“— — auf 1 Monat: 2 71 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4.. .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 == 2 Ein — Handelshaus in den Hcheeren. Roman = von 4. Emilie Flygare Carlen. Aus dem Schwediſchen von Dr. G. Fink. Erſter Vand. cSre 5. † Stuttgart. 5 Frauckh'ſche Verlagshandlung. Vorwort. Warum es ein Handelshaus wurde. Hätte ich nicht vor einigen Jahren die Worte niederge⸗ ſchrieben:„Eines Tages werde ich vielleicht wieder von mir hören laſſen,“ ſo würde ich es auch nicht gethan haben, denn ich hätte nicht, wie ein anderer Schriftſteller dieſe neue Verbindung zwiſchen mir und der Leſewelt mit einer Art von Entſchuldigung beginnen mögen, daß ich noch lebe und von Neuem die Bahn betrete, von der ich für immer zu verſchwinden mich anheiſchig gemacht hätte. . Aber wie gehaltlos haben mir nicht im Verlauf der Jahre dieſe Worte geſchienen! Ich habe mich gefragt, warum ich ſie 8 je niedergeſchrieben, während ich doch ſelbſt überzeugt war, daß ſie niemals zur Wirklichkeit werden ſollten. Jetzt gaube ich, daß es geſchah, damit ſie eine Brücke zwiſchen dieſer Vergangenheit und dieſer Gegenwart bilden könnten. „So werde ich alſo die Feder von Neuem ergreifen, um zu ſchreiben und zwar eine größere Arbeit zu ſchreiben! Ich will es thun, denn ich bin endlich der Müdigkeit ſelbſt müde gewor⸗ den.“ Dieſer Beſchluß war das Ergebniß einer plötzlichen Einge⸗ bung, führte aber eine beachtungswerthe Warnung nach ſich: „Kann ich jetzt ſchreiben?... Laßt mich zuerſt das Fenſter öffnen und ſchauen, wie es ſich draußen in der literariſchen Welt ge⸗ ſtaltet hat, ſeit der Zeit wo ich ſelbſt dabei war und ſah wie es zuging.“ Ach, daß einige wenige Jahre ſo reiche Erndten einfordern können! Sie ſind Einer um den Andern heimgegangen, dieſe großen Geiſter, die unſerer Mitwelt Glanz verliehen. Aber ihre Werke ſtehen da, erhabene Denkmäler, welche ſie nicht blos ihrem Lande und ſich ſelbſt errichtet haben, ſondern die auch ihren Nachfolgern als glänzende Leuchthürme dienen, um ſie vor den blinden Klippen zu warnen, die zwiſchen jugendlicher Hoffnung und gereifter Chre liegen. Aber iſt nur in Schweden allein der Schnitter über das Feld der Literatur hingegangen? O nein, jetzt wie früher treibt er es ohne Anſehen des Landes oder der Perſon. Auch aus⸗ vuärts ſind ſie eingeheimst worden, dieſe Dichter, Critiker und Romanſchreiber, die uns beſtändig die friſchen Blätter aus ihren neuen Lorbeerkränzen zuſandten. Was haben wir für alles Das wiederbekommen? Allerdings Hoffnungen, aber dieſe können eben ſo gut fehlſchlagen als ſich erwahren. 5G 1 Dieſer Blick war weder aufmunternd noch troſtreich, um ſo weniger als das Dunkelſte noch zu ſehen übrig blieb. Den großen Schauplatz zu verlaſſen, ſo lange noch die Sie⸗ gespalmen des Erfolges und der Ehre ihr Lebewohl zuwinken und die Huldigung der Welt ihre vergängliche Flagge aufhißt, um das Signal zum letzten Ehrengruß zu geben— ſie ſo zu 1 1 7 verlaſſen kann nicht anders denn als beneidenswerth angeſehen werden. Aber was nicht beneidenswerth iſt, das iſt das Schick⸗ ſal derjenigen, welche ſterben müſſen, ſo lange ſie ſich noch im Beſitz einiger Kräfte fühlen, um ſie dieſer ſelben undankbaren Welt zu opfern, welche einmal den Strom des Lobes friſch brau⸗ ſen ließ, um ihn hernach verſiegen zu laſſen, wenn die vertrock⸗ nende Hitze der öffentlichen Meinung darüber hinſtrich. Und gleichwohl, wenn menſchliche Billigkeit ſtatt eines zer⸗ malmenden Machtſpruches bei der Bildung dieſer Meinung zu Gericht geſeſſen hätte, würde ſie vielleicht gefunden haben, daß das Geheimniß dieſer beklagten Veränderung nicht bei dem Verfaſſer, ſondern vielmehr bei dem Leſer geſucht werden muß. Und die⸗ ſes Geheimniß liegt im veränderten Geiſte der Zeit, in ſeinen unaufhörlichen Steigerungen, Wechſeln und Fortſchritten. So daheim bei uns. Laßt uns jetzt einen Blick auf die coloſſalen Berühmtheiten werfen, deren Lob von der glänzenden Sphäre her, wo man die weltbekannten Verfaſſer der Geheimniſſe von Paris und der Musketiere beweihrauchte, bis zu uns erſcholl. Tauſende von Raketen umziſchten und umfunkelten jede Arbeit, die ausge⸗ geben wurde. Aber eines Tags verſtummte das Feuerwerk, und ſein in zahlloſen Farben gebrochener Schimmer verblaßte immer mehr: die Sonnen fielen auf die Erde herab, und die Erde ſah ihre Sonnen nicht mehr. Dem Erſtgenannten dieſer Autoren muß es wunderlich zu Muthe geweſen ſein, wenn er, ein Mann des Volkes, durch den Despotismus aus ſeinem Vaterlande getrieben, von Krankheit und Heimweh verzehrt, zurückſchaute, ſich ſelbſt auf einer Pyra⸗ mide von grünen, jetzt beinahe verwelkten Lorbeeren ſtehen ſah und bedachte, wie weniger Jahre es bedurft hatte, um dieſes Verwelken, dieſe Stille, dieſe Dunkelheit zu Stande zu bringen. O wie gerne hätte er nicht ſterben mögen, bevor er ſeinem eige⸗ nen Begräbniß angewohnt, wie nämlich die Welt einen Mann begräbt, deſſen ſie ſich nur noch erinnert, um ihn zu ſchmähen! Und dieſer Andere— der berühmte und glänzende Verfaſ⸗ ſer der Musketiere— wie iſt es ihm ergangen? Hat er nicht erleben müſſen, daß ſein Ruhm durch einen Proceß ſeltener Art in Theile ging und auf eine eigenthümliche Weiſe zerriſſen wurde? Sehen wir jetzt auf die andere Seite des Canals hinüber, ſo finden wir dort das allerinnerſte Familienleben der großen Schriftſteller dem Opfermeſſer der öffentlichen Preſſe preisge⸗ geben. Wohin man das Auge wendet, kommt alſo vom literariſchen Horizont von alten Zeiten her nichts Aufmunterndes zum Vor⸗ ſchein. Wie mächtig, wie betrübend und verwirrend mußte nicht das Alles auf eine Perſon einwirken, die nach ſo langer Abſonde⸗ rung im Begriff ſtand ſich in Verbindung mit dieſer Welt zu ſetzen, an welche ſie inzwiſchen durch nichts Anderes erinnert worden war, als von Zeit zu Zeit durch einen Brief von einem artigen in⸗ oder ausländiſchen Verleger, der es noch wagen zu können glaubte ſeine Preſſen für eine alte Firma gehen zu laſſen. Verleger.... Seht da wiederum ein Wort, bei welchem man verweilen muß! — — 9 Verleger, Recenſenten, Zeitungen... Welche vollſtändige Umwälzung iſt nicht mit Allem zuſammen vorgegangen! Meine Verleger hatten ſammt und onders ihr Geſchäft aufgegeben. Meine Recenſenten, die öffentlichen wie die privaten, waren theils aus den Zeitungsredactionen, theils aus dem Leben ausgetreten. Und die Zeitungen ſelbſt hatten theils die Farbe, theils den Na men, theils ihre Chefs gewechſelt, theils waren auch ſie aus der Zahl der Lebendigen verſchwunden. Nein, mit dieſer ganzen Verwirrung wollte es kein Ende nehmen. Alles war fremd, und das Alte, das ſich noch vorfand, war ſelbſt neu geworden. Ich ſtand juſt da und bedachte, wie ich wohl nichts Klüge⸗ res thun könnte, als das Fenſter zu ſchließen und von der neu⸗ geweckten Idee abzuſtehen, als das Aftonblad, das mich mit einiger Verwunderung bemerkte, ehe ich die Hand an den Dreh⸗ riegel hatte legen können, für gut fand mich zu bereden, daß ich noch nicht ganz vom Publikum vergeſſen ſei. Dies überzeugte mich mehr als alles Vorhergehende von der Veränderlichkeit der literariſchen Unternehmungen. Das Afton⸗ blad, das im Jahre 1852 unter ſeinem damaligen neuen Chef einen Mangel an höherer Moralität in meinen Romanen zu er⸗ blicken glaubte, zeigte im Jahre 1858 dieſelbe humane Herzlich⸗ keit, womit es mir bei meinem erſten Auftreten 1838 begegnet war, als mein erſter Recenſent, Capitän Lindeberg, mich bei der Leſewelt einführte. Dieſe Zuſammenſtellungen frappirten mich dermaßen, daß ich mich meiner Bedenklichkeiten entſchlug und den Augenblick ge⸗ kommen glaubte. Nachdem es ſo weit gediehen war, entſtand zunächſt die Frage, welcher Weg jetzt eingeſchlagen werden ſolle. Ein Roman aus dem Salonsleben? Aber— ich war ja ſchon ſo lange in keine Geſellſchaft mehr gekommen, daß ich mich ohne Zweifel in meinem eigenen Buch, wenn es ſich im Salonsleben bewegen ſollte, eben ſo we⸗ nig heimiſch fühlen würde, als jetzt in dieſem Leben ſelbſt. Ein Tendenzroman? Nein— ich erinnere mich, daß man mir, als ich einmal einen ſolchen ſchrieb, mein Erbrecht nicht blos auf dieſe Welt, ſondern auch auf eine andere rauben wollte. Alſo kein Salon— und kein Tendenzroman... Ueberdies mag jeder Charakter ſeine eigene Tendenz entwickeln. Das ländliche Volksleben iſt allerdings reich ſowohl an Eigenthümlichkeit als an Stoffen. Aber wenn man es in ſeiner ungeſchliffenen Einfachheit vorführte, ſo dürfte das Publikum, das ſeine Reminiscenzen aus der merkwürdigen Art und Weiſe ſchöpft, wie es auf unſern Theatern wiedergegeben wird, in dem wahren Bild ein falſches zu bekommen glauben. Alſo auch kein Volksleben. Ueber ſolchen Erwägungen ſchloßen ſich meine müden Au⸗ genlider; und während ich mich immer mehr von den ungewöhn⸗ lich bunten Gedanken abgeſondert fühlte, in denen ich ſo eben gelebt, tauchten allmählig Bilder aus meiner Kindheit in dem patriarchaliſchen Handelshauſe auf, das an einem der Ufer, wo des Skageraks dunkelblaues Waſſer ſeinen Silberſchaum empor⸗ ſchleudert, ſtand und zum größten Theil noch ſteht. O meiner Kindheit Welt— deine Ufer ſcheinen denjenigen 11 deren Augen nicht durch die rauhe Oberfläche dringen, kahl, trübe und freudlos. Aber ich weiß, daß Poeſie, Charakterſtärke, Männer⸗ kraft und aufopfernde Treue unter den Bergen, unter den Seen, unter den Holmen und Scheeren wohnen. Welche liebliche Bilder! Iſt es nicht Sonnenaufgang?.. höre ich nicht, wie es leiſe an die Scheibe klopft?... es iſt einer der Schiffsleute vom alten Stamm, einer der Günſtlinge, der mit leiſer Stimme über den Wind berichtet.„Patron, es bläst ein friſcher Nordwind!“ Meine ich nicht wieder aufzuſpringen.— werde ich nicht meinen Vater begleiten auf ſeiner Reiſe nach Oruſt, nach Morlanda, nach dem alten Herrenſitz, wo größere und kleine Fahrzeuge ge⸗ baut und Schätze von Getreide eingeſchifft wurden?... Jetzt ſind wir draußen... Aber hat nicht der Wind ſich umgewor⸗ Welche Menge von Erinnerungen, welche Menge von wechſeln⸗ den Charakteren!... Das Bilderſpiel währte fort. Und während die friſchen Winde aus dieſem weſtlichen Winkel Schwedens mich umrauſch⸗ ten, und der leiſe Wellenſchlag zwiſchen ſeinen Steinen von längſt vorgegangenen Veränderungen flüſterte, wurde es mir endlich klar, daß es das Beſte war auch im Gedicht juſt dahin zurückzukeh⸗ ren. Und ſo entſtand die Idee eines jungen und neuen Han⸗ delshauſes. Von dem alten, dem geachteten und patriarchaliſchen Han⸗ delshaus, zwiſchen deſſen langen finſtern, jetzt niedergeriſſenen Seemagazinen ich ſo manche Stunde meiner Kindheit Träume geträumt, darf ich vielleicht einmal ſprechen, wenn ich mit dem ſeit mehreren Jahren genährten Gedanken zu Stande komme eine neue Auflage derjenigen meiner Arbeiten herauszugeben, die im Buchhandel erſchienen ſind, und auf welche ich das Verlags⸗ recht beſitze. Wenn dies geſchieht, ſo gedenke ich das eine oder andere Bild aus dem eigenen Leben der Verfaſſerin beizufügen. Aber da ich bisher weder Luſt noch Kraft dazu gehabt, ſo muß⸗ ten ſie einſtweilen ruhen und müſſen es noch immer— denn jetzt dreht ſich meine ganze wiedererwachende Thätigkeit um das Handelshaus am Bottnafjord. Vielleicht war es vermeſſen zu glauben, daß die kleinen, meine eigene Perſon betreffenden Details, welche den Gegenſtand dieſes Vorwortes bilden, für meine alten und neuen Leſer irgend ein Intereſſe haben könnten. Aber es iſt mir mitunter ein Ge⸗ flüſter aus der äußern Welt zugekommen, und dieſes Geflüſter hat mir die Ueberzeugung oder wenigſtens die Hoffnung gege⸗ ben, daß ich noch nicht als todt betrachtet werde. Möge es mir alſo, nachdem ich wieder zu arbeiten ange⸗ fangen habe, glücken nicht vergebens zu arbeiten! Möge dieſe Schilderung nicht blos den Glücklichen einige flüchtige Augen⸗ blicke der Zerſtreuung, ſondern vor Allem auch denjenigen, die b müde von des Tages Laſt und Mühſalen eine andere Erquickung als blos Zerſtreuung ſuchen, einige Aufmunterung gewähren. Stockholm, den 27. Dezember 1858. Emilie Carlén. Erſtes Buch. Die neue und die alte Firma. Erſtes Kapitel. Die Neuvermählten. „Bei den Balſaminen der ſeligen lich einmal in dieſem Fiſcherörtchen, ja vielleicht juſt an dieſem Fenſter da geblüht haben, hier muß der Sofa ſtehen, der Thüre gegenüber, mein guter Ake.“ „Ja, Du biſt gut unterrichtet— das man ſtand ja in der Gegend von Marſtrand, während wir da⸗ gegen uns im nördlichen Theil der Scheeren befinden. Sollte aber dieſes Häͤuschen wirklich ihr gehört haben, ſo hätte ihre ehrliche Seele ſich an nichts mehr erfreuen können, als am Anblick der Einigkeit, Aufrichtigkeit und Treue, die ſich unter ihrem Dach häuslich niedergelaſſen haben. Im Uebrigen kannſt Du den Sofa hinſtellen wo Du willſt, mein liebes Kind.“ „Liebes Kind?.. höre, Ake, ich fühle mich verſucht ſogleich mit der Aufrichtigkeit eine Probe zu veranſtalten.“ Dieſes Geſpräch hatte begonnen, als Herr Ake Hjelm und ſeine junge Frau, Emilie, ihre in den Fiſcherort mitgebrachten Möbel in Ordnung zu ſtellen anfingen. Aber bei Emiliens letz⸗ ten Worten ließ der Mann die Schnur der Rollvorhänge auf den Boden fallen und die Frau das Sofakiſſen, von welchem ſie eben den Ueberzug abnehmen wollte. Frau Arnman, die ſicher⸗ Haus der alten Arn⸗ — 2 16 ume lag ein Contraſt gegen ihren gewöhnli⸗ eine Miſchung von Verdruß und zurück⸗ gehaltenen Thränen, und was im Uebrigen die Stimme nicht ausdrückte, das erklärten die Blitze der braunen Augen wie die leichtgerunzelten Brauen. Das von lebenswarmer Schönheit ſtrahlende Weib ward gleichſam von einer Wolke umhüllt, bei welcher die Röthe des Zornes die Hauptfarbe ausmachte. „Ake Hjelms edel markirte und ernſte Züge nahmen auf einige Sekunden einen Anſtrich von Verwunderung an. Dann antwortete er ruhig: 2 „Sprich! Die Aufrichtigkeit iſt eine Tugend, in ſo zu einem guten Zweck angewandt wird.“ „Kann eine Tugend anders angewandt werden?“ „Wir werden gleich ſehen. Die flammende Röthe auf Dei⸗ nen zarten Wangen ſcheint mir nichts Gutes zu verkünden.“ „Nun ſo höre einmal... Wir ſind jetzt vier Tage ver⸗ heirathet, und wenn ich mich recht erinnere, ſo ſoll der ſogenannte Honigmonat vier Wochen währen.“ „Weißt Du auch, Emilie, daß ſchon der Ausdruck Honig⸗ monat mir höchſt abgeſchmackt erſcheint? Wenn man einander wirklich lieb hat, ſo muß dies wohl länger als einen Monat währen, und wenn man ſich nicht liebt, ſo... So iſt der Ausdruck Honigmonat noch 9 meinſt Du?“ „Das wollte ich nicht gerade ſagen, aber ſchlagend, meine Liebe.“ „Nun wohl,“ verſetzte Emilie,„wenn ich jetzt annehme, Du liebeſt mich— und das glaube ich wirklich— ſo mußt Du mich doch auch auf eine menſchliche Art anreden.“ „Mein Gott, thue ich denn das nicht?“ im Gegentheil! Ich, die ich daheim geliebt und „O nein, i verhätſchelt wurde, bin an Schmeichelnamen gewöhnt, die zärtlichere Gefühle ausdrücken. Aber ſtatt mich Geliebte, Theuerſte, In ihrer Stir chen freundlichen Ton, fern ſie weit dummer, Dein Gedanke iſt ——,—— dei⸗ er⸗ nte ng⸗ der mat ner, e iſt hme, :Du und lichere rſte, 17 Holdeſte oder ſchlechtweg Prein Engel zu nennen— und ein Engel muß doch jede neuvermählte Frau für ihren Mann ſein— ſo heißt es nie anders als meine Freundin, lie⸗ bes Kind u. ſ. w.“ „Höre mich an, liebe Emilie.“ „Ja, ſiehe da, ſchon wieder Emilie— ganz ernſthaft Emi⸗ lie, daheim hieß es Mimmi. Mein Herz erinnert ſich ſo gerne dieſes freundlichen Namens.“ „Aber, lieber Schatz, Du biſt ja ein förmliches Kind, un das iſt für mich weit gewiſſer, als daß Du ein Engel biſt, was ſich in vier Tagen noch nicht ausmitteln ließ.. „Ake, Ake—“ die junge Frau ſchlug mit ſprechendem Abſcheu ihre Hände zuſammen— nlieber Schatz... haſt Du wohl je andere als geringe Leuté einander ſolche Schmeichel⸗ namen geben gehört?“„. 2 „Nun, was für Leute ſind denh eigegtlich wir?“ „Papa iſt Edelmann, Major, Ritter und Gutsbeſitzer.“ „Gutsbeſitzer— nun ja, inſofern er das Gut ſeiner Gläubiger verwaltet... aber das gehört nicht hieher.“ „O ja, denn es erinnert mich daran, daß Du eine Frau ohne Mitgift erhielteſt... Aber höre jetzt, Ake, was ich Dir erklären will, und ſchreibe Dir es wohl ins Herz. Meine Na⸗ tur iſt heftig. Ich bin ſtolz und unverträglich gegen Jedermann, wer es auch ſei, der mich vor mir ſelbſt herabſetzen will, aber ich bin ſanft und weich in der Hand Desjenigen, der mich mit Zärtlichkeit behandelt.“ „Nunz aber ſag, welche Natur nimmſt Du an, wenn Du ſelbſt Dich vor Deinem Manne herabſetzeſt?“ Emilie wurde todtenblaß. Sie zerdrückte in ihrer Hand die reichen Locken, die ſie vorher um ihre Finger gerollt hatte. Aber nachdem ihre Augen einige Male über das Geſicht ihres Man⸗ nes hingeſchweift, das vollſtändige Selbſtbeherrſchung ausdrückte, drehte ſie ſich um und begab ſich ins nächſte Zimmer. 1 Eqrlen, ein Handelshaus in den Scheeren. 1. 2 5 weg, ſah nach der Thüre und ging mer auf und a ging weder langſ 4 18 inen Hut, legte ihn wieder drei oder viermal im Zim⸗ t von Neuem und den gar kein Als ſie fort war, ergriff Ake ſe b. Dann ergriff er den Hu amer noch ſtärker als ein Menſch, Kummer quält, aus dem Hauſs .*** Das neuvermählte Paar war in dem Fiſcherorte an einem jener Sommernachmittage angglangt, deren Schönheit' zwiſchen Meer und Klippen am meiſten glänzt. Die glühenden Sonnen⸗ ſtrahlen warzn hinter einer coloſſalen Wolkenſäule verborgen, die ſich, von Zeit zu Zeit in allerlei gigantiſche Nebelbilder zer⸗ theilt, in den blaugrünen Waſſern des alten Cattegat klar ab⸗ ſpiegelte. Und ſo⸗tief war die Ruhfe, die in der ganden Natur vorherrſchte, daß nur die unbedeutendſten Miniaturwellen plät⸗ ſchernd on die Stede und den Tang des Sandreffs ſchlugen. Ein ſchkafendds Weer diß etwas Göttliches. Wir meinen das Bild der göttlichen Langmuth darin zu erblicken. Aber die Langmuth nimmt ein Ende und die Donner rollen. So auch die Langmuth des Meeres. Wenn aber das Meer erwacht iſt, ſo übertönt es das Donnergerolle, und während es ſtrenge ſeine Kinder züchtigt, beſpritzt es dieſelben mit ſchäumenden Thränen. Es weint über ſeine Gefallenen: es ſeufzt und klagt und tobt ſo lange fort, bis ein allmächtiges„Schweige!“ ihm auf's Neue zu ſchlafen gebietet. Aber wir kehren zu Ake Hielm, dem jungen Reiſenden zu⸗ rück, der für einige Monate eine Wohnung an dieſem Ufer ge⸗ miethet hat. Er hatte ſich am Meere auf ein altes umgeſtülptes Boot *. geſetzt. Wäre nicht eben ein ſ heißt an allen Schuten⸗ und Schaluppenſchiffern geweſen, welehe ſonſt Leben und Bewegung in den Fiſcherort brachten, ſo Hätte er wahrſcheinlich nicht ſo ungeſtört da ſitzen können. Abep alle — olcher Mangel an Capitänen, das⸗ —ꝗ— hen ten⸗ gen, zer⸗ ab⸗ tur lät⸗ 1. inen die auch iſt, ſeine nen. ot ſo e zu 1 zu⸗ r ge⸗ Boot das⸗ velehe Hätte r alle 19 dieſe Capitäne waren jetzt auf Fahrten nach Jütland und Nor⸗ wegen begriffen; und wenn auch der eine oder andere der Badgäſte, die durch die Hoffnung auf billige Preiſe hieher ver⸗ lockt wurden, gerne ſeine Bekanntſchaft gemacht hätte, ſo wurden ſie doch durch die gedankenvolle Miene des ernſten Mannes ab⸗ gehalten. Wer wollte wohl einen Mann ſtören, der vier Tage nach ſeiner Hochzeit ſo in ſich ſelbſt verſunken daſaß? Denn wenn man ſchon in einem Städtchen die Angelegenheiten ſeines Nächſten ganz genau kennt, ſo muß man wohl in einem Fiſcher⸗ ort noch mehr wiſſen als Alles. Vermuthlich war es dieſe inſtinktmäßige Idee, die Herrn Ake Hjelm, den armen Erben einer armen, aber ehrlichen Han⸗ delsfirma ohne Handel, veranlaßte, daß er ſich mit elektriſcher Schnelligkeit erhob und den einzigen Gedanken, den er die ganze Zeit gehabt hatte, nämlich: was ſoll aus all Dem werden? von ſich abſchüttelte. Und nun ging er in ſeine Wohnung zu⸗ rück, indem er mit gewöhnlicher Freundlichkeit die Capitänsfrauen Svensſon, Rasmusſon und Andere begrüßte, die einander auf Cafe und Gelklatſch zu beſuchen pflegten. Jetzt trat er mit der Hoffnung auf einen guten Empfang ein. Das Zimmer war jedoch noch eben ſo leer, als er es ver⸗ laſſen hatte. Er trat auf die Rollgardine zu und ſetzte ſeine Arbeit fort, aber ſo ſchwer auch die Schnur auf dem meſſingenen Rade lief, ſo brachte er doch Alles zu Stande, ohne daß die Frau ſich zeigte. Die Geduld des Mannes nahm indeß noch kein Ende, denn dieſer Mann beſaß eine große Doſis davon und eine ge⸗ waltige Ausdauer in Allem was er unternahm. Aber ſelbſt Diejenigen, die dieſe guten Eigenſchaften in vollem Maß beſitzen, kommen manchmal bis an die Gränze derſelben. 20 Zweites Kapitel. Der Brief nach Hauſe. Im innern Zimmer ſaß inzwiſchen die Neuvermählte und ſchrieb folgende Epiſtel an ihre Mutter: Geliebte, theuerſte Mama! Es ſind erſt vier Tage, ſeit ich am Tag nach meiner Hoch⸗ zeit von Haus abreiste, und bereits ſind mir tauſenderlei Dinge ... was ſage ich Dinge— ach nein,[Schickſale, wahre Schickſale zugeſtoßen; auch glaube ich mich nicht zu täuſchen, wenn ich dieſelben als Einleitung zu Millionen anderer betrachte. Ich verſprach Dir mit dem Anfang anzufangen, und das will ich auch thun. Als das große Fruͤhſtück nach dem Hochzeittage zu Ende war und Du mich in das blaue Zimmer nahmſt, um ein wenig allein mit mir zu ſprechen, da ſagteſt Du unter Anderem: „Meine liebe Mimmi, Du haſt ſo wenig Zeit gehabt Dei⸗ nen Mann kennen zu lernen, daß Du ihn wahrſcheinlich gar nicht kennſt. Vergiß nicht, daß Deine Verlobung ſo ſchnell und beinahe ſonderbar kam, daß ich ſagen mußte: Gott gebe, daß Du nicht durch irgend eine Unvorſichtigkeit. Hier hielteſt Du inne, Mama, wahrſcheinlich weil Du Er⸗ barmen hatteſt mit meiner brennenden Röthe und meinem wir⸗ ren Geſchwatze über den Abſchied aus dem elterlichen Hauſe. Aber jetzt, da viele Meilen zwiſchen unſern Augen, wenn nicht auch zwiſchen unſern Herzen liegen, will ich das Bekenntniß ab⸗ legen, daß er... daß er... o mein Gott, welches ſchwere und verdrießliche Wort... ſo aufgemuntert wurde, daß er nicht ausweichen konnte. Dummes Herz, das einige für keine ſolche Bedeutung berechneten Worte als vollwichtig aufnahm! Oder wollte ich ſie mit Berechnung ſo aufnehmen? Wahrſcheinlich, denn es war an dieſem Abend weder Mondſchein noch ſonſt 21 etwas Romantiſches von Außen, und noch weniger fand ſich die mindeſte Romantik im Innern vor— wenigſtens auf einer Seite. Genug, wir wurden verlobt. Dennoch hätte— das habe ich mir ſelbſt geſagt— die Verlobung tauſendmal rückgängig gemacht werden können, wenn er gewollt hätte. Und die Hoch⸗ zeit, die nach ſeines Vaters Tod noch länger aufgeſchoben wer⸗ den konnte, warum hat er ſie nicht aufgeſchoben? Aber er ver⸗ langte ja im Gegentheil auf's Beſtimmteſte, daß ſie jetzt im Sommer gehalten werden ſollte, damit wir uns auf einige Monate hier in dieſer Waſſerwüſte niederlaſſen könnten. Nachdem ich dieſe Einleitung vorausgeſchickt, ſchreite ich zu unſerm Einſteigen in den Reiſewagen. Mama, Papa und die Mädchen, Freunde und Bekannte ſtanden da und winkten mit den Taſchentüchern. Ich ſah jedoch kein anderes Geſicht als das Deinige, gute Mama. Aber ich weinte nur innerlich, denn mein Mann ſah mir aus, als ob er Thränen nicht liebte. Uebrigens lag in ſeinem ganzen Weſen nichts Anderes als herzliche Güte. Die erſten Worte, die er ſprach, lauteten: „Liebes Kind, Du brauchſt keinen unnatürlichen Muth zu zeigen— weine immerhin.“ Dieſe Worte, die er ganz ruhig und väterlich ausſprach, verdroßen mich im höchſten Grad. Er verſetzte uns dadurch mit einem Schlag in das triviale Gebiet einer wenigſtens fünfzehn⸗ jährigen Ehe. Ich, die ich erſt achtzehn Jahre zähle und von einem Roman zu träumen wagte— man hat mir ja geſagt und nachgewieſen, daß ich ſchön genug ſei um Liebe zu erwecken — ich ſollte nun auf einmal eine Art von Matronenwürde an⸗ nehmen, ſollte wie eine Frau auftreten, die ihre Jugend über⸗ lebt hat und ihren Töchtern von entſchwundenen Tagen zu er⸗ zählen weiß! Indeſſen ſchwieg ich und unterdrückte meine ſo natürliche Aufregung, was ihn inzwiſchen ganz und gar nicht rührte, denn haſt Du denn ein Boot mit Proviant und Möbeln beladen laſ⸗ 22 er nannte mich beſtändig„Emilie,“„meine Liebe,“„meine Freundin“ und beſonders„liebes Kind,“ gleich als ob er ſelbſt mit ſeinen fünfundzwanzig Jahren ein Mann von der gereif⸗ teſten Weisheit wäre. „Er hat Kummer,“ dachte ich, und nun beſchloß ich unend⸗ lich vernünftig zu ſein. Und als er nach dem Mittageſſen etwas geſprächiger geworden war, rückte ich mit der Erklärung heraus, ich wolle an ſeinen Geſchäften Theil nehmen und, wenn er es wünſche, von Zeit zu Zeit auch in den Laden hineinſehen. „Frauenzimmer und Geſchäfte! nein, liebes Kind!“ Was ſagſt Du dazu, Mama? Ich würde nicht begrif⸗ fen haben, wenn er es der Mühe werth gefunden hätte mit mir zu ſprechen! Aber ich wollte noch geduldiger ſein und ſagte daher(dies war ganz gewiß eine kluge Idee von mir): „Warum brauchen denn wir als ganz geſunde Leute hier in den Scheeren zu baden? Wenn es nun aber einmal ſo ſein ſoll, warum ſen— denn Du ſagſt ja, daß das Boot, das uns am Hakefjord erwartet, Möbel und Proviant führe.“ „ So iſt's, meine Kleine! Ich habe meine Berechnungen dabei.“. „Die Du Deiner Frau nicht mittheilen kannſt?“ „Ich werde ſie Dir ſagen, Emilie, ſobald ich finde, daß die Zeit da iſt.“ Mama, ſo Etwas ſtellt die Geduld eines Weibes auf die Probe— und ich will nicht behaupten, daß Geduld ein Haupt⸗ zug in meinem Charakter ſei. Ich ſehe deutlich, daß er einer von jenen Ehemännern wird, nach deren Dafürhalten das Weib blos zu einer Art von Null beſtimmt iſt, die erſt dann eine Bedeu⸗ tung erhält, wenn ſie hinter ihre Zahl geſetzt wird, welche immer er iſt. 3 Meine Seele empörte ſich. Wenn ich nur etwas begriffe, nämlich wie Menſchen von reizbaren Gefühlen und leicht erreg⸗ eine lbſt feif⸗ end⸗ vas aus, es grif⸗ mit und ir): den rum laſ⸗ jord gen die die upt⸗ von blos deu⸗ mer riffe, rreg⸗ baren Gedanken dieſelben beherrſchen können! Er kann ſich ganz gut beherrſchen. Als wir ans Ufer kamen, lag das große Boot da und er⸗ wartete uns. Mein Mann verlangte ſogleich die Briefe, welche der Schiffer mitgebracht hatte. Als er den erſten öffnete, ſah ich ihn die Farbe wechſeln, dann aber ſteckte er ihn ganz ruhig in ſeine Taſche und ſagte in ſeinem gewöhnlichen Ton: „Jetzt will ich Dich zuerſt in das kleine Wirthshaus hinauf⸗ begleiten und Dich der Obhut der Wirthin empfehlen. Der Wind erhebt ſich erſt mit der Morgendämmerung, und Du bedarfſt der Ruhe.“ Wir traten in das ſogenannte Wirthshaus. Aber ſobald er Alles für mich in Ordnung gebracht hatte, ſchickte er ſich an wieder zu gehen. „Lieber theurer Ake,“ redete ich ihn jetzt recht muthig an, indem ich mein ganzes Herz in meine Augen legte,„gewiß haſt Du da eine unangenehme Nachricht erhalten?“ Er betrachtete mich mit einem betrübten, beinahe ängſtli⸗ chen Blick. „Höre, Emilie,“ antwortete er,„ich glaube, daß Du es gut meinſt mit allen Deinen Fragen, aber lerne gleich im Anfang eine Sache begreifen, die nach meinem Dafürhalten von großer Wichtigkeit in der Ehe iſt. Verlange niemals mit kindiſcher Be⸗ harrlichkeit Bekümmerniſſe zu theilen, die nicht innerhalb Deines Kreiſes liegen. Des Mannes Gedanken, Unruhe und Sorgen ſind ſein Eigenthum. Was er mit ſeiner Frau theilen will und kann, das theilt er mit ihr; was er für ſich behalten will und muß, das behält er für ſich, und wenn ſie darüber böſe wird, ſo hilft es ihr gar Nichts.“ Und, denke Dir, Mama, ſo ging er fort, ohne auch nur meine Antwort abzuwarten, und kam erſt nach zwölf Uhr wieder nach Hauſe. Um zwei Uhr Morgens gingen wir an Bord, um halb drei waren wir mit gutem Wind unter Segel. Die Lection, die ich empfangen hatte, gab mir viel zu den⸗ ken; aber leider Gottes, liebe Mama, es waren ganz und gar keine Engelsgedanken. Und wenn er nicht ſo unbeſchreiblich brav und mannhaft ausſähe, während er mir Moral predigt, ſo würde ich noch ſchlimmere Gedanken bekommen. So viel iſt jedenfalls ſicher, daß er niemals einer jener ſtolzen Romanhelden wird, die, in dunkle weite Mäntel gehüllt, ſich ſo herrlich ausnehmen, wenn ſie von Liebe und Poeſie ſprechen. Das wußte er auch ſicherlich, denn er hatte blos einen großen blauen Friesrock mit ganz abſcheu⸗ lichen Hornknöpfen angezogen. Der Sonnenaufgang war ein Schauſpiel, das mich einiger⸗ maßen beruhigte. Meine Leiden erſchienen mir wie Stecknadel⸗ köpfe, als ich mich unter all dieſen düſtern Bergen und Inſeln umſah. Hu, welche Ufer, welche unermeßliche Oede, je näher wir dem Fiſcherort kamen! Und doch war dieſe Oede von be⸗ ſchwingten Weſen bewohnt, welche die Freiheit beſitzen ohne Hinderniß und Zwang zwiſchen Himmel und Erde umherzu⸗ ſchweben. Das war groß und ernſt, und ich wurde neu belebt in dieſer durchſichtigen Waſſerwüſte. Auch war mein Mann jetzt liebenswürdiger. Er widmete mir einige freundliche Sorgfalt, um mich gegen die Morgenkälte zu ſchützen, und ich kam in einer recht angenehmen Gemüthsverfaſſung an unſern Beſtimmungsort und in das kleine Haus, das Ake zum Voraus gemiethet hatte. Ich bin überzeugt, daß ich mir wohl da gefallen werde. Aber Etwas iſt da, was mir nicht gefällt, nämlich der An⸗ fang unſeres hieſigen Lebens. Und jetzt ſind wir bei dem Punkte angelangt. Ich habe Dir ſchon weiter oben Etwas ge⸗ ſagt, was Du vorher wußteſt, nämlich daß es mir an Ge⸗ duld fehlt. Dieſe riß heute Nachmittag, gleich am erſten Tag, den wir in unſerem eigenen Hauſe zubrachten. Aber bedenke doch auch, wenn die Gefühle lebendig ſind und das Blut warm in den Adern rinnt, wenn es eine erhabene und erlaubte Sache iſt ſeinen Mann zu lieben, dann iſt es den⸗ gar brav hürde falls die, venn erlich, ſcheu⸗ nger⸗ adel⸗ nſeln näher 1 be⸗ ohne derzu⸗ belebt jetzt , um einer gsort hatte. An⸗ dem ge⸗ Ge⸗ ,, den b und abene ſt es 2⁵ demüthigend dies nicht zeigen zu dürfen, und noch demüthigender, wenn man es zeigt, ohne dadurch entſprechende Gefühle hervor⸗ zurufen. Ich gebe zu, daß die Liebe nicht in den Worten liegt, aber, mein Gott, wie lieblich ſind doch die Worte! und dennoch will ich lieber ſchlechtweg und ohne alle Beiworte Emilie heißen, als ſeine trivialen Zärtlichkeitsausdrücke anhören. Jetzt ſehe ich, wie unruhig Du wirſt, Mama. Nun ja, ich bin heftig geweſen, ich habe mich ausgeſprochen. Er hat mich durch ſein unerträg⸗ liches Phlegma, durch ſeine unſtörbare Ruhe gereizt, und nun ſetzte ich mich hin, um mein Herz vor dir, liebe Mama, auszu⸗ ſchütten; bei dieſer Gelegenheit aber bin ich um ſo viel ruhiger geworden, daß ich zu glauben anfange, ich habe nicht ganz recht gehandelt. Es iſt ſchon eine gute Weile, daß er ausgegangen iſt; aber jetzt höre ich ihn zurückkommen. Ich weiß, daß ich ihn ſo finden werde, wie wenn gar Nichts vorgefallen wäre, und vielleicht iſt es am beſten, wenn ich auch ſo thue. Ach, Mama, wenn Du mir in dieſem Augenblicke rathen könnteſt! Hätte nicht unſer Verlobungsabend ſeine Eigenthüm⸗ lichkeiten gehabt, ſo würde ich mich immer ungezwungener fühlen, ich würde weniger argwöhniſch, ja ſogar beſſer ſein. Aber obſchon ich lieber ſterben als ihn ahnen laſſen möchte, daß ich Etwas von dieſen Eigenthümlichkeiten weiß, ſo hat den⸗ noch dieſes innere Bewußtſein und meine Unzufriedenheit mit mir ſelbſt zur Folge, daß ich beſtändig meine Würde in Gefahr glaube— und wenn ich um irgend Etwas ängſtlich beſorgt bin, ſo bin ich's um dieſe Würde, die ich zwar ſelbſt verletzen kann, deren Verletzung ich aber keinem andern Menſchen erlaube. Ge⸗ nug! jetzt eile ich zu ihm und vertraue auf den Rath des Augenblicks. Fortſetzung nächſtens... —yy— 26 Drittes Kapitel. Erklärungen. Gegen Abend hatten die Sonnenſtrahlen ſich aus den Wolken hervorgedrängt und dieſelben in die Flucht gejagt. Sie ſpielten jetzt über dem Waſſer, das ſie mit Purpur gefärbt, und ver⸗ goldeten die Segel, die in der Windſtille unmerkbar dahinglitten⸗ eines ums andere. Ake Hjelm ſtand in tiefe Bewunderung verſunken am Fen⸗ ſter. Er war ein Mann, der ein ſolches Gemälde ſowohl begriff als liebte, und er ſtellte es hoch über den Salon mit ſeinen blenden⸗ den Kerzen und Kronleuchtern. Kein Kummer, weder für jetzt noch für die Zukunft, vermochte ihm das troſtreiche Gefühl zu rauben, das bei der Betrachtung einer großen Naturſceneè in jedem guten Menſchen erwacht. Der Meiſter, der dieſes Werk geſchaffen, läßt ſeine Gegenwart fühlen, ſelbſt wenn der Betrachter keine Rechenſchaft von der friedlichen Stinmung ablegen kann, die ihn ſo ſanft überſchleicht. Als Emilie hereinkam, ging Ake ihr entgegen, und ein ſchönes Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen. Dies war ein guter Augenblic, der guten Rath ertheilte. Die junge Frau reichte ihrem Manne die Hand und ſagte einfach, nicht unterwürfig, aber auch ohne den geringſten Anſtrich von niedergekämpftem Hochmuth: „Glaubſt Du an meinen feſten Willen nie wieder einen ſolchen Auftritt hervorzurufen, wie heute Mittag?“ „An Deinen Willen glaube ich allerdings, denn Du beſitzeſt viel Willenskraft und biſt ſo gut, daß Du nur das Rechte willſt, aber Du haſt eine Feindin in Deiner Heftigkeit. Suche ſie zu bezwingen, ſonſt wird es Dir ſchwer, wo nicht unmöglich werden das Erſte zu gewinnen, was jedem menſchlichen Weſen noththut, nämlich Selbſtbeherrſchung.“ eine ſchei treff wär flam nich⸗ Jolken ielten ver⸗ litten⸗ Fen⸗ egriff nden⸗ jetzt hl zu jedem affen, keine e ihn -ein te. ſagte ſtrich einen eſitzeſt willſt, he ſie öglich Veſen 27 Emilie wurde roth, dann blaß, dann wiederum roth. Sie war ſchon im Begriff von Neuem aufzufahren. Welche Herz⸗ loſigkeit lag nicht in dieſer Aeußerung eines Mannes, der von ihrer Hochſinnigkeit hätte überraſcht ſein müſſen, und ſich nun den Anſchein gab als ob er ihren innern Kampf gar nicht be⸗ merkte! Gewiß iſt, daß unſere Emilie ſich für nicht viel weniger als eine Heilige hielt, weil ſie jetzt ſchwieg und die Thränen verſchluckte, welche hervorbrechen wollten. „Komm jetzt und ſetz Dich hieher, mein liebes Weibchen“— Dies war eine neue und für Emilie angenehme Redensart, wor⸗ aus ſie erſehen konnte, daß ihr Mann, wenn er auch mit dem Lob ſehr karg war, dennoch ihre Bemühungen zu ſchätzen wußte— „komm und laß uns über allerlei Dinge plaudern.“ Sie ſetzten ſich auf den Sofa. Ake ergriff die Hand ſeiner Frau und ſagte herzlich: „Sollten wohl dieſe kleinen Finger da zur Arbeit taugen?“ „Wenn es für Dich wäre, Ake, ſo könnten ſie Tag und Nacht arbeiten.“ „Gut, aber ich meine eine andere Art von Arbeit als eine ſolche, die mit Zephirgarn und Glasperlen verrichtet wird.“ „O, glaube mir, ich verſtehe es ganz gut darnach zu ſehen, wie geſponnen und gewoben werden und wie es überhaupt in einem Hauſe zugehen muß, ſo daß Nichts fehlen und keine Confuſion an den Tag kommen ſoll, wenn unerwartet Gäſte er⸗ ſcheinen.“ „All dieſe Verdienſte wären ganz ausgezeichnet und vor⸗ trefflich, wenn deine Wahl auf einen vermöglichen Mann gefallen wäre...“ „Meine Wahl gefallen— was meinſt du damit?“ Die flammende Röthe zeigte ſich bereits wieder. „Kann ich etwas Anderes meinen als was ich ſage? Iſt nicht die Wahl eines Mädchens frei? Und wenn ſie ſich ent⸗ ſchloſſen hat das Schickſal eines Gatten zu theilen, muß ſie dann ———— ☚ — . — 28 nicht zum Voraus wiſſen, ob ſie bereit iſt ihm unter allen Um⸗ ſtänden eine würdige Gefährtin zu ſein?“ „Nun das iſt es ja eben was ich ſein will. Aber die Wahl des Mannes iſt weit freier als die des Mädchens, und folglich muß er wohl wiſſen, welches Vertrauen er auf die Frau ſetzen kann, die...“* „Gott ihm beſcheert hat... Laß es genug ſein mit dieſem Capitel.“ „Nein, nein, Ake, es liegt in dieſer Sache Etwas, das mir mißfällt. Ich glaube nicht, daß Du etwas Verletzendes ſagen wollteſt, und Du mußt Dich erinnern, daß Du es warſt, der die Hochzeit ſo ſtark betrieb.“ „Wünſcheſt Du zu wiſſen, warum ich es that?“ „Das weiß ich allerdings nicht ſo genau... Vielleicht iſt es beſſer den Gegenſtand fallen zu laſſen, wie Du vorgeſchlagen haſt. Aber nein, ich möchte doch wiſſen, warum Du auf einen ſo ſchleunigen Abſchluß unſerer Verbindung gedrungen haſt.“ „Du ſollſt es auch erfahren. Dies geſchah deßwegen, weil ſicherlich Nichts daraus geworden wäre, wenn wir ſie nicht in dieſer Zeit zu Stande gebracht hätten.“ „Was Du ſagſt!“ „Ich ſage die einfache Wahrheit, Emilie. Ich ſtand an einem Wendepunkt meines Lebens und mußte entweder meine Gefährtin nehmen und mich mit ihr da niederlaſſen, wohin der liebe Gott mir den Weg zeigen wollte, oder mußte ich mich in die neue Welt, nach Amerika begeben, um dort Arbeit und Glück zu ſuchen.“ „Ich verſtehe das nicht, Ake. Stehen denn Deine Geſchäfte ſo ſchlecht?“ „Meine Geſchäfte— ich habe noch keine. Meines Vaters Geſchäfte, die ich jetzt in Ordnung gebracht habe, waren weit⸗ läufig und verwickelt, als er in ſeiner vollen Mannskraft weg⸗ gerafft wurde, was, wie du weißt, nach unſerer Verlobung a Um⸗ Wahl folglich ſetzen dieſem s mir ſagen eer die icht iſt hlagen einen weil cht in einem ährtin Gott neue chen.“ ſchäfte Zaters weit⸗ weg⸗ obung 29 geſchah, und Gott weiß, daß dieſe Geſchäfte mir Arbeit genug gegeben haben.“ „Aber ich verſtehe dennoch nicht...“ „Du wirſt bald verſtehen— höre mich nur geduldig an. Ich trat mit Unwillen in die Contorsgeſchäfte. Meine Neigung war mehr den contemplativen Beſchäftigungen zugewandt, und ich kann wohl ſagen, daß mein Vater gewiſſermaßen Unrecht hatte, wenn er mich eine Erziehung genießen ließ, die zwar nicht über meinen Stand hinausging, aber doch wenigſtens mit den Gewohnheiten contraſtirte, denen ich mich als Contoriſt unter⸗ werfen mußte. Noch weniger paßte ich zu dem Benehmen und Weſen, das ein Kaufmann von altem Hauſe in ſeinem Laden den Bauern und dem Publikum überhaupt zeigen muß.“ „Du biſt doch ſo ſanft, ſo rechtſchaffen und einfach.“ „Das ſind nicht die erforderlichen Eigenſchaften. Ein Kauf⸗ mann muß ſeine Waaren anpreiſen, ſchwatzen, vor den Bauern Reden halten, mit ihren Weibern Späße machen, ja ſogar bei wichtigen Gelegenheiten dieſe Leute zum Mittageſſen oder zu einem Trunk einladen können.“ „Und das konnteſt Du nicht?“ „Nein! Ich reſpectire den Menſchen als meinesgleichen in jedem Stand, aber ich konnte mich weder vor dem Herrn Gra⸗ fen, der mit wichtiger Miene hereinkam, um ſeine Jahresbeſtel⸗ lung zu machen, tiefer verbeugen, noch den halbbeſoffenen Bauern zu mir ins Contor laden, um unter vier Augen bei einem Glas Grog die Geſchäfte abzumachen. Kurz und gut, um Alles auf einmal zu ſagen, man fand, daß der Laden und das Contor des Hauſes Hjelm nicht mehr waren, was ſie früher geweſen. Das Publikum ſagte: Das junge Volk taugt Nichts. Ganz anders war es zur Zeit des Alten. Die umwohnenden Magnaten ſag⸗ ten: Der Kerl hat keine Lebensart. Es geht bergab mit ihm. Und ſo geſchah es. Ich ſah die früheren Kunden des Hauſes zum Nachbar übergehen, und dennoch lernte ich nicht Kaufmann 30 werden, wie es der Brauch der Gegend und der Zeit mit ſich führt.“ „Aber, Ake, du beſorgſt ja noch immer Deine Handelsge⸗ ſchäfte— oder thuſt Du es nicht?“ „Jetzt nicht mehr.“ „Wie— was ſagſt Du?“ „Das Haus Hjelm gab ſeine Geſchäfte auf, während ich abweſend war und meine Hochzeit feierte. Das letzte Geſchäft be⸗ ſtand darin, daß man die alte Bude verriegelte, nachdem der größte Theil des Lagers weggeſchafft war.“ „Aber haſt Du denn vielleicht 2 Emiliens Stimme drückte die Furcht aus, daß ſie verletzen könnte.. Alles iſt ich habe nicht Bankrott gemacht. bis auf Heller und Pfennig ins Reine gebracht, und das Han⸗ delslokal ſammt dem Haus iſt an einen Mann vermiethet, der ſich gewiß beſſer als ich in die Umſtände und Verhältniſſe ſchicken kann.“ „Aber, mein Gott— Emilie ſah mit einer Art träume⸗ riſcher Angſt ihren Mann an—„was biſt Du denn jetzt?“ „Jetzt bin ich Nichts, meine Liebe. Aber das ſoll nicht lange ſo währen. Wer arbeiten will, findet immer Gelegenheit.“ „O, da kommt mir ein gräßlicher Gedanke,“ rief die junge Frau haſtig.„Du denkſt gewiß hier in dieſer öden Gegend Etwas zu unternehmen. Aber wäre das möglich? Kannſt Du Dich hier niederlaſſen wollen?“ „Nein, hier nicht.“ „Nun, dann iſt's recht. hier— ſo triviale Geſellſchaft. „Sei ruhig— Es iſt ſo leer in dieſem Fiſcherort Das wäre mehr als unausſteh⸗ lich geweſen.“ äußerſt da ſonderbare Ideen. Ich glaubte, ſellſchaft am wenigſten in „Beſte Emilie, Du beim Abſchluß einer Ehe käme die Ge Berechnung.“ junge Etwas hier herort 1sſteh⸗ aubte, en in 2 0 „Ja, wenn die Frau hoffen kann die Geſellſchaft ihres Man⸗ nes zu werden.“ „Du kannſt überzeugt ſein,“ erwiderte Ake mit ſtarker Be⸗ tonung,„daß Du immer meine beſte Geſellſchaft ausmachen wirſt, wenn ich Dich meiner vollen Achtung würdig finde. Aber wenn Du es ſchon hier zu einſam findeſt, ſo fürchte ich, Du möchteſt das was ich Dir jetzt zu ſagen habe noch mehr mißbilligen.“ „Sprich, ſprich,“ rief Emilie. „Nun, ſiehſt Du, ich gedenke hier mit einem Manne zuſam⸗ menzutreffen, der ſich mit mir aſſociren will. Er beſitzt ein klei⸗ nes verfügbares Capital, das dem meinigen etwa gleichkommt, und wenn ein gewiſſes Handelshaus auf einem größeren Platz hier in der Nähe auf den Herbſt zu haben iſt, wie man mir verſprochen hat, ſo bin ich, vorausgeſetzt daß ich ſowohl mit dem Verkäufer als mit meinem Aſſocié übereinkomme, entſchloſſen: in den Scheeren niederzulaſſen.“ mich „Du willſt ein Scheerenkaufmann werden!“ rief Emilie mit gefalteten Händen.„Ewig in einer Waſſerwüſte zu wohnen, die Herbſtſtürme zu hören, die das ganze Ufer einzureißen drohen, die Seevögel nach Aas ſchreien zu hören, von ſchiffbrüchigen Mannſchaften zu Tode geängſtigt zu werden, wenn das Meer himmelhoch geht!“ „Es kann nicht ſo himmelhoch gehen wie Deine Phantaſie, mein liebes Kind.“ „Nun, iſt es denn zu verwundern, wenn ſie bei dem Ge⸗ danken an ſolche Dinge himmelhoch geht? Die Stadt, wo Du Dein Geſchäft hatteſt, lag blos fünf Meilen von Papas Gut. Jetzt bin ich mehr als zwanzig Meilen von meiner§ Heimath ge⸗ trennt, und Du hätteſt mich— das muß ich Dir ſagen, Ake— Du hätteſt mich vorher von Deinen Plänen unterrichten müſſen.“ Hier trat eine Pauſe von etlichen Minuten ein. Dann ſagte der Mann mit tiefem und gedankenvollem Ton: „Es war an einem Tag— ich erinnere mich nicht mehr genau wann— aber ſo viel erinnere ich mich, daß wir von einer Schlittenpartie nach Haus fuhren.“ 3 „Ake, Ake, wo will das hinaus? Gedenkſt Du mich zu be⸗ leidigen?“ „Gott bewahre! Ich gedenke blos Deinem Gedächtniß zu Hilfe zu kommen. Wir fuhren wie geſagt nach Hauſe...“ „Nein, um Gottes willen—“ Emilie glühte wie in Fieber⸗ hitze—„Ich will nichts mehr hören.“ „Meine Liebe,“ antwortete Ake, indem ein feines Lächeln über ſeine Lippen ſchlich,„ich meine nicht diejenige Schlittenfahrt, auf welcher wir uns verlobten.“ Als darauf keine Antwort erfolgte— die junge Frau ſaß da und ſtützte den Kopf in ihre Hand, welche ſichtlich von einem nervöſen Zittern bewegt wurde— fuhr deu⸗Mann fort: „Es war einige Zeit nach meines Vadis Tod, als ich Dich beſuchte...“ „Weiter!“ „Damals ſagte ich zu Dir: Emilie, haſt Du Dich auch voll⸗ kommen in die vielen Verhältniſſe hineingedacht, in welche eine Ehefrau kommen kann? Die Geſchäfte des Mannes können in Verfall gerathen— die meinigen ſind bereits verwickelt. Krank⸗ heit, Armuth, Bekümmerniſſe aller Art können in unſerer Ehe Du bereit alles oder würdeſt Du, ſo lange es noch ſo gut eintreten, wie in vielen andern. Biſt Das mit mir zu ertragen Zeit iſt, vorziehen... Erinnerſt Du Dich, Emilie, wie Du mich da unterbracheſt und wie Deine Worte lauteten? „Vollkommen. Ich verſicherte Dich, die Liebe würde mir jedes Loos an Deiner Seite zu einem erfreulichen machen.“ „Dank für Deine Wahrheitsliebe! Aber ſieh jetzt ein, daß juſt dieſe Antwort zur Folge hatte, daß ich als Chrenmann Dich nicht weiter erſuchen konnte zu überlegen. 4 trieb und daß ich die Zukunft mit ich das Zartgefühl zu weit ichnen ſollen, aber eine Stimme noch ſchärferen Umriſſen hätte zei Es iſt möglich, daß zu ber⸗ heln ahrt, ſaß inem Dich voll⸗ eine en in drank⸗ Ehe alles noch mich e mir 7 daß n Dich ), daß ift mit Stimme 2* 33 in meinem Innern verbot mir das. Und als unſer Schickſal ſomit beſchloſſen war— denn merke wohl, ich hielt Deine Worte für vollkommenen Ernſt— ſo ſchlug ich mir meinen andern Plan, die Reiſe nach Amerika, aus dem Sinn und beſchloß in einer andern Gegend meine Laufbahn mit einem Aſſocié neu zu be⸗ ginnen... Auf meine Nachfragen wurden mir dann auch ſo⸗ wohl der Aſſocié als der Platz recommandirt.“ „Und deßhalb mußten wir hier baden?“ „Vor allen Dingen mußten wir den Sommer über irgendwo wohnen, und dann war es beſſer, wenn wir uns an Ort und Stelle befanden, als wenn wir hin und her reisten. Da jedoch das beabſichtigte Geſchäft nach dem Wunſch ſämmtlicher Theilha⸗ ber noch ein vollſtändiges Geheimniß war, ſo konnte ich Dir Nichts mittheilen, bevor wir hieher kamen.“ „Ja, und jetzt haſt Du mir, Gott weiß es, genug mitge⸗ theilt,“ ſeufzte Emilie;„Du darfſt indeſſen nicht glauben, Ake, daß ich jetzt nicht mehr gerade ſo denke wie damals als ich mich ſo gegen Dich ausſprach. Aber jedenfalls— jedenfall 4 „Was weiter?“ 4 „Jedenfalls iſt es unmöglich, daß ich Dich nicht fragen ſollte, ob man es nicht auf irgend eine andere Art einrichten kann. Plätze für den Handel gibt es überall.“ „Es gibt viele, aber nicht alle paſſen.“ „Ach, Ake, denke an mich, bedenke, daß ich jung bin lieber beſter Mann, denke auf irgend einen Ausweg.“ „Ich weiß allerdings einen.“ „O, ſo laß uns darnach greifen, damit ich mich nicht hier in dieſer Wüſte einſperren laſſen muß.“ „Emilie, Emilie, das war nicht brav, aber ich will die Sache überlegen.“ ⸗ 2 S 5 F„ „» „Nein, überlege Nichts, ſondern ſage mir ſogleich, was Du meinſt.“ 83;.— 8 Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 3 morgen beſinnen, mein Kind. Wir ha⸗ „Ich muß mich bis Laß uns jetzt eine kleine Fahrt auf der ben genug geſprochen.. See machen.“ Viertes Kapitel. Der Verkäufer und der Aſſocié. Schon ſeit einigen Stunden hätte man aus irgend einem Dachfenſter im Fiſcherort ganz genau ein kleineres, zierlich be⸗ maltes Boot bemerken können, das in nördlicher Richtung hin und her kreuzte, ohne ſo viel Wind zu bekommen, um ein Nas⸗ tuch, geſchweige denn ein Segel aufzublähen.— An den Bord dieſes Bootes wollen wir uns jetzt verſetzen. Im Hintertheil ſaßen zwei Männer. Der Eine, der das Steuer⸗ ruder führte, war ein Mann von ungefähr ſechzig Jahren, aber noch im Vollbeſitz ſeiner Manneskraft. Seine kurze kernige Ge⸗ ſtalt, ſein rothes wettergebräuntes und derbes Geſicht, von Fur⸗ chen durchzogen, welche eher durch die Berechnungen der Gewinn⸗ ſucht als durch Kummer eingegraben ſchienen, bildete das voll⸗ kommenſte Widerſpiel gegen ſeinen jungen ſchlanken Reiſegefähr⸗ ten, deſſen roſige Wangen, helle Lockenhaare und glänzende graue Augen etwas Weibliches hatten, welche nicht gewohnt waren vom Geſichte, dieſem Spiegel der Seele, mehr als eine einzige Seite zu ſehen. Kurz, der eine von dieſen Herrn, Kaufmann Moß, war ein anerkannter Freund aller Arten von Unehrlichkeit, die ſich an⸗ ſtändiger Weiſe unter einer übrigens ſogenannten ehrlichen Firma treiben ließen. Er hielt es auch ni mit übertriebener Re gen unter offener Flagge und hatte nur ſpruch:„Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte.“ wenigſtens für diejenigen Blicke, cht einmal dek Mühe werth dlichkeit zu prahlen. Er ſchiffte ſo zu ſa⸗ einen einzigen Wahl⸗ an⸗ irma verth u ſa⸗ Vahl⸗ Der Andere, Wilhelm Holt, hatte noch gar keine Flagge auf⸗ gehißt, ſo große Mühe ſich auch der neugierige Vertreter der alten Firma gab, um Etwas von ſeinen Anſichten zu vernehmen. „Petter Gädda, alter Geſelle, hör einmal,“ rief Herr Moß dem dritten und letzten Manne an Bord zu,„da haſt Du ein⸗ mal einen Cognac zu Deiner Auffriſchung. Dann aber mußt Du mit der Seefrau ein Wörtchen apart ſprechen; Ihr habt wohl nicht umſonſt ein halbes Jahrhundert lang in ſolch ver⸗ trautem Bund mit einander gelebt, ohne daß Du ſie jetzt veran⸗ laſſen könnteſt uns das Boot ein wenig voranzuſchieben.“ Ein alter Fiſcher im Coſtüm der Bohusländerſcheeren kam jetzt zum Vorſchein, und während er ſeinen Hut in die eine und das Glas in die andere Hand nahm, nickte er ſeinem Vorgeſetz⸗ ten auf eine Art zu, welche deutlich bewies, daß er die Artigkeit deſſelben nicht übermäßig ſchätzte. „Supponir, es ſchmeckt ſchön?“ fügte Herr Moß mit einem herablaſſenden Lächeln hinzu. „Fragen Sie die Katze, ob ſie gerne Fiſche frißt... Ihre Geſundheit, Herr Patron, Ihre Geſundheit, junger Herr! Petter Gädda iſt jetzt zu alt, um ſelbſt bei den Weibsleuten Glück zu machen; er hat zwar in ſeiner Jugend tüchtig den Hof gemacht, aber er kann doch immer noch einen Rath geben, wenn ihn Je⸗ mand fragen will.“ „Nun, welchen Rath gibſt Du denn?“ „Sehen Sie, Herr Patron, hol mich Dieſer und Jener, wenn wir nicht die ganze Nacht dableiben und uns abmühen müſſen, ohne daß wir vom Fleck kommen. Und wenn es nicht wegen irgend einer nützlichen Sache iſt—“ hier warf er ſeinem Vorgeſetzten einen bedeutungsvollen Blick zu—„ſo würden wir am beſten thun am Rankholm anzulegen.“ „Da haſt Du etwas Geſcheidtes geſagt. Supponire, ich ſelbſt hätte nichts Beſſeres gewußt. Olle auf Rankholm ſteht ſeit der letzten Berechnung noch im Buch, auch hat er eine hübſche 36 Nebenkammer in ſeinem Häuschen, wo man ganz gut eine Nacht zubringen kann, wenn ſeine Alte ſie ein Bischen herrichtet. Sup⸗ ponire, Sie haben Nichts gegen den Vorſchlag einzuwenden, Herr Holt. Morgen bei Zeit, ſobald wir gefrühſtückt haben, machen wir uns dann wieder auf den Weg, um unſern Mann aufzu⸗ ſuchen.“ „Ich ſtelle mich vollſtändig unter Ihre Leitung, Herr Moß,“ antwortete der junge Mann höflich, indem er ungenirt ſeine Cigarre hinhielt, um Feuer zu entlehnen. „Supponire, Herr Holt, daß dies nicht das letzte Anlehen iſt... Ha, ha, ha! Stehe klugen Leuten gerne zur Verfügung .. Wie geſagt, alter Gädda, nach dem nächſten Laviren legen wir da drüben an. Diesmal hat es keine Gefahr an Gottes hellem Tag anzukommen.“ Der Alte ſchleppte ſich zu ſeiner Ducht, und Herr Holt fand. es billig ihm durch ein aufmunterndes Lächeln anzudeuten, daß er die Anſpielung verſtanden habe. „Ja, ja, man hat ſeine Abenteuer gehabt, Herr Holt— kanns nicht leugnen. Die Jugend iſt eine ſchöne Sache: da kann man Etwas ausrichten, wenn man ſeinen Vortheil verſteht.“ „Das Mannesalter darf auch nicht klagen, Herr Moß, wenn es ſolche Erſparniſſe aufweiſen kann, als da nöthig waren, um ein Gut wie Gläborg zu kaufen.“ „O ja, der Kauf ging ſchon an. Supponire jedoch, daß das Ding mir mit der Zeit höchſt unangenehm wird; das Gut liegt viel zu weit von dieſem ehrlichen Ufer da entfernt— zwei Meilen ſind immer zwei Meilen.“ „Aber in dieſem Fall?“ „In dieſem Fall ſupponiren Sie vielleicht, es ſei ſonderbar geweſen, daß ich es kaufte. Ich will Ihnen ſagen, wie das zu⸗ ging. Ich würde mein Geſchäft nie abgegeben haben, wenn ich es nicht meiner Frau und meiner Tochter zuliebe gethan hätte. Das Mädchen ließ mir keine Ruhe, ſo daß ich endlich um des acht up⸗ derr hen fzu⸗ 8,“ eine hen ung gen sttes fand daß kann venn um daß Gut zwei erbar 8 zu⸗ n ich hätte. n des Hausfriedens willen nachgab. Aber ich bin noch nicht alt genug, um mich gänzlich von allen Geſchäften zurückzuziehen und—“ er blinzelte bedeutſam mit den Augen—„wenn ich in meinen Nachfolgern ein Paar flinke, tüchtige und unternehmende Männer finde, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich nicht noch das eine oder andere Privatgeſchäft ſollte machen können.“ „Allerdings, Herr Moß, wird ein ſolcher Vorſchlag— vor⸗ ausgeſetzt, daß die Sache im gegenſeitigen Intereſſe iſt— ſowohl mir als meinem künftigen Aſſocié ſehr ſchmeicheln.“ „Supponire, Herr Holt— füllen Sie doch Ihr Glas, man hat immer klarer vor Augen was man ſagen will, wenn das Glas nicht leer iſt— ſupponire, daß ich über das Eine und Andere Erkundigungen eingezogen habe, wie dies ſowohl mein „Recht als meine Pflicht erforderte. Und unter uns geſagt, ſo muß dieſer Herr Hjelm ein verdammt ſonderbarer Patron ſein.“ „Er iſt die Redlichkeit, Ehrenhaftigkeit und Humanität ſelbſt, wie ich mir habe ſagen laſſen.“ „Humanität, Humanität! Larifari! Tauſend Teufel! Glau⸗ ben Sie denn, man bringe es hier an der Küſte ſo weit, daß man ſein eigener Herr werde, wenn man nicht mehr Genie hat als Humanität? Supponire, Herr, das Genie iſt immer die Hauptſache.“ „Weiſe geſagt und gedacht, Herr Moß,“ antwortete Herr Holt lächelnd,„wir können darauf anſtoßen. Aber was das Genie des Herrn Ake Hjelm betrifft, ſo hat es ſich bereits ge⸗ zeigt, daß es nicht von der Art iſt, wie Sie woahrſcheinlich meinen.“ „Juſt dahin wollte ich kommen. Gädda, ſpanne die Fock⸗ ſchote aus. Bekommen wir nicht einen kleinen Antreiber?“ „Poſſen! Es fällt ihm gar nicht ein,“ ſagte der alte Gädda, indem er ſich phlegmatiſch von der Ducht erhob, auf welcher er ſeiner Länge nach gelegen hatte, und einen Schluck aus ſeiner Flaſche nahm. wir können uns wohl noch eine halbe Stunde ge⸗ daß Hielm Figuren auf „Nun, dulden. Ich wollte Ihnen juſt ſagen, Herr Holt, ſeine Trümpfe wie ein Kind ausſpielte, das die den Karten nicht unterſcheiden kann, da er das Haus ſeines Vaters nicht aufrecht zu erhalten vermochte, obſchon der Karren noch nicht feſtgefahren war.“ „Wie?“ fragte Holt mit ſichtbarem Intereſſe.„Sind Ihnen dieſe Sachen bekannt, Herr Moß?“ „Supponire, ich weiß Alles zuſammen. Mein Schwager iſt Zollfiscal in der guten Stadt.“ „Aha, dann iſt alſo der Vorſchlag zu dieſem Handel in ſeinem Kopfe gewachſen?“ „Accurat, Herr.“ „Nun, war aber das Haus wirklich in einigermaßen gutem Zuſtand, als Herr Hjelm ſenior ſtarb?“.— „Es war in einem Zuſtand, in welchen ein Haus oft kom⸗ men kann, wenn der Kaufmann große Kapitalien in Speculationen geworfen hat, die erfahrene Hände erfordern, wenn die Conjunc⸗ turen ungünſtig ſind.“ 3 „Ich verſtehe— ſie waren ungünſtig und...“ „Ganz richtig,“ fiel Moß ein.„Und ich ſupponire, daß die Hand des Herrn Hjelm junior nicht ſtark genug war, um durch eine geſchickte Schwenkung die Speculationen zum Balanciren zu bringen, als die Conjuncturen ſich änderten. Noch weniger, ſupponire ich, hatte er das Genie, um Conſuncturen zu ſchaffen.“ „Hm, hm!“ Holt ſchaute die Wolken, die Berge, das Waſſer an, und zuletzt blickte er in ſein Toddyglas. „Ueberdies,“ fuhr Moß fort,„war er zu ſtolz, um mit den Leuten auszukommen. Hoch und Niedrig galt ihm ganz gleich, und ich ſupponire, er that das Beſte was er thun konnte, als 8* m m⸗ ten ne⸗ die rch zu ger, z u und den eich, als 39 er mit Ehren abtrat. Hätte er noch ein Jahr zugewartet, ſo wäre es zum Bankrott gekommen.“ „Nur Eines begreife ich nicht,“ ſagte Holt,„nämlich daß er bei dem Geſchäft blieb, wenn es ſich doch gezeigt hat, daß er nicht dazu paßte.“ „Dieſe Bemerkung finde ich unüberlegt, Herr. Supponire es iſt mit dem jungen Verſtand wie mit dem jungen Wein. Er muß erſt liegen, um den rechten und feinen Geſchmack zu be⸗ kommen.— Entſchuldigen Sie meine Aufrichtigkeit. Herr Hjelm paßt vielleicht nicht für den Handel in den Städten, beſonders in Landſtädten, wo er zwiſchen zwei gleich verwöhnte Extreme geſtellt iſt, die Gutsbeſitzer und die Bauern. Hier außen unter den Fiſchern und Seeleuten dagegen bedarf es keiner langen Umſtände und keines unnöthigen Geredes. Man bietet die Waare an, ſie wird angenommen oder verworfen: guten Tag und Adieu! Das iſt das ganze Geheimniß. Dieſe Art muß einem Mann von Herrn Hjelms Charakter anſtehen.“ „Sie zeichnen mit raſchen Zügen, Herr Moß... Aber hat der Handel in den Scheeren nur dieſe einzige Seite?“ „Supponire, die ſchlimmſte iſt nicht diejenige die vom Innern des Landes kommt. Die Herren bekommen eine Firma, welche ein ſolides Vertrauen in mehreren Städten genießt. Die Lage für Ausſchiffung des Getreides iſt, ſelbſt wenn man als Anfänger nur auf ſeine Commiſſionsgebühren rechnen darf, ſo vortheilhaft, daß man ſich jedenfalls im Winde halten kann.“ „Ich ſehe bereits alle Vortheile des beabſichtigten Kaufes ein, möchte aber dennoch fragen, ob es nicht noch einige andere Chancen gibt, auf die man beim Handel in den Scheeren gefaßt ſein darf?“ „Aha— dieſe Frage und dieſe Miene, ſupponire ich, ſind wenigſtens 10 Procent von unſerem erſten Geſchäfte werth. Aber wenn es mehrere Seiten des Handels gibt, ſo ſupponire ich, daß es auch mehrere Seiten der Art und Weiſe gibt, wie man bei ehen muß, die zwei Eigenthümer hat. einer Firma zu Werke g und vermuthlich auch ſein eige⸗ Jeder hat ſeine eigene Meinu nes Fach im Geſchäfte.“ Eine lange Anſtrengung, um die beinahe erloſchene Cigarre wieder ins Leben zu bringen, war Holts einzige Antwort, während er ſich ſorglos und nachläſſig an den Dahlbord lehnte und mit einer gewiſſen ausſchließlichen Wolluſt die ſachte wiegenden Be⸗ wegungen, welche das Boot bei ſeinem Vorwärtsſchreiten machte, ſich behagen ließ. Seine freie Hand ſpielte mit einem im Waſſer nachſchleppenden Tauende. „Jedenfalls,“ fuhr der Kaufmann fort, der in Folge einer Art von Freimaurerei wohl verſtand, was dieſe ſorgloſe Ruhe zu bedeuten hatte—„jedenfalls gereicht eine ſ lide Namensunter⸗ ſchrift jeder Firma zur Zierde. Supponire, ſie iſt ſo viel werth als der zehnfache Betrag des Betriebskapitals, worüber die Herrn verfügen können.“ „Hol der Teufel eine ſolche Cigarre!“ Holt warf das Tau⸗ ende weg, um ſeine Aufmerkſamkeit gänzlich der ärgerlichen Cigarre zu widmen.„Ja, ja, Herr Moß, ich hoffe, daß wir uns, wenn das Geſchäft zu Stande kommt, ſowohl durch unſere Rührig⸗ keit als durch unſere Solidität bekannt machen werden.“ „Supponire es auch. Und ich werde mit gutem Rathe nicht knickern, wie ich auch gute Bedingungen verſprochen habe. Leben und leben laſſen, ſagt der Deutſche. Ich beſitze genug für eine einzige Tochter, die den ganzen Plunder erbt und überdies im Stande wäre ihren Platz in der Welt zu behaupten, wenn ſie auch nicht mehr beſäße als den Rock, worin ſie geht und ſteht.“ „Ich hatte nicht die Ehre Mamſell Aufenthaltes in Spvartſkär zu ſehen, a urtheilen...“ „Nun ja, meine 2 tackelt. Schöne Haut, habe in meiner Zeit ni llte war in ihrer Jugend nicht aber arm wie eine Kirchenmaus. J cht auf Reichthümer geſehen; ſupponire, Moß während meines ber nach ihrer Mutter zu ſo übel ge⸗ 2s im un ſie eht.“ neines ter zu bel ge⸗ Ich ponire, 41 es iſt das Beſte, wenn man ſich das Ding ſelbſt erwirbt. So habe ichs gemacht. Und ob meine Tochter einen reichen oder einen armen Mann heirathet, das gilt mir ganz gleich, wenn er nur ein ſolches Benehmen und einen ſolchen Verſtand hat, daß er mir gefallen kann.“ „Frau Moß ſagte, glaube ich, Ihre Tochter ſei auf einer Reiſe?“ „Ja, ſie iſt in Fredriksſtad, wo ſie eine Baſe beſucht. Doch ich will ganz aufrichtig ſein und Ihnen geradeheraus ſagen, daß ich ſie auf einige Zeit aus dem Wege haben wollte. Im Ver⸗ trauen geſagt, der Sohn unſeres Paſtors, ein ſakramentiſch dum⸗ mer Junge, der im vorigen Jahre Jachtlieutenant in unſerem Bezirk wurde, was, wie ich ſupponire, der beſte Beweis iſt, daß wir wahre Eſel in der Zollverwaltung haben, nun, dieſer Schlingel — ich wollte nur, ich bekäme ihn einmal unter vier Augen da⸗ zwiſchen— hat ſich in Majken vergafft und ſich unterſtanden ſie zur Frau zu begehren... um meine Tochter anzuhalten.“ „Die Partie convenirt Ihnen nicht, Herr Moß?“ „Supponire, Herr, daß dies juſt der rechte Ausdruck iſt.“ „Was für ein Burſche iſt er denn?“ „Ein Lumpenkerl, ein Papiermenſch. Ich wundere mich nur, daß er nicht über Bord fällt, wenn die Jacht auf der Seite liegt . He, Gädda, habt Ihr nicht dort auf Eurem Ufer neulich Etwas von der Zolljacht⸗Elſter erfahren?“ „Nichts was der Mühe werth wäre, ſeit ſie zum letzten Mal vor Ihrer Seebude gelacht hat, Herr Patron.“ „Scheerenwitz, Herr Holt— der Alte hat ſeine Freiheiten. Wir hatten ein Hühnchen miteinander zu rupfen, der Herr Jacht⸗ lieutenant und ich. Nun, das gehört nicht hieher. Aber des Vaters und der Schweſter wegen thut es mir leid um den Jun⸗ gen, er hat bereits viele Feinde, und ich ſupponire, daß man es mit allzu großer Kitzlichkeit und Geſchäftigkeit nicht weit bringt in der Welt, und wenn man ſie auch hundertmal Pflicht und ürde und was dergleichen ſchöne Phraſen ſind. Obſchon er ein Geiſtlicher iſt, f1 . Ehre nennen w Nein, Reſpekt vor ſeinem Vater. ſo hat er doch zehnmal mehr Grüze im Kopf „Der Paſtor, ja. Erinnern Sie ſich noch ſeiner Makrelen⸗ Herr Patron?“ fiel der alte Gädda ganz ungenirt ein, indem er ſeinen Kautabak auf die andere Seite ſchob und den letzten Tropfen im Glas leerte.„Von ihm kann Einer ſein richtiges Fundament bekommen, ſo daß er weiß was der Brauch iſt.“ „Ja, wie war es doch mit jener Geſchichte?... Erzähle ſie dem Herrn hier, damit er ſeinen künftigen Seelſorger zum Voraus ein Bischen kennen lernt.“ Nun ſehen Sie, ich hörte es mit meinen eigenen Ohren,“ begann Gädda bereitwillig,„und deßhalb weiß ich noch Alles accurat ſo klar, als wäre es erſt geſtern geſchehen. Es war ſo, müſſen Sie wiſſen, daß wir Alle im Fiſcherort voll Begierde auf den Tag warteten, wo die Makrelen kommen ſollten. Alles war in Thätigkeit und wir hatten die Zugnetze, die Schleifen und ſämmtliche Boote in Bereitſchaft geſetzt. Aber nun kam der Sonntag und mit ihm die Predigt, und Keiner hatte die Stunde der Makrelen wahr⸗ genommen, obſchon es nicht fehlen konnte, daß ſie im Fahrwaſſer waren. Nun, der alte Guldbrandsſon, unſer Paſtor, war juſt mit ſeinen Rednergaben in den rechten Zug gekommen und machte ſeine zwölf oder dreizehn Knoten auf dem Himmelsweg vor⸗ wärts, während er beſtändig durch das Fenſter auf die See hin⸗ ausſah, denn ſehen Sie, die Kapelle liegt zu äußerſt auf der Landſpitze, wie man ſich die Arche Noäh auf dem Berg Ararat vorſtellen kann, und die Kanzel ſteht am einen Fenſter. Nun, er hatte bereits das Evangelium vorgeleſen und ein gutes Stück in die Einleitung eingehauen. Chriſtliche Zuhörer, ſagte er, wir beten zu Gott, däß Ihr erfüllet werdet mit Erkenntniß ſeines Willens in allerlei geiſtlicher Weisheit und Verſtand, ſo daß Ihr des Herrn würdig wandelt zu ſeinem Wohlgefallen, ſagte er, und predigt, 43 daß Ihr in allen guten Werken fruchtbar ſeid— und er hatte immer ſein Auge auf die Fenſterſcheibe geheftet— und, ſagte er, daß Ihr wachſen möget in Gottes Erkennt... kennt... kennt... Hol mich der Teufel, fluchte er jetzt plötzlich, haben wir nicht da draußen die Makrelen! Amen! Und damit ſprang er von der Kanzel herab und wir Zuhörer alle ihm nach.“ „Prächtig— verdammt luſtig,“ rief Herr Moß lachend. „Ja, dieſer Guldbrandsſon iſt ein ganzer Kerl, müſſen Sie wiſſen, Herr Holt, er hat den Teufel im Leib.“ „Nun, ſo frei es auch damals in den Scheeren zugehen mochte, ſo wird man ihn doch wohl dafür zur Rechenſchaft ge⸗ zogen haben?“ fragte Herr Holt. „Ja, jetzt erinnere ich mich: er wurde zum Biſchof nach Göteborg berufen, um ſich zu verantworten. Aber Guldbrands⸗ ſon iſt ein Fiſch, der ſich nicht ſo leicht abſchuppen läßt. Er hatte eine alte Verordnung aus Carls XI. Zeit hervorgeſucht, worin es heißt, wenn ein Wallfiſch ans Ufer komme, ſo dürfe der Got⸗ tesdienſt unterbrochen werden und da er nun erklärte— er hat es mir ſelbſt erzählt, ich war damals nicht hier— daß die Ma⸗ krele ein weit beſſeres Fleiſch habe als der Wallfiſch, weßhalb die Verordnung noch weit mehr ihr gelten müſſe, ſo konnten die alten Herrn im Conſiſtorium nichts Anderes thun, als die Mäuler verziehen und ihn wieder ſpringen laſſen.*) Aber halt— jetzt ſind wir an Ort und Stelle. Mach klar, Gädda! Wir legen bei der untern Brücke an.“ „Ich habe Ihnen für den erſten Theil eines vergnügten Abends zu danken, Herr Moß,“ ſagte Holt verbindlich. „Nun, der zweite Theil wird auch nicht ſchlechter werden, ſupponire ich. Was den morgenden Tag betrifft, ſo hoffe ich, Herr Hjelm wird uns, da er ſeine junge Frau bei ſich hat, zu *) Wahre Geſchichte. Gaſte laden. Nöthigenfalls haben wir auch das Haus des Ca⸗ pitäns Rasmusſon, bei dem ich immer einkehre.“ „Ich bleibe fortwährend unter Ihrer Flagge, Herr Moß,“ ſagte Holt lachend und mit dem augenſcheinlichen Wunſch ſi Kr einzuſchmeicheln. glo „Dann Glück zu einer prächtigen Fahrt,“ murmelte der d alte Gädda, indem er die Focke herabhalte.„Wer unter dieſer Flagge ſegelt, darf es mein Seel nicht ſo genau nehmen, wohin Pl der Curs geht, und muß bei allerlei Gemunkel ein Auge zu⸗ ein drücken.“ —— bei der rn tre Ffünftes Kapitel. Ar Emiliens letztes Auskunftsmittel. 3 S Am folgenden Morgen wehte eine friſche Kühlte und ſandte lin ihren angenehmen Hauch durch die offenen Fenſter in das Zim⸗ ä5. mer herein, wo die junge Frau den Caffetiſch für ſich und ihren— Mann in Ordnung gebracht hatte. ei Sie ſah blaß und traurig aus. Spuren von Thränen waren ſichtbar, ſo ſorgfältig ſie auch verborgen bleiben ſollten, E und ihre großen ſonſt ſo klaren braunen Augen hefteten ſich mit einem Ausdruck tiefer Angſt auf den Trauring, welchen ſie gleich⸗ be wohl in demſelben Augenblick zu ihren Lippen führte. als Emilie war ein ſchönes Weib, nicht blos im Salon, ſon⸗ dern auch im kleinen Rahmen der häuslichen Kammer, und ſo wi wie ſie jetzt in ihrem hellen Muslinkleid daſtand, die hohe leichte ur Geſtalt gegen den Tiſch vorgebeugt, um beſchäftigt zu erſcheinen, 4 im Fall der Mann kam, gewährte ſie einen Anblick, der das lic Auge entzücken und das Herz erfreuen mußte. Denn ungeachtet D des etwas trotzigen Stolzes in ihrem Charakter, ungeachtet ihres ne Selbſtvertrauens und ihrer Heftigkeit lag doch ein Fonds von ſe indte Zim⸗ hren tänen llten, h mit gZleich⸗ „ſon⸗ nd ſo leichte heinen, r das eachtet ihres 45 wahrer Güte in ihrer Seele, und dieſe Güte war es, die ſich in ihrem Geſicht abſpiegelte und ſo viele Herzen feſſelte. Mit ihrer Kraft verhielt es ſich noch gerade wie bei einem Kinde, welches glaubt, Alles was esawerſuche müſſe auch gehen. Aber das Kind entwächst dieſerutlherzeugung bald— die Zeit iſt immer dieſelbe alte und unstlzliche Lehrerin. Zum dritten unb Emilie den Zwiebackkorb auf ſeinen Platz zurück, als As einem friſchen und belebten Geſichte eintrat.“ Das Herz der ji bei ſich ſelbſt,„er iſt deßhalb iſt es ſehr unre trefflichen Eigenſchaften d Augen bekomme. Es muf Seelenliebe, welche nichts Atzz und auch die häßliche Geſtalt Nehtz⸗ Während ſie das Alles dachte, beobachtete ſie die Bewegungen ihres Mannes und wünſchte von Herzen, er möchte das ſeit geſtern unterbrochene Geſpräch durch irgend eine freundliche Liebkoſung einleiten. „Nun, da ſieht es ja ganz gemüthlich aus, meine liebe gute Emilie!“ Er nahm ihre Hand und küßte ſie. Dies war eine mehr ſeltene Artigkeit. Aber juſt weil Emilie bemerkte, daß es eine Artigkeit war, ſo gingen ſowohl Freude als Hoffnung in Rauch auf. „Schenke jetzt den Caffe ein, meine Liebe. Ich bin hungrig wie einer von Coopers Indianern, wenn ſie den ganzen Morgen umhergeſtreift ſind, um eine Spur zu finden.“ „In der poetiſchen Indianerſprache hätteſt Du ganz ſicher⸗ lich den Zunamen die hohe Fichte erhalten. Aber, um mich Deines eigenen Bildes zu bedienen, haſt Du nicht während Dei⸗ nes Umherſtreifens unter den Klippen irgend eine Spur im Waſ⸗ ſer gefunden?“ Frau ſchlug höher.„Ja,“ ſagte ſie wahrer Mann, mein Mann. Und ch immer, juſt wenn ich an ſeine ill, ſeine ſchöne Geſtalt vor die Wunderbares ſein um jene als die Seele ſelbſt erblickt 46 „Nein, aber ich habe gehört, das Boot des Herrn Moß ſei geſtern Abend von hier aus geſehen worden. Wahrſcheinlich hat er wegen der Windſtille irgendwo anlegen müſſen, und vielleicht ſteht es nicht ſo lange an, bis wir ihn hier haben.“ „Und Dein künftiger Aſſocié?. AEmiliens Stimme wurde jetzt unſicher. dum „Herr Holt? Vermuthlich iſt erſbllfihm. Er wollte zuerſt nach Svartſkär gehen.“ nmt 1 „Svartſkär?“ rief Emilie, indsttBeide vom Tiſche aufſtan⸗ den,„Das iſt ein bezeichnender NG) „SIch fürchte ſehr, meine Liebenhäß Du noch eine gute Doſis von Kinderei abzulegen haſt, aber⸗ laß uns jetzt unſer geſtriges Geſpräch zu Ende bringen, denn⸗ es muß Alles abgemacht ſein, ehe die Herrn kommen.“— „O mein Gott, es iſt alſs noch Hoffnung vorhanden, daß nicht Alles bereits abgemacht iſt? Du haſt Dich beſonnen— Du willſt etwas Anderes?“ „Wenn Du mich beſſer kennen würdeſt, ſo müßteſt Du ein⸗ ſehen, daß ich nicht heute dieſen und morgen einen andern Plan habe.“. „Ja, aber Du gabſt mir doch zu verſtehen...“* „Daß Du bei dieſer Sache ein Wort mitreden dürfeſt, ja. Denn Du erinnerſt Dich doch, daß ich nur zwei Wahlen hatte: entweder den Plan, um den es ſich jetzt handelt, oder Auswanderung nach Amerika.“ „Dann tauſendmal lieber Amerika! Dort könnteſt Du gewiß an irgend einer Schule Profeſſor werden.“ „Möglich— aber dorthin müßte ich, wie Du wohl weißt, allein reiſen.“ „Allein— allein, während Du mich, Deine Frau, haſt?“ „Höre, Emilie, und faſſe Dich. Ich reiſe nicht wie ein *) Svartskaer, ſchwarze Klippe. — SG S—9SSS gewiß veißt, aſt?“ e ein 47 Abenteurer in die neue Welt hinaus in Geſellſchaft einer jungen Frau, auf deren Muth und Standhaftigkeit ich mich— verzeih meine Aufrichtigkeit— ſo wenig verlaſſen kann, und wäre dieſe Frau tauſendmal meine Gattin. Alſo wenn ich fortreiſe, ſo ge⸗ ſchieht das in gänzlicher Unabhängigkeit. Du wäreſt mir bei allen meinen Bemühungen und Unternehmungen hinderlich, und das Capital, worüber ich verfügen kann, würde nur für die Ueber⸗ fahrt und das erſte Halbjahr ausreichen.“ „Aber um Gotteswillen, was willſt Du denn mit mir an⸗ fangen? Ake, Ake, bedenk auch Du was Du ſprichſt!“ „Das habe ich längſt gethan. Ich habe unſer gemeinſchaft⸗ liches Glück und unſere Lebensſtellung nach beſten Kräften ſichern wollen, und deßhalb habe ich denjenigen Theil meines Planes vorgezogen, der mir bei Gott am wenigſten behagt; aber dieſe Lebensſtellung, die einzige die ich Dir anbieten kann, iſt Dir ja gänzlich zuwider.“ „Nun wohl,“ ſiel Emilie heftig ein,„was wird jetzt kom⸗ men?“ „Es bleibt Dir allerdings noch ein Ausweg, Emilie, und Du mußt ſelbſt entſcheiden, ob er Dir anſteht.“ „Ake, mir wird bang, ganz ſchrecklich bang.“ „Meine Liebe, wir haben keine Zeit mehr mit Prälimi⸗ narien zu verlieren; Du haſt ſelbſt die Frage hervorgerufen, die ich jetzt an Dich zu richten gedenke. Willſt Du zu Deinen Eltern zurückkehren?“ B Die junge Frau ſprang empor wie eine Feder, auf welche gedrückt wird. Aber eine abwehrende Bewegung des Mannes gebot Still⸗ ſchweigen. „Laß mich ausreden... Ich werde durch einen angemeſ⸗ ſenen jährlichen Unterhalt die Pflicht erfüllen, die ich übernom⸗ men habe, und Dich zu gleicher Zeit in vollkommene Unabhän⸗ gigkeit verſetzen. In fünf Jahren, wenn ich am Leben bleibe, Dich entweder mitzunehmen oder erm eigenen Land einen häus⸗ werde ich zurückkommen, um Dir, reich oder arm, hier in unſ lichen Herd anzubieten. Triff jetzt Deine Wahl.“ „Mir— mir— mir macht er einen ſolchen Vorſchlag!“ „Natürlich. Ich habe ja blos eine einzige Frau.“ „Ha... wir ſprachen vorhin von den Indianern. Du haſt juſt die abſcheuliche Ruhe wie dieſe Wilden, und Du willſt mich zu Deiner Squaw machen, die Deine Laſten tragen, Dein Korn mahlen und Dein Waſſer holen ſoll.“ Emiliens Augen funkel⸗ ten wirklich. „Im Gegentheil, meine Liebe; freien was Du zu ſchwer findeſt. Denn in allen möglichen Fäl⸗ len dürfte die verheirathete Frau ſowohl unter den Wilden als in der civiliſirten Welt, wenigſtens in einfacheren Kreiſen, ihre Kinder tragen und ſowohl für Brod als müſſen.“ Jetzt brach Emilie in Thränen aus— eine ganze Fluth. Dies beſchwichtigte den Aufruhr ihres Gemüthes. Ake, theurer, theurer, geliebter Mann, ich glaube, daß ich ſehr unvernünftig bin.“ „Und ganz beſonders unbeſtändig... aber jedenfalls ſcheint es jetzt zu etwas Beſſerem umzuſchlagen. Ziehe Deine Vernunft mit zu Rathe, da das Herz— ſehr gegen meine Ver⸗ muthung— ſich neutral verhält“ „Hierin haſt Du hundertmtat Unrecht, Ake. Dir all die Wärme zeigen könnte, die es verbirgt.... „Eine gute Sache verliert bei dem Verbergen Nichts, wenn ſie vernünftig aufbewahrt wird— im Gegentheil. Und was jetzt die Wärme und Güte betrifft, welche Dein Herz möglicher Weiſe für Deinen Gatten bewahrt, ſo dürfte vielleicht kein Grund vorhanden ſein ſie in demſelben Augenblick beweiſen zu wollen, wo Du mir ganz andere Proben von Deinen Gefühlen gegeben haſt.“ ich will Dich von Allem be⸗ für Waſſer ſorgen Und wenn ich Dir und Fal bitte zu geſe zucke zu e Art komn Bret Es i drück leiſen Wog bereu könnt in ein Man könne Co ihre rgen luth. ich falls Deine Ver⸗ n ich wenn was glicher brund vollen, geben 49 „Nun, warum habe ich das gethan?“ „Dieſe Frage mußt Du ſelbſt beantworten.“ „Ja— und ich will ſie auch beantworten. Dir, wenn Du es wünſchteſt, gerne bis nach und mein ganzes Leben unter Eis und Schn Fall Du mich wirklich liebteſt; aber es iſt ſo unharmoniſch, ſo bitter, fortwährend die kühlen Hauche Deines ewig lauen Gefühles zu empfinden, das ſich weder zu heben noch zu ſenken vermag.“ Akes Gefühle mußten ſich jedoch jetzt entweder gehoben oder geſenkt haben, denn ſeine Wange wurde blaß und ein Nerven⸗ zucken ſtörte die Gleichmäßigkeit in ſeinen Geſichtszügen. „Emilie— iſt es recht von einer jungen Frau, ihren Mann zu einer Antwort auf ſolche Anklagen zu zwingen? Auf ſolche Art kann man weit kommen.“ „Eben jetzt will ich weit kommen— ja, ſ kommen kann. Ich weiß wohl, daß ich auf Brett ſtehe... mag es tragen oder brechen!“ „Warte ein wenig... Wenn das Brett wirklich bräche? Es iſt ja immer beſſer vorher zu denken als nachher.“ „Dank für dieſe Erinnerung! Die Reue hat etwas ſo Be⸗ drückendes.“ Emiliens Stimme bekam hier den lieblichen Tonfall einer leiſen Klage. Ihre ganze Heſtigkeit legte ſich gleich gebändigten Ich wollte Spitzbergen folgen ee zubringen, im o weit als ich einem unſichern Wogen am Ufer einer lieblichen Blumeninſel „Haſt Du Etwas bereut, armes Kind?“ „Ja, Ake, ich habe Etwas bereut— bereuen; und wenn ich einen einzige könnte... „Nimm Dich jetzt wieder in Acht! es gibt Geſtändniſſe, die in einem aufgeregten Moment durchaus über die Lippen wollen. Man kann ſie kaum zurückhalten; aber einmal ausgeſprochen, können ſie nicht zurückgenommen werden.“ Carlén, ein Hand elshaus in den ich werde es ſtets n Augenblick zurückkaufen Scheeren. 1. 4 Die junge Frau ſenkte den Kopf, ohne zu antworten. „Ueberdies,“ fuhr Ake fort,„warum brauchen wir denn andere Geſtändniſſe auszutauſchen, als ſolche, die unſere Zukunft betreffen? Wie wenig kannten wir einander vor unſerer Ehe! Bälle, Schlitten⸗ partien, dann und wann eine Promenade, dann und wann ein téte-Aà-téte am Piano— was bedeutet das Alles im Ganzen genommen! Mann und Frau lernen einander erſt dann kennen und ihren gegenſeitigen Werth ſchätzen— was nach meinem Dafürhalten die erſte, wenn auch nicht einzige Bedingung der Liebe und des höhern Glückes iſt— wenn ſie durch tägliche Prüfungen ihre gegenſeitigen Charaktere und Gemüthsarten erprobt und ſtudirt haben. Die flüchtige Neigung, woran blos die Sinne Theil haben, kann nicht würdig ſein an die Seite desjenigen Gefühls geſetzt zu werden, das, aus der ewigen Liebe ſelbſt ent⸗ ſprungen, ein Inbegriff alles Göttlichen iſt, was in einem Menſchen⸗ herzen abgedrückt ſein kann.“ „O Gott!“ rief Emilie, indem ſie ohne alle leidenſchaftliche Regung, aber mit inniger unendlicher Ergebenheit die Hand ihres Mannes ergriff,„o Gott, wie zartfühlend und hochſinnig biſt Du! Ich weiß wohl was ich Dir anvertrauen wollte, aber es iſt gut ſo wie es iſt. Jetzt erkläre ich Dir feierlich, daß ich gerne überall leben will, wo Du es am beſten findeſt, und auf dem neuen Weg, den ich nunmehr betrete, werde ich getreulich bemüht ſein meinen Beruf als Deine würdige Gattin zu erfüllen. Zu⸗ gleich gelobe ich Dir, daß ich niemals mit Ungeduld irgend ein Verhältniß herbeizuführen ſuchen werde.“. „Dies iſt würdig und edel ſowohl gedacht als geſprochen, mein liebes Weibchen. Ich nehme Dein Gelübde an und betrachte es heute heiliger als in dem Augenblick, wo Du es in glänzen⸗ der Geſellſchaft vor dem Geiſtlichen ablegteſt. Laß uns fortan glauben und hoffen, daß, falls unſere gegenſeitigen Gelübde würdig erfunden ſind bei Gott aufgezeichnet zu werden, er uns auch den Himmel näher kommen laſſen wird, ſobald er findet, rne dem uht Zu⸗ ein hen, icchte zen⸗ ctan übde uns net, 51 daß die Zeit, da iſt. Und jetzt: Gedankenſtrich, Punktum und neue Seite!“ „Gib mir nur noch zehn Minuten, ſo werde ich hernach vor Deinen erwarteten Gäſten als gute Wirthin und Hausfrau auf⸗ treten. Aber jetzt will ich dieſe zehn Minuten zuerſt dazu an⸗ wenden, um Dir zu danken, daß Du mich mehr von Deinem Herzen ſehen ließeſt als ich bisher geſehen hatte, und dann möchte ich Dir eine Bitte vortragen, die vielleicht ſehr kindiſch iſt, aber ich verſpreche, daß ich mich nicht ärgern werde, wenn Du mir ſie abſchlägſt.“ „Laß mich dieſe Bitte hören, mein Kind.“ „Du haſt zwei Taufnamen: Ake und Vincenz. Ake hat immer einen ſo ernſten Klang, Vincenz dagegen einen weit lieb⸗ licheren, und dieſen Namen möchte ich gerne als Schmeichelnamen gebrauchen.“ „Ich verſichere Dich, liebe Emilie, daß es mich wirklich ſchmerzt, Dir eine ſo unſchuldige Bitte abſchlagen zu müſſen. Aber ich hoffe, Du wirſt mich verſtehen, wenn ich Dir ſage, daß meine Mutter mich immer mit dem ehrlichen und altſchwediſchen Namen Ake nannte, der lange in ihrer Familie üblich war. Mein Vater dagegen, der einen Bruder Namens Vincenz hatte, nannte mich zuweilen ſo, aber es klang fremd und unangenehm in meinem Ohr.“ „Dann muß ich wohl davon abſtehen... Aber ſag, wenn ich Dich als Braut darum gebeten hätte?“ „Dann würde ich Dir daſſelbe erwiedert haben.“ „Und Du würdeſt vielleicht hinzugefügt haben, was einmal ein Mann geantwortet haben ſoll, als es ſich um einen Bruch mit der Braut um der Mutter willen handelte: Eine Braut kann man immer wieder bekommen, eine Mutter aber nie.“ „Ohne Zweifel hätte ich daſſelbe gedacht, wenn ich auch nicht mit derſelben Offenheit geantwortet hätte. Und nun, liebe Emilie, mußt Du Dich mit Ake begnügen, denn jede Erinnerung an meine Mutter iſt für mich eine heilige Reliquie. Aber jetzt muß ich ans Ufer hinabeilen. Höre, liebe Emilie, wenn Du ein kleines Mittageſſen herrichten könnteſt, ſo wäre dies ſehr paſſend. ar Es liegt Nichts daran, wenn Du auch nicht viel zu eſſen haſt; or wir haben gute Weine.“ be da „Ich werde mein Beſtes thun.“ Ake nickte ſeiner jungen Frau freundlich zu und ging. ur Sobald er weg war, faltete Emilie ihre Hände und ſprach in ihrer Seele eine tiefe und vertrauungsvolle Dankſagung für ve das was heute geweſen, und ein warmes Gebet für das was zu kommen konnte. Darauf ſagte ſie halblaut: S „Es hat Nichts zu bedeuten, daß er mir dies abgeſchlagen kei vo hat.— Ich hätte auch nicht gerade jetzt mit dieſem Einfall heraus⸗ aber jedenfalls war es eine abſchlägige Ant⸗ Se rücken ſollen... wort und eine Mutter iſt immer eine gefährliche Nebenbuhlerin, ber wenn ſie auch nicht mehr auf Erden lebt. Was bedeutet das ein Leben auf Erden gegen das Leben im Herzen? Aber— wie des er ſagte— jetzt Punktum und eine neue Seite!! zuf In hal niſ Sechstes Kapitel. all Die Handelsgemeinſchaft wird abgeſchloſſen. 4 3 v In dem Zimmer, das der Scheerenmagnat, Kaufmann Moß, Le bewohnte, wenn er bei ſeinem anſpruchsloſeren, aber jetzt ab⸗ und weſenden Freund, Capitän Rasmusſon, zu Gaſte war, fand folgende Scene ſtatt. 1 übe Auf beiden Seiten des himmelblauen Klapptiſches ſaßen geb unſere zwei Reiſende mit Pfeifen im Mund und einen Krug der Porter vor ſich, während des Kaufmanns wachſames Auge un⸗ kon abläſſig über die Waſſerfläche hinſchweifte und ſo zu ſagen auf 53 jeden ſichtbar werdenden Segellappen den Daumen hielt, bisweilen auch am Ufer umherſchaute, wo die kleinen Erben des Fiſcher⸗ ortes ſich bald auf einem über eine Häringstonne gelegten Brett, bald auf dem Kiel eines umgeſtürzten Bootes ſchaukelten und dazu muntere Liedchen ſangen, ſo daß es an den Ecken der Häuſer und von den Klippen fröhlich widerhallte. „Nun, Herr Holt, was ſagen Sie zu dem Aſſocié? Ein verdammt hübſcher Kerl zum Anſehen, groß, bräunlich und mit zwei ſchwarzen Augen im Kopf, die einen durch und durch ſehen. Supponire jedoch, daß dieſe Augen an einer gewiſſen Kurzſichtig⸗ keit leiden. Nun, er gibt einen ſolchen Mann, der in den Scheeren vor in⸗ und ausländiſchen Capitänen, reiſenden Kaufleuten und Schiffsrhedern gebührend repräſentiren kann. In allen Sprachen bewandert, in allen Arten von Correſpondenz zu Hauſe, iſt er ein prächtiger Aſſocié für einen Mann, welcher demjenigen Theil des Geſchäftes, der im eigentlichen Ladenhandel liegt, gut vor⸗ zuſtehen weiß.“ „Ja, an dieſen Handel bin ich von Kindheit auf gewöhnt. In den ſpätern Jahren bin ich für Handelshäuſer gereist und habe dazwiſchen hinein meine Zeit dazu angewandt, meine Kennt⸗ niſſe in Allem zu erweitern, was der Menſch braucht um nicht allzu roh zu erſcheinen.“ „Nun ja, Gelehrſamkeit kann ſehr nützlich ſein, wenn man ſie hat. Supponire aber dennoch, daß man ſich auch ohne ſie behelfen kann, wenn man das hat was ich, wie Sie wiſſen, über Alles ſtelle, nämlich Genie. Aber wie gefällt Ihnen Herr Hjelm und ſeine Art die Geſchäfte zu behandeln?“ „O,“ antwortete Holt,„Herr Hjelm iſt mir natürlich ſo überlegen, wie ein hochgebildeter Mann es immer einem halb⸗ gebildeten iſt. Ich mache gar keinen Hehl daraus, daß ich in der Stunde, wo wir uns beſprachen, meine Unterlegenheit voll⸗ kommen fühlte; aber ich bin auch überzeugt, daß ich im praktiſchen . Element des Handels derjenige ſein werde, der den größten Theil an der Leitung erhält.“ „Recht ſo, Herr Holt! klug geſprochen! Und während er jetzt heimgegangen iſt, um ſeiner jungen Frau die Mittagsgäſte anzukündigen, ſupponire ich, daß wir einander apart ein paar Worte zu ſagen haben könnten.“ „Offene Ohren, Herr Moß!“ „Supponire, daß nach dem Eſſen die Discuſſion auf allerlei Dinge fallen wird, die bei der Hand liegen, das Hauptgeſchäft natürlich ausgenommen, denn dieſes ſchließen wir hier ab.“ „Nun?“ fragte Holt. „Wie halten Sie es, Meinung ſind?“ „Das kommt auf die Wichtigkeit des Gegenſtandes an.“ „Wortkram, Herr Holt! Supponire, daß der Gegenſtand immer wichtig iſt, wenn man ihn durchſetzen will. Wie bringen Sie Ihren Willen zur Geltung?“ „Ich bin beſtimmt.“ 4 „Taugt Nichts! ein kluger Mann iſt bei ſolchen Disputen niemals beſtimmt.“ „Warum nicht, Herr Moß?“ „Das werde ich Ihnen ganz klar auseinanderſetzen. Die Sache iſt die: eine beſtimmt ausgeſprochene Anſicht ruft gewöhn⸗ lich beſtimmte Erklärungen hervor, aber ſolchen Erklärungen muß man ausweichen: ſie binden die Hände, und mit gehundenen Händen iſt ſchwer manövriren. Zwar ſteht, wie unſer Paſtor ſagt, in der Schrift, man ſolle die rechte Hand nicht wiſſen laſſen, was die linke thue— ſupponire jedoch, daß dies in einem andern Sinn gemeint iſt; da ich aber nie Etwas für beſtimmt annehme, ſo nehme ich im vorliegenden Fall an, daß die rechte Hand den Knoten an der linken auflöst, und ſomit die Freiheit zu Stande kommt. Verſucht man aber dieſe Freiheit zu benützen, ſo ſchreit die ganze Welt zuſammen— und welcher Fleck auf Erden hat wenn zwei Perſonen verſchiedener 3* en ‚Die yn⸗ uß nen tor en, ern me, den nde reit hat 55 wohl nicht ſeine Welt— ſo daß es an allen vier Ecken wider⸗ hallt, und da macht man Wind und ſchwatzt eine Menge Dumm⸗ heiten über Mangel an Ehre, über Unaufrichtigkeit, Wortbrüchig⸗ keit und dergleichen. Pfui doch, vor ſolchen Dingen hütet ſich ein Mann, der mit Genie geboren iſt.“ „Dies iſt wirklich großentheils auch meine Philoſophie. Ich behalte mir jedoch einige Modificationen vor. Die Ehrlichkeit ſpricht ihre Anſicht beſtimmt aus: ſie darf keine Neigung zeigen, Schlupfwinkel oder den geſetzloſen Schutz in der Freiſtätte, die aus Sophismen erbaut iſt, zu ſuchen. Wird ſie aber gezwungen von ihrer Idee abzuſtehen, wird ſie gezwungen aus dem einen oder andern Grund auf die Idee eines Andern einzugehen, ſo bleibt ihr immer noch ein Ausweg übrig. Sie hat einen der Weisheitsſprüche der Alten für ſich, nämlich keine Regel ohne Ausnahme. Und wer kann dann Etwas dafür, wenn die Ereigniſſe dafür ſorgen, daß es an Ausnahmen nicht fehlt?“ „Sie ſind geboren, um Glück in der Welt zu machen. An⸗ genehm einen jungen Mann zu hören, der auf ſolche Art philo⸗ ſophirt. Der Jachtlieutenant, dieſer Narr, der ſich einbildete mein Schwiegerſohn zu werden, hat gar keinen Begriff von einer ſolchen Philoſophie. Aber ich ſupponire, daß mein Satz dennoch der beſte iſt, was Sie mit der Zeit gewiß einſehen werden. Doch um nicht über des Kaiſers Bart zu ſtreiten, könnte man ja eine beſtimmte Frage vornehmen, wie z. B. den Schleichhandel.“ „Ja, dieſe oder irgend eine andere.“ „Möchte glauben, daß Herr Ake Hjelm beſchränkte Anſichten über dieſe Sache hat. Und in ſo fern mag er Recht haben, daß der Verdienſt jetzt, wo man gegen Verzollung beinahe Alles ein⸗ führen darf, vergleichungsweiſe unbedeutend iſt gegen frühere Zeiten, wo es ganz anders zuging. Aber, Herr Holt, glauben Sie einem erfahrenen Mann, die Zollkammer nimmt bei der Waare nicht den Stiefkindstheil, und wenn man dieſen Theil mitunter in ſeine eigene Taſche ſtecken kann, ſo ſchmeckt das ſchön — ſupponire, daß man immer ſich ſelbſt der Nächſte iſt.“ „Keine Regel ohne Ausnahme, Herr Moß!“ antwortete Holt lachend.„Aber ich möchte beinahe glauben, daß es nur wenige Ausnahmen gibt, wenn man ſich ſelbſt bei der Berechnung voran⸗ ſtellt.“ „O, es gibt dennoch welche,“ verſetzte Moß mit einem Seufzer, der als eine Art von Tribut gegen die menſchliche Schwachheit gelten konnte.„So wie Sie mich hier ſehen, Herr Holt— ich glaube wahrhaftig kein weichherziger Mann zu ſein— bin ich dennoch ſo ſchwach gegen meine Tochter Majken, meine Maiblume, wie ich ſie nenne, weil ſie nicht bloß im Mai geboren, ſondern auch die beſte Blume iſt, die zwiſchen dem Strand von Spartſkär und der Reſidenz ſelbſt blüht... ich bin, ſage ich, ſo ſchwach gegen ſie, daß ich ſchon manchmal meiner eigenen Vernunft zum Trotz ihrem Willen nachgegeben habe.“ „Aber dennoch,“ fiel Holt ein,„darf ſie, wie es ſcheint, nicht nach ihrer eigenen Wahl heirathen?“ „Ich weiß nicht, ob ich geſagt habe, daß ſie eine Wahl ge⸗ troffen hätte. Aber wenn es ſo wäre, iſt es dann meine Schuld? Nein, es iſt die Schuld meiner Frau, und dieſen Fehler habe ich ihr ſchon ſeit dem zweiten Jahr unſerer Ehe zum Vorwurf „Es iſt alſo ein ſehr anhaltender Fehler?“ „Ja, Herr, und unverbeſſerlich; ſie hätte mir einen Sohn gebären ſollen, dann hätte Majken nach ihrem eigenen Sinn heirathen können. Jetzt muß ich einen Schwiegerſohn haben, der auf meine Ideen eingeht. Aber halt und ſtill jetzt— dort kommt unſer Mann. Geben Sie mir inzwiſchen, da ich wirklich Neigung zu Ihnen habe, die Hand darauf, daß Sie in den meiſten wichtigen Fragen meinen Rath einholen wollen. Und glauben Sie jetzt, daß ich Alles was ich beim Kauf nachlaſſen kann, nur Ihnen zulieb thue.“ 06 g ᷣCh h Dl hön Holt nige ran⸗ er, heit ich ich ime, dern ſkär wach zum eint, ( ge⸗ uld? e ich wurf Sohn Sinn aben, dort irklich eiſten auben „nur 57 „Hier meine Hand, Herr Moß! Es iſt die Hand eines unerfahrenen jungen Mannes, aber ſie ſoll treu ſein. Erinnern Sie ſich indeß immer meines Wahlſpruches: Keine Regel ohne Ausnahme.“ „Supponire, wir werden ohne dieſen Wahlſpruch einig... Aber öffnen Sie jetzt die Thüre ein wenig und erſuchen Sie Frau Rasmusſon in meinem Namen, ſie möchte uns ein paar Flaſchen vom Madeira der Brigg Olga ſchicken, denn in ſo weit habe ich mir immer erlaubt den Ruſſen zu lieben, daß ich, ſeit ſein Schiff in unſern Scheeren geſcheitert iſt, mit ſeinem Weine vorliebgenommen habe.“ Der Mittagstiſch bei Herrn Ake Hjelm ſtand gedeckt, und die junge Frau, in einer geſchmackvollen aber einfachen Toilette, legte die letzte Hand ans Werk, als ihr Mann mit den beiden Gäſten eintrat. „Hier, meine Liebe, kannſt Du die Bekanntſchaft des Herrn Moß machen, deſſen Firma jetzt in neue Hände übergegangen iſt.... und hier ſiehſt Du meinen Aſſocié, Herrn Wilhelm Holt. Wir ſehnen uns Alle darnach mit Dir auf den Abſchluß des Geſchäftes anſtoßen zu können.“ „Supponire, Frau Hjelm,“ begann Moß unter artigen Bücklingen, daß es Ihnen nicht unangenehm iſt eine Scheeren⸗ dame zu werden, wenn man in einem ſo hübſchen Ort wie Spartſkär wohnen kann. Aber mit noch größerer Sicherheit ſup⸗ ponire ich, daß wir uns zur Geſellſchaft Glück wünſchen dürfen. Meine Tochter Majken wird oft kommen und ihre Freundſchaft bezeugen, wie ich auch überzeugt bin, daß die Herrſchaften alle meinem geringen Haus die Ehre ſchenken werden.“ Während Moß ſprach, kann man ſagen, daß Emilie kaum mit der Hälfte ihrer Sinne ſah und hörte. Ihre Augen und ihr Inſtinct ruhten feſt gezaubert auf Herrn Holt, welcher ſeiner⸗ 58 d ſeits das ſchöne Weib mit einem einzigen funkelnden Blick auf⸗ faßte. Emilie empfand ein heimliches Beben, ein Gefühl namenlo⸗ ſen Widerwillens gegen den jungen Mann, und als er mit un⸗ gezwungener Dreiſtigkeit ſeine Hoffnung ausſprach, während der einſamen Winterabende nicht gänzlich von der Geſellſchaft ausge⸗ ſtoßen zu werden, antwortete ſie blos mit einer Verbeugung des Kopfes; dagegen ſprach ſie, ſobald ſie ſich erholt hatte, gegen Herrn Moß mit leichter Anmuth ihre Freude darüber aus, daß ſie einen angenehmen weiblichen Umgang finden werde.“ Man hatte ſich jetzt zu Tiſche geſetzt. Zu ihrem Verdruß ſah Emilie, daß ihr Mann mit der Art, wie ſie Herrn Holt behandelte, nicht zufrieden ſchien, aber deſſen⸗ ungeachtet konnte ſie die ganze Zeit über, obſchon ſie ſich Gewalt anzuthun ſuchte, dieſe Eindrücke nicht bemeiſtern. Sie war und blieb ſchroff gegen den jungen Gaſt. Er dagegen war eitel Artigkeit und Aufmerkſamkeit, ohne jedoch läſtig und aufdringlich zu werden. Er ſchien in ſein gan⸗ zes Weſen ein gewiſſes Zartgefühl legen zu wollen. „Nun, meine Herrn,“ ſagte der Wirth, nachdem er jedoch zuvor in ſeinem erſten Trinkſpruch ſeine Gäſte willkommen ge⸗ heißen,„laſſen Sie uns vor allen Dingen ein Glas leeren auf... „Auf friſchen Wind im Geſchäft!“ fiel Moß etwas vor⸗ ſchnell ein. 8 „Nein, Herr Moß, dieſer Wunſch kommt erſt in zweiter Linie. Der erſte Toaſt muß der Einigkeit zwiſchen den Aſſociés gelten, denn auf dieſem Grund dürfte der Erfolg des Geſchäftes ſicherer ruhen, als auf irgend einem andern.“ Alle tranken, nur Emilie nicht, die kaum einen Tropfen über die Lippen brachte. Darauf ſagte Moß mit einem Seitenblick auf ſeinen Günſt⸗ ling Holt:„Supponire, Herr Hjelm— die Meinungen Anderer vor⸗ heiter ociés äftes über zünſt⸗ derer 59 in allen CEhren— daß eine beſtändige Einigkeit etwas Unmög⸗ liches iſt, ſogar wenn zwei Quäker miteinander in Compagnie treten; um wie viel mehr bei andern Leuten?“ „Warum denn?“ fiel Holt ſchnell ein.„Einigkeit in den Beſchlüſſen ſetzt nicht immer Einigkeit in den Gedanken voraus, die vorhergegangen ſind. Man zieht die gegenſeitigen Erwä⸗ gungsgründe in Betracht und hält vor allen Dingen ſtets das Beſte der Firma im Auge.“ „Nein, vor allen Dingen ihre Ehre,“ erklärte Ake mit Nach⸗ druck.„Denn meines Erachtens geht die Ehre der Firma ihrem Beſten vor.“ „Nun, meine lieben Herrn, ſo laſſen Sie uns ſowohl auf die Ehre als auf das Beſte der Firma trinken!“ rief Moß, der es prinzipiell vermeiden wollte, daß irgend etwas Beſtimmtes ausgeſprochen werde. Nachdem dieſer Toaſt mit gebührendem Gläſerklang getrun⸗ ken worden, beabſichtigte Ake, da man jetzt am letzten Gerichte war, die Geſundheit des Herrn Moß auszubringen; aber ehe es ſo weit kam, traf ein Brief an Herrn Moß ein, der, ſobald er die Ueberſchrift angeſehen hatte, ohne alle Umſtände das Siegel erbrach und einige Zeilen las. Mehr las er nicht. Er ſteckte den Brief haſtig in ſeine Taſche, ſtand auf und zeigte ein Geſicht, das buchſtäblich von flammendem Zorn übergoſſen war. Glücklicher Weiſe ſammelte er ſich noch in ſo weit, daß er einige Entſchuldigungen wegen ſeiner Unart vorbringen konnte. Dringende Geſchäfte mußten die Schuld ſeines plötzlichen Auf⸗ bruches tragen. „Wie Schade, daß wir nicht in Ruhe ein Glas auf unſern geehrten Vorgänger leeren konnten!“ ſagte Ake voll Artigkeit. „Ich habe das auf ſpäter zu gut, Herr Hjelm. Jetzt will ich Herrn Holt einen Vorſchlag machen. Ginge es nicht an, daß oder haben die Herrn noch etwas Sie mit mir zurückkehrten, Beſonderes mit einander zu ſprechen?“ 3 „Ich muß unter allen Umſtänden fort,“ fiel Holt ein.„Ich Fl bin noch zwei Monate Spediteur, und da Herr Hjelm unſerer Uebereinkunft gemäß die Einrichtung des Ladens übernommen fl hat, ſo bin ich vor dem 1. September nicht nothwendig. Jeden⸗ de falls correſpondiren wir.“ las „Als Aſſociés müſſen wir unbedingt in aller Eile noch zu⸗ leſ vor Brüderſchaft trinken,“ fiel Ake ein.„Und dann habe ich noch einige Worte mit meinem neuen Bruder zu ſprechen, wäh⸗ Br rend Herr Moß nach dem Boote vorangeht.“ „Das geht ganz leicht,“ antwortete der Letztere.„Ich muß Au jedenfalls noch bei Rasmusſons einſprechen. Und jetzt leben Sie Be wohl, meine Herrſchaften! Entſchuldigen Sie den plötzlichen Auf⸗ niſß den mit einer Einladung kom⸗ die bruch! Meine Frauenzimmer wer men, und am 1. September eröffnet Haus Geſchäfte auf Spartſkär.“ nen „Dank, gute Emilie, für alle Mühe, die Du hatteſt,“ ſagte tigte Ake, als er vom Ufer zurückkam.„Aber warum in aller Welt ſo⸗ warſt Du ſo unfreundlich, ſo kalt, ja ſogar wirklich unartig gegen nur Holt?— Er iſt ja doch ein ganz angenehmer junger Mann.“ gen. „Ich kann Dir die Urſache nicht ſagen, Ake, denn ich weiß ſie ſelbſt nicht; aber ſo viel weiß ich, daß ich, wenn ich den Mann Ver Hjelm und Holt ſeine vor Eurem Abſchluß geſehen hätte, Dich auf den Knien gebeten wen haben würde ihn nicht zu Deinem Aſſocié zu nehmen. Eine gen Ahnung, die ſich gewiß als wahr erweiſen wird, ſagt mir, daß daraus ein Unglück entſteht.“ „Wie närriſch Du jetzt biſt! Du darfſt nicht glauben, daß ſchäf 6 es ſo leicht ſei Aſſociés zu finden, die zugleich Capital und nütz⸗ 1 liche Verbindungen beſitzen, was ſich Holt auf ſeinen Geſchäfts⸗ reiſen verſchafft hat. Allein hätte ich nie anfangen können, außer in einem ſo kleinen Maßſtab, daß es gar nicht der Mühe twas „Ich ſſerer nmen eden⸗ h zu⸗ de ich wäh⸗ muß n Sie Auf⸗ kom⸗ ſeine ſagte Welt gegen un.“ weiß Mann ebeten Eine c, daß 1, daß d nütz⸗ ſchäfts⸗ können, Mühe 61 werth geweſen wäre. Ueberdies habe ich die genaueſten Erkun⸗ digungen eingezogen. Wilhelm Holt hat nicht den mindeſten Flecken an ſeinem Ruf.“ „Nun, ſo laß uns nicht mehr davon reden. Inzwiſchen flößte er mir weit mehr Widerwillen ein als ſogar Herr Moß, deſſen Angeſicht wahrhaft ſchrecklich wurde, als er dieſen Brief las. Ich meinte ein wildes Gedicht über einen Seeſturm zu leſen, als ich ihn anſah.“ „Auf dem Weg ans Ufer hinab habe ich gehört, daß der Brief von ſeiner Frau war,“ fiel Ake ein. „So, ſo,“ ſagte Emilie,„der Brief einer Frau kann ſolche Aufregungen hervorrufen.... O, wie ſehr hatte ich Recht in Bezug auf das Scheerenleben! Sogar die häuslichen Verhält⸗ niſſe ſind alſo ein Abbild des kalten Granitfelſens, auf welchem dieſes Leben hinrollt!“ „Meine beſte Emilie, laß uns nicht., auf dieſes Kapitel zu⸗ rückkommen, das Du, wie ich heute früh glaubte, ſowohl aus Dei⸗ nen Gedanken als aus unſern Geſprächen zu ſtreichen beabſich⸗ tigteſt, und laß vor allen Dingen dieſes Gedicht, das Du ſelbſt ſo poetiſch auf des Herrn Moß finſterem Geſicht geſchaffen haſt, nur diejenigen leſen, die es angeht— das wird vollkommen genug ſein.“ „Verzeih mir, Ake— ich war im Begriff, zwar nicht meine Verſprechungen zu vergeſſen, wohl aber gleichſam das Band ein wenig zu lockern, das ich um alle meine Befürchtungen geſchlun⸗ gen habe.“ Aber wir verlaſſen jetzt die Neuvermählten, um an andern Orten die verſchiedenen Perſonen aufzuſuchen, die mit den Ge⸗ ſchäften der alten Firma in Verbindung ſtehen. Siebentes Kapitel. Die Maiblume unter dem Schutze der Flagge königlicher Majeſtät und der Krone. . In derſelben Nacht, wo die Herren Moß und Holt der ein⸗ förmigen Windſtille wegen auf Rankholm eine Zuflucht geſucht hat⸗ ten, ſah man in einer andern Gegend, etliche Meilen weiter nach Norden, ein größeres Boot, das auf der Rückfahrt von Norwe⸗ gen begriffen war, gierig die leichten Winde auffangen, welche die Segel nicht ſowohl füllten als liebkosten. p Die tiefe Stille, die in der Natur herrſchte und nicht einmal von dem Geſchrei oder Flügelſchlag eines Seevogels unterbrochen wurde, die angenehm erfriſchende Luft nach der Hitze des Tages, das eigenthümliche Farbenſpiel, Alles wurde mit Entzücken von einem jungen Mädchen aufgefaßt, das ganz ungenirt der Länge nach auf einer großen Packkiſte lag. Die Füße ruhten an einem Kartoffelſack und der Kopf auf einem Kiſſen, das ſo parallel mit dem Dahlbord lag, daß die Ruhende ihre Augen unabläſſig auf das Meer heften konnte, das eine außerordentlich ſchöne Beleuch⸗ tung durch den Phosphorſchein erhielt, welcher in einer langen Linie, ein wahrer Silberſtrom, dem Kielwaſſer folgte.. Noch lag— es war etwa um Mitternacht— die zerklüftete Felſenküſte der Scheeren mit ihren zahlloſen Holmen und Klip⸗ pen in den Nebeln eingebettet, allein dieſe Nebel waren nicht zu dicht, als daß man die an und für ſich ſo intereſſanten Berg⸗ formationen beobachten konnte, wie ſie im Dunkel noch intereſſan⸗ tere Geſtaltungen annahmen, von denen beinahe jede Gegenſtand einer Geſchichte oder Sage iſt.. „Hier könnte ich ein halbes Jahrhundert liegen und das Götterdaſein einer ſolchen Nacht genießen,“ ſagte Maria Moß oder Majken, wie ſie von ihrem Vater genannt wurde. Denn cher ein⸗ hat⸗ nach orwe⸗ velche inmal pochen Lages, n von Länge einem el mit ig auf eleuch⸗ langen klüftete Klip⸗ icht zu Berg⸗ rreſſan⸗ enſtand nd das a Moß Denn 63 ſie, des Kaufmanns einziges geliebtes Kind, ſeine Maiblume war es, die auf eigenen Antrieb ihre Heimreiſe machte und ziemlich unbekümmert darüber ſchien, wie dieſe Handlung aufgenommen werden könnte. Aber nicht blos der Vater hatte ihr einen Liebkoſungsnamen gegeben: ihr beſonders guter Freund, der alte Paſtor, hatte ſie mit einem andern beſchenkt, welchen ſie, wie man behauptete, noch lieber hörte. Er nannte ſie nämlich nie anders als die Schildjungfrau, und wahrlich, hätte ſchön Majken in der Zeit gelebt, wo die Weiber des Nordens in den Krieg zogen, ſo wäre ſie nicht die letzte geweſen, die ſich einen Lorbeer geſchnit⸗ ten hätte, welcher das kühn gezeichnete Haupt, die freie ſonnen⸗ gebräunte Stirne hätte ſchmücken können. So wie ſie jetzt in Wirklichkeit war, mußte ſicherlich dieſe gegenwärtige Beherrſcherin des Spartſkär⸗Strandes die zukünf⸗ tige einigermaßen irre machen.. Die achtzehnjährige Emilie mit ihren fieberhaften Gefühlen, ihrem reizbaren Stolz und ihrer kindiſchen beſchwerlichen Furcht, ſie möchte ſich in ihre neue Verhältniſſe nicht recht finden kön⸗ nen, bildete den ſchärfſten Gegenſatz gegen die zweiundzwanzig⸗ jährige ungemein zuverſichtliche Majken, die mit dem Paſtor um die Wette Cigarren rauchte, während ſie einander gegenſeitig ihre Geſchichten erzählten, die ohne viele Umſtände jedem frem⸗ den Capitän an ihres Vaters Tiſch zutrank und mit feſter Hand, ohne im mindeſten zu zittern, ſowohl bei ruhiger See als im Sturm ihr Boot ſteuerte, wenn ſie auf die Jagd nach Seevögeln auszog. Daheim im Hauſe ſetzte ſie den Ladendienern die Köpfe zurecht, wenn ſie Faulheit oder Unordnung bei ihnen bemerkte, ja ſie meiſterte ſogar ihren hochgeehrten Vater, wenn ſeine geizigen Finger zwar haſtig nach den gefundenen Gütern griffen, welche die armen Strandbewohner ausboten, aber nur ungern Das von ſich gaben, was die Ausbieter dafür eintauſchen woll⸗ ten. Kurz und gut, Majken wurde ſelten als ein junges Mäd⸗ chen angeſehen, ſondern ſie war, wie Mancher ſcherzhaft ſagte, ein Frauenzimmer in ſeiner vollen Manneskraft. Genug, ſie war ein muthiges, rüſtiges und freiſinniges Weib. Ob ſie dabei auch ſanftere und holdere Gefühle beherbergte, werden wir bald ſehen. Die Dunkelheit der Nacht hat uns bisher verhindert etwas Näheres über die äußere Erſcheinung der Perſon zu bemerken, deren innere Eigenſchaften wir theilweiſe zu zeichnen verſucht haben. Aber jetzt beginnt der Oſten ſich zu röthen. Und ſo wie der Nebel leichter wird— der Wind hat in der Dämmerung umgeſchlagen und ſpannt die flatternden Segel— ſcheinen die Umriſſe des ganzen Scheerenbandes immer klarer und klarer hervorzutreten. Das Auge ſtaunt. Man meinte vorher in einem verzauberten Bergſee mit Wikinger Burgen ringsumher eingeſchloſſen geweſen zu ſein, aber plötzlich, juſt während das Boot den letzten engen Gang paſſirt— eröffnet ſich ein uner⸗ meßliches Panorama. Die Sonne ſteigt majeſtätiſch aus dem Meer empor, über welchem in dieſem Augenblick ein Weg von fließendem Gold erglänzt, und ein Purpurſchein umhüllt alle Segler, die man jetzt in verſchiedenen Richtungen einander kreu⸗ zen ſieht. Aber ſind es blos die Gewäſſer und die Fahrzeuge, die ſich auf ſolche Art färben? färbt ſich nicht auch die rüſtige Schild⸗ jungfrau, die wachend ihre Träume träumt, während ſie ihre Blicke auf den neuen Tag heftet? Iſt ſie ſchön, ſie, die den Namen Maiblume führt? Ganz und gar nicht, nur in eines Vaters oder Liebhabers Augen könnte ſie ſo erſcheinen. Die Formen beſaßen nicht die nöthige Weichheit, die Geſichtszüge nicht die nöthige Reinheit und Regelmäßigkeit, das Ganze nicht die erforderliche Zauberkraft, um blos die Sinne hinzureißen. Aber die Herzen, die ſie ein⸗ gabers ht die einheit rkraft, ie ein⸗ 65 ,durch die glänzende Friſche, die nicht blos auf ihrem Geſichte u äußern Weſen lag, ſondern auch, im Verei , ihrem Charakter, ihrem Leben und Ihre Kleidung verrieth Nichts von der all Coketterie. Sie war nach der Jahreszeit eingerichtet. Majken trug der damals herrſchenden Mode entgegen ihre Haare ſtets aufwärts gekämmt, im Winter ein ſchwarzes Caſtorhütchen mit wehender Feder, im Sommer einen runden Strohhut mit einem einfachen Band. Sommers und Winters erſchien ſie in einem hochhalſigen rothen oder braunen Kleid. Dieſes Kleid oder viel⸗ mehr dieſer Rock war vom Kinn bis zu den Füßen mit Knöpfen verſehen und zeigte über der Bruſt, wo die Knöpfe offen waren, ein kleines geſticktes Leibchen, aus deſſen leichter Verſchnürung eine weiße Krauſe hervorſtach. Dieſer Anzug, der ihrer mittelgroßen Geſtalt mehr Schlank⸗ heit verlieh, wurde nur bei außerordentlichen Gelegenheiten ver⸗ tauſcht, wenn ſie, um einen Vortheil über ihren Vater zu ge⸗ winnen, ſich mit einer jener koſtbaren Trachten ſchmückte, die er ſowohl vom In⸗ als vom Auslande für ſie verſchrieb. ergewöhnlichſten Majken hatte ſich ſo eben erhoben und den neben ihr lie⸗ genden Tubus ergriffen, um ihre Beobachtungen anzuſtellen. „Wollen Sie nicht ein wenig in die Pflicht hinunter krie⸗ chen und ausſchlafen, Mamſell?“ fragte der Schiffer, der jetzt mit einer kleinen Artigkeit herausrücken zu können glaubte. „Nein, Dank mein ehrlicher Ragnar! Ich habe manche Nacht hindurch um kein Haar beſſer gewacht als heute... Aber ich weiß nicht, ob vielleicht die Sonne meine Augen blendet— es Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 5 iſt mir als ob dort, leewärts von Raholm, ein dreizüngiges Flaggenſtück hervorſchimmerte. Ja, ja, das weiße Pferd mit ſeinem Reiter ſpringt nicht getreulicher jede Nacht über die große Oruſthaide, als die Zolljacht und ihr Herr über die eigenſinnigen Wogen des Skageraks. Supponire, wie Papa ſagt, Freund Ragnar, daß Ihr keine Urſache habt Euch zu beunruhigen.“ „Der Teufel weiß, was dieſer Menſch für einen Leib hat,“ antwortete der Schiffer,„er iſt ein ächter Scheerenmann vom alten Schlag; aber das weiß ich, daß er nie mit mehr als einem Viertelsauge ſchläft.“ „Er thut ſeine Pflicht— darüber läßt ſich gar nichts ſagen.“ „Ja, der Teufel krähe in meinem ſündigen Talge, wenn ich nicht gerne das Eine oder Andere ſagen möchte! und ich glaube nicht, daß Kaufmann Moß, Ihr guter Papa, ihn in ſo zärtlicher Er⸗ innerung hält.“. „Hört einmal, Ragnar,“ verſetzte Majken mit der überlege⸗ nen Ruhe einer Perſon, die ſich nicht hinters Licht führen läßt, „was ſind das für ſonderbare Manöver, die Ihr da ausführen wollt? Ich ſehe Eure heimlichen Zeichen, die Ihr Börje macht.“ „Manöver— was ſoll das Wort bedeuten? Darf ich meine Schute nicht manövriren wie ich will? Wenn Sie ſo klug ſind, Mamſell, ſo müſſen Sie auch ſehen, daß der Wind wieder um⸗ ſchlägt, und darum gedenke ich gegen Blaſkär zu ſteuern.“ „Das dient zu gar Nichts, Ragnar, Ihr wißt ja, daß die Zolljacht ein ſchärferer Segler iſt, als Euer ſchweres Makrelen⸗ boot. Der Vorſprung, den Ihr habt, wird bald ausgeglichen ſein.“ Ragnar ſah ärgerlich aber unentſchloſſen aus, und die Blicke, die er auf die Flagge der Krone richtete, zeigten deutlich den Haß, welchen ſich jeder Inhaber derſelben im Zollweſen immer zuzieht.„Wäre es nur Herbſt!“ murmelte er, ſich am Kopf kratzend. „Ja,“ erwiederte Majken, die ſich leicht in den Gang der Dinge verſetzte,„wäre es Herbſt, ſo könntet Ihr gar Mancherlei ☛ 8 ͤ— reine ſind, um⸗ 8 die relen⸗ ein.“ d die utlich weſen h am g der herlei N thun. Aber jetzt iſt es ein klarer S Euch, wenn Ihr das Ruder in Lee l habt Euch nach Blaſkär zu wenden, ſo erreget Ihr ganz ſicher⸗ lich Verdacht, während Ihr bei einiger Ueberlegung auf andere Weiſe zurechtkommen könnt. Aber die Zeit iſt koſtbar: faſſet Euern Entſchluß, ſonſt iſt keine Hoffnung mehr vorhanden.“ Der Schiffer winkte jetzt dem zweiten Mann an Bord zu, der noch unſchlüſſig mit der Schoote des großen Segels daſtand. „Börje,“ ſagte er,„Du weißt, daß wir Nichts als ein paar Kleinigkeiten an Bord haben, aber wo könnte man dieſen Plun⸗ der wohl bergen?“ „Keine Umſchweife!“ anker?“ „Der Teufel weiß, mit aller Dienſtfertigkeit!“. „Ihr ſolltet Euch ſchämen, Ragnar, heimen Kneipen Handel treibt, aber laßt Euch einen Rath geben. Habt klar, daß Ihr ſie ſogleich verſenken könnt, wenn wir jetzt an der Gaſtſpitze vorbeiſtreichen. Dort iſt das Boot für eine Weile verſteckt.“ ommermorgen, und ich ſage egt und irgend eine Abſicht fiel Majken ein,„ſind es Cognac⸗ was es für Anker ſind! Zum Henker daß Ihr für die ge⸗ „Sie ſind nicht dumm, Mamſell, und auf dieſen Rath hätte ich ſelbſt verfallen können; ehe ich aber hieher zurück und wieder nach Hauſe gekommen bin, habe ich eine neue Viſitation gehabt.“ „Darum ſollt Ihr nicht nach Hauſe und dann wieder zu⸗ rück. Ihr holt ſie wieder herauf, ſobald die Jacht Euch ver⸗ laſſen hat.“ „Loſes Weibergeſchwätz! Wer wei bleibt, um zu kreuzen?“ „O nein, ich will Euch da behilflich ſein.“ „Nun, das läßt ſich hören. An Dankbarkeit ſoll es nicht fehlen, wenn die Sache gelingt.“ „Was ich jetzt zu thun gedenke,“ antwortete Majken er⸗ röthend,„das thue ich nicht, um Dank zu verdienen. Aber ver⸗ ß, ob ſie nicht hier liegen — 68 ſprecht mir auf Treue und Ehre, daß Ihr keinen Cognac mehr an die Winkelkneipen verkaufen wollt. Das iſt das Unglück unſerer Gegenden, daß die Leute an ſolchen Höhlen Geſchmack gefunden haben.“ „Hol mich der Teufel, wenn ich nicht Alles verſpreche, was ſie will, nur damit es geſchwind geht... Das Halten iſt dann etwas Anderes,“ murmelte Ragnar zwiſchen den Zähnen. „Nun wohl... Wenn die Jacht angelegt hat und die Viſitation vorüber iſt— wobei Ihr, Ragnar, keine übertriebene Dienſtfertigkeit an den Tag legen dürft, damit der Lieutenant nicht auf den Gedanken kommt, Ihr hättet Euch in Sicherheit gebracht— will ich ihn erſuchen mich auf ſeiner Jacht nach Hauſe zu bringen, denn ſo komme ich weit ſchneller nach Svart⸗ ſkär, als wenn ich in Eurem Boot weiterführe. Wenn dann die Jacht abgezogen und aus Euren Augen verſchwunden iſt, ſo müßt Ihr natürlich Eure Anker ſogleich wieder heraufholen— und dann kommt Ihr ganz hübſch und ſchon viſitirt an Euern eige⸗ nen Strand heim, während die Jacht in einer andern Rich⸗ tung fortgeſegelt iſt.“ „Mit Raiſon geſprochen! Wenn nur die verdammten Anker nicht oben ſchwimmen wollten! Aber wir haben keine andere Wahl.“ Die Verſenkung wurde alsbald mittelſt Ballaſtſteinen vor⸗ genommen, und die Anker gingen auf den Boden hinab mit Ausnahme eines einzigen, der indeß aus feinem Inſtinct eine andere Richtung einſchlug. Und kaum hatte das Waſſer ſich wieder geebnet und das Boot den Felſenvorſprung umſegelt, ſo wurde die Zolljacht voll⸗ kommen ſichtbar. Unmittelbar darauf hörte man den Anruf. „Hohe Zeit!“ ſagte der Schiffer mit einem kurzen Lachen. „Aber jetzt, Mamſell, müſſen Sie ſo gut ſein und Ihrerſeits durchaus keinen Aufenthalt machen— Ihre Sachen ſchicke ich Ihnen heute Abend von meinem Hauſe aus— denn es iſt mir 1 E 4 ———————— —9—O,;,—·—· 69 verdammt bange ums Herz, bis die Jacht auf dem Blocksberg iſt und ich das Anker wieder bekommen habe, das jetzt ganz nach eigenem Gutdünken ſeinen Weg geht.“ Majken hörte Nichts mehr. Ihre Augen ſo wie ihr hoch⸗ klopfendes Herz folgten allen Bewegungen des leichten Zollboo⸗ tes, und ein heiteres Lächeln ſchwebte auf ihren Lippen, ſo oft die wehende Flagge ihr einen Gruß zuſandte. Aber jetzt bemerkte ſie den jungen Befehlshaber ſelbſt, der auf dem erhöhten Theile des kleines Verdeckes ſtand. Er winkte mit dem Hut, und das Fernrohr, das er in der Hand hielt, gab zu erkennen, daß auch er ſie längſt bemerkt hatte. Und jetzt kam er immer näher. Glich der junge Küſtenaufſeher wohl dem Bilde, das Kauf⸗ mann Moß ſeinem Reiſegefährten, Herrn Holt, von ihm entwor⸗ fen hatte? Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Viele ihn nach dieſem Portrait erkannt haben würden. Er war ein hochgewachſener ſchlanker junger Mann. Aber die Geſchmeidigkeit ſeines Körpers gewährte ihm bei den meiſten Vorkommniſſen in ſeinem mühſamen Beruf viele Vortheile. Und ſein Geſicht, das eben jetzt von der Morgenſonne beglänzt wurde, die braunen kurzen Locken, die im Winde flatterten, und die ſcharf ſehenden dunkelblauen Augen, die fortwährend auf Majken gerichtet waren, ſchienen auf einen Charakter zu deuten, deſſen Compaß niemals falſch weist, ſondern gerade auf das Ziel zeigt, und handelte es ſich auch um die größten Gewinne oder Verluſte. Und jetzt legten die Boote neben einander an. „Ei ſieh da, der Herr Lieutenant,“ ſagte Ragnar mit der behaglichen Freimüthigkeit eines Schiffers, der ruhig zuſehen känn, wie ein Zollbeamter in ſein Schiff ſteigt;„der Herr Lieutenant ſind doch immer thätig. Aber diesmal würde ich bedauern, daß Sie ſich Mühe gemacht haben, wenn nicht Mamſell Majken da wäre, die ſich über die langſame Fahrt auf meiner Schute ſchrecklich langweilt.“ 1 Alles dieſes wurde geſagt, während Lieutenant Guldbrands⸗ ſon mit einem raſchen Sprung aus der Jacht auf das Boot hüpfte, wo er Majken blos mit einer Verbeugung und einem Blick— letzterer war jedoch ſehr ſprechend— begrüßte und ſodann nebſt demjenigen ſeiner Zollwächter, den er mitgebracht hatte, mit der Ausübung ſeiner Dienſtpflicht begann. Die Viſitation wurde ſo gründlich vorgenommen, daß nicht einmal Mamſell Majkens improviſirtes Bett auf der Packkiſte ausgenommen blieb. Aber natürlich war Alles vergebens, und das Geſicht des Jachtlieutenants verrieth gar zu deutlich, wie ſehr er ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht ſah. Noch einmal ſah er ſich mit wachſamem und neugierigem Auge um, während der Schiffer und ſein Bootsmann einander ſchadenfroh zublin⸗ zelten. „Es iſt da nicht ganz geheuer,“ dachte der junge Guld⸗ brandsſon bei ſich ſelbſt. Aber was er auch denken mochte, es gab nichts weiter zu unterſuchen, und er hatte jetzt die Freiheit ſich an den Platz zu verfügen, wohin es ihn die ganze Zeit über gezogen hatte... „Kann ich die Ehre haben, Mamſell Moß, ein koſtbareres Gut, als ich erwartet hatte, von hier mitzunehmen? Ich komme ſo nahe an Svartſkär vorbei, daß es mich nicht im Mindeſten genirt, und Sie gewinnen immer eine oder anderthalb Stunden. Aber in dieſem Fall iſt es am beſten, wenn Sie ſogleich an Bord kommen.“ „Ich bin ſehr verbunden,“ antwortete Majken lächelnd.„Ich hatte Sie eben um dieſe Freundlichkeit bitten wollen, und bin bereit ſogleich einzuſteigen.“ Jetzt verabſchiedeten ſich der Schiffer und ſeine Paſſagierin. „Lebt wohl, mein lieber Schiffer Ragnar— Dank für die gute Fahrt! Ich erwarte die Sachen heute Abend.“ „Soll geſchehen, Mamſell, und die Dankbarkeit für die gute 6 S 71 Fahrt bleibt immer auf meiner Seite. Leben Sie wohl! Meine Schute wird Sie in gutem Andenken behalten.“ Nun bot der Jachtlieutenant ſeiner Herzliebſten die Hand, und im nächſten Augenblick ſtand ſie auf dem Verdeck der Krone. Die Boote trennten ſich, und nachdem die Jachtführer ihre Befehle erhalten hatten, zeigte der Wirth den Weg nach der Ca⸗ jüte mit der Verſicherung, daß der Caffee bald nachkommen werde. Achtes Kapitel. Ein Frühſtück auf der Zolljacht. „Mein Gott, wie habe ich mich nach dieſer geſegneten Stunde geſehnt,“ rief lebhaft der junge Befehlshaber, indem er ohne Weiteres ſeine Arme um Majken ſchlang und von ihr eine eben ſo warme Umarmung zurückerhielt. „Und ich ebenfalls, mein Gudmar! Habe ich nicht dieſe kühne Rückfahrt blos deßhalb unternommen, damit ich Gelegen⸗ heit fände mit Dir zu ſprechen? Du haſt doch den Brief erhal⸗ ten, worin ich Dir ſchrieb: Mit dem nächſten Boot, das kommt.“ „Ja, und ich habe ſeitdem die See nicht mehr verlaſſen. Es war ein glückſeliges Gefühl zu wiſſen, daß meine Narrheit nicht mit der Pflicht in Conflict gerieth. Ich fühlte mich ver⸗ ſucht überall hinzureiſen, wohin Du mich gerufen hätteſt.“ Ein liebliches und heiteres Lächeln verlieh dem Geſicht Maj⸗ kens einen neuen Ausdruck. Es war die Verklärung der Liebe. „Ach, meine ſchöne Maid, werden wir uns denn nie mehr wie in der ſeligen Vergangenheit der Hoffnung auf Glück hinge⸗ ben dürfen?“ „O, laß uns dieſe Stunde, die wir allen Formen zum Trotz ſo kühn geraubt haben, nicht durch Klagen verbittern! Mein Va ter hat allerdings ſeine eigenſinnigen Anſichten in dieſer Frage — Du weißt, er hat allerlei ſonderbare Anſichten— aber wir haben auch unſern Eigenſinn, und ich für meinen Theil hoffe auf endlichen Sieg.“ A „Die Hoffnung iſt lieblich, aber das Warten lang und das Leben kurz, meine Geliebte, und ich ſehe ganz und gar keine Ausſicht in einem andern Kampf zu ſiegen, als möglicher Weiſe im Kampfe mit meiner Geduld.“ „Recht ſchön! Hätteſt Du im Anfang mehr Geduld gezeigt...“ „Geduld, Majken? Du wirſt doch wohl Deinen eigenen ſpie⸗ gelblanken Charakter nicht verläugnen wollen? Du hätteſt doch gewiß nicht gewünſcht, daß ich bei jener Confiscation bei Deinem Vater...“ „Unnöthige Vermuthung! Ich meinte blos, Du hätteſt Dich damals nicht gegen meinen Rath mit Deiner Freiwerbung ſo beeilen ſollen; aber laß uns jetzt nur an den Caffe denken und darauf bedacht ſein, wie wir uns für die kurze Zeit unſeres Bei⸗ ſammenſeins am beſten einrichten können.“ „Du haſt Recht— vor allen Dingen aber begehre ich noch eine Umarmung und einen Kuß. Hernach wollen wir wie gute Kinder unſere Spielkammer in Ordnung bringen.“ „Höre, Gudmar! Ich bewillige Dir Dein Verlangen, aber nur noch dieſen einzigen Kuß, bevor wir Abſchied nehmen. Siehſt Du,“ ſagte die jetzt vollkommen weibliche Schildjungfrau mit Er⸗ röthen,„ich habe mich unter den Schutz königlicher Majeſtät und der Krone geſtellt, nicht unter die Obhut meines Liebhabers— begreifſt Du das?“ „Ich begreife Dich jetzt wie immer und ich gehe auf Alles ein mit dem einzigen Vorbehalt, daß wir bei guter Zeit Abſchied zu nehmen anfangen.“. „Wir wollen ſehen, ob ich nicht, wenn es ſo weit kommt, hier unten Etwas vergeſſen habe. Du ſiehſt doch ein, daß ich 73 mich gleich nach dem Frühſtück auf dem Verdeck aufhalten muß — was würden ſonſt die Schiffsleute zu erzählen bekommen!“ „Ach und Weh über dieſe erbärmliche Convenienz, die ſich ſogar bis in die nackten Scheeren hinein auf eine arme Zolljacht mit einem Publikum von nur zwei Perſonen erſtreckt! Aber fort mit den Sorgen! Schande über Denjenigen der mitten im Him⸗ melreich klagt! Da betrachte einmal meine Vorräthe.“ Und der junge Jachtlieutenant öffnete zwei Schränke, worin Taſſen, Gläſer, Zucker, Zwieback, Wein und dergleichen ganz ge⸗ müthlich vor einer Unterabtheilung von Schinken, Gänſebrüſten, Butterbrod, Käſe und Porter die Honneurs machten. „Ei, welcher abſcheuliche Untereinander,“ ſagte Majken, in⸗ dem ſie eine Serviette an ſich riß, welche ſie ſofort gemeinſchaft⸗ lich über den Tiſch zwiſchen den kleinen Sofas ausbreiteten. „Wie kannſt Du das ſagen? Ich glaube vielmehr, daß wir unſere Sachen vortrefflich eingerichtet haben, ich und Lomme*). Mein zweiter Jachtſchiffer hat nämlich dieſen Ehrennamen wegen ſeiner Fertigkeit erhalten, womit er den Taucher nachmacht, wel⸗ ccher gar nicht weiß, wie verdächtig ſein Ruf iſt.“ „Dieſes Unglück theilt er mit Vielen, die beſſer ſind als er. Aber weißt Du, Gudmar, ich denke jetzt, dein guter Lomme, der noch den weitern Ehrennamen Hatteſpielmann) führt, könnte endlich einmal mit ſeinem Caffe erſcheinen. Ach, wie manchmal werde ich künftig in dieſer kleinen Cajüte da ſtehen und Alles für uns in Ordnung bringen!“ „Nein, Geliebte, das iſt bei weitem nicht gut genug für Dich. In einigen Jahren werde ich ſicher Controleur— damit *) Lomme, gleich Taucher. **) Die Hattemänner ſind allgemein als eine Art von Violin⸗ virtuoſen bekannt und werden von weither zu Hochzeiten und an⸗ dern Feſtlichkeiten geholt. Das ſüdliche Bohuslän erborgt ſich dieſes Talent gerne von ſeinen nördlichen Nachbarn. Sie führen ihre Violine oder Fela auch zur See mit. n— und dann wirſt Du Frau kannſt Du ſchon eher zufrieden ſei Doch da haben wir ja den Koch Zollverwalterin und hernach... mit dem Caffe.“ 1 Lomme— urſprünglich Sven Dillkopf aus dem Hattebygd — war in Folge ſeiner Geſchicklichkeit auf der Violine eine weit und breit bekannte Celebrität, eine Art Barde zu Waſſer und zu Land, im Uebrigen ein angenehmer mittelgroßer geſprä⸗ chiger Jüngling mit hellen herabhängenden Haaren, beſtändig lächelnden Lippen und flinken Bewegungen. Der Liebling ſeines Vorgeſetzten und ein großer Bewunderer deſſelben, ſtand Lomme jetzt kerzengerade mit dem Präſentirteller in der Hand unter der Thüre.. GGehorſamſt willkommen bei uns, Mamſell Majken— große Ehre für den Herrn Lieutenant und die Flagge! Ich hoffe, Sie finden es wohnlich hier, und der Caffe ſoll auch Nichts verder⸗ ben. Ich will Ihnen erzählen, Mamſell Majken, daß ich Kajü⸗ war, bevor ich in den Dienſt trat; aber zu allererſt tenaufwärter war ich weiter Nichts als Spielmann— nun das iſt doch auch ſchon Etwas.“ „Es beſteht kein Zweifel an Sven Dillkopfs Vollkommen⸗ en,“ antwortete Majken, die ſich auf ihre Leute heiten und Talent ſo wohnlich für verſtand,„und ich bin überzeugt, daß juſt Ihr es den Herrn Lieutenant eingerichtet habt.“ „Dank für dieſes Wort, Mamſell— es kann noch mancher Wind blaſen, bevor es ins Vergeßbuch kommt. Befehlen der Herr Lieutenant ſonſt noch was?“ „Nichts als daß Du meinen großen Mantel oben in Ordnung legen ſollſt. Es fängt an zu blaſen, und Mamſell Majken kommt hinauf, ſobald wir gefrühſtückt haben.“ Und jetzt nachdem Majken ihren Hut abgelegt und ihr Haar glatt geſtrichen— was für Gudmar ein allzu lieblicher Anblick war— ſetzten ſich die beiden glückſeligen Menſchen auf d während ſie einander zu⸗ beiden Seiten des Tiſches nieder, un wie dieſen gutes mer ſuchen liger; Ehrfu 75 weilen mit glänzenden Augen betrachteten, aßen und tranken ſie ſo wacker, als ob die Schwärmerei der Liebe für ſie kein Mond⸗ ſcheinſpaziergang wäre, ſondern ein Spaziergang für das Leben, wobei man einſehen lernt, daß der Körper ſeines vollen Antheils bedarf, um die Seele aufrecht erhalten zu können. Etwas, das verſteht ſich von ſelbſt, wurde auch geredet, und das Geſpräch, das am Ende des Frühſtücks ſtattfand, ver⸗ gaß Gudmar nie. Wie manche einſame Morgen⸗ und Abend⸗ ſtunde bildete es nicht die treue Geſellſchaft ſeiner Gedanken! „Es war gewiß etwas Beſonderes mit dieſer Verrechnung heute früh, meine ſchöne Maid?⸗(Gudmars Lieblingsausdruck.) „Was höre ich? Haſt Du Dich verrechnet?“ „Ich nicht, aber ganz gewiß die Zollkammer. Und ſiehſt Du, wenn ich mich recht kenne, ſo werde ich, ſobald Du mich verlaſſen haſt, ganz raſend werden, denn ich will darauf ſterben, daß Ragnar von Nidö, der reiche Schmugglerpatron, Cognac von Norwegen bei ſich führte.“ „Nun wohl, Gudmar, hätteſt Du gerne im gleichen Augen⸗ blick, wo Du Deine Verlobte empfingſt, auch Contrebande er⸗ wiſcht?“ „Ach wie gut Du Deine Bibel im Kopfe haſt! Seid klug wie die Schlangen und ohne Falſch wie die Tauben... Mit dieſem letzten Wort kannſt Du mich, das weißt Du wohl, ein gutes Stück Weg verlocken. Aber leider bleibt die Pflicht im⸗ mer Pflicht, und hätte ich den geringſten Fingerzeig, wo ich ſuchen müßte, ſo würde ich auf der Stelle umkehren.“ „Darum erfährſt Du auch Nichts.“ „Haſt Du Deine Hand mit im Spiel, Geliebte?“ „Noch, mein Gudmar, ſind wir nicht ſo eins, daß Du bil⸗ liger Weiſe verlangen kannſt, ich ſolle der Flagge eben ſo große Chrfurcht widnen wie Du. Ueberdies würde ich— das ſage 76 ich Dir im Vertrauen, mein zukünftiger Herr und Gemahl— dieſe elenden Anker eher gegen die Jachtlieutenants der ganzen Welt vertheidigt haben, als daß ich zugegeben hätte, daß ein Mann, den ich juſt durch meine eigene Gegenwart in Gefahr brachte, für ſeine Dienſtfertigkeit mich an Bord zu nehmen, zu Schaden gekommen wäre.“ „Nimm Dich in Acht, Geliebte!“— Gudmar ſah nach der Thüre—„nimm Dich in Acht, daß Du nicht vergiſſeſt, wo Du biſt. Ich bin nicht allein, und jetzt will ich Nichts wiſſen, wenn Du auch geneigt wäreſt zu ſprechen. Aber es würde mir durch Mark und Bein gehen, wenn ich mir einen Dienſtfehler vorzu⸗ werfen hätte.“ „Ich fürchte, Gudmar— dies ſage ich Dir ganz im Ver⸗ trauen, als eine Seele die in Wirklichkeit Eins mit Dir iſt— ich fürchte, daß Deine Grundſätze zu ſtreng ſind, und daß Du, wenn Du im Dienſte noch mehr abgehärtet biſt, Deinen Eifer manchmal weiter treiben wirſt, als nöthig iſt. Will man die Anzahl der Feinde eines Küſtenaufſehers wiſſen, ſo darf man nur ans Ufer gehen und die Sandkörner zählen. Hieraus folgt, mein Gudmar, daß der Küſtenaufſeher ſich ſelbſt auch als Pri⸗ vatmann betrachten muß.“ „Sage lieber, er müſſe ſelbſtſüchtig ſein, denn Du meinſt doch, daß er an ſich ſelbſt denken ſoll, und das iſt feig. Möge der Herr mich an Leib und Seele verderben, ſobald ich einmal zwiſchen meiner Pflicht als Inhaber einer der Krone gehörigen Gewalt und meiner Meinung als Privatmann ſchwanken ſollte.“ „Und wenn Dein Gewiſſen ein Wörtchen mit Dir zu ſprechen hätte? Du biſt, Gott ſei Dank, ein Mann der weiß was Gewiſſen iſt.“ „Eben darum, theure Majken, werde ich auch niemals ſchwan⸗ Trifft mich Etwas außer dem Dienſt, ſo kann ich mich auf ken. r als Verwahrer der mir an⸗ den beſten Ausweg beſinnen; abe 77 vertrauten Flagge bin ich weiter Nichts als das Werkzeug des Geſetzes.“ „Das heißt, in dieſer Eigenſchaft biſt Du alſo gar kein Menſch?“ „Nein, ich bin lediglich Nichts als ein repräſentirendes Princip der beſtehenden Ordnung. Es iſt nicht meine Schuld, wenn dieſes Princip Mißfallen erregt— ich halte es feſt, wo und wann ich muß.“ „Ach, mein theurer Freund, gebe Gott, daß Du nicht in allzu ſchwere Lagen kommſt!“ (Wurde dieſes zärtliche Gebet erhört? Die Zukunft wird da⸗ von erzählen.) 1 „Was auch immer geſchehen mag, Du edle Fürbitterin, ſo werde ich juſt durch dieſe Grundſätze meinen Gewiſſensfrieden wahren— und ſomit Alles was nöthig iſt, um beinahe alles Andere zu wahren.“ Aus dieſer Sprache ſcheint mir Hochmuth hervorzuſchauen, mein Gudmar. Kann nicht das Gewiſſen ſeine Stimme erheben, wo die Pflicht ſpricht?“ „Das leugne ich, wie ich bereits zugeſtanden habe, bei be⸗ ſondern Fällen nicht. Gott bewahre mich, daß ich mich in kitz⸗ lichen Fragen für unfehlbar halten ſollte. Dagegen aber leugne ich entſchieden, und dieſe Anſicht gedenke ich mein ganzes Leben lang feſtzuhalten, daß das Gewiſſen mit denjenigen Pflichten in Streit kommen könne, die wir nicht aus freiem Willen, ſondern als Werkzeuge einer geſetzlichen Macht erfüllen.“ „Nimm dich in Acht, Gudmar! Willſt Du Dich für einen bloßen Geſetzesparagraphen ausgeben?“ „Ganz richtig: für einen lebendigen Geſetzesparagraphen, der noch dazu nicht einmal, wie andere. Paragraphen, auf ver⸗ ſchiedene Arten gedeutet werden kann... Aber dieſer Gegen⸗ ſtand verjagt am Ende das fröhliche Lächeln von Deinen Lippen und den holdſeligen Blick aus Deinen Augen, meine geliebte Majken.“ 78 „O nein,“ antwortete ſie, und der friſche herzliche Klang ihrer Stimme verſicherte den Liebhaber, daß ihre Gemüthsruhe nicht geſtört worden war.„Wir haben ja oft ebenſo ernſte Geſpräche geführt. Wir beide können es ſicherlich mit der romantiſchen Liebe nicht aushalten, wo man nur von Gefühlen ſpricht und lebt und ſie zu einem kränklichen Gewinſel hinauftreibt, das aller Vernunft widerſpricht. Aber da wir gerade von Gefühlen ſprechen — es verſteht ſich, daß ichs jetzt in einem andern Sinn nehme — ſind ſie auch aus dem lebendigen Geſetze verbannt?“ „Nein, meine Liebe, die Gefühle ſind etwas ganz Anderes. Ich könnte in gewiſſen Fällen ganz ſchrecklich bei dem Gedanken leiden eine ſchwere Pflicht zu erfüllen, aber wenn ich ſie erfüllt hätte, ſo würde ich mir Nichts vorzuwerfen haben.“ 1 „Laß uns jetzt, wie Du ſchon vorher ſagteſt, von dieſem Gegenſtand abgehen und dagegen an das denken, was Papa über meine unerwartete Rückkehr ſagen wird: zugleich müſſen wir aus⸗ machen, ob Du ans Land gehen ſollſt oder nicht.“ „Die Sache iſt bereits beſchloſſen. Sobald Du, meine ſchöne Maid, Deinen Fuß aufs Land geſetzt haſt, ſchlägt meine Jacht eine andere Richtung ein. Ich habe gar mancherlei Eiſen im Feuer.“ „Gudmar! Ich kann doch in einer Beziehung ruhig ſein? denn ſonſt würde ich mich ſchwer bekümmern.“ „Sei ganz ruhig, Geliebte; ich habe auf Schiffer Ragnars Schute einmal meine Pflicht gethan, und was ich aus unſerem Geſpräch errathen konnte, das geht den Befehlshaber der Zolljacht Nichts an. Aber ich treffe den braven Mann wohl ein ander Mal und dann...“ „Dann überlaſſe ich ihn Dir als wahres Freundesgeſchenk,“ fiel Majken lachend ein.„Und jetzt erzähle mir Etwas über Papas Geſchäfte in Betreff Svartſkärs. Sind es auch wirklich Ehrenmänner, die das Haus übernehmen? Spartſkär iſt ein wich⸗ tiger Platz für den Handel und wird vom moraliſchen Geſichtspunkt aus noch wichtiger werden, wenn gewiſſe Laſter, die leider Gottes rer icht che hen ind ller hen hme res. aken füllt eſem über aus⸗ höne Jacht jer.“ ſein? gnars ſerem lljacht ander henk,“ über Krklich wich⸗ spunkt Gottes 79 noch beſtehen, einmal abgeſchafft ſind. Der Uferbewohner wie auch der Inſulaner mag immerhin ſeinen Branntwein kaufen, um ihn nach Hauſe zu bringen, aber er ſoll ihn nicht an Ort und Stelle aus⸗ trinken oder Andern zum Beſten geben.“ „Das wäre allerdings höchſt wünſchenswerth. Herr Hjelm, der geſtern mit ſeiner jungen Frau im Fiſcherort eingetroffen iſt, ſoll ein ausgezeichnet ehrenhafter und rechtlicher Mann ſein, wel⸗ cher die Chre der Firma wahrſcheinlich nie dadurch herabſetzen wird, daß er den Branntwein anders als in größeren Partien verkauft. Beim Fiſchtauſch ſind gewiß eben ſo wichtige Producte in Berechnung zu bringen. Was den andern Herrn betrifft, ſo weiß ich weiter Nichts von ihm, als daß er ebenfalls geſtern an⸗ gekommen iſt. Er reiste direct nach Svartſkär, und Nachmittags fuhren Dein Vater und er zuſammen in den Fiſcherort, wo ſie ſich wahrſcheinlich noch jetzt aufhalten.“ „Nun, das ſind ja gute Neuigkeiten, wir werden alſo bald wegziehen. Und obſchon mir der Abſchied von dem Pfarrhaus ſo wie von allem Theuren und Angenehmen, was er für mein Herz in ſich ſchließt, ebenſo auch von dieſen armen Geſtaden und all meinen lieben Felſen mit Lebendigen und Todten, ſehr ſchwer fallen wird, ſo hoffe ich dennoch, daß dieſer Umzug für uns Beide das Beſte iſt. Papa wird dadurch unmerklich von ſeinen alten eingefleiſchten Gewohnheiten und folglich von den Antipathien, die damit zuſammenhängen, abgezogen. Ueberdies ſtelle ich mich auf reiſenden Fuß, und der Jachtlieutenant hat überall Geſchäfte. Aber noch ein Wort: kommſt Du heute Abend ins Pfarr⸗ haus? Ich möchte auch hinkommen: ich habe ſchon ſo lange nicht mehr mit dem Onkel gelacht und mit Thorborg geweint über all die Gefahren und boshaften Schlingen, welche der Feind den jun⸗ gen Jachtlieutenants legt.“ „Ja, Gott ſteh mir bei, wenn ich einmal eine ſolche zim⸗ perliche Heulerin zur Frau bekommen ſollte, wie meine Schweſter iſt! Geſtern weinte ſie über den Vater, weil er für einen Prie⸗ über mich weinen, weil ich unglücklicher Weiſe nicht im Stande bin rechts zu ſehen, wenn ich links ſehen ſoll, wodurch manchem armen Schlucker viel Kummer erſpart würde, und am Sonntag endlich weint ſie über die Sünden des ganzen Geſtades ſo wie ſämmtlicher Inſeln, über die Eitelkeit und Neigung zu allen böſen Lüſten.“ „Ach,“ ſagte Majken,„ſie iſt eine kleine Heilige und in alter Zeit wäre ſie canoniſirt worden... Aber jetzt auf's Deck! Nimm ein paar gute Cigarren mit.“ „Sogleich, ſchöne Maid, ich will nur zuerſt die Flaſche da aus dem Schrank holen. Es iſt Malaga, der wenigſtens ſeine zwanzig Jahre zählt.“ „Bewahre ihn für einen Mittag in beſſeren Zeiten auf. Wenn wir ein Glas zum Nachtiſch nehmen wollen, ſo iſt mir Vormittags der Madeira lieber. Haſt Du welchen?“ „Extrafeinen, mein allerliebſter Camerad— Du kannſt doch Alles ſein, du Satansmädchen!“ „Ich bin wie ich bin,“ ſagte Majken, hinaufging. Und jetzt riß der Lieutenant die Thüren weit auf und rief ſeinen Hattelomme. „Räume Alles da auf— die Flaſchen auch— und macht Euch einen vergnügten Augenblick. Nichts in Ausſicht?“ „Nein, Herr Lieutenant! renpoſſen angefangen hat... „Was ſagſt Du, naſeweiſer Schlingel!“ rief der Lieutenant ärgerlich, denn ſein innerer Aerger ſpuckte ihm jetzt im Kopf, „was meinſt Du?“⸗ „Herr Jeſus, wie Sie heute bei ſo übler Laune ſein kön nen, Herr Lieutenant, das iſt ja ganz ſchrecklich.“ „Ich will wiſſen,“ ſagte Gudmar mit mehr Selbſtbeherr⸗ ſchung,„was Du mit den Narrenpoſſen meinteſt.“ „Nun, das kann ich offen ſagen, denn es iſt ſter ſo unprieſterlich ſei. Morgen wird ſie indem ſie trellernd 41 mit den Ge⸗ zenn man Morgens mit Nar⸗ &—2— 81 danken und Betrachtungen gerade wie mit den Saiten auf mei⸗ ner Geige: es klingt, wenn ich darauf ſtreiche. Jetzt iſt es ſo, daß Storke⸗Pelle, der alt und klug iſt, oft auf mir ſtreicht, wie wenn ich ſeine Geige wäre, und da kann ich Nichts dafür, wenn ich den Ton angebe, den er anſchlägt.“ „Nun, was für einen Ton hat er denn angeſchlagen?“ „Um ein wahres Sprichwort zu gebrauchen, ſo wollte er mir in den Kopf ſetzen, daß er ſich darauf ſetzen könne, daß Ragnar von Nidö den Cognac verſenkt habe, und deßhalb dachte er... 4 „Ich werde euch Beide, Storke⸗Pelle und Dich, ans Land ſetzen und mir eine Mannſchaft anſchaffen, die mit ihren Muthmaßungen und Gedanken zurückhält, bis man ſie darum fragt.“ Und damit ging der junge Commandant heftig die Treppe hinauf. „Ei der Tauſend, was mag nun der Lieutenant ſchon ſo früh in den Kopf bekommen haben? Ich dachte, heute würden wir den ſchönſten Sonnenſchein bekommen. Ich wollte ihn ganz fein ausforſchen, ob er wohl eine neue Viſitation vorzunehmen gedenke. Gewiß war irgend ein Knoten an dem Liebesfaden, das kann ich mir ſchon denken. Aber wenn die Liebe die Leute ſo boshaft macht, ſo iſt es am beſten, ich halte mich an meine Fela ſtatt am ein Weiberherz. Laß jetzt ſehen, was ſie übrig ge⸗ laſſen haben. Bei der einen Porterflaſche gibt es Nichts mehr zu theilen: die will ich lieber ſogleich allein leeren. Ich weiß nicht, ob Storke⸗Pelle dem Edamer Käſe viel nachfragt— jedenfalls will ich zum Porter ein paar Biſſen nehmen. Auf Caffe und dergleichen Zeug verſteht er ſich vollends gar nicht— er hat gar keine Feinheit in der Erziehung— deßhalb kann ich ja in aller Ruhe zum Voraus eine Taſſe apart trinken.“ Es iſt ungewiß, wie weit der heitere Hattemann in ſeinen Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 6 8² nfähigkeit die Ueberreſte des digen gegangen ſein würde, wenn er aus ſei⸗ herbe Stimme geriſſen Anſichten über Storke⸗Pelles U Frühſtücks zu wür nem Ideengange nicht plötzlich durch eine worden wäre, die von oben herab rief: „Sven Dillkopf, wenn Du nicht willſt, daß ich Dir Deinen eigenen Kopf aufwärmen ſoll, ſo packſt Du Dich ſogleich herauf und verſchlingſt nicht die Gottesgaben allein.“ „Wie man ſo ſprechen kann! Ich würde das gewiß nicht wagen, aber der Lieutenant hat mir befohlen, ich ſolle zuvor Alles da unten in Ordnung bringen.“ Neuntes Kapitel. Das Haus in Svartſkär. Der Bottnafjord welcher das ſüdliche Ufer des Quillebe⸗ zirkes beſpült, er zuſammenhängt, den Schrecken jedes Seemanns und gilt in Folge ſeiner zahlloſen Untiefen und blinden Klippen als die ge⸗ fährlichſte Paſſage in den ganzen weſtlichen Scheeren, dieſem Laby⸗ rinth von mißlichen Paſſagen. 1 Bei ſüdweſtlichem Sturm kann man hier einen Anblick be⸗ kommen, der ſchwer zu vergeſſen ſein dürfte. Man fährt zwiſchen ſchaukelnden Mauern hin, die ſich gen Himmel erheben, aber hinter dieſen Mauern und rings um ſie her vernimmt man ein ſtärkeres Getöſe, als von ſolchen die mit Kanonen beſetzt ſind. Und wie vergänglich ſind ſie nicht! Tief unterminirt ſtürzen ſie zuſammen und zeigen dieſes unermeßliche Grab, das niemals voll wird und wo die weiße Waſſerſäule der Brandung das ver⸗ gängliche einzige Monument über den Todten drunten iſt— ein Begräbnißplatz, um welchen nur der Seetang ſeine dürftige Blume bildet nebſt dem langen Sotebuſen, mit welchem ebe⸗ hem in — ge⸗ aby⸗ be⸗ ſchen aber ein ſind. n ſie mals ver⸗ — ein Zlume 83 ſtreut und keine andere Stimme als die des Seevogels ihre traurige Klage erhebt. Aber es iſt jetzt nicht die Zeit, wo die ſüdweſtlichen Stürme eigentlich ihre Verheerungen anrichten. Man erfreut ſich für den Augenblick an dem in dieſen Gegenden ſo kurzen Sommer, und wir ſehen jetzt im ſonnenbeglänzten Morgen ein wirklich ſchönes Wohnhaus, das nebſt einer langen Reihe von Seebuden und Magazinen ſtattlich auf einer der kahlen Felsſpitzen des Bottna⸗ fjord emporragt. Dies iſt Svartſkär, der Handelsplatz der ſich noch im Beſitz des Herrn Moß befindet. Hier wird Haus Hjelm und Holt am 1. September ſeine Geſchäfte beginnen. Hier wird Emilie leben, um ſich im Ernſt und in den Freuden des Lebens heimiſch zu machen. Dieſe wahre Waſſerwüſte dürfte ſie wohl zuweilen er⸗ ſchrecken. Und keine Nachbarſchaft mit Ausnahme einiger Fiſcher⸗ hütten findet ſich näher als in der Entfernung einer halben Viertel⸗ meile im feſten Land, wo die erſte Wohnung die man trifft, das auf derſelben Felſenſpitze liegende Pfarrhaus iſt. Im Hochſommer, beſonders früh am Morgen, iſt der Ver⸗ kehr nicht ſo lebhaft wie in den übrigen Jahrszeiten. Auch war es jetzt ein ungewöhnlich ruhiger Morgen, als die Wirthin des Hauſes, Frau Moß, in ihrer Einſamkeit beſchloß etaas recht Un⸗ gewöhnliches zu unternehmen. Sie beabſichtigte nämlich während der Abweſenheit ihres Mannes einen Morgenbeſuch im Pfarrhaus zu machen und ihren Liebling,„⸗die Heilige der Capelle,“ die gedankenvolle, demüthige und goldgute Thorborg, Paſtor Guld⸗ brandsſons Tochter und, wie wir wiſſen, des Jachtlieutenants Schweſter, zu begrüßen. So einfach dieſer Schritt erſcheinen mag, ſo verrieth er doch von Seiten der Frau Beate Marie Moß einen wahren Helden⸗ muth. Denn ſeit der junge Guldbrandsſon mit ſeiner Freiwer⸗ bung abgewieſen ward, hatte eine ſtarke Spannung zwiſchen den beiden vorher ſo vertrauten Häuſern oder, beſſer geſagt, zwiſchen unden, und obſchon alle Beide e doch mehrere Herrn Moß und dem Paſtor ſtattgef ſich ſtark nach einander ſehnten, ſo waren ſi . Monate nicht zuſammengetroffen. Nun hatte zwar Moß ſeiner Frau einen Beſuch im Pfarr⸗ haus nicht verboten, aber er würde ſeinen eigenen Augen nicht getraut haben, wenn er ſeine liebe getreue Kreuzträgerin— er liebte ſie jedenfalls auf ſeine Art und Weiſe— auf eigene Fauſt deeine ſo bedeutende Demonſtration hätte machen ſehen. Die Wahrheit zu ſagen, es lag auch nicht im Charakter der Frau Beate Marie von dem Weg abzuſchweifen, welchen der Wille ihres Mannes vorgezeichnet hatte. Aber ausnahmsweiſe konnte auch ſie einen eigenen Willen haben, und wenn dies ge⸗ ſchah, ſo führte ſie auch aus was ſie beſchloſſen hatte. Dort ſtand ſie jetzt auf der Treppe vor der Hausthüre, eine Frau von mittlerem Alter, mit ihrem blaſſen freundlichen Geſicht, das zur Hälfte unter einer großen„Krähe“ von gelbem Nanking ver⸗ ſteckt war, und ertheilte der Magd ihre letzten Befehle. Diesmal kam ſie jedoch nicht ins Pfarrhaus, denn kaum ein paar Schritte über ihrem Hauſe die Krümmung der hatte ſie Strandbucht erreicht, ſo hatte ſie einen Anblick, der ſie auf den Boden feſtnagelte. ſie ſich ganz „Was um Gotteswillen bedeutet das?“ fragte ſi laut. Sie rieb ſich die Augen... Ja, es war wirklich die Zoll⸗ jacht, die mit einer anmuthigen Bewegung heranſchwankte und jetzt bei der Landungsbrücke anlegte. Aber war wohl das Alles? Wer ſtand auf dem Deck und winkte? Das war ja Majken— Majken, die in Norwegen in Sicherheit vor Gudmar ſein ſollte und ſtatt deſſen jetzt auf ſeinem eigenen Boote ankam. Freute ſie ſich wohl darüber, die arme Frau? Sie liebte ihre Tochter ſo warm, ſo innig, und dennoch erſtarrte beinahe das Blut um ihr Herz. In Majkens Kindheit pflegte der Vater, ſo oft er ſich ent⸗ fernte, zu ſagen:„Beate Marie, ich ſage Dir, laß mich das —— ——— ide ere arr⸗ icht er auſt der der veiſe ge⸗ Dort Frau das ver⸗ aum der den ganz Zoll⸗ und llles? n ſollte liebte einahe ch ent⸗ h das Mädchen finden, wenn ich nach Haus komme. Aber jetzt lag der Knoten juſt darin, daß er ſie nicht finden wollte, und wie die gute Frau mit dieſem mißlichen Fall zurechtkommen ſollte, das konnte ſie in ihrer Angſt nicht abſehen. An den Spaziergang nach dem Pfarrhaus war vor allen Dingen nicht mehr zu denken: dagegen ging ſie an die Lan⸗ dungsbrücke hinab und gab ſich ausſchließlich dem Glück des Augenblickes hin, als ſie ihre Tochter, die bereits ans Land ge⸗ ſprungen war, an ihr warmes Mutterherz ſchloß. „Ach, liebſte Mama!“ rief Majken mit tröſtender Freudigkeit, „ich ſehe wohl, wie es ausſieht, aber laß Dich das nicht küm⸗ mern; ich will mit Papas böſer Laune ſchon manövriren, bis wir auf erträglichen Ankergrund kommen. Sieh da, Gudmar wartet um Dich begrüßen zu dürfen. Er fährt augenblicklich wieder ab.“ Gudmar war auch Frau Beate Mariens Liebling. Wäh⸗ rend der vieljährigen Nachbarſchaft der Familien auf Svartſkär und dem Pfarrhaus hatte Gudmar, bei ſeinen jährlichen Beſuchen in der Heimath, durch eine ausgeſuchte herzliche Aufmerkſamkeit ihr Herz gewonnen. Aber jetzt war daſſelbe voll Unruhe und Angſt. „Theuerſter Gudmar, Du darfſt es mir nicht anrechnen, wenn der Svartſkär⸗Strand Dir jetzt ungaſtlich erſcheint. Ich darf Dich nicht aufhalten und ich werde überdies Alles von Majken erfahren. Ich will Dir jedoch ſagen, daß ich eben im Sinn hatte zu Euch zu gehen und Thorborg zu beſuchen. Es war wohl Gottes Wille, daß es nicht geſchehen ſollte.“ „Dank, liebe Tante, morgen oder vielleicht ſchon heute Abend komme ich nach Hauſe und ich weiß gewiß, daß ſowohl Vater als Thorborg ſich herzlich freuen werden, wenn ich ihnen von Ihrer eben ſo freundlichen als entſchloſſenen Abſicht erzähle.“ „Wahrſcheinlich komme auch ich morgen ins Pfarrhaus,“ ſagte Majken.„Ich muß doch bei meiner Rückkehr auch nach 86 meiner alten Freundin ſehen. Inzwiſchen leben Sie wohl, Herr Lieutenant! Dank für unſere vergnügte Reiſe!“ Sie verabſchiedeten ſich mit einem treuen Handſchlag, und die Augen des Jachtlieutenants ſchickten der ſchönen Maid ſo ſtrahlende Blicke nach, daß man daraus wohl ſehen konnte, daß der eigentliche Abſchied nicht im letzten Augenblick genommen worden war. Jetzt war die Zolljacht ſchon weit entfernt. Und nachdem Frau Beate Marie zur Beruhigung ihres aufgeregten Gemüthes ihrem Mann einen Bericht über das Ereigniß dieſes Morgens zugeſchickt hatte, ging ſie zu ihrer Tochter hinein, um ſich von ihr eine Erklärung geben zu laſſen. Majken bewohnte zwei in der einen Ecke des Hauſes ge⸗ legene Zimmer, die ihr eigenes ausſchließliches Gebiet ausmachten. Sie gewährten eine umfaſſende Ausſicht nach verſchiedenen Seiten. Das äußere Zimmer, deſſen Fenſter nach dem Meerbuſen ſelbſt ſahen, war ihr Salon, wo alle Wände mit Seeſtücken und feine⸗ ren Fiſchgeräthſchaften behangen waren. In den Ecken ſtanden Schränke mit ſeltenen Muſcheln und Seethieren aller Art ange⸗ füllt. Von der Decke, welche hochgewölbt und gleich den Wänden hellblau wie des Himmels Gewölbe bemalt war, hing kein Kron⸗ leuchter herab, wohl aber die Modelle von drei Fahrzeugen ihres Vaters, zwei Briggs und einem Schooner, nebſt einem ganzen Dutzend Seevögel, die Majken ſelbſt geſchoſſen hatte, und deren Flügel in der Abenddämmerung zwiſchen den kleinen weißen Segeln ihre dunkeln Schatten auf die helle Decke warfen. Die Möbel in dieſem Geſellſchaftszimmer beſtanden aus mehre⸗ ren chineſiſchen Tiſchen mit Porzellan in allen möglichen Formen bedeckt, ſo wie aus Stühlen und einem Sofa mit altmodiſchen Schnitzeleien und Ueberzügen von gelbem und blauem Seidebrocat. Ueber den Fußboden war jetzt im Sommer eine indiſche Rohr⸗ matte gebreitet, ebenfalls mit Vögeln geſchmückt, doch ſo verſchie⸗ —,—,, „1S 2 87 den von denen des Plafond, daß es ſchien, es müſſe ihnen gegen⸗ ſeitig Unterhaltung genug gewähren einander nur anzuſchauen. Gewöhnlichere Damenarbeiten kamen nicht zum Vorſchein. Aber ein über eine Nußbaumcommode geworfenes halbfertiges Fiſchnetz, ſo wie ein langer unter dem einen Fenſter ſtehender Tiſch, mit Büchern über die Gärtnerei, kleinen Saamenbeuteln und einer Menge von Blumenablegern in Töpfen angefüllt, gaben genugſamen Aufſchluß über die Beſchäftigungen, welche die junge Beherrſcherin des Hauſes vorzugsweiſe liebte. Ihr Schlafgemach, das innere Zimmer, war weit einfacher. Außer einigen nothwendigen Möbeln enthielt es zwei hohe Schränke. Der eine verwahrte ihre kleine Bibliothek, ſo wie in einer Menge Schubladen die koſtbareren Geſchenke des Vaters; der andere eine eigenthümliche Art von Gardexobe, nämlich ver⸗ ſchiedene von ihr ſelbſt verfertigte Kleidungsſtücke, zu Geſchenken an ſchiffbrüchige Seeleute beſtimmt, die alljährlich den Strand beſuchten. Das Zimmer war mit einem Spiegel in zierlichem Ebenholzrahmen geſchmückt. Aber Majken hatte zwei andere Spiegel, die ſie mehr liebte: die blanke Meeresfläche und die Augen ihres Geliebten. Als die Mutter eintrat, ſtand Majken an dem genannten langen Tiſche im äußern Zimmer und ſchaute durch den Tubus, der da ſeinen gewöhnlichen Platz hatte. Ein letzter Schimmer von der Zolljacht war nämlich noch nicht aufgefangen. „Nun, meine beſte liebſte Majken, jetzt könnteſt Du dieſen Anblick einmal lange genug genoſſen haben. Komm jetzt und ſage mir ein verſtändiges Wort über dieſes unerklärliche Er⸗ eigniß.* „Sogleich, Mama— im Augenblick... Wart nur noch ein klein wenig, liebe Mama! Sogleich... ja, ja... gleich, gleich!“ Und nun wandte ſie ſich um, trat auf die Mutter zu und 88 küßte ihre Hände mit einer anmuthsvollen und zärklichen Hin⸗ gebung. „Ja, mit mir kannſt Du freilich machen was Du willlſt, Du garſtiges Kind... aber Papa... ich habe ihm bereits einen Boten geſchickt.“ „Das dachte ich mir wohl, und ich wollte Dich auch nicht erſuchen es zu unterlaſſen. Aber wenn ich einmal heirathe, ſo gedenke ich die Sache nicht ſo anzugreifen wie Du, Mama.“ „Man kann nie wiſſen, wie man dieſe Sachen angreifen wird, bis man ſelbſt ſo weit kommt. Der Hausfriede iſt die Hauptbedingung für mein Glück, und dieſen muß ſich jede Frau — wenn ſie angenehm und glücklich leben will— aus und nach den Umſtänden ſchaffen, in welche ſie verſetzt iſt.“ „Ja, ja, liebe Mama, wir ſprechen nie davon. Aber Du biſt eine gar zu exemplariſche Frau. Wäre Papa gleich im An⸗ fang auf einigen Widerſtand geſtoßen, ſo wäre er vermuthlich niemals ein ſo ſtrenger Herr in ſeinem Hauſe geworden.“ „Darin haſt Du vollkommen Unrecht, mein Kind; was Du Strenge nennſt, iſt wie ein Morgenthau gegen das was offenbar aus ihm geworden ſein müßte, wenn er auf Widerſtand geſtoßen wäre ſtatt auf Nachgiebigkeit. Es iſt kein Kinderſpiel ſo an der Seite eines Mannes zu ſtehen, der ſich niemals bemüht hat ſein Gemüth zu beherrſchen, außer wenn er ſelbſt die Nothwendigkeit einſah. Und glaube mir, liebe Majken, daß in meiner Stellung meine Art und Weiſe gut war. Sie war nicht das Ergebniß der Schwäche, ſondern der Vernunft; und wenn ich es nöthig fand, ſo habe auch ich Augenblicke gehabt, welche bewieſen, daß Du Deine kräftige Natur nicht von Deinem Vater allein ge⸗ erbt haſt.“ „Das weiß ich ſehr wohl, Mama. Aber erlaube mir jetzt Dich über allerlei auszufragen.“ „O nein, meine Liebe, vor allen Dingen mußt Du auf meine Fragen antworten... Wie kommt es, daß Du ſo un⸗ —,e—=SS— 8 S SSA w 89 vermuthet nach Haus zurückgekehrt biſt, und wie biſt Du auf die Zolljacht gekommen?“ „Ich könnte Dir da eine ganze Geſchichte mit allen möglichen Wahrſcheinlichkeiten vorerzählen, denn ſolche hat man immer bei der Hand, wenn man ſucht, aber ich verachte unnöthige Ausflüchte. Deßhalb iſt das was ich zu ſagen habe mit wenigen Worten geſagt. Ich wollte nach Haus, weil ich mich nicht blos nach Dir, liebe Mama, und nach unſerer angenehmen Wohnung zurückſehnte, ſondern auch ein brennendes Verlangen nach einer traulichen Beſprechung mit meinem Verlobten hatte— denn die Seinige bin ich, wenn ich auch nie ſeine Frau werden ſollte. Ich traf leicht genug ein Boot aus der Gegend. Ich hatte zum Voraus. an Gudmar geſchrieben. Der Jachtlieutenant iſt ja beſtändig auf Viſitationen aus, und ſo kam er auch an die Schute des Schiffers Ragnar. Das Letzte, nämlich daß ich auf die Zolljacht hinüber⸗ gegangen bin, haſt Du ſelbſt geſehen, Mama.“ „Das iſt allerdings ſchnell erzählt, mein Kind, und ich kann die Stärke der Gefühle, die Dich leiteten, wohl begreifen; ich weiß auch, daß Du mit Deinem Charakter ohne Gefahr Etwas thun konnteſt, was ſonſt gewiß nicht paſſend war; aber Papa wird ſicherlich weder das Eine noch das Andere einſehen wollen.“ „Ich frage wenig darnach, was nach der Hauptſache kommt, und dieſe war mein Zuſammentreffen mit Gudmar. Unſere Beſprechung hat nicht blos unſere Herzen erfreut, ſondern auch unſere Kraft und Geduld geſtärkt. Ich fühle mich jetzt fähig, Papa in jeder Stimmung entgegenzutreten, die er bei mir wünſchen mag. Iſt er in Berſerkerwuth, ſo werde ich demüthig ſein wie eine Büßende. Schwört er, ich müſſe als Jungfrau abſterben und werde meinen Herzgeliebten nie bekommen, à la bonne heure, ſo ſage ich nicht nein: wir haben es recht gut ſo, kleine Abenteuer und Händel ſind ein fein Gewürze für die Liebe. Sollte Papa endlich ſeine große Feſtmiene annehmen und moraliſiren, dann werde ich gerührt, umarme ihn, bitte um Verzeihung für meinen 90 Fehler und— ſehle von Neuem, ſobald ſich eine Gelegenheit dazu findet.“ „Gott ſegne Dein muthiges Herz! Bekommſt Du aber nie⸗ mals Angſt?“ „Nein, liebe Mama, das iſt ein Gefühl, mit welchem ich nicht ſehr vertraut bin... Und jetzt erlaube mir auch einige Fragen. Iſt der Lootſe von der Uhuklippe dageweſen und haſt Du ihn recht freundlich bewirthet? Er iſt mein Liebling, wie ich der ſeinige bin, und die Brandungen der Scheeren haben nie einen zuver⸗ läßigeren Steuermann geſehen. Mit ihm als Lootſen könnte ich ruhig durch die Rinne zwiſchen den Paternoſterſcheeren fahren.“ „Der Alte iſt prächtig, und ich habe mich ſtatt Deiner wohl nach ihm umgeſehen.“ „Meinen beſten Dank dafür! Jetzt möchte ich wiſſen, wa im Hauſe vorgefallen iſt. Iſt nicht einer der künftigen Aſſocié dageweſen?“ „Ja, und er kommt ſicherlich mit Papa zurück, dem er ganz beſonders zu gefallen ſcheint.“ „Nun, dann weiß ich Alles was ich zu wiſſen brauche. Und jetzt will ich Dich nicht mehr aufhalten, Mama. Ich komme hinab, ſobald ich mich in meinen Himmern umgeſehen und einen Gang zu meinen Blumenbeeten gemacht habe. Zuletzt muß ich noch an eine große Toilette zum Empfang Papas denken.“ 8 8 Behntes Kapitel. Der Menſch denkts, Gott lenkts. Das Weib gilt für die ſowohl in Bezug auf Gedanken als auf Handlungen flüchtigere Hälfte des Menſchengeſchlechts. Dieſer Satz ſcheint indeß auf keinem ſichereren Grunde zu ruhen, als als dieſer als 91 ſo viele andere, die bei genauerer Prüfung ſo haltlos erfunden werden dürften, wie das Kartenhaus, das beim erſten Anhauch zuſammenſtürzt. Die ſogenannte ſtärkere Hälfte des Geſchlechtes dürfte, was Entſchluß und That betrifft, mindeſtens eben ſo ſehr der Tyrannei der Veränderlichkeit unterworfen ſein, und ein Beiſpiel davon liefert uns Kaufmann Moß ſelbſt. Wer anders als er galt für ein Muſter von Grundſatz⸗ feſtigkeit?. Gleichwohl war der grimmige Zorn über Majkens unerwartete Heimkehr unter der Flagge des Jachtlieutenants, juſt die Nach⸗ richt, die er beim Mittageſſen in Hjelms Haus durch den Brief erhielt, gänzlich weggeblaſen, als er nach einer friſchen Segelfahrt von anderthalb Stunden ſich Svartſkär näherte. Die Sache war die, daß er während der Ueberfahrt eine noch befriedigendere Beſprechung mit dem einen ſeiner Nachfolger ge⸗ habt hatte. Und obgleich natürlich direct Nichts geſagt worden war, ſo ſah man doch deutlich, daß das Wohlgefallen, womit der alte Geſchäftsmann ſich gleich im Anfang dem jungen zuneigte, in welchem er einen Schüler ſeiner eigenen Theorien zu erziehen hoffte, zu den allervertraulichſten Verhältniſſen führen konnte. Unter ſolchen Umſtänden betrachtete es Herr Moß als eine höchſt annehmbare Gunſt des Schickſals, daß es ihm ſeine Tochter juſt im rechten Augenblick, wo ſie ſeine neuen Pläne fördern konnte, nach Hauſe ſchickte. Holts guten Willen und ſeine Dankbarkeit bei der Möglichkeit ſolcher Ausſichten in Frage zu ſtellen, konnte Herrn Moß nicht einfallen. In dieſer Beziehung ſupponirte er Nichts. Wenn inzwiſchen ſein Blut manchmal aufwallte bei dem Gedanken, daß die Maiblume ſich unter die Obhut des verhaßten Jachtlieutenants geſtellt hatte, ſo wurde dieſes Gefühl bedeutend durch die Betrachtung gemildert, daß gerade er, der Liebhaber ſelbſt, ſie ſeinem künftigen Nebenbuhler habe zuführen müſſen. Ja, dies war eine ſo ſchöne Rache, daß Moß nur allein zu 92² ſein wünſchte, um recht nach Herzensluſt lachen zu können, was natürlich vor Holt nicht thunlich war, da dieſer ſich noch nicht in die Ehre hineingedacht hatte, welche der Kaufmann ihm erweiſen wollte. Aber auch ſo verſetzte ihn die Sache in eine bewunderns⸗ würdig friſche Stimmung, die ſich bis zur Munterkeit ſteigerte, als der Landungsplatz vor ſeinem Hauſe ſichtbar wurde. „Da ſieh her, Mama, und betrachte mich,“ ſagte Majken, die jetzt in großer Toilette— einem grünen Seidenkleid mit koſtbarer Spitzenkrauſe, Broche, Armband und allem möglichen Schmuck— in der Küche vor ihre Mutter trat.— „Liebes Kind, laß mich nur zuvor den Vogel in die Pfanne legen, ich weiß ja nicht, ob Papa und ſein Gaſt ſchon zu Mittag gegeſſen haben, wenn ſie kommen... So ſo, jetzt wollen wir hineingehen... Ja, Du haſt Recht, das iſt ganz in Papas Ge⸗ ſchmack. Aber Du kannſt es noch beſſer machen, wenn Du Deine Uhr mit der holländiſchen goldenen Kette anlegſt, die Du im vorigen Jahr erhielteſt. Dies würde er als eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit gegen ſeinen Geſchmack aufnehmen.“ „Vielleicht,“ rief Majken mit ihrem ſchallenden Gelächter, „vielleicht wäre es auch gut, wenn ich den holländiſchen Stirn⸗ ſchmuck anlegte. Dieſen muß ich aber doch zu einer noch wich⸗ tigeren Gelegenheit aufſparen: für diesmal mag es genug ſein.“. „Nicht ohne die Kette, Majken, das rathe ich Dir.“ „Nun wohl, ſo wollen wir uns denn in Ketten ſchlagen! Und wenn ich jetzt nicht eine würdige Tochter des reichen Kauf⸗ manns Moß bin, ſo weiß ich keinen Rath mehr. Ich denke, Herr Holt iſt beinahe verpflichtet ſich in mich zu verlieben. Ein junger Mann, der ſein Glück am Ufer machen will, kann wohl nicht umhin ſelbſt die geringſten Reize anzubeten, wenn ſie in ſo viel Geld eingefaßt ſind.“ — 80258— agen! Kauf⸗ denke, Ein wohl ſie in 93 „Nimm Dich in Acht, Kind, ein ſolcher Scherz hat ſchon früher einmal zu Ernſt geführt.“ „Nun und dann?— Iſt es nicht immer auch mit meinen Körben Ernſt geworden? Ich kann ja bald alle die Angebote nicht mehr zählen, die Papa auf ſeine erſte Waare erhalten hat. Inzwiſchen mag kommen was da will, ich bin ruhig. Unſere Felſen und ich, wir ſind von gleicher Art: Gott hat uns hart geſchaffen.“ „Aber, liebes Majken, Gott zerſplittert die Felſen. Alle die kleinen Klippen hier ſind nicht auf einmal ausgeſtreut worden: ſie wurden durch einen Erdſtoß ins Meer hinausgeſchleudert.“ „So iſts, Mama, und ich kann es nicht verhindern, daß es mit meinem Herzen, meinem Glück und meinem Seelenfrieden eben ſo geht. Aber ein Verhältniß bleibt immer feſt ſtehen, und wenn auch tauſend Erdſtöße alles Andere über den Haufen werfen: die Liebe und die Treue. Doch jetzt fort mit dieſen ernſthaften Gedanken! es iſt halbvier, und eine Ahnung ſagt mir, daß wir Papa bald hier haben werden.“ Etwas mehr als eine halbe Stunde ſpäter lag das Boot an der Landungsbrücke, und da ſtand jetzt Majken ſo ſchön und prächtig im Sonnenſchein und bewillkommte ihren Vater mit dem holdſeligſten Lächeln. Sein herzlicher und kräftiger Gruß:„Willkommen daheim, meine Maiblume! Supponire, es iſt Dir im Nachbarland zu langweilig geworden,“ erſchreckte ſie jedoch in Wirklichkeit mehr, als die bewölkteſte Stirne, der ſtrengſte Blick und die herbſten Worte hätten thun können. Dieſe Freundlichkeit in Wort und Stimme bewies, daß Papa Moß— um uns ſeiner eigenen Sprache zu bedienen— etwas Neues in ſeinen Gucker bekommen hatte, und das war weit ſchlimmer, als jeder andere Zuwachs zu dem bittern Groll, den er gegen den Jachtlieutenant hegte. Inzwiſchen hatte Herr Holt mit der Ungezwungenheit, die 94 er ſich auf ſeinen Reiſen erworben, bereits eine ganze Menge ſchöner Sachen geſagt. Aber Nichts in ſeinem Geſicht verrieth den ſchlagenden Eindruck, der beim erſten Anblick Emiliens darauf zu bemerken geweſen war. Herr Moß gab mit einer Handbewegung zu verſtehen, Holt könne ſeine Tochter hinaufführen, während er ſelbſt im Hof einige Befehle ertheilte. Holt ſtreckte ſogleich artig ſeinen Arm aus, aber Majken erinnerte daran, daß ſie ſich unter den Scheerenklippen befanden, wo man ſein Pulver nicht unnöthig verſchießen dürfe.„Hier,“ ſagte ſie,„ſind die Menſchen ſo practiſch, daß man mit Allem, ſogar mit Artigkeiten, haushält.“ „Aber, Mamſell Moß, ich nehme mir die Freiheit Sie auf ein altes Sprichwort aufmerkſam zu machen, welches heißt: Neue Zeiten, neue Sitten!“ „Recht witzig,“ meinte Majken lächelnd,„aber ich meiner⸗ ſeits nehme mir die Freiheit Sie auf etwas Anderes aufmerkſam zu machen, nämlich daß die neuen Sitten den neuen Zeiten nicht vorangehen dürfen.“ „Geſchlagen in der erſten Partie!“ erklärte Holt, indem er ſtehen blieb, um ſeine junge Wirthin zuerſt durch die Thüre eintreten zu laſſen. Aber war Majkens Verwunderung groß geweſen, ſo war Frau Beate Marie, die ſo heftiges Unwetter prophezeit hatte, noch weit erſtaunter, als ſie in der Speiſekammer, wo ſie ſich abſichtlich etwas zu ſchaffen machte, ihren Mann unter die Thüre kommen ſah und die vertrauliche Anrede vernahm, die nur in Augenblicken wirklicher Aufthauung über ſeine Lippen kam:„Mein Ferkelchen, biſt Du hier? Supponire, Du bedarfſt eines Troſtwortes für die Angſt, die Du ausgeſtanden haſt.“ war atte, ſich hüre r in Nein 8rtes 9⁵ Frau Beate Marie erſchrack— dies wurde beinahe gefährlich: ihr nicht ſonderlich gefühlvoller Moß ſollte Troſtworte ſprechen! „Nun wohl,“ dachte ſie,„es iſt am beſten ihn nicht durch irgend einen Ausruf der Verwunderung zu verſtimmen.“ Sie lächelte alſo wieder und ſchaute drein als wäre ſie nie an eine andere als dieſe Sprache gewöhnt worden. Nun freilich, Frau Moß war auch nicht erſt ſeit vier Tagen verheirathet: ſie beſaß die Erfahrung voller vierundzwanzig Jahre. „Biſt Du mit Deinem Geſchäft zufrieden, lieber Alter? Gefallen Dir die beiden Aſſociés?“ Es fiel Frau Beate Marie gar nicht ein, ſich auf den ge⸗ fährlichen Gegenſtand zu werfen, worüber ſie geſchrieben hatte. Mit einem Bericht mußte man ſich beeilen, aber ein Reſultat konnte man abwarten, wenn das Warten das Klügſte war und die Sache überdies noch immer früh genug kam. „Die Aſſociés ſind recht, Jeder für ſich. Der Eine gehört zu jenen auserwählten Seelen, von denen ich ſupponire, daß ſie nur geſchaffen ſind, um ſich ſelbſt im Lichte zu ſtehen. Der Andere dagegen behagt mir immer beſſer— ein ganz wackerer tüchtiger Burſche, der ſich Genie erwerben kann. Wurdeſt Du nicht auch von ihm eingenommen?“ „Wir ſahen einander nur ſo kurz.“. „Dummer Schnack, Beate Marie! Wenn Du Dich auf Dein eigenes Urtheil nicht verläſſeſt, ſo haſt Du das meinige— das kann genug ſein, ſupponire ich.“ „Aber, lieber Alter, ich vergaß zu fragen, ob Ihr zu Mittag gegeſſen habt. Ich habe Alles in Ordnung, wenn...“ „Wir haben bereits bei Herrn Ake Hjelm gegeſſen. Caffe dagegen muß ſogleich aufgetragen werden. Zuvor aber noch ein Wort: Haſt Du Nichts vom Pfarrhauſe gehört?“ „Nicht das Geringſte.“ Aber hier erröthete die gute Frau bei der Erinnerung an ihren beabſichtigten Beſuch. „Was brauchſt Du bei der Frage roth zu werden wie ein 96 Gockelhahn? Curios, wahrhaftig! Supponire, Du haſt doch keine Geheimniſſe vor Deinem Mann?“ „Nein, gewiß nicht. Ich erröthete, weil ich die Abſicht hatte hinzugehen, wenn Majken heute nicht nach Hauſe gekommen wäre.“ „Du?“ „Ja ich, mein Lieber.“ „Du— Du?“ „Lieber Alter, es braucht doch wohl zwiſchen mir und Thorborg keine Feindſchaft zu beſtehen?“ „Höre, Beate Marie! Es gibt Dinge die unbegreiflich ſein würden, wenn ſie nicht geradezu unmöglich wären. Du kennſt meinen Willen in Bezug auf Gudmar und Majken. Verſuche nie Deinen kleinſten Finger da hineinzulegen, wo ich meine Hand hineingelegt habe. Iſt dieſe Sprache deutlich genug?“ „Vollkommen. Aber ich weiß, daß ſowohl der alte Guld⸗ brandsſon als ſeine Tochter ſich nach uns ſehnen. Dein Bruch mit Deinem alten Freund iſt ihm tief zu Herzen gegangen.“ „Ich ſage Nichts darüber— habe ſelbſt meine Anwand⸗ lungen von Sehnſucht gehabt. Nun aber gedenke ich die Sachen auf klaren Fuß zu ſtellen. Ich beabſichtige heute Abend ſelbſt ins Pfarrhaus zu gehen.“ „Was höre ich? aus welcher Veranlaſſung?“ „Mein Ferkelchen!“— Wiederum ging es im ſanften Schmeichelton—„ich will Dir nicht verhehlen, daß ich meine Pläne habe. Habe ſtets gemeint, der Mann müſſe ſeine Frau zu ſeiner Vertrauten machen, Notabene wenn die Sache nicht über ihrem Horizont liegt. Supponire, dies war die Abſicht des Herrn als er die Ehe ſtiftete.“ „Liebſter Mann, halten wir uns nicht jetzt zu lange hier auf? Der Caffe iſt gewiß aufgetragen, aber ſoll ich nicht ſelbſt nachſehen, daß... „Nimm Dich in Acht, Beate Marie, auf ſolche Künſte ver⸗ ſteht man ſich, und höre jetzt ein Wort, das ſo viel gilt wie —,—-— 97 zehn. Ich will einen Schwiegerſohn nach meinem Kopf haben und nach keinem andern, verſtehſt Du mich? Hätteſt Du mir einen Sohn geboren, was Deine Schuldigkeit geweſen wäre, ſo hätteſt Du nach Gefallen für Deine eigenen Pläne manövriren können. Jetzt dagegen iſt die Tochter mein, und ich will mich nicht meiner Lebtage abgequält haben, um in der wichtigſten Angelegenheit auf etwas Anderes als meine eigenen Ideen Rück⸗ ſicht nehmen zu müſſen.“ „Lieber Mann, Du brauchſt nicht zum Voraus ſo ſtrenge zu ſprechen.“ „Man kann euch Frauenzimmern nicht weit genug voraus⸗ gehen, ſo nſt kommt ihr immer zu weit hintendrein... Und nun ſtopp! Du ſpielſt nicht, denn Du ſiehſt, daß, wenn kleine Fiſche in der Meeresbucht ſpielen, ſie kein Wörtchen davon wiſſen, bevor ſie von dem großen Fiſchadler verſchlungen werden.“ Damit ging der Mann ſeines Wegs. Und nachdem die Frau in größter Eile ihre Befehle wegen Auftragung des Cafes gegeben hatte, begab ſie ſich in ihr Schlafzimmer, wo ſie that was ſie immer zu thun pflegte, wenn ſie in Angſt kam; ſie nahm ihre Bibel, ſchloß ihre Augen und ſchlug einen Spruch auf. Wir müſſen indeß erklären, daß Frau Moß den Werth der heiligen Schrift viel zu hoch ſchätzte, um ſie nicht auf andere Weiſe zu leſen. Aber es war für ſie Herzensbedürfniß bei jeder ſchwierigen Frage, die ihr im Leben vorkam, zur Bibel, als dem einzigen Orakel an das ſie glaubte, ihre Zuflucht zu nehmen. Und ſo innig war ihr Verlangen nach Beruhigung, daß ſie mei⸗ ſtens fand was ſie wünſchte. Waren die Worte ſelbſt nicht ſo troſtreich, wie ſie gehofft hatte, ſo gelang es ihr doch ſich mit Begeiſterung zu überzeugen, daß der Sinn derſelben zu tief ſei, um von ihrem Verſtand ſogleich erfaßt werden zu können; aber nach einiger Ueberlegung war das Reſultat beinahe immer, daß ihr„ein Licht aufging.“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 7 So öffnete ſie jetzt das theure koſtbare Buch und bekam folgende Worte Pauli vor Augen: Ich wollte wohl, daß ich jetzt bei Euch wäre und meine Stimme verwan⸗ deln könnte, denn ich weiß demnächſt keinen Rath mit Euch. Als ſie dieſe Worte las, wurde ſie am ganzen Leibe von einem Zittern befallen, und es wollte ihr nicht gelingen einen heilenden Balſam aus ihnen herauszuziehen. Es war ihr, als vernähme ſie eine warnende Stimme in ihrem Innern, und auch dafür dankte ſie Gott. War nicht eine Warnung beſſer als etwas Anderes? Denn ſo gering auch ihr Werth jetzt in den Augen ihres Mannes erſchien, ſo glaubte ſie doch, daß Er, an den ſie jetzt ihre Gebete richtete, eines Tags die Vortheile gewähren würde, die ihr jetzt fehlten, nämlich zu erleben, daß ſie ſelbſt und ihre Worte bei ihrem Manne Etwas gelten. Nicht aus Selbſtſucht wünſchte ſie einige Gewalt über ihn zu erhalten, ſondern zum eigenen Beſten ihres Mannes und zur gemeinſchaftlichen Wohlfahrt Aller. Im Leben dieſer ſo einfachen wohlthätigen und liebenswür⸗ digen Frau gab es gar kein Beiſpiel, daß ſie je die Freiheit zu haben glaubte ſich ihren düſtern Befürchtungen zu überlaſſen— ſie verbarg dieſelben vor allen Blicken. Sie dachte und lebte nicht für ſich ſelbſt: ſie vergaß beinahe, daß ſie zu irgend einem andern Zweck als zum Beſten Anderer auf Erden war, und ſo kam es, daß ſie auch jetzt mit glatter Stirne und mildem Blick in den Saal trat, wo ſie Holt willkommen hieß. „Ich fühle mich bereits ganz heimiſch hier, meine beſte Frau Moß, und wenn die Herrſchaften auch zwei Meilen von hier wegziehen, ſo werde ich mir dennoch oft genug die Freiheit neh⸗ men in ihrem liebenswürdigen Kreis Behagen und Annehnlich⸗ keit zu ſuchen.“ „Ich vermuthe,“ antwortete ſie,„daß Sie im eigenen Haus ſo viel Behagen finden werden, Herr Holt— eine junge Frau -4—,= 99 vrkagt immer Freude und Behagen mit ſich— daß Ihnen wenig Zeit zur Erfüllung dieſes Verſprechens übrig bleiben wird.“ „Was ſchwatzeſt Du da, meine Liebe?“ fiel Moß mit einem zweideutigen Blick ein, wie wenn er lieber geſagt hätte: Du dumme Gans— ſeid Ihr nicht zwei Frauenzimmer, während Frau Hjelm blos ein einziges iſt?“ „Uebrigens,“ ergriff jetzt Majken das Wort,„müſſen wir wohl bedenken, daß ein neuvermähltes Paar ſein Glück am lieb⸗ ſten allein genießt, und ſo gebietet uns die Barmherzigkeit Herrn Holt zu einer Whiſtpartie einzuladen, deren Genuß durch Papas feinſten Cognac und Mamas eingekochtes Ferkelfleiſch erhöht werden ſoll.“ „Und doch wohl auch durch Deine eigene Geſellſchaft? Du biſt nicht eigenliebig, Mädchen.“ „Mamſell Moß weiß ſehr wohl,“ verſicherte Holt, indem er ſich nach allen Seiten hin artig verbeugte,„daß gewiſſe Sachen nicht ausgeſprochen zu werden brauchen, um dennoch empfunden zu werden.“ „Auf gutem Weg!“ dachte Moß vergnügt. Darauf erklärte er, Herr Holt müſſe für den Reſt des Nachmittags mit der Ge⸗ ſellſchaft der Frauenzimmer vorlieb nehmen, da er ſelbſt ein kleines Geſchäft außer dem Hauſe habe. „Dann fahren wir auf den Fiſchfang aus, liebe Mama— das wird Herrn Holt Freude machen, und da wir den alten Gädda zu unſerer Verfügung haben, ſo wird uns die Zeit ge⸗ wiß nicht lang werden.“ „Sie ſcheinen nicht geneigt Ihre neuen Bekannten zu ver⸗ wöhnen, Mamſell Moß; Sie ſetzen nicht einmal voraus, daß man mit dem alten Burſchen wetteifern könne.“ „Der Wetteifer iſt frei, Herr Holt, aber wenige Menſchen beſitzen ſolche Unterhaltungsgaben wie Peter Gädda, wenn er im Zuge iſt.“ Elftes Kapitel. Das Pfarrhaus. „Hexe! Hexe! Hört ſie nicht? Der Hammel hat ſich losge⸗ riſſen! Hexenvivika! Hexenvivika! alte Hexe! Nein, hols der Teufel, kein Lappen von einem Weiberrock zeigt ſich im Umkreis einer ganzen Meile, und nun läuft der Hammel davon— er will auch das Neſt verlaſſen wie die andern. Mein Sohn tum⸗ melt ſich draußen herum und commandirt die Flagge der Krone, während ſein Vater, der in ſeiner Eigenſchaft als Hirte eine ganze Heerde commandiren ſollte, blos einen einzigen armſeligen Hammel zu commandiren hat, und dieſer Hundsfott lehnt ſich noch oben⸗ drein gegen meine Machtvollkommenheit auf und findet meine Felſen zu mager. Und meine Tochter, die ich in meinem Aber⸗ witz Thorborg taufen mußte, in der Meinung ein rechtes Weib, ein Urbild der alten Schildjungfrauen des Nordens aus ihr zu machen, ja, die iſt mir eine ſchöne Thorborg geworden. Da ſehe man einmal Majken an, die iſt von ganz anderem Schrot und Korn, da iſt Saft und Kraft, und deßhalb nenne ich ſie auch meine Schildjungfrau. Thorborg hätte Majfken heißen ſollen und Majken Thorborg. Das hätte vortrefflich gepaßt... Aber jetzt iſt es wie es iſt— Lilienduft und Morgenthau! Nun ja, das Lamm iſt nützlich und gut— es iſt ein artiges Lämmchen— aber man hat Nichts zum Ausſchimpfen in einer barſchen Stunde, und käme nicht die Hexe oder der Küſter oder irgend eine andere chriſtliche Seele, ſo wäre es rein zum Teufelholen.“ Dieſen Monolog hielt der alte Paſtor, der zwiſchen Thor⸗ borgs Haag und einem kleinen dürftigen Grasplatz vor demſelben, des Hammels Sommerluſt genannt, herumhumpelte und im Be⸗ griff war ſich einen Anfall ſeines gewöhnlichen Gallenfiebers an den Hals zu ärgern, das indeß noch für ganz unſchuldig gelten ——— Xl S So n G&SSͤS d 101 konnte im Vergleich zu demjenigen, das unſern Freund Moß be⸗ fiel, wenn nicht ſein ganzes Haus zur rechten Zeit vor ihm auf den Zehen ſtand und aufwartete. In früheren Zeiten würde Paſtor Guldbrandsſon ſelbſt hineingelaufen ſein und Leben unter die Schläfer gebracht haben, aber jetzt hatte er ſogar im warmen Sommer einen Anfall von ſeiner alten Fußgicht bekommen und mußte ſich daher mit dem begnügen, was er mit ſeiner Stimme auszurichten vermochte. „Alter— dummes Zeug!“ murmelte er.„Alter in der Zehe und Jugend im Kopft keine Harmonie! Der Menſch iſt ein wandelbares Ding. Möchte wohl wiſſen, wann es am beſten geweſen iſt. Ich kann mich an nichts Anderes erinnern, als an Mühſal und Arbeit... Aber noch leben die alten Götter, und dies Alles wird ſich noch erfragen laſſen. Gutes Korn in meinem Sohn: mit der Zeit vielleicht Controleur... Der Satan im Fuß, ei, ei... Majken ſollte Controleurin werden. Mein Lämmchen wird wohl als Veſtalin unter den Klippen ſterben müſſen— ſehe nicht recht, woher ein paſſender Rolf für Schön⸗ Thorborg kommen ſollte. Ganz anders war es in den Zeiten der Häringsfiſcherei: damals gab es alle Arten von Herrn auf der Küſte entlang, und der Fiſcherkönig ſelbſt wäre für Jungfrau Lilienthau nicht zu gut geweſen.“ Während unſer Paſtor auf ſolche Art mit ſich ſelbſt ſprach, hatte er ſich in den braun angeſtrichenen Lehnſeſſel niedergelaſſen, den man zu ſeiner Bequemlichkeit in den Haag hinausgeſtellt hatte. Indeß er in ſeine Betrachtungen verſinkt, wollen wir über das Eine und Andere, was ſein Leben und ſeine Umgebung be⸗ trifft, Auskunft ertheilen. Es war eine trockene und ausgebrannte Landſpitze, auf welcher die roth angeſtrichene Capelle mit ihrer Pfarrwohnung ſtand. Und klein war Alles: die Landſpitze, die Kirche und das Wohnhaus— klein war es auch mit den Einkünften beſtellt. Aber wie dem ſein mochte, es reichte dennoch aus, denn 10² gleichwie die See ihren beſondern Tribut an Fiſchen und Vögeln entrichtete, ſo gaben auch die wenigen Standesperſonen, mit Herrn Moß an der Spitze, an den drei Opfertagen des Jahrs ſo reich liche Geſchenke, daß der Paſtor, wenn er vor dem Altar ſtand wo die Gaben niedergelegt wurden, eine ganze Stunde lang ſich bücken und mit dem Kopf nicken mußte, denn nach ſämmtlichen Capitänen kamen die Fiſcher und Kinder, und ſo ging es von der großen Banknote bis hinab zu dem Reichsthaler, dem Drit⸗ telsthaler, dem Sechzehnſchillinger, dem Zwölſſchillinger und dem kupfernen Stüber, welchen das vierjährige Kind brachte. Alle liebten gar ſehr den gemeinen Paſtor, der mit dem Vater trank, die Mutter auf Cafe einlud und alle Taſchen voll Pfeffer⸗ kuchen für die Kinder hatte, wenn er vom Sanner Jahrmarkt nach Hauſe kam. Mit eigentlicher Armuth hatte ſich der Paſtor alſo nicht herumſchlagen müſſen. Aber innerhalb der Wände hatte der Kummer getobt, wie außerhalb derſelben der wirbelnde Sand, und Wittwer ſeit zwanzig Jahren wußte er nicht mehr, was es heißt ſeine Bekümmerniſſe mit einer holden Gefährtin zu theilen. Der Sohn und die Tochter— letztere kurz vor dem Tode der Mutter geboren— waren und blieben in ſeinen Augen immer Kinder. Ueberdies hatte er zu viel Herz, um ſie zu betrüben, und Herz beſaß er mehr als Jemand glaubte. Moß hatte ſeit vielen Jahren als ſein Freund gelten können— ſie hatten manche frohe Stunde zuſammen verbracht — aber Hochmuth und Armuth entblößen ſich nicht gerne vor dem reichen Freund. Und ſo beſaß denn der Seelenhirt zuletzt keinen andern wirklich vertrauten Freund, als den Küſter der Capelle, der ſeine kleine Wohnung ganz in der Nähe hatte. Dieſe Vertraulichkeit hatte wenigſtens etliche und zwanzig Jahre gewährt, und der Vortheil war gewöhnlich auf Seiten des Vorgeſetzten geblieben, denn der Unterhirte war jünger und kräf⸗ ———— ⏑— 8 — ꝑ́ )= 8 S S — — — au au 103 tiger, beſaß ein gutes Auge für die Geſchäfte und blickte über⸗ dies hina uf, während der Paſtor auf ſeinen Freund herabſah. Um einen Beweis von der Vielſeitigkeit dieſes Verhältniſſes zu geben, müſſen wir erwähnen, daß, als der Paſtor im vorigen Winter mehrere Tage im Ganzen wegen ſeiner Gicht das Bett hüten mußte, die Confirmanden aber deſſenungeachtet nicht ver⸗ nachläßigt werden durften, der Küſter neben ſeinem Bette ſaß und den Dolmetſcher und Aufſeher zugleich ſpielte. Der Paſtor war kurzſichtig, und als er jetzt mit dem Cate⸗ chismus in der Hand dalag, hieß es:„Wer... der Teufel hol den Fuß... kommt jetzt an die Reihe?“ Da erhob der Küſter ſeine Stimme und ſprach: „Anna Stina von Södra Mörkön, tritt vor und beantworte die Frage des Herrn Paſtors... Ah ſo, Anna Stina von Mörkön hat nicht über das Eis kommen können, tritt jetzt Du vor, Dora Ringsdotter vom Gasland; ſei nicht ſo blöde, mein Kind, ſondern ſieh uns ganz keck an— Du biſt ja daheim in Deinem Catechismus— jetzt kann die Abhörung beginnen.“ Das Letztere wurde bei⸗Seite zu dem Paſtor geſagt. Und die Abhörung begann. „Höre, meine liebe Dora, und beſinne Dich wohl, bevor Du ſprichſt— ich will eine Verſtandesfrage an Dich richten. Kannſt Du mir ſagen, was man unter der Dreieinigkeit verſteht? Uh, uhl! Küſter, nehmen Sie das Wort, heute iſt der Fuß ganz raſend.“ Der Küſter nahm den Catechismus und das Wort, lehnte ſich im Stuhl zurück und ſagte feierlich, während er ſeine Augen auf das bezeichnete Mädchen aus dem Gasland heftete: „Du haſt die Frage gehört, mein Kind?“ 1 „Ja, gehört habe ich ſie freilich, aber es iſt ſo ſchwer dar⸗ auf zu antworten.“ „So wollen wir ſie wiederholen.— Wenn ich wir ſage, ſo meine ich den Herrn Paſtor, an deſſen Stelle ich hier ſitze —QQ——— 104 ... Kannſt Du, meine liebe Dora von Gasland, mir ſagen, was man unter Dreieinigkeit verſteht?“ „Ich kann es doch nicht ſagen, denn ich mag rechnen ſo lang ich will, ſo bedeutet drei nichts Anderes als drei. Aber wenn Sie ſo gütig ſein wollen es mir zu ſagen, Herr Küſter, ſo will ichs nicht vergeſſen.“ 3 Bei ſolchen Einwendungen nahm der Paſtor immer den Catechismus ſelbſt zurück und behielt ihn, bis die Gicht ihn von Neuem zwang das Buch in die Hand des Küſters zu geben. Inzwiſchen genügt dieſes Probeſtück, um das Verhältniß zwiſchen dieſen beiden Vätern der Kirche zu veranſchaulichen. Mit ſeinen Kindern lebte der Paſtor im beſten Vernehmen. Gudmar war ſein Stolz, Thorborg, das ſanfte liebende Mädchen, ſeine Freude, und er würde ſie eben ſo innig geliebt haben wie ſeinen Sohn, wenn ſie ihn nicht zuweilen in ſeinen Gewohn⸗ heiten beläſtigt hätte. Mit der letzten Perſon im Hauſe, den Knecht ungerechnet, der in einem eigenen Häuschen allein wohnte, lebte er in be⸗ ſtändiger Fehde. Dieſe Fehde wurde gegen ſeine alte getreue Dienerin, die höchſt boshafte und herrſchſüchtige Jungfer Vivika geführt, die ſeit fünfzehn Jahren wenigſtens zehnmal in jedem Quartal den Dienſt aufgeſagt hatte, ohne jedoch ein einziges Mal zu ziehen. Aber außer dieſem Perſonal des Hauſes, das auf dem Steuerzettel ſtand, war noch ein anderes vorhanden, das nicht darauf kam, nämlich das Pferd, das als eine Art von be⸗ weglichem Grundſtück betrachtet wurde, die Kuh, die Schweine und obenerwähnter Hammel, ohne von den Enten und Gänſen zu ſprechen, die taglich in dem großen Waſſergraben in Thor⸗ borgs Haag Luſtparthien machten. Und Thorborgs Haag war wahrlich nicht zu verachten. Wenn man bedenkt, daß er an dieſem Ufer lag, wo der See⸗ wind beſtändig blies. 0 à Sti feſte tniß nen. hen, wie ohn⸗ hnet, be⸗ reue ivika dem ziges dem das be⸗ beine inſen hor⸗ hten. See⸗ Stuhl aufſtand und mit gänzlicher V feſten Schritts dem Gaſt entgegenging. ſter nicht zu, hoffärtig zu ſein,“ fügte ſie koſend hinzu, und um noch mehr auf ihn einzuwirken, lehnte ſie ihren zierlichen blon⸗ den Lockenkopf an des Vaters Bruſt und ſah ihn an mit den freund⸗ lichen und treuen Taubenaugen, hochblau wie die Farbe des Himmels. „Hoffärtig, hoffärtig— ſchickt es ſich auch für das Lamm dem Hirten Lehren zu geben? Aber jedenfalls bin ich nicht für eigene Rechnung hoffärtig, ſondern für den Jungen. Ein Sohn, begreifſt Du, liegt auf der rechten Seite des Herzens.“ „Ich will mich ja gern mit der linken Seite begnügen, wenn Du nur den Onkel gut empfängſt. Sieh, er iſt bald am Gitterthor. Ich ſpringe hinauf und ſorge für heißes Waſſer zum Toddy.“ „Den Cognac rechts im Schrank— vergiß nicht rechts— und die Gläſer mit den großen Roſen! und nicht zu wenig Zucker! Hörſt Du, Kleine, nicht zu wenig Zucker! er ſoll ſehen, daß die alten Götter noch leben.“ „Es ſoll Alles recht werden, Papa, wir wollen das Beſte thun was wir vermögen. Aber noch ein Wort, Papa!“— Thorborg eilte zurück.—„Es wird Dir ſo ſchrecklich ſchwer Dir Zwang anzuthun, aber thu es jetzt um Gudmars und Majkens willen. Ueberdies... liebſter Papa, ſei nicht böſe, daß ich es ſage; Du weißt ja, daß uns Allen befohlen iſt Demuth zu zeigen.“ „Mädchen, Mädchen, nimm Dich jetzt in Acht! Ich ſage nicht gerne ein hartes Wort zu Dir, aber man muß in allen Dingen Maß halten.“ „Auch mit dem Zucker und dem Cognac, Papa?“ „Gänschen, mit der Demuth, meine ich.“ Lächelnd eilte Thorborg weg. Und jetzt erſchien der große Magnat innerhalb des Haagzaunes. „Aha, was ſehe ich!“ rief der Paſtor, indem er von ſeinem ergeſſung ſeiner Schmerzen „Als der Berg nicht zu 108 Mohamed kam, ging Mohamed zum Berge. Aber gleichviel, ich heiße Dich willkommen in meiner alten Wohnung, Bruder, und ich hoffe, daß keine häuslichen Unannehmlichkeiten mehr auf un⸗ ſere alte Freundſchaft Einfluß ausüben werden.“ „Supponire, es iſt Klugheit im letzten Theil Deiner Rede, Bruder— wenigſtens ſtimme ich damit ein, und ich verſichere Dich, daß ich eine ſtarke Leere empfunden habe, ſo lange wir auf geſpannten Füßen ſtanden.“ „Entſchuldige, Bruder,“ verſetzte der Paſtor,„ich habe immer blos auf einem einzigen geſpannten Fuß geſtanden, und das iſt dieſe Canaille da, mit der ich mich um meiner alten Sünden willen herumſchleppen muß. Was inzwiſchen unſere Familien⸗ verhältniſſe betrifft, ſo war die Spannung gänzlich auf Deiner Seite, mein geehrter Bruder.“ Ein ſtarkes Räuspern und gerunzelte Augenbrauen waren die einzige Antwort des Kaufherrn. „Nun, nun, Du warſt in Deinem vollen Recht, Bruder, wenn Du den Antrag meines Sohnes abwieſeſt, und er verdiente es beinahe wegen ſeiner Dummheit, daß er als Freier zu Dir kam, nachdem er Dich kaum ein Vierteljahr vorher in einen Ver⸗ luſt von Gott weiß wie viel tauſend Reichsthalern gebracht hatte.“ Moß fühlte ſich durch die ungezwungene und kecke Art, wo⸗ mit ſein alter Freund die Sache behandelte, ſchwerer gekränkt, als er vor irgend Jemand gerne geſtanden hätte. Hier ſchien es ſich weder um Kummer noch um Sehnſucht, noch weit weniger aber um Nachgiebigkeit zu handeln. „Es wird von großem Nutzen ſein, ſupponire ich, wenn Du Deinem Herrn Sohn einen Theil dieſer Gedanken einprägen willſt, denn wären ſie ihm vorher gebührend eingeſchärft worden, ſo würde er ſich, vermuthe ich, nicht mit ſeiner letzten Frechheit an Bord gelegt haben.“ „Mit was für einer Frechheit?“ brauste der Paſtor auf indem er um den Stuhl herumlief, auf den er ſich, nachdem Moß, Platz genommen, wieder geſetzt hatte. Und dabei zogen ſich ſeine grauen Augenbrauen ſo grimmig zuſammen, daß Thorborgs Frie⸗ denspläne ſammt und ſonders von der größten Gefahr bedroht ſchienen. „Nun ja,“ antwortete Moß mit Nachdruck,„ich meine ſeine Hinterliſt, daß er ſich unter dem Vorwand einer Viſitation an Bord des Bootes legte, wo Majken ſich befand, und ſie auf ſei⸗ ner Zolljacht nach Spartſkär heimführte.“ „Ei der Satansjunge! Hat er das gethan? Nicht übel, nicht übel! Noch leben die alten Götter. Er iſt mein Sohn, Bruder, ich ſage dies mit Stolz.“ „Supponire, Bruder, daß Du Dir über die Bedeutung ge⸗ wiſſer Worte einen eigenen Sprachbegriff gebildet haſt, denn ſo viel ich finden kann, iſt Dein Stolz hier nicht ſonderlich gerecht⸗ fertigt.“ „Nicht? Dann biſt Du heute denkfauler als ſonſt. Oder iſt es denn gar Nichts werth, daß er Schön⸗Majken mit ihrem eigenen freien Willen auf die Planke führt, die er commandirt?“ „Eines Weibes freier Wille iſt wie das Staubkorn, das ich abſchüttle.. Und Moß begann ſein Bild dadurch anſchaulich zu machen, daß er den Staub von ſeinem Rockärmel wegſchnellte. „O, lieber Bruder, die Weiber ſind weit zäher als Du glaubſt. Sieh, da kommt ein ganz kleines Ding, ſo klein, daß ſie unter meinem Arm vollkommen Platz hätte, und dennoch könnte ich ihren Willen nicht wegſchnellen— Mein Lämmchen weiß das auch recht gut. Aber jetzt nicht weiter, Bruder(im Fall noch Weiteres nöthig iſt), bevor wir den Toddy in Gang gebracht haben.“ Das Argument gehörte zu denjenigen, die bei Moß ver⸗ fingen.. Jetzt brachte Thorborg den kleinen Gartentiſch herbei, und nachdem alles Nöthige zur Stelle geſchafft war, nahm ſie ſelbſt einen Stuhl und ſetzte ſich zu den Herrn. 110 „Wart ein wenig, Kind— noch ein Glas für deinen Bru⸗ der! Sieh nach, ob er angekommen iſt, und ſag ihm dann, er möchte herabkommen und mit mir und Onkel Moß einen Toddy trinken.“ Zwölftes Kapitel. Die Geſchwiſter. Wie der Beſuch des Herrn Moß zu Ende ging. „Liebe Vivika, iſt der Lieutenant oben auf ſeinem Zimmer?“ Dieſe Frage ſtellte Thorborg auf der Treppe des kleinen roth angeſtrichenen Hauſes, wo ſie ſtehen bleiben mußte, um an der Hexe vorbeizukommen, die am Eingang ſaß und Fiſche putzte. „Ich habe durchaus Nichts von ihm geſehen. Uebrigens habe ich heute Nacht nicht geſchlafen, und ſo wird dieſer Moß da wieder anfangen wie verrückt hier umzulaufen. Und dann will ich Ihr ſagen, Thorborg, daß Sie zu alt iſt, um mit dem Saum Ihres Kleides die Flundern wegzufegen und mitzuſchlep⸗ pen. Aber es gibt kein Haus mehr wie dieſes da: wenn ein Chriſtenmenſch einmal ausgeht und ein paar armſelige Heidel⸗ beeren pflückt, gleich müſſen Paſtoren und Hämmel ſich athemlos laufen. Nun, nun, er ſoll mir ſo bald nicht wieder auf die Sommerluſt, der Hammel, das verſpreche ich und die Hexe auch.“ Thorborg, die an Jungfer Vivikas Stürme eben ſo gewöhnt war wie an die Seeſtürme, war längſt in der überbauten Haus⸗ flur mit den Sommerkränzen an der Decke und den Grundan⸗ geln an den Wänden verſchwunden und öffnete die Thüren des kleinen Salons, der mit ſeinen rothweißen Gardinen und ſeinem Roſacattun ü Darinnen bef ber Sofa und Stühlen ungemein wohnlich ausſah. anden ſich ferner ein Schreibpult mit blauen Pot⸗ pourriurnen, vor dem Sofa ein altmodiſcher Tiſch mit einem ru⸗ er ddy r2“ nen an tztte. ens Noß ann dem lep⸗ ein idel⸗ nlos die ich.“ öhnt aus⸗ dan⸗ des inem sſah. Pot⸗ inem 111 eingefaßten porzellanenen Präſentirteller, und auf dem ausgezeichnet ſchöne Theebüchſe von engliſ welche Thorborg vor etlichen Jahren von Schiffscapitän zum Geſchenk erhalten hatte. Dieſer ganze kleine Luxus, der noch durch ſelben eine cher plattirter Arbeit, einem ausländiſchen in Majken fand e kleine Welt, welche nigſtens zuſammenge⸗ Auf der einen Seite dieſes Fe eigenes Zimmer, wo er ſeine Amtsverrichtungen vornahm, ſofern es nicht eine Taufe oder Trauung war, denn dazu wurde der Salon geöffnet. Auf der andern Seite lag das Alltagszimmer, wo die kleine Haushaltung ihre mäßigen Mahlzeiten hielt und der Spinnrocken der Hexe mit ihr ſelbſt um die Wette ſchnurrte. Auf dem Boden befanden ſich zwei kleine Zimmer, eines für Gudmar und eines für Thorborg. Hier hinauf eilte jetzt die lichtſchimmernde Elfe, und licht⸗ ſchimmernd war ſie, denn außer daß ſie den ganzen Sommer über ganz helle baumwollene Kleider trug, welche ſie ſelbſt ge— woben hatte, ſchwebte über ihrem milden Geſichte ſtets ein Schim⸗ mer von lieblichem Frieden. Dabei lag in ihrem Blick und gan⸗ zen Weſen etwas Stärkendes und Tröſtendes, ſowohl für kranke Gemüther als für aufgeregte Leidenſchaften, und die körperlich Kranken in der ganzen Umgegend beſaßen in ihr einen Arzt in doppelter Beziehung, denn Thorborg verſtand ſich auch auf die einfachere Medicin, die für gewöhnliche Krankheitsfälle gebräuch⸗ lich iſt. Sie wurde daher auch als einer jener guten Engel be⸗ trachtet, welche Gott herniedergeſandt hat um verirrte Seelen in einen ſichern Hafen zu lootſen. ſtgemaches lag des Paſtors 112 „Gudmar.. nein, er iſt auch nicht hier!“ ſagte ſie, indem ſie die Thüre des Zimmers aufriß, das der Jachtlieutenant be⸗ wohnte, wenn er Zeit hatte ſich auf dem Land aufzuhalten. Und es war ein hübſches Zimmer mit der Ausſicht auf die ſchmaleren Buchten der See. Aber jetzt hörte man Gudmars Stimme von unten. „Komm herab, liebe Schweſter, ich muß Dir Etwas ſagen.“ „Ah, Du biſt da, hier haſt Du mich!“ Im Nu war ſie unten und ſaß auf dem Salonſofa, mit ihrem Bruder neben ſich. „Was gibts? Da Onkel Moß zu gleicher Zeit mit Dir angekommen iſt, ſo habe ich noch nicht mit Dir ſprechen können.“ „O, ich kann mir die Veranlaſſung ſeines Beſuches wohl denken.“ „In welchem Tone Du das ſagſt! Glaubſt Du nicht, daß es ſich um eine Verſöhnung handeln werde?“ „Er an Verſöhnung denken!— O nein, ich glaube, daß er nicht einmal in ſeiner Todesſtunde daran denken wird, wofern Gott nicht inzwiſchen irgend ein Wunder thut.“ „Das thut er, wenn er es dienlich findet,“ verſicherte Thor⸗ borg voll Eifer.„Aber ſag mir jetzt, was Du eigentlich meinſt.“ „Majken iſt heimgekommen. Heute früh holte ich mir meine Herzgeliebte aus Schiffer Ragnars Schute und führte ſie ſelbſt nach Spartſkär— Verſtehſt Du das?“ „Da Du ſelbſt es erzählſt, ſo muß ich Dich verſtehen; ſonſt aber finde ich Deine Handlungsweiſe ſehr leichtſinnig, und es ſteht nicht zu hoffen, daß Gott ein Wunder zu Gunſten eines Men⸗ ſchen thun werde, der ſowohl Vernunft als Geduld über Bord wirft. Auch von Majken war es ſehr tadelnsw...“ „Still, ſtill, ſtill! Du biſt ein unerfahrenes Kind und kannſt einen ſo hohen Charakter wie Majken gar nicht begreifen.“ „In dieſer Sache ſteht es Dir freilich wohl an ſie in Schutz zu nehmen, aber Widerſetzlichkeit gegen eines Vaters Willen iſt kein gutes Holz, wenn man für die Ehe bauen will.“ chor⸗ nſt.“ neine ſelbſt ſonſt ſteht Men⸗ Bord annſt Schutz en iſt 113 „Nein, aber wie kannſt Du aus dieſem Tone reden, Thor⸗ borg? Soll Majkens eigene Freundin ſie nicht beſſer verſtehen und würdigen? Ich ſage Dir, daß Majken dies nicht aus gedan⸗ kenloſem Leichtſinn gethan hat, ſondern weil ſie dumme Formen verachtet, die für enge Seelen paſſen mögen, aber nicht für ihren freien und kräftigen Geiſt.“ „Ja, kräftig mag ſie ſein, aber wie Du auch die Hauptfrage umgehſt, ſo ſteht doch ſo viel feſt: ſie hat ihren Vater in ſeinen Rechten gekränkt, und ſo ſehr ich auch Majken liebe und bewun⸗ dere, ſo wirſt Du mich doch nie dahin bringen, daß ich dies gut⸗ heiße.“ „Leeres Geſchwätze... Im Uebrigen, meine kleine Elfe, ſteht es einem ſo rüſtigen Mädchen wie Majken weit weniger zu am Gängelband zu laufen, wenn dieſes gar keinen vernünftigen Grund für ſich hat, als es zu zerreißen. Inzwiſchen iſt noch Nichts zerriſſen, dazu hat Majken zu edle Grundſätze. Aber un⸗ ſere Jugend und wohl auch ein Theil unſeres mittleren Alters wird darauf gehen, bevor ſie trotz all ihrer Gewalt den Kauf⸗ mann Moß dahinbringt, daß er mir ſeine verkehrte Hand recht entgegenhält.“ „Du kannſt ihn eben jetzt treffen. Papa läßt Dich erſuchen, herabzukommen und mit ihnen im Haag einen Toddy zu trin⸗ ken.“ „Was in aller Welt ſagſt du? Sollte er etwa meinen, es ſei eine glückliche Wendung im Werke? Das iſt unmöglich. Hätte ich vor etwa drei Jahren, als er freundlich gegen mich geſtimmt war, ein Stück Brod gehabt, ſo wäre Alles gut gegangen; aber leider ſtrich die Zeit vorbei, und als das Stück Brod kam, da war es als ob in jeder Ecke ein Unglück lauerte.“ „Das Glück wäre Dir vielleicht nicht nützlich geweſen.... Aber gehſt Du jetzt oder nicht?“ „Ich bin unentſchloſſen. Im Dienſte kann ich eiskalt ſein, Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 8 aber außer demſelben habe ich warmes Blut in den Adern, und wenn man mich über Gebühr beleidigt, ſo.... „So mußt Du es dennoch ertragen, ſowohl um Majkens willen als auch weil Du Dich durch Deine letzte Handlung auf den Fuß geſtellt haſt, daß Du nachgiebig ſein mußt.“ Gudmar begann im Zimmer auf⸗ und abzuſchreiten. „Majken hatte beſtimmt im Sinn mich morgen hier zu tref⸗ fen. Kommt es nun jetzt zu einem weiteren Bruch, ſo erſcheint ſie nicht, und dann mag Gott wiſſen, wann wir uns wieder⸗ ſehen.“ „Lieber Gudmar, Du mußt jetzt nicht lange hin⸗ und her⸗ ſinnen. Faſſe einen raſchen Entſchluß und geh ſchnell in den Haag hinab. Und glaube Deiner kleinen Thorborg, daß Nach⸗ giebigkeit das einzige Mittel iſt, das Du gegen Onkel Moß mit Vortheil anwenden kannſt.“ „Frommes liebes Kind—“ der ſtattliche Bruder ſchlang ſeinen Arm um das ſchlanke Weſen, das er oft mit ganz müt⸗ terlichen Gefühlen betrachtete—„Du biſt viel zu gut für uns und ich begreife nicht, wie Du hier unter uns ſo werden konnteſt.“ „Wie konnte ich hier anders werden? Gott ſah, daß Papa und auch Du einer Pflege bedurften. War nicht Mama fort? Aber ich, die ich von den Klippen und dem Meere erzogen wurde, die ich, ſoweit ich mich erinnern kann, Ihn geliebt habe, der auf dem Meere ging und deſſen Gegenwart ich im Winde, in der Woge wie in der kleinſten Blume erſehe, konnte wohl ich, mein Gudmar, etwas Anderes werden, als ein gläubiges Kind, eine getreue Tochter und Schweſter? Und das will ich ſtets bleiben: geſchehe was da wolle, ich bleibe Dir immer.“ „Dank, Dank, ich verlaſſe mich darauf! Du biſt eine kleine Heldin, ſowohl im Haus als für die ganze Gegend. Aber merk⸗ würdig bleibt es immer, daß Du und Mazjken auf ein und dem⸗ ſelben Strand ſo verſchieden gebildet worden ſeid. Du verab⸗ ſcheuſt die Beſchäftigungen, die ihr Freude machen, und ihr Muth iſt von dem Deinigen himmelweit verſchieden.“ „Ja,“ antwortete Thorborg erröthend,„er iſt verſchieden. Aber wenn es ſich einmal um eine wichtige Angelegenheit han⸗ delte, ſo ſollteſt du ſehen, daß ich mich im ſchrecklichſten Weſtſturm mitten in der Nacht hinauswagen würde. Dies würde aber nicht geſchehen, um einige Seidenpäcke zu retten oder um tollkühn mit meinem Muth zu paradiren. Doch,“ fügte ſie mit noch ſtärkerem Erröthen hinzu,„iſt es gewiß Unrecht von mir ſo zu ſprechen, da ich mich in ſolchen Sachen nicht geprüft habe. Aber jetzt iſt es klar, daß ich wenigſtens hinunter muß, denn obſchon ich ein wenig gewartet habe, weil ich merkte, daß Papa mit Onkel Moß allein ſein wollte, ſo glaube ich doch, daß es nicht gut wäre, wenn man die beiden Herrn noch länger allein ließe— Papas Laune war nicht die friedfertigſte.“ „Das wundert mich meiner Treu nicht. So geh denn jetzt, meine kleine Feuerbake, dann will ich hinter Dir herſteuern. Aber hör einmal, blinke nicht ſo, daß Du mich irreleiteſt. Die Fahrwaſſer der Nachgiebigkeit und Selbſtbeherrſchung haben auch ihre blinden Klippen, und ich möchte nicht gerne auf den Grund fahren.“ „O, Du wirſt gewiß klar gehen.“ Sie lachte fröhlich. Ein wahres Silberlachen. —— „Was in aller Welt bedeutet das da?“ flüſterte Gudmar, indem er Thorborg bei der Roſenhecke zurückhielt.„Ich glaube wahrhaftig, der Vater hat ſich in die Geſchichte von dem alten Bullarochſen verbiſſen— da muß Alles gut ſtehen. Still, laß uns lauſchen... Richtig: es iſt der berühmte Ochſe, den weder der Vater noch die Bullinger je vergeſſen können.“ „Das wundert mich ganz und gar nicht,“ meinte Thorborg: „Papa iſt ein geborener Bullinger, und dieſe halten treu an 116 ihren hiſtoriſchen Erinnerungen— auch ſagt Papa, wenn ſie Al⸗ les vergeſſen würden, ſo würden ſie doch den Ochſen nie vergeſ⸗ ſen. Das thue ich auch nicht. Ich könnte im Schlaf erzählen, wie die Norweger im Krieg einen Abſtecher auf dem Bullarſee heraufmachten, um ſich zu verproviantiren, und wie, als ſie über⸗ rumpelt wurden, in der Eile Jeder ſich ein Stück von dem armen lebendigen Ochſen abhieb... Ja, ja, jetzt iſt Papa recht im Zug .. Und Onkel Moß lacht und meint, das ſei nicht das Erſte, was die Norweger ſich von uns zugeeignet haben.... Aber jetzt ſchmazt Papa an ſeiner Pſeife: ſie iſt leer— wir können vor⸗ treten.“ „Seid Ihr da, Kinder?“ erſcholl des Paſtors tiefe Stimme. „Will Sie mir die Pfeife ſtopfen, Jungfrau Lilienthau... Will⸗ kommen daheim, mein Junge! noch leben die alten Götter und gratulire zu dem guten Fang. Wenn auch der liebe Gott heute Nacht nicht, wie die Wildfänge von Mörkö ſagen, Land und Strand geſegnet hat, ſo hat er doch am Morgen die Zolljacht geſegnet, wie ich höre.“ Dieſer gewagte Scherz ſchien nicht beruhigender Art zu ſein, denn Moß, der bereits ganz gelb geworden war, als Gudmar ihn vollkommen ungezwungen, aber mit ausnehmender Hochach⸗ tung begrüßte, wurde jetzt beinahe dunkelblau vor Aerger. „Supponire,“ ſagte er mit Kraft und Stolz,“ daß ein ſol⸗ cher Gegenſtand beſſer für vier Ohren tauge, als für acht. Aber ſollte reines Spiel einem vertraulichen Wink vorgezogen werden, ſo darf ich offen ſagen, daß meiner Tochter Ruf in Bezug auf ihren Charakter weit über alles Geſchwatze erhaben iſt. Und da⸗ bei ſupponire ich, die Begünſtigte werde wohl ſelbſt ausrechnen, daß derjenige, welchem das Glück einmal geradezu in die Arme geflattert iſt, ſich ohne Weiteres dem Teufel darauf verſchreiben kann, daß es ihm ſpäter ſein ganzes Leben lang den Rücken zu 117 kehren beabſichtigt. Wenigſtens gilt das von dem Glück, von welchem wir jetzt ſprechen.“ Mit aufgeregtem Blick fah Gudmar ſeine kleine Feuerbake an, aber ſie glänzte ihm ſo ſchön entgegen, daß er ſeinen Aerger verſchluckte und den Gang hinabſpazirte. „Der Menſch denkt und Gott lenkt, mein Bruder,“ antwor⸗ tete der Paſtor, indem er mit wahrhaft aufreizender Ruhe ſein Toddyglas leerte und noch mehr Zucker verlangte. „Gott mag lenken— ſupponire, er hat das Recht dazu— aber ich kann auch lenken, da juſt Gottes eigenes Wort mir ein Recht über mein eigenes Kind gegehen hat. Und jetzt war meine Abſicht etwas zu ſagen, was ich ſonſt nicht leicht geſagt haben würde, wenn nicht das Blut in Fahrt gekommen wäre.“ „Ach, guter Onkel Moß,“ fiel Thorborg mit inniger Bitte ein,„es bringt kein Glück zu ſprechen, wenn das Blut allzu ſtark ſiedet.“.. „Darin, liebe Thorborg, ſupponire ich, daß Du vollkommen Recht haſt, und wenn ich einen Sohn gehabt hätte, ſo würde ich mir nie eine beſſere Schwiegertochter gewünſcht haben. Aber jetzt liegt der Knoten darin, daß ich juſt eine Tochter beſitze, und was ich in Beziehung auf ſie zu ſagen habe, das muß ich ſagen — und im Fall es dem Herrn Lieutenant nicht allzu ſchwer wird mir ins Geſicht zu ſchauen, ſo möchte ich wünſchen, daß er ſo gut wäre und jetzt zurückkäme.“ „Nicht aus Schamgefühl,“ ſagte Gudmar, indem er hervor⸗ trat,„bin ich auf die Seite gegangen, Onkel, ſondern Sie dürfen überzeugt ſein, daß ich lediglich aus Achtuug vor Majken und ihrem Vater mich fürchtete nicht ganz ruhig zu ſprechen. Aber da bin ich jetzt.“ „Recht ſo, junger Herr! Supponire, es würde Alles beſſer ſtehen, wenn Du Deine Beweiſe von Achtung handgreiflicher ge⸗ zeigt hätteſt, als es noch Zeit war.“ 7 118 „Ich habe es nie daran fehlen laſſen, außer wenn die Pflicht meinem perſönlichen Gefühl Feſſeln anlegte.“ „Pflicht, Pflicht! ein großes Wort vielleicht! Wohl Dir, wenn ſie Dir erſetzt was ſie Dich gekoſtet hat... Aber jetzt genug von der Vergangenheit! mein Anliegen betrifft die Zu⸗ kunft.“ „Du parlamentirſt gar zu lange, Bruder,“ hieb der Paſtor ſcharf ein, ohne Thorborgs Winken und Blicken die mindeſte Beach⸗ tung zu ſchenken.„Und ich meine, Gudmar habe jetzt Geduldproben genug abgelegt. Majken iſt ein Juwel, der viele Entſagungen werth iſt— ich ſtelle ſie über alle Weiber auf Erden— aber mit der Geduld und dem Ehrgefühl eines Menſchen darf man auch nicht gar zu lange ſpielen. Beliebt es Dir jetzt Deinen letz⸗ ten Schuß abzufeuern, Bruder?“ Moß richtete ſich auf.„Es war meine Abſicht Frieden zwi⸗ ſchen unſern Häuſern anzubieten— ſupponire, daß auch Du ähn⸗ liche Wünſche hatteſt, Bruder: alte Gewohnheiten ſitzen feſt im Leibe und ziehen mich noch gerne hieher. Aber die Eintracht läßt ſich nur auf eine einzige Art wieder herſtellen, nämlich wenn Gud⸗ mar ein für dan und ganz entſchieden von jeder Hoffnung ab⸗ ſteht, die auf meine Tochter Bezug hat. Denn obgleich ich den Namen des Mannes, den ich als Schwiegerſohn im Auge habe, noch nicht angeben kann, ſo iſt er doch bereits erwählt. Das Weitere wird die Zukunft erklären.“ Gudmar war ſehr blaß und ein heftiger Fieberſchauer ſchüt⸗ telte ihn, als er antwortete: „Entſchuldigen Sie mich, Onkel Moß, aber ich kann darauf keine andere Antwort geben als die: jetzt und immer werde ich meine mit Majken gewechſelten Verſprechungen als gleich bindend betrachten. aufgeben.“ „Ah, ahl! ſteht es ſo mit Ehre und Pflicht— der Herr Lieutenant will ſich in mein Haus einſtehlen? Aber höret jetzt In Folge deſſen kann ich auch niemals die Hoffnung — 32 — 4„ ——ᷣ——ͤ—— 1 mein letztes Wort. Der Mann, der ſeinen beabſichtigten Schwie⸗ gervater ſo beleidigt hat, wie Sie, Herr Lieutenant, mich beleidigt haben, kann in Ewigkeit, ja nach tauſend Ewigkeiten nicht mein Schwiegerſohn werden. Iſt das klar?“ „Sonnenklar. Aber es iſt gar zu grauſam, wenn man Knicht zwiſchen dem Menſchen und dem Beamten unterſcheiden will.“ „In der Eigenſchaft als Schwiegerſohn, Herr, müſſen Beide eins ſein. Du hätteſt mir ſonſt allen möglichen Verdruß zufügen können, und ich würde verziehen haben— denn ich bin ein fried⸗ fertiger Mann und liebe mein Kind über Alles— aber jetzt be⸗ traf die Beleidigung mein Geſchäftsleben: darum kann ich ſie auch unmöglich vergeſſen, und darum ſoliſt Du jetzt auch büßen für Deinen Aberwitz, daß Du hinliefeſt und die Sterken der ver⸗ dammten Zollkammer über die meinigen ſtellteſt... Jetzt bin ich zu Ende.“ Hier trat eine jener Pauſen ein, die gewöhnlich auf große Erklärungen folgen und ſtets ſo peinlich ſind. Moß begann ſeinen Rock zuzuknöpfen, um zu gehen, und zog eine neue Cigarre hervor. Noch ſprach Niemand ein Wort. Der Paſtor ſaß ſteif und kerzengerade da. Gudmar blickte auf die Erde. Da ſtand Thorborg auf, trat vor und reichte dem Kaufmann die Hand. „Wir ſind ſo manches Jahr Freunde geweſen, Onkel Moß — und, glauben Sie mir, was man Papa und Gudmar nicht anſieht, das fühlt man doch. Scheiden Sie nicht im Zorn von uns. Laſſen Sie uns gut von einander denken, denn Jeder han⸗ delt nach ſeiner Ueberzeugung, und obſchon Papa noch immer ſchweigt“— Thorborgs Augen ſchickten jetzt ihrem Vater unwi⸗ derſtehliche Blicke zu—„ſo wird er ſich doch im Stillen nach neuen Beſuchen von Ihnen ſehnen.“ Der Paſtor ſtreckte jetzt ſeine Hand hin. „Sie hat Recht— das hat ſie immer, das einfältige Mäd⸗ —— —— ͤͤſͤſͤſͤſͤſͤſſ 120 chen,— da es nun einmal ſo ſein ſoll, ſo laß uns nicht mehr von den früheren Plänen reden, aber laß uns Freunde bleiben. Wir ſind beide zu alt, um von Neuem anzufangen.“ „Freut mich, daß Du das ſagſt, Bruder— hier meine Hand. Und will auch Gudmar ſie nehmen, ſo können auch wir Beide im Frieden ſcheiden.“ „Auf die vorgeſchlagenen Bedingungen gebe ich meine Hand nicht. Ich will mich nicht binden. Wenn ich auch Majken nie zur Frau bekomme, ſo ſollen wenigſtens meine eigenen Lippen nicht das Urtheil ſprechen. 4 Gudmar ging ſchnell ins Haus. Eine Viertelſtunde ſpäter war der Gaſt fort. Den ganzen Abend ſprach ſich der ehrliche Paſtor heiſer, um zu erklären— was König Salomo lange vorher erklärt hatte— daß Alles vergänglich ſei unter der Sonne....„außer dem bos⸗ haften Sinn des Herrn Paſtors,“ murmelte Vivika, die mit den ge⸗ ſpülten Gläſern im Zimmer geweſen war und jetzt die Thüre heftig hinter ſich zuſchlug. „Hexe, komm zurück! Was haſt Du mit Deinem Bruder, dem Hammel, gemacht?— Faſt hätte ich vergeſſen darnach zu fragen.“ „Der Hammel ſchläft den Schlaf der Gerechten, und es wäre ſehr zu wünſchen, daß Jedermann auch ſo ſchlafen könnte— we⸗ nigſtens dürfte es jetzt Zeit ſein es zu verſuchen.“ „Höre, Hexe, wenn Du nicht ein weibliches Gewürm wäreſt und wenn Du ſelbſt jemals verſtändeſt was Du ſagſt, ſo...“ „Haben Sie mir meinen Abſchied geſchrieben, Herr Pfarrer? denn jebt ziehe ich partout.“ „Der letzte liegt ſchon leit vier Jahren fertig da— uf, welch ein gemeines Weibsbild.... iſt mein Bierkäſe hereinge⸗ tragen?“ „Er ſteht bereits in Deinem Zimmer, Papa,“ erklärte Thor⸗ borg, die jetzt dazwiſchen trat.„Kann ich Dir Etwas helfen?“ ——, „Nein, nein, mein Kind. Die Hexe ſoll mir die Stiefel ab⸗ ziehen— ſie hat in gewiſſen Dingen eine gute Art. Haſt Du Gudmar hinaußbegleitet?“ „Ja, Papa, und er hat mich erſucht ihn zu entſchuldigen, weil er ſo früh abreist, daß er nicht Abſchied nehmen kann.“ „Armer Junge! armer Junge! Das war ein harter Schlag .... Gute Nacht jetzt, mein Lämmchen.“— Der Paſtor ging jetzt in ſein Zimmer, um eine Art Frie⸗ densvertrag mit der Hexe abzuſchließen, einen Vertrag, der we⸗ nigſtens ſo lange gehalten wurde, als das mißliche Stiefelabzie⸗ hen währte. Inzwiſchen ſaß Thorborg oben in ihrem Zimmer, das ein⸗ fach und dürftig war wie eine Nonnenzelle, auf einem Schemel neben der Thüre und lauſchte auf Gudmars Schritte, die immer ſchwerer zu werden ſchienen, je mehr die Nacht voranſchritt.“ „Ich will ihn nicht ſtören,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„er hat ſich einmal gegen mich ergoſſen, ſo weit es ſeinem männlichen Herzen Bedürfniß war. Jetzt iſt es für ihn am beſten, wenn er allein leidet— aber er leidet nicht allein— und möge Gott die heißen Gebete erhören, die ich für ihn emporſenden will.“ 3 Hier verlaſſen wir jetzt den Strand von Svartſkär und alle Perſonen, die mit dem alten Handelshauſe in Berührung ſte⸗ hen, um noch einmal in dem Fiſcherort einzukehren, von wo die ganze Umgegend voll Neugierde den Aufgang des neuen Han⸗ delshauſes, der neuen Sonne, erwartet; und zwar wollen wir die erſte Abtheilung unſerer Erzählung, d. h. die Einleitung mit einem Brief ſchließen, den die junge Frau Hjelm an ihre Mutter ſchrieb. 122 Dreizehntes Kapitel. Emiliens Brief. Innigſt geliebte Mama! Meinen einzigen Troſt bei Akes beſtändigen Reiſen finde ich in den Briefen an Dich und von Dir. Wie innig beklage ich nicht junge Gattinnen, die keine Mutter beſitzen, gegen welche ſie ihr Herz ausſchütten können! Denn es bleibt ewig wahr: wer verſteht, wer liebt uns, wer verzeiht uns ſo gerne unſere Fehler, wie eine Mutter? Aber ich gebe zu, daß es eine vernünftige Mutter ſein muß, die all dieſe vertraulichen Mittheilungen der unerfahrenen Tochter entgegennimmt; denn wenn dieſe immer nur Beiſtand und Be⸗ dauern fände, ſo könnte ſie ſich zuletzt ſelbſt einreden, daß ſie un⸗ glücklich ſei. Du ſprichſt eine große Wahrheit aus, Mama, in den Wor⸗ ten, die ich oft wieder geleſen habe:„Liebe Mimmi, Du darfſt nicht vergeſſen, daß die Ausſaat und die Erndte niemals zugleich ſtattfinden. Nichts in der Natur wird durch Kunſt hervorgebracht: die Natur entwickelt ſich nach ihren eigenen Geſetzen und Harmo⸗ nien, und wer in den Angelegenheiten des Herzens dieſer ein⸗ fachen Lehre der Natur folgt, der thut wohl und verfehlt ſelten das Ziel.“ Dank, liebe Mama, für dieſe Worte! Sie tröſteten mich volle drei Stunden. Als ich dann ſah, daß ich in mein gewöhn⸗ liches verzagtes Nachſinnen zurückverfiel, ſteckte ich den Brief in meine Schürzentaſche, um ihn ſogleich zur Hand zu haben, wenn ich der Aufmunterung bedurfte. Als ich Deine und Papas Ehe ſah, dachte ich über gar Nichts nach. Alles war ruhig und angenehm. Aber jetzt, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, ob es wohl immer ſo geweſen ſei oder ob auch Du Deinerſeits, lang ehe die Reihe an mich kam, ebenſo gedacht und gefühlt habeſt wie ich... Nein, ſo mag es nicht geweſen ſein, denn Papa erzählte mir oft ſehr ſcherzhaft von ſeinen Bräutigamsthorheiten. Nun ja, das war doch ſchön— er hat doch wenigſtens Thorheiten began⸗ gen, und Du, liebe Mama, kannſt Dich in dieſem Fall über mehr rühmen als ich in meinem ganzen Leben werde thun können. Denn es wäre ein Tollhäuslergedanke, wenn ich mir Ake in Ver⸗ bindung mit irgend einer verliebten Thorheit denken wollte. Juſt hier hatte ich eine Weile die Feder niedergelegt und ſaß verſunken in die Betrachtung des ſchönen Schauſpiels, das ich vor meinen Augen hatte, nämlich der See in der Beleuch⸗ tung der Mittagsſonne. Aber ſie wird wohl nicht immer ſo aus⸗ ſehen. Dieſer Sommer war ungewöhnlich frei von Sturm und Nebel. Jetzt dagegen ſteht der Herbſt bevor, wo ich armer kleiner Kahn in die große Waſſerwüſte hinausſteure, die ihre langen ſchäu⸗ menden Wogen gegen den Strand von Svartſkär rollt. O da fürchte ich, der arme kleine Kahn möchte zu Grunde gehen. Als ich ſo da ſaß und in die See hinausſchaute, dachte ich auch noch an etwas Anderes. War ich nicht zu jung zum Heirathen, Mama? Mit acht⸗ zehn Jahren beſitzt man allerdings ſehr viel Muth, aber es gibt ſo viele andere Eigenſchaften die man nicht beſitzt, und oft, oft meine ich trotz aller Gelübde und Vorſätze, ich könne es kaum ertragen, daß Alles im inneren Leben ſtille ſteht. Es iſt wahr — ich vergaß den Brief:„man darf die Erndte nicht zu früh erwarten.“ Aber ich kehre nach Spartſkär zurück. Dort ſoll ſtarker Handel ſein, ſo daß man Leute genug zu ſehen bekommt, allein man hat keinen Umgang, außer der Paſtors⸗ familie, die eine halbe Viertelmeile entfernt wohnt, und der Familie Moß, die zwei Meilen weiter wegziehen will. 124 Und jetzt will ich ein wenig von dieſen unſern Nachbarn er⸗ zählen— uns ſelbſt ſpare ich bis zuletzt auf. Ich war einige Male mit Ake drüben, und Gott weiß, daß dieſe kleine Welt für mich ſo neu iſt, wie Amerika für Colum⸗ bus war. 1 Drei Winter hindurch bin ich als Mädchen auf unſern Bäl⸗ len bemerkt worden, und man hat mir viel den Hof gemacht. Ich war wirkliches Mitglied einer auserwählten Geſellſchaft und in dieſem Kreiſe habe ich mich ungezwungen bewegt. Hier da⸗ gegen bin ich wenigſtens jetzt noch ohne allen feſten Haltpunkt, und als ich von dem ſanft abſchüſſigen dunkelgrauen Felſenufer in das recht ſchöne Haus trat, ſo war es mir, als höre ich den Octoberwind durch die Zimmer ſauſen und den Weſtſturm die Fenſterläden erſchüttern, während der Wetterhahn auf dem Hof knarrte und der Hund heulend an der Kette zerrte, zum Zeichen daß er Dinge ſah und hörte, die Menſchen nicht vernehmen können. Alle dieſe Eindrücke hätte ich vor Ake verſchweigen ſollen, denn er begreift leider nicht, daß man auch noch andere Dinge ſehen kann als man vor Augen hat. Ich bemerkte ſogleich, daß ihm dies nicht gefiel. Er zeigte mir ſtatt deſſen was er ſelbſt vor Augen hatte, und das war wirklich ein recht ſchöner, wenn auch etwas ſonderbarer Anblick: ich meine die Tochter des Herrn Moß, Mamſell Majken, vermuthlich ein Prachtexemplar der Küſten⸗ mädchen. Ich meinestheils habe eine ſolche junge Dame nie ge⸗ ſehen und auch nie von einer ſolchen geträumt. Sie ſprach mit Ake von Handel und Seefahrt, von der Zubereitung der Fiſche, von den unglückſelig dummen Wrackgeſetzen und Gott weiß von was noch, und zwar mit einer Fertigkeit und Zuverſichtlichkeit, als wäre ſie ein Mann geweſen und kein Frauenzimmer. Ake intereſſirte ſich auch ſchrecklich, ja ganz merkwürdig für ſie. Mit ihr konnte er von Geſchäften ſprechen. Und auf ihrem Zimmer, wohin ſie ihn ganz ungenirt auf eine Cigarre und ein Glas 12⁵ Liqueur einlud, während ſie mir erlaubte den Inhalt einer Menge von Schubladen anzuſehen, die mit dem prächtigſten ausländiſchen Damenputz gefüllt waren, kamen ſie in einen Discurs der eine halbe Stunde wegnahm, und weißt Du auch über was, Mama? Ueber die Nothwendigkeit die Winkelkneipen abzuſchaffen, weil da⸗ durch die Strandbewohner und die Inſelbewohner zugleich demo⸗ raliſirt würden. Wie ſonderbar iſt nicht das von einem jungen Frauenzim⸗ mer! Aber man kann nicht umhin ſie mit ihrem dunkeln Kleid, ihren hinaufgekämmten Haaren und ihrer übrigens eigenthüm⸗ lichen Toilette anmuthig und intereſſant zu finden, denn in ihren Augen leuchtet Etwas, wodurch man ſich angezogen fühlt. Und was für Zimmer ſie hat! Ich glaube, es fanden ſich darin Fiſcher⸗ Jagd⸗ und Gärtnergeräthſchaften, kurz Geräthſchaf⸗ ten aller Art, nur diejenigen nicht die wir Frauenzimmer zu un⸗ ſeren Beſchäftigungen brauchen— kein Trümmchen Zephirwolle, geſchweige denn ein Stückchen Stramin oder eine Perle. Bei allem Dem iſt jedoch Mamſell Majken ſo verliebt wie irgend ein anderes Mädchen. Sie liebt den jungen Jachtlieute⸗ nant von dem ich Dir bereits geſchrieben habe, iſt jedoch gezwun⸗ gen vom Auserwählten ihres Herzens abzuſtehen. Ich falle aus einer Verwunderung in die andere. Hätte ich von meiner Liebe abſtehen müſſen, was würde ich mich dann um die ganze übrige Welt bekümmert haben? Aber ſie, ſie intereſſirt ſich beharrlich für Alles was auf dieſem armſeligen Felſen da vorgeht. Frau Moß, die Mutter, gefällt mir ungemein. Sie iſt ſo leicht begreiflich. Ihr ganzes Weſen verräth die gute Mutter und wenn ſie ſtill und anmuthsvoll geht und kommt, ſo iſt es, mir, als ſehe ich einen guten freundlichen Hausgeiſt umhergehen. Ich bin überzeugt, ſie wird bei ihrem Wegzug Etwas von ihrem guten Geiſt im Hauſe zurücklaſſen. Herr Moß dagegen ſoll ein Menſch von wilder Gemüths⸗ art ſein. Ich muß ihn jedoch ertragen, weil mein Mann mehrere 4 126 Geſchäfte mit ihm haben wird. Dagegen bin ich überzeugt, daß ich den Aſſocié meines Mannes niemals werde ausſtehen können. Wenn ich mich frage, warum Herr Holt mir ſo widerwärtig iſt, ſo weiß ich nichts zu antworten. Ich habe ihn nun wiederum geſehen— er war neulich auf ein paar Tage hier— und ich kann nicht leugnen, daß ſein Aeußeres gefällig, ſein Benehmen artig iſt... aber das hilft Alles nicht: meine Ahnungen täu⸗ ſchen mich ganz gewiß nicht. Bleibt jetzt noch das Pfarrhaus. Ich werde meinen erſten Beſuch daſelbſt nie vergeſſen. Als Ake und ich— Lieutenant Guldbrandsſon hatte uns ſo herzlich gebeten ſeinen Vater und ſeine Schweſter zu beſuchen — eines Nachmittags dort ankamen, war der Paſtor eben im Begriff eine Trauung zu vollziehen. Du darfſt Dir jedoch keinen gewöhnlichen Paſtor denken: er ſieht weit eher wie ein alter Gre⸗ nadier aus, der ſeinen Dienſt als Krieger verſieht. Aber jetzt war er wie geſagt mit einer rein prieſterlichen Verrichtung, nämlich einer Trauung beſchäftigt. Die Brautleute ſtanden mitten im kleinen Beſuchzimmer, ſo daß ſie die Thüre hinter ſich hatten. Der Paſtor dagegen und der Küſter— ſeine rechte Hand— ſtanden der Thüre gegenüber. Nun, dies war Alles in Ordnung, aber wirſt Du glauben, Mama, daß juſt vor der Thürſchwelle ein großer Hammel ſtand und gleichſam im Tact mit dem Paſtor nickte, ſo oft dieſer, wahrſcheinlich des größeren Nachdrucks wegen, dieſelbe Gebärde machte? Jetzt ſchaute jedoch der Paſtor auf, und es war merkwürdig, die ſchreckliche Anſtrengung zu beobachten, womit er ſeine prieſter⸗ liche Würde zu wahren verſuchte, als er den nickenden Hammel betrachtete, der ſich jetzt zum Angriff gegen Jemand in der Braut⸗ ſchaar anſchickte. Ich kann nicht ſagen, ob der Paſtor lachen oder ſchelten wollte, aber viel ſchien ſich ihm auf die Lippen zu drän⸗ gen, und offenbar mußte ihm der Küſter in der Agende zu Hilfe daß inen. iſt, rum d ich men täu⸗ uns chen im inen Gre⸗ ichen leute hüre ſeine bben, tand eſer, ärde rdig, eſter⸗ umel raut⸗ oder rän⸗ Hilfe kommen, bis ſie zuletzt Beide mit einander Amen riefen, ſo daß der Act einen kräftigen Abſchluß erhielt. Damit war aber auch die Geduld des Paſtors zu Ende. Statt zu den Neuvermählten einige Worte zu ſagen, ſtatt uns zu begrüßen, begann er aus Leibeskräften„Hexe“ zu rufen, eine Art von Haushälterin und Factotum, die er für die Dreiſtigkeit des Hammels verantwortlich machen wollte. Jetzt entſtand ein Aufruhr, wie man ihn wohl bei keiner Hochzeit erlebt hat. Die boshafte Alte kam einher und hatte alle Segel aufgezogen— Du ſiehſt, Mama, ich bin in der See⸗ mannsſprache zu Hauſe: ſonſt will ich ſagen, daß ihre Röcke und Schürze um ſie her flogen, und nun behauptete ſie, der Ham⸗ mel habe ſich losgeriſſen, weil die Schnur, an deren Knoten er ſchon ſieben Jahre gezogen, es ſo wenig aushalten könne, als eine Perſon, die ſiebzehn Jahre an ſeinem Knoten gezogen habe. Der Küſter mußte ins Mittel treten und Frieden ſtiften. Aber ich glaube nicht, daß der Frieden zu Stande gekommen wäre, wenn nicht ſchnell von der andern Seite her die Tochter des Pfarrers oder, wie Viele ſie nennen, die Heilige der Capelle ſich gezeigt und die Sache ins Reine gebracht hätte. Sie iſt ein ganz kleines Perſönchen und ſieht aus wie ein klarer Thautropfen, der zur Morgenſtunde in einen Roſenkelch herabgefallen. Aber wie viel Gewalt beſaß ſie nicht! Der Pa⸗ ſtor blickte ganz herabgeſtimmt drein, als er Gelegenheit bekam den Wirrwar zu bemerken, den er ſelbſt angerichtet. Schneller als der Gedanke brachte jedoch Thorborg Alles ins Reine. Dem Brautvolk wurde Butterbrod, dem Küſter ein Schnapps ſervirt, dem Vater ein reines Chorhemd umgebunden, und zuletzt lud man uns zu einem gemüthlichen Caffetiſch ein. Dieſe kleine Per⸗ ſon iſt eine wahre Fee. 5 Auch fand ich es natürlich, daß Ake ſich von ihr einge⸗ nommener zeigt als von Majken. Für die Länge jedoch ziehe ich es vor, wenn er ſich für die energiſche Mamſell Moß intereſſirt, 128 denn mit ihr ſpricht er die Geſchäftsſprache oder etwas Aehn⸗ liches, während er bei Thorborg den feinen Weltmannston an⸗ nimmt und ihr mit einer Achtung und einem Zartgefühl begeg⸗ net, womit er nicht Jedermann entgegentritt. Ich meinestheils fühlte mich auch ihr gegenüber ziemlich fremd. Es konnte kein ſolches Geſpräch in Gang kommen, wie es zwiſchen jungen Frauenzimmern gebräuchlich iſt. Wenn Maj⸗ ken mir zu mannhaft war, ſo war Thorborg mir beinahe zu heilig. Sie ſprach wie von einer ausgemachten Sache davon wie wir— ſie und ich— da und dort hinfahren, dieſe und jene Hütte beſuchen, für alte Männer und Frauen, Wittwen und Kinder ſorgen wollten, gleich als gäbe es weder Kälte noch Stürme, noch Schneegeſtöber, als wäre dies das Allernothwendigſte und Angenehmſte für mich, als hätte ich nach einem Leben voll Müh⸗ ſal keine anderen Vergnügungen zum Lohn zu erwarten. Ich muß jedoch geſtehen, daß ihre Darſtellung durchaus nichts Bedrückendes oder Düſteres hatte. Sie ſprach von dieſen Zerſtreuungen ſo frei und heiter, wie ich und die Schweſtern von unſerm nächſten Balle. Und denke Dir, Mama, Thorborg iſt noch auf gar keinem Ball geweſen und hat nicht den mindeſten Begriff von dem Luxus und der Annehnlichkeit eines ſolchen Feſtes.— Da Du mich am beſten kennſt, Mama, ſo wirſt Du wohl glauben, daß ich jedenfalle gegen die Armen am Strande gut zu ſein gedenke. In einem Laden hat man ſo viel Caffe, Zucker, Tabak und Reisgrütze, daß man wohl von Allem ein wenig ab⸗ geben kann. Der Paſtor unterhielt mich, ſo unglücklich auch der Anfang unſerer Bekanntſchaft geweſen war, dennoch unter allen am beſten mit ſeinen vielen Geſchichten. Es liegt etwas ſo Gutmüthiges unter ſeiner rohen Derbheit. Liebſte Mama! Nachdem ich wiederum eine Weile den dr 129 Schreibtiſch verlaſſen hatte, komme ich jetzt zurück, um vom Wich⸗ tigſten zu ſprechen, nämlich von uns ſelbſt. Soll ich ganz aufrichtig ſein? Soll ich den Schleier weg⸗ reißen, welchen Hochmuth und Selbſtgefühl über ſo mancherlei Gegenſtände hängen wollen? Ich glaube Dir angedeutet zu haben, Mama, daß ſeit der letzten Erklärung im Sommer gewiſſe Fort⸗ ſchritte in demjenigen was mir am meiſten am Herzen liegt zu er⸗ kennen waren, obſchon ich ſie nicht raſch genug fand... Ach, waren dieſe Fortſchritte in Wirklichkeit vorhanden... träumte ich ſie blos... oder wollte mein hochmüthiger Sinn dich Et⸗ was glauben machen, was ich ſelbſt nicht glaubte? Aber ſiehe, was geſchah da? Sobald man den Gefühlen Vacanz gibt, kommen augenblicklich Thränen in die Geſellſchaft... Sind da nicht einige auf meinen Brief gefallen? Gute zärtliche Mama! Was ich jetzt ſage, iſt keine Einbil⸗ dung, ſondern eine allzu wahre Wirklichkeit. Deine Tochter iſt nicht blos gleichſam ein Fremdling in einem neuen Lande, ſondern ſie iſt es auch in ihrem eigenen Hauſe, und leider iſt ſie es noch immer im Herzen ihres Mannes. Gott, erbarme dich aller jungen Frauen, die nicht recht wiſſen wie ſie es haben, oder die es leider nur allzu gut wiſſen, aber nicht begreifen, wie ſie ſich anſchicken ſollen. Ich glaube beinahe, Majken hält mich für nicht viel beſſer als eine kleine Närrin, und vielleicht gibt es Leute die ihre An⸗ ſicht theilen. Ich bin jedoch im Gegentheil eine kräftige Seele— das bin ich ganz ſicher— aber ich habe einen ſehr dummen Fehler, nämlich daß ich mich in mich ſelbſt zurückziehe, wenn mein Stolz mir die ſo oft wiederkehrenden Worte zuflüſtert:„Du biſt nicht an Deinem Platz!“ Ich kann mit ihm nicht über Fiſchangeln und Seegras, über Auſternzangen, Grundleinen und Gott weiß was reden. Es Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 9 130 iſt wahr, ich verſtehe dieſe Sachen nicht, aber das ſollte mich weder ärgern noch demüthigen: ich verſtehe ja ſonſt ſo vieles 1 Andere. Ich beſitze auch nicht den tänzelnden Gang einer Elfe und eben ſo wenig die erforderliche Engelsgeduld, um alle Dis⸗ harmonien ſanft, ſtill und leicht zu löſen. Nein, ich bin von anderer Art, und obſchon ich edle Gedanken und— das weiß ich beſtimmt— ſowohl Feſtigkeit als auch Güte beſitze, ſo ge-— ſchieht es dennoch, daß ich, ſonderbar genug, Disharmonien eher ſchaffe als beſeitige. Warum das? 3 Dein Kind, Mama⸗ galt ja für ein prächtiges Mädchen, und jetzt iſt es ſo viel als Nichts, wenigſtens glaube ich das in den Augen meines Mannes zu leſen. ei Guter Gott, ſollten ein paar junge Mädchen in den Scheeren fr — den armſeligen, kalten, langweiligen Scheeren— mir, der ſe gebildeten Frau, beweiſen, daß ich unter ihnen ſtehe?... und b es muß wohl ſo ſein, denn ihr Umgang macht Ake Vergnügen. 9 Ich habe Zeit, nur gar zu viel Zeit, um über die Frage au nachzudenken: Wie ſoll ich denn eigentlich ſein, um ihn ſo zu feſſeln, wie ich ihn gefeſſelt zu ſehen wünſche? Die Antworten, I d die mein Verſtand oder mein Herz mir gibt, zeigen ſich in ihren ui Wirkungen immer unbrauchbar. Wer des Erfolges ſicher iſt, hat leicht ſich klug zu benehmen; aber wenn man gute Gründe hat daran zu zweifeln, ſo wird he man unſchlüſſig, unzufrieden mit ſich ſelbſt, und ſolche Dinge machen eine neuvermählte Frau weder beſſer noch ſchöner. S In der vorigen Woche, als ich eben daſaß und heimlich an einer Weſte ſtickte, die ich Ake an ſeinem Geburtstag zu geben beabſichtigte... aber eben jetzt überfällt mich der Gedanke, daß dieſe Ueberraſchung eine verunglückte Idee, eine coloſſale Dumm⸗ ſo heit war, die am beſten beweist, daß ich in Allem Unglück habe. Was ſoll Ake hier in den Scheeren mit einer geſtickten Weſte 131 machen? Ich ſehe bereits, wie er lächelt, wie er ſie zu unterſt in die Schublade legt und unter einem ganzen Lager von Corderoi⸗ oder Tuchweſten begräbt. Nein, noch heute Abend ſpanne ich ſie aus dem Bogen. Aber ich muß wohl fortfahren, wo ich aufhörte als dieſe Parentheſe hier dazwiſchen kam. In der vorigen Woche kommt Ake einmal beinahe athemlos hereingelaufen und bittet mich in aller Eile, den Mantel über⸗ zuwerfen und ihn hinauszubegleiten, dann würde ich etwas ſehen, was mich, wie er hoffte, intereſſiren könne. Ich war vergnügt und neugierig zugleich. Ich dachte an ein Dampfſchiff, an Gäſte, an Gott weiß was. Genug, ein friſcher Wind ging durch mich: es war ſicher, daß etwas ge⸗ ſchehen mußte. Aber von all dieſen Gedanken ahnte wohl Ake Nichts, ſonſt hätte er gewiß nicht den Muth gehabt ſo ruhig meine Illuſionen wegzublaſen. „Sieh, jetzt ſind wir an Ort und Stelle. Wie gefällt Dir das hier?“ So fragte er, als wir um die Ecke gebogen hatten und in einen ſchrecklich übelriechenden Hof gekommen waren. „Was ſoll mir gefallen? was meinſt Du?“ antwortete ich verwundert, denn ich ſah nichts Anderes als einige abſcheulich häßliche alte Weiber, welche Fiſche putzten und einſalzten, ſo wie einen ganzen Haufen Kinder, welche die Fiſchköpfe an langen Stangen aufhingen. Das Ganze war im höchſten Grad widerlich. Ake ſah mich mit einem wahrhaft tragicomiſchen Blicke an. „Siehſt Du nicht die Langfiſche, welche dieſe Weiber hier mit ſo großer Fertigkeit behandeln? Es iſt ja ein wahres Vergnügen alles das zu beobachten. Ich glaubte, es würde Dich eben ſo intereſſiren, wie mich und Jedermann, der ſich in den Scheeren niederzulaſſen gedenkt.“ 13² Eine ſchreckliche Beklommenheit kam über mich. Ich konnte nicht antworten— ich fühlte mich unwohl von dem Geruch und kehrte eiligſt um. Folgte mir mein Mann? Nein! Der Nachmittag, liebe Mutter, war juſt nicht angenehm und eben ſo wenig der Abend, als Ake endlich heimkam. Inzwiſchen zeigte er nicht das geringſte Mißvergnügen. Er ſcherzte ſogar ein wenig über das feine Fräulein, aber ganz gut⸗ müthig und freundlich, und er prophezeite, ich würde in ein paar Jahren eine ſo treffliche Hausmutter werden, daß ich ſelbſt das eine und andere nothwendige Geſchäft überwachen könne. Ich bekam Muth mich in ſeine Arme zu werfen und weinte mich recht ſatt; da ich nun nicht mehr ſo ſtolz bin wie im An⸗ fang unſerer Ehe, ſo erſuchte ich ihn, er möchte es mit meiner Unfähigkeit nicht ſo genau nehmen. Er liebkoste mich, wie man ein Kind liebkost, das der Be⸗ ruhigung bedarf; aber mein Herz läßt ſich nicht durch Streicheln über das Haar oder durch Tätſcheln auf die Hand beruhigen. Im Gegentheil erzeugt mir der Verdruß Fieber im Blut. Ich fühle mich in einer falſchen Stellung, wirklich falſch vom Anfang bis zum Ende. Bin ich vielleicht im Ganzen noch ein Kind? Bin ich ein oberflächlicheres Weſen als ich geglaubt hatte? Geſtern Abend als wir unſern Thee getrunken hatten und vertraulich am Fenſter ſaßen, fragte ich ihn, ob er mir meinen hervorſpringendſten Fehler ſagen wolle. „Gern, liebe Emilie, aber dann mußt Du mir auch ver⸗ ſprechen, daß Du nicht böſe werden willſt.“ Ich verſprach es mit Beſtimmtheit und er fuhr fort: „Einer Deiner Fehler beſteht darin, daß Du das ganze Leben idealiſiren willſt.“ „Vielleicht,“ antwortete ich„meinſt Du das eheliche Leben?“ ——1 ——————., —,———— — 102 ante 133 „Mag ſein— aber merke Dir, daß keine Art von Leben uns mehr als ideale Stunden, vielleicht manchmal Tage gewährt. Im Uebrigen iſt es Arbeit und Ernſt.“ „Es iſt wahr,“ gab ich zu,„daß ich Illuſionen genährt habe, die kindiſch waren. Aber ich will ſie ablegen, denn ich ſehe ein, daß Du das eheliche Leben beſſer beurtheilſt als ich. Welcher Fehler kommt jetzt an die Reihe?“ „Deine Gleichgiltigkeit gegen die Dinge, die ich zuletzt er⸗ wähnte.“ „Wie?“ rief ich,„bin ich gleichgiltig?“ „In gewiſſen Dingen ganz unſäglich. Wo iſt ein Intereſſe für das Leben, in welches Du in vierzehn Tagen eintrittſt? Sprechen wir denn von etwas Anderem, als von Gefühlen und ſolchen Dingen die mit ihnen und uns ſelbſt in Verbindung ſtehen? Wenn Du Deine Anſichten erweiterteſt, wenn Du in Wirkſamkeit träteſt und anfingeſt für andere Menſchen als nur für uns zwei etwas zu fühlen, ſo würdeſt Du ſehen, daß Du nicht blos glück⸗ licher und nützlicher würdeſt, ſondern auch Gelegenheit erhielteſt mehr Abwechslung in unſre Geſpräche zu bringen.“ „Ja,“ ſagte ich,„Du verlangſt nach Abwechslung, das iſt Alles.“ „Und ſiehe da jetzt auch,“ fuhr er fort,„die Folge meiner Aufrichtigkeit! Du hängſt Dich immer an ein einziges Wort, das Du am anzüglichſten findeſt, welches es nun ſein mag. Du drehſt die Endſumme des Ganzen lediglich nach Deinem Belieben, und wirfſt nicht einen einzigen Gedanken auf meine Aeußerungen, bevor ich meine Gedanken zu einer Endſumme zuſammenge⸗ rechnet habe. Das iſt vor allen Dingen nicht recht. Auf dieſe Art gewinnt weder die Vernunft noch das Nachdenken Gehör.“ Als er dieſe Erklärung gab, ſah er recht mißvergnügt aus. Vielleicht hatte er Recht; vielleicht ſuche ich mich in irgend einer gereizten Stimmung an gewiſſe Worte anzuklammern, um etwas 134 zu haben, worüber ich mich zu beklagen wage, weil ich mit demjenigen, worüber ich mich nicht zu beklagen wage, ſchweigen muß. So wie es jetzt iſt, kann ich mich nicht immer entſchuldigen. Das würde meiner Würde zu nahe treten. Der ganze Abend war alſo nicht ſehr vergnügt: er bildete ein Seitenſtück zu demjenigen, wo ich die Fiſcheinſalzung mit⸗ anſehen ſollte. Aber heute früh, als er nach Spartſkär hinüberfuhr, ſagte er mit inniger Milde und Güte: „Armes Kind, Du biſt nicht glücklich! Faſſe jetzt Muth und ſieh das Leben heiterer an! Glaube mir: wenn Du Erfahrung gewinnſt, wird es beſſer.“ Und jetzt wünſchte ich, daß die Erfahrung ſich beeilte, damit es beſſer würde. Aber es iſt wahr— ich erinnere mich jetzt Deiner Bemerkung, Mama, daß Ausſaat und Erndte nicht zugleich ſtattfinden können. Ach, ich dürfte nicht recht ausgeſäet haben! Ake hat nur ein einziges Mal früher ſo ernſt geſprochen. Ich will meinen Hoch⸗ muth niederkämpfen und Alles zuſammen überlegen. Vor allen Dingen will ich ſeine Aeußerung über die Gefühle in meinem Gedächtniß bewahren. *** (Am folgenden Morgen.) Ach, liebe Mama, heute bin ich weit heiterer geſtimmt. Als mein Mann geſtern Abend nach Hauſe kam, ſagte er, daß er ſich wirklich langweile, wenn ich nicht bei ihm ſei. So etwas hat er früher nie geäußert. Und überdies hatten ſowohl Majken als Thorborg mit ſo herzlicher Freundlichkeit von mir geſprochen. Gott ſegne ſie! Ich will auch freundlich an ſie denken und glauben, daß ich in Beiden theure Freundinnen finden ſtar mit gen en. ete nit⸗ gte nd ng mnit ng, en. ein dch⸗ len em 13⁵ werde, ſobald ich meine neuen Verhältniſſe beſſer auffaſſen gelernt habe. Ganz beſonders angenehm iſt auch, daß der Jachtlieutenant morgen mit ſeiner Elfe von Schweſter herüberkommt und mich zu einer Spazierfahrt eingeladen hat, wobei in der Cajüte der Zolljacht Cafe ſervirt werden ſoll. Wie wohlthuend wirkt doch ein wenig Sonnenſchein, ſowohl auf das Menſchenherz als auf die Blumen! Ich habe zu Ake geſagt, daß ich heute Mittag ganz gewiß hinabgehen und das Fiſcheinſalzen mitanſehen werde. Es iſt in der That merkwürdig, daß ich nicht ſelbſt daran gedacht habe, hier in dem Fiſcherort von allerlei Dingen, die mir nützlich werden können, Notiz zu nehmen. Und übermorgen gedenke ich Ake zu zeigen, daß ich— verſteht ſich mit Hilfe einer Magd— das ſonderbare dünne Brod backen kann, das ſie hier eſſen und wofür Ake eine ganz beſondere Vorliebe gefaßt hat. Kurz und gut, ich habe mir vorgenommen— und dieſen Vorſatz werde ich halten— meinem Manne zu zeigen, daß er keine unbeholfene Zierpuppe zur Frau bekommen hat, und er kann lange warten, bis ich wieder ſentimental mit ihm werde oder ſonſt meine Gefühle vergeude. Ich glaube ſicher, Ake hat in der Beziehung Recht, daß es mir an nichts Anderem als an Erfahrung fehlt. Die Zukunft wird zeigen, ob ich hierin Recht habe. Lebe wohl, geliebte Mama! Schließe in Deine warmen Gebete ein Deine zärtlich liebende Mimmi. Als Emilie ihren Brief geſchloſſen hatte und ſich umſah, ſtand ihr Mann hinter ihr und las über ihre Schulter. Er ergriff koſend ihren kleinen Kopf, drehte ihr Geſicht gegen 136 ſich und betrachtete ſie mit Blicken, die von tiefer Rührung V zeugten. Aber er ſagte nur das einzige Wort: V „Dank!“— V Emilie verſtand dieſen Dank und ein warmes Erröthen bildete ihre Antwort. Drei Wochen ſpäter— am 2. September— eröffnete Haus Hjelm und Holt ſeine Geſchäfte auf Sartſkär. Zweites Buch. Geheimniſſe des Meeres und des Menſchen- herzens. Vierzehntes Kapitel. Der erſte Oktober. Die ſüdweſtlichen Stürme hatten ihre an den jüngſten Tag erinnernde Poſaune noch nicht in ihrer tiefſten Kraft über Land und Meer ertönen laſſen; aber die Segler, die im Fahrwaſſer waren, entfernten ſich vor der Gefahr in dieſes furchtbare Scheerenland verſchlagen und dadurch mitten in die kochenden Brandungen geworfen zu werden, die darin wie in einem unge⸗ heuren Keſſel ziſchten. Inzwiſchen hatte ſeit mehreren Tagen ein ſchrecklicher Wind ſich hören laſſen, während der Himmel mit einem dicken grauen Farbenton überzogen war, der ſich auch über den Strand und alle darauf befindlichen Gegenſtände aus⸗ breitete. Die unruhigen Flügelſchläge und das Klagegeſchrei der Seevögel waren das Einzige was von Zeit zu Zeit die ſonſt tiefe Stille unterbrach. Es war am 1. Oktober, ungefähr 8 Uhr Abends, bei einem dann und wann hervorbrechenden Mondſchein, als einer der Aſſociés der neuen Firma, Herr Wilhelm Holt, von einer Ge⸗ ſchäftsreiſe ins innere Land zurückkehrte. Er hatte bei dieſer Gelegenheit ſeinen Vorgänger auf dem neuen Gute beſucht und war vor einigen Stunden in Geſell⸗ ſchaft deſſelben im Pfarrhaus angelangt. Es war Anfangs aus⸗ 140 gemacht worden, daß Herr Moß nach Svartſkär mitkommen ſollte, wohin er auf den folgenden Tag eine Zuſammenkunft mit Inſelnbewohnern beſtellt hatte. Aber der. Pfarrer, der an die⸗ ſem Abend ganz beſonders guter Laune war, hatte ſo hartnäckig auf dem Verlangen beſtanden, ſeinen alten Freund über Nacht beherbergen zu dürfen, daß Moß nachzugeben und dazubleiben verſprochen hatte, was ſich um ſo leichter thun ließ, als Gud⸗ mar nicht zu Hauſe war und man ſeiner mit keinem Wörtchen gedachte. Es war auch ausgemacht worden, daß Holt eines der Pferde des Herrn Moß nehmen und nach Haus reiten ſollte. Aber vergebens fragt man, warum der Menſch mitunter ſeine Hand⸗ lungen förmlich mit Demjenigen contraſtiren läßt, was er allem Anſchein nach hätte thun ſollen: Holt entſchloß ſich zu gehen, und befand ſich jetzt auf dem unterſten kaum gebahnten Uferweg in tiefen Gedanken darüber, welchen Eindruck ſeine ſpäte Ankunft auf ſeine fortwährend etwas kalte junge Wirthin machen würde. „Ich gäbe weiß nicht was dafür, wenn ich ſie zwingen könnte ihren ſpöttiſchen Blick vor dem meinigen zu ſenken.. Bin ich denn ſo unbedeutend, bin ich nur ein Tropfen im Meer, der weder Etwas hinzufügt noch hinwegnimmt? O gewiß fügt er hinzu, wenn man ihn hinwegwünſcht... Aber nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, ſtolze Seele! Ich will jetzt nichts Anderes als Gutes... aber nimm Dich in Acht... was will ich hernach?“ Dieſe Worte waren prophetiſch. Wäre Holt nicht ſo ſehr in Gedanken vertieft geweſen, ſo hätte er Schritte hinter ſich hören können. Es war Moß, der ſich plötzlich erinnert hatte, daß er ſeinem Günſtling noch ein paar Worte ſagen mußte, und der ihm jetzt nacheilte um ihn einzuholen. Und da Holt dieſe Schritte, die doch ziemlich ſchwer waren, nicht hörte, ſo war es weniger zu verwundern men mit die⸗ ückig tacht iben Hud⸗ chen erde Aber and⸗ llem hen, weg kunft ürde. ngen Neer, fügt Dich ichts was „ ſo der h ein ihn mlich dern * 141— daß er auch andere Schritte vor ſich nicht hörte, von denen wir inzwiſchen vorläufig noch nicht ſprechen wollen. Der Weg krümmte ſich jetzt bis an das Meeresufer hinab, und juſt als der junge Mann in ſeinen Grübeleien die oben erwähnten Worte ausſprach:„Was will ich hernach?“ ſtieß er heftig an einen ziemlich großen Gegenſtand, welcher dem Druck nachgab und, wahrſcheinlich von einer gewaltigen Woge herausgeworfen, zwiſchen einigen größeren Steinen lag. Im Augenblick verſchwanden die bisherigen Grübeleien aus Holts Kopfe, einem Kopf der ſich zwar zu den Intereſſen des Herzens hergab, der aber dem Herzen nie geſtatten wollte ſich den Intereſſen entgegenzuſtellen, die von dieſem thätigen Kopfe ausgingen. 4 „Was iſt das da?“ Er bückte ſich um den Gegenſtand zu unterſuchen, der ihm den Weg verſperrte. Der Fund beſtand aus einem etwa vier Fuß langen und halb ſo dicken Pack Korkrollen, mit gepichter Leinwand umſchloſſen und mit einem Tau feſtgebunden, das im Verhältniß zu ſeinem ganz leichten Umfang ſtand. 1 Mit eifriger Neugierde zog Holt den wunderlichen Pack in nähere Betrachtung. „Was um Gottes Jeſu willen iſt das?“ Ein heftiger Schauder befiel ihn, als er bemerkte, was es war, nämlich eine Menſchenleiche, eingeſchloſſen in dieſem Bett, das die ihm anvertraute Laſt ſorgfältig bis zu dem unbekannten Strande gewiegt hatte. Holts erſter Schauder war das natürliche Entſetzen des Inſtinctes, wie ſein erſter Gedanke war nach dem Pfarrhaus zurückzueilen und den Vorfall zu berichten. In dieſer Abſicht hatte er ſich bereits umgewandt, als an⸗ er Gewalt über ihn erhielten. Er ging langſam, beinahe unwillig und bei jedem Schritte 3 dere noch unentwirrte Gedanken, andere geheimnißvollere Schau⸗ 142 zögernd, zu dem kalten Gaſte zurück, und ehe er noch ſelbſt wußte was er beſchließen wollte, hatte er einige der Knoten aufgelöst. Die Korkrollen glitten theilweiſe auseinander und verrückten eine Umhüllung. In dieſem Augenblick glänzte der Mond wie⸗ der hervor und beleuchtete die vereisten, aber wohl erhaltenen Züge einer ſchönen jungen Frau, die von ihrem langen ſchwar⸗ zen Haar wie von einem Leichenſchleier umhüllt war. Holt zitterte an allen Gliedern, er ſchloß die Augen, er wollte ſich aufrichten, er wollte weit weglaufen von dem erſchütternden An⸗ blick, aber das klare Himmelslicht beleuchtete etwas Erhöhtes, das mittelſt eines Bandes über der Bruſt der todten Frau befeſtigt war. Er wollte es nicht— ſo meinte er wenigſtens— aber er tappte mit ſeinen Händen auf dieſem neuen Gegenſtand herum, und als er die feine Umhüllung des Lakens hinwegſchob, fand er eine waſſerdichte blecherne Büchſe mit angehängtem Schlüſſel, eine Büchſe, wie ſie gewöhnlich zur Aufbewahrung wichtiger Schiffsdocumente gebraucht wird. Eine neue Bewegung machte die Büchſe auf die Seite gleiten. Es rollte darin ſchwer und klang wie Metall, und als er die Büchſe aufheben wollte, kam er in Berührung mit einer kalten Hand, die entblößt war und an welcher ein Juwel⸗ ring den Mondſtrahlen entgegenfunkelte. 1 Angſtſchweiß perlte auf Holts Stirne, und alle Gedanken ſeiner Seele waren dermaßen in Anſpruch genommen, daß er nicht bemerkte, wie er in ziemlicher Nähe von Moß beobachtet wurde, der ſich indeß jetzt beſſer verſteckte und mit gierigen Augen allen ſeinen Beobachtungen folgte. Sie waren ſchrecklich in dieſem Augenblick, die beiden Män⸗ ner an dem öden Strand, gegen welchen die düſtern Wogen an⸗ prallten. Holts Geſicht, bleich wie das Antlitz der Leiche, zeigte den Kampf der finſtern Mächte mit einer allzu ſchwach widerſtrebenden Seele. 4 ——⸗ tiger Seite )als mit wel⸗ anken aß er achtet rigen Män⸗ nan⸗ de n nden 143 Wie wichtig war nicht dieſer Augenblick! 1 Sollte er zurückeilen und Alles im Stich laſſen? Sollte es ihm diesmal gelingen ſich vor dem ſchwarzen Kobold in ſeinem Herzen, der ihn in die ſchwarze Tiefe hinabziehen wollte, zu retten oder ſollte er ſich hinabziehen laſſen? „Leichendiebſtahl! Leichendiebſtahl!“ ſchienen ihm die Nacht⸗ vögel mit ihren eintönigen Stimmen entgegenzukreiſchen. Warum ſchrien ſie ſo? Wollten ſie ihn warnen oder aufmuntern? Er hatte ja noch Nichts gedacht. Aber gewiß hatte er Etwas gedacht, denn hörte er nicht eben jetzt den ſchmeichelnden Dämon, der mit ſeiner feinen Zunge flüſterte:„Was nützt es der todten Frau, wenn ſie ihr Eigen⸗ thum behalten darf? Ganz und gar Nichts. Schläft ſie nicht eben ſo ruhig, lebt ihre Seele nicht eben ſo glücklich dort, wo das Geld keinen Werth hat? Aber wenn man es hier läßt, ſo wird irgend ein anderer kommen oder fällt es der Krone anheim.“ Man hätte ſagen können, Moß, der, obſchon in einiger Entfernung, genug geſehen hatte um Alles zu begreifen, habe jeden Gedanken in der Seele des jungen Mannes geleſen. Aber für Moß war das Geſchäft, beſonders getheilt, nicht groß ge⸗ nug um die möglichen Folgen zu riskiren. Wenn er dagegen ſeinen beabſichtigten Schwiegerſohn, den neuen Anfänger unge⸗ ſtört gewähren ließ, ſo konnte er ſehen, wie weit dieſer ging, und es blieb in der Zukunft immer ein Band, das man je nach den Umſtänden gebrauchen konnte. Moß blieb alſo hinter einem hervorſpringenden Felſen, war jedoch ſelbſt dermaßen in ſeine Beobachtungen vertieft, daß er ein leiſes Raſcheln auf der andern Seite nicht bemerkte. Auf dieſer andern Seite, die eine tiefe Aushöhlung hatte, verbargen ſich zwei dunkle Geſtalten. Sie hatten kaum erſt den eigenthümlichen Ballen bemerkt, als Holt herankam; aber da ſie ein ſchärferes Gehör und ſicherere Augen beſaßen, ſo hatten ſie 144 bemerkt, daß Jemand ſich näherte, und ſich daher verſteckt, bis der Ankommende vorbei wäre. „Ich höre aus dem Gang, daß es nur ein Herr iſt,“ hatte der alte Petter Gädda zu dem alten Lootſen von der Uhuklippe geſagt. Dieſe beiden Männer glaubten ein ausſchließliches und ſelbſtverſtändliches Recht zur Aufſuchung von Wrackgut zu haben— ſie betrachteten den Ballen als ein ſolches, und wenn ſie gelegent⸗ lig Etwas von Demjenigen was ſich theilen ließ ſich ſelbſt zu⸗ theilten, ſo ließen ſie doch der Krone oder ihren hiezu auf⸗ geſtellten Dienern immer den Haupttheil und begnügten ſich mit dem geringen Antheil, welchen die geizigen Wrackgeſetze ihnen zumaßen. Daß ein Herr und zumal ein ſo junger Fant, wie der von ihnen bald erkannte Holt, in ihr Handwerk pfuſchen würde, konnten ſie nicht glauben, und wenn ſie ſich verſteckten, geſchah es blos, weil ſie ſich nicht durch unnöthiges Geſchwatze aufhalten laſſen wollten. Aber jetzt wurden ihre Blicke wie auch die des Kaufmanns mit einer Art magnetiſcher Anziehungskraft an Holt gefeſſelt, der noch immer im Mondlicht über die Leiche hinge⸗ beugt dalag. „Herr Jeſus— ein Frauenzimmer!“ flüſterte der Lootſen⸗ vater.„Er macht da Teufelszeug. Wollen wir hingehen...“ „St, rühre Dich nicht,“ murmelte Gädda.„Ich weiß ac⸗ curat, unter welcher Flagge er geht und wer hier entſcheiden muß... Laß ihn nur machen. Es iſt immer gut, wenn man Etwas hat, womit man einem ſo reichen Herrn auf den Leib rücken kann.“— In dieſem Augenblick richtete ſich Holt auf und wandte ſich um. Seine Haare waren in Unordnung, ſein Geſicht ſchrecklich verſtört. In der einen Hand hielt er den Ring, in der andern die Büchſe. Auf einmal machte er eine heftige Bewegung, als wollte er Alles zuſammen wegwerfen und mit Wahrung ˖mit hnen von ürde, ſchah halten e des Holt Binge⸗ otſen⸗ „ 2*. iß ac⸗ heiden man Leib handte reecklich ndern egung, hrun 145 ſeiner Gewiſſensruhe entfliehen. Aber ſein guter von ihm, und dieſer Augenblick zeichnete für imm Holts Namen in die Liſte der Gefallenen ein. Er begann zu laufen als würde er bereits Frau verfolgt. Aber plötlich ſahen die drei 3 nächtlichen Scene ihn zurückkehren. Was bedeutete Das? Sollte er ſich noch retten wollen? Ach nein, es war die Furcht, die ihn zurückführte. Er wollte die Tochter des Meeres in dem Schooße bergen, aus welchem die Wogen ſie geriſſen, und nachdem er die Umhüllung zuſammen⸗ gerafft, rollte er mit wilder Heſtigkeit das arme Opfer ſeiner Schandthat in die Wellen zurück. Bei dem dumpfen Geplatſche, das hieraus entſtand, fuhr er hoch auf und entfernte ſich von Neuem, mit einer Haſt, als ob das ganze Meer und alle ſeine Todten ihm auf der Ferſe wären. Jetzt zog ein Nebel über den Mond— er hatte genug geſehen. Finſterniß breitete ſich über Land und Strand, der Wind heulte klagend zwiſchen den Klippen, und draußen in der wilden See, wo die Vögel noch ihren Nachtgeſang erhoben, tummelten ſich die brauſenden Wogen über die verborgenen Scheeren hin. Moß ſchlich ſich vor und warf einen ſpähenden Blick rings um ſich. Darauf ſchüttelte er ſich und verſchwand auf dem Weg nach dem Pfarrhaus. Er verſchwand indeß nicht unbemerkt. „Ja, das war ein Stück Arbeit!“ rief der alte Gädda.„Ich hätte, hol mich der Teufel, dies nicht für tauſend Thaler Silber⸗ münze thun mögen. Haſt Du Alles genau geſehen, Lootſen⸗ vater?“ „Ob ich es geſehen habe! So genau, daß ich, wenn es ein⸗ mal ſo weit käme, vor Gericht jeden Athemzug aufzählen könnte, welchen er that, ehe der Böſe in ihm mächtig wurde.“ „Sprich niemals ein Wort von dieſer Sache. Es war noch Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 10 Engel wich er Wilhelm von der todten uſchauer dieſer 9 146 ein Anderer hinter uns, ich meine Moß, mit dem ich Nichts zu thun haben will. Aber unſere Zeit wird ſchon auch kommen. Ich ſah den Ring— es war jedenfalls ein ſehr koſtbares Ding. Und ich ſetze meine Seele zum Pfande, daß in der Büchſe Gold⸗ fiſche rollten, ſonſt hätte er ſie gar nicht angerührt... Aber laß uns gehen, hier iſt es ſo unheimlich, daß ich ordentlich vor mir ſelbſt Angſt bekomme, und bei Nacht werde ich nie mehr gerne an dem Platze hier vorbeigehen.“ „Du ſprichſt mir aus der Seele,“ antwortete der alte Lootſe, während ſie ſich auf den Weg machten;„mir iſt, als hätte ich die Todte an den Ferſen hängen, und ſo viel ich auch in meinen Tagen ſchon erlebte, ſo habe ich doch nicht viele Geſchichten ge⸗ habt, die ich mit dieſer vergleichen könnte. Aber höre, Gädda, es kommt mir jetzt weit öder vor als in meiner Jugend, ſo allein auf der Uhuklippe zu ſitzen— Du mußt meinen alten Vorſchlag überlegen und auch hinziehen.“ „Ich werde daran denken,“ antwortete Gädda. —— Fünßzehntes Kapitel. Am häuslichen Herd. An demſelben Abend ſaß Emilie vor einem guten Kamin⸗ feuer in ihrer neuen Wohnung und überdachte, wie wunderlich es ſei, daß ſie jetzt nicht die tiefe Angſt empfinde, welche ſie ſtets vor einer Niederlaſſung auf dieſem kahlen Spartſkär gehegt hatte. Sie war jetzt aber auch ein volles Vierteljahr verheirathet und hatte ſich in den letzten Monaten ſo in ihre Verhältniſſe einge⸗ lebt, daß ſie ſich nicht mehr als die unerfahrene junge Frau be⸗ trachtete, die zuerſt im Fiſcherort auftrat und von da die kummer⸗ vollen Briefe an ihre Mutter ſchrieb. ge⸗ idda, „ſo alten tamin⸗ derlich e ſtets hatte. et und einge⸗ au be⸗ immer⸗ 147 Mit einem Wort, Emilie hatte des Lebens ernſte Seiten zu begreifen angefangen und ſie ihres ganzen Studiums wohl würdig gefunden. Der große Verkehr von Kommenden und Abfahrenden hatte die Scene gleichfalls belebt. Getreidefuhren kamen an und Ge⸗ treidefuhren wurden ausgeladen aus Seebuden und Magazinen, deren Thüren beſtändig auf⸗ und zugingen. Dieſer Verkehr, ſowie das Ladengeſchäft gab ſowohl den beiden Ladendienern als auch Herrn Holt, der die Oberaufſicht führte, volle Beſchäftigung. Ake dagegen beſorgte das Contor und empfing alle Diejenigen, welche kamen um Geſchäfte zu machen, und Geſchäfte ſtrömten von allen Enden und Ecken herbei. 8 Es war bis auf Weiteres meiſt Commiſſionshandel: Getreide aus dem inneren Lande, das theils nach Göteborg, theils nach Norwegen oder noch weiter geſchafft werden ſollte, ſo daß auch auf den Schuten immer die regſte Thätigkeit herrſchte. Emilie hatte oft Gelegenheit reiſende Herrn zum Mittageſſen einzuladen, und die einnehmende Art und Weiſe, wie ſie die Honneurs ihrer Wirthſchaft machte, ſchien Ake zu gefallen und Freude zu machen, ſo daß er jetzt in der vollen Blüthe ſeiner Wirkſamkeit weit heiterer geſtimmt war als zu Anfang ihrer Che. Vor einer Sache jedoch bebte Emilie, vor einem Uebel, an das ſie früher nie gedacht hatte, nämlich vor dem wilden Gelärm der heimreiſenden Bauern und Küſtenbewohner, die ſich nach Abſchluß ihrer Geſchäfte an den Abenden vor der Abfahrt zu⸗ ſammengeſellten. „Ja,“ ſagte Emilie für ſich,„hätte ich nicht dieſen Schrecken um mein Blut abzukühlen, ſo würde ich mich ganz gut und warm zwiſchen den Felſenmauern hier um Spartſkär eingebettet fühlen.“ Sie ſetzte ſich recht bequem und übermüthig in ihrem Stuhle zurecht und ſtemmte ihre Füße an die Ofenkante. 148 Jetzt kam die Magd, um den Tiſch zu decken. Die Nacht⸗ eſſenszeit rückte heran. „Biſt Du oben geweſen und haſt im Contor geheizt?“ fragte die bedachtſame Hausfrau. „Ja, ſchon lang.“ „Hatte der Herr Fremde dort?“ „Nein, er ging vor einer Weile in den Laden hinab— ich glaube, daß die Letzten bereits abgereist ſind.“ „So geh hin und ſorge, daß wir einen guten warmen Thee bekommen. Mein Mann iſt ſicherlich bald hier.“ „Da iſt er ſchon,“ ſagte Ake, der juſt hereinkam als die Magd hinausging. „Guten Abend, mein liebes artiges Weibchen! Aber was ſehe ich? Du ſitzeſt ja da und verbrennſt Deine Füßchen. Ich merke wohl, daß ich nach Dir ſehen muß.“ Er legte die Hand um das feine Oval ihres Geſichtes und küßte ſie auf die Wange. Emilie wurde roth wie eine Roſe. Es war ein ſo liebliches, ſo ſeliges Gefühl, Ake ſo zu wiſſen, wie er jetzt oft war. „Nun, bleibſt Du jetzt den Abend vollends da, damit wir nach dem Eſſen noch ein wenig leſen können?“ „Nein, leider, heute nicht. Der Verkehr iſt ſo lebhaft, daß die Ladendiener bei Tag blos die nöthige Zeit haben, um das Kladdbuch zu führen.“ „Was ſoll das bedeuten? Kann uns das verhindern zu hören, wie es mit der armen Rebecca und Ivanhoe geht?“ „Allerdings, Du darſſt glauben, daß Beides ſehr gut zu⸗ ſammenhängt.“ „Nun, ſo laß hören.“ „Eine Kladde, liebes Kind, iſt ein kleines Buch, worin man Alles aufzeichnet, was den Tag über verkauft wird; aber am Abend, wenn es im Laden ruhig geworden iſt, muß der Inhalt der Kladde in ein größeres Buch eingetragen, und dieſes hin⸗ wiederum muß von einem geübteren Auge, als Ladendiener be⸗ — So 3 8 S60 ht⸗ 149 ſitzen, durchgeſehen werden. Dieſes Geſchäft geht eigentlich Holt an, aber in ſeiner Abweſenheit muß ich nachſehen, daß Alles in Ordnung von Statten geht.“ „Du haſt ja aber ſelbſt ſo viele Bücher auf dem Contor?⸗ „Natürlich habe ich dort das Caſſabuch, das Hauptbuch und alle übrigen Papiere, die auf unſere Geſchäfte Bezug haben.“ „Alſo wird heute Abend Nichts aus dem Leſen?“ „Für meine Perſon wenigſtens nicht. Wenn wir aber unſer kleines Mahl eingenommen haben— Du haſt wohl den friſchen Dorſch?“ 8 „Verſteht ſich, mit Meerrettig und Kartoffeln.“ „Schön, wenn wir alſo gegeſſen haben und ich ins Contor zurückgegangen bin, ſo machſt Du Dirs auf dem Sofa im Schlaf⸗ zimmer bequem, lieſeſt allein und erzählſt mir morgen Abend, wie es zugegangen iſt.“ „Ach ja, das ginge wohl an; da ich aber in dieſem Fall nicht das volle Vergnügen genieße, auf das ich gerechnet hatte, weißt Du was ich jetzt thue?“ „Nein, was?“ „Siehſt Du, ich nehme mein Haushaltungsbuch vor, ſetze mich hin und rechne meine Schuld an den Laden zuſammen. Der Monat iſt ja aus.“ „Nun, meine liebe gute Emilie, das iſt eine recht angenehme Ueberraſchung für mich, daß Du das im Ernſt ſelbſt thun willſſt. Siehſt Du jetzt, daß man auch in andern Dingen als in ſeinen Gefühlen Stoff zur Unterhaltung finden kann, und die Gefühle verlieren ſicherlich Nichts dabei, wenn man ſie ruhig in ihren Neſtern läßt.“ „Ich ſehe ein, daß ich in vielen Dingen Unrecht hatte, aber ich befinde mich jetzt auch in einer geſicherteren Stellung als damals, und ich fühle mich ſo kräftig, daß ich demnächſt in Majkens Fußſtapfen treten könnte.“ „O nein, das iſt nicht Dein Genre.“ 150 „Wie ſo? Würde es Dir beſſer gefallen, wenn ich wie Thor⸗ borg würde? Aber das finde ich wahrhaftig noch ſchwerer.“ „Ich für meinen Theil bin der Anſicht, daß drei holde liebenswürdige Frauenzimmer Nichts von einander zu borgen brauchen. Ihr ſeid die drei Grazien des Strandes und jede hat ihre hinreichende Eigenthümlichkeit.“ „Aber ſiehſt Du, Ake, ich denke oft bei mir ſelbſt, daß Du ſie in manchen Fällen mir vorziehſt.“ „Wenn Du das glaubſt, liebe Emilie, ſo ſuche mir zu be⸗ weiſen, daß Du in vielen Fällen über ihnen ſtehſt... Aber überhaupt kannſt Du mir glauben, daß wir Menſchen am beſten thun, wenn wir alle Vergleichungen bei Seite laſſen— ſie erregen oft böſes Blut und beweiſen ſelten Etwas.“ „Ja, aber können ſie nicht auch nützlich ſein?“ „Nein, denn als Gott die Gaben vertheilte, gab er ſie uns von verſchiedener Art. Warum alſo dem einen Menſchen zur Laſt legen, daß er nicht daſſelbe und auf dieſelbe Art ſein kann wie ein anderer?...Aber den Reſt des Beweiſes bekommſt Du ein andermal, denn hier kommen, Gott ſei Dank, Fiſch, Schnaps und Butterbrod, und willſt Du den Beweis daneben haben, ſo ſteht er vor Dir. Wäre es nicht närriſch, wenn wir jetzt anfingen unſere gemüthliche Mahlzeit mit den Mahlzeiten Anderer zu vergleichen, und wenn wir ſie in Zukunft ſo corrigirten, daß ſie ihre Eigenthümlichkeit verlöre? Was man hat, das hat man — wir können es erweitern und verbeſſern, aber wir wollen es nicht vertauſchen.“ „Amen, mein lieber Herr und Gemahl... Darf ich Dir den Appetitſchnapps einſchenken?“ „Er wird dadurch Nichts verlieren... aber höre ich nicht draußen gehen? Lauf hinaus, Uljana— ſo hieß das Mädchen— und ſieh, ob es nicht Herr Holt iſt... Nein, er würde ja reiten oder fahren.“ Während das Mädchen draußen war, ſetzte ſich die junge 151 Herrſchaft zu Tiſche; aber Ake war noch an ſeiner erſten Portion als ſie zurückkam und berichtete, es ſei wirklich Herr Holt, aber er habe ſchon im Pfarrhaus zu Nacht geſpeist und laſſe um Entſchuldigung bitten, daß er nicht hereinkomme. „Ging er in den Laden?“ fragte Ake. „Nein, er begab ſich ſogleich auf ſein Zimmer.“ Ake bemühte ſich nicht weiter mit Fragen; aber als die Mahlzeit vorüber war, ſagte er ſchnell: „Erwähnte er Nichts von Herrn Moß? Du weißt, Emilie, daß er morgen hier eine Zuſammenkunft hat.“ „Herr Holt ſagte gar Nichts,“ antwortete Uljana.„Er fragte blos, ob es gebettet ſei, und ſah ganz ſonderbar aus im Geſicht.“ „Sonderbar— er iſt doch wohl nicht krank?“ „Gott weiß, aber ich habe ihn noch nie ſo geſehen.“ „Ich gehe zu ihm hinauf,“ ſagte Ake,„und wenn man Etwas bedarf, liebe Emilie, ſo ſorge dafür, daß wir es bald bekommen.“ „Wiſſen Sie auch, Madame,“ ſagte Uljana mit etwas mehr Zungenfertigkeit, als ſie mit ihrer jungen Gebieterin allein war, nich glaube ganz beſtimmt, daß Herr Holt betrunken iſt.“ „O pfui, wie kannſt Du ſo Etwas behaupten!“ „Nun, liebe Madame, das wäre doch nichts ſo Entſetzliches. Es iſt eine bekannte Sache, daß der Paſtor keinen Gaſt in Ruhe läßt, bis er ganz tüchtig ins Glas geſchaut hat, und wenn ihn nicht die engelgute Mamſell Thorborg ſo fein zurückzuhalten wüßte, ſo glaube ich, der Paſtor würde wirklich ſich ſelbſt ſammt dem Küſter, der Hexe und dem Hammel obendrein unter den Tiſch trinken.“ „Räume jetzt ab,“ ſagte Emilie mit ihrer ganzen haus⸗ mütter lichen Würde,„und ſorge dafür, daß die Commis ihr Eſſen warm ins Contor bekommen.“ 152² Als der Tiſch abgedeckt war— es war ein ſo angenehmer Tiſch und ſtand mitten im Saal— nahm Emilie ihr Haus⸗ haltungsbuch vor und ſetzte ſich an ihre Arbeit. Sie hatte ſelten Luſt Abends den Salon zu verlaſſen, bevor Ake von ſeinen Ge⸗ ſchäften zurückkam. Aber wie ſie auch arbeiten mochte, ſie kam mit ihrer Addition nicht weiter als auf die erſte Hälfte der Seite, denn ſie dachte beſtändig daran, wie Holt, dieſer junge Mann, es wagen könne in einem ſolchen Zuſtand nach Hauſe zu kommen... Wenn ſie daran dachte, daß Ake ſelbſt zuweilen— o nein, das brauchte ſie nicht zu fürchten. „Nun, meine Liebe, wie ging es mit den Rechnungen?“ fragte der Mann, als er anderthalb Stunden ſpäter hereinkam und ſeine junge Frau über ihrem erſten Haushaltungsbuch ein⸗ geſchlafen fand. „Nicht zum beſten,“ rief Emilie, indem ſie ſich lachend den Schlaf aus den Augen rieb.„Aber ſage, iſt es wahr daß Holt betrunken iſt?“ „Betrunken— ja bei Gott, das iſt wohl möglich. Ich dachte gar nicht daran als ich oben war, aber wenn ich Alles genau überlege, ſo dürfte dies die rechte Erklärung ſeines abge⸗ ſtumpften Weſens ſein. Ich konnte keine geſcheidte Antwort von ihm bekommen.“ „Welche Gemeinheit!“ rief Emilie voll Abſcheu. „Es iſt allerdings tadelnswerth, wenn man die Vernunft aus einem ſolchen Grund das Feld räumen läßt, aber wir dürfen nicht allzu ſtreng urtheilen. Gewiß war er auf der Reiſe mehreren Verſuchungen ausgeſetzt, und ſein letzter Beſuch hat ihm vollends den Treff gegeben. Natürlich, liebe Emilie, darfſt Du Dir morgen Nichts anmerken laſſen.“ „Meinſt Du denn, ich würde mich herablaſſen mit ihm über dieſe Sache zu ſprechen?“ „Nicht direct, aber Du darfſt auch nicht ſticheln— ich weiß, daß dies die gewöhnlichen Waffen der Frauenzimmer ſind. Aber 153 dieſe Waffen ſind ſchlecht und ſtiften niemals Nutzen, ſondern nur Erbitterung.“ „Ach, lieber Ake, es iſt beſſer, wir legen uns jetzt ins Bett, als daß wir daſtehen und über dieſen widerwärtigen Menſchen ſprechen. Ich habe ihn ſchon vorher nicht leiden können, und jetzt werde ich es noch weniger können.“ „Aber da thuſt Du ja gerade das Gegentheil von dem, um was ich Dich bitte. Höre jetzt, mein Kind, wenn Du irgend einen Werth auf meinen Beifall legſt, ſo veränderſt Du Nichts in Deinem Benehmen.“ „Für Deinen Beifall thue ich nicht blos das Mögliche, ſondern auch das Unmögliche. Aber wenn die Mägde es wiſſen, ſo werden auch die Ladendiener es erfahren, und das gibt ein ſehr ſchlechtes Beiſpiel.“ „Gott ſteh mir bei, was für ein vernünftiges Weib ich be⸗ kommen habe!“ antwortete Ake lachend.„Nun ja, die Laden⸗ diener dürfen ſich glücklich ſchätzen, wenn Du Dich ihrer Sittlich⸗ keit annimmſt, aber ſonſt kann ich Dir ſagen, daß ein einziges Beiſpiel noch nichts bedeutet. Komm jetzt, Du ſtrenge Richterin, und falls Du Dich morgen zu einer kleinen Bosheit verſucht fühlſt, ſo denk an Thorborg und wie ſanft ſie... „Aha, ſind wir da? Vorhin hatte ja jede von uns ihre beſondern Gaben und Keine brauchte von der Andern Etwas zu entlehnen.“ „Gefangen!“ erklärte Ake. Und ſo gingen die ſchuldloſen glücklichen Leutchen zur Ruhe, ohne zu ahnen, daß von dieſem Abend an eine drohende Wolke über ihrem Dache hing. Aber lange nachdem Emilie eingeſchlafen war, lag Ake noch wachend da und machte ſich Gedanken über Holts ſonderbares Benehmen, ſeine hohlen Blicke und ſeine unſichern Bewegungen. 154 Sechzehntes Kapitel. Was die blecherne Büchſe enthielt. Und jetzt war es Nacht— aber eine Nacht ohne Sterne. In einem Zimmer im obern Stock ging Holt auf und ab, indem er bald den Schein der noch brennenden Lichter ſuchte, bald vor dem dunkeln Schatten— ſeinem eigenen Schatten— der über die Wand hinſchwebte, zurückfuhr. „Bin ich ein Mann, daß ich vor einer ſolchen Kleinigkeit zittere?“ fragte er ſich endlich.„Was iſts denn weiter? Es war das Eigenthum des Meeres. Niemand macht Anſpruch darauf. Ich habe ja keinen Menſchen getödtet, habe keiner lebenden Seele einen Schilling genommen... Was anders als die Schwäche dieſer elenden Nerven bringt mich ſo in Aufregung... Unſelige Feigheit! Die Seele iſt von Stahl, aber der Körper nicht.. Nun, dieſe Höllenqual muß doch wohl mit der heutigen Nacht ihr Ende nehmen... Ich wollte, ich wäre nie in die Geſell⸗ ſchaft von Moß gekommen. Dummheiten... das liegt im Blut. Man wird geboren, um zu werden was man wird, und die Ge⸗ legenheit iſt die Lehrerin.“ Er machte ſeine Schritte kleiner, er ſah nach der Chiffonniere zurück, in welche er die Sachen geworfen hatte, und dann wieder mit ſcheuen Blicken auf die Wände, die auf beiden Seiten gleich friedlos waren. Und dazwiſchen hinein brauste der Wind draußen und ſchleuderte den in der Nacht eingetretenen Regen an die Fenſter⸗ ſcheiben. „Einſt, als ich noch Knabe war, und meine Mutter mich die Gebete lehrte, die ſie ſelbſt gelernt, hätte ich da wohl ge⸗ glaubt... Gott verdamme mich, werde ich nicht gar ſentimental! Fort mit Allem was nicht geſunde Vernunft heißt! Ich habe al de vie ne. ab, ichte, —der gkeit war rauf. Seele bäche elige kacht eſell⸗ Blut. Ge⸗ niere jeder leich und iſter⸗ mich (ge⸗ atal! 155 oft gekämpft und in mancherlei Dingen geſiegt. Nun wohl, jetzt habe ich nicht geſiegt, und zwar darum, weil es nicht nöthig war. Die Büchſe— es iſt Zeit nach ihrem Inhalt zu ſehen.“ Er ging heftig zur Chiffonniere vor, ſteckte ſchnell den Schlüſſel hinein und kehrte mit ſeinem neu erworbenen Eigen⸗ thum an den Tiſch zurück, zog die Lichter näher und betrachtete zuerſt mit gierigen Blicken den Juwelenring, der eine wirkliche Koſtbarkeit war. Während dieſer Beſchäftigung klärte ſich ſein Blick auf, und ſeine Stirne wurde wieder glatt. Er bekam Muth, um die Büchſe zu öffnen. Aber wie kam es, daß ſein Gehör mehr Gefühl verrieth als ſein Blick? Beim erſten Ducaten, der auf der Tiſchplatte erklang, fuhr er wieder zuſammen, wurde leichenblaß und ſchaute ſich nach Thüren und Fenſtern um. Dieſe Bewegung währte indeſſen nicht lange. Er griff ſich von Neuem an und gewann bald die nöthige Sicherheit, um die Ducaten zählen zu können, die er aus der Büchſe hervorholte. Aber was war es, das ihn jetzt aufhielt? was machte, daß er mit verwilderten Blicken in die offene Büchſe hinabſtierte? Was war es, das er aufhob und gegen das Licht hielt? Ein Brief! Bei dieſem ſeltſamen Fund ſchien ſein Schrecken eine andere Art anzunehmen. Was wollte dieſer Brief erklären? Wollte er als Zeuge ſeiner Miſſethat auftreten und ihn verrathen? Die Aufſchrift des Briefes lautete: „An den Menſchenfreund oder die Menſchenfreunde, welche den Schatz gefunden haben, den ich dem Meer anvertraue.“ Mechaniſch fuhr er mit der Hand ans Licht.„Ich würde vielleicht am beſten thun, den Brief ungeleſen zu verbrennen.“ 156 Aber bald darauf ſank ſeine Hand herab, und die Begierde nach Entſchleierung des Geheimniſſes veranlaßte ihn das Siegel zu erbrechen. „Bin ich nicht der rechte Mann?“ murmelte er höhniſch. Und ſo entfaltete er das Blatt und ließ ſeine Augen auf folgende Zeilen ſtieren, die mit unſicherer, haſtiger Hand geſchrieben waren: „Wer Sie auch ſein mögen, der Sie dies leſen, empfangen Sie den innigen Dank eines verzweiflungsvollen Mannes, denn ehe dieſer Brief geöffnet werden konnte, iſt der Gegenſtand deſſelben durch Ihre Fürſorge auf dem Lande in Sicherheit ge⸗ kommen. „Geſtern früh um drei Uhr ſtarb meine junge Frau nach einer heftigen Krankheit von nur wenigen Tagen, und bei der mißlichen Lage, worin mein Schiff ſich in dieſer ſchrecklich dicken Luft befindet, muß ich nicht blos meinen Schmerz opfern, ſondern mich auch ohne die geringſte Verzögerung von den irdiſchen Ueber⸗ reſten meiner Gattin trennen, denn mit dem gewöhnlichen Aber⸗ glauben murmelt meine ermattete Mannſchaft bereits, der Compaß zeige fehl, ſo lang eine Leiche an Bord ſei, und dies ſei die Urſache, wenn wir zu Grunde gehen. 3 „Ich verordne wie folgt: „Den koſtbaren Juwelenring, den ſie an einem Finger trägt, möge Niemand berühren: er iſt eine heilige Reliquie, und mein Wille iſt, daß er, wie auch der Trauring, ſie in ihre letzte Wohn⸗ ſtatt begleite. Mit dem Gold, welches die Büchſe enthält(hundert⸗ fünfzig Ducaten), ſollen vor allen Dingen ein reiches Bergegeld und ſodann die Begräbnißkoſten nebſt einem für alle Zeiten un⸗ antaſtbaren Begräbnißplatz bezahlt werden. Der Ueberſchuß werde zu einem einfachen Granitdenkmal verwendet mit der Inſchrift: Henrika Geiſtern, geborne Bentzen, Geſtorben mit 19 Jahren. ſch nach zu iſch. ende eben igen denn tand ge⸗ nach der icken dern ber⸗ (ber⸗ paß die rägt, nein ohn⸗ dert⸗ geld un⸗ erde rift: 157 „Die Vertheilung der Summe möge durch den Ortsrichter und zwei unparteiiſche Männer beſtimmt werden. „Dieſe Anordnungen mögen getreu erfüllt werden, denn der letzte Wunſch der Verſtorbenen war, nicht im Meere ruhen zu müſſen, und zur Erfüllung dieſes Wunſches kann der Mann, der vielleicht ſelbſt in wenigen Stunden nicht mehr unter den Leben⸗ digen zu finden iſt, Nichts beitragen. „Möge dagegen des Himmels Fluch denjenigen treffen, der mich betrügt und die Gebote der Ehre und des Gewiſſens nicht erfüllt. „An Bord der däniſchen Brigg Fortuna, die auf der Reiſe zwiſchen Plymouth und Helſingör durch dicke Luft und Strömung unter die Bohuslänſchen Scheeren getrieben worden. Den 28. September 1803. Nachmittags 4 Uhr. O. Geiſtern von Ilensburg.“) Dieſe Willensverordnung brachte eine außerordentlich er⸗ ſchütternde Wirkung auf Holt hervor. Sein Kopf ſank gegen den Tiſch herab. Noch war er nicht gänzlich verhärtet— er war ſo jung. Und alles das, dieſer verzweifelte Capitän, der wahrſcheinlich mitten unter einer aufrühreriſchen Mannſchaft ſtand, der ſelbſt den Tod vor Augen hatte und vielleicht all ſein Gold hergab, um von Fremdlingen die Erfüllung eines Verſprechens zu erkaufen, das er ſeiner jungen Gattin gegeben, und dann dieſes Verſprechen, daß ſie ihr Grab nicht im Meere haben ſolle— wer hatte ſeine Erfüllung unmöglich gemacht? Hatte nicht er, Holt, nachdem er ihr Gold geraubt, ſie ſelbſt wieder in die Wogen hinausgeſtoßen *) Die ganze Erzählung von der ans Land geworfenen Frau beruht auf einem wahren Ereigniß, das in dieſer Gegend der be⸗ treffenden Scheeren vorgefallen iſt. Die Sache wurde— jedoch ohne Namen— von dem Seelſorger mitgetheilt, dem der Leichenplünderer auf ſeinem Sterbebett beichtete.— 158 und dann der Fluch... alles das trat ihm mit ſolch grauenhafter Klarheit vor Augen, daß er über ſich ſelbſt weinte. Hätten Wünſche zu Etwas helfen können, ſo hätte er Gott weiß was dafür gegeben, um einige Stunden ſeines Lebens zu⸗ rückzuerkaufen. Aber dieſe Stunden waren unwiderruflich entflohen, und nie, nie ſollten ſie wiederkehren... Wehe, wehe über dieſes Nie, das ſich durch gar Nichts abändern läßt! Neue Stunden waren zu den andern hinabgeſunken, ehe Holt ſich wieder aufrichtete. Eine dumpfe Windſtille hatte jetzt ihren ſchweren Schleier über die vorher arbeitenden Sinne gebreitet. Dieſe Windſtille war jedoch gleichſam ein Lebewohl an die Vergangenheit, dieſe Vergangenheit, deren Blätter zwar manche unedle und freche, bald gelungene, bald fehlgeſchlagene Berechnung aufzuweiſen hatten, aber doch keine Gewiſſensſachen und Nichts von der Art, daß ſowohl das innere als das äußere Geſetz als Feind gegen ihn aufſtehen konnte. Ihm war als hätte er zehn Jahre durchlebt. „Geſchehenes läßt ſich nicht mehr ändern, es war eine Dummheit, aber kein Zeuge kann je auftreten und mich an die Ereigniſſe dieſer gräßlichen Nacht erinnern, die ich jetzt in der unterſten Tiefe meiner Seele begrabe.“ Er ſtand auf, er bewegte ſich, er ſtreckte die Arme aus, gleich als wären ſie vor Kälte erſtarrt geweſen. „Hul wie kalt es auch da innen iſt— ich will heizen und mit dieſem Satansbrief da anzünden.“ Er führte ſeinen Vorſatz aus, und binnen einigen Minuten war das gefährliche Papier in Aſche verwandelt. Hierauf ver⸗ ſchloß er die geraubten Sachen in den geheimen Fächern ſeiner Chiffonniere. Das Gold konnte bei der erſten Reiſe nach Göte⸗ borg ausgewechſelt werden— der Ring konnte bis auf Weiteres ruhen. te⸗ 159 Das Ofenfeuer begann jetzt aufzuflammen und ſeinen Schein über das Zimmer zu breiten. Nachdem er ſich vor daſſelbe ge⸗ ſetzt, begann er eine gewiſſe Freiheit zu empfinden, und bald ſchweiften ſeine Gedanken auf den Abendbeſuch ſeines Aſſocié über. Er erinnerte ſich ſehr wohl, daß er ſich vor Hjelm auf⸗ geregt und unbegreiflich gezeigt hatte, aber er war überzeugt, daß es ihm gegenüber dieſem argloſen Mann nicht ſchwer fallen würde ſeinem Benehmen eine paſſende Deutung zu geben. Früh am Morgen klopfte Hjelm an die Thüre und trat ein als er keine Antwort erhielt. Holt ſchlief in ſeinem Bette. Keine Spur von Unordnung⸗ war im Zimmer zu bemerken. „Er ſchläft unruhig und dennoch feſt,“ ſagte Hjelm für ſich. „Sein Ausſehen deutet indeſſen nicht auf diejenige Art von Verwirrung, an die ich zuletzt glaubte... Aber Etwas war doch geſtern Abend an ihm und das muß ich erfahren.“ Holt erwachte jedoch nicht, und Hjelm ging gedankenvoll wieder die Treppe hinab und von da in den Hof hinaus. Kein Menſch zeigte ſich noch, und der junge Mann beſchloß einen Spaziergang am Ufer hin zu machen. Eine halbe Stunde, mehr nicht, mochte verfloſſen ſein, als er mit einem Ausdruck von Entſetzen auf ſeinem Geſichte haſtig zurückkam. Er ging direct ins Zimmer neben dem Contor, weckte die Ladendiener und Knechte und begab ſich mit ihnen eilig ans Ufer, von wo aus ſich bald ein eigenthümlicher Zug nach der letzten Seebude bewegte. Der Hausherr ertheilte augenblicklich ſeine Befehle. Einer der Knechte ſollte ſich bereit machen mit einem Brief zum Amt⸗ mann zu gehen, der andere wurde ſogleich nach dem Pfarrhaus 160 abgefertigt, um mündlich zu melden, daß eine Frauenzimmerleiche ans Ufer getrieben worden ſei. „Was muß ich da für ſchreckliche Sachen hören!“ rief Emilie, die jetzt auf den Hof hinausgeſtürzt kam,„was haſt Du gefun⸗ den, Ake?“ „Etwas allzu Schreckliches, als daß Du es ſehen ſollteſt, liebes Kind. Es iſt ein armes Frauenzimmer, das, natürlich von irgend einem Schiff aus, dem Meer anvertraut worden iſt, jedoch nicht um da zu bleiben— das ſieht man deutlich, denn ſie iſt von Kork umſchloſſen.“ „Was bedeutet Das?“ fragte Enillie. „Der Kork ſchwimmt oben, und Derjenige der ſie ſo ſorg⸗ ſam beſchützte hoffte, ſie würde an irgend ein befreundetes Ufer ſchwimmen, wo ſie ein chriſtliches Grab finden könnte.“ „Aber wer ſie iſt, weiß man nicht?“ „Wir werden hören, was bei der amtlichen Unterſuchung ausgemittelt werden kann. So viel habe ich geſehen, daß ſie an der linken Hand einen Ring trägt, der ihr Trauring zu ſein ſcheint.“ „Ach, mein Gott, wie ſchrecklich iſt Das! Die arme junge Frau!... Aber jetzt iſt ſie nicht mehr zu beklagen: vielleicht ſind es ihre Hinterlaſſenen um ſo mehr. Und, liebſter Ake, eine Sache: ſie wird doch wohl nicht lange hier bleiben ſollen? Es wird mir ſo unheimlich, daß ich weder vor⸗ noch rückwärts zu gehen wage.“ „Sei ruhig, liebes Kind, wir werden ihr bald ein Bette geben, wo ſie ungeſtört ſchlafen kann. Und ſpringe jetzt Einer von Euch hinauf, um Herrn Holt zu wecken.“ Dieſe Mühe war unnöthig: Holt war erwacht und halb angekleidet. Er hatte genug geſehen und gehört. Die Fieberſchauer von geſtern Abend hatten ſich von Neuem eingefunden, und zwiſchen den klappernden Zähnen znurmelte er unaufhörlich dieſelben Worte hervor: — D——— έ 0 8 SSS S 161 „Sie iſt zurückgekommen— Aber mit bewunder ſchnell ſein Haupt empor, ſeine Augen funkelten, und ein trium⸗ phirendes Lächeln ſpielte auf ſeinen Lippen. „Wer hat dieſes Weib gefunden? Herr Ake Hjelm. War er allein? Ja... Nun wohl, ſollte je einmal das Unmögliche geſchehen, daß dieſes Geheimniß ſich zum Licht herauszudrängen . Ich hätte den Brief nicht ſuchte, ſo war er es, nicht ich.. „aber was vorhanden iſt— ein Ducat ſoll ſie iſt zurückgekommen!“ ungswürdiger Spannkraft richtete er verbrennen ſollen immer in der Büchſe liegen bleiben— iſt genug im Fall künftig Etwas zwiſchen uns unklar würde und unſere Intereſſen ſich theilen ſollten.“ Und wer kam jetzt ſchnell auf den Ruf herab? Herr Holt. Wer anders als er ſprach mit geläufiger Zunge von dieſem traurigen Ereigniß? Wer anders als er hatte die Frechheit beim Eintritt in die Bude ſogleich zu bemerken, was jedenfalls dem Blick des Amtmanns nicht entgehen konnte— daß die Knoten am Tau ganz ungleich waren? „Daran hätte ich nicht gedacht,“ ſagte Hjelm,„und die Be⸗ merkung macht Deinem Scharfſinn alle Ehre. Aber wenn die Ungleichheit der Knoten einige Bedeutung haben ſollte, ſo müßte man vermuthen, daß ſie anders geſchürzt worden ſeien, und wann hätte das geſchehen ſollen? Sie ſind ja noch naß vom Seewaſſer... Das Wahrſcheinlichſte iſt, daß man auf dem Schiff, von wo aus die Leiche den Wellen überlaſſen werden mußte, große Eile hatte, und daß folglich mehrere Hände damit beſchäftigt waren.“. „Möglich!“ antwortete Holt,„aber wahrſcheinlich wird wohl Moß bald kommen und er iſt ganz der rechte Mann, um in ſol⸗ chen Dingen Aufſchluß zu ertheilen.“ „Laß uns inzwiſchen hinaufgehen.“ Hjelm ſchloß die Seebude, und Beide gingen mit einander nach dem Hauſe hinauf. 4 Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 11 162 „Es iſt wahr,“ begann Ake haſtig,„wir haben noch nicht von Deiner Reiſe ſprechen können. Am begierigſten bin ich darauf, ob Du Deinen Abſtecher nach Fjällbacka gemacht haſt. Die Hummeragentſchaft, die Du uns für das engliſche Haus ſchaffteſt, ſcheint lohnend zu werden. Aber was ſagen unſere Brüder in Fjällbacka? Haben wir Hoffnung auf freundliche Ver⸗ bindungen? Du warſt geſtern Abend nicht wohl genug, um mir auf irgend Etwas Beſcheid geben zu können.“ Holt beſaß keine Macht über ſein Blut. Es kam über ſein Geſicht gerauſcht, wie eine Wolkenſäule über den Horizont, und er vermochte ſtatt aller Antwort nur einige Worte hervorzu⸗ murmeln. „Ei, zum Henker,“ fuhr Hjelm fort,„was bedeutet denn Das unter uns Männern? Wer hat nicht ſchon hie und da in ſeinem Leben ein Glas über Durſt getrunken? Ich verſtehe: es genirt Dich, daß meine Frau die Sache vielleicht erfahren könnte, und das iſt allerdings möglich, aber meine liebe Emilie wird eine kluge Hausfrau werden.“ „Ja, aber Deine Frau iſt mir ſchon zum Voraus nicht ſonderlich gewogen, und um die Wahrheit zu geſtehen,“ erklärte Holt mit heimlichem Entzücken über die Wendung, welche Ake ſelbſt der Sache gegeben hatte,„ſo fühle ich mich ungemein ge⸗ nirt und gehe heute nicht hinab.“ 2 „Das kannſt Du ganz nach Belieben halten. Inzwiſchen haben wir heute Moß und die Zuſammenkunft, die amtliche Unterſuchung und Gott weiß was Alles, und wenn Das vor⸗ über iſt, ſo iſt dieſe Lumperei bei Deiner Heimkehr bereits ver⸗ geſſen.“. „Um jetzt von Fjällbacka und unſern Hummergeſchichten zu ſprechen, ſo kommt man uns dort aufs Freundlichſte entgegen. Nur in einer einzigen Beziehung gab man eine gewiſſe Unruhe zu verſtehen, nämlich in Deiner beabſichtigten Ausgleichung zu Gunſten der Fiſcher.“ 163 „Ja ja, das dachte ich mir wohl,“ antwortete Ake,„aber bei uns darf ein Hummer darum, weil er nicht die vorgeſchrie⸗ benen Zolle hält oder eine Scheere verloren hat, noch nicht als Zugabe zum folgenden gerechnet werden. Der arme Fiſcher muß doch wohl ein Recht haben ſelbſt zurückzunehmen, was man im Handel nicht als gut anerkennt. Wenn man bedenkt, daß die Bevölkerung in unſern kleinen Fiſcherorten lediglich von dem unbedeutenden Ertrag der Fiſcherei leben ſoll, ſo muß man billig ſein.“ „Natürlich. Aber Du biſt mit dieſen Verhältniſſen nicht vertraut. Verwöhne den Verkäufer, ſo wirſt Du bald ſehen, welchen Gewinn der Kaufmann in ſeine Caſſe legen kann... Und noch eine Sache von höchſter Bedeutung: Wir ſind neue Ankömmlinge und können alſo keine neuen Geſetze und Ver⸗ hältniſſe einführen, bei denen die alten überall angenommen ſind— denk Dir, welches Mißvergnügen wir dadurch bei den andern Scheerenkaufleuten erregen würden. Glaube mir, wir müſſen im Anfang behutſam ſein und wohl bedenken, daß die engliſche Agentſchaft uns ſonſt von einem Andern weggeſchnappt werden könnte, der das Intereſſe des Engländers beſſer wahrt.“ „Man hört wohl, daß Du geſtern bei Moß warſt,“ ant⸗ wortete Ake.„Wir wollen ſpäter weiter davon reden, aber ſo viel kann ich Dir ſagen, daß eine Leuteſchinderei, mag ſie nun von England oder von Schweden ausgehen, bei mir niemals Gehör findet... Ich gehe jetzt hinauf und ſchreibe ein paar Worte an den Amtmann.“ Mit einem vertraulichen Kopfnicken trennten ſich die beiden Aſſociés. * 164 Siebenzehntes Kapitel. Briefwechſel zwiſchen der Zolljacht und dem Hügel. Schöne Maid! In einer Laune, die mit gutem Wind geht, ſetze ich mich nieder, um Dir meine Gedanken mitzutheilen. Ich habe ſeit einiger Zeit ungeheuer Glück gehabt. Erſt heute früh habe ich den Schooner Iduna confiscirt, was wahr⸗ haftig keine Kleinigkeit iſt. Meine hohen Vorgeſetzten werden ſo oft an meine Thätigkeit erinnert, daß meine Anſprüche auf die Controleursſtelle fortwährend ſteigen. Gott ſei Dank, daß mir kein armer Schlucker in den Wurf gekommen iſt, ſondern lauter ſolche Leute, die einen Denkzettel für ihren Unfug wohl brauchen können. Aber trotz alle Dem ſchmerzt es mich noch immer, wenn ich daran denke, daß Du, geliebte Majken, mich um den Beſchlag auf Cognac, den ich auf Ragnars Boot hätte machen können, gebracht haſt. Aber apropos Cognac kann ich nicht umhin Dir ein luſti⸗ ges Geſchichtchen mitzutheilen, das mir mein Vater erzählte, als ich das letzte Mal daheim war und wir die kleinen Ereigniſſe des Sommers mit einander beſprachen. „Ich weiß nicht,“ ſagte der Vater,„ob ich Dir erzählt habe, daß eines Tags Andreas von Tomtö in großer Betrüb⸗ niß hieher kam und mich erſuchte, ich möchte doch um Gottes⸗ willen auf ihre Inſel kommen, denn ſeinen beiden Brüdern ſei ein ſchreckliches Unglück zugeſtoßen... Was. für ein Unglück? fragte ich... Ja, Gott behüte Sie, Herr Paſtor, es iſt ein Anker Cognac bei uns ans Land geſchwemmt worden, und meine Brüder, die es am Uferrand fanden, haben es geöffnet und da⸗ von getrunken, bis ſie nicht mehr auf ihren Füßen ſtehen konnten, und jetzt liegen ſie wie todt im Sande. Und nun iſt mein An⸗ 165 liegen das den Herrn Paſtor zu erſuchen, daß er ſo gefällig ſein möchte herüber zu kommen und ihnen das Abendmahl zu geben, aber ich glaube als ſicher, daß ſie bereits todt ſind. Und der arme Kerl ſchluchzte ganz erbärmlich. Du begreifſt wohl, fuhr mein Vater fort, daß dieſer Krankenbeſuch mir nicht ſehr am Herzen lag. Ich ſchickte alſo den Küſter hin, um die Sache vorher zu unterſuchen. Da zeigte es ſich, daß die armen Teufel dem ehrlichen Cognacanker, der die Artigkeit gehabt hatte zu ihnen hinüberzuſchwimmen, ſo weidlich zugeſprochen hatten, daß ſie ganz betäubt und bewußtlos dalagen. Verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie zur gehörigen Zeit wieder erwachten, ohne von dem Himmel mehr geſehen zu haben als diejenigen Sonnen und Monde, welche der Spiritus vor ihren Augen funkeln ließ. „Wann geſchah Das, Vater?“ fragte ich. „Wenn ich mich recht entſinne,“ antwortete er,„ſo war es im Anfang Juli.“ 1 Wie eigen! dachte ich bei mir ſelbſt. Es war alſo juſt zur ſelben Zeit, wo meine vielgeliebte Majken die Zolljacht mit ihrem Morgenbeſuch beglückte. Ach Du holdeſte und herrlichſte aller Jungfrauen des Nor⸗ dens, Du glaubſt wohl nicht, daß Dein Gudmar lächelt, während er dieſe Zeilen niederſchreibt. Aber was ſoll ich Dir nun weiter erzählen? Nun ja, ich will Dir ſagen, daß meine heitere Gemüthsſtimmung ſich auch auf meine Mannſchaft erſtreckt. Es iſt ſo angenehm, wenn das Ver⸗ gnügen gemeinſchaftlich iſt. Der alte Storke⸗Pelle, der mit großer Gravität ſein An⸗ ſehen als erſter Jachtſchiffer wahrt, ſitzt jetzt da und liest ſein Abendlied bei einem Glas Grog— er meint, das Eine thue dem Andern keinen Eintrag; aber damit das viele Schnappſen kein ſo gefährliches Beiſpiel für ſeinen jungen Kameraden wer⸗ den ſoll, gibt er ihm fortwährend zu verſtehen, daß er in Folge 166 ſchweren Magenleidens gezwungen ſei ſeinen nüchternen Gewohn⸗ heiten ſo oft Gewalt anzuthun. Natürlich wagt es Lomme nicht ihm ins Geſicht zu lachen, aber er führt hinter dem Rücken des alten Storke allerlei luſtige Dinge auf. Der lebensluſtige junge Hattemann führt wie die meiſten jungen Nordhattinger ſeine Violine auf der See mit ſich. Du weißt, daß dieſe Leute gegenwärtig die vornehmſten Barden ſo⸗ wohl in den nördlichen als in den ſüdlichen Scheeren ſind. Und manche Abendſtunde, wenn wir es an Bord ſo patriarchaliſch haben wie jetzt, habe ich mich ſehr erquickt an den einfachen Melodien, die ſich, wie gerade in dieſem Augenblick, mit der Muſik vermiſchen, welche durch das eintönige Geplätſcher der Wogen gegen den Kiel der Jacht hervorgebracht wird. Der Junge gefällt mir ungemein. Und dieſes Wohlgefal⸗ len wird nicht dadurch vermindert, daß er von Dir auf eine Art zu ſprechen weiß, wie ich am liebſten von Dir ſprechen höre. Es lautet ungefähr ſo: Jetzt, Herr Lieutenannt, hören Sie einmal eine Hickſtorie nach der Melodie, die ich ſpiele, wenn meine Fela recht im Gang iſt. Bei dieſen Worten greife ich nach der Cigarre— wenn ich dies nicht ſchon vorher gethan habe— denn in ihrer Geſell⸗ ſchaft genieße ich immer doppelt. Nun, was haſt Du denn für eine Hiſtorie? frage ich. Und das letzte Mal lautete die Hiſtorie wie folgt. Sie wiſſen, Herr Lieutenant, daß ich letzten Dienſtag eine Commiſſion nach Käringö hatte. Nun, als ich wieder zurückfahren wollte, kam ein Junge mir nachgelaufen und ſagte, ſeine Mut⸗ ter Maja in Lurklyfta habe ebenfalls eine Commiſſion für mich. Ich machte in aller Eile einen Sprung zu der Alten, die vor einiger Zeit bei einer knappen Wendung ein Bein gebrochen 167 hatte. Und nun dachte ſie, ich könnte auf irgend eine Weiſe der Mamſell Majken Nachricht zukommen laſſen. Du begreifſt wohl, Geliebte, daß ich jetzt einen ungeheuern Zug aus meiner Cigarre nahm, daß ich meinen Märchenerzähler ungemein gnädig anſah und eine Neugierde äußerte, was Mamſell Majkens Name mit allem dem zu ſchaffen haben könnte. Wenn Sie mich einen Augenblick anhören wollen, Herr Lieutenant, ſo wird es ſchnell fertig ſein. Die Alte wollte Mam⸗ ſell Majken tauſend Dank dafür ſagen, daß ſie ihr den Doctor ſammt den Arzneien und noch obendrein Geld geſchickt hatte. Aber das Geld mußte ſie in einen Halstuchzipfel einwickeln, da⸗ mit nicht die Waſſermärta, die von Mamſell Majken als Kranken⸗ wärterin geſchickt wurde, es ſtehlen konnte. Und ſage der Mam⸗ ſell Majken, ſagte die arme Alte zu mir, wenn ſie nicht in die⸗ ſer Welt alles Gute bekomme, was ſie in ihren Gebeten wünſche, ſo ſei dies nicht meine Schuld, denn ich habe ſie in huldſamem Gedankenfrieden und ewigem Seufzen. Das Bein iſt jetzt wie⸗ der gut und Märta mag nur wieder ziehen, denn ſie will be⸗ ſtändig die Halstuchzipfel übers Kreuz legen, aber dazu bin ich jetzt ſelbſt gut, ſagte ſie... Und jetzt wiſſen Sie Beſcheid, Herr Lieutenant. Ich fühlte mich ungemein erbaut und zu ſchönen Gefühlen aufgemuntert, als ich hörte, was meine Herzliebſte mit ihrer ge⸗ wöhnlichen ſtillen, aber umfaſſenden Sorgſamkeit gethan hatte, und deßhalb ſchickte ich der Alten eine kleine Ladung in den an⸗ dern Halstuchzipfel, im Fall Märta ſich noch immer verſucht fühlen ſollte das Halstuch übers Kreuz zu legen. Aber jetzt fühle ich es an mir, daß ich eine kleine Anwand⸗ lung von trüben Zwiſchenſtunden bekomme, wenn alles Licht unter dem drohenden und unerſchütterlichen Willen Deines ſtren⸗ gen Vaters begraben wird. 1 Siehſt Du, liebe Majken, jetzt geht es noch an im Herbſt, wo meine Thätigkeit mir den Sehnſuchtsſchmerz ertragen hilft, 168 aber im Winter— im Winter! Ich gedenke mich da manchmal auf Fjällbacka zu ſtationiren, von wo aus ich einige Ausflüge machen kann. Wenigſtens kann Dein Vater es s nicht verhindern, daß wir uns in der Kirche zu Quille treffen, and dann beſuchſt Du Deine Freundinnen auf Fjällbacka, in deren Haus ich mich einzu⸗ führen gedenke. Möge nur keine Mutter Speculationen machen! Majken, Majken, welch eine belebende Sonne biſt Du! Glaube mir, mein alter Vater und unſere kleine Heilige betrauern Dich um die Wette. Wenn ich fort muß, ſo kann er mit Niemand als mit der Hexe und dem Hammel disputiren, denn Thorborg verſteht ſich nicht ſonderlich darauf, und der Küſter hat ſich in der letzten Zeit in gewaltigen Reſpekt geſetzt. Dieſer Unterkirchen⸗ vater gebraucht zwar einen ſcheinbar ehrerbietigen Ton, aber der Alte ſieht wohl ein, daß er ſelbſt in den meiſten Fällen nach⸗ geben muß. Aber was ſehe ich jetzt! Während ich ſo mit Dir plau⸗ derte, hatte ich das Toddywaſſer vergeſſen. Nebſt demſelben bringt Lomme jetzt auf dem Präſentirteller ein Käſtchen, das ich ſchon öfter in Deinem äußeren Zimmer zu Svartſkär geſehen habe. Du ſollteſt jetzt Lomme ſehen, wie er ſeinen breiten Mund bis an die Ohren verzieht— das nenne ich ein nachdrückliches Lächeln. Sehen Sie Etwas, Herr Lieutenant? Ja, aber... ich begreife Nichts. Ich habe es ſchon ſeit vier Tagen. Petter Gädda hatte es mir gebracht, aber ich ſollte es erſt heute Abend abliefern. Hier werfe ich die Feder weg, um die verſiegelte Schnur aufzuſchneiden. Ach, meine ſchöne Maid, jetzt erinnere ich mich, daß heute mein Geburtstag iſt— das hatte ich vergeſſen, Du aber nicht. f 169 (Im Käſtchen lag ein von Majken geſticktes Halstuch nebſt folgendem Brief.) — Liebſter Befehlshaber! Proſit! Wenn Du dieſe Zeilen lieſeſt, trinke ich von meines Vaters beſtem Malaga zwei Gläſer auf Dein d. h. auf mein eigenes Wohlergehen. Ich habe meinem Poſtillon d'Amour, dem alten Gädda, geſagt, er ſolle Deinem Hattebarden einſchärfen, daß er mein Geſchenk nicht vor ſieben Uhr abgeben dürfe. Dies iſt ja die Stunde, wo Du in Friedenszeiten Dein Toddywaſſer erhältſt. Und hier kommt noch ferner der Kuß, die Umarmung und die Liebesverſicherung, daß die Maiblume trotz Sturm und Wind niemals für einen Andern blühen wird, als für Dich. Siehſt Du, mein Gudmar, wenn ich mich nicht ſchämte irgend eine Reue einzugeſtehen, ſo würde ich es jetzt beinahe be⸗ reuen, daß ich Papa überredet habe ſein Geſchäft aufzugeben. Wir wohnen zu nahe und doch wieder zu weit von dem alten Strand und den alten Zerſtreuungen. Nun, nun, keine Stadt iſt noch auf einmal erbaut worden. Wenigſtens iſt es jetzt aus mit dem Schleichhandel und folglich auch mit jedem weiteren Stoff zu Aerger und Zank zwiſchen euch Beiden. Vor einigen Tagen kam er von Spartſkär heim. Die Ge⸗ ſchichte mit der ans Land geſchwemmten Frau hat mich aufs Tiefſte ergriffen. Ich kann mir nichts Traurigeres denken, als ein Weſen, das ſo nach ſeinem Tode einherkommt und die Leben⸗ den um ſein letztes Recht auf Erden anfleht. Dieſes letzte Recht iſt ihr nun auch zu Theil geworden: ſie ruht auf dem Friedhof der Capelle. Ich habe mir ſagen laſſen, Thorborg habe alle ihre Blumen abgeſchnitten, um einen ſchönen Kranz auf den einſamen Grabhügel der Fremden legen zu können. Die ganze Nacht habe ich über dieſen Gegenſtand nach⸗ gedacht. Wer trauert um ſie? Wer ſchickte die ſo früh Vollendete — 4 170 ſo ohne alle Nachrichten auf die gefährliche Straße des Meeres hinaus? Allerdings fand ſich ein einziger Fingerzeig vor: ein kleiner Ring am Goldfinger mit den Buchſtaben O. G. u. H. B. Dieſer Ring wurde natürlich wieder an den Finger geſteckt. Papa ſagte, der Amtmann habe eine Art von Andeutung gemacht, als könnte möglicher Weiſe noch etwas Anderes ge⸗ funden worden ſein. Aber Papa lacht über dieſe Handlanger des Geſetzes, die ihre Finger in Nichts haben können, ohne Ge⸗ heimniſſe und ungeſetzliche Handlungen zu argwöhnen. Wie dem auch ſein mag, die Todte hat ihre Geheimniſſe in ihre ſtille Wohnung mit ſich genommen. Friede über ſie und ihren Staub! Aber um jetzt von etwas Anderem zu ſprechen, ſo darfſt Du mir glauben, daß ich meinen wahren Genuß an Papa's Aerger darüber habe, daß Herr Holt ſich nicht in die Maiblume verlieben will. 2 Nicht als ob mein geſtrenger Herr Vater ſich Etwas aus dem Sinn geſchlagen hätte... Er hat mir nicht das Mindeſte von ſeinen Plänen mitgetheilt, aber ich begreife ſeine verdrießliche Miene ſo gut, wenn Holt ſich nicht ſo entzückt zeigt, wie er pflicht⸗ ſchuldigſt ſollte. Es will mich bedünken, als ob dieſer junge Herr etwas dunkle Begriffe vom eigentlichen Sinn einer Compagrieſchaft hätte. Ja, zu Dir kann ichs wohl ſagen, daß die Sorgfalt, womit er es vermeidet den Namen der ſchönen Frau auszu⸗ ſprechen, und die Röthe, die ſeine Wangen überfliegt, wenn ſonſt Jemand unerwartet von ihr ſpricht, mir etwas verdächtig vor⸗ kommen. Es gibt wohl— Dich mein theurer Befehlshaber aus⸗ genommen— keinen beſſern Typus von Chrenhaftigkeit und Redlichkeit, als Herrn Ake Hjelm. Gott beſchütze ihn... Es gibt ſchlüpfrige Ufer an den Scheeren... und Gott beſchütze ſein liebes Weibchen! Sie iſt ein reizendes Kind, das ich wirklich liebe und unter den Schatten meiner Flügel zu nehmen gedenke. Zu Anfang der nächſten Woche reiſe ich mit Papa nach O&i—2— 171 Svartſkär, und da ich ihm jetzt verſprochen habe ihn mit meinen Heirathsvorſchlägen in Ruhe zu laſſen, ſo kann mich Nichts hin⸗ dern einen Beſuch im Pfarrhaus zu machen. Ich ſehne mich ordentlich darnach wieder einen Tag dort leben zu dürfen. Wo ſollen wir einen Mann finden, der für unſere Thorborg gut genug iſt? Ich will weder den Capitän Bengtsſon von Fiſke⸗ bäckskil noch den Capitän Boſon von Grebbeſtad, ja ſogar nicht einmal den Capitän Svensſon von Fjällbacka. Keiner von allen dieſen Capitänen darf mein Schwager werden. Aber was fällt mir ein, daß ich mich ſo um die Verheirathung Anderer gräme? Habe ich nicht Kummer genug, bis ich ſelbſt heirathen kann? 4 Aber ſo viel ſehe ich ein, daß aus der Sache Nichts wird, ſo lang Du Jachtlieutenant biſt, denn ſchon dieſer bloſe Titel weckt alle böſen Leidenſchaften meines Vaters. In zwei Jahren avancirſt Du ſicherlich, denn Du biſt ja ſo gut angeſchrieben. Dann wollen wir uns ſchadlos halten für all dieſe gräulichen Entſagungen. Es wäre beſſer geweſen, wenn Du, da Du mich ſchon ſo viele Jahre liebteſt und eben ſo lange meiner Gegenliebe ſicher warſt, entweder bis zu Deiner Beförderung zum Controleur ge⸗ wartet hätteſt, oder ſchon als Kammerſchreiber beim Zollweſen mit Deiner Werbung herausgerückt wäreſt. Aber um mir näher zu kommen, nahmſt Du— in Erwartung von Stellen, für welche Du noch zu jung warſt— den für Dich ſo unbedeutenden Poſten als Jachtlieutenant an, und gerade diesmal mußte das Sprich⸗ wort:„Wer auf etwas Gutes wartet, der wartet nicht zu lang,“ nicht zutreffen, denn je näher Du mir kamſt, deſto ſchlechter wur⸗ den unſere Ausſichten. Jedenfalls kann ich in ein paar Jahren noch nicht für zu alt gehalten werden, denn dann bin ich vierundzwanzig und Du achtundzwanzig. Das iſt ein hübſches Alter, um die gewöhnlich 172 erſehnte, manchmal aber recht bedenkliche Fahrt den Strom des ehelichen Lebens hinab anzutreten. Gott ſei Dank für die Kraft und Feſtigkeit unſerer Charaktere! Wir wollen über dem Warten weder erblaſſen noch hin⸗ welken, ſondern wir wollen uns treffen ſo oft wir können, und unſer Beiſammenſein genießen ſo weit es möglich iſt. Wir ſind glücklich geweſen, wir ſind es noch und wir werden es ſein, denn wir glauben Beide, daß der Allliebende derjenigen gedenkt, die Anderer gedenken. Und wir verſtehen die Liebe ſo, daß wir, wenn wir auch noch länger als zwei, länger als zweimal zwei, ja ſogar bis in die ſonnenhelle Ewigkeit warten müßten, dennoch nicht getrennt, ſondern mit jeder Stunde feſter und inniger ver⸗ einigt würden. Ja, was Gott wirklich zuſammengefügt hat, das kann weder durch den Menſchenwillen, noch durch irgend irdiſche Verhältniſſe getrennt werden, ein ſolches Beiſammenſein muß auch nach dem Tod fortwähren. Können wir alſo nicht fröhlich ſein? o gewiß, denn ſonſt ſtände es ſchlecht. Und jetzt lebe wohl, mein zukünftiger Controleur! Ich meine, es müßte recht ſchön ausſehen, wenn ich mich ſchon zum Voraus nennen dürfte Deine Majken Guldbrandsſon. N. S. Ei der Tauſend, wie hübſch ſich dieſer Frauenname im Stück ausnimmt! Mach Dich in der nächſten Woche ſo frei, als Du nur immer kannſt. (Fortſetzung von Gudmars Brief.) O, Du meine ſchöne Maid, Du Inbegriff des edelſten Ge⸗ fühles und der klarſten Vernunft, Du holdſeligſte Majken Guld⸗ brandsſon! Ich ſitze hier in meiner einſamen Cajüte, aber ich umarme Dich dennoch beinahe eben ſo wirklich, als ob unſere lebenswarmen Herzen aneinanderpochten. Sieh, ich hörte einmal einen meiner Bekannten, der natür⸗ lich von unſerer Verlobung Nichts wußte, ſagen:„In Majken 173 könnte ich mich nie verlieben, dieſes Mädchen wäre mir viel zu mannhaft, ſowohl in ihrem Koſtüm als in ihrem ganzen Weſen.“ O, Du Eſel, dachte ich, Du weißt nicht, daß dieſe prächtige Schale eine ganze Welt von abſonderlicher Poeſie in ſich birgt. Denn Du biſt wirklich poetiſch, mein Majken, wie in jeder wirklichen und tiefen Natur Poeſie iſt. Deines Herzens einfache Güte, Deiner Seele friſche fröhliche Erhebung über alles Klein⸗ liche, Dein kräftiges Ehrgefühl, Deine Verachtung gegen alle niedrigen Berechnungen und Dein Beſtreben in der Stille das Werk deſſen zu verrichten, dem Du mehr, als Jemand glaubt, zu gleichen ſuchſt— alles das iſt die wahre Poeſie, ſo wie ich ſie verſtehe. Und das Glück endlich in irdiſcher Wirklichkeit eine ſolche Frau zu bekommen, wie Du biſt, kann mit keinem Warten zu theuer bezahlt werden. Aber das ſage ich Dir, ſo überſchwäng⸗ lich bin ich nicht, daß ich nicht unbedingt den Anfang der Selig⸗ keit ſchon hienieden begehren und fordern ſollte. Geliebte, Du ſprichſt in Deinem Brief von dem traurigen Ereigniß mit der jungen Frau, die am Svartſkärſtrand gefunden wurde. Ach, auch ich habe ihr innige Theilnahme gewidmet. Ich wohnte ſogar— obwohl in einiger Entfernung, weil ich mit Deinem Vater nicht zuſammentreffen wollte— ihrer Beerdigung bei. Und nachdem alle Andern gegangen waren, trat ich vor und ebnete ihre Decke... Wo weint jetzt ihr Gatte? DO— ſeine junge Frau zu verlieren! Wer indeß den ſtärkſten Eindruck von dieſem Ereigniß em⸗ pfangen hat, das iſt Thorborg. Sie ſagte mir geſtern, daß ſie, ohne jedoch die mindeſte Furcht zu empfinden, jede Nacht träume, die fremde Frau ſitze an ihrem Bett und ſtreichle ihre Hand, die Hand, welche den Blumenkranz auf ihren einſamen Hügel gelegt, und dann ſei es ihr zu Muthe, als müßte unwillkürlich eine innige Verbindung zwiſchen ihr ſelbſt und der Dahinge⸗ 174 gangenen beſtehen. Sie behauptete mit ihrer milden Beſtimmt⸗ heit, daß ſie in Zukunft eine Aufklärung darüber erhalten werde. Dies iſt nun freilich reine Schwärmerei, aber Thorborg iſt ſonſt bei all ihrer Weichheit keine Schwärmerin. Ich vermuthe, daß ihre Nerven durch den zugleich unheimlichen und romantiſchen Charakter des ganzen Ereigniſſes allzu ſtark erſchüttert worden ſind, und wahrſcheinlich wird ſie über dieſes Vereinigungsband niemals eine weitere Aufklärung erhalten. Deine Bemerkungen in Betreff Holts verrathen Deinen ge⸗ wöhnlichen Scharfſinn. Und wer, wie ich, dieſen Herrn einige Mal mit der Frau ſeines Aſſocié beiſammen geſehen hat, dem iſt es vollkommen klar, daß er wenigſtens den Keim einer ver⸗ brecheriſchen Leidenſchaft in ſich trägt. Hjelm iſt arglos wie ein Kind— die wahre Chre iſt es immer. Ich will aber nicht ſagen, daß dies auch bei der ent⸗ zückenden Frau Emilie der Fall ſei. Wenigſtens weiß ich nicht, worin ich ſonſt den Grund zu ihrer ſteifen Zurückhaltung ſuchen ſollte, ſobald Holt ſich nur im mindeſten nähert. Ich war heute über Mittag dort. Ich wollte Hjelm, im Auftrag eines Mannes von Uddevalla, ein gutes Geſchäft vor⸗ ſchlagen, und als wir nach dem Eſſen mit dem Caffetiſch vor uns am Camin ſaßen, ſah ich beim Feuerſchein Holts Blick auf einem wirklich gefährlichen Sprung zwiſchen den Händen und dem Geſicht der jungen Wirthin begriffen. Endlich als ſie die Caffe⸗ kanne wegſtellte, ſchaute ſie auf und ertappte ohne Zweifel ſeine Augen, denn ſie fuhr ſo heftig zuſammen, daß ſie die Hälfte ihrer Taſſe verſchüttete. „Du verbrennſt Dich, meine Liebe— darf ich Dir helfen? Du ſiehſt in der Dämmerung nicht,“ ſagte Hjelm mit ſeiner herzlichen Stimme. „Nein ich danke,“ antwortete ſie mit einer anmuthsvollen Bewegung.„Es gibt Verdrießlichkeiten, bei denen es wahrſchein⸗ lich am beſten iſt, wenn man ſich ſelbſt hilft.“ 175 Holt wurde feuerroth— er begriff ſeine Niederlage ſehr gut. Ich habe mich ſelbſt gefragt, ob eine junge Frau ſich gegen ihren Mann ausſprechen müſſe oder nicht, wenn ſie Grund zu einem ſolchen Argwohn hat, wie Frau Hjelm ohne Zweifel jetzt in Beziehung auf Holt. Aber ich bin zu dem Schluſſe gekom⸗ men, daß es das Beſte ſei den Mann nicht ohne die dringend⸗ ſten Gründe zu wecken. Indeß glaube ich, daß weniger Jugend und mehr Erfahrung als ſie beſitzt dazu gehört, um in dieſem Fahrwaſſer den richtigen Curs zu ſteuern. Es thut mir leid, daß Ake Hjelm, dieſer grundehrliche Mann, einen ſolchen offenbaren Gauner zum Aſſocié bekommen hat. Man merkt es ſo gut an Kleinigkeiten, daß er ein ſchlauer Fuchs iſt, obwohl er es noch nicht gewagt hat ſich in ſeinen Handlun⸗ gen als ſolcher kundzugeben, und bereits ſind die Herren ſehr uneinig in Betreff der Führung ihrer Geſchäfte. Tauſend und abertauſend Mal habe ich, während ich dies ſchrieb, Dein ſchönes Tuch betrachtet. Ich kann nie in ſo viele Kältegrade hinauskommen, daß es mich nicht genügend erwärmen ſollte, und die rothe Farbe iſt die Farbe unſerer Liebe. O Dank, Dank, Geliebte! Nächſten Samſtag habe ich, wenn kein wichtiges Hinderniß dazwiſchen kommt, ein Geſchäft in Fjällbacka. Ich ſchreibe Dir dies für den Fall, daß Du vielleicht auch ein Geſchäft dort ha⸗ ben ſollteſt. Unter allen Umſtänden treffen wir uns in der nächſten Woche, wenn Du Deinen Gudmar mit einem Beſuch im Pfarrhauſe beglückſt. Jetzt gehe ich aufs Verdeck und ſchicke Dir einen Gruß mit dem Abendſtern. Ich höre Lommes Violine nicht mehr. Der junge Spiel⸗ mann iſt vielleicht eingeſchlafen und hat die Muſik dem Tanze zulieb aufgegeben— denn ſeine Träume gehen einzig und allein darauf hinaus, daß er ſich als Helden im Fiſchertanz er⸗ blickt, was, wie Du weißt, eine anſchauliche Vorſtellung zwiſchen 176 dem Fiſcher und dem Käufer iſt, wobei es ſehr häufig blutige Hiebe ſetzt. Schon manchmal habe ich meinen Lomme geweckt, wenn er mit ſeinen Armen ſo ſtark in der Fahrt war, daß der Schweiß von ihm floß, wobei er vor ſich hinträllerte: „Habt Ihr brav Fiſche heut bekommen?“ In meinen Träumen, und von einem ſolchen Traum hoffe ich heute Nacht erfreut zu werden, erblicke ich mich immer als Controleur in einer prächtigen Wohnung, und wenn ich vom Zollamt nach Hauſe kehre, ſo kommt mir eine Gattin entgegen, dergleichen noch nie ein Mann gehabt hat. Und jetzt leb wohl und gute Nacht, Herzliebſte! Mögen des Himmels ſchönſte Engel über Dich wachen und Dich träumen laſſen, Du ſteheſt am Fenſter und warteſt auf Deinen Contro⸗ leur.................... He! was gibts denn da? Der Lomme tanzt wahrhaftig jetzt den Fiſchertanz nicht, denn er kommt ganz wach die Treppe herab. „Herr Lieutenant!“ „Nun, was gibts?“ „Sie dürfen mir's glauben, Herr Lieutenant, daß hier Sa⸗ tans Zeug in der Fahrt iſt. Als ich die Fela weglegte, die allerdings ſo ſtark ging, daß die Leute glauben konnten, ſie dürften während der Muſik thun was ſie nur wollten, bekam ich Ruderſchläge ganz dicht bei uns zu hören. Nun nun, es ging, als wären es Katzenpfoten ſtatt Ruder. Aber ich hörte ſie dennoch an der Landſeite, denn ſo viel iſt ausgemacht, daß kein Menſch ſo ſichere Ohren hat wie ein rechter Spielmann.“ Ich kritzle das ſo ſchnell hin als Lomme ſpricht. Jetzt wie ein ſiedendes Donnerwetter hinaus an die Arbeit, meine ſchöne Maid! Gott weiß, wie es mit meinem Traum heute Nacht gehen wird. Dein Gudmar. —— A—.— (0 SB S— Z SͤRAXS 2 ☛ — 177 An einem andern Ort werden wir erfahren, wie der Lieute⸗ nant ſeine Nacht zubrachte So viel iſt gewiß, daß ſie ihm nicht unter Liebesträumen verfloß. X Achtzehntes Kapitel. Noch eine Aſſocisſchaft. Ungefähr acht Tage nach dem Abend, wo der Lieutenant den Brief an ſeine ſchöne Maid ſo haſtig ſchloß, beſuchen wir jetzt einen Platz, der in ſeiner wilden großartigen Einſamkeit nur Denjenigen, die an den Kampf zwiſchen den Brandungen und den Schiffen, zwiſchen Gottes Werk und unmächtigem Menſchen⸗ werke gewöhnt ſind, ein Gefühl der Sicherheit einzuflößen vermag. Wir wollen in die Hütte des alten Lootſen auf der Uhu⸗ klippe hineinſehen. Sie war jetzt keine Lootſenſtation mehr, denn der Alte hatte dem mit eben ſo viel Verantwortlichkeit und Mühe ver⸗ bundenen als undankbaren und unbelohnten Lootſenhandwerk Valet geſagt. Aber die Hütte hat er behalten dürfen, und noch war ſeine kräftige wettergebräunte Hand im Stande das Ruder zu führen, wenn er aus eigenem freiem Willen und aus Menſchenliebe ſein Leben in die Schanze ſchlug, um andere zu retten. Und mit Stolz konnte er ſagen, daß ſein ſicheres Auge manches Schiff oben erhalten hatte, wenn die ſchwarzen Hände, die einem Schifferglauben zufolge aus den weiß ſchäumenden Sturzwellen um die Wetterinſel her emporkommen, bereits im Begriff waren es in die Tiefe hinabzuziehen.— Die aus Rundhölzern zuſammengeſetzte Hütte war beinahe ganz offen, dem ewigen Außenwinde ausgeſetzt, der zur Herbſtzeit Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 12 178 in den Scheeren weht. Nur auf der einen Seite hatte die Fels⸗ wand eine kleine Windſtille, und an dieſer Seite ſtand der Herd. Auf beiden Seiten deſſelben befanden ſich zwei in der Wand be⸗ feſtigte Gerüſte oder Betten. Das übrige Mobiliar beſtand aus einigen altersſchwarzen ſchwerfüßigen Stühlen, einem braunen Klapptiſch, in allen Richtungen mit groben Meſſerzeichnungen größtentheils Zifferzeichen für gewiſſe merkwürdige Tage durch⸗ kreuzt, einigen alten mit holländiſchen Heiligenbildern überkleb⸗ ten Schränken nebſt zwei oder drei Schifferkiſten, und endlich einer Bank an der Thüre für verſchiedene Arten von Geräth⸗ ſchaften. An den Wänden in der großen Stube hingen außer der Guckucksuhr und dem Alltags⸗ und Gallacoſtüm des Lootſen⸗ vaters diejenigen Zierrathen, die ſich in den Hütten auf den Inſeln und am Ufer ſtets vorfinden, nämlich die eigentlichen Geräthſchaften des Fiſcher⸗ und Schifferhandwerks. Es hatte eben vier Uhr Mittags geſchlagen; aber die dicke Oktoberluft hatte bereits alle Gegenſtände in ihre graue Dämme⸗ rung eingehüllt, und mit Mühe konnten die beiden Männer, der alte Lootſe ſelbſt— ſein wahrer Name war Bengt Uhuſohn: die Klippe führte ſeinen eigenen Namen— und der alte Gädda, ſein Gaſt und Freund, die einander gegenüber am Tiſche ſaßen, ſich ſehen, denn von der ſpärlichen Glut auf dem Herd ſprang nur dann und wann ein Funke auf und warf einen Schimmer über die ſchwarzrothen Figürchen, die von der Loderaſche ge⸗ bildet wurden. In dieſen Hieroglyphen war der Lootſe beſſer zu Hauſe als in ſeinem alten Catechismus, obſchon er eine große Ehre darein ſetzte auch in dieſem bewandert zu ſein. Aber die Sprache des Catechismus konnte Jeder leſen, der zu buchſtabiren verſtand und einigen Confirmationsunterricht genoſſen hatte. Die Sprachen dagegen, die in der erbleichenden Glut auf dem Herde des Loot⸗ ſen gezeichnet ſtanden, vermochte Niemand als er ſelbſt zu deu⸗ ten, und unzählige Male hatte er mehrere Abende hintereinander, ————— —.—. A -——+— 1 8 SRESE R Z 3 en — 179 bevor ein Unglück eintraf, daſſelbe auf ſeine eigene Weiſe ge⸗ leſen und an den Wetterinſeln die ſchwarzen Hände, von denen man glaubte, daß ſie den auf Meeresgrund ruhenden Todten angehören, ſich ausſtrecken geſehen, gleich als wollten ſie zum Voraus weitere Geſellſchaft zu ſich winken. „Ja ſo ſteht's,“ ſprachen die Alten weiter.„So ſteht's, Gädda, mit der Ehrlichkeit der Herrenleute, welche Alles unter ihrer Hand haben. Der Lootſe muß ſich abrackern wie ein Hund, ja zehnmal ärger als ein Hund, und doch wird es dem Bein, das er abzunagen bekommt, ſehr ſchwer ſein eigenes Fleiſch zu erkennen— auch wundert ſich Niemand darüber, wenn es be⸗ reits abgenagt iſt.“, „Das iſt aber doch wunderlich,“ verſetzte Gädda.„Ich habe ſchon manchmal Herrn Moß— verſteht ſich, wenn er mit Andern ſprach— die Saite anſchlagen hören, daß bei den Aus⸗ theilungen nicht einmal ein Stüber für die Looiſen herauskomme. Nur allzu wahr. Man würde auch Nichts verlangen, wenn die Lootſen wenigſtens beim Austheilungsſchmaus dabei ſein dürften, aber mit dieſem Schmaus iſt es accurat, wie es in der heiligen Schrift ſteht: Der Tiſch war voll von Leuten— es waren Viele berufen, aber Wenige auserwählt.“ „Du biſt ſehr geſchickt in Auslegungen, Lootſenvater.“ „Das kann auch nicht anders ſein, da ich ſo viele Dinge erlebt habe... Erinnerſt Du Dich, Gädda, des prächtigen ſpa⸗ niſchen Schiffes, das vor ein paar Jahren hier an den Wetter⸗ inſeln Haverie machte, und das ich und ein paar andere Lootſen retteten und nach Lyſekil führten, wo Wrack und Ladung ſo theuer verkauft wurden, daß ich mich jetzt gar nicht mehr darauf entſinnen kann? Nun, ſpäter kam Alles zuſammen nach Göteborg, und da wurde ſo ein Prämiß, wie ſie es nennen, gehalten und es wurde geſprochen, die Lootſen ſollen tauſend Reichsthaler als ihren Antheil bekommen— ja das iſt die blanke Wahrheit, denn ich habe es von einem ehrlichen Manne gehört, der die ganze 180 Geſchichte mitanſah. Aber was bekamen wir... wir waren nicht unter den Ausgewählten geweſen... ja fünfzig Reichs⸗ thaler Alle zuſammen dafür, daß wir Leib und Leben gewagt hatten. Aber jetzt iſt es hier ſo ſchwarz wie im Meeresgrund — wir wollen die Lampe anzünden. Ich habe guten Thran.“ Bald verbreitete ſich der rothe Schein der rauchigen Thran⸗ lampe über die alten Männer, die in ihren grauen Sacklein⸗ wandhoſen und braungelben Jacken ganz phantaſtiſch ausſahen, mit ihren kurzen Pfeifchen im Mund und ihren ſpitzigen Hüten auf dem einen Ohr. „Weißt Du auch, Lootſenvater, was ich da für einen Ge⸗ danken habe?“ ſagte Gädda mit Nachdruck. „Nun was denn? Du biſt Manns genug Deinen Gedanken ſo in Worte zu ſetzen, daß man ihn verſtehen kann.“ „Ja,“ fuhr Gädda mit einem gutmüthigen Lächeln über das Compliment fort,„ich wollte ſagen, daß Diejenigen welche das Sündengeld in ihre Taſche ſteckten, ſein Gewicht nicht weniger ſchwer finden werden, als Holt einmal das Sündengeld finden wird, das er der Weibsperſon abnahm, die vor ein paar Wochen begraben wurde.“ „Das war eine garſtige Sache, und ich kann immer noch nicht mit mir ſelbſt in's Reine kommen, ob es Recht war, daß wir ſchwiegen.“ „Was hätte auch das Reden nützen ſollen? Für die Herren⸗ leute iſt es, ſo lange ſie zuſammenhalten, eine Kleinigkeit Weiß in Schwarz und Schwarz in Weiß zu verwandeln. Wir hatten ja die Sache gar nicht in den Händen. Etwas anderes wäre es geweſen, wenn das Gericht eine Unterſuchung angeſtellt hätte, dann hätten wir zur rechten Zeit herausrücken können. Aber ſiehſt Du, Lootſenvater, aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben, und wer im vorigen Jahr eingeſchlafen iſt, der kann im nächſten Jahr oder vielleicht auch erſt in zehn, zwölf Jahren wieder er⸗ wachen.“ 2 3 181 „Nun ja,“ meinte der Lootſe,„ſo lange werden bei uns Leib und Seele wohl noch zuſammenhalten... ich will Deinen Rath befolgen.“ „Und dieſer Rath kommt von einem Mann, der ſich auf die Sachen verſteht. Jetzt könnte man gegen Moß und Holt zuſammen Nichts ausrichten, denn ſie ſind wie zwei Fäden, die man über einen Knäuel gewickelt hat, und dieſe Eintracht währt wenigſtens ſo lange, bis es einmal wegen Mamſell Majken zum Bruche kommt.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ Der alte Lootſe legte zum Zeichen ſeiner tieferen Aufmerk⸗ ſamkeit ſeinen Stummel weg.„Ich habe,“ antwortete Gädda, „wohl bemerkt, was im Werk iſt. Ich ſah es gleich das erſte Mal als ich mit Moß und Holt in dem Fiſcherort war, wo ſie mit dem ehrlichen Hjelm zuſammentrafen. Auf dem Heimweg wurden ſie ſo gute Freunde, daß ein blinderer Menſch als der alte Gädda hätte begreifen können, daß Moß dem jungen Mann gleichſam das Innere herausdrehte um zu ſehen, ob er zu ſei⸗ nem Schwiegerſohn tauge.“ „Ich glaube nie, daß Majken ihren Herzliebſten aufgibt, denn ſie iſt ein Frauenzimmer, vor dem man Reſpect haben muß, und was den Jachtlieutenant betrifft, ſo hat noch nie ein beſſerer Mann in den Scheeren Stiefel getragen. Und alle Beide zu⸗ ſammen ſind Leute, die ihre Handſchuhe nicht von ſich laſſen, ge⸗ ſchweige denn das Glück.“ 3 „Ja ſo iſts. Aber eben ſo wenig läßt Moß aus ſeinem Herzen— wenn er nämlich Etwas von dieſer Waare beſitzt— den Haß und Aerger, den er auf den Jachtlieutenant geworfen hat, weil ſie nicht miteinander übereinkommen konnten als Brü⸗ der auf Koſten der königlichen Zollkammer zu leben. Holt iſt ein ganz anderes Früchtchen und hat ſich ſchon längſt unter das Commando von Moß geſtellt. Sie bedauerten ſehr, daß ſie 18²2 Hjelm nicht zum Dritten im Bund bekommen konnten, da hätte man vollen Wind im Segel ſehen können.“ „Du meinſt alſo, Gädda, daß die Herren auf Svartſkär bereits ungleich ziehen?“ „Nicht in der Zungenſprache, ſo viel ich gehört habe; aber ich weiß, ſo gewiß als ich hier ſitze, daß Holt ſehr große Ge⸗ heimniſſe vor ſeinem Aſſocié hat.“ „Sagſt Du das— was mag es ſein?“ „Ich will es Dir nicht verſchweigen, da wir hier in aller Vertraulichkeit beiſammen ſitzen. Aber das kannſt Du mir glau⸗ ben, daß der Jachtlieutenant vor etwa acht Tagen einen Stoß bekommen hat, der ihm nicht gut ſchmeckte, nachdem er kurz vor⸗ her ganz guten Segelwind in ſeinen Expeditionen gehabt hatte, und da war Holt...“ „Warte, Gädda, ich habe noch ein paar Tropfen Cognac von Mamſell Majkens letztem Geſchenk. Hole Waſſer mit der Schöpfkanne dort, während ich den Cognac und die Krüge ſu⸗ chen will.“ Bald war der Grog in Ordnung; die alten Männer ſtell⸗ ten ihn in ihre Mitte und ſetzten ſich wieder auf ihre Plätze, worauf Gädda, nachdem er zuerſt ſeine Pfeife angezündet, den Faden des Geſprächs wieder aufnahm.. „Nun, die Sache ging ſo zu. Der Lieutenant, der am Morgen auf ſeinem Schooner Iduna eine kleine Freude gehabt hatte und in guten Humor gekommen war, hatte am Mittag bei Svartſkär Anker geworfen und war da geblieben, um mit den Herrſchaften zu Mittag zu eſſen.“. „Ich fange an Unrath zu wittern.“ „Ja ja, Du haſt einen gar feinen Geruch... aber jetzt mußt Du zuerſt wiſſen, daß Holt, der ſich mit keinen Kleinigkei⸗ ten abzugeben gedenkt, ſich bereits mit den Esbjörnſöhnen auf Mörkö, der Bärenbrut, wie man ſie nennt, an Bord gelegt hat. Und gewiß hätte er ſich— darauf ſetze ich meine ſündige Seele ————— 183 zum Pfand— nicht an dieſe Hauptſchmuggler gewendet, wenn nicht einige engliſche Waaren mit der Hummercommiſſion gekom⸗ men wären, denn Holt iſt zu abgeſchliffen, als daß er eine Sache nicht auf mehrere Arten ausbrüten ſollte.“ „Wie Du Alles ſo gut merkſt, Gädda!“ „Ja ja, es geht an. Du ſollſt nun hören, wie ich den Faden zu dieſem Geheimniß erhielt. Jetzt hatten die Mörköer für Holts Rechnung eine ganze Menge koſtbarer Waaren in der Berghöhle bei Moſſö verſteckt, denn ſie hatten dieſelben nicht wei⸗ ter bringen können, weil der Jachtlieutenant beſtändig auf der See draußen liegt. Aber Holt dachte, jetzt ſchickt es ſich gut, ſo lange der Jachtlieutenant hier zu Mittag ißt, kann ich hier die Waaren von Moſſö herüberſchaffen; und dann dachte er fer⸗ ner— denn aus dem was nachher geſchah kann ich accurat er⸗ ſehen, was er dachte— dann kann ich, ſobald die Zolljacht wie⸗ der fort iſt, die Waaren glücklich in die Seemagazine ſchaffen, und hernach wollen wir weiter ſehen.“ „Höre, Gädda, ich bin ſehr neugierig wie es weiter ging,“ erinnerte der alte Lootſe, während Gädda dem Grog zuſprach und mit einem Segelnäherspfriemen das Feuer in ſeiner Pfeife auffriſchte. „Das iſt ganz klar... Durch einen der Ladendiener, wel⸗ chen Holt ſelbſt angeſchafft hat, erhielten die Mörköer das Sig⸗ nal. Sie begriffen bald, wie viel Uhr es geſchlagen hatte. Aber da die Waare nicht fliegen konnte, ſo waren die Leute noch nicht weiter als bis zum Einpacken im Boot gekommen, als auf ein⸗ mal die Zolljacht anſtach und ſich zur Nachtruhe bei Moſſö ſelbſt ihnen gerade in den Weg legte, ſo daß ſie ſich nur mit knapper Noth hinter der Lillepyttſcheere verſtecken konnten.“ „Proſit, Gädda! Du biſt ein ſo kurzweiliger Geſell, daß Du unter allen Umſtänden zu mir herausziehen mußt. Wir können da manchen Abend vergnügt miteinander zubringen, da wir ja 184 doch nach dem Willen des lieben Gottes Hageſtolze geblieben ſind.“ „Wohl wahr— und Du weißt noch nicht, warum ich eigentlich hiehergekommen bin. Aber jetzt will ich mein Geſchicht⸗ chen vollends auserzählen.“ „Ja thue das, und bekomme ich hernach noch etwas ande⸗ res Gutes zu hören, dann iſt es nur um ſo beſſer... Du biſt bei der Lillepyttſcheere ſtehen geblieben.“ „Ja ſo iſts. Du haſt guten Tabak, Lootſenvater, und ich will mir noch ein Pfeiſchen ſtopfen.“ „Den Tabak habe ich vom Jachtlieutenant. Es beſteht alſo eine neue Verwandtſchaft zwiſchen ihm und dem Faden der Zoll⸗ jachtgeſchichte.“ „Jetzt gehe ich wieder vom Stapel... Der Lieutenant hatte gar keine Ahnung von der wichtigen Nachbarſchaft. Er ſaß alſo ganz friedlich in ſeiner Cajüte unten, und Storke⸗Pelle hatte,— das kann ich mir wohl denken— ein Wörtchen mit ſei⸗ nem Geſangbuch und ſeinem Grog zu ſprechen, obſchon ich es nicht ſo präcis ſagen kann. Aber da ich ſelbſt in der Nähe war, denn ich hatte ein ehrliches Geſchäft auf Moſſö, ſo hörte ich mit meinen eigenen Ohren Sven Dillkopf auf ſeiner Fela ſpielen, ſo daß es in den Klippen widerklang. Dies war Engelsmuſik für die Mörköer— ſie hätten ſo lange gewartet und weder vor⸗ noch rückwärts kommen können, daß ſie jetzt in ihrem kecken Ue⸗ bermuth gerade vor der Naſe der Zolljacht ganz ſachte zu den Rudern zu greifen und damit zu arbeiten anfingen. Aber im ſelben Augenblick hörte der Nordhatte mit ſeiner Polska auf, und da er ein feines Gehör hat, ſo merkte er bald, daß Rudermuſik in der Nähe war, und ging ſchnell zum Jachtlieutenant hinun⸗ ter. Ich ſah das vom Ufer aus und ebenſo ſah ich, daß der Lieutenant im Augenblick oben war und Storke⸗Pelle hinter ihm drein. Du kannſt Dir denken, was das für ein Leben war. Der Jachtlieutenant iſt flink in ſeinen Wendungen. Ein ſo tüch⸗ 185 tiger Seemann ich ſelbſt bin, ſo hätte ich es doch nicht ſchneller klar bekommen. Aber die Mörköer, die bereits in Gang gekom⸗ men waren, ruderten ſo, daß der Schaum um ſie herum auf⸗ ſpritzte. Die Zolljacht nicht faul hinten her. Hui, wie das aus dem Felde ging! Das war eine Hetzjagd! Der Anruf des Lieu⸗ tenants wurde von den Mörköern mit Hohngelächter beantwor⸗ tet. Die verdammte Bärenbrut verſteht ein Boot zu regieren, das muß man zugeben. Der Preiſchuß wirkte eben ſo wenig als der Anruf. Aber dann konnte ich nichts mehr ſehen. Das Uebrige habe ich im Vertrauen von einem Manne gehört, der es genau wußte, weil er ſelbſt dabei war.“ „Nur weiter, weiter!“ rief der Lootſenvater ungeduldig. „Du ſprichſt gerade ſo, daß ich die ganze Bataille vor mir habe, wie wenn ſie an die Wand gemalt wäre. Fahr fort, Gädda, fahr fort.“ „Ich bin zu trocken im Hals: ich will ui9 nur ausſpülen. Das Ende war, daß der Jachtlieutenant noch einmal das Pul⸗ ver der Krone umſonſt verſchießen mußte, denn jetzt nahm der Nebel ſo überhand, daß ſie am Ende die Hand vor den Augen nicht mehr ſehen konnten, und nun mußten ſie ſich beiderſeitig zu einem kleinen Parlamentiren entſchließen und legten bei, bis der Tag anbrechen würde.“ „Wenn ich die Mörköerbären recht kenne,“ fiel der Lootſe ein,„ſo gaben ſie ſich zu keinem Parlamentiren her, ohne daß ſie ihre triftigen Gründe hatten. Sie kannten gewiß das Land, wo ſie beilegten.“ „Du wirſt ſogleich hören. Die Morgendämmerung hatte blos mit einem halben Augenlid hervorgeguckt, als der Jacht⸗ lieutenant bereits in Thätigkeit war, nachdem er ſelbſt die ganze Nacht Wache gehalten und das Boot nicht aus dem Auge ver⸗ loren hatte, wenn man nämlich ein bloſes Ahnen in der Finſter⸗ niß ſo nennen kann. Nun, das Boot fand ſich vor; da es ſich aber auch jetzt noch nicht gutwillig ergab, ſondern von Neuem 186 in die See ſtach, ſo begann der Wettlauf abermals. Aber dies⸗ mal wurde die Zolljacht Meiſter. Die ergrimmten Mörköer, welche jetzt die Jacht in alle möglichen Verſtecke hinter ſich her⸗ gelockt hatten, mußten ſich endlich bequemen mit der langen Seite am Zollſchiff anzulegen. Du kannſt Dir denken, mit welchem Stolz der Jachtlieutenant— denn es war eine große Ehre, daß er nach ſo langer Jagd über die Burſche geſiegt hatte— in das Boot hinüberſtieg und mit Hilfe des Storke⸗Pelle ſeine Ge⸗ ſchäfte begann...“ „Weiter, weiter, Gädda!“ „Blicke jetzt nur wieder an die Wand, Lootſenvater, ob Du nicht das Geſicht des Lieutenants mit all den Veränderungen ſiehſt, welche zuerſt die Freude und der Hochmuth, dann das Er⸗ ſtaunen und endlich der Aerger darin hervorbrachten. Es knackte ihm in den Gliedern und ſeine Augen flammten, wie wenn der leibhaftige Teufel auf jeder Seite vor ihm ſtände, als er fand, daß er, der Lieutenant, der ſowohl in ſeinen eigenen als in fremden Augen ein ſolcher Weltskerl iſt, ſich von den verdamm⸗ ten Mörköerbären wie ein Kind hatte narren laſſen. Es war ſonnenklar, daß ſie während des dicken Nebels in der Nacht ans Land gewatet waren und die Päcke in Sicherheit gebracht hat⸗ ten. Die ganze Morgenjagd hatte nur ſtattgefunden, um den Lieutenant irrezuleiten und ihm noch obendrein in den Bart zu lachen. Jetzt haben die Schlingel die Waaren in beſter Sicher⸗ heit auf den Landrücken geſchafft— das hat mir einer von ih⸗ nen ſelbſt erzählt— und von da geht der Schatz mit einer Ge⸗ treidefuhr weiter, denn es waren keine ſolche Waaren, womit dieſe Leute auf Svartſkär handeln... Und nun iſt die Ge⸗ ſchichte aus.“ „Dank, Gädda, großen ſchönen Dank! Aber haſt Du nicht gehört, wie es dem Jachtlieutenant ſpäter gegangen iſt?“ „Ich hörte weiter Nichts, als daß er, als er an Bord zu⸗ rückkam, die Cajütenthüre hinter ſich zuſchlug, ſo daß Lomme — —R— ——.— — — 187 ſagte, er hätte geglaubt, ſie müſſe aus den Angeln fliegen; aber jetzt iſt er wieder bei beſſerem Humor, ſeit Mamſell Majken nach Svartſkär gekommen iſt. Sonſt aber glaube ich nicht, daß er auf dem Lande war, ſeitdem die Zolljacht ihren Contretanz mit dem Mörköer Boot aufgeführt hatte.“ „Und was jetzt das Geſchäft betrifft, das Du hatteſt, Gädda! Es wäre mir ein großes Wohlbehagen, wenn Du Dich zu dem entſchließen wollteſt, wovon wir ſchon ſo manchmal geſprochen haben.“ „Topp, da haſt Du meine Hand! Ich bin juſt hergekommen, Lootſenvater, um Dir zu ſagen, daß ich des Zuſammenlebens mit meinen Geſchwiſterkindern müde geworden bin, und willſt Du mich zum Backkameraden haben, ſo ziehe ich gleich morgen mit meiner Montirung und meiner Kiſte ein.“ „Nun endlich iſt doch das zu Stande gekommen,“ antwor⸗ tete der alte Lootſe, indem er Gädda die Hand ſchüttelte.„Wir wollen unſer Neſt bauen wie zwei alte Seevögel, und wenn wir auch zu guter Letzt nur noch auf einem Bein Jeder ſtehen kön⸗ nen, ſo macht es doch zuſammen zwei, und wenn wir noch mit einem Auge Jeder ſehen, ſo macht es wiederum zuſammen zwei.“ „Wie richtig Du ſprichſt, Lootſenvater... Aber höre jetzt etwas Anderes was mir gerade in den Sinn kommt. Wir wol⸗ len auf dieſe Speculation hin den letzten Tropfen aus Deinem Cognacfäßchen herauspreſſen, denn ich habe ein noch ganz unbe⸗ rührtes, das Moß mir beim Abſchied für meine vielen Dienſte geſchenkt hat.“ „Nun dieſe Neuigkeit läßt ſich hören. Wir können alſo un⸗ ſer Zuſammenleben in aller Luſtigkeit anfangen. Fiſche finden ſich im Meer, und einen Stüber zu Brod habe ich auch auf die Seite gelegt.“ „Ueberdies mußt Du wiſſen, daß ich ebenfalls etwas erſpart und dafür in Svenneby eine junge Kuh gekauft habe. Jetzt ſollen meine Geſchwiſterkinder die Hälfte davon bekommen, denn 188 ſie haben mir eine Zeitlang auch vom Ihrigen gegeben, aber mit der andern Hälfte wollen wir uns hier gütlich thun, und dann will ich ſehen, wer es beſſer haben kann als die Alten auf der Uhuklippe.“ Und hiemit war die Compagnieſchaft gegründet. Und jetzt gingen ſie auf die Felſen hinaus und ſahen ſich um. Aber man hörte nichts als das Brauſen und Toben des kalten Oktoberwindes, und man ſah nichts Anderes als die dü⸗ ſtern Felſen und das düſtere Waſſer, über welches nur der ein⸗ ſame Stern von dem Hallöer Leuchtthurm hinſchimmerte. „Heute Nacht können diejenigen, die da unten ſchlafen, vor⸗ neuer Geſellſchaft Ruhe haben,“ ſagte der Lootſe mit einer be⸗ zeichnenden Bewegung nach der Tiefe hin.„Ich habe heute Abend nichts geſehen, weder in der Glut noch in der Aſche.“ „Siehſt Du ſonſt etwas, wenn es draußen rumort?“ „Allerdings... aber laß uns jetzt wieder hineingehen und das Cognacfäßchen vollends leeren. Hernach tragen wir die Ha⸗ fergrütze auf, und da wir gleichſam zu einem kleinen Wohlſtand kommen, ſo wollen wir auch ein wenig Speck braten; das ziſcht ſo ſchön in den Ohren.“ „Ja das iſt wirklich eine liebliche Muſik!“ Neunzehntes Kapitel. Zwiſchen dem Sofa und dem Kachelofen. * „Vergebens bemühſt Du Dich heute Nachmittag heiter zu erſcheinen, Du biſt es ganz und gar nicht, meine beſte Majken,“ ſagte Emilie, die zu gleicher Zeit Wirthin und Gaſt war. Majken war nämlich mit ihrem Vater— wie ſie ſchon vor⸗ — ſtrahlende Antwort, daß keine andere nöthig war. 189 her in ihrem Brief an Gudmar angekündigt hatte— nach Svartſkär gekommen, wo ſie ihre ehemaligen beiden Zimmer nebſt den Möbeln darin noch beſaß. Sie hatte dies gewünſcht, und da der Kaufmann ſeiner Tochter in Kleinigkeiten niemals wider⸗ ſprach und überdies hoffte, dieſe Idee könnte ſeinen eigenen Plä⸗ nen förderlich werden, ſo wurde ihr dieſer Wunſch gewährt; die beiden jungen Damen befanden ſich alſo jetzt im blauen Zimmer mit den Seevögeln und den Fiſchen an der Decke und hatten ſichs in ihren Lehnſtühlen zwiſchen dem Kachelofen und dem Sofa bequem gemacht. Das Feuer flackerte lebhaft und warf ſeinen blinkenden Schein auf die dunkeln Vögel und die chineſiſchen Porzellanfigür⸗ chen, die aus ihren Winkeln hervorguckten und wie gute kleine Hausgeiſter zu Behaglichkeit und Ruhe einluden. Es war zwiſchen dem Caffe und dem Abendeſſen, eine Zeit, wo die Damen keine Störung von Seiten der Herrn zu fürchten hatten. „Nun ja,“ antwortete Majken,„ich weiß nicht, warum ich es läugnen ſollte, daß ich etwas ſchlecht aufgelegt bin. Du kennſt ja mein Verhältniß zu Gudmar Guldbrandsſon und Du haſt auch von Papas entſchiedenem Unwillen gegen die einzige Art und Weiſe, wie ich glücklich werden kann, gehört.“ „Ich weiß das Alles von Thorborg, und Du kannſt Dir denken, mit welch inniger Theilnahme ich es vernommen habe. Und da Thorborg und ich einander bereits ſo liebgewonnen ha⸗ ben, daß wir allerlei vertrauliche Mittheilungen miteinander aus⸗ tauſchen können, ſo wäre es ſehr angenehm, wenn auch Du meine Freundin werden wollteſt, obſchon ich als Fremde unter Euch ge⸗ kommen bin.“ 2 „Willſt Du mich dann auch lieben?“ fragte Majken mit ſo ſanfter Stimme, daß Emiliens Vertrauen und Freundſchaft ſo⸗ gleich um ein Gutes ſtiegen, und ihre Augen gaben eine ſo „Ich verſtehe Dich,“ fuhr Majken fort,„und jetzt will ich Dir mittheilen, daß ich mit Sicherheit darauf gerechnet habe Gud⸗ mar zu treffen, aber er hat ſich in den vier Tagen, die wir hier ſind, weder in Svartſkär noch im Pfarrhaus blicken laſſen, wo ich, wie Du weißt, einige Beſuche gemacht habe.“ „Sag mir zuerſt,“ fragte Emilie,„wie Dein Vater Dir dieſe Freiheiten geſtatten kann, während er doch ſo entſchieden gegen die Partie iſt?“ „Er vertraut meinem Verſprechen, daß ich meinen Mund in Bezug auf Heirath gar nicht aufthun wolle, bis ich finde, daß wir gleiche Ideen haben. Jetzt beſteht die Kunſt darin ein ſol⸗ ches Vereinigungsband zu finden. Im Uebrigen hält er es für weniger wichtig, daß Gudmar und ich offen zuſammentreffen, als wenn wir geheime Auswege dazu ſuchen würden.“ „Aber auf dieſe Art,“ antwortete Emilie,„würde alſo Deine Verbindung noch fortbeſtehen?“ „Du darfſt nicht glauben, daß Papa ein Verhältniß, das er nicht ſelbſt beſtätigte, als eine Verbindung anſieht. Er weiß, daß er unſere Vereinigung hindern kann, nicht aber unſere Liebe. Darum tröſtet er ſich mit dem alten Sprichwort: Kommt Zeit, kommt Rath. Und wenn der Rath kommt, gibt er zu allerlei Veränderungen Anlaß.“ „Dein Vater dürfte wohl viele Pläne haben, die einander durchkreuzen, ſo z. B.....* Emilie zögerte ein wenig. „hat er geſagt, ich dürfe Dich nach ſeiner Abreiſe noch eine ganze Woche oder bis er wieder hierher komme, behalten. Dies iſt ſehr ſonderbar unter den gegenwärtigen Verhältniſſen, obſchon Gott am beſten weiß und Du es, glaub ich, auch weißt, wie dankbar ich dafür bin.“ Majfken erröthete und ſah etwas unſchlüſſig aus. „Laß mich Dir meine Anſicht ſagen,“ fuhr Emilie mit ge⸗ winnender Herzlichkeit fort. —— 191 „Gerne! Du erweiſeſt mir ſogar einen Dienſt, meine beſte Emilie, wenn Du die Lücke ausfüllſt, die ich offen laſſen muß.“ „Das iſt leicht. Dein Vater wünſcht, daß Du Dich noch einmal recht heimiſch auf Svartſkär f ſolleſt. Es iſt da Je⸗ mand, den er lieber zum Schwiegerſohn haben möchte, als Dei⸗ nen Jachtlieutenant.“ „Das iſt wohl möglich.“ 5 „Und der Vortheil, daß er Dich für ſeinen Lieblingszweck hier hat, drängt alle ſeine andern Befürchtungen in den Hinter⸗ grund zurück.“ „Alles das iſt vielleicht mehr als blos wahrſcheinlich. Aber da wir während unſerer viermonatlichen Bekanntſchaft bereits ſo vertraut geworden ſind, ſo erlaube ich mir die offene Frage, ob Du nicht durch irgend eine Aeußerung Deines Mannes oder ſonſt Jemandens erfahren haſt, wo Gudmar ſich gegenwärtig mit ſeiner Jacht aufhält.“ „Ich entſinne mich juſt,“ antwortete Emilie ſchnell,„daß ich geſtern, als ich am Laden vorbei nach dem Contor ging, Deinen Vater und Holt mit Lachen vom Jachtlieutenant ſprechen hörte.“ „Was ſagſt Du? Sie lachten, als ſie von Gudmar ſpra⸗ chen? aber das konnte ſich wohl auf alte Geſchichten beziehen.“ „Das glaube ich nicht. Es klang, wie wenn man ihm einen Poſſen geſpielt hätte.“ „Das wäre noch ſonderbarer— ſollte Papa um eine ſolche Geſchichte wiſſen?“ „Ich weiß nicht, auf wen es ſich bezog, aber ich hörte Dei⸗ nen Vater deutlich die Worte ſagen: Ich würde für dieſes Ge⸗ ſchäft gerne den Weibern eine lebenslängliche Rente geben, zumal da nur Einer der Brüder verheirathet iſt, und ich würde allen Wittwen in den Scheeren eine Penſion ausſetzen, wenn man Guldbrandsſon noch acht Tage lang in den April ſchickte.“. Während Emnilie ſprach, hatte eine leichte Bläſſe Majkens Wange überzogen. 192 „Ich fange an zu begreifen,“ ſagte ſie.„Sein letzter Brief erwähnte am Schluſſe, daß ihm plötzlich etwas aufgeſtoßen ſei. Dieſe Affaire mochte wohl die Fortſetzung derjenigen ſein, auf welche Papa andeutete, und dann kommt er deßhalb nicht nach Haus, denn die Pflicht iſt ihm das Allerhöchſte.“ „Aber die Liebe,“ fiel Emilie erröthend ein,„kann doch wohl auch auf Conto der Pflicht einen kleinen Abſtecher machen.“ „Gudmars Liebe muß der Pflicht weichen; ſo viel aber iſt ſicher, daß der Zwang, den er ſeiner Sehnſucht auferlegt, für ihn eben ſo drückend iſt wie für mich. Aber wenn er wegbleibt, während er mich in der Nähe weiß, ſo hat er auch wirklich ein wichtiges Geſchäft.“ „Ich ſehe Dir an,“ fuhr Emilie fort,„daß Du Deinen Gud⸗ mar innig und flammend liebſt. Liebt er Dich auch ſo?“ „Die Antwort auf dieſe Frage wirſt Du in Zukunft erhal⸗ ten. Inzwiſchen liebt er juſt ſo, wie ich will, daß jedes vernünf⸗ tige Geſchöpf lieben ſoll, mit lebendigem Gefühl, fähig Gut und Blut für den Gegenſtand ſeiner Liebe zu opfern, niemals aber unnöthig von Dingen ſchwatzend, die man nur fühlen und wiſſen ſoll. In den Worten werden die Gefühle verſchleudert und ab⸗ gemattet— man kann nicht unaufhörlich neue Worte erſinnen, die das Entzücken ſteigern. Und werden die Worte bedeutungs⸗ loſer, ſo fürchtet man, daß ſie den innern Zuſtand abdrucken.“ „Wie wunderlich Du herausſprichſt, Majken! Soll man denn niemals von ſeiner Liebe reden?“ „Ich ſage nicht, daß man niemals davon reden ſoll. In gewiſſen Augenblicken, wenn die Seele ein unwiderſtehliches Be⸗ dürfniß empfindet ſich vor derjenigen Seele zu entſchleiern, die unſere zweite Hälfte bildet, da dürfen wir das Bedürfniß des Geiſtes durch keinen Zwang niederdrücken. Aber wenn wir dem Himmel dieſen Tribut dargebracht, ſo ſollen wir dankbar und glücklich verwahren was wir dafür bekommen haben, und es nicht in Kleinigkeiten zerſplittern.“ d fü — HB——- A N N 193 „Was verſtehſt Du unter Kleinigkeiten?“ „Darunter verſtehe ich, wenn zwei Liebende oder Verlobte unaufhörlich von ihrem Entzücken und ihrer Anbetung für ein⸗ ander ſprechen. Sind ſie zwei vernünftige Leute, ſo ſprechen ſie, was eine friſche und geſunde Vernunft über Ereigniſſe und Verhältniſſe an die Hand gibt, wobei Gedanken und nicht blos Gefühle in Bewegung geſetzt werden. Weiß ich denn nicht, daß ich lebe und athme, wenn ich auch nicht beſtändig dieſe Gewiß⸗ heit wiederhole?“ „Ich möchte auch ſo denken können wie Du.“ „Es hat mir doch geſchienen als ob Du und Dein Mann eben ſo dächtet. Ich ſehe Euch niemals daſitzen und girren und Liebesunſinn miteinander ſchwatzen, wenigſtens nicht vor fremden Leuten. Dennoch ſieht Alles ſo friſch, ſo gemüthlich, ſo gut und gleichmäßig aus.“ „Ja gewiß, ſehr gleichmäßig.“ Das Herz der jungen Frau begann heftig zu ſchlagen. Das Blut kam wieder in die frühere wallende Bewegung. Es wäre eine wahre Wonne geweſen jetzt weinen zu dürfen, wenn nur die Würde nicht darunter gelitten hätte. „Majken, ich will nicht glauben—“ Emilie legte einen ganz feierlichen Ernſt in ihren Ton—„daß Du die Abſicht gehabt haſt einen empfindlichen Punkt zu berühren.“ „Was meinſt Du?“ fragte Majken erſtaunt. „Oder habe ich Dir etwas zu Leide gethan, daß Du mich verletzen willſt?“ „Liebe Emilie, ich ſehe Deine Bewegung zunehmen, ohne daß ich Dich verſtehe.“ „O Du verſtehſt mich wohl, wie auch ich verſtehe, daß Du mich wirklich pikiren und verletzen wollteſt.“ 3 Und Emilie, die ſich jetzt förmlich in den Strom ihrer Ge⸗ fühle hineingearbeitet hatte, entſagte hiemit aller Selbſtbeherr⸗ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 13 ſchung, welche ſie in den letzten Monaten erworben. Sie brach in eine Thränenfluth aus, die ſich ſo maßlos ergoß, daß die ruhige Majken zu fürchten anfing, ihre junge Wirthin möchte ernſtlich krank geworden ſein.. „Mein liebes gutes Kind... ich darf wohl ſo ſagen, denn ich bin ſehr alt gegen Dich, wenn auch nicht gerade an Jahren.“ „So ſo, willſt auch Du mich liebes Kind nennen? Bin ich denn nicht dieſe ganze lange ewige Zeit ſo gründlich vernünf⸗ tig und gefühllos geweſen, wie eine Frau, die ſich ſeit vierzig Jahren in dieſer Kunſt geübt hat? Warum willſt Du durch⸗ aus, daß ich ein Kind ſein ſoll? Man kann achtzehn Jahre alt ſein— ich zähle inzwiſchen achtzehn und ein halb— man kann ſich von einer heftigen Gemüthsbewegung hinreißen laſſen, und man kann dennoch vollkommen reif ſein.“ Majken ließ ſich in ihrer liebevollen Sorgſamkeit nicht ſtö⸗ ren. Mit ſanfter Gewalt zog ſie Emiliens Kopf an ihre Bruſt und ſagte in innig mütterlichem Ton: „Geliebte Freundin, Du kleiner Sommervogel aus fremder Zone, willſt du diejenige von Dir ſtoßen, die Dich mit den Ban⸗ den der Sympathie und des Herzens feſthalten will?“ „Nein, nein, ich will Dich nicht von mir ſtoßen, aber Du, Majken, Du biſt ſo muthig, ſo kraftvoll und ernſt in Deinen Ge⸗ danken; wie kannſt Du alſo mit mir ſympathiſiren, die ich, offen geſtanden, dieſe Eigenſchaften nur entlehnt habe, um meinem Manne zu gefallen? Du mußt jedoch verſtehen, was ich unter Entlehnen meine. Es handelt ſich nicht um Heuchelei, aber da ich mir die genannten Eigenſchaften bis jetzt nur äußerlich er⸗ worben habe, ſo betrachte ich ſie als entlehnt... Wie kannſt Du alſo mit mir ſympathiſiren?“ „Ich kann mit allen von Gott erſchaffenen Weſen ſympa⸗ thiſiren— denn er hat mir die glückliche Gabe verliehen, daß ich mich beinahe in alle Lagen verſetzen kann... Habe jetzt Ver⸗ trauen zu mir. Ich bin nur vier Jahre älter als Du, aber da — * —— 1— 195 mein Leben auf eine andere Art verfloſſen iſt als das Deinige, und da mein Charakter einen gewiſſen Eiſengehalt hat, ſo kannſt Du mich als eine ganz mütterliche Freundin betrachten.“ „Aber was ſoll ich Dir anvertrauen? Sieht in unſerer Ehe nicht Alles ganz recht aus?“ „Ja es ſieht allerdings ſo aus. Aber Deine eigenen Worte haben mich auf den Gedanken gebracht, daß Du Dich vielleicht in gewiſſen Täuſchungen befindeſt, bei denen Deine erfahrenere Freun⸗ din Dir rathen könne.“ Emilie ſchwieg. „Nur Muth gefaßt!“ fuhr Majken fort,„es wird ſchon beſ⸗ ſer werden. Wir ſitzen ja jetzt ſo vertraulich zwiſchen dem Sofa und dem Kachelofen, dem beſten Platz im ganzen Zimmer— in einem ſolchen Hafen könnte man ſich verſucht fühlen alle mög⸗ lichen vertraulichen Geſtändniſſe mit einander auszutauſchen.“ „Du glaubſt alſo, Majken, daß Du mich liebgewinnen könn⸗ teſt? Ich bin allerdings in gewiſſen Beziehungen noch ein Kind... „Beides iſt richtig, aber Du biſt ein prächtiges Kind und Du kannſt die allerprächtigſte Frau werden, die je ein Mann ſich zu wünſchen gewagt hat.“ „Nun wohlan“... Emilie trocknete ihre Thränen und er⸗ hob ihr Haupt.„Wenn ich Dir Alles ſagte? Ich habe mit Thor⸗ borg noch nie ſo vertraulich geſprochen. Aber ſie iſt ja auch nicht verlobt.“ „Juſt das iſt's, während ich dagegen bin als wäre ich ſeit wenigſtens fünf Jahren verheirathet. Sprich alſo! Sehnſt Du Dich nach Hauſe zurück? Will es Dir gar nicht gefallen in den Scheeren und fürchteſt Du, daß die Liebe zu Deinem Mann nicht im Stande ſein werde dieſe Gefühle zu überwinden?“— Mein, es mißfällt mir jetzt nicht mehr hier, und mit Mama correſpondire ich ſo fleißig, daß es beinahe ſo gut iſt, wie wenn wir uns täglich träfen.“ 196 „Alſo das iſt es nicht. Nun, biſt Du denn krank? Haſt Du vielleicht gewiſſe Hoffnungen die Dich beunruhigen? Sei auf⸗ richtig.“ „Ach nein, ich habe keine ſolche Hoffnung.“ „Aber was kann Dich denn in dieſe fieberhafte Unruhe ver⸗ ſetzen, die Du heute Mittag gezeigt haſt? Einige Worte von mir haben ſie hervorgerufen, und es müßte ſchlimm ſtehen, wenn ich Dich nicht beruhigen könnte. Die Geſundheit Deines Mannes iſt gut?“ „Vollkommen.“ „Und er hat keine plötzlich aufbrauſende Launen?“ „Ach nein.“ „Ach nein— was ſoll denn das heißen? Würdeſt Du Variationen in dieſer Beziehung lieben?“ „Das nicht gerade. Aber Du haſt wohl ſchon längſt ge⸗ funden, daß Ake ſich tagtäglich ſo gleich iſt?“ „Und darin erblickſt Du kein Verdienſt?“ „Ja, wenn er ſich auf diejenige Art gleich wäre, in der ich es wünſchte.“ „Jetzt mußt Du Dich beſtimmt erklären.“ „Sag mir zuerſt: kommt es Dir vor als ob Ake mich recht innig liebte? Oder wenn dieſe Frage Dich in allzu große Ver⸗ legenheit verſetzt, ſo beantworte mir eine andere: Sieht Dein Gudmar Dich nicht ganz anders an als mein Mann mich an⸗ ſieht?“ „Meine liebe Emilie, was für gefährliche Ideen haſt Du Dir da in den Kopf geſetzt?“ „Das iſt noch keine Antwort.“ „Nun wie ſoll ich denn darauf antworten? Iſt nicht die Art der Männer eine verſchiedene— überdies trifft Gudmar mich ſeltener.“—. „Das iſt vollkommen genug. Ich wußte, daß Du Alles ſaheſt und..“ 3 — 197 „Nein, um Gotteswillen fang nur nicht wieder mit Thränen an! Waffne Dich lieber mit ſo viel Kraft, daß Du mir die Ge⸗ ſchichte Eurer Liebe mittheilen kannſt, denn es iſt unrecht von Dir, meine Liebe, Deinen Mann der Kälte zu zeihen, während Ihr noch nicht länger als vier Monate verheirathet ſind.“ „Die Geſchichte meiner Liebe? Ach, Du weißt nicht was Du ſprichſt.“ „Nun, ich kann mir wohl vorſtellen, daß er dir damals feuriger und dringender vorkam, aber es iſt ja ſo natürlich, daß die Ehe den Gefühlen mehr Ruhe und eben dadurch mehr Rein⸗ heit verleiht.“ „Still, ſtill, Du quälſt mich— Du weißt nicht, wie weh Du mir mit ſolchen Reden thuſt... Ake feurig, Ake dringend!“ „Emilie, Du ſehnſt Dich alſo nach der Vergangenheit zu⸗ rück?“ „Gott bewahre mich! Die Vergangenheit war noch ſchlim⸗ mer.“ „Warum ſoll ich noch länger Räthſel auflöſen? Glaubſt Du mich Deines Vertrauens unwürdig, ſo laß uns abbrechen, glaubſt Du mich aber würdig, ſo laß uns die Zeit nicht ver⸗ geuden.“ „So will ich denn reden, und vielleicht gereicht es mir ſelbſt zum Troſt, wenn ich mein Herz ausſchütte... Siehſt Du, ich war in meinen Mann verliebt, ſo recht bis über die Ohren ver⸗ liebt, ehe er noch im mindeſten eine ernſthafte Notiz von mir genommen hatte. Was ſagſt Du dazu?“ „Das war ein Gefühl das Gott in Deinem Herzen erweckte: es war ein Reichthum den Er Dir ſchenkte.“ „Ja, aber ich verſtand dieſen Reichthum nicht anzuwenden. Ich that was Du ſo eben als unrecht bezeichnet haſt: ich ver⸗ geudete ihn. Wenn wir auf den Bällen in ſeiner Vaterſtadt oder auf dem Land in unſern größern Geſellſchaften einander 198 trafen, ſo hatte ich weder Raſt noch Ruhe, bis er nach ſeinem Eintritt in den Ballſaal mich bemerkte.“ „Aber das that er ja?“ „Bis auf einen gewiſſen Grad, verſteht ſich. Er tanzte mit mir, er plauderte über Allerlei, wie wenn er meine Eigenſchaf⸗ ten zu erforſchen ſuchte— und leider erforſchte er gewiß mehr, als er, wenigſtens ſo bald, zu erfahren wünſchte.“ „Du glaubſt alſo,“ fragte Majken,„daß er Dich damals noch nicht recht liebte?“ „Leider ja... aber juſt dieſe ſeine Zurückgezogenheit brachte meine eigenen Gefühle in Wallung. Ach, es gab einmal eine Schlittenfahrt... ſiehſt Du, Majken, ich ſchwitze ordentlich vor Angſt. Wie werde ich Dir das Uebrige ſagen können?“ „Wie kindiſch Du biſt! Wenn zwei Perſonen angefangen haben einander zu lieben, ſo muß doch wohl immer eine zu⸗ erſt über den Zuſtand ihres Herzens zur Gewißheit kommen, und es iſt eben ſo lächerlich als traurig, daß man es als eine Art von Schande für das Mädchen anſieht, wenn ſie dem heiligſten Geſetz der Natur gehorcht, ehe ſie durch einen Heiraihzautrag gleichſam die Erlaubniß dazu erhalten hat.“ „Wie vernünftig Du ſprichſt und wie wohl mir Deine Worte thun... Zuerſt war ich in Todesangſt darüber, er möchte ſich nicht antragen mich zu führen— und er zögerte ſo lange, daß ich außer mich gerieth durch die Schwierigkeiten die ich hatte, um andere Anträge abzuweiſen oder hinzuhalten. Endlich am Vor⸗ mittag des Tages, wo die Schlittenfahrt ſtattfinden ſollte, fand er ſich ein und ſagte ganz offen, er habe nicht die Abſicht gehabt an der Geſellſchaft Theil zu nehmen, aber Papa, der geſtern in der Stadt geweſen ſei, habe ihn überredet ſeinen Entſchluß zu ändern und ihn zugleich zum Mittageſſen eingeladen... Nun, Majken, das war doch luſtig?“ 5 „Dein Vater wußte vermuthlich Nichts?? „Nein jedenfalls that er Nichts. Er wollte ſich Ake erkennt —————:—— 3 n n⸗ 3 199 lich zeigen wegen vieljähriger alter Verbindungen die zwiſchen ihm und Akes Vater beſtanden hatten.“ „Aber die Schlittenfahrt?“ fragte Majken.„Ich intereſſire mich aus vollſtem Herzen für den Ausgang.“ „Nun da ging es ſo zu, daß ich unglücklicher Weiſe gerade das Gegentheil von dem thun mußte, was ich zu Hauſe ſo feſt beſchloſſen hatte... Aber ſage mir, begreifſt dDu warum man mitunter Etwas thut, was man im Augenblick vorher für un⸗ möglich gehalten hätte, und im Augenblick nachher ſelbſt nicht glauben kann? Es iſt eine unbekannte Macht die uns fortzieht ‚ich nenne ſie Schickſal.“ „Ich,“ antwortete Majken,„nenne ſie ganz einfach ein Spiel unſerer Naturtriebe, die wir ſelbſt erſt in gewiſſen Augenblicken kennen lernen.“ „Vielleicht... wie dem aber auch ſein mag, ich hatte mir feſt vorgenommen die Ruhe und Würde ſelbſt zu ſein, und im An⸗ fang gelang es mir mit dieſem Vorſatz ſehr gut. Sicherlich muß das Benehmen das ich beobachtete Ake gefallen haben, denn er wurde ſelbſt aufgeräumter und herzlicher, als ich ihn je geſehen hatte. Dies freute mich dermaßen daß ich mich nur mit der größten Mühe in meiner Rolle zu behaupten vermochte. Da ſagte er die Worte: Fräulein Emilie“... nein, Majken, nein, es iſt unmöglich fortzufahren.“ „Aber dann kann ich Dich ja nicht tröſten.“ „Ja, das iſt wahr. Aber ich bitte Dich wohl zu bedenken, daß ich jung, unbeſonnen und gedankenlos war, was Alles um ſo ſonderbarer iſt, weil ich ſonſt ſo ſtolz und ungemein auf meine Würde erpicht bin.“ Ich glaube Alles was Du willſt. Aber laß uns nur erſt über dieſe gefährlichen Stellen da hinüberkommen, Fräulein Emilie“ — ſagte er?“ Ja: ‚Fräulein Emilie“, ſagte er mit ſo inniger Freundlich⸗ „ . keit, ſich fühle mich heute weit glücklicher als ich mir verſprochen 200 hatte. Ich war ſo trübſinnig, daß ich zu gar nichts Luſt hatte, und nun habe ich dieſe Veränderumg Ihrer anmuthsvollen Hei⸗ terkeit zu verdanken und,— fügte er hinzu, jetzt bitte ich Dich, Majken, daß Du mich nicht anſiehſt— ‚wenn ich hoffen könnte, daß Sie mich mit Geduld anhören würden, ſo würde ich Ihnen die Veranlaſſung zu meinem früheren Mißmuth erzählen”... Was denkſt Du jetzt, Majken?“ „Ich denke, daß Du anhörteſt was ihm widerfahren war.“ „Nein, nein, ſo ging es nicht... Ein Gefühl— ich weiß gar nicht, wie ein Gefühl ſo plötzlich kommen kann— bemäch⸗ tigte ſich meiner, ohne daß ich die mindeſte Zeit zur Beſinnung erhielt. Es zwang mich ſeine Worte ſo aufzufaſſen, wie ich ſie ſelbſt deuten wollte, und ich antwortete oder vielmehr meine Antwort ſtürzte aus meinem Herzen, obſchon ſie leiſe über meine Lippen glitt: ‚Hoffen Sie, ohne daß ich mehr höre— ich bin jedenfalls ſo aufgeregt, daß ich Nichts hören könnte,... O mein Gott, warum mußte ich mich ſo aus meinem eigenen Ich her⸗ ausreißen laſſen? Denn war wohl ich diejenige die ſo... Du verſtehſt Alles?“ „Gott Amor,“ verſetzte Majken, oiſt ein ſtarker mächtiger Herrſcher, das muß man geſtehen... aber erhebe jetzt Dein lie⸗ bes freundliches Geſichtchen, das in ſeinem Erröthen und ſeinen Thränen ſo holdſelig iſt, und ſag was er Dir geantwortet hat.“ „Ach, Majken, er ſah mich an mit ſeinem großen offenen Blick, der ſowohl Verwunderung als Unruhe ausdrückte. Aber er hatte wahrſcheinlich nicht Geiſtesgegenwart genug oder beſaß er ein zu edles Herz, um auf eine kühne und feine Art die Sache zu umgehen. Er bemerkte meinen tödtlichen grenzen⸗ loſen Schrecken— denn Gott weiß, daß er grenzenlos war. Ich wußte ſelbſt kaum, was ich gethan hatte, und wären nicht ſo viele Schlitten ſowohl vor als hinter uns gekommen, ſo wäre ich herausgeſprungen und gelaufen, ſo weit der Weg gereicht hätte.“ die Wahl zwiſchen der Freiheit und einem Leben mit ihm anheim 201 „Armes, armes Kind!“ Majken ſtreichelte ſo mütterlich die glühende Wange der jungen Frau. „Nach einer Pauſe von etlichen Augenblicken— vielleicht währte ſie auch länger— ſagte er: ‚Kann ich wirklich hoffen, Fräulein Emilie, daß Sie Herz und Hand einem Manne geben werden, der leider in keiner Beziehung reich begabt iſt?“ Du glaubſt doch nicht, daß ich im Stande war ein einziges Wort zu erwiedern?... Und ſo kamen wir nach Stenby, Papas Gut, in einem Schweigen heim, das ich manchmal zu unterbrechen gedachte, um auf irgend einer Art meine ſo tief bereuten Worte zurückzunehmen. Aber was ich auch zu ſagen gedachte, das Ende war immer, daß ich nicht ein einziges Wort finden konnte, das für einen ſo kitzlichen Fall zart und fein genug geweſen wäre. Als wir aus dem Schlitten ſteigen wollten und er die Felle losmachte, ergriff er meine Hand und flüſterte: ‚„Heute Abend reiſe ich ſo⸗ gleich nach Hauſe, aber morgen werde ich mir die Freiheit nehmen mich mündlich oder ſchriftlich an Ihren Herrn Vater zu wenden.“ „Ach, meine liebe Emilie, wie nehme ich Antheil an all Deiner Verwirrung!“ „O Dank, Dank! Meine Verwirrung war auch grenzenlos... Du glaubſt vielleicht, ich habe ihm während der Zwiſchenzeit ge⸗ ſchrieben— ich habe auch wohl zehn Briefe angefangen, in der Abſicht die Sache auf eine andere Art abzumachen— aber als der Morgen kam, zerriß ich den letzten Brief, denn ich befand mich in einer Stimmung, wo ich lieber geſtorben wäre als ihm gerade heraus die Wahrheit geſagt hätte.“ „Kam er denn ſelbſt?“ „‚Nein, er ſchrieb an Papa und bald wurde Alles förmlich abgeſchloſſen.“ „So waret Ihr alſo verlobt?“ 3 „ Ja,“ verſetzte Emilie,„aber wir kamen einander darum nicht näher... Einmal nach ſeines Vaters Tod ſtellte er mir 202 das wahrſcheinlich voll von Bekümmerniſſen ſein würde. Es ge⸗ lang mir mich zu überzeugen, daß es ein Mangel an Edelmuth von meiner Seite ſein würde, wenn ich bei dieſer Gelegenheit in einen Bruch willigte. Wir verheiratheten uns und kamen un⸗ mittelbar darauf in den Fiſcherort, wo ich eigentlich erſt zu leben und meinen Ake zu verſtehen anfing.“ „Und dieſes Leben— war es nicht beſſer als Du zu hoffen gewagt hatteſt?“ „Es enthielt etwas von Allem. Ich war im Anfang zu ſtolz, zu unverträglich und zu anſpruchsvoll... Es gab ſo Vieles was mich beunruhigte, und ich leitete alles Unangenehme von dem Abend her, deſſen Ereigniß ich Dir jetzt gebeichtet habe.“ „Aber er— er deutete gewiß niemals darauf hin?“ „Ach nein, dafür iſt er viel zu edel und zartſinnig. Ueber⸗ dies haben wir uns Beide in der letzten Zeit verändert und es iſt jetzt viel beſſer.“ „Wußte ich das nicht?“ ſagte Majken mit einem troſtreichen Lächeln.„Aber warum warſt Du heute Abend ſo heftig?“ „Darum weil ich in meiner von Zeit zu Zeit noch wieder⸗ kehrenden Reizbarkeit glaubte, Du habeſt gewiſſermaßen auf ge⸗ wiſſe Verhältniſſe in unſerem Leben hingedeutet... Aber ſag mir einmal auf Dein Gewiſſen, wie Du, die Du in der Liebe ſo wohl zu Hauſe biſt, Ake findeſt.“ Auf mein Geyiſſen verſichere ich Dich, daß er mir mit dem Looſe, das Gott ihm beſcheert hat, ſo vollkommen zufrieden ſcheint, daß ich Deine Geſchichte nicht geglaubt haben würde, wenn Je⸗ mand anders als Du ſie erzählt hätte. Du kannſt ja ſelbſt ſehen, daß er glücklich iſt. Wenn er Dich auch im Anfang Eurer Be⸗ kanntſchaft nicht ſo innig liebte, ſo iſt das noch kein Hinderniß für die Zukunft. Er wird Dich immer mehr und mehr lieben— ſei nur vorſichtig und ſelbſt nicht allzu verſchwenderiſch.“ „O nein, ſo weit bin ich in meiner Erfahrung bereits ge⸗ — 8u—— K ₰½ 3 e⸗ 203 kommen. Ich verſichere Dich, er nimmt mich manchmal bei der Hand und ſieht mich an, ich aber ſehe auf meine Nähterei und merke gar nichts, wie ſich das von ſelbſt verſteht.“ „Gute Zeichen. In Deiner Abweſenheit ſieht man immer, wenn er Deinen Namen nennt, einen ſchönen Strahl in ſeinem Auge.“. „Ach, iſt das wahr?“ „So wahr, daß ich Dich bei meiner eigenen Liebe ver⸗ ſichere.“ „Dank... und ſag, verachteſt Du mich jetzt nicht nach dieſer Beichte?“ „Im Gegentheil... aber ſtill... es geht auf der Treppe „Hier haſt Du ihn jetz und zwar zu dieſer Zeit!“ „Wie— noch in der Dämmerung, meine Damen!“ ſagte Ake, indem er vortrat und mit der Hand die Wange ſeiner Gattin leicht berührte. „Wir haben uns in unſerem Geſpräch ganz vergeſſen!“ antwortete Majken, während ſie aufſtand und die Lampe anzündete. „Du glühſt ja ganz, liebe Emilie... Du haſt geweint.. was ſoll das bedeuten?“ „Gar Nichts. Majken erzählte von ihren Erlebniſſen und ſo kam ich auf meine Mädchenzeit zu ſprechen.“ „Wo Du von allen tanzenden Cavalieren gefeiert und ver⸗ göttert wurdeſt? Sehen Sie, Mamſell Majken, das war eine glänzende Zeit. Sie dürfen mirs glauben, daß mein liebes Weibchen eine ſehr geſuchte Schönheit war, und wir müſſen ihr verzeihen, wenn ſie bei Vergleichung zwiſchen jener Zeit und der jetzigen mitunter ein wenig unwirſch wird.“ „Davon will ich nichts hören,“ erklärte Majken.„Wir haben auch unſere Vergnügungen, und eine Tanzmuſik bekommen 204 wir von den Hatteſpielleuten zu hören, welche ſo ſpielen, daß der Sage nach die Füße ganz von ſelbſt gehen.“ „Majken hat Recht, Ake, und Du kannſt blos im Scherze glauben, daß ich mich nach irgend etwas ſehne. Aufs Frühjahr kommt Mama— das haſt Du ja verſprochen?“ „Und es ſoll auch gehalten werden, darauf kannſt Du Dich verlaſſen... Aber Ihr müßt wiſſen, daß ich hierherkam, um Euch zu ſagen, daß ich mich heute Abend von den Contorgeſchäften freimachen zu können glaube, und wofern Ihr nicht die Einſam⸗ keit vorziehet, ſo dachte ich, wir könnten Ivanhoe vollends aus⸗ leſen. Herr Moß und Holt wollen eine Partie Brett in Holts Zimmer machen.“. „O wie herrlich!“ rief Emilie und der letzte Schatten von Thränen und Unruhe verſchwand.„ZJetzt laufe ich hinab und ſorge dafür, daß wir ein wenig Punſch und Aepfel bekommen, und dann nehmen wir unſere Arbeiten und ſetzen uns in aller Vertraulichkeit um Majkens Tiſch.“ Sie eilte gegen die Thüre, aber hier holte Ake ſie ein. „Ei ſo warte doch, Du könnteſt ja in der Dunkelheit zu Tod fallen... Ich will unter allen Umſtänden zuerſt hinunter, damit ich Dir helfen kann.“ Aber ehe er die Thür öffnete, erſchien einer der Commis auf der Schwelle und meldete, es ſeien ein paar Fiſcher ange⸗ kommen, die mit Herrn Hjelm eine Sache von höchſter Wichtigkeit zu beſprechen haben. „Suchen Sie Herrn Holt auf— das iſt ganz gleich.“ „Das ſagte juſt auch Herr Holt ſelbſt zu ihnen, aber ſie beſtehen durchaus darauf mit Ihnen ſprechen zu wollen, Herr Hjelm. Und man kann leicht ſehen, daß es wirklich eine wichtige Sache iſt.“ „Ich komme ſogleich.“ „Nun adieu, angenehmer Abend,“ ſagte Emilie wieder 205 niedergeſchlagen.„Mit Punſch, Lectüre und Aepfeln iſt es jetzt aus.“ „Ei was macht das? Wir können uns ſchon auf eigene Fauſt durchſchlagen,“ meinte Majken. „Ja gewiß, aber Du glaubſt gar nicht, wie ſelten Ake Zeit hat im Zimmer zu ſein.“ „Still ſtill, ich komme ſo ſchnell als möglich wieder, und es iſt nicht meine Schuld, wenn dies nicht bald geſchieht; wenn ich dann zurückkomme, will ich Euch einige extraſüperbe Feigen mit⸗ bringen, die wir geſtern erhalten haben.“ Ake ging. „Nun, Emilie, kannſt Du mit dieſem zufrieden ſein? Ich betheure Dir, daß Du undankbar biſt, wenn Du nicht zufrieden biſt.“ „Ich bin nicht undankbar, liebſte Majken, im Gegentheil... Aber jetzt will ich mit Dir von Deinem Jachtlieutenant ſprechen, ich bin ihm ſo herzlich gut, und ich denke, wir ſparen den Jvan⸗ hoe bis morgen auf.“ 1 Zwarnzigſtes Kapitel. Der erſte Zwiſt. „Was zum Henker können dieſe beiden Burſche da ſo Apartes. von Hjelm wollen?“ fragte Moß gewiß zum zwanzigſten Mal. „Das begreife ich nicht.“ „Ich auch nicht,“ antwortete Holt.„Aber inſofern es nicht wirklich ein Privatgeheimniß iſt, werden wir es bald erfahren.“ „Nun ich glaube,“ verſetzte Moß,„es iſt gut auskommen mit dem Aſſocié!... Noch keine Zwiſtigkeiten?“ „Nichts von Bedeutung; aber im Hummerhandel wahrt er 206 die Intereſſen der Fiſcher ſo verdammt genau, wie wenn man ihn nur zu ihrem Beſten triebe.“ „Beunruhige Dich nicht darüber— es iſt klug den Leuten zu ſchmeicheln, wenigſtens bis man warm in den Kleidern iſt. Supponire, daß Hjelm populär wird.“ „Ja, auf dieſe Art kann er es wohl werden. Aber, um Ihren eigenen Lieblingsausdruck zu gebrauchen, Onkel, ſo ſupponire ich, daß es beſſer iſt ſich mit dem engliſchen Handelshaus gut zu ſtellen als mit einem Haufen Fiſcher, die jedenfalls von ſelbſt ihr Recht zu wahren wiſſen.“ „Das iſt wahr... Aber um jetzt vom Wichtigſten zu reden, wie zum Teufel glaubſt Du, daß er Dein Schmuggelgeſchäft aufnehmen wird, im Fall, denn man muß doch immer Alles ſupponiren, ein Unglück damit geſchehen ſollte?“ „O dann würde es nichts weniger als gut gehen. Er hat noch nie im mindeſten einen Prinzipalston angenommen, aber dann würde er ganz gewiß zum Vorſchein kommen. Und ſehen Sie, Onkel, ich würde mit Vergnügen die Hälfte meiner Com⸗ miſſionsgebühren dafür geben, wenn es wahr wäre, was meine Commiſſionäre dem alten Gädda aufgeſchwatzt haben, nämlich daß die Waare bereits in Sicherheit auf dem Lande ſei. Das war ein verdammtes Unglück, daß Gädda an dieſem Abend juſt auf Moſſö ſein mußte.“ „Supponire, Gädda hatte bei dieſer Gelegenheit ins Glas geguckt. Er iſt ſonſt zu ſchlau, um ſich an der Naſe herumführen zu laſſen.“ „Die Geſchichte ging ihm in den Kopf, das iſt ſicher.“ „Ja ja, es war nicht dumm ausgedacht von den Mörköern. Wenn aber auch Gädda auf eine falſche Fährte gebracht worden iſt, ſo beginne ich zu ſupponiren, daß ein Anderer ſich nicht hat narren laſſen, und das iſt wichtiger. Du darfſt Dich nicht für gar zu ſicher halten, denn es iſt merkwürdig, daß dieſer Menſch, der jetzt einen Magnet hier hat, noch nicht hiehergeflattert iſt.“ ———„ 207 „Nein, ſehen Sie, Onkel, in dieſer Sache bin ich bis jetzt ganz ruhig. Er hat jetzt ſo lange mit ſeinen Spähereien Un⸗ glück gehabt, daß er wohl einmal müde werden muß, und ſobald er einmal aus dem Weg iſt, werden meine Leute ihre Zeit wahr⸗ nehmen.“ „Ja, ja,“ ſagte Moß,„das ſind tüchtige Burſche, aber ſie laſſen ſich auch bezahlen, und Glück haben ſie immer gehabt, ſo daß ſie nach einer Gefahr Nichts fragen. Aber ſtill— jetzt ſupponire ich, wir bekommen den Aſſocié ſammt ſeiner Geſell⸗ ſchaft hieher.“. Ein ſtarkes Gedröhne von Tritten ließ ſich vor der Thüre . vernehmen, und bald darauf traten Ake und die Fiſcher in Holts 3 Zimmer. „Hier wird uns ein ganz eigenthümliches Geſchäft angeboten,“ t begann Hjelm, indem er ſich ſetzte und ſeine Begleiter einlud 3 daſſelbe zu thun. Moß runzelte die Brauen ein wenig— vor ihm hatten die Fiſcher der Gegend immer mit dem Hut in der Hand daſtehen müſſen. Aber er war jetzt zu neugierig, um an etwas Anderes als an das angedeutete Geſchäft zu denken. „Das iſt ſo zu verſtehen,“ begann der eine Fiſcher, Jonas Helgeſon,„daß wir, Thomas von Krakpvik und ich, dahin überein⸗ gekommen ſind, uns in dieſer häkeligen Sache an Herrn Hjelm 3 zu wenden, der bereits dafür bekannt iſt, daß er in ſeinen Beutel 1 kein anderes Geld ſtreichen will als was mit Recht hineingehört.“ „Dies da,“ antwortete Holt mit herber Stimme,„ſcheint nicht zur Sache zu gehören.“ „Allerdings gehört es zur Sache, Herr,“ ſiel der andere Fiſcher ein,„Jonas Helgeſon heißt nicht Thomas wie ich, aber doch iſt er mit mir darin einig, daß er glaubt, wenn Einer ein 3 ſchönes Geſchäft im Gucker habe, ſo ſei es am beſten es auf gute . Füße zu ſtellen.“ „ Supponire,“ meinte Moß,„daß aus dem Geſchäfte wirklich —— 8ð&ũ —— ͤ— 208 Etwas zu machen wäre. Aber ſprich jetzt nicht länger von der Schale, ſondern komm zur Sache.“ „Die Sache, Patron Moß, iſt juſt die, daß wir mit einem Mann zu thun haben wollen, auf den wir uns in Wort und Schrift verlaſſen können.“ „Zum Teufel, wenn es ſich um Schrift handelt, ſo mag es kein gewöhnliches Strandgut ſein.“ „Vielleicht, liebe Freunde,“ bemerkte Hjelm, indem er ſich an die Fiſcher wendete,„würdet Ihr es jetzt mir überlaſſen die Sache vorzutragen?“ „Ganz Recht, Herr Patron, haben Sie die Güte das Uebrige zu ſagen.“ „So erfahren Sie denn, meine Herrn, daß dieſe beiden Männer, die auf Langfiſche auswaren, vorgeſtern zur Mittags⸗ zeit eine größere Brigg ohne Steuermann und Beſatzung heran⸗ treiben ſahen, und ſie wäre nach aller menſchlichen Berechnung zu Grunde gegangen— es iſt ein Wunder, daß dies nicht ſchon längſt geſchehen war— wenn nicht dieſe tüchtigen Männer ſich in Beſitz des gleichſam ausgeſtorbenen Fahrzeuges geſetzt hätten, das übrigens beinahe unbeſchädigt iſt.“ „Welch ein verteufelt guter Fang!“ rief Moß lebhaft,„die erſten Erben— Supponire, das bedeutet Etwas.“ „Warten Sie,“ fuhr Hjelm fort.„Die Ungewohnheit und Schwierigkeit, ein ſo großes Fahrzeug allein zu manövriren, machten daß ein paar Lootſen auf die ſonderbaren Bewegungen deſſelben auf⸗ merkſam wurden, und lange bevor dieſe Chrenmänner hier in den Hafen geſteuert hatten, was ihnen vielleicht nicht ſo leicht gewor⸗ den wäre, legten die Lootſen an Bord; und alſo, Herr Moß, wurden ſie die zweiten Erben in der Reihenfolge.“ „Wo iſt das Fahrzeug jetzt? wo befindet es ſich?“ fragten Moß und Holt zugleich. „Es iſt nach Lyſekil eingelootst worden, wo die Lootſen ihren Antheil am Rettungslohn zu verkaufen beabſichtigen, denn 209 ſie behaupten, da man ja doch die Lootſen immer prelle, ſo thun ſie am beſten daran ihr Recht zu verkaufen.“ „Und nun,“ verſetzte Holt, deſſen Augen von Gewinnſucht funkelten,„beabſichtigen die erſten Erben hier wohl ihren Einſatz bei der Partie an uns zu verkaufen?“ „An den Herrn Patron Hjelm,“ berichtigte einer der Männer. „Das bleibt ſich gleich, meine Freunde— Herr Hjelm und ich bilden ein und daſſelbe Haus.“ „Hoho, das wollen wir ſehen, wenn es zum Angebot und zur Ausrechnung kommt.“ „Ja ja,“ ergriff Moß das Wort,„man kann doch auch nicht ſo blindlings darauf losfliegen. Supponire, Ihr erinnert Euch noch, welchen Satanslärm es gab, als vor zwei oder drei Jahren juſt eine ſolche Sache zur Sprache kam. Als die Antheile ver— kauft waren und Schiff und Ladung in die öffentliche Auction kommen ſollten, da kommen— haſt du mir gar nicht geſehen— Capitän und Mannſchaft von Helſingborg angefahren. Sie hatten das Schiff dem Teufel übergeben, als ſie glaubten, es ſei keine Rettung mehr möglich; aber als ſie hörten, daß es ſich ſelbſt ge⸗ rettet habe und dann von ein paar ktüchtigen Burſchen ans Land gebracht worden ſei, da wollten ſie ihr Schiff wieder haben, und ſo reisten ſowohl die erſten als auch die zweiten Erben und die Erben von dieſen— ich meine diejenigen, die von ihnen gekauft hatten— ſammt dem Schiff, dem Capitän, der Mannſchaft und der ganzen Sippſchaft nach Göteborg, wo der Prozeß ſo lange dauerte, daß der Teufel weiß, ob er jemals zur Entſcheidung ge⸗ kommen iſt... Und ich ſupponire, daß es nicht unmöglich wäre, daß es auch diesmal ſo gehen könnte.“ Bei den letzten Worten blinzelte Moß den Herren Holt und Hjelm zu. 3 „Ja ſehet, ſo kann es gehen, wenn es drauf und dran kommt,“ meinte Holt, der leicht begriff.„Dieſes Geſchäft iſt meiner Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 14 210 Seel nicht ſo leicht abzumachen, und wer weiß was man übrig behält, wenn der Fiſch einmal geſchuppt und geputzt iſt?“ Bei dieſen Worten hätte man ſehen können, wie die beiden Fiſcher einander zunickten, indem ſie ihre Lippen zu einem Lächeln verzogen, das deutlicher als alle Worte ſagte:„Ja ſetz du nur die Waare herab, um den beſten Preis zu bekommen— Moß iſt ein guter Lehrmeiſter, aber wir ſind ihm doch zu ſchlau.“ „Natürlich,“ verſetzte Hjelm in einem Ton, der einen be⸗ ſtimmten Entſchluß zu erkennen gab,„natürlich können die Retter eines ſolchen Fahrzeugs oder überhaupt eines beliebigen Fahr⸗ zeugs ihren Rettungslohn niemals verlieren, was für Winkelzüge auch die Rhederei und die dabei beſchäftigten amtlichen Perſonen machen mögen, und deßhalb iſt meine Meinung, daß, wenn dieſe Männer hier ihre Sache nicht ſelbſt beſorgen, ſondern unſern Händen überlaſſen wollen, wir ihnen einen Antheil bieten müſſen, bei welchem beide Theile beſtehen können.“ „Wir können wohl überhaupt kein Angebot machen,“ ant⸗ wortete Holt,„bevor wir ſelbſt in Lyſekil waren und das einge⸗ brachte Fahrzeug geſehen haben.“ „Ja, das iſt vollkommen in der Ordnung,“ fügte Moß bei. Aber heimlich raunte er Holt zu:„Du wirſt doch die Burſche nicht gehen laſſen? an Angeboten wird es ihnen wahrhaftig nicht fehlen.“ „Ihr lieben Leute,“ ſagte Hjelm,„vielleicht würdet Ihr ſo gut ſein in den Laden hinabzugehen und einſtweilen ein Glas zu trinken, bis ich mich mit Herrn Holt beſprochen habe.“ Den Männern ſchien die Aufforderung nicht übel zu gefallen, und ſie fühlten ſich veranlaßt ihr ſogleich Folge zu leiſten, denn auch ihnen lag viel daran ihre eigenen Gedanken unter ſich aus⸗ tauſchen zu können. Und jetzt ging es an ein Schwatzen und Disputiren über Preiſe und Anordnungen, Billigkeit und Klugheit, vor Allem aber über die Nothwendigkeit ſich nicht anders zu binden, als ſo daß die Bande nöthigenfalls wieder gelöst werden könnten. —2n—— 211 Holt und Moß beſtanden hartnäckig darauf, das Angebot müſſe niedrig ſein, damit man es erforderlichenfalls noch erhö⸗ hen könne. Hjelm, der niemals hitzig wurde, war jetzt nahe daran förm⸗ lich überzuſprudeln. „Ich möchte wiſſen,“ fragte er Holt mit funkelnden Augen, „ob wir hier ein Wuchererscontor haben oder ein Handelshaus? Die Firma muß in dieſer Affaire wenigſtens tauſend Reichsthaler und auch gewiſſe Procente von dem Gewinn bieten, der uns nach Austrag der Sache übrig bleibt.“ Holt wurde feuerroth, ſah Moß an und fragte höhniſch, ob er jemals gehört habe, daß man das Geſchäft auf ſolche Art betreibe. „Supponire, Herr Hjelm, daß Sie ſich nicht recht in alle möglichen Verluſte hineindenken. Gut geleitet kann dieſes Geſchäft allerdings einen anſehnlichen Gewinn abwerfen, aber da man jedenfalls noch nicht weiß, welche Ladung das Schiff hat und was ſie werth iſt, ſo...“ „So kann man,“ fiel Hjelm ein,„jedenfalls einſehen und begreifen, daß das Geſchäft groß genug iſt, daß wir nicht zu knauſern brauchen. Wenn wir morgen nach Lyſekil kommen, ſo hat natürlich die Unterſuchung ſtattgefunden. Und mein letztes Wort iſt das, daß, wenn Holt nicht auf meinen Vorſchlag ein⸗ geht, unſer Haus von dem Geſchäft abſteht und die Fiſcher ihren Antheil verkaufen können, an wen ſie wollen.“ „Das,“ meinte Holt,„dürfte doch wohl eine allzu ſelbſt⸗ ſtändige Sprache von Seiten des einen Aſſocié gegenüber dem andern ſein.“ „Ich ſehe das nicht ein,“ erwiederte Hjelm.„Die Sache war mir privatim angeboten. Sie kann unſerm Haus zufallen, aber ſie kann ihm auch entgehen. So lange mein Name in der Firma ſteht, ſoll keine Prellerei dieſe oder uns ſelbſt herabſetzen.“ „Du mußt nachgeben, Holt,“ entſchied Moß.„Supponire, 21² daß die Sache dennoch lohnend genug wird. Wäre das Geſchäft mir angeboten worden, ſo wäre ich vielleicht noch weiter gegangen als Hjelm, Notabene wenn ich es auf andere Art nicht bekom⸗ men hätte.“ „Ich kann mich,“ antwortete Holt, den dieſe Worte des alten Geſchäftsmanns beruhigten,„um ſo eher zufrieden geben, als mein Wort erſt in zweiter Linie kommt und ich überdies nicht will, daß mein erſter Zwiſt mit Hjelm länger dauern ſolle.“ Holts Ton hatte während dieſer Erklärung ſeine gewöhnliche Geſchmeidigkeit wieder angenommen, aber in ſeinem Innern kochte der Aerger, daß er der Nothwendigkeit das ſchwere Opfer des Nachgebens hatte bringen müſſen.„Es ſieht aus,“ ſo lautete ſein ſtiller Gedanke,„als ob Herr Hjelm— den dieſe Einfalts⸗ pinſel Patron tituliren, während ich ſchlechtweg Herr Holt heiße— gerne den Prinzipal ſpielen und mich als Buchhalter des Hauſes betrachten möchte... Aber wart nur, ich will mich meiner⸗ ſeits eben ſo ſtarrköpfig zeigen, wenn man mir Privatgeſchäfte anbietet.“ Nachdem die Einigkeit auf ſolche Art wiederhergeſtellt war, wurden die beiden Fiſcher gerufen, und man ſetzte Alles auf ſo klaren Fuß als überhaupt möglich war, bis die Parteien mit eigenen Augen geſehen hatten, wie viel ſie erwarten durften. Abends als die ganze Haushaltung im Saal. verſammelt war, erklärte Hjelm ſeiner jungen Frau, daß er am nächſten Morgen nach Lyſ ekil hinüberfahren und erſt Tags darauf zurück⸗ kehren werde. „Reiſen und nichts als reiſen!“ erwiederte Emilie. Aber das letzte Geſpräch mit Majken hatte ſo gut bei ihr angeſchlagen, daß an ihrem Ton keine auffallenden Zeichen von Aerger oder Mißmuth zu erkennen waren. —.“ 213 Ake ſchaute mit einiger Verwunderung auf, ſo ſehr war er an Emiliens kindliche Unruhe und Bekümmerniß bei der geringſten Trennung gewöhnt— und wielleicht war er jetzt derjenige Theil der eine gewiſſe Nichtbefriedigung empfand. Emilie lächelte ihren Mann freundlich an und fragte, ob ſie einen Eßkorb oder etwas Anderes in Ordnung bringen ſolle. „Der Sotebuſen macht Appetit,“ ſiel Moß ein,„und wenn die liebe Hausfrau meiner Maiblume erlauben wollte nach meiner Methode einen der Vögel zuzubereiten, die wir mitgebracht haben, ſo ſupponire ich, daß wir einen wahren Herrenſchmaus be⸗ kämen.“ „Seien Sie überzeugt,“ antwortete Emilie,„daß wir Beide morgen früh die Kochwiſſenſchaft zu unſerm höchſten Ziel machen werden.“ „Mamſell Majken iſt vielleicht ſo gnädig,“ inſinuirte Holt, „auch mich ehrerbietigſt einen Wunſch vortragen zu laſſen.“ Jetzt hätte man ſehen ſollen, wie die Augen von Papa Moß funkelten. „Recht gern, Herr Holt,“ antwortete Majken, aber ihr Ton klang ſehr gleichgiltig. „Mein Sinn iſt auf Pfannkuchen mit Himbeerenſülze ge⸗ richtet, und wenn ſie von Mamſell Majkens eigenen Händen bereitet... „Für Pfannkuchen ſtehe ich, aber was die Sülze betrifft, Herr Holt, ſo glaube ich, daß Sie Ihre Anſprüche auf Preiſel⸗ beeren herabſtimmen müſſen— oder ſteht Herr Holt bei Dir ſo in Gunſt, Emilie, daß Du Deine Himbeeren für ein Frühſtück auf dem Sote aufopfern möchteſt?“ „Das würde ich nicht einmal für Herrn Moß gethan haben ... Aber haſt Du nicht auch ein Lieblingsgericht, Ake?“. „Ich will mich erinnern, daß Du mich als Braut immer zu einem ganz beſonders verlockenden Gericht einludeſt, inſofern nichts Anderes da war, was mich zum Bleiben verlockte.“ 4 214 Emilie tauſchte mit Majken einen entzückten Blick aus. Darauf ſagte ſie ſtrahlend vor kindlicher Freude: „Ich erinnere mich wohl— es waren Waffeln mit Him⸗ beerenſülze— und ich freue mich recht, daß ich noch einen großen Hafen davon übrig habe.“ . Niemand als Majken beachtete Holts feindſelige Augen. Emilie war allzu glücklich, um daran zu denken, wie dieſe oft wiederkehrenden Kleinigkeiten in Holts Seele ein ganzes Magazin von erbitternden Erinnerungen bilden konnten. Wie heiter, angenehm und gemüthlich ſah es nicht dieſen Abend im großen Saale auf Svartſkär aus bei dem glänzenden Caminfeuer, einer wohlbeſetzten Tafel und dem funkelnden Wein in den Gläſern! Aber Holt warf fortwährend finſtere Blicke auf Hjelm und ſeine Frau. Juſt dieſer Abend war der erſte, wo er eine nie zuvor gekannte Qual ausſtehen mußte. Sie kam daher, daß es ihm ſchien als hätte er den Ehemann noch niemals mit ſo ausdrucksvollen Augen ſeine au betrachten geſehen. * Geſellſchaft ſich getrennt hatte, äußeren Zimmer und blickte in die Eine Stunde, na ſtand Majken allein in ihre ſchwarzgraue Nacht hinaus. „Wo mag er jetzt ſein— wo iſt er, die Hälfte meiner Seele?“ „Mamſell Majken,“ ertönte Uljang's Stimme dicht hinter ihr,„es iſt heute Abend ein Bote mit dieſem Brieſchen hier gekommen.“ Majken riß es haſtig an ſich und öffnete es. Es war von Gudmar und enthielt blos die Worte: „Morgen früh— daheim bei uns!“. 215 Einundzwanzigſtes Kapitel. Die beiden Väter der Kirche. Wir wollen jetzt im Pfarrhaus einſprechen. Zur ſelben Zeit, wo die Herren auf Svartſkär die beiden Fiſcher empfingen, ſaß der Paſtor, obſchon es erſt Freitag Nach⸗ mittag war, in ſeinem Studirſtübchen und kaute an ſeiner Feder als Einleitung zu der Predigt, die er ſchreiben wollte. Unter Schreiben verſtehen wir hier eine gewiſſe Umformung der Predigt, an welche heute die Reihe gekommen war aus der alten, hinter ſeinem Bett ſtehenden Kiſte hervorzuſehen; die Predigt war nämlich ſchon vor einer langen Reihe von Jahren abgeſaßt und zu verſchiedenen Malen umgeſchrieben worden. Ein einſames Licht beſchien ſowohl den Prediger als die Gegenſtände um ihn her, beſtehend aus ſchweren Folianten, alten königlichen Verordnungen, Flaſchen mit verſchiedenen Arten von Schnupftabak, Cigarrenſtumpen, ſowie einer Flaſche Cognac, einer Zuckerbüchſe und einem altmodiſchen pokalartigen Glas. Das warme Waſſer war noch nicht hereingebracht, und deß⸗ halb war auch der Paſtor noch nicht im Zuge. Im vorliegenden Fall hatte er inzwiſchen einen hohen Grad von Geduld entwickelt, denn das Waſſer hätte ſchon ſeit einer Viertelſtunde da ſein ſollen. Jetzt aber zerriß der Geduldfaden auf einmal. „Hörſt Du da außen, Du verdorbenes elendes Geſchöpf, Du ſtarrköpfige unerträgliche unartige Hexe! Aha, aha, da kommt der Vater Küſter... ſeid ſo gut und kommt herein... doch nein, ſeid ſo freundlich und gehet zurück und ſchreiet der Hexe ins Ohr, wenn ſie nicht bereits auf dem Beſenſtiel zum Schorn⸗ ſtein hinausgefahren ſei, ſo ſolle ſie mit dem Toddywaſſer herein⸗ kommen. Sie iſt allein im Gehege draußen, denn meine Tochter macht für mich Krankenbeſuche.“ 216 „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte der Küſter, nachdem er den Befehl ausgeführt, deſſen Folgen ihm ſelbſt zugut kommen ſollten.„Ich dachte vorzuſprechen und mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, Herr Paſtor.“ „Das kommt ſehr gelegen, mein Freund, und Ihr ſehet, noch leben die alten Götter! Ich ſaß juſt da und dachte an eine Menge Sachen, die ich nicht zwiſchen die Zeilen in dieſer alten Predigt hineinſtopfen kann. Was aber Thorborg betrifft, ſo wollte ich ſagen, daß ſie meine Krankenbeſuche auf eine ſolche Art macht, daß beinahe jede Seele, die in Jammer und Angſt vor Krank⸗ heit und Tod kommt, immer ſie bei ſich haben will, um ihr vor⸗ zuleſen, einen Liedervers zu ſingen oder mit ihr zu ſprechen, was ſie vielleicht beſſer thut als ich ſelbſt: wenigſtens bringt ſie weit mehr Leute dazu, daß ſie in ihrer Noth gerechte Handlungen ausüben als ich zu überreden vermöchte. Und das liebe Thier⸗ chen iſt bei jedem Wetter bereit hinauszugehen, obſchon ihr Vater daheim manchmal darunter leiden muß, denn Ihr wißt, Vater Küſter, was für ein argliſtiges Ding die Hexe iſt, ſie iſt ganz beſtimmt die Enkelin von des Teufels Großmutter, an deren Schürzenband ſie beſtändig hängt.“ Zur Belohnung dieſes Scherzes beliebte der Küſter ſich zu einem gnädigen Lachen herabzulaſſen, einem Lachen das man mit einer Reihe von Piſtolenſchüſſen vergleichen konnte. Seine Stimme war ſo tief und ſtark, daß er nicht blos bei der Meſſe an den Feſttagen mithelfen konnte, ſondern möglicher Weiſe auch das Glockengeläute hätte darſtellen und die Gemeinde zuſammenrufen können. Genannte wichtige Perſönlichkeit, ein langer hagerer Mann mit herabhängendem, auf der Stirne geſcheiteltem Flachshaar, ſenkte ſich jetzt über den andern mit Leder überzogenen Lehnſtuhl hinab. „Nun was denkt Ihr heute Abend, Küſter?“ „Wenn ich es Ihnen ſagen ſoll, Herr Paſtor, ſo dachte ich, als 217 ich Ihren Witz über die Großmutter und das Schürzenband hörte, Sie vergeſſen manchmal, daß Sie auch zur Kirche gehören.“ „Sehr richtig, Küſter— bei meinem Leib und meiner Seele, das geſchieht oft genug! Und ich möchte wünſchen, daß ich, ſtatt lebendigen Menſchen vorzupredigen, die ungebührliche Anſprüche machen, als meinen Antheil die Miſſion erhalten hätte, die, wie Ihr wißt, von dem Prieſter ausgeführt wird, der bei Bokſten auf Sotenäs Meſſe hält.“ „Was iſt das für eine Meſſe? Ich habe ſie nie gehört.“ „Ich auch nicht— aber ſie muß außerordentlich bequem ſein. Die Sage iſt mit wenigen Worten die: da bei Bokſten ein Mord verübt worden ſei, ſo müſſe ein Geiſtlicher im vollen Ornat jede Mitternacht dort eine Meſſe leſen. Nun begreift Ihr, Küſter, daß der Ermordete nicht das Recht hat die Sache ſo genau zu nehmen, und wenn er auch Nacht um Nacht immer die eine und dieſelbe Leier zu hören bekommt, ſo ſupponire ich, wie Freund Moß ſagt, daß er dennoch damit zufrieden ſein muß „Aber endlich haben wir jetzt das Waſſer und die Hexe dazu.“ Jetzt trat auch die alte Vivika mit dem Waſſerkrug und den Gläſern ein. Und ſie war juſt in einem ſolchen Humor, daß Kopf, Hände und Krug zitterten. „Glauben Sie nur, Herr Paſtor, daß ich den Beſenſtiel und das Schürzenband wohl gehört habe. Nehmen Sie ſich wohl in Acht, gottloſer alter Mann, daß Sie nicht, wenn Sie an unſers Herrgotts Himmelspforte ankommen, juſt das Amt erhalten das Sie ſich eben gewünſcht haben, oder vielleicht ein noch ſchlimmeres, denn ich habe auch eine Sage gehört, und dieſe geht nach folgen⸗ der Melodie.“ „Stell nur zuerſt den Krug hin, damit wir Waſſer bekommen, um den Zucker zu ſchmelzen.“ Vivika ſchob den Präſentirteller heftig auf den Tiſch und fuhr, als ob gar keine Unterbechung ſtattgefunden hätte, alſo fort: 218 „Ja die Sage geht nach der Melodie: Ein Prieſter lag irgendwo begraben— ich verachte zu wiſſen wo es war— ge⸗ wiß aber iſt, daß es auf keinem chriſtlichen Kirchhof war. Und um den Grabhügel oder die Steine oder was ſie über ihn ge⸗ worfen hatten, hörte man jeden Donnerſtag Nachts um zwölf Uhr fünf ſchwarze Vögel mit einer rothen Feder im Schwanz ganz mörderiſch ſchreien. Das war die Meſſe welche dieſer Prieſter erhielt.“ „Dank Dir, liebe Hexe, Deine Hiſtorie war nicht ſo ganz übel. Aber was bedeutet denn die rothe Feder?“ „Was könnte ſie anders bedeuten als das Merkzeichen des Gottſeibeiuns? Er ſteckt ſeinen Vögeln immer eine rothe Feder an... und jetzt will ich Ihnen ſagen, Herr Paſtor, daß ich des gemeinen Lebens in dieſer gottloſen Höhle hier überdrüſſig bin, und daß Sie ſo gut ſein ſollen mir meinen Abſchied zu ſchreiben.“ 1 „Morgen! Entlehne mir nur zuerſt eine von den rothen Federn— die würde ſo recht paſſen um Deinen Abſchied damit zu ſchreiben.. und jetzt hinaus, alte Hexe, damit wir Pfeiler der Kirche in Ruhe die Angelegenheiten der Kirche beſprechen können.“ Als Vivika unter einem heftigen Donnerwetter verſchwunden war, kam ein ernſthaftes Geſpräch zu Stande. „Ihr habt alſo mit der Verſchreibung keine Umſtände ge⸗ habt, Küſter?“ „Sie wurde für gut genommen wie Banco. Die Leute wiſſen, daß der Lieutenant heuer einen außerordentlichen Verdienſt gehabt hat, aber Herr Paſtor, ich warne Sie. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie ſich nicht weiter verwickeln. Es muß den⸗ noch gehen, und es geziemt der Prieſterſchaft nicht auf weltlichen Grund zu ſtoßen. Das meine ich.“ „Und es iſt ein kluges Wort wie Alles was Ihr ſagt, Küſter. Ich will auch geſtehen, daß ich jetzt mit aller Macht aus den Schwulitäten herauskommen will, in die ich durch die Er⸗ 219 ziehung meines Sohnes gerathen bin. Und eine Erziehung hat er, weit beſſer als ein Jachtlieutenant ſie braucht, aber nicht beſſer als ein Zollverwalter ſie nöthig hat. Was aber das Erſte be⸗ trifft, ſo geht es noch immer knapp genug.“ „Der Lieutenant hat doch manche Handreichung geleiſtet, welche die Lücken hätte ausfüllen können, wenn Sie das gewollt hätten, Herr Paſtor.“ „Das iſt wohl wahr. Aber auch der arme Capellprediger muß Gaſtfreundſchaft üben und denjenigen helfen, die es noch knapper haben.“ „Ja ſehen Sie, das iſt juſt der Knoten. Aber jedenfalls wird ſich die Sache ausgleichen— Sie brauchen ſie nicht zu ſchwer zu nehmen, Herr Paſtor. Wir ſchlagen uns ſicherlich durch und klariren uns, wenn ich nur Nichts von einem Anlehen mehr hören muß. Dazu ſage ich zum Voraus ein kluges Nein.“ „Schon gut, Vater Küſter, laßt uns unſere Herzen jetzt nicht länger ſchwer machen, ſondern trinken wir eins zuſammen ... Begreift Ihr, wohin mein Sohn gekommen iſt? er hat ſich jetzt ſeit acht oder zehn Tagen nicht mehr ſehen laſſen.“ „Gewiß müſſen wichtige Dinge ihn zurückhalten, zumal jetzt wo Mamſell Majken im Fahrwaſſer iſt. Die Sache mit Moß haben Sie ſchlecht betrieben, Herr Paſtor. Weniger Hochmuth hätte mehr ausüben können. Moß iſt ein reicher Mann und es wäre eine ſchöne Partie für den Lieutenant geweſen.“ So gutmüthig der Paſtor ſich während dieſes ganzen Ge⸗ ſprächs gezeigt hatte, ſo ſah man doch jetzt ſeine buſchigen Augenbrauen auf eine Art ſich zuſammenziehen, die große Aehn⸗ keit mit einem förmlichen Stirnrunzeln hatte. „Geht Ihr nicht jetzt etwas zu weit, Küſter?“ „Ich möchte es kaum glauben. Wir haben ſchon manch⸗ mal ein vertrauliches Wort mit einander geredet. Und ſo ſon⸗ derbar es erſcheinen und klingen mag, ſo ſind Sie doch zu hoch⸗ müthig, Herr Paſtor, und dies iſt ein Fehler, den Sie abſchüt⸗ 220 teln ſollten. Sie ſind dies Ihrem Sohn und auch der kleinen Heiligen ſchuldig, denn wenn ihr Bruder recht emporkäme, ſo könnte auch ſie in den Schwung kommen und von andern Freiern geſehen werden als ſich bis jetzt ein⸗ ſte „In dieſer Sache iſt unmöglich Etwas zu thun, Küſter. Was Ihr Hochmuth nennt, iſt Etwas worüber ich recht froh bin, daß ich es noch beſitze. Ich nenne es Selbſtgefüͤhl. Ich liebe Majken, vielleicht noch mehr als meine eigene Jungfrau Morgenthau; aber wenn ich das prächtige Mädchen auf keine andere Art zur Schwiegertochter bekomme, als daß ich ſie von ihrem Vater er⸗ bettle, ſo mag die Sache gehen wie ſie will. Hätten wir's noch wie in früheren Tagen, wo ein tüchtiger Kerl ſich eine Frau rauben konnte— einen ſolchen Diebſtahl konnte man wohl auf ſein Gewiſſen nehmen— dann ginge es an; aber ſie erbetteln... Pfui! Ich betrachte Majken jedenfalls als meine Tochter. Aj aj, jetzt beginnt der Fuß, der ſich einige Tage ordentlich gehalten hatte, wieder ganz raſend zu werden... Stopft mir die Pfeife, Küſter.“ Während dieſer Zeit ſtand die Hexe am Herd und leuchtete mit einem dünnen Licht auf die Häringe, die in der Pfanne ziſchten. „Verdammter alter Burſche!“ keifte ſie nach ihrer Gewohn⸗ heit laut vor ſich hin.„Spricht von Beſenſtielen und Schornſtein⸗ ritten... aber jetzt iſt es ſtill: er fürchtet den Küſter, beſon⸗ ders wenn dieſer den Leuchtthurm angezündet hat“— ein von Jungfer Vivika erfundener Ausdruck um die Naſe des Küſters zu bezeichnen, wenn ſie eine allzu ſtark rothe Schattirung be⸗ kam, was gewöhnlich nach dem erſten Toddy der Fall war. „Ja ja,“ fuhr Jungfer Vivika in ihren kleinen Herzenser⸗ gießungen gegen ſich ſelbſt fort„es thut dem Paſtor gut, wenn 4 221 er ſich eine Weile bezähmen muß... Aber ſind denn die Hä⸗ ringe verrückt, daß ſie in dieſem lumpigen Feuer da verbrennen — man hiätte ja nicht einmal die Mittel zu viel zu feuern. Ei zum Guckuck, habe ich nicht in der Bosheit und Billigkeit meine Butter in die Aſche gelegt... aber, Herr, Du großer Karten⸗ maler in Abo, wer kratzt denn da ſo ſachte an der Küchenthüre? Sollen wir wieder einige Schiffbrüchige auf den Hals bekommen, als ob ein armes Pfarrhaus Alle füttern könnte, die ſich auf dem Meere nicht zurechtzufinden wiſſen, obſchon man ihnen Leuchtthurmfeuer anzündet?“ „Still, kein Geſchwätze.“ „Ach mein Gott, Sie ſind's, Herr Lieutenant?“ „Iſt Jemand beim Vater?“ „Blos der Küſter.“ „Laß mich's wiſſen, wenn er fort iſt... und jetzt ſag zu Thorborg, ſie möchte auf mein Zimmer kommen.“ „Sie iſt nicht daheim: ſie iſt zu Ingemars hinabgegangen, man ſagt, die alte Britta wolle ſich auf die letzte Reiſe begeben.“ „Dann gehe ich Thorborg entgegen. Sag inzwiſchen dem Vater Nichts, bis er allein iſt.“ Gudmar ging. „Jetzt kann man darauf wetten, daß Storke⸗Pelle kommt und die halbe Speiſekammer auffrißt, und dann wird er ſein Magenweh bekommen, damit man ihm die Branntweinpanacee gibt, aber diesmal ſoll er ſich nicht panaceen, das ſage ich und Vivika mit, damit er's nur weiß. Und dann das Zuckermaul mit der Fela wird wohl den Reſt, den Storke⸗Pelle übrig läßt, in ſich hineinſpielen... und das bischen Milch, womit es ſo knapp zugeht! Ich muß doch hineingehen und dem Alten ein Zeichen geben, daß er den Küſter nicht zum Nachteſſen einlädt, denn ſonſt wird man ihn nimmer los.“ Und jetzt ging Vivika hinein und flüſterte dem Paſtor fol⸗ gende anſpruchsloſe Warnung ins Ohr: 222 „Bedenken Sie, Herr Paſtor, daß es mit dem Bierkäſe heute Abend knapp zugeht.“ Der Paſtor verſtand die Sprache, und da er überdies im Ton und Nicken der Hexe etwas Bedeutungsvolles zu erkennen meinte, ſo nickte er ebenfalls ganz kurz und bat ſie nur zu gehen, ſo weit der Weg reiche— weiter nicht.. Bald darauf erhob ſich der Küſter, und nachdem noch einige Worte in Bezug auf Aufgebote und andere Bekanntmachungen für den nächſten Sonntag gewechſelt worden, begab ſich der wichtige Mann nach Hauſe. Und jetzt ließ der Paſtor wieder ſeine Stimme ertönen. „War es noch etwas Anderes? Es ſchien mir, als ob Deine Augen noch einige Extrafünkchen hätten ſehen laſſen.“ „Ich will Ihnen ſagen, Herr Paſtor, daß der Lieutenant gekommen und jetzt Thorborg entgegengegangen iſt. Aber hätte ich Gudmar nicht mit meinen eigenen Augen geſehen, ſo würde ich geglaubt haben, es ſei eine Art von Spuck, denn man ſah gar Nichts, weder von der Jacht noch von den Jachtſchiffern. Und er ſelbſt ſah ganz unfreundlich und ſonderbar aus.“ „Vermuthlich wieder ein unangenehmes Abenteuer. Sobald er heimkommt, ſage ihm, daß ich ihn erwarte... Haſt Du uns heute Abend etwas Gutes vorzuſetzen?“ „Da werde ich wohl die Lammbruſt geben müſſen, die wir ſonſt morgen zu Mittag gehabt hätten.“ „Thue das, kommt Zeit kommt Rath.“ „Ja natürlich, das verſteht ſich. Sie ſind ein kluger Mann, Herr Paſtor, und wiſſen immer, woher man einen Braten be⸗ kommt... ſoll ich etwa den Hammel ſchlachten?“ „Pack Dich zum Teufel, alte Hexe, und thu dem Thiere Nichts zu Leid.“ 223 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Was der Lieutenant daheim that. „Dieſe Spaziergänge da gefallen mir gar nicht, liebe Thor⸗ borg. Warum ſo ſpät Abends über den Kirchhof gehen? Was in aller Welt haſt Du mit dieſer verſtorbenen Frau zu ſchaffen, die, nachdem ſie einmal ſowohl das Waſſer als die Erde verlaſſen, es bei uns hier unmöglich beſſer bekommen könnte, als ſie es jetzt hat?“ „Gudmar, ich weiß nicht, ob ich glauben kann, daß Du ſo ſprichſt. Soll ein Menſch nicht unbeſchrieen an den Ort gehen dürfen, der ihm ſicherer gehört als irgend ein anderer den er hier in der Welt beſitzt?“ „Ach Du wirſt nachgerade ſo heilig, daß man es nicht mehr mit Dir aushält.“ „Um Dir jetzt zu zeigen,“ erwiederte Thorborg,„daß meine Spaziergänge keine andern Gefühle und Ideen wecken als ſolche die ſich mit Vernunft und Nachdenken vereinbaren laſſen, ſo er⸗ kläre ich Dir, mein beſter Gudmar, erſtens daß es eben ſo mög⸗ lich wäre, daß ich es nicht mit Dir aushielte, weil Du ſo leicht⸗ ſinnig herausſprichſt, und zweitens daß Du Dich heute Abend in einer ganz beſonders eigenthümlichen Spannung befinden mußt, die mir mehr Geduld auferlegt als ich ſonſt zeigen würde. Habe ich Recht?“ „Ich leugne nicht, daß ich mich in der allerhöchſten Span⸗ nung befinde. Und hätteſt Du mich gefragt, warum ich ſo lange nicht nach Hauſe gekommen ſei, ſo würde ich Dir geantwortet haben: weil mich der Aerger beinahe umgebracht hat.“ „Liebſter Gudmar, wenn ich nicht gefragt habe, warum Du nicht gekommen biſt, ſo geſchah dies blos, weil ich Dich nicht durch Fragen reizen wollte. Und jetzt ſieht man deutlich, daß böſe Leidenſchaften bei Dir vorgeherrſcht haben. Aber ich be⸗ greife nicht, warum Du in eine ſo ſchreckliche Aufregung über eine Sache gerathen konnteſt, die mit Deinem Dienſte in Verbin⸗ dung ſteht.“ „Einfältiges Kind, begreifſt Du, was es heißt ausgelacht zu werden? Weißt Du, was es heißt ſich das Eigenthum der Zoll⸗ kammer vor der Naſe wegſtehlen zu laſſen?... Aber noch leben die alten Götter, wie der Vater ſagt, und ich will mir Klarheit in dieſer Sache verſchaffen, wenn ich auch die ganzen Scheeren durchſuchen und die Jagd fortſetzen müßte bis das Eis eintritt.“ „Aber inzwiſchen kannſt Du an einem andern Ort verlieren, wenn Du für eine einzige Seite ſo viel Zeit opferſt.“ „O ich weiß ſchon was ich zu thun habe. Uebrigens habe ich Dasjenige verloren, was mein Herz am meiſten gekoſtet hat. Habe ich nicht gewußt, daß Majken auf Spartſkär war? Daß ſie hier war? und dennoch bin ich nicht gekommen.“ 3 „Aber jetzt wirſt Du wohl den Liebling Deines Herzens treffen, denn das ſage ich Dir, ſie hat ſich ſehr gewundert und ſehr geſehnt. Aber bedenke wohl, daß ich es nicht billige, daß dieſe Verbindung gegen den Willen ihres Vaters fortwährt.“ „Gleichviel— wir ſelbſt billigen es um ſo mehr, und das thut gewiß auch Gott Vater im Himmel, ſonſt würden ſich ſolche Pflichtgefühle wohl auch bei uns einſtellen... Heute Abend muß ich inzwiſchen wieder hinaus, aber morgen früh bin ich wieder zurück, und mit Gottes Hülfe in einer beſſern Gemüths⸗ verfaſſung.“ „Aber, Gudmar, warum kommſt Du denn heim, wenn Du. ſogleich wieder fort mußt?“ „Weil ich einige nöthige Kleider haben will, die ich blos für beſondere Fälle brauche. Die Zolljacht liegt weit von hier. Ich bin auf einem kleinen Boot gekommen, das ich gemiethet habe.“ „Ach, liebſter Bruder, dann haſt Du etwas Gefährliches vor— vielleicht Etwas das vielen Menſchen großen Schaden bringen kann?“““ —,— 412— 225 „Laß Dich durch dieſe Furcht nicht in Deinem Schlaf ſtören. Iſt das Glück mit mir, ſo trifft die Widerwärtigkeit Denjenigen, der ſie am Beſten verdient!“ „Ja, aber gewiß iſt auch für Dich ſelbſt Gefahr vorhanden.“ „Und dann? Habe ich dieſen Beruf hier etwa in der Hoff⸗ nung gewählt, daß er mir Gelegenheit verſchaffen werde auf Roſen zu ſchlafen? Nein, auf Dornen ſchläft der ſo oft verachtete Küſtenaufſeher, wenn er ja einmal ſchlafen darf.“ „Noch nie,“ ſagte Thorborg,„habe ich Dich in dieſer Stim⸗ mung geſehen. Da Du jetzt nicht an Bord der Zolljacht biſt, ſo nimmſt Du wohl die Büchſe nicht mit?“ „Würdeſt Du mir ſtatt ihrer vielleicht Dein Weberſchiffchen leihen?... Aber genug, mein Kind. Es war mir Bedürfniß, Dich heute Abend zu ſehen, und wie geſagt, morgen bin ich, ſo Gott will, wieder hier. Ich ſchreibe ein paar Worte an Majken, daß ſie mich hier treffen kann.“ „Du kommſt alſo, Gott ſei Dank, in allen Fällen?“ „Natürlich— ſofern ich nicht auf ein Hinderniß ſtoße, das eine geſetzliche Entſchuldigung bietet.“ „Gudmar, Gudmar!“ „Ich ſagte das nicht, Thorborg, um unnöthige Beſorgniſſe zu wecken, ſondern als eine Sache die ſich jeder Menſch bei einer Abweſenheit denken kann, wie viel mehr alſo ein Jachtlieutenant, der beſtändig auf den Kriegsfuß geſtellt iſt und für ſeine Bivouacs keinen andern Platz hat als das ſtürmiſche Meer?“ „Darin haſt Du Recht, ſehr Recht, lieber Bruder. Aber Gottes Hand erſtreckt ſich über den gerechten Streiter, und ob Du nun mit oder ohne Sieg zurückkehrſt, ſo bitte ich Dich als Mann zurückzukehren, der ſich durch eine ſo kleine Widerwärtig⸗ keit weder über noch unter das Gleichgewicht bringen läßt.“ „Du ſprichſt ſchön und denkſt auch klug, Du junge Lilie auf dem kahlen Strand, aber Menſchenkenntniß beſitzeſt Du nicht, Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 15 ſonſt müßteſt Du wiſſen, daß juſt die kleinen Widerwärtigkeiten oder Siege unſer Gleichgewicht am meiſten ſtören, weil ſie unſern Stolz am meiſten reizen oder befriedigen, und Stolz liegt doch jeder Pflichterfüllung zu Grunde.“ „Ich könnte Dir darauf viel antworten, aber um nicht wie⸗ der eine Heilige genannt zu werden, unterlaſſe ich es und frage Dich ſtatt deſſen, warum Du Majken nicht auf heute Abend hiehergebeten haſt.“ „Nein, heute Abend möchte ich ſie nicht treffen; ich bin in keiner ſo freien Gemüthsſtimmung, daß ich dieſes Glück genießen könnte. Vielleicht iſt auch Etwas an mir, was Du meinethalb ſehen darfſt, aber ſie nicht. Ich kann Dir jetzt Nichts weiter ſagen, aber morgen triffſt Du mich entweder ſtrahlend vor Ver⸗ gnügen, oder habe ich irgend eine philoſophiſche Maxime aufge⸗ ſucht um mich damit zu beruhigen. Unter allen Umſtänden wird der Anblick Majkens dann auf mich einwirken wie die Sonne, wenn ſie nach einer Nacht voll von Stürmen, Finſterniß und Nebel am Horizont erſcheint.“ Unter ſolchen Geſprächen waren die Geſchwiſter jetzt nach Hauſe gekommen, und während Thorborg den Tiſch deckte, ging Gudmar zu ſeinem Vater hinein und erzählte ihm auf ſeine Fra⸗ gen bald dieſelbe Geſchichte, welche der alte Gädda ſeinem Aſſocié, dem Lootſen auf der Uhuklippe, an die Wand gemalt hatte. Aber was Gädda nicht wußte, das fügte jetzt Gudmar in ſeinem Geſpräch mit ſeinem Vater hinzu. „Und die ganze Zeit,“ fuhr er fort,„habe ich, um meiner⸗ ſeits die verdammten Mörköerbären auf falſche Spuren zu lei⸗ ten, mir den Anſchein gegeben als durchſuchte ich jede Höhle an den Ufern, inzwiſchen aber hatte ich immer einen geheimen Spä⸗ her am Otternneſt, wo wir bei Nacht lagen, aufgeſtellt, um mich durch ein Signal zu warnen, im Falle ſie ſich hervorwagen ſollten.“ 227 „Brav, mein Sohn, noch leben die alten Götter— es iſt gutes Korn an Dir. Du haſt Dich nicht foppen laſſen.“ „Nein, gewiß nicht, und ich will nicht mit gutem Gewiſſen aus dieſer Welt gehen, wenn die hölliſchen Canaillen nicht die Güter, die von bedeutendem Werth ſind, juſt beim Otternneſt verſteckt haben, denn dort iſt das Meer ſo ſeicht, daß ſolche ver⸗ wegene Geſellen trotz der Nähe der Zolljacht ans Land waten konnten, woran ich gar nicht gedacht hatte— und deßhalb muß ich die Ballen haben und wenn ich das ganze Ufer aufbrechen müßte.“ „Höre, Sohn, ich war meiner Lebtage niemals zu unnöthi⸗ gen Rückſichten geneigt; aber ſollteſt Du, was ich nicht recht glaube, heute Nacht Glück haben, ſo bedenke, daß dieſe Herren Anfänger ſind, und daß der Verluſt der Waaren ihnen ſchon einen gewaltigen Stoß verſetzen kann, ohne daß ſie noch einen Prozeß, Geldſtrafen und dergleichen auf den Hals zu bekommen brauchen.“ „Das kommt nicht auf mich an, Vater, ſondern darauf wo der Beſchlag belegt wird, und was für Leute man da vorfindet. Ich habe in allen Ecken und Winkeln vergebens geſucht, aber jetzt hat mein Hattejunge, der heute Nacht dort Wache hielt, das Boot der Mörköer hinſchleichen und unter dem Steinbruch am Sandberg anhalten geſehen, wo ſie eine Art von Unterſuchung vornahmen. Da ich jedoch mit der Jacht zu nahe lag, ſo wag⸗ ten ſie nichts mitzunehmen. Heute Nacht nun denke ich in Folge der erhaltenen Aufſchlüſſe den entſcheidenden Schlag zu thun. Der alte Storke⸗Pelle, welchem Lomme ſeinen Platz angewieſen hat, ſteht bereits auf ſeinem Poſten. Die Zolljacht liegt ruhig am Wachholderholm, und Lomme ſoll heute Abend lang auf ſei⸗ ner Fela ſpielen, damit ſie ſich in voller Sicherheit glauben und gewiß in die Falle gehen. Sobald ich jetzt einen Biſſen zu mir genommen habe, ziehe ich meine Seehundsſtiefel und das ganze Seehundscoſtüm an und begebe mich an Ort und Stelle. Lomme hat ſeine Inſtruktionen für das was nachher kommen wird.“ „Aber,“ wendete der Paſtor ein,„wenn ſie Dir bereits zu⸗ vorgekommen ſind? Denn es war ein guter Einfall von Dir die Jacht in Ruhe zu legen, wie wenn Du müde geworden wä⸗ reſt, und den Hattejungen ſpielen zu laſſen. Dieſe Muſik wird ſie jetzt noch ſicherer machen als das erſte Mal.“ „Es hat keine Gefahr— ſo früh am Abend ziehen ſie nicht aus, aber wenn es geſchehen wäre, ſo müßte ich ſchlechterdings noch heute Nacht einen Beſuch in Spartſkär machen, denn ſonſt würde es zu ſpät werden, und in dieſem Fall hätte ich wirklich eine ſchwere Pflicht zu erfüllen; dann könnte nichts verhindern, daß die Namen der Herren im Rapport figuriren müßten, und dies würde mir doppelt ſchwer fallen, weil Majken und ihr Va⸗ ter gerade auf Svartſkär ſind.“ „Gott ſchütze Dein Leben und Deine Glieder, mein Sohn! Du ziehſt zu einem ſchweren Spiel aus; die Mörköer ſind ſeit langen Jahren als die wildeſten Geſellen am ganzen Skagerak bekannt— Wikingerblut glüht in ihren Adern und ſie ſiad ſtatt⸗ liche Burſche. Sei in all Deinem Thun und Laſſen nur ruhig, das iſt meine erſte und letzte Ermahnung. Ich möchte Dich lie⸗ ber in tauſend Kämpfen unter dem Schutz der Zolljacht wiſſen, als allein am Ufer gegenüber ſolchen Feinden und ohne einen andern Cameraden als Storke⸗Pelle, der bei all ſeiner Tüch⸗ tigkeit doch immer nur ein einziger Mann iſt.“ „Beunruhige Dich darum nicht, Vater. Ich habe einen mei⸗ ner Extraſchiffer auf die Jacht geſtellt, um dort Wache zu halten, wenn Lomme ſo lang als möglich geſpielt hat. Dieſer kommt dann nach. Du darfſt glauben, Vater, daß ich mir die ganze Affaire wohl überlegt habe... aber davon will ich erſt morgen erzählen und dann erfährſt Du auch das Uebrige.“ „Nun das iſt Alles ganz gut... Aber jetzt noch ein Wort. Du greifſt Moß ins Auge, wenn Du ſeinen Günſtling anrührſt, 229 und durch dieſen Schritt kommſt Du Deinem Majken meiner Seel nicht näher.“ „Liebe iſt Liebe, Vater, und Pflicht iſt Pflicht— ich werde die meinige zu thun wiſſen, was ſie auch koſten mag. Im Ueb⸗ rigen kann es ja nicht ärger werden als unmöglich, und unmög⸗ lich iſt es ja bereits in Folge der wahnſinnigen Rachſucht des alten Moß. In dieſer Sache kann nur Gott mir helfen, und das thut er auch gewiß, wenn er will.“ „Brav, mein Junge! Du biſt an der Seele eben ſo ſteif als Du an Deinen Gliedern geſchmeidig biſt— auch Du haſt Wikingerblut in Dir, aber nicht von der wildeſten Art. Nimm Dich wohl in Acht! Die Bären von Mörkö werden kein Be⸗ denken tragen ihre Ballen mit Blut zu färben, um ſie behalten zu dürfen.“ „Blut iſt eine garſtige Sache— ich will hoffen, daß es nicht ſoweit kommt, aber ſollte...“ Der Satz wurde nicht vollendet, denn jetzt ſchwebte die kleine Sylphe des Hauſes herein und lud die Herrn auf die Lamm⸗ bruſt und die gebratenen Häringe ins Speiſezimmer ein. „Ein Feſtſchmaus!“ rief Gudmar in ſeinem gewöhnlichen muntern Ton, denn das Geſpräch mit ſeinem Vater hatte ihm ſein Herz leichter gemacht. Nach der Mahlzeit eilte der junge Jachtlieutenant in ſein Zimmer hinauf und kam bald vom Wirbel bis zur Zehe in See⸗ hundsfell gekleidet wieder herab. Die Büchſe hing über ſeiner Schulter und die Flagge der Krone war unter der Jacke ver⸗ ſteckt, um erforderlichen Falls angewendet zu werden. Jetzt zerſchmolz Thorborg in Thränen. „Ei ei, iſt das Muth für die Schweſter eines Jachtlieute⸗ nants... Lebwohl... Begleite mich nicht hinaus— nicht um des alten Sprichworts willen, ſondern weil Jemand uns ſehen könnte.“ Er küßte ſie zärtlich, dann eilte er, nachdem er ſeinem Va⸗ 230 ter die Hand gedrückt und Vivika zugenickt, ans Ufer hinunter in ſein Boot und ſtieß ab. „Jetzt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„mache ich mein beſtes Probe⸗ ſtück... Lange genug haben die Canaillen mir in den Bart gelacht oder vielmehr zu lachen geglaubt, während ich eben ſo liſtig wie ſie an dem Ufer umhergeſtrichen bin, ſo daß es jetzt für mich Zeit ſein dürfte auch ein wenig zu lachen.“ Während er ſo ſprach, flog das Boot mit unglaublicher Schnelligkeit über die dunkeln Wogen hin. Gudmar kannte jeden, wenn auch noch ſo unbedeutenden Fahrweg an der Küſte, und mit ſtarkem Arm und muthigem Herzen fuhr er dahin in unerſchütter⸗ licher Ruhe, deren er auch in dieſer Nacht bedurfte, denn es galt Feinden entgegenzutreten, die nicht gewöhnt waren mit ſich ſpaſ⸗ ſen zu laſſen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Was ſich in derſelben Nacht auf Svartſkär zutrug. Der Mond, der bei Schmuggelaffairen wie bei andern Dämmerungsgeſchäften immer läſtig iſt, ſollte in dieſer Nacht erſt gegen Morgen ſichtbar werden. Die Finſterniß durfte alſo ſo ungehindert als ſie nur wollte, ihre dichten ſchweren Schleier über Land und Waſſer ausbreiten, und ſie war wirklich ſo ſchwarz, daß man kaum die Umriſſe der allernächſten Gegenſtände zu unterſcheiden vermochte. Aber konnte man nicht ſehen, ſo konnte man um ſo beſſer den Wind gleichſam ſeinen Schmerz darüber ausjammern hören, daß er nicht die ganze Kraft ſeiner Poſaune loslaſſen durfte, denn es war einer jener Abende, wo kein Sturmgetöſe die Wogen rn rſt te, 2n, er ſer en, nn hen 231 himmelhoch emporjagt, ſondern wo der Wind ſeufzt und die Welle den Fels nur mit feinen Thränen beſpritzt. Dieſe finſtern Abende ſind unter Berghöhlen und an kahlen Ufern hin wahrhaft ſchauerlich. Sie tragen ein tieferes Gepräge der Melancholie als ſelbſt die wilden Sturmabende. In der Wohnung auf Svartſkär waren alle Lichter ausge⸗ löſcht, außer im Moß'ſchen Zimmer im Erdgeſchoß, wo ein Schein durch das Herz im Fenſterladen leuchtete. Es war indeß auch da dunkel geweſen, aber ganz vor Kurzem erſt hell geworden durch das Licht, das Holt brachte, der in dieſer ſpäten Stunde noch kam, um mit ſeinem Gönner und Freund ein paar vertrauliche Worte zu ſprechen. „Supponire, daß etwas Verdammtes im Werk iſt, weil Du ſo nach Katzenart daher kommſt. Die Fiſcher ſind doch wohl nicht mitten in der Nacht zurückgekommen und haben den Kauf rück⸗ gängig gemacht? Das wäre verteufelt dumm.“ „Nein, aber ich bin in einer infamen Verlegenheit. So eben erhielt ich von Mörkö Nachricht, daß ſich die Zolljacht hinter dem Wachholderholm in Ruhe gelegt habe— das haben meine Bä⸗ ren ausgeſpäht, und da ſie jetzt glauben es ſei keine Zeit zu ver⸗ lieren, ſo haben ſie mir ſagen laſſen, ich ſolle mich an der untern Seebude klar halten, um die Waaren in Empfang zu nehmen.“ „Zum Henker, das könnte ja gar nicht beſſer gehen— das trifft ſich ja ganz vortrefflich.“. „Allerdings. Wenn aber jetzt Hjelm erwachte, herunter⸗ käme und Spectakel machte—e er hat ſo verdammt kitzelige Ge⸗ wiſſensideen.“ „Sage mir zuerſt, ob Du einen von den Ladendienern ge⸗ weckt haſt.“ „Juſt einer von ihnen, nämlich Janne, hat mich geweckt. Auf ihn kann ich mich verlaſſen wie auf mich ſelbſt.... ich habe ihn auch hiehergeſchafft.... Der andere ſchläft wie ein Klotz.“ 232 „So ſtell' den Burſchen unten in der Seebude auf. Dort ſind alle Maſchinen— ich meine die Thüren und die Lucken im Fußboden— ſo geſchmiert, daß Niemand etwas merkt, wenn er nicht gerade hinkommt, und dazu iſt ja kein Grund vorhanden wenn Alles jetzt ſtill iſt. Aber ſollte es jetzt ſo dumm zugehen, daß Hjelm käme, ſo biſt Du ja auch da und, ſupponire ich, eben ſo gut Herr im Hauſe wie er.“ „Aber Onkel, wollen Sie nicht jedenfalls ſo gut ſein und auch ein bischen hinabkommen?“ „Ich möchte es meiner Seel ſehr gerne thun, und es wird mir ſehr ſchwer werden während des Spiels hieroben zu blei⸗ ben, aber Du ſiehſt wohl ein, daß ich nicht wohl kann. Dieſer Eſel von Guldbrandsſon iſt es alſo doch endlich müde geworden an allen Ufern herumzuſchnüffeln und hat ſich um Deiner Be⸗ quemlichkeit willen juſt in einem Augenblick ſchlafen gelegt, wo er wachen und ſeinem Dienſt für königliche Majeſtät und Zoll⸗ kammer obliegen ſollte. Aber das wird ſeinem Hochmuth wohl bekommen. Und wüährend er ſich über ſich ſelbſt zu Tod ärgert, läſſeſt Du die Ballen in ſchönſter Ruhe zu Deinen Auftraggebern weiter führen, die Dich, ſupponire ich, ſtets mit ihrem Vertrauen beehren werden, wenn ſie ſehen wie gut Du gleich das erſte Mal mit der Sache ins Land gegangen biſt.“ „Ja,“ antwortete Holt,„das könnte ein großartiger Commiſ⸗ ſionshandel werden, der ſich gewiß lohnen würde, wenn Hjelm irgend Energie beſäße; da er das aber nicht hat, ſo werde ich mich wohl bedenken müſſen, ob ich noch mehr ſolche Commiſſio⸗ nen annehme. Sonſt wäre dies ſehr leicht, denn was für tüch⸗ tige Burſche ſind nicht die Mörköer! Was iſt dieſer Jachtlieu⸗ tenant da gegen ſie? Ich habe nie geglaubt, daß er etwas An⸗ deres kann als meinen Leuten lange Zeit machen. Er mag zwar auf einer heimkehrenden Schute und in einer Seebude Be⸗ ſchlag anlegen, im Uebrigen aber iſt er durchaus nicht der Mann, der ſich mit ſolchen Burſchen zu meſſen vermöchte.“ 3 233 „Verlaß Dich nicht immer darauf. Freue Dich für diesmal, aber rechne nicht darauf, daß Du Guldbrandsſon beſtändig im Schlaf finden werdeſt. Der Spitzbube hat mich belauert, be⸗ denke das wohl. Und denke Dir den Fall— ich ſupponire es blos— daß Deine Agenten ſich hätten an der Naſe herumfüh⸗ ren laſſen. Die Zolljacht kann am Wachholderholm liegen, aber wer weiß, wo die Beſatzung liegt?“ „Ich habe keinen Grund den Muth zu verlieren, Onkel Die Fela des Hattejungen— und dieſe kann kein Anderer ſpie⸗ len als er ſelbſt— iſt in weiter Ferne zu hören.“ „So ſo, nun dann iſts gut, und ich ſupponire daß Du ru⸗ hig ſein kannſt. Aber es dürfte immer noch eine oder andert⸗ halb Stunden anſtehen, bis das Mörköer Boot hier ſein kann. Und wäre ich nicht gerade Gaſt im Hauſe— eine gemein dumme Stellung— ſo...“ „Es braucht da kein ſo,“ fiel Holt ein.„Sie ſind ja ſo ſelbſtſtändig, Onkel, daß Sie wohl hinabgehen können. Das wäre ſehr beruhigend für mich.“ „Supponire, daß es füt Dich als Anfänger ſo ſein könnte. Aber gerade herausgeſagt, dieſer Hjelm da hat Etwas an ſich, was Einem alle Luſt benimmt in eine falſche Stellung zu ihm zu kommen, und eine falſche Stellung wäre es für einen Mann der an ſeinem Tiſch ißt, wenn er ſeinem Aſſocié behilflich wäre geheime Waaren unter ſein Dach zu ſchaffen, die er nicht ſelbſt ... Aber ſtille, geht es nicht in ſeiner Thür? Ja mein Seel, iſt das nicht ſein Gang? Hinaus jetzt mit Dir und führe Deine Sache wie ein tüchtiger Kerl durch und nicht wie ein Haſenfuß ... Aber höre noch ein Wort: ſtoße ihn nicht vor den Kopf, Einigkeit iſt immer das Beſte.“ Vor ſich hin murmelte Moß: „Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Weiß noch nicht, was aus der Schwiegerſöhnerei werden kann.“ In Holt, der hinausgeeilt war, kochte ein dreifacher Aerger: 234 erſtens über Hjelm, dann über Moß, der den Vorſichtigen ſpielte, und zuletzt über das ganze Geſchäft, das weit kitzlicher wurde als er ſichs hatte träumen laſſen. Die Aeußerungen von Moß hatten, obgleich er ſichs nicht geſtehen wollte, eine gewiſſe ängſt⸗ liche Stimmung in ihm hervorgerufen. Er hatte geglaubt, man könne oben in den Scheeren eben ſo leicht Waaren aus London einſchmuggeln als man Hummer dahin verſchiffte. Und ſein Plan bei der Hummerggentſchaft war— genau wie der alte Gädda vorhergeſagt— immer ge⸗ weſen unter dieſem Aushängeſchild ein ſchönes Schmuggelcom⸗ miſſionsgeſchäft treiben zu können. Der Spediteur ſteckte noch in ihm, und es war ihm unmöglich ſeine ausgedehnten Verbin⸗ dungen unbenützt zu laſſen, während es ſich nach ſeiner Anſicht darum handelte eine Kette für ſeine eigenen Intereſſen zu bilden. Sollte er jetzt ſein erſtes Geſchäft und— was noch mehr war— das Vertrauen verlieren, auf deſſen Beſitz er ſich ſo viel einbildete? O nein, dieſe Befürchtungen waren lächerlich. Es war ſchon verdrießlich genug, wenn er Hjelm Rede ſtehen mußte... Und Hjelms Tritte kamen jetzt immer näher. In einem Seitengang nahe bei der Bude begegneten ſich die beiden Herrn, Jeder mit ſeinem Licht in der Hand. „Haſt Du,“ fragte Hjelm,„die ſonderbaren Bewegungen am Contorladen auch gehört? Es hat meiner Seel ein Boot hier angelegt— von der Landſeite her kann es nicht ſein. Für was hältſt Du es?“ „Ich kenne die ganze Geſchichte,“ antwortete Holt heftig, „und wenn Du in den Saal kommen willſt, ſo können wir mit⸗ einander ſprechen.“ „Was meinſt Du?“— Hjelms ruhige Züge kamen in eine gewiſſe Spannung—„Ich kann nicht glauben... nein, es iſt unmöglich... Du kannſt nicht vergeſſen haben, daß in einem Handelshaus mit zwei Theilhabern keiner das Recht hat ohne Zuſtimmung des andern einen entſcheidenden Schritt zu thun.“ — 235⁵ „Wenn ich mich nicht täuſche,“ erwiederte Holt,„ſo warſt juſt Du ſelbſt heute Abend auf dem beſten Weg die Ketten der Aſſociéſchaft abzuſchütteln— und deßhalb erſuche ich Dich jetzt höflich auf Dein Zimmer zurückzugehen und Dich gar nicht dar⸗ um zu bekümmern, was heute Nacht vorfällt, denn es iſt jeden⸗ falls Nichts was unſere gemeinſchaftlichen Intereſſen berührt.“ „Du täuſcheſt Dich. Ich werde mich nicht nur nicht nie⸗ derlegen, ſondern vielmehr Dein ganzes Thun und Laſſen in un⸗ ſerer Firma auf's Genaueſte zu ermitteln ſuchen. Haſt Du ſchon angefangen zu ſchmuggeln?“ Holt zitterte an allen Gliedern. Er war nahe daran ſeine Geduld zu verlieren. „Ich will dies nur kurz ſagen— es ſind einige Waaren aus England herübergekommen. Sie gehören natürlich nicht un⸗ ſerem Hauſe, das ſiehſt Du wohl ein. Es iſt ein Commiſſions⸗ handel, der ſehr einträglich werden könnte, wenn Du mit Dir ſprechen ließeſt. Die Hummerhändler...“ „Kein Wort mehr,“ ſagte Hjelm mit kaltem, aber verbiſſe⸗ nem Zorn.„Du haſt Dich nicht ſehr ehrenhaft benommen, wenn Du Dich, ohne mich zu fragen, in ſolche Verbindungen einließeſt. Aber ſo gewiß ich ein ehrlicher Mann ſein will, dieſe Art von Handel darf bei uns nicht ſtattfinden. Du mußt die Sache auf⸗ geben.“ „Ja,“ antwortete Holt,„es ſcheint ſich ziemlich von ſelbſt zu verſtehen, daß man alles Lohnende in unſerem Handel auf⸗ geben muß. Ich habe ſchon in der letzten Woche Aerger genug gehabt. Aber heute Nacht müſſen die Waaren hereinkommen.“ „Und Guldbrandsſon? Es wäre doch luſtig, wenn hier ein Beſchlag vorgenommen würde, ehe der Morgen graut.“ Hjelm fühlte jetzt, daß ihm das Blut gar zu ſtark zu Kopfe ſtieg. Er ging zurück, denn er wollte ſich in dieſer Sache gar nicht ſehen laſſen, nicht einmal vor ſeinen Ladendienern. „Wart nur,“ murmelte Holt zwiſchen den Zähnen, ndie 236 Reihe wird ſchon noch an mich kommen, Du übermüthiger Zucht⸗ meiſter, und ich verſpreche, daß ich Dir dann keine Forderung ſchuldig bleiben werde; ich will ein ordentlicher Mann ſein und ſowohl Capital als Zinſen bezahlen... Aber wer kommt jetzt ſchon wieder— es geht Jemand oben auf der Treppe.“ Holt ſtand noch am Eingang des Saales, in welchen er mit Hjelm gar nicht gekommen war. Er trat ein paar Schritte vor und lauſchte. Aber es war nichts weiter zu hören. Inzwiſchen war es Majken, die noch nicht entkleidet, ſondern in Gedanken verſunken, welche die kurze Notiz von ihrem Gelieb⸗ ten hervorgerufen hatte, am Fenſter ſitzen geblieben war, als ſie, welche die Bedeutung eines ſolchen Getönes recht wohl kannte, zuerſt die ſchleichenden Ruderſchläge und dann das Klopfen an dem Fenſterladen vernahm. Dieſe leiſe Bewegung fand einen lauten Widerhall in ih⸗ rem Herzen. Sollte ihr Gudmar nach allen Mühen dieſer Tage und Nächte jetzt ruhig im Pfarrhaus liegen und ſchlafen, während man den Saft und das Mark aus allen ſeinen Beſtrebungen zog und noch obendrein ſein empfindliches Chrgefühl ſo ſchwer verletzte? Als ſie die Treppe hinablauſchte, hatte ſie Holts und Hjelms Geſpräch gehört. Einen Augenblick war ſie in Verſuchung ſich zur Hinterthüre hinauszuſchleichen und nach dem Ufer hinabzufliegen, um ihrem Geliebten ein Signal zu geben. Aber befand ſie ſich nicht als Gaſt im Hauſe? Dies war hart, ſehr hart. Sie mußte alſo zum zweiten Mal Zeugin der Niederlage ihres Gudmar ſein. Und jetzt ſollte ſie noch dazu anſehen, daß er von Holt über⸗ wunden wurde. Ja, was ſie auch zu ſehen bekommen mochte, ſo war ſie dennoch genöthigt ſich neutral zu verhalten. „Legen kann ich mich nicht,“ ſagte ſie ſeufzend und ſetzte 237 ſich daher wieder ans Fenſter, um zu lauſchen. Etwas zu ſehen war, wie man weiß, unmöglich, und hören konnte ſie nichts An⸗ deres als das Pfeifen des Windes und den Anprall der Wogen an der Mauer der Seebude. Eine ganze Stunde und darüber verfloß auf dieſe Art. Majkens Unruhe ſteigerte ſich dermaßen, daß ſie nicht länger im Zimmer bleiben konnte. Sie warf einen Mantel über und eilte die Hintertreppe hinab, die von einer andern Seite mit dem Ladungsplatz, wo die Seebude lag, in Verbindung ſtand. Dieſen ſelben Weg hatte ſie ſich auch in jener angſtvollen Nacht hinabgeſchlichen, als Gud⸗ mar bei ihrem Vater den großen Beſchlag vornahm, der ſeiner⸗ ſeits auf ihr eigenes Lebensglück Beſchlag legte. „Damals,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„als es ein großes Glück geweſen wäre, wenn er geſchlafen hätte, da wachte er; aber jetzt wo dieſer nichtswürdige neue Ankömmling da, der ſeinen Aſſocié betrogen hat, für eigene und fremde Rechnung ſchmuggelt, da ſoll er nicht das Mindeſte ahnen? Es iſt doch unmöglich, daß Nichts eintrifft. Still, höre ich nicht Ruderſchläge? Nein, es iſt blos das Geraſſel von Stäben und Reifen in der alten Plun⸗ derkammer; nichts Anderes.“ Sie wagte ſich noch weiter hinab. Und jetzt hörte ſie Stim⸗ men von der Seebude her. Holt ſprach zu dem Ladendiener: „Haſt Du die Räume unter dem Boden genau unterſucht? Sind ſie vollkommen frei von Feuchtigkeit?“ „O ja, ſie ſind gewiß gut. Aber ich habe mir ſagen laſ⸗ ſen, der Jachtlieutenant kenne dieſe Räume ſo gut, wie er die Wände in ſeiner eigenen Cajüte kennt.“ „Er mag ſie ſo gut kennen wie ſeinen eigenen Leib, ſo wird er doch heute Nacht hier keinen Beſchlag vornehmen. Er und ſeine verdammte Jacht machen jetzt ein Schläſchen am Wach⸗ holderholm, während der Hattejunge auf ſeiner Fela ihm das Wiegenlied vorſpielt.“ 238 „Das iſt etwas Anderes. Wenn Sie deſſen gewiß ſind, Herr Patron, ſo iſt wohl Nichts zu fürchten.“ „Fürchten— mit was für einem dummen Wort kommſt Du mir da— ich habe Nichts zu fürchten. Morgen bei Zeit ge⸗ hen die Ballen juſt unter Deiner Aufſicht landeinwärts nach... aber es iſt verwünſcht dumm, daß ich ſelbſt morgen fort ſein muß.“ „Gott bewahre mich vor einer ſo großen Verantwortlichkeit! Kann Herr Hjelm nicht allein nach Lyſekil reiſen, wenn doch Herr Moß dabei iſt?“ Holt murmelte zwiſchen den Zähnen: „Ich muß dabei ſein, ſonſt verderbt er die ganze Sache.“ Laut fügte er hinzu: „Verdammt, wie ſie zögern— jetzt ſollte die ganze Arbeit bereits fertig ſein. Hörſt Du Nichts, Janne?“ „Von der Seeſeite her Nichts... Aber da draußen be⸗ wegt ſich ganz ſicherlich Etwas.“ „Sieh ſchnell nach.“ Der Ladendiener befolgte den Befehl. Aber es war Nichts zu finden, denn Majken war in ihr Zimmer zurückgeeilt. Wiederum ſaß ſie am Fenſter. Aber ihr Ausſehen war jetzt ein ganz anderes. „Liegt die Jacht am Wachholderholm und hat ihr Befehls⸗ haber gleichwohl heute Abend vom Pfarrhauſe aus an mich ge⸗ ſchrieben, ſo kann er nicht ſchlafen, ſondern muß vielmehr wa⸗ chen. Und wacht er auf dieſe Art, ſo hat er ohne Zweifel be⸗ ſchloſſen die Waffe der Liſt zu gebrauchen, nachdem er mit den eleblichen Waffen Nichts auszurichten vermochte.“ Aber ſo troſtreich auch dieſer Gedanke war, ſo wurde er doch bald von einer Bekümmerniß abgelöst. „Ich meine Alles vor mir zu ſehen— ein nächtliches Abenteuer, an welchem ich gerne Theil nehmen möchte, denn, wenn er ſich unter dieſe Berſerker begibt, ſo iſt ſein Leben in Gefahr— 9 Jeſus Chriſtus, milder barmherziger Herr, ſei mir 239 gnädig in dieſer meiner Angſt! Wer weiß, ob er nicht gerade jetzt.. Maajken fiel auf ihre Knie und vergaß nach dem Boote zu lauſchen, während ſie ihre Hoffnungen und Wünſche in glühenden Gebeten ergoß. „Ich will verrückt ſein, wenn ich es noch eine Minute mit der Laſt dieſes Zartgefühls aushalte— es preßt mir den Schweiß aus.“ So ſprach Moß, während er raſch ſeine Thüre verſchloß und den Hof hinabging. „Kein Menſch, ſupponire ich, mit Blut in den Adern kann ſich ſtill halten, wenn man in ſeinem Gucker die Hoffnung hat einen Zollbeamten beſiegen zu können... Holt wird wahrſchein⸗ lich doch mein Schwiegerſohn— er zögert mit ſeiner Erklärung, aber dies geſchieht aus Zartgefühl, ſupponire ich. Er hegt eine billige Furcht wegen ſeiner gegenwärtigen Unbedeutſamkeit; dieſe hat jedoch Nichts zu ſagen... Aber das war eine garſtige Sache mit der Leiche, die er plünderte. Gewiß ſchläft die Frau darum eben ſo gut, und keine lebendige Seele außer mir kennt die Geſchichte, aber ich möchte doch...“ 3 Er trat in die Seebude, wo Holt ihm ſogleich entgegen⸗ ſprang. „Nun das iſt gut, daß Sie kommen, Onkel. Dies iſt meine erſte Lehrnacht, aber ſie macht mir verdammt viel zu ſchaffen. Begreifen Sie, Onkel, was die Leute aufhalten mag?“ „O, es gibt gar viele Sachen, die man unmöglich errathen kann. Wie war es mit Hjelm? er iſt gewiß ganz raſend.“ „Nun natürlich, mit einem ſolchen Querkopf iſt Nichts aus⸗ zurichten.“ „Aber hier iſt wohl Alles klar— die Laternen in Ordnung? 240 Denn Du begreifſt, daß Alles mit der Schnelligkeit des Gedankens vor ſich gehen muß, damit das Boot hier nicht bemerkt wird.“ „Aber, geliebter Ake,“ fragte Emilie, die in der Schlaf⸗ trunkenheit ihrem Mann die zärtlichen Schmeichelnamen gab, wo⸗ mit ſie bei Tag ſo haushälteriſch umging,„was iſt denn das heute Nacht? Du biſt aufgeſtanden, Du gehſt auf und ab, aus und ein— ich halte es nicht länger aus, wenn ich Dich nicht fragen darf.“ „Sei ruhig, liebe Emilie, und ſchlafe wieder. Es iſt eine unangenehme Geſchichte, die Holt betrifft. Morgen ſollſt Du ſie erfahren, wenn Du willſt.“ „O nein, wenn es ſich nur um ihn handelt, ſo bekümmere ich mich um Nichts. Aber willſt Du mir Deine Hand darauf geben, daß es Dir nicht gilt?“ Ake kam heran und beugte ſich über ſeine Frau hinab. „Glaube mir— Du kannſt mir immer glauben!“ Er küßte ſie auf die Stirne.„Schlaf jetzt wie ein gutes Kind... ich will eine Weile hier ſitzen bleiben.“ Er hüllte die Decke um ſie zum Schutz gegen die Nachtkälte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Wie es mit Holts Waaren zuletzt ging. Die Scene, die wir jetzt ſchildern wollen, hatte keinen an⸗ dern ſichtbaren Zeugen als den entfernten Schein vom Hallöer Leuchtthurm, der wie ein einſamer Stern in einer ſonſt gänzlich ſterneloſen Nacht glänzte. — 9£09 8½ u 241 Es fehlte ungefähr ein Viertel zu Mitternacht. Von dem bald ſanft abhängigen, bald ſteil abſchüſſigen Ufer, wo die wegen ihrer Wildheit ſo gefürchteten Mörköer die ihrem Muth und ihrer Geiſtesgegenwart anvertrauten Güter verſteckt hatten, erſtreckte ſich mehrere Klafter ins Meer hinaus ein hoher Wald von wogendem Seetang. Vor dieſem Platz, das Otternneſt genannt, hatte das Mör⸗ köer Boot der Zolljacht das Parlamentiren angeboten, und von da aus waren die kühnen Schmuggler in beſtändiger Erwartung, daß ſie Schüſſe unter den Klippen hören würden, glücklich hin⸗ und her gewatet. Was damals unter ſo ſchwierigen Umſtänden geglückt war, mußte wohl jetzt vollkommen glücken. Deßhalb näherten ſich auch die ſtolzen derben Scheerenmänner mit der ganzen Sicherheit von Perſonen, die im Nothfall weder das Eine noch das Andere ſcheuten, mit ihrem Boote dem in Finſterniß und Schweigen ein⸗ gehüllten Strand. Es waren zwei Brüder, die mehrere Jahre lang ihr unge⸗ ſetzliches Gewerbe getrieben hatten, ohne jemals beſiegt worden zu ſein. Und es war juſt nicht ohne, daß ſie den Jachtlieutenant als ein Kind betrachteten, das ſie bemitleideten, als er durch ſeine Hartnäckigkeit ihnen anzeigte, daß er ſich mit ihnen zu meſſen gedachte und wahrſcheinlich ſogar die Abſicht hatte ſeine Vortheile wieder zu gewinnen. „Hier wird es nicht viel Arbeit geben,“ bemerkte der älteſte der Brüder, Olagus Esbjörnsſon. Beide waren hochgewachſene, derb gebaute hübſche Burſche, wahre Prachtexemplare von den uralten Skandinaviern. „Das iſt Schade,“ murmelte der jüngere Bruder Tuve. „Die Bärenbrut ſpielt gerne mit dem jungen Fuchs, wenn er ſich hervorwagt— aber heute Abend bleibt er aus dem Wege.“ —„Auch gut,“ verſetzte Olagus mit ſeiner tiefen Stimme. Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 16 242 „Die Bärenbrut iſt nicht immer zum Spielen aufgelegt; ſie brüllt, wenn ſie von kleinem Geſchmeiß geſtochen wird.“ Das Geſpräch fand ſtatt, ſo lange das Boot, das jetzt in den Seetangwald eingedrungen war, beladen und klar gemacht wurde. „Nehmen wir die Büchſen mit hinauf?“ fragte Tuve, der gewiſſermaßen der Autorität des älteren Bruders huldigte, denn Olagus war überhaupt eine grauſamere und herrſchſüchtige Natur. „Sie ſind uns nur im Weg— leg ſie unter das Segel. Hören wir Etwas, ſo nehmen wir ſie, wenn wir mit den erſten Ballen herabgekommen ſind. Gib die Spaten her. Du haſt doch die Stricke und die Blendlaterne? Und lauſche jetzt, denn Du haſt das ſicherſte Ohr.“ Beide ſtrengten alle ihre Sinne an. Aber nicht der geringſte Laut, weder von Ruderſchlägen noch von andern Zeichen menſch⸗ licher Nähe, ließ ſich vernehmen. „Nun jetzt haben wir lange genug gezögert,“ brummte Olagus. „Haſt Du das Boot feſtgemacht?“ „Feſt genug für dieſe kurze Zeit.“ Und Tuve begann haſtig, aber leiſe und leicht wie ſein Bruder das Ufer hinanzuſteigen. „Welch eine ſchöne Nacht!“ bemerkte Tuve.„Wie wird Holt ſich freuen! Nun den kann man dann ſchröpfen, wie man will. Er meint ſich zum Haupthahn emporzuſchwingen und ſeine Speculationen ſind nicht dumm. Aber die Haupthähne bleiben doch immer wir, denn ohne uns gibt es in den ganzen Scheeren Niemand mehr, der eine ſolche Arbeit verrichten kann, und bald ſtirbt das Handwerk ganz aus. Darum ſoll Holt auch erfahren, daß er es mit Männern zu thun hat, die ihre Vortheile verſtehen und ſich nicht verſchenken wollen.“ „Wenn Du weniger ſchwatzteſt, ſo wäre es beſſer. Hier haben wir jetzt den Sandhügel. Ich wundere mich nicht, daß er nicht auf den Gedanken verfallen iſt den ganzen Hügel auf⸗ zuwühlen. Schärfere Augen und erfahrenere Männer würden 243 getäuſcht worden ſein. Man kann ihn nicht darum chicaniren, daß er der Bärenbrut nicht gewachſen iſt.“ (Man ſieht, daß der berühmte Mörköer von ſeinem hohen Standpunkt aus ſich herabließ den Jachtlieutenant zu ent⸗ ſchuldigen.) Auf einmal ergriff Tuve den ältern Bruder beim Arm. „Verlaß Dich auf meine Ohren— hier iſt Jemand.“ „Geh zum Teufel! wer ſollte ſo wahnſinnig ſein uns hier auf dem Lande entgegentreten zu wollen? Iſt aber Jemand hier, ſo iſt's wohl am beſten, man läßt es ſogleich zur Erklärung kommen.“ Unmittelbar auf dieſen Beſchluß folgte eine genaue Unter⸗ ſuchung des Felſenabhangs, der den Sandhügel beherrſchte; und kaum waren einige Minuten verfloſſen, ſo hörte man einen mächtigen Nothſchrei: „Laßt mich los, laßt mich los um Gotteswillen! erdrücket mich nicht mit Euern Bärentatzen— Ihr ſehet ja, daß ich allein bin.“ „Aha, das iſt Pelle⸗Storke— ſehr angenehm, daß wir einander da treffen... aber habt Ihr keine Geſellſchaft?“ Pelle ſchwieg, ſuchte ſich aber aus der erdrückenden Um⸗ armung loszumachen. „Habt Ihr die Frage nicht gehört?“ ſagte Olagus in be⸗ fehlendem Ton. „Ich ſtehe hier Wache. Laßt win los, damit ich wenigſtens Athem ſchöpfen kann.“ „Wollt Ihr antworten bei Eurer ſündlichen Seele— ſeid Ihr allein hier auf dem Hügel? Und warum müßt Ihr gerade hier Wache ſtehen?“ „Ich ſchwöre bei meiner Seele und bei den Seelen meines Vaters und meiner Mutter, daß ich ganz allein hier bin.“ „Schwöret Ihr auch, daß Ihr nicht wißt, warum Ihr juſt hier ſtehet?“ 244 „Ich ſchwöre beim leibhaftigen Teufel, daß ich es blos ver⸗ muthen kann.“ „Und was vermuthet Ihr denn?“ „Braucht Ihr das zu fragen, Olagus? Der Lieutenant hat mich wohl nicht zum Spaß in der kalten Herbſtnacht hiehergeſtellt — und da Ihr ſelbſt hier ſeid, ſo könnt Ihr Euch ſelbſt die Sache am beſten beantworten.“ Olagus verſank auf einige Sekunden in ein nachdenkliches Schweigen, welches Tuve nicht mit der leiſeſten Meinungsäuße⸗ rung zu unterbrechen wagte. „Ich ſtelle eine Frage an Euch— aber beſinnt Euch wohl, bevor Ihr antwortet. Es handelt ſich darum, daß Ihr Eure Zunge recht im Maul haltet.“ „O, Ihr braucht Euern eigenen Ruf nicht auszupoſaunen,“ antwortete Storke⸗Pelle,„Ihr ſeid bekannt genug. Deßhalb will ich auch gar keine Winkelzüge machen, ſondern verſpreche ehrlich zu antworten. Fraget jetzt.“ Es iſt ſchwer zu wiſſen, warum der mächtige Olagus ſeine Stimme ſenkte, als er ſagte: „Hinter den Felſen ſind gute Verſtecke— ſeid Ihr über⸗ zeugt, daß Niemand dort iſt?“ „Keine lebendige Seele, ſo viel ich weiß.“ „Nun, das iſt allerdings wahrſcheinlich— das Lügen würde Euch Nichts helfen. Aber wo habt Ihr Euer Boot verſteckt?“ „Nur einige Klafter von dem Eurigen entfernt.“ „Sonderbar,“ murmelte Olagus,„daß der Lieutenant dennoch dieſen Platz da ausgeſchnüffelt hat— ich hätte es ihm nicht zugetraut und ich glaube jetzt, daß es heute Nacht nicht ganz geheuer iſt.“ Dann ſagte er laut:!„Laßt uns jetzt ein Wort mit einan⸗ der reden..Schöne Geſchichten ſind nicht lang und wir haben keine Zeit zu verlieren. Was ſteht Euch am beſten an, alter Storke⸗Pelle: wollt Ihr lieber ein paar Zehnthalerſcheine in 245⁵ Eure eigene Taſche ſtecken und auf Eurer Wache Nichts geſehen haben, oder wollt Ihr an Händen, Füßen und Sprachkaſten gebunden daliegen, bis wir in Sicherheit ſind, worauf ich dem Lieutenant zu wiſſen thun werde, daß Ihr Eure Wache beendigt habt?“ „Lieber guter Olagus Esbjörnsſon, Ihr ſeid als grauſamer Mann bekannt, aber Ihr ſeid auch ein ehrlicher Kerl, und deß⸗ halb möget Ihr bedenken, wie gottlos es von Euch iſt eine ehr⸗ liche Seele in ſolche Bedrängniß zu bringen. Ich habe meiner Lebtage allen Beſtechungen ins Geſicht geſpuckt, aber wenn ich die ganze Nacht hier liegen muß, ohne mich rühren zu können, ſo erfriere ich.“ 3 „Ich will barmherzig ſein, weil das Glück noch mit mir iſt: Ihr ſollt die Beine frei haben: wenn Ihr Euch aber nicht augen⸗ blicklich entſchließet, ſo bleibt Euch keine Wahl. Gib den Strick her, Tuve.“ „Gnädiger Gott, was iſt das für ein Augenblick— die Seele ſitzt mir in der Halsgrube, und wenn's zum Klappen kommt, ſo habt Ihr vielleicht nicht einmal Geld bei Euch.“ „Zünde die Laterne an,“ befahl Olagus kurz. Als dies geſchehen war, fiel ein heller Schein auf die Ge⸗ ſtalten der beiden Brüder: Storke⸗Pelle erklärte ſpäter, er habe nie ein grimmigeres Spiel geſehen, als jetzt auf ihren Geſichtern. „Ich habe das Geld hier— wollt Ihrs nehmen?“ „Nein, das kann ich nicht,“ ſtöhnte Storke⸗Pelle.„Bindet mich lieber, Ihr ſchwarzen Teufel.“ Augenblicklich war der Strick einmal um die Arme des angſt⸗ vollen Jachtſchiffers geſchlungen— aber jetzt ſchien es ſowohl mit der Ehre als mit dem Muth auszugehen. „Gebet das Geld her... aber das ſage ich Euch, daß ich es morgen in die See werfe.“ „Werft es in die Hölle, wenn Ihr wollt; nur müßt Ihr das Handgeld nehmen.“ 3 4 246 Tuve leuchtete und alle drei beugten ſich über die offene Brieftaſche. „Ich verkaufe mich nicht für zwei Zehnreichsthalerſtücke Banco!“ rief jetzt Storke⸗Pelle mit keckem Ton.„Ich ſehe, daß Ihr auch einen Schein Reichsſchuld habt— gebt dieſen noch dazu.“ „Aha, Ihr beginnet aus dieſem Tone zu pfeifen— da kann ich darauf ſchwören, daß Ihr Verſtärkung erwartet... Lauf ſchnell hinab, Tuve, und lauſche, ob Du Etwas hörſt.“ „Nun denn, ein Wort im Vertrauen,“ ſagte Pelle mit kurzer und keuchender Stimme.„Für das Geld, das ich jetzt empfange, habe ich mich gleichſam an Euch verkauft. Tummelt Euch. Ihr habt nicht mehr als eine halbe Stunde vor Euch.“ „So haltet die Laterne,“ befahl Olagus. Und als Tuve zurückkam mit der Nachricht, daß zu Waſſer und zu Land Alles noch gleich ſtill ſei, ſo begann die Arbeit mit dem Spaten. Bald kam ein ausgehöhlter Raum zum Vorſchein, der eine Menge Ballen in Baſtmatten eingewickelt in ſeinem Schooße verbarg. „Es verlohnt ſich nicht der Mühe mit dem Hinabtragen anzufangen, bis wir ſie alle oben haben,“ erklärte Olagus im Commandoton.„Haltet die Laterne beſſer hieher, Ihr ehrlicher Pſalmenſänger.“ 1 „Schämt Ihr Euch nicht, Ihr gemeinen Burſche, daß Ihr einen Menſchen auch noch verhöhnet, den Ihr in der Falle gefangen habt?“ „So ſo... jetzt haben wir ſie... eins... zwei... drei ... Zwiſchen uns beſteht jetzt keine Feindſchaft mehr, Pelle... vier... fünf... ſechs... Wir ſind ja jetzt.. ſieben... acht... neun.. dicke Freunde... zehn... jetzt haben wir ſie alle. Und da wir jetzt einen Gehilfen haben, ſo brauchen wir uns nicht damit aufzuhalten, daß wir den Weg zweimal machen... Blas die Laterne aus, Tuve... jeder von Euch nimmt drei Ballen, ich nehme vier und den Spaten dazu.“ 247 Pelle mußte ſich bequemen. Wort und Handlung folgten ſich unmittelbar, ſo daß ſeit dem Anfang der Scene kaum eine Viertelſtunde verfloſſen war, bis ſie wieder am Ufer ſtanden. Aber welchen Fluch jetzt Olagus ausſtieß! „Wo iſt das Boot?... weg iſts... Pelle⸗Storke, wenn hier Betrug im Spiel iſt, ſo bekommt Ihr mit dieſem Spaten da einen ſolchen Schlag, daß Ihr nie mehr den Abendſegen zu leſen braucht.“ „Beruhige Dich doch,“ erwähnte Tuve,„Du ſiehſt ja, daß Niemand hier iſt. Wären Leute da, ſo würden ſie ſich ge⸗ wiß jetzt zeigen, da das Boot weg iſt und die Waaren offen daliegen.“ „Das iſt nicht dumm geſprochen. Aber ich ſagte Dir ja, Du ſolleſt es beſſer befeſtigen... Jetzt haben wir nur zwei Auswege: entweder müſſen wir hinauswaten und das Boot ſuchen— aber das nimmt zu viel Zeit weg— oder müſſen wir das Boot der Zolljacht nehmen, das Pelle⸗Storke hier verborgen hat... es wäre ein ſchönes Vergnügen, wenn wir es zum Schmuggeln be⸗ nützen könnten.“ „Nein, das könnt Ihr doch nicht von mir verlangen— habt Ihr denn gar kein menſchliches Erbarmen, Olagus! Ich ver⸗ liere meinen Dienſt, wenn das Boot wegkommt.“ „Dummer Zipfel, begreift Ihr denn nicht, daß das Boot mit Gewalt weggenommen worden iſt— und an der Gewalt ſolls nicht fehlen, wenn Ihr Euch muckst oder nur noch ein Wörtlein ſagt... Lag es auf dieſer Seite? Pack den Kerl feſt, Tuve, und laß Dir den Weg von ihm zeigen. Wenn er Schwie⸗ rigkeiten macht, ſo kennſt Du die Inſtructionen.“ „In ſolcher Noth kann es keine Gewiſſensſache für mich ſein, wenn ich Euch zum Boot führe. Ihr habt es drei Kkafter von hier.“ Storke⸗Pelle und Tuve entfernten ſich, und nach fünf Mi⸗ 248 nuten lagen die Waaren im Zollboot. Da es aber in Folge ſeines tieferen Gangs nicht ſo nahe ans Land gebracht werden konnte, als das eigene Boot der Schmuggler, ſo mußten ſie eine Strecke waten, um die Ballen hineinſchaffen zu können. Und Olagus ſelbſt war derjenige der den letzten Ballen und hernach die Spaten hinein warf.. „Jetzt ſollt Ihr großen Dank haben für Eure Freundſchafts⸗ dienſte, mein lieber Storke⸗Pelle,“ ſagte der mächtige Mann ganz herablaſſend.„Grüßt mir den Lieutenant, und wenn er wieder einmal die Bärenbrut belauern will.“..... „So macht er es juſt wie er es jetzt gemacht hat!“ Und wo mög⸗ lich noch ſchneller als der Blitz aus dem Flintenlauf fährt, erhoben ſich zwei im Seetang verſteckte Männer, Gudmar und ſein Lomme — und während Storke⸗Pelle ins Boot ſprang und es mit dem Rnder hinausſchob, hielt der Lieutenant den Bootshaken zum Schlag erhoben bei der erſten feindſeligen Demonſtration von Seiten der Gegner. Er hatte den Bootshaken nicht blos darum gewählt, weil er ihm am dienlichſten war, ſondern auch weil es ihm gegen den Mann ging mit der Büchſe oder Piſtole einen Feind anzugreifen, den er durch ſeine eigene Liſt entwaffnet hatte. Lomme hatte ſich wie ein Aal um Tuves Beine geſchlun⸗ gen, ſo daß ſie bald mit einander in das tiefere Waſſer hinab⸗ taumelten, von wo der erſtere auf der andern Seite des Bootes wieder heraufkam. Tuve wollte ihm nach, erhielt jedoch zur rechten Zeit von Storke⸗Pelle einen ſolchen Ruderſchlag, daß er zurückbleiben mußte. „Iſt es klar?“ rief der Lieutenant. Gudmar hatte der letzte ſein wollen und ſtand auch zuletzt noch dem vor Wuth beinahe berſtenden Rieſen allein gegenüber. „Nein, ſo wohlfeilen Kaufs kommt Ihr nicht weg,“ keuchte Olagus und ſtürzte gegen den Jachtlieutenant vor. In dieſem wichtigen Augenblick hatte Gudmar rücklings das Boot erreicht. Aber juſt als er ſeinen Fuß auf den Rand ſtellte, machte 249 das Boot eine ſo heftige Schwankung, daß er beinahe förmlich in die Arme des raubgierigen Olagus gefallen wäre, der, ſelbſt waffenlos, den Bootshaken zu ergreifen ſuchte. Aber vermöge ſeiner außerordentlichen Geſchmeidigkeit entging Gudmar der Ge⸗ fahr nach vorn zu fallen; er kam dagegen auf der einen Seite des Bootes hinab, jedoch mit ſolcher Gewalt daß es beinahe um⸗ geſchlagen hätte. Seine jugendliche Kraft und Geſchmeidigkeit half ihm indeß ſchnell wieder empor und nun ſtieß er den Boots⸗ haken mit ſolcher Gewalt gegen die Schulter des Olagus, daß dieſer der Länge nach unter das Seegras zurückfiel. „Zu den Rudern! rudert darauf los!“ commandirte der Lieutenant. Und der Ruder bedurfte es. Denn noch hatten ſie nicht viele Schläge in die See hinaus gethan, als die beiden Brüder wieder zur Beſinnung kamen und mit wüthendem Geſchrei ihnen nachwateten, um wo möglich ihr Eigenthum wieder zu be⸗ kommen. G Aber jetzt war es zu ſpät. Das Boot flog dahin, und hätte der Mond geſchienen, ſo hätte man ein unheimliches Bild ſehen können, nämlich wie dieſe zwei düſtern Geſtalten, auf deren Geſichtern alle böſen Leiden⸗ ſchaften glühten, im Waſſer wild zum Kampf, vielleicht zum Sieg einherrasten, jedoch ohne andere Waffen als ihre Arme. „Kehret um!“ rief der Lieutenant.„Ihr findet Euer eige⸗ nes Boot dicht neben dem Platz, wo Ihr es angelegt habt. Ich habe durch eine ehrliche Liſt im Namen des Königs und des Ge⸗ ſetzes geſiegt.“ „Und im Namen des Satans ſchwöre ich, Olagus Esbjörns⸗ ſon von Mörkö—“ und die tiefe Stimme erſcholl weit hinaus über das Meer—„wenn Du und ich wieder einmal zuſammen⸗ treffen, ſo muß der Eine von Beiden auf dem Platze bleiben. Das hat ein Mann geſagt, der weiß was Wort und Verſprechen bedeutet.“ 250 Ein Schauder überkam Gudmars Seele, verſchwand jedoch bald vor dem ſtolzen Bewußtſein, daß er den Plan zu einer Con⸗ fiscation, an welche man lange Zeit denken würde, ausgeſonnen und ausgeführt hatte. „Dank, meine ehrlichen Freunde!“ ſagte er zu Storke⸗Pelle und Lomme.„Ihr habt Beide Eure Sache ſo gut gemacht, daß Ihr das höchſte Lob verdienet. Du Sven, der Du noch jung biſt, kannſt von Storke⸗Pelle leruen wie man mit Geiſtesgegen⸗ wart und Muth Alles durchſetzen kann... Du haſt Deine Rolle verdammt gut geſpielt— wir haben jedes Wort gehört, mein ehrlicher Pelle.“ „Es iſt eine Freude,“ antwortete dieſer,„unter einem Vor⸗ geſetzten zu ſtehen, der einem ein ſolches Stück Arbeit ſchaffen kann.“ „Und der Gewinn,“ fuhr Gudmar fort,„wird ſo anſehnlich ſein, daß Du die falſchen Beſtechungsgelder gut zurückſchicken kannſt.“ Storke⸗Pelle gab keine andere Antwort als daß er in die Hände ſpuckte, um das Ruder beſſer feſtzuhalten. „Du Sven, haſt auch eine Arbeit gemacht, die ins Journal kommen ſoll. Tuve Esbjörnsſon unter ſich zu bekommen iſt ein ſchönes Probeſtück— Du haſt höhern Orts Lob zu erwarten.“ „Das wird mich nicht ſehr rühren,“ antwortete Lomme, „wenn es nur hier in der Gegend bekannt wird, damit unſere Scheerenmädchen erfahren, wen ſie vor ſich haben, wenn Sven Dillkopf, erſter Hatteſpielmann im Umkreis und zweiter Jacht⸗ ſchiffer unter der Flagge königlicher Majeſtät, ſie zu einem Drei⸗ männertanz einlädt, was der wahre engliſche Tanz iſt.“ 251 Fünfundzwarzigſtes Kapitel. Holt in Angſt und Herzeleid. Die Stunden der Nacht waren längſt vom Tagesgrauen und dieſes ſeinerſeits von einem ungewöhnlich ſonnenhellen Herbſt⸗ morgen abgelöst worden. Holt, der zuerſt in ſtolzer Sicherheit, ſodann unter den Schauern einer aufkeimenden Furcht und endlich in verzweiflungs⸗ vollem Beben gewacht, hatte während all dieſer Stadien eine Geiſtesgegenwart behauptet, die ihn in den Augen von Moß hoch ſtellte. Aber jetzt, nachdem der alte Kaufmann in ſeine Zim⸗ mer zurückgekehrt war und Holt ebenfalls in das ſeinige, da war es ſowohl mit dem Muth als mit der Geiſtesgegenwart ſchlecht beſtellt.. 4 „Es iſt weggenommen: Alles zum Teufel... Dieſer ver⸗ dammte Jachtlieutenant— ein ſolcher Knabe ſoll die erſten Schmuggler an der ganzen Küſte beſiegt haben! Lund ſie... gewiß haben ſie angegeben, wem die Waare gehörte, und warum hätten ſie es nicht thun ſollen? Sie werden gewiß ihr eigenes Fell nicht hergegeben haben. Wer kann an die Verſprechungen ſolcher Leute glauben, wenn man ſich nicht einmal auf ſie ver⸗ laſſen kann, ſobald die Verſuchung vor der Thür ſteht?“ Er ging mit heftigen Schritten auf und ab und blickte bei jeder Wendung zum Fenſter hinaus. Er erwartete die Waaren zwar nicht am hellen Tag, aber er hoffte wenigſtens beruhigende Nachrichten zu erhalten. „Und nun,“ fuhr er fort,„habe ich nicht blos für immer alles Vertrauen meiner alten Prinzipale verſcherzt, ſondern zer⸗ ſtöre auch gleich im Anfang den Credit der Firma. Das wird recht artig werden, wenn der eine Aſſocié vor Gericht ſtehen und die Strafe bezahlen muß. Die Güter gehen natürlich nicht 25² auf mein Riſico, aber ich mag mich drehen und wenden wie ich will, ſo bin immer ich derjenige, der die Sache ausbaden muß.“ Er warf ſich auf ſeinen Sofa, aber die ruhende Stellung gewährte ihm ſo wenig Ruhe wie die Bewegung. „Ich will Hjelm heute früh gar nicht treffen. Ich werde ihn noch bald genug zu ſehen bekommen. Die Fahrt nach Lyſe⸗ kil und das gerettete Fahrzeug mag zum Teufel gehen. Ich werde verrückt von dem was mir bereits im Kopfe herum geht.“ Und allerdings war er nahe daran ſo ganz allein verrückt zu werden, denn er begann jetzt im Zimmer auf und ab zu raſen und ballte dabei die Fäuſte gegen den Jachtlieutenant, dem er alle mögliche ſchöne Namen gab, die ſeine ſiedende Galle ihm als Troſt an die Hand bot. Endlich ging ſein verwirrter Gedanke wieder auf die Mör⸗ köer über. „Aber wohin, beim rothglühenden Höllenfeuer! ſind die Burſche gegangen? Hat er auf ſie ebenfalls Beſchlag gelegt, daß ſie Nichts von ſich hören laſſen... Keine Linderung, kein Troſt, keine Hoffnung! Daheim wird man mich mit Scheltworten, zweideutigen Mienen und Sticheleien regaliren... aber bin ich nicht ein Narr, daß ich mich zum Voraus einer ſolchen Unruhe hingebe. Die Mörköer haben vielleicht, als es darauf und daran kam, die Gelegenheit nicht paſſend gefunden. Ja das kann wohl ſein, das iſt ganz wahrſcheinlich. Uf! wie man ſich doch ſelbſt in Angſt jagen kann!... Ich fühle ein wahres Bedürfniß das zu glauben was Moß ſagte, nämlich daß hundert unvorhergeſehene Dinge den ſicherſten Berechnungen in den Weg treten können. Ja ja, Moß hat gewiß Recht. Der Herr Lieutenant mag eine Conſis⸗ cation daheim in der Seebude recht gut vornehmen, aber in Liſt, Gewalt oder offenem Kampf ſich mit der allgemein reſpektirten Bärenbrut zu meſſen, das wird der arme Junge wohl bleiben laſſen— ſein junges Fell wird ihm nicht ſo feil ſein.“ 253 Und mit den haſtigen Uebergängen, die in ſeinem Charakter lagen, kam er bald ſo weit, daß er ſagte: „Vielleicht fahre ich doch mit nach Lyſekil. Zwar iſt Moß dabei und wird das Beſte des Hauſes wohl wahren, aber ohne mich hätte Hjelm gar zu freie Hand... ſtill, hier kommt Jemand.“ Und es kam wirklich Jemand. Der vertraute Ladendiener trat ein mit einem großen Brief in der Hand, der mit großen ſteifen Buchſtaben auf altes vergilbtes Papier geſchrieben war. „Ein alter Mann von Mörkö hat dies gebracht.“ „Geh Deines Wegs,“ ſagte Holt, eben ſo bleich wie in jener Nacht, wo er in demſelben Zimmer einen andern Brief las, näm⸗ lich den des unglücklichen Capitäns Geiſtern. Jetzt ſollten andere Geheimniſſe des Meeres ihr Reſultat kundthun, denn die Mörköer würden ohne die wichtigſte Veranlaſſung nicht geſchrieben haben. Holt erbrach das Siegel und las: „In ſo boshaftem Gemüth, daß ich ohne Widerrede fünf⸗ hundert Thaler Silbermünze bezahlen würde, wenn ich dies mit dem Blut des Jachtlieutenants ſchreiben könnte, thue ich Ihnen, Herr Wilhelm Holt auf Spartſkär, kund und zu wiſſen, daß die Waaren dem Teufel in den Rachen gefahren ſind. „Ich komme nicht ſelbſt, um den Verdacht nicht auf Sie zu lenken. Die Bären ſind es, die vor den Riß ſtehen. Leute wie wir, die an ſo große Geſchäfte gewohnt ſind, laſſen Niemand im Stich, der ſich auf uns verläßt, inſofern— wollen Sie ſo gut ſein, Herr Holt, und dieſe Worte dreimal leſen— inſofern, ſage ich, wir nicht um den Erſatz für die Strafe beluchst werden. Wir haben noch immer Unkoſten, Zeitverluſt und Unluſt genug bei der Sache. „Wenn der Jachtlieutenant, den ich in gutem Andenken be⸗ halte, bis ich ihn wieder einmal treffe, nach Göteborg gereist iſt, um vor der Zollkammer mit einem ſolchen Beſchlag zu ſtolziren, ſo können Sie, Herr Holt, nach Mörkö herüberkommen, dann 254 werden Sie erfahren, wie Alles zugegangen iſt. Sie haben wohl ſo viel Verſtand, um einzuſehen, daß das Unglück durch heim⸗ tückiſche Argliſt geſchehen iſt. „Dieſe Erklärung iſt geſchrieben von Einem für Beide und Beide für Einen. „Mörkö den 30. October 1803... Olagus Esbjörnsſon, der ältere. Tuve Esbjörnsſon. „Mit Gottes Frieden Ihnen wohlbehalten zu Handen auf Soartſkär.“ Es ſauste und brauste vor Holts Ohren, er las und las einmal ums andere. Der Jachtlieutenant, für welchen jetzt kein Schimpfname ausdrucksvoll genug war, der Jachtlieutenant hatte dies ausgeführt! Von ihm kamen alle dieſe Leiden, dieſe Angſt, dieſe jetzt bevorſtehenden langen Verlegenheiten und Stänkereien — kurz er war es, der dieſen lohnenden Nahrungszweig für Holts Zukunft ruinirt hatte. Das Glück nicht perſönlich vor Gericht erſcheinen zu müſſen begann ihm, ſobald er die Sicherheit hatte, minder wichtig zu erſcheinen— der gewöhnliche Undank des Menſchen, wenn die Gefahr hinter ihm liegt— und nachdem er dem ſtarken Ehrge⸗ fühl dieſer groben Inſulaner eine flüchtige Bewunderung gewid⸗ met, concentrirten ſich alle Gedanken ſeiner Seele auf zwei Gegen⸗ ſtände: erſtens wie er ſeinen Prinzipalen den Schlag mittheilen ſollte der ſie getroffen, und zweitens wie er ſich an dem Jacht⸗ lieutenant rächen könnte. Letzteres war von der dringendſten Nothwendigkeit. Wenn es nur irgend einen lindernden Tropfen für dieſen Durſt gab, ſo wollte er hernach alle ſeine Geduld und Kraft zuſammennehmen, um ſich den bevorſtehenden De⸗ müthigungen ſo wie dem Verluſt des ſchon befeſtigten Vertrauens zu unterwerfen. Was war inzwiſchen bei dieſem verzweifelten Stand der 24 7 255 Dinge zu machen? Etwas mußte er unternehmen, denn die ſo einfache aber ausdrucksvolle Zeile in des Schmugglers Brief, die ihm zur dreimaligen Durchleſung empfohlen worden, konnte nicht überſehen werden. Es wurde alſo nothwendig, daß er ſich ſo⸗ gleich auf den Weg machte, aber nicht nach Lyſekil, ſondern in einer andern Richtung, um über ſein Verhalten bei dieſem erſten und vermuthlich auch letzten Schmuggelgeſchäft Rechenſchaft ab⸗ zulegen. Aber jetzt mit ſo bleichem Geſicht vor ſeinen Aſſocié zu treten und mit ihm offen über den veränderten Reiſeplan zu ſprechen— nein, dazu konnte er ſich nicht entſchließen. „Ich bleibe heute zu Hauſe und morgen, ehe Hjelm zurück⸗ V kommt, habe ich mich hinwegbegeben und ihm einen Brief hinter⸗ laſſen, worin ich ihm das Nöthige ſage. Er mag ſeinem Gott danken, daß die Firma nicht mit ins Spiel kommt... Auch vor Moß darf ich mir noch nichts anmerken laſſen... Moß!⸗ Er ſprang hoch auf von ſeinem Stuhl. Ein Blitzſtrahl hatte das Chaos erhellt, in welchem er ſo eben noch nicht den geringſten Tagesſchimmer geſehen. „Moß... ja ja... meine Rache, meine Rache... Jetzt, Herr Lieutenant, könnte es vielleicht geſchehen, daß man V einen wunden Fleck träfe. Der Privatmann mag für den Triumph b des Beamten büßen. So ſoll es geſchehen, und wenn ich auch ſelbſt darunter leide, denn ich kann ja doch nur eine Einzige lieben.“ Hier begann er gleichwohl ſeine unruhige Wanderung wieder. Die Rache wäre ſüß, aber um dieſer Rache willen ſich mit un⸗ auflöslichen Banden zu feſſeln, das hieß einem Kampf entgegen⸗ ſehen, der nicht ſo leicht auszukämpfen ſein dürfte. „Gefühle... Gefühle... ſteht es mir zu ſie abzuwägen? 3 Was bedeuten ſie in der Wagſchale, worin das Geſchäftsleben des Mannes liegt? Gefühle... wie ich nur einen Augenblick auf ihr wahnwitziges Geſchwatze hören kann! Was ſind in Wahr⸗ heit Gefühle anders als Erzeugniſſe der Trägheit und des Müſſig⸗ ganges, Erzeugniſſe die zum Vorſchein kommen, wenn des Tages Mühe und Arbeit vorüber iſt und die Phantaſie Spielraum erhält ſich nach Belieben herumzutummeln? Aber gleichviel, mögen ſie nun aus der Finſterniß oder aus dem Licht kommen, ſo gebe ich ihnen den Laufpaß, um mich einzig und allein ſolchen Gedanken und Gefühlen zu widmen, die einem Mann anſtehen der ſich einen breiten Weg bahnen will und bahnen wird.“ Er ſtand eilig auf und überſah ſeinen verſtörten Anzug. „Hier iſt keine Zeit zu verlieren. Ich kann nicht kommen und zu Moß ſagen: Da ich mich an dem Jachtlieutenant zu rächen wünſche, bitte ich um die Hand Ihrer Tochter. Ich ſchweige alſo bis morgen von dem Brief der Esbjörnsſöhne und eile jetzt, um Moß mit einigen Worten meine neuen Gefühle anzudeuten.“ Kaufmann Moß, der nach einem Schlaf von etlichen Stunden eben im Begriff ſtand hinauszugehen und nach dem Wind zu ſehen, wurde in dieſem Vorſatz von Holt verhindert, der nach der ſtürmiſchen Morgenſtunde ſein Aeußeres einigermaßen auf⸗ geſtutzt hatte und jetzt bei ihm eintrat. „Du kommſt gerade recht: ich wollte Dich aufſuchen. Sind Nachrichten von Mörkö eingetroffen?“ Holt ſchüttelte den Kopf. „Nun es kommt gewiß heute ein Bote herüber und ich hatte Dir ſagen wollen, daß Du die heutige Fahrt nicht mitmachen, ſondern lieber zu Hauſe bleiben ſollteſt. Ich kann ſogar leichter mit Hjelm ſprechen und Deine Intereſſen wahren, wenn Du nicht dabei biſt. Dieſes Geſchäft macht mir ſo viel Vergnügen, wie wenn ich ſelbſt Theil daran hätte, und ſupponire, wenn es nicht Deinetwegen geweſen wäre, ſo hätte ich wahrlich Hjelm überboten und die Sache auf eigene Rechnung genommen.“ — — — 8 257 „Ja, lieber Onkel, Sie haben mir ſchon ſo viele Beweiſe Ihres Wohlwollens gegeben, und es wird mir immer eine gewiſſe Zuverſichtlichkeit verleihen, daß ich mich unter die Leitung der Er⸗ fahrung ſtellen kann. Ich hatte juſt heute daran gedacht, daß ich nothwendig zu Haus bleiben ſollte, denn es iſt von unermeßlicher Wichtigkeit für mich, daß ich das Vertrauen der alten Häuſer nicht verliere.“ „Eine wichtige Sache, das glaube ich wohl. Supponire jedoch, daß das Vertrauen, wenn es auf einer Seite abnimmt, auf einer andern befeſtigt werden kann. Ueberdies müſſen wohl Deine Prinzipale, bevor ſie ſich zu dieſem Geſchäfte hier ent⸗ ſchloßen, auch bedacht haben, was jeder vernünftige Menſch in ſolchen Fällen bedenken muß, nämlich daß man einem Riſico unterworfen iſt. Was Dich ſelbſt betrifft, ſo haſt Du Dich heute Nacht als ein wackerer Mann gezeigt— das ſage ich Dir offen.“ „Dies macht mich ſtolz, Onkel, und ſtählt mich gegen Alles was noch weiter zu erwarten ſein dürfte. Aber Eines ſchmerzt mich wirklich, nämlich daß dieſe Spannung und Verwirrung es mir unmöglich machen mit Ruhe und Klarheit einen Gegenſtand zu berühren, den ich ſchon hundertmal in meinem Gehirn um⸗ gedreht habe, aber noch nicht über meine Lippen bringen konnte.“ „Schlau, ſchlau!“ dachte Moß mit einem gewiſſen vergnügten inneren Lachen.„Die Waaren ſind beim Teufel. Supponire, er hat Nachrichten von Mörkö erhalten. Begreife vollkommen, wie ſchön es ſchmecken muß dem Jachtlieutenant einen Stich ins Herz verſetzen zu dürfen.“ Die ſchnellen inneren Berechnungen ſchloßen die Antwort der Lippen nicht aus. „Was für einen Gegenſtand, mein Bruder? Wir ſaßen ja geſtern den ganzen Abend beiſammen und ſchlugen auf das Brett⸗ ſpiel ein, aber dennoch konnte ich, ehe die Fiſcher kamen, nicht Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 17 25⁵8 bemerken, daß Du etwas Anderes als ein Schmuggelgeſchäft im Kopfe hatteſt.“ „ SDDas iſt es ja was ich ſage, die Unruhe um dieſes Geſchäft miſcht ſich in Alles ein. Gerade geſtern als ich mit den Brett⸗ ſteinen klapperte, da klapperte es auch in meinem Kopf und in meinem Herzen— und lieber Onkel, Sie haben gewiß geſehen, obſchon Sie nicht ſehen wollten, daß ich mehrere Male im Be⸗ griff war den Mund in einer andern Sache zu öffnen, aus der aber freilich Nichts wurde.“ „So laß jetzt Etwas daraus werden. Supponire, Du willlſt Geld entlehnen, im Fall Du ſelbſt in die Klemme kommen ſollteſt.“ „Nein, Onkel, der Commiſſionär kann nicht zur Bezahlung angehalten werden; es iſt genug an dem Verluſt den er in anderer Beziehung leidet.“ „Nun was haſt Du denn zu melden, wenn es ſich nicht um Geld handelt? Supponire, Du haſt geſehen, daß ich Dir immer wohl wollte. Deßhalb iſt es am Beſten, Du rückſt ganz offen und gerade mit der Sprache heraus.“ „Aber dies ſcheint mir gerade jetzt gar nicht delicat zu ſein.“* „Dummheiten! Man wird uns jetzt gleich zum Frühſtück rufen.“ „Nun wohl, Onkel... aber es gehört wahrlich Muth da⸗ zu, beſonders da ich weiß, daß ich ſo wenig Ausſicht auf Erfolg habe. Ja, Onkel— ich ſage es jetzt auf einmal heraus, mein höchſter Wunſch wäre, wenn ich Sie eines Tags Schwiegervater nennen dürfte.“ In dieſem Augenblick fuhr dem alten Moß wieder das Bild von der unheimlichen Nacht am Meeresufer durch die Seele. War der Mann, der dieſe That ausführen konnte, würdig die Maiblume zur Frau zu erhalten? Nein, würdig war er freilich nicht.„Aber wie Viele gibt es wohl,“ dachte er weiter,„die, wenn ie 259 ſie in ihrem Gewiſſensbuch blättern, alle Blätter rein finden? Man muß bedenken, daß der Menſch nichts anderes als ein ar⸗ mer ſündiger Menſch iſt. Und dieſer Schlaukopf da geht ſo gut auf alle meine Ideen ein, daß es accurat iſt als ob ich meine eigene Jugend von Neuem begänne. Ehe wir jedoch das letzte Wort ſprechen, will ich ihm zu verſtehen geben, daß er ſich vor ſolchen Dummheiten, die mit einem ſchwarzen Kreuz bezeichnet werden, in Acht nehmen ſoll.“ „Ich ſehe aus Ihrer Nachdenklichkeit und Schweigſamkeit,“ begann Holt wieder,„daß ich allzu kühn geweſen bin.“ „Sage das nicht, Junge, ſage das nicht. Die Sache iſt je⸗ doch wichtig, ſiehſt Du. Aber mein Entſchluß iſt bereits gefaßt. Da haſt Du meine Hand. Du ſollſt ſie haben, inſofern ich et⸗ was vermag. Jetzt aber kein Wort mehr. Du ſollſt Bericht von mir erhalten, wenn ich nach Hauſe komme und das Mädchen unter meiner Hand habe, denn hier will ich nicht mit ihr ſpre⸗ chen.* „Dank, Onkel— ich ſage nicht mehr als Dank, aber dieſes Wort iſt in meinem Munde nicht bedeutungslos. Und obſchon ich mit dem Jachtlieutenant kein Mitleid haben kann, ſo will ich doch in dieſer Sache mit dem größten Zartgefühl zu Werke gehen und meine künftige Frau mit der zärtlichſten Sorgfalt dahin zu bringen ſuchen, daß ſie einen Theil des Gefühles, das ſie für ihn hegt, auf mich überträgt.“ „Ja,“ antwortete Moß,„ich bin überzeugt, daß Deine Ge⸗ fühle für den Jachtlieutenant vom höchſten Zartgefühl durchdrun⸗ gen ſind. Als erſten Beweis unſerer nahen Verbindung kannſt Du mir inzwiſchen den Brief der Mörköer zeigen, denn Du be⸗ greifſt wohl, daß ein ſo ſchlauer Mann wie ich ausrechnet, wie viel Uhr es iſt, wenn er auch nicht ſchlagen gehört hat.“ „Mein beſter Onkel,“ antwortete Holt, indem er feuerroth wurde,„ich hatte Ihnen blos zeigen wollen, daß ich mein Miß⸗ —C——ꝛ——ᷣ—— —, 260 geſchick als ein Mann ertragen kann; dies iſt der einzige Grund meines Schweigens in dieſer verdammten Sache.“ „Ich verſtehe Dich vollkommen, mein Junge... alſo der Brief iſt da... nun laß ſehen.“ Moß nahm den Brief, ſupponirte eine Menge Sachen als Commentare zu den Nachrichten, die er enthielt, und ſchloß mit der Erklärung, der verwünſchte Jachtlieutenant ſei in ſeiner Ach⸗ tung geſtiegen wegen des Scharfſinns, den er an den Tag gelegt, indem er dieſe hochmüthigen Mörköer am Narrenſeil herumgeführt habe.. „Dies ſcheint Sie ordentlich zu freuen, Onkel?“ bemerkte Holt mißvergnügt. „Sei ganz ruhig. Supponire, es liegt im Blut, daß man an ſolchen Dingen ſeine Freude hat. Haſt Du mit Hjelm ge⸗ ſprochen? Du reiſeſt natürlich, ſobald Du die Mörköer geſehen haſt, fort um mit Deinen Prinzipalen ins Reine zu kommen?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Aber hoffentlich werden Sie es billigen, wenn ich zu Hjelm Nichts ſage, bis er zurückkommt. Ich war dieſen Morgen aufgeregt genug.“ „Das iſt einerlei. Das Geſchäft geht ihn nichts an und die Mittheilung kommt bald genug, wenn Ihr Euch wieder treffet . Es,ſind verdammt ehrenwerthe Burſche, dieſe Mörköer. Du biſt und wirſt auch nicht compromittirt.“ „Nein, inſofern iſt Alles gut. Aber um mich noch einen Augenblick bei dem wichtigſten Gegenſtand aufzuhalten, glauben Sie, Onkel, daß ich die geringſte Hoffnung habe Mamſell Majkens Gefühle mit der Zeit zu gewinnen?“ „Nun mit den Gefühlen wird es ſich ſchon machen. Auf⸗ richtig geſagt, ich glaube kaum, daß man mehr als einmal in ſeinem Leben dieſer Thorheit opfert, und ich halte es für gut, wenn die Sache abgemacht iſt. Kurz und gut, Du bekommſt eine Frau, welche weiß was Pflicht und Ehre bedeuten. Andere Ge⸗ fühle können auf den Boden der Kiſte oder auch zwiſchen die 261 Blätter in der Bibel gelegt werden, wohin, wie ich glaube, meine Frau die ihrigen gelegt hat. Du darſſt nicht glauben, daß ich es war, der ihre erſte Liebe beſaß.“ „Und dennoch iſt Ihre Ehe glücklich, Onkel?“ „Natürlich. Die Weiber, die ſonſt ſtolz und unregierlich ſind, haben in ſolchen Sachen immer ſo viel Chre, daß ſie ohne gro⸗ ßes Geprahle aus der Noth eine Tugend machen. Sie ſind, ſupponire ich, im Allgemeinen das ſchönſte Probeſtück aus der Schöpfung des lieben Gottes, und Salomo hat Recht, wenn er ſagt: Ein gutes Weib iſt die Krone des Mannes.“ Holt ſeufzte vor Ungeduld. „Wollte Gott, die Krone hätte gleich im Anfang das Haupt der Braut geſchmückt! Aber es wird wohl manchen harten Kampf koſten, bis man ſo weit gekommen iſt.“ Er dachte hauptſächlich an den Kampf mit ſeinem eigenen aufrühreriſchen Gefühl, in Folge deſſen er bei dieſer Unterhand⸗ lung eben ſo viel Angſt und Herzeleid ausſtand, als in der Nacht während der Beſchlagnahme. „Ueberlaß das Alles mir,“ ſagte Moß,„und denke im Uebri⸗ gen daran, wie es dem Jachtlieutenant zu Muth ſein wird, wenn er im Augenblick ſeines höchſten Frohlockens die Entdeckung macht, daß Du im eigentlichen Sinn des Wortes über ihn trium⸗ phirſt.“ Bei dieſen Worten fuhr Holt zuſammen, wie das Pferd, das ſich beim Peitſchenknall bäumt. Die Gefühle wurden wieder über Bord geworfen und die Rache, die ſüße Rache ſtrahlte aus ſeinen Augen und arbeitete in ſeiner Bruſt. „Hier kommt Jemand,“ ſagte Holt haſtig.„Das iſt Hjelm. Ich gehe den andern Weg. Sagen Sie ihm, Onkel, daß Ge⸗ ſchäfte mich nöthigen daheim zu bleiben.“. Holt eilte hinaus. Es wäre ihm äußerſt widerlich geweſen juſt jetzt in Hjelms offenes und ehrliches Geſicht ſchauen zu müſſen. Gegen zehn Uhr lag das Boot klar da. Majken, die voll Unruhe dieſem Augenblick entgegengeſehen, hatte bereits ihren Vater an den Landungsplatz hinabbegleitet, während Emilie am Arm ihres Mannes nachkam. Und ſie hoffte eben noch einige herzliche Worte zu hören als man das Geraſ⸗ ſel herannahender Fuhrwerke vernahm. Es war eine der gewöhnlichen Getreidefuhren: Bauern, die ihr Korn gegen andere Lebensbedürfniſſe austauſchten. „Wirſt Du aufgehalten?“ fragte Emilie mit dem angeneh⸗ men Gedanken ihren Mann noch eine Weile behalten zu dürfen. „Nein, mein Herz. Holt iſt drin. Gott ſegne Dich... Erkälte Dich nicht.... Glücklicher Weiſe haſt Du die prächtige Majken zu Deiner Unterhaltung da.“ „O nein, ich bin im Gegentheil heute ganz allein. Majken fährt nach dem Pfarrhaus.“ „Dann mußt Du ſie begleiten. Du weißt, wie willkommen Du immer biſt.“ „Aber gerade heute will ich nicht mitgehen, denn ich ahne, daß ſie Jemand zu treffen gedenkt— Du verſtehſt?“ „Jedenfalls iſt ſie vor der Dämmerung wieder zu Hauſe; bitte ſie dann Thorborg mitzubringen, ſo wird der Abend um ſo gemüthlicher. Bei Tag haſt Du, das weiß ich, keine Angſt.“ „Das habe ich faſt nie mehr. Bleibe aber dennoch nicht länger aus als abſolut nothwendig iſt.“ „Sei überzeugt, daß ich keine Minute vergeude. Sieh da: Moß ſitzt bereits im Boot. Gib mir jetzt Dein Händchen.... noch einmal: Gott ſegne Dich!“— Emilie lächelte holdſelig, wie ein heiteres Kind lächelt. Dann eilte ſie hinauf, um nach einigen Anordnungen für den Tag und nach Majkens Abreiſe ſich ruhig hinzuſetzen und an ihre Mutter zu ſchreiben. ———— 4 263 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Himmelhoch Jauchzen. „Ei ſieh da, jetzt kann einer groß thun,“ meinte Vivika, als Hatte⸗Lomme mit der Caffetaſſe vor ſich und dem Butterbrod in der Hand der Tante Vicka, deren großer Günſtling und ge⸗ wiſſermaßen Vertrauter er war, den ganzen Verlauf der nächt⸗ lichen Ereigniſſe erzählt hatte. „Nun, Tante, wie wollt Ihr denn großthun? Laßt Eure ſtolzen Pläne hören.“ „Vor allen Dingen, mein naſeweiſer Monſieur Spielmann, kaufen wir dem Hammel eine Schelle, damit man hören kann wo er iſt, und dann auch einen neuen Strick, denn er hat den alten ganz zerriſſen, und er kann jetzt ſchon noch eine Zeitlang im Herbſt in der Sommerluſt weiden,“ „Ich verſpreche Euch, Tante, daß ich dieſe beiden Sachen ſelbſt kaufen werde, wenn ich jetzt nach Göteborg hinabkomme. Aber was für Pläne habt Ihr ſonſt noch?“ „Nun, da Gudmar ſo viel Geld bekommt, ſo kann ich, um ihm Freude zu machen, wohl ein ſchwarzes Camlotkleid anneh⸗ men. Du kannſt ihm das unter die Zähne geben, wenn Ihr an Ort und Stelle kommt.“ „Werds nicht vergeſſen, Tante Vicka... aber Eure Pläne reichen wohl noch etwas weiter?“ „Ja freilich. Wenn ich ſelbſt ein ſchwarzes Camlotkleid an⸗ ziehe, ſo wäre es, denke ich, wohl an der Zeit, daß auch der Alte ſchwarzes Tuch zu Hoſen und Rock bekäme. Sein jetziger Habit iſt ſo beſchaffen, daß Sonne und Mond hindurchſcheinen. Nun nun, darüber wird ſchon Thorborg einen Wink geben, denn ſie hat dem Lieutenant, der beſtändig nach ſeines Vaters Sonntags⸗ kleidern fragte, geſagt, ſie werde es ihm anzeigen, wann es nö⸗ thig ſei, und jetzt dürfte es wohl an der Zeit ſein.“ „Und für Euern eigenen Theil war es nichts weiter, Tante? Ich bin auf des Lieutenants und meine eigene Rech⸗ nung ſo ins Spendiren hineingekommen, daß Ihr wohl noch ein Liedchen herausſingen könnt, wenn Ihr bei Stimme ſeid.“ „Meinſt Du das, mein Junge? Nun, ſo will ich Dir er⸗ zählen, daß es mir heute Nacht träumte, ich habe eine neue ſil⸗ berne Schnalle zu meinem alten Kirchenſhawl bekommen... aber Träume ſind Schäume, und deßhalb verbiete ich Dir dem Lieutenant etwas zu ſagen. Denn Du kannſt Dir wohl vorſtel⸗ len, eine neue Schnalle in einem alten Shawl wäre gar nicht paſ⸗ ſend für eine ehrbare Perſon. Du haſt gehört was ich ſagte. Daß Du mir alſo nicht hergehſt und es dem Lieutenant vor⸗ ſchwatzeſt, außer wenn er Dich etwa ſelbſt fragte, ob Du nicht vielleicht etwas wiſſeſt, was für die alte Vivika zum Präſent paſ⸗ ſen könne; dann darfſt Du Dein Zungenband löſen. Wenn er Dich aber nicht fragt, ſo iſt jedenfalls Dein Zungenband Dein eigen, und es wird mich nicht viel nützen, wenn ich daſitze und mir einbilde, ich könne es aufhalten, wenn Du drunten in Göte⸗ borg biſt... Und jetzt iſt mein Redefaden nach dieſer Richtung hin aus geſponnen. 4. „Ich habe ihn in meinem Gedächtniß aufgehaſpelt, Tante. Und jetzt ſollt Ihr zum Dank für das gute Frühſtück hören, was für Gedanken ich für mich ſelbſt habe.“ „Du bekommſt wohl für Deinen Antheil auch Geld, womit Du wirthſchaften kannſt?“ „Darauf könnt Ihr Euch ſetzen, Tante— Geld wie Heu. O, ich bin gewiß ein Kerl, der Etwas taugt, und im Fall ich, wenn ich nach Haus komme, Euch eine Zuckerbüchſe gebe, wie kein Frauenzimmer im ganzen Qulllerkirchſpiel eine aufzuweiſen hat, ſo werdet Ihr Eure Klugheit mit der meinigen zuſammen⸗ legen und mir ein ſchönes Baneknanädehen herausſuchen.“ „Ei, ei, mein Jumker⸗ willſt Du alſo von den Scheeren⸗ mädchen ablaſſ en?“ —— 265 „Ich lache und ſchwatze mit ihnen und ſpiele ihnen auf meiner Fela zum Tanze auf, aber ich habe jetzt hohe Gedanken im Kopf, Tante Vicka, darüber kann ſich wohl Niemand wundern, wenn einer in der Welt ſo weit vorwärts gekommen iſt wie ich. Und deßhalb will ich durchaus ein Bauernmädchen mit Hof und Gut zu meiner Rechten haben. Und ein Buch ſoll ſie mit goldenen Ecken haben und einen Ring von meinen Haaren, von Sven Dillkopfs Haaren mit einem Liebesknoten. Und dann bin ich der Mann, der ihr eine Commode geben kann, um alles Weiß⸗ zeug hineinzulegen, das ſie ins Haus mitbringt— denn gut ausgeſtopft muß ſie ſein.“ „Willſt du denn die See ganz verlaſſen?“ „So lange die Jugend währt, nicht. Ich habe es in eine Melodie gebracht und juſt geſtern Abend zuſammengeſetzt, als ich allein auf der Zolljacht ſaß und dem Wetter und Wind und den Mörköern vorſpielte, wenn ſie Luſt hatten zu hören, was ſie gewiß auch thaten.“ „Nun, wie haſt du es zuſammengebracht, mein Junge?“ „Ja, wie geſagt, zuerſt freie ich um eine Bauerntochter, ſchön und fein und, wie ich ebenfalls ſagte, mit Hof und Land, denn das laß ich mir nicht aus dem Kopf bringen. Sodann ſupponire ich, wie Kaufmann Moß ſagt, daß ſie wohl weiß, wer der Freier iſt, und dann bekomme ich ihr Jawort, und dann hal⸗ ten wir Hochzeit, und da ſollen ſieben Hatteſpielmänner muſiciren, ohne den Bräutigam ſelbſt. Wenn wir nun drei Tage lang in Kurzweil und Vergnügen getanzt und geſchmaust haben, dann nehme ich ſie mit mir, und der Schwiegervater verſpricht den Hof zu bewirthſchaften und zu leben, wenn er will, bis es für mich Zeit vird mein Geſchäft aufzugeben, was mir ganz wohl in den Sinn kommen kann, wenn der Lieutenant Controleur wird. Lebt dann der Schwiegervater noch, ſo werde ich Zoll⸗ wachtmeiſter, und damit kann ich leben, bis ich ſterbe, denn der Schwiegervater kann den Zins bezahlen, ſo daß mein Weib und ich gleichſam Herrenleute werden und man Frau zu ihr ſagen muß. Und jetzt, Tante, ſollt Ihr mir ſagen, ob Ihr eine Perſon auffinden könnt, welche würdig iſt, ein ſo ungeheures Glück zu machen.“ 1 „Hier haſt Du die Antwort, Bürſchchen. Wende Deinen Sinn fein ab von ſo hochmüthigen Speculationen, bis Du hinter den Ohren trocken biſt, und wäre es nicht um die Zuckerbüchſe, welche Du mir anzubieten den Verſtand hatteſt, ſo würde ich es nie verzeihen, daß ein ſolcher Windbeutel vom Heirathen ſprechen will... Ach, Herr Jeſus, jetzt fängt der Paſtor wieder an zu krakehlen— ich habe über Dein Geſchwatz ganz vergeſſen, daß Feuer im Ofen iſt und daß er ſein Raſirwaſſer noch nicht be⸗ kommen hat. Wir werden natürlich heute große Putzerei haben, denn Majken kommt. Nun nun, jetzt wird die Hexe wieder her⸗ halten müſſen... aber ich will heute goldgut ſein, denn ſieh, das iſt meine Art ſo, wenn ich in der Nacht geſchlafen habe und mit guter Laune aufgewacht bin. Aber Gott helfe mir ſo ge⸗ wiß als ich niemals ſchlafe in der Nacht.“ „Ei, Tante, da habt Ihr ja heute Nacht wohl auch nicht von der neuen ſilbernen Schnalle geträumt, die in dem alten Kirchenſhawl ſteckte?“ „Dummkopf! Kann man nicht in der Nacht wachen und am Morzen in einen leichten Schlaf verfallen? Jetzt kannſt Du Deines Wegs gehen und brauchſt mich nicht weiter zu hindern.“ Aber hatte Vivika ſich vorgenommen goldgut zu ſein, ſo wurde ſie darin noch übertroffen von dem Hausherrn, der in der Freude über den Triumph ſeines Sohnes und den erneuten Be⸗ ſuch ſeines Lieblings Majken ſo weit ging, daß er— was ſeit Menſchengedenken nicht geſchehen war— mit einer Art von Ent⸗ ſchuldigung ſagte:„Ich verſtehe, Du hatteſt mit dem Mittageſſen zu ſchaffen,“ eine Milde, die der Alten ſo zu Herzen ging, daß ſie mit der Schürzenecke an ihre Augen fuhr und ganz zit⸗ ternd ſagte: 267 „Ich hoffe, daß Sie ſich doch nicht unwohl befinden, Herr Paſtor. Es war ein recht einfältiges Geſchwätz, was ich geſtern Abend da geführt habe— ich meine die Geſchichte von dem Prieſter, der...* „Hat keine Noth!“ ſagte der Pfarrer hochvergnügt über dieſen ſeinen eigenen Sieg, der ohne Zweifel merkwürdiger war als der von Gudmar errungene. Leider war er jedoch für mehrere Jahre der letzte. Eine Stunde ſpäter ſehen wir Majken und ihren Geliebten in holder Vertraulichkeit in Thorborgs Nonnenzelle ſitzen, während die Kleine ſelbſt auf und ab eilt und alle möglichen Anordnungen für das Behagen der Leute im Hauſe trifft. Majken beabſichtigte bis gegen die Dämmerung zu bleiben, wo denn Thorborg dem Vorſchlag Akes gemäß ſie nach Spartſkär begleiten ſollte, um allda die Nacht zuzubringen. „Jetzt frage ich Dich, mein Gudmar, ob ein ſolcher Augen⸗ blick, wo man allen Zwang von ſich abgeſchüttelt hat und ſich von ganzer Seele einander hingibt, nicht das eine oder andere Opfer werth iſt? Ich fühle mich ſo glücklich, daß ich es beinahe als eine Nothwendigkeit anſehe, daß das Glück immer bedingt ſein muß.“ „Still, Geliebte! Du willſt immer raiſonniren. Was brauchen wir zu ſprechen— laß uns genießen: das iſt die Hauptſache.“ „Nein nein, Gudmar, ich wandere nicht gerne gar zu lange die Himmelsleiter auf und ab. Es iſt warm und dumpf in der Luft, die ſie umgibt, und wenn man im höchſten Fall doch nicht weiter als bis auf die Leiter kommen kann, ſo iſt es am beſten, man nimmt ſich vor dem Schwindel in Acht.“ „Ach, meine ſchöne Maid, laß mich eine Weile ungeſtört leben... o, ſo hier zu ſitzen mit Deinem Kopf an meinem Herzen und in Deine Augen ſehen zu dürfen, die unendlich be⸗ redter ſind als Deine Lippen...“ „Nein, höre einmal, Gudmar, ſo halte ichs nicht länger aus. Jetzt gehe ich an den Spiegel und corrigire meine Augen... nun was ſagſt Du jetzt?“ „Ich ſage, daß Du das ſtolzeſte, vernünftigſte und ſtärkſte Weib auf Erden biſt; aber die Edelmüthigſte und Zärtlichſte biſt Du nicht.“ „Gleichviel... an edelmüthigen und zärtlichen Weibern fehlt es nicht in der Welt. Und jetzt wirſt Du ſo artig ſein, mir dieſe intereſſante Geſchichte von Anfang an zu erzählen. Eines wird Dir Papa übel anrechnen, nämlich daß Du die Waaren weggenommen haſt in...“— „Still, meine Geliebte; dieſe Waaren habe ich den frechſten Schmugglern in den Scheeren weggenommen und auf dieſe Con⸗ fiscation bin ich ſtolzer als auf zehn beliebige andere.“ „Ja, ich verſtehe... Du aber verſtehſt auch, daß dieſer Schlag, den Du gegen die berüchtigten Esbjörnsſöhne ausgeführt, bei Papa ſowohl Sympathien als Antipathien hervorruft.“ „Glaubſt Du das, meine ſchöne Maid?“ „Ja, aber.. doch ſprich jetzt, damit ich das Eine mit dem Andern zuſammenhalten kann. Hier zwiſchen dieſen ver⸗ traulichen Wänden können wir Alles ſagen.“ Und nun erzählte Gudmar mit allen Details nicht blos das Abenteuer der vorhergehenden Nacht, ſondern auch wie er wäh⸗ rend der zehn Tage, die zwiſchen der erſten und letzten nächtlichen Jagd lagen, nie recht gewagt habe ein Auge zuzuthun.„Ja,“ ſchloß er,„ich habe bei dieſer Geſchichte beinahe alle Kräfte mei⸗ ner Seele und meines Leibes erſchöpft, aber der Endausgang hat mich reichlich für Alles belohnt, denn er hat mir auch dieſen koſtbaren Augenblick bei Dir geſchenkt.“ „Mit welchem Intereſſe,“ antwortete Majken,„bin ich Dir nicht auf all Deinen Fahrten gefolgt, mein theurer Befehlshaber! 269 Ich hätte dabei ſein mögen— und ich erkläre Dir mein hohes Wohlgefallen über Alles was Du gethan und gelaſſen haſt, außer in einem einzigen Fall.“ „In welchem denn?“ „Ei, Du hätteſt während dieſer ganzen verdrießlichen Zwi⸗ ſchenzeit nicht ſo verſchwiegen zu ſein gebraucht. Das geſchah aus Hochmuth, mein Gudmar.“ „Nein, gewiß nicht, Majken, wie kannſt Du das Herz haben ſo zu reden?“ „Aus eitel Hochmuth. Es kränkte den jungen Jachtlieute⸗ nant ſeiner ſchönen Maid eine Art von Niederlage mittheilen zu müſſen, zumal da er ſeinen Brief in ſo guter Laune juſt bei Lommes Bericht abgeſchloſſen hatte, daß es ihm allzu ſchwer ge⸗ worden wäre vor der Abſendung noch eine Nachſchrift beizufügen.“ „Hierin haſt Du gewiß Unrecht, Geliebte. Ich war ſo ärger⸗ lich, ſo verdrießlich und dermaßen in Anſpruch genommen...“ „Du kannſt Dir alle Deine Ausflüchte erſparen, denn ich habe doch Recht.— Geſtehe es nur ein, damit dieſe Sache er⸗ ledigt wird.“. „Nun meinetwegen... Aber ſetz Dich jetzt wieder ruhig hieher und laß uns von unſerer Liebe reden. Majken, Du weißt, daß dies doch die Hauptſache iſt— und deßhalb wollen wir jetzt mit andern Dingen kein Wort mehr vergeuden.“ „Nun, ſo laß uns denn von unſerer Liebe reden.“ „Im Ganzen kann man das Reden auch unterlaſſen. Es genügt zu denken.“ „Damit bin ich auch zufrieden. Ich für meinen Theil be⸗ abſichtige alſo darüber nachzuſinnen, wie wir es anzuſtellen haben, um nach meiner Abreiſe von Spartſkär wieder zuſammentreffen zu können. Wenn du denſelben Gegenſtand behandelſt, ſo können wir hernach das Ergebniß collationiren.“ „Wenn ich von denken ſprach,“ verſetzte Gudmar lächelnd, „ſo meinte ich blos fühlen— es iſt genug die Liebe zu fühlen.“. „Ich meines Theils,“ antwortete Majken ſchalkhaft,„fühle ſie täglich und ſtündlich; alſo iſt es gar nicht nöthig, daß wir uns eigens hinſetzen, um Etwas zu erfahren, was uns Beiden ſo wohl bekannt iſt.“ „Du biſt heute gar nicht das liebende Mädchen!“ Es lag gleichſam ein kleiner Verdruß in Gudmars Ton. „Ich glaube, daß Du mich abſichtlich falſch beurtheilſt, denn Du weißt ſo gut wie ich, daß ich Dich nie feuriger geliebt habe. Aber Du erinnerſt Dich ja, daß ich dieſe langen Perioden des Schweigens zwiſchen Liebenden nicht ausſtehen kann. Die Liebe iſt das Beſte auf Erden, aber mit dem Beſten muß man immer haushälteriſch umgehen... Und jetzt haſt Du gar nicht nöthig mich anders als recht ſchön und freundlich anzuſehen, denn Du kannſt Deine Majken in keinem Fall in eine ſchmachtende Lieb⸗ haberin verwandeln.“ „Du wirſt wahrlich auch keine ſchmachtende Gattin werden.“ „Das wird noch auf die Probe ankommen— und um es zu erfahren, wird es am beſten ſein, wenn wir alle Hinderniſſe unſerer Ehe bei Seite ſchaffen.“ „So ſchnell wird es wohl noch nicht gehen! Weißt Du nicht wie offen und beſtimmt Dein Vater ſich an dem Abend erklärte, als er hieherkam— es war an demſelben Tage wo die Maiblume dem Commandanten der Zolljacht die Ehre erwies in ſeiner Ca⸗ jüte zu frühſtücken.“ „Eine eben ſo glückliche Stunde wie dieſe hier, ich werde ſie nie vergeſſen.. Aber höre jetzt, was ich Dir vorzuſchlagen gedenke— es widerſtreitet vielleicht den gewöhnlichen Begriffen von Zartgefühl, wenn ich Dich zu neuen Unterhandlungen auf⸗ fordere; aber da es unſere Zukunft und unſere Liebe gilt, ſo bekümmere ich mich nicht um die Formen.“ 271 „Du erweckſt alle meine Lebensgeiſter zu neuem Leben. Was kannſt Du vorſchlagen wollen?“ 1 „Nun Du erinnerſt Dich, daß ich früher einmal darüber ſcherzte, daß Papa ſich in Bezug auf Holt getäuſcht zu haben ſcheint. Es ſieht wirklich aus als ob es ihm nicht im Schlaf einfiele ſich in Deine Flamme zu verlieben.“ „Daß er das nicht thut, verzeihe ich ihm gern, aber ich be⸗ greife es nicht.“ „Aber ich begreife, daß Deine Majken, die eine recht paſſable Scheerenſchönheit iſt, Notabene in einem gewiſſen Genre, vor der wirklich ſchönen und eleganten Frau Hjelm in den Hinter⸗ grund treten muß.“ 3 „Nein, das gebe ich gar nicht zu. Frau Hjelm iſt eine hübſche und höchſt einnehmende Dame, aber ſie iſt nicht die ſtolze edle und würdevolle Majken, deren ſchöne Züge immer die Weichheit ihres Herzens und die Selbſtſtändigkeit ihrer Seele abſpiegeln.“.. „Liebesdummheiten, die ſich jedoch in meinen Ohren unver⸗ gleichlich ſchön ausnehmen. Aber...“ „Laß mich noch hinzufügen, daß Frau Hjelm in ihrer Eigen⸗ ſchaft als Gattin unnahbar ſein muß.“ „Und Du bildeſt Dir ein, einfältiger Junge, daß die Frauen nicht gerne geſehen ſein wollen! Wart nur, bis ich Controleu⸗ rin bin.“ „Sehr tröſtlich... aber wo willſt Du mit dem Allem hinaus?“ „Nun, wenn ich nach Deiner Rückkehr von Göteborg das Commando über Deine Gedanken und Handlungen übernehmen darf, ſo möchte ich beinahe in Verſuchung kommen zu glauben, daß gerade jetzt eine günſtige Wendung erzielt werden könnte.“ aß hören. Was das Commando betrifft, ſo überlaſſe ich es Dir, inſofern...“ „Keine Vorbehalte... Die Sache iſt die: während unſeres 272 Beſuches hier, womit Papa ganz ſicherlich einen Fortſchritt beab⸗ ſichtigte, habe ich alle Veränderungen in ſeinen Ideen und Ge⸗ danken genau beobachtet. Ich habe ſogar, obſchon ich mir ſelbſt nicht recht klar machen kann, worauf ich dieſe Vermuthung be⸗ gründe— zu erkennen geglaubt, daß er bei all ſeiner Vor⸗ liebe gegen Holt dennoch Etwas gegen ihn hat. Wenn ich nun jetzt dieſen noch unerklärten Punkt und den demüthigenden Ver⸗ druß ſein Werk nicht voranſchreiten zu ſehen zuſammennehme, ſo denke ich daß, im Fall wir ihn juſt jetzt nach ſeiner Rückkehr von Lyſekil mit all unſern vereinigten Kräften angriffen, vielleicht Etwas durchzuſetzen wäre.“ „Ach Geliebte, Geliebte, wie ſehr gehſt Du irr!“ „Vielleicht nicht ſo ſehr. Aber jetzt kommt es auf Dich an, denn man muß ihn auf diejenige Art anfaſſen die ihm am mei⸗ ſten zuſagt. Kannſt Du es über Dich bringen einen Brief voll demüthigen Bedauerns über die früheren Vorfälle zu ſchrei⸗ ben und darauf anzudeuten, daß Du den Dienſt bald zu ver⸗ laſſen gedenkeſt um Dir eine ruhigere Stellung zu verſchaffen, und daß Du für Dein ganzes künftiges Leben Alles werden wolleſt, was nur der dankbarſte Sohn ſein könne— kurz, mein Gudmar, einen Brief der nicht nach dem ewigen Pflichtgefühl ſchmeckt, ſondern einzig und allein ſo eingerichtet iſt, wie ein junger Mann an den Vater des Mädchens ſchreibt, deſſen Beſitz er als ſein höchſtes Lebensglück betrachtet,... ſo werde ich für meinen Theil es nicht für erniedrigend halten möglichſt demüthig und verträglich zu ſein, da ich die liebliche Ueberzeugung beſitze, daß mein künftiges Glück jede Anſtrengung belohnen wird.“ „O wie hold, wie liebreich Du ſprichſt! Aber wenn Du wüßteſt, Majken, wie Dein Vater mit mir geſprochen hat, und wie ſicher es iſt, daß dieſe Demüthigung mir Nichts helfen würde! Er würde ſich vielleicht ſogar darüber luſtig machen, darüber frohlocken und die ganze Sache Holt erzählen, damit auch er über den verſchmähten Schwiegerſohn lachen könnte.“ —2——–„ ——— ‿ 273 Während Gudmar ſprach, hatte eine tiefe Nachdenklichkeit ſich auf Majkens Stirne gelagert. Ein finſterer Blick verdüſterte die Klarheit ihrer Augen. Aber ſie beobachtete Stillſchweigen. „Siehe da,“ rief Gudmar, jetzt iſt das Schlimmſte einge⸗ troffen! Selbſt dieſer Freudentag endet mit Schmerz und Unruhe . Du biſt unzufrieden mit Deinem Gudmar! aber ehe ich dieſe Laſt eine einzige Sekunde ertrage, thue ich lieber alles nur Erdenkliche. Höre, Geliebte, ich ſchreibe dieſen Brief. Ich werde ihn auf der Heimfahrt von Göteborg ſchreiben und ich ſchwöre, daß ich alle Gedanken und Gefühle aufregen werde die möglicher⸗ weiſe auf ihn einwirken können. Dafür mußt Du jetzt aber Deinen Gudmar mit einer Umarmung beglücken die ihm beweist, daß Du ihn nie wieder ſo anblicken willſt wie ſo eben.“ Jetzt begann einer der ſeligen Augenblicke mit denen Majken ſo haushälteriſch umging. Und dann träumten und ſchwatzten ſie von ihren neuen Plänen, bis ſie zu glauben anfingen, daß ſie ſich bereits im Hafen befänden. Dies geſchah nur einige Stunden nach Holts Freiwerbung bei dem Kaufmann Moß. So freuen wir Menſchen uns und ſpeculiren auf eine Zu⸗ kunft, über welche die unſichtbare Hand bereits ihren breiten Strich gezogen hat, zum Zeichen, daß unſere Pläne und Hoff⸗ nungen erſt dann in Blüthe ausſchlagen werden, wenn ſie etwas mehr als blos die Erde umfaſſen. „Jetzt wollen weder Papa noch Vivika noch ich eine Sekunde länger warten,“ ſagte Thorborg, indem ſie ihr holdes Geſichtchen in der Thüre zeigte.„Das Eſſen iſt fertig, der Tiſch gedeckt und die letzte Flaſche von Papas altem ſpaniſchem Wein ſteht ſo zier⸗ lich und ſchön in der Mitte mit ihrem garſtigen Schimmel.“ „Nein, was Du ſagſt!“ rief Majken erſtaunt.„Schon Mit⸗ tag— das iſt wahrhaft werkwürdig. Kannſt Du es begreifen, Gudmar?“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 18 274 „Ich werde mich wohl hüten,“ erklärte der junge Jacht lieutenant lachend.„Ich laufe jetzt hinab und ertheile Lomme meine Befehle; denn ſobald wir Caffe getrunken haben, ſegle ich ab, morgen Mittag will ich in Göteborg ſein.“ Gleich darauf traten die jungen Damen in's Speiſezimmer, wo der Wirth ihrer harrte. „Du haſt mich verlaſſen, Du alte Schildjungfrau, und darum habe ich zugenommen an Krankheit und übler Laune,“ erklärte der Paſtor, als die Reihe endlich an ihn kam. „O, liebſter Onkel, noch leben die alten Götter, und ich ſchwöre bei... laſſen Sie ſehen... ich ſchwöre bei dem großen Bullarochſen, den die Norweger ſo ſchamlos zuſammenſchnitten, daß nie Etwas was in des Menſchen Willen liegt, Sie und mich trennen ſoll. Wir haben zu alte Sympathien, als daß wir ohne einander recht gedeihen könnten.“ „Gut geſprochen. Aber die That ſpricht um ſo lauter gegen Dich, Du biſt ſchon mehrere Stunden im Hauſe... „Ich verſichere Sie, Onkel,“ fiel Majken mit hohem Er⸗ röthen ein,„daß ich an dieſer Verſäumniß unſchuldig bin. Als ich kam, wurde Ihnen gerade das Raſirwaſſer hereingebracht, und ich wollte Sie nicht zu der Unart verführen mich mit einem ſo langen Bart zu küſſen. Und dann...“ 1 „Ja wohl,“ fiel der Alte lächelnd ein,„dann kam ein Anderer der Dich ohne Bart verführte. Nun nun, ich bin raiſonnabel und darf wohl auf meinen eigenen Sohn nicht eifer⸗ ſüchtig ſein. Aber jetzt mußt Du mir auch verſprechen, daß Du wiederkommen willſt, ſo lange er in Göteborg iſt, damit wir einen ehrlichen Disput mit einander führen können.“ „Ja, Onkel, Sie können ſich darauf verlaſſen; es müßten ganz beſondere Dinge vor ſich gehen. wenn ich nicht in der aller⸗ nächſten Zeit wiederkommen ſollte.“ „Kein weiteres Geſchwätze jetzt!“ gebot Thorborg.„Da —— 275 2 haben wir Gudmar. Setzen wir uns alſo zu Tiſch— ſonſt gibt Vivika ſelbſt das Signal.“ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Unerwartete Gäſte. Indeß die Bewohner des Pfarrhauſes die Annehmlich⸗ keiten des Mittags⸗ und Caffetiſches genoſſen und unter heitern Geſprächen die Zeit ungehindert dahin eilen ließen, ſo oft auch Lomme zu verſtehen gegeben hatte, daß Alles klar ſei, ereignete ſich in Svartſkär ein Auftritt, während deſſen die arme Emilie unter tiefer Angſt ihre beiden erwarteten Freundinnen an ihre Seite wünſchte. Es iſt erwähnt worden, daß bei der Abfahrt der Herren Ake und Moß nach Lyſekil einige Bauern mit Getreide gekom⸗ men waren, und da Holt ſich zu Hauſe befand, ſo mußte er natürlich das Geſchäft in die Hand nehmen. Aber bei der Verwirrung, die in ſeinen Gedanken herrſchte, machte er es ſo kurz und ſchnauzig ab, daß die kecken Quillebauern ſehr unwillig wurden und verlauten ließen, wenn das neue Handelshaus die Sache ſo zu betreiben gedenke, ſo gebe es noch andere Häuſer wo ſie ihr Getreide anbringen können. Sogar auf Fäällbacka ſeien die Herren nicht ſo hochmüthig, ſondern ſprechen raiſon⸗ nabel und ſuchen keinen Zank. Holt hielt es nicht der Mühe werth auf dieſe Demonſtra⸗ tionen zu antworten, ſondern gab blos zu verſtehen, ſie können gehen ſo weit, und handeln mit wem ſie wollen; in Svart⸗ ſkär wolle man ſich keine Kundſchaft erſchmeicheln. „Das iſt doch höchſt ſonderbar, iſt Hjelm ſelbſt nicht zu 276 Hauſe?“ fragte einer der Bauern der während des Beſtands der neuen Firma ſchon einmal dageweſen war.„Denn da iſt es am beſten, wenn wir mit ihm ſprechen, um die Sache klar zu bekommen. Es iſt ſo daß...“ „Es iſt ſo daß ich jetzt für Euch Krakehler keine Zeit mehr habe. Mein Aſſocié iſt fort, aber da wir Beide gleich viel gel⸗ ten, ſo müßt Ihr die Sache jetzt liquid machen, wenn Ihr Euer Korn dalaſſen wollt.“ Unter unzufriedenem Gemurre von Seiten der Bauern wurde der Handel abgeſchloſſen, und nachdem feſtgeſetzt worden war, wie viel ſie dafür Waaren nehmen wollten, zählte Holt das Geld ihnen vor. Anderthalb Stunden ſpäter zogen die Bauern ab, jedoch unter einem Gemurre das einefm ernen Don⸗ ner glich. 1 4 Emilie wußte natürlich von der ganzen Geſchichte Nichts. Sie hatte, ſobald ſie allein war, vor allen Dingen an ihre Mutter geſchrieben, und zwar diesmal wahrlich keinen klagenden Brief, ſondern voll von Hoffnung und Zuverſicht. Darauf hatte ſie, ohne Holt auch nur einer Frage zu würdigen, ihm das Mittageſſen auf ſein Zimmer geſchickt. Und jetzt, nachdem die Dämmerung eingetreten war, ging ſie in ihren Zimmern umher und brachte ſie in Ordnung. Sie ließ überall Feuer anzünden und ſtellte einen Tiſch mit allerlei kleinen Erfriſchungen in ihren ſchönen Salon, wo die drei Damen ſich in dem kleinen bequemen Sofa niederlaſſen ſollten, den Ake ſeiner jungen Frau erſt vor Kurzem zu ihrem Namenstag verehrt hatte. „Das ſieht ja äußerſt gemüthlich aus,“ ſagte ſie vergnügt. „Und ich will jetzt ſogleich die Lichter anzünden, damit ich mir vorſtellen kann, ich habe große Geſellſchaft... große Geſellſchaft — was frage ich jetzt darnach? Die Geſellſchaft genügt für meine dermaligen Wünſche, und ich möchte mir nur noch drei Perſonen dazu wünſchen: meinen Mann, Majkens Liebhaber und einen Andern der auf Schön Thorborg ſpeculiren würde.“ b I ——„ ——.“ 277 Nachdem ſie mit ihrer Schürze noch allerlei Kleinigkeiten abgerieben, fuhr ſie in ihrem Gedankengang alſo fort: „Wie ſich doch Alles ganz anders geſtalten kann als wir meinen! Wie hätte ich geglaubt, daß Svartſkär ſo angenehm werden könnte! Wenn Ake Zeit hätte, würde er weit mehr bei mir ſein, denn er wünſcht es gewiß... Wie Recht ich doch hatte, wenn ich jetzt an Mama ſchrieb, daß es, ſeit ich den kräf⸗ tigen Entſchluß gefaßt meinem Mann nicht mehr ſo bald von Gefühlen vorzuſchwatzen und ihn mit Sentimentalität zu behelli⸗ gen, weit weit beſſer geworden iſt— und erweist ſich meine Methode immer ſo wirkſam, ſo muß er wahrlich noch lange warten, bis ich die Empfindſame ſpiele.... Aber wie die gottloſen Mädchen ſo lange ausbleiben! Ich begreiſe wohl, daß Majken bei ihrem Herzliebſten mich vergißt, aber Thorborg die keine ſolche Entſchuldigung hat, ſollte gegen mich arme Frau barmherzig ſein. Ich ſetze mich wieder und warte hier auf meinem kleinen Sofa— ich kann gar nicht genug da ſitzen, denn ich weiß daß Ake, als er ihn von Göteborg mitbrachte, nur an mich dachte. Aber was in aller Welt iſt das für ein ſchrecklicher Lärm? Es fährt Jemand... aber das iſt wahrlich nicht Maj⸗ kens Wagen.“ Emilie eilte ans Fenſter. „Gütiger Gott! das iſt kein gewöhnliches Fuhrwerk— das tönt ja wie der ſtärkſte Donner. Was ſind das für ſonderbare Töne... wie die Leute toben und ſchreien.. ach Herr Je⸗ ſus, daß ich ſo ganz allein bin! es iſt gar Niemand da als Holt und die Ladendiener... Aber was die entſetzlichen Men⸗ ſchen nur wollen?“ Sie war im Begriff hinauszueilen und Je⸗ mand zu rufen, aber ſie fühlte ſich vom Schrecken wie an den Boden genagelt, denn in demſelben Augenblick hörte ſie ein ſtar⸗ kes Knarren in der geſchloſſenen Hausthür und unmittelbar dar⸗ auf ein ſolches Geſchrei, daß die Seeräuber die einſt an dieſen Ufern, gelebt, gewiß keine wilderen Signale geben konnten wenn 278 ſie ihre blutigen Heereszüge nach den friedſamen Gegenden an⸗ traten, welche die gefürchteten Wikinger noch nicht kannten— und das Wikingerblut brannte gar zu heiß, um jemals ganz aus⸗ zubrennen: es brennt noch jetzt nach Jahrhunderten in den Adern der Bohusländer Küſtenbewohner. Emilie war ſtarr vor Schrecken. In dieſem Augenblick ſtürzte eine der Mägde und gleich darauf einer der Ladendiener herein. „Wollen Sie uns gefälligſt ſagen,“ bat der Letztere,„ob Sie nicht zufällig wiſſen, wo Herr Holt iſt.“ „Herr Holt?“ antwortete Emilie,„iſt er nicht auf ſeinem Zimmer?“ „Nein, er iſt ſchon vor einigen Stunden ausgegangen— und jetzt kommen dieſe Bauern da, die heute früh hier waren, und verlangen abſolut, Herr Holt ſolle augenblicklich zu ihnen kommen. Er ſoll ihnen in der Zerſtreutheit eine unrichtige Rech⸗ nung gemacht haben, und ſie haben ſich jetzt in der Klingackerkneipe ſo vollgeſchnappst, daß ſie ganz ungebärdig geworden ſind und kein vernünftiges Wort hören wollen.“ „Schließet ſogleich alle Fenſterläden,“ war der einzige Be⸗ fehl den Emilie ertheilen und auch der einzige den die geängſtig⸗ ten Mägde befolgen konnten, denn einige der zurückgekehrten Bauern waren als die übermüthigſten Burſche im ganzen Um⸗ kreis bekannt. „Sie wiſſen alſo nicht was man ihnen über Herrn Holt ſagen kann, Madame?“ „Sagen Sie in Gottes Namen Alles was Sie wollen, wenn Sie nur ihres Wegs ziehen!“ „Sie gehen nicht vom Fleck, bis ſie die reſtirende Summe erhalten haben, und das kann Niemand ins Reine bringen als Herr Holt. Vielleicht iſt es auch nur ein Kunſtgriff oder ein Rechnungsfehler von Seiten der Bauern— aber das glaube ich doch nicht.“ 2 — 279 Jetzt begann ein Klopfen an die innere Ladenthüre, die nur durch eine Flur von dem Salon getrennt war, und Stimmen die vom Schnapps heiſer geworden riefen in wildem Chor: „All das Schwatzen und Zögern hilft Nichts! Heraus mit Holt oder wir holen ihn ſelbſt— es kommt uns gar nicht dar⸗ auf an. M Der Ladendiener ſprang hinaus. Und Emilie, die durch das Uebermaß der Gefahr kühner geworden, ſtellte ſich an die Salon⸗ thüre, um zu lauſchen. Sie begriff ſelbſt nicht, woher ſie den Muth bekommen hatte auf ihren Füßen zu ſtehen, aber ſie hatte eine gewiſſe Idee, daß ſie jetzt die einzige Repräſentantin des Hauſes ſei, und daß Ake ſie bewundern würde, wenn er erführe, daß ſie— nicht in Ohnmacht gefallen. Hier durfte es jedoch vielleicht nicht genügen ſich blos der Ohn⸗ macht zu erwehren. Wenn nicht Majken und Thorborg kamen und Frieden ſchafften, konnte ſie dann nicht möglicher Weiſe gezwun⸗ gen werden, ſelbſt eine Rolle in dem mißlichen Drama zu über⸗ nehmen, das draußen aufgeführt wurde?“ Jetzt hörte ſie den Ladendiener ſagen: „Liebe Freunde, ſeid ſo gut und beruhigt Euch! Herr Hjelm kommt gewiß bald nach Hauſe und dann wird er die Sache ſo⸗ gleich in Ordnung bringen.“ „Kommt uns alten Burſchen nicht mit Bubenlügen! Hjelm kommt erſt morgen von Lyſekil zurück, vielleicht auch da noch nicht, und die Rechnung wollen wir heute noch im Reinen haben— das habt Ihr jetzt gehört. Glaubt Ihr wir werden wie Narren hin⸗ und herreiſen? Nein nein, aber... Sagt jetzt auf der Stelle zu Holt, er ſolle gutwillig hervorkommen— ich rathe es ihm, denn ſo gewiß die Sonne mitten am Himmel ſitzt und der Mond darunter hängt, ſo gewiß ſoll der hoffärtige Bengel vor dem Richter in Israel Rede ſtehen, und diesmal bin ich, Bernt Karolusſon von Weſttomteboda, der Richter... begreift Ihr das Alles, Moſjö Ladenſchwingel?“ 280 „Ja ich begreife Alles was Ihr wollt, aber ich begreife nicht, wie man Euch Euern Willen thun kann. Ihr, lieber Bernt, ſeid ja ein ſo vernünftiger, ſo einſichtsvoller und ehrenhafter Mann, daß Ihr gewiß einſehet, daß ein paar arme Ladendiener kein Geld herausgeben können, wenn einer von den Prinzipalen ſelbſt das Korn bezahlt hat.“ „Dummkopf!“ rief einer der andern Bauern, der mächtige Mann Olle in Bjelkeboda, indem er auf den Ladentiſch ſchlug, daß es durch das ganze Haus erdröhnte,„wir ſind im Stande Euch und dem Holt das Geld ins Geſicht zu werfen. Wir be⸗ ſchweren uns nicht wegen einer ſolchen Lumperei, ſondern wir ſind gekommen um Holt zu zeigen, wie man mit rechten Leuten umgeht und wie rechte Leute, wenn ſie betrogen werden, mit ſolchen Herrlein umgehen, wie er iſt.“ „Aber was wollt Ihr machen, da Herr Holt nicht daheim iſt— und ich verſichere Euch, daß er wirklich nicht da iſt.“ „Nun, wir wollen nachſehen. Es iſt mehr als Einer unter uns, der eine Schulter hat, um ſie gegen eine Thüre zu drücken. Wir wollen mit dem Ladencontor anfangen.“ „Dazu bedarf es keiner Gewalt— ſeht hier—“ der Com⸗ mis öffnete die Thüre des betreffenden Zimmers—„findet Ihr Jemand?“. Wir wollen einer um den andern hineingehen,“ ſchlug Bernt Karolusſon vor.„Ich gehe zuerſt, und hat er ſich in oder un⸗ ter dem Bett verſteckt, ſo will ich ihn ſchon herausziehen. Solche Herrlein werden verdammt kleinmüthig, ſobald in ihre Glocke ein anderer Ton kommt als wie ſie ſelbſt klingeln.“ Das Ladenſtübchen wurde unterſucht, aber ohne Erfolg. „Nun, wo hat er denn ſein eigenes Zimmer? Geht vor⸗ aus! und wenn er auch dort nicht iſt, ſo unterſuchen wir alle Zimmer bis oben auf dem Speicher und unten im Keller. Wir ſind die Herren auf dem Platz— das könnt Ihr Euch merken, und wir commandiren den Marſch ſo wie wir wollen.“ y———— —— 281 * Zitternd nahm einer der Ladendiener das Licht und ging die Treppe hinan, dicht gefolgt von den ſchwer ſtampfenden Bauern. In ſeinem Herzen betete Janne— denn dieſer Ver⸗ traute Holts war es— daß man ſeinen Herrn nicht treffen möge, im Fall er auf dem andern Weg zurückgekehrt wäre. Aber dieſe Furcht war unnöthig. Holt fand ſich in den obern Regionen nirgends vor. Und jetzt hörte Emilie, die an ihrer Thüre ſtehen blieb, den ganzen Schwarm herunterpoltern. Was ſollte nun geſchehen? „Und daß Majken nicht kommt!“ ſagte Emilie zu ſich ſelbſt. „Wenn ſie wüßte, wie es hier ſteht, wie würde ſich das ener⸗ giſche Mädchen beeilen! Ja, und auch Thorborg würde ſich beei⸗ len, und vielleicht wäre ſie mir vom größten Nutzen, denn ſie beſitzt eine ſolche Gewalt über die Bauern.“ Hier fuhr ſie zuſammen vor einer Stimme unter dem Bauern⸗ haufen. Es war Olle von Bjelkeboda, welcher rief: „Und wenn er ſich auf dem Blocksberg verſteckt hat, ſo ſoll er hervor, oder wir bleiben hier liegen und warten bis zum jüngſten Tag.“. „Laßt uns jetzt in Hjelms Zimmer gehen!“ rief Karolus⸗ ſon.„Zwei von Euch müſſen hinausgehen, ſich vor den Fen⸗ ſtern aufſtellen und durch die Läden hineinſehen, während ich die Viſitation halte, denn es iſt am beſten, wenn ich ſie vornehme, da ich in den Herrenmanieren ganz zu Haus bin. Und wenn Ihr, Olle von Bjelkeboda, mitkommen wollt, ſo könnt Ihr es thun.“ „Wer ſpricht davon, daß der ſelbſtmündige Olle mit ihm kommen könne? Ich gehe ſelbſt, ich! Es gibt Niemand, der über mich hinſtolziren kann; ich ſtolzire ſelbſt ſo gut einher, wie nur Einer.“ „Ei der Teufel, lieber Olle! Ihr werdet doch nicht mit mir die Meßſchnur halten wollen? Gewiß weiß Jedermann, wer ich — — 282 bin. Man wird das weiterhinaus wiſſen, als der Quillebezirk reicht, und das iſt nur allzu wahr.“ „Nun, das wird einmal ein ſchönes Leben geben, wenn Bernt Karolusſon, der ſich Hof und Gut durch Advocatenkniffe verſchafft hat, ſich auf dieſelbe Stufe ſtellen will mit Olle Bjel⸗ keboda, der ſeinen Hof vom Vater, Großvater und Urgroßvater bis hinauf zu den Adelsbjelken hat, die in dicker Verwandtſchaft mit der Morlandafamilie auf Oruſt ſtanden, denn das will ich be⸗ weiſen, daß ich mich gerade von dem alten Meßgewand herleite, das in der Quillerkirche hängt, und vielleicht wißt Ihr nicht einmal, was darauf ſteht. Aber ich gebe euch Allen zu wiſſen, daß da⸗ rauf die Worte ſtehen die ſo lauten: Erbarme Dich über uns in Luſt und Noth, in Leben und Tod, unterzeichnet Daniel Bildt und Dorothea Bjelke, 1660, mit zwei Wap⸗ pen darunter. Nun, könnt Ihr jetzt das zuſammenſetzen? Ich bin Olle von Bjelkeboda, und ohne Prahlen leite ich mich von dem blauen ſeidenen Meßgewand mit ſilbernen Treſſen hinten und vornen her.“ „Ihr ſchwatzet wie eine alte Elſter, Olle, und ich verachte es mit Euch zu disputiren. Aber das kann ich Euch und Je⸗ dem der es hören mag gerade heraus ſagen, daß ich um das ſeidene Meßgewand und um die Jahrszahl 1660 keine Priſe Tabak gebe, denn will Einer mit ſo gebrechlichem Zeug wie das Alter großprahlen— mir iſt meine Jugend zehnmal lieber— ſo laſſe ich Euch wiſſen, daß Ihr, wenn es Euch gefällt, vor Gift und Bosheit platzen könnt, denn auf meinem Gut wurde der Lehensherr Findulfsſon aufgehängt, als er im Jahr 1138 Steuerverſammlung hielt. Das ſoll in aller Ordnung auf einem Stein geſchrieben ſtehen, aber der Teufel hol denjenigen, der es geſehen hat— mir iſt es ganz einerlei. Zweifelt Einer daran, ſo habe ich eine Fauſt, welche die Wahrheit beſſer erklärt als alle ſchriftliche Urkunden.“ „Aber,“ ſiel ein Dritter von den Kameraden ein,„auf dieſe — 9-———— 283 Art macht Euer Hoffahrtsſtreit einen Knoten an den Faden den wir ganz klar hatten. Wollt Ihr jetzt ſo raiſonnabel ſein und daran denken, daß für uns Andere das blauſeidene Meßgewand und der aufgeknüpfte Lehensherr fliegen und hängen können, wo ſie nur wollen. Holt kann zehnmal ſeines Wegs daherkommen, während Ihr ſo die Zeit vertrödelt, und dann will ich Axel Ersſon auf As auch ein Wörtchen mitſprechen— das ſage ich.“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Holt und die junge Hausfrau. Bis zu dieſem Punkt hatte Emilie alle Bewegungen der Belagerer verfolgt und einen Augenblick hatte ſie gehofft, die Bauern würden über ihrem hochmüthigen Gezänke ihr gefährliches Vorhaben vergeſſen. Aber jetzt zeigte ſich leider nicht die mindeſte Ausſicht auf Entſatz: weder vom Pfarrhaus noch von Seiten des Herrn Holt. „Ich habe meinen Fauſtbeweis,“ begann Karolusſon wieder, „darnach mögt Ihr Euch richten und ich gehe voraus, denn 1600 und 1100, das macht für mich einen Unterſchied von 1... 2 3 4 5.. accurat fünf ganzen Jahrhunderten. Wollt Ihr vielleicht noch immer vor mir hergehen, ihr Meßge⸗ wändler? aber ich frage Niemand um Erlaubniß... Oeffne, Du Schlingel im Laden, für Bernt Karolusſon, der ſelbſt Manns genug iſt um für ſich zu ſprechen.“ „Beim Heil Eurer Seele, gebt dieſen Gedanken auf,“ bat der junge Menſch.„Da drinnen iſt Niemand als die Frau, und ſie iſt ſo jung und ſo fein.“ „Ei, was macht das, Du Dummkopf?— Meinſt Du, daß ein Eilfhundertjähriger ſich nicht auf ſchöne junge Frauen ver⸗ 284 ſtehe? Wenn die Hjelmin es haben will, ſo werde ich ihr ein Lied ſingen— ſieh, ſingen kann ich beſſer, als ein Nordhatte ſpielen kann— und dieſes Lied ſoll alſo lauten... Höret jetzt, liebe Frau, dann geht es vielleicht beſſer mit dem Thür⸗ aufmachen: Herr Olof und ſein Bruder Sich ſtritten um Norwegens Reich. Wer von uns am beſten ſegeln kann, Den ſeh das Land als König an, Wer zuerſt von Beiden kommt hinan, Der ſoll des Landes Kron empfahn. Sehet, jebt mag es genug ſein mit dieſer Art. Macht jetzt keine Umſtände und öffnet, liebe Frau. Wir ſind friedliche Leute, aber wenn Ihr keine gereizten Kämpfer ſehen wollt, ſo macht ſchnell voran mit dem Thüröffnen.“ „Mein Gott, mein Gott,“ ſeufzte Emilie,„wenn ich öffne, ſo ängſtigen ſie mich vielleicht zu Tod, und öffne ich nicht, ſo...“ „Ah ſo, ſie hält ſich ganz ſtill. Singen wir daher noch einen oder zwei Verſe— Weibervolk iſt Weibervolk, das darf man nicht vergeſſen. Da ſprach Harald, der kühne Held: Herr Bruder, ja, ſo ſei's beſtellt, Doch ſoll ich ſegeln heut mit Dir, Mußt tauſchen Du Dein Schiff mit mir. Und nun will ich ihr noch einen Vers auf das Falltau geben. Aber wenn dann nicht die Thüre von ihrem öligen Schloß aufſpringt, ſo gebe ich dem Schloß einen Stoß, daß der Riegel raſſelnd herausfällt... Gebt jetzt Acht... Das iſt die letzte Bedingung: Denn Du haſt die ſchnelle Schlange, Und mir macht mein Ochſe bange, Schnell iſt die Schlange wie der Wind, Doch langſam gehen Ochs und Rind. 285 Emilie raffte alle ihre Kräfte zuſammen. Sie war ſo blaß wie der weißeſte Marmor. Ein Gebet um Schutz gegen alle Rohheit und Gewaltthat, ein letzter Gedanke an Ake— und die zitternde Hand zog den Riegel weg. Und da ſtand ſie jetzt in ihrer ganzen glänzenden Jugend⸗ ſchöne, das Licht über ihren Kopf haltend, um den feindlichen Haufen zu betrachten und an denjenigen zu appelliren, der am menſchlichſten ſcheinen würde. Aber alle dieſe aufgeregten, von Rauſch und Zorn gerötheten Geſichter erſchienen ihr gleich widrig. Sie richtete alſo ihre Worte an Alle zuſammen. „Liebe rechtſchaffene Männer! Ihr ſehet, daß Ihr blos ein einſames und wehrloſes Frauenzimmer vor Euch habt, und daß es für Männer wie Ihr ſeid keine Ehre iſt eine Perſon zu ängſtigen, die ſich nicht vertheidigen kann.— Iſt Euch irgend ein Unrecht geſchehen, ſo ſeid überzeugt, daß mein Mann, Ake Hjelm, der als rechtlich und ehrlich im Handel und Wandel be⸗ kannt iſt, Alles aufs Genaueſte erſetzen wird, wenn einer von Euch morgen Nachmittag wieder kommen will.“ „Sehet, das iſt fein und raiſonnabel geredet, liebe Frau,“ antwortete der ſtets zur Repräſentation bereite Bernt Karolusſon, „und da ich der Vornehmſte in der Geſellſchaft bin, ſo erkläre ich für uns Alle, daß ich, wenn ich durch die Zimmer gehen darf, Sie hernach in Ruhe laſſen werde, denn wir wollen Niemand ſtören als Holt, aber dabei bleiben wir, daß wir an ihn ein Recht haben.“ 1 „So tretet jetzt ein und ſuchet was Ihr nicht findet. Aber verſprecht Ihr, daß Ihr dann Eures Wegs ziehen wollt?“ „Nein, das verſprechen wir nicht. Sie iſt hübſch, liebe Frau, aber zum Narren kann Sie mich nicht halten. Wenn Holt nicht da iſt, ſo halten wir draußen und drinnen Wache, das iſt geſprochen. Und jetzt gehe ich hinein— Sie braucht ſich keine Mühe zu machen um mir den Weg zu zeigen... leihe Sie mir nur Ihr Licht ein wenig, ſo wird es bald expedirt ſein. 7 —— — 6 M 286 Ich ſehe Ihr an, daß Sie zu ehrlich iſt um uns mit Unwahrheit zu berichten.“ Damit trat der Eilfhundertjährige wirklich über die Schwelle, und während der andere in ſeinem Stolz ſo tief gekränkte Bauern⸗ edelmann Olle von Bjelkeboda daſtand und eine lange Reihe von Flüchen über die Unverſchämtheit der Jugend ausſtieß, machte Bernt Karolusſon ſeine Runde durch den Saal, das Beſuchzimmer, die Schlafſtube und ein Sommercabinet, das für den Augenblick zur Garderobe benützt wurde. „O,“ rief Emilie, als er ſo weit gekommen war,„geht nicht mit dem Lichte dahinein. Es ſind nichts als Kleider da, und Ihr könnt Alles in Brand ſtecken!“ „Glaubt Sie denn, ich ſei betrunken?“ „Gott behüte! aber wir gehen ſelbſt niemals mit Licht hinein.“ „So muß ich Ihr den Willen thun und im Finſtern gehen.“ Er ſtellte das Licht weg und begann an allen Wänden umher⸗ zutappen...„Kein Holt— Sie hatte Recht. Herr Hjelm iſt ein prächtiger Mann, und Sie kann ſo artig ſein ihm auszu⸗ richten, daß wir ihn und das Seinige gar nicht antaſten wollen. Und jetzt kann Sie ganz ruhig ſein, denn wir wollen Sie nicht mehr ſtören.“ Und Bernt Karolusſon entfernte ſich, nachdem er zwei oder drei mißlungene Verſuche zu einer Verbeugung gemacht, aber ſeine artigen Bemühungen wieder aufgegeben hatte, weil er fand daß ſie mit einer gewiſſen gefährlichen Ueberbiegung verbunden waren. „O mein Gott, wie dank ich Dir! Jetzt bin ich vergleichungs⸗ weiſe ruhig.“.. Emilie ſank auf den Sofa in ihrem Schlafzimmer nieder. Aber wie kurz war die Ruhe, die ſie genießen durfte! Sie hatte ihren Kopf noch nicht recht auf das Sofakiſſen 287 gelegt, als ein lautes Schreien, Lärmen und Hin⸗ und Herlaufen auf dem Hofe begann. „Holt war hier— meiner Seel war nicht der graue Teufel hier... wohin hat er ſeinen Weg genommen? hat er ſich nicht die Küchentreppe hinaufgeſchlichen? Ja, das laß ich mir nicht ausreden... in die Küche, in die Küche!“ „Ja,“ commandirte Bernt Karolusſon,„reißet dort alle Töpfe und Pfannen von ihren Plätzen und ſehet unter Tiſche und Bänke. Jetzt ſoll er vor ſeinen Richter treten und erfahren, daß man die Leute redlich bezahlen muß.“ „Er ſoll geſchmiert werden und zwar tüchtig,“ erklärte Olle von Bjelkeboda.„Ich habe bereits geſagt, daß ich mich um das Geld Nichts bekümmere, aber Höflichkeit ſoll er lernen— das kommt ihm gut für ein andermal.“ Jetzt entſtand ein Suchen und ein Tumult ohne Gleichen. „Erwiſchen ſie ihn,“ ſagte Emilie halblaut,„ſo ſchlagen ſie ihn todt.“ „O, ſo ſchlimm dürfte es wohl nicht gehen,“ ließ ſich eine leiſe Stimme dicht vor ihr vernehmen.„Aber jedenfalls kann ein vernünftiger Menſch nicht ſo dumm ſein, um ſich mnit einem Haufen betrunkener Bauern in einen Streit einzulaſſ en.“ Holt ſtand an ihrer Seite. Emilie erſchrack dermaßen über den unerwarteten Anblic, daß ſie nur mit Mühe einen Angſtſchrei unterdrücken konnte. Und es war wirklich eine ſtammelnde zitternde Stimme, womit ſie jetzt zu ſprechen verſuchte. „Wie ſind Sie hiehergekommen, Herr Holt? und in welcher Abſicht haben Sie dieſe Zimmer hier gewählt? Ich glaube, daß ich eher auf Schutz von Seiten eines der rechtmäßigen Herren des Hauſes hätte rechnen können, als daß ich ſelbſt genöthigt wäre ihn zu ſchützen.“ „Das heißt, Frau Hjelm, Sie wünſchen, daß ich hinaus⸗ gehen und mich dieſen Wölfen in den Rachen werfen ſoll.“ 288 „Ich wiederhole meine Frage,“ verſetzte Emilie ausweichend. „Wie ſind Sie hereingekommen, Herr Holt?“ „Von einem kleinen Extraausflug zurückgekehrt hörte ich ſo⸗ gleich das Unweſen. Zuerſt glaubte ich, man könne es beſchwich⸗ tigen, aber als ich fand daß dies unmöglich war, und daß man die Leute vielmehr herumrennen und krakehlen laſſen mußte, bis ſie müde waren, ſo ging ich den hintern Weg herein und kam durch den kleinen Gang aus dem Contor in Ihre innerſten Zimmer.“ „Aber Herr, mein Gott, was ſoll jetzt daraus werden?“ rief Emilie.„Ich hatte die Bauern aufs Beſtimmteſte verſichert, daß Sie nicht hier ſeien, Herr Holt. Was werden ſie denken, was werden ſie glauben, wenn vielleicht bald bewieſen wird, daß Sie dennoch hier ſind?“ „Welche zarte Gewiſſensſcrupel in einem ſolchen Augenblick! Was liegt übrigens daran, was dieſes unvernünftige Geſchmeiß glaubt oder nicht glaubt? Wer würde aber auch irgend etwas Böſes darin finden, wenn der ſo verachtete und verabſcheute Holt in dem eigenen Zimmer der ſtolzen Frau Hjelm gefunden würde?“ Bei dieſen Worten ſchoßen wahre Blitze des Stolzes aus Emiliens Augen. „Wenn dieſer Augenblick nicht ſo ſchrecklich gefährlich wäre,“ ſagte ſie,„ſo würde ich fragen, welche ſonderbare Lächerlichkeiten ſich in Ihrem Hirn ein Stelldichein gegeben haben. Aber jetzt will ich nur an meine perſönliche Gefahr denken, wenn die Bauern fänden, daß ich ſie zum Beſten gehalten habe, und wie kann man ihnen beweiſen, daß Sie erſt nach der Durchſuchung der Zimmer hereingekommen ſind?“ „Nun wohl, Madame, ich werde gehen, denn ich begreife Ihre Abſicht vollkommen. Aber bevor ich gehe, vernehmen Sie, daß nicht Furcht es war, was mich ſchon lange abgehalten hat, mich unter dieſe unſinnigen Burſche zu ſtürzen, ſondern die Ueber⸗ —————& 289 zeugung, daß ich nicht im Stande ſein würde, meine eigene Wuth zu bemeiſtern. Aber jetzt ſcheue ich Nichts mehr. Kommt es zum Blutvergießen, ſo ſagen Sie Ihrem Manne gefälligſt, daß Sie ſelbſt ſeinen Aſſocié hinausgetrieben haben, und mögen hernach alle Folgen über Ihr Haupt kommen... ich ſage ab⸗ ſichtlich Haupt, denn ein Herz kann ich der Frau nicht zutrauen, die einen Menſchen in einen ſolchen Kampf, wie der hier bevor⸗ ſtehende iſt, jagt, und zwar nicht einmal wegen der lumpigen Be⸗ denklichkeiten, welche ſie angibt, ſondern blos wegen einer Anti⸗ pathie, deren Motive niemals klar geworden ſind.“ Emilie war einige Schritte vorwärts gegangen, jetzt trat ſie wieder einige Schritte rückwärts. „Ohne Zweifel, Herr Holt,“ ſagte ſie endlich,„habe ich Un⸗ recht gehabt. Ich ſprach vielleicht verwirrtes Zeug— jedenfalls iſt es gewiß, daß ich jetzt nicht mehr ſo denke.“ „Im Grunde, Madame, denken Sie gleichwohl noch immer ſo. Und wie entſetzlich ſtark muß nicht die Abneigung ſein, die ich Ihnen unglücklicher Weiſe eingeflößt habe, wenn Sie die Ab⸗ ſicht hatten...“ „Ich habe ja geſagt, daß ich ſelbſt nicht wußte, was ich wollte... Hören Sie jetzt wieder dieſes Geſchrei! Ob da ein Menſch nicht verrückt werden kann!“ „Entſchuldigen Sie ſich nicht weiter... aber ſehen Sie jetzt ſelbſt, ob ich feig bin.“ Er ſtürzte heftig durch das Zimmer mit der entſchiedenen Abſicht hinauszugehen. „Ich bitte Sie, ich bitte Sie“... ſo weit war es wirklich gekommen, daß die ſtolze Emilie bat;„gehen Sie nicht, bleiben Sie hier!“ „Sie bitten mich alſo wirklich, Sie? Das erweicht die Härte, die ſich bereits über mein Gemüth gelegt hatte. Ich will gegen Sie barmherziger ſein, als Sie ſoeben gegen mich waren.“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 19 290 „Wie meinen Sie, Herr Holt?“ fragte Emilie zitternd. „Hören Sie mich,“ ſagte er mit kurzer und haſtiger Stimme. „Gehe ich hinaus, ſo fließt Blut. Ich laſſe Niemand ungeſtraft Hand an mich legen; und wenn man dieſen verrückten Burſchen tauſendmal mit den geſetzlichen Strafen des Hausfriedensbruches droht, ſo hören ſie doch auf nichts Anderes als auf ihre eigenen wilden Leidenſchaften.“ „Aber ſagen Sie mir nur, wie ſoll es enden?“ „Darüber nachzudenken fühle ich mich jetzt nicht in der Stimmung. Wollen ſie den Laden einreißen, ſo können ſies nach ihrem Belieben thun. Wollen ſie die Wände einreißen, ſo werde ich ſie nicht ſtören. Haben ſie beſchloſſen, das Haus an⸗ zuzünden und uns darin zu verbrennen, nun wohl, dann werden wir im gleichen Grabe ruhen, Madame, und ſo unausſtehlich dies auch für Sie ſein mag, ſo werde doch ich meines Theils mich nicht beklagen... im Gegentheil... im Gegentheil!“ „Der Burſche iſt offenbar verrückt,„ dachte Emilie. Aber ſie konnte ſich einer unwiderſtehlichen Furcht von neuer Art nicht erwehren. Seine Augen redeten eine ſo gefährliche, eine ſo wunderliche Sprache... und jetzt kam der ſuchende Haufen immer näher. Wenn ich dieſen Abend überlebe,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „ſo iſt es ein wahres Wunder.“ „Jetzt,“ ſprach Holt, indem er ſich gleichgiltig im Stuhl vor dem Feuer ſtreckte,„jetzt ſind wir bei der letzten Scene dieſes Küſtendramas angelangt. Ich höre, daß ſie wieder an der Saal⸗ thüre ſind, und ich ertheile Ihnen, Frau Hjelm, volles Recht über meine Perſon zu disponiren.“ Kaum hatte er ausgeſprochen, ſo erdröhnte ein heftiger Schlag an die Thüre. „Der Vogel iſt hieher geflogen,“ erſcholl Bernt Karolusſons rauher Baß— denn jetzt war es wirklich keine Zeit mehr, ſich den Eintritt zu erſingen.„Wir wiſſen, daß er hieher geflogen — 8 2 291 iſt. Alſo ohne Umſtände heraus mit ihm! Es iſt nicht rath⸗ ſam, jetzt Nein zu ſagen.“ „Ich ſage auch nicht Nein,“ antwortete Emilie von innen. „Herr Holt iſt hier— er iſt ſoeben angekommen— aber Herr Holt iſt der Aſſocié meines Mannes und darum liefere ich ihn nicht aus. Habt Ihr ein menſchliches Gefühl, ſo laßt Euch von den Bitten einer armen Frau erweichen und geht jetzt Eures Wegs.“ „Nein, er iſt gefangen wie der Fiſch in der Dorſchfalle— und jetzt kann Sie ſelbſt ſehen, Frau Hjelm, daß es beſſer ge⸗ weſen wäre in Güte zu öffnen, als daß Sie das da hören muß.“ Und nun donnerte ein Schlag gegen die Thüre, ſo daß der Riegel ins Zimmer flog und die Thüre ſelbſt weit auffuhr. Was war aber die Urſache, daß gleichwohl Niemand her⸗ einkam? „O, was ſind das für Stimmen!.. Gott ſei gelobt, ſie kommen endlich— das iſt Majkens Stimme.“ Und Majken war es wirklich. Sie hatte ſchon in weiter Ferne das ſchreckliche Getümmel gehört und ihr Pferd zu größt⸗ möglicher Eile angetrieben. Hier ſtand ſie jetzt mit Thorborg an ihrer Seite mitten unter den beſoffenen Bauern, und Emilie bemerkte mit großer Verwunderung, daß ihre beiden Freundinnen nicht im Geringſten erſchrocken waren, ſondern durchaus ihre ge⸗ wöhnliche Ruhe zeigten. Aber Majken, die noch vor Kurzem Herrſcherin auf Svartſkär geweſen, ergriff das Wort. „Guten Abend, meine Freunde... ſieh da, der reiche Olle von Bjelkeboda... und der mächtige Bernt Karolusſon! Wißt Ihr, Bernt, daß wir beinahe Nachbarn geworden ſind, ſeitdem wir auf Gläborg wohnen? Jetzt müßt Ihr alle zuſam⸗ men auf unſern glücklichen Umzug einen recht tüchtigen Toddy drunten in der Gaſtſtube des andern Hauſes trinken. Männer 292 wie Ihr dürfen nicht wegreiſen, ohne auf das alte Haus in Svartſkär ein Glas geleert zu haben.“ „Ja, Mamſell Majken, Sie verſteht viele Dinge, und es wäre Sünde und Schande, wenn man bei einer ſolchen Geſund⸗ heit ins Glas ſpucken wollte. Aber nun iſt die Sache die, daß heute hier ein Spiel geſpielt worden iſt, wie es zu den Zeiten des Kaufmanns Moß nicht gebräuchlich war. Der Holt hat uns zu wenig Geld gegeben, und jetzt ſind wir, Einer für Alle und Alle für Einen, gekommen, um die Sache mit ihm auszumachen. Iſt es nicht ſo, liebe Freunde?“ „Ja, ſo iſts— accurat wie Bernt ſagt: wir wollens mit ihm ausmachen.“ „Jetzt verſtehe ich die Veranlaſſung Eures Mißvergnügens,“ fiel Majken ein.„Aber ich für meinen Theil wundere mich nicht darüber, wenn er ſich verrechnet hat, denn ich weiß, daß er in der letzten Nacht vor Zahnweh kein Auge zuthat, ſondern beſtän⸗ dig aus und ein und auf und ab ging, ſo daß er gar keine Ruhe bekam.“ „Zahnweh mag er gehabt haben ſo viel er will, aber... „Ihr wollt dennoch mit ihm ſprechen?“ rief Majken.„Nun, es iſt ſonnenklar, daß dies Euer Recht iſt— er wird das auch ganz billig finden.“ „’s ſieht nicht ſo aus als ob er unſere Forderung billig fände, da er es für gut hält, ſich hinter einer Schürze zu ver⸗ kriechen.“ „Höret jetzt ein Wort von mir, liebe Freunde— Ihr wißt, daß Majken Moß nie ihr Wort und ihre Zuſage gebrochen hat. Deßhalb verlange ich, daß Ihr mir auch jetzt Glauben ſchenket, wenn ich Euch verſichere, daß Herr Holt ſich, wie ſeine Schuldigkeit fordert, vor Euch einfinden wird, ſobald Ihr mir nur erſt die Ehre erweist, im Gaſtzimmer auf meine Geſundheit zu trinken. Die früheren freundſchaftlichen Verhältniſſe, die zwiſchen unſerm 44 3 — ◻ᷣ—— 293 Haus und euch Allen ſtattgefunden hatten, bürgen mir dafür, daß Ihr nicht Nein ſagen werdet.“ „Das wird auch keiner ſagen, Mamſell Majken! denn ſieht Sie, wer ſich weigern wollte die Geſundheit eines ſolchen Frauen⸗ zimmers, wie Sie iſt, mit einer ſo geläufigen Zunge, zu trinken, der müßte vor Bernt Karolusſons Fauſt Rede ſtehen.“ „Es iſt gar nicht nöthig, daß Jemand von Fäuſten oder Redeſtehen ſpricht. Hier ſteht Olle von Bjelkeboda, der die ganze Geſellſchaft genau kennt, und auch er ſagt, daß wir unſere Schuldigkeit thun und auf Mamſell Majken trinken werden. Aber da ich zu ſchlau bin, um mich ohne Caution in eine Verbind⸗ lichkeit einzulaſſen, ſo verlange ich in meinem und meiner Came⸗ raden Namen, daß Mamſell Thorborg, die eben ſo wahrheits⸗ liebend iſt, wie Mamſell Majken ſchlau iſt, Caution dafür leiſten ſoll, daß wir den Holt treffen werden, wenn der Schmaus vor⸗ über iſt.“ Jetzt ſah man ſogleich Thorborgs kleine feine Figur zwiſchen den düſtern Geſtalten hingleiten. „Ihr wißt ſelbſt recht gut,“ ſagte ſie,„daß Majkens Worte niemals einer fremden Beſtätigung bedürfen. Aber ich danke dem Vater Olle ſehr für ſeine Artigkeit und verſpreche euch Allen, daß Ihr den Mann, den Ihr ſuchet, treffen werdet, denn er iſt ſicherlich zu ehrenhaft, als daß er ſich nicht zur rechten Zeit einfinden ſollte.“ Und jetzt gings unter polterndem Getöſe die Hausflur hinaus. Einer der Ladendiener ging mit der Laterne voraus, der andere empfing Majkens Befehle in Betreff der Bewirthung. Und zehn Minuten, nachdem die jungen Frauenzimmer die Bühne betreten hatten, war es im Laden ſo ſtill und ruhig als wäre die Ordnung nie geſtört worden. 6 294 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die drei Grazien des Strandes. „Ach, willkommen, willkommen, meine lieben guten Freun⸗ dinnen! Ich begreife nicht, wie Ihr mich nach all dieſen Vor⸗ gängen noch am Leben findet? Das nenne ich einmal Hilfe in der Noth.“ 1 „Ich muß mir wirklich Vorwürfe machen,“ ſagte Majken, „daß ich in meiner Selbſtſucht ſo lange ausgeblieben bin, meine arme Emilie. Du ſcheinſt indeß Deine Feſtung auf eine voll⸗ kommen würdige und ehrenvolle Art vertheidigt zu haben. Aber hatteſt Du keine andere Hilfe als die Ladendiener?“ Herr Holt iſt allerdings hereingekommen, aber meiner Bitte zufolge nicht hinausgegangen— ſonſt hätte ein noch ſchreck⸗ licheres Unglück entſtehen können.“ „Ich gratulire Herrn Holt zu ſeiner Selbſtbeherrſchung,“ antwortete Majken.„Wenige Männer hätten ſich wohl im vor⸗ liegenden Fall mit ihm meſſen können.“ „Ja,“ antwortete Holt vortretend,„das glaube ich auch. Aber ich betrachte meine Mäßigung aus einem andern Geſichts⸗ punkte als Sie, Mamſell Majken. So wie ich das Wort Mä⸗ ßigung auffaſſe, bedeutet es, daß man ſeine Gemüthsbewegungen zügeln ſoll. Das hätte ich nicht gekonnt. Wenn wilde Geſellen wie dieſe da in ihrer rohen Bauernmanier ſich einfallen laſſen einen Menſchen durchzuprügeln, und dieſer Menſch will ſich nicht prügeln laſſen, was folgt daraus? Natürlich daß er ſich zur Wehr ſetzt. Im vorliegenden Fall hätten ſich ja auch die Laden⸗ diener in die Sache miſchen müſſen, wenn der Prinzipal es that, und das Ende wäre geweſen, daß Frau Hjelm durch Lachen von Blut hätte waten müſſen, bevor ſie einen lebendigen Menſchen — ——— ——— 295 getroffen hätte. Ich hatte mir vorgeſtellt, Mamſell Moß müſſe dieſe Sachen am Beſten beurtheilen können.“ „Ich meines Theils,“ erklärte Thorborg,„ſtimme vollſtändig mit Herrn Holt überein und bin voll des höchſten Lobes für ein Benehmen, das von der größten Vorſorge für Emilie und das ganze Haus zeugt. Wir können überzeugt ſein, daß Herr Hjelm es vollkommen billigen wird.“ „Das iſt möglich,“ verſetzte Majken,„aber ich ſage offen...“ „Nichts mehr!“ fiel Emilie vermittelnd ein.„Sage mir ſtatt deſſen, was für eine Abſicht Du dabei hatteſt, wenn Du ſie in die Gaſtſtube hinabſchickteſt, um noch mehr zu trinken?“ „Juſt dieſer Vorſchlag,“ fiel Holt ein,„beweist am beſten, daß Mamſell Majken den Charakter der Küſtenbevölkerung voll⸗ ſtändig kennt: ſie will die Leute ganz einfach trinken laſſen, bis ſie einſchlafen.“ „Ja ganz richtig, Herr Holt, und wenn ſie erwachen, ſo will ich, die ich ihren Charakter kenne, dafür bürgen, daß ſie voll⸗ kommen im Stand ſein werden eine ruhige Erklärung über die unrichtige Rechnung anzuhören, und ich will dabei gerne als Dol⸗ metſcherin behilflich ſein.“ „O,“ murmelte Holt in ſeinem Innerſten,„wirſt Du meine Chehälfte, Du keckes übermüthiges Weib, ſo ſoll es mein höchſtes Entzücken ſein Deinen Uebermuth zu dämpfen.“ Laut antwor⸗ tete er in einem Ton, deſſen Schärfe Majken etwas beängſtigte: „Mamſell Moß, ich danke Ihnen für Ihr gütiges Anerbie⸗ ten, mehr als ich hier ſagen kann. Wer weiß, welche Intereſſen wir noch in Zukunft mit einander zu theilen haben werden, und dann iſt es wahrlich ſehr angenehm in dem mannhafteſten Frauen⸗ zimmer, welches die Scheeren aufzuweiſen haben dürften, auf eine Bundesgenoſſin zählen zu können.“ Nach dieſen Worten, die am Schluß in eine Art ſcherzhafter Ironie übergegangen waren, verbeugte er ſich vor den Damen und ging auf ſein Zimmer. „Endlich!“ rief Emilie, indem ſie ein paar Freudeſprünge machte, als ſie ſich endlich von dieſem Holt befreit ſah, den ſie jetzt inniger als je verabſcheute.„Jetzt, meine Freundinnen, iſt die Luft rein, und nachdem Majken es übernommen hat die Scheuſale einzuſchläfern— ich glaube auch vollkommen an ihre Zauberkraft in dieſer Beziehung— ſo wollen wir uns jetzt ver⸗ traulich um dieſen Tiſch hier zuſammenſetzen und gurren, als wären wir drei Tauben in einem Taubenſchlag...“ „Die von dem Habicht erlöst worden ſind,“ fiel Majken la⸗ chend ein. Thorborg reichte Beiden eine Hand. „Theuerſte Freundinnen, laßt uns zuvörderſt aus vollſtem Herzen Gott danken— bedenkt, was hier hätte geſchehen können!“ Ja,“ ſagte Emilie, die wieder in Aufregung gerieth,„ich habe Urſache genug Gott zu danken, und ich danke ihm auch von ganzer Seele dafür, daß er Euch im ſchwerſten Augenblick ſchickte. Und wenn ich je vergeſſe ihm zu danken, ſo ſoll es mich nicht wundern, wenn er auch meiner vergißt.... Ihr wißt nicht, meine Freundinnen, was ich Alles in meinen Gedanken habe.“ . Emilie fühlte in einem Dunkel, das ſie nicht zu durchdringen wagte, daß die Scene, worin ſie und Holt allein geſpielt, ihr den Schlüſſel zu dem Abſcheu gegeben, den ſie von Anfang an em⸗ pfunden und noch nie hatte überwinden können. „Und wer anders als ich muß dem guten Gott den heiße⸗ ſten Dank bringen?“ fügte Majken hinzu.„Wie hätte ich mich je tröſten können, wenn wirklich ein Unglück geſchehen wäre!“ „Ein ſolches hätte leicht auf die eine oder andere Art ge⸗ ſchehen können,“ antwortete Emilie,„wenn Ihr nicht gekommen wäret. Was Ihr doch beide für Mädchen ſeid— klug, geachtet — —— 297 und geehrt, ſo daß Ihr ſogar über ſolche Berſerker Gewalt aus⸗ übet!“ „Es iſt ſchon der Mühe werth, daß Du Dir auf uns etwas einbildeſt,“ ſagte Majken.„Wir kennen das Küſtenleben ſammt ſeinen Gefahren ganz genau und beherrſchen jeden Einzelnen auf diejenige Art, die erforderlich iſt. Aber Du, liebe Emilie, biſt die wahre Heldin des Stücks! Ich muß Deinem Mann erzählen, mit welchem Stolz wir Deine letzten Worte vernahmen— Du mußt nämlich wiſſen, daß wir ſie noch hörten, obſchon wir nicht zeitig genug kamen, um Deine Nerven vor dem Schrecken über das Auffliegen der Thüre zu retten.“ „O, Dank, Dank,“ rief Emilie mit glückſeligem Erröthen,— ſie ſollte alſo nicht genöthigt ſein ihrem Manne allein zu erzählen, was vorgefallen war—„und Du glaubſt, theuerſte Majken, daß Ake mein Benehmen recht und vernünftig finden werde?“ „Er wird entzückt und dankbar ſein, und das iſt eine Be⸗ lohnung, die Du wohl verdient haſt.“ „Denkſt Du auch ſo wie Majken, liebe Thorborg?“ „ Ja, liebe Emilie, ich und alle, die von dieſem Vorfall hö⸗ ren, werden einen Muth zu ſchätzen wiſſen, der um ſo unerwar⸗ teter war, als wir wirklich glaubten, wir würden Dich unmächtig finden ohne Bewußtſein der Gefahren, die Dich umgaben.“ „Aber, bin ich nicht recht einfältig,“ rief Emilie,„daß ich Euch da Dinge ſagen laſſe, die darauf berechnet ſind Eure kin⸗ diſche Freundin zu erfreuen? Ich weiß ſehr wohl, daß keine von Euch Beiden an meiner Stelle Jemand erlaubt haben würde ſie zu loben, aber Gott ſieht und weiß, daß mich das weder aus Eigenliebe noch aus Hochmuth freut, ſondern einzig und allein darum, liebe Freundinnen, weil es meines Herzens höchſte Freude und Hoffnung iſt den Beifall meines Mannes zu, gewinnen. Aber ſetzen wir uns jetzt in aller Ruhe auf meinen Sofa... Ach, ſeht nur, in welcher Unordnung der Tiſch ſich befindet! Ich hatte Alles ſo ſchön hergerichtet, als die ſchreckliche Störung kam. 298 Aber jetzt ſind die Feuer erloſchen, Feigen, Krachmandel, Gläſer und Backwerk, Alles liegt durcheinander— ich habe wohl in der Eile und im Eifer an den Tiſch geſtoßen.“ „Wir können ja die Gottesgaben wieder zuſammenleſen,“ meinte Thorborg. Und nun waren alle Drei ſogleich beſchäftigt die Ordnung wieder herzuſtellen, dann nahmen ſie ihre Plätze ein und Emilie erhielt das Wort, um einen vollſtändigen Bericht abzuſtatten. Und nachdem ſie ihn nebſt ihren Commentaren zum Beſten gegeben, trat eine kleine Pauſe ein, welche jede der Da⸗ men zu Erwägungen auf eigene Fauſt zu benützen ſchien. Als ſie nun das Geſpräch wieder beginnen wollten, geſchah dies ſo gleichzeitig, daß zuvörderſt beſchloſſen werden mußte eine um die andere anzuhören. „Du, Majken, biſt die älteſte und haſt zuerſt das Wort.“ „Ich meinestheils wollte ſagen, daß ich jedenfalls heute Nacht aufbleiben muß, um bei der Hand zu ſein, wenn die Bauern erwachen, was wohl um drei oder vier Uhr geſchehen wird; auch muß ich es Herrn Holt wiſſen laſſen, damit er ſich zu ihren Befehlen bereit hält.“ „Wenn Du außbleibſt, Majken, ſo thun wirs auch, beſonders ich als Wirthin.“ „Nein— ich gehe ins Bett,“ erklärte Thorborg.„Ich kann Majken durch dieſes Opfer doch nichts nützen. Sie ſitzt da und träumt wachend von Gudmar, während ich lieber ſchlafend von ihm träume.“ „Aber was wollteſt Du vorhin ſagen, Thorborg?“ fragte Emilie.„Sprich Du zuerſt, ich will die letzte ſein.“ „Recht gern,“ gab Thorborg zu.„Ich wollte ſagen, daß ich nicht genug über den Ton nachdenken zu können glaube, den Holt annahm, als er Majken antwortete. Es gemahnte mich ganz wie eine Unglücksprophezeihung, und ich möchte Dich bitten, Majken, daß Du ihn bei Eurem nächſten Zuſammentreffen nicht 299 mehr beleidigſt. Ich wage nicht zu ſagen, daß er ein böſer Menſch ſei, aber ganz ſicher iſt er ein gefährlicher Menſch.“ „Sagſt Du das, Thorborg?“ fiel Emilie lebhaft ein.„Was meinſt Du ſelbſt, Majken?“ „Ich läugne nicht, daß ſein Ton auch auf mich einen eige⸗ nen Eindruck gemacht hat— und gewiß iſt er ein gefährlicher Mann.“ „Ich theile Eure Anſicht, liebe Freundinnen,“ fuhr Emilie fort,„und jetzt will ich mit all dem Vertrauen, das wir drei Schweſtern gegen einander hegen, Euch eine Frage vorlegen, deren Entſcheidung ich Euch anheimgeben will. Es iſt juſt dieſelbe Frage, die ich ſchon vorhin ſtellen wollte.“ „Und ſie lautet?“ fragten Majken und Thorborg zugleich. „Wartet ein wenig. Ich glaube vor allen Dingen geſtehen zu müſſen, daß es ſehr ſonderbar iſt, daß ich, als verheirathete Frau die Erfahrung haben ſollte, mich an Euch unverheirathete Mädchen wende.“ „Das innere Rechtsgefühl,“ antwortete Thorborg,„macht es bei Beantwortung einer Frage gewiß möglich, daß man in beiden Ständen, ledig oder verheirathet, eine unpartheiiſche Meinung ausſprechen kann.“ „Dies iſt vollkommen wahr!“ fiel Majken ein.„Was übri⸗ gens mich betrifft, ſo weißt Du ja, Emilie, daß ich Dich ſchon längſt erſucht habe mich als Frau zu betrachten. Da ich nun juſt eine alte verheirathete Frau bin und Thorborg eine Heilige iſt, ſo kannſt Du frei reden.“— Die Einleitung in Emiliens beabſichtigte Frage beſtand in einem ſtarken Erröthen. Sie ſchaute ſich verſchämt um und ſagte endlich: „Wie würdet Ihr es machen, wenn Ihr bereits verheirathet wäret und finden würdet, daß Ihr der Gegenſtand gewiſſer ſon⸗ derbarer und geheimnißvoller Winke und Blicke wäret, wenn fer⸗ ner einige noch wunderlichere Worte an Euere Ohren geklungen 300 wären, und Ihr den Gedanken nicht zu erſticken vermocht hättet, daß in all dem Etwas ſtecke was nicht ſein ſoll? Würdet Ihr es dann für Recht oder Unrecht halten es Eurem Manne zu eröffnen?“ „Wenn es etwas wäre was als Liebe gedeutet werden könnte, ſo würde ich es ſagen,“ erklärte Thorborg.„Ein recht⸗ zeitiges Vertrauen kann vielen Verwicklungen zuvorkommen.“ „Glaubſt Du das? und Du, Majken?“ „ Ich würde mich wenigſtens zweimal beſinnen, ehe ich einen Zankapfel von dieſer Art hereinwärfe. Man iſt nicht immer unfehlbar in ſeinem Urtheil, wenn auch ein Weib ſich gut auf ſolche Dinge verſtehen mag, und ich will mich deßhalb nicht blos darauf beſchränken Dir meine Meinung zu ſagen, Emilie, ſondern ich will Dir auch einen Rath ertheilen, der in dem trefflichen alten Sprichwort enthalten iſt: Wecke den ſchlafenden Bären nicht.“ „Du biſt ſo klug, Majken, ſo erfahren, und denkſt über Alles ſo reiflich nach, daß ich Deinen Rath ſogleich annehmen würde, wenn nicht Thorborg, die ebenfalls klug iſt und vor allen Dingen ein tiefes Rechtsgefühl beſitzt, mich durch den ihri⸗ gen, der, wie ich geſtehen muß, mit meinen eigenen Anſichten über die Sache am meiſten übereinſtimmt, unſchlüſſig gemacht hätte.“ 55 „Bedenket,“ verſetzte Majken,„daß Ihr beide an Erfahrung nur Kinder gegen mich ſeid. Ich möchte gewiß nie ein Wört⸗ chen ſagen, das Dich auf einen Weg leiten könnte, welcher nicht der Pfad der Ehre und Reinheit wäre; aber es gibt Fälle wo voreilige Mittheilungen unberechenbare Umwälzungen hervorbrin⸗ gen können. Und es iſt immer die Pflicht einer klugen und edeln Frau darauf zu ſehen, ob es ihrem Mann Nutzen bringen kann, wenn er das gefährliche Geheimniß erfährt. Im Fall es unbewieſen iſt und vielleicht unbewieſen bleiben kann, ſo erzeugt es Mißtrauen und in Folge deſſen eine Menge von Wirrſalen, die ihn einmal ums andere in eine falſche Stellung bringen. — ⏑——fj— — 301 Hat die Frau alſo vernünftig und recht gehandelt, wenn ſie das Alles herbeiführte?“ Die beiden um zwei bis vier Jahre jüngeren Damen ſaßen eine Weile in tiefen Gedanken da. Aber auf einmal ſagte Emilie: „Juſt heute Abend habe ich eine ſo ſchreckliche Angſt aus⸗ geſtanden. Als er— Ihr wißt wen ich meine— mit mir allein hierinnen war, deutete er mit ſolchen Blicken und ſolchen Worten auf meinen Stolz und meine Antipathie hin, daß ich ganz ſicher Urſache hatte ihn mehr zu fürchten als die Bauern draußen. Er ſprach zwar nicht ſo beſtimmt, daß ich ihn ver⸗ ſtehen mußte, aber es war ein verzweiflungsvolles Irrereden, ein Hohn, mit einem Wort Etwas was in mir Zweifel erregte, ob ich das Recht habe es vor meinem Mann zu verſchweigen.“ „Laßt uns wohl bedenken,“ ſagte Majken,„daß ſein Kopf vielleicht in Folge der vielen Gemüthsbewegungen, die er ſeit geſtern Nacht durchmachte, verwirrt war. Unter uns können wir wohl geſtehen, daß wir wiſſen, welche ſtarke Gründe zu Angſt und Unruhe er gehabt hat. Rechnen wir nun dazu noch den heutigen Scandal und was für ihn daraus erwachſen konnte, ſo iſt es wohl möglich, daß all dieſe Confuſionen ihn dazu ge⸗ bracht haben weit mehr zu ſchwatzen als er ſich vielleicht morgen erinnert.“ „Wenn ich wüßte, daß es ſo glücklich ſtände, ſo würde ich gerne, ſo weit es möglich wäre, die ganze Sache der Vergeſſen⸗ heit übergeben, denn ich weiß Majkens Gründe vollkommen zu ſchätzen, und verkenne durchaus nicht, wie aufregend es für Ake bei all ſeinem ruhigen Weſen ſein würde, wenn er mit ſeinem Aſſocié einen ſolchen Streit bekäme. Was ſagſt Du, Thorborg?“ „Seit ich den ganzen Vorfall gehört und zugleich Majkens kluge Erklärung überlegt habe, halte ich es für eine Pflicht an⸗ zuerkennen, daß ihr Rath ohne Zweifel der beſte iſt. Warte, bis Du einen ſprechenden Beweis haſt. Sollte aber ein ſolcher kom⸗ 30² men, ſo beſinne Dich nicht länger— denn wenn die Vorſicht eine gute Sache iſt, ſo iſt die Wahrheit eine noch beſſere.“ „Still,“ ſagte Majken,„hier kommt Uljana, die ſo ent⸗ ſchieden ihre Blicke auf mich richtet, daß ſie ganz gewiß Etwas zu verkündigen hat... Willſt Du Etwas von mir, Uljana?“ „Nichts anderes, Mamſell, als daß Janne im Laden mich hergeſchickt hat um zu melden, daß die Bauern jetzt alle drun⸗ ten im Gaſtzimmer eingeſchlafen ſind.“ „Gut— das wußte ich ſchon, richte es nur ſo ein, daß ich auch erfahre, wann ſie erwachen... Und jetzt, liebe Emilie, laß uns ans Abendeſſen denken, damit ich Holt treffe. Ich habe einen ordentlichen Wunſch ihn bald zu ſehen und näher zu be⸗ obachten.“ Holt kam jedoch dieſen Abend nicht herab. Er ließ ſich empfehlen und ſagen, er ſei in Anſpruch genommen, werde aber am Morgen früh auf ſein... Und allerdings war es früh als in der Gaſtſtube der Lärm anging. Die Pferde wurden aus den Ställen geholt, die Wagen her⸗ vorgezogen, und ein lautes Stampfen hinein und heraus zeigte an, daß die unruhige Geſellſchaſt vom vorhergehenden Abend keinen größern Wunſch mehr hatte, als möglichſt bald fortzu⸗ kommen. Majken wohnte der Unterhandlung zwiſchen den Bauern und Holt bei, und ihrer Klugheit hatte man es zu verdanken, daß die gegenſeitige Verlegenheit nicht in ein nüchternes, aber bitteres Mißvergnügen ausartete, wodurch Spartſkär wichtige Kunden hätte verlieren können, die ihrerſeits viele andere nach⸗ gezogen hätten. Mit großer Leichtigkeit und Gewandtheit wußte das er⸗ fahrungsreiche Mädchen die Sachen ſo zu drehen, daß die Par⸗ teien mit gegenſeitigen Entſchuldigungen und Complimenten aus⸗ 303 einander gingen. Niemandens Eigenliebe wurde verletzt, ſondern der Hochmuth jedes Einzelnen zufrieden geſtellt, und das Ende vom Lied war, daß die gefährlichen Gäſte, nachdem ſie noch war⸗ mes Bier und einen Imbiß eingenommen, beim Abſchied hoch und theuer verſicherten, Mamſell Majken könne ſich darauf ver⸗ laſſen, daß dieſer Ort wo ſie ſelbſt ſo lange Zeit das Regiment führen geholfen habe von ihren alten Freunden nie vergeſſen werden ſolle. Sie wollten jetzt nur noch in aller Vertraulichkeit Herrn Holt zu wiſſen thun, daß ein Kaufmann, wenn er auch die ganze Welt ausgereist ſei, dennoch den Löffel in die ſchöne Hand nehmen müſſe, wenn er ſich an einem gewiſſen Ort nieder⸗ laſſe, denn ſonſt könnte es, wie man curioſer Weiſe ſchon hie und da erlebt habe, leicht geſchehen, daß er ohne Löffel eſſen müſſe. Und gleich darauf raſſelten die Wagen über die ebenen Fel⸗ ſenplatten hinweg. „Gott verdamme dieſes hochmüthige Bauernpack!“ rief Holt, als er und Majken allein im Saal zurückblieben, wo der letzte Abſchied ſtattgefunden hatte. „Supponire, wie Papa ſagt, man muß mit ſolchen Redens⸗ arten zurückhalten, Herr Holt. Was ſoll aus dem Handel wer⸗ den, wenn man nicht das geſetzliche Recht jedes Käufers reſpec⸗ tirt und überdies mit gewiſſen Umſtänden, die an einem ſo ab⸗ gelegenen Platze leicht eintreten können, Nachſicht Fat?⸗ „Nachſicht— Nachſicht! Ich möchte doch wiſſen, ob der Kaufmann Moß immer ſo nachſichtig war.“ „Der Kaufmann Moß, Herr Holt, war der Kaufmann Moß. Wollen Sie das nicht vergeſſen: eine alte wohl accreditirte Firma, ein reicher Mann, ein Mann der überdies die Leute die er brauchte zu ſchonen verſtand, und welcher Verkäufer brauchte nicht Käufer? 304 Ueberdies wußten die Leute, daß er in ſeiner Macht ohne Schaden manche Geſchäfte fahren laſſen konnte, während dagegen der An⸗ fänger in ſeiner Unmacht— denn er iſt entſchieden von den Con⸗ juncturen abhängig die um ihn her geſchaffen werden— gänzlich in die Hände der Bauern und Uferbewohner gegeben iſt.“ „Dieſes Raiſonnement,“ erwiederte Holt ſehr beleidigt,„iſt gewiß nicht uneben für einen kleinen Krämer, aber für Leute die ihr Geſchäft in großem Maaßſtab zu betreiben gedenken iſt es nicht von ſo außerordentlicher Wichtigkeit, wie Sie es darſtel⸗ len wollen.“ „Ich zweifle nicht, Herr Holt, daß das junge Haus mit der Zeit vielleicht weit größere Geſchäfte machen wird, als das alte, aber das ſage ich, daß ein Haus mit offenem Handel Nichts ſo ſehr zu fürchten hat als einen Stillſtand. Will man hernach Geſchäfte im Großen machen, ſo muß man vor Allem darauf ſehen, daß der Grund gut gelegt wird... Und noch Etwas, ein Rath als Freundſchaftsgeſchenk, Herr Holt! Hat man un⸗ glücklich calculirt, ſo muß man vor allen Dinigen darauf bedacht ſein, daß man ſeine Selbſtbeherrſchung behält, denn unſtreitig iſt dieſe eben ſo nothwendig für den Kaufmann der am Steuer⸗ ruder eines Handelshauſes ſitzt, wie für den Schiffer, der es unter wilden Stürmen nur ſeiner unerſchütterlichen Ruhe zu ver⸗ danken hat, wenn er Schiff und Ladung unverſehrt über die gefährlichen Untiefen bringt.“ „Es iſt merkwürdig, Mamſell Majken, welche ſchöne Theil⸗ nahme Sie einem ſo unbedeutenden Menſchen, wie ich bin, erwei⸗ ſen! Man könnte wirklich, wenn man recht kühn wäre, in Ver⸗ ſuchung gerathen an etwas Prophetiſches in allem Dem zu glauben.“ 3 „Glauben Sie das, Herr Holt! Ich beſitze einen ſichern und geübten Blick für Geſchäfte, und ich ſehe mit Schrecken, daß die⸗ ſes junge Haus, das unter den kahlen Klippen entſtanden iſt und manches Jahr blühen könnte, vielleicht bald genug wie ein —1]———— 305 Kartenhaus zuſammenfällt, weil keine gleichgeſtimmten Steuer⸗ männer am Ruder ſtehen.“ „Ich bitte um Verzeihung— meine Prophezeihung lag ganz und gar nicht in dieſer Richtung.“ „Aber die meinige liegt da. Seien Sie immerhin ſcharf⸗ ſinnig, aber ſeien Sie auch vorſichtig und machen Sie keine an⸗ dern Geſchäfte als ſolche, die das Tageslicht ertragen können.“ Sie grüßte ernſthaft und entfernte ſich. Aber Holt eilte ihr nach und hielt ſie an der Thüre zurück. „Um Gotteswillen, noch einen Augenblick!“ „Und warum denn?“ fragte Majken mit ſo ſtrenger Würde, daß Holt beinahe zurücktaumelte. Inzwiſchen faßte er ſich ſo⸗ gleich und ſagte: „Mamſell Moß, ich wage jetzt noch Nichts zu ſagen— ich bin auf kurze Zeit zum Stillſchweigen verpflichtet— aber ver⸗ ſchmähen Sie nicht einen Rath den ich meinerſeits Ihnen zu ge⸗ ben ſo frei bin. Verderben Sie nicht die Intereſſen des Hau⸗ ſes Hjelm und Holt dadurch, daß Sie dieſelben... einem theuern Vertrauten preisgeben, denn wer weiß wie viele Intereſ⸗ ſen in das Kartenhaus hineingezogen ſein können, wenn es ein⸗ mal über den Haufen fällt?“ „Ich verſtehe vom Intereſſe des Hauſes Holt, denn das Haus Hjelm glaube ich hier ausſchließen zu können, ſo viel als ich zu verſtehen brauche. Aber ich für meinen Theil ſehe auf das Intereſſe von Spartſkär, und durch meine Schuld wird niemals hier eine Unannehmlichkeit entſtehen. Auf jeden Fall, Herr Holt, will ich Ihnen offen ein beruhigendes Wort ſagen. Niemand weiß oder will wiſſen, wie weit in einer gewiſſen Af⸗ faire aus der vorletzten Nacht noch andere Namen exiſtiren als die der berüchtigten Esbjörnſöhne... Und nun glaube ich mit voller Gewißheit, daß wir einander Nichts mehr zu ſagen haben.“ „Bis auf Weiteres,“ antwortete Holt mit einer tiefen Ver⸗ beugung.* Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I.. 20 306 Dieſe Worte ſchienen gleich den vorhergehenden Winken der⸗ ſelben Art zu Holts tiefem Verdruß an Majkens Ohr gänzlich vorbeigeglitten zu ſein, denn ſie lächelte ganz freundlich, als der junge Kaufmann unmittelbar darauf den Saal verließ. Dies war jedoch blos der Gipfel von Selbſtbeherrſchung, denn Majken hatte ſich nicht blos über dieſe Sprache gewundert, ſondern ſie hatte ſie auch zu verſtehen und in ihrem innerſten Herzen davor zu zittern angefangen. Sie gehörte indeß nicht zu denjenigen Frauenzimmern, die ihre Gemüthsbewegungen zu Markte tragen. Was ſie fühlte, das fühlte ſie in den geheimſten Verſtecken ihrer Seele, und dort blieb es, bis es durch die Umſtände hervorgezwungen wurde. Dreißigſtes Kapitel. Träume ſind Schäume. Holt erſchien auch nicht beim Frühſtück der Damen, das erſt um zehn Uhr im Saal ſervirt wurde, denn heute kam man ſpät in Ordnung. Majken hatte Alles ſo zierlich und behaglich hergerichtet. Und als jetzt Emilie und Thorborg, welche die Nacht oben in Majkens Schlafzimmer zugebracht hatten, herabkamen, da ent⸗ ſpann ſich bald ein munteres Geplauder bei dem praſſelnden Feuer und dem ſchönen Caffe, und Complimente und Dankſagungen regneten über die ehemalige Wirthin des Hauſes herab, die für ihre Nachfolgerin Alles ſo heimlich eingerichtet. „Und jetzt, liebſte Majken,“ fragte Emilie,„iſt es jetzt ganz ruhig?“ „Wie in einem Kloſter, mein Kind. Ich habe dieſen Mor⸗ 307 gen große Beichte gehabt, die mit einer allgemeinen Abſolution endete.“ „Hat ſie ſich auch auf Herrn Holt erſtreckt?“ fragte Thor⸗ borg. „Allgemeine Amneſtie iſt erlaſſen, und wir können jetzt in einer goldenen Zeit des Friedens leben.“ „Nun, von was ſollen wir jetzt ſprechen, bis die Herren zu⸗ rückkommen?“ ſagte Emilie. „Das heißt, bis Dein Mann zurückkommt,“ ſcherzte Thor⸗ borg.„Vor allen Dingen thue ich Dir zu wiſſen, liebe Emilie, daß Du Dich vor allen Geheimniſſen in Acht nehmen mußt, wofern Du die Gewohnheit haſt ſo viel im Schlaf zu reden, wie heute Nacht.“ „Was habe ich denn geſagt?“ fragte Emilie neugierig. „Nun,“ antwortete Thorborg,„Du haſt einmal um's andere geſagt: Dank, Dank, geliebter Ake, aber es iſt zu koſtbar, viel zu koſtbar!“ „Mein Gott!“ rief die junge Frau heftig,„wißt Ihr, wo⸗ her das kam?“ „Nein— woher?“ „Glaubt Ihr an Träume, liebe Freundinnen?“ „Ich glaube entſchieden daran,“ rief Thorborg. „Und ich verwerfe ſie nicht ganz,“ meinte Majken. Die drei jungen Damen neigten jetzt ihre ſchönen Köpfe über das glänzend weiße blumengeſchmückte Tiſchtuch herab, und die Gruppe ſchien noch anmuthiger dunbedie klare Beleuchtung der Morgenſonne. „Wie ſteht es jetzt mit Deinem Traum?“ fragte Majken. „Nun,“ antwortete Emilie,„es war mir, als ob an einem Tag, wo ich ganz beſonders von freudigen Zukunftshoffnungen erfüllt war, mein Mann zu mir käme und mir erzählte, es habe ihm Jemand einen Ring von ganz unbeſchreiblicher Schönheit angeboten, und in der Vorausſetzung daß er mir paſſe, habe er 308 ihn gekauft. Er nahm ihn jetzt aus dem Futteral, um ihn an meinen Finger zu ſtecken. Statt jedoch über den Beſitz eines ſo koſtbaren Kleinods in Entzücken zu gerathen, wurde ich zwar durch die Freundlichkeike und Artigkeit meines Mannes gerührt, aber eine geheime, noch ſtärkere Macht rieth mir den Ring nicht zu berühren. Und wahrſcheinlich ſind mir, während ich delicate Ausflüchte ſuchte, um meinen Mann nicht zu beleidigen, die Worte entfallen, die Du, Thorborg, mich mehrere Male wieder⸗ holen hörteſt.“ „Nun, aber nahmſt Du den Ring an?“ fragten die beiden Andern zugleich. „Nein! ich hatte den ganzen Traum vergeſſen als ich herunterkam, aber jetzt, da ein Punkt um den andern aus mei⸗ nem Gedächtniß emportaucht, erinnere ich mich deutlich, daß die geheime Furcht in mir ſo ſtark wurde, daß ich Akes Hand am Ende zurückſtieß. Aber da— mein Gott, wie lächerlich doch Träume ſein können— da ſah ich, daß es nicht Akes, ſondern Holt's Hand war... Denkt Euch nur, Holt's Hand, die ich an dem großen Carniolring erkannte, welchen er immer trägt. Bei dieſer Entdeckung war es mir, als würde ich von einem ſo tiefen Verdruß ergriffen, daß ich mich mit Gewalt umwenden wollte. Aber bei dieſer Bewegung ſtreifte der ſtreitige Ring über meinen bloſen Arm hin und machte mir eine ſo merkwür⸗ dig eiskalte Empfindung, daß ich am ganzen Körper vor Froſt ſchauerte. Weiter weiß ich nicht mehr— denn hier muß ich in einen ruhigen Schlaf verſunken ſein. Was ſagt Ihr inzwiſchen zu dieſem Traum?“ „Ich für meinen Theil,“ ſagte Majken,„finde es ganz na⸗ türlich, daß Du an einem ſolchen Abend den Kopf voll von unruhigen Bildern hatteſt, und eben ſo natürlich, daß Holt da⸗ bei mitſpielen mußte. Wenn wir übrigens etwas Beſonderes darin ſehen wollten, ſo könnte es nichts Anderes ſein als eine Warnung vor Holt. Du mußt Dich jedenfalls vor ihm ſehr in 309 Acht nehmen. Auch ich habe heute Nacht während meines kurzen Schlafes hier auf dem Sofa von dieſem Manne geträumt. Er kam zu mir und gab mir nicht einen Ring, ſondern ein kleines ſchwarzes eiſernes Kreuz, und das wog ſehr ſchwer, obſchon es ganz klein ausſah.“ Emilie und Thorborg ſahen zuerſt einander und dann Majken an. Aber die Züge der letzteren erſchienen ſo glatt und ruhig, daß ſie unmöglich ermitteln konnten, ob ſie wirklich ge⸗ träumt hatte oder nur in der Bilderſprache redete. Keine von beiden Freundinnen wollte eine Frage an ſie richten, denn in Majkens Blick lag Etwas was eine ſolche verbot. Nach einer Pauſe von etlichen Minuten ergriff Thorborg das Wort. „Es iſt,“ ſagte ſie,„ganz wunderlich und unerklärlich, daß wir alle Drei heute Nacht in unſern Träumen mit Holt zu ſchaffen hatten.“ „Wie— Du auch?“ „Ja, und zwar auf eine ſolche Art, daß ich nicht ohne Schauder daran denken kann.“ „Nun?“ „Es iſt kaum ein Traum, ſondern eine geheimnißvolle Reiſe die meine Seele gemacht hat, während mein Körper unthätig blieb.“ „So beeile Dich doch, wir ſind im höchſten Grad neugierig,“ ermahnte Emilie. „Nun, mir träumte, es war Nacht und ich ſchlief ganz ruhig und behaglich, als Jemand mich leiſe berührte. Ich ſchlug die Augen auf und ſah die fremde junge Frau, die auf unſerm Kirchhof ruht, neben mir ſitzen. Dies habe ich zwar ſchon früher manchmal geträumt, aber noch nie hat ſie mir den Eindruck ge⸗ macht wie heute Nacht, und noch nie habe ich ſie ſo geſehen. Sie war ſo urbeſchreiblich ſchön und ſie lächelte ſo lieblich, ſo friedlich, ja ſo göttlich, wie Niemand auf Erden lächeln kann.“ „Erſchrackeſt Du nicht?“ fragte Emilie. 310 „Ach nein, ich habe mich ſo an ſie gewöhnt, daß ſie dieſe Empfindung nie in mir hervorrufen kann.“ „Nun und weiter?“ „Mit einer Stimme, deren weicher Tonfall und liebkoſende Zärtlichkeit mein Herz feſſelte, ſagte ſie zu mir: ‚Steh auf und ſolge mir! Ich ſtand auf, ich folgte ihr und wir fuhren— ich weiß ſelbſt nicht wie— durch Luft und Meer nach einem ent⸗ legenen Seeufer in eine große Stadt, wo wir vor einem kleinen Haus, das von großen dunkeln Bäumen umhegt war, Halt machten.„Geh hinein, ſagte ſie, dann ſiehſt Du...“ Hier wurde Thorborgs Geſicht von einer dunkeln Wolke übergoſſen. Ihre Lippen ſtammelten, und ſie ſchien ſo verlegen als ob ſie eine Geſchichte aus der Wirklichkit erzählte. „Biſt Du verrückt, Du kleine Senſitive? Es iſt ja nur ein Traum.“. „Ja, das iſt wahr. Aber dieſer Traum war von einer Klarheit, die mich beinahe erſchreckt; und wenn es, wie ich im Anfang ſagte, denkbar wäre, daß die Seele im Traum den Körper verlaſſen könnte, ſo würde ich beſtimmt glauben, dies ſei heute Nacht mit meiner Seele der Fall geweſen.“ „Liebe Thorborg,“ ermahnte Emilie,„halte Dich jetzt nicht mit Betrachtungen über das auf, was in Deinem Traum vor⸗ ging, ſondern laß uns denſelben wiſſen— die Commentare wer⸗ den hernach kommen.“ „Du bliebeſt,“ fügte Majken bei,„da ſtehen, wo Deine Begleiterin Dich erſuchte hineinzugehen mit dem Bemerken, Du ſeheſt dann... Nun, was ſollteſt Du ſehen? 4 „Ihre Worte,“ verſetzte Thorborg,„lauteten ſo: ‚dann ſiehſt Du— Deinen zukünftigen Gatten.“ „Ei, ſeht, das wird romantiſch!“ rief Emilie entzückt.„Du eilteſt wohl ſogleich hinein?“ „Nein, ich beeilte mich nicht: ich ſah ihr lange nach und ſie verſchwand jetzt, während ſie mit einer auffordernden Bewegung Au—— 1 t 1 311 auf die Thüre deutete. Ich hatte die größte Angſt vor dem Hinein⸗ gehen, aber endlich nahm ich meinen Muth zuſammen, öffnete und befand mich in einem großen dunkeln Zimmer. Aber am andern Ende meinte ich von einer innern Kammer her einen Lichtſchein zu erblicken, und von dieſem geleitet ſchlich ich mich an eine neue Thüre, die angelehnt war, und ſo.. ſo...“ „Gingſt Du auch da hinein?“ drängte Emilie ungeduldig. „Ja gewiß, da die fremde Frau es mir befohlen hatte. Und im Zimmer ſaß auf dem Sofa der Thüre gegenüber ein junger Mann. Er ſah mich nicht.“ „Aber Du ſaheſt ihn— das bin ich überzeugt... Sage uns, wie ſah Dein Zukünftiger aus?“ „Höre, Emilie, wenn Du im Geringſten ſcherzeſt, oder wenn Du nach dieſer vertraulichen Morgenſtunde, die wir ſo ganz allein für uns ſelbſt beſitzen, je dieſen Traum erwähnſt oder auch nur darauf andeuteſt, ſo ſage ich. kein Wort mehr. Es mag ſein, daß Träume für Andere gleichſam ein Spiel ſind, aber für mich ſind ſie es nicht— und in dieſem hier liegt, ich will nicht ſagen eine Bedeutung, aber doch eine Idee, die in nackten Worten dargeſtellt, gleichſam ihrer myſtiſchen Poeſie ent⸗ kleidet, unausſprechlich widerlich wäre.“ „Verſprich ihr das, es iſt nicht mehr als billig,“ ſagte Majken.„Denn man kann wohl einmal in einem beſonders aufgeräumten Augenblick vertrauliche Mittheilungen und Gedanken über geheimnißvolle Gegenſtände austauſchen, aber ſie ſpäter bei ganz nüchterner Laune in der Atmoſphäre der Alltagsproſa her⸗ vorzurufen, das geht nicht an. Habe ich darin Recht?“ „So vollkommen,“ antwortete Emilie,„daß ich ſogleich bei⸗ ſtimme, jedoch mit dem Vorbehalt, daß ich, wenn ich künftig ein⸗ mal die Perſönlichkeit die Thorborg uns zeigt zu Geſicht bekomme, das Recht haben ſoll ihr in einem andern poetiſchen Augenblick ins Ohr zu flüſtern: Wars dieſer?“ „Das wird wohl nie geſchehen— alſo brauchen wir nicht 312 davon zu reden. Und höret jetzt weiter... Der junge Mann den ich in einer tief vorangebeugten Haltung auf dem Sofa ſitzen ſah, war ſo bleich wie der Meeresſchaum. Sein helles Haar lag nachläſſig um die Stirne herum, auf welcher eine bittere Angſt die Schweißtropfen hervorzurufen ſchien, die ſich unaufhörlich hervordrängten. Seine unter dem Kinn gefalteten Hände hielten den ſinkenden Kopf empor. Die ganze körper⸗ liche Erſcheinung verrieth eine Mattigkeit, eine Nervenſchwäche, und Alles was von der Seele aus den dunkeln Augen hervor⸗ leuchtete, deutete auf eine ſtumme troſtloſe Verzweiflung. Dieſes ganze Bild prägte ſich mir tief ein. Ich trat vor, ich ſchaute ihn an, aber er nahm fortwährend keine Notiz von mir. Endlich wurde ich von einem ſolchen Mitleid ergriffen, daß ich mich nicht enthalten konnte ihn zu berühren. Er fuhr zuſammen und ſchaute auf, aber es war ein ganz leerer Blick in den dunkeln Augen. Wer biſt Du? was willſt Du? fragte er. Kommſt Du von ihr, ſo ſage ihr, daß ich Alles für ihren letzten Wunſch gethan habe und daß ich bald ſelbſt nachzukommen hoffe. In dieſem Augenblick. ſchien es mir als ob die ganze Erſcheinung verſchwände, ohne daß er mich wirklich angeſehen hatte.“ Thorborg machte eine Pauſe, die zu unterbrechen ihre Freun⸗ dinnen zu intereſſirt waren. Darauf fuhr ſie fort: „Jetzt befand ich mich daheim an unſerem eigenen Strand, wo ich zu ſtehen und ins Meer hinauszuſchauen meinte. Da näherten ſich mir Tritte, und als ich aufſchaute, ſtand Holt vor mir. In ſeinem Weſen lag Etwas das mir anders als gewöhn⸗ lich vorkam, und ſeine Stimme hatte einen ſchneidenden, gleichſam höhniſchen Ton, als er dieſe ſonderbaren Worte zu mir ſagte, die ich nie vergeſſen werde: Ich war es, ſagte er, ‚der Sie ſtörte. Ich wollte Sie blos vor dem Narren warnen, der drei Monate auf dem Biſtruper Hof geſeſſen hat. Ihm hat die ganze Geſchichte geträumt, die ihn wahnſinnig gemacht hat... Hier erwachte ich.“ „Das wäre juſt ein Märchen beim Abendfeuer,“ ſagte Emilie. 313 „Unheimlich iſt es in der That, und es iſt ſehr merkwürdig daß Holt auch hierin ſeine Rolle hatte.“. „Noch merkwürdiger iſt,“ fiel Majken ein,„daß ein ſolcher Ort wie der Biſtruper Hof wirklich exiſtirt: es iſt ein Narrenhaus auf Seeland, das ich auf einer meiner Reiſen mit Papa ſelbſt geſehen habe, und wahrſcheinlich habe ich Dir davon erzählt, T nhorborg.“ .„Ich kann mich deſſen nicht erinnern. Jedenfalls wußte ich Nichts davon... Aber laßt uns jetzt dieſen Erzählungen ein —— N—— 9—— 3 Ende machen und bedenken...“ e„Daß Träume Schäume ſind!“ fiel Majken lächelnd ein. 9„Mag ſein,“ gab Thorborg zu.„ZJedenfalls paßt Dein t Schlußſatz beſſer für die Tagesgeſchäfte, als der meinige.“ e„Tagesgeſchäfte!“ verſetzte die junge Wirthin.„Du wirſt . doch wohl an keine andern Geſchäfte denken wollen als an un⸗ ſere kleinen Zerſtreuungen bis zum Mittag und bis die Herren 6 kommen?“ 1„Was die Herren betrifft,“ antwortete Thorborg,„ſo dürf⸗ e ten ſie vielleicht auf ſich warten laſſen. Aber die Mittagszeit dürfte bereits da ſein— ſieh nur nach der Sonne. Die Zeit . hat nicht ſtillgeſtanden, ſo lange wir plauderten. Ich muß ſo⸗ » gleich heim und ſehen, was Papa und Vivika machen. Es iſt . überdies jetzt die Zeit des Confirmationsunterrichts, und Papa 4 muß wegreiſen. Kurz und gut, meine Anweſenheit iſt nothwen⸗ r dig zu Hauſe.“ 4„Und dann,“ fiel Majken ein,„iſt wohl Deine Anweſen⸗ 1 heit anderswo auch nothwendig: Du wirſt wohl wie gewöhnlich an Ufern, Inſeln und Holmen herumreiſen und den einfältigen . 1 armen Geſchöpfen ihr Gedächtniß ſtärken. Du biſt und bleibſt immer ein Engel Gottes, während ich es noch nicht weiter ge⸗ bracht habe als bis zu der ehrſamen Mamſell Majken.— Aber „ apropos kleine Reiſen, ſo fahre ich wohl übermorgen nach der . Uhuklippe, denn ich kann Svartſkär nicht verlaſſen, ohne den Al⸗ 314 ten dort einen Beſuch gemacht zu haben. Mit wahrem Ent⸗ zücken habe ich erfahren, daß der alte Gädda und der Lootſen⸗ vater ſich zu einem gemeinſchaftlichen Winterbivouac eingerichtet haben.“ In dieſem Augenblick nahm Majken, da Emilie an die Thüre gerufen wurde, Thorborg beim Arm und trat mit ihr bis zum Ofen vor. „Höre, Thorborg,“ ſagte ſie leiſe,„ich glaube beinahe, daß ich auf der Uhuklippe Gudmar treffen werde, wenn er nach Hauſe kommt.“ „Wie ſo? Du kannſt es ja ganz offen bei uns thun.“ Majken ſchüttelte den Kopf. „Ich habe es gekonnt, aber damit iſt nicht geſagt, daß nicht Etwas geſchehen kann, was die fragliche Freiheit im Pfarrhauſe ſtört.“ „Was ſagſt Du?“ Thorborg drückte Majkens Hand feſt. „Haſt Du einen Verdacht? Fürchteſt Du Etwas?“ „Ich fürchte nie Etwas— das weißt Du wohl— aber im Fall ich einen Verdacht habe, ſo ſetze ich mich in Vertheidi⸗ gungszuſtand ſo gut ich kann. Frage mich nicht weiter, denn ich weiß ſelbſt eigentlich noch Nichts. Ich will nur vorſichtig ſein und mit Gudmar überlegen, ob die Pläne, die wir entwor⸗ fen haben, gerade jetzt paſſend ſind.“ „Ach, geliebte Majken, möge Gott Dich nur für Gudmar erhalten und möget Ihr glücklich werden, ſo will ich für meinen Theil gerne aller Hoffnung auf Liebe und Glück entſagen. So⸗ gar für Papa biſt Du weit nothwendiger als ich.“ „Sprich nicht ſo, meine Thorborg! In meinem Herzen iſt eine Ahnung, die ich nicht geträumt habe, von der ich aber fühle, daß ſie in Erfüllung gehen wird, und dieſe Ahnung ſagt mir, daß Dein Glück lange blühen wird, nachdem mein und Gud⸗ mars.. „Höret, liebe Freundinnen, höret die große Neuigkeit!“ rief 315 Emilie.„Du prophezeiteſt den Anfang einer goldenen Friedens⸗ zeit, Majken, und jetzt hat einer der Commis, der mit dem Tu⸗ bus droben auf dem Felſen ſtand, Akes Boot herankommen ge⸗ ſehen und darinnen mehrere fremde Perſonen, einen jungen Herrn und ein paar Burſche von wahrhaft mörderiſchem Ausſehen. Was um Gotteswillen meint Ihr, kann das bedeuten?“ „Ich für meinen Theil,“ ſagte Thorborg,„mache daß ich fortkomme.“ „Komm,“ ſagte Majken,„laß uns in mein Zimmer hinauf⸗ gehen und durch den Tubus ſehen.“ Drittes Buch. Der finniſche Capitän. Einunddreißigſtes Kapitel. Vor und nach der Ankunft. Ungefähr ſeit einer Stunde aus Mörkö zurückgekehrt, wo er keine tröſtlicheren Nachrichten erhalten hatte, als er ſchon vorher wußte, ſtand Holt reiſefertig zu ſeiner unangenehmen Fahrt in Betreff des ſo gänzlich mißglückten Schmugglergeſchäftes und fügte juſt noch ein Poſtſcript zu dem Brief, den er ſeinem Aſſocié zu hinterlaſſen gedachte, als die Stimmen von Hjelm und Moß, vermiſcht mit fremden Stimmen, die in einer eigenen Mundart ſprachen, ihn veranlaßten, ſeinen Schreibpult zuzuſchlagen und ans Fenſter zu eilen. Schon vorher hatte Majken, die durch den Tubus geſehen, Emilie erklärt, daß ſie ſich auf Gäſte gefaßt halten könne. „Sieh ſelbſt,“ ſagte ſie, indem ſie der ungeduldigen jungen Frau ihren Platz einräumte. „Ach ja, ich ſehe Ake und wie er mit der Hand einen Herrn hieher weist, der wenigſtens von ferne ſtattlich ausſieht. Aber um Gottes willen! was ſind das für abſcheuliche Phyſiog⸗ nomien, die im Vordertheil ſitzen— unſere Ufer werden doch wohl keinen Beſuch von Piraten erhalten ſollen. Verdächtig ſehen ſie jedenfalls aus, und wahrlich dieſer goldbraune Herr 320 mit ſeinem ſchwarzen, dicken Backenbart dürfte wohl ein Frei⸗ beuterhauptmann ſein.“ „Du mußt Dich mit etwas Geringerem begnügen,“ ant⸗ wortete Majken.„Aber, um die Wahrheit zu ſagen, die See⸗ männer der Nation, zu welcher dieſe gehören, gleichen juſt nicht unſern gutmüthigen ſchwediſchen Seeleuten, die man erſt aufreizen muß, bevor ſie als Wilde ausſehen können.“ „Und woher ſind denn dieſe? Dieſe kurzen dicken Paſſa— giere ſehen wahrhaft mörderiſch aus mit ihren rothen Geſichtern, ihren langen rothen Jacken und ihren Dolchen im Gürtel— denn es ſind wohl Dolche, was ſie da in den Scheiden tragen— und dann die kleinen, platten Mützen, welche die glühenden Augen gar nicht beſchatten.“ „Es ſind Finnen,“ erklärte Majken,„und dieſe Dolche da, wie Du ſie nennſt, ſind Meſſer, auf deren Führung ſie ſich ſehr gut verſtehen. Mit den finniſchen Matroſen im Allgemeinen iſt nicht gut umgehen, und vermuthlich haben wir hier den Capitän, und einen Theil der Mannſchaft des aufgebrachten Schiffes, wegen deſſen die Fiſcher mit Deinem Mann in Unterhandlung traten, als ſie vorgeſtern hieher kamen.“ „Aber, großer Gott,“ rief Emilie in verzweiflungsvollem Ton,„auf dieſe Art wird ja ein Wirrwarr ärger als der andere . Liebe Majken, iſt ein Handelshaus am Ufer immer ſo Abenteuern aller Art ausgeſetzt?“ „Natürlich, ſolche Abenteuer kommen auf jedem Platze vor, der an einem offenen Meerbuſen liegt. Die Ufer weiter oben am Land haben es friedlicher.“ „Ach, hätte Ake doch ein ſolches gewählt!“ „Aber dann hätte er den Vortheil dieſes prächtigen Hafens mit ſeinem lebhaften Verkehr nicht gehabt. Ueberdies kannſt Du Dich damit tröſten, daß der Herbſt die ſchwerſte Jahreszeit iſt— leider Gottes aber währen unſere Herbſte lang genug... und 321 jetzt dürfte es am beſten ſein, wenn Du Dich darauf vorbereiteteſt, den Capitän ins Winterquartier zu bekommen.“ „Wie kannſt Du ſo abſcheulich ſein, ſo Etwas zu ſagen! Da jetzt Capitän und Mannſchaft zurückgekehrt ſind, ſo werden ſie wohl ihr Fahrzeug nehmen und ihres Wegs ziehen, und ſo⸗ mit iſt Ake ganz außer der Affaire.“ ³ „Ach Du gutes liebes Geſchöpfchen, wie unwiſſend Du biſt!“ „Was ſollte ich denn wiſſen? Kann es anders gehen?“ „Ich ſtelle mir vor, daß Alles ſeinen gewöhnlichen Weg geht.“ „Nun, wie iſt dieſer gewöhnliche Weg?“ fragte Emilie. „Bei gewöhnlichen Havereien oder in dem weit ſelteneren Fall, daß wie hier ein Schiff aufgebracht wird, das ſammt ſeiner Ladung unbeſchädigt iſt, währt es immer ungeheuer lange Zeit, bis alle Verhältniſſe und alle damit verbundenen Verwicklungen ins Reine gebracht ſind. Fürs Erſte wird an die Regierung geſchrieben, unter deren Flagge das Schiff ſegelt— diesmal iſt es die ruſſiſche— und ehe die Seeerklärung des jetzt in Frage ſtehenden Capitäns aufgeſetzt und Antwort aus Petersburg an⸗ gelangt iſt, können keine anderen Maßregeln ergriffen werden, als daß die Waare ausgeladen und magazinirt wird. Vielleicht wird ſie ſpäter hier verkauft, und das Schiff überwintert höchſt wahrſcheinlich da wo es jetzt liegt.“ „Und dieſe ganze Zeit über,“ fragte Emilie beinahe troſtlos, „werden dieſe Burſche hier auf unſern Ufern herumſchwärmen?“ „O nein, ſie müſſen jetzt arbeiten, zuerſt bei der Ausladung und dann bei der Reparatur des Schiffes, denn ſo viel iſt ſicher anzunehmen, daß daſſelbe nach dieſer Fahrt, die es auf eigene Fauſt gemacht hat, allerlei Verbeſſerungen bedürfen wird.“ „Dieſes ‚auf eigene Fauſt⸗ erweckt meine Neugierde ganz beſonders. Sage mir, da Du doch Alles genau weißt, warum der Capitän und ſeine Leute das Schiff verlaſſen haben, da ſie doch ſcheinbar durch keine Gefahr dazu gezwungen wurden?“ Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 21 322 „Wenn der Capitän nicht ſo ausſähe wie er ausſieht, ſo könnte man allerlei Gründe anführen. Aber jetzt nehme ich nur einen einzigen an, nämlich daß er durch Uebermacht gezwungen worden ſein kann. Gewiß hat die Gefahr unausbleiblich und höchſt bedrohlich geſchienen; die halsſtarrigen Finnen haben viel⸗ leicht offene Meuterei getrieben; aber nachdem ſie das Schiff verlaſſen, haben ſie es vermuthlich bereut und ſein Schickſal auszuforſchen geſucht. Dies mag ungefähr der Verlauf ſein.. Aber ſieh, liebe Emilie, jetzt ſind ſie bald am Landungsplatz.“ „Ja,“ ſagte Emilie,„ich kann gerade noch meine Locken machen und ein weiteres Gericht ans Feuer ſtellen. Ich ſpringe hinab.“ Und ſie entfloh. Zauberiſch ſchön wie der hellſte Sonnenſtrahl ſtand Emilie am Landungsplatz, als Ake ans Ufer ſprang und ihr die Hand mit einem Blick reichte, der ſie noch ſchöner machte. „Sehen Sie, Capitän Oddjers, hier habe ich das Vergnü⸗ gen Ihnen meine Frau vorzuſtellen, die ſich mit mir in dem Wunſch vereinigen wird, daß ſie vorläufig einige Tage in unſe⸗ rem kleinem Kreis ausruhen mögen.“ Es iſt eine höchſt leidige Obliegenheit für die armen Frauen, daß ſie ſich bei den Einladungen der Männer immer entzückt zeigen, ſich verneigen und Complimente ſchneiden ſollen, während ſie im Grund ihres Herzens den Gaſt möglichſt weit wegwünſchen, und in ihrem Kopf eine Art von fliegendem Pro⸗ gramm über Mittageſſen u. ſ. w. entwerfen. „Supponire, Frau Hjelm, daß meine Tochter daheim iſt... Ah ſieh, da kommt ſie zugleich mit Holt... He, was hat das zu bedeuten? Sollte während meiner Abweſenheit ein kleiner Schwank aufgeführt worden ſein?“ ——— ie nd 323 Emilie hörte die Schlußworte des für Majken ſo widerlichen Scherzes nicht, denn ſie mußte eben Capitäns Oddjers höfliche Verſicherung, wie unendlich Leid es ihm thue läſtig zu fallen, beantworten, und dies that ſie mit ſo paſſenden und ſo gut die rechte Mitte treffenden Ausdrücken, daß Ake ihr einen neuen Blick des Beifalls ſpendete. Ake ſchien ſich geſchmeichelt zu füh⸗ len, als er den angenehmen Eindruck bemerkte, welchen Emilie augenſcheinlich auf den fremden Gaſt hervorbrachte. Und Ake konnte das beurtheilen, da er die ganze Zeit vor⸗ her den finniſchen Capitän wortkarg und düſter geſehen hatte. Capitän Oddjers— wir wollen ſeine Bekanntſchaft machen, während die Geſellſchaft ins Haus hinaufgeht— hatte aber auch keine ſonderliche Veranlaſſung, auch nur einen erträglichen Humor zu zeigen. Er war ein zu ſtolzer Mann, um einen Schimpf ertragen zu können, ohne gleichſam den Tod im Herzen zu fühlen, und gleichwohl hatte er— der ein ſtreng gerechtes eiſernes Scepter, eiſern nicht aus Härte, ſondern aus Nothwendigkeit, geführt hatte— es erleben müſſen, daß ſeine früher noch nie angefoch⸗ tene Herrſchaft jetzt in einem Aufruhr ſeiner finniſchen Landsleute gebrochen und in den Staub getreten worden war. Wie richtig hatte nicht Majken das Verhältniß beurtheilt! Nachdem das Schiff mehrere Tage hindurch in Wind und Strömung umhergetrieben worden, war es in den letzten Tagen gegen die Abenddämmerung hin in die Nähe einer der gefähr⸗ lichſten Paſſagen gekammen, und nun war die Mannſchaft, die von dem feigen Conſtabler eine zehnfache Portion Branntwein bekommen hatte und überdies durch die abergläubiſchen Vor⸗ ſpiegelungen eines der Zimmerleute in eine noch überſpanntere Angſt verſetzt worden war, ſo daß ſie an einen prädeſtinirten gewiſſen Untergang des Schiffes unter den allzeit gefürchteten Skageraker Klippen glaubte, zumal ſie in der vorhergehenden Nacht eine ſolche Erſcheinung mit angeſehen hatte— die Mann⸗ 324 ſchaft, ſagen wir, war trunkenen Muthes vor den Capitän getreten und hatte ihm trotzig erklärt, daß ſie nicht dazubleiben gedenke, um in dieſer hölliſchen Höhle, die ihren Rachen gegen das Schiff und ihr Leben aufſperre, zu erſaufen. Eine nähere Beſchreibung der unerhörten Anſtrengungen des Capitäns, um ſeine Leute unter die nöthige Subordination zu⸗ rückzubringen, geht über die Gränzen der vorliegenden Geſchichte. Wir begnügen uns mit der Verſicherung, daß niemals ein Be⸗ fehlshaber ſeinen Eifer weiter treiben oder den in ſeinem Innern kochenden Zorn mit größerer Macht niederkämpfen konnte: das Blut, das heiße finniſche Blut kochte ebenſo gewaltſam in ſeinen Adern, wie die Waſſermaſſe in den Brandungen. Der letzte Kampf betraf ſeine eigene Perſon, und dieſer Kampf war übermenſchlich. Es mag ein ſchönes, erhabenes Bild geweſen ſein: ein einziger Mann, der mit hochgehaltenem Haupt und feſtem Blick ſich gegen dreißig kräftige Arme vom alten Suomiſtrand zur Wehr ſetzt, gegen dreißig Arme, die ausgeſtreckt ſind, ohne daß ſie es jedoch wagen den Befehlshaber anzutaſten, an den ſie, wie ſie noch im Rauſche fühlen, durch die noch nicht gebrochenen Bande allmächtiger Gewohnheit gefeſſelt ſind. Und während dieſer Scene treibt, ungeſteuert von menſch⸗ lichen Händen, das Schiff durch die himmelhohen Wogen und immer näher und näher kommt es der fürchterlichen Einfahrt. Da flogen die erſten Meſſer aus den Scheiden. „Nicht ohne den Capitän! nicht ohne den Capitän!“ er⸗ ſcholl rings umher die Unglück verkündende Loſung.„Er ſoll für Alles Rede ſtehen, er muß mit ins Boot hinab— nicht ohne den Capitän!“ Und nun wurden die letzten Schranken der Subordination niedergeriſſen. Der ganze Haufe ſtürzte vorwärts, wurde aber durch eine ausgeſtreckte Hand zurückgehalten. „Zurück, ihr Elenden! Da ihr euch ſelbſt, eure Flagge und ht 4 32⁵ euren Befehlshaber entehren wollt, ſo— ſeht hier meine Ant⸗ wort.“ So ſprechend warf er ſich vom Vordertheil über Bord. Ob es ſeine Abſicht war unterzugehen oder durch Schwimmen Rettung zu ſuchen, oder ob er ſich möglicherweiſe an irgend einem Theile des ſtampfenden Schiffes feſtklammern und verbergen wollte, bis die meiſterloſe Mannſchaft ſich entfernt hätte und er ſein verlaſſenes Schiff wieder beſteigen könnte, das iſt ungewiß. Aber jedenfalls wurde ſein Entſchluß zu Nichte gemacht, denn bald umfaßten ihn vier ſtarke Arme wie Stahlklammern und zogen ihn ins Boot hinauf. Die Finſterniß verbarg indeß das Geheimniß von der ein⸗ ſamen Fahrt des verlaſſenen Schiffes und ſeiner Rettung, zuerſt durch den höchſten Steuermann und dann durch die armen Fiſcher, denen es gelang ſich deſſelben zu bemächtigen. Am folgenden Morgen, nach einer Nacht voll unerhörter Anſtrengungen, einem langſamen Kampf gegen Sturm und See, hatte der Capitän ſeine Herrſchaft über die jetzt vollkommen nüchterne Mannſchaft wieder errungen und war mit derſelben in Lyſekil angelangt, einige Stunden nachdem die Lootſen und die Fiſcher das Schiff dorthin gebracht hatten, die letzteren aber be⸗ reits nach Svartſkär gefahren waren, um daſelbſt ihr Erſtge⸗ burtsrecht zu verkaufen. Man ſollte vielleicht glauben, des Capitäns unerwartetes und unerhörtes Glück, ſein Schiff beinahe unbeſchädigt wieder zu erhalten, habe einen lindernden Balſam auf die Wunden ge⸗ goſſen, die ſeinem männlichen Hochmuth und ſeinem ſtolzen Rechts⸗ gefühl geſchlagen worden; aber weit entfernt. Er hätte, wenn er es gewagt hätte, die ganze Mannſchaft mit ſo viel Prügeln abſtrafen mögen, als jedes Individuum ohne Lebensgefahr aus⸗ halten konnte; aber er begnügte ſich damit ſie in ſeiner See⸗ erklärung zu empfehlen, und in Folge dieſer Erklärung wußte er, daß die Leute beim Warten nichts verloren. 326 Ob übrigens das Schiff nach Göteborg kommen oder in Lyſekil liegen bleiben ſollte, war noch unbeſtimmt. Der Capitän hatte jetzt mit Haus Hjelm und Holt, ſowie mit den andern Theilhabern— denjenigen die den Antheil der Lootſen gekauft hatten— verſchiedene Geſchäfte zur Wahrung der gegenſeitigen Intereſſen abzumachen, bis Alles zuſammen dem Conſul über⸗ geben wurde. „Sehen Sie hier, Herr Capitän, ein warmes Zimmer, einen Sofa und eine Pfeife— ruhen Sie hier ein Stündchen aus, bis das Mittageſſen fertig iſt.“. So ſprach Hjelm, indem er den Fremden in eine Gaſtſtube führte, die dem Zimmer Holts gegenüber lag. „Ich danke. Dieſe Ruhe wird ſicherlich nicht auf ſich war⸗ ten laſſen, denn ich habe heute Nacht ſo wenig geſchlafen, als in den drei vorhergehenden. Aber in dieſer angenehmen Umgebung, und nachdem ich eine der Perſonen, mit denen ich zu thun be⸗ komme, auf eine ſo vortheilhafte Art kennen gelernt habe, hoffe ich wirklich auf ein erquickendes Ruheſtündchen.“ Hjelm nahm Abſchied und eilte hinab, um ſich die Vorfälle während ſeiner Abweſenheit ſo wie die Veranlaſſung zu Holts Reiſe, die er jedoch ahnte, erzählen zu laſſen. Während dieſer Zeit zündete Capitän Oddjers ſeine Pfeife an und legte ſich auf den Sofa. Die Rauchwolken ſtiegen in lichten Wirbeln um ihn empor, während er ſich die Schauerſcene vergegenwärtigte, als ſeine Mannſchaft gegen ihn zukam, mit der Abſicht ihn abzuſetzen und ſelbſt das Commando zu übernehmen. Er ſah ſein Schiff wieder gegen den Scheerenwirbel hintreiben, er ſah ſich ſelbſt ins Meer ſpringen; dann wollte er nichts mehr ſehen, und gleichwohl guckten von allen Seiten dieſe wilden Ge⸗ ſichter hervor. Aber das Merkwürdigſte war, daß er mitten unter denſelben das lichte Bild eines Engelsgeſichtes erblickte, das hätte eine geme Erſch ſenkt ſah, auf volll Emi Liebe möch über ganz mein appe Sie ſein. daß ſtatt ſein ſolch mit ich fen aus mei Har wal 327 das in ſo herrlicher Schönheit ſtrahlte, daß es ihm war, als hätte er noch nie, ſelbſt in ſeinen lieblichſten Phantaſien nicht, eine Offenbarung geſchaut, die einen ſo ſtarken Eindruck auf ihn gemacht hätte. Er wollte ſeine Augen offen erhalten, um dieſe Erſcheinung fortwährend zu ſehen, aber immer tiefer und tiefer ſenkten ſich die ſchweren Wimpern, und das Einzige was er noch ſah, waren die wilden und wirren Bilder aus der Nacht die er auf dem Boot zugebracht hatte. „Aber iſt es möglich?“ fragte Hjelm mit einem Ton, der vollkommenes Entzücken verrieth,„iſt es wirklich möglich, daß meine Emilie eine ſo großartige Energie entwickelt hat? In Wahrheit, meine Liebe, ſo ſchrecklich das Alles war während es vor ſich ging, ſo möchte ich es doch nicht ungeſchehen machen, denn es hat mich überzeugt, daß Du, mein gutes Weibchen, in Wirklichkeit eine ganz andere Perſon biſt als das Dämchen, mit dem ich zuweilen meine kleinen Streitigkeiten hatte.“ „Ja,“ verſicherte Majken, zu welcher von Zeit zu Zeit ein appellirender Blick hinübergeſchickt worden war,„ja, Herr Hjelm, Sie haben alle Urſache auf Emiliens Geiſtesgegenwart ſtolz zu ſein. Sowohl ich als Thorborg waren vollkommen überzeugt, daß wir ſie in irgend einer Ecke ohnmächtig finden würden; an⸗ ſtatt deſſen trafen wir ſie, wie ſie im Namen ihres Mannes ſeinen Aſſocié vertheidigte, der aller Berechnung zufolge bei einer ſolchen Gelegenheit ihr Vertheidiger ſein mußte.“ „Ich ſehe wohl,“ fiel Hjelm lächelnd ein,„daß Sie nicht mit Holt ſympathiſiren können, Mamſell Majken. Aber obſchon ich mit ihm noch nicht über dieſe Sache geſprochen habe, ſo dür⸗ fen Sie mir wohl glauben, daß er ſich aus Klugheit und nicht aus Feigheit auf der Seite gehalten hat. Und jetzt laß Dich in meine Arme ſchließen, meine prächtige Emilie, weil Du des Hauſes Ehre und Geſchäft in meiner Abweſenheit ſo gut ge⸗ wahrt haſt.“, 328 „Aber, Ake,“ antwortete Emilie mit einer Verſchämtheit und Rückhaltſamkeit, die ihrem Herzen und ihrem Feingefühl gleich viel Ehre machten,„Du bringſt mich ja ordentlich in Ver⸗ legenheit. Du darfſt Dir nicht einbilden, daß ich nicht große Angſt zu überwinden hatte; aber nachdem ſie einmal überwun⸗ den war, ſo mußte ich natürlich meine Pflichten als Deine Frau und einzige verantwortliche Vertreterin begreifen... Und jetzt mußt Du uns ganz aufrichtig ſagen: Würdeſt Du ſo gehandelt haben wie Holt?“ „Ich hätte mich niemals in die Umſtände verſetzen können, worin er ſich befand, und folglich hätte ich auch nicht nöthig ge⸗ habt diejenige Art von Muth zu zeigen, die er an den Tag legte.“ „Siehſt Du!“ „Ich bitte um Verzeihung für Holt, meine Damen— keine Ungerechtigkeit! Aber ſonderbar iſt es doch, ſobald es ſich um Holt handelt, ſeid Ihr beide gleich geneigt Nichts als Schatten⸗ ſeiten zu erblicken... Und jetzt muß ich Ihnen, Mamſell Maj⸗ ken, meinen tiefen und herzlichen Dank für die kräftige Unter⸗ ſtützung darbringen, welche Sie Holt angedeihen ließen. Es wäre wahrlich keine Kleinigkeit für unſere neue Firma geweſen auf ſolche Zerwürfniſſe zu ſtoßen, und ich bewundere Ihren ſichern Blick in allen Verhältniſſen, bei welchen der Scharfſinn das Nothwendigſte iſt.“ „Supponire juſt,“ bemerkte Moß, der in dieſem Augenblick eintrat,„daß nicht viele Frauenzimmer in Bezug auf Muth und Scharfſinn ſich mit meiner Maiblume meſſen können, und meiner Seel man darf Holt gratuliren, daß er eine ſolche Hülfleiſtung erhielt... Aber ein Wort, Herr Hjelm! Holts Wagen ſteht vor der Thüre, und er hat Ihnen Etwas unter vier Augen zu ſagen.“ Ake wurde dunkelroth. „Es wäre eben ſo gut geweſen,“ ſagte er,„wenn Holt bereits weggereist wäre. Ich für meinen Theil habe mit ihm 329 über dieſe letzte Affaire hier weiter Nichts zu ſprechen, und ſie wird es wohl nicht ſein, die ihn am meiſten beſchäftigt.“ „Nun nun, Herr Hjelm, ſupponire, man muß billig ſein,“ bemerkte Moß mit einer Art von Mißvergnügen im Intereſſe Holts.(Waren nicht er und Holt bereits als engverbunden zu betrachten?) „Billig,“ wiederholte Hjelm mit einem Runzeln ſeiner Augen⸗ brauen.„Ich vermuthe, Herr Moß, daß man mich wohl dafür halten muß. Aber was wiirklich als billig angeſehen werden könnte, das wäre geweſen, daß Holt ſich nicht auf Speculationen eingelaſſen hätte, die er vor ſeinem Aſſocié geheim halten mußte — ein ſolches Benehmen muß nothwendig meinen Unwillen erwecken.“ „Ohne Holts Vertheidigung zu übernehmen, Herr Hjelm, glaube ich doch die Bemerkung machen zu können, daß Ihr Un⸗ wille gewiß nicht den Mangel an Vertrauen treffen darf, denn hätte er Ihnen auch die Sache gleich am Anfang mitgetheilt, ſo...“ „Sehr wahr, Herr Moß, ſo hätte ſie meinen Beifall nicht erlangt. Aber ich kann nicht einſehen, wie Herr Holts Fehler darum kleiner werden ſoll, weil er es für das Einfachſte hielt mich zu hintergehen. Jetzt gehe ich jedenfalls hinunter, um ſeine Er⸗ küan zu vernehmen.“ Die glücklich überſtandene Freiwerbung hatte Holts Muth und Zuverſichtlichkeit dermaßen geſteigert, daß man ihm nicht die mindeſte Verlegenheit anſehen konnte, als er mit Hjelm zuſam⸗ mentraf. „Was ich Dir zu ſagen habe,“ hieß es,„iſt mit wenigen Worten geſagt.“ „Nun wohl?“ fragte Hjelm. „Ueberzeugt, daß Du wie andere K Kaufleute, Deinen eigenen Vortheil verſtehen würdeſt. 330 „Du wollteſt ja nur wenige Worte machen— laß alſo die Einleitung weg.“ „So höre... Die Waaren, die ich in Commiſſion bekom⸗ men hatte, ſind durch eine Art von Zauber dem Jachtlieutenant in die Hände gerathen, aber die Mörköer haben das Riſico allein zu tragen, und da unſer Haus ganz und gar Nichts dabei ris⸗ kirt, da nicht einmal mein Name genannt worden iſt, ſo hoffe ich, daß Du bei meiner Rückkehr dieſe ganze gemeine Geſchichte vergeſſen haſt.“ „Aber iſt es auch ſicher,“ antwortete Hjelm,„daß Deine Agenten ihren Beſchluß nicht ändern?“ „Vollkommen... und jetzt lebe wohl... ich habe keine Zeit zu verlieren.“ „So ſehr Deine Zeit in Anſpruch genommen ſein mag, ſo mußt Du mir doch die Artigkeit erzeigen ſo lange zu bleiben, bis Du noch eine Frage beantwortet haſt... Willſt Du mir auf Ehre verſprechen und die Hand darauf geben, daß Du künf⸗ tig nie mehr ſolche fremde Intereſſen in die unſern miſchen und auch auf eigene Rechnung nicht mehr ſchmuggeln willſt? Denn wenn es auch im beſten Falle ein, zwei oder drei Mal glückt, ſo mißglückt es im vierten, und das Facit wird immer ſein, daß der Gewinn die Verluſte nicht deckt... Willſt Du mir jetzt Dein Wort geben?“ „Ja, auf Ehre und Seligkeit— aber keine Regel ohne Ausnahme! Ich kann nicht auf Etwas ſchwören, was ich mir nicht einmal träumen laſſen kann.“ „So thue ich's ſtatt Deiner,“ antwortete Hjelm mit Nach⸗ druck:„ich ſchwöre, daß hier nicht weiter geſchmuggelt werden darf!“ 331 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Vater und Tochter. Im Verlauf dieſes Tages waren die Wirthsleute auf Svart⸗ ſkär wie ihre Gäſte von dem fremden Capitän in Anſpruch genommen. Er trug in ſeinem Weſen das finſtere, aber intereſſante Gepräge eines Mannes, deſſen ſtarke Leidenſchaften, obſchon bekämpft, in den halbverſchleierten Augen ſprechen und ihre düſtere Schifferſprache in die harten Linien der Stirne und die ſpöttiſche Verziehung der Lippen einzeichnen. Eine gebietende Kraft, die, wie wir geſehen haben, ſelbſt in der äußerſten Noth nicht nachgab, beurkundete ſich in ſeinem ganzen Weſen, und er ſchien ſich nur aus Artigkeit und mit einer gewiſſen Mühe in die Umſtände zu ſchmiegen. Prüfend ruhte ſein Blick bald auf Majken, deren ruhige Haltung ſo wie ihr gereiftes, ernſtes und einnehmendes Weſen ſeine Sympathie zu erwecken ſchien, bald auf Emilie, deren ſtrah⸗ lende Anmuth ſich nie vortheilhafter gezeigt hatte. Emilie hatte an dieſem Tage einen ſolchen Sieg über ihren Mann errungen, daß ſie Nichts dagegen gehabt hätte durch ihre Liebenswürdigkeit noch mehrere Siege zu gewinnen. So viel iſt ſicher, daß Capi⸗ tän Oddjers, der ein Auge für weibliche Schönheit beſaß, wenig⸗ ſtens durch eine unausgeſprochene Huldigung ihren Triumph erhöhte. Nach dem Mittageſſen war das Geſpräch Anfangs etwas gezwungen geweſen, bis der Capitän, um mit dem ſo grauſam unangenehmen Gegenſtand der ihn ſelbſt betraf aufzuräumen, eine kurze, aber farbenreiche Schilderung ſeiner Erlebniſſe auf dem Schiff zum Beſten gab. Mit meiſterhafter Leichtigkeit be⸗ rührte er ſeine erzwungene Heraufziehung aus dem Waſſer ins Boot, aber um ſo beſtimmter entwarf er die Umriſſe des Augen⸗ 332 blicks, wo er ſein Commando wieder übernahm und das Boot nach Lyſekil dirigirte. Es war nicht die glänzende Darſtellung geſchmeichelter Eigenliebe, die in der Art und Weiſe hervorſtach, wie er hernach den Kampf gegen die Feindſeligkeiten ſowohl der Naturelemente als der menſchlichen Elemente ſchilderte— denn noch zeigte ſich ein aufrühreriſcher Geiſt bei einem Theil der Beſatzung — ſondern es war das überlegene Bewußtſein geiſtiger Kraft, und dieſes prägte ſich ſo ſtark aus, daß es keinem der Zuhörer einfiel in ſeinen Worten Eigenliebigkeit zu finden. Die letzte Mittheilung die er machte, war eine Entſchuldigung, daß er ſeinen Conſtabler und einen ſeiner Zimmerleute mitgenom⸗ men habe. Aber dieſe Beide wagte er nicht mehr aus dem Auge zu laſſen. Sie waren es die den Funken des Aufruhrs entzün⸗ det hatten, der Eine durch Vertheilung von Branntwein und der Andere durch ſeinen fanatiſchen Aberglauben.„Hätte ich ſie dort gelaſſen,“ ſo ſchloß er ſeine Erzählung,„ſo hätte es geſche⸗ hen können, daß ſie während meiner Abweſenheit ins Proviant⸗ zimmer eingebrochen wären, ſich Getränke verſchafft und einen ungeheuern Spectakel im Flecken angefangen hätten.“ „Ich verſichere Sie, Herr Capitän,“ ſagte Emillie, die zuerſt das Wort ergriff, lebhaft,„ich verſichere Sie, daß ich, mit wie innigem Intereſſe ich auch dieſe lebendige Schilderung des wech⸗ ſelreichen Lebens eines Seefahrers angehört habe, dennoch von meiner Undankbarkeit zu ſprechen anfange, ſtatt von meiner Dankbarkeit.“ „Wie ſo, Madame— darf ich mir eine Erklärung aus⸗ bitten?“ „Sehr gerne... Ich mußte geſtern Abend während der Abweſenheit meines Mannes meinen Muth dermaßen hinauf⸗ ſchrauben, um gegen die tobſüchtige Laune unſerer eigenen Kü⸗ ſtenbewohner Stand zu halten, daß ich mich wirklich vor dem Geſchenke entſetze, das Sie uns in Ihren beiden Leuten mitge⸗ bracht haben. Schon ihr bloßer Anblick, wenn ſie wie ein paar 333 eiſerne Bildſäulen drunten am Landungsplatz ſtehen, mit ihren Meſſern im Gürtel und ihre ſcharfen Augen gleichſam in die Gegenſtände eingebohrt welche ſie treffen, flößt mir einen ſolchen Reſpect ein, daß ich ihnen weit lieber erlauben möchte in der Entfernung Alles als bei uns irgend Etwas zu thun.“ „Ei, liebe Emilie,“ fiel Ake ein,„Capitän Oddjers wird Dich für ein recht ſelbſtſüchtiges Geſchöpf halten. Bedenke, wenn geſtern Abend Jemand ebenſo von den wilden Bauern geſagt hätte, ſie können in Spartſkär hauſen wie ſie wollen, wenn man ſie nur anderwärts loswerde.“ „Das iſt wahr,“ antwortete die junge Frau lächelnd,„und deßhalb will ich die finniſche Eintracht auch nicht mehr nach Ly⸗ ſekil hinüberwünſchen, ſondern ich wünſche ſie...“ Sie hielt erröthend inne. „Zum mindeſten unter die Eisberge?“ fiel Capitän Oddjers ein. „Ich glaube,“ ſagte Majken, die ſonſt an dieſem Tag unge⸗ wöhnlich ſchweigſam geweſen war,„Emilie hat nicht einmal ge⸗ hört, daß das Schiff ſelbſt den Namen„Finniſche Eintracht“ führt. Aber jedenfalls muß man zugeben, daß es nach der ener⸗ giſchen Schilderung, welche Sie, Herr Capitän, von Ihrer Mann⸗ ſchaft entworfen haben, ſehr verzeihlich iſt, wenn die einzelnen Charaktere Grauen erwecken, ſobald man ſie ſich ohne die An⸗ weſenheit des Commandanten denkt.“ Capitän Oddjers verbeugte ſich verbindlich und Moß fiel in ſeiner ungezwungenen Weiſe ein: „Supponire, Herr Capitän, Sie dürften bald den Unter⸗ ſchied zwiſchen dem Gerede meiner Tochter und ihrer wirklichen Denkungsart kennen lernen. Ich glaube, daß ſie nicht einmal vor dem Beſuch einer Horde maroccaniſcher Seeräuber erſchrecken würde, geſchweige denn vor ein paar finniſchen Matroſen. Und wenn Sie uns einmal mit Herrn Hjelms die Ehre Ihres Be⸗ ſuchs in Gläborg ſchenken wollen, ſo werden wir im Stande 334 ſein Ihnen zu zeigen, welche mannhafte Beſchäftigung ein ſchwe⸗ diſches Scheerenmädchen haben kann..Aber es iſt wahr, meine Maiblume, das kannſt Du auch hier zeigen, wenn Du uns zu einem kleinen Vergnügen auf Deine Zimmer einladeſt. Sie müſſen wiſſen, Herr Capitän, daß meine Tochter an zwei ver⸗ ſchiedenen Orten wohnt.“ Unendlich genirt durch alle dieſe Mittheilungen beſann ſich Majken, wie ſie den Wortſtrom ihres Vaters am beſten dämmen könnte, als derſelbe leider in einen andern Canal floß, auf wel⸗ chen er ſich nur bei ſolchen Gelegenheiten hinausbegab, wo er über Tiſch ein Gläschen zu viel getrunken hatte— und dies war heute der Fall geweſen, vermuthlich weil ihm der Gedanke zu ſchaffen machte, wie er der Holt'ſchen Freiwerbung den ge⸗ wünſchten Erfolg verſchaffen könnte. Er ließ ſich nämlich jetzt auf ein Geprahle mit ſeinen Reichthümern ein— der Finne mußte doch erfahren, was für ein Matador ein ſchwediſcher Kauf⸗ mann war. „Juſt ſo wie ich ſage, meine Maiblume— Du mußt uns droben bei Dir ein kleines Feſt geben, damit der Herr Capitän, welcher Kenner iſt, fünf verſchiedene Modelle von meinen Schif⸗ fen ſehen kann. Supponire, es wird einen Mann von Ihrem Fach intereſſiren, die Reſſourcen zum Schiffsbau zu ſehen, die wir in unſern Scheeren haben. Aber Du mußt mich daran er⸗ innern, mein Kind, daß Du auch Modelle von der Galeaſſe und von dem letzten Schooner bekommſt.“ „Ei,“ bemerkte Capitän Oddjers,„das ſcheint ſich ja zu einer kleinen Flotte zu geſtalten, die, im Fall Schweden in einen Krieg verwickelt wird, einen willkommenen Zuwachs zu der Scheeren⸗ flotte bilden dürfte.“ „Ah bah— ſupponire, Herr Capitän, ſupponire, daß wir auf ſchwediſchem Grund und Boden ſitzen. Vor allen Dingen haben wir, Gott ſei Dank, durchaus keine Ausſichten auf Krieg, aber ſollte es zu einem ſolchen kommen, ſo glaube ich, daß ich a„·¶Q 8o+8 au 33⁵ es eben ſo machen würde wie der holländiſche Kaufmann, der auch einmal hier an der Botnabucht wohnte. Er hieß Slaman und war ein ſteinreicher Mann, was man daraus erſehen kann, daß er fünf große Schiffe verſenkte, als die Krone in einer Be⸗ drängniß ſie entlehnen wollte. Supponire, er dachte— und ein ſolcher Gedanke läßt ſich wohl begreifen— die Schätze ſeien eben ſo ſicher in der Tiefe angelegt als in der Höhe; ja ja, er wußte wohl, daß Entlehnen und Heimbezahlen zweierlei iſt.“ Während Moß ſeiner Zunge freien Lauf ließ, hatte Hjelm ſeine Zeit wahrgenommen, um an die Contorsgeſchäfte zu gehen. „Es iſt merkwürdig,“ fiel Majken ein,„wie gut Dein eige⸗ ner Ausſpruch, den Du ſo eben in Beziehung auf mich thateſt, auf Dich ſelbſt paßt, Papa⸗“ „Das glaube ich auch, Herr Moß,“ fügte Emilie ſchnell hinzu, um ihrer Freundin zu Hilfe zu kommen.„Ihre jetzige Aeußerung, Herr Moß, und Ihre Handlungsweiſe, im Fall ein Opfer für das allgemeine Beſte gefordert werden ſollte, würden ſicherlich einen großen Contraſt darbieten.“ „Nein, meine Herrſchaften, ich will nicht für beſſer gelten als ich bin. Supponire, es liegt in meiner Natur, daß ich durchaus keine Sympathie für Zeitungsgeklatſche von patriotiſchen Opfern und Bürgertugenden habe. Mein Satz war immer, daß Jeder ſich ſelbſt der Nächſte ſei... Nun, ich bemerke, daß mein Maiblümchen verdrießlich wird. Ja natürlich, ſie will, daß ich immer auf ihre Ideen eingehen ſoll, und in dieſem Fall dürften mir zuletzt meine Geſchäfte nicht mehr viel Mühe machen. Aber ſehe ich falſch oder iſt nicht der Herr Capitän etwas röther im Geſicht als für einen geſunden Menſchen nothwendig iſt? Sup⸗ ponire, es hat ſich nach dem kalten Bad ein Fieber im Blut eingeſtellt.“ Und wirklich war ein Fieber vorhanden, ein Fieber das, durch den kräftigen Willen des Capitäns gehemmt, ſchon lange 336 in Schranken gehalten worden war, aber jetzt mit Macht über⸗ handzunehmen ſchien. „Herr Moß,“ ſagte er aufſtehend,„Sie ſehen wirklich recht, und wenn es erlaubt iſt, ſo kehre ich jetzt auf mein Zimmer zurück.“ Emilie wollte ſogleich nach Ake ſchicken, aber Moß übernahm es den Gaſt auf ſein Zimmer zu begleiten, während Emilie Büiederthe hinanfzuſhicen verſprach. „„Nun, Majken, was ſagſt Du jetzt von munſenm neuen Gaſt?“ ſagte die junge Frau, nachdem ſie Uljana ihre hausmütterlichen Befehle in Betreff des Capitäns erthrilt hatte. „O, er iſt ein Mann der ſich ſehen läßt. Mein Kopf iſt jedoch von andern Dingen ſo eingenommen... was hältſt Du ſelbſt von ihm?“ G „Nun, ich will in meinen Aeußerungen nicht ſo zurückhal⸗ tend ſein wie Du, ich fühle mich ganz außerordentlich eingenom⸗ men von ihm. Es liegt ein verborgenes Feuer in Allem was er ſpricht— und iſt er nicht auch ſehr ſchön? Welches feine, anmuthige und dennoch kräftige Weſen! Du haſt wirklich Recht, das iſt ein Mann der ſich ſehen läßt.“ „Nun, ſo viel iſt gewiß,“ antwortete Majken,„daß Du in Beurtheilung des Fremden nicht ſo wortkarg biſt wie ich.“ „Warum ſollte ich auch? Ich ſage gerne offen, was ich denke.“ „Ich,“ verſetzte Majken,„war dagegen ganz verſtimmt, weil Papa ſo dreiſt und graß herausſchwatzte— er ſcheint manchmal eine Ehre darein zu ſetzen, ſich weit ſchlimmer zu geben als er iſt.“ „Ach, mach Dir darüber keine Sorgen. Aufrichtig geſagt, ich glaube, daß der Capitän ihn nicht ſehr aufmerkſam angehört hat. Theils war er unwohl, wie Du hörteſt, theils betrachtete 337 er unaufhörlich uns Frauenzimmer— das bemerkte ich, ob⸗ ſchon wir unſere Augen auf der Arbeit hatten.“ Majken antwortete Nichts. Sie begann unruhig auf und ab zu gehen. Sie dachte an das was ſie im Verlauf des Ta⸗ ges ſchon tauſendmal überdacht hatte, nämlich an Holts bedeu⸗ tungsvolle Sprache am Abend und ſeine noch bedeutungsvolleren Aeußerungen am Morgen. Sodann hielt ſie die feſſelloſe Ge⸗ ſprächigkeit, die ihr Vater gegen das Ende der Mahlzeit gezeigt mit ſeiner Schweigſamkeit zu Anfang derſelben zuſammen und glaubte daraus den Schluß ziehen zu können, daß er ſich mit entſcheidungsvollen und läſtigen Gedanken getragen und dieſelben ſpäter von ſich abzuſchütteln geſucht habe. Endlich umfaßte ihre unruhige Seele die Uebereinkunft mit Gudmar in Betreff des Briefes, der an ihren Vater geſchrieben werden ſollte. Konnte er jetzt etwas helfen? B Unter all dieſen Gedanken gab es nur einen einzigen Licht⸗ und Ruhepunkt, nämlich eine Zuſammenkunft mit ihrem Verlob⸗ ten— ſie mußte ihn treffen, bevor ſie die Gegend verließ. „Ach, wie verdrießlich iſt es doch, daß Du heute Abend gar nicht plaudern kannſt, Majken!“ erklärte Emilie.„Ich ſelbſt bin in einer ſo frohen Laune, daß es mich wirklich ſchwer ankommt zu ſchweigen... Aber ſieh, hier haben wir Herrn Moß ſchon wieder.“* „Was gibt es, Papa?“ fragte Majken, die ſogleich ſah, daß ſich Etwas zugetragen hatte. „Ja, dieſe Frage möchte ich an Dich richten. Wenn Du in Deine Zimmer hinaufgehſt, ſo komme ich ſogleich nach.“ Es ſtrich gleichſam eine Wolke über Majkens inneres Auge. Sie ging eilig hinauf und nachdem ſie die Lampe angezün⸗ det, ſetzte ſie ſich ruhig hin, um zu warten. Sie brauchte dies nicht lange zu thun, denn ſchon nach einigen Minuten trat he te ein. Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren, I. 22 338 „Schon lange,“ begann er mit einem Ton, der eher auf ſchmerzliche Verlegenheit als auf Zorn deutete,„ſchon lange, mein Kind, war ich hier oben und eine Zeitlang heute Mittag glaubte ich, daß wir Alle zuſammen einen angenehmeren Abend bekom⸗ men würden, als wir jetzt vielleicht bekommen.“ „Als ich drunten fragte, was vorgefallen ſei, deuteteſt Du darauf hin, ich müſſe die Veranlaſſung Deiner veränderten Laune wiſſen— aber wie iſt das möglich?“ „Sie kommt daher, ſupponire ich, weil Gudmar Guldbrands⸗ ſon, nach dem was das letzte Mal zwiſchen uns vorgefallen iſt, nicht die Frechheit gehabt haben würde an mich zu ſchreiben, wenn er ſich nicht vorher mit Dir beſprochen hätte.“ „Haſt Du ſeinen Brief ſchon geleſen, Papa?“ „Nein, noch nicht einmal erbrochen. Aber nennſt Du das antworten, wenn Du Fragen an mich richteſt?“ „Ich will jetzt auf alle Deine Fragen antworten, Papa, ja ich will ſogar ungefragt ſprechen.“ „Um ſo beſſer! Dies iſt die reellſte und ſchnellſte Art zum Schluß zu kommen.“ „Entſchuldige Papa, wenn ich zuerſt wiſſen möchte, wer den Brief gebracht hat. Gudmar iſt in Göteborg.“ „Ein Schutenfiſcher hat ihn mitgebracht. Er hatte ihn wohl unterwegs geſchrieben, und da er auf dieſe Art einen Boten be⸗ kam, ſo ſchickte er ihn durch dieſen.“ „Ja, ich verſtehe,“ ſagte Majken,„er glaubte mit dieſer Eilfertigkeit mir eine Freude zu bereiten. Aber heute iſt nicht geſtern, und eine Sache, von der ich mir damals großen Vortheil verſprechen konnte, wird wohl jetzt, das ſehe ich wohl ein, ganz in das Gegentheil umſchlagen.“ „Das bedeutet,“ verſetzte Moß, und in ſeiner Stimme ſchwebte jetzt ein zorniges Zittern, edaß Ihr noch immer Plänte ſchmiedet?“ 339 „Das werden wir immer thun, Papa. Man liebt nicht um abzuſtehen, wenn man ernſtlich liebt.“ „Aber wenn man gleichwohl muß— ſupponire, ſo geſchieht es... Wie ſagte doch die Königin zu dem Hoffräulein?... hieß es nicht ſo: Das Eine willſt, das Andere mußt Du thun, Dabei, mein Kind, laß nur die Sach' beruhn! „Es iſt ſehr eigen, Papa, daß Du, nachdem Du ſo eben noch ſo revolutionäre Anſichten über Machtſprüche von höherem Ort preisgegeben, jetzt einen ſolchen zur Unterſtützung Deiner eigenen Argumente anführſt. Aber wenn wir hier außen in unſerm armen Svartſkär mit ſo glänzenden Citaten prangen wollen, ſo laß es uns vollſtändig thun. Du weißt, Papa, daß die bekannte Zurechtweiſung eine Antwort auf die Zeilen war, welche das Hoffräulein in die Scheibe eingekritzelt hatte, und die alſo lauteten: Ich bin mit meinem Loos zufrieden Und wünſch nichts Beſſeres hienieden. „Ahal!“ verſetzte Moß eifrig,„Du biſt mit Deinem Loos zufrieden— was ſoll dann dieſer dicke Brief hier?“ „Man kann mit einem Loos zufrieden ſein, von welchem man mit Recht hofft, daß es ſich nicht verſchlimmern wird, und man kann doch immer darauf bedacht ſein es zu verbeſſern.“ „Und man dankt Gott dafür,“ fügte Moß etwas höhniſch hinzu,„ſelbſt wenn das Loos auch nicht auf diejenige Art ver⸗ beſſert wird, wie wir es wünſchen.“ „Ja, Papa, ſo meine ichs,“ antwortete Majken mit voll⸗ kommener Selbſtbeherrſchung.„Gott hat mir ja ſo viel gegeben, indem er mir ein Herz gab, das die Liebe verſteht, und indem er mich dazu einen Gegenſtand finden ließ, welcher der höchſten Ergebenheit würdig iſt, die in einem Herzen wohnen kann. Ver⸗ mag irgend eine menſchliche Macht dieſes Bewußtſein von mir zu nehmen?“ 340 „Ich ſupponire, daß keine menſchliche Macht mit Dir über das Eigenthumsrecht auf dieſe Vortheile da ſtreiten möchte, die Du allerdings ohne Gefahr für fremde Rechte behalten kannſt. Und hat er in ſeinem Brief keinen andern Wunſch auszuſprechen, als daß man ihm erlauben möge ſeine verrückten Liebesgedanken beizubehalten, ſo war es eigentlich nicht der Mühe werth meinen Aerger wegen einer ſolchen Kleinigkeit hervorzurufen.“ „Ohne jetzt Etwas von demjenigen zu erwähnen, was er in ſeinem Briefe will, halte ich die Gelegenheit für paſſend Dir folgende kurze Mittheilung zu machen... Ich und Gudmar ſind auf ſolche Art verbunden, daß wir nicht getrennt werden können, denn Trennung in Zeit und Raum ſſt eigentlich keine Trennung für uns. Ich werde niemals auf Erden den Namen den ich jetzt führe gegen einen andern als den ſeinigen ver⸗ tauſchen: darf ich nicht Majken Guldbrandsſon heißen, ſo ſterbe ich als Majken Moß. Dieſe Wahrheit iſt eben ſo klar, als ich in dieſem Augenblick von Deinem ſehnlichen Wunſch überzeugt bin mich zur Annahme eines dritten Namens zu vermögen, aber dieſen Wunſch wollen wir ewiger Vergeſſenheit übergeben. Ich bin nicht das Mädchen, das ſein Wort bricht. Und jetzt, Papa⸗ weißt Du Alles was nach meiner Anſicht für Dich zu wiſſen nöthig iſt.“ „Supponire, daß Du Dich hierin täuſcheſt, denn Du haſt mir noch nicht geſagt, was Du zu Deiner Kurzweil zu unter⸗ nehmen gedenkſt, im Fall ich mich nicht genau nach Deinen Vor⸗ ſchriften richten ſollte. Du begreifſt, ſupponire ich, daß es manch⸗ mal Väter gibt, die einen unbeugſamen Starrſinn an den Tag legen.“ „Vor allen Dingen gedenke ich zu ſchweigen, ferner gedenke ich eine unermüdliche Geduld zu zeigen, und drittens ſo lange zu warten, bis entweder die Ooffnungen oder die Geduld gänz lich zu Ende gehen.“ 5 341 „Und vorausgeſetzt, meine Maiblume, daß alles das zu Ende gehe, was dann?“ „Es iſt weit bis dahin, Papa... Ich liebe Scenen zwiſchen Vätern und Kindern nicht. Wir haben bisher friedlich gelebt— laß uns dieß auch künftig thun. Ich bin eine ehrerbietige Tochter und füge mich unterwürfig in Alles was Du verlangen kannſt, nur darfſt Du die Wahrheit nicht vergeſſen, daß die Menſchen⸗ ſeele frei ſein muß: ſie kann mit keinen andern als mit eigenen Banden gebunden werden... Und jetzt, Papa, gib mir Gud⸗ mars Brief— er kam zu ungelegener Stunde.“ „Meine Maiblume, Du haſt jetzt wie immer mit Verſtand und Maß geſprochen und Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe...“ „Ja nach Deiner Weiſe, Papa, aber nicht nach der Weiſe Gottes, denn wenn Du wirklich...“ „Still, Kind, ich weiß ſelbſt recht gut, daß ich Dich nur zu ſehr liebe— aber ihn, dem Du Dein ganzes Herz geſchenkt haſt, ihn liebe ich nicht. Er hat mich beleidigt. Aber deßungeachtet will ich mir bei der Erklärung, die ich jetzt abzugeben gedenke, eben ſo viel Mäßigung auferlegen, als Du ſo eben bei der Deinigen gezeigt haſt.“ Laß uns hier ſtehen bleiben, Papa— ſag Nichts mehr. Dieſer Abend hat etwas wahrhaft Entſetzliches an ſich. Es kommt mir vor, als ob jedes Wort das wir ſprächen droben aufgezeichnet würde.“ „Das weiß ich nicht, aber hier unten zeichne ich die Ver⸗ ſicherung auf, die von einem noch unerſchütterlicheren Willen, als der Deinige iſt kommt, daß, im Fall Du Dich nicht überreden läſſeſt einen andern Namen als Guldbrandsſon zu führen.. „Papa, Papal“ „Ich will ausſprechen... Daß Du dann in Gottesnamen mit demjenigen Namen ſterben mußt, den Du jetzt beſitzeſt.“ Majken wurde ſo blaß wie das weiße Nastuch, das ſi über ihre Stirne zog. Aber ſie verſetzte blos: 342 „Ich habe den Brief nicht erhalten.“ „Ich will ihn jedenfalls leſen... Da ſieh, jetzt iſt er er⸗ brochen... Hier iſt einer an Dich.“ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Gudmars beide Briefe. Verehrter Onkel! 0 Wenn ich es wagte, würde ich um Erlaubniß bitten Sie an eine— leider längſt entſchwundene— Zeit zu erinnern, wo ein junger Knabe oft vor Sie trat und Ihnen von ſeinen kleinen Heldenthaten, bald beim Robbenfang bald auf der Wildentenjagd, bald auf Schlittſchuhen bald in dem einſamen kleinen Boot beim Kampf gegen Wind und Wellen erzählte; und wie manches blanke Silberſtück ſtrich da nicht der Junge in ſeine Taſche, und zwar mit Stolz, denn die Münze kam nicht allein: ſie kam in Be⸗ gleitung eines freundlichen, muntern und kräftigen Wortes, das ſein Herz erwärmte und ſeinen Muth erhöhte. Nein, ich werde vielleicht allzu weich, wenn ich jener Zeit gedenke, wo Sie, lieber Onkel, und Papa heiter bei der Pfeife und dem Glas disputirten, während ich und Majken über die Muſcheln disputirten, die wir am Strande gefunden. Schon damals begann der Keim jener tiefen und glühenden Verehrung, welche zuerſt der Jüngling und dann der Mann ſeiner tapfern jungen Begleiterin bei ſo vielen der obengenannten kleinen Heldenthaten widmen ſollte. Und jetzt— wie iſt es ſo anders geworden! Jetzt wage ichs nicht einmal Ihnen unter die Augen zu treten, Onkel, denn 343 ich weiß, daß der früher ſo freundliche Blick mit finſterem Un⸗ willen auf mich geheftet iſt. Ich bin mit mir ſelbſt zu Rath oder vielmehr zu Gericht gegangen— und ich bin zu dem Schluß gekommen, daß ich bis⸗ her in gewiſſen Sachen vielleicht zu ſtolz geweſen ſei. Der Mann, der ein Mädchen über Alles liebt, darf ſich in einer Frage welche ſie betrifft nicht demüthigen laſſen: er darf ſich nicht von demjenigen gedemüthigt glauben, der ſein ganzes irdiſches Glück in ſeinen Händen hält... Nun wohl, Onkel Moß, ich bin noch ein Menſch von geringer geſellſchaftlicher Stellung, aber ich beſitze ſo viel Stolz, als ob ich ein hohes Amt begleitete— vielleicht würde ichs im letzten Fall mit meinem Anſehen weniger genau nehmen. Jetzt lege ich jedoch dieſen Stolz zu Ihren Füßen, Onkel. Verſtoßen Sie mich nicht als Sohn! Bei Gott, der in dieſem Augenblick auf meinen ernſten Vorſatz herabſieht und ihn kennt, verſpreche ich Ihnen der zärtlichſte, ergebenſte und ſorgſamſte Tochtermann zu werden. In ein paar Jahren gibt es keinen Jachtlieutenant Guld⸗ brandsſon mehr, und der Beamte, der erſt dann kommt und Antwort auf dieſen Brief begehrt, wird Nichts haben, was an den verhaßten Küſtenaufſeher erinnert. Was ich jetzt begehre, iſt nur die Erlaubniß in Frieden auf dieſe Zukunft hoffen zu dürfen. Unſere beiden Häuſer waren ſchon ſo manche Jahre durch die innigſten Freundſchafsbande vereinigt, daß es iſt, als wären ſie zu einer vollſtändigen Vereinigung beſtimmt. Und bedenken Sie, wie dieſe Zukunft Ihnen ſelbſt behagen wird, Onkel, wenn einmal dieſe unglückſelige Antipathie überwunden iſt. Papa und Sie, Onkel, nehmen Ihre alten Gewohnheiten wieder an; und wir, Majken und ich— welche liebende Sorgfalt wird ſich wohl mit derjenigen meſſen können, womit wir alle Ihre Wünſche zu errathen ſuchen werden! 344 Wenn ich jetzt das Blatt umkehre— und leider muß ich es— wenn ich annehme, daß Sie an dem grauſamen Beſchluß uns zu trennen feſthalten, wie wird es dann um Ihr eigenes Glück beſtellt ſein, Onkel? 5 Niemals— das iſt ſo gewiß, als wenn Gott ſelbſt es ge⸗ ſagt hätte— können weder ich noch Majken unſere geſchworene Treue brechen. Sie heirathet alſo nie einen Andern. Dieſes hochſinnige Weib wird ſtets eine zärtliche und untergebene Tochter bleiben, aber ſie wird mit ihrer Seele auch täglich bei mir weilen, und jeden Morgen und jeden Abend wird ſie Ihn, der unſere Schickſale in ſeiner Hand hält, fragen, ob nicht bald der Tag anbricht, wo ſie wie ſo viele andere Mädchen die Freiheit erhält in den heiligen Stand zu treten, welchen Gott als Abbild ſeiner eigenen Liebe zu den Geſchlechtern der Erde geſtiftet hat. Und während ſie ſo fragt und wartet, gehen vielleicht viele Jahre hin: in Ihrer Wohnung, Onkel, wird nur eine abgeblaßte Freude weilen, und wenn ſich auch keine gänzliche Ermattung dort ein⸗ ſtellt, denn für eine ſolche wird Majkens Seele ſtets verſchloſſen bleiben— ſo prägen ſich doch ihre langen und ſchweren Ent⸗ ſagungen im Alltagsleben ab, und friſche Winde ſpielen nicht länger innerhalb der Räume eines Hauſes, das ſeiner weſent⸗ lichen Lebensluft beraubt iſt. 599 Verzeihen Sie, wenn ich allzu frei geſprochen habe! Aber einmal mußte es geſchehen— und jetzt iſt es geſchehen. O, liebſter Onkel, denken Sie an dieſe beiden jungen Her⸗ zen, deren ganze Lebensſeligkeit jetzt in Ihrer Hand ruht! Wer⸗ fen Sie dieſelben nicht wie werthloſe Dinge weg! Denn ein Tag kann kommen— er kommt gewiß früher oder ſpäter— wo Sie wünſchen werden nicht hart geweſen zu ſein. Seien Sie alſo verſöhnlich jetzt, jetzt wo Alles auf der Erde ſo ſchön werden kann! Denken Sie an Majken, Ihre ſo innig geliebte Tochter! War ſie je anders als Ihrer Liebe würdig? Und jetzt wünſche ich Ihnen Frieden und Wohlergehen in B+— — o⏑— — 345 allen Verhältniſſen. Möge Gott nach ſeinem Wohlgefallen und nach ſeinem Willen Ihr Herz lenken, lieber Onkel! Mit Ehrfurcht und Ergebenheit Ihr ergebenſter Diener Gudmar Guldbrandsſon. Während Moß dieſen Brief las, folgte Majken mit den Augen ihrer Seele— denn ſie ſchaute nicht oft von ihrem eigenen Briefe auf— allen Bewegungen ihres Vaters, und es war wirklich eine gewiſſe Bewegung bei ihm wahrzunehmen. Er huſtete oft, murmelte unaufhörlich„Hm, hm,“ ſupponirte aber Nichts während der ganzen Lectüre. Deßhalb ſupponirte kauch Majken nicht, daß Gudmars Brief eine weſentliche Wirkung hervorgebracht habe, was ſie auch von Anfang an nicht gehofft hatte, nachdem die Sachen einmal ſo übel ſtanden. Da inzwiſchen der Vater noch immer— wahrſcheinlich um nicht ſprechen zu müſſen— that als ob er mit dem Brief be⸗ ſchäftigt wäre, ſo las Majken den ihrigen noch einmal durch. Dieſer letztere lautete alſo: Meine ſchöne geliebte Majken! Als wir nach unſerer himmliſch herrlichen Zuſammenkunft im Pfarrhaus uns trennten und ich wieder an Bord war, hatte ich keine Ruhe, bevor ich mein Verſprechen erfüllt hatte an Dei⸗ nen Vater zu ſchreiben... Ich hatte bereits mehrere Briefe aufgeſetzt, aber keiner wollte mir gefallen. Dieſen letzten ſchicke ich ab, wenn ich irgend einem Boot von unſeren Ufern begegne, denn eine innere Un⸗ ruhe treibt mich und ſagt mir, daß die Sache ſonſt noch un⸗ möglicher werden kann als ſie bereits iſt.“ Wir ſind zwei vernünftige Liebende, Du und ich, das wiſſen wir, denn noch nie haben wir unſerer Liebe und unſeren Gefühlen geſtattet auf Pflicht und Gewiſſen Beſchlag zu legen. Wir haben nicht halsſtarrig geglaubt, daß es in der Welt Nichts 346 Anderes als uns ſelbſt gebe, und daß Alles der Stärke unſeres Bundes weichen müſſe. Aber kann man immer ſo mit der Vernunft ſeine Gefühle zügeln? Es gibt mitunter Wogen in meinem Blut, die mich ſelbſt erſchrecken. Geliebte Majken, ich will Dich nicht verlieren, Du biſt mir weit mehr als das Leben, denn das Leben ohne Hoff⸗ nung auf Dich wäre nur wie ein finſteres Land, worin ich herumzutappen verurtheilt wäre, ehe ich endlich in das Reich des Lichtes gelangte. Eine Sache habe ich mir glücklicher Weiſe niemals, weder ſchlafend noch wachend träumen laſſen, nämlich daß Du eines- Tags als Frau an der Seite eines Andern ſtehen könnteſt. Ich kenne Dich ja und weiß, daß dies unmöglich iſt. Inzwiſchen wirſt Du erlauben, daß wir unſern Bund mit Ringen befeſtigen. Sie ſind Symbole ſowohl der Treue als der Ewigkeit, und verleihen ſie uns auch keine größere Sicher⸗ heit für die Zukunft, ſo gewähren ſie uns wenigſtens die Selig⸗ keit täglich unſere gegenſeitigen Namen in dieſen Pfändern un⸗ ſerer ewigen Treue ſehen und leſen zu können. Ich ſollte heute fröhlich ſein, da ich im Begriff ſtehe mei⸗ nen Vorgeſetzten die unerwartete und reiche Frucht meiner Thätigkeit zu zeigen. Aber da wir nie unſere Gefühle vor ein⸗ ander verſtellen, ſo ſage ich Dir aufrichtig, daß meine Stimmung ſich in den letzten Stunden dermaßen verändert hat, daß aller Stolz und alle Freude Abſchied genommen haben, und es mir zu Muthe iſt als wäre ich zum Tod verurtheilt. Kann Dir Etwas zugeſtoßen ſein? oder ſteht mir ſelbſt Etwas bevor? Wer außer Ihm da droben weiß, warum Tage und Stun⸗ den kommen, wo unſere Kraft wie ein Rohr im Winde und unſer Muth nicht größer iſt als ein Sandkorn im Meeresgrunde? Gott ſegne Dich, meines Lebens guter und troſtreicher Engel! 347 Wann werde ich ſo groß und hochſinnig ſein wie Du? Viel⸗ leicht dann, wenn Du mit noch ſtärkeren irdiſchen Banden an⸗ gehörſt Deinem Gudmar. N. S. Mein ehrlicher Hattejunge verſteht meine heutige Laune ſo gut, daß er all ſein fröhliches Scherzen unterwegs ge⸗ laſſen hat. Der arme Burſche hat nicht einmal ſeine Fela be⸗ rührt und ſieht wahrhaft bekümmert aus in ſeiner Theilnahme an meiner Niedergeſchlagenheit. So eben hörte ich ihn— er glaubte ſich unbemerkt von mir— zu Storke Pelle ſagen: „Könnt Ihr's begreifen, Pelle, wie es jetzt mit dem Lieute⸗ nant ſchlecht beſtellt ſein kann? Es iſt beinahe eine kleine Gott⸗ loſigkeit, daß er ſich nicht glückſelig fühlt, während er doch mit einer ſolchen Beute nach Göteborg fährt und obendrein noch ſeine Maiblume treffen durfte.“ 1 „Schweig, Du Gelbſchnabel,“ antwortete Pelle zurecht⸗ weiſend.„Niemand weiß wo der Schuh drückt als wer ihn am Fuße hat.“ Sie hatten Beide Recht. Uebermorgen bin ich zurück. Dann erwarten mich ja Nach⸗ richten! „O,“ ſagte Majken in ihrem Herzen,„dieſe finſtern Ahnun⸗ gen werden ſich Dir ſicher beſtätigen, mein Gudmar. Ich leſe das auf Papa's Geſicht, während er jetzt ſo langſam den Brief zuſammenlegt und in ſeine Taſche ſteckt.“ „Ja, mein Kind, es iſt dies ein ſehr paſſender und ſogar ſchöner Brief, den er mir da geſchrieben hat. Inzwiſchen...“ „Entſchuldige, Papa, wenn ich Dich unterbreche. Ich möchte Dir den Vorſchlag machen— und das kannſt Du mir wohl zu⸗ 348 geben— daß ich Dein Urtheil über Gudmars Brief erſt zu hören bekomme, wenn wir wieder daheim ſind; es hat ja keine Eile mit der Antwort.“ 19n „Ich weiß nicht, mein Kind, ob Du für dieſen Wunſch einen andern Grund haben kannſt als Zeit zu gewinnen, und da ich durch eine Einwilligung in denſelben Dich gleichſam täu⸗ ſchen würde, ſo will ich nicht darauf eingehen. Du biſt ſelbſt zu ehrlich und großſinnig, als daß eine ſolche Liſt für eine Tochter von Deinem Schlag paſſend ſein ſollte. Mach Dich da⸗ her ſogleich auf die Entſcheidung gefaßt. Ich will Gudmar nicht zum Schwiegerſohn haben, weil ich niemals im Stand ſein werde meine letzte Schmugglergeſchichte zu vergeſſen. Du kannſt überzeugt ſein, daß er und ich unmöglich gleich ziehen könnten.“ „Das iſt ja ungereimt, Papa, zum Voraus ſo abzuſprechen.“ „Nein, es iſt für mich ſonnenklar. Ich bin, ſupponire ich, kein ſo großer Sünder, daß ſich nicht Manche mit weit ſchwereren Regiſtern als ich vorfinden ſollten. Aber Gudmars feines Sie⸗ ben, während ich mich mit dem groben Sieben begnüge, das iſt der Grund, warum es nicht mein Glück wäre, wenn Du eines Tags ſeine Frau hießeſt.“ „Aber, Papa, es iſt ja hier nur von meinem Gluͤck die Rede oder ſollte wenigſtens die Rede ſein.“ „Ei, zum Teufel, glaubſt Du das? Supponire, daß ein Vater bei ſeinem größten Geſchäft, nämlich wenn er ſein einziges Kind weggibt, wohl auch ſein eigenes Beſte, ſeine eigene Freude und Annehmlichkeit im Auge haben darf— oder verlangſt Du, daß ich mich mein ganzes Leben abgemüht haben ſoll, um Alles zuſammen einem Menſchen zu hinterlaſſen, der mich nie begreift und von dem ich ſupponire, daß ich ihn niemals begreifen werde?“ „Wenn Du blos...“ „„Still, mein Kind! Ich ſage Dir, daß dies nicht taugt. Du würdeſt Deinen alten Vater vor Verdruß dahinſiechen ſehen. 349 Dieſe Ehe wäre ja gerade als ob ich in eine dicke Verwandt⸗ ſchaft mit der Zollkammer gekommen wäre. Wenn ich mich ſpäter über irgend einen kleinen Spaß, den man ſich mit ihr er⸗ laubt hat, freuen wollte, ſo wäre dies ein Verrath gegen meinen eigenen Schwiegerſohn, folglich auch gegen mich ſelbſt— und mich und die Zollkammer in vollkommener Vertraulichkeit zu den⸗ ken, iſt etwas ſo Lächerliches, daß ich ſupponire, es wäre nicht viel lächerlicher und unmöglicher, den Nord⸗ und den Südpol auf einem und demſelben Präſentirteller liegen zu ſehen. Du, mein Kind, biſt ſo billig, und darfſt daher nicht vergeſſen Dich in das Greiſenalter eines Mannes zu verſetzen, der ein ſo thätiges Le⸗ ben geführt hat wie ich. Wenn der alte Kaufmann nicht mehr ſelbſt mithalten kann, ſo glaubt er doch ſeine Jugend wieder zu bekommen, im Fall er nur mit Augen und Hand einer jungen und friſchen Thätigkeit folgen darf. Und nun ſupponire ich, daß ich genug geſprochen habe.“ „Ja, das gebe ich zu,“ antwortete Majken,„und jetzt wollen wir Gudmars Namen nicht mehr erwähnen.“ „Nun, das iſt artig von Dir, mein Maiblümchen. Und wenn Du irgend einen andern Wunſch hätteſt, den ich erfüllen könnte, ſo ſupponire ich, daß es mir eine Freude ſein würde, da Du im Uebrigen die prächtigſte Tochter biſt, mit welcher ein Vater je geſegnet worden iſt. Ich habe Dich niemals flennen, das Maul hängen oder mit Gefühlsausbrüchen Spektakel machen ſehen. Du biſt ein Frauenzimmer, wie es der Brauch iſt, und obſchon Du meine eigene Tochter biſt, ſo habe ich doch gleichſam einige Achtung vor Dir.“ Majken ſchien ungerührt von all dieſen Complimenten. Sie ſagte blos: „ Da Du mir einen Wunſch erlaubſt, Papa, ſo will ich von Deinem Anerbieten Gebrauch machen.“ „Gut, gut— ſupponire, daß es nichts ſo Tolles iſt, daß ich es nicht bewilligen könnte.“ „0 nein, es hat keine Gefahr. Ich wünſche blos nie mehr den Namen eines Menſchen hören zu müſſen, der mir ſehr zu⸗ wider iſt: ich meine Herrn Holt.“ „Holt... Holt... was ſagſt Du da? Holt iſt Dir zuwider— das iſt ein garſtiger Ausdruck.“ „Du gibſt eine unbeſtimmte Antwort, Papa, aber ich er⸗ wartete eine beſtimmte.“ „Du wirſt mich doch wohl wenigſtens, ſupponire ich, wiſſen laſſen, warum er Dir ſo mißfällt.“ „Das ſollſt Du erfahren, Papa. Vor allen Dingen beſitzt er nicht die Eigenſchaften, die erforderlich ſind, um irgend ein Intereſſe bei mir hervorzurufen. Er iſt aus eitel Liſt und Schlauheit zuſammengeſetzt ohne irgend einen verſöhnenden Zug...“ Nun ich bin ja auch liſtig— das können wir hier unter vier Augen wohl geſtehen.“. „Ich geſtehe es auch, aber Du, Papa, biſt im Grund weit beſſer als Du ſcheinen willſt, während Holt dagegen beſſer ſcheinen will als er iſt.“ Ei ei, ſieh da— das iſt aber jedenfalls nur ein einziger Grund, mein Kind.“ „Der andere Grund iſt der, daß er heute früh, als wir nach der Abreiſe der Bauern mit einander allein waren, eine Sprache gegen mich führte, die zwar verblümt ſein ſollte, aber doch deutlich genug auf gewiſſe zukünftige Verhältniſſe hinwies auf die er ſpeculirte.“ „Aha, der arme Burſche— ſupponire, er hat ein Herz.“ „Das iſt mehr als ich ſupponire, und deßhalb komme ich auf meine Bitte zurück ſeinen Namen nicht mehr hören zu müſſen.“ „Dies iſt, um den gelindeſten Ausdruck zu gebrauchen, ein ſehr eigenes Verlangen. Die Leute kommen und gehen, Du gehſt hier im Hauſe mit ihnen um, Holt geht daheim mit uns —+ 351 um— wie willſt Du es einrichten, um ſeinen Namen nicht mehr hören zu müſſen?“ „Dieſe Antwort, Papa, iſt wirklich liſtig... aber genug — Du weißt recht gut, in welchem Sinn ich Holts Namen nicht mehr hören will, und ich erinnere Dich an unſer Geſpräch vor Eröffnung des Briefes.“ „Ei, ei, das klingt ja beinahe wie eine Drohung. Und jetzt will auch ich mir eine Erinnerung erlauben. Nimm morgen Abſchied im Pfarrhaus, denn in ein paar Tagen— früher werde ich unglücklicher Weiſe nicht fertig— reiſen wir von hier ab.“ „Es ſoll geſchehen, Papa. Und jetzt laß uns hier ſchließen ... Du haſt Dein Verſprechen mir einen Wunſch zu erfüllen nicht eingelöst, aber das ſoll mich nicht hindern Dir noch einmal zu erklären, Majken Guldbrandsſon oder auf ewig Majken Moß!“ 4 „Das wollen wir doch ſehen,“ murmelte der alte Kaufmann, indem er die Treppe hinabgzing. 65 Vierunddreißigſtes Kapitel. Die Alten auf der Uhuklippe bereiten ſich zum Empfang von Gäſten vor. „Da ſieh her, Lootſenvater, jetzt haben wir einmal einen prächtigen Dorſch. Ein beſſeres Mittageſſen als heute bekomme ich meiner Lebtage nicht mehr,“ rief der alte Petter Gädda, in⸗ dem er in die Lootſenſtube trat und ein Netz voll Fiſche auf die Bank neben der Thüre warf.„Aber wo zum Henker hält er denn Haus? ſind die Gänſe mit ihm davongeflogen?“ 35²2 „Höre, Gädda, ich bin hier im kleinen Stübchen zu finden, das ich bis auf morgen recht zierlich herausputzen will.“ „Im kleinen Stübchen— dieſe Cajüte da innen, die Du mit all Deinem Sack und Pack voll haſt, was gibt es denn?“ „Ei, es gibt Etwas wofür man ſich wohl ein paar Stun⸗ den Mühe machen darf.“ „Ich errathe es ſogleich: es iſt ein Bote von Manſell Majken gekommen.“ Du haſt's getroffen— der Bote iſt gekommen und ſchon wieder abgereist. Da er nun den Wunſch äußerte, das kleine Stübchen ſolle klar gehalten werden, ſo ſcheint mir dies zu be⸗ deuten, daß ſonſt noch Jemand komme, Du weißt ſchon, wen ich meine. „ Nun ja, freilich,“¹erklärte Gädda,„und wenn ich die Fiſche geputzt und zugeſetzt habe, ſo will ich Dir helfen— es wird wohl am beſten ſein, wir eſſen zuerſt, denn dann fahre ich viel raſcher ins Zeug.“ „Ich denke, wir werdens ſchon zu Stande bringen. Sie ſoll ſehen, daß die Alten auf der Uhuklippe Leute ſind, die Ehren und Freund ſchaftsbeweiſe zu ſchätzen wiſſen. Und dann, Gädda, muß es einem ja das Herz in die Höhe lüpfen, wenn zwei ſolche Leute wie ſie und er in ihrem Kummer und ihrer Noth bei uns eine Liebeszuſammenkunft halten wollen. Nun nun, ſie wiſ⸗ ſen, daß wir es an treuer Ergebenheit nicht fehlen laſſen.“ „Höre, Lootſenvater,“ fiel Gädda ein, während er die Fiſche im Waſſer abſchwemmte, vielleicht geht es mit ihnen zu Ende wie mit einem Liebespaar in früherer Zeit, das auf Stangenäs lebte. Als ich jung war, hielt ich mich eine Zeitlang in der Gegend auf, und da lernte ich einen Mann kennen, den man den Lidderrieſen nannte... Lootſenvater, ſchütte ein wenig Waſſer in den Topf da.“ „Es iſt klar gemacht.. fahre jetzt fort.„Jch habe von dieſem Rieſen noch nie Etwas gehört, 4 353 „O, wir können zehn Jahre zuſammenleben, bis Du alle meine Geſchichten gehört haſt. Der Rieſe war ein himmellanger Kerl, aber ſtark war er nie geweſen, und deßhalb ging er Land auf Land ab, verkaufte Lieder und ſang ſie zugleich.“ „Nun,“ fragte der Lootſe,„war da eine Geſchichte, die auf unſer Liebespärchen paßt?“ „Gott bewahre, ich ſagte nicht daß ſie auf unſere Leutchen paſſen würde, ich ſagte blos daß es ihnen auch ſo gehen könnte.“ „Laß hören wie es war. In ſolchen melancholiſchen Ge⸗ ſchichten ſteck immer Etwas was das Herz erhebt.“ „Es war einmal ein Krieger, der hieß Axel, und eine wohl⸗ geborne Jungfrau, die hieß Valborg... Ich kann mich nicht genau erinnern, wie es war— aber Liebe, Trauerlied und Sterblichkeit kamen darin vor. Es war natürlich immer noch Etwas dazwiſchen, aber wenn es auf Reimerei ausgeht, ſo bin ich nicht ſo bewandert, wie bei ſolchen Sagen wo man die ſelbſt ſeten kann. Aber das magſt Du wiſſen, Lootſenvater, daß ich mit dieſen nämlichen Beinen, womit ich jetzt am Herde ſtehe, auf dem Wahlplatz des jungen Axel auf den Fidjehaide geſtanden habe, als er ſeinen letzten Kampf mit einer ganzen Schiffsladung voll Dänen ausfocht, die ins Land einbrachen und über ihn herfielen— und dort iſt ein ganz ſchönes Denkzeichen für ihn, wo er ſeinen Tod gefunden hat... Aber über dem Schwatzen vergeſſe ich das Feuer unter den Fiſchen anzublaſen.“ „Ja, ja, da drüben auf Stangenäs haben ſie gar viele Denkzeichen, und es wundert mich nicht, daß die Leute herum⸗ reiſen und ſie aufzeichnen. Ich war voriges Jahr in einem Ge⸗ ſchäft drüben, und da ſah ich ſelbſt den Steinhaufen, wo Lang⸗ bein Rieſe ſeine Beine ruhen hat, und dieſe Beine waren lang denn er maß fünfzehn Ellen in der Höhe— das habe ich von Einem gehört, der es von einem zuverläſſigen Erzähler gehört hat. Und ſchrecklich merkwürdig iſt es dort mit den vielen Höhlen Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 23 354 und Kiſten und Felſenſpalten, die man noch aus der alten Zeit antrifft. Ich traf juſt einen Herrn, der an einem Felſen ſtand und darauf herumging wie Paulus unter den Corinthern, mit einem Schabeiſen, einem Waſſerkrug und Kohle und Kreide, und nachdem er ſo lange geſäubert hatte, daß der ganze Fels recht deutlich an den Tag kam, ſo brachte er es ganz hübſch auf's Papier, altmodiſche Schiffstheile und Wikingervolk, Schuhſohlen und Thiere und die ganze Beſcheerung....“ „Haſt Du den Namen dieſes Herrn gehört?⸗ fragte Gädda. „Es war gewiß der Holmberg?“ „Ja, ſo wars— kennſt Du ihn, Gädda? Ich hörte, daß ſie ihn Holmbergs Axel nannten.“*) „Kenne ihn accurat. Ich bin ja mit ihm um jede Klippe hier herumgeſegelt, und er iſt ein ſpendirſamer und rechtſchaffe⸗ ner Herr.“ „9. ja, unſ ere Ufer haben gewiß auch ihre Merkwürdig⸗ id Abenteuer,“ verſetzte der Lootſenvater mit natürlicher de für die Heimath.„Aber jetzt bekümmere ich mich um enderen Abenteuer, als um das was mit Mamſell Majken rem Herzliebſten zuſammenhängt, denn beſſere Gedanken und Geſinnungen hatten gewiß die beiden Leutchen nicht, von denen der Liederrieſe ſang, als die zwei, die wir meinen.“ „Das iſt ſo wahr wie Banco und mit der Goldzunge ge⸗ ſprochen, und ſo bald wir den Fiſch dampfend auf dem Tiſch haben, ſo wollen wir uns recht bequem zuſammenſetzen.“ „Während ich auf Dich warte, Gädda, will ich mein fein⸗ ſtes Schnitzmeſſer in Bereitſchaft ſetzen und mich einſtweilen an der Tiſchplatte beſchäftigen. Es iſt ja der erſte November, und *) Die Männer meinten wahrſcheinlich unſern ausgezeichneten Alterthumsforſcher Axel Emanuel Holmberg, welchem Bohuslän ganz beſonders die Rettung ſeiner Erinnerungen in Zeichnung und Schrift zu verdanken hat. 8—ͤSE&=S- 8 2 35⁵ da das merkwürdige Ereigniß eintritt, daß Majken uns beſuchen will, ſo dürfen wir uns kein Gewiſſen daraus machen uns eine Panaſſee zu Gemüth zu führen— denn morgen bekommen wir Verſtärkung, das begreifſt Du wohl.“ „Wollte es juſt proponiren... und jetzt, Lootſenvater, könn⸗ teſt Du ein paar Kartoffel ſchälen, damit wir ſie in die Fiſch⸗ pfanne hineinlegen... und ein Appetitſchnaps ſoll auch da⸗ bei ſein, denn die Sparſamkeit iſt zwar etwas Gottſeliges, aber nur nicht, wenn man ſich im Humor befindet, um ein luſtiges Stündchen zu begreifen.“ „Du ſprichſt weiſe, wie König Salomo ſelbſt in der Bibel.“, Als nun das Mittageſſen ſammt dem Appetitſchnaps vor⸗ über und die Panaſſee fertig gebraut war, machten ſich die Män⸗ ner an die großen Zurüſtungen für den morgenden Tag. Es war beſchloſſen worden, daß der ganze Inhalt des Käm⸗ merchens nach dem kleinen Boden unter dem Dach gebracht wer den ſollte, und jetzt begann ein Tragen und Schleppen von aller⸗ lei abſonderlichen Dingen. 4 Hier kam der Arm einer Waſſernymphe zum Vorſchein, der unter einer alten Hängematte hervorſah... dort eine ſchineſiſche Potpourriurne, gefüllt mit Kitt für die Bedürfniſſe des Winters ... hier ein Compaßfutteral mit ausgedorrten Wallnüſſen, an welche der Lootſenvater ſeine Zähne nicht wagen wollte... und dort in der Ecke erblickte man den Kopf der Waſſernymphe, deren übrige Glieder ſchon längſt als Scheiterhaufen auf dem Herd verbrannt worden waren. Das Undankbarſte wäre, wenn man die Haufen von Flaggen verſchiedener Nationen zuſammen⸗ zählen wollte, die um zerbrochene Seeinſtrumente, Spiegelſtücke und hunderterlei vergoldete oder polirte Pflöcke gewickelt waren, welche ehemals zum Mobiliar der Cajüten zu Grunde gegangener Schiffe gehört hatten. Kurz und gut, das Stübchen enthielt 3⁵6 Alles... Und jetzt heftete ſich die Aufmerkſamkeit des alten Gädda auf zwei kleine Mahagoniſtühle mit Roßhaarſitzen, denen weiter gar Nichts fehlte als die Füße. „Laß uns dieſe Dinge da in die Rumpelkammer hinauf⸗ tragen.“ „Nein, Lootſenvater, da droben haſt Du ja Dinge genug, die Du von Jahr zu Jahr zuſammengeſtoppelt haſt, die Stühle können wohl da unten bleiben.“ „Aber,“ wandte der Lootſe ein,„ſie können doch nicht da 8 ſtehen und den Weg verſperren, das wirſt Du begreifen.“ „Wenn Du Manmſell Majken einlüdeſt ſich darauf zu ſetzen!“ „Ich denke eine der kleinen Seemannskiſten hereinzunehmen d — das habe ich ſchon früher einmal gethan— mit der Flagge d s als Decke.“ weiß ich etwas Beſſeres. Noch bin ich ein halber d un, nachdem ich in meiner Jugend ein ganzer geweſen, die Stühle auf beiden Seiten des Fenſters auf n der Waſſernymphe als Fuß dem Stuhle ein, iſell Majken ſitzen ſoll. Dann habe ich unter d von Segeltüchern einen kleinen Klapptiſch von 8 eſſingnen Rändern geſehen— das Alles iſt d 2 in einer feinen Cajüte geweſen— und dieſen v Tiſch ſtellen wir unter das Fenſter. Meinſt Du nicht, daß dieſe u Berechnungen taugen werden?“ di „ Jetzt biſt Du es, der mit der Goldzunge ſpricht,“ rief rL gtſenvater vergnügt.„Ich will blos Eins bemerken: Solle ſi icht die Stühle beiſammen ſtehen, damit ſie neben einan⸗ d itzen könnten?“ er „Nun, ſitzen ſie nicht neben einander, wenn ſie blos dieſes ei Tiſchchen da zwiſchen ſich haben? Aber wenn Du durchaus einen L ſolchen Platz haben willſt, ſo bring die Seemannskiſte mit der w engliſchen Flagge herein, dann kann man ſie ganz nach Gefallen D ſetzen.“ 35⁵7 „Und wenn wir den Boden aufgewaſchen und das Fenſter geputzt haben,“ fiel der Lootſe ein,„ſo meine ich, daß wir die portugieſiſche auf der einen Seite und die ſardiniſche auf der andern als Gardine aufhingen. Was meinſt Du von dieſer Berechnung?“. „Kann nicht anders ſagen, als daß darin Geſchmack iſt; aber da wir doch Gottes Gaben an Flaggen im Vollauf haben, ſo fällt mir Etwas ein... wir wollen die Americanerin von oben hereinſehen laſſen. Pflanze ſie alſo auf, ſo haben wir einen ſchönen Anblick, und hinter ihr erblinken dann die hellen Sterne. Dieſe Flagge paßt für Majken und ihren Herzliebſten, die Beide freiſinnig von Gemüth ſind, und bei einer Segelfahrt der Liebe müſſen immer auch die Sterne dabei ſein.“ „Stop und beleg! Dieſen Gedanken führen wir aus dann iſt Alles klar.“ „Ja, ſo kommt Alles in den Gang,“ antwortete Gädda.„Aber was haſt Du denn in dieſer Schachtel da, was ſo funkelt?⸗, „O, das iſt Etwas wonach ich juſt nicht viel frage. Aber da wir gerade im Zug ſind mit ſolchen Dingen, ſo.. „Laß mich's um Gotteswillen ſehen— das ſind ja Me⸗ daillen! Ja wahrhaftig, jetzt erinnere ich mich, daß ich ſchon vor vielen vielen Jahren gehört habe, Du habeſt Medaillen erhalten, und gewiß haſt Du dieſe Ehrenzeichen ehrlich und redlich ver⸗ dient... Iſt das eine engliſche?“ „O nein, das iſt nichts Anderes als eine ruſſiſche— heb ſie auf, ſo ſiehſt Du das Bildniß des Kaiſers darauf... die an⸗ dere, die über der holländiſchen liegt, erhielt ich, als ich ein großes engliſches Schiff rettete, und obſchon ich dieſes Spielzeug da nicht einmal in der Kirche getragen habe— denn ich habe gar keine Luſt die Leute gleichſam zu bitten, daß ſie ſich erinnern mögen, was für Thaten ich gethan habe— ſo mußt Du doch, wenn Du mich überlebſt, Gädda, mir verſprechen, daß Du ſo artig ſein und mir die ruſſiſche auf dem Sargdeckel zu Füßen, die eng⸗ „ und 3⁵8 liſche und holländiſche über den Kopf legen willſt, Du mußt ſie mit einem feinen Nagel feſtmachen, ſo daß es recht zierlich und wohlanſtändig ausſieht, wenn ſie den alten Lootſen von der Uhuklippe in die Erde hinabſenken.“ „Willſt Du ſo gut ſein und von ſolchen Dingen ſchweigen?“ murmelte Gädda ziemlich undeutlich,„ſonſt kommen mir noch die hellen Thränen ins Auge. Und obſchon Du in allen andern Dingen vor mir biſt, ſo will doch ich in dieſem Punkt vor Dir ſein; und obſchon ich keine Medaillen auf m einen Sargdeckel be⸗ komme, ſo denke ich doch, daß auch Etwas verkünden wird, was Petter Gädda getaugt hat, und zwar wird das ein grünes ſei⸗ denes Tuch ſein, das auch ſeine Geſchichte hat, wenn auch Nie⸗ mand am Botnaſtrand mehr⸗ daran denkt.“ „Nun, dieſe Sache mußt Du mir erzählen, Gädda. Aber lllem mußt Du mir die Hand auf das Andere geben, um ih ebne habe.“.. haſt Du ſie! Und lebe ich, bis ich ſterbe— ich meine, dächtniß und Begriff lebe, ſo ſollen, wenn Du gangen biſt, die Medaillen mit dieſer nämlichen da feſtgeſc=hlagen werden, wo Du geſagt haſt. Aber rverträgt wohl einen Schluck aus dem Panaſſee, denn ſonſt greift es mich zu ſtark an.“ 1 „Nun, Du ſolſſt leben, alter Backkamerad, ich will Dir gerne Beſcheid thun. Vivat das grüne Seidetuch! Heimgehen— Du haſt das Wort geſagt— das iſt das Beſte was einem wider⸗ fahren kann, wenn man ſo alt und kraftlos geworden iſt, daß man ſein Segel nicht mehr aufziehen kann, und ich für meinen Theil werde nicht ſauer dazu ſehen, wenn der Wind einmal zur letz⸗ ten Fahrt bläst... Aber jetzt erzähle die Geſchichte von dem ſeidenen Tüchlein.“ „Nun ja. Es war im Jahr 1819... aber gib mir das Meſſer her, damit ich mir ein Priemchen ſchneiden kann, dann geht es viel munterer... Der Wind hat ſeitdem fechzehn Mal „ 359 den Schnee über die Berge gefegt, und das Datum war der 19. November, ein Tag wo ſolche Stürme hier um den Sotebuſen heulten— Du erinnerſt Dich wohl noch— daß wir glaubten, die Klippen würden ſich vom Strande erheben und ſich ſelbſt in das wilde Meer hinausſtürzen, das ſich ſo hoch aufthürmte wie unſere Seezeichen.“ „Nun Du warſt wohl draußen, Lootſenvater, auf Deinem Platz, aber ich war auf einem andern, und das war auf einer der Sandbänke, denn Lootſe bin ich niemals von Profeſſion ge⸗ weſen. Aber jetzt als ich daſtand und ins Meer hinausſchaute, da bekam ich Etwas zu ſehen... ach, gnädiger Herr Erlöſer, was war das für ein Anblick! Ein großer Dreimaſter— es war ein Portugieſe— kam ſo durch die Wellen herangerast, daß man wohl ſagen kann, er ſei über Bänke und Klippen hinweg⸗ geſprungen. Es war accurat, wie wenn wir uns denken, der liebe Gott im Himmel habe die Erdkugel genommen und in die Luft hinaufgeworfen: ſo warf er jetzt mit ſeiner eigenen Hand das Schiff wie einen Ball in die Höhe, und es fiel hinab auf die Leviantklippen am Langeſtrand, wo ich ſtand. Nun weißt Du ſelbſt, wie hoch die Levianten liegen, und da ſaß das Schiff wie unter Felſen feſt mit dem Vordertheil, das Hintertheil aber ſammt allem Volk, das darauf war, nahm einen andern Weg, nämlich den Weg hinab in die Tiefe; ich ſah Niemand von die⸗ ſer Reiſe zurückkommen.“ „Ich wundere mich nicht darüber, Gädda,“ fiel der Lootſe ein;„die Schiffe, die an dieſem Tag draußen waren— ich er⸗ innere mich genau— bedeckten unſere Küſten mit vielen Wracken, die gute Priſen für die Agenten wurden...Aber wie war es jetzt mit dem Deinigen?“ „Nun ja, auf dem zurückgebliebenen Wrack ſtand ein Frauen⸗ zimmer mit einem Kind unter jedem Arm. Nun, jetzt kannſt Du begreifen, Lootſenvater, daß ich nicht daſitzen und mein eigenes Lob ausſchreien kann. Es war juſt keine leichte Sache, aber ich * 360 rettete ſowohl ſie als die Kinder, und obſchon ich ſpäter für die geleiſtete Hilfe vier blanke Dukaten bekam, ſo waren ſie mir doch niemals ſo lieb— denn an das Geld habe ich nie mein Herz hängen können— wie ein kleines grünes ſeidenes Hals⸗ tuch, das die Frau ſelbſt mir um den Arm band. Und das iſt Alles, denn ich kann Dir nicht ſagen, wie es mit Denjenigen ging, denen ich nicht helfen konnte. Es kamen blos zwei von den Andern mit dem Leben davon.“ „Nach einem ſolchen Mann, wie Du biſt, Gädda, muß man lange ſuchen. Du ſprichſt nicht viel von dem was Du ſelbſt ausgerichtet haſt, und dennoch haſt Du zehnmal mehr gethan, als Mancher der meilenlange Geſchichten von ſeinen Heldenthaten preisgibt. Wenn wir nun den Schmauß hier gehabt haben und Mamſell Majken wieder abgereist iſt, ſo mußt Du das ſei⸗ dene Tuch hervorholen und mir zeigen, und dann legen wir es mit den Medaillen zuſammen— und derjenige, der zuletzt dahin⸗ geht, thut ſeine Schuldigkeit. Dabei bleibts.“ „Ja dabei bleibts. Und nun denke ich, daß wir, wenn wir die kleine Cajüte aufgeputzt haben, ihr künftig ihre Montur laſ⸗ ſen wollen— und ſchön muß ſie ſein— und dann können wir an den Sonntagnachmittagen, wenn wir Beſuch bekommen, da innen ſitzen und von alten und neuen Dingen reden. Und ſo kann es wohl geſchehen, daß die junge Frau, die jetzt auf Svart⸗ ſkär iſt, auch einmal hieherkommt. Sie hat es mir ſelbſt einmal geſagt als ich drüben war, und ſie iſt wirklich eine ſchöne junge Frau, nicht ſo ganz rar wie Majken, und nicht ſo glattwangig und engelmild wie die kleine Thorborg im Pfarrhaus, aber ein Sonnenſchein im Frühſommer thut auch gut— und die Rum⸗ flaſche die ſie mir zu unſerer Compagnieſchaft ſchenkte, Du weißt ja ſelbſt, wie es mit dieſer beſtellt war.“ „Die junge Frau iſt willkommen, wenn ihre Zeit kommt. Und das war ein geſcheidter Einfall von Dir, daß wir die Ca⸗ jüte da als ein kleines Heiligthum behalten ſollen, wo wir auch —+—„— 8SeS88Sͤ8ͤ—— ☛ — — — 361 am Sonntag Vormittag ſitzen und in der Bibel leſen können— denn daran mußt Du Dich auch gewöhnen, Gädda. Man lernt mit Allem in der Welt zufrieden ſein, wenn man ſein Wohlge⸗ fallen an der Schrift findet.“ 1 „Freilich,“ erklärte Gädda,„bin ich meiner Lebtage im Leſen nie ſehr bewandert geweſen. Ich habe immer gemeint, der Herr Jeſus würde ſo gnädig ſein und auf das Herz und die Geſin⸗ nung ſehen, wenn ein armer Sünder ihn nicht auch im Buch anbeten könne. Aber jetzt, ſeitdem Du mir vorlieſeſt und die Sachen erklärſt, finde ich mehr Gefallen daran, als ich früher geglaubt hätte. Und, Lootſenvater— ſo wunderlich kann ein Menſch ſein— weißt Du, daß es mir manchmal iſt als ob ich mich ein wenig ſchämte, wenn es mir ſo andächtig zu Muthe wird? Kannſt Du das begreifen?“ „Das kann ich und will es Dir auch auslegen, mein lieber Gädda, denn hier ſteht Einer, dem es früher gerade eben ſo ging. Zuerſt iſt man hoffärtig in ſeinem Sinn und meint, daß man nicht viel mehr zu wiſſen brauche, als daß man geboren ſei, daß man im Schweiß ſeines Angeſichtes leben müſſe und ſterben werde, wie es ſich gerade füge— damit iſt es genug, bis ein Augenblick kommt, wo im Herzen gleichſam ein gewiſſes ängſt⸗ liches Schwanken entſteht, und vielleicht iſt es nicht ſehr zu ver⸗ wundern, wenn dieſes ängſtliche Schwanken ſich früher bei einem Menſchen einſtellt, der ſchon ſo manchen Todesboten geſehen hat wie ich. Wie es aber auch ſein mag, ich habe mein Ohr nicht verſchloſſen, ſondern ſo gedacht: Du mußt über das Eine und über das Andere nachdenken, bevor die Kräfte ein Ende nehmen und der Abend lang wird. Und ſo beſann ich mich und nahm meine Bibel und las auf eine ganz andere Art, als ich früher gethan hatte.“ „Lieber Lootſenvater, in dieſer vertraulichen Stunde hier will ich Dir zweierlei Dinge bekennen. Erſtens daß auch ich ein ſolches Herzklopfen gehabt habe, und zweitens daß vielleicht juſt 2 362 die Noth die Urſache war, warum ich zu Dir herausziehen wollte. Du biſt ſo ruhig wie in Deiner beſten Manneskraft, und ruhig bin ich zwar auch, aber ich fühle daß man Etwas braucht, wor⸗ auf man ſich ſtützen muß, und Du biſt es der mir den Weg dazu zeigen ſoll.“ „Nie könnteſt Du mir eine größere Freude machen, Gädda, als mit dieſen Worten. Du wirſt ſehen, wie wir zwei alte Männer in unſerer friedlichen Einſamkeit vereinigt ſein werden. Ich leſe Dir jeden Abend ein Kapitel vor.“ „Aber ich meinte, Du hätteſt geſagt, daß wir uns blos am Sonntag Vormittag dieſes Vergnügen machen wollen— wird es nicht zu oft, wenn wir alle Tage leſen? Ich möchte es nicht haben, daß ich ſo heilig würde, daß ich den Geſchmack an mei⸗ nem Panaſſee und Grog verlöre.“ „Nun, habe ich denn nicht auch Freude an dieſen Sachen — und haſt Du nicht gehört, daß unſer Herr Jeſus Chriſtus ſelbſt ſich auf der Hochzeit in Cana ein bischen ſtark verluſtirt hat?“ „Nun das iſt wahr. Es bleibt alſo dabei, jeden Abend ein Kapitel und am Sonntag Vormittag zwei. Sonderbar iſt es, daß ich von Dir mehr erbaut werde als von dem Paſtor ſelbſt. Aber jetzt wollen wir dieſem Geſchwätze ein Ende machen, damit wir die Arbeit fertig bekommen. Es iſt doch curios, daß wir mitten darin auf einmal anfingen vom Sterben und von Gottes Wort zu reden.“ „Das kam von den Medaillen und von dem grünen ſeidenen Tuch her. Und Du darſſt nicht glauben, daß unſer Geſpräch dieſe Richtung genommen haben würde, wenn Er da droben es nicht gewollt hätte. Und jetzt gehe ich und putze den Spiegel da, den wir an die Wand gegenüber dem Fenſter hängen wollen, dann reibe ich den Präſentirteller und die Caffepfanne blank— denn Caffe muß dabei ſein, das wirſt Du wohl begreifen.“ Und nun ging die ganze Putzerei vom Boden bis an die lte. hig vor⸗ Veg da, alte den. am bird icht nei⸗ hen tus tirt end es, bſt. mit wir tes nen jeſe icht den inn enn die 363 Decke ſo munter von Statten, daß Alles fertig war, bevor der Haferbrei ans Feuer geſtellt wurde. Es war ſchön anzuſchauen, wie die beiden alten Männer mit der Thranlampe in der Hand vor der Schwelle ſtanden, ihre Arbeit betrachteten und kaum den Muth hatten ſelbſt wieder hineinzugehen, nachdem der friſchgeſcheuerte Boden mit einem blu⸗ migen Rohrteppich belegt worden war. Die ſardiniſche und die amerikaniſche Flagge winkten ſo zierlich vom Fenſter her; und die Stühle und der Tiſch, der Spiegel und die Seemannskiſte mit der engliſchen Flagge als Decke, Alles war da zu finden nebſt noch einer Menge anderer Dinge, an die man inzwiſchen noch gedacht und die man als anwendbar erachtet hatte. „Gott bewahre uns,“ ſagte der Lootſenvater, von wahrer Ehrfurcht ergriffen,„daß wir je unſer Werk zerſtören ſollten!“ „Amen!“ antwortete der alte Gädda. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Welchen Rath die junge Frau auf dem Contor erhielt. An demſelben Morgen, wo Majken nach der Uhuklippe fah⸗ ren ſollte, d. h. am Tage bevor ihr Vater mit ihr Svartſkär zu verlaſſen gedachte, hörte man ein ungewohntes Drehen im Schloß der Contorthüre. „Wer iſt da?“ fragte Hjelm, der juſt ſeine Feder ſpitzte um einige Facturen herauszuſchreiben. „Ich bins, mein Freund, darf ich ein wenig zu Dir hin⸗ einkommen?“ „Du, liebe Emilie— ich glaube, es iſt das erſte Mal ſeit unſerm hieſigen Aufenthalt, daß Du mich hier beſuchſt. Komm 364 herein und erweis dem Contor die Ehre auf dieſem Stuhl ohne Lehne hier Platz zu nehmen.“ „Pfui! Das werde ich wohl bleiben laſſen. Der Stuhl auf der andern Seite des Pultes gehört ja Holt.“ „Ei, welche ſchreckliche Antipathie Du gegen den armen Holt haſt— ſoll ſie ſich nun gar bis auf den Stuhl erſtrecken, wo er geſeſſen hat! So nimm auf dem überladenen Sofa da Platz— ich will ein wenig für Dich aufräumen.“ „Dank, Dank— ich werde ganz gut da ſein.“ „Und jetzt kannſt Du mir ſagen, was Du willſt— denn es wird wohl etwas Beſonderes ſein?“ „Warum denn? Kann es nicht Grund genug ſein, daß ich ſehen will, wie Du es jetzt haſt, nachdem Du in Ordnung ge⸗ kommen biſt? Ich kann nicht Prhertonnun, wenn Holt da iſt: er kann jeden Augenblick eintreffen, und da würde er ſchrecklich verwundert dreinblicken.“ „Iſt Majken ſchon weggefahren?“ fragte Ake. „Sie iſt eben im Begriff die letzten Stücke ihrer Zufuhr für ihre Wirthsleute hineinzulegen. Dann geht ſie ſogleich ins Boot... Du weißt ja, daß Herr Moß auf eine der Inſeln hinübergefahren iſt, ſo daß er erſt Nachmittags nach Hauſe kommt.“ „Das heißt, daß wir blos den Capitän daheim haben? Es iſt ein großes Glück, daß er hier nicht bettlägerig wurde, er iſt ein ſo ausgezeichnet angenehmer Mann.“ „Ja,“ antwortete Emilie,„das finde ich auch... Aber ich wollte Dich fragen, ob ich nicht nach Dir ſchicken darf, wenn er Vormittags herabkommt, was er gewiß thut.“ „Nach mir ſchicken, liebes Kind, und warum denn? Wenn Capitän Oddjers und ich Geſchäfte zu beſprechen haben— und dieſe haben wir bereits ziemlich gründlich abgehandelt— ſo ſucht er mich im Contor auf; aber wenn er in die Familienzimmer herabkommt, ſo geſchieht dies natürlich wegen der angenehmen Geſellſchaft, die er dort zu finden hofft. 4 120——,—,, ,—„»- 36⁵ yne„Ja, aber dennoch, Ake... ſiehſt Du, ich möchte Dir Et⸗ was ſagen.“ auf„So ſprich— Du ſiehſt ſo ungemein bedächtlich aus, daß es gewiß etwas Wichtiges iſt.“ ien„Und Du ſiehſt aus, wie wenn Du bereits im Begriff en, wäreſt über meine Bedenklichkeiten zu lachen.“ da„O wie kannſt Du das glauben!“ „Ich glaube was ich ſehe... Aber höre jetzt meine Mei⸗ 12 nung. Es kommt mir vor, als ob ich eine allzu junge Frau nn wäre, um ganze Stunden lang unter vier Augen mit einem jungen Herrn zuſammenzuſitzen. Es war etwas ganz Anderes, ich 44 ſo lange wir Majken hier hatten.“ ge⸗„Liebſte Emilie, ich will Dich gewiß nicht auslachen— weit ſt: entfernt— aber wahrlich, dieſe Blödigkeit wird ein wenig lächer⸗ ich lich. Du beſitzeſt vor manchen Frauen das Talent leichter und angenehmer Unterhaltung, und da Du jedenfalls ganz allein ſein müßteſt, wenn Du keine Deiner Freundinnen hier haſt, ſo denke ihr ich, Du ſollteſt froh ſein, wenn ein ſo gebildeter und intereſſanter ich Mann wie der Capitän Dir Geſellſchaft leiſtet. Und was den eln Punkt betrifft, daß Du eine ſo junge Frau biſt, ſo iſt eine Frau t.“ immer Frau, ob ſie vier Monate oder vier Jahre verheirathet Es iſt; auch darf die liebenswürdige Wirthin in einem Hauſe ſich in iſt keiner Stellung beläſtigt fühlen, zu welcher ihre Eigenſchaft als Wirthin ſie verpflichten kann.“ ich„Iſt das ganz gewiß, Ake?“ er.„Ganz gewiß, meine Liebe.“ „So will ich eine liebenswürdige Wirthin werden. Aber nn es war nicht ohne, daß ich wirklich, ehe ich mit Dir ſprechen nd konnte, gleichſam eine gewiſſe blöde Scheu empfand mit Capitän cht Oddjers allein zuſammenzuſitzen. Jetzt denke ich jedoch, daß es ier ganz gut gehen wird.“ een„ Ja, das ſteht außer allem Zweifel, und wenn mirs meine „ 4 e Zeit erlaubt, ſo komme ich wohl auch ein wenig— aber Du begreifſt, daß ich in Holts Abweſenheit doppelte Arbeit habe.“ „Das iſt wahr, und da es unbeſcheiden von mir wäre, wenn ich Dich länger aufhielte, ſo will ich barmherzig ſein und meines Wegs gehen.“ Sie ſtand auf und machte einen reizen⸗ den Bückling. „Ei der Tauſend, Du wirſt doch wohl nicht auch gegen mich die Blöde ſpielen wollen— nimmt man auf dieſe Art Abſchied von ſeinem Mann?“ „Auf dem Contor,“ antwortete Emilie, indem ſie ſich lä⸗ chelnd gegen die Thüre zurückzog,„dürfte dies genug ſein... Lebe wohl, lebe wohl!“ „Noch ein Wort, mein Kind... warte doch.“ „Ei, Du hatteſt ja ſo große Eile.“ „Allerdings. Aber ich will Dich nur fragen, warum Du ſeit einiger Zeit ſo übermäßig karg biſt?“ „Karg— in was denn?“ Das Herz der jungen Frau klopfte hoch. „In Deinem ganzen Benehmen unter gewiſſen Verhält⸗ niſſen. Du biſt förmlich das Gegentheil von Dem geworden, was Du im Fiſcherorte warſt.“ „Ah, Du meinſt die Gefühle? Haſt Du Deine eigenen Worte vergeſſen, daß die Gefühle bei der Ruhe Nichts verlieren?“ „Welch ein vortreffliches Gedächtniß! Aber wenn ich jetzt nicht die Gefühle meinte?“ „Ja, dann meinteſt Du die Verſchwendung mit denſelben, und in dieſem Falle erinnere ich Dich an einen gewiſſen Abend im Fiſcherort.“ .„Ich erinnere mich ſeiner auch ganz gut, aber Alles hat ſein Maß wie ſeine Seiten, und ich fürchte, daß Du, wenn Du nicht rachgierig wirſt, ganz einfach geizig wirſt.“ „Dann geſchieht es, um meinem Mann zu gefallen.“ „Ich fahre in meiner Vergleichung fort,“ ſprach Ake, indem 367 er that als ob er die Einwendung nicht gehört hätte.„Der Verſchwender fällt leichter als irgend ein⸗Anderer in die Schlinge des Geizes, aber dieſe Schlinge iſt gefährlich, wenn man bedenkt, daß ſelbſt der Catechismus an die Hand gibt, daß der Geiz die Wurzel und der Urſprung alles Böſen iſt.— Erinnerſt Du Dich deſſen nicht, liebes Kind, da es doch noch nicht ſo lange her iſt, daß Du den Catechismus in den Schrank gelegt haſt?“ „O es gibt ungeheuer viel, was darin ſteht und woran ich mich wohl erinnere,“ antwortete Emilie, indem eine ſprudelnde Lebhaftigkeit ſich in ihrem ganzen Weſen verrieth.„Unter An⸗ dern erinnere ich mich, daß ich ſo manchmal mit Widerſtreben folgenden Spruch las, der, nachdem ich ihn einmal in den Kopf bekommen habe, ſicherlich ſobald nicht wieder hinausgeht: Das Weib ſoll dem Willen ihres Mannes unterthan ſein. Und da ich unſer Geſpräch mit nichts Schönerem zu ſchließen wüßte, ſo ſage ich jetzt meinem Herrn und Gemahl Lebewohl.“ „Alſo leb wohl— meine Facturen ſehen nicht ſchief zu Deinem guten Entſchluß, und ich werde mich wenigſtens zweimal beſinnen, bevor ich Dir wieder einen Bibelſpruch citire.“ Sobald die Thüre zugemacht war, griff Ake wieder zu Fe⸗ der und Papier, aber die Arbeit ging nicht ſo ohne Zerſtreuung von Statten wie vorher, und endlich fuhr er ganz verwundert auf, als er fand, daß er die Feder zwiſchen den Lippen hielt, ſtatt zu ſchreiben, und daß er in eine Art von wacher Traum⸗ phantaſie verſunken war, die er allerdings bei dieſer Gelegenheit für höchſt unwichtig hielt, die aber ſpäter, als mehrere Umſtände dazu kamen, als wichtig genug betrachtet wurde, weil ſie die erſte war, die man bemerkte. Inzwiſchen kamen die Facturen wieder in den Gang, und alles Unklare wurde durch die Ge⸗ ſchäfte verdrängt. 368 „Jetzt, meine liebe Emilie, bin ich reiſefertig,“ ſagte Maj⸗ ken, indem ſie herabkam und ihrer Freundin die Hand reichte. „Tauſend alle Welt, wie ſchön Du heute ausſiehſt, Majken, in dieſem dunkelgrauen Rock mit ſeiner Pelzverbrämung! und Dein hinaufgeſtrichenes gebuckeltes Haar, wie ſchön es zu dem ſchwarzen Federhütchen paßt! Wie entzückt Dein Liebhaber ſein wird! Du begreifſt ja, ich vermuthe, daß Du mit Jemand zu⸗ ſammentreffen wirſt.“ „Vielleicht... ſicher iſt es jedoch nicht. Du weißt, daß ich geſtern im Pfarrhaus Abſchied nahm, und daß dies alſo die letzte Hoffnung iſt ihn zu treffen. Du darſſt indeß nicht glauben, Emilie— ich verbiete Dir das förmlich— daß ich blos in die⸗ ſer Abſicht nach der Uhuklippe fahre. Ich will meinen Alten dort Lebewohl ſagen und ihnen ihr Hausweſen ein wenig ein⸗ richten, bevor der Winter im Ernſt kommt.“ „Aber warum vom Winter ſprechen, liebſte Majken?— Noch iſt ja der November kaum da, und Du kommſt gewiß noch manchmal vor dem Neujahr.“ „Das glaube ich nicht, Emilie— im Gegentheil ſtelle ich mir vor, daß Ihr, wenn Ihr mich ſehen wollt, gezwungen ſeid aus Eurer Reiſe nach Gläborg Ernſt zu machen.“ „Ach, da iſt wohl Etwas vorgefallen? Ich dachte mirs gleich, als ich ſah, wie ernſthaft Dein Vater eine Beſprechung mit Dir verlangte. Sage mir, was iſt es?“ „Noch Nichts, ich verſichere Dich, außer daß er ſeine frühe⸗ ren Erklärungen in Betreff meiner Verbindung mit Gudmar vervollſtändigt hat.“ „Arme Freundin! und Du biſt immer gleich geduldig: Du ſetzeſt weder Himmel noch Erde in Bewegung!“ „Ich habe keine Luſt zu ſo großen Kraftäußerungen. Es können andere Zeiten kommen.“ „Welche unendliche Geduld... aber leb wohl jetzt und komm bald wieder, denn ich werde wohl die ganze Zeit allein 369 mit Capitän Oddjers daſitzen müſſen. Höre, Majken, es iſt doch etwas Entſetzliches in meinem Alter manchmal die Wirthin ma⸗ chen zu müſſen.“ „Das glaube ich Dir wohl, zumal da Du ſo viel auf Deine Würde hältſt... Aber ſag, hat Dein Mann geſagt, wann Herr Holt nach Hauſe komme?“ „Nicht vor Samſtag, glaube ich, denn Ake ſagte, er würde einen Tag bei Euch in Gläborg verweilen. Dein Vater und er müſſen wohl miteinander Geſchäfte haben.“ „Ja vermuthlich.“ Majken bemeiſterte ihre Aufregung, zog hierauf Emiliens Arm in den ihrigen, und nun wandelten ſie miteinander an den Landungsplatz hinab, wo die beiden finniſchen Matroſen ſtanden und die jungen Damen anſtierten. 4 „Mein Gott, wie entſetzlich dieſe Burſche ausſehen!“ ſagte Emilie.„Ich kann mich nicht an ſie gewöhnen.“ „Still, grüße ſie höflich,“ ſagte Majken, indem ſie ſelbſt bekannt grüßte, denn ſie hatte mehrere Male mit ihnen geſprochen. Eine Weile ſtand die junge Frau da und blickte dem Boot ihrer Freundin nach. Dann eilte ſie ſcheu an den fremden Gä⸗ ſten vorüber ins Haus zurück und ſetzte ſich im Salon zu ihrer Arbeit. „Ja, ſpring nur, ſpring,“ murmelte der Zimmermann, der würdige Sohn einer ächten finniſchen Wahrſagerin,„Du ent⸗ ſpringſt doch dem Unglück nicht, es kommt Dir auf den Ferſen nach.“ „Komm jetzt nicht wieder mit Deinem Teufelszeug!“ ant⸗ wortete der Conſtabler in herbem Ton,„Du weißt, daß Du, als der Geiſt einmal über Dich kam, ſowohl Dich ſelbſt als uns be⸗ trogen haſt.“ „Ah ſo,“ entgegnete der düſtere Seher,„Du meinſt, das Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 24 370 Schiff wäre gerettet worden, wenn Jemand von uns an Bord geblieben wäre? Nun nun, ein ander Mal werde ich mit den Offenbarungen zu ſchweigen wiſſen. Undank iſt das garſtigſte Ding, was man einem als Lohn für eine Wohlthat geben kann, und wenn ich jetzt auch etwas Anderes geſehen habe, ſo kann es bei mir ſelbſt ruhen.“ Des Conſtablers dicke buſchige Brauen zogen ſich grimmig zuſammen. 4 „Du meinſt wohl...“ „Ich habe nicht geſagt, daß ich Etwas meine.“ Der Andere ſenkte die Stimme, indem er ſagte: „Ich gehöre nicht zu den Mißtrauiſchſten. Ich weiß, daß Du große Gaben haſt und viele Dinge vorherſehen kannſt...“ Er ſah ſich behutſam um...„Sag, iſt es Etwas was den Ca⸗ pitän betrifft?“ „Ich antworte nicht ein Wort auf dieſe Frage, aber ſo viel kann ich ſagen, daß er, der Capitän, dieſes Spiel niemals ver⸗ gißt, und es wäre beſſer...* „Still, ſtill!“ murmelte der Conſtabler.„Was ſagſt Du zu dieſer jungen Frau da? Ihr Mann hat uns anſtändig be⸗ handelt und bewirthet, und der Branntwein iſt vollgradig.“ „Ich ſah ihr an, daß ſie ſich vor vielen Dingen in Acht nehmen muß. Im nächſten Jahr um dieſe Zeit hat ſie Manches erlebt, aber noch nicht das Schlimmſte. Ich betrachtete ihr Ge⸗ ſicht, während ſie daſtand und der Andern nachſchaute.“ „Du beſttzeſt eine ſchreckliche Kunſt, und es iſt gut, daß ſie Dich nicht gehört hat. Aber was ſagſt Du zu Dieſer da, die ſo eben weggefahren iſt?“ „Was ihr bevorſteht, iſt das Beſte für ſie, aber es kann keine Aenderung hineinkommen... Laß uns jetzt hineingehen— Mich überläuft es immer eiskalt, wenn der Geiſt der Prophezeihung, den meine Mutter mir als Erbe hinterlaſſen hat, über mich kommt.“ 371 Bei ihrer Arbeit ſitzend, dachte Emilie zuerſt an die Hei⸗ math ihrer Kindheit, und dann, wie ſchön und lieblich ihre neue Heimath ſich für die Zukunft zu geſtalten ſchien. Sie lächelte bei der Erinnerung an ihren Beſuch auf dem Contor und durch⸗ lief in ihren Gedanken wohl zum zehnten Mal Alles zuſammen, als Capitän Oddjers eintrat und ſchon ganz bekannt ihr gegen⸗ über Platz nahm. „Sie finden mich heute allein, Herr Capitän: Mamſell Moß, die eine Menge Bekanntſchaften an den Ufern umher be⸗ ſitzt, hat eine ihrer Luſtfahrten angetreten— ſie hinterläßt immer Freude und dankbare Herzen.“ „Mamſell Moß ſcheint ein Frauenzimmer von unſchätzba⸗ rem Werth zu ſein. Man muß ſie hochachten, ſchon ehe man ſie näher kennt; und wenn die nähere Bekanntſchaft gekommen iſt, ſo vermuthe ich, daß man ſie lieben muß.“ „Sie ſchildern den Eindruck, den ſie machen muß und auch wirklich macht, vollkommen richtig, Herr Capitän.“ „Im Fall ich,“ verſetzte Oddjers,„ſo glücklich geweſen wäre Verwandte zu beſitzen, ſo würde ich mir juſt eine ſolche Schwe⸗ ſter gewünſcht haben: ſie wäre für mich ſowohl eine Vertraute als eine Rathgeberin geworden.“ „So, Here Capitän— es liegt alſo doch in Ihrem Cha⸗ rakter Rath anzunehmen? Aufrichtig geſtanden, es iſt mir vor⸗ gekommen, als ob Sie nie von einem andern Menſchen Rath annehmen würden als von ſich ſelbſt.“ „Dann haben Sie mich für eigenliebiger gehalten als ich wirklich bin, Frau Hjelm. Inzwiſchen glaube ich geſtehen zu müſſen, daß nach meiner Anſicht blos eine Mutter und eine Schweſter ſo unparteiiſche Rathſchläge ertheilen können, daß ſie befolgt zu werden verdienen.“ „Nein, das iſt ſchlimm geſagt,“ verſetzte Emilie erröthend, „-und ich bin froh, daß mein Mann es nicht gehört hat. Soll 37² denn immer die Mutter den Vorzug vor der Frau und der Braut verdienen?“ „Dies ſcheint gleichwohl natürlich zu ſein. Eine Mutter liebt uns um unſer ſelbſt willen. Sie ſieht alſo immer klar.“ „Das will heißen, Herr Capitän, daß Sie immer das Ur⸗ theil der Mutter über das der Frau ſtellen würden?“ „O wenn meine Mutter noch lebte,“ antwortete der Capi⸗ tän,„ſo... Uebrigens kann ich unmöglich ein Urtheil fällen, da ich niemals verlobt oder verheirathet war. Wollen Sie in⸗ zwiſchen mein vollſtändiges Glaubensbekenntniß hören, ſo will ich geſtehen, daß ich von dergleichen Verbindungen genug geſehen habe, um zu begreifen, daß die Liebe in ihnen unendlich ſelbſt⸗ ſüchtiger iſt.“ „Das iſt ein Bekenntniß, von welchem ich hoffe, daß Sie es in Zukunft abbitten werden... Aber warum denn ſollte dieſe Art von Liebe ſelbſtſüchtig ſein?“ „Ich bleibe bei meiner Erklärung. Während die Liebe der Mutter darauf ausgeht, das Glück ihres Sohnes zu ſchaffen und ſich ſelbſt zu vergeſſen, wenn er es gefunden hat, verlangt da⸗ gegen die Braut und die Frau, daß es für den Liebhaber und den Gatten nirgends anderswo ein Glück geben ſoll als bei ih⸗ nen. Oder, Frau Hjelm, kennen Sie eine Frau, die ihre Selig⸗ keit im Glücke des Mannes erblickt, wenn er es anderswo fin⸗ det als bei ihr?“ „Nein, das muß ich geſtehen.“ 2 8 „Nun, iſt alſo nicht die Mutterliebe reiner, höher und zu größeren wirklichen Opfern fähig? Ich habe dagegen mehr als eine Frau geſehen, die ſich als ein wahres Opfer betrachtete, wenn der Mann zu ſeinem Vergnügen zwei oder drei Mal in der Woche Abends ausging und...“ „Nun ja, das ſollte man kein Opfer nennen dürfen So viele Abende in der Woche zu ſeinem Vergnügen auszugehen! Wer kann wiſſen...“ 373 Emilie unterbrach ſich plötzlich. „Ja,“ antwortete der Capitän mit einem feinen Lächeln, „wer kann Alles wiſſen, was ſich dabei zuträgt? Bei der Liebe der Frau wie der Geliebten liegt Eiferſucht in der Tiefe.“ „Nun eine Mutter— wird ſie niemals eiferſüchtig?“ „Ich ſtelle mir vor, daß ſie es auch werden kann, aber wie verſchieden iſt nicht dieſes Gefühl in ſeiner Aeußerung! Wäh⸗ rend die Mutter es unterdrückt, ſucht die Frau in Allem Nah⸗ rung für das ihrige, welchen Gegenſtand es immer treffen mag. Und die Folge davon iſt, daß eine Mutter oft für die Frau eine gefährliche Nebenbuhlerin wird.“ „Meines Mannes Mutter lebt nicht mehr, und ich bin un⸗ edel genug mich darüber nicht zu betrüben. Die Eiferſucht, die ſich aus Veranlaſſung vieler alltäglichen Sachen entwickeln kann, muß etwas Schreckliches ſein. Das häusliche Leben könnte ja auf dieſe Art nie einen ſonnenhellen Tag haben.“. „Und wie wird es erſt, wenn die Eiferſucht durch wirkliche Gründe hervorgerufen wird? Juſt die Furcht vor dieſem Dämon der Eiferſucht iſt es, was mich von ernſthaften Unterhandlungen in Sachen der Ehe abgehalten hat... Nein, frei iſt man am beſten: heute leben, morgen ſterben, immer auf der Fahrt, nicht verfolgt von beeichen Geſichtern, die ſich am heimathlichen Herd abhärmen!“ 6 „Aber auch ohne fröhliche und von Wonne ſtrahlende Ge⸗ ſichter an demſelben Herde ſehen zu dürfen, wenn der Seefahrer heimkehrt.“ „Allerdings— aber es iſt nicht immer Wonne, was man daheim ſtrahlen ſieht. Und wenn ich eine Frau hätte, die mehr begehrte als ich geben könnte, oder weniger gäbe als ich for⸗ derte, ſo würde ich ſogleich überdrüſſig werden und meinen Weg auf der See wieder ſuchen, ehe noch die Frühlingsvögel die Nothwendigkeit des Aufbruches ſignaliſirt hätten,!. „Sie paſſen offenbar zum Junggeſellen, Herr Capitän: ein 374 Mann ſoll nie heirathen, wenn er den Werth der Frau nicht höher ſtellt.“ „Thut es der Hochſchätzung, die man der Frau ſchuldet, Abbruch, wenn man noch andere Gegenſtände neben ihr ſehen will? Wenn die Frauen im Allgemeinen ſich ſelbſt weniger ſchätzten, ſo würde der Mann ſie höher ſchätzen; aber ſolche, wie ich ſie geſehen habe, ſind oft als ſtrenge Gläubigerinnen aufge⸗ treten, und kaum hatten ſie eine Schuld eingetrieben, ſo machten ſie wieder ein Dutzend andere geltend, die nirgends exiſtirt hatten als in ihrem eigenen argwöhniſchen Gemüthe.“ „Capitän Oddjers, ich verſichere Sie, daß ich nie Jemand gehört habe, der mich ſelbſt in dieſem Grad überzeugt hätte, daß ich die Tugend der Geduld beſitze. Solche Dinge anzuhören und ſie gleichwohl bis zum Schluß zu hören!“ „Wir Finnen ſind ein aufrichtiges Volk— wir ſagen unſere Meinung offen, aber wir wollen nicht verletzen, und im Fall Sie, Madame, für Ihr ganzes Geſchlecht Partei ergreifen wollten, ſo iſt es vielleicht meine Pflicht den Reſt meiner Gedanken zu verſchweigen.“ „Ich glaube,“ antwortete Emilie,„daß ich vor dem Mittag⸗ eſſen noch eine halbe Stunde frei habe, und da Sie in Ihrer Aufrichtigkeit bereits ſo weit gegangen ſind, Herr Capitän, ſo dürfte wohl das Uebrige nicht zu ſchlimm ſein, als daß ich es auch noch anhören kann.“ „Da nehme ich mir die Freiheit Ihnen zu bemerken, daß die Gefahr für meine Ehe nicht darin liegt, daß ich meine Frau nicht zu würdigen verſtände.“ „Worin liegt ſie dann?“ „Darin daß ich mich nicht ausſchließlich innerhal der feſtge⸗ ſetzten Schranken halten kann. Es iſt doch ſeltſam, wenn verheirathete Perſonen eine Verbindlichkeit zu gegenſeitiger Blindheit eingehen ſollen. Dies iſt wahrhaft lächerlich. Darf ich eine Frau nicht ſchön finden, weil ſie verheirathet iſt— darf eine verheirathete * 375 Frau ihren Augen nicht erlauben noch mehr Männer ihrer Auf⸗ merkſamkeit würdig zu finden als nur den einzigen, den ſie aus⸗ ſchließlich zu lieben verſprochen hat?“ „Ihr letzter Vergleich hinkt nicht blos, Herr Capitän,“ ant⸗ wortete Emilie mit hohem Erröthen, ſondern...“ „Aber worin hinkt er?“ fiel der Capitän ein.„Vielleicht darin, daß ich nicht— was der rechte Ausdruck geweſen wäre — die Blindheit des Ehemanns auch auf den unverheiratheten Theil des Geſchlechtes ſich erſtrecken ließ... Aber darf ich jetzt die Fortſetzung Ihrer Erklärung vernehmen, Frau Hjelm?“ „Nun, aufrichtig geſagt, ich will nicht einmal ſehen, wie ſehr oder wie wenig irgend ein anderer Mann als mein eigener meiner Aufmerkſamkeit würdig iſt.“ „Das iſt die halsſtarrigſte Einſeitigkeit, die ich je gehört habe. Der Himmel bewahre mich vor einer Frau, die mich armen Menſchen zum Gegegenſtand eines ſo allmächtigen Gefühls machen würde!“. „Ah, Herr Capitän, Sie glauben, daß dies ſo beklagens⸗ werth wäre?“ „Es wäre noch mehr— es väre ſchauerlich, Madame! Wie ſollte ein Mann einen ſo überſtrömenden Reichthum an⸗ legen?“ „Ihn anlegen?“ „Ja, natürlich müßte er ihn auf irgend eine Weiſe an⸗ wenden. Das Wahrſcheinlichſte wäre, daß er ſich im Schooße des Ueberfluſſes ganz in derſelben Lage befände wie die erſten Menſchen im Paradies: juſt weil ſie Alles beſaßen, ſehnten ſie ſich nach Veränderung.“ „Das war nicht Adam,“ wandte Emilie mit einer gewiſſen Unſicherheit in ihrer Stimme ein. „Um ſo ſchlimmer für ihn, daß Eva es war. Die Macht des Beiſpiels iſt beinahe gefährlicher als jede andere Macht.“ Jetzt war Emilie kaum mehr im Stande ihre Würde zu 376 behaupten. Sie erzählte ſpäter Majken im Vertrauen, es wäre ihr beinahe das gräßliche Unglück widerfahren ihre Thränen nicht zurückhalten zu können. Sich der Qual ausſetzen zu müſſen ſolche Dinge ſo einfach vortragen zu hören, als wären es die natür⸗ lichſten Anſichten von der Welt! Aber ſie wußte ja auch zum Voraus, daß es ſeine Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten hat als Wirthin daſitzen und ſich mit einem jungen Mann unter⸗ halten zu müſſen. Zu ſich ſelbſt ſagte ſie im gegebenen Fall:„Es war ein Unrecht von Ake, daß er dies nicht begriff. Vor wenigen Mo⸗ naten ſagte Mama zu mir: Mein Kind, mein Kind, meide lange Beſprechungen mit jungen Männern, zumal wenn die Liebe den Gegenſtand bildet.“ Aber was damals nicht geſchah, das geſchieht jetzt. Weil ich verheirathet bin, bin ich nicht mehr daſſelbe unverheirathete Frauenzimmer. Es iſt ſonderbar, aber es iſt jedenfalls eine wirkliche Thatſache. Doch wie es nun ſein mag, ſo weiß ich nicht, wie wir auf das Capitel der Liebe ge⸗ kommen ſind. Aber trotz meiner Frauenwürde fühle ich mich genirt und muß ſogleich eine Gelegenheit zum Abbrechen finden.“ Während jedoch Emilie auf irgend ein leichtes Apropos oder eine andere Aushilfsphraſe ſann, begann der Capitän von Neuem: „Nein, es lebe die Freiheit! Ich will die meinige bewahren, welche mir das Recht verleiht die Schönheit und Anmuth ſowohl bei der verheiratheten als bei der unverheiratheten Frau zu ſehen. Ich kann das Bild, das ich mir angeeignet habe, ohne Furcht überall mit mir führen, bis ich ihm entweder Erlaubniß gebe ſelbſt davon zu laufen, oder bis ich ihm in irgend einem Winkel meines Herzens auf Lebenszeit ein Quartier einräume— und darum lebe und ſterbe ich frei.“ „Jetzt bekümmere ich mich um kein Apropos mehr,“ ſagte Emilie zu ſich ſelbſt.„Gott ſei Dank, ich höre Uljana— da iſt es alſo Zeit darnach zu ſehen, daß Ake die Hellbutte ſo geſchmort —— 42——¶— 377 bekommt, wie er ſie haben will. Des Capitäns Gerede ſprudelt über wie Champagnerſchaum. Und ſolche Augen... ſolche Augen! Ich bin wahrhaft entzückt, daß ich ihn ein klein wenig züchtigen kann.“ Und jetzt ſagte ſie laut: „Entſchuldigen Sie, Herr Capitän, aber ſo unterhaltend auch Ihr Geſpräch war, ſo gibt es doch etwas Anderes was ihm an die Seite geſtellt werden muß: das Mittageſſen und meines Mannes Lieblingsgericht. Im Vertrauen geſagt, ich war während der ganzen letzten Viertelſtunde ſo zerſtreut, daß ich mich unauf⸗ hörlich mit dem Fortgang des Schmorens meiner Hellbutte beſchäftigte.“ Aber wie ging es wohl mit Emiliens vermeintlichem Sieg? Der Capitän parirte den Stoß, ſo daß der Sieg in ſeinen Hän⸗ den blieb. Im behaglichſten Tone von der Welt antwortete er: „Ach, wenn Sie mich zu Rath ziehen wollten! Wir Seeleute ſind wandernde Kochbücher, die keine junge Wirthin in einem mißlichen Fall zu verachten braucht. Aber da ich Ihnen an den Augen anſehe, Madame, daß ich Ihnen nicht als Gehilfe aſſi— ſtiren darf, ſo will ich ſtatt deſſen inzwiſchen einen Spaziergang machen.“ Er verbeugte ſich höflich und ging. „Sonderbar!“ dachte Emilie,„er hat mich wahrlich durch⸗ ſchaut.“ Sie blieb in Gedanken vertieft ſtehen, bis Uljana wirklich von der Schwelle her rief: „Madamo, die Hellbutte!“ 378 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Mutter und Tochter. In die Nähe der bekannten dreiſpitzigen Oeneſkymte, eines der merkwürdigſten und ſeiner Formation nach ungewöhnlichſten Berge im Bohuslän, der den Schiffern im Cattegat als Land⸗ ſicht dient— verſetzen wir Gläborg, das Gut des Kaufmanns Moß. Die dunkelgraue rauhe Natur hat zwar dem Qulllebezirk in ſeinen engen Thälern die Fruchtbarkeit nicht verweigert, legt je⸗ doch ſowohl über dieſe Thäler als über die kahlen Bergfirſten die ſie umgürten eine Einförmigkeit und Leere, die beinahe immer den waldloſen Gegenden angehört, wenn ſie ſich nicht ſo nahe bis zu den größern Meerbuſen erſtrecken, daß die vorüberſegeln⸗ den Maſten die Bäume erſetzen können, welche ſich noch im Schooße der Erde ernähren. An den Küſten, wo Oullles ſteile Abhänge ſich zuletzt ver⸗ einigen und hinabſinken, ſieht man rieſige Felſenblöcke über dem Waſſer hängen. Wie ſie ſo in der Tiefe ſchweben können, ohne hinabzuſtürzen, weiß nur Er der ſie hiehergeworfen hat, um Jahr⸗ hunderte lang auf Erlöſung aus dieſer geheimnißvollen Lage zu warten, vermöge deren ſie beſtimmt ſcheinen ſowohl für das Waſſer wie für das Land Fremdlinge zu ſein. Gläborgs Bewohner haben alſo, als ſie das kahle, aber durch ſeinen Verkehr lebhafte Svartſkär gegen ihr neues, mit einer ziemlich armen Baumpflanzung und einförmigen Thälern umgebenes Gut vertauſchten, wie es ſcheint, keinen glücklichen Tauſch getroffen. Und dies fühlte auch ganz beſonders der alte Geſchäftsmann, welcher den Verluſt ſeines Antheils am Botna⸗ buſen, nämlich des Hafens von Svartſkär, als unerſetzlich be⸗ trachtete, ——— ℳ—— SGEe&S— Æᷓ 2 ☛& ines ſſten and⸗ nns k in je⸗ ſten mer nahe eln⸗ im ver⸗ dem hne ahr⸗ zu das ber mit ern hen alte na⸗ be⸗ 379 Waſſer war zwar auch hier vorhanden, aber was bedeutete das? Hier gingen keine Schiffe beinahe bis in die Hausflur herein, hier ſah man keine Ein⸗ oder Ausladungen, und den ganzen Sommer roch es hier nach Gras und Viehhof, aber nicht nach Seetang und Theer. Kurz, man befand ſich auf dem Land⸗ rücken, und der Landrücken war blos eine trockene Strecke Landes, welche Moß mit Allem was ſich darauf fand der Verwaltung der Frauenzimmer überließ. Seine frühere Klage, daß ſeine Frau ihre Pflicht nicht er⸗ füllt habe ihm einen Sohn zu ſchenken, hatte ſich jetzt in eine Klage über ihre Abgeſchmacktheit ihn durch Bitten und Kunſt⸗ griffe zum Ankauf eines ſo langweiligen Hofes wie Gläborg zu beſtimmen verwandelt. Hätte ſeine gute und geduldige Frau ihn daran erinnert, daß ſie ja Gläborg nicht einmal geſehen habe, bevor er es bereits aufgekauft, ſo würde eine ſolche Erinnerung Nichts geholfen haben, ſondern er würde dann in eine noch un⸗ glücklichere Laune verfallen ſein, weil er nicht den Muth beſaß Majken mit Vorwürfen zu überhäufen: ihr hatte er allerdings die Idee zu dieſem Gutsankauf zu verdanken, deſſen Unvortheil⸗ haftigkeit ſie jedoch bereits gleich ihm eingeſehen hatte. Inzwiſchen ſtand die alte zweiſtockige Wohnung ganz ſonnen⸗ hell da in ihrem neuen äußeren Aufzug mit ſeegrüner Oelfarbe und ihrer inneren Bekleidung mit ſchönen franzöſiſchen Tapeten. Aber was half das? Es hieß dennoch: „Kannſt Du begreifen, Weib, was man mit dieſen flachen dummen abſcheulichen Hütten da anfangen kann? Sind das Zimmer— drei haben in dem einzigen Salon zu Svartſkär Platz. Und alle meine hübſchen Möbel, wie ſie ſich hier aus⸗ nehmen und wie überhaupt irgend etwas ſich ausnimmt! Suppo⸗ nire, ich werde nicht ein Bauer werden und Heu in die Scheune führen ſollen? Oder ſoll ich auf dem Gute herumſpringen und nach Rieſentöpfen, Muſchelbänken und Steinhaufen ſuchen, die mich immer ärgern, weil ſie mich an die Zeit erinnern, wo man „& 380 auch hier See und Seeleute hatte? Nun, Du erinnerſt Dich doch, daß ich Dir vorherſagte wie es gehen würde, aber Du ließeſt mir ja keine Ruhe, bis ich Dir Deinen Willen that.— Und jetzt dürfen wir ganz allein in der Herrlichkeit daſitzen. Aber ich will mich nicht hier vor der Zeit niederlegen und ſterben, das kann ich Dir wohl ſagen.“ „Liebſter Mann,“ antwortete Frau Moß einmal auf dieſe beſtändigen Klaglieder,„da Du jetzt einmal Gläborg aufgekauft, die Reparaturen beſtritten und überdies Dein Geſchäft hieherver⸗ legt haſt, ſo müſſen wir die Dinge von der heiterſten Seite be⸗ trachten— dabei werden wir Alle uns am beſten befinden.“ „Wir alle— was iſt das für ein Ausdruck. Supponire, daß es ſich blos um mich handelt, der ich mich zu dem lumpigſten Geſchäft beſchwatzen und verlocken ließ, das ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Es wäre Deine Schuldigkeit geweſen die Folgen zu überlegen, bevor Du Dirs in den Kopf ſetzteſt mich zu Deinen jämmerlichen Weiberplänen zu verleiten. Aber das magſt Du wiſſen, Beate Marie, daß Du Dich mit dieſem Siege da begnügen mußt. Wenn wir wieder einmal in einer Sache ver⸗ ſchiedener Anſicht ſind, ſo ſupponire ich, daß Du keinen Verſuch machſt meine Ideen zu durchkreuzen. Jetzt kennſt Du meine Meinung.“ Wenn ſolche Stürme vorüber waren, kam immer Majken und ſchlang ihren Arm um die geduldige Mutter. „Gott verzeih mir dieſe Idee, geliebte Mama! Du mußt immer für meine thörichte Spekulation herhalten, und das ſchmerzt mich unbeſchreiblich.“ „Ach, meine Majken,“ antwortete dann dieſe ſo wahrhaft liebende Mutter,„glaubſt Du nicht, daß ich dieſe närriſchen Vorwürfe viel lieber auf mich nehmen will, als wenn ich hören müßte, daß ſie Dich treffen? Mit der Zeit wird es übrigens beſſer. Ich habe eine Ahnung und die ſagt mir, daß Papa GS S— Z——, 0——fx g. doch, ließeſt djetzt r ich das dieſe kauft, erver⸗ e be⸗ 71 onire, gſten unzen u die mich das e da ver⸗ rſuch reine ajken nußt rerzt thaft chen ören gens apa 381 künftig ſich zufrieden geben, und daß er und ich weit glücklicher ſein werden als jetzt.“ Majken hatte dieſe Vorſpiegelungen, die ſich niemals er⸗ wahren zu wollen ſchienen, ſo oft gehört, daß ſie endlich die Ueberzeugung gewann, ihre Mutter hoffe in Wirklichkeit nicht auf die Erfüllung derſelben, ſondern ſpreche nur noch ihr ſelbſt, Majken, zu Liebe von ſolchen Zukunftsilluſionen. Aber einmal als Frau Moß dieſe ihre Gedanken deutlich las, ſagte ſie:„Be⸗ denke, mein Kind, daß vor Gott Nichts unmöglich iſt. Er hat ſchon größere Wunder gethan als dieſes— glaube alſo nicht, daß ich aus Thorheit ſo ſpreche.“ SHeute— wie das erſte Mal als wir Frau Moß trafen— finden wir ſie allein. Nur iſt jetzt der Unterſchied, daß ſie ihre Tochter daheim erwartet und daher jeden Augenblick auf Wagen⸗ geraſſel lauſcht. Endlich, als ſie wohl zum zehnten Mal das von Majken geſtickte Bibelzeichen verrückt hatte, legte ſie das heilige Buch im Ernſt zu, während ſie zu ſich ſelbſt ſagte: „Ich hoffe, daß Er, der Allſehende, es mir verzeiht, wenn ich meine Gedanken nicht beiſammenhalten kann. O möge Er mein Kind beſchützen und glücklich durch dieſe lange Prüfungs⸗ zeit hindurchführen! Aber jetzt fährt es— jetzt kommt ſie, und dieſes Mal freudig und muthig, hoffe ich, denn noch kann wohl keine neue Schwierigkeit eingetroffen ſein.“ Aber ganz anders lautete es, als Majken hereingekommen war und, nachdem ſie berichtet, daß Papa unterwegs aufgehalten worden ſei und nicht vor morgen Mittag eintreffen werde, in vollſter Vertraulichkeit alles Vorgefallene erzählt und ihrer Mutter ihre Befürchtungen mitgetheilt hatte, daß ihr Vater trotz der ernſten Erklärung, die zwiſchen ihnen ſtattgefunden, noch immer auf eine Heirath mit Holt ſpekuliren möchte. „Der Herr bewahre Dich vor dieſem Unglück! Dieſer 382 Mann iſt ſicherlich ein ſchlechter Menſch... Weiß Gudmar ſchon von den letzten Ereigniſſen?“ „Ja, am Tag vor meiner Abreiſe trafen wir uns... Du erräthſt ſicherlich nicht wo.“ „Ich will in dieſer Sache gar nicht rathen— ſage es alſo.“ „Nun, auf der Uhuklippe, und es war zwar nicht das erſte Mal, aber diesmal lag eine ſo tiefe und feierliche Bedeutung in Allem, von der außerordentlich rührenden Art und Weiſe an, wie die alten Männer Alles für mich hergerichtet, bis zu Gud⸗ mars unbeſchreiblicher Niedergeſchlagenheit, während er doch von ſeinen Vorgeſetzten das beſte Lob erhalten und man ihm ganz glänzende Hoffnungen gemacht hatte.“ „Ach, mein Kind, es iſt kein Wunder, wenn er nieder⸗ geſchlagen war. O meine theuren Lieblinge, ich muß Euch leiden ſehen, ohne das Mindeſte für Euer Glück thun zu können— was für eine hilfloſe Mutter bin ich doch!“ „Sprich nicht ſo, geliebte Mama! Meine Laſt wäre ja tauſendmal ſchwerer, wenn Du ſie nicht tragen hälfeſt.“ „Liebe Majken, noch habe ich Erinnerungen genug an meine eigene Jugend, um zu wiſſen, daß die Laſt der Entſagung im⸗ mer ſchwer und drückend bleibt, wer ſie auch immer theilen mag. Wenn in der Handlungsweiſe Deines Vaters wenigſtens eine Spur von Gerechtigkeit wäre, ſo würde ich ſeinen Willen mit größerer Ergebenheit reſpectiren.“. „Dieſen Gedanken, Mama, verſtehe ich vollkommen. Im Fall der mindeſte Fleck an Gudmars Charakter klebte— aber Gott ſei Dank, er iſt ſpiegelblank— ſo glaube ich wenigſtens, daß ich nicht einmal in meinem innerſten Herzen Papa Trotz bieten möchte. Aber jetzt da ſeine Hartnäckigkeit ſich einzig und allein auf die ſelbſtſüchtigſten Gründe ſtützt, muß ich mich immer an die Hoffnung feſtklammern und ſie im Stillen mein Herz aufrecht erhalten laſſen.“ „Unglücklicher Weiſe,“ antwortete die in des Lebens ernſter und fall ſag dmar 383 Schule gebildete Mutter,„unglücklicher Weiſe beſtätigt die Er⸗ fahrung, daß im Allgemeinen die Selbſtſucht die tyranniſchſte aller unſerer herrſchenden Neigungen iſt. Hätteſt Du und Gud⸗ mar mit Etwas zu kämpfen gehabt, was dieſes bei Papa in ge⸗ wiſſen Fällen ſo ſtark ausgeprägte Lebensprinzip weniger be⸗ rührte, ſo hätten wir noch hoffen können, denn er liebt Dich als ſein höchſtes Gut auf Erden nächſt ſich ſelbſt. Jetzt dagegen ſehe ich keinen Ausweg.“ „Wenn ich Dich ſo ſprechen höre, Mama, meine ich einen großen Theil Deiner eigenen Erlebniſſe zu vernehmen und durch⸗ zumachen... Wenn dagegen unſer Glück jetzt von Dir ab⸗ hinge, Mama?“ „Nun, dann wäre es durchaus kein Verdienſt von mir es zu begründen, wenn es auch mit allen möglichen Opfern ge⸗ ſchehen ſollte, denn ich habe in meine Natur dieſes Gefühl nicht bekommen, das ſo ſchwer zu überwinden iſt. Vielleicht kämpft Papa mehr als wir glauben, und wir müſſen ihn daher eher beklagen als tadeln, wie wir alle diejenigen beklagen müſſen, die in ſich ſelbſt dieſen Unglückskeim tragen, welcher für ſie am mächtigſten iſt und eines Tags emporſchießen und zu einem gan⸗ zen Baum mit bittern Früchten heranwachſen wird. Der Herr halte ſeine Hand über alle Diejenigen, die im Schatten eines ſolchen Baumes ſitzen!“ „Ich verſtehe auch dieſes fromme Gebet, Mama, und ſage Amen dazu. Aber laß mich Dir jetzt etwas recht Merkwürdiges erzählen, was mir auf der Uhuklippe zugeſtoßen iſt.“ „Thue das, mein Kind! In Deinen Augen leuchtet ein Strahl, der einer geheimen Hoffnung zu gleichen ſcheint.“ „In dieſem Fall, Mama, wäre es keine chriſtliche Hoffnung, und dann hätte ſie auch weder Deinen noch meinen eigenen Bei⸗ fall. Doch kann es wirklich Verhältniſſe geben, wo, wie Papa ſagt, jeder ſich ſelbſt der Nächſte iſt.“ „Und dieſen Satz citirſt Du?“ 384 „Ja, höre... Mein Gudmar und ich ſaßen in einem wunderlichen Stübchen, das unſere Wirthsleute für uns her⸗ gerichtet hatten— es iſt ein wahrhaft ruhiger und poetiſcher Zufluchtsort auf der einſamen Klippe, eine ſechs Fuß lange und vier Fuß breite Stube mit einem kleinen Fenſter, auf deſſen bei⸗ den Seiten die alten Männer nach ihrem eigenen Ausdruck einen Sardinier und einen Amerikaner aufgehängt hatten. Der alte Lootſe war übrigens mit ſeinen Flaggen ſehr freigebig geweſen, und Alles war vollkommen heimiſch.“ „Ich kenne die innige Liebe, womit dieſe beiden Männer Dir zugethan ſind.“ „Und auf die ich ſo ſtolz bin! Nun, als wir ſo daſaßen, bald auf den ſonderbaren Stühlen, bald auf der Seemannskiſte mit der engliſchen Flagge, da entfiel uns wohl einige Male der Name Holt, den unſere Wirthe nothwendig hören mußten. End⸗ lich ſagte Gudmar: „Und ihn würde Dein Vater als Schwiegerſohn vorziehn! Wenn das geſchähe, ſo würde ich mich ſammt der Zolljacht zu Grunde ſegeln.“ „Konnte Gudmar ſo ſprechen?“ „Ach, Mama, er war in Verzweiflung. Aber kaum hatte er dieſe Worte geſagt als die beiden Alten hereinkamen und erklärten, ſie hätten uns etwas Wichtiges mitzutheilen.“ „Nun, darauf bin ich neugierig,“ fiel die Mutter ein. „Ich war es auch und erſuchte ſie ſogleich zu ſagen, was ſie auf dem Herzen hätten.“ „Sprich Du, Gädda, der Du Rednergaben haſt, ermahnte der Lootſe.“ „Nein, danke, antwortete Gädda, Ehre wem Ehre gebührt! Du biſt der älteſte Lootſe in den Scheeren und überdies Beſitzer von drei Medaillen, und haſt noch dazu eine Penſion.“ „Gott ſteh uns bei um die Penſionen, welche die Krone den einem her⸗ tiſcher und bei⸗ einen alte ⸗ beſen, inner aßen, skiſte 2 der End⸗ hehn! bt zu hatte und was hnte hrt! ſitzer den 385⁵5 Lootſen bewilligt!“ fiel Frau Moß ein.„Aber wer kam endlich zum Wort?“ „Der Lootſenvater, und er ſprach das was er zu ſagen hatte mit ſolcher Sicherheit, daß es beſtimmt Grund haben muß.“ „Mamſell Majken und Herr Jachtlieutenant,“ ſagte er,„Sie ſind Beide zu wohllöblich, um von mir und meinem Bruder da etwas Böſes zu denken, weil wir zufällig Etwas gehört haben, was wir nicht hören ſollten.“ „Was ihr auch gehört haben möget, meine Freunde,“ ant⸗ wortete Gudmar ſchnell,„ſo wiſſen wir, daß es bei euch in Sicher⸗ heit iſt.“ „Das iſt ganz richtig, Herr Lieutenant! Und jetzt möchten wir Beide die Worte ſagen, daß wir Nichts ſagen können, aber ſo viel können wir ſagen— denn das iſt die Meinung, daß, wenn eine Gefahr in Frage kommen ſollte, daß Holt, der ein garſtiger Mann iſt, dem Herrn Lieutenant in den Weg ſtehen würde, ſo kann der Herr Lieutenant ganz ruhig ſein, denn wir, Gädda und ich, können ſolche Dinge von dieſem Menſchen ſagen, daß Herr Moß ſich dreimal beſinnen würde, bevor er, wenn ich und Gädda geſprochen haben, ihn zum Schwiegerſohn nähme. Er ſteht dann lieber davon ab. Aber wir ſagen kein unnöthiges Gerede, das iſt das Wort.“ „Das ſind in Wahrheit merkwürdige Worte,“ ſagte Frau Moß.„Dieſe beiden Männer ſind von ausgezeichneter Redlich⸗ keit, und der Lootſe iſt der wahrhaftigſte Menſch, den ich je ge⸗ kannt habe.“ „Juſt denſelben Eindruck hatten Gudmar und ich, und es kam in dieſer Beziehung ein Gefühl der Zuverſicht über uns. Und ohne daß wir unſere Wirthe weiter ausforſchen wollten, was wohl jedenfalls vergebens geweſen wäre, begnügten wir uns mit dem Verſprechen uns auf ſie berufen zu dürfen, wenn die Noth an den Mann ginge... Aber, liebe Mama, wenn es auch Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 25 386 mit Holt aus iſt, ſo kommen darum Gudmar und 8 einander noch nicht näher.“ „Eine Verminderung der Schwierigkeit iſt immer ein Vor⸗ theil— aber dieſer iſt leider noch nicht errungen... Wie bald glaubſt Du, daß Papas Günſtling hieher kommt?“ „Vermuthlich können wir ihn ſchon morgen erwarten, wenn er von ſeiner Reiſe in Betreff des Handels, von dem ich Dir geſagt habe, zurückkommt. „Wenn Papa dann noch fort wäre, ſo könnten wir ihn ja leicht abſchütteln.“ „Nein, Mama, wir müſſen uns hüten ihn ſo leicht loszu⸗ werden.“ „Was meinſt Du?“ „Seit ich die Sache beſſer überlegt habe, finde ich, daß es das Klügſte wäre, ihm ſo zu begegnen, wie wenn ich gar Nichts von ihm fürchtete. Er wird dann vielleicht gelegentlich ſelbſt mit ſeinem Anſpruch hervortreten, und wenn dies geſchieht, ſo werde ich ihm die Antwort geben. Dieſe wird ſo vollſtändig ausfallen, daß Papa Nichts mehr hinzuzufügen braucht. Aber ſollte Papa deſſenungeachtet ſeine Lieblingsidee nicht aufgeben, ſondern mich entweder langſam plagen laſſen oder auch einen plötzlichen Ent⸗ ſchluß faſſen, dann ſignaliſire ich meinen Alten auf der Uhu⸗ klippe.“ „Gott ſei Dank, daß Du Dich wieder recht in eine gute Laune hineingeſchwatzt haſt... Sage mir jetzt, was meine artige Thorborg macht?“ „Sie befindet ſich vortrefflich. Aber dieſe wunderliche Ge⸗ ſchichte mit dem herangeſchwemmten Frauenleichnam hat ſo ſtark in ihre Phantaſie eingegriffen, daß ich wirklich fürchte, ſie möchte ſich am Ende ſelbſt als einen Theil der fremden Frau betrachten. Doch jetzt bin ich müde und will auf meine Zimmer gehen, wo es recht angenehm iſt, wenn auch nicht ganz ſo heimiſch, wie auf ander Vor⸗ Wie wenn Dir m ja 387 meinen Zimmern in Svartſkär. Geliebte Mama, laß uns den Thee in meinem kleinen Cabinet trinken.“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Wie Holt ſich bei ſeinem erſten Beſuch als Brautwerber benahm. Am Tag nach Majkens Heimkehr ſah man gegen Abend auf Befehl des Hausherrn den ganzen untern Stock wie zu einem Feſte beleuchtet. Dieſer Stock beſtand aus ſechs Zimmern: Salon, Wohn⸗ zimmer und Schlafſtube auf der einen Seite, auf der andern Majkens zwei Zimmer nebſt einem Alltagszimmer. Der obere Stock wurde zwiſchen dem Herrn des Hauſes und den Perſonen getheilt, die zu dem ungemein gaſtfreien Kauf⸗ mann auf Beſuch kamen. Von den für den letztern Zweck be⸗ ſtimmten Zimmern war eines jetzt beleuchtet und für Holt her⸗ gerichtet, der noch nicht ſo lange eingetroffen war und ſich für den Augenblick drinnen bei dem Wirth aufhielt, der ſich einige Stunden vorher wieder eingefunden hatte. „Ja, das war ſchon der Mühe werth,“ ſagte Majken vor ſich hin, indem ſie von ihrer eigenen Seite des Stockes zu ihrer Mutter herüberkam.„Aber ſonſt nehmen ſich die Zimmer aller⸗ dings nicht ſchlecht aus, wenn die Kronleuchter angezündet ſind. Dieſer dunkelrothe Salon da iſt ja ein wahres Prachtzimmer und ſteht dem auf Svartſkär in keiner Beziehung nach. Die Wohnung hier finde ich ganz angenehm— es iſt Nichts daran zu tadeln; aber wie müſſen wirs anfangen, um häusliches 388 Behagen zu finden? Das iſt die Kunſt, Mama... Höre, liebe Mama... biſt Du nicht in Deinem Schlafzimmer, Mama?“ „Was gibts, mein Kind? ich komme ſogleich. All dieſer Spektakel mißfällt mir ſehr. Denk Dir— Papa will morgen zu Mittag ſo viele Gerichte haben als Tage in der Woche ſind, und heute Abend ſoll das ganze Tafelſilber vom Hauſe nebſt dem oſtindiſchen Service hervorkommen und dazu Champagner... Nein, ich ſage nichts mehr.“ „Ich wundre mich auch nicht, wenn Du keine Worte findeſt um Dich auszudrücken. Dieſe Manie Papas für dieſen pomadi⸗ ſirten und ſauber gewaſchenen Holt mit ſeinem ſeidezarten Ge⸗ ſichtchen und ſeinem ſchlechten Herzen iſt ſo unbegreiflich, daß es mir trotz unſeres vernünftigen Geſpräches von geſtern beinahe vorkommt, als ob eine Art von Zauber mit im Spiel wäre. Nun, jetzt kommen ſie. Wir müſſen uns wohl zur Parade hier an den Tiſch ſetzen. Ich habe meine Stickerei bei mir.“ „Und ich meine Strickarbeit... Ach wie gut und artig Du ausſiehſt, meine prächtige Majken! Wer kann Dir anſehen, daß Du Unruhe im Herzen trägſt?“ „Es iſt auch nicht meine Abſicht, daß Jemand es ſehen ſoll. Ich muß mit unſerer lieben Emilie an die Würde denken, um welche ſie immer ſo ängſtlich beſorgt iſt... Und jetzt geht die Salon⸗ thüre. Laß uns in jeder Beziehung liebenswürdige Wirthinnen ſein— wir vermehren blos unſere eigenen Schwierigkeiten, wenn wir Papa in üble Laune verſetzen.“ Sie hatte kaum das letzte Wort geſprochen, als die Herren über die Schwelle traten. Moß hatte ſich ungemein herausgeputzt, und das Geſicht des jungen Herrn Holt hatte für den Augenblick das eigenliebige Gepräge ſo wie den kalten und ſpöttiſchen Anſtrich, den er das letzte Mal gegen ſeine beabſichtigte Ehehälfte gezeigt, gänzlich bei Seite gelaſſen. Mit einem Wort, er war wie neu geboren. Mit ernſter Höflichkeit und einer gewiſſen, nicht zu weit gehenden es hei dit —— — 389 Vertraulichkeit nahm er ſeinen Platz ein und ſprach die Hoffnung aus, daß ſein Beſuch nicht allzu unangenehm ſein möge. Da dieſe Worte an keine der beiden Damen beſonders ge⸗ richtet waren, ſo war es Frau Moß, die antwortete: „Wir leben hier ſo abgeſchieden, daß wir es gerne ſehen, wenn Papa eine kleine Abwechslung bekommt.“ Dieſe Aeußerung ſchien Papa Moß ſelbſt bei weitem nicht zu befriedigen, wie die erfahrene Hausfrau ſogleich aus einem ganz eigenthümlichen Einkneifen ſeiner Lippen erſah, der einzigen Zurechtweiſung die für den Augenblick ſtattfinden konnte, denn die Augen durften jetzt nicht zu viel von dem verrathen, was ein Ehemann im Nothfall durch dieſe Dolmetſcher erklären laſſen kann. Der Schwiegervater durfte doch den Tochtermann ſo Etwas nicht lehren. Moß ſupponirte überdies, daß Holt auch ohne Be⸗ lehrung ſich in dieſer Sprache zurechtfinden würde. Inzwiſchen gelang es dem Freier ſein eigenes verletztes Gefühl nicht zu zeigen. „Ich habe oft gedacht, Mamſell Moß—“ hier fand es Holt paſſend in ſeiner Stimme ein gelindes Zittern eintreten zu laſſen, Etwas das eine bekämpfte Bewegung andeuten ſollte— „daß ein Menſch zum Voraus ſein Schickſal ahnen können muß, wenn er an einen Ort kommt, dem er ſich mit Furcht und Un⸗ ruhe nähert.“ „Nun,“ antwortete Majken mit intereſſirter Theilnahme, „haben Sie Etwas von dem geahnt, was bei Ihrer Ankunft an dem Ort eintreffen würde, wohin Sie reisten, als wir in Svart⸗ ſkär von einander Abſchied nahmen?“ „Allerdings,“ erwiederte Holt, indem er feuerroth wurde, es war eine Ahnung die mir ſagte, daß meine früheren Prin⸗ zipale wohl einſehen würden, daß ein Menſch ſich täuſchen kann, auch wenn er ſein Beſtes zu thun verſucht. So verhielt es ſich auch. Aber, wie der Onkel ſagt, ich ſupponire, es werde mir nicht oft paſſiren, daß ich in den Fall komme, wo Jemand mich 390 mit derjenigen Milde beurtheilt, welche die Leute zeigten, die mich am ſtrengſten beurtheilen mußten.“ Hätte Holt die Wahrheit über die Expedition berichtet, welche durch die unglückliche Schmugglergeſchichte veranlaßt worden war, ſo hätte er wahrlich einen andern Rapport abſtatten müſſen. Er war von den mißvergnügten Eigenthümern der Waare dermaßen heruntergekanzelt worden, daß er im Stillen tauſend Flüche über ſeine alten Verbindungen gethan und ſich feſt vorgenommen hatte ſie nicht zu erneuern. Aber da es für ſein Selbſtgefühl gar zu kränkend geweſen wäre dies zu geſtehen, ſo ließ er ſtatt deſſen die genannten Herrn die ſchöne Rolle ſpielen, als ob ſie das Verdienſt ihres Commiſſionärs vollkommen zu ſchätzen wüßten. „Aber warum,“ fragte Majken,„wollen Sie ſich durchaus mit dem Gedanken an das Urtheil Anderer beſchäftigen, Herr Holt? Prüfe Jeder ſich ſelbſt!“ „Supponire, mein Kind,“ fiel Moß ein, der es jetzt paſſend fand ſich mit Worten ins Geſpräch zu miſchen,„ſupponire, daß Freund Holt ſeine eigenen Gründe für das hat was er ſagt; überdies möchte ich nicht glauben, daß Jemand vollkommen da⸗ mit zufrieden ſein könnte, wenn er blos von ſich ſelbſt geprüft und geſchätzt würde.“ „Sie ſind der Brunnen der Weisheit wie der Erfahrung, Onkel. Aber wer noch nicht viel aus dieſem Brunnen geſchöpft hat, der hat wohl Recht zu verzagen, wenn ihm Nichts an die Hand gibt, wie er die Worte ſetzen ſoll, Die in ſeinem Kopfe wimmeln, ohne den rechten Weg über ſeine Lippen finden zu können.“ Beim Ausdruck dieſes Gedankens ſchwebte auf Majkens Lippen ein Lächeln, das bei Holt einen tauſendmal tieferen Ver⸗ druß weckte, als Worte hätten thun können. „ Supponire,“ hieb Moß ein,„daß ein Glas Punſch den Verkehr zwiſchen Kopf und Lippen in Gang bringen wird. nkomm— hier außen haben wir die Requiſite auf dem Tiſch.. 391 Was zum Teufel fiel Dir denn ein?“ flüſterte er, als ſie im Salon miteinander auf und abgingen.„Mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf mußt Du jetzt mächtig darauf losrudern, und wenn etwas wimmeln ſoll, ſo muß es dort ſein.“ „Ich weiß nicht, beſter Onkel,“ antwortete Holt ſchüchtern, „ob man ſagen kann, daß die Worte im Herzen wimmeln.“ „Nun, ſo müſſen doch wohl die Gefühle darin wimmeln können.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Holt.(„Aber dann müſſen ſie ſich zuerſt vorfinden,“ dachte er bei ſich.)„Jedenfalls haben Sie, Onkel, mit Ihrem Scharfblick wohl ſehen müſſen, was mich in Verlegenheit ſetzte... Eine ſolche Miene kann den Muthigſten aus der Faſſung bringen.“ „Dummheiten! wenn man die Mienen der Weibsleute um Rath fragen wollte, ſo würde man mit der Erkenntniß derſelben nicht weit kommen. Komm jetzt her und benimm Dich klüger, während ich meinen Toddy miſche.“ „Das infame Weibsbild!“ dachte Holt, indem er in den Salon zurückkehrte, um ſeine Mittel weiter zu erproben.„Sie gibt ſich ein ſo ungenirtes Ausſehen, blos um mich zu demüthigen; wäre es nicht um meine Rache an dem Jachtlieutenant und um den großen Reichthum des Alten, den man an Allem wohl merkt, ſo könnte Nichts mich verlocken dieſe Qual auszuſtehen... Sieh da— Moß guckt mich durch das Glas hindurch quer an, während er ſeinen Zucker umrührt... Eine höchſt intereſſ ante Lage, juſt eine angenehme Einleitung u der erſten Freiwerbung! Ich will darauf ſchwören, daß ich nichts Anderes als die loſhagſen Dumm⸗ heiten ſagen werde.“ 4 Auch ſchienen Holts Bemühungen, um in einen beſſern Wind zu kommen, gänzlich zu ſcheitern. Zögernd näherte er ſich dem Tiſch, und nachdem er ſich einige Augenblicke damit beſchäftigt, die in das Lampenglas eingebrannten Gemälde zu betrachten, wobei er beinahe ſein Haar verbrannte, 392 ſagte er haſtig, gleich als fürchtete er eine ſo prächtige Einleitung a zu verlieren: il „Sie haben Svartſkär verlaſſen, Mamſell Moß— wie öde u muß es jetzt dort ſein! Ja es muß wirklich ſehr öde ſein... C ausgezeichnet öde.“ u „Sie wollen mir ſchmeicheln, Herr Holt.“ „Ich will blos eine handgreifliche Wahrheit ausſprechen. z Und was mich betrifft...“ f Aber jetzt drehte ſich Holt um und ſah ſeinen zukünftigen Schwiegervater beifällig über dem Glaſe nicken. Dieſe Demon⸗ f ſtration, die ihn hätte aufmuntern müſſen, raubte ihm vielmehr n die nöthige Beſinnung, um ſeine Meinung weiter auszudrücken v und deutlich zu machen. Majken befreite ihn aus der Verlegenheit, indem ſie ihn mit h oder ohne Abſicht in eine andere trieb. „O Herr Holt, meine und Papas Geſellſchaft iſt bereits v durch den finniſchen Gaſt erſetzt, den Herr Hjelm bei ſich hat. n Ich weiß nicht einmal, ob Sie ihn nur geſehen haben— ich meine L den jungen Capitän.“ n „O, ich ſah ihn nur flüchtig durchs Fenſter. Aber er wird g wohl nicht mehr da ſein?“ 9. Wieder ging eine Veränderung mit Holt vor. Das Blut ſ begann ungemein raſch durch ſeine Adern zu kreiſen und er fühlte ſich beunruhigt durch die Beſorgniß, er möchte die Spannung, n womit er der Antwort entgegenharrte, nicht genügend verbergen n können... C „Doch, er iiſt moch da und er wird diesmal wenigſtens bis übermorgen bleiben.“ il „Und was ſagen Sie zu ihm, Mamſell Moß? Ich ver⸗ 2 muthe, daß er durch ſeine Mißgeſchicke dermaßen weltüberdrüſſig n geworden iſt, daß er kein beſonders guter Geſellſchafter ſein n wird.“ W „Dies iſt eine ungegründete Vermuthung, Herr Holt. Ganz de 393 abgeſehen von der Theilnahme an ſeinem großen Unglück, das ihn gezwungen hat hieher zu kommen, muß man geſtehen, daß unſer kleiner Kreis an dieſem aufgeräumten und einnehmenden Geſellſchafter eine wahre Eroberung gemacht hat. Herr Hjelm und ſeine Frau ſind ebenfalls beide ſehr von ihm eingenommen.“ „Wirklich?“ Holt begann ſich durch das heiße Blut, das zwiſchen Kopf und Herz umherſprang, immer mehr beläſtigt zu fühlen. „Und er,“ fuhr Majken in ihrer ungekünſtelten Mittheilung fort,„zeigt ſich auch ſehr von ihnen eingenommen... Iſts nicht wahr, Papa? Nun nun, Papa ſelbſt iſt ein bischen in Emilie verſchoſſen.“ 1 „Sie iſt ein hübſches Frauenzimmer. Supponire, der Capitän hat offene Augen wie jeder Andere.“ Nach dieſer Antwort, zu welcher ſich Moß in aller Unſchuld verlocken ließ— er hatte nicht die geringſte Ahnung von Holts wirklichen Gefühlen— war es total vorbei mit dem Verſuche des Letzteren ſich in ſeiner neuen Rolle zu behaupten. Er dachte weder an Majken, noch an die Brautwerbung, noch an die Rache gegen den Jachtlieutenant mehr; er ſah nichts Anderes vor ſich als Emilie neben dem jungen Fremdling, der ihr ohne Zweifel nicht ſo widerwärtig wor wie der Aſſocié ihres Mannes. Er zog jeden Augenblick die Uhr heraus; in ſeiner Ungeduld meinte er, der Abend wolle gar kein Ende nehmen— ſo ſehr mußten Habſucht und Rache vor der Liebe und der neu erwachten Eiferſucht weichen. Bei dieſer neuen Wendung der Dinge tauſchten Majken und ihre Mutter manches verſtohlene Lächeln, manchen vertraulichen Blick mit einander aus. Bei Moß dagegen war weder ein Lächeln noch ein vertraulicher Blick wahrzunehmen. Er fluchte im Stillen wie ein Heide und konnte nicht begreifen, woher dieſe verteufelte Verhexung kam.„Ich habe,“ dachte er,„ſchon oft von Blödig⸗ keit und Dummheit ſprechen gehört, aber ich ſupponire, daß noch 394 Niemand ſo Etwas geſehen hat... Nun, morgen wird es beſſer werden das iſt klar.................. Aber Nichts ſchildert den grenzenloſen Verdruß des Kaufmanns Moß, als am folgenden Morgen nicht Holt ſelbſt kam, um ſeine Aufwartung zu machen, ſondern nur ein Billet folgenden Inhalts: „Mein theurer Onkel! „Kann ein Menſch unglücklicher ſein als ich? Was wünſche ich Höheres als die ſo hoch geachtete und bewunderte Mamſell Majken meine Frau nennen zu dürfen? Aber eine ſo elende Feigheit bemächtigt ſich meiner in ihrer Gegenwart, daß ich wirk⸗ lich zu fürchten anfange, ich werde ſie durch meine eigenen Be⸗ mühungen nicht überwinden können. „Niemand weiß beſſer als ich, welche ſchlechte Figur ich geſtern machte, was mich beſonders um Ihretwillen ſchmerzte, Onkel, da Sie mir eine Protection geſchenkt haben, auf die ich jederzeit ſtolz ſein werde. „Bei Gott, ſehen mich nicht Mamſell Majkens Augen durch und durch? Und dieſer klare Blick wird mich immer zu Fall bringen, wenn nicht Sie, Onkel, mit Ihrem unerſchöpflichen Scharf⸗ ſinn irgend einen Ausweg für mich erfinden, wie ich heirathen kann, ohne zu freien. Ich werde mich nie voranwagen, und deß⸗ halb beſchließe ich zu fliehen und meine Sinne fern von hier wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dieſe Idee kann Ihnen vielleicht wunderlich und ſchlecht gewählt vorkommen, Onkel, aber ich fühle mich heute früh noch unbehülflicher als geſtern. „Liebſter Onkel, rathen Sie mir, erlöſen Sie mich, ſprechen Sie für mich! „Ich hege keinen höhern Wunſch, als mich nennen zu dürfen „Ihren ergebenſten und verehrungsvollſten Sohn „Wilhelm Holt. „N. S. Um Ihnen bei Ihren Unterhandlungen volle Frei⸗ heit zu laſſen, bin ich, wenn Sie dieſen Brief erhalten, bereits nach Spartſkär abgereist. Meine tiefſte Verehrung den Damen.“ 39⁵ In den erſten Minuten, nachdem Moß dieſes Billet geleſen hatte, war ſeine Wuth ſtumm. Dann raste er die Treppen hinab und in die Zimmer ſeiner Frau. „Beate Marie... Beate Marie, wo biſt Du... Hat Jemand meine Frau geſehen? wo zum Teufel iſt meine Frau?“ „Hier, mein Lieber... was in aller Welt gibt es denn?“ ſagte Frau Moß, die ganz ruhig aus dem Schlafzimmer trat. „Ah ſo, Du biſt da... Nun, das iſt ja ein recht artiger Spectakel, das.“ „Was für ein Spectakel, mein Lieber?“ „Als ob Du nicht wüßteſt, daß er abgereist iſt! Und warum meinſt Du wohl, daß er gegangen ſei? Darum weil Ihr geſtern Abend nichts Anderes thatet als ihn reizen und demüthigen.. O die Weiber, die Weiber! Daß ein Mann zerſtochen von ihren nadelſpitzigen Scherzen davonlaufen muß! Supponire, ſein Stolz empörte ſich dagegen, und wer kann ſich darüber wundern?“ „Mein beſter Mann, ich bin mir ganz und gar nicht bewußt Herrn Holt beleidigt zu haben, und Du weißt ſelbſt, ob das Scherzen zu meinem Character gehört.“ 3 „Es gehört zu Deinem Character in allen Dingen gegen meinen Willen anzukämpfen. Aber was gewinnſt Du mit all dieſen Stänkereien, die Du veranſtalteſt? Weiter gar nichts, als daß ich jetzt rund heraus ſage, was ich vorher blos angedeutet habe, nämlich daß Holt mein Schwiegerſohn werden muß. Hörſt Du was ich ſage— mein Schwiegerſohn, mein Schwiegerſohn... Supponire, Du biſt taub geworden, weil Du nicht antworteſt.“ „Du weißt wohl, wie ſchwer es mir iſt Etwas zu antwor⸗ ten, was bei der Laune, worin Du jetzt biſt, paſſen kann.“ „Nun, es iſt recht angenehm für einen Mann bei ſeiner Frau immer auf Widerſtand zu ſtoßen und übertriebene Vorſicht zu finden, Notabene wenn ſie nicht am Platze iſt. Wenn es nicht nöthig iſt, da biſt Du mit Deiner Antwort gleich bei der Hand; 396 aber wenn es nöthig iſt, da verſchanzeſt Du Dich mit Weiberliſt hinter die Furcht, Etwas zu ſagen, was zu noch einem Wort Veranlaſſung geben könnte. Du kannſt wohl begreifen, daß es einen Mann ärgern muß, wenn er ſeine Frau gleichgiltig gegen Alles findet was ihn ſelbſt intereſſirt. Und ſo iſt es immer geweſen! Sup⸗ ponire, es gehört zu den CEheſtandsprivilegien von weiblicher Seite— obſchon ich mich nicht erinnern kann im Trauungs⸗ formular ſo Etwas gehört zu haben— daß die Frau das Recht beſitzt mit leichter und freier Hand ihrem Manne Qualen zu bereiten, zum Dank für ſeinen Schutz und ſeine Sorgſamkeit. Aber jetzt lautet der Befehl ſo, daß Holt, wenn er das nächſte Mal wieder kommt, ganz anders behandelt werden muß als geſtern.“ „Von wem, Papa?“ fragte Majken, die in dieſem Augen⸗ blick hereintrat.„Ich glaube, Du haſt ſtarke Abſichten auf eine Perſon, die für uns ſo wenig Wichtigkeit hat.“ „So, das ſagſt Du, meine Mamſell Tochter? Du würdeſt inzwiſchen am beſten thun, wenn Du für Niemand anders ant⸗ worten wollteſt als für Dich ſelbſt.“ „Es iſt ſo, Papa, aber da meine Antwort längſt abgegeben iſt, ſo konnte das nicht hindern, daß es meine Kräfte überſtieg zu hören, wie Mama, die Nichts mit der Sache zu ſchaffen hat, auf dieſe Art verantwortlich gemacht werden ſoll.“ „Ah ſo, alle Beide— alle Beide! Nun, ſo ſollt Ihr auch auf mich warten! Ich reiſe noch heute nach Göteborg, ich ent⸗ fliehe, ich reiße aus von Euch. Supponire, das bedeutet Etwas: ein Mann, der um des Hausfriedens willen Reißaus nimmt!“ „Ach, lieber Papa, laß uns nicht aus einem Sandkorn einen Berg machen! Wir wiſſen ja ganz gut, daß Du dennoch in dieſen Tagen zum Verkauf der Galeaſſe hingereist wäreſt— und wenn Du heute hinreiſeſt ſtatt morgen, ſo denke ich, daß Du Nichts dabei verlierſt, wenn Du heute Abend bei dem Capitän in Halltorp ein Brett machen kannſt.“ „Ja, eine Zunge haſt Du— und keine von Euch beſitzt „0 n h u 1 t 397 ſo viel Schamgefühl, um ein Bedauern darüber auszudrücken, daß ein Gaſt auf eine ſolche Art ſeines Wegs ziehen mußte?“ „Du wirſt wohl nicht von uns verlangen, daß wir deßhalb Trauer anlegen ſollen? Und wenn Du als ſcharſſinniger Mann die Sache recht überlegſt, ſo wirſt Du gewiß einſehen, daß Herr Holt einen andern Grund zu ſeiner Abreiſe gehabt hat, als den er vermuthlich angibt.“ „Was ſagſt Du— was könnte das für ein Grund ſein?“ „Für Dich bedarf es keiner Fingerzeige, und auf der Reiſe wird Dir wohl Alles klar werden.“ Ein kurzes Brummen war des Kaufmanns einzige Ant⸗ wort, worauf er hinausging und die nöthigen Befehle ertheilte, um noch vor Mittag„ausreißen“ zu können... „Mein geliebtes Kind,“ ſagte die Mutter, als die beiden Damen allein waren,„ich glaube nicht, daß es Recht war Papa dieſen Stoff zum Nachdenken zu geben. Möglicherweiſe vergißt er die ganze Sache, aber wenn er es nicht thut, ſo erräth er vielleicht die wirkliche Urſache von Holts Flucht— und bedenke, wie gefährlich es wäre, wenn ein ſo delicater Gegenſtand von Papa berührt würde, der dann in ſeinem gerechten Verdruß über Holt nicht die zarteſten Worte gebrauchen dürfte.“ „Du haſt vollkommen Recht, Mama. Aber ich bin über⸗ zeugt, daß Papa die Sache nicht erräth, und wenn er es thut, werde ich mich darüber ſo verwundern, daß er ſogleich ſeinen Mißgriff einſieht.“ „Es war gleichwohl eine eigennützige Berechnung von Dir, Majken, ihn gegen Holt aufreizen zu wollen; aber der Eigennutz führt immer ſeine Strafe mit ſich: Du wirſt nachher ſelbſt die Mühe haben Papa von dem Gegenſtand wieder abzubringen, auf welchen Du ihn hinführen wollteſt.“ „Ja Mama, ich bin durchaus keine Heilige, das weiß ich wohl. Aber Du darfſt und mußt auch vollkommen überzeugt ſein, daß ich keine Minute lang den niederträchtigen Gedanken 398 hegte Holts wahre Gefühle zu verrathen, denn dadurch hätte ich ja Emilie Unannehmlichkeiten ausſetzen können, an die ich nich einmal im Traum denken möchte.“ „Aber warum warfeſt Du geſtern Abend Holts Gedanken auf dieſen Gegenſtand?“ 3 „Darum, Mama, weil ich ſeine widerwärtige Doppelzüngig⸗ keit, ſeinen Betrug gegen Papa und ſeine hinaufgeſchraubten Bemühungen in der Eigenſchaft eines erklärten Anbeters aufzu⸗ treten ſah; dies Alles flößte mir einen ſolchen Widerwillen ein, daß ich meinem Gefühl Luft ſchaffen mußte. Wir wiſſen wohl, daß ſeine beabſichtigte Werbung, die von den erbärmlichſten Grün⸗ den motivirt iſt, niemals glücken kann; aber wir wiſſen auch, daß aller häusliche Friede auf Gott weiß wie lange Zeit geſtört ſein wird, wenn es zu dieſem Punkte kommt. Dies der Grund, warum ich mich in Bezug auf die baldige Löſung anders be⸗ ſann, und ich müßte mich gewaltig täuſchen, wenn nicht Holt ſelbſt mir in dieſer Beziehung in die Hände arbeiten ſollte.“ „Wird eine lange Spannung nicht noch unangenehmer ſein, mein Kind?“ „Das mag von den Umſtänden abhängen, Mama, und dies iſt ohne Zweifel das Beſte... Laß un Zübrigens jetzt Gott dan⸗ ken, daß wir von Holt erlöst fnd, vegeſen wir ihn und ſpre⸗ chen wir von Demjenigen was mir das Liebſt aber wir müſſens noch aufſparen, bis wir Papas Ausr haben.“ 9. Achtunddreißigſtes Kapitel. Das Mitkageſſen im Pfarrhaus. Während Holt auf ſolche Art zu vielem Verdruß, vielen Erörterungen und vieler heimlicher Freude Veranlaſſung gab, “ ſe len ab, 399 legte er ſelbſt ſo ſchnell wie mit der Curierpoſt den flachen Weg nach der Küſte zurück. Aber da er in ſeiner Zerſtreutheit nichts Annderes ſah als den finniſchen Gaſt und die junge Wirthin, und da er weder an das Pferd noch an den Weg dachte, ſo widerfuhr es ihm, daß er auf unangenehme Art aufgehalten wurde, weil ihm Etwas am Geſchirr zerriß, als er mit ſeiner Chaiſe über einen großen Schutthaufen hinfuhr, der neben der Straße lag und zur Bewerfung derſelben dienen ſollte. Ehe er jetzt Hilfe bekam und wieder flott wurde, verging ſo viel Zeit, daß es halb ein Uhr Mittags wurde, als ſein Wa⸗ gen über die ſanft abhängigen Höhen von Svartſkär hinabfuhr. Die erſte Perſon, die er ſah, war der finniſche Zimmermann. „Es iſt Niemand daheim als die Ladendiener,“ ſagte die⸗ ſer, da er Holt für einen Fremden anſah. Holt warf ſich aus der Chaiſe und ſtürzte in den Laden. „Was ſoll das heißen— wo iſt die Herrſchaft? Iſt Herr Hjelm fort während meiner Abweſenheit?“ „Nicht beſonders weit. Capitän Oddjers führte heute früh Frau Hjelm nach dem Pfarrhaus, und Patron Hjelm ſollte zum Mittageſſen nachkommen. Er iſt vor zehn Minuten weggegangen, und in einigen Stunden kommen ſie zurück.“ Holt brauchte nicht Mehr zu hören. Er war noch nicht ſo lange ſelbſt am Pfarrhaus vorbeigefahren; aber deßungeachtet rief er jetzt dem Knecht, der herausgekommen war, um das Pferd in Empfang zu nehmen, zu: „Spann nicht aus, ich fahre ſogleich wieder fort.“ Und nachdem er fünf Minuten der Ausbeſſerung ſeines äußeren Menſchen gewidmet, ſaß er pon Neuem im Wagen— und es ſtand nicht lange an, bis er ſich ganz keck am Eingang des benachbarten Hofes präſentirte, wo er ſelbſt von der Here Vivika mit einem minder herzlichen Blick empfangen wurde. „Spen Dillkopf!“ rief ſie mit donnernder Stimme, als der neue Gaſt eingetreten war,„begreifſt Du nicht, daß ich mehr 400 Holz brauche, oder ſiehſt Du, dummer Laffe, denn nicht, daß das ganze Kirchſpiel heute hier zuſammen kommt? Es fehlt jetzt nur noch, daß die andern finniſchen Schiffbrüchigen auch heranrücken, damit alle böſen Zeichen über ein armes Weib gemacht werden. So, kommſt Du doch endlich— tummle Dich jetzt und reibe Meerrettig, denn ich habe Sachen genug, die mich an der Naſe reiben.“ „Das ſieht man wohl, Tante. Aber wenn Ihr jetzt eine kleine Wendung machen wolltet, ſo...“* „Komm mir jetzt nicht mit Deinen Naſeweißheiten, denn das ſage ich Dir ein für alle Mal, wenn Du mir auch gleich die Zuckerdoſe und ſchönen Zucker darin geſchenkt haſt— und dies kam mir ganz geſchickt, denn ich hatte mich immer mit Anis und Zuckerbroſamen begnügen müſſen— ſo ſteht es Dir doch nicht an den Vorlauten zu ſpielen, merke fhir das, Du Schlin⸗ gel, und behalts wohl im Gedächtniß. Du mußt vor alten Leu⸗ ten immer Reſpekt haben, und wenn Du den Meerrettig gerie⸗ ben haſt, ſo iſt es Zeit die Auſtern aufzubrechen, denn der Schmauß wird bald beginnen. Stelle dann auch einen Teller für mich auf die Seite; obſchon ich den Lieutenant wegen ſeiner Verſchwendung tadeln muß, ſo geſtehe ich doch, daß ich auf Au⸗ ſtern ſchön ſchlafe in der Nacht.“.. Als Holt eintrat, begab ſich Thorborg ins Speſſentmmer, unterſtützt von dem Jachtlieutenant ſelbſt, der ſich mit einer gan⸗ zen Menge von Wläſern und Flaſchen beſ ſchäftigte, mae letztere gatt 2 lachte er im Stillen bei dem Pm dem Wein trinken ſolle, der auf die war. Holt ſeinerſeits hate die aanze Geſcſchte vrrgeſe ſen, bis er 401 merkſamkeit in Anſpruch, denn er bemerkte und umfaßte im Nu zwei Gruppen, nämlich Hjelm, der ſo eben angekommen war und mit dem Paſtor am einen Fenſter plauderte, und Emilie, die am Ofen ſitzend dem Capitän Oddjers zuhörte, der an ihrer Seite ſtand und irgend ein Ereigniß beſchrieb. Was der Capitän ſprach, brauchte Holt nicht zu hören— er hatte am Sehen genug, und ſo blitzſchnell war ſeine Auffaſſung, daß er in ſeinem Herzen gleichſam einen brennenden Abdruck des Blickes empfand, welchen der Capitän auf die junge Frau heftete. Und gleichwohl war dieſer Blick ſo verſchleiert, daß Emilie ſelbſt Nichts bemerkte. Holts zweiter Blick fiel auf Hjelms ruhiges und ſchönes Geſicht. „Glückliche Sorgloſigkeit!“ dachte er.„Ich brauchte kaum einen halben Blick, um Alles zu ſehen, und er der den ganzen Tag zuſieht, weiß Nichts. Behalte immerhin Deine Blindheit— ich will Dir die Augen ſchon öffnen, wenn es nöthig iſt.“ Und jetzt wurden Capitän Oddjers und der zweite Aſſocié der Firma gegenſeitig vorgeſtellt, und dann entſtand ein allge⸗ meines Geſpräch, bis der Appetitſchnaps gemeldet wurde. Bei Tiſch bemerkte Jedermann, daß Holt— was beſonders Hjelm und den Jachtlieutenant in Verwunderung ſetzte— gegen den Letztern weit freundlicher war als gegen den Capitän Odd⸗ jers, welcher ſeinerſeits ebenfalls einen ſtarken Widerwillen gegen Holt faßte. Als ſie nach einer Stunde vom Tiſch aufſtanden, hatte dieſer Widerwille ſich zu einer vollſtändigen, obſchon gehei⸗ men Feindſchaft ausgebildet. Die Sache war die, daß Capitän Oddjers einen um Nichts weniger ſichern Blick als Holt und wahrſcheinlich denſelben In⸗ ſtinct beſaß, denn obſchon er in Bezug auf ſich ſelbſt noch keine Klarheit hatte, ſo ſah er doch ganz deutlich, daß Holt ſchrecklich, ja bis zum Wahnſinn in die Frau ſeines Aſſocié verliebt war, 2 Car len, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 26 40² und er konnte ſich daher ſeinerſeits die Ruhe Hjelms nicht er⸗ klären, der von dieſen haſtigen Farbenwechſeln, dieſen kleinen Sticheleien und dieſen flammenden Blicken Nichts bemerkte, die alles Mögliche in ſich ſchloßen: Haß, Zorn, Neid, Kummer— Leidenſchaften von denen jede einzelne für ſich einen Aufruhr ſtiften konnte, und die zuſammen unter dem Oberbefehl einer un⸗ geſtümen unglücklichen Liebe gefährliche Wirkungen zu Stande in bringen durften. de Aber außer dieſen zwei hellſehenden Gäſten ſah Niemand hi etwas Anderes, als daß Alles ganz angenehm und behaglich vo war, mit Ausnahme der kalten Höflichkeit zwiſchen Oddjers und Li olt. 58 b 1 Thorborg hatte heute blos als Wirthin Augen. Gudmar 8 beſann ſich ſo, daß er meinte, der Kopf müſſe ihm zerſpringen, ha ohne jedoch begreifen zu können, warum Holt, der in doppelter Beziehung ſein Feind war, aus eigenem Antrieb ſich eingefun⸗ Vo den hatte, um dieſen Freundſchaftsbeſuch abzuſtatten. e Was Hjelm und Emilie betraf, ſo ſahen ſie einander ſehr häufig an, er mit einem immer lebhafteren Blick, ſie mit einer leichten br Verlegenheit und Verſchämtheit, in Folge deren ſie ihre Augen niederſchlug, denn je öfter die Vorſtellung: er ſieht mich jetzt ge⸗ bor wiß mit andern Blicken an als vorher! ihr Herz zum Klopfen Fre brachte, um ſo weniger freimüthig wurde ſie ſelbſt, und all die hun jungfräuliche Schüchternheit, die bei der übereilten Verlobung ge⸗ zu fehlt hatte, verſchönte jetzt ihr Geſicht wie ihre ganze Seele. Sie läß empfand ein unwiderſtehliches Bedürfniß ihre eigenen Gefühle, nal je mehr ſie ſich veredelten, um ſo 1 ehr vor ihrem Manne zu 3 ſtän verbergen, bis er es vollkommen vergeſſen hätte, daß im Anfang nich ſie es geweſen, die ihm entgegengekommen war. Aber noch bleibt uns übrig des Wirthes ſelbſt zu gedenken, nämlich des ehrlichen Paſtors. Er konnte aus zwei Gründen ſchie Nichts ſehen: erſtens weil er ſolche„Lappalien“ niemals beachtete, und dann weil er mit ſeinem eigenen und ſeiner Gäſte Vergnügen 403 beſchäftigt war und ein Geſchichtchen ums andere zum Beſten gab. „Ich begreife nicht, Herr Paſtor,“ bemerkte Capitän Odd⸗ jers,„wie Ihr Gedächtniß für einen ſo großen Reichthum und ſo vielfache Abwechslungen ausreichen kann.“ „O, der Vorrath vergrößert ſich von Jahr zu Jahr. Erſt in der vorigen Woche wurde ich zu einem alten Fiſcher gerufen, der an einer ganz eigenthümlichen Seelenangſt litt, welche ihn hinderte ſich ſo wie er wollte und ſollte zur Ueberfahrt in Cha⸗ rons Nachen klar zu machen... Aber ich ſehe der Jungfrau Lilienthau an ihrem Geſichtchen an— ich ſtehe natürlich unter dem Pantoffel— daß es am beſten iſt die Geſchichte bis nach Tiſch aufzubewahren. Man muß hernach auch noch Etwas haben.“ „Nun inzwiſchen,“ fiel Gudmar ein,„will ich mich als meines Vaters würdiger Sohn erweiſen und auch mit einem Geſchichtchen herausrücken.“ „Thue das, aber ſorge, daß ich mich nicht an Dir zu ſchämen brauche.“ „Du biſt ja billig, Vater... Auf der Rückreiſe von Göte⸗ borg machte ich einen Abſtecher nach Marſtrand, wo ich meinen Freund, den Stadtfiscal traf, einen armen Teufel der ſich um hundert Thaler Banco abquälen muß, weßhalb er auch die zu ſeinem Beruf erforderliche Wachſamkeit nie aus dem Auge läßt. Während wir ein kleines Frühſtück im Wirthshaus ein⸗ nahmen, fragte ich ihn mit Theilnahme, wie ſeine Actien jetzt ſtänden. ‚Bruder“, antwortete er, im Vertrauen geſagt, wenn ich nicht bald eine Tracht Prügel bekomme, ſo verhungere ich.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte die Geſellſchaft lachend. „Ja, es iſt Zeit, daß ich eine neue Perſon in meine Ge⸗ ſchichte einführe.“ „Der Teufel ſteckt in dem Jungen, er macht es nicht un⸗ geſchickt,“ warf der Paſtor ein;„fahr jetzt nur fort.“ 404 „Sie müſſen wiſſen, meine Herrſchaften, daß es einen Lieute⸗ nant gibt, der nach Marſtrand commandirt iſt, weil er von ſo ungeſtüm brauſendem Charakter iſt, daß man ihn nirgends an⸗ ders haben will, obwohl er ſonſt ein ganz angenehmer und bra⸗ ver Burſche iſt. Wenn er Nichts zu thun hat, vertreibt er ſich die Zeit mit Billardſpielen. Da er aber auch hier ſeine Hitze nicht zu bezwingen vermag, ſo gebraucht er ſein Queue gegen Jeden der zufällig den Mund verzieht, wenn er unglücklich ſpielt und in Folge deß in ſeine Berſerkerwuth geräth. Dies hat Händel, Schlägereien und zuletzt die Einmiſchung des Stadtfiscals zur Folge, der juſt dieſen Augenblick abwartet, um ein Wort darein⸗ zuſprechen. Aber der Lieutenant, der niemals eine andere Auto⸗ rität anerkennt als ſeine eigene, läßt dann ſein Queue mit dem Fiscal ſpielen um ihm die Sache begreiflich zu machen. Natür⸗ lich begreift mein Freund ſie doch nicht anders als ſo, daß es zuletzt zu einer gerichtlichen Vorladung kommt und der Lieute⸗ nant zu Geldſtrafen verurtheilt wird, die gerade recht kommen, um den leeren Raum in der Taſche des Dieners der Gerechtig⸗ keit auszufüllen. Sein einziger Kummer beſteht jetzt darin, daß er für die Dauer nicht mehr dem Schmollis ausweichen kann, womit der Lieutenant ihn, wie es ſcheint, ſchon mehrere Male beehren wollte. ‚Du begreifſt’, ſagte er zu mir, ‚daß dieſe Ein⸗ kommensquelle verſiegen muß, wenn ich einmal Brüderſchaft mit ihm gemacht habe.“ Die Geſellſchaft äußerte ihren großen Beifall über die Klar⸗ heit, welche ſie in Betreff des merkwürdigen Umſtandes gewon⸗ nen, daß man in Ermanglung einer Prügelſuppe verhungern könne. „Meiner Seel, noch leben die alten Götter!“ rief unſer Paſtor und erhob ſein Glas, indem er ſich gegen ſeinen Sohn wandte. 3 Der junge Jachtlieutenant, der ſich durch dieſe Anerkennung ungemein geſchmeichelt fühlte, ſtieß mit ſeinem Vater an, wobei 405⁵ man in den funkelnden Blicken Beider die innige Liebe bemerkte, die ſie in der Tiefe ihres Herzens für einander hegten.. Die Geſellſchaft erhob ſich jetzt von der Tafel. Und als Gudmar in ſeines Vaters Zimmer die rauchende Bople gebracht ſich— er ſchwelgte heute auf Koſten Holts und ſeiner Principale— jitze da ließen ſich die Herren mit den Cigarren in dem Mund um gen den Tiſch nieder, und der Alte wurde aufgefordert ſeine Ge⸗ dielt ſchichte zu erzählen, die er bis dahin hinausgeſchoben hatte. del,„Nun, bei dem Krankenbeſuch ging es ſo zu... die Ge⸗ zur ſchichte iſt nicht ſo fein und neu wie die von meinem Sohn, aber ein⸗ dafür um ſo älter und kräftiger. Ich wurde wie geſagt zu einem uto⸗ alten Fiſcher gerufen. Nun, mein lieber Vater Pehr, ſagte ich, dem Ihr habt ernſte Botſchaft erhalten, wie ich höre— ja, wir müſ⸗ tür: ſen Alle dieſen Weg reiſen, und Ihr habt, das weiß Jedermann, es keine ſchwere Schuld auf dem Gewiſſen, und das muß Euch fröh⸗ ute⸗ lichen Muth auf die Fahrt geben.“ ꝛen,„Gott beſſere es,“ antwortete er, ‚ich habe einen ſchweren tig⸗ Scrupel, Herr Paſtor, und der verfolgt mich ſo, daß ich keine daß Ruhe finden kann, um an das zu denken, an was ein Chriſten⸗ mmn, menſch allein denken ſollte.““ dale„So ſprich denn, mein lieber Pehr, ermahnte ich. Alles Fin⸗ iſt doch in Ordnung zwiſchen Euch und Eurer Frau und Euren mit Kindern?“ „Ja Gott ſei Dank, Herr Paſtor, da hängt es nicht hin⸗ lar⸗ nuß„ G5 iſt eine alte Sache, die jetzt ans Tageslicht hervor : muß. en b„Ich will ſie hervorziehen... Sagt mir, Vater Pehr, wann hat ſie ſich zugetragen?“ nſer„ Ach, lieber Herr Paſtor, es war an einem Herbſttag vor ohn vielen vielen Jahren, als ich beim Thranſieden mithalf, es war 4 jedoch in denſelben Tagen, wo der holländiſche Capitän ver⸗ ung I ſchwand, ohne daß Jemand eine Spur von der Leiche auffinden konnte.“ 406 „Ich erinnere mich. Nun weiter?“ 6 „„Ja, es war an einem Abend in der Dämmerung. Wäh⸗ 3 rend der Topf kochte, ging ich am Ufer hin und guckte nach, ob etwa Fiſchrogen oder ſo Etwas herangeſchwommen ſei, und ſe da bekam ich auf einmal Etwas, wovon ich glaubte, es könne zu einem Muſchel⸗ oder andern größern Seethier gehören. 4 m Ich hatte Eile und ſah nicht weiter darauf, ſondern warf es b zum Andern in den Topf. Aber, Herr Jeſus, wie ſchwer fiel le es mir auf die Seele, als ich nach einer Weile mit der Fich⸗ m tenfackel über den Sud hinleuchtete und ein kleines Kleidungs⸗ ſtück mit einem Knopf oben ſchwimmen ſah. Ich begrief ſogleich, daß dies die Ueberreſte eines Menſchen ſein mußten, und ſichere fo lich gehörten ſie zu dem Holländer, der wahrſcheinlich an den 7⸗ blinden Klippen zerriſſen worden war: das konnte ich aus dem Knopf erſehen. Ich erſchrack dermaßen, daß ich den ganzen 1 ſo Thranſud hätte ausſchütten mögen, aber Sie wiſſen ja, Herr la Paſtor, wie es mit dem armen Manne ſteht: er muß oft ſein Ge⸗ 3 wiſſen auf die Seite legen— mit was hätten wir armen Leute den 4 ni Winter über uns beleuchten ſollen, wenn ich meinem Willen ge⸗ gefolgt wäre? Ich that jedoch was ich konnte: ich zog die Sachen ge heraus und begrub ſie an einem Sonntag Abend in chriſtlicher gl Erde. Aber Gott weiß, wie ſchwer dieſer Thran hernach den m ganzen Winter hindurch brannte.“ Und der unſchuldige Sünder weinte wie ein Kind. 4 de „Mein lieber Pehr,“ tröſtete ich ihn,„Ihr könnt ganz frohen B Muthes ſein. Glücklich wer mit keiner ſchwereren Gewiſſenslaſt tã vor den Herrn zu treten hat! Denn Ihr habt nichts Schlim⸗ meres gethan, als aus einem Seecapitän Thran ausgekocht, hi darum könnt Ihr klar dahingehen und werdet gewiß in reines lie Waſſer kommen.“ de „Die Geſchichte iſt wirklich charakteriſtiſch für die Scheeren,“ de fiel Hjelm ein.„Aber wir wollen doch hören, ob Capitän Odd⸗ V lei 407 jers eben ſo geneigt iſt dem armen Fiſcher Abſolution zu er⸗ theilen.“ „O gewiß,“ antwortete der Capitän.„Man kann's noch ſchlimmer bekommen. Wie mancher Schiffscapitän, dem es wäh⸗ rend ſeines Lebens nicht gelungen iſt den Menſchen zu leuchten, wäre froh, wenn er es ſpäter könnte! Das iſt immer noch beſſer als von den Fiſchen aufgefreſſen zu werden, was viel⸗ leicht früher oder ſpäter mein Loos wird, wie es ſchon ſo manchem Andern widerfahren iſt.“....... Während das Geſpräch in dieſem Geiſt bei den Herren fortgeführt wurde, ſaßen Emilie und Thorborg nach dem Caffee beiſammen und plauderten vor dem Kaminfeuer im Wohnzimmer. „Nun ja, liebe Thorborg, wenn er auch nicht gerade ſo ſchön iſt wie mein Ake, ſo kann er ſich doch recht wohl ſehen laſſen,“ ſagte Emilie mit ſtolzem Behagen.. „Ich finde, daß er ſich in Bezug auf ſein Aeußeres auch nicht mit Gudmar meſſen darf,“ antwortete Thorborg. „O, ſagſt Du das? Dein Bruder iſt allerdings ein aus⸗ gezeichnet hübſcher junger Mann und mein großer Liebling, aber gleichwohl fürchte ich, daß er hinter Capitän Oddjers zurückſtehen muß.“ „Es gefällt mir nicht das von Dir hören zu müſſen, und dennoch ſage ich dies wahrlich nicht darum, weil Gudmar mein Bruder iſt. Aber was kannſt Du denn eigentlich an dem Capi⸗ tän Vortheilhafteres finden?“ „Ich kann mein Wohlgefallen nicht im Detail abwägen und hinzulegen oder davonnehmen. Beide ſind angenehm und männ⸗ lich in ihrem Weſen, Beide wiſſen ſich wohl zu bewegen, aber in der Unterhaltung des Capitäns— obſchon er ſonſt offenbar der ernſtere von Beiden iſt— liegt manchmal etwas ſo Feder⸗ leichtes, daß man ſich ordentlich mit ihm fortgeblaſen fühlt.“ „Ich danke Gott,“ antwortete Thorborg etwas ſtreng,„daß 408 ich nie in Verſuchung gerathen bin mich im Geſpräch mit irgend einem Herrn fortblaſen zu laſſen, und ich kann nicht leugnen, daß ich Dich lieber eine gediegenere Eigenſchaft nennen gehört hätte.“ „Ach Du liebe Heilige, welch einen feierlichen Ton Du für Nichts und wieder Nichts annimmſt! Wenn Du Capitän Oddjers noch ſo oberflächlich betrachteſt, ſo findeſt Du ſicherlich, daß er ein Mann von kalter Strenge und wahrhaft gediegenen Grund⸗ ſätzen iſt. Und wenn er mit Damen in einem leichtern Tone ſpricht, ſo iſt das ein Verdienſt, worauf ich beſondern Werth lege. Wer kann wohl wünſchen unaufhörlich in eitel Vernunft zu ſprechen und davon zu leben? Es iſt ſo angenehm ein Bischen aufgeheitert und ein Bischen geärgert zu werden— Das bringt friſchen Wind in die Lebensgeiſter.“ „So kann er Dich auch ärgern?“ „a, das darfſt Du wohl glauben. Ich kann ſo böſe auf ihn werden, daß ich mit dem Fuß nach ihm treten möchte, wenn dies nicht ſo entſetzlich einfältig und ſo gänzlich unter meiner Würde wäre— ſonſt hätte ich ſehr große Luſt zu dieſer ſo be⸗ zeichnenden Bewegung.“ „Das heißt,“ verſetzte Thorborg lachend,„Du haſt dieſelbe Neigung wie Papas Hammel... Aber bei welcher Gelegenheit fühlteſt Du Dich das letzte Mal ſo aufgebracht gegen den Ca⸗ pitän?“ 1 1 „Auf dem Herweg heute früh, als er behauptete, ich müſſe ganz gewiß volle zweiundzwanzig Jahre alt ſein. Ich zweiund⸗ zwanzig Jahre, während doch alle Leute ſagen, daß ich noch jün⸗ ger ausſehe als ich bin.“ „Nun, das war doch nicht ſo entſetzlich.“ „Wie— nicht ſo entſetzlich mein Alter um vierthalb Jahre vorzurücken! das war ein recht ſchlechter Gedanke von ihm, zu⸗ mal er noch hinzufügte, meine hübſche Matronenwürde hätte ihn 409 veranlaßt auf ſechsunddreißig zu rathen, wenn er nicht gehört hätte, daß ich noch ſehr jung ſei. Was ſagſt Du dazu?“ „Ich ſage, daß ich ſogleich dieſes Geſpräch abgebrochen haben würde.“ „Ja. Aber bald gab es etwas Neues was mich feſſelte, und ich kann nicht umhin meine Freude daran zu finden. Ich habe mir jedoch vorgenommen, wenn er das nächſte Mal wieder⸗ kommt— Du weißt, daß er morgen abreist— ſo ſoll unſer Geſpräch keine ſo leichte Form mehr annehmen dürfen, denn man wird dadurch ſo bekannt, daß... Aber ſieh, da iſt er jetzt unter der Thüre. Siehſt Du,“ fügte ſie leiſer hinzu,„ich könnte in Verſuchung gerathen mir dieſe Jahre zu wünſchen, denn manchmal— ich empfinde das mit brennendem Verdruß— liegt etwas Unbeholfenes in meinen Verſuchen wie eine reife und würdige Frau aufzutreten: jeder Menſch mit einigem Scharfſinn kann das Kind und das Mädchen zwiſchen dem Frauengitter hervorſchauen ſehen. Manchmal will ich lachen, manchmal will ich weinen, daß ich nicht recht ins Zeug komme. Bald glaube ich zu wenig, bald zu viel beobachtet zu werden. Es kann nicht möglich ſein, daß ich gerade ſo bin, wie ich als Frau ſein ſoll — aber wer mir etwas Anderes ſagte, würde mein Feind wer⸗ den, denn ich will immer mit mir ſelbſt zufrieden ſein, und das bin ich auch ſo ziemlich.“ Jetzt ſteuerte nicht blos der Capitän, ſondern auch Holt über die Schwelle nach der Seite der Damen zu. „Sieh einmal Holt an,“ flüſterte Thorborg. So aufgefordert wandte ſich Emilie um, und ein Schauer durchbebte ſie, als ſie in Holts düſteren Blicken einen zornigen Hohn las. „Ich hoffe ein einziges Mal willkommen zu ſein,“ ſagte er, indem er eine leichte Verbeugung vor Emilie machte,„da ich mit Grüßen von Mamſell Moß komme.“ „Die Grüße ſind mir theuer, wer ſie auch bringen mag,“ 410 antwortete die junge Frau.„Aber Herr Holt, wollten Sie nicht heute in Gläborg bleiben? Ich glaubte es beſtimmt.“ „In dieſem Fall iſt es ganz unverantwortlich von mir eine ſo angenehme Illuſion zu ſtören, und ich weiß nicht, ob es mir zukommt um Entſchuldigung meines unfreiwilligen Fehlers zu bitten, denn natürlich konnte ich nicht wiſſen, daß man ſo beſtimmt auf meine Abweſenheit rechnete.“ „Jetzt glaube ich, daß Sie zu viel Gewicht auf meine Worte legen, Herr Holt. Wenigſtens iſt das mehr als ich ſelbſt meinte. In dem Haus, das auch Sie, Herr Holt, als Ihr Eigenthum betrachten können, bedarf es ja keiner Umſtände— jedenfalls hoffe ich, daß Uljana Alles ſo in Ordnung hatte, wie es ſich gebührte.“ „Meine liebe Emilie,“ fiel Hjelm ein, der hereingekommen war und, da er den letztern Theil des Geſprächs gehört hatte, glaubte, Holts flammende Wangen und entzündete Augen könnten mit einer verletzten Eitelkeit in Verbindung ſtehen,„meine liebe Emilie, es verräth eine gar zu große Unkenntniß von Dir, wenn Du ſagſt, daß auch Holt das Haus als ſein Eigenthum betrachten könne: Holt iſt ja daheim bei ſich ſelbſt.“. „Ei, ei,“ dachte die junge Frau, indem ſie beinahe eben ſo roth wurde wie Holt,„ſoll ich jetzt um dieſes infamen Menſchen willen von meinem Manne zurechtgewieſen werden, und noch überdies in Gegenwart des Capitäns Oddjers— denn obſchon er jetzt mit Thorborg plaudert, ſo bin ich doch überzeugt, daß er jedes Wort gehört hat. Und daß Ake es der Mühe werth finden konnte, Holt eine ſolche Aufmerkſamkeit zu erweiſen! Aber jetzt beſteht meine Kunſt darin, daß ich mich ſelbſt beherrſchen kann und nicht zeige, wie böſe ich auf Ake und den Herrn Aſſocié bin.“ „Deine Frau,“ bemerkte Holt,„hat ſicherlich ein Vorurtheil gegen die Aſſociéſchaft und wird ſie daher in einem andern als dem gewöhnlichen Licht betrachten.“ Nachdem Emilie, bemüht ihre Faſſung wieder zu gewinnen, 411 die Volants ihres ſchwarzen Taffetkleides gänzlich zerknittert hatte, ſtatt ſie glatt zu ſtreichen, richtete ſie ſich auf. „Mein Freund,“ ſagte ſie mit einem erzwungenen Lächeln zu ihrem Mann,„wenn Du noch öfter Gelegenheit haſt Dich über meine Unwiſſenheit zu beklagen, ſo bitte ich Dich vor der Hand um Nachſicht mit derſelben, aber was den vorliegenden Fall be⸗ trifft, ſo glaube ich mich nicht entſchuldigen zu müſſen. Herr Holt weiß wohl, daß wir unter uns einen laufenden Zins haben — heißt es nicht ſo in der Handelsſprache?— und erſt wenn dieſer einbezahlt iſt, wird es Zeit an die Furcht vor eigenen Schulden zu denken.“ Alles das wurde in einem halb ſcherzenden, halb ernſthaften Ton hingeworfen. Aber Holt verſtand ihren unbedachtſamen Uebermuth wohl, und Thorborg verſtand ihn auch. Emilie ſah dies aus dem betrübten und bittenden Blicke ihrer Freundin. Ake vermuthete, Emilie erinnere ſich an irgend einen kleinen Wortwechſel vom Abend des Bauernaufſtandes her, und da er für Holts Ehre genug gethan zu haben meinte, ſo wollte er die geringe Geduld ſeiner Frau nicht weiter auf die Probe ſetzen. Während dieſes kleinen Zwiſchenauftritts war der Capitän Oddjers in vollem Geſpräch mit Thorborg und Gudmar geweſen, ſo daß keine Spaltung oder Steifheit eingetreten war, als der Paſtor ſelbſt jetzt mit einigen Gläſern auf dem Präſentirteller hereinkam, um mit der jungen Frau anzuſtoßen...... Eine Stunde ſpäter befand ſich die Geſellſchaft von Svpart⸗ ſkär auf dem Heimweg. Zwiſchen Emilie und ihrem Mann wurde kein Wort über den letzten Auftritt gewechſelt und über⸗ haupt nicht viel geſprochen: ſie war noch ein wenig pikirt auf ihren Ake und hörte deshalb mit doppelt intereſſirter Aufmerkſam⸗ keit Capitän Oddjers an, der auf ſchmeichelhafte Art ſein Be⸗ dauern ausſprach das ſonnenhelle Svartſkär verlaſſen zu müſſen. Nach dem Abendeſſen nahm Hjelm die Gelegenheit wahr Holt zu fragen, aus welcher Veranlaſſung er unter den obwalten⸗ 412 den Umſtänden dazu gekommen ſei den Jachtlieutenant zu be⸗ ſuchen. Ein kleiner Farbenwechſel ging auf Holts Geſicht vor. Dann antwortete er mit Zuverſicht:„Haſt Du's nicht eingeſehen? es geſchah um ihn vollſtändig irre zu leiten. Ich beſitze noch Ge⸗ walt genug über mich ſelbſt um einzuſehen, daß derjenige der ſich am kühnſten zeigt am wenigſten beargwöhnt wird.“ „Aber dieſer Wein muß Dir doch ſauer geſchmeckt haben.“ „O, ich kanns nicht ſagen— ich habe ihn nicht bezahlt, ſondern meine ehemaligen Principale, die mich durch die brutale Art, wie ſie die Sache aufnahmen, von der Unruhe befreiten, welche ich früher ausſtand. Im Uebrigen iſt ja bei der ganzen Sache Niemand zum Vorſchein gekommen als die Mörköer.“ Zur ſelbigen Zeit, wo Holt ſeinem Aſſocié dieſe pfiffige Erklärung abgab, war der Paſtor während des Stiefelabziehens im beſten Zug der alten Vivika ſeine Zufriedenheit über das gelungene Mittageſſen auszuſprechen, und fragte bei dieſer Ge⸗ legenheit, ob der Hammel wie gewöhnlich ſeinen Antheil bekommen habe. „Wie können Sie ſo etwas Ungebührliches fragen, Herr Paſtor? Ehe ich den Hammel vergäße, würde ich noch lieber von den Speiſen nehmen, die ich auf Ihren Befehl auf morgen Abend für den Küſter aufheben mußte, der ſich gewiß recht daran ver⸗ luſtiren wird.“ * 2 1 Am folgenden Tag reiste Capitän Oddjers nach Lyſekil, um jedoch der Uebereinkunft zufolge bei der nächſten beſten Gelegenheit zurückzukommen. — 413 Neununddreißigſtes Kapitel. Zuſammenkunft auf Schloß Hornborg. Eines Vormittags in der Mitte Novembers war es der klarſten Herbſtſonne, die noch den Winkel der Nordſee beleuchtet hatte, wohin unſere Ereigniſſe verlegt ſind, gelungen alle Nebel zu verdrängen und mit ihrem ſtrahlenden Glanz nicht blos die röthlichen Steinmaſſen des ganzen Ufergürtels zu beleuchten, ſon⸗ dern vor allen Dingen ihren vollen Reichthum auf einen Platz zu concentriren, wo zwei liebende Herzen heute ihren Bund zu beſiegeln gedachten. Dieſer Platz war Hornborg, die einzige Antiquität des Quillebezirks, die nach der Ausſage der Chroniſten von einigem hiſtoriſchen Lichte beglänzt wird.. Schloß Hornborg— gelegen am Sund, Hamburgö gegen⸗ über— heißt eine ſehr hohe Klippe, die mit beinahe lothrechten Wänden in die See hinabfällt, aber auf der Landſeite, wo ſie von einem engen Thal umgeben iſt, einen terraſſenförmigen Ab⸗ ſatz hat. Dieſes Plateau iſt von einem mächtigen Erdwall um⸗ ſchloſſen, innerhalb deſſen man ſchwache Spuren von Gebäuden findet, wie auch eine Ciſterne, der ſelbſt bei der langwierigſten Trockenheit das Waſſer nie ausgeht. Aufmauerungen und Erd⸗ auffüllungen ſind auch auf dem Abſatz des Berges gegen die Landſeite und überall in den Klüften zu treffen, weßhalb die Klippe ſich vor den umliegenden Bergen durch eine reichere Vege⸗ tation auszeichnet. Unten im Thal liegen einige Ueberbleibſel von Alterthümern, die der Heidenzeit angehören. Nach der Volksſage wurde dieſe Burg von einem Horne erbaut, der in einem Steinhaufen auf der nicht weit entlegenen Hornö begraben liegen ſoll. Gebhardi in ſeiner Geſchichte Nor⸗ wegens erwähnt, daß Schloß Hornborg im Jahr 1218 von 414 Neuem aufgebaut worden ſei. Gleichwohl war es ſchon früher ein Sammelplatz für die Bewohner der nördlichen Provinz bei wichtigen Berathungen geweſen, und hier war es, daß Hakon Hakonsſon von ihnen 1217 zum König ausgerufen wurde. Ums Jahr 1138 kommt der Name in der Sage vom König Inge Haraldsſon vor. Wann es zerſtört wurde, weiß man nicht. Daß es bis zur Zeit Chriſtians II. mit Macht behauptet und von ihm niedergeriſſen worden ſei, wie Gebhardi will, erſcheint weniger annehmbar. Dagegen iſt es möglich, daß dieſe Burg eine der Feſtungen war, welche der Reichsmarſchall Thord Bonde in der Mitte des 15. Jahrhunderts beſetzt hielt und die nach ſeinem Tod von den Norwegern zerſtört wurden. Dieſe Annahme ſtützt ſich auf eine weit verbreitete Sage. Die Burg ſoll nämlich von den Norwegern hart belagert worden ſein, dieſe aber konnten ſie nicht einnehmen, bevor ſie auf Anrathen eines alten Weibes von dem nahe gelegenen Nordmannaberg herabſchoßen, worauf die Veſte endlich eingenommen und zerſtört wurde, nachdem der einzige überlebende Mann von der Beſatzung ſich in die See geworfen hatte und entkommen war. Gudmar kam zuerſt. Er kam von Hamburgö— wo die Zolljacht wegen beſonderer Angelegenheiten lag— ganz allein über den Sund herüber nach dem jetzt ſo ſtillen Hornborg, wo er landete. Auf dem Plateau angekommen ſchaute er ſich ringsum und zog ſeine Uhr heraus. „Es iſt erſt dreiviertel auf zwölf— ſie kommt gewiß nicht früher als ſie geſagt hat. Welch ein Glück, daß unſer Vater da droben mit mehr Wohlgefallen als dieſer harte irdiſche Vater auf unſere Liebe herabſchaut— welch ein Glück, daß die Sonne am Himmel leuchtet, an der ſie ſich wärmen und vergeſſen kann, daß ſie von dem warmen Herd des elterlichen Hauſes nach dieſem alten Steinherd der Natur fliehen mußte! Aber wo Gott und 415 die Sonne wohnen, da iſt es immer warm genug für liebende Herzen.“ Er begann die Abſätze wieder hinabzuſteigen. Und wer zeigte ſich jetzt unten im Thal?— Mafjken, hellſtrahlend wie das Tageslicht ſelbſt und lebenswarm von Geſundheit und Liebe. „O, ſei geſegnet, daß Du kommſt, meine geliebte herrliche Maid! Das Herz, das in Deiner muthigen Bruſt ſchlägt, kennt keine kindiſche Feſſel: Du fürchteſt Dich nicht mit Deinem Gud⸗ mar überall, wo es auch ſein mag, zuſammenzutreffen!“ „Fürchten, Geliebter?— Was ſollte ich denn fürchten? Stehen wir nicht unter derſelben Obhut, ob wir uns nun im Schutze der Mauern treffen, die Menſchenhände errichtet, oder innerhalb dieſer feſten Felſenwände, die geſchaffen ſind, lange be⸗ vor die Menſchen ihr Werk hinzufügten, das jetzt nur noch Ruinen darbietet? Hier ſehen wir den allgewaltigen Geiſt, deſſen Kraft ſeine Arbeit mit Macht feſthält, während die Arbeiten der kleinen Geiſter in Staub zerfallen und vom Wind über die Mauer hinabgeblaſen worden ſind, die ſeit Jahrtauſenden ihren Fuß in dieſem ſchäumenden Waſſer badet. O, mein Gudmar, es iſt etwas Wonnevolles dieſen mächtigen Geiſt anzubeten, für welchen Nichts zu klein iſt, als daß er es nicht eines Blickes aus ſeinem ſegnenden Auge würdigte.“ „Ja,“ antwortete Gudmar,„aber ganz beſonders in Deiner Nähe fühle ich es lebendiger, was es heißen will ein Funke von Ihm zu ſein, der in der Stunde der Zurückforderung dieſen Funken wie eine helle Flamme leuchten laſſen wird. Aber ge⸗ trennt von Dir, im beſtändigen Getöſe der kleinen Tagesgeſchäfte, Zerſtreuungen und wechſelnden Verhältniſſe fühle ich mich oft ſo umdüſtert, daß die arme Seele, im höhern Sinn geſprochen, ſich nicht durch den Nebel hindurcharbeiten kann, ſondern warten muß, bis warme Winde kommen und ihn zerſtreuen.“ „Du biſt in der Bilderſprache ſehr zu Hauſe,“ ſagte Majken, indem ſie den Arm ihres Geliebten nahm und mit ihm höher 416 hinauf auf das Plateau ſtieg, wo die alten Erdwälle ihnen Schutz verliehen.„Aber obſchon ich wahrlich nicht abgeneigt bin anzu⸗ nehmen, daß die irdiſche Liebe große Werke vollbringe, ſo bin ich doch überzeugt, daß Du, mein Gudmar, wenigſtens in ernſten Augenblicken Deines Lebens Deine Seele klar aus den Nebeln hervorgehen fühlſt.“ „Nein, Geliebte, das iſt nicht der Fall, im Gegentheil in gewiſſen Zwiſchenſtunden gerathe ich in ſolche Finſterniß, daß mein Compaß mir keine Richtung mehr zeigt. Aber ein ſolcher Zuſtand tritt nur dann ein, wenn ich von der entſetzlichen Furcht heimgeſucht werde, daß ich auf die eine oder andere Weiſe Dich verlieren könnte.“ „Aber Du kannſt mich ja nie verlieren.“ „Was ſagſt Du— kann ich Dich nie verlieren? O, hüte Dich, meine Maid, daß Du nicht einen andern Spruch hervor⸗ rufſt, der nicht ſo tröſtlich klingt.“ „Mein Gudmar— was man einmal wirklich beſeſſen hat, kann man nie verlieren. Verſteh mich recht! Im Leben kannſt Du mich nie verlieren: Du glaubſt ja oder vielmehr Du weißt, daß ich Dein bin, eben ſo ſicher als ob ich Deine ange⸗ traute Gattin wäre, oder ſogar noch ſicherer, denn in der Ehe kann man ſich trennen, während ich dagegen eine durch ein feſtes Geſetz Gottes mit Dir verbundene Seele bin, die Dich niemals verlaſſen wird.“ „Ja ja, daran glaube ich.“ „Nun, wenn Du daran glaubſt, ſo mußt Du ja ruhig und getroſt ſein, denn dann kannſt Du mich nicht verlieren.“ „Und der Tod?“ „Würdeſt Du mich durch den Tod verlieren, oder würde ich Dich durch ihn verlieren? Ach Gudmar, wie kannſt Du mich ſo betrüben? Ja, jetzt glaube ich an den Nebel, der zuweilen Deine Seele umhüllt. Aber ſo darf es nicht ſein, hörſt Du? Ich fühle mit einer unbeſchreiblich erhebenden Zuverſicht, daß unſere anzu⸗ bbin nſten ebeln Il in daß lcher urcht Dich hüte vor⸗ eſſen eben Du ange⸗ Ehe eſtes nals und e ich h ſo heine ühle ſere Verbindung hienieden nur ihren erſten Anfang hat. Wie kurz iſt nicht das Leben... Meinſt Du, daß es für eine Liebe wie die unſerige ausreichen würde?“ „Ja, es iſt wie ich ſage,“ antwortete Gudmar mit einem ſtrahlenden und lächelnden Blick,„Deine Liebe erhellt mein Dunkel. Nun wohl, ſind denn nicht ſeit unvordenklichen Zeiten gute Engel geſchickt worden, um die Verirrten zu leiten? Du biſt mein Engel, und wohin Du mich führſt, dahin folge ich vertrauensvoll, das ſchwöre ich aus der tiefſten Tiefe meines Herzens.“ „Dank, o Dank... Und laß uns jetzt ſehen, was Du mitbringſt— Du haſt ſie doch wohl bei Dir?? „Natürlich. Und wie manchen Kuß hat nicht der Ring be⸗ kommen, der Deinen Finger umſchließen ſoll! Wenn ich zuerſt hinſcheide, um Dich zu erwarten, ſo wird dieſer Ring noch ſo viel Wärme von meinen Lippen übriß haben, daß. Du ihn nie⸗ mals kalt fühlen wirſt, wenn er die Deinigen berührt.“ „Ach, gib mir ihn ſogleich! Ich weiß nicht, warum wir uns nicht ſchon lange dieſe ſchönen Unterpfänder geſchaffen haben, die uns in Zeiten der Trennung ſo theuer werden.“ „Warte, geliebte Majken, ich gedenke Dich im tiefſten Ernſte um Etwas zu bitten, bevor wir unſere Ringe wechſeln Aber da haſt Du denjenigen, den Du mir geben ſollſt und den Du auf dieſelbe Art heiligen mußt.“ Mit unbeſchreiblicher Rührung, einem geheimen Schauer und dennoch einem Gefühl überſtrömender Seligkeit ergriff Maj— ken den Ring und führte ihn mehrere Male an ihre Lippen. „Sprich jetzt, mein Gudmar! Da ich dieſes Pfand in mei⸗ ner Hand halte, ſo wird es mir ſchwer werden zu irgend einem Wunſche von Dir nein zu ſagen.“ „Das hoffe ich auch, denn es wäre wahrhaftig nicht billig, wenn Du nein ſagteſt. Sieh, Geliebte, wenn Du noch mehrere Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 27 418 Jahre— ich will drei annehmen— ein demüthiges Opfer in Deines Vaters Hand geweſen biſt, mußt Du da nicht glauben, daß ſein tyranniſcher Wille ſchon mehr als allzu viel Zeit von unſerm Leben verbittert hat?“ „Ich verſtehe Dich nicht, mein Gudmar!“ „Aber ich verſtehe mich ſelbſt um ſo beſſer... Mögen Liebe und die höheren Gefühle immerhin ihr Recht behalte ſie ſind es ja, die uns als Menſchen veredeln, aber mögen w§irr auch wiſſen, daß Gott uns nicht vergebens andere Kräfte ver, liehen hat, und dieſe lehnen ſich dagegen auf, daß der eine Menſch gleichſam nur ein Rohr in der Hand des andern ſein ſoll. Hörſt Du, geliebte Majken, ich kann keinen Machtſpruch gegen Dich thun— unſere Geiſter ſind gleich— aber bei Dir nimmt die Pflicht einen zu großen Theil weg, und Alles in der Welt muß eine Grenze haben.“ „Sprich weiter, mein Lieber— ich ſehe noch nicht klar, vbo Du hinauswillſt.“— „In der Vorzeit,“ fuhr Gudmar fort, indem er ſeinen Arm gegen die unermeßliche Waſſerfläche ausſtreckte,„in der Vorzeit nahm der Streiter ſeine Maid bei der Hand und reiste mit ihr . da hinüber zu einem gaſtlicheren Strand.“ „Warum von der Vorzeit ſprechen— Du weißt ja, daß ſie jetzt nicht mehr vorhanden iſt.“ 3 „Darum handelt man auch jetzt nicht mehr ganz auf die⸗ ſelbe, aber doch auf eine ähnliche Weiſe... Wenn Dein Vater nach den drei vorgeſchlagenen Jahren uns ſeinen Segen noch nicht gegeben hat, dann laß mich Dich in ein anderes Land führen, wo wir getraut werden können. Und einmal ſo vereint... u „Mein geliebter Gudmar, wie ſehr muß es mich ſchmerzen den leuchtenden Blitz aus Deinem Auge in einen düſtern Blick verwandelt zu ſehen und mit einem Windhauch der Vernunft 3 all die friſchen Roſen wegfegen zu müſſen, die bei dieſer ſonnen⸗ warmen Idee in Deinem Herzen aufgeblüht! Aber, mein Gud⸗ —2—————— ͤ—„„“„ ——y S —— 4 419 mar, Deine Majken will keinen Stoff zu einer Ballade oder Sage auf unſern alten Botnaufern umher liefern. Werden wir mit andern Banden vereinigt, als diejenigen ſind die uns ſchon jetzt aneinander ketten, ſo muß dies unter dem Schutz der Augen meiner Mutter geſchehen, unter dem Schutz des Hauſes in das ich nie etwas Anderes als Freude einführen will, obſchon ich daſelbſt nie etwas Anderes als Kummer gefunden habe. Wenn wir uns dann und wann ein Rendezvous erlauben, ſo bringt das Niemand Schaden und erhält unſern eigenen Muth aufrecht; aber wie könnte ich in die Zukunft da droben ſehen, wenn ich meine Ehe mit einer ſo grauſamen Handlung, wie dieſe iſt, be⸗ gonnen hätte? Du haſt einen Traum gehabt, mein Geliebter, aber es war kein guter Traum, und deßhalb mußt Du Dich beeilen zu erwachen und mir zu geſtehen, ob Du nicht während Deiner Verwirrung mitunter beunruhigende Vorſtellungen hatteſt.“ Gudmar ſchwieg. Er ſtand am Erdwalle und ſchaute mit düſterem Sinn in die Tiefe hinab. „Liebſter Commandant,“ ſagte jetzt das Mädchen mit ihrer friſchen und heitern Stimme,„iſt es Zeit für Dich ſo dazuſtehen, und Deine Blicke über die Felsſteine hinabrollen zu laſſen, wenn Du Deine Majken da haſt und anſehen kannſt? Nun, kehre Dich jetzt um gegen mich und bekenne, daß Dein Traum eine garſtige Anfechtung war.“ „Ja Du biſt glücklich, denn Du haſt keine ſolche Anfech⸗ tungen. Aber ich bin recht und ſchlecht ein armer ſündiger Menſch und als ſolcher bin ich...“ „Als ſolcher biſt Du verpflichtet Dich an das zu erinnern, was Du ſo eben geſagt haſt.“ „An was?“ „Nun, Du ſagteſt mit einer Stimme die ganz anders klang als jetzt: Du biſt mein Engel und Dir folge ich vertrauensvoll, das ſchwöre ich aus der tiefſten Tiefe meines Herzens.“ 420 Gudmar war beſiegt. Als er ſich umwandte, ſah Majken es an dem feuchten Glanz in ſeinen Augen. „Leite mich alſo, wohin Du willſt, Du mein guter Engel, aber laß mich wenigſtens alles mögliche Schöne hoffen.“ „Hoffe, mein Gudmar, auf das Beſte was Himmel und Erde beſitzen... Und laß uns jetzt eilen einander die heiligen Liebesgeſchenke zu geben, denn unglücklicher Weiſe können wir hier nicht träumen uns in einem warmen Zimmer zu befinden.“ „Wie— ſchon uns trennen?“ „Nein, wahrhaftig noch vor einer Stunde nicht. Aber um beiſammen zu bleiben, müſſen wir gehen, und das können wir hier oben nicht thun. Ueberdies ſehne ich mich mit brennendem Verlangen nach der glänzenden Feſſel.“ „Nun wohl... Du ſollſt zuerſt Deinen Ring an meinen Finger ſtecken— ich bin abergläubiſch, und es iſt mir, als ob ich Dich ſicherer feſthielte, wenn ich zuerſt das Siegel der Treue trüge.“— „Und ich,“ ſagte Majken,„freue mich es zuerſt geben zu dürfen.“ Sie ergriff die theure Hand, ſchaute den Finger, dann den Ring an und blickte zu Ihm empor, der allein ihr Zeuge war. In der nächſten Sekunde ſaß der Ring an Gudmars Finger. In demſelben Augenblick wurde das Geſicht des jungen Mannes von einem ſo hohen und blendenden Glanz der Selig⸗ keit übergoſſen, daß Majken verſtummte. Ohne ein Wort zu ſprechen— als ob Worte für dieſen Moment nicht heilig genug geweſen wären— zog er jetzt den Ring hervor, den er noch beſaß, rief gleichfalls den Schutz des hohen Zeugen an und drückte das Verlobungspfand in den Finger des geliebten Mädchens. Und wer ſie jetzt ſo feſt an einander geſchloſſen ſah, der konnte zwei bereits verklärte Weſen zu ſchauen glauben, welche ——jjj— die Erde mit ihren Bekümmerniſſen und Leiden weit hinter ſich gelaſſen hatten. Aber die Minuten entfliegen um nicht wiederzukehren, und in ihrer Flucht ſtiehlt eine um die andere einige der Goldkörner, welche wir Freude nennen, bis wir uns zuletzt eben ſo arm oder wielleicht noch ärmer befinden als wir vor ihrer Erringung wa⸗ ren. Aber ſind nicht Leben, Freude, Leiden und Tod die vier Hauptkapitel, die den Roman des Menſchen ausmachen, und deren Zwiſchenräume wir ſelbſt mit der Schrift ausfüllen, die nicht verwiſcht werden kann: nämlich mit der Schrift der Thaten!. „Jetzt, mein Gudmar, haben wir jetzt nicht die vollſte und reinſte Höhe der Seligkeit empfunden? können wir wohl je un⸗ glücklich werden, nachdem wir ſo reiche Stoffe zur Freude, ſo ſchöne Erinnerungen beſitzen?“* „Unglücklich— nein, nie! Weißt Du, geliebte Majken, daß ich in dieſem Augenblick hier oben bei Dir ein ganz anderer Menſch bin, als der ehrenwerthe junge Jachtlieutenant, der ſich neulich mit ſeiner Jacht da drunten auf der Inſel einfand?“ „Wie ich,“ antwortete Majken,„daheim in der täglichen Umgebung eine andere Perſon bin. Begreifſt Du nicht, daß juſt dieſe höhern Augenblicke, wo wir Beide nur uns allein leben, beweiſen, daß wir einer Sphäre angehören, die nicht im⸗ mer dieſe iſt?“ „Du haſt Recht, aber...“ Gudmar fuhr haſtig zuſammen. „Was iſt das— nach was blickſt Du auf die See hin⸗ aus.“ „Vielleicht ſollte ich ſagen, es ſei Nichts, aber Du wür⸗ deſt es mir nicht glauben. Siehſt Du, Geliebte, es hat ſich mir ſo eben ein ſonderbarer Ideengang aufgedrängt. Ich fühle mich plötzlich von dieſem ſonnenglänzenden Augenblick hin⸗ weg in jene ſchwarze Nacht zurückverſetzt, wo die kühnen Mör⸗ 4²22 köer hinter dem Boot her wateten. Noch höre ich in meinem Ohr die Worte des Olagus Esbjörnsſon ertönen: Wenn Du und ich wieder einmal zuſammentreffen, ſo muß einer von Bei⸗ den auf dem Platze bleiben.“ „Ja, mein liebſter Commandant, jetzt ſehe ich, daß Du abergläubiſch biſt wie ein alter Seemann. Du wirſt ſo bald mit den Mörköern Nichts mehr zu ſchaffen haben, aber ſollte es ge⸗ ſchehen, ſo ſtehſt Du in der Hand des Herrn, und da laſſe ich Dich ruhig.“ „Und wenn...“ „Nein, jetzt darfſt Du unſern Himmel nicht verdüſtern... Sieh, wie Du eben ſagteſt, wie ſonnenglänzend er jetzt iſt und wie blau er ſich über unſerer Verlobungsklippe wölbt. Komm jetzt, komm, ſo wollen wir auf unſerer Wanderung weniger feier⸗ lich ſprechen. Du bedarſſt jetzt der Erde und Deiner ſchönen Alltagsmaid.“ „Ach wie gut Du Deinen Gudmar verſtehſt! Laß uns denn gehen... Aber hieher werde ich erſt in drei Jahren am 16. November zurückkehren. Wenn ich dann noch lebe, ſo komme ich und will ſehen, ob ich meine Frau bei mir habe.“ „Frau oder nicht, ſo iſt Dein Majken immer bei Dir.“ Vierzigſtes Kapitel. Das ſchleichende Gift. Ungefähr drei Monate waren ſeit dem Rendezvous auf Schloß Hornborg verfloſſen. Es iſt jetzt Ende Februars. Das Geſchäft in, Svartſkär ging munter von der Hand, ———.— —⸗ 423 aber der ungewöhnlich ſcharfe Winter hatte die zornigen Wellen in die Bande des Eiſes geſchlagen. Man hörte alſo von keinen Seefahrern, und auch die heitern Geſänge vom Hafen her bis an die Seebude waren verſtummt. In der Natur war Alles ſchneekalt, weiß auf der Erde, weiß auf dem Waſſer, und vom Himmel herab flogen große weiße Flocken in wildem Geſtöber um die Klippen her und wur⸗ den wieder vom Winde verjagt. In das Handelshaus auf Svartſkär kamen ganze Schaaren von Männern, Weibern und Kindern über Gott Vaters eigene Brücke herangezogen. Sie kamen um Arbeit zu ſuchen und zu empfangen, um zu handeln, zu tauſchen, zu borgen und auch um Brod zu er⸗ betteln, wenn ſolches ſich zu Hauſe nicht vorfand, was in dem harten Winter an gar manchen Orten der Fall war; und ſo weit es in den Kräften des jungen Handelshauſes lag, wurden die Kommenden und die Gehenden zufrieden geſtellt. Während die Waaren in Ordnung gebracht wurden, hatten dieſe wandernden Schaaren immer das Eine und Daſſelbe zu erzählen, obſchon es in allerlei Variationen aufgetiſcht wurde. Den Stoff bildeten die finniſchen Matroſen, und die Variationen beſtanden aus den wunderbar gefärbten Geſchichten von all dem Unfug den dieſe unruhigen Geiſter geſtiftet, die nach vollbrachter Arbeit mit ihrem Schiff nicht ruhig an einem Platz bleiben konn⸗ ten, ſondern lange Strecken weit ſowohl landeinwärts als auch am Seeufer hin herumſchweiften. Vor allen Dingen war der ſtrenge Winter durch dieſe Fin⸗ nen gekommen, dann hatten ſie die Fiſche fortgezaubert, ferner Niſſe Carlsſons Ferkel verhext und beinahe allen Ferkeln rings um die Scheeren eine tödtliche Schwindſucht angehängt. Auf dem Küſtenland graſſirten die Wölfe ärger als je, und wer ſie geſchickt hatte, das wußte Jedermann. Endlich hatten ſie durch 42²4 ihren Branntwein und durch ihre Beſchwörungen mehr Unheil geſtiftet, als man mit wenigen Worten erzählen kann. Jetzt mußte man Emilie in ihrem kurzen dunkelgrauen Pelz⸗ rrocke, ihrem ſchwarzen Caſtorhut, der Majkens Hut nachgebildet war, mit der im Wind leicht ſchaukelnden Feder, in Halbſtiefeln, langen Fauſthandſchuhen und einer kleinen, um den Hals zuge⸗ knöpften Boa, Arm in Arm mit Thorborg in ungefähr ähnlichem Aufzug auf das Eis hinaus nach all den Plätzen ſpazieren ſehen, wo der Beiſtand der jungen Helferinnen nöthig war und wo 5 Hunger, Kälte und Krankheit ſehnſuchtsvoll ihrer Ankunft ente gegenharrten. Emilie war jetzt in dieſe neue Welt eingeweiht. Sie ſchwärmte für Thorborg und ihre Ideen; ſie meinte, ſie könnte ſich nicht glücklich fühlen, wenn ein Tag verginge, wo ſie nicht irgend eine Handlung ausgeführt hätte die ihr Herz erfreuen könnte. Aber bei allem dem beſtand der Unterſchied darin, daß Thorborgs Handlungen mit der ganzen edlen und tiefen Ruhe einer Seele ausgeführt wurden, die dem innern reinen Drange folgt und daraus einen himmliſchen Frieden ſchöpft, während da⸗ gegen bei Emilie eine fieberiſche Heftigkeit jede Handlung ſtem⸗ pelte; es war, als ob ſie mit dieſem flammenden Eifer eine Art von Zerſtreuung ſuchte, die zwar ſehr ſchön war, aber dennoch von dieſem Geſichtspunkt aus nicht daſſelbe Verdienſt haben konnte, wie Thorborgs Art und Weiſe. Und wie munter, wenigſtens äußerlich, waren nicht die Heimfahrten! Dann kamen gewöhnlich die Herren von Spart⸗ ſkär— in der letzten Zeit waren ſie beinahe immer zu drei— 3 auf ihren Schlittſchuhen den Damen entgegengelaufen, und nun entſtand ein Herumrennen und ein Schlittenfahren, ſo daß Emilie 1 lachen mußte und ein Mal ums andere zu Boden fiel. Zuweilen wenn Lieutenant Guldbrandsſon die Geſellſchaft vermehrte, wur⸗ den die prächtigſten Schlittſchuhwettläufe veranſtaltet, wobei er und der finniſche Capitän gewöhnlich den Sieg davontrugen. Der Letztere, der beim erſten offenen Waſſer ſein Schiff nach Göteborg führen ſollte, hatte jetzt ſeine Geſchäfte in Lyſekil ab⸗ gemacht und ſich beinahe von ſeiner Mannſchaft getrennt, von welcher bis auf Weiteres nur er ſelbſt wußte, daß ſie auf Be⸗ fehl der Rhederei beurlaubt werden ſollte, während er neue Mann⸗ ſchaft in Göteborg anwarb. Auf einer Reiſe dahin war dies zum größten Theil bereits geſchehen, aber die Ergänzung der Mannſchaft ſollte ſtattfinden, wenn er ſelbſt hinabkäme, um zu laden. Die mitgebrachte Fracht war bereits verkauft, und jetzt war er nach all dieſen Arbeiten, welche ihn die meiſte Zeit von Spart⸗ ſkär fern gehalten hatten, zurückgekehrt, um nach einer ältern Verabredung mit Hjelm ſeine letzten Wochen dort zuzubringen. So ſah es von dieſer Seite her äußerlich aus. Was Holt und ſeine Werbung betrifft, ſo war dies gleich⸗ ſam ins Weite geſtellt. Wenn der Capitän ſich einige Tage in Svartſkär aufhielt, was während der ganzen Zeit manchmal geſchah, ſo wagte er um keinen Preis eine Reiſe zu machen; und wenn der Capitän ſich auf Lyſekil befand, ſo wurde der immer mehr verliebte und eiferſüchtige Holt von der Furcht gequält, er möchte wiederkommen, und dieſe Angſt hatte zur Folge, daß Holt ſich niemals außer bei den nothwendigſten Veranlaſſungen entfernte. Für Moß wußte er ein merkwürdiges Hinderniß um das an⸗ dere aufzufinden, und beim letzten der drei kurzen Beſuche, die er in Gläborg abgeſtattet, hatte er im allertiefſten Vertrauen dem Onkel mitgetheilt, daß ſich im ganzen Weſen ſeines Aſſocié häufig etwas ſo Sonderbares und Geheimnißvolles kundthue, daß er, Holt, es für ſeine Pflicht halte ihn ſo wenig als möglich allein bei Geſchäften zu laſſen, wo Zerſtreutheit Nichts tauge,„Ich — 426 wage mich jetzt noch nicht näher zu erklären,“ hieß es weiter, „aber ich ſchwöre Ihnen, Onkel, daß ich nur durch die dringendſten Umſtände gezwungen dem Vergnügen entſage, ſo oft nach Glä⸗ borg zu kommen, als ich wegen meiner Privatangelegenheiten ſollte. Aber vielleicht ſehen Sie auch ein, Onkel, daß eine über⸗ eilte Freiwerbung meinen wenigen Hoffnungen den Todesſtoß verſetzen könnte. Vielleicht wird Mamſell Majken mich mit er Zeit beſſer ertragen, wenn ſie findet, daß ich mir Zwang an⸗ 3 thue und ihr noch nicht erloſchenes Gefühl ehre.“ „Du kannſt Recht haben,“ antwortete Moß, der trotz ſeines eigenthümlichen Scharfſinns in Holts Erklärungen nichts Anderes als reine klare Wahrheit zu erblicken vermochte, denn der Ge⸗ danke, daß Holt in den Feſſeln einer unerlaubten Liebe gebunden liege, drängte ſich ihm nicht ein einziges Mal auf. Zwar hatte er bei der weiter oben erzählten Gelegenheit, als er ſeine Frauen⸗ zimmer durch die große Entweichung nach Göteborg beſtrafte, viel über Majkens Aeußerung nachgegrübelt, daß Holt eine beſon⸗ dere Veranlaſſung zu ſeiner haſtigen Abreiſe gehabt habe, aber er mochte die Sache drehen und wenden wie er wollte, ſo konnte er darin nichts Anderes als eine Weiberliſt erblicken, die ihn auf falſche Spuren leiten wollte. Darüber lachte er jedoch in ſeinem Sinn: er hielt ſich für einen zu alten Fuchs, um in ſolche Kin⸗ derſchlingen zu fallen.* „Supponire, Du kannſt in Bezug auf Majken Recht haben,“ fuhr er gegen Holt fort;„aber was meinſt Du mit Deinen Winken in Betreff Hjelms? Ich bin um ſo neugieriger dies zu 8 erfahren, als ich ſelbſt bei einigen Gelegenheiten eine ganz eigen⸗ thümliche Zerſtreutheit bei ihm wahrgenommen habe.“ „Beſter Onkel—“ Holt ſchien auf einmal niedergeſchlagen und verlegen—„Sie haben ſelbſt zu viel Ehre und Verſtand, als daß Sie mich in dieſer heikeln Sache, wo Zartgefühl und meine eigene Ehre mir Still ſchweigen auferlegen, zum Sprechen zwin⸗ gen ſollten.“ „Das lautet verdammt myſtiſch! Supponire jedoch, wir ſtehen auf dem vertraulichen Fuß zu einander, daß Du aufrichtig ſein kannſt.“ „Onkel, laſſen Sie mich weiter Nichts ſagen, als daß es Dinge gibt, die kein Mann von Herz und Ehre ans Licht ziehen darf, wenn er unter demſelben Dache wohnt, wo ſie ſich zutra⸗ gen. Bedenken Sie, daß Sie ſelbſt aus Zartgefühl nicht in die Seebude hinabgehen wollten in der Nacht, wo ich meine Schmug⸗ gelgeſchichte hatte; und wenn Sie darin eine Abweichung von den Forderungen der Delicateſſe erblickten, was ſoll dann ich in dieſer Sache erblicken? Ich bitte daher, Onkel, dringen Sie nicht weiter in mich. Genug, ich betrachte meine Anweſenheit zu Hauſe als nothwendig für den Gang der Geſchäfte, und in dieſen geht jetzt wirklich ein friſcher Wind.“ „Nun ſo ſei es denn vor der Hand, wie Du willſt. Wir wollen jehen im Frühjahr... „Ja, bis dahin, hoffe 19, wird Alles klar ſein— wenig⸗ ſtens glaube ich dann im Stande zu ſein Alles erklären zu kön⸗ nen. Wenn ich mir inzwiſchen eine Gunſt von Ihnen erbitten dürfte, Onkel, ſo wäre es die: Mamſell Majken auf Svartſkär zu ſehen. Ich könnte ihr dann jede freie Stunde widmen und ihr zeigen, wie viel mir daran liegt, daß meine Huldigung nicht ganz verſchmäht werde.(Sie ihrerſeits,“ dachte er bei ſich ſelbſt, „würde ihre meiſte Zeit der jungen Frau widmen, welche da⸗ durch eine beſtändige Geſellſchaft und eine wachſame Freundin erhielte. Und trifft Majken manchmal ihren Freund, ſo beſteht die ganze Gefahr aus einem Liebesgeplauder von etlichen flüch⸗ tigen Augenblicken, und dieſe Herrlichkeit gönne ich ihr zum Dank für die wichtigen Dienſte, die ſie mir leiſten wird.)“ „Ah ſo, Du meinſt, ein Aufenthalt in Svartſkär würde jetzt gut thun! Supponire jedoch, daß die Sache ihre zwei Seiten hat— haſt Du keine Angſt vor dem Jachtlieutenant? Im Win⸗ 428 ter, mußt Du wiſſen, hat er nichts Anderes zu thun, als ſeinen Privatintereſſen nachzugehen.“ „Auf Ehre und Gewiſſen, Onkel,“ meinte Holt lachend,„es kommt mir vor, als ob er ſeine Intereſſen ſo ſachte betriebe, daß ſie mir nicht ſonderlich im Wege ſtehen können. Dagegen habe ich ausgerechnet, daß ich ganz ſicherlich in den Augen meiner zu⸗ künftigen Braut gewinnen muß, wenn ich mich frei von niedriger Eiferſucht zeige. Habe ich nicht Ihr Verſprechen, Onkel— mit dieſem in der Taſche kann ich, wenn es ſein muß, warten bis ... bis... zum Ende des nächſten Jahrs.“ „So lange wird es wohl nicht anſtehen, ſupponire ich. Du biſt ein ehrenhafter Burſche, und da ich ſelbſt einige Sehnſucht nach Svartſkär habe, ſo kommen wir in acht Tagen und laden die ganze Geſellſchaft zu einer Schlittenfahrt nach Gläborg ein. Was ſagſt Du dazu?“ „Ich ſage, daß Sie immer lichte Ideen im Kopfe haben, Onkel, und daß ich gewiß nicht ermangeln werde dabei zu ſein!“ Man war jetzt der Zeit nahe, wo Majken kommen ſollte. Auf dieſen Beſuch freute ſich nicht blos Emilie, ſondern auch im Pfarrhaus war großer Jubel. Gudmar tanzte ſogar eine Polka mit der alten Vivika, um ſie in eine muntere Laune zu bringen, denn da er noch einen ſchönen Reſt von den Holt'ſchen Schmuggelgeldern übrig hatte, ſo hatte er ſichs in den Kopf ge⸗ ſetzt, einen noch merkwürdigeren Schmauß zum Beſten zu geben, bei welchem ſich noch mehr Gäſte einfinden ſollten, als das letzte Mal. Auf Svartſkär ſprang Emilie zwiſchen Majkens und ihren eigenen Zimmern auf und ab und ſah ſo fröhlich, ſo glücklich und aufgeräumt aus wie nur immer möglich. So oft ſie im Vorbeigehen ihren Mann traf, hatte ſie ihm ein freundliches Wort zu ſagen, ein allerliebſtes Geſichtchen zu zeigen, manchmal aber ſah ſie auch etwas verdrießlich aus, wenn ———— — —+⏑8—/——ͤͤ— Nichts anſchlagen wollte, um Ake wieder in ſeine alte ruhige Stimmung zu verſetzen, worüber ſie ſich früher ſopoft geärgert, die ſie aber jetzt mit Freuden bewillkommt haben würde, wenn ſie ſich gezeigt hätte. Doch Akes Stimmung hatte jene zuverſcchtliche treuherzige Einförmigkeit verloren. Im Allgemeinen zeigte er ſich zwar auch jetzt ruhig, aber dieſe Ruhe war ſichtlich erkünſtelt. Es war überdies eine herbe Ruhe, die mitunter durch die unerwartetſten Ausbrüche geſtört wurde. Und das ſanfte vertrauliche Band, das, als wir ſie zum letzten Mal trafen, im Begriff war ſich noch feſter um ſein eigenes Herz und das Herz ſeiner jungen und unerfahrenen, aber ſeelenguten und liebevollen Frau zu ſchließen, dieſes Band ſchien immer ſchlaffer zu werden. Sein ganzes Benehmen in den Verhältniſſen des täglichen Lebens wurde von Tag zu Tag rück⸗ haltender und unfreundlicher. Die einzige Perſon, deren Geſellſchaft er ſuchte, war Thor⸗ borg; und manchmal wenn er ganze Stunden im Pfarrhaus ver⸗ weilte, ſchien er die Abſicht zu haben eine Frage an ſie zu ſtel⸗ len, aber er ging immer wieder, ohne mit ihr etwas Anderes geſprochen zu haben, als über diejenigen Gegenſtände, die den Gefühlen des jungen Mädchens am nächſten lagen. Während dieſer Beſuche ſtand Emilie oft genug mit ver⸗ weinten Augen am Fenſter und wartete auf die Rückkehr ihres Mannes. Aber keine Ahnung irgend eines Unrechts kam über ſie. Sie konnte ſich blos im Stillen darüber grämen, daß Ake, wenn er eine innere Unruhe hatte— mochte ſie nun von Geſchäften oder von irgend einer vielleicht damit zuſammenhängenden Ge⸗ wiſſensfrage herrühren— ſich nicht eben ſo gern zu ihr, ſeiner Gattin, als zu dieſem jedenfalls fremden Mädchen flüchtete. Einmal hörte ſie, wie Holt dem Capitän Oddjers halblaut 430 zuflüſterte(in der Kunſt zu flüſtern war Holt ein vollkommener Meiſter):. „Es iſt merkwürdig, daß ein Mann von einer ſo kräftigen Natur ſeine Schwachheit nicht ſoll beherrſchen können— ich zit⸗ tere wirklich um ihn.“. Des Capitäns einzige Antwort beſtand in einem Achſel⸗ zucken. Er ſchien dieſe Sprache nicht zu verſtehen. Wenn jetzt nicht Holt, der immer gleich verabſcheute Holt, dieſe dunkeln Worte geſprochen hätte, ſo hätte die mit ihrem Hochmuth und ihrer Angſt kämpfende Emilie unter vier Augen nach der Bedeutung derſelben fragen können. Aber ſich in ein geheimes Verhältniß zu Holt und noch dazu gegen ihren Mann zu ſetzen, das war unmöglich. Sich mit derſelben Frage auf irgend eine Art an den Capitän Oddjers zu wenden, war noch unmöglicher, denn er war ja ein vollſtändiger Fremdling, der überdies eine ſolche Annäherung auf irgend eine eigenthümliche Weiſe deuten konnte. Nein, gegen dieſe beiden Auswege erhob ſich Emiliens Stolz, und dieſer war ſo groß, daß es ihr bis jetzt gelungen war vor ihrem Mann und vor Allen die ſieberhafte Unruhe ihres Her⸗ zens geheim zu halten. Zweimal war ſie den Weg gegangen, der ihr der rechte ſchien und den ihr guter Inſtinct ſie gelehrt hatte, nämlich ohne Umſchweife Ake ſelbſt zu fragen, was dieſe ſeine eigenthümliche peinliche Veränderung verurſacht habe; aber das eine Mal hatte ſeine einzige Antwort in einem ſo eiſigen und unerklärlichen Blick beſtanden, daß ſie ſich erſchrocken zurückhog, und das andere Mul hatte er zwar geſprochen, aber ſie bemühte ſich dies zu vergeſſen, denn es war eine ſo herbe und ſo ſchnautzige Antwort, daß ſie nur mit Mühe die jetzt mit wirklicher Berechtigung hervorbrechen⸗ den Thränen zu verbergen vermochte. Thränen bekam Ake jetzt nicht mehr zu ſehen— denn das wußte ſie zu gut, daß ſie nicht angenehm auf ihn wirkten. — —,—,,—————, 431 Trotz alle dem war Hjelm jetzt mehr in Geſellſchaft ſeiner Frau als früher, als das Verhältniß das allerbeſte zu ſein ge⸗ ſchienen hatte, und er verſicherte häufig, obſchon man es ihm durchaus nicht anſah, daß die Fahrten auf dem Eis ihm ganz beſondere Freude machen. Und als Holt mit eifriger Freund⸗ ſchaftlichkeit ihm den Vorſchlag machte, er ſolle wegen des hef⸗ tigen Huſtens den er ſich zugezogen zu Hauſe bleiben, da er ſelbſt und Capitän Oddjers die Damen wohl unterhalten können, antwortete er kurz:„Ich bin nicht gewohnt den Zimpferlichen zu ſpielen, und ſehe auch nicht gern, daß Andere mich ſchwächer zu machen ſuchen, als ich bin.“ Ein ander Mal, als ſie auf dieſe Art Alle draußen waren, zeigte Holt auf den Capitän und ſagte mit vergnügtem Lachen: „Sieh nur den Capitän Oddjers an, wie er Deine Frau in wohl hundert Ringen herumſchlendert— kommt ſie glücklich aus dieſen hinaus, ſo mag ſie ſich in Acht nehmen, baß nicht irgend ein finniſches Hexenwerk nachfolgt.“ Dieſen Scherz ſchien Ake nicht zu hören, aber Holt wußte, daß er ihn recht wohl gehört hatte. Was konnte er mehr verlangen! Da er ſelbſt ſo große Leiden ausſtehen mußte, ſo war es billig, daß Andere doppelt zu leiden bekamen. Holt gehörte nicht zu den Menſchen die nicht wiſſen was ſie thun. Im Gegen⸗ theil— und wenn es ihm gelang, ſo befand er ſich in einem geſunden Element, das alle ſeine Nerven friſch belebte. Allein auf ſeinem Zimmer konnte er mitunter laut lachen, bis auf ein⸗ mal unter den Schatten an der Wand das nie vergeſſene Bild des geplünderten Weibes erſchien und ſeinen Muth zu Boden ſchlug. 4³² Einundvierzigſtes Kapitel. Der Erfolg von Emiliens drittem Verſuch. „Aber werden denn dieſe Geſchichten da niemals ein Ende nehmen, Herr Hjelm?“ fragte Thorborg, die am Morgen deſſel⸗ ben Tages, wo Majken in Svartſkär erwartet wurde, gekommen war um ihre Freundin zu treffen.„Man könnte in Verſuchung kommen zu glauben,“ fügte ſie hinzu,„daß wir im beſten Fall noch einen Aufruhr zu bekämpfen bekommen, der größere Kräfte erfordert als uns Frauenzimmern zu Theil geworden ſind.“ „Aha,“ verſetzte Capitän Oddjers, der ſich beeilte den Ge⸗ genſtand aufzunehmen,„Sie meinen wohl den Lärm, den meine tolle Mannſchaft immer aufſchlägt. Aber haben Sie nur noch ein wenig Geduld— bald wird es hier ſtill werden, und ſo⸗ wohl Commandant als Beſatzung werden das Feld geräumt ha⸗ ben, letztere jedoch zuerſt. 4 „Gott ſei„Dank!“ rief Thorborg.„Und ich will gewiß Ihr Nationalgefühl nicht verletzen, Herr Capitän, wenn ich behaupte, daß die Aufführung dieſer Menſchen eine niederträchtige iſt. Liee jedoch nicht auch Aberglaube dabei zu Grunde? Zum Beiſpiel dieſe Heerden von Wölfen, hat man ſie nicht auch ſchon in frü⸗ heren Jahren auf dem Küſtenland geſehen? aber weil ſie— ich glaube ſeit unvordenklichen Zeiten als die Proviantmeiſter der Finnen gelten, ſo ſagt jetzt das Volk, da die Finnen ſo nahe bei der Hand ſind, ſie kommen darum mit ſolcher Verſtärkung, weil ſie eine doppelte Zaubermacht mit ſich führen wollen.“ „Was wollen Sie,“ fragte der Capitän lächelnd,„damit ſagen, daß die Wölfe unſere Proviantmeiſter ſeien?“ „Ja, ſo meint man es. Im Sommer, wo ſie ſich beinahe niemals hier zeigen, verſammeln ſie ſich, der allgemeinen An⸗ nahme zufolge, bei den Finnen, unter deren Befehlen der Wolf ſtehen ſoll; und wenn der Winter in unſere Gegend zurückkehrt, ſo glaubt man, daß ſie nicht blos, wie ich ſo eben erwähnte, auf Proviant außen ſeien, ſondern daß ſie auch den Auftrag haben durch Zauberkünſte Menſchen und Thieren zu ſchaden. Papa, der in den alten Geſchichten ſo bewandert iſt, ſagt, daß ſchon unſere heidniſchen Vorſahren eine Gemeinſchaft; zwiſchen dem Wolf und böſen Geiſtern angenommen haben.“ „Und unter böſen Geiſtern verſteht man uns Finnen— das iſt doch gar zu unglücklich!“ meinte Capitän Oddjers. „Ich denke,“ bemerkte Holt, der während der ganzen Zeit im Schatten am Ofen geſtanden hatte— die Herren waren wie gewöhnlich nach dem Frühſtück noch eine Weile dageblieben— „ich denke, es müſſe für den Herrn Capitän ſehr ſchmeichelhaft ſein unter die böſen Geiſter gerechnet zu werden: dieſe ſind be⸗ rühmt und gefürchtet vom hohen Ahnherrn Lucifer an bis zu dem alten Hexenmeiſter Asmodi... Ja, Herr Capitän, Sie kön⸗ nen ſich wirklich Ihrer Ahnen rühmen. 3 „Glauben Sie nicht, Herr Holt,“ fragte Thorborg, indem ſie einen ſtrengen Blick auf den jungen Kaufmann warf,„glau⸗ ben Sie nicht, daß ein Scherz in dieſer Angelegenheit eine un⸗ behagliche Leere mit ſich führt? Wie man auch eine leichtſinnige Bosheit verdecken mag, ſo läßt ein boshafter Leichtſinn ſich nicht verdecken, und dieſer wird immer ein Feind der wahren Zufrie⸗ denheit. Ueberdies erzeugt eine Bosheit die andere, und deßhalb will ich jetzt eine Vergleichung anſtellen. Wenn Sie, Herr Holt, und Capitän Oddjers nebeneinander ſtänden, ſo könnte man bei genauer Erforſchung der Züge beider Herrn ſich einbilden, daß Sie, Herr Holt, es wären, welchen die armen Wölfe zu ihrer Verwandtſchaft zählen.“ Bei dieſen Worten fuhr Hjelm zum zweiten Mal auf. Er hatte ſonſt die ganze Zeit über unbeweglich auf dem Sofa ge⸗ ſeſſen mit einer Zeitung vor ſich, worin er nicht las, aber hinter Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 28 434 deren Schutz er, zuerſt ohne und dann mit Aufmerkſamkeit, das im Gang befindliche Geſpräch mit angehört hatte. „Nach einer ſo glänzenden Vertheidigung,“ bemerkte der Capitän,„wäre es wirklich eine Dummheit von mir, wenn ich ein einziges Wort hinzufügen wollte.“ Damit nahm auch Capitän Oddjers ein Zeitungsblatt und ſetzte ſich an das obere Salonfenſter, welches zunächſt dem Wohn⸗ zimmer lag, in das Emilie vor einer Weile hinausgegangen war. Und ſowohl Hjelm auf dem Sofa gegenüber der Thüre des Wohnzimmers, als der Capitän von ſeinem Fenſter und Holt von der Ofenecke aus, ſandten ihre Blicke dahin, während ſie dazwiſchen hinein einander heimlich beſpähten. 4 Nur Thorborg hatte ihren Blick nicht dorthin gerichtet: ſie ſaß vor dem Feuer. „Mein Gott,“ rief Holt mit einem erzwungenen Verſuch zur Heiterkeit,„was für ein großer Sünder muß ich ſein, daß die ſanfte Mamſell Thorborg mich einer ſolchen Predigt würdig hält! Ich habe immer das Glück gehabt bei unſern Scheerendamen wohl angeſchrieben zu ſein, das iſt eine bekannte Sache, aber jetzt. wird es gar zu offenbar, wenn die heiligſte von ihnen allen mich ſo ſpeciell unter ihre ſchützende Fittiche nimmt.“ „Wenn Sie Werth darauf legen, Herr Holt, ſo beweiſen Sie es mit etwas Anderem als mit Hohn. Aber rechnen Sie in jeder Beziehung darauf“— hier dämpfte Thorborg ihre Stimme ſo ſehr, daß nur Holt ſie hören konnte—„daß der wahre Hexenmeiſter bei ſeinen Hexereien offene Augen fineden wird.“ 1¹ — Dieſen ſo unmittelbaren und ernſt gemeinten Hieb vermochte Holt nicht zu pariren. Er wurde weiß wie der Schnee draußen und ſeine Lippen bebten, als er eben ſo leiſe antwortete: „Die Vorſicht der Freundſchaft hat ſchon manchmal falſch geſehen. Man hat Beiſpiele von Familien, deren Glück vermit⸗ ͤ ͤ Se dASASͤSͤ— 8 telnde Freunde durch die bloſe Kraft ihrer offenen Augen zerſtört haben.“ Nur Gott weiß, woher Thorborg den Blick erhielt, den ſie jetzt auf Holt heftete, aber ſicher iſt, daß dieſer ihn nicht aushielt und daß er im Stillen die kleine Hexe tauſend Stunden weit hinwegwünſchte. Ja noch mehr, er ging ins Contor mit einer Angſt, die er ſeit langer Zeit nicht mehr gekannt hatte. Dieſe Augen ſahen entſchieden allzu klar. Nun, das bedeutete ja doch nichts Beſonderes, ſo lange Hjelm außer Stand geſetzt war, ſeine Augen nach mehr als einer Seite zu gebrauchen. Jetzt kam Jemand mit leiſem Schritt aus dem Wohnzimmer einhergegangen, und wäre Holt noch da geweſen, ſo hätte er ſein Ohr nicht anzuſtrengen, ſondern nur zuerſt den Farbenwechſel auf den Wangen des Capitäns und ſodann das Farbenſpiel, das dieſer Anblick auf Hjelms Geſicht hervorrief, zu ſehen gebraucht. „Es iſt ſo ſtill hierinnen,“ ſagte Emilie, indem ſie in den Salon trat. Sie ſah zuerſt zu ihrem Mann hinüber, aber da dieſer weder ihre Anweſenheit noch ihre Worte zu beachten ſchien, und da Thorborg für den Augenblick beſchäftigt war ein brennendes Scheit aufzufangen, das eben aus dem Kamin herabgleiten wollte, ſo ſtellte ſie ſich neben den Capitän, welcher aufſtand und lächelnd ſagte: „Hier war es wenigſtens nicht ſtille. Mamſell Guldbrandsſon und Herr Holt haben einen langen Vortrag über das innige Verhältniß der Wölfe zu uns Finnen gehalten, und ſehen Sie, Frau Hjelm, ich habe mir vorgenommen, daß die Beſchwörungen ein Ende nehmen ſollen und zwar ſchnell; ſchon in acht Tagen gedenke ich meinen Burſchen zu verkündigen, daß ſie ſich zum Abzug bereit halten ſollen.“ „Mit Entzücken werde ich ſie abziehen ſehen,“ erklärte Emilie.„Vom erſten Augenblick an ſchienen ſie etwas Böſes zu 436 verkündigen; und auch ſeitdem Sie, Herr Capitän, nicht mehr die zwei gefährlichſten bei ſich hier haben, ſehe ich ſie doch noch immer vor Augen, und ich bin ſeelenfroh, daß Sie in Göteborg neue Mannſchaft anzuwerben gedenken.“ „Ich bin nicht ſo kühn zu glauben,“ antwortete Capitän Oddjers haſtig, und die Wolke, die ſo eben über ſein Geſicht ge⸗ zogen war als er die Tritte im Wohnzimmer hörte, bekam eine weit ſtärkere Färbung,„ich bin nicht ſo kühn zu glauben, daß Sie, Madame, mir die Theilnahme erweiſen werden auch nur an mich zu denken, wenn ich jetzt bald dieſes gaſtfreie Haus verlaſſe, wo ich zum erſten Mal bedauern lernte, daß ich ſelbſt keine andere Heimath beſitze als die ſchwankenden Bretter.“ „Ei wie? Sollte man ſeine Freunde ſo bald vergeſſen können? Ich werde— ſeien Sie davon überzeugt— in man⸗ cher Abend⸗ und Morgenſtunde, wenn ich aufs Meer hinausſchaue, daran denken, daß dieſelben Wellen die unſere Klippen umſpülen von dem Wind hinweg zu andern Waſſern getrieben werden uuumm das Schiff zu umſpülen, auf welchem unſer finniſcher Gaſt das Commando führt.“ Capitän Oddjers antwortete Nichts. Er verbeugte ſich blos tiefer, und obſchon Emilie, die zum Fenſter hinausſah, das ge⸗ fährliche Spiel ſeiner Augen nicht bemerkte, ſo wurde es doch von einem Andern bemerkt, der jetzt die Zeitung auf den Boden fallen ließ. Der Capitän erinnerte ſich in dieſem Augenblick, daß er ein paar wichtige Briefe zu ſchreiben hatte, und entfernte ſich nach einer leichten Verbeugung. „Gab es Etwas in der Zeitung, was Deine Aufmerkſamkeit erregte?“ fragte Emilie, die auf keine andere Art den Muth ge⸗ winnen konnte eine Berührung mit ihrem Mann anzuſtreben. „Zeitung— was meinſt Du damit?“ „Ich meine nichts Anderes als daß ich fürchtete, es möchte Etwas..“ 437 „Aber heute thuſt Du ja gar nichts Anderes, als daß Du den Leuten mit lauter Beſorgniſſen um ihre Sicherheit Compli⸗ mente machſt; ich für meinen Theil würde es inzwiſchen gerne ſehen, wenn ich mit ſolchem weibiſchen Gewinſel verſchont würde — das will mir gar nicht gefallen.“ „Ake... ich meine... ich glaube wirklich... ich fürchte...“ „Fürchteſt Du jetzt ſchon wieder Etwas?— Dieſes Wort muß wahrhaftig eine gewiſſe allmächtige Wirkung auf Dich aus⸗ üben, da Du es ſo beharrlich im Munde führſt.“ In früheren Tagen würde Emilie in hyſteriſches Geſchluchze ausgebrochen ſein, aber jetzt gerieth ſie in eine ſtarke und höchſt unmuthsvolle Verwunderung, denn bis jetzt hatte ihr Mann ſie in Gegenwart von Fremden als Frau geſchont. Dies ging zu weit— ſo durfte es nicht fortgehen. Da ſie inzwiſchen unklar war, wie ſie für den Augenblick handeln ſollte, ſo ſah ſie unbewußt zu Thorborg hinüber, und Thorborgs Blick ermunterte ſo engelmild zur Geduld, daß Emilie ſich ſogleich dem Ofen näherte, wo das Mädchen noch immer ſaß. „Willſt Du ſo gut ſein, Thorborg, und mir bei dem Kuchen helfen, den ich heute Mittag zum Nachtiſch geben will?“ „Ja gerne.“ Und die beiden Frauenzimmer eilten hinaus. Aber als ſie ins Schlafzimmer kamen, verſchloß Emilie die Thüre zwiſchen dieſem und dem Beſuchszimmer, und dann ſchlang ſie haſtig ihre Arme um den Hals der Freundin. „Begreifſt Du Etwas?“ fragte ſie, und ein unterdrücktes Schluchzen arbeitete ſich jetzt hervor. „Meinſt Du die Stimmung Deines Mannes?“ „Ja gewiß.“ „Geſchäfte vielleicht— die Männer haben ſo manche Be⸗ kümmerniſſe.“ 438 „Glaubſt Du, daß das von bloſen Geſchäften herkomme? Er beſucht Euch ſo oft im Pfarrhaus— ſagt er da Nichts?⸗ „Ganz und gar Nichts.“ „Und Du ahnſt auch Nichts?“ „Wenigſtens nicht mit Gewißheit, liebe Emilie.“ „Aber ſag mir um Gotteswillen, was Du glaubſt... denn es kann doch wahrlich Nichts ſein, was Du mir nicht ſagen dürfteſt.“ „Sei überzeugt, liebe Freundin, daß ich, wenn ich Dir die veränderte Stimmung Deines Mannes mit Gewißheit erklären könnte, es nicht für nöthig halten würde zu ſchweigen, denn es wäre beſſer die Wahrheit zu wiſſen, als hin und her zu rathen. Aber es wäre unwürdig bloſe Vermuthungen aufzuſtellen, denen bald Das bald Jenes widerſpricht, denn dadurch entſteht eine Menge von Verwicklungen, bei denen man nicht unterlaſſen kann immer wieder neue Dinge hineinzuflechten, ſo daß zuletzt kein Menſch mehr daraus klug wird.“ „Daß Du Recht haſt, Thorborg, iſt blos eine Möglichkeit, aber gewiß iſt, daß ich glaube, Du habeſt nicht Recht. Denn wenn mir Jemand einen freundlichen Wink über das gäbe, was ich vielleicht nicht verſtehe, ſo könnte ich mir wahrſcheinlich leicht erklären, was jetzt dunkel erſcheint.“ „Ach, liebe Emilie, wie manche Frau hat nicht vor Dir ſo geſprochen und ſich hernach auf ihren früheren Standpunkt zurück⸗ gewünſcht! Bleibe wie Du bisher geweſen, rechtſchaffen in Deinem Herzen, muthig in Deiner Unruhe und geduldig in der Betrüb⸗ niß, denn nur auf dieſe Art wirſt Du ein würdiges Weib.“ „Ich wills verſuchen. Aber meine Liebe weint in meinem Herzen über all dieſe Stunden der Trauer, und dieſe Thränen brennen heißer als diejenigen die über die Wangen fließen.“ „Ich habe ſagen hören, Emilie, daß Frauenthränen ſehr häufig in das Herz fallen. Jedenfalls muß dies diejenige Art zu weinen ſein, die den Männern am beſten gefällt. Hier auf Ssartſkär hat vor Dir eine Frau gelebt, die nie anders weinte.“ „Du meinſt Frau Moß— ja, ſie iſt wirklich ein herrliches Exemplar von unſrem Geſchlechte. Jedenfalls hat ihr Mann ihr wahrſcheinlich niemals die Veranlaſſung zu ſeiner gräulichen Laune verſchwiegen, und Das iſt immer Etwas. Aber geh jetzt voraus in die Speiſekammer. Ich will ein wenig kölniſches Waſſer nehmen und meine Augen auswaſchen.“ Thorborg ging........ Und nachdem Emilie die Spuren ihrer Thränen verwiſcht hatte, eilte ſie nicht Thorborg nach, ſondern in den Salon zurück, um zu ſehen, ob Ake noch da ſei. Und da er noch auf dem⸗ ſelben Platz und in derſelben Haltung daſaß, ſo ging ſie auf ihn zu und berührte ihn ſachte mit den Fingerſpitzen. Aber noch nie war ſie in ſolche Angſt verſetzt worden. Ihr Ake— dieſer ruhige, ſanfte, ſtets ſich gleich bleibende Mann, der im Anfang ihrer Ehe ſo würdig und freundlich mit ihr geplaudert und ſpäter, vor ein paar Monaten, einen noch weit angenehmeren Ton angeſchlagen hatte— er ſah jetzt, als er haſtig ſeinen Kopf erhob, ſo niedergeſchlagen und verſtört aus, daß ſie buchſtäblich den Boden unter ſich wanken fühlte. „Was iſt es jetzt ſchon wieder?“ fragte er heftig.„Siehſt Du denn nicht, daß ich Ruhe haben will— oder ſitze ich Dir hier vielleicht im Wege?“ „Ach, Ake, ich kam zurück, weil ich meinem Gefühl folgte, das ich für gut hielt. Iſt es Nichts, worüber wir uns gegen einander erklären könnten? Ich möchte ſo gerne, daß Majken nicht einen allzu großen Unterſchied zwiſchen jetzt und früher finden ſollte.“ „„Haſt Du Etwas zu ſagen, ſo thu es ſchnell, denn ich gehe 4 jetz ins Contor zurück. Ich für meinen Theil habe Dir nichts 440 Anderes zu erklären als meinen Wunſch, daß Du mit dieſen läſtigen Fragen aufhören mögeſt.“ „Ja, ich werde jetzt aufhören, denn ich glaube nicht, daß mein Gewiſſen mir ſagen kann, daß ich nicht Alles gethan habe, was in meiner Macht ſtand, um Dich zu einer Erklärung zu veranlaſſen. Aber ehe ich ſchließe, laß mich Dich bitten nur ein einziges Mal zu bedenken, wie ſchwer es für mich, Deine Frau, iſt, wenn ich Dich ſowohl bei Tag als auch in Deinem unruhigen Schlaf bei der Nacht Deinen Unwillen ausſprechen hören muß. Laß mich in Ruhe, ſo ſprichſt Du im Traum, und am Morgen iſt es auch Dein erſtes Wort, wie wenn ich nie etwas Anderes gethan als Deinen Frieden geſtört hätte.“ „Ich habe nicht gewußt,“ ſagte der Ehemann,„daß es eine ſo große Beleidigung iſt, wenn man mit Fragen unbehelligt zu bleiben wünſcht, die, ſelbſt in der beſten Abſicht geſtellt, dennoch ungebührlich ſein können. Aber jetzt, nachdem Deine Aufklärun⸗ gen mir das Gegentheil bewieſen haben, will ich darauf be dacht ſein wenigſtens Deine Nachtruhe zu ſchützen. Da ich überdies dringende Geſchäfte habe, die mich nöthigen mehrere Stunden über die gewöhnliche Zeit aufzubleiben, ſo wird es das Bequemſte ſein, wenn Du mir auf dem Sofa im Contor ein Bett herrich⸗ ten läſſeſt.“ Einige Augenblicke ſchien die junge Frau nicht zu wiſſen, wie ſie dieſen Ausgang ihrer Unterhandlung aufnehmen ſollte. Darauf ſagte ſie mit größerer Faſſung, als ſie ſich ſelbſt zuge⸗ traut hatte: „Du weißt ſelbſt am beſten, mein Freund, wie viel Zeit Deine Geſchäfte erfordern, und ich würde es für unrecht halten mich über Deinen Beſchluß verdrießlich zu zeigen.“ Der Mann antwortete Nichts, ſondern verließ das Zimmer. Als er fort war und der Stolz nicht mehr vor ſich ſelbſt zu prahlen brauchte, da legte Emilie ihre Hände zuſammen und ſagte halblaut: —-———— αε½& ⅙☛˖— 2 1 △ O 8 88A — 441 „Mein Gott, mein Gott, daß dies gerade jetzt geſchehen mußte, wo das Haus voll von Gäſten iſt! Es iſt allerdings nichts Ungewöhnliches bei Eheleuten, daß Jedes ſein eigenes Schlafzimmer hat, und in gegenwärtiger Zeit iſt es vielleicht beſſer, wenn er ganz für ſich lebt und ſich keinen Zwang anzu⸗ thun braucht; aber die Leute werden vielleicht die Wahrheit er⸗ rathen, daß dieſes Verhältniß von irgend einem häuslichen Zwiſt herrührt. Es iſt möglich, daß es Frauen gibt, die es für ihre Pflicht halten würden Alles wieder ins Geleiſe zu bringen, aber zu dieſen Frauen werde ich niemals gehören. Denn auf ſolche Art verwöhnt, würden die Männer leicht unſere Herren wer⸗ den. Ich habe in dieſen ſieben Monaten ſo manchmal meinen — l Stolz zu unterdrücken geſucht, daß ich ihn nun auch einmal nicht abweiſen, ſondern ſelbſt zu Hülfe rufen will. noch 4„Ach, entſchuldigen Sie,“ ließ Holts Stimme innerhalb der un⸗ Thüre ſich vernehmen,„ich komme doch immer ungelegen, aber acht 4 ich habe ganz gewiß mein Notizenbuch hier vergeſſen.“ i„Herr Holt!“— Emilie fuhr heftig aus ihren Betrachtungen en auf—„warum gehen Sie ſo leiſe, Herr?“ nſte Sie ſah ihn verdrießlich an.. ich⸗„Verzeihen Sie, ich bin nicht leiſe gegangen, ſondern Sie ſelbſt waren in ſo tiefe Betrachtungen verſunken, daß dieſe ver⸗ 3 muthlich Ihnen nicht geſtatteten meine Tritte zu hören. Ich lte. gedachte ſchon vor einiger Zeit hereinzugehen, aber ich wollte ge⸗ 3 damals das Geſpräch zwiſchen Ihnen und Herrn Hjelm nicht geit ſtören. te 4„Ah ſo,“ antwortete Emilie erröthend,„ich weiß, Sie ſind n 1 immer das Zartgefühl ſelbſt, Herr Holt, aber ich will nicht hindern.“ 9 Während Emilie in die innern Zimmer zurückging, preßte bi t ſie ihre Hand hart gegen die Stirne. „Der heimtückiſche Schleicher,“ dachte ſie,„ſpionirt alſo Alles aus bis ins Innerſte des Familienlebens! Glücklicher Weiſe ver⸗ 442 achte ich ihn ſo tief, daß ich es für weniger wichtig halte, wenn er Etwas gehört hat, als wenn es irgend ein Anderer geweſen wäre, z. B. der finniſche.... Aber ach, höre ich recht— ſind das nicht Glöckchen?“ Sie eilte unmittelbar in die Hausflur hinaus. Zweiundvierzigſtes Kapitel. bel 3 che Majkens Beobachtungen. auf In Majkens Zimmer ſtanden die drei jungen Damen, in SHo der ſchönſten Gruppe einander umfangend.; SHa „Liebe Freundinnen,“ ſagte der theure Gaſt, indem er ſeinen Blick von der Einen auf die Andere gleiten ließ,„wenn Ihr der wüßtet, wie ich mich nach dieſer Stunde geſehnt habe! Es iſt ja eine Ewigkeit, ſeit Ihr am Neujahr in Gläborg waret. Du, an Thorborg, ſiehſt dieſen Winter beſſer aus als je... aber Emi⸗ nir lie, die ſonſt die Königin von uns allen Drei iſt, hat heute zu un viel Farbe. Nimm Dich in Acht, daß Du kein Fieber bekommſt all — die Augen erhalten zwar dadurch einen ſtrahlenden Glanz, ich aber er ſieht ſo unnatürlich aus.“ hö .„O,“ antwortete Emilie,„Du brauchſt Dich nicht ſo genau Go an mein Ausſehen zu halten,— ich habe mehrere Male im Tag 5 Fieber und Froſt. Die Winde hier am Ufer bringen dieſe Wechſel vo mit ſich.“ zu „Inzwiſchen,“ verſetzte Majken,„weiß ich, daß Ihr Euch mit den Vergnügungen beluſtigt welche der Winter darbietet. ein Nun—“ ſie warf Thorborg einen bedeutſamen Blick zu—„was in macht Ihr im Pfarrhaus?“ ich „O, im Pfarrhaus jubeln wir wie der Vogel in der Luft. Papa und Gudmar ſprechen von nichts Anderem als von Dir und Deiner Ankunft. Der junge Lieutenant hat eine ganz eigene Veranſtaltung vor... Aber ich darf nicht plaudern.“ 3 Majken nickte lächelnd. „Ich möchte doch wünſchen,“ fuhr Thorborg fort,„daß Onkel Moß mitgekommen wäre. Hoffentlich hätte er ſich überreden laſſen Geſellſchaft zu leiſten— und dies wäre wenigſtens der Anfang zu erneutem Umgang geworden. Aber jetzt...“ „Ja, jetzt,“ ergänzte Majken,„müſſen wir uns ohne Papa behelfen. Er bekam eine wichtige Reiſe nach Uddevalla zu ma⸗ chen, aber er kommt am Samſtag zurück. Papa iſt beſtändig auf Reiſen und in Geſchäften begriffen— es ſieht aus, als ob er und Herr Holt ihre Rolle gewechſelt hätten. Während Herr in Holt daheim auf Srartſkär ſitzen bleibt, kutſchirt Papa wie ein Handlungsreiſender in der Welt herum.“ aen„Es war ſehr artig von ihm,“ ſagte Emilis,„daß er Dich Ihr dennoch hieher reiſen ließ.“ iſt„Papa bemerkte, daß meine Geduld ſich zu Ende zu neigen du, anfing, und da er ſelbſt mitunter, wie er es nennt, Reißaus mi⸗ nimmt, ſo fürchtete er vermuthlich, ich möchte es eben ſo machen, zu und darum hieß es ganz human und liebenswürdig: Du mußt mſt allein reiſen, mein Maiblümchen, denn Du ſiehſt wohl ein, daß nz, ich bei dieſer Auction da nicht fehlen darf... Nun, Emilie, Du hörſt ja gar nicht— Du mußt wenigſtens ein theilnehmendes au Geſicht machen, ſonſt verdrießt es mich.“ ag„Emilie war ganz vortrefflich,“ fiel Thorborg ein,„als ich ſel vor einer halben Stunde von ihr wegging, um nach dem Kuchen zu ſehen... Aber, Emilie, Du kamſt ja nicht nach.“ uch„Verzeih mir, liebe Thorborg, aber ich bekam wirklich ein Hinderniß. Und wenn dies jetzt, wie Majken ſagt, Fieber in meinen Augen zu ſein ſcheint, ſo geſchieht es deßhalb, weil ich mich nicht ſo vollkommen geſund fühle, wie ich gerne ſein möchte, wenn Majken bei uns iſt.“ 414 „Höret jetzt, liebſte Freundinnen,“ ſagte Majken mit ver⸗ änderter ernſter Stimme,„ich weiß und ſehe, daß nicht Alles im Blei iſt— ich habe natürlich auch durch Gudmar gewiſſe Vermuthungen gehört und aus den boshaften Aeußerungen des würdigen Holt den einen und andern Schluß gezogen. Aber was von Holt kommt, iſt ſchlimmer als Contrebande, und das lege ich bei Seite... Und nun will ich Euch ſagen, daß wir Drei mit einander nicht ein einziges vertrauliches Wort, ja nicht einmal eine Ahnung austauſchen wollen, bevor ich beim Mittageſſen, wo Alle verſammelt ſind, meine eigenen Beobach⸗ tungen angeſtellt habe. Dann, heute Abend oder morgen früh, können wir mit einander plaudern... Gehet Ihr darauf ein? Ich ſetze voraus, daß Emilie in Majken Moß eine wahre Freun⸗ din erblicken will.“ „Ja, ſo gewiß, daß ich mich von ganzem Herzen nach der Stunde der Offenherzigkeit ſehne.“ „Und wenn ich dann nicht da bin,“ ſagte Thorborg,„ſo weiß ich doch, daß Majken das Beſte ſagen wird, was eine klare Vernunft und ein gutes Herz ſagen können. Später wollen dann Majken und ich unſere Gedanken gegen einander halten.“ „Nein,“ erklärte Emilie,„Du darfſt uns heute Nacht nicht verlaſſen. Sind wir nicht wie drei Schweſtern?— Du darfſt im vertrauten Bunde nicht fehlen.“ „Nun wohl, ſo bleibe ich da. Es wird ſich wohl ein Bote finden, den ich nach Hauſe ſchicken kann.“ Jetzt traten ſie Eine um die Andere in den Salon, der ſeit einigen Stunden beinahe verlaſſen geweſen war. Majken hatte ihren Platz auf dem Sofa genommen, von wo aus ſie nach allen Richtungen ſehen konnte. Natürlich war Holt der Erſte, den ſie zu Geſicht bekam. Und Mazfken hatte ſich vorgenommen während dieſes Aufenthalts auf Svartſkär ſo geduldig und liebenswürdig als möglich gegen den gefährlichen Prätendenten auf ihre Hand und Reichthümer zu ſein, denn der Dienſt den er ihr dadurch geleiſtet, daß er den Vorſchlag zu ihrem gegenwärtigen Beſuch gemacht hatte, ſchien ihr mit Recht einige Dankbarkeit zu verdienen; aber dieſe Dankbarkeit durſte ſich nicht bis zur Blindheit über andere Dinge erſtrecken, die dieſen hinterliſtigen Mann betrafen. Man ſieht, daß Beide einander wohl erkannten und ihre gegenſeitigen Dienſte mit einem gewiſſen Procent von Dankbarkeit berechneten.— „O, tauſend, tauſend Mal wieder willkommen hier, Mamſell Majken! Ich konnte ſo eben vor ſo vielen Zeugen meiner Freude und meinem Glück darüber, daß ich Sie wieder in dieſem Hauſe ſehen darf, das Sie, Gott ſei Dank, noch immer lieben, keinen Ausdruck geben.“ („Ach, wie dumm iſt nicht dieſer Menſch, der mir unter vier Augen ſolche Dinge auftiſchen zu müſſen glaubt!“ dachte Majken.„Aber gleichviel: machen wirs nicht gar zu hand⸗ greiflich, damit wir bis auf Weiteres auf dem Friedensfuße leben.“*) „Herr Holt,“ ſagte ſie laut, ‚ich glaube nicht, daß in dieſer ſchönen Anſprache ein wahrer Sinn liegt, und deshalb ſoll auch ein verſtändiger Mann gegen ein verſtändiges Frauenzimmer keine ſolche Reden führen.“ In ſeinem Hochmuth wuchs Holt bis zu einem halben Rieſen: es war das erſte Mal, daß er eine ernſte Antwort erhalten hatte, und da er ſich in ſeiner Aufgeblaſenheit vom Glücksritter bis zum künftigen Beſitzer des ganzen Moß'ſchen Vermögens emporſteigen ſah, ſo antwortete auch er ernſthaft, denn Thor⸗ borgs glänzende Augen ſchienen ihm in jeder Ecke zu leuchten, und unaufhörlich klangen ihm ihre Worte in den Ohren:„Rechnen Sie darauf, daß der wahre Hexenmeiſter offene Augen für ſeine 3** 446 Hexereien ſinden wird.“ Alles überzeugte ihn, daß Vorſicht in Bezug auf ſeine Privatgeheimniſſe nie nöthiger geweſen als jetzt. „Mamſell Majken, erlauben Sie mir Sie zu verſichern, daß, wenn meine Worte Ihnen auch in der letzten Zeit unbeholfen vorkamen, ſie doch immer einen ernſten Sinn enthalten haben, und wenn ich heute offen zu geſtehen wage, daß ich mich unge⸗ ſchickt benommen habe, ſo geſchieht dies, weil Sie die Gnade hatten mich mit weniger Ironie als gewöhnlich zu behandeln.“ „Ich meinerſeits ſage, Herr Holt, daß Ihr Benehmen gegen mich, beſonders ſeit der kleinen Bauernrevolution, wirklich ſehr ironiſch war. Am Morgen ſprach ich ganz freundſchaftlich, und ich begreife nicht, warum wir Beide nicht ſollten miteinander umgehen können, ohne uns gegenſeitig zu ärgern und zu ver⸗ bittern. Ich will offen hinzufügen, daß ich mit ſo guter Luſt ein gemüthliches Leben hier zu treffen und das Meinige dazu beizutragen hieher gekommen bin, daß ich gerne nach allen Seiten hin Frieden ſtiften möchte. Laſſen Sie uns deshalb jetzt ſo ungenirt ſein, wie zur Zeit als Sie zum erſten Mal hieher kamen.“ „Dieſe ſo edelſinnigen und freimüthigen Worte ſind voll⸗ kommen geeignet mich zu Ihren Füßen zu legen, Mamſell Majken . Und darf ich zur Bekräftigung unſerer freundſchaftlichen Uebereinkunft— die Sache war die, daß Holt jetzt Thorborg kommen hörte— dieſe ſchöne Hand küſſen, ſo können Sie darauf rechnen in mir einen dankbaren Selaven zu beſitzen.“ Mit der einfachſten Würde von der Welt überließ ihm Majken ihre Hand, und Niemand konnte eine boshaftere Freude empfinden, als Holt, der jetzt auf den Wangen der eintreten⸗ den Thorborg eine leichte Röthe wahrnahm. Holt hätte zwar ſeine Zufriedenheit gerne dadurch vermehrt, daß er Thorborg etwas Pikantes über ſehende Freundesaugen geſagt hätte, aber er war auf die äußerlich ſichere Stellung, die er jetzt errungen hatte, ſo ſtolz und darüber ſo vergnügt, gegen ſehr und ander ver⸗ Luſt dazu eiten t ſo ieher voll⸗ ajken ichen borg rauf ihm eude eten⸗ ehrt, igen ung, ügt, daß er ſich liberal zeigen und Thorborg verzeihen konnte.„Ueber⸗ dies,“ dachte er,„kann auch eine Taube gereizt werden— laßt uns alſo vorſichtig ſein. Inzwiſchen dürfte die kleine Heilige jetzt in doppelter Beziehung ihre Ohren ſpitzen.“ Während Holt ſich noch in dieſer glänzenden Gemüthsſtim⸗ mung oben befand und ſich im Geſpräch mit Majken vertraulich über die Sofalehne hinbeugte, trat Capitän Oddjers ein und erklärte, er ſei zweimal im Salon unten geweſen und habe Mamſell Moß geſucht. „Ich bin dreimal dort geweſen,“ fiel Holt ein,„aber ich habe— wie vermuthlich auch Sie, Herr Capitän— nur die Hausfrau gefunden, die Geſchäfte hatte, und ich war wie ge⸗ wöhnlich überflüſſig.“ Majken ſchaute jetzt auf, um dem finniſchen Capitän etwas Verbindliches zu ſagen. Dies war ganz natürlich. Auch ſchien keine Muskel in Majkens Zügen ſich zu bewegen, als ſie die peinliche Verlegenheit bemerkte, welche Holts ſpitzige Anſpielungen bei dieſem hervorriefen. Offenbar hatte der Capitän jenes Gefühl des Aergers, das ſich oft einſtellt, wenn man ſo leicht mit ein Paar Worten einen verdeckten Nadelſtich vergelten könnte, aber unglücklicher Weiſe dieſe Paar Worte nicht findet, ein Mißgeſchick das zur Folge hat, daß der Stich ſchwerer empfunden wird, zumal wenn man vermuthen kann, daß Andere ſich die Freiheit nehmen über das beläſtigende Stillſchweigen ihre Gloſſen zu machen. „Keine Wirthin,“ antwortete Majken ſo haſtig, daß kaum eine Pauſe nach Holts Worten eintrat,„liebt Beſuche im Speiſe⸗ ſaal, wenn ſie ihre kleinen Anordnungen für das Mittageſſen zu treffen hat.“ In dieſem Augenblick kamen der Mann und die Frau von verſchiedenen Seiten herein. Emilie kehrte ihre Aufmerkſamkeit dem Tiſche, Hjelm ſeinem neuen Gaſte, d. h. Majken zu, deren fri⸗ ſches, freundliches, fröhliches und kräftiges Weſen Alle mit Entzücken — — 448 wiederzufinden ſchienen. Majken war ohne Zweifel die am wenig⸗ ſten Schöne von den drei Grazien des Strandes, aber keine von ihnen beſaß in ſo hohem Grade wie ſie das Talent bei den verſchiedenſten Stimmungen anderer Leute erwünſchte Geſellſchaft zu leiſten. So leicht und gewandt, daß man keine Berechnung erſehen konnte, leitete ſie Hjelm auf einige Geſchäftsgegenſtände, die ihn wirklich ſehr belebten, und machte ihm mit ihrer Vertrautheit in ſolchen Dingen den Vorſchlag ſich mit ihrem Vater bei einigen ausnehmend vortheilhaften Käufen zu betheiligen.„Ich weiß wohl,“ ſagte ſie,„daß die Magazine und Seebuden demnächſt ganz überfüllt ſind und auf den Eisgang warten, aber die Ladungs⸗ plätze haben noch Raum genug, und unbedingt dürfen die jungen Kaufherrn in den Scheeren nicht zugeben, daß der alte ſich den ausgezeichneten Bretter⸗ und Balkenhandel allein zueignet. Dieß habe ich auch Papa geſagt, der jetzt am Samſtag ſelbſt eine billige Theilung anbieten wird.“ Und nun ſprach man Dies und Jenes, von Länge und Breite, von Maß, von Ein⸗ und Ausfuhr, ſo daß es eine Herzens⸗ luſt war, und man ſetzte ſich zu Tiſche mitten unter einem leb⸗ haften Disput, denn es war Majken gelungen einen ſolchen in Gang zu bringen. Aber jetzt war die wichtigſte Zeit für die beabſichtigten Beobachtungen gekommen, und während Majken lebhaft die Nütz⸗ lichkeit dieſer oder jener Art des Bretterverſägens verfocht, be⸗ merkte ſie deutlich, daß nicht Capitän Oddjers daran Schuld war, wenn Hjelms Aufmerkſamkeit ſichtlich immer mehr abnahm, ſondern daß Holt es war, der die Augen und Gedanken ſeines Aſſocié in Anſpruch nahm. Es war auch ein eigenthümliches Spiel, das auf Holts Geſicht vorging, und vermuthlich hatte er dieſen Punkt bei der Behutſamkeit die er ſich zur Pflicht gemacht nicht mit in Rechnung gezogen. enig⸗ keine den chaft ehen ihn theit igen weiß ächſt ngs⸗ ngen den Dieß eine und ens⸗ leb⸗ n in gten Nütz⸗ be⸗ war, dern ocié olts der ung 449 Mit gierig ſchielenden Blicken beſpähte er jede Bewegung des Capitäns und Emiliens, und ſein Gehörſinn war offenbar aufs Höchſte geſpannt, um jedes Wort aufzufangen. Er wurde blutroth, wenn Emilie ihren Nachbar zu überreden ſuchte von dem einen oder andern Gericht ſchwarz, wenn ihre und des Capitäns zu nehmen, und er wurde beinahe Hände am Rand derſelben Schüſſel zuſammenkamen; wenn dann dabei noch der Capitän ſeiner Wirthin in die Augen ſchaute und ein Lächeln auf ſeinen Lippen ihr für ihre Aufmerkſamkeit dankte, da rückte Holt un⸗ ruhig mit dem Stuhle hin und her. Wenn nun Holt erröthete, ſo erröthete auch Hjelm, und wenn Holt nach den unruhigen Bewegungen auf ſeinem Stuhl mit boshaften Sticheleien um ſich warf, die zwar an Emiliens argwohnfreiem und verachtungsvollem Ohr vorbeiglitten, nicht aber an Oddjers, der auf glühenden Kohlen zu ſitzen ſchien, da erbleichte Hjelm und ſeine Augen hefteten ſich, ungeſehen von Holt, mit einem ſo harten Ausdruck auf dieſen, daß Holt, wenn er ſich bei ſeinem Manöver Zeit gelaſſen hätte ſeinen Aſſocié prüfend anzuſchauen, gefunden haben müßte— was Majken ſogleich auffaßte— daß Hjelm ihn ſtark beargwöhnte und ſehr verabſcheute. Zugleich aber lernte Hjelm, vermuthlich durch den Weg den Holts Augen ihm zeigten, den Capitän und ſeine aller⸗ behutſamſten Blicke beargwöhnen: einmal geweckt, mußte er noth⸗ wendig ſehen, daß dieſe Blicke eine berechnete Vorſicht hatten. „Alſo,“ ſagte Majken zu ſich ſelbſt,„haben wir hier eine doppelte Eiferſucht im Gang. Und der Umſtand, daß Hjelm ſo oft Thorborg auſſuchte, kommt natürlich von einem unabweislichen Verlangen her zu erfahren, ob ſie als kluge und ſcharfſinnige Perſon irgend eine wichtige Bemerkung gemacht habe... Aber,“ fuhr ſie in ihrem Gedankengang fort, wie wenn ſie das ganze Verhältniß klar vor ſich gehabt hätte,„eben ſo begreiflich iſt, daß das Gefühl ſeiner eigenen Würde ihn abgehalten hat einen 29 Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. ſo kitzlichen Gegenſtand zu berühren. Und dies iſt das Beſte, denn iſt er zu ſtolz um ſeiner Frau ſeine wirklichen Gefühle zu verrathen, ſo mag er bis auf Weiteres drunter leiden; und er verräth ihr jetzt Nichts, denn ſonſt würde er auch die heftigere Liebe verrathen, die, von der Eiferſucht angeblaſen, in ihm ſelbſt aufzuflammen begonnen hat, aber ſich für jetzt noch unter einem herben Weſen und verletzenden Kaltſinn verbirgt.“ Während alles das vor ſich ging, ſchaute Hjelm plötzlich zu Majken auf und las nunmehr in ihren Augen eben ſo gut, wie ſie ſo eben in den ſeinigen geleſen hatte. Es war ein höchſt unbehaglicher Moment für den im All⸗ gemeinen ſo verſchloſſenen Mann.— Wenn ſein Geheimniß verrathen worden ſein ſollte, ſo wollte er es lieber in Thorborgs Schutz wiſſen: in dieſem jungen Mädchen lag eine ſo chriſtliche Reinheit, ein ſo hohes Zartgefühl, daß es das Gleiche war, ob ſie oder irgend ein guter Geiſt aus höheren Regionen davon Kunde erhielt. So urtheilt der Menſch in vielen Dingen nach dem äußeren Schein. Thorborg ſah wie der mildeſte Seraph aus, konnte aber deßungeachtet eben ſo ſtrenge Worte ſprechen wie Majken. Majken hinwiederum beſaß eine eben ſo erhabene Denkungsart wie Thor⸗ borg, war in ihrem innerſten Herzen eben ſo chriſtlich geſinnt, aber ihr Aeußeres erſchien ſo weltlich, in ihrem ganzen Weſen lag ein ſo lebensfriſcher Humor, ſie trug ihre eigenen Bekümmer⸗ niſſe und Entſagungen mit einer ſo geſchmeidigen Kraft, daß der im Grund ſtarke, aber durch einen unvorbereiteten doppelten Schlag überrumpelte Hjelm um jeden Preis den forſchenden Blicken des in allen Dingen ſo reſignirten Mädchens zu entgehen wünſchte: denn wenn ſie ſein Benehmen vielleicht mißbilligte, ſo mußte ihm dies um ſo ſicherer mißfallen, als er ſich ſelbſt nicht von dem qualvollen Bewußtſein zu befreien vermochte, daß ſein innerer Aufruhr auf ſeine äußeren Handlungen zurückwirkte. 451 Dieſe Rückwirkung war Schwäche, und dennoch konnte er ſie nur ſcheinbar bemeiſtern. Inzwiſchen war es möglich, daß nur ſeine Furcht ihm vor⸗ gegaukelt hatte, was er bei Majken zu entdecken glaubte. Er warf daher noch einen langen, prüfenden und unausſprechlich ernſten Blick auf ſie. Aber jetzt hatte Majken Zeit gehabt, und jetzt begegnete Hjelm nur einem herzlichen, ruhigen und freund⸗ lichen Blick. Dies beſchwichtigte ihn ein wenig. Entweder hatte er ſich ſelbſt unnöthig in Angſt gejagt— was das Wahrſcheinlichere war— oder zeigte Majken, daß ſie Nichts geſehen haben wollte, und in dieſem Fall wurde er weder von Anſpielungen noch von offenen Verhandlungen bedroht, was Beides er in dieſem Zwieſpalt mit ſich ſelbſt und Andern gleich ſehr fürchtete. 1 ** Man war kaum vom Tiſch aufgeſtanden, als noch ein Gaſt anlangte, und diesmal war es Jemand der Majkens Gedanken dermaßen in Anſpruch nahm, daß Jedermann vor ihren forſchen⸗ den Blicken ruhig ſein konnte. Wie ſtrahlend von überſchwänglicher Freude erſchien nicht der junge Jachtlieutenant, als er endlich einmal innerhalb vier warmer Wände ſeine entzückten Blicke auf der ſchönen Maid ruhen und ſeine Lippen all die friſchen und freudigen Gefühle ausſprechen laſſen durfte, die ſeine Seele erfüllten! „Ich komme nicht ohne Auftrag,“ ſagte er, indem er ſich mit einer Verbeugung an Alle wandte.„Ich habe die Ehre die ganze Geſellſchaft auf nächſten Freitag, alſo übermorgen, zu einem Caffe auf dem Eis einzuladen. Die Damen müſſen ſehen, wie Miß Lilly, der große engliſche Schooner, herausgeſägt wird— er iſt wieder eingefroren, ſeit er Fjällbacka verlaſſen hat. Nun, iſt es angenommen? Können die Herrſchaften bis halb drei Uhr fertig ſein?“ 3 Eine allgemeine Zufriedenheit begrüßte Gudmars Einladu Und nachdem über die beſte Art die Frauenzimmer an Ort und wich Stelle zu befördern viel hin und her geſprochen worden, kam es auf ihren eigenen Wunſch zu dem Beſchluß, daß eine Schlitten: fahrt von dem Vergnügen ausgeſchloſſen bleibe, und daß ſie wie auch die Herrn ihre eigenen Füße in Anſpruch nehmen ſollten. Fre „Da dies jetzt abgemacht iſt,“ ſagte Majken,„ſo habe auch jetzt ich einen Wunſch. Als Papa und ich zum erſten Mal die Ehre rich hatten den Herrn Capitän Oddjers zu ſehen, machte Papa den Vorſchlag, der Herr Capitän möchte einige Modelle von unſerer aus ſchwediſchen Schiffsbaukunſt beaugenſcheinigen, und zu dieſem Be⸗ huf ſollten wir Alle droben bei mir eine kleine Erfriſchung ein⸗ nehmen. Des Herrn Capitäns Unwohlſein verhinderte es damals, 4 als aber wenn ich heute Mittag für Emiliens Geſellſchaft die Wirthin iſ, machen darf, ſo verſpreche ich zwar keinen Caffe, weil dieſer ſchon er im Anzug iſt, aber einen extraguten Punſch, ditto Cigarren und ſch Thee nebſt Brödchen, die ich zu dieſem Behuf aus meiner neuen Heimath mitgebracht habe.“ Ge „Und ſollte irgend eine Hilfe nöthig ſein,“ ſagte Gudmar, bel nachdem Alle ihre Dankbarkeit ausgeſprochen hatten,„ſo ſtehe ich zu Dienſten.“ da „Nein, ich danke,“ antwortete Majken lächelnd,„ich brauche lei Niemand in Anſpruch zu nehmen, als meine beiden Freundinnen Ar hier.“ ve Und ſobald Emilie ihre Geſchäfte am Caffetiſch beſorgt hatte, kä eilten die drei Damen in Majkens Zimmer hinauf. de Während der mitgetheilten Converſation hatte Hjelm oft ſeine Frau angeſchaut. Vielleicht erwartete er ſie in Folge ihres Morgengeſprächs niedergeſchlagen und verlegen zu finden— und d Emilie war, wie man weiß, Beides in hohem Grad geweſen— w aber ihr Stolz und ihr Würdebewußtſein waren jetzt dermaßen geſteigert, daß es ihr vollkommen gelang mit ihren Bemühungen —— * 9 dem Ehemann zu zeigen, daß die Sache nicht ſo ungeheuer wichtig ſei. m es itten⸗ ß ſie hmen„So lang wir Drei noch allein ſind,“ ſagte Emilie zu ihren Freundinnen,„ſo ſage mir, Majken, was Du denkſt— Du haſt auch jetzt Zeit gehabt zu ſehen und zu hören. Aber Du mußt auf⸗ Chre richtig ſein.“ den„Ja, vollkommen aufrichtig. Ein ander Mal wollen wir iſerer ausführlicher ſprechen.“ Be⸗„Nun?“ Emiliens Stimme verrieth eine fieberhafte Unruhe. menn⸗„Meine Meinung iſt die, daß Dein Mann jetzt Holt in mehr mals, 3 als einer Beziehung durchſchaut, daß er mißvergnügt darüber irthin iſt, weil er für den Augenblick Nichts ausrichten konnte, und daß ſchon er auf Mittel ſinnt, um weitere Gründe zu Beſorgniſſen abzu⸗ und ſchneiden.“ Piar⸗ neuen„Ah, Du glaubſt, daß er endlich ſelbſt das ſchmeichelhafte Gefühl entdeckt, womit Herr Holt meine Eitelkeit zu beehren dmar, beliebte?“ ſtehe„Das glaube ich. Dagegen aber bin ich feſt überzeugt, daß Du Deinem Mann und Dir ſelbſt den allerſchlechteſten Dienſt fauche leiſten würdeſt, wenn Du Dir Etwas davon anmerken ließeſt. innen Auf Dich kann er ſich ja eben ſo feſt wie auf ſein eigen Herz verlaſſen; aber im Fall es zu einer Erklärung zwiſchen Euch hatte, käme, ſo würde es ihm doppelt ſchwer werden gegen Holt ſelbſt den Unwiſſenden zu ſpielen.“ n oft Emilie ſchien nachzuſinnen. ihres„Was ſagſt Du, Thorborg?“ ſagte ſie;„glaubſt auch Du, 3 und daß dieſe Sache es iſt, was ſo mächtig auf meinen Mann ein⸗ m— wirkt?“ naßen Ein ſchnell warnender Blick zeigte Thorborg, daß Majken ungen den Namen des Capitäns noch nicht in ihre vertrauliche Bera⸗ 3 454 thung hereinzuziehen beabſichtigte, und dies ſchien auch Thor⸗ borg gut. 4 „Ich,“ antwortete ſie,„hätte Dir nicht ſagen wollen, Emi⸗ lie, was Majken jetzt geſagt hat, aber ich läugne nicht, daß es die Wahrſcheinlichkeit für ſich hat.“ „Nun, warum würdeſt Du rückhaltender geweſen ſein?“ „Darum weil ich mit Majken darin einverſtanden bin, daß Du für den Augenblick ſchweigen mußt. Du weißt, daß ich mich früher in der Sache ausgeſprochen habe. Aber wenn ich Un⸗ recht hatte, ſo wäre mein Rath Dir nicht nützlich geweſen. Deß⸗ halb hielt ich es für meine Pflicht rückhaltend zu ſein.“ „Ihr habt Beide Recht,“ ſagte Emilie,„wie an dem Abend, als wir zum letzten Mal unſere Herzen gegen einander ergoßen — Ihr erinnert Euch, es war am Abend vor unſern ſonderba⸗ ren Träumen— und ich würde ſicherlich ſprechen, wenn ich ſe⸗ hen könnte, daß Ake durch eine unmögliche Unruhe über Holts Eindruck auf mich litte. Aber da dieſer Eindruck ſo bekannt iſt, ſo ſchweige ich, denn Majken hat darin Recht, daß dieſe Gewiß⸗ heit, von mir ausgeſprochen, meinen Mann verletzen und reizen würde. Etwas anderes bleibt noch zu erklären übrig; warum iſt er ſo oft kalt und bitter gegen mich? Ich kann Nichts dafür, daß Holt mich mit ſeinen böſen Augen beehrt.“ „Liebe gute Emilie,“ fiel Majken ein,„Du mußt doch be⸗ greifen, daß ein Ehemann eine gewiſſe Bitterkeit— ſo unmoti⸗ virt ſie auch im gegebenen Fall iſt— gegen ſeine Frau zeigen kann, wenn er ſieht wie ein anderer Mann dieſelbe mit läſtiger Aufmerkſamkeit verfolgt. Allerdings ſehen es Viele recht gern, wenn man aus ihren Frauen ein großes Weſen macht, aber dies muß auf eine Art und Weiſe geſchehen, die nichts Beunruhigen⸗ des und Unangenehmes hinterläßt.“— „Das begreife ich ſehr wohl und würde mich damit einver⸗ ſtanden erklären, wenn nämlich Ake eines ſtärkeren Gefühles fä⸗ hig wäre; aber bei ſeiner paſſiven Natur und bei einem Neben⸗ 45⁵ buhler wie Holt wird es ihn blos deßwegen verdrießen, weil es ſich nicht wohl mit der Aſſociéſchaft in Einklang bringen läßt. Ganz anders würde die Sache ausgeſehen haben, wenn es ſich um Capitän Oddjers gehandelt hätte.“ 8 „Cäpitän Oddjers?“ riefen die beiden Andern voll Ver⸗ wunderung. „Nun, liebſte Freundinnen, das iſt doch wohl kein Stein, über den man fallen kann. Das Wort kam heraus, ohne daß ich es ſelbſt wußte, und der Name des Capitäns— verſtehet mich wohl— muß als ſynonym mit irgend einem andern jun⸗ gen Mann betrachtet werden, den man Holt vorziehen könnte.“ „Ja, das verſteht ſich,“ ſagte Majken.„Ich erſchrack blos darüber, daß Du Veranlaſſung haben konnteſt...“ „Nein, das iſt ſo weit entfernt als... als... Nun, ich weiß ſelbſt nicht, woher ich eine entſprechende Vergleichung neh⸗ men ſoll— aber wir werden ſchon Zeit bekommen darüber im Vertrauen zu ſprechen. Laßt uns jetzt an Majkens Souper denken.“ Da Emilie in dieſem Augenblick hinabſprang, um Etwas zu holen, ſagte Thorborg: „Ich glaube beſtimmt, daß ſie mehr ſieht, als ſie eigentlich ſelbſt weiß.“ „Und ich,“ antwortete Majken,„fürchte, daß ſie eben ſo viel weiß, als ſie ſieht, obſchon ſie glücklicher Weiſe an ihrem eigenen Urtheil zweifelt. Aber, Gott ſei Dank, Capitän Oddjers reist bald ab.... Still, ſie iſt bereits zurück. Heute Abend müſſen wir miteinander plaudern. Laß uns jetzt nach den Mit⸗ teln ſehen meiner Einladung Ehre zu machen... Ach wie wird das meinen Commandanten erfreuen!“.. Und Mafkens heitere Veranſtaltung erfreute nicht blos ihren „Commandanten,“ ſondern auch die ganze Geſellſchaft. Emilie ſprudelte von Munterkeit und Schalkhaftigkeit, und gleichwohl ſchlug ihr Herz doppelt, ſo oft ſie daran dachte, ob wohl Ake Etwas ſagen würde oder nicht, wenn ſie hinabkämen. Darüber erhielt ſie natürlich erſt Gewißheit, als ſie nach dem Schluß der Soiree mit ihrem Mann in ihr Privatzimmer trat, und nun nahm die Gewißheit die Geſtalt folgender Worte an: „Biſt Du ſo gut geweſen an meinen Wunſch heute Nach⸗ mittag zu denken?“ „Ach, entſchuldige!“ ſagte Emilie mit einer Stimme die nicht im Geringſten zitterte; und ſie zitterte auch nicht, als ſie ganz gleichgiltig Uljana rief und zu ihr ſagte:„Höre, der Herr hat Geſchäfte, in Folge deren er aufbleiben muß— bette ihm ins Contor!“ Und nun hieß es, als ob das Vorhergegangene durchaus keine weitere Aufmerkſamkeit verdiente:„Nun, haſt Du Majkens kleine Veranſtaltung nicht recht angenehm gefunden?“ „Ja gewiß— man athmet ſo friſch in ihrer Geſellſchaft.“ „Ich habe auch mit inniger Freude geſehen, daß Du Dich heute Abend beſſer befunden haſt, als ſeit langer Zeit... Wenn wir nur Majken für immer hier haben könnten!“ „Das lautet ja ganz, als ob Du in dieſem Fall ihr das Geſchäft übertragen wollteſt für das Behagen Deines Mannes zu ſorgen.“ „Ich möchte das am allerliebſten ſelbſt thun können. Aber glaube mir, mein Lieber, wenn ich zu wählen hätte, ob ich Dich ſo finſter und verſchloſſen wie jetzt ſeit einiger Zeit, oder ſo hei⸗ ter und geſellig wie Du heute Abend warſt ſehen ſoll, ſo würde ich kein Bedenken tragen Jedermann einzuladen, wer zu einem ſolchen Zauber mitwirken könnte.“ „Du biſt ein liberales Weib und in Deinen Anſichten jetzt weit großherziger, als Du da drüben im Fiſcherort zu werden verſpracheſt.“ „Es iſt ſehr eigen, daß Du ſo oft mit einem gewiſſen Hohn auf dieſe Zeit zurückkommſt— wie ſoll ich das verſtehen? In den erſten zwei Monaten unſerer Ehe machteſt Du beſtändig ſanfte, aber vielleicht gerechte Bemerkungen über meinen Mangel an Klugheit. Jetzt dagegen ſieht es aus, wie wenn Du mein⸗ teſt, ich ſei allzu klug geworden, ſo daß Du die erſte Zeit zu⸗ rückwünſchen müſſeſt.“ Ake konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. „Du biſt in Wahrheit ſehr ſcharfſinnig,“ ſagte er. „Ei, man lebt ja, um zu begreifen— ſonſt ſtände es ſchlecht.“ Diesmal antwortete der Mann Nichts. Er nahm langſam das eine Licht von dem Tiſch. Emilie beſorgte einige Kleinigkeiten, wobei die Augen der beiden Gatten einander begegneten. Aber dieſer gegenſeitige Blick ſchloß nichts Gutes in ſich. Der ſeinige war prüfend, der ihrige war lächelnd und gleichgiltig. 3„Gute Nacht, liebe Emilie! Du haſt Nichts ſagen wollen, obſchon der Tag lang war.“ Jetzt verwandelte ſich die lächelnde Gleichgiltigkeit in Emiliens Augen in ernſte Entſchloſſenheit. „Eine Frau muß ihrem Manne Achtung zeigen— das iſt ihre Pflicht— aber es dürfte gut für ſie ſein, wenn ſie ſich 3 auch der Pflicht erinnert, daß ſie zu gleicher Zeit ſich ſelbſt Achtung zeigen muß.“ Damit wurde das Geſpräch abgebrochen. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Was Emilie ſah, als ſie auf dem engliſchen Schooner die Ausſägung der Miß Lilly ſehen wollte. . Noch graute der Morgen nicht recht am Freitag, dem vom Lieutenant Guldbrandsſon für den Eisſchmaus beſtimmten Tag, als AE zwei männliche Geſtalten, die wie Nebelbilder auftauchten, auf den langen flachen Klippen ſichtbar wurden, welche den Weg nach Svartſkär hinab begrenzten. „Ja, jetzt ſind wir an Ort und Stelle,“ ſagte der finniſche Conſtabler zu dem uns bekannten Zimmermann. Auf der Perſonenliſte der Brigg waren dieſe beiden Individuen als Myllärin Matti und als Junttilan Pavo aufgeführt. „Ja,“ antwortete der Sprößling der finniſchen Wahrſagerin, „jetzt ſind wir hier— aber der Tag wird nicht glücklich, das ſehe ich am Nebel. Folge mit den Augen meiner Hand, ſo ſiehſt Du eine ſchwarze Wolkenmaſſe über dem Hauſe.“* „Alles iſt ja ganz ſchwarz wie in einem Sack.“ „Nein, nicht Alles... In der Mitte der Wolkenmaſſe geht ein langer grauer Streif.“ „Ich bemerke ihn.“ „Darin leſe ich, daß heute Nichts gelingen wird... Wir haben ja im Hauſe dieſes Mannes gegeſſen und getrunken.“ „Ich will ihm kein Leid anthun, das weißt Du, zumal da Du ſagſt, daß er ohnehin in die Zahl der Unglücklichen einge⸗ zeichnet ſei. Aber wie können wir ſonſt dem Capitän an den Leib kommen? Ich habe ja in ſeinem Zimmer das Concept zu ſeiner Seeerklärung geleſen, und daraus konnte ich mirs zuſammen⸗ buchſtabiren...“ „Was konnteſt Du Dir Anderes zuſammenbuchſtabiren, als was ich zum Voraus prophezeit hatte, nämlich daß er uns vom Halſe ſchaffen, daß er die Rhederei auffordern werde uns nach Haus zu rufen, und daß er eine andere Mannſchaft anwerben werde? Hatte ich nicht Alles Stück für Stück geſagt, ehe Du noch von dem Göteborger hörteſt, daß zehn Mann bereits angeworben ſind?“ 1 1 „Nun, ich ſage ja nicht, daß Du nicht zum Voraus alles das in Deinen Zauberbüchern geleſen habeſt, die Du im Kopfe trägſt. Aber deßhalb kann ich Dir doch ſagen, daß von dem —, ——-——— 6 459 Augenblick an, wo ich mit meinen eigenen Augen geleſen habe, wie er uns zum Lohn für ſeine Rettung recommandirt hat, der Teufel in mich gefahren iſt, und ich habe den Schwur gethan, den Du weißt, daß er entweder nachgeben oder daß es ihm übel bekommen ſoll.“ „Still!“ antwortete der Zimmermann.„Wir ſind jetzt zur Hälfte auf der Küſte ringsherum zerſtreut, aber ich habe Jedem meine Signale gegeben, und alle kennen den Sammelplatz. Dort⸗ hin müſſen wir ihn bekommen— ſonſt taugt es Nichts. Nun, iſt nicht auch das Uebrige ganz gut angelegt? Die andere Hälfte liegt im Flecken und wartet, bis er kommt, um den Paß nach Hauſe und das Reiſegeld zu bringen.“ „Ja wohl— wenn er kommt!“ Bei dieſen Worten glühten die Augen des Conſtablers noch ſtärker.„Aber zuerſt ſoll er eine wichtige Sache lernen, nämlich daß es nicht ſo leicht iſt eine alte Mannſchaft loszuwerden, als eine neue zuſammenzuraffen; und der ſteife Oddjers wird ſich tief genug bücken müſſen, um das Commando über die„finniſche Einigkeit“ vom Boden auf⸗ zuheben, wenn er es haben will, denn die finniſche Einigkeit wird nicht durch Uneinigkeit unter ſich ſelbſt ihre Vortheile ver⸗ lieren. Und jetzt laß uns vorwärts marſchiren. Die Geſchichte wiſſen wir, und er geht in die Falle.“ „Nein, heute nicht,“ erklärte der Zimmermann beſtimmt. „Wenn Du mir zuwiderhandelſt, ſo beſorg die Sache allein.“ „Aber wenn er auf eins, zwei, drei nach Lyſekil reist, dann iſt Alles vorbei.“ „Ich weiß beſtimmt, daß er nicht vor acht Tagen dahin reiſen will. Das hörte ich vom Conſul im Flecken, als ich ihm mittheilte, daß ich und einige Cameraden zum Capitän gerufen worden ſeien, und daß ich fürchte, wir haben zu lange ge⸗ zögert.“ „Du biſt doch der Klügſte! Jetzt ſieht das nicht wie Deſer⸗ 460 4 44 tion aus, ſondern wie eine ganz geregelte Sache. Aber was thun wir jetzt?“ „Ich werde,“ antwortete der Seher,„in der kommenden Nacht die Himmelswolken anſchauen— und vielleicht habe ich auch noch etwas Anderes, was ich anſchauen kann. Aber laß uns jetzt einſtweilen nach der Schenke zurückgehen: dort haben wirs recht brav, bis die Zeit gekommen iſt. Inzwiſchen will ich den Tag über ausſpähen, was zu unſerem Nutzen dienen kann.“ „Mach es wie Du willſt, wenn Du mich nur nicht ins Unglück bringſt.“ Und mit einem leiſen Gemurmel verſchwanden dieſe Schatten unter den andern Schatten. So trüb der Morgen geweſen war, ſo klar wurde der Mit⸗ tag. Und als etwas nach zwei Uhr die ganze lebhafte Geſell⸗ ſchaft mit Lieutenant Guldbrandsſon an der Spitze aufs Eis hinabmarſchirte, da ſah es aus, als ob das Sonnenlicht auch in all dieſen ſtrahlenden Augen und auf all dieſen friſchen Wangen lebte. Aber ſo war es natürlich nur äußerlich beſtellt. Jedes einzelne Mitglied trug ſeine Wolken in ſich, jedoch ſo im Innern verſchloſſen, daß ſie der allgemeinen Luſt keinen Eintrag thun konnten. Emilie war blendend ſchön in ihrem Wintercoſtüm, welchem ſie jetzt noch ein ſchwarzes Spitzenhäubchen beigefügt hatte, wo⸗ durch das ganze Oval ihres Geſichtes umſchloſſen und die friſchen Roſen auf demſelben noch mehr hervorgerufen wurden. Aber obſchon ihr Spiegel ſo gefällig geweſen war dies deutlich zu er⸗ klären, ſo wurde die junge Frau doch von einem ernſten Un⸗ wohlſein bedroht, als ſie Majken in einem neuen Hut erblickte, und zwar in einem ſogenannten Carl Johannshut, der damals V V V b V 461 oder etwas früher die vornehmſte Mode war. Dieſes zierliche Fabrikat beſtand aus einem in der Mitte etwas eingebogenen, mit reichen Falten verſehenen Hutkopf, der einen drei Zoll breiten, etwas emporſtehenden Rand hatte. Gewöhnlich wurde dieſer Hut, das höchſte Entzücken aller Damen, aus ſchwar⸗ zem Sammt oder Seidenſerſche gemacht, aber die innere Seite des Randes war mit roſafarbiger Seide gefüttert, über welcher auf jeder Seite ein heller Gazeſtreif lag. Auf der einen Seite des Hütchens ſaß ein ganzer Buſch ſchwarzer Federn. Erſt als Majken vollkommen reiſefertig herabkam, im Augen⸗ blick wo man aufbrechen wollte, erlitt Emilie den grauſamen Schmerz ſich von Majken überſtrahlt zu ſehen, welche dieſen Hut von ihrem Vater erhalten hatte, als er von ſeiner großen Aus⸗ reißerei nach Göteborg zurückkam. Aber noch war Emiliens Maß nicht voll. Wie riefen nicht alle Herrn, Einer um den Andern: „Nein, was für einen Hut Mamſell Moß hat— wie ſchön... wie prächtig... wie elegant! Und wie herrlich er Mamſell Majken zu Geſichte ſteht!“ Und Majken lächelte und ſah recht vergnügt aus, zumal da der entzückte Gudmar, blos um zu ſehen wie einnehmend die ſchöne Maid war, ſo lange rückwärts lief, bis er beinahe umpurzelte. „Höre,“ flüſterte Emilie zu Thorborg,„ich hätte doch nicht geglaubt, daß Majken einen ſolchen Werth auf Luxus legen würde.“ „Ei, was fällt Dir ein? Majken könnte, wenn ſie wollte, jede Woche ein neues Seidenkleid haben, und doch trägt ſie bei⸗ nahe nichts Anderes als Wolle. Nein, da verkennſt Du ſie.“ „Und dieſer Hut da?“ „O das iſt eines der vielen Geſchenke des Onkels. Sie hat ihn mitgenommen um— Du weißt ſchon wen— zu be⸗ zaubern.“ 462 „Ja, das ſehe ich wohl. Dieſer infame Holt begafft ſie ebenfalls, ſo daß er gewiß noch ſonnenblind wird. Und ſogar ... Ah ſo, Capitän Oddjers, Sie haben beſchloſſen Ihren Augen ein Ruheſtündchen zu gönnen?“. Die letzten Worte waren an den Capitän gerichtet, der in dieſem Augenblick zu den zwei Damen zurückkam. Der junge Finne ſah bei dieſer Frage unbeſchreiblich ver⸗ wundert aus.— Aber Thorborg ſagte lachend:. „Emilie meint ein Ruheſtündchen nach der Beſchauung von Majkens Hut.. „Nun,“ antwortete der Capitän mit einem zerſtreuten Lä⸗ cheln,„nun, war es ſo gemeint?“ „Ja, warum ſollten Sie ſonſt Ruhe bedürfen, Herr Capi⸗ tän?“ fragte Emilie, die wieder in eine erträgliche Laune zu kommen ſchien, denn auch Ake ſtand jetzt von Majkens Hut ab und begann mit dem Jachtlieutenant ein vernünftiges Geſpräch über die Möglichkeit für Miß Lilly das unbehagliche Gefängniß in den erſtarrten Wellen des Skagerak zu verlaſſen und mit dem angenehmen Hafen am Themſeſtrand zu vertauſchen. „Sie kommt nicht heraus,“ ſagte der Jachtlieutenant in entſcheidendem Tone.„Die Rhederei hätte ſich die Koſten er⸗ ſparen können, und koſten wird es verdammt viel, wie dies bei einer ſolchen Arbeit ganz natürlich iſt.“ „Du biſt wohl ſchon dort geweſen? fragte Majken. „Ja, mehrere Male, und ich ſah, daß, ſobald man eine Walze hinabſtieß, ſogleich eine Eisrinde ſich darüber hinzog. Es gibt hier nicht Leute genug zur Nachtarbeit, und die Kälte macht das Eis immer ſtärker. Miß Lilly wird ſichs, glaube ich, ge— fallen laſſen müſſen da zu bleiben wo ſie iſt.“ Inzwiſchen ging Capitän Oddjers neben der jungen Frau. „Wenn es nicht zwecklos geweſen wäre,“ ſagte er,„ſo hätte auch ich, üm Zeit zu gewinnen, mein Schiff herausſägen laſſen, 463 ſie aber ich habe das Unglück, daß ich mich niemals von Illuſionen ar bethören laſſe.“ en„Das iſt zu beklagen,“ antwortete Emilie. „Ja, nicht wahr? Haben ſie nicht ſehr Unrecht, dieſe un⸗ in zufriedenen Leute, die über die Unzuverläßigkeit der Illuſionen klagen? Diejenigen die ſich nicht einmal an einer ſecundenlangen r⸗ Illuſion erfreuen können, ſind wahrlich mehr zu beklagen.“ „Aber ſehen Sie, Herr Capitän,“ antwortete Emilie,„ich glaube nicht, daß irgend Jemand ſo gänzlich aller Phantaſie er⸗ n mangelt.“ „Phantaſie kann man wohl beſitzen, man kann ſie bis zur i⸗ Qual beſitzen, ohne ſich jedoch durch einen Irrthum bethören zu laſſen. Wenn dies geſchehen ſoll, muß man, wenn auch auf noch ſo kurze Zeit, an das glauben was die Phantaſie vorgau⸗ kelt. Und dieſer Mangel an Glauben iſt Schuld, daß ich ſogar die nur augenblicklichen Freuden verloren habe, die ein Blend⸗ 3 werk verleihen kann. Aber verzeihen Sie, ich werde ordentlich langweilig. Laſſen Sie uns an den angenehmen Gruppen vor⸗ beigehen, ſo werden wir meine Behauptung verwirklicht ſehen.“ „Ich kann den Zuſammenhang nicht begreifen, Herr Ca⸗ 1 pitän.“ 3— 1 5„Warten Sie ein wenig— die Erklärung wird bald folgen.“ ¹ Man war jetzt ganz nahe an den Platz auf dem Eis ge⸗ kommen, wo eine Menge Oeffnungen für die Fiſche aufgehauen waren. b Hier hatten die hungrigen Söhne der Ufer, jeder vor ſei⸗ b nem Bezirk, kleine Hütten aus Tannenreiſern aufgebaut, die durch vier Pfeiler zuſammengehalten und ſtatt des Dachs mit dünnen Stücken Holz belegt waren. Dieſe kleinen Wohnungen *—ſchützten ſie einiger Maßen gegen Kälte und Wind. Und auf ihren Blöcken ſitzend, mit den Fiſchergeräthſchaften neben ſich und der Pfeife im Mund, waren ſie eben bereit, die Einen mit ver⸗ ———— 8— 464 zagtem Sinn, die Andern mit frohen Hoffnungen, ihr Glück zu verſuchen. Emilie war mehrere Male mit Thorborg hier geweſen. Sie hatte ſogar eine Angel entlehnt und mehrere Flundern aufgefiſcht, und ſie hatte vor Freude beinahe getanzt als ein zappelnder Dorſch ans Tageslicht kam. Ihren ganzen Fang hatte ſie na⸗ türlich nachher gekauft, und ſie machte ſich eine Ehre daraus den ſi großen Fiſch in einem Netz, das ſie mitnahm, ſelbſt nach Hauſe 14 zu tragen.. Aber heute ſollte die Geſellſchaft weder Angeln noch Fiſche 1 kaufen: heute verhandelte und plauderte man blos mit den Fi⸗ ſchern, zu deren Gunſten jetzt Majken mit einigen Flaſchen her⸗ d ausrückte, welche ſie der Obhut ihres Commandanten anvertraut hatte. Während die Uebrigen ſich unterhielten, ſagte der Capitän b zu Emilie: 6 „Beobachten Sie jetzt, Madame! Dort“— er zeigte auf b 4 einen der Männer—„ſehen Sie eine Zufriedenheit, die beinahe I des Sieges gewiß iſt. Nun, genießt er nicht ſein Glück zum Voraus? Sehen Sie, wie ſeelenvergnügt er ſeine Angelſchnur an ſich reißt. Wenn er Nichts bekommt, ſo beklage ich ihn den⸗ noch nicht, denn er hat in der Erwartung einen Genuß gehabt.“ „Ach, was haben Sie jetzt mit Ihren ſchlimmen Worten— angerichtet, Herr Capitän? Sehen Sie, er hat Nichts bekommen,“ ſagte Emilie.„Es thut mir wirklich leid die Enttäuſchung auf ſeinem Geſichte zu ſehen.“ „Er verräth den gewöhnlichen Undank des Menſchen.“ „Pfui, Capitän Oddjers, wie ungerecht! Was kann eine arme todte Illuſion für einen Troſt geben?“ „Sie hat eine Erinnerung hinterlaſſen, und jede Erinnerung iſt ein Beſitz.“ „Nun,“ verſetzte Emilie,„hier haben wir einen Andern, der wahrlich nicht von Täuſchungen zu leben ſcheint. Er ſieht 46⁵ ſo ängſtlich aus, daß er es kaum wagt an ſeiner Schnur zu zerren, und er betrachtet uns Alle zuſammen mit ſo verdrieß⸗ lichem Blick, daß er ſicherlich glaubt, unſere Gegenwart verſcheuche die Fiſche.“ „Ja, ja, er weiß⸗ daß ich ein Finne bin, und die Finnen ſind hier nicht ſehr gut angeſchrieben. Aber ſehen Sie, bekom⸗ men ſeine Augen jetzt nicht eine andere Farbe?“ „Es iſt auch Grund dazu vorhanden— welch eine präch⸗ tige Glattbutte! Ich muß ſie auf morgen kaufen, und da ich Mitleid mit Perſonen habe, die ſich von keinen Illuſionen blenden laſſen, ſo gedenke ich ihn ſehr gut zu bezahlen... Ich will,“ ſagte ſie ſchnell, gleich als fürchtete ſie etwas Unbedachtes ge⸗ äußert zu haben,„ich will, daß er das nächſte Mal ein freund⸗ liches Geſicht macht, wenn ich komme.“ Der Wind oder die genannte Befürchtung hatte Emiliens Wangen noch höher gefärbt. „Nein, meine Herrſchaften, wir müſſen uns tummeln,“ er⸗ klärte der Jachtlieutenant und ging jetzt voraus mit Majken, die ſich die ganze Zeit über hatte damit quälen müſſen die von Holt ausgeſtreuten Zuckerkörner mit guter Miene aufzuleſen. Was Gudmar betraf, ſo hatte das Vergnügen anzuſehen, wie Holt ſich mit einer ſo lächerlichen Zuverſichtlichkeit um Maj⸗ ken herumtrieb, ihn vollſtändig für die Entſagung getröſtet, die er ſich ſelbſt auferlegen mußte. Er verſtand ſeine ſchöne Maid und glaubte Holt wohl erlauben zu dürfen auf Hoffnungen zu pochen, aus denen doch Nichts werden konnte. Als man etwas über die Hütten hinausgekommen war, kehrte Oddjers unter irgend einem Vorwand um. Wie glücklich er auch den Fiſcher mit den zerſtörten Illuſionen gefunden hatte, ſo drängte ihn gleichwohl ſein Herz ihm Materialien zu einem neuen Glück zu geben, und dieſe Materialien wurden natürlich aus der Brieftaſche des Capitäns hervorgeholt. Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 30 466 „Nun, Emilie,“ fragte Ake, der eine Zeit lang im Geſpräch mit Thorborg vorausgegangen war,„ich glaube, Capitän Oddjers iſt unterhaltend geweſen?“ „Ja,“ antwortete Emilie,„er verſteht ſich wohl darauf mich zu erheitern. Er hat eine eigene Abhandlung über Illuſionen und Fiſche zum Beſten gegeben, und ich fand, daß eine vollkom⸗ mene Verwandtſchaft herauskam zwiſchen den Bildern und. Nun, haſt Du heute Nacht gut geſchlafen, mein Freund?“ „Alle dieſe Spaziergänge da muß ich auf irgend eine Weiſe durch verdoppelte Arbeit wieder hereinbringen, aber als ich mit meinen Geſchäften fertig war, ſchlief ich nicht übel... Und Du ſelbſt?“ „Nun, ich blieb bei Majken und Thorborg auf und wir ſchwatzten, bis es ein Uhr ſchlug. Hernach wurde ich ſo ſchläf⸗ rig, daß ich kaum von Dir träumen konnte; aber heute früh als ich erwachte... Was rufen denn die Leute?“ unterbrach ſie ſich.„Wie viele Menſchen dort ſind! Das iſt wohl Miß Lillys Beſatzung?“ „Nun— und als Du erwachteſt?“ „Als ich erwachte, da nahm ich...“ „Liebe Freunde, liebe Freunde!“ rief Majken,„ſputet Euch doch! Das iſt ein ſo intereſſanter Anblick.“„ Und immer näher eilte die Geſellſchaft auf dieſen Anblick zu, der nicht blos intereſſant war, ſondern auch die Nerven zu einem unaufhörlichen Beben ſpannte, ſo daß man zugleich fror und brannte. Nicht ſehr weit vom Ufer ſah man den engliſchen Schooner für den Augenblick unthätig daliegen, in der Erwartung, ein Stück Wegs voranſchreiten zu können. Und um dieſen Weg zu eröffnen, waren einige ſtattliche Scheerenmänner in ihren Jacken und Seehundsſtiefeln auf folgende Weiſe beſchäftigt. Vor dem Kiel des Schiffes am Vordertheil war eine Strecke 90 — ☛̈ ⁸△ 3 5 55 ⏑ — 467 auf dem Eis mit Schnüren abgeſteckt, ſo lang und breit, daß ſie, in Freiheit verſetzt, einem Kanal geglichen haben würde. Auf der Breite dieſer Strecke waren Querſtriche gezogen, ſo daß das Ganze wie eine liegende Leiter von rieſigen Verhältniſſen aus⸗ ſah. An den Rändern ſah man einen Theil der Männer mit Eishacken da und dort Löcher einhauen, die groß genug waren, um die Sägen hinabzuſtecken, während mittelſt dieſer ein anderer Theil die Stücke der Länge nach auseinander ſchlug und ein dritter Theil nach der Quere ſägte. Wenn das Stück beinahe los geworden war, ſprangen ein Paar Männer mit ſcharfen Eishacken an den Stiefeln hinauf, um es auf der Seite hinab⸗ zuſenken. Aber dies war eine gefährliche Arbeit, die den Zu⸗ ſchauern ſo unheimlich erſchien, daß man die vorſichtige Kühnheit dieſer wackern Männer ſehen mußte, um nicht jeden Augenblick zu fürchten, ſie möchten in die Tiefe verſinken oder Arm und Bein brechen. Die eine Kante des Stückes wurde gleichzeitig und haſtig mit eiſenbeſchlagenen Stangen unter das feſte Eis hinab⸗ gezwungen, während die andere Kante mit ihrer blaugrünen Oberfläche in der Luft einige Augenblicke in der Sonne glitzerte, bevor endlich das ganze Stück raſſelnd und ſchwankend, wenn die Männer zurückſprangen, vollſtändig verſchwunden war. Kräftige Arme ergriffen jetzt, nachdem die Rinne unter muntern Geſängen Stück für Stück geöffnet worden, die im Schiff ausgeſpannten Seile und förderten auf dieſe Art Miß Lilly einige Faden Wegs nach dem freien Meer hinaus, zu deſſen Erreichung ſie jedoch keine beſondere Hoffnung zu haben ſchien, bevor der große Eis⸗ befreier ſelbſt die Arbeit übernahm. Daß die anweſende Geſellſchaft ein ſolches eigenthümliches Vergnügen vollkommen begriff, verſteht ſich von ſelbſt. s Majken und ihr Gudmar lebten mit ganzer Seele in der Arbeit, die vor ſich ging. Thorborg entſandte innige Gebete für das Leben und die Geſundheit der armen Arbeiter. Holt machte ſich viel zu ſchaffen, um ſeine Sachkenntniß zu beweiſen, mußte 468 lenden Perſonen oft genug anſchnauzen laſſen Hjelm, Capitän Oddjers und Emilie ſtanden ein kleines Stück weit entfernt. Die beiden Erſtgenannten hatten ihre Augen bald auf das Schiff und die Arbeit, bald auf die junge Frau geheftet. Aber ſie ſah weder auf das Schiff noch auf die neben ihr ſte⸗ henden Herrn, denn ihr Blick war mit unwiderſtehlicher Gewalt auf zwei brennende Augen geheftet, welche ſie oder eine in ihrer Nähe ſtehende Perſon zu verzehren ſchienen. Wäre es möglich geweſen zu träumen, während ſie ganz wach war, ſo würde ſie entſchieden zu träumen geglaubt haben, denn der ihr immer ſo ſchreckliche finniſche Zimmermann, von dem ſie wußte, daß er ſich auf Lyſekil befand und dem ſeine düſtere Prophetengabe bereits einen ſo unheimlichen Ruf auf den Ufern umher erworben hatte— man glaubte jedes ſeiner Worte wie klare Wahrheit— dieſer Mann konnte ſich doch jetzt nicht hier unter den Zuſchauern aufhalten, und zwar in einer andern Tracht als ſeiner eigenen. „Aber warum ſiehſt Du dem Eisſägen nicht zu?“ fragte Ake.„Dies iſt ein Schauſpiel, das man nicht alle Tage hat.“ „Ich ſah etwas Anderes, das mir eben ſo merkwürdig er⸗ ſchien,“ antwortete Emilie, die ſich eines heftigen Schauders nicht erwehren konnte. „Bekommſt Du auch kalte Schauder?“ fragte Hjelm den Capitän in einem ſo befehlenden und herben Ton, daß dieſer dagegen fieberhaft roth wurde. „Iſt es nicht erlaubt zu ſchaudern?“ antwortete er. Hjelm wandte ſich noch einmal an Emilie. „Was ſaheſt Du Merkwürdiges?“ „Ich glaube, daß ich es für mich behalten will, denn ohne Zweifel war es ein Gaukelſpiel meiner Einbildungskraft, oder bemerkten Sie Etwas, Herr Capitän?“ ſich aber zum Dank dafür von den bei dem Eisdrama mitſpie⸗ hne der 469 „Nein, Nichts! Ich empfand einen zufälligen Schauder— das war Alles.“ Ake ſchien mit dieſen Erklärungen nicht zufrieden zu ſein. Da aber die ganze Geſellſchaft jetzt von der Kälte und dem Stille⸗ ſtehen beläſtigt zu werden anfing, ſo beſchloß man aufzubrechen und nach dem verheißenen Ziel zu eilen. Und das Ziel war ein aufgeſchlagenes Zelt, über welchem die Flagge der Krone wehte, zur Erfriſchung und Ruhe einladend. Und wer kam wohl der Geſellſchaft ſpielend entgegen? Sven Dillkopf, der ſich an die Spitze des Zuges ſtellte, ſo daß man unter der lebhafteſten Muſik Paar um Paar ins Zelt einzog. Der Jachtlieutenant und Frau Emilie, Ake und Majken, Capitän Oddjers und Thorborg. Holt bildete den Nachtrab. Majken übernahm es, den Caffe ihres Commandanten zu ſerviren. Und wenn die Gäſte jetzt nicht in die allerheiterſte Stimmung kamen, ſo waren ſie ſelbſt Schuld; um ſo vergnügter waren der Wirth und die Wirthin, die ſich zuletzt dermaßen mit einander beſchäftigt zeigten, daß Holt es für nöthig fand ihnen begreiflich zu machen, daß ſie ſo zu ſagen von ſeiner Gnade lebten, und daß man ſeine Geduld nicht allzu lang auf die Probe ſtellen dürfe. „Laſſen Sie uns ein Glas trinken, Bruder Holt,“ rief der Lieutenant mit ſo wonneſtrahlenden Augen, daß es Holt einen Stich ins Herz hätte verſetzen müſſen, wenn er bei Majken etwas Anderes geſucht hätte als ihren Reichthum.„Es lebe die Freude, es lebe die Freiheit!“ „Und es leben Friede und Einigkeit!“ ſiel Majken lachend ein und hielt ebenfalls ihr Glas hin. Holt war ſo aufgeräumt, daß er an dem Toaſt Nichts aus⸗ zuſetzen fand..— Gudmar ging hernach mit dem Glühwein und der Hattejunge mit Cigarren bei den Herrn, ſowie mit Feigen und Krachmandeln bei den Damen umher. „Nein, danke, danke, mein lieber Sven Dillkopf,“ ſagte Majken.„Ich halte mich an das Tractament der Herrn.“ Und jetzt konnte man die Maiblume, die ſchöne Maid, mit dem Weinglas in der einen und der Cigarre in der andern Hand an der Zeltöffnung ſtehen ſehen, ſchwatzend, lachend und Jedermann belebend. „Freude und Geſang gehen Hand in Hand,“ ſagte der Jachtlieutenant.„Wir müſſen einen Geſang haben.“ Und da es gute friſche Stimmen waren, ſo wurde jetzt unter Märſchen auf dem Eis ein ſchöner Chor aufgeführt, der ringsumher über das gefrorene Feld erklang und ſowohl die armen Fiſcher in ihren hölzernen Häuschen, als die müden Arbeiter an Miß Lillys Spiegelweg belebte. Und durch den leichten Nebel vom Lande her, durch den Rauch und Dampf von der Oeffnung des Zelts erſchien das ganze umgebende Felſenufer wie eine ein⸗ zige ungeheure Phantasmagorie, worin die Berge geſpenſtiſche Thürme und die vorſpringenden Blöcke auf ihren Spitzen Menſchen⸗ geſtalten vorſtellten, die in der Luft ſchwebten, zur nächtlichen Wacht in der weißen Wüſte ausgeſtellt. Die Sonne hatte ſich inzwiſchen zum Untergang geneigt, während die Geſellſchaft mit vollen Gläſern um den Tiſch ſchwärmte. Und die Gläſer durften nie leer werden, denn hatte der Lieutenant ſich vergeſſen, ſo war Sven Dillkopf, ſein Stell⸗ vertreter im Mundſchenkenamt, bei der Hand und lud Herrn und Damen ergebenſt ein ſichs recht wohl ſein zu laſſen. Und auf die Aufforderung der Geſellſchaft ſpielte er nicht blos verſchiedene engliſche und bohusländer Tänze, ſondern ſang auch Solo ſeine ſchönſten Hattelieder, bei deren kunſtgerechtem Vortrag in aller Kurzweil die Dunkelheit über Sänger und Zuhörer hereinbrach. „Jetzt iſt es Zeit,“ fiel Hjelm ein,„an Aufbruch zu denken, ſonſt könnte der morgende Tag uns leicht in Eisſäulen verwandelt finden.“ „So laßt uns aufbrechen,“ antwortete Gudmar,„aber mit 471 1 der Bedingung, daß Niemand einen Schritt außerhalb der Grenz⸗ zeichen thut, die ich für die Heimfahrt feſtſtelle.“ „Wohin willſt Du uns führen?“ fragte Majken.„Jetzt bin ich im Programm nicht mehr daheim.“ „Meine Herrſchaften, wenn Sie nicht ſehen können, ſo wiſſen Sie doch, wo Sie ſich befinden.“. „Ich weiß es wohl,“ verſetzte Majken,„wir ſind in der Nähe der Uhuklippe; dorthin will ich gehen, ſobald ich erſt Dei⸗ nen Vater begrüßt habe, Gudmar.“ „Dorthin wirſt Du jetzt gehen, wenn Du Luſt haſt, dann bekommſt Du außer den Wirthen meinen alten Vater zu ſehen, der auf einem Holzſchlitten hingefahren iſt. Geben die Herr⸗ ſchaften ihren gnädigen Beifall?“ b Im Stillen hielt zwar Jedermann dieſen Vorſchlag nicht für ſehr paſſend, aber Niemand wollte dies ſagen. Die Sache ſtieß ſomit auf keinen Widerſtand. Der Marſch wurde alſo angetreten. Auf der Uhuklippe ſchien Alles ſo öde und finſter zu ſein wie gewöhnlich. Aber Himmel, welche Ausrufe des Entzückens und der Beſtürzung, als die Thür der großen Lootſenhütte ſich öffnete und ein blendender Lichtſchein zwiſchen einem ganzen Tannen⸗ wald den Ankommenden entgegenſtrahlte! 1 Dies war wahrlich nicht die finſtere Hütte. der alten Män⸗ ner, es war ein kleiner beleuchteter Park, und der dunkle Stuben⸗ boden glich auf eine beirrende Weiſe der Erde. Die kleine Stube war in einen Zaubertempel verwandelt, wo der Amerikaner und der Sardinier behaglich von dem über⸗ deckten Fenſter herabwogten und den Befehl über die übrige Menge von Flaggen übernahmen, die in allen Farben und Ge⸗ ſtalten die Wände ſchmückten.— Und innerhalb dieſer Welt bewegten ſich bei der Ankunft der Geſellſchaft fünf verſchiedene Figuren. Vor Allen erwähnen wir die reſpectabeln Wirthe, die in ihrem Sonntagsornat und den nagelneuen ſeidenen Tüchern, Ge⸗ ſchenken von Majkens früheren Beſuchen her, auf beiden Sei⸗ ten der Thüre ſtanden und mit den allerzierlichſten Bücklin⸗ gen und Kratzfüßen die Herrſchaften erſuchten in„allerſchönſter Willkommenheit ſichs hier bequem zu machen, obſchon ich, das kann ich wohl ſagen,“ fügte der Lootſenvater hinzu,„mich ſelbſt nicht mehr kenne. Aber eine Freude iſts, daß der Herr Lieute⸗ nant ſeinen Feſtſchmaus hier im Winterquartier der Alten geben will. Jetzt iſt es an Dir, Gädda— Du haſt ein beſſeres Mundſtück, und ich überlaſſe es Dir zu ſagen, was ich nicht her⸗ ausgebracht habe.“ „Du biſt der Aelteſte und Vornehmſte— deßhalb ſollteſt Du das Wort führen— aber nun muß ich ſecundiren... Denn ſo gut Muſik habe ich in meiner Jugend gelernt, als ich mit einem Organiſten in Bekanntſchaft ſtand, daß ich weiß, daß Second auf Prim folgt, und da ich, wie geſagt, blos ſecundire, ſo komme ich hintendrein mit dieſem Glückwunſch hier, der ſo lautet: Lieutenant Guldbrandsſon zur Ehre und Mamſell Majken zu keiner Schande wird dieſes Gaſtgebot mit Lichtern, Flaggen, Tannenreis und Trinkwaaren, gebratenen Gänſen und anderen Gottesgaben veranſtaltet, zu ewiger Ehre auf dieſer Erde und fröhlicher Hoffnung auf Fortſetzung im Himmelreich. Der Loot⸗ ſenvater und ich, Petter Gädda, wohllöbliche Männer, ſind mit Herz und Hand dem Lieutenant behilflich geweſen.... Und jetzt wer⸗ den die Herrſchaften hereinkommen und einen Mann begrüßen, der das erſte Wort hätte haben müſſen, wenn er nicht zu dem Bruder Cameraden und zu mir geſagt hätte: Ihr ſeid hier daheim, gute Freunde, und hier müßt Ihr zuerſt Willkommen ſagen... Und jetzt iſt es geſchehen.“ 3 473 Natürlich wurde die Standrede der beiden Wirthe mit aller gebührenden Ehre und Achtung aufgenommen. Während die letzten Complimente und Handſchläge gewech⸗ ſelt wurden, ſprang Majken in die zu einem Tempel umgewan⸗ delte kleine Kammer, um den großen Freund der alten Götter, den armen Paſtor, zu begrüßen. Da ſtand der Greis mit offe⸗ nen Armen für Majken, ſeinen Liebling, ſeine Schildjungfrau, die er heute Abend mit warmem Entzücken betrachtete, weil er ſie ſo ſchön fand in dem merkwürdigen Carl Johannshütchen, das ſie jedoch abnahm, wie auch Emilie und Thorborg die ihrigen nebſt den Oberkleidern ablegten.. Aber noch waren zwei Figuren hinter einem Verſchlag am Camin zu bemerken. Hier präſidirte die alte Vivika in Geſellſchaft unſers Freun⸗ des Storke Pelle, der an dieſem Abend ſo ſchrecklich an ſeinen gewöhnlichen Schmerzen litt, daß man ihm, wenn Sven Dillkopf nicht gekommen wäre und das Heilmittel verſteckt hätte, ohne Zweifel ſchon viel zu früh ein Nachtquartier hätte anweiſen müſ⸗ ſen, und Svens Maßregel gewann eine erhöhte Wirkung durch Vivikas Drohung, daß er den ganzen Winter ihren Schrank leer an Geſundheitspanacee finden ſolle, wenn er nicht augenblicklich nüchtern werde und ſich tüchtig an die Arbeit mache. „So gebt dieſes Reibeiſen da her,“ ſagte Pelle zornig, während er unter wiederholtem Schlucken etwas von Dummheiten und Weiberbefehlen murmelte.„Du aber ſollſt mir nicht zu nahe kommen, Du verzogener Gelbſchnabel,“ ſchnauzte er gegen Sven.„Wirſt Du nie etwas Anderes thun, als herumſpringen und unter den Herrſchaften und Tannenreiſen herumſcherwenzeln?“ „Ihr ſprecht nach Eurem Verſtand, Pelle, und ich bin ein ſolcher Mann, daß ich mich nicht darüber zu ärgern brauche. Sven Dillkopf weiß wohl, wer er iſt... weiß er es nicht, Tante?“ „O ja, nur zu gut. Aber ſtill jetzt,“ ziſchte Tante Vika, „ſtelle Dich ſogleich hieher und quirle den Rahm.“ „Ich, Tante— nein, gewiß nicht; ich habe etwas Anderes zu thun. Wißt Ihr nicht, daß ich aus dem Hattebezirk bin und daß meine Fela heute Abend den Herrſchaften zum Tanz aufſpielen muß? Hört Ihr jetzt, wie der Lieutenant zu dem finni⸗ ſchen Capitän ſagt, ſie wollen im Freien walzen, und da kann man ſichs wohl denken, daß der Capitän ſich an die kleine artige Scheerenfrau halten wird. Darauf könnt Ihr Gift nehmen.“ Hörte Jemand dieſen einfältigen Scherz? Niemand außer Hjelm, den er natürlich in gute Laune verſetzte— zumal da die Prophezeiung eintraf.— 2 Die Herrſchaften tanzten ſo, daß Lichter und Tannenzweige vor Schrecken keuchten. Und Capitän Oddjers, der ſo flink und ſtolz ſeine Dame führte, dachte nicht einmal mit einem halben Gedanken un Hjelm, welcher einzig und allein beſchäftigt war ſeinen ſtürmiſchen Ge⸗ fühlen die Zügel der Vernunft anzulegen— und die Vernunft gebot ein menſchliches Wohlwollen zu zeigen, ſtatt der Bitterkeit die beſtändig emportauchen wollte. Auch ſeine Selbſtbeherrſchung wurde auf die Probe geſtellt, da er zu den luſtigen Geſchichten des Paſtors lächeln mußte. Die aufmerkſamſten Zuhörer des alten Herrn waren aber ſeine Wirthe, wie er denn auch ſelbſt mit Vergnügen ſeine Jugender⸗ innerungen dadurch auffriſchte, daß er ihre eigenen alten Ge⸗ ſchichten anhörte— und natürlich fühlten ſich ſowohl der Lootſen⸗ vater als Gädda ungemein geſchmeichelt durch dieſe Vertraulichkeit: ſie kamen ja dadurch gewiſſer Maßen auf einen gleichen Fuß mit dem geiſtlichen Herrn. Aber wie die Freude im Leben ſelten der Ausdehnung fähig iſt— wobei ſie auch Nichts gewinnen würde— ſo muß auch die Freude im Gedicht demſelben Geſetz folgen. Dieſer Abend, Gudmars zweites Feſt, lebte in der Erinne⸗ 475 rung der Theilnehmer, ſo lang man es nur wünſchen konnte, ja vielleicht noch länger. Es war gegen neun Uhr Nachts, als die Damen wieder in ihre Pelze gehüllt die Uhuklippe hinabſtiegen, nach einem herz⸗ lichen Lebewohl von den beiden alten Cameraden, welche ihrer⸗ ſeits gelobten dieſen hohen Beſuch nie zu vergeſſen. Der Paſtor ſollte das Stübchen über Nacht mit ſeiner Ge— genwart beehren, wie auch Vivika und Storke Pelle der Hütte dieſe Ehre erwieſen. Nur die junge Geſellſchaft mit Sven Dillkopf an der Spitze trat die Heimfahrt an, die durch eine da und dort brennende Theertonne, die letzte Artigkeit, welche der Lieutenant ſeinen Gäſten erwies, vorgezeichnet war. „Kann ich jetzt endlich erfahren,“ ſagte Ake, der ſeit einer Weile ſeiner Frau den Arm geboten hatte,„was Du nahmſt, als Du heute früh erwachteſt?“— „Was ſollte es Anderes geweſen ſein als... „Hjelm, ſchau Dich doch um!“ ſchrie Holt,„ſieh, wie herr⸗ lich der Weg hinter uns leuchtet.“ „Ich weiß, ich weiß. Guldbrandſon hat mit ſeiner Veran⸗ ſtaltung große Ehre eingelegt.... Nun was Anderes als?“ „Dein Portrait natürlich!“ Emilie betrachtete ihren Mann mit einem warmen Lächeln. 4 „Wie— wirklich? iſt das gewiß?“ „Allerdings— da ich Dich nicht hatte, was ſollte ich da Anderes anſehen, als Dein Bild?“ „Frierſt Du nicht in die Hand... laß michs unterſuchen.“ Er nahm die Hand ſeiner Frau, zog den kleinen ſeidegefütterten Handſchuh ab, und fror die Hand nicht vorher, ſo fror ſie noch weniger nach dem glühenden Kuß. Emiliens Wangen wurden hochroth. Und da Gudmar jetzt rief:„Hjelm, Du mußt Dich umwenden!“ ſo wandte er ſich „ 41 nicht blos um, ſondern verließ auch ſeine Frau mit einer Haſt, wie wenn etwas Verbrecheriſches ſtattgefunden hätte. Emilie hatte ſich kaum erholt, als ein anderer Arm ihr an⸗ geboten wurde. Es war Oddjers. „Ach,“ ſagte ſie, indem ſie ihn mit wahrer Erleichterung annahm, denn jetzt wäre es ihrer Verſchämtheit ſchwerer gewor⸗ den Akes Arm wieder zu ergreifen, als ſie ſich ſelbſt erklären konnte— dem Capitän dagegen hatte ſie die ganze Zeit über ein Wort unter vier Augen ſagen zu können gewünſcht—„Ach, Capitän Oddjers, ich habe mich den ganzen Nachmittag eines Ge⸗ fühls der Unruhe nicht erwehren können. Es mag thöricht ge⸗ weſen ſein; aber ich vermochte es nicht zu überwinden.“ „Und die Veranlaſſung zu dieſer Unruhe?“ „Drüben beim Eisſägen bemerkte ich unter dem Menſchen⸗ haufen ein Paar Augen, die Jemand unter uns ſuchen zu wollen ſchienen— vielleicht war es auf Sie gemünzt, Herr Capitän,— und die Augen erinnerten mich an den geheimnißvollen Zimmer⸗ mann, deſſen Aberglaube ſo viel Unheil auf der„Finniſchen Einigkeit“ angeſtiftet hat.“ Capitän Oddjers fuhr zuſammen. „Er iſt mit den Andern in Lyſekil— wenigſtens iſt er nicht hier in der Gegend— aber welchen Schluß, Madame, zogen Sie aus der Erſcheinung, da ſie— was ich kaum zu wiederholen wage— Unruhe bei Ihnen erweckt hat?“ 3 „Nun, ich dachte, es könnte eine unbekannte heimliche Ge⸗ fahr für Sie um den Weg ſein. Ich habe manchmal Ahnungen, und gewiß iſt, daß ſie früher nicht fehlgeſchlagen haben.“ „Aber dies betrifft ja nur mich.“ „Nur— und warum dieſes Nur?“ „O, Madame, ſagen Sie dieſes Wort nicht in einem ſo freundlichen Ton. Ich möchte gerne mich ſelbſt mein ganzes Lebenlang hochachten, aber bei Gott, es geht mitunter hart da⸗ bei zu.“ V 8 477 „Niemals,“ antwortete Emilie mit einem leichten Schwanken in ihrer Stimme,„niemals— ich bin es feſt überzeugt— werden Sie, Herr Capitän, ſo handeln, daß Ihre Selbſtachtung verloren geht.“ Capitän Oddjers ſchwieg einige Augenblicke. Am Spiel ſeiner Geſichtsmuskeln war inzwiſchen zu erſehen, daß er die Wahrheit geſprochen hatte. „Wie,“ ſagte er endlich,„kann ich recht ausdrücken, was ich erklären darf, nämlich meinen Dank für dieſes edle Benehmen? Seien Sie verſichert, daß, wo ich auch auf Erden umhergeworfen werden mag— wo iſt wohl die Heimath des Seemanns?— in jeder Gefahr, bei jedem Schmerz der mich trifft, dieſe Augen⸗ blicke mich aufrecht erhalten werden; ſie werden für mich keine Illuſion ſein, ſondern eine Erinnerung die ſtets mit dem tiefſten Dank und der innigſten Verehrung bewahrt werden ſoll.“ Emilie begann jetzt erſt eine läſtige Furcht zu empfinden.„Alles das,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt,„kann eine ernſte Bedeutung haben.“ Sie wußte nicht, was ſie weiter ſagen, wohin ſie blicken ſollte... Vielleicht hatte ſie ſchon vorher mehr gewußt und begriffen, als ſie wiſſen und begreifen wollte. Alles an ihm war ſo edel, ſo einfach, ſo voll von hohem Selbſtgefühl. Wie ſchlimm mußte es alſo werden, wenn er vielleicht glaubte oder ſich vorſtellte, daß ſie Sachen ſehe und denke, die ihm vielleicht gar nie in den Sinn gekommen waren? Dieſes wirre Gedankenſpiel machte ihre Lippen verſtummen. Hätte ſie nur gewußt, wie weit die Galanterie einen ſolchen Ausdruck von Innigkeit und Wahrheit entlehnen konnte! Der junge Capitän betrachtete ſie aufmerkſam. „Was iſt das für eine Veränderung, Madame, die mit Ihnen vorgeht?“ fragte er.„Sie denken nicht mehr ſo mild wie vorhin?“ „Herr Capitän, was kann ich ſagen? Sie dürfen mich nicht mißverſtehen. Ich fühle mich ganz unruhig, und gleichwohl war es ja eine ſo einfache Handlung Sie vor Gefahr zu warnen.“ „Nun, habe ich Sie denn verletzt, ſtatt meine Dankbarkeit zu zeigen? Mein Gott, wie würde ich mich ſelbſt verdammen, wenn dies der Fall geweſen wäre! Sagen Sie, habe ich es ge⸗ than? Sollten die ausgeſprochenen Worte irgend eine Frau, ſo edel und reinherzig ſie ſein mag, beleidigen können?“ „Nein... ich täuſche mich vielleicht... Aber laſſen Sie uns ſchließen, denn irgend Etwas flüſtert mir zu, daß unſer Geſpräch an ſeiner Grenze angekommen iſt.“ „Ach, ſeien Sie ruhig— unſere Geſpräche bleiben immer innerhalb der Grenze. Seien Sie davon überzeugt. Aber ich bitte: laſſen Sie keine Aenderung in Ihrem Benehmen ein⸗ treten; dies würde Sie vielleicht ſchmerzen, wenn ich fort bin, und mich ganz gewiß, ob ich nahe oder ferne bin.“ Emilie antwortete ſo leiſe, daß man es kaum hörte: „Ich verſtehe nicht— und ich will Nichts ändern.“ Sie zog haſtig ihren Arm aus dem des Capitäns und kehrte an die Seite ihres Mannes zurück. Denn jetzt war es weniger ge⸗ fährlich. Der Capitän legte den übrigen Theil des Weges neben Thorborg und im Geſpräche mit ihr zurück. Und von dieſem Geſpräch erzählte Thorborg ſpäter Majken, es habe ſo viele Lücken, Umgehungen und Rückhaltungen gehabt, daß daraus klar hervorgegangen ſei, wie Capitän Oddjers ſich in einer ungewöhn⸗ lichen Spannung und Geiſtesabweſenheit befunden haben müſſe. Bald war die Geſellſchaft auf der Landſpitze zurück. „Dank, mein geliebter Commandant,“ flüſterte Majken ihrem Freunde zu, als es ihr gelungen war ſich von Holts läſtiger Aufmerkſamkeit zu befreien.„Deine ſchöne Maid wird dieſen entzückenden Abend ſtets in theurer und fröhlicher Erinnerung behalten.“ * 479 „Aber Du weißt wohl,“ antwortete Gudmar in demſelben var n.“ vertraulichen Geflüſter,„daß ich eines Erſatzes für dieſen Tag keit bedarf, da alle Menſchen— und der garſtige Holt ganz beſon⸗ gen ders— Antheil an Dir gehabt haben. Morgen im Pfarrhaus ge⸗ muß es anders werden.“ au, Sie ſſer ner Pierundvierzigſtes Kapitel. ber in⸗ Was Emilie ihrer Mutter Alles beichtete. din, Sie Zehn Uhr Vormittags. die Endlich habe ich einige Stunden geſchlafen. ge⸗ Laß mich jetzt in Gedanken zuſammenfaſſen, was ich heute Nacht geſchrieben habe. Zuletzt ſetzte ich in Kürze meine Schil⸗ den derungen von Akes ſeit meinem letzten Brief immer ſonderbarer em ſich geſtaltender Gemüthsſtimmung fort, und Du mußt jetzt in jele dieſen Myſterien eben ſo wohl zu Hauſe ſein, wie ich ſelbſt. lar Darauf ſchilderte ich den geſtrigen Morgen und wie ich mich da hn⸗ aaanließ. Ferner beſchrieb ich Guldbrandsſons feſtliche Veranſtaltung. ſſe. Aber ich glaube nicht, daß Du all dieſe flüchtig hingeworfenen Skizzen beſſer verſtanden haſt, als ich verſtehe, warum ich daſitze und mir ſelbſt Dinge erzähle, die ich bereits weiß. em Liebe Mama, ſind wir immer ſo unbeholfen, wenn unſere ger Gedanken und Gefühle in Zweifel und Kampf ſich befinden? fſen So weit ich mich zurückerinnere, warſt Du, Mama, immer ng mein zweites Gewiſſen. Warum empfinde ich alſo jetzt gleichſam ch am Sprechen hindert? Es kann doch eine Bangigkeit, die mi ———— 480 wohl nicht ſo ſchlimm ſtehen, daß ich nöthig hätte mich über die Stimme meines Gewiſſens zu beunruhigen. Nein, gewiß nicht... aber mein Kopf iſt ganz verdreht — ja, es muß ſo ſein, denn ſonſt weiß ich nicht, warum ich 4 heute Nacht, als wir heimkamen, Gott dafür dankte, daß Ake b d Geſchäfte halber auf dem Contor bleiben mußte. V Jetzt will ich mich genau erforſchen... Mit dieſen Worten ſchloß ich heute Nacht oder vielmehr heute früh, denn als Majken, in Thorborg und ich uns trennten, da war es, ich kann wohl ſagen, th ſchon Morgen... Nun, mit dieſer Erforſchung ging es ſo, daß un ich mir ſelbſt nicht recht erklären konnte, warum ich mich ſo dar⸗ iſt über freute allein zu ſein. 4 Einen Augenblick glaubte ich, es geſchehe um des Vergnügens S willen, Akes augenfälligen Widerwillen gegen die Contorsarbeit b um dieſe Zeit zu ſehen, aber ich betrachtete es als einen unbe⸗ ſe ſtreitbaren Beweis meiner zunehmenden Klugheit, daß ich mir ſe Nichts davon anmerken ließ, und mein Mann iſt zu ſtolz, um von ſelbſt auf die Idee zu kommen, daß die Geſchäfte weniger ſtreng geworden ſein könnten... Nun, Mama, war Das nicht klug, war es nicht nützlich für die Zukunft? Eine Frau von einigen Mitteln braucht ſich doch wohl nicht zu beugen, um die Gunſt eines Mannes wieder zu gewinnen, zumal in einem ſolchen Fall wie dieſer, wo es handgreiflich war, daß Ake mich für einen mir unbekannten Fehler ſtrafen wollte, indem er auf ſolche Art ausriß, wie Patron Moß ſich auszudrücken pflegt, wenn er um des Hausfriedens willen ſeine Frauenzimmer verläßt. Nein, nein, mag mein Mann jetzt ſeine Geſchäfte beſorgen! Warum ſpricht man immer nur von den Launen der Frauen — und warum ſollen die Frauen, wenn ſie ſelbſt keine Launen haben, die Launen des Mannes zurechtſetzen, damit er in eine behagliche Harmonie mit ſich ſelbſt kommen kann? Im Uebrigen iſt es recht vernünftig und zweckmäßig, daß verheirathete Perſonen verſchiedene Zimmer haben, und Summa — S S S8 —— 22 . — 481 ſummarum, ich bin hartherzig genug, um eine ſolche Kleinigkeit gar nicht übel zu nehmen. Jetzt dürfteſt du fragen, Mama, ob ich eben ſo gedacht haben würde, wenn ein ähnliches Verhältniß im Anfang unſerer Ehe, als wir in dem Fiſcherort wohnten, eingetreten wäre. Und darauf antworte ich aufrichtig: Nein! Ich war damals ſo unerfahren... Ach, Mama, wie viel man weiß, wenn man ſieben Monate— bald acht— verheira⸗ thet iſt! Wenn die Erfahrung in dieſem Verhältniß zunimmt, ſo muß ich glauben, daß die Che ebenſo wechſelvoll und lehrreich iſt wie eine Reiſe um die Welt. Denn von welchem Punkt man ausgeht und zu welchem Punkt man zurückkehrt, ſo bleibt der Schluß immer der, daß man ſich mit den neuen Entdeckungen beſchäftigt, und da man jetzt unaufhörlich neue Entdeckungen in ſeiner eigenen Seele ſo wie in den Seelen Anderer machen kann, ſo glaube ich, daß der Lehrkurs für Viele ſehr wichtig ſein dürfte. Um jetzt zum Anfang unſerer Ehe zurückzukommen, ſo würde ich damals eine ſolche Laune von Ake als einen Beweis von Kälte und Gleichgiltigkeit betrachtet, folglich mich dadurch aufs Tieſſte verletzt gefühlt haben. Aber jetzt weiß ich, daß ſeine Herbheit, ſeine kleinen Spöttereien und ſeine reizbare Laune, die mich ſo manche bittere Stunde gekoſtet, zuverläſſig aus einer ganz andern Quelle kommen. Mehrere Male hatte ſich dieſe Ueberzeugung mir aufgedrängt und iſt immer als der troſtreichſte Sonnenſtrahl bewillkommt worden, aber heute Nacht, als wir nach Hauſe gingen, erhielt ich blitzſchnell eine Gewißheit, bei welcher ich faſt vor Entzücken aufgeſchrieen hätte, als er einen Kuß auf meine Hand drückte. Dieſer Kuß brennt noch darauf, und wenn ich es wagte, ſo würde ich Dir mit jubelnder Freude verkünden, mein Mann ſei— nein, es iſt am beſten, ich ſchweige .. Großer Gott, wenn er juſt jetzt hereinkäme, den Brief zu⸗ ſehen verlangte und das Wort Eiferſucht zu leſen bekäme! Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 31 482 Nein, nein, nein, laß uns die ſeligen Hoffnungen für die Zukunft bewahren und nur an das denken, was beſtimmt kein Traum iſt, nämlich an das unausweichliche Zuſemmmentreffen mit dem Capitän Oddjers. Aber iſt vielleicht mehr Zuſammenhang in dem was ich jetzt ſchreibe, als in dem was ich heute Nacht geſchrieben habe? Ich habe eine Art von Idee, daß ich eine Periode angefangen habe, die keinen Nachſatz bekam. Aber es gab ſo viele Zuſätze, daß es am beſten iſt zurückzugehen. Zuerſt war es Etwas vom Gewiſſen. Dann ein Dankgebet dafür, daß ich heute Nacht allein war. Und dann hieß es: einen Augenblick glaubte ich... Ja, Mama, jetzt weiß ich, was ich in dieſem Augenblick glaubte, und noch viel dazu. Das will ich jedoch in meiner Beichte erklären, daß ich mit Sicherheit weiß, daß ich meine Freiheit darum liebte, weil ich in Ruhe an Dich ſchreiben konnte. Aber Gott weiß, ob es doch gerade dies war. Vielleicht, dachte ich, es wäre nützlich mein Geſpräch mit dem Capitän noch einmal zu durchgehen. Ich hoffe, liebe Mama, daß darin nichts Beleidigendes gegen meinen Mann lag. Bedenke— ein ſo ritterlicher Charakter wie Oddjers— und überdies reist er ſo bald ab: ſchon in einigen Tagen. Bedenke, wenn ich Ake nie geſehen oder kennen gelernt hätte, ich möchte doch wiſſen, wie ich dann... Nun, Mama, jetzt findeſt Du gewiß, daß mein Kopf unklar iſt. Gott weiß, daß es nicht ſehr wahrſcheinlich iſt, daß ein Frauenzimmer, das ſich ſo viele Mühe gegeben hat um einen Mann zu feſſeln, für einen andern Augen haben könnte... 4 ſehen kann ich jedoch wohl, und ich fühle mich zu ihm einer Sympathie hingezogen, die indeß nicht die allermin⸗ deſte Aehnlichkeit mit der Liebe hat. Wäre es nicht ſo lächerlich, daß Du darüber lachen könnteſt, und wenn es nicht ſo beſchränkt und ganz einfältig klänge, ſo möchte ich ſagen, mein Gefühl für 483 ihn habe etwas ganz Mütterliches... Wie glücklich ſind die kein doch die Mütter, und wie werden ſie geliebt! Die Liebe, die mit man ihnen widmet, iſt immer die vollkommenſte und hat am meiſten von Himmel..... ich Jetzt entbinde ich mich auf einmal von allem logiſchen Zu⸗ be? ſammenhang in meinem Brief. Ich werfe mich auf einmal in igen das hinein was mich ſo quält, daß mein Schläfe pochen und ätze, mein Herz hörbar ſchlägt vor Angſt. Mama, was ſoll ich mit meinen Augen machen, wenn ich ebet beim Mittageſſen mit dem Capitän zuſammentreffe? Er muß es: V nothwendig begreifen, daß ich begriffen habe. Und wenn ich was b roth werde, ſo wird Ake mich anſehen und auch Holt wird mich anſehen. Hernach wird Ake bleich und beginnt von Geſchäften mit V zu ſprechen, die ſchief gehen ſtatt recht. Und Holt, der ſich ge⸗ h in ſtern in Folge irgend eines Wunders von mir fern gehalten hat, nimmt wohl heute ſeine aufreizenden Manieren wieder an und rückt mit ſeinen hinterliſtigen Einflüſterungen wieder hervor. b Majken wollte mich ins Pfarrhaus mitnehmen, als ſie Thor⸗ iebe borg heimbegleitete. Ich hatte Kopfweh vorgeſchützt, um nicht lag. zum Frühſtück kommen zu müſſen, und dieſes Kopfweh wollte und Majken durch den Spaziergang curiren. Aber das ging nicht an I— ſonſt würde ja Oddjers geglaubt haben, ich fürchte ein Zuſam⸗ ernt mentreffen mit ihm, und das darf er nicht glauben. Ebenſowenig darf er glauben, daß ich ihn nicht treffen wolle: ich habe keine klar Gründe durch das Vorgefallene beleidigt zu ſein. ein Alſo blieb ich daheim, bat aber Majken dringend, ſie möchte mnen bald zurückkommen, was ſie auch gewiß thut, da wir auf den .. Abend Patron Moß hier erwarten. O r ihm Jetzt muß ich Dir noch Akes heutigen Morgenbeſuch er⸗ nin: zählen, Mama. lich,„Wie ſtehts mit Dir, liebe Emilie?“ fragte er.„Kommit änkt Du nicht zum Frühſtück?..... Ei der Tauſend, Du glühſt fur ja von Fieberhitze!“ 484 Und allerdings glühte ich. Ich hatte blos in einem leichten Nachtkleid nicht in, ſondern auf dem Bette gelegen. Das be⸗ merkte er. „Warum haſt Du Dich nicht ordentlich entkleidet, meine Liebe?“ Natürlich konnte ich jetzt keine Ungeſchicklichkeit begehen, denn ich konnte nicht gerade heraus ſagen:„Liebſter Mann, ich habe ſo viel an einen Andern als an Dich gedacht, daß ich keine Zeit hatte ans Schlafengehen zu denken“..... Ach nein, Gott weiß es, daß ich mit ihm über die Sache ſprechen will und, glaube ich, auch ſprechen muß, aber erſt wenn Oddjers abge⸗ reist iſt.. Jetzt erinnere ich mich gar nicht mehr, wie ich mein Kopf⸗ weh mit der ſpäten Heimkehr in Verbindung zu ſetzen ſuchte, aber das erinnere ich mich, daß Ake meine Verlegenheit bemerkte und daß ſie nicht wahlthuend wirkte. Darauf hieß es: „Warum biſt Du nicht ins Pfarrhaus mitgegangen? Die friſche Luft würde Dir wohlgethan haben.“ „Ich halte es für das Nützlichſte,“ antwortete ich,„wenn ich im Ernſt zu ſchlafen verſuche,“ und da ich ganz unglückſelig ſchläfrig ausſah, ſo verließ er mich. Sieh, liebe Mama, juſt in dieſem Schlaf ſoll ich jetzt liegen, ſtatt daß ich daſitze und ſchreibe. Aber ich zweifle, daß ich bei dieſer Unruhe überhaupt einſchlafen werde... Ich höre Jemand leiſe auf den Zehen draußen gehen. Es muß Oddjers ſein, denn weder Ake noch Holt verläßt um dieſe Zeit gerne das Contor. Ich habe doch nicht das mindeſte Böſe gethan, und dennoch klopft mein Herz ſo ſchwer. Jedenfalls bleibt mir nichts Anderes übrig, als daß ich erwache, mich ankleide, in die Küche hineinſehe und endlich— endlich in den Speiſeſaal trete. Ifſſt es Dir in Deiner Jugend auch ſo ſchlimm ergangen, Mama? ——;—ʒ᷑—˖—ʒ⅓—:— 48⁵ Ach, mein Gott, es iſt Akes Tritt. Bedenke, wenn er die⸗ ſen Brief hier ſieht, dann ſterbe ich. Es konnte der Eva im Paradies nicht viel ſchlimmer zu Muthe ſein, als ie zum Feigen⸗ blatt greifen mußte.......... Blitzſchnell wurde der Brief in die Schublade des Schraid tiſches geworfen. Und da ſtand jetzt Emilie ſo unſchuldig, wie nur je eine liſtige kleine Ehefrau mit dem herausgeriſſenen Kamm in der einen Hand und der herabgefallenen Haarflechte in der andern. „Biſt Du wach?“ fragte der Ehemann von außen. „Ja, komm herein,“ rief Emilie dem bereits Eintretenden zu.„Und entſchuldige, daß Du mich noch in dieſem Neglige fin⸗ deſt... Aber wenn man ein Bischen unwohl iſt, ſo kann man ſich nicht ſo leicht entſchließen die Toilette zu machen.“ Alſo haſt Du auch jetzt nicht ſchlafen können?“ „Nicht hinreichend, doch genug um mich jetzt, nachdem ich den ganzen Morgen faul geweſen bin, um ſo mehr zu beeilen.“ „Es beſteht eine eigenthümliche Sympathie zwiſchen Dir und Oddjers.“ „Was denn für eine Sympathie?“ Das liebe Weibchen wurde blaß vor Schrecken. Die Augen ihres Mannes leuchteten juſt weder von Liebe noch von Eiferſucht— ſie forſchten blos. „Biſt Du wieder unwohl?“ fragte er. „Ich— wie ſo? Gewiß nicht.“ „Aber Du wechſelſt die Farbe, ſo daß Du mich wahrhaft er⸗ ſchreckſt.“ „Du erſchreckſt vielmehr mich mit Deinen prüfenden Inqui⸗ ſitorsaugen... Was meinſt Du mit dieſen Sympathien zwi⸗ ſchen mir und Capitän Oddjers?“ Sobald Emilie böſe zu werden anfing— was ſie ſehr oft — 486 wurde— fand ſie immer Worte, bei denen ſich ihre läſtige Ver⸗ legenheit gänzlich verlor. 3 Wer ſie jetzt ſah, konnte glauben, ihr Mann habe ſich die unbegreiflichſte Sprache gegen ſie erlaubt. Dieſe Freimüthigkeit machte eine gute Wirkung. Akes eige⸗ ner Ton deutete eine unterdrückte Beſchämung an, als er ant⸗ wortete: „Ja, Oddjers war heute früh auch nicht beim Caffe. Als ich ihn beſuchte, wollte auch er ſchlafen; und als ich wieder kam, hatte auch er nicht genug geſchlafen.“ „Nun und weiter? Jetzt zieht er ſich vermuthlich an wie ich— und in ein paar Stunden wird er wohl zu Mittag eſſen wie ich. Alles das iſt wahrhaftig höchſt wunderbar!“ Und die junge Frau löste ihre Flechten mit ſolcher Raſchheit, daß die ſeidenen Locken um ihr Geſicht flogen. „Emilie, es iſt nicht recht von einer Frau ſo heſtig aufzu⸗ brauſen— dies kann mit der Zeit in eine Gewohnheit ausarten, die weniger angenehm wird.“ Emilie kämmte und ſchwieg: ſie war ſchrecklich böſe. Aber ſie wollte ſich beherrſchen— nämlich ſo lang ſie konnte. „Nun, wird es jetzt ſo weit kommen, daß Du Deinem Mann gar nicht antworteſt? Ich finde dieſes Benehmen nicht paſſend.“ „Ake— Du mußt Gott danken, daß Deine Frau Herrſchaft genug über ſich gewonnen hat, um nicht zu antworten. Aber da Du entſchloſſen ſcheinſt das Schweigen nicht zu begreifen, ſo laß mich Dir ein für alle Mal ſagen, daß ich mich ſo lange mit übermenſchlicher Geduld habe anſchnauzen und beſchimpfen laſſen, daß meine Würde nicht...“ Ake begann ſich eilig gegen die Thüre zurückzuziehen. „Sei ſo gut,“ fiel er ihr ins Wort,„und beſinne Dich vor⸗ her einen Augenblick. Deine ſo oft angerufene Würde dürfte dabei nicht übel fahren.“ 1e. Mit einer Bewegung, die wirklich in Bezug auf Grazie und ber⸗ die ge⸗ ant⸗ Als am, wie ſſen die die ßu⸗ ten, lber ann ad.“ haft lber ſo mit ſſen, vor⸗ ürfte 487 Anmuth bewunderungswürdig war, warf ſie die Flechte über ihren Kopf und trat mit carminrothen Wangen und blitzenden Augen einige Schritte im Zimmer vor. Nun aber ſchien ſie plötzlich eine Warnung empfangen zu haben, daß die zornigen Wogen in ihrer Bruſt allzu hoch emporſchlugen, denn ſie wandte ſich noch ſchneller zurück und ſetzte ſich auf den Sofa, während ihre Haare nachläſſig über Schultern und Geſicht herabfielen. So etwas iſt verſucheriſch für das beſtbepanzerte Män⸗ nerherz. „Nun, liebe Emilie, ich möchte nicht, daß Du es ſo hart aufnähmeſt. Du kannſt Dir wohl vorſtellen, daß ein Mann bei Gelegenheit ein vernünftiges Wort ſprechen muß, wenn er es für nöthig hält.“ Emilie ſchaute auf. Jetzt hatte der trotzige Sinn ſich gebrochen und war bei⸗ nahe ins Stadium der Thränen getreten. Aber ſie kämpfte— und behielt den Sieg. Bei dieſer Kraftanſtrengung ſah Ake ganz geſchlagen aus. Emilie gedachte ihn jedoch nicht allzuwohlfeil loszulaſſen. „Ich will das Recht haben,“ ſagte ſie aufſtehend,„Dir etwas ſehr Ernſthaftes zu ſagen.“ „Laß es nur nichts Langweiliges werden— Du weißt, ſolche Dinge wirken nicht erfriſchend auf Geſchäftsleute.“ „Ei, es wirkt auch nicht erfriſchend auf die Frau eines Ge⸗ ſchäftsmannes, wenn ſie als Blitzableiter für ſeine Geſchäfts⸗ und andere Launen dienen ſoll. Das eine und andere Mal in einer langen Ehe mag das wohl vorkommen, aber ſo oft wie jetzt...“ „War es das was Du ſagen wollteſt?“. „Es war auch noch das daß ich, die ich beſtändig aufgefor⸗ dert werde bald meiner Heftigkeit, bald meiner Unvorſſichtigkeit, bald meiner Reizbarkeit, kurz und gut allen meinen Eigenſchaften Zaum und Gebiß anzulegen, wohl auch durch ein Beiſpiel auf⸗ gemuntert werden ſollte. Aber wann wurde ich ſo aufgemun⸗ 488 tert? Wenn Du düſteren Sinnes biſt— und das warſt Du ſeit geraumer Zeit— glaubſt Du dann nicht, daß juſt Deine eigene Stimmung mich in eine Menge von Verhältniſſen verſetzt, worin ich gezwungen bin Dummheiten zu begehen?... Doch kein Wort mehr! Jetzt fühle ich mich wieder ganz gut, und bin recht zufrieden mit mir ſelbſt und der Art und Weiſe, wie ich Dir einen Sieg entriſſen habe, deſſen Du Dich ſchon ganz ſicher glaubteſt.“ Ake lächelte. „Nun, ſo gib mir jetzt einen Kuß und tummle Dich dann, denn wir haben ſo lange geplaudert, daß es jetzt bald Zeit zum Mittageſſen iſt.“ Mit einer lieblichen Bewegung bot Emilie ihre purpur⸗ friſchen Lippen dar. Aber es war jedenfalls nur ein Pflichtkuß. Ake fühlte das wohl. Was konnte er jedoch darüber ſagen? Er ging, allerdings mit einem neuen Lächeln, aber dieſes Lächeln war doch blos erkünſtelt. Sobald Emilie wieder allein war, öffnete ſie ſchnell ihren Schreibtiſch und warf im Flug noch einige Veilen als Fonſeßnnn ihres Briefes hin.........5 Alles ging vortrefflich vorüber, liebe Mama. Ich war rein bewundernswürdig und ſchaue jetzt mit Mitleid auf das einfältige Weſen herab, das ich im Anfang meiner Ehe für meinen Mann vorſtellte. Lauter neue Kapitel im Buch der Che. Mit welcher Sicherheit gehe ich jetzt hinein! Was war wohl alles das, worüber ich mich den ganzen Morgen beunruhigt habe? Ich hätte ganz gut ſchlafen können. Hat Capitän Oddjers ein einziges Wort geſprochen, das bei irgend einem andern Weib, als einem dummen Zieraffen, Röthe hervorrufen könnte? Ach, wie glücklich war es indeſſen, daß ich ruhig wurde.. Ich gedenke mich ganz beſonders ſorgſam zu kleiden— das bin gen ine bin Die Küche iſt für uns Frauen das Laboratorium, wo wir unſere 489 ich Ake ſchuldig... Aber wer kommt jetzt?... diesmal iſt es gewiß Capitän Oddjers! Wenn ich mich ſelbſt doch begriffe!!! Ich habe Nichts auf dem Gewiſſen, was mich beunruhigen könnte— und dennoch werde ich jetzt wieder unruhig. Schnell mein Kleid angezogen und dann in die Küche. Fortſetzung nach dem Mittageſſen. Du glaubſt nicht, Mama, wie gut es war, daß ich mich in die Küche flüchtete. Juſt als ich hinkam, drang mir der ſchrecklichſte Brandge⸗ ruch entgegen, und die Köchin ſtand feuerroth da und vertheidigte ſich mit der Bratengabel in der einen und dem Kochlöffel in der andern Hand:„Ich hätte doch gedacht, daß der Braten ge⸗ hörig umgewandt würde, wenn Uljana davor ſtände! Aber es iſt nicht meine Schuld, liebe Madame— ich mußte einen ein⸗ zigen kleinen Sprung in den Keller hinabthun.“ Im Nu waren alle meine Beſorgniſſe und Schwulitäten gleichſam begraben in der ziſchenden Bratkachel. Alkke, der es mit den Saucen ſo genau nimmt, und Capitän Oddjers, der ſelbſt Alles ſo gut zu bereiten verſteht! Ich kam in eine recht heilſame Alteration. Und nachdem ich die Aermel aufgeſchlagen und die Locken hinter die Ohren ge⸗ worfen, eilte ich mit eigener Hand eine Compoſitionsſauce zu⸗ ſammenzubrauen, die ſo vortrefflich gelang, daß ſie den Preis gewonnen haben müßte, wenn auf die Bereitung von Saucen ein Preis geſetzt geweſen wäre. Ich ſelbſt will inzwiſchen in meinen Gedanken dieſen gott⸗ geſegneten Bratenbrand mit dem Preis belohnen, denn ohne ihn hätte ich mich nie ſo frei von allen dummen Eindrücken gefühlt. 490 beunruhigenden Gedanken und Gefühle abwägen und filtriren, bis ſie zuletzt unter dem Prozeſſe des Kochens verdunſten. Eine ganze Viertelſtunde war gewiß mit meinen Experi⸗ menten dahingegangen— die Herren waren bereits vom Con⸗ tor herabgekommen, und als Uljana endlich mit der Bratenſchüſſel vorausging, kam ich ſo muthig hintendrein, als hätte ich nie in meinem Leben auf Glatteis geſtanden. Die Blicke meines Herrn und Gemahls waren nicht ganz ſonnenhell, obſchon ich dies nach unſerem kleinen Verſöhnungs⸗ zanke am Vormittag mit Beſtimmtheit gehofft hatte. Wenn ich nicht zu gut wüßte, daß er ſolcher kleinlichen Eindrücke, wie eines Verdruſſes über Wartenmüſſen, unfähig iſt, ſo würde ich geglaubt haben, er wolle ſich darüber mißvergnügt zeigen. Aber wie geſagt, Akes Seele birgt nichts Kleinliches in ſich, und deshalb hatte er wohl eine andere Veranlaſſung zu Mißvergnügen über mich aufgefunden... Holts Augen leuch⸗ teten vor Vergnügen— das thun ſie immer, wenn Ake mich verdrießlich anſieht. Nun und Capitän Oddjers? wirſt Du fragen. Ja, liebe Mama, wie lächerlich war es doch, daß ich ihn jemals gefürchtet habe! Er kam ſo einfach, herzlich und behaglich auf mich zu, daß es mir wirklich in der Seele wohlthat. Ich ſah inzwiſchen in ſeinen Augen einen Schimmer von Unruhe, der ſicherlich eine gewiſſe Neugierde darüber bedeutete, wie ich den geſtrigen Abend aufnehmen würde. Und dies ſchien mir ungemein ſchmeichelhaft und angenehm. Aber Eines iſt ſicher: ich mag mich anſtellen wie ich will, ſo kann ich die Reiſe nicht vergeſſen, und ich zittere, es möchte dadurch in den letzten Tagen irgend ein Zwang entſtehen; das würde ich weder wünſchen noch billigen. Es dürfte gleichwohl beſſer werden, da wir eine neue Luſt⸗ fahrt antreten. Inzwiſchen habe ich alle Hände voll zu thun, 1 491 um mein Haus zu beſtellen und die Vorbereitungen zur Reiſe zu treffen. Aber ich vergeſſe ja ganz Dir zu ſagen, daß Patron Moß angekommen iſt und uns Alle zuſammen nach Gläborg eingeladen hat, wo wir über den morgigen Sonntag verweilen werden. Herr Moß iſt in der beſten Laune, weil ſeine Maiblume, die glücklicher Weiſe zu rechter Zeit heimkam, keine Stacheln gegen Holt zeigt. Dieſer bläht ſich auf und macht ſich allerlei komiſche Einbildungen. Und nun leb wohl, geliebte Mama! Jetzt haſt Du ſo viel zu hören bekommen, daß ich kaum weiß, was ich das nächſte Mal ſchreiben ſoll. Deine getreue Emilie. Als das nächſte Mal der jungen Frau eintraf, war ihre Erfahrung leider mit ſolchen Erinnerungen bereichert worden, daß ſie ſich um wenigſtens fünf Jahre älter däuchte, als an dem obengenannten Sonntag, wo ſie von Haus abreiste. An demſelben Abend, als Emilie ihre Beichte vor ihrer Mutter vollendet hatte, wurden folgende Billete zwiſchen Svpart⸗ ſkär und dem Pfarrhaus gewechſelt. Meine ſchöne Maid! Dieſe Tage leuchtenden Sonnenſcheins und unſäglicher Her⸗ zensfreude haben jetzt ihr Ende erreicht. Es ſind erſt drei Stunden ſeit Du mich verlaſſen haſt, und ich frage mich ſelbſt, wie ich heute Abend und beſonders morgen, wenn die Andern alle mit Dir fortreiſen dürfen, meine Zeit todtſchlagen ſoll... das Glück hat einen ſchrecklichen Fehler; wenn es entflohen iſt, hinterläßt es eine grenzenloſe Leere. Und dieſe Leere führt eine Unluſt, ein Unbehagen, einen Todeszu⸗ ſtand und eine Schwere mit ſich, ſo daß man das Glück ſelbſt anklagt und meint, es wäre eben ſo gut, wenn man gar nie 492 einen Schimmer davon zu ſehen bekäme, da ſein flüchtiger Glanz doch ſo theuer bezahlt werden muß. Sage mir, wie ſoll ich das Allerſchwerſte erobern können, die Geduld? Ich ſollte vielleicht dieſen Wiſch nicht abſchicen— aber ich thue es dennoch. Troſt an dieſem ſahrhunderilanden Abend. Dein Gudmar. Zwei Stunden ſpäter erhielt er folgende Antwort. Mein liebſter weiland Commandant! Schämſt Du Dich nicht ſo unmännlich zu klagen? Ich ſehe ein, daß ich in Zukunft das Commando über Dich über⸗ nehmen muß, und das thue ich hiermit. Höre jetzt. Verdient der Menſch Glück zu genießen, der es nicht länger zu ſchätzen weiß, als er es mit ſeinen Händen feſthalten kann? Allerdings bin ich mit Andern beiſammen und werde auch Alles aufbieten, um ſie zu erheitern, aber das hindert nicht, daß ich eigentlich fortwährend bei Dir bin, den meine Gedanken beſtändig beſuchen. Wir ſind in dieſen Tagen ſo glücklich geweſen, daß wenig⸗ Um Gotteswillen antworte ſogleich. Das gibt doch einen ſtens ich von dieſem Glück viele Wochen zu leben habe, und Du wirſt ſehen, daß es nicht zu lange anſteht, bis wir uns wieder treffen. Genieße von Neuem in der Erinnerung, was Du beſeſſen haſt! Siehe, das iſt der Weg zur Geduld. Und hiermit befehle ich Dir fröhlich und heiter zu ſein, damit der Onkel keine Urſache hat uns Beide zu vermiſſen. Uebrigens weißt Du, daß ich Nichts ausſtehen kann was an Verzweiflung ſtreift. Darf ich hoffen daß Du meine Befehle erfüllt haſt, ſo kannſt Du Deinerſeits hoffen wieder im Grade zu ſteigen, ſo daß Du fortwährend Commandant bleibſt über Deine Maiblume. ——ʒ:—ꝛ—,—·——. Etwas, denn dann müßte ich mein Geſchirr blank putzen.“ Jetzt 493 N. S. Papa hat gute Geſchäfte gemacht und befindet ſich in ſeiner glänzendſten Laune. Ich ſehe ihm an, daß er in Ge⸗ danken ſupponirt, er könne die angenehmſten Hoffnungen für die Zukunft hegen. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Der Bericht. Da die nach Gläborg wandernde kleine Carawane die Ab⸗ ſicht hatte zuerſt dem Gottesdienſte in der Quillerkirche anzu⸗ wohnen, ſo war es kaum Tag, als die Glöckchen erklangen, ſowohl von dem neuen zierlichen Geſchirr der ſtattlichen Pferde des Pa⸗ trons Moß, die den eben ſo neuen, bedeckten, vierſitzigen Schlitten zogen, als auch von dem ehrenwerthen Polle der jüngeren Kauf⸗ leute, der hinter ſeinen vornehmen Cameraden einherſchnaubte. Die beiden Frauenzimmer nebſt Hjelm und Capitän Oddjers ſetzten ſich in den großen, Moß und Holt in den Korbſchlitten und ſo ging es fort mit Glanz, wie man es in den Scheeren nennt, wenn man aus einer andern Urſache als in Geſchäften reist. (Eines Tags, kurz nach der Niederlaſſung der neuen Firma auf Svartſkär, war einer der Knechte hereingekommen und hatte gefragt, ob der Herr Patron am anderen Morgen mit Glanz fahren wolle; es ſei ihm eine Fahrt angeſagt worden, aber nicht was für eine Art von Fahrt es ſein ſollte.„Wie ſo?“ fragte Hjelm,„was bedeutet das Wort Glanz?“—„Nun ja, lieber Herr Patron, Glanz kann wohl nichts Anderes bedeuten als z. B. um in die Kirche oder zu einem Schmauſe zu fahren oder ſo 494 begreife ich,“ antwortete Hjelm,„aber da es auch auf meinen Geſchäftsreiſen manchmal vorkommt, daß ich unterwegs Jemand beſuche, ſo wird es am beſten ſein, wenn Du annimmſt, daß ich immer mit Glanz fahre.“—„Das wäre ſchon recht,“ meinte der Knecht mit übellauniſchem Bedenken,„aber dann iſt es ja nichts Feierliches mehr, wenn der Herr Patron recht mit Glanz fahren ſoll.*) Der Morgen bei der gegenwärtigen Glanzfahrt war ſchneidend kalt— und ſo fand es namentlich Emilie, denn ſie mußte jetzt ihren Schleier herablaſſen und in möglichſt dicke Falten um ihr Geſicht legen. Dieſe Einwicklung war ihr unendlich angenehm, denn ihre Augen wurden dadurch ſowohl des Capitäns als Akes Blicken entzogen. Ihr ſelbſt war nicht ſonderlich daran gelegen, die Augen dieſer Herren ſehen zu dürfen. Die ihres Mannes hatten etwas Erkünſteltes: ſie ſahen freundlich aus, aber ohne zu erwärmen. Die des Capitäns dagegen ruhten oft mit traurigem Ausdruck auf ihr und erwärmten dadurch ihre Gefühle, erwärmten ſie zu mitleidsvoller Zärtlichkeit. Sie begriff, daß er ſie gleichſam fragen wollte, warum ſie ſich ſo fremd zeige. Ach, ſie wollte ſich nicht ſo zeigen, ſie hätte ſogar gewünſcht ganz ungeſtört mit dem Capitän ſprechen zu dürfen— ſie wußte, daß dies gut abgelaufen und durchaus nicht gefährlich geweſen wäre. Aber es war ganz merkwürdig, wie ſehr Akes Augen zwei Schildwachen glichen. Majken war ebenfalls ſtill. Sie dachte an ihren abgeſetzten Commandanten und wie öde er es heute habe. Aber ſie war überzeugt, daß der morgende Tag in ſeinen Gefühlen eine Ver⸗ änderung herbeiführen würde, die mit ſeinem Charakter und ſei⸗ nen Gewohnheiten übereinſtimme. Endlich wurde die Luft leichter und das helle Tageslicht 495⁵ ſchimmerte hervor, aber dies ſchien auf die Geſellſchaft im großen Schlitten nicht einzuwirken: die Schweigſamkeit dauerte fort. Um ſo raſcher kam das Geſpräch im Korbſchlitten in den Gang. Nach dem Bericht, welchen Holt jetzt über die Ereigniſſe der letzten Tage abgeſtattet, ſupponirte Moß ſo viele intereſſante Dinge, daß er ſich beinahe überzeugte, daß Holt von Allen als ſein Schwiegerſohn betrachtet werde. Das Unglück war jedoch, daß er mitten in ſeiner heiterſten Laune zufällig ſeinen Blick auf einen Gegenſtand am Wege warf, der auf einmal ſeinem innern Auge die ganze nächtliche Scene am Ufer vorführte, die er unaufhörlich aus ſeinem Gedächtniſſe zu tilgen verſuchte, ohne daß es ihm gelingen wollte. Und er wußte ſelbſt Nichts davon, daß er ganz laut rief: „Pfui Teufel, das war doch eine gemeine Geſchichte!“ „Was, Onkel?“ fragte Holt neugierig und ohne alle Ahnung, daß die Sache ihm ſelbſt gelte.— „Oh,“ antwortete Moß mit ſeiner gewöhnlichen Faſſung, „ich hatte da einen ganz beſondern Vorfall im Auge..Aber jetzt ſage ich, daß wir Halt machen und fragen müſſen, ob die Geſellſchaft vorn im großen Schlitten nicht Luſt zu einem Glas Glühwein hätte.— Majken hat nach der Methode meiner Alten das Getränk gebraut: die Alte hat wirklich ihre Verdienſte, ob⸗ ſchon ich ſie nicht immer anerkenne. Supponire jedoch, daß es jetzt das pure Eis iſt, ſo gut ich es eingemacht habe— aber iſt es vom rechten Schlag, ſo kann es noch immer einem Menſchen, ſelbſt wenn er ertrunken und ſteif gefroren in der finſtern Nacht hinausgeworfen daläge, das Leben zurückgeben.“ „Hu!“ rief Holt eben ſo unbewacht wie Moß vorhin, „warum gebrauchen Sie ſolche Vergleichungen, Onkel, juſt wenn man ſich aller drückenden Gedanken entſchlagen und nur an heitern Lebensgenuß denken ſoll?“ „Supponire, dies kommt von meiner Zerſtreutheit heute, 496 Aber ich bekomme Zeit mich zu ſammeln, während ich die Flaſche hervorziehe... Oho, Polle, halt! Haltet ihr da vornen— he, he! Höret doch!“ Der Anruf wurde ſowohl gehört als beantwortet. Der große Schlitten hielt. Und jetzt kam Moß mit der Flaſche und dem Silberbecher und verſicherte, es würde erſprieß⸗ lich ſein etwas Wärmendes zu genießen.„Aber wahrlich, es ſieht aus, als ob die Herrſchaften bereits ihre Kirchengeſichter aufgeſetzt hätpten... Iſt dies auch Raiſon und Brauch an dieſer Gottesgabe nur ſo zu nippen— man ſollte glauben, es ſitzen lauter Jüngferchen hier im Schlitten. Und Du, Mamſell Majken, fällt Dir denn gar kein luſtiger Schwank ein, um ein Bischen Leben in die Geſellſchaft zu bringen?“ „Wir ſind zu früh hinausgekommen, Papa, das iſt die ganze Sache. Aber ſo bald wir nach Hauſe kommen und uns unter Mamas Obhut befinden...“ „Ja dann... dann wird es ganz anders. Dort wohnt die Gemüthlichkeit ſelbſt!“ riefen Emilie und die Herren um die Wette, wie wenn ſie hocherfreut wären einen Hafen für ihre Ideen gefunden zu haben. „Supponire, meine Alte muß ſich ungemein geſchmeichelt fühlen.... Aber was zum Teufel iſt das hier? Sehen Sie die Paſſagiere dort, die auf uns zukommen— ſind das nicht die Burſche, die Sie mit ſich brachten, Herr Capitän, als Sie im Herbſt nach Svartſkär kamen?“ „Ja... wirklich...“ antwortete Capitän Oddjers und erſuchte den Kutſcher noch einige Schritte voranzufahren. Beim erſten Wort von den finniſchen Matroſen begann Emiliens Herz zu klopfen. Sie erkannte jetzt deutlich die Augen wieder, welche ſie bei Miß Lillys Herausſägung erſchreckt hatten, und ein raſcher Blick auf den Capitän, der ihn mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln erwiderte, gab ihnen gegenſeitig die nicht in Worten ausgeſprochenen Gedanken zu verſtehen, aſche he, der 497 Der Capitän ſtieg aus. „Iſt Etwas los?“ fragte er die jetzt herangetretenen Burſche, den Conſtabler und den Zimmermann. Der Conſtabler ergriff das Wort. „Allerdings, Herr Capitän— und wir haben uns möglichſt beeilt, um hieherzukommen. Und da wir keine Pferde erhalten konnten, ſo ſind wir den letzten Weg gegangen. Wir haben Ihnen unangenehme Nachrichten mitzutheilen.“ „Zur Sache,“ ſagte der Capitän. Und Emilie ſah mit Intereſſe, daß keine Muskel in ſeinem Geſicht ſich bewegte. Sie rief die Meuterei auf der„finniſchen Eintracht“ vor ihren innern Blick zurück. So wie jetzt hatte er vermuthlich auch damals ausgeſehen: kalt, entſchloſſen, voll Selbſt⸗ beherrſchung. Etwas von ihren Gedanken that ſich vermuthlich in ihrem Auge kund, denn als ihres Mannes Auge von den fremden Burſchen wegglitt, fiel es mit einem eigenthümlichen Ausdruck auf die junge Frau. Aber gleich darauf war ſeine Aufmerkſam⸗ keit eben ſo in Anſpruch genommen wie die der Andern. Capitän Oddjers mußte ſeine Aufforderung wiederholen, da die beiden Boten zögernd einander anſahen. „Ich bin durchaus nicht Schuld, Herr Capitän,“ ſagte der Zimmermann ganz ehrerbietig und demüthig.„Man ſchreibt freilich Alles auf meine Rechnung, weil ich manchmal mehr ſehen kann als Andere, aber alle Cameraden können bezeugen, daß ich in den drei letzten Tagen nicht aus meiner Kammer gekommen bin, juſt weil ich der Sache aus dem Wege gehen wollte.“ „Es hat alſo auf Lyſekil Spectakel gegeben— Ihr habt Eure Flagge und Euern Capitän von Neuem entehrt durch Eure ſchändliche Wildheit und Euer unanſtändiges Benehmen.“ „Die Sache iſt die, Herr Capitän, daß einige betrunkene Cameraden— und Sie wiſſen ja, Herr Capitän, daß ich nicht trinke— einem Haufen einfältiger Leute im Flecken weiß gemacht Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren, I. 32 498 haben, ſie würden in der Nacht ein großes Wunder verrichten und alle untergegangenen Seefahrer, die auf dem Meeresgrund oder in der Erde rings am Ufer her liegen, wieder erwecken, und das Volk ſollte kommen, um dieſes Wunder zu ſehen.*) Aber jetzt erfuhren einige Herren die Sache und da bekamen wir einen ſolchen Spectakel, daß der ganze Flecken in Aufruhr iſt und nach Ihnen ruft, Herr Capitän. Da der Conſul auf einige Tage weggereist iſt, ſo beſchloßen der Conſtabler und ich hierher zu gehen und zu rapportiren.“ Eine graublaue Bläſſe hatte ſich über das Geſicht des Ca⸗ pitäns gelagert. „Gehet zurück,“ ſagte er,„ſobald Ihr Euch etwas erquickt habt, In ein paar Stunden bin ich ſelbſt bei Euch.“ „Und wir können uns darauf verlaſſen?“ „Was?“ war des Capitäns einzige Antwort, und ſein Auge funkelte.. Zu Moß ſagte er:„Ich darf das beabſichtigte Ver⸗ gnügen nicht genießen, die Pflicht geht vor Allem. Aber in die Kirche möchte ich dennoch, und wenn Hjelm mir dann das Pferd und den Schlitten bis zur nächſten Station leihen wollte, ſo würde ich ihm ſehr dankbar ſein.“ „Gern,“ antwortete Hjelm,„und Du kannſt Beides für den ganzen Weg benützen, wenn Du auf eine andere Art nicht fort⸗ kommſt.“ Nachdem der Capitän bei Seite ein paar Worte zu den beiden Matroſen geſagt, wobei man ſah, daß er ihnen Geld gab, ſtieg er wieder ein, während die Burſche einen Seitenweg ein⸗ ſchlugen, um in die Schenke zu gelangen, wo ſie in dieſer Gegend ihr Quartier hatten. „Siehſt Du,“ ſagte der Conſtabler,„ich wußte wohl, daß er in die Falle gehen würde.“ *) Wirkliche Veranſtaltung einer finniſchen Schiffsmannſchaft in den Scheeren. —,———„+—. —9——,,———4— ͤ— —————,& — 499 „Prahl nur nicht ſo,“ antwortete der Prophet Zimmer⸗ mann mürriſch.„War nicht ich Derjenige, der den günſtigen Augenblick ausgeſpäht und die ganze Geſchichte ausgedacht hat?“ „Nun nun,“ verſetzte der Conſtabler,„Du biſt immer Der⸗ jenige, der Alles gethan hat— aber wir wollen ſehen, wer am meiſten thut, wenn es zum letzten Treffen kommt. Laß uns jetzt ein Glas trinken und Etwas eſſen— aber nicht für dieſes Geld hier, dazu hätte ich nicht den Muth.“ Ueber das Innere in der Quillerkirche— der einzigen Kreuzkirche auf dem Land im ganzen Bohuslän— warf die matte Winterſonne ihren bleichen Glanz durch acht Fenſter. Aber dieſe Beleuchtung war bei Weitem nicht ausreichend, um die düſteren Kreuzgänge zu erhellen, in denen jetzt die verſammelte Gemeinde mit ihren Geſangbüchern in der Hand nach ihren Plätzen wanderte. Majken führte Emilie in den Gläborger Kirchenſtuhl, der halb verdunkelt neben der Kanzel lag. Die Herren nahmen Platz, wie es ſich gerade ſchicken wollte. Es war unmittelbar vor dem Beginn des Gottesdienſtes. Während die Weiber ihre Doſen herumreichten und mit den Männern nach dem erſten Geſangbuchvers ſuchten, erinnerten Emilie und Majken einander daran, daß ſie ſich jetzt in der Nähe des großen blauen ſeidenen Meßgewandes mit dem Bijelkeſchen und Bildt'ſchen Wappen befanden. „Ich bin recht froh,“ flüſterte Majken,„daß der vornehme Olle von Bjelkeboda und der noch hochmüthigere Bernt Karolus⸗ ſon nicht hier in der Kirche ſind, denn Gott weiß, ob ich mich eines Lächelns erwehren könnte, wenn ich ſie zu ſehen bekäme: dann würde mir auch der ganze Aufſtand vom vorigen Herbſt beſtändig vor Augen ſchweben.“ „Ich für meinen Theil,“ antwortete Emilie, indem ein Seufzer aus tiefſter Seele über ihre Lippen ging,„fühle nicht 500 die mindeſte Luſt über irgend Etwas zu lachen, ſelbſt wenn ich mich hier nicht an heiliger Stätte befände... Findeſt Du nicht auch etwas Unheimliches darin, daß Capitän Oddjers ſich unter ſolchen Umſtänden mitten unter dieſe Ungeheuer begeben ſoll?“ „Nein, liebe Emilie, das kann ich nicht einſehen. Er muß ja ſeiner Pflicht folgen, und wenn die Pflicht gebietet, gibt es keine Widerrede.“ Emilie antwortete nicht. Sie ſchien ihre ganze Aufmerkſamkeit dem jetzt beginnenden Altardienſt zu widmen. Aber ihr Blick wurde unwillkürlich von dem Geiſtlichen ab auf eine der dunkeln Seiten am Kreuzgang gezogen. Dort ſtand Oddjers an die Wand gelehnt. Und auch ſein Blick war vom Geiſtlichen abgewandt, um auf der ſchönen jungen Frau zu ruhen, deren Geſicht heute ſo ſeelenvoll und engelrein erſchien, denn es war von einem heiligen und innigen Ausdruck übergoſſen. In dieſem Ausdruck lag inzwiſchen Nichts, was der eingebildetſte Geck in einem andern Sinn, als in einem ſolchen der mit ihrer Ehre und ihrem Gewiſſen vereinbar war, zu ſeinem Vortheil hätte deuten können. Aber ſo wie er ſich jetzt zeigte, ſetzte er ſich durch die Macht einer höhern Entzückung feſt in dem Herzen des jungen Seemanns. Schon von dem Augenblickean, wo er Emilie am Svart⸗ ſkärſtrande traf, war ſein Schickſal entſchieden. Er hatte mehrere ſogenannte Liebesverhältniſſe gehabt, aber die Liebe niemals in ihrem wahren Weſen kennen gelernt oder begriffen. Jetzt that er dies tief und mächtig. Aber ſeine Seele huldigte ſo gründlich den Geſetzen der Chre, daß er nicht ein⸗ mal einen Wunſch hegte das Ideal ſeiner Gefühle in die niedrige Region einer verbrecheriſchen Leidenſchaft herabzuziehen. Er fühlte indeß jetzt in der letzten Zeit, daß die Leidenſchaft über die Liebe hinauszuwachſen anfing, und er freute ſich, daß ſein Schickſal ihn wegführte, weil er die unbefleckte Erinnerung an dieſe Epi⸗ ſode aus ſeinem Leben mitnehmen konnte, 2 — 501 Keine beſonders düſtere Ahnung kam über ihn, aber in dieſem Augenblick faßte er den Beſchluß nicht mehr nach Svart⸗ ſkär zurückzukehren, ſondern von Lyſekil direct nach Göteborg zu reiſen, um dort das offene Waſſer abzuwarten. Denn waren die erſten gefährlichen Worte einmal ſeinen Lippen entſprungen, ſo war es am beſten zu fliehen. Aber dann— was ſollte dann werden? Wie lang und öde ſchien nicht das Leben vor ihm zu liegen! Er war noch nicht dreißig Jahre alt, und konnte er nicht Gott weiß wie alt werden! Und dieſe ganze Zeit ſollte er durchmachen, ohne irgend eine andere Lebensfreude als diejenige, die aus den tri⸗ vialen Tagesverhältniſſen erwuchs! Während er dieſen wenig troſtreichen Gedanken Raum in ſeinem Herzen anwies, ſchaute er zu Emilie auf. Er ſah ein, daß ſie wohl begriff was in ſeinem eigenen Innern, aber nicht was bei ihr ſelbſt vorging. „Holdes liebliches Kind, Du kannſt unbeſorgt ſein. Dein ehrlicher Gatte kann ruhig ſchlafen, und bald noch ruhiger als jetzt, denn die Eiferſucht bettet kein weiches Lager— und er iſt eiferſüchtig, der ruhige Hjelm, eiferſüchtig und unglücklich. Er fürchtet gegen ſeine Ueberzeugung und er hindert ſich ſelbſt zu ſehen, daß ihr ganzes Herz an ihn gekettet iſt... O, möchte er nur mild und gütig gegen ſie werden!“ Jetzt neigte er ſeinen Kopf in ſeine Hand und betete aus überwallender Seele für das Glück der jungen Frau und für ſich ſelbſt während der beſchwerlichen einſamen Fahrt. Auf einmal bebte ein Gefühl rein geiſtiger und göttlicher Seligkeit durch ſein Weſen. Er fühlte ſich in Gottes Tempel unter Gottes Auge. Die ſtolzen gebietenden Züge zeigten jetzt den Eindruck eines milden heiligen Friedens. So verblieb er einige Minuten, und als er wieder anfing die Wirklichkeit des Lebens um ſich her zu erfahren, war es ihm, als erwache er aus einem kurzen aber überirdiſchen Traum, und er glaubte mit 50² voller Gewißheit, daß ſein Seufzer für ſie, die er ſo innig üehis inzviſcien erhört worden ſei........... Als der Gottesdienſt vorüber und man auf den Kirchhof hinausgekommen war, wurden Holt und Hjelm ſogleich in ein Geſchäftsgeſpräch mit einigen Bewohnern von Fjällbacka verwickelt. Moß hatte zehn Menſchen um ſich her, und Majken traf ſo viele weibliche Bekannte, die mit ihr plaudern wollten, daß Emilie und der Capitän ſich im Nu ganz allein befanden. „So ſollte denn unſer Abſchied auf dem Kirchhof vor ſich gehen!“ ſagte der junge finniſche Fremdling, und in ſeiner Stimme klangen die Gefühle wieder, die ſich in ſeinem Innern noch nicht gelegt hatten. „Warum,“ antwortete Emilie,„nennen Sie eine ſo kurze Trennung unſern Abſchied? Sie kommen ja morgen nach Glä⸗ borg, Herr Capitän.“ Er betrachtete ſie lange und mit einer mühſam bekämpften Bewegung. „Nein,“ ſagte er,„ich kann mit Recht das Wort Abſchied gebrauchen, ich gedenke weiter als bis Lyſekil zu gehen, denn be⸗ ſondere Verhältniſſe zwingen mich zu dieſer Reiſe.“ Emilie wagte es nicht eine Frage an ihn zu richten. Aber an ihrem Geſicht, das keine Gemüthsbewegung zu verbergen ver⸗ mochte, ſah der Capitän daß dieſe Nachricht tief auf ſie einwirkte. „Wollen Sie,“ begann er wieder,„noch immer durch Aus⸗ weichen mich für die armſeligen Worte ſtrafen, die mir ent⸗ fielen, als wir bei Nacht über das Eis nach Hauſe gingen? Thun Sie es jetzt nicht, wo ich hoffe und Sie anflehe, daß Sie mir mit einem herzlichen und freimüthigen Blick Ihre Hand zum Abſchied reichen.“ .„Capitän Oddjers—“ ſie ſchaute in ſein Geſicht empor— „Sie wollen doch nicht ſagen, daß dieſer Abſchied Ihrer letzten 503 Abreiſe von dieſen Ufern gelte? Sollten Sie nicht mehr nach Svartſkär kommen?“ „Nein—“ ſein Ton wurde ſchwebender—„nie mehr nach Svartſkär! Ich will Ihrer und meiner eigenen Achtung würdig leben und ſterben, und das könnte ich vielleicht nicht, wenn ich wiederkäme. Ich ſchäme mich nicht Sie die tiefen Gefühle ſehen zu laſſen, die aus meinem Herzen ohne Zweifel in dieſem Augen⸗ blick in mein Geſicht ſtrömen. Und weil ich reiſe, und weil ich weiß, daß es ohne Gefahr für Sie iſt, ſo kann ich hinzufügen: Es iſt ja doch ein Freund, der Sie eben ſo ſehr verehrt als liebt, und der weiß, daß er trotz dieſer offenen Erklärung, Gott ſei Dank, Ihre Achtung und Freundſchaft mit ſich nimmt— oder darf der arme wegreiſende Seemann ſich nicht damit ſchmeicheln?“ „Ja,“ antwortete Emilie zitternd,„und ich hoffe... ich hoffe, daß ich mir deßhalb Nichts vorzuwerfen habe.“ „Machen ſich die Engel Vorwürfe, daß Gott ihnen erlaubt hat Barmherzigkeit zu üben?.. aber jetzt gehen dieſe koſtbarſten Augenblicke meines Lebens ſchnell vorüber. Darf ich auf meine Fahrt auch die Gewißheit mitnehmen, daß ich zuweilen in Ihrer Erinnerung lebe? Hier kommt Jemand— eilen Sie... eilen Sie.“ „Capitän Oddjers— ich habe heute für Sie in der Kirche gebetet und ich verſpreche, daß ich noch manchmal für den ab⸗ weſenden hochgeſchätzten Freund dort beten werde.“ Und ſie reichte ihm die Hand, obſchon ſie wußte und fühlte, daß ihr Mann es war, der herannahte. Aber er mußte ja ihre Bewegung be⸗ greifen, und Alle mußten ſie begreifen, wenn ſie erfuhren, daß Oddjers nicht wiederkehren ſollte. Oddjers empfing die Hand und drückte ſeinen erſten und einzigen Kuß darauf. Der Abſchied von Hjelm und den Uebrigen ging raſch von Statten. Sie wußten nicht anders, als daß er zurückkehren würde. 504 Und jetzt ſaß er im Korbſchlitten, Emilie wieder in dem ſogenannten Rack. Da richtete Oddjers ſich auf, nahm ſeinen Hut ab und ſandte ihr einen ernſten und verehrungsvollen Gruß zu nebſt einem Blick, den ſie nie vergeſſen konnte. In der nächſten Sekunde waren die Schlitten getrennt. Emilie hatte den finniſchen Capitän zum letzten Mal geſehen. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Am Strande von Sotenäs. Stunden verfloßen— viele Stunden— und Capitän Odd⸗ jers achtete weder auf den flachen öden Weg, noch auf die noch öderen Waldpartien, die er nach ſeinem Eintritt in den Bezirk von Sotenäs durchziehen mußte. Er hatte Nichts einzuwenden gegen den Vorſchlag des Knech⸗ tes irgendwo einzukehren, damit das Pferd Futter und ſie ſelbſt etwas Wärmendes erhielten. Aber Nichts davon war bewerkſtelligt worden, denn er dachte nicht an ſich ſelbſt und noch weniger an Andere. Er fühlte Nichts, er begriff Nichts, außer den Schmerz der in ſeinem Innern brannte. Er ſollte fort— in weite Ferne, wo dieſe ſchönen Augen nicht leuchteten, wo dieſe holde Stimme nicht in ſeinem Ohr erklang. Und ſo hätte er bis zum Abend, ja die ganze Nacht hindurch reiſen können, ohne die Bemerkungen des Knechtes anzuhören oder ihnen zu widerſprechen. Der arme Vurſche war in der größten Bekümmerniß. Eine ſolche Glanzfahrt hatte er noch nie mitgemacht. Deshalb faßte dem idte nem hen. 50⁵ er ſich endlich den Muth auf eigene Fauſt Halt zu machen, um ſowohl ſich ſelbſt als ſeinem Pferd Speiſe und Trank zu gönnen. Als ſie ſich wieder in Bewegung ſetzten, war es beinahe Dämmerung. Der Capitän und ſein Kutſcher befanden ſich mitten in einem Labyrinth von Wegen am Waldſaum nach der Küſte zu. Ein unbeſchreiblich düſterer Farbenton ruhte über dieſer Landſchaft. Die grauen Berge ſtanden ſchwerfällig da und neigten ſich gleichſam über die Tiefe hin. Auf der einen Seite hatte man eine finſtere undurchdringliche Felſenkette, welche den Strand beherrſchte. Auf der andern erhob ſich der Wald, weiß, kalt und geſpenſtiſch, mit raſſelnden Zweigen, die ihre Eisperlen über die Reiſenden ſchüttelten, während in den Wipfeln der Wind ſeine kläglichen Töne hervorziſchte, vermiſcht mit dem fernen Geheul der Wölfe im tieferen Theile der Waldung. Die Schienen des Schlittens knirſchten über den gefrorenen Boden hin, und die Glöckchen erklangen dumpf in der dicken Luft. Capitän Oddjers langer Traum von irdiſcher Liebe und irdiſchem Leid wurde plötzlich und auf unerwartete Art unter⸗ brochen, als auf einmal mehrere Stimmen um ihn her ſich hören ließen. Der Schlitten hielt an. 1 Der Capitän wurde wieder zur irdiſchen Wirklichkeit erweckt. „„Was bedeutet das hier— ſeid Ihr in ſo großer Anzahl hergekommen, um mir weiter über den Unfug zu berichten, den ich bereits kenne?“ Sein Auge ſchweifte über die ſieben bis acht finniſchen Matroſen hin, die in ihren rothen Jacken unter den dunkeln Ueberwürfen, mit ihren drohenden Blicken und ihren Meſſern im Gürtel, gleichſam eine auf dem Platz hingegoſſene Gruppe um den Schlitten her bildeten. Sie waren ſo plötzlich und unver⸗ muthet aufgetreten, daß man hätte glauben können, ſie ſeien aus der Erde emporgeſchoſſen. 506 Und wahrlich harmonirten dieſe finſtern Geſtalten mit der Gegend und der Stunde. Der Conſtabler trat ein wenig über die Andern vor. „Entſchuldigen Sie uns, Herr Capitän, an der Geſchichte die wir Ihnen heute früh erzählten war kein wahres Wort. Im Flecken iſt nichts Anderes geſchehen, als daß die Hälfte von der Beſatzung der„finniſchen Eintracht“ deſertirt iſt, und die andere Hälfte ſehen Sie jetzt hier.“ „Was war alſo Eure Abſicht mit dieſer Lüge?“ fragte der Capitän ruhig. „Nun, die Abſicht war die, daß wir auf dieſem neutralen Boden hier Gelegenheit zu bekommen wünſchten ungeſtört mit Ihnen zu ſprechen. Es iſt noch Verſchiedenes zwiſchen uns un⸗ geſagt, was jetzt geſagt werden ſoll.“ „Um Gotteswillen, Herr Capitän,“ flüſterte der Knecht von der andern Seite her,„kehren Sie um und reiſen Sie zurück; dies endet nicht gut.“ Der Capitän hörte ihn nicht einmal an. „Sprecht!“ ſagte er mit derſelben gebieteriſchen und kurzen Stimme, deren er ſich an Bord ſeines Schiffes bediente. „Ja, die Abſicht iſt die: zuerſt und vor allen Dingen wollen wir wiſſen, warum Sie uns in Ihrer Seeerklärung zur Beſtrafung empfohlen haben?“ „Weil ich der Meinung bin, daß Ihr es durch Eure Auf⸗ führung verdient habt. Weiter?“ „O nein, es hat keine ſolche Eile— bei dieſem Punkt müſſen wir ein wenig verweilen. Wir haben Ihnen das Leben gerettet, Herr Capitän, und wir ſagen hier Alle zuſammen, daß Sie uns ſchlecht belohnt haben.“ „Ja, das ſagen wir!“ wiederholte der Chor. „Ich ſagte: weiter, fahret fort!“ „O, die Fortſetzung kommt vielleicht bald genug... Sie haben im Sinn uns zu beurlauben und nach Hauſe zu ſchicken?“ Göte alle der ie 9 507 „So iſt es.“ „Ferner,“ fuhr der Conſtabler fort,„neue Mannſchaft von Göteborg mitzunehmen?“ „Ganz richtig.“ „Sie haben noch immer Ihre kurzen Worte, Herr Capitän, aber für diesmal befinden wir uns nicht an Bord, deshalb können auch wir jetzt unſere Meinung kurz ſagen, und dieſe heißt ſo: alles das darf nicht geſchehen!“ „Wirklich?“ verſetzte der Capitän verächtlich. „Ja, wirklich. Wir haben Sie hiehergelockt, um Ihnen zwei Bedingungen mitzutheilen, unter denen Sie zu wählen haben.“ „So ſo, Ihr ſeid gekommen, um mir Bedingungen vor⸗ zuſchreiben... Nun, wie lauten ſie denn?“ „Hören Sie... Sie, Herr Capitän, nehmen keine andere Mannſchaft als die alte. Es iſt unſere Abſicht, fortwährend auf der„finniſchen Eintracht“ zu bleiben, und wenn Sie vergeſſen wollen was wir gethan haben, Herr Capitän, ſo wollen auch wir vergeſſen was Sie gethan haben. Wir ſind tüchtige und entſchloſſene Männer: was wir geſagt haben, das haben wir ge⸗ ſagt... Jetzt iſt die Reihe an Ihnen, Herr Capitän, antwor⸗ ten Sie.“ „Ich antworte, daß ich nicht gewohnt bin mir Geſetze vor⸗ ſchreiben zu laſſen. Das wiſſet Ihr, und mehr brauchet Ihr nach meiner Meinung nicht zu wiſſen.“ „Soll das ſo viel heißen, daß Sie uns nicht verzeihen, und uns nicht wieder annehmen wollen?“ „Verzeihen kann ich Euch wohl und ich thue es auch, weil Ihr bei Eurer Meuterei durch zwei mächtige Einwirkungen be⸗ ſtimmt wurdet: Ihr hattet unmäßig getrunken und Ihr glaubtet an abergläubiſche Prophezeiungen; aber,“ fügte er hinzu,„ich will keine Mannſchaft commandiren, die einen andern Willen tennt als den meinigen.“ „So,“ antwortete der Conſtahler, der beſtändig das Wort 508 führte,„ſo, ſo. Nun, wir wollen mit der Frage, ob dies Ihr letztes Wort ſei, noch warten, bis wir die zweite Bedingung geſagt haben.“ Der Capitän ſaß unbeweglich da. „Die zweite Bedingung lautet ſo, daß, wenn wir auf die erſte ein Nein bekommen, wir hier acht Mann ſtark da ſind, und daß wir unſern Willen durchführen wollen.“ „Gerade derſelbe Fall wie bei mir, obſchon ich nur ein einziger Mann bin,“ erklärte der Capitän.„Und da Ihr jetzt meine letzte Antwort bekommen habt, ſo zeigt, was, Ihr ferner zu thun gedenket.“ „Herr Capitän, Herr Capitän!“ fiel der prophetiſche Zim⸗ mermann ein, der jetzt näher trat und ſich an die Seite des Schlittens lehnte,„Herr Capitän, ſeien Sie nicht zu übermüthig! Dieſe Warnung kommt von einem Manne, der ſich auf die Zei⸗ chenſchrift in den Wolken verſteht.“ „Berühret den Schlitten nicht!“ Des Capitäns Brauen runzelten ſich. Der Zimmermann wich einen Schritt zurück. „Seien Sie menſchlich ſowohl gegen ſich ſelbſt, als gegen uns, Herr Capitän! wie der Conſtabler ſagte. Hier ſtehen acht entſchloſſene Männer. Sie, Herr Capitän, ſind nur ein einziger. Auf weſſen Seite kann alſo das Recht bleiben?“ „Wenn ihr Alle zuſammen da wäret, ſtatt blos acht, ſo glaube ich dennoch, daß ich meine Handlungsweiſe durch keinen Andern beſtimmen ließe, als durch mich ſelbſt. Ich kenne keine feige Furcht— das wißt Ihr. Was wollt Ihr alſo?“ Es entſtand eine kurze Pauſe. Darauf ſagte der Zimmermann. „Man kann viel verſtehen, ohne daß es in Worten ausge⸗ ſprochen wird. Wollen Sie entſchieden Nichts für uns thun, Herr Capitän?“. „Deſertiret— der Weg ſteht Euch frei! Aber ich bin der m 509 Sache überdrüſſig: laßt es jetzt genug ſein... oder ſetzet Eure Drohungen ins Werkl!“ Dieſe grenzenlos übermüthige Gleichgiltigkeit gegen die Ge⸗ fahr, dieſer kaltblütige Muth machte nicht blos den beinäͤhe zu Stein verwandelten Knecht, der kaum einen Lebensfunken mehr in ſeinen Adern verſpürte, ſondern auch die wilden Geſellen verſtummen, die wie niedergedonnert waren durch dieſe Herrſcher⸗ macht, welche ſich noch jetzt, da ſie wie ein Rohr in ihren eigenen Händen war, geltend zu machen wußte. Jetzt brach auf ein Zeichen des Conſtablers ein einſtimmiger Ruf aus: „Verzeihung, Herr Capitän!“ Und der Seher fügte hinzu:. „Laſſen Sie die finniſche Eintracht ihrem Namen Ehre machen!“ „Höret mich, Jungen,“ ſagte der Capitän, indem er aus dem Schlitten ſtieg und gerade vor ſie trat.„Ich bin ſo ſchwer beleidigt worden, daß es rein unmöglich wäre zwiſchen uns das geſetzliche Verhältniß wiederherzuſtellen, ohne welches kein Com⸗ mando beſtehen kann. Ich kenne Euch beſſer als Ihr Euch ſelbſt kennt. Ihr würdet dieſen erſten Sieg— vorausgeſetzt, daß ich ſchwach genug ſein könnte nachzugeben— nicht gewonnen haben, ohne Euch ſpäter ſowohl auf dem Schiff als außerhalb deſſelben von den Banden des Gehorſams loszumachen. Kehret deshalb um. Mit Eurem Reiſegeld könnt Ihr dann in Gottes Namen fliehen, wohin Ihr wollt— die Welt iſt groß, und Seeleute finden überall Beſchäftigung. Aber zwiſchen Euch und mir iſt es aus... Dies iſt, ſo wahr Gott mir helfe, mein letztes Wort in dieſer Sache.“ Ein leiſes Gemurmel ließ ſich vernehmen. Da erhob ſich wieder die Stimme des Capitäns: „Wollt Ihr jetzt Eurem ehemaligen Commandanten Platz machen oder wollt Ihr vielmehr dieſen Ort mit ſeinem Blute färben?“ 510 „Wir machen keinen Platz!“ „Nun wohl, ſo trete Derjenige vor, der Muth in ſich verſpürt.“ Der Capitän, auf deſſen Geſicht jetzt ein ehrfurchtgebietender Ernſt ruhte, kreuzte ſeine Arme über ſeine Bruſt und ſchaute die acht Matroſen feſt an. Keiner bewegte ſich. „Nun wohl, Cameraden—“ ſeine Stimme wurde weich über die Rührung, die ſich in dieſer ſtummen Unbeweglichkeit kundgab,„macht Platz und laßt mich ziehen! Eure Gewiſſen werden ſich auf dieſe Art beſſer befinden.“ „Nein, nein, nein! So kann es nicht enden, ſo darf es nicht enden,“ ſagten ſie unter einander und einige von ihnen traten einen Schritt vor. „Barmherziger Heiland, wollt Ihr den Capitän ermorden!“ rief der arme Kutſcher, der all ſeinen Muth zuſammenraffte um auszuſteigen und ſich neben den Capitän zu ſtellen. Aber dieſes Manöver wurde gleichſam das Signal zu der großen Bewegung. Ein ſtarker Schlag ſtreckte den Knecht bewußtlos zur Erde. VLV1Ind nun ſtand der finniſche Capitän allein dieſen Cannibalen entgegen, deren Augen in der Dämmerung zu brennen und zu funkeln ſchienen vor Rachſucht wegen all dieſer Beleidigungen, und beſonders weil er auf keine Verſöhnung eingehen wollte. Noch immer gleich ruhig ſteckte der Capitän die Hand in die Bruſttaſche ſeines Ueberrocks und zog eine kleine Stoßwaffe hervor, die ihn nie verließ. „Seht da!“ ſagte er.„Ich hatte gehofft, daß Ihr Eurem Capitän den Kummer erſparen würdet den Stahl gegen ſeine frühere Mannſchaft zu ziehen. Aber iſt es Eure Abſicht mich zu ermorden, ſo ſollt Ihr mich vorbereitet finden.“ Der Anblick des Stahls wirkte elektriſch. Der Capitän hatte kaum ausgeſprochen, als der Conſtabler an der Spitze von drei andern über ihn herfiel. 511 So konnte er von der Waffe, die er ſo ungern hervorge⸗ zogen, keinen Gebrauch machen.......... „Elende... es iſt genug... Wenn Ihr würdig geweſen wäret, ſo würde ich geſagt haben: Cameraden... Dank!“. Und ſo fiel der junge finniſche Capitän von den Händen ſeiner Landsleute. Der himmliſche Traum, den er in der Kirche geträumt hatte, war jetzt in Wirklichkeit verwandelt. Beſudelt von dem Blut des edlen, aber ſtrengen Vorgeſetzten, beeilten ſich die finniſchen Matroſen— ſeine ehemalige Mann⸗ ſchaft— ihre Hände im Schnee abzuwaſchen. Aber konnten ſie wohl je die dunkeln Flecken abwaſchen, die dieſer Augenblick in ihren Seelen zurückließ? Niemand konnte ſagen, wohin ſie geflohen waren, und ebenſo konnte Niemand ſagen, wie lange Zeit verfloſſen war, bis der Knecht erwachte. Als dies geſchah, fand er das Pferd, das zitternd noch da⸗ ſtand, aber der Schlitten war leer. Es war jetzt vollkommen finſter. Er hörte keinen Laut. Aber er tappte umher... Und nun... Im nächſten Augenblick flog der Schlitten mit knarrende Getöſe, das unheimlich die tiefe Stille unterbrach, rückwärts. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Auf Gläborg. Im rothen Salon auf Gläborg hatte die Geſellſchaft nach dem Abendſchmaus ſich um das Caminfeuer verſammelt. 512 Alle trugen ihr Scherflein zur Unterhaltung bei, nur Emilie nicht, die ſich in beſtändiger Unruhe hin und herbewegte. „Ei, ſo ſag mir doch, was Dir fehlt?“ fragte Hjelm ſeine Frau.„Du biſt krank. X. geſtehe es... ich werde ängſtlich.“ „Nein, Ake, ich verſichere Dich, daß ich von keinem Unwohl⸗ ſein weiß. Aber mein Blut muß allerdings unruhig ſein, denn ich kann kaum ſitzen bleiben.“ „Ja, iſt nicht das wirklich ein Unwohlſein? Du haſt ganz gewiß Fieber, und doch biſt Du dazwiſchenhinein blaß.“ „Ich weiß nicht, wie ich ausſehe,“ antwortete Emilie mit einem kleinen Anflug von Ungeduld,„aber ganz ſicher werde ich morgen wieder wohl ſein.“ Hjelm zog ſich verletzt zurück. Er war nicht gewöhnt ſeine Sorglichkeit auf eine Art zurückgewieſen zu ſehen, die an Gleich⸗ gültigkeit ſtreifte. Die junge Frau ſah indeß die Wolke nicht, die auf der Stirne ihres Mannes aufzog. „Meine Freunde,“ ſagte Frau Moß mit ihrem innigen be⸗ ruhigenden Ton,„es iſt blos ein kleines Froſtfieber nach der Reiſe. Emilie darf nicht länger aufbleiben. Es war kalt heute früh, und Ihr hättet nicht in die Kirche fahren ſollen, da Ihr Euch nicht vor dem Eintritt ein wenig erwärmen konntet.“ „Das iſt wohl möglich,“ antwortete Hjelm. Und indem er ſo den Gegenſtand abbrach, ſagte er, gewiß zum dritten oder vierten Mal im Verlauf des Abends:„Aber wo in aller Welt mag Petter ſo lang mit dem Pferd und dem Schlitten ver⸗ weilen? Ich kann doch nicht glauben, daß Oddjers kein Fuhrwerk bekommen haben ſollte.“ „Supponire,“ meinte Moß,„daß er von Ihrem Verſprechen, Herr Hjelm, Gebrauch gemacht hat. Die Canaillen haben einen ſolchen Spektakel angeſtellt, daß er ſich beeilen mußte.“ „Ueberdies,“ fügte Holt hinzu,„fährt es ſich recht bequem in dem Korbſchlitten. Er weiß das aus alter Zeit, da er ein⸗ 513 mal das Vergnügen hatte Frau Hjelm nach dem Pfarrhaus zu führen und...“* „Nein, höret doch, was iſt das?“ rief Majken, die am Fenſter ſtand,„welch ein heftiges Fahren... Da kommt Petter zurück, aber er hat nicht Herrn Hjelms Pferd.“ „Ich will hinausſpringen,“ ſagte Holt,„und hören, was es Beſonderes geben mag.“ Keine andere Perſon bewegte ſich vom Platze. Aber Holt blieb ſo lange aus, daß Hjelm in Verwunderung gerieth und ihm nachgehen wollte, als eben ein Bote hereinkam und ihn nebſt Herrn Moß erſuchte hinauszukommen. Wer kennt nicht dieſe geheimnißvollen Botſchaften und dieſe blaßwangigen Boten, die ein bereits geahntes Unglück gleichſam in ihren Händen tragen! Und wer hat nicht gezittert unter den Froſtſchauern, die ihn dabei ſchüttelten! Alle ſprangen auf mit Ausnahme Emiliens, die ſich ganz gelähmt fühlte. „Was iſt das? was iſt geſchehen?“ rief Eins ums Andere. Aber Majken wandte ſich an der Thüre um und kam zu ihrem jungen Gaſt zurück. „Liebſte Freundin,“ ſagte ſie, ihre eigene Angſt beherrſchend, „was es auch ſein mag, ſo laß es nicht zu ſtark auf Dich ein⸗ wirken. Wenn Du vollkommen klar denken könnteſt, ſo würde ich hinzufügen: Dein Mann iſt Dir den ganzen Tag mit auf⸗ merkſamem Blicke gefolgt.“ „Mein Mann... mein Mann... was meinſt Du? Ich brauche meines Mannes Blicke nicht zu fürchten, wenn es ſich handelt um...“ Plötzlich erſcholl von außen der Ruf: „Ermordet— er iſt ermordet!“ In derſelben Secunde ſank Emilie ohne einen Laut ohn⸗ mächtig auf dem Sofa zuſammen.......... ***** 4* 4 Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 33 514 In demſelben Moment kam Ake herein, in einem Grad er⸗ ſchüttert, wie man ihn noch nie geſehen hatte. Sogar die ſtrenge Rückhaltſamkeit ſeines Charakters hatte nachgelaſſen, und ein bei⸗ nahe unbändiger Sinn lag in den Worten, die er ſagte: „Ich wußte, daß ſie es nicht würde ertragen können!“ Er zeigte mit der Hand auf ſeine junge Frau, und wild war der Blick, der an Majken appellirte. „Herr Hjelm,“ antwortete dieſe mit feſtem und überzeugen⸗ dem Ton,„wenn ein ſo großes Unglück wirklich eingetroffen iſt, ſo können wir alle darüber weinen. Aber im Fall die Nerven des Einen ſchwächer ſind als die des Andern, ſo darf die Ein⸗ wirkung der Gefühle nichts Anderem zugeſchrieben werden, als den Nerven ſelbſt.“ „Den Nerven?“ wiederholte Hjelm mit einem ſolchen Aus⸗ druck in Auge und Stimme, daß ſogar die ſtarke Majken bebte und einen Blick unausſprechlicher Theilnahme auf Emilie warf, die glücklicher Weiſe wenigſtens von derjenigen Furcht befreit war, welche ſich in Majkens Bruſt jetzt geſtaltete. Aber natürlich mußte ein Mann von Hjelms Charakter ſeine Aufregung bald überwinden. Die menſchliche Natur hatte ſich auf eigene Rechnung einen freien Spielraum gewonnen, mußte ſich aber ſogleich wieder legen und der Selbſtbeherrſchung als Fußſchemel dienen. In einem minder wichtigen Augenblick würde Majken bei ihm eine Art von Verlegenheit bemerkt haben, als er von der einen Tonart zur andern überging. Jetzt jedoch bemerkte ſie blos die geſam⸗ melte Kraft, die ſich in folgenden Worten offenbarte. „Ich gehe, um einige Worte mit Frau Moß zu ſprechen. Dann eile ich den Andern nach; und beſtätigt ſich das ſchreckliche Ereigniß, woran ich nicht zweifeln kann, da die von Petter herbei⸗ geeilten Leute keinen Lebensfunken mehr zu finden vermochten, ſo wiſſen Sie ſelbſt, Mamſell Majken, was meine Pflicht als Freund und Wirth des Capitäns Oddjers von mir fordert. Wir ————— er⸗ enge bei⸗ wild gen⸗ iſt, wen Ein⸗ als lus⸗ ebte varf, freit eine inen egen nem Art nart ſam⸗ hen. liche rbei⸗ hten, als Wir „ 51⁵ müſſen ihn nach Lyſekil führen. Und bevor die Todtenſchau und die gerichtliche Unterſuchung ſtattgefunden haben, gibt es für mich eine ſolche Menge ſchmerzlicher Geſchäfte, daß Spartſkär für meine arme Frau gar zu freudlos wird. Deshalb gedenke ich Frau Moß um ein paar Wochen Gaſtfreundſchaft für ſie zu bitten.“ „Das iſt brav,“ antwortete Majken mit einer gewiſſen Strenge,„und Sie kommen unſerm eigenen Vorſchlag entgegen, Herr Hjelm... Aber ein einziges Wort...“* „Nein bei Gott, nicht ein tauſendſtels Wort!“ Hjelm eilte hinaus. Jetzt kehrte Majken ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die in ihrer ſtummen Bewußtloſigkeit noch ruhende Freundin. Aber dieſe Ohnmacht— die erſte in Emiliens Leben— währte ſo lange, daß, als ſie endlich wieder zu ſich kam, das ganze männ— liche Perſonal im Hauſe ſich auf den Platz begeben hatte, wohin der Ermordete geführt worden war und wo Petter ſein müdes Pferd ausgetauſcht. „Wo iſt Ake?“ war ihre erſte ängſtliche Frage. Frau Moß und Majken, die neben ihr ſaßen, ſahen einander an, ungewiß ob Emilie die ſchreckliche Nachricht überhaupt gehört oder ob ſie während dieſer Abweſenheit ihrer Seele die Veran⸗ laſſung derſelben vergeſſen habe. „Ich verſtehe Euch,“ ſagte ſie endlich, und große Thränen rollten über ihre Wangen,„aber Ihr verſtehet mich nicht..... Er iſt todt, der edle, hochherzige, muthige und ſtarke Mann..... ermordet— ha, dieſes Wort kann ich nie vergeſſen, ſo wenig als ich ihn ſelbſt je vergeſſen werde... Aber wo iſt Ake? Ach, ich verſtehe! Es war ſchön, es war recht, es ſah ihm gleich, daß er nicht an ſich ſelbſt dachte, wenn die Pflicht rief.“ „Er war da,“ antwortete Majken,„um Abſchied von Dir zu nehmen, aber— wie Du ſelbſt denkſt— er durfte nicht zögern.“ Emilie ſchien nur mit den Ohren zu hören, nicht mit der Seele. 516 „Ermordet... ich wußte es... Wißt Ihr, wer ihn er⸗ mordet hat? Ich weiß es.“ „Wir wiſſen es— aber wie könnteſt Du es wiſſen, da Du Nichts gehört haſt?“ „Seine eigene Mannſchaft hat es gethan. Die gottloſen Leute... Aber es gibt eine Gerechtigkeit, und ich will Tag und Nacht beten, daß ſie hier in der Zeit und dort in der Ewigkeit beſtraft werden.“ „Keine ſolchen Worte!“ antwortete Frau Moß in ihrer Engelmilde.„Ueberlaſſen wir die Rache Ihm, der die verbor⸗ genen Urſachen der menſchlichen Handlungen ſieht, und hüten wir uns, daß wir das Unglück nicht auf uns ſelbſt ziehen, indem wir es über Andere herabrufen.“ Emilie ſtand heftig auf. Ein unnatürliches Feuer funkelte in ihren Augen, und ihre Lippen zitterten bei den Worten die ſie ſprach. „Wie, Frau Moß, kann man hier auf Erden eine ſolche Heilige ſein, daß man einen ermordeten Freund nicht gerächt zu ſehen wünſcht? Ich für meinen Theil könnte mit meiner eigenen Hand, wenn ſie die Kraft dazu hätte, alle Donnerkeile der Rache vom Himmel herabreißen und überdies den Stahl, der von Oddjers Blut gefärbt worden, dieſen Elenden in ihre Herzen ſtoßen, worin ſchon längſt alles menſchliche Gefühl vertrocknet war. Ich möchte... ich möchte...“ Aber ſie wußte ſelbſt nicht mehr was ſie wollte. Die Hände feſt an ihr Geſicht gedrückt, brach ſie in eine ungedämmte Fluth von Thränen aus. Nie zuvor hatte ſich ein für Emilie ungünſtiger Gedanke in Majkens Seele geregt. Aber der zugleich ſchmerzliche und fra⸗ gende Blick, den ſie auf ihre Mutter warf, gab zu erkennen, daß ſie jetzt eine Furcht empfand, die ſie nicht in Worte zu faſſen wagte. Der vorwurfsvolle Blick der erfahrenen Mutter beruhigte ſie jedoch. Wenn ihre Mutter Emilie für unſchuldig hielt, ſo war ſie es auch, trotz dieſer ſprechenden Zeichen. hi 517 „Wollt Ihr mir einen Gefallen thun,“ ſagte die junge Frau, als ſie ihre Sprache wieder in ihre Gewalt bekommen hatte,„ſo laßt mich eine Weile allein. Ich wünſchte, Ake wäre bei mir, aber da er es nicht iſt, ſo will ich nur mit Gott reden.“ „Nun wohl, Mama, erkläre mir dieſes Myſterium,“ bat Majken, als ſie und ihre Mutter auf die andere Seite hinüber⸗ gekommen waren.„Aber wie läßt es ſich erklären? Wir ſchau⸗ dern und weinen ebenfalls um den jungen Fremdling, der auf unſern Ufern den Tod finden ſollte, aber wie verſchieden drückt ſich nicht unſere Theilnahme aus!“ „So gewiß Gott hört, was ich Dir ſage, mein Kind, mußt Du in Deinem Herzen Deine argwöhniſchen Gedanken abbitten. Glaubſt Du denn, daß eine ſtrafbare Liebe, ſelbſt in der Heftig⸗ keit des erſten Schmerzes, in einen ſo tobenden Sturm ausbre⸗ chen würde? und wird wohl eine verbrecheriſche Frau mit ſo unverkennbarem Ernſt ſich nach der Anweſenheit ihres Mannes ſehnen? Nein, zwiſchen Capitän Oddjers und ſeiner jungen Wirthin iſt Etwas vorgegangen, das glaube ich feſt, aber eben ſo vollkommen bin ich überzeugt, daß dieſes Etwas nicht von der Art war, daß die Augen Deſſen, der über alle Dinge und über alle Menſchen wacht, es nicht hätten ſehen dürfen.“ „Deine ſanften Vorwürfe und klaren Worte, Mama, wirken wohlthuend auf mein Herz. Aber dennoch iſt es mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken, daß zwiſchen ihnen Worte gewechſelt worden ſind, die vielleicht irgend eine Beleidigung gegen den Che⸗ mann enthielten.“ „Und warum ſollte das der Fall geweſen ſein? Sie waren vielleicht eher von der Art, daß Emilie ſie ohne Erröthen und im vollſten Vertrauen ihrem Manne mittheilen konnte.“ Majken ſchüttelte den Kopf. „Armes Kind!“ fuhr Frau Moß fort,„ſie iſt ein Fremdling hier, aber beargwöhnt von ihrem Mann und ihrer Freundin, ſoll 518 ſie wenigſtens eine Mutter finden, welche dafür ſorgt, daß der Fieberſtrom, der jetzt in ihren Adern ſiedet, ein Ableiter für ihr unruhiges Blut wird. Und wenn dieſes ſich gelegt hat, ſo werden wir ſchon ſehen, daß ſie ſich nichts Anderes vorzuwerfen braucht, als die jugendliche Unfähigkeit lebendige, aber unſchuldige Ein⸗ drücke zu bemeiſtern.“ „Mama, Du biſt mein Ideal von Klugheit und Güte— aber was kann ein fremder Mann der Frau eines Andern ſagen dürfen? das möchte ich doch wiſſen.“ „Die Gefühle ſind, wie die Gelegenheiten zu ihrem Ausbruch, nicht berechnet— das weißt Du wohl— und können deshalb nicht nach beſtimmten Geſetzen aufgeſtellt werden. Aber wenn es jedem Mann unerlaubt iſt, überlegte Liebesworte einer verhei⸗ ratheten Frau ins Ohr zu flüſtern, und wenn es ihr nicht er⸗ laubt iſt ihnen begierig zu lauſchen, ſo laß uns gleichwohl nicht ſo unduldſam ſein, um nicht zu geſtehen, daß man ſich Verhält⸗ niſſe denken kann, wo einem von der ſtärkſten aller Leidenſchaften überwundenen Manne Worte entſchlüpfen, die eine Ahnung von ſeinen Gefühlen geben, aber eine ſolche Ahnung, die Beiden ge⸗ ſtattet die urſprüngliche Reinheit und Selbſtachtung zu bewahren, welche Gott bei jedem wahren und tiefen Gefühl in den Menſchen gelegt hat.“ „Aber juſt dieſe Reinheit, dieſer zarte und feine Duft kann meines Erachtens von der gefährlichſten Wirkung für die junge Frau werden, die eine Prüfung zu überſtehen hat.“ „Dieſe Bemerkung kann richtig ſein, wenn es ſich um eine Frau ohne Gottesfurcht und ohne wirkliche Liebe zu dem Mann ihrer Wahl handelt. Aber wenn ſie ſo iſt wie dieſes junge Geſchöpf, wenn ſie ihren Mann mit Hingebung liebt, wenn ſie hochherzig, gutgeſinnt und von dem Wunſche beſeelt iſt, ſich immer ihrer eigenen Achtung und der Achtung ihres Mannes würdig zu machen, dann können dieſe Worte gewiß eine ſtarke, aber keine gefährliche Wirkung auf ſie hervorbringen, wofern ſie nicht 519 von Demjenigen unklug behandelt wird, der ſie vor allen Andern verſtehen und mit Zärtlichkeit umgeben müßte.“ „Jetzt, Mama,“ antwortete Majken,„beginnt die Sache mir klar zu werden. In Emilie ſindet ſich ein ſchwärmeriſcher und poetiſcher Enthuſiasmus vor, der leicht in Anregung gebracht wird. Ich glaube, daß er zu viel in Anſpruch genommen worden iſt, und ich denke, daß ſie in dieſem Augenblick ungefähr dieſelben Betrachtungen anſtellt, wie wir. Vielleicht zittert ſie um ſich ſelbſt.“ „Dann,“ verſetzte Frau Moß,„wird ſie ſich bald verge⸗ wiſſern, daß ſie nicht zu zittern braucht. Die Unſchuld ihrer Seele ſpiegelt ſich in allen Dingen ab... Aber laß ſehen, ob wir nicht für Jemand anders zittern müſſen.“ „Du biſt von derſelben Furcht befangen wie ich, Mama. Hjelm iſt die Chrenhaftigkeit ſelbſt, aber die Strenge ſeiner Grundſätze kann ſich in Härte verwandeln, und ich glaube, daß er ſich in gewiſſen Verhältniſſen von einem blinden Stolz und einer ſo reizbaren Empfindlichkeit leiten läßt, daß ſie ihm nie⸗ mals geſtattet das Maß des Böſen zu unterſuchen, das er arg⸗ wöhnt.“ „Du kannſt in Beziehung auf ihn auch noch von der Liebe, von der Erfindſamkeit und Halsſtarrigkeit der Eiferſucht ſprechen.“ „Nun ja, da bekommen wir ein ſchönes Bild... Aber was ſagte er bei ſeiner Abreiſe zu Dir, Mama?“ „Still... Emilie öffnete die Thüre... ſie kommt her⸗ über... ſie hat mein Herz ſo eingenommen, daß ſie mir wirk⸗ lich wie eine jüngere Tochter vorkommt, die meines Schutzes bedürfe.“ „Wie ſie eine Mutter findet, ſo wird ſie auch eine Schwe⸗ ſter finden,“ ſagte Majken herzlich. Und jetzt war es Majken, die nicht blos die Thüre, ſondern auch ihre Arme öffnete, ſo daß Emilie ihren noch brennenden Kopf an die Bruſt der theilnehmenden Freundin lehnen durfte. 520 „Sieh,“ ſagte Frau Moß,„jetzt nehme auch ich meinen Theil an Dir in Anſpruch. Willſt Du jetzt mit uns ſprechen, mein Kind? Denn was Du in Deinem Fieberwahn ſagteſt, dür⸗ fen wir nicht rechnen“. Emilie erhob ihr Haupt, und während ſie ſich zwiſchen Beiden auf den Sofa ſetzte, begann ſie erröthend: „Ich weiß kaum, was ich geſagt habe. Aber das weiß ich und bitte Euch zu glauben, daß in meinem ganzen ſo heftig ausgedrückten Kummer nicht das Mindeſte liegt, worüber ich mich zu ſchämen hätte. Ich empfand für Capitän Oddjers eine warme und lebhafte Theilnahme. Er intereſſirte mich vom erſten Augen⸗ blick an. Sein Auftreten bei uns hatte etwas Romantiſches, was mich ungemein anſprach, und er hielt auch mich lieb— das konnte Jedermann ſehen: es war ſo offen, ſo natürlich... nicht das mindeſte Unrecht darin.“ „Das hätte ſich auch Niemand vorſtellen können,“ antwortete Frau Moß.„Aber nach dieſem traurigen Ereigniß wirſt Du nicht ſo bald nach Svartſkär heim wollen— denn Dein Mann wird jetzt von einer Menge wichtiger und ſchmerzlicher Geſchäfte überhäuft werden, die oft ſeine Abweſenheit erfordern, und dann wäre es unangenehm für Dich, meine liebe Emilie, wenn Du mit Herrn Holt allein ſein ſollteſt.“ „Gott bewahre mich davor! Seine giftige Zunge hat ſchon Böſes genug geſtiftet. Ich fürchte Holt wie einen Geiſt der Finſterniß; er ſchürt beſtändig an dem Feuer, das in der Seele meines Mannes brennt... Aber ſagt mir— jetzt bin ich muthig — Alles was geſchehen iſt. Daß er bis zum letzten Augenblick Heldenmuth bewieſen hat, weiß ich.“ „Dann ahnſt Du vielleicht auch die Wahrheit,“ antwortete Majken,„nämlich daß ſeine Empfindlichkeit in Betreff ſeines eigenen Anſehens, verbunden mit der ſtrengen Unbeugſamkeit ſeines Charakters, Urſache war, daß...“ „Nein, ich will noch nichts hören,“ rief Emilie,„es iſt ge⸗ q) ½— —e VJ—0o 8S nen hen, zür⸗ hen ich ftig nich me gen⸗ vas das icht tete Du unn äfte unn Du hon der Lele hig lick tete nes keit 521 nug, daß ich dies erfahren habe. Ich glaube kaum, daß er allzu großen Werth legte auf... Aber ich bin in meinen Gedanken noch nicht klar genug, um jetzt zu ſprechen, wir wollen warten, bis die Herren zurückkommen— denn ſie kommen ja doch hieher mit. mit.. „Nein, gewiß nicht,“ fiel Frau Moß ein.„In Lyſekil liegt ſein Schiff, und auf dieſes Schiff muß doch der Commandant gebracht werden.“ „Alſo darf ich nie, nie mehr... „Liebſte Emilie,“ ergriff Majken das Wort,„faß jetzt alle Wünſche Deiner Seele und Deines Herzens zuſammen und ſtelle ſie unter die Obhut der Vernunft— dieſe wird Dir antworten; und antwortet ſie nicht deutlich, ſo ſtelle ſie unter die Obhut Gottes, er wird Dir in ſeiner milden Barmherzigkeit zeigen, daß Du keine Wünſche haben darfſt, die Dich noch mehr aufregen, als Du bereits aufgeregt biſt.“ „Ich bin ſo müde,“ flüſterte die junge Frau.„Dieſer Todesruf wird nie aufhören in meinen Ohren zu ertönen. Seid gut gegen mich und ſorget dafür, daß ich bald meinen Ake treffe — denn nach ihm verlange ich mit glühender Sehnſucht. Er wird mich gewiß verſtehen und Alles wird gut werden, wenn ich an ſeinem Herzen habe ausweinen dürfen.“ (Ja, dachte Majken, er ſah juſt aus, als ob er eine ſolche Scene wünſchte.) „Aber liebſtes Kind,“ antwortete Frau Moß, indem ſie mit ihrem feinen und prüfenden Blick in das junge Herz eindrang, dem ſie Lebensweisheit beizubringen wünſchte,„mein liebſtes Kind, ich weiß nicht, ob es irgend einem Ehemann angenehm ſein kann, Thränen wie dieſe hier mitanzuſehen, ſo unſchuldig ſie auch ſein mögen. Selbſt die uneigennützigſten Männer meinen, die Frauen müſſen ſelbſt einſehen, daß Freundſchaftsbande mit Fremden eine gewiſſe Grenze nicht überſchreiten dürfen, welche die Männer ſelbſt nach ihrer verſchiedenen Auffaſſung geſteckt haben.“ 41 52² Emilie hörte mit tiefer Aufmerkſamkeit. „Sollte ich alſo,“ ſagte ſie,„dieſes Gefühl vor meinem Mann geheim halten? Könnte er daraus nicht auf Etwas ſchließen, was ihm noch weniger lieb wäre?“ „Ich meine, daß ein Mittelweg ſich finden dürfte, und ich hoffe, daß Dein gutes Herz und Dein feiner Verſtand Dir den⸗ ſelben zeigen werden, wenn der Augenblick gekommen iſt. Glaube inzwiſchen, mein Kind, daß alle Arten von Gefühl ihre kitzliche Seite haben, und welche Gefühle muß wohl eine Frau mehr re⸗ ſpektiren, als die ihres Mannes?“ „Ich will in alles das einzudringen, und mir alle dieſe edeln und mütterlichen Rathſchläge, die meine eigene Mutter mir ſicherlich nicht beſſer hätte geben können, zu Nutze zu machen ſuchen... Aber, ſagt mir jetzt, ob ich ſo lange aufbleiben kann, bis Ake zurückkommt.“ „Herr Hjelm kommt vor wenigſtens einer Woche nicht zu⸗ rück— ſiehſt Du das nicht ein? „Eine Woche... Aber wie ſollen dann alle dieſe Tage ein Ende nehmen?— Das iſt unmöglich! Kann ich nicht nach Lyſekil nachreiſen?“ „Nein,“ erklärte jetzt Majken,„dies iſt das Allerunmöglichſte, und ich möchte Deines Mannes grenzenloſe Verwunderung über einen ſolchen Schritt nicht mitanſehen. Ihn ſaheſt Du erſt vor ein paar Stunden.“ „Es bedarf Nichts mehr...“ Emiliens Stimme ſo wie ihre aufrechte Haltung verkündeten, daß der Stolz wiederzukehren und ſein Recht zu nehmen anfing.. Bei dieſen Symptomen zeigten Majkens Blicke, die ſie mit ihrer Mutter wechſelte, daß ſie ihre Hoffnungen in Bezug auf Emilie wiedergewonnen hatte.„Ja,“ fügte ſie in ihrem Herzen hinzu,„ſei jetzt ſo ſtolz als Du nur willſt— ich habe Dir wehe gethan, armes Kind, aber es geſchah, um Dich aus dem Zauber zu wecken.“ fra 523 „Willſt Du mich jetzt auf mein Zimmer begleiten, Majken,“ fragte Emilie,„oder darf ich hier in dem Deinigen bleiben? Ich bedarf jetzt Nichts ſo ſehr wie Ruhe.“ Nach dieſem Abend verfloſſen nicht eine, ſondern zwei, drei, ja vier Wochen, ſo daß der ganze Monat darauf ging, ehe für Emilie die ſo lang erſehnte Stunde ihrer Heimreiſe endlich ſchlug. Die Aprilſonne glänzte jetzt über dem aufgelösten Schnee⸗ gürtel. Die junge Frau, die nach und nach die klugen Worte ihrer edeln Wirthin begreifen und ſchätzen lernte, hatte endlich, aber ſpät die Klage zum Schweigen gebracht, worin ſich ihr Herz hätte ergießen mögen. Sie ſprach nicht oft weder von ihrem Mann, noch von dem Capitän, aber zuweilen fragte ſie Majken mit ſchüchterner Unruhe, ob ſie wirklich glaube, daß Ake ſo viele Zeit zu vall dieſen Dingen“ brauche, worauf Majken immer herzlich antwortete, wenn er ſie noch nicht zur Rückkehr nach Svartſkär aufgefordert habe, ſo geſchehe dies, weil ſeine beſtändigen Reiſen ihr die Heimath unfreundlich machen würden. Was Emilie bei einer ſolchen Antwort dachte, behielt ſie für ſich. Sie dachte nämlich, daß Ake bei einigem guten Willen während dieſes jahrhundertelangen Monats ſie wohl manchmal in Gläborg hätte beſuchen können. Aber die hohen Wellen ſtiegen wieder ſo gewaltig in ihrer Seele, daß ſie alle kleinlichen Fragen in dieſer Beziehung zurückdrängten. Zuweilen verdüſterte ein Schimmer von Wahrheit die Lebensfreudigkeit, welche ſie in der Hoffnung auf die Zukunft wieder zu finden meinte, aber auch das wollte ſie vor ſich ſelbſt verbergen, denn es war Zeit genug dem Kummer Raum zu geben, wenn er einmal wirklich an die Thüre klopfte. Inzwiſchen war der junge finniſche Capitän zum letzten fried⸗ 2 524 lichen Schlaf hinabgebettet worden, und zwar nicht auf dem Kirch⸗ hof der Capelle, auch nicht in Lyſekil, ſondern auf dem einſamen Grabſtrand, in dem geſegneten Friedhof, den eine edle ſchwe⸗ diſche Frau(Margareta Hvitfeldt) für todte Seemänner aus fremden Landen gebaut hatte. Und dahin ſollten auch die Freundinnen, die er auf ſchwediſcher Erde gefunden, im Sommer kommen und ihm ihr Lebewohl zuflüſtern. Aber dies war auch die einzige Genugthuung, die ſeinem Staub zu Theil wurde, denn alle Nachforſchungen der Juſtiz nach den finniſchen Matroſen blieben erfolglos. Man hätte glauben können, die Erde habe ſie ſammt und ſonders verſchlungen. Aus keinem ſchwediſchen oder norwegiſchen Hafen konnte man eine Spur von ihnen erhalten. Gleichwohl wurde angenommen, ſie ſeien zuerſt nach Norwegen hinübergeflohen. Emilie hatte von Oddjers einen tiefen, aber nach dem Aus⸗ bruch des erſten Schmerzes friedlichen Eindruck bewahrt, der je⸗ doch von ſo ernſter Art war, daß es eine geraume Zeit anſtand, bis der bezaubernde Schimmer, der früher über ihrem heitern und friſchen Weſen gelegen, zurückkehren ſollte. Von ihrem Mann dagegen bekam ſie, trotz aller Sehnſucht nach ihm, jetzt in der letzten Woche einen immer beunruhigendern Eindruck, der endlich bis zu einem gewiſſen Grad von Angſt überging, ſo ſteif und erkünſtelt lauteten die Entſchuldigungen, womit er die Unmöglichkeit ſeines beabſichtigten Beſuches auf Gläborg darzuthun ſuchte. Endlich kam der letzte Brief mit den letzten Entſchuldigungen, warum er nicht ſelbſt erſcheinen und ſie abholen könne. Aber ſie werde auf den folgenden Tag erwartet. Majken ſollte Emilie nach Hauſe begleiten. 525 Achtundvierzigſtes Kapitel. Was im Portefeuille des Capitäns Oddjers gefunden worden. „Und ſo wurde ich begrüßt,“ ſagte die junge Frau, indem ſie eine Viertelſtunde nach ihrer Rückkehr die heißen Wangen in die zuſammengelegten Hände preßte,„ſo, ſo— gleich als ob künftig Nichts mehr nöthig wäre, was Herzensforderungen gliche.“ Sie ſaß allein da. Majken war ſogleich nach dem Pfarrhaus geeilt, denn ſie hoffte, daß eine Stunde gänzlichen Alleinſeins zwiſchen den beiden Gatten beim erſten Wiederſehen am meiſten dazu beitragen würde ihr beiderſeitiges Verhältniß wieder zu klären. Und ſie glaubte dies um ſo mehr, als Holt abweſend war. Aber Emilie hatte kaum die kalte Berührung einer förm⸗ lichen Umarmung empfangen, als ihr Mann mit der größten Artigkeit um Entſchuldigung bat, daß er ihr nicht einmal an dieſem erſten Nachmittag eine einzige Stunde ſchenken könne.„Sieh,“ ſagte er, indem er auf den lebhaften Landungsplatz hinabzeigte, „ſieh, welche Transporte berechnet, empfangen und liquidirt werden müſſen. Die Ladendiener in der Bude ſind bis über die Ohren mit Geſchäften überhäuft, und Holt iſt nicht daheim.“ In allem dem lag Nichts, wodurch ſich die junge Frau ſo tief verletzt fühlte, wie in dem Umſtand daß ihr Mann den « Namen des Capitäns Oddjers nicht ein einziges Mal ausſprach. * Warum dieſe berechnete Rückhaltſamkeit? was bedeutete ſie? Und überdies, ſah man es nicht deutlich an ſeinen ge⸗ zwungenen Bewegungen, an ſeiner fieberhaften Haſt, daß er allen Fragen ſcheu auswich? Lauter ſchlimme Zeichen. „Du brauchſt Dich vor mir nicht zu entſchuldigen,“ ant⸗ 526 wortete Emilie mit all der Freundlichkeit, worüber ſie bei einer ſolchen Gelegenheit zu gebieten vermochte.„Biſt Du dermaßen mit; Geſchäften überladen, daß Du nach einer Trennung von ſo vielen Wochen mir nicht eine einzige Stunde widmen kannſt, ſo darf ich Dich nicht zurückzuhalten ſuchen. Aber Du zwingſt mich zu der Ueberzeugung, daß ich in meinem Gatten keinen Freund habe.“ „Wie ſo?“ „Ein Freund iſt offen in ſeinen Worten und aufrichtig in ſeinen Handlungen— Du biſt Beides nicht. Dabei iſt es un⸗ edel von Dir, daß Du mich ſo allein... ſo allein... in unſerem eigenen Hauſe daſtehen und in meines eigenen Mannes Geſicht nichts Anderes als ein fremdes Geſicht ſehen läſſeſt.“ Hjelm erröthete ſtark.. „Juſt weil ich überzeugt war, daß Du Dich hier allein fühlen würdeſt, ſuchte ich Dir zu beweiſen, daß Du Dich auf Gläborg beſſer befinden dürfteſt. Aber nachdem Du hieher zu⸗ rückgekehrt biſt, mußt Du nicht mit Klagen anfangen— denn aufrichtig geſtanden, wenn ich keine Zeit zu einem gemüthlichen Geſellſchaftsſtündchen habe, ſo habe ich noch weniger Zeit zur Anhörung von Klägen, die möglicher Weiſe nicht am Platz ſein dürften.“ Und er eilte hinaus. Emilie vermochte dieſe ſpätere Veränderung nicht zu er⸗ klären, und konnte nichts Anderes thun, als ſich ſelbſt die Worte wiederholen: „Und ſo wurde ich begrüßt!“ Eine ganze Stunde lang hoffte ſie, er würde zurückkommen, Reue zeigen und ihr ſagen, woher dieſe ſonderbare Veränderung entſtanden ſei. „Ach, welche Grauſamkeit den Namen Oddjers gar nicht in den Mund zu bringen! Wäre dieſer hochſinnige Fremdling ein Miſſethäter geweſen, ſein Name hätte nicht mit größerer Sorg⸗ 527 falt gemieden werden können. An dieſem Fenſter da—“ ſie ging auf die andere Seite—„ſtanden wir an jenem Morgen, als ich ihm meine Freude darüber ausdrückte, daß er ſich ſeiner finniſchen Mannſchaft entledigen könne... O! und jetzt, jetzt ſoll ich nicht einmal ſagen dürfen, wie all dieſe Erinnerungen ſchmerzen!“ Sie lauſchte und lauſchte nach den Tritten ihres Mannes. „Nein, es iſt vergebens— er kommt nicht... Was ſollte Ake mir vorwerfen können? Nicht ein einziges unrechtes oder unwürdiges Gefühl... Was habe ich denn gethan? Etwas was ich nicht weiß, was ich aber wiſſen will, wiſſen muß, wiſſen werde! Denn obſchon ich ihn zehnmal mehr liebe als er verdient, ſo will ich doch ſehen, ob die Liebe das Wunder bewirken kann, daß ich mich in ein ängſtliches, winſelndes und kleinmüthiges Weib verwandeln laſſe, das nicht einmal ſeinen Mund aufzuthun wagt, wenn der Mann ſeine Meinung in einer Sache zu erkennen gegeben hat.“. Jetzt begann ſie mit immer raſcheren Schritten auf und abzugehen. „Mein Charakter und mein Herz beugen ſich ſo gerne, wenn ich glaube— wie ich mitunter glaubte— daß er mich mit einer bedeutungsvolleren Zärtlichkeit angeſehen habe. Ja, dann kommt auch die Schüchternheit und macht mich auf eine geheimnißvolle, aber liebliche Weiſe verzagt. Aber ſtoße ich auf Kälte, Ungerechtigkeit und allzu ſtrenge Rückhaltſamkeit, dann er⸗ hebe ich mich. Und jetzt wollen wir ſehen, ob ich daſitzen und pflichtſchuldigſt im Käfig zwitſchern muß, oder ob ich die freie Luft genießen darf, wie es einem freien Geiſte anſteht.“ Erfriſcht gerade durch das Uebermaß ihres Verdruſſes, ging ſie hinaus, um auf die Haushaltungsdetails, die Küche und die Vorrathskammer einen Blick zu werfen. *„**** 4**** 1***..** 4 1 528 Ehe Emilie ihre Generalrunde vom Keller bis zum Speicher vollendet hatte, waren mehrere Stunden verſtrichen. Und jetzt ſtand ſie vor demſelben Schreibtiſch, wo ſie am Morgen vor der Reiſe nach Gläborg an ihre Mutter geſchrieben hatte. Sie erinnerte ſich, daß ſie damals ihre Neugierde ausge⸗ drückt hatte, wie ſie wohl das nächſte Mal ſchreiben würde. Jetzt wußte ſie es, und Thränen ſtiegen ihr in die Augen bei dem Gedanken, daß ein einziger Troſt ihr übrig bleibe, der Troſt ſich gegen ihre älteſte Freundin, ihre verehrte Mutter ausſprechen zu dürfen. Als ſie jetzt in ihre Betrachtungen vertieft daſtand, erblickte ſie auf einmal einen an ſie ſelbſt adreſſirten Brief von Holts Hand. „Was um Gotteswillen bedeutet das?“ Sie ſchwankte einige Sekunden zwiſchen dem hochmüthigen Vergnügen ihn ungeleſen zurückzuſchicken, und dem neugierigen Verlangen den Inhalt zu erfahren. Die Neugierde ſiegte. Sie riß den Brief auf— und nun denke man ſich die un⸗ beſchreibliche Beſtürzung, den brennenden, angſtvollen und wohl erklärlichen Verdruß, den ſie empfand, als ſie unter dem Um⸗ ſchlag eine Locke von ihrem eigenen Haare fand. Es dunkelte vor ihren Augen, als ſie die einzige Zeile las, die das myſtiſche Geſchenk begleitete. Dieſe Zeile lautete alſo: Gefunden in Capitän Oddjers Portefeuille bei Unterſuchung ſeiner hier befindlichen Sachen. „Welche niederträchtige Veranſtaltung... das iſt Holt ſelbſt! Und er hat ſeinen Brief ſo gelegt, daß Ake ihn ſehen ſollte, was er auch gethan hat. Ebenſo leicht konnte er an der Helle den Inhalt ſehen, und vermuthlich hat er ihn ſchon vorher auf dem Platze geſehen, wohin Holts grenzenloſe Frechheit und beſ gan ſchl ebe der 529 ausſtudirte Bosheit ihn zuerſt geſchafft hat...“ Sie verſank in tiefe Gedanken. „Woher kommt die Locke ſelbſt? Oddjers hat ſie niemals beſeſſen... und wenn er ſie beſeſſen hätte, ſo würde er ſie ganz gewiß nicht in ſeinem Portefeuille gelaſſen haben.“ Sie begann jetzt in ihren Gedanken weniger ſicher und ent⸗ ſchloſſen zu werden, als noch vor einer Weile. Sie war jetzt eben ſo unſchuldig wie damals— aber— aber der Schein... der Schein... Was will doch der Schein hier ſagen? Konnte wohl Ake einen Augenblick ſie beargwöhnen.... Nein, dies wäre ſo ſchauerlich, daß es ganz unerträglich würde.... Und woher, woher wäre dieſe unglückliche Locke gekommen? Plötzlich begriff ſie wenigſtens einen Theil des Zuſammen⸗ hangs. Eine Woche vor ihrer Abreiſe von Haus hatte ſie ſich eine ziemlich dicke Locke abgeſchnitten, um ſie auf den Wunſch ihrer Mutter zu einer Schnur heimzuſchicken. Dieſe Locke war mit der Poſt abgegangen. Der Brief konnte doch nicht geöffnet worden ſein. Das war unmöglich... Sie mußte nachſinnen wie es ſich verhielt, als ſie ſchrieb.... Die Locke lag offen neben ihr, um mit Seide umbunden zu werden... Sie war jedoch, ehe ſie dies zu Stande gebracht, hinausgerufen worden... Ja, jetzt ſah ſie es klar im Spiegel der Erinnerung: ſie war hinaus⸗ gegangen— und während ihrer Abweſenheit mußte Jemand durchs Zimmer gekommen ſein und den Diebſtahl begangen haben. Und wer anders als Holt? Oddjers niemals. Sie ſtand jetzt mit der Locke in ihrer Hand, in die geheime Geſchichte derſelben vertieft da, als Majken eintrat. „Lobe mich nicht über meine baldige Heimkehr,“ ſagte dieſe mit ihrer lebhaften und raſchen Stimme.„Mein Gudmar kommt vor morgen nicht nach Hauſe. Und wie ſehr es mich auch freute des Onkels alte Geſchichten wieder anzuhören, ſo ſehnte ich mich Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 34 530 gleichwohl zu ſehr nach Dir, um ohne wichtigere Gründe länger zu verweilen... Aber um Gotteswillen wie ſteht es, was iſt geſchehen? und was ſiehſt Du ſo ggar Merkwürdiges an dieſer Locke da? Iſt ſie nicht von Deinem eigenen Haar?“ „Ja gewiß— rathe, woher ſie kommt... Aber vor allen Dingen, warum hat Thorborg Dich nicht begleitet?“ „Lache nicht, meine Liebe, wenn ich Dir ſage, daß im Pfarr⸗ haus Jemand krank iſt, Jemand der die ſorgfältigſte Pflege for⸗ dert, nämlich der Hammel, der Günſtling Aller. Der Onkel ſeufzte zwiſchen jeder Pauſe, die er in ſeinen Geſchichten machte: ‚Du wirſt ſehen, daß der Hammel nie mehr auf die Sommerluſt kommt!“ Und Summa ſummarum, ſowohl Vivika als Thorborg ſind vollauf beſchäftigt. Aber morgen bei Zeit kommt Thorborg. Und jetzt, meine Liebe, nachdem Du meine Erklärung erhalten haſt, ſehe ich der Deinigen entgegen.“ „Dieſe dürfte etwas Wichtigeres betreffen, als die Krankheit eines Hammels,“ antwortete Emilie verdrießlich. „Meine beſte Emilie, wir müſſen gewiſſe Sachen von einem umfaſſenderen Geſichtspunkt aus betrachten, als ſie auf den er⸗ ſten beſchränkteren Blick zu verdienen ſcheinen. Ein Thier iſt aller⸗ dings blos ein Thier; aber außerdem daß es wie wir der großen Schöpfung angehört, kann es ſeinem Eigenthümer ſo lieb ſein, daß ſein Verluſt tief und lange auf das Gemüth deſſelben ein⸗ wirkt. Was jetzt den Hammel insbeſondere betrifft, der im Pfarr⸗ haus eine Art von Perſönlichkeit bildet, ſo glaube ich beinahe, daß der Onkel es als ausgemacht annimmt, daß, wenn der Lieb⸗ ling dahinginge, er ſelbſt bald nachfolgen würde. Wir müſſen alſo die Gefühle Anderer achten, da wir nie mehr als die Ober⸗ fläche beurtheilen können, und folglich müſſen wir einen alten Mann reſpektiren, der nie in ſeinem Leben viele Gegenſtände der Zerſtreuung gehabt hat.“ „Dieſe Zurechtweiſung wäre nicht überflüſſig geweſen,“ meinte Emilie mit einer gewiſſen Verzagtheit über Majkens 531 Ernſt,„wenn ich nicht ſelbſt durch eigene Bekümmerniſſe, die — wenigſtens in meinen Augen— von größerem Gewichte ſind, allzu ſehr aufgeregt und in Anſpruch genommen wäre.“ „Sprich alſo, meine gute Emilie. Ich ſehe wohl, daß die Sache wichtig iſt.“ „Setze Dich und höre.“ Sie nahmen Platz. „Ich bat Dich zu rathen, woher dieſe Haarlocke gekommen ſein könnte... thue es jetzt!“ Majken ſah beſtürzt aus. „Gabſt Du ſie Deinem Manne als Mädchen?“ „O nein, wir ſtanden nicht auf ſo vertraulichem Fuß, daß ich mir einbilden konnte, er würde einen ſonderlichen Werth auf eine ſolche Erinnerung legen, und ihm ſelbſt fiel es wahrlich niemals ein dies zu verlangen.“— „Nun wohl,“ verſetzte Majken,„willſt Du mir vielleicht, ehe ich rathe, mittheilen, wie Du und Dein Mann den Nach⸗ mittag zugebracht hatten?“ „Ja, denk Dir nur... nach einigen Minuten, die einer kalten Artigkeit gewidmet waren, kehrte Ake an ſeine Arbeit in den Seebuden zurück. Ich dagegen trat meine häuslichen Ge⸗ ſchäfte an, die mich die ganze Zeit in Anſpruch genommen haben. Du glaubteſt vielleicht, wir würden den ganzen Nachmittag da⸗ ſitzen und gurren?“ Majken antwortete nicht, aber in ihrem Blick lag ihre ganze Theilnahme. „Erzähle mir lieber,“ ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, „was vorgefallen iſt— denn errathen kann ich es nicht.“ „Etwas Abſcheuliches iſt vorgefallen. Juſt jetzt ſah und öffnete ich dieſen Brief da, der auf meinem Schreibtiſch lag— lies und urtheile. Dann gib mir einen Rath.“ Majken las und erblaßte. 53² „Welche Schändlichkeit! Ich will darauf ſterben, daß Holt die Locke in die Brieftaſche des Capitäns geſteckt hat.“ „O, wie freue ich mich von Dir daſſelbe zu hören, was ich ſchon mehrere Male zu mir ſelbſt geſagt habe! Höre jetzt, wie es vermuthlich zugegangen iſt...“ Und Emilie theilte Majken mit, wie ſie ſich ſelbſt den Hergang erklärte. „Nun, jetzt haben wirs vollkommen klar,“ verſetzte Majken. „Das war juſt eine Holts würdige That, einen Schatten auf einen Todten zu werfen, deſſen Stolz und ſtrenge Gewiſſen⸗ haftigkeit im Leben ihn vor der Gefahr ſeiner Handlung hätte warnen ſollen. Aber die Bosheit berechnet ſelten gut.“ „Im Anfang,“ fiel Emilie ein,„muß er gleichwohl eine andere Abſicht gehabt haben.“ „Natürlich. Zuerſt nahm er die Locke auf eigene Rechnung. Aber da er jetzt fand, daß er einen beſſern Gebrauch davon machen könnte, als wenn er ſie als Gegenſtand ſeiner niederträchtigen Flamme behielte, ſo trug er kein Bedenken ſie zu Zwecken der Rache und Eiferſucht auszubeuten. Er hat damit einen Schatten auf Dich geworfen und vermuthlich bei Deinem Manne Ideen geweckt, die eine gefährliche Frucht tragen könnten.“ „Sie haben dieſe gefährliche Frucht bereits getragen. Ich kann es aus vielen Dingen bemerken und am meiſten aus dem Umſtand, der mich hauptſächlich verletzt hat, daß Ake des Capitäns mit keinem Worte gedachte. Warum ſoll dieſer Gegenſtand ein ſchleichendes Geheimniß ſein? ſage mir das als kluge Perſon.“ „Ich danke Gott,“ antwortete Majken, die ohne nähere Prüfung bei ſich ſelbſt nicht in noch gefährlichere Details ein⸗ gehen wollte,„ich danke Gott, daß Thorborg nicht hier iſt; ſie würde gegen unſere Sicherheit in Bezug auf Holt Einſprache erhoben haben.“. Was die beiden Damen weiter unter ſich überlegten, erſehen wir aus der Scene, die am folgenden Nachmittag ſtattfand, als Majken im Pfarrhaus ihren Gudmar mit einem Beſuch beglückte. 533 Holt war am folgenden Tag gleich nach dem Mittageſſen nach Hauſe gekommen und befand ſich jetzt auf dem Contor mit Hjelm in lebhaftem Geſpräch über die Geſchäfte, denen die Reiſe gegolten hatte. „Es iſt merkwürdig,“ ſagte Holt, der auf der andern Seite des Pultes ſaß und mit ſeinem ſchmeichelnden falſchen Blick ſich gleichſam feſt in Hjelms Herz einhieb,„es iſt merkwürdig, was für ein prächtiges Geſchäft Du durch dieſes Angebot in Betreff der finniſchen Eintracht gemacht haſt, und das Merkwürdigſte iſt, daß dieſe dummen Tröpfe von Fiſchern die Sache Dir allein anboten. Nun, es verſteht ſich, ich kann nicht anders ſagen, als daß auch ich meinen Antheil gehabt habe. Aber die Ehre, welche das Geſchäft mit dem Capitän Oddjers unſerem Haus gebracht hat, iſt ganz und gar auf Deiner Seite, und es kann nicht fehlen, daß wir mit dieſen Geldern da, die meine Hoffnungen weit überſteigen, Glück haben werden. Gott ſei Dank, unſer junges Haus blüht ſowohl von Innen als von Außen.“ „Ja,“ antwortete Hjelm, nachdem er eine Weile mit be⸗ wundernswürdiger Faſſung in die Papiere geſchaut, die er durch⸗ lief,„dieſes Geſchäft wurde wirklich auf eine Art betrieben, daß wir mehr Vertrauen erwarten können. Keine gemeine Filzigkeit klebt daran. Und geht es uns noch einige Zeit ſo nach Wunſch, ſo können wir Ernſt aus dem Plan machen, den ich Dir neulich vorgeſchlagen habe, auch am Linöſtrand den Handel zu eröffnen. Bei zwei Buden— Du am einen Ort und ich am andern— können unſere Geſchäfte einen weit raſcheren Verlauf nehmen.“ „Noch,“ meinte Holt erröthend,„iſt es zu früh ſie ſo zu erweitern. Und ehe wir das können... Aber hier kommt Je⸗ mand— mein Gott!“ Er wurde jetzt weiß im Geſicht und ver⸗ ließ eilig ſeinen Stuhl. Es war Emilie, die nicht nach einem ängſtlichen Anpochen, ſondern äußerlich ganz ruhig und unbefangen eintrat. 534 „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Hjelm, deſſen Brauen ſich runzelten. „Bleiben Sie ruhig, Herr Holt,“ ſagte Emilie mit einem achtunggebietenden Blick,„ich habe Ihnen in Gegenwart meines Mannes einige Worte zu ſagen.“ „Der Gegenſtand wird wohl nicht ſo wichtig ſein,“ ant⸗ wortete Holt, der jetzt blaugrau im Geſicht wurde,„daß es der Mühe werth wäre deshalb die Geſchäfte aufzuſchieben, die mich erwarten?“ „O,“ erwiederte ſie,„ich bürge dafür, daß die Sache wichtig genug und überdies ſchnell abgethan iſt. Es verhält ſich ganz einfach ſo...“ „Emilie,“ ſagte Hjelm mit ſeiner allerernſteſten Stimme, „kann das was Du Holt zu ſagen haſt, ſchlechterdings nicht bis zu einer paſſenderen Gelegenheit aufgeſchoben werden?“ „Darüber magſt Du ſogleich ſelbſt urtheilen, und ich will keine Minute länger eine Erklärung verſchieben, die nicht ſchnell genug kommen kann. Da ich Verwicklungen nicht liebe, ſo gehe ich ſogleich auf die Sache los. Vierzehn Tage vor der Reiſe nach Gläborg hatte ich eine größere Haarlocke, die ich meiner Mutter ſchicken wollte, neben mich gelegt, als ich aus dem Zimmer gerufen wurde— aber die Locke blieb liegen.“ Hjelms Blick ruhte mit unabgewandter Aufmerkſamkeit auf dem unbefangenen Geſicht ſeiner Frau. Holts Miene dagegen zeigte Zwang und Betretenheit. Er gab ſich alle Mühe wie ein Menſch auszuſehen, der kein Wort von dem was man ſagt glauben will, aber aus Höllichkeit ge⸗ nöthigt iſt zuzuhören. „Nun wohl,“ fuhr die junge Frau fort, die ganz muthig gekommen war um ihre eigene Vertheidigung zu führen,„von dieſer Locke wurde ein Theil geſtohlen und findet ſich jetzt in dieſem Umſchlag da vor, den Herr Holt auf meinen Schreibtiſch zu legen beliebt hat. Sieh, Ake... Das iſt eine ganz nieder⸗ — 8 — n—/·, à——, 535⁵ trächtige Inſinuation, daß einer der ehrenhafteſten und zart⸗ fühlendſten Männer, die ich in meinem Leben gekannt habe, unſer ſo unglücklich verlorener Freund Capitän Oddjers dieſes Haar beſeſſen haben ſoll. Aber wenn er aus ſeinem Grab hervorſteigen könnte, würde er bekräftigen, was ich hier in ſeinem Namen ausſpreche, daß die ſchmähliche Abſicht ſich auf eine unrechtmäßige und heimtückiſche Weiſe ein Andenken von einer verheiratheten Frau anzueignen keine Minute lang in ſeiner Seele Platz ge⸗ griffen haben kann. Ich brauche mich an der ehrenden Auf⸗ merkſamkeit, welche der finniſche Capitän mir erwies, nicht zu ſchämen: ſie freute mich vielmehr. Und ich habe offen ſehen laſſen, daß ich ihn ſchätzte. Aber welch ein feiges Weib müßte ich ſein, wenn ich aus dummer Angſt vor allen Erklärungen durch mein Stillſchweigen ſeinen, des Fremdlings Namen, beflecken ließe! Was meinen eigenen betrifft, ſo gedenke ich mich mit keiner Art von Rechtfertigung zu befaſſen... Und jetzt erkläre ich mit Beſtimmtheit, daß nach meiner Ueberzeugung Herr Holt die Locke nicht blos von meinem Tiſch weggenommen, ſondern auch in die Brieftaſche des Capitäns nach ſeinem Tode gelegt hat. Die Todten können ſich nicht vertheidigen, aber in der Höhe lebt ein Vertheidiger für ſie— bedenken Sie das, Herr Holt, und nehmen Sie ſich in Acht!“ Jedes Wort Emiliens hatte tief auf Holt eingewirkt, der bei den Flammenblitzen aus den Augen der ſchönen Frau immer mehr zuſammenzuſinken ſchien. Aber bei dem letzten Satz, der ſo manche kaum eingeſchlummerte Gefühle in ſeinem Innern aufregte, wurde ſein erkünſtelter Muth gänzlich niedergeſchmettert. Er wurde ein willenloſes, aber doch gehorſames Werkzeug in dem gewaltſamen inneren Kampf, der in einem ſo heftigen Zittern ausbrach, daß er wie ein Rohr ſich ſchüttelte. Sprechen konnte er nicht. Aber ach! hätte Emilie verſtanden, was für eine Sprache es war die ſeine Augen redeten, ſo würde ſie nicht ſo triumphirt 536 haben, als ſie jetzt ihren Mann auf ſich zukommen ſah und auf ſeinem Geſicht einen ſo ſeelenvollen und hehren Ausdruck be⸗ merkte, wie er nur in jenen großen Augenblicken zu Tage kommt, wo das Wohl und Wehe eines ganzen Menſchenlebens abge⸗ wogen wird. „Emilie, meine geliebte und innig geachtete Frau, kein Mann auf Erden kann alle Arten von häuslichen Scenen und Er⸗ klärungen ſtärker verabſcheuen als ich— und dieſer Abſcheu muß ſteigen, wenn es ſich um einen Gegenſtand von ſo kitzlicher Natur handelt. Ich glaube geſtehen zu müſſen, daß ich, wenn Du Dich unter vier Augen an mich gewandt und mich innig um einige Augenblicke zur Beſprechung dieſes Gegenſtandes gebeten hätteſt, Dich mit Schauder abgewieſen haben würde. Aber da Du den ſeltenen Muth beſeſſen haſt ohne alle vorhergehende Berufung an mich dieſen geraden Weg zu wählen, einen Weg den wohl wenige Frauen für den paſſenden gehalten haben würden, ſo haſt Du auf einmal das Gleichgewicht wieder hergeſtellt, das— ich ſchäme mich es zu geſtehen, aber ich will nicht weniger hoch⸗ ſinnig ſein als Du— ſeit einiger Zeit in meiner Seele geſtört war... Wenn ich dieſe Worte hier in Holts Gegenwart aus⸗ ſpreche, ſo geſchieht dies aus zwei Gründen: erſtens weil Du juſt vor ihm die Genugthuung erhalten mußt, die ich Dir ſchuldig war, und dann weil, wenn ich mich nicht beeilt hätte jetzt, ſo lange ich warm bin, zu ſprechen, von irgend einer dieſer innern blinden Klippen, durch welche unſere Handlungen vom geraden Ziel zurückgedrängt werden, ein Hinderniß hätte in den Weg kommen können. Und noch Etwas: was jetzt geſagt worden iſt, genügt— und mögen wir alle drei nie wieder gegen einander dieſe Sache hier oder was damit zuſammenhängen kann mit einem einzigen Wort erwähnen... Als der einzige rechtmäßige Eigen⸗ thümer nehme inzwiſchen ich Deine Locke, meine Emilie; ſie ſoll mir eine ſprechende und für die Zukunft höchſt ſchätzenswerthe Erinnerung ſein.“ 537 Nach dieſen Worten, welche Emilie auf den höchſten Gipfel der Seligkeit erhoben, umarmte ihr Mann ſie mit einer Zärtlich⸗ keit, die tauſend Verſicherungen enthielt, welche beſſer waren als alles Gerede. Und jetzt enteilte die junge Frau, ohne Holt anzuſehen. Sie wollte keinen andern Eindruck mitnehmen, als denjenigen, den ſie aus ihres Mannes letztem Blick gewonnen hatte. 1 „Jetzt,“ begann Hjelm, indem er ſich in einem veränderten Ton, einem Ton ſo hart und feſt wie Granit, an ſeinen Aſſocié wandte,„jetzt einige Worte an Dich. Ich habe Dich längſt durchſchaut. So lange nichts Gemeines Deinen Gefühlen an⸗ klebte, hatteſt Du blos Gott und Deinem Gewiſſen dafür Rede zu ſtehen. Aber jetzt mußt Du Dich vor mir und vor dem An⸗ denken eines mißkannten Ehrenmannes rechtfertigen, der auf der Erde keinen andern Vertheidiger hatte als dieſes hochſinnige Weib. Du fühlſt in Deinem Gewiſſen, daß Dein Manöver bei Oeffnung der Brieftaſche mir nicht entging. Als Du thateſt, als ob Du die Locke verbergen wollteſt, faßteſt Du den Plan ſie zu zeigen und um ſo mehr, weil Du wußteſt, daß ich Nichts geſehen haben wollte. Deshalb erkläre ich Dir jetzt, daß wir uns trennen müſſen, nicht auf eine Aufſehen erregende Art, aber doch ſobald es ſich auf eine paſſende Weiſe bewerkſtelligen läßt ... Du haſt mich doch vollkommen verſtanden?“ Jetzt hatte Holt endlich ſich erholt. „In dieſem Augenblick,“ ſagte er mit einer gewiß nicht erheuchelten Bewegung,„ſind alle Chancen zu Deinem Vortheil. Aber Niemand ſpielt immer unglücklich, und mein Spiel kann ſich verändern. Was eine Trennung zwiſchen uns betrifft, ſo bin ich ſelbſt der Mißverſtändniſſe und Beargwöhnungen, denen ich von Seiten Deiner Frau beſtändig ausgeſetzt war, zu über⸗ drüſſig, um nicht auf Deinen Vorſchlag einzugehen, aber erſt nach einem Jahr, wo wir entweder das Geſchäft theilen oder ich mich 538 auf irgend eine andere Art herausziehe. Inzwiſchen kannſt Du nicht mit größerem Abſcheu und tieferer Verachtung als ich beim Gedanken an irgend welche Details verweilen. Es genüge, daß ich Ausſicht auf eine glänzende Heirath habe, und wenn dieſe vorbei iſt, ſo wollen wir von der Auflöſung unſerer Compagnie⸗ ſchaft ſprechen.“ „Mag ſein— die Firma beſteht alſo noch ein Jahr als Hjelm und Holt. Aber merke Dirs wohl, Du haſt Deinen Blick auf nichts anderes mir Angehöriges zu werfen, als auf die Geſchäfte.“ „Sei ruhig— der ſo verachtete und tief beleidigte Mann wird ſich nicht aus freien Stücken zur Zielſcheibe weiterer, ſo ſinnreich abgedrückter Pfeile hergeben... Und jetzt verlaſſe ich mich auf dieſelbe Verpflichtung, die Du mit Deiner Frau einge⸗ gangen oder vielmehr ihr vorgeſchrieben haſt, nämlich daß der Gegenſtand dieſes unbehaglichen Geſprächs nicht weiter zwiſchen uns berührt werden ſolle.“ „Du weißt, daß das nicht geſchieht.“ Hjelm nahm ſeine Papiere wieder vor. Und mit einem kurzen Nicken verließ Holt das Contor. Neunundvierzigſtes Kapitel. Briefwechſel zwiſchen dem Schwiegervater und dem Tochtermann in spe. Die Promenade. In die Vorhalle hinausgekommen, murmelte Holt: „Frohlocke nicht zu früh! Obſchon ich heute Abend nicht bei Stimme war, ſo hoffe ich doch in Zukunft nicht heiſer zu ſein... Hat man je von einem ſolch frechen Weibe gehört— vor der bei 539 Naſe ihres Mannes Sachen zu erzählen, von denen wohl Nie⸗ mand träumen konnte, daß ſie etwas Anderes als Gewiſſensbiſſe, Mißtrauen, Angſt und dergleichen mehr bei ihr ſelbſt hervorrufen würden? Ich mußte mich meiner Seel wundern, daß ſie nicht auch noch unſere Privatſcene bei dem Bauernaufſtand außdeckte. Aber wart! Wenn ich verurtheilt ſein ſoll Dich zu lieben, Du halsſtarrige Göttin, ſo bin ich auch bereit Dich zu haſſen. Von dem Spott und der Demüthigung von heute ſollt ihr alle Beide die Früchte genießen, wenn die Reihe an mich kommt! Vielleicht iſt die Rache bereits im Anzug, obwohl ich ſie nicht ſehe; und während ich meinen Tag abwarte, muß ich darauf denken Etwas für mich ſelbſt zu thun— denn die Zeit drängt.“ Mit Staffete ging folgender Brief an den Patron Moß ab, der um dieſe Zeit in Gläborg ſein mußte. Geehrter Schwiegervater! Wofern Sie nicht der Meinung ſind— und das will ich nicht glauben— daß wir noch mehr Hinderniſſe abwarten ſollen, ſo bitte ich Sie aufs demüthigſte und dringendſte während Mamſell Majkens Anweſenheit hieherzukommen, denn wenn wir jetzt unſere gemeinſchaftlichen Pläne nicht ins Werk ſetzen, ſo trifft wohl bald Etwas ein was meine Hoffnungen noch mehr durchkreuzt. Heute iſt Mamſell Majken im Pfarrhaus. Geſtern— habe ich mir erzählen laſſen— war ſie auch dort, und morgen ge⸗ denkt ſie wohl wieder hinzugehen. Dies iſt Etwas, das ich nicht länger mit Reſignation an⸗ ſehen kann. Und, Onkel, wenn ich mich auf Ihr Verſprechen — das Verſprechen eines rechtſchaffenen und worthaltenden Mannes— verlaſſen darf, ſo erwarte ich es jetzt eingelöst zu ſehen, denn, unker uns geſagt, länger als ein halbes, aller⸗ höchſtens ein ganzes Jahr halte ich es nicht aus bei dem Quäcker⸗ geiſt, der ſich im ganzen Treiben der Firma kundthut. Nein, 540 ganz anders würde es ausſehen, wenn meine Hand allein das Ruder führte. Ich wälze große Pläne in meinem Haupt, und wenn Sie, Onkel, mich unterſtützen und aufmuntern, ſo werde ich zeigen, daß dieſe Pläne auch zu Stande kommen müſſen. Ja, wenn ich einmal der einzige Vertreter des jungen Hauſes bin, ſo ſoll ſich das alte nicht zu ſchämen brauchen. Es gibt noch eine Sache, die meine eigenen eifrigen Wünſche beſchleunigt, und da Sie ja doch bald mein Vater werden, ſo will ich ſie Ihnen mit dem Vertrauen eines Sohnes vor Augen legen. Wer Hjelm nicht näher kennt, hält ihn für einen phlegma⸗ tiſchen Mann mit kaltem Kopf und kaltem Blut. Sein kurzes und rückhaltendes Weſen ſcheint dieſe Anſicht zu rechtfertigen. O welche Täuſchung! Ein Vulcan iſt er unter einem Eisberge. Ich habe manche Stunde der Nacht, wenn er Alle zur Ruhe gegangen glaubte, dageſtanden und gelauſcht, wie er bald mit ſchweren und langſamen, bald mit heftigen und ungleichen Schritten, die ein ſtarkes Herzklopfen verriethen, in dem verödeten Contor auf⸗ und abging. Was hat ihn da beſchäftigt? Etwa Geſchäfte? Nein, gewiß nicht— eine unbegründete, närriſche und zuletzt beinahe wahn⸗ ſinnige Eiferſucht. Und ich ſchäme mich für ihn es zu ſagen, daß er mich geringen Menſchen zum Gegenſtand ſeines glühendſten Neides machte. Später wurde dieſe Phantaſie auf einige Zeit von der Idee verdrängt— deren ſtärkere oder ſchwächere Be⸗ gründung zu unterſuchen ich nicht für ganz delicat halte— daß der verſtorbene Capitän Oddjers der Frau Hjelm ein wärmeres Gefühl gewidmet haben ſollte, als ſich in dem Haus gebührte wo er Gaſtfreundſchaft genoß. Das iſt jedoch Etwas, was jetzt zu einer gewiſſen Auflöſung gekommen zu ſein ſcheint. Frau Hjelm iſt eine junge, aber zur ald hen ten wiß hn⸗ gen, ſten Zeit Be⸗ daß res örte ung ber 541 ungemein freimüthige Frau, die mehr verſteht als man glauben ſollte. Hjelm muß inzwiſchen, wenn er von der einen Täuſchung oder Wirklichkeit abläßt, ein neues Steckenpferd zu reiten haben, und ich bemerke ſo deutlich, als ob er es mir geradeheraus er⸗ klärt hätte, daß er wieder mich mit ſeiner allernächſten Aufmerk⸗ ſamkeit zu beehren beginnt. Jeden Augenblick kann alſo bei dieſem für ihn ſelbſt unglücklichen, mißtrauiſchen Gemüthe ein Wort fallen, und hat er einmal nur ein halbes geſagt, ſo denke ich, mein lieber Schwiegervater, daß Wilhelm Holts Ehre ihm nicht geſtattet, wegen einer Veränderung der Firma viele Um⸗ ſtände zu machen. Ich bin ein junger Mann und habe in Bezug auf mein Geſchäft freiſinnige, vielleicht kühne Anſichten. Aber als Privat⸗ mann bin ich äußerſt empfindlich und meine Ehre will ich unan⸗ getaſtet bewahren. Armer Hjelm! ich ſehe eine trübe Zukunft für ihn voraus. Geſchäftsmann iſt er nie geweſen, das iſt er auch jetzt nicht und wird es auch niemals werden. Und als Ehemann kämpft er mit ſo viel widerſtreitenden Eindrücken, daß er— das iſt we⸗ nigſtens meine Ueberzeugung— ſeine Frau nie glücklich machen kann. Er liebt ſie, liebt ſie innig, aber er iſt ſo verſchloſſen, ſo ſchüchtern, ſo ſchwerfällig, ſo wahrhaft dumm in dieſen Sachen, daß es ſicherlich nichts Anderes als eine Reihenfolge von Miß⸗ verſtändniſſen geben wird, die vielleicht mit einer gänzlichen Tren⸗ nung enden dürften. Und wenn irgend ein anderes Unglück eintrifft, ſo werden wir ſehen, ob Hjelm der Mann iſt, der ſich dann aufrecht erhält. Es kann ſonderbar ſcheinen, daß ich alles das brieflich be⸗ rühre, aber ich wünſche durchaus, daß Sie, lieber Onkel, vor Ihrer Hieherkunft in alle unſere Verhältniſſe eingeweiht ſein ſollen, um ſo mehr als es an Ort und Stelle am beſten ſein dürfte dieſe kitzligen Gegenſtände ſo wenig als möglich zu berühren. .—= “ — 1 542 Genug, Onkel, Sie ſehen jetzt ein und begreifen meinen Wunſch daß all dem häuslichen Unbehagen, das ich während die⸗ ſer Compagnieſchaft ausgeſtanden habe, ein Ende gemacht werde. Mein lieber und verehrter Onkel, ſeien Sie jetzt herzlich willkommen! Verlaſſen Sie ſich auf meine Bemühungen, daß ich, ſo abgeneigt auch Mamſell Majken für den Augenblick ſein mag — und das iſt ſie wahrſcheinlich— dennoch durch Anſtrengung aller meiner Seelenkräfte Mittel und Weg finden werde ihr Herz zu bewachen, ſobald wir erſt verheirathet ſind. Mit größter Verehrung und kindlicher Ergebenheit verbleibe ich Ihr gehorſamſter Diener und wärmſter Freund Wilhelm Holt. Am folgenden Morgen empfing Holt die Antwort auf ſei⸗ nen Brief. Mein lieber Bruder! Die Wahrheit zu ſagen, ſupponire ich, daß Du durch eine, Dir ſelbſt am beſten bewußte Reaction in Deinem Innern zu dem beſtimmten Entſchluß gelangt biſt, auf die Erfüllung der Verbindlichkeiten zu dringen, von denen unter uns die Rede war. Wäre ich ſelbſt im innerſten Grund ohne Bedenklichkeiten bei Ausführung Deines Vorſchlags, ſo hätte ich Dir natürlich zu verſtehen gegeben, daß wir unſere Pläne endlich einmal fördern könnten. Aber geradeheraus geſprochen, ich bin auch recht vergnügt, daß ich eine Gelegenheit erhalte ein vertrauliches Wort zu ſpre⸗ chen, bevor wir zuſammentreffen und weiter gehen. Ich hätte es erleben mögen einen entſchloſſenen und unter⸗ nehmenden Tochtermann in meine Fußſtapfen treten zu ſehen, was für mich daſſelbe geweſen wäre, wie wenn ich meine eigene Jugend von Neuem angefangen hätte. Aber ohne mich ſelbſt als einen Heiligen zu betrachten, ſupponire ich dennoch, daß es mir gefallen würde, wenn der Mann, der meine Maiblume Frau nennen darf, von unbeſcholtener Ehre wäre. Jetzt flammſt Du auf— das begreife ich— und deshalb eit 543 iſt es, ſupponire ich, gut, wenn die ſchwerſte Arbeit weggeſchafft en e⸗ iſt, bevor wir zuſammentreffen. de,. Es iſt mir in den letzten Zeiten vorgekommen, als ob in ich der inneren Geſchichte des Hjelmſchen Hauſes nicht Alles mit 9 3... h rechten Dingen zuginge. Und ich will in Bezug auf meinen ag Argwohn in dieſer Angelegenheit daſſelbe ſagen was Du von ng Hjelms Argwohn in Betreff des verſtorbenen Capitäns Oddjers erz ſagteſt, daß es nicht recht delicat wäre ſeine ſtärkere oder ſchwä⸗ chere Begründung zu unterſuchen. ch Du biſt mir in dieſer Sache nicht recht klar, Bruder. Und überhaupt hat ſich in mir ein Inſtinct vorgefunden, der ſich immer geoffenbart hat, ſo oft ich an die Vollziehung der Pläne dachte, von denen ich nicht läugnen will, daß ich ſie im Anfang Deines 14 Hierſeins mit ganz beſonderer Vorliebe hegte. Supponire inzwiſchen, daß wir dieſe Argumente nicht ſchlim⸗ ne mer aufzunehmen brauchen, als ſie wirklich ſind, nämlich für die zu kluge Vorſicht eines Vaters, wenn er einen Schatz von dem un⸗ der beſtreitbaren Werth, den meine Tochter beſitzt, weggeben ſoll. ar. Ich hätte weit mehr zu ſagen, ſupponire jedoch, daß es am bei klügſten iſt zu ſchweigen. en Nie wird Majken mit meiner Einwilligung oder zu meinen — Lebzeiten Guldbrandſons Frau werden, aber ich ſupponire, daß igt, ihr ſo würdiges und edelſinniges Benehmen in dieſer Sache mir we⸗ ins Ohr geflüſtert hat, ich dürfe ſie nicht kränken und ihre Ver⸗ ehrung und Hingebung, welche ſie gegen meinen Willen bewieſen, ter⸗ nicht allzu ſchlecht belohnen. en Ich bin inzwiſchen einige Stunden nach der Ankunft dieſes ene Briefes in Svartſtär. Aber bis dahin keinen halben Buchſtaben lbſt gegen Majken— das verbiete ich aufs Beſtimmteſte. es Freundſchaftlich rau oß. Holts Angſt und Betroffenheit ſchildern zu wollen, als er. ab eine Antwort erhielt, die mit ſeinen Hoffnungen ſo wenig über⸗ V 544 einſtimmte, wäre ein vergebliches Bemühen, ſo haſtig drückten ſich in ſeinem innern und äußern Menſchen die wechſelnden Ge⸗ müthsbewegungen aus, die auf die unvorbereitete Erſchütterung folgten. Die Rachſucht glühte und ſchien Alles um ſich her zerſtören zu wollen. Die Feigheit zitterte, weinte und verbarg ſich vor den Bildern, welche ſie ſelbſt hervorrief, aber die Rache währte doch am längſten, denn ſie war die Quelle, aus welcher Holt ſich be⸗ reits ſatt trinken gelernt hatte und woraus er beſtändig wieder trinken wollte, wenn er dieſe verzehrende Trockenheit empfand. Wie jedoch ein Mittel finden, um in einer und derſelben Schlinge alle Diejenigen zu fangen die er haßte?... Vielleicht daß die Zeit einmal ein ſolches brachte... Aber hatte er Zeit, um auf die Zeit zu warten? Jetzt mußte er ſeinen äußern Menſchen in Ordnung bringen. Emilie und Majken, dieſe beiden ſcharfſinnigen Weiber, durften nicht den Triumph erleben Etwas zu bemerken. Und es gelang ihm ziemlich gut all die Abſcheulichkeiten zu verbergen, die in dieſem Kopf mit ſeinen feinen Wangen, klaren Augen und ſorgfältig pomadiſirten Locken brüteten. Während Holt ſich in die Irrgänge düſterer Berechnungen vertiefte, von ſolchen dienſtbaren Geiſtern geleitet, die mit ihren Fackeln gerne Denjenigen leuchten, welche auf dieſem Weg vor⸗ anzukommen ſuchen, geſchah es bei dem ungewöhnlich milden Frühlingsmorgen, daß Majken einen Spaziergang am Ufer hin⸗ machte. Ob es ihre Abſicht war auf dieſer gewöhnlichen Morgen⸗ promenade Jemand zu treffen, können wir nicht ſagen, aber ge⸗ wiß iſt, daß ſie eine kurze Strecke von Svartſkär ihren theuren Gudmar traf. Er war ganz bleich und ſah wie das Unglück ſelbſt aus. — — 54⁵ „Was iſts, mein Gudmar? Geſtern Abend als wir uns trennten, fandeſt Du es unmöglich Deine Seligkeit zu ertragen, und jetzt ſiehſt Du aus als ob Du nicht die geringſte Wider⸗ wärtigkeit ertragen könnteſt.“ „Sprich jetzt nicht hart mit mir, Geliebte— ich bin nicht in der Stimmung dies anzuhören.“ „Sprich, mein Freund, ſonſt überträgſt Du Deine Unruhe auch in mein Herz.“ „Unſer Knecht hat mir heute Morgen erzählt, daß er einen der Knechte von Svartſkär getroffen, welcher heimlich für Holts Rechnung in Gläborg geweſen ſei und dort gehört habe, daß Dein Vater dieſen Vormittag hieherkommen werde. Was kann eine ſolche Botenſchickung Anderes bedeuten, als daß die Stunde der lang erwarteten Vollziehung ihrer Pläne gekommen iſt?“ „Nun, mein liebſter Commandant, iſt das Etwas worüber wir Muth und Kopf verlieren dürfen? Haſt Du den Morgen auf Schloß Hornborg ganz vergeſſen?“ „Wenn ich mich ſeiner nicht erinnerte— einer ſo heiligen Stunde, daß ich ſie immer in mein Gedächtniß zurückrufe, ſobald die Geſchäfte des Tages vorüber ſind— wie könnte ich dann ge⸗ trennt von Dir und mit ſo wenigen Hoffnungen das Leben er⸗ tragen? Das Unterpfand, das ich nicht an meinem Finger zu tragen wage, verläßt mein Herz nie, und jeden hoffnungsvollen Schlag deſſelben habe ich ihm zu verdanken.“ „Und dennoch zweifelſt Du... Sieh, wie ruhig ich bin, obſchon ich dieſe Nachricht erſt jetzt vernehme. Ich machte Dich ſchon geſtern darauf aufmerkſam, daß etwas mir Unerklärliches mit Papa vorgegangen ſei, und ſo wunderlich es ſcheinen mag ſo kommt es mir doch vor, als ob er dieſe Verbindung zugleich wünſchte und verabſcheute. Verhält es ſich wirklich ſo, ſo wird „ es leichter gehen als ich zu denken gewagt habe, um dieſe Sache zum Abſchluß zu bringen. Ueberdies denkſt Du denn nicht mehr Carlén, ein Handelshaus in den Scheeren. I.„ 35 546 an unſere Alten auf der Uhuklippe? Aber ich ſehe wohl, daß es nicht ſo leicht iſt Ruhe einzuflößen, als ſelbſt zu beſitzen.“ „Ja, wenn ich nur in Deine treuen Augen ſehen, wenn dann glaube ich an Alles was dem Himmel näher führt, denn dann bin ich ſelbſt ihm nahe. Aber glauben und ruhig ſein iſt nicht einerlei— und dieſer unaufhörliche Widerſtand, dieſe innern Kämpfe, die Du ſchweigend beſtehſt, dürften zuletzt auf Deine Geſundheit einwirken.“ „Welche Idee! Bin ich denn nervenſchwach?“ „O nein, das biſt Du ſo wenig, daß ich vielmehr glauben möchte, Deine Nerven ſeien von Stahl. Aber ſuche mir nicht einzureden, daß dieſe langen und ſchweren Tage, wo Du Dich nicht eine einzige Stunde von dieſer ewigen Tyrannei frei fühlen darfſt, nicht auch ihren ſchweren Staub auf Dein inneres Weſen legen. Und ich bitte Dich wohl zu bedenken, wie das Leben ſich für Deinen armen Gudmar geſtalten würde, wenn er Dich verlöre.“ „Wir ſprachen auch von dieſer Sache, als wir auf der Hornborger Ruine ſtanden— erinnerſt Du Dich, was ich da⸗ mals ſagte?“ „Ja gewiß, und ich habe es manchmal für mich ſelbſt wie⸗ derholt. Man kann nie verlieren was man einmal beſeſſen hat, ſagteſt Du. Aber leider befindet man ſich nicht immer in der ätheriſchen Stimmung, worein Du mich in jener Morgenſtunde zu verſetzen wußteſt. Und wie kann die Hoffnung auf die fort⸗ dauernde Liebe der Geiſter in einer künftigen Welt uns über den Verluſt einer Vereinigung in dieſer tröſten?“ „Mein theurer Gudmar, Du biſt jetzt nicht in der Stimmung, die für ſolche Geſpräche paßt. Und in dem rein irdiſchen Fieber, ich nur den Klang Deiner klaren und feſten Stimme hören darf, worin Du Dich jetzt befindeſt, muß es Dir genug ſein zu wiſſen, daß keine menſchliche Macht uns zu trennen vermag.... Und damit ſage ich Dir jetzt Lebewohl bis auf heute Abend, denn — 8— 2 ₰—̈s 8—— —— ung, eber, iſſen, Und denn 547 ich muß daheim ſein und ein Bischen in Ruhe nachdenken, bevor Papa kommt.“ „Du darfſt nicht davon ſprechen mich ſchon jetzt zu ver⸗ laſſen, meine Majken! Auf dieſem Uferweg hier gehen wir ſo ungeſtört— erlaube mir deshalb eine Frage an Dich zu richten.“ „Frage was Du willſt! Ich glaube, daß ich Dir höchſtens noch eine Viertelſtunde widmen kann.“ „Dann wünſche ich, daß Du, meine holde ſchöne Maid, mir das Geheimniß Deines Charakters offenbaren mögeſt.“ „Welches Geheimniß denn, mein Gudmar?“ „Nun, Du kommſt mir oft oder vielmehr meiſtens vor, als ob Du Dich in dem angenehmen und heitern Alltagsleben ſo ganz heimiſch fühlteſt... Du haſt einen ſo kräftigen und be⸗ ſtimmten Charakter, ein ſo muthiges Herz, Du beſitzeſt ſo viel Scharfſinn in Allem was der kalten Vernunft angehört, daß ich mirs nicht zurecht legen kann, wie ſich bei Dir ſo hoch, ſo tief und poetiſch dieſe Ideen ausgebildet haben, welche uns Staub⸗ weſen mit der Welt und der Zeit verknüpfen, die wir blos zu ahnen vermögen.“ „Da Du durchaus dieſen Gegenſtand wieder aufnehmen willſt, ſo ſage ich Dir, mein Gudmar, daß es ein vollſtändiger, Deiner ganz unwürdiger Irrthum iſt zu glauben, daß ein kräf⸗ tiger Menſch, deſſen geſunde Sinne für alle Forderungen und Pflichten des menſchlichen Lebens empfänglich ſind, der, mit einem Wort, es fühlt, liebt und von Anfang bis zum Ende darin lebt, nicht höhere Bedürfniſſe, höhere Ausſichten haben ſoll, als die⸗ jenigen ſind, die von ſeiner Umgebung im äußern Leben voll⸗ ſtändig befriedigt werden. Mitten unter einem verantwortungs⸗ vollen Geſchäft oder mitten unter einem weltlichen Vergnügen kann ja Deine Seele von einem ſchönen Anblick, einer ſchönen Handlung, ja blos von einem ſchönen Gedanken oder Gefühl er⸗ griffen werden, und fährſt Du nicht dennoch in dem gleichmäßigen mechaniſchen Gang des äußerlichen Geſchäftes oder Vergnügens 548 fort? Das Schöne was Du aufgefaßt haſt, hindert Dich alſo 5 nicht bei dem Niedrigeren, und ebenſo wenig hindert Dich das 8 Niedrige am Genuß des Hohen, das Deiner Seele Nahrung ver⸗ leiht und ihren Geſichtskreis erweitert. Zuweilen meinen wir zu träumen, wenn wir uns ſo recht in dieſe tieferen Gedanken 3 verſenkt haben; aber dies ſind keine Träume, es ſind Augenblicke z aus dem wirklichen Leben, und das allerwirklichſte Leben iſt das⸗ jenige dem weder Wind noch Wogen ſchaden können... Ich V h ſehe Dir an, geliebter Gudmar, daß Du auf meine Ideen ein⸗ li gehſt und daß Du, obſchon Du es als ungebührlich zurückweiſeſt unter den Verhältniſſen des Tages zu leben, gleichwohl genug von 3 ihnen genoſſen haſt, um ihr Daſein nicht läugnen zu können.“ 3 „Majken, Majken, es kommt mir tauſendmal vor, als ob d ich Dir gänzlich unterlegen wäre. Aber was brauche ich mich S deſſen zu ſchämen?...“ Die Augen des jungen Jachtlieutenants d blitzten von den warmen Gefühlen, die ſeine Bruſt hoben und m den mannhaft gebräunten Wangen eine höhere Röthe mittheilten .„Ich bin ein ſo ganz mittelmäßiger Menſch. Die Pflicht, 2 die Pflicht iſt mein Geſetz, meine zweite Gottesfurcht. Aber ich will nicht läugnen, daß in Deinen Worten Wahrheit liegt, und 6 das wird Jeder einſehen, der es nicht vergißt ſeine eigenen Ge⸗ k fühle zu erforſchen. Aber was hilft es..... Still— hier ſchleicht Jemand dicht hinter uns.“......... „Diener, Mamſell Majken! Guten Morgen, Lieutenant Guld⸗ 3 brandsſon! Wir haben ein herrliches Wetter heute, ich konnte 6 mir das Vergnügen nicht verſagen eine halbe Stunde ſpazieren zu gehen, aber ich fürchte zu ſtören.“ 3 Ein Blick von Majken gab Gudmar zu verſtehen, daß er g ſich entfernen ſollte, aber dieſer Blick mußte mit wenigſtens zehn Bittſchriften wiederholt werden, bevor Gudmar ſich entſchloß ſeine 1 ſchöne Maid in dieſer Geſellſchaft zu laſſen. 3 549 Er that es jedoch beim erſten Vorwand, der ihm an die Hand kam. Und ſo blieben Majken und Holt allein. „Der Herr Lieutenant hat ſicherlich über das Befinden des Hammels Bericht erſtattet? Ich habe mir mit Theilnahme er⸗ zählen laſſen, daß genannte wichtige Perſönlichkeit in Gefahr ge⸗ ſchwebt und daß dieſe Gefahr große Unruhe bei unſern Nachbarn hervorgerufen habe. Das Unglück war ja die Folge eines miß⸗ lichen Falles?“ „Was den Hammel betrifft,“ ſagte Majken lächelnd,„ſo muß er ſich ungemein geſchmeichelt finden, daß er in dieſer Be⸗ ziehung Manchen vom zweifüßigen Geſchlecht gleicht, der vor ihm denſelben Purzelbaum gemacht hat. Aber, Herr Holt, ich kann Sie nicht blos in Ihrer freundlichen Theilnahme beruhigen, ſon⸗ dern ich kann Ihnen auch mittheilen, was Herr Guldbrandsſon mir erzählt hat.“ „Wie— Mamſell Majken ſollte mich mit einem ſo großen Vertrauen beehren wollen?“ „Ich glaube, daß es Ihnen Freude machen wird, Herr Holt. So wiſſen Sie denn, daß Papa noch heute Vormittag hieher⸗ kommt.“ „Was höre ich?— Und der Lieutenant weiß dies auch?“ „Ja, was weiß und was denkt man nicht... So z. B. kommt mir juſt der gewiß lächerliche Gedanke, daß vielleicht Sie ſelbſt, Herr Holt, mir eine Ueberraſchung bereiten wollten, indem Sie Papa hieher einluden.“. Holt erröthete. Seine angenommene Maske der Ruhe und zwangloſer Unbefangenheit begann von ſeinem Geſicht hinabzu⸗ gleiten. „Mamſell Majken, ich glaube, Sie wollen Ihren Spott mit mir treiben— aber laſſen Sie uns nicht vergeſſen, daß jedes Spiel ſeine Vorſicht erfordert.“ 550 „Wie können Sie von mir glauben, daß ich dieſe Regel vergeſſe, Herr Holt? Ich will nur noch ein einziges Wort hin⸗ zufügen, Herr Holt. Sie mögen die beabſichtigte Partie mit Papa gewinnen oder verlieren, ſo können Sie dieſelbe jedenfalls als verloren betrachten. Und jetzt wünſche ich Ihnen guten Morgen, Herr Holt.“ Als Majken verſchwunden war, ſiel die Maske gänzlich von Holts äußerem Menſchen. Die geballte Fauſt drohte in den leeren Raum hinein, aber für ſein inneres Auge war der Raum nicht leer. Fünßzigſtes Kapitel. Ausgang der Holtſchen Freierei. Ungefähr zwei Stunden nach den Scenen am Seeufer ging Holt in einer angemeſſenen Gemüthsaufregung in ſeinem Zimmer hin und her, während Moß, auf dem Sofa ſitzend, zerſtreut ſeinen Rock auf und zuknöpfte und dazwiſchen hinein mit ſeinen Fingern auf den Tiſch trommelte. „Nein, nein, tauſendmal nein, Onkel, das iſt zu viel! Ver⸗ kannt von dem Manne, deſſen Achtung mir theurer war als die Achtung der ganzen übrigen Welt! Ich wiederhole Ihnen, Onkel, daß Ihr Brief mich zermalmt hat. Eines jungen Mannes Lauf⸗ bahn lag hoffnungsvoll und blühend vor Ihnen. Was thaten Sie, Onkel? Sie ſtampften mit dem Fuße darauf, und nun zer⸗ fiel auf einmal Alles um mich her auseinander.“ „Ei, ſo jammere doch nicht ſo verteufelt! Supponire, Du hältſt mich nicht für dumm genug, um mir einzubilden, daß Du Liebesqualen erleideſt. Ueberdies bin ich ja Aiebergetommen, um ———— ng ner len ern er⸗ die kel, znuf⸗ ten zer⸗ Du Du um 551 zu ſehen was man ausrichten kann. Du gefällſt mir in einigen Dingen, aber nicht in allen.“ „O, liebſter Onkel, dieſe Worte ſind wie ein Lebenselixir für mich! Ich fange an wieder zu athmen, ich beginne zu leben, ich beginne meine Sonne aufgehen zu ſehen. Und glauben Sie mir, Onkel, ich werde Ihrem Haus und Namen volle Ehre machen— dies ſage ich nicht im Entzücken des Augenblicks, ſon⸗ dern mit gereiftem Nachdenken.“ „Hem,“ ſagte Moß,„möchte wünſchen, daß Du Nichts zu ſchaffen gehabt hätteſt mit.....“ Moß unterbrach ſich, ſicht⸗ lich unentſchloſſen. „Ich habe mit keinem Menſchen zu ſchaffen gehabt, Onkel, auf Ehre und Seligkeit nicht.“ „Nun, das meinte ich juſt nicht. Summa: ich dachte an etwas Anderes.“. „Wie dieſen Morgen Manſell Majken, als ich ſie in Ge⸗ ſellſchaft des jungen Guldbrandsſon traf. Ach, wie bedauerlich iſt es doch, Onkel, immer hören zu müſſen, ſie könne ſich nicht überzeugen, daß irgend ein Anderer werth ſei für ſie zu leben und zu ſterben, als dieſer Liebling der Zollkammer.“ Ah ſo, meine Tochter ging mit ihm ſpazieren? Nun, nun, dabei hat es ſein Bewenden... Aber Du ſagteſt ein Wort, woran man ſich immer feſthalten kann, das Wort ſterben— ja, das iſt doch das Ende aller Verhandlungen. Man muß ge⸗ wiſſermaßen Alles klar haben, ſo daß man nicht überraſcht wird, wenn der Befehl zum Aufbruch kommt.“ („O Himmel, ich glaube, der alte Kerl denkt an Aufbruchs⸗ befehl für ſeine eigene Rechnung,“ jubelte Holt in ſeinem In⸗ nern.„Das iſt ſicherlich eine Ahnung— es kann Knall und Fall zu Ende gehen und dann, wenn ich nur erſt verheirathet bin, heiße ich der Herr von Allem und hernach.....“ Plötz⸗ lich fand er es jedoch für paſſend die wogenartigen Bewegungen ſich legen zu laſſen und dagegen eine Art trauriger Beſtürzung 552 zu zeigen, die zu tief war um in Worten ausgeſprochen zu werden.) „Supponire,“ fuhr Moß fort,„daß man doch eines Tags das große Contobuch wieder zuſchlagen und ſich mit dem Fracht⸗ gut einſchiffen muß, das man in die Ewigkeit mitnehmen kann.“ „Nein, Onkel, das betrübt mich gar zu tief— mein Herz kann dieſen Gedanken nicht ertragen; Sie ſind ja noch ſo rüſtig, Onkel.“ „Wer Teufels ſpricht denn von mir— ich meinte nicht mich. Meine ſechzig Jahre drücken mich, Gott ſei Dank, ſo wenig, daß ich ganz leicht noch zwanzig dazu nehmen kann. Ich bin kräftig, abgehärtet und leide an keinerlei Krämpfen.“ „Nun, in Gottes Namen, was meinten Sie denn ſonſt, Onkel?“ „Supponire, daß ich an einen künftigen Schwiegerſohn dachte. In der Jugend muß man ja ſo handeln, daß man im Alter ganz offen von den Dingen ſprechen kann die wir ſo eben verhandelten. Auch ſterben junge Leute öfter und ſchneller, als alte.“ „Sie ſind mir ganz unbegreiflich, Onkel. Wir ſollten eine Che beſchließen, und ſtatt deſſen halten Sie eine Todesvorberei⸗ tung.“ „Ich habe dabei meine Ideen. Und merk Dir jetzt meine Worte in dieſem Augenblick, denn nach ihm werde ich Dich für die Zukunft beurtheilen. Wenn Du jetzt vollkommen aufrichtig gegen mich biſt, ſo kann vielleicht Alles nach Wunſch gehen... Im Leben jedes Menſchen findet ſich, hol mich der Teufel, immer der eine oder andere Fleck. Ich ſelbſt bin nicht ſchneeweiß, habe auch nie verlangt, daß Jemand es glauben ſoll— aber ich ſup⸗ ponire, daß es Sachen gibt, die, aus dem Geſichtspunkt von Ge⸗ ſetz und Moral betrachtet, nicht mit der Art und Weiſe überein⸗ ſtimmen, wie wir ſie ſelbſt vor einiger Zeit anſahen. Du warſt nicht vorbereitet mich ſo ſprechen zu hören. Aber ich kann einen „————3—— —2— 2 5⁵3 Gedanken nicht los werden, der mich beſtändig verfolgt, den Ge⸗ danken daß Du in Deinem Leben irgend eine Handlung begangen habeſt, die Du ans Tageslicht kommen zu laſſen Dich ſcheuen müßteſt. Iſt es wirklich ſo, ſo ſupponire ich, daß Du am klüg⸗ ſten handelſt, wenn Du mir Vertrauen zeigſt..... Willſt Du jetzt ſprechen?“ Holt hielt es fürs Beſte eine Miene beleidigten Stolzes an⸗ zunehmen. MNiit großer Feierlichkeit erhob er ſich von dem Stuhl, auf welchen er ſich kaum erſt geſetzt hatte, betrachtete Moß mit einem langen, prüfenden und ernſten Blick, dann ſagte er ſo ruhig, daß er beinahe den alten Schlaukopf verblüfft hätte: „Sind Sie Herrenhuter geworden, Onkel, oder haben Sie es paſſend gefunden ſich auf dieſe Manier Ihrem Verſprechen zu entziehen und Ihr Wort zu brechen? Die einzige Antwort, die ich Ihnen auf ein ſo merkwürdiges Verhör geben kann, lau⸗ tet ſo: Ich weiß von keiner Schuld, außer daß ich von Geburt ein ſündhafter Menſch bin wie alle Andere.“ Nun, das will ich wohl glauben,“ antwortete Moß, der die Worte nicht zu bezweifeln ſchien, aber in dieſem Augenblick die Ueberzeugung gewann, daß Holt ein erbärmlicher Menſch ſei, der keine Reue kenne und mit frevelhafter Frechheit auftrete. In ſeinem Innern fügte er hinzu:„Dieſes gewiſſenloſe Raubthier ſoll meine Maiblume nicht bekommen— und dann wird wohl die Stimme, die mir ins Ohr ſchreit, mich in Ruhe laſſen Nein, nein, ein Leichenplünderer ſoll mein Kind nicht berühren! Ich war ein Narr, als ich daran dachte. Aber mehr kann ich nicht thun und mehr thue ich nicht, wenn auch tauſend Stimmen mir in jedes Ohr zu ſchreien anfingen...“ Sodann begann er wie⸗ der in ſeinem gewöhnlichen Geſchäftston:„Bleib hier, dann gehe ich hin und ſpreche mit meiner Tochter.“ „Aha,“ dachte Holt,„hat doch die lange Pauſe dieſes Ende genommen... Nun, das iſt gut, das iſt gut! Mein hoher Ton 554 hat Wirkung gethan— ich weiß jetzt, wie ich mich hinſtellen muß...“ Laut ſprach er:„Ich danke Ihnen für Ihren Be⸗ ſchluß, Onkel, und erkenne darin den Mann wieder, den ich von Anfang an hochachten und ſchätzen gelernt hatte. Ich bleibe hier, um die Antwort abzuwarten. Und gelingt es Ihnen, Onkel, ſo will ich dieſes ſo ungewöhnliche Examen in Vergeſſenheit be⸗ graben.“ „Gut... ſupponire, daß es Dich dennoc itenen wird, in lang ich fort bin......... Auf ihren Zimmern ging Majken auf und ab. Es war etwas Unerforſchliches was ſie in ihres Vaters Augen geſehen hatte, als ſie ihn bei ſeiner Ankunft bewillkommte. Während ſie noch beſchäftigt war die geheimnißvollen Wendungen in ſeinem Innern zu entwirren, ſah ſie ihn jetzt ſelbſt eintreten. Sie eilte ihm entgegen. „Lieber Papa, laß uns die Qual kurz machen— ich weiß,⸗ daß wir jetzt bei der Stunde angelangt ſind.“ „Ach, wir haben ſo viele ſolche Stunden gehabt,“ antwor⸗ tete Moß mit dem mürriſchen Weſen, das er anzunehmen für paſſend fand,„daß wir uns wohl einmal die Mühe nehmen dür⸗ fen darüber nachzudenken. Und das ſage ich Dir, obſchon es drei Jahre ſind, daß der Großhändler in Göteborg— er iſt doch jetzt Conſul— um Dich freite, ſo kränkt es mich doch bis auf den heutigen Tag, daß ich einem ſolchen Mann, den ich ſo gerne zum Schwiegerſohn gehabt hätte, mit Nein antworten mußte.“ „Wahrhaftig, Papa, Du mußt Dich jetzt nicht ſelbſt täuſchen: der Großhändler Prinelli beſorgte ſeine Geſchäfte in einem grö⸗ ßern Maßſtab und auf eine ganz andere Art, als wie ſie Dir gefiel, Papa; und Du ſelbſt biſt in Deinem eigenen Genre zu groß, als daß Du nicht einen Tochtermann von geringerer Be⸗ deutung vorgezogen hätteſt.“ „Nun, darin kannſt Du Recht haben, und deshalb hätteſt —-——— 5⁵⁵ Du mir nicht das Herzeleid anthun ſollen, daß Du dem jungen Kaufmann Hanſen von Fredrikſtad einen Korb gabeſt.“ „Ja natürlich, Papa, Du hätteſt wohl im Ernſt gewünſcht, daß ich nach Norwegen ziehen ſoll. Aber was hilft es jetzt in dieſen alten Geſchichten zu blättern! Willſt Du nicht auch noch den portugieſiſchen Kapitän hervorholen?“ „Zu dienen, ja, das will ich Dir ſagen. Ich ſupponire, daß dieſe Erinnerungen Dir zu verſtehen geben ſollten, daß, wenn ich einen Tochtermann gefunden hätte, der das Geſchäft in Spart⸗ ſkär übernehmen könnte...“* „Nein, kein Wort mehr, Papa! Solche Tochtermänner kannſt Du in jedem Fiſcherort finden und ſicher weit beſſere, denn wenn Holts Name auch äußerlich rein ſein mag, ſo iſt doch Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß er kein ehrlicher Mann iſt.“ „Was wagſt Du zu ſagen?“ „Ich wage zu ſagen, Papa, daß Du ſicherlich Grund finden wirſt Gott dafür zu danken, wenn Du von einem ſolchen Schwie⸗ gerſohn verſchont bleibſt.“ „Oho, Du gehſt allzu raſch vorwärts! Du ſprichſt vom Schluß, ehe ich an den Anfang gekommen bin.“ „Als ob ich Dich nicht ganz genau kennte, Papa! Als ob ich nicht wüßte, daß, wenn Du nicht mit Dir ſelbſt im Streit lägeſt, dieſer Gegenſtand auf eine andere Art aufgenommen wor⸗ den wäre! Nun wohl, woher bekommſt Du dieſe Inſtinkte, Papa?“ „Was für Inſtinkte? Biſt Du ganz verrückt, Kind?“ „Nein, Papa, meine Vernunft ſagt mir, daß Deine Gefühle gegen Holt nicht ſo oft zwiſchen Abſcheu und Neigung wechſeln würden, wenn Du nicht in Deinem Innerſten etwas recht Böſes von dem Manne wüßteſt oder ahnteſt.“ „Nimm Dich in Acht— kannſt Du glauben, daß ich...“ „O nein, ich glaube nicht, daß Du im vollen Bewußtſein eines wirklichen Verbrechens von ſeiner Seite ihn zu meinem Mann hätteſt haben wollen. Aber da ich finde, wie die Sachen 556 jetzt ſtehen, ſo muß ich Dir ſagen, Papa, daß Du ganz ruhig den bereits zur Hälfte gethanen Schritt vollends ganz thun kannſt, und möge Gott Dich dafür ſegnen, daß dieſe Augenblicke zwiſchen uns vor traurigen Erinnerungen geſchützt bleiben. An Holts Leben—“ Majken neigte ſich an ihres Vaters Ohr— „klebt irgend eine ſchwarze Handlung, die...“ Mit einer Bewegung des Entſetzens ſchob Moß ſie zurück, während ſeine erbleichenden Lippen ſtammelten: „Um Gotteswillen, von was faſelſt Du?“ „Ich fasle nicht, Papa! Gott iſt nicht der Einzige der es weiß. Und im Fall Du mich durch Zwang und Ueberredung zum Aeußerſten gebracht hätteſt, ſo würde ich Jemand zu Hilfe gerufen haben, der mehr weiß als ich.“ „Still, ſtill— alles das iſt lauter dummes Teufelszeug, das Du gar nicht hätteſt anhören ſollen. Es kann nichts An⸗ deres als Lüge und Verleumdung ſein.... Aber jedenfalls iſt es ſo, wie Du ſagſt— ich habe meine Kämpfe in dieſer Sache gehabt und bin entſchloſſen Dich zu keiner Heirath gegen Deinen Willen zwingen zu wollen.“ „Ach, wie würdig, recht und edel Du handelſt, Papa!“ „Nun, nun, Du darfſt Dir nicht einbilden, daß eine Schwach⸗ heit die andere erzeuge; bei meiner ſündlichen Seele, ſo etwas Verrücktes darfſt Du Dir nicht einbilden. Ich habe Dir jetzt ein ſchönes Beiſpiel für Deine Wünſche gegeben— laß ſehen, was Du für die meinigen zu thun gedenkſt.“ „Ich gedenke Dich noch inniger zu lieben als vorher und mit Allem zu ſchweigen, was Dir nicht gefallen würde.“ „Dann iſt der Vertrag abgeſchloſſen... Leb wohl, mein Kind. Ich wollte nur, daß ich mit Holt ſchon ganz fertig wäre.“ Sobald der Vater gegangen war, ſchrieb Majken im Flug folgende Zeilen, welche ſogleich ins Pfarrhaus abgeſandt wurden: Lobe und preiſe Gott mit mir, geliebter Gudmar! Ein W ſich un 557 Wunder muß mit Papa vorgegangen ſein. Denk Dir— er hat ſich ohne Kampf ergeben! Mit Holts Hoffnungen iſt es jetzt auf immer vorüber. Meine Seele jubelt vor Freude! Noch ein Jahr Geduld und Du wirſt ſehen... Sobald ich kann, komme ich. Deine getreue Majken. Aber kein Jubel erſcholl in des Patrons Ohren, als er mit ſchweren und langſamen Schritten die Treppe hinabging. „Was konnte ſie meinen, was konnte ſie meinen?... Sollte wohl noch Jemand außer mir zugegen geweſen ſein? Nein, das iſt ganz unmöglich: ich ängſtige mich ſelbſt für Nichts und wieder Nichts... Jedenfalls bin ich vielleicht von ewiger Schmach gerettet worden... Wenn— dummes Wort dieſes wenn— wenn es bekannt würde, wenn irgend ein Zeuge.... ſupponire, der Teufel ſelbſt hat ſein Spiel dabei gehabt, als ich auf den tollen Gedanken kommen konnte meine Tochter einem...“ Ohne den Satz zu vollenden, trat er wieder bei Holt ein, der die ganze Zeit über in der höchſten Spannung auf und ab gegangen war. „Endlich ſind Sie da, Onkel! Ich liege auf der Folterbank.“ „Supponire, Du würdeſt am beſten thun Dich ſogleich wie⸗ der aufzurichten. Wußte zum Voraus, daß ich mit einem eiſernen Willen zu thun haben würde. Es iſt wahr, daß ich ſelbſt einen ſolchen habe, allein gegen Frauenzimmer kann ich ihn nicht ge⸗ brauchen... und Du brauchſt Dich nicht darüber zu ärgern, wenn ich nichts Anderes als einen Korb mitbringe.“ „Ah ſo,“ ſagte Holt, und die heftige Raſerei die jetzt in ihm zu kochen anfing, raubte ihm die Beſonnenheit und Maß⸗ haltung, die er Moß gegenüber ſtets gezeigt hatte,„ah ſo, Sie brechen Ihr Wort, Onkel? Iſt's möglich, daß ein alter Kaufmann —ꝛ- 558 in ſolchen Widerſpruch mit ſeinem Charakter und ſeiner Ehre kommen kann?“ „Höre einmall! Ich ſagte Dir ja in der erſten Stunde, daß meine Stärke im Genie liege. Du glaubſt auch Genie zu beſitzen, aber das haſt Du ganz und gar nicht— ſonſt würdeſt Du gleich im Anfang Dein Glück bei meiner Tochter verſucht haben. Du fandeſt jedoch dies nicht der Mühe werth, ſondern meinteſt, das Glück müſſe Dir ohne Mühe und Beſchwerde als eine gebratene Taube ins Maul fliegen, wenn Du nur da⸗ ſteheſt und es aufſperreſt. Aber nicht blos in dieſer Sache haſt Du Deinen Mangel an Genie bewieſen, ſondern auch darin, daß Du die Dummheit begangen haſt Sachen zu thun, die man am beſten unterläßt.“ „Und Ihr Genie geſtattet Ihnen Wortbrüchigkeit, Onkel?“ „Supponire, daß wir irgend ein beſſeres Wort finden könn⸗ ten, aber wenn Dir dieſes am beſten gefällt, ſo laß es ſein. Ich ſchäme mich nicht darüber, daß ich in einer ſolchen Angelegenheit wie dieſe mein Wort gebrochen habe... und jetzt iſt es genug.“ „Es iſt hart in meiner Jugend eine ſolche Erfahrung zu machen. Haben Sie auch bedacht, Onkel—“ Holts zitternde Stimme und blaßgelbe Wangen verriethen den angehenden Streit mit den wilden Gemüthsbewegungen, in welchem jedoch die Liſt ſich noch ein Verſteck ſchaffte—„haben Sie bedacht, Onkel, wie die Macht des Beiſpiels in meinen Jahren wirkt? Ich habe von Kindheit auf gelernt, daß Treue und Glauben heilige Worte ſeien, aber nach dieſer Erfahrung werde ich wohl auf beide kein großes Gewicht mehr legen. Ich ſage es gerade heraus, daß Sie mich vom erſten Augenblick an, als wir unſere erſte Reiſe zuſammen⸗ machten, aufgemuntert haben. Und dennoch ſind es jetzt der Kaufmann und der Menſch zugleich, die den armen jungen Tho⸗ ren betrügen, der ſein volles Vertrauen dahingab.“ „Supponire, wenn Du ein wenig in der Welt gelebt hätteſt, ſo könnteſt Du jetzt nicht mit ſo unpaſſenden Andeutungen kom⸗ ——— — 2 ‿ S0= SDZ—8—&— 3— 8& ———— 8△ 559 men. Darauf antworte ich Dir inzwiſchen: Ich würde Dich wirklich ſo, wie ich Dich damals zu kennen glaubte, mit aufrich⸗ tiger Freude zum Schwiegerſohn genommen haben, aber hernach warſt Du ſelbſt Schuld daran, wenn ich ſo allmählig meine Ueberzeugung änderte. Und Du biſt nicht der Schwiegerſohn, dem zuliebe ich eine häusliche Revolution, die ſchlimmſte von allen Revolutionen überſtehen möchte... Dies iſt mein letztes Wort. Und damit laß uns im Guten abbrechen, wenn es Dir anſteht, mein junger Bruder.“ Einige Augenblicke war es Holt zu Muthe, als müßte er mit dem kleinen Fahrzeug, worin er ſich auf das Weltmeer hin⸗ ausgewagt hatte, auf den Grund ſinken. Alles verließ ihn auf einmal. Aber er bekam einen klaren Gedanken, der ihm zuflü⸗ ſterte, daß es, nachdem er mit ſeinem Aſſocié auf geſpannten Fuß gerathen, der Gipfel der Thorheit wäre ſich mit dem reichen Kaufmann Moß zu überwerfen. Nachdem er alſo eine Weile tief unten geweſen war und ſich klar in die Verhältniſſe hinein verſetzt hatte, die das Hinabſinken begleiteten, ſchwamm er wieder auf die Oberfläche, überzeugt, daß er mit Geduld Gelegenheit genug finden würde Jedermann zu empfinden zu geben, daß auch er eine Macht ſei.. „Nun wohl, Onkel,“ ſagte er in einem veränderten ruhige⸗ ren Tone,„es iſt ein großes Unglück für mich, daß ich mich nicht klüger angeſtellt habe, aber das Geſchehene läßt ſich nicht unge⸗ ſchehen machen. Ich hoffe indeß, daß Sie die heftigen Worte entſchuldigen werden, die meine Aufregung mir eingab.“ „Schön, ſchön! Und kann ich Dir in Geſchäftsſachen zu Dienſten ſein, ſo zähle auf mich.“ 560 Einundfünßigſtes Kapitel. Brief Emiliens an ihre Mutter, vier Monate ſpäter. Svartſfkär, den 1. Auguſt 183. Nein, geliebte Mutter, jetzt gibt es nicht mehr viel, worüber man ſich freuen kann. Dein Beſuch vor zwei Monaten iſt noch immer mein Glanz⸗ punkt, denn ſo gut wie damals iſt es nie geweſen. Es war als hätte die Sonne damals klar über mir geleuchtet, um her⸗ nach den Nebeln deſto größeren Raum zu geſtatten. Oft durchgehe ich in meinen Gedanken dieſe vier Monate, von der großen Contorſcene an, wo ich ſelbſt meine Vertheidi⸗ gung führte und einen vollſtändigen Sieg über Holt errang... Ach, in dieſem Augenblick, als Ake ſo voll von Vertrauen, Zärt⸗ lichkeit und hochſinnigem Rechtsgefühl auf mich zukam, da glaubte ich nicht, daß ich je wieder an der Beſtändigkeit dieſer Gefühle zweifeln müßte. Aber jetzt wundere ich mich, wie ich es wagen konnte mich auf dieſe Erklärung zu verlaſſen, die blos vor Holt und nicht zwiſchen uns ſelbſt ſtattfand. Ach ich war ſo überglücklich, daß ich, Gott ſei Dank, keine Secunde in der Zukunft lebte. Die Zukunft kam jedoch allzu ſchnell. Wie gut erinnere ich mich noch der Sorgfalt womit ich mich zum Mittageſſen kleidete, und des Vergnügens, das mir mein Spiegel machte, als er mein Werk für gelungen erklärte! Holt konnte natürlich an dieſem Tag nicht bei Tiſch erſchei⸗ nen. Ake trat allein ein. Ich flog ihm entgegen, ich warf mich in ſeine Arme, aber er hatte ſchon in den wenigen Stunden unſerer Trennung einen Theil ſeines fremden und verlegenen Weſens wieder angenommen. Ich war gleichwohl noch ſelig, denn ich machte mir eine Menge ſchöner und fwöhüicher Gedanken über dieſe Rückhaltſamkeit. ar ate, di⸗ hle gen dolt ine nich ein hei⸗ nich den nen lig, ken 561 Mein Benehmen war, wie ich glaube, vollkommen richtig ... und er ſah mich oft un. Wir errötheten Beide. Es iſt recht kindiſch, daß ich von dieſen Dingen ſpreche, die ich ſchon mehrere Male gegen Dich berührt habe, Mama, aber wie kann ich umhin unaufhörlich auf dieſen Zeitpunkt zurückzukommen, der ſo viel geben ſollte und dennoch nichts Anderes als Hoffnun⸗ gen gab? 20. Die zwei Monate, die vor Deiner Ankunft verfloſſen, ware die eigenthümlichſten in meinem ganzen Leben. 4 Ich ſchwebte die ganze Zeit in dem Wahn, daß mein Mann angefangen habe mich auf eine Art zu lieben, die einer wirklich⸗ großen und mächtigen Liebe gleiche; und wenun eine Frau in ſolchen Gedanken lebt ſo ſieht ſie nichts Anderes als ſie ſehen will. Da kamſt Du, Mama. Du ſahſt ſein Benehmen. Er war ſo artig, ſo mild, ſo herzlich gegen mich. Und Du halfſt mir ſelbſt an meinen Luftſchlöſſern bauen, welche zur Zeit, wo Du ſo glücklich und zufrieden mich wieder verließeſt, beinahe bis in die Wolken emporragten. Aber faſt zwei Monate ſind jetzt ſeit Deiner Heimreiſe ver⸗ floſſen, und ſchon ſeit längerer Zeit beginne ich wieder offene Augen zu bekommen. Nicht die Liebe iſt Schuld darafk, daß ich täglich ertragen muß, was ich nie werde ertragen lernen: ich meine ſeine unauf⸗ hörlich zunehmende Verſchloſſenheit, ſeine ſcheue Zurückhaltung und ſein beſtändiges Bemühen uns auf einer Art von fremdem Boden zu erhalten.. Was mag wohl die geheime Wurzel dieſes ganzen Verhält⸗ niſſes ſein? Noch hört er den Namen Oddjers niemals ausſprechen, ohne daß ich eine ſchlecht bekämpfte Aufregung bei ihm bemerke. Entweder zuckt er zuſammen, oder wird ſein Blick ſcheuer als er Carlen, ein Handelshaus in den Scheeren. I. 36 — — b ————— .— 562 vorher geweſen. Aber gleich darauf kommt er, als fürchtete er daß ich Etwas bemerkt haben könnte, lächelnd auf mich zu und ſagt mir ein paar angenehme Worte über ganz unbedeutende Dinge. Ach, mein Gott, ſo viele Monate hindurch das Herz voll gehabt haben und nicht zu ſprechen, nicht zu fragen wagen. Sogar Majken und ihr Gudmar, die durch Zeit, Raum und den väterlichen Willen getrennt ſind, ſtehen einander näher, denn ſie ſind ein Herz und eine Seele.. Wir dagegen leben bei aller Vertraulichkeit im geſpannteſten Verhältniß. Andern erſcheinen wir als das glücklichſte Ehepaar .. und könnten wir es nicht wirklich ſein, Mama, wenn nicht dieſe Seelenkrankheit bei Ale— denn Krankheit muß es wohl ſein— uns verhinderte einander recht klar zu werden? Ich bin vollkommen überzeugt, daß er eiferſüchtig geweſen iſt,— nicht auf Holt; wer könnte Holt mit ſeiner Eiferſucht be⸗ ehren?— ſondern auf ihn der ſchon lange im Grabe ruht. Dies muß jedoch längſt aufgehört haben, denn die Eiferſucht ſtirbt wohl mit dem Gegenſtand derſelben. All mein Grübeln iſt vergebens.. Holt ſieht mich nicht mehr an. Er lebt blos für die Ge⸗ ſchäfte des Hauſes und iſt jetzt recht erträglich... Alſo Nichts von Holt................. 1 Jetzt komme ich dahin, wohin ich von Anfang an kommen wollte. Iſt es wohl recht aus lauter Zartgefühl das ſchwere Joch ewigen Stillſchweigens auf ſich zu nehmen? Hat die Frau un⸗ bedingt das Recht die Stoffe der Zwietracht kennen zu lernen und zu erfahren, welche der Mann im Stillen mit ſich herum⸗ trägt, denn, wenn es auch eine ſchweigende Zwietracht iſt, ſo bleibt es doch immer eine ſolche, und zuweilen ſagt mir mein Inſtinct oder mein Herz, daß es ſogar meine Pflicht ſei ein Mittel aufzufinden, um uns aus dieſem Zauberkreis herauszuhelfen. —— 563 Alle unſere gegenſeitige Herzlichkeit im Aeußern kommt mir vor wie bleiche Sonnenſtrahlen, die vor einer Eismauer zurück⸗ prallen und ſie nicht zum Aufthauen bringen können. Aber jetzt habe ich beſchloſſen dieſe Eismauer niederzureißen, da ich ihr Aufthauen nicht zu Stande bringen kann. Dann wer⸗ den wir wohl zu einem Reſultat kommen, obſchon Ake Nichts mehr verabſcheut als einen kleinen Auftritt. Herr, mein Gott, ſoll man denn den ganzen Tag verſchlafen! Eine Frau kann beſſerer Dinge überdrüſſig werden als einer ſolchen Einförmigkeit... Vielleicht iſt es unrecht, aber Nichts ermüdet mich ſo ſehr wie eine ununterbrochene Ruhe.... Juſt heute Nachmittag auf einem Spaziergang nach dem Pfarrhaus gedenke ich meinen Plan ins Werk zu ſetzen. Des⸗ halb lebe wohl, liebe Mama! Ich will mich jetzt ſo ſchön als möglich machen. Dieſer brandheiße Tag gibt mir die beſte Ver⸗ anlaſſung ein ganz helles Kleid zu wählen, z. B. mein roth⸗ weißes Neſſeltuchkleid mit all den luftigen Volants. Und dann nehme ich meine.... Nun hätte ich nicht beinahe vergeſſen die neue Unterhaube in meinen Hut einzuſetzen? Ehe Du eine Zeile weiter lieſeſt, Mama, war ich nahe daran im Stillen zu weinen— und in dieſe Thränen können wir eben ſo gut alle Frauen insgemein einſchließen, da die Thränen jedenfalls fließen müſſen— und das müſſen ſie unbedingt. Dabei können wir auch ein Bischen philoſophiren. Ich möchte wiſſen, welchen Sinn die Worte haben: dann werden ſie nicht mehr zwei ſein, ſondern eins. Ich habe die Erklärung darin gefunden, daß die Frau auf⸗ hören ſoll irgend Etwas zu ſein: blos der Mann wird eins, denn alle ihre Gedanken, Gefühle und Handlungen werden von ihm gemuſtert, geſichtet, geputzt, umgegoſſen und in ihm auf⸗ genommen, ehe ſie ſich damit hervorwagen kann, und dann ge⸗ ———j————— ————— 564 ſchieht dies dennoch nicht ohne ein kleines Herzklopfen und die bange Frage: werden ſie ihm wohl zuſagen? War etwa dies die Abſicht Gottes? Ich möchte es ſer bezweifeln.. Jetzt hat ſich ein Mädchen z. B. mit einem jener Männer verheirathet, welche man friedliebende Männer nennt... Mein Mann iſt juſt ein ſolches Exemplar— nun, habe ich darum mehr Frieden?.. Nein, gewiß nicht, denn aus Furcht irgend Etwas zu ſagen und zu thun, was ihn ſtören könnte— wie mir das nur allzu oft begegnet— werde ich müde, überdrüſſig, verdrießlich. Und wenn nun noch dazu kommt, daß der Mann irgend einen geheimen Giftſtoff verbirgt, den er aus eitel Furcht vor Störung des Frie⸗ dens nicht hervorgucken zu laſſen wagt, wie kann man da glücklich ſein? Kann man ferner glücklich ſein, wenn man be⸗ ſtändig aufräumen muß, bis man, wie jetzt ich, ſo manchen Hau⸗. fen aufgeräumt hat, daß man ſie zuletzt anzünden kann? Daraus 33 entſteht eine häusliche Revolution, und Du ſollſt jetzt ſehen, Mama, was ich bei der meinigen gewonnen habe. Arm in Arm gingen mein Mann und ich auf dem Ufer weg hin nach dem Pfarrhaus. Ganz ſicher hatte Ake Gefallen an meinem rothweißen Neſſeltuchkleid. Er ſah bald dieſes bald mich ſelbſt an, und es lag etwas Friedvolles— jetzt meine ich ſehr Friedvolles ᷑ ſeinen Augen, was ſich ſonſt juſt nicht ſo oft darin vorfindet. Wir ſprachen nicht viel— natürlich mußte ich an meine Revolution denken, und Ake dachte gewiß an meine feinen Schnürſtiefelchen, denn ich konnte nichts Anderes bemerken, als daß ſeine Augen zuletzt auf ihnen haften blieben. I Inzwiſchen durften wir doch nicht ganz ſchweigen, wenn Etwas ausgerichtet werden ſollte— und mochte es gehen wie es wollte, ſo mußte ich ihn zum Sprechen bringen. „Ich bin ſo müde!“ ſagte ich. Verſteht ſich, daß ich gar 5 65 nicht müde war, aber ich ſah ein, daß es vortheilhaft werden konnte während der beabſichtigten Erklärung zu ſitzen. Mein lieber Mann ahnte natürlich nicht das Geringſte. Wie konnte er auch an das himmelſchreiende Unterfangen denken, daß ich das Stillſchweigen das ich vier Monate hindurch pflicht⸗ ſchuldigſt beobachtet hatte, brechen würde? „Siehe hier, liebe Emilie, iſt ein recht bequemer Stein... und hier daneben habe ich einen ganz paſſablen für mich... Wie göttlich glänzt nicht das Waſſer heute Mittag— ſieh nur dieſe leuchtenden rothen Streifen an der Klippe dort.“ „Ja, dieſer ſchöne Auguſtmittag,“ antwortete ich,„erinnert mich an einen ähnlichen während unſeres Aufenthaltes im Fiſcher⸗ dorfe.“ „Warum willſt Du an dieſe Zeit denken?“ „Und warum ſollte ich nicht daran denken? Sie war ja der Anfang unſerer wirklichen Ehe, als Du mich immer liebes Kind nannteſt.“ 3 Mit einem Farbenwechſel fragte er: „Nenne ich Dich jetzt nicht mehr ſo?“ „Nein, niemals!“ „Ich habe nicht daran gedacht.“ „Aber ich habe daran gedacht,“ ſagte ich ſcherzend,„und jetzt bin ich ſo kindiſch, daß ich Dich bitte es wieder zu ſagen, damit ich hören kann wie es klingt.“ „O nein— ich habe es mir ohne Mühe abgewöhnt, weil Du es nicht liebteſt. Jetzt will ich mich nicht wieder daran gewöhnen.“ Dies wurde in einem Ton geſagt, von dem man nicht ge⸗ glaubt hätte, daß Ake ihn in ſeiner Gewalt beſäße. Wie mächtig ſprach er nicht zu meinem Herzen! Ja, ja, er liebt mich ganz ſicher, nur will er nicht, daß man es ſehen ſoll... Sonderbar! Warum ſeine Gefühle ſo zurückhalten? Aber jetzt mußte ich mit meinem Plan näher heranrücken und ging geradewegs auf den gefährlichen Gegenſtand los. Nachdem wir einige Augenblicke ſchweigend dageſeſſen und den Himmel, das Waſſer, die Scheeren und auch einander ſelbſt angeſchaut hatten, unterbrach ich die Stille plötzlich. „Höre, mein Freund, ich möchte Dich fragen, ob Du Etwas dagegen hätteſt, wenn ich in der nächſten Woche Majken und Thorborg auf einer Fahrt begleiten wollte, welche ſie vor⸗ haben?“ „Wohin?“ Eine ſtarke Röthe ſtieg in ſeine Stirne und ſeine Wangen. „Du weißt, daß ſie im letzten Frühjahr einige ſchöne Pflan⸗ zungen um das Denkmal anlegten, welches die finniſche Rhederei auf dem Ruheplatz des Capitäns Oddjers errichten ließ. Jetzt wollen ſie darnach ſehen, und Du kannſt Dir vorſtellen, daß es mir lieb wäre auch einmal an dieſen Platz zu kommen, wo ein Freund ſchläft.“. „Ah ſo!“ rief er... War es mein ruhiger, mit ſo großer Selbſtbeherrſchung begabter Gatte den ich jetzt ſah, war es ſeine Geſtalt die befehlend ſich aufrichtete, waren es ſeine Augen die dieſe wilden brennenden Flammen entſandten, war es ſeine Stimme die tief und zitternd jetzt erwiederte:„Ah ſo! Soll ich noch jetzt, nachdem er todt iſt, von dieſem Capitän Oddjers, ſeinem Namen, ſeinem Gedächtniß und den unſeligen Schwär⸗ mereien die er zurückgelaſſen hat verfolgt werden?“ Ich wurde ganz ängſtlich— ich hatte Ake gegenüber niemals eine ſolche Empfindung gehabt. Jetzt begriff ich, warum es zu keiner offenen Beſprechung zwiſchen uns kommen konnte. Daß er mir vor Holt eine Art von feierlichem Ehrenzeugniß ausſtellte, war leicht zu erklären, da ſein Gewiſſen im Augenblick ihm dies gebot. Man kann ſich immer groß zeigen, wenn die Gelegenheit ſelbſt dem Menſchen ſein Gallakleid anzieht. Aber allein mit mir, fürchtete er, die Seele möchte mit den gefährlichen 8 — —--—— 5 3 G 567 Gründen, die wir Gelegenheit nennen, zu kurz kommen, ſie möchte überſtrömen und mich dann ſehen laſſen, was ſie in ihrer Tiefe verwahrte. Ich ziehe alſo den Schluß, daß die tiefe Selbſtbeherrſchung der Männer, wodurch ſie ſo oft über uns Kinder des Augenblicks Vortheile erringen, darin beſteht daß ſie verlockenden Gelegen⸗ heiten auszuweichen wiſſen. Aber wenn es ihnen nicht gelingt dieſen auszuweichen, ſo ſtehen ſie in Bezug auf Geiſtesgegenwart eben ſo entblößt da wie wir. Wäre inzwiſchen der Gegenſtand nicht ſo ernſt, ſo würde man ſein Mitleid mit einem kleinen komiſchen Zuſatz vermiſcht fühlen, wenn man die Beſtürzung und die Unzufriedenheit ſieht, welche ſolche Seelen ſelbſt bei der unvermutheten Ausflucht em⸗ pfinden, wozu ſie ſich verlocken ließen. Mein Mann ſah juſt ſo aus, als er einige Augenblicke nach ſeinem haſtigen Erguß in unvergleichlich milderem Ton hin⸗ zufügte: „Du hatteſt mir ja verſprochen, Emilie, daß dieſer Gegen⸗ ſtand nicht wieder aufgenommen werden ſolle, und glaube mir, Du würdeſt am beſten thun, wenn Du Dein Verſprechen hielteſt.“ „Ich habe kein Verſprechen gegeben— Du verlangteſt es nicht einmal: Du erklärteſt blos droben auf dem Contor Deinen Willen... Das war Alles... Und dieſen Willen habe ich ſo lange reſpectirt, daß ich jetzt meine Geduld von weiteren Prüfungen entbinden zu können glaubte.“ „Iſt es,“ antwortete er,„eine ſolche Geduldprüfung für Dich, wenn Du Deinem Manne den häuslichen Frieden ſchenken ſollſt, den er verlangt?“ „Für dieſen, Ake, würde ich Nichts zu theuer finden, wenn er wirklich wäre. Aber Dein Friede iſt blos ein oberflächlicher Wahn, das weißt Du wohl.“ 3„Emilie, ich habe Dir geſagt, daß ich alle Erklärungem ver⸗ 5₰ D 568 abſcheue: die Fälle ſind ſelten, wo ſolche nicht mehr Böſes als Gutes ſtiften— laß uns deshalb aufhören.“ „Nein, mein Freund, ich bitte Dich von ganzem Herzen, laß uns vielmehr fortfahren! Warum ſoll der Name des Capitäns Oddjers—“ „Schon wieder er— denke an dieſen Capitän Oddjers, träume von ihm, lebe in der Erinnerung an ihn, aber befreie mich ein für alle Mal von der Qual Dich dieſen Namen aus⸗ ſprechen zu hören, wie Du etwa den Namen einer Blume aus⸗ ſprechen würdeſt die Du mit Liebe pflegteſt.“ „Lieber, theurer Ake, ich kann Nichts dafür, daß dieſer Name einen ſo weichen Klang hat.“ „Nun,“ ſagte er in einem ganz neuen Ton, ‚aber ich habe ja vergeſſen Dir mitzutheilen, daß ich am Sonntag nach Göteborg und von da nach Hamburg reiſe.“ „O mein Gott, dann fährſt Du bielleicht nach America, wovon Du im Anfang ſo oft geſprochen haſt?“ „Kindereien— ich reiſe nach Hamburg, wo ich ein Geſchäft auf Rechnung des Hauſes abzuſchließen gedenke, und während dieſer Zeit kannſt Du Deine Luſtfahrt machen.“ „Ake, kannſt Du Dich erniedrigen ſo zu ſprechen?“ „Willſt Du jetzt vielleicht endlich begreifen, daß man am beſten thut Scenen zu vermeiden? Ich gebe keine Erklärung, ich verlange keine von Dir, aber dagegen verlange ich unbedingt, daß Du mich mit gänzlich ungehörigen Fragen in Ruhe laſſen ſollſt.“ Nun, Mama, was hatte ich jetzt gewonnen? Außerdem daß vielleicht ein noch fremderes Verhältniß zwiſchen uns entſteht, habe ich blos erfahren— aber das iſt auch ſchon Etwas werth—. daß Capitän Oddjers, obwohl dieſer Erde mit all ihren Sorgen und Bekümmerniſſen längſt entrückt, noch immer gleich ſtark auf Ake wirkt. Dies iſt jedoch etwas, was meine Vernunft nicht zu faſſen vermag. ——— — . 2—* 569 Kann man auf einen Schatten eiferſüchtig ſein? Ich fürchte, daß ich den Wunſch dieſes Geheimniß zu er⸗ forſchen aufgeben muß, denn ich finde ſogleich, daß der formloſe Ausdruck und der Begriff Schatten der Form nicht entſprechen, die wir denjenigen geben wollen, welche uns in ein anderes Daſein vorangegangen ſind, und daß ſie, als blos aus dieſem äußern Leben abweſend, wohl noch dieſelben Befürchtungen ein⸗ flößen können wie früher, im Fall dieſe je gerechtfertigt waren. Aber juſt das— die Rechtfertigung der Beſorgniſſe— fehlte und fehlt noch immer bei bei der ſonderbaren Eiferſucht meines Mannes. Er ſah ja— er mußte es geſehen haben— daß in mir Alles ſo ſchattenfrei war, wie es ſein ſollte. Einige kleine kin⸗ diſche Beſorgniſſe, die ich hatte und die von meiner Jugend und Unerfahrenheit herkamen, galten beſonders dem Gedanken, ob ich ihm das Vertrauen das Oddjers mir auf eine ſo würdige Art ſchenkte mittheilen ſollte oder nicht. Aber durch ſeinen Abſcheu vor allen Erklärungen hat Ake ſelbſt mich gezwungen Stillſchweigen zu beobachten. Gott, Du, Mama, und Capitän Oddjers ſelbſt wiſſen jedoch, daß is nie auch nur mit einem tauſendſtels Ge⸗ fühl meiner einzigen Liebe untreu geweſen bin. Ach, wenn mein 3 Mann mich von Grund aus kennen lernen wollte! Inzwiſchen iſt dieſe Reiſe nur allzu wahr. Im Anfang glaubte ich, es ſei blos ein augenblicklicher Einfall, aber geſtern ſprach er auch bei unſern Freunden im Pfarrhaus davon, und ſicherlich ſagt er mir nicht ein einziges warmes Wort, bevor er wegfährt. Ach, wie unheimlich und lang werde ich es während ſeiner Abweſenheit haben! O, wäre ich nicht ungeduldig geweſen, hätte ich nicht Neigung zu Revolutionen gehabt, ſo wäre es wenigſtens geblieben wie es war... Liebe Mama, ich habe ſeit geſtern bittere Thränen geweint, und während ich ſchrieb... Mama... kann ich 570 meinen Ohren trauen?— Es iſt Poſttag, und gleichwohl iſt es beſtimmt, daß Ake da draußen geht... nein, er wendet ſich um... er kommt zurück... wie mein armes Herz pocht... ich liebe ihn zu ſehr... Mama, er kommt gerade hieher... Was iſt denn das? 2 Wie vollſtändig vermögen nicht einige Augenblicke Alles für uns umzugeſtalten! Ake trat ein. Er ſagte blos die Worte: „Emilie, willſt Du Hamburg ſehen?“ Ich konnte nicht antworten. Die Seligkeit iſt wahrhaft er⸗ ſtickend. Eine gute Eingebung lehrte mich die beſte Antwort: ich überreichte ihm dieſen Brief an Dich, Mama. Er las ihn ſchweigend, aber nicht ohne ſtarke Bewegung. Und ſieh, Mama, jetzt öffneten ſich die Thore des Paradieſes wagenweit für Deine treue Emilie. Was Ake mir ſagte, muß unter uns bleiben. Ich glühe in ſeliger Freude noch jetzt bei der Erinnerung an dieſe Augen⸗ blicke. Aber ich laſſe Dich ahnen, daß er fürchtete, ich möchte mein eigenes Herz nicht verſtanden haben. Und jetzt dieſe Reiſe— wir zwei... er und ich. Gott ſegne Dich, geliebte Mama! Denke unaufhörlich an Deine glückliche Emilie. N. S. Nein, Eines muß ich Dir wahrlich noch anvertrauen, Mama, aber laß kein ſterbliches Auge es ſehen... Ake kann eben ſo gut Liebhaber ſein, als. Ach, was habe ich gethan! Als er ging, ſagte er ſo innig bittend: „Emilie, wirſt Du auch das Deiner Mutter ſchreiben?“ Du ſiehſt alſo ein, Mama, daß ich Nichts ſchreiben kann. Aber o wie ſchwer iſt es zu ſchweigen! Eine Art von Wahnſinn entführt mich auf luftigen Wegen. 7 — 571 Ich will jetzt ſchnell mit meinem Packen anfangen, um mich zum Worthalten zu zwingen. Leb wohl, leb wohl, liebe Mama! 1 N. S. Juſt als ich mein dunkelgraues Seidenkleid hinein⸗ legen wollte, fiel mir ein, daß er mir nicht verboten hat zu ſagen, wie oft er mich auf die Hand küßte... Mama— es war zehnmal. Und ich habe blos die Hand genannt. Jetzt iſt es wirklich aus. N. S. Geliebte Mama, dies iſt aber entſchieden meine letzte N. S.. Du kannſt im tiefſten Vertrauen den Mädchen das Letzte von dem Handküſſen erzählen, denn ſie ärgerten mich immer mit ihrer Behauptung, daß Ake ſich gar nicht wie ein Liebhaber gebärde.„ V—) h (e Ende des erſten Bandes.. 8 ¹ V Nnoe anen —==ſſͤ