9 1 1 ) ) —--œ!——=B — 7 2. 4 1 4, „.— Leihbibliothetrt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, ſe Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leihß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Uiananahans und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Leseprei kgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. Veeirde Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 I— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„=„ 3 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und jefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der erſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Wilhelms Tage der Kindheit un d † Munter iſt die Hauptſache, 4 H. Clauren. 4 Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 182 6. Scherz und Ernſft, von H. Clauren. Vierte Sammlang. 6 Viertes Baͤndche n. . Wilhelms Tage dei Kindheit. Munter iſt die Hnuptſache. . 5 r ————————— —— —. —— ———y—— 42 — ‿̈ + — — Gs — — — — — & 22 E — ‿ ᷣ‿̈ — — 1. Mit jedem Sekundenſchlage ſtirbt auf dem Erdball ein Menſch! ſagte ſehr bewegt der Ca⸗ pitain und druͤckte ſchweigend mit ſeiner Linken dem weinenden Bruder die Hand, denn ſeine Rechte lag auf Punto de Nago, der Oſtſpitze von Teneriffa, bei der Kirche des heil. Fran⸗ ziskus begraben. Alle Sekunden ein Menſch! wiederholte langſam der Oberamtmann und dachte der ſchrecklichen, die ihm, vor wenigen Wochen, ſein treues Weib in der Bluͤthe ihrer Jahre von der Seite geriſſen. Auch uns, Bruder Martin, verſetzte der Capitain: wird unſere Sekunde ereilen. Dar⸗ um laß uns einander lieb haben, wie Bruͤder, denn unſere Mutter trug uns ja unter ihrem Herzen; wir wollen noch enger zuſammenhalten 6 als je. Iſt auch das Licht Deiner Bluͤſe er⸗ loſchen; im Oſten, Bruder, daͤmmert unſer Morgen! dorthin wollen wir ſteuern, und es wird licht werden. Unſer Kleeblatt iſt zerriſſen. Dein Hannchen iſt in die Tiefe der Erde ver⸗ ſenkt. Da, wo ſie ſtand, laß jetzt Deinen Wilhelm ſtehen. Der Junge iſt ſeiner Mutter Ebenbild; er ſoll nicht mehr unſer Kind, er ſoll unſer Freund ſeyn. Der Junge iſt eilf Jahre alt, ich ſtehe Dir dafuͤr, er wird mit ſeinem fuͤhlenden Herzen den Platz fuͤllen. Dann iſt keine Luͤcke mehr in unſerem kleinen Kreiſe, und kann unſere Verklaͤrte von dem Pik ihrer Himmelshoͤhen auf uns Erdenwuͤrmer herab⸗ ſehen, ſo wird ſie ſich freuen, ihren Wilhelm an ihrer Stelle in unſern Armen zu erblicken. Laß den Hofmeiſter ziehen; der Menſch iſt gut, aber er predigt mir zu viel und handelt zu we⸗ nig, So ein Menſch kommt mir vor, wie ein Kauffarteifahrer, der ſein Connoiſſement unterzeichnet; er bekennet die ihm anvertraute Waare wohleonditionirt empfangen zu haben, und ſie, wenn ihm Gott eine gluͤckliche Fahrt ſchenkt, richtig und wohlbehalten wieder auslie⸗ fern zu wollen. Das hat er gethan. Was ₰ ——— x—— der Junge bei ihm hat lernen koͤnnen, weiß er. Das Uebrige will ich ihm beibringen. Die Zeit, die ich mit unſerm Hannchen ver⸗ plauderte, ſoll nun Deinem Wilhelm gehoͤren. Ich bin nicht ſtolz darauf, aber ich weiß mehr als der Hofmeiſter; der hat nur Buͤcher gele⸗ ſen und ſeinen Profeſſor gehoͤrt. Aber meine Buͤcher waren die fuͤnf Welttheile und der große Ozean war mein Preofeſſor. Indeſſen, Bruder, eine Penſion muͤſſen wir dem Men⸗ ſchen geben. Er hat fuͤnf Jahre lang die klei⸗ ne Fregatte commandirt und ſeine Schuldigkeit gethan. Großbrittannien bezahlt mir meine verlorne Hand, bezahle Du ihm ſeine hier ver⸗ lorne Zeit, denn verloren hat er ſie doch; Wil⸗ helm nicht, aber er. Fuͤnf Jahre lang hat ſein Lebensſchiff hier auf der Rhede gelegen und das muß ihm verguͤtet werden. Gieb, was Du kannſt; ich lege auch zu, was ich vermag. Der Junge ſpricht engliſch und franzoͤſiſch und ließt den Julius Caͤſar. Mein Freund, da hat der Menſch drei Capitale, die ihn zeitle⸗ bens ernaͤhren. Er kann Seecapitaͤn, Geſand⸗ ter oder Schulmeiſter werden. Die Penſion, die wir dem Lehrer reichen, wiegt nimmer die 7 8 Zinſen des Capitals auf, das er dem Jungen geſchenkt hat. Der Bruder willigte in den Vorſchlag und berieth ſich mit dem Capitain„ was er nun we⸗ gen ſeines Hausweſens thun ſolle; ohne weib⸗ liche Aufſicht koͤnne es nicht bleiben; ihm ſchei⸗ ne Tante Wehmeier dazu am paſſendſten. „Bruder, hob der Capitain an: thue das. Wir auf unſern Schiffen bedurften keines Wei⸗ bes, denn dahin gehoͤrt bloß der Mann. Dort wuͤrde das Weib mit ſeiner natuͤrlichen Zaghaf⸗ tigkeit mehr verderben, als gut machen; aber auf dem feſten Lande gehoͤrt in jedes gute Haus eine Frau, ſonſt ſteht das Uhrwerk in der Wirthſchaft ſtille. Wir mit unſerem ſtren⸗ gen Sinn, die wir alles im Großen wollen, und nichts im Kleinen vermoͤgen, wir paſſen nicht dazu, die weibliche Dienerſchaft eines Hausweſens zu regieren. Ein Haus ohne Frau kommt mir vor, wie eine Glocke ohne Kloͤppel, leer und ſtumm und todt. Wir haben, Bru⸗ der, nur zwei edle Metalle in der Welt: das Gold und das Silber. Wir„ unter uns, wir ſind das Silber; die Weiber das Gold. Die Weiber ſind feiner ausgepraͤgt und laſſen ſich 9 biegen. Beide, das Gold und das Silber, werden nie ohne Zuſatz verarbeitet und darum hat uns Gott ein bischen Kupfer beigemiſcht. Wir ſind alle legirt. Dein Hannchen aber, Bruder, glaube ich, war fein Gold, da war faſt kein Koͤrnchen Kupfer darin, darum war ſie auch ſo weich und nicht von Dauer. Die Tante Wehmeier?— nun ſie hat das Paſſir⸗ Gewicht und das Gepraͤge iſt ſie wohl immer werth. Ehre genug fuͤr ſie, daß ſie nach dem Dukatenfuß ausgemuͤnzt iſt, wo 67 Stuͤck auf die rauhe Mark gehen; aber Dein Hannchen iſt ſie nicht. Darum laß ſie auch nicht uͤber Wilhelm walten, gieb ihr bloß den Kuͤchenzep⸗ ter in die Hand. Den Jungen laß mir. Mache die Tante zum Großvezier und mich zum Capudan⸗Paſcha. 2— Der Oberamtmann that, wie ihm gera⸗ then. Dem Hauslehrer verſchaffte er eine an⸗ dere Stelle, und beide Bruͤder beſtimmten ihm lebenslaͤnglich eine kleine Penſion und Tante Wehmeier ward aus der Stadt geholt, um die Zuͤgel des Hausregiments zu uͤbernehmen. 4 10 Der Capitain— er war in fruͤhſter Ju⸗ gend zur See gegangen, hatte dreißig Jahre lang alle Meere der Welt im Dienſte der oſt⸗ indiſchen Compagnie befahren, war in keinem Winkel der Erde, in keinem Fache des menſch⸗ lichen Wiſſens fremd, hatte ſich bis zum See⸗ Capitaͤn hinauf gedient und durch Sparſamkeit ein maͤßiges Vermoͤgen erworben, und erhielt, ſeit er in einem Seegefecht vor Punto de Nago ſeine rechte Hand verloren hatte, von London aus eine nicht unanſehnliche Penſion regelmaͤßig jaͤhrlich ausgezahlt— der Capitain machte ſich nun ſeinen eigenen Erziehplan fuͤr Wilhelm; der Vater ließ ihn gewaͤhren, weil er in ſeines Bruders Weltklugheit ein unbedingtes Vertrauen ſetzte, und weil er bald bemerkte, daß Wilhelm in allen Faͤchern der Wiſſenſchaften Rieſenſchritte machte. Nur mit der Tante lag der Capitaͤn in ewigem Kriege, denn ihre paͤdagogiſchen An⸗ ſichten paßten nie zu den ſeinigen. Die Tante hatte mit den erſten Haͤuſern der Stadt verkehrt; ſie hatte dort die jungen Leute beiderlei Geſchlechts heranwachſen geſehen, und war, ohne ſelbſt zu wiſſen, wie, an die Erziehmethode der neuern Zeit gewoͤhnt wot⸗ den; die jungen Leute ſprachen uͤber alles mit Beſtimmtheit und Auswahl, ſie beobachteten alles ruhig und kalt, und handelten nach be⸗ rechneten Grundſatzen. So, meinte ſie, ſollte Wilhelm auch gebildet werden; aber ſie fand es anders. Der Seecapitain hatte, nach ihrer Anſicht, eine Weiſe, die den Kleinen durchaus verderben mußte. Aber ſie trat mit ihren Aeuſ⸗ ſerungen nur nach und nach hervor, denn der Capitaͤn galt bei dem Oberamtmann alles, Wilhelm hing wie eine Klette an ihm, und der Capitain ſelbſt hatte eine Art zu diſputiren, daß es ihr immer an Worten fehlte, ihn zu widerlegen.. So hatte ſie z. B. lange ſchon ihren ſtillen Aerger, daß Wilhelm ſo wenig lerne. Andre Kinder ſeines Alters in der Stadt, ſagte ſie einſt bei Tiſche: ſchreiben im Franzoͤſiſchen und Engliſchen den eleganteſten Brief, ſpielen ihre Doppelſonate vom Blatte, und ſprechen uͤber Politik, wie ein Geheimer Staatsrath. Wil⸗ helm lernt viel zu langſam und weiß faſt gar nichts. Wilhelm ſchlug die Augen nieder und er⸗ roͤthete, 12 Du biſt mit Deiner Ausarbeitung noch nicht fertig, mein lieber, guter Junge, ſagte der Capitain ruhig: geh' und mache Dich daran, heute Abend wiill ich ſie durchſehen.— Doch, ehe Du gehſt, ſag mir einmal,— ich ſchlug heute nach, ich konnte es aber in meinem Buche nicht finden— was iſt denn eine Parallaxe? Der kleine Junge ſann ein Weilchen, dann ſagte er laͤchelnd: J, Onkel, das iſt nicht ſchwer; eine Parallaxe iſt der Winkel, den die beiden Linien machen, die eine, vom Mittel⸗ punkte der Erde, und die andere von einem Pankte der Erdoberflaͤche an einen Weltkoͤrper gezogen. Nicht wahr, lieber Onkel? Ganz richtig, mein alter Junge, antwor⸗ tete der Onkel, und warf voll Siegesfreude ei⸗ nen Seitenblick auf die Tante, in deren Ge⸗ ſichte man las, daß ſie noch kein Wort von der Parallaxe gehoͤrt hatte; aber, fuhr er fort: mein Jungchen, Du ſiehſt alle Abende den Mond und die Sterne, und Du behaupteſt, Du wuͤßteſt, wie weit ſie von uns entfernt waͤren. Du haſt gut ſchwatzen, denn es mißt Dir keiner mit der Elle da oben hinauf nach. Wie miſſeſt Du denn die Entfernung der Pla⸗ 8, —— 13 neten 5 B., und wie beweiſeſt Du, daß Du richtig gemeſſen? Nun, Onkelchen, das laͤßt ſich machen; da muß man nur ein bischen den Kopf zuſammen nehmen. Warte nur einen Augenblick„ ich weiß es wohl, aber ich kann Dir es nur nicht ſogleich recht deutlich machen. In der Geome⸗ trie meſſe ich doch auch die Entfernung von Gegenſtaͤnden, zu denen ich nicht kommen kann; nicht wahr? Ja, nun? Nun, und eben ſo meſſe ich die Entfer⸗ nung der Planeten nach denſelben Regeln, durch die Parallaxe; denn durch die parallacti⸗ ſchen Winkel kennt man ja in einem Dreieck, deſſen eine Seite die Entfernung des Himmels⸗ koͤrpers iſt, drei Stuͤcke, aus dieſen kann man nun die uͤbrigen drei, und folglich auch dieſe Entfernung berechnen. Bravo; aber noch eins. Was iſt die Apſidenlinie? O! das weiß ich; das iſt die große Are. der Ellipſe, in der die Planeten laufen; und r— die Koptenlinie, iſt die Linie zwiſchen den bei⸗ 14 den Punkten, in welchen die Bahn eines Pla⸗ neten die Ekliptik durchſchneidet. Bravo; nun gehl doch erſt ſpringe ein we⸗ nig herum, daß Du nach dem Eſſen nicht gleich ſitzeſt. Beſuche Deine Tauben und die Grasmuͤckenneſter; da Junge, trinke ein Glas Portwein. 3. Wilhelm trank nie ohne Toaſt, So hatte es ihn der Capitain gelehrt. Wie kann Waſſer ſo große Dinge thun, ſagte der Capitain oft, wenn vom Weintrin⸗ ken geſprochen wurde. Das Waſſer thut es freilich nicht, ſondern das Wort der Weihe, ſo uͤber das Waſſer geſprochen wird; und ſo iſt es auch mit dem Weine; den waͤrmt auch die Weihe des Wortes und des Geſanges; und muß ich ganz allein trinken, ſo gehoͤrt wenig⸗ ſtens jedes Glas einem großen oder einem gu⸗ ten Menſchen.— Na Wilhelm, wer ſoll heute leben?— Der kleine Blondkopf hob das Glas und rief: „Daͤdalus, Archimedes und die Tante! 15 Er trank im Enthuſtasmus das Glas in einem Zuge aus, ſtauchte es kraͤftig auf den Tiſch und wollte nun zu ſeinen Tauben. Alle drei mußten laut lachen: der Oberamtmann fragte: Wie kommt die Tante mit Daͤdalus und Archimedes zuſammen? 8 Daͤdalus der Athener, antwortete der freund⸗ liche Kleine mit funkelndem Auge: erfand Anno 1260 vor Chriſto, das Winkelmaß, die Blei⸗ ſchnur und den Maſtbaum; das iſt der Schutz⸗ patron des Onkels.— Archimedes von Syrakus, ein tauſend Jahr ſpaͤter, den Lehrſatz vom Ver⸗ haͤltniß des Cylinders zur Kugel; das iſt mein Schutzheiliger, der lehret die Tante, daß die Stadtkinder bloße Cylinder ſind. Und du, rief der Onkel von hoͤchſter Freude entzuͤckt, dem Knaben nach, der ſchon zum Zimmer hinaus war und zu ſeinen Neſtern hüͤpfte: und hu die Kugel, die ſich immer fort drehen wird, durch unendliche Raͤume, um das Licht der ewigen Klarheit und Wahrheit! Amen! fiel die Tante etwas ͤrgerlich ein, die fuͤr ihren ungerechten Tadel, mit dem ſie gegen Wilhelms Wiſſen zu Felde gezogen war, ſich empfindlich beſtraft fuͤhlte. 16 Der Junge iſt hinaus, Tante, jetzt laſſen Sie mich uͤber ihn ſprechen. Tante, Sie ha⸗ ben die Kux verloren. Vergleichen Sie mir ihn nicht in ſeiner Gegenwart mit andern Kin⸗ dern. Faͤllt ihr Vergleich zu ſeinem Vortheil aus, ſo wird er übermuͤthig; im Gegentheil verliert er das Zutrauen zu ſich ſelbſt. Beides iſt gleich ſchaͤdlich; und im erſten Falle verder⸗ ben Sie ihn ſogar fuͤr ſeine kuͤnftige Welt. Hoͤrten Sie, wie er auf die Stadtkinder los⸗ zog?— daran war niemand Schuld als Sie. Warum thaten Sie ihm Unrecht? warum ho⸗ ben Sie die Kinder der Stadt auf Koſten ſei⸗ ner Ehre uͤber ihn hoch, gewiß zu hoch empor? Ich habe nun Monate lang zu thun, um das Vorurtheil gegen die Stadtkinder ihm wieder aus dem Sinn zu bringen. Die verteufelte Idee des Cylinders wurzelt nun bei ihm feſt; ich muß ſelbſt lachen uͤber den Einfall. Die Standgefaͤße bei den Apothekern ſind auch Cy⸗ linder, und ſo kommen mir auch die Stadt⸗ einder vor. Alle blank und ſchoͤn von außen und bis an den Rand voll. Aber Gott ver⸗ damme mich! mein Kryſtallkrug voll Porter⸗ bier iſt mir denn doch lieber, als alle die 17 Cylinderbuͤchſen. Durch den kann ich doch durch und durch ſehen; dort nicht. Aber das werden Sie mir doch zugeben, entgegnete die Tante, daß man in der großen Stadt tauſendmal mehr Gelegenheit hat, die Anlagen eines Kindes zu entwickeln, als auf dem Lande? In der großen Stadt? was nennen Sie denn eine große Stadt? J nun, unſere Reſidenz iſt doch kein Neſt? Ein Dorf, ein bloßes Dorf iſt ſie. Koͤmmt es Ihnen durchaus auf die Groͤße an; ſo muͤſ⸗ ſen Sie den Jungen nach Miacao, oder nach Nanking, am beßten aber nach Peking ſenden. Miacao und Nanking zaͤhlen jedes eine Mil⸗ lion Einwohner. Peking aber zwei Millionen. Sehen Sie, das iſt ein Staͤdtchen! Da ſoll⸗ ten Sie das Treiben und Leben und Weben ſehen, das Wickeln und Bewickeln und Um⸗ wickeln und Hinein⸗ und Herauswickeln und Verwickeln und Entwickeln. Nein, Tantchen, laſſen Sie den Jungen auf dem Lande. Er ſoll in die Stadt. O ja. Er ſoll tauſend und aber tauſend Staͤdte ſehen. Er muß in Hind⸗ oſtan ſo gut zu Hauſe ſeyn, wie in der Wuͤſte 2 18 Biledulgerid; in Eſſequebo, wie auf der Inſel Owaihi und auf dem Descabeſſado in Chili, wie auf ſeinem Taubenboden in unſerm Hofe. Glauben Sie nur, Tantchen, in zehn Jahren laͤßt ſich das bischen Erdball dreimal umreiſen und eher ſollte ſich kein Menſch, wenigſtens kein Junge auf ſeine Hufe ſetzen; denn der Menſch muß ſich umſehen in der Welt; Gott ſchuf ja ſie; er ſchuf ſie nur fuͤr ihn, die ſchoͤ⸗ ne, große, weite Welt. Alſo verlaſſen Sie ſich darauf, Tante; Wilhelm ſoll alle große Staͤdte ſehen, und in jeder ſoll er etwas ler⸗ nen, aber ich begleite ihn. Da will ich ihm den Fleck zeigen, wo ich in Weſtindien im Geſicht der karaibiſchen Inſeln, die Flintenku⸗ gel in die linke Achſel bekam; und auf Tene⸗ riffa, will ich die Kirche des heiligen Franzis⸗ kus mit ihm beſuchen; dort liegt dicht an der Mauer bei der kleinen Thuͤre, hier meine liebe rechte Hand begraben⸗ Er ſah mit ſtiller Wehmuth auf ſeinen Stummel herab, der in einer breiten ſchwarzen Binde hing. An Sonn⸗ und Feſttagen war dieſe Binde von Sammet; unten in der Breite, in welcher der Arm ruhte, war ein Eichenkranz in 19 Inſel in Gold geſtickt, mit dem bekannten engliſchen Chili⸗ Wappenmotto: Hofe.„Honny soit, qui mal y pense!“ 1 jahren 5 rreiſen 4. itens Sie verſtehen mich falſch, Onkel, entgeg⸗ 3 der nete die Tante ſchon halb verdrießlich uͤber die 1 b Lat uͤberſpannte Idee, aus dem Jungen einen wei⸗ M Sie dernden ewigen Inden machen zu wollen: oder Sie wollen mich nicht verſtehen. Auf die große Weite der Ringmauern einer Stadt kommt es s lät- nicht an, auch nicht auf die Zahl ihrer Ein⸗ ihm wohner; ſondern auf die Gelegenheiten des Un⸗ ilas terrichts, die ſich doch in einer Stadt unſtrei⸗ tentu⸗ tig mehr konzentriren, als in dem Bezirke eines Lene⸗ Domainenamt⸗Hofes auf dem platten Lande. annzis⸗ Gelegenheit? Glauben Sie denn, daß z. B. m der in Peking keine Gelegenheit zum Unterricht iſt? e liebe Tantchen! dort iſt eine Akademie der Wiſſen⸗. feinen ſchaften, die manche deutſche beſchäͤmt: glauben Sie nur, man iſt in Aſien auch nicht vatzen auf den Kopf gefallen. Sie finden in Batavia, rene in Kalkutta gelehrte Geſelſchaften, vor denen ich allen Reſpekt habe; die Koͤnigl. oͤkonomiſche akranz Geſellſchaft der Freunde des Landes auf Tene⸗ 2* 20 riffa bewaͤhrt ihren Titel durch ihre Anſtalten beſſer, als manches aͤhnliche Inſtitut in unſerm lieben Lande, und Gelehrte giebt es uͤberall, trotz unſerer Buͤcherwuͤrmer und Magiſter. Nu⸗ nez de la Pena, geboren zu Laguna, arbeitete ſich blind uͤber ſeiner Geſchichte der kanariſchen Inſeln.— Sie haben vollkommen Recht. Die Privatkraͤfte eines Einzelnen reichen nicht hin, um das zu erſchaffen, was die Kraͤfte mehrerer, oft im Bunde mit den Kraͤften der hoͤchſten Staatsgewalt, hervorzubringen vermoͤ⸗ gen; aber alle die dadurch begruͤndeten Bildung⸗ anſtalten ſind ja noch fuͤr Wilhelm nicht. Wil⸗ helm iſt noch ein Kind. Wenn wir ihn hier nichts mehr lehren koͤnnen, wenn er alles das weiß, was wir hier wiſſen, wenn er die Ge⸗ ſchenke unſerer Erfahrungen alle in ſein Herz geſenkt hat, dann erſt mag er hinziehen und lernen, was wir ſelbſt nicht wiſſen; eher aber nicht. Glauben Sie, Tante, der beßte paͤda⸗ gogiſche Tempel iſt uͤberall das Vaterhaus. Und das Allerheiligſte dieſes Tempels iſt das Mutterherz. Ach, daß Wilhelm die Leitung ſeiner ſanften Mutter verloren hat! Das kann ihm niemand erſetzen; das Mutterherz, Tant⸗ —3, 21 chen, liegt dicht an der Mutterbruſt. Ein Kind, das ſeine Mutter verloren hat, iſt ein armes, ein ſehr armes Kind. Niemand hat die zarte Nachſicht fuͤr das Verlaſſene, die in der Bruſt der liebenden Mutter wohnte. Waͤ⸗ ren Sie mit mir in dem Olivenwalde von Athen geweſen, da haͤtten Sie den Altar geſe⸗ hen, den man dem nachſichtigen Jupiter gebaut hat. Tauſend Denkmaͤler der alten goldenen Zeit ſind zu Staub und Aſche ge⸗ worden; aber dieſer Altar ſteht noch unverſehrt; gleichſam als ob der liebe Gott, den die grie⸗ chiſchen Muͤtter in ihrem Jupiter anbeteten, damit ſagen wolle, daß Nachſicht eine ewige Tugend des Menſchen ſein muͤſſe; und darum muͤſſen auch Sie, Tante, gegen Wilhelm nach⸗ ſichtig ſein. Laſſen Sie ihm Zeit. Treiben Sie ihn nicht zu ſehr. Er thut nach ſeinen Kraͤften, ſo viel er vermag. Das Licht durch⸗ fliegt in einer Minute einen Raum von zwei Millionen Meilen. Dieſen Raum zu durch⸗ kriechen, wuͤrde eine Schnecke Ein hundert zwei und funfzig tauſend zwei hundert und ſieben Jahre brauchen, denn ſie legt in der einen Minute, in welcher das Licht zwei Millionen Meilen durcheilt, ³3 Zoll zuruͤck. Thaͤte ich nun nicht Unrecht, Tantchen, wenn ich von der Schnecke das verlangte, was das Licht lei⸗ ſtet? und wenn ich es auch tauſendmal ver⸗ langte, wuͤrde es denn darum die Schnecke thun? Alſo, Sie geben doch zu, daß Wilhelm eine Schnecke iſt, daß er langſam lernt, ſich zu allem treiben laͤßt? Gott behuͤte! ſtreichen Sie die Flagge! Wilhelm iſt ſo wenig die Schnecke, als Ihre Schuͤtzlinge, die Stadtkinder, das Licht. Es giebt eine Art Fleuten, die Italiener nen⸗ nen ſie hastimento da carico; hinten haben ſie ſehr ſtarke Billen und einen breiten Hack⸗ bord; die dreimaſtigen Fahrzeuge ſegeln am langſamſten, aber man kann eine Menge Guͤ⸗ ter hineinſtauen, daß Sie ſich daruͤber wundern ſollten. Es kommt auch am Ende gar nicht auf die Geſchwindigkeit an. Ein ruſſſchir Kourier faͤhrt 400 deutſche Meilen in 15 Tas 6 f gen, aber fragen Sie ihn einmak, was er auf ſeiner Reiſe geſehen und gelernt hat. Gut Ding will Weile haben und beſonders das Lernen. —e 3 —e Meinethalben laſſen Sie ſich mit Ihrem Wilhelm ſo viel Zeit, als Sie wollen, aber etwas wird er hier einbuͤßen, das ihm nur die Stadt gewaͤhren kann: die Ausbildung ſeines muſikaliſchen Talents.— Meinen Sie denn, Tante, ich ſei gar nicht muſikaliſch? An den Kuͤſten von Baha⸗ ma, Neu⸗Kaledonien und Kongo habe ich Con⸗ zerte gehoͤrt, von denen Sie ſich mit allen Capellmeiſtern Ihrer Reſidenz nichts traͤumen laſſen. Wenn das große Weltmeer ſeine Grund⸗ ſaͤtze uͤber die Regeln des Generalbaſſes vorträͤgt, ich verſichre Sie, da lernt der roheſte Matroſe das fromme Lied zu den Wolken componiren. Das Toſen des furchtbaren Oceans, das Heu⸗ len des Sturms, der die brandenden Wogen aus ihrer Grundtiefe hinauf zu den Hoͤhen des Himmels ſchleudert, das Rauſchen der weiß⸗ ſchaͤumenden Brandung am ſchroffen Korallen⸗ riff— meinen Sie, das ſei keine Muſik?— Glauben Sie denn, daß alle Capellen, alle Heerpauken und alle Inſtrumente in der Welt eine einzige ſolche allmaͤchtige Seeſymphonie aus⸗ fuͤhren koͤnnen?— Das Saͤuſeln in den Zedern von Libanon, das Fluͤſtern des Rohrs am See von Lerna, die melodiſchen Luͤfte, die am Ufer des eleuſiniſchen Cephiſſus das Grab des Zarex umſpielen, den Apollo ſelbſt in der Kunſt des Geſanges unterrichtete; ja auch das froͤhliche Meckern des behenden Klipp⸗ ſpringers, der die Oede der rieſenhaften Piket⸗ berge im fuͤdlichen Afrika hoch oben uͤber den Wolken bewohnt, ſehen Sie, Tante, das iſt auch Muſik! Nun aber, da Wilhelm nicht bruͤllen kann, wie der Sturm Ihres Oceans, noch meckern, wie die afrikaniſche Gemſe, ſoll er darum gar keine Muſik lernen?— Unſer Dorfſchulmeiſter iſt ein Bierfiedler, und Kreuzer und Rhode ſind uns zu theuer, darum— Darum iſt es beſſer, das Kind hier nicht verbauern zu laſſen, ſondern ihn in die Stadt zu ſchicken, wo er fuͤr ein billiges Unterrichts⸗ geld uͤberall Gelegenheit hat, ſein muſikaliſches Talent auszubilden. 5. Ich ſage Ihnen ja, Tante, er ſoll in die Stadt. Die ganze Welt ſoll er ſehen. Ich † —29 weiß gewiß, das Herz wird dem Vater brechen, wenn Wilhelm unſerm ſtillen Hauſe den Ruͤk⸗ ken kehrt. Wenn ein Kriegſchiff in See geht, zeigt es drei Tage vorher ſeine Abreiſe an; den erſten Tag macht es die Wormanſegel los, den zweiten holt es die Marsſchoten vor, wo⸗ bei das Segel auch auf dem Rande liegen bleibt und den dritten hißr es das Segel auf. Wenn Wilhelm ſein Segel aufhißen wird, ach Gott, dann iſt es gut, daß unſer Hannchen in den Grund verſenkt iſt; denn die Trennung der liebenden Mutter vom ſcheidenden Kinde iſt faſt eben ſo ſchmerzlich, als der Tod. Aber Wilhelm muß fort. Nur jetzt nicht. Hier auf dem Lande waͤchſt das Kind natuͤrlich auf, in der Stadt kuͤnſtlich. Die groͤßten Menſchen der Welt wurden auf dem Lande oder in klei⸗ nen Staͤdten erzogen. Friedrich II. waͤre viel⸗ leicht nicht der Einzige geworden, wenn er nicht in Kuͤſtrin und in Sansſouci den Werth der Einſamkeit kennen gelernt haͤtte. Der Nitter von Zimmermann hat vier dicke Buͤcher uͤber die Einſamkeit geſchrieben; die muͤſſen Sie le⸗ ſen. Romulus und Remus wuchſen in einem Wolfsneſte auf. Doctor Martin Luther wurde 26 in Eisleben geboren und Jeſus Chriſtus in Bethlehem. Fern vom Geraͤuſche und Gewirre der großen Stäͤdte bleibt das Gemuͤth des Kin⸗ des aufgeregter und ſeine Phantaſie empfaͤng⸗ licher. Dieſe Abgezogenheit, lieber Capitain, er⸗ zeugt nichts als Schwaͤrmerei. Moͤglich; aber wenn ſie von der Vernunft feſtgehalten wird, eine gluͤckliche Schwaͤrmerei. Ferdinand Magelhaen, Franz Drake, Thomas Cavendiſh, van Poort, Simon Kortes und der ehrliche deutſche Georg Spielberg waren die erſten Weltumſegler. Tante, das waren acht⸗ bare Maͤnner, und waren alle Schwaͤrmer. Der erſte Menſch, der ſich mit ſeiner Haſel⸗ nußſchaale, Schiff genannt, auf das Weltmeer, auf einen Flaͤchenraum von 40,000 Quadrat⸗ meilen Waſſer wagte, war auch ein Schwaͤr⸗ mer und Johannes, der treueſte Freund unſe⸗ res Heilandes, war einer der liebenswuͤrdigſten. Bloß ein Schwaͤrmer iſt großer Ideen faͤhig, ein kalter Eiskopf nimmermehr. Die kalten Menſchen ſind bloße Mokersbetels, eiſerne Keile, um Holz zu ſpalten; ein ſolcher ſoll Wilhelm nimmermehr werden. Wenn man die Taue hart dreht, verlieren ſie ein Drittheil ihrer Laͤn⸗ ge. Bei den kalten harten Menſchen gehen von der Menſchlichkeit zwei Drittheile verloren. Ein Schwaͤrmer hat immer den Wind flach vor dem Laken, er ſegelt immer vor dem Winde;— das iſt der allerbeßte Wind, wenn gleich das Schiff dabei am ſchwerſten zu ſteuern iſt.— Nur wo Schwaͤrmerei in der Bruſt des Menſchen wohnt, da ſind Vaterlandsliebe, Freundſchaft und Liebe, heimiſche Tugenden. Laſſen Sie meinem Wilhelm immer das Gluͤck einer vernuͤnftigen Schwaͤrmerei genießen; ohne dieſe im Herzen, ſteht er in meinen Augen tief unter den Eskimos. Auf das jugendliche Gemuͤth wirken Beiſpiele mehr, als alle Lehre; und dieſe ſind in der Stadt wahrhaftig nicht die beßten. Die großen Staͤdte ſind die Sam⸗ melplaͤtze des Luxus, des Muͤßigganges und des ſittlichen Verderbens. Der Staͤdter irrt ewig ohne Compaß herum und ſieht beſtaͤndig Butterland. Butterland?— Die Portugieſen nennen es: Falso visagem da terra, eine falſche Erſcheinung des Landes, welche durch 28 Duͤnſte oder Nebel verurſacht wird.— Der rauheſte Feldſtein wird im Straßenpflaſter ei⸗ ner großen Stadt gar bald glatt getreten; und dieſe Glaͤtte, dieſe Politur iſt das einzige Haupt⸗ erforderniß der großen Welt. Dort ſieht alles auf die Außenſeite, und wer uͤber ſeine heim⸗ lichen Untugenden und Laſter nur einen recht dicken Lackfirniß ziehen kann, der iſt ein Mann von gutem Ton. In der großen Stadt herrſcht ein Laſter, das hundert ihrer Vorzuͤge uͤber⸗ wiegt, ich meine die Geringſchaͤtzung gegen die Frauen. Die polyneſiſchen Kannibalen freſſen ihre Weiber, wenn ſie der Hunger dazu zwingt; die europaͤiſchen ſind noch grauſamer, ſie zer⸗ reißen den ihrigen das Herz und laſſen ſie lang⸗ ſam verbluten. Es giebt nirgends mehr un⸗ gluͤckliche Ehen, als in unſern großen Staͤdten. Tauſend Weiber weinen dort, ſtille, bittere Thraͤnen uͤber die Schlechtheit ihrer Maͤnner, die in den Armen der Liederlichen ihres Ge⸗ ſchlechts, die Wuͤrde der Frauen verachten lern⸗ ten. Nein, Tante, dorthin darf Wilhelm nicht eher, als bis er vollkommen feſt in Begriffen und Grunßſaͤtzen iſt. 6. Die Tante ſchwieg erroͤthend; auch ſie hatte in den fruͤhern Jahren ihres Lebens den Leicht⸗ ſinn einiger jungen Maͤnner kennen gelernt. Sie koͤnnen in manchen Stuͤcken Recht haben, Capitain, ſagte nach einer Pauſe die Tante, und fing an, den Tiſch abzuraͤumen; aber Schaͤtze wird Wilhelm, nach Ihrer Me⸗ thode erzogen, nie ſammeln, und ein ruhiger, weiſer Menſch wird er, fuͤrcht' ich, auch nicht werden. Schaͤtze?— bleiben Sie ſitzen, Tantchen. — Schaͤtze? wiſſen Sie denn, was der gepraͤgte Schatz der ganzen Welt iſt? lumpige drei Tauſend Millionen Thaler. Um des Bettels Willen quaͤlen ſich die Menſchen bis auf das Blut. Fuͤhrt der Zufall— denn der iſt ge⸗ meinlich mehr dabei im Spiele, als redlicher Fleiß und muͤhvolle Thaͤtigkeit— fuͤhrt der Zufall dem Einen von dem ſilbernen Quarke ein Paar Dreier mehr in die Haͤnde, als dem Andern, ſo wird der Eine von den tauſend Andern verfeindet, beneidet, gehaßt, und jeder arbeitet ohne alle Schonung ſo lange daran, bis er ihm das Zuviel wieder abgezwackt hat. 30 Georg Anſon, Tante, das war der kuͤhnſte, unerſchrockenſte Weltumſegler ſeiner Zeit. Sto⸗ ßen Sie an, Georg Anſon foll leben! Der Menſch kam am 15. Januar 1744, nach ei⸗ ner vierjaͤhrigen Reiſe um die Erde, gluͤcklich wieder die Themſe heraufgeſegelt. Er brachte zehn Millionen Pfund mit. Fragen Sie ein⸗ mal heute ſeine Enkel, wo das Geld hin iſt? Nein, Tante, das Geld iſt rund und ein gar vergaͤnglich Gut, das iſt in meinen Augen ge⸗ rade das Letzte, worauf ich im Lebensgluͤcke ei⸗ nen Werth ſete. Sie hahen gut geſprochen, Capitain; wer ſeine engliſche hinreichende Penſion bezieht, die mit dem Punkte ausgezahlt wird, der kann, im Lehnſtuhl, uͤber die Thorheit der Welt, ewig und immer auf der Geldjagd zu liegen, ganz vortrefflich reben; aber was ſoll denn einſt Wülhelm werden ohne Vermoͤgen und zeitliches Guts denn der Oberamtmann wird mit ſeiner Weichherzigkeit nach dem Tode nicht viel uͤbrig laſſen. Halten Sie, halten Sie Tante, wir ſind noch nicht fertig. Wiſſen Sie, wie viel auf jeden Menſchen in der Welt kommt, wie viel ein eigentlich jeder an baarem Gelde ſein Lebenlang ee⸗ haben ſollte? Sl⸗ Nein; nun, wie wiel denn? Se Drei Thaler. Mehr nicht; wer mehr hat, ge hat zu viel. Sehen Sie, 3000 Millionen 7 Thaler cirkuliren in der Welt, und 1000 Mil⸗ chtt lionen Menſchen leben auf unſerer Kugel. Da re⸗ haben Sie die Rechnung. Drei Thaler, mehr gar nicht. Nun, und glauben Sie denn nicht, ge⸗ daß ſich dieſe Wilhelm verdienen wird? O! et zehnmal mehr, tauſendmal mehr; na! und wer mehr hat, als ihm gebuͤhrt, iſt das kein rei⸗ ber cher Mann? Ich ſage Ihnen, Wilhelm wird die ſteinreich werden. Die Negrillas im Innern 1 von Borneo und hundert Millionen Menſchen b, haben keinen Pfennig in der Taſche, lieber — Gott, ſie haben nicht einmal Taſchen, und es ſt ſind froͤhliche, gute Menſchen; reicher Eltern 6 Kinder gerathen ſelten recht. Ich kannte man⸗ er chen redlichen Vater, der ſparte und knipp ſich 4 es am lieben Brode ab; und wenn der alte Mann ſtarb, verritt, verpraßte, verſpielte, ver⸗ d taͤndelte, verjubelte das liebe Soͤhnchen die ſchoͤ⸗ f nen Thaler in wenigen Jahren, und ſtarb, wenn es ſeine Sachen recht methodiſch einge⸗ 20 32 faͤdelt hatte, im Schuldthurm.— Alſo, ma⸗ chen Sie meinem Martin keine Vorwuͤrfe, wenn er mit ſeinem weichen Herzen fremde Noth lindert, und durch ſeine menſchenfreund⸗ liche Freigebigkeit, ſeine Hinterlaſſenſchaft ein⸗ mal nicht zureicht, um Wilhelm als unnuͤtzen Faullenzer zu ernaͤhren. Das werden die beß⸗ ten, die brauchbarſten Menſchen, die von Ju⸗ gend auf wiſſen, daß ſie nicht reich ſind, daß ſie ſich alles ſelbſt verdienen muͤſſen. Alle die Maͤnner, die ſich wahres Verdienſt um die Nachwelt erworben haben, waren groͤßtentheils arme Teufel. Die Groͤße des menſchlichen Geiſtes ſpricht ſich durch Entdeckungen, durch Erfindungen am deutlichſten aus; aber die Noth iſt erfinderiſch, nur die Noth; nie der Ueber⸗ fluß. Eupotamus, der die eiſernen Schiffs⸗ Anker erfand, Anaximander, der die erſten Landkarten verfertigte, Kteſibius, dem wir die Feuerſpritzen verdanken, Geber, der Vater der Algebra, alles das waren arme Teufel. Haͤt⸗ ten ſie Millionen gehabt, ſo haͤtten ſie nichts erfunden, und man haͤtte ſie lange vergeſſen; aber die Frucht des Geiſtes dauert laͤnger, als der Glanz des Goldes;— und was Sie da „† au ee„— 2 S &⏑ 2— von weiſe werden ſprachen, Tante,— ach! da bleiben Sie ganz ſtille damit. Perikles, Sophokles, Sokrates, Ariſtoteles und ſelbſt der goͤttliche Platon, kannten das groͤßte Gluͤck der Erde, das haͤusliche Gluͤck kaum dem Namen nach. Sie alle lebten mit fremden Frauen, und hatten mit all' ihrer Weisheit nicht ein⸗ mal ſo viel Verſtand erkaufen koͤnnen, eine gute Frau ſich zur Lebensgefaͤhrtinn zu waͤhlen. Sie alle hatten die Hoͤlle im Hauſe— ach! ihre erbaͤrmliche Weisheit! Und ſind denn Eure heutigen Schriftgelehrten und weiſen Pha⸗ riſäer beſſer?— Der Menſch iſt ein Schiff; die Welt iſt ſein Meer; das Herz ſein Com⸗ paß; das engliſche Commandowort:„Steer ihe course!“— haltet den Cours!— iſt leicht ausgeſprochen; aber wahrlich es iſt eine ſchwere Kunſt. Ohne Compaß iſt ſie dem beß⸗ ten Steuermann unmoͤglich. Noch ehe Ono⸗ makritos die Kraft des Magnets beſang, fuͤhl⸗ te ſie der Menſch der fruͤheſten Vorzeit in ſei⸗ nem innern Compaß. Die Weltgegend, nach der ſich dieſe Magnetnadel allemal hinneigt, heißt das Himmelreich der ſtrengen Tugend. 4 2 ₰ 34 Wer den See⸗Compaß erfand, weiß kein Menſch; Flavio Gioja,— Giri,— oder ein ehrlicher Tſchineſe— gleichviel. In den Men⸗ ſchen ſelbſt ſenkte Gott den Compaß. Aber wenn wir unſere Magnetnadel uns verderben, ſo entſtehen Mißweichungen, Abweichungen und wir verlieren den Cours. Ueber die Abweichun⸗ gen der Magnetnadel im See⸗Compaß hat man ſchon ſeit 1269 herrliche Buͤcher geſchrie⸗ ben und iſt dem Uebel ziemlich auf den Grund gekommen. Die Abweichungen in unſerem Her⸗ zen zu verhuͤten, iſt auch manch' dickes Buch gedruckt worden. Wir hahen zu viel daran ge⸗ kuͤnſtelt, und die Magnetnadeln am Ende ver⸗ bogen.— Nein, Tante, laſſen Sie dem Jun⸗ gen ſein Herz und ſeinen Kopf. Er kommt mit beiden vor, wie das griechiſche Feuer des Kallinikos, das unter dem Waſſer noch fort⸗ brennt. 7. Die Tante ſtand auf und ging, denn das griechiſche Feuer brachte den Capitain auf die Geſchichte der Erfindungen, Entdeckungen und .* nA —9—„ ——— 35 die war ſein Steckenpferd; da konnte er ſtun⸗ denlang ſitzen und plaudern, allein die Tante hatte nicht Vorkenntniſſe genug, ihm uͤberall zu folgen. Deſto lebhaftern Antheil nahm Wilhelm an allem, was ihm der Capitain mit ſeiner lebendigen Darſtellunggabe erzaͤhlte. Der Kleine hoͤrte immer mit offenem Munde und Ohr zu. Ihm war der Prediger Doͤrfel im Voigtlande, der die Cometenbahn entdeckte, ein eben ſo großes Weſen, als Franz Drake, der 1585 die erſten Kartoffeln aus Braſilien nach Europa brachte. Heute entdeckte er mit den Hollaͤndern Nova Zembla und Spitzbergen und morgen paͤſtelte er an des Vaters alter Jagd⸗ flinte— und wollte ein zweiter Guter von Nuͤrnberg werden, der bekanntlich die Wind⸗ buͤchſen erfand. Wilhelm lernte tauſend Sachen, die in einem weiten Umkreiſe kein Menſch wußte; aber dafuͤr war ihm auch eine Menge von Dingen fremd, die andere junge Leute ſeines Alters— nicht wußten, nicht begriffen, aber doch oberflaͤchlich kannten. So hoͤrte die Tante z. B. von ſpeculativer Philoſophie kein Wort . 3* — 36 aus Wilhelms Munde, aber was in das prak⸗ tiſche Leben gehoͤrte, da konnte es der Knabe aufnehmen mit jedem, der ihm in den Weg kam. Der Onkel hatte die koͤſtlichſten Modelle von Seeſchiffen allerlei Gattung; nach dieſen wurden groͤßere gebaut und der Dorfſchmied, der die Eiſenarbeit daran liefern mußte, hatte die groͤßte Noth, denn ſeine Kunſt beſchraͤnkte ſich eigentlich nur auf das Pflugſchaͤrfen, und hier ſollte er Arbeit machen, die er in ſeinem Leben nie hatte nennen hoͤren. Das Machwerk gerieth natuͤrlich nicht; es ſegelte windſchief, als es Wilhelm in den Muͤhlenteich vom Sta⸗ pel laufen ließ; die Tante ſpottete, aber der Onkel hatte eine Freude, als ob man ihm eine Provinz geſchenkt haͤtte. Wilhelm war am Bord ſeines kleinen Dreimaſters unbeſchreib⸗ lich gluͤcklich. Er ſah recht gut ein, woran es lag, daß ſeine Fregatte ſich zu viel links legte; aber er troͤſtete ſich mit dem Koͤnige Seſoſtris, deſſen erſtes Kriegsſchiff, wie er meinte, auch nicht ſo ausgeſehen haben moͤge, wie die heu⸗ tigen auf der Themſe. Die meiſte Schuld, behauptete er, habe ſein Eupotamus, ſo nannte -Jr——— ¹ 2 974 er den Dorfſchmied, zu Ehren jenes Tyrrheners, der die erſten eiſernen Schiffsanker erfand; der alte Schmied ſtand am Ufer und ſchlug vor Freuden mit beiden Faͤuſten auf den ledernen Schurz, daß das Dingelchen, wie eine Quak⸗ ente herumſchwimme, und nach ſeinen Anſichten war wieder Wilhelm an dem Schiefſegeln Schuld. Der Capitain hoͤrte mit Antheil den Kunſtſtreit zu Waſſer und zu Lande, und rief mehrmals laut dazwiſchen: wir leben auf un⸗ ſerm Dorfe, ganz wie in der großen Welt. Da fehlen alle und keiner will die Schuld tragen. Was haben Sie— was hat denn nun Wilhelm mit dieſer Schiffszimmermannskunſt gewonnen? fragte die Tante etwas ſpitzig. Tante, Sie ſprachen letzthin von einem Flöten⸗Concert, was Sie entzuͤckt hatte. Mar⸗ ſyas hieß der Ehrenmann, der die erſte Floͤte verfertigte. Glauben Sie denn, daß ſeine erſte Flote ſo ausſah, wie die, auf der Ihr Kuͤnſt⸗ ler ſein Concert blies?— Wenn nun des Marſyas ſelige Tante auch gefragt haͤtte, was der Herr Neffe bei dieſer Pfeifenſchnibelei ge⸗ 38. winne, waͤre das nicht lieblos geweſen? Brin⸗ gen Sie tauſend Kinder her, es wird keines ein ſolches Schiff bauen koͤnnen, denn, Tante, ein Schiff iſt kein Pappenſtiel. Die Schiff⸗* zimmermannskunſt war bei den Alten ſchon eines der hochgeehrteſten Gewerbe. Der Kaiſer Michael zu Conſtantinopel war der Sohn eines einfachen Schiffzimmermanns, und wurde dar⸗ um Kalaphates genannt; denn Kalefaterer hießen damals ſchon die wackern Leute, die ein Schiff waſſerdicht zu machen verſtanden. Ein Schiff iſt der Triumph des menſchlichen Verſtandes. Ich will von der Raa laufen; ich will mich kielholen laſſen, wenn Wilhelm nicht einmal 6 ſein Schiff commandirt! Der Kleine lebte mit dem Onkel, wie am 1 Bord eines Schiffes. Alle Morgen ſchlug er an die Thuͤre des Alten die Diana(die be⸗ kanntlich die Stelle der Reveille bei der Land⸗ armee vertritt), dann rief er nach der Art des wachhabenden Schiffofficiers„hoch, hoch in der Kuhl!“ worauf der Onkel nach Schiffſitte ge⸗ woͤhnlich antwortete:„alles wohl, alles wohl!“ In der Schiffſprache war er ſo gewandt, wie -.—“ ———,,».„„—ↄ⸗ ——=————— —— der aͤlteſte Seemann, und hatte die Aus⸗ druͤcke jener Kunſtſprache beſtaͤndig auf der Zunge. Der Capitain verſtand die Kunſt, die Phantaſie, die Faſſungkraft und den Geiſt des Kindes zu beſchaͤftigen, meiſterlich. Er theilte dem Knaben faſt taͤglich irgend eine große Idee mit, an der ſich das Kind den ganzen Tag zerarbeitete; ſo rief er ihn z. B. einmal und zeigte ihm durch ſeinen koͤſtlichen Dollond die Capella; der Knabe freute ſich, den kleinen ſchimmernden Stern, jetzt als eine große Licht⸗ kugel zu erblicken. Du weißt die Schnelligkeit des Lichts, hob der Capitain an, es durchfliegt in einer Mi⸗ nute zwei Millionen Meilen. Denke Dir, Wilhelm, der Firſtern da oben kann heute zer⸗ truͤmmert, zerſtoben und in Myriaden Atome verflogen ſeyn und wir ſehen noch fuͤnf Jahre lang hinauf und ſehen immer noch ſein freund⸗ liches Licht; ſo lange waͤhrt es, ehe der letzte Strahl deſſelben unſern Geſichtkreis erreicht,— welche faſt namenloſe Raͤume liegen zwiſchen uns und der Capella! wie winzig, wie recht ſehr winzig kommt mir der Menſch vor! Kein Menſch ſollte ſich aufblaſen. Die Herrnhuter haben wahrhaflig Recht, wenn ſie immer mit niedergeſchlagenen Augen gehen, denn die All⸗ macht des unendlichen Gottes ſteht immer vor ihnen. Minutenlang ſah Wilhelm mit gefalteten Haͤnden nach der Capella hinauf, ſein Blick verlor ſich in dem praͤchtig geſtirnten Himmel, in das ſuchende Auge traten ein paar große Thraͤnen, er lehnte ſich an den Capitain, der vor ihm ſaß und fragte mit kindlicher Sehn⸗ ſucht: O, wo iſt meine Mutter? O! du allweiſes, ewiges, heiliges Weſen! rief der Capitain und ſchloß das weinende Kind in ſeine Arme; du haſt in die Bruſt des Men⸗ ſchen die Lehre der Unſterblichkeit gelegt. Das Auge des verwaiſ'ten Kindes verliert ſich in den lichten Raͤumen deiner tauſend Welten und leiſe Ahnung troͤſtet ſeine bange Sehnſucht, daß die Geſuchte dort in jenen Fernen ſchwebe. Laß uns nicht gruͤbeln, mein Kind; die Men⸗ ſchen haben dicke Buͤcher geſchrieben uͤber ein Land, wo ſie nie waren. Es war ihnen nicht 41 genug, ihre Federn am Dieſſeit abzuſtumpfen; ſie ſchw angen ſich hinuͤber jenſeit des Grabes; ſie ſtritten Jahrtauſende lang uͤber unſern Zu⸗ ſtand nach dem Tode. Und wir ſind heute da⸗ mit nicht weiter, als ſonſt; ach! wir ſind zu⸗ ruͤck. Unſere grauſame Philoſophie hat uns den bluͤhenden Mohn, mit dem die Religion die Todtenbahre unſerer Vaͤter umkraͤnzte, nicht gegoͤnnt. Sonſt nahm der Sterbende das Lie⸗ besmal ſeines Heilandes auf die dunkle Reiſe zur Staͤrkung mit, und ſchlummerte im ſtillen Frieden ein. Jetzt liegt er trocknen Mundes und ohne geiſtige Labung und ſtoͤhnt ohne Troſt dem Grabe entgegen. Nur einen Anker gab uns Gott, der in der unermeßlichen Tiefe der Ewigkeit Grund faßt; das iſt der Anker des Glaubens. Glaube, mein Kind, was Deine ſelige Ahnung Dir ſagt. Glaube, was Deine heilige Sehnſucht Dir verheißt, dort in jenen unbekannten Fernen die Verklaͤrte zu finden, die Dein kindliches Auge mit zarter Liebe ſucht. Ich glaube es, ſagte der Kleine mit un⸗ verwandtem Blick auf die flimmernden Sterne. Ich waͤre in Angſt, wenn ich es nicht glaubte. Winde den Anker nicht aus meiner Bruſt, Onkel! Nein! mein Kind; erwiederte der Oheim, und kuͤßte des Kleinen Lockenkopf; das ſey ferne von mit. Halte Dich feſt daran und kein Sturm des Lebens kann Dir den Maſt brechen. Munter iſt die Hauptſache. nn. iſt die Heunkſaihe e— ⸗ 28 h b m un me Bleib nicht zu lange aus! ſagte meine Baſe, und ſteckte mir mein Bündel unter den Arm; ich aber verſprach in Kurzem wieder zu kom⸗ men, druͤckte ihr und dem Oheim die Hand und wollte gehen. Da uͤberſiel es mich ſeltſam. Die Baſe hatte mich ſo wehmuͤthig und der Oheim ſo freundlich angeſehen, und in unſerem traulichen Stuüͤbchen war es ſo ſtill und lautlos gewor⸗ den, als ob mir alles darin auf ewig ein Lebewohl ſagen wolle. Ich kehrte von der Thuͤre noch einmal um, und gab meiner Frau Baſe noch einmal die Hand, und ſagte ſehr weich und herzlich: Lebt wohl, meine liebe Mutter! 46 Die Frau Baſe meinte, ich naͤhme Ab⸗ ſchied, als wollte ich zur See und kehrte nim⸗ mer heim, aber ſie erfaßte doch meine Hand in die beiden ihrigen und druͤckte ſie feſt an ſich, und ſagte: bleib geſund und gut, und gruͤße Forſtſchreibers, und komm bald wieder. Da rief mein Oheim: macht keine Poſſen, der Junge geht drei Meilen, iſt in acht Ta⸗ gen wieder zu Hauſe, und Ihr thut wahrhaf⸗ tig, als ginge es auf eine Reiſe um die Welt. Marſchir' mit Gott, Theodor, und ſey nicht kindiſch! Munter iſt die Hauptſache. 2. Der Mann auf dem Damme. Meinen Dornſtock in der Rechten und mein Buͤndel in der Linken, ſchlenderte ich durch den hohen Buchenwald nach Blaurode zu, und freute mich auf das Pfingſtſchießen, zu dem mich der Vetter Forſtſchreiber einge⸗ laden. Aber meine Freude war gedaͤmpft, ich wußte nicht, durch was. Ich dachte immer an die Baſe, wie ſie meine Hand an ihr ☛„2 4—3ꝗ „„—2—·— 47 Herz gedruͤckt, und konnte ihres muͤtterlichen Blicks nicht vergeſſen. Man ſollte nie aus einander gehen, ohne daran zu denken, daß man ſich vielleicht nie wieder ſehen koͤnne. Ich ging nur auf einige Tage zu einem froͤhlichen Feſte und habe mei⸗ ne Baſe, die an mir Mutterſtelle vertrat, nie wieder geſehen. Ein dunkles Vorgefuͤhl hiervon mußte mein Gemüth heimlich angeſprochen haben, denn ich konnte weder ſingen noch pfeifen, was ich ſonſt immer that, wenn ich durch den herrli⸗ chen Buchenwald ging, in den der Fruͤhling einzuziehen ſich eben bereitete. Ich ſchritt ernſt und verloren in wunder⸗ liche Traͤumereien uͤber das, was mir das Naͤchſte war, uͤber mich ſelbſt, vorwaͤrts. Nach dem Pfingſtſchießen ſollte ich als Schneider in die Lehre, und zugleich nebenbei in das Se⸗ minarium kommen, um mich zum Schulmei⸗ ſter vorzubereiten; ſo wollte es mein Oheim, der in mir ſchon ſeinen kuͤnftigen Adjunctus ſah; und weiter hatte ich keinen Menſchen in der Welt, der etwas anders uͤber mich gewollt haͤtte, denn Vater und Mutter lagen auf un⸗ 48 ſerm Kirchhofe unter den Huͤgeln, welche die ſchoͤnen in dieſem ſtillen Garten Gottes wa⸗ ren, weil ich ſie mit Roſen und Lilien, mit wilden Nelken und Aſtern bepflanzt hatte und ihrer mit aller Sorgfalt wartete. Ich aber hatte keine Luſt zum Schneider⸗Schulmeiſter⸗ leben, doch wußte ich kein anderes. Mir ward der dichte, noch laubloſe Wald zu enge, wenn ich daran dachte, wie ich kuͤnf⸗ tig hier in dem Doͤrfchen hinter mir, mein ganzes Leben hindurch naͤhen und ſchulmeiſtern ſollte, und ich eilte, daß ich auf den Damm kam, der zwiſchen unabſehbaren Wieſen, auf den ſpitzen Kirchthurm von Blaurode zu fuͤhrt. Noch ſtanden die Wieſen faſt ganz unter Waſſer; nur auf einzelnen hoͤhern Punkten prangte friſches Gruͤn, und an den Waͤnden des Dammes ſummten die Bienen um die bunten Lieblinge des Fruͤhlings. Das Bild meines Lebens lag vor mir, ohne daß ich es wußte. Aber die freie Aus⸗ ſicht auf die reine, weite Spiegelflaͤhhe des Waſſers, die kleinen gruͤnen Inſeln, die tau⸗ ſend Blumen am Dammrande; der hohe feſte Weg, den die Kunſt dem Wanderer bereitet ☛& 160 82 82 ☛ — —& N . 49 hatte; der ſtill wirkende Fleiß der luſtigen Bie⸗ nen; das alles wirkte ſo ermuthigend auf mein Herz, daß ich das Leibwort meines Oheims: Munter iſt die Hauptſache, laut in die laue milde Luft ſprach und meine Schrit⸗ te verdoppelte, um den Mann einzuholen, der weit vor mir auf dem Damme deſſelben We⸗ ges ging. 2 4* Das gruͤne Haus. Ich bin doch recht hier auf Blaurode: rief er mir in einer Entfernung von zwanzig Schritten ſchon entgegen, blieb ſtehen, bis ich heran ſei, und zuͤndete ſeine mit dickem Sil⸗ ber beſchlagene Pfeife unterdeſſen an. Sie koͤnnen gar nicht fehlen, das iſt ſchon der Thurm dort. Er fragte hierauf, wie weit er dann noch bis zum gruͤnen Hauſe habe? Wenn er dorthin wolle, erwiederte ich ihm, brauche er nicht erſt in die Stadt, ſondern koͤnne gleich links, auf einem zweiten ſchmalen Damme abgehen, wo er noch fuͤnf tuͤchtige .„ Stunden habe. Bis zum Damme links, hat⸗ ten wir noch eine ziemliche Strecke; bis da⸗ hin erzaͤhlte er mir, daß er zum Fuͤrſten wolle, der ſich jetzt einige Tage auf dem Jagdſchloſſe zum gruͤnen Hauſe aufhalte; daß er Empfeh⸗ lungbriefe an den Hofmarſchall habe, und daß er als Lakai angeſtellt zu werden hoffe. Er machte mir von dem Weſen eines fuͤrſtlichen Lakaien eine ſo reizende Beſchrei⸗ bung, daß ich gleich auf dem Flecke den Damm links nach dem gruͤnen Hauſe mit ihm haͤtte einſchlagen moͤgen. Viermal mehr Einkommen als mein Oheim der Schulmei⸗ ſter; taͤglich drei Schuͤſſeln aus der fuͤrſtlichen Kuͤche; Mittags und Abends eine Flaſche Wein; Trinkgelder ohne Zahl, und dafuͤr wei⸗ ter nichts zu thun, als das bischen Aufwarten — es war kein gluͤcklicheres Loos in der Welt. Ich ſann ſchon im Stillen auf eine ſchickliche Wendung, um ihn zu bitten, mich mitzuneh⸗ men, als wir an dem Damme links ſtanden. Der Neidenswerthe ging ſeinem glaͤnzenden Gluͤcke entgegen; ich hatte ihm den Weg gezeigt! ——,,—/,—, 4. e, Die Magenſpalte. ſſe 4 Wie ich von da in die Stadt gekommen, h⸗ weiß ich nicht; ich ſah nichts, als das Hofle⸗ 4 ben vor mir. Das Wort Empfehlung ſchreck⸗ te mich nicht ab. Der Vetter Forſtſchreiber* 8 war ſonſt als Futtermarſchall bei Hofe ange⸗ 1 ſtellt geweſen; der mußte die wirkſamſten Ver⸗ n bindungen haben, und mir die noͤthigen Em⸗ it pfehlungen dutzendweiſe mitgeben koͤnnen. hr Die Schneider⸗ und Schulmeiſter⸗Lauf⸗ i⸗ bahn war auf ewig verlaſſen. Das war en* beſtimmt. he Ich machte Rieſenſchritte.— Es lag in 9⸗ dem tiefſten Winkel meiner Seele der Ge⸗ 4— danke an die Moͤglichkeit, vielleicht— wenn lt. der Vetter Forſtſchreiber ſich gleich hinſetzte, he und die erforderlichen Empfehlungbriefe ſchrieb, h⸗— noch zu rechter Zeit auf das gruͤne Haus n. zu kommen, um den Platz zu erhalten, nach 5 dem der Mann auf dem Damme ging— eg da ſtand ich plotzlich ſtill, und erſchrak uͤber mich ſelbſt.— Zu meinen Fuͤßen wuͤhlte eine Biene im Kelch einer Blume; eine an⸗ 4* dere ſummte heran, als ſie aber die Biene im Kelche ſah, flog ſie weiter und ließ der Schwe⸗ ſter das Brod. Nein, rief ich ihm leiſe und beſchaͤmt nach: gehe hin, und finde; ich will auch ſuchen; der Menſch ſoll dem Bruder⸗ Menſchen nicht nehmen, was die Biene der Schweſter⸗Biene laͤßt. Auch ich werde meine Blumen finden; ich ging nun langſamer, und trat, froͤhlich des Sieges, den ich uͤber mich er⸗ kaͤmpft hatte, in das Haus meines Vetters, des Forſtſchreibers. Was das Menſchenkind groß geworden iſt! rief mir alles entgegen, und Sabine, die Dienſtmagd, die mich ſonſt immer Theodor⸗ chen, oder, wenn ſie es recht gut mit mir meinte, Doͤschen nannte, hieß mich jetzt Mos⸗ je. Ich ward roth bis an die Ohrlaͤppchen, denn ſo hatte mich noch Niemand geheißen mein Leben lang. Ich kam mir ſelbſt auf ein⸗ mal wie ein Mosje vor, und reckte und ſtreckte mich, wie eine Kerze. Mein Vetter aber meinte zu ſeiner Frau, er muͤſſe mir wahr⸗ haftig wieder einen neuen Rock machen laſſen, denn aus dieſem und aus dem ganzen Anzuge ſey ich ſo heraus gewachſen, daß zwiſchen den 1 ——½ „ ꝑſ—— 53 Ende meiner Piqué⸗Weſte und dem Anfange meiner gelbledernen Modeſten, eine Hand breit leerer Raum ſey. Ich ſenkte meinen Blick auf den bezeichneten Platz und bemerkte mit Schrecken, daß er wahr geſprochen; ich zog nun, wo ich ſtand und ging, das Leder hinauf und den Piqué herunter, aber ich mochte zie⸗ hen, wie ich wollte, einen Finger breit blieb die ungluckliche Spalte queer uͤber dem Magen immer noch offen. 5. Sabine die Fuͤrſprecherin. Nun war mir das ganze Pfingſtſchießen nichts mehr werth; denn mit der weißen Luͤcke auf die Schießwieſe zu gehen, wo alle Men⸗ ſchen mich kannten, waͤre mir um keinen Preis moͤglich geweſen. Ich ließ meinen Un⸗ muth an dem Guß⸗ und Mandelkuchen aus, der meiner Frau Muhme, der Frau Forſt⸗ ſchreiberin, ganz trefflich gerathen war, und ſie freute ſich, daß es mir ſchmeckte. Um ihr nun recht viel Freude zu machen, aß ich, bis ich nicht mehr konnte, und glaubte ſchier pla⸗ 54 tzen zu muͤſſen; Allein mein Uebel war da⸗ durch nur noch groͤßer geworden, denn natuͤr⸗ lich, die Spalte klaffte jetzt bei dem gefuͤllten Magen viel weiter, als je auf. Daruͤber ward ich traurig, und uͤberließ mich dem Kummer ſo unverholen, daß Sabine, die heute, mit Scheuern und Waſchen und tauſend Vorbe⸗ reitungen zum Schießfeſte, den Kopf doch recht voll hatte, meines Grams wahrnahm, und mich um die Urſache fragte. Ich vertraute ihr meine Noth durch einen verſchaͤmten Blick auf meine Bloͤße, und ſie verſprach, bei ihrer Frau ein gutes Wort fuͤr mich einlegen zu wollen. Noch denſelben Abend hinterbrachte ſie mir, daß ich morgen eine abgelegte Weſte von meinem Vetter dem Herrn Forſtſchreiber be⸗ kommen werde, und bei deſſen Fluͤgelmann⸗ laͤnge durfte ich hoffen, daß die zu Erwartende meine Bloͤſen ſattſam bedecken werde. Mun⸗ ter iſt die Hauptſache! rief ich mir mit mei⸗ nem Oheim, dem Schulmeiſter, heimlich zu, und konnte vor Freude kaum ſchlafen. 6. Der Lebensplan. Die Straße, durch welche der Kriegerzug vor unſern Fenſtern vorbeigehen ſollte, war mit Maien geſchmuͤckt. Jung und Alt war feſt⸗ lich gekleidet; beim Hauptmann und Faͤhndrich, die nicht fern von uns wohnten, bließen die Stadtpfeifer erſt ein Morgenlied, dann Freut Euch des Lebens und den Deſſauer, und der einzige Haarkraͤusler des Staͤdtchens ſchoß athemlos voruͤber, denn der ganze Gene⸗ ralſtab verlangte heute nach dem Kammſtrich, und ungeachtet der Kuͤnſtler ſeit Morgens drei Uhr mit dem Schnabel⸗Eiſen herum ſengte und brannte, war doch noch mancher Borſten⸗ kopf zurecht zu ſetzen. Wir drei aber ſaßen in der, mit fagßen Sande beſtreuten Stube, die Fenſter mit Blu⸗ men, und ſaͤmmtliche Vogelbauer mit jungem Maͤuſegedaͤrm*) behangen, am feſtlichen Kaf⸗ feetiſche, und ich mußte vom Oheim und der Baſe erzaͤhlen, und von dem, was ich gelernt, *) Alsine media, Lin. und der Vetter Forſtſchreiber freute ſich uͤber die Verſicherung des Oheims, die ich brieflich mitgebracht, daß ich nun werden koͤnnte, was ich wollte, ich werde ihm in keinem Stande Schande machen; darauf hob denn die Muh⸗ me Forſtſchreiber an, eine Frau, die auch ſonſt bei Hofe geweſen, und als Silberwaͤſcherin fei⸗ ne Manieren gelernt hatte, und die Welt kannte: Nun, Vetter, wozu haſt du nun Luſt? ich und mein Mann wollen dir treulich bei⸗ ſtehen; du biſt nun groß und alt genug, deine Karriere zu waͤhlen; ſprich, was moͤchteſt du werden? Es konnte keine ſchoͤnere Gelegenheit geben, mit meinem Plane hervorzutreten. Ich war zwar uͤber die Anrede erſchrocken, denn ich kam mir vor, als ſtaͤnde ich wieder in unſerm Buchenwalde, wo es viele Fußſteige in das Holz gab, die in das Dickig und in Moraͤſt⸗ fuͤhren, aber ich meinte, den rechten ſchon tref⸗ fen zu wollen. Mit dem Schneider iſt es nichts, entgeg⸗ nete ich, und ſtrich mir mit beiden Haͤnden verlegen die Waden: ich habe da— Pfui, nur kein Schneider! fiel die Muh⸗ 57 me mir empfindlich ins Wort. Kruͤpeln und Lahmen die Naͤhnadel in die Hand, aber— Es ſind auch Ehrenleute, Roſinchen, ſagte der Vetter verſtaͤndig: vergiß nicht, daß der ſelige Flick, unſer Großvater, von dem du das Tiſchzeug erbteſt, auch ein Schneider war, aber Vetter, wenn du keine Neigung zu der ſitzen⸗ den Lebensart haſt, zwingen wollen wir dich nicht; was daͤchteſt du ſonſt?— Ich habe da— hob ich an und ſah zur Erde, denn die Schwere des Gedankens, mei⸗ nen Lebensplan auszuſprechen, druͤckte mir die Augen nieder: ich habe auf dem Wege hierher — der Fuͤrſt iſt im gruͤnen Hauſe— wenn ich ſo an den Hof kommen koͤnnte— Sie ſind dort geweſen, Herr Vetter, und die Frau Muhme— vielleicht koͤnnte ich durch Ihre Empfehlung— Als was denn, Vetter? fragte mit nicht recht beifaͤlligem Blick die Muhme. J, vor der Hand nur als Lakai!— Da behuͤte dich Gott vor! entgegnete der Vetter: erſtlich ſind wir beide lange von dort weg, alle alten Bekannten von Einfluß, der Leibheiducke, der Kuͤchenmeiſter, ein alter Kam⸗ merjunker und die geheime Waſchfrau, ſind unterdeſſen anderweit verſorgt oder geſtorben, ſo daß wir dort keine Verbindung mehr haben, und dann die Livree, nein Vetter, und ſelbſt, wenn es eine fuͤrſtliche iſt, bleibt immer das Aushaͤngeſchild, daß in ſo einem betreßten Rocke ein ſklaviſcher Knecht ſteckt, ein privi⸗ legirter Faullenzer. Als Futtermarſchall habe ich ſonſt den ganzen Stall unter mir gehabt, ich kenne die Sorte! Ich habe die Kerle, um ſie nur in Ordnung zu halten, zuſammen ge⸗ wackelt, daß ſie oft Sonne, Mond und Ster⸗ ne nicht erkennen konnten. Und die Hofluft — So lange das Volk einen braucht, ſo lange iſt man gut genug, ihr Narre zu ſeyn. Sonſt, als ich unter dieſem Pack lebte, war ich ſo dumm, wie die Hofſchranzen alle ſind. Jetzt aber, hier in meinem patriarchiſchen Blaurode, fern von jenem erbaͤrmlichen Schein⸗ glanze, habe ich den Werth des freien Man⸗ nes kennen gelernt. Ich bin ein Philoſoph geworden. Du hier, in unſerer freien Natur geboren— Nein Vetter, du biſt wohl eines Beſſern werth; du ſchreibſt eine huͤbſche Hand, ich denke, dich bei irgend einem tuͤchtigen Ad⸗ 59 vokaten unterzubringen, da verdienſt du dir dein Brod, und paſſirſt mit fuͤr einen Studir⸗ ten. Aus dem Schlag Leuten iſt ſchon man⸗ cher große Mann hervorgegangen, man muß nur immer— 7. Der erlauchte Gaſt. Der Hufſchlag eines in geſtrecktem Laufe die Straße heraufkommenden Pferdes, ſtoͤrte unſere Sitzung. Wir eilten an die Fenſter. Ein Reiter, in blankem, reich mit Golde be⸗ ſetztem Coller, ſprengte an unſer Haus. Das iſt fuͤrſtliche Livree, ſchrie der Vetter, und ſtuͤrz⸗ te ihm entgegen; die Muhme und ich hinten⸗ drein. Der Reiter ſprang vom Pferde, und uͤber⸗ reichte dem Vetter, mit den Worten: vom Hofmarſchall, ein verſiegeltes Billet. Er und ſein Goldfuchs waren mit Schweiß und Staub bedeckt; es mußte auf Tod und Leben gegan⸗ gen ſeyn. Der Vetter las; die Muhme und ich ſteckten die Koͤpfe ihm uͤber die Achſeln. Die junge Prinzeſſinn wuͤnſcht das heutige 60 Pfingſtſchießen mit anzuſehen; ich habe den Auftrag, Ihre Durchlaucht zu begleiten, wir bitten uns, fuͤr heute Mittag, bei Ihnen zu Tiſche. Nehmen Sie es nicht uͤbel, daß wir Sie behelligen. Sie werden dieſe fuͤrſtliche Gnade als einen Beweis des guten Andenkens anſehen, in dem Sie, aus alter Zeit her, noch bei dem ganzen Hofe ſtehen. Vor allem aber habe ich den Befehl, Sie zu erſuchen, in Hin⸗ ſicht unſerer Bewirthung durchaus keine Um⸗ ſtaͤnde zu machen. Ihre Durchlaucht wollen im ſtrengſten Incognito bleiben, und reiſen als Fraͤulein von Schlitz; mich, bitte ich, nur Baron zu nennen. Es darf kein Menſch wiſſen, wer wir ſind, weil die guten Blauroder nicht im geringſten in ihrer Freude geſtoͤrt wer⸗ den ſollen. Ich rechne daher, mein wertheſter Herr Forſtſchreiber, mit Beſtimmtheit auf Ih⸗ re Diskretion ꝛc. Jagdſchloß zum gruͤnen Hauſe am zwei⸗ ten Pfingſttage. Der Vetter war rein verklaͤrt; die Muhme verſteinert; Sabine brachte dem geputzten Reit⸗ knechte Kuͤmmel, Wein, Kaffee und Bier auf einem Teller, ich lispelte ihr: meine Weſte! — K es 61 angſtvoll in's Ohr, aber ſie hoͤrte mein Flehen nicht. Die ganze Hausthuͤre war von Neu⸗ gierigen umſetzt. Der Vetter hatte das Billet halb laut geleſen. Den Umſtehenden war kein Wort verloren gegangen, in fuͤnf Minuten wußte die ganze Stadt von dem erlauchten Gaſte. 8. Malaga. Keine Feder vermag, den Laͤrm zu beſchrei⸗ ben, der nun in unſerm Hauſe begann. Das Oberſte ward zu unterſt gekehrt. Die Muhme ſprach von zwoͤlf Schuͤſſeln, der Vetter rannte in die Apotheke, um Sekt, ſpaniſch Bitter und Malaga zu beſorgen. Er beſchwor den Buͤchſengott, ihm vom Beßten zu geben, und dieſer betheuerte, ſeine Rezepte waͤren die erſten im Lande. Es ward von allem auf der Stelle gekoſtet, und der Vetter kam, halb voll des ſuͤßen Weines, nach Hauſe. Sabine beſorgte die auswaͤrtigen Angelegenheiten, die Gaͤnge zu Fleiſcher, Baͤcker, Kraͤmer und Fiſcher. Aue zwanzig Schritte ſtieß ſie auf die Trup⸗ 62 pen des Schuͤtzen⸗Corps, denn eben zogen ſich die Huͤlfstruppen aus den einzelnen Gaſſen zu⸗ ſammen: um in Maſſe mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel, durch das Hirtenthor auf den Schießplatz vorzuruͤcken; Sabine aber ſchlug ſich mittelſt kuͤhner Flankenangriffe uͤber⸗ all durch, denn es galt hier der Tochter des Fuͤrſten, die heute erfahren ſollte, daß Forſt⸗ ſchreibers in Blaurode am Hofe geweſen und noch zu leben verſtaͤnden. Mir war das De⸗ partement des Innern uͤbertragen worden, die Beſorgung der Tafel und dergleichen kleine Ein⸗ richtungen mehr, bei denen mir der Vetter, freudig und froͤhlich, den Bratenrock an den Nagel gehangen, huͤlfreiche Hand leiſtete. Vor einer Stunde noch der ſtrengſte Geg⸗ ner alles Hofweſens, ſprach er jetzt von nichts, als von dem außerordentlichen Gluͤck, das ihm wiederfahren, und von dem Aerger, den der Rath⸗Amtmann haben werde, daß die Prin⸗ zeſſinn nicht bei ihm abgetreten; er fragte mich mehr als dreimal, ob ich die Stelle im Billete Sr. Excellenz des Herrn Hofmarſchalls geleſen, wo von dem guten Andenken Erwaͤhnung ge⸗ 8— 63 ſchehen, in dem er noch bei dem ganzen Hofe ſtehe. Ich benutzte ſeine gluͤckliche Stimmung, wiederholte ihm meinen Wunſch wegen meiner kuͤnftigen Anſtellung bei Hofe, und bat um ſeine Verwendung bei der, jungen Fuͤrſtinn. Hier iſt Gottes Finger im Spiele! ſagte er mit hellleuchtendem Blick; ich will dir nicht entgegen ſein, Vetter. Nur zieh' dich nicht zu dem Gemeinen herab. Bedienter ſollſt und mußt du nicht werden. Um ſo etwas zu bit⸗ ten, wuͤrde ſelbſt unter der Wuͤrde meiner Ver⸗ bindungen ſein. Braucht das Hofmarſchallamt, oder vielleicht der Hofſtaat der jungen Fuͤrſtinn, einen Schreiber, ſo will ich deine Bitte gern beruͤckſichtigen. Du erhaͤltſt dann den Titel, Sekretair, und das ganze Hofbedienten⸗Ge⸗ ſchmeiße muß ſich vor dir buͤcken. Mir verging der Athem bei dem Worte: Sekretair; ich ließ den Doppelkahn, den ich aus einer ſteif geſtaͤrkten Serviette auf dem Tiſchplatze des Hofmarſchalls eben brechen woll⸗ te, halb fertig liegen, und eilte an die Bruſt meines vetterlichen Maͤcens. Die Freude uͤber 64 den Sekretair berauſchte mich mehr, als ihn ſein Apotheker⸗Malaga. 9. Die ungewickelten Damen. Du haſt, hob er mit geſteigerter Grandezza eines Beſchuͤtzers an, gute Schulkenntniſſe, nur, ſetzte er ſchonend und leiſe hinzu, und hauchte in das Mundglas der Fuͤrſtinn, das er eben mit einem Wiſchtuche ſpiegelblank polirte, nur fehlt's dir an aͤußerm Anſtand. Wir nennen es bei Hofe, Tournure. Sieh, fuhr er fort, und ſtellte ſeine lange Weſtenaͤrmel⸗Figur in die zweite Poſition, preßte die Schulterblaͤtter eng an einander, und zog den Bauch ein, ſieh, wenn jetzt die Fuͤrſtinn kommt und wir an den Wagen eilen, ſo mach' ich drei tiefe Verbeugungen, du ſtehſt mir zur Seite, links etwas im Hintergrunde, und macheſt ſie mir nach, doch tiefer als ich, denn du biſt juͤnger, und, deiner Stellung gemaͤß, vom Throne der Fuͤrſtinn, entfernter. Ich kuͤſſe dann der jun⸗ gen Fuͤrſtinn den durchlauchtigen Rock, dem Marſchall die Hand, und du deſſelbigen glei⸗ chen. An der Wand hing ein Oſtereifarbner Tuͤffel⸗Ueberrock der Muhme, der ſtellte die Fuͤrſtin vor, an ihm mußte ich lernen, ihr meine Devotion zu Fuͤßen zu legen; ſo nannte der, mit einem Zauberſchlage in das Hofleben zuruͤckverſetzte Vetter, die Huldigung des Rock⸗ kuſſes. Wie alt iſt wohl die Allergnädigſte? fragte ich zaghaft, denn mir bangte vor dem Rock⸗ kuß, ſeit mir der Vetter geſagt, daß ich kein Geſchick zu ſo etwas habe⸗ Es iſt eine Poſthume, entgegnete er rech⸗ nend: ſie iſt nach meinem Abgange vom Hofe geboren; ich kenne ſie nicht, doch kann ſie ihre ſiebenzehn, achtzehn wohl haben. Auch der Hofmarſchall iſt neu; der vorige war ein alter Sappermenter, der auf den Stall eine Pique hatte; wir waren nicht ſonderliche Freunde; der jetzige ſoll jung ſeyn, und eher ein Wort mit ſich reden laſſen. Paß auf, Vetter, ſie fuͤh⸗ ren etwas im Schilde; um der miſerablen Schuͤtzen Willen, die ohne Fuͤhrung marſchiren, und niemals Schritt halten, kommen ſie nicht. Es iſt wohl eher in der alten Hiſtorie einer von ſeinem Kohl auf den Thron gerufen wor⸗ 5 85 66 den, Herr v. Clincinatus, glaube ich, hieß der Ehrenmann; warum ich nicht wieder aus meinem philoſophiſchen Krautgarten hieſelbſt, in das Getreibe des Hoflebens? Halt! ſchrie es auf der Straße, und ein Schuͤtzenpiquet faßte Poſto vor unſerm Hauſe. Der Vetter ſteckte den Kopf zum Fenſter⸗ ſchoͤschen hinaus, und frug, was das bedeute. Da antwortete der Buchbinder des Orts als wohlbeſtellter Premier⸗Lieutenant, und legte die verwendete Linke ſalutirend an den Treſſen⸗ hut, es ſey die Ehrenwache der Fuͤrſtinn. Der Vetter verbat ſich alle ſolche Empfang⸗ feſtlichkeiten, weil Ihre Durchlaucht platterdings nur als Fraͤulein von Schlitz einpaßirten; al⸗ lein der Buchbinder zuckte die Achſeln, und ſagte: Herr Forſtſchreiber, Sie kennen den Dienſt; ohne Contreordre bleibe ich mit meinen Leuten bis an mein ſeliges Ende hier auf dem Platze; Sie wiſſen, der Hauptmann iſt ſtreng, und Ordnung erhaͤlt die Welt. Auch ſoll ich den Herrn Forſtſchreiber erſuchen, beim Parade⸗ Aufzug, wo irgend thunlich, den Perruͤcken⸗ macher Brenn als Schließlieutenant zu vertre⸗ ten. Der Mann wird nicht fertig, es iſt nicht 67 menſchenmoͤglich; alle Damen der Stadt wollen der Fuͤrſtinn die Cour machen, und noch iſt keine gewickelt, 10. Der Willkommen. Am Ende der Straße ſchrie jetzt der Schei⸗ benkucker, den man als Telegraphen unfern des Thores poſtirt hatte: Herr Premieh, ſie kom⸗ men, ſie kommen, hinterm Sandberge geht eine Staubwolke auf, bis an den Himmel hin⸗ an!— da kommandirte der Premier⸗Lieute⸗ nant: Gewehr auf! und die Elite that, wie ihr befohlen. Aber der Rathſchlaͤchter, gegenwaͤrtig Fahnenjunker der Gilde, ſchaute blinzelnd ge⸗ gen den Berg, und ſchlug ſofort dem Premier⸗ Lieutenant vor, wieder Gewehr in Arm zu kommandiren. Nicht die Allerhuldreichſte Prin⸗ zeſſin, ſagte er mit ziemlichem Laͤcheln, iſt es, die das Geſtaͤube verurſacht: ſondern meine Schoͤpſe, die weiden da draußen. Die Vete⸗ ranen lachten, und nahmen ungebeten die ro⸗ ſtigen Waffen beim Fuß. Der Vetter indeſſen lief in bloßen Hemdaͤrmeln eilends zum Haupt⸗ 5* druͤckter Froſch in den weitfaltigen Rock ſeiner 68 mann, und bat, ſtracks die ganze Garde zu⸗ ruͤck zu berufen, denn bei Vermeidung fuͤrſtli⸗ cher Ungnade wollte die Prinzeſſin gaͤnzlich in⸗ cognito bleiben. Das wirkte, denn der Haupt⸗ mann gab ohne Weigerung ſeine alte Magd mit, die dem Piquet die Ordre zum Nuͤck⸗ marſch brachte. Auch ſorgte der Vetter fuͤr zwei Bettelvoͤgte, welche den Platz vor dem Hauſe von der zudringlichen Jugend ſaͤubern mußten, die unſere Thuͤre ſo maͤnnlich belager⸗ te, daß ſchier kein Menſch heraus noch herein konnte. Der Rathſchlächter hatte Unrecht gehabt. Nicht ſeine Schoͤpſe, ſondern die Eingeborne des Fuͤrſten hatte die Staubwolke verkuͤndet. Mit der Schnelle des Sturmwindes flog eine vierſpaͤnnige Chaiſe die Straße herauf, und hielt vor unſerm Hauſe. Der Vetter hatte ſeinen Rock verfaſelt, und fuhr in der Angſt in das an der Wand haͤn⸗ gende Oſter⸗Ei der Gattin; aus der Stuben⸗ thuͤr fuͤhrten zwei Stufen auf die Hausflur; die ſchoß der Vetter mit einem graͤßlichen Pur⸗ zelbaum hinab, ſo daß er, wie ein breit ge⸗ g' zu⸗ eſtli⸗ in⸗ upt⸗ Lagd tuͤck⸗ fuͤr dem bern ꝛger⸗ erein abt. orne t. flog und und hͤn⸗ ben⸗ lur; Hur⸗ ge⸗ 69 Eva verwickelt, platt auf die Erde hinſchlug; ich aber ſtellte mich, vom Gefuͤhl des Schick⸗ lichen gedraͤngt, vor die Thuͤre und machte dreimal die drei einſtudirten Buͤcklinge, ſo daß es ihrer neun wurden, ohne daß ich es wußte. Der Sohn vom Hauſe? fragte herablaſſend der Hofmarſchall, der unterdeſſen aus dem Wagen geſtiegen; ich gewahrte aber ſeiner nicht, ſondern fuhr, der eingelernten Rolle eingedenk, wie beſeſſen nach dem Saume des allergnaͤdig⸗ ſten Rockes, erfaßte aber in der Haſt, ſtatt deſſen, das linke Bein der eben im Ausſteigen begriffenen Prinzeſſin, daß dieſe, laut auf⸗ ſchreiend, in den Wagen zuruͤck fiel. 11. Die Bohnenſtangen. Dem Vetter hatte ich durch meinen un⸗ gluͤcklichen Mißgriff den Ruͤcken frei gemacht; waͤhrend der Hofmarſchall und die Bedienten mit der Fuͤrſtin beſchaͤftigt waren, haſpelte er ſich wisder auf die Fuͤße, hatte die Oſterei⸗ ſchaale mit ſeinem Feſtkleide gewechſelt, und begruͤßte nun die erlauchten Gaͤſte mit gemeſſe⸗ nem Anſtande. Ich lehnte, bleich wie ein armer Suͤnder, an der Hausthuͤre. Die Lehre meines Oheims, 3 des Schulmeiſters, von der Unverletzlichkeit der Geſandten und anderer heiligen Perſonen im 2 2 2 Staate, woruͤber er den Auserwaͤhlten ſeiner t Dorfjugend, aus eigener Liebhaberei, oft eine beſondere Vorleſung hielt, fiel mir in ihrem— ganzen Umfange auf das Herz. Ich waͤhnte, die vermaledeite Geſchichte mit dem Beine der Prinzeſſin ſey ein offenbares Majeſtaͤt⸗Ver⸗ brechen, und ſah mich ſchon von vier Pferden zerriſſen.* Doch da kein Menſch that, als ſey etwas vorgefallen, und da die Prinzeſſin ſelbſt ſich ſcher⸗ zend gegen den Hofmarſchall uͤber ihren Ruͤck⸗ fall in den Wagen aͤußerte, kam ich wieder zur Beſinnung und hatte den Muth, meine Au⸗ gen zu der holdſeligſten der Fuͤrſtentoͤchter auf⸗ zuſchlagen. Verfuͤhrt von unſerer alten Bilderbibel zu Hauſe, hatte ich mir die Prinzeſſin als eine hohe, ſchmaͤchtige Dame, mit einer Krone auf 5 dem Kopf, einen Zepter in der Rechten, einen nder, ims, der im einer eine hrem hnte, der Ver⸗ rden was cher⸗ uͤck⸗ zur Au⸗ auf⸗ zu eine auf Reichsapfel in der Linken, in einem Reifrock, und angethan mit diamantenen Spangen und reichem Geſchmeide, ſtolz in Geberde und Hal⸗ tung, und koͤniglich in Blick und Mienen, gedacht. Ich traute meinen Augen kaum, als ich die kleine, zarte Geſtalt im einfachen Gewande erblickte; einen Reiſehut auf dem Lockenkoͤpf⸗ chen, freundlich und luſtig, und eine Milde im ganzen Weſen, daß ich ſchier meinte, eine un⸗ ſers Gleichen zu ſehen. Mein Vetter, ſagte der Forſtſchreiber mit vornehmen Wohlwollen, mich in der Hausflur vorſtellend, und gab mir einen Wink zum Rockkuſſe; ſie aber reichte mir laͤchelnd die klei⸗ ne weiße Flaumenhand, und lispelte: ein recht huͤbſcher junger Mann— Tauſendmal habe ich mir die Melodie die⸗ ſer Worte im Stillen wiederholt; ſie hielten mich waͤhrend einer langen Zeit meines Jugend⸗ lebens, wenn das unguͤnſtige Schickſal mich umdunkelte, im freundlichſten Lichte; ſie ſtem⸗ pelten mich zu einem andern Menſchen um. Der unbedeutende Dorfjunge erklimmte in ei⸗ nem Momente die Sonnenhoͤhe des beſeligend⸗ 72 ſten Selbſtgefuͤhls; da fiel mein demuͤthiger Blick uͤber den Purpur der Verklaͤrung, der meine Wangen faͤrbte, auf die ungluͤckliche weiße Magenſpalte zwiſchen der Weſte und dem bockledernen Bunde, und ich haͤtte, vor Scham uͤber den Mißſtand, vergehen moͤgen. Noch, troͤſtete ich mich, konnte die Angebetete meine Bloͤße nicht bemerkt haben, denn ich hatte vor ihr tief gebuͤckt geſtanden; ich blieb daher weis⸗ lich in dieſer devoten Stellung, bis die Gaͤſte in die Stube gegangen waren„ und ſchlich dann, voruͤber gebeugt und beide Haͤnde auf das cor⸗ pus delieti gelegt, als zoͤge mich ein wuͤthendes Bauchgrimmen zuſammen, in die Kuͤche zur Vertrauten meines Lebens, zu Sabinen. Die Muhme beknixte ſich eben im Zimmer mit den Gaͤſten, ich konnte alſo Sabinen mei⸗ ne Freude und mein Leiden ohne Zeugen mit⸗ theilen. Das hochherzige Mädchen hatte mit der Herrinn geſprochen, und eine ſchwarze, mit Glasknoͤpfchen gezierte Trauerweſte, die einzige entbehrliche, fuͤr mich erhalten; doch war mir dis Traurige zwei Haͤnde breit zu lang, und fuͤr einen Menſchen von meinem Umfange, zu weit. Sabine indeſſen wußte Rath, ſie ſteckt im Ruͤcken zwei tuͤchtige Falten, legte die Schoͤßen und den Ueberfluß inwendig um, und knoͤpfte es mit den ſchwarzen Glasroſetten zu⸗ ſammen, ſo daß ich recht wohlbeleibt ausſah. Eine heimliche Sehnſucht, die holde Fuͤrſten⸗ tochter zu ſchauen, trieb mich in das Zimmer; aber die allerempfindlichſte Beſchaͤmung jagte mich wieder hinaus. Gleich beim erſten Schritt in die Stube lachten die Prinzeſſin, der Hofmarſchall, der Vetter und die Muhme laut auf; ich ſah be⸗ ſtuͤrzt auf mich nieder, und gewahrte auf dem Schwefelgelb meiner Modeſten, die fuͤnf ruſigen Finger der huͤlfreichen Sabine. Ich wendete mich auf der Stelle um, und keine menſchliche Macht, ſelbſt nicht der Wunſch der Prinzeſſin, daß ich mitſpeiſen ſoll⸗ te, waren vermoͤgend, mich wieder in das Zim⸗ mer zu bringen. Sie hatte gelacht! Sie haͤtte mich ermorden laſſen koͤnnen, und es haͤtte mich nicht ſo geſchmerzt; die andern hatten auch gelacht; aber das that mir nicht weh; das kuͤmmerte mich nicht einmal. Ich ſchlich mich im bitterſten Unmuth in 74 das Gaͤrtchen hinterm Hauſe, und ſchmollte mit meinem Geſchick. Was hatte ich armer Junge dem Zufall gethan, daß er mich ſo hoͤniſch ſtrafte? Auf Sabine konnte ich nicht boͤſe ſeyn; ſie hatte es ja mit mir gut ge⸗ meint. Zufall, bloßer Zufall, daß die fuͤnf ſchwarzen Tippchen vielleicht auf ewig die fuͤnf Naͤgelmahle meines Kreuzes wurden. Die ganze Tiſchzeit uͤber blieb ich in mei⸗ nem Verſteck; der Vetter kam ſelbſt in den Garten und ſuchte mich, aber ich ſaß hinter den Bohnenſtangen, die im aͤußerſten Winkel an die Saalwand gelehnt waren. Ich hoͤrte den kreiſchenden Parade⸗Marſch der Schuͤtzen, die auf den Schießplatz zogen: ich hoͤrte den fuͤrſtlichen Wagen vor unſer Haus rollen, in dem wahrſcheinlich die Gaͤſte zum Schuͤtzen⸗ feſte nachfahren wollten; ich hoͤrte nach langer Weile den Wagen wieder fortraſſeln, und nun erſt wagte ich mich aus meinem Verſteck, 42. Der engliſche Gruß. Die Muhme hatte geglaubt, ich haͤtte mir ein Leid angethan, und war erfreut, mich wohl⸗ ———,—2K — n 75 behalten wieder ankommen zu ſehen. Der Veiter brummte muͤrriſch mir entgegen, daß ich ein dummer Junge ſey, der ſich nicht zu benehmen wiſſe. Die Gaͤſte waren fort, aber nicht auf die Schießwieſe, ſondern nach Hauſe. Sie hatten ganz unerkannt bleiben wollen, aber durch die Schuld des Vetters, war in der Stadt ruchbar geworden, wer ſie waren; bei dem Vorbeimarſch des Schuͤtzen⸗Corps hatte der Rathſchlaͤchter die Fahne geſenkt, und der Hauptmann hatte im Eifer ſeiner Unterthanen⸗Liebe, als der Zug in die Naͤhe des Hauſes gekommen, und er die Fuͤrſtin am Fenſter erblickte, waͤhrend des Marſchirens das Gewehr proͤſentiren laſſen; viele hatten aus uͤber großer Hoͤflichkeit den Hut dazu im Maule oder unterm Arme gehabt, andere hat⸗ ten gar, vom Kuͤmmel und Ratavia erhitzt, laut geſchrieen: Unſere Prinzeſſin ſoll leben hoch! und der Schließlieutenant, der alle Da⸗ men ungewickelt gelaſſen, war hinter dem Zu⸗ ge hergetaumelt, Degen und Federhut hoch in den Luͤften, und hatte uͤber alle weg beſtaͤndig gerufen: wir ſind Paterjoten, Vivat, die aller⸗ gnaͤdigſte Prinzeſſin! Da war die kleine Fuͤrſtin verdrießlich ge⸗ worden, hatte anzuſpannen befohlen, und war, ohne einmal den Kaffee abzuwarten, wieder von dannen gefahren. Dem Vetter war nun die Freude verdor⸗ ben, im Gefolge der Durchlauchtigen auf der Schießwieſe zu erſcheinen, er hatte uͤber den Rath⸗Amtmann und alle Honoratioren der Stadt einen Sieg feiern wollen, der die Gro⸗ ßen ſeiner kleinen Welt alle zu Boden haͤtte ſchlagen muͤſſen; und nun ſaß er allein vor feinem grau damaſtenen Kaffeetuche, und ließ ſeinen Unmuth an allem aus. Selbſt die junge Fuͤrſtin verſchonte er nicht. Pahl ſagte er mit dem Stolze ſeiner ihn wiederanwandelnden Philoſophie. Die Erden⸗ goͤtter verſtehen es nicht, mit ihrem Pfunde zu wuchern! was ſchadete es denn der Prin⸗ zeſſin, wenn ſie erkannt wurde; ſie konnte ganz Blaurode einen Tag bereiten, der bis auf unſere ſpaͤteſte Nachkommenſchaft, in der Chronik des Orts, als ein Feſttag geglaͤnzt haͤtte. Es koſtete ihr nichts, als ein freund⸗ liches Kopfnicken, und Schuͤtzengilde und Buͤr⸗ gerſchaft haͤtten zu ihren Fuͤßen gelegen. Ein — 14 bloßer Blick von ihr reichte ja ſchon hin, die alten ſteifen Spießbuͤrger, wie mit einem Zau⸗ berſchlage, zu beleben. Der Rathſchlaͤchter, ſonſt groͤber als alle ſeine Ochſen, ſenkte ſeine Fahne, die wir noch vom Schwedenkriege her haben, mit einem Anſtand, als waͤre er bei dem Ober⸗Hof⸗Ceremonienmeiſter in die Schule gegangen, und der Peruͤckenmacher, ſonſt der graͤulichſte Raiſonneur gegen Hof und Miniſterium, bruͤllte ſeinen Patriotismus gegen alle vier Winde. Was wuͤrde es nicht erſt geworden ſeyn, wenn ſie hinausgegangen waͤre, und der Hauptmann mit der ganzen Generalitaͤt ihr den Ehrenwein gereicht haͤtte. Ich an ihrer Stelle wuͤrde ihn genommen, und ein paar huldvolle Worte zum Volke ge⸗ ſprochen haben. Gott es ſind ja nur Worte! Er ſprang auf, nahm an der Stelle des Ehrenbechers eine Kaffee⸗Taſſe, ſpannte die Stimme bis zum hoͤchſten Baryton, den ſein gewoͤhnlicher Baß nur ermaͤchtigte, und ſprach in der Seele der Fuͤrſtin: ich danke Euch Ihr braven Leute von Blaurode, fuͤr Eure Liebe. Mein durchlauchtiger Vater ſandte mich in Eure Mitte, um Zeuge Eurer Feſte zu ſeyn. — Ich leere dieſen Becher auf das Wohl Eurer guten Stadt, und ſichere Euch meine fuͤrſtliche Huld zu. Haben Sie Herr Vetter, fiel ich ihm klein⸗ laut und zaghaft in die Rede: wegen des— Sekretairs, bei der Fuͤrſtin meiner gütig ge⸗ dacht? Ich wollte es, verſetzte er murmelnd: aber bei Tiſche ſchickte es ſich nicht, es ſah da ſo aus, als wolle man ſich ſein bischen Eſſen mit einer Gnade bezahlen laſſen, und mit dem letzten Biſſen im Munde, fuhren ſie ja wieder zum Dinge hinaus! Ich rang die herabhaͤngenden Haͤnde ſtill vor mich hin, daß alle zehn Finger knackten, denn nun war alle Hoffnung verloren— der guͤnſtige Augenhlick kam nimmer wieder. Die Muhme bemerkte meinen Schrecken und ſetzte troͤſtend hinzu: aͤngſtige dich nicht vor der Zeit, Thoͤrchen. Du haſt der Fuͤrſtin gefallen, ſie fand eine Fa milien⸗Aehnlichkeit zwiſchen mir und dir; bei hem Abſchied war ſie doch freund⸗ lich wie ein lebendiger Engel; ſie ließ dich auch gruͤßen. ————„. „„ 13. Der Gulden. Sie ließ mich gruͤßen.— Vergeſſen wa⸗ ren die Leiden des Tages, die kurze Weſte und die fuͤnf ſchmerzlichen Tippchen. Sie ließ mich gruͤßen. Ich kannte keinen ſuͤßeren Gedanken, als den an den Gruß dieſes En⸗ gels, der mir ſo erfreulich war, als dem ka⸗ tholiſchen Rechtglaͤubigen ſein engliſcher. Freiwillig verzichtete ich auf das Vergnü⸗ gen, den Vetter und die Muhme auf die Schießwieſe zu begleiten; ich hatte ja Hoͤheres im Sinne. Was ſollte mir da draußen das bunte Gewirre? Im Bilde der Fuͤrſtin ſchwelg⸗ te mein Inneres, kein aͤußerer Eindruck ſollte dieß ſtoͤren. Wie ein Gott vergnuͤgt verlebte ich den Reſt des Tages im ſtillen Garten des Vet⸗ ters, und pfluͤckte am Zaune die paar aufge⸗ keimten Veilchen, um der Angebeteten beſchei⸗ dene Kraͤnze zu winden. Mein Gefuͤhl hatte keinen Namen; aber es hatte noch kein ſeligeres in meiner Bruſt gelebt. Ihr Erfahrnern, ihr wißt es zu nen⸗ 80 nen; aber ſprecht den heiligen Namen nicht aus, denn ſtreifet die irdiſche Luft nur daruͤber, ſo welket die himmliſche Bluͤthe. Ich ſetzte mich wieder in meinen kunſtloſen Gartenſalon von aufgeſtapelten Bohnenſtangen, druͤckte die Augen feſt zu, und ſprach mit dem Zauber⸗ bilde, das im Strahlenkranze ſeiner Reize mir lebendig vor der Seele ſtand. Tauſend Plaͤne durchkreuzten ſich in mei⸗ ner Seele. In ihrer Naͤhe zu leben, war aller Zielpunkt. Ich nahm mir feſt vor, in die Reſidenz zu gehen und ihr meine Dienſte anzubieten. Umſonſt wollte ich ihr dienen. Einen Menſchen mehr ſatt zu machen, konnte der fuͤrſtlichen Kuͤche nicht ſchwer fallen. Je entfernter der Menſch noch von der Ausfuͤhrung ſeiner Entwuͤrfe iſt, deſto leichter ſind ſeine Luftſchloͤſſer gebaut. Ich war mei⸗. ner Sache gewiß, und trat mit einer Selbſt⸗ zufriedenheit aus meinem Bohnenſtangen⸗Sa⸗ lon, als waͤre die Welt mein. Jett erſt ſpuͤrte ich, daß die Trauerweſte, ungeachtet des eingeknoͤpften Umſchlags, mir ziemlich weit geworden; ich hatte noch keinen Biſſen gegeſſen. Ich ging in das Haus zu⸗ ber me ſch 81 kuͤck; Sabine erfreute mir Magen und Herz; erſteren mit den reichlichen Broſamen des Mit⸗ tagtiſches, letzteres mit Vorzeigung eines Gul⸗ dens, den ſie aus der Hand der Fuͤrſtin als Trinkgeld bekommen. Was haͤtte ich darum gegeben, dem Maͤd⸗ chen das Stuͤck Geld umtauſchen zu koͤnnen, aber ich Armer, ich hatte ja in Blut und Le⸗ ben nichts, eine ſolche Summe aufzubringen; ich druͤckte das Zweidrittelſtuͤck ungeſehen an meine Lippen. Es war ja von der, die Ge⸗ fallen an mir gefunden, die mich einen huͤb⸗ ſchen jungen Mann genannt, die mich hatte gruͤßen laſſen. 14. Der Koͤnigſchuß. Vetter, ſagte die Muhme, vom Schieß⸗ platze zuruͤckkommend: du ſollſt dich gleich auf⸗ machen, laͤßt dir mein Mann ſagen, und mit mir herauskommen; die Gilde hat der Fuͤrſtin eine Nummer verehrt, mein Mann ſoh fuͤr ſie ſchießen; zweimal iſt ſchon die Reihe an ihm geweſen, aber er kann heute nicht treffen. 6 82 Nun ſiel ihm ein, wie du neulich bei Euch zu Hauſe den Geier aus der Luft geſchoſſen; da meint er denn, daß du vielleicht fuͤr die junge Fuͤrſtin den Koͤnigſchuß— Was wird dann, fiel ich ihr haſtig in's Wort, und griff nach dem Hute: was wird dann, wenn ich ihn treffe? 3 Nun dann reitet heute noch einer nach dem gruͤnen Hauſe, und meldet's der Prinzeſ⸗ ſin. Sie wird dann ſich gegen die Gilde und ihren Stellvertreter gewiß gnaͤdiglich zeigen.— Ich ſchieße den Vogel herunter! rief ich, und lief zur Stadt hinaus nach dem Schießhauſe zu, daß die Frau Muhme kaum mit konnte. Aber reite ich auch ſelbſt?— das laß ich mir, Muhme, nicht nehmen, ſetzte ich keck hinzu, denn ich war meiner Sache gewiß; vierhun⸗ dert Schritt weit hatte ich neulich mit meines Oheims Buͤchſe, dem Schellen⸗Unter zwiſchen die Beine geſchoſſen, wo es nichts galt; und heute Abend noch ſollte ich ſie ſehen, und ihr ſagen, daß ich, ich ſie zur Koͤnigin von Blau⸗ rode gemacht; um den Preis konnte ich das Leben verwetten, dießmal gewiß nicht zu feh⸗ len. Ich hoͤrte mit froͤhlichem Herzen das Oee + ☛ ☛—— ☚ 2 2☛ 2 &(☛ — ☛σοæ ⏑⏑ oe& ☛e⏑⏑ ⏑*ꝛ h zu da junge dann, nach ihn nach nzeſ⸗ und und hauſe nnte. mir, inzu, thun⸗ eines ſchen und ihr Blau⸗ das feh⸗ das 83 Knallen der Buͤchſen, den Signalwirbel der Trommel, die Tanzmuſik im Saale und den Jubel des Volks. Endlich war ich mitten im Gewuͤhl; ich wand mich durch die Wurſt⸗ und Zinnbuden vor dem Weinzelte vorbei, in dem der Apotheker ſeine Giftkraͤtzer verſchenkte, und hinter die Pfefferkuchentiſche weg, auf des nen ein luſtiger Drehregel, nach berichtigtem Einſatz, die lockere Stadt⸗Jugend unterhielt, draͤngte mich durch das bunte Menſchengewirre, von dem faſt die Mehrzahl betrunken; eilte, der Weiſung der Muhme gemaͤß, auf den Tanzſaal, wo eben der Vetter mit der gluͤhend gewalzten Tochter des Rathcopiſten zum Ocza⸗ koff antrat, und bat um naͤhere Ordre. Hier Vetter, haſt du meine Charte; du ſiehſt, es iſt Nummer Eins. Dein Vormann iſt Nro. 116, der Ober⸗Jagd⸗Zeug⸗ Repa⸗ ratur⸗Verwalter Jenſichen. Das zweite Ren⸗ nen muß gleich aus ſeyn. Meine Buͤchſe hat der Tambour beim Zielſtande. Machſt du den Koͤnigſchuß, ſo gebe ich dir zehn Thaler aus meinen Mitteln; fehlſt du, ſo laß dich nie wieder in meinem Hauſe ſehen. Ich weiß, du biſt ein Schuͤtze, aus dem F. F. 6* Er wollte noch mehr ſprechen, aber die Muſik zum Oczakoff brauſ'te auf; die roth⸗ gelbe Amt⸗Copier⸗Maſchine zog den baum⸗ langen Vetter in der Runde. Die Hitze war gewaltig; alle Herren hatten die Roͤcke ſchon herunter, und tanzten in Hemdaͤrmeln. Der Buͤrgermeiſter, ein luſtiger Scherzvogel, wenn er anfing, hatte die große Baßgeige ergriffen, und begleitete hoͤchſt eigenhaͤndig die wilde tuͤr⸗ kiſche Quadrille, die er ſeinen Leibtanz nannte, mit kraͤftigen Strichen. Dunkeln Blicks ſtand ich einen Augenblick unter dem gemeinen Troß— hier war mei⸗ nes Bleibens nicht— mit dem Koͤnigſchuß wollte ich nach dem Hoͤhern fliegen. Nummer 109. Herr Knopfmachermeiſter Strohmann— ſchrie der Abrufer, als ich die Treppe vom Tanzſaal herabkam und ich wuß⸗ te, daß ich nur noch ſieben Vorderleute hatte. Zehn Thaler hatte mir der Vetter geboten, und mir im entgegengeſetzten Falle ſein Haus verboten; der Vetter war ein ſchlechter Menſch, das ſagte mir mein Gefuͤhl nun deutlich. Erſt hatte er mit ſeinem Freiheitſinn, mit ſeiner Gleichguͤltigkeit gegen die Vorzuͤge des Hoflebens geprahlt; und kaum faͤllt ihm eine fuͤrſtliche Livree ins Auge, ſo wird er der ge⸗ meinſte Speichellecker. Er konnte mein Gluͤck begruͤnden, und denkt meiner bei der Fuͤrſtin mit keiner Silbe, und jetzt ſoll ich ihm fuͤr zehn elende Thaler den Koͤnigſchuß, den Koͤ⸗ nigſchuß thun. Ich war ein armer Junge, und hatte nie zehn Thaler zuſammen gehabt; allein wer mir den Schuß gethan, ich haͤtte ihm die Haͤlfte meines Lebens geboten. Und treff' ich nicht, ſo ſollte ich die Schwelle ſeines Hauſes nimmer betreten. So haben wir, Herr Vetter Forſtſchreiber nicht gewettet; ſagte ich finſter zu dem Saal hinaufblickend, wo ſie die tuͤrkiſche Quadrille tanzten; ich werde tref⸗ fen, aber fuͤr die zehn Thaler nicht! Rechts neben der Schießwieſe weideten mehrere Buͤrgerpferde im grasreichen Teiche; an den Weiden auf dem Ufer hingen die Zuͤ⸗ gel; die Huͤter vergnuͤgten ſich in der Wurſt⸗ bude und beim Kuckekaſten. Haͤtte ich nur erſt getroffen, ſo ſchwang ich mich auf eins dieſer Pferde, und jagte zu meiner Koͤnigin, um ihr dieſen Abend noch die Botſchaft zu uͤberbringen. Ihr freundlicher Blick war mehr werth, denn die zehn Thaler, Nummer 110. Herr Stahl⸗ Meſſing⸗ und Horndrechslermeiſter Binſenkopf! ſchrie der Abrufer, und ich eilte zum Schießſtand, um meine Buͤchſe in Ordnung zu bringen. Ei ſieh da, kreiſchte mir ein kleines krummbeiniges Maͤnnchen aus einem gras⸗ grüͤnen Zeugkleide entgegen, das nenn ich mir Gluͤck! Du erſparſt mir drei Tage. Ich ſah herab auf den quackenden Laub⸗ froſch. Es war Herr Michaelis, ein Jugend⸗ freund meines Oheims des Schulmeiſters, und ſeit vierzig Jahren der geſuchteſte Klavierſtim⸗ mer in der Reſidenz. Ich wollte morgen hin zu Euch, hob er an: um dir einen Vorſchlag zu machen. Einen Vorſchlag? fragte ich, zu ihm ge⸗ buͤckt.— Ja Theobdorchen, entgegnete der kleine Kniehoch, und zog mich bei Seite: Du ſpielſt paſſable Klavier und haſt fuͤrnehmlich ein trefflich Gehoͤr. Mir kommt jetzt ſo viel Kundſchaft ins Haus, daß ich nicht alles zu beſtreiten vermag. Da meint ich dich zu mir zu nehmen, und— Nummer 111. Herr ehr Stadt⸗Kaͤmmerei⸗Kaſſen⸗Reviſions⸗Aſſiſtent Knochenhauer! ſchrie der Abrufer, und ich ſtand ng⸗ 3 wie auf Nadeln. der Sieh, fuhr Herr Michaelis fort, und ſchuͤt⸗ um telte ſich die Haͤlfts der genommenen Priſe vom handbreiten, in der Form eines Kaͤlber⸗ nes gekroͤſes vor der berghohen Bruſt, hin⸗ und ras⸗ herſchwankenden Buſenſtreifen ab: hoͤre meine mir Gedanken; ich wollte deinen Oheim bitten, dich mir abzutreten; du ſollſt mein Adjuvante nub⸗ ſeyn, und in Kurzem der perfekteſte Klavier⸗ end⸗ ſtimmer unter der Sonne; du biſt bei mir, und wie Kind im Hauſe, und anziehen will ich tim⸗ dich, wie eine Puppe, denn du ſtimmſt in den erſten Familien der Stadt. b er Nummer 112. Herr Puder⸗Staͤrke⸗ und Nudelfabrikant auch Viehmaͤſterei⸗ Paͤchter ge⸗ Waizenſchweiß! unterbrach uns der Abrufer; der der Genannte ſchoß; und ein ungeheures Hal⸗ Du loh des Zuſchauer⸗Troſſes ſtieg in die Luͤfte. nlich Ich verlor den Athem, denn ich fuͤrchtete, das viel Nudelmonſtrum haͤtte mir den Köͤnigſchuß ge⸗ 3 zu kapert; doch war es nur ein Stüͤck vom mir Rumpfe, was herab gefallen war. 2 Herr Stimmen Sie auch bei Hofe? fragte ich, e. und ſah und hoͤrte nur mit halbem Auge und Ohr, denn die andere Haͤlfte war jetzt auf den Vogel gerichtet. Verſteht ſich: ich bin ja der Erſte; kannſt du Theodorchen, ſo kaͤmſt du gleich mit. Wir brechen heut Abend noch auf, und machen noch einige Stunden. Nummer 113. Herr Landgerichts⸗Spor⸗ tul⸗Kalkulatur⸗Oberaufſeher Pfropf! gellte es mir in die Ohren; mir ſchwoll das Herz vor Angſt! der Mann ſchoß und fehlte. Herr Michaelis, uͤber Ihren Vorſchlag laͤßt ſich noch ſprechen, ſagte ich bedaͤchtig, und ſchuͤttelte dem kleinen Purzlichen die Hand, jetzt aber muß ich ſchießen: gehe ich mit ih⸗ nen, ſo bin ich in zehn Minuten marſch⸗ fertig. Mein Rechenexempel war ſehr einfach. Gluͤckte mir der Schuß, ſo flog ich zu Ihr; fehlte ich, ſo verkaufte ich mich an den Stimmer. Der Tambour gab mir jetzt des Vetters Buͤchſe; das iſt ein Werk, ſagte der Amt⸗ Schloſſermeiſter Rauchfuß: wer damit fehlt, muß nicht ſchießen koͤnnen. Ich habe das — Buͤchschen dem Herrn Forſtſchreiber ſelbſt ge⸗ laden; er iſt mein Herr Gevatter, und ich moͤchte ihm wohl die Freude goͤnnen, der aller⸗ gnaͤdigſten Prinzeſſin die Schuͤtzenkrone von Blaurode aufzuſetzen. Meine beiden Vorderleute Nro. 114 und 115 fehlten. Drittes Rennen, Nummer Eins! die aller⸗ durchlauchtigſte Prinzeſſin, ſchrie der Abrufer aus voller Kehle und zog dazu mit landeskind⸗ licher Demuth unterthaͤnigſt die Muͤtze; die Trompeten aber ſchmetterten mit den wirbeln⸗ den Trommeln um die Wette und die Zuſchauer draͤngten ſich dichter; ich ſtellte mich leichenblaß in den Stand. Da ſieht man gleich den Schuͤtzen, ſagte beifaͤllig laͤchelnd der kunſtverſtaͤndige Meiſter Rauchfuß, der junge Herr liegt im Feuer, wie ein Alter! das nenn' ich mir einen Anſchlag; ſo viel iſt gewiß, holen Sie den Vogel her⸗ unter, die Prinzeſſin macht Sie gluͤcklich zeit⸗ lebens. Reden Sie mir nicht in den Schuß, fluͤ⸗ ſterte ich leiſe, und ſtierte auf den zerſtuͤmmel⸗ ten Vogel; er hing in der ſtillen blauen Luft, und ſchien der Erloͤſung durch meine Hand zu warten. Aber mie kam es vor, als wuͤrde der hintere Luftgrund immer dunkler und dunk⸗ ler und dunkler; dreimal nahm ich das Korpus auf's Korn, und dreimal ſetzte ich wieder ab; All mein Blut trat mir in's Auge, ich konnte kaum ſehen; das Herz erſtarrte mir in der Bruſt, die Hand zitterte. Das wird etwas lange, ſagte hoͤhniſch der ſchwarzbaͤrtige Schloſ⸗ ſer zu den lauſchenden Umſtehenden; ich raffte mich zuſammen, zielte, druͤckte ab, und eine ungeheure Ohrfeige der uͤberladenen Buͤchſe warf mich ſeitwaͤrts, die Kugel aber pfiff fehlend am Vogel voruͤber. So fliege zum Teufel du Hoͤllenkugel! fluch⸗ te ich, mit dem Fuße ſtampfend, ihr nach, warf dem graͤßlichen Rauchfuß, der abſichtlich mir den Schabernack geſpielt hatte, einen bitter boͤſen Blick zu, uͤberhoͤrte das Ziſchen und Be⸗ dauern der getheilten Zuſchauer, ergriff die Hand des gruͤnen Zwerges, und ſagte an Gluͤck und Leben verzweifelnd; ich bin der Ihre, —̃y—— 15. Huckepack. Koͤnnen wir heute noch aufbrechen? fragte der Kleine, im Tone einer Piccolofloͤte; heut noch! gleich— gleich, entgegnete ich halb traͤu⸗ mend, halb wachend, folgte ihm in das Ge⸗ zelt des pharmazevtiſchen Giftmiſchers, und ſtuͤrzte drei Glaͤſer ſuͤßen Sektes hinunter, die mir mein Duodez⸗Contrapunkt zur Reiſeſtaͤr⸗ kung mit der Verſicherung anbot, daß der Goͤt⸗ tertrank recht glissicato durch die Gurgel floͤſſe. Das Zeug ſchmeckte, als waͤre es Fruchteſſig auf Taback und Roſinenſtengel uͤber Bleizucker abgezogen, aber ich trank es, und waͤre es Arſenik⸗Abſud geweſen. Ohne dem Vetter und der Muhme Lebe⸗ wohl zu ſagen, ſchied ich von dannen; meine zuruͤckgelaſſenen paar Habſeligkeiten vermachte ich im Stillen Sabinen; was brauchte ich die Lumpen; mein Principal wollte ja fuͤr alles ſorgen. Wir wandelten raſch vorwaͤrts; je wei⸗ ter wir uns vom laͤrmenden Gewirre des Schieß⸗ platzes entfernten, deſto ſtiller und wohler ward mir im Herzen. Wo ſtimmen Sie denn bei 92 Hofe? fragte ich, als wir eine Weile gewan⸗ dert hatten, mich an die freundliche Hoffnung haltend, ihr Inſtrument vielleicht einmal un⸗ ter meinen Stimmhammer zu bekommen. Beim Hochfuͤrſtlichen Leib⸗Thuͤrſteher, ent⸗ gegnete der Kleine; der Mann ſpricht in einer Tiefe, als hoͤrteſt du den Epipros lambano- menos; deſto lieblicher iſt das Falſettchen der Gattin; ich mache bei den Leutchen gern eine Serenate, und freue mich immer uͤber das Grarocymbalum, ſo in ſelbigem Hauſe, ſeit alter Zeit ſtehet. Iſt die Prinzeſſin muſikaliſch, wagte ich zu fragen, und ſah links weg, daß er die Roͤthe nicht ſehe, die meine Wangen bei dem Worte uͤberflog. Non troppo, erwiederte der gruͤne Zwerg, ich moͤchte ſie eine nota cambiata, eine Wech⸗ ſelnote heißen; ſie will von allem wiſſen, du findeſt darum in ihrem Muſikſaale alle In⸗ ſtrumente der Vorwelt und unſerer Mitooͤlker, vom Baßyommer bis zur Liebesgeige; vom Phelinx bis zur thebaniſchen Harfe. Das Chazozroh und den Schaliſchim der Ebraͤer, den Salpinr und die Nabla der Griechen, die Cornamuſen, den Dudelſack und die Stamen⸗ tienpfeifen unſerer Alt⸗Vordern, die Palalaika und das Terropil der molltoͤnigen Ruſſen, den Aajahli⸗Keman wie die Zurna der vielweibri⸗ ſchen Tuͤrken; alles, alles hat ſie dort aufſta⸗ peln laſſen, und ihr einziges Dichten und Trach⸗ ten iſt, einmal ein Welt⸗Conzert zu geben, in dem alle Inſtrumente unſers Erdballs auf dem Platze ſeyn ſollen. Verſtimmen ſich denn alle dieſe Inſtrumente nicht? fragte ich freudig, denn ich ſah mich ſchon mit der Sonderbaren, in ihrem muſika⸗ liſchen Zeughauſe. Was wollten ſie nicht: aber gehe einmal hin, und ſtimme die dreieckige Leier der Aegyp⸗ tier, den juͤdiſchen Machel, das Epigonion der Athenienſer, den kaukaſiſchen Goddock und un⸗ ſer altdeutſches Mandurchen!*) keine menſch⸗ liche Seele auf dem Erdenrunde weiß mehr, in welchen Toͤnen die Saiten der verfluchten Dinger alle geſtimmt wurden. Je laͤnger ich mit dem muſikaliſchen Grashuͤpfer ſprach, deſto *) Auch Pandure, Pandurien, Pandere genannt; eine ſonſt gewöhnliche Art Laute⸗ mehr ſtaunte ich uͤber ſein Wiſſen, er warf mit Woͤrtern und Begriffen um ſich, von de⸗ nen ich im Leben nichts gehoͤrt hatte; ich konn⸗ te meine Verwunderung nicht bergen. Dum⸗ mer Teufel, hob er an, das iſt noch gar nichts; die Kapellmeiſter der Vorzeit, das muͤſſen Leute bei der Stadt geweſen ſeyn. Als man noch die Staatsgeſetze in Muſik ſetzte,*) und ſie vom Volke abſingen ließ, um ſie dieſem deſto leichter in das Gedaͤchtniß zu praͤgen, da waren Zeiten! Junge, denke dir die vollſtaͤndige Par⸗ titur zu einem heutigen Geſetzbuche— ein hoͤl⸗ liſches Opus.— Er gerieth nun in Feuer und Flammen, ſprach die Kreuz und Quere von der Rythmopruͤ, von der Sequens Lauda Sion Salvatorem, von dem engliſchen Cateh und den italieniſchen Carnasciolechis, vom ditoniſchen und ſyntoniſchen Komma, vom klei⸗ nen Limma, der Dioſis aus dem Diaſchisma und lief im Zweizweiteltakt dazu neben mir her, bis er nicht mehr konnte, und das Miſe⸗ rere bekam, aber nicht das Allegriſche. Wir hatten noch eine halbe Stunde bis zum naͤch⸗ *) Die ſogenannte Nonie⸗ 3ε 95 ſten Dorfe; bis dahin trug ich den Erſchoͤpften, Huckepack. . 16. Die Prinzeſſin. Den folgenden Tag hatten wir das Gluͤck, von einem leer zuruͤck gehenden Wagen einge⸗ holt zu werden, mit dem wir bis zur Reſidenz fuhren. Ich gaffte den Haͤuſer⸗Koloß, die unab⸗ ſehbaren Straßen, das Menſchengewuͤhl, und alles was mir begegnete, mit weit aufgeriſſe⸗ nem Geſichte an, und begriff nicht, wie ich 17 lange Jahre in unſerm Dorfe hatte leben koͤnnen. Herr Michaelis Leibſchneider machte aus mir einen andern Menſchen; ich ward nach dem neueſten Geſchmack gekleidet, und trat recht ſtattlich auf. Ich ſollte, nach der Verſicherung meines Patrons, in die Haͤuſer der Großen, ſobald ich ſtimmen koͤnnte, und lernte an ſei⸗ nem alten Rumpelkaſten von Klavier, Tag und Nacht. Der wiſſenſchaftliche, uͤbergelehrte Unterricht meines kleinen Praͤceptors, und mein 96 Plan, die Inſtrumente der Peinzeſſin zu ſtimmen, befoͤrderte mein Studium zu ſeiner Vollendung; alle Abende war das alte Klavier voͤllig entſaitet, und den folgenden Tag mußte ich es neu beziehen, und ſtimmen. In einem Monat ward ich zum Meiſter meiner Kunſt erklart, und Herr Michaelis ſtellte mich ſeinen Kunden, als ſeinen Adjunkt vor. Ich denke noch mit Schrecken dieſer fuͤr meine Bloͤdigkeit ſo peinlichen Vorſtellung. Bei dem Major A. fiel ich zur Thuͤr hinein; dem Bedienten des Hofraths B. trat ich auf die Zehen, dem Mopſe der Baroneſſe C. auf den Schwanz. Auf dem Fluͤgel des Hofpredigers D. verun⸗ gluͤckte mir das einſtudirte Praͤludium totaliter; dem Kammermaͤdchen der Generalin von E. kuͤßte ich, ſtatt der Gnaͤdigen, die Hand; das juͤngſte Kind des Oberforſtmeiſters v. F. rann⸗ te ich uͤber den Haufen; im Hauſe des Mar⸗ ſchalls von G. nahm ich den Hut der Tochter ſtatt des meinigen mit, und beim Grafen von H. ſprangen mir alle Saiten unter den Haͤn⸗ den; dem ſtolzen Kammerjunker von J. gegen⸗ uͤber, brach mir der Angſtſchweiß ſo aus, daß ich kein Wort ſprechen konnte, und bei der M 3 97 zu kalten Madame K. fuͤhlte ich, daß er zuruͤck ner getreten ſey; vor dem Polizei⸗Praͤſidenten L. dier verſpuͤrte ich daher den erſten Anfall eines voll⸗ ßte kommenen Wechſelfiebers, und am Fortepiano em des Fraͤuleins M. uͤberraſchte mich der vollſtaͤn⸗ nſt dige Paroxismus ſo, daß ich um keinen Preis nen die krampfhaft zuſammen geklemmten Finger ake aaus einander bringen konnte. eit. Herr Michaelis war außer ſich. Er hatte A. mit mir paradiren wollen; Schneider, Schuh⸗ es macher und Haarkraͤusler hatten ihre Ehre laut em zum Pfande eingeſetzt, daß ich bei ſaͤmmtlichen z. hohen Herrſchaften und vornehmlich bei den n⸗ Damen, Gluͤck machen werde, und nun hatte r; ich mit meinen Toͤlpeleien, dem ein Laͤcheln, E. dieſer ein Naſeruͤmpfen, jener ein Spottwort, as dieſer eine Impertinenz abgelockt. Er war wuͤ⸗ n⸗ thend; er haͤtte ſich thaͤtlich an mich vergriffen, t⸗ wenn ich nicht gerade noch einmal ſo groß ge⸗ er. weſen waͤre, als er. on Sein Benehmen empoͤrte mich. Ich fuhue 2 ja ſelbſt ſchon, daß ich mich linkiſch betragen; 12 ich machte mir ſelbſt ja die ſchneidendſten Vor⸗ ß wuͤrfe, warum uͤberſchuͤttete er mich noch mit e einer Anzahl von Schimpfwoͤrtern, die ich nicht 3 71 98 einmal alle verſtand; ſo ſchalt er mich z. B. ſo unbrauchbar, wie eine Schophar, ſo einfaͤl⸗ tig wie eine Backpfeife, und ſo ungeſchickt, wie eine Quinterne. Ich konnte vor Unmuth nicht laͤnger aus⸗ halten; ich ging zum Hauſe hinaus, ohne zu wiſſen, wohin. Ein Wagen kam hinter mir raſch ange⸗ fahren; die vor mir befindliche Hauptwache trat in's Gewehr, ein kurzer Trommelwirbel be⸗ gruͤßte die Voruͤberfahrenden. Ich ſah in den Wagen. Meine Prinzeſſinn ſaß darin. Wer fuhr da? feagte ich einen Nebenſte⸗ henden, um mich zu vergewiſſern. Das war unſere allergnaͤdigſte junge Prin⸗ zeſſinn, war die Antwort. Ihre Durchlaucht kommen vom gruͤnen Hauſe. 17. Die Tulpen. Zu ihr hin, zu ihr hin, ſagte ich leiſe zu mir ſelbſt, und folgte, meinen Mißmuth hin⸗ ter mich werfend, dem vorangeeilten Wagen. Was ſollte ich bei der Stimmgabel, dem Herrn icht zu bin⸗ hen. rru⸗ Michaelis? bei dieſem bluͤhte mein Gluͤck nicht; zu ihren Fuͤßen nur konnte es mir entſprießen. In meinem jetzigen Anzuge durfte ich ohne Er⸗ roͤthen vor ihr erſcheinen. Ich hatte erſt heut gelernt, welche unſelige Folgen mein ungeſchick⸗ tes Benehmen fuͤr mich gehabt hatte; ich nahm mir alſo feſt vor, die Quelle alles dieſes Un⸗ heils, meine verdammte Bloͤdigkeit zu umge⸗ hen; frei und dreiſt wollte ich vor die Fuͤrſten⸗ tochter treten, und ihr mit beſcheidenem An⸗ ſtande das Wohl meines Lebens in die Haͤnde legen. Sobald ich das Schloß in das Geſicht be⸗ kam, ſchwand mir all mein Muth wieder. Wie ſollte ich an ſie kommen, wen ſollte ich bitten, mich ihr zu melden? Ich verwuͤnſchte meine Zaghaftigkeit, ich zerarbeitete mich, um die Bruſt frei zu bekommen, aber— nein, es war mir nicht moͤglich. All die Geſichter der Wachen, des Thuͤrſtehers, der im Innern des Hofes hin⸗ und herwandelnden Bedienten, und einige feſtlich geſchmuͤckten Maͤnner von Range, ſahen ſo kalt, ſo antheillos, oder ſo geſchaͤftig und wichtig aus, daß ich allen im Voraus anſah, keiner werde mir hier Rede ſtehen. . 7* 99 So ſchlich ich langſam und mit geſunkenet Hoffnung in den großen Schloßgarten, den der Fruͤhling in tauſendfaͤltiger Blumenpracht auf⸗ geſchloſſen hatte. Still und leer waren die hohen, langen Bogengaͤnge, die in jungem, friſchen Gruͤn prangten; rechts und links plaͤtſcherten kleine Springbrunnen, und die Rabatten waren mit Tulpen geſchmuͤckt, wie ich ſie im Leben noch nicht geſehen hatte. Mein Oheim, der Schul⸗ meiſter, hatte mich oft verſichert, er habe die ſchoͤnſten Tulipanen im ganzen Lande, die er die Koͤniginnen der Fruͤhblumen nannte; aber mit dieſer Herrlichkeit durfte er ſich nicht meſſen. Ich bog aus der Allee heraus in die labi⸗ rinthiſchen Rabattengewinde, und wiederholte den ganzen Tulpen⸗Curſus, den ich im Gar⸗ ten des Oheims, jaͤhrlich von meiner erſten Kindheit an, gemacht hatte. Mit ſtillem Ent⸗ zuͤcken begruͤßte ich den Prinzen Friedrich Wil⸗ helm von Baden Durlach,'den grand Maitre Royal, den Herzog von Orleans, den Koͤnigs⸗ rock, die ſchoͤne Philomele, den Samſon und 101 den Semper Auguſtus*) der 1632 in Amſter⸗ dam mit 1000 Gulden bezahlt wurde; dort ſtand ein unvergleichlicher Rector Magnificus; die Kaiſerinn Eliſabeth hier konnte es mit allen Tulpen der Welt aufnehmen, und die Agathe Royale, und die Agathe Goblin, und der So⸗ litair hier links und rechts und dicht vor mir, haͤtten das Phlegma eines Hollaͤnders in Feuer und Flammen bringen muͤſſen. Ich gedachte der ſchoͤnen Tulipa, des dalmatiſchen Maͤdchens, das dieſen Kindern des Fruͤhlings den Namen gegeben, und wiederholte mir die Geſchichte der Verfolgung dieſer Heldinn, wie ſolche im Dic⸗ tionaire univerſel von Furetiere, unter dem Wor⸗ te Tulipe zu leſen iſt, und wie ſie mir als Kind mein Oheim der Schulmeiſter hundertmal hatte erzaͤhlen muͤſſen. Der Oheim hatte den Rudbeck, den Morin, den Stapel, und viele andere Tulpen⸗Schriftſteller, in muͤhſamen Auszuͤgen, die er ſich auf ſeiner Schneider⸗ Wanderſchaft durch Holland geſammelt, unter ſeinen Papieren, und das alte Lobgedicht des *) Die Blätter ſind ein zartes Weiß mit Lackroth gemiſcht, der Grund blau, der Griffel dunkel. 102 D. Triller zu Wittenberg auf die Tulpe, das ich noch auswendig konnte, fiel mir ſo lebhaft ein, daß ich es den aufrecht horchenden Blu⸗ men laut her ſagte: Hier ſiehet man der Tulpen Flor, In Schwefel, Safran, Schüttgelb und Auror, Citronen⸗ Ocker⸗ Brand⸗ Blei⸗ Strohgelb Iſabell, Und dort in Violet, Zinnober, Carmoiſin, In Florentiner Lack, auch Scharlach und Karmin, Hoch und blaß Purpurroth, auch Meng⸗ und Ziegelhell z In Amarynth und Columbei, In Pfirſch⸗ und Roſenfarbe glühn. Verloren in dem reichen Farbengemaͤlde zu meinen Fuͤßen, hatte ich auf alles um mich herum nicht geachtet, und richtete mich jetzt erſt auf, als ich in der Allee etwas kommen hoͤrte. Es waren zwei Damen, eine alte und eine junge. Sie ſahen zu mir heruͤber, ich zog, in der Ahnung, daß fie in das Schloß gehoͤrten, den Hut, ſie dankten freundlich, und gingen voruͤber. Die aͤltere Dame verlor unvermerkt ihr 8 10 +△̈ 2 8 50 —. Z —— 8 103 Taſchentuch aus der Hand, ich ſprang uͤber die Rabatte, hob es auf und eilte ihr nach. Sie dankte verbindlich, und fragte: ob ich nicht einen kleinen dicken Herrn in einem blauen Ueberrocke hier im Garten geſehen. Ich verneinte, erbot mich aber, den beſchriebe⸗ nen Herrn zu ſuchen; Sie verbat dieß, meinte aber, daß, wenn ich ihn etwa noch ſaͤhe, ich ihn bitten ſollte, in die Buchenlaube zu kom⸗ men, wohin ſie den Kaffee beſtellt haͤtten. Wenn dann nur kein anderer kommt, ſagte laͤchelnd die junge Dame, mit einer wunderlieblich klingenden Stimme: es kann mehr kleine dicke Herrn in blauen Ueberroͤcken geben. Sie kennen vielleicht den Hofmarſchall? fragte, uͤber den Einfall der jungen laut la⸗ chend, die aͤltere. O ja, ſfiel ich, erfreut uͤber das Gluͤck, den Mann hier im Garten zu wiſſen, ein; ich habe ihn erſt vor einigen Wochen in Blau⸗ rode geſehen, wo er mit der Prinzeſſin zum Pfingſtſchießen war. Zum Pfingſtſchießen? in Blaurode? der Hofmarſchall? mit der Prinzeſſin? fragten 104 die Damen befremdet und ſahen, ſich verwun⸗ dernd, mir in die Augen. Ich betheuerte mit einer Art Eigenduͤn⸗ kels, daß beide im Hauſe meines Vetters des Forſtſchreibers abgetreten, und bei uns zu Mit⸗ tage geſpeiſ't haͤtten. Die Damen ſtaunten mich an, und die juͤngere fragte, wie die Prinzeſſin ausgeſehen? Da hatte ſie mich bei der ſchwachen Seite erfaßt, ich ſtroͤmte in Lobeserhebungen uͤber, beſchrieb ſie vom Kopf bis zum Fuß, und malte ſie mit einem ſo lebendigen Entzuͤcken, daß beide gleichzeitig den Wunſch aͤußerten: die Prinzeſſin kennen zu lernen. Ich wuͤnſchte es ihnen ſelbſt, verſicherte ihnen im Voraus, daß ſie ihnen gewiß gefal⸗ len werde, und erzaͤhlte ihnen— denn wir waren im Laufe des Geſpraͤchs, was unter Scherzen und Lachen gefuͤhrt worden war, recht vertraulich mit einander geworden, daß ich durch die Prinzeſſin mein Gluͤck zu machen hoffe, und bat, da ſie den Hofmarſchall kann⸗ ten, um ihre Fuͤrſprache bei dieſem. 18. Der Ruͤckzug. Was ſuchen Sie bei der Prinzeſſin? frag⸗ te die aͤltere Dame, mit einer Traulichkeit, die es zu wuͤnſchen ſchien, daß ich mein gan⸗ zes Herz ihr aufſchließen moͤge. Ich erzaͤhlte ihnen nun, daß mein Wunſch ſich nur darauf beſchraͤnke, immer um die Prinzeſſin zu ſeyn: die Firma, unter der dieß geſchehe, ſey mir voͤllig gleich; ich wolle mit eben der Liebe ihr Mandurchen ſtimmen, wie ihren Briefwechſel beſorgen; das Wort Sekre⸗ tair hatte ich nicht den Muth, uͤber die Lip⸗ pen zu bringen. Sind Sie denn der Prinzeſſin ſo gut? fragte die äͤltere Dame wohlwollend weiter, und die juͤngere wendete ſich ſeitwaͤrts, und auf ihrer Wange malte ſich eine ſanftrothe Purpur⸗Glorioſa.*) Ich aber nickte halb ein⸗ faͤltig, halb guthmuͤthig laͤchelnd mit dem Kopfe, und wurde roth, wie der Markgraf *) Eine ſchöne weiß⸗ und rothgeflammte Tulpe, die zu dem Geſchlecht der Biſarden gerechnet wird. 106 von Baden,*) denn es war mir als haͤtte ich etwas Dummes gethan⸗ Ich mußte nun meinen Namen und mei⸗ ne Wohnung ſagen, und erzaͤhlen, was ich wiſſe und koͤnne. Als ich von meinen Etltern erzaͤhlte und mit Wehmuth erwaͤhnte, daß ich auf ihren Todtenhuͤgeln den erſten Grund meiner Gar⸗ tenkunſt gelegt, und daß mir dort meine Blu⸗ men doch lieber waͤren, als alle hier im Gar⸗ ten und in der ganzen Welt, da traten ein paar ſtille Thraͤnen der juͤngern Dame in die Augen; ſie faltete, vielleicht ſich ſelbſt unbe⸗ wußt, die herabhaͤngenden Haͤnde, und in ih⸗ rem Blicke lag ein unbeſchreiblich freundliches Wohlwollen; die aͤltere aber ſagte mit chriſtlich frommen Sinn: Du ſollſt Vater und Mut⸗ ter ehren, auf daß es dir wohl gehe, und du lange lebeſt auf Erden. Geh' mit Gott mein Sohn, du ſollſt weiter von uns hoͤren.— Somit gingen ſie, und ich ſtand, als ob ein paar Engel vor mir voruͤber geſchwebt waͤren. Die juͤngere Dame— ich kann nicht *) Eine ganz dunkelrothe Tulpe. — ——.—— 107 leugnen, daß dieſe mir ganz abſonderlich ge⸗ fallen hatte— kuͤßte, als ſie einige Schritte weit gegangen waren, der aͤlteren die Hand, und dieſe klopfte jener auf die Wange. Das haͤtte ich auch recht gern gethan, denn die juͤn⸗ gere Dame hatte Wangen— die ſchoͤnſte Pfirſich kann nicht ſchoͤner ſeyn. Jetzt ſah mir der ganze Garten noch ein⸗ mal ſo friſch und praͤchtig aus. Ich haͤtte in dieſem Augenblicke mit allen Menſchen ſpre⸗ chen wollen, ſo groß war mir das Herz ge⸗ worden. Meine dringendſte Neugierde war vor allem auf die beiden Damen gerichtet; wer die geweſen waren, mußte ich wiſſen. Zum Gluͤck kam ein langer Mann, in einem ſchlichten Ueberrocke die Allee herauf; ein klei⸗ ner Rechen in ſeiner Rechten, ſtempelte mir ihn zum Hofgaͤrtner; ich gruͤßte ihn hoͤflich, und frug, ob er mir wohl ſagen koͤnne, wer die beiden Frauenzimmer geweſen waͤren; al⸗ lein ſtatt zu antworten, fragte er mich, und das ziemlich verdruͤßlich, wer mir die Erlaub⸗ niß gegeben, hier in dem Garten herumzuge⸗ hen; ich entgegnete ihm ſehr empfindlich, daß ich ſeine paar Blumen nicht abbrechen werde, 108 und daß, wenn er zu meinen Blumenbeeten auf unſern Friedhof getreten, ich ihm dieſe Frage nicht gethan haben wuͤr der liebe Gott haͤtte auf den Wieſen und Auen, mehr Blumen, als er hier, und ließe Mhenß und Thiere ſich daran erfreuen, ſo viel ſis wollten; ich ſagte dem Neidhammel, dem Hofgaͤrtner noch manches, denn in unſerm Doͤrfchen und ſelbſt in Blaurode— und das war doch eine Stadt— ſtanden alle Gaͤrten offen; ich war uͤber ſeine mir unbegreifliche Manier recht ernſtlich boͤe, aber er hoͤrte von allem nicht den zehnten Theil, weil er gleich bei dem er⸗ ſten Ausbruch meines Aergers, in den Bogen⸗ gang rechts verſchwunden war. Kurz darauf traf ich einen Arbeitmann; dem beſchrieb ich die Frauenzimmer, und er⸗ hielt denn die Auskunft, daß es wahrſcheinlich die Bettmeiſterin mit ihrer Tochter gewe⸗ ſen ſey. Ich aͤußerte meine Zweifel in ſeine An⸗ gabe, weil ich gewuͤnſcht haͤtte, daß beide viel mehr geweſen waͤren, und weil mir auch nicht recht in den Kopf wollte, daß eine Bettmei⸗ ſterin mit einem Hofmarſchall Kafſee zuſam⸗ ⸗———— m ð— ⸗ 109 men trinken koͤnne, allein der Arbeitsmann ſagte bedeutengg laͤchelnd: O Jerumchen, die kam ſonſt ℳ zu dem alten hochſeligen Herrn ſelber gar Nicht ſeltſam, und alles, was ſie nur vexzangen thät, that der ihr zum Plaiſir⸗ Vergnuͤgen; die hat wohl oft mit ihm aus einem Glaſe getrunken vor unſern ſichtigen Augen. Zu meiner Klage uͤber das Beneh⸗ men des Hofgaͤrtners zuckte er aber die Ach⸗ ſeln, und meinte: es iſt wohl ein kurioͤſer Herr; aber ſo viel ich die Hofgaͤrtner kenne, ſind ſie alle ſo eigenſinniſch und miſang groͤb⸗ lich, mir han hie noch kenen anderſch gehat, in der Regel iſt der jetzige Hofgaͤrtner wohl nicht ſo maſſiv, aber der Fuͤrſt will pardu Nachmittags in dem Garten mit der Familje allein ſeyn, und wenn ich ihm rathen ſoll, Musjehchen, ſo macht er, daß er bald raußer kommt, ſonſt kriege ich am Ende noch was auf die Muͤtze.— Nach dieſem Beſcheide hielt ich mich nicht lange auf; Ich warf im Vorbeigehen einen Blick auf die Kaiſerin Zenobia, die Mark⸗ graͤfin von Durlach, den Admiral Plombard, und den Sultan Ibraim, und viele andere 110 Große in der Tulpenwelt und beneidete ſie nicht mehr um ihre Stelle. Einem ſolchen Herrn anzugehoͤren, wie der Hofgaͤrtner ſammt ſeinem Fuͤrſten war, die beide einem nicht ein⸗ mal die liebe Gottesluft in ihrem bischen Garten goͤnnten, konnte kein Gluͤck ſeyn. 19. Joſephine. Ich war froh, als ich das bronzene Gar⸗ tenthor wieder hinter mir hatte, und kehrte, ein widerliches Gefuͤhl gegen das ganze Hof⸗ weſen im Herzen, wieder zu meinem Herrn Michaelis zuruͤck; dieſer kam mir freundlichen Geſichts entgegen, und gedachte der ganzen Geſchichte des Morgens mit keiner Silbe, ſon⸗ dern ſagte mir bloß, ich moͤchte zu dem Hof⸗ tanzmeiſter Victorieux gehen, um dort fuͤr ihn das Fortepiano zu ſtimmen. Wieder etwas vom Hofe, dachte ich ver⸗ druͤßlich: aber ich gehorchte. Nicht leicht kann eine Stunde, eine einzi⸗ ge kurze Stunde, auf einen Menſchen unter dem ſie chen umt ein⸗ chen 111 dem Monde einen ſo entſchiedenen Einfluß haben, als dieſe auf mich. Ich hatte bis zu dieſem meinen Lebens⸗ abſchnitte bloß in Blaurode tanzen geſehen, und hielt das dortige Hanackiſche, Steieriſche, einige im Schwunge ſeiende Quadrillen, die mir unbegreiflichen Touren im Langengliſchen, und das Koſackiſche, das ſich am Schluſſe je⸗ des Balles, der kleine unterſetzte Hof⸗Jagd⸗ zeug⸗Schreiber⸗Subſtitut nie nehmen ließ, fuͤr unerreichbare Kunſtwerke. Jetzt ſollte mir Hoͤheres werden. Als ich bei dem Fußkuͤnſtler eintrat, gab er gerade dem Chor der Statiſten im Ballet Unterricht; ich konnte daher nicht gleich an mein Stimmen gehen, weil das Inſtrument in dem Unterrichtzimmer ſtand; er bat, bis nach dem Schluß der Stunde zu warten, und wenn es mir Spaß mache, zu⸗ zuſehen. Zwoͤlf der allerniedlichſten Maͤdchen ſchweb⸗ ten mit hoch aufgeſchuͤrzten Roͤckchen vor mir, alle hatten,— denn der Lehrer ſagte ihnen, ſie ſollten mich als das Publikum im Parterre denken— den Blick auf mich gerichtet, daß ich vor Angſt und Freude, vor Schaam und 112 Entzuͤcken bald nicht mehr wußte, wo ich die Augen hinthun ſollte. Bald flogen die holden Lieblinge der Terpſichore in ſinnige Gruppen zuſammen, bald ſpielte jede einzeln mit den kleinen Fuͤßen in den Luͤften, und immer war ich, von Seligkeit zerfoltertes Publikum, der Zielpunkt ihrer brennenden Blicke, die mit je⸗ der Viertelſtunde gluͤhender wurden.. Bis hierher hatte Kantors Chriſtelchen in Blaurode mir fuͤr die erſte Taͤnzerin in der Welt gegolten; beim Martinſchmauſe im vo⸗ rigen Herbſte kam ſie nicht vom Platze, und ‚ungeachtet ſie nach eigenem Geſtaͤndniß, den ganzen Tag Sauerkraut eingelegt hatte, hielt ſie doch ruͤſtig und munter bis zum Morgen aus; ſie walzte nach meinen damaligen Be⸗ griffen, wie eine Goͤttin, tanzte ihr Langeng⸗ liſch wie ein lebendiger Engel„ und raſ'te ih⸗ ren Wiener Zweitritt wild, wie ein kleiner Teufel; aber jetzt ſanken ihre Stocks bei mir. Mit dieſen zwoͤlf zephyrartigen Geſtalten hielt ſie gar keinen Vergleich aus, und doch war der ungenuͤgſame Herr Victorieux mit ihnen nur ſelten zufrieden; der einen ruͤckte er den Kopf zuruͤck, und faßte ihr dabei in das Ge⸗ — 2 —— ſicht, daß man alle fuͤnf Finger in den roſigen Wangen ſehen konnte, der andern ſtieß er mit geballter Fauſt in die Rippen und ſchrie: woll Sie empfindſam ausſeh, mach ſich Vi⸗ ſage, ſo kalt wie die Eisbaer! und als nun die Holde ihre Mienen nach ſeinem Willen fuͤgte, ſchnitt er im Aerger ihr Geſicht nach, als habe er Rhabarber⸗Latwerge zwiſchen den Zaͤhnen ſeiner ſoleygelben Silhouette; der drit⸗ ten ruͤckte er die Schulterblaͤtter hinten ſo bar⸗ bariſch in einander, daß vorn das ſeidne⸗Mie⸗ derchen von der Kraft des vordraͤngenden Bu⸗ ſens, mitten von einander zu zerplatzen drohe⸗ te; der vierten brach er die Huͤften aus, der fuͤnften ſchlug er mit dem Geigenbogen auf die Schienbeinchen, der ſechsten ſtieß er mit ſeinem Fuße auf die kleinen Knie, daß ſie laut knackten, und das zweite halbe Dutzend bedeckte, er mit einer ſolchen Laſt von Schimpf⸗ woͤrtern, daß ſie die Eſelein aller Muͤhlen Deutſchlands nicht wegzutragen vermocht haͤtten. Mir gluͤhte vor Ingrimm das Herz in der Bruſt, und der Stimmhammer in den Haͤnden. 3 Der Sinn bieſer vor mir herumhuͤpfenden 8 — ———— — — 114 Luftbilder mußte ſo leicht ſeyn, wie ihr Fuß⸗ werk, denn ſie nahmen all das Toben und Puffen des wuͤthigen Meiſters mit Lachen und Scherzen hin, nur die eine, der er die Schul⸗ terblaͤtter zuſammen geſtaucht hatte, zerdruͤckte, wie es mir vorkam, im Stillen eine in das ſchoͤne blaue Auge getretene Thraͤne. Da fuhr der Jaͤhzorn mir zuckend durch die Seele, ich haͤtte den franzoͤſiſchen Satan auf der Stelle windelweich pruͤgeln moͤgen. Jetzt erſt trat das Göoͤtterkind in das volle Licht ihrer uͤber⸗ irdiſchen Reize. Ich konnte meine Augen von der herrlichen Geſtalt nicht mehr weg⸗ bringen; die andern eilf waren fuͤr mich nun weiter gar nicht da. Noch heute— und ich habe ſeitdem viele Maͤdchen geſehen— weiß ich faſt keine ſchoͤnere Blondine. Es war, als haͤtte die Schoͤpfung an dieſem Koͤrper ih⸗ re ganze Kunſt erſchoͤpft. Ich fuͤhlte das da⸗ mals nur, jetzt weiß ich es; ich habe ſeit jener Zeit die Geſetze der Schoͤnheit in dicken Buͤ⸗ chern geleſen und von hohen Kathedern ge⸗ hoͤrt, aber ich begriff ſie fruͤher an dieſem Wunder von Lieblichkeit, weit ſchneller und richtiger. —— Gegen den Schluß der Stunde rief der fatale Herr Victorieux ihr befehlhaberiſch zu: Allons Mademoiselle Josephine, und ſpiel⸗ te ein hoͤchſt melodiſches Adagio, das ſie mit einem Solo begleitete. Sie gehoͤrte nicht mehr der Erde, ſondern den Luͤften.. Ich legte meinen Senmuih erd de Hand, denn er war ſo gluͤhend hel gewot n, und ich mußte eine Weile die Augen zuma⸗ chen, denn die ganze Stube drehte ſich mit mir um und um. Ich war ſo verworren, daß, als die Mäd⸗ chen ſich jetzt bei ihrem Herrn Victorieux und nebenbei auch bei mir, dem Publikum, verab⸗ ſchiedeten, ich ihnen ſtatt einer Verbeugung, einen Knix machte; alle eilf lachten, nur Jo⸗ ſephine nicht; die mußte merken, daß ich an der Glut ihrer Reize mein bischen Gehirn verbrannt hatte; ſie nickte recht freundlich mit dem Blondkoͤpfchen mir zu, und das that mie ſo unausſprechlich wohl, daß ich dieſen ganzen Abend ihr im Stillen wohl hundertmal nach⸗ nickte. Die Maͤdchen waren kaum zum Zimmer 8* — 116 hinaus, als Herr Vietorieux mir eroͤffnete, daß ich da ſtaͤnde, wie ein hoͤlzerner Eſel; daß ein junger Menſch kein Elephant waͤre; daß die Tanzkunſt, aus einem Klotze, einen Seraph ſchaffen koͤnne; daß die gelehrteſte Gelehrſam⸗ keit ohne feinen Anſtand in der heutigen Welt keinen falſchen Groſchen werth ſei, und daß Herr Michaelis mich hierher geſchickt habe, um Tanzſtunde zu nehmen; wenn ich mithin Luſt habe, koͤnne gleich der Anfang gemacht werden. Ich war außer mir vor Freude, denn ich füͤhlte die Wahrheit der vom Herrn Vieto⸗ rieux mir in gebrochenem Deutſch vorgetrage⸗ nen Säͤtze, als laͤſe ich ſie gedruckt, und ſah mich ſchon im Geiſte eben ſo anmuthig dahin ſchweben, als die aͤtherleichte Joſephine. Um ihm eine Probe meiner Anlage zu geben, ſtell⸗ te ich mich, der zarten Luftgeſtalt gleich, auf die Spitze meines Fußes, hob den andern rechtwinkelig in die Hoͤhe, wollte mich ſo ein⸗ mal herumdrehen, und ſchlug, wie ein Woll⸗ ſack, vor dem Tanzmeiſter hin, der ſich vor Lachen ausſchuͤtten wollte, mir aber war das Weinen faſt naͤher, denn mir droͤhnten alle Gebeine im Leibe, und die Erkenntniß von de der Groͤße der Kluft, die ich zu uͤbertanzen hatte, ehe ich Joſephinen erreichte, war mir noch ſchmerzlicher. Doch ſie— ſie war das Vorbild; und häͤtte ich taͤglich 25 Tanzſtunden nehmen koͤn⸗ nen, ich haͤtte ſie genommen, um den Ele⸗ phanten, und den hoͤlzernen Eſel aus mir heraus zu bringen. Der menſchenfreundliche Einfall meines kleinen Michaelis, mich bei Herrn Victorieuxr zum Menſchen machen zu laſſen, ſoͤhnte mich ganz mit erſterm und mit meinem Geſchick aus; ich ſtimmte nun mit neuer Liebe mein Klavier, hatte alle Abende meine Tanzſtunde, und uͤbte mich zu Hauſe, ſo fleißig, daß ich Rieſenſchritte in dieſer goͤtt⸗ lichen Kunſt machte, und mit mir ſelbſt zu frieden war. Joſephine ſah ich ſeit der Zeit lange nicht wieder, aber ſie lebte, wie eine Heilige, in meinem Herzen. 20. Das Kabinet. Der Fuͤrſt war mit ſeiner Familie, gleich den folgenden Tag nach meinem Zweiſprach 118 mit der Bettmeiſterin und dem Hofgaͤrtner, ” wieder auf das gruͤne Haus gefahren. der Reſidenz⸗Bewohner offen, und ich hatte ihn einige Male beſucht, um vielleicht einmal der Bettmeiſterin zu begegnen, und bei dieſer zu horchen, ob ſie den Hofmarſchall fuͤr mich gewonnen. Allein ich traf ſie nie; meine al⸗ ten Bekannten: Carolus⸗Quintus, der Har⸗ lekin, Prinz Chriſtoph, die koͤſtliche Frau von Geisperg, die Herzogin von Marlborough, und viele andere ihrer praͤchtig bunten Bruͤder und Schweſtern waren verbluͤht: ihre taͤglichen Hausfreunde, der Polichloros,*) Urticae,**) und der Ruͤbenweißling, hatten ſich, da ſie keine gedeckte Tafel mehr fanden, aus dem Staube gemacht, und ſaftlos lagen die zuſam⸗ mengeſchrumpften Blaͤtter auf der Erde umher, dem erſten beßten Winde Preis gegeben, wie die Garderoben verarmter Familien, die der *) Die große Aurelia, braun und ſchwarzgefleckte Flügel. **) Die kleine Amalie mit ſchwarzen Flecken auf braunem Grunde. Der Garten war jetzt wieder dem Zutritt —, 5+ noch vor einigen Tagen, ſtand ein Trupp An⸗ gewiſſenloſe Troͤller auf das erſte Gebot er⸗ ſteht und mit ſich nimmt⸗— Das iſt der Werth der Schoͤnheit, ſagte ich, unter den Truͤmmern der Prachtvollen, mit bitterm Laͤcheln, und warf einen veraͤcht⸗ lichen Blick auf den Chevalier Blanc, den Oberſten von Sickingen, Alexander den Gro⸗ ßen, den Kronprinzen von Pohlen, den Dikta⸗ tor und die Herzogin von Burgund, von de⸗ nen allen, hier und da noch ein Blaͤttchen welk und traurig herab hing. Ihr dummen Tulpen, ihr waret nichts, als ſchoͤn! Eure Zwiebel kann man nicht einmal an ein Stuͤck ehrlich Hammelfleiſch brauchen. Was hilft dir armer Koͤnig von Peru, dein reicher Flit⸗ terſtaat; dir, herrlicher Marſchall von Noailles, dein ſeltner Prunk! mein guter Herzog von Berwick, noch vor Kurzem trug er die Naſe entſetzlich hoch, und jetzt ſieht keine Eintags⸗ fliege Ihn mehr an; auch Du, lieber Merian, haſt deine glaͤnzende Rolle bald ausgeſpielt und von Eurer Majeſtaͤt, großer Kaiſer von Fera, ſpricht kein Menſch mehr. Sieht Sie, Frau v. Guͤnger, ſo geht es in der Welt; n 120 beter vor Ihr, und lobte Sie in's Angeſicht und heute— ſchmucklos und veraltet ſteht Sie, und auch kein Karrenſchieber macht ſich etwas aus Ihr. Holde Mirabelle, wunder⸗ liebliche Blanka, allergnaͤdigſte Prinzeſſin Eli⸗ ſabeth! Alle Eure Reize ſind verſchwunden! Mit namenloſem Entzuͤcken ſah ich den ſchoͤ⸗ nen Gruͤnling, den Sc. auratus, den Cer. inquisitor, und andere loſe Voͤgel, Euch um⸗ flattern. Mit heimlichen ſuͤndhaften Blicken ſchielten ſie in die geheimen Reize, die Ihr ſchamloſer Weiſe, gerade am hellen Tage ent⸗ faltetet, und Abends, wenn die Nacht Euch in ihre keuſche Schleier huͤllte, zuͤchtig verſchloſſet. Die Unſtaͤten hatten an Euch nichts, als Eure Schoͤnheit zu bewundern, und da dieſe nun von Euch gewichen, laͤßt ſich keiner mehr bei Euren Ruinen erblicken. 1 Ich ſuche Sie ſchon ſeit einer Stunde, unterbrach mich in meinem Selbſt⸗Geſpraͤch, das mich und nebenbei manches huͤbſche Maͤd⸗ chen zu recht gottſeligen Gedanken haͤtte wei⸗ ter fuͤhren koͤnnen, ein fuͤrſtlicher Lakai; Sie ſollen zu Sr. Excellenz dem Herrn Hofmar⸗ ſchall kommen⸗ ..ͤ.ͤ, Ich erſtarrte vor Schreck und Freude. Alſo hatte doch die ehrliche Bettmeiſterin Wort ge⸗ halten. Im Gehen nach dem nahen Schloſſe wie⸗ derholte ich die Regeln meines Herrn Victorieux uͤber die Verbeugung und den Anſtand vor Leuten hoͤhern Ranges; klemmte meine wieder rege werdende Bloͤdigkeit in ihre Schranken, und ſann auf eine ſchickliche Anrede. Ich war im Geiſte ſchon recht zufrieden mit mir, und folgte dem ſchweigend vor mir hergehenden Be⸗ dienten, mit ziemlicher Faſſung. Aus dem Schloßhofe fuͤhrte eine große Prachttreppe in das erſte Geſchoß. Wir gin⸗ gen durch zwei, drei Zimmer, und einen gro⸗ ßen Saal. Die bedeutende Hoͤhe und Weite, der glatte Fußboden, die vielen, bis zur Decke reichenden, Wandſpiegel, die großen Fluͤgelthuͤ⸗ ren, die ringsherum haͤngenden Schildereien, die prachtvollen Meubles, die Stille in den Gemaͤchern, das leiſe Auftreten des durchaus ſtummen Livree⸗Bedienten— ſo klug ich vor⸗ hin zu den Tulpen geſprochen,— ich haͤtte jetzt mit keinem Gaͤnſebluͤmchen reden koͤnnen, ſo befangen war ich durch das alles geworden. 122 Erwarten Sie hier den Kammerdiener Sr. Excellenz, ſagte der Bediente mit halb ge⸗ daͤmpfter Stimme, als wir in ein reich verziertes Kabinet eintraten, und ließ mich allein. 21. Das Donnerwetter. Nach einer kleinen Weile trat der Kammer⸗ diener des Hofmarſchalls herein, ein kurzer dik⸗ ker Mann, freundlichen Geſichts, und das herz⸗ lichſte Wohlwollen auf den Lippen. Wir plau⸗ derten vieles. Mit ſolch einem Mann iſt man ſchon offener, vertraulicher; ich mußte ihm er⸗ zaͤhlen, wie ich Sr. Excellenz und die Prinzeſ⸗ ſin habe in Blaurode kennen gelernt, und wie ich mir von da an vorgenommen, um eine Anſtellung bei Hofe nachzuſuchen. Der Kammerdiener lachte mitunter mich freundlich an und meinte, es werde ſich wohl finden; er oͤffnete darauf die an das Kabinet ſtoßende Thuͤre, und hieß mir zu Sr. Excel⸗ lenz zu gehen. Ich machte, als ich den Hofmarſchall er⸗ — L⸗ blickte, meine drei tiefen Verbeugungen, wie mich Herr Victorieux gelehrt hatte, und wollte Sr. Excellenz um Verzeihung bitten, daß ich Hoͤchſt Dieſelben inkommodirt habe; Sr. Ex⸗ cellenz ſagten aber ganz kurz und verdruͤßlich auf die Nebenthuͤr weiſend: gehen Sie nur hier hinein, Sie ſind ſchon gemeldet. Mit dieſen, mich ſehr niederſchlagenden Worten, verließen Sr. Excellenz in heftiger Gemuͤthbewegung das Zimmer, und ich oͤffnete, von dieſem unerwarteten Empfange auf das hoͤchſte beſtuͤrzt, die mir angewieſene Thuͤre. Die Prinzeſſin ſaß im Fenſter und— ſo viel mir meine ſchon halb geſchwundenen Sin⸗ ne zu ſehen erlaubten,— naͤheten Ihre Durch⸗ laucht Weißzeug; ich lispelte halb verſtaͤndlich, denn die Angſt ſchnuͤrte mir die Kehle zu, daß die Luft weder heraus noch herein konnte. Ew. Durchlaucht erlauben—— und ſchnitt nach Herrn Victorieux Regeln wieder meine demuth⸗ vollſten drei Buͤcklinge; aber ſchon bei dem zweiten, den ich ſo tief machte, daß ich bei⸗ nahe das Gleichgewicht verloren, und vorn uͤber⸗ geſchoſſen waͤre, ſprangen Ihre Durchlaucht mit unziemlicher Heftigkeit vom Stuhle auf, ſlell⸗ 124 ten ſich vor mich hin, und ſagten mit zorni⸗ gem, hochroth gluͤhendem Geſicht: Sie ſind ein recht dummer Menſch, und wenn ich nicht Regard fuͤr den Ort hier haͤtte, ich gaͤb' Ihnen ein paar Ohrfeigen, daß Ihnen Hoͤren und Sehen vergehen ſollte! Mit dieſen allerhoͤchſt ungnaͤdigen Ausdruͤcken ſtuͤrzten Ihro Durch⸗ laucht zu derſelben Thuͤr hinaus, zu der ich herein gekommen war, und ich blieb in der dritten Poſition, die Figur halb gebuͤckt, ſchwei⸗ gend und ſtarr ſtehen, denn ich waͤhnte, Got⸗ tes Donner rollte mit dem Ingrimme ſeiner ganzen Allmacht, uͤber mir weg, und werde mich, durch und durch Erſchuͤtterten, auf der Stelle erſchlagen. 22. Auſfſchluͤſſe. Ich glaube, ich ſtaͤnde noch ſo da, haͤtte ſich nicht vor mir eine andere Thuͤre aufgethan, aus welcher die Bettmeiſterin mit ihrer Toch⸗ ter, dem Hofgaͤrtner und dem Kammerdiener des Hofmarſchalls hereintrat. ·ĩ 22——— X8⏑£8& 125 Nun, begann erſtere theilnehmend, haben Sie die Prinzeſſin geſprochen? Aber noch konnte ich kein Wort hervorbrin⸗ gen; ich druͤckte den, in der Qual meines Herzens, zerkneteten Filz meines Hutes an die beklommene Bruſt und ſeufzte unoillkuͤhrlich ſo angſtvoll, daß, außer der huͤbſchen Tochter der Bettmeiſterin, alle drei laut auflachten. Was wollten Sie denn aber eigentlich bei der Prinzeſſin? fragte der Hofgaͤrtner, mit Wohlwollen und Antheil. Ihr Mandurchen ſtimmen, antwortete ich immer noch in der allerhoͤchſten Verbluͤffung und alle lachten wiee der, ſelbſt die junge Tochter der Bettmeiſterin laͤchelte jetzt, aber mit niedergeſchlagenen Augen und halb weggewandtem Geſichte. Sie haben gut lachen, entgegnete ich aͤrgerlich, Sie ſitzen in der Wolle, haben, was Ihr Herz wuͤnſcht und wiſſen nicht, wie einem armen Jungen zu Muthe iſt, der weder Vater noch Mutter hat, um den ſich kein Menſch in der ganzen Welt bekuͤmmert, und der— Laß das gut ſeyn, ſiel mir der Kammer⸗ diener in das Wort, wir lachten nicht uͤber dich, armen Jangen, ſondern uͤber die ver⸗ 126 meintliche Peinzeſſin und ihren Hofmarſchall; Sr. Durchlaucht—(er wies auf den Hof: gaͤrtner) wollten dieſe beiden tollkuͤhnen Men⸗ ſchen, die Kammer⸗Jungfer einer unſerer Hof⸗ Damen, und den Vorreiter des Prinzen, durch dich in die verdiente Verlegenheit ſetzen. Beide ſind von jetzt an ihres Dienſtes entlaſſen, du aber danke der Durchlauchtigſten Fuͤrſtin(er wies auf die Bettmeiſterin)— die ſich mit der gnaͤdigſten Prinzeſſin(er wies auf die jun⸗ ge huͤbſche Tochter der Letztern) fuͤr dein kuͤnf⸗ tiges Gluͤck, bei Sr. Durchlaucht verwendet haben. Noch heute— und es ſind ſeitdem viele Jahre verfloſſen, bin ich nicht vermoͤgend, die namenloſe Beſtuͤrzung zu ſchildern, mit der ich mich dem Fuͤrſten zu Fuͤßen warf; die harten Worte, die ich ihm im Schloßgarten geſagt, fielen mir bleiſchwer auf das Herz. Vom Schreck betaͤubt, geſtand ich ihm offen und ehrlich, daß ich ihn fuͤr den Hofgaͤrtner gehal⸗ ten, und bat mit tauſendfaͤltiger Angſt und Beklommenheit, um Verzeihung fuͤr meine un⸗ beſonnene Uebereilung. Steh auf mein Sohn, ſagte der edle Fuͤrſt laͤchelnd, und reichte mir die Hand; Du haſt, fuhr er ernſter fort, gegen meine Frau von der kindlichen Liebe geſprochen, mit der du dei⸗ ne Eltern auch noch im Tode ehreſt. Die kindliche Bruſt ſchmuͤckt nichts ſchoͤner, als das Vergißmeinnicht, das auf die Pflicht ge⸗ gen Vater und Mutter deutet. Wer dieſe im reinen Herzen bewahret, dem wird Gott im⸗ mer nahe ſeyn. Der Zufall hat dich in un⸗ ſere Haͤnde gefuͤhrt. Deine Aeußerungen ha⸗ ben mich auf dich aufmerkſam gemacht. Der Hofmarſchall(er wies auf den vermeintlichen Kammerdiener) hatte den Auftrag, ſich nach deinem Wandel zu erkundigen, und, da ſeine Nachrichten zu deinem Vortheil ausfielen, ſo habe ich beſchloſſen, fuͤr deine fernere Ausbil⸗ dung zu ſorgen. Das Weitere wollen wir der Zukunft uͤberlaſſen. Ueberwaͤltigt vom Taumel der freudigſten Ueberraſchung, druͤckte ich ſeine Hand an meine Lippen. Er aber ſprach noch einige Worte mit dem Hofmarſchall heimlich, waͤhrend die Fuͤr⸗ ſtin mich muͤtterlich ermahnte, der Guͤte ihres Mannes, durch Fleiß und Ordnung zu lohnen; beide gingen dann mit der Prinzeſſin, die, wie 128 ich ſpaͤter erfuhr, eigentlich der Stern meines Gluͤcks geweſen war, in das Nebenzimmer, und der Hofmarſchall nahm mich mit auf das Seinige, wo ich denn umſtaͤndlicher erfuhr, daß ich zu einem Profeſſor in Penſion kommen, und dort ſo viel lernen ſollte, daß mir der Kopf vor Angſt und Freude ſchwindelte, Hier erlaube ich mir, einen Abſchnitt in meiner kleinen Lebensgeſchichte zu machen, den zweiten Theil derſelben hoffe ich, ſeiner Zeit des Breitern liefern zu koͤnnen. Wenn ich von da ab, auf meine fruͤhere Jugend zuruͤck blicke, ſo nehme ich mit dank⸗ barer Erinnerung wahr, daß den Frauen und Maͤdchen ich immer die beſſeren Tage meines Lebens bis dahin zu danken hatte. Meine Frau Baſe, die Schulmeiſterin, hatte Mutter⸗ ſtelle an mir vertreten. Muhme Feorſtſchreibe⸗ rin und ihre Sabina hatten mir immer Gutes und Liebes erzeigt; die fuͤnf ruſigen Tippchen der letztern, waren allerdings eine ſchmerzliche Epiſode; indeſſen, wer weiß, ob ohne dieſe nicht mein ganzes Lebensgluͤck anders geſtellt eines mmer, das daß men, 129 worden waͤre, die Pſeudo⸗Prinzeſſin, Fraͤulein von Schlitz genannt, auf die ich ſpaͤterhin wie⸗ der zuruͤck kommen werde, war durch ihre Luſt⸗ reiſe nach Blaurode, doch eigentlich die erſte Haupturſache, daß ich auf den Punkt gekom⸗ men war, auf dem ich jetzt ſtand. Joſephinens reizendes Vorbild ſchuf aus dem Klotz einen Menſchen, und waͤre die Fuͤrſtin mit ihrer huld⸗ vollen Tochter nicht, ſo waͤre ich heute noch vielleicht meines ehrlichen Herrn Michaelis wohl⸗ beſtellter Klavierſtimmer⸗ Gehuͤlfe. Darum halte ich aber auch, bis auf den heutigen Tag, von dem Einfluß des weiblichen Geſchlechts auf das Leben der Maͤnner gewaltig viel, und ich werde im zweiten Theil meiner kleinen Selbſtbiographie noch beſtimmtere Ge⸗ legenheit haben, die Feengewalt dieſer Heldin⸗ nen bei der Leitung unſers Geſchicks, in ihr volles Licht zu ſetzen. Uebrigens ward das Anerkenntniß deſſen, was mir eigentlich bloße Pflicht war, der Grundſtein meines zeitlichen Gluͤcks; meine unausloͤſchliche Liebe zu Vater und Mutter, die ich durch die Bepflanzung ihrer ſtillen Todes⸗ huͤgel mit meinen beßten Blumen, nach mei⸗ 9 nen ſchwachen Kraͤften bethaͤtiget hatte, ge⸗ wann mir die Zuneigung des redlichſten Man⸗ nes in meinem Vaterlande, meines Fuͤrſten. Wohl dem, der, dieſes Buch in der Hand, ſich ſelbſt ſagen kann, daß er ſeiner liebenden Eltern nie vergaß. Gedruckt in der Gerlachiſchen Buchdruckerei. —