Ednard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ).7—.. 3 Deih- und eſebedingungen. 5 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens „7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchen 24 Stun⸗ gegennahme r de Summe e von mir zurückerſtattet ) hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab 7) wird. 8 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus b ezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. „ 3 9„—„ 3„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für H und Zurückſendung der Bücher f 5 6 verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer 6355 Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 T 2 auf ihre eigenen Koſten und Ge fahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, 4 Werkes, ſo iſt 3 I Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8——— HV= 18 H. Clauren. Leipzi 4 Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1 8 2 6. Scherz H. Die Verſiuchung. und Ernſſt, von Clauren. Vierte Sammlung. Fuͤnftes Baͤndchen. Inhalt: Verſuchung. ₰ 4 D — 1. Die erſte Bombe. Die trigonometriſchen Groͤßen, lehrte mir mein Herr Profeſſor, und legte dazu, im Eifer fuͤr das ſchwere Studium der Mathematik, beide Zeigefinger an die Naſe: machen eine eigene Art von tranſcendenten Groͤßen aus. Du weißt, mein Sohn, was unter Sinus verſus, Tangente, Sekante, Coſinus u. ſ. w. zu verſtehen iſt; eben ſo weißt Du, daß man, wenn der Halbmeſſer eines Kreiſes, aequal 1 ge⸗ ſetzt wird, die Peripherie des Kreiſes in gan⸗ zen Zahlen nicht ausdruͤcken kann, und daß nur durch Naͤherung fuͤr die halbe Peri⸗ pherie, durch Huͤlfe der Differenzial⸗Rechnung, die Zahl.. er nannte mir einen unge⸗ 6 1 heuer langen Decimalbruch,*) den ich ſchon lange wieder vergeſſen habe, und ſchrieb ihn auf die große ſchwarze Tafel hin; ich ſtarrte darauf ohne Sinn und Verſtand, denn ich konnte heute nicht denken. Schon, weil die trigonometriſchen Groͤßen zu den endlichen gehoͤrten, waren ſie mir fatal; die unendli⸗ chen Groͤßen— die häͤtte ich heute ſtudiren moͤgen; ich weiß auch warum. Mein Herr Profeſſor war Witwer, und hatte ſich eine Verwandte, Karolinchen Selber, zur Erziehung ſeiner einzigen Tochter und zur Fuͤhrung des Hausweſens, aus der Ferne ver⸗ ſchrieben. Lina war heute fruͤh angekommen, und hatte mit mir ſo freundlich und herzlich geſprochen, und dabei ein Paar ſeelenvolle Blicke auf mich fallen laſſen, daß meine ge⸗ ſammte hoͤhere Mathematik zu Boden ſank. Ich mochte mich zuſammen nehmen, ſo viel ich wollte, die verdammten Zahlen ſchwam⸗ *) Für Mathematiker bedarf es keiner Erwäh⸗ nung, daß hier die Zahl 3, 14159265358979 32384626433832795028841971693993750158 20974944592307816406296208998620898862 80348253421170679821480865132923066470 038446 gemeint ſey. 7 men mit allen Wurzeln, Bkuͤchen und Glei⸗ chungen, wie von einem Wirbel getrieben, durch einander, und mein Herr Profeſſor, der mich in ſeinem Leben ſo zerſtreut nicht geſehen hat⸗ te, fuhr vor Aerger uͤber meinen gaͤnzlichen Mangel an mathematiſcher Anſtelligkeit, mit der Kreide auf der ſchwarzen Tafel hin und her, als ob er beſeſſen waͤre. Ich dankte dem Schoͤpfer, als die Stunde der Erloͤſung ſchlug, eilte auf mein Zimmer, aͤrgerte mich uͤber mich ſelber, weil ich heute durchaus nichts hatte begreifen koͤnnen, und freute mich nebenbei, weil die allerliebſte Nichte mich ihres freundlichen Wohlwollens zu wuͤr⸗ digen geſchienen. Nun ſollte, meinte ich, das Leben hier im Hauſe erſt ertraͤglich werden; denn bis jetzt hatte ich vom Morgen bis zum Abend von nichts ſprechen gehoͤrt, als von den Funktionen, Normalen und Subnormalen, von Winkeln und krummen Linien, und von ſolchem trockenen Gute, daß ich im Stillen oft die ganze liebe Mathematik in das Pfef⸗ ferland wuͤnſchte. Mamſell Guſtchen, die kleine Profeſſorin, ein achtjähriges Kind, des Vaters Abgott, und von ihm auch dem Zahlenprieſter Archimedes zum Opfer geweiht, machte mich mit ihrem verzweifelten Kopfrechnen gar toll, denn bei Tiſche, der einzigen Zeit, wo ich das Kind ſah, war es deſſen hoͤchſter Genuß, mir Exempel aufzugeben, die einen Hexenmeiſter, geſchweige denn mich, in Angſtſchweiß verſetzen konnten; ſo hatte das kleine heilloſe Guſtchen mich erſt geſtern Mittag noch mit der Frage gequaͤlt, wie viel ich fuͤr 600 Thlr. Ochſen à 40 Thlr., Schweine à 5 ⅞ Thlr. und Schafe à 1 ½ Thlr. kaufen koͤnne, wenn die Zahl der zu kaufenden Stuͤcke zuſammen 300 betragen muͤſſe. Solche Kunſtſtuͤckchen ſann die kleine Hexe zu Dutzenden aus, und vom Aufſchreiben einer einzigen Zahl war bei ihr gar nicht die Rede; das alles machte ſie in dem luſtigen Locken⸗ koͤpfſchen ab, und wollte vor Lachen ſterben, wenn ich mich ſtundenlang mit Raͤthſeln quaͤl⸗ te, die ſie in fuͤnf Minuten loͤſ'te. Ich zaͤhlte jeden Augenblick bis zum Abend⸗ eſſen, denn dann hoffte ich, die huͤbſche Nichte zu ſehen; endlich erſcholl der ſelige Ruf, und ich begruͤßte Karolinen, die mit Guſtchen und dem Herrn Profeſſor meiner im Speiſezimmer wartete, mit unverhehlter Freundlichkeit. Der Herr Profeſſor ſtutzte uͤber mein vertrauliches Weſen und fragte, ob wir einander ſchon kennten; ich platzte mit einem vorlauten: o ja! heraus; aber das jugendliche Herz, das ſich von der Freude, endlich einmal ein zahlenloſes frohes Weſen um ſich zu wiſſen, erhoben ge⸗ fuͤhlt hatte, zog ſich krampfhaft, als der Herr Profeſſor kalt und trocken hinwarf, daß ein einziges Begegnen einen jungen Mann noch nicht berechtige, mit einer jungen, fremden Dame ſich gleich auf einen ſolchen familiaͤren Fuß zu ſetzen. Das war die erſte, feindliche Bombe, die in meine Natuͤrlichkeit, in meine ſchuldloſe Offenheit fiel; ſie wuͤhlte ſich tief in den wei⸗ chen, lockern Boden ein, platzte, und that un⸗ erſetzlichen Schaͤden. 2. Wie viel Ochſen? Haͤtte mein guter Herr Profeſſor, der ein grundgelehrter Mathematiker war, die unend⸗ liche Groͤße des menſchlichen Herzens zu be⸗ 10 rechnen verſtanden, er haͤtte jene Aeußerung nicht hingeworfen. Bis dahin hatte ich die Nichte wie eine Halbſchweſter, wie das Kind vom Hauſe angeſehn, welches ich ſelbſt war; jetzt aber, ſchien mir mein Verhaͤltniß zu ihr anders geſtellt zu ſeyn; ich ſollte nicht herzlich, nicht freundlich, nicht unbefangen, nicht mit bruͤderlicher Hingebung ihr gegenuͤber ſtehen, ſondern es ſollte etwas zwiſchen uns geſchoben werden, was uns in gehoͤriger Entfernung von einander halte. Ich fuͤhlte, daß ich uͤber die unberechnete Bemerkung meines uͤbergelehrten Rechenmei⸗ ſters roth ward, und auf Lina's zarten Wan⸗ gen glaͤnzte der Purpur der meinigen im ſchwaͤchern Wiederſchein. Ja, es war eine Kraft zwiſchen uns ge⸗ ſchoben, aber wahrhaftig nicht die abſtoßende, ſondern die anziehende; und die Verheimlich⸗ ung, die ich fruͤher nie kannte, zog geſchaͤftig wie eine Spinne, den erſten Faden zum Ge⸗ webe ihres Schleiers, uͤber die Fruͤhlingbluͤthen unſerer Jugendgefuͤhle. Lina, die der mir gewordene Vorwurf nur nebenbei geſtreift hatte, erholte ſich eher wieder, 11 und ſprach mit dem Onkel Profeſſor von ih⸗ ren Familien⸗Angelegenheiten; ich hoͤrte den Ton ihrer Stimme mit Vergnuͤgen; ihr Froh⸗ ſinn, ihr freimuͤthiges Urtheil, ihr leichter Scherz gewann ſelbſt dem ernſten Herrn Pro⸗ feſſor mehre Male ein kleines Laͤcheln ab, und ich vergaß uͤber der Lebhaftigkeit ihrer Rede, uͤber der Raſchheit ihrer Bewegungen, und uͤber dem Feuer, das ihr dabei aus den Au⸗ gen blitzte, Eſſen und Trinken. Ihr geſchmack⸗ voller Anzug, das ſchwarze Ringelhaar, der blendendweiße Hals, das Stumpfnaͤschen— der ganz eigene Aufſchlag des Auges, der kleine, ſuͤße Mund— ich mochte gar nicht weiter hinſehen, denn ich verdarb mir die ganze Nacht; das merkte ich im Voraus.— Wie viel Ochſen, fing Guſtchen, ein neues Exempel im Kopfe, wieder an, und ruͤttelte mich aus meiner Verzuͤckung; ich aber entgeg⸗ nete in der Zerſtreuung ihr eilig: Zehntauſend, zehntauſend! und die Kleine lachte laut auf, daß ich die Aufgabe gleich nach den erſten Worten ſchon geloͤſ't glauben koͤnne. Aber Theodor, wo waren ſie mit den Ge⸗ danken? ſagte der Herr Poofeſſor verweiſend, und ich ergluͤhte von Neuem, denn ich grollte mit mir ſelbſt, daß ich mein Geheimſtes ſo unbedachtſam verrathen hatte. Noch, fuͤhlte ich mit Beſchaͤmung, war der Schleier, den die Heimlichkeit zu ſpinnen begann, lange nicht groß und breit und dicht genug, um mich gegen jedes unberufene Auge zu ſichern. Ahnete Lina, wo ich mit meinen Gedan⸗ ken gelebt hatte, oder war es ihre natuͤrliche Gutmuͤthigkeit; ſie ſah mich„ als ich nach einer Weile wieder aufblickte, ſo theilnehmend an, daß ich, um dieſen Preis, vom Profeſſor noch zehn Strafpredigten hingenommen häͤtte. Nun ſage, hob Guſtchen an, und legte rechnend den Zeigeſinger der Rechten, zwiſchen den Daumen und Zeigefinger der Linken: wie viel Ochſen? O laß, fiel ich der Kleinen ſchmerzlich in das Wort: laß mich und Deine Ochſen heut in Ruhe; mein Kopf iſt mir ſo wuͤſte, es iſt mir, als waͤre ich betrunken; ich glaube, ich fände mich heute nicht einmal im Einmaleins zurecht. 8 9ꝗ ⁸— ☛ 3. Die Nichte. Die Nichte ſprach, zum großen Schrecken des Herrn Profeſſors, der Rechenkunſt allen Werth ab; ſie hatte von Euler, Lambert, Kaͤſtner, La Grange, Le Gendre, Newton und wie alle die Ehrenmaͤnner heißen mochten, auf die, waͤhrend des Abendeſſens, zufaͤllig das Ge⸗ ſpraͤch zwiſchen mir, Guſtchen und dem Herrn Profeſſor gekommen war, noch kein Wort ge⸗ hoͤrt; von Decimal⸗ und continuirlichen Bruͤ⸗ chen, Logarithmen, Proportionen, unreinen quatratiſchen Gleichungen und dergleichen hoch⸗ gelahrten Dingen, mit denen Guſtchen um⸗ ſprang, wie mit ihren Puppen, wußte ſie keine Sylbe, und von den Wurzeln, uͤber welche die Kleine ſie pruͤfen wollte, kannte ſie die eßbaren nur; die aber, welche Guſtchen meinte, waren ihr boͤhmiſche Doͤrfer; ſie ſchien aber auch daruͤber, daß ſie in dieſem Theile des Wiſſens ganz fremd ſich bekennen mußte, nicht im mindeſten verlegen: haͤtte ich, meinte ſie in ih⸗ rer natuͤrlichen Unbefangenheit, die ſie unge⸗ mein lieblich kleidete: haͤtte ich von Jugend 14 auf Unterricht darin gehabt, wuͤßte ich vielleicht ein Gleiches; aber da dies nicht der Fall ge⸗ weſen, rechne ich mir's nicht zur Schande; auch weiß ich noch nicht recht, wozu das einem Maͤdchen nuͤtzen ſoll. Sonſt waren die Maͤde chen nicht ſo gelehrt als jetzt; ſie haben aber eben darum die Maͤnner vielleicht mehr geach⸗ tet und geehrt; und der Glaube, daß die Maͤnner im Wiſſen und Koͤnnen viel hoͤher ſtehen, als die Maͤdchen, iſt wahrſcheinlich der Grund geweſen, daß——— Nun? ſagte der Herr Profeſſor, und horch⸗ te der unerwarteten Deduktion aus dem Mun⸗ de des ſuͤßen Naturkindes. Daß, fuhr die Nichte, verlegen, in eine ſo zarte Materie gerathen zu ſein, etwas zoͤgernd fort: daß die Maͤnner ſonſt treuer geliebt wor⸗ den ſind. Der Menſch ſchaͤtzt in der Regel am Andern das, was ihm ſelbſt abgeht; ſo lieben wir z. B. am Manne den Muth, die Tapferkeit, weil wir Schwaͤchern uns in der Regel verzagt und feige fuͤhlen. Darum macht auch der Krieger bei dem weiblichen Geſchlechte das meiſte Gluͤck. Das liegt nicht im aͤußern Glanze ſeiner Tracht, denn nur die 1 F 13 eitelſte Thoͤrin wird ſich durch ein armſeliges Flitterwerk, das kaum des Ausbrennens werth iſt, blenden laſſen,— ſondern einzig und al⸗ lein in der Zuverlaͤſſigkeit, in der Ehrenfeſtig⸗ keit, die wir bei Kriegeshelden vorausſetzen; die Achtung und Ehre aber, die ſich ein ſtarker Arm erwirbt, verdient, beſonders in unſern friedlichen Augen, ein kenntnißreicher Kopf noch in weit hoͤherem Grade. Die Frauen finden ſich durch nichts mehr geſchmei⸗ chelt, als wenn ſie ein Mann von Kenntniſſen und feiner Bildung vor andern ihres Ge⸗ ſchlechts auszeichnet. Waͤren wir nun ſelbſt Heldinnen, waͤre es uns gelehrt und gegeben, den Degen in der Hand, ſelbſt eine Schlacht muthig mit zu ſchlagen, ſo wuͤrden wir, ſollte ich meinen, uns bei weitem nicht ſo achtung⸗ voll zu dem Tapfern hinneigen; wir wuͤrden ihn als ſolchen ehren, nicht aber mit der Liebe umfaſſen, die ohne innige Achtung nicht be⸗ ſtehen kann. Auf gleiche Weiſe geht es auch mit unſerem Wiſſen; ſind wir dem Mann an Kenntniſſen gleich, oder vielleicht gar uͤberlegen, ſo iſt die Ehrerbietung, die, in einer chriſtlichen Ehe, der Frau gegen den Mann wohl anſteht, 16 nicht denkbar. Die Maͤdchen, die bei der heutigen Erziehung faſt gar zu viel lernen, ſind darum nicht gluͤcklichere Frauen, als un⸗ ſere Großmuͤtter und Urgroßmuͤtter, welche minder gelehrt waren„ ihren Mann aber, ge⸗ gen ihn ſelbſt, ihren Schatz; gegen ihre Freun⸗ dinnen, ihren Liebſten; und gegen die Dienſt⸗ boten, ihren Herrn nannten. Wir alle loben die alte Zeit, wollen aber nicht zu ihrer Ein⸗ falt zuruͤckkehren; wie wuͤrden unſere Mode⸗ damen lachen, wenn eine ſchlichte, ehrliche Frau zu ihrem Mann, mein Schatz, mein Liebſter, ſagte? Durch das groͤßere Wiſſen ſtehen die Frauen jetzt hoͤher im Range; ſie machen die Herrſchaft im Hauſe dem Manne ſtreittg, und doch kann da nur einer Herr ſeyn, und darum geht es in unſern Haͤuſern nicht mehr ſo ſtill und friedlich her, als in der guten, alten Zeit, wo die Frau ihren Platz fuͤllte, und nur ſo viel wußte als ihr noͤthig war. Wie alt biſt Du denn jeßt, Linchen 2 fragte der Profeſſor, ſeinen Ohren kaum trauend, das jugendliche Maͤdchen ſo altklug plaudern zu hoͤren. den ſchaͤn etwa L ich it rung ters 9 an d der 2 daß ertru darar gleich umw 2 kels! rung ruͤhrt nen ziehur unver ſchreil 8 17 Neunzehn, erwiederte Lina, und blickte, den Grund der Frage ahnend, nieder, als ſchaͤme ſie ſich ihres vorlauten Geſchwaͤtzes. Du ſprichſt, entgegnete der Herr Profeſſor etwas ſpitz: als waͤrſt Du funfzig. Leider, erwiederte Lina etwas ernſter: habe ich in den letztern Jahren ſo manche Erfah⸗ rung gemacht, die vielleicht andern meines Al⸗ ters fremd blieb⸗ Wohl Dir, wenn dieſe Lehrerin bei Dir an die Stelle der Erziehung getreten iſt; ſagte der Profeſſor mit einem Blicke, als meine er, daß letztere nicht weit her geweſen ſey. Das ertrug die Redefertige aber nicht; ſie ſchien es darauf angelegt zu haben, uns ihre Anſichten, gleich beim erſten Eintritt in das Haus, un⸗ umwunden eroͤffnen zu wollen. Meine Erziehung, hob ſie, uͤber des On⸗ kels Bemerkung empfindlich, von der Erinne⸗ rung an ihre verklaͤrte Mutter, weich und ge⸗ ruͤhrt, und dann doch wieder, nach ihrer eig⸗ nen Weiſe, naiv und drollig, an: meine Er⸗ ziehung iſt der einzige Nachlaß meiner guten, unvergeßlichen Mutter. Ich kann ein bischen ſchreiben und ein bischen leſen; in der Kirche 2 18 ſinge ich recht gut; auch tanzten meine Be⸗ kannten lieber mit mir, als mit General⸗ Superintendents ſchwerfaͤlligem Kordchen; aber wenn ſie eine perfekte Koͤchin haben wollen, wenn ſie Eingemachtes wuͤnſchen, das Ihnen auf der Zunge zergeht, Torten und Gebackenes, wie es nur der Hof⸗Conditor liefert; Waͤſche, ſo weiß wie Schnee; Kleider fuͤr Guſtchen, die wie angegoſſen ſitzen muͤſſen; Blumen, Spitzen, Stickereien und andere feine Frauen⸗ arbeiten;— wenn Sie Ordnung im Hauſe und gute Beiſpiele fuͤr die Dienſtboten ver⸗ langen, dann ſchicken Sie nur zu Karolinen. Glauben Sie, Herr Onkel, eine Frau, die das alles kann, ein froͤhlich Gemuͤth im Her⸗ zen hat, und nach Gott nur ihren Gatten liebt, iſt dem vernuͤnftigen Manne willkom⸗ mener und werther, als ein buchgelehrtes Ding, das ſieben Sprachen ſpricht, acht In⸗ ſtrumente ſpielt, alle neun Muſen in der Taſche hat, und ohne zehn Anbeter nicht le⸗ ben kann. — „„ 2oe E —— — — f — 4. Der Roſenſtock. Ich ſchrieb mir jedes Wort tief in das Herz, denn was ſie geſagt hatte, war ja buch⸗ ſaͤblch wahr. Wir hatten bisher immer un⸗ genießbares Eſſen auf dem Tiſch gehabt; Lin⸗ chens Gerichte ſchmeckten, als kaͤmen ſie aus der fuͤrſtlichen Kuͤche. Unſere Waͤſche war bis dahin mit Kalk und ſchwarzer Seife behandelt und dermaßen geſtaͤrkt worden, daß man ſchier glaubte, einen ſpaniſchen Mantel, ſtatt des Hemdes zu tragen; Linchen war kaum vier Wochen im Hauſe, und wir freuten uns alle uͤber den Atlas, in den ſie unſer Linnen ver⸗ wandelt hatte. Guſtchen verlor ſich vordem bald in ihren Kleidern, bald gingen ihr die Roͤckchen kaum uͤber die Kniee; Lina zog das Kind mit Geſchmack an, und fertigte ihren eleinen Staat eigenhaͤndig mit ſo vieler Kunſt, daß die Kleine, die ſonſt in der ganzen Stadt das gelehrte Eulchen hieß, jetzt allgemein ge⸗ fiel, und daß faſt taͤglich nach ihren Kleider⸗ ſchnitten von Muͤttern geſchickt wurde, die ihre Maͤdchen auch ſo niedlich angezogen wiſſen 2*† 20 wollten. So viel Linchen auch in der Küche wirthſchaftete, ſo legte das Maͤdchen doch keine Hand an irgend eine harte, ſchwere Arbeit, ſondern fuͤhrte blos die Aufſicht, und darum hatte ſie auch Haͤndchen, um die ſie eine Koͤ⸗ nigstochter haͤtte beneiden koͤnnen. Sie huͤtete den Schnee ihrer Lilienhand, wie ſie ſagte, blos, um das Spitzenkloͤppeln und die Stik⸗ kereien, und all' die feinen Arbeiten nicht zu verlernen, in denen ſie Meiſterin war, und bei deren Verfertigung ſie ſo viel Geſchmack als Geduld und Ausdauer zeigte; ihre Blu⸗ men waren ſo ſchoͤn, daß ſelbſt Kennerinnen ſie nicht von aͤcht franzoͤſiſchen unterſcheiden konnten. Sonſt hatte in unſerem Hauſe alles unter einander gelegen, Buͤcher, Kleider, Tiſch⸗ geſchirr, Stiefeln, Waͤſche, eins bunt uͤber dem andern; manches Zimmer, namentlich das des Herrn Profeſſors und das meinige waren ſeit Menſchengedenken nicht gekehrt noch geſcheuert worden; jetzt— alles wie abgeblaſen, alles gemalt, tapezirt und geputzt, ſpiegelblank, daß es nur eine Luſt war, ſie zu ſehen. Der Herr Profeſſor wendete gegen alle die Neuer⸗ ungen, und beſonders gegen das Aufraͤumen in dock als Sti baln den aber gen beze gehe mie We moͤ zu in's that Pro Ein daß daß We des ſeit euert alles daß Der euer⸗ imen 21 21 in ſeinem Studirzimmer, erſchrecklich viel ein; doch Linchen kehrte ſich daran nicht; ſie ließ, als er den Ruͤcken gewandt hatte, ſeine ganze Stube ausraͤumen und weißen, und wollte ſich bald todt lachen, als er heimkehrte und uͤber den Unfug bitter boͤſe ward. Die Dienſtboten aber, welche den Herrn Profeſſor tuͤchtig betto⸗ gen und mißbrauchten, und nun keine Luſt bezeigten, der wie vom Himmel Gefallenen zu gehorchen, ſchaffte Lina underzuͤglich ab und miethete andere, die ſie durch ihr freundliches Weſen, durch anſtaͤndigen Lohn, und durch moͤglichſte Bewilligung perſoͤnlicher Freiheit ſo zu gewinnen wußte, daß ſie fuͤr das Maͤdchen in's Feuer gegangen waͤren. Und das alles that ſie ohne Geheiß und Auftrag des Herrn Profeſſors; ſie hatte ihm blos, bald mach dem Eintritt in das Haus, aus einander geſetzt, daß in dieſem eine ſchlechte Wirthſchaft ſey, daß er mit all' ſeiner Rechenkunſt auf dieſe Weiſe zu Grunde gehen muͤſſe, und daß ſie es fuͤr Pflicht halte, ihm die Sorge fuͤr ſein Hausweſen abzunehmen. Dann handelte ſie, Das ales ſtand der Lina 5 ſtatt zu fragen. 22 ſo huͤbſch, daß man ſie nur im Stillen beob⸗ achten durfte, um ihr gut werden zu muͤſſen. Manche Maͤdchen oder Frauen der Art eifern und prahlen mit dem, was ſie leiſten und ſprechen unausgeſetzt von dem Kreiſe ih⸗ rer Wirthſchaft. Das alles war bei dieſem ſeltenen Maͤdchen nicht der Fall. Linchen traͤllerte, wenn ſie durch das Haus flog; bat, wo ſie befehlen konnte; ſcherzte frohſinnig mit Allen innerhalb der Schranken des Anſtandes, behandelte, ſcheinbar, was ſie trieb und that als Nebenſache; benahm ſich ſo anſpruchlos, und erwaͤhnte des vielen, was ſie von fruͤh fuͤnf Uhr an, bis ſpaͤt gegen Mitternacht, taͤglich verrichtete, mit keiner Sylbe. Das alles war groß und lobenswerth, aber Mehres bedruͤckte ſeit jenem erſten Abend mir doch die Seele, daß ich nicht wieder ſo trau⸗ lich werden konnte, als in dem erſten Augen⸗ blicke unſerer Bekanntſchaft. Erſtlich hatte ſie dem Wehrſtande, nach meinem Gefuͤhl, zu ſehr das Wort geredet. Beſtimmt hatte ſie unter irgend einer Fahne einen Heldenſchaͤ⸗ fer, der ihr Herz in Beſchlag genommen hat⸗ te; zweitens that ſie gar nicht, als ob ich in 23 ihren Augen den mindeſten Werth haͤtte; ſie uͤberſah mich, und nahm von den ſuͤßen Re⸗ gungen, die mir die Bruſt ſchwellten, nicht die geringſte Notiz; und dann hatte Lina, in jenem Geſpraͤche mit dem Onkel, der bit⸗ tern Erfahrungen erwaͤhnt, die ſie fuͤr ihr Alter ſchon gemacht haben wollte. Das alles entfremdete mich dem Maͤdchen; aber daß es mein Ernſt nicht war, daß ich dem Kinde doch wohler wollte, als ich mir einbildete, es zu ſein, beweiſ't mir eben der Aerger uͤber dieſe Gleichguͤltigkeit. Waͤre mir nur ein einziger Freund in der Welt geworden, dem ich mich haͤtte anvertrauen koͤnnen. Aber außer dem Herrn Profeſſor und dem Fuͤrſten, der mich bei erſterem ſeit einem Jahre erziehen ließ, kannte ich in der ganzen Reſidenz keinen Menſchen. Es mag wohl auf dieſem Erdenrunde kein niederdruͤckenderes Gefuͤhl geben, als das, nicht geliebt zu ſeyn; ich haͤtte fuͤr Linchen mein Leben aufgeopfert, und ſie that gar nicht als ob ich in der Welt waͤre; ich ergrimmte uͤber mich ſelbſt, daß ich ſo ſchwach war, konnte mir aber nicht helfen. Wenn mir der Verdacht wegen des heim⸗ lich geliebten Kriegshelden, und wegen der be⸗ wußten Erfahrungen auch noch ſo ſchwer auf's Herz fiel, und ich die Engelgleiche ſah, ſo war doch aller Groll vergeſſen, und ich huldigte ihr im Stillen mit ſolcher Glut, daß ich oft vor mir ſelber erſchrak. Ich wußte, die Schneekalle hatte Blumen gern; ich ſparte alſo von meinem knapp zu⸗ gezaͤhlten Taſchengelde, durch Entſagungen al⸗ ler Art, bis ich ſo viel erſpart hatte, daß ich ihr einen vorzuͤglich ſchoͤnen Roſenſtock kaufen konnte. Er koſtete mich das Fruͤhſtuͤck von zwei Monaten. Ein und ſechszig Tage hatte ich fruͤh nur klares Quellwaſſer getrunken; in alle Gaſſen der Reſidenz war ich gelaufen; mein Stock trug aber auch uͤber dreißig der friſcheſten Knospen und zwei volle aufgebluͤhte Roſen; ich trug meinen Reichthum ſelbſt nach Hauſe; wie haͤtte ich dieſe Herrlichkeit fremden Haͤnden anvertrauen koͤnnen! Ich ſah Lin⸗ chens holde Verwirrung; die Verlegenheit, wie ſie mir danken ſolle, war mein Triumph, und ein Kuß— vielleicht ein Kuß, mein Lohn; oder— erſtieg mein Gluͤck auch dieſen 25 hoͤchſten Gipfel nicht, ſo mußte Lina, die mei⸗ ne beſchraͤnkten Umſtaͤnde kannte, doch wenig⸗ ſtens aus dem Opfer, auf die Groͤße der Lie⸗ be, mit der es gegeben worden, ſchließen, und von Stund' an ein wohlwollendes, beachtende⸗ res Verhaͤltniß zwiſchen uns ſtatt finden laſſen. 5. Die Schleppe. Mit ſchwaͤrmeriſchem Entzuͤcken hing mein Blick an den ſich mir vor der Naſe wiegenden Knospen; da fuhren mir drei bis vier Paar Beinkleider von hinten zwiſchen die Arme; der Topf glitt mir aus den Haͤnden, ſtuͤrzte vor mir hin und zerplatzte in tauſend Stuͤcken; in demſelben Augenblick erhielt ich meuchlings einen ſo ungeheuern Puff, daß ich vorn uͤber⸗ ſchoß, zwei, drei Schritte weit, uͤber meinen ungluͤcklichen Roſenſtock wegpurzelte, der Laͤnge nach hinfiel, und unter mir nichts als Weſten, Pantalons, Fraks und dergleichen fuͤhlte. Auf mir aber lag eine Rieſenlaſt; Geſchrei und Gelaͤchter erſcholl von allen Seiten, und aus dem Graͤfl. Gormiſchen Pallaſte, vor dem ich 26 eben vorbeigegangen war, raſſelte eine praͤchtige Equipage. Alles bruͤllte: halt! halt! die Pfer⸗ de ſtanden; ich arbeitete mich aus der unbe⸗ greiflichen Garderobe heraus; waͤlzte die unbe⸗ kannte Groͤße vom Ruͤcken, blickte nach mei⸗ nem Roſenſtock und dachte, der Schlag ſollte mich auf der Stelle ruͤhren, denn er lag quer vor dem Thore des Pallaſts; die Equipage war daruͤber gefahren, und hatte Knospen, Blaͤtter, Zweige, mit einem Worte alles zer⸗ truͤmmert. Aus dem Wagen ſah ein Engels⸗Maͤd⸗ chen und lachte⸗ Ja, ich mußte jetzt ſelbſt mit lachen, als ich ſah und erfuhr, wie das alles gekom⸗ men war. Waͤhrend ich mit meinem Roſenſtock zaͤrt⸗ lich und behutſam, und die Augen freudig auf ſeine Knospen⸗Pracht geheftet, vor dem ge⸗ dachten Pallaſt vorbei gehe, ſtampfen eben ein Paar maͤchtig große, wilde Pferde im Thor⸗ wege, und ſind im Begriff, mit ihrer Gebie⸗n terin in der glaͤnzenden Karoſſe, heraus zu ſtolziren. Ein Troͤdeljude, der mir auf dem Fuße folgt, denkt, die beiden großen ſchaͤumen⸗ 27 den Thiere werden ihn in den Staub treten, und ihm, ſammt ſeinem fliegenden Kleider⸗ ſchranke auf Arm und Achſel, den Garaus machen; Er draͤngt und ſchiebt alſo mich, ſeinen Vordermann, in der Angſt vorwaͤrts; ich erſchrecke uͤber die Pantalons, die mir bei der Gelegenheit unter die Arme geklemmt wer⸗ den, laſſe den Roſenſtock aus den Haͤnden fallen, ſtolpre daruͤber weg, will mich halten und kann nicht und purzle am Ende zu Bo⸗ den; der altteſtamentariſche Kleiderhaͤndler aber, den die Ruinen meines Roſenſtocks zu Falle bringen, ſchlaͤgt ſeine Lerche dicht hinter mir, plumpt im Augenblick, wo ich ſtuͤrze, mir auf den Ruͤcken, und ſchuͤttet ſein ganzes Waaren⸗ lager ſo jaͤhling uͤber meinen Kopf, daß die Garderobe noch eher auf die Erde kommt als ich. Der Jude, dem kein Finger gekruͤmmt war, jammert, als waͤr' er ſeines ganzen zeit⸗ lichen Gluͤcks verluſtig gegangen, blos, weil ſeine Haderluͤmpchen dem Straßenkothe ein wenig zu nahe gekommen waren. Er warf die ganze Schuld auf mich und meinen ſeligen Roſenſtock; meinte, daß er, 28 ohne meine Dazwiſchenkunft, nicht gefallen waͤre, und drang auf Schadenerſatz, Schmer⸗ zengeld und Verſaͤumnißgebuͤhren. Der Un⸗ chriſtliche verlangte drei Thaler; lieber Gott! ich konnte nicht uͤber einen blutigen Heller ge⸗ bieten. Aber ich mußte doch lachen. Das junge, ſchoͤne Maͤdchen im Wagen zog ihr goldig⸗glaͤnzendes Boͤrschen, rief den Juden an ſich, und gab ihm einen Dukaten. Dazu ſagte es unter lautem Lachen: Aber nun geh' auch, und laß den armen, jungen Menſchen in Ruh', denn der iſt ganz unſchul⸗ dig; ich, ich allein war die Urſache des Unfalls. Der Jude buͤckte ſich bis zur Erde, und dankte der allergnaͤdigſten Graͤfin.— Alſo eine junge Graͤfin Gorm war der wunderholde Unhold, der mir meine Freude, meine Hoffnung, mein ſauer erworbenes Gut ſo ſchrecklich vernichtet hattee— Und doch, — war es der Reſpekt vor der Graͤfin, oder die Zaubergewalt dieſes himmliſchen Blond⸗ chens,— doch konnte ich dem graͤflichen Ra⸗ benkinde nicht zuͤrnen, ich buͤckte mich— ſie hatte mich ja von den laͤſtigen Anſpruͤchen des Troͤdeljuden befreit,— tiefer noch als dieſer, — 29 ob ich gleich weder Schmerzengeld, noch Ent⸗ ſchaͤdigung bekommen hatte. Sie winkte mir jetzt an den Wagen, woll⸗ te mich ſprechen, konnte vor Lachen nicht, ſchaͤmte ſich dieſes Reizes, hieß den Kutſcher fahren und entſchwand meinen Augen. Wohl wurmte mich das;— aber, als ich mich recht beſah, fand ich das Kichern der ſiebzehnjaͤhrigen, lebensluſtigen Graͤfin natuͤrlich. Hinten hing mir am Rocke ein Paar roth⸗ geſtickter Huſarenhoſen, und an dieſen eine weißatlaſſene Bratenweſte; beide waren immer hinter mir drein geſchwaͤnzelt, ohne daß ich es, mit meinem Ungluͤck, mit dem Juden und der Graͤfin viel zu viel beſchaͤftigt, gewahrt hatte, und eben jetzt, da ich mich dem Wagen der Graͤfin naͤherte, badete ſich der Zipfel mei⸗ ner Schleppe, die weiße Atlasweſte, in einer molkigen Straßenpfuͤtze. Ich haͤtte es noch nicht gemerkt, wenn nicht der Jude, der bis jetzt auf das Pack ſeiner Kleider, die Graͤfin und den Dukaten die Augen gehabt haͤtte, mir in Ruͤcken und Flanke gefallen waͤre und ein neues Klagelied angeſtimmt haͤtte. Er ent⸗ ſchleppte mich, rang die Atlaſſene uͤher der 30 Pfuͤtze aus, die Haͤnde uͤber dem Kopfe, und foderte nun von mir den Werth der Weſte, fuͤr die er ſelbſt zehn Thaler gezahlt haben wollte. Ich war mehr todt als lebendig. Aber die Umſtehenden hielten Gericht. Ein Bierſchroͤcer— ich werde das Bild dieſes Gottgeſandten nie vergeſſen; eine Bruſt, wie die große Glocke in Erfurt; eine Stimme, wie der Donner im Gebirge, und eine Fauſt, gegen die eine Loͤwenklaue oder eine Baͤren⸗ tatze zum Kinderpatſchchen ward— ſtellte ſich zwiſchen uns. Der Menſch hatte beſtimmt weder die Inſtitutionen noch die Pandekten geleſen, aber er haͤtte unbedingt der Chef jeder Geſetz⸗Commiſſion werden koͤnnen, einen ſo klaren Sinn hatte er fuͤr das Recht, und ſo deutlich verſtand er ſich auszudruͤcken; ſeine Feſtſetzungen bedurften keiner anderweiten Edik⸗ te und keiner Erklaͤrungen. Trdͤdelſatan, ſagte er, und faßte meinen Quaͤler an der Bruſt: das Weibſen im Wa⸗ gen hat dir zehnmal mehr gegeben als du verdienteſt. Fuͤr ſeinen Roſenſtock hat der Mosje hier nichts gekriegt. Du biſt eigent⸗ lich aͤm ganzen Exzeſſe Schuld, ich war bei —————— 31 der Geſchichte vom Anfang an. Haͤtteſt du mit deinen Lappen dich nicht auf ihn gehuckt, ſo lebte der Roſenſtock noch. Fuͤr deine Weſte haſt du in der letzten Auktion ſechs Groſchen gegeben, ich ſtand neben dir, als ſie dir dafuͤr zugeſchlagen waed; alſo nur nicht gemuckt— Mosjechen, gehen Sie in Gottes Namen, der Hallunke hat von Ihnen nichts zu fodern. Beide Partheien appellirten nicht, und ſo ward das Urtheil rechtskraͤftig. 6. Das Stelldichein. Hatte Lina meine Leidensgeſchichte erfah⸗ ren und geahnt, daß der Roſenſtock zu ihren Fuͤßen bluͤhen ſollte, oder war es Zufall. Sie zeigte ſich jetzt viel achtſamer gegen mich; ich mußte ihr Federn ſchneiden; ſie fragte mich nicht ſelten, wie dies und jenes Wort geſchrie⸗ ben werde, und am Ende gab ſie mir gar ihre Haushaltrechnung zur Durchſicht und Be⸗ richtigung. Letzteres war eine herkuliſche Ar⸗ beit; denn ich haͤtte den wohl ſehen moͤgen, der zu erkluͤgeln im Stande war, was An⸗ ſaßze, wie folgende, heißen ſollten: Vier Zwiewel zu Fruͤh Kaße 01 fuͤrmich kuͤhn 4 Gr. wenicher 1 treuer, vier 1 Vaͤßgen Puder 3 Daler Sarthellen zum Friſtikk 6 Kroſchen. Dabei hatte ſie alles nebeneinander geſchrie⸗ ben, ſo daß ich ſehr oft nicht heraus kommen konnte, und ſie ſelbſt uͤber dies und jenes fra⸗ gen mußte. Daß Sie ſtecken bleiben wuͤrden, habe ich gleich gedacht, ſagte ſie verlegen laͤchelnd und ward roth: aber es iſt recht huͤbſch von Ih⸗ nen, daß ſie mich nicht auslachen, ſondern Ge⸗ duld mit mir haben; richtig iſt alles, darauf koͤnnen Sie ſich verlaſeen. Meine Mutter— ſetzte ſie verſchaͤmt und ernſter hinzu: war ſehr arm,— Schreiben und Rechnen habe ich oh⸗ ne Anweiſung gelernt, ich habe ja auch gleich den erſten Abend, als wir mit einander aßen, ehrlich und offen geſtanden, daß ich mich auf beides nur ein bischen verſtehe. Auslachen— ich armſeliger Burſche, die⸗ ſes liebenswerthe Maͤdchen auslachen! Was half es mir, daß ich von den Ordinaten und Abſciſſen, von den Coefficienten des Quadrats, von den Wurzelzeichen und den incomplexen 33 Funktionen ſprechen konnte, wie ein Papagei! ich fuͤhlte zum erſtenmale, daß die Antwort auf die Frage: was weißt du? viel leichter ſey, als auf die: was kannſt du? Ich konnte ja noch nichts, womit ich nur mein Brot zu erwerben im Stande geweſen waͤre, und das Maͤdchen fuͤllte ihren Platz. Dies Gefuͤhl war es auch geweſen, was mich gedruͤckt hatte, ohne daß ich es mir ſelbſt recht klar hatte machen koͤnnen. Ich ſtand um viele Stufen tiefer als Lina; ſie beherrſch⸗ te mich von ihrer Hoͤhe herab. Sie hatte mit ihrem hellen Hausverſtande, mit ihrem ſcharfſehenden Mutterwitz vollkommen Recht, mich auszulachen, wenn ich auf meinen bi⸗ nomiſchen Lehrſatz, auf meine Parabeln und Hyperbeln, auf meine Parameter, Polygonal⸗ zahlen und den ganzen gelehrten Kram dick that, mit dem ſich kein Hund aus dem Ofen locken ließ⸗ Jetzt aber, mit ihrem Rechenbuͤchelchen vor mir, ſtieg mein gutes Linchen um ein Paar Stufen von ihrer Hoͤhe zu mir herab. Nun ward unſer Verhaͤltniß gleicher, und mit dem Augenblick auch traulicher. 2 827 34 Aengſtigen Sie ſich, hub ich beruhigend an, und wagte den erſten Kuß auf die zarte Hand, in der ſie das Rechenbuch hielt: aͤngſti⸗ gen Sie ſich um der Kleinigkeit Willen nicht; Friedrich der Große war in der deutſchen Rechtſchreibekunſt auch nicht ganz regelfeſt, und iſt und bleibt darum doch der groͤßte Koͤnig ſeiner Zeit. Ich leſe, bis auf wenige Hiero⸗ glyphen, Ihre Handſchrift, wie in Kupfer ge⸗ ſtochen, und weiß z. B. recht gut, daß Sie fuͤr Zwiebeln zum Fricaſſe—— 10 Pf. ⸗ Kien 2.— 3 Gr. 9⸗ „ 1 Fäßchen Butter⸗ 3 Thlr.—— und „ Sardellen zum Fruͤhſtuͤk— 6 ⸗— mithin in Summa 3 Thlr. 10 Gr. 7 Pf. ausgegeben haben, und— Ach, wer ſo flink rechnen und ſo alles in Ordnung unter einander, und ſo nett und ſau⸗ ber ſchreiben koͤnnte! fiel ſie mir freudig laͤ⸗ chelnd in das Wort.. Natuͤrlich erbot ich mich, ihr den noͤthigen Unterricht zu ertheilen, und wer die Hoͤllen⸗ Marter kennt, mit liebendem Herzen einem huͤbſchen Maͤdchen Stunden zu geben, der G„— ͤ ͤ ͤ„. 2————ꝗb 339 wird wiſſen, welche Giganten⸗Laſt ich mir auf den Hals waͤlzte. Der Herr Profeſſor freute ſich, daß ich, ſein Schuͤler, ſchon ſo viel bei ihm gelernt hatte, um Andere wieder unterrichten zu koͤn⸗ nen. Der gute Mann! tauſendmal hatte er mir geſagt, daß die Mathematik dem Men⸗ ſchen den Kopf aufraͤume, und daß ein Ma⸗ thematiker viel heller und ſchaͤrfer ſaͤhe, als jeder Andere. Dieſe Behauptung hatte ich bis dahin wie ein Evangelium geglaubt, und mir, auf meine mathematiſche Kunſtſprache, die allen andern Leuten reines Kauderwelſch war, erſchrecklich viel eingebildet; aber jetzt mußte ich ſeine Lob⸗ preiſung unſerer hohen Wiſſenſchaft in Zweifel ziehen, denn er war ganz ſtockblind. Er ſah nicht, wie mir es durch alle Glie⸗ der zuckte, wenn ich in der Schreibeſtunde ihre kleine Hand umfaßte, und ſie die großen Buch⸗ ſtaben lehrte; er ſah nicht, wie ſelig ich war, wenn ich in der Rechenſtunde den Schiefer⸗ ſtift, den ſie eben mit dem Zungenſpitzchen ge⸗ netzt hatte, ihr, unter dem Vorwand, ein klei⸗ nes Schnitzerchen verbeſſern zu wollen, aus 3 0* 36 der Hand nahm, ihn heimlich an meine Lip⸗ pen druͤckte, und mir weiß machte, auf dieſe Weiſe ein Kuͤßchen von ihr bekommen zu ha⸗ ben; er ſah nicht, wie gluͤhend heiß mir ward, wenn ich dicht neben dem reizenden Weſen ſaß, und der Schmelz ihres Blickes, das Laͤ⸗ cheln ihres Roſenmundes und das Athemholen ihrer Schwanenbruſt, mich ſo verwirrt machten, daß mir alle fuͤnf Species vor den Augen flimmerten. Jetzt uͤberſetzte ich mir meine mathemati⸗ ſchen Kunſtregeln von den Tangenten, Sinus, transcendenten Groͤßen, Funktionen, u. dergl. in mein eigenes Deutſch, und baute mir ein Syſtem der Mathematik zuſammen, uͤber das der hochſelige Archimedes, haͤtte er es zu Ge⸗ ſicht bekommen, aus der Haut gefahren waͤre; am meiſten beſchaͤftigte mich der Lehrſatz von der Naͤherung; dieſe gab mir den erſten, recht deutlichen Begriff von der angewandten Mathematik; ich wendete alle ihre Regeln auf mein Verhaͤltniß zu Lina an, und trieb nun dieſe ſaftloſe Wiſſenſchaft mit Luſt und Liebe, Ich lebte nur in Lina; meine Liebe zu ihr war die reinſte, die ſeligſte der Welt. —„⅓½--— ᷣS ☛ 8A 37 Guſtchen ſtoͤrte meinen innern Frieden. Das kleine Ding winkte mir einmal nach Tiſche heimlich zu und fliſterte in aller Gegen⸗ wart, und doch von Allen ungehoͤrt, leiſe vor ſich hin: Sieben Uhr auf den Gang. 7. Guſtchen. Wer ſich um ſieben Uhr auf dem beſagten Gange einfand, war ich, und wer zu gleicher Zeit von dem entgegengeſetzten Ende kam, war Guſtchen. Die Kleine erzaͤhlte mir heim⸗ lich, daß ein graͤflich Gormſcher Bedienter da geweſen, dem Vater etwas von einem, vor dem Hauſe zerbrochenen Roſenſtocke erzaͤhlt, und ihm fuͤr mich ein Zehnthalerſtuͤck als Entſchaͤdigung eingehaͤndigt habe; Papa aber, fuhr die Kleine fort: hat das Geld gar nicht angenommen und die Sache fuͤr ein Mißver⸗ ſtaͤndniß erklaͤrt; da kam der Bediente wieder, und ſagte, er ſollte Dich zur Graͤfin bringen; aber Papa erwiderte kurz angebunden: Du haͤtteſt keine Zeit. Sag einmal, Theodor, was iſt denn das fuͤr eine Geſchichte mit dem Roſenſtocke? 38 Die vertrauliche Weiſe, mit der die kleine Schlaue mir das mittheilte; ihre großen, freundlichen Augen, die nach der Beſtimmung des Roſenſtocks zu fragen ſchienen;— die Moͤglichkeit, durch Guſtchen, des Vaters Lieb⸗ ling, vielleicht doch noch zu jenem Schaden⸗ erſatze zu gelangen, und der mit aller Zauber⸗ gewalt wieder aufwachende Gedanke an die wunderſchoͤne, blonde Graͤfin im Wagen, uͤber⸗ raſchten mich ſo, daß ich der Kleinen den ver⸗ ungluͤckten Roſenſtock beſtimmt zu haben ver⸗ ſicherte. 8* Mir? ſagte ſie mit verklaͤrtem Geſichte, und ward einen Zoll groͤßer. Wer zaͤhlt die Folgen, die oft eine einzige Luͤge nach ſich zieht. Die meinige war ein⸗ mal heraus; zuruͤcknehmen konnte ich ſie nicht; aber ich ſah, daß ſie der Satan der Eitelkeit begierig auffing und ſie tief in das Herz des kleinen Schlaukoͤpſchens ſenkte. Mir? wiederholte ſie und laͤchelte, von der Idee ſuͤß geſchmeichelt: das haͤtte ich nicht ge⸗ glaubt! Ich hatte Dich mit jemand anderm im Verdacht, denn man hat ja auch ſeine Augen! Noch immer ſoll ich das kleine Kind 39 ſeyn, das ich vor drei, vier Jahren war; ſoll noch platterdings mit Puppen ſpielen, Lili will es haben; aber ich werfe den Magiſter und den Huſaren, das Ritterfraͤulein und die dicke Buͤrgermeiſterin, kurz alle die dummen Puppen werfe ich heute noch in das Feuer; ich bin kein Kind mehr, und mag keins ſeyn. Laß ſie leben, fiel ich ihr bittend in das Wort: ich habe eben fuͤr Deinen Hofprediger die Traurede ausgearbeitet, die er bei der Feier der Vermaͤhlung des Huſaren⸗Lieutenants— Er iſt Rittmeiſter! verſetzte fie haſtig. — des Rittmeiſters mit dem Fraͤulein morgen halten ſoll; die Dicke ſetzen wir bei der Tafel— Schoͤn, entgegnete Guſtchen, ſich vergeſ⸗ ſend: der Hofprediger muß nur dem Ritt⸗ meiſter den Tert recht tuͤchtig leſen, das iſt ein Leichtfuß. Seit einem Vierteljahre mache ich ihm jetzt den dritten Dollmann, und es iſt Gott zu klagen, wie er ſchon wieder aus⸗ ſieht; die Buͤrgermeiſterin kann auch nicht ſo bei Tafel erſcheinen; ich habe noch ein Fleck⸗ chen gros de Naples, vielleicht reicht's zu einer Gallarobe; Pe Proͤſident hat keine e, 40 Struͤmpfe, der Stiftsdame mangelt's am Un⸗ terrocke, und dem Miniſter iſt neulich bei der Redoute die Perruͤcke verbrannt; Mamſell Schnips, wie Du die kleine Purzlige mit den rothen Augen nennſt, hat ſich die Naſe beſchunden, und der Jagdjunker ſieht wie ein Ferkel aus. Unter acht Tagen kann die Hoch⸗ zeit nicht ſeyn. Gut, erwiederte ich mit erzwungenem Ern⸗ ſte: acht Tage kann das Brautpaar noch war⸗ ten; muͤſſen doch viel andere Jahre lang zu⸗ ſehn—(Guſtchen ſchlug ſchamhaft die Augen nieder);— aber—— koͤnnteſt Du es viel⸗ leicht beim Vater dahin bringen, daß ich zu der Graͤfin duͤrfte, um das Goldſtuͤck zu ho⸗ len, ſo wuͤrde ich zur Ausſtattung Deines Fraͤuleins ein Erkleckliches beitragen. Das iſt mir ein Leichtes! rief die Kleine, auf die Schwaͤche des Vaters pochend, und flog nach ſeinem Zimmer. 8.. Das Paradies. Eigentlich handelte ich doch ein bischen ſchlecht. Die blonde wunderliebliche Graͤfin * im Wagen, oder vielmehr in meinem Kopfe, hatte mein Herz wie eine Wetterfahne ge⸗ dreht; an Lina und Guſtchen dachte ich nicht. Das holde Grafen⸗Geſichtchen ließ ſich gar nicht von den Augen wegbringen, ich hatte es nur einige Minuten geſehen, und haͤtte es doch malen wollen; die Zuͤge waren mir damals gleich ſo bekannt geweſen; mein Blick weilte auf dem Phantaſiebilde der zarten Graͤfin, mit einem dunkeln Gefuͤhl der Erinnerung, und doch beſann ich mich durchaus nicht, wo mir dieſes reizende Weſen je erſchienen ſeyn koͤnne. Mein heimathliches Dorf und das End⸗ chen von der Reſidenz, war ja damals noch meine ganze Welt, und die Bewohner der Haͤuſer, in denen ich hier verkehrt hatte, konn⸗ te ich an den Fingern herzaͤhlen— nirgends wollte ſich da etwas von einer Graͤfin finden! Bei Herrn Michaelis, meinem Clavierlehrer, hauſ'te ein knochenduͤrres Mamſellchen, das ſeine ſechszig zaͤhlte;— bei Herrn Victorieux, meinem Tanzmeiſter,— halt— bei Herrn Victorieur!— da war, unter einem Chor junger Maͤdchen vom Theater, das ich einmal 42 dort in der Tanzſtunde traf, die goldgelockte Joſephine, die leichte Hebegeſtalt mit dem gro⸗ ßen blauen Auge, dem kurzen Roſakrepp⸗ ſchuͤrcchen, und dem verfuͤhreriſchen ſeidenen Mieder— das war die Graͤfin Gorm, die im Wagen ſaß und lachte, die den Juden ab⸗ fand, die mir jetzt den Doppelfritz zugedacht hatte.— Aber die Graͤfin Gorm aus dem uralten Geſchlechte der Scioldinger, aus dem Stammhauſe der erſten Daͤnen⸗Koͤnige,*) wie ſollte die mit den Balletſtatiſten in der Tanzſtunde des Herrn Viktorieux zuſammen kommen! In dem Augenblicke trat der Herr Pro⸗ feſſor mit Guſtchen aus ſeinem Zimmer. Er ſah mild und freundlich aus, wie ich ihn lan⸗ ge nicht geſehen. Du haſt, hob er an: meiner Tochter mit *) Die erſten Beherrſcher von Dänemark, Nor⸗ wegen und Schweden, waren bekanntlich Odin der Wunderbare, Nollo und Sciold. Ein Sprößling des letztern war Gorm der Alte, der im Jahr 920 Jütland eine Conſtitution gab, das ganze Dänenland ſeinem Zepter un⸗ terwarf, und von der Geſchichte als der erſte König von Dänemark genannt wird. dem Roſenſtocke eine Freude machen wollen; dafuͤr bin ich Dir Dank ſchuldig; aber ſprich, wo haſt Du das Geld hergenommen, ihn zu bezahlen? Der Antwort abſichtlich ausbeugend, bat ich, mich in Guſtchens Gegenwart mit dieſer Eroͤrterung zu verſchonen. Er nahm die Zart⸗ heit dieſer Bitte mit Wohlgefallen auf, und ſagte: zur Graͤfin kannſt Du nicht, dazu habe ich meine Urſachen. Der Graf, ein liederlicher Patron, hat einmal Unterricht bei mir neh⸗ men wollen, ich wies ihn aus Gruͤnden ab, und bin ſeitdem mit dem Hauſe zerfallen. Damit Du aber ſiehſt, daß ich fuͤr die Auf⸗ merkſamkeit, die Du Guſtchen bewieſen, auch dankbar ſeyn kann, ſchenk ich Dir dieſen hal⸗ ben Gulden; Du biſt noch nicht in der Oper geweſen; heute iſt ein großes Meiſterwerk. Eben hat es halb acht geſchlagen: wenn Du laͤufſt, kommſt Du noch zu rechter Zeit. Nur wer ſo blutarm iſt, als ich es war, wird das Entzuͤcken ermeſſen, das mich durch⸗ ſchauerte, bei dem Gedanken, heute— jetzt — dieſen Augenblick die erſte Oper zu ſehen. Ich vergaß alles, das Goldſtuͤck, die Graͤfin, Guſtchens Puppenhochzeit, Lina, mich, kuͤßte dem Profeſſor die Hand, eilte auf mein Zim⸗ mer, und ſtuͤrzte zum Hauſe hinaus. Dicht vor dem Opernhauſe begegnete mir die Graͤflich Gormiſche Equipage, die leer zu⸗ ruͤckfuhr. Alſo war meine Graͤfin auch in der Oper! Wohl ſchnitt mir es durch das Herz, als ich die Pferde, den Wagen, den Kutſcher, die Bedienten ſah, die alle meinen Roſenſtock vernichten halfen. Doch— hol' der Henker den Roſenſtock, der ja doch einmal verbluͤht waͤre; die Oper, die Oper! Ich draͤngte mich an die Caſſe. Das ge⸗ doͤſ'te Billet in der Hand, ſtuͤrmte ich an die erſte, beßte Thuͤr. Oho! rief ein auf mich zukommender Lo⸗ genſchließer: das iſt die Graͤflich Gormiſche Lo⸗ ge, die iſt abonnirt. Nun da will ich eben hinein, entgegnete ich, und hielt ihm mein Billet trotzig unter die Augen. Sachte, ſachte, erwiederte er mit einem ſpoͤttiſchen Blicke auf das Billet: Sie kom⸗ men hoͤher hinauf. Ich Mittelooſer, noch hoͤher als die Graͤ⸗ 45 fin Gorm! dachte ich, und wußte nicht, wie ich vom Herrn Profeſſor eine ſolche Auszeich⸗ nung verdient hatte; ich waͤre gern unten bei der Graͤfin geblieben. Hoͤher hinauf, ſagte der Logenſteher des zweiten Ranges, als ich ihm mein Bilet wies, und ich ward faſt verlegen, denn ich fuͤrchtete, nun durch die uͤbergroße Guͤte des Herrn Profeſſors, in eine Geſellſchaft zu tre⸗ ten, in die ich mit meinem Anzuge und mei⸗ nem ganzen Weſen gar nicht paßte. Noch eine Treppe, entgegnete der Logen⸗ waͤrter des dritten Ranges, und ich machte mich gefaßt, nun zum Fuͤrſten ſelbſt zu kom⸗ men, kam aber ſogar ins Paradies. Ich wurde eingelaſſen und merkte nun wohl, daß ich nicht zu Sr. Durchlaucht ge⸗ langt war, und daß— eine neue mathema⸗ tiſche Regel— die vier weniger ſeyn koͤnne, als die eins. Ein hektiſcher Schneider ward mein Nachbar; er piepte beim Athenhohlen hoͤrbar genug, um mir die ganze Oper mit ſeiner verwuͤnſchten Gurgelei zu verleiten. 9. bele Die Kunſtverwandten. im Links neben mir ſaß die Koͤchin des Ka⸗ 4. ſtel pellmeiſters; ſie hatte ein Freibillet, und unñ ſprach von der Kunſt mit ſchauderhafter. ſaei Salbung. Hinter ihr knabberte der Hof⸗ wa notiſt, Herr Roſtralewitſch, den ich vom tra Herrn Michaelis her noch kannte, an einer, der wahrſcheinlich von der Kuͤchenhore ihm verehr⸗ 16 ten, altbackenen Bretzel. Nicht wahr, ſagte ſon ſie, und bog ſich, ihm ein Schnappsflaͤſchchen wa bietend, nach hinten: nicht wahr, das heutige— 1 Stuͤck iſt eine Puff⸗Oper? 4 Ko Der Notiſt ſetzte die Geiſtreiche an bie 2 Lippen, ſchluckte unerſaͤttlich und nickte. Jo Opera buffa, verſetzte er verbeſſernd: i 2 fuorusciti, von Paer; ein Rieſenwerk, ich ha⸗ habe mir faſt den Gliedſchwamm daran ge⸗ ſch ſchrieben. ſo Das hat der Baͤr gemacht? erwiederte die. wi Kapellmeiſter⸗Koͤchin. Ne, ſo was Pracht⸗ bel volles giebt's nicht mehr. etr 3 Der Notiſt verſchlang den Bretzelreſt und 1 S ſetzte nun ſein Laͤmpchen auf den Scheffel. Die aͤlteſten Spuren der Opern, hob er im belehrenden Profeſſortone an: finden ſich ſchon im Buche Hiob und in den dramatiſchen Vor⸗ ſtellungen der Griechen; doch legten Galilei und Caccini eigentlich zur Oper den Grund⸗ ſtein. Die erſte Oper hieß Daphne, der Text war von Rinuccini, die Muſik von Peri; ſie trat in der Mitte des funfzehnten Jahrhun⸗ derts an das Licht. Zwei Saͤkula ſpaͤter, 1660, erſchien die erſte deutſche Oper, die, ſonderbar genug, auch Daphne hieß. Sie war von Martin Opitz, aus Bunzlau. Wo der große Topf ſteht? fragte die Koͤchin? Jener nickte und ſprach— Schon im Jahr Chriſti 1593 ſpielte man in Leipzig die Oper Alceſte von Thiemich, und das Opern⸗ haus in Nuͤrnberg ward 1692 mit der deut⸗ ſchen Oper Arminius eingeweiht. Wenn ich ſonach den Urſprung der Oper aus der ehr⸗ wüͤrdigen Ur⸗ und Vorzeit herleite, und dreiſt behaupten darf, daß wir mit unſern Opern ewig leben, und hoffentlich in kurzem das Schau⸗ Trauer⸗ und Luſtſpiel von den Bret⸗ tern verdraͤngen werden; ſo iſt es zum Todt⸗ 48 aͤrgern, wie ſich ein, von der Saalnixe be⸗ hexter, Quidam hat unterfangen koͤnnen, die gleichjam von himmliſcher Abkunft herſtam⸗ mende Oper, oͤffentlich ein Ruͤhrei von Unſinn und Noten zu nennen. Ein Nuͤhrei? fuhr die Kapellkoͤchin auf, und ſtemmte beide Arme in die Seite. Herr Hof⸗Notiſt, da wuͤrde ich meinem Herrn ſchoͤn ankommen. Faſtenſpeiſen darf ich ihm nicht auf den Tiſch bringen. Nein! der iſt fleiſchbegierig. Der Kapellmeiſter klopfte jetzt eben im Orcheſter mit der Notenrolle auf das Pult; der Fuͤrſt trat ein, die Ouvertuͤre begann, und brauſ'te von unten herauf, bis zur Hoͤhe meines Paradieſes, daß mich vor Freude ein Schauer nach dem andern uͤberlief. Meine wortreichen Nachbarn verſtummten. 10. Signora Libertini. Mehremale ſchon hatte ich einen langen Hals gemacht, um die Graͤfin Gorm zu ſehen. Bei ſchoͤnen Stellen nickte die Kuͤchenvirtuoſin dem Notiſten, und der Schneider ſeiner dicken Freundin zu. Ich haͤtte auch gern jemand haben moͤgen, mit dem ich meine Freude uͤber die herrliche Muſik haͤtte theilen koͤnnen; aber es war niemand zu erſpaͤhen. Warum durfte ich nun nicht neben ihr ſitzen, wie hier dieſe zwei Paͤrchen, die ſich in ſuͤßer Traulichkeit umſchlungen hielten, und was ſie genoſſen, doppelt ſchmeckten. Daß ſie Graͤfin und ich nichts war, der kleine Umſtand fiel mir gar nicht ein; ſie war ja ſo freundlich geweſen, ſie hatte ja ſo huldvoll gelacht; ſie haͤtte ge⸗ wiß nichts dagegen gehabt, wenn ich als Nach⸗ bar ſie umſchlungen haͤtte. Meine Hoͤhe und der Zauber der Toͤne machte mich in meinen Traͤumen ſo kuͤhn, als ich mich nie gefuͤhlt hatte. Der Vorhang flog auf. Ich war ganz Ohr, ganz Auge. Noch vor wenig Minuten einer Blondine, meiner Graͤfin Gorm zu Fuͤ⸗ ßen, huldigte ich jetzt der ſchwarzgelockten Pri⸗ ma Donna, Signora Libertini. Die hehre Geſtalt, die bluͤhende Wange, das blendende Weiß des vollen, ſchoͤnen Halſes, der uͤppigen Achſeln, des frei⸗ und hochwogenden Buſens 4 50 — das italiſche, gluͤhende Auge; die anmu⸗ thigen Bewegungen, und nun die Stimme— dieſe Go3ͤtter⸗Stimme!— Die Diagonale von meiner Hoͤhe bis zu ihr hinab, war ſehr bedeutend, und doch haͤtte ich jedes Wort ver⸗ ſtanden, wenn es nicht Italieniſch geweſen waͤre; ſo deutlich toͤnte ihr Metall zu mir herauf. In der Bravour⸗Arie erſchoͤpfte ſie ihre Kunſt; ſie hielt unter andern Minuten lang einen Ton ſicher und feſt, gab ihn immer ſtaͤrker und ſtaͤrker, ſprang dann eine ganze Oktave hoͤher, ſtieg dann noch vier, fuͤnf Toͤne bis zu einer ſchwindelnden Hoͤhe hinauf, zog da oben wieder einen langen, ſchoͤnen Ton aus voller Bruſt, und ſchlug nun einen Triller, daß ich den Athem verlor.— Der Beifall brauſ'te ſtuͤrmiſch auf; die Koͤchin rief Bravo! Ich konnte vor Entzuͤcken kaum zu mir ſelbſt kommen. Ich waͤhnte, bis dahin gar nicht gelebt zu haben. Wie hatte ich ſonſt gehorcht, wenn Cantors Chriſtel bei mir zu Hauſe das empfindſame Liedchen ſang: Jungfer Lieschen, weißt du was, Komm mit mir in's grüne Gras ac. 220 8 ihre lang nmer ganze Toͤne zog aus iller, eifall vo! mir gar onſt zu 51 Aber was war das gegen die Sphaͤrenzauber der goͤttlichen Libertini! Der Hof⸗Notiſt bat ſich bei der Koͤchin noch ein Schluͤckchen aus, und meinte, es ſey ihm bei der letzten Cadenz ſelber ganz ſchwind⸗ lich worden, er muͤſſe ſich wieder Courage trin⸗ ken; und wenn ich der Noten mache, ſetzte er ſchluckend hinzu: noch einmal ſo hoch, ſie klettert mit ihrem Stimmchen, hol mich der Schneider! doch hinauf. Keine Anzüglichkeiten! ſiel der Kleiderma⸗ cher empfindlich dem Hof⸗Notenſchreiber in das Wort, und ward braunroth im Geſichte; die dicke Freundin aber beſchwichtigte den Hek⸗ tiker durch einen wohlgemeinten Ellnbogenſtoß, durch den Zuruf: Hoͤren Sie nur das ganz goͤttliche Rezitif, und ſteckte ihm einen duͤnnen Pfefferkuchen zu, auf welchem fuͤnf Mandeln prangten. Mich ekelten derlei liebliche Genuͤſſe an. Fuͤr einen Kuß auf die reizvollen Lippen der Libertini haͤtte ich eine Welt gegeben. Doch, mir ſollte noch Hoͤheres werden. 4* 11. Das Ballet. Ein Corps Genien, denn Menſchen waren das nicht, flog auf die Buͤhne. Vier und zwanzig der ſchoͤnſten Maͤdchen und jungen Leute. Das vermaledeite Ballet, brummte die Koͤchin: das iſt noch meines Herrn Tod! Sie nippte an dem Reſt des Doppelkuͤmmels, den ihr der trockene Hofnotenſchreiber in der Fla⸗ ſche gelaſſen, und ſah vor reinem Kunſtaͤrger gar nicht hin; ich aber und der Schneider er⸗ klaͤrten dieß fuͤr das Beßte, und ich riß die Augen weit auf, denn ich erkannte unter den Maͤdchen viele, die ich bei Herrn Viktorieux in der Tanzſtunde geſehen hatte. Jetzt bildeten die Genien einen Halbkreis, und mitten unter ſie ſchwebte aus dem Hin⸗ tergrunde eine Himmelsgeſtalt. Es war Pſyche. Das ganze Haus klatſchte bei dem Auf⸗ treten dieſes leichtgefluͤgelten Goͤtterkindes. Die Reizende flog mit aͤtheriſcher Behendigkeit bis an's Proſcenium, breitete beide Schwanenar⸗ me gegen das Parterre, ruhte auf der Feder⸗ 49 53 kraft ihres Zehenſpitzchens, und laͤchelte mit lieblicher Freundlichkeit in das Haus. Da hielt ſich Niemand laͤnger; alles was Haͤnde aren hatte, klatſchte, und ich erkannte Joſephinen. und Auch mich, bildete ich Duͤnkelvoller mir ien ein, auch mich mußte Joſephine wieder er⸗ kannt haben, denn ich gewahrte mit geheimer, die unausſprechlicher Freude, daß der Strahl ihres Sie großen himmelblauen Auges mich in dem hin⸗ den terſten Winkel meines Paradieſes traf, und Fla⸗ waͤhnte, daß ſie uͤber den Zufall, mich ſo un⸗ iger vermuthet wieder gefunden zu haben, um eins els ſo freundlich geworden ſey. Ich nickte ihr die. aus meinem ſtillen Verſtecke, hinter dem den 3 Schneider und ſeiner Dicken, mit ſuͤßen Lie⸗ eux besblicken zu; aber ſie dankte nicht, denn eben . kamen ihre Aeltern, der Sonnengott und En⸗ i9, delechia, und ſetzten ihr durch Pantomime aus in⸗ einander, daß Venus, auf ihre Schoͤnheit nei⸗ he. diſch, den Amor beauftragt habe, ihr Herz if⸗ einem haͤßlichen gemeinen Menſchen zuzuwen⸗ ie den, daß ſich Amor bereits naͤhere, und Pſyche is daher auf ihrer Hut ſeyn ſolle. 14 4 Die Aeltern verließen mit dem Gefolge die Buͤhne, und ließen— obſchon der Sonnen⸗ 54 gott alt genug war, um zu wiſſen, wie es in der Welt hergehe— das ſuͤße Fluͤgelkind allein. Amor kam. Er nahte graͤmlich, hatte aber kaum die himmliſche Pſyche in das Auge gefaßt, ſo war er weg, rein verloren. Statt ihre Neigung einem Andern zuzulenken, fiſchte der Patron das Maͤdchen fuͤr ſich ſelbſt weg, und Joſephine— der Blitz der Eiferſucht zuckte mir durch alle Glieder— kam ihm viel zu ſchnell entgegen. Amor erſchien, nach der heutigen Sitte der Großen, wenn ſie auf ſchlimmen Wegen gehen, incognito. Sie wuß⸗ te alſo nicht einmal recht, wen ſie vor ſich hatte, noch, ob das der waͤre, vor dem ſie die Aeltern gewarnt hatten, und doch that ſie gleich mit ihm ſo freundlich, war gleich ſo hingebend, daß ich ſie, in meinem preßhaften Winkelchen, gar nicht begreifen konnte. Beide tanzten ein kunſtreiches pas de deux. Alles klatſchte ſich wieder die Haͤnde wund, und ſchrie die Haͤlſe heiſer; ich mochte und konnte kein Glied ruͤhren. Der Vorhang fiel und mir der Muth. Im zweiten jetzt beginnenden Akte zog 55 Papa Sonnengott das Orakel uͤber das Schick⸗ ſal ſeiner Tochter zu Rath. Das Unbegreif⸗ liche that einen ſchrecklichen Ausſpruch: Pſyche, toͤnte es tief aus der Erde herauf: Pſyche iſt einem gefluͤgelten Drachen zur Braut be⸗ ſtimmt, fuͤhre ſie auf die Gipfel der Berge, dort wird ihr Braͤutigam ſie finden.— Ein Donnerſchlag, der mir und der Koͤchin das Herz durchbebte— denn wir beide ſchrieen zu gleicher Zeit auf— rollte furchtbar uͤber uns hin, und ich haͤtte verzweifeln moͤgen, denn der Sonnengott gehorchte und fuͤhrte, ſtatt das geliebte Kind in ſeinen Sonnenwa⸗ gen zu nehmen, und mit ihm uͤber alle Berge zu fliegen, die ungluͤckliche Joſephine, in einem prachtvollen Trauerzuge, auf die Spitze eines Felſen. Dieſer, nun von allen verlaſſene Engel, dort auf dem Gipfel des oͤden himmelanſtar⸗ renden Felſen, ſollte einem Drachen geopfert werden. Ihre Thraͤnen, das Ringen ihrer Lilienhaͤnde, das ſtuͤrmiſche Wogen ihres qual⸗ erfuͤllten Buſens, der irre Blick, mit dem ſie rund umher fragte, ob keiner ſey, der ſie er⸗ rettete— nein, ich hielt es nicht laͤnger aus 56 — aber allein konnte und wollte ich das Wagſtuͤck nicht unternehmen. Helfen Sie doch! ſagte ich zum Schneider gewendet und ſetzte ihm Joſephinens dringende Noth und meinen Entſchluß, ſie dem Drachen zu ent⸗ reißen, mit kurzen Worten aus einander. J da muß eine alte Wand wackeln! ent⸗ gegnete der erbetene Bundesgenoſſe mit Hohn⸗ gelaͤchter, und lispelte leiſer ſeinem Idol in's Ohr: der iſt wohl verruͤckt. Ja, ich war es geweſen! Joſephinens Pan⸗ tomimenſpiel hatte mir auf einen Augenblick den Verſtand geraubt; ſie hatte den Schmerz, die Verzweiflung ſo wahr, ſo taͤuſchend darge⸗ ſtellt, daß ich nicht mehr Joſephinen, daß ich Pſychen ſelbſt ſah. Ich ſchaͤmte mich jetzt vor dem Schneider und ſeinem Abgott, vor dem Hofnotiſten und der Koͤchin, die ſich alle, eins nach dem andern, uͤber meine Dummheit, wie ſie es nannten, zu Tode haͤtten lachen moͤgen; aber ich ſchaͤmte mich nicht vor mir ſelber, noch weniger vor Joſephinen. Ihrem Meiſterſpiel war, ſollte ich meinen, meine bis zu dieſem Grade geſteigerte Vergeſſenheit die eiefſte Huldigung. 57 4 Ich war zwar durch des Nadelhelden ab⸗ lehnende Antwort, auf meine Auffoderung zur Huͤlfe im Drachenkampfe, wieder zu mir ſelbſt gekommen; ich wußte jetzt wieder Joſephinen von Plychen zu trennen; allein es bangte mir doch vor dem Augenblick, wo der Orakeldrache herbeifliegen werde, um ſeine Beute durch die Luͤfte zu fuͤhren. Es ereignete ſich etwas noch viel Schlim⸗ meres als das Gefuͤrchtete. Pſyche ſank, von Weinen und Jammer äber ihr grauenvolles Loos, erſchoͤpft auf das Moos des Felſengipfels nieder, und ſchlummer⸗ te, eingelullt von den Zaubertoͤnen des Orche⸗ ſters, allmaͤhlig ein. Sie hatte kaum die thraͤnenfeuchten Augen geſchloſſen, als die Mu⸗ ſik in ein leichtes taͤndelndes Tempo uͤberging; der Himmel, an dem ſich, dieſen ganzen Akt aͤber, ſchwarze Donnerwolken, vom wilden Sturmwinde gepeitſcht, umhergejagt hatten, heiterte ſich auf; das Meer, das in grauſender Brandung die weißſchaͤumenden Wellen an das ſchroffe Felſenriff geſchleudert hatte, ebnete ſich jetzt zur glatten Spiegelflaͤche; der brauſende Orkan, der mit ſchrecklichem Geheule bis da⸗ 58 hin zu vernehmen geweſen war, legte ſich als⸗ ſchr bald, und immer klarer und heiterer ward der Zej unermeßliche Horizont, an deſſen fernſten Saͤu⸗ lin men das Gold der ſinkenden Abendſonne, die ſen ruhig gewordenen Fluthen in unbeſchreiblicher mit Schoͤnheit uͤberpurpurte. Fit Jetzt kommt der Drachen⸗Braͤutigam! au ſagte alles, und der lederherzige Schneider rieb. ſen ſich vor heimlicher Freude uͤber das nun be⸗ ginnende Spektakel, die duͤrren Knochenhaͤnde ſpr zwiſchen den Knieen. S Weit, weit uͤber der hohen See ſchwebte giſ etwas in den ſtillen Abendluͤften herauf, was tro immer groͤßer ward, und immer naͤher. kam, ü zu aber doch immer noch ſo entfernt war, daß es ten kein Menſch recht deutlich erkennen konnte. ſei Die Koͤchin hielt es fuͤr einen Flug Gaͤnſe, be der Hofnotiſt fuͤr Kiebitze, die Dicke meinte, mn es waͤren Klapperſtoͤrche, der Schneider aber de hatte die beſtialiſche Idee, daß ein ganzes S Drachenneſt ausgeflogen waͤre, und die Braut ſe heimfuͤhren werde. Sie hatten ſich alle getaͤuſcht. Kleine al ſe lerliebſte Amoretten waren es, die mit zarten 14 d Roſengewinden durch die milden Luͤfte herauf⸗ 4 als⸗ der 3 59 ſchwebten; in ihrer Mitte der leicht gefluͤgelte Zephyr, ein wunderſchoͤner goldgelockter Juͤng⸗ ling. Er allein flog auf den Gipfel des Fel⸗ ſen; ſein ſchaͤkerndes Gefolge aber umkreiſ'te, mit taubenaͤhnlichem Schwirren der bunten Fittiche, das Mooslager der ſuͤßen Schlaͤferin, auf der von der Abendſonne beleuchteten Fel⸗ ſenſpitze. Zephyr gab ſich, durch verſtaͤndliche Zeichen⸗ ſprache als Amors Geſandten zu erkennen. Sein Creditiv war ein mit Lilien und Ver⸗ gißmeinnicht umwundener Pfeil. Sein Auf⸗ trag, zeigte er, war, dem Drachenbraͤutigam zuvor zu kommen, und Pſyche in Amors war⸗ tende Arme zu entfuͤhren, wenn Piyche, wie ſeinem Gebieter bei dem erſten Begegnen habe bedunken wollen, dieſem auf Gegenliebe Hoff⸗ nung mache. Dieß zu ergruͤnden, ſolle er ſich des Pfeiles bedienen. Setze ner dieſen der Schlafenden auf die Bruſt, und ſie laͤchle, ſo ſey die Sache richtig. Er tanzte jetzt, aus Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, und gleichſam im freudigen Vorgefuͤhl des Gelingens, ein Solo, daß allen Leuten die Haare zu Berge ſtiegen, denn er ſprang auf 60 einen kleinen Vorſprung des Felſen heraus, der uͤber dem Abgrunde hing und ſo ſchmal war, daß er kaum mit einem Fuße darauf Platz hatte. That der Tollkuͤhne einen einzi⸗ gen Fehltritt, ſo ſtuͤrzte er unrettbar herab; denn wer da herunter fiel, konnte ſchwerlich ein Glied ruͤhren. Daß Du den Hals braͤchſt! dachte ich im Stillen, und knirſchte heimlich mit den Zaͤh⸗ nen, denn die verfuͤhreriſchen Schmeichelkuͤnſte dieſes lieblich geſtalteten Zephyrs„ und ſeine Amorettenbande, waren Joſephinen weit ge⸗ faͤhrlicher, als der ihr zugedachte Drache. Ge⸗ gen dieſen haͤtte ſie, im Abſcheu vor ſeiner Häͤßlichkeit, ſich gewehrt und im ſchlimmſten Falle ihr Leben daran geſetzt; wie aber konnte die Unerfahrne den Lockungen widerſtreben, mit denen der zauberreiche Amor, der mit lauwarmen Weſtwinden ſie umſpielende Zephyr, und ſeine in allen Teufelskuͤnſten der Liebelei erfahrenen buntgefiederten Helfershelfer ſie be⸗ ruͤckten? Vielleicht laͤchelt ſie nicht, ſagte ich mir troͤſtend, und baute auf das Orakel des weiſen Apollo, und auf meinen innern Glauben, daß 61 die Tugend eben ſo gut Joſephinen, ihren Schuͤtzling, auf dem Felſenneſte da oben mit ihren Schutzgeiſtern unſichtbar umſtellen koͤnne, als ſie jetzt von den leichtſinnigen Dienern der Liebe umflattert werde. Nach der gelehrten Auseinanderſetzung des Hofnotiſten, welcher ſei⸗ ne mythologiſchen Kenntniſſe aus dem Opern⸗ buche geſchoͤpft hatte, war Apulejus der erſte geweſen, der uns die Mythe der Pſyche, wie ſie uns der Balletmeiſter darſtellte, erzaͤhlt hat⸗ te. Ich verſtand den ſinnvollen Lateiner recht gut; der gefluͤgelte Drache, den das Orakel verkuͤndet hatte, war niemand anders, als der abſcheuliche Amor ſelbſt; kann etwas drachen⸗ aͤhnlicher ſeyn, als Liebe dieſer Art? und das Gefluͤgelte deutet ja offenbar auf den fe⸗ derleichten Leichtſinn, mit dem dieſe gefaͤhrliche Liebe uͤber alle Verhaͤltniſſe, Bedenklichkeiten und Grundſaͤtze wegſetzt. Meine Beſorgniß war leider nur zu ge⸗ gruͤndet. Zephyr endete ſein Solo mit dem Wag⸗ ſtuͤkk, daß er ſich draußen auf dem ſchwindel⸗ hohen Felſenvorſprung, wie eine Spindel, zehn, zwoͤlfmal hintereinander, auf einem Fuße 62 blizſchnell herumdrehte, dann auf demſelben Fuße, vorn ein wenig uͤbergebeugt, die Mee⸗ restiefe unter ſich, in ſchwebender Stellung, eine Weile ſtehen blieb, und mit ſchalkhafter Miene zu verſtehen gab, daß er nun mit ſei⸗ nem Pfeile Pſyche's Liebes⸗Geheimniß erfor⸗ ſchen wolle. Er ſetzte, unter leiſer Begleitung eines koͤſt⸗ lichen Floͤten⸗Solo's, die goldene, haarfeine Spitze des blumenumwundenen Pfeiles, heim⸗ lich auf die Schwanenbruſt der ſchlafenden Pſyche— und Pſyche laͤchelte mit geſchloſſe⸗ nen Augen in ſuͤßer Verzuͤckung! Das ſundige Parterre klatſchte; mir brach das Herz, Joſephine war verloren. Lieber zu hundert Drachen, als zu einem Amor. Zephyr freute ſich ſeines ſtolzen Sieges, und die kleinen Amorettenteufelchen flatterten mit hoͤlliſcher Schadenfreude heran, ſchlangen um das Mooslager der reizvollen Schlaͤferin ihre Blumenketten, und ſchwebten, den heillo⸗ ſen Zephyr an ihrer Spitze, mit dem ungluͤck⸗ lichen Opfer des liebedurſtigen Amors, uͤber des Meeres unermeßlichen Spiegel, durch die ſtillen, dunkelnden Luͤfte davon. elben Nee⸗ ung, after ſei⸗ for⸗ koͤſt⸗ feine eim⸗ aden oſſe⸗ rach r zu ꝛiges, rten igen erin illo⸗ uͤck⸗ aͤber die 63 Der Vorhang fiel. Ich dachte, das ent⸗ zuͤckte Publikum wuͤrde das ganze Haus aus einander klatſchen. Die Welt liegt im Argen. Ich mochte keinen Akt weiter ſehen. Pſy⸗ che wird, nach des Hofnotiſten Mythenlehre, die er uns im Zwiſchenakte vortrug, von den ſpitzbuͤbiſchen Genien, in Amors Roſentempel getragen; dort empfaͤngt ſie der Liebesgott mit allem, was nur irgend den Sinnen ſchmeicheln kann; ſie ſinkt, von der Macht ſeines Reizes bethoͤrt, aus den Blumenfeſſeln der Amoretten, in ſeine umfangenden Arme, und er feiert, die ſchoͤne Drachenbraut an ſeinem liebegluͤhenden Herzen, den glorreichſten Sieg frevelnder Liſt; — ſollte ich des Allen Zeuge ſeyn? Aus Furcht vor der Mutter, erzaͤhlte der Hofnotiſt Apulejus secundus weiter: ſetzt Amor dieſe Beſuche nur des Nachts fort; er kommt bei Lunens verſchwiegenem Lichte, und druͤckt auf Pſyche's ſuͤße Lippen den Scheide⸗ kuß, wenn Aurora mit ihren Roſenfingern den Horizont erhellt.— Das Alles ſollte ich mit anſehen? Noch immer, fuhr der Notenprofeſſor fort: weiß Pſyche nicht, daß es der Gott der Liebe 64 iſt, welcher der Unſchuld Lilien aus ihrem Bluͤthenkranz geraubt; ſie hat, weil er nie anders, als in den Mantel der Nacht gehuͤllt, ihr Roſenlager theilte, ihn noch nicht einmal von Angeſicht zu Angeſicht geſehen.— Giebt es, dachte ich im Stillen, eine deutungvollere Mythe auf die veraͤchtliche, bloß materielle Lie⸗ be.— Doch, die Neugierde, die ſchon ſeit Deukalions Zeiten, ein Erbtheil der Maͤdchen war, laͤßt Pſyche nicht laͤnger raſten; ſie be⸗ nutzt den Augenblick, wo Amor, von ihren Reizen ſuͤß berauſcht, an ihrer Seite einge⸗ ſchlummert iſt, ſteht vom blumenduftigen Lager auf, holt ihre Lampe, und ſchleicht ſich heran, um den geliebten Verfuͤhrer unbemerkt zu be⸗ lauſchen. Das Haͤndchen vor die heimlich flackernde Flamme haltend, naͤhert ſie ſich dem Schlafenden, und erkennt den ſchoͤnſten der Himmelsfuͤrſten, den Liebesgott ſelbſt. Sie erbebt vor freudigem Schreck; ihre Hand zit⸗ tert; ein Tropfen heißes Oel faͤllt auf die blendend weiße Schulter des goͤttlichen Schlaͤ⸗ fers; er erwacht, ſieht ſich verrathen und entflieht. Der Vorhang rollte jetzt zum dritten Akte rem nie äͤllt, mal jebt lere Lie⸗ ſeit hen be⸗ ren ge⸗ ger an, be⸗ lich em der Sie it⸗ die laͤ⸗ nd ete 65 auf. Joſephine, im Roſenpallaſte des Gluͤck⸗ lichen, lag, von tauſendfaͤltigem Liebreiz uͤber⸗ goſſen—— ich konnte nicht hinſehen; alles Blut ſchoß mir in die Augen; es brannte mir eine Glut im Geſichte, als ſtehe das ganze Haus in Flammen, und eine ſo angſtvolle Hitze preßte mir die Bruſt, daß ich erſtickt waͤre, wenn ich noch eine Minute ausgehalten haͤtte. Ich ſtuͤrzte halbtodt aus dem Hoͤllen⸗ paradieſe, ſtuͤrzte die Treppe hinab, und ge⸗ wann erſt im Freien, auf der Straße, den Odem wieder. 12. Markus vor! Nie wieder ein Ballet! ſagte ich halb laut, und ſog die kalte Straßenluft mit einem Wohlbehagen ein, als kaͤme ich aus der me⸗ phytiſchen Schwefelreſidenz des leidigen Sata⸗ nas— und doch aͤrgerte ich mich wieder, daß ich es nicht abgewartet. Häͤtte ich gewußt, was ich ſpaͤterhin durch das Studium der Mythologie erfuhr, daß es vom vierten Akt an, Pſychen, durch die Verfolgung der aufge⸗ 5 66 brachten Schwiegermutter Venus, gar truͤbſelig erging, daß ſie auf deren Befehl ſogar in das Reich der Todten hinabſteigen, und von der Proſerpina eine Buͤchſe mit Schoͤnheitſalbe ho⸗ len mußte; daß ſie dieſe Buͤchſe wieder, aus angeſtammter Neugierde, dem Verbot entge⸗ gen, oͤffnete, und vom toͤdtlichen Dampfe der⸗ ſelben leblos zu Boden geſtreckt ward,— ich waͤre geblieben, und haͤtte mich an der wohl⸗ verdienten Strafe fuͤr ihr ſchuldvolles Entge⸗ genkommen, und fuͤr ihre leichtſinnige Unbe⸗ ſonnenheit, recht eigentlich geweidet.—— Pah, ſagte ich endlich, als ich mich auf dem ſpitzen Straßenpflaſter ein wenig ergangen hat⸗ te: was geht dich Joſephine an! laß ſie! Schwerlich werden ſie ihre Amors und ihre Zephyrs mit der Zartheit, mit der ſchuldloſen Treue lieben, mit der du dieſes goldlockige En⸗ gelskind wuͤrdeſt geliebt haben, wenn es an⸗ ders dein werden koͤnnte. Haſt du doch etwas weit Hoͤheres im Sinn. Joſephine iſt ſchoͤn, iſt himmelſchoͤn; aber die Graͤfin, wenn ihr auch Joſephine aͤhnelt, iſt hundertmal ſchoͤner. Beide blond, beides herrliche Geſtalten; beide die Gutmuͤthigkeit, die Sanftmuth, die Liebe bſelig das n der e ho⸗ aus entge⸗ der⸗ — ich wohl⸗ ntge⸗ Unbe⸗ 67 ſelbſt; aber die Graͤfin iſt— wahrhaftig, ihr Rang hat mich nicht beſtochen, aber ſie iſt viel feiner, viel anſtaͤndiger; in ihrem ſeelen⸗ vollen Auge liegt mehr Geiſt, in ihren Wan⸗ gen⸗Gruͤbchen laͤchelt die Schalkheit lieblicher, und das Beutelchen in ihrer kleinen Hand— nein, mit dieſem Anſtande, mit dieſer Her⸗ zensguͤte, mit dieſer vornehmen und doch ſo humanen Ungebundenheit haͤtte Joſephine dem Troͤdeljuden den Dukaten nicht geben koͤnnen! So etwas wird den Grafen⸗Kindern gleich angeboren. So ſprach ich zu mir ſelbſt, und war un⸗ bemerkt wieder auf den rechten Weg zu mei⸗ nem Gluͤck, auf den Weg zur Graͤfin Gorm zuruͤck gekommen. 4 Der Herr Profeſſor wollte zwar ſeine Gruͤn⸗ de haben, warum ich nicht zu ihr gehen ſollte. — Aber, man kennt ja die graͤmlichen Alten mit ihren pedantiſchen Anſichten. Wer weiß, was er mit dem Grafen gehabt hatte,— doch, was ging das mich an.— Aber,— ſagte er nicht, daß der Graf ein luͤderlicher Patron ſey?— Im Ganzen war das kein Ausdruck, der ſich fuͤr einen Profeſſor ſchickte. * 68 Wie kannte der alte grundgelehrte Herr die ben Welt ſo wenig. Ich armer, blutarmer Junge, es! auf deſſen Erziehung, bis zu dem Augenblick, etwe in dem mich der Fuͤrſt zufaͤllig kennen gelernt dan hatte, keine zehn Thaler waren verwendet wor⸗ war den, rechnete mich zu den geſitteten, wohlge⸗ die zogenen und an Ordnung gewoͤhnten Men⸗ lern ſchen; um wie viel mehr mußte man nicht ei⸗ Unt nen Grafen dahin zaͤhlen, deſſen Bildung ge⸗ gele wiß ſchon viele Tauſende gekoſtet haben moch⸗ Du te. Einen luͤderlichen Grafen konnte ich mir Mr damals noch gar nicht denken, und giebt es verh einen, ſo iſt es ſchlium, daß er an der Ver⸗ nich nichtung der Achtung arbeiten hilft, die vor verh ſeinem Range in der Bruſt des großen Hau⸗ entf fens wohnt, in dem, wenn auch nicht Edel⸗ Fra leute, doch recht viele edle Menſchen zu fin⸗ Juͤ den ſind. Etu War mein Gnadenbild, die Graͤfin, des ſprie 4 ſogenannten luͤderlichen Patrons Gattin oder die Schweſter? das fing mich jetzt an zu inte⸗ graͤf reſſiren. theil Nein, nein, die Schweſter, ſagte ich, mich konn 2 beruhigend: denn die Gattin eines alſo Be⸗ laſſe ſcholtenen haͤtte nicht ſo froͤhlich, nicht ſo le⸗ eine er die Funge, nblick, gelernt wor⸗ ohlge⸗ Men⸗ cht ei⸗ ig ge⸗ moch⸗ h mir ebt es Ver⸗ ſe vor Hau⸗ Edel⸗ u fin⸗ „ des oder inte⸗ „mich o Be⸗ 69 bensluſtig ausſehen koͤnnen. Aber doch— es war, als laͤge auf der andern Seite wieder etwas Wuͤnſchenswerthes fuͤr mich in dem Ge⸗ danken, ſie als ſeine Gattin zu wiſſen, ſie war dann beſtimmt ungluͤcklich, und ich konnte die Leidende, wenn ich ſie einmal kennen ge⸗ lernt hatte, troͤſten, ihren Schmerz uͤber den Unwuͤrdigen theilen; kurz, es kam mir recht gelegen, wenn die Graͤfin Wunderhold zu den Dulderinnen gehoͤrte; auch hatte ich viel mehr Muth, mit der Graͤfin zu ſprechen, wenn ſie verheirathet war; die Frauen haben bei weitem nicht ſo hohe Schranken um ſich, als die Un⸗ verheiratheten ihres Standes. Eine Jungfrau entfernt den Mann viel mehr, als eine junge Frau. Zwiſchen der Jungfrau und dem Juͤngling iſt ein Geheimniß, ein raͤthſelhaftes Etwas, das beide verſchuͤchtert; mit der Frau ſpricht es ſich ſchon viel ungebundener. Nein, die Graͤfin war beſtimmt verheirathet. Der graͤfliche Lakai hatte ja, nach Guſtchens Mit⸗ theilung, geſagt, ich ſolle hinkommen. Das konnte nur eine Frau, kein Maͤdchen ſagen laſſen; fuͤr Letzteres haͤtte ſich es nicht geſchickt, einen jungen, ſteinfremden Menſchen einzuladen. Es zog mich jetzt unwiderſtehlich zu der Graͤfin. Ihre Equipage ſtand vor dem Opernhauſe; ich konnte die herrliche Frau dieſen Abend 5 noch ſehen. Ich kehrte, von dem begluͤckenden deſ Gedanken getrieben, nach dem Opernhauſe zu⸗ die ruͤck, ſuchte in der langen Wagenreihe den ble Zerſtoͤrer meines Roſenſtocks heraus, und frag⸗ ur te den Rienen Kutſcher recht fein, ob der ku Herr Graf ihe Frau Graͤfin in der de Oper waͤren. th Beide! war die Antwort. T Da hatte ich es ja auf einmal. Frau d war alſo die blondgelockte Graͤfin Wunderhold, 2 n die meiner mit Wohlgefallen gedachte, die mir ſ meinen Verluſt fuͤnffach erſetzen wollte, die— Markus vor! ſchrie ein treſſenreicher Be⸗ dienter vor dem Portale des großen, von flak⸗ kernden Kienkoͤrben hochbeleuchteten Opernhau⸗ ſes,— vielleicht der naͤmliche, der mich zu ihr geladen,— uͤber den dunkeln Platz, und Mar⸗ 4 kus, der baͤrtige, raſſelte herbei. Ich flog hinterdrein. ð& 13. Der kleine Fuß. Noch ſehe ich den praͤchtigen Wagen, in deſſen Lack ſich das Feuer der Kienkoͤrbe und die Fackel des Bedienten herrlich ſpiegelte; die blanken Rieſenpferde, die ungeduldig ſtampften und ſich baͤumten, und dem gewaltigen Mar⸗ kus die Zügel aus der Hand draͤngen wollten; den zweiten Bedienten, dev iett die Wagen⸗ thuͤre oͤffnete, und die, mit buntgebluͤmten Teppichen gepolſterten Tritte auseinanderſchlug; die Graͤfin, tief eingehuͤllt in tuͤrkiſche Shawls und Tuͤcher, und umfloſſen von einem weichen, ſchwarzſeidenen Mantel; und den Grafen in Eskarpins und einem modiſchen Oberrocke. Dieſer hatte die Liebliche mit einem Arm um⸗ ſchlungen, und warnte mit zaͤrtlicher Theilnah⸗ me, ſich vor Erkaͤltung in Acht zu nehmen. Kommen, in den Wagen ſteigen und davon war das Werk einer Viertel⸗Minute; ſo eilig und raſch ging das alles. In demſel⸗ Augenblicke ſtromten Hunderte aus dem ar zu Ende. Bedienten, Herren, Damen, La⸗ jagen, ben Hauſe; die Oper w Wagen, Maͤgde, Wache, —— ternenjungen, alles draͤngte ſich in wildem Ge⸗ wirre durch einander; ich fluͤchtete aus dem bunten, mannichfach beleuchteten Getoͤſe nach Hauſe. Unterwegs begegnete mir mein No⸗ ſentoͤdter wieder; der junge Graf ſaß allein im Wagen. Morgen geh' ich beſtimmt zur Graͤfin! das war jetzt mein feſter Vorſatz. Das Zehn⸗ thalerſtuͤckk nehm' ich nicht; ich haͤtte es wohl brauchen koͤnnen, es waͤre ein Kapital fuͤr mich geweſen; aber ich fuͤhlte, daß die Graͤfin mich mehr achten mußte, wenn ich es aus⸗ ſchlug; ich wollte ihr blos danken fuͤr den An⸗ theil, den ſie an meinem kleinen Ungluͤck nahm; fuͤr die edle Abſicht, mich dafuͤr ent⸗ ſchaͤdigen zu wollen, und hatte mir ſchon eine recht gefuͤhlvolle Redensart erdacht, um ihr zu ſagen, daß ich bei dem Tauſche unendlich ge⸗ winne. So verworfen, als der Herr Profeſſor den Grafen aber machen wollte, war dieſer be⸗ ſtimmt nicht; denn ſo beſorgt, wie er ſich für die holde Gemahlin zeigte, iſt in der Regel kein Lüderlicher um ſeine Frau. Von der Graͤfin ſelbſt hatte ich vor allen Tuͤchern, 73 Shawls, Maͤnteln ꝛc. ſo gut wie gar nichts geſehen; ſelbſt ihre Geſtalt, die ich eigentlich noch gar nicht kannte, war mir in ihren vie⸗ len, weiten, faltenreichen Huͤllen verloren ge⸗ gangen. Aber eins, eins war mir nicht ent⸗ gangen: ihr hoͤchſt niedlicher Fuß. Um ſich dem Zugwinde nicht Preis zu geben, flog ſie durch das Portal in den hohen Scheibenwagen hinauf, und da gewahrte ich dies zarte Kunſt⸗ werk der Natur, das feinſte Frauenfuͤßchen, welches wohl je die Kienkoͤrbe vor dem Opern⸗ hauſe beſchienen hatten. Sie trug Sandalen, wie Joſephine, ja zum Verkennen aͤhnliche; aber Joſephinens Fuß war wenigſtens um einen Zoll groͤßer, als dieſer. Noch ſah ich zwar bis jetzt keine Dame der gewoͤhnlichen Welt, in Sandalen; allein die Mode der hoͤ⸗ hern Stäͤnde war mir ja unbekannt. Glichen die Fuͤßchen der Hofdamen den ihrigen, ſo war die Sandalen⸗Tracht eine recht huͤbſche⸗ 14. Der Gang in den Gormiſchen Pallaſt. Der Herr Profeſſor, Lina und Guſtchen warteten mit geſpannter Neugierde auf meine 74 Beſchreibung von der geſehenen Oper. Jener fing aber, ehe ich zum Worte kommen konnte, mit einer kurzen Geſchichte der Muſik an, und behauptete, das allererſte Inſtrument ſey eine Art von Haarlaute geweſen, ein mit Thier⸗ haaren beſpanntes Saiten⸗Inſtrument, von Jubal, dem Sohne Lamechs, ſchon vor der Suͤndfluth erfunden. Er nannte Laban und Hiob als tuͤchtige Paukenſchlaͤger, und erzaͤhlte, daß Moſes, auf dieſem ſchwierigen Inſtrumen⸗ te, den Geſang ſeiner Schweſter Mirza ac⸗ compagnirt habe. Er kam, von dem Geſinge der Leviten, auf die aͤlteſte Kirchenmuſik der erſten Chriſten bei ihren Agapis oder Liebes⸗ malen, von dieſer auf den vierzehnhundertjaͤh⸗ rigen Ambroſianiſchen*) Geſang; auf die An⸗ tiphonien, Authenticas und responsoria, *) Ambroſius war bekanntlich Erzbiſchoff von Mai⸗ land, und hatte um die Verbeſſerung des Kir⸗ chengeſanges bleibende Verdienſte. Er behielt von den alten Melodieen nur einige bei, die ſeitdem authenticae genannt werden. Antipho⸗ nie iſt das wechſelweiſe Abſingen der Pſalmen vor der Meſſe, durch zwei Chöre, vom Pabſte Cöleſtinus, im Jahr 424 ſchon eingeführt. Responsoria aber heißen die, von Gregor dem Großen 592 veranſtalteten Pſalmen⸗Auszüge. —— 75 dann auf die, von Luther zuerſt eingefuͤhrte deutſche Kirchenmuſik, und auf die, von Jo⸗ hannes de Muria erfundene, und erſt vor zwei⸗ hundert Jahren in Deutſchland bekannt ge⸗ wordene Figural⸗Muſik nach Noten; ſprang jetzt, vom Juden⸗ und Chriſtenthum, in die heidniſche Vorzeit zuruͤck, und bewies aus den muſikaliſchen Inſtrumenten, die man im Gra⸗ be des Oſymanduas bei Theben gefunden, das Uralter der Muſik unter den Aegyptiern, da Oſymanduas zwei tauſend Jahre vor Chriſtus gelebt habe. Morgen, liebes Onkelchen, die Fortſetzung, bat Caroline, und fragte, ſich zu mir wen⸗ dend: wie mir Oper und Ballet gefallen; Guſtchen aber wollte wiſſen, was jedes ange⸗ habt, ob Zephyr und ſein luftiges Geſindel, die Amoretten, weiß oder fleiſchfarben gegan⸗ gen, wie Pſyche's Mutter, Madame Endelechia coſtuͤmirt geweſen, und dergleichen wichtiges mehr, und ſetzte, in Bezug auf ihr Theater⸗ puppen⸗Perſonal, leiſer, aber ſehr ernſthaft hinzu: ein Ballet, lieber Theodor, fehlt uns noch gaͤnzlich. Vor allen pries ich Signora Libertini; und 76 der Herr Peofeſſor nickte beifaͤllig. Dann ließ ich mich uͤber die Tendenz des Ballets aus, und ſchalt auf Pſyche, daß ſie ſo, mir nichts dir nichts, mit dem erſten beßten Abendwinde, einem ſteinfremden Incognito in die Arme geflogen ſey. Lina nickte, die Augen nieder⸗ ſchlagend, erroͤthend und beifaͤllig; dann endlich erzaͤhlte ich von den Nachbarn meines Para⸗ dieſes, von dem Gebackenen der Kapellmeiſter⸗ Köͤchin, vom Pfefferkuchen der Schneiderdonna, und Guſtchen nickte auch beifaͤllig; aber von meinem ſuͤßen Himmels⸗Manna, von der liebreizenden Graͤfin ſagte ich nichts. Nehmt der Liebe den Schleier des Geheimniſſes), und ihr ſtreift den ſchoͤnſten Goldſtaub vom Fluͤgel des Schmetterlings. Ich eilte nach dem Eſſen auf mein Kaͤm⸗ merlein, und freute mich auf die Traͤume die⸗ ſer Nacht. Aber der Herr Profeſſor hatte mir, mit ſeiner Vorleſung uͤber die Muſik der Alten, meine unſchuldige Freude zu Waſſer gemacht. Ich traͤumte wohl von der Ange⸗ beteten, aber nichts als verruͤcktes, verworrenes Zeug. Bald war die liebliche Gorm meine Schweſter Mitza, und ich begleitete ihren Ge⸗ 8 2 2 ſang, in dem ich den der Libertini wieder fand, mit meinen obligaten Pauken; bald war ich Jubal, der Sohn Lamechs, und ſpielte der Gefeierten ihren Lieblingwalzer auf der eben erfundenen Haarlaute vor; bald ſaß ich mit ihr bei den Agapis, und ſang die, von der. unwillkommenen Kantor⸗Chriſtel eingelegte An⸗ tiphonie: Jungfer Lieschen ꝛc. bald wieder wanderte ich mit dem Herrn Pro⸗ feſſor, auf ſeiner Stube, im Lande der alten Aegyptier umher, mußte ihm, auf einer, stan- te pede, gefertigten Landcharte, das Grab des Oſymanduas bei Theben zeigen, um die dort befindlich ſeyn ſollenden Ahnen unſerer heutigen Geigen, Guitarren, Serpents und engliſchen Fluͤgelklapphoͤrner aufzuſuchen, und fand, ſtatt alles deſſen, die Sandalen der Graͤ⸗ fin, und in dieſen ihr Liliputfuͤßchen, und am Ende die ganze holdſelige kleine Frau, unter duftigen Roſenblaͤttern begraben, friſch und le⸗ bendig, und die Arme verlangend nach mir ausgebreitet. Immer waren, zu meinem groͤß⸗ ten Aerger, die Graͤfin und Joſephine eine und die naͤmliche Perſon. Ein einziges Mal ſah die Graͤfin anders aus, aber da wies ſie meine Huldigungen mit Hohn und einem ſol⸗ chen Spottgelaͤchter zuruͤck, daß ich, empoͤrt von 9 dieſem widrigen Gefuͤhl, erwachte, und, den ch boͤſen Traum noch im Kopfe, dem jungen ſ Morgen, der mir in die Fenſter lachte, ein de recht graͤmliches Geſicht machte. Alberner Menſch, dachte ich, und laͤchelte 5 dem Lachenden entgegen: es war ja nichts, di als ein dummer, einfaͤltiger Traum. Laß dir den Muth nicht durch ein ſolches Geiſterbild 8 nehmen. 1 Ich kleidete mich ſorgfaͤltig an; beſah mich n im Spiegel, meinte, daß der liebe Gott und 2 mein Schneider an mir nichts verſaͤumt haͤt⸗ 3 ten, ging nun ſtracks und mit feſten Schrit⸗ i ten in den Graͤfl. Gormiſchen Pallaſt, und 5. ließ mich bei der Frau Graͤfin melden. 4 4 15. Die Graͤfin Gorm. In manchen Buͤchern hatte ich geleſen,. auch wohl hie und da erzaͤhlen gehoͤrt, daß die Dienerſchaft in großen Haͤuſern gewoͤhnlich zur Klaſſe der Unausſtehlichen gehoͤre, den Frem⸗ den, beſonders wenn ſie beſcheiden eintraͤten, mit grober Geringſchaͤtzung begegne und durch ihr rohes Betragen auf den Glanz ihrer Herr⸗ ſchaft einen entſtellenden Fleck werfe. Ich hatte mich in meiner Vorſtellung von den Vorhoͤfen der großen Welt ſehr getaͤuſcht. Der Bediente empfing mich ſehr artig und meinte, ich kaͤme zwar ein wenig fruͤh, allein die Frau Graͤfin waͤren doch ſchon laͤngſt auf⸗ geſtanden, ſaͤßen bei der Arbeit, und wuͤrden mich daher wohl annehmen. Koͤnnte ich ihm aber mein Anliegen eroͤffnen, ſo waͤre es ihm lieb, denn die gnaͤdige Frau wuͤßten gern im Voraus, was die Leute bei Ihnen ſuchten, um gleich vorbereitet zu ſeyn. Ich entgegnete ihm darauf, beſcheiden laͤchelnd, daß ich bei der Frau Graͤfin nichts ſuche, ſondern im Gegen⸗ theil ihr etwas bringe;— ich meinte meinen Dank fuͤr ihren guten Willen.— Ah, ſchoͤn! rief er noch freundlicher: da werden Sie gewiß nicht abgewieſen; ſolche Be⸗ ſuche ſind hier gar ſelten. Er fuͤhrte mich durch mehrere Gemaͤcher, —— bat, in dem Vorzimmer zu warten, und ging zur Graͤfin hinein. Ich hatte Muſe genug, mich hier umzu⸗ ſehen, und bemerkte einige mir ganz unerwar⸗ tete Dinge. Das Fruͤhſtuͤck war bereits ge⸗ noſſen, das ſchloß ich aus dem leeren Kaffee⸗ zeuge. Neben dieſem lag eine große, mit al⸗ ter Schrift gedruckte Bibel, aufgeſchlagen das Buch Hiob, und in dieſem eine unſcheinbare Brille; uͤber dem daneben ſtehenden Stuhl hing ein alter Frauen⸗Ueberrock von grobem, lederfarbenen Tuͤffel, und unter dem Stuhle erblickte ich ein Paar ausgediente Rieſen⸗Pan⸗ toffeln. Sie werden gleich vorgelaſſen werden, ſag⸗ te der Hoͤfliche, aus dem Zimmer der Graͤfin kommend: das Kammermaͤdchen wird Sie ru⸗ fen, Sie ſollen nur einen Augenblick verziehen. Mir ſtieg das Blut, bei dem Gedanken, die kleine, himmliſche Geſtalt in wenigen Mi⸗ nuten zu ſehen, die holde, zarte Frau ſelbſt zu ſprechen, ſiedend zum Herzen. Sind der Herr Graf auch im Zimmer? fragte ich, um etwas zu fragen, und zum Gluͤck antwortete der Ueberartige— Nein! —- 8 e 83 Ehre haben, der gnaͤdigen Frau Graͤfin Gorm meinen unterthaͤnigen Reſpekt zu bezeigen. Die bin ich, entgegnete ſie und ſchien noch neugieriger zu werden. Nein, erwiederte ich mit gepreßter Stim⸗ me: zur jungen Frau Graͤfin wollte ich; ſie hat die Gnade gehabt, mir fuͤr meinen Roſen⸗ ſtock ein Zehnthaler⸗Stuͤck anbieten zu laſſen, und da—— Die junge Graͤfin? fiel die ernſte, hohe Frau verwundert ein. Kennen Sie denn eine junge Graͤfin Gorm? Ich habe ja geſtern Abend noch das Gluͤck gehabt, ſie aus der Oper fahren zu ſehen; antwortete ich, und konnte nicht begreifen, was die Alte darunter ſuchte, nichts von ihrem Himmels⸗Blondinchen wiſſen zu wollen. Sie fragte nun, mit immer ſteigendem Antheile, wie ein Großinquiſitor, nach allen Kleinigkeiten; ich mußte ihr die Geſchichte mit dem Roſenſtocke erzaͤhlen, und wie der Wa⸗ gen, die Bedienten, die Pferde, der Kutſcher und die vermeintliche junge Graͤfin ausgeſehen. Je mehr ich ſprach, deſto unbefangener ward ich; in dem Weſen der Matrone lag 6* 84 1 etwas Einnehmendes; ich vergaß die Kapuze, den Ueberrock und die Rieſen⸗Schuhe und ſah ihr mit kindlichem Vertrauen in das kummer⸗ G volle Geſicht, das vor dreißig Jahren wohl auch ruͤhrender anſprach. Bei der Beſchrei⸗ bung der jungen Graͤfin ging mir das Herz uͤber. Die Alte ſchuͤttelte zwar einigemale den Kopf; aber ich war einmal im Zuge, ließ mich nicht irre machen, und ſagte zuletzt: daß ich den jungen Herrn Grafen zwar nicht naͤher d kenne, daß mich aber die zarte Sorgfalt, die d er geſtern Abend fuͤr die Geſundheit der Frau Graͤfin gezeigt, gar ſehr erfreut habe, und daß ſ 5 ich ihr zu ſolch einem Sohne aufrichtig Gluͤck 5 7 wuͤnſche. d Die Graͤfin wendete das Geſicht von mir 1 ab, ſchwankte nach dem naͤchſten Stuhle und d ſetzte ſich. Ich mußte ihr vom jungen Gra⸗ ſ fen alles, was ich geſtern Abend geſehen hatte, k umſtaͤndlich wieder erzaͤhlen, und es ſchien nun, i als ob ſie weine. 4 8 Sie ſchwieg eine Weile und ich auch. d Endlich ſtand die Graͤfin auf, faßte ſich 4 und fragte: ob ich die Bezeichneten, wenn ich ſie ſahe, wohl alle wieder erkennen wuͤrde? 85 ze, Ich bejahte dies, und freute mich, die ſah junge Graͤfin nun endlich auch noch zu er⸗ er⸗ 8 ſchauen. ohl rei⸗ 16. erz 5 den Das Zeugenverhör. ich Die Graͤfin hieß mich in das anſtoßende ich— Kabinet gehen, zu dem eine Glasthuͤre fuͤhrte; her dort ſollte ich mich hinter den Vorhang, der die draußen vor den Glasſcheiben befindlich ſey, au ſtellen, und unbemerkt die genannten Perſonen aß ſehen. ich 5 Jetzt merkte ich Unrath. Am Ende ver⸗ droß es die Alte, daß der junge Herr mit der ir jungen Frau ausgefahren war, und nun ſollten nd die Domeſtiken, und vielleicht gar die Kinder a⸗ ſelbſt, daruͤber zur Rede geſetzt werden. Das ke, konnte verdruͤßliche Folgen fuͤr mich haben; n, ich verbat mir alſo dringend die Ehre des Lauſchwinkelchens, und wollte mich, ſelbſt mit der ſtillſchweigenden Verzichtleiſtung auf das ch 4 Gluͤck, meine kleine Graͤfin zu ſehen, ganz ge⸗ h 4* horſamſt verabſchieden. Die alte Graͤfin aber wußte mich feſtzu⸗ 86 halten. Sie ſind, hob ſie weich und mit ver⸗ biſſenem Schmerze an: wie ich aus Ihren Aeußerungen entnommen, ein rechtlicher junger Mann. Es kann Ihnen alſo nicht gleichguͤl⸗ tig ſeyn, einer Groß⸗Mutter, die Gefahr laͤuft, ihren Enkel zu verlieren, in dem Streben, ihn ſich und der Tugend zu erhalten, nach Kraͤften beiſtaͤndig zu ſeyn. Weigern Sie ſich nicht, mir den Liebesdienſt zu thun, um den ich Sie bitte. Sie oͤffnete mit dieſen Worten die be⸗ wußte Glasthuͤre, und ich ging in meinen Verſteck, weil ich, armer Junge, der reichen Graͤfin nichts abſchlagen durfte, und wenn ich es auch gedurft, der bekuͤmmerten Alten nichts abſchlagen konnte. Ich ahnete den Zuſammenhang der gan⸗ zen Geſchichte; aber es lag mir jetzt ſelbſt daran, ihn vollſtaͤndig zu enthuͤllen. Die Graͤfin klingelte, die Zofe kam, jene gab ihr leiſe Befehle. Nach einer geraumen Zeit erſchien der junge Mann, der geſtern Abend die junge Graͤfin zum Wagen begleitet, ſie umſchlungen und ſich mit ihr eingeſetzt hatte, davon gefah⸗ — 87 ren war, und dem ich nachher wieder, auf dem Nuͤckwege nach dem Opernhauſe, begegnete. Er ſah noch verſchlafen und truͤbaͤugig aus, kuͤßte der Graͤfin die Hand, erhielt von ihr mehrere Briefe, um ſie alsbald zu beant⸗ worten und ging. Kannten Sie den? fragte die Graͤfin und rief mich in das Zimmer zuruͤck. Ich erzaͤhlte, was ich von ihm wußte, und ſetzte hinzu, daß ich ihn fuͤr den Herrn Gra⸗ fen Gorm halte. Ja, das iſt mein Enkelkind, entgegnete ſie mit gebrochener Stimme, winkte mir, mich wieder hinter meine Glasthuͤre zu ziehen, und ſaß mehrere Minuten ſehr bewegt vor ihrem Buͤreau, in tiefes Nachdenken verloren. Da⸗ rauf klingelte ſie wieder; dem eintretenden Kammermaͤdchen fluͤſterte ſie wie vorhin in's Ohr, und kurz darauf trat Markus der Kut⸗ ſcher mit zwei Bedienten ein. Sie gab jedem einen unbedeutenden Auf⸗ trag, und rief, als ſie abgetreten waren, mich wieder in das Zimmer. Ich nannte ihr den Kutſcher Markus, ver⸗ ſicherte, der Wahrheit gemaͤß, daß der eine Bediente die Fackel gehalten, und der andere die Stufen des Wagentrittes aus einander ge⸗ ſchlagen habe. Abſcheulich, rief ſie, und das gelbblaſſe Geſicht roͤthete ſich dunkel, und das tiefliegende ſchwarze Auge rollte gluͤhend. Ich bedarf Ihrer noch, ſagte ſie nach lan⸗ ger Pauſe, in der ſie etwas ausgebruͤtet zu haben ſchien. Sie haben mir und der Ehre meines Hauſes einen großen Dienſt geleiſtet; rechnen Sie auf meine Dankbarkeit. Weſſen ſich eine Graͤfin Gorm bisher annahm, der hat uͤber ſein Geſchick noch nicht klagen duͤr⸗ fen. Gehen Sie, ich bitte Sie darum, auf Ihren Platz zuruͤck. Sie hatte zwar geſagt, ich bitte Sie da⸗ rum! aber ihre Manier, ihr Ton war dabei ſo gebieteriſch, daß ich hinter den Fenſtervor⸗ hang zuruͤck flog. Die Großen und die Reichen haben außer den zeitlichen Gluͤcksguͤtern, mit denen ſie der Zufall beſchenkte, noch einen großen, unſicht⸗ baren Schatz, den ſie zu ihrem Vortheil eben ſo zu benutzen wiſſen, wie der Kaufmann den Credit; ich meine die Hoͤflichkeit. Wenn der ———:* △☛ 4882+ 2„e ———„—, ☛‿‿ ——* 89 Tieferſtehende, der Arme, vom Großen und Reichen um eine Gefaͤllikkeit hoͤflich angeſpro⸗ chen wird, ſo draͤngt die Eitelkeit,— oft und in der Regel aber auch die Artigkeit, die Ach⸗ tung, die Gutmuͤthigkeit— den Niedern, den Aermern, das Geforderte zu leiſten, ſelbſt, wenn es wider ſein Gefuͤhl, wider ſeinen Vor⸗ theil ſeyn ſollte. Viele Große und Reiche kennen dieſen Kunſtgriff recht gut, und bergen ihren hochmuͤthigen Duͤnkel, wenn ſie der Dienſte ihrer Mitmenſchen beduͤrfen, unter der heuchleriſchen Maske der Humanitaͤt, der frei⸗ muͤthigſten Herablaſſung; bezahlen die erhalte⸗ nen, oft mit ſchweren Opfern gebrachten Lei⸗ ſtungen mit einem flachen Komplimente, und lachen den Narren, der die falſche Scheinmuͤn⸗ ze fuͤr Gold genommen, recht herzlich aus. So ſprach einmal der Magiſter Wunder⸗ lich, welchen der Herr Profeſſor angenommen hatte, um mir in der Religion, Moral und in den Regeln uͤber den Umgang mit Men⸗ ſchen Unterricht zu geben, und mir fiel dieſer Satz, den ich damals dreimal abſchreiben muß⸗ te, um mir ihn recht feſt einzupraͤgen, jetzt vor die Augen. Zwar hatte der Herr Magi⸗ ſter auch noch hinzugefügt, daß es auch Große und Reiche gebe, welche aus angeborener Ge⸗ muͤthlichkeit, aus Rechtlichkeit, und ohne eigen⸗ nuͤtzige Nebenanſichten„ gegen den Niedern und Aermern eben ſo freundlich, artig und herzlich waͤren, als gegen Leute ihres Gleichen; aber ſolche ausgezeichnete Menſchen waͤren hal⸗ be Engel und darum ſelten. Doch dieſer gan⸗ ze Zuſatz wollte mir hier nicht recht einleuch⸗ ten, wenigſtens ward es mir ſchwer, aus der gelben Graͤfin in der wattirten franzoͤſiſchen Kapuze, einen halben Engel herauszufinden. Die Graͤfin klingelte; das Kammermaͤd⸗ chen trat ein; die Alte rief: Graf Moritz! Das Maͤdchen trat ab, und in wenigen Mi⸗ nuten kam der junge Graf. Die Groß⸗Mutter ließ ihn lange ſtehen und warten; ſie that als ſchriebe ſie; aber ſie kritzelte nur zum Schein auf einem Papier herum; ſie ſchien ſich zu dem boͤſen Auftritt vorzubereiten. Dem jungen Grafen mochte die Zeit am Ende lang werden; er räusperte ſich ein we⸗ nig, um der Groß⸗Mutter ein Zeichen zu ge⸗ ben, daß er da ſey. 91 Ich konnte daraus abnehmen, daß die Alte nicht mit ſich ſpaßen laſſe, und ihre En⸗ kel⸗Kinder gewaltige Furcht haben mußten. Wo ſolche Furcht aber iſt, da iſt kein Ver⸗ trauen. Ich waͤre zur Groß⸗Mutter heran⸗ gegangen und haͤtte geſagt: Muͤtterchen, was willſt Du? Du haſt mich rufen laſſen.— Der junge Graf aber ſtand wie eine Bildſaͤu⸗ le; er ruͤhrte ſich nicht. Endlich richtete die alte Frau ſich lang auf, ging feſten Blickes auf ihn zu, und frag⸗ te ihn: Wo biſt Du geſtern Abend geweſen, Moritz? Ich? gnaͤdige Groß⸗Mutter? entgegnete der junge Graf ganz unbefangen: in der Oper. Biſt Du nicht fruͤher weggefahren als ich? Wir ſind zuſammen nach Hauſe gefah⸗ ren, gnaͤdige Groß⸗Mutter, antwortete Herr Moritz, und ſchien ſich zu wundern, daß die Groß⸗Mama von ſo kurzem Gedaͤchtniß ſey. Biſt Du, hob ſie an, und zitterte vor in⸗ nerem Aerger: Biſt Du nicht vorher noch wo⸗ hin gefahren, und haſt Jemand nach Hauſe gebracht? Du ſiehſt, ich weiß alles, aber ich Vertrauens. Muͤtterchen! dachte ich hinter meinem Vor⸗ hange, Du ſpielſt ein boͤſes Spiel; Dein En⸗ kel iſt verzogen, und wenn Dein Pallaſt noch zehnmal ſchoͤner, und Dein Vermoͤgen noch hundertmal groͤßer waͤre, ich moͤchte nicht an Deiner Stelle ſtehen. Wer luͤgt, der ſtiehlt; Graf Moriz lügt, und er ſtiehlt auch! Dir Deine Ruhe, ſich ſein Gluͤck. Jetzt, ja jetzt moͤchteſt Du, daß er ſich mit kindlichem Ver⸗ trauen an Dich anſchmiegte. Das erzwingſt Du nun nicht mehr. Dieſes Muttergluͤck haſt Du Dir vergeudet auf die ganze Zeit Deines Lebens. Gnaͤdige Groß⸗ Mama, ſagte Herr Mo⸗ rit mit einer Dreiſtigkeit, die mich ſelbſt ſtutzig machte: ich bin bis zu Ende des Ballets im Parket geweſen; ich habe Sie dann aus Ih⸗ rer Loge abgeholt, und bin mit Ihnen zu Hau⸗ ſe gefahren— ich— ich verſtehe nicht, was Sie wollen, ſetzte er mit einer Art empfindli⸗ chen Trotzes hinzu. Moritz, erwiederte die Alte, und hielt ihre Faſſung mit ſichtbarer Gewalt zuſammen: gehe will Dein Geſtaͤndniß als Beweis Deines in Dich und beluͤge Deine Groß⸗Mutter nicht; Du kannſt, Du darfſt dießmal nicht leugnen. Ich weiß beſtimmt, daß Du mit einer jungen Dame vom Opernhauſe weggefahren und nach kurzer Friſt, um mich abzuholen, mit dem Wagen wieder zuruͤckgekommen biſt. Ich? fragte der Graf und lachte luſtig auf, ich? mit einer Dame? da muß ich dop⸗ pelt ſeyn.. Jetzt ward ich ſelbſt ungewiß. Sollte das geſtern Abend der Graf nicht geweſen ſeyn! Aber— er hatte Recht— wahrhaftig er muͤßte doppelt ſeyn, wenn das Exemplar, das vor der Groß⸗Mutter ſtand, nicht das gewe⸗ ſen waͤre, welches mit der Dame geſtern vom Opernhauſe wegfuhr. Daß dieſe Dame aber eben ſo wenig, als die, welche bei der Troͤdel⸗ judengeſchichte meinen Roſenſtock zerfuhr, eine junge Graͤfin Gorm geweſen ſeyn konnte, fing ich nun auch an, nach und nach einzuſehen, und das war eigentlich das, was mich am naͤchſten anging; denn um die geheimen Lieb⸗ ſchaften des jungen Grafen brauchte ich mich nicht zu bekuͤmmern. Mein ſchoͤner Traum von der Graͤfin Wunderhold zerfloß in ſein 94 Nichts, und die Sandalen an dem niedlichen Fuͤßchen, die mir, ſelbſt jetzt in dem gefaͤhrli⸗ chen Augenblicke, ein wohlwollendes Laͤcheln abgewannen, fuͤhrten mich auf die Vermu⸗ thung, daß meine Pſyche⸗Joſephine die junge Taube geweſen ſeyn koͤnnte, die dem raubgie⸗ rigen Geier, dem jungen Grafen, in die Klauen gefallen war. Gluͤcklicher konnte die alte Gorm den Au⸗ genblick, mich aus meinem Verſtecke zu rufen, um mich dem Wuͤſtling gegenuͤber zu ſtellen, nicht waͤhlen. Mit dunkelm Flammenblitz im Auge trat ich, auf den Wink der Graͤfin, aus meiner Glasthuͤre heraus. Eiferſucht und das ritter⸗ liche Gefuͤhl, die Rechte der gekraͤnkten Un⸗ ſchuld zu verfechten, im leidenſchaftlich uͤber⸗ wallenden Herzen. Es wird, dachte ich, hier einen harten Kampf ſetzen; aber Muth! es gilt die Rettung einer Unſchuld. Ich will Dich, hob die Graͤfin an: nicht mit den Bedienten unſers Hauſes verhoͤren, um Dich vor ihnen nicht zu beſchaͤmen; hier, dieſer junge Mann, von deſſen Zartgefuͤhl ich erwarte, daß er von dem Vorfall gegen nie⸗ mand Erwaͤhnung thun werde, iſt, ohne ſeine Schuld, Dein Anklaͤger geworden; er ſoll jetzt auch gegen Dich zeugen. Sprechen Sie!— Wenn Sie nicht in den Verdacht einer fal⸗ ſchen, haͤmiſchen Anklage kommen wollen, von der ich keinen Grund abſehe, ſo wiederholen Sie Ihre Ausſage von dem, was Sie geſtern geſehen haben, hier vor meinem Enkel. Der Graf durchbohrte mich mit ſeinem wilden Blicke; ich haͤtte vielleicht kluͤger ge⸗ than, zu ſagen, ich ſaͤhe nun, da ich ihm naͤ⸗ her ſtehe, daß ich mich in der Perſon geirrt; aber das Ehrgefuͤhl, nicht als Verlaͤumder vor 4 der Großmutter zu erſcheinen, der Umſtand, daß ich ihr vorhin die im Spiele begriffenen Bedienten ganz genau beſchrieben hatte, und alſo jetzt meine Ausſage eigentlich gar nicht mehr widerrufen konnte; und endlich die boͤſe Empfindung, daß der Graf die ſuͤße, ſchuldloſe Joſephine in ein ſo ſtraͤfliches Verhaͤltniß her⸗ abgezogen, und ihr Namen, Ehre und Tugend geraubt hatte, beſtimmten mich, der Wahrheit 1 die Ehre zu geben, und furchtlos dem Grafen 4 in das Geficht zu ſagen, daß er die Solotaͤn⸗ zerin, die geſtern im Ballet die Pſyche gelve⸗ 96 ſen, zum Wagen gefuͤhrt, mit ihr wahrſchein⸗ lich nach Hauſe gefahren, und dann zuruͤckge⸗ kehrt ſey, um die Großmutter abzuholen. Der Graf ſchlug ein helles Gelaͤchter auf, und ſagte mit froͤhlichem Muthe: Nun faͤngt mir die Sache ſelbſt an, Spas zu machen. Jetzt erſuche ich Sie, gnaͤdige Großmutter, die drei Leute, den Markus und die Bedienten, herein kommen zu laſſen, und in meiner Ge⸗ genwart daruͤber zu vernehmen; aber das be⸗ dinge ich mir natuͤrlich von Ihrer Gnade aus, daß ſie ſaͤmmtlich nach dem Verhoͤr gleich ih⸗ ren Abſchied bekommen; denn Sie werden ſelbſt ermeſſen, daß Perſonen dieſer Art nicht im Hauſe bleiben koͤnnen, wenn ſie gegen den Sohn im Hauſe artikelweiſe vernommen wor⸗ den ſind. Sie— fuhr er mit leichtem Scherz, zu mir gewendet, fort:— koͤnnen Sich ent⸗ weder geirrt, oder irgend eine Abſicht gehabt haben, mir durch dieſe Plaiſanterie das Hoͤch⸗ ſte, was ich beſitze, die Liebe meiner gnaͤdigen Großmutter, zu entziehen. Da Sie mich nicht kennen, und da ich Ihnen nie etwas zu Leide gethan habe, ſo läͤßt ſich eine ſolche Abſicht bei Ihnen nicht vorausſetzen; auch iſt ſchon die offene Gutmuͤthigkeit, die in Ihrem Ge⸗ ige⸗ ſichte liegt, mir Buͤrge, daß ſie dieſer Vermeſ⸗ ſenheit nicht faͤhig ſind. Mithin wird wohl uf, die ganze Geſchichte, die mir, den Verdruß ngt meiner gnaͤdigen Großmutter abgerechnet, jetzt en. recht drollig vorkommt, auf einem bloßen Irr⸗ die thume beruhen, zumal ich die Theaterprinzeſ⸗ ten, ſin, deren Sie erwaͤhnen, nie anders als auf Be⸗ den Bretern geſehen, auch nach ihrer naͤhern be⸗ Bekanntſchaft nicht das mindeſte Verlangen us, habe. Sollte Sie— ſetzte er hinzu, und ih⸗ blinzelte ſchielend nach dem Karmin, der ſich den bei Beruͤhrung dieſes Punktes mir uͤber die icht 4 Wangen goß,— ſollte Sie vielleicht irgend den. ein Beſorgniß um ihre vermuthlichen Rechte por⸗ auf die in Rede ſtehende Breterkoͤnigin hieher erz, gefuͤhrt haben, ſo koͤnnen Sie wenigſtens die nt⸗ angenehme Beruhigung mitnehmen, daß von abt mir durchaus nichts zu fuͤrchten iſt. öche Er machte mir, ſelbſtzufrieden, die Sache gen auf dieſe Weiſe beſeitigt zu haben, einen vor⸗ icht nehmen Verabſchiedungwink, der ſo viel ſagte, eide als, du kannſt nun mit deiner langen Naſe icht 9 abziehen, und ich ging ohne Goldſtuͤck, ohne hon den verheißenen werkthäͤtigen Dank der Ma⸗ 7 98 trone, ohne eigentliche Gewißheit uͤber die jun⸗ ge, blonde Graͤfin, wie ein begoſſenes Huͤnd⸗ lein zur Thuͤre hinaus. Hinter mir, im Zimmer der alten Graͤ⸗ 1 ſin, hoͤrte ich den Herrn Grafen noch laut lachen; vor mir, im Vorzimmer, ſtand das Kammermaͤdchen und hatte alle zehn Finger ausgeſpreizt, und den Daumen der linken Hand an das Naſenſpitchen geſetzt, um mir von der Laͤnge der mir angeſetzten Naſe einen recht anſchaulichen Begriff zu geben. Sagen Sie doch,— hob ſie an, und ſtemmte beide Arme lachend unter,— ob Sie von Sinnen 1 4 ſind? oder Erſcheinungen haben? oder dem Tollhauſe entſprangen? 1 Hier riß mir endlich die Geduld aus; ich 3 ſchimpfte wie ein Rohrſperling und ging hoͤchſt d mißmuthig nach Hauſe. Der hoͤfliche Bedien⸗ te ſtand an der Thuͤre und hielt die Hand auf; da ich ihm aber nichts hinein gab, knurr⸗ te er faſt wie die Jungfer⸗ ——— 17. 1 Joſephinens Flucht. Wo bleibſt Du ſo lange? rief mir Guſt⸗ chen freundlich entgegen: da hat mir der Va⸗ ter die Gleichung XA— 6 ½+ 5 X2+ 3— 12= 0 aufzuloͤſen gegeben; ich komme nicht heraus, hilf mir ein bischen. Das iſt, entgegnete ich ſchmerzlich: eine Aufgabe aus der Lehre von den continuirlichen Bruͤchen, zu der ich heute durchaus nicht auf⸗ gelegt bin. Das ganze menſchliche Leben iſt eine Reihe von continuirlichen Bruͤchen! ſetzte ich bitter hinzu, und füͤhlte, daß die Geſchichte des eben verlebten Morgens auch dazu gehoͤrte; denn mein Muth, meine Hoffnungen ſchienen mir auf immer und ewig gebrochen zu ſeyn. Guſtchen ging ſchmollend. Hatte ich mir die doch nun auch zum Feinde gemacht. Ich war mit der ganzen Welt zerfallen. Mit allen Menſchen haͤtte ich mich ſchlagen moͤgen. Beim rechten Lichte beſehen, trug ich aber, ich allein die Schuld der unangenehmen Ge⸗ 7* 100 ſchichte, die mir vielleicht auf meine ganze Le⸗ benszeit nachtheilig ſeyn konnte. Was ging mich Lina an? haͤtte ich ihr den Roſenſtock nicht gekauft, haͤtte ich die blonde Unbekannte in der graͤflich Gormiſchen Equipage gar nicht geſehen; haͤtte ich Guſtchen nicht belogen; ſo waͤre ich gar nicht in die Oper gekommen. An ſolchen Faͤden haͤngt unſere Zukunft. Denn daß die Graͤfin Gorm uͤber kurz oder lang, einmal mit dem Fuͤrſten, auf deſſen Koſten ich erzogen wurde, uͤber mich ſprechen, und mich bei der Gelegenheit gewiß mit ſchwarzer Kreide anſchreiben, und daß der Fuͤrſt mich alsdann beſtimmt aufgeben werde, das ſtand vor meinen Augen, wie ein Regeldetri⸗Exem⸗ pel da. War der Graf unſchuldig, ſo konnte ich ihm gar nicht verdenken, wenn er einen un⸗ verſoͤhnlichen Haß auf mich warf, denn was ich ſteinfremder Menſch ihm, in ſeinem eige⸗ nen Hauſe, in Gegenwart ſeiner Groß⸗Mut⸗ ter, in das Geſicht ſagte, war eine Beleidi⸗ gung, deren Umfang ſich gar nicht uͤberſehen ließ; war er aber ſchuldig, ſo bewies die Ruhe, mit der er ſich gegen mich hielt, und die Ge⸗ . .—,——— 101 walt, die er uͤber ſich hatte, welchen Grad von beſonnener Bosheit der junge Menſch errungen, und dann ſchien er um ſo gefaͤhrlicher. In beiden Faͤllen mußte ich alsdann dieſen Mo⸗ ritz, fuͤr die Zukunft, als einen ſehr nachthei⸗ ligen Gegner fuͤrchten, der mir um ſo gefaͤhr⸗ licher war, als er durch ſeinen Rang und durch ſein Vermoͤgen auf die erſten Stellen im Lande Anſpruch hatte. Sonderbar! in alle dieſe verfänglichen Ver⸗ legenheiten ſtuͤrzte mich die Dankbarkeit—— o, wie der Menſch ſich doch gern entſchuldigt, wenn er gefehlt hat.— Ja, fuͤr die wohl⸗ wollende Abſicht, mir den Verluſt des Ro⸗ ſenſtocks mit zehn Thalern zu erſetzen, hatte ich der Graͤfin danken wollen; aber hinter der edeln Pflicht hatte eigentlich noch etwas anders geſteckt; ich hatte die junge blonde Graͤfin von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen gewuüͤnſcht, und das, das war die Triebfeder geweſen, die mich in das graͤflich Gormiſche Haus, und nun wahrſcheinlich in mein Verderben draͤngte. — Doch, wie hing denn die Geſchichte mit dem Goldſtuͤck jetzt zuſammen? Ein graͤllich Gormiſcher Bedienter ſollte mir es bringen, 102 und mich, da der Herr Profeſſor das Geld nicht genommen, zur Graͤfin ſelbſt fuͤhren. Alſo mußte doch eine Graͤfin Gorm zugegen ſeyn. Wer erklaͤrte mir das? Guſtchen unterbrach mich in meinen tiefen Sinnen uͤber das unerklaͤrliche Raͤthſel dieſer Geſchichte. Eine Hand auf ihrem Ruͤcken, legte ſie die andere vertraulich auf meine Achſel und ſagte, mit weggewandtem Geſichtchen: Theo⸗ dor, Du warſt vorhin unfreundlich gegen mich; das iſt nicht huͤbſch von Dir; ich kam her, um Dich daruͤber auszuſchmaͤlen; aber da ich Dich jetzt verduͤſtert ſehe, ſo iſt mir der Muth dazu vergangen. Was fehlt Dir, lieber Theodor? Nichts, Du kleines Ding, ſagte ich, durch des holden Kindes zarte Theilnahme ſchon wie⸗ der halb aufgeheitert. Ach ich bin gar nicht ſo klein mehr, als Du Dir immer einbildeſt, antwortete ſie mit naivem Ernſte: der Vater ſagt, ich wachſe taͤglich, und alle Roͤcke werden mit zu kurz, aber— wirſt Du mir nicht geſtehen, was Du haſt? Du ſagſt immer; munter iſt die ——— AàͤA— Hauptſache! ſo lange uns alles nach Wunſche geht, iſt das keine Kunſt; aber, wenn— wie ſoll ich ſagen— wenn uns etwas in die Quere kommt, dann muͤſſen wir den Sabz wahr machen. Pfui, Theodor, ſolch ein truͤb⸗ ſelig Geſicht ſteht Dir nicht halb ſo huͤbſch als ein froͤhliches; Sieh! ich habe auch ein kleines Ungluͤck; aber, ſo lange man Freunde in der Welt hat, muß man nicht verzagen. Du ein Ungluͤck? fragte ich, meinen eignen Schmerz vergeſſend. Eigentlich zwei, erwiederte ſie, und holte jetzt die Hbnd, die ſie bis dahin auf dem Ruͤcken hielt, hervor: Sieh nur, da hat mir Lilli einen jungen Doctor gemacht, oder einen Profeſſor, oder was es ſonſt ſeyn ſoll; ſie brachte eine Puppe zum Vorſchein, mein leib⸗ haftes Conterfei, mir, wie aus den Augen ge⸗ ſchnitten.— Wie Du geſtern in der Oper warſt, wollte ich auch ein bischen Comoͤdie ſpielen, Tante Barthels hatte mir hier die Pſyche geſchenkt— ſie holte ein aͤußerſt nied⸗ lickes Wachspuͤppchen, Pſyche auf dem Felſen⸗ Moos ſchlafend, Joſephinen zum Sprechen öhulich, hervor— nun ſollte der junge Herr 104 hier vor Pſychen hinknieen: er war ſtoͤrrig und d wollte nicht; da ward ich ein bischen ungedul⸗ i dig, ſtauchte ihn etwas derb nieder, brach ihm beide Beine in Stücken, und erſchrak daruͤber p ſo, daß ich unverſehens der kleinen Pſyche zu nahe kam, und ihr hier die allerliebſten Fluͤ⸗ gelchen zerknickte. Sieht Lilli und Tante Bar⸗ thels, wie ich ihren Puppen mitgeſpielt, ſo darf ich vor Schelte nicht ſorgen; es heißt ſo immer, der Wildfang kann nichts ganz leiden; ſag' mir, nicht wahr, Du heilſt dem Profeſ⸗ ſor die Beine, und greifſt der armen kleinen Pſyche unter die Arme? 8 Da hatte ich ja mein Prognoſttikon. Pſy⸗ che hat die Fluͤgel verloren, ſie kann dem Grafen nicht mehr entfliehen, und mir ſchlaͤgt er die Beine entzwei!— und ich— ich ſoll, wie das Kind, der Fluͤgelloſen unter die Ar⸗ me greifen. Fuͤr Deinen Profeſſor, erwiederte ich, von kaltem Froſt uͤber mein, mich vielleicht bald ereilendes Schickſal durchſchauert: iſt keine Huͤl⸗ fe mehr; laß ihm beide Beine abnehmen, ſonſt ſtirbt er am kalten Brande; und Pſyche?* — die iſt dem unſichtbaren Daͤmon verfallen, „+,„ 8+& 2 — 105 der ihr die Fluͤgel raubte; die Stunde ſchläͤgt, ich muß zum Herrn Magiſter Wunderlich. Ich ging und Guſtchen ſchmollte hinter mir, halb laut: Du wirſt am Ende noch ſelbſt ein Magiſter Wunderlich. Vergiß in Deinem Aerger nicht, rief ſie doch, wieder gut meinend, mir nach: daß er ausgezogen iſt, und ſeit heu⸗ te auf dem Opernplatze, im Seidemanniſchen Hauſe, wohnt. Das war recht huͤbſch von Guſtchen, daß es mich daran erinnerte, denn ich hatte, den Kopf von ganz andern Dingen voll, wahrhaf⸗ tig nicht daran gedacht, und haͤtte einen Weg von einer halben Stunde umſonſt gemacht. Guſtchen— ich fing mich faſt vor der Klei⸗ nen zu ſchaͤmen an— Guſtchen war dieſen Morgen zweimal ſchnoͤde von mir behandelt worden, und doch gut und freundlich geblieben. Das iſt reine Frauenart, und ſchon darum ſind die Frauen der Ring zwiſchen den Men⸗ ſchen und Engeln. Ich will auch, ſagte ich, durch Guſtchens milden Maͤdchenſinn weicher geworden, zu mir ſelbſt: ich will ihrem Profeſſor die Beine wieder curiren, und Pſychen, der Unheil ſchaf⸗ 106 fenden, die Fluͤgel in Ordnung bringen; das Kind iſt ja am Ende das einzige Weſen, das es in dieſer Welt mit mir gut meint. Ohne auf die Stelle zu blicken, wo ich ge⸗ ſtern Abend die niedlichſten Sandalen⸗Fuͤßchen in den Wagen ſteigen ſah, eilte ich an dem Opernhauſe vorbei, ging uͤber den großen wei⸗ ten Platz und fragte nach dem Seidemann⸗ ſchen Hauſe; mein Magiſter Wunderlich, hieß es, ſollte im dritten Stocke wohnen; ich ſtieg alſo die Treppe hinan. An der Flurthuͤre iſt keine Klingel, ich klopfe, es hoͤrt Niemand, ich probire die Klin⸗ ke, ſie geht auf; ich oͤffne die Thuͤre und ſte⸗ he im Vorſaal. Drei Stubenthuͤren erſchwerten mir die Wahl, ich klopfte leiſe an die naͤchſte. Im Zimmer ward geſprochen; ich hoͤrte weibliche Stimmen; mein Magiſter Wunderlich konnte hier nicht wohnen, denn der finſtere Hageſtolz lebte, wie die katholiſche Geiſtlichkeit ſeit Gre⸗ gor dem Siebenten, im ſtrengſten Coelibate; indeſſen ließ ſich hoffentlich die Wohnung des Geſuchten hier erfragen; ich klopfte daher noch eit de —„, wv △⏑☛⏑△⏑ ˙8⏑ 107 ein Mal, und da ich wieder nicht gehoͤrt wur⸗ de, oͤffnete ich leiſe die Thuͤre. Eine jugendlich ſchoͤne Geſtalt, leicht ge⸗ huͤllt in ein duͤnnes, verraͤtheriſches Phantaſie⸗ Gewand, das eben dem blendenden Nacken entfiel, fluͤchtete mit einem kleinen Schrei in das Nebenzimmer; vor der Thuͤre noch wen⸗ dete die Fliehende ſich um und ich erkannte — Joſephinen. Ein Kammermaͤdchen folgte ihr unter lautem Lachen. 18. Der Freund. Vielleicht haͤtte ich umkehren und gehen ſollen; aber ich wußte ja immer noch nicht, wo der Magiſter Wunderlich wohnte; dieſe hier, als ſeine Hausgenoſſinnen, konnten mir beſtimmt daruͤber Nachricht geben, alſo blieb ich; ich haͤtte auch keinen Schritt gehen koͤn⸗ nen, ich zitterte vor Schreck oder vor Freude im Geheimſten meines Innern, als ſchuͤttle mich ein nie gekanntes Fieber. Diesmal irrte ich mich ſicher nicht; es war gewiß Joſephine, die ich geſehen hatte; unter dem prachtvollen 108 Spiegel ſtanben die Sandalen von geſtern; uͤber der Stuhllehne hing der ſchwarzſeidene, weiche Mantel, ſammt den tuͤrkiſchen Shawls und Tuͤchern; auf dem Tiſchchen lag der ver⸗ fuͤhreriſche, keine drei Loth wiegende Anzug der Pſyche, und auf der Toilette prangten die nied⸗ lichen Fluͤgel. Die Blumen im Fenſter, die wohlriechenden Salben, Waſſer und Oele im Nachttiſche, der Potpouri in der Onyr⸗Vaſe unter dem deckenhohen Spiegel,— alles duf⸗ tete ſo lieblich,— ich ſtand wie angezaubert; kein Menſch haͤtte mich hier weggebracht. Joſephine war der unſchuldvolle Engel, fuͤr den ich ſie vom Anfange an gehalten hatte; weder der gefluͤgelte Drache, noch Amor, noch Zephyr hatten ihr dieſen Schmuck der Jugend geraubt; auch war Joſephine— die verdamm⸗ ten Sandalen veranlaßten einzig und allein jene falſche Vermuthung,— nicht die, mit welcher der Herr Graf Gorm geſtern nach Hauſe fuhr. Das alles folgerte ich mir aus dem einzigen kleinen Schrei. Ein Maͤdchen, das ſich jedem Drachen, jedem Abendwinde und jedem Grafen Preis giebt, ſchreit nicht ſo auf, wenn es bei der Toilette von einem jun⸗ 109 gen Menſchen uͤberraſcht wird, der juſt auch nicht dem Vogel Greif oder dem Boreas*) aͤhnelte, oder wie ein Bettler ausſah. Das Kammermaͤdchen kam nach einigen Minuten zuruͤck, und bat mich, nur einen Augenblick zu verziehen, ihre Herrin werde gleich erſcheinen; ſie haͤtte zur naͤchſten Oper ein neues Koſtuͤm bekommen und dies anpro⸗ biren wollen, als ich eben unvermuthet einge⸗ treten waͤre. Mir war bei allen dem ſo wunderlich zu Muthe, daß ich meinen guten Magiſter Wun⸗ derlich, ſammt ſeiner Stunde, rein vergaß, und dem Kammermaͤdchen mit wirklich recht wun⸗ derlichem Behagen zuſah, wie es alle die bun⸗ ten, weichen, leichten, balſamiſch duftenden Flit⸗ ter⸗ und Flatterſachen wegraͤumte, mich auf der Ottomane Platz zu nehmen erſuchte, und auf das mit Lyren, Koͤchern und Pfeilen und Blumen geſchmackvoll bronzirte Mahagony⸗ *) Bekanntlich bildeten die Griechen den größten Antagoniſten des Zephyrs, den Nordwind, mit Schneeflocken auf dem Bart und den Flügeln ab. Statt des Füße gaben ſie ihm Schlangen⸗ Schwänze, und mit dem Schweife rührte er Schloßen und Hagel auf. Tiſchchen, ein Porzelain⸗Dejeuné ſetzte, deſſen ſich die allergnaͤdigſte Landesmutter nicht haͤtte ſchaͤmen duͤrfen. Die Rinde des Mahagony⸗ holzes von den caraibiſchen Inſeln ſoll vorzuͤg⸗ lich gegen Wechſelfieber gut ſeyn. Ich haͤtte mir gleich an dem Tiſchchen meine Portion abſchaben moͤgen, denn mein Zuſtand in dem traulichen Winkelchen der elaſtiſchen Ottomane war dem hoͤchſten Paroxismus des Wechſel⸗ fiebers gleich; mir ward bald warm bald kalt zu Sinne, und als das Maͤdchen jetzt die Die⸗ len aus voller Hand mit koͤllniſchem Waſſer beſprengte, von dem ich bisher nur immer bei zuſtoßenden Unpaͤßlichkeiten einige Troͤpf⸗ chen auf Zucker nehmen ſah, und mir die Prachtbaͤnde im Buͤcherſchraͤnkchen, die koſtba⸗ ren Gemaͤlde und Kupferſtiche an den Waͤn⸗ den, und der herrliche Wiener Fluͤgel in die Augen fielen, da erhielt ich von der Lebens⸗ Gluͤckſeligkeit einer Solotaͤnzerin und von Jo⸗ ſephinens unermeßlichem Reichthum einen herz⸗ erhebenden Begriff. Endlich kam die Holdſelige ſelbſt. Ein ſehr eleganter, ſchneeweißer Morgenanzug um⸗ ſchloß zuͤchtig die anmuthige Geſtalt; der Kopf war mit Blumen und Flechten geſchmuͤckt; ſie gruͤßte mich wie einen alten Bekannten; ſprach uͤber ihre erſten Tanzſtunden bei Hrn. Viktorieux, wo ſie mich kennen gelernt haͤtte; erwuͤhnte lachend der luſtigen Geſchichte mit dem Juden und dem Roſenſtocke, hatte mich geſtern beim Einſteigen in den Wagen am Opernhauſe bemerkt und fragte: was ihr das Vergnuͤgen meines Beſuchs verſchaffe? Auf die letzte Frage blieb ich ihr die Ant⸗ wort ſchuldig, denn mir ſtand der Verſtand ſtille. Da war ja das ganze Raͤthſel geloͤſ't, und der Graf auf einmal entlarvt. Das liebliche Maͤdchen, ich konnte gar nicht von ihm weg⸗ ſehen, ſeit jener Tanzſtunde war ſie ſtaͤrker, voller geworden, das Haar hatte mehr gedun⸗ kelt, und das veilchenblaue Auge mehr Feuer, mehr Sprache bekommen; vom kleinen Fuß bis zur uͤppigen Achſel war in dieſem ſchoͤnen Koͤrper Luſt und Leben, Ebenmaß und Gra⸗ zie, Kraft und Friſche, und mehr, denn das alles, war die Gutmuͤthigkeit werth die dem Maͤdchen aus dem Herzen ſprach, und alles, d 112 alles das— ich ſah es jetzt klar und deutlich, — durfte der graͤfliche Taugenichts ſein nennen. Auf meine Frage, wie ſie geſtern und fruͤher, bei der Geſchichte des Roſenſtocks, zu dem Gormiſchen Wagen gekommen? entgeg⸗ nete ſie ganz unbefangen, daß der junge Graf ihr Freund ſey. An jenem Morgen, als ich ihr mit dem Juden ſo viel zu Lachen gemacht, ſey deſſen Großmutter, die alte Graͤfin, nicht in der Stadt geweſen; ſie habe daher bei dem Enkel gefruͤhſtuͤckt und er ſie zu Hauſe fahren laſſen; und Abends, wenn ſie im Theater zu thun habe, ſey es in der Regel, daß er ſie nach Hauſe bringe, und dann die Großmutter abhole; dieſe wiſſe natuͤrlich davon nichts, auch muͤſſe es vor der ahnenſtolzen, aufgeblaſenen Frau verheimlicht werden, die den Sohn wie einen Unmuͤndigen behandle. Ahnenſtolz! entgegnete ich, durch ihre ver⸗ trauliche Geſchwäͤtzigkeit wieder zu Odem ge⸗ kommen: Sie nennen die Alte ahnenſtolz; glauben Sie denn, mein Himmelskind, daß eine andere Großmutter dies Verhaͤltniß billi⸗ gen wuͤrde? Glauben Sie denn, daß der Graf ſelbſt ſeine Ahnen vergeſſen moͤchte und vergeſ⸗ 113 ſen duͤrfte, wenn Sie verlangten, daß er das Band, das er fuͤr den Augenblick geknuͤpft hat, fuͤr die Dauer ſchuͤrzen ſolle? Komiſch genug, antwortete ſie, und ſenkte das erroͤthete Geſicht auf den Buſen nieder: ſehr komiſch, daß Sie mich das fragen, und daß ich Ihnen, dem Steinfremden, darauf antworten ſoll; aber es iſt mir, als ſpraͤche ich mit einem alten Jugendbekannten, wenn ich Sie ſehe, und daß Sie es gut mit mir meinen, hoͤre ich aus Ihrer Frage. Sie ſchei⸗ nen, fuhr ſie verlegen laͤchelnd fort, und ſchenk⸗ te mir eine Taſſe Kaffee ein: mit dem Thea⸗ terleben noch nicht bekannt zu ſeyn. Ein jun⸗ ges Maͤdchen, das ganz allein ſteht, kann ohne Freund ſich nicht halten; ſie kommt ſonſt in tauſend Unannehmlichkeiten, und bei der Schlechtigkeit der Maͤnner, die einer Schau⸗ ſpielerin, und vornehmlich einer Taͤnzerin, alle moͤgliche Erbaͤrmlichkeiten zumuthen, hat ſie faſt taͤglich Antraͤge zu befuͤrchten, die nur den Verworfenſten unſers Geſchlechts annehmbar ſeyn koͤnnen. Schaͤmte ich mich nicht vor mir ſelber, ich koͤnnte Ihnen in allen lebenden Sprachen von Maͤnnern der erſten Staͤnde, 8 114 allerlei Glaubens und Alters, Billets zeigen, in denen ich zu Verbindungen aufgemuntert werde, die ein ſchamhaftes Maͤdchen verab⸗ ſcheut. Meine Geſtalt, die Bluͤthe der Ju⸗ gend regt die Wuͤſtlinge zu einer Dreiſtigkeit an, die keine Ruͤckſicht auf den ſichern Verluſt meiner Achtung und des Vertrauens nimmt, das ſie mir abverlangen. Am zudringlichſten ſind die, welche durch Alter, Rang und An⸗ ſehen das meiſte im Volke gelten, und, um dieſe Guͤltigkeit zu behaupten, ihren Ruf mit der ſtrengſten Aufmerkſamkeit bewahren ſollten. Gebe ich ihren ehrloſen Antraͤgen kein Gehoͤr, ſo iſt das nicht Tugend, nicht Unſchuld von mir, denn eine zuͤchtige Mime iſt in den Au⸗ gen dieſes vornehmen Abſchaums ein Unding; blos wegen anderer Verbindungen aͤhnlicher Art weiſe ich, ihrem Wahne nach, das ange⸗ botene Gluͤck von der Hand, und kann der, mit dem ſie mich verbunden glauben, ihnen, nach ihren flachen Anſichten, nicht durch glei⸗ chen Rang und durch gleiches Vermoͤgen die Spitze bieten, ſo bleibt nichts unverſucht, ihn durch die niedrigſten Kabalen zu verdraͤngen. Wie manche Ehrenfrau, wie manches unbe⸗ ſchol Ver alle chen aus oͤffer Aep und ſchu am und kuͤß ver Fre bla we ße ſte ßer we cit ger mit lten. ehoͤr, von Au⸗ ing; icher nge⸗ der, nen, glei⸗ die ihn gen. nbe⸗ 115 ſcholtene Maͤdchen iſt fuͤr das unbedeutendſte Verſehen auf der Buͤhne, oft ſelbſt auch ohne alle Veranlaſſung dieſer Art, blos weil ſie ſol⸗ chem ſuͤndhaften Poͤbel der hoͤhern Staͤnde auswich, von dieſen und ſeinen Soͤldlingen offentlich verhoͤhnt, ausgepocht, mit faulen Aepfeln beworfen, mit Phosphorus beſpritzt und auf Bubenart beſchimpft worden..Ent⸗ ſchuldigen Sie mich nun, wenn ich, der Taube am rundumwoͤlkten Himmel gleich, nach Schutz und Huͤlfe trachtete. Ich ergriff die Lilienhand der Holden und kuͤßte ſie ſchweigend, als wolle ich das Weh verguͤten, das ich ihr vorhin mit der unzeitigen Frage gethan; aber es fielen aus der veilchen⸗ blauen Tiefe ihres ſeelenvollen Auges, auf den weißumhuͤllten jungfraͤulichen Buſen, zwei gro⸗ ße Thraͤnen, die ich auch gern weggekuͤßt haͤtte. Wohl konnte ich mir in den weichen Pol⸗ ſtern der Ottomane, an der Seite dieſes ſuͤ⸗ ßen Solomaͤdchens, recht lebhaft denken, mit welcher Anwendung ſich hier Cicero de ami- citia leſen laſſen muſſe; allein von dem ei⸗ gentlichen Verhaͤltniſſe zwiſchen der Freundin und dem Freunde hatte ich doch noch keinen 8* ganz klaren Begriff; nur ſo viel meinte ich im verworrenen Dunkel meiner vorlaͤufigen Anſichten, daß man auch ohne beides im Stande ſeyn koͤnne, ihr ſchuͤtzender Freund zu werden. Ein Paar kraͤftige Arme, glaubte ich, ſollten Gold und Rang aufwiegen, und jeden in Reſpekt halten, der ſich der Unbeſchol⸗ tenen in unziemlicher Abſicht naͤhere. Wohl darf man dem Grafen Gorm ver⸗ trauen! fing ich an, um etwas Naͤheres uͤber ihn zu erfahren, dann ihr zu erzaͤhlen, wie abſcheulich er ſie verlaͤugnet, und endlich, wenn ich ihn ſo in den Hintergrund geſchoben, mich an ſeinen neidenswerthen, von ihm nicht ver⸗ dienten Platz zu ſtellen.— Der Graf Gorm, fiel ſie mir in das Wort: iſt ein ſehr edler Mann; ohne ihn ſtaͤnde ich ganz allein in der Welt; ich darf ihn, im reinſten Sinne des Worts, meinen Freund nennen. Nicht weil er Graf iſt,— das bleibt ſelbſt in ſeinem Auge Zufall,— nicht, weil er mit ſeiner verſchwenderiſchen Frei⸗ gebigkeit jedem, auch dem entfernteſten meiner Wuͤnſche begegnet, und nur in meinem Gluͤcke das ſeinige findet, achte und ehre ich ihn; ſon⸗ 117 dern weil er fuͤr die tauſend Gefälligkeiten, durch die er taͤglich ſich mir verpflichtet, auch noch nicht eine von mir verlangt hat, die das ſchuldloſe Maͤdchen dem ſchuldloſen Manne nicht gewaͤhren koͤnnte. In ſeiner Seele iſt kein unzarter Gedanke, in ſeinem Herzen kein unkeuſches Gefuͤhl;— doch, ſetzte ſie, ſich ſelbſt belaͤchelnd, ſanft hinzu, und ſtand anf: ich ſchreite uͤber die Grenze des Schicklichen, wenn ich, Ihnen fremd, im Lobe deſſen zu warm werde, der mir das Liebſte auf dieſer Erde iſt. Nehmen Sie das, was ich uͤber ihn ſprach, fuͤr nichts als fuͤr die lauterſte Dank⸗ barkeit. Dieſe ſoll ja eine Tugend ſeyn;— nein, das iſt ſie nicht; danken und denken,— es iſt ja faſt ein Laut; ich muͤßte nicht Menſch ſeyn, ich muͤßte nicht denken koͤnnen, wenn ich nicht erkenntlich waͤre. Er iſt mir alles; mein Beſchuͤtzer, mein Lehrer, mein Rathgeber, mein Bruder, mein Freund!— Ich hoͤre ihn eben kommen! Die Außenthuͤre rauſchte auf. Mir war wie einer Maus, welcher die Katze uͤber den Hals kommt, und die das Schlupfloch nicht zu finden weiß. Traf der 118 Graf mich hier, ſo— Guſtchen hatte mir ja alles geweiſſagt, ſo ſchlug er mir die Beine entzwei.— Es wird dem Herrn Grafen vielleicht un⸗ lieb ſeyn, mich hier zu finden, ſagte ich, leiſe erbebend, und ſah mich nach einem Ausweg um. Warum das? entgegnete die Reine mit ruhigem Laͤcheln: er kennt Sie ja ſchon; ich erzaͤhlte ihm die Geſchichte Ihres Ungluͤcks mit dem Roſenſtocke, und er uͤbernahm es damals, Sie fuͤr Ihre Einbuße— 19. Die Hornſtunde. Der Graf riß in dieſem Augenblicke die Thuͤre auf, und hatte einen froͤhlichen guten Morgen auf der Zunge, als er mich gewahrte. Er prallte mit einem luſtigen: was der Teufel! drei Schritte zuruͤck. Joſephine ſtellte mich ihm— meinen Namen wußte ſie ſelbſt noch nicht— als den jungen Mann vor, dem ſie den Roſenſtock uͤberfahren habe, und ich machte, das fuͤhlte ich, ein Schaafgeſicht. Du ihm den Roſenſtock? ſagte er lachend ja ine un⸗ eiſe im. mit ich mit als, 4¹9 zu Joſephinen;— wir ſind quitt— er raub⸗ te mir, bei einem Haare, Dich, mein ganzes Leben! Nun ſagen Sie mir um Gotteswil⸗ len, Sie Ungluͤckskind! wer ſind Sie? welcher Beelzebub fuͤhrte Sie heute in unſer Haus? und was wollen Sie hier? hier, bei Joſe⸗ phinen? Die letzte Frage ſchien ihm die dringendſte zu ſeyn, daher beantwortete ich ſie zuerſt, und verſicherte, hier eigentlich nichts als den Ma⸗ giſter Wunderlich geſucht zu haben; Joſephine und der Graf lachten laut; jenem ſchien ich von dieſem Augenblicke an nicht mehr gefaͤhr⸗ lich, und das aͤrgerte mich ein bischen. Ei⸗ gentlich haͤtte ich ihn gern zu wuͤthender Eifer⸗ ſucht entflammt, da er mich doch am Morgen bis zur Verzweiflung trieb. Auf die erſte Frage nannte ich ihm meinen Namen, und auf die zweite erzaͤhlte ich, ohne der eigentlich geſuchten jungen Graͤfin Gorm zu gedenken, daß ich mich bei der Frau Großmutter fuͤr die angebotene Entſchaͤdigung, wegen des ver⸗ kornen Roſenſtocks, habe bedanken wollen, und den Zuſammenhang des heutigen Auftrittes nur durch die Eroͤrterung begreife, die mir Jo⸗ ſephine eben mitgetheilt habe. Der Graf eroͤffnete nun Joſephinen die Scene des heutigen Morgens mit einer Laune, die mich uͤber mich ſelbſt lachen machte; Jo⸗ ſephine ſtimmte bei und konnte der Verlegen⸗ heiten kein Ende finden, die ihm und ihr zu Haus und Hof gekommen waͤren, wenn der Graf ſich nicht mit ungeheuerer Dreiſtigkeit herausgelogen haͤtte. Verkennen Sie mich nicht, ſagte er jetzt zu mir gewendet, ernſter und mit kindlicher Achtung: daß ich, meiner Großmutter gegen⸗ uͤber, die Wahrheit umging; aber ich konnte nicht anders; ihre Ruhe, meine Liebe, Joſe⸗ phinens Gluͤck ſtanden auf dem Spiel. Mei⸗ ne Großmutter iſt eine herrliche Frau, nur— halten Sie das dem Zeitalter, in dem ſie ge⸗ boren ward, und den Vorurtheilen ihrer Er⸗ ziehung zu gut— nur in einem Punkte ſind wir verſchiedener Meinung. Wuͤßte ſie, daß ich Joſephinen gut waͤre, ſie graͤmte ſich zu Tode; ich koͤnnte mit den verrufenſten Frauen und Maͤdchen unſeres Standes in den zwei⸗ deutigſten Verhaͤltniſſen ſtehen, ſie wuͤrde das 290 σ 7 70 ⸗ — ½* 2 —— 9—— uͤberſehen, ſie wuͤrde ſich vielleicht ſogar im Stillen uͤber das Gluͤck ihres Enkels bei den Damen freuen; aber von dem Himmelsgenuß, dies Maͤdchen mein zu nennen, hat ſie keine Idee. Joſephine iſt buͤrgerlicher Abkunft, in ihren Augen ein Ungluͤck; ſie iſt beim Theater, in ihren Augen ein Verbrechen. Un⸗ ſer vornehmes Geſindel bildet ſich ein, etwas recht Artiges zu ſagen, wenn es von Theater⸗ Prinzeſſinnen ſpricht; um nun mein armes Großmuͤtterchen, das durch Ihre verteufelte Anzeige ſchon ganz irre an mir ward, wieder in die rechte Bahn zu bringen, mußte ich ſchon in das Horn blaſen, das ſie in ihren geſell⸗ ſchaftlichen Kreiſen zu hoͤren gewohnt iſt, und ſo habe ich heute auf Dich, meine engliſche Joſephine, recht wacker geſchimpft.— Aber Du haſt mir noch keinen Morgenkuß gegeben, mein zuckerſuͤßes Kind! Guten Morgen, Morit, ſagte Joſephine, ſchlang die ſchoͤnen Schwanenarme um den Grafen, und druͤckte ihm die friſchen Granat⸗ lippen ſo eifrig auf den Mund, daß es mich draͤngend anfocht, ein Gleiches zu thun, und 142 ich am Ende wegſehen mußte, um nicht Herz⸗ weh zu bekommen. 4 In meinem Exemplar vom Cicero uͤber die Freundſchaft ſtand freilich von derlei Mor⸗ genkuͤſſen keine Silbe, und mein Glaube an die Unverfaͤlſchtheit dieſes Freundſchaft⸗Ver⸗ haͤltniſſes wollte in mir etwas ſchwankend wer⸗ den; indeſſen konnte ich mir nicht laͤugnen, daß ich in der ganzen weiten Welt nichts huͤbſchers gewußt, und nichts mehr gewuͤnſcht haͤtte, als auch eine ſolche Freundin zu haben, mich alle Morgen, in einem ſo niedlich ge⸗ ſchmuͤckten Stuͤbchen, von ſolch einem bluͤthen⸗ weißen Himmelskinde umfangen, und von ſol⸗ chen ſchwellenden Purpurlippen kuͤſſen zu laſſen. Hoͤchſt uͤberraſchend war es mir in dieſem Augenblicke, daß Joſephine nach dieſer, mir bis in das Mark und Bein gedrungenen Be⸗ gebenheit, an ihr Buͤcherſchraͤnkchen ging, ein in ſchwarzen Korduan gebundenes, und mit dem Titel: Marezolls Predigten, ver⸗ ſehenes Buch holte, und zum Grafen, auf das Buch zeigend, ſagte: Du haſt doch Zeit, mein Morih? Gleich, Engelskind, verſetzte der Graf, zog erz⸗ ber kor⸗ an Jer⸗ ver⸗ nen, chts aſcht ben, ge⸗ hen⸗ ſol⸗ ſſen. ſem mir Be⸗ ein mit ver⸗ das nein 123 das weiche, lilienzarte Maͤdchen an ſich, und kuͤßte es auf das fromme, klare Veilchenauge und auf die roſige Wange, daß mir vor Sehn⸗ ſucht und innerem Grimm, nicht das Naͤmli⸗ che thun zu duͤrfen, die fuͤnf Sinne faſt gaͤnz⸗ lich vergingen. Deine italieniſche Ueberſetzung von geſtern will ich auch ſehen, und Deine Zeichnung; aber erſt muͤſſen wir mit dem jungen Freun⸗ de hier in Ordnung kommen. Sie haben mir heuee einen boͤſen Tag gemacht, dafuͤr ſol⸗ len Sie mir einen Gefallen thun. Haben Sie Luſt, das Horn zu blaſen? Das Horn? fragte ich verwundert: in das Ihre vielleicht? J nun? meinte er laͤchelnd: es iſt halb und halb der Fall. Doch im Ernſt; Sie muͤſſen das Horn lernen, ich kann Ihnen nicht helfen; und das fuͤr mich. Das Horn iſt ein herrliches Inſtrument; Agrikola, Jo⸗ melli, Gluck haben in ihren Compoſitionen Wunderdinge damit gemacht; doch zur Sache: Der Zufall hat Sie nun einmal in mein Ge⸗ heimniß eingeweiht, alſo darf und muß ich mit Ihnen ein Wort im Vertrauen reden. 124 Durch Ihre heutige verdammte Plauderei iſt meine gute Großmutter auf die Moͤglichkeit, daß ich mit Joſephinen doch in einer Art von Verbindung ſtehen koͤnnte, aufmerkſam gemacht. Erfuͤhre ſie nur im Allerentfernteſten eine Be⸗ ſtaͤtigung ihres Verdachts, ſo bewirkte ſie durch ihren Einfluß und durch ihr Gold, daß Joſe⸗ phine keinen Tag läͤnger in der Stadt bleiben duͤrfte. Bei ihrem Argwohn muß ich vermu⸗ then, daß ſie mich und meine Gaͤnge beobach⸗ ten laͤßt. Joſephine muß heute noch ihre Wohnung wechſeln. Dies kleine Haus wird nur von wenigen Familien bewohnt; Sieht der, dem es aufgetragen iſt, meine Schritte zu bewachen, mich hier oft aus⸗ und eingehen, ſo erfaͤrt man den Augenblick, wem ich zu⸗ ſpreche. Ich machte daher eine Wohnung im Howardſchen Hauſe ausfindig; das mußt Du miethen, meine Fina; drei Stuben wunder⸗ huͤbſch eingerichtet; in dem Gebaͤude iſt ein Durchgang, vom Opernplatz auf die Herren⸗ ſtraße, und im Hintergrunde wohnt der Kam⸗ mermuſikus Schalloch, unſer beßter Horniſt; nun aͤußerte ich jetzt bereits gegen die Groß⸗ mutter, das ich große Luſt habe, das Horn zu 125 lernen, aber, um ihr in den erſten Anfang⸗ ſtunden die Ohren nicht zu zerreißen, den Un⸗ terricht bei dem Lehrer im Hauſe nehmen wolle. Jetzt alſo, Freund, gehen Sie zu Herrn Schalloch, geben Sie ſich bei dieſem fuͤr mich aus; ich habe mich bei ihm ſchon vorlaͤufig melden laſſen; Sie treffen ihn jetzt zu Hauſe; beſprechen Sie taͤglich um eilf Uhr eine Stun⸗ de fuͤr ſich, und blaſen Sie, was das Zeug haͤlt. Fuͤr das Honorar ſtehe ich; und waͤh⸗ rend dem Sie im Hintergebaͤude mit Ihrem Schalloch dudeldeien, will ich mir ſchon, bei meiner kleinen Joſephine, Entſchaäͤdigung fuͤr den langen, faden Tag holen, den ich dem Leben in unſern herz⸗ und gemuͤthloſen Zir⸗ keln opfern muß. Nun koͤnnen zehne hinter mir drein kommen und aufpaſſen: die Haͤlfte muß denken, ich habe das Haus zum Durch⸗ gange gewaͤhlt, und der Reſt, ich ſey in meine Lehrſtunde gegangen. Die Hornſtunde wird mir wohl Spaß machen, ſagte ich lachend, und freute mich im Ernſt daruͤber, denn ſchon beim Kunſtpfeifer in Blaurode hatte ich oft aus eigener Lieb⸗ haberei geblaſen, daß alle Hunde der Stadt zuſammenliefen, und meinen Maeſtoſo⸗Ver⸗ ſuchen jaͤmmerlich beiſtimmten; allein warum ſoll ich unter Ihrem Namen mich beim Kam⸗ b mermuſikus einfuͤhren? t Das iſt unerlaßlich, entgegnete der Graf: Ihr Lehrer hat monatlich uͤber das gezahlte Honorar zu quittiren; dieſe Empfangſcheine le⸗ ge ich jedesmal meiner Großmutter vor, dann mie hat fie ſchwarz auf weiß und keinen Zweifel. abe 1 Kaufen Sie ſich ein Paar der allerſchoͤnſten wu Inventions⸗Hoͤrner— er gab mir zwanzig V bei Piſtolen— und kuͤnftig ſprechen Sie nicht mit uͤber Sachen, die Sie nichts angehen.— nic Noch Eins— wo wohnen Sie? me Sichtlich entfaͤrbte ſich, zu meinem Be⸗ der fremden, Joſephine, als ich erzaͤhlte, daß ich kon auf Koſten des guͤtigen Fuͤrſten, bei meinem mie 4 Herrn Profeſſor im Hauſe erzogen werde, Der ſep 1 Graf aber rief mir, beim Lebewohl nach: zu Vergeſſen Sie den Horniſten nicht, und ſchlang lachend beide Arme um ſein Maͤdchen. da⸗ Die Stunde, die ich beim Herrn Magiſter nu Wunderlich haͤtte zubringen ſollen, war ver⸗ Ve ſtrichen; verloren war ſie nicht, ich hatte wahr⸗ ph) —— 4 127 haftig mehr darin gelernt, als mein guter Magiſter mich haͤtte lehren koͤnnen. 20. Selbſtbetrachtungen. Mich um das nicht zu bekuͤmmern, was mich nichts angehe, war eine goldene Regel; aber wenn etwa der Graf haͤtte einen Vor⸗ wurf darein legen wollen, ſo verwahrte ich mich bei mir ſelbſt proteſtando dagegen; hatte ich mich doch um ſeine Liebesgeſchichte platterdings nicht bekuͤmmert; war ich doch, ganz ohne mein Zuthun, mit ihm und Joſephinen und der ehrlichen Großmama in Beruͤhrung ge⸗ kommen. Jetzt erſt fing ich im Ernſte an, mich uͤber das alles, und beſonders uͤber Jo⸗ ſephinens Schickſal, im eigentlichſten Sinne, zu bekuͤmmern. Ich fuͤhlte mit aͤngſtlicher Beklommenheit, daß ich nicht Welt⸗ und Menſchenkenntniß ge⸗ nug hatte, um beſtimmt zu uͤberſehen, ob das Verhaͤltniß zwiſchen dem Grafen und Joſe⸗ phinen wirklich ſo rein ſey, als ſie es ſchilderte. Der Graf war mir in ſeinem Hauſe, bei 2* dem Auftritte mit der Großmutter, unausſteh⸗ lich vorgekommen; ſeine dreiſten Luͤgen mach⸗ ten ihn mir dort furchtbar. Hier hatte er mir— nicht eben gefallen; denn daran, daß er mit dem wonnigen Maͤdchen meines Her⸗ zens auf Du und Du ſtand, daß er es alle Augenblicke in die Arme nahm und kuͤßte, konnte ich, mit dem gelbfuͤchtigſten Brodneid in der Bruſt, juſt keinen ſonderlichen Gefallen finden; aber es erbaute mich doch, daß er an ihrer Seite die Zirkel ſeiner Hofwelt vergaß; daß er ſie, wie ich aus Joſephinens Aeußerun⸗ gen abnahm, gegen jede Unbill kraͤftig ſchuͤtzte und mit dem Ueberfluß ſeines Vermoͤgens ihr tauſend Annehmlichkeiten zu verſchaffen ſuchte; daß er fuͤr die Ausbildung ihres Geiſtes und ihrer Kenntniſſe ſorgte, und ſelbſt Betſtunden mit ihr hielt. Sein Benehmen gegen die Großmutter war und blieb unredlich; er betrog und belog ſie. Hatten ihre Pantoffeln, die ich, ſtatt der gehofften Sandalen, im Vorzimmer fand, ihre wattirte Gascogner Kapuze und ihr hochmuͤthiges Faltenantlitz auch nicht viel An⸗ ziehendes; ſie war doch immer ſeine Großmut⸗ ter, der er, nach meinen doͤrflichen Begriffen 129 zſteh⸗ vom vierten Gebote, kindlichen Gehorſam und nach⸗ kindliches Vertrauen ſchuldig war. Aber frei⸗ te er lich, wenn ich mich an ſeine Stelle ſetzte, ich daß glaube, daß— daß es mir auch ſehr ſchwer, Her⸗ vielleicht unmoͤglich geworden waͤre, um ihrer alle beſchraͤnkten Anſichten und um ihrer einge⸗ ͤßte, fleiſchten Vorurtheile willen, den Beſitz einer dneid Joſephine aufzuopfern. Ich mochte den Gra⸗ fallen fen von einer Seite betrachten, von welcher ich er an wollte, uͤberall fand ich ſo viel fuͤr als wider rgaß; ihn. War er das, wofuͤr ihn Joſephine hielt jerun⸗ oder vielmehr ausgab, ſo erſchien er als ein huͤtzte reiner Engel, mit einigen kleinen Flecken, im is ihr Bezug auf die Pflichten gegen die lange Groß⸗ uchte; mutter; war er das nicht, ſo konnte er nur 5 und V der ſchwaͤrzeſte Teufel ſeyn. unden Und Joſephine— was wollte ihr Entfaͤr⸗ n die ben ſagen, als ich erzaͤhlte, daß der Fuͤrſt mich betrog erziehen laſſe, und als ich ihr meinen Herrn ie ich, Profeſſor nannte? Stand ſie in irgend einem immer Verhaͤltniß zu— ich wollte kein Majeſtaͤtver⸗ nd ihr brechen begehen, darum dachte ich in meiner l An⸗ Unſchuld den Gedanken nicht aus; oder hatte ßmut⸗ mein Herr Profeſſor ex errore calculi ir⸗ griffen gend einen Theil an ihr?—— Wer loͤſ'te 9 — 130 mir die Naͤthſel? Es kam mir vor, als ſegle Ein ich zwiſchen Calofaro und La Rema, der Scyl⸗ Ge la und Charybdis der Alten, ohne Steuer und ten Lootſen; denn ich ſchwankte mitten inne zwi⸗ ſie ſchen dem Fuͤrſten, der alten Graͤfin, Joſephi⸗ wir nen, ihrem Moritz und meinem Herrn Pro⸗ der feſſor! Wer hielt mich in dieſem gefaͤhrlichen ſich Meerſtrudel! ich fuͤhlte ſchon, wie das Schiff⸗ Feſ lein meiner Lebensgluͤckſeligkeit bei der erſten ihn beßten Gelegenheit in den Abgrund werde hin⸗ beſt abgeſchleubert werden, und ſah aus dieſen den rings mich umgebenden Klippen nirgends einen hin Ausweg. dah Die Schloßglocke ſchlug eilf; ich legte beide unl Haͤnde mir auf die Bruſt, ſagte, mich ermu⸗ ken thigend: vorwaͤrts! und ſtand vor der Thuͤre ten des Herrn Kammermuſikus Schalloch. Vo Im Wahne, den gemeldeten Grafen Gorm beſ D zu empfangen, uͤberhaͤufte mich der Virtuos jetz mit Hoͤflichkeiten und Complimenten. Ich ein habe mich immer bemuͤht, den Gluͤcksguͤtern, Hi die ich nicht beſitze, die Kehrſeite abzugewinnen, thu um meine Luͤſternheit darnach zu daͤmpfen, Di und dadurch die Zufriedenheit mit dem, was Gr mir der liebe Gott beſchieden, zu begruͤnden. gei ſegle Seyl⸗ und zwi⸗ ſephi⸗ Pro⸗ lichen chiff⸗ erſten hin⸗ dieſen einen beide ermu⸗ Thuͤre Horm irtuos Ich uͤtern, nnen, pfen, was nden. 131 Eine ſolche Kehrſeite fuͤr Perſonen von hoͤherer Geburt iſt unter andern auch die, daß ſie ſel⸗ ten die Leute gewoͤhnlicher Herkunft, mit denen ſie zu thun haben, ſo kennen lernen als dieſe wirklich ſind. Vor dem Hoͤheren buͤckt ſich je⸗ der ſo tief, daß dieſer ihm kaum in das Ge⸗ ſicht ſehen kann; vor ihm erſcheint jeder im Feſtkleide; vor ihm ſpricht jeder in geſuchten ihm nicht eignen Worten; vor ihm will jeder beſſer ſcheinen, als er wirklich iſt; daher wer⸗ den die Großen in der Regel immer mehr hintergangen und betrogen als die Kleinen; daher erfahren die Großen ſelten die Wahrheit, und lernen ſelten die Welt und die Menſchen kennen; am wenigſten gluͤckt es ihnen, die gu⸗ ten herauszufinden, weil dieſe die Kunſt des Vordraͤngens nicht verſtehen, und ſich lieber beſcheiden zuruͤckziehen. Das alles fiel mir jetzt, meinem neuen Hornlehrer gegenuͤber, nicht ein; daher beruͤhre ich es auch nur beilaͤufig. Hier war mir nur hauptſaͤchlich darum zu thun, im moͤglichſten Incognito zu bleiben. Die Unbeſonnenheit, unter dem Namen des Grafen Gorm aufzutreten, war einmal began⸗ gen; um ihr indeſſen keine mir nachtheiligen 9* Folgen zu laſſen, bedung ich mir vom Herrn Schalloch aus, daß er von meinem Unterricht keinen Menſchen ſage; ich wolle, wendete ich vor, einige Freunde und Verwandte mit mei⸗ nem Hornblaſen uͤberraſchen, daher ſolle und duͤrfe er niemand davon unterrichten, auch ſey dies die Urſache, daß ich hier bei ihm, und nicht in meinem Hauſe Stunden nehme, weil ich dort die Beſuche der Meinen zu fuͤrchten habe. O, wie glatt dem Menſchen doch die Luͤge von der Zunge geht, wenn er die Wahrheit einmal umgangen hat. Der Unterricht begann. Der Herr Kam⸗ mermuſikus entſchuldigte die Gegenwart der zwei kleinen Kinder mit dem beſchraͤnkten Raume. Die Nangen ſaßen naͤmlich vor ei⸗ nem ſchwarzen Tiegel und fruͤhſtuͤckten Gries⸗ brei. Ich verſicherte mit ziemlich graͤflicher Herablaſſung, daß dies nichts zu bedeuten ha⸗ be, daß ich vielmehr ein Kinderfreund ſey, und die Anweſenheit der lieben Kleinen mich nicht im mindeſten ſtoͤren werde. Der gluͤckliche Vater reichte mir darauf ein aͤchtes Corno di Caccia; ich ſetzte an, 133 und der knechtiſch geſinnte Kuͤnſtler pries mein Abouchè, meinen Ton und meine Manier, als ſey ich der erſte Meiſter, und doch blies ich ſo grauenvoll, daß ich mir ſelbſt haͤtte die Ohren zuhalten moͤgen; die beiden kleinen Schalloͤchel⸗ chen kraͤhten auf, und ſo fuͤhrten wir ein Ter⸗ zettchen aus, daß ich fuͤrchtete, die ganze chriſt⸗ liche Nachbarſchaft werde auf der Stelle den Katzenjammer bekommen. Zu Hauſe ſagte ich natuͤrlich von meinen Hornverſuchen kein Wort. ich, zur Entſchuldigung meines Heimlichthuns, Ich wollte, meinte gegen mich ſelbſt, meinen Freunden eine heim⸗ liche Freude machen. Im Sommer bewohn⸗ ten wir vor dem Thore ein Gartenhaus. Konnte ich mich auf meinem Inſtrumente or⸗ dentlich hoͤren laſſen, dann wollte ich ſchon einen Begleiter ausfindig machen, und dann ſollte Lina und Guſtchen wenn ich ihnen, bei ſtillen ihre Leibſtuͤckchen vorblieſe. Hier nehme ich mir Abſchnitt in der Mittheilung meiner Lebens⸗ wohl Freude haben, Abenden, im Freien die Freiheit, einen geſchichte zu machen; den zweiten Theil, denke ich, in kurzem liefern zu koͤnnen. Begegnet Dir, freundlicher Leſer, bis dahin, ein junger, ſchuldloſer und mit der Welt ſo unerfahrner Menſch, als ich es in dieſer Perio⸗ de war, ſo nimm Dich ſeiner wohlwollend an; ſuche ſein Vertrauen Dir zu gewinnen, und halte ihn, daß er nicht ſtrauchle. Die ſchoͤn⸗ ſten Bluͤthen unſerer jungen Maͤnnerwelt wer⸗ den oft taub, d. h. ſie bringen keine Fruͤchte, weil wir ſie nicht pflegen. Eltern, deren Soͤh⸗ ne das Vaterhaus verlaſſen, koͤnnen keinen drin⸗ gendern Wunſch haben, als daß der Himmel dieſen gute Menſchen, wohlmeinende, berathende Freunde auf den langen Lebensweg mitgeben moͤge. Die beßten Schutzgeiſter dieſer Art ſind ſittliche Frauen und Maͤdchen. Mir wur⸗ den es Lina und Guſtchen. Anzeige fuͤr Gebildete. Bei der Arnoldiſchen Buchhandlung in Dres⸗ den und Leipzig ſind folgende ſchöngeiſtige und für Be⸗ lehrung und Unterhaltung geeignete Schriften von A. Apel, A. Bronikowski, H. Clauren, C. W. Conteſſa, de la Motte Fouquc, Th. Hell, E. v. Houwald, W. Irwing, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, R. Roos, G. Schilling, St. Schütze, W. Scott, K. Streckfuß, L. Tieck, A. v. Tromlitz, C. F. van der Velde, C. Weisflog und andern er⸗ ſchienen und um die beigeſetzten Preiſe durch alle Buchhandlungen zu bekommen: Abendzeitung, herausgeg. v. Th. Hell und Fr. Kind, auf das Jahr 1817. 6 Thlr. 1818. 6 Thlr. 1822. 6 Thlr. 1823. 7 Thlr. 1824 7 Thlr. 1825.7 Thlr. 1826. 10 Thlr. A. Apel, die Aitolier, Tragödie m. K. 1 Thlr. ⸗ ⸗ Kunz v. Kaufung. Trauerſp. 20 Gr. A. Bronikowski, Hippolyt Boratynski, 2 Theile. 1825. 3 Thlr. Das Geſpenſt. Drei Erzählungen, v. Fr. Laun. Fr. Kind und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr, Der Mantel. Drei Erzählungen, v. Fr. Laun, K. Streckfuß und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. Ich und meine Frau. Drei Erzählungen v. Laun, Lindau und Schilling. 1 Thlr. 6 gr. H. Clauren, Luſtſpiele. 2 Thle. 1818. 2 Thlr. 6 gr. H. Clauren, Scherz und Ernſt, erſte Sammlung, 10 Bände, 1r u. 2r Bd., 3te Aufl. 1823. 1 Thlr. 21 gr. 3r u. 4r Bd., 3te Aufl. 1824. 2 Thlr. ö5r bis 8r Bd., 1820— 22. 4 Thlr. gr u. 10r Bd. das Mädchen aus der Fliedermühle. 2 Thle. 1822. 2 Thlr. —— H. Clauren, Scherz und Ernſt, 2te Sammlung, 10 Bände, 1r u. 2r Bd. Des Haters Suͤnde, der Mutter Fluch und die Fraueninſel, 1823. 2 Thlr. 3r Bd. Der Blutſchatz, 1823. 1 Thlr. 6 gr. 4r Bd. Das Dijon⸗Röschen. 1823. 1 Thlr. 6 gr. ö5r u. 6r Bd. Das Chriſtpüppchen, 2 Thle. 2 Thlr. 6 gr. 7r u. 8r Bd. Die Großmutter und der General⸗Bevollmächtigte. 1824. 1 Thlr. 15 gr 9r u. 10r Bd. Die Gräfin Cherubim, 2 Thle 1824. 1 Thlr. 18 gr. H. Clauren, Scherz und Ernſt, 3te Sammlung, 10 Bde., 1r, 2r, 3r Bd. Der Faſtnachtball, 3 Thle 1825. 2 Thlr. 18 gr. 4r Bd. Die Grenzkommiſſion und das arme Kind, 1825. 1 Thlr. ör Bd. Rangſucht und Wahnglaube. 2te Aufl. 1825. 1 Thlr. 6r Bd. Das Pfänderſpiel. 2te Aufl. 1 Thlr. 6 gr. 7r Bd. Der Liebe reinſtes Opfer. 2te Aufl. 18 gr. 8r Bd. Das Schlachtſchwert. 2te Aufl. 18 gr. 9r u. 10r Bd. Des Lebens Höchſtes iſt die Liebe. 2 Thle. 2te Auflage. 2 Thlr. Jede der 3 Sammlungen koſtet im herabge⸗ ſetzten Preiſe nur 7 Thlr. 12 gr., mithin alle drei 22 Thlr. 12 gr. ſtatt des Ladenpreiſes von 29 Thlr. 12 gr. § Clauren, Scherz und Ernſt, 4te Sammlung, Ir und 3r Bd. Leopoldine und Molly, 2 Thle. 1825. 1 Thlr. 18 gr. Zr Band, Makk. 1825 1 Thlr. 4r. u. 5r. Bd. Wilhelms Tage der Kindheit und die Verſuchung. 1826. 1 Thlr. 12 gr. H. Clauren, Der Vorpoſten, Schauſp. 1821. 16 gr. ⸗ ⸗ Liesli und Elſi, zwei Schweizergeſchich⸗ ten. 1821. geb. 1 Thlr. 8 gr. Das Vogelſchießen, Luſtſp. 1821. 21 gr. Der Bräutigam aus Mexiko, Luſtſpiel u u u n 1824. 1 Thlr. 4 gr. C. W. Conteſſa, Erzählungen, 2 Thle. 1819. 2 Thlr. K. Förſter, Sammlung auserleſener Gedichte für Ge⸗ dächtniß⸗ und Redübungen. 2te Auflage. 1824. 1 Thlr. 12 gr. Fr. de la Motte Fouqué, Reiſe⸗Erinnerungen, 2Thle. 1823. 2 Thlr. 12 gr. bammlung, zuͤnde, der . 2 Thlr. ehlr. 6 gr. hlr. 6 gr. le. 2 Thlr. und der hlr. 15 gr „ 22 Thle dammlung, I, 3 Thle ommiſſion 5r Bd. 5. 1 Thlr. Ehlr. 6 gr. fi. 18 gr. 18 gr. die Liebe. herabge⸗ ithin alle eiſes von mmlung, 2 Thle. 6 41 Thlr. dheit und 1. 16 gr. ergeſchich⸗ hlr. 8 gr. 1. 21 gr. Luſtſpiel lr. 4 gr. 2 Thlr. für Ge⸗ 1824. 5. 12 gr. 1, WThle. -. 12 gr. Th. Hell, Bühne der Ausländer, 3 Bde. 3 Thlr. 6 gr Lyratöne. 2 Thle. m. Kpf. 1821. 2 Thlr. Des Maurers Leben. 3te Aufl. mit Kupf. 1825. geb. 1 Thlr. 8 gr. Der Renegat. 2 Thle. aus dem Franz. 1823. 2 Thlr. 3 gr. Salvator Roſa und ſeine Zeit. Aus dem Engliſchen der Lady Morgan. 3 Thle. 1825. 3 Thlr. 6 gr. Dramat. Vergißmeinnicht 1r. Thl. 1) Der Unſchuldige muß viel leiden. 2) Clementine. 1824. br. 1 Thlr. 2r. Theil. 1) Die Galeerenſclaven. 2) Der Hofmeiſter in tau⸗ ſend Aengſten. 1825. 1 Thlr. Zr. Theil. 1) Die beiden Sergeanten. 2) Der Herr Gevatter. 1825. 1 Thlr. Oberon, König der Elfen. Schauſpiel mit Geſang, aus dem Engliſchen. 4525, br. 16 gr. E. v. Houwald, Erzählungen. 1819. 1 Thlr. 4 gr. Homers Heldengeſänge. Ilias und Odyſſee, überſ. von Neumann. 2 Bde. 1826. 4 Thlr. 12 gr. Fr. Laun, Zwei Bräute für einen Mann. 1809. * 2te Aufl. 1 Thlr. Die Gevatterſchaft. N. Aufl. 1809. 1 Thlr. Hiſtorien ohne Titel. 2 Thle. 2te Aufl. 1808. 1 Thlr. 18 gr. Die ſtille Jungfrau. 2 Thle. 2te Aufl. 1808. 1 Thlr. 18 gr. Der wilde Jäger. 1820. 1 Thlr. 6 gr. Welcher? Drei Erzählungen verwandten Inhalts. 1821. 1 Thlr. 3 gr. Myrthenzweige. 2 Thle. 1825 2 Thlr. Das Verhängniß. 2 Thle. 1826. 1 Thlr. 12gr. „A. Lindau, Lebensbilder. 2 Thle. 1818. 1 Thlr. 12 gr. ⸗ Die Braut, v. W. Scott, a. d. Engl. 3 Thle. 2te Aufl. 1822. 3 Thir. ⸗ Eduard, v. W. Scott, a. d. Engl. 4 Thle. 1822. 4 Thlr. 18 gr. 10 6. A. Lindau, Das Herz von Mid⸗Lothian, v. W. Scott, 6 Thle. 1824. 6 Thlr. Anaſtaſius, Abenteuer eines Griechen, 5 Thle. 1825. 6 Thlr. 16 gr. ⸗ Erzählungen v. W. Irwing, aus dem Engl. 1822. 21 gr. ⸗ Deerr Landprediger zu Wakefield. Aus dem Engl. des O. Goldſmith. 1825. 1 Thlr. 18 gr. - ⸗ ⸗ Anſelmo. Ein Gemählde aus dem Leben in Rom und Neapel, nach dem Engl. 2 Thle. 1826. 2 Thlr. 12 gr. - ⸗ Leben und Sitte im Morgenlande, a. d. Engl. 3 Thle. 1826. 2 Thlr. 12 gr. T. F. M. Richters Reiſen zu Waſſer und zu Lande. Für die reifere Jugend zur Belehrung und zur Unterhaltung für Jedermann. 6 Thle. 1824— 1825. 6 Thlr. 4 gr. geb. 6 Thlr. 12 gr. R. Roos, Gedichte. 2 Thle. 1820 u. 23. 2 Thlr. 3 gr. ⸗ Erzählungen, 2 Thle. 2te Auflage, 1825. 2 Thlr. 6 gr. St. Schütze, Heitere Stunden. 3 Theile. 1824. 3 Thlr. 9 gr. K. Streckfuß, Erzählungen. 1812. 1 Thlr. Taillefas, Schreckenſcenen a. d. Norden. 1820. 1 Thlr. L. Tieck, Novellen. 1r Thl. Die Gemählde. 1823. 1 Thlr. 2r Thl. Die Verlobung. 1823. 18 gr. 3r Thl. Die Reiſenden. 1824. 1 Thlr. Ar. Thl. Muſik. Leiden und Freuden. 1824. 18 gr. A. v. Tromlitz, hiſtoriſch romantiſche Erzählungen. 1r. Bd. Die Blinde. 1826. 21 gr. C. F. van der Velde ſämmtliche Schriften, 3te ver⸗ beſſ. Aufl. herausg. von C. A. Böttiger und Th. Hell, 8. Velinpapp. 1825. Erſte Lieferung 1r— 4r Bd. Erzſtufen, 3 Theile und Prinz Friedrich. Vorausbezahlung 3 Thlr. 12 gr. Zweite Lieferung, 5r— 8r Band: die Eroberung von Mexiko, 3 Thle. und der Maltheſer. 3 Thlr. 12 gr. Dritte Lieferung, or— 12r Band: die Lichtenſteiner, die Wiedertäufer, die Patrizier und Guido. 3 Thlr. 12 gr. Vierte Lieferung 16 r— 16r Band: Arwed Gyl⸗ rich. ung, „ 3 itte die 2 gr. Gyl⸗ lenſtierna. 2 Thle. Der böhmiſche Mägdekrieg. 2 Thle. 3 Thlr. 12 gr. Fünfte Lieferung 17r— 20„ Band: Das Liebhaber⸗Theater. Chriſtine und ihr Hof. 2 Thle. Das Horoskop. 3 Thlr. 12 gr. Alle 25 Bände aber nur 20 Thlr. Der ſpätere La⸗ denpreis 28 Thlr. L. Weisflog, Phantaſieſtücke und Hiſtorien, 4 Thle. 1824 5 Thlr. 6 gr. ⸗ ö5r und 6r Band. 1825. 3 Thlr. 15 gr. ⸗ 7r und 8r Band. 1826. 3 Thlr. 3 gr. Alle 8 Bände ſtatt 12 Thlr. nur 9 Thlr. Wittgens Raubſchloß. 1825. 1 Thlr. 6 gr. Die 1te Sammlung der Schriften von Guſtav Schil⸗ ling beſteht aus 50 Bänden, welche im Laden⸗ preiſe 50 Thlr. koſten. Um aber den Freunden der neuen Sammlung den Ankauf der frühern zu erleichtern, geben wir ſolche für 33 Thlr. Pr. Courant, wofür ſie durch alle ſolide Buchhand⸗ lungen zu erlangen iſt. Es ſind in jener Sammlung enthalten: 1.) Das Weib wie es iſt, 2te verb. Aufl. 2. 3. 4.) Die Igno⸗ ranten. 3 Thle. 3te verb. Aufl. 5. 6. 7. 8.) Der Liebesdienſt. 4 Thle. 9. 10.) Die ſchöne Sibille. 2 Thle. 3te verb. Aufl. 11.) Bagatellen von Z. Kukuck. 2te verb. Aufl. 12. 13. 14. 15.) Erzäh⸗ lungen. 4 Thle. 16. 17. 18.) Geſchichten. 3 Thle. 19. 20. 21.) Irrlichter. 3 Thle. 22. 23.) Abend⸗ genoſſen. 2 Thle. 2te verbeſſ. Aufl. 24.) Das Orakel. 25. 26.) Laura im Bade. 2 Thle. 27.) Der Beichtvater. 2te aus 2 in 1 Band gedrängte Aufl. 28. 29.) Die Saat des Böſen. 2 Theile. 30.) Clärchens Geſtändniſſe. 2te aus 3 in 1 Bd. gedrängte Aufl. 31.) Die Wunderapotheke. 32.) Der Weihnachtabend. 2te verbeſſ. Aufl. 33.) Die Neuntödter. 34.) Die Geiſter des Erzgebirges. 35. 36.) Flocken 2 Thle. 37. 38.) Gottholds Abenteuer. 2 Theile 2te verbeſſerte Auflage. 39.) Wallmann der Schütze. 40.) Die Nachwehen. 41.) Freudengeiſter. 42.) Die Bedrängten. 43. 44.) Der Roman im Romane. 2 Thle. ête verb. Aufl. 4 4 n 45.) Die Heimſuchung. 46.) Blätter aus dem Buche der Vorzeit. 47. Orangen. 2te aus 2 in 1 Band gedrängte Aufl. 48.) Flämmchen. 49.) Die Verſucherinnen. 2te verbeſſ. Auflage. 50.) Das Teufelshäuschen. Die zweite Sammlung erſcheint in Lieferungen zu 5 Bänden, welche im Ladenpreiſe 5 Thlr., gegen Vorausbezahlung aber nur 4 Thlr. koſten. In den erſten 8 Lieferungen ſind enthalten: 1) Der Mann wie er iſt.?te verbeſſerte Aufl. 2. 3. 4) Verkümmerung. 3 Thle. 5) Heimchen. 6. 7) Stoffe. 2 Thle. 8. 9. 10) Die Familie Bürger. 3 Thle. 1820. 11. 12. 13) Wallows Töchter. 3 Thle. 1821. 14. 15) Zeichnungen. 2 Thle. 1821. 16. 17) Wolfgang, oder der Name in der That. 2 Thle. 18. 19. 10) Häusliche Bil⸗ der. 3 Thle. 1822. 21. 22) Der Mädchenhüter, 2 Thle. 2te verbeſſ. Auflage. 1823. 23) Schil⸗ derungen. 24. 25) Leander. 2 Thle. 26. 27) Die Vorzeichen. 2 Thle. 28) Die Reiſe nach dem Tode. 3te Aufl. 29. 30) Gefaͤhrten. 2 Thle. 31. 32) Der Hausgenoſſe. 2 Thle. 33. 34. 35) Hiſtorien. 3 Thle. 36. 37) Röschens Geheimniſſe. 2 Thle. 3te Aufl. 38. 39) Die Geſchwiſter. 2 Thle. 40) Gebilde. Außer dieſer Sammlung ſind noch einzeln gedruckt und darin nicht enthalten: G. Schilling, Die Brautſchau, 2 Thle. 1809. 2 Thlr. 12 gr. 2 Mondſteinwürfe v. Z. Kukuk. 1808. 1 Thlr. 2 Drako. Dämon der Hölle. 1808. 18 gr. Das Leben im Fegfeuer. 1804. 1 Thlr. 3 Arnoldiſche Buchhandlung⸗ ————