————„ —— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 6. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens pf 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.—. 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abennement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————Vñ,:— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —--—— 7 4 1 Ein OPandelshaus in den cheeren. 1 Roman von Emilie Flygare⸗Carlen. Aus dem Schwediſchen von Dr. G. Fin!. 8 Dritter Vand. S o Stuttgart. 4 Franckh'ſche Verlagshandlung. Druck der J. G. Sprandel’ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. — Die Unterſuchung mit ihren Folgen. (Schluß.) vierunddreißigſtes Kapitel. Wie der Controleur um ein Kleines über Bord geworfen wurde. Eine halbe Stunde nachdem die kleine Geſellſchaft wieder in Svartſkär angekommen war, ſaßen in Majkens Salon vor dem beinahe niedergebrannten Kaminfeuer der junge Jachtlieute⸗ nant und ſeine ſchöne Maid. „Jetzt, mein Gudmar,“ will ich Deine Liebe auf eine große, möglicher Weiſe ſogar allzu große Probe ſtellen.“ „Allzu groß? iſt das möglich, meine theure Majken?“ „Ach, möchteſt Du auch dann noch ſo antworten, wenn Du gehört haſt was ich zu ſagen gedenke! Ich werde Dich jedoch nicht im Geringſten tadeln, wenn Du auf meine Ideen nicht eingehſt. Aber an Eines will ich Dich zum Voraus erinnern, nämlich daß Du genau erwägen mögeſt was ich Deiner Erwägung un⸗ terbreiten will. Ich fürchte daß Du die ganze Hoffnung auf unſere irdiſche Vereinigung für immer aus der Hand lüſſeſt, wenn Du Dich nicht zu demjenigen entſchließen kannſt was ich im Sinn habe.“ 4 „Ach, Geliebte, wie Du das Herz haben kannſt ſo feierlich anzufangen! Laß mich ein Weilchen ungeſtört glücklich ſein! Denn obſchon ich ſowohl geſtern als heute mit Dir beiſammen war, ſo geſchah dies doch in Geſellſchaft einer dritten Perſon, und ſo liebenswürdig dieſe Perſon auch ſein mag, ſo iſt ſie doch immer⸗ hin die dritte. Die Liebe aber will eine Unterhaltung unter vier Augen— mißgönne mir alſo nicht einige Minuten der Seligkeit. Sie fliehen ja doch, verjagt von Ernſt und Kummer, ſo ſchnell dahin.“ „Mein lieber Commandant, Du haſt im letzten Jahr oft gleichſam ein wenig mit dem Glück geſchmollt. Es gibt Dir nie genug, obſchon es Dir doch viel gibt.“— „Was kannſt Du daran tadeln, meine Maid? Das möchte ich Dich fragen. Hat der Menſch das Recht in Etwas unge⸗ nügſam zu ſein, ſo iſt es doch wohl in der Liebe.“ „Das gehört nicht hieher, denn was die Liebe betrifft, ſo weißt Du wohl daß wir die Freiheit haben einander ſo innig zu lieben als wir vermögen, von ganzem Herzen und von gan⸗ zer Seele.“ „Ja das iſt allerdings ganz gut und ſchön, aber da man recht und ſchlecht ein Menſch iſt, ſo hat man auch menſchliche Gefühle und ein ganz beſonderes Verlangen ſein Liebchen ohne fremde Geſellſchaft zu treffen. Und nachdem wir zwei jetzt einen ganzen vollen Monat nur an und für Andere gedacht haben— weßhalb ich auch zwanzig Mal des Tags dieſen verdammten Holt verwünſchte— ſo iſt es gewiß nicht mehr als billig ein ein⸗ ziges Mal mit Herzensluſt und aus Herzensgrund auch an ſich ſelbſt zu denken.“ „Daß ich Dich juſt jetzt ſo ſehen muß, gefällt mir gar nicht, mein Gudmar. Du biſt ſelbſtſüchtig oder ſtellſt Dich ſo, während ich Dich von andern Eindrücken belebt zu finden hoffte.“ „Aber ich will auch darauf ſchwören, daß ſogar die kleine Heilige, wenn ſie ſich einmal verlobt, ihr Verhältniß als Braut von einem liberaleren Standpunkt aus betrachten wird als Du, meine Majken.“ Majken antwortete Nichts, aber ſie nahm eine Kleinigkeit vom Tiſch und begann ſie anzuſchauen. —y— — 4 Während dieſer Zeit betrachtete Gudmar ſie zuerſt mit einem forſchenden Blick, ſodann mit einem ſolchen worin unbedingte Liebe ſich kundgab. „Du machſt aus mir was Du wilſſt,“ verſetzte er.„Ich fühle daß Du mir etwas Unangenehmes zu ſagen haſt... Aber jetzt höre ich Dich.“ „Sagteſt Du unangenehm, da Du doch weißt daß es unſere Verbindung betrifft?“. „Ja, in Beziehung auf ſie gibt es ja doch nichts Anderes als Unannehmlichkeiten.— Das iſt wohl das Wenigſte was ich ſagen kann, da es ja ganz ausſieht, als ob nie Etwas daraus werden ſollte.“ „Das Mittel das ich Dir jetzt vorzuſchlagen gedenke führt uns, das kann ich Dich feierlich verſichern, geraden Wegs zum Ziel.“ „So ſprich ſchnell, aber mein Herz ſchlägt ſo ſchwer, daß es ſich unmöglich um ein Glück handeln kann.“ „Nun, wenn Du zum Voraus entſchloſſen biſt ſo zu denken, ſo verlohnt es ſich nicht der Mühe daß ich ſpreche. Laß uns alſo wie bisher auf Gott weiß was für eine Veränderung warten.“ „Ach, Geliebte, wie Dein Blick ſich verdüſtert!“ „Und Eines,“ fuhr Majken mit ſteigender Bewegung fort, „Eines ſage ich Dir ſo ernſthaft wie ein Weib eine ſolche Sache ſagen kann, wenn ſie dieſelbe einmal berührt. Beklage Dich nie mehr über die lange Dauer unſerer Verlobung, denn willſt Du ſie nicht in Ehe verwandelt ſehen, ſo mußt Du auch die Früchte der Ausſaat Deines eigenen Willens mit Vernunft zu erndten wiſſen.“ „Geliebte, Geliebte, das wird bei meiner armen Seele zu ſtark. Um Gotteswillen, ſprich.“ „Höre... Nie ſind die Conjuncturen für uns günſtiger 10 geweſen als ſie jetzt werden könnten, wenn Du Dich entſchließen wollteſt— Deinen Beruf zu wechſeln.“ „Meinen Beruf zu wechſeln? Im Namen des lebendigen Gottes, was meinſt Du denn? Wie kannſt Du daran denken, da ich übers Jahr um dieſe Zeit ganz gewiß ſchon Controleur bin? Noch einmal, was denkſt Du denn?“ „Juſt im Augenblick denke ich daran daß Deine Liebe ſtets den zweiten Platz in Deinen Ideen einnimmt, obſchon Du meinſt daß ſie den erſten inne habe.“ „O Mazjken, welch ein hartes Wort!“ „So fühle denn mit dem Herzen, denke damit, aber beſchließe mit Herz und Kopf zugleich.“ Gudmar ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Majken fuhr fort: „Was hat Papa am allermeiſten gewünſcht? Einen Schwie⸗ gerſohn der fortwährend den Handel auf Spartſkär aufrecht er⸗ halten könnte. Welch ein großes Handelshaus müßte es nicht werden, wenn Du den Controleur über Bord wärfeſt, Dich mit Hjelm aſſocirteſt und durch meine Mitgift ſo wie durch Papas Credit die Firma ſo weit emporbrächteſt, daß ſie mit manchem der ſolideren Häuſer in Göteborg wetteifern könnte! Das würde kein Handel nach Papas früherer Manier, ſondern ein bedeuten⸗ der Großhandel, bei welchem das Detailgeſchäft nur als Neben⸗ ſache betrieben würde. Und denk Dir, wie viel Gutes man für die Gegend ausrichten könnte, wenn zwei Männer wie Du und Hjelm die bedeutendſten Stimmen in der Gemeinde erhielten.“ „Ich den Dienſt verlaſſen?... den Controleur aufgeben? Es fährt mir wie ein Kreiſel im Kopf herum. Gib mir Zeit mich zu faſſen, meine Maid.“ „So viel Du willſt. Ich will froh ſein, wenn ich Deine Ge⸗ gengründe nicht ſogleich zu hören bekomme.“ „Du mußt ſie aber doch ſchon jetzt hören. Vor allen Din⸗ 11 gen, welche Garantie haſt Du dafür daß Dein Vater mich dann mehr begünſtigen würde?“ „Die Garantie liegt in Papas Character. Es würde ihn dermaßen entzücken einen Zollbeamten in einen Kaufmann um⸗ zuſchaffen, daß dies allein ihm genügen könnte um ſich von einem Wortbruch erlöst zu glauben. Denn hat er nicht tauſendmal geſagt: Ich der Schwiegervater der Zollkammer werden? In Ewigkeit nie! Endlich würde dieſer Zug von Dir ihm ſchmeicheln, ihn rühren und zuletzt beſiegen.“ „In allem dem, eine theure einzige Geliebte, glaube ich daß Du mehr als zur Hälfte Recht haſt. Aber ſelbſt dies vor⸗ ausgeſetzt, iſt es jedenfalls nur eine Seite der Sache.“ „Nur eine, ſagſt Du?“ „Und ich füge hinzu, meine Majken, daß Du, das klügſte Mädchen das je am Bottnafjord gelebt hat, das Allerwichtigſte nicht überſehen darfſt.“ „Deinen Willen?“ „Nein meinen Beruf. Wie willſt Du einen tüchtigen Kauf⸗ mann aus mir machen? Zu ſolchen Berechnungen habe ich weder Kopf noch Luſt.“ „Der Kaufmann ſchafft ſich ſelbſt, wenn er mitten in den Wirbel der Geſchäfte hineingeſchleudert wird, in ſo fern er wie Du einen feſten Character beſitzt und weder Verſchwender noch Müſſiggänger iſt.“ „Irrthum, meine Maid! Ich habe durchaus nicht dieſes ab⸗ geſchliffene Genie das zu dem Geſchäft erforderlich iſt. Hjelm gilt für unbeugſam in ſeinen Grundſätzen, ich bin noch unbeug⸗ ſamer als er. Und zwei ſolche Willen bilden kein glückliches Ganze.“ „Du, mein Gudmar, biſt kraftvoll, nicht unbeugſam, außer in dem was Du Pflicht nennſt. Mit Deiner Frau an Deiner Seite— Du weißt, ich würde Dir eine gute Rathgeberin wer⸗ den— aſſocirt mit Hjelm, der die Erfahrung und Redlichkeit 12² ſelbſt iſt, müßte es nothwendig vorwärts gehen, zumal wenn Du Dich im Anfang unter Papas Leitung ſtellteſt.“ Gudmar ſtand heftig auf und ſchritt zwei oder drei Mal durch das Zimmer. „Meine Majken,“ ſagte er im Tone eines Menſchen der aus einem tiefen Staunen erwacht,„ich muß Dir gerade heraus ſagen daß ich glaube ich habe mich ſelbſt vor dieſer Stunde nicht gekannt.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Etwas was mich ſelbſt erſchreckkund was Muth erfordert, beinahe mehr Muth als ich mit Worten auszudrücken vermag. Gleichwohl muß es unbedingt geſagt werden.“ „Ja, ſei vollkommen aufrichtig. Die geringſte Heuchelei unter einander iſt unſer Beider unwürdig.“ „Das iſt vollkommen wahr— aber ach, es iſt etwas ſo Hartes was ich Dir anvertrauen will. Mein Herz empört ſich dagegen das Wort auszuſprechen... Gewiß werde ich Dich nicht blos betrübt, ſondern auch erbittert ſehen.“ „Du darfſt meine Gefühle nicht unnöthig auf die Folter ſpannen.“ „Begreife es, wenn Du kannſt— ich begreife mich ſelbſt kaum. Aber ich fühle es in dieſem Augenblick ſo deutlich, als ob es mit feurigen Buchſtaben geſchrieben wäre die ich in meiner eigenen Seele leſen könnte, daß ich nie glücklich würde, wenn ich unter einer andern Leitung als meiner eigenen ſtände. So⸗ gar Deine Hand dürfte mich dann drücken. Jetzt iſt es geſagt.“ Im folgenden Augenblick erblaßte Majken dermaßen daß das Nastuch womit ſie über ihre Stirne fuhr nicht viel weißer war als ſie ſelbſt. Aber obſchon Gudmar dieſe Bläſſe, dieſen Beweis ihrer hef⸗ tigen Gemüthserſchütterung ſah, blieb er doch ganz unbeweglich. Er ſah drein als hätten ſeine eigenen Worte ihn vernichtet, aber als könnte er ſie dennoch nicht zurücknehmen. — ·—,—,—— ☛————— 2/·/· 13 Vielleicht hatte Majken dies geglaubt, denn ſie wartete in ſichtlicher Spannung auf irgend einen Zuſatz. Aber als ſie mehrere Minuten ſo gewartet hatte, konnte Gudmar auf ihrem Geſicht einen kaum merklichen Uebergang von Beſtürzung zu Schmerz wahrnehmen und ſich überzeugen, wie zuletzt die kalte Form einer unerſchütterlichen Entſchloſſenheit eintrat. Dieſer lange Augenblick hatte ihr Gelegenheit gegeben ſeine Züge eben ſo genau zu erforſchen, wie er die ihrigen erforſcht hatte. Beide ſchienen kaum athmen zu können, und wer ſie ſo ſah, hätte ſich gewiß nicht gedacht daß ſie zwei Liebende ſeien die zufällig aus dem Kreis ihrer gewöhnlichen Eindrücke und Gefühle heraustraten. Endlich ſprach Majken. „Du haſt mir Worte geſagt die ich in Folge meines ganzen vergangenen Lebens nie von Dir erwartet hätte. Und mein noch übriges Leben wird nicht hinreichen mich begreifen zu lehren, daß Gudmar Guldbrandsſons Seele es iſt die ſich empört gegen die Gleichheit zwiſchen Mann und Frau, wo ſie möglich iſt— eine Gleichheit die Gott ſelbſt feſtgeſetzt hat, da er Beiden die koſtbare Gabe der Vernunft verlieh, und die Chriſtus ſo ſchön erklärt in den einfachen, aber göttlichen Worten: So ſind ſie jetzt nicht zwei, ſondern eins. O, Gudmar, dieſe Stunde iſt tau⸗ ſendmal bitterer als all die bittern Stunden die ich bisher er⸗ lebt habe. Wenn man gegen äußere Hinderniſſe kämpft, geſchieht es immer mit einer Möglichkeit des Sieges: aber wenn man auf innere ſtößt die nicht einmal Gegenſtände des Kampfes werden können, dann... dann...“— Sie verſtummte und beugte die Stirne. „Ich wußte daß ich dieſe Gefühle in Dir erwecken würde, und ich vertheidige mich nicht, denn ich habe Deine innige und reine Liebe, die indeß nicht inniger und ſtärker, aber tauſendmal reiner iſt als die meinige, ſchlecht belohnt.“ Majken antwortete nicht. 5 14 „Als Beamter,“ fuhr Gudmar fort,„war ich von aller Einwirkung Deinerſeits ganz unabhäftgig. Da folgte ich, wie ich Dir bereits geſagt habe, einer geſetzlichen Obrigkeit von welcher keine Appellation ſtattfinden konnte. Aber als Geſchäftsmann würde es ganz anders werden. Da würde Dein überlegener Verſtand uns in eine beinahe falſche Stellung bringen, denn ich würde keinen Schritt wagen zu dürfen glauben, ohne Dich um Rath zu fragen, und dieſe Vernichtung meiner eigenen Seele, dieſe negative Exiſtenz als ein einfaches Werkzeug des Gehor⸗ ſams in Deiner milden Hand...“ Er hielt inne. „Fahre fort.“ „Ich fürchte, dieſe Umkehrung meines Weſens könnte mich zu einem ganz andern Menſchen machen als ich bisher war: der einfache ehrliche, freilich auch unbedeutende Jachtlieutenant kann doch in dieſer Eigenſchaft immerhin ſelbſtſtändiger ſein als der Großhändler Guldbrandsſon, der ſich in Allem nach ſeinem Schwiegervater, ſeinem Aſſocié und ſeiner Frau richten müßte und zuletzt nicht mehr wüßte, welcher Weg für ihn der rechte wäre.“ „Nun wohl, nachdem Du jetzt Dein vollſtändiges Glaubens⸗ bekenntniß abgelegt und ich es angehört habe, ſo will ich das meinige ablegen.“ „Geliebte Majken, laß mich zuvor um Gottes und meiner treuen Liebe willen— ich ſchwöre Dir daß dieſe niemals heißer gebrannt hat als eben jetzt, wo ich Dir ſo wehe gethan— laß mich noch einige Worte hinzufügen.“ „Thue das.“ „Dieſe Worte die ich auf meinen Knieen ausſprechen möchte, wenn Du es erlauben würdeſt, lauten ſo: Falls Du mich wegen meines Bekenntniſſes verachten und darin etwa hochmüthige Selbſtſucht erblicken ſollteſt, ſo ſage es nicht: das würde mich wahnſinnig machen. Ich begreife nicht, warum ich einen einzi⸗ ————— 15 gen Grund weiter angeführt habe, als denjenigen der für mich immer der erſte bleibt, nämlich daß ich niemals die Bahn ver⸗ laſſen werde die ich mit freiem Willen und voller Ueberlegung betreten, und deren dornigſten Pfad ich bereits hinter mir habe. Da ich aber mit demjenigen angefangen habe womit ich hätte ſchließen ſollen, ſo muß ich auch hinzufügen daß Du ſtets für mich die angebetete innig geliebte Frau bleiben und mir in jedem Stand als meinesgleichen rathen ſollſt, nicht aber meine Ober⸗ herrin in einem Stand werden darfſt wo Verhältniſſe entſtehen können, in welchen der Mann weniger als eine Null wäre, wenn er nicht ſeinen eigenen Willen hätte. Und nun, meine holde, edle und hochſinnige Majken, ſei barmherzig— verzeih Deinem Gudmar! Du ſtehſt ja in allen andern Beziehungen, überall wo es ſich um Kopf, Herz und Gefühl handelt, ſo hoch über ihm, daß Du wohl gütige Nachſicht üben kannſt, wenn er da ſelbſt⸗ ſtändig ſein will wo er es ſein muß.“ Und warm und flehend wie die Worte waren auch die Geberden und Blicke. Aber Majkens Blick fiel weder mit Güte noch mit Barm⸗ herzigkeit auf den jungen Mann dem ſie ihr Herz geſchenkt hatte. Dieſer Blick glich dem unbeſchriebenen Blatt in dem Buch wo wir die Eindrücke unſerer Seele aufzuzeichnen beabſichtigen. Aber die Aufzeichnung kam bald genug. „Ich habe Dich bis zu Ende gehört und nehme jetzt für mich daſſelbe Recht in Anſpruch. Verſprich daß Du mich nicht unterbrechen willſt.“ 2. „Ich bin zum Voraus überzeugt, daß ich in Verſuchung dazu gerathen werde, aber ich will mich bemühen dieſem Ver⸗ langen zu widerſtehen. Möge nur das was Du zu ſagen ge⸗ denkſt Dir ſelbſt nicht eben ſo ungleich ſein wie die Unbeweg⸗ lichkeit womit Du meine ſtürmiſche Rührung angeſehen haſt!“ „Nein, wie Du es auch beurtheilen magſt, ſo ſollſt Du 16 doch nicht ſagen können daß es mir nicht gleich ſei. Es wäre einfältig und würde mir nicht anſtehen, wenn ich bei Beurthei⸗ lung des Standpunktes auf welchem ich als Weib und Menſch ſtehe vor irgend einem menſchlichen Weſen eine affectirte Ver⸗ ſchämtheit zur Schau tragen wollte. Ich bin mit einem Kopf begabt der klar genug iſt daß ich mein eigenes Lebensſchiff zu ſteuern vermag, und mit einem Character der feſt genug iſt daß ich mich nicht von irgend einem Windſtoße fortreißen laſſe; aber dabei beſitze ich auch ein Herz das weich, zärtlich und warm genug iſt, daß ich es dem Mann den ich liebe als Wohnung anbieten kann. Ich ſtrebe nicht darnach ein freies ſelbſtſtändiges Weib zu ſein oder dafür zu gelten, ſo leicht ich es auch hätte werden können. Als Tochter habe ich den ganzen unbeugſamen Muth meiner Seele unter die Macht meines Vaters geſtellt— ich habe nicht einen einzigen Schritt gethan der ein Streben nach Herrſchaft bewieſe. Denn aus Achtung vor dem Willen Gottes, der uns Gehorſam gegen die Eltern geboten, habe ich mein widerſtrebendes Gefühl geopfert. Kann nun ein Mädchen das ſich unverheirathet ſo gezeigt hat in der Ehe anders wer⸗ den? Hat mein ganzes Benehmen nicht ſtets den Stempel der Pflicht und der Ueberzeugung, keineswegs aber willenloſer oder ſtumpfer Schwachheit getragen? Und welches Weib wird die Ehre und Selbſtſtändigkeit ihres Mannes höher ſchätzen, als diejenige die in ihm nicht ihren Herrn, nicht ihr Oberhaupt ſehen will, ſondern ihresgleichen im gemeinſchaftlichen Beſitzihrer ge⸗ meinſchaftlichen Rechte auf die ökonomiſche ſowohl als auf die moraliſche Entwicklung des Hauſes das ſie zuſammen erbaut haben?... Gerade diejenige Frau die eine gebührende Selbſt⸗ achtung beſitzt hegt dieſe Achtung auch vor ihrem Gatten und weicht gern das eine Mal vor ſeinen Anſichten, wie er das andere Mal vor den ihrigen weicht, wenn ſie es werth ſind ſeine Ueberzeugung zu ändern. Aber ohne dieſe Ausgleichung wäre die Ehe keine wahre Ehe. Und der Mann welcher den Rath der +—e— S S“ wäre rthei⸗ tenſch Ver⸗ Kopf ff zu t daß aber varm nung diges hätte amen lt— reben LVillen de ich dchen wer⸗ el der oder d die als ſehen er ge⸗ if die erbaut Selbſt⸗ und r das ſeine wäre th der —— 32 17 vernünftigen Frau fürchtet und ſich dadurch herabgeſetzt glaubt, der ſetzt vielmehr ſich ſelbſt, ſie und dieſe ganze weiſe und er⸗ habene Einrichtung die man Che nennt herab.“ „Geliebte Majken, in Allem was Du ſagſt waltet Klarheit und Wahrheit vor— aber ich habe ja nur eine einzige Aus⸗ nahme gemacht.“ 94 „Darin liegt es gerade, während ich dagegen gar keine Ausnahme mache.“ „Aber... „Warte... der Rath einer Gattin verpflichtet den Mann nicht zur unbedingten Folgſamkeit und umgekehrt. Die Vernunft prüft ſowohl auf der einen als auf der andern Seite. Und ob Du nun Zollbeamter oder Kaufmann biſt, ſo könnteſt Du in jedem Fall die Anſicht Deiner Gattin hören. Wenn aber ein Mann es in einer Beziehung für nothwendig hält ſo unab⸗ hängig zu ſtehen, daß ſeine Frau ihm nicht nahe kommen kann, ſo dürfte auch ein zweiter Fall nicht lange auf ſich warten laſſen. Nach dem zweiten kommt der dritte und ſo allmählig einer um den andern, bis ſeine Liebe zur Selbſtſtändigkeit ihn überzeugt hat, daß der Mann in allen Stücken eine Macht ſei die keine andere neben ſich dulden dürfe. In dieſen Grundſätzen die Du jetzt noch nicht vollkommen entwickelt beſitzeſt, die Du Dir aber möglicher Weiſe eines Tags aneignen könnteſt, glaube ich bedenk⸗ lichere Hinderniſſe gegen unſere Verbindung zu erblicken als in irgend einem der Prinzipien welche Papa aufgeſtellt hat.“ „O, das kann nicht Dein Ernſt ſein— ſo grauſame und und bittere Worte kannſt Du nicht mit guter Ueberlegung aus⸗ ſprechen.“ „Ich ſpreche immer wie ich denke.“ „Und das ſagſt Du... D u!“ „Meine Worte enthielten keine Grauſamkeit, Gudmar. Du kannſt an meine Verſicherung glauben daß ſie nicht den tauſend⸗ ſten Theil des Schmerzes ausdrücken der ſie dictirt hat.“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 2 „Nein, ich muß einen entſetzlichen, einen unſeligen Traum träumen.“ Der junge Mann ſprang auf und faßte mit beiden Händen an ſeine Stirne. Majken wiegte ſachte ihre Wange gegen ihre Fingerſpitzen. Ihre Seele ſchien nicht in den Augen zu liegen— oder war der Blick nach Innen gerichtet? „Meine Maid... Sie der ich mein Leben und meine Seele geben möchte, ſie konnte dieſe Worte des Hohnes und des Wahnſinns über ihre Lippen gleiten laſſen... denn hörſt Du... hörſt Du, es iſt unmöglich daß der Gedanke ſich ſo verirren konnte... Ach, ich ſelbſt bin verrückt... Majken, meine treu verlobte Braut, die Du mir auf der Hornborger Ruine des heilige Unterpfand gegeben, ſage doch daß ich ge⸗ träumt habe.“ Niemand antwortete auf ſeine Klage. „Gott, mein Gott!“ rief er jetzt mit der leidenſchaftlichen Energie der Verzweiflung,„gib mir das Wort das dieſen Zauber löst! Laß mich dieſe zärtliche edelmüthige und liebende Seele wieder finden, ohne welche meine eigene ſich ſelbſt nicht mehr zu finden vermag.“ In ſeinem grenzenloſen Kummer warf er ſich dem angebe⸗ teten Mädchen zu Füßen. Majken war überwunden. Sie öffnete ihre Arme, und Gudmar ſtürzte an ihren Buſen, wie der vom Himmel Verwieſene bei der erſten Oeffnung der Pforte jubelnd dahin zurückfliegt. So hat der Menſch ſchon auf Erden manchen Himmel, aber auch manche Hölle zu durchwandeln. „Haſt Du mir verziehen, meine Maid? Ich hätte den Ver⸗ 2 ſtand verloren, wenn ich lange ſo hätte leben müſſen! Du biſt raum inden iitzen. war neine und hörſt ch ſo ajken, orger h ge⸗ lichen auber Seele mehr igebe⸗ Zuſen, g der aber Ver- u biſt 19 mit meinem Herzen durch Bande verwachſen, von welchen ich jetzt weiß daß nicht einmal der Tod ſie zerreißen kann.“ Majken nickte leiſe, aber ausdrucksvoll. Ihre eigenen Ge⸗ fühle wogten hoch. „Vielleicht, Geliebte, iſt Dein Gudmar ein Thor, aber er ſoll wenigſtens conſequent ſein. Und Du biſt in Deinem Edel⸗ muth zu großartig, als daß Du verlangen könnteſt, er ſolle jetzt herkommen und im Rauſch ſeiner Gefühle ſich zu dem erbieten was er im Augenblick der klaren Vernunft verworfen hat. Ich will unveränderlich an meiner Laufbahn feſthalten— ſie ſteht mir an und paßt für mich: der Controleur iſt nicht der Jacht⸗ lieutenant. Ich werde ein geſchickter Zollbeamter und kann es weit bringen, aber ich wäre ein geringer unbedeutender Kauf⸗ mann geworden. Das iſt mein feſter Glaube. Und wenn Du mir jetzt von ganzem Herzen verziehen haſt, ſo gehſt Du zu meiner Anſicht über.“ 1 „Unbedingt— denn wenn man mit Widerwillen eine Lebens⸗ bahn betritt, ſo kann dieſer Beruf nicht gedeihlich ſein. Aber jetzt will ich Dich an den Anfang unſerer Beſprechung erinnern. Deute nie wieder auf irgend einen Zeitpunkt für unſere Verbin⸗ dung hin. Du ſelbſt haſt ihn ſo gänzlich in die Ferne gerückt, daß wir uns gleichſam als für immer verlobt, nie aber durch andere irdiſche Bande vereinigt betrachten können— und viel⸗ leicht iſt das am beſten.“ „Majken, Majken!— und ſo ſprichſt Du, nachdem Du mir verziehen haſt... Und jetzt.. o Gott... zwei Thränen in Deinen Augen, Du ſtarkes Weib! Dann iſt es genug... Lebe wohl, meine Maid! Gottes Frieden über Dich... Lebe wohl!“ Und ehe Majken ſeine Abſicht begreifen konnte, war er nicht blos aus dem Zimmer, ſondern auch aus dem Hauſe, ja ſogar vom Ufer verſchwunden. — 20 Es koſtete Majken keine geringe Anſtrengung die Fragen ihrer Freunde befriedigend zu beantworten. Doch gelang es ihr zu ſupponiren daß irgend ein geheimes Geſchäft die Urſache ſeiner Flucht geweſen ſei. Majken ahnte inzwiſchen wohin er gereist war, und einige Tage hindurch empfand ſie eine weit ſtärkere Unruhe als ſie ſich jelhſ geſtehen wollte. Am fünften Tag erhielt ſie daigenden Brief „Meine angebetete Maid! „Du ſiehſt ein daß ich in Göteborg war. „Deine zwei Thränen zwangen mich zu einem außerordent⸗ lichen Schritt. „Ich kam in die Stadt, ſtürzte zu meinem Gönner und Vorgeſetzten hinauf, und ſprach von gewiſſen Umſtänden die mich ohne Zweifel veranlaſſen würden meinen Lebensplan zu ändern und das Zollgeſchäft aufzugeben. „Nun wohl, Geliebte, das Ergebniß dieſer Zuſammenkunft war, daß mein Vorgeſetzter Anfangs zu glauben ſchien, es ſei mir eine Schraube im Kopf losgegangen— und das war viel⸗ leicht nicht ſo ganz ohne, denn dieſe Thränen, dieſe Thränen... Ach, welch ein Glück daß Du ſo ſelten weinſt! Aber die Haupt⸗ ſache war daß man mich nicht gerne entbehren würde, und daß man mir daher das beſtimmteſte Verſprechen gab, ich würde noch vor Ende des nächſten Sommers das Amt bekommen... Und ſo fuhr ich wieder heim. „Jetzt habe ich fünf Tage lang das Alles ausgeſtanden. Welche Gewiſſensangſt hat mich gequält... erlöſe mich davon! O, wie liebe ich Dich... Bei Gott, ich liebe Dich ohne alles Maß und Ziel... Aber Controleur will ich werden, das iſt beſchloſſen. „Ich wage mich nicht zu Dir, bevor ich Antwort auf dieſen Fragen es ihr Urſache einige ils ſie ordent⸗ r und e mich indern nkunft es ſei r viel⸗ en... Haupt⸗ d daß ee noch . Und unden. avon! alles as iſt dieſen 21 Brief habe. Schreib augenblicklich und befiehl Sven nach Hauſe zurückzufliegen. Ich denke zehn Minuten nach ihm aufzubrechen um ihm unterwegs zu begegnen. „Dein getreuer, angſtvoll harrender Gudmar.“ Majkens Antwort: „Willkommen daheim nach dem Reißaus, Herr Controleur. Es iſt juſt noch Zeit um mir Lebewohl zu ſagen, denn ich kann Mamas Mahnungen zur Heimkehr nicht widerſtehen. „Uebermorgen reiſe ich ab— wir haben alſo nur noch den morgenden Tag für uns. „Deine Majken.“ „Ah ſo,“ flüſterte Gudmar, als er ſeinem Abgeſandten un⸗ terwegs das Billet abgenommen und es erbrochen hatte.„So, ſo, der Commandant iſt zur Ruhe eingegangen... Ach, warum kann man ſich nie aus vollem Herzen über Etwas freuen? Ich werde Controleur— aber was hilft mir das jetzt, wenn ſie ſich nicht darüber freut?“ Aber als er nach Spartſkär kam, wurde er von Majken ſo empfangen, als hätte nie ein beſonderer Auftritt ſtattgefunden. Ihre einzige Andeutung auf einen ſolchen beſtand in den Worten: „Mein Gudmar, verſprich mir daß Du dieſe Stunde oben bei mir niemals berühren willſt. Wir müſſen ſie Beide vergeſſen. Ich hatte nicht alles genau überlegt. Wäreſt Du aus Liebe zu mir auf meinen Vorſchlag eingegangen und die Sache wäre nicht glücklich ausgefallen, ſo wäre mir das ein ewiger Kummer ge⸗ weſen.“ Gudmar war entzückt: er wünſchte Nichts ſehnlicher als die Erlaubniß zu vergeſſen. Aber Etwas in ſeinem Innern verkün⸗ dete ihm daß jene Stunde nicht ſo leicht vergeſſen werden dürfte. Und er wußte die edle Art und Weiſe wie Majken die Unter⸗ handlung abſchloß vollkommen zu würdigen. Und nicht ein Gran weniger Liebe war ſpäter an ihr wahr⸗ zunehmen. 22 Sie liebte ihren Gudmar ebenſo herzlich, aber ſie hatte eine Erinnerung die ſie weit hinwegwünſchte. Inzwiſchen iſt Wunſch nicht gleichbedeutend mit Erhörung, und manchmal ſtellte dieſe Erinnerung ſich ein um gleichſam eine Lage Schnee über ihr warmes Herz zu werfen. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Capitän Geiſterns Abſchied von Svartſkär. Zwei Tage nach Majkens Abreiſe kam Capitän Geiſtern, um bei Hjelm und ſeiner Frau den Beſuch abzuſtatten den er ſich ſchon längſt vorgenommen, aber in Folge der einander drän⸗ genden unglücklichen Umſtände ſo lange aufgeſpart hatte, bis jetzt ein Abſchiedsbeſuch daraus wurde. Emilie befand ſich allein zu Hauſe und war juſt im Saale, demſelben Zimmer wo ſie ihn bei der unglückſeligen Hausſuchungs⸗ geſchichte zum erſten und einzigen Mal geſehen hatte. Als er eintrat, wurde die junge Frau von einem heftigen Zittern überfallen. Aber als ſie die ſchmerzliche Verlegenheit, die ſprechende bange Unruhe ſah die in ſeinem Geſicht und ganzen Weſen lag, da war ihr edelmüthiges Herz ſogleich bereit ein huldvolles Lächeln auf ihre Lippen zu gebieten. Dieſes ſanfte Lächeln wirkte ungemein wohlthuend auf den Capitän. Es half ihm ſeine Verlegenheit zu überwinden, und indem er vortrat, ſagte er mit einer Gemüthsbewegung die ein⸗ nehmend genannt werden konnte und das vollendete was Worte nicht auszudrücken vermochten: „Verzeihen Sie mir, Madame, all das Leid was ich Ihnen eine unſch dieſe r ihr ſtern, en er drän⸗ s jetzt Saale, ungs⸗ ftigen hende g, da ächeln f den und e ein⸗ Worte Ihnen 23 und Ihrem Manne zugefügt habe und was ich mir ſelbſt nie ver⸗ zeihen werde. Aber vielleicht wird Ihr eigenes Herz mein Für⸗ ſprecher. Hätten Sie Ihren Gatten ſo verlaſſen müſſen, wie ich meine ſo plötzlich entriſſene, ſo zärtlich geliebte Frau verlaſſen mußte, würden Sie dann nicht auch Klarheit über die ganze Sache verlangt haben? Ich brauche nicht fortzufahren, ſon⸗ dern füge nur noch hinzu: können Sie ſich von der Möglich⸗ keit freiſprechen daß Sie ſelbſt in Ihrer Gemüthskrankheit, in Ihrem Bedürfniß nach Aufklärung einer Beleidigung die Tag und Nacht vor Ihnen ſtand, ſich zu einer Anklage entſchloſſen hätten die, was den Schein betraf...“ „Capitän Geiſtern,“ antwortete Emilie mit ſteigender Rüh⸗ rung, oich muß geſtehen, daß ich es in dieſem Augenblick gar nicht für unmöglich halte daß ich unter denſelben Umſtänden eben ſo ſtreng geweſen wäre. Und da Sie nicht wußten, nicht wiſſen konnten daß Sie das edelſte Herz und die ſtrengſte Ehrenhaftig⸗ keit die man nur bei einem Manne finden kann angriffen, ſo mögen Sie ſich ſelbſt von Vorwürfen freiſprechen, wie ich es thue. Die Unglücksfälle die meinen Mann und mich getroffen haben ſind groß, aber ſie ſind die Folgen der Handlung eines andern Menſchen und haben überdies dazu gedient das Band zwiſchen unſern Herzen noch feſter zu knüpfen, indem ſie uns lehrten ein⸗ ander noch inniger zu verſtehen und zu ſchätzen.“ „Gott ſegne Sie für dieſe edle Antwort, Madame. Der Mann dem Gott eine ſolche Frau geſchenkt, hat nie Etwas ver⸗ loren was ſich nicht erſetzen ließe.“ „Sagen Sie lieber umgekehrt, Herr Capitän.“ „Ja, es mag für Sie Beide gelten. Sie ſchätzen Ihren Gatten ſo hoch, daß ich bange bin, die Ausdrücke zu denen ich mich verſucht fühlen dürfte könnten Ihnen von dem Wunſche dictirt erſcheinen Ihre Großmuth durch eine Schmeichelei zu be⸗ lohnen.“ „O nein,“ antwortete Emilie mit leuchtenden Augen,„dies brauchen Sie ganz und gar nicht zu fürchten, Herr Capitän. Wenn es meinem Manne gilt, ſo glaube ich blindlings alles Schöne was man mir von ihm ſagen will.“ „Ich möchte nur wünſchen, Sie hätten ihn vor dem prüfen⸗ den Blick des Richters geſehen, mit welcher innigen Ruhe und doch mit welcher Kraft er ſprach. Es war ſo einfach, ſo ſchla⸗ gend, und ſeine letzten Worte waren ſo ſtolz, ſo ohne alles Ge⸗ prahle, als kämen ſie aus Ihrem eigenen Munde.“ „Mein beſter Capitän Geiſtern, ich vergeſſe ganz daß wir Feinde waren— und betrachte Sie als einen Freund um des Vergnügens willen das Sie mir jetzt gemacht haben. Nun ja, auch Majken hat mich mit dieſer Beſchreibung entzückt, und ſie hat dabei vergeſſen daß noch ein Anderer da war der in Be⸗ zug auf Einfachheit, Edelmuth und Würde mit meinem Mann wetteifern konnte.“ Der Capitän erröthete ſtark. „Ich konnte leider nicht mehr thun als meine eigene Un⸗ zufriedenheit bekennen. Aber erlauben Sie mir einige Worte hinzuzufügen, ſo lange wir noch allein ſind.“ „Gern.“ ſun wohl—“ er zog ſeinen Stuhl näher zu ſeiner jun⸗ gen Wirthin,„es iſt wielleicht eine große, ja möglicher Weiſe all— zugroße Freiheit die ich mir herausnehme, aber bei Gott, es ge⸗ ſchieht in der allerbeſten Abſicht... In einem ſolchen Fall halte ich es fürs Beſte möglichſt wenig Umſchweife zu machen. Glau⸗ ben Sie, Madame, daß die Angelegenheiten Ihres Gatten mit dem Capital das er in dieſen Tagen erhalten hat vollkommen bereinigt werden können? Sie begreifen, wenn ich mich an die Frau wende ſtatt an den Mann, ſo geſchieht dies weil...,4 Er ſchien zu zögern. „Weil Sie,“ fiel Emilie ein,„meinem Mann ſchon einmal Geld vorgeſtreckt haben und weil Sie mich jetzt zu Ihrer Bun⸗ —,— 25 desgenoſſin haben möchten, um es nach Ihrer Heimkehr noch einmal thun zu können. Iſts nicht ſo?“ „Und wenn es ſo wäre,“ verſetzte er mit der gewinnend⸗ ſten und rührendſten Herzlichkeit,„was antworten Sie da?“ „Meine Antwort, Capitän Geiſtern, iſt die: im Fall ſich mein Mann je beſtimmen laſſen könnte Ihrem wohlwollenden Vor⸗ ſchlag Gehör zu ſchenken, obſchon er, wie ich Ihnen ſagen muß, unſerem beiderſeitigen Zartgefühl gleich ſehr widerſtreitet, könnten Sie, dieſe Möglichkeit angenommen, ohne eigenen Nachtheil...“ „Das könnte ich. Mein Vermögen iſt nicht groß, aber ſolid, und da ich allein in der Welt ſtehe, ſo habe ich außer mir ſelbſt für Niemand zu ſorgen.“ „In dieſem Fall, Capitän Geiſtern— und es iſt nicht ſchwer einzuſehen daß man ſich auf Ihre Worte verlaſſen kann — verſichere ich Sie daß ich, wenn alle Anſtrengungen meines Mannes vergebens bleiben ſollten, wenn er, obſchon ſich die Aus⸗ ſichten bereits bedeutend gebeſſert haben, nicht im Stande ſein ſollte das Haus mit Macht aufrecht zu halten, daß dann ich mei⸗ nerſeits Alles thun werde, um ihm klar zu machen daß man von einem verſöhnten Feinde unbeſchadet ſeiner Ehre einen Freund⸗ ſchaftsdienſt annehmen kann.“ „Ich danke Ihnen und muß mich damit begnügen. Aber da ich Svartſkär nicht gerne verlaſſen möchte, ohne Herrn Hjelm getroffen zu haben, und da ich draußen im Contor gehört habe daß man ihn bald zurückerwarte, ſo bitte ich um Erlaubniß noch ein Stündchen hier zu verweilen.“— „Sie dürfen uns noch mehrere Stunden nicht verlaſſen. Mein Mann verreiste heute früh und iſt nicht weit: er kommt ohne Zweifel bald zurück.“ „Ich danke Ihnen für dieſe mehr als verbindliche Güte, aber ich habe verſprochen im Pfarrhaus zu Mittag zu eſſen.“ „So,“ ſagte Emilie lächelnd,„Sie haben ſich alſo mit dem Paſtor ausgeſöhnt?“ „Als ich vor einigen Tagen dort war, beehrte er mich mit einigen freundſchaftlichen Worten die auf eine vollſtändige Aus⸗ ſöhnung deuteten. Ueberdies bin ich jetzt beſſer im Stand ſein eigenthümliches Weſen zu ſchätzen. Ich bin geſund, vergleichungs⸗ weiſe ruhiger von Gemüth und kann als ein ziemlich brauchbarer Zuhörer paſſiren.“ „Nun, da iſt Alles auf dem beſten Weg. Und in ſo ge⸗ müthlicher Geſellſchaft wie der Lieutenant, wenn er zu Hauſe iſt, und die bezaubernde kleine heilige Thorborg können Sie ſich nur einen höchſt angenehmen Tag verſprechen.“ „Würden Sie mir eine neue Frage erlauben, Frau Hjelm?“ Bei dieſen Worten verſchwand die Bläſſe die ſtets auf ſei⸗ nem Geſichte lag, und die Röthe die es übergoß wurde ſo auf⸗ fallend, daß Emilie auf die angekündigte Frage ſehr geſpannt wurde. „Eine Frage, Herr Capitän... laſſen Sie hören.“ „Warum— vielleicht finde ich blos als Fremder dieſe Eigenthümlichkeit ſo bemerkenswerth— warum nennt man die Tochter des Paſtors ſo oft eine Heilige?“ Bei ſich ſelbſt dachte Emilie:„Ich habe mich auch ſchon manchmal darüber gewundert;“ aber laut antwortete ſie im Ton der Ueberzeugung: „Darum weil ſie im lich iſt.“ „Sonderbar!“ „Und es iſt Hochverrath, Herr Capitän, auch nur den ge⸗ ringſten Zweifel darein zu ſetzen.“ Geiſtern beantwortete, ſonderbar genug, dieſe Worte weder mit einem Lächeln noch mit einer Verbeſſerung ſeiner ſo eben ertheilten kurzen Antwort. Er ſchien ſo nachdenklich zu ſein, als wäre er mit der Löſung eines ungemein ſchweren Problems beſchäftigt. „Wahrhaftig, H Vergleich mit uns Andern dies wirk⸗ err Capitän, Sie ſetzen mich in Erſtaunen, S—⸗ mit us⸗ ſein igs⸗ arer ge⸗ auſe ſich m?“ ſei⸗ auf⸗ annt dieſe n die ſchon Ton wirk⸗ en ge⸗ weder peben n ſein, oblems taunen, 27 indem Sie Bedenken in einer Sache zeigen worüber die ganze Gegend einſtimmig iſt, und dies erſcheint mir um ſo unerwarteter, als ja Thorborg am Tag nach Ihrem Schiffbruch trotz der hohen See nach der Uhuklippe hinausgefahren iſt.“ „Um Gotteswillen, Madame—“ der Capitän fuhr zuſam⸗ men—„dieſe Erinnerungen... ich glaube daß ich nie ſtark genug werde, um ohne Gemüthserſchütterung an dieſen entſetz⸗ lichen Tag denken zu können.“ „Verzeihen Sie, Herr Capitän! ich hätte wahrlich dieſen traurigen Gegenſtand nicht berühren ſollen.“ „Ich ſtehe,“ fuhr er haſtig fort,„wegen des gedachten Be⸗ ſuchs in größerer Verbindlichkeit gegen ſie als ich mit all meinem Dank je zu vergelten vermag. Ueberdies ſchätze ich dieſes junge Mädchen ſehr, aber es will mir nicht recht gefallen daß man ſie ſchon ſo frühe, und ehe ſie ſich einer ſo gefährlichen Ehre würdig gemacht hat, canoniſirt.“ „Herr Capitän, Sie nehmen ſich die Freiheit auf eine ganz eigenthümliche Weiſe von Thorborg zu ſprechen.“ „In wie fern eigenthümlich? Das müſſen Sie mir ge⸗ fälligſt erklären.“ „Das iſt leicht erklärt. Zum Beiſpiel, dieſes junge Mäd⸗ chen das Sie ſehr ſchätzen, um von der Canoniſation gar nicht zu reden.. „Ah, ich verſtehe— Sie wollen ſagen daß Sie meine Ausdrücke zu vertraulich und zu kühn finden?“ „Das iſt vielleicht nicht ſo ganz ohne.“ „Aber Sie haben Unrecht. Hätte man von einem andern Frauenzimmer ſo geſprochen, ſo wäre dieß weder als eine Art von Hochverrath angeſehen worden, noch hätte es eine ſolche Zurechtweiſung zur Folge gehabt, und dies iſt der ſicherſte Be⸗ weis dafür daß Sie alle, der ganze Strand, die ganze Gegend, Thorborg in ein ſolches Licht ſtellen, daß es ihr ſelbſt geradezu ——;u 4 . ———ÿ——— 5 unmöglich wird ſich als ein gewöhnliches Menſchenkind zu be⸗ trachten.“ „Ach, ſie iſt das demüthigſte und re die Gott geſchaffen hat.“ „Reinherzig, das unter iſt ſie gewiß nicht.“ „Ich ſpreche von Thorborg, Herr Capitän.“ „Ich auch. Und ich wage hinzuzufügen daß der milde Scepter den ſie führt— ihr ſelbſt unbewußt— eine verdeckte Herrſchſucht verbirgt. Für dieſe junge hochſinnige und ſchöne Seele wäre es ein Glück, wenn ſie, ſtatt ſo ganz allein oben in den Wolken zu ſchweben, bei Zeiten von der Höhe herabſtiege und recht und ſchlecht ein braves Weib würde, wie ſo manche Andere die ſich nicht als Heilige tituliren laſſen.“ „Ich werde dieſes Geſpräch nie vergeſſen,“ erklärte Emilie. „Darf ich fragen, Herr Capitän, ob Sie jemals mit irgend einer andern Perſon als mit mir über Thorborg geſprochen haben?“ „Mit Niemand als mit ihr ſelbſt.“ „Und da haben Sie es gewagt ihr zu verſtehen zu geben...n „Ganz offen habe ich ihr meine Anſichten über dieſen wie über mehrere andere Gegenſtände dargelegt. Und gleichwohl ſtehe ich in einer höhern und umfaſſenderen Schuld gegen ſie, als irgend Jemand hier ſtehen kann.“ „Warum lohnen Sie ihr dann auf dieſe Art, Herr Capitän?“ „Weil ich ihr auf keine beſſere Art zu lohnen vermag und weil ich eine große Freundſchaft, ein inniges Intereſſe für ſie hege. Ich will in ihr nicht die kleine Schwärmerin ſehen.“ „Das iſt ſie aber auch nicht im Geringſten,“ erklärte Emilie, die jetzt von dem Geſpräch eben ſo gereizt als intereſſirt zu wer⸗ den anfing.„Sie iſt eben ſo aufrichtig als ſie hochſinnig iſt. Sie iſt gottesfürchtig, einfach, ein hilfreicher Engel für Jedermann — Das iſt ihr Signalement, was ihren Charakter betrifft. Und wenn Sie, Herr Capitän, andere Erfahrungen gemacht haben, inherzigſte aller Weſen liegt keinem Zweifel— aber demüthig 5 be⸗ ſſen thig nilde eckte höne n in tiege unche nilie. einer en?“ 44 u wie hwohl n ſie, tän?“ ermag ſe für hen.“ Emilie, u wer⸗ ig iſt. rmann Und haben, 29 ſo ſind dieſelben ohne Zweifel durch höchſt eigenthümliche Ver⸗ hältniſſe hervorgerufen worden, welche ſie aus dem Kreiſe ihres gewöhnlichen Daſeins herausnöthigten.“ „Danke! Ich höre es gerne, wenn eine junge Frau auf ſolche Art die andere vertheidigt. Und glauben Sie mir, auch ich werde dieſes Geſpräch nicht vergeſſen.“ „Aber wollen Sie auch mir glauben, Herr Capitän?“ „Der letzte Theil Ihrer Worte gibt wirklich einen Erklä⸗ rungsgrund für den erſten. Aber es gelingt mir nicht ein ſo klares Bild von ihrem Charakter zu bekommen, wie ich wünſchte. Mit dem Bruder iſt es ganz anders. Eine geradere und ein⸗ fachere Seele kann man gar nicht finden. Heute, morgen, über⸗ morgen, übers Jahr, in zwanzig Jahren wird er immer der⸗ ſelbe treue Sclave der Pflicht ſein, mit demſelben ehrlichen Herzen und redlichen Character. Ihn wird, das bin ich überzeugt, we⸗ der Glück noch Unglück aus dem Geleiſe bringen.“ „Gegen dieſe Schilderung habe ich Nichts einzuwenden. Aber laſſen Sie mich jetzt auch hören was Sie über ſeine Braut ſagen— ich weiß daß ſie Ihnen bekannt iſt.“ „Ich habe Mamſell Moß nur wenig geſehen, aber was ich von ihr geſehen habe, trug den Stempel eines Geiſtes der groß genug iſt um ſich in alle Verhältniſſe zu fügen. Sie iſt ein Weib voll von Kraft, Rechtsgefühl und wahrer Milde. Im Fall ſie Lieutenant Guldbrandsſons Frau wird, ſo wird ſie ſelbſt ihre Ueberlegenheit nicht ein einziges Mal fühlen. Aber er wird ſie vielleicht fühlen, und nur eine Frau mit ſolchen Eigenſchaften kann einen Mann, nachdem er zu dieſer Ueberzeugung gelangt iſt, glücklich machen. Ich glaube übrigens daß ſie auch jeden andern Mann glücklich machen würde.“ „Es will mich beinahe bedünken, Herr Capitän, als ob Sie ſich ſelbſt in Majken verliebt haben würden, wenn ſie nicht ver⸗ lobt wäre.“ „Das glaube ich nicht. Ihr unbeſchreiblich reelles Weſen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, verdrängt den Myſticismus der für mich mit dieſem Gefühl verbunden ſein muß.“ Emilie erſchrack in ihrem Innerſten. Man könnte vielleicht ſogar ſagen, ſie wurde von einem heftigen Schmerz ergriffen. Sie hatte unüberlegter Weiſe— ſo ſchien es wenigſtens ihr ſelbſt— einen äußerſt delicaten Punkt berührt. War nicht der Capitän Wittwer? Trauerte er nicht tief um ſeine junge Gattin? Und gleichwohl verrieth jetzt ſeine Antwort weder Ver⸗ druß noch Angſt noch Verlegenheit, ja nicht einmal Mißvergnügen. („Großer Gott,“ dachte ſie in ihrem Innern, niſts möglich daß ein Mann ſo bald... Nein, ich will nicht ſterben, wenn ich glauben muß daß Ake auch nur einen einzigen Augenblick die Möglichkeit annähme nach mir eine Andere auch nur anzu⸗ ſehen... Dieſer Capitän da iſt ſeit vierzehn Monaten Wittwer, und er findet ganz und gar Nichts darin daß ich aus Leichtſinn ſo reden konnte.“) „Ei wie, Madame,“ Ernſt mißvergnügt darüber da punkt aus Mamſell Majken ni din wie ſie dürfte nicht ſo leicht wieder „Davon handelt es ſich jetzt nicht,“ an röthend. „Um was möchte.“ „Unmöglich... es läßt ſich nicht ſagen.“ „So läßt es ſich vielleicht errathen. Erlauben Si meinen Scharfſinn verſuche?“ „Thun Sie das.“ „Nun wo Gedanken an ſ keit zurückweiſen ſollen.“ Emilie wurde noch röther, „Ich danke Ihnen— bei Gott, ich verſetzte Geiſtern,„werden Sie im zu finden ſein.“ antwortete aber nicht. ß ich von dieſem einzigen Geſichts⸗ icht bewundern will? Eine Freun⸗ twortete Emilie er⸗ denn? Ich muß geſtehen daß ich dies gerne wiſſen e daß ich hl— vielleicht dachten Sie, ich hätte ſchon den o/ Etwas mit Heftigkeit als die größte Unmöglich⸗ danke Ihnen von ganzer 31 Seele für dieſen Verdruß den ich ſo ſchön finde. Meine Henrika dankt Ihnen gleichfalls. Aber Sie thaten mir Unrecht, wenn Sie ſich vorſtellten daß die Antwort auf Ihre Frage mehr als einen allgemeinen Ausdruck enthalte. Wenigſtens können Sie überzeugt ſein daß Sie mich, wenn ich übers Jahr wieder komme, noch eben ſo ungebunden finden werden wie heute.“ „Das gefällt mir... Aber, Herr Capitän, ich wußte nicht daß wir Sie im nächſten Jahr wieder ſehen ſollten.“ „Kann es Ihnen,“ fragte er mit einem leichten Anflug von Verlegenheit,„unerwartet kommen, wenn ich an dieſe Ufer zurück⸗ kehre? Ich fühle mich wenigſtens hier eben ſo heimiſch wie in meinem jetzt ſo vereinſamten Hauſe in Flensburg.“ „Dieſe Worte gefallen mir ebenfalls, und Sie müſſen mir verſprechen, Herr Capitän, daß Sie dann auch viel bei uns auf Spartſkär ſein wollen.“ „Ja, wenn Sie erlauben, ſo will ich Ihr Haus lieben und viel darin leben. Darf ich ſo aufrichtig ſein Ihnen offen zu ſagen, daß Sie eine ſo bezaubernde und liebenswürdige Frau und dennoch ſo ſanft und ſo gut ſind, daß Sie mir in Wahrheit wie ein Sonnenſtrahl erſcheinen? Das Gezwitſcher eines Früh⸗ lingsvogels hat mich nicht mehr entzücken können als Ihre Stimme, und dieſer ganze Beſuch hat unbeſchreiblich wohlthuend auf mich eingewirkt.“ „Und dennoch,“ bemerkte Emilie ſchalkhaft,„ſehen Sie jetzt ſchon zum vierten Mal auf die Uhr. Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Capitän, ich habe Sie im Verdacht daß Sie mir blos ſchmeicheln wollen..... Aber ſehen Sie, da haben wir endlich meinen Mann.“— Mit unbeſchreiblichem Erſtaunen bemerkte Hjelm bei ſeinem Eintritt den ungezwungenen Ton und die anmuthsvolle Vertrau⸗ lichkeit die zwiſchen ſeiner Frau und dem Capitän vorherrſchte. Er hatte dieſes Zuſammentreffen immer gefürchtet, weil er dachte, Emiliens Stolz, Reizbarkeit und ihre Erinnerung für die erlittene leidigung könnten die Gefühle des Capitäns wieder⸗ erz und ihr leicht gerührtes n und niedergeſchla⸗ Seine ſchwere Be holt verletzen. Aber ihr goldgutes H Gemüth hatten gleich bei der erſten traurige genen Verlegenheit Geiſterns die Oberhand gewonnen. Lobſprüche auf Ake vollendeten ſeinen Sieg. Allerdings waren im Verlaufe des Geſprächs verſchiedene Bedenken in ihr aufgeſtiegen welche an die entſchwundene Zeit erinnerten, wo Frau Emilie ſich in ihrer Würde nicht recht ſicher fühlte. Durfte ſie eigentlich ſo gut, ſo offen, ſo nachſichtig gegen einen Mann ſein dem ſie ohne Zweifel mit kalter Abge⸗ meſſenheit hätte entgegentreten müſſen? Aber wenn ſie lebhaft wurde, ſo war es ihr unmöglich nicht ſelbſt belebend nach Außen zu wirken. Und ſo blieb ſie denn ſitzen und plauderte mit dem Capitän, als wären ſie alte Freunde geweſen. Bei Hjelm dagegen war ſein verbindliches und freundliches Weſen das Ergebniß eines überlegten Edelmuths, vermiſcht mit weltmänniſchem Takt. Aber das alles ſah ſo fein und herzlich aus, daß Capitän Geiſtern es für etwas noch Beſſeres hielt. „Ich habe hier,“ ſagte er,„eine ſehr glückliche Stunde ver⸗ lebt, während ich eine ſehr bittere befürchtet hatte? Frau Hjelm behandelte mich, als hätte ſie zum Voraus Alles gewußt was ich wegen dieſes unglückſeligen Proceſſes gelitten habe. Und wie ich ſo eben ſagte, ſie war für mich wie ein Sonnenſtrahl. Mein Beſuch ſchenkt mir nicht blos Frieden, ſondern auch die Hoffnung auf künftige freundliche Verbindungen.“ „Du mußt wiſſen,“ fügte Emilie lächelnd hinzu,„daß der Herr Capitän Geiſtern eine Art und Weiſe zu ſchmeicheln hat daß man ihm ſeine Offenherzigkeit recht gern verzeiht. Aber jetzt laſſe ich die Herrn auf ein Stündchen allein.“ Dieſes Stündchen des Alleinſeins benützte Hjelm dazu, daß er mit lebhaften Farben die glückliche Stellung ſchilderte welche 1, daß welche das Haus jetzt durch das eingefloſſene Ca Er fürchtete ſo ſehr der Capitän möchte noch weitern Beiſtand anbieten wollen, daß er ſeine Zuverſichtlichkeit und ſeine Hoffnun⸗ gen möglichſt übertrieb. Geiſtern verſtand dieſes Zartgefühl vollkommen und tadelte es nicht— er würde eben ſo gehandelt haben. Aber es that ihm ſichtlich weh, daß Hjelm die Summe die er zur Bezahlung der Hummerfiſcher entlehnt hatte hervorzog und ganz einfach ſeine Freude darüber erklärte, daß er ſie jetzt zurückgeben könne. Doch in Hjelms Miene lag etwas ſo Beſtimmtes daß jede Ein⸗ wendung als eine Beleidigung angeſehen worden wäre. „Und keine Spur von Holt?“ fragte Geiſtern, indem er ſchweigend das Geld annahm und die Schuldverſchreibung zu⸗ rückgab. pital erhalten ſollte. „Nein, jede Spur ging mit dem Brief verloren den die Mörköer mir ſchickten. Er iſt irgendwo in Sicherheit gekommen. Aber ſeine Zeit kommt wohl auch einmal.“ „Das glaube ich auch. nie einer wirklichen Ruhe er ſo glücklich ſind als Sie vor meiner Ankunft waren.“ „Herr Capitän, wir Alle ſind dem Unglück unterworfen, und ich ſehe nicht ein, warum ich weniger betroffen werden ſollte als Andere. Ueberdies beſitze ich dasjenige Glück das Mancher mit großen Opfern erkaufen möchte.“ „Das iſt ein ſtolzer Mann der dieſe W aber auf Ehre und Leben, über den letzten Ihnen einverſtanden. Der Beſitzer einer ſolchen Frau, die zu⸗ gleich eine glänzende Schönheit und ein Edelſtein in Bezug auf Herz und Character iſt, hat wahrlich alles Recht ſich ſelig zu preiſen.“ Hjelms Augen ſtrahlten. Er war eben ſo entzückt, wenn er ein Lob auf ſeine Emilie hörte, als ſie es war, wenn ſie alles mögliche Gute über ihn vernahm. Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. Aber, Herr Hjelm, ich werde mich freuen können, bis Sie wieder eben orte zu mir ſagt, Punkt bin ich mit Aber was ſehe „Ja,“ ſagte er,„ſie iſt ein Edelſtein. dem Hut, Herr Capitän?“ ich? Sie greifen bereits nach Morgen früͤh „Man erwartet mich heute im Pfarrhaus. e ich von dort nach Göteborg. Hjelm und Emilie, die jetzt zurückkam, wollten nicht eigen⸗ ſinnig ſein. Vielleicht war es auch am beſten, wenn man die Bekanntſchaft vorläufig bei dem Punkte beruhen ließ auf welchem ſie jetzt angelangt war. Inzwiſchen trennten ſie ſich von Capitän Geiſtern mit Ge⸗ fühlen die himmelweit von denjenigen verſchieden waren, womit ſie einander früher einmal betrachtet hatten. Jetzt geſchah es mit gegenſeitiger Achtung und der größten Luſt zur Abſchließung eines Freundſchaftsbündniſſes. reiſ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Abſchied vom Pfarrhaus. „So, mein Junge! Jetzt wollen wir uns nicht auf die Faullenzerbank ſetzen, ſondern raſch an die Arbeit machen. Dies iſt ein wahrer Feſttag mitten in der Woche. Hopſa, wie luſtig dieſer Mittagsſchmaus wird! Es iſt, Gott ſei Dank, der allerletzte den ich dem däniſchen Schiffbrüchigen bereite.“ „Aber, liebe Tante, warum ſeid Ihr denn ſo fröhlichen Gemüthes um dieſer Sache willen? Ich hörte Euch noch nie⸗ mals Hopſa ſagen, ſo viel ich mich erinnern kann.“ „Nun, ſind wir ſchon jemals eine ſo ſchwere Laſt losge⸗ Hat dieſer Kerl nicht worden wie dieſer Deutſchdäne da iſt? eine ſo gemeine Art an ſich gehabt, daß wir Alle zuſammen gleichſam in eine Schiffbruchsform gegoſſen worden ſind? Und die Dies uſtig letzte lichen nie⸗ losge⸗ nicht mmen Und welche Künſte und Gottesläſterungen und Sündenregiſter und Geſchichten hat er nicht in Umlauf geſetzt? He, vergaff Dich nur nicht, Du dummes Thier!“ „Ei, liebe Tante, ich kann ja nicht anders, wenn Ihr ſo haushohe Gleichniſſe gebraucht.“ „So, Du willſt auch zu ihm halten, weil der Lieutenant es will? Aber hat er nicht durch ſeine Stänkereien gewiſſe Per⸗ ſonen um ihr Vermögen betrogen und ehrliche Leute ſo weit gebracht daß ſie in Gedanken an den Schandpfahl dachten, und hat er nicht Schurken ſo weit getrieben daß ſie zuerſt ſtahlen und dann Reißaus nahmen? Um welcher Urſachen willen mußte er die todte Frau in einen Sack mit Gold eingenäht fortſchicken, um auf dem Waſſer zu ſchwimmen wie Moſes in dem Käſtchen welches die Tochter Pharaos fand? Ja, ja, mein Junge, ich bin in der Schrift ein wenig zu Hauſe, da ich zwiſchen dem Pfarrer und dem Küſter lebe. Aber wenn Du meinſt daß an dem Gleichnißwerk Etwas fehle, ſo kannſt Du Dich ſelbſt daran er⸗ innern, wie die ganze Strandbewohnerſchaft ein Mal ums an⸗ dere auf die Hetzjagd ausgezogen iſt— ich glaube das zu wiſſen, nachdem ich all die Speiſeſäcke gefüllt habe... Zum Letzten kann ich Dir ſagen, daß er ſowohl von den goldenen Ohrringen als von der ſilbernen Glocke für den Hammel noch kein ſterben⸗ des Wörtlein geſagt hat.“ „Jetzt, Tante, dürfte es wohl nöthig ſein daß Ihr wieder Athem holtet, ſonſt könntet Ihr ihn ganz verlieren, ſo daß Ihr nicht viel Nutzen von Eurer Freude hättet.“ „Nun, Du großer Kartenmaler in Abo, jetzt mag es deut⸗ lich genug bewieſen ſein, wie viel Unheil er angerichtet hat, da Du Dich erdreiſteſt mit einer ſolchen Naſeweisheit gegen mich aufzutreten. Das hätteſt Du nie gethan, wenn Du nicht wüß⸗ teſt daß er jede Minute kommen kann, und daß ich, wenn er im Hauſe iſt, niemals weder böſe noch gut ſein will.Aber der Abend dieſes Tages wird wohl auch kommen.“ „Er bleibt heute hier über Nacht, Tante, darauf könnt Ihr Euch freuen.“ „So, Du weißt das? Nun, ſo wird es morgen— da reist er jedenfalls fort und da gebe ich Dir den Rath mir ja nicht in den Weg zu kommen. Geh es wie es wolle, ſo kommſt Du in die Falle, und hat meine Geduld ein Ende, ſo glaube ich daß Du den Markt nicht loben wirſt.“ „Es iſt eine wunderliche Sache mit Euch, Tante,“ ſagte Sven, indem er mit einem gewiſſen majeſtätiſchen Zorn den Meerrettig und das Reibeiſen wegſchleuderte,„daß Ihr nicht be⸗ greifen lernt daß die Zeit weiter geht, während Ihr ſtille ſtehet.“ „Was meinſt Du mit dieſer Beleidigungsrede, Du einfältige Dorſchlebertüte?“ „Seht, Tante, damit meine ich ganz ehrlich, daß ich jetzt um drei Jahre älter geworden bin als zur Zeit wo ich mit dem Lieutenant zu fahren anfing, und daß ich mich ſelbſt zu ſehr reſpectire, um Eure Schimpfwörtergeſchenke noch länger anneh⸗ men zu wollen. Schicket Ihr mir daher das Allergeringſte von dieſer Sorte zu, ſo nehme ichs an und ſchicke es Euch wie einen Ball geradewegs zurück. Jetzt wißt Ihrs, wenn Ihr es vorher nicht wußtet, was Sven Dillkopf im Schilde führt. Und nun könnt Ihr Euern Meerrettig ſelbſt reiben, damit Eure alten böſen Augen ſich in einer Thränenpreſſe beluſtigen.“ Bei dieſem Angriff war weder an Capitän Geiſtern noch an das Mittageſſen noch an irgend einen andern Beweggrund mehr zu denken. Tante Vivika griff augenblicklich nach dem Schöpflöffel den ſie ſo eben aus dem Suppenkeſſel genommen hatte, und ehe Sven Dillkopf die mindeſte Ahnung von dem Schickſal hatte das ſeiner reſpectirten Perſon bevorſtehen mochte, klatſchte es drei bis vier Mal auf ſeinen Wangen, und die Klatſche waren von einer gan⸗ zen Sturzſee der manigfaltigſten Geſchenke begleitet. Der berühmte Hattejunge hatte ſeine Sprache noch nicht —„— Ihr eist t in t in daß agte den t be⸗ het.“ ltige jetzt dem ſehr nneh⸗ von einen orher nun böſen noch grund l den Sven ſeiner 8 vier gan⸗ nicht wiedergefunden, als Gudmar herabkam und dieſer ſchweren Bedrängniß erblickte. Der Lieutenant wußte blos ein einziges Mittel um Frieden zu ſtiften. „Aha, alte Hexe,“ rief er lächelnd,„Du tractirſt Sven eben ſo wie Du mich tractirteſt, als ich noch ein Junge war. Aber ſieh, Sven machte es gerade wie ich es machte: er lacht über eine Weiberzüchtigung. Das konnteſt Du Dir wohl auch denken, liebe Vivika, daß ein ſolcher Burſche wie Sven Dir nicht die Freude machen wird auch nur ſo viel Aerger zu zeigen als in Deinen alten Fingerhut hineingeht.“ Wie ſchön klang dieſe Rede! Und nun lachte Sven ſo daß er beinahe umgefallen wäre, und verſicherte daß er, wenn es Jemand wäre den er äſtimirte, wohl gewußt hätte, auf welchem Fuß er ſich mit ihm zu ſtellen habe;„aber ein kluger Mann weiß was er thut, und er kann einem armen alten Weib ihre Bosheit ſchon verzeihen.“ „Vortrefflich!“ lobte Gudmar.„Und Du, Vivika, haſt jetzt geſehen daß wir Männer, wenn wir verzeihen, über ſolche Lap⸗ palien nie mehr ein Wort verlieren. Sven denkt gar nicht mehr daran Dir die Hilfe zu entziehen die er in der Küche leiſten kann, wenn Du jetzt wieder artig und nachſichtig ſein willſt.“* ſeinen Taucher in „Es iſt accurat wie wenn Sie mir aus der S ſprächen, Herr Lieutenant..„Seht, Tante, wieder gut mit einander ſein. Ich Euch, und ſobald ich mein Geſich nen Meerrettig wieder vor.“ „Brav, Sven, man ſieht wohl daß Du ein tüchtiger Burſche eele heraus⸗ jetzt wollen wir bin gar nicht mehr böſe auf t gewaſchen habe, nehme ich mei⸗ biſt.“ „Hoffentlich haben Sie daran nie gezwei Erſt nachdem Gudmar hinaus dem Capitän entgegen felt, Herr Lieutenant?“ gegangen war— er gedachte zu gehen— kam die Alte wieder zu ſich. 38 „Ich kann Dir ſagen, Kind,“ begann ſie mit einer gewiſ⸗ ſen feierlichen Zerknirſchtheit,„daß Dein Benehmen mich recht ge⸗ rührt hat. Und ich will Dir daher das Wort hier ſagen, daß der Lohn den ich zuſammengeſpart habe— und dies iſt keine ſo geringe Kleinigkeit— Dein ſein ſoll, wenn ich einmal meine Augen ſchließe. Ich erwähle Dich zu meinem Erben, ſowohl für das Geld als für die Sachen in den beiden Kiſten, wo ich nach und nach gar allerlei Dinge geſammelt habe. Und jetzt mußt Du begreifen, daß alles das ein vollſtändiger Rigabalſam iſt für das was Du zum Voraus empfangen.“ „Herr Jeſus, Tante, ſprecht Ihr die reine Wahrheit? Wollt Ihr mit reinen Worten in Euer Teſtament ſetzen daß Sven Dillkopf Euer Erbe ſei, ſo will ich Euch werth ſchätzen, als ob Ihr meine eigene Mutter wäret— und mit dieſem Ramen will ich Euch nennen, wenn Ihr wollt.“ „Nein, ich danke, wir wollen es bei der Tantenſchaft be⸗ wenden laſſen, ſouſt könnten die Leute auf allerlei Gerede über meine Jugend kommen.“ „Ja, es ſollte nur Einer ſich erfrechen die Naſe über Euch zu rümpfen; dann wißt Ihr, daß Ihr Jemand habt der Euch vertheidigen kann— er hat ſowohl Muth als Kraft dazu. Jetzt, Tante, laßt uns einander ganz fein und ſchön umarmen.“ „O ja... wenn es nicht anders ſein kann... Du klei⸗ ner Springinsfeld!“. „Wollt Ihr es durchaus nicht haben, Tante, daß ich Mama ſagen ſoll?“ „Nein, nein... das iſt ſo aufregend.“ In einiger Entfernung vom Pfarrhaus begegnete Gudmar dem Capitän und ſtieg ſogleich zu ihm in den Wagen. „Noch einmal herzlich willkommen bei uns, mein lieber Ca⸗ pitän! Ich kann nur beklagen daß dies Ihr letzter Beſuch iſt.“ — gewiſ⸗ ht ge⸗ daß keine meine ol für nach mußt ſt für cheit? daß Fätzen, dieſem ft be⸗ über Euch Euch Jetzt, ¹ klei⸗ Mama udmar er Ca⸗ iſt.“ 39 „Beklagen Sie es nicht, Herr Lieutenant. Für mich als den übrig gebliebenen Splitter eines doppelten Schiffbruchs iſt es am beſten, wenn ich meine Gedanken mit Gewalt auf neue Gegen⸗ ſtände hinlenken kann.“ „Iſt es gewiß daß Sie uns im nächſten Jahr an unſern Geſtaden wieder beſuchen werden?“ „Wenn Gott mich bei Leben und guter Geſundheit erhält, ſo treffen wir uns dann wieder. Dieſer Platz— er ſchaute zu der roth angeſtrichenen Capelle hinauf— iſt mir zu heilig, als daß ich nicht noch einmal hieher wallfahrten ſollte. Aber nicht blos darum— es findet hier auch noch ein anderes Verhältniß ſtatt das mit tiefem Schmerz und Intereſſe meine Erinnerung hier feſthält.“ „Ich vermuthe daß ſich das auf Hjelm bezieht.“ „Ja, ich komme ſo eben von Svartſkär. Und obſchon ich einen herrlichen Eindruck von Leuten mitbringe die zu hochſinnig ſind, um die indirecte Urſache ihres Unglücks für die Folgen ver⸗ antwortlich zu machen, ſo bin ich doch dermaßen um das junge Haus bekümmert und mit mir ſelbſt dermaßen unzufrieden, weil ich Ihrer Schweſter vernünftige und ſanfte Ermahnung zu einer vertraulichen Beſprechung mit Hjelm nicht befolgt habe, daß ich nie eine wahre Ruhe finden werde, bevor ich weiß, ob nicht eine Möglichkeit vorhanden iſt den Leuten wieder aufzuhelfen.“ „Herr Capitän, Sie haben Ihren ernſtlichen Willen bereits bewieſen, und vielleicht können wir ſpäter auf die eine oder an⸗ dere Art die Sache ordnen... Aber erlauben Sie mir daß ich mich an einen einzelnen Ausdruck halte— wußte Thorborg dieſe traurige Sache zum Voraus?“ „Offen geſtanden, Herr Lieutenant, Ihr elfenartiges Schweſter⸗ chen hat gleich von Anfang eine gewiſſe Gewalt über mich aus⸗ geübt. Das läßt ſich jedoch leicht aus unſerm erſten Zuſammen⸗ treffen erklären. Sie iſt ein höchſt eigenthümliches und reich be⸗ gabtes Weſen, obſchon ſie gegen mich ziemlich ſtreng war.“ 40 „Sie ſtreng?“ Gudmar erröthete.„Aber was hat dies denn mit der Hjelm'ſchen Frage zu ſchaffen?“ „Ich hatte mich daran gewöhnt ihre Anſicht über Alles zu hören, und ich konnte es nicht unterlaſſen ihr den Anzeigebrief mitzutheilen den ſie mir ſelbſt überbracht hatte.“ „Ach, das arme Mädchen! Jetzt begreife ich, warum ſie am Abend vor der Hausſuchung ſo verwirrt und betrübt war ... Entſchuldigen Sie mich, Herr Capitän, aber da Sie nicht entſchloſſen waren ihren Rath zu befolgen, der, wie Sie ſelbſt ſagten, nicht anders als mild und vernünftig ſein konnte, ſo war es unrecht von Ihnen dieſen Samen der Zwietracht in ihre Seele zu werfen.“ „Dieſer Vorwurf iſt nicht unbegründet. Aber Sie können ſich darauf verlaſſen daß Ihre Schweſter ſich vollkommen auf die Kunſt verſteht ſowohl ſich ſelbſt als ihre Behauptungen zu vertheidigen. Beim lebendigen Gott, nie hat mir ein Menſch ſo ſcharfe Wahrheiten geſagt, aber ich ſchätze ſie deshalb um Nichts geringer— im Gegentheil.“ „Scharf, Herr Capitän, iſt vermuthlich nicht das rechte Wort; aber die Wahrheit kommt uns, wenn wir ſie nicht gerne hören— und ich glaube daß wir ſelten im Fall ſind ſie hören zu wollen— immer ſcharf vor. Ich fürchte daß Sie Thorborgs wirklichen Werth etwas unterſchätzen.“ „Seien Sie deshalb ganz ruhig. Ich beurtheile ſie anders als Ihr alle thut, aber wenigſtens in meinen eigenen Augen un⸗ terſchätze ich ihren Werth gewiß nicht... Ei ſieh da, jetzt ſind wir an Ort und Stelle... Und hier kommt der Herr Paſtor ſelbſt die Treppe herab.“ Die Herrn ſprangen aus dem Wagen. Gudmar war mit ſich ſelbſt nicht einig, ob er mit der Art und Weiſe wie der Capitän ſeine Anſichten über Thorborg an⸗ gedeutet hatte zufrieden ſein ſollte oder nicht. Er beſchloß indeß nicht weiter an die Sache zu denken, bis er mit Majken geſpro⸗ 41 dies chen hätte. Inzwiſchen eilte er ins Haus voran, während der Capitän wie ein alter gern geſehener Bekannter die dargereichte es zu Hand des Wirthes ſchüttelte. ebrief„Dank, Capitän Geiſtern, daß Sie wieder gekommen ſind. Ihr letzter Beſuch war ſo kurz, daß ich Ihnen über unſere Be⸗ n ſie ſprechung droben auf meines Sohnes Zimmer nur wenig ſagen war konnte. Ehe Sie jedoch zum letzten Mal über dieſe Schwelle nicht treten, will ich Ihnen ſagen daß ich oft ein heißgrätiger alter ſelbſt Narr bin und daher...“ , ſo„Nein bei Gott, ich erlaube kein Wort weiter, und ich ver⸗ ihre ſichere Sie aus vollſter Ueberzeugung daß das was damals ge⸗ ſchah allen Parteien zum Beſten diente... Aber in einer an⸗ onnen dern Sache will ich Ihnen widerſprechen, nämlich in Ihrer Vor⸗ auf ausſetzung daß dies mein letzter Beſuch im Pfarrhaus ſei. Ich en zu bin im Gegentheil überzeugt daß der Hirte der Capelle nebſt ſei⸗ ſch ſo ner ganzen Umgebung durch Gottes Macht auch noch im nächſten Nichts Jahr leben und thätig ſein wird.“ „Ei ſieh da, Herr Capitän, Sie ſind ja ein ganzer Mann rechte geworden. Treten Sie jetzt ein und laſſen Sie uns meine letzte gerne Flaſche Conſtantia leeren; meine Tochter hatte ſich zwar nicht ent— hören blödet ſie vor ihrer Fahrt auf die Uhuklippe mir zu ſtehlen, aber borgs glücklicher Weiſe hat ſie den Schatz wieder nach Hauſe gebracht.“ „Heute werde ich dieſen Schatz auch nicht verſchmähen, Herr uders Paſtor, und bei meinem nächſten Beſuch verſpreche ich eine kleine n un⸗ Ausſtattung für den Keller mitzubringen. Inzwiſchen darf ich t ſind doch wohl mit einer kleinen Sendung aus Göteborg den Anfang Paſtor machen? Betrüben Sie mich nicht durch eine abſchlägigé Ant⸗ wort.“. „Eine ſolche würde dem Apoſtel der chriſtlichen Demuth ſchlecht r Art anſtehen... Nun, da wären wir im Salon... Ich glaubte g an⸗ meine Tochter hier... Lämmchen, Lämmchen, wo ſteckſt Du?“ indeß„Gilt dieſer Name etwa Mamſell Thorborg?“ heſpro⸗„Ja, Herr Capitän, haben Sie Etwas dagegen einzuwen⸗ — den?“ fragte Thorborg, die mit einer feinen Röthe auf den Wan⸗ gen und mit heiterm Blick aus dem Speiſezimmer kam. Der Capitän verbeugte ſich. „Wenn ich mich auch nur eines einzigen Sieges in unſern G vielen Kämpfen erinnern könnte, ſo dürfte ich vielleicht Luſt haben ge meine Waffen von Neuem zu prüfen, aber jetzt halte ich für's ur Beſte ſie zum Voraus niederzulegen.“ 8. Bei dieſer Antwort riß der Paſtor Augen und Ohren auf. w ſch „He.. was höre ich?“ „Lieber Papa, wir ſollten ja jetzt zu Tiſche gehen.“ „Dagegen habe ich Nichts. Aber bei den alten Göttern So und dem großen Bullarochſen, iſt es nicht ſehr heiter und luſtig,„Sa daß juſt der Wolf ſich über das Lamm beklagt? Ganz gut, meine Tochter, es iſt beſſer ſo als wenn es umgekehrt wäre.“ fol „Aber lieber Papa,“ antwortete das junge Mädchen lächelnd, wer „Du kannſt Dir doch vorſtellen daß Capitän Geiſtern und ich wol nicht immer auf dem Friedensfuß leben konnten. Im Gegen⸗ theil ſind unſere Anſichten, Gedanken und Gefühle ſo häufig aus⸗ Gef daß wir nicht beiſammen ſein konnten ohne einander gegangen, daß dieſe ſcharfen Ecken ſich aneinander abſchliffen.“ hatte „Immer beſſer und beſſer! Mein Lamm wird zuletzt eine mach wirkliche Thorborg, die ihre Burg vertheidigt.“ er k „Ja, ſeien Sie überzeugt daß ſie Muth genug dazu beſitzt,“ er f fiel der Capitän ein. zu n „Das Eſſen wird kalt, meine Herrn!“ rief der Lieutenant Verz aus dem Speiſezimmer. .... Diesmal wollen wir jedoch den Mittagsſchmauß etwa im Pfarrhauſe nicht ſchildern. Man begnüge ſich mit der Be⸗ war merkung daß Thorborg eine ganz neue Anmuth als Wirthin ent⸗ falls wickelte. Sie war lebhaft, zuvorkommend, ſprach ihre Anſichten ihm mit Beſtimmtheit aus, legte jedoch Nichts hinein was im Min⸗ ſeinen deſten zu erkennen gab daß ſie mit ihrer weiblichen Liebens⸗ Verſu würdigkeit höhere Anſprüche vereinige. zan⸗ ſern aben für's auf. ttern uſtig, neine helnd, d ich egen⸗ aus⸗ ohne eine eſitzt,“ tenant hmauß er Be⸗ n ent⸗ ſſichten Min⸗ jebens⸗ 43 Eine ſichtliche Zufriedenheit ſpiegelte ſich daher auf den Geſichtern ſämmtlicher Gäſte. Diesmal verſtand es Capitän Geiſtern auch die aufgeputzten Geſchichten ſeines Wirthes anzuhören, und indem er ſelbſt Eini⸗ ges aus ſeinem Seeleben erzählte, erfreute er den Alten dermaßen und erwarb ſich ſeine Gewogenheit in ſolchem Grad, daß der Paſtor ſich erlaubte zu ſupponiren, er und Capitän Geiſtern würden beim nächſten Zuſammentreffen einen förmlichen Freund⸗ ſchaftsbund abſchließen. Aber nach dem Eſſen hatte der Paſtor zuerſt an ſein Schläfchen und dann an ſeine Predigt zu denken. Es war Samſtag Abend. Der Capitän ſollte, wie wir bereits geſagt haben, bis zum folgenden Morgen bleiben, aber er glaubte nicht ſobald fertig zu werden wie der Lieutenant, der ſich nach der Qulllerkirche begeben wollte um ſeine ſchöne Maid zu treffen. Dem Lieutenant ſeinerſeits war es auch nicht ſonderlich um Geſellſchaft zu thun. Allein konnte er ſo ſchnell reiten als er wollte, und er hatte gewaltig Angſt vor dieſer nächſten Beſprechung. Er machte ſich daher ſchon früh am Morgen auf den Weg, denn er konnte nicht ſchnell genug die Ueberzeugung gewinnen, daß er für ſeine merkwürdige Kraftäußerung dem Vorſchlag Majkens zu widerſtehen und ihr alle ſeine Gründe mitzutheilen wirklich Verzeihung erhalten habe. Inzwiſchen verſpürte er durchaus Nichts von Reue, außer etwa wegen ſeiner dummen Reiſe nach Göteborg, und im Ganzen war auch dieſe keine abſolute Dummheit: ſie beſchleunigte jeden⸗ falls ſein Vorrücken zum Controleur und gewährte noch obendrein ihm ſelbſt die Ueberzeugung, daß er Feſtigkeit genug beſitze um ſeinen eingegangenen Pflichten nie abtrünnig zu werden, welche Verſuchung auch auf ihn einſtürmen möchte. *—— 44 1 Der Paſtor hatte ſeinem Gaſt herzliches Lebewohl geſagt, bevor er in die Kirche ging, bis wohin ſie den Weg zuſammen 3 machten, weil der Capitän, der gleichwohl ſchon früh am Morgen d dageweſen war, wahrſcheinlich außen bleiben und die Ankunft 1 der Leute abwarten wollte. r6 Während dieſer Zeit ſaß Thorborg allein im Salon, wo 14 ſie ihre Augen bald auf den Weg bald auf die Wanduhr heftete. p. Aber auch noch andere Perſonen als Thorborg dachten m heute an den Abreiſenden. Vivika ſtand eben in der Küche und th hielt ſich ſelbſt eine Strafpredigt darüber daß ſie die Prophezeiung g des Küſters in Betreff der Anſtändigkeit des Deutſchdänen ſo g ſehr unterſchätzt hatte. kõ Sie hatte zwar keine goldenen Ohrringe erhalten, dagegen di aber liebkoste ſie mit unzweideutigem Entzücken fünf blanke ge Speciesthaler— und wenn ſie mit dieſen keine goldenen Ohrringe bekommen konnte, ſo wußte ſie keinen andern Rath mehr. Wenn ſie jedoch an den großen Plan dachte ein Teſtament zu machen, ſo ſchien es ihr übel gethan ein ſolches Vermögen zu vergeuden. Und dann konnte es luſtig genug ſein Sven die mt Silberſtücke vor Augen zu halten, wenn er es je an Demuth Pr r und Hüflichkeit fehlen laſſen ſollte. Uebrigens brauchte es ja nicht gerade ein Geheimniß in der Umgegend zu bleiben, daß Jungfer Vivika Münze genug beſaß um ſich ein oder auch zwei mu Paar Ohrringe anzuſchaffen, wenn ſie wollte. Sie wog ihren Schatz ein Mal ums andere in den Händen, ſie bis ſie endlich voll Rührung ausrief: ob „Der arme Menſch hätte ganz gut auf dem Fallreff ein Mittageſſen gefunden. Nachdem er angefangen hat ein Menſch and zu werden, und zwar ein wahrer Menſch, ſo habe ich keinen belr weitern Groll mehr auf ihn. Und ich hoffe daß man ihm, wenn er wieder in ſein Land kommt, kein Leid dafür anthun wird daß er Schiff und Mannſchaft am Hakonbruch zu Grunde gehen ließ⸗ jetzt Ich wollte wahrlich darauf wetten daß die dummen Feueran⸗ dies geſagt, ſammen Morgen Ankunft on, wo heftete. dachten iche und hezeiung äänen ſo dagegen f blanke Ohrringe vr. Teſtament Vermögen Sven die n Demuth hte es ja iben, daß auch zwei en Händen, Fallreff ein ein Menſch ich keinen ihm, wenn n wird daß gehen ließ n Feueran⸗ 45 zünder, dieſe faulen Schlingel daran Schuld waren, weil ſie ihm das Licht nicht recht hinhielten. Nun, nun, wenn man ſichs denken könnte, ein Menſch dürfe es wagen den lieben Herrgott anzu⸗ reden, ſo könnte er fragen wollen, was für ein Nutzen es ſei Klip⸗ penwände unter dem Waſſer aufzuſtellen, als ob es droben von dieſer Waare nicht genug gäbe... Fünf Speciesthaler machen mir zwanzig Reichsthaler Reichsſchuld, und jeder Reichs⸗ thaler macht drei Platten oder vier Zwölfſchillinge oder ſechs gewöhnliche Thaler; ich rechne am liebſten nach Thalern, das gibt ſo gut aus. Und da es jetzt eine ſo große Menge iſt, ſo könnte ichs auf Zins anlegen. Ich will mit dem Küſter über die Sache reden. Er iſt ein geſcheidter Kerl und hat die Geld⸗ geſchäfte des Paſtors ſchon manches liebe Jahr hindurch beſorgt.“ Thorborg flog auf. Ein bebender Schlag ihres Herzens verkündete ihr daß Je⸗ mand in der Hausflur ging. Der Gottesdienſt hatte alſo be⸗ gonnen. Der Geſang nahm Zeit genug weg, und wenn die Predigt kurz war, ſo waren die Bekanntmachungen um ſo länger. Und wiederum bebte es im Herzen des Mädchens— warum mußte ſie juſt an das denken? Sie hatte die Abſicht gehabt eine Arbeit vorzunehmen— ſie war zu ehrlich um ſich den Anſchein geben zu wollen, als ob ſie in der Poſtille läſe, welche ſie ſonſt um dieſe Zeit vor⸗ nahm, wenn ſie nicht in der Kirche war— aber ſie fand keine andere Arbeit als das undankbare Geſchäft darüber nachzugrü⸗ beln, warum ſie eine ſolche wünſchte.⸗ Jetzt trat der Capitän herein. Geſtern hatte ſeine Farbe eine gewiſſe Friſche gehabt, aber jetzt war ſeine gewöhnliche Bläſſe wieder eingetreten und über⸗ dies ſah er ſtark aufgeregt aus. Thorborg fand es nöthig zuerſt zu ſprechen. „Wollen Sie nicht vor Ihrer Abreiſe in Ihremffrüheren Zim⸗ mer ein Stündchen ausruhen, Herr Capitän? Ich meine, dies dürfte nothwendig ſein.“ „Nein, ich danke Ihnen— die Ruhe thut mir nicht gut. Ueberdies iſt mein Reiſeplan genau feſtgeſetzt. In einer Stunde muß ich draußen ſein.“ „Eine Stunde!“ dachte Thorborg, und ein neuer Druck legte ſich auf ihre Seele.„Was ſollen wir eine ganze Stunde lang zu einander ſagen? Aber ich beunruhige mich ohne Grund — er hat gewiß Etwas auf ſeinem Zimmer zu beſorgen.“ Gleich als wollte er dieſen Gedanken beantworten, ſagte der Capitän: „Ich will droben nachſehen, ob ich Nichts vergeſſen habe. Dann werde ich, wenn Sie erlauben, Sie für die letzte Stunde unſeres Zuſammenſeins um Ihre Geſellſchaft bitten.“ Thorborg nickte mit dem Kopf. So lange der Capitän fort war, blickte das junge Mädchen unaufhörlich auf die Uhr— und ſo merkwürdige Minuten hatte ſie noch nie gezählt: ſie ſchritten mit der Langſamkeit der Schnecke hinan und entflogen dennoch mit den ſchnellſten Flügeln des Windes. Sie fühlte daß ſie noch manchen Sonntag Vormittag um dieſe Zeit daran denken würde. Als der Zeiger auf der eilften Minute ſtand, ging es wie⸗ 4 der auf der Treppe. Und nun ließ Thorborg ihre Augen auf dem düſtern Herbſt⸗ ſtück vor dem Fenſter ruhen. Als der Capitän herein kam, betrachtete ſie es noch immer, und ſie betrachtete es auch noch, nachdem er bereits neben ihr Platz genommen hatte. Nicht als ob ſie eine Zerſtreutheit die ihr fremd war hätte zur Schau tragen wollen, ſondern dies geſchah ganz einfach, auf kann von fühl auf erſt ich l Aug von Ich dchen hatte hnecke des g um wie⸗ derbſt⸗ mmer, en ihr hätte infach, 47 weil der Schmerz über den Abſchied den Augen der armen Thorborg eine Thräne auspreßte, und weil dieſes verrätheriſche Zeichen verborgen werden mußte. „Sie blicken nach der Capelle,“ ſagte er;„ich weiß wohl, an wen Sie denken.“ Jetzt hätte ſie ſich tief in der Erde verbergen mögen neben derjenigen bei welcher ſeiner Vermuthung zufolge ihre Gedanken weilten. „Waren Sie im Geiſte nicht bei meiner Henrika?“ fragte er weich. „Nein,“ ſtammelte Thorborg. „Aber über was ſannen Sie denn ſo tief nach? Sie hörten es nicht, als ich kam.“ „Doch, ich hörte es.“ „Und dennoch wollten Sie ſich nicht umwenden?“ „Entſchuldigen Sie mich... es war keine abſichtliche Unart.“ Eine kurze Pauſe entſtand. Geiſtern unterbrach ſie mit den Worten: „Ich habe heute— wie auch während meiner Beſuche droben auf dem Kirchhof— viel an unſere kurze, aber inhaltsreiche Be⸗ kanntſchaft gedacht. Sie iſt erſt zwei Monate alt, aber ſie war von ſo ungewöhnlicher Art daß ſie nicht vergeſſen werden kann— fühlen Sie das nicht auch?“ „Natürlich— beſonders nach unſerm letzten Zuſammentreffen auf dem Strandweg vor einigen Tagen.“ „Ich hätte Sie lieber ſagen hören: natürlich, da unſere erſte Begegnung gleichſam die Sache entſchied.“ „Nein, ſo durfte ich nicht antworten. Damals handelte ich lediglich nach dem Inſtinkt von dem man oft in wichtigen Augenblicken geleitet wird, und der nach meinem Dafürhalten von Oben herab kommt. Ich ahnte nicht wen ich treffen ſollte. Ich kam aus gewöhnlicher Menſchenliebe.“ „Das verſteht ſich— aber als Sie mich wieder erkannten...“ 1411 „Jetzt bringen Sie ja ſelbſt das Geſpräch auf dieſen Gegen⸗ ſtand den wir fern halten ſollten.“ „Dies geſchieht blos um des Abſchiedes willen... Und als Sie mich wieder erkannten.. 4 „Ja, da handelte ich unwillkürlich nach dem Inſtinkt den Gott in mich gelegt hat. Was ich mir erlaubte, war ein ge⸗ wagter Verſuch, vielleicht zu kühn für ein junges Mädchen. Aber wenn man feſt an Gott und an die Kräfte glaubt die er uns zu gewiſſen Zwecken verleiht, dann ſind wir nicht ängſtlich. Ich mußte Sie aus einem Schmerz in den andern reißen, wenn ich Ihnen die Luſt zum Leben wieder geben wollte. Sie können mich darum nicht tadeln, hoffe ich.“ „Nein, das würde ich in Wahrheit nicht wagen. Es war Muth, Geiſtesgegenwart, Edelſinn und vor Allem ein überſpann⸗ ter Glaube. Aber wie Sie ſagten, kühn war der Verſuch.“ „Ah ſo, Sie fanden gleichwohl etwas Tadelnswerthes daran? Das hätte ich nicht geglaubt.“ „Wenn man eine Handlung bei ihrem wahren Namen nennt, ſo raubt man ihr ihren wahren Wert und noch weit weniger liegt ein Tadel darin.“ „Aber begreifen Sie doch—“ in Thorborg regte ſich eini⸗ ger Verdruß—„begreifen Sie doch daß ich nach der Eingebung Gottes handle. Ich bereitete mich durch Gebete darauf vor, und folglich kann nur ein Blinder in meinem Benehmen Kühnheit ſehen. Ich ſelbſt gebrauchte das Wort kühn, aber nur in dem Sinn, daß der Ausgang gefährlich werden konnte.“ Während dieſer Erklärung gingen die Roſen ihrer Wangen chönen blauen Augen org ſich ſelbſt im ſo blitzten ſie von ins höchſte Carmoiſinroth über, und die ſ gewannen einen ſo neuen Ausdruck, daß Thorb Spiegel nicht wieder erkannt haben würde— mancherlei wundervollen Eingebungen. Geiſtern betrachtete ſie mit Blicken die inzwiſchen auch etwas Blitzendes erhalten hatten. h und Nutzen noch nicht, gen⸗ Und den n ge⸗ Aber uns Ich in ich önnen war pann⸗ 7 haran? nennt, nicht, ch eini⸗ gebung or, und tühnheit in dem Wangen Augen ſelbſt im ſie von ich etwas 49 „Gottes Tod, ich bin wunderbar entzückt von Ihrer Ver⸗ theidigung.“. Thorborg ſchwieg, aber gleichſam aus Angſt vor ſich ſelbſt. „Sie merkwürdiges kleines Weſen, Sie werden jetzt zum Bekenntniß gezwungen daß ich Recht hatte in meiner Behauptung, Sie fühlen ſich in Ihrem Heiligenſchmuck beengt und beläſtigt. Es muß recht angenehm ſein denſelben mitunter ein wenig los zu werden.“ „Ja, Herr Capitän, Sie haben mich jetzt beinahe überzeugt daß mein ganzes Leben bis zu unſerm Zuſammentreffen ein Irr⸗ wahn war. Jedenfalls hat mich noch nie vorher ein Menſch erfahren laſſen daß ich auch zornig werden könne, was ich, wie ich jetzt mit Beſchämung geſtehe, ſo eben geworden bin.“ „Sehen Sie, wenn wir nur Zeit hätten, ſo würden wir noch Fehler genug finden.“ „Sie wollen alſo durchaus daß ich eine Menge Fehler ha⸗ ben ſoll, Herr Capitän?“ „Keine Uebertreibung! Aber es iſt immer nützlich, wenn man weiß daß man Schwächen hat. Sie glaubten ganz beſtimmt daß Sie nicht zornig werden könnten.“ „Allerdings, ich wäre es auch nie geworden, wenn ich nicht Ihre Bekanntſchaft gemacht hätte.“ „Nun, auf was darf man denn weniger ſtolz ſein als auf eine ungeprüfte Tugend?“ „Das iſt wahr.“ „Da wir von Prüfungen in dieſem Sinne reden, ſo bin ich überzeugt daß Sie ſich auch von einer andern Seite nie geprüft haben. Sie haben ſich gewiß nicht vorſtellen können daß Sie im Stande ſein würden die Wahrheit vor ſich oder vor Andern zu verdecken?“ „Nun, Herr Capitän, Sie werden doch wohl nicht be⸗ haupten wollen daß ich Das gethan habe.“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 4 50 „Laſſen Sie mich zuerſt verſichern daß es himmelweit von meiner Abſicht abliegt auch in unſere letzte Beſprechung Bitter⸗ keit einfließen zu laſſen. Aber ſollten Sie nicht annehmen wollen daß irgend ein Inſtinct auch hiebei die Triebfeder ſei?“ „Das iſt möglich... aber der Beweis für dieſe neue Anklage?“ „Es thut mir leid noch einmal den unangenehmen Morgen berühren zu müſſen, wo Sie um Ihrer Freunde willen meinen Auszug ſo nothwendig fanden.“ „Warten Sie,“ fiel Thorborg ein, und Lilien traten jetzt an die Stelle des Carmoiſinrothes,„Sie haben ja bereits bei unſerer erſten Beſprechung erklärt daß ich damals von verletztem Stolz geleitet wurde.“ „Ja, aber ich verſchwieg Etwas was ich jetzt hinzufügen will, nämlich daß Sie es nicht verſchmähten denſelben in das Gewand des Rechtsgefühls zu hüllen, das darauf berechnet war ſogar vor Ihren eigenen Augen die Wahrheit zu verſchleiern. Ihr Vater und Ihr Bruder, auf die Sie ſich beriefen, wunder⸗ ten ſich Beide über dieſe unerwartete Raſchheit. Ich ſelbſt war erſtaunt darüber, denn die Frauen pflegen ſonſt fortwährend mit Milde zu ſchützen was ſie einmal zu ſchützen angefangen haben ... Merken Sie ſichs jetzt, wenn wir dieſes einfache Verhält⸗ niß zuſammenfaſſen, ſo gelangen wir zu dem unerwarteten Schluß, daß dieſelbe Perſon deren Gottesfurcht nicht blos als ein Schmuck, ſondern auch als eine in ihr wirkende Kraft betrachtet wird, ihr eigenes verletztes Gefühl nahm, es mit all den ſchönen Formen der Pflichtſtrenge ſchmückte und ſodann ohne Bedenken an die Stelle des guten und rechten Gefühles ſetzte, desjenigen nämlich welches Nachſicht, Entſchuldigung und Barmherzigkeit, die drei erſten Tugenden der Gottesfurcht, in ſich ſchließt.“ „Diesmal, Herr Capitän, können Sie ſowohl Recht als Unrecht haben; aber Sie müſſen mir glauben, wenn ich Ihnen von itter⸗ ollen neue rgen einen jetzt 3 bei tztem fügen das war eiern. nder⸗ war d mit haben rhält⸗ chluß, hmuck, d, ihr ormen n die ämlich drei t als Ihnen 51 ſage daß mein Vater ſchon vorher über dieſ geſprochen hatte d. h. ſchon ehe Sie nach „Aber das ſagten Sie mir erſt, als Sie im Streite warm wurden. Nehmen Sie ſich in Acht, Sie verwickeln ſich— Ihr Vater hatte damals Nichts damit zu ſchaffen. Aber jetzt mag es genug ſein. Zeigen Sie mir jetzt daß Sie chriſtlicher geſinnt ſind, und geben Sie mir Ihre Hand zur Bekräftigung daß Sie meine Dreiſtigkeit verziehen haben. Sie haben ſo lange über mich ge⸗— herrſcht, daß Sie es nicht mißdeuten dürfen, wenn ich einen ge⸗ ringen Schadenserſatz in Anſpruch nehme.“ „Hier—⸗ Thorborg reichte mit einer verſchämten anmuths⸗ vollen Bewegung ihre Hand—„Sie können überzeugt ſein daß ich Sie nicht vergeſſen werde ſo lange ich ein Gedächtniß habe.“ „Das klingt nicht ganz freundlich.“ „Warum nicht? Ich denke daß wir Leben immer auf einige Widerwärtigkeiten iſt nicht gut ein beſtändiges gleichmäßiges Gl „Und die Bekanntſchaft mit mir,“ eine jener Widerwärtigkeiten wodurch Thorborg ſchwieg. „Kleine Heuchlerin, daß Sie mich noch ſo reizen und quälen müſſen! Schließt chriſtli Demuth in ſich?“ „Ich bin demüthig,“ hemmtem Athem. „Ja, ſo lange Alles in der Natur, vom Menſchen an bis zum Thier, Ihnen hold iſt. Auf dieſe Art iſt es ſehr leicht demüthig zu ſein.“ „Sie können mir dennoch glauben, demüthiger bin als irgend ein andere ſer Stellung ſein würde.“ en Punkt mit mir Hauſe kamen.“ in unſerem ganzen ſtoßen müſſen. Es ück zu genießen.“ fiel Geiſtern ein,„war Gott die Seinigen prüft?“ in der letzten Minute cher Sinn nicht auch antwortete Thorborg mit beinahe ge⸗ Herr Capitän, daß ich s junges Mädchen in die⸗ 85 52 „Ein anderes junges Mädchen in dieſen Verhältniſſen kann ich mir gar nicht denken.“ a „Warum nicht?“ m „Weil Sie vom Anfang bis zum Ende eine Stellung inne⸗ ere als Sie einnehmen könnte. Wenn ko gehabt haben die keine And Sie mich zufällig für einen Mann halten der noch nie mit. Frauenzimmern umgegangen ſei, ſo täuſchen Sie ſich gewaltig. ei Aber bei Ihnen habe ich den gewöhnlichen Ton vergeſſen. Wa⸗ un rum ſind Sie allen Andern ſo ungleich?“ A V„Laſſen Sie das jetzt gut ſein, Herr Capitän. Wir ſind I ohne Zweifel ſo weit gekommen als wir zu gehen beabſichtigen.§ V Ueberdies wäre es nicht billig von mir, wenn ich Ihre letzten V Gedanken in Anſpruch nehmen wollte, während Sie jetzt ſcheiden.“ B „Ich hoffe, Sie werden das ſelbſt nicht glauben,“ verſetzte der Capitän mit einem plötzlichen Erröthen,„denn das würde 5 eine noch unerwartetere Eigenſchaft verrathen.“ d lauben Sie jetzt 6 „Ja, vermuthlich Eigenliebe.. Aber g nicht mehr und ſuchen Sie um Gotteswillen nicht mehr Böſes gu an mir aufzufinden, ſondern ſtellen Sie ſich zur Abwechslung vor. daß Ihr eignes reizbares Blut beſtändig auf Streit ausgehe. Si In Folge Ihrer beſtändigen Aufflärungen weiß ich jetzt daß ich fen mehr Fehler beſitze als ich vorher geglaubt hätte. Tröſten Sie ſche ſich damit und nehmen Sie jetzt meine Hand entgegen die Sie ſchi ſo eben als Friedenszeichen von mir begehrten. Wir haben drs ja nicht mehr ſo viel Zeit übrig, daß wir uns nicht im Frieden e vertragen ſollten. Und da wir jetzt gehen um unſere verſchiedenen 1 Lebenspfade fortzuſetzen, ſo laſſen Sie uns dieſelben gegenſeitig Goꝛ ſegnen, ſtatt einander nur bittere Erinnerungen zu hinterlaſſen.“ 6 .„Nun, Sie zauberhaftes Weſen, verlange ich denn etwas di Anderes als Sie zu ſegnen? Jetzt haben Sie überdies ſo ſchön ge⸗ le handelt daß ich Ihnen ſagen muß, es iſt ſehr möglich daß Sie vor meiner Ankunft unter Ihren Klippen weit vollkommener waren als woh ich zu glauben wagte, weil ich Sie in Ihrem Verhältniß zu mir kann inne⸗ Wenn e mit waltig. Wa⸗ ir ſind htigen. letzten eiden.“ erſetzte würde ie jetzt Böſes ng vor usgehe. daß ich en Sie die Sie haben Frieden iedenen enſeitig laſſen.“ etwas chön ge⸗ Sie vor ren als zu mir 53 auffaſſen mußte. Und ich möchte darauf ſchwören daß Sie nie⸗ mals gegen irgend Jemand ſo wenig gut geweſen ſeien.“ „Ja, das iſt wirklich wahr,“ rief Thorborg.„Aber es kommt daher weil Sie...“ „... ſo widerſpenſtig waren? Nun, Sie wiſſen daß ich ein harter Mann bin, und es wird uns nichts ſchaden, wenn wir uns auf acht bis zehn Monate, etwas mehr oder weniger, trennen. Wenn ich zurückkehre, kommen wir vielleicht beſſer überein.“ „Das möchte ich nicht mit ſolcher Beſtimmtheit annehmen, Herr Capitän. 4 „Warum nicht?“ Des Capitäns kaum noch ſo glänzender Blick wurde bereits von einer leichten Wolke umhüllt. „Darum weil, wenn man ſich einmal gewöhnt hat verſchie⸗ dene Anſichten zu hegen, ſolche auch zum Vorſchein kommen, ohne daß man es ſelbſt will. Wir brauchen ja nur mit einan⸗ der in Berührung zu treten, ſo fühlen wir uns bereits weniger gut.“ „Aber auf dieſe Art,“ verſetzte Geiſtern heftig,„wollen Sie ja ſagen daß wir, wenn wir recht lang und vertraulich zu⸗ ſammenlebten, einander gründlich verderben würden. Daraus ſcheint mir hervorzugehen daß unſer beabſichtigter friedlicher Ab⸗ ſchied in die Brüche gehen dürfte.“ „Um Gotteswillen!“ rief Thorborg erſchrocken,„es iſt ſchon dreiviertel auf zwölf.“ „Die Uhr geht vor.“ „Nein, der Küſter hat ſie heute früh gerichtet, und der Gottesdienſt wird nach ihr gehalten.“ „Nun, muß ich denn durchaus vor Beendigung des Gottes⸗ dienſtes fortgehen?“ „Nein, gewiß nicht, wenn Sie es nicht ſelbſt wünſchen.“ „Sie wollen mich entſchieden wieder einmal loswerden! Nun wohl...“ Er erhob ſich. 54 „Beſter Herr Capitän, ſagen Sir mir nicht im allerletzten de Augenblick noch etwas Böſes.“ ſer Thorborg kämpfte mit ihrer Rührung. „Sie ſelbſt haben mich angetrieben,“ ſagte Geiſtern,„und . das war klug. Denn unſer Geſpräch mag ſich drehen und wen⸗ den wie es will, ſo feſſelt es mich immer, und ich darf jetzt dieſer Verſuchung nicht länger nachgeben.“ „Werden wir mit ſo leichtſinnigen Worten von einander ſcheiden?“ „Leichtſinnig— nein bei Gott, das waren ſie nicht. Und vernehmen Sie jetzt ein paar andere Worte aus der innerſten Tiefe meiner Seele... Dank für Alles was Sie mir waren! ſer b Sie haben mir weit mehr Gutes erwieſen als Ihr Bruder, der vo mir das Leben rettete. Vom Leben zu ſcheiden iſt nicht ſo ſchwer, wenn es uns Nichts mehr bieten zu können ſcheint. Aber Sie Ta wirkten auf mich wie ein neues Lebenselexir. Tropfen um Tropfen. haben Sie mir anderes Blut in die Adern gegoſſen. Nicht die ſni Heilige war es die dieſes Wunder verrichtete, ſondern die kleine ſes Elfe die ſo viele Hilfsmittel beſaß, daß ſie kaum zu wählen wer brauchte um ein nützliches zu finden, wenn auch der Nutzen nicht ma augenblicklich zu Tage kam. Wollen Sie dieſe Erklärung als ög einen Beweis dafür hinnehmen, daß Sie das Gute was Sie die dem Fremdling erwieſen haben nicht zu bereuen brauchen!“ wo „Capitän Geiſtern, ich will Gott aufrichtig dafür danken nul daß es gelungen iſt.“ „Erlauben Sie mir jetzt zum Abſchied Ihre beiden Hände zu lüſſen...... Möge Gott Sie beſchützen, bis ich wieder⸗ kehre... Sie dürfen mich nicht vergeſſen, ich würde es nicht 11 ertragen.“ Ubr „Nein,“ flüſterte ſie,„das geſchieht auch nicht.“ ein 4 In der nächſten Secunde war der Capitän aus dem Zimmer. ſie Thorborg glaubte ihn hinausbegleiten zu müſſen, aber ſie öhao vermochte es nicht. Und ſo war Vivika die einzige Perſon welche nach etzten „und wen⸗ jetzt ander Und erſten aren! , der hwer, Sie opfen ht die kleine ählen nicht g als 8 Sie anken Hände ieder⸗ nicht umer. eer ſie welche 55 dem Scheidenden gegenüber die Gaſtlichkeit des Hauſes reprä⸗ ſentirte. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Was der Lootſenvater in der Kirche gehört hat. Es war der 1. Mai.. Fünf Monate ſind übers Land gegangen, ſeitdem wir un⸗ ſere Freunde am Bottnafjord verließen. Aber nicht ein einziger von dieſen Monaten iſt ſpurlos verſchwunden. Niemals erwahrt ſich der ſo oft wiederholte Spruch: der Tag kommt und der Tag geht, und dennoch ſteht Alles ſtill. Für die Ungeduldigen die ſo klagen wäre es gut, wenn Alles ſtillſtände. Aber ſchon darin daß das ungeduldige Murren, die⸗ ſes leiſe Nagen an den eigenen Beinen zunimmt, liegt ein Be⸗ weis daß es keinen Stillſtand gibt. Und es iſt ſchlimm, wenn man Veränderungen blos in den Ereigniſſen des äußern Lebens wahrnimmt, während doch das innere Leben, wenn man ihm die verdiente Aufmerkſamkeit widmete, ſo manche Erndte von wohlthätigen Bekümmerniſſen ſowohl als von wohlthätigen Hoff⸗ nungen liefern würde. Mancher dürfte ſagen: Bekümmerniſſe gibt es überall genug — man braucht nicht darnach zu ſuchen. Und dennoch braucht man das; denn nicht ſelten geſchieht es daß wir uns über Kleinigkeiten bekümmern, während wir über wichtige Dinge die uns ganz nahe liegen gleichſam im Flug eine Decke werfen, damit ſie in Vergeſſenheit ſchlummern, wenn ſie wollen und können. Aber ſie hüten ſich zu ſchlummern: ſie wachſen vielmehr unter der Decke, und wenn wir dann zufällig, nachdem die kleinen Bekümmerniſſe verdunſtet ſind, die überge⸗ 56 worfene Decke wegziehen, ſo finden wir mit Schrecken daß wir das Große vor dem Kleinen überſehen haben, und dann iſt viel⸗ leicht wieder ein jahrelanger Kampf erforderlich, bevor wir mit dieſen Bekümmerniſſen zu Ende kommen, und das Alles während die Zeit— ſtillegeſtanden hat. Jedermann ſieht die Wechſel die außerhalb der körperlichen Hütte vorgehen, worin unſer Geiſt auf einige Zeit anſüſſig iſt. Aber wer ſieht den Geiſt ſelbſt, wer ſieht ſeinen Zuſtand? Wenn er ſich vor Fremden zeigt, legt er eines ſeiner Parade⸗ kleider an und tritt ſo auf wie es der angenommenen Tracht entſpricht. Aber iſt dieſes Kleid abgelegt, und empfindet der Geiſt wieder die ganze Wolluſt oder den ganzen Schrecken ſeiner Gewißheit daß er ſich nicht mehr vor Fremden zu zeigen braucht, was nimmt er dann vor? Es dürfte am beſten ſein nicht ſo genau nach ſeinen Fahr⸗ ten auf dem raſtloſen Wagen des Gedankens zu forſchen, wo er ſo lange vorwärts, rückwärts und rundum geht, bis ein un⸗ durchdringliches Chaos wie eine Mauer ſch erhebit und der Wagen von ſelbſt ſtehen bleiben muß. Wenn es dann Tag wird, bemerkt man deutlich daß der Wagen der mit allen Arten von Leiden und Bitterkeiten belaſtet geweſen Etwas von ſeiner Schwere verloren hat. Geſegnet ſei daher dieſes Chaos aus welchem eine Hand ſich hervorſtreckte und das Ueberflüſſige wegnahm! Was nun noch übrig bleibt, das ſind die wohlthätigen Bekümmerniſſe aus welchen dann ſei⸗ ner Zeit wohlthätige Hoffnungen eingeheimst werden können. Des Bottnafjords gelöste Wellen tanzten jetzt ihren Früh⸗ lingstanz um ſeine alten Geſtade. Die ſenkrecht aufſteigenden Felſen, unbezwingbare Schutzwälle gegen die gewaltigen Schnee⸗ maſſen des Winters, mußten jetzt in ruhigem Ernſt damit vor⸗ lieb nehmen daß die kleinen grünen Wellen ſpielend ihren Schaum auf die rauhe Oberfläche emporſpritzten, während die Frühlings⸗ mutl ewig keit ſeine ſam ſtarb und Armt Im ten ſe Uneir ſanft, ihren der K C Herzen ſo wie den la ler Ki C losließ, mit ſe der Se 57 vögel ihre Freiheitslieder über ihren Häuptern ſangen, die Kinder des Ufers Moos in ihren Ritzen ſuchten, die kleinen Fiſchlein auf der Fläche an ihrem Fuß plätſcherten und Boot um Boot auf dem klippenüberſtreuten Waſſer dahinglitt, um mit vollen Segeln ſeinen Vorgängern zu folgen welche bereits die große Meeresbahn erreicht hatten. Wie war es den Bewohnern des Bottnafjord vom Ende des Herbſtes bis zum Anfang des Frühlings ergangen? Auf Gläborg„ſtand Alles ſtill!“ das heißt, dort lebte blos im Innern der Schmerz, jetzt wie früher bekämpft von zwei muthigen Weibern, während auch der Mann ſtillſtand in ſeinem ewigen Murren über die Frau und in ſeiner ewigen Hartnäckig⸗ keit gegen die ſtets geahnten, aber nie ausgeſprochenen Wünſche ſeiner Maiblume. Aber auch in ſeinem Innern fand ſich gleich⸗ ſam ein nagender Zahn vor. Wenn ſeine Tochter unvermählt ſtarb, für wen hatte er ſichs dann ſauer werden laſſen? Lang und öde wurde das Alter... kein Sohn, kein Eidam.. Armuth bis über die Ohren mitten im Schooße des Ueberfluſſes! Im Pfarrhaus ſtand es auch ſtille. Vivika und der Paſtor leb⸗ ten ſeit der Abreiſe des Capitäns Geiſtern in der beharrlichſten Uneinigkeit. Gudmar war beſtändig auf Reiſen. Thorborg ging ſanft, friedſam, tröſtend und ermunternd wie früher zu allen ihren Armen und allen ihren Freunden. Aber an Jedem zehrte der Kummer. Der Paſtor ſah mit offenen Augen daß ſein Lämmchen eine Herzenswunde empfangen hatte wovon Niemand ſprechen konnte, ſo wie daß ſein Sohn nicht mehr ſo heiter ausſah, wenn er an den langen Sonntagabenden nach ſeiner Rückkehr aus der Quil⸗ ler Kirche in dem kleinen Geſellſchaftszimmer auf- und abſchritt. Gudmar empfand einen Gewiſſensbiß der ihn nur ſelten losließ, um der wichtigen Unterredung willen die er am Herbſt mit ſeiner Majken gehabt, während er doch kaum Etwas in der Sache machen konnte. Es war ihm unmöglich Kaufmann 58 zu werden, aber möglich war es daß er nie aufhören ſollte dar⸗ über nachzugrübeln, wie er im entgegengeſetzten Fall vielleicht ſo⸗ gleich der Gatte des Mädchens hätte werden können das er immer heißer liebte, und das nie entfernt auf dieſe Beſprechung andeu⸗ tete, was Gudmar um ſo mehr grämte als dadurch all das an⸗ genehme Gerede von der Zeit der Vermählung abgeſchnitten wurde. Begegnete es ihm je einmal daß er darauf andeutete, ſo antwortete Majken Nichts. Der Scherz und die Hoffnungen waren verſtummt. Und Thorborg? Ja, Thorborg, hatte ſie nicht auch ihren Theil zu tragen? Betete ſie jetzt noch immer ſo unbeirrt durch eigene Gemüthsbewegungen für die armen Seelen denen ſie bei dem Abſchied aus dem Leben Troſt ſpendete? Nein, ſie flüſterte jetzt manchmal, aber ſo leiſe daß nur die Scheidenden es hören konnten:„Betet für mich da oben!“ Und ſogar Vivika hatte ihr Kreuz zu tragen, obſchon ſie lediglich ſich ſelbſt und Andern zum Verdruß dazuſein ſchien. In ihren freien Augenblicken am Herd und Spinnrocken beküm⸗ merte ſie ſich bitter darüber daß ſie ſehen mußte, wie ihre Herr⸗ ſchaften, denen ſie im Grunde mit inniger Liebe anhing, inwen⸗ dig nicht ſo waͤren wie ſie auswendig ſchienen. Ueberdies hatte auch ſie eine quälende Unruhe wegen der fünf Species⸗ reichsthaler. Noch war kein Beſchluß gefaßt worden, ob ſie auf Zinſen ausgeliehen werden ſollten oder nicht. Vielleicht konnte der Küſter ſie an eine Perſon ausleihen der nicht recht zu trauen war. Inzwiſchen lagen ſie nutzlos im Koffer— dies war pein⸗ lich, und zwar um ſo mehr als ſie ſich in der Teſtamentsfrage auch noch nicht recht entſchloſſen hatte. Sven war nicht immer we wie er ſein ſollte, um ſich eines ſolchen rieſigen Glückes würdig zu machen. gen ſchw gung 3 8 Es unge ertre te dar⸗ eicht ſo⸗ immer andeu⸗ das an⸗ chnitten deutete, fnungen ch ihren ct durch mſie bei flüſterte s hören ſchon ſie u ſchien. n beküm⸗ hre Herr⸗ ,, inwen⸗ leberdies Species⸗ b ſie auf ht konnte zu trauen var pein⸗ ientsfrage ht immer 3 würdig 59 Bleibt Svartſkär übrig. Wenn Leute hören daß ein Bekannter lange an einer zeh⸗ renden Krankheit darniedergelegen habe, ſo vernimmt man oft die Frage: Iſt es noch nicht aus? Ei der Tauſend, lebt er noch? Wie iſt es möglich daß er ſo lange aushält? Es iſt ja ein wahres Wunder! Seltſam genug hört man dieſelben Worte von einem Han⸗ delshaus bei welchem man, nach Verwandlung der großen Criſis in eine chroniſche Schwindſucht, ſtatt eines plötzlichen Schlagfluſſes täglich der Nachricht von einer gänzlichen Auflöſung entgegen⸗ ſieht...„Wie hängt dies eigentlich zuſammen? Jetzt muß es doch bald zu Ende ſein... Es iſt kaum begreiflich, wie es ſo lange ſich aufrecht halten konnte— aber jetzt ſingt es doch wohl ſeinen letzten Vers.“ Nach dem unſeligen Proceß der unſern jungen Kaufmann ſo unglaublich viel gekoſtet, war ſein Schiffchen zuerſt auf die Brandung getrieben worden, hatte aber dann, wie es wenigſtens Andern ſchien, ſo bedeutende Unterſtützung erhalten daß es wie⸗ der in Gang kommen und ſich fortarbeiten konnte. Aber Hjelm ſelbſt wußte wie unzulänglich die Hilfe geweſen war— die kleinen Lecke wurden niemals verſtopft. Bald zeigte es ſich auch daß das Schiff nie wieder in Gang kommen würde. Und nun begann jene lange Pein welche nur von denjeni⸗ gen verſtanden werden kann, die ihr eigenes Lebensſchiff in ſchwerer Gefahr geſehen haben...„Wird wohl eine Anſtren⸗ gung glücken? Wird es emporkommen oder wird es ein Wrack werden, und ſollen alle unſere Hoffnungen zu Schanden gehen?“ Dieſe Zweifelsqual zehrt am meiſten an dem Lebensmark. Es ſteht im Aeußern ſtill, es ſteht ſo lange ſtill daß die Leute ungeduldig werden. Die peinigende Spannung wird zuletzt un⸗ erträglich. Hjelm hatte Winke genug erhalten, er ſolle das Schiff ſei⸗ ————,— ———— ——:u ———— 60 nem Schickſal überlaſſen. Hernach könne man die Sache nach üblicher Weiſe arrangiren. Aber er ſchwieg und grübelte. So machte er es auch, als der Commiſſionshandel aufhörte und alle großen Geſchäfte wie Schatten an ihm vorübereilten. Und jetzt, als der Frühling gekommen war und alle ſeine Magazine und Lagerhäuſer beinahe leer ſtanden, da ſchwieg und grübelte er noch immer. Ein Bankrott konnte in ſeinen Augen keine bloße Verände⸗ rung ſeiner Angelegenheiten ſein, ſondern wurde vielmehr ein Schlag der alle ſeine Hoffnungen vernichtete... Man hätte glauben ſollen, er ſei einige Jahrhunderte früher geboren, ſo ſtreng waren ſeine Begriffe von kaufmänniſcher Chre. Jetzt war der Handel beinahe zu einem bloßen Detailge⸗ ſchäft herabgeſunken, und die Contorarbeiten beſtanden nur noch in der Durchleſung und Beantwortung von Mahnbriefen, bei denen es immer mehr alle denkbare Rechenkunſt überſtieg den Geſchäftsfreunden Hoffnung auf eine ſolide Valuta zu machen. Majken durfte, wenn ſie nach Spartſkär kam, das Contor nicht mehr beſuchen, und ſie hielt es für beſſer den ſcheuen Mann ſich ſelbſt zu überlaſſen, als ihm Hoffnungen vorzuſpiegeln zu deren Verwirklichung ſie keine Ausſichten hatte; denn noch jetzt auf weitere Unterſtützung von ihrem Vater zu hoffen, das kam ihr keinen Augenblick in den Sinn. Sie litt doppelt, weil ſie nichts mehr zu thun vermochte. Gudmar hatte den Winter über getreu ausgehalten und Hjelm aufzumuntern geſucht, aber es gelang ihm nicht. Hjelms ſtummes Nicken, ſein mattes Lächeln oder ſeine halben Worte bewieſen daß er dem Gang von Gudmars Ideen beinahe ka im 3 achte ngen hatte den Freund aufrecht zu halten. Und dann eilte er weg, folgte. Und dabei ſank nicht ſelten auch Gudmars Muth. Er d und dachte wieder, daß es vielleicht von ihm allein abge um nicht allzuviel zu denken. Glücklicher Weiſe kamen mit dem nach So d alle ſeine g und rände⸗ hr ein hätte n, ſo tailge⸗ r noch en, bei g den chen. Contor ſcheuen piegeln n noch 1, das t, weil n und Hjelms Worte e kaum rdachte hangen er weg, nit dem 61 Frühling die alten Geſchäfte, die Fahrten und Beſchlagnahmen wieder. An Hjelms Seite ſtand unaufhörlich und unermüdlich ein Engel, wachend, ſpähend und liebevoll. Dies war ſeine Gattin. Nie hatte ſie ihren Ake inniger geliebt, aber auch nie hatte ſie ſeiner Liebe inniger bedurft. Bei Beiden ſprachen ſich die Gefühle nicht in fließenden Worten, aber ſehr in Handlungen aus. Innerlich grämten ſie ſich um einander. Dieſer Kummer wurde jedoch vor dem Ta⸗ geslicht verborgen. „Herr Jeſus, Lootſenvater, wie lange biſt Du in der Kirche geblieben! Der Fiſch iſt beinahe ganz verkocht und die Zwiebel⸗ ſauce eingetrocknet.“ So grüßte, der alte Gädda ſeinen Cameraden, als das Schiffchen an der Uhuklippe anlegte und der Greis ſeine feſte Burg heraufkam. „Ja, Du darfſt wohl glauben daß ich guten Grund hatte ſo lange auszubleiben. Hörſt Du, heute müſſen wir drei Ca⸗ pitel in der heiligen Schrift leſen.“ „O, oh, ich ahne daß Etwas unterwegs iſt. Iſt die Mai⸗ blume krank geworden?“ „Nein, Gott ſei Dank, nicht. Aber wir wollen zuerſt hinein⸗ gehen, damit ich meinen Hut aufſetze und den Sonntagsrock ausziehe.“ Sobald dies geſchehen war, begann Gädda mit ängſtlicher Neugierde wieder: „Moß wird doch wohl nicht geſtorben ſein?“ „Ei, was fällt Dir denn ein?“ „Ich will nicht daran denken daß unſer wackerer Lieutenant den mindeſten Schaden an Leib oder Ehre genommen haben könnte?“ 62² „Der Lieutenant und die Jacht thun ihre Schuldigkeit, wie ſie immer gethan haben, und dies hier hat weder mit Gläborg noch mit dem Pfarrhaus Etwas zu ſchaffen.“ „Jetzt will ich mich nicht länger mit Räthſeln abgeben. Ich fühle es an meinem bangen Herzklopfen daß es eine große Sache iſt... Und dann betrifft es Spartſkär.“ „Du haſts geſagt.“ „Gütiger Gott, iſt es wahr? Jetzt mag der Fiſch verkochen ſo lang er will. Wir ſind mit all dieſen drei Herrenhäuſern ſo einverleibt, daß es iſt als ob man uns ins Auge griffe, wenn eines von ihnen in Frage kommt. Sieh da, jetzt ſetze ich mich auf den Warteſtuhl. Laß es nun vom Stapel laufen.“ „So höre denn. Der Paſtor war mit den Bekanntmachun⸗ gen bereits zu Ende. Und nachdem wir in aller Ehrfurcht die Gebete für die königliche Majeſtät und ſein Haus und ſodann den ganzen Weg herab für das Reich, das Land, von den vorneh⸗ men Leuten bis zu den letzten Einwohnern und für Krankheit und Noth gebetet hatten, beſonders auch für die Großmutter auf der Landſpitze, die ſo ganz ſchwach darniederliegt, ſo waren nur noch Kleinigkeiten von Zuſammenkünften und Kirchſpielverſamm⸗ lungen übrig, als der Küſter aus der Sacriſtei herausſchlich, die Kanzeltreppe hinaufſtieg und dem Paſtor ein Papier in die Hand ſteckte.“ „Jetzt ſitzt mir das Herz bis oben in der Halsgrube. Ach, mach doch weiter, Lootſenvater!“ „Der Paſtor nahm das Papier ohne weiter darauf zu ach⸗ ten. Aber im Augenblick als er anfangen wollte es vorzuleſen, ließ er es beinahe fallen, und dann kam er mit ſeiner Sprache nicht zurecht, und er ſtotterte und räuſperte ſich, ſo daß es eine gute Weile dauerte, bis er wieder ins Geleiſe kam.“ „Jetzt habe ichs,“ fiel Gädda ein.„Es ſollte wohl ein Ge⸗ bet für Hjelm ſein, der krank geworden ſein wird? Er hat ſich lang genug hingeſchleppt.“ gkeit, wie Gläborg ben. Ich ne große verkochen äuſern ſo ffe, wenn e ich mich 41 ntmachun⸗ rfurcht die nd ſodann en vorneh⸗ Krankheit nutter auf varen nur lverſamm⸗ ſſchlich, die ter in die ube. Ach, auf zu ach⸗ vorzuleſen, er Sprache aß es eine hl ein Ge⸗ Er hat ſich 63 „Fehlgeſchoſſen— es war eine Bekanntmachung.“ „Eine Bekanntmachung?“ „Ja, und kein Menſch hatte ein Wort davon gehört. Sie lautete ſo, daß nächſtkommenden Freitag am 6. Mai, Vormittags zehn Uhr, auf Spartſkär durch öffentliche und freiwillige Auc⸗ tion... „Sagteſt Du Auction?“ Gädda faltete die Hände. „Ja, ich ſagte das Wort— öffentliche Verſteigerung ſtatt⸗ finden ſolle von Gold, Silber und Kupfer, von Möbeln, von Pferden und Kühen, von Getreide, von Brettern und allen Dingen die ein Menſch nur aufzählen kann.Alles gegen baare Bezahlung binnen eines Monats— unterzeichnet „Siverſen, Bevollmächtigter.“ „Dies greift mir ſchwer ins Herz, Lootſenvater, wie ich ſehe daß es auch in Deine Bruſtwurzeln gegriffen hat. Die kleine holde gottgeſegnete Frau, ja ſie iſt bei Zeiten in die Ehe und in die Gefahren gekommen. Und Hjelm! Ach, ach, ach, wie leid es mir um ihn thut! Da zwang er mir noch— denn er iſt immer freigebig und ehrenhaft— einen ganzen Zehnthaler⸗ ſchein für die Mörköer auf, als ich mit Olagus abſchloß... Siehſt Du, dieſer Zehnthalerſchein brennt mich in der Seele, ob⸗ ſchon er unten in der Kiſte liegt. Nun, das gab wohl einen gewaltigen Lärmen unter den Leuten in der Kirche?“ „Das kannſt Du Dir denken. Man flüſterte in allen Ecken und dann noch draußen auf dem Kirchhof, wo natürlich alle Angelegenheiten noch einmal beſprochen werden müſſen.“ „Und es geſchah wohl mit aller Achtung und Theilnahme? Das läßt ſich begreifen.“ „Ja, es war eine ſehr große Aufregung. Sie ſchwatzten wie ein Strom der dahinrinnt... O, mein Gott, der Hjelm! Er hat ſich ſo viel Mühe gegeben... So ſollte es jeder machen, um Niemand um ſein Recht zu bringen... Jetzt iſt es doch endlich losgebrochen— aber eine freiwillige Auction iſt es, das heißt er hat ſich ſelbſt dazu gezwungen... Und dann hieß es: ich fahre hin, Andreas.. ich auch, Truls— wir Beide ſind Männer die es hinauftreiben können.. ich auch, ſagte ein Dritter... und ich auch, ſprach ein Vierter. Es ſoll kein Stück wegkommen, ohne daß es gut bezahlt wird, denn nie iſt ein ehrlicherer Kaufmann am Bottnafjord einhergegangen als dieſer Hjelm.“ „Gott ſegne ſie!“ G kaum Laut gab. „Es iſt mir auch zu Herzen gegangen. Es iſt ſchön, wenn Herrenleute ſo geachtet ſind daß man ihre Noth aufnimmt, als wenn ſie einen ſelbſt träfe. Carl Carlsſon ſagte: ſo lange wir eine Milchkuh haben, ſoll es der jungen Frau auf Svartſkär nie an Milch fehlen... und meine wilden Enten ſoll ſie umſonſt haben, fügte ein Anderer hinzu, während die Fiſcher ſich förmlich beriethen, wie ſie ihnen bis auf beſſere Zeiten Fiſche auf Credit liefern wollten.“ „Das war ädda's Stimme war ſo unklar, daß ſie ſchön, ſehr ſchön. Aber ich glaube nicht daß ſie von Andern als von armen Leuten Etwas annehmen werden, um ſich gegen dieſe nicht hochmüthig zu zeigen.— Du begreifſt Lootſenvater, daß es ein großer Unterſchied iſt zwiſchen Hochmuth, und dem Gefühl das Einer aus Achtung vor ſich ſelber hat.“ „Ja der Unterſchied iſt groß. Der Hochmuth iſt ein menſch⸗ liches Trachten, ein garſtiger Brand zum Leuchten; aber die Selbſtachtung iſt, wenn ſie ſich auf dem richtigen Boden hält, ein kleiner heller Brand den der liebe Gott uns gegeben hat, um zur rechten Zeit zu leuchten. Wer keine Achtung vor ſich ſelbſt hat, der wird auch von Andern nicht geachtet.“ „Höre, Lootſenvater, ich komme da in ein ſchweres Nach⸗ denken. Jetzt, da wir zuſammen fünfzig Reichsthaler Banco Penſion einnehmen und Du noch überdies die Lootſenpenſion von der ſchwediſchen Krone und der engliſchen Compagnie beziehſt, Zeh man ſcha bung als dara ran gleich Himt — 1 gut i nn hieß r Beide „ ſagte oll kein nie iſt gen als daß ſie n, wenn nt, als nge wir ſkär nie umſonſt förmlich f Credit licht daß werden, begreifſt vochmuth, hat.“ menſch⸗ aber die den hält, ben hat, vor ſich tes Nach⸗ r Banco enpenſion e beziehſt, 65 weiß ich nicht recht, ob wir uns eigentlich noch zu den armen Leuten zählen dürfen.“ „Ja, es kann damit ſo ſein oder ſo. Viele haben mehr und viele haben weniger... Es ahnt mir, daß Du gern zu den armen Leuten gehören möchteſt.“ „Du ſagſt es.“ „Um Hjelm ſeine zehn Reichsthaler zurückgeben zu können?“ „Das iſt juſt der Knoten. Vielleicht macht es nicht ſo ſchrecklich viel aus, ob er ſie hat oder nicht, aber wo es knapp zugeht, da iſt nichts zum Ueberfluß. Und wenn dies mit einem guten Segenswunſch kommt, ſo iſt immer zu hoffen daß es ihnen Etwas nützen werde.“ „Das iſt keine Frage,“ meinte der Lootſenvater,„daß dieſer Zehnthalerſchein mehr Waſſer in den Bach ziehen würde, wenn man ihn nur in Hjelms Taſchenbuch hineinſchaffen könnte.“ „Ja ſo iſts— aber wir wollen ſehen, ob wir nicht Rath ſchaffen können. Vielleicht bekommt Einer von uns eine Einge⸗ bung. Erinnerſt Du Dich noch, wie wir uns die Köpfe zerbrachen, als wir von Hjelms Proceß Nachricht erhielten, bis wir endlich darauf kamen daß wir Moß aus dem Spiele laſſen könnten, wo⸗ ran wir früher gar nicht gedacht hatten?“ „Das kam von Dir,“ ſagte der Lootſenvater. „Nein, es kam von Dir oder auch fielen wir Beide zu gleicher Zeit darauf.“ „Gleichviel,“ meinte der Lootſenvater,„es kam jedenfalls vom Himmel. Und wenn ich morgen einen recht ſchönen Fiſch bekomme — und den fange ich gewiß, denn Du weißt wozu der Glauben gut iſt— ſo fahre ich damit geradewegs nach Svartſkär.“ „Nur weiter! Das hängt gewiß mit meinem Zehner zuſammen.“ „Es möchte juſt darnach riechen... Wenn nun die junge Frau mein Präſent annimmt— denn Fiſche hat ſie viele von mir zu fordern, wenn wir alle die Geſchenke berechnen wollten Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 5 66 die ich von ihr bekommen habe— und ſo drücke ich ihr zu gleicher Zeit den Schein in das Fäuſtchen und ſage was mir der liebe Gott eingibt, wenn es nöthig iſt. Sie nimmt Alles gewiß an, das fühle ich an mir ſelbſt ſo ſicher, wie wenn es bereits geſchehen wäre.“— „Dank und Preis, Lootſenvater... es iſt mir um ein Gutes leichter ums Herz. Es iſt jetzt angenehmer zu den armen Freunden zu gehören als zu den wohlhabenden. Von dieſen nehmen ſie Nichts, ſo lange ſie noch einen Biſſen Brod haben.“ „Etwas ganz Anderes wäre es, Gädda, wenn Moß nach dem Ruder greifen wollte. Er könnte die Schulden noch im Wind oben halten.“ „Moß— nein, er iſt nicht dazu geſchaffen Steuermann in der Seenoth zu ſein.“ „Moß iſt aber doch kein böſer Mann.“ „Nein, ſo ſchrecklich iſt er nicht daß er ſich nicht nach Seines⸗ gleichen umſähe. O, er iſt ein ſolcher Mann der, ob er ſich nun vorwärts oder rückwärts wendet, nur ſich ſelber ſieht. Aber da wir unſern Freunden nicht weiter nützen können, ſo dürfen wir jetzt wohl darauf denken daß unſer Schellſiſch nicht ganz zerbröckelt.“ „Ja,“ meinte der Lootſenvater mit einem halben Seufzer, „es nützt ihnen Nichts wenn wir Hunger leiden. Aber ich glaube nicht daß einer ſich Annehmlichkeiten gönnen darf, wenn diejeni⸗ gen die er lieb hat ſich in Bedrängniß befinden.“ „Wie meinſt Du? Sollten wir den Fiſch nicht ſchwimmen laſſen? ſollten wir blos trockenes Brod dazu kauen?“ „Gewiß würde es ſchön ſchmecken— ich ſage nichts Anderes Gädda. Aber ich meine, es wird mir heute zuwider. Du warſ nicht in der Kirche.“ „Ja, Du haſt Deine feinen Gedanken, und ich ſchäme mit daß ich nicht auch ſolche gehabt habe. Laß uns jetzt zu Tiſe gehen. Die Flaſche ſteht bereits an ihrem Platz und die Vahj ihr zu mir der 8 gewiß bereits um ein narmen n dieſen haben.“ toß nach noch im mann in h Seines⸗ b er ſich eht. Aber ſo dürfen icht ganz Seufzer, ich glaube un diejeni⸗ chwimmen sAnderes Du warſ häme mie t zu Tiſe die Beche 67 daneben— aber ich will ſie bei Seite ſchieben. Laß uns anfangen.“ Die Alten ſtellten ſich Jeder an ſeine Tiſchecke, ſtrichen ihre Pickelhüte vom Ohr, hielten ſie in den andächtig gefalteten Hän⸗ den und beteten laut „In Jeſu Namen!“ Darauf ſetzten ſie ſich. Der Schellfiſch, die Kartoffeln und die Zwiebelſauce rauch⸗ ten aus ihren Gefäßen. Schweigend ließen ſie die Platten von Hand zu Hand gehen, und unter demſelben Schweigen begann das Mahl. Endlich ergriff Gädda das Wort. „Ich hätte eine Suppe von dieſer Brühe kochen können, wenn man den Kummer des Tages zum Voraus gewußt hätte.“ Der Lootſenvater ſchaute auf. „Es wäre aber blos Spühlicht geweſen,“ fügte Gädda gleich⸗ ſam ein wenig verlegen hinzu. Der Bruder Camerad nickte, Pauſe ein. Diesmal war es der Lootſenvater ſelbſt der ſie unterbrach. „Gädda, ich will Dir einen Prüfungsſtein in den Weg legen.“ „Thue das— wenn Einer ſpricht, ſo denkt Einer nicht ſo viel.“ „Wenn wir uns damit begnügten daß wir heute Abend keine Panaſſee nehmen, wenn wir unſer Leſen in der Flaggen⸗ kammer vollendet haben, dürfte das nicht genug ſein uͤm unſere Theilnahme an der Bedrängniß unſerer Freunde auszudrücken?“ „Ich glaube das auf mein Gewiſſen nehmen zu dürfen,“ antwortete Gädda nach ganz kurzem Bedenken. „Du glaubſt alſo Deiner Sache gewiß zu ſein? Ich weiß wohl, Du denkſt nicht daran daß ſie das Eine oder das Andere . . und ſo trat von Neuem eine 68 erfahren werden— denn Pfui über eine ſolche Theilnahme die blos oben dran hängt, um ſich zu zeigen.“ „Nun, von dieſer Sorte kann bei uns nicht die Rede ſein. Aber ich will Dir ſagen, auf was ich meine Meinung ſtütze. Darauf daß das Panaſſeeopfer größer iſt, wenn auch der Appetit⸗ ſchnapps dringender iſt. Und wenn ich mich in die Lage desjeni⸗ gen zu verſetzen ſuche der das Ehrengeſchenk erhalten ſoll, ſo glaube ich, er würde ſich damit begnügen daß wir die Panaſſee opfern, denn bei ihr pflegen wir immer unſer beſtes Vergnügen und unſere längſten Geſchichten zu haben.“ Der Lootſenvater war überzeugt. „Laß uns alſo jetzt den Appetitſchnapps nehmen. Er iſt jedenfalls nicht um des Vergnügens willen da, ſondern blos 1 zum Nutzen.“ „Es ſei. Geſundheit..... Ach nein, es ſchmeck nicht, Lootſenvater!“ „Bei einem ſchweren Gemüthe ſchmeckt Einem nie Etwas.“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Der Auctionstag. Es war am 6. Mai, ungefähr ſechs Uhr Morgens. Hjelm fuhr von ſeinem Schlafe auf, der einige Stunden lang ſeiner Seele die Ruhe gegeben hatte die er in vielen Tagen und Nächten nicht mehr gekannt. Sein erſter Blick ſuchte die zärtliche Genoſſin ſeiner Beküm merniſſe. Aber ſie war ſchon eine ganze Stunde lang thätiz geweſen, und er hörte wie ſie jetzt leiſe und ruhig Anordnunge traf und Befehle allerlei Art ertheilte, 4 4 4 1 zu J gewog tiefe unwü belebt. Kraft Haus zuſam ( Antwo kommt ſtand eintrat „ gehört wunden 1 . 9. dieſe i Ueberd einem Freund, H) kommen * „vA gedacht nothwen ich Dir Qꝗ „J traurige haſt. T hme die de ſein. ſtütze. Appetit⸗ desjeni⸗ oll, ſo Lanaſſee gnügen Er iſt en blos ſchmeckt Etwas.“ Stunden n Tagen Beküm⸗ g thäti dnungen 69 „O, mein Gott,“ ſagte er mit einem Seufzer des Flehens zu Ihm, der die Waagge hält worin unſere zeitlichen Leiden gewogen werden,„o mein Gott, laß mich nicht in allzu tiefe Troſtloſigkeit verſinken, das wäre nicht blos meiner ſelbſt unwürdig, ſondern auch ihrer die mich durch ihr edles Beiſpiel belebt. Und es wäre auch Deiner unwürdig, der Du mir bisher Kraft und Vermögen verliehen haſt meinen Namen und mein Haus aufrecht zu halten, ſo traurig auch das arme Haus jetzt zuſammengeſchmolzen iſt.“ Geſtärkt durch den Troſt der im Gebete liegt und durch die Antwort die man vernimmt, wenn daſſelbe aus vollem Herzen kommt, vollendete er jetzt ſchnell ſeinen äußern Menſchen und ſtand juſt im Begriff ſeine Frau aufzuſuchen, als ſie ganz ſachte eintrat, in der Meinung er ſchlafe noch. „Ach, mein Ake, Du biſt zu früh aufgeſtanden. Ich habe gehört wie Du Dich mehr als die halbe Nacht gedreht und ge⸗ wunden haſt.“ „Und Du, Geliebte.....* Er öffnete ſeine Arme. „O, ich bin ein Weib! Wir Weiber beſitzen Zähigkeit, und dieſe iſt zum Mindeſten eben ſo ausdauernd wie die Kraft. Ueberdies habe ich ſo innig zu Gott gebetet, wie man nur an einem ſolchen Tag beten kann, und ich ſehe Dir an, mein theurer Freund, daß auch Du es gethan haſt.“ Hjelm beugte ſein Haupt— eine ſtille, aber für Emilie voll⸗ kommen verſtändliche Geberde. „Jetzt, mein Geliebter, nachdem wir an die wichtigſte Pflicht gedacht haben, wollen wir an diejenigen gehen die heute eben ſo nothwendig als wichtig ſind... Aber vor Allem, wie gefalle ich Dir heute?“ „Ich finde mit Freuden daß Du bei Deiner Toilette die traurige Bedeutung des Tages nicht zum Spiegel genommen haſt. Dein Anzug iſt ſo anmuthsvoll und doch dabei ſo häus⸗ betheiligen. Im Gegentheil werde ich her 70 lich. Es ſieht aus, als wollteſt Du Eroberungen unter den Gäſten machen die heute kommen werden.“ „Darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Ich gedenke mich nicht verborgen zu halten, als ob ich eine ſo menſchliche Sache wie dieſe hier nicht ertragen könnte, oder als ob ich zu vornehm wäre um mich an den Geſchäften und Pflichten des Tages zu umgehen und meine Blicke auf Alles richten. Und. die reichen Scheerenpatrone und Bauern werden unſere Sachen tüchtig bezahlen, wenn ſie mich ſo muthig erblicken.“ „ antwortete Hjelm voll Zärtlichkeit, „Vor allen Dingen, „wird Dein Mann ſich durch alle Widerwärtigkeiten des Tages nicht niederſchlagen laſſen, wenn er Dich anſieht. Denn er ver⸗ ſteht Deine edle Politik wohl.“ „Es iſt allerdings nicht ganz ohne,“ antwortete Emilie mit feinem Erröthen,„aber meine Hauptabſicht geht dahin, daß ich durch meine Anweſenheit die Auction verhindere in eine gemeine Orgie auszuarten. Kommt es aber dahin, was, wie Herr Siverſen behauptet, bei ſolchen Gelegenheiten ſehr oft der Fall iſt, ſo räume ich das Feld.“ „Ja, das wirſt Du ſicherlich thun müſſen, mein armes liebes Weibchen.“ „Kein Bedauern— das verbitte ich mir... Und jetzt komm und laß uns unſern Caffe in Ruhe trinken. Ich habe ihn im Salon aufgetragen. Hernach muß ich für Herrn Siverſen ein Frühſtück beſorgen... Es wird ins Ladencontor gebracht, das heute als Speiſezimmer dienen muß.“ Während der Caffe getrunken wurde, ohne daß Emilie zu bemerken ſchien daß der Blick ihres Mannes bald auf dem einen bald auf dem andern Möbel weilte, fuhr ſie fort: 3 „Glaubſt Du daß Moß und Guldbrandsſon wegbleiben werden?“? „Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht kommt Guldbrandsſon nicht geſter Dich tracht liches nach Stolz zu w Herz ſein d geweſe beleidi Papa zu ſei gen d 7 und he beginn⸗ ehrenhe auch je Reine ader e Bäſten nicht e wie rnehm es zu meine ne und e mich lichkeit, Tages er ver⸗ lie mit daß ich gemeine Siverſen iſt, ſo s liebes ind jetzt habe ihn Siverſen gebracht, milie zu m einen egbleiben randsſon 71 nicht— wahrſcheinlich kann er von Marſtrand, wohin er vor⸗ geſtern fuhr, nicht heimkommen, aber Moß findet ſich gewiß ein.“ „Erlaube jetzt daß ich Dir Majkens Brief vorleſe. Er wird Dich blos einige Minuten nach Deiner zweiten Taſſe aufhalten.“ „So lies. Dieſe Minuten ſollen nicht als verloren be⸗ trachtet werden.“ „Meine theure Emilie! „Ich kann nicht ſagen daß Du mich durch Dein ausdrück⸗ liches Verbot zwiſchen dem Tag der Bekanntmachung und heute nach Svartſkär zu kommen beleidigt habeſt, denn dieſen edeln Stolz an einem ſolchen Tag allein kämpfen zu wollen weiß ich zu würdigen. Ich hätte eben ſo gehandelt wie Du. Aber mein Herz leidet ſchrecklich, daß ich Dir nicht auch perſönlich nahe ſein darf. „O, warum ſeid Ihr in der letzten Zeit ſo zurückhaltend geweſen? Ich weiß freilich daß es nicht geſchah um mich zu beleidigen, ſondern um jede Widerwärtigkeit zwiſchen mir und Papa abzulenken... O, die Erbin eines großen Reichthums zu ſein und doch Nichts ausrichten zu können! „Ihr ſeid zwei edle Seelen und würdig all dieſer Prüfun⸗ gen die Ihr jetzt zu beſtehen habt, denn wenn man ſeinen Un⸗ tergang nicht ſelbſt verſchuldet, ſondern mit mannhaftem und kräftigem Muthe dagegen gekämpft hat, ſo iſt die Prüfung bei⸗ nahe ein Schatz. Sie zeigt uns am ſicherſten, welche Mittel wir in uns ſelbſt beſitzen. „So kämpfet denn muthig Euern Kampf aus, meine theuren und hochſinnigen Freunde! Wenn Euer Leiden vorüber iſt, ſo beginnt vielleicht das unſerige. Glaube mir, da Hjelm auf ſo ehrenhafte Art Geiſterns wiederholte Vorſchußanerbietungen wie auch jeden Wink in Betreff einer andern Art die Sache ins Reine zu bringen verſchmäht hat, ſo läßt Gott gewiß eine Quell⸗ ader entſpringen. Ich weiſe Euch nicht auf den Weg zu der vornehmſten Quelle— es wäre übel von mir, wenn ich bezwei⸗ feln wollte daß Ihr ihn bereits gefunden habt. „Mama und ich ſind heute unaufhörlich bei Euch in unſern Gebeten und Geſprächen. „Weißt Du, Emilie, was ich Dir zuletzt noch ſagen will? Siehe, die Frau darf ſich glücklich ſchätzen die, wie Du jetzt, Ge⸗ legenheit bekommen hat in der Achtung und Liebe ihres Mannes ſo hoch zu ſteigen. „Frieden und Segen! „Ewige Freundſchaft von „Eurer Majken.“ „Das vortreffliche Mädchen,“ ſagte Hjelm,„wie ihr das ſo gleich ſieht! Dieſer Brief iſt ein Seitenſtück zu Thorborgs Beſuch geſtern Abend. Sie kam ſo demüthig, ſo bittend, weil ſie, ob⸗ ſchon ihr das gleiche Verbot zugegangen war, nicht gehorcht hatte.“ „Aber ich ſchickte ſie glücklicher als ſie gekommen war nach Hauſe zurück, weil ich ihr zeigte was ich heute meiner eigenen Mutter zeigen zu können wünſchte, nämlich daß meine Seele hoch über einem ſolchen Kummer ſteht. Was ſind wohl dieſe Gegenſtände die wir heute beſitzen und morgen verlieren können? Wir beſitzen ja das Einzige noch deſſen Verluſt uns beben machen könnte... Doch Du biſt mit Deinem Caffe jetzt fertig, und bald beginnen die Geſchäfte des Tages. Aber ehe Du an die Deinigen gehſt, mußt Du mit mir kommen und Allerlei anſehen.“ Hjelm war bereits aufgeſtanden und ging mit ſeiner Frau in ein Seitenzimmer nahe beim Saal. „Was ſagſt Du dazu?“ rief ſie, und man hörte daß ein beinahe kindliches Entzücken in der Frage verborgen war.— „Ei, was iſt denn das?“ fragte er verwundert.„Ich glaube, Du haſt da ein ganzes Lager von Decken und ſogenann⸗ ten Kirchentüchern aufgeſpeichert.“ gen. konn wur dara Anfo zuſar ſehr Aber nicht Num Sach oft ſe Emili kauft Am am 2 mit 2 Gebro mit ſi len, n wenn Leute Geſch gegen würde zwei⸗ nſern will? , Ge⸗ annes das ſo Beſuch ie, ob⸗ hatte.“ r nach igenen Seele ldieſe ynnen? machen , und an die ſehen.“ Frau daß ein „Ich genann⸗ 73 „Das iſt mein Triumph!“ erklärte ſie mit ſtrahlenden Au⸗ gen.„All dieſe Zeuge und Reſte die hier nicht verkauft werden konnten, ſondern als Ladenhüter ins Magazin zurückgebracht wurden, habe ich zuſammengeſucht, und all dieſe Decken hier daraus gemacht. Und die großen weißen Neſſeltücher die von Anfang an wie Blei dalagen habe ich zu Decken und Vorhängen zuſammengenäht, und Du kannſt überzeugt ſein daß das alles ſehr gut abgehen wird.“ „Ach, Emilie, Emilie!“ „Ake, Ake, ich mußte doch auch nach Kräften mithelfen... Aber laß uns jetzt in den Saal hinausgehen..... Iſt das nicht ſchön geordnet?“ fuhr ſie fort.„Ich kenne jede einzelne Nummer.“ Und ſie zeigte ganze Partien zuſammengebundener Sachen aller Art, jede mit einem Papierſtreif bezeichnet. Je weiter Ake ging, um ſo mehr ſchauderte er; er ſchloß oft ſeine Augen und war ſichtlich bei Weitem nicht ſo ſtark wie Emilie. „Dies hier, ſagt Herr Siverſen, wird erſt Nachmittags ver⸗ kauft werden, wenn die Honoratioren zahlreicher beiſammen ſind. Am Morgen kommt es zuerſt an verſchiedene Sachen und zuletzt am Abend an den alten Plunder auf dem Hof.“ Jetzt ſchauderte Ake noch mehr. „Ich kann nicht glauben,“ ſagte er,„daß Siverſen die Leute mit Branntwein verrückt machen will. Es iſt ein unanſtändiger Gebrauch die Kaufluſtigen auf irgend eine Weiſe anzureizen, da— mit ſie im Rauſch bieten. Eben ſo wenig würde es mir gefal⸗ len, wenn die Herrn Capitäne einander im Contor einlüden und wenn ſie Weine, Cognac und dergleichen verlangten. Wenn die Leute kaufen wollen, müſſen ſie bei klarem Verſtande ſein.“ „Ei, lieber Ake, Du darfſt Dich wahrlich in Herrn Siverſens Geſchäfte nicht miſchen und den Wünſchen dieſer Herrn nicht ent⸗ gegen treten. Wenn Du ſelbſt die Auction halten ſollteſt, ſo würde keine ſonderlich hohe Summe herauskommen.“ 74 „Mein Gottu— Hjelm begann bereits zu ſchwitzen—„das alles iſt höchſt widerlich. Nicht der Verluſt unſerer Habe iſt es was mich am meiſten quält und verletzt...“ „Nein, theurer geliebter Ake, ich weiß wohl daß Deine Seele am tiefſten durch die für Dein Zartgefühl ſo abſtoßenden Ver⸗ hältniſſe verletzt wird, die ſich an einem ſolchen Tage nicht um⸗ gehen laſſen. Aber Du mußt über Eines mit Dir ſelbſt einig werden, nämlich wenn man genöthigt iſt ſich zu einer freiwilligen Auction zu entſchließen, ſo darf man nicht ſcheel dazu ſehen, wenn ſie gut geht.“ „Wollte Gott, wir hätten ſchon morgen! Das wäre wenig⸗ ſtens ein Gewinn.“ „Ach,“ ſagte Emilie,„es wäre gewiß am beſten geweſen, wenn Du heute hätteſt verreiſen können, mein theurer Freund, aber die Magazinsgeſchäfte, das Korn und Alles das machen es unmöglich.“ „Ich begreife nicht, Geliebte, wie Du Dein praktiſches Ta⸗ lent ſo vollkommen ausbilden konnteſt. Du biſt ja in Allem ſo gut zu Haus, als ob Du es ſchon durchgemacht hätteſt.“ „Sollte man in nichts Anderem zu Hauſe ſein als was man ſchon durchgemacht hat? Die Zeit und die Verhältniſſe, vor Allem aber die Liebe haben die Kraft entwickelt die in mir ſtets verborgen war. Ueberdies lernte ich vorgeſtern ſo viel Weis⸗ heit von dem Lootſenvater auf der Uhuklippe, daß mir auch dieſe zu gut kommt und hoffentlich noch lange zu gut kommen wird.“ Hjelm antwortete nicht— er hatte unter den aufgeſtellten Sachen ein Caffeſervice erblickt das ſchon in ſeinem elterlichen Hauſe im Gebrauch geweſen war. Emiliens Augen folgten den ſeinigen. „Dieſes,“ ſagte ſie,„ſtand zwar im Verzeichniß, aber ich bitte Dich um Erlaubniß es zurückzutragen, wie ich auch die alten ſilbernen Urnen mit dem Namen Deiner Eltern gar nicht hie⸗ hergebracht habe.“ Liel ich Loo für rühr trete von koſte in ſ mach nach „Hät ſchlech Du 1 muß. heilig aus 1 ſteht ein C kann enthal „das ſt es Seele Ver⸗ um⸗ einig lligen wenn venig⸗ peſen, eund, en es 3 Ta⸗ em ſo was , vor ſtets Weis⸗ dieſe vird.“ tellten llichen er ich alten t hie⸗ 75 „Ich geſtehe daß es mir wehe thäte wenn ſie wegkämen. Liebe Emilie, ſorge daß das Service wieder hineinkommt.“ „Das iſt abgemacht. Aber gehe jedenfalls nicht weg, bevor ich Dir das Anliegen des Lootſenvaters mitgetheilt habe.“ „Ich habe draußen ſo viel zu thun, aber die Worte des Lootſenvaters ſollen nicht zurückgewieſen werden von einem Mann für welchen ſie einſt eine ſo unermeßliche Wichtigkeit hatten.“ „Er kam vom alten Gädda mit einer Botſchaft von ſo rührender Art daß mir noch jetzt die Thränen in die Augen treten, wenn ich nur daran denke.“ „Redliche Seelen!“ „Du hatteſt Gädda einen Zehnthalerſchein gegeben, als er von ſeiner Fahrt nach Mörkö zurückkam.“ „Ja, ich erinnere mich wohl noch, wie viel Mühe es mich koſtete ihm das Geld aufzudrängen.“ „Gädda hatte ihn verwahrt, und jetzt kam der Lootſenvater in ſeinem Auftrag, um uns mit dieſem Schatz ein Präſent zu machen; es ſolle dies für uns ein Heckthaler ſein der andere nach ſich ziehe.“ „Du haſts doch nicht angenommen?“ fragte Hjelm aufgeregt. „Ei natürlich habe ich es genommen,“ antwortete Emilie. „Hätte ich's nicht gethan, ſo würde ich dieſe Weigerung für die ſchlechteſte Handlung meines Lebens gehalten haben. Und weißt Du was der Alte ſagte?“ „Ich ſehe wohl daß ich zu Deiner Meinung übertreten muß. Was ſagte er denn?“ „Armuth und Reichthum, liebes Frauchen, liegen in der heiligen Hand des allmächtigen Herrn, und er theilt unter uns aus nach ſeinem Wohlgefallen. Aber in unſerer eigenen Macht ſteht es ihm zu zeigen, daß wir das Eine wie das Andere als ein Ehrengeſchenk zu unſerer Erbauung betrachten... Nun? kann uns irgend Jemand mehr ſagen, als was in dieſen Worten enthalten iſt? Ich ließ dem alten Gädda herzlich danken, mit dem 76 Bemerken daß wir entweder in der Stunde der Noth zu ſeinem Geſchenke greifen oder, im Fall uns Gott wieder auf einen grünen Zweig verhälfe, es ihm zurückgeben würden. Und dieſer Tag bricht gewiß einmal an. Jetzt nehme ich dieſes Service zurück, ehe Herr Siverſen kommt. Er iſt gewiß bald da.“ „Ich höre ſeine Chaiſe bereits über die Felſenplatten herab⸗ rollen... Aber gib mir jetzt einen Abſchiedskuß, meine Emilie — wir treffen uns nicht ſo bald wieder, denn ich werde jetzt mit Herrn Siverſen die Böden und die Seebuden beſuchen.“ „Gott ſei Dank,“ ſagte Emilie, indem ſie ihrem Mann den Kuß und die warme Umarmung zurückgab.„Du nimmſt, wie ich merke, bereits die prächtige Miene wieder an, die ſo un⸗ erſchütterlich ausſieht, daß man glauben ſollte ſie bleibe ſich in den großen wie in den kleinen Ereigniſſen immer gleich.“ Sie eilte hinaus mit dem Armvoll von oſtindiſchem Por⸗ zellan das mit ſo vielen glänzenden Schmetterlingen überſtreut war daß Emilie beinahe meinte, ſie fühle ſich von ihren koſen⸗ den Flügelchen umflattert.„Nie,“ ſagte ſie„wird mein Ake ſich in dieſem nun bald verödeten Hauſe fremd fühlen, ſo lange er aus den Taſſen ſeiner ſeligen Mutter Caffe und Thee trinken und liebevoll ihre Schmetterlinge anſehen kann, die er ſchon als Knabe voll Ehrfurcht bewundert hat.“ Um neun Uhr war die ganze Bucht von Svartſkär von kleinen Booten überſät die theils angeſegelt theils angerudert kamen. Und alle dieſe Boote, eine ganze kleine Flotille, ſahen in dem milden Sonnenſchein ſo zierlich aus daß man ſich von der Scene ungemein angeregt gefühlt haben würde, wenn ſie nicht aus einer ſo betrübenden Urſache gekommen wären. Die Leute in dieſen Booten prangten in ihren vornehmſten Kleidern, vom Großvater in den Corderoihoſen und der hellge⸗ ſtreiften baumwollenen Jacke an bis zu der Scheerendirne mit hoch weiſ Car ſtieß Das ein mit zwar emp ten jenes bring und Kopf harm beun⸗ gerei gung wolle Proc⸗ geſch glocke anfin⸗ Tiſch, war hatte Reihe inem ünen Tag rrück, erab⸗ milie zt mit MNann mmſt, o un⸗ in den Por⸗ rſtreut koſen⸗ 1 Ake lange trinken on als är von erudert ſahen ich von enn ſie ehmſten hellge⸗ ne mit 77 hochblauen Augen und goldfarbigem, mit bunten Foulards oder weißen Tülltüchern leicht umbundenen Haar. Von der Landſeite rollten mit gehörigem Geraſſel ganze Caravanen von Karren einher, und eine Viertelſtunde ſpäter ſtießen die Land⸗ und Seefahrer auf dem großen Hof zuſammen. Das war ein Grüßen, ein Nicken und Schwatzen, mit einem Worte ein Gemurmel das jedoch nicht ſtärker wurde, als daß man es mit einem plötzlichen Sommerwind vergleichen konnte welcher zwar das Waſſer aus der Tiefe aufregt, aber doch ganz mild empfunden wird. Alle dieſe Leute ſprachen in einem gewiſſermaßen gedämpf⸗ ten Ton, ungefähr wie Perſonen die bei einem Krankenbeſuch jenes leiſe Geflüſter beobachten das den Kranken in Verzweiflung bringt. Emilie hatte dieſe Art von Zartgefühl geſehen und gehört, und die langen Blicke zu den Fenſtern herauf, das vielfache Kopfſchütteln ſo wie die unendlich variirenden kräftigen und harmloſen Ausdrücke der Theilnahme waren zu gleicher Zeit ſo beunruhigend und ſo comiſch, daß ſie die ſtolze Frau einigermaßen gereizt haben würden, wenn ſie nicht die vollkommene Ueberzeu⸗ gung gehabt hätte, daß Alles darauf abgeſehen ſei das Wohl⸗ wollen dieſer Leute recht deutlich zu erkennen zu geben. Aber das gedämpfte Gemurmel nahm bald ein Ende. Der kleine lebhafte Advocat Siverſen, den wir bei Hjelms Proceß vor Gericht getroffen haben, ſprang jetzt hin und her, ſo geſchäftig als hätte er heute mehrere Advocaten vorzuſtellen. Und jetzt als die Stunde endlich kam, als die Auctions⸗ glocke in der gewaltigen Hand des, damit Betrauten zu ertönen anfing, da ſtand der kleine Alte vor dem im Hof aufgeſtellten Tiſch, mit verſchiedenen Dingen darunter und daneben, und war bei dem erſten Aufruf mit dem Hammer bereit. Hjelm hatte ſo viel gewonnen daß das Unbedeutendſte zuerſt an die Reihe kam. 78 Dies war das Vorſpiel zur größern Auction, als das Ma⸗ gazin ſeine Schätze ſpenden mußte und die Zimmer für die Volks⸗ woge geöffnet wurden. Wie auch der Augenblick war, ſo war er doch herb genug für Emilie, wie es Jedem ergeht, der nothgezwungen eine öffentliche Auction hält. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken. Sie ſtand hinter den Rollvorhängen im Schlafzimmer und ſah hinaus, indem ſie Gott und auch dem kleinen Advocaten herz⸗ lich dafür dankte daß der Anfang nicht allzuſehr in ihrer Nähe ſtattfand. So gewann ſie Zeit ſich zu gewöhnen, ihre Nerven abzuhärten und dem keuchenden Herzen das mit der ſtark tönen⸗ den Glocke im Tacte ſchlug gleichſam Schweigen zu gebieten. Glücklicher Weiſe war ſie jetzt nicht mit ihrem Manne zuſammen. Hjelm befand ſich mit den Knechten auf dem Kornſpeicher. Und obſchon es beim erſten Klang der Glocke in ſeinen Glie⸗ dern zuckte, ſo fuhr er doch ungeſtört in ſeinen Geſchäften fort und begab ſich aus dem Magazin nach der Packbude, wo er ebenfalls viel zu thun hatte.. „Höre, Guſtav, haſt Du je einen ſolchen Mann geſehen, wie unſer Patron iſt?“ fragte Janne, der ebenfalls in der Pack⸗ bude ein Geſchäft gehabt hatte.„Er iſt ſo ruhig als handelte es ſich um fremdes Eigenthum, und er ſprach ſo ordentlich wie gewöhnlich zu mir. Gib wohl Acht im Laden, ſagte er, wenn der Zudrang recht ſtark wird; aber haltet Euch ſtreng an meinen Befehl und ſchenket mir keinen Branntwein aus. Ich hoffe, fügte er hinzu, daß Ihr Beide, Du und Guſtav, heute recht genau auf das Beſte des Hauſes ſehen werdet.“ Guſtav rieb ſich im Augenwinkel, als wollte er etwas nicht Hiehergehöriges entfernen.„Ich fühle es an mir ſelbſt,“ ſagte er,„daß mein Patron heute ſchwer zu leiden hat; aber nicht Alle jammern, wenn die Brandwunde ſchmerzt.“ „Nein,“ antwortete Janne, eer iſt wie von Stein. Seit dem Klau⸗ gewo der 4 ſamm ſo le wird Guſta Bran verkat die L aufpfl noch Angſt 3 woller herein eigentt G hielt ſ ohne d den hi zwei 9 thaler zwei 9 Zwei zwei 9 Du nie ausreic genug tliche und herz⸗ Nähe erven Lönen⸗ bieten. nmen. eicher. Glie⸗ n fort vo er eſehen, Pack⸗ andelte ch wie wenn neinen „fügte genau s nicht ſagte r nicht Seit 79 dem großen Unglück mit Holt— der mich beinahe auch in ſeine Klauen gelockt hätte— iſt der Patron immer ernſter und ſteifer geworden. Es ſieht aus, als ob er es ſelbſt nicht wüßte daß der Handel aus einem Berg bis zu einem kleinen Erdhügel zu⸗ ſammengeſchrumpft iſt.. Aber ſtill— ſo lange es jetzt noch ſo leer iſt, laß uns am Fenſter Beobachtungen anſtellen. Es wird bald Leben ins Spiel kommen.“ „Noch größeres Leben wird heute Abend kommen,“ ſagte Guſtav nachdenklich.„Denn wenn auch heute kein Tropfen Branntwein verkauft wird, ſo iſt doch in dieſen Tagen ſo viel verkauft worden, daß die Kneipen hinreichend verſehen ſind und die Liebhaber ſich wohl heute Nachmittag am ganzen Strande aufpflanzen werden.“ Während die Commis ſo im Laden plauderten, ſtand Emilie noch immer beinahe ſchwindelnd und nicht ohne Symptome von Angſt vor ſich ſelbſt hinter der Gardine. Warum hatte ſie keine ihrer Freundinnen bei ſich haben wollen? Wenn ſie nun ſchwach wurde— und wenn Ake dann hereinkam! Sie hatte es nie recht begriffen, wie eine Auction eigentlich ausſah. Und dies war blos der Anfang. Sie wollte vom Fenſter weggehen, aber eine geheime Macht hielt ſie dort zurück. Wohin hätte ſie überdies gehen können, ohne den Aufruf des Auctionators und die Stimmen der Bieten⸗ den hören zu müſſen? „Eine Partie leerer Viertel... drei Reichsthaler... zwei Reichsthaler und vierundzwanzig Schillinge... zwei Reichs⸗ thaler und vierundzwanzig... zwei, Reichsthaler und zwölf... zwei Reichsthaler... zwei Reichsthaler!... Geboten!.. Zwei Reichsthaler und ein... zwei Reichsthaler und zwei... zwei Reichsthaler und zwei... Nun, ſo bietet doch... Siehſt Du nicht, Per Olsſon, daß es für den ganzen Winter zur Feuerung ausreicht... Zwei Reichsthaler und drei... wohl aufgepaßt auf den Zuſchlag... zum erſten Mal... zwei Reichsthaler und vier... Zum erſten... zum zweiten... zwei Reichs⸗ thaler und fünf... ei, ſo zaudert doch nicht ſo lange... ver⸗ dammt wohlfeil... zwei Reichsthaler und fünf... zwei Reichs⸗ thaler und acht... Nun, das iſt ſchön von Dir, Du machſt ein gutes Geſchäft, Nils Larsſon... zwei Reichsthaler und neun Schillinge... Gebt Acht auf den Zuſchlag... Zwei Reichsthaler und neun... Niemand mehr?... Zwei Reichs⸗ thaler und neun Schillinge... zum erſten... zum zweiten ... und.. zum dritten Mal!“ Der Hammer fiel. „Nein, das iſt entſetzlich— das iſt hölliſch!“ Der Hammerſchlag warf Emilie auf einen der vier Stühle nieder die in dem großen leeren Schlafzimmer ſtanden. Ein unwiderſtehliches Zittern überkam ſie... ſie wurde bange. Sie ſchaute ſich nach einer helfenden Stütze um. Da traf ihr Auge das Portrait über dem leeren Sofaplatz. Es war ihres Gatten edles und ernſtes Geſicht das mit ſo ſprechenden Blicken auf ſie herabſah. Und obſchon jetzt wieder derſelbe eintönige Klang vom Hof herein tönte, ſo fühlte ſie es doch nicht auf dieſelbe Weiſe. Sie eilte zu dem Portrait hin, nahm es herab und lieb⸗ koste es ſo zärtlich, wie ſie jetzt ihren Gatten nicht geliebkost haben würde: dem Portrait vertraute ſie ihre Schwäche an, es bekam ſogar einige Thränen von ihr. Aber hernach erheiterte ſich wieder Alles um ſie her. Die Thränen vurden abgetrocknet, der Muth wuchs von Neuem, und nachdem ſie das Bild des Mannes dem ſie ſo innig zugethan war an ſeinen Platz gehängt ging ſie wieder ans Fenſter, um ſich von ihrer Stärke zu über, zeugen. Und ſie hatte ſich nicht getä ht: und ſie konnte jetzt mit Klarheit und Beſonnenheit an die bevorſtehenden Stunden denken, wo die Auction kein Vorſpiel mehr ſein, ſondern wie ein großer Kehrwiſch über ihr ganzes Gebiet hingehen ſollte. — ſich am theil⸗ und tende Hand um d Ganz Waſſe ſo ſta die al für e mern, Eva Füßen Racher C Mütte die To bekomn ſollten die ar Köpfen einen es gle bei der „Gib d U Car — galer ichs⸗ ver⸗ ichs⸗ achſt und Zwei eichs⸗ eiten btühle vurde aplatz. nit ſo n Hof lieb⸗ jebkost an, es heiterte pocknet, ld des gehängt a über, te jetzt btunden on wie llte. 81 Es war jetzt drei Uhr Nachmittags vorüber. Ein Stillſtand war eingetreten, während Herr Siverſen ſich eine kleine Raſt gönnte um zu Mittag zu eſſen. Und die Leute hatten ſich in Dutzenden von Gruppen außen am Strand niedergelaſſen, theils bei ihren eigenen Eßkörben theils auch an den Tiſchen und Kiſten die von erfahrenen Markt⸗ und Auctionsweibern gehalten wurden, einer Art von Marke⸗ tenderinnen die es nicht verſchmähten den Kneipwirthinnen ins Handwerk zu pfuſchen, und die daher manchen ernſten Strauß um den vornehmſten Platz mit ihnen zu beſtehen hatten. Das Ganze glich einer bunten Marktſcene die ſich auf dem ruhigen Waſſer abſpiegelte. Für den Augenblick konnte ſich jedoch keine der Wirthsdamen ſo ſtarken Zuſpruchs rühmen, als die große Pfefferkuchenmaja, die alle Arten von Pfefferkuchenwaaren hatte, von einem Herzen für einen halben Stüber an bis zum Vieh, zu Schafen, Läm⸗ mern, Ferkeln, Hunden und Kühen, ja hinauf bis zu Adam und Eva im Paradies, nebſt der Schlange, die ſo zahm zu Eva's Füßen lag daß dieſe ganz zierlich den Apfel aus dem offenen Rachen des Ungeheuers nahm. Die Kinder lärmten und krakelten voll Entzücken, und die Mütter kauften von den Stüberherrlichkeiten und ſteckten ſie in die Taſchen, mit dem Verſprechen daß die Kleinen ſie am Abend bekommen ſollten, wenn ſie müde und ſchläfrig würden: für jetzt ſollten ſie ſich mit dem Sehen begnügen. Und Gott weiß daß die armen Kinder zuſahen, ſo daß ihnen die Aeuglein aus den Köpfen hätten rollen mögen, als ein ſtattlicher Junggeſell für einen Zwölfſchilling ſich des ganzen Paradieſes bemächtigte und es gleichſam als ein Symbol ſeiner Herzliebſten anbot, die er bei der Hand hielt, und die dann ganz verſchämt ſagen konnte: „Gib dem Kleinen ein paar Herzchen, damit er wieder wegſieht.“ Und ſo bekam der Kleine Herzchen, ehe er noch am Abend Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 6 82 widerwärtig und ſchläfrig wurde. Und als der Advocat Siverſen herauskam, kaufte er ſein ganzes Nastuch voll und ſtreute Her⸗ zen und Ferkel auf eine ebene Felſenplatte hin, wo bald ein ganzer Krieg im Kleinen zum Ausbruch kam. Dies war des alten Advocaten einzige Zerſtreuung, und wenn die Kinder und die Pfefferkuchen auf der Platte um einan⸗ der herrollten, da lachte er ſo daß ihm die Thränen in die Augen traten. Die Auction, die Vormittags vom Hof bis in die See⸗ buden und Magazine gekommen war, ſollte eben jetzt im Saale beginnen. Eine Menge von Scheerenherren war bereits angekommen, und jetzt begannen die Capitäne und Patrone, die Bauern und die Bootsleute mit gewaltigem Geräuſch hereinzutreten. Aber jetzt war Emilie an die Sache gewöhnt. Sie war wieder dieſelbe praktiſche Frau die wir am Morgen gefunden, und ſie gedachte ihrem Manne erſt in ſpäter, ſpäter Zeit von der Anwandlung von Schwäche zu erzählen die beinahe ihre ganze ſtattliche Kraft über den Haufen geworfen hatte, dieſe Kraft die ein vierfaches Gemiſche von Gottesfurcht, Geiſtesgegen⸗ wart, Romantik und inniger Kindlichkeit war, das Ganze von einem Band umſchloſſen an welchem der Stolz jeden Faden ge⸗ ſponnen hatte. Ihren Ake hatte ſie nur einige Augenblicke getroffen, als er mit Siverſen vom Mittageſſen gekommen war, und da hatte er ganz munter ausgeſehen. Der Gattin liebender Blick fürchtete jedoch, daß dieſe Ober⸗ fläche nur eine künſtlich hinaufgeſchraubte Kraft ſein möchte. „Aber gleich viel,“ dachte ſie im Stillen,„es wird wohl auch heute Abend werden, und dann... dann... doch nein,“ fügte ſie heldenmüthig hinzu,„man darf nicht einmal vor ſich ſelbſt ſchwach werden, denn ſobald man dem Bedürfniß nach Klage ich m verlie halten S ſten S anderr f kommt Wegs der ſos nirt, d den er „ ſchon z der Aſ 22 daß es Benehm Ordnun piepe. zuerkenn freude ſ „E plimente ich mich Kaufman macht m freiwillig mer wäre Wir hoffe kommen. Beſitzthun biverſen te Her⸗ ald ein g, und einan⸗ in die 2 See⸗ Saale mmen, n und e war unden, it von e ihre dieſe gegen⸗ 2 von en ge⸗ , als hatte Ober⸗ böchte. auch nein,“ r ſich nach 83 Klagen einmal nachzugeben angefangen hat, ſo... Ach nein, ich will Ake keine Veranlaſſung bieten ſeine Standhaftigkeit zu verlieren. Wir bedürfen ihrer ſo ſehr, um uns aufrecht zu er⸗ halten.“ Aber juſt als ſie beim erſten Gebot auf eine der werthvoll⸗ ſten Sachen zuſammenfuhr, wurde ſie ganz plötzlich von einem andern weit unbehaglichern Gefühl ergriffen. „Weſſen Wagen raſſelt jetzt die Felſenplatten herab? wer kommt ſo eilig in den Saal herein und wer geht ſo geraden Wegs nach dem Schlafzimmer? Wer anders als Moß ſelbſt, der ſogleich in Ausdrücken der freundlichſten Theilnahme ſuppo⸗ nirt, die junge Frau werde ihm einen Wunſch nicht abſchlagen den er vorzubringen gedenke. „Welchen Wunſch, Herr Moß?“ antwortete ſie artig, aber ſchon zum Voraus fürchtend, ihr Stolz der fortwährend unter der Aſche glomm werde einen Kampf zu beſtehen bekommen. „Nun, ſo hören Sie... Zuvörderſt aber ſupponire ich, daß es mir unmöglich wäre meine Meinung über Ihr eigenes Benehmen bei dieſer Gelegenheit zu verſchweigen. Raſch, voll Ordnungsſinn, mit klaren Gedanken und ohne weinerliches Ge⸗ piepe... ſo Etwas iſt ſelten und es macht mir Freude es an⸗ zuerkennen, wie es auch meiner Frau und Tochter eine Herzens⸗ freude ſein wird es zu vernehmen.“ „Ei, was fällt Ihnen ein, Herr Moß, daß Sie mir Com⸗ plimente machen, weil ich meine Pflichten ſo genau kenne daß ich mich ohne Zögern und Klage ins Unvermeidliche füge? Eines Kaufmanns Frau muß auf ſchnelle Wechſel gefaßt ſein, und es macht mir Vergnügen Sie daran zu erinnern daß wir eine freiwillige und keine executionsmäßige oder— was noch ſchlim⸗ mer wäre— durch die Concursmaſſe veranſtaltete Auction halten. Wir hoffen trockenen Fußes über unſere Sturzwellen hinüberzu⸗ kommen. Wo nicht, ſo muß doch wohl ein Kaufmann ſein eigenes Beſitzthum dahinfahren laſſen, ehe er fremdes Gut opfert.“ 84 „Frau Hielm, erlauben Sie mir daß ich Sie als ein alter Freund umarme. Supponire daß ich dieſe Rede nie in meinem Leben vergeſſen werde. Nächſt meiner eigenen Tochter habe ich nie ein ſo muthiges, ehrenhaftes und verſtändiges Frauenzimmer geſehen. Jetzt aber gehts draußen wacker drauf los— was zum Teufel war gerade unter dem Hammer? Ich muß dabei ſein, damit Alles hinaufgetrieben wird..Jetzt zu meiner Bitte.. „Und dieſe lautet, Herr Moß?“ „Kurz und gut, ich kann nicht lange den Delicaten ſpielen und Umſchweiſe machen. Mein Wunſch iſt auf Rechnung der Herrſchaft die reſtirenden Möbel im Schlafzimmer ſo wie einiges Geräthe für den Salon erſtehen zu dürfen. Nun, nun, ſehe wohl daß die Augen ſich verfinſtern. Aber ſupponire daß es für die Länge weniger angenehm wäre die Bequemlichkeiten i entbehren an die man gewöhnt war.“ „Beſter Herr Moß, meine Dankbarkeit iſt ſo tief daß ic ſie nicht ausſprechen kann. Aber laſſen Sie das junge Hau⸗ jetzt ſeine Bekümmerniſſe ſelbſt auf ſich nehmen und ſich nau beſten Kräften durchſchlagen... Haben Sie meinen Mann ſchot getroffen, Herr Moß? Er würde es gewiß nicht gutheißen wenn ich auf Ihren Vorſchlag einginge.“ „Nun, ſo ſprechen wir nicht weiter davon. Meine Tochte bat zuerſt und zuletzt, Sie, Frau Hjelm, möchten ihre Zimme ganz ſo betrachten wie wenn ſie Ihnen gehörten. Jetzt ſuch ich Hjelm auf, aber wo ſoll ich ihn finden?“ „Hier, Herr Moß,“ antwortete Hjelm eintretend.„Ich hatt im Laden zu thun— dort geht der Verkehr heute ſehr ſtar Das andere Geſchäft iſt nicht der Rede werth: es gehört zun gewöhnlichen Gang des Lebens. Heute oben, morgen unten un ſo umgekehrt.“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn Ihr nicht zwei prät tige Leute ſeid! Das iſt das Wort... Jetzt aber nicht lang geplaudert— ich will hinaus und Leben in die Auction bringe 4 Laſſe ſers Einl aber Hjelr als Win ſicht raſch aufhi ſo gi ſich! dern ken für d helfen drau lichen Aufg Schil verka Heim ſchon aufbr ein alter meinem habe ich enzimmer was zum abei ſein, Zitte... n ſpielen aung der ie einiges zun, ſehe e daß 6 keiten zu f daß i nge Hau ſich nat kann ſchol gutheißen ne Tochter re Zimme Jetzt ſuch „Ich hatt ſehr ſtan gehört zum unten uil zwei prät nicht lang ion bringe 8⁵ Laſſen Sie mich über die Ladenſtube und eine Partie heißen Waſ⸗ ſers disponiren. Ich mache ſelbſt meine Requiſitionen, um eine Einladung auf Toddy ergehen zu laſſen.“ Hjelm war ganz und gar nicht entzückt über dieſe Ausſicht; aber Moß war es der das Wort ggeſagt hatte, und nun war Hjelm feſt überzeugt daß die Ladenſtube für den ganzen Abend als Schenkzimmer würde herhalten müſſen. Sobald Moß ſich im Saal zeigte, ging ein friſcher kühler Wind durch die ganze verſammelte Geſellſchaft. Auf jedem Ge⸗ ſicht ſtand die Ueberzeugung zu leſen daß der Hammer erſt jetzt raſch in den Gang kommen würde. Moß und die vornehmſten Herrn überboten einander un⸗ aufhörlich. Die reichſten Bauern wollten nicht nachſtehen, und ſo ging Gebot auf Gebot, ſo daß nicht blos die geringeren Leute ſich höchlich über ſolche Auctionsausrufungen verwunderten, ſon⸗ dern auch Emiliens Herz voll Entzücken klopfte bei dem Gedan⸗ ken an die anſehnliche Einnahme die ihrem Mann, zum Lohn für das gebrachte Opfer, bei ſeinem Handel wieder auf die Beine helfen würde. Inzwiſchen waren die Mitglieder der Herrengeſellſchaft draußen in der Ladenſtube und erfriſchten ſich mit einem herr⸗ lichen Toddy, und nach jeder ſolchen Erfriſchung gingen auch die Aufgebote friſcher von Statten. Es war beinahe nicht mehr von Schillingen die Rede, ſondern die Reichsthaler tanzten rundumher. Um halb eilf Uhr Abends war beinahe Nichts mehr un⸗ verkauft im Hauſe. Moß war, da er ſeinen Damen baldige Heimkehr verſprochen hatte, in Begleitung ſämmtlicher Herrn ſchon frühe abgereist, und nun begann der große Caravanen⸗ aufbruch zu Waſſer und zu Land. So Etwas hatte Emilie ſich nicht träumen laſſen. Selbſt 86 die Angſt die ſich im Gefolge dieſer neuen Scene bei ihr einge⸗ ſtellt hatte, hielt ihren Muth mit Macht aufrecht. Der Saal war beinahe verlaſſen, und es waren nur noch etliche Leute da welche die Sachen forttrugen die ſie mitnehmen wollten. Aber der Hof war eine einzige wogende Maſſe, wo der von den Caffeſiederinnen und Schenkwirthinnen dargebrachte Branntwein einen ſchrecklichen Lärm verurſachte. Die Männer ſchrieen, krakelten, zankten und fluchten, wäh⸗ rend eine lächerliche Art von Tauſchhandel und Wiederverkauf der erſtandenen Waaren ſtattfand. Ueberdies hatte der Eine die Hälfte von den Sachen eines Andern in ſein Boot genom⸗. men und ſo umgekehrt. Ein Theil verlangte Waaren aus dem Laden, ein Anderer hatte ſeine Waaren im Gedräng verloren, und nun erſcholl es untereinander: „Halvar, habt Ihr meinen Backtrog mitgenommen?“ „Nein, das habe ich nicht, aber Ihr habt gewiß in Euer Boot meine Baſtmatten genommen, worein ich die Porzellan⸗ ſchüſſeln gelegt hatte.“ „O weh, wo ſind meine Caffebohnen hingekommen? Ich hatte ſie in mein gelbgewürfeltes baumwollenes Tuch gebunden. Haſt Du ſie weggenommen, lieber Johannes?“ „Dumme Gans, warum ſoll ich ſie weggenommen haben? Aber wo haſt Du den Tabak?“ „Haſt Du ihn mir gegeben? Nein, das haſt Du wahrlich nicht gethan.“ „So, ſo, ſagte ich Dir nicht, Du ſolleſt den Tabak halten, während ich wegging um mit Niſſe von Vrängö zu reden, der mich überboten hatte?“ „Aus dem Weg!“ ſchrie ein Anderer der herausgeſtürzt kam;„ſeht Ihr nicht daß wir Sachen zu tragen haben? Nun, wer will den Tiſch? Ein Reichsthaler und vier Schillinge. Denke, ich bin ein eben ſo guter Auctionator wie Siverſen... Aber der Teufel ſoll mich in ſeinen Sack ſtecken, wenn Ihr Euch nicht einge⸗ noch hmen wo rachte wäh⸗ rkauf Eine nom⸗ dem oren, Euer llan⸗ Ich nden. ben? rlich ſtten, der ürzt lun, nke, lber nicht 87 beeilen müßt— das Geld brauche ich baar auf der Stelle als Handgeld für Sven auf Nöddö, der die Spieldoſe nicht anders hergeben will.“ „Warte, warte, ich will ſchon zuſehen— aber ſteh nicht ſo nahe zu meiner Brieftaſche hin, Du liederlicher Schlingel!“ „Fort, fort von da— Ihr tretet ja mein Kind zu Tode!“ erſcholl eine bekümmerte Mutterſtimme...„Herr Jeſus, jetzt zerſchlagt Ihr mir den König auf meinem Glasgemälde.... Aber wo habe ich nur den Kronprinzen hingebracht? Ach richtig, er liegt in meiner Taſche bei den Pfefferkuchenferkeln.“ Und ſo wurde gelärmt, getobt und geplaudert, bis Eines ums Andere in die Boote hinabtaumelte..... Und gleichzeitig begann das Geraſſel der wegfahrenden Karren unter unaufhörlichem Geſchrei der Weiber:„Setz Dich doch aufrecht, Pehr, ſonſt fällſt Du auf die Naſe— halt Dich hinten feſt. Ich habe genug mit den Zügeln zu thun.“ Oder: „Lieber Bernt, Du biſt ſo ſchläfrig. Laß mich jetzt fahren, ſonſt ſchläft das Pferd auch ein. Ich will auch die Cognacklaſche halten, damit Du gemächlich ſchlafen kannſt.“ „Die Zügel kannſt Du haben, aber für die Cognacflaſche will ich ſelbſt ſorgen, und verfalle ich in einen kleinen Schlaf, ſo ſpiele ſie mir nicht aus der Hand, denn ich habe meinen Verdacht daß Du ſie nicht ſo gut verſorgſt, wie ſie verſorgt ſein will.“ Aber auf andern Karren, wo die Männer nicht ſchläfrig waren, da ging es aus einer andern Tonart: „Nimm Deine Zunge in Beſchlag, Brita⸗Kajſa, ſonſt kneipe ich Dir ſie ganz ſäuberlich ab. Weißt Du nicht ſo viel aus der Schrift, während Du doch jeden Sonntag dem Leſerprieſter nach⸗ läufſt, daß die Zunge ein gefährliches Glied iſt? Und bringſt Du mich noch mehr in böſen Humor, ſo ſtelle ich Dich hier auf dem Weg ab, dann kannſt Du zu Fuß heimkommen.“ 88 „Jetzt fährſt Du gerade auf den großen Stein los, Ha⸗ kan... O weh, o weh— da gehts ſchief— wir werfen um.“ „Ei,“ rief Hakan,„ſoll man nicht auch ein kleines Vergnü⸗ gen haben, wenn man von der Auction kommt?.... Sieh, da ſteht der Karren wieder aufrecht. Jetzt ſetze ich mich in aller Kurzweil hin und lache über die ganze Geſchichte, während Du daliegſt und heulſt und die Sachen auflieſeſt. Aber zerdrücke mir meine Porterflaſche nicht, denn ſonſt kannſt Du Dich darauf verlaſſen daß es mit dem Lachen ein Ende hat. Ei zum Hen⸗ ker, hat nicht ſo eben Etwas gekracht? Du alte dumme Gans, konnteſt Du Dich nicht in Acht nehmen? Aber haſt Du Deinem Mann ſeine Freude verdorben, ſo ſollſt Du dafür nach Hauſe gehen.“ „Nein, ſo unmenſchlich kannſt Du nicht ſein, Hakan. Du erinnerſt Dich doch daß Du mir heute früh im Aerger und in der Eile den Fuß zwiſchen die Thüre geklemmt haſt, ſo daß ich nicht gehen kann.“ „Dann will ich barmherzig ſein. Aber das ſage ich Dir daß Du auf keine Caffebohnen zu warten brauchſt, wenn ich das nächſte Mal aus der Stadt komme; denn Wurſt wider Wurſt, ſagt der Deutſche und Hakan auch.“ Endlich war der letzte Karren und das letzte Boot ver⸗ ſchwunden. Herr Siverſen hatte ſoupirt und war abgereist. Ein dum⸗ pfes Schweigen herrſchte jetzt in den Zimmern auf Svartſkär. Hjelm und ſeine Frau trafen ſich im Saal.. Welch ein Anblick! welch eine Atmoſphäre! Der Boden noch ärger zugerichtet als in einem Stall, überſtreut mit allerlei Kleinigkeiten, Cigarrenſtümpchen und Abfällen von den einge⸗ kauften Waaren— die wunderlichſte Miſchung von Dieſem und Jenem. 89 „Laß uns um Gotteswillen von da wegeilen,“ ſagte Hjelm mit einem Froſtſchauer.„Haben wir ein Bett im Schlafzimmer oder wie ſteht es?“ „Unſer eigenes, geliebter Ake.“ „Unſer eigenes— aber es war ja auch draußen. Moß wird doch nicht... Das möchte ich um keinen Preis haben.“ „Nein, ich lehnte ſein freundliches Anerbieten ab. Aber ich konnte ein anderes nicht ablehnen das mir auf eine andere Weiſe gemacht wurde.“ „Was meinſt Du?“ „Der alte Siverſen kam haſtig zu mir hereingeſprungen und ſagte: Liebe Frau Hjelm, laſſen Sie mich unter allen Um⸗ ſtänden das Bett wieder hineinſtellen. Ich habe es für meine eigene Rechnung erſtanden. Es ſoll im nächſten Jahr zur Aus⸗ ſteuer meiner Tochter gehören, aber wenn es bis dahin hier ſtehen bleiben könnte, ſo wäre es gut— ich möchte nicht gern daß ſie es ſehen ſollte, bevor der Tag kommt.“ „Die ehrliche Seele!“ rief Hjelm gerührt.„Da war nicht zu widerſtehen, und hilft Gott uns wieder auf, ſo ſoll Mamſell Siverſens Ausſteuer nicht darunter leiden, wenn ſie auch dieſes Bett nicht bekommt. Aber Gott ſei Dank, daß Du die Gefällig⸗ keit von Moß ablehnteſt. Er war heute ausgezeichnet freund⸗ ſchaftlich, aber ſein Wohlwollen würde gar zu geräuſchvoll ge⸗ worden ſein.“ Emilie war glücklich daß ſie ihren Ake weniger niederge⸗ ſchlagen ſah als ſie gefürchtet hatte. Er war glücklich wegen der Kraft die er bei ihr gefunden, weil die Auction vortheilhaft ab⸗ gelaufen, und beſonders weil dieſer qualvolle Tag jetzt vor⸗ über war. Du heute entwickelt haſt?.... Aber komm, laß uns Ruhe ſuchen... Ich bin ſo müde, ſo müde!“.. 2 9„* 90 Und ſie ruhten in holdem ſtillem Frieden. Inzwiſchen thaten Uljana und die Köchin das Einzige was ſie thun konnten um ihrer Herrſchaft ihre Theilnahme zu bewei⸗ ſen. Sie ſcheuerten nämlich in der Nacht alle Zimmer, ſo daß am Morgen keine andere Zeichen von Verwüſtung mehr ſichtbar waren, als daß man die Möbel wie zum Putzen weggeſtellt hatte. Ehe die Mittagsſtunde ſchlug, war inzwiſchen kein Stuhl mehr im Wohnzimmer und im Salon zu ſehen. Aber auch da noch lächelte Emilie, während ſie ſich alle möglichen Gedanken machte, wie ſie dem Mangel am Nothwen⸗ digſten abhelfen ſollte. Glücklicher Weiſe hatte Ake eine wichtige Reiſe zu machen die ihn bis gegen Abend entfernt hielt. Während dieſer Zeit hielt die junge Frau Umſchau auf den Böden des Wohnhauſes, um zuſammenzuraffen was ſich aus ältern Zeiten noch vorfinden mochte. Und ſie war ſo reich mit Eingebungen geſegnet, daß ſie überzeugt war, ſie würde noth⸗ wendig etwas ganz Prächtiges zu Stande bringen, bis Ake nach Hauſe käme. Einige Male fühlte ſie ſich indeß verſucht ihre Geſchäfte lie⸗ gen zu laſſen und einem dringenden Verlangen nach einer brief⸗ lichen Herzensergießung gegen ihre Mutter Raum zu geben. Aber ſie überwand ihren Wunſch, weil ihr dies zu viel Zeit geraubt hätte. Am folgenden Tag ſollte dies ihre Belohnung ſein, und da konnte ſie auch erzählen wie gut ſie ſich in ihre neue Lage gefunden hatte. 2———:j was bewei⸗ o daß chtbar geſtellt Stuhl h alle hwen⸗ nachen ff den aus h mit noth⸗ nach te lie⸗ brief⸗ geben. [ Zeit hnung mihre I 91 Neununddreißigſtes Kapitel. Die Maiblume und die kleine Heilige auf der Wanderung. Am folgenden Vormittag gingen Thorborg und Majken, die am Morgen ins Pfarrhaus gekommen war, ſchon früh am Ufer hin, um vor ihrem Beſuch bei Emilie in einigen Hütten einzuſprechen, wo ein armer Kranker auf ſeine Schutzheilige und Aerztin wartete. Während Majken blos auf dem Herd oder auf einem ab⸗ geräumten Klotz ſitzen blieb, trat Thorborg zu dem auf dem Schmerzenslager ringenden Patienten vor und erhob ihre milde Stimme in zärtlichen Ermahnungen zur Geduld und freundlichen Verſicherungen, daß am Ende des Kampfes die Hoffnung auf Frieden winke. Zugleich ſpendete ſie Pflege und Arzneimittel und theilte Majkens Geſchenke aus, ſo daß ſie aus jeder Hütte die ſie betraten ſelbſt mit Segen überſchüttet herauskamen, Thor⸗ borg aber hundertfach mehr, denn ihre weißen Händchen legten die groben Betttücher zurecht und erfriſchten die brennende Stirne des Kranken mit kühlenden Umſchlägen. „So,“ ſagte Majken, als ſie ihre Geſchäfte vollendet hatten, „ſo könnteſt Du Dein ganzes Leben hinbringen und ohne etwas Weiteres glücklich ſein.“ „Ja, da es der Wille des Herrn ſo war,“ antwortete Thorborg ergebungsvoll. Majken ſchwieg einen Augenblick. Sie ſchaute ihre Freun⸗ din prüfend an. Aber dieſe fügte unter leichtem Erröthen ſchnell hinzu: „Glaubſt Du nicht daß es jetzt Zeit wäre uns direct nach Spartſkär zu begeben? Ich hoffe, Emilie wird nicht gar zu un⸗ 92 zufrieden ſein, ſelbſt wenn nicht Alles bereits abgeholt ſein ſollte.“ „Ich glaube daß dies beſtimmt ſchon der Fall iſt. Unter allen Umſtänden werden wir ſie leicht mit unſerer Anweſenheit verſöhnen. Die gute, vernünftige und liebenswürdige Emilie! Papa war ganz entzückt von all ihren ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften und hat auf's kräftigſte ſeine Theilnahme an ihr und Hjelm ausgedrückt:„Ein prächtiger Kerl, läßt die Flügel nicht hängen! Nicht zwei unter hundert hätten mich an ſeiner Stelle mit Jammern um Hilfe unbeläſtigt gelaſſen“... Ich hatte, wie Du Dir wohl denken kannſt, meine innigſte Freude daran, denn ich kann mich nicht erinnern daß ich Papa jemals aus Theilnahme an einem andern Menſchen ſo gerührt geſehen habe.“ „Ach, ich ſah ſchon vorgeſtern wie Beide den geſtrigen Tag hinnehmen würden. Was Emilie für ein Weib geworden iſt!... Aber glaubſt Du daß Dein Vater etwa Abſichten haben könne?“ „Gott weiß... Es kommt mir wirklich vor, als ob Etwas in ihm läge und keimte; was, kann ich nicht begreifen und ich hüte mich wohl zu fragen.“ „Du ſparſt Deine Fragen noch ein wenig auf. In ein paar Monaten iſt Gudmar nicht mehr Jachtlieutenant, und dann wird Onkel Moß vielleicht endlich auf Dein langes Entſagen und Schweigen Rückſicht nehmen.“ „So wenig als jetzt“— eine Wolke ging über Majkens klare Augen—„Papa nimmt niemals einen Zollbeamten als Schwiegerſohn an.“ „Mein Gott, Majken, Du ſprichſt ja jetzt die beſtimmteſte Ueberzeugung aus daß aus Eurer Ehe nie Etwas werde.“ „Das iſt auch meine Ueberzeugung,“ antwortete Majken mit einer tieferen Nuance ihrer Stimme. Aber laß uns unſere Seelen nicht vor der Zeit verdüſtern! Ich will meinen Muth aufrecht erhalten... blos dieſes vertrauliche Stündchen hier“... ‿——2— 93 „Majken, Majken, es iſt nicht Alles wie früher. Es will mich bedünken, als hätte Deine Hingebung einen mir unbegreif⸗ lichen Zuſatz erhalten. Du liebſt Gudmar ſo innig...“ „Ja, meine gute Thorborg, ich liebe ihn innig.“ „Und Du biſt vollkommen zufrieden mit ihm?“ „Wie kannſt Du ſo fragen?“ „Ich weiß nicht. Es war wirklich eine eigene Frage. Gud⸗ mar betet Dich an und ſein ganzes Leben hat keinen andern Zweck als Dir ſeine Liebe zu beweiſen. Glaubſt Du daß es irgend ein Opfer gebe das er nicht für Deinen geringſten Wunſch bringen würde?“ „Es wäre ja unvernünftig—“ Majken erröthete ſtark— „wenn nur die Liebe ſo wirken ſollte. Aber laß uns jetzt nicht länger von mir ſprechen. Vielleicht iſt das Glück uns weit näher, als wir jetzt ſehen können. Und ſollte es nicht auf die Art ein⸗ treffen, wie ich es zu betrachten mich einmal gewöhnt habe, ſo lerne ichs von Dir, daß es auf Erden vielerlei Arten von Liebe gibt, die uns dazu helfen diejenige zu veredeln welche wir in unſerm Herzen am höchſten ſtellen.“ „Von mir wollteſt Du lernen? von mir?“ Die Lilien auf Thorborgs Wangen verbargen ſich in einer feinen Roſenwolke. Sie ſchaute ſich zitternd um, gleich als fürchtete ſie, es möchte Jemand dieſe Worte gehört haben. „Meine Thorborg, ſollten wir Beide Geheimniſſe vor ein⸗ ander haben? Habe ich Dich nicht in dieſem Winter ſo genau beobachtet? Nie biſt Du thätiger geweſen. Ich weiß daß Schnee, Eis und Sturm Dich nicht hindern die Unglücklichen in allen Gegenden zu beſuchen, und nie wallte Dein Herz mehr von Men⸗ ſchenliebe über, aber es hat ſich nicht mit demſelben friſchen Ge⸗ fühl wie früher dabei betheiligt. Warum war es ſo? Nun, weil dieſes für ſo Viele hilfreiche Herz einmal einer Seele geholfen hat welche deſſen eine Hälfte mit ſich nahm, als ſie den Bott⸗ nafjord verließ.“ 94 „Majken, Majken, kannſt Du mich ſo weit treiben daß ich mich vor mir ſelbſt ſchämen muß? das iſt bitter... Aber ſo machte er es auch. Er zeigte mir daß ich, die Ihr immer ſo hoch ſtell⸗ tet, ein ſehr fehlerhaftes Geſchöpf bin. Das iſt es juſt...Aber, mein Gott, ich fürchte daß er nur allzu ſehr Recht hat... denn theilweiſe heuchle ich ſogar in dieſem Augenblick... Es gibt je⸗ doch eine Heuchelei zu welcher man gleichſam durch die Schaam gezwungen wird.“ „Laß uns einen Augenblick hier am Ufer niederſitzen, meine Thorborg, und erlaube daß ich Dir meine höchliche Verwunde⸗ rung darüber ausdrücke, daß Du, ein ſo einfaches und rechtlich denkendes Weſen, Dich vor einer Freundin, vor einer Schweſter ſchämen kannſt, wenn Gott Dich zum Bewußtſein des Höchſten und Schönſten erweckt hat was er uns gegeben, nämlich zur Liebe.“ „Aber wenn man kein Recht dazu hat“... ſtammelte Thorborg. „Verlangt man auch ein Recht zum Athmen? Gott theilt die Gaben aus. Selig, wer die Liebe gefunden hat, wer innig liebt! Das Loos dieſer Menſchen iſt immer glücklich, mag es ſich nun in die Farbe der Entſagung oder der Seligkeit kleiden, denn die Liebe ſelbſt iſt es welche die Seligkeit ausmacht, indem ſie uns veredelt.“ „Ach, Majken, ich habe vielleicht viel davon gefühlt, aber ich habe mich mit keinem Gedanken über ihr Weſen hervorgewagt. Schon das Wort ſelbſt macht mich zittern, als wäre ich eine Sünderin oder auf irgend eine Art weniger rein.“ „Mein armes liebes Heiligenkind— Du eine Sünderin oder ein weniger reines Weſen, weil Du des ſchönen menſch⸗ lichen Rechtes theilhaftig geworden biſt ein einziges Weſen mit beſonderer Liebe zu umfaſſen.“ „Vor allen Dingen, Majken, wenn Du mich lieb haſt, ſo nenne mich nie mehr Heiligenkind oder Heilige, und gib mir über⸗ 95 haupt nie wieder einen ſo demüthigenden Namen. Wer hat das Recht ſich ſo zu nennen? Und da man dieſes Recht nicht hat, ſo iſt es ſehr unrecht, wenn man nicht jeden derartigen Ausdruck zurückweist.. Es beläſtigt und betrübt mich, wenn Ihr ſo zu mir ſaget.“ „Ich will Dir darin zu Willen ſein, aber was iſt es jetzt weiter?“ „Du glaubſt nicht daß ein Mädchen, wenn es dieſe neuen ſo wunderlichen Gefühle zu verſpüren anfängt, deshalb ſich ſelbſt verachten oder dieſe Gefühle mit Härte zurückſtoßen müſſe?“ „Himmelweit entfernt! Fürs erſte iſt ſie ja vollkommen un⸗ ſchuldig am Erwachen dieſes Gefühles. Der Funken entzündet ſich ohne unſer Wiſſen, und wir ſehen ihn erſt wenn er bereits aufflammt.“ „Und wenn er ſo aufflammt?⸗ „Dann,“ verſetzte Majken,„laſſen wir ihn in Gottes Namen unſer Inneres in allen Winkeln und Ecken beleuchten. Bei ſei⸗ nem Schein ſehen wir unſere Pflichten ſowohl gegen Andere als gegen uns ſelbſt weit beſſer. Und wir pflegen mit inniger Freude das Feuer das ohne unſern Willen zu brennen begonnen hat, deſſen mögliches Erlöſchen wir aber fürchten, wenn wir uns einmal daran gewöhnt haben.“ „Das iſt wahr... ja, ja, das iſt wahr!“ ſagte Thorborg leiſe und wie zu ſich ſelbſt.. „Aber,“ fuhr Majken fort,„was gibt es auf Erden das nicht mißbraucht werden könnte! Für Manchen iſt die Liebe blos eine wilde unbezwingliche Leidenſchaft die zu Vielem führt deſſen man ſich nicht erwehren kann, zu Kämpfen, Stürmen, Wahnſinn, mit einem Wort zum Elend. Solcher Art wird Deine Liebe nie. Behalte ſie daher und bewahre ſie, bis entweder der Mann dem Du das Geſchenk gemacht haſt Dir zum Austauſch die Hälfte bringt die er aufbewahrt, oder bis ſie ſo vollſtändig mit Deiner 96 eigenen Seele verſchmolzen iſt daß ſie mit der allgemeinen oder chriſtlichen Liebe darin ein Ganzes bildet.“ Jetzt ſchlug Thorborg ihre ſchönen Augen auf und ſchaute furchtlos in die Augen Majkens. „Ach, wie nützlich und wohlthuend war es für mich dies Alles zu hören! Jetzt wage ich Dir anzuvertrauen daß ich beim geringſten Schatten einer Furcht, daß juſt Du mein Geheimniß errathen könnteſt, ſchrecklich gelitten habe, wie ich denn überhaupt nur mit Angſt und Beben daran dachte daß irgend Jemand es ahnen könnte. Welch eine Wonne, wenn man ſich nicht mehr vor ſich ſelbſt zu ſcheuen braucht!... Dank, o Dank!..Aber Gud⸗ mar... Du kannſt doch nicht... nein, das kannſt Du nicht!“ „Unmöglich! Du beleidigſt mich, wenn Du noch mehr ſagſt. Hat Emilie nie darauf hingedeutet?“ „Ein einziges Mal— im verfloſſenen Herbſt— ſpäter nie wieder. Sie iſt nicht...“ ...„ſo unbarmherzig geweſen wie ich. Aber bittere Heil⸗ mittel ſind gut. Jetzt ſage mir, Thorborg, haſt Du nicht einige Zeit nach ſeiner Abreiſe einen Brief erhalten? Willſt Du ihn mir zeigen?“ „Gerne. Und jetzt macht es Nichts, wenn Du ſiehſt daß ich ihn bei mir trage.“ Thorborg zog aus ihrer Taſche eine kleine ſeidene Börſe und aus derſelben einen Brief der ſchon wenigſtens hundert Mal geleſen worden.— „Ich fühle ein Verlangen,“ ſagte Majken,„auf ſolche Art mit ihm Bekanntſchaft zu machen. Ein Brief von einem Manne ſeines Schlags muß eine Karte über ſeine Seele ſein.“ „Aber ich bitte Dich, wundere Dich nicht gar zu ſehr, wenn Du den Styl höchſt eigenthümlich findeſt. Du weißt, ich habe Dir geſagt daß“... „Du brauchſt kein einziges Wort mehr hinzuzufügen. Ich werde mein eigener Lootſe ſein.“ oder haute dies beim mniß aupt d es r vor Gud⸗ cht 10 ſagſt. nie Heil⸗ inige ihn daß Börſe ndert Art anne wenn habe Ich 97 Majken entwickelte den nicht ſonderlich langen Brief und las ſtill wie folgt: „Otto Geiſtern an das kleine Elfenmädchen am Bottnafjord! „Nach Flensburg heimgekehrt habe ich dreierlei gethan. „Ich habe mich vor der Rhederei reingewaſchen, und wir ſind mit gegenſeitiger Achtung geſchieden. „Ich habe das kleine Haus mit den hohen Bäumen verkauft, denn es würde mich immer an unſere Traumphantaſien erinnert haben, die ich ſo weit in den Hintergrund zurückdrängen will und zurückdrängen muß, daß ſie nicht mehr zurückkommen. „Fürs Dritte habe ich bereits an der Arbeit zu ſchreiben angefangen die ich herauszugeben gedenke. „Dies iſt es was ich gethan habe. Hören Sie jetzt was ich nicht gethan habe. „Ich bin nicht in Grübeleien verſunken. Ich habe mich nicht der Einſamkeit hingegeben und ich habe das herrſchſüchtige „Lamm“ nicht vergeſſen. „Ach, wie viel Gutes und doch zugleich wie viel Böſes haben Sie mir gethan! „Aber jetzt habe ich— darauf können Sie ſich verlaſſen— keine Furcht mehr vor Ihnen. „In meiner neuen Wohnung, wenn ich an meiner Arbeit ſitze oder bei der Cigarre und einem Spaziergang durchs Zimmer meine Gedanken ordne, ſuche ich mir Ihre Schritte ins Gedächt⸗ niß zurückzurufen— und ich kann Ihnen erzählen daß ich dabei nichts Widerwärtiges oder Beunruhigendes empfinde: es iſt mir ſogar einige Male vorgekommen, als hätte ich nicht das Mindeſte dagegen einzuwenden, wenn ich in Wirklichkeit Sie ſo nahe als möglich zu ſehen bekäme. Ebenſo verhält es ſich mit Ihrer Stimme— welch eine ſchöne Stimme Sie haben— ſie klingt Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 7 98 ſo lieblich vom Bottnafjord über den Sund hin bis hieher. Ich zaubere mir oft auch Ihr elfenartiges Weſen wieder vor, und was ich mir immer auf ſolche Art hervorrufe, ſo iſt die Haupt⸗ ſache die, daß ich mich von meinem früheren lächerlichen Wider⸗ willen gründlich geheilt fühle. „Werden wir uns je wieder treffen? „Man hat mich zu überreden geſucht das Commando über ein Schiff zu übernehmen das eine dreijährige Reiſe im Mittel⸗ meer machen ſoll. Aber wer kann ſich darauf verlaſſen daß er von einer ſolchen zurückkehren werde? Ueberdies habe ich ja be⸗ ſchloſſen noch eine Fahrt im Skagerak zu machen. „Haben Sie Wort gehalten— haben Sie nie an mich ge⸗ dacht? Ich will Sie nicht darum bitten. Sie würden es vielleicht aus Eigenſinn unterlaſſen. „Wollen Sie wiſſen was ich glaube... Aber ich entſinne mich daß Sie einmal ſagten, Sie würden meine vertraulichen Mittheilungen nicht anhören. „Und indem ich Sie, kleines wunderbares Weſen, in den liebevollſten Schutz Gottes empfehle, bitte ich daß Sie nicht gänz⸗ lich vergeſſen mögen Otto Geiſtern.“ N. S.„An Ihren Bruder habe ich über Hjelm und alles Uebrige geſchrieben.“ „Meine liebſte Thorborg,“ rief Majken ganz entzückt, indem ſie den Brief zurückgab,„man muß in Wahrheit eine Heilige ſein— ich ſagte das nicht in Gedanken, ſondern in voller Ab⸗ ſicht— um nicht zwiſchen den Zeilen dieſes Briefes Alles leſen zu können was die Zeilen ſelbſt unerklärt laſſen. Capitän Geiſtern liebt lebendig und warm das kleine Elfenmädchen am Bottnafjord, das iſt ſicher. Aber ebenſo ſicher leidet auch ſein Zartgefühl bis jetzt noch bei dem Gedanken an neue Bande, und er ſucht deßhalb ſeine Gefühle ſowohl vor Dir als vor ſich ſelbſt ſinne ichen den gänz⸗ alles ndem eilige Ab⸗ Alles pitän n am ſein und ſelbſt 99 zu verhüllen. Eines Tags— das geſchieht wann Gott will— wird er..“ „Jetzt darfſt Du Nichts mehr ſagen,“ fiel Thorborg ein, die ſich vor Gemüthsbewegung kaum aufrecht zu halten vermochte. „Ich fürchte daß Alles was wir gedacht und geſprochen haben dennoch auf irgend eine Weiſe unrecht war. Ich empfinde einen Strom von Freude, und ich weiß nicht ob es gut oder nicht gut war daß er bei mir eingedrungen iſt. Und Du mußt mir ver⸗ ſprechen dieſen Gegenſtand für ewig als abgeſchloſſen zu be⸗ trachten.“ Majken gab Thorborgs erröthenden Wangen eine beinahe mütterliche Liebkoſung. „Ich bin Dir zu Willen und ſchweige, aber ich hoffe daß die Ewigkeit nicht allzu lang währen wird... Und jetzt müſſen wir weiter eilen. Wenn wir uns irgend Etwas vorzuwerfen haben, ſo iſt es der Umſtand daß dieſes Geplauder unſere An⸗ kunft bei unſern Freunden ein wenig verzögert hat.“ „O mein Gott, das war unrecht... Aber ich will hoffen daß es dennoch nicht unrecht war, inſofern es unſere innige Theilnahme an ihren Bekümmerniſſen nicht geſchwächt, ſondern eher erhöht hat. Komm, komm, wir müſſen jetzt um ſo mehr eilen.“ In dem großen leeren Saal auf Svartſkär, mit einem Tiſch in der Mitte und einem Stuhl auf beiden Seiten, war Emilie beſchäftigt mit Uljanas Hilfe ein Stück Zeug, das von den ganz unvernünftig gut bezahlten Decken übrig geblieben war, über eine alte Fenſterbank zu ſpannen. Und mit dem Stift zwiſchen den Lippen und dem Hammer in der Hand ſah ſie nicht daß Je⸗ mand leiſe eintrat, bis Uljana, die den Zeug ſtraff halten ſollte, ganz verlegen rief: „Herr Jeſus, Madame, ſie ſehen uns zu!“ 100 Emilie ſprang von ihrer knieenden Stellung auf, und als ſie ſah wer es war, warf ſie ſchnell Stift und Hammer von ſich und eilte in die ausgeſtreckten Arme. Von Thränen„und Klagen war auf beiden Seiten keine Rede. „Jetzt, meine Freundinnen,“ ſagte die junge Frau, indem ſie Uljana einen Wink gab hinauszugehen,„jetzt, da Alles über⸗ ſtanden iſt, ſeid Ihr wieder gleich willkommen... Ihr findet es leer, aber ich fand es noch leerer zur Zeit wo mein Mann mich weniger liebte als jetzt, und wir waren damals tauſendmal unglücklicher, das wißt Ihr ſelbſt. In den ſchweren Tagen muß man ſich immer der noch ſchwereren erinnern. Und Ihr kennt mich und meinen Ake zu gut, um zu glauben daß Widerwärtig⸗ keiten wie dieſe die mindeſte Störung in unſerem häuslichen Glück verurſachen könnten.“ „Nein,“ rief Majken,„wir ſind wirklich beide überzeugt daß Leute wie Du und Dein Ake die Verhältniſſe des Lebens ganz richtig aufzufaſſen wiſſen. Aber Thorborgs Augen ver⸗ rathen eine Bewunderung durch deren Kundgebung ich Dich nicht in Verlegenheit bringen will, nämlich darüber daß wir Dich nach einem ſolchen Tag auf dieſe Weiſe antreffen.“ „Als ob Deine Augen nicht auch die meinige ausſprächen!“ ſagte Thorborg lächelnd.„Aber laß uns jetzt munter daran gehen und Emilie helfen, damit ſie ihre Fenſterbänke fertig bekommt. Es ſind die ſchönſten Sofachen die ich je geſehen habe.“ „Ja, helfet mir, liebe Freundinnen. Mein Mann kommt erſt ſpät am Abend nach Hauſe. Ich habe gerade jetzt eine Menge Tiſchlers⸗ und Tapezierers⸗Ideen im Kopfe. Du begreiſſt, Majken, daß ich dieſe Inventarſtücke vom Boden her zu dem ganzen übrigen Inventar von Svartſkär rechne.“ „Warte, warte, Du vergiſſeſt die neben meinem Zimmer liegende Rumpelkammer, wo wir beim Abzug nach Gläborg d als von keine ndem über⸗ indet Nann dmal muß kennt artig⸗ lichen zeugt bens ver⸗ nicht nach den!“ aran fertig ſehen ommt eine reifſt, dem nmer borg 101 diverſe Hageſtolzmöbel, Tiſche, Lehnſtühle und allerlei anderes Zeug aufgeſtapelt haben. Kommt, meine Kinder, laßt uns Muſterung halten. Doch Du, Thorborg, könnteſt da bleiben, Du biſt ſo geſchickt im Tapezieren; Emilie aber und ich wollen hinauf⸗ ſpringen und in meinem Privatgebiet ein wenig aufräumen; es ſteht dort Alles ſo voll von Sachen daß man darüber purzeln könnte.“ Ganz belebt tummelten ſich jetzt die Damen um einan⸗ der her. Dieſes Anlehen aus der alten Vorrathskammer, altverle⸗ gene Waaren die aufgeſtutzt und hergeputzt werden mußten, konnte weit unbedenklicher angenommen werden als das von Moß beabſichtigte Gebot auf ein vollſtändiges Ameublement für das Schlafzimmer. Und was für prächtige Eroberungen machte man nicht in der Vorrathskammer! Nicht blos Möbel, ſondern auch Zierrathen, alte Spiegel, Urnen, Sofakiſſen u. dgl. Auf dem Boden gab es eine ganze Umwälzung. Die Mägde wurden mit Bürſten, Staubbeſen und Waſſereimern heraufbeordert, und nachdem ein Stück ums andere neugeſchaffen aus ihren Händen hervorge⸗ gangen, brachte man es in den Saal hinab, wo fliegende Finger aus Majkens Stückgütern Ueberzüge für den kleinen runden Sofa, für Lehnſeſſel und Taburete anfertigten. Und ſo fleißig waren unſere Frauenzimmer geweſen, daß Ake, als er Abends heimkam und in den Salon trat, ihn nicht blos ganz gemüthlich ausmöblirt, ſondern auch die lieblichen Ge⸗ ſchöpfe plaudernd und lachend am Theetiſch fand: der ſchlagendſte Contraſt gegen die Scenen des vorhergehenden Tages, denn Alles ſah jetzt ganz ruhig, freundlich und harmoniſch aus. So⸗ gar die ſilbernen Urnen und die Schmetterlingstaſſen der Mut⸗ ter zierten den Tiſch. „Was in aller Welt,“ rief Hjelm mit neugeweckten Lebens⸗ geiſtern,„was in aller Welt iſt hier für ein Zauberwerk voll⸗ * bracht worden? Ihr ſeid in Wirklichkeit drei Feen. Dank, meine Damen, Chre und Hochachtung für eine ſolche Wohlthat. Ich bin kein Held in der Entbehrungskunſt, ich würde Stühle, Tiſche V und andere nothwendige Dinge für die einfachſten Lebensgewohn⸗ heiten nicht gerne miſſen... Und nun noch dieſen einladenden Theetiſch, dieſe helle Flamme, Eure ſchönen Geſichter und meiner Emilie klingendes Lachen! Ach das iſt ſo herrlich und erfreulich daß ich Gott aus tieſſtem Herzen dafür danke...“ Und nun Handſchläge und Grüße. Darauf ließ er ſich nieder. „Laß uns jetzt auch einige Worte ſagen,“ fiel Emilie ein. 44 „Kannſt Du Dir wohl unſere Freude denken, wenn wir einen Mann der nach aller gewöhnlichen Ordnung herb, finſter, wider⸗ wärtig, im beſten Fall zerſtreut heimkommen konnte, ſo freund⸗ lich, herzensgut und dankbar für das was ich und meine Freun⸗ dinnen gethan haben wiedererblicken?“ „Still, Du bringſt mich ja ganz aus dem Concept.“ V ———.——, OS— I1ł1E1I —( „Sie hat dennoch Recht!“ ſagte Majken mit einem Blick der Hjelm ungemein wohl that...„Aber ſagt Nichts mehr davon... Fahren wir lieber fort uns an Emiliens vortreff⸗ lichem Thee zu erlaben!“ „Wie! Wie! Was ſind das für Himmelsoffenbarungen, was ſehe ich für gottgeſegnete Geſichter, während ich mit Angſt und ſ Beben ganz anderen Erſcheinungen entgegengeſehen hatte!“ Und als die ganze Geſellſchaft aufſchaute, ſtürzte buchſtäbe d lich der junge Jachtlieutenant herein, im Begriff, wie es ſchien, 1 Menſchen, Tiſche und Gottesgaben in ſeine Arme zu ſchließen, 1 ſo daß in der Haſt die ſchöne Maid den erſten Kuß empfing E der noch von fremden Augen geſehen worden. fr „Verzeih, verzeih! Sieh mich nicht ſo ſtreng an, geliebte H Majken— beim lebendigen Gott, ich wußte nicht was ich that 3 ü .. das war nicht ich, ſondern ein gutmüthiger Hans Narr, neine Ich jſche vohn⸗ nden einer ulich ſich ein. inen ider⸗ und⸗ eun⸗ Blick mehr treff⸗ 4 103 der vor Entzücken den Kopf verloren... Beſte Frau Hjelm, geben Sie mir Ihre Hand, damit ich den tauſendſten Theil mei⸗ ner Verehrung, Bewunderung, Dankbarkeit und Freude darüber daß es eine ſolche Frau in der Chriſtenheit gibt, darauf drücken kann... Und Du, Bruder Hjelm, dieſer Handſchlag hier ſchließt Tauſende in ſich... Denkt Euch, meine Herrſchaften, ich komme ins Pfarrhaus. Ich höre daß Majken dageweſen und ſo eben mit Thorborg nach Svartſkär gegangen iſt. Am Tage nach... Ihr verſteht mich ſchon... Gott verdamm mich wenn ich das Wort herausbringe... Ich eile fort... ich halte mich auf ſtumme Thränen, ein ſtummes Kopfnicken, kurz und gut auf eine gänzlich verſtummte Betrübnißſcene gefaßt, ich mache mich im innigen Mitgefühl meines Herzens ſchon bereit ſie zu theilen, und da.... Ach wie göttlich leicht es ſich unter Leuten ath⸗ „Wer einer ſolchen Fülle von Herz wie in dieſem Unge⸗ ſtüm liegt Etwas zu verzeihen hätte, der müßte ſelbſt kein Herz beſitzen. Hier,“ ſagte Emilie lächelnd,„ſind meine beiden Hände . und ich ſehe daß Ake ebenſo denkt wie ich.“ „Setze Dich, Bruder, und ſchöpfe Athem,“ ſprach Hjelm mit ſeiner ruhigen, aber jetzt ſo warmen Stimme.„Du gehörſt zu den Freunden deren bloßer Anblick belebt. Und ich glaube nicht daß Majken das Herz hat Dich zu ſchelten— das würde zu ihrem eigenen freiſinnigen Character ſchlecht paſſen.“. Majken lächelte holdſeliger als ſie je ſeit jenem wichtigen Geſpräch gethan hatte. Und als der arme Jachtlieutenant den friſchen, vollen Hauch der alten Zeiten fühlte, da wurde ſein Herz ſo weich und wallte dermaßen über, daß er alle Mühe hatte ſeine Empfindungen zu zügeln um nicht noch einmal zu ſündigen. 104 Thorborg war nicht zufrieden. Sie erinnerte ſich zu gut an Majkens Ausſehen als ſie auf ihre und Gudmars Zukunfts⸗ hoffnungen zu ſprechen gekommen waren. Jetzt war Thorborg auch diejenige die zuerſt zum Aufbruch mahnte und daran erinnerte wie ſehr ihre Freunde der Ruhe bedurften. Und ſo befriedigend auch Alles für den Augenblick ausſah, ſo ſegneten doch die jungen Gatten den Vorſchlag.. Majken ſollte für den Abend ins Pfarrhaus zurückgehen. Und ſo gab es eine Heimkehr bei welcher Thorborg ſich mit ſich ſelbſt und dem alten Brief unterhalten mußte, der jetzt von den friſchen Ideen umſtrahlt war die Majken hervorgerufen hatte. Aber keine dieſer Ideen konnte ihr ſagen was hernach geſchehen war, wo er ſich jetzt befand und was er that. Sie erröthete einmal ums andere, wenn ſie daran dachte daß Majken Alles wußte. Aber wiederum verwandelte ſich dieſes Gefühl in eine Quelle lieblichen Troſtes, wenn ſie ſich der ſegens⸗ reichen Worte erinnerte, welche ihre Freundin der Empfindung geliehen hatte die ſie jetzt kaum ſich ſelbſt zu geſtehen wagte. Inzwiſchen gingen Majken und ihr ehemaliger Comman⸗ dant in lebhaftem Geſpräch voraus. Aber ſo lebhaft ſie auch ſprachen, ſo fühlten ſie doch unaufhörlich einen bedrückenden Zwang, denn wie können Verlobte von etwas Andrem reden als von baldiger Vereinigung? und wenn Gudmar darauf nur hin⸗ deutete, ſo ſah Majken ſo verwundert aus als hätte er hebräiſch geſprochen. ——— 105⁵5 Vierzigſtes Kapitel. Sechs Wochen ſpäter. Emiliens Brief und vertrauliche Mittheilung. „Theure, geliebte Mama! „Mit welcher Angſt mußt Du jetzt einen Brief von mir öffnen! „Wie verſchieden ſind die Mittheilungen die ich Dir jetzt zu machen habe von jenen kindiſchen Briefen aus dem Fiſcher⸗ dorf und jenen verlegenheitsvollen Schreiben aus der Oddjers⸗ ſchen Periode!. „In dieſen Tagen ſind es zwei Jahre daß ich Hochzeit ge⸗ halten. Man kann ſagen daß ich während dieſer Zeit umfaſſende Erfahrungen gemacht habe. Aber es gibt kein Uebel das nicht noch ſchlimmer ſein könnte, und kein Uebel das uns nicht einen Segen bringen kann, wenn wir bedenken daß wie vielleicht eben dadurch einem andern entgangen ſind. „Ich habe noch keinen Tag überſtanden wie der Gerichts⸗ tag war. Aber ich habe, beſonders im letzten Monat, täglich erfahren daß es Bitterkeiten gibt denen ſich ſchlechterdings nichts Süßes beimiſchen läßt, wie man ſich auch immer anſchicken mag. „In den erſten acht bis zehn Tagen nach der Auction, nach welcher wir uns, wie ich Dir bereits beſchrieben, nach armer Leute Art ſo gut wie möglich einrichteten, ſchien mir Ake, wenn ich ſo ſagen darf, mit feſtem Arm ſeine ſchwere Laſt zu tragen. „Beſonders war dies im Beiſein fremder Leute der Fall, denn da geht es ſelbſtverſtändlich immer leichter als bei dem gefähr⸗ lichen téte-à-téte mit ſich ſelbſt. „Aber damals beſtand unſer Glück eigentlich darin daß er zu glauben ſchien, die über alle Erwartung bedeutende Auctions⸗ ſumme würde ihm auf längere Zeit Ruhe vor der qualvollen 106 ewigen Jagd nach Geld verſchaffen, worüber er ſo viele tauſend ſchwere Schweißtropfen vergoſſen hat die auf mein Herz zurück⸗ gefallen ſind. „In der erſten Woche ſagte er einige Male zu mir:„Ich habe mich aus allen größeren Geſchäften zurückgezogen, und wenn ich nur nicht allzu hart angegriffen werde, ſo kann ich mich wohl durch die kleinen hinaufarbeiten, ſo daß Niemand durch mich in Schaden kommen ſoll.“. „Aber die Stübergeſchäfte vernichteten ſeine Seelenkraft, das ſah ich bald. Und da ſein Gemüth immer ſchwerer und bedrück⸗ ter wurde, ſo begann ich hin und her zu ſinnen, ob ich nicht irgend ein unſchuldiges Mittel finden könnte ihn zu beleben und zu ſtärken. „Nun wohl, ich bekam auch eine Eingebung... Und jetzt ſollſt Du hören, Mama, worin ſie beſtand und wie ſie ausſchlug. „Eines Tags, als meine Eingebung gereift war, begab ich mich auf den Boden wo die unglückſelige Bücherkiſte ſtand, und da ſie jetzt nicht mehr verſchloſſen war, ſo begann ich ſie ganz andächtig zu revidiren. Ich wollte eines dieſer merkwürdigen Bücher aufſuchen die Ake ſo ſehr geliebt hatte, daß ihr ungeſtör⸗ ter Genuß ſein Lebensglück für die Zukunft ausmachte. „Du hätteſt Deine Emilie ſehen ſollen, Mama, wie ſie in nie enden wollender Qual und Wahl über dieſen unbekannten und unbegreiflichen Schätzen niedergebeugt daſtand. „Ich verſtand mich ja nicht im Mindeſten auf wiſſenſchaft⸗ liche Arbeiten; aber in Betracht der Philoſophie habe ich ſo viel erlernt, daß ich weiß ſie ſoll eine höhere Art von Weisheit und Vernunftlehre ausmachen, und ich hielt es daher fürs Paſſendſte mich an dieſen Zweig zu halten. „An einen beſtimmten Verfaſſer konnte ich natürlich nicht denken; für mich waren ſie alle gleichſam eine dunkle und ehr⸗ würdig in Nebel eingehüllte Zahl. „Genug, ich riß ein Werk an mich und machte dann ſo uſend rrück⸗ „Ich und mich mich das drück⸗ nicht und jetzt clug. b ich und ganz digen eſtör⸗ ſie in unten chaft⸗ viel und ndſte nicht ehr⸗ in ſo 107 ſchnell den Deckel wieder zu, als fürchtete ich, die hohen Geiſter deren Werke die Kiſte enthielt möchten hintendrein kommen und mir zuflüſtern:„Du hätteſt das meinige nehmen ſollen, Du hät— teſt das meinige nehmen ſoclen.“ „Ich ſprang mit der Philoſophie in der Schürze hinab und hatte ſchrecklich Angſt, ich möchte Ake begegnen, der auf dem Contor war und an deſſen Thüre ich vorüber mußte. Aber glücklicher Weiſe fand ich im Gang Niemand als die Köchin, die mir mit ſichtbarer Unluſt mittheilte ſie habe das letzte Stück Ochſenfleiſch geholt. „Ich erſchrack— ich hatte noch drei zu beſitzen gemeint. Aber ich ſteckte die Hand in meine Schürze und umfaßte die philoſophiſche Abhandlung. Vielleicht that der Glaube Etwas, aber ich verſichere daß ich mich ganz philoſophiſch fühlte, und ich antwortete ruhig:„Nun wohl, Fiſche gibts in der See, die Knechte können alle Tage fiſchen, und am Sonnabend fährt Janne hinaus um wilde Enten zu ſchießen.“ „Aber wenn ſie ſich nicht ſchießen laſſen wollen, Madame? Das iſt auch ſchon vorgekommen. Sogar die Fiſche waren heute ſo boshaft daß wir blos einige dünne kleine Flundern bekamen. Deshalb iſt es vielleicht am beſten, wir ſparen das Fleiſch für den Sonntag auf.“ „Das mag geſchehen... Im Uebrigen weißt Du ja daß wir für den Nothfall immer noch die Häringsklöſe und das Blutbrod haben.“ „Nachdem ich auf dieſe Art alle Haushaltungsdetails abge⸗ macht, eilte ich ins Schlafzimmer und legte das Buch an die Seite des Tiſches wo Ake ſeinen Platz zu haben pflegt. „Nachmittags ging er hinein und legte ſich aufs Bett, was er in Ermanglung eines Sofas zuweilen thut. Er gedachte ein Stündchen auszuruhen, und ich hütete mich wohl hineinzugehen — aber ich war ſchrecklich neugierig. „Zur Caffezeit rief ich blos an der Thüre. Als er heraus⸗ 108 kam, ſagte er Nichts, aber er reichte mir mit einem wehmüthigen Lächeln die Hand. Er hatte mich verſtanden— Worte waren ganz und gar nicht nöthig. „Als er an ſeine Arbeit zurückgegangen war, eilte ich ins Schlafzimmer. Es war ein Blatt im Buch umgebogen. Er hatte alſo darin geleſen. Ich war entzückt. Jetzt mußte es doch wohl beſſer werden, denn wenn die Philoſophie— woran ich gewiß nicht zweifeln wollte— den geradeſten Weg zur höch⸗ ſten Vernunft ausmachte, ſo war ja Ake gerettet, wenn er nur las. „Ach, ich hatte gänzlich vergeſſen in Berechnung zu ziehen, was er mir von den Gründen geſagt hatte die ihm das Leſen an den Feiertagen verboten, nämlich daß er fürchtete, er möchte allzu ſtarken Geſchmack daran finden und auch an den Arbeits⸗ tagen zu viel Zeit darauf verwenden. „Dieſe Vergeßlichkeit mußte ich bezahlen. „Anfangs las er jeden Tag nur wenig. Hernach verlänger⸗ ten ſich dieſe Stunden an den Mittagen und Abenden, und ſo kamen auch endlich Morgens noch einige hinzu. Er holte jetzt ſelbſt ein Buch ums andere herunter, bis der Schrank im Schlaf⸗ zimmer voll war. Und er verbiß ſich dermaßen in dieſe Stu⸗ dien daß den Ladendienern wenig und den Contorgeſchäften noch weniger Aufſicht gewidmet wurde. „Gott im Himmel, wie ſchwer iſt es Etwas zu bereuen was wir in der beſten Abſicht gethan haben, und was ſowohl von unſerem Kopf als von unſerem Herzen gutgeheißen wer⸗ den muß!— „Mitunter verſuchte ich das Buch abſichtlich zu verlegen. Aber wenn er mit ernſtem Ton und Geſicht ſagte: es hat doch da innen nicht wegkommen können! da ſchaffte ichs immer wie⸗ der zur Stelle, denn es war nicht Akes Stimme, und ich möchte dies nicht gerne oft hören. 109 „Jetzt, liebe Mama, ſollſt Du vernehmen, wie ganz vor Kurzem dieſe literariſche Periode ihr Ende erreichte. „Aber vorher will ich einige Worte von unſern Nächten ſagen. „Fürs Erſte reden wir wenig miteinander, und was wir ſagen geht natürlich auf gegenſeitige Tröſtung aus. Unſere Niedergeſchlagenheit und unſere Gefühle zeigen wir niemals außer in großen Augenblicken. „Zum Beiſpiel ſagt Ake:„Im Sommer iſt mit dem Ge⸗ ſchäfte nicht viel zu machen, aber im Herbſt, meine Emilie, wirſt Du ſchon ſehen daß es wieder in den Schwung kommt; ich habe in dieſer Beziehung die beſten Hoffnungen, wenn nicht geradezu Alles ganz conträr geht.“ Darauf antworte dann ich:„Ich habe vorausgeſehen daß es ſo kommen würde, und es kann nicht fehlen, mein Freund, daß Du im Herbſt Deinen Commiſſions⸗ handel wieder erhältſt, da man ſieht wie rechtlich Du gegen Je⸗ dermann verfährſt. Im nächſten Jahr wird es noch vortheil⸗ hafter, denn fängt einmal das Eine an, ſo beginnt auch das Andere, und noch vor Jahresſchluß ſchaukeln und ſingen wir wieder auf einem grünen Zweig.“. „Ake macht dann gewöhnlich noch eine innige liebreiche Be⸗ merkung über meine Zuverſichtlichkeit, und dann thue ich als ob ich ſchliefe. Aber ich liege wachend da und denke an tauſend Aus⸗ wege, um die Haus galtung nicht in eine allzu ſtarke Schuld ge⸗ gen den Laden kommen zu laſſen, der mit Nichts überflüſſig ver⸗ ſehen iſt. erdies d ich an einen unermeßlich wichtigen Gegen⸗ ſtand den ich zu letzt aufbewahre. glauben. 8 E wendet ſich 110 „Hierauf beginnt das qualvollſte Fegfeuer für uns Beide. „Er krümmt und wendet ſich. Ein brennendes Fieber be⸗ mächtigt ſich des Körpers, ein brennendes Fieber vermehrt alle Bekümmerniſſe der Seele und hetzt dieſelbe dermaßen ab, daß ſie keine Ruhe im Körper findet. Einige Male habe ich gefühlt wie er Küſſe auf meine Wange hauchte, während ein paar heiße Tropfen nachfolgten. Und ſo bahnen ſich zuweilen Worte den Weg über ſeine Lippen, bald Seufzer des Gebetes bald Seufzer der Verzweiflung. „Ich wage es dann nie mich zu rühren. Dadurch würde er gezwungen von Neuem Feſſeln anzulegen. „Und wie unendlich liebe ich ihn! Ich weiß nicht was ich opfern wollte, um ihn juſt dann in meine Arme ſchließen zu dürfen; aber dies wäre für uns Beide nicht nützlich und würde uns nicht glücklicher machen. Muß ich mich nicht ſchon dadurch ſehr beglückt fühlen, daß dieſe Thränen bei mir, ſeiner Gattin, ver⸗ goſſen werden? Bedenke, wenn er mir entflöhe und nur in der Einſamkeit ſeinen Troſt ſuchte! Aber er verläßt mich nie, außer um ſich ins Contor oder in den Laden zu begeben. Aus geht er beinahe nie und er ſieht es nicht gern wenn Jemand zu uns kommt. „Aber jetzt zu der Mittheilung zurück die ich machen wollte, und die, wie ich glaube und hoffe, die Periode der Bücherphilo⸗ ſophie vollſtändig abſchließt. „Ich vertraue Dir Alles an, Mama, denn ich weiß daß es gerade ſo iſt wie wenn ich an mich ſelbſt ſchriebe oder durch lautes Denken meine Ideen klärte. „Um unſere Bekümmerniſſe und Prüfungen zu vollenden, iſt Janne, der erfahrenere der Commis, am Scharlachfieber erkrankt.— „Ich hatte an einem Vormittag— es mögen jetzt ungefähr vier Tage ſein— möglichſt lange im Laden gearbeitet; aber außerdem daß ich mitunter nach dem Kranken ſehen mußte, hatte eide. be⸗ alle daß ühlt heiße den ufzer de er ich n zu ürde ſehr ver⸗ der zußer geht d zu ollte, öhilo⸗ äß es durch nden, fieber eefähr aber hatte 111 ich auch einige dringende häusliche Geſchäfte, ſo daß ich erſt gegen Mittag zurückkam. „Da ſtieß ich auf eine Scene die mich beinahe weinen und lachen zugleich machte. „Ake, mein feiner Herr Gemahl, ſtand mit einer Miene der ſchrecklichſten Verzweiflung da, einen Seifenſpaten in der Hand haltend und Seife für eine alte Bäurin auswägend die ihn dabei freundlich anredete. Sobald er mich erblickte, rief er heftig:„Komm um Gotteswillen, ich verliere den Verſtand,“ und dann ſtürzte er wild an mir vorüber in den Saal. „Die Bäurin ſah ganz verblüfft aus, ich aber hatte Geiſtes⸗ gegenwart genug um zu rufen: „Ach, mein Gott, wenn nur mein Mann nicht auch das Scharlachfieber bekommt welches wir im Hauſe haben!“ „Armes Frauchen,“ ſagte die Alte theilnehmend,„ich ſehe keine Möglichkeit Troſtgedanken unter Ihre Bekümmerniſſe zu bringen, denn die ganze Zeit über, ſo lange ich hier im Laden war, hat der Herr Patron ſo curios ausgeſehen, daß ich dachte es ſtehe nicht richtig mit ihm.“ „Sobald ich wieder mehr Luft bekam, ging ich hinein. „Ake ſpazierte im Sturmſchritt auf und ab. „Sage jetzt Nichts, Emilie!“ bat er. „Mein theurer Ake,“ antwortete ich,„ich will nicht ein ein⸗ ziges Wort ſagen was Dich erbittern oder Dir mißfallen könnte. Ich möchte mir blos über einen Punkt Aufklärung erbitten.“ „Was für Aufklärung?“ „Mein Freund, es betrifft die Philoſophie..... Sage mir, ob es ſich der Mühe lohnt ein einziges Wort, geſchweige denn ganze Bände über die Weisheitslehre zu ſchreiben, wenn ſogar ein kluger Mann nicht ſo viel daraus lernen kann daß er mit Beſonnenheit und Verſtand ein Pfund Seife abzuwägen ver⸗ ſteht? oder wozu dient denn alles Studium der Philoſophie, wenn man ſie nicht praktiſch ausüben kann?“ — 11² „Ich wartete, wie Du wohl einſehen wirſt, Mama, die Ant⸗ wort auf die verlangte Aufklärung nicht ab. Aber ich erhielt ſie noch an demſelben Abend, als ich bei meinem Eintritt ins Schlafzimmer ſämmtliche Bücher weggeſchafft ſah. Sie waren in die Bücherkiſte zurückgebracht, und dieſe war jetzt wieder geſchloſ⸗ ſen worden. „An den folgenden Tagen war mein Mann im Laden. Alles ging mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe vor ſich. Aber er ſprach Nichts. „Wie wunderbar iſt nicht das Studium eines Characters! Ake ſtand aufrecht bei den großen Schlägen, wo moraliſcher Muth erforderlich war, aber den unbedeutendſten Stichen vermochte er nicht zu widerſtehen. Zum Glück hat er mich an ſeiner Seite. „Aber hier werde ich durch die Nachricht unterbrochen daß Jemand mich zu ſprechen wünſche, während mein Mann abwe⸗ ſend iſt. Er iſt zu Herrn Siverſen gereist, um die letzten Zah⸗ lungen ins Reine zu bringen. Es war vor einer Stunde ſo ſtill im Laden, daß ich dachte ich könnte meines Wegs ziehen. Mehr, liebe Mama, wenn ich zurückkomme.“ „Ach, geliebte Mama, ich bin wie neu belebt... ſo froh, ſo froh! Und wie werde ich meinen Ake erfreuen, wenn er heute Abend nach Hauſe kommt! Ich möchte in die Höhe ſprin⸗ gen vor Entzücken— wie ſchön iſt doch die geringſte Freude und wie leicht heben ſich die Flügel unter ihrem Einfluß! „Wer glaubſt Du wohl, Mama, daß draußen geweſen ſei? Zwei Notabilitäten welche Du hoffentlich aus meinen früheren Beſchreibungen nicht vergeſſen haſt, nämlich Olle von Bjelkeboda, der„Meßgewändler“, in höchſt eigener Perſon, und Bernt Caro⸗ lusſon, der„Eilfhundertjährige,“ Beide in großer Galla, wie das hochwichtige Geſchäft es wohl erheiſchte. „Wir kommen hieher, liebe Madame“— Olle war es der Ant⸗ hielt ins a in hloſ⸗ llles drach ters! Nuth e er beite. daß bwe⸗ Zah⸗ e ſo ehen. froh, n er prin⸗ reude ſei? heren boda, Laro⸗ das der jetzt unangefochten das Wort führen durfte, Carolusſon hatte ſich ſogar um einen halben Schritt zurückgezogen—„wir kommen um einer wichtigen Sache willen, und da der Herr Patron nicht zu Hauſe iſt, ſo denke ich, wir laſſen Sie, Madame, einer ange⸗ nehmen Nachricht theilhaftig werden welche Sie dem Herrn bei ſeiner Rückkehr mittheilen können... Iſts nicht ſo, Bernt? wir wollen unſer Anliegen der Frau Hjelm vortragen.“ „Ja, ſo iſts,“ antwortete Carolusſon mit einem kurzen Lachen.„Und Frau Hjelm und ich, wir haben ſchon früher einmal Bekanntſchaft miteinander gemacht. Aber wenn ich damals Ungemach bereitete und Unruhe veranlaßte, ſo will ich jetzt recht⸗ lichen Erſatz dafür leiſten... Ihr ſeid ſo gut, Schwiegervater, und führt das Wort, denn Euch kommt es zu, Solches ſteht im Wahrheitsbuch.“ „Ich verbrach mir voll Verwunderung den Kopf, verſtand jedoch Nichts. „Du ſagteſt das Wort des Räthſels,“ erwiderte der zukünf⸗ tige Schwiegervater.„Bernt Carolusſon, liebe Madame, wird der Tochtermann des Olle von Bjelkeboda. Und da dieſer Mann ſeiner Tochter Kerſtin Ingegärd eine paſſende und angemeſſene Mitgift, woran er ſich nicht zu ſchämen braucht, zu geben gedenkt, aber Carolusſon ein zu mächtiger Mann iſt um Geld zu bedür⸗ fen, ſo gedenkt der Mann der wohl ich ſein könnte, da er eben⸗ falls kein Geld braucht, die ganze Mitgift als ſtehendes Lehen dem Herrn Hjelm anzubieten. Wir Beide, ich und mein Schwie⸗ gerſohn, ſind von ſeiner Rechtſchaffenheit überzeugt und bedauern blos daß, ſeitdem dieſer Teufel von Holt Reißaus genommen hat, außer uns zwei nicht mehr viele Leute begreifen konnten daß, wenn Herr Hjelm nur Geld hat um ſich zu rühren, für denjenigen der es ihm gibt keine Gefahr vorhanden iſt, denn dann rudert er ſich ſicher wieder in die Höhe— ſo ſprach Olle von Bjelkeboda.“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 8 114 „Iſts möglich,“ fragte ich ganz gerührt, indem ich entzückt Einem um den Andern die Hand reichte,„daß Ihr ein ſolches Vertrauen zu meinem Manne habt den Ihr doch ſo wenig kennt?“ „Möglich und ſicher wie Banco,“ erklärte Carolusſon.„Wer ſelbſt ein ehrlicher Kerl iſt, der verſteht ſich auf das Korn. Und wenn etwas Geſcheidtes ausgerichtet werden ſoll, ſo muß es von ſolchen Leuten geſchehen hinter denen Andere ruhig hergehen können, denn leider gibt es nicht ſo viele Köpfe wie Füße. So ſprach Bernt Carolusſon.“ „Wahr!“ antwortete Olle nickend und bewundernd. „Sonſt,“ fuhr Carolusſon fort,„will ich noch verkündigen daß ich nächſtkommenden Sonntag in der Quiller Kirche meine Hochzeit feiern werde. Ich denke, Kerſtin Ingegärd wird eine Braut ſein die das Anſehen ſchon werth iſt, wenn die Herrſchaf⸗ ten Geſundheit und Luſt haben um in die Kirche zu kommen... Hernach mag Herr Hjelm einen Tag feſtſetzen wo er mit Herrn Siverſen als Geſchäftsführer und mit einer Art von Sicherheit um der Ordnung willen uns hieherberufen kann. Aber jetzt haben wir andere Geſchäfte und wollen nur ſagen daß wir die Waaren hier zu nehmen gedenken.“ „Und ich glaube, ſie nahmen mehr als die Hälfte der gan⸗ zen Ladenvorräthe gegen reelle Banknoten— die ehrlichen Männer! Und nachdem wir ein paar Glas Wein auf das Brautpaar und den Schwiegervater getrunken, reisten ſie ab— diesmal ganz nüchtern und voll hoher Vornehmheit. „So mächtig iſt Gott. Aber wie gut iſt es immer feſt an ihn zu glauben! Künftig will ich es in verdoppeltem Maße thun. „Ich kann ohne Beſchämung ſagen daß der Zuſatz den meine Erziehung unter den befreundeten Seelen dahier, von der erſten bis zur letzten, erhalten dieſelbe bedeutend verbeſſert hat. „Und jetzt, geliebte Mama, wollen wir zum Vichtigſten kommen... aber nein, es wird auch jetzt Nichts daraus, denn es fährt wieder und diesmal iſt es mein theurer Ake... Ach 115⁵ wie glücklich, wie glücklich bin ich und welche Freude werde ich meinem Ake bereiten! „Es iſt gar zu angenehm daß die Poſt erſt ſpät Abends abfährt. „Noch einmal leb wohl, liebe Mama— jetzt eile ich hinaus.“ Strahlend vor Freude kam Emilie ihrem Manne entgegen. „Was iſt Dir begegnet, Geliebte?“ fragte er zerſtreut. „Und was iſt Dir begegnet, mein theurer Freund? Hatte Siverſen kein Geld?“ „Doch, ich bekam was ich anzuſprechen hatte. Er iſt ein reeller und zuverläſſiger Mann. Aber das iſt jedenfalls— nein, wir wollen jetzt nicht von Geſchäften ſprechen.“ „O ja, mein Ake, ich habe heute Abend ein ganz brennen⸗ des Verlangen darnach. Und ich bin ſo muthig— ſiehſt Du es nicht?“ „Um ſo unrechter wäre es wenn ich Dich betrüben wollte, Du meine zärtliche kraftbegabte Gefährtin! Und Dank ſei Dir für die Seifenphiloſophie geſagt. Dein Ake war winzig klein... Aber Du ſtellteſt mich auf eine gar zu gefährliche Probe, als Du dieſe Verſuchung herabbrachteſt.“ „Ich thue es nicht mehr,“ antwortete Emilie liebenswürdig. „Aber ich bemerkte daß Dir Etwas fehlte, und ich dachte, Du könnteſt es in Deinen Büchern finden.“ Hjelm lächelte matt. „Können wir bald eſſen?“ fragte er. „Ei, biſt Du ſchon hungrig? Dann ſpare ich meine Erzäh⸗ lung bis nach dem Eſſen auf, ſonſt haſt Du nicht ſo viel Ver⸗ gnügen davon. Du biſt jedenfalls nicht bei der beſten Laune, mein Freund.“ „Eigentlich, meine Emilie, bin ich weder hungrig noch bei ſchlechter Laune, ſondern ich wollte nur nachdenken. Und wün⸗ ſcheſt Du endlich in die Geſchäfte hineinzukommen, ſo kann ich Dir ſagen daß ich unaufhörlich gegen den Strom ſchwimme, ohne zu begreifen wie ich hinüberkommen ſoll, und ſo lang ich auch ſchwimmen mag, ſo muß ich doch zuletzt meinen Haltpunkt verlieren. Du verſtehſt wohl dieſe Sprache, mein Kind?“ „Ja, ich verſtehe ſie vollkommen. Die Auction half nicht für die Dauer.“ „Sie iſt ein Damm gegen den Strom— aber ein einziger Damm hält ihn nicht in den Ufern.“ „Dies iſt mir auch klar... Wenn Du dagegen noch einen andern Damm erhielteſt?“ Hjelm ſchüttelte den Kopf. „Ich ſagte daß ich Etwas zu erzählen habe... Denk Dir, wenn ich Dir ein großes Geldgeſchäft anzubieten hätte.“ „Laß hören— denn Geld, Geld.. ſieh, das iſt leider mein erſter und letzter Gedanke.“ Emilie erzählte von dem empfangenen Beſuch und dem gemachten Anerbieten. Ihre eigenen Augen ſtrahlten ſo lebhaft daß ihr Mann wieder einigen Muth ſchöpfte. Aber dies währte nur eine Minute. „Dieſes Vertrauen ehrt mich,“ ſagte er,„und thut immer wohl. Aber die Mitgift kann nicht ſo anſehnlich ſein, und Sicher⸗ heit bedeutet immer einen Bürgen, wenn man Nichts zu ver⸗ ſchreiben hat. Was hinwiederum dieſe Bürgſchaftsverbindlichkeiten mit ſich führen, das weißt Du ſelbſt: ein tödtliches Unbehagen.“ „Der Advocat Siverſen hilft Dir gewiß dazu einen Bürgen zu ſtellen.“ „Nein, meine Emilie, ſo ſchlecht es auch mit dem Geld ausſieht, ſo iſt es immer noch leichter zu bekommen als ein Bürge. Der Geldausleiher hat den Bürgen als Sicherheit, aber der Bürge hat gar keine Sicherheit. Begreifſt Du das nicht?“ „Ach,“ rief Emilie, die auf einmal in ein heftiges Weinen ausbrach,„da dieſes Erſte Deinen Kummer nicht zu erleichtern en ir, er em aft rte er er⸗ er⸗ ten 1.“¹⁸ gen eld ein ber 44 nen ern 117 vermochte, ſo wird wohl das Zweite— denn ich wollte Dir noch Etwas mittheilen— Dich blos beunruhigen und Dich vollends ganz zu Boden ſchlagen.“ „Armes, geliebtes Weibchen, Du haſt ſeit dem erſten Un⸗ glückstag nicht ein einziges Mal offen vor mir geweint... Aber weine jetzt, weine, Du holde Seele, Du liebes zärtliches Kind, mein höchſter und einziger Schatz... Deine Thränen ſtimmen mich milder als alles Andere.“ „Nein theurer, theurer Freund, bitte mich um Gotteswillen nicht, zu weinen. Ich ſchäme mich daß ich ſo ſchwach geweſen bin... Und jetzt laß uns das Andere aufſparen.“ „Thue das nicht, meine Emilie! Was es auch ſein mag, ſo glaube ich daß Du nie eine paſſendere Stunde finden wirſt als dieſe.“ „So warte denn,“ rief Emilie, und die glänzenden Thränen verwandelten ſich augenblicklich in den ſchönſten Ausdruck des Lächelns.„Du bekommſt von mir einen Brief von zwei Zeilen .. warte... warte.“ Sie eilte an den Tiſch und ſchrieb haſtig einige Worte. „Da lies... aber wenn es Dich ſehr betrübt, ſo geh leiſe hinaus... Ich ſtelle mich ans Fenſter.“ Was Emilie in ihrem zweizeiligen Brief ſchrieb, wird aus Folgendem verſtändlich. Als wären Sorgen, Qualen, Unruhen und Bekümmerniſſe, groß und klein in ein Meer geworfen worden das ſie alleſammt bedecken könnte, ſo verſchwand von Hjelms Geſicht und für den Augenblick auch von ſeiner Seele Alles was nicht Friede, Hoff⸗ nung, Seligkeit und Jubel war.. 3 „O, Geliebte, Geliebte, konnte dies je beſſer kommen? Laß mich Dich feſt und mit einer doppelten Umarmung an mein Herz drücken! Welchen Leitſtern haben wir nicht da bekommen! Und möge der Allmächtige mein Verſprechen gegen Dich aufzeichnen daß ich, wie auch unſere öconomiſchen Bekümmerniſſe ſich geſtalten 118 mögen, mich beſtändig erinnern werde daß dieſe Botſchaft mir zum Troſt und zur Aufmunterung gegeben worden iſt! Und tau⸗ ſendfacher Segen über Dich, daß Du in dieſer für Dich ſo neuen Lage Deine Sorgen ſo getragen haſt, wie keine Andere es hätte thun können. Aber jetzt muß ich Dich der Pflege Majkens und Thorborgs anempfehlen— Unſer Kind bekommt beinahe drei Mütter.“ „Und ſo viele Väter!“ ſagte Emilie wiederum in Thränen, aber jetzt der lieblichſten Art. „Und zu Gevattern,“ rief der Mann, ⸗wollen wir zu aller⸗ erſt und außer allen Andern unſer Alten von der Uhuklippe bitten, denn ohne ihr Zeugniß’. „Dieſen Gedanken, mein Ake, haſt Du mir aus der Seele genommen.. Aber laß mich jetzt hinausgehen und einige Zeilen an Mama ſchreiben, ſonſt kommt der Brief nicht fort.“ „Da muß ich auch ſchreiben, denn ich empfinde ein großes Bedürfniß meine Seele zu ergießen.“ In dieſer Nacht wichen Schlaf und Friede nicht vom Lager der jungen Eheleute. Ake hatte vorausgeſetzt daß eine neue Zeit⸗ rechnung beginnen würde; aber er ließ ſich nicht entfernt das träumen was ſchon vor dem nächſten Abend eintreffen ſollte. Einundvierzigſtes Kapitel. Was Moß mit ſeiner Reiſe im Schild führte. Du ſiehſt ſo ganz abſonderlich aus, Papa, ich habe Dich noch gar nie ſo geſehen,“ ſagte Majken lächelnd.„Iſt es ein recht großes und hochwichtiges Geſchäft? Wie viel Weißzeug willſt Dr mitnehmen, Papa?“ ——— 119 „Supponire, Du kannſt hineinlegen ſo viel Du willſt... Ein großes Geſchäft, fragſt Du? Es iſt das größte das ich je gemacht habe; das iſt das Wort.“ „Ei, wie merkwürdig, Papa! Das größte Geſchäft das Du je gemacht haſt... In Göteborg alſo, natürlich?“ „Ja, ja... Göteborg kommt auch mit ins Spiel. Nun, ſieh mich jetzt nur recht an, damit Du mich auch noch erkennſt, wenn ich ein paar Monate ausbleibe.“ „Sprichſt Du von Monaten, mein Lieber?“ fiel Frau Moß von der Thüre aus ein. „Komm her, Beate Marie, und umarme mich. Supponire, Du biſt ein Prachteremplar von einer Frau, obſchon ein Mann ſeine Brille nicht immer auf hat. Nun, nun, werde nur nicht gar zu weichmüthig— Du wußteſt zum Voraus wohl wozu Du taugteſt, obſchon ich Dich nicht dadurch verdorben habe daß ich es Dir zur Zeit und zur Unzeit vorſchwatzte.“ „Lieber Mann, lieber Mann!“ „Liebes Weib, faſſe Dich! Ich gedenke ein Geſchäft zu machen das dieſen ganzen ſacramentiſch dummen Umzug nach Gläborg zerſtören dürfte. Daran warſt Du Schuld, Beate Marie, das weißt Du ſelbſt.“ „Was? Wieder umziehen? Ich muß ſagen daß mir das nicht gefällt.“ „Zum Henker! Supponire daß einer Frau immer gefällt was dem Manne gefällt... Höre, Beate Marie, wenn Du mich heute ärgerſt, ſo bereuſt Du es in Ewigkeit.“ „Ich will Dich ganz und gar nicht ärgern, mein Freund.“ „So thuſt Du es ohne zu wollen, blos aus beſchränkter Ein⸗ ſeitigkeit. Aber das war curios von mir, daß ich eine ſolche Albernheit wie altes verlegenes Liebesgeſchwatze Macht über mich bekommen ließ. Das iſt ſonſt nicht meine Sache.“ 1 „Mein lieber Freund, wenn Du zu einem großen Unter⸗ nehmen wegreiſeſt und vielleicht nicht ſo bald zurückkehrſt, ſo 120 ſcheide von Deiner alten treuen Frau nicht in abgeneigter Ge⸗ müthsſtimmung: laß Dich jetzt umarmen und dann laß Alles gut ſein! Ich ziehe mit Dir in den Mond, wenn Du es haben wilſſt.“ „So muß es klingen. Ich muß alſo wohl wieder gut ſein, bins immer geweſen, ſupponire ich, obſchon Du nicht immer ver⸗ ſtanden haſt was Du an mir beſaßeſt.“ „O doch, ich habe tauſendmal zu mir ſelbſt geſagt daß es blos zu Deinen Charactereigenheiten gehöre für einen ausſchließ⸗ lich ſchlauen Mann gehalten werden zu wollen.“ „Nicht ſo dumm ausgeſonnen. Und die Maiblume! was ſagt denn ſie, die dort ſo nachdenklich ſteht?“ „Ich, Papa“— Majken hatte wirklich in tiefen Gedanken dageſtanden—„ich verlaſſe den Bottnaſtrand ungern, aber wenn es Dich glücklich macht z. B. nach Göteborg zu ziehen, ei warum denn nicht? Des Kattegat grüne Waſſer wogen auch dort.“ „Schön geſagt, Kind! Ich bin zufrieden mit Euch Weibern. Aber ich habe Mühe Dir das Advocatenfieber zu vergeſſen— damals vergingſt Du Dich gegen Deinen Vater.“ „So wie die Sachen damals ſtanden, würde ich mich gegen Gott und mein Gewiſſen vergangen haben, wenn ich anders ge⸗ handelt hätte. Du beſitzeſt Rechtsgefühl genug um dies einzu⸗ ſehen und zu verzeihen.“ „Nun, wir wollen nicht weiter davon ſprechen. Und ſpute Dich jetzt mit dem Einpacken. Wir können eine Stunde früher zu Mittag eſſen, ſo daß ich ſpäteſtens um zwei Uhr in meinem Wagen ſitze.“ „Aber um Gotteswillen, Papa, Du wirſt doch bald wieder nach Hauſe kommen?“ „Beſtimme Nichts. Supponire, es iſt am beſten ganz frei zu ſein— und jetzt kein Wort mehr.“ Er ging hinaus. n in, 121 „Du wirſt ſehen, Mama, daß Papa einen Großhandel in Göteborg eröffnen will. Er ſteht ja noch in ſeiner vollen Kraft.“ „Das iſt es nicht,“ antwortete die Mutter.„Je mehr ich darüber nachdenke, um ſo ſicherer fühle ich daß etwas Anderes im Werke iſt. Während meiner ganzen Che habe ich Papa nie ſo geſehen.“ 1 „Aber was glaubſt Du denn, Mama?“ „Nichts, mein Kind, was ſich in Worte kleiden ließe.“ Majken ſchaute mit einem großen verwunderten Blick auf. „Ach, das Mutterherz, wie reich iſt es an Ideen und Hoff⸗ nungen!“ Sie ſchlang ihren Arm zärtlich um den Hals der Mutter. Frau Moß erröthete, als wäre ſie auf einem ſo gefährlichen Gedanken ertappt worden, daß es gut wäre ihm keine Form geben zu müſſen. Inzwiſchen wurde Alles klar gemacht, und Schlag zwei Uhr ſaß Moß in ſeinem Wagen. Auf dem ganzen Weg beluſtigte er ſich damit daß er ſich die Gedanken und Vermuthungen der Frauenzimmer vorſtellte, und er lachte unaufhörlich über die vielerlei Wege in denen ſie ſich ſchlingeln würden, ohne jedoch den rechten finden zu können. Dieſe geheimnißvolle Reiſe wurde juſt an demſelben Mittag vorgenommen der für Emilie ſo wichtig war. Wir wiſſen alſo wie die Sachen in Svartſkär und in Gläborg ſtanden. Es übrigt nur noch zu wiſſen wie es im Pfarrhaus ausſah. Gudmar war nicht im Dienſte abweſend, ſondern befand ſich in Hjelms Intereſſe, wiewohl ohne deſſen Wiſſen, in Uddevalla. Der Jachtlieutenant hatte, wie man zu ſagen pflegt, Wind von einem Geſchäft bekommen und beabſichtigte, da daſſelbe doch in den Scheeren gemacht werden ſollte, es ſeinem Freund zu ver⸗ 12² ſchaffen. Gudmar war der unermüdlichſte Freund den ein Menſch haben konnte. Indeſſen ſchlief die Zolljacht in der Bucht vor dem Pfarr⸗ haus. Und Storke Pelle und Sven Dillkopf hatten gut Zeit ihren eigenen Angelegenheiten nachzugehen, die ſich am beſten aus folgender Scene zwiſchen Tante Vivika und ihrem beabſich⸗ tigten Erben erſehen laſſen, während die Alte an dem ſchönen Junitag den Strick des Hammels bald da bald dort anlegte, die⸗ ſer ſelbſt aber in aller Gemüthlichkeit weidete und ſein Weſen in der Sommerluſt trieb. „Ja, ja, mein Sven, ſo viele Köpfe ſo viele Sinne. Ich will mich nicht weiter herablaſſen mich in dieſer Sache zu ärgern, aber da Du Dich gegen diejenige vergangen haſt die in Recht⸗ mäßigkeit das Erbe in der Hand hält, ſo brauchſt Du Dich nicht mit ſolchen unnützen Gedanken aufzuhalten, als ob ich mich nur zur Kurzweil beleidigen ließe. Man kann nicht in allen Dingen Glück haben, Burſche.“ „Ich habe Euch Eure Rede bis ans Ende führen laſſen, Tante, denn es iſt nie meine Art geweſen mich quer vor die Meinungen Anderer zu legen, bevor ich ſie am Ende geſehen habe. Aber jetzt habe ich Eure Meinung da geſehen, und nun könnte es einem Manne wie ich bin, denke ich, wohl anſtehen ein Wort oder zwei von ſeiner eigenen Meinung zu ſagen.“ „Das ſcheinſt Du mir bereits gethan zu haben, wenn Du mir geradezu ins Geſicht ſagſt, Du habeſt Speculationsgedanken auf ein Weibsbild das ich nicht kennen würde, und wenn ich auch mit der Naſe darauf ſtieße.“ „O, ich kann mich noch viel deutlicher ausſprechen, Tante! Ich kann Euch gerade heraus ſagen daß ich Euch auf Euer Erbe blaſe. Das wird gerade recht zu einer Panaceeladung für Pelle Storke, wenn er jetzt bald ſeinen Abſchied bekommt und Ihr ihn heirathet. Denn Ihr dürft nicht glauben daß ich nicht begreife 123 wohin Eure Sanftmüthigkeit hinausläuft, obſchon Ihr Euch ſchämet mit der klaren Sprache herauszurücken.“ „So, ſo, Du bläſeſt auf das Erbe! Nun, ſo blaſe nur, dann blaſe ich auch auf den Freundſchaftsknoten der das Bindeband zwiſchen uns zuſammengehalten hat, ſeit Du ein kleiner Junge im Kinderrock warſt, und Deine Mutter ſo manchen Biſſen von derjenigen erhielt welcher Du jetzt ſo unverſchämt auf der Naſe herumtrommelſt. Von dem Augenblick an wo der liebe Gott ſie aus dem Jammerthal in den Freudenſaal verſetzte, habe ich Dich in meiner Pflege gehabt— aber jetzt iſt es genug.“ „Liebe Tante Vivika, habt Ihr meiner Mutter oft zu eſſen gegeben?“ „Dreimal in der Woche.“ „Dann möget Ihr ſo günſtig ſein und mir mein leichtfer⸗ tiges Gerede verzeihen. Die Sache iſt die daß ich mich als Euern Sohn betrachtete, und deshalb ärgert es mich daß Ihr Pelles Gedanken feſte Wurzeln bei Euch faſſen ließet.“ „Ei, was fällt Dir denn ein? Ich bin denn doch wohl nicht ſo gar alt— 49 Jahre 7 Monate 5 Wochen und 10 Tage.“ „Herr Jeſus, ſeid Ihr noch nicht älter, Tante? Dann iſt wohl Euer bösartiges Gemüth daran Schuld daß Ihr ſo aus⸗ ſehet als ob man die Ziffern geradezu verkehrt hätte. Da wäret Ihr 94 Jahre alt, Tante, ohne die Monate, Wochen und Tage zu rechnen die noch obendrein in den Kauf gehen.“ „Ja, beiße nur in Deiner Bosheit. Ich bin was ich bin und ich könnte Dich auch noch züchtigen, wenn Du mich nicht dauerteſt. Was ſind das für einfältige Speculationen auf Fjäll⸗ * backer Dirnen? Du biſt zu jung. Und wenn Du dieſes Lumpen⸗ zeug da fahren läſſeſt, ſo magſt Du mich als Tante behalten, und Pelle kann ſich eine Panacceegehilfin ſuchen wo er will. Nun, iſt Dir das anſtändig?“ „Nein, Tante, Sven Dillkopf iſt nicht der Mann der Be⸗ ſchimpfungen hinunterſchluckt. Ihr ſeid jetzt nicht mehr ſo auf⸗ 124 brauſend in Eurer Argliſt, denn Ihr wollt Pelle nicht von Euch ſcheuchen. Aber ſchwer verdauliche Worte habt Ihr geſagt, und obſchon wir einander verzeihen können— und ich bitte Euch daß Ihr ſo gut ſeid Euch dieſe Mühe zu machen, wie ich mir um Euretwillen auch die Mühe machen werde— ſo bleibt es doch bei dem Faden den ich zu ſpinnen angefangen habe, und ich höre nicht damit auf bis er im Herzen der ſchönen Bina feſtſitzt.“ „Gratulire höflich... iſt Bina nicht ein Stück von ſo einer halben Mamſell die in den Häuſern herumgeht und Kleider näht?“. „Es wird da Nichts halbmamſellirt,“ antwortete Sven Dillkopf mit ſtarkem Erröthen.„Sie iſt eine ſo reelle ganze Mamſell als man ſich nur eine denken kann. Ihr Vater war Steuermann und ihre Mutter hielt eine Herberge. Aber ſeit die Eltern todt ſind, näht ſie allerlei Zeug, denn feinfingerig iſt ſie, und ſie ſoll auch künftig keine grobe Arbeit zu thun brauchen. Denn diejenige die ich, Sven Dillkopf, zu meiner Rechten aus⸗ erkoren habe, die wird eine Frau. Der Lieutenant hat mir bereits ſeinen Handſchlag darauf gegeben, daß ich meinen Dienſt bekomme ſobald er den ſeinigen hat.“ „Du gemeiner vergeßlicher wahnſinniger Dorſch! Aber was bei allen Prieſtern und Propheten, was iſt das für ein Anblick der mir gerade in die Augen ſchlägt?... Wer kommt dort in der Kutſche angefahren... Iſt es nicht der Moß? Ja, ſo iſts... Und der Alte liegt noch in ſeinem Mittagsſchlaf... Tummle Dich, mein Sven, und hole Quellwaſſer. Das iſt das Erſte wornach Moß fragt. Ich will ſchnell hinlaufen und dem Paſtor eine ſaubere Chemiſette umbinden. Und Thorborg fort! Natür⸗ lich mußte ſie auch noch den Pelle haben und ſich von ihm nach Lyngö rudern laſſen, um den Brautſtaat zuſammenzuſetzen... Aber tummle Dich, tummle Dich!“ + —— 125 Der Paſtor war während der entſcheidenden Beſprechung zwiſchen Tante Vivika und ihrem ehemaligen Schützling und Erben zum vierten Mal eingeſchlafen. „Herr Paſtor, Herr Paſtor, wachen Sie doch auf! Ziehen Sie ſich ein wenig an— da iſt eine große Neuigkeit im Gang.“ „Was gibts, Alte? Willſt Du Deinen eigenen Herrn am Arme packen?... Iſt es eine Taufe, ſo ſag man ſoll warten. Iſt es Klas Klasſon, der mit den Leichengebühren kommt, ſo ſoll meine Tochter das Geld in Empfang nehmen.“ „Zu den Leichengebühren brauchte es keine Chemiſette, und zur Taufe auch nicht, da keine da iſt. Und Thorborg iſt ja noch nicht vom Hochzeitsſchmaus heimgekommen... Tummeln Sie ſich jetzt, denn in dieſem Augenblick fährt Moß zum Hof herein. Da haben wir die Beſcheerung.“ „Moß! Ah ha, das iſt etwas Anderes! Bind alſo den Plunder um. Hörſt Du, Hexe, haſt Du Waſſer oben? Du weißt, die großen Gläſer— und hörſt Du, wenn er über Nacht bleibt, ſo mach Dir keine Schande mit dem Abendeſſen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Paſtor, daß Sie nicht in allzu viele Tonnen zugleich ſpringen. Ich bin wer ich bin, und meine Schuldigkeiten und Menſchlichkeiten kannte ich, ehe ich noch... „Schon gut, ſchon gut... Jetzt fährt er meiner Seel vor! Wir wollen die Sachen draußen haben, verſtehſt Du?“ Und nun ſitzen wieder in Thorborgs Haag die beiden alten Freunde die wir vor etwa zwei Jahren da getroffen, als Moß ſeine große Erklärung abgab. Im Verlauf dieſer zwei Jahre war es immer ein hohes Feſt geweſen, wenn der alte Freund im Pfarrhaus eingeſprochen hatte.. Es war jetzt ein ſo ſchöner Nachmittag. Die kaum erſt ausgeſchlagenen Syringen dufteten ſo friſch, die Enten ſegelten mit ſo zufriedenem Geſchnatter auf dem großen Teiche hin, und —õ—— „———— 126 das junge Gras leuchtete ſo glänzend grün gegen den weißen Sandhügel dort unten der ſich bis an die Sommerluſt des Ham⸗ mels erſtreckte, welcher nach Herzensluſt fortwährend an ſeinem Stricke zog. Aber diesmal mußte der Hammel von ſeinen Frei⸗ heitsideen ablaſſen, denn Vivika hatte während ihres Geſprächs mit Sven Dillkopf, als ihr Aerger ſtieg, einen Knoten nach dem andern um den Pfahl geſchlungen woran der Strick befeſtigt war................... „Ich hoffe, Bruder,“ ſagte der Paſtor, als die Erfriſchung vorgeſetzt war,„ich hoffe, Du findeſt den Cognac erträglich wie früher.“ „Erträglich, Bruder? Ich habe ſelbſt keinen beſſern, obſchon ich mit Sorgfalt immer den beſten wähle der zu haben iſt Nun, Thorborg iſt nicht daheim, höre ich.“ „Sie iſt auf einer ihrer Hilfsreiſen begriffen, wird aber ſchon früh am Abend wieder heimkommen.“ „Ein prächtiges Mädchen... Supponire, ich kann es meiner Frau mie verzeihen daß ſie nicht ihre Schuldigkeit gethan und mir einen Sohn geboren hat— dann hätte ich durchaus Thor⸗ borg zur Schwiegertochter haben müſſen.“ „Ja, ja, Jungfrau Lilienthau wird ſich vielleicht mit einem ungeborenen Manne begnügen müſſen.“ „O, ich kann nicht glauben daß ein ſolcher Juwel von einem Mädchen keine Anträge bekommen ſollte. Es fehlt ja hier nicht an braven und auch vermöglichen Männern.“ „Wer ſagt daß ſie noch keine Anträge bekommen habe oder keine bekommen könne? Vor drei oder vier Jahren ſchämte ſich der alte Capitän Boſon nicht um ſie zu freien, aber es ver⸗ ſteht ſich daß das Lämmchen ſich nicht um Reichthum verkaufte. Sie hat wohl auch ſchon jüngere Freier gehabt, aber Leute ohne alle Bildung, und obſchon vielleicht Mancher denkt daß ich ſelbſt dieſen Artikel nicht ſonderlich ſtark führe, ſo habe ich doch viel⸗ leicht unten in der Kiſte ein wenig liegen, und darum lag mir vie ßen am⸗ nem rei⸗ ichs dem ung wie 127 nicht viel an ſolchen Schwiegerſöhnen. Du hätteſt auch keinen von ihnen für Deine Tochter haben wollen, Bruder?“ „Nun, nun, Bruder, meine Tochter iſt meine Tochter.“ „Und meine Tochter, Bruder, iſt meine Tochter, nichts Anderes als die Tochter des alten ungeſchliffenen armen Paſtors am Bottnaſtrand. Aber eine unpaſſende Ehe ſoll ſie nicht ein⸗ gehen.“ „Unpaſſend? Bruder, Du haſt eine eigenthümliche Art von reichen und ehrenwerthen Leuten zu ſprechen... Aber wir ſind doch ein paar heißgrätige Narren, und deßhalb wollen wir jetzt von Thorborg abgehen. Wenn die Stunde kommt, kommt wohl auch der Rechte.“ „Nun ja, ja... Der Alte fügte noch ein Gebrumme hinzu, das in einem gewaltigen Zug aus dem Toddyglas ver⸗ hallte..„Nun, wie befindet ſich meine Maiblume— denkt ſie noch manchmal an mich?“ „Supponire, ſie hat keine Luſt irgend Jemand hier im Hauſe zu vergeſſen.“ Der Paſtor ſagte Nichts. „Wie gehen jetzt Hjelms Geſchäfte?“ begann Moß wieder. „Hört man daß die Auctionsgelder hingereicht haben um die Löcher wieder zu verſtopfen?“ „Hjelm, dieſer Ehrenmann, wird, wie ich von Siverſen im Vertrauen gehört habe, auch diesmal nicht wieder flott werden. Es ſind die äußerſten Anſtrengungen gemacht worden, aber Si⸗ verſen fürchtet nicht blos daß die lang zurückgehaltene Endcriſis bald eintreten, ſondern auch daß der Kummer darüber Hjelm ins Grab bringen werde, wenn er ſieht daß ſeine Bemühungen fortgeweht werden wie Spreu vor dem Winde.“ „Weißt Du auch, Bruder,“ verſetzte Moß,„daß ich, Gott verdamm mich, dieſen Mann bei Tag und bei Nacht nicht aus meinen Gedanken bringe? Supponire, ich traute ihm niemals ſo viel Manneskraft, Beharrlichkeit und Geſchicklichkeit zu, als er in 128 dieſer langen Prüfungszeit entwickelte. Ich dachte immer, er wäre zu fein um einen tüchtigen Stoß aushalten zu können. Aber bekäme der Mann Capitalien, ſo daß er ſich damit im Großen regen könnte, ſo hätte er bei meiner armen Seele Kopf genug um auch Etwas im Großen zu treiben.“ „Nun,“ ſagte der Paſtor lächelnd,„da Du ſo ſchöne und zuverſichtliche Ideen von ihm haſt, Bruder, ſo ſollte man denken daß Du auch etwas Großes im Schilde führeſt.“ „Das war das Wort, Bruder! Der Mann gefällt mir im⸗ mer beſſer. Ich habe Manchen geſehen der bei einem geringeren Stoß als er erlitten hat ſogleich ſeine Flügel hängen ließ, und ich hätte darauf ſchwören wollen daß er es keine Woche anſtehen ließe. Aber er hat ſich ehrenhaft benommen. Er hat ſo viel Zartgefühl gehabt daß er mich nicht um einen einzigen Schilling anſprach, und meine Tochter war es die mir nach Frauenzimmer⸗ art die Bürgſchaft abquälte und abbettelte. Er hätte es nie verlangt. Im Uebrigen hat mir ſein Weibchen mein Herz aus der Bruſt geſtohlen, als ich bei der Auction war. So wie dieſe beiden Leute ihr Unglück ertrugen, ſo muß es ertragen werden ... Ich habe ſeitdem meine Pläne gehabt.“ „Weißt Du auch, Bruder, daß es ein ſehr ſchöner Zug von Dir war die Bürgſchaft zu unterzeichnen?“ „Hm, hm“... Moß ſtrich wohlbehaglich mit der Hand über ſeinen Rockaufſchlag...„Supponire daß man manchmal den Frauenzimmern Recht geben muß— meine Maiblume gehört zu denen die ſo Etwas verdienen.“ „Es kann überhaupt Nichts gethan werden was ſie nicht verdiente.“ Der Paſtor merkte ſelbſt nicht daß er dabei ſeufzte, aber Moß bemerkte es und ſeine Lippen bewegten ſich zu einer Art von freundlichem Lächeln. „Gedenkſt Du auf dieſer Reiſe nach Svartſkär zu kommen, Bruder?“ „Das“— Moß nahm eine myſtiſche Miene und dito Ton an, während er ſeinen Rockaufſchlag noch fleißiger ſtrich— das will ich Dir ſpäter am Abend ſagen, Bruder, im Fall ich hier eine Nachtherberge bekommen kann.“ „Bruder, Bruder, es ergreift mich Etwas heftig— ich geſtehe es— etwas Undenkbares, etwas Unmögliches. Ich weiß daß es unmöglich iſt, und dennoch wirbelt es mir im Kopf herum.“ „Höre mich ruhig an, Bruder. Supponire, das was ich ſagen will geht in derſelben Richtung mit Deinen Gedanken, ganz daſſelbe iſt es aber doch nicht— das war das Wort.“ „Was um Gotteswillen, Bruder, kann ſo nahe kommen und doch nicht daſſelbe ſein?“ „Das will ich Dir jetzt entwickeln, Bruder.. ich intereſſire mich höchlich für Hjelm— keine le außer Dir ahnt, welchen Antheil ich an ihm nehme. Sonſt würde meine Tochter mir noch ärger zugeſetzt haben, und juſt das wollte ich nicht, weil ich ſelbſt zu ſehen und zu prüfen wünſchte, wie er ſich herausziehen würde.“ „Bruder, Du kannſt mich mit Reden über Hjelm und ſeine Angelegenheiten zu jeder Zeit feſſeln...Deine Geſundheit!... Jetzt aber ſterbe ich vor Neugierde und Unruhe, wenn ich nicht bald ans Ende komme.“ „Warte, warte, Bruder! Es gibt Dinge die genau zuſam⸗ menhängen, obſchon man es nicht ſogleich merkt. Der Handel iſt, ſoweit ich mich zurückerinnern kann, meine höchſte Freude und mein höchſter Stolz geweſen. Supponire, ich war mit Genie dazu geboren, da es mir ſo gut aus der Hand ging. Und warum hatte ich dieſe dumme Manie für Holt, außer weil ich zu ſehen hoffte daß er in meine oder in andere noch beſſere Fußſtapfen treten würde?⸗ 5 „Ich begreife Nichts, aber ich vergehe, Bruder, wenn Du Deinen Präludien und meiner Qual nicht bald ein Ende machſt, obſchon ich geſtehen muß daß es die liebſte Qual iſt die ich mir denken kann.“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 9 130 „So will ich denn jetzt gerade auf die Sache losgehen... Proſit, Bruder!... Die Unterwürfigkeit und Geduld meiner Tochter haben mich tief gerührt, obſchon es nur ſo allmählig vorwärts gegangen iſt. Dein Brief, Bruder, keimte und gährte auch in mir, nachdem die Maiblume ihn ſo liſtig für mich auf dem Sofa hatte liegen laſſen. Juſt dieſer Brief war ein ſchöner Zug von Dir, Bruder. Später hat Gudmar, ohne es ſelbſt zu wiſſen, mir einen großen Dienſt erwieſen, gleichviel welchen— und am Gerichtstag haben wir miteinander getrunken.“ „Liebſter Ehrenbruder, das geht ja mit vollen Segeln auf daſſelbe Ziel los, wohin ich ſeit Jahren geſteuert habe.“ „Nein, Bruder, wie geſagt, es iſt nicht ganz daſſelbe— denn bei meinem Leben und meiner Seele, einen Handlanger der Zollkammer will ich jetzt ſo wenig als früher zum Tochter⸗ mann haben.“ „Was in aller Welt hat denn das Gerede da zu bedeuten, Bruder? Meine Gedanken über Deine Speculation quälen mich ärger als mein ſchlimmſter Rheumatismus.“ „Das Wort iſt: ich will einen Kaufmann zum Schwieger⸗ ſohn haben. Meine Tochter weiß nicht das Mindeſte davon, ſie weiß nicht einmal wohin ich gereist bin. Aber jetzt ſage ich: will Gudmar ſich entſchließen zum Handel überzugehen und mit Hjelm Compagnie zu machen, ſo baue ich noch ein großes Haus auf Svartſkär, und dann beginnen wir ein neues Leben wo es, glaube ich, weder an Freude im Herzen noch an Wohlſtand im Handel fehlen ſoll... Was ſagſt Du jetzt, Bruder?“ Der Paſtor ſprang auf, ſtreckte die Hände aus und rief mit ſeiner ſtarken jetzt vor Rührung zitternden Stimme:„Ho⸗ ſianna, Hoſianna in der Höhe!“ Jetzt ſprang auch Moß auf. Und Vivika, die in demſelben Augenblick zwiſchen den Hecken einherkam, hatte einen Anblich der ſie veranlaßte eine gute Weile ſtehen zu bleiben, nur um ſich die Augen zu reiben. blic um Die beiden alten Herrn hielten einander mung feſt die kein Ende nehmen wollte. „So etwas Närriſches habe ich doch noch nie geſehen,“ murmelte Vivika.„Daß jetzt ein Abendeſſen bereitet werden muß und daß Moß über Nacht bleibt, kann man an den Fingern herzählen. Ich hatte doch eine recht glückliche Ahnung, als ich in einer Umar⸗ „Wie kannſt Du nur eine Minute lan Phantaſie haben, Bruder? Gudmar iſt Winter drüben auf Spartſkär ſo gut w und iſt er nicht eben jetzt in Handelsgeſchäften in Uddevalla? Ueberdies liebt er Hjelm wie einen Bruder, und ich meines Theils weiß nicht ob ich noch länger zu leben wünſche, als bis zu dem Tag wo ich ihn unter Deiner Anleitung und an der Seite Majkens, die in meinen Augen das herrlichſte Weib iſt das Gott geſchaffen hat, einen großen Kaufmann werden ſehe.“ „Recht ſo, Bruder! Kaufmann hätte er von Anfang an werden ſollen, aber er hatte damals keine Luſt. kommt mit den Jahren, und Du darfſt mir das gibt ein bedeutendes Großhandlungshaus. brandsſon— ein verd g eine ſolche verrückte ja ſchon den ganzen ie Kaufmann geweſen, auf eine zierliche Art verbunden wird. Er muß dann noch allerlei Krimskrams anbringen, Balcone und ganz beſonders Thürme an den Ecken oder auf dem Dach, das man höher machen kann, daß es ſtattlich ausſieht und den Seglern Nutzen bringt. Das iſt mein Plan, Bruder— prächtig, nicht wahr? Und vor allen Dingen die ———j— 13² Freude... eine große Familie, viele Kinder, beſonders Jungen die recht herumtoben— das gibt Leben.“ „Und meine Schildjungfrau weiß gar Nichts von Alledem was einen Menſchen lebendig ins Paradies hineinreißen kann?“ „Ich habe mich wohl davor gehütet. Mußte erſt ſondiren . Gudmar iſt ein verdammt ehrenwerther Junge, er hat Le⸗ ben in der Seele und das Herz auf dem rechten Fleck, aber in manchen Dingen iſt er auch ein Trotzkopf. Siehſt Du, Bruder, ſo lächerlich es klingt, ſo bin ich doch nicht ganz ſicher daß ſeine Liebe zu meiner Tochter über ſeine eingepeitſchte Liebe zur Zoll⸗ kammer obſiegt.“ „So darfſt Du ihn nicht verkennen, Bruder. Könnte er den Controleur einem Mädchen wie Majken vorziehen— es gibt nur eine einzige Majken— ſo wäre er entweder ganz hirn⸗ verrückt oder ihrer durchaus unwürdig. Das ſagt ſein Vater.“ „Vortrefflich, Bruder, Dein Raiſonnement iſt kurz, aber ker⸗ nig. Und ich bin überzeugt daß Du mich mit keinem Wort da⸗ rum tadeln würdeſt, wenn ich unter ſolchen Umſtänden meine ewige Seligkeit zum Pfand ſetzte daß der Controleur Guldbrands⸗ ſon in allen Ewigkeiten nie meine Tochter beſitzen ſolle.“ „Unnöthige Vorſätze, Bruder. Morgen früh kommt er nach Hauſe, und dann nimmſt Du die Hälfte von meinem Sohn ge⸗ gen die Hälfte die ich von Deiner Tochter nehme.“ „Vielleicht,“ ſagte Moß, durch die Sicherheit des Paſtors ganz belebt,„vielleicht wäre es nicht übel, wenn ich noch heute Abend den Knecht an die Maiblume abſchickte, mit einem kleinen Billet das weiter Nichts als die Worte enthielte:„Der Onkel fehnt ſich nach Dir— komm morgen früh.“ „Göttlich, Bruder, und wenn dann mein Sohn kommt, ſo wird Alles auf einmal abgemacht.“ Eine Stunde ſpäter war der Bote unterwegs. In ſeligem Entzücken und ſchönſter Erbauung ſaßen die al⸗ ten Herren Abends beiſammen und ließen zu ihrer Kurzweil einen iren Le⸗ in nder, eine Zoll⸗ nen Luftballon um den andern in die Höhe ſteigen, während der Keller das Beſte von der Sendung des Capitäns Geiſtern in reichlichem Maß lieferte. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Thränen auf einer Luſtfahrt. In ihrem kleinen Boot, das Stork aber kräftigen Ruderſchlägen vorantrieb, ſelben Abend von ihrer Luſtfahrt nach Lyngö zurück, wo bald Hochzeitsjubel und Tanz ſtattfinden ſollten. Pelle ſummte die Melodie eines Kirchenlieds, borgs Blick jeder größern Woge folgte die vom Boot zertheilt wurde und hierauf wegrollte, um ſich in Geſellſchaft anderer Wogen auf noch größere Fahrten zu begeben. Die Abendſonne beglänzte in ſchimmernder Pracht die blaue Straße mit ihren weißen gewäſſerten Rändern, die in langen Reihen hinter und neben dem Boot hinglitten und zuweilen Silberperlen emporwarfen, die bei jedem Ruderſchlag über ihnen ſchäumten. Zugleich fielen auch andere Perlen, die klaren Thränen eines jungen Mädchens auf die blaue Woge, Es war Thorborg, die ſich über das Geländer hinbeugte und dieſ Zeichen nicht zurückzuhalten vermochte, geſehen wurden als von G bei ruhigem Wetter ſah Pel des Bedürfniſſes wegen neben der Platz gefunden hatte. Dabei hatte Pelle ſich heute aufs Denken verlegt. Was e Pelle mit langſamen, ſchaukelte Thorborg am während Thor⸗ 4 134 Sven Dillkopf angedeutet hatte war nicht ohne Grund. Es wollte Pelle nicht gefallen daß er jetzt, da der Lieutenant, wie er ſich ausdrückte, zulegte, unter das Commando eines Andern kommen ſollte. Er war alt, er konnte ſich eine Fiſcherhütte nebſt Seitenkammer und Küche bauen, und da wäre es gar nicht ſo übel, wenn er eine Gehilfin bekäme welche die Hütte ſauber hal⸗ ten, die Panaceen bereiten und kochen könnte. Welche Hilfe konnte jetzt beſſer ſein als Vivika, die neben ihrem muntern Weſen noch allerlei Gutes beſaß, um vom Geld gar nicht zu ſprechen! Aber das Schwierige war, wie man ſie auf den Punkt bringen ſollte wo Pelle ſie zu haben wünſchte. Und darauf gingen jetzt alle ſeine Gedanken aus, während er einen Geſangbuchvers aus dem Brautliede vor ſich hinſummte. Unter ſolchen Phantaſien war es erklärlich daß Pelle keine läſtige Geſellſchaft wurde, und Thorborg, die zu Svens Verdruß abſichtlich Pelle gewählt hatte, ſah ein daß ſie ſich durchaus kei⸗ nen Zwang anzuthun brauchte. Nachdem ſie eine Weile den erfriſchenden Thau der Thrä⸗ nen genoſſen hatte, zog ſie einen Brief hervor, nicht denjenigen den ſie Majken gezeigt, ſondern einen neuen der erſt vor drei Tagen angekommen war, und welchen ihr Bruder ihr ohne ein Wort zu ſagen in die Hand geſteckt hatte, als er ſich in ſeinen Wagen ſetzte um nach Uddevalla zu fahren. Der Brief war nicht von Flensburg. Sein Datum lautete: „An Bord der Brigg Adler, nach Cadix beſtimmt und kreuzend im ſpaniſchen Meer.“ Wie manchmal Thorborg dieſe Zeilen las, braucht nicht er⸗ zählt zu werden, aber es geſchah oft, denn ſie war meiſtentheils unterbrochen worden, ehe ſie noch halb zu Ende war. Jetzt glaubte ſie ungeſtört ſein zu können und entwickelte daher den Brief vollſtändig. Im Anfang drangen neue Thränen in ihre 13⁵ Augen, wurden aber bald von einem freundlichen Windhauch ge⸗ trocknet. Otto Geiſtern an das kleine Elfenmädchen am Bottnafjord. „Ich bin feſt überzeugt daß Sie geglaubt haben, es würde aus der Reiſe Nichts werden. Ich glaubte auch ſelbſt nicht daran, denn mein Sinn ſtand auf einen Winkel an der Nordſee gerichtet. Und was die dreijährige Mittelmeerexpedition betrifft, ſo mußte ſie ohne mich abgehen. Sollte ich jedoch um einer eigenſinnigen Idee willen von Allem abſtehen? „Nein, Sie wiſſen daß ich ein harter Mann bin. Es be⸗ hagte mir nicht unter dem Commando einer heimlichen Neigung zu ſtehen. Deßhalb ging ich, nachdem ich Alles wohl überlegt hatte, eines Nachmittags aus um mich noch weiter zu beſinnen, und kam als commandirender Capitän der Brigg„Adler“ nach Hauſe. So einfach ging es zu. Etwas Weiteres war es nicht. „Aber jetzt bedarf es der treuen Fürbitte dieſer Heiligen die ich von Zeit zu Zeit anflehe, damit die Winde meinen Wün⸗ ſchen gehorchen, und dieſe gehen darauf hinaus daß ich nach Hauſe zurückkommen möchte, ehe noch Jahr und Tag vergehen. Wenn dies geſchehen i*ſt, will ich aufs Neue prüfen ob ich dieſer Bottnafjordsneigung nicht widerſtehen kann. „Das Meer beſitzt eine wunderbare Macht über einen Mann der es einmal zum Tummelplatz ſeiner Bahn gewählt hat. „Dennoch wenn der unglaubliche Fall ſich denken ließe daß ich wieder— ich ſetze dies nicht gerne voraus, thue es aber gleichwohl, denn an dieſem ruhigen langweiligen heißen ſchwülen und aufrühreriſchen Nachmittag habe ich nichts Anderes zu thun, weil das Schiff, ſtatt adlergleich zu fliegen, langſam und maje⸗ ſtätiſch wie der Schwan mit ſeinen weißen Flügeln über das Waſſer hinſchwebt— alſo wenn gleichwohl der unglaubliche Fall ſich denken ließe daß ich mich wieder verheirathe, ſo würde ich 136 entſchieden dieſes Element aufgeben das mich ſo viel gekoſtet und mir Schmerzen hinterlaſſen hat, die nie vollkommen geheilt wer⸗ den können. Doch dieſes ſteht in der mächtigen Hand des Herrn. „Ich möchte und könnte nie wieder eine Frau auf meinem Schiff mitnehmen, und dennoch würde es mir ſehr ſchwer werden ſie zu verlaſſen, denn ich würde unaufhörlich in der Angſt leben daß bei meiner Heimkehr irgend ein Unglück mich erwarte... „Sie glaubten alſo entſchieden daß ich nicht mehr reiſen würde? „Ich ſehe wohl, wie Sie jetzt die kleine Herrſchermiene an⸗ nehmen welche hervorgeholt wurde, als das heilige Kind, nach⸗ dem es mit dem natürlichen Menſchen, dem kleinen Elfenmädchen, blinde Kuh geſpielt hatte, mißvergnügt wegging, um dieſen nach eigenem Belieben ſchalten zu laſſen. „Dieſe Miene iſt mir wohlbekannt. Wenn Sie mir gegen⸗ über ſäßen, würde ich Sie ſogar weniger beſtimmt ſehen als jetzt. Es verdrießt Sie in Ihrem Innern, nicht wahr, daß ich hier in der ſpaniſchen See Sie am Ufer des Skagerak durch⸗ ſchauen kann. „Wiſſen Sie woher das kommt? Daher weil Sie trotz mei⸗ nes Verbotes mir folgen. „Aber ärgern Sie ſich jetzt nicht darüber daß Sie fehlgegriffen haben, und daß ich im Grunde nicht ganz der Mann war den Sie nach Ihrem milden Wohlgefallen beherrſchen zu können dachten. Aergern Sie ſich auch nicht darüber daß ich Ihnen ſo aufrichtig meine Gedanken kundgethan habe— aber Sie erinnern ſich ja, wenn je zwei Perſonen aufrichtig gegen einander waren, ſo waren wirs. Und es darf auch ſchriftlich nicht anders ſein als es mündlich war. „Eines Tages gelang es mir einen Kupferſtich zu bekommen der Ihnen als Heiligenkind aufs Tänuſchendſte gleichſieht. Ich freue mich unendlich über dieſen Beſitz und hoffe mit der Zeit ————— 137 noch ein anderes Bild zu bekommen das Ihnen gleicht, juſt ſo lange Sie dieſen Brief leſen. „Werden wir einander nie mehr begegnen? „Weit iſt das Grab über deſſen verrätheriſcher Decke der Seemann beſtändig dahingeht... wie plötzlich iſt nicht der Sprung dahinunter gemacht, und dann... dann.. „Nun wohl, wenn Sie hören daß Otto Geiſtern dieſen Sprung gemacht hat, ſo denken Sie mit ſanften Gefühlen an ihn und verzeihen Sie ihm viel, aber nicht Alles— nicht das, daß er ſein Verſprechen nicht hielt und heuer nicht an Ihre Ufer kam, denn verzeihen Sie auch das, ſo vergeſſen Sie mich bald, und ich empfinde einen entſchiedenen Abſcheu vor dem Gedanken daß die kleine Elfenkönigin mich vergeſſen könnte.. „ Glauben Sie daß es in meinem Innern immer ſo ſtill ſei? Wie der Adler ruht, ſo ruhe auch ich jetzt, und ſo wie der Schwan mit ſtillen Schlägen ſeine Flügel ausgebreitet hat, ſo habe ich die meinigen ausgebreitet zum Flug nach einem fernen, zu gleicher Zeit geliebten und gefürchteten Meere. „Aber wenn der Adler ſeine Segel ſpannt, dann werde ich ein anderer, ein harter Mann. Die Leute wiſſen das wohl, denn ſie gehorchen mir ſo pünktlich, daß ich keine Gelegenheit be— komme es zu zeigen. Aber erhielte ich eine ſolche Gelegenheit, ſo würde ich ein ſtrenger Herrſcher ſein. „Glauben Sie daß ich in andern Verhältniſſen ſtreng ge⸗ weſen ſei? Ich meine... ich meine gegen ſie... Ach, Sie wiſſen nicht, ich habe es Ihnen nicht geſagt, aber Sie dürfen nicht glauben daß ich ein beſonders guter Menſch ſei. Ich bin ſehr argwöhniſch... ſehr um mein Anſehen beſorgt. Ich liebe ſowohl mit weichen als mit harten Gefühlen, aber ſanft bin ich nicht— verſtehen Sie das! „Ich betete meine Henrika an. Aber ich weiß daß ſie den⸗ noch manchmal Thränen vergoß— hören Sie: Thränen vergoß. Ich ſah das, obſchon ſie dieſelben trocknete und wieder lächelte. 138 Wie haben nicht dieſe Thränen in meinem Herzen, in meinem Hirn gebrannt! Ihre Stimme flüſterte immer von Glück, von Seligkeit. War ich unvernünftig?... Glauben Sie, Kind, daß ich nicht noch immer um ſie traure? „Still, ſtill, kein Wort davon! Henrika wird mir immer theu⸗ rer und heiliger. Und immer deutlicher ſehe ich ein, wie wenig ich dieſes Engels würdig war. Sie war ein Engel, eine wahre Heilige... aber Sie ſind es ganz und gar nicht. Suchen Sie mich nicht auf dieſen Gedanken zu leiten— es mißfällt mir. „Ueberdies iſt es am beſten, wenn Sie ſich mit dem begnügen was Sie ſind. Sie können ſehr wohl ein, zwei, drei, vier Worte ertragen, und Sie, eigenmächtiges Geſchöpfchen, ſchauen ſich den⸗ noch muthig um und geben ſechs Worte zurück ſtatt drei. So machen es die Engel nicht. Dieſe laſſen traurig wie eine Taube ihre Köpfe unter die Flügel ſinken, ihre Augen werden von einem feuchten Schleier bedeckt, ſie lächeln zwar noch, aber dieſes Lächeln gibt demjenigen der es hervorgerufen hat den Tod. „Falls wir uns je wieder treffen, ſo thun Sie am beſten, wenn Sie dieſen Gegenſtand gar nicht berühren. Ich wollte dies nur einmal gegen Sie ausgeſprochen haben. Es war eine vertrauliche Ergießung gegen eine theure und hochgeſchätzte Freun⸗ din, aber eine jener Mittheilungen welche beſtimmt ſind für im⸗ mer begraben zu werden. „Sollten Sie eine Bitte von mir annehmen wollen— nun, das können Sie glücklicher Weiſe nicht abſchlagen. Aber ſollten Sie erfüllen wollen was dieſe Bitte enthält? Sie faßt den Wunſch in ſich: Beantworten Sie dieſen Brief. „Ich habe an Ihren Bruder geſchrieben, um Nachrichten über Hjelms zu erhalten. Nie werde ich ein vollkommenes Glück genießen, bevor ich das Glück dieſer Leute geſichert weiß. Ach, könnten Sie mir ein Mittel ausfinden helfen wodurch es mir möglich würde ihnen nützlich zu ſein! 139 „Wie ſehne ich mich bereits nach Ihrem Brief! Sie ſchreiben — das iſt ausgemacht. „Aber bedenken Sie ſich wohl mit dieſer Antwort. „Ich weiß vollkommen was Sie für ſie thun, ohne daß Sie es ſagen. Wenn Sie bei ihr ſind, ſo begegnen ſich daher auch unſere Gedanken, aber auf eine ganz verſchiedene Art.. Nur die Gedanken dürfen davon eine Erinnerung haben. „Sie können ſchreiben was Sie wollen, ſogar Ihre Eindrücke von einem Mann der Sie, wenn er Sie je im Leben noch ein⸗ mal treffen ſollte, erinnert an Otto Geiſtern.“ N. S.„In Cadix erhalte ich Ihren Brief— aber beeilen Sie ſich, damit ich nicht davon ſegle. Ich möchte ihn für den Reſt meiner Fahrt als Geſellſchaft haben.“ Nachdem Thorborg dieſen Brief ein paar Mal geleſen, mochte ſie darin das Eine oder Andere entdeckt haben was ihr vorher entgangen war. Wenigſtens waren jetzt die Thränen verſchwunden, und ein glänzender Strahl der von der Sonne ſelbſt geborgt ſchien hatte ihre Stelle eingenommen, als ein geſegnetes Zeichen daß der Seele das Vermögen innewohnt ſich ſelbſt ſchnell zu tröſten, nachdem ſie ſich zuvor ſo tief in die Unruhe hineingebettet, als gedächte ſie für alle Zeiten auf dieſem Lager auszuharren. Als ſie jetzt auch ein Lächeln auf die Lippen bekommen, da erhob ſich der Strahl im Auge zu etwas weit Höherem als zu einem bloßen Troſtesſtrahl. Er färbte ſich jetzt mit etwas Schalk⸗ haftigkeit, etwas Frohlocken, etwas Hoffnung und vielen andern Dingen von denen ſie ſelbſt nicht wußte daß ſie ſich darin vor⸗ fanden. Haſtig verbarg ſie den Brief in ihrer Schürzentaſche. Aber dort muß eine ganze Poſt ſich vorgefunden haben, denn jetzt 140 ſchaute ein anderes Briefchen hervor, das ſie mit forſchender und gedankenvoller Miene durchlas. Es war eine Antwort welche ſie für den Fall geſchrieben hatte daß Gudmar einen Brief nach Cadix zu ſenden gedächte. Und dieſe Antwort lautete folgendermaßen. „An den Befehlshaber der Brigg Adler. „ Ich finde Ihren Triumph ſehr unbedeutend. „Was war es wohl für ein Wunder, wenn ich an die Ver⸗ ſicherungen die Sie ſich ſelbſt gaben an den Bottnafjord zurück— zukommen glaubte? „Sie änderten Ihre Abſicht— das thut man ja ſo oft mit Reiſeplänen— und ich kann darin nichts Merkwürdiges entdecken, als etwa Ihre Vorausſetzung daß dieſe Veränderung mich ver⸗ drießen könnte. 4 „Nein, Capitän Geiſtern, ich müßte nicht Ihre Freundin ſein, wenn ich mich nicht im Gegentheil herzlich über Ihr friſches Verlangen nach Thätigkeit freute. Es zeigt am allerbeſten daß Sie dieſe herrliche Freiheit und Spannkraft des Geiſtes wieder gewonnen haben welche das beſte Zeichen für die vollkommene Geſundheit des Körpers und der Seele iſt. „Reiſen Sie glücklich und reiſen Sie lange! Eine Freundin in der Heimath der alten Wikinger wird, wenn ſie am Morgen aufs Meer hinausblickt, immer auch für Sie ein Gebet haben. „Sie möchten Etwas über meine Eindrücke erfahren, über diejenigen vermuthlich die ich von Ihnen ſelbſt habe. Nun wohl, Capitän Geiſtern, hier haben Sie dieſelben: „Sie ſagen oft: ich bin ein harter Mann! aber Sie ſind im Gegentheil ein ganz weicher Mann, und in jedem Winkel Ihrer Seele liegen zehn Senſitiven verborgen; dabei ſind Sie gegen ſich ſelbſt ein falſcher Mann, weil Sie ſich mit aller Gewalt als hart und unerſchütterlich betrachten wollen. Unerſchütterlich kön⸗ nen Sie auf eine gewiſſe Zeit ſein, aber nur aus Eigenſinn— und ſie nach 141 hernach bereuen Sie es, und dann hilft es Ihnen wenig daß Sie ſich hinter die Härte verſchanzen. „Warum ſind Sie ſo ängſtlich um Ihre Gewalt beſorgt? Darum weil Sie in Ihres Herzens Innerſtem Ihren Wankel⸗ muth erkennen und ſich einbilden, es könnte Jemand ihn erſehen und ausbeuten. „Ich glaube, dies iſt das Unnöthigſte von Allem worüber Sie ſich beunruhigen... Ach, fürchten Sie nicht daß Sie jemals ſo klug werden, um irgend Jemand dieſe Gewalt zur rechten Zeit erhalten zu laſſen. Ihr Eigenſinn, Ihre Scheu vor allzu großer Nachgiebigkeit wird ſich immer dazwiſchen ſtellen. Und wenn dieſe Beſorgtheit um Ihr Anſehen vorüber iſt, dann wird es wohl Niemand mehr für nöthig halten nach irgend einer Macht zu ſtreben, denn dann hilft ſie zu Nichts mehr. „Da haben Sie jetzt meine Eindrücke von Ihrem Charakter. Er ſteht vollkommen klar vor meinen Augen, mögen Sie nun das ſpaniſche Meer durchfahren oder am Ufer der Nordſee hin⸗ wandeln. Ich kann über jeden Punkt Auskunft ertheilen, gleich als hätte ich ſie alle auf einer Karte ausgeſteckt. „Sollten Sie nun unter den mancherlei Dingen von denen ich ſprechen könnte auch Etwas von mir ſelbſt zu hören wünſchen, ſo theile ich Ihnen mit daß ich gegen alle Menſchen fortfahre das zu ſein was ich bisher geweſen— dies mag nun geweſen ſein was es will. Aber gegen Sie bin ich immer eine Andere als ich ſelbſt. „Forſche ich nach dem Eindruck der dieſe Ungleichheit verur⸗ ſacht hat, ſo ſcheint er mir darin zu liegen daß es für uns Beide unmöglich iſt auf einem andern Weg als dem des Widerſpruchs fortzukommen— und das iſt ſehr ſchlimm. „Wenn Sie an mich glaubten, ſo würde ich gegen Sie eben ſo gut ſein; aber da Sie niemals an mich geglaubt haben, ſo habe ich auch niemals weder Kraft noch Luſt empfunden meine Schätze an Sie zu verſchwenden, 142 „Mein Leben iſt ſich gleich. Es verrinnt ſtill, aber nicht nutzlos unter den Klippen. Mein Vater, mein Bruder, meine Freunde und meine Armen theilen es unter ſich. „Mein Bruder ſchreibt gewiß Alles was Hielms betrifft. Es iſt viel, aber ich bin nicht im Stand Ihnen mehr zu erklären, als daß ich auf Beide ſtolz bin. Vielleicht werde ich, wenn der Brief abgeht, in einer Nachſchrift mehr ſagen. Das will ich je⸗ doch jetzt hinzufügen, daß ich vollkommen überzeugt bin daß Gott ſeine Hand ausſtrecken wird ihnen zu helfen. Entſagen Sie da⸗ her Ihrem edlen, aber fruchtloſen Gedanken in Betreff der äußeren Stellung unſerer Freunde. „...... Ich ſehe auch Sie ſehr wohl, Sie harter Mann, an Bord Ihres Schiffes und in Berührung mit Ihrer Mannſchaft, und ich vermuthe daß dieſe fortwährend ihre Schuldigkeit ſo er⸗ füllen wird, daß der ſteife Herrſcher niemals zum Vorſchein zu kommen braucht. „Werden Sie mir nicht böſe, wenn ich ſage daß Sie ein guter und rechtſchaffener Mann ſind, und daß man Ihre Befehle gewiß eben ſo eifrig befolgen wird, als ob ſie von dem ſeligen Capitän Oddjers kämen. „Welch eine herrliche Fahrt müſſen Sie jetzt um Spaniens ſchönen Himmel haben! Ich würde mich ſehr freuen, wenn Sie mir eine Beſchreibung davon geben wollten. „Und nun biete ich Ihnen ein herzliches Lebewohl. Thun Sie den Sprung nicht den Sie mir vorgeſpiegelt haben. Habe ich Etwas unverziehen zu laſſen, ſo würde ich es am liebſten ver⸗ zeihen, ſo lang Sie Ihre Schuld gutmachen können. „Thorborg Guldbrandsſon.“ „Rühren Sie ſich, Mamſell, wir legen ſogleich an.“ „Anlegen?“ Thorborg ſah erſchrocken auf. Bei den Worten„ſpaniſches Meer“ hatte ſie wohl, nachdem kun leur dieſ rath dem ſie ihren Brief bis zur letzten Zeile durchleſen, angefangen eine gute Weile an ſpaniſchen Schlöſſern zu bauen. Aber bei Pelles Erinnerung fielen die Luftſchlöſſer und der Brief zu gleicher Zeit zu Boden. Was letzteren betrifft, ſo wurde er ſogleich wieder aufgehoben und ganz behutſam zu den andern gelegt. Aber wo die Materialien zum Bauwerk verwahrt wur⸗ den iſt nicht leicht zu ſagen, vermuthlich hätten ſie in der Schür⸗ zentaſche keinen Platz gefunden. Inzwiſchen fühlte ſich Thorborg ſo erfriſcht von Allem was zwiſchen ihr und dem Commandanten des Adlers vorgefallen war, daß ſie ihre Luſtfahrt beſchloß, ohne ſich auch nur zu erin⸗ nern, wie dieſelbe mit Thränen begonnen hatte. Dies bildete ein Widerſpiel zu vielen andern Luſtfahrten, bei denen die Thränen nicht zurückgelaſſen werden, ſond ern ge⸗ treulich wieder nach Hauſe mitwandern, was indeß die Lippen nicht hindert in zierlichen Worten von den genoſſenen Vergnü⸗ gungen zu ſprechen. „Nun, Pelle, es iſt gut gegangen.“ „So ſo, Mamſell! Aber ſtop, wenn ich bitten darf.. Ich hatte eine Meinung.“ „Was für eine Meinung, Pelle?“ „Dank für die Frage... Ich möchte mich bei Ihnen er⸗ kundigen, Mamſell Thorborg, ob Sie einen Einfluß auf Jungfer Vivika haben, denn ich glaube, der Lieutenant kann ſein Contro⸗ leurspatent noch vor Auguſt oder wenigſtens bis zum Ende dieſes Monats erhalten.“ „Nun,“ fragte Thorborg, heimlich lächelnd bei dem Gedan⸗ ken daß ſie aus dem einen Liebeswirrwarr in den andern ge⸗ rathen war,„was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ja, Dank für die Frage, ich möchte wiſſen, ob Sie be⸗ merkt haben daß Jungfer Vivika's Sinn ſich ein wenig geſänf⸗ ———ͤͤͤ 144 tigt hat; denn hat er ſich nur etwas gebeſſert, ſo kann er ſich, denke ich, auch noch mehr beſſern.“ „Das verſichere ich Euch, Pelle— ich will Euch hierin nicht täuſchen— daß ihre Laune ſich in den letzten Zeiten be⸗ deutend gemildert hat; und ſo viel iſt gewiß daß eine flinkere Hausfrau in den ganzen Scheeren nicht zu finden iſt. Ihr be⸗ kommt ja nachher eine Penſion, Pelle?“ „Sollte es wohl glauben. Und ein Fiſcher mit Penſion und einer Frau mit einigem eigenem Geld muß ſchon ehrlich leben können, wenn man noch das Beſte hinzulegen darf, näm⸗ lich was Sie mir von der Tagundnachtgleiche der Launen Vivi⸗ ka's erzählt haben. Das war ein ſchönes Wort das ich nicht vergeſſen werde.“ „Seht, da kommt ſie juſt ans Ufer herab. Habt Ihr über die Sache ſchon mit ihr geſprochen?“ „Nein, bewahre, ich habe nur ſo ein Bischen auf den Buſch geklopft. Aber ſehen Sie doch, wie fröhlich ſie ausſieht.“ Pelle drehte ſein Priemchen im Munde auf die andere Seite, um ein Schmunzeln hervorrufen zu können, was er wäh⸗ rend ſeiner ganzen Junggeſellenzeit gänzlich verlernt hatte. Da⸗ rauf zog er das rothroſige Nastuch hervor, um ihr zierlich einen Gruß zuzuwinken, bevor er mit dem Ruder den letzten Stoß that. Aber wenn Pelle glaubte daß Vivika ihm zu Liebe ſo ver⸗ gnügt ausſehe oder ſich nur im Mindeſten darum bekümmere daß er ſeine zierlichſte Sonntagsweſte und ſeine neue Jacke an⸗ hatte, ſo täuſchte er ſich gewaltig. Sie ſah ihn kaum einmal an. Sie wandte ſich einzig und allein an ihre junge Gebieterin. „Thorborg, wollen Sie rücklings ins Waſſer fallen, ſo thun Sie es, wenn Sie Luſt haben— das wäre nicht zu viel für die wunderbare Nachricht womit ich Sie überraſchen will... Steigen Sie jetzt ordentlich aus dem Boot, denn ich will nicht daß Sie fallen und Ihr neues Kleid verderben ſollen.“ ₰—— — — ũ et— 1 ⁸——=S= SA 145 „Du machſt mich ja ganz verwirrt,“ meinte Torborg. „Guten Tag, Pelle!“ Vivika ließ ſich herab dem erſten Schiffer des Kronboots einen halben Blick der Aufmunterung zu ſchenken, und dann zog ſie Thorborg beim Arm ans Ufer hinauf. „Sprich jetzt, Vivika.“ „Denken Sie ſich jetzt einen Gedanken, Thorborg, aber er muß rieſengroß ſein, ſo daß er in die Wolken reicht, und ſo lang wie der längſte Schritt des Lunkentus— ich denke, er ſetzte mit dem einen Schritt über den Bottnafjord und mit dem an⸗ dern über den Sotebuſen.“ „Ich habe mich in einen ſolchen Rieſengedanken hineinge⸗ arbeitet— was gibt es jetzt weiter?“ „Merken Sie ſich eine Sache... Der Moß iſt gekommen! Der Moß wird hier über Nacht bleiben! Der Moß hat einen Boten an Majken geſchickt, daß ſie morgen in der Frühe her⸗ kommen ſoll, und der Moß und der Alte haben einander um⸗ armt und der Alte hat Hoſiannah gerufen.— Das iſt eine hohe Kirchenrede die er nicht gebraucht haben würde, wenn es nicht um einer Sache willen geſchehen wäre die mit der Kirche zu thun haben kann. Begreifen Sie jetzt Etwas, Thorborg, ſo können Sie ſich das Uebrige dazu denken.“ Thorborg gönnte ſich keine Zeit um noch mehr zu hören, ſondern flog ins Pfarrhaus hinauf. Jetzt hatte Pelle das Boot angelegt, und Vivika ſtand juſt da und ſchöpfte nach Athem. Sie war ſo ſchnell herabgelaufen daß ſie nicht ſchon wieder zurücklaufen konnte. Sie hatte in die⸗ ſer Beziehung genug gethan, um Pelle zu zeigen daß ſie ſo leichtfüßig ſei wie irgend Eine.. „Möchte erbötigſt fragen, Jungfer Vivika, ob ich dieſes Ge⸗ ſangbuch hier mit der ſilbernen Spange, das ich in Göteborg beſtellt habe, präſentiren darf. Es braucht darum noch kein Handgeldgeſchenk zu ſein. Aber wenn Ihr es dazu für gut haltet, Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 10 146 Jungfer Vivika, ſo will ich darum nicht diſputiren, denn Ihr könnt es halten für was Ihr wollt.“ „Dank, Pelle, aber verwahrt es noch einige Zeit. Sage nicht daß ich es nicht künftig annehmen werde, aber ich will mich doch noch beſinnen. Denn ein Geſangbuch mit ſilberner Spange halte ich für ein Verlobungsgeſchenk, und wenn Ihr mirs gegen den Herbſt anbietet, ſo werdet Ihr die rechte Antwort bekommen.“ „Das iſt ehrlich und raiſonnabel geredet, und ich will mir im Kalender den Sonntag anzeichnen den man als den erſten im Herbſt rechnet.“ Vivika nahm eine höchſt anmuthsvolle Miene an und ſagte dann: „Seid ſo gut, Pelle, kommt mit mir in die Küche und nehmt eine Erfriſchung zu Euch, während ich das Eſſen zurechtmache.“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Ausſchlag. Die alten Herrn die in der ganzen Nacht kaum ein Auge hatten zuthun können, um all ihrer großartigen Pläne willen welche man Thorborg in halben und ganzen Winken mitgetheilt hatte, ohne daß ſie ſich jedoch den Anſchein gab als ob ſie Et⸗ was davon begriffe, denn das wäre ſehr unpolitiſch geweſen, da ſie es nicht wagte eigene Hoffnungen dazu zu bringen— die alten Herrn ſaßen jetzt nach beendigtem Frühſtück mit dem letz⸗ ten Porterglas in der Hand da und ſchauten Jeder auf ſeiner Seite des Fenſters in die Ferne hinaus. Und ſie fanden kaum noch Zeit ihre Gläſer zu leeren, als ein Wagen vorfuhr und — r.⸗.E“ 147 Majken— ſtrahlend von den ſtrahlendſten Hoffnungen— herein⸗ ſprang und ſich in des Paſtors offene Arme warf. „Nun, und ich? Supponire daß für mich auch Etwas ab⸗ fallen ſollte!“ ſagte Moß mit einem kurzen Lachen. „Alſo hieher biſt Du gereist, Papa? Was ſoll das bedeu⸗ ten, Papa? Laß es ſo geſchwind gehen wie dieſe Umarmung da... Ich bin beinahe erſtickt unter der Laſt meiner Ver⸗ muthungen— ich wage nicht zu ſagen Hoffnungen. Aber vor allen Dingen möge Gott Dich ſegnen, Papa... denn etwas Wunderbares iſt es.“ „So ſetze Dich, mein Kind!“ Moß legte ſeine gewöhnliche Art ab und konnte die Gemüthsbewegung nicht zurückhalten die beinahe einen Schleier über ſeine Augen warf. „Jetzt ſetze ich mich zwiſchen Papa und Onkel nieder... Ich kann Dir kaum guten Tag ſagen, liebe Thorborg, aber Du verzeihſt mir wohl? Es iſt nicht zu viel geſagt, wenn ich be⸗ haupte daß ich nur noch eine Idee von Athem übrig habe.“ „Vielleicht kommt er dann nur um ſo friſcher zurück,“ ſagte Moß.„Schon ſeit langer Zeit, meine Maiblume, biſt Du, wenn die Frage Dich ſelbſt betraf, ſtets geduldig geweſen und haſt Dich gehorſam und unterwürfig gezeigt.“ „Das war meine Pflicht, Papa.“ „So war es, Kind; aber viele Töchter machen ihren Vä⸗ tern dieſe Pflicht ſauer, während Du dagegen ſtets Süßigkeit in mein Leben gebracht haſt.“ „Papa, Papa!“ „Geduld, meine Maiblume, aber ich kann Dich nicht bitten daß Du Dich noch weiter darin üben ſollſt. Mein Sinn iſt weich geworden. Wir können jetzt an den fröhlichen Tag denken.“ „O, geliebter Papa! Vor allen Dingen, ſagſt du das ohne Vorbehalt?“ „Nein, Kind, nicht ohne Vorbehalt... Ich ſchätze Hjelm. Weit mehr als ich Dir geſagt habe, ſchmerzte es mich alle ſeine 148 ſchweren Anſtrengungen zu ſehen die dennoch zu keinem andern Ende führen konnten. Es iſt ihm nur noch auf eine einzige Art und Weiſe zu helfen, nämlich daß er einen Aſſocié bekommt der ein anſehnliches Betriebscapital mitbringt... Will Gudmar Kaufmann werden? Er hat ſich bei den Geſchäften die er dieſen Winter auf Rechnung ſeines Freundes machte nicht ungeſchickt bewieſen.“ Majken wurde todtenblaß. Sie ſah zu Thorborg auf, die ihre Augen ſenkte und dann lange Zeit nicht mehr aufzuſchla⸗ gen wagte. „Was kommt Dich an, meine Maiblume? Ich will Dir nur geſtehen daß ich eine andere Gemüthsbewegung erwartet hätte — aber ſprich auf jeden Fall, Du erſchreckſt mich.“ „Papa“... Die Farbe kehrte allmählig auf Majkens Wangen zurück, aber dieſe Todesbläſſe hatte auch das Herz des alten Paſtors mit Bangigkeit erfüllt. „ Nun, weiter?“ fragte Moß. Majken ſtand auf, ſchlang die Arme um des Vaters Hals, drückte ihre Wangen an die ſeinigen und bemühte ſich zu ſprechen. „Mädchen, Mädchen, das gefällt mir nicht, und es geht nicht mit rechten Dingen zu.“ „Laß mich Dir ſagen, Papa, daß ich ſo aufgeregt, ſo von Dank überwältigt bin über Deinen edeln und ſchönen Gedanken....“ „Gut, gut... aber man ſieht Dir keine Freude an.“ „Nein, man ſieht ihr keine Freude an,“ ſagte der Paſtor, der ſich bisher aus gebührender Ehrfurcht vor dem Recht des Vaters das ſtrengſte Stillſchweigen auferlegt hatte. „So ſo, Bruder, Du machſt dieſelbe Bemerkung,“ verſetzte Moß.„Unſere Pläne ſcheinen nicht vorwärts gehen zu wollen. Was um Gotteswillen verlangſt Du denn, Mädchen, wenn Dir das nicht taugt? Was begehrſt Du?“ „Nichts, Papa... nicht das Allergeringſte.“ „So, jetzt verlangſt Du Nichts, wenn Du Alles haben —— 2— 149 kannſt?... Die Weiber, die Weiber! Begreifſt Du Etwas, Bruder?“ „Nein,“ antwortete der Paſtor eintönig.„Majken mag ſich erklären.“ „Das iſt meine Pflicht, und ſo ſchwer ſie iſt, ſo will ich ſie erfüllen.“ „Nun, es wird merkwürdig ſein zu hören, wie dieſe Erklä⸗ rung lautet.“ „Theurer geliebter Papa, die Art und Weiſe wie Du mein und Gudmars Glück bereiten willſt— ach verzeih, verzeih den Undank in dieſen Worten— iſt nicht diejenige wodurch das Glück ſich wirklich gewinnen läßt.“ „Wie nun?“ rief Moß.„Das war ein wunderliches Ge⸗ rede von Dir.“ „Nein, Papa... ich kenne das Verhältniß am beſten. Es würde mit meinen Begriffen von Ehre und Pflicht nicht übereinſtimmen, wenn ich ſähe daß Gudmar die Bahn der er ſich ſchon ſo manches Jahr gewidmet hat verließe, um eine neue zu betreten, zu welcher er keinen Beruf in ſich fühlt— denn ſonſt hätte er ſie natürlich von Anfang an gewählt. Er iſt allerdings ein untergeordneter Gehilfe Hjelms geweſen, aber dieſe Triebkraft wurde durch die Freundſchaft in Bewegung ge⸗ ſetzt, und die Zeit die er darauf verwendete ließ der Dienſt ihm übrig. Aber Gudmar ſelbſt hat nicht die Art von Genie die zum Handel nöthig iſt. Er beſitzt nicht den Kopf zu Specu⸗ lationen.“ „Nun, zum Henker! wozu hat er denn mich zum Schwie⸗ gervater, außer damit er Kopf bekommen ſoll?“ „Ich glaube,“ fiel der Paſtor etwas verletzt ein,„daß Du die Fähigkeiten meines Sohnes beinahe unterſchätzeſt. Ueberdies haſt Du ſo viel Kopf bekommen daß Du ihm gute und kluge Rathſchläge ertheilen kannſt.“ „Deine Worte ſind Weisheitsreden, Bruder,“ verſetzte Moß 150 aufs Neue belebt.„Er könnte meiner Seel keinen beſſern Lehr⸗ meiſter erhalten... Aber ein alter ſchlauer Fuchs läßt ſich nicht beluchſen— meine Tochter hat andere Gründe, ſupponire ich. Das iſt das Wort.“ „Ja, Papa, ich habe mehrere Gründe. Gudmar würde wahrſcheinlich, wenn er juſt jetzt— wo ſeine Ernennung ent⸗ ſchieden iſt und ſo nahe bevorſteht— ſeine Bahn verließe, ſpä⸗ ter einmal dieſen Schritt bereuen... und welche Laſt wäre nicht das für mich?“ „Bereuen— bereuen daß er die Zollkammer aufgegeben hat um ſein eigenes Contor zu haben, mit Moß als Schwieger⸗ vater und Hjelm, ſeinem beſten Freund, als Aſſocié? Da müßte er ja ein Tollhäusler ſein, wie Du geſtern ſagteſt, Bruder... oder auch biſt Du eine Tollhäuslerin... Sprich klug oder laß uns von der ganzen Sache abſtehen.“ „Ja, Papa, dafür ſtimme ich.“ „Das heißt, Du willſt ſelbſt und freiwillig von aller weitern Verbindung mit Gudmar abſtehen? Aber wer ſich auf Weiber verſteht, der verſteht ſich, ſupponire ich, auf mehr als auf alle Sprachen ſowohl in Sternen als Schriften, ſelbſt das Vogelge⸗ ſchrei nicht ausgenommen... Stehſt Du von der Verbindung ab?“ „Ich denke, es ſoll bleiben wie es bisher war, Papa.“ „So ſo, Du willſt alſo Deiner Lebtage heimlich verlobt bleiben, mit heimlichen Zuſammenkünften und heimlichen Dumm⸗ heiten? Aber Du handelſtt jetzt ſchlecht nicht blos gegen Dich ſelbſt, ſondern auch gegen mich, Deinen alten Freund, und gegen Deine würdige Mutter, welche dieſer Kummer vielleicht ins Grab legt.“ „Sprechen Sie keine ſolchen Worte, Onkel,“ ließ Thorborgs weiche und milde Stimme ſich vernehmen, und ihre Hand ſtrei⸗ chelte die harte Hand, die ſich nicht zurückzog. „So antworte Du, liebe Thorborg. Warum ſoll Majken das Glück wornach ſie ſich ſo viele Jahre geſehnt hat aus Eigenſinn zurückſtoßen, und ohne auch nur dem Manne den es 151 eigentlich betrifft Zeit zu einer eigenen Antwort zu gönnen? Iſt das klug? Du begreifſt ſo gut wie ſie daß ich und Dein Vater für dieſen Plan ein ganz anderes Ende beſtimmt haben. Nicht wahr, Bruder? Du ſitzeſt ja ſo zurückhaltend und ſchweigend da.“ „Das geſchieht darum weil das was vor Augen und Ohren vorgeht die Zunge feſſelt. Im Uebrigen denke ich wie Du, Bruder. Wenn Majken meinem Sohn die Ehre erweist ihn als ihren Verlobten zu betrachten, ſo muß ſie ihm auch ſo viel Ach⸗ tung ſchenken, daß ſie ihn in einer ſo wichtigen Sache ſich ſelbſt ausſprechen läßt. Aber jetzt kann Jungfrau Lilienthau ihr Wort abgeben.“ „Dann ſage ich,“ verſetzte Thorborg,„daß man leicht ſehen kann, welch großen Schmerz es Majken koſtet von dem ſchönen Plan abzuſtehen den Onkel Moß entworfen hat. Aber da ſie es will, ſo können wir überzeugt ſein daß ſie hiezu noch andere Gründe hat, von denen es grauſam wäre ſie nicht zu berückſichti⸗ gen, juſt weil es Etwas iſt was ſie wahrſcheinlich für ſich ſelbſt behalten muß. Ach, Onkel, laſſen Sie den ſchönen Traum fah⸗ ren, ohne daß Gudmar je Etwas davon erfährt.“ „Nein, liebe Thorborg, ſo will ichs nicht haben. Gudmar kann jeden Augenblick hier ſein. Supponire, es wäre mir an⸗ genehm geweſen ihn mit einer Freudenbotſchaft überraſchen zu können. Aber er ſoll wenigſtens die ganze Sache erfahren, und dann ſoll Majken ihm, als deſſen Frau ſie ſich ſchon ſo lange betrachtet hat, Alles erklären und ſich darüber verantworten.“ „Da kommt mein Sohn,“ rief der Paſtor.„Jetzt, meine Schildjungfrau, wollen wir ſehen, ob der Knoten nicht auf eine andere Art gelöst werden kann.“ — 15² Als Gudmar ſich, in der höchſten Verwunderung über all die Geſichter die er am Fenſter erblickte, aus dem Wagen warf, ſagte Moß energiſch: „Niemand geht hinaus— er mag ganz unvorbereitet her⸗ einkommen.“ Majken ſprach kein Wort und Thorborg ſetzte ſich wieder. „Klug!“ ſagte der Paſtor. Mit zwei Sprüngen war Gudmar— nicht wenig verwundert über dieſen Empfang— die Treppe oben und in ſeinem Zimmer; nachdem er ſich dort abgeſtäubt und in einen andern Rock ge⸗ worfen hatte, war er wieder mit zwei Sprüngen unten und in dem kleinen Geſellſchaftszimmer, wo wir ſo vielen Scenen ange⸗ wohnt haben. Er begrüßte höflich und ungezwungen Onkel Moß, mit einem ſtrahlenden Blick aber ſeine ſchöne Maid, welche ihm betrübt die Hand reichte. Nachdem hierauf Vater und Schweſter ihren Theil bekom⸗ men, ſagte der Paſtor: „Große Neuigkeiten, Sohn! Onkel Moß hat zuerſt das Wort.“ „Willſt Du heirathen?“ fragte Moß kurz und rauh. „Ja, wahrhaftig, Onkel, im Augenblick; das iſt keine Frage. Wenn Sie einen Sohn wünſchen der Sie ſein ganzes Leben lang ehren, hochachten und lieben ſoll, ſo ſteht er hier.“ „Verdammt gut geantwortet! Supponire, Du biſt klüger als ich manchmal geglaubt habe. Nun, Du könnteſt wohl eine Art von Probe ablegen, um meine Tochter zu gewinnen? Du begreifſt doch daß ich Dir, nach all dem Widerſtand den Du von meiner Seite erfahren haſt, die Einwilligung nicht ſo gerade auf dem Teller herbringen werde.“ „Proben, Onkel— recht gern. Wenn ich nicht bereits ſie⸗ ben Jahre um Rahel gedient hätte, ſo würde ich mich dazu er⸗ bieten, aber jetzt iſt dies ſchon abgemacht. Ich will indeß kein ehrlicher Kerl ſein, wenn ich nicht auf Alles eingehe was Sie — ——·————— 153 wünſchen, fordern, verlangen oder befehlen, ſofern es notabene nicht gegen meine Pflicht ſtreitet.“ „Du hältſt mit verſtändigen Antworten aus, mein Junge. Die Bedingung woran ich meine Einwilligung müpfe, ſtreitet gegen keinerlei Pflicht. Denn ſo viel ich weiß, beſitzt ein Mann das Recht eine Lebensbahn gegen die andere zu vertauſchen.“ „Vertauſchen— was Onkel?“ Majken warf auf Thorborg einen Blick, und darin lag Et⸗ was was bei Thorborg die Ueberzeugung erweckte, daß Majkens Widerwillen von einer Seite her komme von welcher ſie ihn nicht gerne hätte hören mögen. „Was?“ wiederholte Moß.„Ich ſagte ja deutlich Lebens⸗ bahn.. oder Lebensberuf, wenn Dir das verſtändlich iſt.“ Jetzt trat Gudmar einen Schritt zurück, und in dem Blick den er auf Majken warf ſprach ſich ein Vorwurf aus, welcher deutlich erklärte daß nach ſeiner Meinung dieſe Idee von ihr ausgegangen ſein mußte. Aber nun erhob ſich Majken ſtolz und kalt wie man ſie noch nie zuvor geſehen hatte. „Mögen,“ ſagte ſie,„alle Anweſenden bezeugen daß ich von Papas edelmüthigem Vorſchlag eben ſo wenig Kenntniß hatte und eben ſo überraſcht war wie Gudmar. Und mögen auch Alle bezeugen daß ich mich ihm entſchieden widerſetzt und den beſtimmten Wunſch ausgeſprochen habe den ich jetzt wiederhole, daß alle Rede von einer Verbindung zwiſchen mir und Gudmar aufhören möge von der aufgeſtellten Frage abhängig zu ſein. Meine Dankbarkeit für Papas liebreiche Abſicht wird dadurch nicht gemindert.“ Gudmar war gleichſam zu Boden geſchlagen. Es trat ein höchſt peinvolles Stillſchweigen ein. Der Paſtor unterbrach es. „Willſt Du mir jetzt das Wort gönnen, Bruder?“ „Du haſt das Recht dazu, Bruder, obſchon ich glaube daß ich hier Nichts weiter mehr thun kann als einſpannen zu laſſen.“ „Höre, Sohn, ſchaue Deinem Vater gerade ins Geſicht und bedenke daß er, wenn er auch arm und alt iſt, wie auch ſich keines ganz fehlerfreien Wandels rühmen kann, dennoch vor dem Herrn der Welt und ſich ſelbſt unſträflich in ſeinen Gewiſſens⸗ pflichten zu wandeln geſucht hat. Du haſt mir immer mehr Liebe und Ehrfurcht bewieſen als ich verdient hätte, wenn ich nicht Dein eigener Vater geweſen wäre. Laß es nicht kalt werden zwiſchen unſern Herzen. Aber das ſage ich Dir, wenn Du in dieſem Augenblick einige verrückte alberne Ideen von Dienſtpflicht über die Pflicht und die Liebe ſtellſt welche Dir gebietet in De⸗ muth dem Vater des Mädchens zu danken deren Hand Du er⸗ ſehnſt, und welche ſelbſt alle möglichen Schätze an Dich ver⸗ ſchwenden will, ſo errichteſt Du auch eine kalte Mauer zwiſchen uns Beiden, und— Gott helfe Dir— ich glaube daß dieſe ſich noch weiter erſtrecken wird. Beſinne Dich wohl, Sohn! Ein Mann kann mit EChren von einem Beruf Abſchied nehmen um einen andern zu wählen, zumal in ſo günſtigen Zeiten wie ſie jetzt Dir bevorſtehen... Sieh Dich wohl vor, ehe Du antwor⸗ teſt! Die Reue kommt ſchneller als Du glaubſt... wir erwarten Deinen Ausſpruch.“ „Dank, Vater— das waren herzliche und väterliche Worte. Zwiſchen uns kann nie eine kalte Mauer entſtehen, ſo lange noch Wärme von meinem Herzen ausgeht. Aber wir ſind noch nicht ſo weit gekommen— ich habe noch nicht gehört, wie die Be⸗ dingung in beſtimmter Form lautet.“ Moß legte ſeinen Plan klar vor und ſchloß dann ganz väterlich: „Supponire, Du müßteſt ein ganz polizeiwidriger Dumm⸗ kopf ſein, wenn Du das nicht annähmeſt. Siehſt Du, Junge, wir wollen Alle zuſammen in einer einzigen Familie hier am Strande mit einander leben. Jetzt haſt Du das Wort.“ —— —9—— εα ——-/-—.———,——₰9 A 1⁵⁵ Gudmar wand ſich in ſchrecklicher Qual und dennoch... dennoch..... Er ſah Majken an, aber ſie hatte ſich in die Sofaecke zurückgelehnt und ſchaute ſo ſtreng und ernſt drein, daß er wohl begriff, er müſſe allein antworten. Und er erinnerte ſich recht wohl des Grundes zu dieſer ſtrengen Rückhaltſamkeit. Ach, ihre frühere Beſprechung ſpuckte jetzt wieder, dieſe hatte weder er noch ſie vergeſſen. Gudmar litt unerhört: auf der einen Seite Himmel und Liebe, auf der andern aber die Reue. Und wenn nun in Zu⸗ kunft dieſe beiden Gefühle einander immer näher kamen, welches ſollte dann die Oberhand behalten? Kaufmann zu werden, dazu fühlte er nicht die Kraft in ſich. Die Beamtenlaufbahn wollte er nicht verlaſſen, dies hatte er überdies ſeinem Vorgeſetzten mit einem Handſchlag gelobt. Aber welches Glück blieb ihm noch übrig, wenn das Vornehmſte, ſo ſehnlich Erſtrebte nicht mehr zu erreichen war? Ja, wie mochte es werden, wenn er die jetzt ſich darbietende Gelegenheit ſeine angebetete Maid zur Frau zu be⸗ kommen unbenüzt ließe? Würde ſie ſelbſt es wohl vergeſſen? würde je wieder ein vollſtändiger Friede zwiſchen den Herzen Beider eintreten? Alles das flog ihm durch Herz und Gedanken. Aber es ſtand nicht lange an, ſo antwortete er: „Jetzt, Onkel, will ich ſprechen... ich erblicke auf allen Geſichtern Unfreundlichkeit, Mißvergnügen und Tadel, aber ich muß mich mit meinem eigenen Zeugniß begnügen daß ich recht handle. Mein Wort iſt ein einziges: ein Mann weicht nie von ſeinem Wege ab— ich ſtehe feſt.“ „Ja, ſo magſt Du bis in Ewigkeit feſt ſtehen und Dich an Deinem Zeugniß erfreuen,“ antwortete Moß.„Verdammt ſei die Stunde wo ich denken konnte, Du ſeieſt es werth... werth...“ Er hielt plötzlich inne. „Mein theurer lieber Onkel, dieſe Bitterkeit iſt wohl ver⸗ dient. Aber jetzt flehe ich in tiefſter Demuth, laſſen Sie Gnade 156 für Recht ergehen und rauben Sie uns das zugedachte Glück nicht. Mit Ausnahme dieſes einzigen Falles will ich alles Denk⸗ bare thun, und als Majkens Gatte will ich ſie mit tauſendfacher Liebe und Verehrung für den Schmerz dieſer und noch einer an⸗ l dern Stunde entſchädigen.“ „Genug,“ rief Moß in entſcheidendem Ton,„mehr als ge⸗ 4 nug! Meine Tochter kennt mich und Du auch. Es iſt alſo 4 durchaus unnöthig auch nur ein einziges Wort über den Wahn⸗ 3 witz zu verlieren, daß ich mit der Zollkammer eine Verwandt⸗ ſchaft eingehen ſollte... Thorborg, willſt Du ſo gut ſein und einſpannen laſſen... Tochter, ich hoffe, Du kommſt mit nach z Spartſkär?“ e „Ja, Papa, ich bin bereit.“ „Brav! Du warſt immer ein ſtarkes Mädchen, etwas zu gut um verſchmäht zu werden— aber ich lege keinen Stein zu 5 der Laſt.“ „Nein,“ ſagte Majken,„ehe wir hier von einander ſcheiden, 3 will ich offen geſtehen daß mir ſchon bei den erſten Nachrichten 1m vom Sturze Hjelms der Gedanke kam, Papa würde uns ſeine 3 Einwilligung geben, wenn Gudmar Papas eigenen geſchätzten d Beruf ergriffe. Ich ſprach mit ihm. Er äußerte damals die⸗ ſelbe Anſicht wie jetzt, und dies war die einzige Urſache warum— ich wünſchte daß Papas ſchöne Idee nicht auf dieſen Widerſtand 1 ſtoßen ſollte. Mein Stolz— denn ich beſitze wohl auch einen ſolchen — würde es gerne geſehen haben, wenn das Hinderniß von mir ausgegangen wäre.“ „Und ich,“ rief der Paſtor,„ich machte Dir Vorwürfe dar⸗ über daß Du nicht zuerſt meinen Sohn anhören wollteſt— das mußt Du dem alten Freund verzeihen. Er empfindet es heute ſchwer genng... ja, meiner Seel, ſchwer genug... Ein ſchönes Ende,“ murmelte er,„ein ſchönes Ende für ſo ſchöne Pläne!“ Inzwiſchen ſtand Gudmar wie ausgeſtoßen aus dieſem irdiſchen Paradieſe da und wagte kaum Jemandens Blick zu ſuchen. ——=— 112—— ———— u— 157 Da trat ſeine kleine Thorborg vor und reichte ihm die Hand. „Gudmar, mein innig geliebter Bruder, haſt Du das zuver⸗ läßige Bewußtſein daß Du alles das ertragen kannſt, wenn es vorüber und wenn Majken fort iſt? Noch haſt Du Zeit. Ich weiß nicht, warum Du Dir ſelbſt im Lichte ſtehſt, aber Du thuſt es wahrlich.“ Ganz leiſe flüſterte ſie:„ſieh Majken an— beeile Dich Alles wieder gut zu machen.“ „Ich kann nicht.“ Er wandte ſich jedoch jetzt um, ging gerade auf ſeine Verlobte zu und flehte inſtändig: „Darf ich einige Worte unter vier Augen mit Dir ſprechen? Schlag es mir nicht ab.“ Moß, der bereits auf der Schwelle ſtand um den Knecht zu rufen, blieb plötzlich ſtehen. „Nein,“ antwortete Majken mit Würde,„wir haben ein⸗ ander Nichts unter vier Augen zu ſagen. Was könnte wohl daraus entſtehen? Ich bin nicht das Weib das Dich durch Ueber⸗ redung und Liebesſchmeicheleien zu einer Handlung beſtimmen möchte die gegen Deine Ueberzeugung ſtreitet, und Du biſt auch nicht der Mann der einen ſo lumpigen Vorwand zur Nachgiebigkeit aufgreifen würde. Glaube mir, wir würden uns jetzt unter vier Augen unbedingt weit verlegener fühlen als in Gegenwart der Unſrigen.“ „Majken, Majken, es liegt in alle dem etwas ſo Schauer⸗ liches, daß es mir das Herz zerreißt— und leider haſt Du dennoch Recht. Laß mich deshalb vor Deinem und meinem Vater Dich um Verzeihung bitten für den Kummer den ich heute ver⸗ größert habe. Aber was ſoll ich thun, wenn meine Seele ſich gegen die Feſſeln empört für welche ich die Seligkeit kaufen ſollte? Man marktet nicht um Liebe. Ich kann nicht genau ſagen, wie ich gehandelt haben würde, wenn mir irgend ein Anderer heim⸗ lich dieſe Idee beigebracht und zu wiſſen gethan hätte daß dies Dein höchſter Wunſch ſei. Hätte ich dann nachgegeben, ſo — 158 wäre es in Folge einer von mir ſelbſt ausgegangenen hohen und edlen Eingebung geſchehen, aus einem beinahe himmliſchen Verlan⸗ gen Dir zu zeigen, wie viel Dein Gudmar für ſeine Liebe thun könne und welche Macht Deine Wünſche haben. Jetzt dagegen ſcheint mir in allem dem etwas weniger Zartgefühl gegen Dich zu lie⸗ gen, ſo ſchön auch der Vorſchlag iſt... Ja, ſprich und urtheile wie Du willſt, ich will das Glück nicht bezahlen das nicht be⸗ zahlt werden kann. Und dennoch wage ich zu ſagen: ich kann die Erinnerung an Dich, ſo wie Du jetzt vor mir ſtehſt, nicht ertragen... Sei zärtlich, ſei barmherzig, geliebte Majken— ich bin gewiß nicht von Gott und den Menſchen verworfen, weil ich ſo handle wie ich es für recht halte.“ Majken reichte ihm ihre beiden Hände.„Zwiſchen uns,“ ſagte ſie,„iſt Friede.“ Ein Lächeln, aber blaß und matt, ſtreifte ihre Lippen.„Ich bleibe ſtets meinem Schwur getreu, und mögeſt Du, mein Gudmar, mit mannhaftem Muth die Laſt Deines Tages ertragen! Wir können uns nicht mehr wie zwei Kinder über Pläne freuen die keine Ausſicht haben würden... Jetzt bin ich fertig, Papa.“ „Brav, Tochter, brav— Du ſchlägſt nicht aus der Art. Der Herr Controleur begreift wohl daß eine ſolche Verlobung gleichbedeutend iſt mit einer Verlobung im Monde...... Petter, ſpann ſogleich an und fahr vor.“ Der Paſtor näherte ſich ganz kleinmüthig ſeinem großen Freunde..„Bruder! Der Menſch denkts und Gott lenkts. Reiſe nicht mit abgeneigtem Herzen von mir, Bruder— das meinige iſt voll von Kummer.“ „Und das meinige, Bruder, iſt voll von Scham und Kum⸗ mer zugleich... Meine Tochter zu verſchmähen und noch oben⸗ drein von Markten zu ſchwatzen! Aber ſupponire, Moß iſt Moß und aus iſt aus. Laß mich jetzt meines Weges ziehen.“ Die Umarmung die den Abſchied zwiſchen dem alten Paſtor und ſeiner Schildjungfrau beſiegelte war ſo warm wie früher, ————— —.— ———OVVV—V—ʒV—-———.—ͤ— 159 aber die Paar Worte die ſie austauſchten ſagten Beiden daß jetzt alle Hoffnungen auf die Seite gelegt werden konnten. Gudmar und ſeine Maid nahmen noch einen Abſchied mit den Augen, aber dieſer gewährte keine Befriedigung— im Ge⸗ gentheil. Und ſo fuhr der Wagen ab. Vierundvierzigſtes Kapitel. Eine eingefallene Bombe. Die jungen Gatten auf Svartfkär waren kaum erſt von einem Morgenſpaziergang zurückgekehrt, auf welchem ſie ſich aus⸗ führlich über all die ſchönen Zukunftspläne beſprochen denen die ſegensreiche Neuigkeit vom geſtrigen Abend Leben und Lebensluſt gegeben hatte, und zwar ungeachtet in der That und Wahrheit nicht mehr Hoffnung auf Verwirklichung dieſer Pläne vorhanden war als vorher. „Jetzt,“ ſagte Hjelm,„iſt es Zeit für mich an die Arbeit zu gehen, und unter Gottes Beiſtand werde ich meine Berechnungen heute nicht beſchließen ohne zuvor eine lichte Idee bekommen zu haben. Heute Mittag gehe ich zu Siverſen, um mit ihm die Möglichkeit zu beſprechen, wie ich in den Genuß von Kärſtin Ing⸗ gegärts Mitgift kommen kann. Du wirſt ſehen daß meine Philo⸗ ſophie jetzt auf nichts Anderes hinausgeht, als mich mit allen Arten von Geſchäften zu verbrüdern die nothwendig werden.“ Es wäre überflüſſig zu ſagen daß Emilie bei ſolchen Wor⸗ ten glückſelig ausſah: ſie ſtrahlte, und nie wurde wohl ein Mann durch ein ſchöneres Lächeln aufgemuntert. „Und ich,“ antwortete ſie,„eile hinaus um nach meinem Mittageſſen zu ſehen: heute gibt es ein Feſtmahl mit zwei der allerverlockendſten wilden Enten, und um die Feierlichkeit zu krönen, kommt zum Deſſert ein Kuchen.“ Aber Emilie hatte kaum ihre Anordnungen treffen können, als Uljana mit der Nachricht hereinſtürzte, die Gläborger Herr⸗ ſchaft komme in den Hof hereingefahren. Die junge Frau eilte hinaus, und ſowohl ſie als Majken waren bei ihrer Begegnung gleich erſtaunt: Emilie über Majkens ſo tief niedergeſchlagenes und ernſtes Ausſehen, und Majken über Emiliens ſo außerordentliches, ſo ſeligkeitverkündendes Weſen. „Was um Gotteswillen iſt vorgefallen?“ fragten ſie gegen⸗ ſeitig, ohne eine Antwort zu erhalten. Jetzt kam Moß mit ſeiner großen Hand hervor und er ſah ſo herzensgut aus, obſchon die Wellenſchläge nach ſtarkem Sturm auf ſeiner Miene noch ſichtbar waren, daß Emilie mit einem Ge⸗ fühl unverkennbaren Wohlwollens ihm ihre Hand reichte. „Womit waren Sie eben beſchäftigt, Frau Hjelm? Das muß nichts Unangenehmes geweſen ſein.“ „Ich ſah in der Küche nach meinem Mittageſſen, um her⸗ nach Guſtav im Laden helfen zu können.“ „Sie verſtehen ſich darauf auch, Frau Hjelm?“ „Ja, verlaſſen Sie ſich darauf daß ich die Handgriffe kenne, Glück im Handel habe und auch die Burſche in Ordnung halte — Das habe ich von Mazjken gelernt... Aber jetzt will ich meinen Mann holen laſſen. Er wird ungemein erfreut ſein Sie zu treffen, Herr Moß, und es iſt ein großes Glück daß er nicht bereits abgereist iſt.“ „Er will alſo heute verreiſen?“ „Ja, um eines Geſchäftes willen...“ Emilie war ungemein ſtolz es mittheilen zu dürfen...„Geſtern waren Olle von Bjel⸗ keboda und Bernt Carolusſon, ſein Schwiegerſohn, da und mach⸗ ten meinem Manne den Vorſchlag die Mitgift zu übernehmen die Olle ſeiner Tochter gibt.“ — 161 „Ei der Tauſend, der Tauſend! Das beweist Vertrauen zu ihm.“ „Nun, wer ſollte das nicht haben?“ fragte Emilie etwas ungnädig.„Unſer Haus kommt ſchon wieder auf die Beine, ob⸗ ſchon es—“ fügte ſie mit beſcheidener Verlegenheit hinzu— „vielleicht langſam dabei zugehen dürfte.“ „Hm... hm...“ ſagte Moß.„Bitten Sie ihn jetzt her⸗ abzukommen.“ „Sogleich, Herr Moß. Liebe Majken, begleite mich bis an die Thüre.“ „Was um Gotteswillen haſt Du denn?“ fragte Majken. „Sag es mir ſchnell.“ „O, das iſt Etwas was mich ganz allein betrifft— ich will es Dir hernach ſagen. Aber was iſt mit Dir geſchehen?“ „Ei,“ antwortete Majken,„das iſt auch Etwas was mich ganz allein betrifft; Du ſollſt es hernach erfahren, aber jetzt läßt es ſich nicht ſagen.“ „Da will ich edelmüthiger gegen Dich ſein“... Emilie nickte, lächelte und flüſterte Majken ins Ohr:„Du mußt Dich in große Galla werfen— zur Gevatterſchaft.“ Damit enteilte ſie. „O, mein Gott,“ rief Majken,„welches Glück und welche Freude!“. „Was für ein Glück?“ fragte Moß verwundert. „Nun, Papa, Emilie ſprach Etwas von Gevatterſchaft.“ „Sagſt Du das?... Nun, ſupponire, das kommt verdammt geſchickt zu meinem Vorhaben.“ „Aber was haſt Du denn vor, Papa? Auf dem ganzen Weg haſt Du nicht ein einziges Wort geſprochen, und das habe ich Dir in meinem Herzen gedankt. Wollte Gott, der heutige Morgen könnte für immer geſtrichen werden! Aber was haſt Du im Kopfe, Papa? Obſchon mein eigener Muth ganz geſunken iſt ſo bin ich doch höchſt neugierig.“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 11 1 162 „Warte, warte, Du wirſt ſchon hören. Da mein erſter Plan fehlgeſchlagen hat, ſo daß wir nie mehr davon ſprechen wollen, ſo will ich Dich mit etwas Anderem aufmuntern, mein Kind... Aber ſieh, da haben wir jetzt Mann und Frau zu⸗ gleich.“. „Herzlich willkommen, Herr Moß!“ „Gratulire, Herr Hielm! Ich gehe gerade auf die Sache los, wie es meine Art iſt. Meine Tochter hörte ſo eben eine Neuigkeit von der jungen Frau, und ich wünſche noch einmal von ganzem Herzen Glück dazu— es kann, ſupponire ich, nicht fehlſchlagen daß es ein Sohn wird.“ „Danke, Herr Moß— dieſer Glückwunſch iſt ſo warm daß ich ihn in meinem eigenen Herzen ſpüre. Und mit Gottes Bei⸗ ſtand und beharrlicher Arbeit werde ich mich wieder ſo durch⸗ ſchlagen, daß unſer Kind nicht gleich im Anfang Noth leiden ſoll.“ „Ich habe mir ſagen laſſen, man könne ſich ſelbſt zu Ge⸗ vwatter bitten. Läßt ſich das thun?“ „Wer ſonſt ſollte es ſein, Herr Moß? Und die Alten auf der Uhuklippe müſſen auch dabei ſein, zum Dank und zur Chre für den Dienſt den ſie mir erwieſen haben. Aber hätte Majken ihre kluge Hand nicht mit im Spiel gehabt, ſo hätten ſie auf der Uhuklippe ſitzen können bis die Verhandlungen vorüber ge⸗ weſen wären.“ „Hat meine Tochter das geſagt?“ „Du weißt, Papa, daß Gudmar die Alten holte. Dies ge⸗ ſchah auf meine Bitte. Ich kannte zwar ihr Geheimniß nicht, aber ſie hatten einmal geſagt, ſie wiſſen etwas Schlimmes von Holt, und deshalb...“ „Begreife, begreife Alles zuſammen... der ſacramentiſch dumme Junge! Wir hätten jetzt Alles ſo hübſch beiſammen haben können... nun, das iſt jetzt vorbei— vorbei.. Wir ſprachen von Gevattern, und wenn man davon ſpricht, ſo ſpricht man auch vom Pathen geſchenk. Ich habe meinem Pathen ein ganz eigen⸗ — 163 thümliches anzubieten, ſupponire aber doch daß es darum nicht minder willkommen ſein dürfte.“ „Was um Gotteswillen kann es ſein?“ fragten Hjelm und Emilie mit dem ganzen geſpannten Intereſſe das Moß hervor⸗ zurufen beabſichtigt hatte. Selbſt Majken vergaß ihren eigenen Schmerz, um mit neugeweckten Lebensgeiſtern einer Verhandlung 35 folgen die für ihre Freunde ſo verheißungsreich zu werden ien. „Nun ja, ich biete dem Jungen als Pathengeſchenk— ich hätte es wohl jedenfalls geboten, aber ſo trifft es ſich um ſo beſſer — ich biete dem Hauſe Hjelm, deſſen Erbe er ſein ſoll, einen neuen Aſſocié an.“ „Einen neuen Aſſocié?“ riefen. Hjelm, Emilie und Majken durcheinander. „Ließe es ſich nicht wohl machen daß die Firma in„Moß und Hjelm“ umgeändert würde?“ 1 „Wie... wie... wie...“ „Nun, verſtehe ſchon daß es angenommen wird. Hier, Herr Aſſocié, empfangen Sie Hand und Handſchlag. Ich hätte zwar einen jüngeren und rüſtigeren Mann anſtatt meiner zu ſtellen gewünſcht, aber ich vermuthe daß ich Holts Platz noch ausfüllen kann. Supponire, es geht mit nichts Geringerem ab als daß ich vom Schmuggelhandel ablaſſen muß. Ich habe in allen Fäl⸗ len genug mit der Zollkammer zu thun gehabt, und es gelüſtet mich ganz und gar nicht nach einer weitern Berührung mit ihr.“ „Aber iſt es wahr, iſt es wirklich wahr daß mir ein ſo un⸗ erhörtes, ein ſo außerordentliches Glück zu Theil wird?“ rief Hjelm, und die Röthe der Freude ergoß ſich über die kummer⸗ gebleichten Wangen. 4 „ Ach, Herr Moß, Herr Moß“... Emilie kam herange⸗ flogen.„Ich ſtatte in dieſer Umarmung den Dank meines Kin⸗ des ab...“ Und bevor Moß an eine ſolche Auszeichnung ge⸗ dacht, hatte Emilie wirklich Ernſt aus der Sache gemacht und — 164 den Alten recht gründlich umarmt, während ſie mehrere Male rief:„Moß und Hjelm, Moß und Hjelm!“ „Herr, mein Gott,“ ſagte Moß, indem er nach all dieſer Dankbarkeit Athem ſchöpfte.„Supponire, dies geht mir gerade zu Herzen. Eine Familie, eine Familie— kann hier keine Onkel⸗ und Bruderſchaft gemacht werden? Ich kann zu meinem Aſſocié nicht Herr ſagen.“ „Ja, ja, Ehrenonkel, wir wollen ſchon im Kleinen und im Großen einig werden.“ „Ich hielt während dieſer ganzen Zeit meine Augen auf Dich gerichtet und war mit Dir zufrieden. Das iſt das Wort.“ „Und wir wohnen doch zuſammen?“ fragte Emilie. „Will anbauen, mein liebes Frauchen, will anbauen! Und am Tauftag des Pathen eröffnet das Haus„Moß und Hjelm“ ſeine Geſchäfte und zwar nicht im kleinen Maßſtab. Inzwiſchen ſteht natürlich die Caſſe der ältern Firma zur Verfügung der jüngeren, ſo daß Alles klarirt werden kann, bis die junge Frau die neue Zeitrechnung beſtimmt. Aber wo im Namen des Herrn iſt die Maiblume? Wo habe ich meine Tochter?“ „Hier, Papa!“ Majken trat aus dem offenen Fenſter gegen welches ſie ſich gelehnt hatte. Ihre Augen waren voll von Thränen des Kummers ſowohl als der Freude: die letzteren für ihre Freunde, die erſteren für ſich ſelbſt. „Nun, mein Kind, was ſagſt Du jetzt?“ „Daß Du mich über alle Beſchreibung glücklich gemacht haſt, indem Du auf dieſe Art wieder in Thätigkeit trittſt, und daß ich den Segen Gottes für die neue Firma erflehe.“ „Wie ich Gott bitte Dich zu ſegnen, mein Kind. Spring jetzt in den kleinen Keller hinab den ich aus alter Zeit hier habe, ob ſich nicht noch einige Flaſchen vom beſten Champagner vor⸗ finden. Supponire, es wird da noch nicht ganz leer ſein.“ Während Majken ging um ihres Vaters Wunſch zu erfüllen, ſagte er kurz und haſtig zu den Zurückgebliebenen: 165⁵ „»Es haben ſich große und erſtaunliche Dinge zugetragen. Ich wollte Gudmar zu dem Manne machen der ich jetzt ſelbſt zu werden gedenke, aber der Narr ſtieß das Glück, die Schwieger⸗ ſohnſchaft, die Compagnieſchaft, Alles zuſammen, radical Alles zuſammen von ſich, um der getreue Sclave der Zollkammer im Leben und Tod zu bleiben. Meine Tochter— ein verdammt kluges Mädchen— ſagte ihm ſelbſt daß es jetzt nur noch Kinder⸗ phantaſien wären daran zu denken... Still, ſtill, ſie kommt jetzt ſogleich zurück... Haſt Du den Champagner, meine Maiblume?“ Die Maiblume und der Champagner kamen zum Vorſchein. Und jetzt wurde auf die neue Firma und ihren ſupponirten Erben eine Geſundheit um die andere getrunken. „Das ſoll ein Haus werden,“ verſicherte Moß,„ein Haus in großem Maßſtab. Gott verdamm mich, wenn es das nicht ſoll— darauf trinken wir!“ Sodann verfügten ſich die neuen Socii ins Contor, wäh⸗ rend die Damen ihre Herzen gegen einander ergoßen und dazwi⸗ ſchen hinein in die Küche nach dem Deſſertkuchen und den ver⸗ lockenden Feſtenten ſahen. — △‿ — ‿ — 2 — —½ Erſtes Kapitel. Wer der Freund in der Noth war.— Die Windſtille hatte die ſonſt ſo unruhigen Wogen des Sotebuſens in Feſſeln geſchlagen. Seine Fläche lag blank da wie eine in kaum merkbaren Wellenlinien gegoſſene Glasſcheibe, und die brennenden Strahlen der Juliſonne brachen ſich darin, während eine Menge kleiner Klippen, Kinder der unzählbaren Sotefamilie, die bei einer gewöhnlichen Briſe unſichtbar ſind, jetzt ihre ſchwarzen und rothen Köpfe, mit grünen Kränzen von friſchem Seetang verſehen, über dieſelben hervorſtreckten. Aber ſo ruhig auch die Fläche ſchien, ſo bewirkten doch die für das Auge unmerkbaren Wellungen, daß jede kleine Scheere mitunter von einer Miniaturſäule begrüßt wurde, einer Säule von glitzerndem Meerſchaum, bald höher bald niedriger, genau nach dem Grad berechnet in welchem die Klippe ſich nach der endloſen Tiefe hinabneigte. Hätte man in dieſe endloſe Tiefe hinabſchauen können, ſo würde man— nach der Verſicherung alter glaubwürdiger Scheeren⸗ fiſcher— Fiſche geſehen haben die gleichſam nach Luft ſchnappend ſtundenlang an demſelben Platz blieben und ihre Köpfe gegen irgend einen Stein oder eine Felſenwand zugekehrt hielten, wäh⸗ ——————— 170 rend ſie ſich mit leichtem Floßenſchlag um einige Zoll vor⸗ oder rückwärts bewegten. Sie ſcheinen von der Wärme drunten eben ſo zu leiden wie der Menſch und die Thiere droben. Und wenn ihnen ein Fiſcher während dieſer Betäubung die allerleckerſte Lockſpeiſe vor die Augen hält, ſo laſſen ſie dieſelbe gleichwohl unberührt. An dem heißen Julinachmittag, womit die letzte Abtheilung unſerer Erzählung beginnt, ſah man die Fiſchmöven mit matten Flügelſchlügen über das Waſſer hinſchweben, vergebens nach einem Raub ſuchend auf den ſie herabſchießen könnten. Aber waren wohl die Fiſchmöven allein in dieſer Abſicht außen? Nachdem ſie müde geworden, fanden ſich ihre Nachahmer noch vor, denn wann iſt wohl der Menſch bei der Jagd nach Raub oder Gewinn müde geworden? Etwas ſüdöſtlich von dem bereits bekannten Dorſchenfang lag ein großes Boot, deſſen Form und Segelſchnitt den Schnellſegler bezeichneten und ſeinen Urſprung von Coſter Elgö oder von irgend einem längſt verſtorbenen Baumeiſter aus der Schule Spjerns oder ſeiner Schüler bezeugten. Die Schnellſeglungskunſt dient indeß jetzt zu Nichts. Das große Segel, das Fock und der Kliver waren zwar beigeſetzt, hingen aber ſchlaff herab, ohne von dem geringſten Windhauch gefüllt zu werden. Das voll⸗ kommenſte Schweigen herrſchte überall, nur unterbrochen durch das einförmige knarrende Getöne welches durch die Reibung der Schoten⸗ marle an dem Leuwagen entſtand, wenn das Segel bei der unbedeutenden Schwankung, worein das Boot durch die Wellun⸗ gen verſetzt wurde, langſam von einer Seite auf die andere ſich bewegte. Das Boot war unbedeckt und nicht ſonderlich ſchwer beladen. Auf dem Boden lagen ſechs bis ſieben größere Fäſſer und auf denſelben eine bedeutende Menge von Ankern und Halban⸗ kern, ſämmtlich in der Mitte mit einem ziemlich groben Eiſen⸗ * vor⸗ aten Und erſte vohl ung tten nach ſicht ner 171 reif verſehen, worin ein Oehr angebracht war das angeblich die Beſtimmung hatte das Aufhiſſen aus leichteren Fahrzeugen zu erleichtern, hier aber ſichtlich auf einen andern Zweck hindeutete, weil ſämmtliche Anker miteinander befeſtigt waren mittelſt einer ungewöhnlich groben, durch alle Oehre gezogenen Kette, in deren letzteren Gelenken wiederum eine ſchmale Leine von ungefähr fünfzig Ellen Länge und je am fünften Faden mit einer hölzernen Boje oder Floße verſehen hing. Wer dieſe Apparate geſehen hätte, dürfte bei einiger Be⸗ kanntſchaft mit den Freihandelsgeſchäften bemerkt haben, daß die ganze Ankergeſellſchaft in weniger als zwei Minuten eine Reiſe über Bord machen und durch die Schwere der Ketten auf den Boden ge⸗ zogen werden konnte, wogegen die auslaufende Leine mit ihren Bojen ſicherlich die Beſtimmung hatte ſpäter zu zeigen, wo man die Geſellſchaft ſuchen konnte, wenn kein Incognito mehr nöthig war. Im Fall nun etwa die letzte Boje ſo ſchlecht ſchwamm, daß auch ſie unters Waſſer kam, ſo waren doch die Schmuggler vermöge ihrer Landſicht der Stelle der Verſenkung ſo ſicher daß ſie mittelſt einer Dragge die Leine immer wieder finden konnten. Natürlich lag nicht alles das offen da: ein Paar große ge⸗ theerte Leinwandtücher bildeten die Bedeckung. Und war die Gefahr von der Art daß das genannte Mittel nicht angewandt werden konnte, ſo befand ſich auf dem Boot eine Beſatzung die jeder Gefahr kühn ins Auge ſchaute. Wie wir ſpäter ſehen werden, waren indeß die Hauptan⸗ führer der Expedition jetzt nicht an Bord. Die beiden Männer die für den Augenblick die ſichtbare Beſatzung bildeten waren zwei ſehr ernſthafte Abkömmlinge der alten nordiſchen Kämpen. Der eine von ihnen ſaß allerdings am Ruder, dieſes aber durfte vollkommen frei ſchalten und wal⸗ ten, weil ſein Unterthan, das Boot, aus Mangel an Wind der Regierung allen Gehorſam aufgeſagt hatte. 4 Der Mann lag gegen das Ruder zurückgelehnt, und indem 172 er den Südweſt zum Kopfkiſſen nahm, hatte er eine Art von Flechtkorb oder Baſtnetz über ſeinen Kopf gezogen, um die Sonne abzuwehren. Wenn er gelegentlich dieſen Korb abnahm, um ſich mit einem gelben ſeidenen Nastuch die Stirne abzuwiſchen, konnte man trotz der alle Empfindung raubenden Hitze einen unruhigen Ausdruck auf dem lederbraunen Geſicht bemerken, über welches bei den fächelnden Bewegungen des Schnupſtuchs ein langes blondes Haar hin⸗ und herflatterte. Es iſt wohl möglich daß der Name dieſes Mannes uns an ſeine frühere Bekanntſchaft erinnert die wir im erſten Buch bei Majkens Rückkehr aus Norwegen machten, als ſie ſich unter den Schutz der Flagge königlicher Majeſtät und Krone ſtellte. Er hieß Schiffer Ragnar Ragnarsſon. Und der andere Mann war damals wie jetzt ſein Untergebener Börje Persſon. Das Boot war jedoch nicht daſſelbe wie bei der früheren Gelegenheit. Das gegenwärtige gehörte einem mächtigeren Mann der wiele Boote beſaß und in ganz andere Geſchäfte verwickelt war als Schiffer Ragnar. Nichtsdeſtoweniger ſtand Letzterer jetzt im Handel um den Enterich, wie das Boot genannt wurde, und hatte dieſe Probefahrt nach Norwegen auf Rechnung der Mörköer unternommen. Tuve war dabei geweſen, aber ſchon vor einigen Stunden heimgereist. Gegen Abend, wo ein friſcher Wind zu erwarten ſtand, ſollten die beiden Magnaten ſich ein⸗ finden um die Ladung in Empfang zu nehmen, wofür ſie eine andere Niederlage hatten als Mörkö. Sie trieben, wie man weiß, den Schmuggelhandel im Großen: diesmal aber beſorgten ſie keine fremden, ſondern ihre eigenen Geſchäfte. Schiffer Ragnars Gehilfe ſchlief ſo daß ſein Kopf auf ſei⸗ nen über dem Ruder gekreuzten Armen ruhte. Er war von der Hitze übermannt worden. Nachdem Ragnar ſich mehrere Male, ſtets mit demſelben unruhigen Ausdruck, der jedoch ſeinen Grund weniger in Etwas 173 außer⸗ als in Etwas innerhalb des Bootes zu haben ſchien, um⸗ geſehen hatte, entleidete ihm zuletzt das ewige Einerlei. Er er⸗ hob ſich, warf ſein Kopfnetz unter die getheerte Leinwand und ergriff eine hölzerne Schüſſel, womit er Waſſer ſchöpfte. Ohne ſich um ein Handtuch zu beküͤmmern, wuſch er Geſicht und Hände und ordnete ſodann mit den Fingern, ſo gut es ſich thun ließ, ſein Lockenhaar. Nach dieſer Erfriſchung rief er mit tiefer, aber gedämpfter Stimme: „Stehe auf, Börje, und ſieh zu daß Du munter wirſt. Es geht nach der Hölle— wir kommen nicht vom Fleck, und Du weißt daß wir, bevor wir mit den Mörköer Rieſen zuſammen⸗ treffen, noch ein anderes Geſchäft machen müſſen.“ Börje erhob ſich, zog das Ruder ein und ging auf das kleine Halbdeck im Vordertheil, wo er gähnend ſeinen kurzen, aber gedrungenen Leib ausſtreckte, ſo daß es in den eiſenharten Muskeln knarrte. „Was zum Teufel ſoll ich denn bei einer ſolchen Hitze thun?“ Börje ſah ſo unwirſch aus wie nur je ein Vertrauter der von ſeiner eigenen Wichtigkeit durchdrungen iſt. Aber Schiffer Ragnarsſon war in ſeiner Art ein kleiner Olagus Esbjörnsſon, und ſein Blick that der Geſprächigkeit Bör⸗ jes Einhalt. „Es iſt noch lang bis zum Abend,“ ſagte er mit Nachdruck, „und bei dem Geſchäft das ich meine wirſt Du wohl auch mit⸗ thun wollen... Erſt aber hebe hinten das Bodenbrett auf und ſieh nach, ob wir ſchöpfen müſſen und ob der Ballaſt ſich verſchoben hat.“ Börje ging nach hinten, hob das Bodenbrett auf und ord⸗ nete verſchiedenen alten Eiſenplunder, hauptſächlich aus zerbroche⸗ nen Gußöfen und eiſernen Platten beſtehend die man auf den Schnellſeglern vorzugsweiſe gern als Ballaſt benützt, weil ſie feſter als Steine daliegen, wenn das Boot in ſchwerer See auf der Seite liegt. 174 Da kein Schöpfen nöthig und nachdem der Ballaſt gehö⸗ rig geſichert war, ſagte Ragnar mit ſchlauer Miene: „Jetzt wird die Arbeit beginnen— Du virſt gleich ſehen.“ Hierauf begab ſich Ragnar nach dem erwähnten Halbdeck im Vordertheil und kroch durch die Luke in die Pflicht hinab, welche garnirt d. h. mit Brettern ausgeſchlagen war und auf beiden Seiten dicht unter dem Deck eine Koje hatte, worin ein Mann liegen konnte, wenn er ſich nämlich Nichts daraus machte entweder mit ſeinen Knieſcheiben in Berührung mit dem Kinn zu kommen oder auch ſeine Beine hinaushängen zu laſſen. Als Ragnars Körper aufhörte die Luke auszufüllen, drang das Tageslicht in dieſes finſtere Verſteck hinab, und als ſein Blick ſich an das Dunkel darin gewöhnt hatte, blickte er nach der Schlafſtelle links. Dort lag Jemand in ſchwerem und un⸗ ruhigem Schlaf. Ragnars Blick wandte ſich ſodann mit einem halbverächt⸗ lichen Ausdruck nach der andern Seite. Hier beugte er ſich in die Koje hinab und drückte auf einen Nadelkopf, worauf ein Stück von dem Garnirungsbrett in der Fuge aufging und zeigte daß es eine kleine mit Angeln befeſtigte Thüre bildete, mittelſt welcher eine Oeffnung entſtand, groß genug daß man zwiſchen die Garnirung und die Schiffsverkleidung ſelbſt verſchiedene Sachen hineinſtecken konnte. Aus dieſem kleinen Raum zog Schiffer Ragnar— der ganz allein über das Innere des Enterichs verfügte— zwei Maſchinen von waſſerdichtem Leder, ungefähr drei Fuß lang und fünf bis ſechs Zoll im Durchſchnitt. Sie glichen einem Schlauch zu einer größern Feuerſpritze und waren an den Enden mit einem zinnernen Mundſtück befeſtigt das mit Schraubenſtöcken vom ſelben Metall verſehen war. Ohne die andere Koje eines weitern Blicks zu würdigen, eilte Ragnar hinauf. Er zeigte Boje was er in der Hand hielt und ſagte: f 17⁵ „Begreifſt Du was dies ſein ſoll?“ „Iſt es nicht eine Art von Lebensrettersboje?“ fragte Börje und warf einige nicht übermäßig intereſſirte Blicke auf den Gegenſtand.— „Ja, auf eine gewiſſe Art und Weiſe,“ antwortete Rag⸗ nar mit dem Anflug von einem Lächeln.„Aber ſonſt nennt man dieſe Dinge da Kaplakenbeutel... Nun, begreifſt Du jetzt Etwas?“ Börje ſchüttelte den Kopf. „Du biſt noch nicht dabei geweſen, wenn man naſſe Waa⸗ ren im Großen ſchmuggelte. Höre jetzt, ſo wirſt Du mit dem Geſchäft bekannt gemacht werden an das wir denken müſſen, ſo lange Tuve daheim iſt.“ „Ich höre ſchon.“ „»Unter Kaplaken— wenn Du auch das nicht weißt— verſteht man gewiſſe Procente von der Ladung welche der Schiffer zur Gratisfaction d. h. gratis außer der Fracht bekommt. Aber jetzt, verſtehſt Du, pflegt der Hauptſchmuggler, der Kauf⸗ mann der die Waaren beſitzt, dem eigentlichen Schmuggler der ſeine Haut daran ſetzen muß kein Kaplaken, weder bei naſſen noch bei trockenen Waaren zu geben. Darum iſt es nicht mehr als billig daß er ſein Kaplaken ſelbſt nimmt, wenn er dazu kommen kann. Nun iſt dies mit Ballen und Päcken unmöglich, nicht aber mit flüſſigen Waaren.“ „Aha... jetzt fang ich an zu begreifen.. Aber nimm Dich in Acht, Ragnar, die Eigenthümer der flüſſigen Waaren hier laſſen ſich meiner Seel nicht für Narren halten. Und dann will ich nur geſtehen daß ich noch nicht ganz klug aus der Sache geworden bin.“. 3 „Du hätteſt ſchweigen ſollen, bis ich ausgeredet habe.“ „Aber“... Börje ſah forſchend nach der Pflicht. „Sei ganz ruhig, ſo lange ich es bin. Wer ſichs hat ge⸗ fallen laſſen müſſen den ganzen Tag in einem leeren Waſſerfaß 176 zu liegen, der läßt die erſte rechte Gelegenheit zum Schlafen nicht gerne hinaus. Und jetzt kann man ſich auch im Uebrigen verſucht fühlen von einer andern Seite her ruhig zu ſein, denn ſo viel iſt klar wie das Tageslicht daß der gnädige Lieutenant ſich jetzt auf die faule Haut gelegt hat. Natürlich, er wird ja nächſtens Controleur. Und da geht auch die Rede, es habe ein neuer Auftritt zwiſchen ihm und Moß ſtattgefunden, ſo daß er ganz und gar keine Hoffnung auf die Maiblume mehr habe. Erinnerſt Du Dich noch, wie ſie uns vor zwei Jahren, als wir unſern kleinen Cognachandel hatten, beim Verſenken half? Nun, damals wäre es keine ſo große Confiscation geweſen; aber es ärgert mich noch jetzt daß ich erſtens den Anker verlor der nach Tomtö ſchwamm und, wie Andreas behauptete, den Brü⸗ dern dort beinahe das Leben gekoſtet hätte, und ferner den an⸗ dern der ohne Abſchied und Paß in die Welt hinaus reiste und von dem man kein Wörtchen mehr gehört hat.“ „Laß jetzt dieſen alten Plunder fahren,“ meinte Börje,„und komm zu den Kaplaken zurück, denn es gelüſtet mich Deine Aus⸗ legungen bis ans Ende zu vernehmen.“ „Nun ja,“ antwortete Ragnar,„damit iſt es ſo beſtellt, daß das Gefäß unterwegs häufig leck wird, und daß das Holz Etwas von dem Inhalt an ſich zieht wodurch dieſer ſich vermin⸗ dert; aber an dieſer Verminderung iſt dann ſelten das Gefäß Schuld, ſondern der Kaplaken der durchaus keinen Diebſtahl be⸗ deutet, ſondern blos ein vernünftiges Recht kraft deſſen der kleine Schmuggler, verſtehſt Du, dem großen Etwas abſchmuggelt.“ „Du brauchſt Dir keine große Mühe zu geben, um mir das in den Kopf zu bringen, denn aus ſolchen Sachen kann ich mir nie ein Gewiſſen machen. Wenn man nur recht wüßte wie es dabei zugehen ſolle, und dann wenn man es nur nicht mit der Bärenbrut zu thun hätte!... Die Spünde ſind ja verſiegelt.“ „Dummkopf, meinſt Du denn, man werde ſo verrückt ſein u —2 7 8A. — — — 177 und nach den Spünden ſehen? Geh und hole den feinen Bohrer und den Heber, dann wirſt Du ſelbſt ſehen.“ Börje ging und kam bald mit den Sachen zurück. Ohne ein Wort zu ſagen, legte Ragnar ein eckiges Stück Holz an den innern Reif und ſchlug mit einem Hammer ſachte darauf, ſo daß er ſich allmählig um einen halben Zoll verſchob. Jetzt wurde das Loch gebohrt und ungefähr eine Viertelskanne mit dem kleinen Heber herausgezogen, worauf man die ganze Quantität Waſſer dafür hineinſchüttete. Das Loch wurde dann mit einem Nagel zugemacht und der Reif vorſichtig wieder in ſeine frühere Stellung geſchlagen, ſo daß unmöglich irgend Je⸗ mand Etwas entdecken konnte. „Das war meiner Treu liſtig genug,“ meinte Börje,„jetzt begreife ich, wozu die Schläuche gut ſind. Wann haſt Du ſie angeſchafft? Wir haben früher keine ſolche gehabt.“ „Ich konnte doch wohl nicht von mir ſelbſt ſchmuggeln, wenn ich meine kleinen Cognacpartien für die Kneipen heim⸗ brachte, und ich war zu ſchlau um es Dir zu zeigen, denn ſonſt hätteſt Du von meinen Ankern kaplaken können. Aber jetzt, da ich dieſen Enterich hier habe— denn ich kann Dir ſchon ſagen daß es mit der Schute bereits abgemacht iſt— da werden mir größere Sachen für die Mörköer und andere Großhändler anver⸗ traut, und deßhalb habe ichs ſo eingerichtet daß ich von der Ehre profitiren und einen kleinen Nebenverdienſt machen kann. Jetzt werden ſie mit mir zufrieden ſein daß ich meinen Drachen bis hieher geführt habe, ohne daß der Zollkammerdrache das Min⸗ deſte von ſich hat blicken laſſen. Es iſt, hol mich der Teufel, nicht ſo leicht durch Klugheit das Waſſer ganz rein zu halten.“ „Du haſt ihn wohl anderswohin in den April geſchickt, denn ich weiß, Du biſt mit ſolchen Angebereien wohl vertraut, ſeit er bei Mamſell Majkens Reiſe uns ſeinen Beſuch machte.“ „Wenn ich dies auch gethan hätte,“ verſetzte Ragnar mit Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I1I. 12 178 einem kurzen Lachen,„ſo würde es ihm Nichts ſchaden— es iſt nicht das erſte Mal daß der Herr Lieutenant ſich auf einer ſol⸗ chen Fahrt eine lange Naſe geholt hat.“ „Jedenfalls,“ verſetzte Börje etwas höhniſch,„liegt der beſte Schutz darin daß das Boot den Mörköern gehört— ſie können ſeit der Geſchichte beim Otternneſt ſo viel ſchmuggeln als es ihnen nur beliebt. Damals hatte der Lieutenant Glück, aber ich glaube nicht daß er es noch einmal verſuchen wird, ſeit Ola⸗ gus das Gelübde gethan hat das in den ganzen Scheeren be⸗ kannt iſt... Aber iſt Dir nicht ſelbſt bange dabei daß Du Deine Schmuggelei gleich auf der erſten Reiſe anfängſt?“ „Nein, es freut mich ſehr Schlauheit und Kühnheit zu zei⸗ gen, wenn ich es mit noch ſchlaueren und kühneren Leuten als ich ſelbſt bin zu thun habe. Sonſt glaube ich nicht daß ſich Viele mit mir hierin meſſen werden, denn ich habe, während Tuve ſchlief, gefährlichere Güter als Cognac und Jamaicarum von Chriſtiania hergeſchmuggelt.“ „Aber bedenke doch, wenn Tuve die Sache errathen hätte, obſchon er ſich Nichts anmerken ließ! Er ging mehrere Male nach der Seite hin wo die leeren Fäſſer liegen.“ „Errathen— nein, der Teufel krähe in meinem ſündigen Talg, wenn er das Eine oder Andere errathen hat! Wäre es Olagus ſelbſt geweſen, ſo hätte ichs nicht gewagt— aber Tuve ſchläft wie ein Stock, wenn er ohne Arbeit iſt, und dann habe ja ich die Schute geführt.“ „Er ſchlief aber doch nicht immer.“ „Nun, dann ſaß er da und vergaffte ſich in die Geſchenke die er ſeiner Schwägerin mitbringen wollte, der ſogenannten Kreuzträgerin welche er tröſtete, wenn Olagus ihre Augen allzu naß werden ließ... Nun, das geht mich weiter Nichts an. Aber will man Tuve's Aufmerkſamkeit gerne los ſein, ſo braucht man nur von Mutter Britgen und ihrem Liebreiz zu ſprechen, denn dann hört und ſieht er nichts Anderes mehr.“ —— 179 „Gott behüte, Du wirſt doch nicht ſagen wollen daß er...“ „Ich will gar Nichts ſagen— der Teufel ſoll in mich fahren, wenn ich Etwas ſagen will— außer daß Du, mein lie⸗ ber Börje, Dich recht gut anläſſeſt um auf eigene Hand Kaplaken zu nehmen.“ Im Verlauf des Geſprächs hatten die Schmuggler gemein⸗ ſchaftlich die begonnene Arbeit mit den Ankern fortgeſetzt und zuletzt nicht blos die beiden ledernen Schläuche, ſondern auch einige Krüge gefüllt. 1 „Jetzt,“ verſetzte Ragnar,„mag es für das erſte Mal ge⸗ nug ſein.“ „Wo willſt Du es nun verſtecken?“ „Das wird nicht ſchwer ſein. Olagus kann wohl keine Vi⸗ ſitation nach mehr anſtellen als er haben ſoll; und ſollte er auch ſeine Augen auf etwas Anderes richten, ſo werde ich doch wohl ſelbſt das Recht haben Einiges für meine eigene Rechnung auf⸗ zukaufen.“ „Du biſt ein ſchlauer Mann, Ragnar, ich wäre darauf nicht gekommen.“ „Nun, nun, mein Börje, daran hat auch noch kein Menſch gedacht daß Du dabei geweſen ſeieſt als das Pulver erfunden wurde. Wären Alle gleich ſchlau, ſo gäbe es ja Keinen den man beluchſen könnte... Ich habe beim Küfer alte Fäſſer ge⸗ ſehen, die dreißig, ja vierzig ſolche Pflöcke hatten. Das iſt nichts Anderes als ein Kinderſpiel... Aber jetzt wollen wir einen Grog nehmen— das kühlt in der Hitze und dann will ich Dir erzählen was ich in meinen Knabenjahren mitgemacht habe, als ich als Lootſenlehrling in Norwegen fuhr.“ Geſagt gethan. Der Grog wurde zurecht gemacht, und nachdem Ragnar vergebens nach einem Windhauch geſehen und nach der Kajüte hingehorcht hatte, wo Alles ſtill war, ſetzten ſie ſich in aller Behaglichkeit. „Nun, wie war es jetzt mit der Geſchichte?“ —— ——V—— —— — 180 „Im Sommer, wenn wir nichts Großes zu thun hatten, ſchaffte ſich der Meiſter Lootſe andere Arbeit. Wir ſchmuggel⸗ ten nicht, ſondern reisten mit einem ehrlichen Paſſirſchein der Zollkammer für Alles was wir führten. Aber einen ärgeren Schlingel im Kaplakennehmen als unſer Meiſter war, habe ich meiner Lebtage nicht getroffen... Unter einem ſolchen Burſchen kann man den Handgriff bekommen, wenn man nicht gleich im Anfang damit ausgerüſtet war.“ „So ſo, Du haſt aber wohl den Handgriff mit auf die Welt gebracht, denke ich.“ „Wohl möglich,“ verſetzte Ragnar.„Einmal fuhren wir von Kopenhagen nach Chriſtiania und hatten unter Anderem ein paar Fäſſer koſtbaren Wein an Bord. Als wir in die offene See kamen, erhielt ich Befehl auf die gewöhnliche Weiſe zu kap⸗ laken. Aber da war rein Nichts zu machen. Alle Reife waren mit Baſt umwickelt und feſt genagelt wie in einem Felſen. Um den Spund ſelbſt ſaßen ſechs verſchiedene Siegel die der Abſen⸗ der aufgedrückt hatte, und zu noch größerer Sicherheit hatte das Zollamt ein geſponnenes Kreuz quer über den Spund geſetzt und alle vier Enden mit dem Siegel der Zollkammer befeſtigt.“ „Nun, da gab es wohl diesmal keine Kaplaken?“ fragte Börje. „O doch... der Meiſter Lootſe ſtand auf und ſagte ſchmun⸗ zelnd zu mir, ich ſolle das Ruder ergreifen. Nachdem er die Siegel genau beſichtigt, machte er Feuer in der Kabuſe und glühte ein dünnes kleines Eiſen, womit er das eine Zollkammer⸗ ſiegel gerade unter dem Schwanz des Löwen durchbohrte, ohne die Kronen zu beſchädigen, und auf dieſe Art pumpte er mit einer feinen Blechpumpe wenigſtens einen halben Anker aus jedem Faß. Hierauf ſtopfte er ein wenig Wachs in das Loch, ließ Lack darauf träufen und ſtrich mit einer warmen Meſſer⸗ .—— ttten, ggel⸗ der geren e ich ſchen ) im die wir ein fene kap⸗ aren Um ſen⸗ das ſetzt gt.“ agte un⸗ die und ner⸗ hne mit us ch, er⸗ 181 klinge das Siegel über dem Loch glatt, und dies Alles that er ſo fein und ſäuberlich daß ich, obſchon ich genau zugeſehen hatte, am Stempel nicht die geringſte Beſchädigung bemerken konnte.“ „Alſo,“ fiel Börje ein,„iſt es wie geſagt kein Wunder daß Du ein ſolcher Künſtler geworden biſt, wenn Du als Lehr⸗ ling unter einem ſolchen Schlaukopf gedient haſt.“ „Du mußt Alles hören, wie es noch weiter mit dem Handel ging. Als wir in Chriſtiania ankamen, bat der Meiſter Lootſe die Zollbeamten, ſie möchten nachſehen ob er Alles unberührt abgeliefert habe, und ſie bezeugten es ihm. Die Fäſſer wurden nebſt dem Andern ins Magazin gebracht, wo man die Siegel in Anweſenheit des Eigenthümers erbrach. Aber als dieſer die Fäſſer unterſuchte, kam ſogleich der Kniff bei dem mit Wachs verklebten Loch wo das Siegel geſeſſen hatte zu Tage. Niemand beargwöhnte den Schiffer— es war ja klar daß irgend ein Zollſchnüffler im Zollhaus zu Kopenhagen es gethan haben mußte. Der Eigenthümer proteſtirte, und es ſoll ein Prozeß daraus ent⸗ ſtanden ſein. Aber ich und der Meiſter Lootſe lachten ins Fäuſt⸗ chen, und ich bekam zwei blanke Speciesthaler dafür daß ich reinen Mund halten ſollte.“ Börje gab ſeine Zufriedenheit mit der Geſchichte durch ein Geſchmunzel zu erkennen, dann blickte er auf das kleine Deck hin und ſagte in einem Ton der jetzt etwas bekümmert klang: „Ragnar, ich möchte Dich in Betreff Deines großen Schmuggelguts auf Etwas aufmerkſam machen.“ „Was iſt das? Eben jetzt thürmen ſich Wolken auf, und mir ſcheint, die Farbe des Waſſers verkünde eine kleine Kühle. Der Strom treibt uns bald auf die Holme. Bei dieſer ver⸗ dammten Kühle könnte die Zolljacht uns Verdruß machen, wenn ſie nicht in guter Ruh anderswo läge; ſie holt uns im Rudern ein, obſchon ſie bei einer friſchen Briſe hinter uns zurückbleibt.“ „Haſt Du für die Zolljacht geſorgt, was leicht zu begreifen iſt, ſo braucht man nicht an das zu denken was ſie thun könnte, 182² wenn ſie in der Nähe wäre und ſich heranwagen würde; dies aber würde ſie gewiß thun, wenn ſie wüßte daß die Bären jetzt nicht an Bord ſind. Aber ich will von der Sache ſprechen an die ich dachte.“ „So ſprich.“ „Begreifſt Du“— jetzt ſenkte Börje ſeine Stimme—„was er heute Nacht auf Pinnö am Lande machte, als wir beilegten? Er hatte irgend etwas Schlimmes vor, darauf wollte ich Alles wetten, und mir läuft der kalte Schweiß den Rücken hinab, wenn ich denke“... „Deshalb kannſt Du auch das Denken unterwegs laſſen... Auf Pinnö hat er ein Geſchäft das uns Nichts angeht. Bekom⸗ men wir nicht ehrlich was uns gebührt? In einer halben Stunde wecke ich ihn, denn dann ſind wir ſo nahe an die Meer⸗ frauklippe getrieben daß wir ihn dort ans Land ſetzen können.“ „Aber um Gotteswillen, was ſoll dort aus ihm werden? Das möchte ich doch wiſſen.“ „Jetzt iſt er vergeſſen und ſo gut wie begraben, das ſiehſt Du wohl ein.“ „Davon habe ich nicht geſprochen— ich meinte blos, wie er von dieſer Klippe wieder wegkommen ſollte. Er kann doch nicht ewig dort bleiben, wenn auch die große Delphinhöhle oder das Schlafgemach der Meerfrau, wie man es nennt, für einige Stunden ein gutes Lager ſein mag.“ „Wenn Olagus und Tuve heute Nacht abgeladen haben, ſo reiſen ſie, wie Du weißt, etwas weiter, während wir uns auf den Heimweg machen, und dann... mein lieber Börje, Du biſt hoffentlich nicht ſo dumm um das Uebrige nicht ſelbſt zu verſtehen.“ „O, o, Ragnar, was ſind das für große und ängſtliche Gefährlichkeiten in die man ſich hineinbegibt! Hatteſt Du ihm nicht ſchon früher einen ſo großen Dienſt geleiſtet, daß er Dich zeitlebens nicht dafür bezahlen kann?“— —-———— „Vorher hatte er mir einige Dienſte geleiſtet, und der Teufel ſoll in mich fahren, wenn ich das Herz hatte ihn allen Wölfen in den Rachen zu werfen, als er in Herzeleid, Angſt und flehentlicher Demuth kam und ſich mir ſelbſt überlieferte. Du weißt daß ich ihm die Kleider meiner Alten lieh und noch in derſelben Nacht über die Grenze half; damals aber wußte ich, das kann ich beſchwören, nicht daß man ihn auch noch wegen einer andern Sache als der Leichenplünderung verfolgte. Dieſe geſtand er ein, und das war ein Augenblick der Verſuchung welchem wir Beide auch vielleicht hätten unterliegen können. Wrackgüter in allen Geſtalten ſind garſtige kahle Klippen auf denen man leicht ausgleiten kann.“ „Das iſt wahr.“ „Nachher hörte ich Nichts mehr von ihm, bis er mich jetzt im Hafen von Chriſtiania aufſuchte und eben ſo flehentlich an⸗ bettelte, ich möchte ihn doch wieder zurücknehmen, verſteht ſich, in der allertiefſten Heimlichkeit.“ „Ich möchte um Alles in der Welt nicht in Deinen Klei⸗ dern ſtecken, Ragnar. Du verübſt alle Arten von Miſſethaten um Dich damit zu berauſchen, wie Andere ſich mit Branntwein berauſchen.“ „Ich habe allerdings meine Freude an ſolchen gewagten Spielen... Aber jetzt hat er geſchworen und ſeinen ganzen Reſt von Seele den er noch hat zum Pfand geſetzt, daß er die ganze Geldladung die er auf der untern Pinnö verſteckt hatte zuſammenpacken und redlich an Hjelm zurückſchicken wolle.“ „Und das kannſt Du glauben?“ „Ich brauche nichts Anderes zu glauben als was er ſagt. Was für ein anderes Geſchäft könnte er auch hier haben? Er wagt es wohl jetzt eben ſo wenig als früher das Geld auszu⸗ geben, da alle Nummern der Zettel aufgeſchrieben und in den Zeitungen bekannt gemacht ſind.“ „Was er hier zu thun hat,“ verſetzte Börje,„das geht — — ———— 184 über meinen Verſtand. Aber gewiß hat er ſich nicht blos des⸗ halb in ſolche Gefahr gewagt, weil er das Geld ausgraben möchte. Wurde es etwa gleich am Abend ehe er zu Dir kam dort vergraben?“ „Das kannſt Du doch wiſſen, Du Einfaltspinſel, daß es nicht geſchehen iſt nachdem er zu mir gekommen war. Biſt Du nicht ſelbſt mit dem Briefe fortgefahren den Du nach ſeiner An⸗ weiſung der alten Frau übergeben mußteſt, während ich mit dem verkleideten armen Sünder weiterreiste und ſchon mehrere Mei⸗ len weit aus dem Weg war, ehe Hjelm am Abend von der Gerichtsverhandlung nach Hauſe kam und die große Hetzjagd in Gang gebracht wurde.“ „Die Fahrt zu der alten Frau habe ich, wie Du weißt, blos Dir zu Liebe gemacht, und ich nahm kein Geld dafür. Aber hätte ich damals gewußt daß er einer andern Perſon als der todten Frau nur das Mindeſte entwendet hätte, ſo hätte ichs ganz gewiß nicht gethan. Und jetzt haſt Du wiederum mich zu fragen, Schande ins Boot genommen. manchmal in den Sinn daß ich ſelbſt ſollte.“ „Kannſt Du ſo einfältig ſein, Du Tölpel, ſolche Worte gegen mich zu gebrauchen? Wer mir quer in den Weg kom⸗ men will, der mag ſich vorſehen. Ich laſſe auch nicht mit mir ſpielen, obſchon ich nicht Olagus Esbjörnsſon heiße.“ „Nun nun, ſo wars ja doch nicht gemeint; aber Du biſt ein zu guter Kerl.. ⸗ „Richte Jeder in ſeiner eigenen Sache. war ein Schurke und iſt ein Schurke, aber es len in den Sinn daß ich ſogar den Bitten widerſtehen kann. Du begreiſt doch daß er ſeine Worte liſtig zu ſagen wußte, wie wenn ich etwa Angſt vor Tuve hätte u. ſ. w. Da ich nun aber nicht einmal vor dem Teufel ſelbſt Angſt habe — vielleicht hatte ich auch Etwas im Kopf, wills juſt nicht ,ohne Es kommt mir Alles zuſammen angeben .. Er da unten kommt mir zuwei⸗ eines ſolchen nicht 185⁵ läugnen— ſo, kurz und gut, ich verſprach es ihm und ſteckte ihn in der folgenden Nacht ins Waſſerfaß. Aber ſollte es jetzt ſo mit Dir ſtehen, daß Du Deinen Geldantheil an der Fracht nicht nehmen willſt, ſo kannſt Du ihn ja in die Armenbüchſe der Kirche legen. Das iſt ein Rath der Etwas taugt und Dein Gewiſſen beruhigen kann, wenn es allzu ſchmerzlich brennt.“ „Ich will mich darüber beſinnen... Aber nimmſt Du ihn jetzt mit nach Hauſe?“ „Höchſtens auf ein paar Tage. Er gedenkt hier nicht alt zu werden, und nicht für tauſend Reichsthaler möchte ich weiter mit ihm zu ſchaffen haben, wenn dies jetzt vorbei iſt... Aber ſtill, es regt ſich Etwas bei der Kabuſe... Dort ſtreckt er ſeinen Kopf empor... Herr Jeſus, wie der elende Wicht aus⸗ ſieht! Wer erkennt wohl in ihm den feinen H...“ „Sprich den Namen nicht aus,“ murmelte Börje.„Und höre, Ragnar,“ fügte er hinzu,„ich bin jetzt mit mir darüber einig, daß ich keinen Stüber Lohn von ihm annehme. Verſuche mich nicht dazu, ſondern lege ehrlich meinen Antheil in die Armenbüchſe.“ „Still!“ unterbrach Ragnar.„Ich trete jetzt vor und ſpreche mit ihm. Mit einigen Ruderſchlägen können wir bis an die Klippe kommen. Laß uns dafür ſorgen daß wir ihn bald loswerden.“............. Eine halbe Stunde ſpäter hatten die Bootführer ihren ein⸗ zigen Paſſagier abgeſetzt und geſehen, wie er in der Tiefe der Höhle ſein elendes Daſein verbarg. Hierauf ſuchten ſie den Windhauch zu benützen den die aufſteigende Wolke prophezeit hatte. Aber der Wind erſtarb bald, und der Enterich trieb mit matten Segeln hin in welcher Richtung der Strom ihn trei⸗ ben wollte. Inzwiſchen wollen wir einen Mann aufſuchen der keine Ahnung davon hatte daß er in ein von dem vogelfreien Manne ausgeſpanntes Netz verſtrickt war. 186 Zweites Kapitel. Noch einmal beim Dorſchenfang. Wir verſetzen uns jetzt ein paar Stunden zurück. Es mochte etwa vier Uhr Nachmittags ſein. Gegen die verzehrende Hitze bildeten die kleinen Hütten neben dem uns wohlbekannten Signal einen kühlenden Schutz, und, wie an dem ſtürmiſchen Oktoberabend des vergangenen Jahrs, wurden ſie auch heute an dem ſtillen Julinachmittag von den bei⸗ den Führern der Zolljacht als Recognoscirungsplätze benützt. „So ſo, jetzt ſind wir da... aber da gibt es jetzt Nichts weiter zu thun,“ ſagte Sven, indem er ſich ungeduldig auf dem Lager umherwarf,„und ich weiß nicht was für einen Widerwillen ich gegen dieſe Fahrt habe. Wir haben uns auf Umwegen hie⸗ hergeſchlichen— darin iſt der Lieutenant ſehr erfahren— aber wer ſieht Schiffer Ragnars Schute?“ „Nun, nun,“ meinte Pelle,„wir ſind auch noch nicht lange da... das Schlimmſte wäre, wenn er eine Aenderung daran vorgenommen hätte.“ „Eine Aenderung? Ich will nicht der erſte Hatteſpieler im ganzen Bezirk ſein, wenn ich nicht Ragnars Schute, er mag ſie aufputzen und anmalen wie er will, eben ſo gut kenne, wie ich jetzt den Weg zwiſchen dem Pfarrhaus und Fäällbacka kenne.“ „Nun nun, das verſteht ſich, Du trauſt Dir Alles zu. Aber Schiffer Ragnar iſt noch um einen Strohhalm erfahrener und argliſtiger als Du, und hat er einmal die Haut ſeines Bootes verändert, ſo können wir uns auch in unſerer Späherei täuſchen.“ „Ja freilich, er iſt in letzten Zeiten ein großer Matador ge⸗ worden, ſeit er mit den Mörköern in Verbindung gekommen iſt. Aber wenn er auch mit ſeiner Schute ſo ſchnell wechſelt, als einer Küſſe auf den Lippen ſeiner Braut wechſelt, d. h. wenn — X”* —— 187 er überhaupt Luſt zu einem ſolchen Wechſel hat: alter Bräute Lippen mit in die Rechnung zu ziehen, will ich Ragnar die Schande nicht anthun— ſo iſt doch meine Meinung die, daß Sven Dillkopf ein Auge haben würde um ihn zu entdecken.“ „Denkſt Du nicht daran Waſſer aus der Quelle zu holen?“ fragte Pelle, ohne daß er ſich herabließ Svens boshaften Witz zu verſtehen.„Der Lieutenant wird ſich gewiß freuen friſches Waſſer zu bekommen, und dann kannſt Du mir auch ein Bischen mit⸗ bringen— ich fühle mich in großer Qual wegen des Durſtes. Aber ich habe heute nicht den Kajütendienſt.“ „Waſſer habe ich hereingebracht, als ich kam— und was den Kajütendienſt betrifft, ſo wird es damit wohl bald ein Ende haben, denn juſt in den nächſten Tagen erwartet der Lieutenant ſeine Ernennung zum Controleur, und wenn er ſeinen Abſchied nimmt, ſo nehme ich den meinigen auch, ſo daß Ihr, Pelle, mich ſchon jetzt als Zollwachtmeiſter oder als einen Herrenmann betrachten könnt, denn Ihr wißt daß dies ganz einerlei iſt.“ „Das will ich thun, wenn Du Waſſer holſt. Aber ſpute Dich, die Hitze iſt ſo ausſaugend.“ „Ich beſinne mich darauf. Den alten Leuten kann Einer wohl einen Dienſt thun, in welchem Stand er ſich auch befinden mag. Aber ſagt, Pelle, glaubt Ihr daß der Lieutenant jemals wieder der Mann ſein werde der er war? Mir kommt es vor, als ob in dieſer Richtung Nichts mehr zu machen wäre.“ „Wer kann es wiſſen? Der liebe Gott kann es lenken wie er will. Aber daß es nicht ganz gut ſteht, das ſehe ich wohl.“ „Ja, ſeitdem ich Euch gelehrt habe wie man ſehen muß, doch gleichviel! Als ich heute früh den Brief überbrachte mit welchem einer von den Pinnöer Jungen herübergerudert war, ſo lag er angekleidet auf dem Sofa und ſtarrte ſo ſteif an die Decke hinauf wie der däniſche holſteiner Capitän beſtändig that als er hier ankam.“. —— ———— —— —= —— — ——— — „Nun,“ fragte Pelle,„iſt er dann nicht lebendig geworden, als Du ihm den Brief gabeſt?“ „Nein, er las ihn gerade wie einen andern gleichgültigen Papierſtreif; und als er ihn geleſen hatte, ſagte er: Wieder eine Anzeige— er hatte wohl ſchon vorher eine bekommen. Nie etwas Anderes als dieſe elenden Anzeigen, fügte er hinzu. Meint Ihr, er hätte früher auch ſo geſagt?“ „Nein, aber damals hatte er auch ſeine Erklärung mit dem Moß noch nicht gehabt— Du weißt was der Moß wollte?“ „Ja freilich. Ich weiß auch daß Mamſell Majken, obſchon er ſie bat, nicht mit ihm in ein beſonderes Zimmer gehen wollte . ſo ſtolz war ſie noch nie geweſen. Und ein Vogel hat mir ins Ohr geſungen daß ſeit jener Zeit ein kalter Wind zwiſchen ihnen geweht hat: und der Lieutenant iſt leider Gottes auch daheim bei ſeinem Vater nicht gut angeſehen, denn dieſer ſteht und fällt mit dem Moß, ſo daß er alſo unglücklich iſt wo er geht und ſteht, 4 „Ja, man ſieht es ihm wohl an... Aber er gab doch, nachdem er den Brief geleſen hatte, ſeine Befehle. Oder that er das nicht?“ „„Schiffer Ragnar,“ ſagte er,„wird ſich heute Abend im Sote⸗ buſen aufhalten. Habe in einer Stunde Alles in Ordnung. Ich gehe auf meinen Schleichwegen nach dem Dorſchenfang. Dort will ich weiter ſehen.““ Aber es war gar kein recht ladige Leben in ſeinem Befehl. Wäre es wie früher geweſen, ſo hätte er gar Nichts geſagt, ſondern wäre nur aufgeſprungen und hätte gerufen: Alles klar gemacht, Burſche, wir bekommen heute Abend Kurzweil!... Nun, nun, daß er diesmal reine Worte ſagte, konnte auch daher kommen daß er glaubte, wenn wir jetzt Abſchied nehmen und in den Landzoll treten, ſo werden wir gleichſam in Allem zuſammen ungefähr gleich alt.“ „Du hoffärtiger Pfauenvogel, liegt nicht die Ausdeutung 189 näher bei der Hand, daß er in Zukunft gar Nichts mehr für luſtig anſehen will?“ „Ah ſo, Ihr ſeid ſo durſtig, Pelle— nun, das mag Euch wirklich freiſtehen, ſo lang Ihr Luſt habt, denn ich glaube nicht daß ein Zollwachtmeiſter, ein ſolcher der ſelbſt Viſitator wird, einem Jachtſchiffer aufzuwarten braucht... Aber jetzt will ich mich wieder aufs Spähen legen..... Kein Schiffer Ragnar— hier findet ſich kein anderes Boot als dasjenige das ich vor einer Weile etwas ſüdlich vom Lyngholm ſah. Es iſt wohl eines das nach Göteborg geht.. mit dieſem können wir alſo Nichts zu ſchaffen haben.“. „Wer weiß? Geh hinab, ich rathe Dirs, und melde es dem Lieutenant, damit er ſeinen Gucker nimmt. Wenn Du dann wieder heraufkommſt, ſo bring den Waſſerkrug mit. Wie Du ſagteſt— alten Leuten kann man in jedem Stande dienen.“ „So ſo, Ihr nehmt meine abgelegten Worte wieder auf— das ſei Euch herzlich vexgönnt: ich habe gute Vorräthe. Herr Jeſus, wie werdet Ihr mich einſt vermiſſen! das wird ganz er⸗ bärmlich werden, Pelle.“ In der Kajüte, deren Thüre man der Wärme wegen offen ſtehen ließ, lag Gudmar auf einem der kleinen ſchmalen Sofas und hielt in ſeiner Hand daſſelbe Briefchen das Sven ihm am Morgen überbracht hatte. Es war wirklich wäahr daß Gudmars Ausſehen ſich verändert hatte, zumal im Vergleich mit ſeiner Er⸗ ſcheinung an jenem Morgen vor zwei Jahren, wo Majken auf der Zolljacht frühſtückte. Und war dies wohl zum⸗Verwundern? Wann. o, wann ſollte es wieder ſo werden, wie es geweſen war? Er wußte ſehr wohl daß er— wie ſeine Leute erzählt hat⸗ ten— jeden Augenblick die Controleursſtelle in*** erhalten 190 konnte. Aber wer ſollte ihn dahin begleiten— wer wollte ihn jetzt dahin begleiten? Alles was er alſo mit ſeinem Streben gewonnen hatte be⸗ ſtand darin daß er ohne Hoffnung von ihr ſcheiden mußte, welche das Ziel geweſen wo alle ſeine Hoffnungen ſtehen geblieben waren. Scheiden— das hieß ſie nicht mehr ſehen, ſie nicht mehr hören, ihre warme Hand nicht mehr ergreifen. Beim bloßen Gedanken daran ging Fieberſchauer und Froſt durch das ſonſt ſo regelmäßig fließende Blut, und er wünſchte dann eben ſo ſehnlich daß der Dienſt ihm entgehen möchte, als er ihn früher zu erhalten gewünſcht hatte. Die Ablehnung des Moßſchen Anerbietens womit der Alte einen Akt unerhörten Edelmuths zu verrichten geglaubt, hatte alle weitern Verſuche abgeſchnitten. Und nachdem dies einge⸗ troffen war, bekräftigte Majkens Blick daß jetzt Alles ruhen könne. Leider hatte er ſchon ſeit dem Tag wo dieſer Gegenſtand von ihm ſelbſt berührt worden war daſſelbe gezeigt. „Nun wohl“— ſo rief der arme junge Mann tauſendmal während dieſes langen qualvollen Monats—„bin ich denn ihrer nicht mehr würdig, bin ich geradezu verwerflich geworden, weil ich die Bahn und die Pflichten denen ich mich einmal gewidmet habe nicht aufgeben will und nicht aufgeben darf?“ „Aber,“ flüſterte zuweilen das Herz,„kann Dir wohl das befriedigende Bewußtſein ſtandhaften Ausharrens alles das er⸗ ſetzen was Du verlierſt?“. Er ſenkte dann in ſtummem Schmerz ſein Haupt. Der junge Adler verbarg es unter dem Flügel, aber er that Nichts um die Sache zu ändern. Welchen bittern Stachel enthielten nicht auch die ſtets finſtern und vorwurfsvollen Blicke, die kurzen Worte und das ſteife Weſen ſeines Vaters! Nur Thorborg blieb mit vertauſendfachter Liebe an ſeiner Seite. Aber auch bei ihr war kein anderer Troſt als Theilnahme zu finden. * 4 ſchrieben iſt, ſo iſt mir die Hand dennoch ſo bekannt... Und 191 Mit Hjelm hatte Gudmar aus Zartgefühl nicht ſprechen wol⸗ len. Die neuen Verhältniſſe die zwiſchen ihm und Moß entſtehen ſollten verboten es ihm. Hjelm wollte ſich über dieſes Hinderniß gerne wegſetzen, aber Gudmar ſagte:„Laß uns bis auf Weiteres nicht von der Sache ſprechen“... Und ſo wurde auch dieſer Canal ver⸗ ſchloſſen. In dieſer Stimmung befand er ſich am Morgen als Sven mit ſeinem Anzeigerapport kam; weiter unten werden wir ſehen daß Gudmar bereits einen andern erhalten hatte, denjenigen nämlich welchen Schiffer Ragnar ſelbſt mit gehöriger Liſt ihm zu übermitteln die Artigkeit gehabt. Als er den jetzt in Frage ſtehenden Bericht empfangen, hatte er ſogleich nach dem Jungen gefragt der ihn überbracht, aber dieſer war bereits verſchwunden: er hatte erklärt daß er mit Fiſchen weiterfahren müſſe. Der allzeit neugierige Sven Dillkopf hatte ihn gefragt, von wem er das Schreiben erhalten habe, aber zur Antwort bekommen daß es ihn Nichts nützen würde der Sache noch weiter nachzufragen. In dem Augenblick nun wo wir den jungen Commandanten mit der Anzeige in der Hand treffen, dachte er nicht an ſich ſelbſt und die ſo unglückliche Wendung die ſein vornehmſtes irdiſches Glück genommen hatte, ſondern er grübelte über die Handſchrift des Briefes nach, der alſo lautete: „Am 29. Juli ging Schiffer Ragnar Ragnarsſon mit einer bedeutenden Schmuggelladung von Cognac und Jamaicarum von Chriſtiania ab. Morgen am Donnerſtag Abend kreuzt er auf dem Sote, wo er etwas zu thun hat. Er darf nicht vor acht Uhr angegriffen werden.“ „Wer mag das hier geſchrieben haben?“ fragte ſich Gudmar ein Mal ums andere.„Ich dachte Anfangs gar nicht an die Handſchrift; obſchon ſie verſtellt und das Ganze mit Bleiſtift ge⸗ . ——C———— —— ——— 192 das Papier, ein herausgeriſſenes Blatt, ohne Zweifel aus irgend einem Notizenbuch das keinem Scheerenbewohner gehört hat. Wäre mir dies im vorigen Jahre um dieſe Zeit begegnet, ſo hätte ich darauf ſchwören mögen daß Holt es geweſen ſei, aber jetzt hat er wohl ungeſtraft in irgend einem Schlupfwinkel der Vereinigten Staaten einen ſichern Hafen gefunden... Es bleibt alſo keine andere Deutung übrig, als daß mir das Ding von einem Kaufmann zugekommen iſt der Ragnar wegen ſeiner Schmug⸗ geleien für die Kneipen haßt... dem widerſprechen freilich die Worte bedeutende Ladung. Er kann ſich nicht auf ſo groß⸗ artige Geſchäfte einlaſſen...... Früher würde dies meine Neu⸗ gierde ganz ungemein gereizt haben. Jetzt mag es ſein wer es will.“ Hier zeigte ſich Sven auf der Thürſchwelle. „Befehlen der Herr Lieutenant friſches Waſſer zum Grog oder ſonſt Etwas?“ „Nein, Nichts. Haſt Du ſonſt Nichts zu melden? wie gehts mit der Recognoscirung?“ „Von Schiffer Ragnars Schute läßt ſich Nichts erblicken, weder nah noch fern. Aber ein anderes Boot treibt vor dem Lyngholm. Es hat gewiß ſchon lange da gelegen— es wird wohl Einer ſein der nach Göteborg geht, aber ich kenne ihn auf dieſe Entfernung nicht mit bloßem Auge.“ „So,“ antwortete der Lieutenant.„Ich werde mit dem Tubus hinaufkommen. Wer weiß...“ „Wenn es dem Herrn Lieutenant Freude macht ſich in der Hitze zu bemühen, ſo iſt das ſeine Privatſache; aber ich hoffe, Sie wollen mich nicht mit dem Gedanken chicaniren daß ich Rag⸗ nars Schute nicht kennen ſollte.“ „Du brauchſt Dich nicht beleidigt zu fühlen, wenn Du Dich getäuſcht haſt; dies iſt ſchon erfahreneren Männern begegnet als Du biſt.“ 18—— 193 Und ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, begab ſich der Lieutenant zum Signal hinauf. Hier angekommen und im Schutz der kleinen Hütte richtete er den Tubus lange und genau auf das Boot, und Sven, der hinter ihm ſtand, ſah wie gleichſam eine finſtere Wolke und zwar eine ſehr ſchwere Wolke ſich über ſein Geſicht verbreitete. „Was mag das für einer ſein, Herr Lieutenant?“ wagte Sven zu unterbrechen. „Still!“ Sven und Pelle wechſelten jetzt einen ganz vertrauens⸗ vollen Blick. Er bedeutete ſo viel als:„da gibt es wohl ernſt⸗ hafte Arbeit.“ Als Gudmar langſam den Tubus zuſammenſchob, war die Wolke auch in ſeine Augen übergegangen. Sie ſahen düſter, ſcharf, gedankenvoll aus, und die etwas vorgeſchobene Oberlippe zeugte von einer ſtarken Spannung. „Gnädiger gottgeſegneter Herr Lieutenant,“ begann Sven wieder,„ſagen Sie doch ein Wort! Iſt es Ragnar? Ich will ja ganz gewiß nicht böſe ſein, wenn ich mich getäuſcht habe.“ Der Lieutenant ſchien ihn gar nicht zu hören. Er ging langſam aus der Hütte, indem er ſagte:„Hier thut noch keine Eile Noth. Du kommſt hinab, wenn Du Etwas merkſt, Sven.“ Er kehrte zur Jacht zurück. „Dies da, mein lieber Zollwachtmeiſter,“ meinte Pelle höh⸗ niſch,„klang nicht ganz cameradſchaftlich.“ „Wir ſind ja noch auf der See,“ antwortete Sven ärger⸗ lich,„aber jedenfalls,“ fügte er hinzu,„war dies etwas Merk⸗ würdiges, Pelle— was glaubet Ihr?“. „Ich glaube gar Nichts, bis der Lieutenant ſagt was ich glauben ſoll. Dann thue ich meine Pflicht, nach welcher Him⸗ melsgegend es auch gehen mag, und ſei es Sturm oder ruhiges Wetter.“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 13 —— ͤ ———— 194 „Hätte ichs doch gewagt ihn um ſeinen Tubus zu bitten!“ „Ja, wenn Du das gewagt hätteſt! Aber für jetzt denke nicht mehr daran!“'* 8 So mahnte Pelle und zog den Waſſerkrug an ſich, um ſei⸗ nen gewöhnlichen Geſundheitstrank zu bereiten. In ihrem unſichtbaren Schlupfwinkel— einem von Gott ſelbſt geſchaffenen Baſſin— wo die Zolljacht verborgen lag, und von wo aus ſie ſich vielleicht bald eben ſo plötzlich, als tauchte ſie aus dem Meere ſelbſt empor, auf Abenteuer hinaus⸗ wagen ſollte, wurde ſie jetzt Gegenſtand der muſternden Blicke des zurückkehrenden Commandanten. Er beſichtigte jedes Tau, jedes Segelſtück, er lud die kleinen Schiffskanonen, die eine mit bloßem Pulver, die andere ſcharf, und ging dann in die Kajüte, wo er mit derſelben Kaltblütigkeit die Büchſe von der Wand nahm, den Schuß unterſuchte und ein neues Zündhütchen auſſetzte. Nachdem dies geſchehen war, holte er Feder, Dinte und Pa⸗ pier, ſetzte ſich und ſchrieb folgenden Brief an ſeine Braut: „Majken, theure angebetete Majken! „Wir haben uns ſeit Deines Vaters und Deiner eigenen Erklärung zweimal begegnet, und Deine geliebten Augen—m eine Sterne— haben mir deutlich genug gezeigt daß das Schiff mei⸗ nes Glückes auf den Grund getrieben iſt. „Nun wohl, Du unausſprechlich angebetetes Mädchen, höre noch eine Erklärung.* „In dem ernſten Augenblick dem ich bald entgegengehe, und wo möglicher Weiſe, vielleicht ſogar wahrſ cheinlich das Schiff meines Lebens auf den Grund fahren wird von welchem keines wie⸗ der loskommt, in dieſem Augenblick iſt es meine einzige ſelige Freude, daß ich mich noch ſicher fühle in dem Bewußtſein beharr⸗ lich auf dem Weg der Pflicht vorangeſchritten zu ſein und dem⸗ nächſt Dir ſagen zu können, daß jetzt ich es bin der Deine hei⸗ ligen und ſchönen Ideen von einer Fortdauer da droben über allen Sternen der Welt aufgenommen hat und daran glaubt. — 19⁵ „Ich will nicht zu Dir ſagen, meine Majken, daß Du hart gegen Deinen Gudmar geweſen ſeieſt— Du biſt zu gerecht um hart ſein zu können— aber Deine ſtrenge Gerechtigkeit, in Folge deren Du mit unwiderſtehlicher Kälte diejenigen Gefühle in mir beſtrafteſt die Du nicht recht begreifen konnteſt, hat mei⸗ nem Herzen eine tiefe Wunde geſchlagen auf welche ich gern einen heilenden Balſam gelegt ſehen möchte. „Was die beſondere Mittheilung betrifft die ich Dir eines Tags in Bezug auf einen andern Grund gegen einen Berufs⸗ wechſel zu machen wahnſinnig genug war, und die Dich mehr als alles Andere verletzte, ſo ſchwöre ich Dir jetzt, bei der Mög⸗ lichkeit daß dieſer Schwur mein letzter iſt, und eben ſo aufrich⸗ tig und gewiſſenhaft als ob meine Finger auf des Erlöſers eigenem Buch lägen, daß das was ich Dir bei unſerer Rückkehr vom Fiſcherdorf droben auf Deinem Zimmer ſagte, blos eine jener unglücklichen und leidenſchaftlichen Eingebungen des Augen⸗ blicks war, die wie plötzlich entdeckte Wahrheiten herabſtürzen, von denen wir aber ſpäter nicht einſehen können warum wir ſie gehabt haben und die ſich auch ſelten als wahr erweiſen— wenigſtens kann ſich dieſe nicht beſtätigt haben, davon bin ich feierlich überzeugt. „Es iſt ein unermeßlicher Unterſchied zwiſchen dem beſtimmt abgegrenzten Gefühl welches verlangt, daß kein menſchliches We⸗ ſen außer mir ſelbſt in mein durch freie Berufswahl bedingtes Schickſal eingreifen ſolle, und dagegen dem Gefühl das mich, nachdem die Wahl getroffen iſt, mehr oder weniger ſtarke Sym⸗ pathien für die Rathſchläge und Gedanken empfinden läßt die in Folge der damit zuſammenhängenden Verhältniſſe ausgeſprochen werden können.. „Würde wohl Dein Gudmar gleich einem dummen Jungen jemals Deine Rathſchläge und Vorſtellungen zu gering geſchätzt oder ſich dadurch ein Unglück zugezogen haben, wenn er in die 3 —yu-y—— Stellung gekommen wäre welche damals den Gegenſtand unſerer Ueberlegung ausmachte? Nein, das iſt unmöglich. „Ich kann, wie Du oft angedeutet haſt, möglicher Weiſe einige Anlage zu ſtarkem Selbſtgefühl haben, aber hier hätte es in Wirklichkeit nicht liegen können. Welches Menſchen Sinn und Verſtand kann ſich nicht verwirren! Aber welches Menſchen Herz — wenn es ein liebendes Herz iſt— kann nicht den Irrthum zerſtreuen, ſo daß Alles eine noch größere Klarheit bekommt als es vorher hatte? Jetzt verſtehen wir ja einander, und auf die Wahrheit meiner Worte will ich heute Abend Deinen Ring, das Unterpfand unſeres Bundes, küſſen..... 2 „Höre jetzt was geſchehen iſt. „Ich bin durch eine Anzeige Gegenſtand einer höchſt ſonder⸗ baren Myſtification geworden. „Zuerſt erhielt ich am Dienſtag eine Nachricht der zufolge ich ſchon geſtern bei den Laubinſeln hätte kreuzen ſollen. Ich beeilte mich jedoch nicht, ſondern blieb bis heute früh zu Hauſe, weil der Wind zu ſchwach war als daß mir Jemand hätte entkom⸗ men können. Aber juſt heute früh, ehe ich noch Befehle zu dieſem Kreuzen gegeben hatte das mir dennoch verdächtig vorkam, erhielt ich, ohne die Quelle errathen zu können, eine neue Anzeige des Inhalts daß Schiffer Ragnar— ach unſer ſonnenheller Morgen, wo Du in meiner kleinen Kajüte frühſtückteſt!— heute Abend mit einer großen Ladung Cognac im Sotebuſen liegen und ſich aus einer beſondern Urſache, die natürlich eine Ausladung bedeute, daſelbſt verweilen werde. 1 „Bei der vollkommenen Stille welche herrſchte konnte er in Ewigkeit da liegen bleiben, wenn der Wind ſich nicht auf die eine oder andere Weiſe veränderte. „Ungeſehen bin ich bis an den Dorſchenfang gekommen, der, wie Du weißt, ein ausgezeichneter Beobachtungsplatz iſt; aber Ragnars Schute war nicht zu bemerken. 4 197 er„Statt deſſen wurde mir ſo eben ein anderes Boot ange⸗ zeigt, und nachdem ich es mit dem Tubus genau beobachtet, habe ſe ich es— was meinſt Du wohl— als den Enterich der 28 Esbjörnsſöhne erkannt; inzwiſchen ſcheint darauf Alles in ſtillem ud Schlafe zu liegen: die Bären ſchlafen wohl jetzt während der Hitze. rz„Die Schlüſſe die ich aus dieſen ſich kreuzenden Angaben m ziehe ſind folgende: h ls„Die erſte, die ſicherlich mit dem Ganzen zuſammenhängt, die iſt mir dadurch zugekommen, daß die Esbjörnsſöhne mir die Ehre as erweiſen wollten die Jacht ein gutes Stück aus ihrem Strich . wegzuſchicken; während meines Kreuzens an den Laubinſeln hät⸗ ten ſie dann in ſchönſter Ruhe in dieſem Theil des Sote ihre Maß⸗ regeln treffen können. Aber jetzt wollte ohne Zweifel irgend ein wohl⸗ er⸗ unterrichteter Feind der Esbjörnsſöhne ihnen eine Ueberraſchung be⸗ reiten und ſchickte den letzteren Bericht; die Urſache warum Ragnars lge Name darin figuriren mußte, kann ich mir nur ſo erklären daß Ich der Angeber meinte, ich würde dem Wink nicht folgen wollen, uſe, wenn es einer Begegnung mit dem berüchtigten Mörköer gelte, om⸗ deſſen Drohung gegen mich bekannt iſt. Dieſe letztere Nachricht ſem hatte inzwiſchen etwas ſo Glaubwürdiges daß ich unbedingt Folge hielt leiſtete, beſonders da ich es für ausgemacht hielt daß Ragnar des die erſtere geſchrieben habe, welcher Glaube natürlich fiel, nach⸗ gen, dem ich begriffen hatte daß ich es mit den Esbjörnsſöhnen ſelbſt mit zu thun bekommen werde. aus„Wie inzwiſchen die Fäden in dieſer Intrigue geſponnen eute, ſind, das kann gleichgiltig ſein— es wird ſich ſpäter ſchon er⸗ klären. Die Hauptſache iſt daß der Mörköer Drache nur ein r in Stück weit von mir liegt, und daß ich trotz aller Drohungen f die dieſen Umſtand benützen werde. „Inzwiſchen habe ich nie in meinem Leben einen ſo tiefen der, Eckel und Abſcheu vor dieſem heimtückiſchen und ſtets feindſeligen aber Denunciationsſyſtem empfunden wie juſt heute. Aber ein armer Zolljachteommandant muß davon Gebrauch machen. Denn wie ſollte 198 er ſonſt die Vortheile des Dienſtes wahrnehmen... Anfangs verſuchte ich mit meinem eigenen wachſamen Auge die Intereſſen der Krone zu überwachen, aber wie weit kam ich damit? War ich im Süden, ſo ſchmuggelte man im Norden, und war ich im Norden, ſo ſchmuggelte man im Süden. Denn wie mancher Wachtpoſten beſpäht nicht alle Bewegungen des Jachtlieutenants und der Jacht? „Ich hege den tiefſten Eckel vor dieſer Erbärmlichkeit, und ich hoffe daß ich und die Jacht bald unſere letzte Fahrt miteinan⸗ der zanat haben werden. . Ich weiß nicht wie Du dieſen Ausbruch meines innern Gefühls auffaſſen wirſt. Aber laß mich Dir ſagen— denn jetzt empfinde ich ein Bedürfniß Dir Alles anzuvertrauen — daß meine ganze Dienſtzeit als Küſtenaufſeher ein Fegfeuer war, zu deſſen Ueberſtehung ich mich nur aus Liebe zu Dir entſchließen konnte. Manchmal, Geliebte, kam ich mir eben ſo erbärmlich wie der Angeber vor, wenn ich ſeinen Winken folgte und das Geſetz ihm hernach Antheil am Raub geſtattete. Aber die Pflicht, die eiſenharte Pflicht ſtand dann vor mir, ſo wie ſie jetzt und immer meine Richtſchnur bleibt, inſofern nicht meine Ueberzeugung eine jetzt noch unverſtandene, durch die Ereigniſſe, durch eigenes Nachdenken und Prüfung gereifte Verwandlung erleiden ſollte. „Hätte ich Dir jedoch ſo Etwas früher geſtanden, ſo wäre es ſo viel geweſen als wenn ich zu Dir geſagt hätte: So viel koſtet mich meine Liebe. Daß ich Dirs jetzt ſage veranlaßt Dich vielleicht zu der Frage, wie ich bei dieſen Ideen und Gefühlen den Dienſt lieben könne. Ich antworte Dir daß man, wenn das Fegefeuer durchgemacht iſt, ſich nach einem Erſatz ſehnt. Meine Laufbahn als Controleur wird mich nicht in die häufig beinahe ſchmutzigen Regionen hinabziehen worin der Zollaufſeher leben muß. „Aber Eines wirſt Du, das hoffe ich mit Gewißheit glau⸗ 199 ben: nämlich daß Dein Gudmar, ſo wie die Verhältniſſe in die⸗ ſem Augenblick ſtehen, weder ſeine Augen zumachen noch nach⸗ geben wird. „Und Geliebte, Geliebte, kehre ich von dieſer Fahrt nicht heim, ſo weiß ich daß die zwei theuren Weſen welche das ein⸗ ſame Pfarrhaus in ſich ſchließt in Deinem ſtarken Herzen ſtets eine gedoppelte Liebe finden werden. „Und Du ſelbſt, meine Maid— das weiß ich zu gut— haſt dann die Wolke vergeſſen, und wenn Du außblickſt zum Freund Deiner Seele da oben wo keine Wolken den Tag verdüſtern, dann denkſt Du an unſer ſeliges Zuſammentreffen im Horns⸗ borger Schloß und lebſt, lebſt ewig für Deinen Gudmar.“ jetzt Feſſeln anzulegen ſie verhindert in tauſend glühenden Wor⸗ ten auszuſtrömen. Leb wohl! leb wohl! Es iſt mir als fühle ich mich aus Deinen Armen geriſſen.“ Gleich nach Beendigung des Briefes erſchien der Jachtlieute⸗ nant wieder auf ſeinem Platz oben beim Signal. Nachdem er von Neuem den Tubus gebraucht, ſagte er zu ſeinen beiden Leuten, die ungeduldig auf das erſte Wort warteten: „Jetzt dürfte es bald Zeit ſein uns an die Arbeit zu machen. Das ſchlafende Boot dadrüben mag gehören wem es wil, ſo iſt es für uns das rechte. Die Mörköer befinden ſich an Bord des⸗ ſelben— es iſt ihr Enterich, und in ihrer dummdreiſten Zu⸗ verſicht daß Niemand ſich an ſie wagen werde, ſchmuggeln ſie 200 ganz ungeſcheut... Sie gehen mit ihrem unverzollten Cognac nicht nach Göteborg, das iſt klar; und wenn ſie dahin gehen, ſo geſchieht es natürlich nicht um der Zollkammer ihren Antheil zu⸗ kommen zu laſſen... Aber jetzt will ich ihnen zu verſtehen geben, daß ihre Sicherheit für diesmal zu Schanden werden ſoll.“ „Dann gilt es alſo nicht dem Schiffer Ragnar?“ wandte Sven ein. „Es iſt hier,“ antwortete der Lieutenant,„von nichts An⸗ derem die Rede als von der Ladung auf dem Boote dort. Noch bin ich nicht ganz mit mir einig, wie ich die Sache anfangen ſoll. Geht inzwiſchen ihr Beide hinab und macht klar zum Aus⸗ halen. Ich komme ſogleich nach.“ „Soll geſchehen,“ antwortete Pelle, indem er ſeine Sachen zuſammenſuchte.„Sie wollen vielleicht jetzt ihre Beſtechungs⸗ gelder wieder haben, aber ich bin nicht mehr bei Caſſe.“ Und er begab ſich fort. Nicht ſo Sven. „Nun, biſt Du nicht eben ſo munter?“ fragte der Vorge⸗ ſetzte mit einem nicht ganz unmerklichen Mißvergnügen. „Sie wiſſen, Herr Lieutenant, daß ich Muth unter dem Bruſttuch habe, und da dies eine bekannte Sache iſt, ſo könnten Sie mir wohl erlauben auch ein Wort zu ſagen.“ „Du biſt ein tüchtiger Junge, das weiß ich— aber wenn Du Etwas zu melden haſt, ſo laß es ſchnell vom Stapel gehen.“ „Lieber geſegneter Herr Lieutenant, werden Sie ja nicht zornig, wenn Ihnen das Wort nicht gefällt. Aber es iſt ſo— ich fühle es im Körper oder in der Seele— ich kann nicht ge⸗ nau ſagen, in welchem von beiden, denn es iſt nicht leicht zu unterſcheiden— daß Sie es ganz gewiß nicht bereuen würden, wenn Sie nur dies einzige Mal ein Auge zudrückten. Dem Schiffer Ragnar kann man ſchon einen Beſuch machen und ebenſo allen Schiffern zwiſchen hier und dem Götaelf; aber den Mör⸗ köer Bären an Bord ihres eigenen großen Bootes... ich bin 201 keine Memme, aber ich habe meine Gedanken, und Sie ſelbſt, Herr Lieutenant, wiſſen ja was dieſe Leute in jener Nacht beim Otternneſt geſagt haben.“ „Kein Wort mehr!“ rief der Jachtlieutenant mit einer ſo ſtrengen und gebietenden Stimme, daß Spen vor Schrecken zu⸗ ſammenfuhr. Darauf hieß es eben ſo kurz:„An Deinen Platz — und thue Jeder ſeine Schuldigkeit im Dienſte der Krone!“ Ohne ein Wort folgte Sven dem ältern Cameraden. „Herr Jeſus, Pelle,“ ſagte der junge Hatte,„habt Ihr je einmal den Lieutenant ſo geſehen? Das war ein Ton und eine Miene, wie er gegen mich noch niemals angenommen hat.“ „Still,“ antwortete Pelle mürriſch.„Du hätteſt Dir Deine dummen Ermahnungen ſparen ſollen die ich noch draußen hören konnte. Kennſt Du den Lieutenant als einen ſolchen Mann daß er den Rückmarſch antreten ſollte, ehe er noch den Kampf be⸗ ginnen konnte?“ „Aber,“ verſetzte Sven, deſſen junges Blut jetzt in einer ungemein ſanften Strömung war,„er konnte doch wohl begreifen daß es nur aus Liebe zu ihm geſchah. Den großen Männern von Mörkö fällt es gar nicht ein einem Burſchen wie ich bin Etwas zu Leide zu thun“...(Dies war das erſte Mal daß Sven Dillkopf ſich ſelbſt an den unterſten Platz ſtellte. Um je⸗ doch den Standpunkt wieder einzunehmen aus welchem ſeine Gefühle ihn ohne ſein Wiſſen verdrängt hatten, fuhr er fort:) „Ihr wißt, Pelle, ich ſagte Euch ſchon im Anfang, als wir ans Signal hinaufkamen, daß dieſer Gang mir gar nicht recht gefal⸗ len wolle. Ein Menſch mag ſo tapfer und übermüthig ſein als er will, ſo kann er doch auch ſeine Anwandlungen von Schwäche haben, aber was mich ſelbſt beteifft, ſo werdet Ihr ſehen daß ich, ſobald wir einmal die Bärenbrut vor Augen bekommen, in die ächte Berſerkerwuth gerathen werde.“ „Ja, Du biſt mir der rechte Berſerker,“ antwortete Pelle, 202 zweideutig.„Aber da kommt der Lieutenant— jetzt werden wir Alles erfahren.“ „Höret, Leute,“ ſagte der Jachtlieutenant, indem er auf das kleine Deck trat,„ich habe beinahe eine Viertelſtunde lang das Boot beobachtet und die Salzſcheere mit dem bekannten Rieſen⸗ ſtein viſirt. Das Boot das ihr gegenüber lag iſt jetzt um ein gutes Stück ſüdlicher gekommen. Alſo iſt die Strömung nördlich, und nach meiner Berechnung müſſen ſie offenbar dicht beim Röd⸗ klint auf dem Skärholm vorbeikommen— oder was ſagſt Du, Pelle?“ „Das ſcheint mir ganz glaublich zu ſein, im Fall ſie nur nicht die Ruder anwenden oder einen Wind bekommen, wenn ſie die Meeresöffnung zwiſchen den beiden Kräheninſeln paſſiren.“ „Sie warten auf Etwas, auf den Wind, den Sonnenunter⸗ gang oder etwas Anderes— vielleicht bleiben ſie die ganze Nacht hier liegen. Das iſt Etwas worüber man nur Vermuthungen haben kann. Dagegen denke ich, wir wollen jetzt in aller⸗Stille hinausfahren. Sie liegen ganz betäubt von der Hitze dort und werden uns wohl nicht bemerken wenn wir leewärts unter dem Skärholm zu rudern ſuchen, von wo aus man ungeſehen bis an den Rödklint kommen könnte.“ „Das iſt nicht leicht zu wiſſen, Herr Lieutenant; aber wahr⸗ ſcheinlich iſt es daß ſie in der Hitze eingeduſelt ſind und ganz gemächlich ausruhen, da ſie weder nah noch fern eine Zolljacht erblicken.“ „Mein Beſchluß iſt gefaßt,“ ſagte der junge Commandant. „Halet jetzt aus und laßt Alles ſtill vor ſich gehen.“ Eine Weile ſpäter ſtand der Jachtlieutenant— der während des Ruderns im Geſichtskreiſe des Bootes war— mit dem Fern⸗ rohr in der Hand da und ſchaute nach den Schmugglern. „Noch rühren ſie ſich nicht,“ ſagte er...„Nur ſachte, 203 wir da am Backbord... ſo iſt's gerade recht; lange Ruderſchläge, Burſche, aber kräftige... Jetzt noch fünf oder ſechs, dann ſind wir im Schutz des Holms... Sol jetzt ſeh ich das Boot nicht mehr, folglich können ſie uns auch nicht ſehen. Rudert jetzt auf ganz ſachte am Holt hin bis zu dem Klint, aber nicht ſo nahe dns 1 daß man den Maſt ſehen kann.“ ein lich, Röd⸗.. Du, Drittes Kapitel. Des Einen Tod. nur 4 ſie Als die Zolljacht ſo nahe an die Spitze des Rödklint ge⸗ 4 kommen war, als ſie überhaupt konnte ohne ihren Maſt zu zeigen, nter⸗ ließ der Commandant ſie an eine Felſenplatte anlegen. acht Unmittelbar darauf ſchlich er ſich mit dem Tubus auf den ngen Holm, faßte hinter einem großen Stein Poſto und richtete ſeinen ötille Blick auf den ſachte vor der Strömung hintreibenden Enterich. und Er bemerkte jetzt zwei Männer die Etwas zu thun hatten, vermuth⸗ dem lich mit der Ladung. Hierin täuſchte er ſich nicht, denn es war S an juſt um dieſe Zeit daß der Vorgeſetzte das geflochtene Netz ſo wie ſeine Schläfrigkeit abgeworfen und nun Börje geweckt hatte, bahr⸗ um ihm Unterricht im Kaplaken zu ertheilen. ganz Gudmar fuhr fort dieſe Bewegungen zu betrachten die er ljacht nicht begreifen konnte; aber als einer der Männer ſich umwandte, glaubte er den Schiffer Ragnar zu erkennen— wenigſtens war dant. es keiner von den rieſigen Esbjörnsſöhnen. Was ſollte das bedeuten— Sollte es alſo dennoch Ragnar ſein? Gudmar beſann prend ſich vergeblich auf Löſung dieſes Räthſels, das mit der Mahnung Fern⸗ zuſammenhing daß er ſich nicht vor acht Uhr einfinden ſolle. „Wenn ich dieſen Theil der Anzeige gänzlich außer Acht achte, ließe und ſogleich angriffe,“ überlegte er bei ſich ſelbſt, aber dieſe Idee wurde alsbald wieder aufgegeben.„Nein, es lag etwas Tieferes in dieſer Bezeichnung vor acht Uhr. Ich habe ihn jeden⸗ falls, und kann mir alſo vollkommen Zeit laſſen um die ganze Entwicklung der Dinge zu beobachten.“ Und er bekam wahrlich während ſeines Wacheſtehens viele Dinge zu ſehen. Dcerr Lieutenant hatte ungefähr drei Viertelſtunden auf ſeinem Poſten gelegen— das Boot war jetzt nahe an die kleine unbe⸗ deutende Meerfrauenklippe getrieben— da ſah er auf einmal daß die Männer zu den Rudern griffen und die unbedeutende Strecke Wegs welche ſie von da trennte wegruderten. Bald darauf zog etwas noch Auffallenderes ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich. Auf dem kleinen Vorderdeck zeigte ſich jetzt ein dritter Mann der noch weniger einer der Esbjörnsſöhne ſein konnte. Gudmar ſah, wie er mit demjenigen ſprach den er für Ragnar hielt, und nach einer Weile, als das Boot bis zur Kante der Klippe hinglitt, ſah er ihn ans Land ſpringen und unter dem Schutz eines Fel⸗ ſen verſchwinden, wohin ſein Blick ihm nicht mehr folgen konnte. Der Lieutenant nahm es jetzt für ausgemacht an daß die bekannte Höhle auf dieſer Klippe der Aufbewahrungsort für die Ladung werden ſolle, und glaubte, man habe nur eines jener Gaukelſpiele mit ihm vorgehabt die im Wirkungskreis eines Zoll⸗ beamten ſo oft vorkommen, nämlich daß man ihn das Boot finden laſſe, wenn es ſchon leer ſei. „Gut,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich weiß jetzt wo ichs finden kann, und ich will den Enterich mit keiner Durchſuchung be⸗ läſtigen.“ Dieſe ſeine Idee wurde indeß gleichfalls bei Seite geſchoben, denn zu ſeinem ungeheuern Erſtaunen ging das Boot ſogleich weiter, ohne etwas Anderes als den Mann abgeſetzt zu haben: die Schmuggler ſetzten ihre langweilige Fahrt über das todte Gewäſſer hin fort. ͤSn 8&— 83Ax—& α ——— 205⁵ Jetzt glaubte Gudmar auf eine Weile hinabgehen zu können, und befahl Sven ſtatt ſeiner zu beobachten und ihm ſogleich Mel⸗ dung zu machen, wenn wieder etwas Wichtiges zum Vorſchein kommen ſollte. Ungefähr eine Stunde verbrachte der junge Jachtcomman⸗ dant in Grübeleien, und hätten die Wände der kleinen Kajüte ſie ausplaudern können, ſo würde man erfahren haben daß, trotz der Spannung in welche die Dienſtgeſchäfte ihn verſetzt hatten, mehr als die Hälfte ſeiner Gedanken ſich der ſchönen Maid zu⸗ wandte die ſo manchmal hier auf dem Sofa neben ihm geſeſſen hatte. Dazwiſchenhinein wurde er von dem Wunſch ergriffen den Brief wieder vorzunehmen und den unruhigen Schwall ſeiner Ge⸗ danken und Gefühle zu ergießen, aber er erdrückte dieſen Wunſch von Neuem, denn er ſah daß dadurch ſeine Gefühle, welche bereits Form und Farbe eines weichen Schmerzes annahmen, noch weicher werden mußten. So etwas konnte einem Augenblick wie dieſer zwar angehören, aber nicht anſtehen. Bald wurden auch die Nerven der Seele und des Körpers zum Leben der Handlung geſpannt. Sven Dillkopf trat mit der Nachricht ein daß ein kleines Boot mit drei Männern, wovon Einer hinten und die Andern an den Rudern ſäßen, ſichtbar geworden ſei. Gudmar eilte an ſeinen frühern Beobachtungsplatz hinauf. Und jetzt ruhte ſein Fernrohr auf dem neuen Gegenſtand. Durch ſein vortreffliches Glas ſah er— fortwährend ohne ſelbſt geſehen zu werden— wie das Boot auf eine höchſt eigenthüm⸗ liche und verdächtige Weiſe manöpvrirte, gleich als wollte es durchaus keine genauere Bekanntſchaft mit dem Enterich durch⸗ ſchimmern laſſen, wie es aber deßungeachtet ihm immer näher 206 rückte, während auch die Beſatzung des Schmuggelbootes nicht das geringſte Zeichen von Wiedererkennung gab. Von beiden Seiten wurde alſo eine neutrale Gleichgiltigkeit beobachtet, während Jeder für ſich überall an den Buchten nach böſen Augen umherſpähte. Und wo konnten böſe Augen zu finden ſein außer auf der Zolljacht, von der man zuletzt über⸗ zeugt ſchien daß ſie ſich auf andern Streifzügen befinde? Jetzt ſah man den Ruderer in dem kleinen Boot ſich auf⸗ richten und wie zufällig mit einem rothen Tuch die Wärme aus ſeinem Geſichte fächeln. „Gott verdamm mich!“ rief Gudmar,„iſt das nicht Olagus Esbjörnsſon!...“ Auf dem Schmuggelboot waren alſo— das ſah er vorher ein— während der ganzen Zeit keine andern Wächter geweſen als Ragnar und ſein Burſche, nachdem der dritte Mann ans Land gegangen war, zu einem Zweck welchen Gudmar natürlich nicht ergründen konnte.....„Und ich,“ fuhr er in flammendem Aerger über ſich ſelbſt fort,„wie manch⸗ mal hätte ich den Enterich nehmen können, aber da mußte ich in meiner Dummheit bis acht Uhr warten, bis der große Drache ſelbſt mit Verſtärkung kam und die Sache in ſeine Hand nahm... Wer... wer,“ murmelte er,„hat ſich wohl ſo viele Mühe gegeben, um mich mit Olagus zuſammenzuhetzen? Denn jetzt iſt es doch ganz klar daß dies die Hauptabſicht mit der letzten Anzeige war. Ich wußte nicht daß ich einen ſo grimmigen Feind hatte.“ Inzwiſchen hatte er geſehen, wie das Signal mit dem rothen Tuch vom Schmuggelboot aus auf ſolche Art beantwortet wurde, daß Ragnars gelbes Tuch eine leichte Schwenkung beſchrieb. Dieſer Signalwechſel enthielt wahrſcheinlich von der einen Seite eine Frage ob der Weg geheuer ſei, und von der andern eine bejahende Antwort, denn jetzt ruderte das kleine Boot ganz raſch auf den Enterich zu und legte ſich unter ſeinen Hinterſteven. Nach einigen Minuten waren die großen Männer von —x — 207 Mörkö mit ihrem dritten Mann an Bord, und das kleine Boot mußte im Kielwaſſer hintendrein ſchaukeln. Unmittelbar darauf hoben ſich vier Ruderblätter im Schim⸗ mer der jetzt untergehenden Sonne. Der Vornehmſte unter den großen Männern ergriff ſelbſt das Ruder des Enterichs. Gudmar hatte genug geſehen. Er ſchob ſchnell ſeinen Tu⸗ bus zuſammen. Jetzt handelte es ſich nicht mehr um bloßes Sehen. 5 Des Jachtlieutenants erſter haſtiger Befehl, als er herab⸗ geſprungen war, lautete: „Sven, ſchnell hinauf! Die Wolke führt ihnen bald Wind zu. Sie rudern hieher und gedenken die Spitze zu umſegeln— melde mirs, wenn ſie nur noch ein paar hundert Ellen entfernt ſind.“ Sven eilte wirklich hin. Er ſchien bereits zu fühlen, wie der geahnte Hauch des Berſerkergeiſtes ihm zu Kopfe ſtieg. Pelle benützte den letzten Augenblick um einen Wohlthä⸗ ter gegen den Magenkrampf zu nehmen, damit dieſer ihn bei der bevorſtehenden Arbeit nicht beläſtigen möchte. Der Lieutenant ſelbſt legte das Zündpulver auf die kleinen „„4, 2 und ſogleich wieder hinab. „Raſch, meine Jungen, raſch ans Werk— ſtoßt ab! Hinaus mit den Rudern und fahret ſo ſtill als möglich an der Spitze vorbei.“ Bald hatte die Jacht, leicht wie ein ſchwimmendes Schilf⸗ rohr, dieſe Fahrt vollendet, und die beiden Boote bekamen einan⸗ der zu Geſicht. Von Seiten der ſichern Schmuggler wurde Nichts bemerkt, bis der Gehörsſinn alle andern Sinne in Bewegung brachte. 208 Der Jachtlieutenant hatte nämlich die bereit liegende Lunte ergriffen und den Preiſchuß abgefeuert. Olagus am Steuer und die vier Andern an den Rudern fuhren hoch auf und erhoben ſich. Ein einziger Wuthſchrei entfuhr den Lippen des mächtigen Mannes, dieſer aber ſcholl tief und dumpf, und das Echo der Klippen hallte ihn nach. „Die Ruder eingezogen!“ rief der Beherrſcher der Zollacht. 3 „Legt vor der Kronflagge bei— ich will unterſuchen was Ihr bei Euch habt.“ „Fahre in die allerrötheſte Hölle, Du ſacramentiſcher Zoll⸗ hund!“ brüllte Olagus.„Ihr könnt es meiner Milde danken daß ich Euch blos Eure Naſe um einen Zoll länger mache...“ Darauf donnerte ſein Befehl an die Untergebenen: „Rudert, rudert ſo ſchnell Ihr könnt in die offene See hinaus!“ Und als hätte er unſichtbare Flügel ausgeſpannt, wendete der Enterich und ſchoß hinaus. „Halt, halt!“ ſchrie der Jachtlieutenant, deſſen Blut jetzt warm geworden war.„Im Namen königlicher Majeſtät und Krone herab mit den Segeln!“ Ein lautſchallendes Gelächter aus dem Schmugglerboot er⸗ tönte über das Waſſer. Dieſes höhniſche Lachen wurde von der Zolljacht damit be⸗ antwortet, daß der Commandant die zweite Kanone abfeuerte die ſcharf geladen war. Die Kugel ſchlug dicht bei der Windſeite des Bootes ins Waſſer. Neues Gehöhne aus dem Enterich der mit ſeinen vier Ruderern, welche von dem doppelten Wunſch angefeuert waren die Ladung zu retten und den Zollbeamten für Narren zu hal⸗ ten, den Abſtand zwiſchen ſich und der Jacht immer mehr ver⸗ größerte, da letztere trotz der geſchickteſten Führung mit ihren zwei Ruderern vier Mann nicht erſetzen konnte. er 209 Aber noch hörte man des Lieutenants kräftige volle Stimme erdröhnen: „Haltet an oder ich ſchieße Euch in den Grund!“ Aber er ſchoß nicht, denn jetzt war das Schmugglerboot außer Schußweite. 4 In dieſem Augenblick hätte man nicht die mindeſte Spur entdeckt von dem gemüthlichen gutherzigen Gudmar Guldbrands⸗ ſon, dem Liebling aller Damen, mit ſeinen hellgelben Locken um die leichtgewölbte Stirne und den ſchönen dunkelblanen Augen, die, wenn ſie nicht von dem flammenden Entzücken irgend einer Leidenſchaft belebt wurden, oft jenen halb träumeriſchen Ausdruck zeigten den die Frauen nicht ſelten bewundern. Jetzt dagegen wogte das Haar verwirrt unter dem ſchief ſitzenden Strohhut, während ſein Sommercoſtüm, die dünne helle Blouſe die mit einem ledernen Gürtel um ſeinen Leib feſtgehalten wurde und die Bruſt blos ließ, die kraftvolle Spannung der Muskeln zeigte. Die ſchwellenden Adern der Stirne verriethen das galoppirende Blut, und die blauen nordiſchen Augen ſchleuderten Blitze gegen deren Wildheit die ſchwarzen brennenden Blicke des Südländers matt waren. Jetzt hätte Majken ihren Commandanten ſehen ſollen, wie er, für den Augenblick auf ſeine Büchſe geſtützt und mit dem Tubus in der Hand, zuoberſt auf dem Deck ſtand. „Rudert, Burſche, rudert was Ihr könnt! Ich dulde nicht daß.“ Der Reſt des Satzes verſchwand in unarticulirten Tönen. Das Fernrohr wurde von Neuem ans Auge gehoben. Die Jagd währte eine gute,Weile, ohne daß die Entfernung ſich vergrößerte, aber auch ohne daß ſich eine Hoffnung auf ihre Verminderung darbot. Es war ein düſteres ernſtes Jagen. Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. 111. 14 9 210 Drüben auf dem Schmuggelboot hatte ſich inzwiſchen der Befehlshaber neue ſonderbare Gedanken in den Kopf geſetzt. Aus welcher trüben Quelle nahm er wohl die Eingebung die ſeinen Lippen den Befehl dictirte: „Schlagt den Spund am oberſten Cognacanker aus, nehmt den Heber und laßt uns trinken— das erfriſcht den Muth und erfreut das Herz. Macht Euch luſtig und trinkt ſo lang Ihr könnt.“ Und nun entſtand ein wildes Bachanal: ſie tranken aus großen Bechern, ſie tranken aus Schöpfkannen, und die Wirkung blieb nicht aus, während das Boot dem Auslauf ins Meer immer näher kam. „Jetzt, Ihr Leute,“ begann Olagus mit gewaltiger eindring⸗ licher Stimme, indem er den rothgelben Bart ſtrich.„Sollen wir ſo einem Kronlaffen geſtatten daß er uns zwingt andere Wege einzuſchlagen als wir ſelbſt gehen wollen?“ „Olagus,“ wagte Tuve einzuwenden— Tuve beſaß noch ſein volles Bewußtſein, er hatte nur zum Schein getrunken— „lieber Olagus, laß uns damit zufrieden ſein daß wir die Waa⸗ ren in Sicherheit bringen. Ich glaube zu begreifen daß Du etwas Anderes willſt, etwas... etwas Gefährliches...“ „Feige Memme! Du ſollteſt daheim ſitzen bleiben und dem Vater beim Netzflechten helfen. Biſt Du kein Kerl für Deinen Hut, ſo verſteck Dich unter das Theertuch: es gibt hier noch an⸗ dere Leute die nicht den Schlucken bekommen, wenn ſie auf der Spur der Mörköer Bären gehen ſollen.“ „Ich meinestheils,“ dachte Börje, indem er ſich über das Ruder hinabbeugte,„ich möchte von dieſer Spur gerne weit wegbleiben. Aber wey wagt es zu muckſen?... Mir iſt als ſei ich bereits auf der Feſtung— Schiff und Mannſchaft der Krone in Dienſtverrichtung!“ Und vielleicht dachte auch Ragnar ſo. Aber der große der 211 Mann war dermaßen gefürchtet, daß da wo er den Befehl führte nie ein Widerſpruch gehört wurde. Es war beinahe das erſte Mal daß Tuve eine Einwendung gewagt hatte, und ſeines Bruders höhniſche Zurechtweiſung brachte auch ſein Blut in Gährung, obſchon er es nicht über⸗ wallen ließ. Was inzwiſchen beſchloſſen wurde ergibt ſich aus dem Nach⸗ folgenden. 4 „Ei was iſt das?“ rief der Jachtlieutenant.„Die Ruder werden eingezogen... er wendet— meiner Seel, er wendet.“ „Er wußte daß wir ihn einholen würden,“ verſetzte Sven, hochvergnügt darüber daß er ſeine gewöhnliche Laune wieder loslaſſen durfte.„Fäuſte und Sehnen wie ich ſie habe, ſind ſo viel werth als ihrer vier, und wenn man noch Pelle mit in Rechnung nimmt, ſo konnten ſie wohl einſehen daß es das Beſte iſt ſich ſogleich zu ergeben.“ „Schweig, Du hochmüthiger Einfaltspinſel!“ befahl der Lieutenant.„Hier handelt es ſich wahrlich nicht ums Parla⸗ mentiren... Er hält gerade auf uns zu... Der Wind läßt nach... es wird ganz ſtill.“ „Was meint der Lieutenant, Pelle?“ fragte Sven mit einer Art von lautem Geflüſter.„Kann Olagus Gewehre an Bord haben und uns überfallen wollen?“ „Es ſieht faſt ſo aus,“ antwortete Pelle kurz. Inzwiſchen näherten ſich die Boote einander mit beunruhi⸗ gender Schnelligkeit.. „Was auch entſtehen mag,“ ſagte der Lieutenant mit eis⸗ kalter Ruhe—„zweideutig ſieht das Spiel aus— ſo wißt Ihr, meine Freunde, daß der Küſtenaufſeher nicht hinter ſich ſchauen darf. Die Flagge der Krone mag über lebendigen oder todten Männern wehen— das gilt gleich viel, wenn ſie nur — 212 nicht über einem ſolchen weht der ſeiner Pflicht nicht nachge⸗ kommen iſt.“ „Gut!“ antwortete Pelle. Sven breitete mit einer bedeutungsvollen Geberde die Arme aus.„Sie mögen von Getränken erhitzt ſein— das ſieht man ihnen an ihren kupferfarbigen Geſichtern an— aber hier ſteht Einer der nicht vergeſſen wird daß er Sven Dillkopf heißt. Jetzt iſt das Wort geſagt... Aber, lieber Herr Lieutenant, nehmen Sie ſich in Acht! Sie haben die Bretter aufgeriſſen und holen Steine und Eiſenſtücke herauf.“ „Ich ſehe es wohl... überfallen ſie uns, ſo gebt auf die Ruder Acht— lieget nicht mit der langen Seite vor, ſondern rudert vorbei und wendet dann. Wenn ſie werfen, ſo beobachtet ihre Bewegungen genau, auf dieſe Art könnt Ihr der Gefahr entgehen.“ Die Boote, die nur noch um einige Klafter getrennt waren, glitten ganz ſachte auf einander zu.— Der Befehl des Lieutenants wurde von ſeinen Leuten aufs pünktlichſte ausgeführt. „Olagus Esbjörnsſon,“ rief der Commandant der Zolljacht, „ich fordere Euch von Neuem im Namen des Königs und des Geſetzes zur Uebergabe auf.“ Ja wohl,“ rief der würdige Abkömmling der Wikinger, „ich bin juſt in dieſer Abſicht zurückgekommen. Vielleicht geſchah es aber auch um ein altes Gelübde zu löſen. Erinnert Ihr Euch was ich Euch in jener Nacht beim Otternneſt gelobt habe?“ Und in demſelben Augenblick pfiff ein ganzer Regen von Eiſenſtücken und fiel raſſelnd auf die Jacht herab. Aber das ſcharfe Eiſenſtück das Olagus mit eigener Hand geſchleudert war gerade gegen den Lieutenant gerichtet worden, der jedoch ſo ſchnell und geſchickt auswich daß er nicht verwundet wurde— es flog indeß ſo nahe an ihm vorbei daß es ſeinen Strohhut herabriß und in die See mitführte. —,, hge⸗ rme man ſteht Jetzt men polen f die dern achtet efahr aren, aufs jacht, des inger, eſchah Ihr abe?“ von das war ch ſo de— ohhut 213 „Olagus und ihr Andern,“ erſcholl jetzt ſeine Stimme mit ihrer ganzen jugendlichen Kraft,„bedenket was ihr thut— bedenket was ein Ueberfall auf Schiff und Mannſchaſt der Krone koſtet! Die Verantwortung kommt Euch theuer zu ſtehen... Ich for⸗ dere Euch auf ſogleich abzulaſſen.“ „Bekommſt Du Angſt, Du Kronſclave?“ brüllte Olagus, deſſen funkelnde Augen und rothbraunes Geſicht, ſo unähnlich ſeiner großartigen Ruhe bei friedlichen Verhältniſſen, ſeiner Ge⸗ ſtalt und ſeinen Geberden eine erhöhte Wildheit verliehen... „Da ſieh her— wirſt Du jetzt warm“... Und im ſelben Augen⸗ blick flog ein neues Eiſenſtück herbei, mit ſolcher Sicherheit ge⸗ worfen daß es dem Lieutenant ſeinen Lebensfaden abgeſchnitten haben würde, wenn er nicht hinter dem Maſt Schutz gefunden hätte. Das Eiſen ſteckte feſt gekeilt im Maſtbaum. Inzwiſchen wurde die Jacht von allen Seiten bombardirt. Ein Segelfetzen hing hier, ein Tauende dort, und die Seiten⸗ planken hatten bereits mehrfach Schaden gelitten, ſo daß die Jacht leck zu werden drohte. Aber jetzt erſcholl zum letzten Mal die Warnung des jungen Commandanten: „Hört auf, Olagus, und befehlt Euern Leuten ihre elenden Waffen niederzulegen, denn bei meiner Seele ewiger Seligkeit, mein Stutzer iſt mit einer Kugel geladen, und den Erſten der noch ein einziges Stück wirft ſchieße ich zuſammen wie einen Hund.“ „Thu das wenn Du es wagſt, aber da ſieh, elender Zoll⸗ ſchnüffler, wie die Mörköer Bären Deine Drohung reſpektiren.“ Eben ſollte das dritte Eiſenſtück geſchleudert werden... Aber in demſelben Augenblick legte der Lieutenant ſeinen Stutzer ans Auge. Der Schuß brannte ab. Während der langen Verfolgung und des darauf erfolgten Angriffs war die Sonne dem Horizont immer näher gekommen, 214 und jetzt trat einer jener unbeſchreiblich herrlichen und pracht⸗ vollen Sonnenuntergänge ein die auf dieſem blaugrünen Meer das Auge ſo oft entzückt haben, als Gegenſtück zu ſeinen Er⸗ ſcheinungen im Herbſt und während der finſtern Nebel, wo die Schiffe zwiſchen dieſen dann weißſchäumenden, jetzt von der Sonnengluth roth erglänzenden Klippen irrend einen Weg ſuchen. Würdig der Inſpirationen des Dichters und Malers, bot jetzt dieſe warme göttlich friedvolle und liebeathmende Natur⸗ ſcenerie einen neuen bittern Gegenſatz zu dem entſetzlichen Ge⸗ mälde dar, welches die menſchliche Leidenſchaft und die menſch⸗ liche Pflicht mit Blitzesſchnelle hervorgezaubert hatte auf dieſen zwei Punkten im Meere: dem Schmugglerboot und der Zollaacht. .... Der Schuß brannte ab, und der gewaltige Rieſe von Mörkö, Olagus Esbjörnsſon, ſank rücklings auf das Theertuch. „Der verfluchte Teufel hat mich mitten ins Herz geſchoſſen!“*) Leichenblaß ſtürzte Tuve vor und wollte das Blut hemmen. „Laß gut ſein!“ röchelte Olagus.„Es hilft zu Nichts... Grüße Vater und Britgen... ſie war ein gutes Weib... Werde Du ein Vater für... meinen Jungen.. Das Ge⸗ ſchäft mag aufhören.“ Der dämpfende Pinſel des Todes hatte bereits den wilden Glanz den das Feuer des Haſſes in dieſen Augen entzündet matt gemacht. Und mild war der letzte Blick welcher den des Bruders ſuchte. Plötzlich wurde er jedoch noch einmal durch einen Eindruck von dem entfliehenden Erdenleben befeuert. „Schnell fort... mit der Ladung... Niemand darf er⸗ fahren daß Olagus Esbjörnsſon von einem Schuß... aus der Zolljacht... fiel... ich... ich war es der ſie überrumpelte.“ *) Sowohl die angeführten Worte als das Ereigniß ſelbſt erzählt man ſich noch jetzt in den Scheeren. 215 Dies waren ſeine letzten Worte. Schluchzend ſank Tuve mit dem Kopf auf den Mann herab dem er ſo unbedingt als ſeinem Obern gehuldigt hatte. Tuve war jetzt der Erſte auf Mörkö, und gleich als wäre ein ſtärkerer Geiſt über ihn gekommen, fühlte er ſeine Pflicht. Er erhob ſich und gab Befehl ins Meer hinauszuwenden. Aber die Beſatzung ſtand vom Schrecken gelähmt da. Wollen wir jetzt einen Blick auf den Commandanten der Zolljacht wenden, der noch immer mit dem herabgeſunkenen Stutzer zu ſeinen Füßen daſteht, und deſſen ſtierer Blick feſt verwachſen iſt mit dem Schmugglerboot und dem kurzen Kampf der dort ausgekämpft wird?. Er ſtrich mit der Hand über ſeine ſchweißtriefende Stirne. Des großen Mannes erblichenes Geſicht war nicht bleicher als das ſeinige. „Wir werden doch wohl die Waaren nehmen?“ fragte Pelle mit unerſchütterlicher Ruhe.„Dies alles geſchah ja doch auf Rechnung der Krone.“ „Der Krone... Elender, was meinſt Du.. Glaubſt Du daß ich dieſe Waare berühre... Fort von hier... fort, fort... ich fahre direct nach Göteborg.“ In dieſem Augenblick ergriff Jemand unter ſtrömenden Thränen die Hand des verdüſterten Commandanten. Es war Sven. „Ich ſchwöre vor Gott und den Menſchen daß Sie keinen andern Rath hatten, Herr Lieutenant.“ Der junge Mann fuhr zuſammen und richtete ſich mit einem wilden Blick auf. 4 „Wer könnte anders denken?“ Er ſprang in die Kajüte und ſchlug die Thüre zu. Warum dachte er in ſeiner Verwirrung jetzt gerade an ſein —— —y— 216 Geſpräch mit Majken, als ſie ihn an jenem Morgen bei ihrer Rückkehr aus Norwegen auf der Zollaacht beſuchte? Hatte ſie ihm damals nicht geſagt daß der Weg der Pflicht wohl manchmal durch eine andere Macht unterbrochen werden dürfte?“ Das der Zollkammer zugedachte Eigenthum reiste jetzt in ſeiner Richtung in die Ferne hinaus, während die Zolljacht auf ihrem eigenen Weg dahinfuhr. Ddie Qual der Stunden welche der junge Commandant in ſeiner Einſamkeit überſtand, werden wir nicht zu ermeſſen ſuchen — geringen Troſt gewährte ihm dagegen die Gewißheit getreuer Pflichterfüllung. In der Stille der Nacht, während der Enterich ſeine Flügel ausbreitete, um den jetzt im Frieden ruhenden ernſten Mörköer an ſeinen heimathlichen Strand zu führen, erklangen in der Kajüte des Kronbootes die Töne eines Leichenliedes, die gleich ſanftem Harfenklang über das wogende, von den erſten Streifen des Morgenpurpurs beglänzte Waſſer hinſchollen. Viertes Kapitel. Die Ernennung. „Jetzt, geliebter Papa,“ ſagte Thorborg, indem ſie zärtlich ihren alten Vater liebkoste,„jetzt dürfte es doch wohl ein Ende haben mit dieſer Pönitenz die unſer Gudmar, durch all die kalten Blicke und Worte welche ihn in ſo langer Zeit getroffen haben, überſtehen mußte? Unmöglich kannſt Du an einem ſolchen Freudentag einen finſtern Gedanken hegen gegen den einzigen, theuren, allzeit liebevollen Sohn.“ „Still— Du ſiehſt ja, ich leſe den Satz noch einmal. Das hrer ſie mal in auf in hen uer ine ten gen die ten 217 iſt ein ſchöner Satz, und es iſt ungemein freundſchaftlich und ehrenwerth von dieſem Manne daß er mich vorläufig benachrich⸗ tigt, im Fall Gudmar nicht zu Haus ſein ſollte.“ „Lies den Satz laut, Papa— es macht gar Nichts daß ich ihn ſchon zweimal gehört habe.“ „Es mag geſchehen.“ Der Paſtor las, aber nicht ohne eine gewiſſe Unſicherheit in ſeiner Stimme, wie folgt: „Mit herzlichſter Theilnahme und innigſter Freude habe ich die Ehre Ihnen, Herr Paſtor, die angenehme Nachricht mitzu⸗ theilen daß Gudmar Guldbrandsſon heute zum Controleur in Fxxr ernannt worden iſt. Da er von ſeinen Vorgeſetzten un⸗ gemein geſchätzt wird und bei ſeinen Cameraden allgemein beliebt iſt, ſo erregt dieſe frühe Beförderung keinen Neid, ſondern wir ſind Alle ſehr erfreut über ſein Vorrücken.“ Der Greis legte den Brief zuſammen und ſah ausdrucks⸗ voll Thorborg an. „Ehrenvoll für meinen Sohn— unendlich ehrenvoll... Hm... hm... Controleur Guldbrandsſon... Controleur Guldbrandsſon!“ 4„Wenn Etwas für den Sohn ehrenvoll iſt, Papa, ſo iſt es auch für den Vater. Und ich hoffe von Herzen, Du werdeſt Deine Freude und Deinen väterlichen Stolz dadurch zeigen daß Du vor allen Dingen Gott dankeſt, der Dir einen ſo zärtlichen und würdigen Sohn geſchenkt, und hernach zu Gott beteſt daß er Dein Herz von all den kalten Gefühlen befreie die eine Zeit⸗ lang darin über den guten und warmen gelegen, welche, wie Gudmar und ich wohl wiſſen, auf dem Grunde vorhanden ſind, obſchon dieſe ſteife Oberlaſt ſie natürlich verdeckte.“ „Ich glaube, mein Lämmchen“— der Alte lächelte ſeiner Tochter ſo freundlich zu—„es wäre am beſten, wenn Du das Predigtamt übernähmeſt: Du biſt ſtark darin. Nun, glaubſt Du 218 denn, es habe mir ſelbſt ſo wohl gethan den Jungen ſchief an⸗ ſehen zu müſſen?“ „Ja, es ſchien wirklich ſo, Papa.“ Ihre Händchen tätſchel⸗ ten den alten barſchen, aber dennoch guten und geliebten Vater. „Warum mußte er ſich auch einer ſo unvernünftigen, ſo unerklärlich dummen Handlung ſchuldig machen! Einem ſolchen Mädchen beinahe geradezu ins Geſicht zu ſagen daß er ſie für einen Dienſt im Zollamt fahren laſſe! Das iſt ja ſo wahnwitzig, daß ich es noch in dieſem Augenblick nicht begreifen kann.“ „Es war die Pflicht, Papa. Du weißt wohl, was dieſe für ihn iſt.“ „Die Pflicht, die Pflicht! Dieſes Wort läßt man immer großartig klingen, ſowohl zur Zeit als zur Unzeit. Ich kann Dir ſagen daß mein Sohn zu ſtreng am Buchſtaben feſthält. Der Geiſt iſt der Geiſt, und ich halte es nicht für unmöglich, daß die Pflicht ihm noch einmal theuer zu ſtehen kommt; auch iſt dies ja bereits geſchehen, da ſie ihm die beſte Frau von der Welt und die beſte Stellung die ſich ein Kaufmann wünſchen kann gekoſtet hat. Ich werde wüthend, wenn ich nur daran denke.“ „Nein, nein, Papa... Laß uns jetzt Vivika hereinrufen, damit auch ſie ihren Theil an der Freude erhält. Und dann berathen wir uns über ein kleines Feſt auf den Abend, wenn er kommt. Wir ſchicken zu Hjelms und laden ſie ein. Das wird Gudmar freuen und ſie auch. Und heute Abend wollen wir Alle zuſammen ein Glas trinken... denn jetzt will auch ich trinken. Welch ein fröhliches und angenehmes Feſt, Papa! Und ſei überzeugt daß, wenn jetzt Majken wüßte was ſich hier zuträgt— Gudmar wird es ihr wohl ſelbſt ſagen müſſen— auch ihr Herz vor Freude hochſchlagen würde.“ „Sagte Gudmar beſtimmt daß er heute heimzukommen ge⸗ denke?“ „Ja, das ſagte er... hat er es Dir nicht auch geſagt, als er geſtern früh Abſchied nahm?“ 219 „So viel ich mich erinnere, ſagte er blos: Ich komme bald zurück, Vater, aber gib mir jedenfalls einen ſolchen Handſchlag wie ehemals... Die Canaille von einem Jungen ſtahl mir das Herz aus der Bruſt, ſo unzufrieden ich auch war.“ „Nun, wurde ihm ſein Wunſch gewährt, Papa? „Ich ſollte es meinen. Ich erinnere mich nicht gerade des Wärmegrads im Handſchlag, aber er nickte und ſah vergnügt und dankbar aus. Der arme Junge, der arme Narr! Die Pflicht hat keinen heilenden Balſam auf die Wunde zu legen die ihm an dem Morgen geſchlagen wurde, als Majken nach ſeiner Wei⸗ gerung ſich in unſerer Gegenwart erklärte. Wo iſt überdies jetzt ſein froher Sinn, ſein friſcher Muth, ſeine Lebhaftigkeit und ſeine Gutmüthigkeit— Alles iſt wie eingepreßt.“ Thorborg antwortete nur mit einem Seufzer welcher deut⸗ lich zeigte wie vollkommen ſie die Anſichten des Vaters theilte. „Nun,“ verſetzte der Alte,„wir wollen uns keine ſchweren Gedanken mehr machen. Schick ſogleich zu den Freunden auf Svartſkär und ſchaff uns dann das Beſte von Geiſterns Sendung herbei— auf Wein und Cognac verſteht er ſich; dies Verdienſt will ich ihm gar nicht ſchmälern.“ „Er verſtand ſich auch darauf ſeinen Willen zu haben, Papa, und Kraft wird man ihm wohl auch zuerkennen müſſen, da er ſich auf die großen Fahrwaſſer hinausbegeben hat, obſchon er beinahe beſchloſſen hatte nicht mehr daran zu denken.“ „Ja, ja, vertheidige nur Deinen Capitän... Ich kann mirs wohl denken daß er noch einmal kommen wird.“ Bei dieſer Anſpielung, der erſten welche der Vater gemacht, bekamen Thorborgs Wangen die größte Aehnlichkeit mit den Kirſchen draußen am Haag. „Papa!“ „Nun, nun, gib mir jetzt einen Kuß! Ich hatte ſchon früher einmal daran gedacht. Der Capitän kommt wieder— er ſagte mirs ſelbſt, als wir auf dem Kirchhof Abſchied nahmen.“ 220 „Auf dem Kirchhof?“ Thorborgs Stimme nahm eine lang⸗ ſame Betonung an. Der Paſtor lächelte und zwar gerade ſo, als hätte er von den liſtigen Lippen des Freundes Moß ein Lächeln entlehnt. „Spricht man nicht allerlei Dinge auf dem Kirchhof? Ich entſinne mich jedoch jetzt daß wir noch nicht ans Thor gelangt waren, und laß ſehen, ob ich mich nicht auch noch ſeiner Worte erinnern kann... Ja, richtig, ſo wars: Herr Paſtor, wenn die jetzt blutigen Schmerzen einiger Maßen geheilt ſind, ſo wage ich mich wieder an den Bottnafjord... Das Uebrige iſt mir ent⸗ fallen, aber es klang etwa ſo, wie wenn ich mit dem Weinlager immerhin aufräumen dürfte, denn er würde bei ſeiner Rückkehr eine zweite Ladung mitbringen, und darunter Etwas von ſo ſel⸗ tener Vortrefflichkeit daß man es nur bei großen Feierlichkeiten trinken dürfe.“ „Das war ſonderbar, Papa.“ „Ja, nicht wahr? Vielleicht iſt es ihm bis dahin gelungen eine abgelegene Flaſche von dem Wunderwein zu bekommen wel⸗ chen der Küchenmeiſter bei der Hochzeit von Cana erhielt— nun, nun, Du brauchſt es nicht buchſtäblich zu nehmen. Geh jetzt und bring auf den Nachmittag Alles in Ordnung.“ Thorborg ſprang hinaus. Ein Widerſchein, nicht blos von den Kirſchen im Haag, ſondern auch von dem Hochzeitwein in Cana, der vermuthlich roth war und hell funkelte, glänzte auf ihrem Geſicht.. Am Herd ſtand Vivika— nachdem ſie in die große Neuig⸗ keit eingeweiht war— und verneigte ſich ein Mal ums andere vor der Bratkachel. „Danke ergebenſt— unſer lieber Gudmar... ei, um Got⸗ teswillen, unſer lieber Gudmar... Wenn ich jetzt einen Brief ſchreibe(im Fall ich mich zu dem Andern mit Pelle entſchließe) — ————— 221 und Pelle und ich— ich und Pelle, verſteht ſich— für ein Ge⸗ ſchenk danken(denn das kann man jetzt wohl begreifen daß es dann nicht blos ein, ſondern viele Geſchenke gibt), ſo ſetze ich außen auf die Ueberſchrift: dem hochehrwürdigen und hochgelahr⸗ ten Herrn Controleur, Herrn Gudmar Guldbrandsſon julior oder junior... eines von beiden ſetzen ſie immer auf die Briefe des Lieu⸗ tenants... des Controleurs wollte ich ſagen. Aber ich kann nicht begreifen, wozu der Name von gewiſſen Monaten dienen ſoll— dies geſchieht wohl um irgend einen merkwürdigen Tag an⸗ zuzeigen... iſt das Thorborg die dort an der Thüre geht?... Sie kommt gerade recht um mir zu ſagen, warum die Briefe an den Controleur, wenn ſie auch mitten im October oder December kommen, immer mit Juni oder Juli bezeichnet ſein müſſen.“ „Junior, meinſt Du, liebe Vivika, und das bedeutet der Jüngere. Man ſchreibt es in der Regel, wenn Vater und Sohn gleiche Namen haben, um ſie zu unterſcheiden.“ „Nun, das iſt doch die allerdümmſte Dummheit die ein Menſch noch zuſammengeſetzt hat. Man kann doch wiſſen daß der Sohn jünger iſt als der Vater, ohne daß man es auf die Briefe zu ſetzen braucht, und das thue ich in keinem Fall wenn ich ſchreibe und für die Hochzeitsgeſchenke danke.“ „Was für eine Hochzeit denn?“ fragte Thorborg, noch auf⸗ geräumt über die ſcherzhafte Andeutung ihres Vaters. „Thun Sie jetzt nur nicht, Thorborg, als ob Sie dächten daß es hier im Haus gar keine Hochzeit geben könne.“ „Vivika, warum kommſt Du mit einem ſolchen einfältigen Scherz? Du weißt daß ich dergleichen nicht liebe.“ „Einfältig? Was iſt das für ein ſonderbares Gerede, Thor⸗ borg? Sie können ſich in Acht nehmen, Thorborg, dies gibt je⸗ denfalls einen großen Feſttag, und ich gedenke auch für die Mühe zwei oder drei Enten den Hals zu brechen. Aber von einem weiteren Gerede von Einfalt, wenn von einer Hochzeit im Pfarr⸗ haus die Rede iſt, will ich Nichts hören. Das iſt das Wort, ſagt Moß.“ „CEi, ſo bedenke doch, Du eigenſinnige alte Hexe, wie un⸗ angenehm ein ſolches Geſchwatze für mich ſein muß.“ „Für Sie, Thorborg... Nun, wenn ichs recht bedenke, ſo kann ichs weiter nicht tadeln, denn Sie werden ſich vielleicht die Augen herausſehen müſſen, wenn ich einmal den letzten Bierkäſe gekocht habe... Aber, Thorborg, Sie werden ſich, das hoffe ich wenigſtens, gewiß wieder emporhelfen, denn keine Betrübniß währt ewig, ſagt der Küſter, und das ſage ich im Uebrigen auch. Und wenn Sie ſich nur einmal gewöhnt haben ſich in allen Dingen auf ſich ſelbſt zu verlaſſen, ſo werden Sie ſich nach meinen Lehren am Herde wohl zurecht finden und fortbringen, ſo daß der Paſtor nicht allzu laut zu jammern braucht, wenn ſeine Hexe nicht mehr ihre Hand an das Eine und Andere legt.“ Jetzt mußte Thorborg lachen. „Liebe Vivika, alſo um Deiner Hochzeit willen geräthſt Du ſo ſtark in die Hitze?“ „Sollte etwa von der Ihrigen die Rede ſein? Davon habe ich ja noch kein ſterbendes Wörtchen gehört.“ Vivika machte einen ſtarken Knix und ſtach mit der Gabel ſo tief in den Bra⸗ ten, daß ſie mitten hindurchging und die Kachel davon erklang. „Nun, Gott bewahre, wenn Einer bei der Hand iſt, ſo wollen wir uns verneigen und ihn mit ausgeſtreckten Armen empfangen. Aber ſonſt halte ich einen Gedanken für wahr, nämlich daß hier im Hauſe nur eine einzige Frauensperſon iſt die ſich eines Freiers rühmen kann.“ Noch nie hatte Thorborg ſo herzlich, ſo bereitwillig, ſo froh und friſch gelacht. Nie hatte ihr das Leben ſo roſenroth ge⸗ ſchienen. Gudmars Beförderung, das Geſpräch mit dem Vater, die Hoffnung vielleicht binnen Monatsfriſt Antwort vom Befehlshaber des Adlers zu erhalten, und ſodann die Gewißheit von der in⸗ ————— 24 223 nigen Freude womit er aus der Nachſchrift in ihrem vor vier Wochen abgeſandten Brief vernehmen würde, wie prächtig Hjelms Firma wieder in die Höhe gegangen, nachdem ſie ſich mit dem alten Haus Moß vereinigt— alles das zuſammen bildete ein Ganzes worüber Thorborg ihren täglichen drückenden Kummer um die Verbindung zwiſchen Majken und ihrem Bruder vergaß. Und ſie hatte nicht eine halbe Ahnung davon, wie es jetzt mit dieſem ſo innig geliebten Bruder ſtand. Sie genoß im Flug den letzten ſeligen Augenblick, bevor die Wolke über dem armen Pfarrhaus gewitterſchwanger ſich zuſammenzog. Auf dem Weg am Strande hin wandelten am ſelben Nach⸗ mittag Hjelm und ſeine junge Frau, da ſie eingeladen worden waren um Gudmar bei ſeiner Heimkehr zu treffen und ſich an dem wichtigen Toaſt auf den Controleur zu betheiligen. Thorborg hatte jedoch im Billet weiter Nichts geſagt als daß man ſie zu einem kleinen Familienfeſt erwarte, und dies war genug geweſen um die höchſte Neugierde zu erwecken. Eine ſprudelnde Lebendigkeit verrieth ſich in jedem Zug von Emiliens ſchönem Geſicht, das blühend unter den Blumen des leichten Sommerhutes hervorſchaute und ihren Gemahl dermaßen feſſelte, daß er nur ſeine Augen reden ließ. „Denkſt Du daran,“ ſagte ſie ſchalkhaft, als ſie ihre Muth⸗ maßungen über die Abſicht von Thorborgs Einladung endlich er⸗ ſchöpft hatte,„daß es jetzt ein Jahr iſt ſeit wir einen andern merkwürdigen Spaziergang ins Pfarrhaus machten? Damals ſahſt Du hauptſächlich auf meine Schnürſtiefelchen die Du heute gänzlich überſehen haſt. Erinnerſt Du Dich an meine Revolu⸗ tion und Deine Gegenrevolution, und wie Du am folgenden Tag die wichtige Frage an mich ſtellteſt die ich meiner Lebtage nicht vergeſſen werde: Emilie, willſt Du Hamburg ſehen?“ „Ja,“ antwortete Hjelm lächelnd,„ſo herzlich ich auch alle —— häuslichen Revolutionen haſſe und verabſcheue, ſo muß ich doch geſtehen daß dieſe wirklich ein gutes Ende nahm, denn von ihr datirt ſich unſer eigentliches häusliches Glück. Und wie manche bittere Stunden wir auch ſeither hatten, ſo hat dennoch dieſe innere Seligkeit ſie uns tragen geholfen. Jetzt da das Glück mit reicher und voller Hand ſeine Gaben über uns ausgeſtreut hat, ſo ſoll dieſe innere Glückſeligkeit uns auch zeigen, wie man ſich in den guten Tagen würdig benehmen muß... O, welchen Frieden, welche Hoffnungen, welches Leben haben n wir nicht außer uns und in uns! Bereits eine Fluth in den Geſchäften, ſtarken Verkehr im Ladenhandel— und um das Alles zu bewirken hat es nur eines einzigen Monats bedurft.“ „Aber ich,“ wandte Emilie mit einem leichten Seußzer ein, „habe leider meine glänzendſte Periode gewiß ſchon überlebt. Der neue Buchhalter aus Göteborg hat ja eine ſo vollſtändige Aehnlichkeit mit einer Reihe ernſthafter Zahlen, daß ich es nicht mehr wage mich im Laden oder Magazin heimiſch zu machen oder auch nur einen Fuß hineinzuſetzen.“ „Gott ſei Lob und Dank dafür!“ ſagte Hjelm.„Du warſt ſo mitten im Geſchäftsleben daß Du ſehr bald einen vollkomme⸗ nen Geſchmack daran hätteſt bekommen können.“ „Aber, mein Freund, ſiehſt Du denn nicht ein daß ich mit dem Ende der großen Ereigniſſe wieder ganz einfach zu einer alltäglichen jungen Frau herabſinke, die mit Nichts zu kämpfen hat und folglich auch keine Gelegenheiten bekommt ihre Kräfte zu entwickeln und ſich ihrem Mann im beſten Lichte zu zeigen?“ „Haſt Du keinen andern Kummer als den? Gib Dich zu⸗ frieden, meine Emilie, Du haſt an dieſem Werk bereits ſo lang gearbeitet daß es fürs ganze Leben ausreicht. Glaubſt Du denn, Ake vergeſſe Etwas? O nein, das glaubſt Du gewiß nicht.“ „Du haſt es in einem Monat nicht gekonnt, das weiß ich wohl— aber wenn wir uns wieder blos unter gewöhnlichen Umſtänden treffen, wie wird es wohl da gehen? Deßhalb ver⸗ —₰-——“ ͤS 2 225⁵ ſichere ich Dich auch, mein theurer Freund, daß ich gar Nichts dagegen hätte, wenn... wenn... „... Wenn das Unglück wieder von allen Seiten ſeinen Kopf hervorſtreckte? Hüte Dich es herauszufordern, Du kleine Sünderin! Ich meinestheils höre den Donner am liebſten in der Ferne rollen und bin auch ungemein entzückt, wenn ich keine Frauenzimmer im Contor zu ſehen brauche... Majken, verſteht ſich, ausgenommen.“ 3 „Aber habe ich mich nicht immer gut angelaſſen und habe ich nicht ſo gut wie Majken einen Namen zu der Bürgſchaft beigebracht?“ „Still, ſtill, Du begreifſt nicht was ich damals litt.“ „Sollte ich das nicht begreifen?“ „Nein— denn wie wäre es möglich daß Du einſehen könnteſt, wie alle meine Hochachtung und Bewunderung für Deine vortrefflichen Eigenſchaften dennoch eine Unruhe verbarg die ich mir ſelbſt noch in dieſem Augenblick nicht ohne innere Beſchä⸗ mung zu geſtehen wage?“ „Sprich, ſprich, Geliebter! Ich bin ſchrecklich begierig zu erfahren, was für eine Art von Unruhe dies war.“ „Ich weiß nicht ob ich es zu geſtehen wage. Ich fürchtete, Deine Liebenswürdigkeit, Deine Anmuth, ja ſogar Deine Schönheit könnten, wo nicht gänzlich verſchwinden, doch wenigſtens ihre Farbe wechſeln. Aber Gott ſei Dank, Du haſt Dein Fegfeuer durchgemacht, ohne das Geringſte von Deiner Eigenthümlichkeit zu verlieren. Du haſt Dir im Gegentheil neue Reize angeeignet, und dieſe kannſt Du nie verlieren, weil ſie der Seele, dem Her⸗ zen und dem Charakter angehören.“ „Noch nie, mein Ake, haſt Du mir ſo ungemein geſchmeichelt und mich ſo entzückt. Es iſt mir, als ob meine Füße die Erde kaum berührten und als ob ich halb ſchon im Himmel ginge. Bedenke, theuerſter Freund, daß Du ſelbſt es biſt der dies Alles Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III 15 226 geſagt hat... Aber jetzt will ich auch Takt genug zeigen um von dieſem Gegenſtand abzugehen. Glaubſt Du wirklich— um von etwas ganz Anderem zu reden— daß es Dir paſſen wird Onkel Moß— wie es jetzt heißt— zum Aſſocié zu haben?“ „Ganz vortrefflich wird das paſſen. Er beſitzt einen klaren und ausgezeichnet ſcharfen Blick in vielen Dingen wo ich kurz⸗ ſichtig bin; und ich beſitze einen klaren und ſcharfen Blick in andern Dingen wo er nicht weit ſehen will. Und bei der Ach⸗ tung die wir gegenſeitig vor unſern Anſichten haben, muß Alles gut gehen. Ueberdies iſt Noß— das ſiehſt Du gewiß ein— jetzt nicht mehr was er bei unſerer Ankunft war. Er würde ſich jetzt nicht zu all den kleinen Kniffen herablaſſen wollen, von denen er früher glaubte daß ſie dem Handel und dem Handelsmann angehören, ja ſogar unzertrennlich damit verbun⸗ den ſeien. Er will jetzt mit uns ein Haus in ſo großartigem Maßſtab bilden, daß die Schattenſeiten des früheren dadurch verdeckt werden ſollen. Und dies wird ein Haus von der Größe werden nach welcher ich mich immer geſehnt hatte. So kann ich in allen Beziehungen glücklich ſein. Hernach werden wir ſehen...“ „Die Bedeutung dieſer Worte verſtehe ich vollkommen. Aber ich verſtehe auch Dein Zartgefühl, womit Du ſie gleichſam vor Dir ſelbſt verbergen willſt. Es wäre ſo undankbar gegen Onkel Moß, wenn wir jetzt an unſere Luſtreiſen in der Zukunft denken wollten. Laß uns ſtatt deſſen daran denken, wie ſchnell die Welt ſich wendet: jetzt kommen Menſchen und Briefe von allen Seiten her mit andern Nachrichten und andern Erklärungen als während unſerer Unglückszeit.“ „Dies, meine Geliebte, iſt etwas ſo Gewöhnliches, daß es ſich nicht der Mühe lohnt ihm auch nur eine halbe Betrachtung zu widmen. Folglich iſt es das Allerbeſte wenn wir auf unſere Vermuthungen in Betreff der Thorborgſchen Einladung zurück⸗ kommen. Was mag vorgefallen ſein?“ 227 „Sollte es nicht wenigſtens eine Möglichkeit geben daß Onkel Moß ſich anders beſonnen hätte?⸗ o mög ßheit. Als er geſtern vor vierzehn Tagen den Grundſtein zu dem neuen Haus legte, ſagte er mit einer ſo innigen Rührung daß es mir ins Herz ſchnitt: Es wird wohl nie mehr als ein einziges junges Paar in dem Hauſe hier wohnen. Meine Tochter, meine Maiblume, ſtirbt wohl als alte Jungfer, und da hat ſie an ihren gewöhn⸗ lichen zwei Zimmern mehr als genug.“ „Armer Onkel Moß, arme, arme Majken, arme Tante Beate Marie und armer alter Paſtor! Um Alle, hauptſächlich aber um Majken jammert mein Herz.. Ich denke, Gudmar könnte dennoch..„ „Sag Nichts von ihm, meine Emilie! und zwar ein gerüttelt Maß. Wer ſein kennt, kann nicht bezweifeln daß nu dieſer Liebe Feſſeln anlegen konnte. Viellei auch das Selbſtgefühl hinein das jeder rechte Mann zu aller⸗ letzt ſeiner Liebe opfert, und bei iellei wenn er es gar nie opfert oder gleichſ austauſcht.“ * er immer Mitleid und —. Ein Mädchen wie Majken ſollte einzig und allein einer ſtarren Pflicht oder etwas noch Schlimmerem, was Du Selbſtgefühl nennſt, hintanſtehen müſſen? Das iſt wahrhaft grauſam und noch obendrein un⸗ glaublich.“ „Glaube mir inzwiſchen, Geliebte, daß Majken ihn in Wahrheit darum nicht weniger liebt oder hochachtet. Nein, Du kannſt überzeugt ſein, wenn auch ihr weiblicher Stolz— denn dieſer fehlt ihr wohl nicht— ſich eine Zeitlang verletzt findet, ſo wird doch ihr großes und edles Herz ſo wie ihre unbeirrte Vernunft Gudmars Handlung in einem andern Licht erblicken und ſie insgeheim, wenn auch nicht öffentlich, gutheißen.“ „Aber iſt es nicht auch entſetzlich einen ſo ungemein herr⸗ lichen und gottvoll ſchönen Plan, wie Onkel Moß ihn ausgedacht, an einem ſolchen Felſen wie der Eigenſinn des Herrn Lieutenants iſt ſcheitern zu ſehen? Denk Dir jetzt dieſes ſtattliche ſchöne Haus von zwei jungen glücklichen Ehepaaren bewohnt— könnte man ſich ein angenehmeres, fröhlicheres und friſcheres Leben vor⸗ ſtellen als das unſrige? O, was für eine Leidenszeit hat Majken gehabt, ſeit das alles über den Haufen geworfen worden iſt!“ „Und Gudmar? Du darfſt wohl am wenigſten unfreund⸗ lich gegen ihn ſein. Was hat nicht er für uns gethan!“ „Nun, das iſt eine aparte Sache. Und ſiehſt Du, mein Freund, ich bin nicht gewöhnt das Eine mit dem Andern zu verwechſeln... Aber was mag es dort im Pfarrhaus geben?“ „Wie einfältig wir waren!“ rief Hjelm.„Seine Ernennung wird wohl angekommen ſein— und Gott gebe daß es ſich ſo verhalte, denn jetzt iſt es doch am beſten, wenn er, wenigſtens für einige Zeit, den Bottnaſtrand verläßt.“ „Du haſt vielleicht Recht, ſofern nicht etwa mit Thorborg Etwas vorgefallen iſt... Doch es iſt wahr, Capitän Geiſtern kam ja nicht zurück. Man wirds noch erleben daß ich die einzige Frau hier bleibe und daß weder Majken noch Thorborg in den Brautſtuhl kommt. Ich habe nie dummere und unerträglichere Männer geſehen.“ Welch ein Caffetiſch! welcher Luxus von Blumen in Thor⸗ vorgs Haag und welches muntere Geplauder unter den Ange⸗ hörigen des kleinen Geſellſchaftskreiſes! Sogar der Hammel dort in der Sommerluſt gab ſein Vergnügen durch hohe Sprünge zu erkennen, während er ſich zu eirrte licken herr⸗ dacht, nants ſchöne könnte n vor⸗ Najken t iſt!“ reund⸗ mein ern zu ben?“ nnung ſich ſo ügſtens horborg Zeiſtern einzige in den glichere 1 Thor⸗ n Ange⸗ gab ſein ſich zu 229 einer Art von Verſteckſpiel mit zwei gemüthlichen Ferkelchen herab⸗ ließ die er von Tante Vivika als untergeordnete Geſellſchaft beigegeben bekommen hatte. Die Enten plätſcherten und vergnüg⸗ ten ſich wie gewöhnlich im Teich, und kleine Häringe und Weiß⸗ fiſche hüpften am Uferſaum empor. Die ganze Scene war belebt. Ueberall dufteten Roſen und Jasmine, vermiſcht mit der friſchen Luft vom Seetang. Die Sonne leuchtete warm und klar, aber nicht ſo brennend, denn eine friſche Briſe hatte die Luft gereinigt, und dieſe Briſe konnte, ſo dachten die Wartenden, jeden Augen⸗ blick den Helden des Tags, den Controleur, nach Hauſe führen. „Wann glauben Sie wohl, Onkel, daß er den Dienſt an⸗ treten könne?“ fragte Hjelm, während Emilie und Thorborg an den Strand hinabgegangen waren, um nach der Jacht zu blicken. „Vor dem Herbſt nicht. Es geſchieht wohl um dieſelbe Zeit, wo Moß mit Familie wieder in Svartſkär einzieht. Ach, ach, Bruder, dieſe Wunde wird nie zu brennen aufhören. Ich will meinen Sohn nicht ſehen laſſen, wie groß der Schmerz iſt, aber groß iſt er.“ „Und unglücklicher Weiſe,“ fiel Hjelm ein,„iſt es einer von denjenigen Schmerzen für welche Freunde keinen Troſt be⸗ ſitzen... Doch, das war unrecht geſagt. Hätten Sie ſich gegen die Alten auf der Uhuklippe ſo ausgeſprochen, Onkel, ſo würden dieſe in ihrer einfachen und herzenswarmen Sprache in welche kein Anderer einzudringen vermag ganz anders geantwortet haben. Der Sinn wäre jedoch immer geweſen, es ſei gut und ſchön zu bedenken daß es Einen gebe der tröſten und alle Ver⸗ wirrungen klären könne— und darin ſtimme ganz. demüthig auch ich ein, der ich ſo kürzlich erſt dieſe Erfahrung gemacht habe.“ Der Paſtor nickte Beifall. Dann fügte er in raſchem Tone hinzu: „Pfui, wer wird auch heute klagen... Ein Glas, Bruder — ein Glas zum Voraus!“ 2******.**«ℳ****„ ·.* 230 Inzwiſchen plauderten die jungen Damen am Meeresſtrand. „Du wirſt es wohl nicht läſtig finden, liebe Emilie, Eure beiden Haushaltungen den Winter über beiſammen zu halten?“ „Ich! Sollte ich unzufrieden ſein? Das wäre ſehr unver⸗ nünftig. In meinen drei Zimmern, den ehemaligen Gaſtſtuben neben Majkens Wohnung, gedenke ich mich auf eine ganz ent⸗ zückende Weiſe einzurichten. Glaubſt Du übrigens nicht daß mein Junge— Du weißt ja, Onkel Moß verfinſtert ſich ja ſchon beim Gedanken an ein Mädchen— mir Etwas zu thun geben wird? Ja, verlaß Dich darauf daß es an Geſchäften gar nicht fehlen wird. Und wenn ich von all den Hoffnungen reden höre die man mit dem zukünſtigen Aſſocié der Firma Moß und Hjelm verknüpft, ſo erſcheine ich mir ſelbſt wie eine kleine Fürſtin der man befohlen hat dem Haus einen Erben zu ſchaffen.“ „Darin haſt Du wahrlich nicht ſo ganz Unrecht,“ antwor⸗ tete Thorborg lächelnd.„Spartſkär wird jetzt ein kleiner Herren⸗ ſitz an der Küſte, und Onkel Moß iſt kein ſo unebener Kaufmanns⸗ fürſt mit all ſeinen untergebenen kleinen Capitänen, Bootſchiffern, Fiſchern, Arbeitern, Käthnern und Knechten, von all der Han⸗ delsdienerſchaft im Contor, Magazin und Laden gar Nichts zu ſagen. Das gibt eine ganze Armee deren Troß noch obendrein ſämmtliche Kinder und Fiſchſalzerinnen bilden.“ „Aber mein Mann?“ fragte Emilie erröthend. „Dein Mann, ſagſt Du? Er iſt der zweite Chef des Hau⸗ ſes und in jeder Beziehung eine jüngere und feinere Auflage des Moßſchen Potentaten.“ „Höre, Thorborg, man muß geſtehen daß Du jetzt weit lie⸗ benswürdiger biſt als vor Deinem Umgang mit Capitän Geiſtern, von welchem ich mich im höchſten Grad eingenommen fühle. Er hat das Ueberflüſſige an Dir abgeſchliffen.“ „Ich muß doch wohl, wie unſere alte Vivika zuweilen ſagt, meine Schuldigkeiten und Menſchlichkeiten erfahren... Aber um jetzt auf Dich zurückzukommen...“ 231 „Ja, um dies zu thun, ſo gedenke ich wie geſagt mich auf Ehd. eine ganz entzückende Weiſe einzurichten. Vor allen Dingen muß mein Ue Junge ſehr ſtill ſein, das verlange ich, und ich gedenke ihn gleich n? von vornherein ungemein vernünftig zur Pflicht zu erziehen, nach Ver⸗ dem Vorbild ſeines jungen Pathen, des Controleurs, der hoffent⸗ üben lich nicht abreiſen wird, bevor er Gevatter geſtanden hat. ent⸗ Wenn dann der Erbe Abends eingeſchlafen oder auf Majkens daß Zimmer gebracht worden iſt, ſo veranſtalte ich die allerangenehmſten hon kleinen Einladungen in meinen Zimmern, wenigſtens dreimal in ben der Woche... An den übrigen vier Abenden ſind wir theils iicht bei Majken, die auch ihre Soupers geben muß, theils im alten höre Herrſcherſitz, theils hier im Pfarrhaus. Und denk Dir den Tag, ielm wo Ihr Beide, Du und Majken, Euch hier verheirathen würdet der— welch ein Familienleben... aber man kann nicht Alles verlangen.“ vor⸗„Nein,“ ſagte Thorborg,„Alles kann man freilich nicht for⸗ ven⸗ dern, da Gott in ſeiner Liebe bereits ſo viel gegeben hat. Aber ins⸗ im Uebrigen....“ Len,„Thorborg, Thorborg, ſeien Sie ſo artig und kommen Sie an⸗ augenblicklich herauf. Da iſt Nils von der Laubinſel, der etwas zu ſehr Wichtiges zu ſprechen hat.“ Lein„Mit mir? will er nicht vielleicht mit Papa reden?“ „Nein, doch: mit Ihnen!“ Hau⸗ lage Thorborg eilte hinauf. — Als ſie zurückkam, ging Emilie noch unten am Strand und lie⸗ vergnügte ſich theils an der plätſchernden Muſik der kleinen etn, Wellen, theils an ihren eigenen herzensfreudigen kleinen Phanta⸗ Er ſien, worin ſie und ihr Ake oft um das Bettchen gruppirt wa⸗ agt ren in welchem der letzte, aber nicht unwichtigſte Theilhaber der Firma in lieblicher Unkenntniß von ſeiner künftigen Größe und um Macht ſchlummerte. 232 Droben am Tiſch im obern Theil des Gartens ſtießen die Herren juſt zum erſten Mal auf Gudmars Glück in ſeinem neuen Dienſte an. „Lieber Papa, da ſind zwei Briefe, einer an Dich und einer an Majken. Nils von der Laubinſel, welcher der Jacht auf dem Weg... auf dem Weg... nach Göteborg begegnet iſt, hat ſie von Sven Dillkopf bekommen.“ „Was ſagſt Du da, Mädchen? Die Jacht auf dem Weg nach Göteborg? Sollte er einen ſo großen Beſchlag vorgenom⸗ men haben, daß er dahin reist.... Und wie Du ausſiehſt! Das geht nicht mit rechten Dingen zu... was iſt es, Kind? Sprich, ſprich um Gotteswillen.“ „Ich fürchte, es iſt irgend ein Unglück geſchehen, aber ich wagte Nils nicht zu fragen... Oeffne den Brief, Papa! Wir müſſen uns auf Alles gefaßt halten was der liebe Gott ſchicken mag. Jedenfalls iſt es Gudmars Handſchrift, das iſt das Wichtigſte.“ Mit zitternden Händen erbrach der alte Geiſtliche den Brief. Inzwiſchen tauſchten Hjelm und Thorborg jenen erſchrocke⸗ nen Blick aus, worin ein geahntes, aber noch ungekanntes Un⸗ glück ſeine ganze ergreifende Entſetzlichkeit zeigt. Die geheimen ſonderbaren Winke des Schiffers ſo wie die ganz plötzliche göte⸗ borger Reiſe erregten bei Thorborg dieſe Bangigkeit, und dann war die Handſchrift, ſowohl auf der Adreſſe als im Brief ſelbſt, allerdings von Gudmar ſelbſt, aber ihr dennoch ſo unähnlich daß man ſie für eine fremde hätte nehmen können. Der Greis las halblaut wie folgt: „Vater! „Ich brauche ja nicht zu ſagen: keinen Stein auf die Laſt! „Ueberfallen von den Mörköern, denen ich durch eine ge⸗ heime Anzeige auf die Spur gekommen war, habe ich, erſt nach dem dritten Angriff und nach der dritten Aufforderung, geſchoſſen n. ſe 233 — geſchoſſen auf Olagus, und dieſer Schuß.... ja Vater, ja... der große Mann iſt todt... todt... Ein Menſchen⸗ leben laſtet auf mir. Aber die Pflicht gebot. Ich hatte die Flagge der Krone zu vertheidigen. „Nachdem dies geſchehen war, that ich da auch wohl meine Pflicht? Nein— ich war zuletzt an der Grenze angekommen, wo dies unmöglich war. Das Eigenthum der Zollkammer er⸗ weckte meinen Abſcheu und ich hätte es um keinen Preis berüh⸗ ren mögen. Ich verabſcheue mich ſelbſt und all dieſe Erbärm⸗ lichkeit... Menſchenwerk... Menſchenſatzungen! Was ſind ſie, was bedeuten ſie, wenn die Verzweiflung— mag ſie ſich nun kalt oder warm zu fühlen geben— den Menſchen ergreift! „Und nun, alter getreuer Samariter, heile jetzt die Wunde mit Barmherzigkeit. „Es liegt noch ein Brief bei— ſchicke ihn ſogleich ab. „Ich reiſe nach Göteborg um ſelbſt Bericht zu erſtatten. „Thorborg... ſie muß es glauben... ich ſchwöre es bei meiner Seele und meiner Liebe zu Majken— ich ſchoß erſt nach der dritten Aufforderung, nach dem dritten Angriff. „Majken wird mild ſein. „Die Freunde... wie werden ſie urtheilen? „Dein Gudmar.“ Der Blick des armen Vaters ſuchte die Augen des Freun⸗ des und der Tochter mit einem Fragezeichen das einer großen Thräne glich. „Er konnte nicht anders!“ „Nein, nein, er konnte ja nicht anders.“ Hjelm ergriff und drückte ſeine Hand... Thorborg um⸗ ſchlang ihn mit ihren Armen. 234 Fünfles Kapitel. Heute iſt nicht geſtern. Nach der anhaltenden Hitze hatte der Himmel ſich in fin⸗ ſtere Wolken gehüllt. Es ſchien ein Regen im Anzug zu ſein. Es war der Tag nach dem beabſichtigten, auf ſo unglück⸗ liche Weiſe geſtörten Feſt im Pfarrhaus. Majken hatte am frühen Morgen einen Spaziergang auf die Wieſen gemacht und war juſt in ihr Schlafzimmer getreten, um ihrem Anzug vor dem Frühſtück nachzuhelfen, als ſie ihres Vaters Stimme im Sturm durch die Zimmer erſchallen hörte. „Beate Marie... Beate Marie... hört denn Niemand? ſeid Ihr alle zuſammen taub... Wo iſt meine Frau? ich will im Augenblick meine Frau ſehen.“ Noch nie hatte Majken die Stimme ihres Vaters in eine ſolche Poſaune des Gerichts verwandelt gehört, und noch nie hatte bei ſeinen improviſirten häuslichen Revolutionen ein ſol⸗ ches Zittern ihre Glieder beſchlichen. Was war es denn? Schon tauſendmal hatte er im Sturm nach ſeiner Frau ge⸗ ſucht, aber man hörte deutlich daß jetzt etwas wirklich Himmel⸗ ſchreiendes um den Weg war. Bei einer Pauſe draußen vernahm Majken jetzt die milde Stimme der Mutter. „Mein beſter Freund, iſt es das Frühſtück? Ich wußte nicht daß Du ſo früh kommen würdeſt... ich hatte meine Ge⸗ ſchäfte in der Milchkammer.“ „Milchkammer... Frühſtück... Ja, Du biſt klug, Du! Es iſt wahrlich Zeit, ſupponire ich, jetzt vom Frühſtück zu ſpre⸗ chen. Denkſt Du, es ſei Zeit dazu?“ „Sollen wir denn gar Nichts auftragen, mein Freund?“ —8 18—.——,— 235 „Weib, was fällt Dir ein? Warum ſoll ich jetzt kein Früh⸗ ſtück bekommen? Gewiß, zum Teufel, will ich jetzt Etwas eſſen, das verſteht ſich— aber Du haſts nie zur rechten Zeit fertig, und jetzt werde ich wohl wie gewöhnlich warten müſſen, während ich am allerwenigſten Geduld zum Warten habe... Und meine Tochter, warum kommt ſie nicht herein... Mach ſchnell, Beate Marie! Hier gibt es an andere Dinge zu denken als ans Eſſen, obſchon man auch nicht verhungern kann, wie Du vorſchlägſt.“ In dieſem Augenblick trat Majken ohne weitere Ueberlegung ins Zimmer und begrüßte ihren Vater, wie wenn ſie Nichts ge⸗ hört oder verſtanden hätte. Aber im Stillen war ſie äußerſt verwundert über den ſon⸗ derbaren Ausdruck in ſeinem Geſichte. Dort flammte der Zorn in ſeiner höchſten Höhe, aber er war mit noch etwas Gefähr⸗ licherem vermiſcht, mit einer Art bittern triumphirenden Hohnes, wie man es bei Leuten findet welche den Vortheil errungen ha⸗ ben eine von ihnen behauptete, von Andern beſtrittene Sache mit Beweiſen belegen zu können, die aber doch dabei einen innern Schmerz niederkämpfen und ſomit ihren Vortheil ſchwer bezahlen müſſen. „Du ſiehſt geſund aus, mein Kind— Du haſt heute Nacht keine böſen Träume gehabt... Wirds einmal fertig, Beate Marie?“ „Alles ſteht jetzt auf dem Tiſch, mein Freund.“ „Nein, Papa, ich hatte keine böſen Träume.“ „Sonderbar das! Die Frauenzimmer pflegen ja immer ſolche zu haben... Nun, wir wollen uns wie gewöhnlich ſetzen: es lohnt ſich, ſupponire ich, nicht der Mühe auf eine Einladung zu warten... Du ſtehſt gerade da, Beate Marie, als wollteſt Du die Hände verlieren. Nun, darüber wundere ich mich nicht— es findet ſich ja nichts Anderes auf dem Tiſch als Deine eige⸗ nen Leibſpeiſen.“ „Meine Leibſpeiſen— lieber Mann, ich trinke ja blos Caffe.“ 236 „Ei ei, wie merkwürdig— Du trinkſt blos Caffe? Du ſollteſt vielleicht ſchon am frühen Morgen Porter und Wein trinken, Deinen Appetitſchnaps bis auf den Grund leeren und eſſen wie ein Mann? Supponire übrigens, es war ein Stich auf mich, weil ich mich nicht mit Frauenzimmerlumpereien be⸗ gnüge. So ſo, Mamſell Tochter, keine Träume, keine Ahnun⸗ gen?“ „Du ſcheinſt mich abſichtlich ängſtigen zu wollen, Papa... Ich hoffe zu Gott daß unſern Freunden Nichts zugeſtoßen iſt.“ „Unſern Freunden— ſupponire ich zebenfalls— iſt wohl Nichts zugeſtoßen.“ Bei dieſen Worten, die eine beſtimmte Andeutung enthiel⸗ ten, von welcher Seite der Wind wehte, begannen ſich Majkens Wangen mit der unheilverkündenden prächtigen Farbe der Un⸗ ruhe zu ſchminken.— „Du mußt nicht in ſo verdeckten Räthſeln reden, Papa. Ich läugne nicht daß ſie mich ängſtigen, und welche Freude kann Dir das machen?“— Moß ſchenkte ſich ein großes Glas Wein ein, und nachdem er es beinahe auf einen einzigen Zug geleert, ſtellte er es kräf⸗ tig wieder auf den Tiſch. „Es wäre ein Glück, Tochter, wenn Du nicht noch mehr Veranlaſſung zur Furcht bekämeſt, als Du bereits haſt. Aber Du kannſt auf jeden Fall Deinem Gott danken, der Alles wohl gemacht hat— Notabene für Dich ſelbſt. Das iſt das Wort.“ Majken ſtand lautlos auf. Auf ihren Wangen hatte jetzt die rothe Unruhe dem blei⸗ chen Schmerz Platz gemacht, und in dieſen miſchte ſich noch Verdruß. Mit einem Blick, der indeß nur die ruhige Selbſtbeherr⸗ ſchung enthielt die ihr ſtets zu Gebot ſtand, ſagte ſie halblaut: „Entſchuldige, Papa, wenn ich gehe, bis Du die Zeit ge⸗ kommen glaubſt Dich directer an mich zu wenden. Denn dieſe „ 2— 237 u nn unbeſtimmten Winke peinigen mich, und es iſt durchaus keine nd Nothwendigkeit vorhanden daß ich mich dieſer Qual unterwerfe. ich Ich erwarte Deinen Befehl zur Wiederaufnahme des Geſprächs ge⸗— und zwar je eher je lieber.“ n⸗ Sie verließ das Zimmer. Einen Augenblick ſchien Moß geneigt den Strom ſeiner .. laufenden Ideen zu hemmen, und die vorſichtige Gattin war juſt 3 im Begriff eine mildernde Wendung ausfindig zu machen, als er ohl auf einmal rief: „Aha, ich will mich dem glatten Teufel darauf ergeben jel⸗ daß ſie es bereits weiß... Nun, nun, Beate Marie, wenn Ihr ns Etwas gehört habt, ſo ſing es heraus. Supponire daß irgend In⸗ ein Vogel von einem alten Weib Neuigkeiten vom Bottnaſtrand her gekreiſcht hat.“ pa.„Ich habe Nichts gehört und Majken gewiß auch Nichts, unn denn ſonſt würde ichs gemerkt haben, als ſie ſo eben von ihrem Morgenſpaziergang heimkam. Aber, mein Freund, wenn Du dem mir eine Bemerkung erlauben willſt, ſo iſt es die: kann das was räf⸗ Du uns zu verkündigen haſt wohl der Mühe werth ſein, daß Du uns ſchon zum Voraus ſo in Angſt jagſt?“ eehr„So ſo, jetzt biſt Du im rechten Zug. Nur zu... nur (ber zu... Jammere, flenne, ängſtige Dich wie Du's im Brauch vohl haſt, mache Vorwürfe und Vorausſetzungen. Ich will noch ein rt.“ Glas Wein trinken, während Du Dich beruhigſt.“ „Ach, lieber Freund...“ blei⸗„Ach, liebe Gans, ſuche aus Deinem Mann herauszulocken noch was Du hernach Deiner Tochter erzählen kannſt, damit Ihr Euch gegen mich verbinden könnt. Aber wie Ihr auch conſpiriren herr⸗ möget, ſo ſupponire ich, Ihr werdet dennoch erkennen daß ich it: immer Recht gehabt habe. Jedoch, wie Einer von den Propheten ge⸗ ſagt— ich erinnere mich nicht welcher— das iſt einerlei... dieſe Du weißt es gewiß— wer glaubt unſerer Predigt?“ „Jetzt, mein Freund, kann ich nicht verbergen daß auch 238 ich von der größten Angſt ergriffen bin. Wenn ich nur zu den⸗ ken wagte daß Du mich anhören wolleſt, ſo würde ich Dich dringend bitten zuerſt mit mir zu ſprechen, denn es iſt leicht zu ſehen daß die Sache Majken betrifft und daß ſie bereits aufs Schlimmſte gefaßt iſt.“ „So ſo, jetzt habe ich das Frühſtück im Leibe und will Dir. meinen Gedanken nicht vorenthalten. Er lautet recht und ſchlecht ſo: ſupponire, ich gehe allein zu meiner Tochter, damit ich von Deinen Jeremiaden nicht geſtört werde.“ „Nein, mein beſter Mann, ich würde dann ſo in Verzweif⸗ lung gerathen, daß ich fürchte, die Angſt könnte mir auf eine gefährliche Art zuſetzen. Du weißt daß ich ſolche Worte nicht ſagen kann, wenn ſie nicht ihren guten Grund haben. Darf ich aber zugegen ſein, ſo werde ich Alles ertragen. Majken iſt ſtark, aber ſo eben war ſie es nicht. Laß mich deshalb bei ihr ſein... Mein Gefühl ſagt mir daß es nöthig iſt.“ „Dummheiten und Larifari! So geh hinein zu ihr... geh voraus! Ich komme gleich nach.“ „Was um Gotteswillen iſt das, Mama? Es ſteht auf irgend eine Weiſe mit Gudmar in Beziehung, das fühle ich am Zittern meines Herzens. Er iſt krank, glaubſt Du das nicht auch, Mama?“ „Nein, mein Kind! In dieſem Fall würde Papa nicht ſo ausſehen wie er ausſieht, das iſt ganz entſchieden.“ „Auf was deutet denn ſein Ausſehen eigentlich hin? Ich war allzu aufgeregt, als daß ich es zu begreifen geſucht hätte... Vielleicht wagte ich es auch nicht.“ „Sieh,“ antwortete die Mutter mit einer gewaltſamen An⸗ ſtrengung einige Ruhe in ihre Stimme zu legen,„ich verſtehe es ſelbſt nicht, obſchon ich nach ſo vieljährigem treuem Studium —— d ———:2ʒA₰AùͤII— *— — ⏑ 1 239 Papa genau kennen muß. Aber jedenfalls kannſt Du Dich darauf verlaſſen daß es ſich nicht auf Gudmars Geſundheit bezieht.“ „Ach, Mama“— Majken legte die Hand aufs Herz— „in dieſen Augenblicken, ehe Papa hereinkommt und die reine Wahrheit ſagt, iſt es mir wie einem Delinquenten der ſein letztes Urtheil anhören ſoll. In meinem ganzen Leben habe ich keinen ſolchen Eindruck gehabt und in meinem Herzen nicht ſo gefühlt wie jetzt. Und ſollte— was Gott verhüten möge— Gudmar Etwas zugeſtoßen ſein, ſo würde mir das eine entſetzliche Störung in meinen Seelenfrieden machen... Siehſt Du, Mama, ich bin in dieſem letzten Monat nicht gut gegen ihn geweſen, ich bin es ſchon lange nicht mehr geweſen.“. „Dies, meine Majken, ſind ſicherlich blos krankhafte Einbil⸗ dungen, ohne Zweifel erzeugt durch die Angſt und Spannung des Augenblicks.“ „Nein, Mama, damit kann ich die Wahrheit nicht verdecken⸗ Ich habe meinen eigenen verletzten Stolz gehätſchelt, während ich den ſeinigen auf harte Weiſe ignorirte. Und dennoch, wenn er meinen und Papas Wünſchen nachgegeben hätte, wer weiß, ob nicht in irgend einem Winkel meines Herzens eine geheime Stimme von unmännlicher Schwäche geflüſtert haben würde... Ich möchte verzweifeln, wenn ich bedenke daß das Menſchenherz ſo manche Geheimniſſe in ſich tragen ſoll, daß es einer großen Erſchütterung bedarf um ihnen auf die Spur zu kommen.“ „Um Gotteswillen, rege Dich nicht ſo auf, meine Majken! Du bedarfſt wahrlich jetzt Deiner ganzen viel erprobten Feſtigkeit, wenn Papa kommt.“ „Fürchte Nichts, Mama! Wenn Papa doch käme und dieſer Pein ein Ende machte! Ich beſitze Muth genug um allen Qua⸗ len der Welt entgegenzugehen, aber ich beſitze auch Muth genug um ihnen auf diejenige Art entgegenzugehen die für mich jetzt die beſte iſt.“ 240 „Ach, Kind, Kind, an dieſer Sprache erkenne ich Dich nicht mehr.“ „Kenne ich denn mich ſelbſt noch?“ „St... hier haben wir Papa.“ Und Moß war es der eintrat. Sein Ausſehen hatte ſich ſo verändert daß, wenn ſein Ge⸗ ſicht eine eiſerne Maske getragen hätte, dieſe die eiſerne Härte in ſeiner Seele nicht deutlicher hätte ausdrücken können als jeder ſeiner Züge jetzt that. Majken trat einige Schritte vor. „Keine Vorbereitungen, Papa!“ Ihre Stimme klang kalt und ſcharf.„Die bereits gebrauchten haben wahrlich wehe genug gethan.“— „Du ſollſt aller Vorbereitungen enthoben ſein. Supponire jedoch, Du werdeſt endlich Gott dafür danken, daß ich Dich vom Rande des Unglücks zurückgehalten habe. Weißt Du wohl, wen Du zu heirathen wünſchteſt und was das für ein Mann war?“ „Kurz, Papa, kurz!“ „Ein Mörder!“ „Gudmar... welche wahnſinnige Lüge hat man Dir auf⸗ gebunden, Papa, und wie haſt Du nur daran glauben können?“ „Wenn Du es für eine Lüge hältſt, ſo brauchſt Du nur ein Stück Wegs zu reiſen— dann wirſt Du eine Wittwe ſehen und hören deren Verzweiflungsgeſchrei die Lüfte erfüllt; ferner einen alten verſtummten Vater, ein vaterloſes Kind und einen weinenden Bruder. Verlangſt Du noch mehr Beweiſe, ſo höre den Aufſtand unter dem Volk. Und verdammt ſei der Menſch der, aus welcher Urſache es ſein mag, mit kaltem Blut einen andern Menſchen mitten ins Herz ſchießt!“ Aber plötzlich hielt Moß inne. Nicht mehr das Bild ſeiner Maiblume ſtand vor ihm: es war kaum noch etwas Anderes als das weiße Geſpenſt derjeni⸗ gen die dieſen Namen getragen hatte. —— 241 „Tochter, Tochter, ich ging zu raſch ins Zeug. Du woltlteſt keine Vorbereitungen haben. Aber beim Gedanken an dieſe Unthat braust und rast das Blut in mir. Der Elende, der Elende! Iſt er es werth daß Du es ſo zu Herzen nimmſt?“ In einem unnatürlich ruhigen Ton antwortete Majken: „Es fehlt noch Etwas, Papa! Dieſer Mann... ſein Name... ſein Name?“ „Olagus Esbjörnsſon ſelbſt.“. „Ha— ich fange an zu verſtehen.“ „Und der Mord geſchah vorgeſtern Abend auf dem Sote, wo der elende Zollſclave nach Raub umherſchnüffelte, um damit der Zollkammer das Maul zu ſchmieren für den Controleurs⸗ dienſt den er wohl zum Lohn für die ſchöne That jetzt erhalten wird.“ In dieſem Augenblick taumelte Majken ohne alle Kraft gegen den Sofa hin, wo Frau Moß inzwiſchen beinahe verſteinert ge⸗ ſeſſen hatte. Aber als ſie, zum erſten Mal ſeit der Geburt ihrer Tochter, dieſes ſtarke Weib in einer Hilfsloſigkeit hernannahen ſah, wo⸗ durch Starke und Schwache zu Geſchwiſtern in einer und der⸗ ſelben Schwäche werden, da ſtand ſie auf und rief mit ſtrafender Stimme, einer Stimme die Majkens erſtarrten Geiſt aus ſeiner Betäubung zurückrief: „Hüte Dich, Mann, hüte Dich vor der Gottloſigkeit einem ohne Zweifel durch ſtrengen Dienſtzwang verurſachten Unglück den Namen Mord beizulegen! Ich ſchwöre ſo feierlich, als ob ich Alles mitangeſehen hätte, daß er durch den Geſetzesübertreter Olagus ſchwer bedrängt worden iſt, ehe er im Namen des Ge⸗ ſetzes einen ſo entſetzlichen Ausweg ergriff.“ Majken konnte noch nicht ſprechen, aber ſie vermochte ſich jetzt zu regen, und ihre erſte Regung war daß ſie der Mutter Hand ergriff und ſie mit einem ſo dankerfüllten Blick küßte, daß 16 Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 242 keine Sprache ihre Gefühle deutlicher und beſſer hätte verdolmet⸗ ſchen können. „Weibergewäſch!“ murmelte Moß halblaut.„Mord iſt Mord — es hilft zu Nichts das Wort in den einen oder andern Schraubſtock zu ſpannen. Und wenn ich auch für den Augenblick nicht weiter mit Majken reden will, weil ſie natürlich der Er⸗ holung bedarf, ſo mag doch Jedermann vernehmen daß zwiſchen dem Mörder und der Tochter des Kaufmanns Moß keinerlei Ver⸗ kehr mehr ſtattfinden darf.“ „Mein Freund, Du mußt Dich beſinnen.“ „Das habe ich bereits gethan, und verſucht man Etwas gegen meinen Befehl, ſo werde ich bei meiner lebendigen Seele zeigen, ob ich nicht mehr als dem Namen nach Vater bin! Der elende Schlingel! Wie konnte er das ehrliche Anerbieten eines ehrlichen Mannes der ihm alle möglichen Güter in Ausſicht ſtellte verwerfen, um ſtatt deſſen auf Mord und Raub auszugehen! Und jetzt iſt die Memme noch obendrein entflohen... Gott weiß, wohin er gefahren iſt um ſeine Sünde und ſeine Schande zu verbergen.“ Bei all dieſen Beſchimpfungen gegen den Mann den ſie nie inniger geliebt hatte als juſt jetzt in ſeinem Unglück, entzündete ſich wieder ein warmer Lebensfunke in Majkens Seele. „Du willſt gehen, Papa, aber bleib noch, bis ich Dir ge⸗ antwortet habe... Das iſt ja mein Recht. Ich will Dir nicht ungehorſam ſein, Papa— ich will es jetzt noch nicht— deshalb erkläre ich daß ich Deinen letzten Befehl nicht gehört habe.“ „Du ſcheinſt ihn doch gehört zu haben.“ „Ich muß Gudmar ſo bald als möglich treffen, Papa. Ich muß das.“ „Wir werden ſehen. Geſtern zeigteſt Du noch Vernunft. Du vertheidigteſt ihn nicht einmal mit einem halben Wort, als ich mich über ſein Benehmen beklagte. Jetzt dagegen, wo er lmet⸗ Nord ndern blick Er⸗ ſchen Ver⸗ twas Seele Der eines tellte hen! Gott ande nie dete ge⸗ nicht halb 243 ein herabgeſunkener Verbrecher iſt, läſſeſt Du Deinen Sinnen den Zügel ſchießen.“ „Geſtern iſt nicht heute, Papa, merke das. Geſtern ſchwieg ich, weil ich des Antwortens müde war und vielleicht auch, weil ich ſelbſt einen innern Groll empfand. Aber jetzt antworte ich, und dieſe Antwort lautet ſo: meine Verbindung mit Gudmar ſoll feſtſtehen! Gehſt Du weiter, Papa, ſo gehe ich auch weiter.“ „Mädchen, Mädchen, Du verlierſt den Verſtand— nimm Deine Worte in Acht! Du, die vernünftige und geduldige Toch⸗ ter, ſchämſt Du Dich nicht in die Schlingen des Liebeswahnſinns zu fallen?“ „Ich bin in keine Schlinge gefallen, Papa, ich habe Ver⸗ nunft und Geduld, große Liebe und viel Muth gehabt. Ich bin eine unterwürfige Tochter geweſen, dankbar für den geringſten Beweis von Zärtlichkeit, und mit warmer Innigkeit habe ich dem Geſetz des Gehorſams gehuldigt. Aber jetzt fühle ich ein Geſetz in mir deſſen ich mich nicht ſchämen kann, ein Geſetz das mir gebietet als ein ſelbſtſtändiges Mädchen gegenüber andern als blos kindlichen Pflichten zu denken und zu handeln.“ Moß erhob ſeine Augen, die ſich auf eine eigenthümliche Weiſe bald erweiterten bald wieder ſchloßen, gleich als wäre er in tiefes Nachdenken verſunken. Majken fuhr fort: „Papa, Du haſt in dieſer Stunde grauſame Worte geſpro⸗ chen und hart gegen Dein Kind gehandelt. Ich will jedoch gern mit Liebe Alles zu vergeſſen ſuchen, wenn Du mir jetzt keine neuen Bande und Hinderniſſe in den Weg legſt... Willſt Du gut gegen mich ſein, Papa? Ich leide ſehr.“ „Gut will ich ſein— ſupponire, ich bin nie anders geweſen. Aber entſchieden dulde ich keine Berührung mehr mit... Du verſtehſt ohne weitere Wiederholung.“ „Ja, Papa, ich finde daß Du nicht Alles verſtehen wollteſt was in meiner Bitte lag. Die Folge davon iſt daß ich mich nur noch durch mein Geywiſſen leiten laſſe. Das iſt nicht Trotz ... Gott ſieht es daß es kein Trotz iſt, ſondern die allerhöchſte Nothwendigkeit für die Ruhe und den Frieden meiner Seele. O, daß Du jetzt noch verſtehen wollteſt, Papa..... Aber ich ſehe wohl, es iſt vergebens.“ Sie ging nach dem innern Zimmer zu, aber langſam, gleich als hoffte ſie noch in einem Ton angeredet zu werden der eini⸗ gen Troſt gewähren könnte. Aber Moß ſtand unbeweglich da und rieb hart an ſeiner harten Stirne. Auf der Schwelle— wohin die Mutter ſie unter ſtillen Thränen begleitete— blieb Majken haſtig ſtehen, denn ſie hörte draußen auf der andern Seite Jemand laut ſagen, es ſei ein Extrabote aus dem Pfarrhaus mit einem Brief an die Mamſell angekommen. Schnell wie der Wind eilte ſie, die ſich ſo eben noch kaum aufrecht zu halten vermocht hatte, ins äußere Zimmer hinaus. Die letzte Gemüthsbewegung gab ihrem Körper und ihrer Seele die Kräfte zurück welche die erſtere geraubt hatte. „Her, her mit dem Brief!“ bat ſie keuchend. Sie erhielt ihn ſogleich. Es war Gudmars Brief, einge⸗ ſchloſſen in einem von Thorborg. „Geliebte Mama, laß mich jetzt drinnen allein ſein! So wird es am beſten.“ Und ohne die Antwort abzuwarten, eilte ſie ins Schlafzim⸗ mer und ſchloß die Thüre. Als Majken verſchwunden war, trat Frau Moß zu ihrem Mann vor.. „Höre jetzt auch mich!“ ſagte ſie leiſe.„Nimm Dich um Gotteswillen in Acht! Du ſpielſt ein Spiel das theurer zu —X;y—,—— n2—— ird im⸗ 245 ſtehen kommen kann als Du jetzt ahnſt. Tochter recht angeſehen? Ja, das mußt Du get alſo vor Deine Augen dieſes Bild zurück— es wird meh als alle Worte.“ Und ſo verſchwand auch ſie. „Ah ſo, ſie verlaſſen mich alle Beide... alle Beide... Supponire daß ich dennoch derjenige bin der am Ruder ſtehen bleibt. Wollen ſehen, Mamſell Tochter, ob ich mich einſchrecken zu laſſen gedenke! Verſtehe mich einigermaßen auf Frauenzim⸗ merkünſte.“ Mit ſtarken Schritten ging Haſt Du unſere han haben. Rufe r wirken Moß auf ſeine eigenen Zimmer, um ſich wo möglich mit Zeichnungen zu zerſtreuen welche der vor Kurzem angekommene Baumeiſter ihm in Betreff gewiſſer Verſchönerungen auf Svartſkär vorgelegt hatte. Drinnen in der Kammer lag Majken auf den Knieen. Unter ſtrömenden Thränen hatte ſie ihres Gudmars Brief mit all den tiefen Seeleneindrücken und Bekenntniſſen die er enthielt, und zuletzt noch einen verwirrten Zuſatz über den ſchauer⸗ lichen Zuſammenſtoß mit dem Schmugglerboot geleſen. Die letzten Zeilen lauteten wie folgt: ....„Wird das Gerücht dieſem Brief voraneilen? wirſt Du vielleicht mit Abſcheu an denjenigen denken lernen der in den herzzerreißenden Stunden dieſer Nacht unaufhörlich zu Dir gerufen und Dich angefleht hat ihm ſeine Leiden tragen zu helfen? „Haſt Du es verſtanden? eine Blutſchuld.. ſchuld! „Was hilft es, wenn ich tauſendmal dieſen Schrei vor meinen Ohren wiederhallen laſſe? Ich weiß es ja nur zu gut.. ſollte ich feig mich und die Andern ermorde Befehlshaber des Kronbootes ruhig und m . eine Blut⸗ Nun, n laſſen? ſollte der it gekreuzten Armen 246 zuſehen, wie es von den wilden Empörern verſenkt wurde? Nein, es hilft Nichts, dieſer Anblick wird mich dennoch ewig verfolgen. „Majken, meine Majken! wird Dein Gudmar wohl nie wieder ſeine brennende Stirne an Deine treue Bruſt lehnen dürfen? „Ich möchte wünſchen, es thäte mir irgend Jemand dasſelbe was ich dem großen Manne Olagus zu thun gezwungen war. „Und die Sonne geht heute auf wie an allen andern Tagen, und ſie leuchtet eben jetzt in dieſe Kajüte herein die einen ſo vielſtündigen harten Kampf mitangeſehen. Geliebte Majken.... (Zwei große Thränen waren auf dieſen Namen gefallen den er vergebens gerufen hatte.) Und Majkens Thränen ſtrömten unaufhörlich, ihr Blut rauſchte mit ungekanntem Feuer durch ihre Adern. Jetzt war ſie es die ſeinen Namen rief. Sie hätte ſein Haupt nehmen und es an dieſes Herz legen mögen, das ſich jetzt einer vertauſendfachten Liebe fähig fühlte. „Mein Gudmar, mein Gudmar, Deine Majken iſt unedel und hart geweſen gegen Dich. Und Du, wie innig haſt Du ſie nicht geliebt, wie viel haſt Du nicht für ſie gethan, während ſie Dich mißkannte? Ja, es iſt ein barbariſches Amt, dieſes Amt des Küſtenaufſehers! Und um meinetwillen unterwarf er ſich demſelben, ohne je mit einem einzigen Wort zu verrathen, wie bitter er die Laſt dieſer Dienſtkette fühlte die er aus Liebe ſich auferlegt hatte... Ach, Du ſchlichtes, zärtliches, edelmüthiges Herz— feſt wie ein Fels— Du Herz deſſen vollen Werth ich nie verſtanden... aber ſo wahr Gott lebt, gelobe ich“— ſie hielt einen Augenblick inne, gleich als bebte ſie vor dem Gewicht ihrer eigenen Worte. Darauf fügte ſie mit geſammelter Kraft hinzu:„Ja, im Namen des Erlöſers gelobe ich daß Gudmar, wenn er jetzt die Controleursſtelle erhält, nicht von allen früheren rde? wig nie ſnen elbe var. gen, 1 ſo 247 theuren Banden getrennt ſein, nicht einſam und allein dieſes ſchwere Leben dahinbringen ſoll. Ich folge ihm als ſeine Frau, und an der Ausführung dieſes Entſchluſſes kann nichts Anderes als Krankheit oder Tod mich verhindern.“ Geſtärkt durch dieſe heilige Verbindung mit Gott und dem Geliebten erhob ſie ſich und nahm Thorborgs Brief, der nur folgende Zeilen enthielt: „O Majken! „Wirſt Du ihn nicht dennoch lieben? Ich möchte, wenn es anginge, ihm nach Göteborg nachreiſen, aber wie könnte ich Papa verlaſſen? Dieſes entſetzliche Unglück hat ihm ſtärker zugeſetzt als ich Dir ſagen kann. Ich muß nach Mörkö. Olagus, der mächtige Olagus, ach— mit des Erlöſers Hilfe hat ſeine Seele jetzt den Frieden gefunden der allen Unfrieden auf Erden ver⸗ ſöhnt... Gewiß verzieh er Gudmar— ja, ich bin feſt überzeugt davon... Möge auch Gudmar ihm verzeihen! „Und er iſt eben jetzt ernannt worden. Die Beſtallung kam geſtern, und unſere Freunde auf Spartſkär waren bei uns um dieſes Feſt zu feiern, als ein anderer Brief ſein Düſter über alle Hoffnungen warf. „Schreib um Gotteswillen ein paar Worte mit dem Boten. „Er hat Dir wohl mitgetheilt— vielleicht hat er jedoch in der Verwirrung nicht daran gedacht— daß er auf dem Schmuggler⸗ boot keinen Beſchlag vornahm. Ach, leider nahm er einen grö⸗ ßeren Beſchlag vor. Möge Gott der Allmächtige ihm und uns Betrübten von beiden Seiten gnädig ſein! Thorborg.“ „Ernannt, ernannt,“ rief⸗Majken, gänzlich von dieſer Nach⸗ richt in Anſpruch genommen,„ernannt gerade jetzt... Nun wohl, um ſo beſſer— mein Verſprechen wird nur um ſo ſchneller ein⸗ gelöst werden... wie dies zugehen ſoll, ſehe ich noch nicht ein... aber es ſoll geſchehen.“ 248 Sie nahm ein Papier und ſchrieb: „Gott, der dieſes nothwendige Unglück zugelaſſen, hat gewiß auch in ſeiner liebreichen Barmherzigkeit die verirrte Seele des ſtrengen Olagus zu ſich genommen. Die Ueberzeugung davon ſo wie die Hoffnung, daß die arme Wittwe Gudmars Unſchuld begreifen wird, hält den Sturm der Gefühle von dieſer Seite zurück und läßt ſie durch Zärtlichkeit, Hoffnung und Mitleid ge⸗ lindert werden. Aber auf der andern Seite ſteht er, den wir Beide lieben und der über alle Beſchreibung leidet— auch können die Gefühle hier nicht gehemmt werden. „Sag dem Onkel daß ich Gudmar bei ſeiner Rückkehr aus Göteborg beſtimmt treffen werde— er kann vor einigen Tagen noch nicht kommen... Ich treffe mit meinem Gatten zuſammen, denn ehe dieſer Herbſt zu Ende iſt, bin ich Deine ergebene Schwägerin. Majken.“ N. S.„Ich weiß daß er Euch noch nicht mittheilen konnte wie Alles zugegangen iſt. Aber glaube mir, irgend ein gefähr⸗ licher Feind hat hier ſeine Hand mit im Spiele gehabt. „Ich komme— ich komme— mein Gudmar darf keine Minute an mir zweifeln.“ Sechstes Kapitel. Die Nacht des Geächteten auf der Klippe. Es iſt jetzt Zeit näher nachzuſehen, wer der Feind war der mit blos einigen Zügen ſeiner Hand ſo manche Leiden zu berei⸗ ten, ſo viele Thränen zu verurſachen vermocht hatte. Ein Mann war nächtlicher Weile, in den Schleier des Ge⸗ — 4 ——. 1 5—— ————— 249 heimniſſes eingehüllt, im Schleichhändlerboot aus Korwegen ein⸗ geſchmuggelt, von da aber während des Abends auf dem Sote nach der Meerfrauenklippe gebracht worden, die eine der merk⸗ würdigſten Grotten beſaß welche die Natur auf dieſen Küſten gebildet, und die Seeräuber von Zeit zu Zeit benützt hatten. Der Mann der ſich hier zu verbergen hatte, ſollte der Ver⸗ abredung gemäß nach einigen Stunden abgeholt werden. Wer kann jedoch Alles vorausſehen? wer dachte daran daß der Enterich Streit bekommen und nach demſelben ſeinen eigenen Oberbefehlshaber fortführen ſollte, welcher dann für im⸗ mer aufgehört hätte über irgend Etwas zu herrſchen! Unter tauſenderlei Klippen die in langen Jahrtauſenden von den Wellen des Skagerak gewaſchen, von ſeinen Winden getrocknet und von den durch die Orkane emporgeworfenen Roll⸗ ſteinen polirt worden ſind, war juſt die in Frage ſtehende am wenigſten beſucht, denn eine Sage aus der heidniſchen Urzeit bezeichnete ſie als Wohnung für ſolche Gäſte auf welche der Name andeutete. Die Meerfrauenklippe oder, wie ſie auch hieß, der Spiegel⸗ kaſten der Meerfrau hatte ihren Namen davon erhalten daß dem Glauben nach die Meerfrau, begleitet von ihren dienſtthuenden Hofdamen oder Meerweibern, ſich dort aufhielt, wenn ſie irgend einen Seemann in ihr Garn verlocken wollte, um ihn ſodann in ihre tiefe Umarmung hinabzuziehen. Deshalb ſollte ſie auch alten Fiſcherſagen zufolge wenigſtens drei Nächte in der Woche daſtehen und ſich im blauen Waſſer ſpiegeln. Mißlang jedoch dieſe Spiegelwache, ſo daß ſie nichts Anderes als ihr eigenes Bild zu ſehen bekam, ſo pflegte ſie bis gegen Sonnenaufgang in der Grotte zu ruhen die daher den Namen„Schlafgemach der Meerfrau“ erhalten hatte. Wenn der Oſten ſich in die erſte Morgenröthe kleidete, ſo verſchwand der ganze Hofſtaat, und die Klippe wurde wieder frei. Fruͤher hatten ſowohl Meerhäuptlinge als Schmuggler hier 48 4 4 5 —— geweilt und großen Nutzen aus der wunderbaren Bergvertiefung 5 gezogen, aber ſeit langer Zeit hatte keines Menſchen Fuß mehr 3 das Gebiet der Meerkönigin betreten. 1 T Vor der Grotte ſelbſt ragte, wie künſtlich da aufgeſtellt, ein f ſo hoher und gewaltiger und dennoch ſo ſchief hängender Fels⸗ v block empor, daß man meinte, er könne jeden Augenblick vor t dem Eingang des geheimnißvollen Schlafgemachs zuſammenſtürzen ſe und dasſelbe vor jedem kühnen Späherauge verbergen. Aber d der Fels hatte ſeit Menſchengedenken auf dieſelbe Weiſe dage⸗ je ſtanden, und wenn je ein Späher von da hinausſchauen wollte, l ſo wurde er durch dieſe Art von Thüre vortrefflich gedeckt; an n b den übrigen Seiten gewährten ihm die rauhen Granitwände ge⸗ mn nügenden Schutz. ic Nachdem der Geächtete hieher gebracht worden war, ohne 6 daß er für die wenigen Stunden die er hier zuzubringen gedachte ſe etwas Anderes mitgebracht hatte als eine Flaſche Wein, etliche d Schiffszwiebacke und die Geſellſchaft ſeines eigenen Gewiſſens, beſchäftigte er ſich einzig und allein damit daß er hinter ſeiner N Schutzwehr Alles beobachtete was ſich auf dem Waſſer zutrug.. m Während ſein Blick die erſte Veränderung in dieſer Ein⸗ 9 förmigkeit zu entdecken ſuchte, ſtreckte er von Zeit zu Zeit bald u den Kopf bald den halben Leib hervor, und wäre ein Fiſcher K in der Nähe geweſen und hätte dieſe Schildwache hinter der 3 Thüre der Meerfrau geſehen, ſo würde er darauf geſchworen m haben daß die gefürchtete Beherrſcherin des Meergebietes einen ſe ihrer finſterſten Nachtgeiſter als Wache während ihrer Abweſen⸗ 3 heit aufgeſtellt habe. Es würde ſich kaum der Mühe lohnen die wunderbare Ver⸗ de änderung zu erforſchen, welche Zeit und Leiden bei einem Manne z1 hervorgebracht der acht bis neun Monate auf den langen Felſen⸗ de rücken herumgeſchlichen iſt und— ganz allein, in ewiger Angſt de vor Entdeckung lebend, ſich durch Krankheit, Hunger, Kälte und nd 251 Hitze fortſchleppend— weder einer Stadt noch einem Hafen nahe zu kommen gewagt, ſondern nur zuweilen unter dem dürftigen Dach einer vereinzelten Hütte ſein Haupt verborgen hat. Man füge noch hinzu, daß dieſer Mann unaufhörlich von einem Durſt verzehrt wird der brennender iſt und ſicherer zum Wahnſinn treibt, als der materielle Durſt, nämlich vom Durſt der Leiden⸗ ſchaft, geſteigert durch das Feuer das die unauslöſchliche Qual der Rachſucht mit jedem Tag hineingießt, ſo daß der Durſt zuletzt jeden Blutstropfen in den Adern auftrocknet, ohne jedoch auf länger als einige Stunden zu erſterben, wo der ermattete Körper nach der Ordnung der Natur die Trümmer ſeiner Kräfte zuſam⸗ menrafft, bis der Traum oder der wache Zuſtand verrätheriſch tauſend Gebilde von befriedigter. Rache und tauſend glückſelige Bilder in der unglückſeligen Liebe vorgaukelt, die ſeine ewige Geſellſchaft ausmacht...... Und aus dieſer heißen berau⸗ ſchenden Betäubung erwacht er wieder zum eiſigen und lähmen⸗ den Froſt der Wirklichkeit... welch eine Ruhe! Sieh nach einem ſolchen Fegfeuer von neun Monaten einen Menſchen wieder, und keine noch ſo gut angebrachte Vermum⸗ mung wird eine vollſtändigere Veränderung hervorzubringen vermögen, zumal wenn man noch die dunkle Perrücke, den langen ungekämmten gefärbten Bart und die in allen Theilen ſchmutzige Kleidung hinzufügt. Und dieſer geächtete Mann mit den eingeſunkenen Wangen, mit den tief in ihren Höhlen verſteckten Augen worin die Leiden⸗ ſchaft noch glühte, mit der ſtumpfen Müdigkeit die ſich in jedem Zug und in dem ganzen zuſammengefallenen Körper abzeichnete — gibt es wohl eine Möglichkeit in dieſem ſo elenden Weſen den feinen pommadiſirten und geſchmeidigen Wilhelm Holt wieder zu erkennen, deſſen erſte Bekanntſchaft wir machten, als er auf demſelben Fahrwaſſer in Geſellſchaft des Kaufmanns Moß nach dem Fiſcherdorf fuhr, um ſeinen künftigen Aſſocié kennen zu lernen. O Zeit— welche Veränderung! Zwei Jahre für alles das... Bedarf es manchmal ſo viel, um ein Menſchenleben über den Haufen zu werfen? Bedarf es wohlk manchmal mehr als zwei Minuten dazu— oder bedurfte Holt mehr, als er am Bottnaſtrand zum erſten Mal ſeine Seele in die Unterwelt hinab⸗ gleiten ließ? Iſt der erſte Schritt gethan, ſo läßt der zweite beinahe nie auf ſich warten, denn die Folgen des erſten ſind ſelten zu ver⸗ wiſchen. Hernach kommt Verwicklung auf Verwicklung und um⸗ ſtrickt dieſe Seele, die nur ſchwach um Befreiung kämpft, der⸗ maßen daß ſie endlich vom Wunſch nach Freiheit gänzlich ver⸗ laſſen wird und ihre Erringung für vollkommen unmöglich hält, weil ſie ohne Zweifel einem voraus beſtimmten Schickſal zu folgen glaubt. Wie kann es für einen Verbrecher einen bequemeren Glauben geben als den daß er ſein Schickſal nicht ſelbſt geſchaffen habe, ſondern blos ein blindes Werkzeug geweſen ſei? Endlich jedoch kommt ein Tag, wo dieſer Glaube nicht ausreicht, um die nackte Wahrheit zu verdecken. Das iſt der Tag wo die Reue ſich einſtellt. Zuerſt lacht der Verbrecher vielleicht über dieſen Gaſt, ver⸗ höhnt ihn auf alle Arten und jagt ihn hernach weit fort. Aber welcher Freund oder Feind war je beharrlicher als die Reue? Während der langen Nacht der Verhärtung, während dieſer langen Seelennacht die unter dem blendendſten äußeren Sonnen⸗ ſchein vorhanden iſt, ſteht die Reue da und ſtreckt ihre Hand aus, um ſich dem Gewiſſen zu nähern— und dieſe Hand tappt nie⸗ mals vergeblich umher: ſie findet das Ziel. Jetzt iſt alſo das Gewiſſen eingepreßt zwiſchen ihren foltern⸗ den Fingern. Während er ſich ihrer zu erwehren bemüht iſt, tropft ein Schweißbad um das andere von der Stirne des Sünders herab ... Wie wird der Kampf jetzt für ihn enden? wird der Sieg auf der Seite bleiben wo der Abgrund am finſterſten iſt, oder 253 wird der Unſelige ſich zu derjenigen erheben wo er demüthig am Fußſchemel der Barmherzigkeit ſein Knie beugen kann? .So weit war es noch nicht mit der Seele gekommen welche die Blätter in dieſer Geſchichte beſudelt hat. Wilhelm Holt hatte jedoch auf ſeinen Irrfahrten in den norwegiſchen Gebirgsgegenden ſtarke Windhauche verſpürt welche ihn ahnen ließen was kommen könnte. Aber mit feſtem Willen hatte er ſich dagegen zu ſchützen geſucht und ſtatt ihrer die ſpan⸗ nende Furcht hervorgerufen, er könnte ertappt und zu ſchimpflicher Beſtrafung zurückgebracht werden. Wunderbarer Schacht den man Menſchenherz nennt! Wann wird er wohl durchſucht werden? Nicht einmal dann wenn der letzte Menſch den die Erde trägt; das Ende des Kampfes ſeg⸗ nend, in Staub zerfällt. Wie manchen langen und geſchlängelten Weg hatte nicht Holt zurückgelegt, um jede Möglichkeit der Erwiſchung zu beſeitigen, und dennoch— dennoch brütete er unaufhörlich über dem wahn⸗ ſinnig frechen Gedanken ſeiner Liebe noch einen Abſchied zu geben durch das Wiederſehen der verlockenden Frau, deren Bild immer gefährlicher wurde, je weiter er ſich von ihr entfernte. Und manchmal entfielen ſeinen brandheißen Augen große Thränen, wenn er ihre warme Hand zu verſpüren gemeint hatte, wie ſie ſich weich um ſeine erſtarrten Finger ſchließe. Bisweilen war er feſt entſchloſſen in ein fernes fremdes Land zu ziehen; aber wenn er ſeinen Entſchluß ausführen ſollte, ſo wußte er immer ſo viele handgreifliche Hinderniſſe aufzufinden, daß er ſich zuletzt wirklich einredete, ſeine Sicherheit gebiete ihm ein volles Jahr zu warten, ehe er ſich rühre. So viele Umwege aber auch dazu nöthig waren, ſo wußte er endlich ſich ſelbſt zu überreden, er müſſe, und ſollte es ihn Freiheit und Leben koſten, zurückkehren d. h. Emilie wiederſehen: denn was war wohl das frühere Gefühl gegen die grauſam des⸗ potiſche Leidenſchaft die ihn jetzt marterte! Nachdem der Beſchluß einmal gefaßt war, hatte er weder Raſt noch Ruhe, bevor er ſeine Rückreiſe begonnen hatte; er wurde zwar allerdings von dem Geſpenſt heimgeſucht das man Furcht nennt, aber er beſeitigte es immer mit dem Gedanken: Warum ſoll er(Hjelm) allein alles Gute genießen, während ich Nichts beſitze als Grauen und Verzweiflung! Und ſo ſtand er nach langen Monaten eines Tags wieder in einem norwegiſchen Hafen und ſchaute nach einem Segler, mit welchem er die Ueberfahrt wagen könnte. Die Begegnung mit Ragnar hatte, wie wir wiſſen, Holts Wünſche befördert. Die Geſchichte von den begrabenen Geldern war inzwiſchen eine Fabel.. Seine Arbeit auf Pinnö haben wir bereits aus der Anzeige erſehen welche den Jachtlieutenant in Thätigkeit ſetzte. Holt hatte alle Züge berechnet wie in einem Spiel. Das Unglück des Jacht⸗ lieutenants, im Fall Olagus ſein Wort hielt, ſollte auf Majken zurückfallen, die ihn(Wilhelm Holt) verſchmäht hatte, und ihr Kummer ſollte auf Moß zurückfallen, der ſein Wort gebrochen und ihn dadurch zu dem verzweifelten Schritt gegen Hjelm ge⸗ trieben hatte. Alles zuſammen konnte ſich allerdings in einen verunglückten Wurf verwandeln, aber ein Verſuch war immer⸗ hin der Mühe werth. Inzwiſchen war Holt weit entfernt zu ahnen, daß das Un⸗ glück das er herbeiführen wollte ſich ſo geſtalten würde, wie es in Wirklichkeit geſchah, und daß es ihn ſelbſt ſo viel koſten ſollte... Er konnte von ſeinem Platz aus Olagus ankommen ſehen, er konnte auch die Manöver der Zolljacht und die Bewegungen des Schmugglerbootes, als der Preiſchuß abgefeuert wurde, beob⸗ achten. Aber ſpäter mußte er leider ſehen, wie Olagus wendete und verfolgt von der Jacht, mit aller Anſtrengung ins Meer 25⁵ hinausruderte, worauf die ganze Scenerie ſeinen Blicken ent⸗ ſchwand. Erſt lang nachher hörte er den Schuß der wirklich einem von Beiden den Tod brachte. Vergebens ſpähte er in allen Richtungen nach einer Spur des Enterichs. Weder von ihm noch von der Zolljacht war das mindeſte Stückchen Segel ſichtbar..... Wohin waren alſo Beide gezogen? Alles zuſammen war wie vom Waſſer weggefegt. Stunde um Stunde entrann... die Sonne war unter den Horizont geſunken, und die nächtlichen Wolken begannen jetzt ihre Jagd an dem dunkeln Firmament. Eine große regenſchwangere Wolke ſegelte ſchwerfällig dahin in Geſtalt eines durch eine Luftſpiegelung dargeſtellten Schiffes, in deſſen Takeln und Tauen menſchliche Figuren ſich auf⸗ und abzuhalen ſchienen. Am Vorderſteven ſchwebte ein Frauenbild mit ausgeſtreckter Hand. Dies war an der Küſte keine ungewöhnliche Erſcheinung, feſſelte aber mächtig den Sünder, der in dem Luftgebilde die todte Frau aus ſeiner erſten Höllennacht zu erkennen glaubte. Und ihr Arm ſchien ihm ſo lang, ſo lang zu werden daß er ihn bald erreichen mußte, um ihn auf dieſer Fahrt durch den leeren Raum mitzuſchleppen. Er riß ſich aus den Banden der ſchrecklichen Einbildung los und zog ſich mit einem unbeſchreiblich drückenden Gefühl ins Schlafgemach der Meerfrau zurück. Er zwang ſich jetzt die Möglichkeiten zu bedenken die ein⸗ treffen dürften, und die Schritte zu denen er getrieben werden könnte, im Fall Olagus, der jetzt den Enterich commandirte, ſich zu einer langen Reiſe entſchloß. Da er inzwiſchen vor Hunger nicht länger als über den andern Tag auf der Klippe bleiben konnte und ſich früher oder ſpäter mit den Menſchen in Berührung ſetzen mußte, ſo war er genöthigt ſich hier auf dieſem glücklicher Weiſe unbeſuchten Platz der gefährlichen Beweiſe ſeines Verbrechens, des noch beinahe unberührten Geldes, zu entledigen. Und in ſeiner damaligen Gemüthsſtimmung gewährte es ihm eine wirkliche Erleichterung, als er es glücklich einer der tiefſten Spalten der Grotte anver⸗ traut hatte. Ja er dachte, es würde ihm wenig Kummer machen, wenn ſeine Finger es auch nie wieder berühren ſollten. Er zog das Elend, woran er ſich jetzt gewöhnt hatte, der Angſt vor auch nur eine einzige von dieſen in den öffentlichen Bekanntmachungen ſo genau ſpezifizirten Banknoten oder Aſſignaten wechſeln laſſen zu müſſen. Der Caſſendiebſtahl war eines jener Verbrechen ge⸗ weſen die man einzig und allein begeht, um andern Leuten Schaden zuzufügen, und hier war für Holt die Rache eine gleich ſchwere Laſt geworden, denn dieſe Gelder hätte er bald an ſich reißen bald wegwerfen mögen. Nachdem er einige Steine an den Verwahrungsort geſchoben, legte er ſich auf die eiskalte Felſenplatte welche die ſogenannte Schlaf⸗ ſtelle der Grotte ausmachte. Befreit von den ſo oft fiebererregen⸗ den Geldern, glaubte er jetzt möglicherweiſe ſchlafen zu können — ſchlafen nach der ermüdenden Fahrt auf dem Enterich und den letzten Stunden qualvoller Spannung, welche ſogar den eigent⸗ lichen Zweck ſeiner Reiſe in den Hintergrund gedrängt hatte. Aber weit entfernt Ruhe zu finden, rieſelte es ihm bei der Berührung mit dem feuchten Felſenbett eiskalt durch Mark und Beine. Und wenn er ſeine Blicke auf den überhängenden Thür⸗ ſtein warf, da fürchtete er, dieſer könnte herabſtürzen und ihn lebendig in dieſes Grab einſperren, wo ſeine Stimme ungehört erſterben und kein Menſch ihm zu Hilfe kommen würde. Dieſer Gefahr durfte er ſich unmöglich ausſetzen. Er mußte wieder hinaus und ſpähen. Ragnar konnte ihn nicht verlaſſen... aber Ragnar war jetzt nicht ſein eigener Herr... und auf dem Waſſer zeigte ſich nicht die mindeſte Spur von einem Boot, nicht der mindeſte Ton von einem Ruderſchlag war zu vernehmen. Und die ganz kleine Weinflaſche hatte er in ſeiner Gedanken⸗ 257 loſigkeit mehr als zur Hälfte ausgetrunken, und von dem Zwie⸗ back hatte er mehr als die Hälfte bereits verzehrt. Ein Mittageſſen— wie man es auf dem Boot hätte haben können— hatte er Uicht eingenommen, denn die Unruhe und Müdigkeit hatten das Bedürfniß nach Nahrung verdrängt. Aber jetzt, da er wußte daß er Nichts bekommen konnte, meinte er be⸗ reits die Hungerqualen zu verſpüren die ſich den andern Qualen beigeſellen würden. Und im Fall irgend ein Fiſcherboot ſichtbar wurde— durch das Spiegelglas der Einbildungskraft erblickte er es bereits— ſo bebte er und meinte, er dürfe es unmöglich wagen zu rufen und um Hilfe zu flehen, denn wenn er ſich auch darauf verließ daß man ihn nicht erkennen würde, ſo konnte er doch unmöglich darüber befriedigende Auskunft ertheilen, wie er an dieſen Ort und in dieſe Lage gekommen ſei. So nahte allmählig der dunklere und myſtiſchere Theil der Nacht heran. Er hatte ſich auf eine der unteren Platten der rothen ab⸗ geſchliffenen Klippe geſetzt und ſchaute in dumpfer Gedankenloſig⸗ keit auf das Waſſer hinaus, wo kaum ein zuckender Floßenſchlag die Stille unterbrach. Nur dann und wann ſchwebte ein un⸗ ruhiger Seevogel durch den Raum und ſtieß ein wehmüthiges Geſchrei aus, das von einem auf gleiche Weiſe wachenden Freund beantwortet wurde. Das Waſſer auf welches Holt ſeine Augen geheftet hielt, war ſo ruhig daß es jedes Bild in ſich aufnehmen konnte. Als er aber ſein eigenes darin erblickte, da ſchauderte er zuſammen, und es überkam ihn ein tiefer Jammer um den ehrloſen Schand⸗ buben deſſen der enge Raum eines Gefängniſſes wartete. Aber als er ſo daſaß und über Wilhelm Holt nachgrübelte, als ob dieſer eine andere Perſon wäre als er ſelbſt, da war es ihm als ob das Waſſer ſich zu regen begänne, als ob Jemand darin plätſcherte und als ob zuletzt ein menſchliches Weſen Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 17 ——— darin auftauchte. Vor ſeinem verwirrten Blicke erhob ſich aus dem ſpritzenden Perlenregen das Bruſtbild eines Weibes das ſanft auf der leichtwallenden Fläche ſchaukelte. Und dieſes Frauenbild war ſo außerordentlich ſchön, daß der bethörte Schwärmer in Wirklichkeit nur ein einziges Weib geſehen zu haben glaubte das dieſem glich. War es nicht Emilie ſelbſt? Ergriffen, hingeriſſen, berauſcht, wollte er ſeine Arme nach dieſem Gaukelbild ausſtrecken, das einen Kranz von grünen Binſen auf ſeiner Stirne trug. Aber das Gaukelbild entwich ſchalkhaft, und ſchaukelte ſich in allen möglichen anmuthsvollen Bewegungen. Es lockte ihn zu ſich heran und ſtieß ihn wiederum hinweg. So oft er ſich dieſer Frau zu nähern ſuchte, tauchte ſie ſo⸗ gleich hinab, kam aber augenblicklich auf der Seite wieder empor und ſetzte ihr grauſam neckiſches Spiel fort. „Bin ich nicht ſchon genug gemartert? ſoll dieſer Traum oder dieſe Wirklichkeit, dieſe verdammte Phantaſie mir die letzten Funken von Vernunft rauben die ich noch beſitze..... Emilie, Emilie, einſt— bald— befreiſt Du Dich nicht ſo leicht aus dieſen lebendigen Armen, denn ſie wollen Dich feſſeln... Ein einziges Mal muß Dein ſtolzes Herz an dem meinigen ſchlagen. Ich will nicht alles das vergebens erlitten, ich will nicht alles das umſonſt gewagt haben. Man ſetzt nicht Alles an einen einzigen Wurf, ohne irgend einen Gewinn erzielt zu haben... Ach, Elender, Elender, Du ſollteſt den Muth beſitzen ſie zu tödten, ſo daß er ſich ſein ganzes langes Leben hindurch ſehnen müßte wie ich.“ Er barg ſeine Augen in ſeinen Händen, um dem gefähr⸗ lichen Anblick zu entgehen, der ſeine Seele auf Wegen entführte wo ſie noch nicht geraſtet hatte. Aber er nahm bald dieſes Gitter wieder hinweg das ihm Nichts zu verbergen vermochte, denn er ſah durch ſeine Hände hindurch. 59 „Hinweg, Blendwerk!... Das i*ſt ſie ſelbſt... O, wenn ſie mir einmal ſo zuwinkte, wenn ſie mich einmal ſo ſanft an⸗ blickte... Ha, war es nicht an einem Morgen.. Morgen in dem dunkeln Magazin.. hör geſchenkt, wenn ich ihr damals gebracht hätte, ſo würde ſie mir verziehen und ein Fünkchen Barm⸗ herzigkeit gezeigt haben... Aber mein Stern war für immer in ſchwarze Wolken getreten... für immer? Reue— ich kann dieſes Wort nicht ausſtehen, Reue wäre es umzukehren, ohne ſie geſehen zu haben.. immer Zeit... immer Zeit.. „Die Luft iſt auf dieſer Seite ſo heiß, ſo ſchwül! Wenn ich auf die andere hinübergehe, ſo wird mich das Gaukelſpiel wohl nicht mehr verfolgen.“ Dieſe andere Seite der Klippe hatte eine ſenkrecht abfallende Wand die in der Tiefe verſchwand. Und auf dem Plättchen wo Holt jetzt ſtand, hätte er nur um einige Zoll auszugleiten gebraucht um ſelbſt unten zu verſchwinden. Mit gekreuzten Armen ſtand er da und blickte über die jähe Fläche der Wand hinab. Er begann ſchwindlig zu werden. Hier war nicht der Meerfrau feſſelndes Bild, aber da unten lag des alten Charon Nachen, bereit Seelen zu dem Lande hinüber⸗ zuführen wohin keine Steckbriefe kommen. War ihm dieſer Gedanke neu? hatte er ihn nicht tauſend⸗ mal gehabt unter den Stromwirbeln und Abgründen des Gebir⸗ ges? Hatte er nicht einſchlummern gewollt, um nicht mehr zu erwachen... Aber erwachte man nicht dennoch... und erhielt man nicht eine Vorladung vor einen andern Richterſtuhl?... Nein, es war nicht der Mühe werth im Sch zu entſchlummern. Aber jetzt... jetzt... dieſes Waſſer, dieſes ſo ruhige, 260 laue, winkende Waſſer, wo ſo ſchöne Erſcheinungen lebten..... Nein, o nein, wenn auch die Fahrt noch ſo verlockend und ſchön wäre, ſo müßte man doch zuletzt an dem verhängnißvollen Strande landen... O, wenn nur mit der Reiſe ſelbſt Alles aus wäre, wenn kein Hafen wartete, dann könnte Alles gut ſein... aber jetzt.. „Ich möchte es doch verſuchen, wie es ſich empfindet, wenn man einen ſolchen Gedanken ins Werk zu ſetzen anfängt..... 7 Er beugte ſeinen Körper mit einer wellenartigen Bewegung über die Tiefe hinab. „Uh... Das war ein unheimliches Gefühl, aber merk⸗ würdig nervenſpannend...... Kein Boot— noch keine lebendige Seele... Er ſtreckte ſich langſam hinaus...„Siehe da... Wilhelm Holts Spiegelbild zeigt ſich wieder da unten. Dieſes Bild bezeichnete einſt einen unſchuldigen Knaben! Jetzt iſt es das Bild eines vogelfreien Mannes, eines Diebs, eines verachteten verabſcheuten Geſchöpfes....... Ich muß Dich noch näher betrachten, armer Wilhelm Holt“. Wiederum beugte er ſich noch weiter hinaus über die abgeſchliffene Klippe. Aber diesmal hatte er das gefährliche Spiel nicht gut be— rechnet. Das heftige Platſchen das die Stille auf dem Waſſer unter⸗ brach, gab zu erkennen daß Wilhelm Holt in Wirklichkeit den kurzen Weg zwiſchen dem feſten Land der Meerfrau und ihrem Wogenreich zurückgelegt hatte. Da unten lag der Nachen bereit. Charon ſtreckte ſeine Hand aus. Am folgenden Tag, als Schiffer Ragnar nach vollbrachter Arbeit zurückkam um den Geächteten von ſeiner langen Wache abzulöſen, war die Klippe leer. —;;—. 7 De ſchön rande wäre, aber wenn „.1 gung merk⸗ keine Siehe nten. Jetzt eines Dich erum ppe. be⸗ nter⸗ den prem reit. hter ache 261 Siebentes Kapitel. Was die Alten dachten und was ihr Penſionär erzählte. Um die gewaltige und gefürchtete Uhuklippe ſpielten noch ſanfte Sommerwellen, lieblichen Kindern gleich die auf dem Fuß des ernſten Vaters ſchaukeln. Draußen auf dem Fjord, in einiger Entfernung von ihrer Hütte, ſaßen die beiden Cameraden, beſchäftigt aus der großen Vorrathskammer des Meeres ihr Mittageſſen heraufzuholen. ⸗ Gädda hatte ſo eben einen Dorſch heraufgeholt den er für würdig hielt als Winterproviant aufbewahrt zu werden, und der Lootſenvater ſteckte juſt einen Köder an die Angel. Aber alles das geſchah mit einer bei den alten Männern ungewöhnlichen Langſamkeit. Als der Lootſenvater ſeine Angelſchnur geſenkt hatte, ſagte er appellirend zu Gädda: „Meinſt Du nicht daß wir bald heimfahren ſollten? Wir haben vorläufig genug und dieſe Aufregung läßt mir keine Ruhe. Das iſt das Wort.“ „Accurat wie bei mir. Wo ich gehe und ſtehe, und wo ich liege und ſitze, habe ich die ganze Bataille vor meinen Augen.“ Der Lootſenvater ſtieß einen Seufzer aus und zog zuweilen an der Schnur. Gädda fuhr bedächtig fort: „Olagus war— das läßt ſich nicht leugnen— ſehr ehren⸗ haft gegen mich, als ich als Abgeſandter auf Rechnung des Pa⸗ trons Hjelm bei ihm war. Ein kleiner König in den alten Zeiten, wo hier noch rings um die Ufer her Seekönige waren, hätte ſich nicht höher in der Selbſtachtung halten und dennoch nicht herablaſſender gegen andere Leute zeigen können, als der große —— Mann auf Mörkö, wenn er gerade in der Laune war daß er Jemand neben ſich duldete.“ „Er war ein grauſamer und kühner Mann,“ antwortete der Lootſenvater,„und dabei ein ſehr gefährlicher Mann, weil er alle ſeine Untergebenen in ſolchem Reſpect hielt, daß ſie es nicht wagten ſich gegen ihn aufzulehnen, wenn ihre Sache auch noch ſo gerecht war.“ „Aber,“ fiel Gädda ein,„er war doch kein böſer Mann, nein, das war er wahrlich nicht. Er war als Sohn gegen ſeinen Vater ſo gut, wie nur ein Vater ſichs wünſchen kann, auch hat er Niemand betrogen außer natürlich die Zollkammer, und das kann man ihm jetzt nicht beſonders hoch anrechnen.“ „Er war was er war,“ verſetzte der Lootſenvater,„und ich denke, unſere Herzen könnten ſich um ſeinetwillen tröſten mit dem heiligen Verſprechen des Herrn, daß im Himmel mehr Freude ſein werde über einen Sünder der umkehre und ſich beſſere, als über diejenigen die keiner Beſſerung bedürfen. Und bereut hat er, das hat Tuve ganz beſtimmt verſichert. Und dasſelbe haben auch Ragnar und Börje geſagt. Börje, der ein einfältiger und ehrlicher Burſche iſt, würde in einer ſo wichtigen Sache nichts Anderes ſagen wollen als was in Wahrheit geſchehen iſt.“ „Ich verſtehe was Du meinſt, Lootſenvater, mit der Rede daß wir uns um ſeinetwillen tröſten können. Aber es iſt mir beinahe als ob ich mich darüber ſchämte daß meine meiſten Mitleidsgedanken dem Lieutenant angehören.“ „Alſo ſchämſt Du Dich, Gädda?“ „Das iſt allerdings das Wort. Man ſollte ſich doch gewiß mehr über das Unglück ſelbſt betrüben, als über denjenigen der es angerichtet hat.“ Der Lootſenvater ſchwieg und zuckte fortwährend an der Angelſchnur... Es war augenſcheinlich daß ſeine Gedanken nicht bei dem Fiſch verweilten. —p— G— SG G S S—,, 3 er tete weil es auch ann, inen hat das 263 Auch Gädda verſank auf einige Augenblicke in Stillſchweigen. Als er wieder zu reden anfing, geſchah es mit unſicherer Stimme. „Ich bin mit mir ſelbſt nicht im Klaren, Camerad, ſondern gleiche einem Mann der mit ſich ſelbſt disputirt. Wenn ich mich nicht auch davor ſchämte, ſo würde ich über den Lieutenant weinen wie ein Kind. Denn man kann wohl begreifen daß es ihn ſchwer und unerträglich in der Seele brennen muß. Aber Olagus von Mörkö war doch derjenige der fiel, und ich hatte mäch⸗ tige Gedanken von dieſem Mann, er war ein ſehr großer Mann.“ „Höre, Gädda, Du kannſt einem Manne der über dieſe Dinge hin- und hergedacht hat wohl glauben, daß derjenige der das Unglück angerichtet hat nicht der Lieutenant iſt, ja auch nicht einmal Olagus ſelbſt, weil er nur im Zorn und Rauſch gegen alle Gebote Gottes und des Geſetzes ſich verſündigte; ſondern demjenigen will ich die Schuld beimeſſen der in ſeinem Kopf dieſe gemeine Anzeige ausdachte, die zwei Männer zuſammen⸗ brachte, von denen der Eine geſchworen hatte daß bei der näch⸗ ſten Begegnung der Eine oder Andere ſterben müſſe; und über⸗ dies war der Lieutenant gezwungen für König und Krone zu gehorchen.* „Das ſind Wahrheitsworte, Lootſenvater. Was Einer alſo thut, das thut er nicht für ſich ſelbſt, ſondern für die Majeſtät die auf dem Throne ſitzt und ihre Gebote und Befehle ertheilt, wie ſie es beſtellt haben will.“ „Ganz richtig. Auch ich,“ fuhr der Lootſe fort,„bin ein Diener der Krone geweſen und kann daher in dieſer Sache am beſten urtheilen. Würde Einer nicht die Flagge und Ehre der königlichen Majeſtät, welche die Ehre des Landes iſt, vertheidigen, ſo könnte ja der nächſte Beſte ohne Weiteres ſolche Männer welche die Flagge zu führen haben überfallen, dann gäbe es ja kein Geſetz, keine Gerechtigkeit, kein Recht und keine Ehre mehr, ſondern man käme zu jener alten Zeit zurück von der Du mir geſagt haſt, wo Jeder ſich ſein Geſetz und ſein Recht nach eige⸗ 264 nem Wohlgefallen ſelbſt nahm und ausübte, ſo daß ehrliche Leute weder in ihrem Leben noch in ihrem Eigenthum geſchützt waren.“ „Herr Jeſus,“ rief Gädda,„wie mir das die Wolke in meinem Gemüth erleichtert, wenn ich Dich höre! Ich kann Dir wohl ſagen, ich glaubte, Du würdeſt die Sache von einer andern Seite aufnehmen. Eines Menſchen Tod iſt doch immer eines Menſchen Tod.“ „Da kannteſt Du mich nicht recht, Gädda. Willſt Du mein rechtes Glaubensbekenntniß haben, ſo lautet es ſo, daß der Lieute⸗ nant mit ſeiner geſetzlichen That eher zu lang als zu kurz ge⸗ wartet hat. Wenn die andern Burſche denen Olagus Gehorſam anbefahl nicht ihre Würfe berechnet, ſondern Pelle und Sven getroffen hätten— und das hätte ganz leicht geſchehen können aus Zufall, wie es die Leute nennen, als ob nicht der allmäch⸗ tige Herr alle Zufälle in ſeiner Hand hielte— ſo hätte ſich der Lieutenant mehr vorzuwerfen gehabt hier in der Welt, wenn er gerettet worden wäre, und in der andern Welt, wenn er jetzt mit Schiff und Mann auf dem Meeresgrund läge. Sicherlich wäre es des Olagus Abſicht geweſen die Jacht zuletzt zu ver⸗ ſenken. Eine ähnliche That iſt hier in den Scheeren zur Zeit Carls XII. vorgekommen, und da gab es einen langen Proceß wegen der Sache. Die Männer— denn es waren ihrer zwei, Vater und Sohn— wurden viele Jahre nachher, auf die Anzeige eines närriſchen Jungen der mit dabei war, feſtgenommen und mußten die Todesſtrafe erleiden. Aber nachdem jetzt dieſe traurige Geſchichte vorgekommen iſt, ſo wird ſie wohl auf lange Jahre Schrecken unter die übermüthigen Leute bringen, ſo daß man auf einem friedlichen Waſſer vor ſolchen wilden und meiſterloſen Geſellen Ruhe haben kann wie daheim vor ſeiner Thüre.“ „Du hältſt nicht oft große Reden, Lootſenvater, aber wenn Du es thuſt, ſo thuſt Du es wie ein rechter Mann, denn das fühle ich im Herzen und in der Seele. Und jetzt wage ich mich mit der Frage hervor die ich ſchon lange in meinen Gedanken ———.. in das ich ken 265 gehabt, aber noch zurückgehalten habe: meinſt Du daß der Lieute⸗ nant nach dieſer Geſchichte eben ſo gut ſchlafen könne wie früher?“ „Wäre ich es geweſen der an ſeiner Stelle die That aus⸗ geführt hätte,“ erklärte der Lootſenvater,„ſo würde ich mit der heiligen Macht des Herrn ganz gut geſchlafen haben, nachdem ich zur Ehre und Heiligkeit des Geſetzes meine Pflicht vollbracht hätte. Aber ſo ein junger Mann wie der Lieutenant wird, das läßt ſich leicht begreifen, auf lange Zeit ſeinen rechten Schlaf nicht wieder bekommen.“ „Nein, ganz gewiß nicht,“ ſeufzte Gädda. „In der Jugend,“ fuhr der alte Lootſe fort,„wird man immer ſo leicht gerührt. Das Gemüth hüpft da ſchneller als ein Vogel in der Luft fliegt, und ſieht ſchwarz und roth unter⸗ einander, beſonders aber ſchwarz, wenn man glaubt, irgend ein Zweideutigkeitspunkt ſei noch nicht ganz ins Reine gebracht. Es braucht ja nicht gerade eine Gewiſſensſache zu ſein.“ „Dann wird er ja immerwährend leiden müſſen?“ Dem alten Gädda machte dieſe Ausſicht augenſcheinlich viel Schmerz. „Er wird ſich ſeiner Zeit beruhigen— zweifle nicht daran — und da wird er einen Troſtesanker haben in dem Gedanken, daß die Strafe des Olagus, die jetzt ſchnell vorübergegangen iſt, eben ſo ſchauerlich geworden wäre wie die der Haraldsſöhne — ich meine, ſo hießen die Männer von denen wir eben ſprachen — im Fall ihm ſein Plan auf die Zolljacht gelungen wäre. Und hoch und ſteif, wie Olagus in ſeinem Herzen war, iſt er gewiß lieber und freudiger durch einen Schuß geſtorben der ein Ehrentod iſt, als daß er ſich hätte hängen oder köpfen laſſen, wie man es Uebelthätern zum Schrecken und zur Warnung für Andere anthut.“ „Ja,“ antwortete Gädda,„auf dieſe Art iſt es beſſer wie es iſt, das kann man ſchon zugeben. Aber ich ſehe doch nicht ein, wie das dem Lieutenant zu einem beſſern Schlaf helfen kann. Ich ſelbſt kann kaum leben vor Kummer um ihn und um ſie, die wir noch gar nicht zu nennen gewagt haben, unſere — 266 Maiblume. Der Herr habe ſie im Segen früh und ſpät, denn nach einem ſolchen Weib kann man lange ſuchen.“ „Still, Gädda, ſtill, wir müſſen uns zur vollen Beſinnung ſammeln, ehe wir in unſern Gedanken weitergehen. Ich habe eine garſtige Ahnung welche mir ſagt, daß Moß jetzt die Gelegen⸗ heit benützen werde um das Capital und Zins von der Schuld zurückzufordern welche der Lieutenant gemacht hat, als er zu dem großen Vorſchlag Nein ſagte.“ „Den hätte er aber auch annehmen können, dann brauchte er jetzt nicht wachend dazuliegen oder bei der Nacht aus dem b Schlaf aufzufahren. Ach, ach, wenn er es nur gethan hätte!“ „Darüber werden wir nicht einig, Bruder, wie wir es auch 8 betrachten wollen. Willſt Du ihn auch jetzt darum tadeln, daß er nicht ſogleich bereit war nach dem Willen Anderer und um 4 weltlichen Gewinns willen von dem Dienſt wegzulaufen dem er d Treue geſchworen hatte? Was Einem gehört, hat keine Macht über Einen, und man kann das nicht recht beſorgen und ſich hinein verſetzen, wenn man nicht feſt dabei ſteht, ſondern mit ſ jedem Windſtoß der von einer andern Seite kommt davonläuft. Man muß ſich betrachten, als ſtände man auf dem Kriegsfuß 1 für den Lebensberuf an welchen man ſeine Hand gelegt hat. Man muß ihn verbeſſern, vertheidigen und ehren, aber man darf ihn nicht verlaſſen, wenn man nicht Gewiſſensgründe hat. li Diene ich dem König und dem Land, ſo muß ich in meinem Harniſch ſtehen und fallen. Und jetzt, hoffe ich, iſt der Lieutenant 1 ſo rein gewaſchen daß Du ihn auf klarem Grund haſt.“. S ;.. r 3 „Ja, in meinen Augen war er es ſchon längſt, obſchon Du ni mir die Sache jetzt erſt recht gedeutet haſt.“ „Nun, wenn jetzt Jemand aus Bosheit ihm den Rücken kehren 1 wollte, dann würde ich ihm beide Hände reichen und dafür 3 danken, daß er nicht mit der Jacht umkehrte und die Zollkammer ſr nebſt der Majeſtätsflagge zum Spott und Hohn im Munde der de Leute werden ließ. Und was wäre dann aus Ordnung und W 267 Schicklichkeit geworden? Die Zollwächter wären unter den Befehl der Schmuggler gekommen, ſtatt daß die Schmuggler unter Auf⸗ ſicht der Zollwächter ſtehen müſſen.“ „Nun, nun, Lootſenvater, Du mußt nicht böſe über mich werden. Es iſt die reine Tageswahrheit daß ich blos deswegen geſtritten habe, weil ich zur recht feſten Ueberzeugung kommen wollte daß ich ohne Gewiſſensunruhe dem armen Lieutenant meine herzlichſten Gedanken weihen könne. Und jetzt glaube ich daß ich dies in aller Ehre thun kann, denn hätte Olagus den⸗ noch wegen ſeiner ungeſetzlichen That ſterben müſſen, ſo war es ſchöner auf ſeinem eigenen Boot als ein gefallener Krieger ins Paradies zu reiſen, als mit dem Scharfrichter am Ruder dahin⸗ zufahren, denn dann wären auch der Lieutenant und die zwei Andern ſchon vor ihm dageweſen, was Gott ſei Dank jetzt nicht der Fall iſt.“ Der Lootſenvater nickte mit ruhiger Würde. Darauf ſagte er: „So ſind wir alſo einig... Denke jetzt Du, der Du ſo ſchlau biſt, darüber nach, wer wohl dem Lieutenant die Anzeige geſchickt haben kann. Wer dies gethan hat, der iſt, wie ich be⸗ reits geſagt habe, der wahre Urheber des geſchehenen Unheils.“ „Ich will meinen Fleiß anwenden um das zu ſtudiren. Ich glaube nicht daß, ſeit Holt das Feld geräumt hat, eine ſolch arg⸗ liſtige Niederträchtigkeit von irgend einem Andern hier ausgedacht werden könnte. Aber ehe wir an unſerer Klippe anlegen, ſage mir noch Etwas. Wie kann es denen ergehen die mit beim Schmauſe waren? Geſtern traf ich Ragnar, und er war ſo niedergeſchlagen und ſo verſtimmt, daß es ganz ausſah als hätte er gewaltig Angſt vor der Feſtung.“ „Ich kann,“ antwortete der Lootſenvater,„nicht ſo genau ſagen, wie die Strafe ausfallen wird; aber daß ein ſchrecklich ſtrenges Gebot für diejenigen vorhanden iſt welche die Schiffe der Krone überfallen, das weiß ich. Ich glaube, Du ſagteſt das Wort, als Du von der Feſtung ſprachſt. Aber einer Sache 268 bin ich ganz gewiß und ſicher, wie wenn ich jedes Wort hörte was der Lieutenant drüben in Göteborg ſagte, nämlich daß er überall wo er kann mildern und ſtreichen wird. Olagus war das Haupt der Glieder, und das Haupt muß für ſeine Schuld einſtehen, obſchon Olagus jetzt todt iſt.“ „Ja, er wird gewiß Alles thun was er im Wege der Ver⸗ ſöhnung thun kann.“ „Er hat Nichts zu verſöhnen,“ berichtigte der Lootſenvater, welcher der ſtrengſte Geſetzeserfüller von Allen war,„ſondern was er thut, das geſchieht zur Freude ſeines eigenen ehrlichen Herzens und zum Troſt für diejenigen die ihn ſegnen werden, wenn ſie nicht ſchwer büßen müſſen für die ſonderbare Schwach⸗ heit, daß ſie ihre Köpfe und Hände von andern Leuten haben regieren laſſen.“ Nach dieſer entſcheidenden Erklärung entſtand eine Pauſe, zu deren Unterbrechung keiner von Beiden große Luſt verrieth. Ungefähr eine Stunde nachher hatten die Alten an ihrer feſten Burg gelandet und ihr Mittagsmahl verzehrt, während eine träge Windſtille durch die Luft der Hütte ſich zog. Jetzt ſah Gädda auf die Wanduhr. 8 „Wollen wir uns jetzt nicht über unſer Geſchäft beſprechen? Er kann jeden Augenblick hier ſein.“ Der Lootſenvater antwortete mit ſeinem gewöhnlichen Nicken. In ganz belebtem Ton fuhr Gädda fort: „Ich ſegne Dich von Herzen, Bruder Camerad, daß Du darauf gekommen biſt. Wenn ich nur daran denke, ſo ſteigt mir die Herzensfreude ins Gemüth.“ „Da der Herr Jeſus Chriſtus in ſeiner Gnade,“ ſagte der Lootſenvater,„uns zu dem kommen ließ was für uns ein Reich⸗ thum iſt— denn wir zwei alten Burſche lebten ja ganz gut, ehe der Ehrenmann, Capitän Geiſtern, uns mit einer Penſion be⸗ der ehe 269 ſchenkte die für mich die dritte iſt— ſo wäre es Sünde und Schande, wenn wir davon nicht einen ſolchen Gebrauch machten der dem rechten Geber in der Höhe wohlgefällig ſein kann.“ „Das iſt auch meine Meinung. Zwölf Reichsthaler ſoll er haben für Weib und Kinder— das iſt das Wort. Und wenn Du mit ihm geredet haſt und ich ebenfalls, ſo hoffe ich daß wir ihn auf den Weg bringen können, nach welchem unſer Dichten und Trachten ſteht, denn es iſt durchaus nichts Böſes an ihm. Und wenn man annehmen wollte daß Einer in ſeine Seele hinabtauchen könnte, wie man in den Meeresgrund nach verun— glückten Dingen hinabtaucht, ſo iſt meine Meinung daß man das Eine und Andere heraufholen könnte was in vollkommen gutem Stande iſt und bei einiger Arbeitſamkeit zu großem Nutzen ge⸗ reichen könnte.“ „Das waren ſchöne Gedanken, Gädda. Und wir wollen ſo allmählig hinuntertauchen und das Werk nicht zu haſtig an— greifen... Aber jetzt habe ich eine Sache die ich Dir anver— trauen will. Dieſe Zahl zwölf will mir nicht recht hinunter. Ich habe einen Hintergedanken darüber.“ „Was meinſt Du damit, Lootſenvater? Ich bekomme aller⸗ dings oft Hintergedanken über das Eine und Andere, aber Du beſinnſt Dich immer gleich von Anfang an ſo wohl, daß ich nicht begreife wie Du mit vergeſſenen Waaren hintendrein kommen kannſt... Das iſt jetzt gewiß irgend ein Irrthum.“ „Du wirſt ſchon ſehen, mein lieber Gädda, daß Du nicht ſo großmüthig gegen mich ſein darfſt... Ich bin deshalb zu meinem Bedenken darüber gekommen, weil es, da ich ſelbſt zwölf Reichsthaler Penſion von der ſchwediſchen Krone habe, nicht recht paſſend ſein würde, wenn er, der unſere Penſion empfängt, ge⸗ rade dieſelbe Summe erhielte.“ „Davon begreife ich kein ſterbendes Wörtchen— nein, wahr⸗ haftig nicht.“ „Denk Dir, wenn er nicht ganz ſtill bliebe, ſondern die Sache ruchbar würde, ſo könnte es ja ausſehen, als obeich auf irgend eine Art die Krone ſchmähen wollte, weil ſie einem Lootſen⸗ älteſten der ſeinen Leib in ihrem Dienſt aufgerieben nicht mehr gegeben habe.“ „Nun, ich meine, die Krone hätte es ganz gut verdient, wenn man davon ſpräche. Ich würde mich auch gar nicht weiter darüber grämen, wenn es in den Göteborger Handels⸗ und See⸗ fahrtsnachrichten käme. Denn dort gibt es Leute genug die zur rechten Zeit ein paar Worte ſchreiben können.“ „Der liebe Gott bewahre uns vor dergleichen!“ ſagte der Lootſenvater andächtig.„An dem Tag wo es in Rede, Schrift oder Druckſprache geſagt werden könnte, ich habe ungebührlich von der Majeſtät geſprochen, möchte ich nicht mehr auf der Erde wandeln, und noch weniger möchte ich daß ſie es ſagten, wenn ich einmal unter ihr läge. Ein Geſchrei in ſolchen Dingen nützt zu Nichts. Die Krone hat viele Leute zu belohnen und zu pen⸗ ſioniren, und ſchlimmer als mit mir, der ich die Fiſche in der See habe, ſteht es mit all den abgedankten Kriegsmännern auf dem Lande, von denen man ſagt daß es ihnen hart genug er⸗ gehe. Aber wie dies auch ſein mag, ſo muß man dennoch die Krone ehren, denn es iſt das Geſetz des Höchſten daß man ſie in Achtung halten ſoll. Und wenn es ihr möglich iſt, ſo wird ſie gewiß auch ſo viel Achtung vor ſich ſelbſt haben, daß ſie Jedermann das Recht anthut das ſie thun kann... Und nun, Gädda, laß uns zurückkommen auf meinen Hintemgedunken und auf die zwölf Reichsthaler.“ „Wenn Dich nichts Anderes quält, ſo kann ich Dich auf der Stelle beruhigen und den Streit ſchlichten.“ „Wie ſoll dies zugehen?“ „Bin ich nicht der Mitbeſitzer der Fünfzigthalerpenſion vom Capitän Geiſtern? Denn obſchon wir es als Eins rechnen, ſo ſtehen wir doch im Penſionsbrief als zwei. Begreifſt Du jetzt nicht daß es zwei ſind die geben?“ — 271 „Nun, das iſt ein Segen des Herrn daß Du dieſe Laſt von mir genommen haſt. Jeder von uns gibt ihm alſo ſechs Reichsthaler.“ „Das iſt nicht viel, aber wenn wir den zwei armen Lootſen⸗ wittwen ebenfalls geben ſollen, ſo will es nicht zu mehr aus⸗ reichen. Du meinteſt, Lootſenvater, daß ich nicht erfahren würde was Du im Stillen und von Deinem eigenen Antheil thun wollteſt,“ fügte Gädda mit ſchlauem Blinzeln hinzu,„aber Du ſollſt erfahren daß ein alter Schlaukopf wie ich ſich nicht ſo leicht beluchſen läßt. Und ich will bei dem Einen ſo gut dabei ſein wie bei dem Andern. Das iſt das Wort.“ Der Lootſenvater ſah ganz verlegen aus; war er doch aͤuf friſcher That ertappt worden, daß er vor ſeinem Bruder und Cameraden ein Geheimniß gehabt hatte! Aber es kam zu keiner Erklärung; denn jetzt ging Jemand außen auf dem Felſen, und gleich darauf trat der Fremden⸗ fiſcher ein. „Ich grüße Euch mit großer Verehrung und Gottes Frieden, alte Ehrenmänner! Ihr habt mir Bootſchaft geſchickt daß Ihr mit mir ſprechen wollet.“ „So war es,“ antwortete der Lootſenvater.„Setz Dich, Tolle.“ Darauf fragte Gädda, was Tolle in der letzten Zeit unter⸗ nommen habe. „Was kann Einer wohl nach dieſer Geſchichte noch unter⸗ nehmen?“ antwortete Tolle ganz ſchwermüthig.„Ich möchte wohl wiſſen, wer ſich jetzt noch mit Schmuggeln an Bord legen wollte, nachdem der Oberſchmuggler ſelbſt nach ſeiner letzten Fahrt hat beidrehen müſſen. Das war eine Geſchichte, wie man ſo bald keine mehr hören wird, das will ich behaupten.“ „Hätteſt Du die Fahrt mitmachen mögen, Tolle?“ fragte der Lootſenvater. „Danke für die Frage. Aber wahrhaftig ich glaube, ich hätte nicht gewollt, denn dann ſtände es noch ſchlimmer um Pernilla und die Kinder. Man ſagt, das Spiel könne den Leu⸗ ten die Olagus in ſeinem wilden Uebermuth beigeſtanden ſind theuer genug zu ſtehen kommen.“ „Ich fürchte es,“ antwortete Gädda.„Aber laß hören, was die Leute noch mehr ſagen. Auf welcher Seite ſteht das Recht?“ „Das Recht?“ wiederholte der Fremdenſiſcher, ſichtlich ganz verwundert über die Frage.„Wurde nicht der Lieutenant über⸗ fallen? Er konnte ſich doch nicht todtſchlagen laſſen wie ein Hund. Ob er innerhalb des Geſetzes blieb oder darüber hinausging, das iſt mir ganz gleich, denn ich hätte es eben ſo gemacht, wenn Jemand Luſt bekommen hätte ſich an meiner Ehre und meinem Leben zu vergreifen. Und gibt es Jemand der den Lieutenant deshalb ſchmähen will, ſo iſt es nicht Tolle Persſon— dafür gehe und ſtehe ich alle Tage und in allen Zeiten und in allen Wet⸗ tern und Winden, obgleich ich ſelbſt nach dieſer Geſchichte weni⸗ ger Verdienſt bekomme als früher.“ „Der liebe Gott,“ meinte der Lootſenvater,„hat mancher⸗ lei Wege. Wenn ein ſchlechter Weg verſperrt wird, ſo kann ein beſſerer ſich öffnen. Wie war es, Tolle, bekamſt Du nicht vom Capitän Geiſtern eine Summe Gelds? Ich glaube nicht daß er eine Schuld hinterläßt.“ „Ja, die bekam ich allerdings, und ſie war anſehnlich genug — Wahrheit muß ſein. Aber, alter Vater, habt Ihr nicht nach⸗ gerechnet, wie viele Monate ſeitdem verfloſſen ſind? Bald iſt der neunte zu Ende. Sodann könnt Ihr ſo gut ſein und Euch feſt⸗ halten an dem Gedanken daß zuerſt die Großmutter geſtorben iſt. Sie mußte ehrlich begraben werden, denn ſonſt hätte ſich Pernilla den Verſtand ausgeweint, und die Alte war ſelbſt ſo ehrenhaft in ihrer Zeit daß ihr Schwiegerſohn ihr Ehre erweiſen mußte. —⸗ —5ͤͤG—ℳ oͤ 273 Deshalb ſpendirte ich neben ihrem Leichenbier ſechs Kannen Branntwein, außer derjenigen die Herr Hjelm mir ſchenkte, in der Meinung daß ſie allein ausreichen würde. Man begreift wohl daß er noch nie einen Großmutterleichentrunk zum Beſten gegeben hat, aber ich wollte ihm nicht zu verſtehen geben daß dies unmöglich ausreichen könnte, und ſo kaufte ich für baares Capitänsgeld ſechs Kannen vom Fiſcher Ragnar und noch über⸗ dies drei Maß ächten Cognac. Ich hätte die Gewiſſenskrankheit bekommen, wenn es der Großmutter zu Ehren nicht ſplendid zu⸗ gegangen wäre... Nun, zwei Monate darauf ſtarb der kleine Junge, und da es der Goldjunge der Großmutter war, ſo mußte ich zu dieſem Leichentrunk wenigſtens drei Kannen Branntwein und ein Maß Cognac haben. Und obſchon Frau Hjelm die Aus⸗ ſteuer für die Bahre und das Tractament hergegeben hat, ſo mußte man doch noch vieles Andere dazu haben. Endlich und zuletzt, alte Väter, wißt Ihr, Geld iſt Geld und die leichteſte Zug⸗ waare die man je gekannt hat. Pernilla und die Kinder ſollten Kleider haben, obſchon es bei einer ſchwarzen Schürze und einem Halstuch geblieben iſt; ſo mußte auch ich ſelbſt meiner Montirung ein wenig nachhelfen, und überdies hatte man dem kleinen Jacob eine neue Mütze verſprochen. Ich will Euch nicht länger vor⸗ rechnen— der Teufel ſoll in mich fahren, wenn ich weiß, wo⸗ hin der Reſt geſtrichen iſt, aber fort iſt er ſchon lange. Und das Schlimmſte iſt daß von dem letzteren weder das Eine noch das Andere angeſchafft worden iſt, man kann auch nicht Alles an⸗ ſchaffen. Aber es that mir doch herzlich leid um die Mütze für den Jungen, er hatte ſich ſo ſehr darauf gefreut.“ Der Lootſenvater ſaß ſtill da, aber Gädda antwortete: „Ich meine gehört zu haben, Tolle, die Großmutter habe einige Stüber hinterlaſſen.“ „Das iſt auch ganz wahr. Sie hatte mit den Rauchwürſten und dem Farbenkeſſel zehn Reichsthaler in Scheinen und ſieben Carléen, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 18 274 Reichsthaler dreißig Schillinge in Kupfermünzen zuſammengeſcharrt. Aber über das Geld hatte die Alte bereits Verfügung getroffen, ehe ſie die erſte Sproſſe der Himmelsleiter hinanſtieg. Es ſteht auf Zins bei Patron Hjelm und ſoll ein Erbgeſchenk für die Kinder werden, um ihnen voranzuhelfen. Herr Hjelm hat ver⸗ ſprochen jedes Jahr den Zins zum Capital zu legen, und ſo kann es Gott ſei Dank Etwas werden für die Kinder. Der Aelteſte, der kleine Jacob, hat ſchon von der Großmutter leſen gelernt, und jetzt kann ich mirs denken daß Pernilla ihn auch zum Buch anhalten wird... aber etwas Beſtimmtes weiß ich nicht.“ „Höre Gädda,“ begann der Lootſenvater,„ehe wir die Pa⸗ nacee bereiten und Tolle und uns ſelbſt dazu einladen... aber vielleicht haſt Du noch nicht zu Mittag gegeſſen, Tolle?“ „Doch, danke für die Frage— ich legte an Risholm an, wo ich ein kleines Geſchäft hatte, und dort erhielt ich ein Mit⸗ tageſſen.“ „Nun, fuhr der Lootſenvater fort,„ehe wir an die Panacee kommen, dachten Gädda und ich Etwas mit Dir zu ſprechen, Tolle, und zwar in einer Sache von der Du vielleicht mit Vergnügen hören wirſt.“ „Eine ſolche Rede würde für mich erfreulich und auch neu ſein— das will ich nicht verhehlen. Die Welt klemmt und drückt mich, wie ich mich wenden mag.“ „Mein lieber Tolle, wollteſt Du vielleicht zuerſt die Frage beantworten, warum Du bei dem neuen Herrſchaftshaus drüben in Spartſkär keine Arbeit geſucht haſt; dort kann Jeder wer will Arbeit bekommen, und zwar bezahlt man ſie gut, denn der Patron Moß will das Geſchäft mit großem Eifer betreiben und jedenfalls wird er auch nicht mehr ſo knauſern wie früher.“ „Seht, jetzt preßt Ihr mich, Lootſenvater, ſo daß ichs durch Mark und Bein ſpüre... Aber lügen will ich nicht vor Euch und Gädda, da Ihr ſo ehrliche Männer ſeid— und deshalb will ichs Euch gerade herausſagen, daß ich vor aller groben 275 Arbeit gleichſam eine Krankheit im Leib habe. An das Fiſchen bin ich gewöhnt, das Schmuggeln und Verſtecken macht mir Ver⸗ gnügen, aber ſolche mühſame Schweißarbeit liegt mir gar nicht im Sinn. Das iſt ein wahres Wort— Schande daß ich es ſelbſt ſagen muß.“ Mit hoher Würde und tiefem Ernſt antwortete der Lootſen⸗ vater: „Die Faulheit, Tolle, iſt Dein ärgſter Feind und bringt Dich in ſchwere Anfechtungen. Die Faulheit iſt eine garſtige Sache.“ „Ich kann nicht ſagen daß ich weiß wie alle Krankheiten heißen, aber es wäre für keinen Andern heilſam geweſen dieſer einen Namen zu geben.“ „Ei, Tolle,“ fiel Gädda ein,„das kannſt Du doch Niemand verwehren, wenn man ſieht, wie Deine brave und fleißige Frau ſich unaufhörlich abmüht um Etwas in die Kinder hinein und an ſie hin zu bekommen.“ „Wenn Ihr deshalb nach mir geſchickt habt, ſo kann ich wenigſtens ſagen daß ich gedacht hatte, es würde luſtiger werden. Es kann Einer ſeine Fehler haben, ohne daß es ihm beſondere Freude macht, wenn ein Anderer ſie in Worte ſetzt und ihm vorrückt.“ Der Lootſenvater ergriff das Wort. „Wir hätten allerdings noch mehr zu ſagen, aber ich geſtehe es, lieber Tolle, unſere Abſicht war Dich nach beſtem Vermögen zu überreden daß Du, da Du ein gutes und ehrliches Herz wie auch tüchtige Kräfte beſitzeſt, alle Arten von Geſchäften aufgeben ſollteſt die ſich nicht mit Arbeit und rechter Ehrlichkeit vertragen. Mein Camerad und ich haben ein großes und herzliches Wohl⸗ wollen für Dich gefaßt, Tolle. Könnten wir für Dein Beſtes ſo wirken wie wir gern möchten, ſo ſollteſt Du ſo geachtet wer⸗ den wie nur irgend Einer, ſtatt daß es bis jetzt mit Deiner Ehre und Deinen Thaten immer zweideutig ausgeſehen hat. Und denke Dir, welche Wohlthat es wäre, wenn die Großmutter im 276 Himmel— Gott erfreue ſie— die jetzt Pernilla's Kummer⸗ thränen darüber zählt, daß ſie keine Macht über Dich hat, ſtatt deſſen ihre Freudenthränen über das Glück zählen dürfte, daß Du eine ſolche Arbeit vornähmeſt die Gott und den Menſchen wohlgefällig wäre, und von welcher die arme Pernilla ihre Augen nicht abwenden müßte, wenn andere Weiber ſie nach der Arbeit und dem Verdienſt ihres Mannes fragen.“ Während dieſer Rede, die mit ſanfter und ſegenverheißender Stimme vorgetragen wurde, hatte der Fremdenfiſcher dageſeſſen und ſeinen Hut zwiſchen den Fingern hin⸗ und hergedrückt; aber wie er ihn auch drücken mochte, ſo fiel doch Etwas auf den Rand was er mit der umgekehrten Hand abwiſchte. „Höret jetzt auch ein Wort von mir,“ verſetzte er mit etwas gedämpfter Stimme.„Eure Predigt, Lootſenvater, iſt beſſer ge⸗ weſen als alle Predigten die ich je in meinem Leben gehört habe. Die Großmutter ſoll nicht länger, nein wahrhaftig, ſie ſoll nicht länger im Himmelreich ſitzen und Kummerthränen von der Erde aufleſen. Sie hatte genug von dieſer Art, ſo lange ſie hier war... Wißt Ihr was, ehrliche alte Männer, morgen früh gehe ich nach Spartſkär hinab und melde mich zur Arbeit. Jetzt iſt es geſagt, und ein Schelm wer ſein Wort und Ver⸗ ſprechen nicht hält! Ich habe immer zum Wahlſpruch gehabt außen an der Gerechtigkeit herumzugehen, aber von nun an will ich mich immer an die innere Seite halten.“ „Gib uns die Hand darauf,“ ſagte Gädda, indem er die ſeinige ausſtreckte. Der Lootſenvater that daſſelbe, und ſo fand es ſich daß der Fremdenfiſcher zwei Handſchläge auf Veränderung ſeines Wandels ausgetauſcht hatte. Darauf fügte Gädda hinzu: „Es iſt auch unſere Abſicht an Etwas für Deine Frau und Deine Kinder zu denken. Nicht alle Tage ſind Arbeitstage. Kein Menſch darf die Krankheitszeit vergeſſen: ſie kommt für den Einen wie für den Andern, und da geht bald das Wenige was man ——— ͤ——-— —— 1—— Sx& SS=2 S ——— 277 zuſammengeſcharrt hat darauf, wenn man Etwas hat. Deshalb haben wir wie geſagt einen Gedanken gehabt... Sag Du'’s, Lootſenvater.“ „Was ſoll daraus werden?“ fragte der Fremdenfiſcher mit frohem Erſtaunen. Denn Pernilla und die Kinder lagen ihm be⸗ ſtändig im Sinn, obſchon er ſie bisher beinahe immer mit bloßen Verſprechungen abgeſpeist hatte. „Das iſt ſo,“ ſagte der Lootſenvater.„Der Capitän Geiſtern hat uns eine Penſion dafür beſtimmt daß wir in der Nacht, wo er mit ſeinem Schiff beim Hakonbruch auf den Grund ſtieß, un⸗ ſere Schuldigkeit zu thun ſuchten, was ihm übrigens das Leben nicht gerettet haben würde, wenn nicht der Lieutenant die letzte Arbeit verrichtet hätte. Da wir nun glauben, es ſei nicht die Abſicht Gottes daß zwei Menſchen für ſich allein behalten was mehreren wohlthun könne, und da es leider gar viele Hilfsbe⸗ dürftige gibt, ſo haben wir beſchloſſen für Deine Frau und Deine Kinder eine kleine Penſion auszuſetzen, ſo daß der Eine um Weihnachten ſechs Reichsthaler gibt und der Andere zur Som⸗ merzeit. Und die Sommerzeit ſoll jetzt in dieſer Woche ſein, denn wir haben gehört daß Pernilla wieder mit Leibesfrucht ge⸗ ſegnet ſei.“ „Herr Jeſus,“ rief der Fremdenfifcher mit unbewältigter Rührung, indem er die Hände faltete,„Ihr müßt alſo zu den wahren Jüngern des Herrn Chriſti gehören von denen die Groß⸗ mutter geſprochen hat. Kein Herrenmann hat mir je ſolche Worte geſagt die dieſen Weg gegangen und mir ſo zu Herzen gedrun⸗ gen ſind. Seht, ich habe es geſagt, jetzt aber ſchwöre ich noch dazu; wird Tolle Persſon nicht von jetzt an ſtets auf ehrlichen Wegen gefunden, ſorgt er nicht redlich mit ſeiner Arbeit für Weib und Kind, ſo will er nicht für würdig angeſehen werden Euer. Penſionsempfänger zu ſein... Das Geld thuts nicht. Es ſteht ja in der Schrift: das Waſſer thuts freilich nicht, ſondern der Geiſt.. Ach, mein Gott, wie wird ſich Pernilla freuen über 278 Alles! Und jetzt ſoll der kleine Jacob eine neue Mütze für die Kirche bekommen.“ „Du haſt uns mit ſolcher Vernunft und ſolchen Worten über Erwartung belohnt,“ antwortete Gädda.„Und wenn ich nicht die rechte Sprache habe, ſo wie der Lootſenvater ſie in ſeiner Gewalt beſitzt, ſo hege ich doch einen gleich ſtarken Wunſch Dich auf unſern Wegen gehen und einen geachteten Mann werden zu ſehen. Denn ein guter Ruf iſt doch das Beſte was der Menſch auf Erden haben und das Beſte was er mitnehmen kann, wenn der liebe Gott ſignaliſirt daß es Zeit ſei zur letzten Fahrt ein⸗ zupacken... Und jetzt wollen wir alle Beide Dich wiſſen laſſen daß wir an Dein Wort glauben.“ Der Lootſenvater war ſo gerührt, daß er kaum zu ſprechen vermochte. „Ich glaube wie Gädda,“ ſagte er,„und ſpüre es in mei⸗ nem Innern daß dies in einer geſegneten Stunde geſchehen iſt ... Aber ſage es keinem Fremden. Wir ſind ſelbſt arme Män⸗ ner, und es würde vielleicht wie Hochmuth ausſehen, wenn wir gleichſam die Reichen nachahmen wollten.“ „Auf dieſe Art ahmet Ihr ſie nicht nach,“ antwortete der Fremdenfiſcher mit ſeinem alten witzigen Humor...„Aber jeden⸗ falls werde ich reinen Mund zu halten ſuchen.“ „Darauf verlaſſen wir uns.“ „Und nachdem jetzt Alles auf Treue, Glauben und Hand⸗ ſchlag abgemacht iſt,“ fuhr der Fremdenfiſcher fort,„ſo will ich Euch eine Sache erzählen um deren willen ich jedenfalls hieher⸗ gekommen wäre.“ „Was denn?“ fragten die alten Männer...„Noch,“ fügte Gädda hinzu,„iſt der Lieutenant nicht nach Hauſe gekommen, ihn kann es alſo nicht betreffen.“ „Nein, ihn betrifft es nicht... Aber ich habe in dieſen Tagen eine lange Reiſe nach Smögen hin gemacht, wo ich mich nach einer kleinen Forderung aus alter Zeit erkundigen wollte, ——————— 279 und dort erzählte man ſich, Criſtofer von den Nyckelbyholmen habe einen halbertrunkenen ſonderbaren und geheimnißvollen Mann mit hellen und dazwiſchenhinein dunkelbraunen Haaren getroffen, als er am Dienſtag früh an der Meerfrauenklippe vorbeigefahren ſei, und dort habe der Mann auf dem Geſicht gelegen, gleich als wäre er hineingefallen und hätte ſich ſelbſt wieder hinaufge⸗ arbeitet.“ „Das iſt ſonderbar,“ fiel Gädda raſch ein.„Wie konnte ein ſolcher daliegen, während man doch weder von einem Schiff⸗ bruch noch von einem ſonſtigen Unglück gehört hat?“ „War es ein Fiſcher,“ fragte der Lootſenvater,„oder ſonſt ein Mann aus unſern Gegenden?“ „Ein Fiſcher war es nicht, aber ob der Mann aus dieſer Gegend war, muß noch unterſucht werden. Da drüben ging und galt er für einen armen norwegiſchen Herrn der an der Küſte für ſeine kleinen Geſchäfte gereist ſei und, da er ganz allein ge⸗ rudert, einen Ohnmachtsſchwindel bekommen habe, ſo daß er aus dem Boot geſtürzt ſei. Ein Norweger ſoll es wirklich ſein.“ „Nun, das iſt er wohl auch?“ verſetzte der Lootſenvater. Aber Gädda's Scharfſinn hatte bereits bemerkt daß die liſſti⸗ gen Augen des Fremdenfiſchers auf einen andern Gedanken deu⸗ teten. „Sag Deine Meinung gerade heraus,“ ermahnte Gädda, „denn Du haſt eine Meinung— das ſieht man Dir an.“ „Ja, ich habe eine, aber ſie iſt nicht von der Art daß ſie ſich leicht in Worte ſetzen läßt. Ihr mögt Euch denken, alter Gädda, daß ich Euch ein Räthſel zum Errathen aufgebe— aber Ihr ſeid gut genug um den Knoten aufzufinden, wenn ein ſolcher vorhanden iſt.“’ „So laß das Räthſel hören. Ich würde hingehen und die Panacee bereiten, aber ich bin zu neugierig um warten zu können.“ „So will ich Euch zuerſt wiſſen laſſen, wenn Ihr's noch 280 nicht wißt, daß es in der Nähe der Meerfrauenklippe war, wo die Zolljacht den Kampf mit dem Enterich zuerſt begann.“ Jetzt ſpannten die Alten verwundert Ohren und Augen. „Es ſind wohl bloße Dummheiten— ich habe immer eine Menge ſolcher im Kopfe gehabt. Jedenfalls ſchadet es Nichts, wenn man ſich erinnert daß der Enterich von Norwegen herkam.“ „An was denkſt Du?“ rief Gädda.„Du deuteſt auf etwas Unmögliches hin. „Ich deute weder rechts noch links, ich ſetze blos mein Räth⸗ ſel zuſammen, und ein ſo kluger Mann wie Ihr, alter Gädda, wird ſchon damit zurechtkommen.“ „Und der Reſt?“ „‚Der Reſt iſt daß ich, als ich geſtern Abend nach Hauſe kam, ganz in der Nähe der Meerfrauenklippe ein kleines Boot erblickte. Und da ich gute Augen habe, ſo erkannte ich Ragnar und Börje. Sie waren mit Draggen beſchäftigt; aber ob ſie nach Menſchen oder nach Cognacankern draggten, das will ich ungeſagt ſein laſſen.“ Als der Fremdenfiſcher ausgeſprochen hatte, betrachteten der Lootſenvater und Gädda ihn mit namenloſem Erſtaunen. „Das iſt unmöglich,“ ſagte der Eine. „Es iſt unmöglich,“ ſagte der Andere...„aber die An⸗ zeige beim Lieutenant war ein Schurkenſtreich... Nein, es iſt dennoch ganz unmöglich.“ „Nun, wenn es ſo ganz unmöglich iſt, ſo kann man Nichts weiter dabei machen,“ meinte der Fremdenfiſcher.„Sonſt aber glaube ich nie daß ſie nach Cognac draggten, denn es fiel Ola⸗ gus gar nicht ein Etwas hinauszuwerfen, wenn er nicht Alles hinauswerfen konnte. Und ich hatte daran gedacht nur zur Kurz⸗ weil eine Viſitation im Schlafgemach der Meerfrau anzuſtellen. Es könnte wohl geeignet ſein einen Mann zu beherbergen.“ Der Lootſenvater ſchüttelte den Kopf. ——⁸ʃ— 8 281 „Es iſt und bleibt unmöglich. Der Menſch iſt nicht ſo ver⸗ rückt daß er zurückkäme.“ Gädda's Gedanken konnten den Phantaſien des Fremden⸗ fiſchers nicht ganz genau folgen, aber die Sache war doch ſo ſon⸗ derbar daß man, nachdem das Geſpräch bei der Panacce fort⸗ geſetzt worden, den Beſchluß faßte am folgenden Tag die Klippe zu unterſuchen. Dann würde man ſchon ſehen. Achtes Kapitel. Die Aſſociès kommen in Streit, ehe die Genoſſen⸗ ſchaft anfängt. Zwei Tage nach Ankunft der Nachricht von dem Kampf zwi⸗ ſchen der Zolljacht und dem Schmuggelboot beſuchen wir Svart⸗ ſkär und ſehen, wie die Morgenſonne mit ihrem Gold all die aufgeſtapelten Vorräthe auf den Lagerplätzen beleuchtet, ſo wie all die Haufen von grauen Steinen, Brettern, Balken und Mauerkalk, welche das neue Haus bezeichnen deſſen Grundmauer nunmehr in voller Arbeit ſteht, und das von den Fiſchern und Arbeitern bereits Bottnaſchloß getauft worden iſt. Dieſe Benennung fand Moß nicht ganz verwerflich, und er wollte Nichts verſäumen was zu ihrer Rechtfertigung dienen konnte. Durch den bedeckten Gang mit vorſpringender Terraſſe, der in den obern Stockwerken beide Häuſer vereinigen ſollte, glaubte er etwas Morgenländiſches zu erhalten. Den kleinen Thürmen die alle vier Ecken zieren ſollten, konnte der aus Norwegen ver⸗ ſchriebene Baumeiſter im Verein mit Hjelm, der ſich auf dergleichen Dinge verſtand, jeden beliebigen Styl und Namen geben, und —— 282 um Emiliens willen, die ein kleines Stück von dem beabſichtigten Italien draußen am Bottnafjord haben wollte, hatte er vor jedem der beiden Häuſer eine Veranda verſprochen. Da jedoch die Seewinde zu ſtark blieſen, als daß man an Schlingpflanzen den⸗ ken durfte, ſo konnte man ſolche malen laſſen, und die gemalten hatten überdies den Vortheil daß ſie immer grün blieben. Aber nicht um dieſen Theil des Platzes her iſt das Leben und der Verkehr am ſtärkſten. Beim Lagerplatz hört man ein beſtändiges Getöſe von fahrenden, redenden, ziehenden und ſchlep⸗ penden Menſchen. Die Thüren der Seebuden werden auf⸗ und zugeſchlagen, während Fäſſer und Säcke bald auf⸗ bald abgehißt werden, und helle Hißlieder die Geſänge beantworten die von Zeit zu Zeit vom Bauplatze her erſchallen. Vor den Landungsbrücken liegt eine ganze Flottille von klei⸗ nen Booten. Es iſt Sonnabend, und von allen Inſeln, Holmen und Scheeren her will man ſich auf den Sonntag verproviantiren Im Laden ſelbſt iſt ein wahres Marktleben. Janne und Guſtav beſorgen ihre Geſchäfte mit einer Raſchheit und Pünkt⸗ lichkeit die ihnen zu Holts Zeiten nicht einmal im Schlaf einge⸗ fallen wären, denn ſie wiſſen ſich jetzt von einem weit ſtrengeren und reſpektirteren Auge überwacht. Dies iſt der neue Haupt⸗ buchhalter— auf den Herbſt wird noch ein zweiter erwartet— und er ſieht aus, als verſtände er keine andere Sprache als die der Zahlen und des Gehorſams. Die Ladendiener, die vorher, namentlich in der letzten Zeit, eine ſo angenehme Freiheit genoſſen hatten, waren immer höchſt entzückt, wenn dieſer ſtrenge und ernſte Gebieter ihnen den Rücken zukehrte um ſein abgeſtumpftes Geſicht den Knechten und Boot⸗ führern zu zeigen. Aber kaum hatten ſie ſich behaglich über den Ladentiſch hingeſtreckt und ihre vor Freude glänzenden Augen auf andere Gegenſtände als Geſchäfte gerichtet, als der Herr Buchhalter bereits wieder da war, und ein Vogel konnte nicht ſchneller durch die Luft fliegen, als die Burſche jetzt wieder auf —õ————— —————— S. G B ht 283 die Beine kamen und ſich mit Abwägen und Meſſen beſchäftigten — ja, ſie begannen dies ſchon dann, wenn ſie nur auf mehrere Schritte ſeine Cigarre rochen. Gleichwohl war der Buchhalter, Herr Peterſen, ein braver und äußerſt rechtlicher Mann, ein vierzigjähriger Junggeſelle der ſich mit dem gegenwärtigen Chef des Hauſes vortrefflich vertrug und nicht minder gut mit dem künftigen, wenn dieſer da war. Aber eine andere Perſon im Hauſe hatte ungemein Luſt mit den Anſichten der Ladendiener zu ſympathiſiren. Dies war Emilie, die es ein wenig genirte daß ſie ſich je⸗ den Mittag vor dem ernſten Mann verneigen mußte der immer ſo ſtill, ruhig und feierlich daſaß, als wäre er in einem fremden Haus zum Eſſen geladen. Sie verſuchte es zuweilen ſeine Steifheit durch ein Lächeln zum Aufthauen zu bringen, wenn ſie ihm eine Platte reichte. Bald aber ſah ſie ein daß ihre lächelnden Mienen im buch⸗ ſtäblichen Sinn des Wortes weggeworfen waren; ſie waren un⸗ ſtreitig nicht einmal bemerkt worden. „Nun, nun,“ tröſtete ſich die junge Frau,„es iſt doch eine paradieſiſche Wolluſt ſeine ehrlichen Eisaugen zu ſehen im Ver⸗ gleich mit dem verborgenen Feuer in denen Holts. Gott, der Allmächtige, ſei gelobt daß ich dieſen entſetzlichen Menſchen nicht mehr zu ſehen brauche... Wo mag er wohl jetzt ſein?“ Keine Ahnung flüſterte Emilien ins Ohr: „Nahe genug.“ Darauf dankte ſie Gott aus tiefſtem Herzen für die Wohl⸗ that daß Holt ſie während der gegenwärtigen Zeit nicht geſehen hatte.„Ach,“ ſagte ſie manchmal, wenn ſie daran dachte,„wenn dies geſchehen wäre, ſo würde er mich ganz ſicher zu Tode ge⸗ ängſtigt haben. Aber mit Jubel kann ich rufen: er iſt fort, iſt auf ewig fort!“ * Es war im Verlauf des Nachmittags. 284 Der oben erwähnte Verkehr war im ſtärkſten Gang, denn Alle die Etwas gekauft hatten wollten jetzt nach Hauſe, und die⸗ jenigen die ihre Waaren noch nicht empfangen hatten waren um ſo eifriger bemüht ſie zu bekommen. Das Bild des Ganzen ſtand im ſtärkſten und heiterſten Contraſt gegen das matte, ein⸗ förmige Leben das mit Ausnahme des Auctionstages ſeit dem letzten Herbſt vorgeherrſcht hatte. Welche Allmacht lag nicht in dieſem einzigen Namen der alles das hervorgerufen hatte! Der Name Moß, dieſe alte, ſo gut accreditirte Firma hatte der jungen auf die Beine geholfen, ſobald die erſte Nachricht von der künftigen Aſſociation verlautete. Und alle Bemühungen und Verſuche Hjelms, die man vorher einen wahnſinnigen Kampf gegen den Strom genannt hatte, wurden jetzt in ihr wohlverdientes Licht geſtellt als ein edles Beſtreben Niemand um Etwas zu be⸗ trügen, und als eine lobenswerthe Klugheit die großen Geſchäfte in den kleinen aufgehen zu laſſen. Jetzt hatten die kleinen Ge⸗ ſchäfte aufgehört und die großen angefangen, um vermuthlich auf lange Jahre Svartſkär zum vornehmſten vereinzelten Handelsplatz in den ganzen nördlichen Scheeren zu machen. Aber was hängt mehr an einem ſchwankenden Strohhalm als menſchliche Berechnungen und menſchliche Hoffnungen? Hjelm ſaß in einer ganz andern Stimmung, als wie wir ihn zuletzt getroffen haben, auf ſeinem Contor. Guſtav kam mit einem Brief herein und meldete dem Herrn Patron, es ſei etwas ganz beſonders Wichtiges von dem alten Patron, wie Moß bereits genannt wurde. Einer der Knechte auf Gläborg habe den Brief gebracht und warte auf Antwort. Der Burſche eilte ſogleich in den Laden zurück. Und über⸗ zeugt daß es ſich um ein wichtiges Geſchäft handle, wovon Moß Nachricht erhalten habe, öffnete Hjelm den Brief mit der Ruhe die er im Glück wie im Unglück beſaß, und die nur ein einziges Mal eine Störung erlitten habe, nämlich bei dem oben erzählten Conflict zwiſchen der Philoſophie und dem Seifenſpaten. denn die⸗ n um unzen ein⸗ dem ht in hatte von und 28⁵ Aber jetzt handelte es ſich unglücklicherweiſe nicht um die Geſchäfte des Hauſes. Es war ein ganz vertraulicher Privatbrief. Aber was aus dem Inhalt entſtehen konnte war nicht ſchwer einzuſehen— wenig⸗ ſtens glaubte Hjelm Alles davon fürchten zu können. Er lautete wie folgt: „Mein Ehrenbruder und künftiger Aſſocié! „Ueberhäuft von großen und ſchweren häuslichen Bekümmer⸗ niſſen— ſupponire, ein Menſch wird ſolche niemals los— habe ich Dir einige wichtige Worte in der größten Freundſchaftlichkeit allein zu ſagen, und ich bin überzeugt daß das gegenſeitige Ver⸗ trauen das in unſern Geſchäftsſachen vorherrſcht durchaus nicht abnehmen wird, wenn wir einmal auf perſönlichen Grund und Boden kommen, oder wie? „Supponire daß ich mich hierin nicht getäuſcht habe. Das Gegentheil wäre gar zu unangenehm als daß ich es hier näher berühren möchte. „Was ganz beſonders die Urſache war daß ich mich ſo ſehr zu Dir hingezogen fühlte, Bruder, das iſt die ſchlichte ehren⸗ hafte Strenge in Deinen Grundſätzen und ihrer Ausführung. Du biſt zwar jung an Jahren, aber Deine Handlungen zeugen von Reife. „Vielleicht würden wir nicht immer ſo gut zuſammengepaßt haben: ich dachte früher möglicher Weiſe im einen oder andern Punkt etwas freier. Aber jetzt paſſen wir, jetzt kann unſer Haus auf einen wahrhaft ſoliden und geachteten Fuß geſtellt werden. Ich hoffe, es ſoll eine Firma werden welche der oder die künftigen Nachfolger mit Stolz und Freude übernehmen kön⸗ nen. Und bei meiner Kraft und Rüſtigkeit hoffe ich bis dahin zu leben— dies wäre ja kein merkwürdiges Alter— wenn mir nur die Bekümmerniſſe nicht ihre Dornen ins Gemüth drücken. 286 „Aber es ſind ganz andere Dinge die dieſer Brief behandeln ſoll, und ich hielt es blos für geeignet Dich im Vorbeigehen unſern gegenwärtigen und zukünftigen Standpunkt genau erkennen zu laſſen, wahrhaftig nicht um auf Deine Gefühle einzuwirken (ein Ehrenmann wie Du kann in Beziehung auf das was ich zu berühren gedenke nur ein einziges haben), ſondern um Dir ſo zu ſagen geradewegs die Idee an die Hand zu geben, daß es gut und klug ſei wenn Aſſociés noch in vielen andern Dingen als in bloßen Contorangelegenheiten übereinſtimmen, denn ent⸗ ſtehen im innern Leben Schwierigkeiten, Streitigkeiten und Miß⸗ helligkeiten, ſo hat man oft geſehen daß dieſelben mit unerwünſch⸗ ter Schnelligkeit auch aufs äußere Leben übergingen. Die Folgen ſind dann unmöglich zu berechnen, oder vielleicht wäre es richtiger zu ſagen, ſie ſind ſehr leicht zu berechnen. „Supponire daß es jetzt genugſam präludirt iſt; ich hätte bei meinem Leben und bei meiner Seele an einen Andern als an Dich nicht die Hälfte dieſer Worte verloren. „Du kennſt die gräßliche That welche der junge Guldbrands⸗ ſon unter dem Vorwand des Dienſteifers beging. „Der arme Vater! ich bedaure ihn ſo herzlich daß ich keine Worte finde um mein Mitleid auszudrücken. „Ich ſah ſeine gerechte außerordentliche Betrübniß, als der wahnſinnige Jüngling, den es wohl ſeinem Untergang entgegen⸗ trieb, das maßloſe Glück das ich ihm in einer Anwandlung lächer⸗ licher Schwäche anerbot von ſich wies, um in Stolz und beharr⸗ lichem Eigenſinn auf der ſaubern Bahn zu bleiben, wo man unter dem Schutz des Geſetzes die Leute nach Belieben umbringen kann. Dieſe Bahn paßt freilich für einen Charakter wie der ſeinige, welcher Zaum und Gebiß des Dienſtes nöthig hat um ſich glücklich zu fühlen, im Gegenſatz zu dem freien Mann der keinen andern Zaum kennen will als ſeinen eigenen Willen. Er liebt die Sclaverei mit Leidenſchaft, und dies iſt die einzige wirkliche Leidenſchaft deren er fähig iſt. Supponire daß der 287 verächtliche Junge in dieſem Augenblick ſeine eigene Erniedrigung nicht einmal kennt. „In Bezug auf alles das kenne ich Deine Anſichten voll⸗ kommen, ohne ſie gehört zu haben.— „Aber was ſagſt Du dazu, Bruder, wenn ich Dir jetzt mit⸗ theile daß meine Tochter, die ſich aus ziemlich guten Gründen, wie mir's ſcheint, durch ſeine Ablehnung auf die empfindlichſte Art verletzt fühlte, die nur einem Mädchen widerfahren kann, juſt jetzt— wer zum Teufel wird aus den Weibern klug— ſich aufs Neue ihm zuzuneigen anfängt, und zwar noch ſtärker als je. Wir haben eine Beſprechung gehabt, und Gott weiß daß ich mich nach keiner zweiten von dieſer Art ſehne. Inzwiſchen dürfte eine ſolche wohl bevorſtehen, und was die Folge davon ſein wird, weiß ich natürlich nicht.— „Aber Eines weiß ich ſo ſicher, als ich jetzt noch athme, nämlich daß meine Tochter in allen Ewigkeiten nie mit meiner Einwilligung und meinem Willen mit einem Manne ſich ver⸗ binden wird der ihren Vater und ſie ſelbſt ſo ſchändlich chi⸗ canirt hat... mit einem Mörder! Sie müßte ja verrückt ſein, wenn ſie nur daran denken wollte, und dennoch denkt ſie mehr als je daran, darauf will ich ſchwören. „Ich komme in Schweiß, ſobald dieſe Narrheiten mir in den Kopf ſteigen, und das thun ſie unaufhörlich, denn bald, das ſehe ich wohl ein, wird ſie ein Geſpräch unter vier Augen von mir verlangen— und dieſes Geſpräch, Bruder, dieſes Geſpräch ... Ihr ſteinruhiger Blick reizt und ſchreckt mich zugleich, das iſt das Wort. „Wenn ich nicht fürchtete, was während meiner Abweſenheit geſchehen könnte, ſo würde ich meines⸗Wegs reiſen. Aber offen geſtanden, Bruder, ich wage mich nicht vom Fleck, nicht einmal nach Svartſkär hinab, um nach den Bauwerken zu ſehen und von unſern Geſchäften zu ſprechen. Da könnte ich die ganze Paſtorsfamilie über den Hals bekommen, und vielleicht würde 288 ſich der Herr Lieutenant ſelbſt nicht entblöden mir unter die Augen zu treten. „Der verdammte Burſche! Wenn ich bedenke, wie es ſtehen könnte und wie es wirklich ſteht, ſo werde ich ganz raſend— ich komme in Wahnſinn und ich will lieber jeden Stüber meines Vermögens wegwerfen und im Lande betteln gehen, ja ich will lieber meine Tochter im Sarge ſehen als Ja ſagen zu der ent⸗ ſcheidenden Bitte die ich nicht anzuhören und der ich nicht aus⸗ zuweichen wage. Und dies iſt ſo gewiß als ich ehrlich ſein will, ſo gewiß als ich Moß heiße und auf ein ſeliges Ende hoffe. „Mein Schwiegerſohn ein Mörder!....... „ Und jetzt wollen wir auf die eigentliche Abſicht dieſes Briefes kommen; ſie lautet wie folgt: „Im Fall meine Tochter(was Gott verhüte) einen Schritt thäte den ſie gewiß nicht thut, den ich aber jedenfalls aus Vor⸗ ſicht annehme, obſchon ich ihn für eine vollkommene Unmöglichkeit halte, mit einem Wort, wenn ſie davonliefe— unter uns geſagt, ich ſupponire, man kann ihr Alles zutrauen, wenn ſie zum Aeußerſten kommt, was ich immer abzuwenden geſucht habe— ſo iſt es klar wie der Tag daß ſie ihre Zuflucht nach Svartſkär nimmt. „Nun wohl, Bruder Hjelm, jetzt iſt es meine Hoffnung und allerbeſtimmteſte Erwartung daß Du dann ihre Widerſetzlichkeit gegen die väterliche Gewalt nicht im Geringſten unterſtützeſt. Vor allen Dingen fordere ich daß in Deinem Hauſe— was ſchon ſo gut wie unſer Haus iſt— der Mörder weder zu geheimen noch zu offenen Zuſammenkünften empfangen werde. Darauf werde ich mich wohl feſt verlaſſen können? „Bisher bin ich nie ſtreng geweſen, aber jetzt fühle ich in meinem Innern daß es meiner Tochter eigenes Glück wäre, wenn ſie mich nicht zu harten Maßregeln reizte. „Mit aufrichtigem Herzen ſage ich: Herr, hilf uns aus dieſer Noth! Meine Maiblume iſt ſtets ein Muſter von großer Vernunft 289 die und wahrer Herzensgüte und Nachgiebigkeit geweſen. Aber— ſonderbar genug— es kommt mir zuweilen vor als ob ich und hen meine Tochter einander noch nicht recht verſtänden. Es iſt ſchwer für einen Vater, wenn er nicht weiß was er von ſeinem eigenen nes Kind zu erwarten hat. Aber bei meinem Leib und meiner Seele, will ich kann auch nicht ſagen, was ich von mir ſelbſt zu erwarten ent— habe. Und das iſt ein gefährliches Wort. us⸗„Der abſcheuliche Kerl! der elende Kerl! Alles, Alles... vill, Alles iſt ſeine Schuld. „Beliebt es Dir jetzt mir in Bezug auf Dich ſelbſt, Deine . Frau und Dein Haus einen beruhigenden Brief zu ſchreiben? ·ſes Das erwartet mit Ungeduld der Freund Moß.“ N. S.„Wenn ich das Wort„beruhigend“ gebrauche, ſo ver⸗ or⸗ keit ſtehſt du wohl, Bruder, daß dies blos eine Redensart iſt, wie es agt, auch blos eine Redensart war einen ſo barocken Wahnſinn um vorauszuſetzen, als ob meine Tochter ſich unterſtehen könnte... — Schande für den der es nachſpricht! kr„Ich hoffe daß keinerlei Geſchäft Dich verhindern wird ſo⸗ gleich zu antworten. nd„Du wirſt die Güte haben die Sache auf eine paſſende Art keit bei Deiner jungen Frau vorzubringen. Die Frauenzimmer ſind ſo vor gerne bereit einander in Liebesſachen beizuſtehen, aber Du haſt ge⸗ on wiß Deine rechte Art ihr freundlich zu zeigen was Recht und Billig⸗ een keit fordern, und ſie iſt eine ſo geſcheidte und vernünftige Frau, ꝛuf daß ſie gewiß mit ſich ſprechen läßt. Der Obige.“ in Als Hjelm dieſen Brief geleſen und weggelegt hatte, brauchte nn er keine drei Minuten, um ſich auf eine Antwort zu beſinnen, ſondern er nahm ſogleich einen Bogen Poſtpapier, tunkte die ſer Feder ins Dintenfaß und ſchrieb: Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 19 „Liebſter, geehrteſter Onkel! „Mit Gefühlen der innigſten und ſtärkſten Theilnahme und mit dem wärmſten Intereſſe für alle Parteien in dieſer Sache gehe ich ans Werk, um Dir die kizelige Erklärung zu geben die Du verlangſt. „Aber wie kann ich ſie ſo geben, daß ſie zu gleicher Zeit Deine Wünſche und Forderungen und mein eigenes Gewiſſen befriedigt? „Ich hätte innigſt gewünſcht, Onkel, daß es Dir beliebt hätte das Geſchäftsleben gänzlich von dieſem durchaus perſönlichen Ge⸗ biet auszuſchließen, denn auf mich können keine Berechnungen des Eigennutzes einwirken. „Erlaube mir daher daß ich Dir gleich von vorn herein er⸗ kläre, und was ich jetzt ſage iſt der unerſchütterliche Gedanke meiner Seele ſowohl heute als morgen und übermorgen: ſollte⸗ ich Svartſkär zehnmal ärmer verlaſſen als ich hiehergekommen bin, ſo würde ich dieſe gänzliche Auflöſung dennoch derjenigen vorziehen die in meinen Grundſützen ſtattfinden müßte, ehe ich die unermeßlichen Dienſte welche Gudmar und ſeine Braut mir geleiſtet mit dem ſchwarzen Undank vergelten könnte, daß ich ihnen meine Thüren verſchlöße oder auf irgend eine andere Weiſe Abneigung zeigte. „Glaube nicht, beſter Onkel, daß ich das Gewicht der Worte die ich ſo eben niedergeſchrieben unterſchätze. Nein, ich ſehe ihre Bedeutung vollkommen ein. Und aus dieſem Grund habe ich mich nicht einmal mit meiner Frau berathen wollen, die ſich für den Augenblick bei den betrübten Freunden im Pfarrhaus befindet. „Wie entſcheidend auch meine Erklärung auf unſere zu⸗ künftigen Pläne einwirken mag, ſo iſt ſie jetzt gegeben und bleibt unveränderlich ſtehen. „Und Gott helfe mir— ich habe Dir noch Etwas zu ſagen, Onkel, was Dir wahrſcheinlich mißfallen wird; aber ich würde haus gen, ürde —— 291 mich in meinen eigenen Augen entehren wenn ich meine Anſicht verſchwiege, in welche vermuthlich alle unparteiiſchen Menſchen einſtimmen werden.— „Wie willſt Du es vertheidigen, Onkel, daß Du Guldsbrands⸗ ſon einen Mörder nennſt? Am Morgen, nachdem der Brief mit der erſchütternden Nachricht im Pfarrhaus angekommen war, fuhr ich ſelbſt nach Mörkö hinüber, wo ich eine beſtürzte und nieder⸗ geſchlagene, aber nicht heuchelnde Wittwe traf. Und ſowohl ſie als auch Tuve Esbjörnsſon ſchienen weit weniger über den Todesfall zu trauern, als darüber in Verzweiflung zu gerathen daß Tuve nebſt allen Leuten an Bord nach Göteborg vorgeladen werden ſollte, um ſich vor Gericht zu verantworten und Strafe für den Angriff auf ein Kronſchiff zu erleiden, das Olagus in ſeinem wilden Wahn hatte offenbar gänzlich zerſtören wollen. „Sowohl Tuve als die übrigen Männer hatten von Olagus in ſeinem letzten Augenblick das Geſtändniß vernommen daß der Angriff von ihm ausgegangen, und daß es ſein Wille ſei daß das ungeſetzliche Geſchäft aufhören ſolle. „Was ohne Zweifel für ſämmtliche Betheiligte ſprechen wird, das iſt ihre gemeinſame Anerkennung der unermeßlichen Macht welche der ſogenannte große Mann ausübte. Und Gudmars edelmüthiges Herz wird Nichts verſäumen, wodurch er der Familie auf Mörkö für ſeinen Schuß auf den Geſetzesübertreter einige Entſchädigung leiſten könnte. „Ich glaube Ehren⸗ und Gewiſſensſachen ebenfalls beur⸗ theilen zu können, und beim allmächtigen Gott, ich vermag im Benehmen des Jachtlieutenants nichts Tadelnswerthes zu finden. Sogar wenn er nicht im Dienſt gehandelt hätte, würde ich es nicht tadeln, wenn er einen Angriff, auf ſein Leben und ſein Gut auf ſolche Art abgewehrt hätte. Es war ein edler, für einen Beamten vielleicht gar zu edler Zug, daß er ſeine Warnung dreimal wiederholte, ehe er ſich entſchloß den Platz zu vertheidigen den er auch dreimal hätte verlieren können. 292 „Bei meiner genauen Kenntniß von Gudmars ehrrnhaften Geſinnungen konnte ich auf Mörkö die beruhigende und troſtreiche Verſicherung hinterlaſſen, daß er ohne Zweifel Alles thun werde um den überlebenden Bruder vor den ſchweren Folgen des Verbrechens zu ſchützen das der Verſtorbene begangen. Wollte Gott, Alles könnte ſo endigen daß die vier Theilnehmer an der gräßlichen Scene auf dem Enterich keine andere Erinnerung daran zu bewahren hätten als die Reue über ihre Betheiligung! „Wenn Guldbrandsſon jetzt zurückkommt, ſo iſt es ſicher daß ſowohl ſein Gemüth als ſein Herz krank und müde ſind. „Was würde dann geſchehen, wenn derjenige für welchen er in den bleiſchweren Tagen des Kummers und der Entbehrung ſo treu und redlich ſich bemüht, jetzt in ſeiner Betrübniß ſich zurückzöge und ihn kalt abwieſe? Nein, Onkel, daraus wird Nichts. „Sobald ich erfahre daß er zurückgekehrt iſt, werde ich der Erſte ſein, der ihm die Hand reicht... So viel über ihn. „Jetzt zu Majken. 1 „Ja, mein beſter Onkel, es iſt bei Gott auch meine Ueber⸗ zeugung daß Du und Deine edle Tochter einander noch nicht recht kennet. Natürlich kann ich mir keinen ſichern Begriff von demjenigen bilden was ſie bei der beabſichtigten Beſprechung die Dich ſo zu beunruhigen ſcheint zu ſagen oder zu erklären gedenkt; aber ich fürchte, ſie wird jetzt eben ſo beſtimmt auftreten als ſie bisher nachgiebig war. „Ach, mein theurer lieber Onkel, höre auf die Bitte eines Freundes. Rufe nicht ſelbſt das große Unglück herbei das aus dem unglückſeligen Streit zwiſchen Guldbrandsſon und den Mör⸗ köern noch entſtehen kann. Noch kann Alles gut werden, aber wer vermag das Ende zu ſehen wenn Du Dich jetzt zu irgend einem harten Kampfe rüſteſt? „Und kommt Majken hieher in ihres Vaters früheres und gegenwärtiges Haus, wie kannſt Du da verlangen daß ich für ſie, fan ent ften eiche hun des ollte der nran icher chen ung ſich chts. der ber⸗ nicht von die enkt; 8 ſie eines aus Mör⸗ aber gend und ) für 293 ſie, ein ſo freies, verſtändiges und energiſches Mädchen, ein Ge⸗ fangenwärter ſein ſoll? „Nein, denke nicht daran. Was ich am meiſten wünſche iſt, daß das Schlimmſte auf Gläborg im innerſten Familienkreis entſchieden werden möge. „Jetzt habe ich mich über dieſe Sache ausgeſprochen und zwar offen, wie es einem ehrlichen Mann zuſteht. „Erlaube mir, Onkel, daß ich auch für mich ſelbſt einige wichtige Worte beifüge. „Ich befand mich in einer ſchwierigen Lage, aber keines⸗ wegs bereits am letzten unvermeidlichen Abgrund, als Du auf eine ſo ſchöne und hochſinnige Weiſe der wankenden Firma eine kräftige Stütze gabſt. Und dafür bekenne ich jetzt und immer mit freudiger Dankbarkeit meine unauslöſchliche Verbindlichkeit gegen Dich. Aber unter Männern, zumal unter Aſſociés, wäre es eine unerträgliche Qual, wenn der Eine bei jedem Vorkommniß dem Andern ſeine geleiſteten Dienſte vor Augen halten und auf diejenige Wagſchaale legen würde welche alle Gedanken und An⸗ ſichten aufwägen ſollte, die dieſer Andere haben und ausſprechen könnte. „In demſelben Augenblick wo eine Genoſſenſchaft zu Stande gekommen, iſt in Betreff dieſer Genoſſenſchaft ſelbſt alles Frühere verſchwunden. Man arbeitet jetzt im gemeinſchaftlichen Intereſſe, man arbeitet mit der gleichen Freiheit, mit voller Gleichberech⸗ tigung, und was ſich im Handelshaus ereignet, darf nicht im mindeſten auf die Vorkommniſſe im Familienleben einwirken. „Sollte daher das große Unglück geſchehen daß Du Dein Verſprechen zurücknähmeſt, weil ich nicht aus Rückſicht auf eigene Vortheile meinem Rechtsgefühl entſagk habe, ſo hoffe ich daß Du deßungeachtet durch die gebrachten Opfer keinen Schaden leiden werdeſt. Denn in demſelben Augenblick wo ich Geld und Credit erhielt, erhob ſich mein eigenes Haus wieder. Und wer nun auch das Ruder ergreifen mag, ſei es ein einziger Steuermann 294 oder zwei, ſo erhält ſich das Haus, wenn es auch nie weiter als bis zum dritten Range kommt, ſtatt daß es ein Haus erſter Claſſe hätte werden können. „Und jetzt, geehrteſter Onkel, nachdem dies Alles erklärt iſt, beeile ich mich noch hinzuzufügen, daß mein erſter und ſehnlichſter Wunſch dahin geht daß die freundſchaftlichen Verbindungen ſowohl zwiſchen uns als zwiſchen unſern Damen durch Nichts geſtört werden mögen. Ganz beſonders würde ich die Wirkung einer ſolchen Störung auf mein liebes Weibchen fürchten, da für ihr von Natur ſo leicht erregbares Gemüth in ihrem dermaligen Zuſtand leicht eine Gefahr entſtehen könnte, und Du biſt zu gut, Onkel, als daß Du nicht auch an den künftigen Erben des Hauſes denken ſollteſt. „Ich erwarte mit Nächſtem neue Nachrichten von Dir. In⸗ zwiſchen verſichere ich Dich, lieber Onkel, daß kein Menſch inni⸗ geren Antheil an Deinen Angelegenheiten nehmen kann als Dein ergebenſter Freund und gehorſamſter Diener Ake Hjelm.“ 3 Neuntes Kapitel. Der Fremdenfiſcher daheim und auf einer neuen Sendung mit Gädda. „Was jetzt, Pernilla, was ſoll das bedeuten?“ ſagte Tolle, als er beim Eintritt in ſeine Hütte die junge Frau weinend in einer Ecke ſitzen ſah, über eine kleine Partie Rauchwürſte vorge⸗ beugt welche ſie auf dem Boden nach dem Tod ihrer Mutter gefunden, die dieſelben unter einem Haufen von Pfählen und Faßreifen verſteckt hatte, bis der zögernde Eigenthümer erſcheinen und ſie für ſechs Stüber per Stück einlöſen würde. olle, d in drge⸗ utter und inen 295⁵ Aber der Eigenthümer war nie gekommen, nicht einmal nach dem Tod der Großmutter, ſo daß Pernilla jetzt, während eine Thräne fiel und eine andere getrocknet wurde, in tiefes Nachdenken verſunken war, ob man dieſe Würſte nicht als an—⸗ vertraute Waare betrachten könnte, und dann ſuchte ſie darüber ins Klare zu kommen, ob man anvertraute Waaren nicht— wenigſtens in dringender Noth— als eigene Güter betrachten dürfe. Und um die Mutter her ſtanden vier kleine Geſchöpfe die mit gierigen Blicken ihren Kampf beobachteten. Die zwei Aelte⸗ ſten, der kleine Jacob und der kleine Tolle, hatten bereits ihren kleinen Finger durch die Aufhängeſchnur der einen Wurſt geſteckt. „Ach Herr Jeſus, Tolle, biſt Du nach Hauſe gekommen! Du weißt wie ſchrecklich langweilig es nach dem Tode der Mut⸗ ter iſt, und deshalb wirſt Du Dich gewiß nicht darüber erzürnen daß Du mich ſchon wieder in Thränen antriffſt. Sie ſind bereits getrocknet... Aber ſieh jetzt, was für einen Fund ich auf dem Boden gemacht habe. Dieſe Würſte ſind gewiß jetzt ſehr alt. Glaubſt Du nicht daß ſie ſo alt ſeien, daß man gleichſam ein Recht haben könnte anzunehmen, es werde Niemand mehr dar⸗ nach fragen?“ „Ich will Dir Etwas mittheilen, Pernilla,“ antwortete der Fremdenfiſcher, indem er ſeinen Hut ablegte, ſeiner Frau freund⸗ lich zunickte und die Kinder auf die Köpfe tätſchelte. „Was denn, Tolle?“ „Wenn Du mir dieſe Wurſtfrage geſtern vorgelegt hätteſt, ſo würde ich geſagt haben: Laß uns damit als einem guten Fund vorliebnehmen. Aber heute, mußt Du wiſſen, iſt das ein großer Unterſchied. Meine Ehre iſt vielleicht heute noch nicht beſſer daran als geſtern, aber ſie wird ſich gewiß bald wieder emporrudern. Und eine ſolche Rede habe ich heute Abend ge⸗ hört und ſelbſt geſprochen, daß... ja, ja, daß Du die Würſte immerhin wieder in das Verſteck der Großmutter zurücklegen kannſt. Kommt Niemand um darnach zu fragen, ſo wollen wirs in der Kirche bekannt machen... Laß die Schnur nur los, mein Junge.“ Dies war zu Jacob geſagt. Was den kleinen Tolle betraf, ſo löste der Vater ſelbſt die mit Widerſtreben ge⸗ horchenden Finger. „Ach mein Gott, Tolle, was Du für ein Mann geworden biſt— ich kann kaum zu Athem kommen. Bis auf den heutigen Tag war ich immer diejenige welche die Gerechtigkeit zuſammen⸗ halten mußte, nächſt der Großmutter, die darin am ſtärkſten war. Aber jetzt ſchäme ich mich daß Du es biſt der mich, nachdem die Mutter fort iſt, an ihre Ermahnungen erinnert— das thut mir wohl und weh zugleich und greift mir ſo ins Herz, wie ich ſeit langer Zeit Nichts gefühlt habe.“ Pernilla mußte jetzt im Ernſt weinen, ſie vermochte ihre Thränen nicht zurückzuhalten. „Trockne Deine Augen, trockne ſie nur, Pernilla. Ich bin nicht ſo ganz von mir ſelbſt ein anderer Menſch geworden. Aber jetzt will ich Dir Wunderdinge erzählen, ſo daß Du Dich auf beſſere Zukunftstage freuen kannſt.“ „Lieber Tolle, laß mich zuerſt die Würſte wieder hinauf⸗ tragen, es iſt mir als ob ſie mich brennten, bis ſie wieder in der Ecke liegen wo die Mutter ſie aufbewahrt und ſo ſorgfältig verdeckt hatte. Ich muß das thun, wenn ich wieder Muth ge⸗ winnen ſoll.“ „So geh— die Großmutter wird es mit Wohlgefallen ſehen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ Als Pernilla mit erheitertem Geſichte zurückkam, lauteten ihre erſten Worte ſo: „Jetzt mußt Du artig ſein und hören, um welcher Urſache willen ich auf dieſe Gedanken gekommen bin... Du mußt wiſſen daß es mit dem letzten Geſchenk von der Frau auf Spartſkär ganz zu Ende iſt, und da ſie immer freundlich iſt und mich bittet, 297 ich ſoll es ihr nur ſagen, wenn ich Etwas bedürfe, ſo wäre es doch eine Schande, wenn ich es nicht manchmal läugnete. Es klingt ſo herzlich ſchön zu ſagen: Ach nein, Gott ſei Dank, es iſt noch nicht ſo entſetzlich gefährlich.“ „Das iſt wahr,“ meinte Tolle.„Ich bin auch gar zu raſch damit ins Zeug gegangen. Für ſo viele Mäuler können keine Geſchenke ausreichen. Eſſen will Jeder, wenn er auch nicht ar⸗ beiten will... aber warte nur, Pernilla, wir ſind noch nicht am letzten Tag.“ „Ach, Tolle, das geht über Alles was ich in meinem gan⸗ zen Leben gehört habe. Jetzt will ich Dir ſagen— denn heute Abend wirſt Du nicht böſe, das merke ich ſchon— das größte Un⸗ glück iſt daß ich nicht einen einzigen Stüber habe, um Brod zu kaufen.“ „Der Teufel ſoll in mich fahren, meine liebe Pernilla, wenn auch ich einen einzigen habe.“ „Haſt Du Dein Geld verloren?“ „Verloren? Nein... Und obſchon Du es vergeſſen haſt das Loch in meiner Rocktaſche zuzunähen, ſo verſchmähe ichs doch jetzt wie ſonſt manchmal zu ſagen daß ich durch Deine Nachläſ⸗ ſigkeit das Geld verloren habe. Wahrheit muß ſein, dafür gehe und ſtehe ich. Und es ſoll auch nicht mehr ſo bald vorkommen daß ich das Geld verſaufe.“ „Ja, lieber Tolle, hältſt Du dies Verſprechen, ſo kannſt Du Dich darauf verlaſſen daß die Taſche ordentlich geflickt wird, denn dann fühlt man Muth in ſich um Tag und Nacht zu arbeiten... aber ach, wie ſoll es jetzt gehen? Ich habe zwar für heute Abend Mehl zur Grütze, aber auf morgen habe ich nicht ſo viel als ich auf mein Auge legen könnte.“, „Morgen ſchickt der liebe Gott Hilfe, das kannſt Du glau⸗ ben. Koche jetzt nur die Grütze und iß Dich mit den Kindern recht ſatt. Ich bekam ein Abendeſſen da wo ich war. Setze den Topf aufs Feuer. So lange das Waſſer ſiedet, will ich Dir 298 Etwas erzählen, woran Deine Seele ſich freuen ſoll von heute an bis zum Tag des jüngſten Gerichts.“ Pernilla war nicht läſſig der Ermahnung ihres Mannes zu folgen. Und ſo lange das Waſſer über dem Feuer ſtand, be⸗ gann der Fremdenfiſcher ſeine Erzählung, bei welcher nicht blos Pernilla, ſondern auch die zwei kleinen Jungen zuhörten, die ganz andächtig zu beiden Seiten an den Knien des Vaters ſtanden. Die kleinen Mädchen lagen umher und blickten aufmerkſam in das Armenmannsfeuer das langſam unter dem Topf brannte. „Sieh, liebe Pernilla, ich habe dem Patron Hjelm und eini⸗ gen andern Herren mehrere Dienſte geleiſtet, und ſie haben mich anſtändig bezahlt, ganz beſonders der Patron Hjelm. Und ich glaube gewiß, daß Manche mich jetzt in beſſerer Achtung haben als früher, ſeit der Richter mir ein Douceur machte mit dem Gelde das... Nun ja, es iſt hingegangen wo es hingegangen iſt, Pernilla! Ich ſehe, Du ſchlägſt die Augen nieder um mich nicht daran zu erinnern, daß Du damals einen doppelten Lappen an die Taſche ſetzteſt, daß ich es aber dennoch verlor— im Wirthshaus natürlich— als ich nach Holt ſuchte. Nun, nun, ich war damals noch nicht auf den großen Beſſerungsweg ge⸗ kommen, obſchon der Richter, Schande es zu ſagen, mir eine ſchöne Ermahnung hielt.“ „Lieber Tolle, das Waſſer beginnt bereits zu ſieden— darf ich das Mehl hineinrühren, während Du fortfährſt?“ „Rühre immer zu, Pernilla— ich ſehe zu und habe meine Freude daran Dich und die Kinder eſſen zu ſehen. Was ich aber ſagen wollte iſt, daß die Herrn mich mit Geld bezahlten, und damit gut. Keiner nahm mich beim Arm und ſagte apart ein Wort zu mir wie z. B.: Tolle! Du könnteſt ein ganzer Kerl ſein, wenn Du nicht ein elender Schlingel wäreſt, der blos faul⸗ lenzen und ſaufen will, während Dein Weib und Deine Kinder meiſt nur von kleinen Fiſchen und vom Vogelgeſang leben. Nein, es lag ihnen Nichts daran mich mit ſtarker Macht auf e ——ꝗ —,————— B neine s ich und t ein Kerl faul⸗ inder leben. auf 299 einen andern Weg zu ziehen. Patron Hjelm hat zwar allerdings manchmal einen halben Gedanken daran gehabt und mich freundlich angeſehen, aber er hatte für ſich ſelbſt ſo viel Kummer, daß er niemals damit recht in den Zug kam.“ Pernilla legte jetzt den Kindern, jedem auf ſeinen Teller, vor und ſetzte eine Schüſſel ſaure Milch auf einen Schemel. Um dieſen herum ſetzten ſich die vier Kleinen unter lauten Freu⸗ denbezeugungen mit dem Teller in der einen und dem hölzernen Löffel in der andern Hand, und nun ging es an ein Eintunken in die gemeinſchaftliche Schüſſel, wobei die Mutter den zwei kleinſten half. Zuletzt kam die Reihe an die gute Frau ſelbſt, die noch den Topf und die Schüſſel auszuſcharren bekam. Während der Zeit hatte der Fremdenfiſcher ſein Pfeiſchen angezündet und ſaß jetzt mit innig vergnügten Blicken da und betrachtete ſeine arme Familie. Beſonders verweilte ſein Auge auf dem älteſten Sohn, dem ſiebenjährigen kleinen Jacob, deſſen hellgelbe lange Haare, roſige Wangen und himmelblaue ſunkelnde Augen ihm eine ganz beſondere Aehnlichkeit mit den Augen und Haaren zu haben ſchienen, womit einer der beiden Engel in der Kirche abgebildet war. „Jetzt, Pernilla,“ ſagte er ganz hausväterlich,„will ich daß dieſelbe Ordnung hier beginnen ſoll wie zur Zeit der Groß⸗ mutter.“ „Welche denn, Tolle?“ „Du weißt wohl daß die Großmutter die Kinder immer das Vaterunſer und einige kleine Gebete herſagen ließ. Ich bin nicht recht überzeugt ob ich mich ihrer erinnere, aber Du kannſt ſie gewiß noch.“ „Gott beſſere mich,“ antworteke Pernilla mit tiefer Beküm⸗ merniß,„ich hatte immer ſo entſetzlich viel zu thun, daß ich meiner Sache auch nicht recht gewiß bin.“ „Vater, ich kann Gott, der Du!“ rief der kleine Jacob, nachdem er mit der Zungenſpitze den Rand ſeines Grützentellers * 300 ſo ſauber geleckt hatte wie die feinſte Katze.„Soll ichs Dich lehren, Vater?“ „Nein, das will ich— ich kann auch Gott, der Du die Kinder liebſt,“ verſicherte der kleine Tolle mit gewaltigem Stolz. Der Fremdenfiſcher ſchien einen Augenblick ſehr verlegen zu ſein, und Pernilla vertiefte ſich gänzlich in ihre Beſchäftigungen auf dem Herd. Darauf ſagte der Vater mit außerordentlich weicher Stimme: „Ja, kommt her, meine Jungen, und ſagt es mir vor. Ich habe ſo viele Geſchäfte gehabt, daß ich mich dieſes Gebets nicht mehr ganz ſo erinnere, wie die Großmutter es zu ſprechen pflegte. Und kommt jetzt auch hierher, ihr Kleinen, und Du mit, Pernilla, ſo wollen wir Jacob zuerſt anhören. Und am Sonntag will ich das Vaterunſer und noch mehr in der Großmutter Buch leſen, und das will ich jeden Sonntag thun.“ Und ſowohl der kleine Jacob als der kleine Tolle ſagten ihr Gebet ſo artig und mit ſo klaren hellen Stimmen, daß der arme Fremdenfiſcher und ſeine Frau tief in der Seele gerührt wurden, weit mehr als von irgend einem Gottesdienſt in der Kirche. ......„.......... 05.** Darauf machte Pernilla ein Bett in den großen Backtrog, den jetzt die zwei Mädchen innehatten, während die Jungen vom Erbe der Großmutter Beſitz ergriffen hatten und im Bett der⸗ ſelben lagen. Nachdem man die Kinder zur Ruhe gebracht hatte und Alles ſtill war, entſtand ein ordentliches Geſpräch zwiſchen den beiden Eltern, die ſich jetzt unbelauſcht glaubten. Aber der kleine Jacob lag wachend da und lauſchte in der Stille, wie ſchön der Vater von den beiden alten Männern auf der Uhuklippe erzählte, welche der Mutter Geld geben wollten und den Vater zur Gottesfurcht und Arbeitſamkeit ermahnt hat⸗ ten, ſo daß er ſelbſt viel Geld verdienen konnte, das er nicht 301 mehr vertrinken, ſondern dazu verwenden wollte für die Mutter und die Kinder Kleider und Nahrung anzuſchaffen. Alles das begriff Jacob ſehr gut. Aber um in einer Sache zur Klarheit zu kommen, ſtritt er mit dem Schlaf. Das waren einige andere Worte die der Vater zur Mutter geſagt hatte. Wenigſtens, hatte er geäußert, will ich nicht mehr Schnaps trinken als zum Hausbedarf nöthig iſt. Aber es war und blieb dem Knaben unmöglich dieſe Sprache zu deuten. Er ſchlief darüber ein und lernte erſt weit ſpäter im Leben dieſen Haus⸗ bedarf begreifen.. Juſt als Jacob in die Welt der Träume einzog, ſagte der Fremdenfiſcher zu ſeiner Frau: „Glaubſt Du jetzt nicht, Pernilla, daß der Herr ſelbſt es war der die Gedanken ſo gottesfürchtiger Männer auf einen ſo elenden Menſchen, wie ich bin, gelenkt hat? Sie hielten ſich nicht für zu gut, um mich auf den rechten Weg zu leiten, und ich glaube auch in der That daß dies beſſer anſchlug als wenn Patron Hjelm Etwas geſagt hätte. Er iſt jung und in den Dingen nicht ſo bewandert wie der Lootſenvater und der alte Gädda. Und Schande für denjenigen der ſie betrübt. Ich thue es gewiß nicht. Morgen früh gehe ich nach Svartſkär und verdinge mich zur Arbeit, und da kann ich mir mit Ehren Etwas im Laden herausnehmen— das iſt keine Bettelei. In einigen Tagen erhältſt Du Deine Penſion, welche Glück und Segen ins Haus bringen wird. Solche Heiligkeit liegt in dem Gelde, das begreifſt Du ſelbſt, ohne daß ich es ſage.“. „Lieber, gottgeſegneter Tolle!“ antwortete Pernilla, die Hände faltend und die feuchten Augen zum Himmel erhebend, der jetzt in der Abendbeleuchtung durch das neugewaſchene Glas der Fenſterſcheiben hereinblickte und gleichſam mit Wohlbehagen auf die kleine Familie und all die Spielſachen der Kinder herab⸗ ſchaute, die buntfarbigen Gläſer, die Hummerklauen, die Porzellan⸗ ſcherben und die unzähligen rundgeſchliffenen Steinchen, die im 30² Finſtergeſims aufgeſtapelt lagen—„lieber Tolle iſt es denn wirklich wahr daß ein ſo großes Wunder geſchehen kann? Das größte und beſte Wunder wäre wenn Du von Grund aus in Einem und Allem umgekehrt werden könnteſt. Geſchieht das, ſo haben die Gottesmänner eine beſſere That verrichtet als wenn ich eine zehnmal größere Penſion erhalten hätte, obſchon ich ihnen zur Stunde der Noth in größter Demuth dafür danke.“ „Du darſſt nicht zweifeln, Pernilla— das hieße Gott ver⸗ ſuchen. Ich habe nie eine ſolche Aufregung in mir verſpürt, wie in dem Augenblick wo die braven Alten von ihrer eigenen, durch die ehrenvollſte That erworbenen Penſion meine Frau und meine Kinder penſioniren wollten. Es war mir als wollten ſie damit die Worte verdecken: da Du ſelbſt nicht für ſie arbei⸗ teſt, ſo wollen wir von dem Unſrigen ſparen. Aber ſie werden ſchon ſehen daß mein Weib und meine Kinder durch meine eigene Arbeit Nahrung und Kleider bekommen ſollen. Und dann verwahren wir die Penſion im Großmutterpult für die Kinder oder geben ſie ihnen zurück, denn es gibt viele Wittwen und viele vaterloſe Kinder, die ſehr bedürftig ſind.“ „Dank, Tolle, für die letzten Worte— dieſen Tag möchte ich erleben!“ verſetzte Pernilla...„Aber ehe wir uns legen, will ich für den heutigen Abend ein Kreuz in der Mutter Gebet⸗ buch ſetzen. Dann lege ich die Pfauenfeder dazwiſchen, ſo daß, wenn ich das Buch vornehme, es ſogleich aufgeht und mir Dein Verſprechen vor die Augen hält.“ „Thue das, Pernilla, Du kannſt es ganz ruhig thun. Dann begeben wir uns zur Ruhe, und morgen früh gehe ich zuerſt nach Svartſkär, wo ich für einen hohen Taglohn beim neuen Hausbau des Patrons Moß Arbeit erhalte. Dann bekommſt Du auch genug Brennholz, das ich Dir am Abend mitbringe. Ferner habe ich morgen noch ein anderes Geſchäft zu verrichten — aber Du darfſt Dir nicht einbilden daß es Schmugglerarbeit ſei... Ich möchte beinahe glauben, daß dieſer Handel in den —=— S2 S8S8XSX 303 Scheeren ganz aufhören wird, nachdem der große Olagus dabei ſein Ende gefunden hat.“ „Wenn nur ſein Bruder das Geſchäft nicht aufrecht erhält!“ „Das ſieht ihm nicht gleich. Tuve iſt ein guter Menſch und von frohſinnigem Gemüth. Er baut wahrſcheinlich die Ga⸗ leaſſe fertig und läßt ſich in Ruhe nieder als Capitän. Und wenn es ſo wäre wie Gädda einmal ſagte, ſo könnte es nicht unmöglich ſein daß es auch auf Mörkö eine Capitänsfrau gäbe. Doch wäre es unpaſſend und unehrerbietig gegen Mutter Brit⸗ gen darauf nur hinzudeuten, ſo lange noch die erſten Wittwen⸗ thränen ins Nastuch fließen.“ Am folgenden Mittag glitt das Schiffchen der Alten mit Gädda und dem Fremdenfiſcher nach der Meerfrauenklippe zu. „Es iſt doch gewiß,“ ſagte Gädda,„daß Du über dieſe ſonderbare Geſchichte und dieſe närriſche Reiſe reinen Mund ge⸗ halten haſt?“ „Ja wohl, ich habe nicht einmal meiner Frau ein Wört⸗ chen davon geſagt, geſchweige denn einem andern Menſchen... Aber, mein Gott, wie innig dankt ſie Euch und dem Lootſen⸗ vater für Eure ungeheure Güte!“ „Dies,“ antwortete Gädda zufrieden,„beweist eine ehren⸗ hafte Geſinnung. Und ich fühle es an mir, daß Du ſelbſt, Tolle, ein rechter Mann wirſt, von dem man einſt wegen ſeines Wohlſtandes und ſeines rechtſchaffenen Charakters reden wird. Denn wenn Einer arbeiten kann und Arbeiten bekommt und ſich vom Anfang bis zum Ende gut aufführen will, ſo kommt er all⸗ mälig hinauf, ohne daß er es ſelbſt bemerkt, bis er zuletzt geehrt und geachtet iſt, als ob er ein Bischen mehr wäre als Andere. Aber das füge ich noch hinzu, um es ſo weit zu bringen, muß Einer ſich um Kenntniſſe in Dingen des Chriſtenthums befleißigt haben. Ich bin ſelbſt kein großer Meiſter in der Auslegung der heiligen Schrift, aber ich halte ſie in großer Verehrung. Und 304 der Lootſenvater beſitzt Kenntniſſe genug, um auch Andern davon abgeben zu können.“ „Ich will auch,“ verſetzte der Fremdenfiſcher,„ſo viel ler⸗ nen, daß ich meine Kinder Etwas lehren kann. Es würde ſo fein und herrlich klingen, wenn ich in künftigen Tagen hören könnte: das habe ich von meinem Vater gelernt.“ Bei dieſen Worten öffnete ſich der Mund des Fremdenfiſchers zu einem Lächeln das ſeine weißen Zähne und das gutmüthige joviale Ge⸗ ſicht in ſeinem beſten Licht zeigte. „Nun,“ fuhr Gädda fort,„Du trafſt den Patron Hjelm nicht zu Hauſe?“ „Das war Einerlei. Er hat mit dem Bauwerk nichts zu ſchaffen, aber ich ſprach mit dem neuen Buchhalter und dem norwegiſchen Baumeiſter, und ſo wurde Alles abgemacht, ſo daß die Arbeit morgen beginnt.“ „Möge der Herr dies in einer glücklichen Stunde geſchehen laſſen... Aber in Anſehung des Geſchäftes wegen deſſen wir hinaus ſind glaube ich an keine glückliche Stunde. Da wir je— doch ſchon ſo weit gekommen ſind, ſo wollen wir auch noch wei⸗ ter gehen und nach verlorenen Gütern ſuchen.“ „Jetzt,“ ſagte der Fremdenfiſcher nach einer kleinen Weile, „haben wir das feſte Land der gnädigen Meerfrau erreicht. Wol⸗ len ſehen ob wir einige Spuren von dem Sünder finden den ſie verſchmähte, da ſie ihn wieder ans Land hinauf warf.“ „Du weißt,“ fiel Gädda ein,„daß ich nie recht an Deine Einbildungen geglaubt habe. Doch war etwas daran was mich verlockte, aber ich ſchäme mich wirklich daß ein ſo ſchlauer Mann, wie ich zu ſein mir einbilde, auf ſo einfältiges Zeug verfallen ſoll. Wer ſolche Handlungen auf dem Gewiſſen hat wie Holt, der wird ſich wohl hüten ſich mitten in die ſchlimmſte Gefahr zu werfen in die er gerathen kann, und die ſchlimmſte Gefahr war an der Thüre der Heimath, das begreifſt Du wohl.“ „Ihr dürft mirs nicht übel nehmen, wenn ich Euch täuſche, 30⁵ alter Gädda, denn dann habe ich mich ſelbſt getäuſcht. Inzwiſchen hat— bedenket das wohl— kein Menſch von einem norwegi⸗ ſchen Seefahrer gehört der zu Grunde gegangen ſei, und er konnte doch wohl nicht unterſinken und wieder hinaufſchwimmen, ohne daß da und dort Nachfrage entſtanden wäre, wenn er früher an der Küſte geſehen worden und irgend einem Chriſtenmenſchen bekannt geweſen wäre. Und dann weiß es jetzt Jedermann daß Ragnar hier in der Gegend gedraggt hat.“ Dann hätte alſo Ragnar ihn aus Norwegen mitgebracht und verſteckt gehalten? Nun, wenn ich jetzt auch ſo gering von Ragnar denken könnte, was ich nicht gerne thue, ſo könnte ich doch nicht begreifen wie er ihn vor Tuve verſteckt halten ſollte, der mit auf der Reiſe war. Ja, Tolle, wie ich's drehen und wenden mag, ſo iſt es unmöglich, abgeſehen von der großen Unmöglichkeit die über allen andern oben ſchwimmt, daß der Flüchtling ſich ſeit dem vorigen Herbſt in Norwegen aufgehalten hätte, das doch ſo nah mit Schweden verwandt iſt, ſtatt nach America aufzupacken... Nein doch— nein doch!“ „Ihr habt Recht, Gädda, nach Eurer Art zu ſehen. Aber ich habe die meinige, müßt Ihr wiſſen, und Ihr dürft mir dieſe nicht zu ſehr verwerfen, denn die Gedanken fließen, das wißt Ihr auch, wie ein Strom... Und jetzt legen wir an und gehen zum Spiegel der Meerfrau hinauf, wo ſie, wie die Leute ſagen, bei Nachtzeit ſteht und ſich ſpiegelt. Wir werden ſchon bemerken, ob ſich neue Spuren finden daß ein Menſch dageweſen ſei, wenn auch auf den harten Felsplatten juſt keine Spuren zu ſehen ſind— wenigſtens nicht von dem Waſſervolke, deſſen Füße ſich gewiß nicht ſo ſchwer eindrücken.“ Und jetzt ſtieß das Boot an die Klippe an, ſo daß es hri⸗ nahe von der einen Seite derſelben, da wo ſie eine Art von Dreieck bildete, verſteckt wurde. „So viel iſt gewiß,“ waren Gädda's erſte Worte,„daß hier Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III 20 306 vor nicht langer Zeit ein Menſchenfuß auf dem Seetang gegangen iſt— ſieh nur, wie er ſo zerdrückt iſt... So wahr ich lebe, da ſind ja wirkliche Fußſt apfen auf den Sandflecken... Nun, nun,“ fügt er hinzu, wie wenn er wider ſeinen Willen zu einem ganz unverantwortlichen Glauben hingeriſſen worden wäre, „nun, nun, es hat ja Jeder das Recht hier anzulegen.“ „Das Recht hat allerdings Jeder,“ meinte der Fremdenfiſcher, „aber nicht Viele thun es— Das wißt Ihr ſo gut wie ich.“ „Das iſt wahr... Laß uns jetzt ein paar Mal rund herum⸗ gehen, ehe wir ins Schlafgemach treten. Ich ſelbſt bin allerdings ſchon manches Jahr nicht mehr dageweſen... So,“ comman⸗ dirte der Alte,„Jeder nimmt ſeine eigene Seite. Adieu!“ „Das iſt das Allerbeſte... Adieu, adieu!“ Der Fremdenfiſcher ſchwenkte nach der ſteilſten Seite ab. Inzwiſchen waren kaum zehn Minuten verfloſſen, als Gädda rief: „Tolle!“ „Sollte Etwas zu Tage kommen, ſo bin ich hier zu finden,“ antwortete Tolle, indem er hervortrat. „Zu Tage kommen fragſt Du?“ erwiderte Gädda ganz blaß im Geſicht, während er faſt nie in ſeinem Leben erblaßt war. „Was gibt es, alter Vater?“ (Der Fremdenfiſcher gedachte ſich die Freiheit zu nehmen ſeinen alten Gönnern künftig als Hochachtungsbeweis dieſen Namen zu geben, der ihm ganz beſonders ehrwürdig, ſohnlich und wohl⸗ klingend vorkam.) „Ja wahrhaftig, da iſt Etwas. Hier finde ich den Reſt von einer Cigarre. Kein Fiſcher oder Bootsmann hat ſie ge⸗ raucht— die nehmen mit dem ungerollten Tabak vorlieb, und dagegen habe ich Nichts, denn ſo iſt er am beſten.“ Der Fremdenfiſcher kratzte erſtaunt in ſeinem üppigen Haar. „Aber was haltet ihr von dem da?“ rief er, indem er heftig 307 igen zurückfuhr.„Dies iſt unter meinem Fuß entzweigegangen...“ lebe, Er hob einige Stücke trockenen Weizenbrodes auf...„So wahr dun, ich lebe, das iſt eine Art von Zwieback. Solchen haben die zu Fiſcher auch nicht, außer wenn ſie auf dem Markt für die Kin⸗ äre, der kaufen, und dann ſind die Kinder viel zu geizig damit, als daß ſie Etwas übrig ließen um die Haushaltung der Meerfrau her, zu verſehen.“ 4 Gädda betrachtete ganz nachdenklich die Zwiebackſtücke, während um⸗ der Fremdenfiſcher ſeinerſeits den Gehalt des ihm überreichten ngs Cigarrenſtumpen unterſuchte. nan⸗„Dies iſt höchſt ſonderbar, Tolle.“ „Dafür gehe und ſtehe ich, alter Vater. Ich glaube nicht daß der Richter ſelbſt viele Umſtände mit den Beweiſen machen — würde, wenn man ihm dies hier vorlegte und zu ſeiner Zeit dda ein vernünftiges Wort ſpräche; denn dies gehört vor die Gerech⸗ tigkeit, ſo viel iſt ſicher.“ „Schiebe Deine Gedanken nicht nach dieſer Richtung, Tolle, en,⸗ ehe Du weißt was Du thuſt, und was es auch ſein mag, ſo muß ein ehrlicher Mann ſich beſinnen, ob er dieſe Belohnung ganz verdienen will.“ laßt„Ja, ſo iſts,“ antwortete der Fremdenfiſcher, indem er ſich ſogleich in ſeine neuen Grundſätze hineinverſetzte....„Nun, nun,“ fügte er hinzu,„wie ich ſagte: wenn Etwas vor die Ge⸗ nen rechtigkeit gehört, ſo iſt es gewiß dies. Aber, der Teufel ſoll in men mir krähen, ein Narr will ich nicht ſein, und in der Ehrlichkeit ohl⸗ will ich gehen ſo weit ſie reicht, und ſo wahr ich der Schwieger⸗ ſohn der Großmutter bin, ſie wird ein gut Stück Wegs reichen, Reſt darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. 4 ge⸗„Ich bin feſt davon überzeugt, mein lieber Tolle, und Du und ſollſt nicht glauben daß ich in meiner Ehrlichkeit ſcheinheilig ſein wolle, aber Eines ſage ich als wahr, und das iſt daß ich außer aar. im höchſten Nothfall nie einen Sünder zur weltlichen Strafe bringe. Denn ſo viel habe ich von meinem Cameraden gelernt 308 und auch aus eigener Erfahrung geſehen daß der liebe Gott ganz ſicher in die Poſaune ſtößt, wenn er ein Werk gethan haben will.“ „Aber,“ erdreiſtete ſich Tolle einzuwenden,„man könnte ſich ja denken daß er bereits ein wenig poſaunt habe, als ich die Veranlaſſung zum erſten Verdacht drüben in den ſüdlichen Schee⸗ ren bekam. Und dann ſcheint es mir, wenn ich meine Meinung ſagen darf, daß er noch immer ein wenig poſaunt, da wir hier das Eine um das Andere finden.“ „Dies iſt noch keine große Poſaune, darauf kannſt Du Dich verlaſſen... Aber das will ich geſtehen, Tolle, daß Du ein ganz merkwürdig ſchlauer Mann biſt, wenn es ſich darum handelt Etwas auszuwittern und zu errathen.“ „Oh,“ antwortete Tolle beſcheiden,„das iſt nicht ſowohl Schlauheit, als vielmehr eine große Anlage zum Schnüffeln— denn in dieſem Fall bin ich gleichſam ein guter Jagdhund... Aber jetzt müſſen wir auch in's Schlafgemach hineinſehen und uns dort umſchauen.“ „Ja, das wollen wir,“ ſagte Gädda.„Aber erhalten wir noch mehrere Beweiſe, ſo begreife ich nicht, wie wir ein ſolches Geheimniß für uns behalten können; es iſt gefährlich es zu ver⸗ bergen... Wollen ſehen was der Lootſenvater räth, wenn wir heimkommen.“ „Gut! Das billige ich... Wollt Ihr jetzt nicht daß ich vorangehen ſoll, Gädda? Ihr ſeid allerdings noch nicht beſon⸗ ders alt, obſchon Ihr, offen geſtanden, bei Jahren ſeid, aber ich ſtehe noch in voller Jugend, und man kann nicht wiſſen, was für Geſellſchaft man da innen finden kann.“ „Alt iſt am älteſten, und ich will nicht daß Jemand eine Schutzwache für mich bilden ſolle. Petter Gädda hat nie einer ſolchen bedurft und er denkt auch ſpäter keiner zu bedürfen... Jetzt drücke ich mich zwiſchen die Felſenthüre und die Höhle hinein.“ Und ſo trat Gädda vor, während er mit feſter Stimme ausrief: —— 309 „Iſt Jemand hier, ſo gebe er ſich zu erkennen— die Meer⸗ frau bekommt neue Gäſte... Nein, kein lebendiges Wort, und dunkel iſt es hier wie in einem Sack. Kling... um Jeſu Chriſtiwillen, was iſt das für eine ſonderbare Geſchichte!“ „Was iſts? was gibts?“ rief der Fremdenfiſcher von außen. „Wart noch ein wenig, damit ich nachſehen und meine Ge⸗ danken auf den rechten Draht ſtecken kann. Es waren da weder Leute noch Teufel! aber es war eine... Flaſche... Warte, warte— preſſire nicht ſo ſehr. Eine Flaſche kommt nicht ohne Geſellſchaft, ganz gewiß nicht.“ „Riecht ſie nach Branntwein?“ fragte der Fremdenfiſcher mit dem größtmöglichen Intereſſe. „Branntwein... o nein, nein.... etwas ganz Anderes .. der feinſte Madeira, das iſt das Wort. Ich habe bei Moß in ſeinem Keller ſo manche Flaſche abgezapft... Aber ſtell Dich ein wenig auf die Seite, damit ich das Tageslicht recht herab⸗ bekomme.“ „Lieber alter Vater, ſputet Euch. Ihr könnt wohl begreifen, wie neugierig und ängſtlich ich bin. Hätte ich Euch nicht in ſol— cher Verehrung, ſo hättet Ihr nicht allein ſein dürfen, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Gleich, mein Tolle, gleich!“ Der alte Gädda unterſuchte die jetzt zerbrochene Flaſche die Holt zurückgelaſſen hatte. Sie war von ungewöhnlicher Form, und der daneben gefundene Pfropf hatte einen metallenen Ring, wodurch er ſich von den einfachen Pfröpfen unterſchied welche die Fiſcher zu ihren Branntweinflaſchen brauchen. „Jetzt halt ich's nicht länger aus,“ erklärte der Fremden⸗ fiſcher und ſtreckte das eine Knie zwiſchen den Felſen und die Oeffnung. „Ich habe Nichts dagegen... halte Dich rechts, ſo ſiehſt Du beſſer.“ In einer Sekunde hatte der Fremdenfiſcher ſich mit ſeiner 310 Geſchmeidigkeit in das Zimmer der Meerfrau verſetzt und orien⸗ tirte ſich da ſo gut die Dämmerung es geſtattete. Jetzt machte Gädda ſeine Mittheilungen ſowohl über den einen als über den andern Fund, worauf der Andere ſeinerſeits die Tropfen unterſuchte welche der Boden der Flaſche noch ent⸗ hielt. „Wahrhaftig, das iſt Madeira geweſen; ich habe von dieſer Waare ſo viel geſchmuggelt daß ich ſie wohl kenne.“ „Wills wohl glauben.“ „Nun, alter Vater, was ſagt Ihr zu der ganzen Geſchichte? Man kann wohl nicht anders behaupten, als daß die Reiſe ſich der Mühe verlohnt?“ „Allerdings, Tolle, haben wir Mancherlei gefunden was be⸗ weist daß hier vor kurzer Zeit ein Herr ſich aufgehalten hat; aber Du mußt wohl verſtehen, Nichts beweist daß Holt dieſer Herr war. Dies ſind Räthſel an denen wir zu kauen haben.“ „So laßt uns weiter ſuchen. Ich will jedes Spältchen durchſtöbern.“ Der Fremdenfiſcher beſaß, wie er ſelbſt ſagte, die Spürnaſe eines guten Jagdhunds. Jetzt kam es darauf an, ob er geſchickt genug war um den Geruch des Platzes zu entdecken, an welchem Holt in jener qualvollen Nacht wo er nach dem Cnterich ſpähte das Geld verſteckt hatte. „Ja, kratze Du an Deiner Seite, Tolle, ſo will ich meine Schuldigkeit an dieſer thun.“ Eine gute Weile ſetzten die beiden Männer ihre Unter⸗ ſuchung der feuchten und kühlen Wände, Jeder auf ſeiner Seite, fort. Und hätte Holt ſehen können, wie die langen Finger des Fremdenfiſchers gleich dünnen Zangen in große und kleine Ver⸗ ſtecke hineingriffen, ſo würde ſeine Seele vor Angſt erbebt haben, ſo oft dieſe zum Erſtaunen geſchmeidige Zange in die Nähe des verſteckten Geldes kam und ſich wieder zurückzog. ——In—- ——-ę —,—ↄ—9„—— 311 Endlich bekam er einen der kleinen Steine welche die Oeff⸗ nung ſchloßen zwiſchen die Finger. Aber es gab da wohl we⸗ nigſtens dreißig ſolche mit kleinen Steinen verſtopfte Spalten, und zu einer gründlichen Unterſuchung derſelben wäre gewiß eine ganze Woche erforderlich geweſen. 8 Nachdem der Fremdenfiſcher drei bis vier Steine herausge⸗ nommen und ſich überzeugt hatte daß ſie nicht lange da gelegen ſein konnten, wollte er eben mit erneutem Intereſſe die Arbeit an demſelben Platz fortſetzen, als Gädda auf einmal rief: „Komm ſchnell her, Tolle. Da iſt eine verdächtige Oeffnung in welche ein flacher Stein ſo künſtlich eingeſetzt iſt.“ Stets für neue Eindrücke empfänglich, verließ der Fremden⸗ fiſcher unglücklicher Weiſe das Geheimniß dem er ſelbſt auf die Spur gekommen war. Für ſo ſchlau er ſich auch hielt, ſo ver⸗ gaß er doch den Platz ſich genauer zu merken und war augen— blicklich bei Gädda, welchem er den ſonderbaren kleinen Stein hinwegſchaffen half.. Als dies geſchehen war, zeigte ſich ein kleiner Verwahrungs⸗ ort der vermuthlich in früheren Zeiten Dienſte geleiſtet hatte, denn es fand ſich da nichts Geringeres als einige Meſſer und Feuerſteine, ſo wie ein paar Haken von eigener Beſchaffenheit. Wie lange ſie da gelegen, wußten nur die einſamen Wände und das einſame Meer. Vielleicht hatte Jemand in ſpäterer Zeit ſie verborgen— vielleicht hatten ſie ſich ſchon ſeit der Heidenzeit da befunden. „Welch ein luſtiger Fund!“ meinte der Fremdenfiſcher. „Die Sachen liegen gewiß ſchon ſeit den Zeiten des Steinvolkes da. Wir wollen ſie dem Paſtor zeigen.“ „Wir theilen ſie, und Jeder von uns nimmt eins von jeder Art,“ erklärte Gädda. „Und ich kann Dir wohl ſagen, Tolle, daß dies eine ange⸗ nehme Reiſe war, wenn wir auch nichts Anderes mehr finden. 312 Für dieſe Sachen hier wird man gut bezahlt von königlicher Majeſtät und Krone, die dergleichen einlöst.“ „Da habt Ihr Recht.. Aber jetzt will ich die Arbeit in meiner Ecke fortſetzen... Es war hier... Nein, der Teufel ſoll in mich fahren, wenn es da war: dieſe Steine ſind älter... ſo war es da... accurat, ſo war es... Da habe ich meine Steine... Nein, der Teufel ſoll mich in den Sack ſtecken, wenn es da war... Die Meerfrau iſt wohl da geweſen, während ich Euch bei dem Steine half, und hat mir die Augen verblendet. Vielleicht war Derjenige der die Meſſer hierher legte ihr Mann, dem es nicht gefiel daß ſie ans Tageslicht heraufkam.“ „Still!“ ſagte Gädda.„Man hört hier Ruderſchläge ganz in der Nähe... ein Boot kommt gegen die Klippe her.“ „Was wird nun das für ein Abenteuer ſein?“ rief der Frem⸗ denfiſcher, der ſeine beabſichtigte Unterſuchung wieder fahren ließ. „Ich will ein wenig ſpähen.“ So ſprechend ſetzte ſich der alte Gädda neben den überhängenden Stein. „Bemerket Ihr Etwas, alter Vater?“ „Ich will nicht für einen ehrlichen Mann angeſehen werden, wenn dies nicht Ragnars kleine Schaluppe iſt.“ „Nun ſeht Ihr wohl daß alle meine Auslegungen ſich immer mehr beſtätigen?“. „Still doch... Laß uns behutſam hinauf und auf die andere Seite gehen, wo unſer eigenes Boot liegt, ſo belauſchen wir ſie. Sehen ſie uns hier in der Höhle, ſo iſt es als hätten ſie uns auf der That ertappt. Wir müſſen uns klug anſtellen und mit der Machtſprache nicht eher herausrücken, als bis es nöthig iſt.“ Unſere Abenteurer kamen jetzt auf diejenige Seite der Klippe, von wo aus der Geächtete, unter ſeinen verzweiflungsvollen Be⸗ trachtungen über das Bild Wilhelm Holts und dem gefährlichen Spiel die nervenerſchütternden Gefühle bei einem beabſichtigten Selbſtmord zu empfinden, in die Tiefe hinabgeſtürzt war. 313 Natürlich lag das Boot nicht an der jähen Wand, ſondern war in einen Steinbruch am ſüdweſtlichen Theil hineingeſchoben worden. Aber als ſie an dieſem ſchroffen Felſen vorbeikamen, ſprang der Fremdenfiſcher auf einmal auf eine Kante, wo in einer kleinen ſcharfen Kluft ein offenbar abgeriſſener Tuchſtreif von blaugrauer Farbe hing. „Jetzt,“ ſagte Gädda,„kann Einer anfangen ſich Alles zu⸗ ſammenzubuchſtabiren und zurecht zu legen.“ „Endlich!“ antwortete der Fremdenfiſcher nickend.„Jetzt kann man dafür gut ſtehen daß man auf der rechten Spur iſt.“ „Aber er hat auch— merke Dir das, Tolle— auf dieſer Spur gehen wollen, die Keiner ohne Erlaubniß ſehen darf: er hat ſich ins Waſſer geworfen um ſich vielleicht zu ſeiner eigenen Strafe das Leben zu nehmen, und zwar juſt an dem Strand wo er ſeine Uebelthaten begangen hat. Aber der allmächtige Gott hat ihm wohl den Weg zurück gezeigt, weil er ungerufen kam, und weil er ihm noch eine Gnadenzeit zur Beſſerung gewähren wollte.“ „Ich möchte eher glauben,“ entgegnete Tolle,„daß er be⸗ reut hat als er ins Waſſer kam, und daß er deßhalb auf der andern Seite herumgeſchwommen iſt.“ „Er hat aber doch ſterben wollen— er hat ſterben wol⸗ len. Dann iſt er auch auf dem Weg der Reue begriffen, und wer ſich auf dieſer Bahn befindet, dem muß man einiges Mitleid ſchenken.“ „Aber auf dieſe Art,“ fuhr der Fremdenfiſcher nicht ſonder⸗ lich vergnügt fort,„würde ich ja einen großen auf die gerechteſte Art erworbenen Verdienſt wegwerfen.“ „Laß uns das hernach überlegen. Iſt es Dir beſtimmt daß Du es werden ſollſt, ſo biſt Du Derjenige der ihn angibt. Aber wo iſt er wohl jetzt zu finden? Ein Stück vom Flügel hältſt Du allerdings in der Fauſt, aber der Vogel ſelbſt iſt ent⸗ flogen. Er war gewiß nicht ſo verrückt, daß er auf Smögen liegen blieb und lang wartete... komm jetzt mit.“ 314 Ohne einen Widerſpruch zu wagen, zumal da ſein Gewiſſen ihm den Spuck ſpielte daß es zu Gädda hielt, folgte Tolle dem Alten langſam, bis dieſer einen Platz fand den er zur Beobachtung der Bewegungen Ragnars geeignet glaubte. Dieſer und Börje waren wirklich miteinander im Boot, und wie der Fremdenfiſcher vorher mitgetheilt hatte, beſchäftigten ſie ſich in einiger Entfernung von der Klippe mit Draggen. „Jetzt, da ihre Arbeit ſicher iſt und wir ſo mächtig ſind, können wir uns wohl voranwagen.“ Darauf grüßte er mit lauter Stimme: „Guten Abend, Ragnar! Was habt Ihr vor? Habt Ihr Etwas hier verlegt?“ Ragnar fuhr zuſammen. Er war gewaltig verändert nach ſeiner letzten Unglücksreiſe. „Ei wie, alter Gädda, ſeid Ihr da außen... Ich und Börje wollten eben nach einigen Cognacankern draggen die wir an jenem Euch wohlbekannten Tag verſenkten.“ „Habt Ihr vorgeſtern Abend nicht auch nach dieſem gedraggt?“ fragte Tolle lachend.„Ich meine Euch bemerkt zu haben, da ich ganz in der Nähe war.“ „Das iſt wohl möglich,“ antwortete Ragnar nachläſſig, in⸗ dem er unbewußt den überlegenen Ton annahm den er ſich nur gegenüber einer ſo unbedeutenden Perſon, wie der Fremdenfiſcher war, erlauben konnte. Aber Tolle war nicht faul ſeinen Vortheil zu benützen. „Draggtet Ihr nicht auch nach dieſem hier?“ rief er, indem er die Hand mit dem Rockſchoßſtückchen ausſtreckte. „Wo um Gottes willen habt Ihr das bekommen, Tolle?“ Ragnar verlor beinahe das Bewußtſein und wurde ganz bleich. „Still,“ flüſterte Gädda,„Deine Unbeſonnenheit macht ihn wohl ſo ſicher, daß er keines Draggens bedarf. Erinnere Dich an das was ich Dir bei unſerer Fahrt nach Mörkö ſagte, und 315 laß mich antworten, ſonſt folgt er ſo gewiß unſerer Spur daß wir ſelbſt keine Spur mehr bekommen.“ „Ja, ſo ſeis, alter Vater. Ich ſage kein Wort mehr, ſo daß Ihr Euch nicht die Mühe zu machen braucht Euch an der Naſe oder hinter dem linken Ohr zu kratzen.“ „Schon gut, ſchon gut.“ „Wollt Ihr mir nicht ſagen, woher Ihr dieſen Fetzen be⸗ kommen habt?“ „Das braucht durchaus kein Geheimniß zu ſein,“ erklärte Gädda,„mein Camerad und ich hatten auf eigene Rechnung hier Etwas zu ſchaffen, und da fanden wir ihn dort auf dem ſchroffen Felſen zwiſchen den kleinen Klüften. Es iſt klar wie der Tag, die Meerfrau hat Jemand ſo heftig an ſich gezogen, daß ein Fetzen von ſeinem Rock in der Spalte hängen blieb. Ueber ein ſolches Abenteuer darf man ſich auf der Meerfrauenklippe nicht wundern— hier ſind ſchon merkwürdigere Abenteuer vorgefallen... Wollt Ihr den Lappen haben?“ „Nein, danke, ich habe mit dem Eigenthum der Meerfrau Nichts zu ſchaffen.“ „Dann wollt Ihr auch ihren Wein und ihren Zwieback nicht koſten? Es ſcheint, ſie hielt neuerdings einen Schmaus hier: wir haben einige Kleinigkeiten gefunden... Nun, Ragnar, Ihr müßt wohl jetzt bald nach Göteborg? Aber ich denke, Ihr werdet wohlfeilen Kaufs davon kommen, wenn es auf den Lieutenant ankommt.“ „Dieſe Geſchichte hat mir meinen Muth und mein Mark geſtohlen,“ geſtand Ragnar.„Aber Ihr wißt, Olagus war Ola⸗ gus, und eben ſo große Männer wie ich haben ſich unter ſein Joch beugen müſſen. Es wäre ehrenhaft von dem Lieutenant, wenn er ein gutes Wort einlegte. Er wurde in ſeinem Dienſt üͤberfallen, und eine grauſame Sache war es, das ſage ich, der ich gewiß auch nicht zu den Verzagten gehöre.“ „Nein, Ihr ſeid allerdings nicht verzagt, Ragnar; das 4 316 wiſſen Alle die Euch kennen. Ihr fürchtet Euch vor Nichts, wen Ihr auch auf Eurer Schute haben möget.“ „Was ſagt Ihr da, Gädda?“ „Gott behüte, ich werde doch Nichts geſagt haben was Euch mißfiel. Wenn man ſo draußen auf Fahrwegen iſt, ſo kommt Einem Allerlei durch den Mund, und wenn Ihr endlich wollt daß ich meine Meinung über mich ſelbſt ſagen ſoll, ſo wäre es die daß ich für meine Perſon es nie bekannt machen werde, wenn ich manchmal allerlei Gedanken über die Verwegenheit eines ſolchen Mannes, wie Ihr ſeid, haben könnte... Und nun will ich Euch nicht länger aufhalten, obſchon ich nicht glaube daß es ſich der Mühe lohne, wenn Ihr hier noch länger drag⸗ gen wollt.“ Hiemit nickte Gädda und verſchwand. „Weißt Du an was ich dachte?“ ſagte er zu dem Fremden⸗ fiſcher. „Nicht ſo recht. Ich meinte, Ihr ſprächet ziemlich viel von dem Zuſammenhang.“ „Nicht mehr als zum Hausbedarf, um ihn dahin zu bringen wohin ich will. Jetzt wird Niemand in der Gegend geneigter ſein den Lieutenant zu vertheidigen als Ragnar. Er wurde gerade ſo in Angſt gejagt, wie es recht iſt. Aber wäre es nach Deinem Rath ergangen, ſo wäre er in Ruhe gekommen und hätte errathen, wer der Mann auf Smögen war... Halt jetzt die Zunge feſt im Mund, bis wir etwas Beſtimmtes von Smögen erfahren, und laß uns heimwärts eilen. Ich ſehne mich meinem Cameraden Beſcheid zu geben.“ „Ich will mich in dieſer Sache nach Eurer und des Loot⸗ ſenvaters Meinung richten. Das habt Ihr wohl um mich verdient.“ Als der Nachen von der Uhuklippe bereits ein Stück weit auf der Heimfahrt war, ſahen Ragnar und Börje einander erſt an. Luſt kön in Fre der Abe nich wil nur übe hät gel ichts, Euch dmmt wollt e es erde, nheit Und aube drag⸗ nden⸗ von ngen egter Surde nach und jetzt ögen inem Loot⸗ ent.“ 317 meine ich, könnteſt Du Deine Luſt an Gefahren gebüßt haben. Sie errathen es.“ ſſ ſie merken ließen. Aber ſie „Nun,“ ſagte Börje,„jetzt, „Sie wiſſen noch mehr als können nichts beweiſen, deshalb ſchweigen ſie und ſetzen Nichts in Umlauf. Gädda iſt ein ſehr ehrenhafter Mann, und der Fremdenfiſcher richtet ſich nach ſeiner Pfeife.“ „Aber wo iſt denn der Mann? Ein Lappen iſt doch nicht der ganze Menſch.“ „Ja, wo er iſt, das weiß Niemand als der liebe Gott. Aber am Leben befindet er ſich gewiß noch, ſonſt hätte Gädda nicht geſagt, ich könne das Draggen bleiben laſſen. Nun, ich will den Tag nicht mehr erleben wo ich wieder ſchmuggle, ob nun mit Leuten oder mit Cognac. Ich bin des ganzen Handels überdrüſſig. Ich wollte, ich wäre für mich ſelbſt geblieben und hätte mich nie mit den großen Männern von Mörkö an Bord gelegt.“ Behntes Kapitel. Vater und Tochter. „Was ſind das jetzt wieder für Feierlichkeiten, Dummheiten, Elend und Aufſtand? Supponire daß ich ein Mann bin deſſen Wille reſpectirt werden muß— ſupponire daß andere Leute dies begreifen müſſen, und ich ſage Dir, Beate Marie, ich will nicht, ich will nicht mit ihr ſprechen... Iſt das klar oder be⸗ darf es noch einer genaueren Ueberſetzung meiner Gedanken?“ „Ich höre und verſtehe wohl, lieber Mann, daß Du nicht willſt, aber...“ „Seit wann haſt Du mit dem Wort aber angefangen, 318 wenn ich ausgeredet hatte? Beate Marie, Weib, das ſind ſchlechte Zeiten und ſchlechte Zeichen.“ „Ach, mein Freund!“ „Ach und oh— ja, das iſt Deine Sprache... Ach und weh muß die meinige ſein, weil ich mich den ganzen Tag darin üben muß. Nun, ſags gerade heraus, hat man keinen Reſpect mehr vor mir? Heiße ich Paul und Peter oder heiße ich Moß?“* „Immer, mein beſter Freund, iſt Dein Wille allem Andern vorangeſetzt worden, wenn er ſich ausführen ließ.“ „Was, zum glatten Teufel, ſchwatzeſt Du da für Wahnſinn! Wann iſt der Tag und die Stunde wo mein Willee ſich nicht ausführen läßt? Weißt Du auch daß Du mit Deinem eigenen Mann ſprichſt?“ „Jetzt ſpreche ich mit dem Vater meiner Tochter, und Gott ſieht wie innig ich darum flehe daß Du mir eine beſſere Ant⸗ wort geben mögeſt. Hab Erbarmen mit meiner Angſt, das Mutterherz kann nicht das alles ertragen.“ „Erbarmen... he... habt denn Ihr Erbarmen mit mir? darf ich vielleicht im Frieden leben?“ „Du ſuchſt Ausflüchte... geh jetzt zu Majken, lieber Mann, oder laß ſie hieherkommen.“ „Ich habe keine Eile.“ „Nein, nein, aber... Es ſind jetzt vier Tage, ſeit Du mit der Hiobspoſt nach Hauſe gekommen biſt und ſo entſetzlich hart mit ihr geſprochen haſt. Seitdem weht— ich möchte bei⸗ nahe ſagen— eine Todesluft durch das Haus.“ „Nun, ſupponire, Du mußt begreifen daß gerade dieſe Luft einem Mann von meinen Gewohnheiten nicht anſteht. Aber Du und meine Tochter, Ihr betreibet Eure Arbeit ſo liſtig um auf mich einzuwirken. Ihr erreichet jedoch nichts Anderes als daß ich Eure Einfalt bemitleide. Bin wohl ich ein Mann der ſich in Weiberſchlingen fangen läßt?“ b lechte und Tag einen heiße dern ſinn! nicht enen Gott Ant⸗ das mit 319 „Mein Lieber, ich kann dies nicht länger anhören. Hier muß ein Schlag in der Sache geſchehen. Sie hat um eine Beſprechung gebeten und Du kannſt ſie ihr nicht verweigern.“ „Ich verweigere ſie aber doch, ſage ich. Wenn Du ſelbſt Verſtand hätteſt, ſo würdeſt Du mich gar nicht bitten. Der Teufel weiß was man ſagen und thun kann, wenn der Zorn überwallt.“ „Ei Du mußt den Zorn unterdrücken und beherrſchen. Das iſt von der höchſten Nothwendigkeit, und die Sache iſt ſo wichtig und ernſt daß ich Dir zu erklären wage, ſie wird eine Quelle ewiger Reue für Dich werden, wenn Du auf Deinem Eigenſinn beharrſt.“ Moß, der während der ganzen Zeit ängſtlich und unſchlüſſig ausgeſehen hatte, rief jetzt heftig: 3 „Nun, wie iſt ſie denn? Wie ſieht ſie aus? Hat ſie Dir geſagt was ſie will?“ „Wie ſie iſt und ausſieht? Wenn ich ihr Ausſehen mit Etwas vergleichen wollte, ſo wäre es mit einem Granitfels. Geſagt hat ſie gar Nichts als die Worte: Heute muß ich mit Papa ſprechen.“ „Ja, ſie iſt ein dreiſtes Mädchen, weiß es beim Satan wohl. Aber ihren eigenen Vater ſoll ſie nicht einſchüchtern. Supponire, ich bin auch ein Fels... Geh jetzt und thue ihr meine Meinung kund; dieſe geht dahin daß wir uns bis auf Weiteres am beſten dabei befinden wenn wir gar keine Beſprechung haben.“ „Lieber Mann, das iſt unmöglich. Es ſtreitet ja gänzlich gegen Vernunft, Herz und Menſchlichkeit.“ „Es mag ſtreiten gegen was es will, aber möglich iſt es, und gewiß auch. Du haſt das Wort gehört... Geh jetzt und kläffe nicht länger— es hilft ſie nichts.“ Die arme Frau Moß ging nach der Thüre zu. Sie fühlte in ihrem Innern mit einem entſetzlichen Schmerz, daß ſie in dieſem Augenblicke nicht im Stande war die Kraft 320 und Entſchloſſenheit zuſammenzuraffen die ſie bisweilen beſeſſen hatte. Entweder waren jene Eigenſchaften in der tödtlichen Un⸗ ruhe der letzten vier Tage verloren gegangen, oder— ſie war ſtets bereit eine Hoffnung als Nothanker zu bewahren— hatte Gott eine andere, vielleicht noch bedrängnißvollere Zeit auserſehen, um ihr die kräftige Entſchiedenheit zurückzugeben welcher ihr Gatte niemals widerſtand, während er von den rührendſten und unter⸗ würfigſten Bitten unberührt blieb. „Aber,“ flüſterte der raiſonnirende und klar ſehende Verſtand der Gattin, die ihren Mann gar zu gut kannte—„hier gibt es für mich keine Zeit mehr.“ Und ſo ſah es wirklich aus. Auch dem Manne ſagte ſein inneres Bewußtſein daß ſeine Kraft möglicher Weiſe nicht ausreichen dürfte, und ſein wilder Sinn ſpornte jetzt ſich ſelbſt, um ſich den Troſt zu geben daß er niemals nachgeben würde. Die Frau war mit der Klinke in der Hand an der Thüre ſtehen geblieben. „Nun?“ fragte der Mann mit einer beinahe drohenden Stimme, denn bei ihrer wankenden Schwäche hatte er ſich wieder Muth errungen. „Mein Herz ſchlägt ſo heftig... Majken... Nein, ich kann nicht hingehen und ihr ſagen daß... daß... ihr eigener Vater ſich weigere ſie zu empfangen.“ „So ſchick die Magd hinein und laß ihr ſagen ich ſei ver⸗ hindert.“ „Bedenke, wenn ſie einen Schritt thäte den Du am liebſten ungethan wünſchen würdeſt.“ „Was für einen Schritt denn? Bin ich nicht ihr Vater? ſie wagt keinen Schritt der eine Empörung gegen meinen Willen verriethe... Sie wagt es nicht, hörſt Du?“ Frau Moß ſchüttelte den Kopf. „Reize mich nicht länger, Weib, ſondern bedenke, was zu ſeine ilder ß er hüre nden eder 4 321 Deinem Frieden dient. Ich glaube, Gott verdamm mich, alle Menſchen ſind verrückt geworden... Da bekomme ich von Hjelm einen Brief voll von den verdammteſten... Nun, das gehört nicht hieher. Du darfſt Dir nicht einbilden daß es etwas Anderes als Geſchäftsſachen betreffe— das iſt genug, und eine Compagnieſchaft haben wir noch nicht geſehen. Armuth und Hoffahrt, das alte Lied... Ei wie, Du biſt noch nicht gegangen... Du ſtehſt noch da und ſpionirſt mich aus? Nimm Dich in Acht— ich will Dich nicht mehrere Male warnen. Wenn Du ſo feig biſt, daß Du Deine eigene Tochter fürchteſt, ſo muß ich wohl ſelbſt für einen Boten ſorgen.“ Er ging raſch auf die Thüre zu...Aber in demſelben Augen⸗ blick wurde ſie von außen geöffnet. „Es bedarf deſſen nicht, Papa... Da Mama ſo lange ausblieb, ſo erſah ich daraus daß das Geſchäft mißlungen ſei, und hielt es fürs Beſte mir die Antwort ſelbſt zu holen.“ Natürlich war es Majken, die dieſe Worte ſprach. Aber es war nicht diejenige Majken die wir früher beinahe unter allen Verhältniſſen ergebungsvoll, ruhig, klar, mild und voll inniger Friedfertigkeit geſehen hatten. Das junge Weib das jetzt mitten im Zimmer ſtand und ſeinen Blick auf den Vater geheftet hielt, ſah jetzt ſo unerſchütter⸗ lich kalt, ja beinahe eiſenhart aus, daß man ganz deutlich erſehen konnte, wie innerhalb dieſer weißen Stirne ein Wille wohnte welchen Nichts zu brechen, zu zwingen oder zu leiten vermochte. „Ich habe keine Zeit für Dich,“ murmelte Moß,„durchaus keine Zeit!“ Majken ſchien dieſe Worte nicht einmal gehört zu haben. „Geliebte Mama, geh hinab..“ Hier klang die Stimme mit der alten Sanftheit...„Ich muß jetzt allein mit Papa reden.“ „Ah ſo!“ rief Moß, zufrieden daß er Etwas gefunden was Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 21 . 322 ihm ein dreiſteres Auftreten erlaubte,„Du unterſtehſt Dich Deine eigene Mutter hinauszuweiſen— ein ſchöner Anfang.“ „Sie hat mich ſchon vorher gebeten daß ich ſie mit Dir allein laſſen möchte,“ antwortete Frau Moß mit Würde.„Und ich habe ein ſo großes Vertrauen zu meiner Tochter daß ich es wage... Ich kann es doch mit Zuverſicht thun, liebe Majken?“ „Ja, Mama, ſei überzeugt daß dieſes Vertrauen, womit Du mich mir ſelbſt überläſſeſt, mein beſter Wächter ſein wird.“ Aber Moß, welcher fürchtete, dieſe Erklärung könnte noch ſchlimmer ausfallen, wenn Beate Marie nicht zugegen wäre, ſah ſie düſter und drohend an. „Lieber Mann, wenn ich Etwas nützen könnte, ſo würde ich bleiben; aber ich fühle, es iſt das Beſte, wenn Majken die Verantwortlichkeit allein hat, wie auch Du,“ fügte ſie mit etwas mehr Nachdruck hinzu,„die Verantwortlichkeit allein haſt.“ Und ſie entfernte ſich. Vater und Tochter waren allein. Als dieſer wichtige Augenblick eingetreten war, dieſer Augen⸗ blick den Moß ſo ſehr gefürchtet hatte, daß er ihm weder durch eine Reiſe aniehen noch ihn an ſich herankommen laſſen wollte, da war es ihm ſchlimmer zu Muth, als ſogar während der Fahrt zu den Gerichtsverhandlungen. Er empfand ſeiner Tochter gegenüber ein Gefühl das kein anderer Menſch auf Erden ihm eingeflößt hatte, und es half ihm Nichts daß er ein Mal ums andere zu ſich ſelbſt ſagte:„meine eigene Tochter... meine eigene Tochter... Niemand anders, als meine eigene Tochter... Bah... Dummheiten... Supponire, der Alp hat mich gedrückt.“ Und ſo hieß es denn mit kalter und gebietender Stimme, denn ſo wenig Weichheit er bei ihr fand, ſo wenig fand er bei ſich ſelbſt: „Sprich ohne Umſchweif.“ ine Ind 323 „Haſt Du ſeither nähere Nachrichten über den Angriff auf die Zolljacht erhalten, Papa?“ „Nein... ich bekümmere mich auch nicht darum etwas anderes zu erfahren, als die Hauptſache die nicht zurückgenommen werden kann.“ „So werden alle diejenigen die mit auf dem Boot waren ſich um ſo mehr darum bekümmern müſſen. Einen Küſtenauf⸗ ſeher im Dienſt zu überfallen kann wahrlich eine ſehr ernſte Sache werden.“ „Ah ſo, er will den andern Bruder auf die Feſtung bringen? Er gibt ſich mit weniger nicht zufrieden? Aber dann iſt er ja ein ganz eingefleiſchter Teufel, Dein vielgeliebter Schäfer.“ „Ich habe nicht von dem geſprochen was er will. Er iſt zu hochſinnig, um perſönliche Rache zu verlangen. Ich wollte Dich nur daran erinnern, Papa, daß die Sache in Wirklichkeit ein ganz anderes Ausſehen hat, als Du ihr gern geben möchteſt. Gudmar allein iſt der Beleidigte, der in hohem Grad Leidende, und nur eine Blindheit die ſich durch nichts Anderes als durch Haß erklären läßt, kann an ihm Etwas zu tadeln finden.“ „Natürlich willſt Du ihn vertheidigen. Aber merke Dirs, daß mir ganz und gar Nichts daran liegt einen Tadel über ihn oder ſeine Vertheidigung zu hören. Seine That ſpricht gegen ihn, und der Name des Mörders Gudmar Guldbrandsſon ſollte von Rechtswegen an den Kirchenſtock geſchrieben werden... Da haſt Du meine Meinung.“ Ein leiſes Zittern fuhr durch Majkens Glieder, aber ihr Ton verrieth nicht die mindeſte Heftigkeit als ſie antwortete: „wWas ich geſagt habe, Papa, das habe ich geſagt, um Dir huldloſigkeit meines Verlobten in dieſer ſchrecklichen Sache hun, und ich erinnere Dich an die Langmuth die ſeiner iothwendigen That voranging. Gleichwohl, Papa, ſcheinſt Du ein entſetzliches Vergnügen daran zu finden dieſer That die gräß⸗ 2 — — 324 lichſten Namen beizulegen. Das iſt nicht blos unedel, ſondern ſogar niedrig.“ „Aha, Du beginnſt die Unterhandlung von dieſer Seite— mit Anklagen gegen Deinen Vater! Nun, fahre nur fort... ſprich! Ich will hernach reden.“ „Fürs Erſte,“ fuhr Majken fort,„bitte ich Dich um Erlaubniß morgen früh ins Pfarrhaus zu fahren.“ „Das ſchlage ich rundweg ab.“ „Ich bitte Dich noch einmal um dieſe Erlaubniß, Papa. Ich muß hin, ich muß Gudmar treffen, wenn er nach Hauſe kommt; das iſt für mich von der höchſten Wichtigkeit.“ „Aber ich wiederhole daß es nicht geſchieht. Du haſt bisher ſo ziemlich Alles gethan was Dir beliebte, und ich habe ein Auge zugedrückt, weil Du keinen Scandal anſtellteſt. Jetzt wirſt Du anders, und da werde ich auch anders.“ „Papa, Papa, bedenke Dich wohl, ehe Du mirs verweigerſt. Bedenke auch daß ich jetzt zum dritten Mal bitte... Laß mich in Gottes Namen reiſen! Mein Herz, meine Seele, meine Nei⸗ gung, jeder Blutstropfen in meinem Daſein zieht mich dahin. Mein feſter Wille zieht mich hin.“ „Du kannſt es wollen ſo viel Du Luſt haſt, aber ge⸗ ſchehen ſoll es nicht, das iſt das Wort.“ Majken hatte mit Ausnahme des gelinden Zitterns keine äußere Bewegung gezeigt, aber jetzt ſtieg ihr das Blut mit mäch⸗ tigem Brauſen zu Kopfe. Sie trat einige Schritte vor, und indem ſie ihren Vater mit einem ſo feſten Blick betrachtete daß er ihn nicht auszuhalten vermochte, ſagte ſie, ohne ihre Stimme im mindeſten zu erheben: „Ich reiſe morgen vor neun Uhr ab.“ 4 „Thue das— und wenn ich Dich nun hinter Schloß Riegel ſetze? Man hat ſchon mehr gehört daß Väter ein ſolch Mittel gegen widerſpenſtige Töchter angewendet haben.“ „„Dies Mittel darfſt Du nicht verſuchen, Papa. Ich fühle 325 in meinem Innern ein Bedürfniß das mich mahnt Dich davor zu warnen.“ „So... nun, Du haſt jetzt dieſer Mahnung Folge geleiſtet. Und es iſt nicht Deine Schuld, nein, durchaus nicht Deine Schuld, wenn ich ſo unraiſonnabel bin dagegen taub zu bleiben.“ „Höre mich mit weniger Hohn und mehr Liebe, Papa. Hätte ich nicht während dieſer ganzen Zeit nach unſerm letzten Geſpräch in einer ſo unnatürlichen Spannung gelebt, ſo würde ich Alles verſuchen was eine ſanfte, zärtliche, flehende und demüthige Sprache auf Dich zu wirken vermöchte, aber jetzt habe ich eine ſolche nicht in meiner Gewalt. Glaube jedoch an meine heilige Verſicherung daß Liebe in dieſer Warnung lag, die beſte Liebe die ich Dir weihen konnte.“ „Dank, Dank— ich ſehe wohl daß Du reich an Liebe biſt, und ich begreife daß Du keinen höhern Wunſch haſt, als mir Deine Geſinnung zeigen zu können... Es iſt Dir gelungen.“ „Nein, leider iſt es mir nicht gelungen. Aber was Du jetzt nicht durchſchauſt, Papa, das wirſt Du ſpäter einſehen, wenn einmal der Haß gegen Gudmar Deinen ſcharfen Verſtand nicht mehr umnebelt und die Stimme Deines Herzens nicht mehr zum Schweigen bringt.“ „Begreife, ich werde wohl Gewiſſensq das Herz wieder bei Stimme iſt? Pfui Weib Du biſt...“ „Nein, das iſt entſetzlich...“ Ein Blick der Verzweiflung zeigte ſich in Majkens Auge.„Ich habe ſo viel gelitten, Papa, ſo viel! Wenn Du mich jetzt noch ſchonen wollteſt, ſo könnte Alles gut werden.“. „Nun, wie kann ich Dich denn ſchonen, wenn, wie es allen Anſchein hat, Deine eigenen Narrheiten Dir das Leben nehmen wollen?“ „Du biſt es, der in dem natürlichſten Gefühl Narrheit er⸗ blickt. Aber keine Narrheit, ſondern beſonnene und edle Liebe men, wenn ür ein liſtiges 326 iſt es die mich leitet... Ich will Dir jetzt das Uebrige ſagen, Papa.“ „Was zum Teufel gibt es noch mehr? Ich will Nichts weiter hören.“ „Doch, Du mußt mich hören, Papa. Dieſen Herbſt...“ „Schweig, unglückliche, unglückliche Tochter... ſchweig ſchweig! Jetzt warne ich Dich auch.“ „Die eine Warnung ſtirbt eben ſo ungehört wie die andere, Papa. Ich will das Recht haben auch einmal Menſch zu ſein, und kraft dieſes Rechtes ſage ich Dir daß ich noch vor Ende dieſes Herbſtes Gudmar Guldbrandsſons Frau ſein werde. Da⸗ gegen gibt es nur ein einziges Hinderniß.“ „Ha ha ha! Du Guldbrandsſons Frau in einigen Monaten! Nun, es war doch gut daß Du Verſtand genug hatteſt die Mög⸗ lichkeit eines Hinderniſſes einzugeſtehen. Ich will dafür ſorgen daß Deine Prophezeiung wahr wird.“ „Um ſo ſchlimmer, wenn das Hinderniß von Dir kommt, Papa. Ich habe mir kein anderes Hinderniß goocht als Krank⸗ heit oder Tod. Der Tod hindert mich.“ zuſammen. Romangeſchwätz, um mich ins Bockshorn zu ſlirbt in der Fülle der Geſundheit und jagen. Kei Kraft, wie Du ſi „In der Fülle Kraft mag ich ſtehen— denn ſo lang meine Seele den den beherrſchen kann, wird er ſeine Pflichten erfüllen— aber bei voller Geſundheit befinde ich mich ganz und gar nicht, das fühle ich nur allzu gut, und wenn Du Dir die Mühe nehmen wollteſt mich anzuſehen, ſo würdeſt auch Du ſehen daß ich die Wahrheit ſpreche.“ Du gehſt rühmlich auf Dein vorgeſtecktes Ziel los, Tochter! Aber ich ſtehe feſt bei dem meinigen, und jetzt wollen wir die⸗ ſem Auftritt da ein Ende machen, denn Deine letzte Narrheit „— 327 gen, mir Deine Verheirathung anzukündigen gehört zu der Art die gar keiner Antwort bedarf... Leb wohl!“ chts„O nein, Papa, ſo ſchnell geht die Sache nicht ab. Wenn ich mich jetzt mit Stolz umwendete, um nur meinem eigenen .. Willen zu folgen, ſo würde ich mir eines Tags Vorwürfe machen. veig daß ich zu wenig gethan habe, um Dich von der Nothwendigkeit 8 eines Opfers zu überzeugen.“ dere,„Dieſen Vorwurf erlaſſe ich dir zum Voraus. Wenn nichts ſein, Anderes Dich zum Schweigen zwingt, ſo...“ Ende„Ach ja, Papa, ich thue es auch um Deinetwillen. Nicht Da⸗ alle Tage in ſeinem Leben hat man⸗ glühende Gemüthserregungen, auf die man ſich ſtützen kann. Einmal, vielleicht zu ſpät, haben 8 tten! ſie Dich verlaſſen und ſolchen Empfindungen Platz gemacht, die Nög⸗ nur eiſige Kälte mit ſich führen. Dann, Papa, wenn dieſe Zeit rgen kommt, würdeſt Du gerne noch einmal Deine Maiblume bittend vor Dir ſtehen ſehen.“ nmt,„Meine Maiblume iſt nicht mehr vorhanden. Das ſtarr⸗ 8 rank⸗ köpfige, kalte und pochende Mädchen das hier vor mir ſteht iſt 3 die Maiblume nicht.“ „Aber ſie wird es ſogleich wieder, wenn Du barmherzig n zu biſt, Papa. Gudmar iſt jetzt unglücklich, ich kann es nicht übers und Herz bringen ihn allein an den fremden Ort ziehen zu laſſen. Du weißt, Papa, daß er die Controleursſtelle erhalten hat.“ 3 lang„Ei der Tauſend, er iſt für die Blutarbeit Controleur ge⸗ hten worden? Eine ſchöne Einrichtung die ihre Handlanger ſo gerecht— und belohnt!“ die„Papa, Papa, die Ernennung geſchah vorher und iſt wäh⸗ ehen rend der Zeit angekommen.“ „Nun, dann hat er ſeine Beſtallung prächtig eingeweiht... hter Pfui Teufel, daß Du dieſen Kerl noch anſehen oder ſeine Hand die⸗ anfaſſen willſt!“ rheit Majken antwortete nicht, aber ihre Augen erhielten jetzt jene dunkelſchwarze Farbe welche der zwar niedergekämpfte, aber 328 ſtark gährende Verdruß hervorruft. Sie war gleichſam in einen Eisnebel eingehüllt, und immer kälter und kälter ſtand ihre ganze Geſtalt vor dem Vater. Moß fuhr fort: „Ich bot ihm Compagnieſchaft und eine Frau an, ich bot Dich ordentlich aus, aber er hielt es nicht der Mühe werth Dich und Deine wahnſinnige Liebe anzunehmen— und Du villſſt ein ſtarkes Weib heißen? Nein, ein elendes und ſchwaches Weib biſt Du, daß Du Dich einem Manne aufdrängen willſt der Dich ver⸗ ſchmäht hat.“ Majken ergriff mit der einen Hand eines der naheſtehenden Möbel: ſie ſchien nicht mehr feſt auf den Füßen zu ſtehen. Moß merkte Nichts. Die immer mehr losgelaſſene Wuth zog die Binde um ſeine Augen noch feſter. „Und ich ſollte meine eigene Tochter dem Manne geben den ich haſſe, verachte, verurtheile, verwerfe— und Du biſt dreiſt mit dieſer Unverſchämtheit herausgerückt? Nun, wie dachteſt Du Dir denn daß dieſe Verheirathung vor ſich gehen ſolle, wenn ich meine Einwilligung nicht gebe? Du willſt wohl barfuß mit ihm irgend wohin außer Lands laufen? Aber das ſchwöre ich Dir, ſo wahr ich Moß heiße und dieſen Namen ehrlich bis zu meinem Tod behalten will, der Mörder und ſeine Liebſte ſollen keinen Pfennig von mir bekommen... Ha ha ha.. ſtarre jetzt Deinen eigenen Vater an, als wäreſt Du ein gemaltes Holzbild ſtatt eines menſchlichen Weſens— ja, bleib ſtehen, wenn Du ſo willſt, und ſtarre bis zum jüngſten Tag, aber mich hinderſt Du nicht. Der Fall und der Wille der meinen Willen niederbeugt iſt noch nicht geboren. Und bleib mir mit allen dummen Anſpielungen von Altweiberreue und ſolchem Plunder vom Leibe. Ich bin der Mann der weiß was er thut, und thut was er will. Haſt Du jetzt genug gehört?“ „Ja,“ antwortete Majken mit klangloſer Stimme,„und möge Gott zwiſchen uns richten. Es ſieht aus, als ob der Sieg 329 in Deinen Händen wäre, aber Gott möge jeden Vater vor Er⸗ ringung eines ſolchen Sieges bewahren— er verbirgt noch un⸗ ſichtbare Dornen; aber während der Sieg hinſtirbt, wachſen die Dornen.“ Sie ging mit aufrechtgehaltenem Haupt, aber unſichern Schritten gegen die Thüre zu. In Moß war Etwas was ſie zurückrufen wollte, aber der Zorn iſt eben ſo taub als blind. Er gleicht in gewiſſen Augen⸗ blicken einer magnetiſchen Betäubung, während welcher die Sinne Alles vernehmen, aber nicht in Harmonie mit ihren Wünſchen zu wirken vermögen. Ein anderes Geſetz wirkt an ihrer Stelle und gibt ſich für das einzig richtige und wahre Geſetz aus. An der Thüre ſchaute Majken noch einmal zurück. Eine Thräne drängte ſich in das kalte Auge. Dieſe Rüh⸗ rung in der Ungerührtheit war unheimlich anzuſehen. „Papa, noch iſt es nicht zu ſpät.“ „Aha, ſie wird weich,“ dachte Moß und begann bereits über ſeinen vermeintlichen Sieg zu frohlocken,„ich wußte wohl...“ „Soll ich gehen? Denke noch einmal an das was iſt und was werden kann. Ich will zärtlich, treu, gehorſam, liebevoll werden wie früher, aber ich habe jetzt nicht die Kraft, um meinen Worten Nachdruck zu geben. O Vater, Vater, höre Dein Kind—“ Sie ſtreckte ſchnell die in Folge einer innern Bewegung unwider⸗ ſtehlich gefalteten Hände vor—„höre Dein Kind... übe Barmherzigkeit, ſo lange ſie noch nützen kann.“ „Du taugſt ſchlecht zum Comödienſpielen, Tochter— habe für einen Reichsthaler Beſſeres geſehen.“ Jetzt richtete Majken ihr Haupt empor... Die Thräne entfiel dem beinahe ſtarren Auge. „Lebe wohl, Papa! Es wird äanders, ehe wir uns das nächſte Mal ſprechen. Möge Gott Dich erleuchten und Dich nicht mit allzu ſchwerem Gemüth an dieſen Tag zurückdenken laſſen!“ Sie ging langſam hinaus. — “ ö“ 330 Mehrere Minuten ſaß Moß wie betäubt von dem Rauſch über ſeinen vermeintlichen Sieg da. „Wohin kann ſie ohne mich kommen? Hoho, das iſt doch endlich vorüber... Aber eine verdammte Stunde war es, eine verdammt gemeine Stunde! Meiner Mamſell Tochter dürften jetzt endlich in Betreff der rechtmäßigen Gewalt die Augen auf⸗ gegangen ſein. Sie fällt zuletzt zu Füßen... ſie hat keinen andern Rath..... Aber verdammt ſonderbar ſah ſie aus... Supponire, Frauenzimmer können Alles was ſie wollen, außer Notabene denjenigen beherrſchen der mit ihnen umzugehen verſteht.“ Er fühlte ſich glücklicher als je beim Abſchluß eines ſeiner größten und wichtigſten Geſchäfte. Inzwiſchen verging eine Stunde, es vergingen zwei, es vergingen drei. Niemand kam herauf, und Etwas was Moß ſich ſelbſt nicht zu erklären wagte, hinderte ihn hinabzugehen. Er blieb am Schreibtiſch ſitzen unter dem Einfluß jenes be⸗ ängſtigenden Gefühles, das blos im Ohr zu wohnen ſcheint, obſchon das Herz beim erſten Geräuſch am Thürſchloß entſchwinden will. Der Sturm, die Gewitterwolken und die Blitze des Zornes hatten jetzt aufgehört— er wußte nicht wann oder wie es zu⸗ gegangen war. Nur ſo viel wußte er jetzt daß nichts Beſtimmtes gewonnen worden war. Er wartete, er ſehnte ſich nach dem Mittag, wo irgend Etwas ſich hören laſſen mußte. Endlich ging es auf der Treppe: ruhige, gleichmäßige, ſchlep⸗ pende Mägdetritte ließen ſich vernehmen. Moß empfand Freude im Herzen, und ſein Muth wuchs. Als das Mädchen mit der gewöhnlichen Einladung zum Eſſen hereinkam, griff er in ſeine Taſche, um ihr ein ganzes Vierundzwanzigſchillingſtück zu ſchenken, aber er ließ es wieder hinabgleiten... Warum Aufmerkſamkeit erregen? m „Ah ſo... Ei der Tauſend, iſt es ſchon Mittag? Sind meine Frau und meine Tochter ſchon da?“ „Die Frau, ja.“ „Und die Mamſell?“ „Sie iſt unwohl. Man brachte ihr das Eſſen auf's Zimmer. „Ich komme.“ Das Mädchen ging. Moß erhob ſich ſo leicht, als wäre er um wenigſtens zehn Jahre jünger geworden. Er athmete mit unbeſchreiblichem Wohlbehagen und machte ſich ſehr ſchnell einige recht angenehme Ideen über die Wunder der Natur. Ein Mann von ſeinem Schrot und Korn ſollte die lähmende Wirkung der Furcht empfunden haben! Man mußte eine ſolche wahre Geſchichte ſelbſt erlebt haben, um daran zu glauben. Er zog den Knoten ſeines Halstuches, der ſich ohne ſein Wiſſen gelockert hatte, feſter an, und nachdem er die Miene herablaſſender Würde angenommen—„die arme Beate Marie hat heute genug gehabt“— ging er, nicht viel weniger ſtolz als ein Gott der Gerechtigkeit auf Erden übt, ins Speiſezimmer hinab. Das Majeſtätiſche in ſeinem Auftreten ging inzwiſchen für die einzige Zuſchauerin verloren, denn Frau Moß war ſo betrübt und dabei ſo ängſtlich, daß ſie nicht von ihrem Teller aufſchauen konnte. Dieſe Verzagtheit gefiel indeß Moß nicht übel; er ſuppo⸗ nirte daß dieſe zitternde Stinnnung auch noch ſonſt im Hanſe obwalten dürfte. Nun, Beate Mario, gedenkſt Du mit den Augen zu eſſen? Du biſt nicht beſonders geſellſchaftlich.“ „Mein Freund, ich glaubte...“ „Ich weiß, Du ſchaffſt Dir neue Glaubensartikel, wenn die 33² alten zu Ende ſind... Glaubteſt Du mich ſo zu finden wie ich bin?“ „Nein, wahrhaftig nicht.“ „Immer Täuſchungen... Supponire daß ein Mann ſein Anſehen zeigt. Damit gut. Er will ſich darum nicht als Vogel⸗ ſcheuche anſehen laſſen... Sprich, meine Liebe... haſt Du Deine Tochter getroffen?“ „Ja, aber nur ganz kurz.“ „Was ſagte ſie?“ „Sehr wenig: Papa iſt unbeweglich... Willſt Du mir erlauben allein zu ſein, Mama?“ „Nicht übel... Papa iſt unbeweglich... ja, vollkommen unbeweglich... Und ſie wollte nicht zu Tiſch kommen... ißt auf ihrem Zimmer... ſehr unſchuldig. Auf ſolche Dinge ſehe ich nicht. Frauenzimmer mögen Frauenzimmer ſein. Es wäre unnatürlich, wenn ſie nicht ihre Launen und eingebildeten Macht⸗ ſprüche hätten... Im Uebrigen ging Alles, wie ich vorher be⸗ rechnet hatte. Das war das Wort.“ „Aber, lieber Mann, ihr Ausſehen!“ wagte Frau Moß hinzuwerfen.„Meinſt Du nicht daß es Dich ängſtigen ſollte?“ „Warum denn das? Das lleinſte Kind zeigt ſich verdrieß⸗ lich, wenn man ihm ſeinen Willen nicht thut— wie wäre es alſo anders möglich, als daß ein Mädchen das ſich ſeiner Hei⸗ rathsgedanken entſchlagen ſoll es auch ſo macht? Man muß billig ſein... Supponire, Ihr habt mich immer ſo gefunden.“ Zum erſten Mal während ihrer Ehe meinte Frau Moß einen inſtinectmäßigen Abſcheu vor ihrem Manne zu empfinden. Dieſe Zuverſichtlichkeit, dieſer kalte Leichtſinn, dieſe Unfähigkeit den Charakter ſeiner Tochter und ihr tiefes Leiden bei ihrer gegenwärtigen Stimmung zu begreifen, erregte im ſanften Herzen der Frau Moß eine Art von Streit und Sturm, der ihr ſonſt ganz fremd war. Moß war weit entfernt die Eindrücke zu ahnen die er wie ein 333 hervorrief. Er war nicht abgeneigt zu glauben, daß ſeine Frau juſt jetzt mit einer Art von geheimer Verehrung zu ihm in ſei⸗ ner Macht aufſchaue. Der ungewöhnliche Fall trat ein, daß Moß während des ganzen Nachmittags den Saal nicht verließ. Sei es daß der in ziemlich reichlichem Maß genoſſene Wein düſtere Grillen ſtatt erfriſchender Lüfte erzeugt, oder daß das kummervolle Geſicht ſeiner Frau ſeinen ſelbſtgefälligen Ideen eine Ableitung verſchafft hatte, genug, er bewachte Majkens Thüre wie eine wahre Schildwache. Aber drinnen regte ſich Nichts. Er freute ſich jedoch daß er zuerſt Caffe und ſpäter am Abend Thee hineintragen ſah. „Gut, gut,“ murmelte er,„ſie ißt und trinkt, das ſind gute Zeichen. Sie kann doch nicht wohl herauskommen und plaudern, als ob gar nichts vorgefallen wäre.“ Endlich mußte er daran denken ſeinen Poſten zu verlaſſen. Es wurde Zeit ſich zur Ruhe zu begeben. Aber noch im Traum ſtand er Schildwache. Und noch bei ſeinem Erwachen war er ungemein zufrieden mit dem vortreff⸗ lichen Reſultat, das er durch ſeine Beharrlichkeit gewonnen hatte. Er begann ſich die Augen zu reiben und umherzuſchauen. Der erſte Gegenſtand den er zu Geſicht bekam, war ſeine Frau, die weinend am Fenſter ſaß und einen verſiegelten Brief in der Hand hielt. Und die arme Frau ſah ſo entſtellt, ſo ab⸗ gemattet und niedergeſchlagen aus, daß das Herz des Mannes heftig zu ſchlagen anfing, ehe ſie noch ein einziges Wort ge⸗ ſagt hatte. Endlich begegneten ſich die Augen der Gatten. „Beate Marie, was ſoll das hier... Was iſt das für Satanszeug? Mach mich nicht wieder raſend!“ Frau Moß antwortete Nichts, ſondern überreichte ihrem Mann den Brief. A 334 Eine Weile wog er ihn in der Hand. Endlich rief er: „Geh Deines Wegs, ſtatt daß Du hinſtehſt und mich wie gewöhnlich ausſpionirſt. 4 Die Frau ging langſam hinaus. Sie ſchien ganz gefühllos gegen ſeine Ausdrücke die ſich auf ſie ſelbſt bezogen. Ihre ganze Gefühlsfähigkeit hatte ſich um die Tochter concentrirt. Als Moß allein war, ſuchte er womöglich in ſein eigenes Weſen einzugehen, um bei dem ſtolzen Geiſt der Tags zuvor darin regiert hatte ſein Recht zu finden. Aber er vernahm nichts Anderes, als was er am meiſten ſcheute: ſchwankende Un⸗ ruhe und zitternde Angſt. „Was kann ſie wohl wollen? Natürlich, daß ich wieder zu ihr kommen ſoll. Aber daraus wird Nichts. Ich gehe nicht.“ Inzwiſchen erbrach er den Brief und las jetzt wie folgt. „Um eine neue Scene zu vermeiden von der ich fühle daß ich ſie nicht ertragen könnte, und die mir überdies zu keinem Reſultat verhelfen würde, ſehe ich mich genöthigt mich in der Stille der Nacht zu entfernen. Ich ſattle ſelbſt mein Pferd, ſo daß Du Niemand zu ſtrafen haſt, Papa. „Zuerſt begebe ich mich ins Pfarrhaus, hernach.. werden wir ſehen. „Möge der allmächtige Gott Dir jetzt den beſten Rath ein⸗ geben, Papa! „Ich warte. Treibe mich nicht weiter. Darum bittet mit inniger Ergebenheit Deine Majken.“ In wildem Wahnſinn rief Moß: „Gott verdamm mich, ſie iſt davon gelaufen— ſie iſt wahr⸗ haftig davon gelaufen... Nun, wenn ich das vergeſſe... ſie ſoll von mir hören.“ Eine gewitterſchwangere Wolke ſtrich über ſeine Sinne und ſeine Gedanken hin 1. ſein Herz kam gar nicht in Rechnung. 1 33⁵ Die arme Gattin wagte es nicht ſich zu zeigen. Wer vermöchte jedoch ihre Seelenqual zu ermeſſen, als ſie vor der Thüre draußen ſtand und zwiſchen den beiden Gedanken abwog:„Soll ich oder ſoll ich nicht für ſie zu ſprechen ver⸗ ſuchen?“ Der Gatte... die Tochter! Sie drückte ihre Stirne ſchwer in die Hand. Wollte Gott⸗ Barmherzigkeit mit ihnen haben? Sollte wohl der geringſte Schimmer einer Hoffnung, die Majken vielleicht während ihrer Reiſe noch heimlich nährte, je zur Gewißheit werden?... Keine Hoffnung belebte die Mutter. „Beate Marie,“ erſcholl es von Innen,„Beate Marie— Frau, biſt Du auch davongelaufen?“ Die Frau fuhr heftig auf. „Ich bin hier. Ich glaubte, Du wolleſt allein ſein“... Dabei ſchaute ſie auf, trat aber plötzlich zurück. Eine ſolche Veränderung war noch nie durch eine Gemüths⸗ bewegung im Geſichte ihres Mannes hervorgerufen worden⸗ Er war blaßblau; die Augen ſchienen aus ihren Höhlen getreten zu ſein. Die Stirne war ſo drohend, daß ſie Alles ent⸗ hielt, nur nicht den geringſten Theil einer Falte, worin ein Funke von Hoffnung ſich hätte verbergen können. „Jeſus, mein Gott, biſt du krank?“ „Ich bin wüthend... aber die Beſinnung habe ich be⸗ halten... Ihr ſollt es bereuen... Geh mir aus dem Weg, das iſt das Rathſamſte, bis ich meinen Entſchluß gefaßt habe.“ Frau Moß dankte ihrem Erlöſer, daß ſie aus dem Weg gehen durfte... ſie ſuchte Troſt im Gebet, aber die verwirrten Sinne wollten ſich nicht ſammeln laſſen. Und kraftlos, betäubt, mit dem Gefühl der Vernichtung unter dieſem verheerenden Sturm, ſank ſie aufs Bett der Tochter nieder, wo ſie ſich endlich nach der ruheloſen Nacht in den Schlaf weinte. —···““ 336 Eilftes Kapitel. Durch Leben und Tod. Zwiſchen drei und vier Uhr Morgens wurde Thorborg durch die Hufſchläge eines Pferdes aus ihrem leichten und unruhigen Schlummer geweckt. Es ritt Jemand am Fenſter ihres Stüb⸗ chens vorbei, das nach der Straße zu lag. In der Ueberzeugung daß es ſich um einen dringenden Krankenbeſuch von Seiten ihres Vaters handle, ſprang ſie auf und blickte hinter dem Vorhang hinaus. Aber wer beſchreibt ihre Verblüfftheit, als ſie Majken er⸗ blickte, ſofern es nämlich wirklich Majken war, denn etwas un⸗ beſchreiblich Sonderbares lag auf ihrem Geſicht und in ihrer ganzen Geſtalt. Die letztere ſchien wenig von ihrer gewöhnlichen Ela⸗ ſticität zu beſitzen. Da Thorborg, um die Wahrheit zu ſagen, weder gekleidet noch ungekleidet war— wir werden ſogleich erfahren daß ſie früher in der Nacht ſchon einmal aufgeweſen— ſo konnte ſie in der milden Sommernacht hinabeilen, ohne etwas Anderes als ein Tuch über ihren Unterrock zu werfen. Zu mehr hatte ſie durch⸗ aus keine Zeit. Sie kam eben recht an, um Majken die Mühe des An⸗ klopfens zu erſparen. „Mein Gott!“ war Alles was ſie ſagen konnte. Mit einer Geberde gegen die Bucht hinaus antwortete Majken, die bereits abgeſtiegen war: „Er iſt vor mir angekommen?“ „Bloß drei Stunden, meine theure Freundin. Er kam ein wenig vor Eins, aber ich konnte ihn noch nicht ſprechen, obſchon ich hinabeilte. Er ging zuerſt zum Vater, zu dem er blos einige Worte ſagte, dann begab er ſich auf ſein Zimmer und ſchob mich ſanft zurück, als ich ihm folgen wollte.“ — ——„1 z 337 „Ich verſtehe das... Sage jetzt dem Knecht daß er mein Pferd unterbringt. Ich gehe in Dein Zimmer voraus und lege mich auf Dein Bett, denn ich habe großes Bedürfniß nach Ruhe.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Majken ins Haus. rchh„Ach man ſieht Dir wohl an daß Du der Ruhe bedarfſt!“ gen dachte Thorborg. Und ſobald ſie ihre Geſchäfte unten beſorgt tlüb⸗ hatte, eilte ſie hinauf. 3 Ein ſtarker Froſtſchauer war bereits über Majken gekommen. 4 den Thorborg fragte Nichts. Ihre Ahnungen ſagten ihr ſo ziem⸗ 3 auf lich Alles. Sie bereitete ſchnell einen wärmenden Trank. Und nachdem er⸗ Majken ihn genoſſen, verſank ſie in einen tiefen Schlaf, der bald un⸗ immer ruhiger wurde: ein Segen von dem Thorborg die beſten 4 zen. Wirkungen gegen ein Uebel hoffte, das die Reiſe in der feuchten* Fa⸗ 5 Nacht bei einem von gewaltigen Gemüthsbewegungen erſchütter⸗ 4 ten Körper hervorgebracht hatte. An die Leiden der Seele wagte det ſie nicht einmal zu denken. ſie in 8 ein Wenn wir jetzt quer über den Boden gehen und bei dem jch⸗ jungen Jachtlieutenant, nunmehr Controleur, eintreten, ſo finden wir auch ihn in einem ſtarken Schlaf, aber von nichts weniger An⸗ 4 als beruhigender Beſchaffenheit. Seine Seele ſchien zu arbeiten wie ſeine Arme. Es war . 3 offenbar ſowohl ein geiſtiger als ein phyſiſcher Kampf. tete Mitunter fuhr er hoch auf, und Ausrufungen von leiden⸗ ſchaftlicher Heftigkeit miſchten ſich mit leiſen Seufzern und Weh⸗ klagen, während ſeine Bruſt tief athmete. ein Auch er hatte ſich ſeit einer Woche gewaltig verändert. pon Keine Schuld laſtete auf ihm. Er hatte mit ſeiner Noth⸗ ige 8 wehr bis zum letzten Augenblick gezögert, aber gleichwohl hatte nich eine martervolle Angſt ein bleibendes Lager in ſeinem Herzen 4 Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 22 ——— 8*⁸ 338 aufgeſchlagen. Auch Reue wandelte ihn zuweilen an, nicht dar⸗ über daß er geſchoſſen— er hätte eher ſich ſelbſt getödtet als die Flagge der Krone gewendet— ſondern darüber daß er die⸗ ſer elenden Anzeige Folge geleiſtet hatte. Aber auch das verwarf er. Wie viele Confiscationen hätte denn er ſelbſt oder ein Anderer ohne dieſes ſchimpfliche Anzeige⸗ ſyſtem vornehmen können? Aber wer war der Angeber, wer war der Angeber? Die⸗ ſes Mannes Blut wollte er ſehen, denn dieſer Elende hatte die teufliſchſte Grauſamkeit ausgeübt, indem er im Geheimen und auf den Schleichwegen der Liſt zwei Leute zuſammengeführt die einander ſonſt nicht getroffen hätten. So klagte er, ſo fragte er ſich ſelbſt, aber noch war keine Antwort weder an ſein Ohr noch zu ſeiner Ahnung gelangt. Das junge warme Herz, die junge feurige Seele waren bei nahe außer Stands dieſes nie geahnte Leiden zu ertragen, das er überdies ſich ſelbſt kaum geſtand. Eines jedoch geſtand er ſich offen, nämlich daß das Bild des Olagus nie aus ſeiner Erinnerung verſchwinden konnte. Auch war es ihm als ſollten ſeine Ohren niemals den Schall der Worte verlieren, welche der große Mann bei ſeinem Fall aus⸗ geſprochen. Aber ſo oft er auch die ganze Scene auf dem Sote überlegte— und dies geſchah nicht blos den ganzen Tag über, ſondern auch bei Nacht im Traum— ſo kam er immer wieder zu dem Reſultat daß er im gleichen Fall wieder eben ſo handeln müßte. Denn wäre nicht der Anführer außer Stands geſetzt worden ſein Werk zu vollenden, was hätte daraus entſtehen müſſen? Kein Vorwurf, wenigſtens kein öffentlicher, hatte Gudmar getroffen, weil er ſich nicht zum Beſten der Zollkammer all der Waaren bemächtigte die bereits für ſie gewonnen waren. Na⸗ türlich mußte auf ſchwierige Umſtände bei dieſer Confiscation die gebührende Rückſicht genommen werden. ☛α ⏑8—W N —— — 339 Da wir nicht mehr darauf zurückkommen, ſo benützen wir hier die Gelegenheit zu erwähnen daß die natürlich ſo ſtrengen Geſetze gegen dergleichen Frevel jetzt, in Folge des Berichtes und der Betreibung von Gudmar, bedeutend gemildert wurden und die Theilnehmer mit unbedeutenden Geldbußen davonkamen. Die Gefühle die dadurch zu ſeinen Gunſten hervorgerufen wurden, ließen ſich in das allgemeine Urtheil zuſammenfaſſen: er iſt ein Hauptkerl und ein Ehrenmann. Der wilde Grimm des alten Moß fand gleich im Anfang durchaus keinen Anklang, wurde jedoch dadurch keineswegs ge⸗ mildert. Charaktere wie Moß werden durch Widerſpruch nur noch halsſtarriger gemacht. Die Controleursſtelle ſollte in der Mitte Octobers angetreten werden, aber Gudmars bisheriges Amt, das ſchon längſt ver⸗ geben geweſen war, wurde von ſeinem Nachfolger, der während der Anweſenheit Gudmars in Göteborg ſeine Ernennung erhalten hatte, ſogleich übernommen. Der Jachtlieutenant hatte alſo ſeine letzte Fahrt mit der Jacht gemacht. Er war jetzt mit ſeiner Beſtallung in der Taſche zurückge⸗ kehrt. Aber weder dieſe noch die herzlichen Worte ſeiner Vor⸗ geſetzten hatten den Druck der auf ſeinem Herzen laſtete zu er⸗ leichtern vermocht. Und dieſen Druck empfand er doppelt ſchwer wenn er bedachte was ihm zu Haus widerfahren konnte. Nach der qualvollen Nacht die ihm bloß böſe Träume zu⸗ geführt hatte, erwachte er jetzt träg und müde, mit kaltem Schweiß auf der Stirne und Froſtſchauern in Mark und Bein. Er ſtand auf, kleidete ſich mechaniſch und ließ den Wind, den warmen koſenden Auguſtwind— es war am 4. Auguſt— ſeinen durchkälteten Leib erwärmen. Eine leichtere Bewegung im Blut begann ſich zu regen, aber in demſelben Augenblick bekam er die Jacht zu Geſicht, und nun war Alles wieder zerſtört. 340 Der arme junge Mann zog ſich haſtig vom Fenſter zurück. Seine Augen waren auf den Platz gefallen wo er geſtanden als er den Schuß that. Mit einem Seufzer der Dankbarkeit gegen Gott erinnerte er ſich, daß der neue Küſtenaufſeher ſchon am folgenden Abend kommen und ihn vom Anblick dieſer kleinen Schiffe befreien würde, die er nie wieder zu ſehen hoffte. In Betreff ſeiner beiden Leute war beſchloſſen worden daß Sven Dillkopf den Wachtmeiſterdienſt erhalten und Pelle mit dem neuen Jachtlieutenant fahren ſollte, bis er dann am Herbſt ſeine Penſion, ein Häuschen und ein Weib erhalten würde. Eine lange Weile war Gudmar mit ſchweren Schritten in demſelben Zimmer auf⸗ und abgegangen, das der Capitän Geiſtern ſo oft mit nicht minder ſchweren Schritten gemeſſen hatte. An was dachte denn jetzt der neue Controleur? Zuerſt an ſeinen alten Vater, zu dem er in der Nacht blos die zwei Worte geſagt:„Ich mußte!“ und der ihm dann mit einem Händedruck voll der unverkennbarſten Theilnahme geant⸗ wortet hatte. Und dann— dann dachte Gudmar an ſeine Majken: Was hatte ſie gedacht, gethan und geſagt? Hatten ſein Brief und ſeine Geſtändniſſe ſie gerührt? hatte ſie ihn recht verſtanden... ach, vielleicht traf er einen Brief von ihr.“ Dieſe Idee kam ihm jetzt erſt. Er hatte ſich vor einer Be⸗ gegnung mit Thorborg geſcheut, aber jetzt vergaß er Alles in der Hoffnung auf dieſe Seligkeit und eilte auf die Thüre zu. Aber in demſelben Augenblick wurde ſie geöffnet. 4 Es war der alte Paſtor. Seine barſche Miene, die er ſeit dem verunglückten Beſuch von Freund Moß angenommen, hatte jetzt der ausdrucksvollſten Milde, der innigſten Liebe Platz ge⸗ macht. „Junge, redlicher ehrlicher Junge! komm in die Arme Dei⸗ 341 nes alten Vaters. Der Prieſter, das ſiehſt Du wohl ein, kann zwar nicht ſagen daß Du nach dem Buchſtaben recht gehandelt habeſt— denn die Prieſter ſollen zur Friedfertigkeit auf Erden ermahnen— aber der Mann und der Vater weiß daß die Fried⸗ fertigkeit hienieden keine herrſchende Macht iſt. Und hätteſt Du anders gehandelt, ſo hätte ich Dich nicht meinen Sohn nennen mögen. Und damit gebe ich Dir jetzt meinen Segen in der Be⸗ trübniß und ſage: wenn man deßhalb Schimpf auf uns werfen will, ſo mag die Kapelle einen andern Hirten für ihre Schafe ſuchen. Dann nehme ich meinen Abſchied und folge Dir auf Deine Station. Vielleicht kannſt Du mich im Contor verwenden. Dein Vater ſteht und fällt mit Dir.“ Gudmar ſtürzte dem alten Mann in die Arme. Auf dem Auge des Greiſes lag ein Morgenthau. Das Auge des jungen Mannes dagegen war trocken und brennend, aber eine unaus⸗ ſprechliche Liebe zu dem Vater offenbarte ſich darin. „Nun, jetzt haben wir über dieſe Sache genug geſprochen, Sohn... Wo haſt Du Deine Ernennung? Ich möchte ſie gerne ſehen.“ G „Sie liegt im Pult, Vater. Aber wie kann man ſich dar⸗ über freuen? Das Leben iſt wie eine große graue Wolke ohne einen einzigen lichten Fleck.“ „So hat es Vielen vor Dir geſchienen, Junge, und ſo wird es Vielen uach Dir ſcheinen, aber das hindert nicht daß die Freude kommen und die Wolke ſich vertheilen kann. Dein Un⸗ glück muß auf Moß wirken, denn er hat ein gutes Herz unter der kalten Hüllen Er iſt weit beſſer als er ſelbſt glaubt, Nota- bene wenn ſein wilder Sinn ihn in Ruhe läßt. Aber jeden⸗ falls wirkt es auf Majken, ſo viel iſt beſtimmt, ſonſt wäre ſie nicht das Mädchen wofür ich ſie kenne.“ Gudmar wurde feuerroth. „Sollteſt Du einige beſondere... theure Nachrichten haben, Vater?“ 342 „Das wäre wohl möglich.“ „Vater, Vater, dann kann ich nicht warten... Iſt es ein Brief? iſt es ein Bote? iſt es...“ „Halt ein, ich habe Nichts, aber vielleicht hat Jungfrau Lilienthau ihre Neuigkeiten... Komm jetzt herab... Thorborg hat Dich ja noch gar nicht begrüßen können.“ „Die liebe Thorborg! Wie ſtehts um ihre Seelenſtim⸗ mung? Geniß iſt ſie ein Engel der Barmherzigkeit für denjeni⸗ gen der leidet.“ „So darfſt Du nicht ſchwatzen, Sohn, das gefällt mir nicht. Eine ausgeführte Männerthat darf keine Reue am Schlepptau haben. Wäre Etwas zu bereuen, ſo würde der brave Mann dieſe That nicht vollbracht haben... Doch ſieh, da kommt Deine Schweſter— ſie konnte nicht warten.“ Thorborg ſchwebte luftig wie eine Geiſtererſcheinung herein und legte ſprachlos ihr Haupt an des Bruders Bruſt. „Dank!“ ſagte Gudmar, in welchem die Weichheit mit dem Verlangen kämpfte ſich ihrer zu bemeiſtern.„Du kleines Kind biſt ja beſſer als wir— was haſt Du in Deiner Seele gehört?“ „Frieden und Verſöhnung. Du wollteſt das Böſe nicht, ſondern wurdeſt durch die Macht der Du gehorchen mußt dazu gezwungen. Jetzt verſtehe ich die Strenge der grauſamen Dienſt⸗ pflicht. Der Schmerz ⸗Deiner Seele, mein theurer Bruder, wird mit der Zeit ſeine Heilung ſinden, und es wird Dir angenehm ſein zu erfahren daß Tuve zu Hjelm geſagt hat, die Schuld ſei auf ihrer Seite geweſen, und er erblicke in dem letzten Ge⸗ ſtändniß des Olagus eine Abbitte gegen Dich.“ „O, Gott ſei gelobt! Dieſe Worte ſind mir wie Balſam auf eine offene Wunde... Aber wir werden Zeit genug be⸗ kommen über dieſe Sache zu ſprechen. Gib mir jetzt um Gottes⸗ willen Majkens Brief. Mein Herz vergeht vor Sehnſucht nach einem einzigen Worte von ihr. Sie, dieſes edle vorurtheils⸗ -——ę—V—;y4 — 343 freie Mädchen kann mich nicht engherzig verdammen! Sie wird gewiß gütig ſein.“ „Ja, ohne Zweifel.“ Sie gingen hinab. Der Paſtor hatte ſie bereits verlaſſen, um durch die Küche in ſein Zimmer zu gehen. Thorborg öffnete die Thüre des Sa⸗ lons, dieſes friedlichen Gemachs in welches die Sonne durch die blanken Fenſter hereinleuchtete, wo die Blumen dufteten und die Kanarienvögel ihre Morgenhymnen ſangen, als Antwort auf diejenigen welche draußen von Seiten der freien Sänger der Luft erſchollen. Und in dieſem Tempel gemüthlicher Behaglichkeit ſtand jetzt— Majken. Thorborg entfernte ſich haſtig, aber nicht ſo ſchnell, um nicht ein doppeltes Schluchzen zu vernehmen. Dann wurde Alles ſtill wie ein Grab. Eine halbe Stunde war verfloſſen, als die ſylphidengleiche Beherrſcherin der Capelle wieder die Thüre ein wenig öffnete. Majken ſaß auf dem Sofa, Gudmar auf einem Schemel. Sein Haupt lag auf ihrem Schooße. Hatte Eines von ihnen geredet, ſo war es ſicherlich ſo leiſe geſchehen daß nur ſie allein es hören konnten. Jetzt ſpra⸗ chen ſie nicht. Majkens Arm lag an Gudmars Hals, ihre Hand in der ſeinigen, und der Ausdruck auf beiden Geſichtern war verklärter Friede. „Darf ich Euch ſtören?... Papa wartet. Seid nicht böſe wenn ich von einer ſo irdiſchen Sache wie das Frühſtück iſt, ſpreche aber ich glaube es iſt nothwendig.“ „Es iſt wenigſtens billig daß wir den Onkel und Dich nicht llänger warten laſſen,“ ſagte Majken mit einem Verſuch zu lächeln. Gudmar antwortete Nichts. Er war ſogleich aufgeſtanden, aber ſein auf Majken gehefteter Blick bewies daß er angefangen hatte den Einfluß der heilenden Hand zu empfinden, welche nur ſie ſo leicht aufzulegen verſtand, daß die Schmerzen gleichſam auf ein weicheres Lager gebracht zu ſein ſchienen. Später am Vormittag ſaßen ſie allein am Meeresſtrand. Da tauſchten ſie Worte und Gedanken aus. Beim erſten Zu⸗ ſammentreffen hatte der Ausbruch der Gefühle vorgeherrſcht. „Jetzt, liebe Majken, hat Dein großes Herz alſo vergeſſen was zwiſchen uns lag! Deine Augen ſehen nicht mehr die Wolke die uns das Licht verhüllte. Du willſt wieder ein Herz, ein Glaube, ein Leben, eine Hoffnung mit Deinem Gudmar werden?“ „Ich will Dein Weib werden, ehe Du von hier wegziehſt — ich will mit Dir ziehen.“ „Herr Jeſus, was ſagſt Du?“ rief er erblaſſend vor Rüh⸗ rung.„Mein Weib vor der Mitte Octobers? O, da muß der vimne in ſeiner höchſten Liebe die Blutſchuld abgewaſchen aben.“ „Die Blutſchuld?“ rief Majken mit ſanftem Vorwurf in ihrer Stimme. „Ein Menſchenleben auf dem Gewiſſen iſt eine ſchwere Laſt, Geliebte, mag ſie auf noch ſo gerechte Art, durch noch ſo uner⸗ läßliche Pflichten, durch noch ſo großen Zwang entſtanden ſein. Und eine ſolche Laſt kann, fürchte ich, mit der Zeit eher ſchwerer als leichter werden. Aber folgſt Du mir— Du, meines Lebens Licht, ſo zittere ich vor keinem Dunkel der Zukunft. Dann ſteht der Engel an meiner Seite und fächelt die Unruhe hinweg, die unaufhörlich wiederkehren wird... Doch das iſt ja eine undenk⸗ bare, eine unmögliche Sache. Wie ſollteſt Du die Einwilligung Deines Vaters erhalten? oder iſt es möglich daß er bereits... Nein, ich kann mir das nicht denken.“ 345 „Denke auch nicht daran, mein Gudmar. Noch ſtehen wir blos im Anfang des Sturmes und Kampfes.“ „Und gleichwohl hoffeſt Du, liebe Majken?“ „Ich weiß nicht recht was eine innere Stimme mir ſagt, aber das weiß ich daß vor der Mitte Septembers die Sache entſchieden ſein muß, wenn ich im Stande ſein ſoll in der Mitte Octobers mit Dir zu reiſen.“ „Liebe Majken, in Deinem Weſen und Ausſehen liegt Et⸗ was was mir erſt jetzt recht auffällt. Ich habe es ſchon im erſten Augenblick geſehen, aber ich glaube, ich wollte es nicht ſehen.“ „Was meinſt Du?“ fragte ſie. „Darf vielmehr ich Dich fragen? Biſt Du krank geweſen, meine edle Maid? ſeit wann biſt du hier?“ „Krank bin ich geweſen— ich kann nicht gerade ſagen wie lang. Es iſt Nichts von Bedeutung, glaube ich— eine Ab⸗ mattung, ein zehrendes Fieber, was ſich wohl geben wird wenn unſere Angelegenheiten einmal auf klaren Grund kommen. Was meine Ankunft betrifft, ſo fand ſie heute Nacht ſtatt.“ „Heute Nacht— ſagteſt Du ſo?“ „Ja!“ Majken erröthete ſtark, und das einſylbige Wört⸗ chen glitt kaum hörbar über ihre Lippen. Gudmar ergriff ihre beiden Hände und drückte ſie an ſeine Augen und ſeine Lippen. „Es ſteht etwas ſchlimm, das merke ich wohl, und vielleicht ſollte ich Dich verlaſſen, um nie mehr die Löſung Deines Ge⸗ lübdes zu fordern. Beim erſten Gedanken daran fühle ich mich jedoch von namenloſer Verzweiflung ergriffen. Ich bin nicht edel gegen Dich, Geliebte. Ich ſollte Muth— mehr Muth haben.“ „Wenn Du, mein Gudmar, den gänzlich unmotivirten Muth beſäßeſt mich zu fliehen, um keine Anſprüche mehr auf mich zu beſitzen, ſo würdeſt Du die Krankheit, die vielleicht noch gehemmt werden kann, zu ſchleuniger Entwicklung bringen.“ „Ach, fürchte Nichts— ich bin leider nicht ſo frei von Selbſtſucht... Sage mir jetzt, Geliebte, warum Du in der Nacht kamſt.“ „Weil ich... weil ich von Haus entflohen bin. Er⸗ ſchreckt dieſes Wort Dich ſehr?“ Gudmar ſah ſie mit einem Blicke der tiefſten Angſt an. „Entflohen— Du! Du hätteſt unter einem ſolchen Zwange gelebt! Das iſt ja ſo entſetzlich, daß es ſich gar nicht denken läßt.“ „Höre mich!“ verſetzte Majken.„Dein Vater und Thor⸗ borg wiſſen noch Nichts... Aber wenn Papa heute kommt— vielleicht iſt er bald hier— dann... Doch ich will ihnen Alles ſagen wenn ich es zuerſt Dir geſagt habe. Mußteſt nicht Du, mein Gatte, der Erſte ſein dem ich mich anvertraute?“ „Und das für mich, für mich, für den Mann der nicht das Mindeſte aufopfern wollte, der... ach, ich weiß nicht, was ich ſage...“ Er legte heftig die Hände an ſeine Stirn.„Hier jagt das Blut raſend umher... Ach, ach, Majken, meine Maid, es liegt ſchwer auf meiner Seele, daß ich ſo wenig für Dich thun kann.“ „Du hätteſt wenig gethan? du, dem dieſes Unglück gar nicht widerfahren wäre, wenn Du nicht um meinetwillen Küſten⸗ aufſeher geworden wäreſt? Geſchah es nicht auch um meinet⸗ willen, daß Du alle Grade der Niedrigkeit im Dienſte durch⸗ machen mußteſt? Sprich nie mehr davon daß Du wenig für mich gethan habeſt. Jetzt iſt die Reihe an mir Etwas für Dich zu thun.“ Gudmar ſchüttelte den Kopf. „Weder ich noch ſonſt Jemand,“ ſagte er,„kann an Gdel⸗ muth mit Dir wetteifern... aber erzähle mir jetzt was ge⸗ ſchehen iſt, und was Du im Augenblick für das Nothwendigſte hältſt?“. „Was geſchehen iſt? Papas Benehmen vom erſten Augen⸗ „————,, 347 blick wo er die Nachricht vom Kampf mit den Mörköern erhielt zu ſchildern, wäre zu weitſchweifig...“ Majken wollte ihren Verlobten nicht durch allzu genaues Eingehen auf dieſe Details quälen...„Die Hauptſache iſt daß er ſtrenger, halsſtarriger und härter war als ich ihm je zugetraut hätte— und ich habe bis auf Weiteres nicht im Sinn zu ihm zurückzukehren. Wir müſſen überlegen. Vielleicht hat jedoch bereits der Schritt den ich da gethan habe ihn etwas verſöhnlicher geſtimmt.“ Gudmar ſchwieg einige Augenblicke. Er ſchien tief zu leiden. „Was ſagſt Du, Geliebter?“ fragte Majken mit einer ge⸗ wiſſen Ungeduld.„Du ſiehſt gewiß ein daß ich dieſen Schritt nur in der alleräußerſten Noth gethan habe, nachdem man mir allen und jeden Verkehr mit Dir unterſagt hatte.“ „Ich ſage daß ich der unglücklichſte Mann Lauf Erden bin, da ich dem Mädchen das ich anbete ſo bittere Schmerzen, ſo qualvolle Kämpfe verurſachen muß. Aber in dieſem Augenblick über Recht und Unrecht, über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu urtheilen, das wage ich nicht. Wie ein Fels ſtehe ich an Deiner Seite feſt, weiß aber keinen einzigen Rath, außer dem⸗ jenigen den ich ſchon einmal auf dem Hornborger Schloß aus⸗ geſprochen habe. Aber auch dieß will ich jetzt nicht vorſchlagen, denn man würde ſonſt ſagen daß ich nicht blos mit kaltem Blut einen Mitmenſchen getödtet habe, ſondern auch ein Mädchenräuber ſei. Meine Liebe möchte Dich ſo gerne in Frieden und ſelige Freude einbetten, und jetzt ſtehe ich hier ſo arm, ſo arm, daß ich Dir nichts Anderes als Leiden und Zwietracht von allen Seiten bieten kann.“ „Still, geliebter Gudmar, höre lieber mich an.“ „Ja, wollte Gott daß ich im gegebenen Fall weder zu denken noch zu beſchließen brauchte, denn niemals— das ſchwöre ich— hat mir das Recht Deines Vaters ſo heilig geſchienen wie jetzt. Wer kann ſich wundern wenn er mich ſeines höchſten Schatzes unwürdig findet?“ ———— *—— 8— 348 „Noch einmal, geliebter Freund, ermahne ich Dich zum Schweigen. Dein Geiſt iſt durch dieſes unglückliche Ereigniß geſchwächt worden, aber er wird ſich gewiß wieder ſo aufrichten, wie es Dir zukommt. Papa iſt jetzt im höchſten Grad erzürnt. Aber mit dem feſten Entſchluß nicht nachzugeben erwarte ich was er jetzt zu thun gedenkt. Hier bleibe ich nur bis morgen Nach⸗ mittag. Dann reiſe ich nach Svartſkär und bewohne meine alten Zimmer. Das iſt meine eigene Heimath— ich bin auch dort unter Papas Dach. Wir haben mehr als zwei Monate bis zu unſerer Abreiſe. Den erſten können wir zum Parlamentiren anwenden, der zweite gewährt uns die nöthige Zeit zum Kampfe. Aufgebot und Trauung können ja in vierzehn Tagen vorüber ſein.“* „O, meine Majken, welche Worte ſprichſt Du ſo ruhig als ob Deine Anordnungen bereits ausgeführt wären! Aber nach dem Parlamentiren und dem Kampf weiß nur Gott allein, wie lang die Zeit bis zum Aufgebot und zur Trauung werden kann.“ „Ei, Du verzweifelſt doch an Allem.“ Der junge Mann ergriff die Hand die noch immer in der ſeinigen lag und küßte ſie mit zärtlicher Begeiſterung.. „Mach mir dieſe Verzweiflung nicht zum Vorwurf. Ich will es verſuchen Glauben in mein Herz zu pflanzen das jetzt ſo leer an Glauben und Hoffnung iſt.“ 8 „Ja, das iſt durchaus nothwendig.“ „Aber haſt Du auch an Hjelms gedacht? haſt Du überlegt daß ſie ihre ganze neugeſchaffene Exiſtenz einbüßen können, wenn ſie ſich mit Deinem Vater überwerfen? Es wäre tauſend, tauſend⸗ mal beſſer, wenn Du hier warteteſt.“ „Nein, darin haſt Du Unrecht,“ wandte Majken ein. „Warum?“ „So begreife doch, mein Gudmar: wenn ich ins Haus meines Geliebten flöhe, ſo wäre dies gegen Papa eine Beleidi⸗ gung die ihn noch mehr erbittern würde, Fliehe ich dagegen 349 un in ein Haus das ihm ſelbſt gehört und wohin ich im Herbſt iß jedenfalls zurückgekehrt wäre, ſo iſt das etwas ganz Anderes. n Dies kann ihn in den Augen der Welt nicht beleidigen, denn nt. für meinen Aufenthalt auf Spartſkär laſſen ſich ja unzählige 3 Gründe anführen... Was Hjelm betrifft, ſo will ich keine c⸗ Sekunde daran zweifeln daß er ein rechtſchaffenes Benehmen en allen möglichen Folgen einer Unzufriedenheit von Seiten Papa's 3 rt vorziehen wird; denn ſo viel iſt klar daß Papa ſich ärgern zu wird, wenn Hjelm auf ihn einzuwirken ſucht, was, wie ich glaube, 3 auch ſchon geſchehen, aber mißlungen iſt.“ 3„Wenn nun aber Dein Vater— denn wir müſſen hier er Alles annehmen— mit Gewalt... mich ſchaudert beim bloßen Klang dieſes Wortes, aber er iſt Dein Vater und ein Mann der nicht nachgibt... was dann?“ 3* b„Nun wohl, in dieſem äußerſten Fall— den Gott verhüte 4 mn— fliehe ich nach der Uhuklippe. Dort, glaube ich, würde ſich 3 1g Papa wohl in keinen andern als in friedlichen Abſichten einfin⸗ den, denn in der Kraft und wahren einfältigen Frömmigkeit dieſer 4 alten Männer liegt eine Schutzwehr die er zu allerletzt zu durch⸗ 4 brechen wagen würde.“ 3 „Nun, ſo nimm an, er thue als wiſſe er von Nichts, und laſſe Dich auf den öden Klippen ſitzen... Nein, nein, ich wage 1 6 das nicht anzunehmen, denn ich möchte den Verſtand verlieren bei dem Gedanken an Alles das was Du meinetwegen noch zu leiden haben kannſt, und Onkel Moß— er wird, er kann das 3 nicht verzeihen.“. d.„Beunruhige Dich nicht ſo ſchrecklich, armer Freund! Ich f 3 werde Dein Weib, wenn ich bis zum Herbſt lebe. Zum Voraus kann ich jedoch nicht beſtimmen, welche Mittel ich bei Papa anwenden darf und muß— ich muß zuvor die Wirkungen mei⸗ nes Schrittes ſehen, aber unter allen Umſtänden bleibt mein Wort feſt wie Eiſen.“ „O, wie bewundere ich Dich und wie bete ich Dich an, ₰ K” 8 350 meine ſtrenge edle Majken, ſtreng nur um Deiner Treue villen. Und obſchon ich es nicht zu ſagen brauche, da Du es ſelbſt weißt, ſo ſoll, wenn Deine Hoffnung von Erfolg gekrönt wird, niemals ein Mann eine ſolch innige und ergebene Dankbarkeit, eine ſo unermeßliche Liebe gezeigt haben wie ich. Ja, ich würde mir lieber eine Kugel vor den Kopf ſchießen als daß ich Alles das vergäße was Du in dieſer ſchweren Periode meines Lebens für mich gethan haſt. Du biſt jetzt mein.“ „Im Leben und im Tod.“ „Ja, im Leben und im Tod.“* Zwölftes Kapitel. Welchen Beſchluß Moß für den Monat der Unterhand⸗ lungen faßte, und was inzwiſchen weiter geſchah. Frau Moß an ihre Tochter. „Meine zärtlich geliebte Majken! „Dir die Qualen zu ſchildern die ich um Deinet und Gud⸗ mars willen auszuſtehen habe, wäre rein unmöglich. Und wenn es auch möglich wäre ſie aufs Papier zu ergießen, ſo würde meine Liebe es mir verbieten, denn— haſt Du nicht ſchon vor⸗ her genug? „Leider, mein Kind, wird die Nachricht die ich Dir jetzt zu geben habe weder den Frieden Deiner Seele nnc die Kräfte Deines Körpers verbeſſern, das weiß ich wohl... und dennoch muß ſie mitgetheilt werden. „Mein theures Kind, ich habe ſtets gefürchtet daß Deine vieljährige Ruhe einen verheerenden Sturm verkünde, wenn ſie einmal aufhöre. 4 ————. fte 351 „Du ſagteſt eines Tags: wenn einmal ein großes Unglück kommt, ſo werden wir ſchon ſehen... Ach, ich habe jetzt weit mehr geſehen als ich zu ſehen wünſchte, denn mit Verzweiflung habe ich gefunden daß meine kluge hochſinnige Majken ſich von nichts Anderem leiten laſſen will als von ihrem blinden Willen und ihrer blinden Leidenſchaft. „Laß Dich durch dieſe Worte nicht verletzen. Deine Leiden⸗ ſchaft iſt ſo erhaben wie ihr Urſprung: ſie iſt ein Funke der göttlichen Barmherzigkeit die ſich ins Gewand der irdiſchen Liebe kleidet. Aber die Tochter, die Tochter, was wird aus ihr? „Nachdem Papa Dein Billet erhalten und zuerſt allein ge⸗ leſen hatte, erfuhr ich bald welchen Eindruck es hervorgebracht. „Ein Orkan brach aus, einer jener gewaltigen verheerenden Orkane welche die Luft zu reinigen pflegen. Er entlud ſich je⸗ doch nur eines einzigen Stoffes, und dieſer Stoff betraf die ge⸗ ſetzlichen Maßregeln die ergriffen werden ſollten, im Fall Du länger ausbliebeſt. „Aus dieſem Wahnſinn machte ich mir Nichts. Ich betrach⸗ tete ihn blos als das Geheule des Orkans, das mit dem Orkan ſelbſt erſterben würde. „Nachdem auf dieſe Art einige Stunden vergangen waren, begab er ſich auf ſeine eigenen Zimmer. Was dort mit ihm vorging, begreife ich nicht; aber als er zum Mittageſſen herunter⸗ kam, war er ſo gänzlich verändert daß ich in die größte Angſt gerieth, denn ſein Benehmen trug das Gepräge einer heitern, um nicht zu ſagen luſtigen Scherzhaftigkeit. „Beate Marie, mein Ferkelchen,“ hieß es jetzt,„Du brauchſt Dich um all die Narrheiten die ich heute ſchwatzte nicht zu be⸗ kümmern und ſie nicht zu Herzen zu nehmen. Supponire, ein ſo verſtändiges Weib wie Du begreift daß ein Mann, wenn der Aerger bei ihm überkocht, nicht mehr weiß was er ſagt. Schande für mich, daß ich mich kaum des zehnten Theils von all dem — ——— —. — 3⁵² Bafel erinnere den ich zu Markt gebracht hatte... Nun, es iſt wohl auch nicht der Mühe werth daß man ſich daran erinnert.“ „Ich bin überzeugt, meine Tochter, daß dieſe Sprache Dich in eben ſo großes Erſtaunen ſetzen wird wie mich, und natürlich ſuchte ich meinen Eindruck nicht einmal zu verbergen. Aber es fehlte mir wirklich an Worten um meine Gefühle auszudrücken. „Papa fuhr fort: b „Aha, Du ſtaunſt über meine Artigkeit, ſelbſt einzugeſtehen daß ich mich abgeſchmackt benommen habe; aber ſupponire, ich kann Dir das ſchon zu Gefallen thun, weil Du ein recht braves Weib geweſen biſt, ſo mitunter, verſteht ſich!“ „Endlich hatte ich mich ſo weit erholt daß ich antworten konnte: „Ich danke Dir, lieber Mann, von ganzem Herzen für die⸗ ſes Geſtändniß das ich am wenigſten jetzt erwartete. Aber natürlich iſt es etwas Anderes was Dich beſchäftigt. Es hat Etwas Deinen Sinn umgeſtimmt— aber was es iſt, das weiß nur Gott und Du ſelbſt.“ „Ja, ja, ſupponire, Du begreifſt daß ich eine Idee bekom⸗ men habe, eine Idee die Etwas taugt, eine Idee an der man feſthalten kann, eine verdammt gute Idee. Meine Tochter ſoll einſehen daß ſie ihren Meiſter gefunden hat.“ „Du begreifſt, mein Kind, welches Zittern mein Herz erfaßte. „Was iſt denn das für eine Idee, mein lieber Mann?“ wagte ich angſtvoll zu fragen. „Nun, da meine Manſell Tochter ſich von ihren Schuldig⸗ keiten und Pflichten losmachen und als Selbſtherrſcherin leben will, ſo gedenke ich, bei meiner lebendigen Seele, ſie ſelbſtherrſchen zu laſſen, ſo lange ſie Luſt und Gefallen daran hat.. Statt die Schildjungfrau, wie der alte Guldbrandsſon ſie nennt, in ihrer eigenen Feſtung zu bekriegen, wozu, wie ich wohl begreifen kann, Svartſkär auserſehen wird— ſie iſt zu ſchlau um ſich anderswohin zu wenden, als wo ſie den Commandanten, die —ℳMV— 353 Commandantin, die Beſatzung, den Feſtungsprediger und die Schutzheilige auf ihrer Seite hat— ſtatt das zu thun, will ich.. 4 „Er hielt inne, gleichſam um ſich an meinem Schrecken zu weiden. „Geliebtes Kind, Du hätteſt es am Bottnaſtrand hören können, wie mein Herz klopfte bei der Antwort die ich auf die Frage erhalten würde:„Was willſt Du ſtatt deſſen thun?“ „Beate Marie, wenn Du doch das Weib wäreſt das ihren Mann verſtehen könnte, ſo würdeſt Du ihn jetzt verſtehen.“ Und er, der ſelten mehr thut als blos den Mund verzieht und in ſich hinein lacht, brach jetzt in ein lautes, rauhes, ſchallendes Ge⸗ lächter aus. „Wie kannſt Du mich ſo erſchrecken, lieber Mann? kannſt Du das über Dein Herz bringen?“ „Du kannſt Dich beruhigen. Ich habe durchaus nicht im Sinn die Feſtung auszuhungern, die Garniſon durch Kampf zu ermüden oder auf eine andere Art den Flüchtling in meine Ge⸗ walt zu bekommen. Kenne das Korn wohl! ſie würde, wenn es ſo weit käme, eher ſterben als ſich ergeben, ehe ich caputilirt hätte... Aber jetzt lautet das Wort, daß ich nicht capituliren will, und deshalb gedenke ich ihr einen Spuck zu ſpielen den ſie gar nicht in Berechnung gezogen hat, als ſie die Hochzeit auf den Hekbſt feſtſetzte, natürlich ungefähr um den Anfang Octobers, da er in der Mitte des Monats an Ort und Stelle ſein ſoll.“ „Nun, darf ich es endlich erfahren?“ Es blieb mir kaum ein Athemzug übrig. „Von Herzen gern gegönnt, mein Schatz. Ich ſelbſt reiße aus, aber diesmal kommt es zu der großen Ausreißerei, es iſt kein kleiner Abſtecher nach Uddevalla, Wenersborg oder ſo, ſon⸗ dern ich reiſe ins Ausland, nach Deutſchland und Frankreich oder wohin es geht, und zwar auf drei Monate. Wenn ich zurück⸗ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 23 354 komme, ſo iſt die Zeit vorbei, und ich hoffe daß meine Tochter, ſo frech und aufrühreriſch ſie auch iſt, keinen Geiſtlichen beſtim⸗ men kann ſie ohne Einwilligung ihres Vaters aufzubieten: der Vater aber iſt wie weggeblaſen. Morgen früh um drei Uhr fahre ich nach Göteborg und komme juſt zur rechten Zeit an, um am Freitag Morgen mit dem Dampfboot nach Lübeck ab⸗ zugehen... Nun, was ſagſt Du, Beate Marie?“ „Mein Kind, ich habe Dir dieſe Scene ſo genau zu ſchildern verſucht, daß Du Deinen Vater ſehen könnteſt. Aber vergebens und unnöthig wäre es Dir all die zärtlichen Bitten und Vor⸗ ſtellungen wiederholen zu wollen, die ich dieſem Vorhaben ent⸗ gegenſetzte. „Ach, meine Majken, mit Verzweiflung muß ich Dir ſagen daß der geringe Einfluß den ich zuweilen auf meinen Mann ausgeübt jetzt gänzlich verſchwunden iſt. Vergebens ſporne ich meinen Muth. Schwäche ſitzt in der Seele, im Herzen, im Ge⸗ danken. Ich komme jetzt, wo ich ſo weit als möglich kommen müßte, nicht von der Stelle, und das Einzige was ich auswirkte war, daß er mir ſeine Adreſſe in Hamburg mittheilte, wo er einige Tage zu bleiben und in ſeinem früheren Hotel zu wohnen gedenkt. ,„Einmal bat ich um die Erlaubniß ſogleich zu Dir zu ſchicken, aber er verbot es mir ſo barſch daß ich nicht weiter daran zu denken wagte. „Den ganzen geſtrigen Abend beſchäftigten wir uns, ich mit Einpacken und er mit Anordnungen und Briefen für die lange Reiſe. „Heute früh zur beſtimmten Zeit ſaß er auch richtig im Wagen und lachte jetzt, als ich am Schlag zum letztenmal Ab⸗ ſchied nahm. „Er weidete ſich an ſeiner eigenen Freude darüber daß er ohne weitere Auftritte über die Sache hinweggekommen ſei und dennoch ſeinen Willen gerettet habe. Nichts wäre auch vergeb⸗ durch Papas geiſtreiche Grauſamkeit doppelt verletzt und beklem worden iſt. Nichte, das iſt wahr, aber er daß er mir dieſen neuen Kumn an mir nagen wird. jetzt eine bittere Schwermuth ſich Gudmar noch dazu dieſe Monate ohne Beſch Beſchäftigung als das qualvolle He licher geweſen, als ein Verſuch abzubringen. „Seine letzten Worte lauteten: „Du darfſt Majken nicht überreden daß ſie nach Hauſe kommen ſoll. Sie könnte ſonſt glauben, die Reiſe ſei eine Liſt um ſie zu fangen. Ihr Weibsleute könnt Euch während meiner Abweſenheit einrichten wie Ihr wollt. Leb wohl, leb wohl! Stop, warte— Du kannſt meiner Tochter auch ſagen, ich laſſe ſie grüßen, und wenn er allein abgereist ſei, dann wolle ich dieſen Wahnſinn vergeſſen und ihr verzeihen. Das iſt das Wort.“ „Und ſo flog der Wagen ab. „Jetzt, mein theurer Liebling, weiß ſoll Dich zur Heimkehr zu ermahnen. Dieſe Worte könnten eine doppelte Liſt enthalten, obſchon ich es doch nicht glaube. Gott verzeih mirs, daß ich dies hingeworfen! „Ich darf nicht rathen, aber ich ſehne mich unendlich nach Dir. Und kommſt Du nicht, ſo muß ich Dich aufſuchen. „Deine betrübte, zärtlich ergebene Mutter, „Beate Marie Moß.“* Majken an ihre Mutter. „Arme, arme Mama! „Es wäre vergebens leugnen zu wollen, daß mein ihn von ſeinen dermaligen Ideen ich nicht ob ich es wagen Herz mt „Ja, auf dieſe Art macht er vielleicht mein Gelübde zu thut auch noch weit mehr dadurch ner bereitet hat der unaufhörlich „Wie ich geahnt oder vielmehr gewußt hatte, würde juſt s bemächtigen. Und äftigung oder ohne andere rumtreiben des Gedankens —— —— 356 um dieſelben Punkte, den Kampf mit dem Schmuggelboot und den Kampf mit Papa. „Ich habe Gudmar durch tauſend Bitten und dringende Vorſtellungen dahin gebracht, daß er auf einige Wochen nach Göteborg zurückgereist iſt. Dort bekommt er vollauf zu thun, und dort iſt es in jeder Beziehung beſſer für ihn als hier daheim am Ufer. Aber in einem Monat kommt er beſtimmt zurück. „Ach während dieſes Monats gedachte ich ſo viel auszu⸗ richten... „Nie iſt meine Liebe zu Gudmar ſo innig, ſo tief, ſo kräftig geweſen wie jetzt, und ich habe heilig gelobt daß Nichts mich hindern ſoll ihm zu folgen, mit Ausnahme ſolcher Hinderniſſe die nur Gott ſelbſt in den Weg ſtellt. „Aber ſei ruhig, Mama, ich entweiche nicht aus dem Lande. Auch darfſt Du nicht glauben daß ich ohne das geſetzliche Band ihm folgen werde. Laß uns noch warten und Geduld haben— noch ſteht die äußerſte Noth nicht vor der Thüre. „O, Mama, wenn Du ihn jetzt ſäheſt, meinen Gudmar! Könnteſt Du jetzt dieſen einſt ſo lebensfrohen Jüngling erblicken, vor welchem das Leben noch vor kurzer Zeit ſo friſch, ſo lieblich dalag, und der nicht glaubte daß auf dem Wege der Pflicht auch Dornen wachſen könnten! Juſt ſolche zärtliche warme Seelen leiden, da ſie tiefere Gefühle bergen als man ahnt, am uner⸗ hörteſten, wenn in ihren Grundſätzen und feſt beſtimmten Wegen Kampf und Störung entſteht. Und ſolche Kämpfe und Störungen hatte er ſchon mehrere Wochen vorher gehabt und mannhaft ausgefochten. „Jetzt iſt es nicht genug mit dem düſtern Schatten der über den jungen Mann gefallen iſt: der alte Vater leidet mit dem Sohn, obſchon er die Kraftloſigkeit die ſich eine Zeitlang dieſer ſtarken und elaſtiſchen Seele bemächtigt hat nicht begreifen will und vielleicht ſogar nicht begreifen kann. Ich bin ihnen noth⸗ wendig, und deshalb zittere ich davor daß ern könnte das zu werden was ich werde ehe ich nach Spartſkär. 2 ich mich nicht, denn ich halte es in, irgend Etwas mich hin⸗ n will. Nach Gläborg wage für möglich daß die von Papa nung enthalten könnten. Wer s gereist iſt? Wer weiß, ob er nicht irgendwo in der Nähe verborgen lebt, um auf Alles ein u⸗ wachſames Auge haben zu können? „Die Reiſe ins Ausland, juſt im gegebenen Augenblick und ig unter ſo gefährlichen Umſtänden, verräth eine ſolche Verwegen⸗ ich heit, daß ich nicht weiß ob man Papa ſie zutrauen darf oder ſſe nicht vielmehr eine Liſt dahinter ſuchen muß. Die letztere An⸗ nahme ſtimmt beſſer zu ſeiner Natur. Auch meine ich von allen de Seiten her plötzlich ſein Geſicht hervorſchauen zu ſehen und auf nd ſeiner ſchlauen Miene eine höhniſche Zufriedenheit darüber zu — leſen, daß er uns getäuſcht habe. Komme ich glücklich nach Spartſkär, ſo glaube ich daß ich mich nicht hinauswagen werde. r Und dieſer bange Gedanke: iſt er verreist oder iſt er nicht ver n, reist? bleibt meine beſtändige unglückliche Geſellſchaft. ch„Für alle Fälle und Vorausſetzungen ſchick ſogleich inliegen⸗ ch den Brief ab, der ihn in Hamburg treffen kann. Wenn aber en dieſer Brief abgegangen iſt und eine ungünſtige Antwort ein r⸗ treffen ſollte, ſo laß uns nicht weiter ſchreiben denn dieſes en chweigen iſt die einzige Möglichkeit auf ihn einzuwirken ſt»Komm um Gotteswillen hieher ſobald Du d geordnet haſt, r ſo lang es Dir möglich iſt. Da wir ohnehin im Herbſt hieherg i er i 3 ezogen wären ſo iſt dies ſo natür lich daß wir nicht einmal das Bauweſen zum Vorwand zu nehmen m brauchen. er„Gott ſei gelobt daß Gudmar abgereist war ehe Dein Brief ll ankam! 2 „Und nun, liebe Mama, ſei willkommen, recht bald will⸗ kommen bei Deiner Majken.“ 3⁵8 Der beigefügte Brief an den Vater lautete wie folgt: „Papa, Papa! „Frohlocke nicht allzu ſehr über Deine glänzende Idee mit der großen Reißausnahme. Wer weiß was für Folgen dieſe Reiſe haben kann, wenn Du nämlich wirklich abgereist biſt? „O höre meine Stimme, höre ſie ſo lange ſie noch Dein Ohr zu erreichen vermag. „Du haſt mich ſo ganz unmenſchlich behandelt, Papa, daß meine Seele, um ihre Menſchenrechte zu behaupten, ſich dawider erheben mußte; aber ich erinnere mich ganz genau der drei⸗ jährigen Unterwürfigkeit welche ich dieſer jetzt unvermeidlich ge⸗ wordenen Veränderung vorangehen ließ. „Vielleicht kann noch Alles jetzt zum Frieden ſich wenden, aber dann muß es bald geſchehen. Papa gib mir Dein Jawort und Deinen Segen zu meiner Verbindung mit Gudmar. Er bedarf mein, und ich bedarf ſein. „Ich will nicht warten. Die Wünſche meines Herzens haben ihren irdiſchen Hafen beſtimmt. Erreichen ſie dieſen nicht, ſo er⸗ reichen ſie vielleicht den himmliſchen. Höre mich ohne Vorurtheil und traue mir nicht die erbärmliche Niederträchtigkeit zu, daß ich Dich betrügen wolle. „Schon ſeit jenem Mittag wo Du mir, auf eine Art deren Du Dich wohl erinnern wirſt, das Unglück verkündeteſt, habe ich gefühlt daß Etwas in mir in Unordnung oder in einer großen Veränderung begriffen iſt. Ich bin krank, Papa, in Wahrheit ernſtlich krank. Mein Hirn leidet unter einem beſtändigen Ueber⸗ reiz, die Gefühle ſind über ihre natürlichen Grenzen hinaufge⸗ trieben, mein Blut ſiedet und das Fieber verbrennt mich. „O, daß Du doch Deinem Kind glauben wollteſt, Papa! „Bedenke daß ich nie gelogen habe, und es lohnt ſich für einen Vater wohl der Mühe dieſe Worte ſeiner Tochter zu über legen. Komm zurück, komm mit Liebe und Barmherzigkeit, ſonſt — — — treffen wir uns vielleicht nie wieder, denn die Spannung, dieſe ſchauerliche Spannung, die in einer einzigen Stunde tauſendmal neue Vermuthungen, neue Gedanken hervorruft und ſie wieder ver⸗ wirft, beſchleunigt und vollendet die Arbeit der Krankheit in mir. „Möge der Allmächtige jetzt Deine Gedanken in einen guten „Hafen lenken! „Aber welchen Beſchluß Du auch faſſen magſt, ſo bete ich zu Gott um ſeinen Segen für Dich... Ich danke für all die Liebe die ich in früherer Zeit empfangen, und hat die vielleicht unaufhaltſame Krankheit ſchon vor Deiner Rückkehr meine Lebens⸗ bahn entzweigeſchnitten, ſo erinnere Dich eines Tags, wenn Du leideſt, daß ich Alles, Alles verziehen und daß ich Dir nur noch drei Bitten ans Herz zu legen habe, während ich für mich ſelbſt um Nichts mehr bitte. „Dieſe Bitten lauten ſo: „Werde gütig gegen Mama, ſprich nichts Böſes mehr gegen Gudmar und räche Dich nicht an Hjelm. „Ich fürchte, Du wirſt nicht glauben daß Alles was ich jetzt geſagt habe wahr ſei, aber Wahrheit iſt es ſo gewiß als ich in Gottes Reich zu kommen hoffe. „Geliebter, theurer alter Vater! mein Herz wird weich, meine Seele fleht demüthig: komm mit dem Leben, mit der Seligkeit zu Deiner Maiblume, komm und verzeih ihr, wenn ſie nicht bis in den Tod die unterwürfige Tochter bleiben konnte. „Dies, Papa, iſt der letzte Brief den Du erhältſt von Majken Moß.“ N. S.„Ich ſage Mama noch nicht wie ſchlimm es um mich ſteht.“. Anderthalb Wochen nach Majkens Ueberſiedlung nach Spart⸗ ſkär erhielt ſie von Gudmar die erſten Nachrichten aus Göteborg. Was war das für eine Zeit geweſen! Der Vater hatte 360 Nichts von ſich hören laſſen; aber Frau Moß hatte nach dem Beſuch den ſie augenblicklich bei ihrer Tochter abgeſtattet ohne Wiſſen derſelben von Neuem geſchrieben, denn was Majken der zärtlichen Mutter nicht ſagen wollte, das hatte das forſchende Mutterauge mit erſtarrendem Schrecken vollkommen durchſchaut. Und welcher Schmerz war es nicht für die arme Frau, daß ſie es nicht wagen konnte die Tochter um Rückkehr ins väterliche Haus zu bitten, und daß ſie ihrerſeits ſich auch nicht getrauen durfte Gläborg ganz zu verlaſſen... Doch wir kommen auf Gudmars Brief an ſeine Verlobte zurück. —— „Geliebte! „Ich gehorchte Dir— ich reiste hieher. „Ich gehorche Dir noch immer und bleibe einen Monat hier, wenn Du es willſt... länger, kürzer. „Was bin ich jetzt? „Vor einiger Zeit däuchte ich mir eine Kraft zu ſein, aber es gibt Secunden welche die ſtärkſte Kraft brechen. „Hier wandle ich jetzt wie ein ſchleichender Schatten umher ... Wenn ich Morgens in der Frühe oder ſpät am Abend die Hafenſtraße entlang gehe, ſo fühle ich ein unwiderſtehliches Ver⸗ langen ins Waſſer hinabzublicken, und da ſchwebt mir gleich einer Luftſpiegelung immer daſſelbe Bild vor Augen... Hu, wird mein ganzes noch übriges Leben vielleicht auch eine ſolche Luftſpiegelung ſein? „Ein Menſchenleben zerſtört— ein Verbindungsglied zwiſchen der Erde und dem Himmel abgeſchnitten von mir, einem Wurme! „Dieſe nagende, ſtets wiederkehrende fixe Idee läßt durch⸗ aus keine Vernunft mit ſich ſprechen. Sie lacht über die Pflicht, über die Nothwehr— was fragt ſie nach der Flagge königlicher Majeſtät und Krone? Dieſe allem Frieden feindſelige Idee führt — ——— 4 1 31 1 V I ihre eigene Flagge, die von Ewigkeit her flattert, und deren Name auf ihrem ſchwarzen Wimpel geſchrieben ſteht. „Es gibt andere Augenblicke, wo ich mich wegen ſolcher Anwandlungen tief verachte. War ich nicht auf dem Verdeck der Krone? Durfte ich meinen Namen als elender Feigling brand⸗ marken laſſen... hinweg damit... tauſendmal hinweg damit! „Iſt es nicht unverantwortlich, daß ein mit geſundem Ver⸗ ſtand und ſtrengem Ehrgefühl begabter Menſch ſo ſchmerzlich durch die Nothwendigkeit leiden ſoll welche ihn in einen Kreis hineinzwingt, wo er ſtehen oder fallen muß? Aber unglücklicher Weiſe laſſen das Nervenſyſtem und der ſo eben erwähnte Feind keine Vernunft mit ſich reden. „Und Du, meine Majken, wie kannſt Du in Wirklichkeit daran denken daß ich Dein Opfer annehmen möchte? Nein, ich darf es nicht thun. Iſt dieſe Hand würdig Deine reine Hand anzufaſſen? „Ach, Geliebte, dürfte ich wieder ſo wie an jenem Morgen, als Du, ein Engel der Barmherzigkeit, ins Pfarrhaus kamſt, mein Haupt in Deinen Schooß legen, dann würde dieſes arme Haupt nicht ſchmerzen und brennen, wie es jetzt thut. „Du ſchienſt mir krank zu ſein, ſehr krank... und weißt Du, warum ich gehorchte und Dich verließ? Darum, weil ich 8 ſah daß meine Widerſprüche Dir das Blut auf eine unnatürliche A Weiſe ins Geſicht trieben, und weil ich nicht das Recht beſaß mich zwiſchen Deinen Vater und den Act des Zartgefühls zu ſtellen, welchen Du durch meine Abweſenheit ihm widmen wollteſt. „Wenn Du ſchlimmer, wenn Du gefährlich krank wirſt, dann darf ich doch wohl wiederkommen?. „Ich werde nicht klagen, nicht im allermindeſten, und auch nicht trauern. Denn warum ſollte ich wünſchen daß Du als die getreue unermüdliche Gefährtin eines von Gewiſſensſcrupeln verzehrten Mannes lebeſt, deſſen ganzes Leben vielleicht eine mühſame Wanderung auf dem jetzt dornenvollen Pfad der Pflicht ſein wird? „Du verſtehſt mich doch vollkommen, meine Maid, wenn ich ſage daß ich nicht trauern mag. „Geh, Geliebte, wenn dies Gottes Wille iſt, geh im Frieden mir voran. „Wie unerforſchlich ſind nicht die Veränderungen in einem Menſchenleben! Dein Gudmar, der ſchon den Gedanken an Dei⸗ nen Verluſt für unerträglich gehalten, er nimmt jetzt dieſen Gedanken wie einen Freund, einen beruhigenden tröſtenden Freund auf. „Du ſonnenwarme Seele, Du treues aufopferndes Herz, warum ſollteſt Du in dieſem eiskalten Leben bleiben? „Ich fasle und bin ſelbſt krank... Der verfluchte Teufel hat mich mitten ins Herz geſchoſſen! Sieh, dieſe Worte ſtehen jetzt wieder vor mir— ich ſehe, ich höre ſie überall... „Wenn doch Gott Barmherzigkeit mit uns Beiden hätte... Geh Du voraus, meine Maid— Dein Gudmar folgt Dir bald. „Aber iſt das nicht wiederum Fieberwahn, Gottesläſterung .. O, möge Gott mich nicht erhört haben!.. Ich leide. „Und Menſchen gehen ruhig an mir vorüber, grüßen, lächeln und ſchwatzen wie gewöhnlich. Sehen ſie denn nicht daß an mir Alles verändert iſt?... Vielleicht ſehen ſie es, aber was be⸗ kümmern ſie ſich darum? „Jedermann will etwas Aengſtlichem ausweichen, will ſich den Anſchein geben als bemerke er es nicht. Die Einen wollen ſich einbilden, dies geſchehe aus Zartgefühl, Andere glauben, es ſei nützlich für den Leidenden, in Wahrheit aber wollen ſie blos aus Selbſtſucht nicht an Dinge denken die qualvoll und erſchütternd ſein können. „Nun wohl, heute mir, morgen dir! Wer weiß, ob nicht Derjenige der kummerlos an dem von Kummer darniedergedrück⸗ ten Wanderer vorübergeht gleich bei ſeiner Heimkehr von einer — ———P 4— lauernden Trauerbotſchaft erwartet wird oder ſelbſt einen ganz unvorhergeſehenen Weg betritt!. „Pflege, ach pflege Dich wohl! Was ſoll aus mir werden wenn Du mich verläſſeſt? O, Geliebte, Geliebte, verlaß nicht Deinen 7 .„ Gudmar.“ N. S.„Soll ich dieſen Brief abgehen laſſen? Er iſt ein allzu getreues Abbild meines Seelenzuſtandes. Hätte ich nicht vielmehr vor Dir heucheln ſollen? heucheln— hat man nicht ein anderes Wort dafür? Man ſagt Selbſtbeherrſchung. „Nun wohl, vielleicht verachteſt Du mich jetzt, weil ich es verachte, mich vor Dir zu beherrſchen? Iſt es nicht genug bei fremden Leuten die Maske vor dem Geſicht zu halten— darf man nicht die Wolluſt genießen ſie wegzuwerfen, wenn man mit der andern Hälfte ſeiner Seele allein iſt? „Nein, nein, Du darfſt mich nicht verachten. Dieſen freſſen⸗ den Krebs, genannt Milzſucht, darf Niemand verachten und be⸗ ſpötteln. Selbſt die ſtärkſten Geiſter ſind ihm unterlegen, ſogar in Fällen wo das Uebel ſeine Wurzeln nur in der Einbildung hatte. Bei mir liegt es dagegen in einer vielfachen Wirklichkeit ... Ich habe mir ſagen laſſen daß ſchon Mancher der dieſe Qualen bei Andern beſpöttelte ſpäter einen ganz andern Begriff davon bekommen hat. „Ich habe nicht früher geſchrieben, weil ich vorher meiner weniger mächtig war als jetzt. Wenn ich Deinen nächſten Brief erhalte, wird es vielleicht beſſer. Dein 4 G.“ . Majkens Antwort. „Mein Leben, mein Herz, meine Gefühle, mein Glaube, mein ganzes Weſen gehört Dir. „Ich will geſund werden, ich habe den kräftigen Willen es zu werden. Wird der Wille im Stande ſein der Krankheit Ein⸗ halt zu thun? Ich hoffe es, denn Du bedarfſt mein.— „Wenn ich Dir beſchreiben könnte, wie Dein Leiden mich ſchmerzt, ſo würdeſt Du Deine erſtarrten Kräfte ins Leben zu⸗ rückrufen und Deinen ſtarken Geiſt unter das klare Urtheil der Vernunft ſtellen. „Nur Du ſelbſt oder übelwollende einfältige Menſchen können eine Schuld an Dir finden. Deine Majken beſitzt ja gewiß ein ſtarkes Rechtsgefühl— ſie ſagt Dir daß Dein Gewiſſen voll⸗ kommen ruhig ſein kann und ſein muß. „Ich habe auch mit dem Lootſenvater auf der Uhuklippe ge⸗ ſprochen— Du kennſt ſeine Gottesfurcht und ſeine Rechtſchaffen⸗ heit— und er ſagte folgende wohlthuende Worte zu mir: „Haben Sie guten Muth! Gottes heiliger Engel wird in einiger Zeit die Laſt von ihm nehmen. Es iſt natürlich daß die Erinnerung und die Gedanken daran im Anfang ihn peinigen; aber wenn er ſich die ganze Berechnung der argliſtigen Ränke klar machen kann, wodurch man ihn verſtricken wollte, dann wird er wieder werden was er war. Denn dann hat er auch den vornehmſten Tröſter geſucht und gefunden, der den Schuß gewiß nicht hätte treffen laſſen, wenn er nicht dieſen Augenblick als den Schlußpunkt in der Lebenszeit des Olagus bezeichnet gehabt hätte.“ „So ſprach er und bat mich dir nebſt ſeinen Grüßen zu ver⸗ melden, daß er nicht ein einziges Wort habe ſagen wollen woran er nicht ſelbſt glaubte. „Mit Gottes Hilfe wirſt Du auch dieſe Worte nicht verachten. Der Lootſenvater iſt ein armer und einfältiger Jünger Chriſti, aber er iſt einer von den rechten, und die heiligen Wahrheiten ſind ſelten ſchöner an mich gekommen als von den Lippen dieſes redlichen und gottesfürchtigen alten Mannes. „Hier bei Hjelm und Emilie bin ich Gegenſtand der unaus⸗ ſprechlichſten Zärtlichkeit und Sorgfalt. Thorborg, Dein alter Vater und meine zärtliche theure Mutter, wenn ſie von Gläborg herüberkommen kann, geben mir ſämmtlich die mannigfachſten Beweiſe ihrer Liebe. „Ich verlange nicht länger als einen Monat bis Du wieder⸗ kommſt und grüßeſt Deine Majken.“ Dieſer Brief war von Hjelm couvertirt, der ſelbſt einige Zeilen beilegte. „Bruder! „Ich weiß nicht was Du Deiner Braut geſchrieben haſt, aber ohne Zweifel war es ein Abdruck Deiner düſtern Gemüths⸗ ſtimmung. „Sieh, Bruder Gudmar, ich muß Dich jetzt, zuerſt im Namen Gottes und dann im Namen Deiner Liebe, ermahnen dieſer Schwäche ein Ende zu machen, von der ich geſchworen hätte daß ſie bei Dir niemals Wurzel ſchlagen würde. „Du mußt anfangen Deine Lage vom richtigen, vernünftigen Geſichtspunkt aus zu betrachten. Die Gefühle allein dürfen den Mann nicht beherrſchen, welches Unglück ihn auch treffen mag. Danke Gott daß Du in ein Unglück und nicht in ein Verbrechen gezogen worden biſt. Es könnte Dir nicht ſchlimmer zu Muthe ſein, wenn Letzteres der Fall wäre. Ermanne Dich alſo, richte Dich auf und ſchüttle dieſes Joch ab. „Um es gerade herauszuſagen— ich halte es für eine Pflicht die Wahrheit nicht zu verheimlichen— Majkens Zuſtand erfor⸗ dert eine ſtarke Selbſtbeherrſchung von Deiner Seite. Schreib um Gotteswillen einen beruhigenderen Brief, aber komm nicht früher als ſie geſagt hat. Dann ſollſt Du, und wäre auch Moß zehnmal hier, Deine Verlobte ſehen. „Der Alte hat Nichts weiter von ſich hören laſſen. Er iſt leider in allem Ernſt abgereist. w 366 „Noch einmal: ſchreib wie ein verſtändiger Mann an ein geliebtes Weib ſchreibt das er ſchonen muß. Emilie, die weit mehr weiß als ich, ermahnt Dich ebenfalls dazu. „Freundſchaft und Ergebenheit. Hjelm.“ Dreizehntes Kapitel. Schatten, Körper und Seele. In den Tagen der Heimſuchung ſteht der Menſch zuweilen in einem Verhältniß doppelter Feindſeligkeit zur Zeit. Die eine drückt ſich durch die verachtungsvolle Vergeſſenheit aus, in Folge deren die Zeit mit all ihren fortwährenden Wider⸗ wärtigkeiten und Kleinlichkeiten als gar nicht exiſtirend betrachtet wird. Sie muß Tag für Tag in ihr Grab hinabſinken, ohne daß der Müde und Kranke weiß daß er einen Tag weniger vor ſich hat. Die zweite und werkthätige Feindſchaft beſteht in einer ewi⸗ gen Hetzjagd auf die Zeit. Man ſieht die Augen des Gemüths⸗ kranken beinahe mit der Uhr feſtgewachſen, um mit Gierde dem unendlich langſamen Fortſchritt jeder Secunde zu folgen. Was bedeutet auch eine Secunde in der Zeitrechnung!... Gleichwohl wird ſie aufgezeichnet von der Seele, welcher das Auge ſo genau folgt wie einem einkaſſirten Gewinn, und der Geſchäftsmann der ſeine weltlichen Berechnungen in großem Maßſtab macht kann ſeinem Lotterieſpiel nicht mit aufmerkſamerem Blick folgen, als die kranke Seele der Hoffnung folgt in einer neuen armſeligen Secunde einen neuen Gewinn zu machen... und ſo wachſen die Secunden zur Minute und die Minute zur Viertelſtunde, bis endlich die große Summe einer ganzen Stunde herauskommt. —2—— 367 auch wiſſen daß ſie gewöhnlich von einer austrocknenden Hitze begleitet ſind die ſich durch den Körper verbreitet, bis derſelbe gleichſam einen verkohlenden Brand bildet der niemals abgekühlt wird, und daß im Uebrigen das Gehirn ſelbſt der Tummelplatz all der ungeregelten Blutmaſſen iſt welche die Geſetze der Natur umgeſtürzt und ſich zu Tyrannen dieſes ſelben Gehirns aufge⸗ worfen haben, worin ruhige, klare und freie Gedanken gewohnt, die aber jetzt verdorrt und eingeſchrumpft ſind, ſo daß ſie ſich mit bloßen Muthmaßungen über die geheimnißvollen Harmonien der Zeit und des Uhrzeigers begnügen. Zuweilen geſchieht es daß dieſe beiden feindſeligen Verhält⸗ niſſe ſich zur Zeit in einer und derſelben Seele vorfinden, ſo daß die eine Woche gleichſam ein Begräbnißfeſt der andern iſt. Und es iſt ſchwer zu ſagen, welche von beiden Martern die Seele vorzieht... Für Majken war der Tag der Heimſuchung jetzt gekommen. Aber da ſie ſowohl mit als von der Zeit noch Etwas zu erwar⸗ ten hatte uud nicht einzig und allein nutzlos auf ſie wartete, ſo bezog ſich ihre Feindſchaft auf die meiſt mechaniſche fieberhafte Rechnung. Und ſo hatte ſie jetzt Minute um Minute einen ganzen Monat zuſammengerechnet ſeit ihrer Ankunft in Svartſkär, die auf den 6. Auguſt gefallen war. Heute ſtand der 6. September im Calender, und noch war vom Vater keine Antwort auf ihren Brief eingelaufen. Nur zwei kurze Schreiben waren von Moß an ſeine Frau eingetroffen, aber dieſe verriethen einen fortwährend heitern Humor in Folge des Spucks den er ſeiner Tochter geſpielt hatte. Im erſten Schreiben hatte er gemeldet daß er veranlaßt worden ſei von Lübeck aus einen andern Weg einzuſchlagen, ſo daß er erſt einige Wochen ſpäter in Hamburg eintreffen könne. Aber eine Adreſſe, wo die Antwort ihn treffen könnte, lag dieſer Wer dieſe Art von Berechnungen einigermaßen kennt, dürfte 368 „Mittheilung nicht bei, und die beiden Briefe waren kurz nach einander geſchrieben worden. Sodann kein Wort mehr. Aber von Gudmar, der beſtändig in ſeinem Verbannungs⸗ ort geblieben war, kamen Briefe, und dieſe mußten etwas Be⸗ ruhigendes und Hoffnungsvolles enthalten, obſchon Majken nur ein— gedämpftes Fieber und eine tödtliche Unruhe darin ent⸗ deckte. Und wie ſtand es jetzt um Majkens Geſundheit? Hatte ſie einige Hoffnung daß nicht auch ſie ſich dieſer Hochzeit widerſetzen würde, welche gefeiert ſein mußte bevor die Octoberwinde ihren alten wilden Ringkampf auf den Gewäſſern des Skagerak began⸗ nen? Leider war dieſe Geſundheit die ihr ſtarker Wille ſo lang aufrecht gehalten hatte jetzt mit dem Flammenſchein am Abend⸗ himmel zu vergleichen. Wird er von Neuem aufflammen oder wird er langſam in den Schatten der geheimnißvollen Nacht ver⸗ ſchwinden und ſich mit ihnen verſchmelzen? Bis jetzt waren inzwiſchen in Majkens Zimmer weder ein Arzt noch Medicamente zu ſehen geweſen. Aber der Uhrzeiger war nunmehr bis zu der Stunde vorangeſchritten, wo jede Wider⸗ ſpenſtigkeit zurückprallte. Die Mutter und all die liebenden Freunde um ſie her hatten ſie gezwungen dies ſelbſt zuzugeſtehen. Majken hatte während der letzten zwölf Tage ihren Sofa nicht verlaſſen. Und Emilie, was war ſie nicht jetzt für die Freundin die in ihren Tagen des Kummers ſo viel für ſie geweſen! Aber juſt um Emiliens willen wollte Majken ins Pfarrhaus ziehen. Doch Emilie weinte und bat— ſie wußte ja überdies ſo gut daß Majken jetzt am liebſten in dem alten Svartſkär zu leben und zu wohnen wünſchte, und Emilie erklärte, ihre eigene Ge⸗ ſundheit ſei ſo ausgezeichnet kräftig, daß für ſie weit weniger Gefahr —:xV — vorhanden ſei, wenn ſie Majken verpflegen dürfe, als wenn ſie ſich unter ſo beunruhigenden Umſtänden von ihr trennen müſſe. Hjelm war derſelben Anſicht wie Emilie: er hegte die Ueber⸗ zeugung daß die Ruhe ihres liebreichen Herzens bei ihrer derma⸗ ligen Lage von weit größerer Wichtigkeit ſei als alles Andere. Ueberdies war ja Thorborg oben und unten und überall, und Frau Moß blieb kaum die halbe Woche auf Gläborg. So ſtanden die Sachen am 6. September, einige Tage vor Gudmars beabſichtigter Rückkehr und an demſelben Tag, wo Hjelm abreiste um den Arzt zu holen. Auf dem Heimweg ſollte er Frau Moß mitnehmen. Der Paſtor, der Nichts von Hjelms Reiſe wußte, hatte an Thorborg ein Billet folgenden Inhalts abgeſandt: „Wenn Du heute Abend heimkommſt, ſo wirſt Du ſehen, ob Dein alter Vater nicht Etwas hat was Deine Lebensgeiſter friſch anregen kann... Sag meiner Majken daß der alte Onkel ſie ſtets in ſeinen Gedanken trage.“ Dieſes Billet erhielt Thorborg erſt gegen Abend, als ſie nebſt Emilie an Majkens Sofa ſaß, wo ſie ganz vergnügt— wie dies überhaupt immer geſchah— über allerlei Hoffnungen plauderten. „Was iſt das?“ fragte Majken mit einer Ungeduld in Stimme und Bewegung, die ſich jetzt oft bei ihr vorfand. „Papa läßt ſich nach Deinem heutigen Befinden erkundigen,“ antwortete Thorborg heldenmüthig. So erſtaunt ſie auch war und ſo fröhlich ihr Herz ſchlug, ſo wollte ſie es doch nicht ver⸗ rathen, weil ſie es für unrecht hielt eben jetzt Emilie und Majken allein zu laſſen. „Ei, es iſt gewiß noch Etwas mehr?“ verſetzte Majken. „Antworte ſchnell. Iſt Gudmar daheim? Er ſoll ſogleich kom⸗ men. O, es war ſehr unrecht daß ich ihn ſo lange ferngehalten habe. Wollte Gott, er hätte ſich ſchon früher ungehorſam er⸗ wieſen!“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III 24 1¹ 370 „Das iſt es nicht, geliebte Majken,“ antwortete Thorborg ſchnell, indem ſie in der Verlegenheit das Häubchen fallen ließ das ſie für ihren künftigen Pathen ſtickte. Ich glaube,“ ſagte Emilie,„Du würdeſt am beſten thun, Thorborg, wenn Du Majken das Schreiben Deines Vaters zeig⸗ teſt; dies würde am beſten auf ſie einwirken.“ „Ja, das iſt ganz ſicher,“ antwortete Majken eifrig... „Aber, mein Gott, wie langſam Du biſt, Thorborg— Du haſt mich jetzt aus purem Eigenſinn vier ganze Minuten hingehalten.“ „Nein, Majken, blos aus Liebe— ich wollte Euch nicht verlaſſen. Aber da lies ſelbſt.“ „Was ſagſt Du.. dieſes Billet handelt, wie ich ſehe, von etwas Wichtigem, Emilie, und ſie will nicht nach Hauſe gehen! Dies iſt unartig, ja beinahe Deiner unwürdig, Thorborg... Es kann ja Papa betreffen— bedenke, wenn er gekommen wäre und nicht hiehergehen wollte, oder wenn es Gudmar wäre, der.. ℳ „Nein, das iſt es nicht,“ erklärte Emilie, die jetzt ebenfalls das Billet geleſen hatte.„Ich möchte glauben daß die Sache Thorborg ganz allein berühre.“ Thorborgs engelliebliches Geſichtchen wurde feuerroth. Sie antwortete Nichts. „Es mag ſein was es will,“ verſetzte Majken ganz unruhig, „ſo mußt Du heimgehen. Ueberdies kann Niemand wiſſen, wie wichtig das Eine für das Andere ſein kann... Unter allen Umſtänden iſt es Etwas was die Zeit todtſchlägt. Ziehe Dich ſchnell an und komm jedenfalls heute noch zurück, ſo ſpät es auch werden mag.“ „Ach, liebe Majken, laß mich warten, bis Hjelm und Deine Mutter kommen. Ich habe einen wahren Widerwillen gegen den Gedanken früher abzureiſen.“ „Warum nicht lieber vollends warten, bis der Doktor kommt und Dir ſagt, wie übel Du daran thuſt mich zu quälen und zu reizen... Ei ei, mein Kind, werde nur nicht böſe— ich kann inn 371 Nichts dafür daß ich ſo ſchlimm und ſo ganz verändert bin. Werde ich wieder die frühere Majken, ſo will ich Alles gutmachen.“ Ein Blick den Emilie und Thorborg mit einander wechſelten entſchied die Sache. Thorborg reiste nach Hauſe. Emilie und Majken blieben allein. „Jetzt,“ ſagte Majken, gleich als hätte die vorhergehende Scene für einen Augenblick lindernd auf ſie gewirkt,„jetzt wollen wir uns ſo gut als möglich einrichten. Ich mag nicht länger auf dem Sofa liegen bleiben, ſondern habe große Luſt mich ein wenig auf den Lehnſtuhl am Fenſter zu ſetzen... Ich habe meine Idee— mußt Du wiſſen— eine ganz ſchlaue Idee.“ „Was denn, liebe Majken?“ Und Emilie, die in ſolcher Kraft blühte als könnte ſie niemals krank werden, half der Freun⸗ din zu einer ganz bequemen Niederlaſſung am gewünſchten Platz. „Nun, ich denke mir, der Onkel habe nur aus Politik ſo geſchrieben. Eine Ahnung ſagt mir, daß heute Abend Etwas geſchehen werde— und ohne Zweifel kommt mein Vater. Du weißt, ich habe auch noch eine andere Idee gehabt, eine große Idee die ich ſicher ausgeführt haben würde, wenn dieſe lang⸗ weilige Krankheit mich nicht verhindert hätte.“ „Ja,“ ſagte Emilie lächelnd,„Du wollteſt mit Gudmar Deinem Vater nach Hamburg entgegenreiſen. Vielleicht hätte dies Etwas über ihn vermocht, aber es iſt doch ſehr ungewiß...“ ...„Und ganz unnöthig iſt es darüber zu ſprechen, denn jetzt kommt mein Vater zu mir.“ Emilie wagte keinen Widerſpruch. „Liebe Emilie,“ begann Majken wieder,„nimm dieſen großen Blumentopf weg. Er verſperrt die Ausſicht... Sieh, Emilie! der Herbſt naht ſchon mit großen Schritten... der Mondſchein 372² iſt zu Ende, und die Abendſchatten kommen bereits... Aber wo ſteckſt Du denn?“ „Ich bin ja hier bei Dir.“ „Ja, Du biſt immer bei mir— Du biſt ſo gut.“ „Wie gut kann ich wohl ſein, daß Du nicht noch weit mehr verdienteſt?“ 3 „Du haſt Unrecht, mein Kind— du ſiehſt ja, ich will mich nicht demüthigen unter die Zucht des Herrn. Ich will noch eine irdiſche Braut werden, während ich doch an etwas ganz Anderes denken ſollte.“ „Geliebte Majken, iſt es auch recht daß Du Deine Phan⸗ taſien ſo oft nach dieſer Seite hinlenkſt?“ „Wann wird wohl Thorborg zurückkommen? Armer Vater armer Vater! Er liebte ſeine Maiblume ſehr, und dennoch . dennoch.“ Es trat eine Stille ein. Majken ſchaukelte ſich ſachte in ihrem Ruheſeſſel. Emilie war in tiefes Nachdenken über die bevorſtehende glück⸗ ſelige Veränderung in ihrem eigenen Leben verſunken. Und inzwiſchen wurden die Schatten immer dunkler und dunkler. „Emilie!“ rief Majken auf einmal,„haſt Du Aepfel oben?“ „Nein, aber Du kannſt ſogleich haben— ich will ſchnell hinab, wenn ich Dich einen Augeublick allein laſſen kann.“ „Mich allein laſſen?“ fragte Majken erſtaunt.„So krank bin ich doch nicht, daß ich nicht noch allein ſein könnte... Geh— wenn Dir nur das Treppenſteigen nicht zu mühſam wird.“ „Du weißt ja, ich bin wie ein Vogel und nur Ake zu Liebe gehe ich ſo langſam und vorſichtig.“ Emilie nickte freundlich und ging. Als Majken allein war, neigte ſie ſich immer näher an die Fenſterſcheibe. Jetzt wie ſo oft an frühern Abenden hätte ſie — ———— —⸗—ÿÿℳÿꝛꝛ———— 373 gerne die Nebel durchdringen mögen... irgend Jemand mußte doch zuletzt kommen. Die Arbeiten, ſowohl bei dem neuen Bau als auch im Magazin, hatten gänzlich aufgehört. Die Leute waren nach Haus gegangen, und Alles war ſtill von dieſer Seite her. Als ſie ſo daſaß, kam es ihr vor als bewege ſich ein Schat⸗ ten von der Richtung her wo große Steinmaſſen lagen. Ihr Herz begann zu klopfen. Es war keine optiſche Täu⸗ ſchung. Ob es aber ein weſenhafter Schatten oder nur ein Luft⸗ bild war, vermochte ſie nicht zu unterſcheiden. Jetzt aber ſchlich er ſachte zwiſchen den Brettergerüſten voran und kam an die Helle, die noch ſchwach gegen die ſich im⸗ mer mehr am Horizont aufthürmenden Wolken ankämpfte. Majken ſah jetzt deutlich, wie die Geſtalt ſich umdrehte. Ihr Herz das ſo ſtark geklopft ſchien plötzlich ſtille zu ſtehen. Was war an dieſer Geſtalt, das ſie ſo heftig, ſo ſchrecklich beun⸗ ruhigte? Warum wich das Fieber augenblicklich? Warum er⸗ ſtarrte das Blut in ihren Adern? warum war es ihr, als wären ihre Glieder ganz lahm geworden? Dieſe Züge... es ſind nicht die ſeinigen... Das iſt unmöglich... er kann es nicht ſein... aber dennoch! Wer mag es ſein? Wen ſucht er ſo geheimnißvoll? warum blickt er ſo ſtarr an den Salon herauf? Jetzt ſchien Majkens Seele ſich gänzlich in ihre Augen ver⸗ ſetzt zu haben. „Er kommt immer näher und näher... Barmherziger Heiland! Es iſt Holt als Arbeiter vermummt„.. er iſt es... er iſt zurückgekehrt!... O, alſo hat er die, Anzeige an Gudmar geſchrieben! Holt alſo iſt der Mörder des Olagus!... Er iſt es, der all dieſen endloſen Jammer, all dieſen Kummer über uns gebracht hat! Ach!“ rief ſie mit gellender Stimme,„Emilie, Emilie iſt da unten.“— Sie wollte aufſtehen und hinauseilen, ſank aber ohnmächtig am Fenſter zuſammen. — — „Ich bin überzeugt,“ dachte die junge Frau, auf deren Purpurlippen ein feines Lächeln ſpielte,„daß jener belebende Wind für unſere liebe Thorborg von Spanien herweht. Capitän Geiſtern— o, die Männer, die Männer!— hat ſich wohl ent— ſchloſſen ſeiner Henrika eine Mitregentin an die Seite zu ſtellen, 1 ja vielleicht ihr die Herrſchaft ganz abzunehmen und... um Gotteswillen, was iſt das? Wer ſchleicht dort im Saal?⸗ Sie ſtellte den Korb hin, den ſie bereits genommen hatte um ihn Majken zu bringen, und wollte in die Küchenkammer zurückeilen, um von Uljana Licht zu verlangen, als ſie beim er⸗ ſterbenden Schein des Ofenfeuers die Thüre zwiſchen dem Saal und dem Beſuchzimmer leiſe aufgehen und einen Kopf hervor⸗ — —————— —— —⸗ = — ☛ — S. — . —₰. S — — 8 S⸗ S S —₰ — ☛ 8 — ☚ — —. kommen ſah. „Ich bin doch kein Kind?⸗ dachte die junge Frau, indem ſie ſich gleichwohl zitternd ſetzte.„Ich darf mich nicht erſchrecken laſſen, denn das könnte gefährlich werden... Gewiß iſt einer 4 der fremden Arbeiter hereingekommen„.. Wer iſt da?“ fragte 3 ſie jetzt muthig. Kein Laut ließ ſich hören, aber jetzt ſah ſie wie ein Schatten auf die Wand geworfen wurde, und nun⸗ erkannte ſie einen menſchlichen Körper. Sie vermochte nur die äußeren Umriſſe zu unterſcheiden, aber ſie fühlte ſich jetzt ganz muthig, denn ſie war überzeugt daß Jemand ihren Mann ſuche. tig 375 „Was ſolls? Man gehe in den Laden und wende ſich an den Buchhalter.“ Eine tiefe hohle Stimme antwortete: „Es iſt ein Elender der da kommt, um Sie noch einmal zu ſehen und noch einmal Abſchied von Ihnen zu nehmen... Entfliehen Sie nicht! rufen Sie nicht! Es wäre vergebens. Ich habe dieſen Augenblick auserſehen— er gehört mir. Hüten Sie ſich wohl mich zu erzürnen und mein Blut noch mehr in Wal⸗ lung zu bringen.“ „Das iſt Herr Holt!“ rief Emilie, die zu ihrem eigenen Erſtaunen jetzt, wie immer in großen und dringenden Augen⸗ blicken, ihre ganze Geiſtesgegenwart behielt. Sie erhob ſich und ſagte:„Herr Holt, Herr Holt! O, gehen Sie, gehen Sie um Gotteswillen! Wenn mein Mann oder ſonſt Jemand käme! Welcher unglückſelige Zufall hat Sie hiehergeführt?“ „Vergebliche Drohung! Ich bin nicht erſt heute gekom⸗ men. Sehen Sie einmal dieſe groben Arbeiterkleider an. In Folge von tauſenderlei Leiden und Schickſalen bin ich zurückge⸗ kehrt. Ich glaubte ſchon ertrunken auf dem Meeresgrund zu liegen, aber ich bin dennoch gezwungen worden das Leben wieder anzunehmen, und um hieherzukommen, mußte ich mich ſo vielfach verbergen, daß ich gewiß meinen Plan aufgegeben haben würde, wenn mich nicht eine innere Gewalt vorwärts getrieben hätte... Vor zwei Tagen verſchaffte ich mir mittelſt dieſer Kleidung Zu⸗ tritt bei dem norwegiſchen Baumeiſter. Ich gab mich für einen ſeiner Landsleute aus, erhielt Arbeit, und Wilhelm Holt, einſt einer der Herren dieſes Hauſes, hat ſich heute Nacht blos Ihret⸗ wegen, blos um dieſe flüchtigen Minuten zu gewinnen, mit einem Winkel auf dem Speicher begnügen müſſen. Ja, ſo weit iſt es gekommen. Das iſt der letzte Theil meines Lebens. Was zwi⸗ ſchen meiner Entweichung und meiner Rückkehr liegt, mag zwiſchen mir und meinem Richter bleiben. Sie, Madame, brauchen nur 376 zu wiſſen daß kein Menſch ein ſo fürchterliches Spiel wagt, ohne wenigſtens einen Theil des Einſatzes zu gewinnen.“ Er trat immer näher. Emilie hätte gern gerufen; aber ſeine Warnung, und ſie ſelbſt beſaß Geiſtesgegenw zuſehen daß es das Beſte war, wenn dieſer Stunde ganz allein auf ſich nahm. „Ich verſtehe. Sie ſchweigen, Menſchen anzuhören den ſeine wahnwitzi elender gemacht; denn um mich an Ihre ganze Seele beſaß, b Augen blitzten eine art genug, um ein⸗ ſie die namenloſe Qual dem Manne zu rächen der ereitete ich ſeinen und, wie ich glaubte, In meiner ſchauerlichen Einſamkeit rin daß ich Sie e— aber wo iſt Gerechtigkeit zu finden? Bei meiner Rückkehr finde ich Sie im Wohlſtand, in noch höherem Glück... und die Liebe, die Liebe, die Liebe iſt nicht geſtorben... Ich Arm umſchlungen, und ich habe Alles verſtanden, Sie werden doch nicht glauben daß zu erfahren? Aber ſo heilig Sie au und Eismaſſen, die gleichwohl nicht im S brennenden Gefühle abzukühlen.“ Emilie, die ihn jetzt bis auf einige S ſah, begriff daß ſie allen Stolz, und ganz beſonders ihre durch den venreizbarkeit zurückdrängen mußte, Natur einwirken wollte. In ein ſagte ſie: „Unglücklicher Mann! Ich habe ja nicht Ihr Verderben gewollt— ach, führen Sie nicht das meinige herbei.“ chritte herangekommen allen noch ſo gerechten Zorn Abſcheu hervorgerufene Ner⸗ wenn ſie auf dieſe verwilderte em unſäglich flehenden Ton — ——— —— ine 4 in⸗ 4 lal 4 en dch 1 te, eit ie — 1. 6 it f d, e 4 1 1 4 8 — 4 3 3 6 — „Wie ſchön der Ton Ihrer Stimme klingt!...“ Der Un⸗ glückliche ſchien entzückt zu lauſchen...„Glauben Sie, ich hätte ihn in dieſen neun langen Monaten nicht auch gehört? Und wenn Sie ſo ſanft redeten wie jetzt, da weinte ich wie ein Kind und harrte geduldig auf dieſen Augenblick der, wie ich wohl wußte, einmal kommen mußte.“* „Sie wußten es?“ wiederholte Emilie.„Alſo war es...“ „Ja, es war mein Entſchluß, mein Schickſal. Ich konnte nicht in einen fremden Welttheil ziehen, ehe dieſe aberwitzige Liebe ihren letzten Tribut gefordert hatte— und ſo ſtehe ich denn jetzt vor Ihnen... Ich weiß wohl daß nur Ihre Vernunft Ihnen Ruhe gebietet, weil Sie recht gut einſehen daß ein Mann der gehungert, gedürſtet, geſchwitzt, gefroren und dem verächtlich⸗ ſten Leben ſich unterzogen hat, um ſein Ziel zu erreichen, ſich nicht mit langen Bedenklichkeiten tragen würde, wenn ſeine Kühn⸗ heit ihn auch die Freiheit koſten ſollte. Dagegen würde Ihr offenkundiger Abſcheu ihn von der Mäßigung ablenken die jetzt ſein Blut in Schranken hält.“ „Aber was wollen Sie denn?“ fragte Emilie, und jetzt lag ein kaum beherrſchtes Zittern in ihren Worten und in ihrer Geberde. „Laſſen Sie mich neben Ihnen knien, und möge Ihre Hand die brennende Wolke aus meiner Stirne ſtreichen.“ 1 Vergebens bemühte ſich die junge Frau ihren zunehmenden Schauder zu überwinden. „Nein, nein, nein! Rühren Sie mich nicht an! Kommen Sie nicht näher. Um Gottes Barmherzigkeit, kommen Sie nicht näher!“ 3 „Aha! Sie ändern Ihren Ton? Sie haſſen, Sie verabſcheuen mich alſo ſo fürchterlich?... Und ich glaubte, Sie wären ſo viel Weib daß Sie ein von Ihnen ſelbſt hervorgerufenes Elend wenigſtens bemitleiden würden! O, warum lauſchten Sie nicht der erſten Stimme und blieben dabei? Sie war beſſer.„ Nun 378 wohlan, rufen Sie immerhin, wenn Sie wollen! Rufen Sie! Wenn Sie aber das thun, ſo ſind Sie kein Weib, ſondern ein Ungeheuer.“ „Ich rufe nicht,“ flüſterte Emilie überwunden.„Aber noch einmal flehe ich, gehen Sie! gehen Sie! Ich will mich Ihrer ſtets mit Segen erinnern, wenn Sie mich augenblicklich verlaſſen.“ „Nein, das wäre allz ukurz... Aber was will ich denn? Nur zu Ihren Füßen weinen— weinen über mich ſelbſt. Und wenn Sie dem verlorenen Wilhelm Holt nicht eine einzige Thräne weihen können, ſo ſchenken Sie ihm wenigſtens die einzige Lieb⸗ koſung, um welche er bettelt: legen Sie Ihre Hand zum Abſchied in die meinige und laſſen Sie Ihre Lippen das Wort Friede ausſprechen, denn meine Seelenſchmerzen bedürfen eines Friedens⸗ wunſches.“ 4 „Friede will ich tauſendmal ſagen, verzeihen will ich Ihnen Alles was Sie mir gethan haben, auch ſchwöre ich daß ich Sie nie, nie verrathen werde; aber zu meinen Füßen dürfen Sie nicht liegen. Da würde ich vor Ihren Augen ſterben... Und jetzt ermahne ich Sie wegzueilen. Mein Mann kann jeden Augenblick kommen.“ „Hartes, hartes Weib! Ich habe Sie ſo inſtändig gebeten, und gleichwohl iſt Ihre Verachtung ſo hartnäckig. Ein Hund darf zu Ihren Füßen liegen, aber Wilhelm Holt iſt elender als ein Hund... Nun wohl, ſo haben Sie doch wenigſtens ſo viel Muth und Herz, daß Sie mir freiwillig Ihre Hand reichen— laſſen Sie mich dieſelbe auf einige armſelige Sekunden in die meinige ſchließen, dann will ich verſchwinden um mich nie mehr auf Ihrem Wege zu zeigen. Aber wenn Sie mir jetzt meine Bitte verweigern, ſo wird, bedenken Sie das wohl, auch Gott Ihnen das verweigern um was Sie in der Stunde der Noth beten werden. Kommen Sie... kommen Sie freiwillig zu mir.“ Emilie beſaß weder den Willen noch den Muth der unter einer ſo verzweiflungsvollen Berufung ausgeſprochenen Bitte zu .— 379 widerſtehen. Sie näherte ſich ihm die wenigen Schritte mit dem⸗ ſelben Abſcheu und geheimen Beben, als wäre ſie genöthigt eine Schlange zu bezaubern... Und jetzt ſtreckte ſie ihre Hand aus — jetzt lag dieſelbe in der ſeinigen. Aber bei dieſer Berührung ging eine gewaltſame Umwäl⸗ zung in der Seele und in dem ganzen Weſen des unglücklichen Mannes vor. Er ſprang zuerſt in wildem Irrſinn unter dem Einfluß eines edlen Gefühles auf die Thüre zu, um ſein Verſprechen zu halten, aber ein anderes, ein gewaltſames Gefühl trieb ihn eben ſo ſchnell zurück, und ſchon hatte er ſich zu den Füßen der jungen Frau niedergeworfen, ſchon hatte ſie einen lauten Hilferuf auf ihren Lippen, als plötzlich die Saalthüre wieder aufflog und zwei Män⸗ ner zum Vorſchein kamen. Der Eine war Gudmar, der Andere der Fremdenfiſcher, der ſogleich feſte Hand an Holt legte. Dieſer ſeinerſeits erhob ſich und ſtand jetzt kalt, trotzig und unbeweglich da. Vierzehntes Kapitel. Der Vater. Auf dem Hof in Gläborg ſtand einige Stunden nach der Abreiſe der Hausfrau ein Theil des Geſindes und plauderte. Aller Worte und Gedanken waren auf Mamſell Majken ge⸗ richtet, die ſo allgemein geliebt und geachtet war. Und ſie ſpra⸗ chen juſt im tiefſten Kummer darüber, ob etwa während der Ab⸗ weſenheit des Hausherrn ein Unglück eingetroffen ſei, als deſſen Reiſewagen heftig die Allee heraufraſſelte und bald darauf durch das grün angeſtrichene Gitterthor heranfuhr. — 380 „Was habt Ihr da, Leute? Was iſt hier los? Wo iſt ſti die Frau?... Wenn meine Frau nicht hört, ſo ſpringt hinein, di ihr dummen Eſel, und meldet daß ich zu Hauſe ſei.“ ſie Die Hausmagd trat einige Schritte vor. 4 ſe „Herr Patron!“ es 14 1 fü „Nun, ein beſonderer Empfang das „Die Frau iſt nicht daheim.“ „Meine Frau iſt nicht daheim— wo iſt ſie denn?“ „Ei, Herr Patron, ſie iſt oft, ſehr oft in Svartſkär gewe⸗ G ſen; und heute... heute“... ſtammelte das Mädchen, er⸗ ſchrocken über den Ausdruck auf dem Geſicht ihres Herrn. „Willſt. Du ſprechen, dumme Gans, ſo daß ich Dich be⸗ greife?“. in „Nun, heute kam Herr Hjelm und holte die Frau ab... O Herr Hjelm war auch bei dem Doktor geweſen.“ 5 „Dummheiten!“ rü Moß ſtieg aus, trat in die Hausflur, wandte ſich aber W wieder um. 1 ſo „Es iſt alſo wohl drüben auf Svartſkär Jemand krank? Die junge Frau natürlich?“ B „Nein, Herr Patron, davon haben wir Nichts gehört.“ „So... dann iſt es Jemand anders... der Buchhalter* ho die Ladendiener?“ ſch 3„Mamſell Majken!“ „Dummheiten... Geſchwätz... Sagt Petter, er ſoll die 1 un flinkſten Pferde anſpannen und mirs melden, wenn er fertig iſt.“ Er ging in den Saal. Sein ganzes Ausſehen zeigte eine unerhörte Gemüthser⸗ ſchütterung und eine maßloſe Anſtrengung, um ſie zu bekämpfen. „Krank... es war alſo Ernſt... Dummheiten... und er dann? Kann man denn nicht auch krank werden, ohne daß es tr wichtige Folgen hat? Eine verdammte Geſchichte, daß ich nicht d früher nach Hamburg kam und daß ich keinen andern Platz be⸗ ν9—‿ ſtimmte, wo Briefe mich treffen könnten... Dummheiten... die Mutter ſchwach, kann ich mir wohl denken... Hjelm wird ſich unnöthig Mühe machen... Supponire, ich würde es an mir ſelbſt fühlen, wenn ſie ernſtlich krank wäre... aber wenn ſie es dennoch iſt? wenn ich es an mir fühle und es nur nicht fühlen will... der verdammte Kerl— wenn er mir jetzt noch dieſes unermeßliche Herzeleid zufügt— wenn ſie, meine Mai⸗ blume... o, mein Haß, meine Raſerei gegen ihn hat keine Grenze... ich haſſe ihn mit tauſendfacher Wuth.“ Er ſtürzte in die Hausflur hinaus. „Nun, iſts nicht bald fertig?“ Die Pferde waren juſt angeſpannt. Moß ſtieg in den Wagen, indem er blos den kurzen Befehl gab:„Fahr dem Teufel ein Ohr weg und bekümmere Dich Nichts um die Klepper.“ Aber die verblüffte Magd wäre vor Beſtürzung beinahe rücklings zu Boden gefallen, als ſie eine Stunde ſpäter den Wagen durch die Allee zurückkommen ſah und zwar mit einem ſolchen Geraſſel, daß Stock und Stein emporwirbelten. Der Hausherr war zurückgekommen. Und alſo lautete der Befehl den er jetzt gab: „Derjenige Knecht der am ſchnellſten reitet ſoll ſich bereit halten einen Brief nach Svartſkär zu bringen. Er bekommt ein ſchönes Trinkgeld, wenn er noch in der Nacht zurückkommt.“ Und nun zwang er ſich in ſein Zimmer hinauf, ſetzte ſich und ſchrieb in aller Eile folgenden Brief an Hjelm: „Lieber Bruder! „Kaum erſt nach Hauſe gekommen und mit der Nachricht empfangen daß meine Tochter von irgend einem Unwohlſein be⸗ troffen worden ſei, ließ ich augenblicklich neue Pferde anſpannen und war bereits auf dem Weg nach Spartſkär, als mir plötzlich der Gedanke kam daß ich dort vielleicht eine Perſon treffen könnte al mehr verabſcheue, als ich die Peſt wenn ſie vor der Thüre ſtände. ich will mich durch keinerlei Comödie verlocken und zu einer Handlung verführen laſſen, auf die ich doch eben ſo wenig einginge als... Nun, das iſt Einerlei. Genug— ich fürchte nicht mich ſelbſt, aber ich fürchte den wenn ihr Unwohlſein von einiger die ich jetzt zehntauſend M ſelber verabſcheuen würde, „Rein herausgeſagt, Eindruck auf meine Tochter, Bedeutung ſein ſollte, was ich jedenfalls nicht glaube. „Ich kehrte alſo um und ſchicke Dir dieſen Boten zu, mit der Bitte daß Du Deine Antwort beſſer überlegen mögeſt als das erſte Mal. „Lautet ſie jetzt befriedigend, ſo will ichs vergeſſen daß ſie damals beinahe gar zu ſelbſtſtändig gehalten war. Sei klug, Bruder... „Ferner zu bemerken: „Du beweiſeſt meiner Frau und Majken die Nothwendig keit ſogleich, während ſie vielleicht noch transportirt werden kann, nach Gläborg zurückzukehren, was dem Arzte näher liegt und von dem Pfarrhaus entfernter iſt. 1 „In dieſer Sache, Bruder, dienſt Du nicht blos mir, ſon⸗ dern auch Dir ſelbſt. Es iſt leicht einzuſehen, wie ſchädlich alles das auf Deine eigene Frau einwirken muß, welche der Ruhe und Freiheit von aller Aufregung bedarf.. „Supponire daß noch eine Sache vorausgeſetzt werden muß. .„Solltet Ihr alle beſchloſſen haben mir in dieſem meinem Wunſch zuwiderzuhandeln, ſo muß ich wenigſtens mit voller Sicherheit darau ich komme. Treffe ich den Herrn Controleur, ſo iſt es weder für ihn noch für mich ſelbſt noch für meine Tochter nütllich. Und Deine unbedingte Pflicht iſt es ihm, falls er von Göteborg zu⸗ rückgekehrt iſt, zu ſagen daß er Svartſtär nicht betreten ſolle, ſo lange ich da ſei. f rechnen können daß Dein Haus rein iſt, wenn Be Na 383 „Solches iſt mein ausdrücklicher Wille und im Nothfall mein Befehl an dieſen Herrn. „Hoffe auf gute und unter allen Umſtänden ſchleunige Nachrichten. Moß.“ Nachdem dieſer Brief abgegangen war, brachte der ſtrenge Mann ſeine Zeit damit zu daß er beſtändig auf⸗ und abſchritt. Er verſpürte keine Müdigkeit, keine Anſtrengung von der Reiſe, ſondern beſchäftigte ſich nur damit daß er zu ergründen ſuchte, ob man ihm wohl gehorchen würde und ob die Maiblume ihm gehorchen könnte. Majkens Brief hat ihn erſt vor einer Woche getroffen. Nach Durchleſung desſelben hatte er in beſtändiger Unruhe gelebt und ſich in möglichſter Eile zur Rückreiſe angeſchickt. Aber ſo oft auch ſein Gedanke bei allen Arten von Unglück verweilte, ſo gelang es ihm doch ſich zu überzeugen daß ein ſol⸗ ches unmöglich wäre. Und wenn er die zärtlichſten Gefühle des Herzens zu erforſchen verſuchte, ſo fand er doch nicht ein einziges das weich und mächtig genug war, um der Bitte ſeiner Tochter das Wort zu reden. Der Schimpf den nach ſeinem Dafürhalten auch ſie ſelbſt erlitten hatte, als Gudmar die ihm gemachten glänzenden Anerbietungen ausgeſchlagen, konnte weder verziehen noch vergeſſen werden. Und wenn der junge Mann jetzt noch ſo ſehr darunter litt, ſo fand Moß dabei eher eine grauſame Wolluſt als irgend Mitleid. „Ich will nicht hin, durchaus nicht, wenn er da iſt. Wahr⸗ haftig, ſie würden mir eine ſchöne Scene aufführen. Meine Toch⸗ ter iſt ein ſchlaues Weib... hm, hm, hm, Aber wenn dennoch... wenn etwas ſehr Wichtiges im Anzug wäre... wenn meine Maiblume abfiele... was ſind das jetzt für ein⸗ fältige Gedanken.. Uh, wie kalt es auf einmal wird!... Er begann zu frieren. Der ſonſt ſo kräftige Mann, der ſtattliche 384 Moß, der von keinem Alter etwas wiſſen wollte, ſank jetzt zu einem hinfälligen Greiſe zuſammen. Die Stunden ſchlichen im Schneckengange dahin. Wohl zehnmal war er im Begriff den Boten nicht abzu⸗ warten, ſondern ſich wieder auf den Weg zu begeben, aber er hatte ſich in eine ſolche Angſt hineingearbeitet, daß er Gudmar treffen könnte, der ihm vielleicht wie ein Wahnſinniger entgegen⸗ kommen und Rechenſchaft abfordern würde für... fuͤr... Nein, er konnte nicht abreiſen, er mußte die Antwort abwarten. Endlich in ſpäter Nacht gallopirte ein Pferd in den Hof. „Wenn es der verwegene Junge wäre!... Er ſcheute ſich nicht auf Olagus zu ſchießen... Wildes Blut... Nun, ich muß ſelbſt den Verſtand verloren haben.“ Jetzt ſtampfte es auf der Treppe. Es war der Knecht der zwei Briefe brachte, den einen von Hjelm, den andern von Frau Moß. „Hörteſt Du wie es dort ſtand, Anders?“ „Dort ſtand Alles ganz überzwerch und verkehrt, Herr Pa⸗ tron! Es waren da ſo entſetzliche Dinge vorgefallen, daß gar keine Raiſon darin war, aber kein Menſch war daraus klug ge⸗ worden was es war. Es ſteht wohl in den Briefen.“ Moß hatte kaum Faſſung genug, um den Knecht wegzu⸗ ſchicken und die Briefe zu erbrechen. Er begann mit dem Hjelmſchen. „Liebſter Onkel! „Wenn nicht Gott jetzt Deine Gedanken und Dein Herz dem Ziele zulenkt das hier das nothwendigſte iſt, ſo wage ich kaum daran zu denken was geſchehen kann. „Als ich vor einigen Stunden nach Hauſe zurückkam, hatten ſich ſolche Ereigniſſe zugetragen daß ich nicht weiß, wie ich dem Höchſten genug dafuͤr danken kann daß meine Frau noch am zu von 38⁵ Leben und bei guter Geſundheit iſt. Aber jetzt ſchriftlich kein Wort mehr darüber. „Was Deine eigene Perſon betrifft, iſt Folgendes: „Majkens langwieriges ermattendes Fieber hat ſich jetzt, nach⸗ dem ſie in einer tiefen Ohnmacht gefunden worden deren Urſache wir nicht kennen, plötzlich zu einem heftigen Paroxismus ent⸗ wickelt. Der Doctor, der zwei Stunden nach mir eintraf, hat der Krankheit keinen Namen gegeben, aber er erklärt den Zuſtand für höchſt bedenklich und verſichert daß die Entſcheidung bald er⸗ folgen werde. „Kannſt Du unter ſolchen Umſtänden Gefühle für Aerger und Feindſchaft haben? „O, liebſter Onkel, bedenke daß es einen Platz gibt wo die Wege ſicherer zuſammentreffen als irgendwo anders: nämlich am Krankenlager oder Sterbebett... und wo treffen ſie öfter zu⸗ ſammen? wo anders als dort verſtummen Abneigungen, Haß, Abſcheu und all dieſe wilden und böſen Leidenſchaften die draußen ſtehen? Wenn die Hände ſich über einem ſolchen Platz vereinigen, ſo vereinigen ſich auch die Herzen die am härteſten gekämpft haben. Gemeinſchaftliche Verzweiflung iſt das ſtärkſte Verbindungsglied. Wer erinnert ſich noch eines Feindes, wenn er neben dem Lager ſteht wo ſein höchſtes irdiſches Gut ruht? Ich wage nicht mehr zu ſagen, hoffe aber daß dieſe Worte Dir in die Seele dringen werden. „Thun ſie das aber nicht, ließe ſich das Unnatürliche denken daß dem armen jungen Mann, der ein ſtummes Bild troſtloſen Kummers iſt, verboten würde ſeinen irdiſchen Abgott zu ſehen und ihm nahe zu ſein, dann— ich muß es gerade heraus ſagen — dann mußt Du mir verzeihen, Onkel, wenn nur das Kran⸗ kenzimmer allein es iſt was ihm verboten wird. „Dort, im Zimmer der Tochter, iſt der Vater der einzige Herrſcher, wenn er es ſein will, aber im übrigen Theil des Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. AII. 25 — ——ÿÿ ,¾ 386 Hauſes vollziehe ich allein die Geſetze der Gaſtfreundſchaft, und nie wird Gudmar Guldbrandsſon in ſeinem grenzenloſen Kummer von mir abgewieſen werden. Dazu habe ich weder das Herz noch Luſt. „Komm jetzt um Gotteswillen ſogleich und denke in ſo wichtigen Augenblicken nicht an ſolche irdiſche Kleinigkeiten. „Wir ſtehen an einem Ziel wo vielleicht mehrere Wege ein Ende nehmen. Meine Frau... ach, meine Frau... ich ſchaudere und bebe vor dem was der nächſte Augenblick in ſeinem Schooß bringen kann. „Möge Gott Dir Kraft verleihen! „Dein ergebenſter Hjelm.“ — Moß ſtand todtenbleich mit dem Brief zwiſchen den er⸗ ſtarrenden Fingern da. „Ernſt... Ernſt... Mein Kind, mein einziges Kind... Kinderlos— kinderlos! Und all mein Vermögen, mein Reich⸗ thum an Fremde weggeworfen... Reichthum, was frage ich jetzt nach dem Das Herz will ſein en Reichthum, ſeinen Schatz behalten... ich will mein Kind behalten.“ Er eilte an die Glocke und klingelte heftig. „Spann augenblicklich ein!“ Er ſchlug die Thüre ſtark wieder zu. „Mitten in der Nacht muß ich hinaus... Ah ſo, er meint daß die Wege dort zuſammentreffen... Nein, nein, das ge⸗ ſchieht nicht— ich will denjenigen nicht ſehen der mir das ge⸗ than hat. Er iſt es der mich meines Kindes beraubt, ich habe das nicht gethan: ich bin unſchuldig, ich bin ein ſchuldloſer Mann .. ich hätte an jenem Morgen kein hartes Wort zu ihr geſagt, wenn es nicht ihn betroffen hätte. Er hat die Schuld, er hat wirklich die Schuld... Aber ich muß ſogleich hinaus.“ 387 Jetzt fiel ſein Blick auf den zweiten Brief. Es war der ſeiner Frau. Moß ſetzte ſich, während er ihn las. „Lieber Mann! „Jeſus Chriſtus ſei gelobt daß Du zu Hauſe biſt! Er hat Dich zur rechten Zeit geſchickt. Ich wäre gerne ſelbſt gekommen um Dich abzuholen, aber ich kann es für mein Leben nicht wagen dieſe zwei jungen Frauenzimmer ohne eine ältere weibliche Stütze zu laſſen. „Du haſt Muth, mein alter geliebter Mann, viel Muth— Du wirſt ſeiner auch bedürfen. „Deine Maiblume, dieſe ſchöne Blume, jetzt vielleicht für den Schnitter reif, weiß Nichts davon daß Du zurückgekommen biſt, ſie verſteht es nicht. Aber wenn ſie es wüßte, ſo würde ihr liebeathmendes Herz Dir entgegenſchlagen, ihre Arme würden ſich nach Dir ausſtrecken. „Du ſelbſt kannſt nicht anders als voll von Liebe und Frie⸗ den kommen. „Es ſchmerzt mich daß ich Dich bitten muß bei Nacht zu reiſen, aber verlaß dennoch ſogleich dieſe leere Heimath— ich weiß daß Dir dort Alles kalt erſchienen iſt, und hier wirſt Du mit Sehnſucht erwartet von „Deiner treuen Beate Marie.“ „So, ſo— kann ich jetzt noch auf meinen Füßen ſtehen? Meine Frau verſteht ſich auf keine Liſt, ſie ſagt keine Unwahr⸗ heit... Abgemäht zur Erndte... die Blumen werden ab⸗ gemäht... Richte dich auf, alter Mann... werde wohl dort⸗ hin müſſen wo, wie er ſagte, die Wege zuſammentreffen ſollten, wenn ſie könnten.“ 7 1 388 Als Anders nach einer Viertelſtunde herauffam, um zu melden daß er angeſpannt habe, fand er ſeinen Herrn in einem Zuſtand gänzlicher Gefühlloſigkeit daſitzend. „Es iſt fertig, Herr Patron.“ „Fertig— was... was iſt fertig?... Ah, ja, ja... ich erinnere mich nicht recht... Du hatteſt einen Befehl erhalten?“ Der Knecht trat mit inniger Theilnahme vor. „Um Gotteswillen, Herr Patron, wir ſollten ja zu Mam⸗ ſell Majken fahren... zu Mamſell Majken... Sie werden ſchon wieder zu ſich kommen, Herr Patron.“ Bei dieſen Worten, die ihm Alles in voller Klarheit vor Augen ſtellten, brach der ſtarke Moß in eine heftige auflöſende Thränenfluth aus, während die feſt zuſammengepreßten Hände bald auf die Stirne bald auf das Herz gedrückt wurden. Als dieſe gewaltſame Criſis vorüber war, ſchleppte er ſich an die Thüre und ließ ſich von dem Knecht in den Wagen heben. „Höre, Anders— ſie war nicht todt, meine Tochter?— Du verſtehſt, ſie konnte nicht todt ſein?“ „Nein, lieber Herr Patron, das war ſie gewiß nicht.“ „Keine Gefahr... ich wußte es wohl... keine Gefahr!“ Und jetzt ſaß er wieder im Wagen, der diesmal noch ſchneller davonrollte. Wer die ſchweren Seufzer drinnen gehört hätte, der würde den Kampf begriffen haben der da ausgefochten wurde. Wer vermöchte die Tiefe der Angſt zu ermeſſen womit Moß in jeder Secunde ſich ſelbſt fragte:„Iſt es zu ſpät oder... O, wenn es zu ſpät wäre... Und ich, der ich ſie inniger liebte als ſie wußte, und ſie dennoch mit wilder Grauſamkeit wegſtieß, als ſie um Barmherzigkeit flehte... Mein Kind, mein Kind, noch ſollſt Du die Stimme Deines alten Vaters hören. Du darfſt nicht kalt werden, hörſt Du...“ Unter ſolchen Qualen hatte er gleichſam mit eiſerner Kraft 2S2SZ 389 den Gedanken an Gudmar fern gehalten. Er wußte nicht, wie er ſeinen Anblick würde ertragen können. Er bebte an allen Gliedern beim bloßen Gedanken ihm zu begegnen; aber Hjelms Brief drückte eine ſolche Beſtimmtheit aus, daß er nur wenig Hoffnung hatte ihm ausweichen zu können. Die Sonne ſtand bereits hoch am Himmel, als Moß an Ort und Stelle kam. Er ſah mit der geringen Sehkraft die er noch beſaß, wie die Leute ſich hin und her bewegten. Er meinte, wenn ein großes Unglück ſich ereignet hätte, ſo würde Alles, die Natur ſowohl als Menſchenwerk, ſtille ſtehen. Und ſiehe, da kam jetzt Hjelm ihm entgegengelaufen. „Um Gotteswillen, ſprich!“ „Mein armer Onkel... Ich ſehe, es war eine ſchreckliche Nacht... noch iſt keine Aenderung eingetreten... Komm jetzt, lieber Onkel... hier iſt mein Arm, er wird Dich ſicher ſtützen.“ Moß wankte. „Du ſchwörſt daß ſie lebt?“ „Ja, bei meiner ewigen Seligkeit, Onkel! Doch, laß uns jetzt gehen— Tante Beate Marie wartet drinnen bei uns. Emilie und Thorborg ſind droben. Der Doctor hat ſich gelegt.“ „Und er... Du verſtehſt?“ „Er, Onkel, iſt aus freien Stücken, aus Ehrfurcht gegen Dich, aus dem Wege gegangen. Gott weiß, wohin der arme Menſch geflohen iſt. Sein Leiden iſt grenzenlos.“ „Sein Leiden?“ Moß ſuchte ſich aufzurichten.„Und zu mir ſagſt Du daß dieſes grenzenlos ſei— was iſt dann das meinige? Er iſt Schuld an Allem was geſchehen iſt, und ich werde mich nach dieſer Nacht vielleicht nie wieder erholen. Ich bin Nichts ohne ſie— er verwarf ſie, und dennoch liebte ſie ihn ſo innig daß ſie ſeinetwegen das Vaterhaus verließ.“ 390 „Ach, laß uns die Laſten nicht abwägen, Onkel, ſondern ſie einander gegenſeitig zu erleichtern verſuchen... Auch ich gehe auf glühenden Kohlen; wer weiß was mir bevorſteht?“ Moß ſchüttelte dem jungen Mann die Hand, ohne zu ant⸗ worten. 1 Sie waren jetzt zum Haus hinabgekommen. Der Vater ſchaute zum Zimmer ſeiner Maiblume empor... Die Vorhänge waren hinabgelaſſen. Als er in die Hausflur kam, wurde er von einem ſo heftigen Zittern überfallen daß Hjelm ihn nur mit Mühe in das Zimmer brachte, wo ſeine alte treue Lebensgefährtin ihn mit offenen Armen empfing.. „Beate Marie, es iſt aus mit mir!“ Und Moß war jetzt froh an ihrem warmen Herzen einen Zufluchtsort zu finden. Dies war eine Wolluſt, ein wohlthuender Schmerz im Vergleich mit dem kalten öden Aufenthalt auf Gläborg. „Mein Alter, mein armer Alter... Du biſt hier! Ach, wie weh that es mir daß ich nicht bei Dir ſein konnte! Aber Gott ſei Lob und Dank, Du biſt jetzt hier bei Deiner Tochter und Deiner Frau.“ „Alles iſt aus, Beate Marie— Alles!“ „O nein, noch nicht! Noch kann Vieles ſich ändern... Aber wenn es geſchehen ſollte.. 4 „Sprichs nicht aus, Beate Marie, ſag es nicht... Siehſt Du nicht daß ich Nichts ſagen darf— ſiehſt Du nicht daß Du es nicht tragen kannſt?“ „Nicht ſo, lieber Mann, nicht ſo! Was der Herr uns zu tragen befiehlt, das müſſen wir tragen!“ 391 Fünfzehntes Kapitel. Holt zum letzten Mal. Wir müſſen zu dem Augenblick zurückkehren, wo Holt ſich überraſcht ſah bei dem verzweiflungsvollen brennenden Verlangen noch länger bei der Frau zu verweilen, die er allen Mahnungen ſeiner Vernunft zum Trotz hatte wiederſehen wollen, und um deren willen er dieſen verwegenen Schritt gethan hatte, deſſen Gefährlichkeit er zuweilen vollkommen einſah. Aber die Leidenſchaft iſt eine ſo grauſame und eigenmächtige Tyrannin, daß noch Niemand von fremder Hand ſo gewaltſam vorwärts und ins Unglück getrieben worden iſt; wie von ſich ſelbſt unter dem Einfluß einer ausſchließlichen Leidenſchaft. Holt ſchien in dieſem Augenblick gefühllos gegen Alles zu ſein. Sein Blick war ſtets auf Emilie geheftet, die er jetzt viel⸗ leicht zum letzten Mal ſah. Er hatte nicht einmal ein Hohn⸗ lächeln für ſich ſelbſt. Sein einziger Gedanke, ſein einziger Be⸗ griff lag in dieſem Blick, der mit ſchauerlicher Macht die junge Frau feſſelte und ſie eine Seele ahnen ließ, die ſelbſt in der Hölle an ſie gedacht haben würde. Es lag eine diaboliſche Größe, aber dennoch eine Größe in dieſer Freiheit von aller Sorge um ſich ſelbſt. Sogar Gudmar wurde darüber betroffen, und der Fremden⸗ fiſcher ließ ſeinen Gefangenen los. Er begriff zwar nicht recht was er ſah, aber ein Gefühl unheimlicher Furcht bemächtigte ſich ſeiner. 3 „Soll jetzt Etwas daraus werden?“ fragte er leiſe Gudmar. „Wie ich Ihnen draußen ſagte, Herr Lieutenant, ſo hatte ich ſchon ſeit geſtern früh ein Auge auf dieſen norwegiſchen Arbeiter, deſſen Anweſenheit in der Gegend ich bereits ahnte, obſchon ich 392 ſeit ſeinem Verſchwinden von Smögen keinen Sicherheitsbrief darauf geben wollte, ſondern ſtill ſchwieg.“ Gudmar hatte die Worte des Fremdenfiſchers nicht beachtet. Mit einer ſtillen, aber ausdrucksvollen Geberde gab er Tolle einen Wink den Geächteten wieder feſtzuhalten. Darauf führte er Emilie zum Sofa und ſagte leiſe zu ihr: „Ich wage es nicht die Verantwortung allein zu übernehmen. Sollen wir offen erklären, wer dieſer Mann iſt, und ſogleich nach dem Commiſſär Lönnerholm ſchicken, oder ſollen wir ihn, unter dem Vorwand daß er ein verdächtiger Arbeiter ſei, in einer der Seebuden einſperren, bis Hjelm zurückkommt?“ „Um Gotteswillen das Letzte! Ich will nicht diejenige ſein die ihn anzeigen läßt... Mag das Alles auf Ake ankommen. Ich lebe— ich glaube nicht daß der Schrecken mir Schaden zu⸗ fügen wird— und da will ich nicht undankbar gegen Gott ſein. Möge nur der Fremdenfiſcher ſchweigen.“ „Und Majken?“ flüſterte Gudmar keuchend.„Ich möchte ſo gerne zu ihr eilen, aber ich kann dieſen Mann nicht verlaſſen, ehe wir ihn in Sicherheit gebracht haben.“ „Das würde auch Majken nicht wollen, wenn ſie wüßte was hier vorgeht. Ich verließ ſie vor einer Viertelſtunde. Da ſaß ſie oben am Fenſter. Sie ſchien eine Ahnung zu haben daß heute Abend Jemand kommen wird.“ „Verſprechen Sie mir nicht hinaufzugehen, bevor ich zurück⸗ komme,“ bat Gudmar.„Sie wird nicht erſchrecken, ſie kennt meine Tritte ſo gut und ſie ahnte beſtimmt meine Ankunft.“ „So ſputen Sie ſich,“ flüſterte Emilie.„Es iſt nicht recht ſie ſo lange ſich ſelbſt zu überlaſſen.“ Mittlerweile hatte Holt dageſtanden, gleich als ob das Vor⸗ gefallene eine andere Perſon als ihn ſelbſt beträfe. Er ſchien nicht einmal zu fühlen daß der Fremdenfiſcher ihn bei der Schul⸗ ter gefaßt hatte. „Tolle,“ ſagte Gudmar leiſe,„noch darf keine Seele ahnen, 393 wer dieſer Mann iſt der hier angetroffen wurde, bis Herr Hjelm heimkommt und ſeine eigene Anſicht darüber ausgeſprochen hat. Du biſt zu klug, um nicht zu ſchweigen. Deine Belohnung wird dadurch nicht geringer.“ „Sie brauchen ſich nicht zu beunruhigen, Herr Lieutenant; ich habe ſo lange geſchwiegen daß ich auch noch länger ſchweigen kann. Und merkt Jemand Etwas von unſerm Vorhaben, ſo iſt es ein Arbeiter der ſich in verdächtiger Abſicht hereingeſchlichen hat. Das iſt ja nichts Beſonderes.“ „So, Herr Holt,“ ſagte Gudmar,„laſſen Sie uns jetzt gehen.“— Holt bewegte ſich nicht von der Stelle. „Laſſen Sie uns gehen!“ wiederholte Gudmar.„Ich möchte nicht gerne Gewalt brauchen und noch mehr Perſonen herbeirufen, aber ich habe ſelbſt keine Zeit zu verlieren... Kommen Sie, kommen Sie!“ Holt begann ſich mechaniſch zu bewegen, aber ſeine Augen hafteten immer wilder auf Emilie, welche die ihrigen nicht aufzu⸗ ſchlagen wagte. Dagegen ſagte ſie mit weicher Stimme: „Gehen Sie, Herr Holt, gehen Sie um Gotteswillen, ehe es zu ſpät wird.“ Er ſchien ſie grüßen zu wollen, aber er brachte es nur zu einer ſteifen Bewegung, und ſo ging er ohne Widerſtreben nach dem Saale zu. „Lauf ſchnell in den Laden, Tolle, ſag Janne einen Gruß und ich laſſe ihn um den Schlüſſel zu der untern Seebude bitten ... Geh nicht ins Contor zu dem neuen Buchhalter... kein Lärm... ſag Janne, ich wünſche den Schlüſſel wegen eines Privatgeſchäftes.“ ¹ Als der Fremdenfiſcher fort war, betrachtete Gudmar dieſe unglückliche Ruine des ehemaligen Holt näher und ſagte mit tiefer Stimme: „Haben Sie jetzt Ihre ganze Arbeit vollendet? Die Anzeige 394 kam mir richtig zu. Olagus und mich führten unſere Wege an der Pforte des Todes zuſammen, wohin Sie uns geſtellt hatten. Olagus iſt nicht mehr... aber wird er das einzige Opfer ſein das Sie ſich ſelbſt vorangeſchickt haben? Hier befinden ſich zwei Damen— die Eine iſt bereits dem Tode nah aus Kummer über das Elend das Sie über uns gebracht haben; die Zweite, welche Sie ſo eben verließen, muß vielleicht mit ihrem Leben die gefähr⸗ liche Angſt bezahlen die Ihre verbrecheriſche Leidenſchaft ihr ein⸗ gejagt hat... und dennoch bin ich jetzt ohne Haß. Vor einem Monat würde ich gern Ihr Blut geſehen haben... während der Zeit iſt mein Leiden groß genug geworden daß ich keiner Rache mehr bedarf: tragen Sie dieſelbe in Ihrem Bewußtſein.“ „Wenn das Sie befriedigt,“ antwortete Holt mit dumpfer Stimme,„ſo können Sie hoffen daß Ihre Prophezeiung in Er⸗ füllung gehen wird. Aber gleichviel, wir ſind Alle zum Leiden geboren— würden Sie wohl mit mir tauſchen wollen?“ In dieſen letzten Worten lag ein ſo entſetzlicher Eindruck, daß Gudmar verſtummte. Jetzt kam der Fremdenfiſcher mit dem Schlüſſel, und nun begaben ſich in der Abenddämmerung alle drei, ohne ein Wort zu ſprechen, nach dem Ladungsplatz. „Warum juſt hieher?“ fragte Holt, als ſie an der untern Seebude ſtanden.„Dies war eine ſinnreiche Grauſamkeit.“ „Wie ſo?“ fragte Gudmar. „Sie wiſſen ja daß man hier die todte Frau hineinlegte, als Hjelm zurückkam... Nein, nein, hier will ich nicht ſein— ich habe ſchon ſonſt Geſellſchaft genug in meiner Einſamkeit.“ „Seien Sie nicht ängſtlich,“ antwortete der Fremdenfiſcher; „ich bleibe als Geſellſchafter und Wächter bei Ihnen, und ſo lange ich da bin, ſollen weder Lebendige noch Todte unberufen hieher⸗ kommen.“ „Hol ſchnell den Schlüſſel zur andern Bude,“ entſchied Gud⸗ mar.„Einer unnöthigen Grauſamkeit bedarf es nicht.“ 395⁵ an Noch einmal blieben dieſe beiden Männer mit einander allein. ten.„Hören Sie,“ ſagte Holt,„ich will Ihnen Etwas ſagen— ſein ich glaube nicht daß ich es aus Reue thue, auch nicht darum Wwei weil ich ſelbſt von meinem Geheimniß keinen Gebrauch mehr lber machen kann, ſondern darum weil ich bei Ihnen mehr Menſch⸗ lche lichkeit gefunden habe als bei andern Leuten.“ ähr⸗„Was meinen Sie?“ ei⸗„Auf der Meerfrauklippe befindet ſich eine Grotte... nem„Auf der Meerfrauklippe... ha!“ rief Gudmar, dem jetzt tend plötzlich ein Licht aufging.„Dort alſo hat Ragnar Sie ans Land ner geſetzt? Alſo bei dieſem Elenden waren Sie die ganze Zeit über in. verborgen?“ pfer„Nein, das ſchwöre ich, und Sie dürfen mirs glauben daß Er⸗ ich nicht bei ihm verborgen war. Vermuthlich kam Ragnar ſpäter den wieder auf die Scheere, aber da war ich nicht mehr dort. In der ſchauerlichen Nacht die ich dort zubrachte kam ich ſowohl ins ruck, Waſſer als wieder heraus, ohne mir erklären zu können wie Beides zuging. Gerettet durch ein Boot aus den ſüdlichen Scheeren, nun fuhr ich nach Göteborg, wo ich mich bis vor wenigen Tagen auf⸗ Vort hielt. Sie kennen die Abſicht meines hieſigen Beſuches. Ich wollte ſie ſehen— ich habe ſie geſehen. Jetzt iſt es aus: meine tern Angelegenheiten ſind zu Ende.“ Gudmar ſchwieg. Den Wahnſinn der Liebe begriff er nur allzu wohl. egte,„Ich ſagte Ihnen,“ fuhr Holt fort,„daß ich Ihnen Etwas — mittheilen wolle... In der Grotte rechts, auf dem dritten Ab⸗ ſatz von unten, befindet ſich eine lange und tiefe, mit Steinen her; 3 aufgefüllte Aushöhlung. Da liegen die von mir entwendeten unge Gelder. Kaum ein Stüber iſt angetaſtet worden. Ich leiſte her⸗ förmlich darauf Verzicht und vertraue Ihnen die Zurückerſtat⸗ tung an.“ zud⸗„Dank! Ich wünſche Ihnen Glück zu dieſer Handlung; ich 396 weiß Ihren Auftrag zu ſchätzen und werde ihn mit Freuden vollziehen.“ Jetzt kam der Fremdenfiſcher zurück. Eine Laterne die er mitgebracht beleuchtete den ſtillen Platz. Die Thüre der Seebude wurde geöffnet. Der unglücklliche ermattete Holt trat hinein und warf ſich ſogleich auf einer Nagel⸗ kiſte nieder, während er ſeinen Kopf gegen eine andere anlehnte. Den Tod wagte er nicht anzurufen— er verſank in die Be⸗ täubung der Gefühlloſigkeit. Einige Male ſuchte er ſich durch Vorſtellungen von dem Schickſal das ihn erwartete aufzuſchrecken, aber es war als wollte er einen ſeelenloſen Körper ängſtigen.„Mag kommen was da will, jetzt gilt Alles gleich,“ lautete der eintönige Satz den er unaufhörlich vor ſich hinſagte. —;— Gudmar war hinaufgeeilt. Er ſchaute durch die Thüre zu Emilie hinein und ſagte haſtig: „Er iſt in Sicherheit... hier unten iſt doch keine Gefahr?“ „Nein, Gott ſei Dank.“ „Kommen Sie erſt nach einiger Zeit hinauf. Gönnen Sie mir einen Augenblick allein mit ihr!“ Und ſo flog er die Treppe hinauf.. Emilie war nicht allein. Uljana ſtand da und hatte am Ofen Etwas zu thun. 1 „War es der norwegiſche Arbeiter, liebe Frau? wollte er ſtehlen?“ „Still doch... haſt Du Licht hinaufgebracht?“ „Ja freilich.“ „Und Mamſell Majken fragte nicht, warum ich ſo lange ausbleibe?“ „O nein, ſie fragte gar nichts. Sie ſaß ganz ſtill am Fen⸗ agte r2* Sie ppe am er nge Fen⸗ 397 ſter und lehnte ſich an den Sims. Ich wollte ſprechen, aber ſie war in ſo tiefe Gedanken verſunken daß ſie mich gar nicht anhörte. Sodann ging ich in die Schlafkammer und machte das Bett; als ich zurückkam, ſaß ſie noch immer in ihren tiefen Ge⸗ danken da.“ „O,“ ſeufzte Emilie in ihrer Seele,„jetzt wird ihnen doch endlich ein Augenblick der Seligkeit zu Theil... arme Majken .. aber wer weiß, wie theuer ſie ihn hernach bezahlen müſſen? Ich glaube nicht daß ich ſie noch länger allein laſſen darf... Uh, dieſer gräßliche Abend!... Mein Herz leidet— hätte ich das wohl je geglaubt— um den unglücklichen Holt. Ach, wie elend, wie lebensmüde, wie verſtört er iſt... Und daß Ake nicht kommt! Ich kann zu keiner Ruhe in meiner Seele gelangen, bis ich ihn wieder ſehe. Dann wird es gut.“ „Wünſchen Sie noch etwas, Madame?“ fragte Uljana. „Ja, komm mit mir in den obern Stock hinauf.“ Und ſie gingen... Aber ſchon vor der Thüre zu Majkens äußerem Zimmer kam Gudmar auf Emilie zu. Er ſah ſehr angegriffen aus, und die Lebenskraft die er kaum vorher noch gezeigt, hatte ſich gleicſſam in einen Zuſtand einer eben ſo tiefen Erſchlaffung wie bei Holt aufgelöst, nur daß die Zuſtände Beider ſonſt ganz verſchieden waren. „Sie ſchläft— ich will ſie nicht wecken,“ ſagte er leiſe. Emilien rieſelte es eiskalt durch die Adern. Sie ſah wohl ein, welche Gedanken ſich in Gudmars Haupt bewegten. Glück⸗ licher Weiſe glaubte ſie keine Secunde daran daß ſeine Ahnung Grund habe. Sie eilte an's Fenſter, wo Majken noch immer in der von Uljana beſchriebenen Haltung ſaß, und bald klang Emiliens Stimme ſo troſtreich in das Ohr des betrübten jungen Mannes. „Hinweg mit allen unglücklichen Einbildungen— ſie iſt blos in Ohnmacht gefallen. Vielleicht hat ſie den Gegenſtand ihrer 398 ſehnlichen Erwartung geſehen, und da konnte ſie nicht begreifen, warum er nicht zu ihr heraufkam.“ In demſelben Augenblick fuhren zwei Wagen in den Hof: Hjelm und Frau Moß in dem einen, Thorborg vom Pfarrhaus her in dem andern. O, wie dankte Emilie Gott, daß ſie jetzt nicht mehr allein hier zu ſchalten und zu walten hatte! Wir wollen den Eintritt der Mutter nicht ſchildern, wir wollen nicht beſchreiben, wie die Ohnmacht einem raſch ausge⸗ bildeten Fieberparoxismus Platz machte. Während drei warme Herzen an Mazjkens Krankenlager ſchlugen, hatten zwei andere nicht minder zärtlich um ſie beſorgte Herzen ſich in die Einſamkeit zurückgezogen. Die beiden Gatten ſaßen im ſtillen Schlafzimmer allein beiſammen. Emilie hatte jetzt die wunderbaren Ereigniſſe dieſes ganzen Abends ihrem Ake vor Augen geführt. „Und Du lebſt— Du lebſt wirklich!“ rief er aus.„Du empfindeſt keine Vorboten einer noch gräßlicheren Gefahr? O, mein Gott, was hätte hier nicht geſchehen können!... Drinnen bei Dir, neben Dir, Dich mit ſeiner heißen Flamme überſchüttend — und Du ſtarbeſt nicht davon... Was für ein Weib Du biſt!“ „Nein, ich ſtarb nicht davon, mein Ake, und werde wohl noch lange leben, nachdem ich dieſen Abend überſtanden habe.“ Hjelms Gefühle waren dermaßen aufgeregt, daß man den ſonſt ſo ruhigen Mann nicht mehr in ihm zu erkennen ver⸗ mochte. Er hatte bis jetzt ſelbſt nicht gewußt, wie grenzenlos, wie innig er ſeine Frau liebte. Er weinte wie ein Kind und entblößte gänzlich des Herzens heiliges Myſterium, das ſich nur in außerordentlichen Augenblicken zeigt. „Beruhige Dich, beruhige Dich, mein Geliebter!“ ſagte Emilie, die ſich mitten in dieſem ſeligen Augenblick an den wichtigen Beſch an d ſtark Thei fühl Woh Dan dabe dank ſie r wen bind wür entf theil ſagt ſich Nich eine ſoll kein eifen, Hof: haus allein wir usge⸗ alager ſorgte zatten anzen 1 ver⸗ ſenlos, d und h nur Fmilie, chtigen 399 Beſchluß erinnerte der jetzt gefaßt werden mußte.„Deine Liebe an die ich ſchon lange geglaubt habe, iſt jetzt eben ſo innig und ſtark wie die meinige. Laß alſo, da uns ſo großes Glück zu Theil geworden iſt, das beſte Gefühl in unſerer Seele, das Ge⸗ fühl der Barmherzigkeit laut ſprechen.“ Eine plötzliche Bläſſe zog über Hjelms Geſicht. „Ich war nahe daran Dich zu verlieren— ich will dieſe Wohlthat des Herrn nicht émpfangen haben, ohne ihm meine Dankbarkeit zu beweiſen.“ Dieſe Worte ſprach Hjelm mit Kraft aus und betrachtete dabei ſeine Frau mit einem Blick welcher den Reſt ſeines Ge⸗ dankens ſo ziemlich erklärte. „Ich ahnte, ich wußte wie Du handeln würdeſt,“ antwortete ſie mit einem belohnenden Lächeln.„Du willſt ihn...“ „Ja, ich will ihn entfliehen laſſen. Ich könnte nie glücklich ſein, wenn ich mit der Erinnerung an dieſen Abend eine andere ver⸗ binden müßte, die mir ſtets eine Handlung vor Augen führen würde, welche mein Gewiſſen nicht gutheißen könnte. Mag er entfliehen... Aber wer ſoll zu ihm gehen und ihm dies mit⸗ theilen? Ich darf Nichts wiſſen.“ „Der Fremdenfiſcher wird es beſorgen. Du weißt, wie ge⸗ ſagt, Nichts. Das Ganze geht von mir aus... Aber wenn er ſich nun gleichgiltig gegen Alles zeigt?“ „O, das kann er in dieſer Sache wahrlich nicht thun.“ Emilie ſchüttelte den Kopf. „Es iſt nicht unmöglich,“ verſetzte ſie.„Er ſchien nach gar Nichts zu fragen. Sprich, Geliebter, darf ich für dieſen Fall eine wichtige Frage an Dich ſtellen⸗ „Du darfſt Alles fragen.“ „Würdeſt Du, wenn meine Befürchtung ſich bewahrheiten ſollte, mir erlauben zu ihm hinabzugehen? Dies hätte jetzt gar keine Gefahr mehr, Ich empfinde nicht die mindeſte Furcht vor 400 dem Unglücklichen, aber meine Macht über ihn könnte zu ſeinem Beſten beitragen.“ „Nein, nein, nein, ſprich nur mit Tolle.“ Eine Weile ſpäter ſtand die junge Frau in dem hellbeleuch⸗ teten Saal und hatte den Fremdenfiſcher vor ſich. „Tolle,“ ſagte ſie,„wollt Ihr mir einen großen Dienſt leiſten? Ich ſtehe bereits in bedeutender Schuld bei Euch und werde dies nicht vergeſſen, ſo weit man mit Geld und gutem Willen Etwas ausrichten kann.“ „Das ſind zwei geſegnete Dinge... Der Herr Patron, der ſelbſt unten blieb, erſuchte mich heraufzugehen, und Sie dürfen alſo nur befehlen.“ „Dank, Tolle... ſagt, haben wir nicht mehrere kleinere Boote?“ „Ja, das verſteht ſich.“ „Wolltet Ihr nicht mir zu Liebe in einem derſelben den Mann fortſchaffen der heute Abend durch Eure Klugheit und Wachſamkeit entdeckt worden iſt? Ich kann den Gedanken nicht ertragen daß er in die Hände der Juſtiz fallen ſoll.“ „Ei, ei, meine liebe Madame!“ Der Frendenfiſcher kratzte ſich ziemlich unzufrieden am Kopf.„Ich will gewiß auf dem Weg der Rechtſchaffenheit wandeln, aber noch gehöre ich nicht ſo ganz zu den guten Schäfchen, daß ich nicht Luſt hätte mir einen reellen und ehrlichen Verdienſt zu erwerben. Das bleibt jeden⸗ falls wahr, daß ich ihn ausgeſpäht und feſtgenommen habe. Auch hatte er bei Gott ſo viel Böſes gethan daß er ſeine Strafe recht wohl verdient.“ „Glaubt Ihr nicht, Tolle, daß er in ſeinem Innern eine weit ſchlimmere Strafe mit ſich trägt?“ „Das iſt wohl möglich, liebe Madame, aber ich verſpüre durchaus keine Luſt ihm fortzuhelfen.“ „Jetzt täuſchet Ihr Euch über Euer eigenes Herz, Tolle,“ ſagte Emilie dringlich.„Ich will in vollem Vertrauen mit Euch em uch⸗ enſt und tem der rfen nere den und nicht atzte dem ſt ſo inen den⸗ habe. trafe eine püre ele,“ 40¹ ſprechen— ich weiß daß Ihr es nicht mißbrauchet, Die alten Männer auf der Uhuklippe haben für Eure ehrenhafte Geſinnung gebürgt.“ „Ah ſo, bläst der Wind von der Uhuklippe her? dann bin ich wohl gezwungen auch aus derſelben Richtung zu blaſen— Sie können mir jetzt Ihre ganze Herzensmeinung ſagen, Madame, ſo will ich meine Gedanken darnach richten.“ „Mein Mann kennt meine Abſicht und hat Nichts dagegen, wenn die Sache nur durch Euch allein geſchieht. Und da er Euch ſelbſt zu mir heraufſchickte, ſo wollte er damit ſagen, er wünſche daß Ihr gegen eine reichliche Belohnung mir in allen Stücken gehorchen ſollt.“ „Allmächtiger Gott, was für ſonderbare und veränderliche Dinge doch die Gedanken der Herrenleute ſind! Im vorigen Jahr belohnte mich der Herr Patron dafür daß ich Holt auf⸗ ſuchen ſollte, und jetzt belohnt er mich dafür daß ich ihm fort⸗ helfen ſolle... Nun, ich muß es alſo wohl verſuchen.“ „Geht jetzt hinab und ſagt Herrn Holt, ich laſſe ihn grüßen, und es ſei mein Wunſch und meine Bitte daß er ſich noch heute Nacht von Euch fortrudern laſſe. Ihr führet ihn wohin er will, und könnt hier oben Alles holen was er wünſcht und bedarf. Kann ich mich vollkommen auf Euch verlaſſen, Tolle?“ „Ich werde jedes Wort ſagen.“ „Und hernach ſchweigt Ihr gegen jede andere Chriſtenſeele?“ „Das iſt geſagt. Ich nehme blos die Alten von der Uhu⸗ klippe und meine Pernilla aus, denn der Teufel ſoll in mich fahren, wenn ich vor dieſen drei Leuten ein Geheimniß haben kann.“ „Sie mißbrauchen es gewiß nicht.“ Emilie nickte dem Fremdenfiſcher zu, und dieſer entfernte ſich. Wie ſchlug nicht das Herz der jungen Frau während der Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren, III, 26 40² Abweſenheit Tolles! Aber ſie brauchte nicht lange zu warten. Er kam bald mit der Nachricht zurück, Holt laſſe ſich bei ihr be⸗ danken, bedürfe aber Nichts. „Er bedürfe Nichts?“ wiederholte Emilie ängſtlich;„aber doch wohl die Freiheit?“ „Ich ſuchte Alles hervor was Sie zu mir ſagten und redete rein wie Waſſer, ſo weit es reichte, aber er ſagte durchaus Nichts mehr als was ich bereits erwähnt habe, und fügte nur noch hinzu:„Geh.“ „Eile zurück, lieber Tolle, und ſag meinem Mann, er möge mir entgegengehen— ich komme ſogleich nach.“ „Was fällt Dir ein?“ flüſterte Hjelm, als er auf dem Hof mit ihr zuſammentraf.„Das darf nicht geſchehen. Es macht mir Todesangſt wenn ich Dir widerſprechen ſoll, aber Du mußt ruhig ſein, Du mußt mir glauben daß wir allzu viel wagen, wenn Du allein zu ihm gehſt.“ „Ach, ſage das nicht...“ Emilie legte koſend ihren Arm in den ſeinigen.„Wenn irgend Etwas gefährlich iſt, ſo iſt es das Entſetzen das mich ergreifen würde wenn man ihn hier feſt⸗ nähme, weil er wahnſinnig genug war dieſen unermeßlich langen Weg hieher zurückzulegen, blos um mich auf einige Augenblicke zu ſehen... So, Geliebter, Du ſagſt nicht nein. Ich will meine Vortheile nicht ausbeuten; darf ich aber mein Herz mit dem Ge⸗ danken erfreuen ein wahrhaft chriſtliches Werk ausgeführt zu haben, ſo wird es ſich dadurch ſo erleichtert fühlen, daß ihm her⸗ nach alles Andere leicht wird.“ Hjelm mußte zuletzt nachgeben. „So begleite mich bis an die Bude hinab,“ ſagte Emilie, die jetzt voll Muth war, während ſie kurz zuvor noch bei dem Gedanken an ein Zuſammentreffen mit Holt gebebt hatte. Als ſie an die Thüre kamen, ſagte ſie zu dem Fremden⸗ fiſcher: „Macht auf.. ſtehen.“ Als ihr Fuß die Schwelle betrat, zog Hjelm ſie ſanft zurück und flüſterte: „Um meiner Liebe, um unſeres Kindes willen, ſei vorſichtig — wage Dich nicht zu weit und mach die Sache ſchnell ab.“ „Halte mich nicht zurück... Du kannſt vollkommen ruhig ſein.“ Sie ging hinein. Die von dem Fremdenfiſcher zurückgelaſſene Laterne warf blos einen bleichen Schein über die große dunkle Bude.— Ganz hinten in der Finſterniß ſaß Holt wieder auf der Nagelkiſte. Er hatte jedoch nicht die ganze Zeit über da geſeſſen. Er ſah Emilie erſt, als ſie ihm ganz nahe war. „Herr Holt, ich bins!“ Emiliens Stimme bebte. Der An⸗ blick dieſes Mannes zerſtörte gleichſam ihren ganzen bisherigen Stolz...„Ich bins!“ wiederholte ſie. „Wie? Sie ſinds, Sie kommen zu mir? Dann ſollen Sie auch erfahren was ich Ihnen zu Liebe unterlaſſen habe.. Sehen Sie... lange hatte ich nicht einen einzigen Gedanken der über die Grenze gleichgiltigen Ueberdruſſes hinausging. End⸗ lich kam mir dieſer— aber das wäre eine Grauſamkeit gegen Sie geweſen, deshalb riß ich mich davon los.“ Er zeigte eine Tau⸗ ſchlinge die an einem Ring im Dach befeſtigt war. „O, Jeſus Chriſtus,“ rief die junge Frau,„Sie wären im Stande geweſen, Sie hätten die Abſicht gehabt...“ „Ich hatte ſowohl die Abſicht als die Kraft es zu thun. Der Müde— und ich werde das mit jeder Minute mehr— ver⸗ langt blos nach einem Ende. Aber Sie würden dadurch gelitten haben, Sie hätten es nie vergeſſen können... und deßhalb wollte ich es nicht mehr.“ 4 „Alſo,“ ſagte Emilie mit Begeiſterung,„war es eine Ahnung der Dankbarkeit die ich Ihnen ſchuldete, was mich hieherführte. ich gehe hinein... bleibt hernach außen 404 Aber wenn Sie meinetwegen dieſe große Verſuchung überwunden haben, ſo werden Sie mir auch den Troſt nicht verweigern Ihre Freiheit zurückzunehmen. Noch können Sie einem langen Leben entgegenſehen, und in der neuen Welt, wo Niemand Ihre Ver⸗ gangenheit kennt, vermögen Sie ſich eine neue Bahn zu ſchaffen: tauſend Auswege ſtehen Ihnen da offen.“ „Für einen Elenden wie ich bin gibt es keinen Ausweg. Die Gelder habe ich nicht berührt, ſondern jetzt Guldbrandsſon an⸗ vertraut. Ich erwarte Alles was da kommen mag, und gehe meinem Schickſal nicht zwei Schritte aus dem Weg... Aber Sie ſelbſt, die Sie jetzt ſo hochſinnig, ſo barmherzig gegen mich waren, gehen Sie, ſo lang meine Sinne ſchlafen.“ „Nein, ich gehe nicht ohne Ihr Verſprechen. Niemand hat Sie wahrgenommen. Der Fremdenfiſcher wird Sie begleiten, wohin und ſo weit Sie wollen. Die Luft der Freiheit dürfen Sie nicht verachten.“ „Ich ſage Ihnen daß ich mich nicht darnach ſehne. Wenn ich mich nach Etwas ſehnte, ſo wäre es irgend eine Veränderung — gleich viel welche.“. 3 „O, mein Gott, gib mir Kraft dieſen Wahnſinn zu über⸗ winden. Wenn Sie, wie Sie ſagen, Guldbrandsſon dieſe wichtige Sache anvertraut haben, wodurch Sie eine unermeßliche Laſt von Ihrer Seele wälzen mußten, ſo weiß ich nicht, ob Sie eine eigent⸗ liche Strafe zu erwarten hätten, zumal da Sie ſelbſt Ihren Theil an dem Entwendeten beſaßen, aber jedenfalls laſtet in dem alten Land Unehre auf Ihnen. In Ihrem Innern ſind Sie, obſchon Sie es vielleicht ſelbſt nicht glauben, weit auf dem Weg der Beſſerung vorangeſchritten. Sie haben kein Recht den Samen auszureißen und wegzuwerfen, den Gott in Ihrem Herzen auf⸗ keimen ließ. Sehen Sie, ich weine über Sie, armer, armer Mann— laſſen Sie dieſe Thränen nicht vergebens fließen— Sie würden es ſchwer bereuen... Jetzt müſſen Sie reiſen. Sie ſchreiben mir, ich gebe Ihnen Reiſegeld aus Ihren eigenen 40⁵ Mitteln, und Sie können zu allen Zeiten überzeugt ſein daß Ihre Handlung bei mir in dankbarer Erinnerung leben wird.“ „Ja, ſinge, holde Nachtigall, ſinge dem Gefangenen himm⸗ liſche Lieder— aber er iſt taub... er iſt todt... Sein Leben würde er gerne für dieſen Augenblick hingeben, aber ſeine Seele treibt dem Abgrund zu... legen Sie ihr Nichts in den Weg! Sehen Sie nicht daß es zu ſpät iſt?“ Da trat Emilie bis zu ihm vor. „Sie baten mich droben, ich möchte mit meiner Hand dieſe heiße Wolke aus Ihrer Stirne ſtreichen. Jetzt will ich thun was ich vorhin nicht wollte... Sie werden ein anderer Menſch werden... Mein Segen, meine Gebete, meine Thränen werden Sie begleiten. Und wenn ich Ihnen das Glück verdanke eine Seele auf den Weg geführt zu haben von welchem ſie eine Zeit⸗ lang abgeirrt war, ſo werde ich meine ganze übrige Lebenszeit hindurch mit Zufriedenheit an Sie denken, denn die Macht der Leidenſchaft hatte Sie zwar zum Verbrecher gemacht, aber dieſelbe Macht hatte Sie ſpäter auch veredelt“... Und ſie ſtrich mit ihrer Hand über die bleiche Stirne des jungen Sünders. Er ergriff dieſe Hand und überſchwemmte ſie mit einem Strom von Thränen. „Sie haben mich beſiegt. Meine Seele liegt zu Ihren Füßen. Ihre Hand ſoll keinen in Zukunft noch verbrecheriſchen Mann berührt haben. Ich reiſe— ja, ich reiſe.“ „Dank, o Dank!“ antwortete Emilie „Und wenn ich mich durch Arbeit wieder emporgeſchwungen habe und ein ehrlicher Mann geworden bin, dann erſt werde ich Ihnen ſchreiben und für dieſe Stunde danken.“ — Seit dieſer Nacht verſchwanden alle Spuren von Wilhelm„ Holt. Zwar ging eine Sage, er ſei an den Bottnafjord zurück⸗ gekehrt und habe eine Zeitlang heimlich in der Grotte auf der 406 Meerfrauenklippe gewohnt, aber Gewißheit konnte man nie darüber erlangen. Erſt nach langen Jahren erhielt Emilie einen Brief aus einer americaniſchen Colonie. Er war nicht von Holt unterzeichnet, enthielt aber folgende für ſie vollkommen verſtändliche Worte: „Sie haben eine Seele gerettet welche Sie mit Abſcheu hätten verwerfen können. Ein Mann betet Tag und Nacht für Ihren Frieden— er hat ſeinen eigenen wieder gewonnen und iſt, wie Sie wünſchten, ein gebeſſerter Menſch geworden. „Beten auch Sie daß ſein Friede Beſtand haben möge. „Er hat für Andere zu thun geſucht was Sie für ihn ge⸗ than haben. „Bis an ſeinen Tod wird er Ihrer gedenken und Sie ſegnen.“ Sechzehntes Kapitel. Das Urtheil des Arztes und das Urtheil Gottes. Am wildeſten Theile des Strandes irrte Gudmar umher, ohne zu wiſſen wohin er fliehen ſollte, um die Qualen zu be⸗ täuben die ſein Herz zerriſſen. Er hatte um des alten Moß willen ſich ſelbſt verbannt. Er wollte nicht ſchon im erſten Augenblick einen Sturm gegen ſich hervorrufen, der die Geliebte vielleicht geſtört hätte. Aber ſollte er ewig auf ſolche Art vertrieben ſein, ſo war es beſſer wenn er ihr voranging. Die Bilder von Olagus und der wilden Nacht auf dem Sotebuſen waren verſchwunden. Er nahm jetzt nur ein einziges 407 Bild in ſich auf, nämlich Majken, die ſein Leben, ſeine Seele, ſein Alles war. Und Sturm auf Sturm rollte über ſeine Seele dahin. Er glaubte, Gott habe ihn dafür geſtraft, daß er es fürs Beſte ge⸗ halten, wenn ſeine Maid zur ewigen Ruhe einginge... Was ſind ſie, dieſe Menſchengedanken? Schäumende Wogen die binnen einer Minute ſterben und vergehen. Im Meere der Zeit herrſcht eine unaufhörliche Aufregung nach ſolchen Wogen. „Wenn ich mich dieſem Mann zu Füßen wärfe, wenn ich zu ihm ſagte: Nimm mein ganzes Weſen, aber gib mir nur ſie! ſo würde er mich dennoch verſtoßen... Und jetzt ſoll er alle ihre Blicke in Empfang nehmen, während ich ausgeſchloſſen, ver⸗ geſſen hier umherirre... Nein, es iſt unmöglich— ich ertrage das nicht... Aber wer iſt das? wer kommt da... Ach, Vater, biſt Dus? Haſt Du Deinen Sohn aufgeſucht, weil er nicht zu Dir kam?“ Und es war der alte Paſtor, der ſeinen Sohn geſucht und gefunden hatte. „Ja, Junge, meine Augen haben ſo manches Jahr keine Thränen gehabt, aber jetzt komme ich mit Dir zu weinen. Hier ſollſt Du jetzt nicht länger in unnützen Gedanken umherſchweifen. Der Menſch der jetzt droben angekommen, iſt ein mächtiger Mann, aber mich hat er geliebt. Laß uns nicht verzagen, mein Sohn. Wir können uns ohne Schande Zutritt zu ihr erbetteln. Ach, der alte Prieſter liebte ſeine herrliche Schildjungfrau ſo innig!“ „Ja, komm, Vater, komm! Vielleicht werden die alten Bande ihn weich ſtimmen— komm, komm!“ 6 Und ſie gingen nach dem Strande vor. „Ich hatte Dir eine fröhliche Nachricht mitzutheilen,“ ſagte der Greis, halb vor ſich hin halb zu ſeinem Sohn,„aber wir wollen ſie auf eine beſſere Zeit ſparen— dieſer Augenblick ge⸗ hört nicht der Freude.“ Gudmar hatte Nichts gehört. 408 Bei ihrer Ankunft wurden ſie zuerſt von Hjelm empfangen, ſodann von Thorborg, die es übernommen hatte als Emiliens erſte Gehilfin dem Hauſe vorzuſtehen. „Ach,“ ſagte Hjelm,„bleibet hier im Schlafzimmer, meine armen Freunde. Hier ſeid Ihr am... am... Mit dem Muth des alten Moß iſt es jetzt nicht weit her. In dieſem Augenblick ſpricht er allein mit dem Arzte.“ „Aber dann muß ich mit ihm ſprechen,“ ſagte der Paſtor. „Ich muß.“ „Noch nicht,“ ermahnte Hjelm.„Warten Sie nur, bis er Majken geſehen hat, wenn ſie erwacht. Laſſen Sie ihn Bekannt⸗ ſchaft mit dem tieferen Schmerz machen, ehe Sie an ſein Herz zu kommen verſuchen— das iſt mein Rath.“ „Hjelm hat Recht,“ ſiel Gudmar ein.„Aber es gibt wohl keinen Schmerz der für dieſes Herz tief genug iſt, ehe es zu ſpät wird. In Majkens äußerem Zimmer ſaß der alte Mann, aſchgrau vor Gram. „Nein, Herr Doctor, ſagen Sie Nichts was ich nicht hören will. Ich halte es nicht aus.“ „Dann müſſen Sie auch nicht fragen, Herr Moß. Laſſen Sie uns ſchweigen oder warten.“ „Nun, ſo ſprechen Sie die reine Wahrheit, da ich es doch einmal verlangt habe.“ „Für menſchliche Augen ſieht es aus.. „Nein, ſchweigen Sie— ich wußte daß ich es nicht würde ertragen können. Ich kann Nichts hören... es iſt mein Kind, mein Alles. Es muß Hilfe gefunden werden, Herr.“ Der Arzt ſchüttelte den Kopf. „Nichts iſt unmöglich, aber...“ . „Ah, ſo, das iſt Ihr Urtheil, Doctor. Man ſieht wohl, ——— 409 en, Herr, daß Sie nicht wiſſen was es heißt mit einem Vater zu ns ſprechen. Sie haben mir keinen Muth gemacht, aber ich verſuche es dennoch jetzt hineinzugehen.“ ne Aber als Moß die Thüre geöffnet und ſeine Maiblume ge⸗ em. ſehen hatte, die durch die Geiſtesabweſenheit in ihrem Blick, em durch den wilden Glanz in ihrem Auge ſo entſtellt und überdies durch Krankheit und Kummer ſo abgefallen und abgezehrt war, or. da erſchrack er dermaßen und wurde in ſeinem ſelbſtſüchtigen Herzen und Gemüth ſo ſchwer betroffen daß er, ſtatt vorwärts er zu gehen, förmlich zum Zimmer hinaus und die Treppe hinab⸗ nt⸗ ſtürzte. Dann kam er, ohne zu wiſſen wohin ihn der Weg erz führte, juſt in das Schlafzimmer wo der alte Guldbrandsſon und Gudmar nach einer kurzen Beſprechung mit Thorborg jetzt öhl allein auf und abſchritten. zu Als die beiden Männer drinnen ſich ohne alle Vorbereitung und ſo plötzlich dem Vater gegenüber ſahen, da fühlten ſie ſich alle drei von einem gemeinſamen Schauder geſchüttelt. Darauf öffnete Moß unwillkürlich Beiden ſeine Arme. au„„„Erbärmlichkeit, Erbärmlichkeit, niederträchtige Erbärmlichkeit!“ rief er.„Was bekümmere ich mich jetzt darum was Du biſt? en Du beweinſt ſie— Du wirſt ſie betrauern, wie ſie betrauert zu werden verdient. Du verſtandeſt ſie... aber jetzt iſt es zu en ſpät... zu ſpät— hörſt Du... zu ſpät!“ „Ja, Onkel, theurer lieber Onkel, es iſt zu ſpät... Aber sch Dank für dieſe Umarmung... zu ſpät.. O, warum, warum wurde ich nicht Kaufmann? Dann hätte ſie nicht zu leiden ge⸗ braucht, dann hätte ſie uns jetzt nicht zu verlaſſen gebraucht, und de ich brauchte dieſe Vorwürfe nicht zu ertragen, die mir den ganzen n, Reſt meiner Lebenszeit verbittern werden. Sie haben alles Recht mich zu haſſen, Onkel, und Gott belohne und ſegne Sie für Ihre Verzeihung! Ich, ich bin es der ſie getödtet hat.“. „Dank, Junge... aber nein, Du biſt es nicht, ſondern ich, ihr Vater, dem ſie ſo viele Jahre hindurch Gehorſam geleiſtet 410 hat... Nun, von Haß iſt jetzt nicht mehr die Rede. O, daß ſie wieder aufkäme! Sie ſollte jetzt ihre volle Freiheit haben zu heirathen wen ſie wollte... Geh, Bruder Guldbrandsſon, mein alter Freund, und ſage ihr daß ich Alles, Alles thue, wenn ſie nur leben wolle... Ach, ſie verſteht es jetzt kaum. Der Doctor da verſteht auch Nichts. Bitte Hjelm daß er herkomme. Wir müſſen nach Uddevalla, Wenersborg, nach Marſtrand, nach Ström⸗ ſtad Boten ſchicken und Aerzte holen laſſen. Wenn es ſo viele ſind, müſſen ſie doch Etwas ausrichten können. Mein Gott, mein Gott, nie hätte ich geglaubt daß meine Maiblume ſo ausſehen könnte. Aber nachdem ich ſie geſehen habe, bin ich zu Boden geſchlagen.“ Der Paſtor drückte dem alten Freund feſt die Hand und ging hinaus. Und jetzt ſaßen Moß und Gudmar in der ſelbſtgeſchaffenen Vertraulichkeit des Kummers neben einander auf dem Sofa. „Glaubſt Du, Junge, daß ſie Dich ſo innig liebt daß ſie um Deinetwillen am Leben bleiben möchte?“ „Nein, Onkel, das würde ich nicht verdienen, aber vielleicht wünſcht ſie es aus Liebe zu ihrem alten Vater, von deſſen Kum⸗ mer man ihr erzählen wird.“ „Du willſt mich tröſten— das iſt ſchön, aber es hilft ſie Nichts. Du weißt nicht, was für ein Tyrann ich gegen ſie war, wie ſteinhart und ſelbſtſüchtig. Dachte ich wohl an ihr Glück, als ich ſo unnatürlich war? Nein, ich folgte nur meinem eigenen böſen Sinn, und deshalb hat mich der Herr jetzt unter ſeine Zuchtruthe geſtellt.“ Wir wollen nicht die Spuren der drei Tage und Nächte verfolgen welche nach der Verſöhnung zwiſchen Moß und Gudmar auf der Familie in Svartſkär laſteten. Es war jetzt Samſtag Abend. 411 Der alte Paſtor ſaß allein in ſeinem einſamen Stübchen, und ſeit er ſein Predigeramt angetreten, hatte er ſich nie mit ſolcher Andacht und ſo inniger Demuth auf die Erfüllung ſeiner Amtspflicht vorbereitet. Er war vollkommen überzeugt daß ſeine Lippen am folgen⸗ den Tag während des Gottesdienſtes ein Dankgebet zu ſprechen haben würden, und er wußte nicht wie er es hervorſtammeln ſollte, wenn nicht der Herr ſelbſt es ihm eingebe. Und ringsumher auf dem ganzen Strand, auf allen Inſeln, Holmen und Scheeren, wo nur Leute wohnten, wehte ein Geiſt unendlicher Theilnahme.. Man wußte daß es jetzt auf Svartſkär äußerſt ſchlimm ſtand, und viele Frauen die in die Kirche gingen nahmen noch apart in der Schürzentaſche das ſchwarze Kirchentüchlein mit, um es auf der Heimfahrt, wenn man etwas Schreckliches ge⸗ hört hätte, nicht um ihre Köpfe, ſondern um die Spitze des kleinen Bootmaſtes zu binden. Die Alten auf der Uhuklippe beſaßen jetzt keine Ruhe auf ihrer feſten Burg. Sie ruderten täglich einige Mal nach Svart⸗ ſkär, und in den letzten Tagen war der Lootſenvater der einzige Menſch der dem alten Moß in ſeinem verzweiflungsvollen Kum⸗ mer auf einige Augenblicke Linderung verſchaffen konnte. „Was ſoll aus mir werden, was ſoll aus mir werden!“ klagte er an dieſem Samſtag Abend unaufhörlich.„Gudmar iſt jung, er kann ſie lange betrauern, aber er iſt jung... er hat Kraft... was ſoll aus mir werden?“. „Fragen Sie doch nicht ſo,“ antwortete der Lootſenvater mit ruhiger und feierlicher Stimme.„Früher einmal, Herr Patron, wußten Sie in ſchwerer Noth auch nicht was daraus werden ſollte, aber er, der in der Höhe lebt, ſandte die Hülfe zur rechten Zeit.“. „Ich weiß es wohl, ich weiß es wohl; das wareſt Du und* Gädda, aber es war doch eine weltliche Sache.“ 412 „Deshalb wird er Ihnen jetzt, wo der Herzenskummer vor n der Thüre ſteht, ſtatt ſündiger Menſchen einen Engel zu Ihrem v Troſt und Beiſtand ſchicken. Aber Sie dürfen nicht allzu ſchreck⸗ lich verzagen. Was leidet der Menſch, ohne daß er es verſchul⸗ a det hätte! Nicht alle Tage können Roſentage ſein, denn ſonſt 1 würden alle dableiben und in ihrer Macht leben wollen.“ u 68„Ja, ja, ich war mächtig.“ id „Sie ſind es noch jetzt, Herr, ſo lange Sie ſich nicht ge— ſe duldig dem heiligen Willen des Herrn unterwerfen. Wenn Sie v V das gethan haben, ſo wird es Ihnen gerade zu Muthe ſein P als hätte man Ihnen umgebettet, ſo daß Sie, ſtatt auf qual⸗. vollen Dornenſtacheln zu liegen, auf den weicheſten Flaumfedern ſ zu ruhen glauben. Aber ſehen Sie, da kommt Diejenige an 1c die in der Stunde der Noth Ihr Herz, Ihr Gemüth und Ihr Sinn ſich nächſt Gott am innigſten wenden müſſen.“ 3 Der Lootſenvater ging, indem er auf die eintretende Frau Moß zeigte, welche langſam einherſchritt und die Hand des Gatten H in die ihrige nahm. Der Alte von der Uhuklippe ſchaukelte bald darauf in ſei⸗ 1 nem kleinen Boot nach Hauſe, um mit dem Bruder Cameraden V i den Abendſegen zu verleſen und für die Maiblume, ihre höchſte ſi Freude, zu beten. 9 Es war jetzt ungefähr neun Uhr. c 1n„Beate Marie, Du ſiehſt mich ſo ſonderbar an... ja, ich V 3 voerſtehe... Kannſt Du mir das ſagen?“ 3 „Theurer geliebter Mann, ängſtige Dich nicht ſelbſt! Ich u komme noch mit keiner Trauerpoſt, aber heute Nacht entſcheidet u ſich die Sache. Mache Deine Seele bereit... Wir ſind Beide alt, und unſer Leben wird nicht ſo lang währen. Ich bin m nicht Viel für Dich, aber ich möchte es gerne ſein. Meinen a eigenen Schmerz kann ich ertragen, den Deinigen aber kaum, T und ich will Dir eine getreue, geduldige Gehilfin bei Deiner S Laſt werden. So wird ſie mit Segen auf uns ſehen, und nie, 413 nie wirſt Du Dir ſelbſt überlaſſen ſein, ſo daß Du den mühe⸗ vollen Pfad allein wandeln mußt.“ „So,“ antwortete Moß, bis in die Tiefe ſeiner Gefühle auſgeregt,„ſo ſprichſt Du zu mir, der Dir Alles geweſen, nur kein würdiger Gatte! Du willſt allen Deinen Schmerz opfern— und das glaube ich von Dir— um nur für mich zu leben, der ich weder Liebe noch Barmherzigkeit verdient habe... Sonderbar, ſonderbar... Dies iſt die Gottesfurcht von welcher der Lootſen⸗ vater geſprochen hat, dies iſt der Troſt welchen derjenige em⸗ pfängt der von dem Dornenbett weggebracht worden iſt.“ „Dies iſt der Troſt den wir empfangen, weénn wir uns ſelbſt nach Gottes Willen in die zweite Linie ſtellen... Bin ich nicht Dein in den Tagen des Unglücks?“ „Ja,“ antwortete Moß leiſe,„aber Du warſt auch in den Tagen des Glückes mein— doch da ſah ich nur mich ſelbſt.“ „Dieſer Fehler kam von Deinem Sinn, nicht von Deinem Herzen, lieber Mann.“ „Gleichviel woher er kam! Vor Dir lag jedoch das Leben wie ein beſtändiges Elend. Und Deine einzige Freude kam von ihr. Für Deine Pflichten haſt Du ohne Dank gelebt, und für ſie wirſt Du auch ferner ohne Dank leben, denn wer kann einer Frau danken die ſo geſprochen hat, wie Du jetzt zu mir ſpra⸗ cheſt? Beate Marie, glaubſt Du nicht daß, wenn es jetzt wieder anfangen könnte, wenn— Du verſtehſt mich— ſie wieder auf⸗ käme— daß ich dann ein Mann würde der Dich achtete, ehrte und liebte, Dich, die Du Dein eigenes Herz überwinden willſt, um das meinige aufrecht zu halten?“ „Ja, mein alter lieber Mann, das glaube ich ſo feſt, als wäre es mir vom Himmel ſelbſt geoffenbart worden. Aber auch wenn wir unſere Prüfung durchmachen müſſen, ſo wirſt Du dennoch auf dieſelbe Art verändert werden, denn Deine Seele befindet ſich jetzt auf einem neuen Weg.“ „Ich glaube es ſelbſt— aber die Kraft iſt erſtorben, und ohne Kraft iſt der Mann ein elender Wicht. Ich würde dann für Dich blos ein qualvolles Anhängſel.“ „Nein, Du täuſcheſt Dich! Deine Kraft iſt nicht dahin, ſie iſt nicht todt, ſondern blos gebrochen und ſchlummert unter der Laſt des Kummers. Er, der ſie jetzt ruhen läßt, wird ſie Dir zurückgeben.“* „Aber was ſoll ich noch damit machen? Wenn ſie fort iſt, ſo brauche ich Nichts mehr. Keine Kraft, keine Thätigkeit, kein Vermögen... Nichts.“ „Schwäche, mein lieber Mann... Hat Gott blos ein einziges Kind auf Erden? Sind wir nicht Alle hier ſeine Eben⸗ bilder? Es iſt noch eine große Familie übrig. Und wenn er, der da gibt und nimmt, das Unſerige nimmt, ſo müſſen wir uns gemeinſchaftlich zu erinnern ſuchen daß Niemand auf Erden ſich von den Pflichten losmachen darf die wir zu erfüllen haben, ſo lange wir hienieden wandeln.“ „Beate Marie... Du biſt fünfundzwanzig Jahre lang an meiner Seite gegangen, und ich bin fünfundzwanzig Jahre lang blind geweſen. Jetzt weiß ich daß ſie heimgeht, denn ich habe Dich zum zweiten Mal erhalten... Aber er— Gudmar.“ „Er iſt droben... es wäre jedoch beſſer wenn er nicht da wäre: ſeine verwirrten Ausrufungen wecken ſie... Ach, ach, er leidet ſo gräßlich! ich will ihn herunterzubekommen ſuchen.“ „Thue das— ich will außer ihm Niemand ſehen. Ich weiß nicht, ob unſer gemeinſchaftliches Unglück es iſt was mich zu ihm hinzieht, aber es iſt mir als ob ich ihn von Herzen liebte. Solche Wunder kann der Herr verrichten... Wo iſt jetzt mein Haß? Weggeblaſen!“ Ins Krankenzimmer wollen wir nicht hineinblicken— wer hat wohl noch nie ein ſolches geſehen, und wer iſt derjenige deſſen Herz ſich nicht beim bloßen Klang dieſes Wortes zuſammenſchnürt? 10 2 2d— — 415 In Majkens äußerem Zimmer ſaß Gudmar, ſein ſchweres Haupt auf die zuſammengelegten Hände geſtützt. Er hatte den ganzen Tag nicht geſprochen— ſeine Seele ſchien in ſeinen Ohren zu ſein. Frau Moß berührte ihn ſanft. „Geh zu Deinem zweiten Vater hinab, mein Sohn! Er verlangt nach Dir.“ „Nein, nein, laſſen Sie mich hier... Ich zähle an dem Stundenglas hier... Noch ein... zwei... dreimal... ich weiß nicht...“ „Höre mich, Gudmar. Wenn Deine Majken Kraft genug hätte um mit Dir ſprechen zu können, ſo würde ſie ſagen: Geh zu Papa, der ſo ſanft und reuevoll iſt; geh und bleibet beiſam⸗ men— ich bin ja bei Euch.“ Stumm richtete er ſich auf... ſtumm entfernte er ſich, aber auf der Schwelle ſagte er: „Ich darf doch zurückkommen? Sonſt gehe ich nicht.“ Frau Moß nickte bejahend, und Gudmar ſchlich langſam hinaus. Er durfte noch einmal kommen, dann aber mußte er auf Befehl des Arztes hinabgehen. Gleichviel wie die beiden Männer die Nacht zubrachten. Sie ſelbſt wußten es— und Gott wußte es auch. Das Leiden das am tiefſten geht darf ein Menſch nicht vermeſſen dem andern zu ſchildern ſuchen. Diejenigen die es kennen, ſchaudern wenn ſie es auf einem Blatte gedruckt ſehen: es iſt ihnen tief genug da eingedrückt, wo es ſitzt. Diejenigen dagegen die es nicht kennen, mögen warten! Der Vorhang des Tempels der Betrübniß zerreißt gewiß auch einmal für ſie. Gegen drei Uhr kam Frau Moß zuud. Ein Engel konnte nicht verklärter ausſehen. 416 Die Seufzer aus der Bruſt des alten Vaters waren in dieſem Augenblick der einzige hörbare Laut, denn Gudmar lag ſtill auf dem Sofa und hatte ſein Geſicht im Kiſſen begraben. Aber jetzt ſchauten Beide haſtig auf. „Beate Marie... ja, ja... o, Beate Marie. „Verſtehet Ihr nicht... leſet Ihrs nicht in meinem Ge⸗ ſicht?“ Sie öffnete Beiden ihre Arme...„Gott, Gott hat in ſeiner reichen Barmherzigkeit ſie uns zurückgegeben— unſere Majken wird davonkommen.“ „Sie kommt davon!“ Dieſer Jubelruf wurde von drei We⸗ ſen geſtammelt, auf deren ſeligen Geſichtern ein höherer Glanz ſtrahlte als der Glanz der Sonne ſelbſt, die eben jetzt zur Feier des Sabbaths zu ſchimmern anfing. Am ſelben Sonntag wurde in der kleinen Capelle ein Dankgebet dafür geſprochen, daß es Gott in ſeiner Gnade ge⸗ fallen habe die gefährliche Krankheit zu brechen in welcher des Kaufmanns Moß einziges geliebtes Kind geſchwebt. Bei dieſen Worten erſcholl durch die ganze Kirche ein all⸗ gemeiner herzlicher Seufzer, und dieſer verlängerte ſich noch, als der Paſtor im Zuſammenhang damit verkündete, Patron Moß habe aus Dankbarkeit dafür fünf arme Fiſcherwittwen mit einer Penſion von je fünfzig Reichsthalern beſchenkt und noch überdies für mehrere vater⸗ und mutterloſe Waiſen Unterſtützungen aus⸗ geſetzt. 44 ⸗ Siebenzehntes Kapitel. Moß beginnt wieder zu ſupponiren. Nach jedem großen Aufruhr in der Natur ſtellt ſich unſern menſchlichen Augen ganz klar dar, wie Alles ſich freut und — — ern und ——᷑—ÿ——— 417 wieder auflebt, nachdem es von der ungeſunden, nunmehr ver⸗ dunſteten Atmoſphäre gereinigt iſt. Wenn der Sturm verſtummt iſt, ſo wiegen ſich die Blätter anmuthig an ihren Zweigen und freuen ſich der Ruhe nach dem ſchrecklichen Toben. Wenn das Meer aufgehört hat zu brauſen, ſo plätſchern kleine ſpielende Wellen am Fuß der Klippe, und wenn der Regen aufgehört hat zu ſtrömen, ſo erheben die Blu⸗ men ihre geſenkten Köpfe und ſtreuen doppelte Düfte aus, wäh⸗ rend das Gras gleichſam zuſehends mit neuer Kraft wächst. Sonne und Segen leuchten überall, und überall ſchießt alles in freudigem Gedeihen empor. 1 Wenn nun die Natur ſelbſt nach überſtandenen Erſchütte⸗ rungen den Schöpfer auf ſolche Art lobpreist, wie wäre es denk⸗ bar daß nicht auch der Menſch nach ſeinen Erſchütterungen ſeine Verpflichtung, ſeine Demuth, ſeine Geringfügigkeit fühlen, daß er nicht einſehen ſollte, wie das Edle in ſeiner Seele ſich zu höherer Vollkommenheit entwickelt wenn er ſtille ſteht an die⸗ ſer Grenze wo die Wege zuſammentreffen, und wenn er mit demjenigen welchen er erſt dann zu treffen erwartet hatte, wenn alle Wege aufhören würden, noch einige Zeit auf Erden wandeln darf. O, welches Hallelujah ſtimmen nicht dieſe Geſegneten des Herrn an! Welche Vorſätze zu einem verbeſſerten erneuerten Leben entſtehen nicht bei ſo Manchem während des Kampfes in der Nähe des Krankenlagers und nach beendigtem Kampfe! Wer möchte nicht die ſeit unvordenklichen Zeiten beſtehende, ſo göttliche Idee auffaſſen durch gute Werke und ſchöne Hand⸗ lungen auf den Altar des Herrn eine Gabe zu legen die ihm wohlgefällig ſein kann! Dies iſt herrlich— dies iſt der Funke des Göttlichen das ſich in der Menſchenſeele bewegt. Dies iſt ihre brennende Dank⸗ barkeit dafür daß Gott ſie der Prüfung würdig erfunden, dieſelbe Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 27 0 418 aber nicht weiter hat kommen laſſen, als um zu zeigen was er gekonnt hätte. Und dennoch, bei wie Vielen haben nicht mit dem Aufhören der überſchwellenden Gefühle auch dieſe hohen und edlen Ein⸗ drücke aufgehört! Ja, ſie ſind zuletzt ganz in Vergeſſenheit ver⸗ ſunken, und wenn ſie wieder auftauchten, ſo hat man ſie als Schwärmereien bezeichnet die ſich für vernünftige und geſunde Leute nicht geziemen. Wie traurig iſt nicht das und dennoch wie wahr! Zuerſt ſoll Gott in ſeiner Langmuth zuſehen, wie der Menſch ſo lebt als gedächte er ſich auf ewige Zeiten hier niederzulaſſen. Dann, wenn Gottes mächtige Hand ihn getroffen und aus ſeiner Sicherheit aufgerüttelt hat, erkennt er auf kurze Zeit ſeine höhere Beſtimmung; aber wenn die Hand ihn nicht mehr drückt, dann verfällt er in ſein früheres Leben bei guter Geſundheit zurück und betrachtet das andere nur noch wie einen ſchweren Traum der ihn gequält— und ſo geht es fort bis zu dem Augenblick wo der Herr von Neuem ſeine Hand ausſtreckt, und eine Stimme die ſich nicht länger verkennen oder zum Schweigen bringen läßt leiſe flüſtert: Halt ein, halt ein— ſiehſt du nicht daß der Weg zu Ende iſt, und daß kein anderer mehr hinter ihm liegt? Wie ſollte es jetzt mit dem Manne gehen der zuerſt in ſei⸗ nem mächtigen Zorn diejenigen die von ſeiner Gnade abhingen verdammt und vernichtet, dann aber in ſeiner Noth Gott alle Arten von Opfer gelobt hatte, wenn er den bittern Kelch von ihm nehme? Wie ſollte es mit dieſem Manne gehen der fünf⸗ undzwanzig Jahre hindurch einen ſtrengen Herrſcherſcepter über die ſanfte Gattin geführt, und der jetzt, wo ihre Liebe ihren eige⸗ nen Schmerz zum Opfer brachte um ihm Troſt zu bieten, ihr ein ganz anderes Loos verheißen hatte? Kurz, wie ſollte es mit all dieſen Vorſätzen und ſchönen Vorſpiegelungen gehen? Sollten „auch ſie, wie bei ſo vielen andern Leuten, nach überſtandener um blick nme läßt Weg ſei⸗ igen alle von fünf⸗ über eige⸗ ihr mit ellten dener 419 Gefahr in den großen Letheſtrom hinabſinken, oder ſollten ſie Früchte tragen und Segen bringen? Acht volle Tage mußte man noch auf den Zehen gehen und konnte einander nur halblaut ſeine Freude und ſeine Hoff⸗ nungen mittheilen. Aber nach dieſer Zeit konnte Moß wieder anfangen laut zu ſprechen und mit ziemlich feſten Tritten im Hauſe umherzugehen. Seit dem feierlichen Morgen wo ſeine Frau mit der hohen Freudenbotſchaft hereintrat, hatte Moß das Verhältniß das ihn und Gudmar in einer ſowohl bewußten als unbewußten Ver⸗ traulichkeit vereinigte mit keinem Worte berührt. Aber er ſagte auch Nichts was als Reue in dieſer Beziehung gedeutet werden konnte. Er hielt ſich nur in einer Art von freundſchaftlicher Entfernung. Er gab Rede und Antwort wenn der junge Mann ſich an ihn wandte. Aber Gudmar begriff wohl daß er an Nichts er⸗ innern durfte, und darum ging er aus dem Wege, denn das tief verletzte Herz verbarg ſich und ſeine Bekümmerniſſe. Noch mußte ja Alles vergnügt ausſehen. Zwiſchen Moß und ſeiner Frau ſtand es ungefähr ſo wie bei den ſeltenen Gelegenheiten, wenn ſie die Macht ihrer Liebe gezeigt, und er mit einer Art von widerſtrebender Scheu ſeine Unfähigkeit gefühlt hatte in das alte gewöhnliche Verhältniß recht zurückzukommen. 1 4 3 Er hatte ſich dann immer damit hinausgeholfen daß er plötzlich eine Reiſe antrat die bei ſeiner Heimkehr Alles in Ord⸗ nung bringen mußte. Aber obſchon er in dieſen zehn Tagen vier Reiſen nach Gläborg gemacht hatte, ſo ließ ſich doch bei ſeiner Rückkehr Nichts ausrichten was in einem zweckmäßigen Zuſammenhang mit dem alten Verhältniß ſtand. Ob dies nun daher kam daß Beate Marie fortwährend das 420 verklärte Ausſehen hatte das Niemand durch kleines Gezänke oder großen Streit zu ſtören wagte, oder daher daß ſie ſich in eine ganz andere Art und Weiſe hineinverſetzte, woraus hervorzugehen ſchien daß ſie ſelbſt an ſeine Worte ſo feſt glaubte wie ans Evangelium, das ließ ſich nicht entſcheiden. Aber ſo viel war gewiß daß er und ſeine Frau auf einen andern Fuß gekommen waren, der ihn zwar ein wenig genirte, den er aber unmöglich beſeitigen konnte, denn das ganze Haus verehrte ja ſeine Frau, als wäre ſie— was ſie wohl auch wirklich war— ein beſſeres Weſen als alle andern. Bleibt noch zu ſehen, wie das Verhältniß zu ſeiner Tochter ſich entwickelt hatte. Er war während der ſtets zur Vorſicht mahnenden Geneſungs⸗ zeit nur dreimal bei ihr geweſen, und da hatte es die beiden erſten Male ungefähr ſo geheißen:„Gott ſegne Dich, mein liebes Kind! Dem Herrn ſei Lob und Dank daß Du wieder aufkommſt . Nun, zu gutes Korn um nicht zuſammenzuhalten... Du weißt daß ich nach rechts und links Penſionen ausgetheilt habe. — Supponire, Du biſt zufrieden... aber ich will nicht weiter ſchwatzen. Der Doctor ſagt, es müſſe hier ganz ſtill zugehen, und ſo lange man den Doctor hat, muß man ihm auch gehorchen.“ Das nächſte Mal hieß es:„Es iſt mir unmöglich ruhig im Krankenzimmer zu bleiben. Supponire deshalb, Du wirſt es nicht übel nehmen, wenn ich nicht ſo oft komme... Du weißt doch daß ich Dir zu Liebe den ganzen langen Weg von Hamburg und radical von allen Geſchäften hinweg nach Hauſe gereist bin. Das iſt Liebe— das macht Dir Freude. Aber jetzt ſind auch ſowohl hier als in Gläborg alle Geſchäfte im Rückſtand geblieben... Lebe wohl, mein Kind! Du blühſt bald wieder auf zu meiner Maiblume die mit mir plaudern und mich erheitern kann.“ Majken ſprach ſehr wenig und gab blos durch einige allge⸗ meine freundliche Worte ihre Dankbarkeit zu erkennen. Sie ſchien ſelbſt vorſichtig ſein zu wollen. Aber von Zeit zu Zeit leuchtete zur 421 in ihren Augen ein ſo heller Strahl, daß man daraus erſah, ſie würde, wenn ſie dieſer Vorſicht nicht mehr bedürfe, wieder ganz Majken, die muthige, ſtarke, aber ſtets edelſinnige Majken werden. Sie ſelbſt deutete eben ſo wenig als ihr Vater darauf hin, daß die Zeit beſtändig voranſchritt. Gudmar erwähnte noch weniger davon. Mit allen übrigen Perſonen im Haus ſuchte ſich Moß auf den beſten Fuß zu ſtellen. Emilie beſonders war der Gegenſtand ſeiner Auszeichnungen. Er fürchtete jeden Augen⸗ blick, es könnte ihr etwas widerfahren. Wenn er wegreiste, er⸗ mahnte er alle Leute, ſelbſt Hjelm nicht ausgenommen, recht genau auf ſie Acht zu haben, und wenn er zurückkam, war ſeine erſte Frage:„Kein Unglück mit der jungen Frau?“ Alles das erregte Verwunderung, jedoch vielleicht am wenig⸗ ſten bei Gudmar und Majken, die zum mindeſten das Glück hatten einander zu jeder Stunde ſehen und von Zeit zu Zeit Worte der Liebe austauſchen zu können. Aber Frau Moß, der alte Paſtor und alle Freunde ſahen, auf welchem bedenklichen Grund die Sachen gerade jetzt ruhten, wo man Alles ſchon für abgemacht gehalten hatte. Was ins Beſondere den Paſtor betraf, ſo brummte er den ganzen Tag und ſah äußerſt mißvergnügt aus. Die dritte Woche war vorüber. Majken war jetzt den größten Theil des Tages auf und konnte ſich an der Unterhaltung betheiligen. Nur eine Bläſſe war von der Krankheit noch übrig und etwas von jenem gottge⸗ borenen Ausſehen das nur die Liebe und die Nähe des Todes verleihen. Es war am Nachmittag. Frau Moß war in ihr eigenes Zimmer gegangen um aus⸗ zuruhen, und Emilie und Thorborg ſaßen mit ihren Arbeiten neben dem Sofa welchen Majken in halbliegender Stellung 42² einnahm, ſo wie wir ſie an jenem Abend gefunden an welchem Thorborg nach Hauſe beordert wurde, und auf den hernach ſo viele düſtere Ereigniſſe folgten. „Jetzt,“ ſagte Majken mit ihrer früheren friſchen und ange⸗ nehmen Stimme,„jetzt, liebe Thorborg, mußt Du uns ſagen, was das für ein friſcher Wind war der von dem Pfarrhaus her⸗ blies, als der Onkel Dich heimberief.“ „Ja, Du mußt ſchlechterdings beichten,“ fügte Emilie hinzu, „denn jetzt, da dieſe Zeit der Furcht vorüber iſt, können wir uns in holder Ruhe am Guten erfreuen— und etwas Gutes iſt es, Thorborg, das habe ich Dir ſeitdem an den Augen ab⸗ geſehen.“ „Liebe Freundinnen, ſeid denn Ihr Beide taub, um nicht zu hören daß Jemand über den Gang kommt? Ich glaube nicht daß Gudmar ſchon von Hauſe weg iſt, denn Papa hat in den letzten Wochen ſo wenig von ihm gehabt daß... Höret... es iſt des Onkels Tritt, obſchon er einmal ums andere ſtehen zu blei⸗ ben ſcheint.“ „Er geht gewiß zur Tante hinein,“ ſagte Emilie. „Nein,“ verſetzte Majken, auf deren Geſicht ein flüchtiger Farbenwechſel vorging,„er kommt ganz gewiß hieher, und man braucht Papas Gang nur wenig zu kennen, um zu begreifen daß er ein anderes Anliegen hat als blos nach meinem Befinden zu fragen... der arme Papa, er iſt ſo wenig daran gewöhnt ſich Zwang anzuthun, daß ihn das wirklich ſehr quälen muß. Wenn Ihr merkt daß er mit mir allein ſprechen will, ſo gehet dennoch nicht hinaus. Ich will das Geſpräch noch um einige Tage auf⸗ ſchieben.“ Es war wirklich Moß, der die Thüre auflehnte. „Wie ſtehts mit Dir, mein Kind?“ „Sehr gut, Papa, d. h. ſo gut man es erwarten kann, ehe man vollſtändig wieder hergeſtellt iſt. Biſt Du vielleicht ſo freund⸗ lich auf einen längern Beſuch zu kommen?“ um die Got dar hem ſo ige⸗ gen, her⸗ nzu, wir utes ab⸗ t zu daß tzten 3 iſt blei⸗ tiger man daß u zu ſich genn noch auf⸗ ehe und⸗ 423 „Warum denn nicht? Vielleicht haben die junge Frau und Thorborg einige Geſchäfte, und dann könnte ich ihren Platz ein⸗ nehmen.“ „Dank, lieber Onkel,“ antwortete Emilie mit ihrem hold⸗ ſeligſten Lächeln,„aber Ake bittet mich immer ſo Wvellin wie möglich die Treppen zu ſteigen.“ „Ja, ſeien Sie um Gotteswillen vorſichtig. Wenn mein Pathe Schaden litte, ſo würde mich das ſehr betrüben... So, ſo, Du biſt alſo beſſer? Angenehm zu hören, außerordentlich er⸗ freulich! Ich habe immer darauf gewartet daß Du wieder die Alte werden ſollſt. Das war eine langwierige, ſchwere Zeit für Deinen Vater, Kind. Supponire, man kann keine größeren Ver⸗ drießlichkeiten haben.“ „O doch, lieber Papa, das kann man.“ „Hm, hm.. Supponire, weiß ſelbſt am beſten wie mir zu Muthe war.“ „Ja, aber wir müſſen bedenken wie es Dir jetzt ſein könnte. Wir ſtehen der ſchweren Zeit noch zu nahe um nicht dankbar ſein zu müſſen.“ „Supponire, ich war es und bin es noch. Ich bin in aller Eile umhergelaufen und habe ſünf Penſionen ausgeſetzt, abgeſehen von Geldunterſtützungen für ein Dutzend Kinder.“ Majken ſtreichelte anmuthig und freundlich die Hand ihres Vaters. „Wie gütig Du da warſt, Papa, und wie werde ich Dich um dieſer Güte willen ſtets lieben!“ „Ja, ja, es war meiner Seel ein ſchönes Sümmchen, Ueber⸗ dies habe ich um Deinetwillen ſolche Qualen ausgeſtanden daß . aber gleichviel.“ „Gott ſei Dank daß Du es zugibſt, Papa.“ „Das iſt garſtig von Dir, Kind, zu Deines Vaters Leiden Gott ſei Dank zu ſagen. Supponire, es ſtände Dir beſſer an darüber betrübt zu ſein.“ 424 „Mißverſtehe mich nicht, Papa. Es war eine beglückende ne Selbſtſucht zu wiſſen daß Du ſo gebebt haſt Deine Maiblume w zu verlieren. Dann aber ſage ich auch noch: Gott ſei Dank für das Leiden ſelbſt! Es fällt wie ein wohlthätiger Thau auf das ge Herz und macht es mild und ſanft.“ G „Es wäre ſehr angenehm, Tochter, wenn es auf Dich eine ſolche Wirkung gehabt hätte. Aber wenn der Kummer vorüber he iſt, muß man nicht mehr darüber jammern oder Reden halten, ge ſondern das Unangenehme zu vergeſſen ſuchen, ſobald man N kann. Supponire, es iſt nicht die Abſicht und der Wille des D Herrn daß wir beſtändig an den ferntigen Schnee denken ſollen, zu ſondern wir ſollen unſere Häupter erheben und bedenken daß es zwar heute trüb, morgen aber wieder heiter ſein kann u. ſ. w.“ 8 Emilie und Thorborg, die etwas entfernt an einem Fenſter G ſaßen, warfen einander jetzt einen Blick zu welcher ſagte:„Das m bedeutet etwas minder Gutes.“ te Majken antwortete nicht, aber ſie ſah ihren Vater mit ſo n inniger Liebe an daß gleichſam ein ganzer Strom von Zärtlich⸗ ke keit ſich über den alten Mann ergoß. E „Hm.. hm. hm Kind!“ an „Ach, geliebter Papa! Laß uns jetzt Alles vergeſſen was nicht Licht und Friede iſt! Nie—“ ſie legte ihren Arm ſanft di auf den ſeinigen—„nie habe ich Dich ſo lieb gehabt wie jetzt. nn Ich will daß wir die glücklichſte Familie in den ganzen Scheeren werden. Gott iſt ſo gütig gegen uns geweſen.“ de „Das iſt wahr, mein Maiblümchen— die Geſundheit iſt ni das beſte Glück und die beſte Gabe.“ „Ja, Papa, denn haben wir dieſe wieder erhalten, ſo kön⸗ ne nen wir auch andere Gaben genießen. Und da wir jetzt ſo weit li gekommen ſind, Papa, und da ſich vielleicht keine beſſere Gelegen⸗ J heit trifft, ſo ſage ich daß ich nicht den Muth beſitzen würde meine überſtandene Krankheit zu ſegnen, wenn ſie nicht all mei⸗ 1 425 nen frühern Leiden vollkommen ein Ende machte. Aber das wird ſie ja doch, Papa?“ „Ja, ja, meine Majken, wir haben ſämmtlich unſere Laſten getragen, aber darum dürfen wir nicht durch ein ungeduldiges Gemüth den Herrn verſuchen und Alles verlangen.“ „Ich hatte um dieſe Unterredung nicht gebeten, Papa, und hätte es am liebſten geſehen, wenn wir ſie noch einige Tage auf⸗ geſchoben hätten. Aber jetzt wäre es mir unmöglich mich von Neuem den Folterqualen der Ungewißheit zu unterwerfen... Du kamſt nicht ohne eine Abſicht, Papa, hab die Güte ſie mir zu erklären.“ „Nun, wenn Du Dirs feſt in den Kopf geſetzt haſt meinen Gedanken zu hören, ſo darf ich ihn Dir auch nicht vorenthalten. Gerade heraus geſagt, ich warte auf eine Mittheilung von Gud⸗ mar. Ich haſſe ihn perſönlich nicht mehr: Deine Gefahr, Toch⸗ ter, hat allem unnatürlichen Unweſen ein Ende gemacht. Aber natürlich kann ich nicht zuerſt anfangen, und ſeine Schweigſam⸗ keit hat mich auf den Schluß gebracht daß Ihr vielleicht unter Euch übereingekommen ſeiet die Sache noch ein paar Jährchen aufzuſchieben.“ „Ach, Papa, wenn ich Dich nicht ſo gut kennte, ſo würden dieſe ſo klaren, aber doch dunkeln Worte mich vor Freude toll machen... Was iſt das für eine Rede, Papa?“ „Sonderbare Frage, Tochter! Iſt es denn nicht gebräuchlich daß der Freier um die Braut anhält? Du verlangſt doch wohl nicht daß ich Dich von Neuem ausbieten ſoll?“— „Gott im Himmel, wenn ich Dir nur glauben könnte! Aber nein, es ſteckt Etwas dahinter. Wenn Du es vollkommen ehr⸗ lich meinteſt, Papa, ſo würdeſt Du in Deiner unbeſchränkten Macht Gudmar die Mühe erſparen“... ..„um Dich anzuhalten? Nein, dieſe Mühe erſpare ich ihm nicht— das iſt das Geringſte was ich fordern kann.“ 426 „Nun, geliebter Papa, wenn Du nicht mehr forderſt, ſo iſt die Sache abgemacht ſobald er zurückkommt.“ „Und die Verlobung feiern wir noch heute Abend, liebe Maiblume— denn begehrt er Deine Hand von mir, ſo verſteht es ſich von ſelbſt daß er das Verſprechen halten wird das er in ſeiner Angſt gegeben hat, ſofern er nicht zu dem Schlag von Leuten gehört die in ihrer Noth Dinge verſprechen die ſie für ihren Tod nicht halten können.“ „Was, um Gotteswillen, hat er denn geſagt, Papa?“* „Ich halte es für eine Sache des Zartgefühls, Tochter, es zu vergeſſen, wenn er ſich nicht ſelbſt entſinnen will. Wenigſtens kommt es mir als Vater nicht zu ihn daran zu erinnern. Aber die Zeit ſchreitet vorwärts, und ich muß mich wundern...“ Wie manchen Blick hatten nicht während dieſer Beſprechung Emilie und Thorborg ausgetauſcht, um ihren Schrecken über dieſe raffinirte Liſt und Schlauheit auszudrücken! „Wenn,“ fiel Majken ein,„irgend Jemand ein Recht hat ſich zu verwundern, ſo bin es wohl ich, Papa. Kein Menſch hat mir geſagt daß Gudmar in ſeinem Kummer Etwas verſprochen habe.“ „Ei der Tauſend, Kind, das klingt ja als ob Du Deinem Vater nicht mehr ſonderlich trauteſt! Du kannſt indeß Gudmar ſelbſt fragen. Aber bedenke wohl, ich verlange Nichts. Ein im Feuer der Leidenſchaft, wie man es nennt, geſprochenes Wort iſt eine menſchliche Sache um deren willen Niemand vor Gericht geſtellt werden kann, und will er es zurücknehmen, ſo ſteht ihm dies frei. Meine Abſicht war nur Dir zu erklären daß ich des langen Wartens überdrüſſig bin und endlich einmal klug daraus werden will, ob man hier an eine Hochzeit denken darf oder nicht.“ „Liebe Freundinnen,“ fragte Majken ſchnell,„hat eine von Euch gehört daß Gudmar während der gefährlichſten Zeit meiner Krankheit eine bemerkenswerthe Aeußerung gethan hat?“ 427 „Ich nicht,“ antwortete Emilie haſtig. Sie hatte auch Nichts gehört. Aber jetzt wurde Thorborg todtenblaß und warf einen flehen⸗ den Blick auf Majken. Moß bemerkte das Spiel, und ſeine Augen begannen wie⸗ der zu funkeln wie in früheren Tagen. Er ſupponirte ein Mal ums andere, feine Maiblume müſſe ſich mit ſeiner Neigung allen alten Groll zu vergeſſen zufrieden geben, aber daß er noch wei⸗ ter gehen ſolle, das könne wohl kein Chriſtenmenſch von ihm verlangen. „Lieber Papa, ſags gerade heraus, wie Du Gudmars Worte aufgefaßt haſt.“ „Du gehſt mir ſo ſcharf zu Leibe, daß ich es Dir nicht ab⸗ ſchlagen darf— mit Leuten die erſt krank waren muß man ſäu⸗ berlich verfahren. Er ſagte in ſeiner Verzweiflung: warum, war⸗ um habe ich nicht nachgegeben, warum bin ich nicht Kaufmann geworden? jetzt iſt es zu ſpät, zu ſpät!... Natürlich, er fürch⸗ tete damals, Du müſſeſt ſterben.“ „Und war es Gudmar allein, Papa, der in der Stunde der Noth ſolche Früchte der Reue ausſtreute?“ „Ich glaubte ihm,“ fuhr Moß, als hätte er die Einwendung nicht gehört, fort,„ich glaubte ihm ſo vollkommen daß ich ihn in meine Arme nahm und, Gott weiß, was für verrückten Un⸗ ſinn— ſchwatzte.“ „Alſo,“ ſagte Majken, indem ſie ſich zu einer ſitzenden Stel⸗ lung erhob, und der Blick der jetzt dem väterlichen begegnete hatte den Glanz und die Schnelligkeit des Blitzes,„alſo iſt es Dir jetzt gelungen die Sache auf denſelben Punkt zu bringen wie vor einigen Monaten. Wir dürfen Hochzeit machen, wenn Gudmar Kaufmann wird, und das jetzt nachdem er bereits Controleur iſt.“ „Ja, Kind, es war nicht recht von ihm, das war es nicht ... Ich bin ein alter Mann, und er hätte mit meinen Ge⸗ fühlen oder auch, wenn Du das lieber willſt, mit meinen Schwach⸗ 428 heiten nicht ſeinen Scherz treiben ſollen... Aber jetzt will ich Dich nicht länger ſtören, Tochter! Ich bin und bleibe Dein alter guter Vater... Gott ſegne Dich... Gott ſegne Dich!“ Majken fühlte keine Luſt ihn aufzuhalten. Sie glaubte daß für den Augenblick Nichts zu machen ſei. Aber ehe Moß noch aufgeſtanden war, trat ſeine Frau herein, und als ſie ihn erblickte, klopfte ſie ihm ganz vertraulich und herzlich auf die Schulter. „Das iſt für mich ein herrlicher Anblick, lieber Mann, Dich hier zu ſehen.“ „Aber, liebe Frau, ich bin ſchon ſo lange da beesfan, daß ich meine Tochter nicht länger„aufhalten kann. Du weißt ſelbſt daß nach einer Krankheit. „Wenn es etwas eifreulihes iſt, ſo iſt die Anſtrengung nicht ermüdend. 41 „Es war nichts Erfreuliches, Mama,“ antwortete Majken betrübt. Bei der Wendung welche die Sachen jetzt nehmen konnten, verließen die beiden jungen Damen am Fenſter ihre Plätze und gingen ins nächſte Zimmer. „Wie ſo, mein Kind?“ fiel Moß ſchmeichelnd ein;„iſt es nichts Erfreuliches von Deiner Hochzeit zu ſprechen? Dann biſt Du ja gar nicht wie andere Mädchen... Nun, das warſt Du ja nie.“ Frau Moß ſah forſchend bald den Gatten bald die Tochter an. „Papa wartet auf nichts Anderes als auf einen förmlichen Antrag von Gudmar, Mama.“ „Ja, auf nichts Anderes,“ fügte Moß mit einer gewiſſen freundlichen Feierlichkeit hinzu. „Aus dieſer Sache,“ erklärte Frau Moß ſanft, aber mit vollkommener Beſtimmtheit,„aus dieſer Sache werde ich nicht recht klug. Gudmar kann ſehr wohl einen förmlichen Schritt thun und er will ihn auch thun, aber dies iſt ganz unnöthig, da die Sache ſchon zum Voraus durch Dein eigenes bindendes 429 Verſprechen abgemacht iſt, lieber Mann, durch das Verſprechen daß Du Deine Tochter, wenn Gott ſie Dir wieder ſchenke, dem⸗ jenigen geben wolleſt den ſie liebe. Das haſt Du mir mehrmals unter vier Augen geſagt. Ich flüſterte es Majken zu, die ſich dabei von einem neuen Lebenshauch angeweht fühlte, und da es alſo in dieſer wichtigen Frage nichts mehr zu überlegen gibt, ſo können wir recht wohl auf nächſten Sonntag das Aufgebot feſt⸗ ſetzen. Majken würde dann immer mehr aufblühen.“ „Liebe Beate Marie, Du mußt auf irgend einen Traum hindeuten. Ich weiß auch wirklich nicht ob ich in den letzten Tagen geträumt oder gewacht habe. Meine Sinne waren gänz⸗ lich verwirrt.“ „Jedenfalls waren ſie geängſtigt, lieber Mann, aber daran hatte, hoffe ich, Dein Herz keinen Theil. Du ſpracheſt manche er⸗ freuliche Worte, und ſobald ich glauben würde daß Du ſie mit Träumen verwechſeln wolleſt, müßte ich auch glauben daß Gott Dich nicht ungeſtraft laſſen könnte.“ „Dies, Beate Marie, iſt, zum Mindeſten geſagt, eine höchſt ſonderbare Rede.“ „Warum ſollte die Wahrheit ſonderbar ſein, mein Alter? Jedenfalls aber darfſt Du mir über dieſe Geſinnungen nicht hier bei unſerer Tochter Beſcheid geben. Sie darf nicht beunruhigt werden.“ „Das iſt wahr— das iſt es ja auch was ich ſage, und meine Tochter weiß daß ich jeden Augenblick bereit bin ſie in den Brautſtuhl zu geleiten, ſobald Gudmar ſein Verſprechen... Du erinnerſt Dich ja wohl... gelöst hat. Das meinige war ohne Zweifel blos eine Beſtätigung deſſelben.“ Mit dieſen Worten erhob ſich Moß, und als er, nur von Beate Marie's ernſtem und beunruhigendem Blick begleitet, an die Thüre kam, murmelte er Etwas davon daß ſie ſich nicht be⸗ trüben ſolle. Sie würden ſich demnächſt wieder treffen, und ſie„ würde dann wohl hören was Gudmar beſchloſſen habe. 430 Aber alles das klang ganz ruhig und freundlich— Nichts wurde in einem barſchen Tone geſagt. Beate Marie war indeß feſt entſchloſſen ihre feſtgefaßte Idee von einer neuen Zeitrechnung niemals aufzugeben. „Wo, um Gottes willen, bleibt jetzt meine Sicherheit, ge⸗ liebte Mama?“ „Sei ruhig, mein Kind. Papa hat einen Hafen gefunden, wo er Anker zu werfen gedenkt, aber es iſt nicht der rechte— wir wollen ihn ſchon ſo weit bringen daß er dies einſieht.“ Achtzehntes Kapitel. Was der Wind aus Spanien mitgebracht hatte. Während dieſe Ereigniſſe alle ſich um Svartſkär her zutru⸗ gen, hatte Thorborg in einem tiefen Winkel ihres Herzens die Erinnerung an einen Brief zurückgedrängt, den ſie bei ihrer Heimkehr empfangen und über welchen Majken und Emilie eben Beſcheid verlangt hatten, als Moß kam und das beabſichtigte Geſpräch unterbrach. Jetzt waren Thorborg und Emilie hinabgegangen, damit Mutter und Tochter Gelegenheit hätten Gudmars Wiederkehr allein zu erwarten. Emilie ſchrieb an ihre Mutter, und Thor⸗ borg war in das kleine Sommercabinet außen vor das Schlaf⸗ zimmer, wo ſie zu reſidiren pflegte, gegangen um endlich in Ruhe eine Antwort auf dieſen Brief abzufaſſen. Sie ſetzte ſich jetzt ganz bequem, zog den Tiſch zu ſich her und breitete nicht blos ein weißes Papier aus, ſondern auch ein vollgeſchriebenes, das ſie noch nicht genau genug zu kennen meinte um eine Antwort zu wagen, ehe ſie es noch einmal ge⸗ leſen hätte. 431 Der Inhalt war folgender: Otto Geiſtern an das kleine Elfenmädchen am Bottnaſtrand. „Ich habe Ihren Brief geleſen, der mich juſt nicht über⸗ mäßig erfreute und entzückte. Er ſah Ihnen ſo ganz gleich. Süßigkeit und Wermuth in jedem Zug. „Aber für Ihre Nachſchrift ſage ich Ihnen unbedingt meinen Dank. Die Nachricht von der Aſſociation des Hauſes Moß und Hjelm hat mich wahrhaft entzückt. Die Familie auf Svartſkär wird jetzt vollkommen glücklich, und dies gibt meinem eigenen Leben eine ſolche Friſche und Farbe, daß ich mich ganz neuge⸗ boren fühle. „Sie wollen alſo nicht ſehen daß ich ein harter Mann bin? Gott bewahre, oin jeder Falte meiner Seele zehn Senſitiven ver⸗ borgen.“ Nehmen Sie ſich in Acht, Sie hochmüthiges Geſchöpf⸗ chen, daß dieſe Senſitiven ſich nicht zuletzt als etwas ganz Anderes ausweiſen als Sie glauben. „Und dann laſſe ich— wie ſchlimm, wie ſchlimm— Niemand zur rechten Zeit die erforderliche Gewalt über mich bekommen. Wenn es zu ſpät wird, ſo liegt natürlich keinem Menſchen mehr Etwas daran. O, Sie Heuchlerin, Sie begnügen ſich gewiß mit der geringeren Macht, wenn die größere nicht zu bekommen iſt. „Sie wünſchen Beſchreibungen von Spaniens Himmel und Meer. Sehen Sie jetzt in Ihrer Einbildungskraft wie ich hier ſitze, den Kopf ſchüttle und über Ihre Verlegenheit lächle. Sie ſollen jetzt zur Strafe nicht die geringſte Notiz über Spanien erhalten. Hätten Sie dagegen geſagt: Schreiben Sie mir was Sie im Lande Spanien thun, denken und fühlen, ſo würden Sie eine ganze Maſſe Denkwürdigkeiten erfahren haben. Aber das Heiligenkind mußte der Elfenkönigin beim Brief helfen, und des⸗ halb bleiben Beide ohne alle Beſchreibung. „Nun, ich gedenke Ihnen eine große Neuigkeit mitzutheilen. 43² Ich reiſe nicht länger, ſondern beabſichtige früh im Herbſt nach Hauſe zu kommen. Bilden Sie ſich um Gotteswillen jetzt keine Kindereien ein, wie z. B. daß irgend ein Elfenkind ſein Spiel mit mir getrieben habe. Nein, leider iſt die Sache recht und ſchlecht die, daß die Conjuncturen nicht die beſten ſind, weshalb ich der Rhederei von der beabſichtigten Winterfahrt abgerathen habe. Dieſe Anſicht iſt gutgeheißen worden, und vielleicht befinde ich mich ſchon gegen Ende Novembers in Flensburg. „Angenommen nun, ich ſei bereits dort, was würde daraus folgen? Ich weiß es nicht, und Sie ſtehen mit dem Heiligenkind gar zu intim, um Ihre Anſicht darüber zu geſtehen. Es lohnt ſich deshalb nicht der Mühe auch nur darnach zu fragen. „Wenn ſich die Antwort nicht zu lang hinauszöge, ſo möchte ich gern eine andere Frage an Sie richten, die weit ein⸗ facher zu beantworten iſt. „Haben Sie gehört ob Herr Moß Gläborg zu behalten ge⸗ denkt? Demnächſt möchte ich gern wiſſen ob Sie es für unmög⸗ lich halten daß Bäume und Pflanzen aus wärmeren Ländern dort gedeihen. Da Sie keine ſchriftlichen Mittheilungen bekommen konnten, ſo hatte ich daran gedacht einige Kiſten mitzubringen deren Inhalt Ihnen einen Begriff von der dortigen Vegetation geben würde. Eine Orangerie wird ſich doch wohl überall an⸗ bringen laſſen. Und wenn Herr Moß das Gut nicht zu bewohnen gedenkt, ſo kann er wohl Nichts dagegen haben es zu verkaufen. „Lieben Sie Pflanzen? Ich thue es mit Leidenſchaft. Ich könnte ganze Monate mit gleichem Entzücken die Entwicklung einer Knospe beobachten. Weiber und Blumen ſind Gottes herr⸗ lichſte Werke. Aber ich habe mit den erſteren nicht ſo viel Ge⸗ duld wie mit den letzteren. „Ich glaube auch daß man eine Art von Park anbringen könnte. Es muß einer der einfachſten, aber auch höchſten Genüſſe ſein ſeine eigene Scholle Landes ſelbſt zu bepflanzen, zu ordnen, zu drehen und zu wenden. Verlaſſe ich die See, ſo gehe ich ſitze den hoff mal Wor Mei Leid⸗ iſt e kann traue ſegne glüht ſucher denn und d man C 433 nicht in die Städte um zwiſchen den Häuſern zu erſticken. Ich will Gottes freien Himmel unbeſchränkt über mir haben, und grüne Wieſen und Felder nahe beim Meer ſind ganz und gar nicht zu verachten. „Moß will auf Svartſkär bauen. Nun wohl, warum kann man nicht auch an dem Hauſe in Gläborg anbauen und ihm einen gewiſſen Styl geben— ich ſehe durchaus kein Hinderniß, und wenn ich dort Baumeiſter werde, ſo ſoll Gläborg ſich ſo gut ausnehmen wie nur irgend eine nordiſche Villa mit herrlicher Ausſicht auf das Meer.. „Ich habe auch noch einen andern Plan gehabt, nämlich mich unter Andaluſiens ſchönem Himmel in irgend einem abge⸗ ſchiedenen Winkel niederzulaſſen; aber dort müßte ich ganz allein ſitzen, wenn ich nicht auf die Geſellſchaft eines ſchwarzen brennen⸗ den, unter dem dunkeln Schleier halbverborgenen Augenpaares hoffen wollte... Mein Sinn ſteht jedoch nicht dahin. „Hinreißende glühende Schönheiten ſind mir zuwider. Nie⸗ mals Friede... immer Eiferſucht, Haß, Sturm... mit einem Wort Leidenſchaft. Dieſe Art von Liebe macht mich ſchaudern. Meine Zeit iſt vorüber. Für mich gibt es weder Sturm noch Leidenſchaft mehr. Alles was ich in dieſer Beziehung wünſche, iſt ein Heerd wo ich mich mit einem Geſchöpfchen herumnecken kann, das den Muth gehabt hat ſich meiner Pflege anzuver⸗ trauen. „Solcher Art iſt mein Himmel. Und da er in dieſen ge⸗ ſegneten Himmelsſtrichen wo die Sonne glüht und der Menſch glüht nicht zu gewinnen war, ſo muß ich ihn in einem Lande ſuchen deſſen Temperatur mit meiner eignen näher übereinſtimmt, denn— hart oder nicht— ich kann einmal nicht allein leben, und dafür danke ich Gott, denn es iſt ein ſchreckliches Daſein, wenn man keine andere Seele quälen kann als nur ſeine eigene. „Etwas fürchte ich, nämlich daß ich nie vollſtändig von einer Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 28 434 Anwandlung von Gemüthskrankheit geheilt werden möchte, der⸗ jenigen eines Vogels ähnlich der mit ſeinem Schnabel beſtändig gegen den eigenen Käfig hackt. Es müßte etwas Schönes ſein einen andern Vogel finden zu können, ein feines, weiches und warmes Vögelchen das ſich heranſchmiegte und ſein Neſt in ſol⸗ cher Nähe erbaute, daß der hackende Schnabel beſtändig vor dem koſenden Fittich des Nachbars zurückweichen müßte. „Dies ſind allzu weiche Phantaſien für einen harten Mann, aber die Extreme berühren ſich. „Ich nehme alſo als abgemacht an daß Moß Gläborg ver⸗ kauft. Er iſt ein Mann der es verſteht Geſchäfte zu machen. „Jetzt muß es Ihnen beſtimmt einfallen daß Sie ſelbſt mit allem dem Etwas zu ſchaffen haben, und darin haben Sie theil⸗ weiſe Recht, aber nicht unbedingt. „Sie haben Recht inſofern das Weib in der Sprache der Welt ſtets ihr Ja ausſprechen muß, wenn der Mann ſie fragt ob ſie es wagen wolle Luſt und Leid mit ihm zu theilen. Aber abſolut nothwendig iſt es nicht, wenn zwei Menſchen ſchon vor⸗ her ſo viel Luſt und Leid mit einander getheilt haben, und wenn ſie bereits angefangen hat zum Voraus zu herrſchen. „Gott weiß, wie und wann ich auf die Idee kam daß Sie meine Frau werden ſollten; ich weiß es ſelbſt nicht, aber dieſer Gedanke kommt mir ſo alt vor, daß ich ihn gehabt zu haben meine noch ehe ich Sie ſah; und eben weil ich gar Nichts davon wiſſen wollte, empfand ich gegen Sie jenen ſonderbaren feindſeligen Widerwillen, welcher den unnützen Kampf beweist der unter ver⸗ ſchiedenen Verhältniſſen dieſer Art von Gefangenſchaft vorangeht. „Sie wiſſen daß ich dagegen gekämpft habe. Sie erweiſen mir doch die Gerechtigkeit dies anzuerkennen? „Wie ſollte ich auch auf neue Bande eingehen wollen? O, es war ja unmöglich einen ſo tyranniſchen Willen anzuerkennen. Sie dürfen mir glauben daß ich es noch jetzt nicht wollte, wenn ich es vermeiden könnte. ver⸗ 1. mit heil⸗ der ragt Aber vor⸗ venn Sie ieſer neine diſſen ligen ver⸗ geht. beiſen 2 O, nnen. wenn 43⁵ „Aber Ihr Bild folgt mir ſo getreu, ſo recht eigenſinnig, daß ich mich außer Stand ſehe es zu verſcheuchen. In Ruhe und Sturm, unter allen Himmelsſtrichen, in allen Gemüthsſtimmungen umflattert es mich, wie es einem ſolchen Luftbild zukommt. „Um die Wirkung Ihrer Macht zu ſchwächen, vergegenwärtige ich mir Ihre Herrſchſucht, Ihr beſtimmtes anſpruchsvolles Weſen, Ihre oft bewußte Heuchelei und die grenzenloſe Freiheit womit Sie alle Ihre Anſichten ausſprechen. Aber was hilft es— je weniger vollkommen Sie ſind, um ſo ſicherer feſſeln Sie mich. Ja, Sie ſind ein Frauenzimmer mit vielen Fehlern: nun wohl, um ſo größere Nachſicht müſſen Sie den meinigen ſchenken. „Wenn Ihnen jetzt Etwas an meiner Hochachtung liegt, ſo laſſen Sie Ihre Antwort nicht langweilig ausfallen. Unter lang⸗ weilig verſtehe ich Alles was wie Präludien ausſieht. Dieſe würden Sie auch nach unſerer Verheirathung zu büßen haben, denn dann würde ich Sie unbarmherzig geißeln. „Seien Sie einfach und wahr! Sie wiſſen was Sie denken, und überdies ſind Sie im Grund zu reinherzig und edel, um an einem ſolchen Doppelſpiel Vergnügen zu finden oder ein Bedürf⸗ niß darnach zu haben. „Brauchen Sie ein Vorbild, ſo finden Sie es an mir. Ich habe ganz und gar keine Präludien gemacht. Ich weiß nicht ganz genau ob ich ſchon förmlich gefreit habe, aber wenn Sie dieſen Brief als eine offene Vollmacht auf Otto Geiſterns Herz, Hand, Liebe und Treue ſo lange Sie leben— länger wage ich es nicht zu verſprechen— hinnehmen wollen, ſo ſind wir hiemit vor Gott verlobt... Sie werden Nichts annehmen, ohne eben ſo viel zurückzugeben........... „Nun, jetzt iſt es gerade als ob der Ring bereits an Ihrem Fin⸗ ger ſteckte. Da Sie ſich für Spanien zu intereſſiren ſcheinen, ſo ſollen Sie ihn von hier aus erhalten. „Es iſt nicht ganz unmöglich daß Sie ſich durch die unum⸗ wundene Art und Weiſe wie ich meine Gedanken vorgetragen ——— —— — ——yjii 6 6 5 8 8 35 8 436 habe ein wenig verletzt fühlen, und vielleicht haben Sie darin Recht daß die Form gegen mich ſpricht. Aber laſſen Sie die Form zwiſchen uns eine Nebenſache ſein. „Sie haben es mit einem armen Schiffbrüchigen zu thun, mit einem Mann der an Treue glaubte und in ſich ſelbſt den erſten ſchlagenden Beweis für die Vollſtändigkeit der menſchlichen Schwäche erblicken mußte. Seien Sie zärtlich gegen ihn und laſſen Sie ihn niemals ahnen, wenn Sie ihn nicht verſtehen; das würde ihn ſchrecklich ſchmerzen, und Sie ſehen wohl wie feſt er gefeſſelt iſt, obſchon er ſich von der Kette fernzuhalten ſucht. Sie werden dieſe angenehm machen, nicht drückend. „Lieben Sie mich? Ich glaube und hoffe es, aber ich weiß es nicht mit der ganzen Sicherheit die nothwendig iſt... Man kann nicht ohne etwas Thorheit leben... Ja, dies iſt der Duft der Roſe— Sie wiſſen daß ich die Roſen anbete. „Dieſem Brief ſind zwei andere beigelegt, der eine an Ihren Vater und der andere an Ihren Bruder. Ich theile ihnen darin die Zeit meiner Ankunft— ſpäteſtens um Neujahr— ſo wie meinen ſehnlichen Wunſch dann ſogleich Hochzeit zu machen mit. Im erſten Winter leben wir bald da bald dort, und auf's Früh⸗ jahr ziehen wir nach Gläborg, worüber Gudmar ſogleich Unter⸗ handlungen ginleitet, vorausgeſetzt daß ich überhaupt wieder an den Bottnafjord komme, wo ich die Menſchen die ich dort kennen gelernt habe innig genug ſchätze und liebe, um mein ganzes Leben mit ihnen verbringen zu wollen. Was für eine große und glückliche Familie werden wir Alle zuſammen bilden! „Wenn ich jetzt komme, ach, daß Sie ſich dann ſo benehmen möchten, als ob wir ſchon ſeit vielen Jahren verlobt wären! „Schicken Sie Ihre Antwort nach Flensburg— das iſt das Sicherſte. „Und jetzt... o, mein Gott, mein Gott, dieſe Entfernung Fuhlt man nicht dennoch Herz an Herz klopfen? Wie ſegne ich Dich, meine Braut! “ —““ „Dieſen Myrtenzweig den ich ſende, ein Symbol desjenigen den ich in Deinen lichten Locken ſehen werde, brach ich eines Abends, als ich mir den Norden unter dem Himmel des Südens träumte. O, an jenem Abend herrſchte viel Thorheit in Kopf und Herz. Aber davon darf nicht ſprechen „„Dein „Otto.“ Welches holde Lächeln verklärte nicht Thorborgs Geſicht und ganzes Weſen, nachdem ſie dieſen Brief geleſen hatte! Beſonders bei den letzten Zeilen erglühten ihre Wangen wie glühende Trau⸗ ben. Aber jetzt wollte ſie nicht an dieſes Letzte, ſondern an das Vorhergehende denken und in ihrer Antwort zeigen daß ſie ihn vollkommen verſtanden und begriffen habe. Und ſo wurde die Feder eingetunkt und der wichtigſte Schritt in Thorborgs Leben nach einem innigen Gebet zu Gott vorge⸗ nommen. „An den Befehlshaber des Adlers. „Otto Geiſtern reiste weit hinweg, um nicht an den Bottna⸗ ſjord und das kleine Elfenmädchen denken zu müſſen. Aber wie es nun kam, es erging ihm nicht beſſer als er es ſchon vorher hatte. Eines ſchönen Tags warf er ſeine Vorſätze über Bord, und nachdem er ſich noch zweifelhaft über ſeine eigenen Wünſche geſetzt hatte, erhob er ſich als Freier Derjenigen der er zu ent⸗ fliehen wünſchte. Das war Alles. „Nun, was ſagen Sie dazu? „Aber es wäre nicht edelmüthig wenn ich frohlocken wollte. Ich ſehe ja wie leid es Ihnen thut nachgegeben zu haben, und das wundert mich ganz und gar nicht— ein ſo. wie Sie behauptet ſeine Vortheile ſo lang er kann. „Was den Verkauf von Gläborg betrifft, ſo weiß nur Gott* harter M8ann 438 wie es damit gehen mag. Dennoch glaube ich daß die Sache auf keine ſonderlichen Hinderniſſe ſtoßen wird. „Ihr Brief kam in Tagen ſchwerer Betrübniß an, ſo daß ich noch keine Zeit hatte darüber nachzudenken, aber das Gewölk hat ſich jetzt zu zertheilen begonnen, obſchon der Himmel noch lange nicht ganz heiter iſte........... (Hier berührte Thorborg die näheren Details der einheimiſchen Geſchichte. Dann fuhr ſie fort): „Jetzt endlich habe ich einen freien Augenblick gefunden, wo ich mich ſetzen und darüber nachdenken kann, ob ich ſelbſt praktiſche Kenntniſſe in der Landwirthſchaft und im Anpflanzungsweſen ge⸗ nug beſitze, um mich über Ihre darauf bezüglichen Pläne aus⸗ ſprechen zu können. Was ich mit Gewißheit ſagen kann, iſt daß auch ich die Blumen aufs Innigſte liebe, ſo daß wir wenigſtens auf eine Sympathie zu rechnen haben. „Und jetzt ſollen Sie auch von mir eine große Neuigkeit hören. „Jungfer Vivika, Papas altes Hauskreuz und Haushälterin, gedenkt ſich zu verheirathen, wenn nämlich der Freier, der alte Storke Pelle, ſich entſchließen kann die Sache ohne eine Antwort als abgemacht zu betrachten, denn ſie hat die Idee nicht Ja ſagen zu wollen. Das hat ſie mir erzählt. „Es kommt jetzt darauf an ob Storke Pelle eine ſtille Ein⸗ willigung zu deuten verſteht. Ich glaube es, denn er trägt das Geſangbuch mit der ſilbernen Spange beſtändig in der Taſche. Aber nimmt jetzt Vivika in einer ſanften Stunde es an, ſo ver⸗ liert Papa ſeine Haushälterin und ſein gemüthliches Leben, wenn ſein Lämmchen zu große Luſt zu ſpaniſchen Pflanzen zeigt. Ich bin vielleicht nicht in großartigem Maßſtab practiſch, aber eine kleine Haushaltung für Papa, mich ſelbſt, den Hammel und das Ddienſtmädchen glaube ich wohl beſorgen zu können. „Wollen Sie nun die Güte haben dies als meine Prälu⸗ dien anzuſehen und ſich dabei ſagen zu laſſen daß Vivikas Abzug 439 ein ſehr bedeutungsvolles Präludium iſt. Dazu kommt daß Gud⸗ mar im nächſten Monat ſeinen Dienſt antritt. Soll dann ich— wenn es auch das ſchönſte Glück gäbe— den alten Mann in ſeiner Einſamkeit verſchmachten laſſen, wo er kein anderes Geſchöpf mehr hat als den Hammel? „Wahrlich, dieſer Umſtand iſt ſehr wichtig. „Einmal ſagte Papa— oder vielleicht auch Jemand anders — das Pfarrhaus könnte, in dem Winter der bald da bald dort verlebt werden ſollte, möglicher Weiſe zu einem feſten Wohnſitz gemacht werden. „Ich bin jedoch ſo voll von Unruhe, daß ich nicht weiß, wie die verlangte Antwort ausfallen wird. „Sie ſind kein harter Mann, aber Sie ſind ein ſonderbarer Mann der ſich nach Vivikas Verſicherungen nicht dazu bringen läßt gerade im Glied zu gehen. Jetzt könnte es geſchehen daß Sie über meine vernünftigen Einwendungen mißvergnügt würden und glaubten, ich mache dieſelben nur um Sie zu ärgern. Aber ich bitte Sie herzlich mir ein ſo kleinliches Benehmen nicht zu⸗ zutrauen, und zugleich bitte ich Sie ein guter, rechtſchaffener und edelmüthiger Mann zu ſein, denn dann werden Sie leicht ein⸗ ſehen daß Papas beinahe ſchutzloſe Einſamkeit von Seiten der Tochter die größte Rückſicht erheiſcht. „Ihre Frage ob ich Sie liebe will ich erſt dann beantworten, wenn ich erfahren habe ob Sie für das kleine Elfenmädchen das vorgeſchlagene Opfer bringen wollen. Ich glaube mit Be⸗ ſtimmtheit daß ſie einen ungeheuren Werth darauf legen und Ihnen zur Vergeltung etwas ganz Anderes als ein Opfer bringen würde. „Ach, wie einfältig iſt es doch daß man nicht ſchweigen kann. Glauben Sie wohl daß ich es unterlaſſen kann Ihnen zu ſagen daß ich Ihr Verſprechen ſchon zum Voraus als entſchieden annehme und aus dieſem Grund dreij jungen Mädchen, von denen — ʃ— oooooo ———— — =—õ——— ich weiß daß ſie um Ableger von meinen zwei Myrtenbäumchen bitten wollen, ihren Wunſch abzuſchlagen gedenke? „Es iſt zwar nicht unmöglich daß Sie ſelbſt jetzt in einer Art von Aerger meine Myrtenbäume ihre Kronen den ganzen Winter behalten laſſen, weil ich Etwas ausgeſprochen habe was ich als bereits entſchieden anſah. Aber für dieſen Fall laſſen die Myrtenbäume Ihnen ihren Gruß vermelden, mit dem Be⸗ deuten daß ſie ſich nach einer ſpaniſchen Braut und nach ſpaniſchen Myrten umſehen mögen. Sie ſind zwar blos im Norden auf⸗ gewachſen, aber dennoch ſehr empfindlich und laſſen ſich nicht be⸗ leidigen. „O, möge der Adler mit ausgebreiteten Segeln fliegen! An den Klippen des Bottnafjord klopft mit ungeduldigen Schlägen ein Herz das die Tage bis zur Rückkehr des Befehlshabers dar⸗ nach zählt. „Ich hätte gerne noch Etwas und zwar etwas ſehr Schönes hinzufügen mögen, aber es iſt für mich ſo neu daß ich es auf⸗ ſparen muß bis Sie ſelbſt kommen. Thorborg.“ Dieſer Brief wurde ſodann dem Schreiben des Paſtors bei⸗ geſchloſſen, das alſo lautete: „Mein lieber Bruder! „Konnte mirs wohl denken daß der Wolf und das Lamm bei einander Wohnung aufſchlagen würden. Und bei dem großen Bullarochſen, ich bin ganz zufrieden und vergnügt darüber, denn Du wirſt ein ehrlicher Wolf ſein mit welchem mein Lamm nicht allzu übel fahren wird. EVs iſt nicht meine Art lange Briefe zu ſchreiben, aber die Meinung die ich ſage kommt von Herzen, und Du darſſt über⸗ zeugt ſein, Bruder, daß, ſo öde auch das Häuschen wird, der Alte doch mit Vergnügen die Jungfrau Lilienthau ſolchen Händen übergeben wird, in denen ſie ſich ſelbſt wohl zu befinden glaubt, nm 441 nämlich den Händen eines redlichen, achtungswerthen und geach⸗ teten Mannes. „Ich glaubte meiner Seel ſchon, ſie würde ſagen müſſen, wie jene Magd zu ihrer Frau ſagte:„Liebe Frau, wie ſoll ich denn einen Mann bekommen, wenn ich weder auf den Markt noch in die Kirche gehen darf?“ Meine Jungfrau Lilienthau, dachte ich, wird wohl nie von anderen Capitänen geſehen werden als von ſolchen denen ſie ein Jahr ums andere Körbe austheilt. „Aber der Herr iſt ein mächtiger Mann der von allen Himmelskörpern her Freier ausſchicken kann. „Statt alles deſſen hätte ich vielleicht einen Brief voll von ſchönen Worten, von Freude, Dankbarkeit für die Ehre und der⸗ gleichen ſchreiben ſollen, aber Solches überlaſſe ich demüthigeren und polirteren Vätern als ich bin. „Nun, nun, Herr Bruder, ich ſage deshalb nicht daß ich mich durch Deinen Antrag nicht höchlich geehrt fühle, aber ich gebe Dir meinen beſten Schatz, und ſo wird die Verbindlichkeit gegenſeitig. „Ich wünſche Dir Gottes Frieden und eine glückliche Ueber⸗ fahrt. Spaniſchen Wein trinke ich mit Vorliebe. „Mein Sohn ſchreibt ſpäter. Inzwiſchen wird wohl Alles nach Deinen Wünſchen ausfallen. „Dein ergebenſter Freund und künftiger Schwiegervater Gudmar Guldbrandsſon.“ 44² Neunzehntes Kapitel. Letzter Kampf zwiſchen dem Controleur und dem Kaufmann. Am Morgen nachdem Moß ſeiner Tochter ſeine freundlichen Abſichten mitgetheilt, hatte Majken, die am vorhergehenden Abend vergebens Gudmars Wiederkehr aus dem Pfarrhaus erwartet hatte— wo der Vater ihn mit den erſten Berathungen über Thorborgs Verheirathung aufhielt— ihn zu einer vertraulichen Beſprechung einladen laſſen. Der arme junge Mann, der mehrere Monate hindurch in einer falſchen Stellung und unnatürlichen Spannung gelebt und in den letzten ſechs Wochen alle möglichen Qualen ausgeſtanden hatte, trat jetzt mit jenem unbeſchreiblichen Vorgefühl, das uns ſagt daß etwas Unvermeidliches bevorſtehe, bei ſeiner Geliebten ein, in deren Geſellſchaft er in der letzten Zeit Alles zu vergeſſen geſucht hatte was nicht ſie ſelbſt war, ſie ſelbſt ohne alle die Nebenumſtände, welche ſich nunmehr in Hauptumſtände verwan⸗ delt hatten. 39 3 Er wußte nicht das Geringſte von ihres Vaters Beſuch, und als er hereintrat, ging er ſo zu ſagen blind auf die Sache los. Wenn er irgend eine dunkle, vielleicht aber auch ganz klare Erinnerung an ſein erſtes vertrauliches Zuſammentreffen mit Moß beſaß, bei welchem die Verzweiflung ſie Beide auf eine und dieſelbe Untiefe geworfen, ſo hatte er gleichwohl— ſo ziemlich wie Moß ſelbſt— nachdem Beide ſich von der Untiefe losgear⸗ beitet hatten, Alles zu vergeſſen geſucht, nur nicht das ganz be⸗ ſtimmte Verſprechen des Alten. Daran erinnerte er ſich eben ſo gut, wie Moß ſich an Gudmars Worte erinnerte. Jeetzt ſaß er neben ſeiner Majken auf dem Sofa, und ſie ſah heute ſo friſch, ſo heiter, ſo zärtlich und glücklich aus, daß gen des Lichts führen würde. Beinahe ſo lange ich lebe hat er ganz entzückt alles mögliche Schöne zu hoffen anfing, ohne daß es einer weitern Eintrittskarte bedürfte, ohne daß man beim Eingang ins Paradies nach einer ſolchen fragen würde. „O, Dich wieder auf zu ſehen, meine Maid, voll von neu er⸗ blühender Lebenskraft! Das erweitert das Herz, das macht die 4 Pulſe fliegen und fegt die dunkeln Schatten in die Tiefe hinab .. Aber, Geliebte, wenn Gott Dich Deinem Gudmar entriſſen hätte, ſo würde er es doch zuletzt ertragen haben, weil er ſich ſtets für unwürdig gehalten Dich zu beſitzen, und weil er gehofft hätte daß ſeine eigene Fahrt dann ſchneller vorangegangen wäre, denn er hatte an Deine Vorherſagung geglaubt, ſo wie er jetzt und immer an die Vereinigung dort glauben wird wo weder Zeit noch Raum ſtattfindet.“ „Dank für dieſe Worte, mein Gudmar. Auch ich war feſt überzeugt daß unſer Weg durch die Nacht des Todes zum Mor⸗ ſich mitten in meinem geſunden einfachen Alltagsleben eine ſolche Ahnung bei mir eingeſchlichen. Aber jetzt habe ich den Beweis und die Ueberzeugung erhalten daß unſere Ahnungen nichts Anderes ſind als jenes verborgene geheimnißvolle Heimweh der Seele, das wahrſcheinlich jedes menſchliche Weſen von Zeit zu Zeit erfaßt, ein Heimweh das jeden andern Beweis für den gött⸗ 8 lichen Urſprung unſerer Seele vom Himmel— von der Kinder⸗ welt— unnöthig macht, während es zugleich den Beweis liefert daß der am tiefſten im Alltags⸗ und Weltleben ſteckende Menſch immer noch Berührungspunkte mit jener Welt beſitzt die er für einige Zeit verlaſſen hat, in welche er aber dereinſt zurückkehren wird.“ „Dieſe Gedanken, meine Maid, erſchienen mir, als Du ſie mir ehedem mittheilteſt, unvereinbar mit dem Leben und den Verhältniſſen eines einfachen Alltagsmenſchen, aber jetzt iſt es ganz anders. Der ganze Unterſchied zwiſchen uns beſteht darin daß Dein Herz ſie ſchon ſeit Deiner früheſten Jugend willig auf⸗. nahm und liebte, während dagegen mich erſt harte Prüfungen 444 lehrten daß ſolche Gedanken eine tröſtende Geſellſchaft ſind in Stunden einſamen Herzeleides. Dein Gudmar aber iſt jetzt weit zuverſichtlicher und glücklicher geworden, ja, ich glaube ſagen zu können daß ich mit dieſer neugewonnenen Zuverſicht ruhig meine Bahn beginnen kann. Ueberdies glaube ich daß, nachdem Gott mich dieſe grauſame Angſt um Dich erleiden ließ, der eine Schmerz den andern verſchlungen hat. So viel iſt wenigſtens gewiß daß ich nicht ſo leide wie früher.“ „Das verſtehe ich vollkommen und finde es auch ganz natür⸗ lich. Jedenfalls iſt es eine ſegensreiche Gnade von Gott, wofür wir ihm nicht genug danken können. Aber— um jetzt zum Specielleren überzugehen— wie lange dauert es noch bis Du Deinen Dienſt antreten mußt?“ 1 „Der allerlängſte Aufſchub den ich mir über die beſtimmte Zeit hinaus geſtatten kann beträgt vierzehn Tage. Alſo,“ fügte er mit einem unausſprechlich zärtlichen und fragenden Blick hinzu, „wenn geſetzliche Hinderniſſe eintreten, ſo kann ich noch über fünf Wochen verfügen.“ „Nun, in dieſer Zeit läßt ſich viel ausrichten.“ „Majken, Majken!“ Es war Gudmar zu Muthe, als ſegle er geraden Wegs in den Himmel hinein. An etwas Unange⸗ nehmes war dabei nicht mehr zu denken. „Mein armer Gudmar,“ ſagte ſie mit einem feinen Lächeln, „Du kommſt mir vor, als hätteſt Du einen beſondern Anlaß zur Freude. Worin mag er beſtehen?“ Ich weiß nicht ob ich Dir's ſagen kann,“ antwortete er mit plötzlichem Erröthen.— „Sollen wir nicht einander Alles ſagen?“ „Ja, das ſteht feſt... Aber darf ich Dich zuerſt fragen, wie Du ſo zufrieden ausſehen kannſt, während doch der Onkel noch kein Wörtchen geſagt hat?“ „Du tüäuſcheſt Dich— er hat geſtern Abend ſehr viel ge⸗ ſprochen.“ 445 5 Jetzt verwandelte ſich Gudmars Röthe in eine eben ſo zu haſtige Bläſſe. 1 Ne„Dein Ausſehen und Deine Nachricht ſtimmen ganz und ott gar nicht zuſammen. Zu mir hat er, ſeit die letzte Furcht vor⸗ n über war, Nichts geſagt, und daraus konnte ich juſt keine glück⸗ ns lichen Folgerungen ziehen.“ „Nun, ſo muß ich Dir erzählen daß er zu mir geſagt hat: ür⸗ ich wundere mich darüber daß Gudmar mich ſo lange hier herum⸗ für zehen und warten läßt. Er hat die ganze Zeit über Nichts geſagt. dn„Das iſt ja unmöglich... Ich habe allerdings Nichts geſagt, aber was ſollte ich denn zu ſagen wagen? Ach, Dein Vater iſt lite ſo liſtig. Gewiß ſteckt Etwas dahinter.“ gte„Glaubſt Du das? Es könnte allerdings wohl ſein, denn 8 er fügte hinzu, Dein Schweigen ſei ſonderbar nach gewiſſen unf Aeußerungen und Erklärungen die Du in den Augenblicken Eurer gemeinſchaftlichen Unruhe von Dir gegeben habeſt.“ Jetzt wurde das Blut im Geſicht des jungen Mannes ſo egle unruhig, daß es unaufhörlich ein neues Farbenſpiel gab. 1. dge⸗„Ah ſo, der Onkel ſagte das... Was für ein merkwürdig ſchlauer Mann er doch iſt! Nun gleich viel, liebe Majken, die Wahrheit muß ans Tageslicht— ich leugne meine Worte nicht.“ 4 n,„Du ſagteſt wirklich Etwas was ihm ein Recht gibt zu zur warten?“ „Er wartet nicht, ſondern er nahm dies blos zum Vorwand init um ſelbſt zu vergeſſen. Kummer, Angſt und nachtſ ſchwarze Ver⸗ zweiflung zwingen einem Menſchen manche Worte und Erklärun⸗ gen ab.“ gen,„Und die Deinigen, mein Gudmar?“ nkel„Ich beweinte es daß ich nicht um Deinetwillen dieſem ber. nahe verabſcheuten Amte entſagt habe, und wenn Du lange vor ge⸗ mir heimgegangen wäreſt, ſo würde ich es ewig berent haben. Aber ſo iſt der Menſch! Einen Lebenden den man leiden laſſe- 446 und beleidigen kann vermag er zu betrüben, aber einen Todten der allen irdiſchen Leiden entrückt iſt will er nicht betrüben. Die allergeringſte Handlung gegen den Wunſch eines hingegangenen theuren Weſens würde eine Qual für ihn werden. Das iſt traurig, meine Maid— aber was willſt Du thun um das menſch⸗ liche Gemüth zu vervollkommnen?“ „Was will, was kann ich thun, als daß ich voll Liebe Dir und Papa für Eure kurze Reue, dem lieben Gott aber herzlich dafür danke daß Ihr einer längeren Reue entgangen ſeid?“ „O, Majken, es iſt mir unausſprechlich zuwider dieſe Rolle eines grundſatz⸗ und willenloſen Menſchen zu ſpielen. Aber Dein Edelmuth mir nicht einen einzigen Vorwurf zu macher ſo wie Dein gänzlicher Mangel an Egoismus enthalten einen ſo rühren⸗ den Vorwurf, daß ich bei Gott und meiner Liebe es thun würde wenn es möglich wäre. Aber eine ſolche Gewaltthat gegen alle eingewurzelten Grundſätze und Gewohnheiten kann nicht ſtattfin⸗ den ohne den qualvollen Stachel einer unfreien Handlung zu hin⸗ terlaſſen. Inzwiſchen bin ich jetzt wieder unzufrieden, mit mir ſelbſt uneins und zerfallen... Es iſt ſchrecklich, meine Maid, daß ein ſolches Mädchen wie Du es mit zwei ſolchen gleich ſtarr⸗ köpfigen Männern zu thun haben muß, wie Dein Vater und ich ſind. Ja, ich bin in Verzweiflung, in der größten Verzweiflung, und ich ſehe keinen andern Ausweg als daß ich... ich... O, meine Mazjken, wie liebe ich Dich!“— „Das ſehe ich wohl, mein Gudmar. Und wenn ich Dir nicht ſogleich das geſagt habe was ich jetzt ſagen will, ſo geſchah es, weil Du wohl verdienteſt einige Angſt auszuſtehen. Ich würde es im höchſten Grade mißbilligen, wenn ein Mädchen unter Umſtänden wie die vorliegenden ein ſolches Opfer annähme. Ueberdies will ich durchaus nicht daß Du hier bleibeſt. Du be⸗ darfſt einer andern Umgebung, und Papa iſt es der ſeine Angſt einlöſen muß. Die Deinige wird durchkreuzt. Das iſt das Wort,“ 447 Gudmar ſprang auf und ſchloß mit einer Art von wahn⸗ witzigem Entzücken die ſchöne Maid an ſein Herz. „Du ſtehſt in der ganzen Schöpfung allein da— es gibt kein Weib das einen Knoten ſo löſen könnte... Aber es iſt wahr, er iſt noch nicht gelöst.“ „Mama hat mir verſprochen daß ich ruhig, vollkommen ruhig ſein könne. Ihre letzten Worte lauteten: Am Sonntag ſollt Ihr aufgeboten werden.“ „Ja, geſchieht das, ſo fürchte ich daß Deine Mutter den erſten Platz in der Schöpfung erhälat— Du mußt Dich dann mit dem zweiten begnügen.“ „Ich nehme ihn an,“ antwortete Majken lächelnd,„und überlaſſe Mama den erſten gerne dafür daß ſie Papa's Unbeug⸗ ſamkeit bearbeitet, und ſie kommt gewiß damit zu Stande, denn Mama in ihrer ſtillen Ruhe iſt eine gewaltige Macht.“ „Ja, ſie iſt eine merkwürdige Macht geworden. Der Onkel ſcheint unter ſeiner humanen Veränderung wirklich zu leiden, aber er iſt jetzt ſo in ſie hineingekommen, daß er nicht mehr herauskommen kann.“ Zur ſelben Zeit wo dies Geſpräch in Majkens Zimmer ſtattfand, ſaß Moß in ſeinem Parterrezimmer, in einer Berech⸗ nung über etliche hochwichtige Speculationen vertieft die er ſei⸗ nem künftigen Aſſocié mittheilen wollte, als die Thüre aufging und der Lootſenvater eintrat. 43 „Entſchuldigen Sie, Herr Patron, wenn ich ſtöre und hin⸗ dere; aber es iſt mir in den Sinn gekommen daß ich einige Worte zu ſagen habe, und ſo bin ich hiehergefahren,.“.. „Setzt Euch und ſeid willkommen. Ich habe noch kein ſo ſchlechtes Gedächtniß daß ich zu fürchten brauche, ich könnte das was ich im Kopfe habe verlieren, wenn ichs auf eine Weile bei Seite laſſe.“ 2 ——— 448 „Das iſt ein geſegnetes Wort zu hören, denn hat der Menſch dieſe Gottesgabe in einer Sache, ſo kann es nicht fehlen daß er ſie auch in einer andern hat.“ Moß fuhr zuſammen. „Hört,“ ſagte er haſtig,„laßt uns von Allem ſprechen was Ihr wollt, aber nur nicht von Familienſachen. Supponire, es iſt am beſten wenn man dieſe für ſich ſelbſt behält.“ „Das war kein braves Wort, und Sie haben nicht alle Tage Ihres Lebens ſo gedacht— nein, nicht alle Tage; und wenn es einmal anging ſich in dieſe Angelegenheiten zu miſchen, ſo wird es wohl heute auch angehen.“ Moß ſah mehr ärgerlich als geſchlagen aus. „Was ſind das für alte Geſchichten die Ihr ans Licht ziehen wollt? Ich bin Vater und handle wie ich es am beſten finde. Kein Menſch auf Erden hat ſich darein zu miſchen.“ „Meinen Sie das wirklich?“ fragte der Lootſenvater in einem ruhigen, aber entſchiedenen Tone.„Aber ich ſollte denken, dies ſei ein Irrthum, und obſchon derjenige der hier ſitzt und ſich die Dreiſtigkeit herausnimmt dies zu ſagen Niemand anders als der Lootſe von der Uhuklippe iſt, ſo will er doch in ſeinem und in eines Andern Namen Sie daran erinnern daß Sie dem Herrn ein doppeltes Dankopfer ſchulden für gerettete Ehre und für ein gerettetes Gewiſſen— denn, wie Sie ſich ſelbſt vor meinen Ohren beklagten, Sie ſind grauſam geweſen in Ihrem Zorn, und das würden Sie gewiß ſchmerzlich gefühlt haben wenn ſie jetzt unter der Erde ruhte.“ „Man verzeiht alten bewährten Freunden und Chrenmän⸗ iel,“ antwortete Moß mit mehr Herzlichkeit,„und Ihr zört, was ich von demjenigen fordere dem ſie ihre Liebe 4„Aber gerade von dieſer Forderung müſſen Sie abſtehen, Herr Patron. Es will dem Herrn nicht gefallen daß man in einer ſolchen Sache Zwang anwende, ſondern der Menſch muß en, nd em in dieſem Fall ſeinen freien Willen haben. Und dann müſſen Sie menſchlich bedenken, was es für den armen jungen Herrn wäre, wenn er ſich jetzt ſogleich an dieſem Strand hier nieder⸗ laſſen ſollte. Er iſt von zärtlichem Herzen und leicht ge⸗ b rührtem Sinn, und um dieſer Urſache willen wäre es ihm ganz 1. unheilſam, wenn er nicht an einen andern fremden Ort käme.“ 1 „Nun, Lootſenvater, Ihr könnt es gerade herausſagen daß meine Frau Euch mit dieſer Botſchaft geſchickt hat.“ „Läugne es gar nicht daß wir unſere Beſprechung darüber gehabt haben. Aber ich will Sie doch bitten, Herr Patron, daß Sie die Güte haben nicht zu bezweifeln daß ich auch aus eigenem Antrieb gekommen bin, denn ich hatte bereits bemerkt daß Ihre großen Angſtgelübde in Gefahr ſtanden, und ſo wollte ich Sie daran erinnern daß der Herr auch ein gutes Gedächtniß hat und ſeine unbezahlten Schulden ſelbſt einfordern kann. Aber mit freudigem Herzen würde ich nach Hauſe gehen, wenn Sie jetzt anders geſtimmt wären. Kaufmann und Zollmann ſind gleich vor dem Herrn, und es findet kein Unterſchied ſtatt, wenn ſie an dem großen Gerichtstag aufgefordert werden.“ 8 1 „Gut, gut, Lootſenvater... Aber da Ihr in der Gottes⸗ 1 furcht ſo wohl zu Hauſe ſeid, ſo könnt Ihr doch Niemand zu einem Meineid rathen. Ich habe oft geſchworen daß ich keinen Zollbeamten zum Schwiegerſohn nehmen werde.“ „Das war eine liſtige Rede, aber ich will Ihnen ohne Liſt antworten. Wenn ich ein Gelübde gethan und hernach gefunden hätte daß ich es nicht mit Rechtſchaffenheit halten könne, ſo würde ich mich vor Ihm demüthigen, der ſowohl binden als löſen kann, und ihn bitten von meinem Herzen den falſchen G danken wegzunehmen daß ich im Ernſt ein Gewicht auf ſolche Eide legen könnte die Niemand thun ſollte, die aber doch Man⸗ cher thut. Und wenn ich ſo vor unſerm Herrn die Augen wegen meiner Heuchelei niedergeſchlagen hätte, ſo würde ich Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. III. 29 ———— 450 glauben daß er mir befehle ſie wieder aufzuſchlagen, und wenn ich dieſen Befehl befolgt hätte, ſo würde ich mich für würdig halten auf dem Weg zu wandeln den er mir vorgezeichnet hat.“ „Ihr ſeid auch ein ſehr ſchlauer Mann, Lootſenvater,“ meinte Moß freundlich. „Das darf man wohl ſein, Herr, wenn man mit einem Mann ſpricht der ſo viele Kenntniſſe beſitzt; und jetzt will ich mich der Hoffnung hingeben daß Sie dieſe Worte nicht ganz verwerfen, obſchon ſie von einem ſo geringen Mann wie ich kommen, denn aus der Hochzeit muß Etwas werden; ſonſt wenn es wieder mit der Empörung anfängt, bekommen Sie ein ſchwe⸗ res Wort mit Ihrem Gewiſſen zu ſprechen, wenn es zur großen Rechnung kommt.“ „Nun, kommt übermorgen wieder, ſo werdet Ihr hören daß ich den beſten Entſchluß gefaßt habe.“ 4 „Ich weiß nicht was Sie mit dem beſten meinen, Herr Patron, aber ich lege die Sache in die heilige Hand des Herrn und ſage zum Abſchiedswort nur noch: Wer auf ſchlüpfrigem Boden geht, der ſoll nicht weiter einherſtolziren, denn auf ſchlů⸗ pfrigem Boden iſt es leicht zu fallen.“ „Lebt wohl, lebt wohl, mein lieber Lootſenvater. Gottes Frieden... Grüßet mir Gädda... lebt wohl, lebt wohl!“ Sobald der Alte von der Uhuklippe das Zimmer verlaſſen hatte, war es Moß zu Muthe, als käme er ganz rein gewaſchen aus dem Fegfeuer. Fa, Moß iſt wohl der Mann der an ſolchem Köder an⸗ beißt. Nun, nun, es taugt Nichts mit dem Lootſenvater in Vcorten hart zu verfahren. Er hat mir ſo große Dienſte geleiſtet daß man ihm freie Rede gönnen muß... Sonderbarer iſt es mit meiner Frau. Supponire, ich werde ſie nie wieder recht erkennen— gerade als ob ſie nicht meine eigene Frau wäre... und die Maiblume geſund... nun, nun, morgen Abend reiſe ich nach Gläborg— verſteht ſich um nach den Leuten 2* enn rdig at.“ er„4 nem ich zanz ich denn hwe⸗ dßen ören Herr errn gem clü⸗ ottes 7 aſſen ſchen an⸗ r in eiſtet ſt es ieder Frau drgen ruten 451 zu ſehen... höchſt nothwendig. Was ich hernach thue, mögen nur die Vögel wiſſen. Man zwingt einem Mann von meinem Charakter kein Joch auf, und die Zollkammer und Moß müſſen außer der Verwandtſchaftslinie bleiben.“ Am ganzen folgenden Tag ſprach der alte Kaufmann von tauſenderlei Geſchäften und Dingen die in nächſter Bälde beſorgt werden müßten. Es war doch verdrießlich daß man vor dieſen verwünſchten Gläborger Reiſen keine Ruhe hatte.„Aber wenn man ein ſolches Gut hat, ſo darf man es nicht gänzlich dem Ver⸗ walter überlaſſen, zumal da Beate Marie jetzt das Regiment niedergelegt hat.“ Es herrſchte an dieſem Tage eine liebliche Ruhe, eine Art von Fröhlichkeit die Alle für ein gutes Zeichen hielten, nur Frau Moß nicht. Sie kannte ihren Mann zu gut, um nicht zu begreifen daß die Reiſe nach Gläborg diesmal eine andere Bedeutung hatte. Aber ſie ſagte kein Wort, ſondern ging blos in ihrer gewöhnlichen Stille weiter. 3 Gegen Abend kam der Paſtor auf Beſuch, und Frau Moß hatte die ganze Familie des großen Hauſes zum Thee in Majkens Zimmer geladen, wo Alles aufs gemüthlichſte angeordnet war. Majken ſelbſt hatte den Punſch brauen geholfen, denn Niemand traf darin Papa's Geſchmack ſo gut wie ſie. Sie credenzte ſelbſt das erſte Glas und war ſo aufgeräumt und einnehmend, daß es dem alten Herrn ganz weich ums Herz wurde, zumal als ſie mit eigenen Händen ſeine Pfeife ſtopfte und ihm zwiſchen die Lippen ſteckte. 3 Aber Moß ſupponirte in ſeinem Innern daß Moß dennoch Moß ſei,„und ſo angenehm und prächtig auch meine Tochter iſt, ſo...“ und dann hieß es, indem er mit dem Paſtor anſtieß: „Aergerlich daß die Freude immer ein Ende haben ſoll, wenn ſie am beſten im Gang iſt. Es fällt mir wirklich ſehr ſchwer abzubrechen; aber komme ich heute Abend nicht nach Glä⸗ borg, ſo geht es verdammt ſchlimm.“ „Dieſe Gläborger Reiſen, mein lieber Mann,“ ſagte Frau Moß lächelnd,„ſind ſehr läſtig, und ich denke mir daß Du das Gut gern abtreten würdeſt, wenn ſich ein paſſender Liebhaber dazu fände.“ „Wie ſo?“ Die Augen des Alten begannen zu funkeln. Er glaubte ſogleich, dieſer Handel ſei eine Art von Bilderſpiel, das möglicher Weiſe eine Nachgiebigkeit von Seiten Gudmars enthalte, die ſich jedoch auf eine andere als die vorgeſchlagene Art geſtalte. „Nun,“ fragte er ganz aufgeregt,„was iſt denn der Mann der mir Gläborg abkaufen will?“ „Weder Controleur noch Kaufmann, Papa,“ ſagte Majken mit einem ſchelmiſchen Blick. „Errathen,“ dachte Moß,„er wird Landwirth. Nun, das iſt verdammt pfiffig ausgedacht, und ſo läßt ſichs meiner Seel jeden⸗ falls machen. Laut hieß es: „Vielleicht beſinne ich mich darüber... Habt Ihr noch Etwas über den Liebhaber zu melden?“ „Warte einen Augenblick, lieber Mann,“ ſagte Frau Moß, indem ſie zu ihm vortrat und ſeine Hand ergriff.„Ich ſehe Dir fuhr ſie fort,„daß Du in einer gefährlichen Täuſchung ſchwebſt, und Gott ſoll uns bewahren daß wir daraus Nutzen ziehen, denn ich will nicht Deine eigenen Waffen gegen Dich brauchen... Der Mann der das Gut zu kaufen wünſcht iſt Capitän Geiſtern. Er hat um unſere gute Thorborg gefreit und würde ſich gerne auf Gläborg niederlaſſen, wenn Du es ihm um einen vernünftigen Kauſſchilling abträteſt.“ „Nun, der muſen hol mich, das war einmal eine ſchöne und wahre Freudenbotſchaft. Und das haſt Du mir verſchwiegen, alter Bruder Guldbrandsſon?, 2“ „Der Brief kam mitten in der Verwirrung an,“ antwortete ——5———,—— h. der Paſtor,„und damals war es chen Nachrichten zu kommen. Sohn trennen und, wie Du fin ders fröhlich geſtimmt.“ Moß hörte kein einziges Wort. „So fülle die Gläſer, Bruder Hjelm, fülle die Gläſer! Meine liebe Thorborg verlobt! Supponire daß ich noch nie mit größe⸗ rem Vergnügen eine Geſundheit getrunken habe.“ „Dies darf nicht die erſte Geſundheit ſein, mein Lieber,“ fiel Frau Moß mit ſolcher Anmuth ein daß ſie beinaͤhe mit ihrer eigenen Tochter wetteifern konnte.„Gudmars und Majkens Ge⸗ ſundheit muß vorangehen— ich habe ihr das in Deinem Namen verſprochen, als wir glaubten, ſie würde nie mehr ein Verſpre⸗ chen anhören können. Und Du kannſt nicht wollen daß Deine Frau in einem ſo wichtigen und heiligen Augenblick eine Un⸗ wahrheit geſagt habe.“ Moß erhob ſich und raſch wieder hin. Thüre zu. Ein allgemeines Schweigen herrſchte. Das kaum noch ſo heitere und muntere Geſpräch hatte plötzlich aufgehört. Aber es war leichter bis an die Thüre als hinaus zu kommen. Auf der Schwelle ſtand bereits die Frau. „Nein, mein Lieber,“ ſagte ſie koſend und flehend,„dies⸗ mal darfſt Du nicht wieder Reißaus nehmen. Deine arme Beate Marie hat ſichs in den Kopf geſetzt daß am Sonntag das Auf⸗ gebot ſtattfinden ſoll, uuf da dies das erſte und letzte Mal iſt daß ſie die Herrſcherin ſein will, ſo wirſt Du ihr gewiß nicht vor allen unſern Freunden hier den Kummer bereiten ihre Bitte ganz unberückſichtigt zu laſſen.“ Flüſternd fügte ſie hinzu:„Du wirſt das Verſprechen halten das Du mir gegeben haſt, daß ich Dir in Zukunft etwas bedeuten ſoll, O, mein lieber lieber M keine Freudenzeit um mit ſol⸗ Ich muß mich bald von meinem deſt, Bruder, bin ich nicht beſon⸗ ſtellte das bereits ergriffene Glas Ohne ein Wort zu ſprechen, ging er auf die Mann,* 4⁵54 jetzt könnte ich den Schmerz nicht ertragen mich verachtet zu ſehen.“ Ein Zucken fuhr durch das ganze Weſen des Mannes. Seine Frau hatte ſich ſo nahe an ihn geſchmiegt, daß eine Thräne ſeine Wange befeuchtete. In dem Allem lag etwas Hohes und Unerklärliches. Er ſah jetzt bei ihr denſelben ſeelenvollen Aus⸗ druck wie in jener Nacht wo ſie ihren ganzen eigenen Schmerz geopfert und verſprochen hatte ihn in der Betrübniß niemals allein zu laſſen. „Beate Marie... die Zollkammer... mit der Zollkam⸗ mer verwandt... Aber dieſe Nacht vergeſſe ich nie— nein, Beate Marie, Frau— nie in meinem Leben! Und haſt Du fünfundzwanzig Jahre lang keine Macht gehabt, ſo ſollſt Du ſie, hol mich der Teufel, jetzt haben... Herr Controleur... Frau Controleurin... Danket mir nicht... Willſt Du ſie am Sonn⸗ tag aufbieten, Bruder?“ 1 Ein Gemurmel jubelnder Freude umbrauste den Kaufmann. Der Paſtor und ſein alter Freund lagen einander abermals in den Armen. „Aber Gudmar und ich, Papa!“ rief Majken. „Ja, ja, Gudmar und Du... Nun, kommt her, ich muß ſie wohl umarmen— die Zollkammer!“ Bwaszigſtes Kapitel. Der nenen Firma erſter Tag. Wiederum heulten die Herbſtſtürme auf dem alten Bottnafjord. Aber es geſchah mit einer gewiſſen Schonung, gleich als wollte mman das hohe und glänzende Glück nicht ſtören das in immer rd. Ulte 45⁵ reicheren Schattirungen innerhalb der Mauern von Svartſkär ausgeſchlagen. Der zweite October brach unter häuslicher Angſt an und ſah die wilde Verzweiflung eines Mannes der um einen Schatz zitterte den er erſt allmählig ſchätzen gelernt hatte, ohne welchen ihm aber das Leben jetzt als die vollſtändigſte Wüſte ohne einen einzigen Sonnenſtrahl erſchienen wäre. Es war ein Tag langer Erwartung und Unruhe. Moß ſprang beſtändig hin und her und fragte alle Leute, ob wohl Jemand ſo einfältig ſein könne daran zu zweifeln daß es ein Erbe der Firma werden müſſe— ein armſeliges Mägdlein hätte doch nicht nöthig ſo vielen Lärm zu machen. Aber im Fall ſo Etwas doch geſchehen könnte, ſollte man erſt nach der Taufe „Moß und Hjelm“ unterzeichnen. Den Tauftag ſelbſt hatte Moß, wie man weiß, gleich im Anfang für die Eröffnung des neuen Hauſes feſtgeſetzt. „Nun, lieber Papa,“ ſagte Majken tröſtend,„wir müſſen Gott für Alles danken was kommt.“ „Das war ein garſtiges Wort, Tochter. Du wäreſt bei meiner Seele ſelbſt im Stand daß Du Deinem alten Vater den Kummer machteſt ihm ſtatt eines zweiten Aſſocié der Firma eine Enkelin zu geben, ſo daß er ſein ganzes Leben lang betrogen wäre. Aber ſo Etwas werde ich nicht anerkennen. Es ſoll im nächſten Glied Hjelm und Guldbrandsſon heißen. Das habe ich mir in den Kopf geſetzt und ſupponire daß es geſchehen muß... Aber gehe jetzt und frage, ob der erſte noch nicht angekommen iſ. 4 Majken war jedoch noch nicht zur einen Thüre hinausge⸗ kommen, als Hjelm zur andern Thüre hereinſtürzte. 8 „Keine Dummheiten, Bruder?“ rief der alte Kaufmann in der größten Angſt.„Hoffe, Du würdeſt nicht ſo ausſehen wenn es ſich blos um eine Tochter handelte.. Nun, nun, verſteht ſich, Gott ſegne auch ſie... aber Töchter brauchen wi-r mehrere Jahre nicht.“ 5 windide 456 „Sohn oder Tochter, Onkel, gleich lieb, da ich doch meine Frau behalten durfte. Ach, liebſter Herzensonkel, laß mich Dich in meine Arme ſchließen. Der beſte Champagner und dann einen Boten ins Pfarrhaus nach Gudmar und dem Alten!“ „Aber der Aſſocié?“ „Er iſt vbihanden— und ein prächtiger Aſſocié, Onkel! Ich ſage Dir, Du wirſt zufrieden ſein, und ſobald er Etwas be⸗ greift, ſoll er erfahren, wem ſein Vater es zu verdanken hat daß er ihm eine Erziehung geben kann.“ „Bruder, Bruder... Zum Teufel, ich muß doch wohl Moß ſein... aber dieſes hier iſt merkwürdig..... Und Majken ſoll hinter der jungen Frau nicht zurückbleiben.. Champagner, Bruder, und einen Boten ins Pfarrhaus! Alle Leute ſollen einen Raſttag haben und noch überdies doppelten Lohn— Das war das Wort... Gott, wie dies mein altes Herz erfreut. obſchon der Nante des alten Moß ausſterben muß!“ fügte er mit einem halben Seußzer hinzu. „Nein, Onkel, das darf nicht geſchehen,“ antwortete Hjelm mit Kraft und Begeiſterung. In dieſem feierlichen Augenblick mache ich den Vorſchlag daß die künftigen Aſſociés ſtets den Namen Moß in der Firma beibehalten ſollen, ſo lange die Firma beſteht: Moß, Hjelm und Guldbrandsſon.“ Jetzt wurde Moß ſo heftig ergriffen, ſo tief und innig ge⸗ rührt daß die alten Augen eine ganze Thräne ſpenden mußten. „Dank, Dank... Und mein Enkel kann Moß getauft wer⸗ den, dann iſt es die reine Wahrheit.“ Das ſoll mein Sohn auch, Onkel: Moß Ake Hjelm, dann kommt Moß Gudmar Guldbrandsſon, und wenn dann der Name noch ansſierhen ſollte, ſo wäre es doch merk⸗ ſehr (6 Blick tin l Ankäü liebte zeit — „Aber höre,“ antwortete Hjelm, indem er mit entzücktem 457 ine Der 31. October war gekommen. dich Wie feſtlich geſchmückt prangt nicht der große Saal auf ien Svartſkär zum Behuf der Doppelfeier! Die Taufe des Erben und das Hochzeitsfeſt Majkens und Gudmars! el! Tags darauf ſollte der Controleur mit ſeiner Frau in die be⸗ neue Heimath reiſen. aß Es war ungefähr ein Uhr. Der Trauungsact ſollte die Feier beginnen. Die Frau Controleurin— nicht Mamſell Majken oß— ſollte Herrn Moß Ake Hjelm über die Taufe halten. ken Aber noch war Alles ſtill und Jedermann auf ſeinem eigenen er, Zimmer, denn drinnen im Schlafgemach fand eine Vorfeier ſtatt. en Die junge Mutter wurde in die Kirchengemeinſchaft aufgenommen, ar b und dieſem Act wohnten blos der Ehemann und Frau Moß bei Aber ſobald Frau Moß und der Paſtor das Zimmer ver⸗ er laſſen hatten, trat für die jungen Gatten die heute ihren Erſt⸗ b geborenen taufen laſſen ſollten eine tiefere Feier ein. m b„Mein Ake,“ ſagte Emilie triumphirend,„ich bin doch eine ic der geliebteſten Frauen geworden„.. O, wie mein Herz Ihn 1 en preist, der mir in ſeiner Güte ſo unausſprechlich viel gegeben na hat! Ich kann Ihm nicht genug danken, denn es iſt etwas ſo Trauriges um die Ehe wenn die höhere Liebe fehlt. Und ſo he⸗ b preiſe ich Gott auch dafür daß wir dieſes theure und geſegnete n. Geſchenk erſt erhielten, nachdem unſere Herzen einander vollkom⸗ r⸗ mmaeen gefunden hatten.“ n, Blick die in neuer blendender Schönheit aufblühende junge Gat⸗ a iin betrachtete.„Aber höre, ich fürchte, Du möchteſt den neuen J. Ankömmling mehr lieben als mich. Hüte Dich wohl davor, Ge⸗ liebte. Späte Liebe iſt weit ſtärker als die ſchon vor der Hoch⸗ zeit vorhandene, und wer viel gibt, der fordert auch viel.“ „O, fürchte nichts... Du mußt es mir anſehen daß ich b ſehr reich bin. Wenn Gott uns auch zehn Kinder ſchenkte, ſo* ——y— 458 würde doch die Liebe zu Dir immer allein daſtehen, denn die Gefühle ſind ſo verſchieden, daß man nie dem Einen Etwas zu nehmen braucht um es dem Andern zu geben. Aber bevor ich hineinſpringe und Ake junior in Galla kleide, wünſchte ich von Dir über meinen eigenen Feſtſchmuck einige Complimente zu er⸗ halten. Ich hätte am liebſten das Kleid gewählt das ich von Dir bekam; aber Onkel Moß verdient von uns wohl die Auf⸗ merkſamkeit daß ich dasjenige anziehe das er mir ſchenkte.“ „Ganz beſonders,“ verſetzte Ake mit einem fröhlichen Lä⸗ cheln,„weil dieſes prächtige blau und weiße Seidenkleid unend⸗ lich eleganter ausſieht als mein einfacher Muſſelin. Aber Du biſt bezaubernd, und Du darfſt dem alten Herrn wohl Deine Aufmerkſamkeit beweiſen ohne daß ich Dich darüber beſchreie.“ „Geliebter Ake,“ antwortete Emilie nhend,„morgen kommt die Reihe mit meinen Aufmerkſamkeiten an Dich: da trage ich Dein Kleid.“ „Und wenn Du jetzt in den Saal hinauseilſt, ſo wirſt Du ſehen wer der erſte Gaſt iſt.“ In Majkens Zimmer ſtanden Braut und Brautjungfer. Welch ein inniges, ernſtes und friedliches Glück war nicht auf Majkens Stirne geſchrieben! In ihrem Ausſehen und Weſen war Nichts was auf eine brauſende Gemüthsbewegung oder auf gedankenloſe Luſtigkeit hindeutete. Es war eine edle ſchöne Ruhe, einer großen Naturſcenerie gleich, wo Alles Harmonie und Stille, gleichwohl aber bis in die geringſte Einzelheit auch Kraft athmet. Sie war auch eine ſtattliche Braut, nicht auf dieſelbe Art bezaubernd wie Emilie, aber ſtattlich in ihrer würdigen Haltung und in ihrem weißen Kleid mit reichen Myrtengewinden; überdies verliehen ihr Brautkranz und Schleier eine erhöhte Friſche und Feinheit. wAlche meine Majken,“ rieß Thorborg, die jetzt ihr Werk vol wo wo kein Un Wo wol hat ruh The viel, darf woh und thün jeder fand vor. Weg Zukr ich i daru unſer neu Dich in D iſt! 459 vollendet hatte,„daß wir doch endlich noch Schwägerinnen ge⸗ worden ſind! Schweſtern waren wir ſchon von der Zeit an, wo wir von der Quelle der mächtigſten Gefühle im Herzen noch keine Begriffe beſaßen. Jetzt hat Gudmars Glück die düſtere Unruhe überwunden.“. Majken ſchloß ſie zärtlich in ihre Arme.. „Sei unbeſorgt wegen Gudmars. Jetzt wird er auf den Wogen der Seligkeit hinweggetragen; indeß wird ſeine Unruhe wohl wieder erwachen und zurückkehren aber dann.. dann hat er mich... Du, meine Thorborg, bekommſt auch eine Un⸗ ruhe einzuſchläfern.“ „Ja, das weiß ich und bereite mich darauf vor,“ antwortete Thorborg mit verſchämtem Erröthen. „Und Dein Herz iſt ſo edel und hingebungsvoll, daß Du viel, ſehr viel für den Mann ſein wirſt der Deiner ſo wohl be⸗ darf. Du allein paſſeſt für Capitän Geiſtern. Aber Du wirſt wohl das Eine und Andere in Deiner Art und Weiſe ablegen und verändern müſſen, ohne daß Du jedoch Deine wahre Eigen⸗ thümlichkeit verlierſt.“ „Glaube mir, ich habe mit ihm eine eigene Art die von jeder andern abweicht. Die Liebe lehrt uns ſo viel. Vielleicht fanden ſich auch einige früher nicht ausgebildete Seiten bei mir vor. Ich verſtehe ihn und ich darf mich nicht auf gewöhnlichen Wegen in meinem Himmel oben erhalten. Du wirſt uns in Zukunft oft genug ſehen, und wenn Du es ſonderbar findeſt daß ich ihm mitunter ſo offen widerſpreche, ſo glaube mir daß ich es darum thue, weil juſt dies die Art und Weiſe iſt die er liebt.“ „Ja, ja, wir Weiber haben ſo manche Geheimniſſe zwiſchen unſern Herzen und uns ſelbſt in Bezug auf die Kunſt immer neu und dennoch alt zu ſein... Aber heute ſollte Dein Capitän Dich ſehen. Wie lieblich— mehr will ich nicht ſagen— Du in Deinem luftigen Tüllkleid ausſiehſt, das ein wahres Elfencoſtüm iſt! Ach ja, mein Kind, Ihr werdet ſehr glücklich ſein in Eurem 460 Familienkreis hier am Strande.“ Und ein Viertelsſeufzer ſchlich ſich über die Lippen der Braut. „Majken, Majken, meinſt Du, ich begreife Dich nicht? dieſes Meer, dieſe alten Klippen, dieſe geliebte Heimath...“ „Still doch... man kann nie Alles haben; und ich habe nicht ſo. Vieles erhalten, um mit Undank daran zu denken daß es ſchön geweſen wäre noch mehr zu haben... Jetzt meine ich Mama zu hören. O, welch eine Mutter! Aber der Himmel ſegne auch Papa! Mit ihm führe ich ein wahrhaft neues Leben!“ Es war Frau Mofß, die kam. „Jetzt, meine theure, geliebte Tochter, meine traute Majken, kommt die Zeit ſchnell heran. Die Alten ſind bereits im Con⸗ tor, und Papa iſt voll Eifer um die letzten Geſchäfte ins Reine zu bringen. Morgen... von morgen an zieht eine lange Sehnſucht in mein Herz ein, aber die Gewißheit Deines Glückes wird ſie auch mildern. Doch es iſt wahr, liebe Thorborg, willſt Du nicht voraus in den Saal gehen und Deinen Blick auf Alles werfen, damit Nichts fehlt?“ Thorborg, welche glaubte, Tante Beate Marie wolle ihrer Majken Etwas im Vertrauen ſagen, eilte ſogleich in den Saal hinab. Aber hier wäre ſie vor Schrecken beinahe umgefallen, als ſie einen Fremden erblickte der ihr entgegenflog und ſie ſprach⸗ los an ſeine Bruſt drückte, und zwar ſo als ob ſie dieſen Platz nie mehr verlaſſen ſollte. „Mein Gott— Capitän Geiſtern— es iſt doch gewiß kein Traum?“ „Iſt es das kleine Elfenmädchen das ſeinen Bräutigam mit einem Titel anredet? Nun, war dieſe Begrüßung nicht recht? Das Heiligenkind fiel nicht in Ohnmacht aus Furcht vor der Umarmung eines Mannes und weinte nicht über den erſten Kuß? Dank, das war artig, das war heldenmüthig. Aber ein recht wa ein Th An wer ich wen köni gute oder anzn nicht da zufü lang Dan unbe mäde habt glaul Aber auf koſten berei in d darfſt mit darfſt lich ſes abe daß eine mel n!“ ken, don⸗ eine nge ckes illſt lles hrer baal als ach⸗ Zlatz kein mit cht? der uß? recht 461 wahrhaftiges und ſchüchternes Heiligenkind hätte dies nicht ohne eine Bemerkung hingehen laſſen.“ „Dann kann die Bemerkung noch nachfolgen,“ antwortete Thorborg flammend, denn dies war ſchrecklich ärgerlich für den Anfang.„Und jetzt heißt es den ganzen Tag Capitän Geiſtern.“ „Heißt es ſo? Nun, wohlan denn... es wird recht luſtig werden zu ſehen, wer im erſten Kampf obſiegen ſoll. So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, reiſe ich im Augenblick meines Wegs wenn ich nicht Otto heiße, gedutzt werde und die kleine Elfen⸗ königin mich zu bleiben bittet— und das gibt ſchon eine ganz gute Gelegenheit um zu zeigen, ob ich ein harter Mann bin oder nicht.“ „Nein, danke. Es iſt allzu früh mit der Unterthänigkeit anzufangen, ehe wir noch verheirathet ſind; und ſiehſt Du das nicht ein... o, was ſagte ich... was ſagte ich... Jetzt, da es bereits geſchehen iſt, gilt es ganz gleich, ob ich noch hin⸗ zufüge: bleib, Otto, und laß uns Frieden halten, wenigſtens ſo lange ein anderes Paar getraut wird.“ „Und Du lächelſt ſo heiter, ſo ſchön und dennoch, Gott ſei Dank, ganz und gar nicht engelgleich. Aber mich brennt dieſe unbefugte Bosheit wirklich im Herzen. O, mein liebes Elffen⸗ mädchen, hätteſt Du jetzt große helle Thränen in den Augen ge⸗ habt, hätteſt Du mich mit grenzenloſer Milde angeſehen, dann, glaube ich, wäre es das Beſte geweſen im Ernſt zu fliehen... Aber dieſer Sieg hier macht mir dennoch begreiflich daß Siege, auf welche Art ſie immer gewonnen werden mögen, allzu viel koſten können. Nicht wahr, Du haſt in Deinem klugen Köpfchen bereits beſchloſſen mich für die unglückliche Art und Weiſe wie ich in den Bräutigamsſtand eingetreten büßen zu laſſen? Aber Du darfſt nicht ebenfalls hart werden.“ „Nicht mehr als zum Hausbedarf,“ antwortete Thorborg mit einem ſchalkhaften Blick der ihr gar nicht gleich ſah.„Du darfſt nicht von einer Frau träumen die nur ein einziges Wort —,— ——— * 46² auf den Lippen führe. Zum mindeſten gibt es zwei Nein gegen ein Ja.“ „Und niemals Thränen? Ich habe eine ſchreckliche Angſt vor Thränen.“ „Thränen,“ antwortete Thorborg mit weicher und lieblicher Stimme,„ſind zu heilig um ſie an das Alltagsleben zu ver⸗ ſchwenden. Ich will eine recht gute Frau werden und gedenke der Thränen gar nicht zu bedürfen, am allerwenigſten über mei⸗ nen Mann, den ich nicht verſcheuchen will.“ „O, wie Dein ganzes Weſen mir gefällt und mich entzückt! Aber glaubſt Du nicht daß ich bittere Reue empfinde? Ich kann Dich niemals auf ſolche Weiſe feſſeln, und dennoch will ich grenzen⸗ los geliebt ſein— habe ich wohl die mindeſte Hoffnung daß es mir glücken werde?“ „Darüber ſollſt Du Nichts erfahren, ehe die Frage über unſern Winteraufenthalt entſchieden iſt.“ „Wenn ich mich recht erinnere, ſchriebſt Du, dieſe Sache ſei bereits entſchieden. Die zwei kleinen obern Zimmer im Pfarr⸗ haus ſind mehr als wir bedürfen. Ich wohne in einem Käfig, wenn ich nur Dich bei mir habe und Du mich liebſt, das ver⸗ ſteht ſich.“ Thorborg trat zu ihm vor und ſchaute ihm zu gleicher Zeit offen und verſchämt in die Augen. „Steht nicht hier Etwas von dem was Du zu wiſſen wün⸗ ſcheſt? Ach, zwing mich jetzt nicht mehr zu ſagen, ſei edelmüthig. Höre, jetzt kommen ſie“... Sie eilte weg. Nun, nun, jetzt kommt bald unſer Trauungsact... aber ich ſehe keine Gäſte.“ „Warte, Du wirſt ſie bald ſehen. Sie werden ſchon kommen.“ Und jetzt öffneten ſich die Thüren von beiden Seiten. Aus der einen kamen zuerſt Hjelm und Emilie, die den q· gen ggſt cher ver⸗ enke nei⸗ ckt! ann zen⸗ es über e ſei jarr⸗ äfig, ver⸗ Zeit vwün⸗ thig. aber ſchon den 463 Capitän bereits getroffen hatten, und bald darauf der Paſtor mit ſeinem Sohn. Ein hehrer Friede thronte auf den Geſichtern Beider. Der alte Prieſter vom Bottnafjord hatte einem Geiſt⸗ lichen von ganz anderem Weſen Platz gemacht. Würdig, ernſt, mild und wahrhaft prieſterlich ſtellte er ſich an ſeinen Platz. Jetzt kam aus der andern Thüre die Braut am Arme des Vaters und dicht daneben die Mutter, und nach ihnen traten die Alten von der Uhuklippe in großem Feſtſtaat, einem Ehrengeſchenk von Moß, ein. Erſt nachdem das Brautpaar ſeine Plätze eingenommen hatte, öffneten ſich die Thüren für die übrigen Hochzeitsgäſte. Und welche unüberſehbare Schaar war das! Sämmtliche Bootſchiffer, Arbeiter und Fiſcher des alten Moß nebſt Weibern und Kindern, ſo lange der Saal reichte. An der Spitze dieſes bunten und glücklichen Zuges erſchienen einige andere Perſonen. Zuvörderſt bemerkte man Jungfer Vivika mit ächten Gold⸗ ringen in den Ohren, einem ſchwarzen Camelotkleid und einer weißen Bindhaube von ſchimmernder Seidenſarſche, mit einem geſtickten Vergißmeinnichtkranz verſehen. Letztgenannte Koſtbarkeit hatte Pelle ſelbſt in Göteborg beſtellt und ſie wohlweislich dem Geſangbuch vorangehen laſſen, das jedoch aus der Rocktaſche her⸗ vorſah, während Pelle ſich jetzt in der Nähe ſeiner künftigen Panaceegehilfin hielt, in der Hoffnung daß er im Lauf des Tags Gelegenheit erhalten würde ſeine Werbung zu einem guten Ende zu führen. 4 Aber vierthalb Schritte vor Pelle ſteht eine Perſon die heute kaum den Boden unter ihren Füßen ſpürt. Das iſt Sven Dillkopf, der ehemalige Hattejunge, mit einem großen Geranienſtrauß im Knopfloch des ſchwarzen Frackes den er heute zum erſten Mal in ſeinem Leben trägt. Und ſo ſteif ſteht er jetzt da in weißer Weſte mit der querhängenden Uhr⸗ kette, dem weißen geſtärkten Halstuch und der zwiſchen den Falten 464 des Hemdkragens hervorſtehenden Buſennadel mit den Haaren der ſchönen Bina, daß es rein unmöglich iſt ſich einen vor⸗ nehmeren Mann zu denken als den Wachtmeiſter Dillkopf. Er war kühn vor Janne und Guſtav einhergeſchritten, die ſich zufällig etwas verſpätet hatten, und er würde ſich nicht ent⸗ blödet haben ſogar dem neuen Buchhalter den Rang abzulaufen, wenn dieſer ſich nicht auf einer dringenden Geſchäftsreiſe be⸗ funden hätte. Ein wenig im Hintergrund, aber doch mit der deutlichen Abſicht ebenfalls ſichtbar zu ſein, entdeckte man den Fremden⸗ fiſcher, ganz zierlich, mit einer Miene die ohne Umſchweif zu er⸗ kennen gab daß ſeines Erachtens ſeine Ehre einen ſolchen Sprung gemacht habe, daß er juſt nicht hinter Vielen zurückzuſtehen brauche. Auch Pernilla brüſtete ſich nicht wenig in ihrem Ehrenkleid, einem Geſchenk von Emilie. Und der kleine Jacob hatte nicht blos eine neue Mütze, ſondern auch eine neue Man⸗ cheſterjacke mit großen blanken Knöpfen, worin er unter unauf⸗ hörlichem Lächeln ſein roſenwangiges Geſichtchen ſpiegelte, während er brüderlich an den kleinen Tolle dachte, der aus vollem Hals geſchrieen hatte als Jacob mit den Knöpfen wegging, worin der kleine Tolle ſich ebenfalls ſpiegeln wollte. Kein einziger von den Scheerenmatadoren war zum Feſte geladen worden. Moß ſelbſt war ein ſo großer Matador, daß er es fürs Allervornehmſte hielt bei dieſem Feſt nur von ſeiner eigenen Familie und ſeinen eigenen Leuten umgeben zu ſein. Jetzt begann der Act. Als der alte Paſtor das heilige Formular beginnen ſollte, überkam ihn eine ſolche Rührung, daß der Küſter, der ſich an allen Andern vorbeiarbeitete, zu fürchten anfing, er möchte auch heut einen Extradienſt zu verrichten bekommen. Aber ſeine Beſorgniß war unnöthig. Auf einmal erklang ſeine Stimme voll und tief, und es war As ob mit jedem Wort tauſend Segnungen hervor⸗ ſtrömten. 8 8 ——— —— 32O 8—— 1——„ die 465⁵ Majken ſchien während der ganzen Trauung ihre Klarheit und Ruhe unverändert zu behaupten. Gudmar aber erblaßte zu wiederholten Malen, und zuletzt ſo ſtark daß es Aufmerkſamkeit erregte. Aber da, als ſein Auge ängſtlich das ihrige ſuchte, fiel Majkens Blick ſo aufmunternd, ſo ſprechend und verheißungsreich auf den geliebten Mann, daß, als der Vater den Segen ausſprach, die während des Actes aufgetauchte Erinnerung⸗ an die Vergan⸗ genheit tief hinabgeſunken war, und einẽ Stimme hatte in Gud⸗ mars Ohr geflüſtert: Alles iſt gut— genieße Dein Glück in Ruhe. 3 Und jetzt waren die Beiden, Majken und ihr Commandant, 5 wie es wieder hieß, ein Herz, ein Leben, eine Seele. Die Beglückwünſchungsceremonie wollte kein Ende nehmen, denn nach den ſtillen und innigen Glückwünſchen der Eltern und Freunde begannen die Gratulationen der übrigen Anweſenden, die nacheinander ⸗einherkamen. Die Freunde von der Uhuklippe meinten, ihre alten Füße wollen ſie nicht mehr tragen, als Majken ihnen das Ehrengeſchenk machte ſie zu umarmen und ihnen für alle ihre Freundſchaft zu danken. 7— Sven Dillkopf ſeinerſeits meinte, es ſei eine ſchwere Laſt mit anzuſehen, wie Perſonen von geringerem Werth als er ſelbſt auf⸗ ſolche Art... aber er hielt inne und beantwortete ſeine neidiſchen Gefühle mit dem wohlthätigen Einwurf:„In fünfzig Jahren kannſt Du auch einer ſolchen Chre theilhaftig werden, wenn hier wieder eine Hochzeit iſt. Und damit tröſtete er ſich auch, als die zweite Ce⸗ remonie begann, bei welcher die Alten förmlich in der Reihe der Gevatter ſtanden und noch obendrein ins Kirchenbuch eingeſchrieben werden ſollten. „Nun, nun,“ fuhr Sven fort, während ſein Herz ſo ſtark ſchlug, als ob es mit der neuen Uhr wetteifern wollte,„nun, nun, Sven Dillkopf kann vor ſeinem Tod auch noch Controleur Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. II. 30 2. 466 werden, und daun ſollen die Alten, wenn ſie noch leben, wieder⸗ um Gevatter ſtehen— denn es iſt eine große Chre für ſie, wenn mehrere Herrenleute, ſie zu demſelben Dienſt gebrauchen.“ Aber was ſich nicht verſchmerzen ließ, das war Svens Ver⸗ druß darüber daß ſeine Gratulation, die er ſo wohl einſtudirt und auf den Lippen hatte, ⸗gleichſam von Moß ſelbſt verſchlungen werden follte, der es ſo eilig hatte den Jungen getauft zu ſehen, daß er Soen in der⸗ eigentlichen Knospe ſeiner Beredt⸗ ſamkeitsblume unterbrach. Und mußte er es nicht außerdem über ſich ergehen laſſen daß Tante Vivika und Pelle, denen er ſeine „zierliche Rede vorgeleſen hatte, höhniſch ihre Mäuler gegen ihn verzogen.? Als der zweite Act vorüber wär und Herr Moß Ake Hjelm Erlaubniß erhalten hatte in ſeinem eigenen Stübchen der Ruhe zu pflegen— die Geſchäfte hatten für ihn noch keine Eile— theilten ſich die Hochzeitsgäſte in zwei Schaaren. Die kleinere blieb zurück.. Die größere zog, von Moß ſelbſt angeführt, in eine große ausgeräumte Seebude die zum Feſt und zabendlichen Tanz prächtig mit Lampen, Flaggen und Transparenten geſchmückt war, während auf den Tiſchen Tabak, Thonpfeifen, Krüge und große Kannen prangten, aus denen allerlei Getränke ſtrömen ſollten, nachdem der Tiſch ſeinen Tribut an all die hungrigen Gäſte bezahlt hätte die ihſ bereits mit den Augen verſchlangen. „Meine Freunde, meine Kinder,“ ſagte Moß mit ſeierlichem Styl,„ich habe am Ehrentage meiner Tochter und am Tauftage meines Pathen keine anderen Gäſte haben wollen als Euch. Aber dieſer heutige Tag hat, ſupponire ich, noch eine weitere Bedeu⸗ tung. Euer alter Patron zieht wieder mitten unter Euch. Heute werde ich meinen Namen zum erſten Mal in der neuen Firma unterzeichnen, und wird die Namensunterſchrift der Firma auf eine Urkunde geſetzt werden, kraft welcher das Haus Moß und Hjelm ſich verpflichtet für Eure Kinder das erſte Schulhaus in — —9e——12— 1˙— ———:— 467 dieſem Theil der Scheeren zu erbauen und es zu unterhalten, ſo lange die Firma ſteht.“ Das Hurrahgeſchrei das dieſe Mittheilung beantwortete zit⸗ terte bis in die Herzwurzel des Redners. Seine Frau und ſeine Tochter wußten Nichts davon, aber er wußte daß ſie Thränen der Dankbarkeit und Freude vergießen würden. Er war vergnügt, er war groß und wollte nie mehr der kleinliche geizige Moß wer⸗ den, den die Leute, obſchon ſie ihn liebten, mit der größten Freude um einen Stüber beluchsten. „Spart das bis heute Abend, Kinder. Dann komme ich mit der ganzen Schaar hieher, um zu tanzen und Geſundheiten zu trinken. Inzwiſchen lebt wohl.“ Vivika ſaß jetzt am Ehrentag ihres lieben Gudmar zu oberſt am Tiſch, und während des langen Mittagsſchmauſes mußte ſich Sven, der ihr Nachbar war, die ſchrecklichſten Sticheleien gefallen laſſen. „Was ſehe ich? Läßt ſich der Herr Wachtmeiſter zu den ge⸗ ringen Leuten herunter? Dachte, Du würdeſt bei den Herrſchaften und bei den Alten ſpeiſen. Herr Jeſus, Jacobchen, Du ſiehſt Dir an Deiner blinkenden Kette noch die Augen aus... Herr Dillkopf, bemühen Sie ſich nicht um meinetwillen den Stuhl zu rücken. Aber wer eine weiße Bauſchweſte anhat, der braucht freilich viel Platz für ſich ſelbſt.“— „Euer Geſchwätze, Tante, iſt alter Plunder auf welchen Sven Dillkopf mit dem Fuße tritt. Der ganze Strand ſoll mir mit ſeinen alten giftigen Neſſeln nicht weiter im Wege ſein. Nun, nun, Tante, ich kanns darum doch nicht übers Herz bringen in Unfrieden von Euch zu ſcheiden. Wollt Ihr, ſo trinken wir einen Verſöhnungstoaſt. Und finde ich Etwas— und das ge⸗ ſchieht bald— das Euch als Hochzeitsgeſchenk anſteht, ſo ſollt Ihrs mit Sven Dillkopfs eigenem Namen geſchickt bekommen. Ich will Euch in gutem Andenken behalten.“ „Können wir denn nicht trinken? kann es nicht gut ſein? 3 468 Du hätteſt Dich nicht zu übereilen gebraucht.„. aber das iſt ganz gleich: an Gudmars und Majkens Ehrentag— ſie gab mir die Ohrenringe und er gab mir den Fingerring— ſoll man keine andern als Ehrengedanken haben. Ein Spiegelkäſtchen ge⸗ f fällt mir am beſten, und liegt darin eine Pomadebüchſe und gläſerne Haarnadeln, ſo will ich dies an meinem Ehrentag haben. Sagſt Du Etwas, Pelle?“ „Ja, Pelle,“ verſetzte Sven,„Ihr wißt daß wir alte Freunde ſind. Wenn Einer zu ſeinem Amt reist, ſo ſoll er keinen Stachel V n hinterlaſſen. Ihr habt wohl keinen ſolchen, Pelle.“§ „Nein,“ antwortete Pelle,„es ſtachelt ſich nicht. Deine e g kleinen Stiche ſind mir nie anders vorgekommen, als wenn ich laichſüchtige kleine Fiſche ſpielen ſehe um einen alten...“ n ...„Dorſch,“ meinte Sven lachend. le „So laß es gut ſein,“ antwortete Pelle, indem er ſein Glas bis an den Rand füllte. „Und ſo wurde die doppelte Verſöhnung getrunken. Drei oder vier Stunden ſpäter ſchaukelte das Boot der Alten über das ungewöhnlich ſtille Waſſer hin, und ein Mal ums andere ruhten ſie auf ihren Rudern um nach Svartſkär zurück⸗ zuſchauen, das in ſeinem ganzen Umfang illuminirt war und blinkend ſich in der See ſpiegelte, während Schuß um Schuß den Nachbarn verkündete daß die Geſundheiten jetzt im beſten Gang waren. Aber dieſer Herrlichkeit fuhren die Alten davon. Sie d. wollten daheim im eigenen Häuschen ſchlafen. ——n—y——ẽᷓᷓÿ——⏑—- —&ᷣ ................... le Und jetzt ſind die Brudercameraden in ihre ruhige fried⸗ u volle Hütte eingetreten. w Sie hatten noch ihre Chrenkleider an, als ſie die Bibel her⸗ d vorholten. Zwei Lichter wurden angezündet und in der Flaggen⸗ kammer auf den Tiſch geſtellt. Darauf ſetzten ſich die beiden —— ᷣ — — 15 —QQQQ—— r 1 —— 469 Männer an ihre gewöhnlichen Plätze, und nun begann die Leſung der heiligen Schrift: zuerſt von der Hochzeit zu Cana, und dann wie Jeſus die Kinder aufnahm und ſegnete; hierauf kamen in frommer Andacht mehrere Gebete über ihre Lippen, Gebete für die Neuvermählten die nunmehr abreiſen und ihren neuen Schick⸗ ſalen entgegengehen ſollten. Als Alles vorüber war, ſagte Gädda andächtig: „Einer muß auch noch ein Gebet für das Falltau ſprechen— wenigſtens ich. Ich ſage: Herr Jeſu, bewahre mich vor aller Hoffart! Aber verführeriſch iſt es, wenn man ſolche Ehrenbezeu⸗ gungen empfangen hat wie wir heute.“ „Das iſt wohl wahr,“ antwortete der Lootſenvater.„Aber man kann ſich denken daß der Herr einen ſolche Dinge erleben läßt, damit ſie auch Früchte tragen.“ „Was haſt Du für einen Gedanken?“ „Als ich ſo im Hochzeitsſaale ſtand— es war gerade, als wir gelobten daß wir das Wohl des Kindes im Auge behalten wollen— ſtieg mir eine Betrachtung in den Sinn: könnten wir Beide nicht ſelbſt ein Pflegekind annehmen? Des Fremdenfiſchers kleiner Jacob ſieht einen mit ſo mild bittenden Augen an. Und das wäre dann ein Werk das dem Herrn zum Wohlgefallen und uns Alten zur Zerſtreuung dienen könnte. Wir würden ihn zum Helfer und Freund für unſern Pathen erziehen, wenn wir ſelbſt Nichts mehr ausrichten können. Was meinſt Du, Gädda?“ „Nur das, Lootſenvater, daß ich Dirs gönne auf dieſen Ge⸗ danken gekommen zu ſein... So können wir denn unſere Tage in wahrhafter Freude beſchließen... Du kannſt den Jungen leſen und Gott fürchten lehren, ich kann ihn Boote machen lehren, und wenn der Pathe hier iſt, ſo darf er ſie ſegeln laſſen. Schön wird es auch, wenn die Maiblume und Gudmar jetzt fort ſind, daß wir Jemand haben der ſich daheim ſo recht an unſer Herz hängt; und werden wir krank, ſo haben wir einen kleinen Wärter.“ 470 „Wir wollen vor allen Dingen an den Jungen denken... wir wollen ihm viel Gutes thun.“ „Amen!“ antwortete Gädda. Der Mond glänzte jetzt in ſeiner vollſten Pracht, und als die Alten ihre Lichter löſchten, übergoß er ſie mit ſeinem hellen Schein. Sie blieben noch einige Augenblicke, der Eine unter dem Americaner, der Andere unter dem Sardinier ſitzen und neigten ihre ehrwürdigen ſilbergelockten Häupter gegen einander. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die letzten Nachrichten von den Freunden am Bottnafjord. Ungefähr ein Jahr ſpäter. Der Controleur Gudmar Guldbrandsſon an den Kaufmann Moß. „Was ich Dir jetzt zu verkünden habe, lieber Schwiegervater, wird Dir hoffentlich ungefähr ſo viel Freude machen, als wenn ich Dir mit Sicherheit melden könnte daß der junge Herr Moß Ake nicht ohne einen Aſſocié bleiben ſolle. Aber damit mußt Du Dich noch einige Wochen gedulden, und inzwiſchen ſind wir auf Svartſkär. „Vernimm jetzt meine Neuügkeit. „Aber zuvörderſt laß mich Dir ſagen daß es auf Erden— nun, ich wußte es ja zum Voraus— nur eine einzige Majken gibt, und wenn Hjelm noch ſo oft ſagt: nur eine einzige Emilie, und Geiſtern behauptet: nur eine einzige Thorborg, ſo will das dennoch Nichts heißen: Majken iſt und bleibt immer Majken. — ————,—— —— 8˙ ☛ 471 „Ach, wie wohl wußte ich doch, ſchon ehe ſie meine Frau wurde, wie übermenſchlich intereſſant und außerordentlich vielſei⸗ tig ſie war! „Onkel, Schwiegervater, iſt es zu viel, wenn ich das Bedürf⸗ niß empfinde für ein ſolches Weib ein großes Opfer zu bringen? „Aber das Unglück will daß ich ihr nicht einmal ein Opfer bringen kann, denn jetzt bin ich ſelbſt des Zollweſens ſo gründ⸗ lich müde, bin ſo feſt überzeugt daß mir eine Laſt vom Hals fallen wird, wenn ich es aufgebe, daß ich nur bedaure meiner Majken kein noch lieberes Geſchenk darbringen zu können als mein Abſchiedsgeſuch— und dieſes, lieber Schwiegervater, iſt bereits eingereicht. „Ja, mein theurer Ehrenſchwiegervater, ich werde Kaufmann. Jetzt geſchieht es aus freiem Willen und hätte ſonſt nie geſchehen können. Der Mann muß ſelbſt prüfen. „Das habe ich gethan. Und ſeit dem Unglück mit Olagus war mir der Dienſt mehr als zuwider. Ich wollte jedoch das Aeußerſte verſuchen. Die Stellung eines Controleurs iſt weder glücklich noch beneidenswerth, denn er iſt auf allen Seiten von Betrug, Habſucht und dem niemals auszurottenden Beſtechungs⸗ ſyſtem umgeben. Ich bin der Sache überdrüſſig und ziehe mich zurück aus der reinen Ueberzeugung daß man abtreten muß, ſo⸗ bald man ſeinen Dienſt nur noch mit Widerwillen verſehen kann. „Nie hat Majken mit einem einzigen Wort darauf hingewirkt, aber heimlich und— wie ſie glaubte— ungeſehen ſtand ſie oft vor der wohlgelungenen Anſicht von Svartſkär, welche Hjelm ge⸗ zeichnet und ihr bei unſerer Abreiſe verehrt hat. Und ich hörte ſie leiſe ſeufzen, wenn ſie die graurothen Felſen zwiſchen den brauſenden Waſſern des Skagerak betrachtete. Sie ſoll ſich nicht länger darnach ſehnen— nein, Schwiegervater, nein, bei meiner lebendigen Seele, das ſoll ſie nicht. „Ich ſehe wie Du mit dem Brief in der Hand aufſpringſt, Onkel— aber ſchweig gegen Alle, nur nicht gegen die Schwies 472 germutter, das verſteht ſich, und gegen meinen Vater. Meine Majken ſelbſt ſoll Nichts erfahren, bis ſie ſich wieder daheim im Kreiſe ſo vieler theilnehmenden und warmen Herzen befindet. „Du wirſt wohl viele Mühe haben, Schwiegervater, um mich für meinen neuen Beruf recht zu inſtruiren. Aber die Wahrheit zu ſagen, ich glaube nicht daß mir etwas Anderes fehlte als die Luſt und der gute Wille. Jetzt da ich über Beides verfügen kann, ſtelle ich mir Alles leicht vor, und ich werde niemals Der⸗ jenige ſein der den Rath ſeiner Frau verachtet, obſchon ſie jetzt damit ſparſamer iſt als früher. „Ich will nicht läugnen daß mein Entſchluß erſt dann zur vollkommenen Reife gedieh, als ich erfuhr daß Capitän Tuve Esbjörnsſon neuerdings die Wittwe des Olagus geheirathet habe. Alſo wohnt auch auf Mörkö jetzt Friede und Glück. „Was wird wohl nicht auf Spartſkär wohnen? „Mein theuerſter Onkel, ich freue mich wie ein wilder Junge, wenn ich bedenke wie wir es in Spartſkär haben werden. Und ich beſchleunige die Reiſe, beſonders um meiner Majken willen, ſo ſehr ich kann. „Der Einzige der den Bottnafjord im Ernſt verläßt, iſt der Wachtmeiſter Dillkopf, der gewiß ſeinen dermaligen Platz nie aufgeben wird, da er ihm den ſeiner Neigung ſo vollkommen entſprechenden Vortheil bietet bei allen großen Gelegenheiten, als da ſind Bälle, Soupers, Hochzeiten und Begräbniſſe, Dienſte zu leiſten; denn der Herr Wachtmeiſter hat dabei zu ſerviren und mitunter auch auf beſonderes Verlangen mit der Violine aufzu⸗ warten. „Bei dieſen feierlichen Gelegenheiten geht er auch in den Häuſern umher und ladet die Geſellſchaft ein. Und bereits iſt er für alle junge Damen eine ſo wichtige Perſon, daß ſie zu lächeln anfangen, wenn ſie ihn nur von weitem erblicken. „Schönbinchens Buſennadel mit ihren Haaren liegt leider zwiſchen den Blättern im Vergeßbuch. Er iſt bis auf Weiteres —— 9— 473 heimlich mit einer Höckerstochter verlobt und gedenkt vielleicht zuletzt noch ein ſelbſtſtändiger Kaufmann zu werden, wenn Nota- bene der Höcker ihn als Schwiegerſohn aufnimmt, was nicht ſehr wahrſcheinlich iſt. Aber wer weiß? Ich für meinen Theil darf nicht daran zweifeln daß ſelbſt die unmöglichſte Partie zu Stande kommen kann, und vielleicht erleben wir den Tag wo das Haus Moß, Hjelm und Guldbrandsſon mit dem Hauſe Dill⸗ kopf Geſchäfte macht. „Und nun, verehrter Schwiegervater, empfang Millionen Grüße von Deinem ergebenſten Sohn Gudmar Guldbrandsſon.“ Nachſchrift von Majken. Geliebte theuerſte Eltern!“ „Ich begreife nicht was für Geheimniſſe Gudmar mitzuthei⸗ len gehabt hat, aber er beliebt ein Papier auf ſeinen Brief zu legen. „Von mir bekommt Ihr heute keinen ordentlichen Brief, weil ich bald ſelbſt eintreffe... Welch ein herrliches Leben auf die⸗ ſem kleinen Fleck Erde werden nicht dieſe Monate uns gewäh⸗ ren! Wir bleiben übers Neujahr, wenigſtens ich. „Ach, lieber alter Vater, in meinem ſo geſunden und freude⸗ reichen Leben an der Seite meines treuen Commandanten ſegne ich täglich meine große Krankheit und Deine großen Verſpre⸗ chungen. „Das Stadtleben ſagt mir indeß nicht ganz zu. Frau Majken im Prachtanzug, in der Haube mit hängenden Blumen und dem ſchleppenden Shapl, iſt etwas unvergleichlich weniger Angenehmes und Gemüthliches als Mamſell Majken in ihrem hochhalſigen Rock, unter ihren Klippen, Booten und der ganzen Strandbevölkerung. Aber jetzt kannſt Du Dich wenigſtens darüber ——————ÿ— —.—— 474 freuen daß all dieſer Putz geſehen und außerordentlich bewun⸗ dert worden iſt; Frau Guldbrandsſon war in Gold und Ketten geſchmiedet, aber mit Entzücken packt ſie jetzt Alles zuſammen ein, um es lange liegen zu laſſen. „Lebt wohl, lebt wohl!.... Gott ſei Dank daß Ihr alle zuſammen, Vater, Mutter, ſammt den Alten auf der Uhuklippe „Was wird der Schwiegervater auf dem Pfarrhaus jetzt von ſeiner alten Schildjungfrau ſagen— und was ſagt er von Jungfrau Lilienthau? Eure ſehnſuchtsvolle und glückliche Majken.“ —Q—C¶QꝑQ·¶¶[[ Antwort von Moß. „Junge! Mögen die alten Götter Deines Vaters ſammt dem Bullarochſen und dem Hammel obendrein Dich ſegnen für Deinen kräftigen, mannhaften und würdigen Beſchluß! „Der Teufel möge da ſchweigen! Die Freude reicht bis in den Himmel hinauf, und ſo viel Liebe und Sonnenſchein ſtrömt rund um mich her, daß ich glaube, ich verliebe mich noch in meinen alten Tagen in meine Alte. Aber ich ſupponire, Schwie⸗ gerſohn, daß die beſte Liebe in der Achtung liegt, und in dieſer Beziehung habe ich Euch immer ein Beiſpiel geben wollen, wie ein Mann ſeine Frau behandeln muß. Ich habe Beate Marie immer ſo geehrt wie ſie es verdiente, und dies nimmt mit den Jahren zu, wenn es ein Weib iſt das geehrt zu werden ver⸗ dient. Daſſelbe ſage ich zu den beiden andern jungen Ehe⸗ männern. „Das Heiligenkind läßt ſich über alle Beſchreibung gut an. Ihr Capitän gibt ſich natürlich noch immer für einen harten Mann aus, aber ſie kann ihn um ihren Finger wickeln, wie H— H— 475 einen ſeidenen Faden. Er hat ſich in die Landwirthſchaft ganz verliebt, iſt aber verdammt nachſichtig trotz aller ſtrengen Regeln die er aufſtellt, und worüber er ſich hernach ängſtigt, bis ſeine 1 Frau, die ihn ſo wohl verſteht, durch Bitten oder Disputiren ihre Abſchaffung erlangt hat. Dann iſt er der allerglücklichſte unglück⸗ liche Mann der noch je der Zaubermacht eines Elfenweibes ſeine Grundſätze opfern mußte. „Frau Emilie iſt etwas neidiſch darüber daß der kleine Moß Ake zuweilen Tante Thorborg vorzieht, aber ich und Hjelm erklä⸗ ren mit Recht, ſupponire ich, daß dies einen feinen Inſtinct be⸗ weiſe: man kann ſich nicht früh genug bei ſeiner Schwieger⸗ mutter einſchmeicheln. „Hjelm und ich paſſen vortrefflich zuſammen als Aſſociés. Wir haben jetzt einen Contoriſten, zwei Buchhalter und drei La⸗ dendiener. Unſer Haus macht bedeutende Geſchäfte, und ich laſſe eben jetzt noch ein Schiff bauen. „Im Vertrauen will ich Dir ſagen daß ich jetzt engliſcher und däniſcher Conſul ſein könnte, wenn ich nach Lyſekil hätte ziehen wollen, aber ſupponire, Moß iſt Moß und er braucht nicht Conſul Moß zu heißen. „Grüße meine Maiblume von Eurem alten hochvergnügten und Euch wohlgewogenen . Vater Moß.“ N. S.„Das Schulhaus der Firma iſt demnächſt fertig. Ich denke, es ſoll binnen Kurzem eingeweiht werden, wenn wir den zweiten Aſſocié aus der neuen Generation taufen. Die Mai⸗ blume wird ermahnt ſich auf der Reiſe vor allen Fährlichkeiten zu hüten.“ Frau Moß an ihre Tochter. „Du kommſt heim, meine Majken— ach, jetzt erſt 3 dieſe alte Heimath wieder recht warm und gut für Deine Mutter ————ͤöö ———= 476 „Ich habe mir große Vorwürfe gemacht daß ich ſie nicht auch ohne Dich ſo gefunden, nachdem Gott mir all dieſe unver⸗ geßlichen Wohlthaten erwieſen hat. Was bin ich, daß ich all meine Hoffnungen erfüllt ſehen ſollte, und noch weit mehr! „Früher ſagte ich oft zu Dir— obſchon Du mirs nicht glaubteſt— Dein Vater werde dereinſt etwas Anderes als den beſtändigen Ableiter all ſeiner Launen in mir erblicken. „Nun wohl, ſeit Deiner Krankheit bringt mir jetzt jeder Tag die ſicherſten Beweiſe daß ich ihm, ich möchte faſt ſagen, unent⸗ behrlich geworden bin. Er hat ſich jetzt gewöhnt mich in allen Dingen um meine Anſicht zu fragen. Keines von uns ſpricht je davon daß es früher anders geweſen. Ich glaube auch nicht daß er je daran denkt. „Muß ich denn nicht bei alle dem immer und immer wieder zu mir ſelbſt ſagen, daß dieſes Nachſommerglück Alles übertrifft was ich je verdient oder gehofft hatte? Es wäre für mich hart geweſen, wenn ich die früheren Prüfungen unter den Augen der jungen Frauen hätte durchmachen müſſen. Aber jetzt kommt der⸗ gleichen nie mehr vor... Und alles das iſt aus einer großen Betrübniß hervorgegangen. Sollten wir alſo nicht in Demuth erkennen daß„die Widervärtigkeit nützlich iſt für das Men⸗ ſchenherz?“ „Aber wie Manchen iſt gar nichts Anderes als Zank, Kämpfe und Betrübniß zu Theil geworden! wie Manche kämpfen un— aufhörlich, ohne eine andere Linderung als ihre Thränen, ohne die flüchtigſte Sommerfreude! Alle dieſe betrübten Seelen liegen mir bisweilen ſchwer auf dem Herzen. Aber dann denke ich daß auch für ſie, inſofern ſie mit Glauben und Geduld kämpfen, ein Tag des Friedens und der Belohnung kommen wird, wenn auch erſt mit dem Abendſtrahl, wo die Nacht und die Dämme⸗ rung ſich begegnen. „Daß Du, meine geliebte Majfken, ein angebetetes und —— — 477 glückliches Weib werden ſollteſt, das wußte ich ehe Du es wur⸗ deſt; aber ich kann es nie zu oft hören. „Und Hjelm und Emilie, Geiſtern und Thorborg, wie ſchön ſind nicht die Gaben für Alle abgemeſſen! „Bei den Erſtgenannten herrſcht fortwährend Sonnenſchein und Lebensfriſche. Auf Gläborg kann zuweilen ein Hauch der Vergangenheit den Capitän umſchweben, aber dieſen Hauch bläst ſein Elfenweibchen weg, und der Paſtor erklärt, er habe jetzt ſeinen Schwiegerſohn unter die wirklichen Menſchen aufgenom⸗ men und lerne ihn von Tag zu Tag höher achten. „Der geehrte Schwiegervater inzwiſchen, der jetzt in glücklicher Vergeſſenheit ſeiner Gicht und aller früheren Bekümmerniſſe täg⸗ lich ſeinen ſpaniſchen Wein trinkt und unaufhörlich damit prahlt, daß Vivika dem Storke Pelle blos aus Liebe zu ihrem alten Herrn einen Korb gegeben habe— er hat keine Ahnung davon daß er dieſen eingebildeten Tribut für ſeine geſchmeichelte Eigen⸗ liebe blos dem ſorgſamen Tochtermann zu verdanken hat, und Vivika iſt zu ſchlau um zu erzählen daß der Capitän ihr eine jährliche Penſion ausgeſetzt hat, ſo lange ſie ledig bleibt. Der Hammel weidet eben jetzt nach Herzensluſt das letzte Gras auf der Sommerluſt ab, und Pelle kommt jeden Sonntag wieder mit ſeinem Verlobungsbuch, bekommt aber nie etwas Anderes als eine Panacee. „Ich ſchreibe dies in Deinen Mädchenzimmern, meine Majken, wohin ich oft gehe um recht an Dich zu denken und Dich im Geiſte zu ſehen, wie Du mit dem Tubus daſtandeſt und der Kronflagge und Deinem Commandanten nachſchauteſt. „Da oben, wo wir eine ſo großartige Ausſicht haben, ſitze ich auch oft und ſehe, wie das einſame Licht gleich einem Feuer⸗ thurm auf der öden Klippe angezündet wird, wo zwei auserkorene Seelen ſo heiter ihr Leben verbringen, immer noch thätig und mit ihren geringen Mitteln mehr Gutes ſtiftend als man begreifen kann. „Der Pflegſohn wächst herrlich heran unter ihrer Leitung, 478 „Ich kenne ihre Gewohnheiten ſo gut, daß ichs merke, wenn ſie das Kaminfeuer verlaſſen und ſich an den Tiſch ſetzen. Dann wenn ihre Lampe ſchimmert, wird die heilige Schrift hervorgeholt und ſie leuchtet eben jetzt... Ich will ſchließen, ſo lang ihre Strahlen hieherfallen. „Gott beſchütze Dich, liebe Majken, in jeder Secunde Deines Lebens! Dies iſt das unaufhörliche Gebet Deiner zärtlichen Mutter Beate Marie Moß.“ Und während der Strahl von der Uhuklippe durch den Herbſtabend blinkt, nehmen wir Abſchied von den Freunden am Bottnafjord. Wollten wir zuvor noch durch die Fenſterſcheibe an der Hütte der Alten hineinſchauen, ſo würden wir ſehen wie die Brudercameraden mit ihren Spitzhüten in den gefalteten Händen das Bett des ſchlafenden kleinen Jacob umſtehen. Sie haben den Jungen für den Abend geſegnet— und in ihren Gedanken haben ſie auch den kleinen Jungen geſegnet der am andern Strand unter dem Dach des Handelshauſes ſchlummert. In unſer em Verlage ſind erſchienen und durch alle Vnchhaud⸗ lungen zu beziehen: Friederike Bremer, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein., jeder Roman wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Töchter des Präſädenten. 2 Bändchen. Nina..... 5.„ Die RNachbarn.....5„ Streit und Friede. 2„ Das Haus, oder Familienſorgen und Familienfreuden... 5 7 Die Familie H...... 2„ Ein Tagebuch...... 4„ In Dalekarlien...... 4„ Die Johannisreiſe.... 3„ Geſchwiſterleben.....488„ Die Heimath in der neuen Welt 24„ Hertha oder Geſchichte einer Seele.......10 Vater und Tochter.... 8„ Der Name der Verfaſſerin iſt zu bekannt, als daß wir zur Empfehlung derſelben noch etwas beifügen könnten. Die Lektüre dieſer Erzählungen eignet fich beſonders für junge Damen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. ⸗ erem Verlage ſind ſo eben erſchienen folgende intereſſante ind durch alle Buchhandlungen zu beziehen: 4 Thlr. ſgr. fl. kr. About, Germaine. 1 Band....— 16— 48 . Dumas, Alex., Die Wölfinnen von Macheroul 5 Bände.......... 2— 3— —,—, Karl der Kühne. 2 Bände.— 20 1— —,—,, Meiſter Adam, der Calabreſe. 1 Band......— 6— 18 Bernhard, Kinder der Zeit. 1 Band— 16— 48 Smith, Licht⸗ und Sheteſeitn des Lebens. 5 Bände...... t 9 2— 3— —, Das Erbe oder die Lehren des Lebens. 4 Bände.......... 2. 4 3. 12 Lee, Holme, Thorney⸗Hall. 1 Band.— 8— 24 Maquet, Herzensſchulden. 1 Band.— 14— 42 Conſeience, der Geldteufel. 1 Band— 14— 42 Bremer, Hertha, oder Geſchichte einer Seele. 2 Bände........ Lon. 20 1— Belcher, Horatio Howard Brenten. 3 Bände 1— 1. 30 Sue, Dis d Gabenmunſſei des Kopfkiſſens. 3 Bände 1. 22 2. 36 4 Bände... 1. 8 1. 54 Franckh'ſche Verlagshandlung. * 8 — — — 2 — 13 “ “ ——— * 8 4