— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: ————ᷣOQA::—— 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. 2 Bücher: ———— 1 Mt.— Pf.— Pf. „ 5„ 2— 1 2„ 14— 9 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. ſens zunnozil Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Kammerer Taßman alter Junggeſelle und Ehemann. Hiſtoriſcher Roman von Frau Emilie Flygare-Carlén. . Aus dem Schwediſchen von Dr. Stein. Erſter bis dritter Theil. — 33 deee Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. ...— n ð+ eEg————- Erſtes Kapitel. Zwei junge Manner bemerken durch das Fenſter ein Signal von einem Sonnenſchirm; dieß gibt Anlaß zu einem Bericht uͤber die Verwandtſchaftsverhältniſſe des Kammerer Laßman. „Eine Taſſe Kaffee, Mamſell!“ Mit dieſen in der glücklichen Modulation des Tones geſprochnen Worten, welche andeuten, daß der Sprecher in Kaffeehäuſern daheim iſt, wurde Mamſell Chriſtine von dem eintretenden Regierungs⸗Sekretär begrüßt— einer von den vielen, welche nach eingenommenem Mit⸗ tagsmahl in der„Fortuna“, wobei ſie nebenher den hübſchen Kellermädchen ſchön thun, niemals verſäumen, zu„Winter“ hineinzuſchlüpfen, um mit einem guten Freunde bei einer Taſſe Kaffee oder einem Glaſe Punſch einen Theil der langen Zeit zu verplaudern, welche ih⸗ nen nach der Arbeit des Vormittags in ihrem„Geſchäft“ bis zum Abend übrig bleibt. Obgleich es nun heute Sonntag war, unſer Regie⸗ rungs⸗Sekretär alſo keine Gelegenheit hatte, ſich in Amts⸗ geſchäften auf dem Bureau abzumühen, wollte er doch ſeine alte löbliche Gewohnheit nicht auf die Seite ſetzen, nach dem Kaffee ſammt obligatem Schnaps ſich zu Hauſe auf den Sopha zu ſtrecken. Er genoß ſchon im Voraus die hohe Wolluſt bei der drückenden Tageshitze den knapp anſitzenden Gehrock gegen den à la Don Ra- nudo de Colibrados luftig eingerichteten Schlafrock zu vertauſchen und mit einem Bändchen der Kabinetsbiblio⸗ theck in der Hand zu lieblichen Träumen einzuſchlummern und ſo noch gelegentlich für die Bildung ſeines Geiſtes zu ſorgen. Allein, ehe er nicht einen Kameraden ge⸗ funden hätte, konnte er unmöglich ſeiner Wege gehen! Denn plaudern, vorzüglich ſelbſt zu plaudern, war die ſchwache Seite des Regierungs⸗Sekretärs und nachdem er ſich zu dieſem Zwecke vergebens umgeſehen hatte, ob nicht ebenfalls ein Bekannter in der Nähe ſey, begab er ſich in das Rauchzimmer, wo es ihm beſſer glückte, wie man wenigſtens aus dem freundlichen Kopfnicken ſchließen konnte, mit welchem er einen jungen blaſſen Mann grüßte, der an einem Fenſter ſaß und mit einem ausgebrannten Cigarrenſtumpf gedankenlos an einem halbleeren Waſſerglas ſpielte, während er zuweilen an dem Cognac nippte, den er vor ſich ſtehen hatte. „Wo zum Henker haſt Du denn ſo lange geſteckt? Seit vollen acht Tagen hat die ganze Welt nach Dir ge⸗ fragt!“ ſagte der lebhafte Regierungs⸗Sekretär, und ſchlug der benannten Perſon auf die Schulter. „Wo ich geſteckt habe?“ entgegnete dieſer, warf die Cigarre weg, und in dem Blicke, womit er den Frager an⸗ ſah, lag Unwillen und Verlegenheit.„Zu Hauſe habe ich geſteckt, ich war nicht ganz wohl und auch außer⸗ dem frei von Geſchäflen.“ „Ach was, gib Dir keine Mühe, mir all' das zu wiederholen, was ich mir an meinen fünf Fingern her⸗ zählen konnte!“ ſagte Roſell und lachte auf eine Weiſe, welche kaum für artig gelten kann.„Aber offenherzig geſagt,“ ſetzte er mit geſenkter Stimme hinzu,„Du biſt ein Narr, wenn—“ Ein faſt wahnwitzigers Blick und eine ſieberhafte Röthe, welche ſich plötzlich über das Geſicht des blei⸗ chen Mannes verbreitete, ſchloß Roſell den Mund, und er ließ ſich aber doch nicht hindern, mit ausdrucksvoller Kopfsbewegung den abgebrochenen Satz pantomimiſch zu vollenden. Der Recerungs⸗Sekretär ſetzte ſich in die Fenſterniſche —— ₰ 2—=eSͤR SESOTrhASeaene A α—— 7 neben ſeinen ehmaligen Univerſitätsfreund, nunmehrigen Geſellſchafter, den Notarius Wetterquiſt. Während ſie vertraulich die Köpfe zuſammenſtecken, wollen wir den Leſer kurz mit ihnen bekannt machen. Roſell war ein langer hübſcher Menſch mit nicht unmännlichem Ausſehen; indeſſen gaben ihm ſeine vol⸗ len Wangen und das unbekümmerte Ausſehen ſeines Ge⸗ ſichtes den Anſtrich von einem Einfaltspinſel, was er in der That auch war, und vielleicht nichts weiter, ob⸗ gleich er ſich ſelbſt und auch Andere ihn für einen offe⸗ nen Kopf hielten, der ſein Glück in der Geſchäfskarriére machen würde. Zudem waren im Augenblicke ſeine Aus⸗ ſichten nichts weniger als bitter. Er konnte ſich näm⸗ lich gegründete Hoffnung machen, nach ſechsjährigem Dienſt bei der Jſizreviſion und ſechsjährigem fortwäh⸗ renden emſigen Bücklingen— wobei man„das Lachen halten kann,“ eine Beſoldung von allerwenigſtens 400 Reichsthalern zu bekommen. Wir dürfen übrigens nicht verſchweigen, daß der Regierungs⸗Sekretär ſo oft er die unzählige Menge von Papieren durchging, mit de⸗ nen ſeine Schatulle bis zum Deckel voll war, nothwendig zu der Anſicht kommen mußte, daß ſeine Schulden gerade eine Null mehr betrügen als ſein zu hoffendes Einkommen.„Aber,“ dachte der freiſinnige junge Mann, „was hat eine lumpige Null mehr oder weniger zu ſa⸗ gen, wenn man nur ſelbſt keine Null iſt. Das macht ſich ſchon mit der Zeit; eine Frau, ein Amt, eine Erb⸗ ſchaft, und ſonſt noch etwas der Art, im Nothfall auch nur Eines davon!“ und dabei ſang er: „Weg mit den Grillen und Sorgen!“ während er, durch dieſe mit ſelnen eigenen Maximen ſo ganz übereinſtimmenden Lebensphiloſophie gründlich ge⸗ tröſtet, ſeine Papierrechnungen und ſonſtige Brummbriefe getroſt wieder einpackte. Iſt es aber nicht zum Verwundern, wenn ein Regie⸗ rungs⸗Sekretär ein ſo außerordentlich ordentlicher Menſch iſt, daß er auf den Pfennig hin wußte, me viel ſeine Schulden betragen, und niemals verſäumte er, ſich am Verfalltage pünktlich bei ſeinen Gläubigern einzufinden! Freilich kam er unter zehn Mal kaum ein Mal mit Geld; allein er kam doch und bedauerte mit den artig⸗ ſten Worten von der Welt, daß es ihm im Augenblick gerade unmöglich ſey, ſeine Schuld abzutragen, indem eine andere etwas ältere Verbindlichkeit— welche übri⸗ gens, im Vorbeigehen geſagt, daſſelbe Schickſal gehabt hatte— alle ſeine Einnahmen in Anſpruch genommen habe. Durch den wirklich ſehr natürlichen Ausdruck von Kummer und Verdruß, der auf ſeinem Geſichte lag, glückte es ihm nicht ſelten eine Prolongation auf meh⸗ rere aber doch wenigſtens auf ein paar Wochen zu er⸗ halten. Da er aber einſah, daß er doch die Geduld ſeiner Manichäer ſchon allzulange auf die Proben ge⸗ ſtellt habe, als daß ſich noch eine weitere Erſtreckung derſelben erwarten laſſen könnte, ſo ſchaffte er Gels ſo gut es gehen wollte, denn zu einem Beſuch bei dem Schloßkanzleidiener hatte er denn doch keine Luſt, nicht daß er ein ſolches Mißgeſchick für etwas Ehrenrühriges gehalten hätte— ſo delikat dachte er nicht— allein ein derartiger unfreiwilliger, Aufenthalt konnte und mußte ſeinem Kredit ſchaden, und Kredit war das einzige Mit⸗ tel, womit er ſich zu halten im Stande war, bis eine reiche Frau, eine Erbſchaft oder eine Anſtelluug ihn für ewige Zeiten auf den„Strumpf“ brachten. Der Notarius Wetterquiſt war in Allem der offen⸗ bare Gegenſatz. Seine kleine luftige Körperbildung ſtand in völliger Uebereinſtimmung mit ſeinem blaſſen feinen Geſicht und die vornehm gekräuſelte Oberlippe paßte nicht minder zu ſeiner düſtern abgemeſſenen Haltung. Es lag in den Augen des jungen Mannes, obgleich ſie weder ſchwarz noch blau waren, auch nicht die moderne nußbraune Farbe hatten, ſondern ganz einfach in's Graue ſtachen, dennoch etwas Myſtiſches, Etwas, was die Frauenzimmer intereſſant, ja manchmal ſogar entzückend nennen, was aber ſeine Kameraden nicht in ſo vortheil⸗ h am nden! l mit artig⸗ nblick ndem übri⸗ ehabt nmen von lag, meh⸗ 1 er⸗ eduld 1 ge⸗ kung ld ſo dem nicht riges n ein außte Mit⸗ eine 1 für pffen⸗ ſtand einen baßte tung. h fe derne raue die ckend theil⸗ 9 hafter Weiſe gelten laſſen wollten, denn dieſe fanden es unnatürlich und berechnet. Der Regierungs⸗Sekretär Roſell ſagte oft, wenn Wetterquiſt mit niedergeſchlagenem Blick gedankenlos auf irgend einen Gegenſtand hinſtarrte,„er habe freilich die gegründetſte Urſache zum Gram, denn da ihm kein Vollblut in den Adern fließe, ſo dürfe der Beklagenswerthe niemals die Hoffnung hegen, ſich je ein Kammerjunkerspatent kaufen zu koͤnnen!“ Ob die Bekümmerniß des Notarius wirklich ihren Grund in dem benannten Umſtand hatte oder nicht— er beantwortete ſolche hingeworfene Anſpielungen ſtets mit einer gewiſſen vornehmen Verlegenheit, die er durch ſeine Miene und durch ein Heraufziehen der Augenbraunen geltend zu machen ſuchte— und blieb ſich gleich: lau und hochmüthig im Umgang, zurückhaltend in ſeinem Weſen, ſtilt und abgemeſſen, ein Muſter von Sittſamkeit, Fleiß und außerordentlicher Genauigkeit in Bezug auf Toilette und die Anforderungen des guten Tons. Nie ſah man zierlicher und ſorgfältiger geordnetes Haar als bei dem Notarius Wetterquiſt, nie ſah ein Halstuch geſchmackvoller als das ſeinige, nie war eine Buſennadel geſchmackvoller geſteckt. Man flüſterte ſich freilſich in's Ohr, daß er Chemiſettkravatten, ſchwarze Nachtmützen und Manchetten aus ganz beſondern, aber höchſt einfachen Gründen vor Allem liebe, allein wenn dieß auch der Fall war, konnte ſeine Vorliebe dafür nicht beſſer maskirt werden. Und obgleich er, ſoweit man ſich erinnern konnte, nie mehr als Einen Gehrock auf Einmal beſaß, ſo bemerkte man doch nie auch nur die geringſte Spur von Abgetragenheit daran, wenn er ihn mit einem neuen vertauſchte. Und hing auch dann der vorige ſchon am andern Morgen in einer Trödelbude — was iſt viel dabei? Es hängen viele Röcke dort und wer wird viel Weſens und Gerede von ihren vorigen Eigenthümern machen? Uebrigens zeigte ſich unſer No⸗ tar oͤfters in verſchiedenen Weſten und Beinkleidern, und 2 Kammerer Laßman. I. 10 einem modernen Umhängmantel mit herabhängenden Quaſten, in der Studentenſprache„Schuldthurmtrenſe“ genannt. Rechnet man nun weiter noch einen weißen Hut, namentlich im Sommer, ebenſo Zeugſtiefel, Glagé⸗ handſchuhe, Doppellorgnette und ein rothſeidenes Schnupf⸗ tuch— was will man mehr? „Na, was haſt Du für heute Abend vor?“ fragte Roſell. „Ich weiß es nicht! Ich habe die ewigen Waſſer⸗ parthien ganz ſatt, ſie ſind zu einförmig.“ Der Notarius hatte übrigens den ganzen Sommer über erſt an einer einzigen Theil genommen, und zwar nach Drottningholm. „Das iſt wahr,“ verſetzte Roſell, der, weil er in der That die Waſſerfahrten ſatt hatte, alſo ihre Partie nicht nahm.„Wenn es Dir aber angenehm iſt,“ ſetzte er nach einer kleinen Parantheſe, welche der Requtſition von ein paar Glaͤſern Punſch galt, hinzu, wenn es Dir angenehm iſt, können wir ja auch einen Wagen nehmen und irgendwohin fahren, wohin Du meinſt— bis zum Theater find wir wieder zurück.“ „Es iſt kein Miethwagen mehr zu haben. Sonn⸗ tags haudert ja die ganze Welt hinaus, von der Königl. Fumi bis zu den Ladenſchwengeln und Nähtermädchen erab.“ „Und bis zu den armen Teufeln von Suvernumerär⸗ notarien und Sekretären— nicht zu vergeſſen“— be⸗ merkte Roſell lachend;„denn ſo viel ich weiß, haſt weder Du noch ich, an einem Werktage ſchon daran gedacht, einen Wagen zu nehmen.“ „Das ſoll auch jetzt nicht geſchehen,“ entgegnete Wetterquiſt ruhig.„Mir macht es mehr Spaß hier zu ſitzen und zuzuſehen, wie vie Sonntagsſpaziergänger ſich zur Brücke hinabdrängen. Alle Boote haben heute voll⸗ auf zu thun. Was doch die Leute mit ihren runden zu⸗ friedenen Geſichtern und ihren vollen Proviantkörben glücklich ſind. Sie verlangen nicht mehr vom Leben als es ihnen zu bieten vermag. nden enſe“ eißen agè⸗ nupf⸗ agte aſſer⸗ arius einer olm. r in artie ſetzte ition 1 es agen t— onn⸗ nigl. ſchen erär⸗ be⸗ beder 11 „Die Leute da,“ nahm Raſell das Wort,“ wie Du die weniger bemittelte Klaſſe der Handwerker nennſt— denn die Vermögenderen führen wahrhaftig einen Staat, daß ſie Unſereins nur darum beneiden kann— find bra⸗ ves ehrliches Volk, die ihr Leben auch luſtig zu genießen wiſſen. Es iſt etwas Schönes um die Kunſt, die Grll⸗ len in den Wind zu ſchlagen. Ich wüßte aber auch nichts Hübſcheres, als die ſchlichten Bürgersleute mit ihren ehrbaren Chehälften am Arm, von den vielen Kinderlein umgeben, welche luſtig einherſpringen, ein paar Schritte hintendrein die Lehrjungen oder die Magd mit einem wohlbepackten Korb, worin, wenn auch keine ausgeſuchten Leckerbiſſen, ſich doch allerlei befindet, was Leib und Seele erfreut. Wenn ich nun weiter an alle die bunten Gruppen denke, Leute aus allen Ständen, welche am Sonntag aus allen Thoren ſtrömen, ſo wird mir ganz wohl und warm um'’s Herz. Der Raſentep⸗ pich iſt mit lebendigen Bildern beſät und ich wünſche zu Goit, daß ich nur nicht ſo ſchrecklich faul ſeyn möchte, denn ſonſt liefe ich gewiß ſelbſt hinaus, um mir das ganze luſtige Gewimmel in der Nähe zu betrachten.“ Ein unmerkliches Zuſammenziehen der Augenbrauen war des Notars ganze Antwort. Er hatte ſchon ziem⸗ lich lange ſeine Aufmerkſamkeit auf einige Perſonen ge⸗ heftet, welche am Ritterhausplatze ſtanden. Obgleich er ſeine Augen auf jenen Leuten in einer Weiſe ruhen ließ, welche es für ſie zweifelhaft machte, ob er ſie wirklich ſah oder nicht, ſo war dieß doch für den, der ihn vom Zimmer aus betrachtete, ganz klar; denn als ein großes, korpulentes Frauenzimmer mit einem grünen Sonnen⸗ ſchirm ihn grüßte und ihm zunickte, ſaß er ſo ſteif und regungslos da, wie ein Gypsbild, allein das Blut, wel⸗ ches ihm dabei heftig in das Geſicht ſtieg und ihm im Augenblick eine höͤchſt vortheilhafte Farbe verlieh, deutete hinlänglich darauf hin, daß es eine etwas nähere 12 Bekanntſchaft ſeyn müſſe, welche eine ſolche Bewegung bei ihm hervorbrachte. „Die artige Dame dort grüßt Sie, meine Herren,“ ſagte lächelnd ein andrer junger Mann von ihrer Bekannt⸗ ſchaft, denn er hatte zufällig das anhaltende Schwenken des Sonnenſchirms bemerkt. „Was, eine Dame grüßt uns?“ rief Roſoll ver⸗ wundert aus, drehte ſich ſchnell um und grüßte ganz anmuthig und bekannt zu der Gruppe auf den Platz hin⸗ unter, welche aus drei älteren Frauenzimmern, einem jungen hübſchen Mädchen und einem jungen Burſchen beſtand. „Du kennſt ſie, glaube ich?“ ſagte der Notar gleich⸗ gültig. „Ach ja, ich kenne eine ganze Maſſe Leute und halte es keineswegs unter meiner Würde, den Gruß einer ehr⸗ lichen Troͤdelfrau zu erwiedern. Sieh' nur ein Mal, ob Frau Norman nicht ausſieht, als glaube ſie eben ſo viel Anſpruch auf die Achtung der Welt zu haben, als die allervornehmſte Dame. Und die Tochter erſt, ſieh,'mal dieſe an! Na, ſo ſitz' doch nicht wie ein Perrückenſtock da, ſondern brauch' Deine Augen! Kann man wohl ein netteres Geſichtchen, hübſchere Augen und friſchere Lippen in der ganzen Stadt finden? Der Mund wäſſert einem, wenn man ſolche Lippen ſieht, wie die ſchönſten Trauben, ſo roth und voll! Mamſell Lucie— es iſ doch verdammt luſtig, daß Frau Norman ihre Liſe nach der Heldin in der neuen Oper umgetauft hat— Mam⸗ ſell Lucie iſt eine kleine, nette Teufels⸗Kokette, und um ſo netter und liebenswürdiger, als ſie aus reiner, purer Natur kokettirt. Sie hat nicht erſt nöthig gehabt, die Kunſt zu ſtudiren.“ „Du ſcheinſt näher mit ihr bekannt zu ſeyn?“ be⸗ merkte der Notar, und zwang ſich zu einem Lächeln, wel⸗ ches zweireutig ſeyn ſollte. „Näher?“ wiederholte Roſell lachend.„Nein; leider kann ich mich keines großen Erfolges rühmen, und muß g bei ren,“ annt⸗ denken ver⸗ ganz hin⸗ einem rſchen gleich⸗ halte r ehr⸗ 1, ob o viel ls die mal enſtock wohl iſchere väſſert böͤnſten es iſt e nach Mam⸗ nd um purer t, die 2“ be⸗ ;, wel⸗ leider d muß 13 deßhalb faſt glauben, daß mir ein Anderer im Wege ſteht. Vielleicht irre ich mich indeſſen auch. Sie iſt ge⸗ waltig mundfertig, ſchnippiſch und gefallſüchtig gegen Jedermann, hat aber vielleicht Verſtand genug, ihr Herz dem beſcheldenen Jungen zu bewahren, der neben ihr ſteht. Es iſt ihr Vetter. Wenn er ein Mal ſein eigener Herr iſt, wirbt er gewiß um ſie; ich ſehe es ihm an den Augen an.“ „Er ſieht ſehr unbeholfen und dumm aus ¹“ ſagte der Notar und ſaß noch immer ſteif und unbeweglich da. „Was iſt es denn für ein Kerl?“ „So viel ich weiß, nichts weiter als der Sohn ſei⸗ nes Baters und Gehülfe in einer Höckerbude; allein was thut das? Wenn er ſich die Reſte von Butter, Talg oder Speck von den Fingern gewaſchen hat, iſt er, was man jetzt auch ſieht, ein ganz eleganter junger Menſch. Mein Seel' er hat gerade einen ſolchen Gehrock an wie Du, der Dich ſo gut kleidet; à propos, ich ſehe dieſen aber ja gar nicht mehr an Dir.“ „Er iſt mir in dem heißen Wetter zu warm er⸗ wiederte der Notar mit ziemlicher Faſſung. Er konnte ſich indeſſen nicht verſagen, einen flüchtigen Blick auf den jungen Mann zu werfen, um zu ſehen, wie trefflich ſein ehemaliger Lieblingsrock demſelben ſtand. Der Regierungs⸗Sekretär lächelte, hütete ſich aber, weiter von der Sache zu reden. Deſto geſprächſamer war er aber rückſichtlich ſeiner Bekanntſchaft auf dem Platze unten. „Gewiß machen ſie eine Luſtfahrt,“ ſagte er und hielt mit unbarmherziger Luſt einen Gegenſtand feſt, wel⸗ cher den Notar offenbar peinigte.„Ich wollte wetten, ſie warten nur noch auf den Kammerer Laßman, einen alten Junggeſellen und kurzweiligen, originellen Kerl, den Vet⸗ ter der drei alten Damen, welche Schweſtern ſind.“ „Du ſcheinſt mir in der Genealogie der Leute ganz beſonders zu Hauſe zu ſeyn,“ verſetzte der Notar und ver⸗ zog höhniſch den Mund. 14 „Ach ja, ſo ein wenig! Ich war ein Mal zu einer Abendgeſellſchaft bei Frau Norman gebeten, und da es meine Liebhaberei iſt, mich um die Angelegenheiten ande⸗ rer Leute zu erkundigen, um gelegentlich Etwas zu reden zu haben, ſo hörte ich ganz artig zu. Es war auf jeden Fall auch nicht mehr als meine Schuldigkeit, der Wirthin dieſe Aufmerkſamkeit zu erweiſen!“ „In der Abendgeſellſchaft bei einer Trödlerin?“ rief der Notar veraͤchtlich. „Allerdings! Und ich darf wohl ſagen, daß es da viel luſtiger und angenehmer zuging, als bei irgend einer von den Soirées, welchen ich in vornehmeren Häuſern angewohnt habe. Du kannſt Dir nichts Ungenirteres und Heiteres vorſtellen, als die Abendgeſellſchaften der würdi⸗ gen Trödlerin. Wenn Du wlllſſt, ſtelle ich Dich vor, ſo⸗ bald ſie mich bei einer andern Gelegenheit wieder mit einer Einladung beehrt.“ „Nein, nein, ich danke für die Ehre!“ entgegnete Wetterquiſt barſch. „Wie es Dir beliebt, es iſt Dein eigener Schaden! Das hindert aber nicht, daß ich Dir ſie hier durch's Fen⸗ ſter vorſtellen kann.“ „Gib Dir keine Mühe— ich bin nicht ſo neugierig.“ „Die ſcheue ich nicht, wie Du weißt,“ erwiederte Roſell lächelnd.„Du ſiehſt hier drei Matronen. Die, welche mit dem Sonnenſchirm gewinkt hat, iſt Frau Nor⸗ man, beſitzt einen der erſten Stände in der Krämer⸗ ſtraße und vermiethet den Junggeſellen zu höchſt billigen Bedingungen die Moͤbel für ihre Zimmer. Sie iſt ein ſehr liebenswürdiges Frauenzimmer und ſo vortrefflich im Kunſt⸗, Literatur⸗ und Theaterweſen zu Hauſe, daß ſie alles auf die bizarrſte Weiſe untereinander zu machen und zu radbrechen verſteht. In ihrem kleinen Geſell⸗ ſchafts kreiſe und in ihrer Troödelbude iſt ſie ſtets die Ton⸗ angeberin; ich glaube kaum, daß irgend Jemand ſie zu überſchreien im Stande iſt. Sonſt iſt ſie eine Frau von den wart beme ich f verſe quiſt mit Ewi einer auch nair iſt e fälle kann aus war den dige ſchi 15 den beſten Eigenſchaften, denn ſie gibt oft über alles Er⸗ warten langen Kredit mit dem Miethzins für ihre Möbel.“ „Das iſt ein großes Glück für ihre Kunden!“ bemerkte der Notar. „Allerdings, ein großes Glück; deßhalb gerade ſchätze ich ſie ſo hoch. Siehſt Du aber die Andere, mit dem verſchloſſenen gelben Hut. Dieß iſt Frau Malla Fogel⸗ quiſt, deren Mann vor ein Paar Jahren, in Compagnie mit Frau Normans Ehegatten, an der Cholera in die Ewigkeit reiste. Herr Fogelquiſt war Haushofmeiſter in einem gräflichen Schloſſe irgendwo, und deßhalb nennt auch Frau Norman ihre Schweſter gewöhnlich mit dem naiven Titel Frau Hofmeiſterin. Dieſe Frau Hoſmeiſterin iſt eine lebendige Chronik, in welcher man über alle Vor⸗ fälle und Begebenheiten der vornehmen Welt blättern kann. Sie hat einen guten Vorrath von allerlei Hiſtorien aus der Zeit, wo ſie als Schaffnerin auf dem Herrenhofe war. Nun geht es ihr aber knapp und ſie ſonnt ſich für den Augenblick unter den Wohlthätigkeitsſtrahlen der gnä⸗ digen Frau Schweſter. „Ich dächte, Du könnteſt doch ein Mal Athem ſchöpfen?“ fiel ihm Wetterquiſt in die Rede. „Ach was! das genirt mich nicht, wenn es Dich nur unterhält!“ Roſell nippte am Punſchglas und fuhr fort:„Die dritte und älteſte von den drei— mit Reſpekt zu melden— Grazien, die kleine Alte, in dem engen Kattunkleide und dem braunen altväteriſchen Shawl, ſoll ihrer Zeit das ſchönſte Mädchen in Stockholm geweſen ſeyn. Allein der Wandel der Zeit hat ihr einen böſen Streich geſpielt. Halt— vielleicht beſinn ich mich auf einen Vers von Lenngren, der hieher paßt: „Ihr kam an Schoͤnheit keine gleich, An Reizen....“ Nein, es fällt mir nicht mehr ein, es war ſo etwas von Wurſtmachen, was ganz trefflich hieher paßt. Laß ein Mal ſehen— ja, ja, ſo heißt der Schluß: 16 Nun nährt fie ſich mit Wurſtlerei.— Und wie ein Ei dem andern Ei So gleichen ihre Lippen An denen ſonſt zu nippen Ein Männerheer verging vor Durſt, Jetzt leider ſelber einer Wurſt. Die Händchen, welche Jedermann Bewunderte, die ſiehet man Wurſtfüllſel jetzt bereiten.— Wo ſind die alten Zeiten?! Ha, ha! ſo heißt es, das paßt koͤſtlich!“ „Muhme Neta, wie man ſlie im gewoͤhnlichen Leben nennt, heirathete, nachdem alle Liebhaber ſie verlaſſen hatten, einen Böttcher, eine ehrliche Haut, der ihr ſonſt keinen andern Verdruß machte, als daß er gewöhnlich etwas zu tief in's Glas guckte, bis ſie in ihre gegen⸗ wärtigen nicht allzuglänzenden Umſtände kamen. Muhme Neta trägt übrigens die guten wie die ſchlimmen Tage. Sie haben ſich eine Kammer in der„kleinen Gaſſe“ gemiethet, Meiſter Ficker bindet alte Oelfaͤſſer und ſeine Frau macht Würſte auf Beſtellung;— ſo leben ſie denn ganz vergnügt, beſonders da ihr lieber Sohn Will, mit einem Hockertiſch in Ausſicht, die ſchönſte Hoffnung hat, ſich ein Mal beſtens durch die Welt zu ſchlagen.“ „Du haſt es verdammt in Deiner Gewalt, eine Geſchichte in die Länge zu ſpinnen!“ meinte der Notar, „Wenn Du, mit der Zeit, ein Mal als Bürgermeiſter ein Landſtädtchen bei dem Reichstage repräſentiren ſollteſt wirſt Du ſicherlich Furore machen!“ „Das glaube ich auch: ich hrbe ſtarke Lungen und wollte dem Teufel die Stange halten.— Na, endlich, haben ſie doch genug gewartet: ich ſehe es Frau Nor⸗ mann an der Naſenſpitze an, daß es hohe Zeit war. Da iſt ja der Kammerer, der Günſtling der Frauen: jede von ihnen ſtrebt nach dem Glück, in ſeinem Teſta⸗ mente bedacht zu werden, allein bei ſeinem geſunden Aus⸗ ſehen Gra nähe Kan Fünd ſein viel dünn mon Hen Des aus die und Hen We Sa Der Flü ihm und aus ſie, ſie dar war Sor nvp län auc Abf ann wol Leben laſſen ſonſt hnlich gegen⸗ uhme Tage. Zaſſe“ ſeine denn „mit hat, eine Notar. neiſter ollteſt n und nblich, Nor⸗ T... auen: Teſta⸗ Aus⸗ 17 ſehen ſcheint der Alte ſeiner ganzen Verwandtſchaft in's Grab ſehen zu wollen.“ Die Perſon, von welcher Roſell ſprach, kam nun näher, und wir präſentiren in ihr unſern Helden, den Kammerer Laßman. Man konnte nicht leicht bei einem Fünfziger eine raſchere, kräftigere Geſtalt ſehen und was ſeln übriges Ausſehen betrifft, ſo war dieß in der That viel jugendlicher als ſeine Jahre; die graumelirten, dünnen Haare wurden durch die rothglänzenden Voll⸗ mondswangen, um welche der etwas hohe, ſteife, weiße Hemdkragen ſich dicht anſchloß, offenbar Lügen geſtraft. Des Kammerers Anzug verrieth durchaus einen Mann aus der alten Zeit, die breiten Rathherrn⸗Frackſchöße, die lange Weſte, der Knoten an dem weißen Halstuche und vornämlich die gefälteltete, weit herausbauſchende Hemdkrauſe bezeichneten deutlich die freilich längſt den Weg alles Irdiſchen gegangene Periode, in welcher dieſe Sachen nach dem neueſten Geſchmack geweſen waren. Der Kammerer Laßman llebte es nicht, nach etwas ſo Flüchtigem zu jagen, als die Mode. Die Klelder, welche ihm loſe nm den Leib hingen und die durch Gewohnheit und vieljährige Dienſte einen Theil ſeines eigenen Ichs Hausmachten, ſtanden ihm nun ein Mal an und er trug ſie, mochten andere Leute davon denken und ſagen, was ſie wollten. Sein Gang und ſeine Haltung hatten darum indeſſen nichts Schlappendes, alle ſeine Regungen waren raſch und verriethen, daß ihm noch ein hoher Grad Son Lebendigkeit inwohnte, welche ſich auch in ſeiner nvprache, trotz dem Verluſt von ein paar Zaͤhnen, hin⸗ länglich kund gab. „Es iſt ein herrlicher Alter!“ ſagte Roſell. „Ich glaube, er lelht auf Zinſen? ſiel der Notar ein. „Da weißt Du mehr als ich. Wenn er übrigens auch ein Mal Etwas aus Artigkelt thut und für den Abſchluß eines anſehnlichen Geſchäftes ein kleines Douceur annimmt, ſo iſt dieß nicht mehr als billig und jedenfalls wohl angewandt, wäre es auch nur für das Vergnügen, 18 ſeine Wohnung zu ſehen. Haſt Du ihm noch nie einen Beſuch gemacht?“ aus.„Wenn Du Geld brauchſt, ſo will ich Dich bei ihm einführen. „Du biſt allzu gütig! Leider kann ich von Deiner Dienſtfertigkeit kelinen Gebrauch machen.“ Die letzten Worte preßte er mit einer Anſtrengung hervor, welche gegen die ſpaßhafte Art, welche darin liegen ſollte, ver⸗ zweifelt abſtach. Als die Geſellſchaft auf, dem Platze ſich nach der Brücke hin entfernt hatte, ſtand Wetter⸗ quiſt auf, erklärte daß die Hitze und der Cigarrendampf ihn zu erſticken drohten, wenn er nicht bald in die friſche Luft käme. „Wollen wir keinen Wagen nehmen, wie ich vorhin proponirt habe?“ ſagte der zudringliche Regierungs⸗Sekretär, welcher wohl wußte, daß dem Notar nichts lieber ge⸗ weſen wäre, wenn es nur nicht ſeine beſondern Schwie⸗ rigkeiten gehabt hätte. „Nein, nein! Ich habe keine Luſt dazu!“ Wetter⸗ quiſt ſuchte ſeinen Hut. „Laß uns ein Boot nehmen und nach dem Thier⸗ garten hinüber fahren.“ „Warum nicht gar! Ich habe nicht im geringſten Luſt einen Ausflug zu machen! Ich gehe nach Hauſe. „Nun, ſo gehe ich mit Dir; Deine Geſellſchaft muß ich haben. Zu einem Mittagsſchläſchen iſt es jetzt zu ſpät; auch weiß ich überhaupt nicht, wohin ich bis zum Theater gehen ſoll.“ „Wenn Du im Sinn haſt nach dem Thiergarten⸗ theater zu gehen,“ wandte Wetterquiſt ein, ſo möchte es nicht zu früh ſeyn, Dich jetzt auf den Weg zu machen. Ueberdieß bin ich...“ Die letzten Worte ſprach er kaum hörbar, während er die Thüre zuſchlug. Dem Regierungs⸗Sekretär dünkte es, aber als wenn ſie gelautet hätten:„aus meiner vorigen Wohnung ausgezogen.“ 4 „Nein!“ rief der Notar mit einem gewiſſen Abſcheu „Der Narr hat doch nicht die geringſte Lebensart!“ dacht tigen Nutze ein C als f Ulla tyran Fliege Fenſt Norm Ihner Norn wegen ſich Man ſeine weist Frau ſell“ den 2 unter die 1 ſollen Norn ſetzte Hand war, neben Koͤrb Will einen bſcheu i ihm Deiner letzten welche ,ver⸗ Platze zetter⸗ dampf n die vorhin kretär, r ge⸗ chwie⸗ getter⸗ elautet 44⁴ gart!“ 19 dachte Roſell.„Er iſt zu hochmüthig, um einen vernünf⸗ tigen Rath anzunehmen und auch zu dumm als, daß er Nutzen daraus ziehen könnte.... Kellner.... roch ein Glas Punſch! Zum Henker, daß es noch nicht weiter 1“¹ als fünf Uhr iſt! Die Zeit vergeht gar zu langſam! Zweites Kapitel. ulla Winblad lebt noch im„Munde des Volks.“ Mamſel Lucie tyranniſirt einen ſtummen Anbeter. Ihre Mutter ſchlägt zwei Fliegen mit einer Klappe und träumt am Ende von alten Möbeln Die Geſellſchaft, welche wir dem Leſer durch das Fenſter vorgeſtellt baben, hatte im Sinne ein von Frau Norman gemiethetes Boot zu beſteigen. G „Liebſter Better Laßman, es iſt recht hübſch von Ihnen, daß Sie uns die Chre ſchenken!“ ſagte Frau Norman und wollte den Kammerer faſt mit Gewalt be⸗ wegen, zuerſt in das Boot zu ſteigen. Allein obgleich ſich der Alte ganz vortrefflich das Anſehen von einem Manne zu geben wußte, der weiß, daß er ſchon zurch ſeine bloße Gegenwart ſeiner Umgebung eine Artigkeit er⸗ weist, machte doch pflichtſchuldigſt Komplimente mit den Frauenzimmern, und erſt nachdem er der„jungen Mam⸗ ſell“ hineingeholfen, nahm er dem jangen Herrn Ficker den Parapluie, Pfeife und Tabacksbeutel ab, welche dieſer unterdeſſen gehalten hatte, ſprang mit einer Gewandtheit, die man hinter ſeinen Fünfzigen gar nicht hätte ſuchen ſollen, und welche den GErbſchaftshoffnungen der Frau Norman den Todesſtoß zu verſetzen ſchien, in das Boot, ſetzte ſich an das Steuerruder und nahm daſſelbe zur Hand. Sobald die Geſellſchaft gehörig in Ordnung war, Mamſell Lucie, mit ihrer Guitarre auf dem Schooß, neben ihrem lieben Onkelchen Platz genommen, alle Koͤrbe ſorgfältig eingepackt waren und der junge Will auf Befehl der Muhme nachgeſehen hatte, ob 209 aichts vergeſſen worden, ſtieß das Boot endlich vom Fande und tanzte luſtig über die Wellen dahin, auf Heſ⸗ ngen, das Ziel der Fahrt, los. „Nun Gott ſey Dank, ſo wären wir nun in Ord⸗ nung!“ ſagte Frau Norman und blickte umher.„Was es doch angenehm iſt, ſo„sangfasong“ in einem trau⸗ ten Familienkreis eine Luſtfahrt zu machen. Nun wollen wir aber auch recht luſtig ſeyn! Lucie ſitz nicht ſo mür⸗ riſch da, ſondern nimm deine Guitarre zur Hand und ſing die hübſche Arie, welche deine Namensſchweſter ſingt: „Robér, Robér.“ „Was die Mama wieder kreiſcht!“ ſagte Liſa, die junge Schöne, ezwas zu naſeweiß, um den Namen einer ehrerbietigen Tochter zu verdienen. Lucie ſingt nicht mehr Robér.“ „Gleichviel, liebe Luſchie,“ legte fich Muhme Neta in's Mittel;„thu' aber, was Deine Mutter ſagt. Sing’ uns irgend etwas Hübſches— was Du willſt!“ Liebe Neta, Du biſt ganz verſeſſen auf Deine Luſchie!“ Luſchie iſt eine Wohnung, welche man miethen kann, aber Lucie heißt der Name. Und ich will, daß Liſe Lucie heißen ſoll, denn das kommt offenbar von Liſa her, wel⸗ he⸗ üfen Leuten beſſern Standes nicht mehr gebräuch⸗ 4.“ „Mich dünkt, Baſe, Du hätteſt ſie vor einem Jahr noch Liſette genannt,“ bemerkt der Kammerer, ließ das Ruder fahren und ſtopfte ſich eine Pfeife. „Und vor zwei Jahren Lischen!“ ſiel die„Hofmei⸗ ſterin“ mit einer gewiſſen furchtbaren Scheu ein. „Ich hoffe, eine Mutter kann ihr Kind nennen, wie es ihr beliebt,“ verſetzte Frau Norman, wußte dabei aber den Kopf ſo pfiffig zu drehen, daß ein milderndes Lächeln den Kammerer traf, während die Frau Malla Fogelquiſt ein ſtrenger Blick traf, um ſie daran zu erinnern, daß ſie von Gnadenbrod lebe und ſich deßhalb nicht ſo mauſig machen dürfe. „Es kommt freilich etwas ſonderbar heraus,“ fuhr vom Heſ⸗ Drd⸗ Was rau⸗ ollen nür ſing ngt: die einer mehr Neta Sing' Liebe ſchie aber Lucie wel⸗ äuch⸗ Jahr das fmei⸗ wie aber icheln Iquiſt aß ſie naufig fuhr 21 der Kammerer fort,„doch jedem Narren gefällt ſeine Kappe! Du könnteſt uns übrigens wohl etwas hören laſſen, Liſa; auch wirſt Du es hoffentlich nicht ungnädig nehmen, wenn ich Dich bei Deinem Taufnamen nenne.“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte Liſa.„Was aber das Singen betrifft, ſo müſſen wir erſt ein wenig weiter weg ſeyn.“ „Du darfſt Dich überall hören laſſen!“ meinte die Mutter, ärgerlich über das Gezauder.„Ich habe Dir nicht darum Singunterricht geben laſſen, damit Du Dich zieren ſollſt wie eine Bauerndirne. Friſch dran! ſing uns etwas hübſches von Robér!“ „Ach was iſt das für Zeug?“ fiel der Kammerer unfreundlich ein.„Robert— Lucie mag das Einem vor⸗ ſingen, der es hören will, aber nur mir nicht! Wenn Liſa nichts von Bellman fingen will, ſo mag ſie lieber ſchweigen!“ „Ich will etwas aus dem Liede ſingen, Onkel, wel⸗ ches Bellman auf Alla Winblad gemacht hat, als ſie ein Mal Abends von Heſſingen heimfuhren.„Das paßt ſich prächtig.“ „Es war Morgens;“ verbeſſerte der Kammerer. „Aber gleichviel; immer zu, Liſa. So Etwas höre ich gerne!“ Da das Boot jetzt ſo weit vom Ufer entfernt war, daß Liſa glaubte, nur vor ihrer Geſellſchaft und etwa den Paſſagieren des einen oder andern Bootes, welches in ihrer Nähe fuhr, gehört zu werden, gab ſie ihren Sonnenſchirm dem Vetter Will, zog die Handſchuhe aus, ſtimmte die Guitarre und fing zu präludiren an. Wir nehmen inzwiſchen die Gelegenheit wahr, eine kleine Beſchreibung von Liſa Norman zu geben, denn was ihr Aeußeres betrifft, ſo iſt dieß offenbar der gün⸗ ſtigſte Augenblick dazu. Wahrſcheinlich weiß ſie dieß ſelbſt und bereuet vielleicht, daß nicht andre Augenzeugen zuge⸗ gen ſind als der alte Laßman und Will, welch' letztern Mamſell Lucie, nach der Art zu ſchließen, wo⸗ 22 mit ſie ihm den Sonnenſchirm hinreichte, für weniger als Nichts zu rechnen ſchien. Liſa— wir wollen der Gewohnheit des Kammerers folgen und ſie auch ſo heißen— ſaß auf der mittlern Bank neben Muhme Neta, welche ſich an die Seite des Kammerers gemacht hatte, um, wenn ſich eine günſtige Gelegenheit dazu darböte, ihm Einiges zu Wills Gunſten an das Herz zu legen. Liſa's friſche Wangen, über welche ihre ſchönen langen Locken herabſielen, waren von einem Strohhütchen mit blaßrothen Blumen beſchattet. Ihre ſchwarzen ſchelmiſchen Augen ſchielten nicht ſo lebhaft wie gewöhnlich, allein man konnte wohl merken, daß ſie einen großen Vorrath von Feuer beſaßen, wenn ſie es für nöthig fand, davon Gebrauch zu machen. Der Shawl war her⸗ abgefallen und ließ einen wohlgebildeten milchweißen Nacken ſehen. Die Guitarre ruhte nachläſſig auf ihrem Schooß und unter der Draperie hervor, welche die Hofmeiſterin ſorgfältig von ihrem Mantel gebildet hatte, waren eln paar niedliche Füßchen ſichtbar, welche in den allernettſten Zeugſtlefelchen ſleckten. Denkt man ſich ferner, wie Liſa's, faſt konnte man ſagen Roſenfinger mit den Saiten der Guitarre ſpielten und wie Vetter Will, in des Notars braunem Gehrock zur Seite ſtand und den Sonnenſchirm hielt, ſo hat man das Bild, wie es vor dem trunkenen Blicke der Mutter ſtand. „Haſt Du denn noch nicht genug präludirt?“ fragte der Kammerer ein wenig ungeduldig. „Liebſter, beſter Herr Vetter, das muß ſo ſeyn!“ ver⸗ ſetzte Frau Norman, welche gar gerne ihre Bekanntſchaft mit den modernen Sitten und Gebräuchen zur Schau trug. 3 Liſa heftete ihren flatternden Shawl mit einer golde⸗ nen Nadel feſt, wies Will an, den Paraſol mehr vor die Sonne zu halten und begann dann mit einem netten Stimmchen den langerwarteten Geſang: Liſe ſein wei ndr ma gegr als erers tlern des iſtige nſten elche Inem Ihre wie einen öthig her⸗ acken hooß ſterin ein ttſten iſa's, der otars hirm kenen ragte ver⸗ ſch aft Schau olde⸗ r die getten 23 „Sonne ſcheint ſo wonniglich Nieder auf die Wellen, Sanfte Lüfte regen ſich, Daß die Segel ſchwellen. Luſtig unſer Wimpel weht, Kerſtin aus der Koſe geht, Olle an dem Ruder ſteht, Will die Segel ſtellen. Stopft die Pfeif', legt Feuer dran, Kratzt ſich in den Haaren, 3 Schiffchen an!— das Ruder um!— Alterchen kann fahren. „Halt!“ rief der Kammerer;„das iſt ein Bock, Liſa! So heißt es!“ Und nun erhob der Kammerer ſelbſt ſeine Stimme:— „Schiffchen um!— das Ruder an! Alterchen kann fahren;“ „Alterchen hat keine Ruh; ſiel Liſa lächelnd ein. „So iſt's Recht, jetzt biſt Du wieder drin,— nun weiter!“ Liſa griff wieder in die Saiten und ſang: „Blinzelt ihr gar freundlich zu: Kerſtin, liebſtes Herzchen Du, Sollſt das Ruder nehmen! Ulla Winblad, ß uns ſingen,“ —— „Na, da willſt Du aufhören?“ rief der Kammerer „drei ganze Verſe find's! Bei ſolchen Leckerbiſſen hoͤrt man nicht in der Mitte auf!“. „Ach, wer kann auch jedes Wort behalten?“ ent⸗ gegnete„Mamſell Lucie“ etwas pikirt; fuhr aber doch fort: „Ulla Winblad, laß uns ſingen, Luſtig in dem Sonnenſchein, Munter hüpfen, munter ſpringen, Wenn auch reißt das Röͤcklein dein. Schnell das Nadelbüchs'chen auf, Heft' das Röckchen wieder'nauf Herzchen, thu' die Augen auf!— Heſſingen!— die Wonne mein!“ „Ach, was für eine göttliche Stimme!“ flüſterte die Hofmeiſterin ihrer entzückten Schweſter in das Ohr.„Ich verſichere Dir, keine Gräſin habe ich noch ſo ſingen hö⸗ ren; und Du weißt doch, daß ich in manchem vornehmen Hauſe wohl Gelegenheit hatte, Vieles zu hören.“ „Ja, ja, Du haſt auch schüschemang,“ nickte Frau Norman beifällig;—„aber laß uns keinen Ton ver⸗ lieren! Wenn Muſik gemacht wird, muß man ſtill ſeyn. Hör' nur wie hell und klar!— wahrlich, eine merk⸗ würdige Stimme— hör' nur!“ „Lieber Schatz! ich lieb' nur Dich— Wer kann uns belauſchen? Setz' Dich nieder neben mich Laß uns Küſſe tauſchen! „Nimm Deine Flöte, Will, und accompagnire,“ ſagte Muhme Neta zu ihrem lieben Soͤhnchen, welcher aufmerkſam lauſchte und mit dem Sonnenſchirm alles andere beſchattete, nur Liſa's hübſches Geſichtchen nicht, ſo ſehr war er in ſüße Gedanken verloren. „Da wird es auch der Mühe werth ſein!“ rief Frau Norman aus und ihre Wangen färbten ſich merk⸗ lich vor billigem Verdruß.„Will kann ihr nicht ac⸗ compagniren— ihr, die ſo weit iſt, wie vielleicht kaum eine von Herrn Bergs beſten Schülerinnen! Außerdem ſind aber auch, nehmen Sie mir nicht übel, beſter Herr Vetter Laßman, die alten Lieder von dem Bellman— wenn ich es nur ſagen ſoll— ſo plump, daß ein ehr⸗ bare kann Dich um naſer beme möch ſteht Gelb komn Röoͤcke Den ihn daß i getrot Pauſe daß viel 7 espri ſich t Stirn Hieb Neta, ſie de hat. Kleide nen§ 7 deuten 71 ausſin die S Ko e die „Ich hö⸗ hmen Frau ver⸗ ſeyn. merk⸗ nire,“ elcher alles nicht, rief merk⸗ t ac⸗ kaum erdem Herr un— ehr⸗ 25 bares und wohlerzogenes junges Mädchen ſie kaum fingen kann. Aber da wir auf die Plumphelt kommen— ruhe Dich ein Bischen aus, Lucie, mein Zuckerherzchen— um von Plumpheit zu reden, haben die Herrſchaften dem naſeweiſen Notarius Wetterquiſt am Fenſter bei Winter bemerkt?— Es iſt wahrlich zum krank werden, Krämpfe möchte man kriegen, wenn man einen ſolchen Hochmuth ſteht! Er wird wohl zu gut ſein mich zu grüßen, der Gelbſchnabel,— in meine Bude kann er geſchlichen kommen und mich um Gotteswillen bitten, ſeine alten Röcke zu kaufen— dafür hält er ſich nicht zu gut!— 9 Den Rock da, welchen Will an hat— geſtern habe ich ihn ihm geſchenkt,— es iſt noch keine vierzehn Tage, daß ich den vom Herrn Notarius gekauft habe.“ „Habe ich nicht da zwei Fliegen mit Einem Schlag getroffen?“ flüſterte Frau Norman nach einer kleinen Pauſe zur Hofmeiſterin, welche ebenſo leiſe betheuerte, daß ſie niemals, ſelbſt nicht in dem gräflichen Hauſe, ſe viel Feinheit und guten Ton geſehen habe. „Ja, es iſt eine Gottesgabe, ſolche prevenangs espri zu haben,“ ſetzte Frau Norman hinzu und wiſchte ſich die Schweißtropfen mit dem Taſchentuche von der Stirne.„Es machte ſich herrlich, daß ich Lucie einen Hieb wegen des Notars geben konnte, und zugleich der Neta, der einfäͤltigen Gans, Eines verſetzen konnte, da ſie doch immer ihre dummen Gedanken mit dem Will hat. Nein, nein, ſo lang er mit einem Rock aus der Kleiderbude ſeiner Muhme geht, braucht er ſich mit ſei⸗ nen Hoffnungen nicht ſo himmelweit zu verſteigen!“ „Was ſoll denn aber die ganze Unterbrechung be⸗ deuten?“ fragte der Kammerer und ſah ſich verwundert rings um.„Warum haſt Du Deine Guitarre weg⸗ gelegt, Liſa?“ „Ach, man kann ja niemals ein Stück in Ruhe ausſingen!“ erwiederte Liſa erzürnt, zog den⸗Schawl um die Schultern, riß dem unterthänigen Will mit unwir⸗ Kammerer Laßman. J. 3 ſcher Gebärde den Sonnenſchirm aus der Hand und ſetzte ſich ſo, daß Niemand auch nur einen Zoll ihres hübſchen Geſichts ſehen konnte. Der Kammerer räusperte ſich auf eine Weiſe, welche andeutete, daß er etwas ärgerlich war.„Hm, hm, ich glaube, Du biſt das eine Mal ſo launig, wie das an⸗ dere Mal, Liſa!“ „Mamſell Lucie fand für gut, die Antwort ſchul⸗ dig zu bleiben; als aber der arme Will ihr den Mantel aufheben wollte, deſſen einer Zipfel im Waſſer auf den Bohlen des Fahrzeugs lag, erhielt er von der hübſchgt Hand ſeiner Couſine eine ſo derbe Zurechtweiſung, daß er faſt das Gleichgewicht verloren hätte. Der arme Junge wurde roth bis über die Ohren. Ohne irgend einen Theil von dem geprieſenen guten Ton ſeiner beiden Tanten zu beſitzen, hatte er dennoch Ehr⸗ gefühl genug, um das Schmähliche und Verächtliche in Liſa's Benehmen ſchmerzlich zu fühlen, welches um ſo unbilliger war und von ſeiner Seite um ſo weniger er⸗ wartet werden konnte, als Will niemals ſeine Gedanken zu der vermeſſenen Höhe erhoben hatte, welche ſie zu ahnen ſchien. Freilich konnten ſeine Augen nicht umhin, zuweilen zu verrathen, daß er auch Sinn für Schön. heit habe. „Na, ich höre Dein Prinzipal iſt mit Dir zufrieden mein lieber Will!“ begann jetzt der Kammerer, deſſen gutes Herz die tiefe Niedergeſchlagenheit des Jünglingt nicht mit anſehen konnte und ihn ein wenig zu erheitern ſuchen wollte. „Ja, Oheim, ſo ſagt er,“ erwiederte Will und wandte ſein hübſches gutmüthiges Geſicht gegen der Kammerer. „Das freut mich ſehr. Wenn Du Dich ferner gul hältſt, ſo greife ich Dir vielleicht in ein paar Jahren unter die Arme, wenn er Dich zum Theilhaber am Ge⸗ ſchäft annehmen oder es Dir vielleicht ganz überlaſſen will. Es ſoll mir eine Freude ſeyn, wenn ich Etwas beizl ſelbf des der ließ Will ternl ſich zu Nor! und köͤnn Welt nicht ſie, ſie l ſey dete auf Frau ein 1 ſehen tarre ihre ſo w an's um belaf als den fragt nd und ll ihres welche hm, ich das an⸗ t ſchul⸗ Mantel auf den hübſchen g, vaß Ohren. ten Ton ch Ehr lliche in um ſo riger er⸗ hedanken e ſie zu umhin, Schoͤn⸗ ufrieden, , deſſen ünglingt erheitern zill und gen den rner gut Jahren am Ge⸗ berlaſſen Etwas 27 beizutragen vermag, daß Du in Zukunft Deinen Rock ſelbſt bezahlen kannſt.“ Muhme Neta, welche ſich die wahrlich ſchwere Pflicht des Schweigens auferlegt hatte, um deſto beſſer jedes der lieblichen Worte des lieben Vetters einzuſchlürfen, ließ nun dem Strom ihrer Wohlredenheit freien Lauf. Will ſelbſt verneigte ſich bloß, allein es lag eine Schüch⸗ ternheit in ſeinem Bückling, welche ſeinen guten Willen, ſich des zugeſagten Schutzes und Beiſtands würdig machen zu wollen— hinlänglich zu bekräftigen ſchien. Frau Norman verſicherte indeſſen mit gewaltigem Naſenrümpfen und hellklingender Stimme, daß ſie ſich nicht vorſtellen köͤnne, wie der Herr Vetter Laßman, der ſo viel in der Welt gelebt habe, ihre wohlmeinende Güte für Will nicht beſſer ſollte zu ſchätzen wiſſen: in Zukunft werde ſie, ſtatt ſo hübſche faſt nagelneue Roͤcke wegzuſchenken, ſie lieber verkaufen, denn ſeit ſie nun wiſſe was ſie wiſſe, ſey es beſſer Geld als Undank einzunehmen. Zum Glück für den Frieden in der Geſellſchaft lan⸗ dete das Boot eben in Heſſingen, und da einige Herren auf dem Platze vor dem Wirthshauſe ſtanden, fand es Frau Norman und beſonders„Mamſell Lucie“ für gut, ein möglichſt freundliches und liebliches Weſen und Aus⸗ ſehen anzunehmen. „Da, Will, trag meinen Mantel und die Gui⸗ tarre!“ ſagte Liſa, ließ den Schawl ganz natürlich über ihre ſchlanke Taille niedergleiten, lüftete das Kinnband ſo weit, daß die Locken beſſer flattern konnten, und hüpfte an's Land; Will, dem ſie eines der abgelegten Stücke um das andere zuwarf, ſah, als er, mit all ihren Sachen belaſtet, hinter ihr hermarſchirte, eher einem Bedienten, als einem Verwandten oder zu der Geſellſchaft Gehören⸗ den gleich.— Kommſt Du mit den beiden Koͤrben zu Recht, Ulla?“ fragte Frau Norman ihre Magd, welche ſich bemühte, 28 die bekannten unentbehrlichen Artikel aus dem Boot zu ſchaffen. „Es wird ſchon gehen; aber den Keſſel kann ich nicht tragen.“ „Will,“ rief Frau Norman,„kannſt Du den Keſſel da nicht tragen, mein Junge?“ „Aber Mutter,“ ſiel Lucie ein,„er hat ja an meinen Sachen genug zu ſchleppen.“ „Den Keſſel kann ich nehmen,“ meinte Muhme Neta. Dies konnte aber Will unmöglich zugeben: ge⸗ duldig legte er den Mantel ſeiner Coufine über die eine Schulter, hing die Guitarre über die andere, nahm die übrigen Klelugkeiten in die rechte, den Keſſel in die linke Hand und keuchte in der Hitze hinter den Uebrigen her. Der Kammerer, welcher in Heſſingen ganz zu Hauſe war, ging als Wegweiſer an der Spitze der Kolonne. Hinter ihm kam Lucie getrippelt, und bückte ſich dann und wann nieder, entweder um ein paar Zweige aufzu⸗ heben und damit zu ſpielen, oder den Herren auf der Treppe ihre hübſche Figur in den anmuthigſten Stellun⸗ gen zu zeigen. Frau Norman und die Hofmeiſterin gin⸗ gen Arm in Arm: hinter ihnen kam Muhme Neta und gab auf ihren Will Acht; den Schluß machte Ulla mit den Proviantkörben. So in Reihe und Glied marſchirten ſie mit einer Schwenkung links am gelbgemalten Wirthshaus, welches ſo einladend da liegt, vorüber, verfolgten den Weg über den waldigen Hügel nach der ſchattigſten Seite der In⸗ ſel, bis endlich nach einer ziemlichen Strecke der Kam⸗ merer für gut fand, Halt zu machen und der Geſellſchaft Raſt gönnte. Es war einer der netteſten Plätze, welche Hefſingen aufzuweiſen hat, gerade neben dem Orte, wo die„Herren Norſtedt und Söhne“ gewöhnlich ihre„Farbkocherei“ vornehmen laſſen, was heute zwar auch der Fall geweſen, aber ſchon früher, am Vormittag, fertig geworden war, zu Lucie's großem Verdruß, da.... latio welc dieſe gela man Geft doch Hoft Plat und Groͤt man faſt jung der Man im 6. wie gen, andr Gege lad's Allei beliel cie, 1 gebre Gras chen alte Anm der gefal weiß oot zu nn ich Keſſel neinen Ruhme : ge⸗ ie eine zm die in die en her. Hauſe Plonne. dann aufzu⸗ uf der tellun⸗ n gin⸗ ta und la mit einer velches g über er In⸗ Kam⸗ Ulſchaft fſingen Herren cherei“ weſen, n war, 29 Allein wir ſchweigen von ihren verſchiedenen Speku⸗ lationen in Bezug auf alle die muntern jungen Herren, welche in der Regel, wie der Kammerer berichtete, bei dieſer Gelegenheit zu einer kleinen Luſtbarkeit im Grünen geladen wurden. Nur die rauchenden Feuerbrände ſah man noch da liegen,„ſo maleriſch“ nach Frau Normans Gefühlsäußerung„wie Nachtfeuer von Räubern,“ aber doch„trefflich um den Kaffee dabei zu kochen,“ wie die Hofmeiſterin proſaiſcher ſich auszudrücken beliebte. Der Platz war inzwiſchen nach der Meinung Aller zu hübſch und die Ausſicht über den Mälar, ſo wie ein Blick auf Gröndal, ſtimmte Muhme Neta, welche in früherer Zeit manches Abentheuer da erlebt hatte, ſo poetiſch, daß ſie, faſt mit Thränen, ausrief:„Herr Gott, wer noch ein Mal jung wäre!“ „Denk' nicht an den ferndigen Schnee, Baſe!“ ſagte der Kammerer ruhig.„Ulla Wieblad und der große Mann, welcher ſie beſungen hat, ruhen auch ſchon längſt im Grabe. Das Leben iſt veränderlich: heute iſt nicht wie geſtern, und morgen nicht wie übermorgen. Heſſin⸗ gen, die kleine Inſel da, wo wir ſind, ſah auch einſt ein andres Leben; hier hat Bellman geſungen und die ganze Gegend ſchallte wieder von ſeinen Liedern und Ulla Wieb⸗ lad's verführeriſchem Gezwitſcher. Nun iſt Alles todt! Allein, wie geſagt, das Leben iſt veränderlich!“ „Der Oheim verbeißt ſich ganz, wenn er auf das beliebte Kapitel von Ulla Wieblad kommt!“ bemerkte Lu⸗ eie, warf ſich auf den Mantel, den Will auf den Boden gebreitet hatte und ſpielte mit ihrem kleinen Fuße im Gras.„Als wenn es jetzt nicht auch noch hübſche Mäd⸗ chen in Stockholm gäbe— zum Glück find es aber blos alte Herren über fünfzig, welche jetzt noch die abgenutzte Anmuih der Ulla Wieblad beſingen.“ „Du biſt eine Jungfer Naſeweiß, Liſa,“ entgegnete der Kammerer mit einem zurechtweiſenden Lächeln,„ein gefallſüchtiges Perſönchen, welches Nichts zu ſchätzen weiß, als wohl gekräuſelte Locken, auch wenn ſie um 30 einen Papageiſchnabel hängen und ein paar Herrenllippen, welche mit zuckerſüßen Worten Dir Gift in die Adern gießen! Du biſt ſehr frech, Liſa, ſehr unverſchämt.“ Frau Norman, welche mit Kaffeekochen beſchäftigt war, gab Lucien einen Wink nach dem andern, ſie möge doch den Kammerer nicht erzürnen, aber vergeblich. Lucke war ſchlechter Laune und durchaus nicht gemeint ſich irgend Zwang anzuthun. Inzwiſchen hatte die Hofmeiſterin die Körbe ausge⸗ packt, ein ſchneeweißes Tuch über den Grasboden gebreitet und alle Herrlichkeiten darauf geſtellt. Der Kammerer, welcher in der That, was ſeine eigene Perſönlichkeit betraf, ſehr haushälteriſch war, that ſich bei Anderen gerne Etwas zu Gute, und da ſich nun alle die zutraulich winkenden Taſſen, Gläſer, Flaſchen u. ſ. w. vor ſeinen Augen entwickelten, ebneten ſich auch die Falten auf ſeiner Stirne und ſchon nach der erſten Taſſe Kaffee, welche ihm Liſa doch nach einigem Beſinnen ſelbſt zu präſentiren für nöthig fand, war er wieder völlig verſöhnt, klopfte ſie ſanft mit der Hand auf die Wangen und wünſchte, ſie möchte immer ſo ſeyn, wie ſie ſich zu Anfang der Fahrt gezeigt habe. „Der Herr Vetter iſt dieſes Frühjahr zeitig von ſei⸗ ner Reiſe wieder nach Hauſe gekommen;“ ſagte jetzt Frau Norman, welche ſich als Mutter ſowie als Wirthin für gleich verbunden anſah, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, ſelbſt wenn ſie auch nicht— wat aber in Wahrheit der Fall war— die ganze Luſtfahrt einzig in der Abſicht angeſtellt gehabt hätte, um aus den Kammerer herauszulocken, was es mit ſeiner Reiſe, oder vielmehr mit ſeinen Reiſen eigentlich für eine Bewandtniſ habe. Denn jedes Jahr pflegte der Kammerer zu An⸗ fang des Sommers, bisweilen ſchon zeitig im Frühling eine Reiſe vorzunehmen, ohne daß es bis jetzt noch einet von den drei Schweſtern gelungen war, das Mindeſte darüber herauszubringen, was der Vetter damit bezweckte „Ja, ich bin bald wieder heimgekommen,“ erwiederte lippen, Adern häftigt möge Lucie irgend ausge⸗ ebreitet ſeine , that ch nun laſchen h auch erſten eſinnen völlig Zangen ſich zu on ſei⸗ e jetzt Lirthin andere — was iſtfahrt 1s dem ,oder undtniß u An⸗ ühling ) einer eindeſte weckte viedert 31 der Kammerer kurz; allein es ſchien als ob mit dem Rauch aus der Pfeife auch ein kleiner Seufzer ſich Luft gemacht hätte. „Wohin zu ging denn die Reiſe, Herr Vetter, wenn ich ſo naſeweiß ſeyn darf, mich zu erkundigen,“ fragte Frau Fogelquiſt. „Nach Oſten.“ „So? alſo wohl nach Oſtgothlan d,“ meinte Frau Norman, vergnügt, wenigſtens ſoviel herausgebracht zu haben!„Die Hofmeiſterin da iſt wie Sie wiſſen, ein Mal auf einem gräflichen Herrenſitz in Oſtgothland an⸗ geſtellt geweſen. Waren Sie vielleicht in jener Gegend, Herr Vetter?“ „Die Schnecken und Fliegen ſind heute gar ſo zu⸗ dringlich,“ ſagte der Kammerer und ſchwenkte ſein Ta⸗ ſchentuch über der Kaffeetaſſe, die er übrigens ſchon ge⸗ leert hatte.„Haſt Du ſchon einen Spaziergang hier in der Nähe gemacht, Liſa, ſonſt moͤchte ich Dir wohl einen vorſchlagen.“ Der Kammerer ſtand auf und ging mit Liſa und Will, welcher, wie ſich von ſelbſt verſteht, nicht zurückblieb, an mehrere Punkte des Sees, wo er mit lebhaften Handbewegungen ihnen gewiſſe Lieblingsſtellen zeigte, die ſich aus dem einen oder andern Grund ſeinem Gedächtniß beſonders eingeprägt hatten. Liſa hörte zwar zu, ſchien aber nicht außerordentlich dabei intereſſirt zu ſeyn, wenn man der alten Behauptung glauben darf, daß Gähnen Langeweile bedeutet. Auf dieſe Rechnung ſchreiben wir auch ihre liebenswürdige Aufmerkſamkeit, womit ſie den alten Herrn erinnerte, daß die Flaſchen auf ſie warteten. Den Reſt des Abends, von welchem übrigens nichts Beſonderes weiter zu berichten iſt, herrſchte, mit Aus⸗ nahme einiger Mißlaunigkeit von Seiten der ſchoͤnen Liſa, die ſchönſte Eintracht in der Geſellſchaft. Beim Glaſe wurde der Kammerer allezeit geſprächig, doch nie weiter als bis auf einen gewiſſen Grad; und ſo fein es auch Frau Norman und die Hofmeiſterin anlegten, waren „Ja, ja, liebe Hofmeiſterin, Du ſprichſt ganz ver⸗ nünftig; er ſoll mir nicht entkommen, denn Etwas ſteckt dahinter, davon bin ich überzeugt. Aber Lucie, mein Zuckerherzchen, wie magſt Du aber auch nur ſo launig ſeyn, wie Du heute geweſen biſt? So macht Dich der Alte ſeiner Lebtage nicht zur Erbin. Du ſollteſt....“ „Ich bin todtmüde und ſchrecklich ſchläfrig! Gute Nacht, Mutter;“ damit eilte Liſa in ihre Kammer. „Ich weiß nicht,“ fuhr Frau Norman nachdenklich fort, als Liſa weg war,„Lucie iſt voch ſo gut erzogen, wie ein junges Mädchen nur immer ſeyn kann, ich we⸗ nigſtens habe, weiß Gott, All' das Meinige dazu gethan — aber es iſt doch ſonderbar, ſie hat in ihrem Weſen ſo eine gewiſſe— eine gewiſſe....“ „Nonchalance habe ich das nennen hören,“ fiel Frau Malla Fogelquiſt ein.„Wann junge Mädchen ſo gefeiert werden, wie Deine Lucie, dann nehmen ſie ein ſolches Betragen gegen Leute an, welchen ſie mehr Aufmerkſam⸗ keit widmen ſollten.“ Es iſt ungewiß, wie die kecke Anſpielung der Hof⸗ meiſterin auf Liſa's Hauptfehler von der Frau Mama aufgenommen worden wäre, wenn jene ſie im reinen guten Deutſch ausgedrückt hätte. Eine franzöſiſche Phraſe klingt aber in Frau Normans Ohren ſtets ſo poetiſch kann darü non vollk glau guten hat o Stüt ihren geleb her, nehm gewif ihr( zu n Nach die volles und habe, und über hatte wider aber Reſul unübe kamm Weiſe in der an e gegen ſteiger und effektreich, daß ſie, auch wenn ſie die Bedeutung diſchen n ebenſo icke als 74 ſagte trat. die Hoß eit wird ſollteſt m Ende hren be⸗ inz ver⸗ Ftwas Lucie, nur ſo ht Dich 74 1.. ! Gute -. denklich erzogen, ich we⸗ Pnan Weſen el Frau gefeiert ſolches erkſam⸗ r Hof⸗ Mama reinen Phraſe poetiſch heutung in ihr 33 kannte, was indeſſen dießmal nicht der Fall war, gerne darüber weg ſah. „Allerdings,“ rief ſie vergnügt aus,„ſo eine gewiſſe nongscholungs, das iſt recht hübſch geſagt, ganz hübſch, vollkommen den Nagel auf den Kopf getroffen— ich Kaaube, es iſt jetzt ſo Mode. Lucie hat wohl ſonſt ſo guten Ton als irgend Jemand, ſollte ich meinen! Sie hat aber auch eine Erziehung genoſſen, die mich ein ſchönes Stück Geld koſtete!“ Die Hofmeiſterin, welcher von der Zeit her, da fie, ihren eigenen Worten zu Folge, in der„großen Welt“ gelebt hatte, das heißt mit andern Worten, von der Zeit her, welche ſie auf verſchiedenen Herrenſitzen, welche vor⸗ nehmen Fräulein gehörten, im Dienſte zubrachte— eine gewiſſe Bildung anklebte, war nicht im Stande, gegen ihr Gewiſſen, Luciens Partei auf Koſten des guten Tones zu nehmen. Sie ſagte deßhalb ihrer Schweſter gute Nacht und überließ es derſelben, in der Einſamkeit üͤber die kitzliche Frage nachzugrübeln, ob Luciens launen⸗ volles und nachläſſiges Benehmen gegen ihre Mutter und Andere ſeinen Grund in einem Mangel ihrer Erziehung habe, oder ob ſolches nicht vielmehr zu einem gebildeten und vornehmen Ton gehöre. Frau Norman gab ſich auch wirklich alle Mühe, über dieſen ſtreitigen Punkt ins Reine zu kommen und hatte ſchon unterſchiedliche ſinnreiche Schlüſſe für und wider gezogen, als ſie zu ihrem eigenen, hauptſächlich aber Liſa's Unglück, verhindert wurde, zu einem klaren Reſultat in der Sache zu kommen. Ein halbes Dutzend unüberzogene Seſſel, welche ihr in den Weg in ihre Schlaf⸗ kammer verſperrten, erinnerte ſie auf höchſt natürliche Weiſe an die Menge verſchiedener Geſchäfte, welche ihrer in der kommenden Woche warteten. Darunter ſtand oben an eine große Auktion, bei welcher ſie thwendig zu⸗ gegen ſeyn mußte, und wobei ſie zum Aerger aller Mit⸗ ſteigerer mehr als irgend ein Anderer auf einen altmo⸗ diſchen Chiffonier zu bieten im Sinne hatte, von dem 34 ſie auf ein Haar wußte, wie viel er werth war, m welcher ſchon ſo gut als verkauft war. Den Kopf vo Gedanken an Verſteigerungen, alte Möbel, Roßhaa Sägſpäne, Matrazenzeug und Sattel⸗Gurten in bunta Verein mit ein paar Spiegeln, welche neue Vergoldm brauchten und plattirten Leuchtern, die friſch verfſilba werden mußten, ſchlief endlich Frau Norman ein, t Traume ſchwebten ihr alle ihre Steckenpferde vor und überließ es der Vorſehung und dem gefälligen Weltlelt des Kreiſes, in welchem ſie ſich bewegte, ihre Toch zum trefflichſten Weibe zu bilden. Drittes Kapitel. Schilderungen aus Kammerer Laßmans geheimer Geſchicht Ein flüchtiger Blick hinter den Schirm und ein anderer die in den Triangel. Der Kammerer Laßman hatte ſchon ſelt Jahr aufgehört in irgend einer Zunft wirkſames Mitglied ſeyn als in der„par bricole.“ Alle Händel und W. kelzüge, und die häufige Mißgunſt und Verläumdu welche das öffentliche Leben mit ſich bringt, hatte er Laufe einer fünfundzwanzigjährigen Dienſtzelt zur G nüge erfahren, um ſie ſammt und ſonders ſatt zu kommen. Er hatte ſich deßhalb von Allem zurückgezog um ſich nun ganz dem ungeſtörten Genuß eines fiß lichen und ſtillen Junggeſellenlebens hinzugeben. Er n. Beſitzer eines, größtentheils ſelbſt erworbenen Vermögen welches bei verſchiedenen Söhnen aus dem Stamme † rahams ſtand— er ſelbſt lieh niemals auf Zinſen ihm dreitauſend Thaler Banko jährliche Renten einbrach hatte ſich aber von jeher dergeſtalt an Sparſamkeit! wöhnt, daß er auch jetzt noch, wie vor dreißig Jah ein ſparſames Mahl, monatweiſe(natürlich mit Al der T ſten T 5 ließ e Das ¹ ſich konnte außer Umſta nerte. unſern bereite Querg ſtand Schla derobe empfit chen d Vergẽ gen n noch mer, Loch bedau ſam ſchwa Tapet von d der prang Fenſte nem Oden Theil ar, um Kopf voſ Noßhaa n bunta rgoldun verſilba ein, r und Weltlele Toch Geſch icht erer die Jahr itglied und W äumdun ite eri zur G tt zut ckgezogt nes fi Er w ermoͤge mme Zinſen einbrach imkeit 3 Jahl nit Abz 3⁵ der Tage, welche er abweſend war) in einem der obſcur⸗ ſten Wirthshäuſer einnahm. Wenn er Abends nicht bei einem guten Freunde aß, ließ er ſich ein Quart Milch und ein Weißbrod holen. Das Frühſtück wurde ſtets zu Hauſe eingenommen. Bei dieſer anhaltenden vortrefflichen Diät befand ſich unſer Kammerer äußerſt wohl und geſund, und konnte ſich nicht erinnern jemals krank geweſen zu ſeyn, außer als Kind, wo er die Blattern gehabt hatte, ein Umſtand, an welchen ihn ſein Spiegel zuweilen erin⸗ nerte. Zu der Zeit, um welche wir unſere Leſer mit unſerm Kammerer bekannt gemacht haben, wohnte er bereits zehen Jahre an der Ecke von Meiſter Samuels Quergäßchen und der Königinſtraße; ſeine Wohnung be⸗ ſtand aus einem Zimmer, welches durch einen Schirm in Schlafkammer und Beſuchſalon nebſt einer Art von Gar⸗ derobe oder Winkel, abgetheilt war— der Kammerer empfing viele Leute, deſſen Bekanntſchaft wir alsbald ma⸗ chen werden. Zu dieſer lieblichen Freiſtätte vor der Eitelkeit und Vergänglichkeit der Welt begaben wir uns nun am Mor⸗ gen nach der Heſſinger Partie, und trafen den Kammerer noch im Bette. In den Beſuchſalon oder das Vorzim⸗ mer, wo man zuerſt eintritt, ſcheint die Sonne durch ein Loch in der verblichenen Rollgardine. Es ſſt ein recht bedauerlicher Anblick, wie ihre lieblichen Strahlen gleich⸗ ſam zum Scherz die hektiſchen Roſen küſſen, welche in ſchwarzen Rahmen auf der ſchwindſüchtigen graugelben Tapete hängen. Außer benannten Roſea aber, welche von dem Kammerer in ſeiner Jugend gemalt waren, wo der Pinſel und die Botanik ſeine Hauptliebhaberei waren, prangt die Wand noch mit einem Spiegel zwiſchen beiden Fenſtern und einigen Porträten, ſaͤmmtlich mit verſchoſſe⸗ nem Flor überzogen. Die Möbel haben offenbar einen Anſtrich von dem Odem des Eigenthümers; ſie machen gleichſam einen Theil ſeiner ſelbſt aus: die perſonifizirte Oekonomie 36 verräth ſich allenthalben. Ein Sopha mit braunrothem Ueberzuge, der gerade ſo viel Platz braucht, daß nur ein Stuhl in jeder Ecke noch Raum findet, nimmt die Lang⸗ wand ein. Am Fenſter ſtehen zwei perlfarbige Klapptiſche, auf jedem ein rother Vogelbauer, welche die einzigen lebenden Weſen enthalten, deren Unterhalt auf dem Soll des Kam⸗ merers ſteht. Ein alter Schreibpult, ein Bücherſchrank mit einem Schenkbrett und ein nickendes Gipsbild auf dem Kachelofen— dies iſt die ganze Pracht in des Kam⸗ merers Vorzimmer. In dieſem Raum findet ſich dennoch nichts Merk⸗ würdiges, nichts Lockendes; der Pult freilich, in Bezug auf ſeinen Inhalt, möchte intereſſant genug ſeyn, und der Schrank hat vielleicht auch ſeine Heimlichkeiten, welche ordentlicherweiſe nicht ſo vor allen Augen da liegen kön⸗ nen. Wir wollen einmal ſehen, wenn der Alte ſelbſt herauskommt; wir haben das Zimmer nur ſo gezeigt, wie es nach ſeiner inneren Beſchaffenheit dem Beſucher er⸗ ſcheint, und nehmen uns nun die Freiheit— denn der Schirm iſt auf die Seite geſchoben, wahrſcheinlich um ein wenig Helle einzulaſſen— einen Blick in das Schlaf⸗ zimmer zu werfen. Kammerer Laßmans Junggeſellenbett, ohne Vor⸗ hänge, hat ſo großen Anſpruch auf Mitleid, daß es wahrhaft unmenſchlich wäre, davon reden zu wollen. Der Kammerer iſt eben aufgewacht, hat die ſchmutzige Nachtmütze zurecht geſetzt und verſucht, ſo gut es gehen will, mit dem rechten Arme ſeinen Kameraden den rech⸗ ten Aermel in dem friſchen Werktagshemd zu ſuchen, welches er, wie gewöhnlich, am Abende vorher, neben ſich gelegt hat. Das Hemd, deſſen er ſich Sonntags bediente, gehört zur erſten Klaſſe, zu den ſogenannten Bratenhemden, und kann heute um ſo weniger in Frage kommen, als es geſtern Abend, unmittelbar nach der Heimkehr, mit dem übrigen Anzug bereits eingeſchloſſen worden iſt. hing einen ſo g merk Arm nur blick hielt Himn quiſit darar bung waren ſie ein verſetz wieder die n drückte S deren unſer gegebe deßhal ſtände Waſſe othem rein Lang⸗ „auf henden Kam⸗ hrank d auf Kam⸗ Nerk⸗ Bezug und velche kön⸗ ſelbſt wie eet⸗ n der n ein hlaf⸗ 37 „Aber, was zum Henker, wo iſt denn der Aermel hingekommen?“ ſagte der Kammerer, als er, ungeachtet einer vergeblichen Anſtrengung nach der andern, nicht ſo glücklich war, den rechten Weg zu finden. Endlich merkte er doch, daß er mit dem Arm zu dem leeren Armloch hinausgefahren war und der vermißte Theil, nur noch ſchwach, an einem Streifen, der jeden Augen⸗ blick zu reißen drohte, mit dem Haupttheile zuſammen⸗ hielt und traurig auf einer Seite niederhieng. „Ein alter Junggeſell hat doch ſeine Plage!“ murmelte er, griff aber zu gleicher Zeit ziemlich ergeben nach einem an der Wand hängenden Nankingbeutel, holte Nadel und Faden daraus hervor und begann mit ſichtbar geübter Hand den Schaden zu verbeſſern, wel⸗ ches ihm auch ſo gut gelang, daß er bald dem Arm ſein ordentliches Quartier anweiſen konnte. Nun kam die Reihe an die Strümpfe.„Verdammt!“ brach der Kammerer los, als er ſah, daß er mit allen fünf Zehen abermals in die leere Außenwelt fuhr.„Ach liebſter Himmel!“ Abermals wurde der Nankingbeutel in Re⸗ quiſition geſetzt, und Wollgarn nebſt einer Stopfnadel daraus hervorgeſucht. Aber hierbei war er trotz der Ue⸗ bung nicht ſo glücklich. Durch das Zuſammennähen waren die Strümpfe zu eng geworden, deßhalb mußte ſie ein Meſſer wieder in den vorigen unſeligen Zuſtand verſetzen. „Ein alter Junggeſell muß doch viel ausſtehen,“ wiederholte der Kammerer, aber in einem Tone, welcher die wärmſte Theilnahme an ſeinem eigenen Leiden aus⸗ drückte,„viel Schlimmes, beim Teufel, oh, oh!“ Was Schlafrock und Pantoffel betrifft, ſo waren deren Mängel ſo unzählig, und ſo unverbeſſerlich, daß unſer Kammerer es ſchon ſeit unvordenklichen Zeiten auf⸗ gegeben hatte, ihnen ſeine Fürſorge zu widmen. Er zog deßhalb ſeine alten Freunde, wie gewöhnlich, ohne Um⸗ ſtände an, und nachdem er ſich das Geſicht mit kaltem Waſſer und die Kehle mit etlichen Tropfen aus einer Flaſche erquickt hatte, deren Inhalt beim ungewißen Tageslicht an Farbe und Ausſehen„einem Bittern“ glich, ſteuerte er raſch und munter auf das Vorzimmer los, während der Schlafrock luſtig um die Fragmente der weißen Unterhoſen flatterte— denn geflickte gaben zu warm und waren auch überflüſſig zu Hauſe und ſo früh am Morgen—; im Vorzimmer ſchwenkte er, öff⸗ nete ein Fenſter, zog die Vorhänge auf, gab den Vö⸗ geln Hanfſaamen und friſches Waſſer, und begann dann mit dieſen in verſchiedenen kleinen Kunſtübungen, wel⸗ che ſein großtes Vergnügen ausmachten. Als er dieſe Beluſtigung eine Weile getrieben hatte, gab ihm ein wohlbekanntes Klopfen an der Thüre die willkommene Nachricht, daß ſein Morgenwaſſer ange⸗ kommen war. Er ſteckte die Hand zur Thüre hinaus, und erhielt eine kleine kupferne Flaſche, welche er ſehr ſorgfältig in ſeine eigene Flaſche ausleerte, worauf er die fremde in Begleitung von ſechs Stübern wieder zur Thüre hinausſchickte. Ha, wie ſchmeckte das friſche Waſſer dem Alten ing der kleinen ſchwülen Kammer! Er trank und ſpazierte hin und her, wiſchte dazwiſchen hinein mit dem Schlaf⸗ rockzipfel den Staub von dem einen oder andern Mö⸗ bel, bis ſich alle ſammt und ſonders ſeiner gleichen Va⸗ terſorge erfreut hatten. Schon mit dem früheſten Vormittage ſollte, wie es ſchien, das Hauptgeſchäft des Tages ſeinen Anfang neh⸗ men. Der Kammerer oͤffnete ſeinen Pult und holte mit eifrigen Blicken eine Menge intereſſanter Papiere dar⸗ aus hervor, betrachtete ſie genau, ſchrieb dann ein paan Linien in ein großes Buch, rechnete verſchiedene Bündel von einer weit dünnern Papierſorte und allerlei Farben und Größen zuſammen. Nachdem er ſich bei dieſer an⸗ genehmen Beſchäftigung eine ziemliche Zeit verweilt hatte, trat er zu dem benannten Schrank, oöffnete ihn und ließ den lieblichen Geruch ver eingeſchloſſenen Luft, von allerhand darin aufbewahrten Eßwaaren ſich im machte ein p nicht bis zu die Fl und ſe kleinen der Ti wähnte eigentli darin Kamm geſchob welches gewißen gittern“ zimmer gmente gaben und ſo r, öff⸗ 2en Vö⸗ n dann , wel⸗ hatte, ire die ange⸗ hinaus, er ſehr auf er er zur ten ing dazierte Schlaf⸗ n Moͤ⸗ n Va⸗ wie es g neh⸗ tte mit 2 dar⸗ n paar Bündel Farben er an⸗ erweilt ete ihn 1 Luft, ch im 39 Zimmer verbreiten. An dem Abſatze zwiſchen dem Bü⸗ cherſchrank und dem Schenkbrett befand ſich ein kleines Aufſchlagbrett, auf dieſes ſetzte er nun alle die unter⸗ ſchiedlichen Raritäten, welche der Schrank verwahrt hatte. Da ſah man zum Exempel eine kleine hölzerne Butter⸗ büchſe, in welcher eine Menge von Brodbroſamen um⸗ herhing, eine zerbrochene Glasflaſche, welche ehedem ein paar Blutigeln zum Aufenthalt gedient hatte, nun aber zur Hälfte mit Pottkäſe angefüllt war, eine bis auf den Knochen abgenagte Hammelskeule, in eine alte Prozeßſchrift eingewickelt, eine zerbrochene Theekanne mit Sardellen, und ein halber Lalb Schwarzbrod. Ueber dieſe Leckerbiſſen machte ſich unſer Kammerer mit treff⸗ lichem Appetit her, und nachdem er Alles wieder ſorg⸗ fältig eingeſchloſſen hatte, holte er ein Spitzglas und eine Flaſche Portwein hervor, betrachtete fie genau, machte ein Zeichen mit dem Daumen daran und hielt ein paar Mal im Einſchenken an, um zu ſehen, ob er nicht das beſtimmte Maaß überſchreite. Als das Glas bis zu Dreiviertel voll war, ſagte er:„halt,“ verſchloß die Flaſche mit dem Kork, ſetzte ſich auf einen Stuhl und ſchlürfte mit einem langgezogenen„Ah!“ zuerſt in kleinen Portionen, dann auf Einen Zug den Götterſaft der Traube hinab. „So!“ ſagte der Kammerer vergnügt, wiſchte ſich den Mund ab und ſchloß den Schrank zu. Ein Jung⸗ geſelle kann es nicht beſſer haben?“ Hierauf zog er aus der Schlafrocktaſche einen Schlüſſel, welcher von offenbarem häufigem Gebrauche ganz dlank war, und ſchloß damit eine Art Blindthüre in der Tapete auf. Dieſe Thüre führte zu dem ſchon er⸗ wähnten Winkel, oder beſſer geſagt, zu des Kammerers eigentlichem Heiligthume. Im Anfange ſah man Nichts darin als die vollſtändigſte Dunkelheit, ſobald aber der Kammerer, nicht ohne große Mühe, einen Laden weg⸗ geſchoben hatte, kam ein Fenſter zum Vorſchein, durch welches die Sonne das kleine Wundergemach mit ſeinem 40 der wunderbaren Inhalte nur ſpärlich zu erhellen ver⸗ mochte. Seiner Form nach war es ein Dreieck, und von dem ſpitzigſten Winkel deſſelben bis zur Thüre liefen an beiden Seiten zwiſchen dem Fußboden und der Decke breite Wandbretter der Reihe nach übereinander an den Wänden her. Hätte Frau Norman, welche ſich doch der beſt aſſortirten Troͤdelbude in ganz Stockholm rühmen konnte, ein Mal dieſes gefelerte Land betreten dürfen, ſo würde ihr ſicher der Athem verſagt haben und ſie ſprachlos vor Erſtaunen und Verwunderung am Boden gewurzelt dageſtanden ſeyn. Alle Bänke waren voll von den ausgeſuchteſten Sachen und Waaren: da waren Haufen von koſtbaren Gemälden, die ſchönſten Alabaſter und Marmorvaſen, das feinſte oſtindiſche Porzellan, Sil⸗ ber und Kryſtallwaaren aller Art, Spiegel, Uhren, Kron⸗ leuchter, Guerldons, Pokale— Alles was man nur den⸗ ken mag; auf andern Brettern lagen ganze Stöße Vor⸗ hangzeuge, Kleider, Kattun, Weiberſtrümpfe und derglei⸗ chen; kurz alles Moͤgliche was in Auktionen bei herun⸗ tergekommenen Kaufleuten zu haben iſt. Laßman hatte ſeit dreißig Jahren fleißig alle ſolche Zwangsverſtelge⸗ rungen beſucht, wo die koſtbarſten Sachen um die Haäͤlfte, manchmal um den Viertelstheil des Werthes weggingen. Viel davon, ja den groͤßten Theil, hatte er als Pfänder im Verſatz, viel davon war ihm ſtatt Bezahlung geblie⸗ ben. Auf dieſe Weiſe hatte er nun eine große Samm⸗ lung, ſowohl von Antiquitäten als auch von neuen Sa⸗ chen, welche ihres Gleichen ſuchten. Allein irgend einen Nutzen für ſich zog er nicht aus allen dieſen Herrlich⸗ keiten, außer den, daß er alle Tage ſich an denſelben ergötzte, wenn er das Fenſter öffnete, um eine Menge altes Pelzwerk auszulüften, welches er auf die nämliche Weiſe an ſich gebracht hatte. Es könnte ſonderbar ſcheinen, daß der Kammerer dieſes bedeutende todte Kapital nicht in baares Geld verwandelte; er hätte jeden Tag eine Ausſtellung veran⸗ 41 ſtalten können, eben ſo gut wie Herr Lejas und viele Andere; allein er hatte ſich in ſo hohem Grade an alle dieſe verſchiedenen Artikel gewöhnt, daß er nicht ohne Herzbeklemmung an die Trennung von einem derſelben denken konnte. Und wie jeder Menſch irgend eine Schwach⸗ heit haben muß, ſo erlaubte ſich unſer Kammerer in aller Stille den Genuß, welchen ihm der Anblick ſeiner Rari⸗ täten gewaͤhrte, die er wenigſtens Ein Mal in der Woche mit der größten Sorgfalt abſtäubte und putzte. Ein anderer wichtiger Grund konnte auch noch als eine jener Triebfedern angeſehen werden, warum der geldliebende Mann nicht nur ſeine Sammlung unver⸗ mindert behalten wollte, ſondern auch von Zeit zu Zeit ein neues Inventarienſtück für einen etwas noch leeren Platz auf den Bänken acqutrirte. Der Kammerer ging nämlich ſeit fünf Jahren mit dem gigantiſchen Plane um, ſich mit einer„ſtillen, beſcheidenen, verſtändigen,“ Perſon zu verehlichen, welche außer der Gigenſchaft, Hemden flicken und Strümpfe ſtopfen zu können, auch im Stande ſeyn ſollte, die Honneurs im Hauſe zu machen. Obgleich die Heirath ſich etwas in die Länge zog, ſo hatte er doch ernſtlich im Sinne, ſich eine hübſche Wohnung zu miethen und da alle ſeine Schätze aufzuſtellen und zu ſortiren, und zuweilen ein paar alte gute Freunde auf ein Butterbrod und ein Glas Bier zu ſich zu bitten. Er hatte die Leiden und Freuden des Junggeſellenlebens pflichtmäßigſt gegen einander abgewogen und gefunden, was er in ſeiner Jugend ſowohl als in ſeinem mittleren Alter nie entdeckt hatte, daß die erſten die letzteren weit überwogen. Hauptſächlich im Winter kam der Kammerer zu dieſem Schluß. Der Winter iſt ein arger Schrecken für einen alten einzelnen Herrn, gerade ſo wie für ein altes iſolirtes Haus. Wenn die Aufwärterin bis in den hellen Tag hinein ſchlief, und der Kammerer hinter ſeinem Schirm lag und fror und kein Menſch Feuer im Kachelofen anmachte, oder ihm ſeinen Kaffee kochte— Kammerer Laßman. I. 4 42 ein Getränk, welches er ſich übrigens nur in der kälteſten Jahreszeit erlaubte— da murmelte er zwiſchen den Zähnen und ſchwur, dieß müſſe„anders werden!“ Und wenn erſt noch das Waſchwaſſer in der Waſchſchüſſel und das Trinkwaſſer in der zerſprungenen Karafine gefroren war, wenn in dem Zimmer eine ſo grimmige Kälte herrſchte, daß das Barbiermeſſer nicht ſchneiden wollte, und das gelbbraune Handtuch vom Blute des geſchun⸗ denen Kinns ſtarrte— wo er nicht ein Mal bei den Schätzen des Triangels Troſt und Erſatz ſinden konnte, denn dort war es noch um drei Grade kälter, mit Einem Worte, im ſtrengſten Winter, welcher den armen Kamme⸗ rer ordentlich krank machte, und wo die zerriſſenen Hem⸗ den und löcherigen Strümpfe ihn tauſend Mal mehr als im Sommer plagten, da gelobte und ſchwur er hoch und theuer, ſobald der Frühling käme wolle er ſich auch ein Weib nehmen. Der Frühling kam, aber ſiehe da, dieſe Jahrszeit hatte nicht dieſelbe Wirkung auf den Kammerer. Es war kein Eis mehr in der Waſchſchüſſel, das Barbier⸗ meſſer ſchnitt, die Loͤcher in den Strümpfen waren jetzt gar nichts ſo Unebnes— und es verging ein Frühling um den andern, ohne daß unſer ehrlicher Kammerer das Ziel ſeiner winterlichen Wünſche erreicht hätte. Man darf ſich indeſſen keineswegs einbilden, als habe er deß⸗ halb ſeine guten Vorſätze vergeſſen und über Bord gewor⸗ fen und es blos bei leeren Worten bewenden laſſen. Nein— beim erſten Gezwitſcher der Lerchen rüſtete er ſich jedes Jahr zu einer großen Freierfahrt, ein Jahr zum Norden, das andere zum Süden, aber er mochte reiſen wie und wohin er wollte, noch ſo viel Freunde und Freundesfreunde beſuchen— es wollte nicht glücken. Hätte er ſich um die Winterszeit auf die Socken gemacht, wo er über die Säumigkeit ſeiner Aufwärterin zu ſchelten und zu fluchen Urſache hatte, wäre er ſicherlich weit eifriger geweſen. Gleichwohl war er noch nicht ein Mal ſo weit gekommen, daß er nur um Eine gefreit hätte, 43 und dieß kam daher, weil er noch nirgends auf ſo eine „ſtille und beſcheidene Perſon“ geſtoßen war, welche den von Jahr zu Jahr ſich ſteigernden Prätenſionen an ſeine zukünftige Ehehälfte entſprach. Dieſe Reiſen wurden, was ihren Zweck betrifft, vor den drei Baſen außerordentlich geheim gehalten, welche ſich von der bevorſtehenden Gefahr Nichts träumen ließen und nicht entfernt vermutheten, daß dem Alten das Heirathen noch in den Sinn kommen könnte, wodurch ihnen die Erbſchaft, auf welche ſich Alle Hoffnung machten, entgehen mußte. Nein, der Kammerer war ſchlauer; er ließ ſie ſich bücken und drehen, winden und ſcherwenzeln,— heimlich lachte er aber bei dem Gedan⸗ ken, wenn ein Mal die Zeit kommen würde, wo Frau Norman in Verzweiflung über ihre mißlungenen Anſtal⸗ ten, über alle die hinausgeworfenen Schnäpſe und Punſche, ſich das Gallenfieber an den Hals ärgern würde, wenn er eine junge Frau in ſein Haus einführte— eine Frau, welche es vielleicht für eine große Herab⸗ laſſung halten konnte, eine von Frau Normans Geſell⸗ ſchaften zu beſuchen oder ſie ſelbſt zum Kaffee zu bitten. „Meiner Seele, weder die Eine noch die Andere ſoll einen Pfennig kriegen!“ ſo ſchwur der Kammerer hoch und theuer und hatte es auch feſt im Sinne zu halien, denn nie konnte er die Worte der Frau Norman ver⸗ geſſen:„Gott gebe, daß der Alte ein Mal ein ſchöner Engel wäre, da wollten wir mit den Goldfüchſen rappeln.“ Er hatte dieſe feinen Worte zufällig mit eigenen Ohren aus ihrem Munde gehört und„die Andere“ hatte mit eingeſtimmt. Inzwiſchen war die Reiſe, welche der Kammerer dieſes Jahr gemacht hatte, ebenſo fruchtlos abgelaufen wie alle vorherigen. Da aber ſein Beſchluß, nun durch die mannigfachen Beſchwerden geſchärft, ſo feſt ſtand, als nur ein Beſchluß irgend ſeyn kann, wo zwei betheiligt ſind, nahm er ſich vor, auf den Herbſt eine beſondere Fahrt anzutreten. Aber nicht genug damit: die Zwiſchenzeit bis zu einem ernſtlichen Verſuche wollte er ſogar noch zu Anfragen in öffentlichen Blättern benutzen. Man hatte ſchon oft gehört, daß ſolche ganz vortrefflichen Erfolg gehabt— und der Kammerer war gar nicht entgegen, ein abermaliges Beiſpiel davon ab⸗ zugeben. Während nun unſer alter Junggeſelle aufs Beſte daran iſt, ſeine Schätze im Triangel auszulüften und nebenbei in Gedanken das Formular zu der beabſichtigten Zeitungsannonce in Gedanken aufſetzt, wollen wir dle unſrigen anders wohin wenden. —x; Viertes Kapitel. Welchergeſtalt Frau Norman Anfangs dem Notarius feine Stiche ibt, ihm endlich aber wirkliche Sottiſen ſagt; worauf eine junge ame ein paar Stiefel unter einem Weiberrock hervorgucken ſieht. Die Glocke auf der Hauptkirche hatte ſchon zehn geſchlagen. Vor der offenen Thüre von Frau Normans Kleiderbude flatterte der unſterbliche ſchwarze Frack an der Seite des rothen Linonkleides. Der grüne Regen⸗ ſchirm baumelte wie gewöhnlich über dem etwas ver⸗ ſchoſſenen Uniformsrock und das Konterfei der Königin Chriſtine blickte, wie immer, freundlich auf die gewaltigen Gardiſtenhoſen; aber die andern Bilder— Gott weiß, weſſen Porträte— waren ſchon längſt hinter den poda⸗ griſchen Sopha mit dem Kattunüberzug verwieſen wor⸗ den, um einem andern, beſſern Kunſtprodukt— wenigſtens hatte es einen neuen, koſtbaren Rahmen— den erſten Platz einzuräumen. Am Fenſter ſurrten die Fliegen zu Millionen um alle die in Parade aufgeſtellten Gläſer und Karaſinen, und in dem innern der Bude ſtanden alte und neue Möbel in gedankenvolle Träumereien über Frau Normans republikaniſches Gleichheitsſyſtem verſunken. Alles war vollte ättern ganz war ab⸗ Beſte und tigten die Stiche junge ſieht. zehn nans an egen⸗ ver⸗ nigin tigen veiß, oda⸗ wor⸗ ſtens rſten um nen, neue nans war 45 in behaglichem Untereinander. Hier guckte eine alte Saloppe griesgrämig zu einem modernen Morgenrock hinaus, welches ſeinen hohen Platz über einem Leuchter eingenommen hatte; dort ſtarrten ein paar Stiefel in großer Verwunderung mit aufgeſperrten Mäulern ein weißes Mouſſelinkleid an, welches ſeine Arme traulich um ein ungeheures Pfeifengeſtell ſchlang, hier ſtieß ein lümmelhafter Eiſentopf einen ſchmächtigen meſſingenen Theekeſſel in die Rippen— aber trotz der Disharmonie, welche unter all' dieſen ungleichen Repräſentanten der verſchiedenſten Stände zu herrſchen ſchien, kam dennoch kein revolutionäres Wort über ihre Lippen— dafür ſorgte die Präſidentin der hier vereinigten Staaten mit aller Wachſamkeit.. Weit hinten in einer Ecke der Bude ſaß Frau Malla Fogelqaiſt und las in einem Roman, worauf ſie ſo. erpicht war, daß ſie nicht nur vergaß, das alte Toiletten⸗ tiſchen zu poliren, welches ſie vor ſich hatte, ſondern auch nicht ein Mal die ihr ſonſt wohlbekannten ſchweſter⸗ lichen Tritte vernahm, bis Frau Norman ganz unver⸗ muthet auf der Schwelle ſtand. „Was in des Herrn Namen, liebſte Hofmeiſterin! weißt Du denn nichts Beſſeres zu thun, als die Naſe in eine ſolche Scharteke zu ſtecken? Am Sonntag Abend mag ſo etwas noch angehen.... Aber was iſt denn das? Wo iſt dieß her, wer hat es gebracht?“ Frau Normans ſchneller Blick, der mit einem Nu Alles über⸗ flog hatte ſogleich geſehen, daß die alten ſtaubigen Bil⸗ der einen Nachbar von modernem, ſtattlichem Aeußern bekommen hatten. „Ja ſo;“ erwiederte die Hofmeiſterin, welche froh war, mit ihrer Nachläſſigkeit ſo leichten Kaufs davon zu kommen und ihr Buch eiligſt unter ein großes Kiſſen ſchob,„er iſt heute Morgen da geweſen. Ich wünſchte, daß Du ihn nur geſehen hätteſt; er ſah wahrſcheinlich heute anders aus als geſtern, wo er uns von Winters Fenſter aus nicht kennen wollte.“ verliebt iſt, daß er die Finger darnach leckt, um ihr „Was, wer, der Notarius? Na, das wäre noch ſchöner! Will er haben, daß wir das Ding da für ihn verkaufen ſollen?“ „Er hatte ein größeres Anliegen: er will, Du ſollſt es ſelbſt kaufen, wie es da iſt. Da Du aber nicht hier warſt, ſo beſtellte ich ihn wieder auf zwoͤlf Uhr.“ „Recht ſo, liebe Malla! Es juckt mich juſt, den Spindelbein dazwiſchen zu nehmen! Was verlangte er denn für den Plunder? Wenn ich es gehörig betrachte, ſo ſehe ich nicht viel von Werth daran.“ Frau Norman ſetzte bei dieſen Worten die Brille auf und ſtellte ſich mit der Miene einer Kunſtkennerin vor das Bild. „Er ſagte, es ſey von ausgezeichnetem Werth— unter fünfunddreißig Reichsthalern könne er es unmög⸗ lich geben,“ ergänzte die Hofmeiſterin. „Fünfunddreißig Reichsthaler! Iſt der Kerl ein Narr? Fünfunddreißig Reichsthaler! Hat man je ſo Etwas gehoͤrt! Hm, ich kann gar nicht begreifen, wie die mattblauen Berge im Vordergrund neben den dunkeln Schattenparthien irgend Effekt machen können. Und hier die grüne Wieſe— dort der große Baum z. B., der geht ja gar über den Rahmen hinaus: weder Färbung noch Zeichnung taugt Etwas. Nein, da wird noch mancher Tropfen Waſſer in's Meer fließen, bis der einen Pinſelſtrich führen kann wie Schakspir. Und doch will er fünfunddreißig Reichsthaler! Ja, ja, er iſt ſo ver⸗ dammt hochmüthig, daß ihn ſeine Verwandten, wenn er deren hat, wohl ein Mal werden in's Narrenhaus ein⸗ kaufen müſſen. Aber hör' ein Mal, Malla, haſt Du denn Nichts wegen ſeines geſtrigen unanſtändigen Be⸗ nehmens erwähnt?“ „Kein Wort!“ „Nun ja, für Dich ſchickt ſich das Schweigen wohl.“ ſagte Fran Norman im Tone großer Ueberlegenheit, z„aber nicht für mich, für mich, die ich erſtens und haupt⸗ ſächlich Lucies Mutter bin— Lucies, in welche er ſo e noch ür ihn ſollſt zt hier den gte er achte, orman e ſich 47 Schuhband küſſen zu dürfen— und dann, weil ich die Eigenthümerin der Kleiderbude bin, welche dem gelb⸗ ſchnäbeligen Hungerleider ſchon manchmal aus der Noth geholfen hat. Ich bin aber gezwungen, verſtehſt Du, gezwungen, meine Reputation und die Würde mei⸗ nes Standes aufrecht zu erhalten, deßhalb muß ich ihn nothwendig nach Verdienſt ſtriegeln.“ „Du weißt wohl, was das Beſte iſt,“ pflichtete ihr die Hofmeiſterin bei. „Er ſah übrigens heute ordentlich krank aus, viel bläſſer als ſonſt, und wenn ich recht geſehen habe, ſtand ihm das Weinen näher als das Lachen, wie er das Bild aufhing. Er bat mich, wo möglich dafür zu ſor⸗ gen, daß es nicht zu lange da hängen möge.“ „Das will ich herzlich gerne glauben!“ lachte Frau Norman aus vollem Halſe. Hochmuth und Hunger⸗ leiderei taugen nicht zuſammen, iſt ein altes Wahrwort. Am Ende ſoll gar kein Menſch das Bild ſehen!— und wir ſollen es doch möglichſt gut verkaufen! Aus lauter Zorn und Aerger will ich es jetzt aber auch unter das allerelendeſte Zeug hängen, daß es ihm in der Seele weh thut, wenn er wieder kommt.„Mit inniger Scha⸗ denfreude griff Frau Normar nach einem Stuhl, nahm das Bild herab und ſtellte es vor die Thüre auf einen großen alten Küchenſchrank. „Nun wollen wir ſehen, wenn der Herr Notarius kommt!“ ſagte ſie, und ſtellte ſich an das Fenſter. Ihr heißes Geſicht nahm aber ſoviel Platz ein, daß es zwi⸗ ſchen dem Fenſterchen und einem mit Grünſpan überzo⸗ genen Walvhorn, welches neben daran hing, wie einge⸗ keilt war. In dieſer Stellung blieb ſie faſt eine Vier⸗ telſtunde, während welcher ſie zum ergoͤtzlichen Zeitver⸗ treib der Hofmeiſterin erzählte, wie ſie den Notarius, als er einmal tüchtig in der Klemme geweſen, wieder flott gemacht habe.„Du hätteſt nur ſehen⸗ ſollen, liebſte Hofmeiſterin,“ hieß es,„wie jämmerlich er ausſah! Er kam gelaufen wie ein fechtender Schneidergeſelle, dem 48 der Bettelvogt auf den Ferſen iſt. Liebſte, beſte Frau Norman, ſagte er und machte ein Paar Augen dazu, wie eine Ziege auf dem Todtenbette; ſeyn Sie doch ſo gütig, goldne, himmliſche Frau Norman, laſſen Sie mich nur auf ein Stündchen herein! Ich erwarte... i glaube.. Die Stimme blieb ihm im Halſe ſtecken, ich merkte aber, woher der Wind blies, denn es war nicht das erſtemul. Erwarten Sie vielleicht den Schloß⸗ kanzleidiener? fragte ich, oder nicht?— Ich weiß nicht, ächzte er,(er war mein' Seel' ſo erſchrocken, daß er gar nicht wußte, was er ſagte), wenn aber Jemand kommt und nach mir fragt, ſo ſagen Sie, beſte, liebſte Frau Norman— nicht wahr, Sie ſagen dann, Sie hätten mich nicht geſehen! Und hübſch war er drinnen, unter der alten großen Wildſchur, welche ſchon ſo lange hin⸗ ten im Winkel hängt. Er ſtack noch nicht lange darun⸗ ter, ſo ſah ich ſchon einen von den Herren, die ich wohl kenne— Gottlob, meine Umſtände ſind aber von der Art, daß ich für mein Theil nicht nöthig habe, ihnen gute Worte zu geben. Ich ſtellte mich dick und breit unter meine Thüre, und als er fragte, ob ich nicht ei⸗ nen jungen Herrn geſehen hätte, welcher, wie er glaube, — denn ich habe auch höhern Orts meine Freunde— blieb auf der Schwelle ſtehen, wo Du jetzt ſtehſt, ſah ſich nur ein wenig flüchtig um, empfahl ſich und ging ſeiner Wege. Nun denke Dir, Malla, es iſt kaum ein Jahr, daß die Hiſtorie paſſirte, und ſchon weiß der Taugenichts kein Wort mehr davon, will mich nicht mehr kennen, wenn ich auf dem Markte ſtehe mit Lucie, mit Lucie, ſage ich, die ſo hübſch iſt, daß Jedermann, wer ihr begegnet, ſich umdreht, um ihr nachzuſehen! Der 2SS=2Z 49 Regierungs⸗Sekretär Roſell, der hält ſich nicht für zu gut, Einen zu grüßen!“ Das iſt ein ganz netter junger Menſch, wenn er nicht ſo arm wäre. könnte ich ihn ſchon zum Schwiegerſohn annehmen. Aber ſt,— ſt— halt ein Mal— ja, wahrhaftig! Da kommt der Nota⸗ rius! Was er rechts und links ſeine Augen ſpazieren läßt, und ſich an den Häuſern herdrügkt, Ja, ja es ſoll ihn Niemand da herein ſchlüpfen ſehen. Es muß aber überall ſauber ſeyn, denn er ſteuert gerade auf un⸗ ſer Haus los. Ho, ho, ho, komm mir nur, Du ſollſt Dein Fett kriegen!“— Nun ſtieg Frau Norman von ihrem erhöhten Platz herab und ging in ihrem kupfrigen, mit Grünſpanſtreifen ſchattirten Antlitz, dem Notarius entgegen, der gerade zur Bude hereintrat, und die Eigen⸗ thümerin mit einer artigen, um nicht zu ſagen unterthäni⸗ gen Verbeugung grüßte. „Ah, Dienerin, gehorſame Dienerin! Haben Sie doch die Güte und nehmen Sie ihre Lorgnette, ſonſt kennt der Herr Notarius ja doch ſo gewöhnliche Leute, als ich und meine Schweſter Hofmeiſterin ſind, nicht— auch Lucien nicht zu vergeſſen— welche leider nicht da iſt, weil ſie eben ihre Toilette macht. Ei, Ei, was doch der Herr Notarius ſo kurzſichtig geworden ſind! Be⸗ daure unendlich, daß Sie geſtern Nachmittag ſo ſchwache Augen hatten. Was für ein Augenwaſſer brauchen Sie denn, Herr Notarius?“ „Ich verſtehe Sie gar nicht, beſte Frau Norman,“ erwiederte der Notarius, und gab ſich alle Mühe, recht verwundert auszuſehen. „Ach, Sie werden wohl ſo viel Gedächtniß haben, daß Sie mich recht gut verſtehen!“ entgegnete Frau Nor⸗ man, kniff den Mund zuſammen und nickte einmal über das andere mit ſpöttiſcher Artigkeit. f„Ich verſichere Sie, daß ich nicht im geringſten be⸗ greife!“ „So alſo,“ platzte die erblaßte Frau heraus, und konnte ſich nicht länger halten,„ſo alſo, eine feine 50 Anſpielung will der Herr nicht verſtehen? Da muß ich ihm ſchon mit dem Holzſchlägel winken, und geradezu in's Geſicht ſagen, daß er ein eingebildeter Laffe iſt, der beſtändig den Vornehmen ſpielen will, obgleich er es wahrlich nicht aufzuwenden hat! Ja, ja, das iſt ſehr ſchön von Ihnen, ſich ſo gegen ehrliche Leute auf⸗ zuführen, Leute, welche Sie fünfzigmal aus dem Schuld⸗ thurm loskaufen können, und die Sie auch noch überdieß aus den Händen der Schloßkanzleidiener gerettet haben— Wiſſen Sie noch?— Pfui Teufel— ſchämen ſollten Sie ſich!— Statt deſſen ſind Sie aber ſchamlos genug, Ginen vor der ganzen Welt zu verläugnen, und dieß noch dazu, wo ich dabei bin!“ Frau Norman, welche ſtufenweiſe ihre Stimme im⸗ mer mehr erhoben hatte, war bis in den gellendſten Dis⸗ kant hinaufgeſtiegen, wogegen der Notarius, glühendroth vor Aerger, Schaam und Verzweiflung, daß irgend ein Vorübergehender Zeuge ſeiner Erniedrigung werden möchte, unabläſſig flüſterte:„Um aller Welt willen, meine beſte theuerſte Frau Norman, ſchreien Sie doch nicht ſo fürchterlich!“— jede Wiederholung ſeiner Bitte begleiteten die beweglichſten, flehentlichſten Geberden mit Händen, Füßen, Augen und Lippen. Hätte die erboßte Troͤdlerin nur einen einzigen Blick auf Wetterquiſt geworfen, wie er, ſo gut es anging, unter dem bewegenden Schatten der baumelnden Kattun⸗ und Bombafinkleider daſtand, ſo wäre es vielleicht möglich geweſen, daß ſie ſich durch den angſtvollen Ausdruck ſeines Geſichtes, auf welchem die Roͤthe der Schaam und die Bläſſe des Zorns mit einander ab⸗ wechſelten, einigermaßen hätte bewegen laſſen,— ſo wollte es aber ſein Unſtern, daß ſie durch ſeine Bemü⸗ hung ſich verbergen zu wollen nur noch mehr aufgebracht wurde, und deßhalb, ſtatt ihre Stimme zu dämpfen, nur noch heftiger kreiſchte, beide Hände in die Seiten ſtemmte und dicht vor ihm ſtehend ihrer ſpitzen Zunge freien Lauf ließ: 51 „Ja, ja, glauben Sie denn, ich werde mich von einem ſolchen Laffen Mores lehren laſſen, von einem ſo armſeligen Schlucker, der den einen Rock verkaufen muß, um den andern bezahlen zu können— ja, Sie ſind mir juſt der Rechte! Mein’ Seel' es wäre doch wohl ge⸗ ſcheidter, Er lernte ſelbſt etwas Lebensarten.— aber ſo ein hochmüthig. Gehorſame Dienerin, gehorſame Die⸗ nerin“, brach ſie plötzlich im Strom ihrer Rede ab, und trat mit einer höflichen Verbeugung auf die Schwelle der Bude. Dem armen Notarius verſagte ſchier der Athem vor Angſt, Frau Norman mochte ihn verrathen. Es fuhr ihm eiskalt über den Rücken und durch alle Glieder, das Herz klopfte ihm fieberhaft; er wußte ſich in ſeiner Ver⸗ zweiflung nicht beſſer zu helfen, als ſich mit dem Kopf und dem übrigen Oberkoͤrper in den dickſten Haufen von muffigen alten Kleidern einzugraben. Allein, o ihr himmliſchen Mächte! wohin mit den Stiefeln? Dieſe konnten dem jungen hübſchen Mädchen, welches eben vor der Bude ſtand, ganz gewiß nicht entgehen! „Potz tauſend, das liebe, gute gnävige Fräulein!“ rief die Hausmeiſterin aus, welche mitten auf der Schwelle ſtand, und, wie allezeit, in Entzücken gerieth, wenn ſie Jemand auch noch ſo entfernt Verwandtes von dem gräflich L'— ſchen Hauſe anſichtig wurde, wo ihr Mann ſelig Haushofmeiſter geweſen war, und ſie geheirathet hatte, während ſie nach wie vor bei der bekannten hoch⸗ adeligen Familie dem würdevollen Amte einer Schaff⸗ nerin vorſtand. Das beſagte junge Fräulein, welches Frau Malla Fogelquiſt als Kind in ſeines gnädigen Herrn Oheims Hauſe geſehen hatte, ging nie durch die Kramgaſſe, ohne einen Augenblick ſtehen zu bleiben und die Hofmeiſterin freundlich zu grüßen, zuweilen auch ein paar Worte mit ihr zu plaudern, denn der Anblick der alten Freundin erinnerte ſie ſtets an Heidelbeermuß und Pfannkuchen. „Dieß iſt ein prächtiges Bild,“ ſagte das junge Fräulein, und ſtellte ſich ein paar Schritte davor;„es — 5² iſt ja ganz neu! Wie ſind Sie dazu gekommen, Frau Norman?“ „Ach,“ antwortete die Trödlerin mit geheimniß⸗ vollem Blick und noch geheimnißvollerem Lächeln,„das 8 ganz luſtige Geſchichte, wahrhaftig in Gott, ganz 5 1** „O, wenn ich dem Satan nur den Hals umdrehen koͤnnte!“ ächzte der Norarlus und biß in die von der Luft hin und her bewegten Kleider, um ſie im Zaum zu halten.„Sie iſt im Stande und zeigt mit dem Finger auf mich, das.... das....“ Er fand kein Wort dafür in ſeiner Angſt, machte ſich aber die lebhafteſten Vorwürfe, daß er ſeinem ge⸗ wöhnlichen unſeligen Hochmuth nachgeben und eine ſolche Bekanntſchaft gegen ſich aufbringen konnte. Er that nämlich einen theuern Schwur, wenn und wo er Frau Norman wieder treffen würde, und ſollte es ſelbſt in Norrbro ſeyn, möchte er auch in einer Geſellſchaft ſeyn, in welcher er wolle, ſo werde er ſie gewiß und wahr⸗ haftig auf das freundllchſte grüßen. „So, es hängt alſo eine Geſchichte damit zuſam⸗ men?“ fuhr das Fräulein fort und warf ihre Augen auf die Hofmeiſterin. Dieſe ergriff aber mit weit mehr Zart⸗ gefühl, als ſich erwarten ließ, ſchnell das Wort:„Es gibt gar Manches in einer Trödelbude, mein gnädiges Fräulein, von dem ſich ganz eigene Geſchichten erzählen ließen. Niemand trennt ſich gerne von ſeinem Eigen⸗ thum und Armuth iſt keine Schande!“ „Aber Hochmuth und Armuth, das paßt ſich gerade zuſammen,“ fiel Frau Norman dazwiſchen,„wie, mit Reſpekt zu melden, ein güldenes Halsband zu einer...“ „Was ſoll das Bild koſten?“ unterbrach ſie das Fräulein.„Wenn es nicht zu theuer iſt, moͤchte ich es wohl kaufen; denn es iſt offenbar zu gut um hier hän⸗ gen zu bleiben.“ „Den nächſten Preis können wir ſogleich erfahren,“ verſetzte Frau Norman, mit einer Stimme, welche nicht 53 im Geringſten ihren teufliſchen Triumph verbarg.„Der Herr, dem das Bild gehört, hat es eben erſt hergebracht. Er ſteht dahinten und unterhält ſich damit, meine alten Kleider zu muſtern! Wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Fräulein—“ „Ich komme morgen wieder,“ erwiederte das Fräu⸗ lein eilig, und ehe Frau Norman ausſprechen konnte, war die junge Dame mit einem flüchtigen Gruß ver⸗ ſchwunden. Es war klar, daß das Fräulein, der Richtung von Frau Normans Augen folgend, die unter dem blauen Bombafinkleide hervorguckenden Stiefel erblickt und die ebenſo unerwartete als verdrießliche Entdeckung ſie in die Flucht gejagt hatte. Nun konnte unſer Notarius doch wieder frel ath⸗ men.„Welch ein Engel von Barmherzigkeit und Zart⸗ gefühl,“— dachte er von dem Fräulein—„und was für ein Hexenpack von Trödlervolk,“— damit meinte er die Frau Norman. „Na, ſo kommen Sie endlich hervor,“ ſagte die Letztere mit übermüthigem Lächeln.„Für diesmal haben Sie genug ausgeſtanden. Laſſen Sie es ſich einen Denk⸗ zettel für künftig ſeyn. So einer will den Vornehmen ſpielen!— Was ſoll das Bild koſten?“ „Ich werde den Preis auf einen Zettel ſchreiben und dieſen heute Abend herſchicken.“ Dieſe Worte ſtieß Wetterquiſt aus und ſprang zugleich mit zwei Säͤtzen aus der Bude auf die Straße, wo er das heilige Ge⸗ lübde that, nie mehr, möge auch kommen was da wolle, einen Fuß in dieſes Fegfeuer zu ſetzen, welchem er ſo eben mit ſo vieler Mühe entgangen war. Der aufgeregte junge Mann rannte mehr als er ging, bis er den engſten und ärmlichſten Theil der deut⸗ ſchen Kirchſtraße erreichte, wo er in einem kleinen Dach⸗ kaͤmmerchen, viele Treppen hoch, ſeine Wohnung hatte. Schon ſah er ſeine anſpruchsloſe Freiſtätte von ferne, dachte ſchon mit einem gewiſſen natürlichen Entzücken an 54 die troſtreichen Stunden, welche er, allein mit ſeinen Gefühlen, ſeiner Unruhe und ſeinem Kummer jetzt werde zubringen koͤnnen, als er mit ſeinem ihn gewöhnlich ver⸗ folgenden Unſtern auf einen neuen Plagegeiſt ſtieß— den Regierungs⸗Sekretär Roſell. „Was tauſend gibt's da? Ich glaubte, Du woll⸗ teſt mich über den Haufen rennen,“ rief der Regierungs⸗ Sekretär aus und faßte ohne Komplimente den Wider⸗ ſtrebenden unter dem Arm.„Haſt Du Nachricht erhal⸗ ten, daß ein ſteinreicher Oheim geſtorben iſt und Dich zum Erben eingeſetzt hat, haſt Du einen Verleger für Deine Gedichte gefunden, oder haſt Du das Bild voll⸗ endet, welches Dir die Unſterblichkeit ſichern ſollte, wenn Du es einmal auf die Kunſtausſtellung bringen würdeſt?“ „Nichts iſt's— was ſollt' es denn auch ſeyn! Aber ich habe Eile, laß mich los!“ Dabei wand ſich der Notarius wie ein Wurm unter dem ſchraubſtockartigen Griff des Regierungs⸗Sekretärs.. „Keine Zeit hätteſt Du? Man hat immer Zeit für ſeine Freunde.— Aber hör' einmal und ſey ver⸗ nünftig. Du mußt hier in der Nähe in einem von den Mumienlöchern wohnen, laß mich Dich nach Haus be⸗ gleiten, ich will Dir einen guten Rath geben, wenn Dir irgend Etwas fehlt. Guter Rath iſt oft mehr werth als baares Geld! Vorwärts; wer wird viele Umſtände machen mit einem alten guten Freunde, welcher die Welt kennt!— wo geht es hin?“ „Gar nirgends geht's hin!“ Ich wohne nicht hier.“ „Ja, mein' Seel'’, Du wohnſt hier herum in der deutſchen Kirchſtraße, man hat mir's in Deiner vorigen Wohnung geſagt; und es iſt ganz einfältig, einen guten Freund von ſich ſtoßen zu wollen, bloß um ihm einen Verdacht zu benehmen, da er im Gegentheil gerade durch Deine Weigerung darin beſtärkt wird.“ „Denke in Gottes Namen was Du willſt, aber laß mich mit Frieden!“ ſagte Wetterquiſt und bemühte ſich 5⁵ mit äußerſter Anſtrengung von dem unwillkommenen Theilnehmer an ſeinem Kummer los zu machen. „Cigentlich ſollte ich es thun,“ entgegnete Roſell ernſthaft,„wenn ich es nicht für eine Sünde hielt, Dich ganz und gar Deiner unſeligen tollen Laune zu über⸗ laſſen. Um Dir reinen Wein einzuſchenken: vor ein paar Stunden ging ich an der Trödelbude der Frau Norman vorüber und ſah Etwas, welches— gleichviel, es hätte einen— ja, ja— nicht die Frau Norman— Du weißt ſchon, was ich meine— kurz, es hätte einen beſſern Platz verdient und auch ſicherlich den beſſer aus⸗ gefüllt, welchen Du ihm beſtimmt haſt;— oder hätte es ſich vielleicht nicht vortrefflich auf der Kunſtausſtellung ausgenommen? Nun hör' aber auf einen vernünftigen Vorſchlag. Ich habe einen guten Freund, welcher gegen kleine Pfänder den Leuten aus der Verlegenheit hilft. Biſt Du es zufrieden, ſo nehme ich das Bild und mache die Sache ab; auf jeden Fall iſt es doch ſo honetter, wenn es ſich in guter Geſellſchaft in einer Privatſamm⸗ lung beſindet, als wenn es vor einer Trödelbude hängt. Donner und Doria! Wie kann man nur ſo alles Ge⸗ ſchmacks und aller Urtheilskraft quitt und ledig ſeyn, wo es ſich um Geldaffären handelt!“ „Ich danke Dir für Deinen guten Willen, allein ich habe ſchon einen Käufer,“ verſetzte der Notarius ſtolz und bekämpfte nicht ohne große Ueberwindung den Aer⸗ ger, ſeine dürftigen Umſtände verrathen zu ſehen, und außerdem noch eine Lektion über Mangel an Urtheil an⸗ hören zu müſſen.„Du biſt ſehr dienſtfertig,“ fügte er mit einer gewiſſen verbindlichen Artigkeit hinzu—„allein Du würdeſt Deiner Güte die Krone aufſetzen, wenn Du mich für mich ſelbſt ſorgen ließeſt, bis ich Deine Hülfe in Anſpruch zu nehmen käme.“ „Nun, ſo ſorg' für Dich ſelbſt, Du hochmüthiger Erznarr!— Du kannſt lange warten, bis ich Dir wie⸗ der meine Dienſte anbiete!“ Und etwas zwiſchen den Zähnen murmelnd, was der Notarlus, zum Glück für ſein empfindliches Selbſtgefühl, nicht hörte, verließ ihn der Regierungs⸗Sekretär mit einer Miene, als habe er Hunderttauſende zu kommandiren. Nachdem Roſell unſern Notarius verlaſſen hatte, blieb dieſer ein paar Minuten, die Hand vor den Augen, ſtill ſtehen. Es ſchien, als kämpfte er mit ſich ſelbſt, ob er dem Regierungs⸗Sekretär nachgehen, oder es bleiben laſſen ſollte. Vermuthlich beſchloß er das Letztere, denn er trat haſtig in ein nahes Haus und eilte die Treppen hinauf in ſeine Dachkammer, wo wir ihm Geſellſchaft leiſten wollen. Fünftes Kapitel. Nähere Beleuchtung aller der Urſachen, welche endlich den Notarius Wetterquiſt vermochten ſo hoch hinauf zu ziehen, wo⸗ hin Stolz, Schloßkanzleidiener und Postillons d'amour doch 7 den Weg finden. Der Notarius Wetterquiſt, mit deſſen unterſchied⸗ lichem Mißgeſchick der Leſer ſchon Bekanntſchaft gemacht hat, hatte ſo zu ſagen den Saamen zu all' dieſen be⸗ klagenswerthen Seelenleiden, welche nicht allein an ihrem Opfer zehren, ſondern es gar verzehren, ſchon mit auf die Welt gebracht. Er litt an Etwas, woran er von jeher und alle Zeit gelitten hatte, an einem unerſättlichen Ehrgeiz und an einer unerſättlichen Sucht, ſeinen verkehr⸗ ten Hochmuth zu befriedigen. Allein er befand ſich auch ſchon fruͤh in der iſolirten Lage, welche für ein fühlendes Gemüth und für den angebornen Hochmuth vielleicht das Allerbitterſte iſt. Seine Mutter war an einen Edelmann verheirathet geweſen, aber von ihm geſchieden geworden, und hatte in ihre zweite Ehe einen Sohn ohne Namen mitgebracht. Der kleine Ehrenfried wurde indeſſen von ſeinem Stief⸗ vater adoptirt, welcher von der außerordentlichen Schön⸗ heit der jungen Mutter geblendet und beſtochen, die kleine Myſtiftkation überſah, welche den Grund der Scheidung — gew zen Vor ihm eine zart! bem ſeine aber gege Ben friſch verd der beſtit Er uner — 57 von ihrem vorigen Gatten geweſen war. Da ihre eigene Ehe kinderlos blieb, ſo trug der ehrliche Rathsherr Wet⸗ terquiſt ſeine ganze Zärtlichkeit auf den heranwachſenden Jungen über. Die Liebe der Mutter war aber faſt eine abgottiſche und in ihrer thörichten Blindheit legte ſie in ſeine junge Seele den erſten Keim zu der Unzufriedenheit mit ſeinem jetzigen Leben und Stand, da ſie ihn ohne weiteres, auch als er ſchon in die Jahre gekommen war, wo er beſſer verſtehen lernte, was ſie damit ſagen wollte, nie anders als ihr Gräfchen nannte, welches zu etwas Anderem geboren ſey, als zum Spießbürger eines Land⸗ ſtädtchens; in dunklen Redensarten ſpielte ſie oft auf ſeine hohe Verwandtſchaft an und nährte ſo den ſchon geweck⸗ ten Ehrgeiz des Jungen. Als er vierzehn Jahre alt geworden und verſtändig genng war, um einen Begriff von der bedauerlichen Ur⸗ ſache zu bekommen, welche die Scheidung ſeiner Mutter veranlaßt und ihn ſelbſt namenlos in die Welt hinaus⸗ geworfen hatte, machte ihn ſein Stiefvater mit dem gan⸗ zen Verlaufe der Dinge bekannt. Aber ungeachtet der Vorſicht und wahrhaft liebenden Schonung, womit dieſer ihm die vertrauliche Mittheilung machte, war doch bald eine gewiſſe Kälte im Gegenſatze zu ſeinem ſonſt ſo zärtlichen Benehmen gegen ſeine Mutter an dem Knaben bemerkbar. Er ſagte kein Wort darüber, ließ nie gegen ſeine Mutter irgend Etwas davon merken, vermied ſie aber immer mehr und es dauerte nicht lange, ſo war alles gegenſeitige Vertrauen für alle Zeit verſchwunden. Mit den zunehmenden Jahren nagte das heimliche Bewußtſeyn immer mehr an ſeinem ohnedieß nie ſehr friſchen Leben. Allein er ſtudirte und arbeitete mit verdoppeltem Eifer, denn ſeine Phantaſie zeigte ihm in der Ferne ein Ziel, welches zwar noch keineswegs eine beſtimmte Form hatte, allein jedenfalls ein großes war. Er wollte ſehen, was er zu leiſten im Stande wäre; unermüdlich vorwärts eilend galt es die Probe, ob es ihm Kammerer Laßman. I. 5 — 58 gelingen würde, die rechte Bahn ſo ſchnell zu wählen, auf welcher er am ſicherſten den erſehnten Ruf erwerben konnte. Vorwärts wollte und mußte er— weit voraus vor allen ſeinen Kameraden, welche ihm die Ehre und den Vortritt ſtreitig zu machen gedachten. In einer beſſern Lage hätte er vielleicht, bei reiferen Jahren, ſeine durch erwaͤhnte Erziehung geweckten Träume für Kindereien angeſehen und über den Rieſenſchritt ge⸗ lacht, welchen er in ſeiner Traumwelt auf dem Weg in die Zukunft that, wo er ſich ſelbſt einen Namen ſchuf und alle möglichen unverwelklichen Lorbeern um ſeine Schläfe wand. Aber bald ſollte eine Kette von Wider⸗ wärtigkeiten die krankhafte Reizbarkeit ſeines Gemüths noch ſteigern und ihn zugleich in der Ueberzeugung beſtär⸗ ken, daß es ſeine Beſtimmung in der Welt ſey, mit dem ſchwärzeſten Geſchick einen blutigen Kampf zu beſtehen, ehe er die Siegerkrone weltlicher Ehre und dauernden Ruhmes zu gewinnen vermöge. Der erſte Schlag, welcher ihn traf, war der faſt gleichzeitige Tod ſeiner beiden Aeltern, den er übrigens mit großer Ruhe ertrug, indem er ſeinen Vater eigentlich nie recht hatte lieben lernen und ebenſo wenig Achtung vor ſeiner Mutter fühlte, welcher er es heimlich verdachte, zum zweiten Male eine Ehe eingegangen zu haben, die ihn in ein ſo großes Mißverhältniß brachte. Viel herber traf ihn der mit dem Todesfall in Verbindung ſtehende Schlag, nämlich ein Concurs, welcher ihm nicht mehr als ein paar hundert Reichsthaler übrig ließ— ſein ganzes Erbe. Um dieſe Zeit war der junge Wetterquiſt fünfzehn Jahre alt, und hatte als Gymnaſiaſt zu Skara ſo eben auf eigene Hand, ohne eline Privatanleitung dazu, den eigentlichen Grund zu der ungeheuern Wiſſenſchaft und Gelehrſamkeit zu legen begonnen, womit er im Laufe der Zeiten in den ſchwediſchen Annalen neben all' den großen Männern zu glänzen hoffte, welche jetzt durch Lektor Luths intereſſanten und lebhaften Vortrag Tag im 6 59 und Nacht anſchaulich vor des Jünglings weitausgrei⸗ fender Einbildungskraft ſtanden. Die plötzlich auf ihn einſtürmende Armuth, eine Bürde, vor welcher ihn bis⸗ her die mütterliche Schwachheit ſorgfältig bewahrt hatte, machte ſeinen bisherigen Gewohnheiten ein höchſt unan⸗ genehmes Ende. Allein bei dem Gedanken an all' die Einſchränkungen, welchen er ſich nun zu unterwerfen gezwungen war, litt er bei weitem weniger als bei der Furcht, ſein Unglück könnte die Verachtung und den Spott ſeiner Kameraden erregen, welche er durch beſtändige Hindeutungen auf ſeine Ueberlegenheit ſammt und ſonders zu Feinden gemacht hatte. Dieſe Furcht war auch nicht ungegründet: es bildeten ſich allerlei Parteien gegen ihn, oft mußte er unter der beißenden Spottluſt leiden, welche ſich ſtets auf den wirft, dem nicht dieſelbe Waffe zu ſeiner Vertheidigung zu Gebot ſteht. Allen ſolchen Aus⸗ fällen ſuchte er kalte Verachtung entgegenzuſetzen; er wollte ſich zwar überzeugen, als ob er dieſe wirklich hege, aber ſein empfindliches Gemüth fühlte doch jeden Stich tief und ſchmerzlich, und hätte er ſo viel phyſiſche Kraft gehabt, als er Feuer beſaß, wäre er ſicherlich ein ge⸗ waltiger Raufer geworden— unter bewandten Umſtänden zog er aber vor, den fünfzehnjährigen Philoſophen zu ſpielen. Allein er hatte bisher nur erſt ein ganz ſchwaches Vorgefühl von Dem gehabt, was ihn erwartete. Nach ein paar Monaten ſetzte ihn ſein Vormund in Kenntniß, daß er ihn nur noch mit den erforderlichen Büchern und den nothwendigſten Kleidungsſtücken ferner zu verſehen im Stande ſey, deßhalb habe er durch den ſtets überall hülfereichen Lektor Torin ein paar Bürger, unter welchen namentlich ein paar alte Freunde ſeines verſtorbenen Pflegevaters, zu veranlaſſen gewußt, ſeinem Sohn der Reihe nach einen Freitiſch zu geben. „Ich ſoll mich umhalten laſſen,“ rief der Jüngling 60 aus, bleich wie der Tod,„umhalten laſſen! Nimmer⸗ mehr,— lieber Hungers Sterben!“ „Das ſteht Dir frei, wenn es Dir beſſer gefällt,“ erwiederte der Vormund in größter Ruhe.„Sollteſt Du Dich indeſſen doch noch entſchließen am Leben zu bleiben, ſo fängſt Du Deine Woche nächſten Montag bei dem Rathsmann Bilgers an, am Dienſtag ißt Du bei Tiſch⸗ ler H... Mittwoch bei Profeſſor Kulberg, Donnerſtag bei dem Herrn Bürgermeiſter, Freitag bei Hutmacher Colvin, Sonnabend— ja, warte— ja, in der Dom⸗ probſtei— und Sonntag bei uns.“ Wetterquiſt ſtand wie vernichtet. „Beſinn Dich darüber!“ ſagte der Vormund.„Du haſt noch fünf Tage, ehe es anfängt. Ich habe bereits mit Frau Hungquiſt geſprochen und ihr geſagt daß ſie ſpäter keinen Kreuzer für Eſſen auf Deine Rechnung zu erwarten hat.“ Wetterquiſt ging nach Hauſe, mit dem feſten Vor⸗ ſatz, lieber allen Schrecken des Hungers und der Entbeh⸗ rung zu trotzen, als ſich einem ſolchen Schimpf auszu⸗ ſetzen— umgehalten zu werden. Als der Sonntag kam, dieß war der Tag, an welchem er bei ſeinem Vormund eſſen ſollte— kaufte er ſich eine Portion Eſſen im Wirthshauſe und ging den ganzen Tag nicht aus ſeiner Stube, wo er ſich in dem Entſchluß beſtärkte, dem dop⸗ pelten Mißgeſchick— ſeinem Vormund und dem Hunger Trotz zu bieten. Am Montage lebte er von einem alten Komödienbuche, welches er ſo glücklich geweſen war Morgens an einen Schulkameraden zu verkaufen. Als er aber am Dienſtag abermals einen Handel eröffnen wollte, erfuhr er zu ſeinem großen Leidweſen, daß es ſich durchaus nicht ſchicken wollte, entweder weil ſeine Kameraden den Anlaß benutzten, ſich an ihm zu reiben und ihn in der Klemme ſtecken zu laſſen, oder weil ſie⸗ vielleicht durch den aufmerkſamen Vormund gewarnt waren, mit ſeinem Mündel keinen Handel einzugehen. Für den Dienſtag, wo er ſich eigentlich bei dem Tiſchler — — 61 H... einfinden ſollte, welcher, nebenbei geſagt, Wetter⸗ quiſt für den Tod nicht leiden konnte, blieb ihm kein anderer Ausweg als von trockenem Brode zu leben, wel⸗ ches er ſich für die letzten paar Pfennige kaufte, die er in der Taſche hatte. Vergebens beſann er ſich nun auf weitere Subfiſtenzmittel, denn wenn er auch ein oder das andere Kleidungsſtück entbehren konnte, war er doch dagegen wieder zu ſtolz ſie Jemanden anzubieten, und die Uhr von ſeinem Vater durfte er nicht verſetzen, weil er fürchten mußte, ſein Vormund werde dieſelben Vor⸗ ſichtsmaßregeln in dieſer Beziehung gebraucht haben, wie bei ſeinen Kameraden. Am Mittwoch erwachte er mit heftigem Kopfweh, ging aber wie gewöhnlich in das Gymnaſium und um zehn Uhr von dort weg und ſtand lieber den heftigſten Hunger aus, als daß er ſich zu Profeſſor Kulberg und deſſen wohlwollenden Frauenzim⸗ mern begeben und dort in ſchönſter Ruhe ſein Frühſtück verzehrt hätte. Auf ſeinem Geſichte war indeſſen der innere Streit deutlich zu leſen: eine fieberhafte Roͤthe lag auf ſeinen ſonſt bleichen Wangen, und ein ſcharfes Feuer brannte in ſeinen dunklen Augen. Der Geiſt war aber doch ſtark genug, um den Koͤrper zu überwinden; er hielt ſeine zwei Stunden aus,— mit einer faſt bis zur Verzweiflung geſteigerten Aufmerkſamkeit. Als aber die Zeit kam, wo er wieder nach Hauſe gehen ſollte, vermochte er ſich kaum auf ſein Kämmerchen zu ſchleppen. Wenn nun in ganz Skara nur ein etwas größeres Waſſer geiveſen wäre als die Pfützen, in welchen man kaum die Katzen des Städtchens erſäufen kann, ſo hätte er ſich wahrſcheinlich—— neln, das waͤre niederträchtig, unmännlich, feig geweſen! Wetterquiſt litt geiſtig und köoͤrperlich. Aber ſo viel Kraft über ſich haben, um buchſtäblich Hungers zu ſter⸗ ben, muß doch phyſiſche Unmoͤglichkeit ſeyn, wenn man weiß, wo man ohne weiteres zu Eſſen haben kann. Es war faſt kein Kampf mehr in der Kunſt des ver⸗ ——— e 62 wirrten Jünglings: es war Inſtinkt, der ihn nach des Profeſſors Haus geleitete. Und nun waren die Koſttäge angefangen. Ha, was für eine Zeit trat nun ein, was für eine Zelt der Demüthigung, einer Legion wirklicher und ein⸗ gebildeter Demüthigungen! Wetterquiſt kam an mehreren Orten mit einem armen Bauernſohn zuſammen, welcher Pfarrer werden ſollte und ſeines Eifers und Fleißes halber mit Koſttagen überhäuft wurde. Seinen Mit⸗ tagstiſch mit dieſem gebornen Sohne der Dürftigkeit theilen zu müſſen, für Seinesgleichen angeſehen zu wer⸗ den und ſogar noch ihn um die Dienſtfertigkeit beneiden zu müſſen, womit er die Güte ſeiner Wohlthäter zu vergelten ſtrebte, dieß waren eben ſo viele Giftpfeile für Wetterquiſts Hochmuth. Und vollends noch die Zu⸗ muthungen, das Kind zu hüten, dieß oder jenes zu thun, dieſe oder jene kleine Kommiſſion auszurichten, für Nichts und wieder Nichts von einem Ende der Stadt zum andern zu laufen— Alles dieß war mehr als er für möglich hielt, das ein Menſch aushalten könne. Deßhalb ſtudirte er Tag und Nacht, um auf die Hochſchule zu kommen, wo er denn auch endlich— nach zweijähriger verzweifelter Anſtrengung auf dem Gym⸗ nafium zu Skara— mit zwanzig Reichsthaler in der Brieftaſche, nach Abzug der Reiſekoſten, anlangte. Wäh⸗ rend ſeines Aufenthaltes zu Upſala griff ihm ſein Vor⸗ mund, ſo gut er konnte, unter die Arme; trotz dem ſpann ſich Wetterquiſts Studienzeit viel weiter hinaus, als er ſich eigentlich Rechnung gemacht hatte— nicht daß es ihm an Kraft und Luſt zur Arbeit gefehlt hätte, ſondern aus Mangel an zureichenden Mitteln. Er mußte Unterricht geben, um ſelnen Unterhalt zu erſchwingen: auf dieſe Weiſe verlor er viele Zeit und es gingen fünf Jahre darüber hin bis er endlich nach rühmlich beſtan⸗ denem Examen als Auskultant bei dem Hofgerichte zuge⸗ laſſen wurde. Nun hatte er doch wenigſtens einen Titel, ſo unbedeutend er auch ſeyn mochte;— dieß war aber —— 12 ————————,— h des eine ein⸗ reren elcher leißes Mit⸗ tigkeit wer⸗ neiden er zu pfeile 2 Zu⸗ .——— 63 auch Alles. Sein kleines Erbe war längſt verbraucht; und Alles, womit er ſein Auftreten zu Stockholm be⸗ ginnen konnte, waren fünfzig Reichsthaler Banko, welche ihm ſein bisheriger Vormund vorgeſchoſſen hatte. Unſers jungen Notarius erſte Sorge war nun, ſein Aeußeres etwas in ordentlichen Stand zu ſetzen. Wenn er in den Spiegel ſah, fand er, nicht ganz mit Unrecht, „daß er ein hübſcher Burſche ſey, mit einem intereſſanten Zug um die tief liegenden Augen. Allein das konnte er ſich doch nicht verbergen, daß er abgezehrt, ausgehungert und verſtudirt ausſah— kurz, daß er ſich in keinem Zuſtande befand, welcher große Aufmerkſamkeit zu erregen vermochte. Es war aber ſo keine leichte Sache, ſich für neunundzwanzig Reichsthaler, welche ihm nach Abzug der Einſchreibgebühren noch übrig blieben, ein wohlge⸗ näͤhrtes Ausſehen, Farbe, geſchmackvolle Garderobe, geſchweige denn andere Kleinigkeiten, als da ſind: Woh⸗ nung, Holz, Licht, Wäſche u. ſ. w. anzuſchaffen. Deß⸗ halb machte er, bezüglich der beiden erſten Punkte, keine beſonders großen Fortſchritte; aber mit Nr. 3 ging es ſchon bedeutend beſſer und dazu verhalf ihm das Glück bald, nämlich durch Kredit bei einem gefälligen Schneider, einem ditto Schuſter und einem ditto Hutmacher, welch' Letzterer noch ein alter Bekannter aus der Heimath war. Somit war nun mit Wetterquiſts Aeußerem nach einem Monat eine höchſt vortheilhafte und erwünſchte Veränderung vorgegangen. Allein ſein innerer Menſch blieb ſich gleich; es verzehrte ihn eine nie ruhende Sehn⸗ ſucht in der Welt emporzukommen, vornehme Bekannt⸗ ſchaften zu machen und Aufſehen zu erregen, kurz nach Allem, was er ganz leicht erlangen zu koͤnnen glaubte, ſobald er nämlich das Ziel erreicht haben würde, welches ihn bisher unter Demüthigungen und Nachtwachen ſteis aufrecht erhalten hatte— das große Ziel, ſeinen Namen in den Akten des Obergerichtes unterſchrieben zu ſehen. Dieß war nun freilich auch endlich eingetroffen. Ein Kanzleidiener brachte ihm einen anſehnlichen Akten⸗ faszikel zum Abſchreiben und er hielt ſich den ganzen Tag fleißig daran, um am andern Morgen, wo er im Frack und übrigen vollſtändigem Aufwartungsſtaat in das Hofgericht wanderte, einen oder den andern Beweis ſeiner Emſigkeit mitbringen zu können. Allein dieſes Heiligthum der Gerechtigkeit ward in kurzer Zeit ein Fegfeuer für unſern jungen Themisprieſter. Da ſitzt der Herr Hof⸗ gerichtsrath L—e, der Herr Vorſtand, deſſen Sektion unſer Notar zugetheilt iſt, ſtrotzend vor Hochmuth und Amtsgewalt und blättert in einer Zeitung oder ſonſt Etwas der Art. Der junge Extraordinarius macht einen tiefen Bückling nach dem andern.„Ich wollte gehorſamſt gebeten haben,“ ſagte er mit demüthiger, etwas zitternder Stimmung,„die Abſchrift hier zu durchſehen.“ „Aha;“— läßt ſich der gnädige Wortführer vernehmen, der längſt vergeſſen hat, mit welchen Geſühlen er ſelbſt ehedem vor dem geſtrengen Herrn Direktor geſtanden hat—„der Herr Notar mag einen Augenblick warten, es ſoll dann ſogleich geſchehen.“ Nun ſteht der Bedauerns⸗ werthe mit ſeiner Papierrolle unter dem Arme und wartet eine Viertelſtunde, zwei Viertelſtunden: dann geht er abermals vor und wiederholt daſſelbe. Wenn er nun vlelleicht gerade heute einen Ueberrock an hat oder ſein Rockſchoß nicht nach der Kleiderordnung ſich in die ſchwanzartige Frackfaree endigt, ſo darf er beinahe gewiß ſeyn, daß es heißt:„Ich habe jetzt keine Zeit, Sie können in einer Stunde wieder kommen,“ er alsdann vielleicht aufs Neue mit ähnlichen Umſtänden aufgehalten wird. Und iſt es endlich glücklich„durchgeſehen“ und liegt das Urtheil zur gehörigen Unterſchrift auf dem Tiſche, wie manchen Schritt muß er da vergebens thun— einen, zwei, drei, ja acht Tage— bis es dem geſtrengen Herrn ein Mal einfällt, ſeinen hohen Namen zu unterzeichnen, und kaum iſt dieß geſchehen, ſo muß der dienſthabende Aufwärter Alles ſo eilig wieder wegnehmen(in dieſem Fall iſt die Zeit höͤchſt koſtbar), daß die Tinte kaum trocken geworden ſeyn kann.— nzen r im das einer hum für ktion und ſonſt inen amſt nder nen, ebſt den ten, ns⸗ rtet er nun ſein die viß Sie inn 65 Bei jeder ſolchen Folter litt Wetterquiſts Stolz ſchrecklich, was nur ein Gemüth wie das ſeinige zu bemeſſen vermag. Mit ſeiner Arbeit auf der Kanzlei war er indeſſen ganz zufrieden.„Da geht es“— ſagte er zu Roſell„gar nicht ſo übel her: Man lebt va im Allgemeinen auf einem recht kameradſchaftlichen Fuß und der Verſtand zeigt ſchon ſo viel Menſchenkenntniß, daß man ſieht, er weiß meine zukünftigen Kollegen von elnem Aufwärter zu unterſcheiden.“ Allein, verzehrt von Ehrgeiz, Armuth, Menſchen⸗ ſcheu und Mißtrauen gegen Alles, außer ſich ſelbſt, führte Wetterquiſt das freudenloſeſte und einſamſte Leben. Er verſagte ſich oft das Nothwendigſte, um auf ſein Aeußeres das Gehoͤrige wenden zu können, denn daran fand er noch allein Vergnügen und ſeine Perſon war noch das Einzige, was ſeinem Stolze zuwellen Genugthuung ver⸗ ſchaffte.— Durch den oben erwähnten Rockhandel, welcher ſich jedes halbe Jahr wiederholte, war er mit Frau Norman bekannt geworden und hatte bei einem ſeiner Beſuche im Hauſe die ſchoͤne Liſa geſehen. Von dieſer Zeit an war die Trodlerin ſein Faktotum, und Beide ſtanden ſtets im beſten heimlichen Vernehmen zu einander, denn wenn es Niemand ſehen oder erfahren konnte, ſo hinderte den Notarius Nichts, ihr die ausgeſuchteſten Artigkeiten zu erweiſen. Inzwiſchen machte Liſa den erſten lebhaften Eindruck auf ſein Herz und ohne zu bedenken, wohin oder wie weit dieß führen könne, überließ er ſich dieſer erſten Regung. Die Seligkeit, ein Mal etwas Anderes, als Bitterkeit und Verdruß zu empfinden, war für ihn zu groß, als daß der Rath des Verſtandes hierbei mit in Berechnung kommen konnte. Was Lucie betraf, die verzogene, vergötterte Tochter einer vermöglichen Trodlerln— ſie fand die Huldigung des Notars ganz natürlich und es kam bei ihr nichts Anderes in Frage, als ob ſie ihn unter die Zahl ihrer Freier aufnehmen wolle oder nicht. Indeſſen wendete 66 ſie alle kleinen Künſte der Gefallſucht bei ihm an und war der Anſicht, daß man die ernſthafte Seite der Sache einſtweilen unberückſichtigt laſſe und ſich vor der Hand auf das rein romantiſche Verhältniß Liebender beſchränke. Gine förmliche Freierei mit Gratulationen, Verlobungs⸗ ring und verlorner Freiheit ſchien Liſa immer noch früh genug zu kommen. Die Unruhe des Liebhabers, ſeine Eiferſucht, ſeine entzückenden Liebesbetheurungen und die Schwüre ewiger Treue kamen ihr viel herrlicher vor: auch ſparte ſie keine Mühe, ſein Feuer beſtändig zu erhalten. Eiferſucht liebte ſie hauptſächlich, denn dieſe war ja offenbar der beſte Beweis der Liebe! Es war Liſa nie eingefallen, ihrer Mutter Gtwas davon zu ſagen, wie weit ihre Liebe zum Notar gehe, oder ob und wann ſie ihm ihr Jawort zu geben im Sinn habe; denn an dieſer werktäglichen Seite der Sache fand ſie nicht den geringſten Geſchmack. Meiſtens pflegte ſie auch mit ihrem Geliebten— wenn ſie ihm nämlich das Glück eines Stelldicheins gewährte— an einem der am wenigſten beſuchten Plätze zuſammenzutreffen, deßhalb entging es auch ſowohl der Frau Norman als der Hof⸗ meiſterin, daß ein voͤlliger Liebeshandel zwiſchen den jungen Leuten im Gange war. Ungefähr ein Jahr war dieß ſo fort gegangen, als der Notarius auf ein Mal zu ſich kam und das alte Leben wieder anfing,— dazu gaben häuſtge gerichtliche Klagen gegen ihn Veranlaſſung. Er hatte bisher auf Kredit gelebt; da er aber weder an die Zinſen noch an das Kapital dachte, ſo verſiegten die Quellen endlich und, nun wieder in ſein altes Elend zurückſinkend, war er nahe daran, ſeine Narrheit zu verfluchen— denn als etwas Anderes konnte er ſeine Neigung für die Trödlers⸗ tochter nicht anſehen— die ihn vermocht hatte, ſo den gewöhnlichen Schlendrian fort zu leben, bis ihm die Schulden über den Kopf gewachſen waren. Als dem Notarius nun die Augen aufgingen und er den offenen Abgrund vor ſich ſah, fand er, daß die leicht △ᷣ 1 ——+ —& i—— —————QCQCQOQO—᷑—Q˖——— 67 zu zählenden Küſſe, welche ihm Lucie während eines ganzen Jahres vergönnt hatte, mochte man ſie auch noch ſo hoch anſchlagen, doch allzutheuer erkauft waren. Er ſchwur die Liebe, als abgeſagte Feindin der Armuth, feierlich ab; war er ein ganzes Jahr gegen den nagenden Wurm in ſelnem Innern gepanzert geweſen, ſo begann dieſer nun um ſo ſchlimmer zu wüthen. Er wußte ſich nicht zu rathen und zu helfen, ſo daß ihm Nichts weiter übrig blieb, als die Ausſicht, in den Schuldthurm zu wandern. Für ein Gemüth wie Wetterquiſt mußte der bloße Gedanke an dieſen Ort das beſte Gegengift für die Liebe ſeyn. In dieſer Klemme befand er ſich für den Augenblick; er hatte ſich etwas von Lucie zurückgezogen, auch ſein hübſch möblirtes Zimmer in der kleinen Neuſtraße auſ⸗ gegeben, ſeine goldene Uhr für das letzte Quartal ver⸗ pfändet und Alles, was er nur irgend entbehren konnte, im Stiche gelaſſen. Gleichwohl hatte er noch bedeutende Schulden, wohin er ging hatte er ein paar Schloßkanz⸗ leidiener auf den Hacken und wußte nicht ein Mal, wie er ſein Mittageſſen bezahlen ſollte. In dieſer ſchrecklichen Lage, in welcher er nicht wußte, wo aus und wo ein, hatte er eines Morgens ſeinen einzigen Reichthum, ſein Bild, das erſte große Stück, an dem er ſo lange arbeitete, zu Frau Norman getragen. Er hatte ſich ſchon ſo ſehr gefreut, es in der Kunſtausſtellung zu ſehen, wo es gewiß großes Aufſehen machen mußte— und nun ſollte es in Brod verwandelt werden, denn jetzt war wieder de Hunger, wie in ſeiner Schülerzeit, ſein grimmigſter Feind. Der Gedanke an den Regierungs⸗Sekretär, welcher ihm ſo oft ſeinen Rath aufgedrungen hatte, den er aber ſtets verſchmähte, ſtand lebhaft vor ihm, während er auf dem kleinen Rohrcanapé ſeines Dachkämmerchens ſich umherwarf und den Kopf uͤber die widerwärtlgen Händel zerbrach. Er fühlte freilich, wie immer, ſo auch jetzt, einen Widerwillen gegen den lebensfrohen Regierungs⸗ 68 Sekretär, welcher, ungeachtet ſeine Aktlen um kein Haar beſſer ſtanden, als Wetterquiſts, dennoch lebte und zu leben wußte, als ob er die beſten Einkünfte von der Welt hätte. Vielleicht miſchte ſich auch Neid in dieſen Widerwillen. Davon konnte aber jetzt keine Rede ſeyn, wo Alles darauf ankam, irgend einen trätabeln Menſchen aufzufinden, der ſich zu einem Anlehen verſtünde, womlt alle ſeine Schulden, an welche er ſtündlich gemahnt wurde, auf ein Mal bezahlt werden koͤnnten; und dann handelte es ſich auch um einen vernünftigen Nath, was er nun eigentlich beginnen und welche von ſeinen Reſſourcen er in Anſpruch nehmen ſolle, um aus eigenen Mitteln Etwas für ſeine Leibesnahrung und Nothdurft zu thun. Konnte ihm Roſell dieß wohl ſagen? konnte er ihm Schirm und Rath, konnte er ihm Freund und Helfer ſeyn? Und konnte Wetterqulſt ſelbſt ihn darum angehen? Aber— er hatte ja ſonſt keinen Freund, keinen Ver⸗ wandten, keine Seele auf der ganzen weiten Erde, welche den geringſten Antheil an ihm zu nehmen ſchien! In tiefſter Niedergeſchlagenheit, ſchwer gedemüthigt und noch innerlich kochend vor Aerger und Schaam über die ſo eben in der Trödelbude erfahrene Beſchimpfung gingen ihm eine Menge der verſchiedenartigſten Gedanken durch den Kopf. Er konnte zu keinem Entſchluß kom⸗ men; denn ſein Stolz, ſein unſeliger aufrühreriſcher Stolz erſtickte jeden hellens Funken von Vernunft. Halb träu⸗ mend verſank ſein Körper lin einen Zuſtand von Betäu⸗ bung. Während derſelben kam ihm zum erſten Male die Erinnerung an das junge Mädchen, welche er, hinter den Kleiderbündeln hervor, verſtohlen erblickt hatte— die Käuferin ſeines Bildes. Bei dem Gedanken an ihr Zartgefühl zog für einen Moment ſüßer Friede durch ſeine Bruſt— aber es war nur ein ſchwacher Schimmer davon, welcher ſchnell wieder verſchwand— dann war es wieder ſchwarz und düſter. Da klopfte es an der Thüre. Er ſprang auf. Es klopfte abermals. Sein Ohr war ſo ſehr an die ver⸗ 69 ſchiedenen Nüancirungen des Klopfens gewöhnt, daß er einen Manichäer im Augenblick erkannte: deßhalb öffnete er; ein kleines Mädchen reichte ihm ein Billet und bat um Antwort. Wetterquiſt erkannte die Hand ſeiner„weiland“ Ge⸗ liebten, erbrach den Brief und las: „Mein theurer Geliebter! Es war ein wenig unvorſüchtig von dir, geſtern Nachmidag von Winters Fenſter aus mich und Mama nicht zu griſen, aber ich bin überzeicht, daß Du Dich nur deßhalb ſo gleichgülltig gezeigt haſt, damit die Mama nichts moͤrken ſoll. Aber, lieber ſüßer Wetterquiſt, ich bin nun der Meinung, daß wir Unrecht haben, unſre Liebe länger zu verpörgen, und wenn es geſtern nur halb angegangen wäre, ſo hätte ich Dich herbei gewunken und dann geſagt:„Mama, hier iſt mein Breitigam, der uns gerne Geſelſſchaft leiſten möchte.“ Wir haben unſre Verpindung lange genug geheim ge⸗ halten. Ja mein theurer Freind— ich wahr nahe daran dieß zu thun, allein ich habe geforchten die große Freide konnte Dir Schaden bringen. Nun habe ich aber be⸗ ſchloſſen, daß Deine Bropzeit aus ſeyn ſoll, Du treier Rider; komm heite Abend um ſechs Uhr in den Hopfen⸗ garten, da will ich Dir die mindliche Bekräftigung Dei⸗ ner Seligkeit geben, Addje mein deierſter Geliebter— ich hoffe, Du wirſt Deinen Weibchen bald die kleinen munteren Streuche verzeihen, welche Dir geſpillt hat Deine zärtliche Freindin Lucie. N. S. Du brauchſt wegen unſer künftigen Wohn⸗ nung nicht in Sorche zu ſeyn, was ich vermuthe. Mama hat einen ſo großen Vorrah von Möpels, daß es uns nicht daran fehlen wird, auch komme ich nicht ſo arm, wie Du wohl weißt. Der Unkel war, wie Du geſehen haſt, geſtern auch mit und ich weiß gewiß, wenn ſch mir recht Mühe gebe, ihm ſchen zu thun, und ihm zu Ge⸗ fallen zu leben, ſo ſetzt er mich zur Erpin lein— näm⸗ 70 lich wenn ich ihm Bällmans Lider ſinge und etwas liebenswürdiger, nicht ſo ſchniebiſch bin, wie der Alte ſagt. Deine Dich ewig liebende Lucfe.“ „Das fehlte noch!“ platzte der Notarius heraus und warf einen verzweifelten Blick durch das Fenſter ſeines Dachkämmerchens an den kleinen Streifen Himmel, welcher heute all das düſtere Elend hatte über ihn kom⸗ men laſſen.„Iſt ſie toll?“ war ſein nächſter Gedanke. „Bildet ſie ſich ein, ich werde mir den Weg für alle Zukunft verſperren— ich ſollte mich ſo heruntergeben und ſie heirathen! Das iſt zu viel!“ „Ich habe Eile,“ ſagte das kleine Mädchen,„ſeyen Sie doch ſo gut und geben mir die Antwort für die Mamſell!“ Mechaniſch ging der Notarius zum Schreibtiſche und ſchrieb ebenſo mechaniſch die Worte:„Ich werde kommen;“ faltete den Zettel zuſammen, ſiegelte und ließ das Mädchen hinaus; dann verriegelte er die Thüre mit dem Vorſatze, unter keinen Umſtänden heute mehr zu Hauſe zu ſeyn, möchte auch klopfen wer da wolle. Sechstes Kapitel. Der Kammerer Laßman merkt, daß Spione auf den Beinen ſind und macht ein ſaures Geſicht; dieſes klärt ſſch aber bald auf und die einzige Tochter eines ſteinreichen Grubenbeſitzers bringt ihn wieder völlig zur Ruhe. Der Kammerer war eben von ſeinem beſcheidenen Mittagsmahle nach Hauſe gekommen und im Begriffe, den Schirm wegzuſchieben und in ſein Schlafzimmer zu treten, als ein haſtiger leichter Schlag an die Thüre die Anweſenheit eines genauern Bekannten ankündigte. „Zum Teufel, ſo lauft! kann man denn gar keine Ruhe haben, nicht einmal ſo lange man ſchläft!“ brummte 71 der ärgerliche Hausherr, indem er den Schlafrock wieder aus und einen blauen Frack anzog, welcher eigens für ſolche Extrafälle an einem Nagel hinter dem Schirm hing. Da klopfte es zum dritten Male, ehe alle nöthigen Vorbereitungen zum Einlaß des Eindringlings getroffen waren. „Geh' zum Henker!“ ließ ſich der Kammerer nun in deutlicher Sprache vernehmen und ſtieß eine Menge herumliegender Kleidungsſtücke mit dem Fuße hinter den bergenden Schirm. Dann ging er, um dem unwillkom⸗ menen Gaſte die Thüre zu oͤffnen, der kein Anderer war, als der Regierungs⸗Sekretär Roſell. „Hoffentlich komme ich nicht ungelegen, mein beſter Herr Kammerer Laßman!“ ſagte der höfliche junge Mann und ſchüttelte dem Kammerer mit großer Herzlich⸗ keit die Hand.„Wenn dies der Fall wäre, ſo bitte ich aufrichtig zu ſeyn! Wer ſo junge Beine hat wie ich, kann wieder kommen, wenn ich Sie vielleicht im Gering⸗ ſten hindere....“ Roſell dehnte ſeine Worte ein we⸗ nig, um dem Wirth Gelegenheit zu geben, ihm in die Rede zu fallen. „Ach, hindern mochte ich gerade nicht ſagen, ich wollte nur eben mein Mittagsſchläfchen machen— aber haben Sie die Güte Platz zu nehmen! Was beliebt Ihnen eigentlich?“ „Eigentlich ſollte mir durchaus nichts belieben,“ er⸗ wiederte Roſell mit einer artigen Verbeugung,„als nur ein Bischen zu ſchauen, wie Sie ſich befinden, verehrter Freund. Aber heute muß ich doch leider bekennen, daß ich in der That ein kleines Anliegen habe.“ „Hab' ich mir's doch gedacht!“ „Es handelt ſich nämlich darum,“ nahm Roſell wie⸗ der das Wort, ohne daß er im Geringſten das verlegene Weſen zeigte, oder den Drang, ſeinen Hut zuſammen zu drücken, wie man oft bei denen zu bemerken Gelegen⸗ heit hat, welche Geld leihen wollen.„Es handelt ſich nämlich darum, daß ich Morgen einen verfallenen Wechſel kommen Sie ſchon wieder..... 72² von hundert Thalern Banko zu bezahlen habe und da ſol⸗ len Sie mir den großen Dienſt erweiſen und mir das Geld dazu auf ein paar Monate, oder lieber ein halbes oder ganzes Jahr vorſtrecken.“ „Hm,“ verſetzte der Kammerer mit ziemlich ausdrucks⸗ vollem Lächeln,„es ſind ja noch nicht volle vierzehn Tage, daß Sie mir gerade ſo viel heimbezahlt haben, und nun „Ich muͤß freilich geſtehen, daß es ein wenig früh iſt, aber Noth kennt.... Sie wiſſen wie das Sprich⸗ wort ſagt. Und da ich mich in all' meinen Angelegen⸗ heiten an die größte Pünktlichkeit gewohnt habe, ſo muß ich das Geld heute noch ſchaffen.“ „Ja, ja, man kann durchaus nicht anders ſagen, als daß Sie ſehr ordentlich einzuhalten pflegen, aber diesmal bin ich ſelbſt außer Stand Rath zu ſchaffen, denn ich habe erſt geſtern ein bedeutendes Geſchäft gemacht, welches alle meine baaren Mittel in Anſpruch genom⸗ men hat.“ Die Sache verhielt ſich indeſſen ſo: der Regierungs⸗ Sekretär mußte unbedingt das kürzlich erſt heimbezahlte Geld wieder haben, denn er hatte, um ſeinen Kredit bei dem Kammerer zu erhalten und zu befeſtigen, das Geld von einem guten Freund geliehen, der am andern Tage eine Reiſe anzutreten gedachte, und den Roſell um keinen Preis in Verlegenheit bringen durfte. Außerdem war Roſell der Meinung, der Kammerer koͤnne ſchon hinläng⸗ lich zufrieden ſeyn, wenn er ſein Geld nur vierzehn Tage im Hauſe gehabt habe. „Mein beſter Herr Kammerer, Gott verdamm' mich, wenn ich weiß, was ich anfangen ſoll, wenn Sie mich diesmal im Stiche laſſen!“ „Hm!“ „Ich habe gehofft, die Pünktlichkeit, welche ich bis⸗ her zu zeigen bemüht war, würde mich bei ihnen em⸗ pfohlen haben; wenn Sie außerdem die Güte haben 78 wollen, einen Blick auf dieſes Papier zu werfen, ſo wer⸗ den Sie einen höchſt zuverläſſigen Bürgen finden.“ „Hm, ja, aber!“ „Ich koͤnnte mich wohl einem Juden in die Arme werfen, allein ich habe einen eingefleiſchten Widerwillen gegen die Söhne Abrahams.“ „Ja, ja, ſie ſind auch, meiner Seele, keinen Schuß Pulver werth!“ „Mit einem Worte, Herr Kammerer, ich beſinde mich in einer hoͤchſt mißlichen Lage. Wenn ich das Geld nicht ſchaffen kann, ſo bringe ich meinen Freund in Ver⸗ legenheit, der in mich ſo viel Vertrauen ſetzte, daß er mir ſeine Reiſebaarſchaft geliehen hat— und ehe ich das thue, will ich lieber das Geld ſtehlen. Aber ich ſehe wohl,“ fuhr er in dem überredendſten Tone fort,„daß ein ſo verzweifelter Schritt nicht nothwendig ſeyn wird. Sie laſſen ſich ſchon bewegen, denn Sie haben ein zu gutes Herz, als daß Sie einen ordentlichen jungen Mann in der Patſche ſitzen ließen, wo Sie durch ein einziges Umdrehen des Schlüſſels ihm heraushelfen koͤnnen.“ „Sie wiſſen Ihre Worte gut zu ſetzen, Herr Sekre⸗ tär, die Kunſt verſtehen Sie aus dem Fundament,“ meinte der Kammerer mit einem Tone, in dem gleich⸗ wohl ein kleiner Vorwurf lag, machte verſchiedene Schwen⸗ kungen im Zimmer umher, wobei übrigens doch der blaue Frackzipfel in einige Berührung mit dem Pult kam. „Außerdem,“ dabei nahm der Kammerer einen gewiſſen feierlichen und würdevollen Ernſt an,„habe ich mein Geld immer kaum vierzehn, in der Regel kaum acht Tage im Hauſe, ſo kommen Sie ſchon wieder und wollen aber⸗ mals leihen. Ich glaube am Ende gar...“ Weiter kam der Kammerer nicht; denn nun war es an Roſell, ſich in die Bruſt zu werfen und eine Miene beleidigter Würde anzunehmen.„Ich ſollte glauben,“ verſetzte er,„daß es einem Gläubiger genug ſeyn müßte, wenn er ſein vorgeſtrecktes Geld auf den Tag heim⸗ Kammerer Laßman,. I. 6 74 bezahlt erhält; ob er dann daſſelbe abermals ausleihen will, hängt natürlich von ihm, und nach meiner Anſicht, von dem Rufe der Pünktlichkeit und Ordnung ab, deſſen ſich der Schuldner zu erfreuen hat.“ Es lag etwas männlich Beſtimmtes und zugleich Ueberzeugendes in dieſer kurzen Erklärung, welche Noſell in einem Tone vorbrachte, deſſen er ſich ſo ſelten zu be⸗ dienen pflegte, daß er in der That die beabſichtigte Wir⸗ kung auf den Kammerer nicht verfehlte, und dieſer nach einer genauen Beſichtigung des erwähnten Bürgſcheins, den kleinen perlfarbigen mit Tintenflecken marmorirten Pult aufſchloß. Als einmal die Sache auf dieſen Punkt gekommen war, athmete unſer Regierungs⸗Sekretär um vieles leich⸗ ter, der Kammerer ſchöpſte aber noch bedeutend tiefer Athem, als er die benannte Summe durch den Daumen laufen ließ, und ſie Roſell hinreichte, in deſſen Brieftaſche ſie auch alſogleich verſchwand. Soweit den Kammerer ſein geübter ſcharfer Blick nicht täuſchte, war es nur ein einziger armer Achtzehnſchillingſchein, welcher ſich des ehrenden Beſuchs der gelben und grünen Notabititäten zu erfreuen hatte. Nachdem der Schuldſchein gehörig geſchrieben und unter Schloß und Riegel war, hielt der Alte die Sache für abgemacht, und wollte ſchon dem Regierungs⸗Sekre⸗ tär guten Tag wünſchen, als dieſer zu ſeinem großen Erſtaunen, um nicht Aerger zu ſagen, ganz ungenirt und vertraulich Platz auf dem Sopha nahm, mit der Ver⸗ ſicherung, bei ſo ſchwülem Wetter ſey ein ſo kühles Ge⸗ mach, wie das nette Beſuchzimmer des Herrn Kamme⸗ rers in der That eine Wolluſt. „Ich dachte. Sie hätten noch nicht zu Mittag ge⸗ ſpeist, Herr Sekretär,“ bemerkte der Kammerer in nichts weniger als einladendem Tone. „Wenn es ſo heiß iſt, hat man keinen großen Hun⸗ ger. Außerdem habe ich auch in der„blauen Thüre“ tüchtig gefrühſtückt, und wenn es Sie nicht genirt, ſo —— —„ — ——— — 75 nehme ich mir die Freiheit und bleibe ein Weilchen da und plaudere mit Ihnen.“ „Das iſt zwar ſehr artig und außerordentlich char⸗ mant von Ihnen,“ meinte der Kammerer, aber unglück⸗ licherweiſe iſt jetzt meine Zeit, wo ich mein Mittagſchläf⸗ chen halle, und einem alten Mann, wie mir, thut es wehe, wenn er aus ſeiner Gewohnheit kommt.“ „Mein allerliebſter, beſter Herr Kammerer, nichts auf der Welt iſt billiger, als daß man in ſeinen eigenen vier Pfählen ſeine Bequemlichkeit genießen darf. Ich habe durchaus keine Eile, und wenn Sie erlauben, ſo mache ich gleichfalls unterdeſſen ein kleines Schläfchen auf Ihrem Sopha.“ „Was doch die jungen Leute der jetzigen Zeit für unverſchämte Gecken ſind! brummte der Alte in den Bart, mußte ſich aber in Gottes Namen darein ergeben, denn der Regierungs⸗Sekretär hatte ſchon ſeine Beine auf dem Sopha ausgeſtreckt,„um“ wie er ſagte,„ſei⸗ nem Wirth das Beiſpiel zu geben, daß man keine un⸗ noͤthigen Umſtände machen müſſe.“ Als der Kammerer ſah, daß ſich hier nun einmal nichts machen laſſe, fügte er ſich, wohl oder übel, in ſein Schickſal, ſchlich nach dem Schirm, hängte den blauen Frack an ſeinen gewöhnlichen Nagel; und alrat dann in das Allerheiligſte, nachdem er ſich vorher ver⸗ gewiſſert hatte, daß der Schlüſſel zum Triangel in ſei⸗ ner Weſtentaſche ſtack. Bald darauf verkündete ſein ſtar⸗ ker und gleichförmiger Athemzug, daß er auf ſeinem harten Junggeſellenbette eingeſchlafen war. Während der alte Laßman ſich des vollen Genuſſes einer angenehmen Ruhe erfreute, lag unſer Regierungs⸗ Sekretär und ſchlug nach den Schnacken und Fliegen, welch' letztere in großen Schwärmen aus den anſehn⸗ lichen Riſſen des Schrankes unter dem Büchergeſtelle hervorkamen. „Verdammtes Geſchmeiß!“ brummte Roſell, warf 76 ſich von einer Seite auf die andere, und ſchlug unauf⸗ hörlich mit dem Taſchentuche um ſich.„Ein Ameiſen⸗ neſt kann nicht mehr Inwohner haben,“ dachte er,„als das infame Loch hier Fliegen beherbergt. Ich bin be⸗ gierig, wie lange der alte Knaſterbart ſchlafen mag; doch gleichviel, wenn er nur mit einem guten Humor aufwacht, ſo habe ich meine Pein nicht zu theuer er⸗ kauft— ſt! ſpricht er nicht im Schlaf?“ Roſell lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit und ſchnappte einige ab⸗ geriſſene Worte auf. „Dreißig Jahre Einſamkeit..... Bedürfniß mel⸗ nes Herzens....“ hier machte ein lang ausgehaltenes Schnarchen eine Pauſe; aber unmittelbar darauf ließ ſich ſeine Stimme weiter vernehmen:„iſt mein feſter Entſchluß..... mein feſter und unabänderlicher Ent⸗ ſchluß... den Reſt meiner Tage....“ hier machte ein Huſten das Weitere unhörbar, und der Regierungs⸗Se⸗ kretär vernahm nichts mehr. Die unzuſammenhängenden Sätze ſtanden übrigens in den Träumen des alten Laßman in ganz klarem Zu⸗ ſammenhange mit einigen anderen, welche das Konzept zu dem für das Tagblatt beſtimmten Heirathsantrag ent⸗ hielt. Da aber Roſell weit entfernt war, auch nur zu ahnen, daß der Kammerer mit derartigen grauſamen Verſchworungs⸗Gedanken umging, ſo legte er den gehoͤr⸗ ten Worten einen ganz andern Sinn unter: er glaubte nämlich, der Kammerer habe im Sinne ſein Teſtament zu machen, und das Vernommene ſeyen einige Brocken daraus; dieſe frommen, erbaulichen Gedanken betrachtete der Regierungs⸗Sekretär als etwas ganz Günſtiges für ſein intereſſantes Projektchen. Mit dem erſten Glockenſchlage vier, ſchlug der Kam⸗ merer die Augen auf, denn ſeit mehr als zwanzig Jah⸗ ren erwachte er pünktlich um dieſe Stunde. Gleich dar⸗ auf ſah Roſell mit heimlichem Vergnügen ein Stückchen von der Nachtmütze, und ein Stück von ſeinem Arm hin⸗ ter dem Schirm hervorkommen, und nach dem blauen 77 Frack greifen, welcher alsbald verſchwand, worauf der Kammerer ohne Verzug in vollſtändiger Toilette und ganz freundlichem Ausſehen zum Vorſchein kam. „Wahrhaftig,“ rief der Regierungs⸗Sekretär ihm entgegen und nahm dabei die allerbehaglichſte Miene von der Welt an,„in meinem ganzen Leben habe ich noch nicht ſo gut geſchlafen; auf dem Sopha liegt ſich's aber auch in der That göͤttlich—„hölliſch“ ſagte er in Ge⸗ danken. 3 „Freut mich zu hoͤren, daß Sie ein Freund von Möbeln aus der guten alten Zeit ſind! Den Sopha habe ich in der Auktion gekauft“— nach ſeinem Mittag⸗ ſchläſchen war der Alte immer geſprächig—„bei Dok⸗ tor B.... der am Münzplatze wohnte. War ein or⸗ dentlicher Mann, der Doktor B... Ich erinnere mich noch, daß er einmal eine ſehr glückliche Operation an einer alten Frau gemacht hat, welche ſich das Genick verrenkt hatte. „Ach ja, Sie haben es mir ſchon einmal erzaͤhlt, ein ganz intereſſanter Fall!“ unterbrach ihn der Regie⸗ rungs⸗Sekretär, welcher nie ein Wort von der Geſchichte gehört, aber zu viel Mitleid mit ſich ſelbſt hatte, als daß er nicht der Erzählung zu entgehen wünſchte. Roſell wußte nämlich recht gut, daß der Kammerer, wenn er einmal mit einer Sache im Zug war, welche nicht gerade Geſchäfte betraf, ſich gerne in ein Laby⸗ rinth von Nebenumſtänden verwickelte, welche für den, der das Unglück hatte, fie mit anhören zu müſſen, etwas ganz Unausſtehliches waren. „Ja, iſt es nicht eine verflucht hübſche Geſchichte? Aber es gibt noch eine andere, welche auch gar nicht übel iſt. Es war um die Zeit, wo B... noch das Lazareth beſuchte— da hatte er einmal einen Gardiſten mit einem Schaden am Beine in der Kur. Aber da wir gerade vom Bein reden, fällt mir eine ſchaudervolle Ge⸗ ſchichte ein, von dem Speiſewirth Nyberg, der.....“ „Ach ja, das war ein furchtbarer, ſchauriger Vor 78 fall! Ich habe am Sonntag bei Winter davon gehört; aber à propos, eben fällt mir ein, daß ich Sie bei jener Gelegenheit mit vier Frauenzimmern geſehen habe, Sie ſchienen eine Luſtfahrt machen zu wollen. Die alten Junggeſellen haben doch ihren Vortheil!“ „O, der Vortheil war nicht ſehr groß. Liſe Nor⸗ man ausgenommen, waren es lauter alte Weiber— meine Baſen, Gott tröſte ſie!“ „Ich habe die Ehre, Frau Norman zu kennen, eine geſcheidte und angenehme Frau.“ „Hm, was das Angenehme betrifft, ſo geht das ſo mit,— geſcheidt— na, das wüßte ich ſo eigentlich auch nicht recht; durch die Art, wie ſie ihre Tochter erzieht, ſcheint ſie mir wenigſtens nicht viel von der Waare an den Tag zu legen.“ „Beſter Herr Kammerer, in dieſem Punkt darf man es mit den Frauen nicht zu genau nehmen! Mutterliebe geht oft in Schwachheit über. Aber Mamſell Norman kommt mir vor, als wäre ſie ein ganz einnehmendes Frauenzimmer, ſehr einnehmend.“ „Ach ja, wenn ſie nur nicht ſo voll Launen ſteckte — ſonſt wäre ſie im Ganzen ein recht liebes Mädchen, hat hübſche Manieren, aber ſie iſt verzogen, daß Gott erbarm!“ „Gibt ſich mit der Zeit!“ tröſtete Roſell lächelnd. „Ja, aber nur wenn ſie einen Mann bekommt, der ihr den Daumen auf das Auge hält. Denn das braucht ſie, mein' Seel'!“ „Liebe und Vertrauen halte ich für ſichrere Führer,; ich meine ihr künftiger Gatte müßte im höchſten Grade beneidenswerth ſeyn,“ ſetzte Roſell in einem Tone hinzu, in welchem Spaß und Ernſt ſo gleichmäßig vertheilt waren, daß man ihn auf beide Seiten auslegen konnte, und der dem Kammerer einen kleinen Wink gab, daß er möglicherweiſe das Vergnügen habe, einen Speknlanten vor ſich zu ſehen. „Sie braucht einen Mann, der gehörige Batzen ———— 21½vνú— 79 hat“ erwiederte der alte Laßman, und in ſeiner Stimme ließ ſich abnehmen, daß er wohl den Köder merke, ohne daß er übrigens Luſt bezeigte, anzubeißen. „Wenn ſie ihren Gatten liebt,“ Roſell fand hier für gut eine gewiſſe Empfindſamkeit im Ausdruck anzu⸗ nehmen,„ſo wird ſie ſicher gerne jedes Loos mit ihm theilen, das er ihr zu bieten vermag. „Hm, hu, daran zweifle ich ſehr!“ „Außerdem weiß man ja, daß Mamſell Norman der Liebling ihres hochachtbaren Oheims iſt, und daß dieſer mit gewiſſen Gedanken umgeht, welche.....“ „Welche, ſo wahr ich das Leben habe, ganz das Gegentheil von dem ſind, was ſich der Herr Sekretär einbildet!“ ſiel ihm der Kammerer mit kirſchrothem Ge⸗ ſichte in die Rede. „Ich— ich bilde mir nicht das Geringſte ein!“ verſetzte Roſell mit großer Kaltblütigkeit.„Wir reden ja nur ganz im Allgemeinen. „Ach, ſo, im Allgemeinen— ich verſtehe mich auf ſolche Fineſſen. Aber um Ihnen ein für alle Mal kla⸗ ren Wein einzuſchenken, werde ich nie Geld dazu herge⸗ ben, das Mädchen unter die Haube zu bringen. Will ſie Einer— in Gottes Namen!— ich habe nichts da⸗ gegen; allein ich gedenke ſelbſt noch ſo alt zu werden, daß ich Allen, welche auf meinen Tod warten, die Zeit lang genug zu machen hoffe. „Wenn es nach meinem Wunſche geht, ſo ſollen Sie noch ein halbes Jahrhundert leben! Ich verſichere Sie hoch und theuer, daß ich gar nicht begreife, was Sie eigentlich gegen mich aufgebracht hat. Aber ſo viel weiß ich, wenn Sie irgend glauben, ich habe mit eini⸗ gem Hinterhalt in Bezug auf mich geſprochen, ſind Sie in gewaltigem Irrthum. Ich war ſchon vor zwei Jahren mit einem Mädchen in Oſtgothland verlobt.... welche mich ſeit einem halben Jahr aufgegeben hat“— hätte er hinzu ſetzen ſollen, vergaß aber ohne Zweifel den kleinen Umſtand. 2 1 4 80 „Verlobt— hm, ſo, wirklich?“ Der Kammerer war in der That überraſcht ob ſeines Mißverſtändniſſes.„Sollte man glauben, daß junge Leute ſo gut ihren Vortheil kennen? Ein reiches Mäͤdchen wahrſcheinlich?“ „Die einzige Tochter eines reichen Grubenbeſitzers! Nach der Verlobung ließ mich mein Schwiegervater ſelbſt merken, daß ich eine Tonne Goldes als Mitgift zu er⸗ warten habe.“ „Schön, ſehr ſchön! Ich begreife nur nicht, warum Sie noch nicht bereits verheirathet ſind, Herr Sekretäͤr.“ „Rofell zuckte die Achſeln.„Meine Braut iſt, ſoweit ich mich erinnere, gerade keine abſonderliche Schönheit — und außerdem— wünſchte ich doch vorher auch eine Anſtellung zu haben.“ „Das iſt ſehr vernünftig von Ihnen, ſo ſollten alle junge Leute denken. Es taugt wahrhaftig Nichts, wenn der Mann Alles aus den Haͤnden der Frau bekommt.... Aber es thut mir leid, daß ich Ihnen keine Taſſe Kaffee nach dem Mittagsſchläfchen anbieten kann! Ein armer alter Junggeſelle wie ich hat nicht über viele Bequem⸗ lichkeiten zu gebieten.“ „Wenn Sie mir das Vergnügen machen wollen, mit mir eine Taſſe Kaffee zu trinken, ſo möchte ich den Vorſchlag machen nach dem Thiergarten zu gehen. Das Mittageſſen habe ich doch einmal verſchlafen.“ „Ergebenſter Diener, wenn Sie ſo befehlen, warum nicht? Nachdem der Kammerer hinter dem Vorhange im Triangel ſeinen Spazierrock, einen bouteillengrünen Sürtout— wir waren noch Kind, als wir zuerſt ſeine Bekanntſchaft machten, erſt drei Jahre alt— hervorge⸗ holt und ſich damit feſtlich bekleidet hatte, traten Beide, wie es ſcheinen wollte, gegenſeitig ſehr zufrieden, ihren Weg an. Als die Herren ſpät am Abende heimkamen, ſtand der„durchtriebene“ Roſell ſo ſehr in der Gunſt des Alten, daß wenn auch gleich die Hauptſache nicht durchgegangen war, doch eine nicht unangenehme Nebenſache gegluͤckt 81 ſein mußte, wenigſtens ließ das vergnügte Ausſehen des Regierungs⸗Sekretärs darauf ſchließen, als er am andern Morgen aus dem Hauſe des Kammerers kam und unauf⸗ hörlich mit der Hand in der Bruſttaſche ſpielte. Für Roſells Gefühle, wenn wir doch davon reden wollen, hatte eine mißlungene Heirathsſpekulation nicht ſehr viel zu bedeuten, wenn er nur auf irgend eine Weiſe Gewinn daraus zu ziehen wußte. Jedenfalls war ſeine Neigung für Liſa Norman gerade nicht von der ernſt⸗ hafteſten Art, ſein Verſtand blieb ſtets Herr über ſein Herz und ohne großen Kampf kam er zu dem Entſchluß, ſich deßhalb nicht todt zu ſchießen, well ſein Plan, ſie zu ſeiner glücklichen Gattin zu machen, an des Kammerers ſelbſtſüchtigem und gewiß ſehr tadelswerthem Eigenſinne, ſie nicht zur Erbin einzuſetzen geſcheitert war. „Man muß ſich in Alles zu ſchicken wiſſen und mit⸗ nehmen was man kann;“ ſagte Roſell in ſeiner egoiſti⸗ ſchen Weiſe, als er vom Kammerer ging, um ein paar luſtige Kameraden aufzuſuchen, welche ihm mit groͤßter Bereitwilligkeit behülflich waren, bei einem flotten Mit⸗ tageſſen den flüchtigen Inhalt der Bruſttaſche um ein Erkleckliches leichter zu machen. Siebentes Kapitel. Liſa Norman weiß nicht ob ſie träumt oder wacht. Als ſie dennoch das Letztere findet, gelobt ſie ſich hoch und theuer, nie mehr an ein gewiſſes Unthier zu denken. Vor etlichen Jahren als der Hopfengarten ſich noch nicht in dem faſt verlaſſenen Zuſtande befand, in welchem er jetzt lſt, als man ſich noch erinnerte, wie Ihro Ma⸗ jeſtät die Königin mit Ihrer hohen Gegenwart dem alten Spazierplatze neues Leben zu geben geruhte, als die Ro⸗ tunde ſich einer beſſern Reſtauration und der kleinen Zim⸗ mer mit den geheimen Geſellſchaften rühmen konnte, wo 8² die Herren mit Dopellorgnetten noch die durch die Alleen ſchwebenden Nymphen beäugelten, und die bunteſten Grup⸗ pen ſich überall auf dem Raſen bewegten, kurz, zu der Zeit, da der Hopfengarten noch nicht gänzlich von der Welt Abſchied genommen hatte, oder beſſer die Welt von ihm, zeigte ſich an einem herrlichen Juliabende Liſa Nor⸗ mans anmuthige Geſtalt unter den dichtbelaubten Bäu⸗ men der Allee, welche geraden Wegs auf die Rotunde los führt. Alles, was zu einer vollſtändigen Toilette gehört, hatte Liſa in Contribution geſetzt, um ihren Liebhaber außer ſich zu ſetzen. Liſa beſaß in der That Geſchmack. Sie war durchaus nicht überladen angezogen und wenn ſie auch einen oder den andern unächten Schmuck trug, ſo hatte ſie doch keineswegs ein prunkendes Ausſehen, ſondern ſah im Gegentheile ganz nobel aus. Heute Abend war ſie hübſcher als je, ihre Wangen glühten im Pur⸗ pur der Sehnſucht und Unruhe, und ihre ſonſt ſo ſchel⸗ miſchen Augen hatten einen Ausdruck, welcher in Folge der ſchwärmeriſchen Bedeutung des Augenblicks faſt lieb⸗ lich genannt zu werden verdiente— wehmüthig wäre zu viel geſagt. Ihr Herz,— denn wir müſſen doch an⸗ nehmen, daß Liſa ein Herz hatte— hüpfte mit unruhi⸗ gem Schlage dem Geliebten entgegen und wenn ihr halb verſtohlener Blick, während ſie in ver Allee auf und nie⸗ der ging, hie und da auf die Rotunde fiel, um zu er⸗ forſchen, ob vie Herren auf den grünen Bänken auch nach ihr ſähen, ſo that ſie dieß, wie wir glauben, eher aus Gewohnheit, als aus dem abſichtlichen Wunſche, in dem Augenblick einem Andern zu gefallen, als dem er⸗ warteten Geliebten, den ſie in Gedanken ſchon in einem an Wahnſinn gränzenden Zuſtande von Entzücken arn⸗ kommen ſah. In dieſer für ihre Gitelkeit ſo ſchmeichelhaften Hoff⸗ nung wurde ſie durch das kleine Billet beſtärkt, welches ſie ein Mal über das andre aus dem Arbeitsbeutel zog Die halb undeutlichen, in ſichtbarer Eile und Aufregung 83 hingeworfene Worte:„Ich werde kommen!“ was bedeu⸗ teten dieſe? Ja, in Liſas Ueberſetzung bezeugte juſt die⸗ ſer unſichre Federzug die innigſten, von Seligkeit über⸗ wallenden Gefühle des Schreibers— und wie unendlich giel lag in den drei einfachen Worten; ſie faßten Alles in ſich.„Ich werde kommen!“ will ſo viel ſagen.„Ver⸗ lang' keine Worte! meine Seele iſt im Himmel, auf den luftigen Schwingen der Liebe fliegt ſie Dir entgegen!“ So ungefähr phantaſirte Liſa, denn ſie beſaß eine ſehr lebhafte Einbildungskraft, welche ſie durch das Leſen von Romanen aller Art bedeutend geſteigert hatte. Sie konnte ſich freilich nicht verbergen, daß bereits zehen Minuten über vie zur Zuſammenkunft feſtgeſetzte Zeit verfloſſen waren— allein was wollte dieß ſagen. Die Uhren gehen ſchrecklich ungleich und außerdem war es auch ſehr wahrſcheinlich, wenigſtens möglich, daß der arme Wetterqulſt in ſeinen ſeligen Träumen Zeit und Raum vergeſſen haben konnte. Bei den früheren Beſtellungen in den Hopfengarten, deren gar nicht wenige waren, hatte ſich Liſa ſtets in die abgelegenſten Theile deſſelben zuruckgezogen, um, un⸗ geſehen von unberufenen Augen, mit ihrem Liebhaber koſen und ſcherzen zu können, in der einen Minute ſchmach⸗ tend und zärtlich, trotz einer Liebhaberin von Kotzebue ſelig; in dem andern ſtolz wie eine Königin mit einer ſtudirten Kälte, würdig einer von Miß Edgeworths Hel⸗ dinnen; aber zwiſchen allen jenen früheren Stelldichein und dem, was ſie von dem jetzigen erwartete, war in Liſas Augen, im Vergleich der Bedeutung beiver, ein himmelweiter Unterſchied. Damals hatte ſie die Rolle einer launenvollen ver⸗ änderlichen Herrſcherin geſpielt— heute betrachtete ſie ſich als Braut. Der auserwählte Bräutigam war es, den ſie heute erwartete und deßhalb— denn der Unter⸗ ſchied kam ihr nicht ohne Grund als ein ſehr bedeuten⸗ der vor— wollte ſie ihren Wetterquiſt heute juſt an dem allerbeſuchteſten Platze empfangen. Es war dieß blos 84 eine Anfmerkſamkeit, welche er durch das geduldige Aus⸗ harren ſeines langen Probejahres wohl verdient hatte. Liſa ſah auf ihre kleine Repetiruhr; es war beinahe ſchon eine halbe Stunde über die beſtimmte Zeit. Ein leiſer Seufzer hob ihre Bruſt und ſie wünſchte, der un⸗ erträgliche Pofitivſpieler moͤchte ein Mal aufhören, denn der Walzer, welchen er ſpielte, erinnerte ſie ganz zur Unzeit an einen längſt verabſchiedeten Liebhaber, den ſie nach einem halben Jahre ſeiner treuſten Huldigung, ver⸗ ächtlich und unfreundlich, verabſchiedet hatte. Der ein⸗ fältige miſerable Walzer führte ihr gleichſam aufs Neue das ganze damalige Abentheuer vor ihre bewegliche Phan⸗ taſie. Die letzte Zuſammenkunft mit dem Verabſchiede⸗ ten fand auf einer Art von ſubſcribirtem Maskenball bei „Klas an der Ecke,“ nunmehr„Hotel d'assemlé“ ſtatt. Mit bittrer Grauſamkeit und kaltem Hohne verlachte ſie den Kummer des Hoffnungsloſen, und gab ihm, ziemlich vornehm, nicht undeutlich zu verſtehen, daß der edle grie⸗ chiſche Stolz— ſie trug zufällig ein griechiſches Koſtüm vom Maskenverleiher— ſich bei der bloßen Vorſtellung an eine Vereinigung mit einem ſimplen Matroſen em⸗ poͤren müſſe. „Aber morgen,“ erwiederte der verzweifelte Liebhaber, „morgen wenn Du wieder Liſa Norman und ich.. „Still, ſtill,“ unterbrach ihn Liſa,„morgen weide ich gerade ſo denken wie heute; und Du biſt in der That recht einfältig, mein lieber Nicke, daß Du Dir einbilden konnteſt, ich hätte etwas Anderes vor, als mich an Dei⸗ ner Leichtgläubigkeit zu ergötzen.“ Jetzt, da die flatterhafte Liſa auf dem Sprunge ſtand, einem andern Liebhaber auf eine ziemlich ſchreiende jener ganz ungleichen Weiſe, entgegenzukommen, fühlte ſie doch Etwas wie Geywiſſensbiſſe über die Behandlung des armen Nicke, und die Erinnerung an ſeinen krampf⸗ haften Händedruck fuhr ihr wie Eis durch die Adern. Allein plötzlich war Alles verſchwunden, denn ſo eben ging die Thüre des Hopfengartens auf und der Notarius 8⁵ trat ein.„Mein Gott, wie ſieht er aus!“ mußte Liſa unwillkürlich denken.„Es muß ihm irgend ein Unglück begegnet ſein. Vielleicht der kleine Vorfall, von welchem mir Mama erzählte.— Er iſt ſo ſtolz, ſo edel, mein Wetterquiſt! Sicher hat ſich ſein feines Zartgefühl ver⸗ letzt gefunden. Irgend Etwas muß es ſeyn.“ Liſa hatte allerdings Recht; denn der Notarius ſah eher jedem Andern gleich, als einem vor Seligkeit be⸗ benden Liebhaber. Sobald er ſo nahe war, daß ſein Blick Liſa treffen konnte, ermahnten ſeine Augen ſie ganz deutlich, ſich weiter zurückzuziehen. Liſa wollte dagegen ihre Ein⸗ wendungen machen, und ging ihm gar noch ein paar Schritte entgegen. Das Antlitz des Notars färbte ſich, gelinde geſagt, ſo roth wie die rötheſte Pfingſtroſe; ſobald er ſich aber durch einen flüchtigen Rundblick vergewiſſert hatte, daß alle Perſonen in ihrer Nähe lauter Unbekannte waren, ging er mit leichtem Herzen der wartenden Liſa entge⸗ gen, welche ihm faſt überlaut entgegenrief:„Was glbt es denn, liebſter Wetterquiſt? Du ſiehſt ſo angegriffen aus!“ Und ohne darauf zu achten, ja ohne nur zu mer⸗ ken wie ſehr er einer ſolchen Annäherung auszuweichent trachtete, nahm ſie ihn unter dem Arm und begann mir ihm die Allee hinabzuwandern. „Wollen wir denn dorthin gehen, um uns voe Gott und der Welt ſehen zu laſſen?“ waren die erſten Worte des Notarius. Zugleich machte er eine ſchnellr Schwenkung links, nach dem abgelegeneren ruhige⸗n Theile der Promenade, wo der Hopfengarten ſein länd⸗ lichſtes Anſehen gewinnt, und wie man weiß, deßhalb auch am wenigſten beſucht iſt. Stumm vor Verwunderung über einen ſo unerwar⸗ teten Anfang folgte ihm Liſa, ohne ein Wort zu ſagen. Als er aber endlich ſtehen blieb und nachläſſig mit dem Taſchentuch einige Blätter wegkehrte, welche auf einer Bank lagen, die er ihr zum Niederſetzen anbot, platzte 86 ſie auf ein Mal heraus:„Träume oder wache ich denn? Biſt Du es, Wetterquiſt, der mich mit ſolch' vermeßner Gleichgültigkeit an eine Stelle führt, welche wohl für ein heimliches Rendezvous paßt, aber nicht für Leute, welche ſich öffentlich mit einander ſehen laſſen dürfen? Was, um des Himmels Willen, iſt Dich denn angekommen, Menſch? Biſt Du übergeſchnappt? So antworte doch wenigſtens! Es wird mir wahrhaftig ganz angſt und bange vor Dir!“ „Uebergeſchnappt!“ hohnlachte der Notar.„Ich wollte, ich wäre es; aber ſo won! iſt mir nicht! Hat Dir Deine holde Frau Mama Nichts von der ſchoͤnen Komödie erzählt, welche ſie heute Morgen in ihrer Trö⸗ delbude aufgeführt hat, und worin ſie ſich eine ſo ſchoͤne und dankbare Rolle auserſehen?“ „Ich muß mir ſehr ausbitten, daß Du meine Mut⸗ ter nicht ſchmähſt!“ ſagte Liſa beleidigt, denn ſo nach⸗ läſſig ſie dieſelbe ſelbſt auch oft behandelte, litt ſie doch keineswegs, daß ſonſt Jemand ihr etwas Schlimmes nachſagte.„Ich kann auch wirklich nicht begreifen, was Du von der Mama für Artigkeiten erwarten kannſt, nach⸗ dem Ou ſie geſtern ſo ſchändlich vernachläſſigt haſt, wo Du es nicht der Mühe werth hielteſt, ihren Gruß zu erwiedern.“ Aber weg mit All' dem,— ich will die Mama ſchon wieder gut machen. Und was Dein fei⸗ nes Ehrgefühl dabei leiden mochte,— ſo denk' nicht mehr daran, um meinetwillen, liebſter Wetterquiſt. Be⸗ zwing' Deinen Stolz mir zu liebe: ich beſchwöre Dich heilig, daß nie mehr ſo etwas verfallen ſoll.“ „Das glaube ich ſelbſt,“ verſetzte der Notarius mit einem gewiſſen Nachdrucke;„ich habe nicht im Sinne, mich ihrer teufliſchen Zunge fernerhin bloszuſtellen!“ „Pfui, lieber Wetterquiſt, wer wird ſo von der Mutter in Gegenwart der Tochter ſprechen! Das iſt wahrlich nicht recht von Dir“— und weißt Du mir nichts Anderes zu ſagen, ſo... Ich hätte doch geglaubt, 87 daß das kleine Briefchen, welches ich Dir heute ſchrieb, Deine ſchlechte Laune mildern ſollte.“ Da Wetterquiſt hinſichtlich dieſer Vermuthung keine paſſende Antwort in Bereitſchaft hatte, ſo ſchwieg er; allein der Ausdruck in ſeinem Geſichte konnte auch eine Antwort ſeyn und zwar eine recht häßliche; denn nach einer kleinen Pauſe ſetzte Liſa mit von Verdruß halb erſtickter Stimme hinzu: „Ich ſehe, daß Deinen ſtolzen Sinn auch nicht einmal die Sonnenſtrahlen der Liebe zu ſchmelzen ver⸗ mögen. Das iſt eine höchſt traurige, ſchauerlich düſtre Ausſicht auf die Zukunft.“ „Auf die Zukunft?“ bemerkte der Notarius lakoniſch. „Ja, ja, mein Herr, juſt für die Zukunft.“ Oder hältſt Du mich für ſo eine kindiſche Puppe, welche ſich einbildet, die Flitterwochen werden ewig dauern?“ „Flitterwochen!“ Der Notarius lachte, aber es war ein graͤßliches Lachen. Es hätte einen Engel gereizt! um wie viel mehr die leicht aufzubringende Liſa Norman. „Lach' nur, wenn es Dir Spaß macht, es kleidet Dich herrlich! Wahrhaftig ganz charmant und zeugt von viel gutem Ton— Du ſollteſt Dich ſchämen! Ich ver⸗ ſtehe gar nicht, wie Du Dich auf eine ſolche Weiſe be⸗ trügen kannſt? Aber ſoviel weiß ich, daß ich eigentlich zur Strafe für Dich unſer ganzes Verhältniß abbrechen ſollte.— Aber, noch einmal laß uns vernünftig ſeyn, und ernſthaft mit einander reden. Denn wie man ſolche Szenen vor der Hochzeit aufführt, was ſoll dann nachher werden? Man muß damit warten, bis ſie ohnedieß kei⸗ men, oder ſwie?“ Dabei lächelte Liſa wieder, denn ihr, wie ſie meinte, ganz nalver Einfall ergötzte ſie ſelbſt. Der Notarius drehte ſeinen Hut und ſah in die Bäume hinauf. „Das Beſte wird wohl ſeyn, liebſter Wetterquiſt, wenn man ſich ſo in einander ſchickt, daß aller Streit vermieden wird.“ „Allerdings! Aber um aufrichtig zu ſeyn,— ich 88 weiß in der That nicht, für was wir über all' dieß mit einander dahlen ſollen.“ „Was, um des Himmels Willen, ſollen wir denn ſonſt mit einander reden, da wir uns ja doch heirathen wollen.“ „Heirathen wollen wir uns?“ fragte der Notarius und machte eine verzweifelte Anſtrengung, etwas Krei⸗ ſches in ſeinen Ton zu legen. Liſa erblaßte.„Warum fragſt Du denn ſo ſonder⸗ bar?“ ſagte ſie und ſah ihm forſchend in die Augen. „Die Frage koͤnnteſt Du wohl vorausſehen nach dem herzlich lächerlichen Billet, welches Du mir heute Morgen geſchickt haſt.“ „Herzlich lächerlich— ſoll dieß ein Spaß ſeyn, lieber Wetterquiſt, ſo iſt er ſehr ſchlecht gewählt!“ Liſa zitterte vor Bewegung. „Keineswegs! Gott weiß, daß ich im Augenblicke zu nichts weniger als zum Scherz aufgelegt bin; aber Du wirſt bei näherer Prüfung ſelbſt ſinden, daß Dein ganzer Plan, gelind geſagt, aus der Luft gegriffen iſt. Wir ſollen uns heirathen! Ich könnte mich todtlachen, wenn ich nicht eher zum Weinen geſtimmt wäre. Ja, es iſt zu toll!“ „Endlich verſtehe ich Dich, mein armer, edler, zartfühlender Wetterquiſt! Gott, wie konnte ich auch nur einen Augenblick Dein Herz verkennen!“ Liſa's klare Augen ſtrahlten von Neuem bei der Illuſion, welche lihre allzeitfertige Einbildungskraft ihr abermals vorgeſpiegelt hatte. Mit dem Ausdrucke des größten Zutrauens in jeder Bewegung faßte ſie die et⸗ was widerſtrebende Hand des erſtaunten Liebhabers. „Was meinſt Du?“ fragte er. „Gräme Dich nicht länger, Geliebter!“ bat ſie in zärtlich ſchmeichelndem Tone.„ZJetzt ſehe ich erſt, was Dir iſt. Du denkſt an Deine Lage, an Deine Armuth, daß Du nicht im Stande biſt, mir etwas zu bieten. „Laß Dir darüber keine grauen Haare wachſen, theuer⸗ —.— 89 ſter Wetterquiſt, wir können ganz gut in Mamas hüb⸗ ſchem Logis wohnen. Muhme Malle muß uns haus⸗ halten, und die Mama miethet ſich ein paar kleine Stuben im obern Stock. Ich habe mir dieß Alles ſchon ſo überlegt— mit ein paar Schmeichelworten vermag ich bei der Mutter Alles auszurichten und alſo ſſt mein Vorſchlag nicht aus der Luft gegriffen. „Jedenfalls iſt es doch auffallend, meine gute Lucle, daß Du bei der ganzen prächtigen Affäre meine Ge⸗ danken und Wünſche darüber gar nicht einmal ge⸗ hört haſt.“ „Habe ich das denn nicht? Wie kannſt Du mir ſo Unrecht thun? Was um's Himmels willen habe ich denn zu Rath gezogen, wenn nicht Deine Wünſche. Ich bin es doch wohl nicht, ſollte ich meinen, die gerne heirathen möchte?“ „Auf Chre, ich bin es nicht, wenigſtens für dieß⸗ nne nicht— deſſen kannſt Du ſicher ſeyn, meine ſchoͤne ucie. Jetzt ſiel ‚endlich die Binde der Verblendung von Liſa's Augen. Welcher Stoß für ihre Liebe— und noch ſchlimmer für ihre Eigenliebe! Sie ſtand auf— ihre lebhaften ſchwarzen Augen ſchoßen giftige Blitze auf den Notar, welcher ganz kaltblütig, vielleicht aber doch nicht ſo ganz wie es ſcheinen mochte, mit der Lorgnetten⸗ ſchnur ſpielte. „Alſo haſt Du nur Dein Spiel mit mir getrieben!“ ſagte ſie langſam und jedes einzelne Wort bildete für ſich einen Satz, der ihren gekränkten Stolz ausſprach, welcher ihr die Bruſt mit dem gewaltſam klopfenden Herz zuſammenſchnürte. „Nein, das wäre doch zu ſtark!“ antwortete der Notarlus in einem Tone, welcher wenigſtens ganz frei von allem Hohn war.„Wle Du ſelbſt auch, habe ich mich blos von dem Vergnügen, ein kleines unſchuldiges Kammerer Laßman. 1. 7 90 Verhältniß zu unterhalten, leiten laſſen— einen kleinen unſchuldigen Liebeshandel.“ „Und nie, nie war es Dein Ernſt— niemals, ſo oft Du auch von Liebe ſprachſt— haſt Du an das Hei⸗ rathen gedacht?“ „Auf Ehre, niemals! Kannſt Du behaupten je das mindeſte Wort, welches darauf hindeutete, von meinen Lippen vernommen zu haben? Befinne Dich übrigens ordentlich, habe ich mich wohl wie ein Freier, oder wie ein Liebhaber benommen?“ Liſa's heiß glühende Wangen lieferten den Beweis, daß in dem Augenblicke eine Umwandlung in ihr vorge⸗ gangen war, und ein bisher dunkles Bewußtſeyn plötz⸗ lich Farbe und Geſtalt annahm. Bisher hatte ſie blos ihr Herz und ihre Eitelkeit um Rath gefragt, niemals ihre Vernunft. Jetzt hätte ſie ſich ob ihrer eigenen Thor⸗ heit auslachen mögen, aber ein krampfhaftes Erſtarren der bleichen Lippen machten ihr das Lachen unmöglich. Der Poſitivſpieler und ſein Paljer fiel Liſa wieder ein. Der Walzer kam ihr wie ein Gruß des verſchmäh⸗ ten Nicke aus der Ferne vor; ſie ſeufzte reuevoll bei der Erinnerung an den Maskenball bei Klas an der Ecke. Jetzt war Nicke gerächt; allein in Liſa's Herzen ſtürmte es gewaltig: Sie ließ den Kopf auf die Hand nieder⸗ ſinken und verlor ſich ein paar Momente mit ihren Ge⸗ danken in die vergangene Zeit. Am Ende mußte ſie aber doch ihr ſchaamrothes Antlitz emporheben, und Zeuge des feinen triumphirenden Lächelns ſeyn, welches auch um die Lippen des Notars ſpielte. Das war mehr, als ein Weib zu ertragen vermag; Zornesgluth ſchwellte ihre Adern— Luft,— Luft mußte ſie haben. „Uſch, Du ſchlechter, gemeiner Menſch! rief ſie zwiſchen Lachen und Weinen, denn ſie hatte alle Gewalt über ſich verloren; ſie fühlte das Bedürfniß vor Zorn zu weinen, und wollte doch lachen, um ihm zu zeigen, daß ſie wenig nach ihm frage. „Uſch, Du ſchlechter, gemeiner Menſch! haſt Du 3n gemelnt, ich ſey zu einfach für Dich? Was bildeſt Du Dir ein? Du wirſt doch unicht gedacht haben, ich ließe mich auf eine ſolche Ehe ein, wie ſie in Paris der Brauch iſt, wo jeder Student, wie man ſagt, ſein Kebs⸗ weib hat? Nein, mein lieber Wetterquiſt, wer ſich will rühmen können, ein Mädchen von meinen Grundſätzen verführt zu haben, muß ein anderer Kerl ſeyn als Du! Allein es iſt Nichts ſo ſchlimm, das nicht auch wieder für Etwas gut wäre: hintendrein wird man klüger. Geh' jetzt nur Deiner Wege, denn ich muß Dir nur ſagen, Du machſt mir eine ganz klägllche Figur; auch mußt Du nur ja nicht glauben, daß ich bei der Ge⸗ ſchichte ſo viel leide, wenn Du ſo ſchlecht wärſt, ſie be⸗ kannt zu machen.— Du biſt es im Gegentheil, den man auslachen kann, und zwar mit allem Fug und Recht, denn von Deinem jahrelangen Pouſſiren haſt Du am Ende doch Nichts weiter als ein paar Dutzend armſelige Küſſe davongetragen!“ Ohne ein Wort auf Liſa's heftigen Ausfall zu er⸗ wiedern— welcher indeſſen doch ſeine beabſichtigte Wir⸗ kung nicht ganz verfehlte— machte der Notarius eine ſteife Verbeugung, dankte ihr mit zweideutiger Artigkeit für das Vergnügen des letzten Rendezvous und verſchwand dann hinter dem Gebüſche mit einer Eile, welche faſt einer Flucht glich. Sobald der treuloſe, undankbare Liebhaber aus dem Geſichte war, hatte es auch mit Liſa's Heldenmuth ein Ende. Weinend warf ſie ſich auf den Boden nieder und verbarg das Haupt unter den Blumen des Graſes. Die Liebe war es aber nicht, welche ihr ſo große Qual ver⸗ urſachte: dieſe flog bei dem erſten Lichtſtrahl davon, der ihr zeigte, wie er ſein Spiel mit ihr getrieben und ſich ſelbſt betrogen hatte. Viel ſchlimmer ſtand es mit ihrer verletzten Weiblichkeit, oder beſſer geſagt, mit ihrem tödt⸗ lich beleidigten Stolze; dieſer blieb und peinigte und marterte ſie auf alle mögliche Weiſe. 9² Wie heiß floßen in dieſem bittern Augenblicke Liſa's Thränen, wie heilig und ernſtlich waren ihre Vorſätze, nach der eben empfangenen ſcharfen Lektion, daß ſie auf ewige Zeiten ihrer Luſt zum Kokettiren und Komöͤdie⸗ ſpielen Valet ſagen wolle!„Der ſchändliche undankbare Menſch, er iſt gar nicht werth, daß ich noch an ihn denke, viel weniger um ihn ſeufze und weine!“ ſagte ſie endlich, ſtand auf und trocknete ihre rothgeſchwollenen Wangen.„Ich will nimmermehr daran denken, daß ein folches Unthier in der Welt iſt!“ Achtes Kapitel. Dieſes Kapitel enthält: Erſtens eine Beſchreibung von Meiſter Ficker und ſeiner Familie; zweitens Etwas von Fleiſchbrühe und deren geheimen Naturkräften. Im Hinterhofe von Nr. 19 rechts in der„ſchmalen Gaſſe“, liegt ein rauchiges Häuschen, an deſſen einer Seite ein paar Stufen ſichtbar ſind, welche hinab füh⸗ ren. Wenn man ſich nicht vor der Dunkelheit und Un⸗ bequemlichkeit ſcheut, über irgend ein geheimes Hinderniß zu ſtolpern, ſo ſteigt man hübſch hinab und kommt end⸗ lich, wenn man eine Weile vorſichtig herumgetappt iſt, an eine ziemlich breite Thüre, welche den Eingang zu einer Wohnung im Erdgeſchoße verwahrt; dies iſt das kleine beſcheidene Stübchen des Böttgermeiſter Ficker und ſeiner theuren Ehehälfte, Muhme Neta. Es thut Einem ordentlich im Herzen wohl, wenn man ſieht, wie ſauber— nein das wäre zu wenig— wie fein Muhme Neta ihr kleines Reich in Ordnung hält. An den Fenſtern, deren niedrige Scheiben dem Boden gleich ſind, hängen friſch geſtärkte Vorhänge, ſo nett und zierlich geſtopft, daß man glauben ſollte, ſie ſeyen geſtickt, und ſelbſt die Fenſterrahmen, ſo wenig An⸗ ſtrich ſie auch behalten haben, prangen gleichwohl in ſo —* 1— 2 80 8 ⁸⏑—- Anun— ———— — 5 glänzenden und ſchönen Farben, wie ſie nur immer der reichſte Flor von Levkoien, Nelken, Roſen, Hyazynthen und Immergrün bieten köͤnnen. Muhme Neta iſt aber nicht blos eine Freundin von Blumen, ſie iſt auch Ken⸗ nerin und hat ſchon längſt manchen Gewinn aus ihrer kleinen Orangerie gezogen. Sie hält am Mönchsbrun⸗ nen und, wenn es angeht, auch ſogar am Jakobe platz einen kleinen Blumenverkauf. Der ganze Handel wird indeſſen mit der groͤßten Heimlichkeit betrieben, nicht um Muhme Neta's willen— ſie würde mit größtem Ver⸗ gnügen ſelbſt an ihrem Blumentiſche ſitzen— nein, wegen ihrer Schweſter, Frau Norman. Dieſe iſt naͤm⸗ lich hoͤchſt empfindlicher Natur, und die ganze Welt weiß ja, welch gewaltiger Abſtand zwiſchen einer Trödlerin in der Kramgaſſe und einer armen Blumenverkäuferin am Mönchsbrunnen iſt. Wir kehren aber zu der Beſchrei⸗ bung des Zimmers zurück. In der Mitte an der Wand, gerade der Thüre ge⸗ genüber, ſteht das Bett des alten Chepaars, ein weither⸗ vorſtehender blau gemalter Koloß, welcher rechts und links gleichſam ein kleines Kabinet bildet, deren jedes von den beiderſeitigen Fenſtern ſein Licht erhält. In einem dieſer kleinen Kabinete ſitzt Meiſter Ficker ſelbſt; er hat gerade Platz genug für ſeine eigene Perſon, den Stuhl, worauf er ſitzt und das Oelfaß, welches er mit Reifen verſieht. Das andere Kabinet hat ſelne Chehälfte mit ihrer Wur⸗ ſterei inne, und Alles iſt ſo vollſtändig und pünktlich aufgeräumt, daß nicht einmal ein Zipfelchen von dem Handtuche, an welchem Muhme Neta zuweilen ihre Hände abwiſcht, unter dem bergenden Bettvorhange hervorſieht. Der übrige Theil der„großen Stube“ verrieth viel Sinn für Behaglichkeit und ein unverkennbares Streben darnach. Nirgends weder Schmutz, noch Flecken, noch umherljegende Unreinigkeiten; das Auge weilt gerne auf der einfachen, aber hochft ſaubern Ausſtattung der Stube. Das merkwürdigſte Moͤbel iſt ein kleines braunes Wand⸗ ſchränkchen, in welchem Meiſter Ficker den ärgſten Feind 94 ſeiner theuern Ehehälfte, ſeine liebe„blaue Flaſche“ ver⸗ wahrt, welche ihr ſchon manche bittere Stunde im Le⸗ ben gemacht hat. Indeſſen hat ſie es doch durch Klug⸗ heit ſo weit gebracht, daß die Thüre zu dem Wand⸗ ſchranke weit ſeltener knarrt als vor Zeiten. Wenn dem würdigen Paare bei ſeiner Arbeit die Zeit manch' Mal zu lang wird, pflegen ſie ſich die Lan⸗ geweile mit Plaudern zu vertreiben, freilich wird unter dem geräuſchvollen Treiben des Meiſters Flcker die Unter⸗ haltung zuwellen etwas undeutlich, zumal da das ungeheure, Bett ſie hindert, einander von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, alſo auch jede Möglichkeit wegfällt, das durch Mimik zu erſetzen, was der Hammerſchlag übertäubt. Es war am Sonnabende nach der Heſſinger Parthie. Muhme Neta war heute ungemein ſanften und gnädigen Humores, welches wohl dem Umſtande zuzuſchreiben ſeyn mochte, daß das miſerable kleine, aber bedeutungsvolle Wörtchen„Ach!“, welches jederzeit auf das Knarren des Wandſchrankthürchens folgte, ſich heute noch nicht öfter als fünf Mal hat hören laſſen.—„Gott ſey Lob und Dank,“ ſeufzte die gute Frau mit andächtigem Herzen, „der Herr hat meine glückliche Erfindung geſegnet. Wenn der Alte auch Etwas merkt, ſo getraut er ſich doch nicht zu fragen.“ Muhme Neta, die vom Himmel ſo begünſtigte, hatte nämlich einen Verſuch gemacht, welchen mitzutheilen wir für eine Gewiſſensſache halten; denn es köͤnnte wohl der Fall eintreten, daß es einer Frau unter gleichen Um⸗ ſtänden ſehr zu ſtatten käme. Wir wiſſen bereits, daß der alte Ficker ein großer Freund der blauen Flaſche war. Ja er liebte ſie zuwei⸗ len in ſo hohem Grade, daß er ſie ohne weiters mit ſeinem Verſtande davon laufen ließ— von der Luſt und Fähigkeit zur Arbeit gar nicht zu reden, mit welcher es in der Regel nicht mehr weit her war, wenn es ein Mal zwölf Uhr geſchlagen hatte. Nachdem nun ſeine Frau manches liebe Jahr Allerlei mit ihm ausgeſtanden — 12 R n + 2—— 8¼*n** — 12 R hatte, was zwar nicht gerade zu den Annehmlichkelten des Lebens gehörte, ſich aber doch ertragen läßt, ſo lange die Jugendkraft noch da iſt, wenn aber das Alter ein Mal heran rückt, immer unerträglicher wird, ſuchte ſie endlich ein Mittel ausſindig zu machen, um die häufigen. Wallfahrten ihres Alten zu dem Gnadenſchranke minder ſchädlich zu machen, was ihr um ſo mehr von überwle⸗ gendem Gewichte zu ſeyn ſchien, indem weder ihre Wurſt⸗ lerei noch ihr Blumendebit weiter reichten als um die Hausmiethe zu bezahlen. Nachdem Muhme Neta die Sache reiflich überlegt hatte— wir müſſen zugeſtehen, daß ſie allerdings ein tiefes Nachdenken verdiente— fand ſie endlich ein eben ſo kluges als unſchädliches Mittel. Sie verſchaffte ſich nämlich zwei Flaſchen, ganz der ähnlich, welche ihr Mann beſaß und füllte ſie, die eine mit zwei Drittheilen Schnaps und einen Drittheil Waſſer, die andere mit der Hälfte von Beiden. Wenn er nun Morgens die erſten zwei ganz unver⸗ fälſchten Schlücke genommen hatte— er holte ſich ſeinen Schnaps ſelbſt und ſchloß ihn ſelbſt ein— ſo verwech⸗ ſelte ſie behende die Flaſchen und ſtellte eine von den ihrigen an den gewoͤhnlichen Ort. Nach Tiſch tauſchte ſie dieſe wieder mit noch mehr verdünntem aus. So ging es regelmäßig mehrere Monate lang fort und die Wirkung der Kur war ſo augenfällig, daß der Alte nicht nur auch Nachmittags an feinen Tonnen ar⸗ beitete, ſondern ſogar— obgleich er bei dem Beginnen der neuen Diät drei Mal ſo viel auf ein Mal ſchluckte als gewoͤhnlich vorher— nach und nach ſeine Liebha⸗ berei zum Schränkchen abnehmen fühlte, war es nun, daß ihm der ungewohnte Zuſtand der Nüchternheit Neu⸗ heitshalber Spaß machte, oder daß er der Anſicht wurde, es lohne ſich nicht der Mühe, über die Gebühr zu trin⸗ ken, da er es ja doch nicht zur vollen Seligkeit bringen koͤnne. „Hör’ Mutter,“ begann Meiſter Ficker und hielt mit 96 ſeiner Arbeit inne,—„warum kochſt Du denn einen und alle Tage Fleiſchbrühe? Früher hatten wir nur Sonntags welche!“ „Das kommt daher, weil ich immer ſo viele Kno⸗ chen habe, weißt Du! Wenn ich das Fleiſch zu meinen Würſten abgeſchabt habe, ſo koche ich Suppen davon. Das gibt Dir Kraft, Alterchen.“ „Ja, ja, das ſtärkt mich gewaltig; aber es wäre auch nicht übel wenn Du ein Mal Brei oder ſonſt Et⸗ was kochen wollteſt, ich bin des ewigen Einerlei ſatt.“ „Die Milch iſt zu theuer, Alter! Vrei kann ich kei⸗ nen kochen.“ „So koch' etwas Anderes— früher haſt Du zu⸗ weilen auch Waſſerſuppe gekocht. Das iſt kein ſchlechtes Eſſen und das Waſſer hat man umſonſt.“ „Aber Pflaumen und Syrup nicht. Das iſt nur eine Suppe für reiche Leute, die mußt Du Dir aus dem Sinne ſchlagen! Du wirſt aber doch ſelbſt zugeben, daß Du Dich bei weitem beſſer befindeſt, ſeit Du beſtändig Fleiſchbrühe genießeſt.“ „Hm, hm, das iſt wie man's nimmt. Da haſt Du ein Zwölfſchillingſtück, kauf' Milch dafür und koche auf morgen Mittag Brei. Der Alte hatte nämlich im Sinne ebenfglls eine Probe zu machen. Er vermuthete, die Fleiſchbrühe ſtärke ihn mehr als von Nöthen ſey; au⸗ ßerdem fühlte er eine gewiſſe geheime Sehnſucht, wieder ein Mal, ſey es auch nur für einen einzigen Tag in ſeinen alten ſeligen Zuſtand zu kommen. Muhme Neta war ſcharſſinnig genug, um zu mer⸗ ken, wo den Alten der Schuh drückte und verſprach ihm auf morgen einen Brei, war aber pfiffig genug, es mit einem gewiſſen ſcheinbaren Widerwillen zu thun; dieß beſtärkte gerade den Meiſter Ficker in ſeinem Verdacht, daß auch ſie einen großen Glauben in die Wunderwirk⸗ ſamkeit der Fleiſchbrühe ſetze. In der Freude ſeines Herzens auf den morgenden Tag, den er gehöͤrig genießen wollte, hielt ſich der Alte ———— —————.— 97 mit einem Eifer an ſeine Arbeit, daß ſein verſprochenes Faß ſchon um ſechs Uhr fir und fertig war. Er ging nun hinüber in das Kabinet zur Mutter, um zu ſehen, wie es mit ihrer Wurſtmacherei ging. Meiſter Ficker, wie er ſo da ſtand, war eine kleine kurioſe Figur, bedeutend unter Mittelgroͤße, aber ſein Bauch eine prächtige Kople der nützlichen Gefäße, mit welcher er ſich täglich beſchäftigte. Er hatte ein großes, breites Geſicht, von einem gewaltigen rothen Backenbart beſchattet; über der Stirne erhob ſich ein Widerborſt von grau und roth gemiſchten Haaren, welcher trotz Muhme Neta's unabläſſiger Bearbeitung mit Bürſte und Waſſer allen Civiliſationsverſuchen ſpottete. Im Uebri⸗ gen ſah der Alte friſch und luſtig drein, wie alle Bacchus⸗ prieſter, und erfreute ſich einer hoͤchſt blühenden Naſe. Muhme Neta, welche gleichfalls ſchon ihr Tagwerk beſchloſſen hatte, kniete mit aufgeſchürzten Aermeln auf dem Boden und zählte der Frau, welche die Würſte an ihren Beſtimmungsort zu bringen hatte, Stück für Stück in ihren Korb. „Haſt Du Nichts für mich, Mutter? Mein Ma⸗ gen bellt gewaltig!“ ſagte Meiſter Ficker und ſtellte ſich dicht neben ſeine Frau. „Potz Wetter, andre Leute gehen vor! Wie viel ſind es denn geweſen— vier— fünf— ſechs— ſieben — acht. Sie ſieht es ja ſelbſt, liebe Frau,“ und nun ging das Vorzählen weiter, bis die Frau ihre richtige Anzahl hatte und mit einem Knix ihres Wegs ging. „Ich habe Dir ſchon oft geſagt, Vater,“ wandte ſich Muhme Neta an ihren Mann,„Du ſollſt mich nicht unterbrechen, wenn Du ſiehſt, daß ich in meinen Ge⸗ ſchäften bin. Etwas für Deinen Schnabel, ſagſt Du? Ja, ja, das ſollſt Du haben, ich will ein paar Würſte zurecht machen, denn Will kommt, denke ich, wohl zum Abendeſſen.“ „Bis dahin iſt's aber noch gar zu lange!“ meinte der Alte verdrießlich, troͤſtete ſich aber doch wieder, als 98 ihn die Mutter mit einem Stück Brod und einer Käſe⸗ rinde beglückte. Rachdem er ſeinen Imbiß mit einem Schlückchen aus der blauen Flaſche hinabgeſpült hatte, wuſch er ſich, nahm Rock und Hut und ging aus, um ſich vor dem Abendeſſen noch eine kleine Motion zu machen. Jetzt ging Muhme Neta raſch an das Aufraͤumen, und auch die kleinſte Spur ihrer Wurſtmacherei ver⸗ ſchwand. Drei Mal kehrte ſie den Boden; Meiſter Fickers ſämmtliche Werkzeuge wanderten in eine Kiſte, welche zugleich eine Wandbank bildete, und auf den Kachelofen wurde ein Strauß Jasmin geſetzt. Draußen in der Küche praſſelten die Würſte in der Pfannez einige friſche Kartoffeln— zur Ueberraſchung für Will— ein Geſchenk von irgend einer befreundeten Bauerfrau, deren Muhme Neta eine Menge kannte, dampften in einem Topfe, und an der Anrichte in der kleinen, faſt zu kleinen Küche ſtand die Koͤchin ſelbſt und quirlte die Milch, eitel dicken Rahm, denn am Sonnabende, wo Will nach Hauſe kam, gab ſie gerne was Küche und Keller vermochte. Nach vollendeter Vorkehrung für das Abendeſſen kam die Toilette an die Reihe. Muhme Neta war bis jetzt im tiefſten Negligé geweſen, nämlich in einem alten grünen Unterrocke und einer braunen Jacke; jetzt wurde das gelbearrirte Baumwollenkleid hervorgeholt, ein reines Halstuch, eine ditto Schürze und zu guter Letzt eine friſchgewaſchene geſtärkte Rokokohaube, in welcher ſich die Alte abſonderlich reizend ausnahm. Als die Glocke ein Viertel auf zehn ſchlug, hörte man Tritte auf der Stiege. Ein heller Freudenglanz flog über das Antlitz der Mutter. Ihre horchenden Oh⸗ ren betrogen ſie nicht. Es war Wlll's Gang und in dem müahſten Augenblicke ſtand er in der kleinen Stube vor ihr. „Guten Abend, Mutter;“ dabei küßte er ihr die Hand. Die Alte gab ihm einen herzlichen Kuß auf den Mund und klopfte ihm mit einiger Zärtlichkeit auf die — * ——“ — 99 vollen friſchrothen Wangen.„Was macht der Vater? Iſt er ausgegangen?“ „Ja, es geht ihm ganz gut. Wahrhaftig in Gott, der Alte iſt ein ganz anderer Mann, ſeit ich die Erſin⸗ dung mit den Flaſchen gemacht habe; und das luſtigſte iſt, er glaubt ſteif und feſt, die Fleiſchbrühe habe ihn ſo ſtark gemacht, daß der Branntwein ihn gar nicht angreife.“ „Aber Gott ſey Dir gnädig, Mutter, wenn er eines ſchönen Tags merkt, was Du ihm für einen Streich ge⸗ ſpielt haſt!“ „Ah, er kommt mir nicht hinter die Schliche, verlaß Dich darauf, Will! Siehſt Du, er traut mir gar nicht zu, daß ich mir ſo Etwas herausnehmen ſollte. Uebri⸗ gens, hoffe ich, wird Jedermann ſagen, daß ich ganz Recht habe und daß es geſcheidter iſt, auf ſolche Weiſe einem Uebel vorzubeugen, als den ganzen Tag brummen und zanken. Oder was meinſt Du dazu, mein Kind?“ 1 „Ja wohl, da die Sache ihren guten Nutzen hat, ſo kann man Nichts dagegen ſagen, vielleicht iſt es ſo⸗ gar auch zu loben; aber jedenfalls, wenn ich einmal helrathe, wollte ich doch nicht gerne, daß mir meine Frau ein für ein U machte. Offenes Spiel bleibt doch ſtets das Beſte.“ „Das verſtehſt Du nicht, Will, Du darfſt mir's glauben, mein Junge! Offenes Spiel! ja!— Ich ſollte denken, die Männer fahren ſelbſt am beſten dabei, wenn und gemiaut hätte? Ach Du lieber Gott, da hätten wir bald auf der Straße geſeſſen, wenn wir nicht vor⸗ her Hungers geſtorben waͤren! Nein fiehſt Du, wenn ein Mann den Fehler hat, hie und da Einen auf die Lippen zu nehmen, ſo muß ſich eine arme Frau in 100 Gottes Namen darin zu finden wiſſen, wenn es nicht gar zu arg wird. Wenn es aber einmal ſo weit kommt“ — dabei machte Muhme ein ganz grimmiges Geſicht— „da wird ſie, hol' mich dieſer und jener, kein Blatt vor den Mund nehmen, ſondern rund heraus ihre Herzene⸗ meinung ihm ins Geſicht ſagen. Und wenn dies denn noch nicht helfen will und es trotz dem beim alten bleibt, da muß man Liſt gebrauchen, ſoweit, es erlaubt und ſchicklich iſt. Das iſt meine Meinung, ſo wahr ich Neta Britta Ficker heiße!“ „Du wirſt ja ordentlich boͤſe, Mutter,“ ſagte Will, und war ganz betrübt, daß er ſeine Mutter ſo in Har⸗ niſch gebracht hatte. „Nein, mein Junge, böſe bin ich wahrhaftig nicht, das verſtehſt Du in Deiner Einfalt nicht beſſer. So viel kann ich Dir aber im Vertrauen ſagen, wenn Du einmal ſo glücklich ſein ſollteſt, Deine liebe, vornehme Baſe Luſchie zur Frau zu bekommen, ſo denk' an mich, ob ſie Dir nicht auch hie und da einen ſolchen Streich ſpielt, wie ich meinem Alten; denn ſo viel weiß ich, Gottlob, und kann es auf mein Gewiſſen nehmen, daß mir noch nie ein Gedanken gekommen iſt, der nicht zu ſeinem Beſten wäre!“ „Wie kannſt Du aber auch einen ſolchen Vergleich machen? ſagte Will verſchämt, und ſeine Wangen faͤrb⸗ ten ſich hochroth.„Ich ſollte jemals meine Gedanken zu Liſa erheben? Ja, ich wäre eine ſchöne Partie für ein Mädchen, welches ſchon ſo viele Anträge zurück⸗ gewieſen hat!“ „Ach— ich habe noch viel Wunderbareres erlebt, Haſt Du denn nicht gehört, was der Kammerer ſagte? Das iſt ein Mann, ein wahrer Ehrenmann! Ich wünſche ihm nicht den Tod, wie die Andern; denn ich bin ge⸗ wiß, wenn er das Leben erhält, kommſt Du ſicher auf dem grünen Zweig. Meine Schweſter mag ſich krümmen und winden und noch ſo ſchoͤn thun, der Kammerer macht die Luſchie doch nicht zu ſeiner einzigen Erbin. Und 2 ₰ &8 SEo PBen SBeSe „» 101 wenn Du nun die eine Haͤlfte bekommſt und ſie die an⸗ dere, da könnte wohl Etwas aus der Sache werden. Ich habe ſo meine Gedanken, aber, Gottlob, ich kann auch ſchweigen, bis es Zeit iſt zu reden.“ „Lauter Luftſchlöſſer!“ meinte Will mit einem hal⸗ ben Seufzer.„Man ſieht wohl, was Liſa oder Lucte, wie Ihr ſie heißt, auf mich hält und wie wenig ſie mich anſchlägt! Die Fahrt nach Heſſingen werde ich ſo bald nicht vergeſſen!“ „Laß Dich das nicht anfechten, lieber Junge! Es haben ſchon feinere und wähligere Mädchen als Liſa ge⸗ nommen, was ſie vorhin weit weg geworfen hatten. Du mußt nur nicht ſo unterthänig ſeyn! Aber Du biſt zu ver⸗ zagt, viel zu einfältig, mein armer Junge!“ „Es kann ſich Keiner ein anderes Gemüth geben,“ verſetzte Will mit einem leichten, kaum merkbaren Beben der Stimme. „Du brauchſt Dich deſſen nicht zu ſchämen,“ ent⸗ gegnete ihm die Mutter;„die Einfalt liegt nicht im Gemüthe, ſie liegt im Herzen. Du haſt, Gott ſey Dank, Kopf genug, und ganz und gar mein eigenes Genie, das merkt man deutlich, wenn wir von Sachen reden, die das Höckergeſchäft betreffen. Aber, wenn ich eben meinte, Du ſeyſt zu einfältig, ſo ſoll das ſo viel heißen, daß Du zu gut und zu ſchüchtern biſt, zu gering von Dir denkſt und zu hoch von Liſa. Nur Courage!— Deine Birnen ſind ſo viel werth als die ihrigen— Du mußt nicht ſo übertrieben dienſtfertig gegen ſie ſeyn, i gewoͤhnt ſie ſich daran und betrachtet Dich als ihren ener.“ „Ja, das iſt's gerade, was mich verdrießt und nieder⸗ drückt. Wenn ſie mich als Verwandten behandelte, dann wäre es noch Etwas— aber wie einen Knecht, Du darfſt mir's glauben, Mutter, das thut weh genug!—“ „Ja, ja, ich ſehe wohl, was das gefallſüchtige Mädchen angerichtet hat! Aber Lucie iſt nicht ſchlimm, wenn man ſie nur gehörig zu behandeln verſteht. Du 10² mußt Dich ſo gegen ſie ſtellen, daß ſie eine beſſere Mei⸗ nung von Dir bekommt; rede nur einmal ordentlich mit ihr und ſey wie andere junge Leute!“ „Das iſt leicht geſagt; kaum thue ich den Mund auf, wips ſchneidet ſie mir das beſte Wort von dem Munde weg— und das iſt mit einem einzigen Zucken der Lippen oder mit einem ſpöttiſchen Lächeln geſchehen. Sie kann mir zuweilen einen ſo ſchrecklichen Blick zuwer⸗ fen, daß mir jeder Blutstropfe in Wallung geräth!“ „Nun, da möͤge es nur Gottes Wille ſeyn, daß Du einmal überläufſt und ihr gehörig die Wahrheit ſagſt; Du wirſt dann ſchon ſehen, wie ſie andere Saiten aufzieht, als wenn Du mit Deinem ewigen Stillſchwelgen und Dei⸗ ner Unterthänigkeit da ſtehſt! Ich kenne die Welt, mein Kind: glaub' meinen Worten und folge meinem Rath— der Nutzen wird nicht ausbleiben— aber ſtill, da kommt unſer Alter.“ Muhme Neta deckte jetzt den Tiſch und bald ſaß die kleine Familie gemüthlich bei ihrem Abendeſſen. Wills Aufmerkſamkeit war indeſſen zu ſehr getheilt, als daß er, wie gewöhnlich, daran hätte Theil nehmen kön⸗ nen. Er aß ſehr wenig, dachte aber deſto mehr, was gerade das Gegentheil von dem war, was er ſonſt bei ähnlichen Abendbeſuchen im alterlichen Hauſe zu thun pflegte. Meiſter Ficker dagegen ließ es ſich aus Herzensgrund ſchmecken. Er war in der roſigſten Laune bei dem Ge⸗ danken an den morgenden Feſttag. Der Morgen kam.„Ein ſchoͤner Sonntag heute,“ ſagte der Alte, als er ſich im Bett aufrichtete und die Sonne hell ins Zimmer ſcheinen ſah.„Gott gebe ſeinen Segen dazu!“ Nach dieſem kurzen, ausdrucksvollen Gebete ſtand er auf und kaum war die Mutter in der Küche, um die Kaffeemühle zu holen, knarrte die Schrank⸗ thüre. Aber Muhme Neta hatte ſchon ihre Dispofition getroffen. Den erſten Grund zu ſeinem Verſuch legte Meiſter Ficker in ächtem und gerechtem, ungetauftem 103³3 Schnaps, aber, oh weh, trotz dem, daß er keine Mühe ſparte, ſich in den Zuſtand von Seligkeit hinein zu arbeiten, nach dem er ſo ſehr trachtete, wollte es ihm doch durchaus nicht glücken. In halber Verzweiflung ſeufzte der arme Mann am Schluß des Tages:„Die unſelige Fleiſchbrühe hat mich total umgewandelt!“ Neuntes Kapitel. „Um eines einz'gen Unthiers willen wird doch die ganze Welt nicht büßen ſollen!“ denkt Liſa, wird aber nervenſchwach, als Muhme Malle Etwas zu merken ſcheint. Seit dem Rendezvous im Hopfengarten war Liſa nicht ausgegangen. Eine ganze Woche war verfloſſen und hatte auch vollkommen hingereicht, in ihrem leichten Sinn das Gleichgewicht wieder herzuſtellen. Freilich dachte ſie immer noch mit heftigem Zorn und Abſcheu an das Benehmen des Notars, aber ſie überredete ſich auch nach und nach mit leichter Mühe, daß unmöglich alle jungen Männer ihm gleichen koͤnnten, und daß es überhaupt hoͤchſt unrecht wäre, Alle wegen des Fehlers oder richtiger Verbrechens eines Einzigen zu verdammen. In Folge dieſer mildern Denkweiſe erwiederte ſte, zuerſt, verſteht ſich, ſehr ſteif, aber ſpäter mit ihrer frühern wohlwollenden Anmuth die Grüße von der Straße her⸗ auf. Denn man konnte doch nicht in ſo hohem Grade unhöflich ſeyn, die armen Burſchen gar nicht zu grüßen, obgleich man ſie mit allem Fug und Recht ſammt und ſonders tödtlich haßte, und unter den Vielen, welche vor Mamſell Lucie den Hut abzogen und nebenbei ein Ge⸗ ſchäft bei ihrer Mutter hatten, war in der That mancher ganz hübſche, artige Burſche. „Ich weiß gar nicht, liebſte Lucie, warum Du ſo hartnäckig fort und fort zu Hauſe bleibſt,“ ſagte die Hofmeiſterin, welche eines Nachmittags, da Frau Norman 104 ſelbſt in der Bude war, im Zimmer ſitzen konnte, um Liſa Geſellſchaft zu leiſten und ſie zu unterhalten. „Soll ich denn den ganzen Tag auf der Straße herumlaufen?“ fragte Liſa in ſchnippiſchem Tone. „Nein, aber kannſt Du denn nicht Deine Freun⸗ dinnen beſuchen, und wie ſonſt Deinen Spaziergang machen?“ „Das iſt mir Alles mit einander zuwider!“ „Nun das muß ich ſagen! Du biſt ja wie ein um⸗ gewendeter Handſchuh! So laß Dich doch wenigſtens bewundern!“ Liſa zog die Oberlippe ſpöttiſch in die Höhe. Sie hatte ihren letzten Bewunderer noch in friſchem Andenken. „Ja, ja, das kannſt Du verlangen, mein Zucker⸗ „So, kann ich das verlangen? Na, da ſeh' ein Mal Eins, was Muhme Malla für luſtige Einfälle hat. Ich dächte, es wäre beſſer, mich darin zu beſtarken, wenn es mich ein Mal ankommt, vernünftig zu ſeyn, daheim „Es iſt Dir ja auf ein Mal wie angeflogen, liebe Lucie, und es kommt mir immer vor....“ „Als ob es nicht lange anhalten we de— da haſt Du recht, Muhme. Ich habe auch wirklich im Sinne, heute Nachmittag auszugehen und mein neues ſeidenes Kleid anzuprobiren! jetzt iſt es mir aber noch zu heiß. Ich werde mich ein wenig auf den Sopha legen; Du kannſt mir Gtwas erzählen, Muhme, aber es muß recht intereſſant ſeyn!“ Damit warf ſie ihre Arbeit achtlos von ſich, warf ſich in eine Sophaecke und erwartete mit Ungeduld, daß die Hofmeiſterin die Schleußen ihrer Be⸗ redſamkeit öffnen würde. „ Liebes Kind, man hat nicht nur ſo im Augenblick etwas in Bereitſchaft! Was hörſt Du denn gerne 24 „Irgend eine Geſchichte. Natürlich eine, die Du ſelbſt erlebt haben mußt, Muhme! „Ja, ich habe freilich Viel erlebt; wenn mir nur — 105 gleich Etwas einſiele, das Dir gefällt. Aber wäre es nicht beſſer, wenn wir von Neulgkeiten plaudern?— de Notarius hat ſich ja die ganze Woche nicht ſehen laſſen.“ Liſa drehte ſich unruhig und verlegen in der Sopha⸗ ecke um. „Ich kann gar nicht begreifen, wo er ſteckt;— doch was geht es mich an!“ meinte die Hofmeiſterin. „Es geht uns, mein' ich, alle Beide nichts an. Was haben wir mit dem Notarius zu ſchaffen?“ Liſa wedelte eifrig mit dem Schnupftuch über das Geſicht. Die Hofmeiſterin, welche ſonſt nie vergebens dieſe Seite berührte, merkte nun wohl, daß irgend etwas, welches Bezug auf den Notarius Wetterquiſt hatte, Liſa's plötzliche Neigung zur Einſamkeit herbeigeführt haben müſſe. Die Neugierde der guten Frau ward rege, aber weit entfernt, Liſa dieß merken zu laſſen, nahm ſie ganz gleichgültig wieder das Wort:„Es geht uns frellich Nichts an, aber den armen Menſchen ſelbſt, denn ich bin gewiß, daß er mit Schmerzen auf ſein Geld für das Bild wartet. Die gnädige Frau von Lindfeldt hat es gekauft, da wir aber nicht wiſſen, wo der Notarius wohnt, können wir ihm das Geld nicht ſchicken. Viel⸗ leicht iſt er krank und es wäre wohl am beſten, man ließe in die Zeitung ſetzen, daß er ſein Geld bei Frau Norman in Empfang nehmen könne.“ „Das iſt nicht nöthig. Er wohnt in der Kirchſtraße Nro. 88.“ Kaum war die Hausnummer über Liſa's Lippen, ſo ſchwieg ſie plötzlich; hochroth vor Aerger, ſich ſo arg verrathen zu haben, verbarg ſie ihr Geſicht in das Sophakiſſen. Die Hofmeiſterin hatte nicht umſonſt in einem gräf⸗ lichen Hauſe gelebt.„So hat er Dir das geſagt?“ In ihrer Stimme konnte man weder Verwunderung noch Neugierde entdecken. „Ich bin ihm neulich in der Weſtſtraße begegnet,“ Kammerer Laßman. I. 8 106 dinberh Liſa, und es gelang ihr ziemlich gut, ſich zu aſſen. „Wenn Lena nicht ausgegangen waͤre, ſo könnten wir ihm das Geld ſogleich ſchicken,“ fuhr die Hofmei⸗ ſterin fort;„Will kommt aber auch ohne Zweifel heute Abend noch, da können wir dieſen darum angehen.“ Es entſtand eine kleine Pauſe. Die Hofmeiſterin flickte mit großem Eifer an einem Ueberzuge über ein altes Möbelſtück für einen Junggeſellen. Liſa ſpielte mit der Katze zu ihren Füßen; zuwellen ſchmeichelte ſie ihr, zuweilen gab ſie ihr einen Tritt, je nachdem es ihr die augenblicklich wechſelnde Laune eingab. „Na, wird es denn heute Nichts mit der Geſchichte, welche Du mir erzählen wollteſt, Muhme Malla? Ich ſterbe vor Langeweile, wenn ich nicht Etwas zu hoͤren bekomme, damit ich ſelbſt Nichts zu denken brauche.“ „Willſt Du denn nicht ausgehen?“ „Warum willſt Du mich denn durchaus forthaben!“ dabei ließ Liſa in der grimmigſten Laune ihr kleines Füßchen höchſt unſanft mit der hübſchen Boa ſpielen, in welche ſich ihr vierbeiniger Liebling eingewickelt hatte. Die Katze ſchrie jämmerlich. Liſa weinte, weil ihr heute Alles konträr gehe; aber Muhme Malla, welche wohl merkte, wo der Haas im Pfeffer lag, ſummte ein altes Liedchen und ſchneiderte emſig an ihrem alten Ueber⸗ zuge fort, bis er wieder faſt wie neu prangte. „Ach Gott, wie iſt mir ſo übel!“ rief Liſa plötzlich aus.„Meine Bruſt iſt am Zerſpringen....“ und von innerer Aufregung überwältigt, fühlte ſie einen unüber⸗ windlichen Drang, laut aufzuſchreien. Dergleichen ſtürmiſche Ausbrüche kommen bei leb⸗ haften, reizbaren, hauptſächlich eigenſinnigen und verzo⸗ genen Weibern vielleicht viel häufiger und allgemeiner vor, als man zugeben will, denn in der Regel gelten ſie für„Nervenleiden,“ und es iſt in der That ganz eigen damit— durch die Luft, welche bei derartigen Erperi⸗ menten die Lungen einziehen, wird die innerliche Auf⸗ ———y——————————— 107 regung zehn Mal beſſer geſtillt, als durch alle vernünf⸗ tige Vorſtellungen, welche die vernünftigſten Leute machen mögen. Es braucht kaum hinzugeſetzt zu werden, denn aus dem Frühergeſagten geht es ſchon deutlich genug hervor, daß Liſa's Erziehung, was das Moraliſche betrifft, bei⸗ nahe ſich ganz und gar ſelbſt überlaſſen war. Auch wiſ⸗ ſen wir nicht, ob ſelbſt die ſorgfältigſte Erziehung und die anhaltendſte Aufmerkſamkeit angeborne Fehler unſrer Gemüthsverfaſſung vollſtändig zu verwiſchen vermag. Im Durchſchnitt wird man wohl annehmen dürfen, daß unter zehn Fällen, wo eine eigenwillige, ſchlecht geleitete Er⸗ ziehung ſolche Mängel noch dazu geſteigert hat, es kaum Ein Mal eintrifft, daß ſich, auch bei der zweckmäßigſten und beſten Behandlung, dieſe Ecken anders abrunden, als an den Klippen der Noth und Erfahrung— und viel⸗ leicht nicht ein Mal durch dieſe. Darum iſt jedes junge Mädchen glücklich zu preiſen, welches ſich früh einer lie⸗ benden und ſorgſamen Leitung ihrer Herzens⸗ und Gemüths⸗ bildung zu erfreuen hat! Liſa Normans Retzbarkeit, welche während der letzten acht Tage, wo ſie ſich alle Mühe gab, ihre fehlgeſchla⸗ gene Hoffnung und den beimlichen Aerger und Zorn zu verbergen, ſogar noch zugenommen hatte, ſteigerte ſich auf das Aeußerſte durch den hingeworfenen Wink von einem möglichen Unwohlſeyn des Notars und der jeden⸗ fallſigen ſchlimmen Lage deſſelben, woran ſie doch nicht ohne eine gewiſſe Angſt denken konnte. Die Unruhe ihres Herzens gegen Niemand ausſchütten, nicht ein Mal erfahren zu koͤnnen, ob ihre Furcht gegründet war oder nicht und endlich keine Ausrede gegen Muhme Mallas ewiges ärgerliches Nöthigen und Drängen zum Ausgehen zu finden— dieß Alles zuſammengenommen war mehr als zuviel, um den ohnehin dünnen Geduldfaden unſrer launenhaften Heldin reißen zu machen. Sie war am Erſticken— ſchreien mußte ſie und ſchrie auch, in Einem Athem, dergeſtalt, daß die Hofmeiſterin in ihrem Schrecken zwei Stühle über den Haufen warf und einen faſt eben ſo lauten Angſtſchrei ausſtieß. „Liſa, mein Engel, was iſt Dir? Bekommſt Du Krämpfe?“ und Muhme Malla lief nach allem Möglichen und kam mit einem ganzen Arm voll Zeug herbeigelaufen, Waſſerflaſche, Prinzentropfen, Gichtpapier, Senfmehl, wollenen und leinenen Lappen zum Frottiren und Kata⸗ plasmen. „Es iſt mir wieder beſſer! Gib mir nur Waſſer!“ Liſa trank und ächzte; dann ſank ſie auf den Sopha zurück und weinte ſtumm und ſtill, denn das Weinen that ihr wohl. „Beruhige Dich, um Gottes Willen!“ bat die Tante in heftiger Unruhe.„Das iſt juſt ſo ein hyſte⸗ riſcher Anfall, wie die ſelige Gräfin auf Dagſtaholm einen bekam, bei einem Anlaß, den ich Tag meines Lebens nicht vergeſſen will. Iſt Dir nun wieder beſſer, liebſte LiſJ? Wie fing es denn an? Stach es Dich nicht im Herzen und wurde Dir nicht ſchwarz vor den Augen? Ja, ja, das iſt kein Spaß! Ich hätte nicht geglaubt, daß Du ſo reizbare Nerven hätteſt, Du ſiehſt ſonſt ſo ſtark aus! Freilich, was dieß betrifft, ſo war die Gräfin ſelig auch gerade von keiner ſehr zarten Konſtitution. Das liegt im Blute und dagegen hilft Nichts. Es iſt aber doch etwas Kurioſes um ſo ein Rützahlſen— das kommt und geht, ohne daß man weiß wofür.“ Während Muhme Malla ſo ſchwatzie und folgerte, beruhigte ſich Liſa nach und nach vollſtaͤndig. Sie hatte es endlich ſelbſt ſatt, was die Hofmeiſterin daraus ſchloß, daß Liſa, nachdem ſie ſich noch einigemale mit Waſſer erfriſcht hatte, ihr dankbar die Hand drückte, mit den Worten:„Ich weiß gar keinen Namen für das, was mich eben angekommen iſt, es wird aber wohl ſo Etwas ſeyn, wie Du es genannt haſt. Das Beſte iſt übrigens 1+8—————————— ͤf—— ———— 109 glaube ich, wenn wir der Mama nichts davon ſagen, es würde ihr nur unnöthige Unruhe machen!“ „Sie ſoll kein Wort davon erfahren! Und da ich ſo eben auf die Gräfin zu Dagſtaholm gekommen bin, will ich Dir eine ganz hübſche, rührende Geſchichte er⸗ zählen, welche mit den erwähnten hyſteriſchen Anfällen im genauen Zuſammenhange ſteht.“ Muhme Malla hatte die große Schwachheit, unendliches Bedauern mit Liſa zu hegen, und war deßhalb nur bemüht, fle zu unter⸗ halten und zu zerſtreuen, denn unſre Hofmeiſterin war ſcharfſinnig genug, um zu wiſſen, daß es nirgends rauchte, wo kein Feuer iſt. „Wie gut Du biſt, liebe Muhme Malla!— Was werde ich nun hoͤren?“ ſagte Liſa, hauchte in ihr Ta⸗ ſchentuch, trocknete die Augen und nahm ſich feſt vor, keinen Gedanken mehr an den unverſchämten, undank⸗ baren, hochmüthigen Notarius zu verlieren. „Ich will Dir die Geſchichte von dem Fiſchermäd⸗ chen erzählen, welches ſo viel Unglück in zwei hochade⸗ lige Familien gebracht hat. Glaub' mir, dieß hat der ſeligen Gräfin zu Dagſtaholm mehr als eine Thräne gekoſtet! Ich ſah und ſah nicht, was eine ſehr nothwen⸗ dige Kunſt für Leute iſt, welche mit Vornehmen leben und zuſammen find, wie bei mir der Fall war.“ „Ach, liebe Muhme Malla, ich habe die Geſchichte gewiß ſchon einmal gehört, weiß aber Nichts mehr da⸗ von. Sie war ſehr intereſſant, ſo viel ich mich noch— fang' nur an!“ Die Hofmeiſterin wichste ihre Zwirne, fädelte ein, ſetzte ſich gehoͤrig zu Recht und begann mit wichtiger Miene: „Es war damals, wo ich als Haushälterin zu Dag⸗ ſtaholm diente. Es iſt ſchon eine ſchöne Zeit, daß die Geſchichte paſſirt iſt, denn es war noch, ehe ich den ſeligen Fogelquiſt heirathete, der erſt ein paar Jahre nachher als Hofmeiſter hinkam. Das gehoͤrt aber ei⸗ gentlich nicht dazu. Ich hatte großes Zutrauen bei der 110 Gräfin, und mußte faſt jeden Sonnabend nach der Stadt, um eine Menge von Hausbedarf einzukaufen; alles ſtand auf einem langen Zettel, den ich ſelber nach der Gräfin Angabe ſchreiben mußte. Unter Anderem kannſt Du Dir denken, daß wir auch wieder viele Fiſche brauchten, denn obgleich wir in Dagſtaholm auch Fiſcherei hatten, ſo reichte dieß doch nicht aus. Ich ſtand immer gut bei meiner Herrſchaft, denn ich richtete ſtets Alles auf's pünktlichſte aus; und da ich mir das gute Zutrauen zu erhalten wünſchte, pflegte ich immer ſelbſt zu dem alten Fiſcher zu gehen, welcher abſeits am Strande wohnte, um ſelbſt auszuſuchen, was ich brauchte. Der alte Sjöberg war Wittwer, hatte aber eine Tochter, welche ihm die Haushaltung führte; das Mädchen war ſo ſchön, daß alle jungen Leute in der Stadt, vornehme und ge⸗ ringe, ſammt und ſonders, ohne Unterſchied ihr wie närriſch nachliefen. Und ſchön war ſie auch wirklich; es iſt gewißlich wahr— ſie ſuchte Ihresgleichen; und ob⸗ gleich ſie wie ein Landmädchen ging, ein Tuch um den Kopf, ſo gab es doch kein Fräulein mit dem feinſten Hut, welches ſich auf hundert Stunden Wegs ihr hätte an die Seite ſtellen dürfen. Vater Sjöberg war nicht wenig ſtolz auf ſein ſchönes Töchterlein. Gleichwohl kann man es ihm im Grabe nicht nachſagen, daß er ihre Eitelkeit oder ihren Hochmuth unterſtützt oder auf⸗ gemuntert hätte. Aber zuviel Schönheit iſt oft ein Un⸗ glück, und Hochmuth kommt vor dem Fall, wie meine Schweſter immer ſagt.“ Unter allen jungen Herren, welche vor Liebe zu dem hübſchen Fiſchermädchen toll waren, ſtand es mit keinem ſchlimmer, als mit dem jungen Baron Henning D.... Er war der Neffe eines alten ſteinreichen Frei⸗ herrn, welcher in der Stadt wohnte und mit der Gräfin auf Dagſtahlm grauſam gut Freund war. Ich weiß mich des alten Herrn noch recht wohl zu erinnern; er ſah ſtreng und barſch aus. Aber fein Neffe, der Lieu⸗ tenant Henning, war ein hübſcher, angenehmer Menſch, 2, ͤ—— 2— 111 der häufig zu uns herauskam, wenn der junge Graf, der Rittmeiſter von Stockholm in Urlaub daheim war. Aber über den jungen Grafen da fällt mir auf einmal etwas ein— ja, ja wie ein Ei dem andern— da fährt es mir ja auf einmal wie ein Blitz durch den Kopf, daß ich in meinem ganzen Leben nicht zwei Menſchen geſehen habe, welche einander ähnlicher ſehen als der Graf Ernſt.... und unſer armer Notarius!“ Dieſer außerordentlich ſonderbare Umſtand gab der Hofmeiſterin Veranlaſſung, ſich in eine unendlich weit⸗ läufige Unterſuchung über die Naturſpiele in den Geſich⸗ tern gewiſſer Leute, in ihrem Weſen, ihrer Körperſtel⸗ lung zu vertiefen, ſo daß es ſchrecklich lang dauerte, bis ſie wieder den Faden der Geſchichte aufnahm. Da indeſſen ſolche Abſchweifungen jedem unſerer Leſer lang⸗ weilig werden könnten,„ſo wollen wir ſelbſt den Faden aufnehmen, und den Schleier, der die Familiengeheim⸗ niſſe bedeckte, auf welche die Hofmeiſterin anſpielte, voll⸗ ſtändig lüften. Dieſe Geheimniſſe ſtehen übrigens mit unſerer Erzählung im genauen Zuſammenhange, und ver⸗ dienen deßhalb ein eigenes Kapitel. Zehntes Kapitel. Geſchichte des Fiſchermädchens und der beiben Edelleute. Der junge Baron Henning N... war von der Natur mit einem allzuercentriſchen, romantiſchen Sinne begabt. Weichlichkeit lag indeſſen nicht in ſeinem Charakter, was ſich ſchon in ſeiner Jugend vitlich genug zeigte; doch wollte man ihm ſpäter dieſen Fehler vorwerfen und da⸗ rinnen den Grund für ſein Unglück und die letzten Folgen deſſelben finden. Es moͤchte indeſſen ſchwer darüber zu entſcheiden ſeyn: Schwachheit des Herzens und des Cha⸗ rakters ſind häufig ſehr nahe mit einander verwandt, und zuweilen muß der letztere allein für die Irrthümer g des erſtern leiden. d Baron Henning hatte die feurigſte und zugleich h dauerndſte Leidenſchaft für das, ſeiner Zeit allzuberühmte b Fiſchermädchen, die ſchöne Chriſtine Sjöberg, gefaßt. d Seine Neigung war von der ſeltenen Art, daß ſie nach a zweijährigem Kampfe mit der Vernunft nicht allein noch n beſtand, ſondern mit einer Stärke fortbeſtand, welche L ihm den Muth, oder beſſer die Kühnheit gab, für die d Erreichung ſeiner Wünſche Alles zu wagen. ſe Man erzählte ſich damals, Chriſtine ſey vor ihrer w Bekanntſchaft mit dem Lieutenant Henning die Verlobte ſe eines wackern Seemanns geweſen, eines Unterſteuermanns m auf einem groöͤßern Schiff, welchem ſie aber bei zuneh⸗„ mender Neigung für den Baron, trotz den vereinten ſe Bitten des Vaters und Bräutigams den Abſchied gegeben. ne habe. Statt in Henning den Verdacht eines flüchtigen G Sinnes bei Chriſtinen zu erregen, beſtärkte ihn dieſer Zug vielmehr in der Ueberzeugung von ihrer herzlichen 1„ und innigen Ergebenheit für ihn, und er war der An⸗ D ſicht, eine ſolche Hingebung, welche ohne irgend eine Hoffnung auf möglichen Erſatz dem Haſſe des Vaters, G dem Gram des Bräutigams und dem Tadel aller Be⸗ ka kannten trotzte, die höchſte Belohnung verdiene. od Wir übergehen alle weniger bedeutenden, und für de den Hauptinhalt unſrer Erzählung überflüſſigen Einzeln⸗ in heiten, und wollen uns nicht mit der Schilderung von we Hennings unzähligen heftigen Kämpfen befaſſen, bis er zu dem großen wichtigen Endentſchluß kam; wir wollen ſet weniger den Gang ſeiner Liebe als deren traurige Folgen rer ſchildern. Deßhalb erwähnen wir blos, daß nach einem heftigen Kampf mit ſeiner Vernunft, mit ſeinem Rechts⸗ gr gefühl, ſeiner Ehre und Pfticht gegen andere zarte Ver⸗ rie hältniſſe, welche ſeine Rückſicht verdienten, der blinde ein Gott ſiegte— und Henning in aller Form um Chriſtine warb. Unter dem Schleier der Schüchternheit verbarg„C dieſe ihre Freude. Der Vater war allen Ernſtes dage⸗ 113 gen, denn er ahnete nichts Gutes für ſeine Tochter in dieſer hohen Verbindung, und blieb ſtandhaft ſeiner Be⸗ hauptung treu, daß ſie mit Olle Rasmundsſon, dem braven Seemann weit glücklicher ſeyn werde. Da in⸗ deſſen ſeine Vorſtellungen kein Gehör fanden, mußte er am Ende mit ſchwerem Herzen ſein Jawort geben. Als nun Alles auf dieſer Seite ſoweit im Reinen war, ging Lieutenant Henning zu ſeinem Oheim, um dieſem mit den herzlichſten Bitten und den feinſten Sophismen ſeine ſchon früher verſagte Einwilligung abzudringen. Nie wurde eine wärmere Ueberredungsgabe vergeblicher ver⸗ ſchwendet. Anfangs ſuchte der alte Baron ſeinen Neffen mit guten Worten, dann durch Drohungen von ſeiner „horriblen Narrheit“ abzubringen; allein dieſer wollte ſein Vorhaben durchaus für keine ſolche erkennen, und noch weniger ſeinen unumſtößlichen, reiflich erwogenen Entſchluß aufgeben. „So enterbe ich Dich!“ ſagte der alte Baron. „Du kennſt mich und weißt, daß dieß keine leere Drohung iſt.“ „Sie haben das Recht, über Ihr Vermögen nach Gutbeſinden zu verfügen,“ erwiederte der Lieutenant mit kalter Ruhe.„Habe ich mich deſſen unwürdig gemacht, oder kann ich es nur dadurch gewinnen, daß ich von dem laſſe, was ich für mein höͤchſtes Glück anſehe— in Gottes Namen! Ich lerne ein Handwerk; Hungers werden wir nicht ſterben.“ „Du ſollſt mir nie mehr unter die Augen kommen!“ ſetzte der Greis hinzu.„Bedenk' Dich wohl, mit Nar⸗ ren halte ich keine Verwandtſchaft.“ Ohne weitere Antwort verbeugte ſich der Neffe und griff nach ſeinem Hut. Als er ſchon vor der Thüre war, rief ihm der Oheim zurück; ſeine Stimme verrieth jetzt eine tiefe, unterdrückte Bewegung. „Ich gebe Dir ein Jahr Bedenkzeit,“ ſagte er. „Geh' in Dich, um aller Liebe willen, die ich je zu Dir gehabt habe! Bleibſt Du nach dieſer Zeit Deinem 114 Vorhaben getreu, ſo ſind wir auf ewig geſchieden. Bis dahin mache ich kein Teſtament. Vielleicht gefällt es Gott, mich unterdeſſen zu meinen Vätern zu verſam⸗ meln— dann haſt Du die Freiheit über Dich und mei⸗ nen Nachlaß beliebig zu verfügen.“ Lieutenant Henning hatte jedenfalls noch ein Jahr zu warten im Sinne, theils um die Bildung ſeiner Braut zu vollenden, womit er ſchon einen hübſchen An⸗ fang gemacht hatte, theils auch um ſelbſt ein Handwerk zu lernen, welches ihm die Unterſtützung ſeines Oheims entbehrlich machen könnte. Deßhalb nahm er den Vorſchlag ſehr bereitwillig an; er ſchöpfte daraus gute Hoffnungen, und wenn der Alte früher binnen Jahresfriſt ſterben ſollte, ſo entging ihm ja das Erbe ohnehin nicht. Allein dieß traf nicht eln. Der alte kränkliche Mann blieb am Leben, um an dem Eigenſinn des Neffen ſeine letzte Hoffnung ſcheitern zu ſehen. „Nun, lieber Oheim,“ ſagte der Lieutenant, als er nach Verlauf eines Jahrs abermals vor den alten Baron trat:„nun bin ich frei, ich habe heimlich das Uhrmacherhandwerk gelernt und bin jetzt unabhängig ge⸗ nug, wenn der Umſtand eintreten ſollte, welchen ich nicht ohne Grund fürchten muß. „Welcher Umſtand?“ fuhr der Baron heftig auf. „Der Umſtand“— des Lieutenants Wangen färbten ſich hochroth und trotz aller Anſtrengung ſeiner Stimme Feſtigkeit zu geben, verrieth ſie dennoch ziemliche Un⸗ ſicherheit, als er hinzufügte—„daß ich gezwungen bin, meinen Abſchied zu nehmen.“ „Schön, ſehr ſchön, höchſt vortrefflich arrangirt! Sehr verdienſtlich für eine Tollhäusler⸗Idee ſeine ganze Zukunft in die Schanze zu ſchlagen, Erbſchaft, Ehre, Beförderung, ohne von der weitern Kleinigkeit, dem Verluſt, der Achtung ſeiner Freunde und Verwandten zu reden. Es iſt ſehr natürlich, daß Deine Kameraden Dich ſo lange necken und verſpotten werden, bis Du 115 gezwungenerweiſe Deinen Abſchied nimmſt, denn nach einem Schritt, wie Du ihn vorhaſt, koͤnnen ſie nicht wohl mehr mit Dir dienen! Ich achte ſie deshalb: es zeigt, daß ſie Ehre im Leibe haben, wie es einem Of⸗ fizier und Cavalier geziemt. Du dagegen, Du ſagſt Dich von der Achtung aller ehrenhaften Leute los!“ „Behalte aber meine eigene.“ „Und das wagſt Du mir zu ſagen?— Ich frage Dich nun zum letzten Mal, willſt Du Dir die liſtige Weibsperſon auf immer aus dem Sinn ſchlagen und auf ewig mit ihr brechen, ſo ſoll Dir all' der Kummer und all' die Sorge, welche mir Deine Thorheit gemacht hat, vergeben und vergeſſen ſeyn, und nie ſoll mehr das ge⸗ ringſte Wort davon zwiſchen uns zur Sprache kommen.“ „Theuerſter Oheim, dieß kann nicht ſeyn! Nichts vermag meinen Entſchluß zu ändern. Heute noch beſorge ich das Aufgebot.“ Als ſich der alte Baron überzeugte, daß alle Be⸗ mühung fruchtlos blieb, war ſein Kummer ebenſo tief als verſchloſſen.„Auch ich“ ſagte er mit ruhlgem, kal⸗ tem Tone,„habe noch heute ein wichtiges Geſchäft vor. Ich mache mein Teſtament— Du biſt enterbt.“ So ſchieden ſie. Ein Jahr verging. Der allgemein aufs ſtrengſte getadelte Baron Henning hatte ſich gezwungen geſehen, nach der Hochzeit ſeinen Abſchied zu nehmen, und be⸗ wohnte nun mit ſeiner ſchönen jungen Frau ein paar kleine Stuben in einem Nebengäßchen. Er behalf ſich, ſo gut es ging, mit ſeiner Uhrmacherprofeſſion und die Neugierde führte ihm manchen neuen Kunden zu. Nie kam eine Klage über ſeine Lippe oder ein Funke von Verdruß oder Reue in ſein Herz; denn die Zeit flog raſch dahin und die Uhren um ihn her zeigten ja Stunde für Stunde nur das Steigen ſeiner Seligkeit an, und oft wenn die ewige„Unruh“ ihm den Kopf ſchwindeln machte, freute er ſich innerlich über ſeine eigne Ruhe, über die ſtille Zufriedenheit ſeines Herzens. 116 In den langen Winterabenden, wenn er an ſei⸗ nem an der Wand befeſtigten Tiſchchen ſaß, und bis ſpät in die Racht hinein arbeitete, ſaß die hübſche Chriſtine ihm zur Seite. Sie ſahen mit einander in daſſelbe Licht, und daſſelbe Licht lebte auch in ihnen. Wie glücklich waren ſie! Chriſtine heftete alle Augen⸗ blicke die Augen auf ihren Gatten, um ihm den kleinſten Wunſch abzuſehen. Und wenn ſie ihn heimlich zu erfüllen vermochte, wenn ſie von ihrem ſpärlichen Haushaltungs⸗ gelde ſo viel auf die Seite legen konnte, um ſeine Leib⸗ ſpeiſe zu bringen oder ihm ſonſt eine Freude zu machen, ſo war ſie überglücklich. Die Liebe veredelt. Von Chriſtinens früherem, na⸗ türlich ungebildeten Weſen, war Nichts mehr zurückge⸗ blieben, als daß es ihr zuweilen ſchwer wurde, den Ge⸗ danken ihres Mannes in höhere Regionen zu folgen. Unmerklich ſtieg der Baron ſelbſt zu dem Standpunkte herab, von welchem er ſie nicht emporzuheben vermochte, und Beide fanden darin ihre Ruhe und ihr Glück. „Was habe ich denn verloren?“ rief Henning oft aus, wenn er nach vollendetem Tagewerke ſein geliebtes Weib in die Arme ſchloß. So lange Du mich liebſt, Chriſtine, wollte ich mein jetziges Loos um keinen Preis mit dem vertauſchen, welches früher meiner wartete.“ „Und ich,“ erwiederte ſie,„ich wäre ja ein Abſchaum der Menſchheit, ein Ungeheuer, das undankbarſte Geſchöpf auf Erden, wenn ich jemals aufhoͤren könnte, Dich zu lieben, dem ich Alles verdanke. Tag und Nacht ſollte ich auf den Knieen vor Dir liegen!“ Und die Sterne des Abendhimmels waren Zeugen, daß Beiden ihre Worte von Herzen gingen. Sie ſchliefen und erwachten wieder, unwiſſend und unbekümmert um den Spott und die Schmä⸗ hungen, welche die Welt über ſie ausgoß. Aber wo gibt es ein dauerhaftes Glück auf Erden? Vier Jahre nach Hennings Heirath ſtarb der alte Baron J.— Die Feſtigkeit und Seelenſtärke, welche der Neffe in ſeiner Thorheit gezeigt hatte, veranlaßten 117 den Greis in einem Nachtrage zu ſeinem Teſtamente, ihm eine jährliche Rente von fünfhundert Thalern auszuſetzen. Das ganze übrige, ungeheure Vermoͤgen ſiel an einen Zweig der Seitenlinie. Der ältere Baron J.— und der alte Graf auf Dagſtaholm waren ſehr eng befreundet. Zufolge deſſen wurde der Graf von dem alten Herrn zum Teſtaments⸗ vollſtrecker beſtellt und durch ihn ſollte Henning vierteljäh⸗ rig, vom Todestag des Oheims an, ſeine Rente ausbe⸗ zahlt erhalten. Es war eben in der Mitte des Sommers. Der junge Graf Ernſt, der Rittmeiſter, war auf Urlaub zu Hauſe, und der Vater ſchickte ihn an ſeiner Stelle nach der Stadt, um mit dem Erlieutenant, oder dem Uhrma⸗ cherbaron, wie er ihn gewöhnlich nannte, kurz mit dem Narren Henning etwas auf jenes Jahrgeld Bezügliches, mündlich abzumachen. Der Rittmeiſter war ſchon längſt neugierig, das Weib zu ſehen, deren gefährliche Schonheit einen Mann hatte feſſeln und ihm dergeſtalt den Kopf verwirren kön⸗ nen; er ergriff den Vorſchlag mit beiden Händen. Am andern Tage trat er ſeine kleine Reiſe an und war kaum angekommen, als er auch ohne Verzug die etwas abſeits liegende Wohnung aufſuchte, wo das glückliche Paar ſein kleines, bis jetzt noch unvergiftetes Paradies gefunden hatte. Er fragte in der Nebenwohnung an, und wurde eine kleine Treppe hinauf gewieſen; er klopfte. Der Herr Graf vernahm auf ſeine Anmeldung nichts weiter, als ein leiſes Raſſeln mit Meſſern und Gabeln. Das ungewohnte Sporengeklirr hatte die Inwohner bei ihrem einfachen Mittagsmahle geſtört. Und da Chriſtine in dem Geſicht ihres Mannes eine gewiſſe Unruhe be⸗ merkte, machte ſie ſchnell Anſtalt, den Tiſch von dem beſcheidenen Mahl zu ſäubern. Allein der Graf, welcher hier keine Ceremonien zu machen für nöthig fand, öffnete die Thüre ſelbſt, als Chriſtine gerade im Begriff war, ——— 5— 118 einen Topf, mit warmen Kartoffeln in der Schale, und einen Teller mit kaltem Fleiſch aus dem Zimmer zu ent⸗ fernen: Henning wollte ihr folgen, eine Breiſchüſſel in den Händen. „Ich bitte um Vergebung, wenn ich genire,“ ſagte der Graf mit einem Lächeln, welches artig ſeyn konnte; „bitte ſich nicht ſtören zu laſſen!“.. Heenning erröthete ſtark, vielleicht mehr aus Aerger, ſich über einer unwillkührlichen Schwache ertappt zu haben. Allein er war im Augenblick gefaßt, wandte ſich mit großer Solbſtbeherrſchung an ſelne Frau, welche ver⸗ legen mitten im Zimmer ſtehen geblieben war und ſagte: „Das iſt ein alter Bekannter, mein Engel! Setz' nur Dein Mittageſſen wieder her, er erlaubt ſchon, daß wir fortfahren.“ Mit einigem Widerſtreben gehorchte Chriſtine, ſetzte ſich aber doch auf einen Blick ihres Mannes gleichfalls wleder an den Tiſch, während Henning ſich ſtellte, als merke er die vornehme Nachlaͤſſigkeit des Grafen nicht, und ganz im alten Tone ſagte:„Willkommen, beſter Ernſt! was verſchafft mir das Vergnügen Dich bei mir zu ſehen? Geſchäfte wahrſcheinlich, wegen meines Oheims Teſtament? Oder haſt Du vielleicht“ ſetzte er mit einer Ungezwungenheit hinzu, welche Heldenmuth genannt wer⸗ den konnte,„eine alte Uhr, welche der Reparatur bedarf 2“ „Das Erſte....“ antwortete der Graf, wie es ſchien, in größerer Verlegenheit als der Wirth. Aber ſein Blick haftete auf der ſchoͤnen, erröthenden Chriſtine, und er mußte ſich geſtehen, daß er in ſeinem Leben nie ſo vollendete und harmoniſche Formen, nie eine blendendere Haut und nie entzückendere Augen geſehen habe. Mit unbeſchreiblichem Vergnügen, ſogar mit Stolz, bemerkte Henning den Eindruck, welchen ſeine Chriſtine auf den Grafen machte. Wenn Ernſt erſt wüßte, oder nur ahnen könnte, was für eine reine edle Seele in dieſer edlen Geſtalt wohnt,“ dachte er,„ſo hätten wir gewiß einen Freund unter dieſer ſtolzen Familie.“ p——— 2=ag S 119 Das Eſſen war bald vorbei.„Wenn Du Kaffee bei uns trinken willſt,“ ſagte Henning, deſſen Herz ſtets auf der Zunge ſaß,„ſo wird mein flinkes Weibchen Alles in Ordnung bringen, während wir unſer Geſchäft be⸗ ſprechen.“ Der Graf nahm mit Freuden die Einladung an, ſobald er nur vorerſt zu Mittag gegeſſen haben würde. Sie machten ſchnell ihre Beſprechung ab, deren Zweck Henning ſchon kannte; Ernſt händigte ihm das erſte Rentenquartal ein und entfernte ſich mit dem Verſprechen, in einer halben Stunde wieder zu kommen. Als der Rittmeiſter wieder zurück kam, war die kleine Stube zugleich Beſuchzimmer und Speiſeſaal— die innere war Schlafzimmer und Werkſtätte— ſauber und nett aufgeputzt; ein Kaffeetiſch, mit friſchen Blumen geziert und feinem Backwerk beſetzt, ſtand einladend vor dem einfachen Sopha. Der Graf gewahrte indeſſen we⸗ nig oder gar nichts von dieſer kleinen Aufmerkſamkeit. Ein anderer Gegenſtand, welcher ihm wichtiger war, zog ihn an: die junge Wirthin, welche ſich umgekleidet hatte und zwar— den Grafen betrog ſein gewohnter Scharf⸗ blick nicht— mit einem, wenn auch noch ſo kleinen Anſtrich von Koketterie. Als Henning in das Zimmer trat, ſagte der Graf mit gut gewählter Herzlichkeit:„Die Alten, lieber Bru⸗ der, haben ihre Vorurtheile, welche wir ihnen nicht be⸗ nehmen können. Allein ihre Zeit iſt nicht mehr die un⸗ ſerige, deßhalb hoffe ich, daß Du nichts dagegen haben wirſt, wenn wir von nun an wieder auf dem alten freundſchaftlichen Fuße mit einander leben! Ich wenig⸗ ſtens bin noch der Alte!“ Hennings Augen ſtrahlten vor Freude; ſein reines argloſes Herz pochte mit verdoppelten Schlägen; denn faſt ohne daß er es ſich geſtehen wollte, hatte er doch ſtets eine gewiſſe Leerheit in der Bruſt empfunden, wel⸗ che durch die Rückkehr auch nur Eines der alten Freunde, nun ausgefüllt war. 120 „Ich danke Dir, Ernſt,“ erwiederte er mit einer Stimme, welche innige Rührung verrieth.„Es iſt edel von Dir, daß Du Dich über ein Vorurtheil erhebſt, welchem meine übrigen Kameraden und Freunde ſtrenge zugethan bleiben. Sprechen wir nicht weiter davon,— es iſt uns Beiden unangenehm. Komm' zu uns, wenn Du willſt, komm' oft, dann wirſt Du Dich überzeugen, daß ich nicht ſo ganz Unrecht hatte, mein gegenwärtiges Glück jedem andern vorzuziehen.“ Und der arme Henning fuhr fort, die Schlange im Buſen zu hegen, welche ihm ſeinen Frieden und ſein Pa⸗ radies rauben ſollte. Der Graf machte von der herz⸗ lichen Einladung mit größter Freude und oft genug Ge⸗ brauch. Endlich kam er faſt jeden Tag; denn mit Lei⸗ denſchaft, mit wilder, verzehrender Leidenſchaft liebte er die Gattin ſeines Freundes; und ſie— ſte, die ein „Ungeheuer“ ſeyn müßte,„wenn ſie einen andern Mann lieben könnte, als den, der ihr Alles geopfert hatte.“— beſtand ſie wohl die Probe?— Nein— während der Zeit, wo der Rittmeiſter ihr ſeine heimlichen Huldigun⸗ gen darbrachte, verſchwand ihre Herzensreinheit immer mehr und machte dem angebornen, lange ſchlummernden Leichtfinn, der beinahe überwundenen Sucht, Mehreren zu gefallen, Platz. Sie lernte ohne Schwierigkeit ihrem verblendeten Gatten Zärtlichkeit zu heucheln, ohne ſie mehr zu fühlen. Sie ſank von Stufe zu Stufe; und um ſeinetwillen hätten Engel ihren Fall beweinen mögen. 0gils Henning zuerſt die Augen aufgingen, als der erſte Verdacht der Untreue ſeiner Gattin in ihm auſſtieg, fühlte er eine brennende verzehrende Gluth nicht in dem gefolterten Herzen allein, nein, auch im Kopfe, ſo daß er fürchtete— wenn ſich ſein Argwohn beſtätigen ſollte — wahnſinnig zu werden. Allein Chriſtinens Wachſam⸗ keit ſchläferte ihn wieder ein; er zwang ſich zu dem Glauben, er ſey im Irrthum geweſen. Dennoch lag Etwas in ihren Augen, das ihn zu ihr hinzog, und zu⸗ 121 gleich wieder ſein Blut mit Eiſeskälte erfüllte. In ſol⸗ chen Stunden der Höllenſeligkeit ſtrich er ſchmeichelnd ihre blühenden Wangen und blickte ihr mit der unſäg⸗ lichen, zitternden Angſt in's Auge, welche nur der Lie⸗ bende kennt und verſteht. Es lag ſo unendlich viel Zärt⸗ lichkeit und ſo unendlich viel Qual in ſeinem Blick, daß die Heuchlerin, oft hoch erröthend über ſeine Dreiſtigkeit, ihre Augen wegwenden mußte. „Du köoͤnnteſt mich nie hintergehen, Chriſtine! Sag' — nicht wahr, Du könnteſt es nicht?“ „Nie!“ dabei ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Hals, um ihm nur nicht in die Augen ſehen zu müſſen, und ihre heißen Lippen, noch brennend von den Küſſen eines Andern, hafteten auf den ſeinigen. „Sie iſt ſchuldlos, ich habe ihr Unrecht gethan, die Giferſucht verblendet mich!“ ſeufzte er. Aber ſo ſehn⸗ lich er nach Ruhe und Glauben rang— keines von bei⸗ den wollte wiederkehren. So ging es bis in den Winter. Der Rittmeiſter ſollte bald zu ſeinem Regimente zurück, und mit leich⸗ terem Sinn dachte Henning an die Zeit, wo er wieder mit ſeiner Chriſtine allein ſeyn werde.— Aber dieſe Zeit kam nicht mehr.— Der Schlag ſiel wie ein Blitz auf ihn nieder— er vernichtete ihn auf einmal. Eines Mittags kam er von einem kleinen Ausgange in die Stadt, zurück, und begegnete auf der Treppe der Magd, welche ſehr eilig zu ſeyn, und ihm ſichtbar aus⸗ weichen zu wollen ſchien. Dieß machte ihn ſtutzig: „Wohin?“ fragte er. Ohne Zweifel war die Frage kurz und rauh, denn das Mädchen erſchrack heftig, und verbarg die Hand unter der Schürze. Eine gräfliche Ahnung ſtieg in Henning auf.„Wo⸗ hin ſollſt Du gehen, Weib?“ donnerte er, und ergriff das Mädchen am Arm. „Ich darf es nicht ſagen,“ ſtammelte ſie zitternd. „Du darfſt nicht?“ damit zog er die Schürze weg, Kammerer Laßman I. 9 1²² riß in demſelben Augenblick einen Brief aus ihrer krampf⸗ haft geſchloſſenen Hand, und eilte damit die Treppe hin⸗ auf, in das innere Zimmer. Der Brief war von ſeiner Frau an Graf Ernſt, und Chriſtine ſagte darin, daß ſie einander jetzt unmög⸗ lich allein treffen könnten, denn ſie ſey ſtets bewacht, ſo müſſe ſie ihm ſchriftlich mittheilen, daß ihre frühere Ah⸗ nung nun leider eingetroffen und ſie...... Ein ſchönes Geſtändniß für einen Mann, der ſeine Gattin vergöttert, und einen Engel zu beſitzen wähnt. Die weitere Geſchichte iſt kurz. Am nämlichen Abende noch ſchleppte ſich Chriſtine zu der Hütte ihres Vaters und wand ſich zu ſeinen Füßen. Der Greis ver⸗ dammte ihren Leichtſinn, allein der Verſtoßenen konnte das Vaterherz eine Freiſtätte nicht verſagen. Es war ihr aber eine bittere Freiſtätte. Nach ein paar Mona⸗ ten war der Cheſcheidungsprozeß zu Ende;— ihm hatte Henning alle Kraft gewidmet, welche ihm noch übrig blieb. Als er endlich den Scheidebrief in der Hand hielt— da— erloſch der letzte Funke von Verſtand, der letzte Funke, welcher in ſeinem zerriſſenen Innern noch glimmte. In den erſten paar Jahren war ſein Wahn⸗ finn unſchädlich; elend und verlaſſen trieb er ſich auf den Straßen umher und ſtand manche Nacht, in Sturm und Regen, vor der Thüre von Chriſtinens Hütte, und lauſchte mit geſpannten Nerven und fliegenden Pulſen, und horchte auf das Knarren der Wiege, in welcher der Sohn des Grafen lag. So blieb es aber nicht lange. Sein Wahnſinn nahm zu, und zwar in ſo hohem Grade, daß der alte Graf zu Dagſtaholm es für nothwendig fand, ihn in ein Irrenhaus bringen zu laſſen, wo er nach zehnjährigem Elende ſein trauriges Daſeyn beſchloß. Für den Rittmeiſter war die ganze Geſchichte eine Kleinigkeit, welche er über andere Triumphe bald ver⸗ gaß. Die Gräſin, ſeine Mutter, nahm die Sache aber anders; ſie linderte, ſo viel ſie vermochte, Hennings Leiden bis zu ſeinem Tode, und unterſtützte Chriſtinen, 123 bis dieſe nach ihres Vaters Tode mit ihrem Kinde den Ort verließ, und ſich anderwärts ein Unterkommen ſuchte. * 83 „Aber liebſte Muhme Malla,“ ſagte Liſa, als die Hofmeiſterin nach vielen weitläuftigen Umwegen endlich auf den Punkt kam, wo unſre Erzählung jetzt ſteht,„wo iſt ſie denn hingekommen? Das wird man ja doch wohl wiſſen, und ich moͤchte es auch ſo gerne hören.“ „Ach liebes Kind,“ entgegnete die Hofmeiſterin und nahm eine höchſt wichtige und geheimnißvolle Miene an, „es gab eine Zeit, wo man viel von der Sache geſpro⸗ chen hat. Die Gräfin hat wahrlich manche Thräne dar⸗ über geweint— ja gewiß und wahrhaftig, das hat ſie gethan, und was ſie dem Rittmeiſter für Strafpredigten gehalten hat! Na, na, der hat ſie auch längſt vergeſſen, und inzwiſchen geheirathet, und wieder geheirathet. Und die alte Gräfin liegt nun wenigſtens ſchon zehn Jahren in der Familiengruft.“ „Aber Chriſtine?“ verſetzte Liſa ungeduldig;„die iſt doch nicht in die Familiengruft gekommen?“ „Nein, gewiß nicht! Aber was ich von ihr zu er⸗ zählen weiß, iſt weiter Nichts als ein dunkles Gerücht;“ dabei ſah die Hofmeiſterin ſehr geheimnißvoll und roman⸗ tiſch aus. Man konnte wohl ſehen, daß ſie in ihrem Ge⸗ dächtniß nach etwas recht Schoͤnem und Intereſſantem ſuchte. Sie hatte freilich unter Verſchiedenem die Wahl, denn mindeſtens zwanzig Varianten waren über die letzten Schickſale der berüchtigten ſchönen Fiſcherstochter im Umlauf. „Wenn ich nur irgend einen Schluß erfahre, mag er ſeyn, wie er will, ſo bin ich ſchon zufrieden,“ erwie⸗ derte Liſa,„es iſt ja gräßlich widerwärtig, auch gar kein Wort weiter zu wiſſen!“ „Nun denn— eines von den vielen Gerüchten ſagte, ſie hätte ſich ſpäter mit einem Bürger verheirathet und 124 ein ganz ehrbares Leben geführt; das mag aber glauben wer will— ſo konnte es nun und nimmermehr ausgehen. Ich bin viel geneigter Etwas zu glauben, was mit Chriſtinens ganzem romantiſchen Schickſal mehr in Ein⸗ klang ſteht. Es ging nämlich damals die Sage, ſie ſey unter eine zuſammengeleſene Komödiantenbande ge⸗ gangen und dem Namen nach die Frau eines Akteurs geworden, der ſie jeden Tag, den Gott gab, braun und blau geſchlagen habe, und daß ſie am Ende ſo weit her⸗ untergekommen ſey, daß ſie hinter den Couliſſen ſtand, die Lampen putzte und dgl. mehr. „Da begab es ſich eines Tags,“ hier legte Muhme Malla ihre Hände in den Schooß, ließ, des größern Nachdrucks halber, die Nadel achtlos aus der Hand auf den geflickten Sophaüberzug fallen,—„da begab es ſich eines Tags, ſage ich, daß ſie auch wieder hinter einer alten Waldcouliſſe oder ſo etwas ſtand, als ſie auf ein Mal in der Logenreihe gegenüber gerade auf der vorder⸗ ſten Bank, einen fein gekleideten eleganten Herrn erblickte, welcher ſie mit großer Aufmerkſamkeit betrachtete. Plautz! lag ſie mit einem lauten Schrei am Boden;— und dieß war auch kein Wunder— denn es war Niemand Anderes als ihr verſchmähter Bräutigam, der ehemalige Steuer⸗ mann Rasmundsſon, jetzt Kapitän einer großen Brigg. Wo das Weib ſpäter hingekommen iſt, weiß man nicht, ohne Zweifel iſt ſie vor Gram und Elend geſtorben, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß der kleine Herr Graf bei der Truppe zurückgeblieben iſt.“ Nachdem Muhme Malla auf eine für ſich ſelbſt ſo wie für ihre Zuhörerin höchſt befriedigende Weiſe die Ge⸗ ſchichte von der Fiſcherstochter beendigt hatte, namentlich die Erzählung von ihrem eigentlich ganz unbekannten ſpä⸗ tern Leben, ſo wurde noch viel über die Sache hin und her geredet, bis endlich der Klang der Hausglocke der großen weitläuftigen Abhandlung ein Ende machte. „Das iſt ſicherlich Will— ſoll ich ihn hereinlaſſen? fragte Muhme Malla und ſah Liſa an. 125 „Ach ja! Er kann jetzt den Auftrag ausrichten, von dem Du vorhin geſprochen haſt!“ Erröͤthend wandte ſich Liſa zur Seite. Will, deſſen Höckerbude ganz in der Nähe von Frau Normans Wohnung lag, hatte ein für alle Ml die Erlaubniß, wenn er wollte, einzuſprechen. „Guten Tag, Will!“ ſagte Liſa und nickte deg ein⸗ tretenden Jüngling zu.„Haſt Du heute viel zu thun?“ „Nicht ſehr viel, ſonſt wäre ich wohl nicht ausge⸗ gangen,“ entgegnete Will und machte den erſten Verſuch mit der Freimüthigkeit, welche ihm ſeine Mutter ange⸗ rathen hatte. „Haſt Du Luſt für Muhme Malla eine Kommiſſion zu beſorgen?— nur in der Kirchſtraße. Du biſt bald wieder zurück.“ „Wenn Muhme Malla mich um Etwas zu bitten hat, ſo mag ſie es nur ſelbſt ſagen!“ erwiederte der junge Gelbſchnabel, jedoch nicht ohne eine gewiſſe Unſicherheit in der Stimme, denn ſder Wechſel in ſeinem Benehmen kam ihm ſelbſt doch etwas gar zu auffallend vor. Liſa fing zu lachen an.„Biſt Du denn närriſch ge⸗ worden? was ſoll dies für ein Betragen ſeyn? Willlſt Du gehen, frage ich Dich, oder nicht? Sey ſo gut und erzeige mir die Artigkeit, ja oder nein zu ſagen.“ „Alſo nein! ſagte Will, welcher einmal feſt ent⸗ ſchloſen war, ſich nicht aus dem Konzept bringen zu aſſen. Liſa ſprang vor Verwunderung von ihrem Sitze auf. Will, der bisher ja geantwortet hatte, ſobald ſie nur den Mund öffnete— wie kam der jetzt ſo ploͤtzlich zu einer ſolchen Kühnheit? Es hätte nicht viel gefehlt, ſo bekam Liſa abermals einen Krampfanfall, denn es kam ihr gerade ſo vor, als ob alle ihre Anbeter bis herab zu dem unbedeutenden Will ſich verſchworen hätten, ih⸗ rer Gewalt Trotz zu bieten. Muhme Malla gab dem unüberlegten jungen Men⸗ ſchen einen Wink um den andern. Sie blinzelte mit den Augen ſchüttelte den Kopf— vergebens— Will ſaß unbeweglich da und drehte den Hut in ſeinen rothen Händen. Nach einer kleinen Pauſe der Ueberlegung fand Liſa, daß es Will doch nicht ſo übel kleide, wenn er auch ein⸗ mal ſeinen eigenen Willen habe, beſonders, da ihm ſein Benehmen Gelegenheit gab, ihre kleinen Koketteriekünſte etwas zu üben; ein ſo unbedeutender Gegenſtand dafür auch ihr lieber Better war, ſo nahm ſie in Ermanglung von etwas Beſſerem doch damit vorlieb—— „Wilhelm,“ ſagte Liſa mit herzlichem Tone, und ſah den armen Höckerkandidaten ſo freundlich an, daß er ganz und gar„aus dem Häuschen kam“—„willſt Du nicht, wenn ich Dich ſchön, recht ſchön bitte, die Kommiſſion ausrichten und die Antwort bringen?“ Will ſchwieg. Er war nahe daran, auszurufen, vaß er in das Meer ſpringen wolle, wenn ſie ihn ſo darum bitte. „Lieber, guter Will, das iſt recht garſtig von Dir! Wir find doch immer ſo gut Freund mit einander ge⸗ weſen—— na, Will? Ich ſeh' es Dir an! Du Schelm, Du willſt Dich nur mit mir neckenkz!! „Wohin ſoll ich gehen?“ ſagte Will mit ſtrahlenden Augen A ſprang auf. „Muͤhme Malla wird es Dir ſagen. Komm aber bald wieder zurück, lieber Junge!“ Die Hofmeiſterin ging mit Will in das innere Zim⸗ mer, wo ſie ihm das Geld und die weiteren Anweiſun⸗ gen gab.. Ehe wir ihnen aber folgen, wollen wir ſehen, wie unſer Kammerer ſeine Zeit anwandte— welches wir am beſten aus der Ankündigung erfahren werden, mit welcher das nächſte Kapitel beginnt. ve 127 Elftes Kapitel. Der Kammerer ſchreibt ein ſehr wichtiges Billet und iſt in einer entzückten, wo nicht dar poetiſchen Laune, bis ihm Alles wie ein Traum vorkommt. Bereits dreimal hatte man im Stockholmer Tag⸗ blatt unter der Rubrik:„Allerlei“ folgendes Heiraths⸗ geſuch leſen können: „Ein Junggeſelle in den beſten Jahren, mit einem guten Auskommen, und Gottlob allzeit beſter Geſundheit, hat von Jahr zu Jahr mehr die Wahrheit der Schrift⸗ worte erkannt,„es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey“; deßhalb wünſcht er eine ruhige und verſtändige Helrath zu ſchließen, um der öden Einſamkeit ſeines bis⸗ herigen Lebens ein Ende zu machen. Er erklärt übrigens offen und unumwunden, daß es ihm nicht um eine Zier⸗ puppe zu thun iſt, welche auf einen alten reichen Mann ſpekulirt, um ihm das Leben zu verleiden, und ihn bald moͤglichſt unter den Boden zu bringen— ein junges Frauenzimmer braucht ſich nicht zu melven, denn die Perſon, welche durch Gegenwärtiges eine Frau ſucht, will den Herbſt ihrer Tage ungeſtört und fern von den Eitelkeiten der Welt an der Seite einer erfahrenen und zaͤrklichen Gattin verleben und ſieht deßhalb hauptſäch⸗ lich auf ein Frauenzimmer von mittlerem Alter, Jung⸗ frau oder Wittwe, und bittet, daß ſich nur eine ſolche, nach gewiſſenhafter Berathung mit ſich ſelbſt und im Hinblick auf Den, der die Ehe geſtiftet hat, melden möge. Bei dem wichtigen Schritte ſind indeſſen auch Beweiſe eines ehrbaren Wandels, zugleich eine gute Er⸗ ziehung und gewöhnliche Bildung, in Verbindung mit einem häuslichen und ſanften Weſen, ſtrenger Ordnungs⸗ liebe, Fleiß und Sparſamkeit, ſowie hauptſächlich ein gutes und zärtliches Gemüth erforderlich. Ganz arm ſoll ſie indeſſen auch nicht ſeyn und(wenn es eine Wittwe 128 iſt) keine unverſorgten Kinder haben. Wer hierauf Rück⸗ ſicht nehmen will uns obige Bedingungen erfüllen zu koͤnnen ſich getraut, beliebe die Antwort mit der Auf⸗ ſchrift:„vortheilhafte Heirath“ auf dem Comptoir des Tagblatts abzugeben, worauf ein weiteres Uebereinkom⸗ men getroffen werden ſoll. Drei Tage ſchon war, wie geſagt, die Anzeige zu leſen, und unſer Kammerer hatte auch bereits mehrere Antworten erhalten. Da indeſſen keine derſelben nach ſeinem Geſchmacke war, ſo drohte das Heirathsgeſuch ein ſtehender Artikel in dem Blatte zu werden, als er eines Nachmittags drei Billete auf einmal bekam. Er hatte ſie ſelbſt abgeholt; als er heim auf ſein Kämmerchen gekommen war, den Spazierrock ausgezogen und an den Nagel hinter dem Vorhange im Triangel gehängt, und den Schlafrock angezogen hatte, ſetzte er ſich auf den Sopha, zog die Brille hervor, wiſchte ſie mit dem Taſchentuchzipfel ſorgfältig ab, gleichſam um ſich in der Geduld zu üben, ſchneuzte ſich ein paarmal nahm aus der Doſe, welche neben ihm auf dem Sopha lag, unter hoͤchſt melodiſchem Blaſen der Naslöcher eine Priſe und ergriff, wenn auch nicht mit Herzklopfen— denn in den Fünfzigen klopft das Herz nicht mehr ſo heftig— doch wenigſtens mit etwas zitternder Hand das erſte Billet, erbrach es und las: „Hochgeehrter Herr! „Obgleich das Frauenzimmer, deſſen eigenhändige Züge Sie vor ſich haben, noch nicht in die mittlere Jahre gekommen iſt(ich zähle erſt achtundzwanzig), ſo glaubt ſie doch Ihnen die Verſicherung geben zu dürfen, daß ihr Verſtand unter dem mannigfachen Wechſel in der großen Schule des Lebens gehörig gereift iſt. Sie war, aus eigner Wahl, niemals verheirathet, denn ſie hat bisher den Eheſtand für eine ſehr ungewiſſe und pe⸗ rilleuſe Lotterie gehalten. Biele haben um mich ge⸗ ſeufzt— aber, ich betheure es bei Allem, was hellig iſt — ſtets ſtreng und unbeweglich habe ich Alle zurück⸗ unter ſtan des von weit 129 gewieſen; denn ſie waren ſammt und ſonders zu jung, um eine ſichere Stütze für das Weib abzugeben, welches ſich gleich einer Ranke daran empor ſchlingen ſoll.—— Ach, mein Herr! wie herrlich iſt das Bewußtſeyn, Ihnen ein Herz anbieten zu können, welches noch nie von dem Athem des ſchelmiſchen Gottes gerührt war; ſeine Pfeile ſind ſtets nur wie leichte Zephyre an meinen Ohren vorbei gerauſcht. Ich wollte meine Freiheit für den vom Himmel mir Beſtimmten bewahren, und dieſen Auserwählten habe ich ganz gewiß in Ihrer Perſon ge⸗ funden. In der verfloſſenen Nacht ſah ich einen Mann von dem edelſten Ausſehen und Weſen im Traum—— und müßte mich ſehr täuſchen, wenn ich, bei perſönlicher Bekanntſchaft, in Ihnen nicht das Ebenbild des Gdlen finden ſollte, der mir die grüne Myrthe bot. Gewiß, es gibt eine gewiſſe unerklärliche Sympathie harmo⸗ nirender Seelen! Sich ſelbſt zu loben verräth wenig Zartgefühl; aber ich darf getroſt die Verſicherung geben, daß ich Ihre Anforderungen an eine liebende Gattin zu erfüllen im Stande bin. An Arbeit war ich, Gott ſey Dank, von jeher gewoͤhnt, denn ich habe viele Jahre in vornehmen Häuſern im Haushaltungsdepartement und bei der Er⸗ ziehung der Kinder mitgewirkt. Dieſem allzu fatigiren⸗ den Geſchäfte wünſchte ich Lebewohl zu ſagen und in Hymens friedlichen Tempel einzugehen, wo ich hoffe, daß der Chegott die Roſenſchwingen gegenſeitiger Sym⸗ pathie über uns breiten wird. Ganz arm bin ich auch nicht, denn ich habe meinen Lohn von fünf Jahren zu gut, und ſonſt iſt, Dank dem Allmäͤchtigen! meine Hand von der Art, daß ſich Alles unter ihr vermehrt. Baldige Antwort erwartet Con⸗ ſtanze, unter deren Adreſſe Sie dieſelbe im Comptoir des Tagblatts abzugeben belleben“ Nachdem der Kammerer mit den deutlichſten Zeichen von Ungeduld das Billet durchleſen hatte, warf er es weit von ſich, und man konnte aus allen ſeinen Zügen 130 leſen, daß die Luſttragende ſich keine Hoffnung zu machen brauchte. Dann griff er nach Nummer zwei und las: „Mein Herr! Ich will damit anfangen, friſch von der Leber weg zu reden, wie ich Tag meines Lebens gethan: ich bin vielleicht ein paar Jahre über das mittlere Alter, wie man es zu nennen pflegt, hinaus. Ich bin weder eine Jungfer noch eine Wittwe; ich bin von meinem Manne geſchieden. Allein ich kann die überzeugendſten Beweiſe beibringen, daß er ein Barbar geweſen iſt und daß es nicht meine, ſondern ſeine Schuld war, daß es ſo weit kam. Ich habe ein ganz hübſches kleines Vermögen, ein einträgliches Geſchäft und keine Kinder. Ich ſehne mich nach ungeſtörter Ruhe und nach einem Erſatz ſür die unglückliche Ehe, welche ich in meiner Jugend eingegan⸗ gen habe, und wünſche deßhalb, daß Sie irgend einen Ort beſtimmen möchten, wo wir mündlich über die Sache weiter ſprechen koͤnnen. Ihre Entſchließung wollen Sie gefälligſt auf dem Comptoir des Tagblatts unter der Adreſſe S. U. abgeben.“. „Dummes Zeug, lauter Mühe um Nichts!— Ein⸗ rückungsgebühren vergeblich hinausgeworfen!— Hätte den Henker von ihrem Erſatz!“ brummte der Kammerer zwiſchen den Zähnen und war nahe daran, das dritte Billet unerbrochen liegen zu laſſen. Allein die feſte Hand der Aufſchrift, welche ihn ſchon im Anfange beſtimmt hatte, dieſe Hoffnung bis zuletzt aufzuſparen, hielt ihn von einem ſo grauſamen Verfahren ab.„Ich kann mir ja den Wiſch wenigſtens einmal anſehen!“ dachte er und erbrach den Brief. „Ein Frauenzimmer von etwa vierzig Jahren, Wittwe eines braven Mannes, mit welchem ſie in guter und glücklicher Ehe gelebt hat, iſt auf Ihre Anzeige im Tag⸗ blatt aufmerkſam geworden. Es iſt nicht ſelten, daß dergleichen Annoncen nur ein ungebührlicher ſchlechter Spaß find, allein Sie, mein Herr, ſcheinen mir zu ernſt⸗ haft dazu zu ſeyn, und außerdem muß ich Ihnen ſagen, nerer Billet d der zatte, von r ja und ittwe und Tag⸗ daß ꝛchter ernſt⸗ agen, 131 daß ich nicht die Perſon bin, welche ſich zum Narren halten läßt. Meine Stellung iſt eine ſehr vortheilhafte, indeſſen fehlt meinem Herzen immer noch Etwas, denn ich bin allein; ein braver Mann wäre mir willkommen, welcher den Werth meines ſanften Gemüths zu ſchätzen weiß. Ob ich indeſſen allen ihren Anforderungen zu entſprechen vermag, kann und wurd erſt eine mündliche Unterredung und Bekanntſchaft ausweiſen. Ich ſetze nur noch hinzu, daß ich mit einer guten Erziehung und der Gewohnheit an gebildetem Umgang viel Sinn für Haäus⸗ lichkeit und Ordnung vereinige, und daß ich niemals das Haushaltungsregiment in fremde Hand gelegt habe. Die Antwort abzugeben im Milchmagazin am Kornhafen, unter der Adreſſe W. 40.“ „Dieſe!“ ſagte der Kammerer und nahm eine lange Priſe.„Die kommt mir gar nicht ſo übel vor. Es ſcheint ihr nicht ſo gewaltig viel darum zu thun zu ſeyn — und das ſſt ſchon ein gutes Zeichen; das Blllet iſt mit feſter Hand geſchrieben und deutet auf Verſtand und Bekanntſchaft mit beſſeren Sitten und Manieren, als die beiden anderen Damen zu haben ſcheinen!“ Unſer Kammerer ſtopfte ſich eine Pfeife, ging nach⸗ denklich im Zimmer auf und ab, ſchmatzte, rauchte, hu⸗ ſtete und ſchloß endlich den Schreibpult auf. Eine ganze Stunde ſaß er daran und rückte ohne Ruhe und ohne Raſt beſtändig auf ſeinem grünen Drehſtuhl hin und her. Auf einmal ergriff er eine Feder und ſchrieb mit ver⸗ ſtellter Handſchrift: „Sehr achtbare Frau! In Bezug auf den delikaten Gegenſtand, welcher zwiſchen uns zur Sprache kommen muß, nehme ich mir hiemit die Freiheit, Ihnen für nächſtkommenden Sonnabend, fünf Uhr Nachmittags, auf dem Karlsberg eine Zuſammenkunft vorzuſchlagen, und zwar in der erſten Allee rechts am Damm, gegenüber der Parkwächterswohnung. In der Hoffnung, daß Sie mir das Vergnügen nicht verſagen werden, und in der Ueberzeugung, daß ein ſo äſtimables Frauenzimmer, wie 132 Sie mir zu ſeyn ſcheinen, kein ſolches Billet geſchrieben haben würde, wenn Sie nicht in ſich die Fähigkeit fühlte, die Bedingungen zu erfüllen, welche ich von meiner künftigen Gattin wünſche und erwarte, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung Ihr gehorſamer Diener vorderhand ohne Namen. N. S. Ich brauche nicht hinzuzufügen, denn dies verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie das ſtrengſte Stillſchweigen von mir erwarten dürfen, wenn es auch zu einer nähern Vereinbarung zwiſchen uns nicht kommen ſollte; ebenſo wenig zweifle ich; daß ich von Ihrer Seite, hochachtbare Frau, mich der nämlichen Delikateſſe zu verſehen habe, indem ich die Verſchwiegenheit bei einem Gegenſtand wie dieſer iſt, für eine Hauptbedingung halte.“ „So!“ rief der Kammerer aus, faltete den Brief zuſammen und verſiegelte ihn ſorgfältig. Sobald er ſich zum Spaziergange, das heißt den bouteillengrünen Ueber⸗ rock angezogen hatte, begab er ſich ſchleunig mit ſeinem Billet auf den Weg; denn etwas Gutes darf man nicht lange aufſchieben. Die hochwichtige Sache war bald abgethan— und nun war es ihm ſo leicht um's Herz', er fühlte ſich ſo froh und freigebig geſtimmt, daß er beſchloß, an eine Schenke am Strande unten zu gehen und dort ein Glas Rum zu nehmen.— Dort angekommen ſetzte er ſich in die linke Fenſter⸗ ecke und ließ, hie und da an ſeinem Glaſe nippend, ſein künftiges Leben in den lachendſten Bildern an ſich vor⸗ übergehen. Er las das Blllet der achtbaren Frau noch ein Mal und überzeugte ſich immer mehr, daß die Schreiberin ein ſehr würdiges und reſpektables Frauen⸗ zimmer ſeyn müſſe. Und da auch ſie ihrerſeits ſich nach einer Vereinigung ſehnte.... „Na, bei meiner armen Seele, träume oder wache ich!“ erſcholl eine bekannte Stimme ganz nahe an den 133 Ohren des glücklichen Freiers, und in demſelben Augen⸗ blick fühlte der Alte einen kräftigen Schlag auf der Schul⸗ ter.„Wohin muß ich das Wunder ſchreiben, den Herrn Kammerer hier zu ſehen?“ „Je nun, ja, man will ſich auch ein Mal von Hauſe los machen! es iſt ſo luſtig, ganz prächtig, ſo hier zu ſitzen und den brauſenden Strom und den muſizirenden Harfenſpielerinnen zuzuhoͤren. Es liegt etwas Einlullen⸗ des in dem ganzen Leben und Getrelbe um Einen her; der herrliche Saal und all' die Geſtalten, welche in Ci⸗ garrenrauch umherſchweben....“ „Der Herr Kammerer ſind heute, wie ich merke, ganz luſtig, faſt möchte ich ſagen, poetiſch geſtimmt,“ verficherte Roſell; denn der war es, welcher ſich an den Tiſch ſetzte, an dem der Kammerer ſaß.„Ich wollte mein Leben verwetten, Sie haben heute ein ſehr gutes Geſchäft gemacht.“ Der Alte blinzelte halb geheimnißvoll mit den Au⸗ gen:„man hat ſo zuweilen einen glücklichen Augenblick! aber— darf ich Ihnen nicht auch ein Glas anbieten... Kellner!.. es freut mich, daß ich einen Bekannten treffe, während ich gerade ſo gut bei Laune bin. Sie wiſſen wohl, Herr Sekretär, daß es ſonſt meine Sache nicht iſt, mich an ſolchen Orten herum zu treiben, werde es auch ſpäter ſchwerlich mehr oft ſo machen; aber, wie geſagt— für ein Mal.... Die Lünmel hören gar in 2... Haben Sie die Güte und beſtellen Sie es elbſt!“ „Auf Ihre Rechnung, Herr Kammerer,“ fragte Roſell. „Ci natürlich, verſteht ſich— dann können wir auch eine Taſſe Thee zu uns nehmen; Sie ſehen, Herr Sekre⸗ tär, ich bin einmal im Zuge.“ „Wenn es ſo iſt, ſo erlauben Sie mir einen Vor⸗ ſchlag zu machen— Kellner!— Sie, Herr Kammerer, trinken Ihren Thee— meine Liebhaberei iſt das ſchlab⸗ brige Zeug juſt nicht! für meine Taſſe kommen mir alſo zwoͤlf Schillinge zu gut... He da, hierher Kellner! 134 Gine halbe Flaſche Punſch auf die Rechnung des Herrn da, aber ſchnell!... Sehen Sie, Herr Kammerer, hät⸗ ten wir bloß zwei Gläſer genommen, ſo machte dieß mit meinem erſparten Thee gerade ſechsunddreißig Schil⸗ linge. Die halbe Bouteille koſtet nur einen Thaler, man hat dann aber auch ſeine vollen fünf Gläſer; Sie haben demnach reinen Gewinn davon, daß ich ſo beſtellt habe, was ich meiner Entſchuldigung halber zu bemerken bitte.“ Na, na,“ lachte der Kammerer,„da ſieht man den Advokaten; aber das muß man ſagen, der Herr Sekretär iſt immer luſtig.“ „Und damit Sie ſehen, daß Sie Recht haben, ſo will ich auch ſagen, was ich im Sinne hatte—— iſt Ihnen eine Cigarre gefällig, ächte Havannah, ganz gut —— ja, ja das Wetter iſt wirklich außerordentlich huͤbſch, — wenn es Ihnen iſt, wie mir, Herr Kammerer, ſo ſchlendern wir ein wenig nach dem Thiergarten, zu der hübſchen Olivia, und wenn Sie dort eine Flaſche Cham⸗ pagner ſetzen wollen. „Champagner? ich Champagner ſetzen? das fällt mir im Leben nicht ein!“ Na, na, ſo hoch verſteigen ſich meine Gedanken auch nicht,'s war nur Spaß von mir,“ verſicherte der Sekretär,„wir haben ja Punſch.“ Aber als unſer guter Alter ſeine drei Gläſer ausgeſtochen hatte und dabei in die brillanteſte Laune von der Welt gekommen war, zeigte er ſich nichts deſtoweniger bereit, Arm in Arm mit Roſell den vorgeſchlagenen Gang nach dem Thier⸗ garten zu machen.„Zum Henker auch!— einen luſti⸗ gen Tag im Jahre wird man ſich doch machen dürfen! Allons Marſch; iſt mir's doch, als ob ich wieder jung wäre!“ Als der Kammerer am Morgen nach dieſem merk⸗ würdigſten Abenteuer ſeines Lebens zwei Stunden ſpäter als gewöhnlich aufwachte, kam es ihm wie im Traume vor, denn er fand, daß er ſeine richtigen ſechs Thaler, vierundzwanzig Schillinge für Rum, Thee, Punſch und 13⁵ zwei Flaſchen Champagner ausgegeben hatte, aber neben dieſem Traum ſtrahlte ihm auch eine helle Wirklichkeit entgegen! Am andern Tage ſollte ja eine noch größere Veränderung mit ihm vorgehen. Unter den Gedanken an die Karlsberg-Allee und was ihn dort erwartete, merkte er nicht ein Mal die alten Verdrießlichkeiten bei ſeiner Toilette: er vergaß ſogar ſeinen Vögeln das gewöhnliche Morgenfutter zu reichen, bis ihr vereintes Gekreiſch ihn aus ſeinen tiefen Grübeleien weckte. Zwölftes Kapitel. Der junge Ficker trifft einen alten Bekannten, welchen er noth⸗ wendig nach Hauſe führen muß, ehe er ſeinen Auftrag ausrichten kann. 3 Mit Muhme Malla's Auftrag in der Taſche wan⸗ derte Will durch die Straße. Ohne im entfernteſten zu ahnen, daß er im Begrifſe war, ſeinen gefährlichſten Nebenbuhler aufzuſuchen, ging er im Gegentheil mit ganz intereſſanten Gedanken um. Li⸗ ſas Freundlichkeit, der holde Ausdruck in ihrer Stimme hatte in ihm, wenn auch gerade keine beſtimmte Hoff⸗ nungen, doch wenigſtens die Idee einer Möglichkeit erweckt, einſt den Weg zu ihrem Herzen, oder zum Paradies— was für ihn gleichbedeutend war— zu finden. Denn daß Liſa ihn lieben, daß er einſt ihr Mann werden, und ſie in ihren lieben, guten Will, ihr herzlieb⸗ ſtes Alterchen— lauter Beinamen, wie ſie die Gattinnen gebrauchen— nennen könnte, ſelbſt der Gedanke an all' Dieſes war ſo herrlich, daß es Will dabei abwechſelnd kalt und heiß wurde— trotz einem Gourmand, wenn er vor einer ächten und gerechten Straßburger Gänſeleber⸗ paſtete ſitzt. So in ſeine Phantaſien vertieft, ſteuerte er an der Wohnung des Notars vorbei, immer weiter die Kirch⸗ ſtraße hinab, ſo daß er endlich bis zum Eiſenmarkte ö 136 kam, wo er ganz unvermuthet gegen eine Perſon an⸗ prallte, welche mit etwas unſicherem Gange, in ganz hübſchem Zickzack hinüber und herüber lavirte. Will blickte auf und fuhr ein paar Schritte zurück, als er entdeckte, daß es Niemand anders war, als ſein eigener würdiger Vater, welcher auf ſolchen Irrwegen ging, und ſich, der wunderbaren Wirkung der wohlthätigen Fleiſch⸗ brühe zum Trotz, in einem mehr als ſeligen Zuſtande befand. Weg durch die Leute?“ ſtammelte der alte Ficker und hob ein Büſchelchen Faßbänder in die Höhe, welche er in der Hand hielt. „Um Gotteswillen, laßt Euch nach Hauſe führen, Vater! wie ſeyd Ihr denn daher gekommen? und dazu noch...“ Will wagte nicht hinzuzuſetzen... in einem ſo verwahrlosten Zuſtande. „Biſt Du es, Wi... Wi... Wlll, biſt Du es, mein gu... gu... guter Junge, wie ka... kannſt Du nur ſo du... dumm fragen; wie ich da... da⸗ her komme? Ich bin ſpa. ſpazieren gegangen, pro.. promenirt, herum ge—ſchlendert, ha, ha, ha! Was „Was Teu... Teu... Teufels! geht denn der meinſt Du, was Neta ſagen wird, wenn ich ſo heimko .. komme? ſie hatte heute ſo ſchwache Fleiſchbrühe, ja gar zu ſchwa—che, was meinſt Du dazu? ſo ſieh' mich doch an, Du Lümmel! Am Ende machſt Du Dich gar über mich luſtig, he? zum Teufel, was für ein Spaß, daß bi Neta die Fleiſchbrühe ſo ſchwach gemacht hat, hi, hi, hi!“ „Wo ſeyd Ihr denn geweſen, Vater?“ „Fä... Fäſſer hab ich gebunden... Fäſſer, bei .. bei meinem alten Kunden Iſaak Dagerberg, und da hab' ich mich für mein Geld luſtig gemacht. Einen luſti⸗ gen Tag darf— man ſchon ein Mal haben. Ein Räuſch⸗ chen in Ehren kann Niemand verwehren. Neta mag ſa⸗ gen, was ſie will, ich ſchere mich den Henker darum!“ „Seyd ſo gut, Vater, laßt Euch unter dem Arm 1 faſſe wen! 3.£ Reſt gläſt Nebe den nes Wen uns da werd Alle wenn ande Will doch hätte Aber nicht an⸗ ganz Will 3 er gener und eiſch⸗ ande n der und e er hren, dazu einem u es, annſt da⸗ 9.. Was eimko ſe, ja mich 2 gar Spaß, t, hi, 137 faſſen und heimführen! Es wäre doch eine Schande, wenn wir einem Bekannten begegneten, dem Kammerer z. B. oder Muhme Norman.“ Vor der Letztern hatte Meiſter Ficker einen beſondern Reſpekt, deßwegen rief er ganz ängſtlich, während ſeine gläſernen Augen den gefürchteten Gegenſtand durch den Nebelſchleier ſuchten:„Herr Gott! iſt das Weibsbild um den Weg?“ „Freilich,“ ſagte Will, ſeinen Vortheil wahrnehmend, ges ſind noch keine zwei Minuten, bin ich ihr begegnet. Wenn wir uns aber ſputen, ſo glaube ich kaum, daß ſie uns einholt, ſo ſchnelle Beine ſie auch hat.“ „Teufel, das iſt dumm! Will, mein Junge! da... da hab' ich noch ein paar Schillinge, die ich noch los werden muß. Neta ſagt ja ſo immer, daß All’... Alles eben heim müſſe, und es iſt nicht der Mühe werth, wenn ich den Bettel nach Haus bringe, während die andern heidi find. Aber wo kommſt denn Du her, Will? ich halte Dich ja nur auf, mein— Junge.“ „Ach nein, Vater, ich habe gar keine Eile⸗ Es war doch gut, daß mein Weg mich dahin führte.“ „Nein, nein, das kann ich juſt nicht ſagen. Ich hätte den We... Weg auch ohne Dich heimgefunden. Aber wa.. wa... warte ein bischen! Halt! mich nicht ſo verflucht feſt am Arm! Laß... laß los, ſagl! ch, Du Schlingel— hab' Reſpekt vor Deinem Vater. Ich muß da hinein, hab' ein kleines Geſchäft drin.“ Mit aller Gewalt zog der Alte nach der Gegend, wohin ſeine Augen gerichtet waren. Die letzten Schil⸗ linge brannten ihn in der Taſche, ſie ſchienen zu ahnen, daß das wohlbekannte Haus mit der lockenden Ueber⸗ ſchrift:„Schnapsſchenke“ in der Nähe war. Will ſah ſich um.„Hab' ich's nicht geſagt!“ rief er aus,„dort flattert eben Muhme Normans blauer Shawl um die Ecke. Wenn wir dieſer jetzt nicht aus Kammerer Laßman 1. 40 138 den Zähnen kommen, ſo gibt es eine ſchöne Geſchichte! Ihr kennt ſie, Vater.“— 5 „Ja, mein' Seel!“ fügte der alte Ficker mit einem ie Seufzer hinzu,„ich kenne das Hexenvolk wie meinen nn Hoſenſack! Niemand als ſie hat meine Neta die verflu... lo I1 verfluchte Fleiſchbrühe kochen gelehrt. Aber Will, könnte in ich mich nicht ſo lange da drinnen verbergen, bis ſie D vorüber iſt? Laß mich hinein, lieber Junge, nur ein g. wenig— ein ganz klein bischen.“ „Soll ſie Euch in dieſem Zuſtande ſehen? Das h vergäße ſie Euch nie. Um Gotteswillen kommt!“ Halb g. mit Gewalt brachte endlich Will ſeinen lieben Herrn Papa an dem gefährlichen Magnet vorüber, dann ging es recht h. brav und der Alte wunderte ſich nur immer, was wohl al Neta dazu ſagen würde, wenn ſie fände, daß er auch T Haare auf den Zähnen habe und ſich den Teufel um das Weibergeträtſche kümmere. S Muhme Neta ſaß in ihrem gewoͤhnlichen Abend⸗ F negligs, der braunen Schlafjacke und dem grünen Unter⸗ H rock und hackte Wurſthüllſel, als Will den Alten zu der hj ſchmalen Thüre hineinſchleppte. „Was iſt das— was in Chriſti Namen, ſoll das ei bedeuten! wo haſt Du ihn ſo aufgegabelt?“ Mit einem ie Satz war die Alte über alle Fleiſchhaufen weg, an der Thüre.„Na, da muß ich ſagen, das alte Vieh iſt ja ſi toll und voll. Schämſt Du Dich denn nicht, Ficker, z1 Du ſollteſt...“. m „Halt’s Maul, Weib! ſiehſt Du denn nicht, daß ich Kapitän bin!“ Den Hut auf dem linken Ohr, tau⸗ g. melte der Alte gegen die Wand und ſtellte ſich vor den ſe kleinen Spiegel. Es war ihm ein wahrer Genuß, ein⸗ n mal ſein Bild aus alter Zeit wieder zu ſehen.„Grüß 5 Dich Gott, grüß Dich Gott, alter Ficker!“ nickte er T ſeinem Doppelgänger mit dem Kupfergeſichte freundlich z zu.„Bravo, mein alter Junge! halt' Dich wacker, die ſe 8„mit ſammt ihrer Fleiſchbrühe mag der Teufel T olen! hte! nem inen 1.. nnte fie ein Das Halb Japa recht vohl auch um end⸗ ater⸗ der das nem der t ja cker, ich tau⸗ den ein⸗ rüß er lich die ufel 139 „Du mein Herr und Gott!— Will!“ ſchluchzte Muhme Neta.„Mußt' ich das erleben; meine Tage habe ich kein ſolches Spektakel geſehen! Ich darf ihn nur ein⸗ mal auf eigne Fauſt machen laſſen, gleich iſt der Teufel los. Ich hätte ſchwören wollen, daß er nicht zwei Stüber in der Taſche hätte.“ „Wenn wir ihn nur dazu brächten, daß er zu Bett ginge,“ meinte Will. „Was murmelſt Du da— ihr wolltet, daß ich mich hinge?“ bei dieſen Worten wandte ſich der Alte haſtig gegen ſeine theure Chehälfte. „In's Bett ſollſt Du, Vater, blos in's Bett. Du haſt des Guten ein bischen zu viel gethan; es wird ſich aber ſchon geben, ſchlaf' nur aus. Komm Alterchen, leg' Dich ein wenig auf das Sopha!“ „So, meinſt Du ich ſey voll! Marſch Herenpack! Das ſag' ich Dir, wenn Du morgen wieder mit der Fleiſchbrühe angeſtochen kommſt, ſo jag' ich Dich zum Haus hinaus— hörſt Du, Neta, ja zum Haus hinaus!“ „Ja, Väterchen, ich höre; ſchlaf' aber erſt aus, nur ein Viertelſtündchen— wenn Du wieder wach biſt, back' ich Dir auch Fleiſchpfannkuchen!“ Muhme Neta redete dem Alten ſo lange zu, bis ſie ihn endlich in's Neſt perſuadirte;— freilich mußte ſie zugeben, daß er das Friedensband, die blaue Flaſche mitnahm. Nach ein paar Minüuten ſchnarchte Papa Ficker ſo gründlich, daß ſeine liebe Aite es wagen durfte, hin zu ſchleichen und ihm die blaue Flaſche aus dem Arm zu nehmen.„Wo haſt Du ihn denn aufgetroßt? fragte ſie Will, welcher noch da ſtand, obgleich er ſich heimliche Vorwürfe machte, Liſa's Auftrag noch nicht ausgerichtet zu haben. Er ließ ihn aber nicht von der Stelle, ehe er ſeiner Mutter entdeckt hatte, was ihr Rath für eine gute Wirkung gehabt. 140 „Ich habe den Vater am Eiſenmarkt getroffen, wo ich für Liſa eine Kommiſſion beſorgen ſollte.“ Und nun folgt die Beſchreibung des kleinen, für ihn ſo intereſſanten Auftritts mit ſeiner Baſe. „Siehſt Du, ſiehſt Du? ich weiß ja, was ich weiß! halte Dich nur wacker dran, mein Junge— und ſie wird noch Deine Frau, ſo wahr ich Neta heiße! Aber ſpute Dich jetzt, ſonſt wird ſie boͤſe, daß Du ſo lange ausbleibſt. Wäre der Alte nicht geweſen.... aber Gott ſey Dank, daß Du ihn heimgebracht haſt!“ „Gute Nacht, Mutter! Wenn ich morgen Abend ein Stündchen erübrigen kann, ſo ſpringe ich einen Augenblick herüber.“ Damit ſchloß Will wie ein Pfeil die Treppe hinauf und die Straße hinab, und machte Schritte, wovon einer drei gewöhnliche maß. Auch dauerte es keine paar Minuten, ſo befand er ſich im Vorplatze des bezeichneten Hauſes in der Kirchſtraße. Er ſtieg drei Treppen hoch hinauf. Man wies ihn von einer Thüre zur andern, bis er unter dem Dache war, wo er an der erſten beſten Thüre klopfte. Ein altes Weib öffnete. „Wohnt hier der Notarius Wetterquiſt?“ „Die Thüre links.“ Die Frau verſchwand; als Will an den bezelchneten Ort kam, begann er abermals zu klopfen, ein, zwei, dreimal— aber alles vergebens. Aergerlich, den Geſuchten nicht daheim zu treffen, ging dl Wſäbe⸗ die Treppe hinab und zog abermals an der ngel. „Ich bitte um Vergebung,“ ſagte er, als ſich ein mürriſches Geſicht zeigte,“ ich wünſchte zu wiſſen, wenn der Motarius Wetterquiſt Abends nach Hauſe zu kommen pflegt?“ „Da hätte man viel zu thun!“ ließ ſich die Ge⸗ fragte bärbeißig vernehmen.„Eine Treppe tiefer woh⸗ nunn de Wirthsleute. Vielleicht weiß das Mädchen Be⸗ e » Will ſtieg tiefer hinab; jetzt ſtand ihm aber das 141— Glück bei, denn die Thüre wurde von einem hübſchen gutgekleideten Mädchen geoͤffnet, welches Will zufällig kannte, denn ſie hatte, im Auftrag ihrer Herrſchaft ſchon zuweilen Wills Biktualienbude beſucht. Will und Jungfer Marie grüßten auch deßhalb einander als alte Bekannte. „Guten Abend, liebe Marie! dienſt Du hier?“ „Guten Abend, Herr Ficker! Ei, wen ſuchen Sie denn? Doch wohl mich nicht?“ Dabei verzog Marie den Mund zu einem Lächeln, als ob ſie dieß durchaus nicht für unmöglich halte. „Nein, ich müßte lügen, wenn ich das ſagen wollte. Indeſſen freut es mich ſehr, Dich hier zu treffen, ſchöne Marie! Aber ſag mir doch, wenn Du es weißt, wann der Notar, der oben wohnt, gewöhnlich nach Hauſe kommt?“ „Ach lieber Himmel— iſt er Ihnen auch ſchuldig?“ „Nein, das iſt er nicht, ich habe etwas Anderes bei ihm zu thun. Sag' mir doch, wenn ich gewiß ſeyn kann, ihn zu treffen.“ „Wahrlich, das iſt ſchwer zu ſagen,“ lachte Marie mit einem höchſt ſchnippiſchen Geſicht.„Er iſt nie daheim.“ „Nie daheim?— wo iſt er denn da?“ „In ſeiner Stube! Aber dies nur unter uns!“ „Potz tauſend! wenn er daheim iſt, dann muß er ſtocktaub ſeyn; ich habe wahrhaftig geklopft, daß er es hören konnte.“ „Ja, wenn aber Jemand nicht zu Hauſe iſt, ſo kann er doch auch nicht aufmachen! Verſtehen Sie es denn nicht? Und nun lachte Marie aus vollem Hals über ihren Witz. „Es freut mich, daß Du ſo luſtig biſt, Marie,“ verſetzte Will, ein wenig ärgerlich.„Aber nun ſey ſo gut und ſage mir ohne Spaß, ob der Notar zu Hauſe iſt oder nicht; denn ich habe Eile!“ „Wenn es ſo iſt, werde ich Sie gewiß nicht auf⸗ 14² halten, Herr Ficker,“ und mit einer verdrießlichen Ge⸗ bärde ſchickte ſich die erzürnte Mamſell an, dem guten Will die Thüre vor der Naſe zuzuſchlagen. „Liebe Marie,“ verſetzte Will in einem ganz anderen ſehr freundlichen und vertraulichen Tone— um Liſa's Willen durfte er kein Mittel unverſucht laſſen, und— „liebſte beſte Marie, mein Herr paßt mir gewaltig auf, und rechnet eine jede Minute nach, die ich auswärts bin. Sag' mir nur, ich bitte Dich recht ſchön, wo ich den Notarius treffen kann?“ Mit dieſen Worten ver⸗ ſuchte Will ein paar ziemlich unbeholfene Kareſſen. „O Sie, gehen Sie!“ ſagte Marie und that, als ob ſie ſich ein bischen wehren wollte. Zu Hauſe iſt er, der arme Menſch; ſchon ſeit vier Tagen hat er die Naſe nicht aus der Thüre geſteckt. Es ſtreicht be⸗ ſtändig ſo ein Schloßkanzleidiener um unſer Haus, und dieß iſt der Grund, warum ſich der Notarius ſelbſt Stubenarreſt aufgelegt hat; ginge er aus, ſo würde ihn jener alsbald beim Kragen packen. Ich bringe ihm täg⸗ lich ſein Mittageſſen, und dieß iſt alles, was er genießt.“ „Der arme Menſch! ſagte Will mitleidig.“ „Ach ja,'s iſt wahrlich Schade um ihn! er iſt ſo ordentlich, aber leider blutarm. Er thut den ganzen Tag Nichts, als eine Maſſe Verſe ſchreiben, welche er verkaufen will. Die Frau, welche nebenan wohnt, ſagt, daß er ganze Nächte im Zimmer auf und abgehe, und laut leſe. Den Tag über hält er ſich aber ganz ſtilll, wie eine Katze. „Aber wie lange wird er das ausführen können? fragte Will. „Sicher nicht lange. Am Ende muß er doch in den Schuldthurm ſpazieren, wenn nicht bald die erwar⸗ teten Gelder aus Weſtgothland kommen,„heute hat er noch kein Mittageſſen begehrt.“ „ Ich bringe gerade Geld für ihn,“ rief Will freu⸗ dig aus, als ob er ſich jetzt erſt ſeines Auftrags wieder erinnerte.„Ach, wenn ich nur zu ihm hinein koͤnnte!“ Her gen hin 143 „Geld bringen Sie? Da dürfen Sie wohl hinein, Herr Ficker; ich will vorausgehen.“ Und ſchnell ſpran⸗ gen Beide die Treppe hinauf. 9 Sen Notarius,“ flüſterte Marie zum Schlüſſelloch nein. „Was gibts?“ „Geld!“ „Geld?— An wen? An mich?“ „Ja,'s iſt ein Herr da, der Ihnen Geld bringt, machen Sie geſchwind auf, denn er hat Eile. Der arme Wetterquiſt war ſo in der Klemme, daß er dem guten Wetter nicht traute, und den Verdacht hegte, es moͤchte hinter dieſer Freudenpoſt irgend ein ſchlechter Witz ſtecken, deßhalb fragte er vorſichtig:„Wer ſchickt denn das Geld?“ „Frau Norman, für das verkaufte Bild,“ erwie⸗ derte Will mit freundlicher Stimme. „Gott ſey Dank!“ dachte der Notarius, welcher geſtern ſein letztes Geld ausgegeben hatte, öffnete die Thüre und bat Will, mit einer Art vornehmer Höflich⸗ keit einzutreten. Der Grund, warum Wetterquiſt ſich nicht ſchon längſt bei Frau Norman um die Sache erkundigt hatte, war der, daß er fürchtete, Liſa moͤchte ihrer Mutter den Erfolg der Zuſammenkunft im Hopfengarten mitgetheilt haben, weßhalb er lieber noch ſo krumm liegen wollte, als der erzürnten Mutter unter die Augen zu treten. Als er aber aus Wills Auftrag ſah, daß ſich die ſtolze Liſa nicht zu Klagen erniedrigt hatte— ein Zug, wel⸗ cher ſie, im Vorbeigehen geſagt, in den Augen ihres früheren Liebhabers wieder in die Hoͤhe ſtellte— nahm der Notarius ſogleich die Miene eines Mannes an, der mit einem Untergeordneten ſpricht. „Meine Baſe... begann Will, da er ſich aber ſchnell beſann, daß die Hofmeiſterin ihm eingeprägt hatte, einen Gruß von Ihr und nicht von Lucie auszurichten, ſo verbeſſerte er ſich geſchwind...„meine Muhme, Frau 144 Fogelquiſt fürchtete, der Herr Notarius möchten nicht ganz wohl ſeyn, da Sie das Geld für das Gemälde noch nicht abgeholt hätten, deßhalb ſchickt ſie mich im Auftrage der Frau Norman zu Ihnen.“ „Ich war nicht gewiß, ob ſie es verkauft haben würde und wollte heute Abend oder morgen früh nach⸗ fragen. Inzwiſchen danke ich Ihnen für Ihre Mühe. Haben Sie die Güte, der Frau Fogelquiſt zu ſagen, daß ich vollkommen wohl ſey und ſowohl Ihr, als Fräulein Lucie meine ſchoͤnſte Empfehlung machen laſſe.“ Will verſtand recht wohl, daß dieſe Worte des No⸗ tarius, während er das Geld nahm und durchzählte, für ihn ein handgreiflicher, wenn auch nicht ſehr artiger Abſchied war, und obgleich es nicht leicht einen Menſchen gab, welcher eine weniger hohe Meinung von ſich hatte, als unſer beſcheidener Will, ſo ſchien es ihm doch beim Umherblicken in der Stube, daß der Inhaber nicht nö⸗ thig hätte, einen ſo vornehmen und herablaſſenden Ton anzunehmen. Freilich konnte er für den Notarius in ſeiner mißlichen Lage nichts thun, allein Will war eine ſo ehrliche Haut— er meinte es mit der ganzen Welt ſo gut.— Es hätte ihn nichts mehr gefreut, als wenn er dem Notarius auch nur den geringſten Dienſt hätte leiſten können. In Folge dieſer Empfindung überwand Will ſeine Schüchternheit, und nachdem er eine Weile etwas verle⸗ gen dageſtanden hatte, äußerte er: „Nehmen Sie es nicht übel! ich verſtehe wohl, daß Sie meinen, ich ſolle gehen, aber ich weiß— habe er⸗ fahren— daß der Herr Notarius in Verlegenheit find, und da wollte ich wohlgemeint gefragt haben, ob ich Ihnen nicht vielleicht einen Dienſt leiſten könnte? wenn man allein ſteht und keine Freunde hat, denke ich, kann auch der Unbedeutendſte..“ Seine Schüchternheit hin⸗ derte ihn an dem Schluſſe ſeiner Rede; ein mehrmaliges Huſten ließ das Weitere errathen. „Dank, dank mein Freund!“ erwiederte der Nota⸗ 145 rius erröthend.„So ſchlimm iſt es nicht. Ich merke, daß Marie ſehr dienſtfertig war; aber die einfältige Gans“— es war ein Glück, daß Marie ſich ſchon wie⸗ der entfernt hatte.—„Was verſteht dieſe von Männer⸗ angelegenheiten! Gleichwohl danke ich Ihnen für Ihre gute Abſicht.“ Will erroͤthete gleichfalls, er merkte, daß er mit ſeiner Gutmüthigkeit an den unrechten Mann gekommen war, und mit unwirſchem Trotz, welcher ihn gar nicht übel kleidete, verſetzte er: „Ich hoffe, Sie werden meine Zudringlichkeit ent⸗ ſchuldigen, Herr Notarius! Ich wenigſtens werde nicht mehr weiter daran denken, daß ich meinen guten Willen an Jemand weggeworfen, deſſen Rock zu tragen ich die Ehre habe.“ Gin zorniger Blick der Verachtung traf Will; allein er gab ihn ruhig zurück, verbeugte ſich und ging. „Was dieß ein hochmüthiger Bengel ſſt!!“ ſagte Will, noch roth vor Aerger, als er ſeiner Muhme Malla und Liſa von ſeinem Auftrage Rechenſchaft gab.„Aber ich habe ihm gehörig hinausg egeben!“ ſetzte er hinzu, und triumphirte bei dem Gedanken an den Hieb, welchen er ihm verſetzt hatte. „Das iſt ein unverſchämter naſenweißer Schlingel!“ dachte der Notarius.„So etwas muß man ſich gefal⸗ len laſſen, wenn man— arm iſt. Arm, holliſches Wort, aber noch hölliſchere Wirklichkeit! Wie kann man leben, wenn man täglich in Armuth vergeht, und ſich zu Tode ſchämen muß? Und doch lebt der im Ueberfluß, welcher eigentlich..! Aber was weiß der, oder wie ſoll 3 etwas von mir erfahren?— aber nicht durch mich, azu bin ich zu ſtolz. Als Jüngling wußte ich der Dürf⸗ ezen Trotz zu bieten, der Mann wird ſich nicht minder ſtark zeigen. Mehr als einmal kann man nicht ſterben! — und lieber dieß, als wie ein Bettler vor die Thüre desjenigen zu kommen, deſſen Pflicht es wäre, mir Alles zu geben. Ich könnte mein Geſchick verfluchen, wenn 146 es mir nicht zuweilen eine wahnſinnige Luſt wäre, da⸗ gegen zu kämpfen, dieſe hier...“ Die beiden letzten Worte, welche Wetterquiſt mit einem ſtarken und eigenthümlichen Accent ſprach, galten ein paar Gedichtheften, welche er vom Tiſche nahm, und mit einem Blicke betrachtete, in welchem man deutlich die Fortſetzung leſen konnte:„werden mir Alles er⸗ ſetzen. Es ſind die Kinder meines Geiſtes, die Frucht langer Nachtwachen. Ich habe nicht umſonſt geſprochen, meine Stimme wird gehört, mein Name bekannt werden, bewundert, vielleicht wohl vergoͤttert! Dann erſt wird es Zeit ſeyn, aus dem Dunkel hervorzutreten, um ge⸗ wiſſe Anſprüche zu verfolgen, wenn ich mir ſelbſt den Lorbeerkranz um die Schläfe gewunden habe.“ Dabei betrachtete der arme verblendete Notarius mit Vaterliebe ſeine Geiſteserzeugniſſe, bis eine feurige Phantaſie ihn in jene höhere Sphären emporhob, wo ſeine Gedanken ſo gerne ſchwärmten. Seine Luftreiſe führte ihn für dieß Mal in ſein prachtvoll möblirtes Kabinet, wo er auf ſammtnem Lehnſtuhle ſaß. Mit unterthäniger Miene ſtand ſein Sekretär neben ihm und gab auf den geringſten ſeiner Befehle Acht. Sein Kammerdiener trat mit einem tiefen Bückling ein und meldete den Grafen So und So. Aber gerade als er ſich beſann, ob er ihn annehmen wolle oder nicht, zerplatzte die ſchöne Seifenblaſe bei dem Tone von Mariens Stimme, welche ſich abermals am Schlüſſelloche hören ließ. „Was iſt's denn nun wieder?“ fuhr der Notarius auf, welcher, wie man ſich wohl denken kann, nicht we⸗ niger verdrießlich über die Stoͤrung war. „Ich dachte nur, da Sie jetzt Geld haben, Herr Notarius, ſo wollten Sie vielleicht Etwas zu Mittag eſſen— auch hab' ich hier einen Brief.“ „Einen Brief? ha, wahrſcheinlich von meinem frü⸗ hern Vormund; heut' lächelt mir das Glück.“ Er ſchob einen Zehnthalerſchein zur Thüre hinaus, bat Marien ihm eine Portion Cotelettes mit grünen Erbſen nebſt 147 einer halben Flaſche Porter zu beſorgen und ihm den Brief zu reichen. „Er iſt nicht frankirt,“ ſagte Marie, welche ihm am Geſichte anſah, daß er dieß erwartet hatte. Der Nota⸗ rius ſchlug die Thüre heftig zu, riß den Brief auf und las: „Mein lieber Ernſt! Es thut mir ſehr leid, daß ich nicht im Stande bin Dir auszuhelfen; aber Du wirſt, oder ſollteſt wenigſtens einſehen, daß ich ſchon weit mehr für Dich gethan habe, als ein Mann mit ſo vielen unverſorgten Kindern kann und darf. Warum ſtreckſt Du Dich nicht nach Deiner Decke? Ich ſollte meinen...“. Ohne weiter zu leſen, zerriß der Notarius den Brief in tauſend Stücke.„Nach meiner Decke ſoll ich mich ſtrecken! Meine ganze Jahreseinnahme beträgt achtzig Thaler! und doch habe ich Leib und Seele; der Leib fühlt den Hunger— und an der Seele nagen die Höl⸗ lengeiſter der Erniedrigung. Mag nun der Schlüſſel au⸗ ßen an der Thüre ſtecken, es hilft doch zu Nichts und mag es auch führen, wohin es will, wenn es nur zum Ende führt. Bei Menſchen iſt kein Erbarmen; bei Gott...“ Hier ſchwieg er plötzlich. Die Schmähung, welche ſeine Zunge auszuſprechen im Begriffe war, kam nicht über ſeine Lippen. Allein ſeine Gedanken waren jetzt düſter und hoffnungslos. Nirgends hatte er eine Stütze. Aus den Höhen der ſchimmernden Illuſion in den Abgrund der ſchwärzeſten Wirklichkeit hinabgeſtürzt, verzweifelte er in dieſem Augenblicke an Allem— ſein Geiſt verirrte ſich in ein Labyrinth vermeſſener Spitzfindigkeiten. Feige, ſündige Gedanken thürmten ſich in ihm auf. Seine ge⸗ ſunde überwiegende Vernunft glich einem einſamen ſpär⸗ lich auflodernden Lichte, welches mit dem letzten Fünk⸗ chen Glauben zu erſterben drohte. 148 Dreizehntes Kapitel. Kammerer Laßmans Fahrt nach Karlsberg und Zuſammenkunft allda mit ſeiner Zukünftigen. Der Kammerer Laßman ſtand vor einem großen, mit Seehundfellen überzogenen Koffer im Triangel, und holte ein Kleidungsſtück nach dem andern hervor, blies jedes ſorgfältig ab und wendete es nach allen Seiten um; endlich hatte er Alles, was zu einer gehörigen Toi⸗ lette gehört. Schwarzen Frack und ſchwarze Hoſen, weiß⸗ gelbe Weſte und ditto Halsbinde. Dieſe ausgeſuchten Artikel, welche ihrerzeit höchſt elegant geweſen waren— denn aus reiner Sparſamkeit hielt der Kammerer ſtets auf den feinſten Anzug— wur⸗ den nun an einer Leine aufgehängt, welche quer über den Triangel ging, erhielten dann von dem Kammerer ver⸗ ſchiedene Ermunterungshiebe mit einer dünnen Gerte, worauf er ſie ausbürſtete und zum ferneren Auslüften hängen ließ. Heute war der große, merkwürdige Tag, wo unſer alter Kammerer ſein Loos aus der Eheſtands⸗ oder wenigſtens Liebesurne ziehen ſollte. Heute ſollte er ſeine künftige Ehehälfte ſehen; ehe er wieder in ſeine theuren vier Pfähle zurückkehrte, war er Bräutigam! Mit Einem Worte, es war der Tag, wo der geheimniß⸗ volle Rendezvous in der Karlsberg⸗Allee ſtattfinden ſollte. Der Kammerer aß ſchon gegen ein Uhr zu Mittag, um ſich dann bis zu dem Augenblick, wo er den verhäng⸗ nißvollen Weg antreten ſollte, ungeſtört ſeinen Gedanken überlaſſen zu können. Während er Tollette machte, wurde es ihm doch nach und nach etwas bange um das Herz bei dem Gedanken, daß ſich von nun an die Ausgaben verdoppeln würden. Nicht für ihn ſelbſt— in dieſer Be⸗ ziehung hatte er keine Aenderung im Sinne, und es war bei ihm eine ausgemachte Sache, daß das erwähnte ſchwarze Kleid ſein Bräutigamsſtaat ſeyn ſollte, denn obglei lend von — al nicht ſionen doch Anf ohned eine läugbe glück Reich⸗ weibli unbere rer, werde ſtatt würde an ne wäre nete i namen ſchreck und 5 hinzu, im J ihn ſe der K Ehem ſenbue davon lichſten nicht Kamn nomm Zeit, nkunft roßen, „ und blies Seiten Toi⸗ weiß⸗ höchſt amkelt wur⸗ er den r ver⸗ Gerte, llüften Tag, tands⸗ lte er ſeine igam! mniß⸗ ollte. eittag, häng⸗ danken wurde Herz gaben r Be⸗ 3 war dähnte denn 149 obgleich nicht mehr neu, war es doch noch nicht auffal⸗ lend fadenſcheinig: deßwegen hatte es, mit Ausnahme von ein paar Kleinigkeiten, für ſeine Perſon keine Noth — aber eine Frau, da lautet es ſchon anders, das iſt nicht ſo leicht abgemacht. Freilich allzu große Präten⸗ ſionen durfte ſie nicht machen, allein filzig durfte er ſich doch auch nicht finden laſſen, wenigſtens nicht im Anfange. Vielleicht war auch ihre Garderobe ſchon ohnedem wohlbeſtellt. Indeſſen war dieß leider immer eine ungewiſſe Sache, da es in jedem Betracht ein un⸗ läugbares und für einen Chemann ſehr fühlbares Un⸗ glück iſt, daß man neben andern Motionen auf dem Reichstage noch keine auf Einführung einer gemeinſamen weiblichen Nationaltracht gemacht hat.„Was für ein unberechenbarer Vortheil wäre es,“ dachte der Kamme⸗ rer, wie viel eitler und unnützer Tand würde geſpart werden, wie viele Männer könnten in Ruhe zu Hauſe, ſtatt in dem Schuldthurme ſitzen, wie manche Frau würde dann ihr Hausweſen beſorgen, ſtatt unaufhoͤrlich an neue Kleider und Moden zu denken— ach! was wäre dieß für ein Gewinn!“ Der Kammerer überrech⸗ nete in Gedanken, um wie viel reicher der Staat und namentlich jeder Privatmann ſeyn könnte, wenn der ſchrecklichen und thoͤrichten Putzwuth der Weiber Maß und Ziel geſetzt würde.„Mein’ Seel,“ ſetzte er laut hinzu,„ſchämen ſie ſich doch nicht, zwei oder drei Kleider im Jahr zu verlangen!“ Mit dieſen Worten, welche ihn ſelbſt in eine Art frommer Rührung verſetzten, ſchloß der Kammerer ſeinen Ueberſchlag über das Staats⸗ und Chemannsbudget, um nachzuſehen, was ſein eigenes Kaſ⸗ ſenbuch zu ſolchen enormen Ausgaben ſagte; das Reſultat davon war die Ueberzeugung, daß er ſich auch im glück⸗ lichſten Falle bei der künftigen neuen Ordnung der Dinge nicht ſonderlich wohl befinden werde.„Aber,“ ſagte der Kammerer ſich ſelbſt tröſtend,„hat man die Gais ange⸗ nommen, ſo muß man ſie auch hüten. Jetzt iſt es aber Zeit, daß ich mich anziehe.“ 150 In ſeinem weiten ſchwarzen Frack und den anliegen⸗ den Beinkleidern, welche herrlich zeigten, daß unſer Held früher auch ein Mal Schenkel und Waden gehabt hatte, in der weißen Weſte mit dem umgelegten Shawl⸗ kragen, dem altväteriſchen Spitzenjabot und der weißen Halsbinde über zwei oder drei andern Tüchern, welche eine unüberſteigliche Schutzwehr um das fein raſirte Kinn bildeten, ſtand der Kammerer vor dem Spiegel, legte ſein Haar in zierliche Locken an beide Seiten der Stirne, auf welcher noch die hellen Schweißtropfen von der An⸗ ſtrengung ſtanden, welche ihn die glückliche Vollendung ſei⸗ ner Toilette gekoſtet hatte. „So, ſo geht's,“ ſagte der Alte vergnügt und ſtrich ſich ein paar Mal den Bart, um zugleich die etwas ſteife Halsbinde in bequemere Lage zu bringen,„ſo wird ſich's prächtig machen!“ Um noch ſtolzer aufzutreten, holte er aus der Goldſchublade im Pult eine goldene Schnupf⸗ tabaksdoſe hervor und aus dem Triangel ein karrirtes ſeidenes Taſchentuch. Nachdem er fertig war, Alles wie⸗ der an dem rechten Platze lag, und er ein paar Mal, nach alter Gewohnheit, den Staub im Vorzimmer abgewiſcht hatte, ging der Kammerer auf die Thüre zu, nicht ohne ſeinen Freunden in den Drahtkäfigen zum Abſchiede zuzu⸗ nicken, gleich als warte er, daß ſie ihm Glück auf den Weg wünſchen ſollten. Aber die kleinen Geſchöpfe ſchwie⸗ gen ganz ſtill und die lauſchenden Ohren des Freiers ver⸗ nahmen auch nicht das leiſeſte Gezwitſcher. „Wir winden dir den Jungfernkranz“ trillerte der Kammerer ſelbſt, in beſter Laune, ſchloß ab und ging ſeiner Wege. Kaum war er auf der Straße, ſo erinnerte er ſich übrigens, daß, im Falle er irgend einem Bekannten begegnen ſollte, ſein Anzug Veranlaſſung zu neugierigen Fragen geben könnte. Um dieſem zuvorzukommen, kehrte er wieder um, und trotz der Unbequemlichkeit mußte er ſich gleichwohl entſchließen, ſeine ſtattliche Perſon in den alten abgeſchoſſenen Sommermantel einzuhüllen, welcher liegen⸗ unſer gehabt Shawl⸗ weißen welche Kinn legte Stirne, r An⸗ ng ſei⸗ ſtrich ſteife ſich's olte er hnupf⸗ rrirtes 3 wie⸗ nach eiſcht t ohne zuzu⸗ uf den ſchwie⸗ s ver⸗ loß ab er ſich annten jerigen kehrte ißte er in den velcher 151 vor Olimszeiten blau geweſen war.„Was hab' ich doch damals für einen dummen Handel gemacht, als ich mir das Zeug da kaufte! Der Spitzbube Lindgren hat mir es aufgeſchwatzt. Erſt fünf Jahre habe ich den Mantel und doch ſieht er aus, als hätte er ſchon fünfzig Jahre Dienſt gethan.“ Während unſer Kammerer ſo über ſein Mißgeſchick jammerte, was übrigens den Vortheil hatte, daß ſein Gemüth wieder in einiges Gleichgewicht kam, begab er ſich abermals auf den Weg, und kam, ohne irgend Jemand zu begegnen, glücklich zu der Brücke am Koͤnigsholm. Da eben ein Boot abgehen wollte, beſchloß er, mit⸗ zufahren. Eigentlich war es noch eine Stunde zu früh, jedenfalls aber in den ſchattigen Alleen von Karlsberg kühler, als da, wo er jetzt ſtand. Während das Boot unter raſchem Ruderſchlage über das Waſſer hinglitt, ſaß der Kammerer in dem Hinter⸗ theile und überließ ſich ſeinen poetiſchen Betrachtungen über den herrlichen Tag und die Naturſchönheiten um ihn her. Aber plötzlich ging ſeinem Innern ein anderes Licht auf, ein Licht, vor welchem die Natur vollſtändig in den Hintergrund trat. Seine Augen ſielen nämlich auf ein Frauenzimmer, welches mit ihm die einzige Ladung des Bootes ausmachte, denn ein paar Mägde mit Körben und drei Kindern überſah er völlig. Bemeldetes Frauenzimmer hatte ein ganz hübſches Geſichtchen und ein paar Augen, welche ſchuchtern auf den Wellen hafteten, um des Kammerers neugierige Blicke zu vermeiden. Im Uebrigen war ihr Anzug gerade von jener großen Einfachheit, welche der Kammerer ſo unendlich hoch ſchätzte, und welche nun ganz beſonders zu ſeinem Herzen ſprach, denn unaufhörlich flüſterte ihm eine heimliche Stimme zu:„Dieſer ſchwarze Baum⸗ wollenzeugmantel verbirgt ſicher die Perſon, welche du treffen ſollſt; gewiß iſt ſie, wie ich, von der Wichtigkeit des Tages getrieben, gleichfalls zeitlich ausgegangen, und die ſchüchterne Miene, welche ihr gar nicht übel ſteht, und die Sorgfalt, mit der ſie den Schleier vorzieht, geben zu erkennen, daß ſie etwas Heimliches auf ihrem Herzen hat. Ob ich mich ihr wohl nähere?“ Der Kammerer bedachte eine Weile das Unpaſſende einer ſolchen Dreiſtigkeit, denn möglicherweiſe konnte er ja auch im Irrthume ſeyn. Aber die innere Stimme läßt nicht mit ſich markten; unaufhörlich rief ſie:„nur friſch drauf los, Laßman! nicht ängſtlich— du haſt es am Ende doch getroffen.“ „Sie ſitzen ja mitten in der Sonne, wollen Sie ſich nicht näher hieher begeben? Haben Sie doch die Güte!“ Mit dieſen Worten, welche ihm ſehr glücklich gewählt ſchienen, leitete er die erſehnte Unterhandlung ein. Aber der Schwarzmantel behauptete hartnäckig ſeinen Mla und der braune Schleier ward um kein Haar breit gelüftet. „Wie ſchüchtern ſie iſt!“ dachte Laßman.„Freilich kann ſie nicht wiſſen, wer ich bin, ſondern hält mich für einen von den einfältigen Haſenfüßen, welche ſich einen Spaß daraus machen, die Frauenzimmer zu beunruhigen.“ Der Kammerer vergaß ganz und gar, daß ſein Ausſehen ihn von dem Vorwurf, zu den Gelbſchnäbeln zu gehören, durch aus frei ſprach. „Ich muß es in einem andern Tone probiren,“ ſagte er vor ſich hin;„ich thue beſſer, ſpezieller auf die Sache los zu gehen. „Madame, Sie erlauben, der Beweggrund Ihrer Neiſe iſt mir vielleicht nicht ganz unbekannt.“ Das Frauenzimmer im braunen Schleier rückte noch weiter von ihm weg und war offenbar in Furcht und Unruhe. Der Kammerer rückte ihr ein paar Zoll näher. „Seyen Sie überzeugt, Madame, daß ich durchaus nicht die Abſicht habe, Sie irgend zu beunruhigen; ſollte ich mich übrigens in Ihrer Perſon irren, ſo bitte ich gehor⸗ ſamſt um Verzeihung.“ „Ich weiß nicht— verſtehe Sie nicht,“ ſtotterte —,— chrer heiter he. äher. nicht e ich ehor⸗ tterte 153 endlich die Unbekannte und zog ſich ſo weit als möglich zurück:„was wollen Sie denn von mir? „Ich wollte nur gehorſamſt fragen, ob Karlberg das Ziel Ihrer Reiſe iſt?“ 2 „Ja; aber... „Aber Ihre Schüchternheit hindert Sie mehr zu ſagen. Das iſt ſehr natürlich! was ſagen Sie aber dazu, Madame, wenn ich Ihnen erkläre, daß die Perſon, welche Sie dort zu treffen gedenken, juſt hier Ihnen gegenüber ſitzt?“. „Seyen Sie ſo gut und laſſen Sie mich ungeſcho⸗ ren!“ ſagte das Frauenzimmer, welches nicht im Minde⸗ ſten aufgelegt ſchien, ſich in irgend ein Abentheuer ein⸗ zulaſſen.„Außerdem bin ich auch gar keine Madame, ſondern ein Nähmädchen, und will zu meiner Herrſchaft nach Karlberg.“ „O—o l“ fuhr der Kammerer heraus, gänzlich aus dem Konzept gebracht.„Da muß ich ſehr um Ver⸗ zeihung bitten, meine liebe Mamſell, daß ich eine Unart begangen habe. Ich glaubte, mein' Seel'— ich dachte — ich bildete mir ein, hm, zum Teufel— das war dumm!“ Die letzten Worte murmelte er halblaut zwi⸗ ſchen den Zähnen und zog ſich ganz entmuthigt zurück. Er wunderte ſich nun ſelbſt, wie ihm ſeine Einbildung einen ſolchen Streich hatte ſpielen koͤnnen; dabei fiel es ihm wie ein Mühlſtein auf's Herz, daß er ja eine Sache von hoher, wo nicht höchſter Wichtigkeit vergeſſen habe, nämlich mit der erwarteten Dame ein Erkennungszeichen zu verabreden. Die übrige Zeit ſprach der Kammerer kein Wort. Kaum hatte das Boot angelandet, ſo ſah er ſeine neue Bekanntſchaft hurtig davoneilen; ein paar Sekunden lang flatterte der ſchwarze Mantel die Schloßtreppe hinauf, und verſchwand dann im Eingange vor den faſt mecha⸗ niſch folgenden Blicken des Kammerers. Nachdem Laßman ſein Fahrgeld bezahlt und eine Kammerer Laßman. I. 11 154 Weile dem Spiele der Kadetten im Hofe zugeſehen hatte, bog er rechts um das Schloß und folgte dem hübſchen Weg am Damm vorüber die großen Alleen hinab. Die Hitze hatte nachgelaſſen. Friſche Lüfte wehten durch die Kronen der alternden Bäume und wiegten ihre dichtbelaubten Zweige auf und nieder. Unſerm Kammerer ging das Herz auf. Natur und Stell Dich ein— welch' gefährliche Vereinigung, ſelbſt für einen alten Jung⸗ geſellen! er begann gleichſam neu aufzuleben und machte einen raſchen Sprung zwanzig bis dreißig Jahre rück⸗ wärts. Damals, mußte er zugeben, wäre freilich ein Augenblick, wie er ihn jetzt erwartete, beſſer am Platze geweſen;„aber beſſer ſpät als nie,“ tröſtete er ſich und fühlte wieder einen Funken Jugendfeuer in ſich, ſo daß er noch hinlänglich Wärme und Gefühl übrig zu haben glaubte, um an der Seite einer Gattin nicht zu erfrieren. Langſam ſchlich die Zeit dahin; noch fehlte beinahe eine Viertelſtunde an der beſtimmten Zeit, dennoch durch⸗ zuckte unſern Kammerer eine unſägliche Unruhe, ſo oft er einen wehenden Schleier, einen Shawl oder etwas derartiges von Ferne zu erblicken glaubte. Aber jetzt betrog er ſich gewiß nicht. Vom Ende der Allee kam wirklich ein Frauenzimmer herauf und in ihrem Wuchs und Gang lag, wie dem Kammerer dünkte, etwas höchſt Majeſtätiſches. Ihr Antlitz ſah er nicht, denn ſie hielt einen Sonnenſchirm vor. Laßman ſtand auf, befreite ſich haſtig von ein paar naſeweiſen Zweigen, welche ſich an ſeinen Beinkleidern ſeſtgehackt hatten, zupfte den Kra⸗ vattenzipfel, den Jabot und Halstuchwulſt zurecht, ließ den Mantel am Boden liegen und ging der Kommenden mit abgemeſſenem würdevollen Schritte entgegen. Unſer Kammerer hatte nicht im Sinne, ſich einem abermaligen Mißverſtändniſſe auszuſetzen. Deßhalb hielt er ſich ziem⸗ lich bei Seite, als er aber der Spaziergängerin ſo nahe war, daß er ihr unter den Sonnenſchirm ſehen konnte, ließ er ſeine Augen, buchſtäblich geſagt, auf ſie nieder⸗ fallen. Die Dame blickte ihn übrigens ſo vornehm und atte, chen ehten ihre nerer elch' ung⸗ achte rück⸗ hein Zlatze und daß haben eren. inahe urch⸗ boft etwas jetzt kam Juchs höchſt hielt freite e ſich Kra⸗ ließ enden Unſer aligen ziem⸗ nahe onnte, ieder⸗ 15⁵ kalt an, daß er ohne alle weitere Erklärung wußte, dieſe ſey nicht die Rechte. Er ſetzte ſeinen Weg fort und gerieth beinahe in Verzweiflung, als er Nichts und abermals Nichts wie lauter ganzen Familien mit Kindern und Spoeiſekörben begegnete. „Ich glaube, der Böſe hat mir heute die ganze Welt auf den Hals geſchickt!“ rief er zornig aus und kehrte zu ſeinem früheren Platz zurück, damit ihm nicht ſein blauer Kamelottmantel abhanden kommen nöchte. Als die Glocke endlich faſt halb ſieben und die Allee bei⸗ nahe leer war, trat der Kammerer eine abermalige Wan⸗ derung an. Jetzt wurde ihm aber ſicher der Lohn für allen ausgeſtandenen Verdruß,— denn eine ſtattlich ge⸗ wachſene Matrone ſchwebte ihm entgegen; ſie trug einen Strohhut mit großem Schirm und dicht anliegendem ſchwarzen Schleier, und einen grauen, etwas knappen Seidenmantel, ganz dazu geeignet, den reſpektabeln Um⸗ fang und die gediegenen Proportionen der Dame zu ver⸗ rathen. „Das iſt ja ein ungeheures Stück!“ Der Ausdruck iſt zwar nicht fein, dennoch entſchlüpfte er leiſe den Lip⸗ pen des Kammeres, als er ſeine Schöne näher ins Auge faßte.„Deßhalb kann ſie übrigens doch eine ganz brave Perſon ſeyn,“ ſetzte er in verſöhnendem Tone hinzu.“ An der Art wie das Frauenzimmer die Allee herauf⸗ kam, ihren Kopf bald rechts, bald links drehte, als ſuche ſie Jemand, nahm der Kammerer für ausgemacht an, daß er das Ziel ſeines Strebens erreicht habe, und nach⸗ dem beide Theile eine Weile hin und her gekreuzt, ſich gedreht und wieder einander angeſehen hatten, glaubte er, es ſeye nun Zeit, einige nähere Unterſuchungen anzuſtel⸗ len, um ſich vollſtändig zu überzeugen, ob er auf der rech⸗ ten Fährde ſey. „Suchen Sie vielleicht Jemand, Madame?“ fragte er mit einer ſo zarten und lleblichen Stimme, daß keiner 156 ſeiner Bekannten ihn daran zu erkennen im Stande gewe⸗ ſen wäre. Das Frauenzimmer nickte. Die Antwort war deut⸗ lich, allein er vernahm keinen Ton. Der dicht zuſammen⸗ gewickelte Schleier ſaß ihr aber auch wie feſtgekleiſtert vor dem Geſichte; vielleicht hielt ſie ihn gar mit den Zäh⸗ nen feſt, um gehörig verborgen zu ſeyn. „In dieſem Falle,“ fuhr der Kammerer mit derſel⸗ ben verſtellten Stimme fort,„erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Arm biete! Ich bin es, der das Vergnü⸗ gen, was ſoll ich ſagen, das unſchätzbare Glück hatte, Ihr Geehrtes zu empfangen.“ Der Kammerer ſpürte plötzlich ein heftiges Zucken in dem Arme, welcher in dem Seinigen lag. Sie ent⸗ zog ihm denſelben aber nicht, obgleich, wie es ihm be⸗ dünken wollte, nicht mehr mit dem herzlichen Gegendruck wie früher. Der Freier ſchrieb dieſen kleinen Umſtand übrigens auf Rechnung der Verſchämtheit, und fuhr mit großer Ausführlichkeit fort:„Die Sache verhält ſich ſo, meine beſte Madame, ich bin des Junggeſellenlebens ſatt. Ich fühle, wie nunmehr Unbequemlichkeiten dieſer Zuſtand mit ſich führt, und ſehe ein, daß es mit jedem Tage ſchlimmer wird, deßhalb habe ich ſeit manchen, ich kann wohl ſagen, vielen Jahren, die Sache gründlich erwogen, ehe ich dieſen Schritt that....“ Dabei fand es der Kammerer paſſend, den Arm ſeiner ſtummen Zuhörerin ſanft zu drücken; nachdem er ſeine goldene Doſe heraus⸗ gezogen, eine Priſe genommen und ſeiner Schoͤnen gleich⸗ falls eine präſentirt hatte— vielleicht eine Finte, damit ſie den Schleier lüften möchte— welches ſie aber kopf⸗ ſchüttelnd ablehnte, fuhr er in ſeinem natürlichen Tone und mit einer gewiſſen Vertraulichkeit fort:„Dieſer Schritt iſt um ſo dringender, als mich von allen Seiten hab⸗ gierige Verwandte umgeben, welche mir täglich den Tod wünſchen, um mit meinem, im Schweiße meines Ange⸗ ſichts erworbenen Vermögen wirthſchaften zu können. Allein ehe wir in dieſer hochwichtigen Angelegenheit zu 157 einem Entſchluß kommen oder eigentlich ſie mit einander überlegen koͤnnen, fordert es die Nothwendigkeit, daß Sie die Güte haben, mich mit Ihren Gedanken bekannt zu machen.— Laſſen Sie uns aufrichtig ſeyn und von Angeſicht zu Angeſicht frei von der Leber weg reden.“ Ein heftiges Lachen, gleich dem pruſtenden Geziſch einer Katze, ſchallte unter dem Schleier hervor, und mit einer Wendung, wie ſie ein junges Mädchen kaum ge⸗ macht haben würde, ließ die Unbekannte den Arm des erſtaunten Kammerers los und rannte in kurzem Trab den Weg zurück, den ſie eben mit einander zurückgelegt hatten. Man kann ſich indeſſen leicht denken, daß unſer Kammerer nicht gemeint war, der Sache auf dieſe Weiſe ihren Lauf zu laſſen. Er beſann ſich keinen Augenblick, eilte hinter ihr her und faßte ſie aufs Neue, nicht ſehr artig, an dem widerſtrebenden Arm. „Pardon, Madame, obgleich ich ein alter Kerl bin, laß ich mich doch nicht zum Narren halten, mein' Seel'’, dazu hab ich keine Luſt! Ich gehe nicht von der Stelle, bis Sie den Schleier weggenommen haben, denn ich will der in das Geſicht ſehen, welche ſich herausgenommen hat, mit einem ehrſamen und geſetzten Junggeſellen ihr Spiel zu treiben!“ Die Dame wandte ſich in offenbarem Zorn ab, allein es konnte ihr nichts helfen, und da ſie ſich nicht gutwillig fügen wollte, faßte der Kammerer den ritter⸗ lichen Entſchluß, ihr den Schleier vom Geſicht zu reißen. Aber wenn ihn eine Schlange gebiſſen hätte, wäre er nicht heftiger zurückgeprallt. „Was Teufel Du biſts, Dora, die ſich einen Mann ſucht!“ rief er zugleich beſchämt und aufgebracht aus, als er Frau Normans Geſicht erkannte und ihr hämiſcher Blick feine Augen traf:„Du alter geckenhafter Hausnarr, Du willſt Dir eine Frau ſuchen und heirathen? Ha, ha, ha, ha! Hat man je ſo etwas Tolles gehoͤrt! ja, ja— das iſt in der That ein rechtes Unglück, daß Du von 158 lauter habgierigen Verwandten umgeben biſt, welche Dir den Tod wünſchen! Ach was für eine rührende Geſchichte! 's iſt in der That zum Weinen. Pfui Henker, Du alter Narr, ſich ſo zum Geſpötte der Leute zu machen! hei⸗ rathen! heirathen! ja, Du biſt mir der Rechte dazu wahrhaftig, ich möchte mich todtlachen, wenn ich nul daran denke, ſo ein Narrenkerl will Bräutigam werden!“ Dabei machte Frau Norman einen Knix um den andern, ſchlug die Hände zuſammen, ſtemmte die Arme in die Seite und erging ſich in allerhand ſonſtigen ausdrucks⸗ vollen Pantomimen nach Befund der Umſtände. Unſer Kammerer, der alte Kerl, war wie aus den Wolken gefallen, und verſuchte nicht einmal den überlau⸗ fenden Sturm der Beredtſamkeit ſeiner lieben Baſe zu hemmen. Er war ſtumm wie ein Fiſch, denn ſo etwas war ihm noch nicht vorgekommen. Frau Norman, welche aus ſeinem Betragen und Grröthen auf einen Anfall von Reue und Zerknirſchung ſchloß, nahm, um ihren Sieg zu vollenden, plötzlich einen andern Ton an. Aus einem gezwungenen Gelaͤchter ging ſie zu einer Art von rührendem Weinen über. „Ach, mein lieber guter Vetter Laßman, wie haben Sie ſich ſo weit vergeſſen mögen, Ihre eigenen Verwandten dermaßen zu verkennen? Ich meines Theils habe Sie ſteis wie einen Bruder geliebt, Vetter, und Lucie, das arme Kind, wollen Sie nicht zur Erbin einſetzen, und voch hat ſie ſo ſicher geglaubt, ein Plätzchen in dem Herzen ihres Vetters zu Peſiben⸗ Nein, nein, das kann nicht ſeyn, wie könnten Sie auch Ihr eigenes Fleiſch und Blut verläugnen? Sie denken beſſer; irgend ein böſer Geiſt hatte Macht über Sie gewonnen, verſprechen Sie mir nicht weiter an das Heirathen zu denken— dann ſoll die ganze Geſchichte vergeben und vergeſſen ſeyn!“ „Warum willſt denn Du Dich verheirathen, Dora?“— Der Kammerer war nun wieder hinlänglich gefaßt, um einzuſehen, daß es das Beſte ſey, allen ihren Hoffnungen 1⁵59 auf ein Mal ein Ende zu machen, da das Eis nun doch gebrochen war. „Ich— was ſagen Sie Vetter?“ rief ſie abermals hocherröthend aus, war übrigens ſogleich fertig, ſich ganz liſtig aus der Schlinge zu ziehen.„Was ſagen Sie Vetter, ich wollte mich verheirathen? Wie können Sie ſo ſchrecklich einfältig ſeyn, Vetter! Ich, eine Frau, welche ſo in der Wolle ſitzt, und ihre eigene Herrin iſt! Nein, Gottlob, ſo dumm bin ich nicht, und will es auch, wenn mich der Herr bei Verſtand erhält, niemals werden! Ich habe den ganzen Spektakel von einer guten Freundin, gleichviel, wer ſie iſt, erfahren; denn auf dieſe war es gemünzt; vor ein paar Tagen— wann war's doch gleich?— ja, am Freitag— da ſagte ſie zu mir, liebſte Dora, ſagte ſie, rathe mir, was ich thun ſoll. Vor ein paar Tagen hat in dem Tagblatt eine Anzeige von einem alten Junggeſellen geſtanden, welcher eine verſtän⸗ dige Perſon zur Frau ſucht.— Du biſt doch wohl nicht ſo toll geweſen, ihm zu antworten, ſagte ich.— Ja frei⸗ lich, ſagte ſte, ich dachte es wäre gar nicht ſo übel, und nun habe ich dies Billet da von ihm bekommen, worin er eine Zuſammenkunft vorſchlägt! Da ich aber Vertrauen zu Dir habe, denn ich hielt Dich ſtets für eine verſtän⸗ dige Frau, ſollſt Du mir jetzt einen guten Rath geben.— So gib das Billet einmal her, damit ich ſehen kann, ob es Ernſt iſt, ſagte ich. Und nun denken Sie ſich meine Beſtürzung, Vetter, ſo verſtellt die Hand auch war, ich erkannte Ihre Schrift.„Liebſte Schweſter, das iſt eine ſchöne Geſchichte: aber überlaß mir die Sache, ſagte ich, „oielleicht weiß ich beſſer Beſcheid darin als Du! Das arme Geſchöpf ergriff den Vorſchlag mit beiden Händen, und auf dieſe Weiſe bin ich hieher gekommen, um Sie zur Vernunft zu bringen, Vetter.“ O, o, geſegnete Weiberliſt! Frau Norman hatte nicht den geringſten Verdacht aus der Handſchrift des Billets geſchöpft, welches, ſeit es erbrochen war, in keine andere Haͤnde, als die ihrigen kam und noch, in Folge 160 der holden Verwirrung, mit welcher ſie ihre Troͤdelbude verließ, in ihren Rockſack ſteckte.. Der Kammerer wußte gar nicht recht, was er von der Sache denken ſollte, hielt es aber auf alle Fälle für das Beſte, nicht im Geringſten merken zu laſſen, daß er Dora's Erzählung für eine Lüge halte. Allein ſo ganz freien Kaufs ſollte ſie doch auch nicht davon kommen; er wollte ſich dafür den Spaß erlauben, der Frau Nor⸗ man eine kleine Freude damit zu machen, daß er ihr von ſeiner Heirathsgrille ein Stückchen vorpfeifen ließ und begann deßhalb ſich in abgemeſſnem feſtem Tone folgen⸗ dermaßen zu äußern: „Es thut mir ſehr leid, daß ich Ihnen ſo viel Um⸗ ſtände gemacht habe, liebe Baſe, wahrhaftig ſehr leid! Es war aber doch auch nicht ganz ubel, daß der Freund⸗ ſchaftsdienſt Ihnen Gelegenheit zu einer Spazierfahrt in's Grüne gegeben hat. Was aber mich bei der Sache be⸗ trifft, und es will mich bedünken, als ob ich die Haupt⸗ perſon dabei wäre, ſo kann ich Ihnen nicht bergen, daß es mein feſter unwiderruflicher Entſchluß iſt, ein paſſendes Ehebündniß einzugehen; und da es ſich nun auf dieſe Weiſe nicht zu machen ſcheint, ſo habe ich für die nächſte Woche eine Reiſe in die Provinz vor, wo ich mich unter den Toͤchtern des Landes umſehen will.“ Unſer guter Kammerer hatte aber gänzlich fehl ge⸗ ſchoſſen, wenn er glaubte, Frau Norman dadurch kirre zu machen— weit fehl! Im Gegenthell ſie beliebte„ihrem lieben Herrn BVetter“ in keineswegs gewählten Ausdrü⸗ cken zu verſtehen zu geben, daß er ein völliger Narr ſey und ſchloß mit der Verficherung, daß er gegen ſie und Lucie höchſt niedrig und unanſtändig, um nicht„indiskret“ zu ſagen, handle. „Ich muß die Frau Baſe erſuchen, mich mit ſolchen Redensarten zu verſchonen!“ entgegnete unſer Kammerer ganz kirſchbraun im Geſicht.„Ich hoffe, daß ich mit meinem— ich bitte wohl zu verſtehen, mit meinem — Eigenthum anfangen kann was ich will. Und aus 161 dieſem Grunde will ich, wenn mir Gott Leben und Ge⸗ ſundheit ſchenkt, ſo gewiß ich Lers Fredrick Laßman heiße, noch vor dem Herbſt eine Frau haben, und wenn ich ſie aus dem— gleichviel woher— nehmen ſollte!“ Nun war der Kammerer richtig böſe, weßhalb er denn auch, ohne die geringſte Rückſicht auf Artigkeit oder Verwandtſchaft, ſeine Gift und Galle ſpeiende Baſe im Stiche ließ und nach der Brücke eilte, wo er eben noch zu rechter Zeit ankam, um einen Platz in dem abgehen⸗ den Boote zu erwiſchen. Es hieße der Wahrheit zu nahe treten wenn wir nicht zugeben wollten, daß der Kammerer bei ſeiner Heim⸗ kunft den ſchwarzen Freierſtaat mit einiger Zerknirſchung ablegte. Allein er ſchloß ihn nicht wieder ein; er hing ihn an die Leine im Triangel auf, ein untrügliches Zei⸗ chen, daß er in kürzeſter Zeit wieder dran müſſe. Lers Fredrick Laßman war nicht der Mann, welcher den Muth finken ließ, wenn ſeinem großen Plan ein kleines Hinderniß in den Weg trat— nein— im Gegentheil ſein Appetlt wurde dadurch nur noch mehr gereizt. Und jetzt, nach der Unterredung war es ſo gewiß als das Amen in der Kirche, daß er reiſen, frelen und heirathen werde. „Ja, ja,“ ſagte er ſchadenfroh, als er mit ſeinem ganzen Projekt in Ordnung war,„die Ueberraſchung mache ich Dir, meine liebe Dora! Ich heirathe und laß Dich vor Aerger berſten über alle die vielen Schnäpſe, welche jetzt rein zum Fenſter hinaus geworfen ſind. Arme Dora,“ ſetzte er etwas milder hinzu,„ſie hatte doch immer einen ganz guten Cognae!“ 162 Vierzehntes Kapitel. Haustafel beim Notarius mit roine et raison. Er wunſch dumm und unwiſſend zu ſeyn; trägt aber an dem andern Tuag den Kopf drei Zoll höher. Aus dem dämmerigen Labyrinth, in welches ſich die Gedanken des Notarius Wetterquiſt verirrt hatten, wurde dieſer plötzlich durch Roſells Stimme herausgeriſſen. „Mach' auf, Du Hansdampf!“ ſcholl es von außen; „ijch weiß, daß Du drin biſt.“ „Mein Plagegeiſt!“ ſeufzte Wetterquiſt.„Aber gleich⸗ viel mag er mich tadeln, meinen Stolz verdammen.— Was kümmert mich eine Pein mehr oder weniger? Mor⸗ gen ſitze ich im Schuldthurme, wenn ich nicht vorher... Es iſt vorbei mit mir!“ „Na, werd' ich endlich hineinkommen? Hol' mich der Teufel, Du wirſt Dich ſchon entſchließen müſſen, mir auf⸗ zumachen, denn ich gehe nicht von der Stelle, bis ich Dich geſprochen habe!“ —„Was brauchſt Du ſolchen Lärm zu machen? ich will Dir den Eintritt nicht verweigern,“ ſagte Wetter⸗ quiſt, ſchloß auf und ließ ſeinen Gaſt ein.„Nun, was ſagſt Du zu meiner Wohnung? Du ſiehſt, ſie verräth viel Behaglichkeit! und ich ſelbſt bin der zufriedenſte Menſch unter der Sonne— Du findeſt mich bereit, Dich die Treppe hinabzubegleiten und wenn ich auf vie Straße gekommen ſeyn werde, ohne alle Umſtände einer andern Perſon zu folgen, welche ſchon ſeit acht Tagen das Haus belagert, um mich Collé zu ſchleppen. Iſt das nicht eine ganz hübſche Sache, eine Bagatelle, ein Spaß für elnen welterfahrenen Mann? Auf dieſe Weiſe ergoß ſich faſt in Einem Athem das zur höchſten Bitterkeit aufgeſtachelte Gemüth des Notarius. Aber der Regierungs⸗Sekretär machte ſich nie eines ſo argen Fehlers gegen den guten Ton ſchuldig, 163 daß er ſeine Veränderung über gewöhnliche Dinge bezeigt hätte, brach auch deßhalb keineswegs in das Erſtaunen aus, welches der Notarius erwartet haben mochte, ein Umſtand, welcher, ſo unbedeutend er auch an ſich ſchien, dennoch auf Wetterquiſt die wohlthuende Wirkung hatte, ihn in eine minder poetiſche Stimmung zu verſetzen. Ohne Umſtände nahm Roſell Platz und ließ ſich in gewöhnlicher Ruhe mit ſeiner angenehmen Stimme fol⸗ gendermaßen vernehmen:„Ich wollte Dir in der That wünſchen, lieber Bruder, daß Du in meiner Kunſt etwas mehr zu Hauſe wäreſt! aber à la bonheur, das findet ſich; es iſt nicht Jedem gegeben, von hübſcher und an⸗ ſtändiger Induſtrie zu leben, man muß dann eben um ſo mehr arbeiten.“ „Arbeiten, arbeiten!“ rief Wetterquiſt ärgerlich aus. „Ich möchte doch wohl wiſſen, ob ich nicht mehr thue als Du und zehn Andere zuſammen!“ „Das bezweifle ich gar nicht. Arbeiten iſt etwas Schönes für den Hausgebrauch; allein, was mich be⸗ trifft, ſo bin ich kein beſonderer Verehrer davon, und arbeite niemals mehr als durchaus erforderlich iſt, um einigermaßen für ein nützliches Glied der menſchlichen Geſellſchaft zu gelten. Gleichwohl habe ich an Abſchrei⸗ ben oder dergleichen Spielereien, welche unſern außer⸗ ordentlichen„Lebensgenuß“ ausmachen, noch nicht gedacht. Für einen jungen Mann mit Deinen Talenten gibt es eine ganze Menge noblerer Sachen, auf welche man ſich legen kann.“ „Ach ja, das iſt leicht geſagt, aber nicht ſo leicht ausfindig gemacht! was weißt Du, zum Beiſpiel...“ „Was ich weiß? man läßt eine Anzeige in das Blatt einrücken, daß ein junger Mann mit gründlichen Kenntniſſen... nun was denn 2... Muſik, Malen, Spra⸗ chen, in ein paar guten Häuſern Stunden zu geben wünſcht. Du pfuſcheſt ja doch in all' dieſem herum, nicht wahr?“ „Pfuſchen!“ „Wenn Du darin vollkommen zu Hauſe biſt, um ſo —ꝛ—ꝛ— 164 beſſer für Dich und namentlich für den, der ſo glücklich iſt, Deines Unterrichts theilhaftig zu werden. Wenn ſich dies macht, ſo kann es Dir ein recht hübſches Ein⸗ kommen bringen. Du fiehſt, daß ich auch vernünftig ſeyn kann, wenn es darauf ankommt, einem guten Freunde zu rathen.“ „Ja, einen Rath, welchen Du ſelbſt nicht befolgen moͤchteſt, auf den Du mit Verachtung herabſiehſt!“ „Verachtung? weit entfernt! allein ich habe meine kleinen Talente, im Fall ich wirklich ſolche beſitze, nicht bis zu der Höhe ausgebildet, um der Welt damit nützen zu können. Außerdem habe ich auch einmal angefangen, auf Spekulatlon zu leben, und muß wohl ſchon ſo lange damit fortfahren, bis ich mich einſt zu rangiren weiß. Dir rathe ich aber aufrichtig, nicht daſſelbe zu verſuchen, denn dazu gehört ein ſchlauer und durchtriebener Kerl, denn es iſt, im Vertrauen geſagt, ein verdammt fitz⸗ licher Weg.“ „Und der andere iſt ſo leicht, meinſt Du?— Da tanzt man wohl auf Roſen? ein„Hauslehrer!“ ja, ja, das iſt in der That eine Perſon von großer, großer...“ „Bedeutſamkelt, meinſt Du, oder beſſer, Unbedeut⸗ ſamkeit? Darin irrſt Du Dich aber gewaltig. Denn daß der Informator für den erſten Bedienten gilt, iſt eine längſt veraltete Geſchichte und wird ſowohl in der Wirklichkeit wie im Roman nur noch als Tradition an⸗ geſehen. Ein Informator iſt heutzutage ein ganz anderes Thier als vor vierzig oder fünfzig Jahren.„Mein' Seel', unſere flotten Burſchen wiſſen jetzt recht gut, wle ſie ſich hinſtellen müſſen; und um wie viel mehr kann ein Privatdocent der ſchönen Künſte, ein Regierungs⸗Se⸗ kretär, ein junger hoffnungsvoller Mann, der wie ein Graf ausſieht, auf eine noble Behandlung rechnen!“ Dieſe Vorſtellung ſchmeichelte unſerm Wetterquiſt und er ſand den Vorſchlag minder abſtoßend. Indeſſen war es immer eine bedenkliche Sache.„Erniedrigend iſt es doch!“ meinte er mit einem halben Seufzer. 165 „Dummes Zeug, wahrlich, ſo dumm, daß ich gar Nichts weiter davon hören mag! wie viele große Män⸗ ner der Gegenwart und der Vorzeit haben nicht ihre Laufbahn als Lehrer begonnen! Zum Exempel ein Shaks⸗ peare, ein Wallenſtein, ein Walter Scott, ein...“ „Was? Davon hab' ich nie Etwas gehört!“ verſetzte Wetterquiſt mitleidig lächelnd. „Nicht? es iſt mir doch, als hätte ich es irgendwo geleſen, gleichviel wo! Mag ſeyn, daß es auch gerade nicht Shakspeare, Wallenſtein und Walter Scott gethan haben— beſtehen will ich nicht darauf. Allein es gibt jedenfalls eine Menge Leute, welche große Männer im Staate geworden find, und deren Name noch heute in den Annalen der Geſchichte glänzen, die mit einer viel heiingein Beſchäftigung, ja mit gar nichts angefangen haben.“ „Das iſt gewiß wahr; mehrere unſrer Biſchöffe...“ „Ach ja, dergleichen Beiſpiele gibt's genug, wenn man will. Komm, laß uns nun die Bekanntmachung aufſetzen; ich bin nicht ganz ungeſchickt in ſolchen Sachen!“ Ehe ſie aber ſo weit kamen, hörte man abermals Mariens Stimme von außen. „Herr Notarius, ich bin mit dem Eſſen da.“ „Speiſeſt Du ſo früh zu Abend? ich denke, es iſt kaum acht Uhr,“ ſagte Roſell, welchem der angenehme Duft der Kotellette gewaltig in die Naſe ſtach. „Ich habe heute Mittag keinen Appetit gehabt,“ antwortete Wetterquiſt und konnte ſich die kleine Genug⸗ thuung nicht verſagen, nachdem das Eſſen auf dem Tiſche ſtand, ſich vor Roſells Augen das Geld, welches Marie zurückbrachte, aufzählen zu laſſen.„Willſt Du mein Gaſt ſeyn? Marie iſt ſo gut und holt ſchnell noch mehr. Geſchmorte grüne Erbſen und Kotelettes ſind nicht zu verachten.“ „Warum nicht? zumal da ich ſehe, daß Du ſo gut bei Kaſſe biſt. Sie kann auch gleich eine halbe Flaſche 166 Madeira mitbringen, damit wir ein Glas zu Ehren Dei⸗ ner angehenden Profeſſorſchaft trinken konnen.“ Es koſtete unſern Wetterquiſt, welcher nach gerade den Werth des Geldes ſchätzen lernte, in der That einige Ueberwindung, ſo viel unnöthigerweiſe auszugeben. Da er aber heute zum erſten Male in ſeinem Leben den Wirth machen konnte, entſchloß er ſich zu dieſem Opfer. Als Maria fort war, ſagte Roſell:„Was liegt auch daran— zwölf, fünfzehn Thaler in der Kaſſe! Ich habe auf Ehre nicht mehr als zwoͤlf Schillinge, neun Stü⸗ ber im Vermögen!“ Wetterquiſt zog ſein Taſchentuch heraus: darin wa⸗ ren noch weitere zehn Thaler: er hatte fünfundzwanzig Thaler für ſein Gemälde erhalten. „Nun möchte ich wiſſen, was Du noch wünſchen kannſt. Ich begreife gar nicht, wie Du ſo eingemauert zu Hauſe ſitzen magſt, da Deine Kaſſe auf dem allerbril⸗ lanteſten Strumpf iſt?“ Ich habe Dir ja geſagt, daß ich eingeſteckt werde, ſobald ich mich auf der Straße ſehen laſſe!“ „Lauter Mangel an Talent! Wie hoch belaufen ſich denn Deine Schulden, um derentwillen ſie Dich beiſtecken wollen?“ z „Für den Augenblick bin ich hundertundſechsundſech⸗ zig Thaler zweiunddreißig Schillinge ſchuldig.“ „Pah, das iſt eine Lumperei! An das Uebrige denkt man nicht, bis der Gläubiger brummt. Was Dich jetzt aber auf den Nagel brennt, müſſen wir zu arran⸗ giren ſuchen. Morgen früh, bei guter Zeit, bringe ich Dich zu meinem guten Freunde, Papa Laßman. Bei ihm nimmſt Du das Geld auf, verſtehſt Du, in Dei⸗ nem Namen, aber auf meine Rekommandation und Bürgſchaft. Die weitere Unterſchrift ſchaffe ich von einem ebenſo ſichern und guten Kunden des Kammerers. Bis Morgen Mittag iſt Alles in ſchönſter Ordnung; wir ſind ja Univerſitätsfreunde und alte Kameraden, außer⸗ dem weiß ich mir auch nichts Lieberes, als Andern einen 167 Gefallen zu thun— nächſt dem Vergnügen mir ſelbſt zu dienen! Was Deine weitere Ausſicht auf freies Logis betrifft, ſo iſt nichts einfacher als dieß: Du wirfſt dem Kerle zwei Thaler in die Rippen, und kannſt dann wie⸗ der manchen lieben langen Tag Deine friſche Luft ath⸗ men, wo es Dir beliebt. Unter ſolchen Umſtänden läßt Dich der Haltfeſt ſicherlich ungeſchoren, und Du haſt Zeit genug, Dich mit Deinen Manichäern zu ſetzen.“ „Das iſt in der That ſehr freundſchaftlich von Dir, Roſell, höchſt freundſchaftlich!“ „Paperlapa! So viel ſag' ich Dir aber vorher, mit den Zinſen mußt Du genau einhalten; denn bei dem Kammerer gilt nur eine Rekommandation: Pünktlichkeit.“ „Dieß ſoll ſchon geſchehen! Du kannſt Dich drauf verlaſſen, ehe ich Dich in Verlegenheit bringe, verkaufe ich lieber meine Uhr! Habe ich nur erſt dazu einen Ver⸗ leger“— dabei deutete er auf ſeine Gedichte—„dann wird ſich, bei Gott, Alles aufs beſte machen.“ „So, Du haſt ſie ſchon fertig? Na, das iſt nicht übel! gieb'mal her!“ Roſell nahm das Heft und begann die Poeſien zu durchblättern; ſie waren auf das feinſte Velinpapier höchſt zierlich geſchrieben, und vor jedem einzelnen Gedichte prangte ein Titel mit den ſauberſten Frakturbuchſtaben. „Das Aeußere wenigſtens iſt ganz hübſch,“ ſagte Roſell. „Hoffentlich wirſt Du dem Inhalt nicht minder Dei⸗ nen Beifall zollen; ich darf dieß wohl ohne Eigenliebe ſagen. Lies einmal Eines—— da zum Beiſpiel die Nacht.“ Aber„die Nacht“ machte vier enggeſchriebene Blät⸗ ter aus: Roſell begnügte ſich das erſte zu überfliegen. „Potz Teufel, wie viele Sterne, das ſind nicht we⸗ niger als ein— zwei— drei— vier— fünf— ſechs Stück auf der einen Seite. Das muß eine helle Nacht geweſen ſeyn. Du träumſt zu viel von Sternen, lie⸗ ber Bruder...“ 168 „Ach, die ſtehen ja deßhalb da, um die Schwärze der Nacht deſto mehr hervorzuheben; übrigens iſt die Wiederholung eines und deſſelben Wortes gerade das, was der Sprache das Erhabene giebt. Das ſollteſt Du doch wenigſtens begreifen...“ „Verzeih', liebſter Bruder, mir geht alle Anlage zum Dichter ab; ich bilde mir aber doch ein, daß, wenn eine Nacht ſternenhell iſt, ſo kann ſie nicht ſchwarz ſein.“ „Du nimmſt es auch gar zu buchſtäblich! ſo iſt es aber mit den Leuten, welche Alles mit den Händen greifen wollen und dem Gefühl und der Phantaſie keinen Spiel⸗ raum zu geben wiſſen. „Das will alſo ſoviel heißen: Karl Peter Roſell iſt kein kompetenter Kunſtrichter über Wetterquiſts Gedichte.“ „Je begreife que vous meinen. Na, na, Du magſt recht haben! ſoviel kann ich Dir aber doch ſagen, daß das Sentimentale gegenwärtig nicht mehr viel Glück macht. Wenn ich zu reimen verſtände, ſo würde ich keine Feder anſetzen, um meinem eigenen Weltſchmerz Luft zu machen; ich würde hauptſächlich ſo ſchreiben, daß es die Leute auch leſen.“ „Und Du glaubſt nicht, daß ich dieß erwarten darf?“ ſiel ihm Wetterquiſt mit hochrothen Wangen und faſt ſtockendem Athem in die Rede. Statt aller Antwort begann Roſell ein anderes Stück zu leſen und zu rezenſiren...„was ſoll denn das ſein? verzeih mir, Bruder, das iſt ja eitel Mondſcheinpoeſie. Glaub mir, auf Ehre, ſolches Reimgeklingel druckt Dir Keiner! Du biſt nicht zum Dichter berufen, wirf das Zeug ins Feuer und fang etwas Geſcheidteres an.“ Wetterquiſt bebte vor innerlichem Zorn und Ver⸗ druß. Gleichwohl war er weit entfernt, Roſell Recht zu geben Es verdroß, ja es ſchmerzte ihn nur das, daß es einen Menſchen geben konnte, welchem ſo total aller Geſchmack und alles Urtheil abging.„Ein anderer Kritiker wird mich bald beurtheilen— die Welt wird 169 ichten!“ polterte er heraus und griff haſtig nach dem anuſeript. Roſell ſchüttelte mitleidig den Kopf.„Es gibt keine beſeſſenere Art von Eigenliebe, als Schriftſtellereitelkeit, willſt Du aber durchaus ſchreiben, ſo halte Dich we⸗ nigſtens an die Proſa: ſchreib eine Novelle oder ſonſt ſo Etwas, und ſchick ſie an das Unterhaltungsblatt, viel⸗ leicht bekommſt Du ein paar Thaler dafür— das reicht doch zu ein paar neuen Stiefeln!“ „Eine Novelle— am Ende gar aus dem Volksleben? ja, das wäre in der That intereſſant!“ „Ja, ja, das wäre in der That intereſſant, wenn Du den Sinn und die Gewohnheiten des Volkes kennteſt und ſeine Freuden und Bedürfniſſe zu faſſen vermoͤchteſt. Da dieß aber nicht der Fall iſt, und Du ſtets in der haute volée ſchwebſt, ſo verſuche es mit einer Salon⸗ ſkizze im großen Styl, wo es von Grafen und Baronen, Freiherrn und Edelfräuleine wimmelt; denn ſo abgenutzt dieſes Thema auch ſeyn mag; ſo iſt es doch immer noch weit erträglicher, als ein ſogenanntes Bild aus dem All⸗ tagsleben, wo der Verfaſſer das innere Leben und den Geiſt des Volkes wieder zu geben meint, wenn er aus allen Provinzen eine Maske von Nachahmungen des Volksjargons zuſammen geſtoppelt hat, und dieſen dann, gleichſam wie eine auswendig gelernte Lektion, mag es paſſen oder nicht, ſeinen Figuranten in den Mund legt, ſo daß die armen Leute am Ende zu einer Art von Un⸗ geheuer werden, wie man ſie weder im gemeinen Leben, noch in der großen Welt findet.“ „Gib Dir um Gottes Willen nicht ſo viel Mühe!“ fuhr Wetterquiſt ungeduldig heraus.„Du darfſt ſicher ſeyn, daß ich mich mit Deinem Volksleben nicht befaſſen werde. Skizzen aus dieſer Klaſſe, mögen ſie ausgeführt ſeyn, von wem oder wie ſie wollen, ſind höchſt uner⸗ träglich und abgeſchmackt.“ „Aus dieſer Klaſſe! wenn ich nur nicht immer Kammerer Laßman. I. 12 170 von dem elenden dummen Kaſtenſyſtem hören müßte! iſt dieß eine Sprache für das neunzehnte Jahrhundert, wo man hoöͤchſtens noch bei einer Leichenprozeſſton nach dem Rang fragt? Bückt ſich denn wohl der reiche Kaufmann vor dem armen Edelmann, oder iſt es umgekehrt? komm mir nicht wieder mit Deinen Klaſſiſikationen! Bildung iſt der mächtige Hebel, welcher alle Lebensverhältniſſe ins Gleichgewicht bringt.“ „Freilich, allerdings; aber ein adeliger Stand iſt „Larifari, ſobald es nicht ein ehrlicher Name iſt. Mag ich Larsſon oder Brahe heißen, Beides macht nicht ſchlechter oder beſſer.“ Kann ſein!„Ich glaube aber doch, und das redeſt Du mir nicht aus, daß in dem adeligen Blute etwas liegt, was man ſich weder geben, noch erwerben kann.“ „Du biſt ein Narr mit Deinem adeligen Blute! wäreſt Du als Graf geboren, ſo hätteſt Du Dich ſelbſt angebetet, nun verzehrt Dich die Sehnſucht nach Etwas, was Du für das höchſte Glück anſiehſt, und Dein ge⸗ wöhnlicher beſcheidener Name Wetterquiſt erregt Deinen Abſcheu, well er ſo verdammt buürgerlich, um nicht zu ſagen bedientenmäͤßig klingt. Aber um wieder auf unſre vorige Rede von Schriftſtellerei zu kommen,— da fällt mir juſt ein ganz intereſſanter und rührender Stoff ein, den ich Dir mittheilen will. Außerdem daß jedes Wort davon wahr iſt, hat er auch noch den großen Vorthell, eines höchſt pikanten Abentheuers, wobei eine bekannte hochgräfliche Familie ganz ſpeziell intereſſirt iſt.“ Es bedurfte nur einer ſolchen Einleitung, um den Notarius aufs höchſte in Anſpruch zu nehmen. Als die kleine Kollation abgetragen war, und nur noch die Flaſche ſammt Gläſern auf dem Tiſche ſtand, erinnerte der Wirth ſeinen Gaſt an die verſprochene Erzählung; denn Wet⸗ terquiſt war jetzt überzeugt, daß er mindeſtens zum No⸗ vellenſchreiber berufen ſey. Der Sekretär, welcher Niemanden lleber als ſich doch 171 ſelbſt ſprechen hörte, begann nun, nach einer neuen Ein⸗ leitung und einigen beſondern Zuſätzen eigener Fabrik, dieſelbe Geſchichte, welche wir dem Leſer im fünften Kapitel mitgetheilt haben. Roſell hatte ſie aus dem eigenen Munde der Hofmeiſterin; aber die Aufmerkſam⸗ keit, mit welcher er an den glaubwürdigen Lippen der⸗ ſelben während ihrer Erzählung gehangen hatte, war nichts gegen die Spannung, mit welcher Wetterquiſt jedes ſeiner Worte verſchlang. Der Sekretär merkte aber nichts, bevor er geſchloſſen hatte. Erſt da, als er den Dank und einige Bewunderung ſeines Erzählungstalents erwartete, wurde er gewahr, daß Wetterquiſt bleich und unbeweglich da ſaß, auf ſeinen Lippen konnte man einen ſchwachen Verſuch zu lächeln bemerken; aber es war ein widerliches Lächeln. Roſell ſchenkte ſich das Letzte aus der Flaſche ein. „Na, biſt Du denn nicht bei Dir? iſt Dir die Ge⸗ ſchichte vielleicht nicht romantiſch genug? Laß uns Eins trinken auf den armen Kerl, welchen das Schickſal aus der Wiege in die Welt hinausgeworfen hat, und ſag' mir dann, ob es nicht beſſer iſt, ganz einfach Wetterquiſt zu heißen, den ehrlichen Namen ſeines Vaters zu tragen, als ſich einen ſuchen oder bei andern Leuten um einen betteln zu müſſen? Da ſieht man ſchön, was ſich das edle Blut zuweilen für hübſche Seitenſprünge erlaubt! In meiner Familie war, Gott ſey Dank, niemals auch nur ein Tropfen adeligen Blutes.. aber was zum Henker, kommt Dich denn an? ich glaube, Du willſt ge⸗ raden Wegs dem Baron Henning nachmachen?“ Der Notarius ſprang auf, warf den Tiſch ſammt Flaſche und Gläſern über den Haufen und ſtellte ſich mit geballter Fauſt und bebenden Lippen Roſell gegen⸗ über.„Willſt Du meiner ſpotten, Glender?“ Spotten?— biſt Du denn wirklich von Sinnen? komm doch zu Verſtand! Die Geſchichte iſt ohnedem 172 ſchon toll genug— Du brauchſt nicht auch noch ein Narr darüber zu werden!“ Mechaniſch ließ der Notar ſeine Hand ſinken. Ohne ein Wort zu ſagen, betrachtete er Roſell mit einem ſo ſprechenden Blick der innerlichſten Angſt, daß dieſer wahr⸗ haftes Mitleid mit ihm fühlte. Trotz ſeines Leichtfinns ſah Roſell zu ſeinem großen Bedauern ein, daß er auf eine höchſt empfindliche, ja grauſame Art den armen reizbaren Notarius getroffen haben müſſe, von deſſen zweideutiger Herkunft er übrigens bis auf die jetzige Stunde keine Ahnung gehabt hatte. „Liebſter Bruder,“ ſagte der Sekretär mit zutrau⸗ licher und bekümmerter Miene,„Du weißt, daß mir nicht das Geringſte von Deinen Famllienverhältniſſen be⸗ kannt iſt. Es thut mir, Gott verdamm' mich, in der Seele weh, von ſo Etwas geſprochen zu haben! Da ich aber bis auf dieſen Augenblick noch nicht begreife, was Dich ſo aufgeregt haben kann, ſo wirſt Du wohl einſehen, daß es wenigſtens nicht meine Abſicht war, Dir... Wetterquiſt und hielt ſich die Hand vor die Stirne. „Wie Du willſt, Bruder! dieſe Stunde will ich an⸗ ſehen, als wäre ſie nie geweſen. Morgen Vormittag, Schlag eilf Uhr, bin ich hier und hole Dich ab. Bis dahin ſchaffe ich einen Bürgen und bearbeite den Kam⸗ merer, daß er uns das Anlehen zuſagt.“ Der Sekretär nahm Hut und Stock, wünſchte gute Nacht und ging. Der Notar ſchien ſich nach Einſamkeit zu ſehnen und Roſell dachte zu ehrlich, um ſeinen kühlen Handſchlag übel zu nehmen. Er ſah wohl, daß Wetterquiſt zu auf⸗ geregt war, als daß er jetzt ſeiner guten Abſicht Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen konnte. Die nächſtfolgenden einſamen Stunden waren für den Notar nicht die beſten. Die verſchiedenen Erinne⸗ rungen, welche er an ſich vorübergehen ließ, waren nichts „Um Gottes willen! kein Wort mehr!“ ſtammelte 173 weniger als geeignet, ihm ſeine Ruhe wieder zu geben. Er gedachte, wie er von dem Augenblicke an, wo ihm das frühere Leben ſeiner Mutter bekannt wurde, ſich eines mit tiefem Schmerz verbundenen Gefühls von Bit⸗ terkeit nicht zu erwehren vermochte. Jetzt war ſein Inneres in einem gewaltſamen Aufruhr, alle halbgeheil⸗ ten Wunden brachen wieder auf, er wußte ja nur allzu⸗ gut, daß das ſchoͤne Fiſchermädchen die einnehmende fal⸗ ſche Baronin M...., deren reine unſchuldsvolle Liebe zu einer ſtrafbaren Flamme herabſank, daſſelbe Weib war, welche mit ihren letzten Buhlerkünſten ſeinen Stieſvater in ihr Netz gezogen hatte. Niemand wußte beſſer als der Sohn, wie die äußere Bildung und reine Weiblich⸗ keit, welche die Liebe über ihr ganzes Weſen verbrei⸗ tet hatte, in ihren ſpätern Tagen bis auf das letzte Fünkchen verſchwunden und ſie wieder das rohe Fiſcher⸗ mädchen geworden war; da ihr auch die frühere ſchüch⸗ terne Demuth derſelben fehlte, verlor ſie am Ende ſo ſehr allen innern Werth, daß ſie nicht ſelten in einem Anfalle ſchamloſen Uebermuths ihren Sproͤßling mit dem Titel benannte, welchen ſein Vater führte. „Und aus ſolchen Händen,“ dachte der Jüngling in ſeiner Seelenqual,„wurde ich hinaus in die Welt ge⸗ ſtoßen, um gegen ſie und mich ſelbſt kämpfen zu lernen. Waͤre ich der rechtmäßige Sohn des Mannes, deſſen Name ich trage— dieſe wahnſinnigen Thorheiten, welche jetzt meinen Hochmuth kitzeln und mir den Kopf ver⸗ wirren, wären mir ewig fern geblieben. Ruhig und beſcheiden hätte ich meinen Weg verfolgt. Dieß wilde Blut würde nicht jetzt wie Feuer in meinen Adern bren⸗ nen und ich wäre ein braver anſpruchsloſer Bürger ge⸗ worden, glücklich und dumm, ohne etwas von den Höl⸗ lenqualen zu fühlen, zu welchen ich jetzt verdammt bin!“ Gleich dem Wüthen der Naturkräfte laſſen auch die Stürme des Gefühles endlich nach, wenn ihre Nahrungs⸗ quelle verſiegt. Allmählig begann der Notarius, ſeine Ge⸗ danken wieder zu ſammeln; die Gegenwart forderte ihre 174 Rechte, ſowohl hinſichtlich ſeiner Geldverlegenheit als ſeiner neuen Spekulationen auf Informatorwürde, Schrift⸗ ſtellerruhm u. ſ. w. In jedem einzelnen Falle, haupt⸗ ſichlich aber in dem letztern, war Ruhm zu gewinnen; und das letzte Bild, welches ihm noch elnigermaßen deut⸗ lich vorſchwebte, als er am Ende dem Schlafe in die Arme ſank, war ſein Name, der auf dem Titelblatte ſei⸗ nes erſten Romans prangte,— natürlich kein anderer, als ein— moderner Roman. Kaum war er am folgenden Morgen, ein wenig ſpät, mit ſeiner Toilette fertig, ſo klopfte Roſell. „Alles in Richtigkeit! ein guter Freund, welcher bald dieſelbe Gefälligkeit von Dir bedarf, hat ſich als Bürge unterſchrieben; und da mein Name daneben⸗ ſtand, ſo hat ſich mein alter Laßman, obgleich er im Anfange hölliſch zäh war, endlich dazu verſtanden, die Summe vorzuſtrecken. Vorwärts denn! Du wirſt Dich hoffentlich nicht lumpen laſſen, ſondern mich und meinen guten Freund bel Ryßvicks mit einem ordentlichen Früh⸗ ſtück regaliren!“ Am andern Tage ſah man den Notarius, den Kopf um drei Zoll höher, durch die Straßen gehen, kein Schloßkanzleidiener war ihm auf den Hacken, keine Furcht vor Normans ſpitziger Zunge drückte ihn. Zehn Thaler hatte er noch übrig, nach Abzug der zwanzig, welche das Frühſtück bei Ryßvicks gekoſtet hatte, und die ſchönſten Hoffnungen warteten ſeiner; kurz der Himmel hing wieder voller Geigen. Die projektirte Anzeige erſchien im Tagblatte:„Ein junger gebildeter Mann, mehrerer Sprachen mächtig, wel⸗ cher Unterricht im Malen u. ſ. w. u. ſ. w. ertheilen kann, wünſcht ſeine freie Zeit in irgend einigen guten Häuſern mit Stundengeben auszufüllen u. ſ. w. u. ſ. w.“ Gut war mit geſperrter Schrift gedruckt. Vierzehn Tage darauf hatte er vier Schüler, zwei im Malen, und zwel zum Sprachunterricht. Von dreien läßt ſich nicht viel ſagen, außer daß der Notarius, ganz 175 gegen ſeinen urſprünglichen Willen, in Folge der täglichen Verminderung ſeiner zehn Thaler in Bezug auf die Sperr⸗ ſchrift fünf gerade ſeyn zu laſſen genöthigt war. Es lief vielleicht ein kleines Geheimniß mitunter, allein es würde wenig Delikateſſe verrathen, wenn wir ausplaudern woll⸗ ten, was wir darüber gehört haben; ſtatt deſſen können wir aber die Verſicherung geben, daß der vierte Schüler in jeder Beziehung probehaltig war. Der Notar wurde nämlich erſucht, ſich zu einer adeligen Wittwe in der Nähe des Kornhafens zu begeben. Wetterquiſt hatte in ſeinem Leben noch nie ein, wie er es nannte, vornehmes Haus betreten. Mit einem ge⸗ wiſſen würdevollen Weſen ſtieg er die ariſtokratiſche Treppe hinan und zog nicht ohne leiſes Zittern die Glocke. Ein Dienſtmädchen öffnete. Er hatte einen Livréediener er⸗ wartet. „Iſt die gnädige Frau zu Hauſe?“ „Ich weiß nicht gewiß, will aber hören.“ „Sagen Sie nur, ich ſey...“ Ohne die Fortſetzung abzuwarten, lief das Mädchen weg, kam bald zurück und oöͤffnete die Thüre zu einem kleinen Saal, welcher nach der hohen Vorſtellung, welches ſich Wetterquiſt von einem hochfreiherrlichen Salon ge⸗ macht hatte, in der That etwas klein war. Das Beſuch⸗ zimmer, in welches er jetzt geführt wurde, war noch klei⸗ ner, und obgleich hübſch und elegant möblirt, entlockte es demungeachtet unſerm Wetterquiſt auch nicht ein Fünkchen von Bewunderung. Die Baronin trat ihm aus einem Nebenzimmer entgegen. Sie war ſchon bei Jahren, hatte ein ſehr all⸗ tägliches Ausſehen, und ihrem Anzuge konnte man, ohne ihr Unrecht zu thun, keine allzugroße Gitelkeit vorwerfen. „Seyen Sie mir willkommen;“ ſagte ſie in einem Tone, welcher gar nichts ausdrückte.„Sie ſind der Herr, wel⸗ cher...4 „Ja, meine gnädige Frau, ich war ſo frei...“ „Komm herein, Mathilde!“— Daß die Baronin 176 ſo kurzweg abbrach, war offenbar nicht auf Rechnung des Hochmuths zu ſchreiben. Nein, dieß war durchaus nicht ihr Fehler, allein ſie war nichts weniger als eine Freun⸗ din von Komplimenten.„Meine Tochter;— ich wünſche, daß Sie ihr gründlichen Unterricht in der engliſchen Sprache geben möchten; drei Stunden woͤchentlich, wenn wir über den Preis einig werden.“ Ein junges, liebens⸗ würdiges Mädchen grüßte den Notarius. Ueber und über mit Roͤthe übergoſſen, konnte dieſer kaum ein einziges paſ⸗ ſendes Wort hervorbringen. Mit gewaltigem Herzklopfen hatte er ſogleich das liebenswürdige Geſchöpf wieder er⸗ kannt, welches ſein Gemälde der Atmoſphäre der Trödel⸗ bude entriſſen hatte. Und die Nachricht, daß die freund⸗ liche Käuferin, das hübſche Fräulein Mathilda Lindfeld, ſeine zukünftige Schülerin ſeyn ſollte, verminderte natür⸗ lich ſeine Bewegung keineswegs. Fünfzehntes Kapitel. Roſell macht zum erſten Mal den Advokaten. Der hübſchen Liſa wird in Folge der Abreiſe des Kammerers ein höchſt wich⸗ tiges und heimliches Vertrauen zu Theil. Der Tag, welchen unſer Kammerer zu ſeiner Abreiſe feſtgeſetzt hatte, kam immer näher. Es war das erſte Mal, daß er im Hochſommer Stockholm verlaſſen wollte; denn die Zeit, welche von andern Leuten zu Ausflügen benutzt wird, und wo die Ferien bei den Gerichten und in den Lehranſtalten ihnen geſtatten, über ihre Muße zu verfügen, waren juſt Laßmans eigentliche Arbeitstage. Da bedurfte ſein Pelzwerk am nöthigſten der friſchen Luft und des Ausklopfens; da mußten Vorkehrungen getroffen werden, daß die Fliegen und anderes Ungeziefer ſich nicht in das Allerheiligſte des Triangels einſchlichen und die koſtbaren Vaſen, die prächtigen durchſichtigen Rokokoporzellanſachen beſudelten. Da mußten ſämmt⸗ des nicht eun⸗ ſche, chen venn ens⸗ über paſ⸗ pfen er⸗ del⸗ ind⸗ feld, tür⸗ chen dich⸗ reeiſe erſte te; gen und zu ge. hen gen efer hen gen mt⸗ 177 liche Herrlichkeiten auf das getreulichſte mit dem Federn⸗ wedel abgeſtäubt werden; kurz es war— ſo dünkte es wenigſtens dem Kammerer, trotz ſeiner Heirathswuth— ſchon an und für ſich ſelbſt keine geringe Tollheit, und noch dazu zu einer ſo gefährlichen Zeit, alle ſeine Schätze den böſen Mächten Preis zu geben, nämlich der Motten, den Fliegen und dem Staube. Aber reiſen mußte er. Wenn der Kammerer ein Mal eeinen Entſchluß gefaßt hatte, ſo war es, als wäre er in dem Buche des Schickſals aufgezeichnet; die min⸗ deſte Aenderung daran war etwas völlig Undenkbares. Es mochte eine auch noch ſo unbedeutende Kleinigkeit ſeyn, das Verhältniß blieb ſtets daſſelbe; ſein Wort war wie ein Evangelium— und nicht ein Mal zu Nutz und From⸗ men des Triangels konnte eine Ausnahme von der feſt ſtehenden Regel ſtatuirt werden. „So habe ich wenigſtens um ſo mehr Zeit vor mir,“ tröſtete ſich der Kammerer, während er mit einem Flie⸗ genwedel das Inventarium ſeines Schrankes von den naſenweiſen Gäſten zu befreien bemüht war. Auch hatte er, vielleicht nicht überfluſſigerweiſe, etwas mehr Zeit auf ſeine Reiſe zu verwenden ſich vorgenommen, wenn man bedenkt, daß Laßman feſt entſchloſſen war, keinen Winter mehr als Junggeſelle zuzubringen. Er wollte ſeine Strümpfe geſtopft, ſeine Hemden geflickt, kein Eis⸗ waſſer mehr zum Waſchen und Trinken haben, und eine zärtliche Liebeshand ſollte ihm jeden Morgen ſeine Taſſe warmen Kaffee reichen. Alles dieß war ſein beſtimmter Wälie und wer gewinnen will, muß auch Etwas daran etzen. Er machte ſich freilich manchen Skrupel über das faſt barbariſche Vorhaben, den Triangel in rath⸗ und hülfloſer Lage zu verlaſſen, aber nach und nach geſtaltete ſich in dem Kopfe des Kammerers ein Plan, welchen er zwar mehre Male verwarf, dem er aber am Ende den⸗ noch Gehör geben mußte. Sollte er z. B. irgend Je⸗ manden das koſtbare Amt anvertrauen, welches bis jetzt 478 ſeine eigene, intereſſanteſte Beſchäftigung und theuerſte Pflicht geweſen war? Offenbar eine wichtige und höchſt bedenkliche Frage. Endlich blieb ihm aber doch Nichts weiter übrig. Zuerſt hatte er Muhme Neta dabei im Auge. Auf ſie hatte der Kammerer ſtets mehr gehalten, als auf ſeine beiden andern Baſen. Allein wenn er ſich die Sache recht überlegte, ſo konnte der Fall eintreten— denn wel⸗ cher Fall kann nicht eintreten?— daß ſie auf den unſe⸗ ligen Gedanken kam, ihrem Alten das gelobte Land zu zeigen. Und ſollte der alte Ficker ein Mal hineinkommen, vielleicht gar in einem Zuſtande von Seligkeit— der Himmel moͤge ein ſolches Unglück verhüten! ſchon bei dem Gedanken daran lief es dem Kammerer eiskalt über den Rücken. Meiſter Ficker war im Stande, eines ſeiner koſt⸗ barſten Kabinetsſtücke kurz und klein zu ſchlagen. Dieſer Plan wurde gänzlich verworfen; es war eine Thorheit, daß er nur daran hatte denken koͤnnen. Dann kam— freilich nur für einen Augenblick— Frau Norman auf die Liſte. Es dünkte den Kammerer, als höre er ſchon in Gedanken, wie ſie alle ſeine ausge⸗ ſuchten Artikel für gute Priſe deklarirte, um ihre Trödel⸗ bude damit zu bereichern und ihr durch ſeine koſtbarſten Antiquitäten einen glänzenden Ruf zu verſchaffen. Nein, nein, daraus wird Nichts, liebe Dora! Nun kam die Reihe an die Hofmeiſterin; aber dieſe konnte ſicher nicht ſchweigen, ſchleppte ihre Schweſter mit, und da war es die alte Geſchichte. Will hatte keine Zeit, auch nicht Verſtand genug, um behutſam mit den Sachen umzugehen— alſo blieb nur noch Liſa übrig. „Liſa, ja!“ wiederholte der Kammerer in Gedanken „das Mädchen hat Charakter. Sie kann ſchweigen, hat auch ſonſt Nichts zu thun. Sie kann wohl alle Tage ein Mal hingehen und abſtäuben und auslüften. So wird es am Beſten ſeyn; und wenn ich wieder komme und Nichts Schaden genommen hat.. ja, ja, dann ſoll ſie auch Etwas haben. Das gelbe Stück Battiſt verdirbt erſte öchſt ichts Auf ſeine dache wel⸗ unſe⸗ d zu men, der dem den koſt⸗ dieſer cheit, 1— kerer, asge⸗ ödel⸗ erſten Nein, dieſe mit, Zeit, achen anken hat Tage So omme n ſoll rdirbt 179 am Ende doch nur, wenn es noch lange da liegt. Sie ſoll es zu einem Kleide haben— mich läßt es doch wie ich bin— Notabene, wenn ſie ſich gut hält.“ Geſagt, gethan: Liſa mußte Triangelwächterin wer⸗ den. Ihr ſollte das größte Vertrauen werden, welches der Kammerer bisher einem Sterblichen geſchenkt hatte. Am Abende vor der Abreiſe nach Weſtgothland(dieß war die weiteſte Tour, welche der Kammerer je in Freiergeſchäften machte) ging er zu Frau Norman. Es hatte ihr geahnt, daß er kommen werde, um Abſchied zu nehmen, deßhalb war ſie abſichtlich ausgegangen, denn ſoviel Haltung und Takt auch Frau Norman zu beſitzen ſich rühmte, ſo hielt ſie es doch für etwas zu gefährlich, nach dem Rendezvous zu Karlberg mit dem Kammerer zuſammenzutreffen. Die würdige Frau hatte ſich dem⸗ nach zu einer Kaffeeſchweſter begeben, die Hofmeiſterin war in der Bude und Liſa befand ſich allein zu Hauſe. Kurz ehe der Kammerer kam, hatte ſich der Regierungs⸗ Sekretär eingefunden, welcher häufig Frau Norman beſuchte, um ſeinen Miethzins für Möbel, Bett u. ſ. w. zu entrichten, womit er gewoͤhnlich eine Menge von Artigkeiten verband, welche er ſich für die Zeit zu gut ſchrieb, wo er lediglich kam und ſagte:„nächſten Dienſtag, Mittwoch oder Donnerſtag werde ich kommen, liebe Frau Norman.“ Roſell war, wie geſagt, gerade bei der hübſchen Liſa, welcher er übrigens bis jetzt noch kein günſtiges Zeichen von Aufmerkſamkeit hatte abgewinnen köͤnnen. Wir wiſſen, daß Liſa ſich halb und halb für die Braut des Notarius anſah und obgleich ſie, trotz dieſes Verhältniſſes, gerne mit andern Männern lleb⸗ aͤugelte, ſo wollte ſie doch nicht mehr als Einen begün⸗ ſtigten Liebhaber auf ein Mal haben; deßhalb war der Regierungs⸗Sekretär nur ihr„guter Freund,“ eine Gunſt, welche er mit mehreren Andern theilte. Von Roſell wiſſen wir, daß er einſt ernſthatte Ab⸗ ſichten auf Liſa gehabt hatte; allein ſeit er wußt, daß ſie den Kammerer nicht beerben würde, ſo hatte er dieſe 180 aufgegeben, und war ſehr froh, daß ſeine Kourmacherei noch keine ernſthafteren Folgen gehabt hatte. Seine Be⸗ ſuche ſetzte er indeſſen darum nicht aus; denn bei ſei⸗ nen knappen Umſtänden war Frau Norman gar keine üble Bekanntſchaft, und Liſa war und blieb ein liebes Mäadchen, mit welcher er gerne eine oder die andere le⸗ dige Stunde verplauderte. Als der Kammerer in das Zimmer trat, ſaß der Regierungs⸗Sekretär bei Liſa am Nähtiſche und ſpielte mit einem Garnknaul; ihr Geſpräch war munter und ziemlich laut. „Guten Abend, Liſa! Wo iſt Deine Mutter oder Muhme Malla? Da ſitzeſt Du ganz allein bei einem jungen Herrn, und läßt Gott einen guten Mann ſeyn!“ Daß Liſa ſo viel Freiheit hatte, wollte dem Kammerer nie recht gefallen. „Gott einen Mann ſeyn laſſen!“— erwiederte Liſa etwas pikirt.„Ich bin hoffentlich alt genug, um ſelbſt auf mich Acht zu geben!“ „In Deinem Alter, mein Kind brauchen die Mäd⸗ chen am meiſten Aufſicht.“ „Aber nicht gegenüber von ſo geſetzten jungen Män⸗ nern, wie ich einer bin,“ meinte Roſell lächelnd,„oder was meinen Sie, Herr Kammerer? verdiene ich nicht mehr Zutrauen? „Ja, das iſt allerdings wahr— ich erinnere mich jetzt, Sie find ja verlobt, Herr Sekretär. Das iſt frei⸗ lich etwas Anderes: ein Bräutigam muß wiſſen, was er zu thun hat!“ „Bräutigam! Bräutigam wäre er?“ lachte Liſa. Das müßte etwas Nagelneues ſeyn, denn wenn er mich nicht zum Beſten gehabt hat, ſo iſt es damit ſchon ſeit anderthalb Jahren aus.“ „Was!“ rief der Kammerer,„alſo war es bloßer Scherz?“ „Keineswegs, es war die lautere Wahrheit; ich ſetze Leib und Leben daran, daß ich mich vor drei Jah⸗ V b I 181 — mit der Tochter des Grubenpatrons P.. verlobt habe.“ „Was ſagſt Du nun, Liſa?“ verſetzte der Kam⸗ merer. „Ich ſage, daß er ein großer Spitzbube iſt, weil er nicht hinzuſetzt, was Jedermann weiß, daß ihm Mam⸗ ſell P.... ſchon vor mehreren Monaten aufgeſagt hat.“ „Mein beſter Herr Kammerer,“ ſiel Roſell haſtig ein,„deßhalb habe ich doch keine Unwahrheit geſagt. So etwas thue ich nie. Hätten Sie zum Beiſpiel ſo⸗ viel Theilnahme für meine geringe Perſon gezeigt, daß Sie weiter gefragt hätten, ob das Verhältniß fortdauere ſo hätte ich Ihnen die ebenſo wahrhaftige als pflicht⸗ mäßige Verſicherung gegeben, daß dieß leider nicht mehr der Fall ſey.“ „Aber wie Sie ſich auszudrücken beliebten, mußte man nothwendig annehmen, daß Sie Bräutigam ſeyen — und das war in der That ſehr ſchön von Ihnen! Ich habe eine beſſere Meinung von Ihnen gehabt, Herr Sekretär— es iſt freilich ein Sprüchwort, daß man in die Leute nicht weiter hinein ſehen könne, als bis an die Zähne.“ Der Kammerer war augenſcheinlich böſe. „Was konnte ich denn damals ſchnell Anderes thun, 6 um Sie zu überzeugen, wie Unrecht Sie mir thaten, als ich ſo in meiner Unſchuld meinte..“ „Ja, ja, ja,“ unterbrach der Kammerer den liſtigen Roſell, welcher wohl wußte, daß der Alte in Liſa's Gegenwart nicht gerne auf jenes Kapitel kam,„ja, ja, laſſen wir das jetzt— ich denke, wir verſtehen ein⸗ ander!“ „Vollkommen, wie ich hoffe; allein es würde mich in der That betrüben, ja aufs tiefſte ſchmerzen und ver⸗ wunden, wenn Sie das geringſte Mißtrauen gegen mich behalten würden!“ „Nein, nein, wenn ich mir die Sache recht bedenke, 182 ſo ſehe ich wohl, wie ſie zuſammenhängt, und finde, daß Sie ein ganz geſcheidter Menſch ſind, Herr Sekretär, der ſich pfiffig aus der Schlinge zu ziehen weiß.“ „Es freut mich,“ erwiederte Roſell mit einer artigen Verbeugung,„ein ſo ehrenhaftes Zeugniß von Ihnen zu erhalten! Die Alten wiſſen, daß es eine ſchöne Sache um die Klugheit iſt.... Da ich aber nicht das Glück habe, Frau Norman zu Hauſe zu treffen, ſo werde ich ſo frei ſeyn, in der nächſten Woche zu kommen und mei⸗ nen Zins bezahlen.“ Ehe Liſa ihrem Erſtaunen über das heimliche Ein⸗ verſtändniß zwiſchen dem Oheim und dem Regie⸗ rungs⸗Sekretär Worte leihen konnte, war der Letztere ſchon halbwegs die Treppe unten. Nun beſtürmte ſie den Kammerer mit Fragen. „Es iſt Nichts, liebe Liſa! Geldangelegenheiten, Sachen, welche Du nicht begreifſt, mein Kind. ib mir jetzt einmal ein Glas friſches Waſſer und gieße ein paar Tropfen Kognak hinein, wenn Du welchen vorrä⸗ thig haſt.“ Liſa brachte ohne Verzug das Verlangte; während ſie den Trank zurecht machte, zerbrach ſie ſich das Köpf⸗ chen darüber, was es wohl für eine Bewandtniß mit der Heimlichkeit haben möge, welcher ſie gar zu gerne auf die Spur zu kommen wünſchte.„Sicherlich geht es mich an; na, ich will es ſchon herausbringen, wenn ich nur einmal wieder mit Roſell unter vier Augen bin— er kann nicht ſchweigen.“ Hierin betrog ſie ſich aber doch; denn ſo liebens⸗ würdig und verführeriſch Liſa auch war, ſo konnte der artige Herr Regierungs ⸗Sekretär doch unmöglich ſagen, daß er zwar einſt ernſthafte Abſichten auf ſie gehabt, dieſe aber in Anbetracht des Eigenſinns des Kammerers rückſichtlich der Erbſchaftsfrage wieder aufgegeben habe. „Nun, liebe Liſa, laß Dir etwas ſagen: ich habe vor, eine Reiſe zu machen, eine Reiſe, welche etwas lang nem wier Ohe belie men gel Spa es g will und könnt Sach geſpe Aller Vorb Sie komm im F das vatba merer, muß; Mutte Zettel 1 183 lange dauern wird,“ begann jetzt der Kammerer in ei⸗ nem gewiſſen feierlichen Tone. „Willſt Du Dich, wie ſonſt, meiner armen Vögel wieder annehmen?“ „Ach, was find Sie doch ein glücklicher Mann, Oheim! reiſen zu koͤnnen, wann und wohin es Ihnen beliebt! Herzlich gerne will ich die Vögel zu mir neh⸗ men; ſoll ich ſie heute Abend holen?“ „Nein; ich habe es dießmal anders vor. Die Vö⸗ gel kannſt Du übrigens zu Dir nehmen, wenn es Dir Spaß macht, ſie ſo lange zu haben; aber wie geſagt, es geht mir noch etwas Anderes im Kopfe herum— ich will hören, was Du dazu ſagſt.“ „Ich bin begierig!“ „Ja, ich dachte Dich zu bitten, wenn Du Zeit haſt, und ich weiß juſt nicht, was Du ſonſt zu thun haben könnteſt, alle Tage einmal hinzugehen und nach einigen Sachen zu ſehen, ob ſie nicht von den Motten, von ein⸗ geſperrter Luft, Fliegen und Staub Schaden leiden.“ „Was? Ich ſoll den Schlüſſel zu des Oheims Allerheiligſtem haben? Ach Gott, wenn es nur keine Vorbedeutung iſt, daß Sie bald ſterben, Oheim, weil Sie auf dieſen außerordentlichen Einfall kommen!“ „Das wollen wir nicht hoffen; wenn es aber ſo kommen ſollte, ſo hätteſt Du wohl nichts dagegen,— im Fall ich ledig ſtürbe!“ „Ledig!“ fiel Liſa lachend ein.„Nun, ich denke, das ſey ſo ſicher wie baar Geld.“ „Vielleicht nicht einmal ſo ſicher, als unſere Pri⸗ vatbankozettel, Jungfer Naſewels!“ meinte der Kam⸗ merer, und nippte an ſeinem Grog. „J, Gott bewahre,“ rief Liſe ſcherzend aus,„da muß es ja ſchrecklich ungewiß ſeyn, denn ich habe die Mutter ſchon oft zu Muhme Malla ſagen hören, daß es Zettel gebe, welche man nicht nehmen dürfe.“ „Nun, und wenn es nun ſehr ungewiß wäre, oder 184 wenn es im Gegentheil ganz ſicher wäre, daß ich mich 4 verheirathe— was dann, Mamſell?“ „Das weiß ich in der That nicht, Oheim, was daraus folgen ſollte, als kleine Erben, welche mich um mein Erbe brächten.“ „Dich um Dein Erbe— na, da ſieh''mal Einer! Du haſt Dir eingebildet, Mädchen, mich zu beerben?“ Liſe goß ohne weiteres noch mehr Kognak in den Grog des alten Herrn und verſetzte:„das habe ich von jeher für ſo gewiß gehalten, als eines von den zehen Geboten im Katechismus.“ „Da wird es Dich wohl hölliſch ärgern, daß Du die Rechnung ohne den Wirth gemacht haſt, und das Gebot ausſtreichen mußt.“ „Ja, eigentlich ſollte ich das, aber da könnten Sie aus baarem Aerger heirathen.“ „Ich heirathe nicht aus Aerger, Kind Gottes, ob⸗ gleich ich alle Urſache hätte, mich über Eure dummen und eigennützigen Pläne zu ärgern. Ich heirathe aus Ueberzeugung. Ich bin im Winter zu ſchlimm daran. Es iſt durchaus nothwendig, daß ich heirathe.“ „Na, das müſſen Sie freilich ſelbſt am beſten wiſ⸗ ſen, und wenn es ſo durchaus nothwendig iſt, ſo werde ich mich eben in mein Schickſal finden müſſen— ich kriege doch hoffentlich einen Mann 14 mich „Ei gewiß. Sie haben es ſtets gut mit mir ge⸗ meint.“ Liſa war ihrer Sache zu gewiß, daß der Alte niemals ſeine Heirathspläne ausführen werde, von denen ihr die Mutter ſchon früher einen Wink gegeben hatte. Und ſollte auch das Unerhörte geſchehen— nun ſo war Liſa überzeugt, daß ſie mit ihrem Lärvchen, ihrer Bil⸗ dung, ihren Talenten und dem Gelde ihrer Mutter jede Stunde, wie ſie ſich noch kürzlich ausgedrückt hatte, ei⸗ nen Mann bekommen könne, ja— hatte ſie hinzugeſetzt — an jedem Finger einen!“ Liſa war eitel; deshalb— günd biſt mir nicht boͤſe, hältſt noch etwas auf wie merr tig Spa auch pför Fall Kan traut habe noch ſches mor⸗ Deir Ich Mur hinei ein! Ohe kelch nicht men liebe Muk entfe Frag ſtäuk nieth am 185 wie glücklich wäre ſie nicht geweſen, mit den Reichthü⸗ mern des Kammerers prunken zu konnen! Aber habſüch⸗ tig war ſie nicht; deßhalb ließ ſie dem Alten gerne den Spaß mit ſeinen Heirathskäfern. Vielleicht war ſie auch liſtig genug, ſich bei ihm immer noch ein Hinter⸗ pförtchen offen zu halten, wenn auch der verzweifelte Fall eintreten und die Sache Ernſt werden ſollte. „Du biſt ein braves Mäadchen, Liſa,“ ſagte der Kammerer gerührt,„viel verſtändiger als ich Dir zuge⸗ traut habe. Auch ſollſt Du die Mühe nicht umſonſt haben! Ich habe ein Stück Battiſt— ſt! vor der Hand noch kein Wort darüber; aber ich denke, es ſoll ein hüb⸗ ſches Kleid für Dich abgeben. Wir wollen ſehen. Komm morgen früh um acht Uhr zu mir, damit ich Dich zu Deinem neuen Geſchäfte gehörig anweiſen kann.“ „Um acht Uhr— das iſt ſehr früh zum Ausgehen! Ich werde aber doch kommen.“ „Aber reinen Mund gehalten, Kind, völlig reinen Mund; das ſage ich Dir! keine Seele außer Dir darf hinein; hörſt Du, keine Katze, keine Maus!“ „Keine Seele, keine Katze, keine Maus darf hin⸗ ein!“ wiederholte Liſa;„verlaſſen Sie ſich auf mich, Oheim! Wollen Sie nicht noch ein Glas Waſſer, On⸗ kelchen?“ „Nein, nein, mein Kind, nichts mehr; es paßt ſich nicht für einen Alten, ein Kneipgenie zu werden, na⸗ mentlich wenn man auf Freiersfüßen geht. Gute Nacht, liebe Liſa. Grüße mir Deine Mutter, die Hofmeiſterin, Muhme Neta und Will, wenn Du ihn ſiehſt.“ Damit entfernte ſich der Kammerer. Am andern Morgen ſegelte unſer Kammerer in den Fragmenten ſeines Schlafrocks im Zimmer hin und her, ſtäubte ab, bürſtete und verſchloß Alles, was nicht nieth⸗ und nagelfeſt war, als Liſa mit einem Körbchen am Arme eintrat. Kammerer Laßman. 1. 13 186 „Guten Morgen, Liſa! Was um Gotteswillen haſt Du denn mit dem Köcebchen vor?“ „Nichts holen, Oheim; ich bringe etwas. Se⸗ hen Sie, hier habe ich eine kleine Kaffeemaſchine, deren wir uns manchmal zu Hauſe auch bedienen. In der Düte da iſt gemahlener Kaffee, und wenn ich ein wenig Spiritus oder Branntwein habe, ſo koche ich Ihnen ei⸗ nen Kaffee auf die Reiſe.“ „Ach, Du biſt ein köſtliches Kind, ein ſehr liebes, gutes Kind! Mein Seel', gerade habe ich auch daran gedacht, wie vortrefflich ein warmes Täßchen Kaſſee ſchmecken müßte! Dort im Schranke ſteht eine Flaſche mit Branntwein, nimm aber nicht zu viel! Ich brauche ihn auf die Reiſe, in den Wirthshänſern iſt alles ſo hölliſch theuer.“ „Man braucht nur ein ganz klein wenig, Oheim!“ Liſa begann nun Kaffee zu kochen und die alten Taſſen des Kammerers zu ſpülen, dann brachte ſie ein Dutzend friſche Zwiebacke und eine hübſche Menge geklopften Zucker zum Vorſchein und ſetzte Alles zierlich auf einen leeren Fleck des Tiſches. „Kommen ſie jetzt, Oheim! Ich denke, mein Kaffee ſoll hell und gut ſeyn.“ Mit freundlicher Miene nahm der Kammerer Platz. Liſa ſchenkte ein, und der Alte trank ſeine gehörigen drei Taſſen. „Vortrefflich, liebſte Liſa, vortrefflich! Ich will wünſchen, daß ihn meine künftige Frau nur halb ſo gut macht! Wie viel kann ungefähr reichen für zwei Perſonen in der Woche, Morgens und nach Tiſch?“ „Das kann ich nicht ſo genau ſagen; aber man wird doch wohl etwa ein Pfund rechnen dürfen?“ „Zum Teufel, das iſt viel! Das Pfund, nach dem gegenwärtigen Preis, macht in jeder Woche acht und zwanzig Schillinge. Rechnet man nun noch Brod, Milch und Zucker dazu— uff, uff! das Heirathen koſtet doch verteufelt viel Geld, Liſa— aber der Winter, der Winter, der iſt mein Pfahl im Fleiſch.“ Trübſa Schlü gleiche man n 77 mit fre ſtauner darfſt Und d verriett gung und pr ſie, da C lag off war z1 druck; dabel“ welche auf ein verſtehe bläſeſt wieder haſt Se⸗ deren der venig n ei⸗ jebes, daran Laffee laſche auche es ſo im!“ aſſen tzend pften einen daffee nahm Alte will halb zwel man dem und Nilch doch der 187 „Nun, Oheim, was ſoll ich denn eigentlich für Sa⸗ chen auslüften und in Ordnung halten?“ fragte Liſa, welche bereits genug vom Winter und von den ſtändigen Trübſalen des Alten gehört hatte. „Ja, ja, da komm her! Der Kammerer ſteckte den Schlüſſel in das Loch der Triangelthüre. „Hier bleib' auf der Schwelle ſtehen und geh' nicht vom Fleck, bis ich den Laden geöffnet habe... Nun ſieh' mal— was meinſt Du dazu, he?“ „Gott im Himmel!“ rief Liſa aus, und ſchlug die Hände zuſammen,“ woher haben Sie denn all die himm⸗ liſchen Sachen? In meinem Leben habe ich nichts Der⸗ gleichen geſehen! Im Schloſſe, wo ich kürzlich war, findet man nichts Hübſcheres.“ „Und alle dieſe Herrlichkeiten,“ ſagte der Kammerer mit freudeſtrahlenden Augen und entzückt über Liſa's Er⸗ ſtaunen und Bewunderung—„alle dieſe Herrlichkeiten darfſt Du, mein Kind, täglich abſtäuben und putzen!“ Und dabei lag in der Stimme des Alten Etwas, welches verrieth, welch' großes Glück ſchon in dieſer Beſchäfti⸗ gung allein lag. Liſa brach in heftiges Lachen aus.„Ja, abſtäuben und putzen, das verlohnt ſich auch— haben möchte ich ſie, das wäre der Rede werth!“ Der Kammerer ſah finſter drein. In dem Wunſche lag offenbar eine etwas zu derbe Anſplielung. Aber Liſa war zu klug, um ihm Zeit zu einem unvortheilhaften Ein⸗ druck zu laſſen. „Sagen Sie mir jetzt nur, Oheim, wie ich mich dabei anzuſtellen habe.“ „Gut, ſieh, mein Kind, Du nimmſt dieſe Federn, welche da in dem Glaſe ſtehen— nimm aber nicht alle auf einmal— mit dieſen— mit einer nach der andern verſteht ſich— fegſt Du alle Winkel und Eckchen aus, bläſeſt dann den Staub weg und ſtellſt vor allen Dingen wieder jedes einzelne Stück an ſeinen Platz. Die Leine 188 hier, quer über, iſt um das Pelzwerk, Kleider und ſon⸗ ſtige Zeugſtücke daran aufzuhängen. Das mußt Du je⸗ desmal zuerſt thun, dabei offneſt Du das Fenſter und läßſt Luft herein, aber niemals, wenn ſtarker Wind geht; denn da könnte leicht ein Windſtoß in das aufgehängte Zeug fahren, und Gins oder das Andere von den Bänken herabſchmeißen.“ „Liebſter Oheim, jetzt weiß ich Alles genau.“ Ich werde mich gehörig in Acht nehmen und auf das ſorg⸗ fältigſte damft umgehen; denn ich habe eine ſehr leichte Hand.“ „Ja, ja, das glaube ich. Jetzt laß uns aber ein⸗ mal eine Probe machen, damit ich ſehe, wie Du Dich anſtellſt!“ Es half nichts— ſie mußte ihr Examen unter den Augen des Alten machen. Liſa hängte mit aller denkba⸗ ren Vorſicht die Pelzfelle über die Leine, gab ihnen mit einer dünnen Gerte ein paar kurze, leichte Hiebe, ſtrich dann eigenhändig darüber hin, mit dem innigſten Wunſche, im nächſten Winter Mantelfutter, Kragen, Muff und Boa davon zu haben. Ein ſüperbes Stück Seidenzeug, welches ſie dann zur Hand nahm, paßte trefflich zum Ueberzug. Alle dieſe Spekulationen behielt ſie natürlich ſtreng für ſich. Ganz leiſe und ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, als gälte es elne Sache von der höchſten Wichtig⸗ keit, legte Liſa die erſte Probe ab; das Exerzitium mit den Federn beſchloß das Examen. Die Ankunft des Fuhrmanns ſetzte den vielfältigen Belobungen des Kammerers über Liſa's Anſtelligkeit ein Ziel. Mit einem tiefen Seufzer verſchloß er die Thüre zum Triangel, und legte den Schlüſſel mit den angelegent⸗ lichſten und ausführlichſten Ermahnungen zu aller nur denkbaren Vorſicht in Liſa's Hände. „Aber, lieber Gott, ich weiß ja gar nicht, wohin Sie reiſen, Oheim, und wohin ich meinen Brief adreſ⸗ ſiren ſoll, wenn irgend ein unvorhergeſehenes Unglück einträ lieben ſchlag predig Ziel wieder merer ( Feuer chener Ende Nichte — er das i welche rei hä geben, zu dü 1 merer darüb noch Feuer ſiehſt ja ein nicht i zu H fall, aber nach Du k lunda Kind reichli d ſon⸗ Du je⸗ r und geht; za att Zänken Ich V ſorg⸗ leichte r ein⸗ Dich er den enkba⸗ en mit ſtrich unſche, f und nzeug, h zum lürlich ſpre⸗ ichtig⸗ m mit iltigen it in Thüre legent⸗ r nur wohin V adreſ⸗ nglück Kind— das Poſtgeld und die Mühe werde ich Dir eichlich erſetzen!“ 189 einträte.“ Die liſtige Jungfer Liſa wollte, gleich ihrer lieben Frau Mama, zwei Fliegen mit einer Klappe ſchlagen.“ Sie wollte den langweiligen Vorſichtigkeits⸗ predigten des Alten ein Ende machen und zugleich das Ziel ſeiner Reiſe auskundſchaften; faſt reute es ſie aber wieder, als ſie ſah, in welche Herzensangſt der Kam⸗ merer plötzlich gerieth. Er wurde leichenblaß.„Gott verzeih' mir's! an Feuer habe ich gar nicht gedacht!“ ächzte er mit gebro⸗ chener, halb erſtickter Stimme.„Mein Seel', am Ende iſt es doch das Beſte, wenn ich zu Hauſe bleibe! Nichts iſt verſichert— und wenn da ein Unglück paſſirte,“ — er mußte ſich ſetzen, der arme Kammerer. „Da find Sie aber im Winter wieder allein, Oheim; das iſt doch offenbar das Schlimmſte!“ ſiel Liſa ein, welche jetzt den Alten lieber nach Otaheitt auf die Freie⸗ rei hätte ziehen laſſen, als die gewiſſe Hoffnung aufge⸗ geben, dee Geheimniſſe des Triangels gehörig durchſtoöbern zu dürfen. „Ach, es iſt freilich ſchrecklich!“ ſeufzte der Kam⸗ merer.„Der Himmel wird wohl ſo gnädig ſeyn und darüber wachen, daß kein Unglück geſchieht! Ich will noch mit der Hausfrau reden, daß gehörig auf das Feuer Acht gegeben wird. Denn reiſen muß ich, das ſiehſt Du ſelbſt ein, mein Kind!“ „Ei freilich; aber wohin denn? Ich kann Ihnen ja ein oder zweimal in jeder Woche ſchreiben, damit Sie nicht in ewiger Angſt leben, und doch wiſſen, wie Alles zu Hauſe ſteht.“ „Der Himmel ſegne Dich für dieſen geſcheidten Ein⸗ fall, liebe Liſa! Ich habe es zwar nicht ſagen wollen, aber Dir kann ich es wohl ſchon anvertrauen. Ich reiſe nach dem Pfarrhoſe von Warlunda in Weſtgothland: Du brauchſt den Brief nur über Marieſted nach War⸗ lunda zu adreſſiren,— ſchreib mir nur fleißig, mein 190 „Ach, wie mögen Sie nur davon reden, Oheim? Ich bin nicht ſo eigennützig, daß ich Ihnen des Vor⸗ theils halber diene, Onkelchen.“ eNichts deſtoweniger hatte ſich Liſa feſt vorgenommen, daß der Alte Pelz und Ueberzug„ſchwitzen“ ſolle; denn ſie war unwiderruflich entſchloſſen, auf den nächſten Winter in einem neuen eleganten Seidenpelz zu paradiren. Nach einem langen, zärtlichen Abſchied von all ſeinen Kleinodien bis herab zu dem Nachttopf, welchem Liſa heimlich den Untergang geſchworen hatte, ſteckte der Alte, wie in Gedanken, die übrig gebliebenen vier Zwie⸗ backe und den Zucker ein. Endlich beſtieg er den Wagen, deſſen Geraſſel die ungeduldige Liſa bald des Vergnügens beraubte, ſeine allerletzten Ermahnungen ferner zu hören. „Wenn er nur mit einer recht langen Naſe wieder zurück kommt!“ lautete Liſa's frommer wohlmeinender Wunſch, als ſie den Triangel abermals öffnete, um alle Schätze einer gehoͤrigen Muſterung zu unterwerfen. Wie ſie ſo daſtand, und ein überaus prächtiges, mit Perlmutter eingelegtes Nähkäſtchen betrachtete, worüber ſie ganz und gar vergeſſen hatte, den Schlüſſel abzu⸗ ziehen— obgleich das die letzte Ermahnung des Kam⸗ merers geweſen war— ging die Thüre auf und der Regierungs⸗Sekretär Roſell trat herein. „Was ſehe ich! Mamſell Lucie iſt hier, und ſchon ſo früh am Morgen. Ich habe mich ſobald heraus ge⸗ macht, um Abſchied von dem Herrn Kammerer zu neh⸗ men. Er iſt doch nicht bereits fort? „Doch; er iſt abgereist, und hat mich zur Wäch⸗ terin ſeines Paradieſes zu beſtellen geruht.“ „Was ſagen Sie zu dieſem kleinen Kabinet? Meine Mutter ſtürbe, glaube ich, vor Verzweiflung, wenn ſie wußte, was Alles hier vergraben liegt.“ Roſell ſteckte zuvörderſt die Naſe in den Triangel, dann kam er ſelbſt nach; und die Blicke, welche er nach einem flüchtigen Ueberſchauen mit Liſa wechſelte, ſchienen — anzu Parc welch heim? Vor⸗ deniger z und ruflich neuen n all elchem ete der Zwie⸗ Zagen, rügens hören. wieder nender m alle 3, mit orüber abzu⸗ Kam⸗ d der ſchon us ge⸗ 1 neh⸗ 191 anzudeuten, daß er gar nicht entgegen wäre, ſich das Paradies ſowohl als den Engel zu Gemüthe zu führen, welchem die Bewachung anvertraut war. Mamſell Lucie ſah gewaltig ſchelmiſch aus. Sie ſchien gleichſam einen Blick in das geheimnißvolle Ver⸗ hältniß zwiſchen Roſell und dem Kammerer zu werfen. „Er will heirathen,“ ſagte ſie mit bedauerlichem Achſel⸗ zucken,„und alle dieſe Herrlichkeiten werden bald eine andere Wärterin bekommen.“ „Welche Unwürdigkeit, faſt hätte ich geſagt Gott⸗ loſigkeit, einen ſolchen Tauſch zu treffen! Könnte denn ein ſolcher alter Na... Mann nicht ledig bleiben, und es in der That viel beſſer haben, wenn er z. B. die zärtliche Fürſorge von Mamſell Lucle's ſanfter lieber Hand für ſich zu gewinnen wüßte. Ich kann es aber doch nicht glauben. Es iſt wohl nur ein Spaß mit ſeiner ganzen Reiſe. Wo wird er heirathen?“ „Ja, ja, es iſt wenigſtens für den Augenblick ſein feſter Wille, wenn ihm nicht wieder etwas dazwiſchen kommt, wie dieß bisher immer der Fall war.“ „Wenn nur dieß in Ewigkeit ſo bliebe; denn es iſt ein offenbarer Wahnſinn von dem braven Mann, ein ſo gewagtes Spiel zu ſpielen. Mit fünfzig Jahren können einem allerlei Verdrießlichkeiten auf den Weg nach dem erſehnten Glück ein Bein ſtellen. Wahrhaftig, wenn ich etwas davon gewußt hätte, würde ich es für Chriſten⸗ pflicht angeſehen haben, ihn vor den geheimen Klippen zu warnen, auf welche er ſo keck los ſegelt!“ „Es iſt gar nicht ſchön von Ihnen„“ meinte Liſa, daß Sie keine beſſeren Wünſche für die Reiſe des alten Herrn haben! Ich muß Ihnen nur ſagen, daß es mir faſt eine Gewiſſensſache iſt, wenn ihm etwas zuſtoßen ſollte.“ „Möge er ſo behaglich ſitzen, wie Abraham in Gott Vaters Schooß, zugleich aber auch bedenken, welche große Verantwortlichkeit ein Reicher hat, wie er 192 ſein Pfund anwendet! Ich wünſchte, er ſtellte mich als ſeinen Wachtmeiſter an! „Ach, da wird er eine beſſere Wahl zu treffen wiſ⸗ ſen,“ verſetzte Liſa ein wenig verſchämt;„ich hoffe, mein Oheim wird ſich vor den Herren in Schaafskleidern in Acht zu nehmen wiſſen. 3 „Herren haben Sie geſagt, Mamſell Norman? Ich betheure auf Ehre, daß ich mich nicht rühmen kann, einen Pelz zu tragen!“ „Wölfe, habe ich geſagt!“ erwiederte Liſa lachend. „Da wäre mein alter ehrlicher Oheim ſchöͤn daran, wenn er ſich den Herrn Sekretär zum Aſſiſtenten nähme.“ „Allerdings vortrefflich, wie ich hoffe, namentlich wenn wir ſcherzhafter Weiſe vorausſetzen, daß Mamſell Lucie mir zur Seite ſtände, denn in dieſem Falle bin ich gewiß, daß Papa Laßman die Stunde ſegnen ſollte, 5 8 die Heirathsgedanken jüngeren Leuten überlaſ⸗ en hat.“ „Ich hoffe übrigens, daß er ebenſo klug wieder nach Hauſe kommen wird, als er ausgereist iſt!“ meinte Liſa, durch des Sekretärs Anſpielung eher beleidigt, als ge⸗ ſchmeichelt. Liſa war nämlich viel zu eigenliebig, als daß ihr nur irgend eingefallen wäre, ſie könne die Schaͤtze des Kammerers zur Erhöhung ihrer Verdienſte bedürfen. Sie hielt eine ſolche Vermuthung für eine Art Beleidi⸗ gung, nahm deßhalb haſtig Hut und Shawl, verſchloß ſorgfältig alle Thüren und der Sekretär erhielt kaum die Erlaubniß, ſie begleiten zu dürfen. Gro Sechszehntes Kapitel. Große Reiſe des Kammerers zur Freierin und was ihm am erſten Tage paſſirte. Der Kammerer Laßman hatte einen alten Univer⸗ ſitätsfreund, mit welchem er von jeher in fortgeſetzter, gewiſſermaßen freundſchaftlicher Beziehung ſtand. Es war dieß der Probſt und Pfarrer zu Warlunda, Herr Magiſter Gottlieb Thorblad, welcher kürzlich erſt Witt⸗ wer geworden war, wie er vor ein paar Monaten un⸗ ſerem Kammerer durch einen Trauerbrief pflichtſchuldigſt angezeigt hatte. Zu beſagtem guten Freund und Probſt, welchem ſehr natürlich in ſeiner traurigen Wittwerſchaft ein Be⸗ ſuch aus Stockholm nicht anders als erfreulich ſeyn konnte, ging die Reiſe des Kammerers. Es war ihm nämlich der Gedanke gekommen, daß die Stieftochter des Probſtes, ein Frauenzimmer, deren achtungswerthe, vor⸗ treffliche Eigenſchaften der Vater ihm hoͤchlich angeprieſen hatte, eine vollkommen paſſende Parthie für ihn ſeyn werde. In dem Begleitungsſchreiben zu dem letzten Käſetransport äußerte ſich der Probſt in dieſer Beziehung folgendergeſtalt: „Die eigentlichen Geſchäfte wären nun abgethan, und ich will jetzt dem Drange meines Herzens ſolgen, und mit Dir von meinem häuslichen Leben plaudern; denn gegen einen ſo alten und geprüften Freund kann man wohl aufrichtig ſeyn. Ich bin überzeugt, daß Du mir eben ſo gerne zuhörſt, lieber Bruder, als ich Dir erzähle. „Du weißt, Herr Bruder, daß es dem Höchſten, deſ⸗ ſen Rathſchluß wir nicht tadeln dürfen, gefallen hat, 194 meine Alte dieſem irdiſchen Jammerthale in ſein ewiges Freudenreich zu ſich zu nehmen. Es wäre großer Egois⸗ mus von mir, wenn ich darob trauern ſollte; ſie war viele Jahre älter als ich, und bedurfte deßhalb einer Ruhe, welche ihr zu mißgoͤnnen, ich ſie viel zu zärtlich geliebt habe. Indeſſen hat ſie mir in ihrer Tochter, ih⸗ rem getreuen Abbild, einen herrlichen und troſtreichen Er⸗ ſatz zurückgelaſſen. Sabina iſt ein höchſt verſtändiges Frauenzimmer, und ſieht trotz ihrer fünfunddreißig Jahre aus, als wenn ſie kaum acht und zwanzig alt wäre. Sie iſt ſehr eingezogen, liebt die ſtrengſte Ordnung, und iſt ungemein haushälteriſch und gottesfürchtig; glück⸗ lich, ja dreifach glücklich wird der Mann ſeyn, welcher dieſen ſeltenen Schatz einſt heimführt! Allein hier in unſerer Gegend findet ſich nichts Paſſendes für ſie. Sa⸗ bine war das einzige Kind meines würdigen Vorgängers, des Probſtes Ingelgren, und ſein nicht unbedeutendes Vermoͤgen ſetzte ſeine hinterlaſſene Tochter in den Stand, nicht den erſten Beſten nehmen zu müſſen. Sie wollte nur eine, ihr völlig anſtändige Verbindung eingehen, oder lieber gar nicht heirathen, was ich freilich eigen⸗ nützig genug ſelbſt am liebſten ſah, damit um ſo länger noch unter ihren fleißigen Händen mein kleines Gut wachſen und ſich vermehren möchte.“ So ſchrieb der pfiffige Probſt Thorblad; und der Kammerer, welchem keineswegs einſiel, daß er in jedem Briefe ſein Klaglied über die vielerlei Trübſale und Müh⸗ ſeligkeiten eines alten Junggeſellen geſungen hatte, biß richtig an, und war, wie wir wiſſen, bereits auf dem Wege zur Freierei nach Warlunda. Nachdem ſich unſer Kammerer ein paar Tage lang weidlich hatte zuſammenſchütteln laſſen, langte er völlig zerſchlagen an einem Sonntagsvormittag auf dem Pfarr⸗ hofe an. Warlunda lliegt eigentlich nicht ganz häßlich, hübſch kann man aber ſeine Lage in der Mitte einer großen kahlen Haide doch auch nicht nennen. Um dieſe Pfarrge⸗ ——QOñOQ————- 195 bäude, deren es zwei waren, herrſchte indeſſen doch eine Art von Behaglichkeit, welche jedem Neiſenden ziemlich einladend vorkommen mußte. Zur Linken, dicht neben der Hofmauer lag der Friedhof mit ſeinem uralten Got⸗ teshauſe, welches ſchon längſt zum Abbruch beſtimmt war, allein in Ermangelung von Mitteln zum Wieder⸗ aufbau vor der Hand noch ſtehen blieb. Die Kirche ſelbſt, ſowie der Kirchhof war mit alten Aſpen und Linden umgeben, deren dichtbelaubten Zweige ihren fried⸗ lichen Schatten über den hübſchgebauten Pfarrgarten warfen, deſſen Blumenrabatten und Holz⸗ und Raſen⸗ bänke zum lieblichen Genuſſe des Landlebens einluden. Der Einfahrt gegenüber ſtand das alte Pfarrhaus, deſſen Dach dagegen in jugendlicher Friſche prangte, denn es war erſt kurz neu gedeckt; dieß ſchien auch das einzige Neue zu ſeyn. Warlunda war einer von den alten Pfarr⸗ höfen, an welchen Nichts als die hinzugekommenen Brannt⸗ weinbrennereien zeigt, daß der Odem der Zeit darüber hin⸗ gegangen iſt, ſo ſchwerfällig, altväteriſch und düſter ſieht Alles aus. Und dennoch hatte es wieder ſein Angeneh⸗ mes: der hübſche Garten mit ſeinen zierlichen Sand⸗ wegen, die ſchattigen Baumgruppen, der liebliche Duft von den Apfelbäumen auf der nahen Wieſe, die Wieſe ſelbſt mit ihren zahlloſen weißen Leinwandſtücken und die ſauberen Fenſter mit altmodiſchen, roſengeſtickten, an der Seite mit rothen Bändern aufgebundenen Vorhängen— dieß Alles zuſammen, nebſt dem freundlichen Willkomm⸗ gebell des Hofhundes und der Geruch eines gebratenen Ferkels von der Küche her, hat ohne Widerrede feine Annehmlichkeit, ſeine heimliche Anziehungskraft und— kommt man gar an einem Sonntagsvormittag, hört den Geſang in der alten Kirche und ſieht die mit Nelken und Ringelblumen reich geſchmückten Gräber— ſo fehlt es dem Bilde auch nicht an Poeſie. Wir würden übrigens der Wahrheit zu nahe treten, wenn wir behaupten wollten, daß der Kammerer ſich durch 196 die letzteren Umſtände im Geringſten hochzeitlich geſtimmt gefühlt hätte; er fand es im Gegentheil höchſt widerlich, denn er wußte ja eigentlich jetzt gar nicht, wo er Je⸗ manden finden ſollte, der ihm an die Hand ginge, und hauptſächlich dafür bedacht war, daß er mehr als nur den ſüßen Geruch aus der Küche zu ſchmecken bekäme. Keine Seele ſchien ſich auf dem Pfarrhofe zu regen, deshalb ſpähte der Kammerer durch den Vorplatz in das kleinere Haus hinein, in das ſogenannte Gaſtgebaͤude; allein da war gleichfalls Alles wüſte und leer, und auch aus dem Umſtande, daß Alles bis vor die Treppe her⸗ aus gar zierlich mit Blumen und grünen Zweigen be⸗ ſtreut war, ſchoͤpfte der Reiſende keinen Troſt. Auf den Rath ſeines Fuhrmanns begab er ſich endlich nach dem Theil des großen Baues, wo nothwendig Leute ſeyn muß⸗ ten, nämlich in der Küche. Eine alte ſauertöpſiſch ausſehende Magd war am Heerde beſchäftigt und blickte nach der Thüre, als der Kammerer öoͤffnete. „Wer iſt da?“ „Ein Fremder! Iſt die Herrſchaft in der Kirche?“ 9„Ja, Alle mit einander. Der neue Vikar predigt eute.“. „Das iſt mir ſehr leid. Iſt außer Euch Niemand mehr im Hauſe?“. „Ja, Brita, ſie iſt drinnen und deckt den Tiſch.“ „Na, das iſt doch wenigſtens Jemand!“ meinte der Kammerer.„Seyd ſo gut und ruft ſie, da erfahre ich vielleicht, wo ich meinen Mantelſack unterbringen und ſelbſt abwarten kann, bis die Leute aus der Kirche kommen.“ „Die Vorplatzthüre iſt nicht geſchloſſen, drücken Sie nur auf die Klinke und gehen Sie rechts, ſo kommen Sie in den Saal. Brita wird ſchon für Ihr Gepäck ſorgen.“ Der Kammerer folgte mit Vergnügen der Anweiſung und befand ſich bald in einem großen viereckigten Raum, durch deſſen zwei Fenſter, vor welchen dichte Apfelbäume 197 ſtanden, kaum halbe Tageslelle hereinfiel. Ein giganti⸗ ſches Kamin nahm die eine Seite ein, die ungeheure Oeff⸗ nung war mit grünen Reißern zugeſtopft, um welche eine ſo fuͤrchterliche Maſſe von Inſekten ſurrten, daß man ver⸗ ſucht war zu glauben, das ganze Fliegengeſchlecht halte hier eine Generalverſammlung. Auf dem vierſchrötigen, mit hausgemachtem„Batte⸗ rich“ überzogenen Sopha, deſſen Franzen faſt bis auf den Boden herabhingen, ließ ſich unſerer Kammerer endlich nieder, legte Hut und Pfeife auf einen nahen Tiſch, und erwiederte den Knicks des Dienſtmädchens mit den Wor⸗ ten:„Guten Tag, mein Kind! Sorge doch dafür, daß mein Mantelſack gut aufgehoben wird! Die Herrſchaft kommt wohl bald aus der Kirche?“ „Cs kann ſchon noch ein Weilchen dauern;“ meinte Brita, und gab rückſichtlich des Mantelſacks die Erklä⸗ rung, daß dieſer ſo lange in der Küche bleiben müſſe, denn die Mamſell habe den Schlüſſel zu dem Gaſtzimmer. Der Kammerer hatte Nichts dagegen einzuwenden, bezahlte ſeinen Fuhrmann, welchem er ſtatt des zugeſag⸗ ten Imbiſſes ganze drei Schillinge weiter geben mußte, und ſetzte ſich dann wieder auf den Sopha, um mit mög⸗ lichſter Reſignation die Entwicklung ſeines Schickſals ab⸗ zuwarten. Seine einzige Erquickung war den friſchgedeck⸗ ten Tiſch aufmerkſam zu betrachten, auf welchem ſich übri⸗ gens noch nicht das geringſte Eßbare vorfand. Die Zeit verſtrich ſehr langſam und der Kammerer war gerade im Begriff in einen ſanften Halbſchlummer zu finken, als auf einmal eine lange Frauengeſtalt, in ein weißes Baumwollenhalstuch gehüllt, mit leiſem feier⸗ lichem Tritt über den Boden ſchwebte und vor dem Sopha ſtehen blieb. Laßman ſprang auf und machte eine ausnehmend tiefe und ehrfurchtsvolle Verbeugung, welche das Weſen — denn es war in der That etwas ſehr Geiſterhaftes und Unkörperliches an Mamſell Sabina Laurentia Ingel⸗ 198 grens langer, magerer Spindelgeſtalt— ebenſo demüthig und feierlich erwiederte. Der Kammerer nannte ſeinen Namen und ſetzte hinzu, daß er ſeinen alten Freund, den Probſt Thorblad mit einem Beſuch habe überraſchen wollen, welcher ihm hoffentlich nicht unlieb ſeyn werde. „Gewiß nicht!“ entgegnete Mamſell Sabina mit prophetiſcher Stimme. „Ohne Zweifel!“ dazu machte der Kammerer eine abermalige, wo möglich noch ausdrucksvollere Verbeugung, „habe ich die Ehre mit Mamſell Ingelgren zu ſprechen, deren achtungswerther Charakter mir durch die eigenen brieflichen Mittheilungen meines Freundes Ingelgren be⸗ kannt iſt.“ „Ja, das bin ich,“ tönte es zart und ſchüchtern von Sabina's dünnen Lippen.„Mein Stiefvater kommt ſo eben mit ein paar Nachbarn.“ Nach dieſen Worten zog ſie das weiße Baumwollentuch dichter über die ſchmalen Schultern und verſchwand unter der Küchenthüre. Dem Kammerer kam aber in ſeinem halbwachenden Zuſtande ihr Kommen und Verſchwinden gleich wie eine himmliſche Erſcheinung vor. Mit allen möglichen Zeichen ausnehmender Herzlich⸗ keit und Freude bewillkommte der Probſt ſeinen Gaſt. Beide Männer waren ungefähr von demſelben Alter, Beide hatten ſich trefflich conſervirt, beſonders der Probſt, deſſen rothe Vollmondswangen und behagliches Geſicht ein Wohl⸗ beſinden verkündeten, welches nicht entfernt den Gedanken aufkommen ließ, als ob er ſeine Wittwerzeit in Kummer und Betrübniß vertraure. Der geſegnete Gottesmann war kein ſo großer Egoiſt, daß er durch unnütze ſelbſtſüch⸗ tige Klagen die Ruhe ſeiner abgeſchiedenen Gattin im Grabe geſtört hätte. „Nun bleibſt Du aber auch wenigſtens vier Wochen bei mir in Warlunda, Herr Bruder?“ „Wollen ſehen, wollen ſehen,“ verſetzte der Kamme⸗ rer,„wie die Landluft mir zuſchlägt.“ 199 „Ah die thut Jedermann gut. Sieh nur mich an. Du wirſt noch wiſſen, wie dürr und mager ich war, als wir uns zuletzt ſahen.“ „Du warſt damals Bikar, Herr Bruder, wenn ich recht weiß?“ ſiel der Kammerer ein, und das Lächeln, womit er ſeine Worte begleitete, bedurfte keiner Auslegung. „Ja freilich; aber es iſt doch nicht der Probſttitel, welcher fett macht. Du wirſt das ſelbſt finden, Herr Bruder; denn ich laſſe Dich nicht eher fort, als blis Du eben ſo dicke Wangen haſt wie ich. Die Landluft wirkt Wunder, und unſre vortreffliche Sabina wird auch dafür ſorgen, daß wir bei Tiſche nicht zu kurz kommen. Haſt Du meine Sabina noch nicht geſehen, Bruder?“ „Doch, Herr Bruder; ich habe ſchon die Ehre ge⸗ habt, wiewohl nur auf einen Augenblick.“ „Nun, das bedeutet Etwas, daß Du ihr gerade zu⸗ erſt begegnet biſt! Was ſagſt Du dazu, Bruder, ſolche Einfachheit und Demuth in ihrem ganzen Weſen und Treiben? Ja, das muß ich ſagen, das iſt ein Weib!“ Der Probſt ſeufzte ſchier vor Andacht als er an die hei⸗ lige Sabina dachte, aber der neue Mitprediger, welcher unterdeſſen in das Zimmer gekommen war, lachte heim⸗ lich und wechſelte verſtohlene Blicke mit dem Patron Sol⸗ berg und dem andern Herrn, einem Gutsinſpektor aus der Nachbarkeit. Alle drei Herren wurden jetzt dem Kam⸗ merer als Freunde und Nachbarn vorgeſtellt. Bei dem Mittageſſen verſtand es ſich ziemlich von ſelbſt, daß der geehrte liebe Gaſt ſelnen Platz neben der Wirthin vom Hauſe bekam, und jetzt erſt, während Sa⸗ bina in Erwartung des Meerrettigs, das Ochſenſleiſch ein wenig kalt werden ließ, faßte ſich der Kammerer ein Herz und nahm ſeine Nachbarin gehörig in Augenſchein. Mamſell Ingelgren war, wie geſagt, ein ſehr lan⸗ ges und mageres Frauenzimmer. Ihr verhältnißmäßig ſehr kleiner Kopf ſaß auf einem erſchrecklich dünnen ge⸗ krümmten Hals, welchen ſie gewöhnlich in ihr Lieblings⸗ 200 ſtück, das ſchon bemeldete weiße Baumwollentuch, ein Produkt ihrer eigenen kunſtfertigen Hände, eingehüllt trug. Sabina war ſowohl zu heilig als zu haushälte⸗ riſch, um etwas Anderes als Schwarz oder Weiß zu tra⸗ gen. Das erſte brauchte man nicht zu waſchen und das andere konnte man waſchen und es ſah doch noch wie neu aus. Ihre Hautfarbe war ſehr hell, faſt käſeweis; über jede ihrer Wangen hingen drei dünne gelbe Locken herab; die mittelſte war an die linke Schläfe mit Gummi feſtgepappt, ein vortreffliches Mittel, womit ſie ein gro⸗ ßes Muttermal glücklich verbarg, eine Erdbeere, das ein⸗ zige Roth, welches ſeine Glut über Sabina's Lilien warf. Ihre Augen waren beſonders merkwürdig und ihr hell⸗ blauer, ſchmachtender, hohler Blick ſtets gen Himmel oder auf den Boden gerichtet, und wenn ſie je ein Mal lä⸗ chelte, las man darin deutlich das Bewußtſeyn, daß die Seele ſich aus höheren Sphären in den Staub herun⸗ tergebe. Dieß war Sabine, auch„die heilige Sabina“ ge⸗ nannt, ein Beinamen, welchen ihr der kürzlich erſt ordi⸗ nirte Adjunkt, ein ganz unheiliger junger Mann, gegeben hatte, und wofür er, wenigſtens unſres Wiſſens, von dem Probſt keine andere Zurechtweiſung erhalten hatte, als eine kleine Drohung mit aufgehobenem Finger, während die Herren, welche beim Brettſpiele ſaßen, mit ihren Stei⸗ nen klapperten und ſeitwärts nach Sabinens Platz hin⸗ über ſchielten. Der Kammerer hatte ſeine Muſterung nicht blos von Sabinens Aeußerem jetzt geſchloſſen, welches ihm hehr und würdevoll erſchien, ſondern auch einen kleinen Grund zur Kenntniß ihrer innern Eigenſchaften und Gewohn⸗ heiten gelegt. Das Erſte, was er wahrnahm, fand er ſehr liebenswürdig; nämlich die Art, wie ſie das Ochſen⸗ fleiſch in die allerzierlichſten und dünnſten Scheibchen zu tranchiren verſtand. Man ſah, daß ſie offenbar in der Wirthſchaft auf das genaueſte zu Hauſe war, denn hüllt älte⸗ tra⸗ das wie deis; ocken mmi gro⸗ ein⸗ varf. hell⸗ oder l lä⸗ 3 die erun⸗ 1 ge⸗ ordi⸗ geben dem als hrend Stei⸗ hin⸗ blos hehr Brund vohn⸗ nd er hſen⸗ bchen ar in denn die Fleiſchbrühe maß ſie gleichſam mit dem Fingerhute zu und Braten und Pudding ſchienen vollends etwas nahezu Weſenloſes zu ſeyn: die Stückchen wollten ſich we⸗ der mit Meſſer noch mit Gabel faſſen laſſen. „Cin geſcheidtes Frauenzimmer, eine lobliche Haus⸗ frau,“ dachte der Kammerer bei ſich,„und die Einfach⸗ heit in ihrem Anzug, verräth dieſe nicht ſowohl Geſchmack, als auch Verſtand?“ Es war wirklich ein bemerkenswer⸗ ther Umſtand, daß unſer ehrlicher Laßman ſich die Ueber⸗ zeugung gewiſſermaßen aufdringen wollte, Sabina habe einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wogegen er doch eigentlich— trotz der unbeſtreitbaren Verdienſte, welche ſie durch ihre Haushaltungsprinzipien an den Tag legte — ſich jedesmal von einer offenbaren Furcht erfaßt fühlte, ſo oft ihre blauen Augen ihn ſcharf anſahen. Auch mußte er es bei einem ſtummen Kopfnicken bewenden laſſen, als ihm ihre ſpindeldürren Finger eine zweite ätheriſche Por⸗ tion Truthahnbraten anboten. Um nicht für einen Menſchen ohne alle Lebensart zu gelten, begann endlich der Kammerer nach und nach ſich in unterſchiedlichen zierlichen Worten zu ergehen, bis Etwas, das einer Unterhaltung gleich ſah, in Gang kam. „Sie haben viele ſchöne Blumen auf den charman⸗ ten Rabatten im Garten unten,“ ſagte er und verſuchte mannhaft ihren Blick auszuhalten. Sabina ſah gen Himmel.„Ich,“ flüſterte ſie mit ſammetweicher Stimme,„gebe mich nicht mit ſolchen Lap⸗ palien ab. Die Haushälterin meines Vaters, Frau Tern⸗ ſtroͤm hat Vergnügen daran, ihre Zeit damit zu verderben. Meine Luſt iſt es nach den Blumen zu ſchauen, welche der Herr auf die Erde geſetzt hat.“ „Die Blumenliebhaberei iſt aber doch etwas höchſt Unſchuldiges,“ meinte der Kammerer. „Unſchuldig, ach ja, es kömmt nur auf den Zweck an, welchen man dabei hat. Alles hat wohl ſeinen Zweck Kammerer Laßman. I. 14 20² und iſt dieſer ſchlecht, ſo iſt auch dem Mittel dazu kein großer Werth beizulegen.“ „Liebſte Sabina,“ ſagte der Probſt und warf ihr einen Blick zu, deſſen Sprache ganz anders lautete,„bei Deiner Frömmigkeit und chriſtlichen Duldſamkeit ſollteſt Du doch zugeben, daß ſich Deine übrigen minder glücklich begabten Mitſchweſtern einem ſo löblichen und unſchädli⸗ chen Zeitvertreib hingeben dürfen.“ Sabinens Augen ſenkten von der Decke auf ihren Stiefvater.„Ich,“ ſagte ſie ſehr langſam— ſie legte häufig den Ton auf dieſes Wortchen— ich verachte...“ „Willſt Du nicht noch ein wenig von dem Truthahn aufſchneiden, liebe Sabina?“ fiel der Probſt einlenkend dazwiſchen. Sabina riß den Braten zu ſich her, ſchnitt in einem unwillkürlichen Anfalle von Wildheit Alles kurz und klein, ſtieß die Platte von ſich weg und lehnte ſich in ihrem Stuhl zurück, gleich als überfalle ſie ein heftiges Uebel⸗ befinden. „Was iſt Dir, liebe Sabina?“ fragte der Probſt und ſah ganz bekümmert aus. „Darf ich Ihnen vielleicht etwas Waſſer geben, mein verehrtes Fräulein?“ Mit dieſen Worten reichte ihr der Kammerer auf die möglichſt kavaliermäßige Weiſe, die er zu Wege bringen konnte, ein Glas Waſſer. Sabina nahm es und nippte daran; ſank aber ſo⸗ gleich wieder mit einem ſchwachen:„Ich denke, es wird mir hoffentlich ſchon wieder beſſer werden“ zurück, übri⸗ gens doch nicht ſo haſtig, daß ſie nicht vorher dem Kam⸗ merer zum Dank einen ſo ſanften und zaͤrtlichen Blick zu⸗ geworfen hätte, daß dieſer vor Erſtaunen gar nicht wußte, wo ihm der Kopf ſtand. Am Nachmittag, während eines Spaziergangs auf der Wieſe, warf der Probſt ſo gleichſam im Vorbeigehen hin:„Es iſt nicht zu läugnen, ſo ſanft und gutmüthig Sabina auch iſt, hat ſie doch, wie jeder Menſch, auch kein f ihr „bei ollteſt cklich ädli⸗ ihren legte hahn nkend einem klein, ihrem lebel⸗ t und mein r der ie er r ſo⸗ wird übri⸗ dam⸗ k zu⸗ zußte, auf gehen üthig auch 203 eine oder die andere Eigenheit. So mag ſie zum Bei⸗ ſpiel keine anderen als Feldblumen leiden, und es iſt ihr deßhalb ſehr zuwider, daß unſere fleißige Haushälterin ſich mit der Blumenzucht in unſerm Garten abgibt. Ich habe um ſo weniger Etwas gegen dieſe unſchuldige Lieb⸗ haberei der Frau Ternſtröm, als ich ſelbſt meine Freude daran habe.“ „Allerdings iſt gar nichts Tadelnswerthes dabet,“ melnte der Kammerer;„hier auf dem Lande, wo man ohne Koſten Blumen halten kann, mag dies ganz ange⸗ nehm ſeyn. In Stockholm ſind freilich Blumen ein ſehr theurer Luxusartikel.“ „Das will ich wohl glauben,“ ſagte der Probſt und war ſehr zufrieden, daß der Blumenhaß der heiligen Sa⸗ bina keine andere Gedanken bei dem Kammerer erweckt hatte.„Ja, zu Stockholm, wie ich mich aus alter Zeit erinnere, dort lautet es freilich anders. Dort,“ ſetzte er hinzu, würde Sabina bei ihrer vortrefflichen Wirth⸗ ſGhafisezuntniß beinahe mit ſo viel als gar Nichts leben önnen.“ Nun paßte eigentlich dieſer Zuſatz wie eine Fauſt auf ein Auge zu der Theuerung der Blumen in Stock⸗ holm; allein der Probſt glaubte eine kleine Anſplelung nicht beſſer anbringen zu können, und ohne das Geringſte von jener Abſicht zu merken, erwiederte unſer Kammerer ganz arglos: „Wenn ſie aber ſo ausgezeichnet geſchickt iſt, wozu brauchſt Du denn eine Haushälterin, Herr Bruder?“ „Ja, Herr Bruder, Du mußt bedenken, daß eine Landhaushaltung mit ihren erſchrecklichen Anhängſeln von groben und anſtrengenden Arbeiten ihren zarten Koͤrper allzu ſehr in Anſpruch nehmen würde. Sie will immer Alles ſelbſt thun, in und außer dem Hauſe, koͤnnte es auch, denn ſie hat es früher ebenfalls gethan, und da ging Alles herrlich, wie am Schnürchen; als ich aber 204 ſah, daß ihre Geſundheit unter der großen Anſtrengung offenbar litt, ſo wollte ich, obgleich mein Vermögen ſich unter ihren Händen zehnfach vermehrte, doch als Stief⸗ vater nicht, daß ſie ſich um meinetwillen ſchinden und plagen ſollte. Als mein Mitprediger im vorigen Früh⸗ jahr ſtarb, nahm ich deßhalb ſeine Wittwe zu mir. Sie iſt flink und fleißig, überall daheim, fürchtet ſich vor keiner Arbeit und kann Etwas aushalten. Auch habe ich zugleich damit ein Werk der Barmherzigkeit gethan: denn das arme Geſchöpf wußte nicht wo aus noch ein.“ „Wo iſt denn aber Deine Haushälterin, Herr Bru⸗ der? Ich habe noch Nichts von ihr geſehen.“ „Sie iſt gegenwärtig auf Beſuch bei Verwandten, kommt aber nächſte Woche wieder. Während dem iſt Sabine ſo gut und beſorgt die Haushaltung.“ Die Rückkehr des Adjunkts, Magiſter Bagge, von der Filialkirche, wo er gepredigt hatte, gab dem Geſpräche eine andere Wendung. Der Magiſter, ein ſehr weltlich geſinnter, junger, lebensluſtiger Mann, ſtand ganz gut mit dem Probſt und der benannten Haushälterin, der hübſchen Frau Mit⸗ predigerin. Aber Mamſell Sabine, mit ihrer großen Heiligkeit, ihrem ſchwebenden Gang und ihren himmeln⸗ den Augen, welche zuweilen etwas von einer Schlange und einer Katze hatten, war ihm ein wahrer Gräuel. Ihre an das Unglaubliche gränzende Wirthſchaftlichkeit ärgerte ihn, ihre Heirathsluſt— denn Sabine hatte alle Neigung dazu, wenn es nur Einer gewagt hätte, ſie recht feſt in die Arme zu nehmen— ekelte ihn an. Zudem hatte der Neid, mit welchem ſie die kleine hübſche Haushälterin betrachtete und derſelben ihre Bosheit mit den lieblichſten honigſüßeſten Worten zu koſten gab, den Magiſter, trotz ſeiner natürlichen Gutmüthigkeit, der⸗ geſtalt gegen ſie aufgebracht, daß er ordentlich einen Troſt und eine innerliche Beruhigung darin fand, die heilige Sabine in allen möglichen Geduldsproben zu üben. b ngung ſich Stief⸗ n und Früh⸗ Sie ˖vor habe than: ein.“ Bru⸗ ndten, n iſt von dräche inger, t und Mit⸗ großen meln⸗ Dlange räuel. ichkeit e alle ſie man. übſche it mit den der⸗ einen „ die üben. 205 Magiſter Bagge's Unrecht lag indeſſen, gelind ge⸗ ſagt, darin, daß er Alles im Hauſe einzig und aus⸗ ſchließlich zum Vortheile für Frau Sophie anſah. Aber der Magiſter war ein junger Mann und Frau Sophie war gleichfalls jung. Sie war hübſch, brav und auf⸗ geweckt und überall ſah man, was eine Frauenzimmer⸗ hand zur Behaglichkeit und Ordnung beizutragen vermag. Der Magiſter wußte nicht und wenn er es gewußt hätte, ſo würde er ſicher nur darüber gelacht haben, daß Frau Ternſtroͤm das Herz und die Hand ihres Mannes weg⸗ geſchnappt hatte, auf welchen ſich Sabina, während der mehrjährigen Adjunktur bei ihrem Vater, ſo feſte Rech⸗ nung machte, daß ſie ihre einſtige Verbindung mit ihm für ſo gewiß angeſehen hatte, als das Amen in der Kirche. Zu Adjunkt Ternſtroͤms Gunſten hatte ſie manche Ausnahme in ihren ſonſt unabänderlichen Wirthſchafts⸗ grundſätzen gemacht; um ſeinetwillen hatte ſie ihre Reiz⸗ barkeit bezwungen, wenn ſie den Damm zu durchbrechen und zu verrathen drohte, daß ihre Heiligenglorie nur ein falſcher Schein war, um ſeinetwillen, für ſeine Ohren wurde ihre Stimme noch weicher, und in ſeiner Gegen⸗ wart wurde ihre magere Figur noch geſchmeidiger und das weiße Baumwollentuch in noch geſchmackvollere Fal⸗ ten drapirt— kurz für ihn hatte ſie Leben und Be⸗ weglichkeit. Und Er ließ ſie in Gottes Namen in ihrem ſüßen Glauben, denn er befand ſich gar nicht ſchlecht dabei, bis er die Mitpredigerſtelle erhielt, wo er dann die hübſche Sophie heirathete, welche er nach drei Jah⸗ ren in den dürftigſten Umſtänden als Wittwe zurückließ. Man wird gerne glauben, daß Sabine die Ueber⸗ ſiedlung Sophiens auf die Probſtei keineswegs gern ſah. Ihre Mutter war zu alt und ſchon lange her ſo kränk⸗ lich, daß ſie ſeit mehren Jahren Nichts mehr zu ſagen hatte, und Sabine das Regiment im Hauſe führte. Dieſe Macht ſollte ihr jetzt nicht mehr ausſchließlich verbleiben. Sophie, die beneidete, faſt konnte man ſagen verhaßte —— 206 Sophie ſollte ſie theilen. Aber nicht genug. Der neue artige Adjunkt, Magiſter Bagge, auf welchen Sabine bereits ſelbſt ihre Augen geworfen— hatte er, der Un⸗ dankbare, wohl für Jemand Anderes Augen, als für die bald getröͤſtete Wittwe? Sogar auch ihr Stiefvater ſchien kaum ein paar Monate nach dem Tode ſeiner Frau mehr Behagen an Sophien zu finden, als ſelbſt in Sabinens Geſellſchaft. Die arme Sabine ging noch weiter in ihrer ebenſo grauſamen als hartnäckigen Einbildung. Argwohn war einer der Züge ihres Charakters und die kleine Abhandlung über die Blumiſterei bei Tiſche hat ſchon gezeigt, wie weit ſie es trieb. Wir werden ſpäter Gelegenheit haben zu ſehen, in wiefern ihr Scharfſinn auf einem triftigeren Grund beruhte, als die allzuoft lrreleitende Mißgunſt. Nachdem der Beſuch fort war, wurde von Sabinen Thee, oder wenigſtens warmes Waſſer herumgegeben, während der Kammerer und der Probſt ſich mit Bret⸗ ſpiel unterhielten und ſich gegenſeitig an alte Jugend⸗ geſchichten erinnerten. Magiſter Bagge ſtand an dem ſchwarzangeſtrichenen Theetiſche, ſtützte ſich leicht darauf und betrachtete, wie ſchon hundert Mal, die rothen und gelben Roſen, welche zwiſchen koloſſalen Epheublättern einen Kranz um die ovale Tiſchplatte bildeten. „Darf ich mir etwas ſtärkern Thee ausbitten?“ er⸗ dreiſtete er ſich zu ſagen, und war ſo kühn, ſeine Taſſe der heiligen Sabine vor die Naſe zu ſchieben. „Ich glaube, es iſt aber ſchon Zucker darin,“ ent⸗ gegnete die Wirthin mit möglichſt wenig merklichem Aer⸗ ger über die kecke Sprache. „Ja, leider, zwei Stückchen.“ Sabine nahm einen Theelöffel und rührte in der Kanne, mit dem Lächeln der Selbſtverläugnung auf den Lippen. Sophie war ja nicht zugegen. „Könnten wir nicht ein Bischen mehr Thee hinein⸗ thun?“ ſagte der naſeweiſe Adjunkt und griff mit pro⸗ fane ſener dürr in 6. Sab darit giſte Büc mer er i Zuch auge da er i Sal daß dekle es r ſell ſchm auf gun offen war rige koft hin bitt hinn ſtog 207 faner Hand nach der vor Olimszeiten ganz hübſch gewe⸗ ſenen Theebüchſe. Sanft abwehrend legte Sabine ihre dürren Finger auf die ſeinigen. Die Theebüchſe war in Gefahr den Deckel zu verlieren und umzufallen, was Bahine am meiſten fürchtete, denn es war Nichts mehr darin. „Der ſtarke Thee iſt Ihnen nicht geſund, Herr Ma⸗ giſter!“ lächelte ſie und ſetzte ſich glücklich in Beſitz der Büchſe.,„Befehlen ſie ihn vielleicht ſtärker, Herr Kam⸗ merer? „Danke gehorſamſt, er iſt mehr als hinreichend ſtark, er iſt gerade recht; ich trinke immer lieber Waſſer mit Zucker und Milch.“ „Hören Sie, Herr Magiſter?“ Sabinens Tauben⸗ augen ſandten dem Kammerer einen dankbaren Blick zu; da ſich dieſer aber bereits wieder umgewendet hatte, traf er ihn leider nur auf den Rücken. „Allerdings hoͤre ich— es war ſehr unvorſichtig von Sabine, an den Magiſter zu appeliren—„und zwar, daß ihn der Herr Kammerer gleich mir für eitel Waſſer deklarirt. Aber freilich, Frau Ternſtroͤm iſt nicht da und es wäre Unrecht, wenn man verlangen wollte, daß Mam⸗ ſell Sabine auf etwas ſo Unbedeutendes, wie mein Ge⸗ ſchmack, Rückſicht nehmen ſollte.“ 3 Die Locken auf Sabinens Wangen wogten unruhig auf und nieder, ſonſt verſpürte man keine weitere Bewe⸗ gung. Nach einer Weille ſchenkte ſie abermals ein; offenbar um ſie zu ärgern, denn der ſogenannte Thee war in der That wieder eben ſo waſſerhell wie der vo⸗ rige, warf der Magiſter Zucker hinein, goß Milch hinzu, koſtete überflächlich davon, ſchob dann die Taſſe weg, ging hinaus und erklärte, er müſſe gehorſamſt um Verzeihung bitten, aber es ſey ihm unmöglich, auch nur einen Tropfen hinunterzubringen. Als Magiſter Bagge zur Thüre draußen war, ſo ſtog ein Zug von Bitterkeit, faſt Bosheit über Sabinens 208 Antlitz, verſchwand aber ſchnell wieder; ſie raumte den Tiſch ab, machte auf einen Wink des Probſts, ohne Wi⸗ derrede, zwei Gläſer Grog, wovon ſie dem Kammerer das ſeinige eigenhändig ſelbſt präſentirte, und zog ſich dann auf ihr Kämmerlein zurück, um durch einige Kapitel in der Bibel und ein paar Seiten in ihrem gewohnlichen Erbauungsbuch, den Stunden der Andacht, ihr Gemüth wieder zu beruhigen. Wie weit ihr indeſſen dies gelang, läßt ſich nicht leicht angeben; genug, ihre Andacht war nicht ſo unge⸗ ſtört als ſonſt, und vielleicht hatte unſer Kammerer eini⸗ gen Antheil daran. So viel iſt wenigſtens gewiß, daß er ihre Gedanken mehr in Anſpruch nahm als das ganze Buch Hiob und die Stunden der Andacht insgeſammt. Endlich ſchlug ſie ihre Bibel zu und ließ ihrer Phantaſie freien Lauf, welche ihr nach und nach allerlei intereſſante Figuren und pikante Situationen vorzauberte. Nach Verlauf einer guten Weile wurde Sabinen auf einmal ganz bange über die namhafte Verirrung ihrer Gedanken, und gleichſam als Schild gegen die Verſuchung ſchlug ſie die Bibel abermals auf. Dies wollte übrigens nicht viel helfen; ſo ſchnell ſie auch die Blätter umwendete, ſo emſig ſie ihre Aufmerkſamkeit auf deren Inhalt zu richten trachtete, allezeit kehrten ihre Gedanken wieder auf den alten Gegenſtand zurück, welcher ſo oft, ſeit Jahren, ihren großen Anſprüchen auf Gottſeligkeit in den Weg getreten war. Sie dachte nämlich auch jetzt, wie jedes Mal wenn ſich die geringſte Ausſicht auf eine Veränderung zeigen wollte, an das Loos des Weibes, und daß ihr die heilige Schrift befehle, ja ſie faſt zwinge, Vater und Mutter zu verlaſſen und dem Manne anzuhängen. In der Frömmigkeit ihres Herzens hielt es Sabine für etwas Unnatürliches, ſich gegen das Ge⸗ bot der Schrift aufzulehnen, mehr als Andere für ſich in Anſpruch nehmen, und ſich den weiſen Anordnungen Gottes entziehen zu wollen, kam ihr ſündhaft vor, denn Er wer fügt Fort nere nicht bett ſeine hatte Eine beſte ſeine den helle folgt beha kaun geno Hau er v men. er a den es n einen mag 209 Er allein weiß ja, was uns gut und nützlich iſt. Selig, wer ſich mit Ergebenheit in ſeinen Willen und Beſchluß fügt! Siebenzehntes Kapitel. Fortſetzung des Heirathsabentheuers. Die heilige Sabine kommt ins Gedränge. Man hatte dem Kammerer ein Zimmer in dem klei⸗ neren Gaſtgebäude angewieſen, und als er am Abend, nicht ohne einige Schwierigkeit, an dem hohen Himmel⸗ bett emporgeklettert war, worin er dann zur Belohnung ſeiner Anſtrengung bald in holde Träumereien verſank, hatte er, nach einem Stoßſeufzer für den„Triangel“ nur Einen Gedanken— Sabine. Nicht daß, trotz ſeines beſten Willens und Bemühens, zärtlichere Gefühle ſich ſeiner bemächtigt hätten; aber bei welchem Weibe fan⸗ den ſich wohl mehr herrliche Eigenſchaften?! Die hellen dünnen Löckchen und die göttliche Stimme ver⸗ folgten ihn jedoch ſtets mit einem gewiſſen heimlichen Un⸗ behagen. Lange hielten ihn die Heirathsgedanken wach und kaum hatte er ein paar Stunden die Wolluſt des Schlafs genoſſen, als ein ſchreckliches Getöſe gerade über ſeinem Haupte ihn aufweckte. „Die Leute ſind fleißig!“ dachte der Kammerer, denn er vermuthete, der Lärm müſſe von einem Webſtuhl kom⸗ men. Da er indeſſen nicht wieder einſchlafen konnte, ſtand er auf und ging aus Mitleid mit ſeinem Trommelfell in den Garten hinab. „Wer lärmt denn da oben ſo früh? Kann ſie mir es nicht ſagen?“ fragte der Kammerer, welcher bereits einen kleinen ſüßen Verdacht geſchoͤpft hatte, eine Stall⸗ magd, die mit dem Milcheimer über den Hof ging. 210 „Ach, das iſt Mamſell Sabine, welche am Webſtuhle ſitzt. Sie iſt immer die Erſte aus den Federn.“ „Welch' ein Weib!“ dachte unſer Kammerer,„was für ein Fleiß und Thätigkeit! Sie könnte mit ihren emſi⸗ gen Händen ein ganzes Haus mit Nahrung und Kleidung verſehen,— und dann hat ſie auch noch ein hübſches Ver⸗ mögen....“ Laßman ſpazierte auf und nieder und machte ſich allerhand Gedanken. „Ah, Herr Kammerer, ſind Sie ſchon ſo früh auf?“ hörte er eine bekannte Stimme hinter ſeinem Rücken und Sabina, in ihrem weißen Baumwollentuch und einem etwas kurzen und knappen hellgeſtreiften Kattun⸗ röckchen grüßte ihn im Vorbeigehen. Sie hatte noch die Papierwickeln im Haare und Pantoffeln an den Füßen; deßhalb ellte ſie vorüber und hielt das Taſchentuch höchſt anmuthig an die Wangen, damit man die Erdbeere nicht ſah. Der Kammerer wagte nicht ſie aufzuhalten, auch ge⸗ fiel ſie ihm heute weniger. „Was kömmt es denn aber auf die äußere Schaale an, wenn nur der Kern friſch und gut iſt!“ tröſtete ſich der nachſichtige Mann. Eine Weile nachher rief man ihn in den Saal zum Kaffee, wo ſchon der Probſt ſeiner wartete; auch Sabina kam bald, lieblich und lächelnd, in Schnürſtiefelchen, Locken und einer ſchwar⸗ zen Bombaſinſchürze, welche zwei Zoll über den Rock herab hing, deſſen kurzen Leib vorn ein kreuzweiſe ge⸗ heftetes Schäwlchen deckte; die Kehrſelte verbarg wie gewöhnlich das weiße Umſchlagtuch, das indeſſen, ſonder⸗ bar genug, heute etwas einem Brautſchleier Aehn⸗ liches hatte, d. h. ſtatt daß es in der Regel die ganze Figur einhüllte, hing es ſtraff und feierlich über den Rücken hinab. „Der Kammerer bewundert ſo eben Deinen Fleiß, mein Kind,“ ſagte der Probſt; er erzählt mir, daß Dein Webſtuhl ihn geweckt habe.“ 211 „Morgenſtund hat Gold im Mund,“ entgegnete Sabina, ſetzte aber ſogleich mit holder Verſchämtheit hinzu:„Im Fall ich Sie übrigens mit meiner Arbeit beunruhige, Herr Kammerer, werde ich ein andermal nicht ſo zeitig anfangen.“ „Gott bewahre mich, daß ich eine ſo löbliche Ge⸗ wohnheit ſtören ſollte!“ erwiederte der Kammerer äußerſt artig.„Seit ich weiß was es iſt, werde ich viel beſſer dabei ſchlafen als bei der ſchönſten Muſik.“ Der Probſt ſchmunzelte und verſicherte, daß Sabi⸗ nens Fleiß ſchon manches Stück zu wege gebracht habe; wenn ſie ſich einmal verheirathe und Warlunda ver⸗ laſſe, ſo würden alle Pferde in ſeinem Stalle den Vor⸗ rath nicht ziehen können. Sabine ſchwieg wie es die liebenswürdige jung⸗ fräuliche Schüchternheit erforderte; ſchenkte aber dem Kammerer heute ſeine Taſſe voller ein als geſtern und obgleich Anfangs kein Zwieback auf dem Tiſche geweſen, holte ſie doch jetzt ein Tellerchen voll davon, ſetzte ihn vor den alten Laßman, welcher ſich verneigte, ſchwieg, aß und trank. Nach dem Frühſtücke machten die Herren einen Spaziergang auf dem Pfarrgute umher und nun zeigte der Probſt ſeine Roggenfelder, an deren Beſchickung Sabine gleichfalls mit thätig geweſen; denn ſie war immer die Erſte bei der Sommer⸗ wie bei der Winter⸗ ſaat. Sie ſelbſt maß das Getreide, ging mit und ſäte, die Kartoffeläcker hatte ſie natürlich ebenfalls beſorgt, nicht minder die Leinſaat, ja, ſie beſaß eine ſo glück⸗ liche und gute Hand zum Säen, daß man ihres Glei⸗ chen nicht fand, und alle Bauernweiber auf mehrere Stunden im Umkreiſe gerne den doppelten Preis zahl⸗ ten, um nur ihren Saatlein von Sabinen zu bekommen. „Das iſt ein merkwürdiger Uſus!“ ließ ſich der Kammerer nachdenklich vernehmen. Ungemein merkwürdig!“ wiederholte der Probſt. 212 „Sovlel Fleiß und Thätigkeit findet ſich ſonſt kaum bei zehn Weibern zuſammengenommen. „Warum hat ſie denn aber nicht ſchon längſt einen Mann?“ „Daran iſt ſie ſelbſt ſchuld. Du wirſt hoffentlich nicht glauben, Herr Bruder, daß ihr nie ein Antrag gemacht worden ſey. Liebſter Himmel, wenigſtens Einer jedes Jahr; aber ſie iſt zu wählig, die arme Sabine. Sie will nur Einen, der ihr gefällt, und bisher hat noch keiner ihr Herz zu gewinnen gewußt.“ „Und doch ſieht ſie ſo mild, liebreich und hinge⸗ bend aus.“ „Chriſtliche Milde, Herr Bruder, chriſtliche Liebe und Ergebenheit! Ja, ſo iſt ſie; aber weltliche Liebe iſt ihr bisher fremd geblieben.“ „Da wird ſie wohl auch ſchwer zu gewinnen ſeyn,“ ſagte der Kammerer; gleichſam im Allgemeinen. „O, es kömmt nur darauf an, wie man es an⸗ fängt. Mit etwas Vorſicht und Klugheit laſſen ſich auch die ungefügigſten Weiber beſiegen. Allein dieß iſt eine Sache, welche Dich nicht beſonders intereſſiren kann, Herr Bruder.— Was ſagſt du aber zu dem ſchönen Kleeſtück da? Unſer Probſt war ein ſchlauer Mann. Er ſprach weder heute noch den folgenden Tag irgend von Saͤbi⸗ nens Vorzügen, noch weniger vom Heirathen, verſäumte aber natürlich keine Gelegenheit, ſeine Tochter ſtets in das hellſte Licht zu ſtellen. Der Kammerer ſchwieg ebenfalls; es wurde ihm aber immer enger um's Herz, ihn überkam nämlich eine gewiſſe, früher unbekannte Angſt. Es war ihm als ſey Mamſell Sabine Laurentia Ingelgren ihm vom Schickſal, oder vielmehr von dem Herrn ſelbſt zur Begleiterin durch das Leben auserſehen. Nichts deſto weniger fühlte er Etwas in ſeinem Innern, das ſich dagegen ſträubte. Der arme Mann! ihm bangte vor Sabinens Tauben⸗ . 213 augen und er fühlte, daß es vorbei mit ihm ſey, wenn ſie erſt ſeine Gattin ſeyn würde,— Herrſcherin über den„Triangel,“— und nach ſechs Tagen der Ueber⸗ legung ſtemmte ſich die arme Stimme fortwährend noch verzweifelt dagegen. Es war an einem Sonnabend. Der Kammerer ſaß einſam auf einer kühlen Raſenbank im Garten und horchte faſt andaͤchtig zu, wie Sabine in ihrem Käm⸗ merlein, zur Vorfeier des heiligen Tages, einen hüb⸗ ſchen Liedervers um den andern mit ſcharfen, aushalten⸗ den Trillern ſang. Als ſie gerade im beſten Stagen war und der ehrliche Kammerer meinte, Sabinens Seele müſſe längſt über den Kreis des kleinlichen Erdenlebens emporgeſtiegen ſeyn, erſcholl plötzlich ein ſcharfer Ton von der Küche her, als wäre Porzellan oder Glas zer⸗ brochen. Sabina hatte ihn ebenſo gut vernommen wie der Kammerer, der Geſang hoͤrte plötzlich mitten in einem prächtigen halbfertigen Triller auf, und wie ein Pfeil ſchoß Sabina die Treppe herab in die Küche, wo der Kammerer, welcher neugierig aufgeſtanden und vor⸗ ſichtig beigeſchlichen war, durch die offene Thüre Alles mit anſehen konnte. Die heilige Sängerin, plötzlich in eine Furie mit fliegenden Haaren verwandelt, faßte mit höchſt eignen Krallen die arme Hausmagd am Kragen und prügelte ſie ſo nachdrücklich durch, daß das arme Geſchöpf, wel⸗ ches ſo ungeſchickt geweſen eine Suppenſchüſſel zu zer⸗ brechen, vor Schreiken auch den Deckel fallen ließ, wel⸗ chen ſie noch in der Hand hatte. Sabina hielt einen Augenblick inne, ihre blauen Augen ſtacken voll Thrä⸗ nen, denn ihr zartes Herz litt dabei, ein ſo ſündiges und elendes Weſen, wie die gemeine Hausmagd, leiden zu ſehen. Vielleicht waren die Thränen auch eine Folge der Anſtrengung, welche es ſie koſtete ihre Zunge im Zaume zu halten. Aber um jeden Preis mußte dieß geſchehen, denn der Kammerer war ja im Garten. 21⁴ Nachdem Sabina, wie geſagt, einen Augenblick Pauſe gemacht hatte, griff ſie das Werk aufs Neue an. Brita's andre Wange bekam bald durch die emfige Bearbeitung eine noch blühendere Farbe, als die zuerſt berückſichtigte. Endlich war die Exekution vorüber und Sabina ſagte mit der lieblichſten und freundlichſten Stimme:„Mein Kind, wie haſt Du Dich nur ſo ſchlecht aufführen können? Die Schüſſel koſtet ſammt dem Deckel drei Thaler. Es thut mir leid, daß ich Dir ſo viel an Deinem Lohn abziehen muß, aber es iſt zu Deinem eigenen Beſten; wenn ich Dir dieß ſo hingehen ließe, ſo wäͤrſt Du im Stande, Alles in der Küche kurz und klein zu ſchlagen. Lies jetzt die Scherben zuſammen, die Brau⸗ hausmagd kann ſie wieder kitten und die Sache ſoll vergeſſen ſeyn; für Werktag iſt ſie dann noch gut ge⸗ nug.“ Damit ging Sabina wieder auf ihre Kammer, nahm den unterbrochenen Triller wieder auf und ſang mit heller Stimme weiter. „Das iſt ja ein wahrer Satan!“ ſagte der Kam⸗ merer leiſe und holte ganz erſchrocken tief Athem.„Mit einer ſolchen Frau,“ fuhr er in Gedanken fort,„wär es gar keine Unmöglichkeit, daß ich an einem ſchönen Tage.. ein Mal... gar ſelbſt..... hu, das iſt ein Stück von einem Weib! Und nun fingt ſie wieder wacker drauf los— ſchöne Froͤmmigkeit, da gebe ich keinen Pfennig dafür! Daß die Dirne den Schaden erſetzen muß, iſt ganz in der Ordnung und den Brauch will ich in meinem Hauſe gleichfalls einführen; aber damit ſollte es auch abgemacht ſeyn, denn bezahlen und Ohrfeigen dazu— nein, nein, das iſt offenbar zu viel, man ſtreicht Niemanden mit doppelten Ruthen! Es war merkwürdig, Sabina ſah akkurat wie eine Hexe aus, als ſie das Mädchen am Kragen hatte. Potz Wetter! wenn ſie ein Mal ſo über mich dar käme....“ In dieſen düſtern Betrachtungen wurde der Kam⸗ merer durch Wagengeraſſel unterbrochen. Unmittelbar — Q—ÿ—ꝛ 215 darauf hielt ein gelbangeſtrichener Wagen vor dem Hof⸗ thore. Magiſter Bagge kam aus ſeinem Zimmer geſtürzt, um auf zu machen, und der Probſt ſelbſt geruhte in eig⸗ ner Perſon unter die Hausthüre zu treten. „Das muß ein ſeltener Gaſt ſeyn!“ dachte der Kam⸗ merer; es war aber Niemand Anderes als die junge Haushaͤlterin, Frau Sophie Ternſtröm, welche vom Wa⸗ gen ſprang und mit einer leichten anmuthigen Verbeugung an dem Magiſter vorbei, auf den Probſt zueilte, welcher ihr bis mitten in den Hof entgegen kam, um ſie willkom⸗ men zu heißen. „Sieh, Bruder Laßman, das iſt die weitere Zugehörde des Pfarrhofs,“ meine liebe flinke Haushälterin, Frau Ternſtröm, ſagte der Probſt freundlich und konnte die blin⸗ zelnden Aeuglein kaum von den blühenden Wangen der hübſchen Sophie wegwenden. Sie war in der That ganz hübſch, das brünette Weib⸗ chen, mit ihren hochrothen Wangen, ihrem ſchwarzen, ſchlichten Haar, und ihren braunen Augen, ſo hell und klar wie der beſte Kaffee. Der Mund war freilich ein bischen zu groß, um billigermaßen zu den ſchönen gerech⸗ net werden zu können, aber ihre Lippen waren ſo roth und die Zähne ſo weiß, wie man ſie vom Schwarzbrod⸗ eſſen nur immer haben kann. Sophie war auch bei ma⸗ gerer Koſt aufgewachſen, denn ihre Aeltern waren ſehr arm, was die junge Wittwe ihre vortheilhafte jetzige Stel⸗ lung um ſo hoͤher ſchätzen lehrte. Sie wurde nicht früher ſichtbar als bei Tiſch; aber der erſte Blick auf dieſen überzeugte die Herren, daß eine Andere das Küchenregiment führe. Die Platte mit Spinat, welche ſonſt halb leer gewe⸗ ſen, war jetzt nicht nur ganz voll, ſondern auch mit Eiern garnirt. Die Gerſtengrütze hatte einen namhaften Zuſatz von Zucker und Zimmt und der Milch fehlte es nicht an Rahm. Der Magiſter, welcher in der vergangenen Woche 216 in der That magerer geworden war, aß mit herzlichem Appetit. Der Probſt fand den gebratenen Fiſch ausge⸗ zeichnet ſchmackhaft und der Kammerer, wir können es nicht verſchweigen, konnte, Trotz dem, daß er wie gewöhn⸗ lich das Glück hatte, neben Sabina zu ſitzen, nicht um⸗ hin, der Köchin alle Ehre zu machen. Sabina ſchwieg während des ganzen Abendeſſens; von Zeit zu Zeit ließ ſie ihre Augen mit einer Miſchung von Furcht und Abſcheu von dem Kammerer auf So⸗ phien fallen. Der Ausdruck ihres Geſichtes ließ ſchließen, daß ſie die Furcht plagte, auch ihre neue Eroberung möchte ihr von der verhaßten Haushälterin abſpenſtig ge⸗ macht werden. Nach der Heimkunft der Frau Ternſtröm begann ein bei weitem beſſeres und muntereres Leben im Pfarrhauſe. Sie nahm viel Rückſicht auf den Kammerer, entweder weil es in ihrer Natur lag, gegen Jedermann zuvorkom⸗ mend zu ſeyn, oder weil ſte merkte, daß ſie Sabina damit ärgerte; genug ſie machte ſich bald auf eine höchſt ein⸗ fache und natürliche Weiſe mit ſeinem Geſchmack und ſei⸗ nen Gewohnheiten bekannt, welchem ſie dann zuvorkam, ohne daß er nur zu wünſchen brauchte. Ihr munterer ländlicher Geſang, mit welchem ſie ihre Arbeit begleitete, lautete ganz anders als die Grablieder, welche aus Sabi⸗ nas hohler Bruſt klangen. Allein das war noch nicht Alles, Frau Sophie hatte auch noch ein weiteres Verdienſt, welches für Einen, der Sinn dafür hatte, gar nicht ſo unangenehm war: ſie konnte nämlich ſchwatzen, aus Her⸗ zensgrund ſchwatzen über— Nichts. Wenn ſie Abends mit ihrer Gießkanne nach dem Garten wanderte und ihre Blumenbeete begoß, ſo kam ſie dem Kammerer, welcher ihr ſchnurſtracks getreulich folgte, als das non plus ultra häuslicher Anmuth vor. Es iſt nicht zu leugnen, der Kammerer bewies ſich etwas flatterhaft in ſeinem Geſchmack, wenigſtens müßte man auf die Vermuthung kommen, daß er mehr Vergnügen an abge Fenf mere ſprüc ſogar hinte Cour mentoͤ Deine Sabir legenh danken Gewif fehlen roklaͤrt ternhe Kam 217 an Sophiens Unterhaltung fand, als an der kalten und abgemeſſenen Kernſprache der heiligen Sabina. Für Sabina kam nun eine bittre Zeit. Von ihrem Fenſter aus mußte ſie oft ſehen, wie der treuloſe Kam⸗ merer, welcher ſie jetzt floh, ſie, die ſchon ſo große An⸗ ſprüche auf ihn hatte, und um Sophien herumtrippelte, ſogar die Gießkanne ihr zu tragen ſich erbot. „Alles, Alles,“ ſeufzte ſie eines Abends, als ſie hinter den Jalouſien ſtehend, zuſehen mußte, wie die Courmacherei offenbar zu ſtark wurde,„Alles überſieht und verläßt mich um ihretwillen!“ Es that Sabina im Herzen weh, ſie preßte die Hände dagegen und ſchaffte ſich dadurch einige Linderung, daß ſie ein paar Blumen⸗ ſtöcke, welche ihr Sophie zum Geburtstag geſchenkt hatte, ausriß und auf den Boden warf. Ihr Stiefvater, welcher gerade über den Vorplatz ging, glaubte ein unterdrücktes Schluchzen in Sabinas Zimmer zu hören und trat herein:„Was fehlt Dir?“ fragte er und ſein Blick ſiel von ihr auf die am Boden umher liegenden Blumen. „Ach, ich bin ſo ärgerlich darüber,“ antwortete ſie mit einem Ton, welchen der Probſt wohl kannte.„Da ſieh nur her, Vater, die abſcheuliche Katze muß im Zim⸗ mer geweſen ſeyn und hat mir alle meine ſchoͤnen Blu⸗ mentöpfe umgeworfen.“. „Die Katze wußte wohl, was ſie that, ſie kannte Deinen Geſchmack,“ meinte der Probſt.„Aber, liebe Sabina, da wir zufällig ſo allein ſind, will ich die Ge⸗ legenheit benutzen und etwas Wichtiges mit Dir reden.“ „Etwas Wichtiges?“ wiederholte Sabina in Ge⸗ danken und hätte beinahe vor Freude laut aufgeſchrien. Gewiß hatte der Kammerer, ja, es konnte gar nicht fehlen, gewiß hatte er ſich bereits gegen ihren Vater roklärt. Ach, ſie hatte ihn verkannt; nur ſeine Schüch⸗ ternheit, ſeine eigene Strenge gegen ſich hatte ihn Kammerer Laßman I. 15 218 zurückgehalten. Der brave Mann, welche Liebenswür⸗ digkeit, welch' feines Zartgefühl! „Etwas Wichtiges ſagſt Du, lieber Bater?“ wie⸗ derholte ſie jetzt laut und mit ſo heller und klarer Stimme, als ob ſie ſich ſchon zu dem lieblichen Ja ein⸗ üben wollte, ſenkte aber natürlich ihre Augen mit jung⸗ fräulicher Beſchämtheit zu Boden. „Ja, meine gute Sabina, Du weißt, daß Deine Mutter, hauptſächlich auch in ihrer Todesſtunde, mir Dein Wohlergehen an das Herz gelegt hat. Bisher hat es ſich noch nicht ſchicken wollen, daß ich ſo glücklich geweſen wäre, dieſe zärtliche Fürſorge auf einen Andern uͤbertragen zu können..... 4 „War denn dieſe für Sie ſo läſtig?“ ſiel Sabina dazwiſchen, gleich als wollte ſie den heiß erſehnten ſüßen Genuß noch ein wenig hinausſchieben. „Wenn auch gerade nicht läſtig,“ antwortete der Probſt,„ſo war ſie doch manch Mal gar nicht ſehr leicht, das weißt Du ſo gut, wie ich. Unter vier Augen brauchen wir nicht die Heiligen zu ſpielen, und ohne daß ich es Dir in’s Andenken zurückzurufen nöthig habe, wirſt Du Dich ſelbſt erinnern, daß Deine boshafte zänkiſche Gemüthsart, ſo ſchoͤn Du dieſe auch ſtets in den Mantel der Gottſeligkeit einzuhüllen verſtehſt, mir manche bittre ſchwere Stunde gemacht hat. Und Dein geiziges, tyranniſches Weſen gegen die Dienſtboten hat ſchon ſo viele Auftritte veranlaßt, daß ich oft dadurch meine beſten Knechte und Mägde verloren habe.“ „Ich war immer nur auf Dein Beſtes bedacht, lieber Vater; aber wie hängt das mit dem Gegenſtande zuſammen, über welchen Du mit mir reden willſt?“ „Allerdings ſteht es damit im Zuſammenhange; denn gerade dieß macht es mir höchſt wünſchenswerth, Dich anderen Haͤnden zu überlaſſen.“ „Was willſt Du damit ſagen, Vater? Du weißt .“ Dabei ſah Sabina äußerſt verſchämt und ver⸗ legen aus. wun Mäd noch daß empo gen nicht und man daß habe könne genie ſehr ihr „Ich lieber Probt darun bina zuſam Bode geſchl ſagte ſagtef Heira recht ſehnte kein I wür⸗ wie⸗ Aarer ein⸗ jung⸗ Deine mir zisher icklich ndern abina ſüßen e der ſehr Augen ohne habe, shafte tts in mir Dein n hat adurch wacht, ſtande ange; werth, weißt d ver⸗ 219 „Ja ich weiß, daß Du meinen Wunſch theilſt, wundre mich nicht im geringſten darüber. Wenn ein Mädchen bis in die fünfunddreißig gekommen iſt, ohne noch einen einzigen Freier gehabt zu haben, ſo iſt es billig, daß ihr ewiges Geſeufze auch ein Mal ein Ende nimmt.“ „Bater!“ Sabina hob ihre Augen zur Stubendecke empor; es ſah aus, als wolle ſie den Himmel zum Zeu⸗ gen einer ſo ungerechten Beſchuldigung anrufen. „Hör', liebe Sabina, auf die Worte kommt es uns nicht ſo genau an, wenn nur die Abſicht dabei gut iſt, und das iſt ſie. Was ſagſt Du zum Kammerer Laß⸗ man? um das Kind bei dem rechten Namen zu nennen.“ „Ja— ach ja.“ Da Sabina nun ganz gewiß war, daß der Kammerer bei dem Vater um ſie angehalten habe— denn ſonſt hätte ſich dieſer nicht ſo äußern können— wollte ſie ihren Triumph auch vollſtändig genießen. Sie wollte zeigen, daß es ihr keineswegs ſo ſehr um einen Mann zu thun ſey, deßhalb dehnte ſie ihr ſeufzendes ach ja und ſetzte etwas ſchleppend hinzu: „Ich habe übrigens keine Luſt zu heirathen, gar keine, lieber Vater.“ „Du wirſt Dich ſchon beſinnen,“ entgegnete der Probſt, wenn wir erſt ſo weit ſind, daß es ſich ernſtlich darum handelt, das heißt, wenn er um Dich anhält.“ „Hat er dieß denn noch nicht gethan?“ platzte Sa⸗ bina heraus und plötzlich ſiel ihre lange dürre Figur zuſammen wie ein Taſchenmeſſer. Faſt wäre ſie zu Boden geſunken, ſo haſtig ergriff ſie der Schmerz fehl⸗ geſchlagener Hoffnung. „Potz tauſend, ſo übel wird Dir, liebe Sabina?“ ſagte der Probſt mit einem boshaften Lächeln.„Du ſagteſt ja vorhin, daß Du nicht die geringſte Luft zum Heirathen hätteſt. Und da ich nun einſehe, wie Un⸗ recht ich Dir that, wenn ich der Meinung war, Du ſehnteſt Dich nach einem Mann, ſo werde ich jetzt auch kein Wort mehr ſagen, um Dich, gegen Deine Neigung, 220 zu überreden. Sey nur ruhig, liebſte Sablna; wir reden nicht weiter davon!“ Der Probſt machte Miene weg zu gehen. „BVater!“ ſtammelte Sabina mit ſlehentlicher Ge⸗ bärde. „Du biſt zu heilig für den Cheſtand, mein Kind; fing Du Deine Lieder und ſtirb als ehrbare Jungfrau. Sophie ſoll Dir dann einen Kranz flechten und zum Andenken an die tugendbelobte, fromme, keuſche Jung⸗ frau Sabina, welche als eine ſchneereine Braut Chriſti leben und ſterben wollte, in der Kirche aufhängen.“ „Vater, Vater!“ „Ja, mein Kind, das iſt nun vorbei. Ich dachte für Dein Glück zu ſorgen, es war mein innigſter Her⸗ zenswunſch; allein der Himmel ſoll mich bewahren, daß ich den geringſten Zwang....“ „Ach nein, Vater!“ „Was haſt Du geſagt, liebſte Sabina 2“ „Ich habe geſagt,.... Ach Gott....“ Die heilige Sabina krümmte ſich wie ein Wurm. „Haſt Du vielleicht geſagt, daß Du Dich beſonnen habeſt, daß Du doch am Ende heirathen willſt?“ „Ja... Vater!“ ſtöhnte Sabina und verbarg ihr Antlitz in beide Hände. „Gute Sabina!“ ſagte der Probſt mit verändertem, ernſtem Tone.„Da ſiehſt Du nun, was Dir Deine Berſtellung und Heiligkeit geholfen haben— zu weiter Nichts als Dich lächerlich zu machen und Deine innerſten Gedanken bloß zu ſtellen! Ich habe Dich deßhalb dafür geſtraft, wie Du es verdienteſt. Wenn ich aber nun mein Beſtes thun ſoll, was ich ſtets gethan habe, ohne daß es glücken wollte, Dir einen braven Mann zu ſchaffen, ſo verlange ich auch von Dir, daß Du in Sa⸗ chen, welche Dich Nichts angehen, ſo geſcheidt biſt, Deine Zunge im Zaum zu halten: bekümmre Dich von heute an Nichts mehr um die Haushaltung und überlaß dieſe der Frau Ternſtroͤm. Sie kann ſich beſſer mit daß ſucht. laͤuft eilige onnen g ihr ertem, Deine 221 dem Geſinde ſtellen und kommt weiter mit ihrer Welt⸗ lichkeit als Du mit Deiner Heiligkeit.“ „Ich bekümmere mich gewiß Nichts mehr darum; aber was veranlaßt Dich denn zu dem Glauben, daß der Kammerer ſeine Augen auf mich geworfen habe?“ „Was mich dazu veranlaßt?— Weill ich weiß, daß er eine paſſende Frau ſucht, und gewiß nur deßhalb hierher gekommen iſt. Ich meines Theils darf mir das Zeugniß geben, daß ich weder mündlich noch ſchriftlich Dich anzupreiſen verſäumt hätte. Ich habe Dich als das trefflichſte Weib hingeſtellt, als die wünſchenswertheſte Gattin. Sieh', ſo zärtlich habe ich für Deine Zukunft geſorgt, mein Kind!“ „Du biſt ſtets ſo gut, Vater; hat aber der Kammerer ſonſt..“ „Du biſt viel zu voreilig; gut Ding will gute Weile haben. Du ſiehſt aber ſelbſt, wie aufmerkſam und charmant er gegen Dich iſt. „Seit acht Tagen nicht mehr beſonders.“ „Seit acht Tagen— was willſt Du damit ſagen?“ „Ich meine, wenn Du es doch wiſſen willſt, Vater, daß Sophie ſich nicht vergebens bei ihm einzuſchmeicheln ſucht. Der Kammerer ſchielt beſtändig nach ihr und läuft ihr überall nach.“ „Das ſoll er bleiben laſſen!“ ſagte der Probſt rauh. „Ich habe nicht im Sinne gehabt, daß er um Jemandes Andern willen hieher kommen ſollte, als um Deinet⸗ willen, Sabina! Wahrſcheinlich iſt es aber wieder Dein alter Neid, der Dich ſchief ſehen läßt.“ „Nein, gewiß nicht; er iſt nun ſchon eine ganze Stunde draußen und hilft ihr beim Gießen; die Art, wie er ihr hilft, iſt in der That gewaltig hübſch!“ „Gut, ich werde unſere Angelegenheiten ſo ſchleunig wie möglich zu betreiben ſuchen!“ Der Probſt grüßte Sabinen mit leichtem Kopfnicken, nahm im Saal ſeine ſchwarze Mütze, Haſelſtock ſammt 222 Pfeife und ging in den Garten hinab, wo der Kammerer neben der hübſchen Sophie niedergebückt, mit angelegent⸗ licher Aufmerkſamkeit ihr zuhörte, wie ſie ihm die Ge⸗ ſchichte jeder einzelnen Blume erzählte. Ein Botaniker hätte freilich keinen großen Werth auf Sophiens Mit⸗ theilungen gelegt; denn Botanik waren dem armen Kind böhmiſche Doͤrfer; die Grzählungen von dem Urſprunge ihrer Blumen waren ganz anderer Art und die Biogra⸗ phien lauteten ungefähr ſo: „Was meinen Sie, Herr Kammerer, iſt die hübſche Levkoje da nicht gar zu lieb? Man kann ſich nicht ſatt daran ſehen. Sle müſſen wiſſen, ich habe ſie als Ab⸗ leger bekommen, als ich vor einiger Zeit— halt, wann war es denn— im Mai, nein Ende Aprils war es, wo ich auf dem Herrenhof zu Ramshulta geweſen bin. Mein Vetter iſt Inſpektor dort; der hat mir auch die Aurikeln dort gegeben, da wird es aber nicht viel mit werden. All' die Tauſendſchönchen, die gelben und die weißen, habe ich gegen Pfingſtnelken von der Majorin auf Lindby eingetauſcht— das iſt eine liebe, charmante Frau und ſo gutmüthig und wohlthätig! Damals als mein ſeliger Ternſtröm noch lebte und es uns hie und da etwas knapp ging, hat ſie mir— das brauchen Sie übrigens weiter Niemanden zu ſagen— gar oft Milch und Mehl, Fleiſch und Speck geſchickt, ja ſogar auch mit Saatkorn half ſie uns zuweilen aus, wenn wir den Winter über Alles aufgezehrt hatten und Nichts zum Säͤen übrig blieb. Jeder Menſch hat ſeine Plage. Gott Lob, wenn es genug geregnet hat, kommt auch wieder Sonnenſchein!..Die zwei Roſenſtöckchen hat mein ſeliger Ternſtröom vom Pfarrhof zu Arvedel mitgebracht, als er ein Mal für den Probſt predigte, wie dieſer ver⸗ reist war; in der Filialkirche mußte der Schulmeiſter eine„Vermahnung“ leſen. Die Probſtin hat ihm ſelber belde Stöckchen gegeben, zum Dank, daß er ſo gut gewe⸗ ſen und ausgeholfen hatte;— ſie wußte wohl von Alters und Sie Nilch auch den zum Gott ieder mein acht, ver⸗ eiſter ſelber gewe⸗ llters 223 her, daß ich in die Blumen verliebt bin. Mein armer Ternſtroͤm brachte ſie richtig Abends in der Hand nach Hauſe; es hat mich in der That gewundert, denn er war unterwegs bald da, bald dort bei einem guten Freund ein⸗ gekehrt und hatte ein bischen ins Gläschen geguckt. Es iſt nicht gut für einen ſo armen Pfarrer, wenn ihm der Verſucher zu oft ein Bein ſtellt. Da ruft Einer, dort wieder ein Anderer aus dem Fenſter, Jeder will mit Et⸗ was aufwarten— trotz dem Allem kamen aber meine Roſenſtöckchen glücklich heim, ich ſetzte ſie und ſie wuchſen wie die Weiden. Als ich mein Pfarrhaus verlaſſen mußte, weil ich Wittwe geworden war, nahm ich ſie mit hieher. Ich ſtehe manchmal Abends davor, wenn die Sonne un⸗ tergeht und ſchaue ſie an. Sie erinnern mich an manche liebe gute Stunde, wo mein ſeliger Ternſtröm und ich mit einander ſo ſtanden und unſre Freude daran hatten ... Ich dachte damals nicht und er auch nicht, daß es ſo bald vorüber ſeyn ſollte— aber der Menſch denkt und Gott lenkt!“— Sophie ſeufzte und wiſchte ſich mit dem Schürzen⸗ zipfel eine Thräne aus dem Auge. „Den großen Nelkenſtock hat mir die Küſtersfrau, die brave Alte, von Anders Perſon im Wieſenthal unten verſchafft. Wenn's gleich nur Bauern find, ſo dürfen Sie es doch glauben, Herr Kammerer, Blumen haben ſie rarer noch als die Majorin auf Lindsby, ja, und Ro⸗ ſen, noch koſtbarer als im Pfarrhaus zu Ramshulta, wo ſie ſo vornehm aufgezogen werden, daß gar Glasfenſter darüber ſind! Aber gerechter Gott, meine ſchönen großen Pfingſtroſen habe ich ja ganz und gar vergeſſen! Der Stock ſtand an meinem Geburtstage, Morgens in aller Frühe, in meiner Stube auf dem Tiſch. Ich hab es die Sabina nie wiſſen laſſen mögen, ich glaube, ſie wäre im Stande geweſen und hätte mir die Augen ausgekratzt. Ihnen darf ich's aber ſchon im Vertrauen ſagen, daß ich ſie von Herrn Magiſter Bagge habe. Das war doch gewiß hübſch von ihm, nicht wahr?“ 224 Von dieſer Art war Frau Sophiens harmloſes Ge⸗ plauder. So unbedeutend und langweilig es auch Sol⸗ chen vorkommen mochte, welche Anſpruch auf eine ordent⸗ liche oder feine Konverſation machten, hatte es doch für unſern Kammerer etwas höchſt Anziehendes, der es ſogar gerne mehr als Ein Mal hörte; denn Sophiens gutmüthi⸗ ges, einfach herzliches Weſen verlieh allen ihren Worten eine Anmuth, welche von ihren friſchen Lippen nicht ohne Erfolg blieb. Der Probſt ſtand nicht ferne von den beiden Blu⸗ menbewunderern; allein dieſe waren ſo in ihr Geſpräch vertieft, daß ſie ihn weder ſahen noch hörten und Sophia hatte bereits eine zweite verbeſſerte Auflage der Geſchichte ihrer Roſenſtöoͤcke aufgetiſcht welche ſie ſo lebhaft an ihren ſeligen Ternſtröm erinnerten, als unſer Kammerer ohne Umſchweife mit der Frage herausrückte, ob ſie es denn für ganz unmöglich halte, ihren erſten Mann jemals ver⸗ geſſen zu können. „Herr Gott in deinem Reich, daran habe ich in meinem Leben noch nicht gedacht!“ erwiederte Sophie; allein ihr Geſicht verrieth, daß ſie die Unwahrhelt geſagt habe, denn ſie wurde röther noch als ihre Roſen. „Nun, ich ſetze ja nur den Fall; denn ewig trauert man doch nicht. Wenn ich ſage, daß...“ „Bekommſt Du keine Kreuzſchmerzen, wenn Du ſo lange gebückt daſtehſt?“ fragte der Probſt mit lauter Stimme. Sabinens Warnung hatte ihn in Unruhe ver⸗ ſetzt und er dankte Gott, daß er noch zu rechter Zeit ge⸗ kommen war. „Ich ſehe nur zu, wie vortrefflich Frau Sophie ihre Blumenbeete in Ordnung hält.“ „Du biſt zu gütig, daß Du an einer ſolchen Spiele⸗ rei Spaß ſindeſt! Ich meine aber, es iſt ſchon zu ſpaͤt.“ Es bedurfte Nichts weiter, als dieſes leiſen Winks für Sophien, welche niemals wagte oder auch nur für moͤglich hielt, einen andern Willen als der Probſt zu hab Bel biet mer dru⸗ ihn Feh iſt Rog alle in nich Nie Här men wein zuge auck men an ſich den die aber wele well den gnüt wele geſch 225 haben. Ihre Gießkanne im Arme lief ſie fort und als Belohnung ihrer Folgſamkeit lächelte ihr der gnädige Ge⸗ bieter freundlich zu. „Wirklich eine charmante Perſon!“ rief der Kam⸗ merer aus und war außer Stand, den angenehmen Ein⸗ druck zu verbergen, welchen ſeine neue Bekanntſchaft auf ihn gemacht hatte. „Ach ja, ſie iſt recht brav und ich kenne nur Einen Fehler an ihr, der iſt aber auch hinreichend genug! Sie iſt etwas zu verſchwenderiſch. Wenn früher eine Tonne Roggen einen Monat lang reichte, ſo brauchen wir jetzt alle drei Wochen eine!“ „Was ſagſt Du, Herr Bruder?“ rief der Kammerer in ſichtbarem Schrecken aus.„Eine Tonne Roggen reicht nicht weiter als drei Wochen?”“ „Keinen Tag weiter! Sophie iſt zu gut, ſie kann Niemand darben ſehen, ſondern gibt ſtets mit vollen Händen. Es können ein— zwei— drei Bettler kom⸗ men— ſie ſchneidet ein Stück Brod um das andere ab, weint auch noch dazu, und iſt im Stande, ſo lange her⸗ zugeben, als noch irgend Etwas da iſt. Deßhalb iſt ſie auch mit ihrem Mann auf keinen grünen Zweig gekom⸗ en Die„Bettelweiber“ hingen immer wie Blutegel an ihr.“ „Das wäre der Teufel!“ Der Kammerer nahm es ſich ſehr zu Herzen. Die hübſche Pfarrwittwe war in den letzten drei Tagen in der allerſchoͤnſten Heimlichkeit die Gebieterin des Triangels und ſeines Herzens geweſen; aber nun bekam plötzlich ſeine Hoffnung einen Stoß, welcher ihm durch Mark und Bein ging, denn Bettel⸗ weiber waren ihm ein Gräuel und Verſchwendung in den Tod zuwider. „Ja, ſo iſt's!“ ſagte der Probſt und ſtrich ſich ver⸗ gnügt den Bart. Der glückliche Erfolg ſeiner Rede, welcher ſo deutlich auf des Kammerers gerunzelter Stirne geſchrieben ſtand, hatte ſchuell die gute Laune des geiſt⸗ 226 lichen Herrn wieder hergeſtellt und ganz höflich ſetzte er hinzu:„Ich weiß aber nicht, für was ich Dich immer mit unſern häuslichen Angelegenheiten plage— ein Jeder hat ſein Kreuz auf dieſer Welt!— Aber was die Haushaltung betrifft, kann ſich keine mit Sabinen meſſen.“ „Ja, ja, das glaub' ich wohl.“ „Sie iſt, ohne Ausnahme, die fleißigſte und ge⸗ ſchickteſte Hauswirthin weit und breit.“ „Potz tauſend, ja, ja, ich habe das wohl geſehen.“ „Es kam mir, um aufrichtig zu ſeyn, auch in der That eine Zeitlang vor, als hätteſt Du Gefallen daran, Herr Bruder, zu ſehen, wie ſie ſich ſo trefflich zu Allem anzuſchicken weiß. „Ja, allerdings, ich läugne es nicht, aber...“ der Kammerer ſtand in ſichtbarer Verlegenheit da; er fürch⸗ tete, ſich zu verreden, indem er noch nicht recht einig mit ſich war. „Ich ſollte eigentlich von ſo Etwas nicht anfangen,“ meinte der Probſt und ſeine Stimme verrieth, daß er nicht länger ſchweigen konnte,„da aber Sabina meine Tochter nicht iſt, ſondern nur ein zugebrachtes Kind, und alſo gar nicht mein Fleiſch und Blut, ſo darf ich wohl friſch von der Leber weg reden und ſagen, daß ich glaube Du fändeſt einiges Wohlgefallen an ihr. Und wenn Du mich allenfalls zum Freiwerber machen willſt(ich weiß, daß die Junggeſellen gewöhnlich ſchüchtern ſind), ſo— was meinſt Du, Herr Bruder? Ich bin bereit. Je früher man eine Sache abgemacht, deſto beſſer; friſch gewagt iſt halb gewonnen!“ Unſer Kammerer war ganz perpler; er nahm eine Priſe um die andere; das ginge ihm doch ein bischen zu ſchnell.„Liebſter Bruder, um Alles in der Welt— um Alles in der Welt!“ Der arme Laßman war verzweifelt in der Klemme; denn ſo ſehr es ihm auch um das Hei⸗ rathen zu thun war, konnte er dech ein Bild nicht los werden: die heilige Sabina in der Küche, wie ſie die Magd beim Schopf hatte. So wie er ſie damals geſe⸗ hen, ſah er ſie auch in der Zukunft und ſich ſelbſt, mit Furcht und Zittern, in der unbehaglichen Stellung. Kurz, Sabina war jetzt ſein Schrecken und ſein ganzes Sinnen und Trachten ſtand nach der niedlichen Sophie. „Nun ſo komm, komm nur! Ich ſehe ſchon; gerade wie ich geſagt habe: Du biſt zu ſchüchtern, Herr Bruder!“ „Nein, nein, gerechter Gott, das iſt's nicht— ich bin noch nicht entſchloſſen, obſchon ich ein Mal daran gedacht habe! Sie iſt ſo, Gott verzeih' mir’s, daß ich es ſagen muß— ſo teufelhaft! Ja, nun iſt's heraus— ich habe ſelbſt geſehen— aber ſieh, Herr Bruder, da kommen Fremde!“ Unſer armer Kammerer fiühlte ſich unausſprechlich erleichtert, daß er den Kopf aus der Schlinge ziehen konnte— denn der Steuereinnehmer fuhr ſo eben zum Thore herein. Wir wiſſen nicht, wohin der Probſt den Steuer⸗ einnehmer wünſchte; ſoviel iſt aber gewiß, daß unſer Kammerer, nachdem er wieder zu Athem kam, den Ent⸗ ſchluß faßte, ſich nicht mehr verblüffen zu laſſen, ſondern die Sache von der ernſthaften Seite, kalt zu nehmen, und die heilige Sabina in Zukunft nur mit abgemeſſener Hoͤflichkeit zu behandeln, denn er fühlte von nun an einen förmlichen Widerwillen gegen ſie. Achtzehntes Kapitel. Der Kammerer kriecht in ein leeres Faß und kommt am Ende zu einem verzweifelten Entſchluß. Die nächſten Tage ging der Kammerer jeder Gele⸗ genheit aus dem Wege, ſowohl mit dem Probſte als mit Sabinen allein zu ſeyn. Dagegen beobachtete er Frau Ternſtröm um ſo ſchärfer und als er bemerkte, daß weder die Küche mit Bettelweibern überſchwemmt war, noch daß die artige Sophie auf ſonſtige Weiſe das ihr anvertraute Gut verſchleuderte, ſo kam er nach und nach auf den ſehr natürlichen Verdacht, daß es dem Probſt darum zu thun ſey, die heilige Sabina los zu werden und deßhalb die Pfarrwittwe bei ihm angeſchwärzt habe. In Folge dieſes Schluſſes ſtellte ſich ihm die hübſche Haushälterin in dem verführeriſchen, höchſt gefährlichen Lichte einer verfolgten Unſchuld dar, deren Reinheit wie⸗ der herzuſtellen er ſich berufen fühlte. Und wie konnte dieß beſſer geſchehen, als wenn er ſie heirathete und ſo von dem drückenden Dienſtverhältniſſe befreite? Wenn er ſie von ihrem jetzigen niederen Standpunkte in den glücklichen Kreis eines ſtillen, lieblichen Cheglücks erhob, mußte ſie ihm ja wohl für ſeinen Edelmuth unendlich dankbar ſeyn und war ſo offenbar das beſte Weib für ihn. Mußte ſie ſich nicht beſtändig ſagen:„Was ich bin, das bin ich durch ihn!“ Und ſollte ſie es auch hie und da vergeſſen, ſo war er es, der es ihr freund⸗ lich in's Gedächtniß zurückrufen wollte. Des Kammerers Entſchluß war bald gefaßt; und obgleich Sabina ſich ihm auf alle erdenkliche Weiſe ange⸗ zu — 229 nehm zu machen ſuchte, ſo war es mit ihrer Gewalt offenbar vorbei. Sie gab ſich alle mögliche Mühe, auf die liſtigſte Manier, zu verhindern, daß er ſich Frau Ternſtröm nähern konnte; trotz dem fand aber doch der Kammerer zuweilen eine Gelegenheit, ihr ein zärtliches Wort zu ſagen. Obſchon der hübſchen Wittwe eigentlich die Huldigung des Kammerers ſehr gleichgültig war, ſo ſchien ſie ſolche doch nicht gerade ungünſtig aufzunehmen, ermunterte ihn übrigens keineswegs dazu. Dieß fachte indeſſen die Flamme des Kammerers nur um ſo heftiger an und er war am Ende wirklich ein wenig verliebt in Sophien. Er mochte es aber an⸗ ſtellen, wie er wollte, ſie allein zu treffen, Sabinens und des Probſtes Augen ſtanden ihm ſtets im Wege. Der arme Freier ging wie die Katze um den heißen Brei und ginge wahrſcheinlich noch herum, wenn nicht Magiſter Bagge, welcher mit treuem Auge das Depar⸗ tement des Innern bewachte, auf den unſeligen Gedan⸗ ken gerathen wäre, ihm dazu behülflich zu ſeyn. Der Magiſter geſiel ſich, in Ermanglung eines Beſſern, äußerſt wohl in Frau Ternſtröms munterer Geſellſchaft; aber um der heiligen Sabina ein ewiges unausloͤſchliches Herzweh zu bereiten, wollte er mit Freuden ſein eigenes Vergnügen opfern. Auf den Probſt nahm der Egoiſt gar nicht ein Mal Rückſicht. Die Raſenbank neben Sophiens Blumenbeeten war dem bedrängten Liebhaber ſein liebſtes Plätzchen. Da ſaß er jeden Abend, rauchte ſeine Pfeife und ſchrieb den geliebten Namen mit ſeinem Stöͤckchen in den Sand. Immer weniger dachte er daran, wie es wohl in ſeiner verlaſſenen Junggeſellenwohnung ausſehen moͤge, der Triangel mit ſeinen Schätzen verſchwand in dem dunkeln Hintergrund; ſogar auch Liſa's Briefchen, welche alle acht Tage richtig eingingen und Rapport über das Pelz⸗ werk und das hohe Wohlbefinden der übrigen Kleinodien 230 abſtatteten, ließ er gleichgültig auf dem Tiſche in ſeiner Stube liegen. Ein Gedanke verdrängte alle anderen: wie ſollte er eine paſſende Gelegenheit finden, bei der liebenswürdigen Wittwe ſein Wort anzubringen? „Es iſt heute herrliches Wetter, und was es ſo gut hier riecht!“ ſagte der Magiſter eines Nachmittags und ſetzte ſich neben den Kammerer, welcher heute früher als ſonſt ſein Liebindsplätzehen eingenommen hatte. „Ach ja, es iſt ein ſchöner Abend und es iſt ſehr angenehm im Garten hier zu ſitzen— er iſt ſo gut unterhalten.“ „Das verdanken wir der Frau Ternſtröm. Sie heuchelt kein ſo heiliges Weſen. Ich kenne wenig Frauen⸗ zimmer, welche ſo viel Achtung verdienen. „Meinen Sie auch, Herr Magiſter? Das iſt gewiß wahr und ich meiner Sei ts glaube auch nicht im Ge⸗ ringſten daran, daß ſie eine Verſchwenderin iſt.“ „Weit entfernt! Sie iſt keine Knickerin, aber weiß zu wirthſchaften, und wäre ſie nicht geweſen, die bei Lebzeiten ihres Mannes, der zu viel in's Glas zu gucken gewohnt war, das Haus noch aufrecht gehalten hätte, ſo wäre es ihnen noch, ſchlimmer gegangen als es ohnehin ſchon der Fall war.“ „Nun, da ſieh' ein Mal Einer! Mir hat man ge⸗ rade das Gegentheil geſagt.“ „Verſtehe ſchon woher der Wind weht; glauben Sie mir, das hat ſeinen guten Grund. Sie werden bereits ſelbſt gewiſſe Spekulationen gemerkt haben. Wenn dieß minder augenfällig wäre, ſo hätte ich Un⸗ recht Etwas davon zu erwähnen; ſo aber, wo Jeder, der Augen hat, ſehen kann wo es hinaus will, werden Sie mir wohl meine Aufrichtigkeit zu Gut halten.“ „Mein beſter Herr Magiſter, ich bin Ihnen im Gegentheil ſehr verbunden für Ihre gute Meinung; Sie dürfen aber ſicher ſeyn, ich laſſe mich nicht fan⸗ 231 gen! Vielmehr habe ich, im Vertrauen geſagt— Sie ſind hoffentlich zu ehrlich, um Mißbrauch davon zu ma⸗ chen— Abſichten auf die angenehme Perſon der Frau Ternſtröm. Aber ich bin nicht im Stande, nur ſo lange mit ihr allein zuſammenzukommen, als ich brauche, um mein Begehren anzubringen.“ „Ihr Zutrauen iſt in der That höchſt ſchmeichelhaft für mich, Herr Kammerer, und wenn ich es wagen dürfte, Ihnen einen Vorſchlag zu machen, ſo wäre jetzt der beſte Augenblick dazu. Näͤchſten Sonntag iſt die Reihe an dem Probſt, er wärmt ſo eben eine ſeiner alten Predigten auf, womit er wenigſtens eine Stunde zu thun hat. Die heilige Sabine ſitzt an ihrem Web⸗ ſtuhl, in der Dachkammer, und Frau Ternſtroͤm...“ er hielt ein wenig inne. „Ja, die iſt im ganzen Hauſe nicht zu finden— ich habe ſie bereits wie eine Stecknadel geſucht.“ „Sie iſt drüben, in dem kleinen rothen Hauſe,“ fuhr der Magiſter fort;„dort iſt, wie Sie wiſſen, die Vorrathskammer, und Frau Sophie hält heute ihre gewöhnliche Samſtagsrevue unter ihren Schmalztöpfen, Eierkäſten und was dergleichen iſt. Ich meine, wie Sie ſich das zu Nutze machen, Herr Kammerer, ſo brauchen Sie lediglich Liſt gegen Liſt.“ „Das ſoll auch geſchehen! Ihr Vorſchlag iſt vor⸗ trefflich, Herr Magiſter; ich danke Ihnen ſchon im Vor⸗ aus für den guten Erfolg. Es ſieht mich aber doch Niemand, wenn ich hinein ſchleiche? „Ich will ſelbſt zum Probſt hinauf gehen; Sabi⸗ nens Webſtuhl hoͤren wir ja— alſo— keine Zeit ver⸗ loren! Ich gratulire, Herr Kammerer; es iſt doch ein liebes, nettes Weibchen!“ „Zum Freſſen lieb!“ ſchmunzelte der Kammerer und leckte ſich den Mund; nickte dann ſeinem verſtän⸗ digen Rathgeber zu, ließ Stock und Pfeife liegen und 23²2 trippelte mit liſtigem Blinzeln nach der bezeichneten Thüre. Der Adjunkt ging, ſeinem Verſprechen gemäß, um den Probſt in ſeinem Zimmer aufzuſuchen: da aber der Schlüſſel abgezogen war, mußte er ſein Vorhaben aufgeben. Der Kammerer klopfte nicht an; um ſicher nicht abgewieſen zu werden, trat er geraden Wegs. in die große Vorrathskammer hinein, wo Sophie, einen unge⸗ heuern Kehrbeſen in der Hand, die Spinnweben an dem Fenſter abkehrte. „J, Gott bewahre, kommen Sie da herein, Herr Kammerer!“ rief ſie dem Eintretenden entgegen und ihre Stimme verrieth deutlich, daß ſie ſich ein wenig fürchtete. „Seyen Sie nicht böſe darüber, liebſte beſte Frau Ternſtröm! Um alles in der Welt mißkennen Sie meine Abſicht nicht!“ Der Kammerer hielt die Hand vor die Augen, um ſich vor den Staubwolken zu ſchü⸗ tzen, weßhalb er nicht ſehen konnte, was ſeine Worte für eine Wirkung auf Frau Ternſtröm machten. „Ach,“ meinte Frau Sophie nach kurzem Beſinnen, „ich mache mir daraus Nichts; aber wenn es Sabine ſähe, da gäbe es eine ſchöne Geſchichte! Ich kann Sie verſichern, die Sabine iſt ein recht abſcheuliches Stück.“ „Ich weiß das wohl und habe mich davon ſelbſt überzeugt; deßhalb wundert es mich auch, wie Sie ſo lange bei ihrem ewigen Keifen aushalten koͤnnen.“ „Ach, wenn man arm iſt, muß man ſich Manches geſallen laſſen. Sie iſt nie anders gegen mich geweſen.“ „Wenn man aber ſo gute Eigenſchaften hat, haupt⸗ ſächlich wirthſchaftlich und verſtändig iſt, und menn der Herr Einem ein ſo hübſches Geſicht gegeben hat, kann man doch auch hoffen, ein Mal aus elner ſolchen Skla⸗ verei erlost zu werden.“ Der Kammerer hielt es für paſſend, dieſe Worte — n 233 mit einem höchſt anmuthigen Tätſcheln der ſtaubigen Hand Sophiens zu begleiten. Die junge Wittwe lachte munter und meinte, daß ſie ihre Sklaverei wohl behalten würde, und Gott dafür danken müſſe, denn wenn der Probſt nicht ſo gut ge⸗ weſen wäre, ihr einen Zufluchtsort anzubieten, ſo hätte ſie nicht gewußt, wo ihr Haupt hinlegen. „Dieſe Dankbarkeit,“ verſetzte der Kammerer mit großer Würde im Ton und Gebärde,„iſt ſehr löblich und zeugt von einem guten und empfindſamen Herzen; beſtätigt auch die gute Meinung, welche ich bereits über Ihre Grundſätze und Ihr Pflichtgefühl hege. Ich habe ſchon längſt nach einer Gelegenheit getrachtet, mein Herz vor Ihnen auszuſchütten, und obgleich Zeit und Umſtände vielleicht jetzt gerade nicht die paſſendſten ſcheinen moͤgen, ſo kann ich doch nicht umhin, Ihnen zu erklären, Frau Ternſtrom, daß ich mich beglückt und geehrt fühlen würde, wenn Sie.... Aber, wie ich ſo eben ſagte, Zeit und Umſtände ſind höͤchſt ungeeignet, um nicht zu ſagen rein unpaſſend, zu Auseinanderſetzung eines ſo wichtigen, unſre ganze Zukunft bedingenden Gegenſtandes; allein da man uns fortwährend und mit Fleiß alle mögliche Hinderniſſe in den Weg legt, mit einander reden zu können, wie Sie ja ſelbſt bemerkt haben werden, und da ich ein alter Mann, wenigſtens ſchon Etwas in den Jahren bin, ſo... Ja, ja, Sie brauchen nicht ſo verlegen und unruhig zu werden. Ich habe, Gott ſei Dank, wie ich wohl ſagen darf, einen guten Charakter und ehrlichen Ruf. Durch Fleiß und Sparſamkeit habe ich mir ein hübſches kleines Vermoͤ⸗ gen geſammelt, weßhalb auch bei meiner vorhabenden Standesveränderung im Sinne, eine ordentliche Woh⸗ nung zu miethen und auf anſtändigem Fuße zu leben, denn ich habe nach meinem Ueberſchlag, Hausmiethe Kammerer Laßman. I. 16 234 und Holz ungerechnet, dreißig Thaler Banko des Mo⸗ nats zu verzehren. Ich denke, damit laͤßt ſich ſchon aus⸗ kommen, denn da eine kluge Hausfrau ihre Einkäufe ſelbſt macht, kann ſie am Heumarkt und am Kornhofen ihre Küchenvorräthe wohlfeiler haben— aber was mei⸗ nen Sie dazu, vortrefflichſte Frau?“ „Das kann ich nicht wiſſen, es mag aber wohl ſo ſeyn, wie Sie ſagen, Herr Kammerer,“ antwortete Frau Sophie mit merkbaren Zeichen von Ungeduld und offenbar verwundert über die weitläufige Einleitung, wohei übrigens die eigentliche Werbung ganz und gar auf der Selte liegen blieb. „Ja, es iſt in der That auch ſo. Aber um auf die Hauptſache zu kommen, frage ich Sie jetzt offen und ohne Umſchweife, ob Sie, ſo jung und liebens⸗ würdig Sie ſind, den Antrag eines alten Mannes an⸗ nehmen und mir nach Stockholm folgen wollen— ver⸗ ſteht ſich als meine Frau?“ Frau Sophie, welche in beſtändiger Furcht und mit dem Ausdruck großer Spannung ihre Augen auf das Fenſter gerichtet hatte, ſchien keineswegs mit ihrem Jawort ſo ſchnell bei der Hand zu ſeyn, als der Kam⸗ merer ſich einbildete. Nein, Frau Sophie hatte auch ihre heimlichen Plänchen, welche ſich aber wahrſchein⸗ lich nicht auf den Kammerer bezogen. Die junge Pfar⸗ rerin war indeſſen noch nie über drei Meilen Wegs von ihrer Heimath weggekommen und eine Wohnorts⸗ veraͤnderung— nach Stockholm— kam ihr gleich⸗ bedeutend mit einer Auswanderung in die neue Welt vor. Sie hatte nicht das geringſte Vertrauen zu der lieben Hauptſtadt, und als ſie der Sache näher nach⸗ dachte, was ſie ſo hie und da zu thun pflegte, ſo kam ſie zu dem Reſultat:„daß ſie ja gar nicht wiſſe, was der Kammerer eigentlich für Einer ſey, das will hei⸗ ßen, Vogel oder Fiſch. Wo ſtand geſchriehen, daß er 23⁵ ſo vermöglich war, als ſie ſich auf dem Pfarrhofe ein⸗ bildeten? Es konnte leicht der Fall eintreten, daß ſie von dem Regen in die Traufe kam, und da hätte es luſtig ausgeſehen!— ganz allein und verlaſſen, keine Freunde, keine Verwandte! Gott bewahre!“ Vielleicht hätte Frau Sophie etwas liberaler ge⸗ dacht und die mit ihr groß gewordenen Vorurtheile abzuſchütteln geſucht, wenn ihr nicht unaufhörlich gewiſſe artige bedeutungsvolle Ausdrücke des Probſts vorge⸗ ſchwebt hätten, welche die Wagſchale worin das Glück unſres Kammerers abgewogen werden ſollte, etwas auf die andere Seite neigte. Und weiter— du lieber Himmel!— wie würde ſie beneidet werden, wenn ſie Frau Probſtin würde und zwar gerade in dem Spren⸗ gel, wo ſie als armſelige Mitpredigerin früher vor den Bauernweibern und ihren Käſen ſich demüthigſt gebückt hatte! Und vollends wäre es etwas gar nichts Uebles, wenn man auf den CEinladungskarten zu vornehmen Hochzeiten, Kindtaufen und Leichenfeierlichkeiten leſen würde: Hochehrwürdige Frau Probſtin, Sophie Thor⸗ blad— ja, das klang anders, als mit einem armen Kammerer im Land umher zu fahren. Und wenn er auch noch ſo reich wäre und ſie noch ſo vornehm mach⸗ te, wer ſollte es dann in Warlunda erzählen, und wenn es nicht da bekannt würde, was half dann die ganze Vornehmheit und ihr ganzer Reichthum? Das einzige Mögliche wäre noch, im Fall aus der Sache mit dem Probſt Nichts werden ſollte, wenn der Kammerer hier in die Gegend ziehen und ſich ein ſchönes großes Gut kaufte. „Was geben Sie mir für Hoffnung, liebwertheſte Frau? Welche Antwort werde ich auf meinen Vor⸗ ſchlag bekommen?“ fragte der Kammerer unruhig und faßte ſie zärtlich bei der Hand.„Vielleicht bin ich ſo glücklich, mich als Bräutigam anſehen zu dürfen?“ — 236 „Ach nein, da weiß ich noch Nichts davon. Ich bin ja gar nicht bekannt zu Stockholm. Es thäte mir erſchrecklich leid, wenn ich mich von all' den Meinigen, meiner Heimath und Allem miteinander trennen müßte.“ „Heißt es denn aber nicht,“ ſiel ihr der Kammerer mit einer Art von Inſpiration in das Wort,„daß ein Weib alles verlaſſen und ihrem Manne folgen ſoll?“ Sophie meinte, die Sache laſſe ſich nicht nur ſo über das Knie abbrechen und erfordere Bedenkzeit. Einen Mann habe ſie ſchon ein Mal gehabt; ſie ſey nicht ſo auf das Heirathen aus— habe es ſo recht gut u. ſ. w. „Aber liebſte, beſte Frau, erlauben Sie mir doch...“ „Um Gottes Willen, was wird das geben!— Der Probſt kommt über den Hof— er kommt hieher!“ flüſterte Sophie und wurde ſo blaß wie das Moehl, welches ihr in den Locken hing.„Liebſter, beſter Herr Kammerer! Wenn Sie mich nicht auf Lebenszeit un⸗ glücklich machen wollen, ſo kriechen Sie unter das große leere Mehlfaß dort! Wenn der Probſt einen Mann bei mir antrifft, ſo...“ „Aber, Du mein Gott und Vater, wir haben ja nichts Böſes gethan, ich bin ja in der beſten Abſicht hier! Ich will es ihm ſelbſt ſagen.“ „Nein, nein, jetzt nicht! Um der Wunden Chriſti Willen, kriechen Sie unter das Faß!“ Sophie war offenbar in der fürchterlichſten Angſt, ſah dem Kammerer ſo beweglich und bittend in das Ge⸗ ſicht, daß er am Ende doch, obgleich mit innerem Wi⸗ derſtreben und unaufhörlich die Billigkeit ſothanen Vor⸗ ſchlags beſtreitend, die in Thränen ſchwimmende, zum Tode erſchrockene Sophie das Faß über ſeinen Leichnam ſtülpen ließ. Als es ſo weit war, hatte er die beſte Zeit über die Urſache dieſes nichts weniger als artigen Benehmens nachzudenken. Es reute ihn, ihren Bitten nachgegeben zu haben, was ſie gar nicht einmal verdient ———QOQ—OO— 237 hatte, da ſie ſich ſo ungefügig zeigen konnte. Aber er ſtack nun einmal drunter und mußte auch ſtecken bleiben, wenn er ſich nicht durch ſein Hervorkriechen lächerlich machen wollte— und dieß fürchtete der Kammerer ſtets am meiſten. Während der Kammerer unter ſeinem Mehlfaſſe ſich allerlei Gedanken machte, ſtoͤberte der Probſt in der ganzen Speiſekammer umher, blieb endlich in der Nähe des Käfichs ſtehen, und ſagte in ſanftem Tone:„Alles iſt ganz hübſch in der Ordnung, meine fleißige Sophie! Ich bin wohl zufrieden mit Dir, nur eins will mir nicht gefallen, mein Kind.“ „Und das wäre?“ fragte Sophie, und ihre Stim⸗ me zitterte ein wenig. „Du dahlſt mir zu viel mit dem Kammerer. Er iſt, mußt Du wiſſen, wegen der Sabine da, und ich habe in der That mehr auf Dich gehalten, als daß ich glau⸗ ben könnte, Du wollteſt einer Andern ihren Freier weg⸗ ſchnappen.“ „Ach, was das betrifft,“ verſetzte Sophie etwas verſchnupft, und mit einem eigenliebigen Lächeln,„daß er Sabinens Freier iſt, möchte denn doch wohl noch nicht ſo ganz gewiß ſeyn.“ „Nun, um wen ſollte er denn freien?“ fragte der Probſt mit ſchlecht verhehltem Erſtaunen.„Doch nicht am Ende gar um meine kleine Haushälterin?“ „Ich ſage nichts, aber eins kann ſo gut ſeyn, als das Andere, wenigſtens für Einen, der keinen beſſern Geſchmack hat.“ „Aha, pfeifſt Du aus dem Tone? Ja, ja, ich konnte mir's denken. O Weiber, Weiber!“ Der Kammerer hockte ganz ſelig unter ſeinem Faß. Aber er hörte nur, er ſah nicht, wie der Probſt Sophien an das runde Kinn griff, ihr das Köpſchen in die Höhe hob, und ſie höchſt zärtlich anblickte. 238 „Liebe Sophie, ich weiß nicht, ob dieß Spaß oder Ernſt ſeyn ſoll— jedenfalls iſt es aber Unrecht, wenn Du aus Gefallſucht den Kammerer abhältſt, mit Sa⸗ binen fertig zu machen. Denn, merk' wohl auf meine Worte, Kind, wenn wir den Bafilieken los ſind, ſo hei⸗ rathe ich Dich, wenn es auch gleich noch kein Jahr iſt, daß ich mein anderes Hauskreuz vom Halſe habe. Und dann, mein Sophiechen, wenn Du einmal Probſtin zu Warlunda biſt, dann will ich ſehen, wer Dir den Rang abläuft! Bei allen Viſiten biſt Du ohne Ausnahme die erſte von allen Pfarrersfrauen, und Kleider ſollſt Du haben, ſo ſchön und ſchöner noch als die Baronin auf Ramshulta.“ Ach, wie reute es jetzt die arme Sophie, ſich ſo weit mit dem Kammerer eingelaſſen und ihn gar noch unter das Faß geſperrt zu haben! Gewiß hatte er jedes Wort gehoͤrt! aber da war nicht zu helfen. Sie wußte nun, was ſie wußte. Gleichwohl mußte ſie ihrer Sache ganz gewiß feyn, deßhalb fragte ſie ſchüchtern: „Wenn aber der Kammerer Sabinen nicht will, wie wird es dann?“ „Ja, dann iſt es freilich fatal.“ „Herr Gott, wenn ich das voraus hätte wiſſen kön⸗ nen, ich würde ja die Sabine zu einem Engel gemacht haben! O, wie konnte ich nur ſo dumm, ſo kurzſichtig, ſo blödſinnig ſeyn!“ Sie machte ſich die größten Vor⸗ würfe, daß ſie durch ihre Freundlichkeit gegen den Kam⸗ merer offenbar ihr Glück verzögert habe,— den großen Triumph, ſich eben ſo prächtig zu kleiden, wie ſelbſt die Baronin auf Ramshulta. „Mach' kein ſo trübſeliges Geſicht, mein Kind!“ ſagte der Probſt.„Ich merke ſchon, daß Du nichts ge⸗ gen meinen Vorſchlag haſt; ich habe noch keineswegs die Hoffnung aufgegeben, daß es ſich mit Sabinen nicht noch machen ſoll. Ich will, heute Abend noch, dem 239 Kammerer zu Lelb' ſteigen, daß er mir nicht ſo leicht aus dem Garne hüpfen ſoll— verlaß Dich nur auf mich, Kind!“ „Ach, das iſt alles vergeblich,“ entgegnete Sophie weinerlich,„Sabinen werden wir nicht los; und da alſo auch aus Ihrem dankenswerthen Anerbieten nichts wer⸗ den kann, ſo“— ach, die liebe Einfalt vom Lande!—„ſo wäre es am Cnde vielleicht das Beſte...“ Der Kammerer, welcher im letzten Theile der Unterhaltung ein paar Mal im gerechten Zorn nahe daran war, das Faß über den Haufen zu werfen, faßte jetzt wieder neue Hoffnung, und lauſchte begierig auf das Weitere. „Was wäre das Beſte?“ fragte der Probſt über⸗ t. „Wenn ich vielleicht— ihn nähme!“ „Da wird nichts daraus!“ platzte der Probſt hef⸗ tig heraus.„Trotz Sabinen heirathe ich Dich auf jeden Fall!“ Die letzten Worte ſprach er gleichwohl ſo leiſe, daß ſie dem Kammerer gänzlich entgingen. Dieſer hörte nichts weiter als den Zuſatz:„Komm mit auf meine Stube, Kind, hier iſt nicht der Ort, um von etwas zu reden.“ Unmittelbar darauf wurde die Thüre verſchloſ⸗ ſen; er war nun allein mit ſeinen Zweifeln, und So⸗ phiens letzte Worte klangen ihm noch immer in den Oh⸗ ren:„Wenn ich vielleicht ihn nähme: Nun hätte zwar unſerm guten Kammerer ſeine ei⸗ gene Ehre alle weiteren Gedanken an die verbieten ſol⸗ len, welche mit ſo viel Dankbarkeit ſein Wohlwollen er⸗ wiedert hatte, allein die Ehre ſchwieg beſcheiden ſtill, venn ein ganz anderes, ſtärkeres Gefühl flüſterte ihm zu, wie köſtlich es ſeyn würde, wenn er den Probſt für den ſchlechten Spaß, welchen dieſer ihm zu ſpielen vorgehabt, eine Naſe drehen könne, daß er, ſtatt Sabinen zu neh⸗ men, ihm bei Sophien den Rang abliefe. Wenn ſie erſt raſch 240 die Seinige war, dann konnte er ihr ja immer noch das Undelikate ihres Benehmens vorhalten— dieß mußte ſie dann mit tiefer Reue erfüllen, und das Bewußtſeyn ihres Unrechtes nothwendig ein neuer Grund zu noch lebhafterer Zäͤrtlichkeit und Dankbarkeit gegen ihn ſeyn. Während dies Alles in des Kammerers Kopf vor⸗ ging, hob er nach und nach das Faß in die Höhe und war gerade im Begriff, ſeine unbequeme Stellung aufzu⸗ geben, als er leiſe Tritte hoͤrte.„Nun kommt ſie, ſie hat ſich beſonnen, ſie will meine Frau werden, das En⸗ gelkind! Mit dreißig Thalern Banko im Monat kom⸗ men wir herrlich aus!“ Er war im Begriff der Kom⸗ menden in die Arme zu rennen, als ein paar Worte, welche außerhalb der Thüre geſprochen wurden, ihn noch zu rechter Zeit zurück hielten. Es war Sabinens Tau⸗ benſtimme, jedoch gellender als gewöhnlich. Schneller dsr e Gedanke war der Kammerer wieder unter ſeinem Faß. „Ja, da iſt ſchön aufgeräumt! daß Gott erbarm'!“ ſagte Sabina zu der Magd, welche bei ihr war.„Al⸗ les drunter und drüber! Wenn dieß meine ſelige Mutter wüßte, ſie drehte ſich im Grabe um. Und mein Vater ſieht nicht einmal, daß dieſe ſündige, liſtige Schlange, welche er wie ſein eigen Kind hält, ihn ruinirt. O Jammer und Elend! Seine Augen ſind geſchloſſen, aber die meinigen find offen. Stina, Du Kuh, ſtehe nicht ſo da, und ſperre das Maul auf, ſondern hol' mir dort das Säckchen Majoran von der Wand! Ich muß Nils Ols⸗ ſons krankem Buben eine Salbe für ſein wundes Bein kochen. Na, kannſt Du das Säckchen nicht herunter bringen? Biſt Du denn nicht ſo geſcheidt, daß Du das Faß ein paar Schritte weit hinſchiebſt und hinauf ſteigſt? Aber ſo ſeyd Ihr! Gerade wie Euere ſchoͤne neue Haus⸗ frau, nichtsnutzig und faul, zu Allem muß man Euch treiben! Vorwärts, rühr' Dich— ſchiebe das Faß an die Wand, ſag' ich.“ ☛ ☛— —— — ⏑☛—2——— ne—————„12z — 2—.— 241 Die Magd gehorchte, als ſie aber das Faß an die Wand ſchieben wollte, merkte ſie deutlich, wie ſich etwas darunter rührte, fing deßhalb aus vollem Halſe zu krei⸗ ſchen an und betheuerte, ſie könne es nicht vom Flecke bringen, denn ſicherlich ſitze der Gottſeibeluns oder ein anderes Ungethüm darunter. Etwas Lebendiges war es beſtimmt,— daran wollte ſie ihren Kopf ſetzen. „Gtwas Lebendiges?“ fragte Sabine und ein bos⸗ haftes Lächeln flog über ihr Geſicht. Ja, ja, das koͤnnte ſchon ſeyn, daß wir hier hinter hübſche Geſchichten kämen! Es hat mich ſchon oft gewundert, was ſie des Tags hundertmal da ber zu laufen habe. Vielleicht iſt es aber auch nur ein Mäuſeneſt?“ „Nein, nein, Mäuſe ſind es keine... Hören Sie, wie es drinnen ſchnauft, als wenn man Einem den Hals zudrückte!“ Der Kammerer hoftfte, durch allerlei ſchauer⸗ liche Töne die Weiber liſtigerweiſe in die Flucht zu ja⸗ gen, allein darin betrog er ſich. Sabine hatte zwar große Furcht vor Mäuſen, daß ſie wohl das Faß in Ruhe gelaſſen hätte, wenn ſie wußte, daß ſich ſolche Inwohner darin befänden, da ſie aber ſelbſt das tiefe Athmen darunter deutlich hoͤrte, ſo faßte ſie einen ſchnel⸗ len entſchetdenden Entſchluß.„Stina,“ ſagte ſie mit leiſer, aber unheilverkündender Stimme,„geh' und ſag' meinem Vater und Frau Ternſtröm, ich laſſe ſie bitten, auf einen Augenblick hieher zu kommen! Du ſagſt aber kein Wort von dem, was Du gehöoͤrt haſt— ſag' ich ſey ſchnell unwohl geworden.“ Bei dieſer Wendung der Dinge, obgleich ihm noch nicht alles deutlich war, gerieth unſer armer Kammerer faſt in Verzweiflung. Er war nun unmittelbar in der Gewalt der heiligen Sabina und machte ſich vollſtändige Rechnung auf ein Pröbchen davon, wenn nicht irgend ein glücklicher Zufall dazwiſchen käme. GEin paar Mal kniete Sabine auf den Boden, hob —— 242 das Faß einen Zoll in die Höhe, und verſuchte var⸗ unter zu gucken. Der Kammerer ſchnaubte aber jedes⸗ mal ſo heftig, daß ſie das Faß erſchrocken wieder fal⸗ len ließ und von ihrem weitern Beginnen abſtand. Sie ſollte ja doch in kurzem erfahren, was darunter ſtecke,— Mäuſe, Fröſche, Schlangen, oder— etwas anderes, was jedenfalls am wahrſcheinlichſten ſchien; ſie hätte ſich längſt ihre beſonderen Gedanken gemacht.„Was hatte er denn mit ſeiner Reiſe hieher vor— warum lief ihr der alte Kerl immer ſo nach, warum hatte er ſtets ſo angelegentlich mit ihr zu plaudern? Und bei jedem Gedankenſatze ſchoßen ihre Augen giftigere Blitze der Schadenfreude. Sie ließ ihre Ver⸗ nunft nicht reden, denn ſie hoffte das Schlimmſte, und konnte kaum den Augenblick erwarten, welche der ſchein⸗ heiligen Sophie den Schleier wegziehen würde. Als dieſe endlich mit dem Probſt, zitternd in die Vorraths⸗ kammer trat, lag Sabina in der bequemſten Stellung in Ohnmacht über dem Faß. „Was iſt denn wieder los?“ fragte der Probſt ganz ruhig, denn er war an ſolche Hinfälle ſchon zu ſehr gewöhnt, um ſie hoch anzuſchlagen.„Was iſt Dir denn Sabine?“ Damit hob er ihr den Kopf ziemlich unſanft in die Höhe. Mit großer Anſtrengung und unter heftigem Schau⸗ dern kam ſie wieder zu ſich.„Vater“ begann ſie mit feierlicher Stimme,„die Sorgloſigkeit und Liederlichkeit dieſes Weibes“— damit zeigte ſie auf die Haushälterin — haben mich ſchier das Leben gekoſtet, ſo erſchrocken bin ich. Ich wollte dae Faß hier wegſchieben, und denke Dir, Vater, meinen Schreck, als ich etwas ſich darunter bewegen hoͤrte. Gott bewahre mich, daß ich gewiſſe Töne ſchlimm auslegen ſollte; aber mach' erſt die Thüre zu, ehe das Faß unterſucht wird! Ich hoffe, wir finden nur, als Beweis, wie ſorgfältig ſie nach Ihrem Eigenthum 4' 243 ſieht, ein Mäuſeneſt oder vielleicht ein paar Schlangen.“ Bei den letzten Worten grinste Sabina auf eine Weiſe, welche ſelbſt der Probſt nicht zu enträthſeln wußte. „Sollte denn wirklich ein Mäuſeneſt unter dem Faß ſeyn?“ fragte er Sophien. „Gott bewahre!“ rief Sop hie ſchluchzend,„ich ſchwöre darauf, daß keine einzige darunter iſt. Sie lügt, ja das thut ſie! „Was ſagſt Du, Du ſchlechtes, freches Weibsbild! Du ſagſt, ich lüge?“ Mit dieſen Worten hielt die hei⸗ lige Sabine der erſchrockenen Sophie die geballte Fauſt unter die Naſe. „Ruhig, ihr Weiber!“ ſagte der Probſt vermittelnd. „Was ſoll das für ein Spektakel um ein paar Mäuſe ſeyn!“ Er rückte an das Faß.„Gebt mir einen Ste⸗ cken her, ich will ſogleich den Teufel austreiben!“ „Um Gotteswillen, rühren Sie das Faß nicht an!“ kreiſchte Sophie und faßte den Probſt am Arm.„Glau⸗ ben Sie mir nur dies einzige Mal und gehen Sie— es ſind keine Mäuſe darunter, nicht eine einzige!“ „Nun, was denn ſonſt?“ fragte der Probſt, in ei⸗ nem Tone, der nichts weniger als ſpaßhaft klang. „Ach, ſicher etwas, das ſich nicht gerne ſehen läßt!“ lachte Sabine höhniſch, welche bei der offenbaren Angſt Sophiens nicht im Geringſten mehr zweifelte, was ſie zu ſehen bekommen würden.„Scht einmal, ſteht ſie nicht da, ſo roth wie ein gekochter Krebs, und ſchämt ſich faſt zu Tode! aber damit iſt es nicht abgethan, nein, wahrlich nicht! Nein, Kirchenbuße muß ſie thun, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, wenn es erſtickt iſt.“ „Sabine, Teufelsweib, halt' Deine giftige Zunge im Zaum!“ donnerte der Probſt.„Ich ſage vorher, Sophie iſt unſchuldig und rein wie der Schnee!“ und mit dieſen Worten hob er das Faß in die Höhe, aus deſſen Bauch der Kammerer über und über eingepu⸗ 244 dert und ganz verlegen hervorkroch; mit ſo vlel Gei⸗ ſtesgegenwart, als ihm noch geblieben war, geſtand er, daß Alles nur ein kleiner Witz von ihm geweſen ſey, er habe den Spaß machen und Mamſell Sabine erſchrecken wollen. Sabine war bei dem erſten Anblick des Kammerers auf's Neue in Ohnmacht gefallen. Sophie weinte un⸗ aufhörlich und betheuerte, daß ſie ſo unſchuldig ſey, wie ein neugebornes Kind. Aber auf dem Geſichte des Probſts malte ſich deutlich die unterdrückte Wuth. „Schoͤner Spaß!“ ſagte er.„Es iſt indeſſen gut, daß Du erklärſt Sabine und nicht Sophien geſucht zu haben. Wir haben Dich auch allein mit Sabinen ge⸗ funden, ihr guter Ruf iſt dahin und Du wirſt Dich hofſentlich nicht beſinnen, ihr und mir die einzige Schad⸗ loshaltung zu geben, welche Du zu geben im Stande biſt, und welche wir mit Recht erwarten dürfen.“ „Ja, meine Chre, mein ehrlicher Name, mein guter Ruf iſt auf ewig dahin!“ ächzte Sabine und fuhr heftig aus ihrer Ohnmacht auf.“„Ich armes Geſchöpf — allein in der Kammer hat man mich mit ihm ge⸗ ſunden, mit dem gefährlichen Menſchen, der mir ſolche Schlingen gelegt hat!“ Der Kammerer deklarirte, dieß ſey ein völliges Mißverſtändniß, denn die Magd ſey dabei geweſen und außerdem auch nicht der geringſte Schaden geſchehen. „Du ſcheinſt die Sache ziemlich leicht zu nehmen, Herr Bruder!“ verſetzte der Probſt.„Allein ich will hoffen, daß Du nicht in mein Haus gekommen biſt, um meine Tochter in’s Gerede zu bringen! Gebt einander die Hände, dann können wir heute Abend zwei Verlo⸗ bungen feiern, denn ich heirathe die Sophie!“ Wäre es nicht ſo ein verzweifelt kitzlicher Augen⸗ blick geweſen, ſo hätte Sabine ohne Weiteres abermals in Ohnmacht fallen müſſen. Sie ſah aber jetzt die — ASce Soedcoo S A—— 245 Nothwendigkeit ein, die gute Gelegenheit nicht ent⸗ ſchlüpfen zu laſſen. Mit einem unſäglich ſprechenden Blick und der lieblichſten Gebärde reichte ſie dem Kam⸗ merer die Hand entgegen.. „Verſöhnung!“ hauchte ſie, erhob die ſchüchternen Augen zu dem erſehnten Bräutigam und ſchlang das weiße Tuch um den in der Verwirrung halbentblößten Nacken. „Du haſt alſo um Sabine geworben, Bruder!“ meinte der Probſt und ſchickte ſich an die Vorrathskam⸗ mer zu verlaſſen. „Nein, nein, der Teufel ſoll mich holen, wenn ich das thue! habe es auch gar nicht im Sinn!“ entgeg⸗ nete der Kammerer, welchem die Dreiſtigkeit des Probſts wie ein Meſſer durch's Herz ging. Um Frau Sophien habe ich geworben, da ſie es aber lieber mit Dir hält, denn Bruder, ſo will ich nicht mehr länger beſchwerlich allen.“ „Was ſoll das heißen? Was meinſt Du damtt, Herr Bruder?“ „Ich meine damit; daß ich heimreiſen will, und dieß noch heute Abend!“ Dagegen machte zwar der Probſt alle möglichen höflichen Einwendungen, denn ger hoffte; wenn ſich die Hitze des Kammerers abgekühlt habe, werde er auf andere Gedanken kommen, allein gegen die Halsſtarrigkeit unſres alten Laßman war auch mit den allerfreundlichſten Vorſtellungen nicht auf⸗ zukommen. Er ſchob ſich ohne Weiteres durch die nie⸗ drige Kammerthür hinaus, zu welcher er mit ſo frohen Hoffnungen eingezogen war, und der Gedanke an ſeine fehlgeſchlagene Erwartung machte, daß er nicht einmal auf den herzzerreißenden Schrei Acht gab, mit welchem Sabine auf's Neue in Ohnmacht ſank. Der Probſt ſah, daß jetzt alle Hoffnung vorbei war, obgleich er die Hexe behalten mußte, hatte er aber doch 246 ſein Ziel erreicht; er befahl dem Knecht einzuſpannen und den Kammerer auf die nächſte Station zu fahren. Die alten Freunde ſchieden ziemlich kalt. Sabine lag in Krämpfen. Aber die hübſche Wittwe lächelte und nickte ihm einen höchſt gnädigen Abſchied zu, denn er war es doch eigentlich, der ihr Glück befördert, we⸗ nigſtens beſchleunigt hatte. Der Kammerer dagegen macht ihr ein ſaures, trübſeliges Geſicht, und der ein⸗ zige Menſch, welcher ſich eines freundlichen Blicks von ihm rühmen konnte, als er der Brita ganze zwölf Schil⸗ linge Trinkgeld gegeben hatte und dem Pfarrhof den Rücken kehrte, war der junge Magiſter, deſſen theil⸗ nehmender Händedruck ihm die Verſicherung gab, wie aufrichtig es ihm leid thue, daß ſein guter Rath keinen beſſern Ausgang genommen hatte. Erſt nachdem unſer Kammerer ein paar Tage lang auf den Bauernkammern herumgebeutelt worden war, welche hie und da alſo auch ihr Gutes haben, kam er nach und nach wieder zu ſich. Bisher war ihm die Reiſe, ſein Aufenthalt in Warlunda, die Fretlerei und der plötzliche Ausgang der Geſchichte, wie ein Fieber⸗ traum vorgekommen. Je oͤfter er aber ſeine Reiſekaſſe überrechnete, deſto klarer ſtand es vor ſeiner Seele, daß er ſeit ſeiner Abreiſe von Stockholm viel, ſehr viel Geld ausgegeben und leider vergebens ausgegeben habe. Dieß war aber noch nicht Alles: er kam auch mit lan⸗ ger Naſe heim! Seine ganze Verwandtſchaft, Frau Norman, namentlich aber Liſa lachten ihn gewiß aus; dagegen war er ſelbſt nichts weniger als bei luſtiger Laune. „Ich habe doch merkwürdiges Unglück!“ ſagte der Kammerer zu ſich ſelbſt,„gewiß merkwürdiger! Wenn ich im Geringſten abergläubiſch wäre, ſo würde ich darin ein böſes Anzeichen erblicken, und die ganze Ge⸗ ſchichte in Gottes Namen aufſtecken; aber mein Seel' 4 4 das geſchieht nicht! Es wird doch in ganz Schweden noch mehr Weiber außer der heiligen Sabina geben, die mich nehmen.“ Damit hatte der Kammerer auch gar nicht Unrecht; allein er ſah doch auch andrerſeits ſogleich ein, daß eine Reiſe in ganz Schweden umher eine noch kützlichere und gefährlichere, auch koſtſpieligere Sache ſein würde, als die mißglückte Tour nach Weſtgothland. Um alſo aller ferneren Mühe und Koſten überhoben zu ſeyn, faßte er den verzweifelnden Entſchluß, dem Schickſal den Lauf zu laſſen, und ſchwor auf ſeinem Rumpelkaſten ſitzend, einen theuern Eld, das nächſte paſſende Frauen⸗ zimmer, welches ihm begegnen würde— wenn es um die Ecke an der Königsſtraße an Meiſter Samuels Haus, in die Straße nach ſeiner Wohnung einbiegen werde— zu heirathen. Sobald unſer Kammerer mit ſich im Reinen war, wurde er ruhig, denn ein großer Entſchluß gebiert große und tiefe Gedanken. Nun ging es friſch auf Stockholm los, und an einem hübſchen Mittwoch, gegen acht Uhr Abends, bog unſer Laßman um die geheimnißſchwangere, zu ſo Großem auserſehene Straßenecke. Im Anfange ließ ſich kein Zipfel eines Weiberrockes blicken— weder Hut, Schleier, noch Shawl.... aber plötzlich, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, rief der Kammerer aus:„Herr, mein Gott, ſie iſt's! Welch' ein Thor bin ich geweſen, die Kreuz und Quere im Land umher zu reiſen!“ Ende des erſten bis dritten Theils. 1*