufall ziehen könne. „Mein beſter Herr Kammerer,“ begann er ſehr höflich,„ich könnte ja nicht auf den Namen eines Ghrehmanen Anſpruch machen, wenn ich mich in einer ſo kitzelichen Affaire nicht zum äußerſten Stillſchweigen verbunden achtete. Auf der andern Seite bin ich in⸗ deſſen auch überzeugt, daß Sie mir einen kleinen Dienſt nicht verſagen werden, deſſen Begehren in dieſem Augen⸗ min ſten er redꝛ nän pfer er, dab „auf d der Freib⸗ und böhn⸗ ttert. mit Ton ß es that. e ich Herr Ton inem das lange ſuche, Ich das wenn 1 Zu⸗ nicht Wor⸗ er es auf⸗ zufall ſehr eines einer eigen in⸗ dienſt igen⸗ 177 blick zwar als undelikat erſcheinen könnte, wenn mich nicht der Umſtand zur Aufrichtigkeit nöthigte, daß meine Abreiſe in die Provinz, wo ich den Sommer über bei einem auswärtigen Diſtriktsgerichte zuzubringen gedenke, unwiderruflich feſtgeſetzt iſt. Ein kleines Anlehen von ſechzig Reichsthalern Banco ſoll der Güte, welche Sie mir ſchon früher erwieſen haben, die Krone aufſetzen.“ Der alte Laßman ſeufzte vernehmlich und kratzte ſich hinter den Ohren; aber bei dem Gedanken an Liſa's Gelächter und an den Triumph ihres Liebhabers— denn nun konnte kein andrer Menſch als Roſell den Brief geſchrieben haben— fühlte er ſich überwunden. „Kommen Sie morgen um zwölf Uhr zu mir,“ ſagte er zu Wetterquiſt;„aber vergeſſen Sie nicht, wenn ich jemals auch nur eine Silbe von der Geſchichte hören muß, ſs.. ⸗ „Ich verſtehe!“ fiel ihm der Notarius in's Wort. „Seyen Sie außer Sorgen— ich werde meinen Vor⸗ theil beſſer in Acht zu nehmen wiſſen.“ Sehen wir jetzt, wie Liſa ihre Muße anwandte, welche ihr von dem zärtlichen Herrn Gemahl ſelbſt aufgedrungen worden war. Ach, wenn der Kammerer gewußt hätte, welch' ſchlimmen Streich er ſich ſelbſt ſpielte, ſo wäre der Denkzettel, den er dadurch erhielt, doppelt ſchrecklich geweſen! Liſa hatte, wie wir wiſſen, in der That einen Brief erhalten. Es war der erſte, den ſie von Roſell bekam, deſſen Gefühle durch den ewigen Zwang nicht minder als durch Liſa's koketten Kaltſinn auf den höch⸗ ſten Grad geſtiegen waren. In dieſem Briefe beſchwor er ſie, ihm nur ein einziges Mal eine ungeſtörte Unter⸗ redung im Thiergarten zu gönnen und ſchlug dazu den nämlichen Tag vor, wo der Kammerer nach dem Ho⸗ pfengarten auf Kundſchaft ausgin.„Ein Mal,“ ſchloß er,„wird es doch wohl, vorausgeſetzt, daß Dein Wille dabei iſt, möglich ſeyn, Dich der Aufmerkſamkeit Dei⸗ Kammerer Laßman. II. 12 178 nes alten Drachen zu entziehen. Das ganze Frühjahr über iſt mir ja nichts weiter zu Theil geworden, als ein paar kurze Worte und hie und da ein Gruß, deſſen Glück ich noch dazu mit dem Herrn Lieutenant theilen mußte. Liſa, ich bitte, ich beſchwöre Dich, laß mich nicht vergeblich warten! Wenn Du Dich am Schiffs⸗ werder überſetzen läßt, ſo können wir uns nicht ver⸗ fehlen; ich werde von neun Uhr an dort ſeyn, und meine Augen bei mir haben.“ Liſa wollte und wollte nicht. Sie wollte, weil ſie nach ſo ewig langer Zeit ſich wieder nach einer kleinen Liebesſcene ſehnte; denn was kann eine Fenſterpanto⸗ mime für großes Vergnügen machen, wenn man liebt? Sie bildete ſich nämlich ein, den Sekretär Roſell innig und heftig zu lieben; ſie wußte nicht, daß ihr flüchtiges Herz gar nicht zu lieben vermochte, und daß jedes ihrer Gefühle ſeinen Grund in ihrer Eigenliebe hatte und ſich nur auf ihr eigenes Ich bezog... Andrerſeits wollte ſie wieder nicht— und zwar aus demſelben Grund, aus welchem der Fuchs die Weintrauben ſauer fand.— Trotz all' ihrer Liſt ſah Liſa dennoch keinen Ausweg, ſich der verbotenen Frucht zu nahen. Wie war es möglich, ſich von dem Alten wegzuſtehlen, da er nicht nur zu Hauſe unaufhörlich um ſie herum ſpio⸗ nirte, ſondern auch, wenn ſie nur vor die Thüͤre ging, ihr beſtändig auf dem Nacken ſaß. Den Kopf voll von Gedanken für und gegen dieſes wichtige Vorhaben, war ſie froh, einen Vorwand zu haben, um bei Leinwand⸗ händlers los zu kommen, wo ſie nicht einen Augenblick Ruhe zum Nachdenken hatte. Nach ihrer Nachhauſe⸗ kunft fand ſte alle Hände voll zu thun, denn der Kam⸗ merer war unpäßlich— unpäßlich und unleidlich dazu. Liſa zeigte ſich, wie jedes Mal, wenn ihr Mann unwohl war, ſchrecklich unruhig und vergaß für den Augenblick Alles außer ihm(die Urſache ihrer über⸗ großen Zärtlichkeit wird man darin finden, daß der Alte ſein Teſtament noch nicht gemacht hatte)— und ſchien war der Sch müf geh war ühjahr t, als deſſen theilen 3 mich Schiffs⸗ bt ver⸗ , und eil ſie leinen panto⸗ liebt? innig htiges jedes hatte erſeits ſelben ſauer keinen Wie „ da ſpio⸗ ging, von , war wand⸗ nblick hauſe⸗ Kam⸗ dazu. Nann r den über⸗ Alte ſchien 179 nur für ihn Augen und Ohren zu haben. Sie getraute ſich nicht einmal durch das Fenſter zu ſehen— aus⸗ gehen zu wollen, kam ihr noch weniger in den Sinn. Wie aber manchmal die Umſtände wunderlich zu⸗ ſammentreffen: der Kammerer mußte ſie ſelbſt dazu veranlaſſen, und da er es ja ſelbſt that, außerdem auch die Gelegenheit ſo vortrefflich war, daß ſie nie wieder beſſer kommen konnte, ſo wäre es doch auf jeden Fall — dachte Liſa— eine wahre Thorheit, wenn ſie ſich dieſelbe nicht zu Nutzen machte! Sie kleidete ſich ſtets mit viel Sorgfalt und Geſchmack, heute war aber die Toilette darauf berechnet, dem Sekretär den Kopf total zu verrücken. Nachdem ſie den Alten zum Abſchied geküßt und ihm gute Ruhe gewünſcht hatte, eilte ſie hinweg, um vor der Hand, zum Schein, einen kurzen Beſuch bei ihrer Mutter zu machen. Hier blieb ſie aber kaum einen Augenblick, ſo daß ſie nicht einmal den Hut ablegte, und eilte dann weiter; eine halbe Stunde ſpäter, in demſelben Momente, wo die Thüre zum Hopfengarten hinter dem Kammerer zufiel, ſprang ſie am Thiergarten an's Land, wo ſie am Arm ihres glücklichen Liebhabers bald völlig vergaß, daß auf der Welt, ein ſo widerwärtiges Thier lebte, wie ein eifer⸗ ſüchtiger Ehemann. Liſa getraute ſich nicht länger als bis acht Uhr auszubleiben und als der Kammerer heim kam, war ſie ſchon ausgekleidet. Sie ſchwebte in der größten Unruhe; denn ſie fürchtete, der Alte habe blos das Bett verlaſſen, um zu ſehen, ob ſie bei ihrer Mut⸗ ter ſey, und was hatte ſie zu erwarten, wenn er dort hörte, daß ſie kaum ein paar Minuten da geweſen war? Liſa betrog ſich nicht. Der Kammerer war in der That vorher bei Frau Norman. Dieſe ſah ihrem Schwiegerſohne an, daß nicht Alles in Richtigkeit ſeyn müſſe, und da ſie auch nicht wußte, daß er im Vorbei⸗ gehen von Muhme Malla, welche in der Trödelbude war, erfahren hatte, Liſa habe ſich nicht einmal ſo viel 12* 8 180 Zeit genommen, um niederzuſitzen,— ſo glaubte ſie ihre Sache recht gut zu machen, indem ſie ſagte, ohne Zweifel würden Beide einander verfehlt haben, denn es ſey noch gar nicht lange her, daß Liſa weggegangen. „Sie widerſprechen einander— es wird immer ſchlimmer;“ dachte der Kammerer, nahm ſchnell Abſchied und ſtand bald vor ſeiner Frau, welcher dabei nicht ganz wohl um's Herz war. „Wo biſt Du den ganzen Nachmittag geweſen?“ fragte der Alte und nahm eine ſtrenge Richtermiene an.„Ich erlaubte Dir zu Deiner Mutter zu gehen, Du haſt aber dort ja kaum Platz genommen.“ „Wie biſt Du denn auf einmal ſo friſch und mun⸗ ter geworden?“ Liſa antwortete mit einer andern Frage, um ſich ein wenig Zeit zur Faſſung zu gewinnen. „Ich bin es gewordeu, weil ich gar nicht krank war! Ich habe mich nur ſo geſtellt, um Dich auf die Probe zu ſetzen— und Du haſt meiner Erwartung völlig entſprochen.“ „Was iſt dieß für ein Ton?“ rief Liſa aus, welche entſchloſſen war, den Stiel umzuwenden.„Iſt dieß die Art, wie man mit ſeiner Frau ſpricht? Ich muß Dich bitten, höflicher zu ſeyn und Dich zu erinnern, daß ich nicht im Sinn habe, mich als Deine Sklavin behandeln zu laſſen!! Meine Mutter hatte Geſchäfte, deßhalb hielt ich mich dort nicht auf, und da es mir geſtel, einmal wieder friſche Luft zu ſchöpfen, ließ ich mich nach dem Thiergarten überſetzen.“ „Dabei hatteſt Du wohl noch einen beſondern Grund! O, Du liſtige Schlange, meinſt Du, ich hätte den Brief nicht geſehen?“ „Dein Mißtrauen iſt ſo lächerlich, daß es nur mein Mitleid erregt,“ entgegnete Liſa ſtolz;„aber das ſage ich Dir, wenn Du in dieſer Art fortfäahrſt, ſo biſt Du ſelbſt Schuld, wenn ich mich auf allerlei Auswege legen muß, auf welche ich ſonſt nicht gekommen wäre. Sey doch, um des Himmels willen, nur vernünftig und Li ſa Mer ind lich ſiehſt und öte ſie ohne denn ungen. mmer sſchied nicht eſen?“ miene gehen, mun⸗ frage, krank if die rtung velche ß die zhalb eſtel, mich idern ich nur das biſt wege bäre. und 181 laß mich in Frieden mit Deinen alten Eiferſuchtsgril⸗ len— ſonſt könnte es wahrlich, wie geſagt, einmal dahin kommen, daß Du Dich im Ernſt über das bekla⸗ gen müßteſt, was Du bis jetzt nur in Deiner Einbil⸗ dung ſiehſt!“ Mit dieſer Erklärung brach Liſa das Geſpräch ab — und was auch der Alte weiter ſagen mochte— ſie ſetzte Allem ein hartnäckiges Stillſchweigen entgegen. Ehe der Schlaf ſeinem Kummer ein Ziel ſetzte, war des Kammerers letzter Gedanke:„Ich will ſchon Mittel und Wege finden, ihren Intriguen ein Ende zu machen— ich muß Etwas ausdenken.“ 4.. S s, Fünfzehntes Kapitel. Liſa wird entführt. Der Kammerer findet einen Gehilfen zu ihrer Bekehrung. . In der folgenden Woche hatte der Kammerer eine Menge Geſchäfte; er lief beſtändig aus und ein, hin⸗ und her. Liſa ſah wohl, daß ihm irgend ein Plan im Kopf herumging;— aber was es eigentlich war, ließ ſie ſich nicht träumen. Sie ſollte es indeſſen bald er⸗ fahren. „Mein Schatz,“ ſagte er eines Tags äußerſt freund⸗ lich,„ich habe Dir eine Ueberraſchung bereitet. Wir verlaſſen die Stadt auf ein paar Monate; Du brauchſt übrigens nur das Allernothwendigſte mitzunehmen, denn ich habe eine völlig eingerichtete Sommerwohnung ge⸗ miethet. Morgen Mittag um zwölf Uhr reiſen wir ab — der Kutſcher iſt bereits beſteltt.“ „Du ſcherzeſt wohl?“ verſetzte Liſa, welche unmög⸗ lich glauben konnte, daß es dem Alten Ernſt ſey. „Nein, mein Schatz, das thue ich nicht! Du ſiehſt ja, daß halb Stockholm auf's Land hinausfliegt und da ich Deine Schwachheit für Mode und feinen 18² Ton kenne, ſo habe ich mir die Freude gemacht, Dir in aller Stille dieſe Ueberraſchung zu bereiten.“ „Ein ſolcher Sommeraufenthalt iſt gewiß höchſt angenehm und ganz über alle meine Erwartung; allein da der bedeutende Koſtenaufwand im direkten Wider⸗ ſpruch mit Deinem gewöhnlichen ſtrengen Sparſyſtem ſteht, ſo kann ich nicht anders glauben, als daß irgend Etwas dahinter ſteckt.“ „Und warum denn dieß, beſte Liſa? Habe ich mir nicht ſtets ein Geſchäft daraus gemacht, Deine Wünſche zu errathen und ſie nach Vermögen zu erfüllen? Und was Dich anbetrifft, ſo ſollſt Du bald ſelbſt urtheilen — mach' Dich nur zu rechter Zeit fertig, daß der Kutſcher nicht warten muß!“ „Sag' wenigſtens, wie weit iſt es von der Stadt entfernt? Kann man zu Waſſer hinkommen?“ „Nein, das kann man nicht gerade ſagen; aber das Dampfboot geht jeden Tag nahe daran vorbei. Du wirſt ſchon ſehen— überlaß Alles mir und der Ueberraſchung!“ „Wie viel Zimmer ſind es?“ „Nimm mir Hemden genug mit, Liebe!“ „Sind ſie hoch und freundlich?“ „Vergiß meine Strümpfe und Unterleibchen nicht!“ „Hell und luftig?“ „Beſorg' mir ja den Schlafrock!“ „Du biſt doch unerträglich mit Deinen Strümpfen, Unterleibchen und Schlafröcken! Kannſt Du mir denn nicht antworten, wenn ich mich um die Zimmer er⸗ kundige?“ „Ich ſagte ja, Du ſollſt ſelbſt ſehen! Mach' nur Alles hübſch in Ordnung und nimm keinen unnöthigen Krieskrams mit!“ Liſa wußte nicht, was ſie dazu ſagen ſollte; mochte es indeſſen ſeyn, wie es wollte, jedenfalls war es ſehr hübſch, ſich dem guten Ton anzuſchließen und einen Sommerausflug auf das Land zu machen. Sie beeilte ſich zup Eh hei und nun den Scl ſtün zwe frag ſich mu gan dieſ wel bis eine als Ber Liſa alle mer roth räut das loſe fenſ half und dum dige yſtem rgend h mir ünſche Und heilen der Stadt aber orbei. der cht!“ pfen, denn er⸗ nur digen ochte ſehr einen eeilte 183 ſich deßhalb, das Unentbehrlichſte zu ihrer Toilette ein⸗ zupacken, und mit dem Schlag halb ein Uhr fuhr unſer Ehepaar zum Thor hinaus:— der Kammerer mit heimlichem Triumph im Herzen, Liſa äußerſt neugierig und nicht wenig ſtolz darauf, nach ihrer Sommerwoh⸗ nung zu reiſen, und zugleich unbeſchreiblich glücklich in dem Gedanken, in welche Verwirrung und in welchen Schmerz ihre plötzliche Abreiſe den königlichen Sekretär ſtürzen müſſe. Sie ſah ihn im Geiſt, wie er in ver⸗ zweifelter Unruhe Jedermann anpackte und nah ihr fragte. Dieß war ſo intereſſant, daß ſie gerade deßhalb ſich auf kein Mittel beſonnen hatte, um ihm die unver⸗ muthete Urſache ihrer Entfernung mitzutheilen. Die ganze Reiſe glich einer Entführung und ſie ſelbſt bei dieſem Abenteuer der Prinzeſſin in dem Feenmahrchen, welche vom Drachen fortgeſchleppt und bewacht wurde, bis der verblendete Liebhaber, Gott weiß, in was für einer wunderbaren Geſtalt, zu ihrer Befreiung herbeieilte. „Sind wir denn nicht bald am Ziele?“ fragte Liſa, als abermals umgeſpannt wurde. „Ja wohl— hier geht es von der Straße ab.“ Von jetzt an ging es über einen ſchmalen Feldweg, Berg auf Berg ab, durch eine hübſche waldige Gegend. Liſa begann es ein wenig bang um's Herz zu werden, allein ſie wollte dem Alten nicht den Spaß machen, es merken zu laſſen. Endlich hielten ſte vor einem niedern rothangeſtrichenen Gitterzaun, welcher einen hübſchen ge⸗ räumigen Hof einſchloß. „Alſo hier iſt's— hier alſo?“ fragte Liſa, als ſie das kleine rothbraune Wohnhaus, mit ſeinen anſpruchs⸗ loſen Fenſtern und einem vorſpringenden Dachkammer⸗ fenſter mit noch kleineren Scheiben erblickte. „Ja, mein Schatz!“ erwiederte der Kammerer und half ihr aus dem Wagen.„Iſt es hier nicht ganz friſch und angenehm? Du haſt Dich ſo oft zu Hauſe über die dumpfe Luft beklagt— hier kannſt Du Dich entſchä⸗ digen.“ Haſt Du denn aber nicht geſagt ande und das Dam „unſere Wohnung pfboot fahre vor „Ja, eine hal nicht ſo gar weit, Liſa gab keine trat und dort eine Garn zum Trockne und unter ſittſamen Knixen die hieß, wandte ſich Liſa an leiſe:„Was ſind denn die bei denen wir wohnen ſoll „Dieß iſt die Frau Kammerer laut. Du mußt wiſſen, Bekannte ſind. be Meile oder etwas darüber; das iſt ſollte ich meinen.“ ehrbare Bauernfrau erbli n aufhängte, ſich aber eilfertig näherte Herrſchaften willkommen Mann und fragte ihn ſu Namen, für Leute, entgegnete der liebe Mutter Lena! ter Lena und ich alte en zu machen pflegte, der hübſchen Kammer oben wie köſtlich es ſich darin Liſa gab abermals keine Antwort, ume vor Aerger verſagte, ringerte ſich auch keineswegs, und der Aufforderung ihres Handſchuhe in die freundlich Lena legen mußte. „Ja, das iſt ein ſchöner Sommer geheure Webſtühle ſauber, von hier „Guten Abend, Liſa, daß Mut Als ich noch Reiſ manche Nacht in t— Du ſollſt ſehen, und dieſes Gefühl ver⸗ als ſie nach dem Beiſpiel Mannes die Spitzen ihrer dargebotene Hand der Mutter aufenthalt!“ dachte in welcher ein paar un⸗ übrigens geräumig und ch die Küche, die enge, na öffnete eine Thüre, anden vor einer ziemlich gro a lief es eiskalt den Rücken auf ein koloſſales zweiſchl hen baumwollenen Umh tangeſtrichenen Stühle, inzend⸗gebohnten Schrank von prangten, war aus ging es dur Treppe hinauf. und die Reiſenden ſt ſchen Dachſtube. Liſ als ihr erſter Blick melbett mit gelbrot dann betrachtete ſi marmorirten Tiſch, den gl Fich Beſe ſie i weh mit Levk mer lichk vor. Zim noch friſch mit bei „Iſt eine Tann und mer: einer ja ei ehrli Mut jung dieſen aller ein. kann mich der hnung vor⸗ as iſt Hof velche iherte nmen e ihn keute, 2 der tena! alte egte, oben darin die ver⸗ ſpiel hrer itter ichte un⸗ und ige, üre, hüb⸗ ter, im⸗ den von 185 Fichtenbolz nebſt einigen anderen Möbeln von gleicher Beſchaffenheit. „Iſt es möglich?— hier ſoll ich wohnen?“ ſeufzte ſie innerlich. Es war ihr, als ſpüre ſie bereits Kopf⸗ weh, als ſie ſah, daß der friſchgeſcheuerte Boden mit Tannenzweigen beſtreut, und Fenſter und Ofen mit Levkoien, Pfingſtnelken und Flieder in das ganze Zim⸗ mer, in des Kammerers Augen ein Eden von Annehm⸗ lichkeit, ein wahrer Luſtgarten, kam Liſa wie ein Grab vor. Was war dies für eine dumme Wohnung! nur ein Zimmer— und der einzige Weg, der dahin führte, ging noch überdieß durch die Küche! Der Kammerer beſtellte das Abendeſſen. Dickmilch, friſche Butter, Käſe und Brod. Während Mutter Lena mit dieſem Traktement beſchäftigt war, ergriff er Liſa bei der Hand, führte ſie an das Fenſter und fragte: „Iſt dieß nicht eine herrliche Ausſicht— kannſt Du Dir eine ſchönere wünſchen? Hier auf der Seite ein hoher Tannenwald, dort links ein kleiner See mit einer Inſel, und geradeaus die ſchönſten Aecker und Wieſen.“ Argerlich entzog ihm Liſa die Hand.„Was küm⸗ mern mich Deine Wälder, Seen und Aecker, wenn ich in einer ſolchen Wüſtenei leben ſoll?“ „Wüſtenei! Ich verſtehe Dich gar nicht. Das iſt ja ein wahres Paradies und die Leute ſind ſo brav und ehrlich und meinen es ſo gut mit uns! Ich bin mit Mutter Lena ſchon bekannt geweſen, als ſie noch ein junges Mädchen war; jetzt iſt ſie Wittwe und Beſitzerin dieſes hübſchen Geſchäfts. Meine Mutter hatte immer allerlei Händel mit ihren Aeltern, und als ich noch ein..... „Um Gottes willen, verſchone mich!“ bat Liſa;„ich kann und mag Nichts weiter hören— und wenn Du mich ein Bischen lieb haſt, ſo kehren wir morgen nack der Stadt zurück.“ — — „Nein, mein Schatz— ich habe das Zimmer auf 186 drei Monate gemiethet— und auch nicht Einen Pfennig habe ich im Sinn umſonſt auszugeben.“ Liſa ſank auf einen Stuhl.„Drei Monate! Mein Gott, was ein fürchterlicher Gedanke!“ Drei Monate— eine wahre Egigkeit, ſollte ſie an dieſem abgelegenen Ort verſeufzen! Das war ſchrecklich! wie bereute ſie jetzt Roßell, nichts von ihrer Reiſe geſagt zu haben! Sie konnte vor Langeweile ſterben, bis es ihm gelang, ihre Spur aufzufinden und zu ihrem Troſt herbeizufliegen! Vielleicht kam er auch gar nicht auf ihre Spur; und bei einer Trennung von drei ganzen Monaten war es keineswegs unmöglich— die Herren ſind ja ohnedieß Alle wie die Schmetterlinge— daß er ſich von einer Andern tröſten ließ! „Du gehſt wahrlich mit mir um, daß Du es vor Gott nicht verantworten kannſt!“ ſchluchzte Liſa laut und machte ſo ihrer Empfindung gewaltſam Luft.„Das kannſt Du nimmermehr verantworten und nichts reut mich in meinem ganzen Leben mehr, als daß ich ſo dumm war, einen alten eiferſüchtigen Narren, wie Dich, zu heirathen.“ Der Kammerer ging auf und nieder; er hatte ſeine Pfeife angezündet und hüllte das Zimmer bald in dichte Rauchwolken. Liſa huſtete.„Willſt Du mich mit Deinem Dampf erſticken? Man kann ja nicht einmal ein Fenſter öffnen. Ach, welch' ein ſchändliches Loch— ich bin gewiß des Todes, wenn ich noch länger hier bleiben muß!“ Der Kammerer ſchwieg hartnäckig und rauchte wie ein Kamin; er wollte den erſten Sturm vorüber gehen laſſen. „Was ſoll ich denn hier außen machen? Keine Ge⸗ ſellſchaft, kein Leben, keine Luft! So antworte doch! Wit wem, in aller Welt, kann ich denn umgehen?“ „Mit der Natur,“ entgegnete der Kammerer in aller Ruhe;„außerdem Liſa— rechneſt Du denn meine Ge⸗ ſellſchaft für Nichts?“ „Deine Geſellſchaft?— da iſt es auch der Mühe wert genu nicht Dei Du Dir verir einer mere ſo. hört hera ferti mal drufß von wack Thre gedu Sch böſe zwei Lebe zu 1 in d ſell um jener habe cklich! geſagt is es Troſt t auf anzen ind ja ) von vor laut „Das mich war, hen.“ ſeine dichte ampf fnen. des wie ehen Ge⸗ och! 7 aller Ge⸗ ühe werth! Deine Geſellſchaft habe ich zu Hauſe mehr als genug; um dieſe gehörig zu genießen, brauche ich wohl nicht erſt eine Reiſe zu machen!“ „Allein wir müſſen eine Reiſe machen, damit ich Deine Geſellſchaft genießen kann— in der Stadt haſt Du nach Anderm zu ſehen.“ „Meinſt Du denn wirklich, ich ſollte nur allein nach Dir ſehen?“ „Wenigſtens werden ſich hieher keine jungen Herren verirren, um Dich ich Deiner Ruhe zu ſtören.“ „So, diſ Du deſſen ſo gewiß?“ ſpottete Liſa in einem ganz eigenen ſchnippiſchen Tone— der dem Kam⸗ merer nothwendig tief in's Herz dringen mußte. „Mindeſtens hoffe ich es; ſollteſt Du aber wirklich ſo.... ſo....“ der Kammerer brach ab, denn man hörte die gewichtigen Fußtritte der Mutter Lena die Treppe herauf. Dießmal kam ihre Tochter mit, welche dienſt⸗ fertig fragte, ob die Madame Etwas zu befehlen habe. Allein Liſa fand an Nichts Geſchmack— nicht ein⸗ mal ſchlafen konnte ſie, denn um das Maß ihres Ver⸗ druſſes voll zu machen, umſchwärmten ſie ganze Heere von Fliegen und Schnaken. Als der arme Kammerer am andern Morgen er⸗ wachte, überſtrömte ihn ein völliges Duſchbad von Thränen der unglücklichen Liſa; allein er nahm ſich vor, geduldig zu ſeyn, gleich Hiob, denn er hatte nun ſeinen Schatz in Sicherheit— vorausgeſetzt, daß nicht der boſe Feind ſelbſt ſein Spiel trieb. Um die tödtliche Einförmigkeit, welche Liſa bereits zwei Tage ertragen hatte, ohne übrigens an Leib oder Leben irgend Schaden zu leiden, wenigſtens in Etwas zu unterbrechen, beſchloß ſie am Sonntag mit dem Alten in die Kirche zu gehen. Möglicherweiſe konnte es Ro⸗ ſell eingefallen ſeyn, ſeine Zuflucht dahin zu nehmen, um ihr zu begnen, wenn er von ihrer Abweſenheit in jenem fürchterlichen Neſte glücklicherweiſe ſollte gehört haben— jedenfalls konnte man vielleicht Jemand Anders — —— — — —— — 188 dort treffen. Um dieſen Jemand zu erſpähen, ließ Liſa ihre Augen in der ganzen Kirche umherſpazieren; allein kein Menſch, das heißt ſolche, welche ſie darunter ver⸗ ſtand, nämlich elegante Frauenzimmer, hübſche feine Herren, welche ſich hie und da auf dem Lande aufhalten — war zu erblicken. Um endlich doch Etwas zu haben, wonach ſie blicken konnte, ſah ſie auf den Geiſtlichen, deſſen Losgedonner auf die Sünden und Laſter der eiteln Welt ſie gewaltig langweilten; js länger ſie ihn betrach⸗ tete, deſto mehr überzeugte ſie ſich, daß er außerhalb ſeiner Kirche ein ganz hübſcher netter Menſch ſeyn müſſe. „Hörſt Du, liebe Frau, was dieß ein trefflicher Gottesmann iſt?“ fragte der Kammerer;„wie ſchön er predigt.“ „Gar nicht übel,“ erwiederte ſie Nach dem Gottesdienſt begegneten ſie d e dem gewaltigen Kanzelredner auf dem Kirchhofe, und da der Kammerer bereits ſchon in Gedanken mit der Vorſtellung umging, daß ein ſolcher Gebenedeitker durch ſeine ſt ſtrengen Lehren ihm in Bezug auf gewiſſe häusliche Mißliebigkeiten von Nutzen ſeyn möchte— ſo überwand er ſeinen Widerwillen gegen neue Bekanntſchaften, knüpfte mit dem Herrn Ma⸗ giſter ein Geſpräch an, und ſchloß mit der Bemerkung, daß der Pfarrhof zunächſt an Braͤvik ſtoße, wo er ſich für dieſen Sommer eingerichtet habe. Es lag etwas ſehr Kaltes in der Art, wie der junge Geiſtliche für die junge Artigkeit dankte. Liſa ſchien er gar nicht zu bemerken; und zu der Langeweile und dem Aerger, welche ſie ſchon vorher hatte, mußte ſie nun auch noch den Montag, Dienſtag und Mittwoch vorübergehen ſehen, ohne daß es dem unerträglichen Pfarrer beliebte, ſich einzufinden und ihr die Zeit zu vertreiben. Während der ganzen Zeit ſetzte ſie dem Kammerer mit Bitten und Thränen zu, und plagte ihn mit Launen aller Art. Allein er kannte den Vortheil, den ihm die gegenwäͤrtige Lage der Dinge in die Hand gab, und ſo leid es ihm auch that, ſeiner theuern Liſa wehe zu thun, ſo froh war er 1 darü Freu Liſa ſchon daß ſpüre wenn Schn wege mit e gerin zurück eine4 die — a gepre und ſ hieß ringen § mit d einer lich it was wußte. vernick und il Stimn Ton Reue glaͤnze er wo Bruſt ſich ab 5 Liſa allein r ver⸗ feine halten haben, ichen, eiteln trach⸗ rhalb nüſſe. licher n er 7 igen nerer ging, hren inge er dem uch hen bte, end und ein age uch er darüber, daß kein Anderer ſie ſehen konnte. Für dieſe Freude wollte er Manches leiden, und mußte es auch. Liſa ließ es keineswegs daran fehlen. Endlich an einem Freitagnachmittage, nachdem Liſa ſchon zum zehnten Male ihrem Mann verſichert hatte, daß ſie alle Anzeichen einer ernſthaften Krankheit ver⸗ ſpüre, welche ſicherlich zum Ausbruche kommen würde, wenn nicht bald ihre Arreſt aufhörte, ſchien ſich etwas Schwarzes an dem äußerſten Saum des Waldes zu be⸗ wegen, und Liſa, welche gerade am Fenſter ſtand, ſah mit ahnendem Vorgefühl, daß eine, wenn auch noch ſo geringe Zerſtreuung ſich im Anmarſch befinde. „Sieh da, der Pfarrer,“ ſagte ſie und zog ſich ſchnell zurück, den Spiegel um Rath zu fragen, ob vielleicht eine Aenderung in der Toilette nöthig ſeyn moͤchte, allein die Zeit war zu kurz und der Gaſt bereits vor der Thüre — außerdem hatte er ja gegen alle weltliche Eitelkeit gepredigt. Liſa nahm eine höchſt ernſthafte Miene an und ſetzte ſich mit ihrer Arbeit auf den kleinen Sopha. Es klopfte; der Kammerer öffnete die Thüre und hieß den Herrn Magiſter hoch willkommen in ſeinem ge⸗ ringen Hauſe. Magiſter S— war ein langer, magerer Mann, mit dunklem Teint, ſchwarzen Augen, welche wie die einer Schlange glänzten, und deren Ausdruck, hauptſäch⸗ lich in der Nähe, etwas Eiſiges und Unheimliches hatte, was er aber je nach Umſtänden allzeit zu motiviren wußte. Auf der Kanzel war ſein Blick drohend, blitzend, vernichtend, ſo lange er gegen die Sündigkeit der Welt und ihre ſchrecklichen Folgen erferte; allein ſohald ſeine Stimme von dem Donner des Gerichts in den Ton des Friedens überging, wenn er von Buße und Reue ſprach, da wurde der Ausdruck ſeiner Augen ſo glänzend, ſo lieblich und mild, daß man glauben konnte, er wolle die ganze ſchluchzende Zuhörerſchaft an ſeine Bruſt drücken. Die Beifallsäußerungen des Volks gaben ſich aber auch dann durch eine Art von Geheul kund; es —, — — 19⁰ war kein Weinen mehr, es war eine an Wahnſinn grän⸗ zende Zerknirſchung, welche weit mehr dem Prediger als dem Weſen galt, zu dem er ſeine Gemeinde wahrſchein⸗ lich zu erheben gedachte. In ſeinem Privatleben war Magiſter S— als ein exemplariſcher Mann bekannt. Er genoß keine geiſtigen Getränke und ſprach viel und höchſt ſalbungsvoll über die Branntweinpeſt. Er tadelte im Allgemeinen faſt alles Gedruckte, außer den Zeitungen, die ganze Roman⸗ literatur verdammte er zur Hölle und eiferte gewaltig dagegen, daß junge Leute ſich mit etwas ſo Schändlichem befaſſen könnten. Mit all dieſem vereinte er ein ſtrenges Nachjagen nach den Forderungen der Sittſamkeit, und nur ein einziges Mal ſoll ein junges Bauernmädchen durch den wunderbaren Einfluß ſeiner Augen mehr er⸗ ſchreckt und unglücklicherweiſe mehr bezaubert geweſen ſeyn, als ſie es durch irgend eines weltlichen Mannes Angriff auf ihre rothen Lippen geweſen wäre. So war der Magiſter S— und mit dieſen wunder⸗ baren Augen maß er jetzt die junge Frau, welche auf⸗ ſtand und mit einem einzigen Blick bemerkte, daß die Kleidung des Herrn Magiſters ſich für einen ſo ſtrengen Mann, durch ungewöhnliche Feinheit und Zierlichkeit, wo nicht gar durch eine gewiſſe verſteckte Eleganz auszeich⸗ nete. Das dunkelbraune Haar, obgleich weder natürlich noch künſtlich gelockt, war mit geiſtlicher Koketterie über der Stirne geſcheitelt und hing mit keiner gewiſſen leichten Anmuth zu beiden Seiten über die dem Anſchein nach etwas verlebten Wangen nieder. Ueber die einge⸗ griffenen Lippen flog zuweilen Etwas wie ein Lächeln, allein Liſa war deſſen nicht gewiß, denn im nächſten Mo⸗ ment hatte ſich der Zug in einen kalten Ernſt verwan⸗ delt und die weißen Zähne biſſen in die eingeklemmte Unterlippe. Liſa hatte nie ein ſo eigenthümliches Gefühl gehabt als jetzt unter dem Einfluſſe dieſes Lächelns und dieſer Augen ſie beſchlich. Sie verbeugte ſich mit einer gewiſſen Unte der Mag Gefü mit „hab Folge heute andät den 8 blicke eine enthie noch Frag Unru Schö nicht Sonn ihr in beſtän ſo ſe Freier Stadt Zaude giſter den M grän⸗ ger als rſchein⸗ als ein eiſtigen ll über en faſt koman⸗ waltig dlichem trenges , und lädchen hr er⸗ ſeweſen dannes zunder⸗ de auf⸗ aß die rengen eit, wo szeich⸗ türlich e über ewiſſen nſchein einge⸗ ächeln, n Mo⸗ erwan⸗ emmte gehabt dieſer wiſſen 191 Unterwürſigkeit, welche dem Kammerer nicht entging und der ſich durchaus in ſeiner Hoffnung beſtärkt fand, daß Magiſter S— ganz der Mann ſey, die ſchlummernden Gefühle in Liſa zu wecken. „Meine vielen Geſchäfte,“ entſchuldigte der Magiſter mit einer tiefen, ſanften und geſchmeidigen Stimme, „haben mich bisher gehindert, Ihrer gütigen Einladung Folge zu leiſten.“ „Wir ſchätzen uns um ſo glücklicher, daß Sie uns heute die Ehre ſchenken,“ verſetzte der Kammerer faſt andächtig geſtimmt bei dem Gedanken, in dieſem Manne den Richter ſeines künftigen Glücks und Friedens zu er⸗ blicken, Liſa's Retter—— Nach einem flüchtigen Neigen des Kopfes, welches eine eigenthümliche Miſchung von Demuth und Stolz enthielt, wandte ſich der junge Geiſtliche zu Liſa, welche noch nicht die Lippen zu öffnen gewagt hatte, mit der Frage, ob es ihr nicht angenehm ſey den Lärm und die Unruhe der Stadt hinter ſich zu wiſſen und die einfachen Schönheiten der Natur zu genießen. „Ach,“ fiel der Kammerer ein,„ich habe ſie noch nicht zur Thüre hinaus bringen können, außer am letzten Sonntag, wo ſie in der Kirche war, und doch rede ich ihr immer zu.„Geh' doch nur ein Wenig aus, ſage ich beſtändig, es iſt Dir gewiß beſſer! Die Natur iſt hier ſo ſchön, daß es Einem in der Seele wohl thut, im Freien zu ſeyn.“ „Sie vermiſſen alſo wohl die Stadt?“ ſagte der Magiſter in einem ſo ſanften Ton, daß Liſa unwillkür⸗ lich die Augen zu ihm aufſchlagen mußte. „Was für Augen!“ dachte ſie,„es iſt mir, als ob er mich durch und durch ſehen könnte! Ich bin in der Stadt geboren und erzogen,“ erwiederte ſie nach kurzem Zaudern,„und Gewohnheit iſt ja die andre Natur.“ „Das wäre ſehr bedauerlich, Madam,“ verſetzte Ma⸗ giſter S—„wenn die Gewohnheit ſo viel Macht über den Menſchen zu gewinnen vermöchte, um eine andre Na⸗ 192 tur zu werden! Wenn man ſchlimme und thörichte Ge⸗ wohnheit hat, ſollte man ſich denſelben ohne weitern Kampf überlaſſen in der Meinung, daß ſie ſich doch nicht ändern oder unterdrücken laſſen, blos weil man ſich ihnen ſeit langer Zeit hingegeben hat?“ 2 Liſa ſaß ſtumm da und heftete die Augen auf ihre Arbeit. „Was ein Glück von Gott,“ dachte der Kammerer, „daß ich hieher gekommen bin! Der Herr ſelbſt hat mir den Entſchluß eingegeben. Sie iſt ſchon gerührt, meiner Seele, und er hat kaum zehn Worte geredet.“ „Ich ſpreche natürlich nur im Allgemeinen,“ fuhr der Magiſter fort;„aber bedaure daß Frau Laßman die Schönheiten verſchmäht, welche nicht die Kunſt, ſondern die Natur geſchaffen hat: ſie ſind Gottes Werk. Er offenbart ſich im kleinſten Stäubchen und in der Natur,“ fügte der junge Geiſtliche mit einer leichten Bewegung der Augenlieder hinzu,„ſpricht er am ſtärkſten zu dem Menſchenherz.“ „Es giebt ganz hübſche Partien hier,“ erwiederte Liſa, und wußte in ihrer Verlegenheit nicht, was ſie eigent⸗ lich ſagen ſollte;„ich will in Zukunft mehr ausgehen— es war auch bisber immer ſo heiß.“ „Morgens und Abends herrſcht die behaglichſte und erfriſchendſte Kühle; ich bin überzeugt, daß ſie ſich durch Ihre Spaziergänge an Körper und Geiſt erhoben fühlen werden.“ 3 Man ſieht, unſer neuer Bekannter gehörte nicht zu den Pietiſten; ſonſt hätte er ſich wohl ſtrenger verneh⸗ men laſſen. Im Gegentheil— er wollte für einen Mann gelten, welcher in ſeiner Perſon den ſalbungsvollen Re⸗ ligionzlehrer und den gebildeten Weltmann vereinigte, jedoch ſo, daß dieſe Eigenſchaft niemals jene verdrängte. Er ſprach weder im Kanzelton noch mit Schwärmerei — und doch weckte er gar leicht die letztere. Für dieß Mal war ſein Beſuch nur kurz: allein er erneuerte ihn bald wieder. entzü ſeines entge wo L war, Wün aus ſp ken, alls nach geweſ Mal wandt den T verurf Alte f vorgel L daß e wenn feurige Kan e Ge⸗ eitern nicht ihnen f ihre nerer, t mir neiner egung t dem ederte igent⸗ ſen— e und durch ühlen ht zu erneh⸗ Mann Re⸗ nigte, angte. merei ein er Liſa verſchmähte es nicht mehr, in den lauen ſchoͤnen Sommerabenden einen Spaziergang längs des Strands zu machen; der Kammerer, welcher nicht immer gleiche Luſt zu einer Promenade hatte, ließ ſeine junge Frau gern unter der Obhut des Magiſters, wenn ſie, wie dieß häufig der Zufall wollte, ihm begegneten— und von Tag zu Tag dauerten die Ausflüge länger. Was der Gottesmann dabei zu Liſa ſprach, meldete ſie juſt nicht Wort für Wort ihrem Laßman, allein ihre Umwandlung lag am Tage, denn ſie fand nicht allein, daß es ſich in dieſer Wüſte recht gut leben laſſe, ſondern redete auch kein Wort mehr vom Heimreiſen, und der Kammerer, entzückt und glücklich, wie in den erſten Sonnentagen ſeines Eheſtandes, ſah mit wirklicher Bangigkeit der Zeit entgegen, wo er dieſes ſegensreiche Aſyl verlaſſen ſollte, wo Liſa nach und nach zu ihrer Pflicht zurückgekehrt war, wo ſie ſich ein Geſchäft daraus machte, alle ſeine Wünſche zu errathen, um ſie zu erfüllen, noch ehe er ſie ausſprach.. „Wir haben dem Magiſter S— ſehr viel zu dan⸗ ken, liebe Feau,“ ſagte der Kammerer eines Morgens, alls Liſa ſpäter als gewöhnlich von ihrem Spaziergang nach Hauſe kam;„biſt Du heute mit ihm zuſammen geweſen?“. „Nein,“ antwortete Liſa,„er kann doch nicht jedes Mal dabei ſeyn, wenn ich ausgehe!“ Sie erröthete, aber wandte ſich weg und riß ein paar Grashalme aus, um den Verdruß zu verbergen, welchen ihr ſein Ausbleiben verurſacht hatte. „Wir werden ihn wohl ſehr vermiſſen,“ fuhr der Alte fort;„er hat eine große Veränderung in Dir her⸗ vorgebracht, liebſte Liſa.“ Liſa antwortete mit einem halben Seußzer; ſie fühlte, daß es ſo war. Seine Unterhaltung hatte, beſonders wenn ſie allein waren, einen verführeriſchen Reiz, einen feurigen Flug. Was er ſagte, verſtand ſie nicht, dieß Kammerer Laßman. II. 13 194 war auch um ſo weniger zu verwundern, da es eine Menge Sophiſtereien enthielt, eher geeignet die Zuhöre⸗ rin zu verwirren als aufzuklären. Aber es klang ſo ſchön — dachte Liſa— und er bediente ſich dabei ſo deutlicher Bilder. Er ergriff nicht ſelten in Gedanken ihre Hand und drückte ſie mit einer Bewegung, mit einer Wärme, dergleichen Liſa noch nicht vorgekommen war und wobei er ſie mit ſeinen zauberhaften Augen anblickte, welche ihr bis ins Herz drangen und ſie wechſelsweiſe bald mit Schander, bald mit Entzücken erfüllten. Roſell's Bild trat immer mehr in den Hintergrund und es beſchlich ſte zuweilen der heimliche Wunſch, daß es ihm nicht gelingen möge, ihre auf ein Mal ſo in⸗ tereſſant gewordne Einöde auszuſpüren. Sechszehntes Kapitel. Der Kammerer kommt dem Herrn Paſtor hinter die Schliche— und erfährt von Liſa eine außerordentliche Neuigkeit. Von ſeiner freiwilligen Blindheit eingeſchläfert, be⸗ fand ſich unſer Kammerer in einer Art angenehmer Be⸗ täubung. Er ruhte von ſeinen vorigen Kämpfen aus und die Ruhe war ihm ſo ſüß, ſo wohlthuend, daß er ſich gar nicht irre machen ließ, beſonders da ihn im täg⸗ lichen Leben nichts an Liſa's frühern Leichtſinn, nichts an ihre früheren Launen erinnerte. Eines Morgens aber ließen Hitze und die Fliegen den guten Alten nicht mehr einſchlafen, nachdem ihn Liſa aufge weckt hatte, welche wie gewöhnlich früh auf⸗ geſtanden war, um den ihrer Geſundheit ſo zuträglichen Morgenſpaziergang vorzunehmen.„Ich will ſie ein Mal überraſchen,“ dachte der Greis,„und zeigen, daß ich mir auch den Schlaf abbrechen kann, um die Natur zu ge⸗ nießen.“ C ſich ra fältig, ſelbſt; ſchattig Rand U tenjung ander zog de gewalt Kamm den M herer mals! — nei J dem A er den lange, einen nug d friedig Rock z rade ei Buſch, genden er nich welche den Ar etwas Aber j eine höre⸗ ſchön tlicher Hand ärme, wobei he ihr mit grund daß ſo in⸗ iche— t, be⸗ r Be⸗ aus zaß er utäg⸗ ts an liegen m ihn auf⸗ ſlichen Mal ch mir u ge⸗ — 19⁵ Geſagt, gethan, der Kammerer ſtand auf und kleidete ſich raſch an. „Wo wird ſie aber hingegangen ſeyn? Es iſt ein⸗ fältig, daß ich ſie nicht gefragt habe,“ ſagte er vor ſich ſelbſt; aber der Inſtinkt ſagte ihm, daß ſie wohl das ſchattige Birkenwäldchen gewählt haben möchte, an deſſen Rand ſich ein Pfad nach dem See hinabſchlängelte. Unmittelbar vor dem Hofe begegnete ihm der Hir⸗ tenjunge.„Haſt Du meine Frau nicht geſehen?“ fragte er. „Heute noch nicht; aber gewöhnlich ſind ſie mit ein⸗ ander drüben am Wald, ſie und der Paſtor;“ dabei ver⸗ zog der Junge den Mund bis an die Ohren und ſah gewaltig pfiffig aus. „Was will der Tölpel damit ſagen?“ dachte der Kammerer und trotz ſeines unbegränzten Vertrauens in den Mann Gottes, bemächtigte ſich ſeiner ein Anflug frü⸗ herer Unruhe. Wäre es möglich, daß mich Liſa aber⸗ mals betröge, gerade wo ich mich am ſicherſten glaubte — nein— das kann nicht ſeyn.—“ Indeſſen hatte ſich doch die Eiferſucht wieder bei dem Alten eingeniſtet. Zitternd von böſer Ahnung folgte er den Wendungen des Waldpfades, allein es währte lange, allzulange für ſeine fieberhafte Ungeduld, bis er einen Schimmer von Liſa's Morgenüberrock gewahrte. Endlich war er aber doch ſo glücklich und nicht ge⸗ nug damit, der Kammerer hatte noch die weitere Be⸗ friedigung, einen Schimmer von des Paſtors ſchwarzem Rock zu erblicken, und da ſie auf ihrem Gange ihm ge⸗ rade entgegen kamen, verbarg ſich der Alte hinter einen Buſch, von wo aus er mit ſeinen ſcharfen und weittra⸗ genden Augen Alles deutlich ſehen konnte. Anfangs ſah er nichts weiter, es war aber doch eine Vertraulichkeit, welche er nie zuvor bemerkt hatte, daß Liſa ſich auf den Arm des Paſtors ſtützte.„Nun,“ ſagte er,„das iſt etwas Menſchliches— Schlimmes iſt nichts dabei.“ Aber jetzt beugte ſich der Magiſter vor, faßte ihre Hand, 13 196 welche auf ſeinem Arm lag und führte ſie mehrere Male mit leiderſchaftlicher Heftigkeit an die Lippen.— Der Kammerer zitterte an allen Gliedern. Ob wohl Liſa ihre Hand zurückzog? Nein— Dem alten Manne wollte das Herz zerſprengen— Liſa ließ ſich Alles gern gefallen;— und als ſie ein Mal den geſenkten Blick vom Boden erhob, dünkte es ihm, als blitzten ihre Augen gleich Sternen. „Ja,“ ſagte der junge Geiſtliche, als ſie näher an das Verſteck heran kamen,„ſo groß und ſchön iſt die Beſtimmung des Weibes! Sie iſt der beſſre Theil des Menſchengeſchlechts; deßhalb muß auch ihr holdes from⸗ mes Herz, das Heiligthum keuſcher Liebe, eine wohlthuende Wärme um ſich verbreiten, ein lieblich ſtrahlendes Feuer, welches ſanft erwärmt, ohne in wilde Flamme auszubre⸗ chen. Wahrlich ihr Loos auf Erden, wo ſie ein Bild ſind der ewigen Liebe, iſt ein ſchönes!“ Und abermals, aber kühner als zuvor, ergriff der gefährliche Lehrmeiſter Liſa's beide Hände; ſie blieb ſtehen und, ließ ſeine be⸗ gehrlichen Blicke ſich faſt feſtſaugen an ihrer Geſtalt. Liſa ſchien ſich ihm inſtinktmäßig zu entziehen, allein er hielt ſie doch ſo weit zurück, daß er mit einer blitz⸗ ſchnellen Wendung ſeinen Arm um ihre Hüfte ſchlang. Daß der Kammerer in dieſem kritiſchen Moment ſchwieg, kam daher, weil ihm buchſtäblich die Zunge den Dienſt verſagte. Mit Mühe gelang es ihm, ſich mit dem Kopf aus dem Gebüſch herauszuarbeiten, in welchem er wie ein Widder mit den Hörnern feſt ſtack— er gab einen unartikulirten Ton von ſich, der indeſſen ſtark genug war, ihre Aufmerkſamkeit zu erregen. Liſa und ihr Be⸗ gleiter ſtanden ihm ſehr nahe; ſie drehten ſich haſtig um und waren Beide wie vom Blitze getroffen, denn des Kammerers Antlitz deutete auf nichts Gutes. Liſa ſprang im Nu zu ihm in ſein Verſteck. „Um des Himmels Willen, was ſoll das?— iſt Etwas vorgefallen?— was iſt's mit Dir, lieber Mann?“ Sie faßte ſeine Hand und vergaß ganz und gar, was ſo eben m vor, da daran gaß ſie Augenl D Faſſung geſehen nahme wiſſen. D men, noch ni einigen zu geb Ton: Inſpira gottlich allein 1 geliefert nie wie die Beſ Sie ſetz „S „ich erf Schlaf Manne ſo bewa gleich m werden Male b wohl Manne 3 gern f vom Augen her an iſt die eil des from⸗ huende Feuer, zubre⸗ n Bild rmals, meiſter ne be⸗ alt. allein blitz⸗ lang. koment ge den ch mit elchem er gab genug jr Be⸗ tig um in des — iſt ann?“ pas ſo eben mit dem Magiſter paſſirt war. Es kam ſo häufig vor, daß dieſer ihre Hand ergriff, daß ſie nicht ein Mal daran dachte, daß es Etwas bedeutete und ebenſo ver⸗ gaß ſte, daß er es gewagt hatte, wiewohl nur auf einen Augenblick, ſie mit dem Arm zu umſchlingen. Der Magiſter ſelbſt, welcher ſich auf ſeine kühne Faſſung verließ und in der Ungewißheit, was der Alte geſehen haben könnte, näherte ſich mit der ſtudirten Theil⸗ nahme, welche gewiſſe Perſonen ſo leicht anzunehmen wiſſen.. Der Kammerer war wieder ſo weit zu ſich gekom⸗ men, daß er Liſa von ſich ſtoßen konnte; ſprach aber noch nicht, denn er war keines Wortes mächtig. Nach einigen mißglückten Verſuchen, ſeiner Stimme Feſtigkeit zu geben, begann er endlich mit zitterndem ironiſchem Ton:„Der Herr Magiſter gehen doch zu weit mit Ihren Inſpirationen! Ich verabſcheue es, bei einem Mann des goͤttlichen Worts ſo ſchwarze Heuchelei vorauszuſetzen— allein meine eignen Augen haben mir den Beweis davon geliefert. Gehen Sie, mein Herr— und wagen Sie nie wieder mir unter die Augen zu kommen!“ „Was ſoll dieß für eine Sprache ſeyn?“ entgegnete der Magiſter mit zuſammengezogenen Augbraunen.„Soll die Beſchuldigung etwa mir gelten, Herr Kammerer? Sie ſetzen mich in Erſtaunen!“ „Sie mich deßgleichen,“ erwiederte der Kammerer; „ich erſtaune über Ihre Unverſchämtheit. Ich....“ „Zähmen Sie Ihre Zunge,“ verſetzte der Magiſter, machte eine abwehrende Handbewegung und entfernte ſich mit würdevollen, aber ziemlich langen Schritten. Obgleich Liſa keinen richtigen Begriff von der Größe der Gefahr hatte, vor welcher ihres Mannes geſtörter Schlaf ſie bewahrte, als er ihrer Bekanntſchaft mit einem Manne ein Ziel ſetzte, der in allen Verführungskünſten ſo bewandert war, daß der Regierungs⸗Sekretär im Ver⸗ gleich mit ihm, ein Neuling, ein wahres Kind genannt werden konnte, ſo diente ihr dieſe kleine Epiſode dennoch 198 zum Nutzen. Von nun an warnte ſie ſtets eine heim⸗ liche Stimme vor dieſer myſtiſchen Sprachweiſe, welche eine ſo mächtige Wirkung auf ſie auszuüben vermochte. Sie glaubte nicht, daß ſie in den räthſelhaften Wunder⸗ mann verliebt war: aber ſo viel ſchien ihr doch, daß er im Stande geweſen wäre, ihre Gefühle von ihrem Liebhaber abwendig zu machen.— Dieſen Titel behielt ſie für Roſell immer bei, den er, nach ſeinem langen Stillſchweigen zu urtheilen, übrigens nach Verdienſt zu ſchätzen wußte. 1 Das Schwierigſte war aber jetzt noch übrig— den Alten zu beſänftigen— Dieſer blickte ſie kalt und ſtreng an, und ſchien zu erwarten, daß ſie ſich vor ihm in den Staub niederwerfen ſollte. Allein Liſa wollte ihm für die Zukunft dieſes Uebergewicht nicht einräumen, ſie war zu klug dazu. Außerdem hatte ſie ſich ja auch nicht ſo ſchrecklich vergangen, daß es der Mühe werth war, die bußfertige Magdalena zu ſpielen. „Nun, warum ſiehſt Du mich ſo an?“ Mit dieſen Worten begann ſie die Unterhandlung.„Kann ich da⸗ für, wenn er zudringlich iſt? Kann ich dafür, daß er mir begegnet, wenn ich ausgehe? Hab' ich vielleicht hierher reiſen wollen? Iſt der Vorſchlag von mir ge⸗ kommen, dieſe Morgenſpaziergänge in's Grüne zu ma⸗ chen? Biſt Du nicht allein an Allem Schuld?“ Dieſe Vorwürfe machten heftigen Eindruck auf den Kammerer.„Mein Gott,“ rief er in einem Ton, wel⸗ cher zugleich von völliger Rathloſigkeit und von bitterem Schmerz zeugte, und jede andre Frau als eine von Li⸗ ſa's Charakter vernichtet hätte,„wohin ſoll ich ſie brin⸗ gen? Es iſt ihre Luſt, mir Gram und Sorge zu be⸗ reiten! Liſa, Liſa, haſt Du ſo gelobt, Deine Pflichten zu erfüllen, als Du mir Deine Hand reichteſt?“ „Als ich Dir meine Hand reichte, war ich ent⸗ ſchloſſen, eine brave Hausfrau zu werden— bin ich das vielleicht nicht? Haſt Du Dich über mich zu beklagen? Halte ich nicht ordentlich Haus?“ aber noch Haus ehren nicht Ich Glas doch ankla nicht einer niede Sie und treue ſicht dem küſſe geth ein weiß Du iſt ſ ande ange meh taul Str mit heim⸗ welche nochte. under⸗ ), daß ihrem behielt langen enſt zu — den ſtreng in den )zm für ie war icht ſo ur, die dieſen ich da⸗ daß er eelleicht nir ge⸗ zu ma⸗ auf den 1, wel⸗ itterem von Li⸗ e brin⸗ zu be⸗ fllichten ch ent⸗ ich das klagen? Der Kammerer dachte, damit ſey es ſo und ſo; aber das war das Geringſte.„Hat nicht eine Hausfrau noch andere Pflichten zu erfüllen, als nur ordentlich Haus zu halten? Soll ſie ihren Mann nicht lieben und ehren, und ihm treu ſeyn?“ „Na, Du mein himmliſcher Vater! wenn ich Dich nicht geehrt habe, dann weiß ich wabrhaftig nicht...! Ich habe ja geſeſſen wie ein Wachsbild unter einer Glasglocke; und was die Treue betrifft, ſo wirſt Du doch wahrhaftig nicht ſo ſchamlos ſeyn, mich der Untreue anklagen zu wollen? Ach, Du mein Gott! was muß ich nicht Alles leiden!“ Damit brach Liſa in Schluchzen und einen Strom von Thränen aus, warf ſich auf das Gras nieder und wand ſich in der Verzweiflung wie ein Wurm. Sie war über alle Beſchreibung beſchimpft und beleidigt, und wollte Gott zum Zeugen nehmen, daß es nie eine treuere Gattin gegeben habe. „Und dieß, ſchämſt Du Dich nicht, mir's in's Ge⸗ ſicht zu ſagen,“ entgegnete der Kammerer rauh,„nach⸗ dem Du Dir eben noch von dem Pfaffen die Hand haſt küſſen und Dich um den Leib faſſen laſſen?“ „Dafür kann ich doch nichts— ich habe es ja nicht gethan— und iſt das wohl Untreue zu nennen, wenn ein Mann mir die Hände küßt? Du biſt verrückt: Du weißt gar nicht, wie treulos andere Weiber ſeyn können, Du ſiehſt gar nicht ein, was Du an mir haſt.“ „Na, Liſa, ſo ſchrei' doch nicht ſo fürchterlich! Es iſt ſchon eine Untreue von einer Frau, ſage ich, einen andern Mann nur ſo anzuſehen, wie Du den Pfarrer angeſehen haſt!“ „Nun ja, da haben wir's! Nun ſoll ich Niemand mehr anſehen dürfen, am Ende ſoll ich wohl gar blind, taub und ſtumm ſeyn. Ja, ja, es war ein geſcheidter Streich von mir, einen alten Junggeſellen zu heirathen, — das habe ich nun von meiner Leichtgläubigkeit!“ Da⸗ mit weinte Liſa immer heftiger. Der Kammerer wußte ſich nicht zu rathen noch zu 200 helfen. So wie Liſa die Sache zu drehen wußte, war er ſtets Derjenige, welcher gefehlt hatte; und vielleicht hatte ſie darin auch ſo unrecht nicht. Der Pfarrer war ihm mit einem Wort ein ſolcher Abſcheu, daß er es gar nicht auszudrücken vermochte. Liſa hatte freilich eigent⸗ lich nur aus Unvorſichtigkeit und Jugend gefehlt,— und wer Anders, als er ſelbſt hatte ſie in dieſe Gefahr geführt? In Folge dieſer Gedankenreihe ging dem Kammerer ein neues Licht auf.„Liſa,“ begann er nach kurzem Nachdenken,„ich will Dir verzeihen, aber unter einer Bedingung, daß Du Dich in Zukunft vor ſolchen böſen Händeln in Acht nimmſt. Der Schein war ſehr gegen Dich, mein Kind, aber ich will mit Gottes Hülfe glau⸗ ben, daß Du unſchuldig biſt.“ „Ja, das ſoll Gott wiſſen!“ verſetzte Liſa, trocknete die Augen und ließ die glänzenden Sterne mit ihrer frühern Klarheit auf dem Alten ruhen.„Ich bin un⸗ ſchuldig, und weit entfernt, daß ich um Verzeihung bitte, ſollteſt im Gegentheil Du es thun.“ „Ach nein, das wäre doch zu viel! Ich bin zwar ſehr fügſam, aber etwas ſo Unfinniges mußt Du denn doch nicht verlangen! Dich ſoll ich um Vergebung bitten, weil.. ⸗ „Ja, allerdings deßhalb, daß Du ſo ruhig daſtehſt und zuguckſt, wie ſich Deine Frau eine ſolche Beleidigung gefallen laſſen muß. Weißt Du, was ein anderer Mann gethan haben würde, wenn er ſeine Frau einer ſolchen Zudringlichfeit ausgeſetzt geſehen hätte, wie der Herr Magiſter ſich gegen mich zu erlauben beliebt hat? Im Moment wäre er hervorgeſprungen und hätte dem Herrn, wie er es verdiente, ein's auf's Dach gegeben! Aber Du biſt alt, mein armes Männchen, und weißt freilich nicht, wie man ſich in ſolchen Fällen gerirt! Ich will weiter nichts ſagen, aber ein Mann mit raſcherem Blut, dem mehr an der Ehre ſeiner Frau gelegen wäre, hätte ihn ohne Umſtände für dieſen Schimpf herausgefordert.“ aber kasme Hauſ Zimn ger h Blicke lieber 1 „Du daß T und 1 f. danke Dein den I ( Verbi Liſa e Kopfe Lange wohl ſpielen ments richtig nigen fügt d daß e loshal andre Thrän andere — die Der Kammerer biß ſich in die Lippen; er wurde aber ſeiner Liſa nicht böſe über ihre ſchnippiſchen Sar⸗ kasmen, bot ihr freundlich den Arm und führte ſie nach Hauſe. „Nun, Männchen,“ ſagte Liſa, als ſie auf ihrem Zimmer angekommen waren,“ bleiben wir nun noch län⸗ ger hier?“ „Nein, mein Schatz! Ehe ich Dich länger den Blicken des liſtigen Pfaffen blosſtelle, führe ich Dich lieber nach Hauſe.“ „In mein Käſicht?“ „In Dein Käſicht!“ wiederholte der Kammerer. „Du haſt jetzt ſo viel friſche Luft genoſſen, liebe Frau, daß Du für den ganzen Sommer genug haben kannſt— und noch für den Winter dazu.“ „Gott, was für ein Leben!“ dachte Liſa.„Ja, da danke ich! Aber warte nur, Alterchen, habe nur erſt Dein Teſtament gemachi, dann— will ich Dir ſchon den Meiſter zeigen!“ Der Gedanke an das Teſtament und die damit in Verbindung ſtehenden unzähligen Vortheile hatten für Liſa etwas hochſt Liebliches und ging ihr beſtändig im Kopfe herum. Was konnte ſie jetzt in dieſem Meere vor Langeweile und Oede, in Ermanglung eines Liebhabers wohl Beſfres thun, als eine andre Art von Intrigue ſpielen— eine kleine Intrigue zu Gunſten des Teſta⸗ ments?— Außerdem war der Alte jetzt gerade in der richtigen Stimmung; er mußte fühlen, daß er ihr ei⸗ nigen Erſatz für den Schimpf ſchuldig, welcher ihr zuge⸗ fügt worden war. Da ſich aber nicht annehmen ließ, daß er das Dokument ſo direkt als einen Akt der Schad⸗ loshaltung aufſetzen würde, ſo mußte man auf eine andre Weiſe an ihn zu kommen ſuchen. Die Macht der Thränen, der Bitten und der Krankheit hatte ſie bei anderen minder wichtigen Gelegenheiten bereits erprobt — dieſe Mittel waren verbraucht— für dießmal mußte 2⁰02 etwas Neues, etwas tüchtig Ueberraſchendes ausgeſonnen werden. Nach dem Abendeſſen, als der Kammerer ſich mit der Pfeife in das offene Feuſter legte, trat Liſa zu ihm, nahm ihn bei der Hand und ſetzte ſich ohne ein Wort neben ihn. „Beläſtigt Dich mein Rauch, liebe Liſa?“ Der Alte fühlte ſich durch ihr zärtliches Benehmen ſo gerührt, daß er aus purer Dankbarkeit von ſeinem angenehmſten Genuß abſtehen wollte.. „Nein, rauche Du nur, lieber Mann!“ „Es kommt mir vor, als ſäheſt Du verdrießlich aus, mein Kind.“ „Nein, verdrießlich gewiß nicht; es wäre auch un⸗ dankbar von mir, denn Du biſt ja heute ſo gütig gegen mich geweſen.“ „Aber ich ſehe doch, daß Dir irgend etwas iſt— Du biſt doch nicht unwohl?“ „O nein, aber...“ „Was dann aber? Du machſt mich unruhig— ſag' es heraus!“.. „Es iſt etwas Anderes.“ „Etwas anderes, mein Kind.?“ „Ja etwas ſehr Sonderbares.“— „Was, in des Himmels Namen, kann dieß denn ſeyn?“ „Ich weiß es nicht.“ „Du weißt es nicht?“ „Nein, ich weiß es in der That nicht; allein es iſt mir ſeit einiger Zeit ſo ſonderbar zu Muthe— ich bin ſo verſtimmt— haſt Du es nicht auch bemerkt?“ „Nein, nicht im geringſten; es dünkt mir im Ge⸗ gentheil, Du ſprichſt viel langſamer als ſonſt.“ „Ja, in der allerletzten Zeit vielleicht; aber vor unſrer Hieherreiſe—“ „Ja, das weiß Gott, da warſt Du eigenſinnig ge⸗ nug— aber das liegt in Deinem Charakter.“ — denn n es — ich t2“ Ge⸗ vor ge⸗ „Nein, lieber Mann, das glaube ich nicht.“ „So kommt es vielleicht von einer falſchen Erziehung?“ „Ach nein— ich bin ja doch in der erſten Zeit unſrer Verheirathung nicht ſo geweſen.“ „Das iſt freilich wahr; leider hat es bedeutend zu⸗ genommen.“ „Ja, das iſt's gerade, was ich ſagen will; und ich glaube, daß es einen andern Grund hat.“ „Was für einen denn? Ich begreife Dich nicht.“ „Du biſt auch ſchrecklich bornirt! Haſt Du nie ge⸗ hört, daß junge Frauen aus andern Urſachen launig ſeyn können, als in Folge ihrer Gemüthsart oder ihrer Erziehung?“ „Was meinſt Du damit?“ rief der Kammerer aus. Er ſprang auf und ſeine Augen leuchteten vor Entzücken und Stolz.„Wenn ich Dich recht verſtehe, Kind, ſo ſey in Gottesnamen ſo launig und eigenſinnig, wie Du willſt! Ich kann mich damit tröſten, daß es auch wieder ein Ende nehmen wird.“ „Und ſonſt findeſt Du keinen Grund zur Freude darin?“ fragte Liſa vorwurfsvoll. „Allerdings gewiß!— obgleich der Himmel am beſten weiß, welchen Werth ich auf den Hausfrieden ſetze— aber das iſt ein wunderbares Glück, ein großer Segen! Biſt Du auch wirklich ſicher, daß es kein Irr⸗ thum iſt?“ k„Nein, ich glaube nicht, daß ich mich täuſche. Freilich iſt dieß immer noch keine Gewißheit. Inzwiſchen müſſen wir aber äußerſt vorſichtig ſeyn!! Nimm Dich vor Allem in Acht, daß Du nicht wieder auf Deine alten Sprünge geräthſt, und wenn Dir ja ſolche dumme Ideen kommen, ſo halt' ein wenig an Dich und erzürne mich nicht⸗; denn Du weißt, daß ſo etwas ſehr ſchlimme Folgen haben kann.“ „Ja, mein Schatz, ja; ich will geduldig ſeyn, wie ein Lamm. Glaubſt Du denn aber, daß es noch ſchlim⸗ mer mit Dir werden kann, als bisher?“ 204 „Das kann ich nicht wiſſen. Ich ſelbſt will es gewiß nicht;— allein das iſt eine Sache, wofür man nicht kann. Uebrigens habe ich gehört, daß für einen ſolchen Zuſtand nichts ſchlimmer ſey, als wenn man einen heimlichen Gram hat.“ „Mag wohl ſeyn; es iſt ſehr natürlich, daß man ſich immer munter und friſch erhalten muß; Du haſt aber, Gottlob, keinen Grund zu Sorge oder Kummer.“ „Das weißt Du nicht, was mir auf dem Herzen liegt. Glaubſt Du, ich hätte ſo oft den Wald geſucht, und wäre ſo früh am Morgen zum Seeſtrand gewandelt, wenn mich nicht eine ſtille Schwermuth dazu getrieben?“ „Du wirſt melancholiſch?“ „Ja, ich bin es, und in höherm Grade als Du einſiehſt; allein ich habe mir Gewalt angethan, damit Du es nicht merken ſollteſt. Gleichwohl muß ich nach dem Vorfall von heute Morgen geſtehen, daß es meine Kräfte überſteigt. Ich wünſche um unſer Beider willen, daß die Urſache meiner heimlichen Schwermuth aufhören möchte, und der heutige Vorfall hoffentlich keine Folgen haben wird, welche Du ſchmerzlich und leider zu ſpät bereuen könnteſt.“ Der Kammerer wurde kreideweiß im Geſicht; die Pfeife hatte er bei der Wichtigkeit des zu verhandelnden Gegenſtands bereits früher weggelegt.„Rede ohne Um⸗ ſchweife,“ ſagte er mit bebender Stimme;„was iſt es denn— iſt es etwas, was Bezug auf mich hat?“ „Ganz und gar auf Dich. Du haſt kein Vertrauen zu mir, das ſchmerzt mich; und ich habe ſchon oft zu mir geſagt:„Wenn Laßman mir ein offnes Vertrauen ſchenkte, ſo könnte ich ihm auch zeigen, daß ich deſſelben werth wäre und würde mich aus freiem Willen in ſeine Wünſche fügen. Aber ſo, wo er dieß nicht thut, ſondern mich allezeit wie ein unverſtändiges Kind behandelt, werde ich eigenſinnig und mache ihm oft mehr Verdruß, als ich ſollte.“ „Sagſt Du wirklich ſo zu Dir, liebſte Liſa? Gott weiß es, das iſt ſchön und brav von Dir! Aber in wel⸗ cher Beziehung haſt Du Dich denn über Mangel an Vertrauen von meiner Seite zu beklagen— allenfalls ausgenommen, daß ich ein wenig eiferſüchtig bin?“ „Das iſt vielleicht das Geringſte, dieß beweist doch noch, daß Du mich liebſt; aber zeugt das auch von Liebe, daß im Fall der Herr Dich über Nacht von mei⸗ ner Seite nähme, Du für mich und meine Zukunft auch nicht im Mindeſten geſorgt haſt? Ich müßte vielleicht darben.“ „Nein, liebe Liſa, ſoweit kann es nie kommen, wenn der Herr, wie Du glaubſt, Dich mit Leibesfrucht geſegnet hat; denn, ſiehſt Du, wenn es ſo iſt, ſo erbt das Kind, und Du bekommſt Deinen Pflichttheil.“ Dies kam Liſa gewaltig in die Quere. Was hatte ſte jetzt von all' ihrer Liſt?— nur um ſo tiefer hatte ſte ſich verſtrickt. Da ſich der Alte jetzt mit ſo lieblichen Hoffnungen trug, hatte er ja nicht einmal das Recht, ein Teſtament zu ihren Gunſten zu machen, und das wollte ſie doch; denn Liſa wußte am beſten, was ſie fuͤr Vortheil davon haben würde. Nach einer kurzen Pauſe, während welcher ſie ſich die Sache weiter überlegte, verſetzte ſie:„Ich verſtehe mich nicht auf dergleichen Geſchichten, lieber Mann— aber im Falle das Kind ſterben ſollte, da wäre ich ja wieder ebenſo ſchlimm daran.“ „Nein, mein Engel, dann beerbteſt Du das Kind.“ „Ja, das iſt wohl gut; aber ich kann eben doch meiner Unruhe nicht Herr werden. Unaufhörlich ver⸗ folgt mich der Gedanke, daß ich arm und hungernd in einem Dachſtübchen verkümmern muß, wenn Du ſtürbeſt, ohne mich in Deinem letzten Willen bedacht zu haben. Könnteſt Du denn nicht, zu meiner Beruhigung, Dein Teſtament aufſetzen, und zwar ſo, daß, wenn wir keinen Erben haben, Dein ganzes nachgelaſſenes Vermögen an Deine Gattin ſiele? Siehſt Du, liebes Laßmännchen, dann konnte ich ruhig ſeyn, mag es auch gehen wie es 206 will, daran könnte ich ſehen, daß ich Deine Achtung und Dein Vertrauen beſitze; aber in der ſteten Angſt, in welcher ich jetzt lebe, kann ich für Nichts ſtehen. Es iſt mir immer, als flüſterte mir eine innere Stimme zu, es ſey ein Unglück im Anzug.“ Der Kammerer war voöllig rathlos; er war nicht der Mann, welcher ſich zu übereilen pflegte. Er hatte wohl im Anfange daran gedacht, Liſa zu ſeiner Teſta⸗ mentserbin einzuſetzen; allein ihr Betragen hatte häufig auch wieder andere Gedanken in ihm erzeugt. Freilich war es jetzt ein ganz anderer Kaſus. Hatte ihre Ver⸗ muthung Grund, ſo wäre es Unrecht geweſen, ihre Bitte zu verſagen. Außerdem war ſie in ihrem neuen Zu⸗ ſtande ſo intereſſant, und der Alte ſo glücklich und zer⸗ floß faſt in lauter Hoffnung, daß er große Mühe hatte, ſich in einer ſo kitzlichen Lage von der nöthigen Vorſicht leiten zu laſſen. „Liebſte Liſa,“ ſagte er zärtlich,„ich will mir die Sache überlegen, wenn wir nach Hauſe kommen.“ „Nein, das darf nicht daheim geſchehen,“ entgeg⸗. nete Liſa unruhig;„hier auf derſelben Stelle, wo Du mir das Verſprechen gegeben haſt— denn ich ſehe es in der That ſo an— hier mußt Du auch Dein Wort löſen, ſonſt habe ich keinen Augenblick mehr Ruhe.“ „Aber, liebes Kind, wie denkſt Du nur immer an meinen Tod? Ich bin ja ganz friſch und geſund! Von ſo Etwas muß man nicht ſo viel reden— Du warteſt wohl darauf, daß ich bald unter dem Boden liegen ſoll?“ „Nun, das iſt wunderlich,“ verſetzte Liſa mit ſchnell veränderter Stimme und ſchmiegte ſich dicht an den Al⸗ ten an;„iſt es vielleicht nicht gerade meine eigene Todes⸗ ahnung, welche dieſe Unruhe in mir veranlaßt? Es iſt auch einerlei mit dem Teſtamente: Gib Dein Vermögen, wem Du willſt; mir ahnt, daß ich mich Deiner Güte doch nicht lange werde zu erfreuen haben. Ich fühle mich ſo niedergeſchlagen und verdüſtert, daß ich mich ſelbſt nicht mehr kenne.“ zu wel und , in Es iſt e zu, nicht hatte Leſta⸗ äufig eilich Ver⸗ Bitte Zu⸗ zer⸗ hatte, rſicht r die Sey ruhig, Kind; ſchlag' Dir die ſchwarzen Ge⸗ danken aus dem Sinn! Morgen früh, wenn Du auf⸗ geſtanden biſt, ſoll bei dem Frühſtück Etwas auf Deinem Tiſche liegen, was Dich überzeugen wird, daß ich es gut mit Dir meine.“ Vergnügt ging Liſa zu Bett. Die Ungeduld ließ ſie kein Auge ſchließen. Sie ſah dem Alten ein paar Stunden lang zu, wie er bald umherging, bald ſich niederſetzte, bald wieder aufſtand; am Ende ging er auch zu Bett. Allein bei guter Zeit war er wieder auf den Beinen und das Herz hüpfte Liſa vor Freude, als ſie ſah, wie er aus ſeiner Reiſeſchatulle Schreibmaterialien hervorholte. Zwei gute Stunden verfloßen, ehe er mit dem Aufſatz fertig war; dann ging er aus, um, wie Liſa richtig ſchloß, die Zeu⸗ gen unterſchreiben zu laſſen. Endlich kam er zurück und weckte ſeine Frau. Liſa wünſchte ihm lächelnd und mit einem Kuß guten Mor⸗ gen, was dem Kammerer ſo wohl that, daß er, trotz der Bangigkeit, welche nach vollbrachtem Entſchluß über ihn kam, ſich dennoch bis in den ſiebenten Himmel erhoben fühlte. In drei Minuten war Liſa angezogen, ebenſo ſchnell das Zimmer aufgeräumt; der Kaffee kam, und während die junge Frau auf die Seite ging, um Zwie⸗ back zu holen, legte der Kammerer das wichtige Doku⸗ ment unter ihren Teller. Und Liſa— wie zärtlich und hingebend, wie überfließend von Dankbarkeit lehnte ſie ſich, mit dem Teſtament in der Hand, an die Bruſt ihres Mannes! „Du wirſt meine Güte nicht mißbrauchen: nicht wahr, mein Kind?“ ſagte der Alte mit großer Rührung. „Nein, gewiß nicht, nie werde ich dies thun, nie werde ich vergeſſen, wie lieb Du biſt!“ Am nämlichen Tage reisten ſie nach Stockholm zurück. Von den Hoffnungen des Alten war Nichts weiter zu hören. Er merkte bald, daß es Liſa nicht gerne hatte, wenn man ſie daran erinnerte. Der Kammerer ſchwieg: 208 ſie war ja ſo ſanft und nachgiebig. Aber Liſa dachte bei allem dem:„Wenn Roſell nicht bald kommt— ſo ſterbe ich vor Langeweile bei der Zärtlichkeit des Alten.“ Siebenzehntes Kapitel. Der Held der Geſchichte von der Fiſcherstochter. Wetterquiſts Luftſchlöſſer fangen an ein beſſeres Fundament zu bekommen. In dem achteckichten Kabinet, welches die Reihe prachtvoller Gemächer in dem Hauptgebäude des großen Herrenſitzes Dagſtaholm ſchloß, ſaßen die Damen um einen kleinen Arbeitstiſch vor der offenen Glasthüre, welche zu dem Balkon führte. Auf dem Tiſche ſtand ein Fruchtkorb, aus welchem Mathilde Lindfelt eine purpur⸗ rothe Birne nach der andern holte, ſie mit einem filber⸗ nen Meſſerchen ſchälte und bald ihrer Tante, bald ihrer Mutter auf der Spitze deſſelben präſentirte. „Iſt dieſe nicht gut, liebe Tante?“ fragte Mathilde, legte die unberührte Frucht auf die Seite und bot ihr eine andere. Die Gräfin L—, eine Dame von noblem Ausſehen und weit mehr„hochgeborner“ Grazie als ihre Schwe⸗ ſter, die Baronin, legte ihre Hand ſachte auf Mathildens Schulter und richtete dann ihre Augen mit ſehr ernſt⸗ haftem Ausdruck auf den Grafen, welcher in halbliegen⸗ der Stellung auf einer Chaise longue in einen Brief ſtarrte, den er, wie die Gräfin wohl geſehen, nicht aus der Hand gelegt hatte ſeit er ihn geöffnet, bereits eine volle halbe Stunde. Der Brief ſchien indeſſen gar nicht ſehr lang zu ſeyn— zwei kleine Blätter lagen darin. Nach einem Stillſchweigen von ein paar Minuten wagte die Gräfin die Frage:„Du haſt wohl eine un⸗- angenehme Nachricht erhalten, lieber Mann?“ Man hörte es an dem Ton ihrer Stimme, daß ſie die Unter⸗ brechung ſelbſt für eine Dreiſtigkeit hielt, und daß ſie dachte — ſo lten.“ rquiſts rpur⸗ ilber⸗ ihrer hilde, tt ihr ſehen chwe⸗ ldens ernſt⸗ 2⁰9⁹ ſich dieſelbe nur aus Sorge für ihren Gatten erlaubt hatte.— „Nein! warum?“ erwiederte der Graf ziemlich rauh. „Es iſt ein Geſchäftsbrief.“ Die Gräfin ſagte Nichts; aber ſie kannte ihren Mann, deſſen Geſicht ſie längſt ſtudirt hatte, zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſeine Gleichgültigkeit einzig in der Gewohnheit des Weltmanns, ſeine Gefühle zu verbergen, ihren Grund hatte. Etwas Wichtiges mußte der Brief enthalten, davon war ſie überzeugt, und das warme Mutterherz, welches nur Einen geliebteu Sohn beſaß, der jetzt ferne war, fürchtete unaufhörlich, daß dieſem, Gott weiß was für etwas Schlimmes, möchte zuge⸗ ſtoßen ſeyn. 4 „Iſt heute kein Brief von Leopold gekommen?“ ſagte ſie, um ſich jedenfalls darüber ſicher zu ſtellen. „Wozu auch! Du denkſt an nichts Anderes, als an Deinen Leopold und immer wieder an Deinen Leo⸗ pold!“ Damit ſtand der Graf auf, nahm ſeine Papiere zuſammen und ging. Mathilde, welche eine Thräne im Auge der Tante zittern ſah, beugte ſich zu ihr nieder und küßte ihre Hand; ſie fühlte ſich gedrungen, womöglich den unange⸗ nehmen Eindruck zu verwiſchen, welchen die undelikate Antwort des Grafen auf die Tante gemacht haben mußte. Die Baronin hatte Nichts gemerkt: ſie war zu ſehr mit dem Ausſtechen des Muſters zu einer Perlſtickerei be⸗ ſchäftigt. Auf ſeinem Zimmer angekommen, warf ſich der Graf in einen Lehnſtuhl; den Brief hielt er zuſammengedrückt in der einen Hand, mit der andern bedeckte er das Ge⸗ ſicht, auf welchem ſtürmiſche Aufregung zu leſen ſtand. So blieb er den ganzen Abend ſitzen. Bei der Abend⸗ tafel erſchien er nicht, und als er am andern Morgen in das Frühſtückzimmer trat, ſchrack die Gräfin vor ſei⸗ nem unſtäten Blick zurück. Sie ſah, daß, trotz aller Kammerer Laßman. II. 14 2¹0 Anſtrengung, welche er machte, ſein Geſicht abweſend war, ſo daß er ſie kaum hörte; die zärtliche, aufmerk⸗ ſame Gattin hätte in den Augen, welche ſie ſo ſehr liebte und zugleich fürchtete, lieber Zorn oder ſogar Gram geleſen, als dies ſchreckliche Etwas, welches ſie ſich we⸗ der zu erklären noch zu begreifen vermochte. Am Abende deſſelben Tags ſaßen die Damen an dem Fenſter im Salon, wo gewöhnlich der Thee ge⸗ trunken wurde, als ein Wagen mit zwei Herren in den Hof fuhr. „Es kommen Fremde, liebe Tante!“ ſagte Mathilde; allein es lag nicht die geringſte Freude in ihrem Ton. Auf dem Lande macht ſonſt jungen Mädchen ein Beſuch großes Vergnügen; allein Mathilde, die ihren Verluſt mit von Stockholm hergebracht hatte, ſehnte ſich nach keiner Unterbrechung ihrer Einſamkeit, welche ihr er⸗ laubte, ſich faſt ausſchließlich mit der Erinnerung zu beſchäftigen. „Es iſt mir nicht lieb, daß heute Jemand kommt,“ verſetzte die Gräfin etwas ängſtlich;„ich fürchte, Ernſt iſt heute nicht ſehr aufgelegt. Aber ich ſehe, es iſt unſer Amtmann; er hat wohl Geſchäfte in Lennartsby; da pflegt er ſtets auch hieher zu kommen. Es iſt ein lieber freundlicher Greis; Ernſt und ich halten viel auf ihn.. „Aber wer iſt denn bei ihm?“ fragte Mathilde mit heftigem Herzklopfen und traute kaum ihren Augen. „Ich weiß nicht; wahrſcheinlich ein Aſſeſſor oder Notarius; in der Regel bringt der Alte einen von ſei⸗ nen jungen Leuten mit. Aber, Mathilde, willſt Du ſo gut ſeyn, Ernſt ſagen, daß der Amtmann hier iſt!“ Mathilde war herzlich froh, daß ſie einen Vorwand hatte, das Zimmer zu verlaſſen; denn als der junge Mann ſich umdrehte, hatte ſie ganz deutlich ein Geſicht geſehen, welches ihr zu lebhaft in der Erinnerung war, als daß ſie es hätte verkennen ſollen.„Mein Gott, wie kommt er hieher!“ Sie erinnerte ſich übrigens ſogleich, daß e zu ei ihn g für il große fragte verra verga dieſe Som konnt komm und j ſich 3 ſich 9 wohl verleg alten grüße ſchon des N9 Siche einbil ohne an ih glückl den, d tirte alter wunde erinne nicht? daß er ihr früher ſeinen Entſchluß mitgetheilt hatte, ſich zu einem Amte zu begeben und ſein Glück prieß, welches ihn gerade in den Gerichtsbezirk führe, in welchem das für ihn jetzt zehnfach theure Dagſtaholm lag. Vor dem erſten Wiederſehen hatte Mathilde jedoch große Angſt.„Sollte wohl die Tante Etwas merken?“ fragte ſie ſich;„und ſollte Wetterquiſt ſich nicht vielleicht verrathen? Er wird immer gleich ſo roth!“ Mathilde vergaß, wie oft ſie ſelbſt zu erröthen pflegte. Aber all' dieſe Sorgen mußten der Freude weichen, den ganzen Sommer in der Nähe des Geliebten zu leben. So oft konnte er allerdings wahrſcheinlich nicht nach Dagſtaholm kommen; aber man hatte ja die Kirche, den Pfarrhof und ſonſtige Orte, wo es hie und da Gelegenheit gab, ſich zu treffen. Einige kleine Verſchönerungen in der Toilette konnte ſich Mathilde indeſſen nicht verſagen, und nachdem ſie wohl überlegt hatte, daß ſie durchaus nicht blöde und verlegen erſcheinen dürfe, ſondern den Notarius als einen alten Bekannten aus der Hauptſtadt empfangen und be⸗ grüßen müſſe, kehrte ſie in den Salon zuruͤck. Allein ſchon bei dem erſten Blick, welcher ſie aus den Augen des Notarius traf, war es ganz und gar vorbei mit der Sicherheit, welche ſie ſo leicht annehmen zu können ſich einbildete. Sie verbeugte ſich, ohne zu wiſſen vor wem, ohne ein Auge aufzuſchlagen, ſchlich dann ganz verlegen an ihren vorigen Platz am Fenſter und fühlte ſich ſehr glücklich, unten im Hofe irgend einen Gegenſtand zu fin⸗ den, auf den ſie hinabblicken konnte. Die Gräfin ſprach mit dem Amtmann und präſen⸗ tirte ihm ihre Nichte.„Der Herr Notarius iſt ja ein alter Bekannter von Dir?“ ſagte ſie und ſah etwas ver⸗ wundert auf Mathilden, welche ſich deſſen gar nicht erinnern zu wollen ſchien. „Mathilde, ſiehſt Du denn Deinen frühern Lehrer nicht?“ fragte die Baronin in faſt ſtrengem Tone. Die 14 komme. 212 ehrliche, herzensgute Baronin glaubte, Mathildens Ver⸗ wirrung einem kleinen Anflug von Hochmuth zuſchreiben zu müſſen. „O ja— Mama!“ erwiederte das Mädchen, wel⸗ ches vor ſeiner eigenen Blödigkeit erſchrack und ſtand auf, um Wetterquiſt noch ein Mal leicht zu grüßen. Dieſer erkundigte ſich mit erkünſtelter Unbefangenheit, wie dem Fräulein die Landluft in dem ſchönen Dagſtaholm be⸗ Ehe Mathilde antworten konnte, trat der Graf in's Zimmer. In ſeinen Bewegungen, die ſonſt ſehr ruhig, kalt und abgemeſſen waren, lag jetzt eine gewiſſe Heftig⸗ keit, unter welcher er eine kaum gedämpfte Unruhe ver⸗ bergen zu wollen ſchien. Sehr höflich grüßte er den Amtmann, einen würdigen Greis, mit ſo hübſch ge⸗ ſcheitelten ſilbergrauen Haaren, daß ein Stutzer ihn darum beneidet hätte. Die Gräſin fürchtete, der Graf möchte ihn mit der gleichgültigen Hoͤflichkeit behandeln, welche er, ſeinen Gäſten gegenüber, nicht ſelten anzu⸗ nehmen pflegte, wenn er ſich nicht bei guter Laune be⸗ fand, und war deßhalb nicht wenig überraſcht, als ſie ſah, wie ſehr ſie ſich geirrt hatte; aber ihr Erſtaunen erreichte den höchſten Grad, als ſie bemerkte, wie er mit einem Wohlwollen, welches er nicht leicht gegen Fremde zeigte, dem Notarius die Hand reichte und ihn will⸗ kommen hieß. „Ach, wie liebenswürdig kann mein Ernſt ſeyn,“ dachte die ſanfte Gräfin,„wenn er ſeine Gäſte ſo em⸗ pfangen will.“ Plötzlich erröthete ſie heftig: die erſtaun⸗ liche Aehnlichkeit des jungen Notars mit ihrem Gemahl konnte ihr nicht entgehen. Dieſe lag nicht allein in den Geſichtszügen, ſondern auch in der Uebereinſtimmung der ganzen Haltung, und hauptſächlich einer auffallenden Gleichartigkeit gewiſſer Bewegungen und Geſten. Und als ſie in demſelben Augenblick den Amtmann des No⸗ tarius Namen nennen hörte, auf welchen ſie vorher nicht Acht gegeben hatte, ſo erinnerte ſie ſich plötzlich, daß ſie ₰ vor l ron4 kannt Wette ( in ein herrſe dem chen und k Brief ſtand denno viel 4 ſelbſt Alles ſeyn, Mal wenig leicht das ſt viel L 4 trat, dem ihm einige nicht und d antwo richter 5 nern ihr H ſam — 7 Ver⸗ eiben wel⸗ auf, dieſer dem be⸗ in's uhig, eftig⸗ ver⸗ ⸗ den ) ge⸗ — ihn Graf ndeln, anzu⸗ le be⸗ ls ſie aunen er mit remde will⸗ ſeyn,“ o em⸗ ſtaun⸗ hemahl ein in umung Ulenden Und 8 No⸗ r nicht daß ſie 213 vor langer Zeit gehört, die geſchledene Gattin des Ba⸗ ron Henning H—, deren Abentheuer ihr hinlänglich be⸗ kannt waren, habe in zweiter Ehe einen Rathsherrn Wetterquiſt geheirathet. Dieſe unwillkührliche Entdeckung verſetzte die Gräſin in eine Aufregung, welche ſie nur ſchwer ganz zu be⸗ herrſchen im Stande war. Sie wußte wohl, daß mit dem Grafen von einer ſo kitzlichen Sache nicht zu ſpre⸗ chen war, allein ſie nahm ſich vor, ihn auszuforſchen, und kam bald zu dem Reſultat, daß der geheimnißvolle Brief im Zuſammenhang mit einer alten Erinnerung ſtand, welche der Graf nicht gerne zurückrief, die aber dennoch eine Wirkung auf ihn machte, woraus die Gräfin viel Hoffnung ſchöpfte, hauptſächlich daß ihr Gemahl ſelbſt etwas Näheres über den Notarius wiſſen müſſe. Ulles dieſes domute nun freilich auch bloße Einbildung ſeyn,— aber gleichviel, wenn ein Frauenzimmer ein Mal Etwas im Kopfe hat, abſonderlich wenn es ein wenig an das Nomantiſche gränzt, ſo läßt es ſich nicht leicht davon abbringen. Indeſſen gelobte ſich die Gräfin das ſtrengſte Stillſchweigen— ſie war eine Dame von viel Weltton und Delikateſſe Was Wetterguiſt empfand, als er Dagſtaholm be⸗ trat, läßt ſich nicht leicht ſagen, noch weniger, was bei dem freund! ichen Empfang von Seiten des Grafen in ihm vorging. Er mußte ſich zur Seite wenden, um einige Selbſtbeherrſchung zu gewinnen, allein er konnte nicht verhindern, daß das Blut von ſeinen W Vangen wich und daß ihm die Stimme verſagte, als er auf die Frage antworten ſollte, welche der Amtmann zufällig an ihn richtete, Alle dieſe Zeichen eines gewaltſam aufgeregten In⸗ nern entgingen dem ſcharfen Auge der Grafin nicht; ihr Herz ſprach für den jungen Mann, welcher ſo ein⸗ linr und hilflos in der Welt daſtand. „Wie ſonderbar ſich der Notarius gibt!“ flüſterte 214 8 die Baronin Lindfelt ihrer Schweſter in das Ohr. „So iſt er jedes Mal, wenn er meinen Schwager ſteht.“ „Hat er ihn denn ſchon früher geſehen?“ fragte die Gräfin eben ſo leiſe. „Ein Mal, am Fenſter, bei uns zu Stockholm, und da blieb er mitten auf der Straße ſtehen— wirk⸗ lich höchſt ſonderbar!“ Die Graͤfin wünſchte ein allgemeines Geſpräch in Gang zu bringen und gab deßhalb keine Antwort auf die Anmerkung der Baronin; ſie hatte indeſſen wohl vernommen, was jene ſagte, und fand darin einen wei⸗ teren Beweis für ihre Vermuthung. Nach und nach legte ſich der Sturm der Elemente in Wetterquiſts Buſen; er konnte jetzt auf die an ihn gerichteten Fragen antworten, wagte es ſogar einen Stuhl zu nehmen und ſich an Mathildens Seite zu ſetzen. Die Aufmerk amkeit, mit welcher er ſich behandelt ſah, ſchmeichelte ihm nicht nur, ſondern weckte auch ſeine Hoffnung und gab ihm Etwas von der Sicherheit, welche er bisher nur in ſeinen Träumen beſeſſen; dagegen ſchien er jetzt der Verwirklichung ſeiner Träume näher zu ſeyn, deßhalb erhob er auch ſeinen Blick zu Mathilde, welche ihrerſeits, mehr beruhigt durch die Art, womit er von ihren Angehörigen behandelt wurde, ſich mit weniger Zurückhaltung der Luſt überließ, ihn zu hören und ihm zu antworten. Bei dem Abſchied bat der Graf unſeren Wetter⸗ quiſt, ſeinen Beſuch bald zu wiederholen; dem Amt⸗ mann hatte er gelegentlich einiges Schmeichelhafte über das artige und anſpruchsloſe Benehmen des jungen Mannes geſagt.„Man trifft dergleichen ſo ſelten,“ ſetzte er hinzu,„daß man ſich in der That für ihn in⸗ tereſſtren muß.“ Von meiner Schwägerin, deren Tochter Mathilde er Unterricht gab, habe ich vernommen, daß er ſehr arm, aber ſehr geſchickt ſeyn ſoll. Wenn er ſich 2 im Geſchäft gut anläßt, ſo ſoll es mir Vergnügen ma⸗ cher zu fen find ſo ein und nüt ein kon mer mer übe mel täu häl paf gro Gr Ge wie den ſich auf Wi hol des me mi M ner ſo we Sc Ohr. eeht.“ ragte polm, wirk⸗ ich in tt auf wohl wei⸗ mente n ihn einen ſetzen. t ſah, ſeine welche ſchien er zu thilde, womit h mit hören Vetter⸗ Amt⸗ re über jungen elten,“ hn in⸗ Tochter 1, daß er ſich en maͤ⸗ chen, zu ſeinem weiteren Fortkommen Etwas beitragen zu können.“ Der Amtmann war ganz verwundert, bei dem Gra⸗ fen eine ſolche Theilnahme für einen ſeiner Gehilfen zu finden; da er aber ſelbſt Zuneigung zu Wetterquiſt hatte, ſo wünſchte er aufrichtig, daß der Graf ſich ſeiner Zeit ein Mal ſeines Verſprechens wieder erinnern möchte. So verfloß ein Monat, während deſſen Mathilde und Wetterquiſt einander öfter ſahen; denn dieſer be⸗ nützte die Einladung fleißig und ließ ſich jede Woche ein Mal zu Dagſtoholm ſehen. Er war allezeit will⸗ kommen und Roland ſchien Etwas gegen ſeine Auf⸗ merkſamkeit für Mathilden zu haben. Allein dieſe Auf⸗ merkſamkeit beſchränkte ſich auf die zarteſte Huldigung, über deren wahren Grund indeſſen eine Perſon, welche mehr Scharfblick beſaß als die Baronin, ſich nicht täuſchte. Es war die Grüfin; ſie erkannte das Ver⸗ hältniß recht wohl; aber da ihr Gemahl die Sache paſſiren ließ, ſo ſchwieg ſie auch. Gegen den Herbſt hin wurde Wetterquiſt, zu ſeiner großen Freude, wahrſcheinlich durch Mitwirkung des Grafen beauftragt, das erſte Mal unabhängig ſelbſt Gericht zu halten. Wie klopfte ihm das Herz bei dieſer wichtigen Verhandlung, welche ihm der erſte Schritt zu dem Ziele ſchien, das er längſt im Auge hatte! Als er ſich nach dieſem großen Ereigniß das erſte Mal wieder auf Dagſtaholm vorfand— geſchmeichelt durch einige Worte des Lobes aus dem Munde des Amtmannes er⸗ hoben durch ſein eigenes Bewußtſeyn, durch die Güte des Grafen, und hauptſächlich durch ſeinen nie ſchlum⸗ mernden Stolz, ſeinen nie ruhenden Ehrgeiz— als er mit dem neuen Titel Diſtriktsrichter begrüßt ward und Mathildens ſchöne Augen ihm Glück zu wünſchen ſchie⸗ nen, da ſchwindelte ihm der Kopf, das Herz war ihm ſo voll und verrieth ſich dergeſtalt, daß die Baronin, welche bisher völlig blind geweſen, am Abende zu ihrer Schweſter ſagte:„Liebe Julie, haſt Du heute nicht et⸗ 216 was ganz Eigenes an unſerem neuen Diſtriktsrichter bemerkt?“ „Nein, nicht gerade etwas Beſonderes!“ erwiderte die Gräfin, welche nicht gern auf den Gegenſtaud ein⸗ gehen wollte, da ſie nicht wußte, wie ihr Gemahl dar⸗ über dachte. 3 „Es dünkte mir, als ob er Mathilden auf eine Art angeblickt hätte, welche mir Veranlaſſung zu einer oder der andern weitern Vermuthung gibt. Es wäre doch in der That keine paſſende Partie für ſie und ich hoffe, ſie wird dieß auch ſelbſt einſehen.“ „Wenn Du ſo Etwas meinſt,“ verſetzte die Gräfin, „ſo berühre die Sache wenigſtens nicht eher, als bis wir weiter darin ſehen! Ich will hören, was Ernſt dar⸗ über ſagt.“ „Ach, das können wir uns im Voraus denken,“ meinte die Baronin,„jedenfalls will ich aber warten, damit wir uns nicht übereilen.“ Am andern Morgen trat die Gräfin zeitig in das Zimmer ihres Gemahls. Dieſer ſaß am Schreibtiſch. „Ich ſtöre Dich doch nicht?“ fragte ſie.„Ich möchte gern Etwas mit Dir reden.“ „Was ſteht Dir zu Dienſten?“ fragte der Graf, und wider ſeinen Willen überzog eine dunklere Farbe als gewöhnlich ſeine Wangen. „Mathilde....“ oe die Gräfin fort,„wenn Du Zeit haſt, ſo wollte ich über ſie ein paar Worte mit Dir reden.“ Der Graf wendete ſich mit ſeinem Stuhl um, und bot ſeiner Gemahlin einen andern an. „Ich bin wegen Mathilden in Unruhe. „Wie ſo?“ „Haſt Du nicht bemerkt— denn Du haſt es ge⸗ wiß— daß Wetterquiſt, der Diſtriktsrichter, ihr eine ganz entſchiedene Aufmerkſamkeit erzeigte?“ „Nun, und was weiter?“ „Luiſe hat mir geſtern Abend geſagt, man müſſe 74 der S doch, keine es noc ſo wei ſehr b 7 zieml 7 bis d Ausſi ſie ſo überz geſtec daß( terqu vorwe Waſſe ſich o ſah i Auge Ernf ein fang ich r tergt ge⸗ eine nüſſe 217 der Sache zuvorzukommen ſuchen. Offenbar kann es doch, wenn es ihm auch Ernſt ſeyn ſollte, für Mathilden keine paſſende Partie ſeyn, und blos zum Scherz wäre es noch unpaſſender: Ich fürchte, daß die Leutchen ſchon ſo weit mit einander ſind, daß ihnen eine Trennung ſehr bitter ſcheinen wird.“ „Was hat denn Luiſe für Abſichten mit Mathilde?“ Ich finde gar nicht, daß dieſe Partie ſo unpaſſeud wäre.“ „Er iſt aber arm, ſehr arm, ohne alle Verbindung und Verwandtſchaft— was hat er für die Zukunft zu hoffen?“ „Das Nämliche, was jeder junge Mann mit Kopf, Fleiß und Ueberlegung zu hoffen hat: einen Dienſt— und wenn er dieſen hat, ſo denke ich, iſt die Partie ziemlich egal.“ „Ja wenn es ein Mal ſo weit iſt. Allein wie ſich bis dahin verhalten? Luiſe wird denn doch wohl dieſe Ausſichten für Mathilden ein wenig unſicher finden.“ „Du magſt Luiſen ſagen, daß ich geäußert habe, ſie ſoll der Sache ihren Lauf laſſen! Ihr dürft Beide überzeugt ſeyn, daß ich derſelben ſchon lange ein Ziel geſteckt haben würde, wenn ich nicht eingeſehen hätte, daß Etwas daraus werden kann. Uebrigens darf Wet⸗ terquiſt auch auf meine Protektion rechnen; er ſoll ſchon vorwärts kommen. Bis auf Weiteres laßt Ihr dem Waſſer ſeinen Lauf!“ Die Gräfin war im Begriff, ſich zu entfernen, drehte ſich aber ſchnell um, ergriff ihren Gemahl bei der Hand, ſah ihm mit einem unwiderſtehlichen bittenden Blick in's Auge und ſagte:„Du verbirgſt mir Etwas, lieber Ernſt? Nicht wahr? Mich hat ſchon längſt verlangt, ein Geheimniß zu theilen, welches ich bereits von An⸗ fang an geahnt habe; ſchenke mir Dein Vertrauen— ich werde es nicht mißbrauchen!“ Der Graf blickte ſie mit großem Erſtaunen an. „Du willſt böſe werden— thu' das nicht! Wet⸗ terquiſts Aufregung, als er das erſte Mal zu uns kam, 218 Dein eigenes Benehmen, gewiſſe Umſtände, welche ich vor langer Zeit gehört und wieder vergeſſen hatte— ach Ernſt, iſt nicht..... 4 Der Graf beugte ſich zu ſeiner Gemahlin herab und küßte ſie auf die Stirne. Sie ſchlang die Arme um ſeinen Hals. Ein paar Sekunden verfloſſen, die Gräfin fühlte, daß ſie ihres Gemahls ganzes Ver⸗ trauen hatte.— „Nichts Halbes ſoll ſeyn!“ ergriff der Graf das Wort, zog einen Brief hervor und gab ihr denſelben. Es war der nämliche, welcher früher ihre Aufmerkſam⸗ keit erregt hatte.„Wenn Du geleſen haſt, Julie, wenn Du meine Beweggründe kennſt, ſo frage nicht weiter! Alles liegt offen vor Dir und ich bin gewiß, daß Du mit mir über das Paſſende einer Verbindung zwiſchen Mathilde und Wetterquiſt gleich denken wirſt.“ „Ganz gewiß!“ erwiederte die Gräfin. Der Graf ging in ſein Kabinet, und ſchloß hinter ſich ab; die Gräfin öffnete den Brief, in welchem zwei weitere Papiere lagen und las: „Hochgeborner Herr Graf! Die beiliegende Abſchrift des Trauſcheins meines Freundes, des verſtorbenen Rathsherrn Wetterquiſt, über deſſen Verehlichung mit der geſchiedenen Gattin des Baron J.—, ſowie die weitere Kopie des Taufſcheins von dem ihm zugebrachten Sohn, wird, auch ohne daß ich näher auf den Gegenſtand eingehe, die Freiheit ent⸗ ſchuldigen, welche ich mir, als den ehemaligen Vormund des jungen Wetterquiſt, zu nehmen wage. Der Rathsherr Wetterquiſt, welcher aus Liebe zu ſeiner Frau, deren Sohn Ernſt Theodor adoptirte, gab ihm, ſoweit es ſein unbedeutendes Vermögen zuließ, eine ſorgfältige Erziehung. In ſeinem fünfzehnten Jahr, als Gymnaſiaſt zu Skara, verlor Theodor kurz nach einander Mutter und Pflegevater. Er erhielt dadurch zugleich auch Kunde von dem Geheimniß, welches auf ſeiner Geburt ruhte, allein weit entfernt, ſich derſelben zu ſe liebe lüfte zu r wöckl dem quen wele Flei Hoch ſo w fleif ſich ihn Mi⸗ von häl hat und ſeir Se gen ein ſt a. ach ſel auf die nie mi me er; ni El herab Arme , die Ver⸗ f das elben. kſam⸗ wenn eiter! 3 Du iſchen hinter zwei neines „über n des cheins e daß it ent⸗ mund be zu „gab zließ, Jahr, nach adurch s auf ſelben zu ſeinem Vortheil zu bedienen, ſchien er entſchloſſen, lieber Hungers zu ſterben, als ſelbſt den Schleier zu lüften. Sein angeborner Stolz, welchen ich unterdrücken zu müſſen glaubte, bewog mich, ihm in Skara einen wöchentlichen Freitiſch zu verſchaffen; allein erſt nach⸗ dem er drei Tage lang dem Hunger getrotzt hatte, be⸗ quemte ſich ſein Stolz zu der großen Erniedrigung, für welche er es anſah. Er arbeitete mit angeſtrengtem Fleiß, um das Gymnaſium zu abſolviren. Auf der Hochſchule betrug er ſich ſehr gut und war dort, eben ſo wie auf dem Gymnaſium, gleich bekannt wegen ſeiner fleißigen Studien und wegen ſeines Stolzes. Er wandte ſich nie an Jemand anders als an mich, und als ich ihn nicht länger unterſtützen konnte, da meine eigenen Mittel ſehr beſchränkt ſind, hörte ich nichts weiter von ihm. 5 Indeſſen habe ich mich doch über ſeine jetzigen Ver⸗ hältniſſe erkundiget, da er mich fortwährend intereſſirt hat. Er hielt ſich ein paar Jahre in Stockholm auf, und arbeitete bei dem Hofgericht, wo ſer aber trotz ſeiner äußerſten Sparſamkeit genöthigt war, einige Schulden zu machen. Dann hat er es ſo weit zu brin⸗ gen gewußt, daß er an ein Amt kam und zwar zu einem Diſtriktsrichter in dem Bezirk, zu welchem Dag⸗ ſtaholm gehört. Ich habe bisher das ſtrengſte Stillſchweigen beob⸗ achtet, wie es meine Pflicht war, indem Wetterquiſt ſelbſt nie die Anſprüche geltend gemacht hat, welche er auf eine Unterſtützung machen konnte; da ſich aber die Umſtände ſo wunderbar gefügt haben, konnte ich nicht umhin, Ew. Hochgeboren den Verhalt der Sache mitzutheilen. In der Ueberzeugung, daß ich dadurch meinem ehemaligen Mündel einen weſentlichen Dienſt erzeigt, einen Schritt, den er bei ſeinem Charakter niemals für ſich gethan haben würde, habe ich die Ehre ꝛc. ꝛc. zc. Lavs Engblom.“ „Der arme Junge,“ dachte die Gräfin, und ein paar Thränen fielen auf den einfachen Brief,„er hat gehungert und gedarbt, während mein Leopold im Ueberfluß gelebt hat! Aber er ſoll jetzt eine zweite Mutter gefunden haben. Und Mathilde ſoll ſeine Frau werden— wie gnädig iſt doch Gott, welcher Alles ſo gefügt hat, daß wenigſtens noch Etwas gut gemacht werden kann!“ Die Gräſin wollte ihren Gatten nicht ſtören. Sie machte ein Couvert über den Brief und ſchrieb dazu: „Ernſt Theodor und Leopold können vor der Welt nicht Brüder ſeyn, allein in meinem Herzen ſind ſie es: ich will dem Einen ſo gut eine Mutter ſeyn wie dem An⸗ dern. Für meine Vorſicht darf Dir nicht bange ſeyn.“ Die Baronin war höchlich erſtaunt, als ſie ver⸗ nahm, daß ihr Schwager der Anſicht ſey, in ein paar Jahren könne Wetterquiſt eine ganz wünſchenswerthe Partie für Mathilden abgeben: da ſie gewohnt war, den Grafen in Allem für ein Orakel anzuſehen, hatte ſie Nichts dagegen einzuwenden und es koſtete ihr ebenfalls keine Ueberwindung, dem Rath ihrer Schweſter zu fol⸗ gen und ſich Nichts merken zu laſſen. Ueberhaupt war ſie vielleicht froh, daß die Sache ohne irgend einen ver⸗ drießlichen Auftritt abgelaufen, denn ſo Etwas war ganz und gar gegen ihre Natur. Den Liebenden hing der Himmel voll Baßgeigen. Mit dem Winter ſollte Wetterquiſt übrigens wieder nach Stockholm zurück. Nach einer Unterredung mit dem Grafen, über deren Gegenſtand unſere Geſchichte ſchweigt, hatte dieſer nichts gegen die Reiſe einzuwenden. Bei ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt war der arme Notarius in der Dachkammer verſchwunden— der Diſtriktsrichter Wetterquiſt wohnte in einem hübſchen Logis von zwei Zimmern, hatte in Kurzem eine An⸗ ſtellung auf der Hofkanzlei, und war überhaupt eine durchaus andere Perſon. Daß er auch in ſonſtiger Be⸗ ziehung in ganz anderen Verhältniſſen ſtand, geht aus den nur mu ſein wur den. rme der hen An⸗ eine Be⸗ aus folgender Stelle ſeines erſten Briefs an Mathilden hervor: ——— Niemals, theuerſte, holde Mathilde, hätte ich den Muth gehabt, Dir alles dieſes mündlich zu ſa⸗ gen; aber getrennt von Dir, iſt es der ſüßeſte Genuß meines Herzens, Dir zu wiederholen, daß meiner Seele das Leben ſehlt ohne Dich. O Mathilde, als ich Dich ſah, da brauchte ich Dich nur zu ſehen— und ſchreck⸗ lich, ſchrecklich bitter würde meine Täuſchung ſeyn, wenn Du nicht auch etwas für mich fühlteſt. Nein! Deine Augen können nicht lügen! Allein jetzt, nachdem ich dem Grafen meine Wünſche, meine kühnen Hoffnungen für die Zukunft entdeckt habe, nachdem er mich mit Güte angehört hat— jetzt glühe ich vor Sehnſucht, von Dir zu hören, daß ich mich nicht betrogen habe. Sey nicht boͤſe darüber, theure Mathilde, daß ich zuerſt mit Dei⸗ nem Oheim geſprochen; aber ohne dieſen hätte ich ja. nicht den Muth gehabt, meiner Hoffnung Worte zu lei⸗ hen. Wundere Dich auch nicht darüber, daß ich vor meiner Abreiſe keine Sylbe gegen Dich geäußert habe — es war mir unmöglich: ich war in der That zu blöde, zu bange. Aber jetzt— geliebte Mathilde— mit wel⸗ cher Sehnſucht harre ich darauf— ein paar liebende Worte von Deiner Hand, und ich werde nicht ruhen noch raſten, bis ich die unabhängige Stellung gewonnen habe, welche ich Dir anzubieten wagen darf. Dein Theodor.“ Mathildens Antwort, ſchüchtern und zärtlich, ließ den glücklichen Liebhaber alles Glück hoffen, was er ſich nur immer zu träumen wußte. Wettergiuſt ſegelte jetzt mit gutem Wind. Indeſſen muß man ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſein Uebermuth vielmehr abnahm, als ſich ſteigerte: er wurde in der That, was man ſagen kann, nüchtern und 222 verſtändig, und als ſich der erſte Taumel der Seligkeit ſeines neuen Zuſtandes gelegt hatte, ſchien er ziemlich wie andere Leute zu ſeyn. Achtzehntes Kapitel. Neue Art, wie eine Frau ihren Willen durchſetzt. Abermals ein anderer Liebhaber. Zu Ende des zweiten Winters, nach des Kamme⸗ rers Verheirathung, finden wir ihn mit ſeiner Frau in einer hübſchen und geräumigen Wohnung in einer an⸗ dern Straße. Es war am Morgen nach einem der jetzt nicht mehr ſo ſeltenen Soupe's, welche die Frau zu geben pflegte. Neun Monate hatten völlig hingereicht, in dem innern und äußern Leben des Alten große Aenderungen hervorzubringen. Er hatte nicht nur ſeine Hoffnungen in Bezug auf den erwarteten Stammhalter in Rauch aufgehen ſehen, er hatte ſogar auch die Entdeckung ge⸗ macht, daß ſeine Nachgiebigkeit bei der Teſtamentsfrage Alles dazu beigetragen hatte, die Ruhe zu ſtören, auf welche er dabei gerechnet hatte. Seine Wangen waren eingefallen, der bouteillengrüne Rock hing ſo weitläufig um den Leib, daß man ihn zweimal hätte hineinwickeln können:— ſo ſtand der Alte am Kachelofen. Sein An⸗ geſicht, bleich und ernſt, war gegen Liſa gewandt, welche in einem grünſeidenen Morgenuberrock nachläſſig, ihrer ganzen Länge nach auf dem Sopha lag. „Weißt Du noch etwas?“ fragte ſie, und hielt das geſtickte Taſchentuch vor den Mund, nicht aus Artigkeit, um vor ihrem Mann das Gähnen zu verbergen, ſondern lediglich aus Gewohnheit. „Ob ich nichts mehr zu ſagen weiß?“ wiederholte der Kammerer gramvoll, in einem Ton, welcher nur zu deutlich verkündete, daß er ſeinen frühern Widerſtand aufge Gotte wozu haſt, Du it Das ich m ungeſ hier, in Ge jungen Gott ich bi ſo ein diren, ganz und r auch Raiſo mögen iſt zu Mann daß e Wege wie 2 gehen laſſen, zu we So h. mer v noch, brauch 2 igkeit mlich s ein nme⸗ u in an⸗ nicht eben dem ngen ngen auch ge⸗ rage auf aren ufig ckeln An⸗ elche hrer das keit, dern volte zu and aufgegeben hatte, und ſich demüthig unter das Joch des Gottesengels beugte.„Ich mag ſagen, was ich will— wozu nützt es mir denn?— Du höͤrſt ja doch nicht!“ „Nur kurz, bitte ich mir aus! Laß hören, worüber haſt Du denn zu klagen?“ „Darüber, daß Du mich ruinirſt; denn das thuſt Du in der That, Liſa, durch Deine Vergnügungsſucht. Das hat mir nicht geahnt, als ich Dich nahm, oder als ich mein Teſtament aufſetzte, denn ſonſt wäre Beides ungeſchehen geblieben! Zweimal im Monat große Viſite hier, wenigſtens ein paar Mal in der Woche auswärts in Geſellſchaft, und außerdem das ewige Geläufe von jungen Laffen Trepp' auf, Trepp' ab— da möge ſich Gott erbarmen! Ich beſchwöre Dich, Liſa, geh' in Dich, ich bin ein alter Mann,— das ſollteſt Du bedenken— ſo ein Leben kann ich nicht aushalten!“ „Ja, wer muthet Dir denn zu, Dich zu inkommo⸗ diren, wenn Du es nicht von ſelbſt thuſt? Du könnteſt ganz behaglich in Deinem Stübchen leben, ſo einſam und ruhig, als Du nur immer wollteſt; ich habe es Dir auch ſchon hundertmal geſagt— aber Du nimmſt keine Raiſon an: Du hängſt mir überall auf dem Rucken, es mögen Leute bei uns ſeyn oder ich, mag ausgehen. Das iſt zum allerwenigſten recht lächerlich für einen alten Mann; es gäbe ihm weit mehr Anſehen, wenn er zeigte, daß er ſich um ſeine junge Frau nicht genirte.“ „Ja, ja; nicht wahr, ich ſollte Dich allein Deiner Wege gehen laſſen, meinſt Du?— Ich ſoll nicht ſehen, wie Du unhertreibſt? Nein, ſo lange ich ſtehen und gehen kann habe ich nicht im Sinn, mich einſperren zu laſſen, damit mich daheim alle die Vorſtellungen plagen, zu welchen ich nur eine zu gegründete Urſache habe! So haſt Du nicht geſprochen, als wir im vorigen Som⸗ mer vom Lande nach Hauſe reisten: erinnerſt Du Dich noch, wie Du mir verſprachſt, die Freiheit nicht zu miß⸗ brauchen, als ich ſo ſchwach war, Dir nachzugeben?“ „Ich will doch hoffen, daß ich dieß auch nicht ge⸗ 224 than habe!“ erwiederte Liſa mit verletzter Würde.„Oder kannſt Du vielleicht behaupten, daß ich Dein Vertrauen hintergangen hätte? Glaubſt Du irgendwo eine treuere Gattin zu finden, ſo gut und ergeben, wie ich bin, wenn Du mich in Frieden läſſeſt?“ „Ich weiß nicht, von welcher Beſchaffenheit andere Weiber ſind,“ verſetzte der Kammerer gelaſſen;„aber ſo viel weiß ich, daß ich...... genug an der Meinigen habe“.... war er im Begriff, beizufügen, lenkte aber aus Furcht vor einem Wiſcher ein, und ſetzte hinzu:— „mir die Freuden der Ehe anders vorgeſtellt habe.“ „Ach ja,“ lächelte Liſa mitleidig,„Du haſt Dir eine ganze Menge Dinge gedacht, mein armer Alter, die ſich nicht ſo leicht auf die Beine bringen laſſen.“ „Ja, das habe ich gemerkt!“ iſeufzte der Kam⸗ merer. „Na, lieber Mann,“ nahm Liſa das Wort und warf ſich auf die andere Seite des Sopha,„nun wün⸗ ſche ich, daß Du geſcheidt und ordentlich biſt, und mich nicht mit Deinen ewigen Einwendungen chikanirſt— ich habe Dich um etwas zu bitten.“ „Schon wieder eine Bitte— was für eine neue Thrheit haſt Du Dir denn wieder in den Kopf ge⸗ etzt? 44 „Thorheit— Du biſt gewaltig höflich! Das iſt der Dank dafür, daß ich Dich ſo freundlich und artig um Alles bitte, da ich verlangen könnte, wie andere Frauen; denn es iſt doch wohl die Schuldigkeit des Mannes, ſein Haus zu unterhalten!“ „Ha, ha, alſo um Geld handelt es ſich wieder?“ ſagte der Kammerer und man hörte es ſeiner Stimme an, daß er ſich wie gewöhnlich, wenn das Geldkapitel verhandelt wurde, alle Mühe gab, ſeine frühere Feſtig⸗ keit beizubehalten. „Ja, allerdings handelt es ſich um Geld, und noch dazu um recht viel!“ ſagte Liſa entſcheidend. „Welches Du übrigens diesmal, meine Seele, nicht bekon zehnf weiſe ſich o welch Man zu ſe tungse aber merer ſicht es at niſſe und ſtellu daß könne ſchluf ſtimm und 4 Kraft mit durch ten und Haus fang, Er r als e Ka bekommen wirſt, denn Du haſt ſchon wenigſtens das „Oder rauen zehnfache von dem erhalten, als ich Dir vernünftiger⸗ reuere weiſe hätte geben ſollen.“ wenn„Hör' lieber Mann,“ unterbrach ihn Liſa und ſetzte ſich auf,„ich will Dir eine kleine Geſchichte erzählen, andere welche ich vor kurzem gehört habe. Es war einmal ein ber ſo Mann, der gerade wie Du, am Tage nach der Hochzeit inigen zu ſeiner Frau ſagte:„Hier haſt Du Dein Haushal⸗ 2 aber tungsgeld— jeden Monat bekommſt Du eben ſo viel, u:— aber keinen Pfennig darüber.“ „„Das war hoͤchſt vernünftig!“ meinte der Kam⸗ t Dir merer. 4 Alter,„Wir werden ſogleich hören, ob Du ferner der An⸗ n. ſſiicht biſt. Im erſten Jahr behalf ſich die Frau ſo gut Kam⸗ es anging; im zweiten Jahr mehrten ſich die Bedürf⸗ niſſe und die Ausgaben— gelebt mußte doch ſeyn— t und und ein ſolcher Zuwachs findet ſich leicht. Alle Vor⸗ wün⸗ ſtellungen der Frau, alle ihre Bitten und Verſicherungen, mich daß ſie mit der feſtgeſetzten Summe nicht auskommen rſt— V könne, halfen nichts; der Mann blieb bei ſeinem Ent⸗ ſchluß, und die Frau bekam keinen Pfennig über die be⸗ neue ſtimmte Summe. Am Ende höorten auch ihre Bitten V f ge⸗ und Vorſtellungen auf.“ Des Kämmerers Geſicht verklärte ſich.„Es war iſt der Kraft und Entſchloſſenheit in dem Mann!“ ſagte er ig um mit ſtiller Bewunderung.„Er ſetzte ſeinen Willen andere durch.“ it des„Warte nur, Du ſollſt ſchon weiter hören! So leb⸗ ten ſie etliche Jahre ganz gut und glücklich mit einander, der?“ und der Mann poſaunte überall aus, daß ihm ſeine timme Haushaltung, ungeachtet er weit beſſer lebe, als im An⸗ kapitel fang, keinen Schilling mehr als im erſten Jahr koſte. Feſtig⸗ Er wurde deßhalb hochgeprieſen, und ſeine Frau galt 1 als ein Wunder von Sparſamkeit und Verſtand. End⸗ dnoch Kammerer Laßman. II. 15 nicht 226 lich wurde die Frau krank. Als ſie auf dem Todten⸗ bette lag, ließ ſte ihren Mann rufen und ſagte zu ihm: „Ich fühle, daß es mit mir bald zu Ende ſeyn wird, deßhalb muß ich Dir ein Geheimniß anvertrauen, das bisher Deine Ruhe und Zufriedenheit geſichert hat, wel⸗ ches ich aber nicht mit in's Grab nehmen will, weil es ſonſt meiner Nachfolgerin zum Schaden gereichen könnte. Du erinnerſt Dich, wie ich Dir einige Zeit nach unſerer Verheirathung vorſtellte, daß das beſtimmte Haushal⸗ tungsgeld nicht ausreiche— Du wurdeſt böſe und woll⸗ teſt nichts davon wiſſen, und gabſt mir keinen Stüber weiter⸗ Um nicht Deine Ruhe und unſeren häuslichen Frieden zu ſtören, ließ ich mir einen Nachſchlüſſel zu Deiner Gelskaſſe machen, und nahm jedesmal das Dop⸗ pelte von dem, was Du mir für den Monat auggeſetzt hatteſt. Ich weiß nicht, ob Du jemals den Verluſt be⸗ merkt haſt— da aber der Verdacht des Diebſtahls doch wohl nicht auf Deine Frau fallen konnte, war ich auch in dieſer Beziehung ziemlich ruhig. Ich durfte es auch mit gutem Gewiſſen vor Dir geheim halten, denn ich habe nie einen Pfennig ausgegeben, der nicht nothwen⸗ dig und zum Beſten der Haushaltung geweſen wäre. Jetzt ſage ich es Dir aber, weil Du Dich vielleicht wie⸗ der verheiratheſt, und dann dasſelbe thörichte Begehren an Deine zweite Frau ſtellen könnteſt, welche dann kei⸗ nen ſo guten Ausweg, wie ich, finden möchte.... Und nun, mein lieber Laßman, frage ich Dich, ob Du noch der Meinung biſt, der Ehemann habe klug gehandelt.“ Dem Kammerer fuhr der Schrecken durch alle Glie⸗ der. Seine erſte unwillkührliche Bewegung war, daß er mit der Hand in die Taſche fuhr, um ſich zu vergewiſ⸗ ſern, ob der einzige Talisman, womit er bis daher ſeine Frau noch hatte kirre machen können, ſich noch an ſei⸗ nem Platz befinde. Allein, was half dies, wenn ſie ei⸗ nen Nachſchluͤſſel machen ließ? Von heute an beſchloß der F dem b L Dich Zuflus was 4 eine l 7 um de 7 kann.“ Inſtrt pelkaſ Du f das 1 wenn (im 2 Kamn. Stun koſtet bten⸗ hm: vird, das wel⸗ I es unte. ſerer hal⸗ voll⸗ über chen l zu Dop⸗ eſetzt be⸗ doch auch auch t ich wen⸗ bäre. wie⸗ hren kei⸗ Und noch Glie⸗ ß er wiſ⸗ ſeine ſei⸗ e ei⸗ hloß der Kammerer, ſeinen Schlüſſel an einem Bande auf dem bloßen Leib zu tragen. Liſa lachte.„Wird Dir bange, Männchen? Fürchte Dich nicht, zu einem ſo argen Mittel werde ich meine Zuflucht nicht nehmen! Ich will lieber zuerſt verſuchen, was Bitten vermögen;— allein Du ſiehſt daraus, wie eine liſtige Frau ſich zu helfen weiß.“ „Wie viel willſt Du denn haben?“ fragte der Alte, um der Qual endlich los zu werden. „Nur dreihundert Thaler Banko,“ erwiederte Liſa in ihrem ſüßeſten Ton. „Was— was!— drei— hundert— Thaler Ban⸗ ko?“ wiederholte der Kammerer mit faſt erſterbender Stimme. Es war das erſtemal, daß Liſa mit einer ſo unerhörten Forderung herauszurücken wagte; und nur die eben gehoͤrte Geſchichte konnte ihn bewegen, auf die Sache weiter einzugehen und zu fragen:„Was willſt Du denn um Gotteswillen mit ſo viel Geld machen?“ „Siehſt Du, liebes Laßmänchen, es fehlt noch etwas Weſentliches in unſerer Einrichtung, Etwas, was man in jedem gebildeten Hauſe findet.“ „Ich weiß nicht, ob man das unſrige ſo nennen ann.“ „So weiß ich es aber. Genug; wir müſſen ein Inſtrument haben, ein Piano— aber keinen alten Rum⸗ pelkaſten— darum wäre es nicht der Mühe werth!“ „Das kann unmöglich Dein Ernſt ſeyn, Liſa— Du ſpielſt ja nicht.“ „Das thut Nichts;— andere Leute ſpielen aber, das trägt zum geſelligen Vergnügen bei. Außerdem, wenn Du es alſo wiſſen willſt, bin ich mit Herrn B—“ (im Vorbeigehen geſagt, einer von Liſa's Anbetern, dem Kammerer ein Abſcheu) übereingekommen, daß er mir Stunden gibt; er iſt ſehr muſtkaliſch, und der Unterricht koſtet keinen Heller.“. 15 228 „Ja, ich ſehe ſchon, wo das hinaus will— daß der Windflügel beſtändig da ſitzen und Dir Lektion ge⸗ ben kann! Iſt er nicht ohnedies oſt genug hier! Nein, Liſa, daraus wird Nichts: ich erkläre Dir ein für alle⸗ mal, daß ich mich darauf nicht einlaſſe.“ „Thue was Du willſt— morgen ſoll dennoch ein Inſtrument hier ſeyn! Die Summe iſt nicht groß, und ich bekomme ſchon ſo viel auf Kredit— und Unterricht nehme ich, bei wem es mir beliebt.“ „ Aber ich verbiete es Dir, Liſa!“ „Was wird Dir's helfen, wenn Du es auch ver⸗ bieteſt? Was willſt Du denn machen, wenn Herr B— herkömmt und wir uns zum Klavier ſetzen? Kannſt Du ihn denn hinauswerfen, oder kannſt und darfſt Du nur einmal in ſeiner Gegenwart Deine dumme Eiferſucht laut werden laſſen?“ Tief bekümmert, gebeugt von Furcht und haupt⸗ ſächlich von Eiferſucht, ſeiner größten Qual, lehnte der Kammerer ſeine Stirne an den Kachelofen; er wollte überlegen, ob nicht ein Mittel zu finden ſey, um Liſa Raiſon zu lehren, allein ehe er etwas ausfindig machte, — was auch gar nicht leicht war— ging ziemlich ge⸗ räuſchvoll die Thüre auf, und der goldgelockte Lieutenant, für den Augenblick einer von Liſa's vertranteſten Freun⸗ den, trat in Begleitung des eben erwähnten muſikaliſchen Herrn B— in das Zimmer. Liſa erhob ſich höchſt anmuthig; die Herren grüß⸗ ten die hübſche Wirthin mit einer Nonchalance, welche ein ſtrenger Kritiker vielleicht für etwas zu frei ange⸗ ſehen haben möchte, verbeugten ſich im Vorbeigehen nachläßig gegen den Hausherrn— und zogen ohne wei⸗ teres ein paar Tabourets an den Sopha— nun begann ein Geſpräch, voll blühenden Unſinns, welches übrigens unſere gute Liſa für höchſt geiſtreich hielt. Der Kammerer, welcher weder an dem Geſpräch Theil konnte Zeit brenne da w Menſe konnte allen ten, hatten partie ten— liche ſalbad gewäl 2 junge ſo con ſo un glaube Wort wir e mir, man, damit gar n Schul in ein berech mache der L tigen ihren daß ge⸗ ein, lle⸗ ein und eicht ver⸗ 9— Du nur ucht upt⸗ der ollte Liſa chte, ge⸗ ant, eun⸗ ſchen rüß⸗ elche nge⸗ ehen wei⸗ gann gens dräch Theil nehmen mochte, noch auch über ſich gewinnen konnte, das Zimmer zu verlaſſen, ſtand während der Zeit mehr Pein aus, als ein Eſel mit einem Stück brennenden Zunder im Ohr. Wenn größere Geſellſchaft da war, ſo hatte er doch wenigſtens irgend einen Menſchen, mit welchem er ein vernünftiges Wort reden konnte, aber dieſe Herren, welche über die Muſik von allen möglichen Opern plapperten, ſie lobten oder tadel⸗ ten, je nachdem die Zeitungsartikel darüber geurtheilt hatten, und in demſelben Athem von Bällen, Schlitten⸗ partien, Maskeraden, Schauſpiel und Konzerten ſchwatz⸗ ten— dieß anzuhören, dazu gehörte mehr als menſch⸗ liche Geduld— denn immer und immer lief ihr Ge⸗ ſalbader auf die zuckerſißeſten, wenn auch nicht immer gewählteſten Schmeicheleien für Liſa hinaus rA Propos von Muſik, meine Herren,“ ſagte die junge Frau,„Sie haben oft bedauert, bei unſerer ſonſt ſo comfortabeln Einrichtung einen für das geſellige Leben ſo unentbehrlichen Gegenſtand zu vermiſſen:— was glauben Sie wohl— heute habe ich nur ein paar Worte deßhalb fallen laſſen, wie ſchön es wäre, wenn wir ein Piano hätten— im Angenblick verſpricht er mir, mich morgen mit einem zu überraſchen. Ach Laß⸗ man, Du biſt zu gut, Du beſchämſt mich ordentlich!“ damit ſtand Liſa auf, ging auf ihren Mann los, der gar nicht wußte, wie ihm geſchah, klopfte ihm auf die Schulter und küßte ihn auf die Stirne— das letztere in einer äußerſt graziöſen Stellung, welche ganz darauf berechnet war, die beiden Liebhaber vor Neid berſten zu machen. „Wie doch die Ehemänner zu beneiden ſind!“ meint der Lieutenant und wendete ſich weg, um den widerwär tigen Anblick zu vermeiden, wie die junge ſchöne Liſa ihren alten runzeligen Ehekrüppel liebkoste. „Wir können alſo morgen ſchon unſere Lektionen e 2 23⁰0 beginnen?“ ſiel Herr B— ein, mit einem Blick, welcher eigentlich der Frau galt, den aber unglücklicherweiſe der Mann auffing. „Allerdings,“ lächelte Liſa. Nun konnte es der Kammerer aber nicht länger aushalten. Er ging auf ſeine Stube, faltete die Hände und verbarg ſein Haupt in die Kiſſen ſeines alten Jung⸗ geſellenſophas— er fühlte ſich unglücklich— ſehr unglück⸗ lich— der arme Kammerer! Am folgenden Tag nach Tiſch rückte das Fortepiano an, welches Liſa ſchon vorher beſtellt hatte, und am Abend nahm, trotz aller Bitten und Vorſtellungen des Mannes, die erſte Lektion ihren Anfang. Man ſieht wohl, Liſa machte bedeutende Schritte vorwärts zu dem Ziel, welches ſie ſich von Anbeginn vorgeſetzt hatte. Zuerſt beherrſchte ſte ihren Mann durch erkünſtelte Zärtlichkeit, dann durch Bitten und Thränen und am Ende durch ungeſcheuten Trotz gegen ſeine Ge⸗ walt. Nach ihrer Heimkehr vom Lande, wo ſie in dem Umgange mit dem fuchsſchwänzeriſchen Pfaffen ihr Talent noch mehr entwickelt, und ihre Liſt den Alten zur Nie⸗ derſetzung ſeines Teſtaments bewogen hatte, nahm ſie ſich zwar im Anfang ein wenig in Acht, ließ aber nachher ihrer Laune um ſo mehr den Zügel ſchießen. Ein Miß⸗ geſchick, welches ſie unmittelbar nach der Rückkehr traf, uͤbte auch wohl keinen geringen Einfluß auf ſie, indem ihre verletzte Eitelkeit ſich durch alle möglichen andern Triumphe für den erlittenen Verluſt rächen zu müſſen glaubte— ein Mißgriff, welcher nur dazu diente, ſie noch tiefer in den Leichtſinn zu ſtürzen. Der Leſer wird ſich erinnern, daß Liſa bei der Rück⸗ kunft ihren Ritter, den Regierungs⸗Sekretär, vermißte; ſte erfuhr, daß er auf das Land gereist ſey. Sein Zweck war ihr freilich nicht unbekannt: es konnte kein anderer ſeyn, als ſie aufzuſuchen. Anfangs war es auch ſo; aber kleine Bekar eine Geres welch zubin überl Mäd eine denſt herer und ange ganz etwa Mäd wah ſchw gefa Auß gere Kan mar hatt mal ſein natt ſte von aus Oh lich Ma ihre ſccer der nger inde ung⸗ lůck⸗ iano am des ritte ginn urch inen Ge⸗ dem alent Nie⸗ ſich hher Miß⸗ traf, idem dern üſſen „ ſie kück⸗ ßte; weck derer ſo; 231 aber leider begab es ſich, daß Roſell bei einem ſeiner kleinen Ausflüge in einem ſehr angenehmen Pfarrhauſe Bekanntſchaft machte, wo eine junge hübſche Tochter, eine verborgene Blume des Thales, lebte, die, wie das Gerede nicht ohne Grund ging, eine ſchöne Mitgift bekam, welche nicht allein alle ſeine verſchiedenen„Bären“ los⸗ zubinden hinreichte, ſondern ihn auch aller weitern Mühe überheben konnte, ferner auf„Pump“ auszugehen. Mädchen und Mitgift behagten ihm ausnehmend. Erſtere, eine nette, liebliche Blondine, hatte für ihn den entſchie⸗ denſten Reiz der Neuheit— Liſa, ſowie alle ſeine frü⸗ heren Flammen, gehörten der braunen Schule an— und die Letztere, nämlich die Mitgift, erfreute ſich der angenehmen Solidität, welche ſo wünſchenswerth, beinahe ganz unentbehrlich iſt, wenn man ſich mit der Liebe etwas mehr als zum Spaß abgeben will. Für Roſell war der Fund eines reichen, hübſchen Mädchens, welcher er die Cour machen konnte, ein wahrer Vogel Phönix, und es wurde ihm gar nicht ſchwer, zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß er der gefallſüchtigen Liſa allbereits ein wenig überdrüſſig ſey. Außerdem wollte er ſich erinnern, daß er ſich ſchon längſt gerechte Vorwürfe über ſeine Handlungsweiſe gegen den Kammerer, den Ehrenmann, gemacht habe, der ihm in mancher Noth ſo freundſchaftlich unter die Arme gegriffen hatte. Und um dieſer unangenehmen Affaire auf ein⸗ mal ein Ende zu machen, war es, mit Einem Worte, ſeine Pflicht, eine Frau zu nehmen. Liſa mußte ſich natürlich, ſo gut ſie konnte, zu tröſten ſuchen. Damit ſie aber der Gram nicht tödten möchte, wenn die Kunde von ſeiner Verlobung— Roſell ſah dieß bereits für eine ausgemachte Sache an— ihr ohne Vorbereitung zu Ohren kommen ſollte, nahm er ſich vor, bei der ritter⸗ lichen Artigkeit, deren er ſich ſtets rühmte, ſie noch ein Mal aufzuſuchen und ihr ſelbſt ernſtlich aber beſtimmt ihren unerſetzlichen Verluſt anzukündigen. 232 Mit dieſem vortrefflichen, auf reinſte Menſchenliebe gebauten Vorſatz, beſchloß der Regierungs⸗Sekretär in ſeinen Nachforſchungen über den Aufenthaltsort ſeiner weiland Geliebten nicht nachzulaſſen und war auch endlich ſo glücklich, denſelben ausfindig zu machen. Inzwiſchen wollte es das Schickſal, daß er ſich, zur Betreibung der wichtigeren Angelegenheit, ein paar Tage in benann⸗ tem angenehmem Pfarrhauſe verweilte, und demzufolge erſt am Tage nach des Kammerers Abreiſe an dem Orte ihres bisherigen Aufenthalts ankam Auf ſeine Frage nach der Ürſache der plötzlichen Abreiſe, erfuhr er von Mutter Lene, welche äußerſt aufgebracht über Liſa war und mit beiden Händen die Veranlaſſung ergriff, ihrem Herzen Luft zu machen, eine lange zweideutige Hiſtorie, beſagend, daß die junge Frau ſich in den Paſtor verliebt und regelmäßige Zuſammenkünfte mit ihm im Walde gehabt habe. Dieß hatte ſie ſo lange getrieben, bis endlich dem argloſen Herrn Kammerer die Augen aufgegangen waren und wie er eines hübſchen Morgens die Vögel ausgehoben habe, worüber der arme Mann denn ſo toll geworden, daß er Knall und Fall mit der Frau abgereist war.— Ein ſo freches Stück, wie dieß, war Mutter Lene in ihrem Leben nicht vorgekommen; nicht ein Mal gedankt hatte ſie ihr für die große Mühe und Unruhe, welche ſie im Hauſe gemacht. Dieß und noch vieles Andere, welches unſern Roſell in kein beſonderes Erſtaunen verſetzte, theilte ihm die beleidigte Wirthin mit, und er beſchloß, aus dem Ver⸗ nommenen ſeinen Vortheil zu ziehen. Der Vorfall kam ihm ſehr gelegen, denn er erleichterte ihm die Trennung ausnehmend; er konnte nun den beleidigten Liebhaber ſpielen, der mit gebrochenem Herzen über ihre Treuloſigkeit die bisherigen Roſenbande zerriß. Alles war ja ſo augen⸗ ſcheinlich, wie es nur immer ſeyn konnte; um ſich aber für die Moglichkeit eines allenfallſigen perſönlichen Zu⸗ ſamm ſogle Bille meine Ihrer war Verz drück ich n nung All Pfar fügen ſo ti müßt wollt welch Wie Leide Wor Ban woll liebe r in einer dlich chen dung ann⸗ olge dem ſeine r er Liſa riff, ttige aſtor im ben, igen gens tann der dieß, nen; tühe oſell die Ver⸗ kam ung aber gkeit gen⸗ aber Zu⸗ 233 ſammentreffens im Voraus ſicher zu ſtellen, ſchrieb er ſogleich nach ſeiner Rückkunft in die Hauptſtadt folgendes Billet an Liſa: „Madame! Nachdem ich alle Zeit, welche mir die Pflichten meines Dienſtes übrig ließen, darauf verwandt hatte, Ihren Aufenthaltsort— der mir noch vor Kurzem Alles war— zu entdecken, erreichte ich endlich meinen Zweck. Verzeihen Sie, wenn mir die Worte fehlen, um auszu⸗ drücken, welche Gefühle ſich meiner bemächtigten, als ich mich beſchimpft, verhöhnt, in meinen ſußeſten Hoff⸗ nungen betrogen fand! Es ſey Ihnen genug, daß ich Alles weiß, das ganze galante Abentheuer mit dem Pfarrer. Nur das Eine Wort laſſen Sie mich hinzu⸗ fügen: das Weib, welches ich angebetet habe, ſteht nun ſo tief in meiner Achtung, daß ich mich ſelbſt verachten müßte, wenn ich ihr nur einen einzigen Vorwurf machen wollte. Roſell.“ Nichts glich Liſa's Freude, als ſie das Billet las, welches von der ſchwärzeſten Eiferſucht diktirt ſchien. Wie ſchmeichelte ihr dieſer Beweis ſeiner verzehrenden Leidenſchaft! Sie war überzeugt, daß es blos eines Wortes bedurfte, um den Empörer in ſeine früheren Bande zurückzurufen, allein auch dieſes einzige Wort wollte ſie nicht ausſprechen, er ſollte erſt kommen und darum betteln. Aber es dauerte ihr nachgerade doch zu lange, und als ein Tag um den andern verging, ohne daß ein Roſell ſich ſehen oder hören ließ, entſchloß ſie ſich, ſeiner Verzweiflung ein Ende zu machen, welche doch auf die Länge von ſchlimmen Folgen ſeyn könnte; ſie ſchrieb ein paar Zeilen: „Komm nur, Du närriſcher Menſch! Ich bin Dir nicht ungetreu geweſen— mein Wort muß Dir mehr gelten, als alle Läſterzungen der Welt. Du biſt jetzt hinlänglich geſtraft und ſollſt wieder zu Gnaden aufge⸗ nommen werden von Lucie.“ 234 Auf die Rückſeite dieſes Billets, welches er noch an demſelben Abend erhielt und wieder abſandte, ſetzte er blos die Worte:„Ich komme nicht. Der Zauber iſt gelöst— und weder Koketterie noch Bitten werden ihn erneuern! N. Liſa wüthete vor Aerger— jetzt erſt kam es ihr vor, als ob ſie Roſell liebte; nachdem ſie, ungeachtet ihres Stolzes, mehre Schritte zur Verſöhnung gethan, faßte ſie den erleuchteten Entſchluß, zu zeigen, daß ſie, wenn ſie nur wollte, eine ganze Suite von Liebhabern haben könne. Alle ihre Angriffe auf Roſell blieben indeſſen erfolglos, denn er hatte jetzte andere Plane im Kopf. Dadurch, daß er jetzt Liſa vermied, gewann er des Kammerers frühere Achtung und ſein Wohlwollen wieder, und als er ſich ſogar bald darauf mit dem hübſchen Pfarrtöchterchen verlobte und nach einem halben Jahr Hochzeit machte, auch ihn bis auf Heller und Pfennig bezahlte— hatte er wieder das vollſte Vertrauen deſſelben. Ein Mal auch kam Roſell im Vorbeigehen zu dem alten Kammerer, um mit ihm, wie früher, ein Stündchen auf ſeinem einſamen Kämmerlein zu verplaudern. Der junge glückliche Ehemann hörte mit bewundernswürdiger Geduld die Klagen des Alten an und machte ſich nun⸗ mehr kein Gewiſſen daraus, ihm einen oder den andern Wink über die Handhabung der Hausherrlichkeit zu geben. Allein dieß half leider jetzt nichts mehr; der Alte ſtand zu ſehr unter Liſa's eiſernem Szepter und war nicht im Stande, ſich je mehr zu ſeinem alten Ton emporzu⸗ ſchwingen. Nachdem Liſa alle Hoffnung verloren, Roſell wieder an ihren Triumphwagen zu ketten, machte ſie den Ver⸗ ſuch, ſich mit ihm und ſeiner jungen Frau auf einen freundſchaftlichen Fuß zu ſtellen; allein auch dazu ſchien dieſer keine Luſt zu haben, indem er es nicht für gerathen hielt, ſeine Frau in ſo gefährlicher Umgebung zu wiſſen. — gebild ungli Bekar Dam liches einige fande geht werde ihren Dami beden moch konnt zur Jagd er ge der l ſie ſe Wan das verfi deſte ) an te er r iſt ihn ihr chtet than, 3 ſie, bern ieben e im in er ollen ſchen Jahr ennig lben. dem chen Der diger nun⸗ idern eben. ſtand t im orzu⸗ dieder Ver⸗ einen ſhien athen iſſen. Liſa's Verſuche, ihren Geſellſchaftskreis mit einigen gebildeten Frauenzimmern zu vermehren, liefen ebenfalls unglücklich ab. Sie hatte alle Mühe, ihre früheren Bekanntſchaften zu erhalten, beſonders als ſie mit einer Dame von ziemlich zweideutigem Ruf in ein vertrau⸗ liches Verhältniß trat. Der Alte ſuchte zwar dagegen einige Einwendungen zu machen; aber, wie gewöhnlich, fanden ſie kein Gehör.„Ueber die armen Frauenzimmer geht es beſtändig los;“ erwiederte ſie, und meinte, ſie werde ſich nichts um die Kiſtermäuler kümmern, und ihren Umgang wählen, wie es ihr geſiele! Neunzehntes Kapitel. Damit der Schluß nicht vorher bekannt wird, hat dieſes Kapitel keine Ueberſchrift. Gegen das Frühjahr befiel unſern Kammerer eine bedenkliche Engbrüſtigkeit. Bei dem beſten Willen ver⸗ mochte er Liſa nicht mehr überall hin zu folgen; er konnte nur ſeinen alten Platz am Fenſter hüten, um, zur Vermehrung ſeiner Leiden, in dem Reflexionsſpiegel Jagd auf die gewöhnlichen Morgenviſiten zu machen. „Nun kommen meine Plagegeiſter wieder,“ murmelte er ganz leiſe, und Liſa, welcher das Geſicht ihres Alten der beſte Reflexionsſpiegel war, trat jedes Mal, ſo oft ſie ſeine wachſende Unruhe wahrnahm, vor den großen Wandſpiegel, um ihre Locken in Ordnung zu bringen, das Häubchen zurecht zu ſetzen und den Shawl auf die verführeriſchſte Weiſe zu drapiren— Alles ohne die min⸗ deſte Rückſicht auf den Alten, unter ſeinen Augen. 236 „Uff, wie liegt es mir ſchwer auf der Bruſt!“ ſtoͤhnte der Kammerer und ließ die Augen langſam von ſeinem Spiegel auf ſeine Frau gleiten. „Mein armer Alter, warum hältſt Du Dich nicht in Ruhe?“ ſagte Liſa mit einer gewiſſen Herzlichkeit. „In Ruhe— ja Du wunſchſt mich zur Ruhe, viel⸗ leicht gar in's Grab!“ „Wie magſt Du nur ſo reden, lieber Laßman, das iſt recht garſtig von Dir!“ damit preßte Liſa ein Thrän⸗ chen heraus.„In's Grab ſollte ich Dich wünſchen?“ wiederholte ſie.—„Gott bewahre mich!“ Heimlich dachte ſie aber:„Wenn er nur ein Mal fort wäre! Mit einem ſo hübſchen Vermögen— was werden ſie ſich da um meine Hand reißen.— Aber ich bin nicht ſo leicht zu gewinnen. Vielleicht ſo ein armer Baron, oder gar ein Graf— wer weiß— eine junge, hübſche, kinder⸗ loſe Wittwe kann ſchon Anſprüche machen!— Und bei dem Allem, bei dieſem gewichtigen Punkt in Liſa's Ge⸗ danken, konnte ſie ein wohlgefälliges Lächeln nicht zurück⸗ halten, welches ſcharf gegen ihren früheren vorwurfs⸗ vollen Ausruf abſtach:„In's Grab— Gott bewahre!“ Der Kammerer ſeufßzte tief; er holte mit unge⸗ wöhnlicher Beſchwerde Athem. „Es iſt heute ſchlimmer mit Dir, lieber Mann,“ ſagte Liſa, trat auf ihn zu und legte ſeinen Kopf an ihre Bruſt,„es iſt in der That heute ſchlimmer mit Dir.“ „Ja, es iſt mir auch recht ſchlecht, und dabei plagen mich auch noch die Canaillen, welche kein größeres Vergnügen kennen, als hinter meinem Rücken zu lachen... Da ſieh,“ dabei zuckte es ihm über das ganze Geſicht— „da kommt gleich der Erſte, der gemeine Kerl, der B—, der mich noch zu Tod ärgert!“ „Weder er noch ein Anderer ſoll angenommen werden,“ erwiederte Liſa mit einer Art heldenmüthiger Aufopferung;„ich lebe nur meinen Pflichten, ſobald dieſe (Liſa „werd ſagen Mit d Mädc ſchon wie e es weo Herz den C ſeiner rung ſagte I mein Freu „meh und dacht ſeiner ſeyn Alter dauer ziem nung wied Taͤge zens! lich, onte nem icht iel⸗ das rän⸗ 12“ lich Mit da eicht dieſe es fordern. So lang Du krank biſt, lieber Alter“ (Liſa glaubte ſo gerne, daß der Alte ernſtlich krank ſey), „werde ich Niemand annehmen. Man ſoll nicht von mir ſagen, daß mir das Vergnügen über meine Pflicht geht!“ Mit dieſen Worten ging Liſa vor die Thüre, um dem Mädchen zu ſagen, daß ſte Niemanden annehme. Erſtaunt ſah der Kammerer in die Höhe; es war ſchon lange her, daß es ihm nicht ſo wohl geworden, wie eben jetzt, als er Herrn B— wieder umkehren ſah; es war ein wohlthuender Thautropfen auf ſein wundes Herz und er drehte an dem Spiegel, um möglichſt lang den Genuß zu haben, den gehaßteſten von den Anbetern ſeiner Frau langſamen Schritts in großer Verwunde⸗ rung abziehen zu ſehen. „Jetzt wirſt Du doch zufrieden ſeyn, lieber Alter?“ ſagte Liſa ſanft und faßte ſeine Hand. „Ja, das iſt wahrhaftig ſehr gut und lieb von Dir, mein Kind. Gott gebe, daß ich Dir dafür irgend eine Freude machen könnte!“ „Werde mir geſund,“ erwiederte das falſche Weib, „mehr wünſche ich nicht!“ Sie widmete nun dem Alten die ſorglichſte Pflege und dieſer fühlte ſich viel zu glücklich, um auf den Ver⸗ dacht zu kommen, daß es lediglich die Ausſicht auf ſeinen baldigen Tod war, welcher er dafür dankbar zu ſeyn hatte. In der Hauptſache ſelbſt blieb es indeſſen beim Alten; denn obgleich die Engbrüſtigkeit immer fort⸗ dauerte, befand ſich doch im Uebrigen unſer Laßman ziemlich munter. Als Liſa merkte, daß ſich ihre Hoff⸗ nung nicht realiſiren wollte, ſiel ſie nach und nach wieder in die alte Gewohnheit zurück. Die lieblichen Tage der Seligkeit, welche die Lebensgeiſter des Schmer⸗ zensmannes geweckt hatten, verſchwanden eben ſo plötz⸗ lich, wie ſte gekommen waren. Abermals ſah ſich der 238 betrogene Mann ſeinem traurigen Geſchick Preis gege⸗ ben, welchem er kaum erſt entgangen zu ſeyn wähnte, und ſein Zuſtand wurde ihm um ſo qualvoller, als er bald die bittere Erfahrung machte, daß nur ſein Krank⸗ ſeyn und die damit verknüpfte Hoffnung ſeines baldigen Ablebens die Ouelle von Liſa's Zärtlichkeit war. Um vollſtändige Gewißheit zu erhalten, ſtellte ſich der Kammerer einige Mal ſehr angegriffen, und hatte leider immer mehr zu dem Glauben, den er ſo gerne aufgegeben hätte, daß ſeine ſchwarzen Vorſtellungen Täuſchung geweſen ſeyen. Nein, es war leider keine Einbildung: Liſa war dann die zaͤrtlichſte, ſorgſamſte Gattin von der Welt— kaum beſſerte es ſich aber mit ihm, ſo daß er wieder von der Zukunft ſprach und glaubte, der Herr werde ihm vielleicht noch ein paar Jahre ſchenken, um ihn für die letztverfloſſenen zu ent⸗ ſchädigen, da legte ſich die Stirne der jungen Frau in ſichtbare Falten und ſie verſchwand auf einmal von dem Platze an ſeinem lieben alten Sopha, als ſey ſie weg⸗ geblaſen. „Großer Gott, ich lebe ihr zu lange!“ ſeufzte der Alte und griff nach der einzigen augenblicklichen Linde⸗ rung in ſeinem unausſprechlichen Elend, nach der großen Schnupftabacksflaſche, welche nebſt einem paar Kame⸗ raden am Fenſter ſtand. Früher ſchnupfte der Kammerer nur wenig, nur bei feierlicher Gelegenheit nahm er gleichſam zum Zier⸗ rath eine Priſe aus der goldnen Doſe; jetzt dagegen, wo ſich ſo Vieles verändert hatte, war dieß auch mit ſeinem Geſchmack der Fall und das Bedürfniß, wenig⸗ ſtens irgend eine Geſellſchaft zu haben, führte ihn im⸗ mer häufiger zu ſeiner Doſe und am Ende zum unauf⸗ hörlichen Gebrauch derſelben. Seine Geldgeſchäfte hatte er längſt aufgegeben, und ſeine einzige Unterhaltung, wenn er nicht über Liſa Wache hielt, oder vor dem Spies auf 7 an d falt Läche ſtens unan teille ſich wenit tagsſ wohl haſt mete daue fragt Kam wo e ſam ſeit Bou war, ſpielt Heſſi Töne gleich den Liſa, ihrer gege⸗ jnte, s er ank⸗ igen ſich hatte erne ngen eine mſte mit und paar ent⸗ u in dem weg⸗ der inde⸗ oßen ame⸗ nur Zier⸗ egen, mit enig⸗ im⸗ rauf⸗ hatte ung, dem 239 Spiegel Schildwache ſtand, war, ſeinen Schnupftaback auf Flaſchen zu füllen, ihn zu ſchütteln, anzufeuchten, an die Sonne zu ſtellen, kurz, ihm alle mögliche Sorg⸗ falt zu widmen. Und wenn man ja einmal ein mattes Lächeln auf ſeinen Lippen ſpielen ſah, ſo war es höch⸗ ſtens, wenn er an dem Fenſter ſtand und die nicht unanſehnliche Reihe wohlgeordneter Schnupftabacksbou⸗ teillen betrachtete. Der arme Kammerer! So verging einige Zeit. Kein Menſch bekümmerte ſich um den Greis und er war eines Nachmittags nicht wenig erſtaunt, als er von ſeinem gewöhnlichen Mit⸗ tagsſchläfchen erwachte und Liſa's Geſicht, mit dem alten wohlbekannten lieblichen Lächeln über ſich gebeugt ſah. „Ach, was haſt Du mich erſchreckt!“ ſagte ſie.„Du haſt ſo ruhig da gelegen— daß ich glaubte, Du ath⸗ meteſt nicht mehr.“ „Ja, ja, es wird nicht lange mehr bis dahin dauern!“ „Geht es denn Dir ſchlimmer als gewöhnlich?“ fragte ſie. „Es geht mir immer ſchlimm,“ erwiederte der Kammerer lakoniſch. Die glückliche Zeit war vorbei, wo er noch an ihre Theilnahme zu glauben wagte. Liſa ſtellte ſich, als verſtehe ſie ihn nicht. Gleich⸗ ſam unwiſſentlich ergriff ſie die alte Guitarre, welche, ſeit ſie ſich eine neue elegante angeſchafft, aus dem Boudoir in die Stube ihres Mannes verwieſen worden war, ließ ihre Finger über die Saiten hingleiten und ſpielte die Melodie zu Ulla Winblad's Heimreiſe von Heſſingen. Endlich begann ſie auch zu ſingen. Dieſen Tönen konnte der Alte nicht widerſtehen; er fühlte ſich gleichſam in ſchmerzliche Wehmuth aufgelöst, als er an den Unterſchied zwiſchen jetzt und damals dachte, wo Liſa, bei einer Fahrt nach Heſſingen, im Sommer vor ihrer Verehelichung, daſſelbe Lied geſungen. 240 Sie hatte kein glückliches Lied gewählt; ſie vergaß ſicherlich, wie viele bittere Erinnerungen ſich daran knüpfen mußten. Sie legte das Inſtrument weg und beide Gatten blieben ein paar Minuten ſtumm. Liſa ſchien einen Dank dafür zu erwarten, wie ſie ihn bei der geringſten Artigkeit zu fordern gewohnt war; aber dießmal täuſchte ſie ſich— indeſſen verſchlimmerte. ſich ihre Laune kei⸗ neswegs. „Wenn Deine Geſundheit fortwährend ſo ſchwan⸗ kend bleibt,“ ſagte ſie und kam mit ihrem Stuhl näher an den Sopha,„ſo ſollten wir doch ein kraftigeres Mittel dagegen verſuchen, ſonſt kommſt Du ganz von Kräften... Aber es iſt auch wahr, Du haſt Deinen Kaffee noch nicht!“ 8 „Was iſt das, was ſoll das bedeuten? Ein kräf⸗ tiges Mittel, eine Taſſe Kaffee!“ Bei ſeinem ſtets zu⸗ nehmenden Argwohn ſah der Alte mit jedem Tage ſchwärzer.„Ich nehme nichts ein!“ rief er eifrig. „Du wirſt Dir doch nicht einbilden, daß ich Dich vergiften wolle?“ Liſa brach in ein unauslöſchliches Gelächter aus. „Das mag der Teufel wiſſen; ſo dumm wirſt Du freilich wohl hoffentlich nicht ſeyn. Was haſt Du denn aber mit dem kräftigen Mittel gemeint? Ich dachte, meine Geſundheit liege Dir nicht ſo gewaltig am Herzen.“ „Du glaubſt dieß, weil Du mich immer verkennſt: wie Du mir immer und von jeher Unrecht thuſt. Allein ich bin es ſchon gewohnt und beklage mich nicht mehr darüber. Gerade Deiner Geſundheit halber wollte ich, daß wir in ein Bad reisten. Ich will nicht läuanen, daß ich es eines Theils auch meinetwillen wünſchte: meine Nerven haben durch den Kummer und die Un⸗ ruhe in der letzten Zeit fürchterlich gelitten und ich bin gewiß, daß eine ſolche Reiſe unſer Beider Geſundheit wieder herſtellen würde.“ vergaß daran Gatten einen ingſten äuſchte ne kei⸗ hwan⸗ näher tigeres 3 von Deinen kräf⸗ ts zu⸗ Tage . Dich liches ſt Du denn achte, rzen.“ ennſt: Allein mehr e ich, anen, ſchte: Un⸗ h bin ndheit 241 „Liſa,“ entgegnete der Kammerer und legte ſeine Hand mit einem wahrhaft rührenden Ausdruck auf die ihrige:„ich bitte Dich, mach' mich nicht wahnſinnig! — Laß mich in Frieden!“ „Aber, liebſter Laßman, beſtes Alterchen, Du biſt doch gar zu wunderlich— es geſchieht ja für unſere Geſundheit, zu unſerm gemeinſamen Beſten!“ „Zu Deinem Vergnügen, bei meiner armen Seele, zu nichts Anderem! Oder willſt Du in meiner alten Chaiſe fahren, mit Einem Zimmer vorlieb nehmen und nur für mich und meine Pflege leben?“ „Was die erſten Punkte betrifft, ſo weißt Du ſelbſt, daß wir uns dadurch nur lächerlich machten. Was das andere betrifft, ſo verſpreche ich, daß Dir nichts zu wünſchen übrig bleiben ſoll! Du ſollſt ſehen, daß ich beſtändig bei Dir zu Hauſe bleibe, niemals ohne Dich in Geſellſchaft gehe und Dir folge wie Dein Schatten. Kurz, lieber Laßman, wenn Du Deine Zuſtimmung zur Reiſe gibſt, ſo will ich mir Alles gefallen laſſen, wie im letzten Winter, wo Du mich wie unter einer Glas⸗ glocke gehalten haſt.“ Nach allerhand wunderlichen und ſinnreichen Plä⸗ nen, das größtmögliche Auſſehen zu machen, dem höch⸗ ſten Glück, nach welchem ſie ſtrebte, war Liſa um die erwähnte Zeit auf die romantiſche Idee gekommen, in irgend einem Bade durch die eremplariſche Seelen⸗ ſtärke, womit ſie, eine junge, ſchöne, gewiß ſehr ge⸗ feierte und geſuchte Dame, ſich für ihren alten kränk⸗ lichen Mann opfern wollte, Furore zu machen. An ſeiner Seite konnte ſie ſich übrigens nicht ſelten, gleich einer flüchtigen Erſcheinung zeigen, welche man nur aus der Ferne ſehen und anbeten darf, ohne ſich ihr nähern zu können. Welches Aufſehen mußte dieß er⸗ regen, beſonders wenn ſie mit gehöriger Pracht auftrat, mit einer Toilette, welche alle Damen im Bade zur Kammerer Laßman. II. 16 242 Verzweiflung bringen mußte! Dazu war auch eine eigene Equipage zum Spazierenfahren nöthig!— Soweit Liſa's Plane nicht weiter gingen, konnte man ſie als den Ausfluß einer übertriebenen kindiſchen Eitelkeit anſehen, allein ſie blieb dabei nicht ſtehen. Sie hatte zugleich auch bedacht und überlegt, welch⸗ weiteren weſentlichen Nutzen dieſe Reiſe mit ſich bringen konnte und betrachtete ſich ſtracks— ihre Ideen waren lauter Eingebungen des Augenblicks— als eine Ent⸗ deckungsreiſe für ihre künftige Wahl. Der Alte konnte unmöglich mehr lange leben, und da war es ganz klug, ſich einſtweilen ein wenig umzuſehen. Außerdem konnte ſich während der Saiſon vielleicht irgend ein ernſthaftes zärtliches Attachement bilden, hauptſächlich wenn ſie das lockende Gerücht von ihrem Reichthum und ihrer unabhängigen Stellung gehörig in Umlauf zu bringen wußte. Bei dieſen lieblichen Ausſtchten war es ziemlich natürlich, daß die bewegliche Bitte des Alten, ihm ſeine Ruhe zu laſſen, nicht berückſichtigt werden konnte; im Gegentheil ſetzte Liſa auf allerlei Weiſe an, und ſuchte ihm auf alle mögliche Art einleuchtend zu machen, welch' großer Vortheil es für ihn ſelbſt ſeyn werde, wenn er nachgäbe. „Nun, und wie ſollen wir denn reiſen?“ fragte der Kammerer endlich, als er es gänzlich müde war, ſeine Einwendungen ſammt und ſonders über den Hau fen geworfen zu ſehen. „Natürlich müſſen wir einen Wagen nehmen, das läßt ſich nicht vermeiden!“ „Das würde ja aber ſchrecklich theuer kommen, wenn ich einen Wagen miethen wollte.“ „Wer ſpricht denn vom Miethen? Kaufen müſ⸗ ſen wir einen, einen hübſchen, modernen, paſſenden Wagen mußt Du kaufen. Ich will nicht zum Skandal ————— der Menſchheit in einem Rumpelkaſten daher kutſchirt kommen!“ „Kaufen? einen Wagen kaufen?“ Der Kammerer ſperrte die Augen thorangelweit auf:„Sechs bis ſieben⸗ hundert Thaler ausgeben— hinauswerfen? 2 Nein, Liſa, nun geht es denn aber doch zu weit; mit Dir iſt ja gar kein Auskommen mehr! Du könnteſt eben ſo gut darauf verfallen, durch die Luft zu kutſchiren, als in einem eignen Wagen! Einen eignen Wagen— Gott ſtehe mir altem Mann bei!“ „Hör', lieber Alter,“ ſagte Liſa und zog den Greis wieder neben ſich auf den Sopha, von dem ſie ſchon aufgeſtanden war,„ich habe Dir einen Vorſchlag zu machen, nicht ſowohl wegen des Wagens, denn Du weißt wohl, wenn ich mir einmal Etwas in den Kopf geſetzt habe, ſo bringt mich nichts davon ab; aber.. „Nein, dieſes Mal wirſt Du Dich doch verſehen, 2 unterbrach ſie der Kammerer, durch ſeinen gerechten Zorn zum verzweifeltſten Widerſtand ermuthigt.„Wenn Du mir nicht während des Schlafs den Schlüſſel vom Halſe ſtiehlſt, bekommſt Du keinen Pfennig zu einer ſo gränzenloſen Thorheit.“ Liſa lächelte nit dem überlegenen Ausdruck, wel⸗ cher zu erkennen gab, daß ſie dieſe Einwendungen für weniger als nichts anſchlug.„Wir werden ſchon ſehen,“ erwiederte ſie kurz,„laß mich aber vorerſt ausreden! Ich weiß, daß Du weder den Lieutenant noch Herrn B— leiden magſt; ich gelobe Dir, daß ich von dieſem Augenblick mit Wiſſen und Willen keinen von Beiden ze wieder ſehen will. Sie ſollen niemals mehr ange⸗ nommen werden,— dagegen mußt Du mirr aber ver⸗ ſprechen, daß wir die Reiſe im eignen Wagen machen. Auch verlange ich nicht mehr als zwei Zimmer— Du ſiehſt, wie billig ich mich finden laſſe, und darfſt wohl bedenken, daß Dir dieſe Ausgabe den Prcheit gewährt, Dich auf alle Zeit von Deinen ſogenannten Plagegeiſtern befreit zu wiſſen.“ „Aber dieſer Vortheil ruinirt mich!— Das iſt ſo gewiß als Ja und Amen!“ „Du wirſt nicht ruinirt. Auch ſoll dieß der aller⸗ letzte Beweis ſeyn, welchen ich von Deiner Güte für mein Vergnügen begehre. Gehſt Du darauf ein, wie ich von Deiner Klugheit für unſer beiderſeitiges Beſte hoffe, ſo will ich ein wahrer Engel an Güte und Zärt⸗ lichkeit werden und nie von Deiner Seite weichen; biſt Du hingegen eigenſinnig, ſo haſt Du es Dir ſelbſt zu⸗ zuſchreiben, wenn Du keinen Engel kriegſt und Deine Plagegeiſter behältſt.“ Nach dieſer Erklärung verließ ſie ihren Mann, mit der Verſtcherung, daß er nach dem Kaffee gewiß ſelbſt die Vortrefflichkeit ihres Vorſchlags einſehen werde. Die Ueberlegung des Kammerers dauerte nicht ſo lang, als man in einem für ſeine Kaſſe ſowohl als für ſeine gewohnte Lebensweiſe ſo außerordentlichen Fall hätte denken ſollen, denn er kalkulirte folgendermaßen: „Gebe ich ihrer Thorheit nach, dann kann ich wenig⸗ ſtens möglicherweiſe hoffen, daß ſie mich meine übrigen Tage in Ruhe verleben läßt. Mitnehmen kann ich doch nichts, und das Glück, die Taugenichtſe nicht mehr um ſie ſehen zu muſſen, iſt freilich ein Opfer— wenn auch ein unerhörtes— werth. Gebe ich aber nicht nach, ſo peinigen mich alle Drei in Kurzem zu Tode. Ich muß — dabei ſeufzte der Alte tief— ich muß dabei an mich ſelbſt denken!“ Damit ſchloß der Kammerer ſeine Betrachtung; aber es ging ihm ein ſchrecklicher Stich durch das Herz, als die Zuſage über ſeine Lippen ging.„Wenn Du mich betrügen könnteſt?“ ſeufzte er. „Ich betrüge Dich nicht, mein armer Alter! Ein ſo herzloſes Geſchöpf bin ich nicht!“ Damit ſchloß ſie den ches tan. ſinn mer er i der in d dem ihre das fruͦh ſchö Sol ſeyn alle ihren treul ihrer doch geſu und dem zu ſ Stin B. au glück Mar hafte Prac geger ſtern ſt ſo ller⸗ für wie Zeſte zärt⸗ biſt zu⸗ eine mit elbſt t ſo für Fall zen: nig⸗ igen doch um auch ſo nuß an ng; herz, Du Ein ſie den alten Mann in ihre Arme, mit einem Feuer, wel⸗ ches ihm noch nie zu Theil geworden war. Sie ſang, tanzte und benahm ſich ganz wie ein verzogenes eigen⸗ ſinniges Kind, welchem man ſeinen Willen gethan hat. Nach unglaublichen Plackereien, welches dem Kam⸗ merer beinahe den Verſtand koſtete und mehr Geld, als er in zehn Jahren für ſich ſelbſt ausgegeben hatte, ſaß der geplagte Mann mit ſeiner jungen muntern Frau in dem neuen hübſchen Wagen und rollte unverweilt dem Ort zu, den er alle Urſache hatte, wenigſtens ihrem Verſprechen nach, als das irdiſche Paradies, als das Eiland der Glückſeligkeit anzuſehen, wo all' ſein früherer Kummer ein Ende nehmen und ein neues ſchönes unendlich herrliches Leben beginnen ſollte. Für Liſa war der Badeort gleichfalls ein Eldarado. Sollte er denn nicht Zeuge ihrer unzähligen Triumphe ſeyn?— ſollte ſie nicht hier, einzig durch ihr Auftreten alle die herumflatternden Schmetterlinge feſſeln und zu ihren Füßen bannen?— In den erſten Tagen hielt ſich Frau Laßman ge⸗ treulich daheim. Das Gerücht von ihrem Reichthum, ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit, hatte ſie indeſſen doch, ſo weit es thunlich war, in Umlauf zu bringen geſucht. Uebrigens litt ſte gewaltig in ihrer Einſamkeit und gähnte erbarmlich vor Langeweile, legte ſich aber demungeachtet die Selbſtverläugnung auf, vor dem Alten zu ſpielen und zu ſingen, in der Hoffnung, daß ihre Stimme, welche ſie nunmehr, der Verſicherung des Herrn B.— zufolge, als völlig ausgebildet anſehen durfte, auch andere Zuhörer herbeilocken moͤchte. Ihr Plan miß⸗ glückte auch nicht, ſie zog die Blicke manches jungen Mannes auf ſich; und wenn ſie ſich öffentlich zeigte, ſo haftete die Aufmerkſamkeit Aller auf der übertriebenen Pracht ihres Anzuges, welche auf höchſt ergötzliche Weiſe gegen den einfachen Rock des Kammerers abſtach. Ihrer 246 geſchmeichelten Eitelkeit entging auch keineswegs, daß ihr Aeußeres gar keinen unangenehmen Eindruck machte. „Ich opfere mich aber doch wahrlich ganz und gar für Dich!“ ſagte ſie zu ihrem Mann, als ſie ſich damit unterhielt, durch die Jalonſien die jungen Herren zu be⸗ trachten, welche vor ihrem Fenſter Parade machten; aber unter dieſen Dandys befand ſich leider noch kein Graf oder Baron, nicht einmal ein ſimpler Edelmann oder Offizier mit intereſſantem Schnurrbart. Und ſo etwas mußte es doch nothwendig ſeyn, ehe ſie ihr ſtrenges In⸗ cognito aufgab. „Ich opfere mich doch wahrlich ganz und gar für Dich, liebes Männchen: ich beſuche keinen Ball und keine Geſellſchaft— ich lebe blos meiner Pflicht!“ „Ja, das iſt ein gutes Leben, ein ſehr ſchönes Leben!“ ſagte der Kammerer, welcher wieder ganz le⸗ bendig zu werden begann.„Eine ſo gute Woche hatte ich ſeit unſerer Verhelrathung nicht. Aber Du ſitzeſt ſo ſelten neben mir, Du hältſt Dich immer am Fenſter; bald gehen die Jalouſien auf, bald nieder— Du kennſt ja doch keinen Menſchen.“ „Es kann deßwegen doch ganz luſtig ſeyn, nach ihnen zu ſehen— Du wirſt doch nicht ſo unbillig ſeyn, mir dieß verwehren zu wollen? Es macht mir ſo viel Spaß, all' die verſchiedenen Frauenzimmerhüte zu ſehen: es iſt kein ſo hübſcher drunter, wie nur mein Reiſehut.“ Der Kammerer ſchwieg geduldig; ſie hatte ja ſo viel gethan. Aber auf einmal waren alle Bewunderer Liſa's gleichſam wie weggeblaſen, ohne daß ſie ſich den Grund dieſes Mißgeſchicks denken konnte— wiſſen mußte ſie es aber; denn die Sache war zu wichtig, um ſich darüber hinwegzuſetzen. „Wir wollen heute ein wenig ſpazieren gehen, lieber Mann,“ ſagte ſie zu ihm;„zieh' Dich aber ein Bischen daß chte. gar amit be⸗ aber Graf oder twas In⸗ für keine önes 3 le⸗ hatte ſt ſo ſter; ennſt hnen mir paß, s iſt viel eiſa's rund ie es rüber ieber 247 reputirlich an!“ Sie ſelbſt bot alle Toilettenkünſte auf, um ihre perſönlichen Reize zu erhöhen und begab ſich am Arm des Alten auf die Promenade. Plötzlich fühlte ſie ſich von einem neuen, nichts weniger als angenehmen Gefühl ergriffen, denn es war das peinlichſte für ein gefallſüchtiges Weib: Neid. Am Ende der Allee erſchien unter einer großen Geſellſchaft eine junge hübſche Dame, umgeben nicht allein von Liſa's entflohenen Anbetern, welche hier nur eine kaum bemerkte Schleppe zu ſeyn ſchienen, ſondern auch von einem Paar Offiziere, und, was das Schlimmſte von Allem war, die Beneidete ging am Arm von Liſa's früherm Liebhaber, dem Diſtriktsrichter Wetterquiſt. Zwei nobel gekleidete ältere Damen, von denen namentiich die eine beſonders vornehm ausſah, und ein Herr mit einem Ordensband im Knopfloch gingen zur Seite und zehn Schritte hinterher folgte ein Diener in glänzender Livré mit den Mänteln.... Liſa hatte Zeit genug, die Geſell⸗ ſchaft zu betrachten, welche ihr entgegenkam.„Wie fang' ich es an, in ihre Geſellſchaft Zutritt zu erhalten?“ „Und wie in des Herrn Namen iſt der hochmüthige Laffe Wetterquiſt dazu gekommen. Aus alter Bekannt⸗ ſchaft könnte er mir wohl dazu behülflich ſeyn. Ich darf ihn nicht ſo kalt grüßen, wie ſonſt.“ In dieſe wichtigen Speculationen vertieft, hörte ſie nicht einmal, was ihr Alter ſagte; er klagte über Müdigkeit und wollte nach Hauſe. Aber Liſa ſchleppte ihn unbarmherzig weiter. „Sie können es nicht umgehen, mich zu grüßen— viele der Herren kennen mich; und Wetterquiſt....“ Aber, o Schmerz, o Pein, was für ein Gruß! Der Notarius — er, der ſeine Röcke in der Trödelbude ihrer Mutter verkaufte und einſt zu ihren Füßen lag— er hatte nur Augen für ſeine hübſche Nachbarin, die liebenswürdige Mathilde Lindfelt und beachtete kaum das ungleiche Ehe⸗ paar: erſt nachdem ſie beinahe vorüber war, bemerkte 248 er unter flüchtigem Erroöͤthen ſeine alte Bekanntſchaft, lüftete vor Liſa fremd und ſteif den Hut und begrüßte dann den Kammerer mit einer Handbewegung wie einen Bekannten. Gott, welch' ein Aerger! Liſa konnte ſich kaum auf den Füßen halten, ſie mußte ſich ſetzen; ſie wußte nicht einmal, ob einer von den Andern ſie nur gegrüßt hatte. „Laß uns nach Hauſe gehn!“ ſagte der Kammerer. „Du ſiehſt ja, daß er Dich in ſo hoch vornehmer Ge⸗ ſellſchaft nicht kennt.“ Liſa ſchnauzte den Alten dergeſtalt an, daß er nicht mehr zu mukſen wagte. Was hatte ſie nun für alle ihre Mühe! Nach der adeligen Jungfer Naſeweiß guckten ſie Alle, und ſogar diejenigen, welche vorher nur nach Liſa geſehen hatten; und Wetterquiſt, der miſerable Menſch, wollte auch noch thun, als erinnere er ſich gar nicht mehr, daß ſie einſt ſeine Geliebte geweſen— nein, das war zu viel! Daß er ihr auch nicht Zutritt in die Ge⸗ ſellſchaft verſchaffen würde, in welche er, Gott weiß wie, gekommen war, ſah ſie ebenfalls wohl ein. Aber das war leider gewiß, daß, wenn ſie nicht in den vornehmen Kreis kommen konnte— und wie dieß anfangen?— kein Menſch ihr Aufmerkſamkeit ſchenken würde; und lieber als dieß, lieber als, daß ſie ſich mit hochmüthiger Gleichgültigkeit behandeln ließ, lieber wollte ſie ſtracks nach Hauſe. Sie erkannte bereits, daß ſie nicht klug gehandelt, dieſen Badeort zu wählen, wo ſich ſo viel Adel eingeniſtet hatte, daß ſie völlig davor verſchwand. Als Liſa in ihrer Wohnung ankam, zog ſie Nach⸗ richt über die Geſellſchaft ein, welcher ſie begegnete; allein wer beſchreibt ihr Erſtaunen, als ſie hörte, daß es der reiche Graf von Dagſtaholm mit ſeiner Gemahlin und Fräulein von Lindfelt, ihrer Nichte, und deren Bräutigam, ein Diſtriktsrichter Wetterquiſt ſey!„Bräu⸗ tigam.. Wetterquiſt... Der Graf von Dagſtaholm... 249 Muhme Mallas frühere Herrſchaft... verlobt mit einem Fräulein..!“ Liſa wirbelte der Kopf.„Ja, ja,— der übermüthige Wetterquiſt trug ſchon als armer Notarius die Naſe ſo hoch, daß er jetzt, wo er mit Gräfinnen und Fräulein zuſammenkommt, ſich freilich nicht viel um mich kümmern wird!“ Liſa warf ſich in die Sophaecke; um ihren Schmerz zu erleichtern, ergötzte ſie ſich damit, ihre Spitzenhaube in Stücke zu reißen, die Blumen im Zimmer umherzu⸗ ſtreuen, und an ihrem Perlenhalsbande zu zerren, bis es entzwei ging, und die Perlen auf dem Boden umher⸗ rollten: dann weinte ſie vor Zorn, daß nach ſo vieler Mühe und Arbeit ihre reiche Ausſaat auf felſigem Boden verdorren ſollte. Ob ſie nur ausging oder nicht— bei⸗ des konnte ihr blutwenig helfen: wenn auch einige Leute zu ihrer Höhe heraufblickten, ſo waren dieſe doch von ſo geringer Bedeutung, daß es nicht der Mühe lohnte, ſich um ihre Aufmerkſamkeit zu bewerben. Um ihr unter ſolchen Umſtänden nicht im Wege zu ſeyn, hatte ſich der Kammerer in ſeiner Herzensangſt in das andre Zimmer zurückgezogen, als es an der Thüre klopfte. Liſa fuhr zuſammen.; ihre Wangen überſlog ein brennendes Roth.„Wenn Er es wäre, wenn Er käme und mir den Vorſchlag machte, mich bei Gosfens vor⸗ zuſtellen— Gott, wie klopft mir das Herz!“ Es war in der That Wetterquiſt. Aber was für ein Geſicht, was für eine Kälte— wie vornehm! Liſa war völlig aus dem Koncept. „Ich bitte um Vergebung, Madame, iſt der Herr Kammerer zu Hauſe?“ Außer Stand zu antworten, zeigte Liſa auf das innere Zimmer. Wetterquiſt ging hinein. Sie hörte, daß er höchſt artig mit dem Alten redete, ihm eine alte Schuld abtrug und Glück zu ſeiner Badkur wünſchte; 25⁰0 Liſa hörte ihrer mit keinem Worte erwähnen, kein Wort, welches auf irgend eine Fortſetzung ihrer Be⸗ kanntſchaft hingedentet hätte, und ſie war geſcheidt ge⸗ nug, einzuſehen, daß dieſer Beſuch nur dazu dienen ſollte, zu zeigen, daß von nun an keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen ihnen ſtattfinden würde. Der Beſuch war kurz. „Der Herr Diſtriktsrichter ſind verlobt, wie ich ver⸗ nehme— ich habe die Ehre, zu gratuliren!“ ſagte Liſa mit einem ſpitzigen Lächeln, als der Wetterquiſt zurückkam. Ein kaltes:„Ich danke,“ nebſt einem ſteifen Bück⸗ ling war Alles, was er erwiederte. Liſa erſtickte faſt vor Zorn, ihre letzte Hoffnung, Eintritt in den gräflichen Kreis zu erhalten, war zu Waſſer geworden. Gleich einer Rakete flog ſie auf den Alten los, welcher ſeinen Gaſt bis zur Treppe begleitet hatte; über wen, als über den armen Kreuzträger könnte ſte wohl die ganze Bitterkeit ihrer fehlgeſchlagenen Be⸗ rechnung ausgießen?“ Der Kammerer wünſchte ſich aus Herzensgrund tauſend Meilen weit von dem Eilande der Glückſelig⸗ keit weg. „Morgen reiſen wir!“ ſagte Liſa ein paar Tage darauf, nachdem ſie zu Gunſten eines Balles zweier Soiréen ihr Inkognito aufgegeben, ſich aber dabei voll⸗ kommen überzeugt hatte, daß es ihr nicht möglich werden würde, Zutritt in dem geſchloſſenen Kreis der tante votée zu erhalten, oder auch nur in den öffentlichen Unter⸗ haltungen in irgend eine Berührung mit ihr zu kommen. „Morgen reiſen wir! In dieſem unerträglichen Neſt halte ich es nicht länger aus!“ Ihr Ton verkündete, daß von Widerſpruch keine Rede ſeyn dürfe. „Ja, mein Kind, wie es Dirzbeliebt,“ erwiederte der Kammerer; heimlich dachte er aber:„Ich wußte wohl, daß die guten Tage nicht lange dauern würden.“ ———— 1d 4 4 3 251 Die guten Tage waren auch, im eigentlichen Sinn des Worts, vorüber—— Die Folgen der Badereiſen nagten Tag für Tag an des Kammerers Herzen. Nicht allein, daß er thörichter Weiſe ſein Geld zum Fenſter hinaus geworfen, welche Ausgabe noch dadurch bedeutend erhöht ward, daß nach der Rückkunft in die Stadt eine Menge Rechnungen von den Modehändlern einliefen, welche bei den großen Zu⸗ rüſtungen für die wichtige Reiſe hilfreiche Hand hatten leiſten müſſen— nein, dies war es nicht allein, was ihn grämte: ſein Kummer lag tiefer, denn Liſa wurde jetzt faſt von Stunde zu Stunde ſchlimmer und boshafter. Sie machte ſich ordentlich ein Geſchäft daraus, den Al⸗ ten auf alle Weiſe zu peinigen; und wehe ihm, wenn er eine Klage laut werden ließ! Mit jedem Tag zog ſie die Zugel der Hausgewalt ſtraffer an, und am Ende ſaß der Alte nur noch wie ein Schatten in dem bouteillengrünen Oberrock an dem Fenſterſpiegel auf der Wache, und wartete auf die An⸗ kunft ſeiner alten Plagegeiſter, des Lieutenants und des muſikaliſchen Herrn B—, welche trotz Liſas Verſprechen, in Ermangelung von etwas Beſſerem, wieder zu Gnaden aufgenommen worden waren. Wenn der Kammerer ein Mal zu ſeufzen wagte— laut zu klagen hatte er ſchon lange nicht mehr die Cou⸗ rage— fuhr Liſa beleidigt auf:„Na, was haſt Du denn wieder für ein Geächz! Kannſt Du vielleicht ſa⸗ gen, daß Du nicht vollkommen glücklich ſeyſt?“ Der arme Laßman hatte dieſen Ton— und haupt⸗ ſächlich dieſe Frage, welche, mit Nein beantwortet, in einem ganzen Wolkenbrüche von Beweiſen des Gegen⸗ theils überſchüttet hätte— dergeſtalt fürchten gelernt, daß er kaum hoöͤrbar antwortete:„Ja, gewiß bin ich glücklich, mein Schatz, ſehr glücklich!“ aber heimlich wünſchte der müde Greis im Grab zu liegen. Wie gerne würde er die Hälfte ſeines Vermögens hingegeben haben, wenn er damit jene glückliche Zeit hätte zurück⸗ kaufen können, als er noch hinter ſeinem Schirm ſaß, Strümpfe ſtopfte, und über Nichts zu klagen hatte, als über die Achtloſtgkeit ſeiner Aufwärterin! „Das war die goldene Zeit,“ dachte der gebeugte Mann;„ſelbſt die heilige Sabine hätte mich nicht mehr unter den Pantoffel bringen können, als Liſa mit ihren Teufelskünſten... Meine ſchönen Winter ſind vorbei. Mich friert nicht mehr. Liſa, Liſa, Du verſtehſt es, dem Alten warm zu machen!“ ——— Wir wollen die Feder niederlegen und die Skizze von Laßmans Schickſal als Junggeſell und Ehe⸗ mann ſchließen. Wer an dem Hauſe Nummer achtund⸗ neunzig in der Königsſtraße vorbeigehen will, kann am dritten Fenſter, von der Thüre aus, einen alten Mann ſitzen ſehen, in einem bouteillengrünen Rock, hinter einem Reflerionsſpiegel, denn ſoviel wir wiſſen, ſitzt dort der Kammerer den ganzen Tag, und wartet mit geſpannter Furcht auf die Ankunft ſeiner beiden Plagegeiſter. 4— AN ¼ Nachſchrift. Als Anhang zu der Biographie des Kammerers theilen wir folgenden, kürzlich uns zugekommenen Auszug aus einem Brief des Regierungs⸗Sekretärs Roſell an den Diſtriktsrichter Wetterquiſt mit: „Unſer alter Laßman iſt auch heimgegangen! Der Herr hat ihm den Dienſt noch zu rechter Zeit erzeigt, denn, um die Wahrheit zu ſagen, in der letzten Zeit trieb es ſeine Frau etwas zu ſcandalös und plagte ihn mehr, als er es für ſeine Thorheit verdiente, ſie zur Frau genommen zu haben. Auf dem Todtenbette machte indeſſen der Alte ſeinen Fehler durch einen Akt der Selbſtändigkeit wieder gut, für welchen ich ihn noch un⸗ ter dem Boden achten muß. Er ließ nämlich ſein Teſta⸗ ment gerichtlich abändern, und ſo bekommt nun ſeine Frau nichts als eine jährliche Rente. Die Hälfte ſeines Vermögens(welches, Dank der Fürſorge der Madame, ziemlich geſchmolzen iſt) erhält Will, welcher durch Fleiß und gutes Betragen dieſe Aufmunterung wohl verdient, den Reſt hat er zu milden Stiftungen verwendet. Vor drei Wochen habe ich ſeinem Leichenbegängniß beigewohnt — er wurde ohne Ceremonien auf dem Johanniskirchhof beerdigt. Die junge Wittwe hat natürlich ihre hübſche Woh⸗ nung mit all' ihrer Pracht verlaſſen müſſen, und iſt zu ihrer Mutter in die Kramgaſſe gezogen. Sie geht, wie Du Dir wohl denken kannſt, in tiefſter Trauer, aber ich laſſe dahin geſtellt ſeyn, ob für den Alten oder für ihre zu Grab gegangenen Hoffnungen. Vielleicht würde ſie 25⁵54 jetzt keinen Anſtand nehmen, das Loos des ſonſt ſo ver⸗ achteten Wills zu theilen, aber nach dem, was mir Muhme Neta erzählt hat, welche ich vor ein paar Tagen auf der Straße antraf, wie ſie eben ihren Alten heimſchro⸗ tete, den ſie als Kapitän attrapirt hatte, will er jetzt auch nicht der„Gutgenug“ ſeyn, und erhebt ſeine Augen zu der Tochter ſeines bisherigen Prinzipals. Dieſe Nachrichten über unſern alten Bekannten wer⸗ den Dich ſicherlich intereſſiren... Nun, Glück zu, Bruder! Ich habe ein Regierungsblatt geleſen, daß Du Deinem Amtmann adjungirt worden biſt. Unter Deinen jetzigen günſtigen Verhältniſſen ſoll es mich gar nicht wundern, wenn Du auch bald den Dienſt ſelbſt erhalten wirſt.... Meine Frau, welche ich zu meiner großen Ver⸗ wunderung noch ebenſo liebenswürdig finde, wie im Anfang, laͤßt Deine Mathilde herzlich grüßen. Mit großer Freude habe ich aus Deinem letzten Brief erſehen, daß Du bald Hochzeit zu machen gedenkeſt. Gratulor quam Maxime! Gott möge uns Beide vor Papa Laßmans Schick⸗ ſal bewahren!— Man lernt aus ſeiner Geſchichte, wie gefährlich es für einen alten Junggeſellen iſt, eine junge Frau zu nehmen. Lob und Dank dem Alten noch in ſeinem Grabe, daß er uns ſo manches Mal aus der Klemme geholfen hat, noch mehr lobe ich ihn aber dafür, daß er ſo geſcheidt war, faſt mit ſeinem letzten Athemzuge noch ſeine beeinträchtigte Würde als Eheherr zu rächen! Er konnte indeſſen freilich nichts Beſſeres thun, als ſich hin⸗ legen und ſterben, und Frau Liſa allein auf der Welt zurücklaſſen. Ende des vierten bis letzten Theils. — Im Franckh'ſchen Verlage in Stuttgart ſind folgende intereſſante Werke erſchienen und in allen Buch⸗ handlungen zu haben: Thaddäus Kosciuszko. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Rau (Verfaſſer der Myſterien). Drei Bände. 8. Elegant geheftet. Der Verfaſſer dieſes hiſtoriſchen Romans hat ſich in kurzer Zeit durch ſeine„Gedichte,“ den Sitten⸗ roman: die Pietiſten, und andere Novellen einen der erſten Plätze in der Leſewelt errungen. Doch haben wir noch nicht den ganzen Reichthum ſeiner Phantaſie und Erzählungskunſt in den bisherigen Lei⸗ ſtungen kennen gelernt. Die Leiden, die Kämpfe und die politiſchen Zu⸗ ſtände eines ſotapfern wie unglücklichen Vol⸗ kes, das in ſeinem Nationalhelden Kosciuszko am treueſten in dieſem Roman abgeſchildert wird, bieten dem reichen Dichtertalente des Verfaſſers Ge⸗ legenheit, ſich in ſeiner ganzen plaſtiſchen Kraft zu entwickeln; rechnet man dazu noch die naheliegenden Zeitfragen, welche zum Theil auch in dieſem Roman beſprochen werden, ſo iſt die Erſcheinung deſſelben als eine der wichtigſten und empfehlungswürdigſten der neueren Belletriſtik zu nennen. Das Werk iſt der: polniſchen Nation vom Dichter zugeeignet! Frenden und Leiden eines Commis Voyageur. Zwei Theile. Elegant geheftet. Börne ſchrieb die Monographie der„deutſchen Poſtſchneke;“ die Monographie des„deutſchen Commis Voyageur“ fand noch keinen Darſteller; um ſo will⸗ kommener alſo wird dieſes Buch allen Freunden hei⸗ terer und angenehmer Lectüre ſeyn, da ein deutſcher Dichter von gutem Schrot und Korn ſich ein ſolches Exemplar aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte, deſſen Reſultate er in obigem Buche der literariſchen Welt vorlegt. 8‿„ 8 8 8 e dichte von J. G. Deeg. 8. Elegant geheftet. Wem das Herz höher ſchlägt, wenn es die Worte: Liebe, Freiheit, Vaterland! nennen hört, wem die Poeſie nicht Unterhaltung nur, ſondern das keuſche Licht iſt, das aus dem Sumpf des Materialismus und aus der Verſunkenheit unſerer Zeit ins edlere Gebiet des Geiſtes leuchtet, der wird unſern Dichter und ſeine Gaben mit Freuden willkommen heißen, er wird ihn, nachdem er ſeine Gedichte kennen gelernt, den Edelſten und Beſten unſeres Volkes an die Seite ſtellen, weil, was Form und Inhalt dieſer anlangt, ſie den Vergleich mit dem Ausgezeichnetſten der deut⸗ ſchen Poeſie beſtehen, ja theilweiſe es wohl noch über⸗ treffen können! ———yy ““ —— 3 *⁸ “ . 4* 8 — — —