Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöfſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. .1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur 6 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mo 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines g nen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. ie Zeit e Tages iſt zu 24. Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgeg hme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 9„ 3— 3„—— ſf 4„„„„„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— ————— — Scherz und Ern ſt von H. Clauren. Zweite Sammlung. Viertes Baͤndchen. Inhalt: Das Dijon⸗Roͤschen. d 1. Lichte Wolkenſchleier, von Nachtluͤftchen leiſe getrieben, zogen vor dem Monde voruͤber. Er ſchien voll und freundlich auf mein Lager, auf dem ich, ohne Schlaf und Ruhe zu finden, mich ausgeſtreckt hatte, und mit meinem tuͤckiſchen Geſchicke bitter ſchmollte. 9 — 4 Mein ganzes Jugendleben hindurch hatte ich mit Armuth und Entſagungen aller Art gekaͤmpft. Auf der Schule verdiente ich durch Unterricht in der Muſik, und durch das, aller Verwuͤnſchung werthe Singen im Chor auf den Straßen, mei⸗ nen knappen Unterhalt; durch einige kaͤrgliche Stipendien aber ward es mir moͤglich, nach dem Tode der Eltern, auf der Akademie die Rechts⸗ und Kameral⸗Wiſſenſchaft zu ſtudiren. Die Col⸗ latoren dieſer milden Stiftungen ließen mich auf 4* tauſendfache Weiſe die Wohlthat dieſer Unterſtuͤz⸗ zungen weit uͤber ihren Werth fuͤhlen, und ſuch⸗ ten Alles hervor, um ſich in meinen Augen wich⸗ tig zu machen. Dieſem ging ich zu geputt, Je⸗ nem verwendete ich zu wenig Aufmerkſamkeit auf mein Aeußeres; der eine klagte uͤber meinen Man⸗ gel an Sitzfleiſch, waͤhrend der andere mich einen Stubenhocker nannte. So machte ich es keinem recht, und jeder hielt mich in druͤckender Abhaͤn⸗ gigkeit, die ich, aller anderen Hilfmittel und Ausſichten beraubt, geduldig ertrug; und ich buͤckte mich vor meinen ſogenannten Wohlthaͤ⸗ tern, als waͤren ſie die alleinigen Goͤtter meines Gluͤcks. 3. Meine akademiſche Laufbahn war beendigt. In der ganzen Welt keinen Freund, ſtand ich allein, ohne Hoffnung, ohne Muth. Nicht das Entbehren— denn oft ſchmeckte mir auf dem einſamen Spaziergange mein Trunk Quellwaſſer erquicklicher, als meinen reicheren Univerſitaͤtge⸗ noſſen ihr, durch das Gift des Bleizuckers, zum Nierenſteiner erhobener Landwein bei ihren ſchwel⸗ geriſchen Trinkgelagen,— nicht das Entbehren, v 5 aber die Unzartheit der Menſchen gegen die Mit⸗ telloſen, ihre ſchamloſe Dreiſtigkeit, ſich gegen dieſe Alles zu erlauben; die natuͤrlich daraus ent⸗ ſtehende Erbitterung gegen das ganze Menſchen⸗ geſchlecht und die Muthloſigkeit, der Mangel an Selbſtvertrauen— das iſt der Fluch der Ar⸗ muth. 4. Vier Thaler und zwanzig Groſchen in der Taſche, ſah ich in die große, weite Welt hinein, und hatte auf die Frage, was nun aus mir wer⸗ den ſollte, keine Antwort. Der luſtige Studen⸗ tentroſt: der alte Gott lebet noch, fing an in meiner Bruſt zu verklingen, denn einen Monat hatte ich allerhoͤchſtens noch zu leben, dann war ich am Rande. 5. Bſt, Bſt! rief es am naͤchſten Morgen, auf der Marktſtraſe, aus einer Bude heraus; ich ſah mich um, und eine kleine dicke Frau winkte hinter der Bruſtwehr ihrer aufgethuͤrmten Schnitt⸗ waaren und bat, naͤher zu treten. Sie nehmen nicht ubel, liebes Herrchen, hob 6 ſie freundlich an: da hat mir meine Schweſter aus Kaͤferlingen geſchrieben,— ſie gab mir den Brief— ich ſoll dem Schwager einen geſchickten Juriſten beſorgen. Lieber Gott, ich habe dazu keine Zeit und kein Geſchick, und meine beiden Herren Studenten, die bei mir wohnen, und die ich wohl darum haͤtte befragen koͤnnen, haben geſtern ſchon ihre Ferienreiſe angetreten. Ich wohne Ihnen gegenuͤber, in dem gelben Hauſe von drei Fenſtern; Sie werden darauf nicht Ob⸗ acht gehabt haben, aber ich ſehe Sie immer bis tief in die Nacht hinein ſitzen und ſtudiren, und Ihre Frau Wirthin, die gute Madame Birkhaus iſt meine Gevatterinn, die kann Sie immer nicht genug ruͤhmen, da habe ich Vertrauen zu Ihnen gefaßt und mir das Herz genommen, Sie um die Gefaͤlligkeit anzuſprechen; und wiſſen Sie je⸗ mand, der fuͤr das Haus paßt, ſo thun Sie mir die Liebe, und— Sie ließ ſich mit redſeliger Marktgeſpraͤchig⸗ keit noch eines Breiteren aus; aber ich las den Brief ihrer Schweſter, und hoͤrte auf den Buden⸗ papagai nicht. — 6. Aus dem Schreiben vernahm ich, daß die Kaͤferlinger Schweſter an einen dortigen Advoka⸗ ten verheirathet war, der ſich, wie aus mehrern hingeworfenen Aeußerungen hervorging, in recht ſehr guten Umſtaͤnden befinden mußte. Den Benjamin, ſchrieb die Briefſtellerin un⸗ ter andern: mußten wir abdanken; tauſend dum⸗ me Streiche hatte er ſchon gemacht, und mein armes Stuͤmperchen bald halb todt geaͤrgert; neulich iſt der Benjamin ein bischen preſſirt, da ſchuͤttet er, ſtatt des Streuſandes, die Dinte auf ſeine Schreiberei; vor ihm ſteht Stuͤmperchen, und ſo fließt dieſem die ganze Beſcherung auf die pfirſichbluͤthenen Pluͤſchhoſen, die er ungluͤcklicher⸗ weiſe anhatte, weil wir eben zu Vice⸗Ober⸗Rent⸗ ſchreibers zur Kindtaufe gehen wollten. Ich denke, Stuͤmperchen ruͤhrt der Schlag auf der Stelle; die Dinte war durch und durch gegangen; das ſah alles aus, wie die Zerſtoͤrung Jeruſalems; und acht Tage lang haben wir geſeift und gewa⸗ ſchen, gerieben und gerumpelt, ehe Alles wieder in Ordnung kam; das haͤtten wir aber am Ende doch noch hingehen laſſen, denn Stuͤmperchen konnte den Menſchen ganz vorzuͤglich brauchen, und die getraͤnkten Pluͤſchmodeſten waren ſchon uͤber achtzehn Jahre alt; doch da entdeckten wir auf einmal, daß Gundel und Benjamin ſo eine Art von Verſtaͤndniß mit einander hatten. Beim Federſchneiden hatte ſich die Paſtete angefangen, wie mir nachher das Maͤdchen geſtand. Da mußte Benjamin Knall und Fall fort, und nun haben wir keinen an ſeiner Stelle. Skuͤmperchen wollte nun an den alten Vetter, an den Peofeſ⸗ ſor Kneiper ſchreiben, daß er ihm einen andern heraus ſchicken ſolle, aber Du weißt ja, wie die Maͤnner ſind; wenn der, den ſie recommandi⸗ ren, nur recht arbeiten und buͤffeln kann, all das andere kuͤmmert ſie nicht; ich aber habe Ruͤck⸗ ſichten, hoͤhere, und darum ſagte ich zu Stuͤm⸗ perchen, daß ich wegen des Maſtochſens, den ich Dir dieſen Herbſt beſorgen ſollte, ohnehin an Dich zu ſchreiben habe, und daß ich da auf Ben⸗ jamins Nachfolger gleich mit Ruͤckſicht nehmen wuͤrde. Sieh liebe Schweſter, unter uns geſagt, mir thut es Noth, vorzuͤglich wegen der Mutter⸗ pflicht. Die Gundel iſt Dir heraufgeſchoſſen, daß ſie faſt ſo groß iſt, als ich ſelber; ſie faͤngt an die Kinderſchuhe auszuziehen, und iſt gleich Feuer — 1 und Flamme, wenn ſie, wie dieß im albernen Scherz heut zu Tage wohl zu geſchehen pflegt, mit dem oder jenem aufgezogen wird, oder das Geſpraͤch ſo zufallweiſe auf das Heirathen koͤmmt. Sieh liebe Schweſter, darum muß der, den wir in das Haus nehmen, mehr ſeyn, als ein bloßer Buͤffel. Er muß ein frommer chriſtlicher Menſch ſeyn, und hinſichtlich des Frauenzimmers, wie Stuͤmperchen ſagt, ein Abſtehnius. Eſſen und Trinken hat der Menſch, den Du uns ſchickſt, was des Leibes Nothdurft bedarf, und wenn er Luſt hat zum Perfectioniren, ſo hat er bei meinem Manne die beßte Gelegenheit da⸗ zu, denn mein Stuͤmperchen mag nun ſeyn wie er will, aber das muß man ihm laſſen, in der Arbeit zieht er ſeinen Strang, und lernen kann jeder bei ihm, denn die Geſchaͤfte gehen vom fruͤ⸗ hen Morgen, bis zur ſpaͤten Nacht. 7. Ich wuͤßte, hob ich etwas verlegen an, und ſchaute meinem helfenden Poſaunen⸗Engel in der Bude, uͤber die unerwartete Huͤlfe, die er mir bot, halb verklaͤrt, in das Geſicht: ich wuͤßte wohl einen, der mit Freuden die Stelle anneh⸗ 10 men wuͤrde, und fuͤr den ich, was die Mamſell Nichte, das Gundelchen betrifft, mit Leib und Leben ſtehen koͤnnte, nur iſt die Frage, ob er auch Ihnen gefallen wuͤrde. Wenn Sie ihn empfehlen, ſagte die markt⸗ ſchlaue Gewandte: ſo wuͤrde es kein Bedenken haben, und wenn er Ihnen gleich iſt, ſetzte ſie recht verbindlich hinzu: ſo ſchlage ich ohne Weite⸗ res ein. Ich bin es ſelbſt, preßte ich mir mit nieder⸗ geſchlagenen Augen ab, und die Dicke reichte mir die Hand und geſtand, daß ſie gleich beim Em⸗ pfange des Briefes an mich gedacht und mit mei⸗ ner Wirthin geſprochen habe, von dieſer aber an mich ſelbſt gewieſen worden ſey. Morgen geht die Poſt, ſagte ſie freundlich: fuͤr das Reiſegeld werde ich ſorgen; das Weitere uͤberlaſſen Sie unſerm Herr Gott. Ich ſegnete ſeine erbarmende Vaterguͤte im Stillen, die aus einer von mir jahrelang uͤber⸗ ſehenen Marktbude, mir Brot und Ehre ſo un⸗ verhofft geſpenbet hatte, und fuͤhlte die Wahrheit des alten Wortes, daß der Herr auch in den Schwachen maͤchtig ſey, nie lebhafter als jetzt. 2 8. Mein Prinzipal, der Advocat Knipps, von ſeiner Haus⸗Ehre, im Affect zaͤrtlicher Schaͤkerei, Stuͤmper genannt, empfing mich und das Em⸗ pfehlungſchreiben der Schwaͤgerin mit trockener Amtswuͤrde. Die Frau, eine feurige Bruͤnette von kaum vierzig Jahren, maß mich von oben bis unten, und ließ gegen den Mann, halb laut, einige belobende Anmerkungen uͤber mein Aeuße⸗ res gewogentlich fallen. Was aber Kunigunde, der ſiebenzehnjaͤhrige einzige Sproͤßling des Knipp⸗ ſiſchen Stammbaumes ſagte und that, ſah und hoͤrte ich nicht, denn, um bei Vater und Mut⸗ ter Vertrau'n zu gewinnen, richtete ich keinen Blick auf das Maͤdchen. Beim Abendbrot, was eben aufgetragen wurde, erhielt ich einen Teller ziemlich duͤnner Waſſerſuppe ſo reichlich uͤberfuͤllt, daß ihn der im Briefe meines Heils erwaͤhnte Maſtochſe kaum wuͤrde haben gewaͤltigen koͤnnen; dann kam alte Henne mit Allerlei auf den Tiſch; von dieſer wurden mir die oberen Haͤlften der zwei Keulchen vorgelegt, die bekanntlich außer dem wenigen trockenen Fleiſche, nichts als Knochen und Seh⸗ 12 nen enthalten, und ſtatt des Weines, den die Familie trank, ſetzte man mir ein Glas ſehr ſtark getauftes Halbbier hin. An ſich war ich in meiner Armuth an nichts Beſſeres gewoͤhnt, und darum aß und trank ich mit dem Appetite, mit dem Gott in ſeiner Gnade die jungen Magen gewoͤhnlich ſegnet; al⸗ lein die Zuruͤckſetzung, die in dieſer ganzen Weiſe lag, druͤckte mich unausſprechlich tief nieder. Die Liebe, der Enthuſiasmus, womit ich in das Haus getreten war, das mir Beſchaͤftigung und Lebensmittel gewaͤhren wollte, und dem ich, im Feuer meines Jugendeifers, den redlichſten Fleiß, die treueſte Anhaͤnglichkeit im Stillen da⸗ fuͤr gelobt hatte, ſie erkalteten faſt mit einem Male; doch— meinem armen Herrn Prinzi⸗ pal ging es, wie ich jetzt ſah, faſt nicht viel beſ⸗ ſer. In die Bruſt und Fluͤgel der Henne theil⸗ ten ſich Mama und Kunigundchen, letztere erhielt außerdem noch den Hauptleckerbiſſen unſers Sou⸗ pers, das ungelegte gelbe Eychen, was ſich in der Henne fand; das Gerippe ſammt dem Hippauf aber fielen dem Herrn Knipps zu. Dieſer einzige Zug gab mir ziemliches Licht uͤber das Verhaͤltniß des Hauſes. Stuͤmperchen ———E ſtand unter einem, mit grauſamen Zwecken be⸗ ſchlagenen, ſchweren Pantoffel, und Gundelchen war der Abgott der Mutter. Noch wußte ich nicht, wie Kunigunde ausſah; blos bis zum Halſe ungefaͤhr, hatte ich meinen Blick erhoben; und ſo viel ich von der Figur im Sitzen gewahren konnte, war alles wohl be⸗ ſtellt. Der Laut ihrer Stimme hatte fuͤr mich etwas recht Angenehmes, aber was ſie ſprach, wollte mir nicht recht gefallen. Die Unterhaltung der drei Menſchen drehte ſich faſt groͤßten Theils um die Honeratiorenwelt von Kaͤferlingen, und wenn doch nur ein Einzi⸗ ger darunter geweſen waͤre, dem ſie etwas Gutes nachzuſagen gehabt haͤtten; am ſchaͤrfſten war Kunigundens Zuͤnglein. Sie ging erbarmenlos mit den Leuten um, und ließ ihrem ſchneidenden Witze zuweilen ſo die Zuͤgel ſchießen, daß jch uͤber ihre verwuͤnſchten Einfaͤlle einigemale im Stillen ſelbſt mitlachen mußte. Ich fuͤhlte, daß das Maͤdchen unrecht that, aber, hatte mich ihre Ge⸗ ſtalt, oder der Wohllaut ihrer Stimme, oder ihr ſprudelnder Witz beſtochen— die Maͤnner ſind jaͤmmerliche Schwaͤchlinge— ich konnte der Gundel nicht gram ſeyn. Bei der Erziehung, 14 bachte ich, ſie bei mir im Geheimen entſchuldigend, — iſt es ein Wunder, wenn das Kind noch ſo iſt, wie es iſt. Machte man es mit ſanften Worten auf die Unthat aufmerkſam, deren es ſich gegen die Durchgehechelten ſchuldig macht, es wuͤrde bei ſeinem klaren Verſtande den began⸗ genen Fehler einſehen und ſich beſſern. 9. Den folgenden Morgen ward ich in meinen neuen Wirkungkreis eingefuͤhrt. Herr Knipps war in einem weiten Diſtrikte von mehrern Meilen im Umfange, in dem reiche Gutsbeſitzer und fette Bauern wohnten, der ge⸗ ſuchteſte Advocat. Bei naͤherer Bekanntſchaft ergab es ſich, daß er einer der armſeligſten Ig⸗ noranten war, aber er hatte eine Manier, ſich in die Bruſt zu werfen, den Leuten, durch un⸗ gemeſſene Luͤgen, von den prozeſſualiſchen Groß⸗ thaten, die er geleiſtet, ſich wichtig zu machen, und durch eine gewiſſe Art ſtudirter Biederkeit ihr Vertrauen zu gewinnen, daß, wer beſonders in Geldſachen und bei Kaͤufen, Pachtungen, Ver⸗ erbungen, Darlehngeſchaͤften und dergl. eines GGGGGö ——⏑8— 8Bðæ 45 Rechtsanwaldes bedurfte, zu keinem Andern, als zu Herrn Knipps ging. Vorzuͤglich beſtuͤrmten ihn die Bauern mit Auftraͤgen in Hinſicht der Unterbringung ihrer Gelder. Taͤglich brachten ſie Geldſaͤcke geſchleppt, und waren froh, wenn er ihre Hunderte, die er anderwaͤrts, fuͤr ſeine Rech⸗ nung, zu 5 und 6 Procent unterbrachte, zu 3 Procent annahm, denn nur bei Herrn Knipps ſtand, nach ihrer Meinung, ihr bischen Eigenthum ſicher. Auf dieſe Weiſe, und kraft der doppelten Kreide, mit der er bei andern vorkommenden Ge⸗ ſchaͤften liquidirte, ſchlug der Mann, der Be⸗ ſchraͤnktheit ſeiner eigentlichen juriſtiſchen Kennt⸗ niſſe ungeachtet, jaͤhrlich ſeine ſieben, acht tau⸗ ſend Thaler zuſammen, die er, unangeruͤhrt, an Mama Knipps uͤberliefern mußte; dieſe fuͤhrte damit unſere frugale Haushaltung und das be⸗ traͤchtliche Reſtchen legte ſie fuͤr Gundchen zuruͤck; daher denn, da Stuͤmperchen ſeit laͤnger denn zwoͤlf Jahren alſo gearbeitet und gewirthſchaftet hatte, die Sage des Staͤdtchens, daß Gundel Knipps eine Parthie von 100,000 Rthlr. ſey, wohl ſo ziemlich ihre Richtigkeit haben konnte. 10. Herr Knipps ſtellte mich ſeinem Amanuenſis als den neuen— Schreiber vor. Ich erſtarrte vor Schreck, denn, um zeitle⸗ bens das eſſiggetraͤnkte Kopiſtenbrot zu eſſen, hatte ich auf Gymnaſium und Akademie meine Zeit nicht geopfert. Aber wo ſollte ich fuͤr den erſten Augenblick gleich hin! Ich ſetzte mich auf das mir angewieſene Armeſuͤnderſtuͤhlchen, und fing nun, in meinen Hoffnungen furchtbar betro⸗ gen, die ſeelenloſe Kopirarbeit an. Mein weiteres Schickſal ſollte ich unſerm Herr Gott uͤberlaſſen, hatte die Seelenverkaͤufe⸗ rin in der Marktbude geſagt. Wie ſchwankend, — ich ſchaͤme mich Alwiſſender, jetzt vor Dir, dieſes Bekenntniſſes, aber der Ungluͤckliche iſt nur gar zu leicht geneigt, an der Hilfe von oben zu zweifeln, wenn ſie nicht gleich im erſten Augen⸗ blicke ſich ihm offenbart,— wie ſchwankend ward mein Glaube, als mir der Amanuenſis, Herr Stremler, auf meine an ihn vertraulich ge⸗ gerichtete Frage, was mein Vorgaͤnger an Gehalt bezogen, ein theilnehmendes Nichts! entgegnete⸗ Herr Knipps, ſetzte er mit bitterem Gift uͤber nen kopi gen nen ſeine Ang druͤck er m bring ich f deutu Rthli wenn geſſen daß E hier Naͤm lehnve wir A 17 des Mannes abſcheuliche Knickerei hinzu: gibt Ih⸗ nen die Sonn⸗ und Feiertage frei, was Sie da kopiren, bezahlt er mit einem Groſchen per Bo⸗ gen extra; auch hat er nichts dagegen, wenn Ih⸗ nen hie und da einmal ein Client, als Zeichen ſeiner Erkenntlichkeit fuͤr Beſchleunigung ſeiner Angelegenheiten, eine Kleinigkeit in die Hand druͤckt. Die freie Station, und beſonders, wie er meint, die Gelegenheit, bei ihm viel zu lernen, bringt er gehoͤrig in Anſchlag; ſo erhalte ich, der ich faſt ſeine ganzen Geſchaͤfte von einiger Be⸗ deutung, allein mache, doch nicht mehr als 12 Rthlr. monathlich. Sie haben ſtudirt, hoͤre ich; wenn Ihnen daran gelegen iſt, das nicht zu ver⸗ geſſen, was Sie gelernt haben, ſo machen Sie, daß Sie bald wieder von hier fortkommen, denn hier ſehen Sie nichts, als immer und ewig das Naͤmliche; Kauf⸗ und Pacht⸗ Kontracte, Dar⸗ lehnverſchreibungen und dergleichen; das machen wir Alles nach einem Leiſten. 11. Dulden— ja es iſt das Schwerſte! In der ganzen Welt Keinen, der mir rathen, der 2 18 mir helfen konnte, blieb mir nichts uͤbrig, als mich zu fuͤgen. Zehnmal faßte ich den Plan, mich den Ungluͤcklichen anzuſchließen, die in der neuen Welt ihr Gluͤck ſuchten, oder den Betro⸗ genen, die karavanenweiſe ihren vaͤterlichen Heerd in Suͤddeutſchland verlaſſen hatten, und ſich nach Norden bettelten, um dort das vorgeſpiegelte Eden zu finden; aber in Amerika wie im Europaͤiſchen Norden brauchte man Ackerbauern, und keine Juriſten! ich blieb alſo auf meinem Marterſtuhle und kopirte. 12. Der Amanuenſis, Herr Stremler, der ge⸗ ſtern Abend zufaͤllig außer dem Hauſe ſpeiſ'te, war unſer gewoͤhnlicher Tiſchgenoſſe. Wear geſtern auf dem Felde der Mediſance mit hoͤlzernen Eggen gearbeitet worden, ſo ging es heute Mittag mit eiſernen; die ſtachlichſte aber fuͤhrte Herr Stremler, und das vornehmlich, wenn er der Mama oder Gundelchen etwas an⸗ haben konnte. Er ſalzte Beide zuweilen mit der ſchaͤrfſten Lauge ſeines ſarkaſtiſchen Witzes ein, und brachte die Tod und Verderben ſpruͤhenden als Dlan, 1 der etro⸗ Heerd nach Eden ſchen keine tuhle r ge⸗ iſ'te, ſance ging aber nlich, 3 an⸗ 19 Batterien ihrer Verlaͤumdungſucht gewoͤhnlich zum Schweigen. In der Regel nahm er ſich der, unter ihrem Meſſer blutenden Opfer mit dem lebendigſten Eifer an, und endete zu⸗ letzt mit der Betheuerung, daß, wenn ihm die Aufgabe gemacht wuͤrde, eine ganz neue, recht martervolle Todesart fuͤr einen ſchweren Kriminal⸗ Verbrecher zu erfinden, er fruͤherhin ſich immer gedacht haͤtte, einen ſolchen armen Teufel ſtatt eines Bretblockes in eine Schneidemuͤhle einſpan⸗ nen, und ihn ſo von unten herauf, in ſchmale Streifen zerſaͤgen zu laſſen; dieſe mehr als kani⸗ baliſche Idee aber ſey gar nichts gegen den jetzt von ihm aufgeworfenen Vorſchlag, den Straͤfling ihren Haͤnden zu uͤberliefern Ich ſchlug, uͤber Herrn Stremlers Freimuth erſchrocken, die Augen auf die zaͤhen braunen Hautlappen, die mir dieſen Mittag vom Ham⸗ melbraten zugefallen waren, nieder, und fuͤrch⸗ tete, daß ſich nun von Seiten der Beleidigten ein ſchweres Donnerwetter erheben wuͤrde; dieſe aber lachten uͤber den Einfall laut und nahmen ihn fuͤr eine Art Kompliment hin. 13. Im Verlauf des Geſpraͤchs brachte Kunigunde die Rede auf einen Holzhaͤndler aus einer See⸗ ſtadt, der vor einiger Zeit ſich hier aufgehalten, und ihr und ihren Geſpielinnen darum zum Gegen⸗ ſtand des Gelaͤchters gedient hatte, weil er entwe⸗ der aus Angewohnheit, oder aus einer Art von Koͤr⸗ perſchwaͤche, immer mit tief niebergeſenkten Au⸗ genliedern einher gegangen ſey. Sie machte es ihm nach, wie er immer den Kopf zuruͤck legte, um die Leute, die vor ihm ſtanden, und mit ihm ſprachen, beblinzeln zu koͤnnen; und wie er bei ſeiner ſehr bemerkbaren Vorliebe fuͤr ein huͤbſches Maͤdchengeſicht, die Augenlieder, wenn er hoͤrte, daß etwas Vorzuͤgliches der Art in ſeiner Naͤhe ſich befäͤnde, mit den Fingern in die Hoͤhe zog, um die geruͤhmte Schoͤnheit genauer zu belieb⸗ aͤugeln. Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte mit lachen; Herr Stremler zwar verwies uns das Lachen, und meinte, daß dieß beſtimmt eine bloße Schwaͤche in den Augenliedern des armen Mannes war, der darum nicht unſern Spott, ſondern unſer Mitleid verdiene, aber, wenn ich mir den ſeeſtaͤdtiſchen Holzmann dachte, wie er vor einem niedlichen Maͤdchen ſtand, und mit bei⸗ den Haͤnden die ewig hinabgeſenkten Augenl— Was der Henker, am Ende lachte die Knipp⸗ ſiſche Gundel uͤber mich ſelbſt! denn wenn ich uͤber ihre Geſchichte unwillkuͤhrlich mit zu lachen anfing, wollte ſie ſich ganz ausſchuͤtten. Ganz gewiß hatte ſie mich zum Stichblatt ih⸗ res boshaften Witzes genommen; denn das war wahr, ich hatte, der Warnung der Schnitthaͤnd⸗ lerin in der Bude gemaͤß, geſtern Abend und heute Mittag, accurat ſo wie der holzmaͤnniſche Seeſtaͤdter, meine Augenlieder immer tief zur Erde hinabgeſenkt, und das Maͤdchen im engſten Verſtande des Wortes, noch mit keinem Auge geſehn; es konnte mir morgen begegnen, und ich wußte nicht, wie es ausſah. Ich blinzte jetzt ein wenig nach ihr hin; den geſtrigen Bekannten, den ſehr weißen vollen Hals, fand ich wieder; noch ein kleines bischen hoͤher hob ich den Blick, und gewahrte ein recht huͤbſch geformtes Kinn, deſſen zartes Gruͤbchen, von den Paar Som⸗ merſproſſen, die in der Gegend da ſichtbar wa⸗ ren, eben nicht entſtellt wurde; aber weiter hin⸗ auf konnte ich diesmal nicht kommen, denn Gun⸗ 21 22 del mußte meine Augen an der Kletterſtange ih⸗ rer Liebesreize gemerkt, und geſehen haben, daß ich immer hoͤher klimme, und platzte jetzt vor La⸗ chen gerade heraus, daß ich in der Angſt meines Herzens alle heimlich errungenen Vortheile wie⸗ der aufgab und meine Augenlieder wieder auf das Brotrindchen niederdruͤckte, das ich aus lauter Verlegenheit und in der hoͤchſten Zerſtreuung fin⸗ gerdick mit Salz auͤberſtreute und haſtig verſchlang. 14. Dem feſten Vorſatze, Vater und Mutter, wegen meiner, im Verhaͤltniß zu ihrer Tochter, nicht in die geringſte Unruhe zu verſetzen, getreu, kam ich, einiger verſtohlner Verſuche, dem Maͤd⸗ chen gerade einmal in das Angeſicht zu ſchauen, ungeachtet, um keinen Schritt weiter. Eines Mittags aß Herr Stremler außer dem Hauſe. Vor meinem Kouvert ſtand wider alle Gewohnheit ein Weinglas. Der Anblick freute mich; wahrſcheinlich hatte man Herrn Stremlers Recht, deſſen taͤgliches Deputat zwei Glaͤſer wa⸗ ren, heute einmal auf mich uͤbertragen. Ich hatte gerade eine wahre Luͤſternheit auf das theure & 7G2 8& xr8A. ter, ter, reu, aͤd⸗ een, dem alle eute lers wa⸗ Ich eure Rebenblut, und ich ſchaͤmte mich faſt meines heimlichen Entzuͤckens, als nach der Suppe Herr Knipps die Flaſche entpfropfte, und ſich ſein Glas einſchenkte; die rothen Medock⸗Perlchen zerplatzten tanzend, und eben ſo huͤpfte mir das Herzblut uͤber den Feiertaggenuß, der mir heute ſo unerwartet als willkommen war; jetzt kam die Reihe an das Glas der Mama, dann an das von Gundelchen, und zuletzt an mei— Nein ich bekam nichts. Mama Knipps ſchimpfte das eben eintretende Dienſtmaͤdchen einen Stroh⸗Schaaf⸗ und Kalbskopf uͤber den andern, fragte, ob ſie oder das Maͤdchen hier Herr im Hauſe waͤre, nannte es eine impertinente Eſelei, daß man mir ein Weinglas hergeſetzt habe, und empfahl dem Maͤd⸗ chen, das etwas zu ſeiner Rechtfertigung hervor⸗ bringen wollte, nicht zu muckſen, und den Au⸗ genblick zur Thuͤr hinauszugehen, wenn es nicht das vermaledeite Glas gleich an den Kopf haben wolle. Mir war ſchon beim erſten Worte aller Ap⸗ petit nach dem bischen Weine vergangen; ich ſchmeckte nichts als bittere Galle und Wermuth im Munde. 15. Ich habe das Glas hingeſetzt, hob Kuni⸗ gunde an, es iſt in Gedanken geſchehn; da es in aber nun einmal da ſteht, ſo ſchenken Sie es auch ein, lieber Vater. Der Vater that, wie ſie gebot, und ich ſcharrte, in der hoͤchſten Verlegenheit, an wen ich meinen Dank richten ſollte, ohne aufſehn zu koͤn⸗ d nen verbindlichſt mit beiden Fuͤßen unter dem Tiſche. m Auch das zweite Glas, zufolge des dem Herrn Stremler ausgeſetzten Deputats, ſchenkte re mir der Vater ein, und Kunigunde, welche, wie G ſie verſicherte, Kopfſchmerzen hatte, und daum n heute nicht viel Wein trinken wollte, ſchenkte mir., T das ihr zugekommene dritte, ſelbſt ein. b. Ich verſicherte, mit dem Blicke auf die ſehe ſe weiße kleine, aber auch wieder mit einigen Som⸗ p merſproſſen bedeckte Hand meiner Hebe, daß es ſe mir zu viel werden duͤrfte; da ſie aber, mit dem d Schmeichellaute ihrer Stimme, die freundliche d Ueberzeugung aͤußerte, daß ich ihr gewiß kein et Koͤrbchen geben, ſondern ihren Wein auf ihre Geſundheit trinken wuͤrde, ſo goß ich den rothen 2 Opferwein, in die, vor unbeſchreiblicher Verwir⸗§ 25 rung, halb zugeſchnuͤrte Kehle, mit einer Haſt, als haͤtte ich den Mund an die Kuͤſte von Bab- el Mandel angeſetzt, um das ganze rothe Meer in Einem Zuge auszutrinken. 16. Denſelben Nachmittag fuhr Herr Knipps mit der Mama aus. Gundelchen blieb wegen der er⸗ waͤhnten Kopfſchmerzen zu Hauſe. Ich hatte einen ganzen Berg von Schreibe⸗ reien zu mundiren, aber die drei Glaͤſer, und Gundelchens wohlwollende Auszeichnung hatten mich in eine ſonderbare Stimmung gebracht. Die Buchſtaben tanzten vor mir auf dem Papiere bunt durch einander, und mitten unter ihnen ſchwebte das Hunderttauſendthaler⸗Maͤdchen, die perlweiße Gundel, von einem gruͤnen Wolken⸗ ſchleier leicht verhuͤllt, daß ſie mir vorkam, wie die Hoffnung, welche mir mit zauberiſchem Laͤ⸗ cheln zufliſterte: muthig armer Dulder; es kann, es wird Alles noch gut werden. Mit Muͤhe zwang ich mich an die trockene Arbeit und war eben bei der erſten Zeile eines Kauf⸗Kontracts mit den Zuͤgen einer recht zierli⸗ 26 chen Fracturſchrift beſchaͤftigt, als Kunigunde eintrat und mich erſuchte, ihr einige Federn zu ſchneiden. Haͤtte ich nicht einige dergleichen zu meinem Bedarf ſchon neben mir liegen gehabt, ich waͤre um keinen Preis im Stande geweſen, ihr den geforderten Liebesdienſt zu erzeigen; ſo erſchrocken war ich, uͤber den unerwarteten Beſuch. Die Stelle in der Mutter Briefe an deren Schweſter, wo von dem verdammten Federſchneider⸗Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen Gundelchen und meinem Vorgaͤn⸗ ger Benjamin, Erwäͤhnung geſchah, ſtand wie eine mit Flammenbuchſtaben geſchriebene War⸗ nungtafel vor mir. Sollten die Kopfſchmerzen bloßer Vorwand, und die ungewoͤhnlichen drei Glaͤſer Wein?— ich zitterte an Haͤnden und Fuͤßen, die Wangen uͤbergoſſen ſich mir mit gluͤ⸗ hender Roͤthe und inwendig uͤbereifte mich ein kalter Schauer, bis auf die Knochenhaut. Zufaͤllig hatte ich der Verſucherin in das Ge⸗ ſicht geſchaut. Das Koͤpfchen rund und huͤbſch geformt, die Wangen aber bleich und weiß und mit Sommerſproſſen uͤberſaͤet, die Lippen blaß, die Zaͤhne faſt alle ſchwarz, das Stumpfnaͤschen nicht uͤbel, unter den Augen, die aus dem 97 7 Blauen in das Graue ſchillerten, breite Ringel, und das zierlich verflochtene Haar hielt die Mitte zwiſchen dunkelgelb und brandroth; und doch ſprach aus dem Ganzen etwas Anziehendes, Geiſtvolles, beſonders aber lag in der Fuͤlle ihrer ſchoͤnen Geſtalt und in der blendenden Weiße des zarten Halſes und der vollen gewoͤlbten Bruſt ein eigner Liebreiz. Ach wie allerliebſt iſt das, rief ſie, mit dem Blick auf meine Fracturſchnoͤrkel: Gott, wer ſo ſchreiben koͤnnte! ich krakle ganz abſcheulich; ich wuͤßte nicht, was ich darum gaͤbe, wenn ich im Stande waͤre, das noch zu lernen. Sie ſollen mir Stunde geben.— Sie ſehte ſich auf mei⸗ nen Stuhl, nahm eine Feder, und verſuchte die Zuͤge nachzumalen. Es ging ſo ziemlich; nur faßte ſie die Feder falſch; ich wand ſie ihr ein wenig und fuͤhrte ihr die Hand. So, o ſo geht es herrlich! rief ſie, ruͤckte auf dem Stuhle rechts auf die Ecke hinaus, und bat, daß ich mich links neben ſie ſetzen, und ihr die Hand weiter fuͤhren ſolle; ſie blickte waͤhrend des Schreibens einigemal laͤchelnd zu mir heruͤber, und bog ſich mir naͤher; unſere Wangen mußten ſich beruͤh⸗ ren. Mir flogen alle Pulſe, ſie aber meinte, 0 28 immer ſchreibend, im freundlich drohenden Tone, ich naͤhme mir mein Honorar fuͤr den Unterricht wohl ſchon pränumerando. Wie die Menſchen ſich verſtellen koͤnnen, fuhr ſie fort, und malte ihre Buchſtaben, ohne den Blick davon zu wen⸗ den: nicht bis drei, glaubte ich, daß der junge Herr zäaͤhlen koͤnnte, und jetzt, wie keck, wie dreiſt! na, na, huͤbſch artig fuhr ſie fort, als ich meiner halb unbewußt, einen Arm jetzt um ſie ſchlang. In dem Augenblicke raſſelte ein Wa⸗ gen vor und hielt. Die Eltern ſchon wieder da? rief ſie, flog auf, reichte mir die Hand, die ich in der Eil kuͤßte, und fliſterte im Abgehen mir noch zu⸗ ruͤck: ich habe Sie um keine Federn gebeten. 17. Ein großes Gluͤck war, daß Papa Knipps nicht mitkam, ſondern unterweges abgeſtiegen war, um in ſeine Geſellſchaft zu gehen, denn kam dieſer jetzt auf die Expedition, ſo war ich verleſen; ich hatte den ganzen Nachmittag noch keine Zeile geſchrieben, und jetzt bebte mir der Athem in der Bruſt, daß ich kein lautes Wort ſprechen konnte. Ich blutarmer Menſch— und Kunigunde ht mit hunderttauſend baaren, blanken Thalern! n Schoͤn war ſie nicht, vielleicht nicht einmal te huͤbſch; aber die bleichen Wangen hatten ſich 1⸗ ſchon recht niedlich geroͤthet, als ſie neben mir ge ſaß; das Haar, wenn man es recht genau be⸗ ie trachtete, fiel in das Bronzene, und ſelbſt wenn h man uͤberſtreng ſeyn und es roth nennen wollte, ie ſo iſt es eine allbekannte Sache, daß die erſten, 1⸗ die beruͤhmteſten Schoͤnheiten der Welt rothes Haar gehabt haben. Den Zaͤhnen gab ein wak⸗ g kerer Dentiſt ihren Perlenſchmelz bald wieder; il die blauen Augenringelchen getraute ich mir ganz ⸗ allein zu kuriren, und die paar Sommerſproſſen, — man weiß ja, daß der milchige Saft aus dem Stengel friſch gepfluͤckter Feigenblaͤtter das beßte Mittel dagegen iſt.— Nun und blieb am Ende 8 aller Enden denn doch noch dieß und jenes zu n wuͤnſchen uͤbrig, ſo deckten die hunderttauſend n Thaͤlerchen manch Schattenfleckchen zu. Mit h einer viel geringeren Mitgift habe ich weit ſchmuck⸗ 3 loſere Maͤdchen, als Gundel Knipps, in den r Hafen der Ehe einſegeln geſehen, weil die zaͤrt⸗ 3 lichen Braͤutigame große Geiſter waren, die allen koͤrperlichen Reiz und dergleichen ſonſtige Vorzuͤge 30 fuͤr vergaͤngliche Narrenpoſſen erklaͤrten, die Mo⸗ ſen und die Propheten fuͤr die Hauptſache hielten und nach den erſten acht Wochen der ehelichen Verbindung, vielleicht auch noch fruͤher, mit an⸗ dern huͤbſchen Kindern in ein ſtilles Verhaͤltniß traten, und mit dieſen das Eingebrachte der Be⸗ trogenen luſtig verpraßten.— O, ihr armen reichen Maͤdchen! 18. Eine Flaſche Dinte, ſagte Gundelchen den folgenden Morgen, als ſie mit mehreren Bouteil⸗ len in einem Koͤrbchen aus dem Keller heraufkam, und mir auf dem Vorſaal begegnete. Eine Fla⸗ ſche herrlicher Pontac! Die Freude uͤber Gun⸗ delchens Guͤte und uͤber ihre in dieſem Zuge lie⸗ gende unverkennbare Zuneigung, ließ mich uͤber⸗ ſehen, daß das liebe Kind den Eltern den Wein entwendet hatte. Trunken vor Wonne, trat ich auf den Zehen,— denn das Gefuͤhl der Schuld, das Entwandte heimlich angenommen zu haben, fuhr aus dem bis dahin unbefleckten Gewiſſen, wie ein Blitz in die Ferſen, daß ich nicht wie gewoͤhnlich feſten Fußes ausſchreiten konnte— in unſer Arbeitzimmer, wo ich glaubte, allein zu ſeyn; zu meinem Schrecken aber ſaß der Papa, den Ruͤcken mir zugewendet, vor ſeinem Tiſche und ſchrieb. Was bringen Sie denn da? fragte er mit halbem Blick auf meine Flaſche. Dinte, Herr Knipps, antwortete ich, durch und durch erbebt, ganz leiſe, und wenn er in der Menſchenkenntniß nur die geringſten Fundamen⸗ tal⸗Prinzipien inne hatte, ſo mußte er an dem gebrochenen Ton meiner Stimme hoͤren, daß das Pontac war. Charmant, charmant, entgegnete Herr Knipps: da gießen Sie gleich ein wenig hinzu, die Dinte iſt doch ſo dick und klebrig, daß man faſt keinen Buchſtaben ſchreiben kann. Ich nahm wohlweislich das Dintefaß vom Tiſche, damit er meine Flaſche nicht weiter in das Auge faſſen ſolle, that wie er befahl, ſetzte ihm das Faß wieder hin, und er konnte meine Dinte nicht genug loben. Wo gekauft Lieber? fragte er ſchreibend. Ich— es iſt eine grauſame Wahrheit— aus einer Luͤge entſtehen tauſend— ich entgeg⸗ nete, daß ich nach einem alten guten Rezept das kunſtgerechte Fabrikat ſelbſt verfertigt haͤtte. Charmant, charmant, murmelte er, und ſchob mir, in einer Art von gutmuͤthiger Ueber⸗ wallung fuͤr die Gallaͤpfel und das Kupferwaſſer, was ich, wie er meinte, dazu gebraucht habe, ein Achtgroſchenſtuͤck in die Hand. Abſcheuliches Gewebe des Zufalls oder des Satans ſelber! Dafuͤr, daß ich mit der Toch⸗ ter heimliches Spiel treibe, dafuͤr, daß ich des Mannes geſtohlenen Wein austrinke, dafuͤr, daß ich ihm einen unchriſtlichen blauen Dunſt vorma⸗ che, dafuͤr dringt er mir einen blanken Silber⸗ ling auf! Ich ſchaͤmte mich vor mir ſelber, aber ich mußte uͤber das Komiſche des Zuſammentref⸗ fens in meinem Innern doch lachen! So leicht, ſo lockend iſt der erſte Schritt zum Vergehen, das ſich ſpaͤterhin zur Suͤnde verſtrickt und am Ende das Verbrechen erzeugt. 19. Herr Stremler, fuhr Papa Knipps fort: wird heute, wie Sie wohl wiſſen werden, im Amte als Viceactuarius verpflichtet—(ich wußte bis dahin kein Wort davon)— er hat mir ge⸗ ſagt, daß Sie, wie er von Ihnen geſpraͤchweiſe und aus manchen kleinen Arbeiten entnahm, .- u recht leidliche juriſtiſche Kenntniſſe beſaͤßen. Herr Stremler hat ſich bei mir gebildet, vervollkomm⸗ net; wollen Sie ein Gleiches, ſo befoͤrdere ich Sie in ſeinen Poſten. Freie Station und zehn Tha⸗ ler monatlich, alles, wie es Herr Stremler be⸗ kam— Dieſer zog einen Gehalt von zwoͤlf Thalern.— Ich dankte ihm verbindlichſt, und fuͤhlte mein Gewiſſen etwas leichter, denn die gutmuͤthige Achtgroſchen⸗Ueberwallung, vorhin, war blos die Ouvertuͤre zu dem Antrage, den er mir ma⸗ chen wollte, ihm das fuͤr zehn Thaler zu leiſten, wofuͤr er Herrn Stremler zwoͤlf gegeben hatte. Und einem Filze, dem ich manchen Tag zwanzig und mehr Louis'or verdiente, und der mich dafuͤr mit dem aͤrmlichen Tagelohn von acht Groſchen abſpeiſ'te, einmal eine Flaſche Wein, die mir noch dazu ſeine eigene Tochter heimlich gab, aus⸗ zutrinken, hielt ich fuͤr kein Kapitalverbrechen. Auch Herrn Stremler uͤberſah ich jetzt; ich hatte ſeinen Freimuth bewundert, mit dem er gegen alle Genoſſen des Hauſes ſeine Anſichten rund herausſagte. Allein das Viceactuariat im Ruͤcken, konnte er eine ganz andere Sprache fuͤhren, als ich, der ich mich ringsum von den 3 ₰ Faͤden des Herrn Knipps umſtrickt ſah, und au⸗ ßer ihm, in der ganzen Welt keinen Menſchen hatte, der mir einen Biſſen Brot reichte. 20. Papa ſtellte mich bei Tiſche der Familie als den neuen Herrn Amanuenſis vor; ohne Einwil⸗ ligung ſeiner Frau that Herr Knipps nichts; da⸗ her mußte ich vermuthen, daß die große Praͤſen⸗ tation nur pro Forma geſchah; auch ergab ſich aus der Mutter und Gundelchens Mienen ſatt⸗ ſam, daß beide ſchon darum wußten. Das Glas in der Hand, gratulirte mir der Papa, und trank auf ſteten Fleiß, Mama auf Verſchwiegenheit, und Gundelchen auf treue Ergebenheit. Der Accent, mit dem das Schelmenkind ih⸗ ren Toaſt, den nur ſie und ich verſtanden, be⸗ tonte, und der Gedanke, daß wir hier, vor Papa und Mama, eine Sprache ſpraͤchen, die ihnen, wenn ſie gleich reines Deutſch war, doch ein vollſtändiges Kauderwelſch blieb, kitzelte mich ſo, daß mir der Wein in die Sonntagkehle kam, und ich ihn, wie die Wilhelmshoͤher Fontaine das in dem Aquaduct aufgegoſſene Waſſer, wuͤrde 4 4. 3 1 35 ₰0 weit herausgeſprudelt haben, wenn ich mich nicht augenblicklich entfernt haͤtte. Ein recht gefuͤhlvoller Menſch, hoͤrte ich die Mama im Abgehen ſagen: das iſt die Freude uͤber den Amanuenſis, die ihn faſt erſtickte. Denſelben Nachmittag noch kam ſie, als Papa in die Reſſource gegangen war, in die Er⸗ pedition und belobte mein bisheriges Benehmen, gab mir zu verſtehen, daß ſie es geweſen, die den Mann auf den Gedanken gebracht, mich auf Stremlers Platz zu ſetzen, erklaͤrte ſich, mit Stuͤmperchens Sparſucht, durch die verleitet, et mir vom Gehalte meines Vorgaͤngers monatlich zwei Thaler abknappte, gar nicht einverſtanden, verſprach, mir dieſen Verluſt zu verguͤten, und machte nur zur einzigen Gegenbedingung, weder ihm, Stuͤmperchen, noch ſonſt jemanden, die⸗ ſerhalb Mittheilung zu machen, weil— ſie ſchlug die ſchwarzen, brennenden Augen recht maͤdchen⸗ haft zur Erde,— weil man dieſer reinen Ge⸗ rechtigkeitliebe, die nicht leiden koͤnne, daß ich fuͤr gleiche Dienſte weniger haben ſolle, als mein Vorgaͤnger, leicht ganz andere Gruͤnde unterle⸗ gen koͤnnte. Ueberhaupt, fuͤgte ſie, als ich ihr die herzlichſten Kuͤſſe des Dankes fuͤr ihre uͤber⸗ 3* 36 raſchende Guͤte, auf die Hand gedruͤckt hatte, hinzu, und ſah ſich um, als beſorge ſie, behorcht zu werden: wuͤnſche ich, daß Sie ſich es zur Pflicht machen, in unſerm Hauſe, von Dingen, die Andere nichts angehen, auch gegen keinen Men⸗ ſchen zu reden. Das Plaudern iſt bei Euch jun⸗ gen Herren eine recht gefaͤhrliche Krankheit. Ihr thut Euch ſelbſt den groͤßten Schaden damit. Es wuͤrde Euch manches Gute geboten, manche be⸗ ſcheidene Bitte gewaͤhrt werden, aber bei der Prahl⸗ ſucht, mit der Eure Citelkeit lieber auf den Markt hintreten und die empfangene Gunſt ge⸗ gen alle vier Winde ausſchreien moͤchte, und bei der Schlechtigkeit unſerer heutigen Welt, die aus der kleinſten, ſchuldloſeſten Veranlaſſung das bos⸗ hafteſte Gift ſaugt, um damit ihren boͤſen Leu⸗ mund zu wuͤrgen, muß da nicht jede honette Frau Anſtand nehmen, der Regung ihres Wohlwollens zu folgen? Den Sinn ihrer Rede im Geringſten nicht verſtehend, legte ich meine Rechte auf mein Herz, und betheuerte, wenn ich nicht irre, mit einem ſehr feierlichen Geſicht, daß die verehrte Frau Prinzipalin dergleichen nie von mir zu befuͤrchten haben ſolle. Das will ich wuͤnſchen und hoffen, ſagte ſie, ſchalkhaft laͤchelnd, und reichte mir die Hand, und druͤckte ſie mir ſo freundlich, daß ich meinen Schoͤpfer pries, in dieſes Haus gekom⸗ men ſeyn, in dem die erſten Tage ſo dunkel und traurig mir waren, und das jetzt mir wie der Tempel meines Gluͤcks erſchien; denn bei dieſer Stimmung der Alles vermoͤgenden Mutter ſtand mit der Zeit meiner Befoͤrderung zu irgend ei⸗ nem auskoͤmmlichen Poſten, und dann meiner Verbindung mit Kunigunden, nichts mehr im Wege. 8 21. An einem der naͤchſten Mittage kam beim Eſſen das Geſpraͤch auf die ſchoͤne Welt von Kaͤferlingen, und die Mutter fragte mit recht hingeworfener Gleichgiltigkeit ſcherzend, ob ich mir hier im Orte noch nichts Liebes ausgeſucht habe. Ich erſchrack uͤber die trockene Querfrage; Mama Knipps wußte ja, daß ich die ganze Zeit meines Hierſeyns noch keinen Schritt aus dem Hauſe geſetzt hatte; am Ende war ſie hin⸗ ter mein und Gundelchens Verſtaͤndniß gekom⸗ men, das ſich jedoch, ſeit jener Federſchneide⸗ ſcene, bei der ewigen Kontrolle, unter der wir Beide ſtanden, durch nichts als durch einen ſehr verſtohlenen Liebesblick, durch eine uns Beiden nur verſtaͤndliche Liebesphraſe, durch die geſtoh⸗ lene Flaſche Pontac, oder allerhoͤchſtens durch einen unbemerkten Haͤndedruck, haͤtte verlautba⸗ ven koͤnnen. Gundelchen aber, das meine Verlegenheit gewahrte, war boshaft genug, mich gar nicht zum Worte kommen zu laſſen, ſondern aͤußerte, vom Gegentheile bei ſich im Geheimen gewiß uͤberzeugt, mit leichtfertigem Lachen, die Ver⸗ muthung, daß ich wahrſcheinlich die Angebetete meines Herzens auf der Uniperſitaͤt zuruͤckgelaſ⸗ ſen habe. Dieſen Argwohn konnte ich, wenn er auch nur im Scherze hingeworfen war, in ihrem Herzen nicht Wurzel faſſen laſſen; ich verſicherte daher, daß ich bis zum Eintritte in mein gegenwaͤrtiges Verhaͤltniß, hier ſo wenig, als irgendwo, ein Frauenzimmer gekannt, ge⸗ ſchweige denn geliebt habe, und freute mich, daß ich dieſe Betheuerung ſo klar und verſtaͤnd⸗ lich herausgebracht hatte, denn Gundelchen konnte, wenn ſie aufmerkte, was ich von dem, bis zum Eintritte in mein gegenwaͤrtiges Ver⸗ haͤltniß erwaͤhnte, deutlich und unbezweifelt ſich daraus entnehmen, daß ſie meine allererſte Liebe war; ſie ſah auch recht freundlich dazu aus, und die Mutter ſchenkte mir, was mich nicht wenig uͤberraſchte, das dritte Glas ein, legte mir— am Ende beguͤnſtigte die Herrliche im Geheimen meine ſtille, mir kaum ſelbſt geſtan⸗ dene Liebe zu Gundelchen,— ein Nierenſtuͤck⸗ chen von dem vor uns ſtehenden ſaftigen Kaͤl⸗ berbraten auf den Teller, und gab mir, als wir aufſtanden, den Reſt der angebrochenen Flaſche Medoc, wobei ſie, gleichſam zur Ent⸗ ſchuldigung gegen den Mann, aͤußerte, daß die Neige doch nur kahnig werden wuͤrde. 22. Sie hatte Stuͤmperchen und Kunigunden, bie dieſen Nachmittag auf das Land fuhren, be⸗ gleiten wollen; allein ſpaͤter erklaͤrte ſie, die Luſt dazu verloren zu haben und meinte, heute fruͤh zufaͤllig ſehr zeitig aufgeſtanden zu ſeyn, und wolle ſich dafuͤr durch ein Mittagſchlaͤfchen ſchad⸗ los halten. Der Koͤchin gab ſie eine Menge Auftraͤge in die Stadt, und ging, als Mann und Tochter in den Wagen geſtiegen waren und 40 ich auf meine Expeditionſtube zuruͤckkehrte, in ihr Kabinet. 3 Es war kaum eine kleine Viertelſtunde ver⸗ ſtrichen, als ſie in mein Zimmer trat, und fragte, ob der Schloſſer nicht hier geweſen ſey; auf meine verneinende Antwort, entgegnete ſie, daß ſie ihn herbeſtellt und geglaubt habe, ihn ſprechen zu hoͤren. Ich gehe nachher aus, hob ſie an: ſollte er etwa waͤhrend meiner Abweſen⸗ heit kommen, ſo ſagen Sie ihm doch— kommen Sie herein, daß ich Ihnen zeigen kann, was er zu machen hat. Sie ging mir vor, ich folgte; wir gingen in ihr Schlafkabinet, wo der inwen⸗ dig befindliche Fenſterladen geſchloſſen war. Sehen Sie, fuhr ſie fort: hier das Band iſt los; das ſoll er anſchlagen;z und dann— ſie ſchob den Thuͤrriegel vor— der Riegel geht er⸗ ſchrecklich ſchwer auf und zu. Da braucht's keines Schloſſers, ſagte ich, uͤber die Umſtaͤndlichkeit der reichen Leute laͤchelnd: das iſt ja lauter Flickarbeit, die man gleich ſelber machen kann. Auf die bin ich begierig, erwiederte Madame Knipps ſcherzend, als ſtellte ſie meine Schloſſer⸗ — talente noch in Zweifel und lehnte ſich in das Sopha.* Ich ging zuerſt an den Laden und wollte ihn oͤffnen, um mehr Licht zu haben. Sind ſie von Sinnen? rief Madame Knipps erzuͤrnt. Die ganze Nachbarſchaft hat Stuͤm⸗ perchen und Gundel ohne mich wegfahren ge⸗ ſehn; jeder Menſch weiß, daß das hier mein Schlafzimmer iſt; was muͤßte man von uns beiden denken, wenn Sie unterdeſſen ſich hier am Fenſter ſehen ließen. Laſſen Sie den La⸗ den zu; fuͤr Ihre Arbeit iſt es hell genug. Ich achtete Madame Knipps, die ſogar den Schein ihrer Frauen⸗Ehre mit ſolcher Strenge bewahrt wiſſen wollte, um vieles hoͤher, eilte zur Thuͤr hinaus, um einen Hammer zu holen, und bemerkte im Aufriegeln, daß hier am alten Schloſſe nichts, als ein bischen Oel fehle. Pinſel, murmelte Madame Knipps, als ich ſchon in der Thuͤr war; ich verſtand, daß ich zum Einoͤlen mir einen Pinſel mitbringen ſollte und verſicherte, alle folche Umſtaͤndlichkeiten leicht uͤberſpringend, daß eine Feder aus dem Fleder⸗ wiſch der Koͤchin dazu auch gut genug ſey; ſie aber drehte ſich nach der Wand zu und ſagte, 42 wenn ich recht hoͤrte, mit ſehr verdrießlichem To⸗ ne:— ſelbſt Flederwiſch, unertraͤglich. Ich fuͤhlte in dem Augenblicke recht ſchmerzlich, wie ſchwer es ſey, dem von Gluͤcke verwoͤhnten Men⸗ ſchen es immer recht zu machen; lieber Gott, den Gefallen mit dem Pinſel konnte ich ihr leicht thun; ich haͤtte von dem dummen Flederwiſch gar nichts zu erwaͤhnen gebraucht. Sie hatte mir ſelbſt hinter dem Ruͤcken des Mannes eine Zulage bewilligt; erſt heute noch hatte ſie mir das dritte Glas, und dann gar die Neige einge⸗ ſchenkt, und das uͤberraſchende Nierenſtuͤckchen!— waren dieß nicht alles die freundlichſten Zeichen ihres muͤtterlichen Wohlwollens, und nun war ſie boͤſe, recht ſehr boͤſe, weil ich den Laden hatte aufmachen, und ſtatt des Pinſels, die Feder hatte holen wollen,— um ihr meinen Dienſteifer recht ſichtlich an den Tag zu legen, und die kleinen uͤbertragenen Arbeiten in beßt⸗ moͤglicher Geſchwindigkeit abzumachen, raſte ich zur Kuͤche hinab, wo ich Hammer und Pinſel zu finden hoffte. Noch war ich auf der Treppe, als an der Hausthuͤr jemand klingelte, daß ich denke, die ganze Stadt brennt an allen vier Ecken. 23, Herr Stremler war es. Er kam athemlos, aber froͤhlichen Ange⸗ ſichts. Heute Vormittag, hob er heimlich fliſternd an, und ging mit mir in die Expeditionſtube: iſt der Viertelsmeiſter Weinlich mit Tode abge⸗ gangen. Der Rath hat die Stelle zu vergeben; ſie traͤgt an 500 Rthlr. Nur ein Studirter kann ſie erhalten, weil der Viertelsmeiſter, nach den Statuten des Magiſtrats, ſpaͤterhin Syndi⸗ kus, und zuletzt dirigirender Buͤrgermeiſter wird. Im ganzen Orte iſt in dieſem Augenblick kein Menſch, dem ſie die Stelle geben koͤnnten; ich hielte ſelbſt darum an, allein ich mag keinen Kommunalpoſten, und habe im landesherrlichen Dienſte fuͤr die Zukunft beſſere Ausſichten. Da dachte ich an Sie, armer junger Freund; ich ſtehe Ihnen dafuͤr, Sie fiſchen den Viertelsmei⸗ ſter weg. Nur raſch muͤſſen Sie ſeyn. Zum Geben muß man ſich Zeit nehmen, aber wo et⸗ was zu holen iſt, da keinen Augenblick verſaͤumt. Die beiden Buͤrgermeiſter, der Stadthauptmann, die Schoͤffen, der Syndikus, die Stadtraͤthe, der 44 Kaͤmmerer, die drei Viertelsmeiſter, kurz des ganzen loͤblichen Magiſtrats ehrſame Mitglieder, muͤſſen Sie darum begruͤßen, und das morgen perſoͤnlich. In ihrer ſchriftlichen Eingabe aber, die Sie heute Abend ſchon an den Consul diri- gens abgeben muͤſſen, beziehen Sie ſich auf mein und Knippſens Zeugniß. Wer zuerſt kommt, mahlt zuerſt. Uebermorgen ſind viel⸗ leicht ſchon zehn Herren Vettern, Soͤhne oder ſon⸗ ſtige Verwandte hieſiger Einwohner, die im Um⸗ kreiſe der Stadt ſich aufhalten und ſchleunig herein gerufen werden, mit gleichen Antraͤgen da; dann aber ſind Sie bereits im Hafen und lachen den zu ſpaͤt kommenden in's Faͤuſtchen. 24. Ich ſchloß im Uebermaße der Freude den theilnehmenden Mann in meine Arme, und dankte ihm mit dem geruͤhrteſten Herzen. Auf einmal aber fiel mir etwas ein, und mitten aus meinem Himmel geſtuͤrzt, rief ich ſchmerzlich aus: ich kann nicht Freund, ich kann nicht; die Stelle iſt mir verloren! Na, was iſt denn das wieder? fragte Strem⸗ ler, halb lachend, halb ernſt. Ich ſtockte. Heraus mit der Sprache Menſchenkind, ſagte Stremler ermuthigend: Was koͤnnen Sie nicht? warum ſehen Sie die Stelle fuͤr verloren an? Es war mir nicht moͤglich zu antworten. Haben Sie zu Ihrem Freunde ſo wenig Ver⸗ trauen? ſagte Stremler verweiſend. Ich tippte vor Verlegenheit, ihm meine Ar⸗ muth geſtehen zu ſollen und in der aͤngſtlichen Beſorgniß, dem redlichen Menſchen, der es ſo gut mit mir meinte, mir abwendig zu machen, ſchweigend auf meine Beinkleider. Da ſeh ich nichts, verſetzte Stremler, deſſen Blick meiner verzweiflungvollen Pantomine ge⸗ folgt war. So ſprechen Sie doch rein heraus. Sie erwaͤhnten, hob ich endlich mit gepreßter Stimme an: daß ich den Mitgliedern des Raths meine perſoͤnliche Aufwartung machen ſolle; das wollte ich auch recht gern, allein meine Gar⸗ derobe.— Da ſitzt der Knoten? rief lachend Freund Stremler: nun warten Sie, das laͤßt ſich ma⸗ chen. Elegant, moͤglichſt elegant muͤſſen Sie auftreten, das iſt unerlaßlich; die Art Menſchen ſieht auf das Aeußere; es ſchmeichelt ſie, einen 46 ſchmucken Mann aus der feinen Welt in ihr Raths⸗Gremium einzufuͤhren. Faſt alle Raths⸗ mitglieder ohne Ausnahme haben, zwei und mancher gar fuͤnf, ſechs herangewachſene hei⸗ rathbare Toͤchter. Gefallen Sie der Mutter, ſo giebt der Mann Ihnen ſeine Stimme ohne Be⸗ denken. Herr, die Welt iſt nun einmal nicht anders; alſo mit dem Strome geſchwommen, iſt am beßten. Sie ſind ein junger netter, wohl⸗ gemachter Mann, es muͤßte ja mit Kraͤutern zu⸗ gehen, wenn Sie durchfielen. Wie aus dem Ei geſchaͤlt, muͤſſen Sie morgen auftreten. Mein Schneider, Herr Heftlinger, metamorphoſirt Sie mit ſeinen acht Geſellen, bis morgen fruͤh eilf Uhr, zum zierlichſten Adon; und wegen der Bezahlung will ich ſchon mit ihm ſprechen; ſein Schwiegerſohn iſt der Rathskellerpachter, dem kann der kuͤnftige Herr Viertelsmeiſter auch ein⸗ mal wieder einen Gefallen thun. Kommen Sie nur gleich mit, denn wenn der Mann zu rech⸗ ter Zeit fertig werden ſoll, iſt keine Minute zu verſaͤumen. 3 — ☛—ͤ— Wir ſtuͤrmten fort zu Herrn Heftlinger. Freund Stremler ſetzte ihn, unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, vom Zuſammenhange der Sache, ſo viel ihm zu wiſſen noͤthig, in Kennt⸗ niß, empfahl ihm, vom feinſten und beßten je⸗ der Gattung zu nehmen, praͤgte ihm ein, den Schnitt nach der allerneueſten Mode zu waͤhlen, nahm ihm ſein Schneiderwort ab, daß Alles morgen fruͤh zehn Uhr fertig ſeyn muͤſſe, und wollte ihn jetzt wegen der Bezahlung vertroͤſten. Herr Heftlinger aber bat, uͤber dieſen Punkt gänzlich zu ſchweigen; er habe, meinte er, die Ehre, in mir den kuͤnfligen Herrn Protector ſei⸗ nes Schwiegerſohns, des Rathskeller⸗Wirths zu ſehen, und da wiſſe er wohl, was er dem kuͤnf⸗ gen Gluͤcke des letztern ſchuldig ſey. So wohl mir auch die erſten Huldigungen, die aus dem Munde des hoͤflichen Kleidermachers der mir bevorſtehenden Wuͤrde dargebracht wur⸗ den, an ſich thaten; ſo war mir immer, wenn mir der Mann beim Maßnehmen mit ſeinem Pa⸗ pierſtreifen zu nahe kam, als wuͤrde ich, wegen der Schuld, in die ich mich jetzt auf gut Gluͤck 48 ſtuͤrzen mußte, dereinſt einmal in Kettten und Banden gelegt werden. Ich hatte dreimal gebeten, Tuch und Kaſi⸗ mir von einer mittleren Sorte zu nehmen, al⸗ lein Stremler, vom Schneider unterſtuͤtzt, drang auf das Beßte; dieß halte am laͤngſten, ſtehe in Koſtuͤm und Farbe am feſteſten, und Hinſicht des Macherlohns betrage der Unterſchied keinen Groſchen. Des Schneiders Rechnung mußte, nach die⸗ ſem Zuſchnitt, weit über hundert Thaler betra⸗ gen; der ſchwaͤrzeſte Abgrund that ſich vor mei⸗ nen Augen auf, wenn ich, bisher noch im ganz aͤrmlichen Leben voͤllig ſchuldenfrei geblieben, an dieſen Sprung dachte, und fuͤhlte, wie die große Moͤglichkeit, daß ich die Stelle nicht bekam, und dann vielleicht fuͤnf, ſechs Jahre lang in Herrn Hefterlingers Haͤnden blieb, ſich uͤber mir wie eine Verderben bringende Wetterwolke zuſammen⸗ thuͤrmte. 26. Von hier mußte ich gleich mit in Stremlers Wohnung, und dort meine Eingabe aufſetzen. ———— N —— ⅜. In eigenen Angelegenheiten, meinte dieſer, ſchriebe man immer nicht ſo unbefangen, als in gewoͤhnlichen, das Intereſſe Anderer betref⸗ fenden Dienſtſachen. Er empfahl mir, in der Abfaſſung meiner Vorſtellung nicht zu demuͤthig zu ſeyn, mich aber auch nicht zu ſehr auf das hohe Pferd zu ſetzen, denn der Rath beſtehe hier faſt groͤßtentheils aus ſehr achtbaren Mitglie⸗ dern, die wohl im Stande waͤren, mich aus meinem Machwerke zu beurtheilen. Ich concipirte, waͤhrend er auf ſeinem Fluͤ⸗ gel ſpielte, meinen Aufſatz, gab ihm ſelbigen zur Durchſicht, ließ mir einige kleine Abaͤnder⸗ ungen darin gern gefallen, mundirte ihn ſelbſt, und Stremlers Dienſtmaͤdchen trug das Anſtel⸗ lunggeſuch, mit meinem Segen, und von Strem⸗ ler, im Scherz, mit drei Kreuzen begleitet, zum amtfuͤhrenden Buͤrgermeiſter. Endlich erinnerte mich Freund Stremler, heute noch, wegen des empfehlenden Zeugniſſes, wenn ſolches vom Magiſtrate werde gefordert werden, mit Herrn Knipps zu ſprechen, und ihn zugleich um Verſchweigung der Sache gegen Jedermann zu erſuchen, damit nicht vor der Zeit davon geſprochen, und vielleicht von irgend 4 23 50 einer Seite ein Querſtrich durch unſere Rech⸗ nung gemacht werde. 27. Als ich in unſere Straße bog, kam eben Gundelchen mit dem Vater gefahren; ich zog den Hut; beide gruͤßten recht freundlich; ich beeilte meine Schritte, um zu gleicher Zeit mit ihnen am Hauſe einzutreffen und Gundelchen aus dem Wagen heben zu koͤnnen. Es flog mir zwar ſo im Fluge die Idee durch die Seele, daß das Maͤdchen vielleicht in Kurzem eine kleine Frau Viertelsmeiſterin ſeyn koͤnnte, und daß ſolches ihr gar nicht uͤbel ſtehen wuͤrde; allein ganz reif ward der Gedanke nicht, denn der Lohnkutſcher rief Brr, und ich oͤffnete, faſt ohne Athem, die Thuͤr des Wagens. Papa ſchien meine Aufmerkſamkeit ſehr hoch aufzunehmen; er ſprach, waͤhrend er kraͤchzend und langſam herauskrebſte, von ſich unnoͤthiger Weiſe incommodiren, von ſehr geneigter Atten⸗ tion und dergleichen, und freute ſich, an allen Fenſtern der Nachbarſchaft Leute zu bemerken, die es mit angeſehen hatten, wie der junge Herr n 51 Amanuenſis dem Herrn Prinzipal, dienender Weiſe, unter die Arme griff. Gundelchen war viel leichter und behender; ſie ſchwebte, auf meinen Arm geſtuͤtzt, recht zier⸗ lich aus dem Wagen herab, druͤckte mir, fuͤr meine Huͤlfe dankbar die Hand, und lispelte heimlich lachend, aber mit ſichtbar freundlicher Theilnahme: Guten Abend, mein lieber Herr Viertelsmeiſter. 28. Im Teylerſchen Muſeum zu Harlem befin⸗ det ſich die beruͤhmte Electriſirmaſchine von Cuth⸗ berſon, die groͤßte vielleicht in der Welt. Ein Schlag ihrer, aus 230 Flaſchen beſtehenden Batterie zerſpaltet Eichbaͤume, ſchlimmer, als haͤtte der Blitz ſolche getroffen. Genau ſo, als waͤre Herr Cuthbertſon mit ſeiner ganzen Batterie in alle meine Gebeine gefahren, war mir zu Muthe, als Gundelchen des Viertelsmeiſters gedachte. Woher, rief ich, ſie auf der Treppe ereilend, leiſe: ſagen Sie um Gottes willen, woher wiſſen Sie, daß ich mich viertheilen laſſen will? Der hat es mir geſagt, eutgegnete ſie la⸗ 4* chend, und tippte auf den kleinen Zeigefinger ihrer Linken, der weiß Alles; mit dieſem alten verbrauchten Spaſe ſchluͤpfte ſie in das Zimmer der Mutter, und ich zerbrach mir den Köpf, wie es moͤglich ſey, daß mein Geheimniß ſchon halb ſtadtkundig hatte werden koͤnnen. 29. Halt!— Daß der Weinlich geſtorben, hatte Papa Knipps gewiß eben ſo gut erfahren als Freund Stremler. Papachen war mit Kuni⸗ gunden ausgefahren. Letztere hatte gemeint, daß es eine Stelle fuͤr mich ſey, und Papa hatte ihr verſprechen muͤſſen, ſich meinetwegen beim Rathe zu verwenden. So hing die Sache zuſammen, und ich konnte jetzt nichts beſſeres thun, als gleich zu Herrn Knipps zu gehen, und ihn, ohne mir merken zu laſſen, daß zwi⸗ ſchen ihm und Gundelchen die Sache ſchon ver⸗ handelt war, von meinem bereits abgegebenen Anſtellgeſuche, unter hoͤflicher Bitte um ſein Fuͤrwort, in Kenntniß zu ſetzen. Weiß ſchon Alles, ſagte Herr Knipps wohlwollend, und ſah wahrſcheinlich auch ſchon, in der Ferne, ſeine Gundel als Frau Viertelsmeiſterin an mei⸗ ner Seite: bei unſerer Heimfahrt traten wir zufaͤllig einen Augenblick bei Buͤrgermeiſters ab; da kam Ihr Schreiben, das zeigte mir der Herr Buͤrgermeiſter und fragte mich um mein Zeugniß, und da ſolches, wie nicht anders zu erwarten iſt, fuͤr Sie recht vortheilhaft ausfiel, ſo forderte er mich auf, ihm daſſelbe morgen ſchriftlich zukommen zu laſſen. Ich buͤße Sie zwar nicht gern ein, doch mag ich Ihnen in Ihrem Gluͤck auch nicht hinderlich ſeyn, und wir koͤnnen in Zukunft vielleicht einander wieder brauchen. 30. Als ich beim Abendeſſen der Mama Knipps gegenuͤber ſaß, fiel mir erſt meine Schloſſerarbeit wieder ein; ich entſchuldigte mein Außenbleiben tauſendmal, und bat um die Erlaubniß, die Klei⸗ nigkeiten in ihrem Schlafzimmer heute Abend noch vornehmen zu duͤrfen. Was denn fuͤr Kleinigkeiten? fragte Herr Knipps etwas barſch; und als ich ihm des Brei⸗ teren aus einanderſetzte, was es da alles zu ma⸗ chen gaͤbe, ſagte er mit einem mir recht auffaͤlli⸗ gen Seitenblick auf Mama: das Alls iſt ja Ihre ——— —; 54 Arbeit nicht; dazu koͤnnteſt Du allenfalls den Schloſſer holen laſſen. Das wollte Madam Knipps auch, fiel ich ihm, mit einer Art Verwendung fuͤr dieſe, in das Wort: indeſſen ich peſtele gern, und da habe ich mich ſelbſt erboten.— Ach laſſen Sie das Peſteln ſeyn, erwiederte er verdrießlich: von dergleichen Arbeiten bekommt man gar zu oft Zittern in die Haͤnde, und das iſt fuͤr uns Schreibmenſchen ein ſehr boͤſes Uebel. 31. Noch ſpaͤt Abends fand ich ein von mir be⸗ reits gefertig s, von ihm aber aus Verſehen noch nicht unterzeichnetes Billet, das, wegen eines morgenden Termins, heute Abend noch abgeſen⸗ det werden mußte. Es blieb mir daher nichts anders uͤbrig, als ihm daſſelbe zur Unterzeichnung gleich vorzulegen, und ich ging deßhalb nach ſeiner Wohnſtube. Im Vorzimmer hoͤrte ich ein ſehr lebhaftes Zwiege⸗ ſpraͤch, ich ſtand eine Weile und wußte nicht, ob ich eintreten ſollte, oder nicht; ein ſo lauter Wort⸗ wechſel konnte faſt Zank genannt werden, und 55 wie Ehegatten von Bildung ſich in eine ſolche Gemeinheit verlieren konnten, war mir und mei⸗ nen Begriffen von der gegenſeitigen Achtung, welche der Grundſtein dieſes zarten Verhaͤltniſſes ſeyn muß, wenn es ein gluͤckliches genannt wer⸗ den ſoll, eine ganz neue Erſcheinung. Aber ich habe ihm einmal mein Wort gege⸗ ben, ſagte er, und ſchlug auf den Tiſch: ich habe in der ganzen Raths⸗Klique keinen, der mir recht zugethan iſt, und darum hoffe ich, ſoll er mir dort aus Dankbarkeit recht gute Dienſte thun. Der Menſch iſt aber, ſage ich Dir, ein Eſel, ein grund⸗ſtockdummes Kalb, mit dem man Thuͤren einrennen koͤnnte; was ſoll Dir der fuͤr Dienſte thun. Dumm? das moͤchte ich nicht behaupten; er macht ſeine Saͤchelchen wie ein Daus. Gott, was weißt Du von dumm oder nicht dumm! Seine Federkritzeleien kann er verſtehen; aber was die Lebensklugheit anbelangt, und das iſt ja die eigentliche, die wahre, da verſichere ich Dich, da iſt, weiß der Himmel, mein Mops kluͤger als er. 1 Mag ſeyn, mag ſeyn, Frauchen, aber ich habe ihm das empfehlende Zeugniß einmal verſprochen.— 56 In dem Augenblick klatſchte es, als ob es Ohrfeigen regnete, und ſie ſchrie, waͤhrend er immer: Frauchen, Frauchen, Du biſt ja heute wieder einmal auch gar zu boͤſe, dazwiſchen rief, wuͤthend dazu: Du Gimpel, miſerabler, ich ſage Dir ja, Du ſollſt ihm das Atteſt nicht geben, Du darfſt nicht, Du mußt nicht— ich kann den Menſchen nicht leiden, und ich breche Dir den Hals, wenn er Viertelsmeiſter wird. Aus dem Hauſe muß er mir, und das ſobald als moͤg⸗ lich, haſt Du mich nun verſtanden? Strohkopf? Ja mein Maͤuschen, antwortete Stuͤmper⸗ chen mit weinerlicher Stimme, und ich ging, auf Viertelsmeiſter und Zukunft verzichtend, zum Zimmer hinaus. 32. Nach acht Tagen erhielt ich vom wohlloͤblichen Magiſtrate die ſchriftliche Eroͤffnung, daß, da das Zeugniß meines bisherigen Prinzipals, der meine Dienſtbrauchbarkeit am meiſten beurtheilen koͤnne, mehr als ſchwankend waͤre, zugleich ſich aber auch ein zweiter Mitbewerber um die nach⸗ geſuchte Stelle gemeldet habe, dem, als dem Sohne eines hier anſaͤßigen Buͤrgers, ſein Naͤ⸗ — — herrecht nicht verkuͤmmert werden duͤrfe, meinem Antrage nicht zu willfahren ſey. Dieſer mein Rival war Mosje Jaͤkel, der Sohn eines hieſigen reichen Kaufmanns; ein luͤ⸗ derlicher Wuͤſtling, der erſt anderthalb Jahre auf der Univerſitaͤt geweſen war, der faſt kein Colle⸗ gium beſucht, ſondern die Zeit auf den umliegen⸗ den Vergnuͤgensorten, in ganz verworfener Ge⸗ ſellſchaft und am Pharotiſche zugebracht hatte, und der jetzt eilig und ſchleunig herbeigeholt wor⸗ den war, um ihn, halb unreif und verdorben an Leib und Seele, in den Rath zu ſchicken. Im hoͤchſten Unmuthe meiner bittern Kraͤn⸗ kung eilte ich zu Freund Stremler, und fiel ihm, ja, ich will es nicht laͤugnen, weinend um den Hals. Komiſcher Menſch, ſagte er ruhig: Sie ſind, merke ich, noch nicht lange in der Welt. Ich bin zwar nicht gar viel aͤlter als Sie, aber an das peinigende Gefuͤhl, dumme Jungen uͤber mich wegſteigen und mir die einträͤglichſten Stellen wegſchnappen zu ſehen, habe ich mich nun ſchon ziemlich gewoͤhnt. Es iſt dem Stolze des Man⸗ nes, der das Seinige gelernt hat, und unbeſchol⸗ nen Wandels iſt, eine heimliche und darum um ——;— ———— — 58 ſo blutigere Marter, Menſchen an Ehre und Einkommen nachſtehen zu muͤſſen, die nicht durch Kenntniſſe, nicht durch den Ruf ihres morali⸗ ſchen Werthes, ſondern durch Geld, durch Ver⸗ bindungen, durch Geburt, oder durch Draͤngen und Treiben ſich empor ſchwingen; aber ſoll ich darum den hoͤchſten Schatz, den mir Gott ver⸗ lieh, meine gute Laune verlieren? ſoll ich darum mein ganzes Leben hindurch brummen, murren und mit dem Geſchick hadern? Glauben Sie nur, die ſich auf Unkoſten Anderer, uͤber Alle weg, in die Hoͤhe treiben, ohne die zu ihrem Poſten erforderlichen Kenntniſſe zu beſitzen, ſie ſchlafen auch nicht auf Roſen. Die durch ſie Benachtheiligten und deren Freunde, ſtellen ihnen ein Bein, wo ſie nur koͤnnen, und benutzen die erſte Gelegenheit, die Hochgeſtellten um das Ver⸗ trauen der Obern und um die gute Meinung des Publikums zu bringen, und ihnen, wenn auch natuͤrlich hinter dem Ruͤcken, alles erſinnliche Herzeleid zuzufuͤgen, ſo daß jene mit ewigen Kraͤnkungen und hinterliſtigen Raͤnken zu fechten haben. Das iſt ſo bei uns hier in Kaͤferlingen, wie in der Reſidenz und in der ganzen Welt, und weil das immer ſo war, und immer ſo ſeyn 59 wird, und wir beide das nicht aͤndern koͤnnen und werden, ſo behalten Sie den Kopf oben. Jaͤkel erhaͤlt, vermoͤge der Verbindungen ſeines reichen Vaters, die Stelle, wird, wie ich heute beſtimmt gehoͤrt, uͤbermorgen mit unſerer Knipps⸗ gundel ſeine Verlobung feiern, und Sie werden, da die Alte, ich weiß nicht warum, Sie nicht leiden kann, und bei der dicken Schwaͤgerin in der Marktbude bereits ein neuer Amanuen⸗ ſis ſammt einem Kopiſten verſchrieben iſt, naͤch⸗ ſtens Ihre Aufkuͤndigung erhalten; aber laſſen Sie ſich darum nicht leid ſeyn, Gott hat noch keinen Sperling vom Dache fallen laſſen! Aber der Schneider! brach ich, den Vier⸗ telsmeiſter, das Hunderttauſendthaler⸗Gundel⸗ chen und meinen Amanuenſis, in Einem A⸗ themzuge in die Fichten gehen ſehend, ſchmerzvoll aus. Wie denn der Schneider? ſagte Stremler: was hat denn der mit den Sperlingen auf den Daͤchern zu thun? Ach ſcherzen Sie nicht mein Freund, ent⸗ gegnete ich mit weicher Bitte: Sie wiſſen ja, der Schneider Heftlinger und ſeine furchtbare Rechnung. 60 Nun deshalb laſſen Sie ſich kein graues Haar wachſen, entgegnete Stremler„ gutmuͤthig lachend: der Mann kennt Sie nicht, ich habe mich daher fuͤr Sie verbuͤrgt, mithin koͤnnen Sie vor dem ganz ruhig ſchlafen. Verbuͤrgt? rief ich, ihn umarmend: mein edler Freund! nun druͤckt mich die Schuld doppelt! Da ſeh ich nicht viel edles, warf Stremler leicht hin: ich war die erſte Veranlaſſung, daß Sie ſich zur Ergaͤnzung Ihrer Garderobe entſchloſ⸗ ſen, folglich muß ich auch vor dem Riſſe ſtehn. Aengſtigen Sie ſich darum nicht. Wer weiß, wozu das Alls noch gut iſt; ein feiner, ſaube⸗ rer Rock—. es iſt leider Gottes wahrhaftig wahr, empfiehlt oft mehr, als das zierlichſte Empfehlungſchreiben eines bedeutenden Mannes, 33. Ich habe ſchlecht erzaͤhlt. Ich erwaͤhnte gleich beim Eingange der ſchlafloſen Nacht, in der ich mit meinem tuͤckiſchen Geſchicke ſchmollte, und dieſe Nacht trat jetzt erſt in die Reihe mei⸗ ner Begebenheiten, als ich ſpaͤt Abends vom — B.— 8 0 ᷣ⏑ ☛☚ 61 Freund Stremler nach Hauſe kam, und wie die⸗ ſer prophezeit hatte, richtig ein Billet des Herrn Knipps vorfand, in dem er, unter ſchalen Vor⸗ waͤnden, mir dergeſtalt kuͤndigte, daß in vierzehn Tagen unſer Verhaͤltniß als aufgehoben anzu⸗ ſehn ſey. Eine volle Boͤrſe in der Taſche, ſein ſicheres Brot im wohlgeordneten Hauſe, ſchwatzt es ſich recht gut vom Vertrauen auf die Vorſehung, von der Werthloſigkeit des lieben Geldes, vom Gluͤcke des Genuͤgſamen, und von derglei⸗ chen goldenen Saͤchelchen mehr. Aber in die⸗ ſer unvergeßlichen Nacht onnte ich die Nichtig⸗ keit aller jener, dem Ungluͤcklichen nicht recht vorhaltenden Troſtgruͤnde erkennen, und eben, weil ich in jenen ſtillen Stunden, die dem Sorg⸗ loſen Ruhe und Erquickung gewaͤhren, den gan⸗ zen Abgrund meines Elends in ſeiner unergruͤnd⸗ lichen Tiefe vor mir geoͤffnet ſah, und weil ſie auf mein Gemuͤth einen faſt unansloͤſchlichen Eindruck machte, war meiner Feder der Fehler enteilt, damit die Geſchichte meines Lebens anzufangen. Gundelchens Verluſt ging mir eigentlich we⸗ niger zu Herzen; ein Maͤdchen aufzugeben, das mir gut zu ſeyn ſchien und in acht Tagen einem Andern, einem durch ſein wuͤſtes Leben mir ſo werthlos gewordenen Mann ihre Hand zu rei⸗ chen vermochte, konnte mir bei ruhiger Pruͤfung nicht ſchwer fallen. Auch die vereitelte Hoffnung auf die geſuchte Stelle im Rath ſchmerzte mich an ſich nicht ſo tief, denn bei meinen Zweifeln an meinem Gluͤck, hatte ich vom Anfange an, auf die Erhaltung dieſes Poſtens nicht ſehr ge⸗ rechnet, und mich zu den Schritten, die ich die⸗ ſerhalb that, lediglich von Freund Stremler ver⸗ leiten laſſen. Naͤher lag mir die Kuͤndigung mei⸗ nes jetzigen Verhaͤltniſſes; was hatte ich der Frau gethan, daß ſie mich aus ihrem Hauſe verbannt wiſſen wollte? Spaͤter ahnte ich wohl, was Madame Knipps⸗Potiphar ſo gegen mich aufge⸗ bracht haben konnte, aber damals, in dem rei⸗ nen Bewußtſeyn meiner Schuldloſigkeit, war ich, bei aller erſinnlichen Strenge, mit der ich jedes Wort, jede meiner Handlungen mir vorhielt, nicht im Stande, mir eine Urſache des Vorwurfs zu ergruͤbeln. Wo ſollte ich jetzt hin? wer gab mir,, dem, aus einem der erſten Haͤuſer des Orts Verwieſenen, Arbeit und Brot? Mehr aber,. als alles druͤckte mich der Schneider. Die ganze. al 8&—,—— 8.5 Zunft ſeiner Genoſſen haͤtte mich mit gluͤhenden Naͤhnadeln blutig ſtippen koͤnnen, es haͤtte mich weniger geſchmerzt, als die quaͤlende Angſt, wie ich dem Manne einmal gerecht werden koͤnne. Er hatte auf Anrathen Stremlers, der es mit mir recht gut meinen mochte, Alles viel feiner und beſſer geliefert, als es eigentlich noͤthig ge⸗ weſen waͤre; es war die erſte und die einzige Schuldpoſt meines Lebens; ich ſah im ganzen Bereiche meiner Ausſichten kein Mittel, ihn je bezahlen zu koͤnnen, und Stremler, der uneigen⸗ nuͤtzige, der ſelbſt nicht bemittelte Freund, hatte ſich fuͤr mich verbuͤrgt! Wer nur einiges Zartgefuͤhl beſitzt, wird jetzt die Marter jener Nacht ermeſſen, und Gott, der die Schwaͤchen des menſchlichen Herzens, den Bloͤdſinn des menſchlichen Verſtandes in ſeiner Allwiſſenheit kennt, wird mir verzeihen, wenn ich in jenen finſtern Augenblicken, in duͤſterſter Schwermuth, an ſeiner Huͤlfe verzweifelte. 34. Ein Dienſtgeſchaͤft noͤthigte mich ſehr fruͤh auszugehn. Noch war es ziemlich leer auf den Straßen; der einzige Bekannte, der mir begeg⸗ nete, war der Menſch, der vielleicht fuͤr mein ganzes Leben mit der ſchweren Hand des Rechts auf mir laſtete, Meiſter Heftlinger; er hatte ein Packt Kleidungſtuͤcke, in einen Teppich geſchlagen, unterm Arme, ſchien ſehr eilig zu ſeyn, ging auf der andern Seite der Straßen⸗Ecke, winkte mir hinuͤber zu kommen, und bat umzukehren und ein Stuͤckchen mit ihm zu gehen, weil er ſchnell zu einem Kundmanne muͤſſe und keine Zeit zu verlieren habe. Lieber, beßter Herr Heftlinger, hob ich bit⸗ tend an, und er mußte in meinem Armenſuͤn⸗ der⸗Geſichte leſen, daß ich ihm meine fehlge⸗ ſchlagene Viertelsmeiſter⸗Hoffnung und die da⸗ durch bewirkte Unmoͤglichkeit, ihn jetzt bezahlen zu koͤnnen, eroͤffnen wollte, denn er hob freund⸗ lich an: weiß ſchon alles, bin geſtern Abend ſpaͤt noch beim Herrn Actuarius Stremler gewe⸗ ſen; ſeyn Sie ganz ruhig; habe manche huͤbſche Leute im Buche ſtehen, Jahre lang; einen mehr oder weniger, thut nichts zur Sache. Sie ſind ein ehrlicher Mann, und koͤnnen Sie heute nicht wie Sie wollen, geht's vielleicht ſpaͤterhin. Iſt mir nur verdruͤßlich, daß Sie die Stelle nicht be⸗ — 65 kommen haben, wegen meines Schwiegerſohns; der arme Schelm hat auch einen ſchweren Stand; nun er muß ſich durchflicken, ſo gut er kann. Nein aber was ich eigentlich wollte, da hat, wie mir dieſen Augenblick auf dem Markte der Kuͤ⸗ ſter aus Buchenhayn erzaͤlt, der Graf dort ſeinen Secretair Knall und Fall fortgejagt; koͤnnen Sie Franzoͤſiſch? Sprechen und ſchreiben, entgegnete ich, im Schnellſchrittt neben ihm hertrottirend und horchte, was da weiter kommen ſollte. Herrlich, rief er, freundlich theilnehmend: dann kann es Ihnen gar nicht fehlen; machen Sie ſich gleich auf die Struͤmpfe, aber gleich und halten Sie beim Grafen um die Stelle an. Herr, wenn Sie ſich dort zu ſchicken wiſſen, ſo lachen Sie den Viertelsmeiſter, Herrn Knipps, und uns Alle aus. Aber was iſt denn das fuͤr ein Graf? fragte ich, und die Bruſt ward mir weiter, und ich ſchritt aus, daß mir Herr Heftlinger kaum fol⸗ gen konnte. Mein Gott, kennen Sie den Grafen Din⸗ gelheim nicht? erwiederte mein helfender Buͤgel⸗ eiſengenius, und nahm, zur Abwechſelung, ſein 5 66 Packt unter den andern Arm. Sehen Sie, das iſt der kurioſeſte Kauz unter der Sonne; aber Geld hat er, mehr wie wir beide; alle Stunden einen Louis'dor! Er iſt Geſandter geweſen, in der halben Welt iſt er geweſen; er ſpricht alle Sprachen wie Waſſer; ſeine Bauern ſind ſeine Kinder, aber ſeine Leute haben einen ſchweren Stand; bezahlt werden ſie honett, das muß man ſagen; weiß Gott, ſeine Bedienten ſtehen ſich beſſer wie unſere Viertelsmeiſter, aber dafuͤr liegen ſie den ganzen Tag, wie an der Kette. Kein Kind, kein Kegel im großen Schloſſe; ſein einziger Sohn, der durch das Mutter⸗Erbtheil vielleicht noch reicher iſt, als der Vater, lebt in Italien; der alte Herr ſieht keinen Menſchen bei ſich, und doch bleibt, wenn das Jahr um iſt, kein Groſchen uͤbrig; alles giebt er weg an die Armen, und an die Schulen, und laͤßt bauen, immer ein Dorf ſchoͤner als das andere; die ganze Herrſchaft iſt ein Garten. Da machen Sie, daß Sie hinkommen. Franzoͤſiſch muͤſſen Sie koͤnnen, denn darum hat er eben ſeinen jetigen Secretair fortgejagt; der hat geſagt, daß er es verſtaͤnde, und wie es zum Treffen kommt, hat er nichts weiter gewußt, Als: wotter dreh 67 ſimpel Servitoͤr, erzaͤhlt der Kuͤſter. Buchen⸗ hayn iſt vier Stunden, wenn Sie ſich gleich auf den Weg machen, und tuͤchtig zuſtiefeln, ſind Sie ſpaͤteſtens um eilf Uhr draußen; vor allen Dingen aber ziehen Sie meine neuen Sachen an, denn dafuͤr hat die alte Excellenz eine wahrhaft laͤcherliche Schwaͤche. Ich hatte ſonſt das Haus. Herr, das war ein Haus! Er ſelber zieht keine Nachtjacke an, wenn ſie nicht aus London oder Paris iſt; ſeine Hoſen bekommt er aus Rom, da meint er, wuͤrden die beßten gemacht; ich hatte nur die Dienerſchaft und den Stall; Herr, alle Jahre neue Livreen, fauſtbreit mit aͤchten Treſſen und Borden verſchamerirt; aus der beß⸗ ten Meinung von der Welt, blos um ihm das Geld nicht mit Haͤnden zum Fenſter hinaus wer⸗ fen zu laſſen, nehme ich einmal Dreithalertuch; da denke ich, der alte Mann faͤhrt aus der Haut; nach einem Donnerwetter von einer hal⸗ ben Stunde, in dem er mich unter den grau⸗ ſamſten Fluͤchen in allen Sprachen, mehr denn zwanzigmal fragte, ob ich glaubte, daß er ſchon bankerott waͤre, ob ſeine Leute wie gemeine Sol⸗ daten montirt gehen ſollten, und dergleichen Schraubenanzuͤglichkeiten mehr, bezahlte er mir 5* meine Rechnung zu Heller und Pfennig, packte mich ſammt allen meinen Livreen auf einen Wa⸗ gen, ließ mich nach Hauſe fahren, und hat ſeit⸗ dem keinen Stich wieder bei mir machen laſſen. Herr, wenn Sie mir die Kundſchaft wieder verſchaffen koͤnnen, alle Jahre einen neuen Frack vom feinſten Vigogner.— Mit dieſen Wor⸗ ten zog er an der Klingel des Hauſes, in dem er ſein Kleiderpackt abzugeben hatte, wuͤnſchte mir gluͤckliche Reiſe und gute Geſchaͤfte nnd trat in die vor uns ſich oͤffnende Thuͤr, die hinter ihm zufiel. Da ſtand ich, wie, mit Reſpect zu ſagen, gewiſſe, in der Kunſt die Zukunft zu berechnen, eben nicht ſehr bewanderte Thiere mit zwei Hoͤr⸗ nern, am Berge. 35. Wohl waren der Gruͤnde fuͤr und wider mancherlei; die mir entworfene Schilderung machte mir vor dem Grafen bange, aber konnte — durfte ich denn waͤhlen? blieb mir denn et⸗ was anderes uͤbrig? und wenn die Skizze uͤber den Character des Mannes, dem ich meine 69 Kraͤfte und meine Dienſte anbieten ſollte, noch zehnmal abſchreckender ausgefallen waͤre,— auch in den Dornſtrauch greift der im Waſſer Verungluͤckte, um ſich vor dem Untergehen zu retten. Ich eilte nach Hauſe, wo Alles noch ſchlief, ſchrieb an Herrn Knipps einen etwas patzigen Brief, in dem ich ihm aus einander ſetzte, daß er mir, da ich mich auf einmal außer Brot ſehe, nicht verargen koͤnne, wenn ich, wegen meines anderweiten Unterkommens, mich auf einen Tag beurlaube; warf mich, der Weiſung meines Freundes Heftlinger gemaͤß, in meinen neuen Gallafrack, und ging mit ſchwerem Herzen zur Stadt hinaus. 36. Je naͤher ich Buchenhayn kam, deſto ban⸗ ger ward mir. Das war am Ende nichts wei⸗ ter, als eine kuͤhne Speculatiou des Herrn Heft⸗ linger, zu ſeinem Gelde zu gelangen. Bei Gott iſt kein Ding unmoͤglich; folglich lag es auch in dem Kreiſe der Moͤglichkeit, daß ich die Seere⸗ tairſtelle wegfiſchen konnte, und dann hatte Herr Heftlinger die ſichere Ausſicht, ſeine Forderung einziehn zu koͤnnen. Wie durfte ich, ſteinfremd, und ohne alle Empfehlung, erwarten, daß der gewandte Welt⸗ mann, der ſeine Leute mit Geld aufwog, und alſo bei jeder Vacanz gewiß auf hundert Anſtel⸗ lunggeſuche rechnen konnte, mich beruͤckſichtigen wuͤrde. Meine Muthloſigkeit nahm ſo uͤberhand, daß ich ſchon im Begriff ſtand, wieder umzukehren — aber wie ein drohendes Schreckbild, wie den in der nordiſchen Mythe beruͤhmten Wolf Feu⸗ ris, der, wenn er den Rachen aufſperrt, das Weltall verſchlingt, dachte ich mir Herrn Heft⸗ linger hinter mir. Ich muß te vorwaͤrts. Hinter einer verfallenen Meierei trat ich in das Gebiet des Grafen. Mein erſter Blick fiel auf eine große Tafel an einem hohen Pfahl. Erſtere enthielt ein, in Hinſicht der Kunſt nicht mißlungenes, dem Ge⸗ genſtande nach aber hoͤchſt ſchreckenvolles Ge⸗ maͤlde. Ein Ungluͤcklicher, wie ein Wanderer gekleidet, hatte ſeine zwei Haͤnde auf einem Blocke liegen, die ihm ein blutroth angethaner Henkersknecht, deſſen teufliſch grinſendes Fra⸗ bengeſicht an dem Hoͤllengeſchaͤft eine wahre Sa⸗ tansfrende zu haben ſchien, mit einem großen Beile abſchlug. Unter dieſem furchtbaren Ge⸗ maͤlde ſtand in rother Schrift: Gerechte Strafe des Baumfrevels. Mich ſchauderte. Das war alſo der Willkommen, mit dem der Graf den Fremden beim erſten Schritte in ſein Beſitzthum gaſtlich begruͤßte. In dieſem einzigen Zuge characteriſirte ſich der ganze Menſch! Lieber Himmel, wenn nun auch einmal ein Ruͤthchen, ein Zweig, eine Frucht abgebrochen ward! Gott unſer Herr hat nirgend eine ſolche grauſende Warnungtafel aufgeſtellt, und doch bluͤht ſeine ſchoͤne Welt, Jahr aus Jahr ein, in tauſend neuen Reizen auf. Der Graf iſt ein Unmenſch! rief ich halb laut hin, und wollte Kehrt machen, aber der Schneider!— Mit gepreßtem Herzen ging ich weiter; eine ſchnurgerade Kunſtſtraße, mit einer vierfachen Reihe von bluͤhenden Aepfelbaͤumen, fuͤhrte mich dem vor mir liegenden blanken Doͤrfchen zu. Ein Meer von Wohlgeruͤchen duftete mir aus dem Bluͤthenſchnee der herrlichen Fruchtbaͤume entge⸗ gen; ſie ſtanden alle ſo friſch und kerngeſund, daß mir das Herz im Leibe lachte. Ich holte ein junges Bauer⸗Maͤdchen ein, das vom Felde kam und heim ging; ſie gruͤßte freundlich und antwortete auf meine Fragen be⸗ ſcheiden; das feine Leinen, in das ſie gekleidet war, ihr Anſtand und ihre verſtaͤndige Rede— es mußte etwas apartes ſeyn, und ich aͤußerte da⸗ her mit einer Art galanter Wendung, daß ich wohl das Vergnuͤgen haͤtte, mit der Tochter des Herrn Schulzen— Ihr beliebt zu ſcherzen, guter Herr, entgeg⸗ nete das niedliche Maͤdchen, halb geſchmeichelt, hald verlegen: wo denkt Ihr hin, die Schulzen⸗ tochter! die ſieht bei uns aus ganz anderen Au⸗ gen! ich bin, ſetzte ſie mit leichtem Laͤcheln hin⸗ zu: gerade die Aermſte und Geringſte im Dorfe; mein Vater iſt der Hirte; indeſſen— ich bin ja auch noch nicht hungrig zu Bette gegangen. Ich war uͤber die Manier, uͤber das ganze Weſen des ſittigen Hirtenkindes vor Verwunde⸗ rung ganz außer mir; ſie verrieth im Laufe des Geſpraͤchs, ohne im Mindeſten damit glaͤnzen zu wollen, das Wiſſen einer Menge Dinge, von denen Gundel Knipps und hundert Schoͤnen in u 73 Kaͤferlingen beſtimmt kein Wort wußten, und ließ ſich uͤber das Alles mit einer ſo zarten An⸗ ſpruchloſigkeit aus, daß ich die mir lange auf den Lippen geſchwebte Frage, woher ſie das Alles wiſſe, und wie ſie uͤberhaupt zu der bei Maͤdchen ihres Verhaͤltniſſes ſeltenen Bildung gelangt ſey, mir nicht laͤnger verſagen konnte. Ach Gott, ich weiß noch wenig, entgegnete ſie in lieblicher Einfalt: da ſollt Ihr mit andern Moͤdchen des Dorfes, die auf das Lernen mehr Zeit verwenden koͤnnen, und mit unſeren jungen Burſchen reden; da ſind welche darunter, mit denen ich mich nicht meſſen kann. Aber Kind, hob ich, die nie geahnte Voll⸗ kommenheit eines ſolchen doͤrflichen Unterrichts laut belobend an: woher koͤmmt das alles hier? Woher das koͤmmt? erwiederte ſie mit einer Art heimathlicher Selbſtgefaͤlligkeit: das koͤmmt alles aus der Allee her. Aus der— wollte ich fragen, denn wie die Allee mit des Maͤdchens vorzugweiſer Bildung in Beziehung ſtehe, wollte mir nicht recht ein⸗ leuchten; aber es ließ ſich nicht unterbrechen, und erzaͤhlte, daß dieſe Aepfelbaum⸗Allee hier, bis zum Dorfe, jaͤhrlich fuͤr den feſten Zins von , 74 * 1600 Thaler verpachtet ſey, daß dieſe Summe an die beiden Schullehrer ihres Dorfes und an eine Lehrerinn als Gehalt gezahlt werde; daß das von den Eltern der Kinder außerdem noch zu ent⸗ richtende geringe Schulgeld zum Ankauf von Buͤchern, Muſikalien und dergleichen beſtimmt ſey; daß beide Lehrer auf der Hochſchule ſtudirt haͤtten, und gar gelehrte, liebe Herren waͤren; daß die Frau des Einen die Maͤdchen des Dorfes in allen weiblichen Arbeiten unterrichtete, u. ſ. w. Unſere Allee, fuhr ſie fort: iſt ſchon uͤber 25 Jahre alt; unſer Herr hat ſie anlegen laſſen; an⸗ fangs ſind, wie der Vater oft erzaͤhlt hat, faſt in jeder Nacht, mehr denn zwanzig, dreißig Staͤmmchen abgehauen und verſtuͤmmelt worden; ſeit aber die Tafel am Eingange ſteht, hat doch keiner auch nur ein Blatt angeruͤhrt. Da hatte ich, fuͤr mein vorſchnelles Urtheil uͤber jenes Schreckenbild, meinen Klapps weg. Die Tafel mag recht gut ſeyn, hob ich an, und wollte mit dieſer Einleitung auf den Grafen ſelbſt kommen: aber wer Euern Herrn nicht kennt, der ſollte, wenn ihm die Exekutiongeſchichte in dem Gemaͤlde zu Geſicht kommt, denken, Wun⸗ der, wie ſtreng er waͤre. 75 Das iſt er auch, antwortete ſie: er iſt wie unſer Herr Gott; ſtreng, wo er muß, und milde, wo er kann. Noch neulich habe ich von ihm eins mit der Reitgerte gekriegt, daß ich zeitlebens dar⸗ an denke. Du rief ich, und betrachtete das zarte huͤb⸗ ſche Kind mit ſchmerzlicher Theilnahme. Ein Satan, ein recht eingefleiſchter Satan mußte der Menſch ſeyn; und haͤtte ich ſeine ganze Herrſchaft geſchenkt bekommen ſollen, es waͤre mir nicht moͤglich geweſen, dieſes ſchuldloſe, idylliſche Maͤd⸗ chen nur unziemlich anzuſehen, geſchweige denn ſo barbariſch zu behandeln! Ich klagte es dem Vater, fuhr das Hirten⸗ kind fort: der meinte aber, es ſey mir ganz recht geſchehen; ich hatte naͤmlich die Kaͤlber unſers Dorfs eines Morgens auf die Hutung getrieben; dicht an dieſe ſtoͤßt eine junge Birkenſchonung, und waͤhrend ich am Grabenrande ſitze, und mir einen Blumenkranz winde, ſpaziren ein Paar Kaͤlbchen in die Schonung, und laſſen es ſich ganz trefflich ſchmecken. Ungluͤcklicherweiſe kommt der alte Herr um die Ecke geritten, und in der erſten Hitze bot er mir da uͤber die Achſel weg mit der Reitgerte einen guten Morgen, daß ich das Danken vergaß,— doch, ſagte ſie, ihr trauliches Plaudern unterbrechend, und trat in das erſte Haͤuschen des Dorfes, das uns aus einem bluͤhenden Frucht⸗ und Blumengarten freundlich entgegen lachte: wollt Ihr, guter Herr, nicht ein wenig eintreten und ausruhen? Kann ich Euch mit einem Glaſe friſcher Milch dienen? Ich dankte hoͤflich und ging, denn mir war Eſſen und Trinken vergangen. Wenn das am gruͤnen Holze geſchah, was war nicht alles fuͤr das duͤrre zu befuͤrchten! Wenn der alte hoch⸗ graͤfliche Belzebub ein ſolches wunderhuͤbſches Kind durch koͤrperliche Zuͤchtigungen verunglimpfen konnte, was hatte ich von ſeiner erſten Hitze, wie das ſanfte Maͤdchen ſeinen raſenden Jaͤhzorn nannte, bei dem leichteſten Verſehen nicht alles zu erwarten! Es war mir, als ſchleppe mich mein Schickſal einer endloſen Marterbank entge⸗ gen; noch einmal wandelte mich der Entſchluß an, umzukehren; aber der Schneider! Das Doͤrfchen war das ſchoͤnſte, was ich in meinem Leben ſah, lauter neue, geſchmackvoll gebaute ſteinerne Gehoͤfte; vor jedem Hauſe Blu⸗ men und Obſtbaͤume, hinter jedem Gemuͤſe⸗ und Kuͤchengarten in der Pracht ihres Reichthums 141 und alles reinlich und nett, und ſtill und friedlich beiſammen. Die Kinder, die hie und da auf der Straße ſpielten, gruͤßten alle ohne Ausnahme hoͤflich; viele kamen an mich heran, und boten mir die Hand, fragten, wo ich hin wolle, und wieſen mir den an ſich nicht zu verfehlenden Weg nach Buchenhayn, wohin wieder eine mit Kirſch⸗ baͤumen vierfach beſetzte Kunſtſtraße fuͤhrte. 37. Da lag das große, praͤchtige Schloß vor mir; der mit Kupfer gedeckte Thurm ragte aus dem friſchen Maygruͤn des umgebenden Gartens hoch empor. Je naͤher ich kam, deſto enger ward wir die Bruſt. Zum großen Hofthor wollte ich nicht hinein gehen, da fiel ich vielleicht gleich einem groben Bedienten in die Haͤnde, der mich ohne Umſtaͤnde abwies; dann hatte ich den weiten Weg umſonſt gemacht. Eine offen ſtehende Garten⸗ thuͤr, die ich in der Ferne bemerkte, ſchien mir einladender. Wollte mir das Gluͤck wohl, ſo traf ich auf einen Gaͤrtner oder Arbeiter, der, durch meine freundliche Anſprache gewonnen, mich dem Kammerdiener oder einem Lackay mit theil⸗ 8 nehmender Verwendung zufuͤhrte, und dann durfte ich hoffen, auf dieſe Weiſe dem Grafen eher vor⸗ geſtellt zu werden. Schuͤchtern und befangen ſtreifte ich einige Blaͤtter von einem bluͤhenden Kaſtanienbaum ab, wiſchte mir damit den Staub von den Stiefeln, trat in den Garten und lauerte, meinen Weg nach dem Schloſſe zu nehmend, wo ich eines Menſchen moͤchte gewahr werden. Ein dicker Herr luſtwandelte im Schatten einer unabſehbaren blauen Fliederhecke, und an dem hoͤflichen Tone, in dem er ſich mit einem, ihm in einiger Entfernung folgenden Livreebedien⸗ ten unterhielt, konnte ich abnehmen, daß es ver⸗ muthlich ein Gaſt des Grafen war, denn er nannte den Lackay Sie, und bat ihn, doch ſo gut zu ſeyn und ihm eine geſtopfte Pfeife zu bringen; auch das Feuerzeug oder das Brennglas, erſuchte er ihn, nicht zu vergeſſen. Ein huͤb⸗ ſcher alter Mann, ſtark in die Sechszig; einen Schlafrock vom allerfeinſten weißen Piqué; Stie⸗ feln und Sporen; eine lange Pfeife im Munde und ein rothes Sammet⸗Barret auf dem Kopfe. Suchen Sie Jemand? fragte er leicht hin, als er mir nahe kam, und gruͤßte mit einer klei⸗ „88ß......-....8.8.8G8ö8ö...88ö8ö8.8.ʒ.8ʒ8ßöö8ö.ö-ö-öf»— 79 nen Handbewegung; es mußte ein ſehr vorneh⸗ mer Herr ſeyn, denn ſonſt haͤtte er das rothe Sammetmuͤtzchen wenigſtens etwas geluͤftet, aber ſo ruͤhrte er es nicht einmal an. Auf meine Entgegnung, daß ich mich nach einem von der Bedienung umgeſehen habe, der mich bei Sr. Excellenz, dem Herrn vom Hauſe melde, fragte er mich, ob ich letzteren bereits kenne und als ich dieß verneinte, ſagte er, daß der Graf ausgeritten ſey, hoffentlich aber bald wieder kommen werde, und fragte, indem er ſich auf eine Ruhebank niederließ, und mich, mit vornehmen Handwinke zum Setzen einladete, ob mir eine Erfriſchung gefaͤllig ſey. Ich hatte zwar einen Loͤwenhunger, aber die Angſt vor dem bal⸗ digen Erſcheinen Sr. Excellenz benahm mir allen Appetit. Der Graf iſt heute bei Laune, ſagte der alte Herr, und ſchien ein bischen neugierig auf das zu ſeyn, was ich hier zu bringen oder zu holen habe: wenn Sie alſo etwas bei ihm ſuchen, ſo ſind Sie zu einer guten Stunde gekommen. Das milde Wort des fremden Herrn gab mir den Muth, ihm mein Anliegen zu vertrauen. Das wird ſchwer halten, entgegnete er, als ich endete. Die Stelle, die Sie wuͤnſchen, ver⸗ langt einen ſehr zuverlaͤſſigen, gediegenen Mann, der wenigſtens einige Tauſend Thaler Kaution ſtellen kann; denn es iſt die Fuͤhrung einer nicht unwichtigen Kaſſe damit verknuͤpft, und der Graf hat, wie er mir erzaͤhlt, erſt kuͤrzlich die ſehr un⸗ angenehme Erfahrung gemacht, daß ihm ein ſol⸗ cher treuloſer Beamteter mit einer namhaften Summe zum Henker ging. Dann iſt jeder weitere Schritt vergebens, ent⸗ gegnete ich troſtlos, und ſtand auf. Selbſt Kau⸗ tion zu ſtellen bin ich nicht vermoͤgend; und die genuͤgende Buͤrgſchaft durch einen Dritten zu be⸗ wirken, habe ich keine Freunde; bei dieſer Lage der Sache waͤre es daher aͤberfluͤſſig, Se. Excel⸗ lenz ſelbſt zu behelligen. Ich dankte dem alten Herrn fuͤr ſeine Mittheilung und empfahl mich. Nun, laſſen Sie nur mit ſich reden, junger Herr, rief er, uͤber meine Raſchheit etwas ſpitz: vielleicht laͤßt ſich die Sache doch machen. Ich meines Theils ſehe die Kaution fuͤr keine ſo un⸗ bedingte Nothwendigkeit an; auch ohne ſolche iſt der ehrliche Mann in meinen Augen ein vertrauen⸗ voller Mann, und vielleicht ſteht der Graf, wenn nger pitz: Ich un⸗ e iſt uen⸗ venn 81 ich mit ihm ein vernuͤnftiges Wort ſpreche, von dieſer Forderung ab; ſetzen Sie ſich. Ich ſetzte mich zwar, doch ſah ich ſein Aus⸗ fragen uͤber mein bisheriges Leben und meine Kenntniſſe fuͤr bloße Neugierde des alten Man⸗ nes an, dem die Zeit hier lang zu werden ſchien, und der ſie ſich, bis der Graf komme, auf dieſe Weiſe mit mir verplaudern wolle. Ich antwortete daher anfaͤnglich auf alle ſeine Fragen kurz und verſtimmt; doch, als er auf die Erkundigung kam, wie es mit meiner fran⸗ zoͤſiſchen Sprachkenntniß ſtehe, da fiel mir mein Verhaͤngniß, der Schneider wieder ein; der hatte mir ja geſagt, daß dieſe ein Haupterforderniß ſey; ich ward wieder geſpraͤchiger und gewann aus des alten Herrn beifaͤlligen Aeußerungen, im Gehei⸗ men allmaͤhlig die Hoffnung, daß es am Ende auch ohne die verwuͤnſchte Kaution doch noch ge⸗ hen koͤnnte. Ich dachte, der Patron wuͤrde nun tuͤchtig zu parliren anfangen, aber wahrſcheinlich mochte er ſelbſt nicht recht ſattelfeſt ſeyn, er brachte kein franzoͤſiſches Wort uͤber die Lippen. Jetzt kam der Bediente mit der Pfeife; er ſtand auf, dankte ihm freundlich, und bat ihn, 6 den Herrn Grafen, ſobald dieſer zuruͤckkehre, zu erſuchen, hieher in den Garten zu kommen, weil ein fremder Herr ihn zu ſprechen wuͤnſche. Ich wagte zwar die Aeußerung, daß es mir ſchicklicher zu ſeyn ſcheine, Sr. Excellenz im Schloſſe auf⸗ zuwarten; der alte Herr meinte aber, der Mor⸗ gen ſey ſo ſchoͤn, daß es ſchade waͤre, eine Mi⸗ nute davon einzubuͤßen; und im Freien ſpraͤche ſich's auch beſſer, als im Zimmer. Wir fuhren jetzt in unſerer Unterhaltung fort, und er meinte, daß der Graf, nach dem zu ur⸗ theilen, was er daruͤber noch heute fruͤh habe fallen laſſen, vorzuͤglich gern ſehen wuͤrde, wenn der neue Secretair, außer den uͤbrigen erforder⸗ lichen Qualitaͤten, auch muſikaliſche Kenntniſſe beſitze; bisher habe dieſer darauf nicht geſehen, weil, ſo lange er den Grafen und das Schloß kenne, hier keine Note geſpielt worden ſey, als hoͤchſtens von einem oder dem anderen Gaſte, weshalb auch fuͤr dergleichen Beſuche die hier be⸗ findlichen Fluͤgel immer in Stimmung erhalten wuͤrden, und ein vollſtaͤndiger Vorrath von an⸗ dern Inſtrumenten und Muſikalien da ſey; in⸗ deſſen jetzt, lege der Graf, aus bewegenden Gruͤn⸗ den, bei der Wahl des neuen Secretairs ein ganz beſonderes Gewicht mit barauf, daß er Muſik verſtehe; bei dieſer Gelegenheit miſchte der alte Herr ſehr feiner Weiſe die Erwaͤhnung des eben Knall und Fall verabſchiedeten Secretairs ein, der mehr zu koͤnnen vorgegeben, als er nachher zu leiſten vermocht hatte, und ſchien mir damit an⸗ deuten zu wollen, daß ich mich nicht etwa einer gleichen Ueberhebung ſchuldig machen moͤge. Indeſſen hier war ich meiner Sache gewiß, und als ich ihm erzaͤhlte, daß ich Klavier und Violine ſpiele, daß ich in meiner fruͤhen Jugend, und ſelbſt auf der Univerſitaͤt, mit dem Unterricht in beiden, mir meines Lebens Unterhalt mit ver⸗ diente, daß ich als Schuͤler im Chore ſang, und daß bei dem Theater in meiner Univerſitaͤtſtadt die Tenorparthien in den Choͤren ſaͤmmlicher Opern mir zugetheilt waren, da erheiterte ſich ſein ganzes Geſicht merklich; er legte ſeine Hand auf mein Knie und meinte, daß dieß uns beim Gra⸗ fen hoffentlich uͤber die Kautionklippe wegbringen werde. Nur einen Punkt haben wir noch, lieber Freund, hob er an, und fixirte mich mit ſchar⸗ fem Blicke, wie ſtehen wir mit den Frauen⸗ zimmern? Einen blutjungen unſchuldigen Menſchen das 6* 84 ſo querfelbein zu fragen, war eine ſonderbare Manier. Mein Blick ſchoß zur Erde, und mein ganzes Blut mir i'ns Geſicht. Ich ſpielte mit meinem Stoͤckchen im Sande, und frug, wahr⸗ ſcheinlich mit einem rechten Schaafgeſicht, denn der alte Herr lachte beinahe laut auf,— wie er das eigentlich meine. Sehen Sie, Freund, erwiederte er mit ver⸗ traulichem Tone, und zuͤndete ſich ſeine Pfeife mit dem Brennglaſe an: in dem Punkte iſt der Graf ſtreng, ſehr ſtreng. Er kennt die Welt, vornehmlich die jetzige junge, und hat oft ſeinen tiefſten Unwillen uͤber die Sittenloſigkeit der letz⸗ tern ausgelaſſen. Die Maͤdchen— kommen ſie mir doch wahrhaftig wie das Brennglas hier vor! ſie erhalten ihr Feuer vom Himmel, und entzuͤn⸗ den, was in ihren Brennraum koͤmmt; ich habe in Paris das beruͤhmte Glas von Tſchirnhauſen geſehen, das 33 Zoll im Durchmeſſer hat, und 160 Pf. wiegt; in Zeit von einer halben Minute verſchmolz und verglaſ'te es die haͤrteſten Metalle, entzuͤndete naſſes Holz, und brachte Eis zum Sieden. Accurat ſo machen es auch die Maͤd⸗ chen. Darum darf mir keiner hintreten und prah⸗ len mit ſeiner Feſtigkeit, mit ſeiner Unempfaͤng⸗ +—ũ 2-2ꝗꝑ 85 lichkeit, mit ſeiner Kaͤlte, keiner. Stehen wir im Brennpunkte eines huͤbſchen Maͤdchens, ſo werden wir alle, einer wie der andere, ſammt unſeren beßten Grundſaͤtzen, ohne Erbarmen, in Feuer und Gluth gebracht und am Ende gar pul⸗ veriſirt! Sie wiſſen, das Brennglas thut nur dann ſeine Wirkung, wenn das in den Brenn⸗ raum fallende Sonnenbild voͤllig kreisrund erſcheint. Sehen Sie einmal in das Feuerauge eines ſchoͤ⸗ nen Maͤdchens! Da haben Sie das vollſtaͤndige Sonnenbild, und Sie ſind unrettbar verloren. Briſſon und Lavoiſier haben in der neuern Zeit an den Brennglaͤſern viel gekuͤnſtelt, und moͤgen daran manches verbeſſert haben; aber ge⸗ gen die Brennglaͤſer, die der liebe Herr Gott den Weibern in den Kopf geſetzt, iſt Beider Werk doch eitel Stuͤmperei. Wiſſen Sie alſo nun, was ich meine, wenn ich Sie fragte, wie Sie mit den Frauenzimmern ſtehen? O ja, recht gut, entgegnete ich ernſthaft: und ich kann betheuern, daß ich zur Zeit noch in keines Maͤdchens Brennraum geſtanden. Ich konnte das auch mit ganz reinem Gewiſſen ſa⸗ gen, denn von dem, was mit mir und Madame Knipps und Gundelchen ſich zugetragen, war ich 86 weder verglaſ't, noch pulveriſirt worden; doch be⸗ griff ich nicht recht, warum der fremde Herr auf meine ehrliche Antwort ſo entſetzlich lachte, und was er uͤberhaupt bei dem ganzen Rigoro⸗ ſum beabſichtigte; denn wie mir das Hirten⸗ maͤdchen in der Aepfelbaumallee erzaͤhlte, hatte der Graf weder eine Frau, noch eine Tochter, noch, außer vielleicht ein Paar Scheuer⸗ und Aufwaſchmaͤdchen, ſonſt ein weibliches Weſen im Hauſe.. Schoͤn, ſchoͤn! fuhr der alte Herr ernſter werdend fort: der beßte Rath, und den befolgen Sie, junger Mann, hier puͤnktlich, und mit eiſerner Feſtigkeit, der beßte Rath iſt, bleiben Sie in dieſer Entfernung von allem, was hier Maͤdchen oder Frau iſt. Sie ſind ein ſchmucker junger Mann; Sie haben in der Kraͤftigkeit Ih⸗ rer Geſtalt, in der Friſche Ihrer Farbe, in Ih⸗ rem Anſtande, kurz in Ihrem ganzen Aeußern etwas, was den Weibern wohl gefallen mag, auch ziehen Sie ſich geſchmackvoll und gewaͤhlt an; es kann daher nicht fehlen, daß Sie, wie die leichtſinnige heutige Maͤnnerbrut das ſo zu nennen pflegt, beim zweiten Geſchlechte Gluͤck machen wuͤrden, wenn Sie darauf ausgingen; denn Letzterer machte mit ihm bei weitem nicht 87 aber iſt Ihnen an der Begruͤndung Ihres Gluͤk⸗ kes, iſt Ihnen an der Achtung des Grafen et⸗ was gelegen, ſo ziehen Sie ſich, wenn Ihnen hier ein weibliches Weſen naht, immer in die gehoͤrige Entfernung zuruͤck, und meiden Sie alle Gelegenheit, mit ihm in Beruͤhrang zu kommen. Kann Ihnen der Graf in dieſem Punkte erſt trauen, mit voller Gewißheit trauen, ſo— Der Kammerdiener, dafuͤr hielt ich wenig⸗ ſtens den ſtattlichen Mann, der laͤngs der Flie⸗ derhecke jetzt herauf kam, meldete, daß Se. Ex⸗ cellenz eben zu Hauſe gekommen, und den gnaͤ⸗ digen Herrn erſuchen ließen, ſich auf einen Au⸗ genblick zu ihm zu bemuͤhen. Laſſen Sie ſich unterdeſſen die Zeit nicht lang werden, ſagte der alte Herr im Abgehen: ſehen Sie ſich im Garten ein wenig um, und gegen zwei Uhr laſſen Sie ſich durch den da, er wies auf den Kammerdiener— beim Grafen melden. Vermuthlich ſtand der ſogenannte der da, den ich fuͤr Sr. Excellenz Kammerdiener gehal⸗ ten hatte, in dem Dienſt des alten Herrn ſelbſt; 2 ſo viel Ceremonien, als vorhin mit dem Lakay des Grafen. 38. Der Garten mochte recht ſchoͤn ſeyn, aber in dieſem Augenblicke hatte ich kein Auge fuͤr ſeine Bluͤthenpracht, kein Ohr fuͤr ein Heer von Nachtigallen, Grasmuͤcken, Finken und dergl., keine Naſe fuͤr die Wohlgeruͤche ſeiner Millionen von Blumen; ich ging tief in mich gekehrt, ſuchte die dunkelſten Schattenparthieen und zer⸗ dachte mir jedes Wort, was der alte Herr mit mir ſprach. Wmoahrſcheinlich— ganz beſtimmt hatte die Excellenz eine junge Freundin bei ſich, die der fremde alte Herr entweder aus eigner Leidenſchaft, oder aus zaͤrtlicher Anhaͤnglichkeit an ſeinen Freund den Grafen, gegen alle Secretairunge⸗ buͤhrlichkeiten geſichert wiſſen wollte, und darum legte er auf dieſen Punkt mehr Gewicht, als auf alle die uͤbrigen. Das Hirtenmaͤdchen hatte mir zwar ausdruͤcklich geſagt, daß, außer den Scheuer⸗ weibern, weder ein Maͤdchen, noch eine Frau im Schloſſe ſey; aber was wußte ſo ein junges Ding; indeſſen, und wenn die Bevorwortete ein lay 89 Ausbund von Schoͤnheit waͤre, vor mir hatte ſie gewiß Ruhe; der alte Herr hatte mir jede, auch die entfernteſte Annaͤherung ſo ſtreng ver⸗ boten, daß ich bei Nichtbeachtung ſeiner Winke fuͤrchten mußte, mein Brot zu verlieren, und das war die ungeſehene Schoͤne ſicher nicht werth. Ich ſchwor es mir alſo, immer auf meiner Hut zu ſeyn, und, die Sache mochte nun zu⸗ ſammenhaͤngen, wie ſie wollte, gegen jede Frauensperſon, der ich im Schloſſe begegne, die ſtrengſte Gleichgiltigkeit zu— Was Henker, was war das— 2 Da druͤ⸗ ben in der bluͤhenden Schneeballparthie ſchluͤpfte quer uͤber den Weg ein ganz allerliebſtes— Aber Herr Secretarius, Herr Secretarius, rief ich mir heimlich zu, und kommandirte mich, aus dem Siebenmeilenſtiefelſchritt, in den ich beim Erblicken der Feengeſtalt, meiner unbewußt, fiel, wieder in meinen gemeſſenen, ruhigen Gang zuruͤck: wo ſind Ihre Vorſäͤtze, Ihre Grundſaͤtze, Ihre Abſaͤtze, wo Ihr Schickſals⸗Daͤmon, der Schneider? Gemach, gemach lieber junger Herr! jede Hecke hat hier tauſend Ohren, durch jedes Blatt ſehen hier tauſend Augen. Wenn Ihnen nun das reizvolle Maͤdchen, das aus dem Schneeballgebuͤſch hier uͤͤber den Weg ſchwebte, abſichtlich in den Wurf geſchickt ward, um Sie mit Ihrer Feſtigkeit und geruͤhmten Gleichgiltig⸗ keit zu ſondiren! Wie, wenn Sie von zehn Spionen belauſcht wuͤrden, und alle zehn dem Grafen berichteten, in welche graͤnzenloſe Ekſtaſe, in welchen befluͤgelten Sturmſchritt der bloße Anblick der ſchoͤnen Verſucherin Sie verſetzte! Ich draͤngte durch die ernſteſten Vorſtellungen mir das Blut aus dem klopfenden Herzen in ſeine Adern, wohin es gehoͤrte, zuruͤck und zwang mich, an das entſchwebte Zauberbild gar nicht zu denken, aber es war nicht moͤglich. Nur einen Augenblick hatte ich es geſehen, und ich haͤtte es malen wollen. Die Geſtalt ſehr zart, im ſchwarzen Lockenkoͤpfchen ein Paar Tſchirnhau⸗ ſenſche Brennglaͤſer; das Fuͤßchen behende und niedlich. Es mußte, der voͤllig ausgebildeten Gra⸗ zien⸗Figur ungeachtet, noch ein halbes Kind ſeyn, denn es ſprang einem bunten Schmetterlinge nach, ohne des Secretair⸗Tagvogels nur im mindeſten zu achten, der vom Entzuͤcken uͤber die Erſcheinung wie durchbebt, wie eine Mar⸗ morſaͤule daſtand und nach Luft ſchnappte. Das 91 Gewand der Schmetterlings⸗Diana— man hat in Japan aus dem Geſpinſt der Phalaena noctua serici, ein ſo feines Gewebe, daß zehn daraus gefertigte Damenkleider noch kein Pfund wiegen; von einem ſolchen Luftgewebe mußte dieß modiſche, blendend weiße Gewand auch ſeyn; denn es umfloß den ſchoͤnen Koͤrper des Maͤd⸗ chens wie ein leichtes Nebelgewoͤlk, daß es faſt ſchien, als ſchwebe das Goͤtterkind uͤber den Erd⸗ ball hinweg. Die Thurmuhr ſchlug, ich ſah nach dem Zei⸗ ger, er wies auf drei viertel auf zwei; dieß war ja die Zeir, wo ich dem Grafen vorgeſtellt wer⸗ den ſollte. Eine unbeſchreibliche Bangigkeit uͤber⸗ fiel mich auf einmal wieder; ich vergaß die Schmetterlings⸗Jaͤgerin, ſammt ihrem japane⸗ ſiſchen Nebelgewoͤlke, rekapitulirte, waͤhrend ich mit einem ſehr feierlichen Geſichte nach dem Schloſſe zuging, bei mir im Stillen, was ich Sr. Excellenz alles ſagen wollte, ward an dem Schloßthore von einem Heiducken, der dahin po⸗ ſtirt zu ſeyn ſchien, um mich zu erwarten, in Empfang genommen, und folgte dieſem ſchwei⸗ gend uͤber den Hof und durch eine lange Reihe von Zimmern. Die weiten, hohen Gemaͤcher, das reiche koͤſt⸗ liche Geraͤth, die Rieſenſpiegel, die tiefe Stille in allen dieſen Zimmern, der glatte Fußboden — das Große, Praͤchtige im ganzen Styl— mir ward ſehr ſonderbar zu Muthe; ſchon als wir die Treppe hinaufkamen, war es mir in die Waden gefahren; jetzt, auf der ſpiegelglatten Taͤfelei, ich ſpannte alle Sehnen ſtraffer, um hier nicht etwa eine Lerche zu ſchießen und bekam ein ſolches leiſes Zigtern uͤber den ganzen Koͤrper, daß ich kaum auftreten konnte, In einem kleinen Salon ſtand ein runder Eßtiſch mit drei Gedecken; wahrſcheinlich ſpeiſ'⸗ ten hier Se. Excellenz mit dem alten Freunde, und dem jungen Schmetterlinge; im naͤchſt an⸗ ſtoßenden Zimmer uͤberlieferte mich der Heiduck dem Herrn, den ich fur den Kammerdiener an⸗ geſehn hatte, und dieſer oͤffnete das Kabinet des Grafen und ließ mich eintreten. Se. Excellenz faßen, mir den Ruͤcken zugewendet, an einem kleinen Tiſchchen, und ſpeiſ'ten ganz allein. Ich ſtellte mich ihm zur linken Seite, und waͤhreno meiner ſtummen Verbeugung fiel mein erſter Blick auf den Stern und die Orden, die ihm auf der Bruſt und im Knopfloche prangten, und mein zweiter auf das Geſicht, in dem ich den Bruder des alten Herrn erkannte. Es iſt mir lieb geweſen, ſagte der Graf vor⸗ nehm laͤchelnd, und ſtand vom Tiſche auf: daß wir uns auf dieſe Weiſe kennen lernten. Ich bin auch jung geweſen und habe die aͤlteren hoͤhergeſtellten Perſonen ſuchen muͤſſen, und ich weiß, wie mir da allemal zu Muthe war, und daß mir das Beßte, was ich hatte ſagen wollen, immer erſt auf dem Heimwege einfiel. Darum, und alſo um Ihrer willen war es mir ange⸗ nehm, daß Sie mich fuͤr einen andern nahmen. Sie ſprachen unbefangener, und Ihr Geſpraͤch und Ihr Benehmen erſetzten mir den Mangel der Zeugniſſe und Empfehlungen. Ich habe in meinem Leben viel Menſchen kennen gelernt, deßhalb bin ich aber in der ſchwierigſten Kunſt, die uns von keinem Katheder gelehrt wird, und die wir ſpaͤterhin oft mit unſerem theuerſten Schatze, mit unſerem Glauben an die Menſchen erkaufen, in der Kunſt der Menſchenkenntniß noch nicht gar weit gekommen; indeſſen mit Ih⸗ nen glaube ich den Verſuch wagen zu koͤnnen. Bewahren Sie die Unverdorbenheit Ihres Ge⸗ muͤths, und Sie werden fuͤr die Schwaͤchen und Maͤngel, denen wir ja Alle unterworfen ſind, und die mir unſer näheres Beiſammenſeyn alſo auch bei Ihnen kund machen wird, einen nach⸗ ſichtigen Richter in mir finden. Nehmen Sie die Winke und die wohlgemeinten Regeln, die ich Ihnen in vorkommenden Faͤllen zu geben fuͤr noͤthig finden werde, mit der Herzlichkeit an, mit der ich ſie Ihnen, lediglich um Ihres Beß⸗ ten willen ertheile, und bleiben Sie offen und wahr. Damit reichte er mir mit freundlichem Wohl⸗ wollen die Hand, und ich gelobte ihm in dieſelbe, Treue und Fleiß, nach meinen Kraͤften. Eſſen Sie mit uns, hob er hierauf an: und dann machen Sie, daß Sie bald wieder nach Hauſe kommen, um je eher je lieber mit Ihrem gegenwaͤrtigen Herrn Prinzipal ſich aus⸗ einander zu ſetzen, und Ihr Amt hier anzutre⸗ ten; vorher aber beantworten Sie doch einmal hier das Billet des Domherrn von Liborius, der mich auf morgen zu ſich eingeladen, unter ir⸗ gend einem ſchicklichen Vorwande, abſchlaͤglich; nur machen Sie mich nicht krank, denn, ſetzte er ſcherzend hinzu: man muß den Teufel nicht an die Wand malen. & 22„.—„ 8 BeU. 2 282— 2* 8 Er hatte eben gegeſſen, und wie ich aus den nd, Schuͤſſeln auf dem Nebentiſche abnehmen konnte, ſo war das kein bloßes Gabelfruͤhſtuͤck geweſen, 2,. und doch ſagte er, eſſen Sie mit uns,— wer 210 waren denn die uns?— Am Ende ſpeiſ'te das ie weiße Hirſchchen mit, und er ſah nur zu! Doch ür— der Tiſch im kleinen Saale war auf drei Ge⸗ n, decke eingerichtet, alſo mußte noch jemand da ß⸗ ſeyn!— Immer offen und wahr ſollte ich ſeyn, nd hatte er geſagt, und er war es gar nicht gegen mich. Gleich die erſte Stunde unſeres Beiſam⸗ 4 menſeyns ſpielte er die Rolle eines Fremden. Wie de, hing ſein ehrerbietiges Benehmen gegen den La⸗ key mit ſeiner vornehmen Haltung zuſammen? M. Warum nannte er mir die Bedingungen nicht, Lr unter denen er mich bei ſich anſtellen wollte? tit Warum gab er mir ein Billet des Domherrn 8⸗ von Liborius, das dieſer in ſeinem Leben nicht d⸗ geſchrieben hatte, denn deſſen Hand kannte ich al auf's Daus, da Herr Knipps ihm in mehiern er Prozeßſachen bedient war, und der Domherr 1e faſt woͤchentlich an dieſen ellenlange Briefe 9 ſchrieb? Warum hatte er den Domherrn fran⸗ te zoͤſiſch ſchreiben laſſen, der, wenigſtens nach ht dem Aeußern zu urtheilen, gewiß kein franzoͤ⸗ 96 ſiſches Wort verſtand. Alle dieſe Fragen flogen mir, waͤhrend ich mich ſetzte und mir die Feder ſpitzte, durch den Kopf, und hatte der Graf uͤber Mangel an Menſchenkenntniß geklagt, ſo jam⸗ merte ich im Stillen uͤber das gaͤnzliche Abgehen dieſer goldenen Wiſſenſchaft, noch zehnmal mehr. Im Ganzen gefiel mir der Graf und ſein ſchoͤ⸗ nes Buchenhayn, auch mochte die reizende Schmetterlingsjaͤgerin zu dem Entſchluſſe, mein Heil hier zu verſuchen, das ihrige beitragen; aber wenn ich mir auf der andern Seite des Gra⸗ fen ſonderbares Betragen zerſetzte— doch— ich ſollte ja ſchreiben. 39. Ich hatte kaum angefangen, ſo erzaͤhlte mir der Graf, unter der hingeworfenen Bitte, mich nicht ſtoͤren zu laſſen, daß er einen neuen Lakey in ſeine Dienſte genommen, und daß er, bei der Unterweiſung dieſer Art Menſchen eine ganz eigne Methode befolge, der er die gewandteſten, hoͤflichſten und brauchbarſten Domeſtiken verdanke. Vier ganze Wochen naͤmlich, muͤſſe der Menſch den Herrn ſpielen, und er uͤbernähme dagegen 4 4 mir mich akey bei ganz ſten, anke. enſch egen 97 die Rolle des Bedienten. Wenzel, der Lakey, der ihm vorhin die Pfeife brachte, habe heute von gedachten vier Lehrwochen, den letzten Tag. Einen ganzen Monat habe er den Wenzel aus⸗ und angezogen, ihm bei Tiſche aufgewartet„ je⸗ den ſeiner Winke befolgt, und ihm mit der al⸗ lerausgezeichneteſten Artigkeit begegnet. Dieß ſey die einzige Manier, den Leuten dieſes Schla⸗ ges recht in die Augen fallend zu zeigen, wie ſie ſich in ihrem Berufskreiſe zu nehmen und ihren Herrn und jeden Fremden zu behandeln haͤtten. Wenzel ſpeiſe heute zum letzten Male an der Tafel, und ich muͤſſe nicht uͤbel nehmen, mich in ſolcher Geſellſchaft zu ſehen; allein Wenzel re⸗ praͤſentire ihn im vollen Sinne des Wortes, derge⸗ ſtalt, daß er uͤber Kuͤche und Keller, wie er ſelbſt gebieten koͤnne. Er bat mich hierauf, dem Wenzeh recht fleißig einzuſchenken, und ihm tapfer zuzu⸗ trinken, denn ohne dieß koͤnne Wenzel ſein Mei⸗ ſterſtuͤk nicht vollgiltig ablegen; dieß beſtehe naͤmlich darin, daß Wenzel nach dem Eſſen ei⸗ nen Teller, mit einem bis an den Rand gefuͤll⸗ ten Glaſe Waſſer in der Hand, eine halbe Stunde lang im Garten hinter ihm her, auf und ab gehen muͤſſe. Schwappe das Glas uͤber, — 7 ſo ſey dieß ein Zeichen, daß der Menſch, wenn er Wein getrunken, keine feſte Hand habe, und dann koͤnne ihm das Porzellain und das Glas⸗ und Kryſtallgeſchirr, das ihm eigentlich unterge⸗ ben werden ſolle, nicht anvertraut werden, denn man muͤſſe befuͤrchten, er laſſe alles aus den Haͤnden fallen; bliebe aber der Teller unbe⸗ netzt, ſo ſey daraus abzunehmen, daß ſelbſt bei großen Gaſtmaͤhlern, wo die Bedienten gewöͤhn⸗ lich ſich auch eine kleine Guͤte thaͤten, das dem Wenzel anvertraute zerbrechliche Gut, in ſeinen Haͤnden wohl und ſicher aufgehoben ſey. 40. Ich waͤre uͤber die verdammte originelle Be⸗ dienten⸗Seminariſten⸗Anſtalt gern in lautes Lachen ausgeplatzt, haͤtte der Graf mich nicht, waͤhrend dieſer Mittheilung, wenigſtens fuͤnf⸗ mal gefragt, ob ich mit meiner Antwort noch nicht fertig ſey; ich zwang mich alſo, auf die fernere Ausfuͤhrung ſeines Syſtems nicht weiter zu hoͤren, warf die Antwort ſchnell hin, ſagte in dieſer, im Namen des Grafen, daß ich ohne⸗ hin ſchon laͤngſt dem Herrn Domherrn meine Aufwartung haͤtte machen gewollt, und daß es 5 85 4 ——————„ g„ Be⸗ utes ncht, unf⸗ noch f die veiter ſagte ohne⸗ neine aß es 99 mir daher um ſo unangenehmer ſey, ſeiner heu⸗ tigen geneigten Einladung nicht folgen zu koͤn⸗ nen, indem ich ſelbſt Beſuch erwarte, daß ich mir aber vorbehalte, ihm eheſtens die beſondere Hochſchaͤtzung perſoͤnlich zu bethaͤtigen, mit der ich die Ehre haͤtte zu ſeyn, u. ſ. w. und uͤber⸗ reichte dem alten Herrn mein Probeſtuͤck mit unbeſchreiblichem Herzklopfen. Der Graf las das Billet zweimal durch und ſchien mit der Hand nicht unzufrieden zu ſeyn; hinſichtlich des Styls, meinte er, daß er noch ein wenig deutſch⸗fran⸗ zoͤſiſch ſey, daß dieß ſich aber mit der Zeit, bei mehrerer Uebung, wohl geben werde. Zugleich fragte er aber auch, warum ich geſchrieben, daß er Geſellſchaft erwarte, da ich ja haͤtte aͤu⸗ ßern koͤnnen, daß er deren,— er wies recht ar⸗ tig auf mich— eben habe. Ich entgegnete, — ohne zu thun, als merke ich ſein feines Kompliment,— indem ich mich doch unmoͤglich fuͤr eine Geſellſchaft des Grafen anſehen konnte, daß, wenn ich von Geſellſchaft haben ſpraͤche, der Domherr die Unwahrheit leicht erfahren und daher jenen Vorwand fuͤr leere Ausflucht anneh⸗ men koͤnne, da ich aber die Geſellſchaft erwar⸗ ten ließ, ſo muͤſſe der Domherr, wenn er auch 7* 100 3 ſpaͤter erfuͤhre, daß niemand hier war, immer noch glauben, die Geſellſchaft ſey durch irgend einen Zufall ausgeblieben. Recht gut, recht gut, entgegnete der Graf, und oͤffnete die Thuͤr, um mit mir in den Spei⸗ ſeſal zu gehen. Ich wollte ihm natuͤrlich den Vortritt laſſen; er erklaͤrte aber, daß ich heute ſein Gaſt ſey, und ich ging nun, ohne umſtaͤnd⸗ liche Weigerung voran. Vor den Domeſtiken, deren hier fuͤnf oder ſechs waren, nahm er ſich gegen mich, als haͤtte er einen jungen Mann ſei⸗ nes Standes bei ſich; wir ſprachen und lachten, doch gab ich immer moͤglich Acht auf mich, um nicht aus dem Takte zu fallen; ich war zwar un⸗ befangen, ſo viel ich es ſeyn konnte, indeſſen ich vergaß nicht, daß der Graf mein kuͤnftiger Prin⸗ zipal war. 41. Das dritte Gedecke gehoͤrte gewiß irgend ei⸗ nem Stallknecht oder aͤhnlichen Dienſtneuling, dem der Graf auf ſeine Weiſe die noͤthigen Sit⸗ ten beibringen wollte, und mich verlangte ſchon zu wiſſen, wie mein Tiſchgeſpraͤch mit den Domeſtiknovizen ablaufen werde, als die Sal⸗ —,„ ee thuͤr aufging und mein weißer Engel aus der Schneeballparthie eintrat. Das Maͤdchen war hoͤchſtens ſechszehn Jahre alt; das Haar ſchwarz, das große ſeelenvolle Auge kornblumenblau; Bruſt und Hals glaͤnzten lilienweiß, und auf den Wangen bluͤhten die fri⸗ ſcheſten Dijonroͤschen; ſo kam es, mehr tanzend als gehend, herein, kuͤßte dem Grafen die Hand, und verbeugte ſich gegen mich mit reizvoller An⸗ muth. Demoiſelle Dumesnil, ſagte der Graf, die Kleine mir vorſtellend, und fragte ſie, indem er ihr das dunkelblaue Auge kuͤßte, daß mir das Waſſer im Munde zuſammenlief, franzoͤſiſch, wie ſie geſchlafen und ob ſie ſich ſchon ein wenig umgeſehen habe. Alſo auch eine Novize hier! Aber ſtellte ſie Tochter, Muͤndel, Verwandte oder Freundinn vor? Erſteres konnte ſie nicht ſeyn, denn Herr Heftlinger hatte geſagt, der Graf habe außer ſei⸗ nem Sohn in Italien, weder Kind noch Kegel, und dann haͤtte ſie ja auch nicht Dumesnil heißen koͤnnen. Dumesnil! Dumesnil! ſo hieß ja die beruͤhmte Schauſpielerin in Paris, die vor unge⸗ faͤhr zwoͤlf, funfzehn Jahren, in ihrem 91ſten 102 Jahre ſtarb, und von der ich erſt vor Kurzem einen Band Memoiren geleſen hatte. Franzoͤſin war das Kind, das gab die Gelaͤufigkeit ihres Plappermaͤulchens, das Wohltoͤnende ihrer Aus⸗ ſprache und ihre ganze ungebundene und doch ſo unbeſchreiblich anmuthige Fl attermanier. Ich war naiv genug, zu fragen, ob ſie mit jener Fa⸗ milie verwandt ſey, und wie verklaͤrt rief ſie aus: Kannten Sie meine alte Urgroßmutter? die iſt alt geworden! zwei Jahre vor meiner Geburt iſt ſie geſtorben; ich ſoll ihr gleichen; finden Sie das? 42. Die Antwort auf die komiſche Frage mußte ich ihr ſchuldig bleiben, denn der Graf, der jetzt ſeinen Bedientenpoſten bereits angetreten, und, ſeit die Suppenterrine aufgetragen worden war, 1 alle Viertelminuten an der Thuͤr gehorcht hatte, um zu ſehen, ob ſein gnädigſter Pſeudo⸗ Gebieter nicht bald komme, riß jetzt haſtig beide Fluͤgel auf und der Lackay⸗Schuͤler trat in ſeiner Pa⸗ rade⸗Livree, wie ein großer Herr, herein. Wir ſetzten uns ſogleich, und der Graf faßte, den Teller unter dem Arm, hinter Wenzel, Poſto. — Es iſt nicht moͤglich, eine komiſchere Situa⸗ tion ſich zu denken. So etwas von Anſtand und Feinheit, von Aufpaſſen und Genauigkeit im Serviren, war mir, ſelbſt in der Phantaſie noch nicht vorgekommen. Der Graf hatte Wenzels Geſicht, in dem gegenuͤber befindlichen Spiegel, und Wenzels Gedeck, beſtaͤndig im Auge; er griff keinen Teller mit der bloßen Hand an, ſon⸗ dern alles mit der Serviette; Wenzel durfte ſich nur ruͤhren, ſo flog der Graf gleich heran und ſah nach, wo es fehlte, und das alles ging ſo geraͤuſchlos vor ſich, daß man von ihm und von ſaͤmmtlichen ſechs, hinter unſern Stuͤhlen beſchaͤf⸗ tigten, dieſe Marterſchule bereits paſſirten Be⸗ dienten, keinen Tritt, kein Tellerklappern oder dergleichen ſtoͤrendes, bei Tiſche oft unertraͤgliches Naſaunen vernahm. Wenzel kuͤmmerte ſich wenig um die Excellenz; er wußte, daß er heute zum letzten Male den Herrn ſpielte, daß er fordern konnte, was er wollte, und daß er den Grafen boͤſe machte, wenn er es ſich nicht ordentlich ſchmecken ließ; einen Monat bereits an ſeine Rolle gewoͤhnt, verlangte er die ſchwerſten Weine, und aß, als ob er morgen haͤngen ſolle. An meiner Unterhaltung mit Demoiſelle Dumesnil nahm er 104 keinen Theil, weil er keine Sylbe franoͤſiſch ver⸗ ſtand; blos mit mir ſprach er zuweilen von hoͤchſt gleichgiltigen Dingen, hielt ſich jedoch immer nicht ſehr lange bei unſerer Unterhaltung auf, um zu ſeinem ihm viel wichtigeren Geſchaͤft, zum Eſſen, die edle Zrit nicht zu verlieren. 43. Deſto lebendiger war meine Unterhaltung mit der kleinen Klotilde; ich hatte mir eingebildet, ein recht gewandtes franzoͤſiſch ſprechen zu koͤnnen, aber alle Augenblicke verbeſſerte ſie, bald meine Ausſprache, bald an der Wahl meiner Aus⸗ druͤcke, an der Wortfuͤgung und dergl.; ſie machte das nicht im hofmeiſternden Tone ab, und noch weniger lachte ſie dazu, ſondern ſie ſprach unge⸗ faͤhr in der freundlichen Weiſe daruͤber, wie man mit einem kleinen Kinde ſpricht, das gern plau⸗ dern will, und ſich mit der Redekunſt noch nicht recht befaſſen kann; aber wenn ſie ſelbſt in das Schwatzen kam, und dem gelaͤufigen Zuͤngelchen den Zuͤgel ſchießen ließ, ſo mußte ich mit der an⸗ geſtrengteſten Aufmerkſamkeit aufpaſſen, und dennoch ging mir immer ein Drittel von dem, was ſie ſprach, verloren. War es die Richtig⸗ tigkeit, die Beſtimmtheit, die Nettigkeit, mit der ſie ihre feinen Bemerkungen, ihre Witzſpiele, ihre Scherze hinwarf, oder waren es die friſchen Lippen, die blendend weißen, kleinen Zaͤhne, das unbeſchreiblich ſuͤße Laͤcheln des ſehr ſchoͤn ge⸗ ſchnittenen Roſenmuͤndchens, der Wohllaut ihrer Silberſtimme, und das lebendige Zuſpiel der be⸗ redten dunkelblauen Augen,— ich haͤtte bis tief in die Mitternacht hier ſitzen und ihr zuhoͤren moͤgen. Als der alte Herr, den ſie bei allem ungebundenen Plaudern doch immer im Auge behielt, einmal nach dem Buͤffet ging und uns den Ruͤcken kehrte, lispelte ſie mir raſch zu: eſſen Sie mehr, ſonſt wird er boͤſe. Gott, wenn man dem guten Mann damit einen Gefallen thun kann, dachte ich, ſo ſoll es mir nicht ſchwer fallen, mir ſein Wohlwollen zu gewinnen, und ich aß nun mit Wenzel um die Wette; auch Plaudermaͤulchen, die niedliche Klo⸗ tilde langte zu, als wolle ſie ſich in des alten Herrn Gunſt eineſſen und ſo machten wir von nun an alle Schuͤſſeln leer, daß man haͤtte glau⸗ ben ſollen, es ſaͤße eine recht ausgehungerte Ein⸗ quartierung am Tiſche. Aber das iſt wahr, der 106 Graf ſah jetzt viel freundlicher, weit heiterer aus, als vorher. Der erhaltenen Order gemaͤß, wollte ich Wen⸗ zeln wacker einſchenken, allein der brave Menſch ließ mich dazu nicht kommen; er beſorgte dieß Geſchaͤft ſelbſt, und zwar mit einer Aufmerkſam⸗ keit, die mich in Staunen ſetzte, denn alle Au⸗ genblicke gab er dem Grafen eine leere Flaſche üͤber die Achſel zuruͤck. Vermuthlich hatte der gute Wenzel in Abſicht meiner einen aͤhnlichen Auftrag bekommen, denn er noͤthigte entſetzlich, friſchte immer an, meinte, daß ich mit ihm glei⸗ chen Stang ziehen, d. h. ſo viel trinken muͤſſe, als er und hatte dergleichen niedliche Spaͤßchen mehr; auch Klotilde ſchien es darauf anlegen zu wollen, mir einen Haarbeutel einzubinden, denn ſie ſchenkte mir jetzt einen koͤſtlichen Burgunder ſelbſt ein, und als ich das zweite Glas dieſes Feuerweins verbat, legte ſie in die Frage, ob ich denn ihrem Landsmann, dem Romante hier, gar keinen Geſchmack abgewinnen koͤnne, eine ſo ſtillſchweigende Aufforderung, mir, aus blo⸗ ßer Achtung vor der Landsmannſchaft, einen Habemus zu trinken, daß ich nun ſchon nicht umhin konnte, der reizenden Hebe Glas und —,—, bder» 2 4 z 4 4———, e — Kopf Preis zu geben. Bei dieſer Gelegenheit er⸗ fuhr ich zugleich, daß Klotilde eine Burgunderinn war. Bekannt mit der Urgeſchichte ihres vater⸗ laͤndiſchen Departements, erwaͤhnte ſie mit einer Art von Stolz, in dem aber eigentlich die feinſte Artigkeit fuͤr uns Alle hier liegen ſollte, daß ſie, wie ſaͤmmtliche Burgunder, urſpruͤnglich von je⸗ nen Deutſchen abſtamme, die in der heutigen Neumark und dem ſuͤdlichen Theile von Weſt⸗ preußen, zwiſchen der Oder und Weichſel gewohnt haͤtten, und daß ſie daher ſich noch halb und halb zu den Deutſchen zaͤhle. Ich entgegnete ihr zwar, daß das keine Deut⸗ ſche, ſondern Vandalen geweſen waͤren, die, von der damaligen deutſchen Gewohnheit ganz abwei⸗ chend, in Burgen gewohnt, mit andern germa⸗ niſchen Voͤlkern aber im fuͤnften Jahrhunderte in Gallien eingefallen, ſich im jetzigen Burgund nie⸗ dergelaſſen, und von gedachten Burgen, dem Lande wahrſcheinlich den noch heute geltenden Namen Burgund gegeben haͤtten; allein ſie ließ ſich, aͤcht franzoͤſiſch, auf dergleichen gelehrte Spitzfindigkeiten, wie ſie meine Auseinanderſe⸗ tzung nannte, nicht ein, meinte, Deutſche und Vandalen waͤren einerlei, und in ihrem Lande 108 muͤſſe man beſſer wiſſen, wo man hergekommen ſey als hier, und ſchloß mit der Bemerkung, daß ſie, fuͤr die Zukunft beſtimmt, hier zu leben, deutſch lernen muͤſſe, daß ſie dazu ſehr große Luſt habe, daß ſie, als eigentlich deutſcher Abkoͤmm⸗ ling, glaube, damit bald fertig zu werden, und daß ich ihr darin den erforderlichen Unterricht ge⸗ ben ſolle. Sie fing gleich ihre Lektion an, und ich mußte ihr Brot, Salz und Hecht deutſch nen⸗ nen; allein an ihrem Brutt, Saahls und Echt, merkte man, daß ſie von ihren Stamm⸗Eltern, den Vandalen, keine deutſche Zunge geerbt hatte, denn ſie zerquaͤlte ſich zwar moͤglichſt, und gab ſich alle erſinnliche Muͤhe, aber, und wenn ſie auch, um das o in Brot herauszubringen, den kleinen Purpurmund bis zu einem foͤrmlichen Karpfenſchnaͤutzchen verunſtaltete, der hervorge⸗ brachte Laut klang immer wie Brutt. Das Salz, ungeachtet ich es ihr zehnmahl vorſagte, dehnte ſich ellenlang und mit dem armen Hechte konnte ſie platterdings nicht fertig werden. Sie machte, uͤber ſich ſelbſt lachend, ein wunderhuͤbſches Fitz⸗ naͤschen, hauchte dann aus der vollen Bruſt her⸗ aus, als wolle ſie eine Windmuͤhle in Bewegung ſetzen, und immer kam Echt, ſtatt Hecht heraus. Wenzel knuͤpfte ſich einen Knoten in die Serviette, und biß darauf, weil er vor Lachen ſich faſt nicht laͤnger zu halten vermochte; Klotilde aber, wieder aͤcht franzoͤſiſch, war ſehr zufrieden mit ſich, und meinte, daß ſie recht viel Anlage zu der Sprache habe, daß letztere zwar etwas ſchwer zu ſeyn ſcheine, daß ſie aber binnen ſechs Monaten ſich Jedem hier vollkommen verſtaͤndlich machen wolle. 43. Nach aufgehobener Tafel trat der Graf wie⸗ der in die Rolle des Herrn und nun ging Wen⸗ zels Probemarſch an. Wir ſpazirten, der Graf die zarte Klotilde am Arm, bis an das Ende des Gartens; Wenzel, ein bis an den Rand gefuͤll⸗ tes Glas Waſſer auf einem glatten Porzellain⸗ teller in der Hand, hinter uns drein. Er uͤber⸗ ſtand ſein Meiſterſtuͤck gluͤcklich, kein Tropfen war uͤbergelaufen, und der Graf trank in dem Waſſer Wenzels Geſundheit, ſchenkte ihm einen Doppel⸗Louisd'or, ernannte ihn auf der Stelle zu ſeinem Lackay, und uͤbertrug ihm zugleich die kuͤnftige Aufwartung bei meiner werthen Perſon. Als wir in das Schloß zuruͤckkamen, ſtanden 110 in dem einen Zimmer zwei koͤſtliche Fluͤgel, ein Wiener von Katholnik, und ein Pariſer von Erard, dicht neben einander, und der Graf er⸗ ſuchte Klotilden und mich, ihm etwas vorzuſpie⸗ len. Letztere holte aus dem vorfindlichen Muſi⸗ kalienvorrathe eine der ſchwerſten Doppelſonaten von Duſſek heraus, erzaͤhlte, waͤhrend wir uns ſetzten, und ich einige leiſe Anfaͤlle von Manſchet⸗ tenfieber in mir verſpuͤrte, daß der Komponiſt, ein geborner Boͤhme, mehrere Jahre in Berlin, im Hauſe des Prinzen Ludwig von Preußen ge⸗ lebt, dann beim Fuͤrſten Iſenburg als Kapell⸗ meiſter geſtanden, und zuletzt in Paris, wo ſie von ihm noch als Kind den erſten Unterricht ge⸗ noſſen, die kleine Kapelle des Fuͤrſten von Be⸗ nevent geleitet habe, und that jetzt auf ihrem volltoͤnigen Inſtrumente ein Paar Griffe, die durch Leichtigkeit und Geſchmack die gelehrige Schuͤlerin des großen Meiſters ſattſam verriethen. Zum Gluͤck war mir die Sonate, die unter⸗ richtete Klavierſpieler juſt nicht zu den Anfangs⸗ aufgaben rechnen werden, nicht ganz fremd; ich faßte Muth, und die Sache ging viel beſſer als ich dachte; die Kleine rief, wenn ich eine recht ſchwierige Paſſage ohne Anſtoß durchfuͤhrte, mir +X₰+ ð☛½—ᷓ—4 2 111 ein aufmunterndes Bravo uͤber das andere zu, und ich gewann, durch ihren gemuͤthvollen Vor⸗ trag noch mehr befeuert, es uͤber mich, nicht allein fertig, ſondern auch ihr moͤglich gleich, mit Geiſt und Seele zu ſpielen. Der Graf, der, wahrſcheinlich um meine anfaͤngliche Verlegenheit zu mindern, bis jetzt hinter uns im Fenſter ſtand, trat naͤher, ſtellte ſich uns gegenuͤber, und in ſeinem immer freundlicher werdenden Geſichte war deutlich zu leſen, daß ihm die Sache nicht uͤbel gefalle. Die Bruſt ward mir jetzt freier und ich nahm mir das Herz, die Eilige, die mit ihrem Burgunderblute immer raſcher und raſcher fortſtuͤrmte, und der ich bis dahin aus bloͤder Artigkeit fuͤgſam nachgegeben hatte, im Takte feſt zu halten; der Graf, der Muſikkenner ſeyn mußte, merkte dieß bald, und nickte mir beifaͤllig zu, und als wir geendet hatten, beehrte er uns Beide mit dem lauteſten Beifall; Klotilde aber klatſchte in die kleinen Haͤnde, und verſicherte dem Grafen, daß ihr hier nun die Zeit nicht mehr werde lang werden. 45. Du ſingſt ja auch, ſagte der alte Herr, und mich uͤberfiel eine neue Angſt, denn das holde Kind kramte von Neuem unter den No⸗ ten, und brachte das Duett aus dem zweiten Akt der Veſtalin zum Vorſchein. Der Zufall wollte mir wohl, ich hatte das Duett mehr denn fuͤnfzigmal geſungen, und konnte es daher ſo gut als auswendig; um mir aber bei meinen Leutchen, die mich fuͤr das erſte Mal denn doch auch faſt ein wenig zu ſehr in das Gebet nahmen, den noͤthigen Re⸗ ſpect zu verſchaffen, entgegnete ich auf Klotil⸗ dens Frage, ob ich dieß Duett kenne, mit ſcheinbarer Befangenheit, daß ich es wohl eini⸗ gemal in der Oper gehoͤrt, es aber ſelbſt noch nicht geſungen habe. Da geht es auch nicht, erwiederte Klotilde, und wollte andere leichtere Singſachen von Martin, Mehul oder Iſouard ſuchen; indeſſen der Graf meinte, es komme auf einen Verſuch an, wir koͤnnten ja immer aufhoͤren, wenn wir umwuͤrfen, und ſo ſetzte ich mich an das Klavier, und wir begannen. Was hatte das Maͤdchen fuͤr eine wunderherr⸗ herrliche glockenreine Bruſtſtimme! was fuͤr eine himmliſche Manier im Geſange! was fuͤr eine Kraft und welchen umfang! Der alte Graf verlor alle Haltung; er ſtaunte ſie minutenlang an, und nahm ſie, mitten im Duett, als ſie in die ſuͤßeſten Floͤtentoͤne ihre ganze Seele aus⸗ hauchte, beim Kopf, und kuͤßte ſie im Uebermaaß ſeines Entzuͤckens vor meinen Augen ſo herzhaft ab, daß mir alle Laute in der Kehle erſtarben, Fortgeriſſen vom Zauber dieſes Engelweſens, that auch ich, was ich vermochte, und ſo konnte ich, als wir fertig waren, und der Graf mir ſeine Verwunderung daruͤber zu erkennen gab, daß ich ein ſo ſchweres Duett a prima vista ſo wacker ſaͤnge, mit aller Ehrlichkeit betheuren, daß ich in meinem Leben nie ſo geſungen habe, daß aber meine heutige Leiſtung rein das Werk der Begeiſterung ſey, in die Klotildens mir gewiß ewig unvergeßlicher Seraph⸗Geſang mich ver⸗ ſetzt habe. Klotilde ſah mich ganz ſonderbar von der Seite an, als ob ſie ſagen wollte, daß ich da in Gegenwart des alten Herrn wohl ein wenig zu viel ſage; dieſer aber ging, hoͤchlich zufrieden und vergnuͤgt, in das Nebenzimmer, und ſchien 8. 114 etwas holen zu wollen; wahrſcheinlich ein Vio⸗ linconzert, ſammt Geige, denn es war ja ein⸗ mal Doctorexamen. 46. Klotilde ſuchte unterdeſſen wieder in den Singſachen, trudelte den Anfang der hervorge⸗ holten Piecen und legte ſie dann immer wieder weg, vermuthlich weil ſie ihr nicht gefielen, oder zu leicht waren. Zufaͤllig ſtieß ſie, in den viel⸗ faͤltig angefangenen Texten, auf das Wort aimer, und fragte, wie das auf deutſch heiße; ſie wie⸗ derholte die ihr gegebene Ueberſetzung mehrere Male, und meinte, daß das Wort im Deut⸗ ſchen viel zarter, weicher klinge, als im Franzoͤ⸗ ſiſchen; ich mußte ihr das Praͤſens vorconjugiren, und ſie ſprach es gelehrig nach, nur hing ſie, ich mochte predigen, ſo viel ich wollte, das n allemal hinten an, und meinte, es klaͤnge ihr ſo beſſer. Ich lieben, wiederholte ſie vor ſich, und laͤchelte uͤber den Wohllaut dieſes Wortes: Du lieben, fuhr ſie fort, und ſetzte mit einem ſonderbaren Seitenblick auf mich hinzu, Er lieben. Sie fing wieder von vorn an: Ich lieben, und ſagte dieß ſo ungefaͤhr in der Manier, als wenn ein deutſches Maͤdchen recht herzlich ſagen wuͤrde, ich bin Dir gut. Das Er lieben aber ſprach ſie jetzt aus, als haͤtte ſie das Feuer geſehen, das mir in der Bruſt loderte und uͤber dem Kopfe zuſam⸗ men zu ſchlagen drohte; waͤren mir nicht der Ort, der Graf und der Schneider eingefallen, ich haͤtte mich zu Klotildens Fuͤßen geworfen, und ihr die Gluth der Leidenſchaft geſtanden, in der vom erſten Augenblicke, da ich das Maͤdchen ſah, mein Herz faſt verſchmolz Mich vergeſſend zog ich ihre kleine Hand an meine bebenden Lippen, lispelte leiſe, ihren Sprachfehler verbeſſernd, Er liebt und mußte von ihr wenigſtens halb verſtan⸗ den worden ſeyn, denn das Maͤdchen ergluͤhte in holder Verwirrung, und ihre Minneſterne warfen mir einen in himmelreiner Azurblaͤue ſreundlich aufflammenden Blick zu, in welchem ich, als ihm der meinige begegnete, faſt das ſuͤße Wort, wir lieben, zu leſen vermeinte. 47. Der Graf trat ein. Zum Gluͤck hatte er die Augen auf ein Pa⸗ pier, das er in der Hand hielt, gerichtet, ſonſt haͤtte er ſehen muͤſſen, wie heftig ich erſchrocken 8* war; ich phantaſirte mit der Rechten— denn in der Linken hatte ja eben ihre Lilienhand ge⸗ ruht, mit dieſer haͤtte ich jetzt um keinen Preis etwas anruͤhren koͤnnen— auf meinem Kathol⸗ nik herum; ſie fingerte auch ein bischen verlegen auf ihrem Erard, faßte ſich jedoch— wie in der Regel die Maͤdchen und Frauen in ſolchen Faͤllen faſt immer— weit ſchneller, lief dem Grafen entgegen, und plapperte wie ein Staarmaͤtzchen ihre eben erlernten Herrlichkeiten: ich lieben, du lieben, er lieben, ihm lachend vor; dieſer aber wendete ſich zu mir, und ſagte mit ſehr verbindli⸗ chen Wendungen, daß er hoffe, in mir den Mann gefunden zu haben, den er ſuche; daß ich, außer dem Schreibe⸗ und Kaſſengeſchaͤft, was er mir hier⸗ mit uͤbertrage, ihn verpflichten wuͤrde, wenn ich taͤg⸗ lich mit Klotilden einige Muſikuͤbungen halte, und ihr in der deutſchen Sprache gruͤndlichen Unterricht ertheile, und daß er mir dagegen fuͤr dieſen vier⸗ fachen Poſten, außer voͤllig freier Station, einem Bedienten und zwei Reitpferden, tauſend Tha⸗ lex faͤhrlich beſtimme. Er gab mir hieruͤber eine ſchriftliche Zuſicherung, haͤndigte mir zugleich ein Paar Zeilen an Herrn Knipps ein, in welchen er dieſen erſuchte, mich in acht Tagen meiner 3 4 * ———— 2.— 117 Stelle zu entlaſſen, und bemerkte daß der Wa⸗ gen bereit ſtehe, um mich nach Kaͤferlingen zu⸗ ruͤckzubringen. Menſchen, denen es immer gut gegangen iſt, und die daher von dem druͤckendſten Peini⸗ ger, von der Nahrungſorge nichts wiſſen, koͤn⸗ nen die Freude nicht ermeſſen, die mich bei die⸗ ſer wahrhaft hochgraͤflichen Eroͤffnung uͤberſtroͤmte. Ich hatte fuͤr das Gefuͤhl meines Dankes keine Worte; ich kuͤßte dem alten Herrn, wie das Kind dem Vater, die Hand, und wiederholte ihm das Geloͤbniß der Dauer meiner Dienſttreue, bis an mein Lebensende, und an dem froͤhlichen theilnehmenden Geſichtchen, was Klotilde mach⸗ te, als ſie vom Grafen hoͤrte, daß mein Hier⸗ bleiben nun feſt begruͤndet ſey, konnte ich ab⸗ nehmen, daß ihr letzteres nicht unlieb war. Der Graf und Klotilde begleiteten mich bis zum Wagen, und im Einſteigen druͤckte mir er⸗ ſterer, mit den heimlichen Worten: zur erſten Einrichtung, zehn Ducaten in die Hand. Vier raſche Rappen zogen an, und im geſtreckten Trabe flog ich in meinem zuruͤckgeſchlagenen niedlichen Wagen, meinen neu⸗gebackenen Lackay Wenzel vor mir auf dem Bocke, zum Hofe hinaus. 48. Kein Prinz der Erde konnte in dieſem Au⸗ genblicke gluͤcklicher ſeyn, als ich. Vor wenigen Stunden noch der preßhafteſte Maͤrtyrer einer unerſchwinglichen Schneiderrechnung„ und jetzt ein Kroͤſus; auf meinem Hergange rings um mich nichts als Hoffnungloſigkeit und Ver⸗ zweiflung, und nun, eine lachende Zukunft vor mir, in deren fernen Hintergrunde meine fre⸗ velnde Phantaſie gern ſchon die reizende Klotilde ſtellte. Sah ich recht, ſo brachte mir das kaum erkennbare Nebelbild der Angebeteten, die Blu⸗ menkrone meines Lebensgluͤckes dar. Aber ſo, ſo iſt der Menſch! Das Gluͤck reicht ihm kaum den Finger, ſo will er gleich die ganze Hand; noch kenne ich im unerſaͤttlichen Geſchlechte kei⸗ nen, den Fortuna ganz zufrieden geſtellt haͤtte. Miein Poſten war mir jetzt faſt Nebenſache; Klotilde beſchaͤftigte mein Herz mehr, als Alles. Wer ſie eigentlich ſey, wie ſie hieher kam„ was ſie hier zu thun habe, was ging das Alles mich an! Sie war engelſchoͤn, wohl unterrichtet, froͤhlichen Sinnes, herzensgut, und mir nicht gram; mehr brauchte ich nicht zu wiſſen. Der 119 alte Herr hatte einen weißen Kopf und ich war vier und zwanzig Jahre alt; alſo ſah ich ſein freundliches Weſen zu dem zauberiſchen Maͤdchen, und deſſen kindliches Anſchmiegen an den alten Herrn, mit aller Ruhe an, und dachte, daß ſich das Uebrige ſchon von ſelbſt finden werde; meine einzige Beſorgniß, denn ganz ungetruͤbt kann der Menſch keine Freude genießen, war jetzt nur, daß ich heute Abend zu ſpaͤt in Kaͤferlingen ein⸗ treffen und die Leute mich'daher in meiner praͤch⸗ tigen Equipage nicht mehr ſehen wuͤrden. Doch die vier Rappen hielten in ihrem Vogelfluge aus, und noch ſtand die Sonne am Himmel, als ich zu den Barrieren der guten Stadt Kaͤferlingen hineingeraſ't kam. Die vier ſchaumbedeckten ſtolzen Pferde lang geſpannt, das glaͤnzende Ge⸗ ſchirr, die reich gatonirte Livree des Kutſchers und meines Wenzels, das geſchmackvolle bliz⸗ zende Waͤgelchen— alle Fenſter flogen auf, alle Menſchen blieben auf der Straße ſtehen, und ſtarrten den jungen Herrn geheimen Secretair, der ſich ſelbſtgefaͤllig auf den Marokinkiſſen hin und her ſchaukeln ließ, mit offenem Munde an; hunderte zogen vor der Eleganz der Equipage, denn mich ſelbſt kannte keiner, ehrerbietig den 120 Hut.— Eine halbe Tonne Goldes haͤtte man mir fuͤr dieſen Augenblick bieten koͤnnen, ich haͤtte ſie fuͤr dieſen erſten Erſatz meiner bisherigen le⸗ benslaͤnglichen Entbehrung nicht genommen. Um das Maß meiner Genugthuung voll zu machen, lagen Herr und Madame Knipps ſammt dem geviertelten Gundelchen und deren Braͤutigam, als ich vor das Haus gebrauſ't kam, in den Fenſtern. Wenzel ſchoß wie ein Pfeil vom Bocke, oͤffnete mir die Wagenthuͤr, ſchlug die Tritte aus einander, war mir beim Ausſteigen behilf⸗ lich, und fragte ſehr laut und ehrerbietig, ob der Herr geheime Secretair noch etwas zu befehlen haͤtten. Ich trug ihm eben ſo laut und ver⸗ nehmlich blos auf, dem Herrn Grafen meinen Reſpect zu verſichern, und Demoiſelle Dumes⸗ nil mich beßtens zu empfehlen, druͤckte ihm und dem Kutſcher, jedem einen blanken Thaler in die Hand und ſchluͤpfte in die Thuͤr unſeres Hauſes. 49. Auf dem ganzen Ruͤckwege hatte ich mir ſchon ausgeſonnen, wie ich dem Herrn Knipps und der werthen Familie die Geſchichte meines —·—,— 121 n heutigen Gluͤcktages erzaͤhlen wollte; ich gedachte te dabei, mich ein bischen auf das große Pferd zu ⸗ ſetzen, und ſie fuͤhlen zu laſſen, daß ich zu etwas n beſſerem beſtimmt ſey, als wozu ſie mich hatten n, herabwuͤrdigen wollen. Auf der Treppe aber— m Gott weiß, wie das kam— fiel mir meiner ſe⸗ n, ligen frommen Mutter mir oft gelehrter ſanfter n Denkſpruch ein: im Ungluͤcke Stolz, im Gluͤcke e, Demuth. le Ich entſchuldigte mich zuvoͤrderſt bei Herrn f⸗ Knipps, daß ich, ohne ſeine Urlaubbewilligung er abzuwarten, heute fruͤh ausgegangen waͤre, und en ruͤckte dann mit der ſchriftlichen Amtszuſicherung r⸗ des Grafen Dingelheim ihm unter die Augen. en Freie Station? Tauſend Thaler, ſchrie er, ⸗ und las noch einmal: wer hat Sie empfohlen? nd wer hat ſie dahin recommandirt? habe zehn ge⸗ ie habt, die auf die Stelle lauerten; haben mir Gold üͤber Gold geboten! Wie ſind Sie da hinaus ge⸗ kommen? Herr, wiſſen Sie, daß Sie ſich in allen Ehren, auf der Stelle noch ihre zwei, drei⸗ tauſend Thaͤlerchen nebenbei machen koͤnnen? ir Wenn ich in allen Ehren ein Schurke ſeyn will, entgegnete ich, ganz ruhig: vielleicht; ich 2. 122 fuͤr meine Perſon bin mit dem, was mir der Graf giebt, vollkommen zufrieden. Komiſche, neumodiſche Anſichten, entgegnete Knipps laͤchelnd: wiſſen Sie nicht, wie Friedrich der Große einen Kriegs⸗Kommiſſair nannte, der in bitterer Armuth verſtarb, und deſſen Wittwe und Waiſen den Koͤnig um eine Penſion anſpra⸗ chen? Einen Eſel nannten ihn Se. Majeſtaͤt, den Alerhoͤchſtdieſelben an die Krippe gebunden, und der ſich nicht ſatt gefreſſen habe. Ein ſo albernes, ein ſo grauſames Witzwort hat der große Koͤnig nie geſagt; gewiſſenloſe Be⸗ amte haben ihm das zur Beſchoͤnigung ihrer Ehr⸗ loſigkeit nur in den Mund gelegt! erwiederte ich im bittern Groll uͤber die Schlechtigkeit des Gau⸗ nets, und eilte zu meinem Freund Stremler, und zu meinem ehrlichen Heftlinger, um ihnen mein Gluͤck zu verkuͤnden, denn dieſen beiden hatte ich ja doch die erſte Begruͤndung deſſelben zu danken. 50. 8 Der alte Schneidermeiſter betheuerte, daß, und wenn der Graf ihn ſelbſt zu ſeinem gehei⸗ men Secretair machte, er nicht mehr Freude ᷣ⏑ 8& 123 daruͤber haben könnte, als uͤber mein Gluͤck, nahm die Abſchlagzahlung, die ich ihm aus mei⸗ nem Ducaten⸗Vorrathe reichte, dankbarlich an, bat, mich mit Abtragung des Reſtes nicht zu uͤbereilen, und wiederholte, unter nochmaliger Hindeutung auf den jaͤhrlichen Vigogne⸗ Frack, mehr denn zehnmal das Geſuch, ihm die Kund⸗ ſchaft des hochgraͤflichen Hauſes nunmehr auch wieder zu verſchaffen⸗ Stremler aber nannte meinen Schritt einen dummen Streich. Die Großen, hob er, fuͤr meine Zukunft beſorgt theilnehmend an: ſind, wie der fromme Emir Hiob zu Damaskus ſchon vor 3000 Jahren geſagt hat, nicht immer die Weiſeſten; der Graf iſt ein jaͤhzorniger Menſch, voll unertraͤg⸗ licher Launen, keiner kann laͤnger als ein Paar Monate bei ihm aushalten; er bezahlt fuͤrſtlich, aber dafuͤr verlangt er auch tyranniſch; das Al⸗ ter hat ihn, wie man meint, in der letztern Zeit etwas mürber und ruhiger gemacht, allein ohne Ohrfeigen, ußtritte und Peitſchenhiebe iſt lbis jetzt noch keiner ſeiner Secretaire von ihm ge⸗. kommen. Einen Hauptpunkt zum baldigen Scheitern meines Gluͤcks fand Stremler in der kleinen friſch angekommenen Franzoͤſin. Er 124 ſteckte mir mit ſeiner Weltkenntniß, uͤber das Verhaͤltniß dieſes, uͤbrigens von ihm nicht ge⸗ kannten Maͤdchens zum Grafen, das gehoͤrige Licht auf, und bat mich um Gotteswillen, in meinem Benehmen gegen das Burgunder Kind auf meiner Hut zu ſeyn; in dieſem Punkte ſey der Graf ganz verdammt kitlich, und man er⸗ zaͤhle ſich ein Beiſpiel, daß dieſer vor einigen Jah⸗ ren einen meiner vielen Vorgaͤnger, der ſich in das Kabinet einer jungen, damals in den naͤm⸗ lichen Verhaͤltniſſen zu Buchenhayn lebenden Cir⸗ caſſerin verirrte, auf dem Flecke erſtochen, und nachher einen unſchuldigen Blutſturz vorgegeben habe, an dem der junge Menſch ploͤtzlich verſtor⸗ ben ſey. Der Graf traue keiner Seele, er halte ſich immer fuͤr hintergangen und betrogen, und darum ſey deſſen einzige und beſtaͤndige Liebling⸗ beſchaͤftigung, den Leuten aufzupaſſen, ſie auf die Probe zu ſtellen, und auf allen Schritten und Tritten zu bewachen. Durch beſondere Vor⸗ richtungen in ſeinem ganzen Schloſſe, koͤnne er unbemerkt in alle Zimmer ſehen und die darin gefuͤhrten leiſeſten Geſpraͤche hoͤren, und damit ihm nichts entgehe, habe er unter ſeiner Umge⸗ bung ein complettes Spionenſyſtem organiſirt. —„——— — 2 α2 d8¼ 125 Einer gebe auf den Andern Acht; Einer behorche und belauſche den Andern, und ſobald Einer ir⸗ gend etwas in ſeiner Art von Bedeutung bemerke, ſey er gehalten, dem Grafen unmittelbar ſofort Anzeige zu machen; darum erfahre und wiſſe der Graf die geringſte Kleinigkeit in ſeinem Hauſe und darum rathe er mir, da ich nun ein⸗ mal die Stelle angenommen habe, und jetzt nicht wohl zuruͤcktreten koͤnne, beſtaͤndige Aufmerkſam⸗ keit auf mich, beſonders in meinem Umgange mit dem Maͤdchen; ſo viel er den Grafen kenne, werde dieſer mich beſtimmt, beſonders im An⸗ fange, mit ſeiner Burgunderin viel allein laſſen, um ſie und mich zu pruͤfen; ich ſolle ja nicht glauben, daß ich da unbeobachtet ſey; denn alle Waͤnde haͤtten dort Ohren, in allen Thuͤren waͤ⸗ ren Ritzen oder kleine Loͤcher, und bei der aller⸗ erſten, an ſich noch ſo unſchuldigen Vertraulich⸗ keit, die zwiſchen uns beiden vorfiele, ſaͤhe er ſchon in Gedanken den Grafen, bei derlei Gele⸗ genheiten gewoͤhnlich mit einem ſtattlichen Och⸗ ſenziemer verſehen, aus einer vorher nie bemerk⸗ ten Tapetenthuͤr treten und dann unmenſchlich ſtrenges Gericht halten uͤber die Ertappten⸗ 51. In den Erwartungen von meinem neuen Wonneleben, durch Stremlers, des Weltkundi⸗ gen Anſichten, ſehr herabgeſtimmt, ſchlich ich nach Hauſe, und Gundelchen rief mich zum Abendbrot. Der unausſtehliche Herr Jaͤkel w 6 nicht da; wir ſpeiſ'ten ganz allein, aber wider Gewohnheit, vortrefflich, und Papa und Ma⸗ ma waren auch, wider Gewohnheit, gegen mich die Artigkeit, die Freundlichkeit ſelbſt. In der Liebe war ich zwar noch ſchrecklich unerfahren, aber, wenn ich in Gundelchens Augen ſah, las ich immer, ich moͤchte Dich viel lieber, als den neuen Viertelsmeiſter Jaͤkel. Haͤtte Gundelchen geſtern Abend mich ſo angeſehen, mit dem ver⸗ langenden, ſchmachtenden Blicke; ich glaube, ich waͤre vor Seligkeit unter den Tiſch gefloſſen. Heute aber,— meine kleine Diana mit den Burgunderroͤschen auf den Wangen und den Lilien auf Hals und Buſen, und den Kornblu⸗ men in den Augen; neben der hielt die Knipps⸗ gundel doch platterdings keinen Vergleich aus; die hundert tauſend Thaler klangen mir jetzt wie Blei; was war mir das viele Gold noͤthig, ich -„——,—& 4 127 hatte ja, was ich brauchte, ich hatte ja viel mehr, auch ohne einen rothen Kreuzer war mir meine niedliche Klotilde Dumesnil hunderttauſendmal lieber als Kunigunde Knipps. Nach aufgehobener Tafel entfernte ſich Gun⸗ del auf einen Wink der Mutter, und dieſe fing dann von weitem uͤber die Nothwendigkeit mei⸗ ner nunmehr baldigen Verheirathung, in ihrer Manier recht witzig an zu ſcherzen; auch der Va⸗ ter miſchte ſich in das Geſpraͤch, und meinte, daß er ein recht gutes Kind wiſſe, das nicht ganz blos ſey, und fuͤr mich, wie zur Frau geſchaf⸗ fen waͤre; das Maͤdchen ſey zwar mit einem An⸗ deren ſo gut wie verſprochen, indeſſen ihn koſte es nur ein Wort, und jene Parthie ſey annullirt. Das hieß denn mit andern Worten ſo viel, als Du haſt, wenn Du meinen guten Rath be⸗ folgſt, zehnmal mehr Einnahme, als Jaͤkel, folglich wollen wir Dir unſere Gundel lieber ge⸗ ben, als dieſem; ſprich ein Wort, und ſie iſt mit ihren dereinſtigen 100,000 Rthlr. dein. Ich ſprach aber das Wort nicht, denn das holde Kind aus dem Departement der Côte d'or ſtak mir im Kopfe, ſondern that, als ſaͤhe ich das Ganze nur fuͤr einen gewoͤhnlichen Scherz an, wich jeder naͤheren Erklaͤrung darauf aus, und meinte hin⸗ geworfener Weiſe, daß ich zum Heirathen noch viel zu jung ſey, daß ich aber, wenn mir je da⸗ zu die Luſt ankommen ſollte, mich hwegen dieß⸗ faͤlliger Vorſchlaͤge, an niemand Jar mehrerem Vertrauen wuͤrde wenden koͤnnen, als an Herrn und Madame Knipps, und zog auf dieſe Ma⸗ nier den Kopf aus der Schlinge, ohne ſie boͤſe zu machen, 52. Endlich waren die acht Tage verfloſſen; am neunten trampelten meine vier Rappen wieder vor der Thuͤr und in zwei kleinen Stunden dar⸗ auf ſtand ich vor dem Grafen. Klbotilde flog mir mit freundlicher Herzlichkeit entgegen, klagte, daß ſie ſchrecklich viel Langweile gehabt, wieder⸗ holte mir ihre Lection von Brutt, Saals und Echt, ſagte ihr ich lieben, du lieben, er lieben, eben noch ſo allerliebſt ſchlecht her, wie vor acht Tagen, uͤberraſchte mich mit einer Menge anderer deut⸗ ſcher Worte, die ſie unterdeſſen vom Grafen und ihrem Kammermaͤdchen ſich ſagen ließ, und brachte mir, da ſie vom alten Herrn gehoͤrt hatte, daß ich auch die Geige ſpiele, aus dem 129 Inſtrumenten⸗Schranke im Muſikzimmer eine vom alten beruͤhmten Straduarius. Doch der Graf meinte, daß ich jetzt wichti⸗ gere Dinge zu thun habe, und ſetzte bei dieſer Gelegenheit unſeren Tageplan feſt, nach welchem alle Abende drei Stunden zum Unterricht in der deutſchen Sprache und zu den Muſik⸗ und Sing⸗ uͤbungen beſtimmt waren. Wer die Ruhe ſeines Herzens lieb hat, ent⸗ halte ſich aller ſolcher Lehrverſuche, beſonders wenn ſie bei Maͤdchen gewagt werden, die ſo geiſt- und gemuͤthvoll, ſo lebendig und reizend ſind, als mein Burgunder⸗Roͤschen Klotilde. Anfaͤnglich ſchwebte mir immer vor der Seele, was der ehrliche Stremler mir von dem Spionir⸗ ſyſtem des Grafen, von den Ohren der Waͤnde, von den Loͤchern und Ritzen in den Thuͤren, von den Tapetenthuͤren und unmanirlichen Ochſenzie⸗ mern vorgeſchwatzt hatte; ich wollte mir erſt weiß machen, das Alles ſey nur ein Fruͤchtchen der, vorzuͤglich in Kaͤferlingen patentirten Klatſchſucht, wo man den Leuten manches nachſagte, was nicht wahr war; allein Stremler ſchien den Gra⸗ fen auf das Haar gekannt zu haben. Ich wie⸗ derholte mir des erſteren Aeußerungen Wort vor 9 Worrk, unz ſie trafen faſt buchſtaͤblich ein. Der alte Herr wußte die geringfuͤgigſte Kleinigkeit, die im Bereich ſeiner weitlaͤufigen Beſitzungen vor⸗ fiel, bis auf die unbedeutendſten Nebenumſtaͤnde, alſo mußte er Aufpaſſer, Zutraͤger haben. Ri⸗ tzen? ja, die waren in den Thuͤren hie und da bemerkbar, eigentliche Loͤcher gewahrte ich nicht; deſto beſtimmter vermuthete ich ſie aber jetzt an irgend einem ganz verborgenen Flecke. Tapeten⸗ thuͤren fanden ſich faſt in allen Zimmern, und aus jeder ſah ich gelegentlich im Geiſte den Gra⸗ fen, vor Eiferſucht ſchaͤumend, mit dem unziem⸗ lichen Ziemer hervortreten. Buchſtaͤblich traf auch ein, was Stremler in Bezug auf mein Allein⸗ laſſen mit Klotilden geſagt hatte. Wir ſaßen— wer beſchreibt die ſuͤße Marter— ſtundenlang allein, und— wenn es keine Wandohren und keine Gucklochthuͤren gab,— von aller Welt ungehoͤrt und ungeſehen, dicht neben einander, plauderten und ſpielten und ſangen zuſammen, und des zauberiſchen Maͤdchens ſchuldloſe Unbe⸗ fangenheit, ſeine, den Franzoͤſinnen ſonſt nicht immer eigene Gemuͤthlichkeit, ſein trauliches arg⸗ loſes Weſen— zehnmal hatte ich ſchon auf dem Punkte geſtanden, ihm zu Fuͤßen zu fallen, ihm 131 die Hoͤllenqual zu geſtehen, die mir dieſes auf⸗ gezwungene Entferntſeyn, dieſes Wollen und nicht Duͤrfen, dieſe ſchmerzliche Entſagung verurſache, und es zur Entſchaͤdigung fuͤr alle dieſe bittere Herzensleiden, wenigſtens um einen einzigen Kuß bitten wollen.— Aber die verwuͤnſchten Tape⸗ tenthuͤren!— Einen Kuß auf dieſe Purpur⸗ lippen, auf dieſes große, geiſtvolle Auge, auf dieſen zarten Lilienhals! Hundertmal ſchielte ich mit brennendem Verlangen auf die friſche Ju⸗ gendpracht dieſer vor mir entfalteten, dieſer mir ſo allein bluͤhenden Reize, und hundertmal mußte ich, vor innerem Jammer ſtill verblutend, den ſehnſuͤchtigen Seitenblick wieder auf den vor uns liegenden trockenen Adelung, oder auf die ſtum⸗ men Noten werfen⸗ Was mir aber der gute Stremler von des Grafen Verhaͤltniß zu Klotilden ſelbſt erzaͤhlt hatte, daran war, mit allem Reſpect vor Stremlers Anſichten, gewiß kein wahres Wort. Wer dieſes taubenfromme, himmelreine Kind nur ein einziges Mal ſah, der mußte auf deſ⸗ ſen unbefleckte Tugend einen leiblichen Eid ſchwoͤ⸗ ren koͤnnen. Auf den Wangen einer Laſter⸗ haften bluͤhte dieſer Karmin der friſcheſten Ge⸗ 9* ſundheit nimmermehr. In dem Blicke einer Schuldbewußten laͤchelte nie dieſe jungfraͤuliche Unſchuld, dieſe himmliſche Liebe. Nein, nein, Stremler hatte gewiß gelogen, oder wenn ſich das Maͤdchen verſtellen, in dem Grade ver⸗ ſtellen konnte, ſo war es das Kind des Teufels ſelber. 53. Nach und nach verlor ſich zwar die Furcht vor ungebetener Ueberraſchung, allein es trat etwas anderes, etwas Edleres zwiſchen uns, was mich hinderte, dieſem wahrhaften Engel von Maͤdchen mich ſo zu naͤhern, wie meine immer gluͤhender werdende Liebe wohl wuͤnſchte. Der Graf, der mir als halber Tyrann ge⸗ ſchilderte Graf,“hatte mir in den zwei, drei Monaten meines nunmehrigen Hierſeyns noch kein boͤſes Wort geſagt; er war mit meinen Arbeiten unausgeſetzt zufrieden, lobte mich un⸗ verdienter Weiſe uͤber die zum Erſtaunen ra⸗ ſchen Fortſchritte, die Klotilde in der deutſchen Sprache machte, ergoͤtzte ſich an unſern Muſik⸗ uͤbungen, und nahm ſich gegen mich uͤberall ſo freundlich, ſo theilnehmend und verſchwenderiſch »ͤͤ——., 8 eSe 133 guͤtig, daß ich ihn nicht wie meinen Prinzipal, ſondern wie meinen Vater liebte und ehrte. An Klotilden hing der alte Mann mit einer Innigkeit, die alle Beſchreibung uͤberſtieg. An irgend eine ſtraͤfliche Schattenſeite in dieſem Ver⸗ haͤltniſee war gar nicht zu denken. Es haͤtte gar keine Wahrheit in der Welt mehr ſeyn muͤſſen, wenn dieß offene, fromme, zartfuͤh⸗ lende Maͤdchen, und dieſer ſtrengrechtliche, ge⸗ wiſſenhafte, mit dem Silberhaar des Greiſes geſchmuͤckte Mann— nein, nein, das war gar nicht moͤglich. Seine Zaͤrtlichkeit gegen die zauberholde Kleine war nichts als reines Wohl⸗ wollen, ſein Errathen aller ihrer Wuͤnſche, und ſeine Haſt, ſie, wenn es nur irgend moͤglich war, alle zu erfuͤllen, nichts als die ihm ange⸗ borne Gutmuͤthigkeit, und ſeine, in jedem an⸗ dern Falle eben ſo lebendige Raſchheit und die Freudenthraͤnen, die ihm ſtill im Auge zitter⸗ ten, als ſie eines Morgens blendend ſchoͤn und roſig wie Aurora ſelbſt, zu ihm eintrat, und ihm zum erſten Male ein deutſches Morgenge⸗ bet, in ihrer unnennbar wohlklingenden Aus⸗ ſprache, mit tiefem Gefuͤhl und herzerhebender Andacht vorlas— ſollte ich dieſe Thraͤnen der 134 ſanfteſten Ruͤhrung fuͤr Zeugen eines ſchuldbe⸗ laſteten Verhaͤltniſſes anſehen? mußten ſie mir nicht vielmehr die ſicherſten Beweiſe von der Lauterkeit des Grafen geben? Nein, Stremler hatte Unrecht; er hatte ge⸗ wiß Unrecht. Aber band mich dieſes zarte Ver⸗ haͤltniß zwiſchen beiden, und meine kindliche Liebe zum alten Manne nicht viel mehr, als fruͤher die Furcht vor ihm? Mußte ich nicht im Voraus ſehen, daß wenn der Graf meine Neigung zu Klotilden nur im Entfernteſten merkte, der ſtille gluͤckliche Frieden unſers Hau⸗ ſes mit einem Male zerſtoͤrt war? und durfte ich denn, wenn ich nicht gegen mich, gegen den Grafen und gegen Klotilden wie ein Ra⸗ ſender handeln wollte, meine Neigung zu dem holden Weſen, im heimlich gequaͤlten Herzen bleibenden Raum gewinnen laſſen, ohne Klo⸗ tildens Herkunft, Lage und hieſige Stellung ganz genau zu kennen? wie und weßhalb Klo⸗ tilde hergekommen war, wußte kein Menſch. Saͤmmtliche Leute im Hauſe hatten einen ſo eigenen Tackt, daß man fuͤhlte eine Unſchick⸗ lichkeit begangen zu haben, wenn man ſich um Dinge bekuͤmmerte, die einem nichts angingen. 135 Kurz das Maͤdchen war da, und weiter wußte keiner eine Sylbe zu ſagen. Sie ſelbſt wußte eigentlich eben ſo wenig. Sie war in Dijon geboren, hatte ihren Vater, einen wohlhabenden Privatmann, in ihrer fruͤ⸗ heſten Kindheit eingebuͤßt, und war, nach dem kuͤrzlich erfolgten Tode ihrer Mutter, mit der ſie die letzte Zeit in Paris lebte, von ihren Verwandten hieher nach Buchenhayn ſpedirt worden. Warum gerade nach Buchenhayn, war ihr eben ſo unbekannt, als mir; ſie hatte den Grafen einmal daruͤber ſelbſt ausholen wollen, allein ſtatt einer aufklaͤrenden Antwort hatte er ſie laͤchelnd gefragt: ob es ihr hier nicht gefalle? und damit war das Geſpraͤch abgebrochen ge⸗ weſen. Ich hatte im Stillen ſchon meinen guten Herrn Grafen wegen eines kleinen Jugendver⸗ ſehens im Verdacht; allein Klotildens Mutter war, wie ich das Maͤdchen gelegentlich und ohne die Abſicht meines Nachforſchens merken zu laſſen, aushorchte, nie aus Frankreich gekom⸗ men, und der Graf, wie ich aus ſeinem Munde wußte, ſeit vier und zwanzig Jahren in Frank⸗ reich nicht geweſen, folglich entkraͤftete dieß mei⸗ nen Verdacht von dem Bezuge, in dem der Graf zum Maͤdchen ſtehen koͤnnte, gaͤnzlich. Deſto auffallender aber war mir Klotildens Aehnlichkeit mit der verſtorbenen Graͤfin. Ich war nur einmal erſt mit dem Grafen im Ah⸗ nenſale unſers Schloſſes geweſen; da ſchloß ihr Bild von Anton Graff aus Winterthur die Reihe der Altvordern des beruͤhmten Dingel⸗ heimiſchen Grafengeſchlechts. Der alte Herr ſchien damals von dem Gemaͤlde ſeiner voran⸗ gegangenen Gattin ſehr tief ergriffen zu ſeyn; er preßte die Thraͤnen, die ihm der Blick auf die milden Zuͤge der Verewigten in die Augen draͤngte, mit Gewalt zuruͤck, denn es ſoll ſich fuͤr Vornehme nicht ſchicken, in Gegenwart von Perſonen niedern Ranges, ſich ihren Gefuͤhlen Preis zu geben— und ich verweilte, um den Grafen davon ab und auf andere Gegenſtaͤnde zu bringen, nicht lange vor dem Bilde, weß⸗ . halb ich es damals eigentlich nur mit halbem Auge ſah. Geſtern aber mußte ich mit Wen⸗ zel in den Saal, um aus einem darin befind⸗ lichen alten großen Schranke, dem Grafen ei⸗ nen ganzen Stoß Familien⸗Acten zu holen. Da ſah ich mir das Bild zufaͤllig noch einmal an; das war die ganze Klotilde, wie ſie leibte und lebte; das ſchwarze Haar umfloß in der Rabenpracht von hundert ringelnden Locken den ſchneeweißen Hals und Nacken; in dem Spie⸗ gel des geiſtvollen Auges loderte das blaue Feuer der treuſten Liebe; zarte Frauenmilde laͤchelte in den Zuͤgen des Madonnengeſichtchens, und uͤber dem Wangengruͤbchen, in das ſich bei der Burgunderin der ſchalkhafteſte Muthwille gela⸗ gert. hatte, ſchwebte hier der Duft der verrathe⸗ nen Liebesſcham. Es war, als haͤtte Herr Anton Graff die ſchoͤne Frau am Brautmorgen gemalt, und ich dachte mir, ſtill verzuͤckt, daß Klotilde an ſolch einem Morgen in meinen Ar⸗ men accurat auch ſo ausſehen muͤſſe. Wenzel, der hinter mir geſtanden, und das Bild auch lange angeklotzt hatte, tippte mir, ganz außer ſich, auf die Achſel, und rief: aͤh⸗ nelt die hochſelige Frau nicht unſerm Tilſcher⸗ chen juſtement aufs Daus. Aus der engelgleichen Klotilde ein Tilſcher⸗ chen zu machen! Ich haͤtte mich uͤber die ver⸗ ruͤckte Idee aͤrgern koͤnnen, aber— in dieſem ſuͤßen Augenblicke— ich zerſetzte mir den rei⸗ zenden Traum des Brautmorgens in ſeine klein⸗ ſten Theile, und in dieſen ſtillen Minuten reifte, ohne daß ich es eigentlich ſelbſt wußte, der Keim auc meiner erſten Liebe. War Klotilde, wie ich neh jeßt beſtimmt glaubte, ein heimliches Kind der teſt Graͤfin, die Frucht verbotenen Umganges, ſo abe legte der Graf meiner Bitte, ſie mir als Gat⸗ dieſ tin zu geben, gewiß keine Schwierigkeiten in als den Weg. Me Wir brachten jetzt die Acten in das Zim⸗ ſen 1” mer des Grafen, und Wenzel, der ſeine Zunge immer unnoͤthiger Weiſe ſpaziren fuͤhrte, erzaͤhlte fuͤl auch hier mit einer Art von Triumph, daß er in da⸗ dem Bilde der hochſeligen Frau Graͤfin das ab ganze Tilſcherchen wiedergefunden haͤtte. Lit Dem Grafen zuckte ein ſchmerzlicher Krampf kel durch das ganze Geſicht, aber er zwang ſich zum ſen Laͤcheln und ſagte mit leicht hingeworfenem Scherz, dem man es jedoch anhoͤrte, daß er ſich mit Muͤhe aus der blutenden Bruſt heraufwand: Du biſt ein Narr. Mehr bedurfte es nicht, um Gewißheit uͤber li meine Vermuthung zu haben. Natuͤrlich mußte il es dem Manne von ſtrengem Ehrgefuͤhl entſetzlich 1 niederſchlagend ſeyn, den Fehltritt ſeiner Gattin b hier nach langen Jahren durch Klotildens Engels⸗ geſicht verrathen zu ſehen. Jetzt erklaͤrte ich mir auch des Grafen ſonderbare Weiſe in ſeinem Be⸗ nehmen gegen das Maͤdchen. Es war die zar⸗ teſte Liebe, mit der er das reizende Kind umfing, aber immer miſchte ſich eine Art Wehmuth in dieſe vaͤterlichen Liebkoſungen; immer war es, als wolle er ſagen, daß ſein Herz ihn zu dem Maͤdchen hinzoͤge, aber daß zwiſchen ihm und die⸗ ſem etwas ſey, was nicht ſeyn ſolle. Unwillkuͤhrlich ſtellte ſich dies ſonderbare Ge⸗ fuͤhl auch zwiſchen mich und Klotilden; ich liebte das Maͤdchen im Stillen, bis zum Wahnſinn, aber wenn ich das Geſtaͤndniß meiner gluͤhenden Liebe auf der Zunge hatte, ſchloß mir die Dun⸗ kelheit der Frage, wer das holde Kind eigentlich ſey, immer den Mund. 54. Je laͤnger wir beiſammen hier lebten, je trau⸗ licher ward unſer Verhaͤltniß; ſie ſah mich als ihren bruͤderlichen Freund an, ſie konnte ſchmol⸗ len, wenn ich, wegen anderer dringender Ar⸗ beiten, einen Abend unſere Muſikuͤbung aus⸗ ſetzte, und war ich einmal weniger heiter als 140 gewoͤhnlich, ſo fragte ſie mit ſolcher zarten Theil⸗ nahme, was mir fehle, daß ich oft im Begriffe, ſie in meine Arme zu ſchließen und ihre mir un⸗ beſchreiblich wohlthuende Frage mit nichts als Du! zu beantworten. Seit ſie der deutſchen Sprache maͤchtig war, ward ſie der Abgott unſers Hauſes und der gan⸗ zen Grafſchaft. Sie plauderte mit Jedem; ihr, mit verſchwenderiſcher Freigebigkeit vom Grafen beſtimmtes Taſchengeld, war gewoͤhnlich ſchon in der Mitte des Monats ausgegeben, denn den Armen und den Witwen und Waiſen theilte ſie mit vollen Haͤnden, was zur Erhaltung ihrer Garderobe ausgeſetzt war. Noch hatte ſie ſich in dem halben Jahre ihres Hierſeyns keine Steck⸗ nadel gekauft, und ihr Hauskleidchen war einfa⸗ cher, als das ihrer Zofe. Der Graf— wir ſaßen eben eines Nachmit⸗ tags in der ſchattigen Weinlaube, von der meh⸗ rere hundert reife Trauben uͤber uns herabhingen — ſprach uͤber den Reichthum der Natur, uͤber ihre Freigebigkeit, uͤber das ſchoͤne Beiſpiel, was ſie uns im Wohlthun gaͤbe, und wollte einem Wanderburſchen, der auf der Heerſtraße dicht am Garten vorbei ging, etwas geben, als er be⸗ 141 merkte, daß er kein Geld bei ſich habe; ich reichte dem Wanderer eine Kleinigkeit, und als dieſer ſich entfernt hatte, aͤußerte der Graf laͤchelnd ſein Befremden, daß Klotilde nicht auch ihr Boͤrschen oͤffnete. Ein Boͤrschen habe ich wohl, entgegnete Klo⸗ tilde halb ernſt, halb ſcherzend: aber kein Geld darin. Der Graf meinte, daß heute erſt der ſechs⸗ zehnte im Monat ſey, und fragte, wo ſie all ihr Taſchengeld laſſe; frage mich nicht, mein Vaͤ⸗ terchen, erwiederte ſie, verlegen bittend: was die Rechte thut, ſoll die Linke nicht wiſſen; in den Grenzen Deiner Beſitzungen ſind wir Alle Deine Kinder, und ich habe viel Bruͤder und Schwe⸗ ſtern, die mehr brauchen, als ich. Dem Grafen trieb die einfache Antwort des frommen Maͤdchens Thraͤnen in die Augen; ſeine verklaͤrte Gattin war auch ſo geweſen; alle Un⸗ terthanen der Grafſchaft nannten ſie noch heute ihren wohlthaͤtigen Engel. Ich will Dir ein Amt geben, Klotilde, ſagte er geruͤhrt: ein Amt, das ſeit dem Tode meiner Frau unbeſetzt geblieben iſt; Du ſollſt meine Almoſiniere ſeyn. Du gibſt, ich habe Dich im Stillen beobachtet, Wenigen reich⸗ lich, Vielen nichts; Du unterſtutzeſt Hilfbeduͤrf⸗ tige in ihren rechtmaͤßigen Zwecken; Du ſpendeſt zu viele Deiner Wohlthaten im Geheimen, um der, feinfuͤhlenden Seelen druͤckenden Empfindung des alle großen Dankes fuͤr kleine Gaben, zu entgehen; nen Du pruͤfſt die Beduͤrfigkeit und die Wuͤrdigkeit Ma des Bittenden, ehe Du Deine milde Hand auf⸗ ſtell thuſt; ſo iſt es recht; ſo machte es mein ſeliges er h Lottchen auch, und darum iſt ihr Andenken hier An unter meinen Unterthanen auch noch heilig und We in hohen Ehren. Err Er wiſchte ſich die Augen und gab mir den Eh⸗ Schluͤſſel zu ſeinem Zimmer, mit dem Auftrage, haͤt die Banknote zu holen, die ich auf dem Schreib⸗ die tiſche finden wuͤrde. Ku ein 1 Zu 55. m. Neben dieſer, ſie betrug 500 Rthlr. lag auh Fu eine fuͤr mich von gleichem und hoͤherem Werthe, Ge ein angefangenes Schreiben des alten Herrn an ſeinen Sohn in Italien. un Ich erblickte meinen Namen darin, und wenn ker es gleich ein altes Ehrengeſetz iſt, anderer Leute ſen Briefe nicht zu leſen, ſo konnte ich diesmal doch Ti uͤrf⸗ deſt der, des hen; gkeit auf⸗ iges hier und den age, reib⸗ auch rthe, an denn keute 143 nicht umhin, dieſe Zeilen in aller Geſchwindigkeit zu uͤberfliegen. Der Graf aͤußerte ſich in dem Schreiben, uͤber alle meine Erwartung, ganz unbedingt zu mei⸗ nem Vortheile. Er haͤtte, ſchrieb er, mich mehr Male hinſichtlich meiner Treue auf die Probe ge⸗ ſtellt, und ich waͤre immer untruͤglich beſtanden; er haͤtte meine Verſchwiegenheit, meine perſoͤnliche Anhaͤnglichkeit gepruͤft; er haͤtte meinen ſittlichen Wandel beobachtet, und uͤberall haͤtte ich ſeine Erwartung von meinem Pflichtgefuͤhl, meiner Ehrliebe und meiner Religioſitaͤt uͤbertroffen; ich haͤtte mir die Achtung der uͤbrigen Beamten und die Liebe der Unterthanen gewonnen, und was Klotilden betraͤfe, ſo waͤre unverkennbar, daß ein beſonderes Wohlwollen, eine auszeichnende Zuneigung— es ging in einem der Vorzim⸗ mer eine Thuͤr auf, ich erſchrak, griff nach der Fuͤnfhundertthaler⸗Note und eilte damit in den Garten hinab. Welche Gewalt mußte ich mir nicht anthun, um dem ſchlauen Manne, dem tiefen Menſchen⸗ kenner nicht zu verrathen, daß ich mich unterdeſ⸗ ſen ein bischen in meinem Spiegel beſah! Im Tiefſten meines Innern jauchzte die Freude des 144 geleſenen Lobes laut auf, und eben ſo regſam war der Aerger uͤber das verdammte Thuͤrenge⸗ knarre, das mich um das gebracht hatte, was von Klotilden im Briefe ſtand, und beide Ge⸗ fuͤhle durften ſich in meinen Zuͤgen nicht ahnen laſſen, denn lag mein Geſicht bei meinem Wie⸗ derkommen nur um ein Haar in andern Faͤlt⸗ chen, als bei meinem Weggehen, ſo merkte der alte Herr Unrath, und dann war mir ſein gan⸗ zes Vertrauen verloren. Klotilde floß dem Grafen, beim Empfang der Note, im Namen der Armen, denen ſie da⸗ von die noͤthigen Unterſtuͤtzungen zudachte, um den Hals, und gab ihm einen Kuß, der mehr werth war, als zehn ſolche Noten. 56. Den naͤchſten Poſttag traf beim Grafen die Aufforderung des Monarchen ein, nach der Re⸗ ſidenz zu kommen, um in mehrern wichtigen Angelegenheiten ſeines fruͤheren Geſchaͤftlebens mundliche Aufſchluͤſſe zu geben. Klotilde ſollte mit; als der alte Herr, der ſich von der Einladung ungemein geſchmeichelt ſam nge⸗ was Ge⸗ hnen Wie⸗ Faͤlt⸗ 2 der gan⸗ fang 2 da⸗ um mehr en die r Re⸗ ztigen lebens , der eichelt 145 fuͤhlte, und den ich nie vergnuͤgter geſehen hatte, dem Maͤdchen den Begleitung⸗Antrag machte, und ihm das Prachtleben der Reſidenz, und die zu erwartenden Zerſtreuungen ſchilderte, fuͤhlte ich, daß es mir die Kehle zuſchnuͤrte. Bis dahin hatte die Liebe geſchlummert; es raubte mir ja niemand den Genuß, taͤglich um Klotilden zu ſeyn; es ſtoͤrte mich nicht einmal jemand darin; ich war meiner Sache gewiß, ohne einmal ſelbſt das Gluͤck dieſer Gewißheit recht genau zu kennen. Jetzt aber— die Lage eines Millionairs, dem man unvermuthet ſagt, er ſey in dieſem Augenblick zum Bettler verarmt — iſt ein bloßes Schattenſpiel gegen den Schreck, den ich hatte, als Klotilde, vor Freude uͤber die Schilderung des Reſidenzlebens, in die Haͤnde klatſchte, und ſich auf den Abſaͤtzchen umdrehte, um fortzuſtuͤrmen und ihre Habſeligkeiten packen zu laſſen. Mitten im Umdrehen fiel ihr Blick auf mein Schmerzgeſicht, das ich, von dem ſeitwaͤrts vor mir ſtehenden Grafen unbemerkt, unwillkuͤhr⸗ lich machte, und in dem ſich die furchtbare Be⸗ ſorgniß, dort im Gewuͤhl der jungen eleganten Maͤnnerwelt dieſes Muſterbild von friſcher Ju⸗ 10 gendfuͤlle und holder Anmuth auf immer und ewig zu verlieren, deutlich ausſprechen mochte. Sie ſah mich ſonderbar befremdet an, ſchuͤttelte ſtill laͤchelnd, als habe ſie etwas erſpaͤht, was ihr gerade nicht unlieb ſey, das Koͤpfchen, und antwortete auf des Grafen Ermahnung, mit dem Packen nicht zu ſaͤumen, weil es morgen mit dem fruͤheſten fortgehe, in einer ſo eigenen Zer⸗ ſtreuung, daß der ſtaarblind ſeyn mußte, der hier nicht merkte, was das Gloͤcklein geſchlagen hatte. Blieb das Maͤdchen, reiſ'te es nicht, ſo— aber nein, bis zu dieſem Grade konnte die Eitel⸗ keit meine Hoffnungen nicht ſteigern. 57. Zweimal, dreimal hatte mich der Graf an⸗ geredet, und mir in einem Athem zehn Auftraͤge gegeben, und ich hatte keine Sylbe gehoͤrt. Reiſ't oder bleibt Klotilde? das war die Frage, die mir Kopf und Herz ſo einnahm, daß ich nicht ſah und nicht hoͤrte, und wie halb entgei⸗ ſtert minutenlang auf Einen Fleck hinſtarrte. Der alte Herr ſchmaͤlte mich in ſeinem Leben zum und zte. elte vas und dem mit Zer⸗ hier agen 0— Eitel⸗ af an⸗ fftraͤge gehoͤrt. Frage, aß ich entgei⸗ ſtarrte. n zum 147 erſten Male aus; ich entſchuldigte mich mit den vielen Fragen, auf die ich mich beſonnen haͤtte, um ſie ihm, uͤber die waͤhrend ſeiner Abweſen⸗ heit vorfallenden vielen Arbeiten, noch vor ſei⸗ ner Abreiſe vorzulegen, allein er nahm meine Ausfluͤchte nicht an, und meinte— eben trat Klotilde wieder ein, und hielt das Tuch an ihre linke Wange— daß man bei unerwarteten Vor⸗ faͤllen nicht gleich den Kopf ſo ganz verlieren muͤſſe, daß beſonders dem Geſchaͤftsmann gezie⸗ me, Gegenwart des Geiſtes zu behaupten, daß der Dienſt uͤberall die Hauptſache ſey, und daß alles Andere Nebenſache waͤre. Ich wollte mich vor Klotilden ſchaͤmen, daß ſie meine, eigentlich ja doch um ihretwillen erhal⸗ tenen Wiſcher mit angehoͤrt hatte, und fuͤrchtete in ihren Augen darum zu verlieren; allein wenn ich das heimliche Laͤcheln ihres halb ſchadenfrohen Blickes recht verſtand, ſo ſagte dies ungefaͤhr, daß ſie recht wohl wiſſe, warum ich hier den Le⸗ viten geleſen bekomme, und daß ſie mir das un⸗ verſchuldete Herzleid, was mir der alte Herr an⸗ that, bei vorkommender Gelegenheit auf tauſend⸗ fache Weiſe wieder verguͤten wolle. 10* Der Graf fragte, auf das Tuch an ihrer Wange deutend, ob ſie Zahnſchmerz habe, und ich jauchzte im Stillen, weil ich mir einbildete, ſie wuͤrde nun nicht mitreiſen koͤnnen; ſie meinte aber leicht hin, daß der eine Zahn zwar ein wenig weh thäͤte, daß dieß ſich aber hoffentlich bald ver⸗ lieren werde, indem ſie bei ſtarken Aufregungen des Blutes, bei heftigen Affecten der Freude oder des Schmerzes, leicht kleine Anfaͤlle der Art habe, die aber eben ſo ſchnell vergingen, als ſie kaͤmen. Franzoͤſin— Queckſilber, brummte der alte Herr halb laut vor ſich hin, und ich wuͤnſchte im Geheimen, daß nur dießmal der Zahn⸗ ſchmerz ſich nicht ſo geſchwind verlieren moͤchte, denn litt ſie morgen noch daran, ſo mußte ſie zu Hauſe bleiben. Aber Kind, ſagte der Alte, ſie erinnernd: Du ſollſt ja packen laſſen. Gleich, entgegnete Klotilde, mit einem ganz eigenen verſchmihten Geſichtchen: ich wollte nur fragen, wem ich unterdeſſen meine Blumen und meine Kanarienvoͤgel zur Abwartung uͤbergeben ſoll; am ſicherſten ſind ſie wohl, fuhr ſie zu mir 149 gewendet fort: bei Ihnen aufgehoben, aber Sie reiſen ja wohl mit? Bewahre, erwiederte der alte Herr, und Klotilde druͤckte das Tuch feſter an die Wange, und klagte, daß es ihr im Zahn zuweilen Rucke gebe, kaum zum Aushalten. Beim Abendeſſen kam ſie, das Koͤpfchen mit einem Tuche gebunden, und erklaͤrte, daß, wenn ihr ſo bliebe, ſie morgen auf keinen Fall mitfahren koͤnne. Der alte Herr, der ſich in ei⸗ nem einmal gefaßten Plane nicht gern ſtoͤren ließ, trug mir auf, einen reitenden Boten nach Kaͤferlingen zu ſenden, um Herrn Kropfgans, einen dortigen beruͤhmten Zahnarzt, ſofort her⸗ aus zu holen, der, wenn es die Noth erfordere, den Zahn dieſe Nacht noch, oder morgen fruͤh, ausnehmen ſolle. Ich hatte, in der Verblendung meiner Ei⸗ genliebe bis dahin die ganze Geſchichte fuͤr Maske gehalten. Erſt war ſie vor Freude, die Reſi⸗ denz zu ſehen, deckenhoch geſprungen; dann hatte ſie meinen Schmerz uͤber die bevorſtehende Tren⸗ nung bemerkt; dann kam ſie, weil ſie nicht wußte, ob ich bleiben oder mitreiſen werde, und holte den Alten daruͤber aus, und hatte auf den erſten Fall vorlaͤufig ſchon die Zahnſchmerzen in Bereitſchaft, um einen Vorwand des Zuhauſe⸗ bleibens zu haben, und endlich, da ſie nun ihrer Sache gewiß iſt, bereitet ſie den Grafen heute Abend ſchon auf die Moͤglichkeit vor, daß ſie morgen ihn nicht werde begleiten koͤnnen. Die ausgeſuchteſte Intrigue konnte kein feineres Spiel ſpielen; das gefaͤhrliche Talent, den Leuten ein Naͤschen zu drehen, entwickelte ſich vor meinen Augen mit unglaublicher Schnelligkeit; ich er⸗ ſchrak uͤber die vollendete Gewandtheit des klei⸗ nen Schlaukoͤpfchens, und freute mich auf der andern Seite auch wieder daruͤber, denn das ganze Spiel, in dem ſie die Keckheit hatte, dem alten Herrn, der meilenweit ſah, einen blauen Dunſt vorzumachen, galt ja mir. Eitler Menſch, der ich war! Jetzt, da der Zahnarzt geholt werden ſollte, der am Ende im Stande war, ihr einen ihrer blendend weißen, geſunden Zaͤhne, ohne Um⸗ ſtaͤnde, ſtatt eines kranken herauszunehmen, jetzt kam die Sache zum Klappen, und ich er⸗ wartete daher von ihr, daß ſie gegen die Abho⸗ lung des Arztes feierlich proteſtiren, und den Grafen auf die hoffentlich morgen erfolgende Beſ⸗ 151 ſerung vertroͤſten werde; allein— bittere Taͤu⸗ ſchung— mit der ganzen Krankheit hatte es ſeine vollkommene Richtigkeit; ſie ließ ſich die ge⸗ botene Huͤlfe gern gefallen, ſah den Herrn Kropfgans fuͤr den Erloͤſer ihres faſt unertraͤgli⸗ chen Uebels an, und aͤußerte blos die Beſorgniß, was denn anzufangen wäre, wenn dieſer zufaͤl⸗ lig nicht zu Hauſe ſeyn ſollte. Ich machte den Vorſchlag, ſtatt unmittelbar an Herrn Kropf⸗ gans, lieber an meinen Freund Stremler, der unterdeſſen unſer Gerichtshalter geworden war, ſchreiben zu wollen, und dieſen, in dem Falle, daß jener nicht zu haben ſey, um die Ueberſen⸗ dung eines zuverlaͤſſigen Mannes zu bitten. Der alte Herr und Klotilde genehmigten dieß, und ich ſtand vom Tiſche auf, um das Billet an Stremler ſogleich zu beſorgen. Klotilde ſprang, als ich eben die Thuͤr in der Hand hatte, mir nach, ſprach im Abgehen noch im Zimmer etwas von Feigen, die ich ihr mitkommen laſſen ſollte, um ſie in Milch ge⸗ weicht auflegen zu koͤnnen, fliſterte mir, von der Todesangſt vor Schluͤſſel und Pelikan hart ge⸗ preßt, draußen vor der Thuͤr zu: ich habe keine Zahnſchmerzen, und ging in das Speiſezimmer zuruͤck. Es kann vielleicht keine komiſchere Liebes⸗ Erklaͤrung in der Welt geben, als dieſe, aber mich erfuͤllte ſie mit unausſprechlichem Entzuͤcken. Ein einziger ſchmerzlicher Zug in meinem Ge⸗ ſichte, und Klotilde opferte die Freude, in die Reſidenz zu reiſen, dem kaum geregten Wunſche meines liebekranken Herzens auf⸗ Ich habe keine Zahnſchmerzen, hatte ſie ge⸗ ſagt, und ich wiederholte die an ſich trivialen Worte auf dem Gange in mein Zimmer zwan⸗ zigmal in einem Athem. Ich traute meinen Ohren kaum, ich fragte mich halblaut, ob ſie wirklich ſo ſagte; ich zitterte vor Freude, daß ich kaum ſchreiben konnte, und hatte, als der Bote abgefertigt war, und ich in das Speiſe⸗ zimmer zuruͤckkam, die groͤßte Muͤhe, mein vor uͤberſeliger Wonne rein verklaͤrtes Geſicht in die vorige Gleichgiltigkeit zuruͤckzuzwingen. Zum erſten Male fuͤhlte ich mich jetzt uͤber dem Grafen; der alte gute Herr, der Alles zu wiſſen behauptete, dem, nach ſeiner Meinung, Nichts entging, der im Selenſpiegel, im Auge allen Menſchen die tiefſten Geheimniſſe abzulau⸗ 153 ſchen vermeinte,— er war von uns beiden doch eigentlich abſcheulich hinter das Licht gefuͤhrt. Ich wollte zwar anfangen, mir ein Gewiſ⸗ ſen daraus zu machen, denn der alte Mann hatte mir bis jetzt nichts als Liebes und Gutes erwieſen, und ihn dafuͤr zu hintergehen, war— das fuͤhlte ich gar wohl— nicht recht von mir; aber hatte Klotilde nicht eigentlich allein die Schuld? that ich nicht blos ihren Willen? und war es mir zu verdenken, wenn ich zu der Aus⸗ fuͤhrung der, Klotilden jetzt ſelbſt nicht mehr will⸗ kommenen Idee des Grafen, die Haͤnde zu bie⸗ ten, mich nicht beſonders aufgelegt fuͤhlte? Ich waͤre waͤhrend ihrer Abweſenheit vor langer Weile geſtorben, und die Eiferſucht, dieſe grauſame Furie des Selenfriedens, malte mir das Auf⸗ ſehn, welches Klotildens Zauberreize in der Stadt machen wuͤrde, und das Heer der Anbe⸗ ter, und des Maͤdchens Empfaͤnglichkeit fuͤr die Macht der Neuheit, und meine Werthloſigkeit gegen die viel intereſſanteren Reſidenzbewohner, mit ſo ſchwarzen Farben, daß ich, wenn es die Noth erforderte, noch viel mehr aufgeboten haͤtte, um Klotildens Mitreiſe zu verhindern. Aber bei aller Vernuͤnftelei, mit der ich den kleinen Be⸗ trug gegen mein Gewiſſen beſchoͤnigte, konnte ich doch dem Grafen nicht in das Auge ſehen. Er ſtand einmal auf und entfernte ſich auf einen Augenblick; ich wollte mich gegen Klotilden ver⸗ ſtaͤndigen, daß ich ihren Wink befolgt habe⸗ aber die umſtehenden Bedienten— Stremlers Spionenſyſtem fiel mir ein, und ich ſprach von den gleichgiltigſten Dingen. Unſere kleine, heute ziemlich einſylbige Ta⸗ felrunde, ward bald aufgehoben, und jedes eilte auf ſein Zimmer. Klotilden rief der alte Herr noch nach, daß wenn Herr Kropfgans nicht zu haben waͤre, und unſer Gerichts⸗Director Stremler keinen anderen Arzt habe auftreiben koͤnnen, ihr Zahnweh aber unterdeſſen noch nicht aufgehoͤrt habe, oder vielleicht gar ſchlimmer ge⸗ worden ſey, er es fuͤr raͤthlicher halte, daß ſie dießmal zu Hauſe bleibe, wogegen er ihr ver⸗ ſpreche, ſie das naͤchſtemal mitzunehmen. Hatte der alte Mann Klotildens, draußen vor der hinter ſich zugemachten Thuͤr heimlich gefliſterten Worte: ich habe keine Zahnſchmerzen, gehoͤrt? hatte er in unſerer beider, faſt immer auf den Teller niedergeſchlagenen Blicken, ihre menſchenfreundliche Barmherzigkeit, ihr Mitlei⸗ 155 den, ihre Liebe und meine Seligkeit durch die Augenlieder geleſen? oder ſtand er mit dem Oberſten aller Hexenmeiſter im Bunde?— und das ganz ſonderbare Geſicht, was er dazu machte, als er das ſagte! Lichtenberg haͤtte mit ſeiner Meiſterfeder, die Hogarths Werken erſt ihren Werth gab, uͤber dieß Geſicht ein halbes Buch geſchrieben; las ich in dieſem heimlichen Lachen, in dieſen zuſammengeknippenen Mundwinkeln, in dieſen Augenfaͤltchen, anderwaͤrts Tauben⸗ pfoͤtchen genannt, und beſonders in dieſem bren⸗ nenden Feuerblicke recht, ſo ſagte Se. Hochgraͤf⸗ liche Excellenz: ich weiß Alles, denn ich habe mir, als ich vorhin aufſtand, das Billet an Stremler geben laſſen, ſolches geoͤffnet und darin geleſen, daß Herr Kropfgans nicht zu Hauſe ſeyn ſoll; Euer Spiel entſchuldige ich, da es das Spiel der Liebe iſt, bei dem ich es allenfalls gel⸗ ten laſſen mag, daß dem Dritten einmal ein unſchuldiges X fuͤr ein U gemacht werde. Die Hauptſchuld traͤgt Klotilde; ſie ſpielt aber ihre Rolle fuͤr das Erſtemal recht brav, und darum mag ſie dießmal ihren kleinen Willen haben; ſich aber einbilden, daß ſie mich angefuͤhrt haͤtten— das duͤrfen ſie nicht; ſie muͤſſen merken, wenig⸗ ſtens ahnen, daß ich ihren Plan durchſchaut habe. 58. Ich hatte den kommenden Morgen den Muth nicht, mit dem von Stremler, meiner Vor⸗ ſchrift gemaͤß geſchriebenen Billet, in dem er mir richtig meldete, daß Herr Kropfgans nicht zu Hauſe, ein anderer zuverlaͤſſiger Zahnarzt aber im Orte nicht zu haben ſey, dem Grafen unter die Augen zu treten; ich ſchickte es erbrochen an Klotilden, und dieſe befoͤrderte es durch ihr Kam⸗ mermaͤdchen an den alten Herrn, mit der Mel⸗ dung, daß ſie vor Schmerz die ganze Nacht nicht habe ſchlafen koͤnnen, daß ſie zu ihrem ſehr großen Bedauern, mitzufahren, unmoͤglich im Stande ſey, und daß ſie Sr. Excellenz recht gluͤckliche Reiſe wuͤnſche⸗ Mit mir ſprach der alte Herr uͤber die ganze Sache kein Wort weiter, nur als er bereits im Wagen ſaß, meinte er, daß Klotilde, wegen der ihr zugeſtoßenen Fatalitaͤt, ihn nicht habe be⸗ gleiten koͤnnen, daß er ihr daher zur Geſellſchaft Mamſell Muthchen beſtellt habe, und daß ich dem Kaſtellan auftragen moͤge, dieſer das gruͤne ut 157 Zimmer zu geben. Fatalitaͤt!— war denn in der ganzen Sprache kein anderes Wort, daß er gerade dieſes waͤhlen mußte? Leitete er es von Fatum ab, und wollte er damit ſagen, daß er es fuͤr einen Wink des Schickſals anſehe, daß Klotilde hier bleiben muͤſſe? oder war ihm die ganze Geſchichte fatal? Nach dem ſcharfen Tone, den er auf das Wort legte, mußte ich faſt das letztere fuͤrchten. Mamſell Muthchen war die Schweſter unſe⸗ res vormaligen, vor kurzem verſtorbenen Ge⸗ richtsdirectors. Zur Ehrendame, oder vielmehr Ehrenwaͤchterin haͤtte ich die auch nicht gewaͤhlt, denn hatte die nur immer ein volles Glaͤschen vor ſich ſtehen, ſo konnten wir beide machen, was wir wollten. Meiner Idee nach ſollte nun ein Goͤtterleben angehen, und in einer halben Viertelſtunde nach des Grafen Abfahrt, war mein Klotildchen be⸗ ſtimmt friſch und geſund unten im Garten. Ich durchſtreifte alle Gaͤnge und Alleen; es ließ ſich kein Menſch ſehen; ihre Fenſter waren dicht verhangen. Sie kam auch nicht zu Tiſche. Statt meines erwarteten Burgunder⸗Roͤschens, erſchien die Dame d'Atour, Erdmuthe, ſtatt⸗ lich geputzt, und in der roſigſten Laune. Tildchen, wie die alte Schaͤkerin das Maͤdchen meines Her⸗ zens nannte, hatte wirklich die Nacht nicht ge⸗ ſchlafen, und konnte, wegen heftiger Schmerzen, das Zimmer nicht verlaſſen, auch ließ ſie mir fuͤr die Aufmerkſamkeit danken, mit der ich die von ihr ſo dringend erbetenen Feigen beſorgt habe, die ihr, wenn ſie ſolche nur erſt haͤtte, gewiß recht gute Dienſte thun wuͤrden, da Kraͤuter⸗ ſaͤkcchen, Papieroͤl und alle andere angewandte Hausmittel bis jetzt erfolglos waͤren. Alſo doch krank? wirklich krank? das Ganze kein Spiel ihrer zarten Liebe zu dem, der ihr mit ſeinem ganzen Leben gehoͤrte? Hatte ich denn die Blitze des Muthwillens, die geſtern Abend, als ich den Boten abgefertigt hatte und zur Ta⸗ fel zuruͤckkam, auf des Maͤdchens Purpurlippen, in den Mundwinkeln und uͤberall in dem gan⸗ zen Geſichtchen herum zuckten, ganz falſch ver⸗ ſtanden? War ich Stuͤmper in der Menſchen⸗ kenntniß, mit der Deutung der Miene, die der Graf machte, als er ihr geſtern ſchon ſagte, daß ſie heute Zahnſchmerzen haben und nicht wuüͤrde mitfahren koͤnnen, denn ſo ganz links gekommen? Hatte ich denn geſtern Abend ihre 1³9 mir zugefliſterten himmliſchen Liebesworte, ich habe keine Zahnſchmerzen, verhoͤrt? hatte ſie et⸗ was anderes geſagt und ich hatte ſie nur ſo ver⸗ ſtanden, weil ich wollte, daß ſie keine Zahn⸗ ſchmerzen haben ſollte? Die verdammten Fei⸗ gen! Aber da ſie mir das geſagt hatte, wozu ſollten noch die dummen Dinger herausgeſchleppt werden! Natuͤrlich jagte nach fuͤnf Minuten ſchon ein zweiter Reitknecht zur Stadt, um die erwuͤnſch⸗ ten Fruͤchte des Baumes zu holen, der durch eine unrichtige Ueberſetzung zu dem unverdienten Rufe gekommen iſt, im Paradieſe der erſten Schneide⸗ rin das Material zu einem Cottillon, zu deutſch Unterroͤckchen, in ſeinen Blaͤttern geliefert zu haben, und weil ich von halben Maßregeln nie Freund bin, uͤbrigens aber den Feigen keine be⸗ ſondere Heilkraft zutraute, und Klotilden, um ihret⸗ und meinetwillen, von dem Stoͤrenfried meiner ſehnlichſten Wuͤnſche, von dem Zahnweh, gern je eher je lieber befreit ſehen wollte; ſo be⸗ ſtellte ich zugleich Herrn Kropfgans mit heraus. Dachte ich es doch gleich, daß der Schrecken⸗ kuͤnſtler mit ſeinem Pelikan hier keine Arbeit finden wuͤrde. Er erklaͤrte in ſeiner ziemlich markt⸗ 160 ſchreieriſchen Sprache, daß ihm in ſeiner Praxis noch kein Maul mit ſolch einem herrlichen Ge⸗ biß vorgekommen, vermaß ſich hoch und theuer, daß der der allerjaͤmmerlichſte Pfuſcher unter der Sonne ſeyn muͤſſe, der dieſem koſtbaren Gefraͤße mit dem Inſtrumente nur nahe kaͤme, weil an allen Palliſadchen da drinnen auch nicht ein ein⸗ ziges Fehl zu bemerken waͤre, und beſtaͤtigte Klo⸗ tildens fruͤhere Vermuthung, daß das ganze Uebel lediglich im Blute liegen muͤſſe, fuͤr welchen Fall er eine Flaſche, zwei Buͤchſen und drei Schach⸗ teln wirkſamer Beruhigungmittel mitgebracht hatte. Klotildens Maͤdchen, das mir dem Pelikan⸗ Virtuoſen, nachdem er ihre Herrin geſprochen, zugefuͤhrt hatte, ziſchelte mir in das Ohr, daß mich Klotilde erſuche, dem Arzte fuͤr ſeine Be⸗ muͤhungen und Heilmittel die angemeſſene Ver⸗ guͤtung zukommen und mir von ihm daruͤber Quittung geben zu laſſen. Was war das wieder? In der Regel druͤckt man Artigkeiten der Art, wie Bonbons, in ein Stuͤckchen Papier gewickelt, dem Empfaͤnger mit einigen verbindlichen Worten, Mienen und Ge⸗ behrden in die Hand; hier ſollte ich mir Quit⸗ tung geben laſſen. Auch als Verwalter frem⸗ axis Ge⸗ uer, der raͤße l an ein⸗ Klo⸗ Uebel Fall hach⸗ zatte. ikan⸗ öchen, daß 2 Be⸗ Ver⸗ rruͤber druͤckt in ein ger mit d Ge⸗ Auit⸗ frem⸗ 161 den Gutes haͤtte ich im vorliegenden Falle von Herrn Kropfgans keinen Empfangſchein gefordert. Fuͤr etwas, was gar nicht bezahlt werden kann, eine Quittung uͤber das Zehntauſendtheil von dem, was man haͤtte geben ſollen, zu verlangen, iſt eine Unzartheit, die dem Geber, wie dem Empfaͤnger gleich druͤckend iſt. Wer kann den Arzt, der mir Geſundheit und Leben rettete, bezahlen? Wer den Wundarzt, wenn er mich durch einen Schnitt, durch einen Ruck von den unertraͤglichſten Schmerzen im Nu befreit? Kein Menſch. Wollte Klotilde in jenem Auftrage ſich mir als den Schuͤtzling des Grafen zeigen, der deſſen Secretair zu befehlen ſich herausnahm? oder ſollte die Quittung des Herrn Kropfgans, mehrere Stunden nach der Abreiſe des Grafen, dieſem nach der Ruͤckkunft, bei Durchſicht meiner Rechnung, als Beleg dienen, daß ſie wirklich krank geweſen? Wenn das letztere der Fall war, ſo verrieth Klotilde eine furchtbare Anlage zur Intrigue, und dann war es wahrhaft gefaͤhrlich, einem ſolchen Maͤdchen die Hand zu bieten; denn wenn ſie in ihrem ſechszehnten Jahre ſo berechnet handeln konnte, weſſen war ſie in ihrem reiferen Alter nicht faͤhig. 11 Ich nahm mir vor, auf meiner Hut zu ſeyn, und ſie genauer zu beobachten; ich hatte dieß ju⸗ gendlich frohe Weſen fuͤr die Unbefangenheit ſelbſt gehalten, und— nein, mit meinem gaͤnzlichen Mangel an Menſchenkenntniß ſtieß ich uͤberall an. Ich bildete mir ein, daß Klotilde durch dieſen entdeckten Zug von Ultra⸗Beſonnenheit bei mir verloren habe, daß ich jetzt ruhiger, kaͤlter gewor⸗ den ſey; aber das war nur voruͤbergehender Wahn. Als ſie am fuͤnften Tage noch immer nicht er⸗ ſchien, konnte die Sehnſucht, die mich zehnmal ſchon vor ihrem Fenſter vorbei getrieben hatte, ſich nicht laͤnger faſſen; ich hatte laͤngſt ſchon ihr den kleinen Abſprung vom Wege der Offenheit verziehen, ich hatte ſie im Stillen ſelbſt entſchul⸗ digt, ich war ihr wieder ſo gut wie vorher, und fragte, als Muthchen wieder allein zu Tiſche kam, mit einer Art von Herzensangſt, ob Klotilde denn immer noch nicht hergeſtellt ſey. Ihre Feigen haben Wunder gethan, entgeg⸗ nete ſchalkhaft Muthchen: Mamſell Dumesnil iſt geſund wie ein Fiſchchen; das Maͤdchen iſt lauter Luſt und Leben, mein lieber Herr Geheim⸗ ſecretair.— Sie ſtockte, warf einen Seitenblick auf Wenzel, praͤſentirte mir die eben auf dem 163 Tiſche befindlichen Saucischen, und fragte: iſt nicht gefaͤllig ein Wuͤrſtchen?— delikat ſind die Dingerchen, ſie zergehen auf der Zunge, wie Butter. Fiſchgeſund, und doch nicht hier? fragte ich gepreßt, und ließ Saucischen unangeruͤhrt, denn mir quoll der Biſſen im Munde. Sie haͤlt, es wider das Dekorum, entgegnete Muthchen, Klo⸗ tildens Zimperlichkeit beſpoͤttelnd. Glauben Sie nur, fuhr ſie, als Wenzel eben das Zimmer auf einen Augenblick verließ, traurig fort: ſie aͤße fuͤr ihr Leben gern mit uns, denn Sie, lieber Herr Geheimſecretair— na, Sie werden es wohl gemerkt haben— Wenzel trat wieder ein, und Mukhchen lobte den vor uns ſtehenden Kar⸗ pfen mit Krautſallat und Weinbeeren, als ihr erſtes Leibeſſen. Ich ſaß wie auf Kohlen, nun von ihr das zu hoͤren, was ich gemerkt haben ſollte, aber der grauſame Krautſallat ſtopfte ihr den Mund der⸗ maßen, daß ſie kein Wort ſprach, und Wenzel wich und wankte nicht aus dem Zimmer. Be⸗ ſtimmt war der Menſch beordert, uns zu behor⸗ chen, denn abſichtlos war, wie ich jetzt erſt ſah, ſein beſtaͤndiges Bleiben hinter unſeren Stuͤhlen gewiß nicht. Muthchen ging nach dem Eſſen auf ihr Zim⸗ mer, und ließ mich auf der Folter meiner Neu⸗ gierde ohne Erbarmen halb verſchmachten, 59. Wiber das Dekorum! eine alberne Idee! wenn der ſtrenge Graf uns eine Ehrenwächterinn gab, und dieſe nicht fuͤr unſchicklich hielt, daß wir zuſammen aßen, brauchte ſie wahrhaftig auch keinen Anſtoß darin zu finden. War das Stolz, Ziererei, Kaͤlte? Hatte am Ende Stremler doch Recht, und war es denn Beſorgniß, die Eiferſucht des Grafen rege zu machen? Ich ward immer mehr irre in dem Charakter des Maͤdchens, das ich mir ſo kriſtall⸗ klar gedacht hatte, daß man es beim erſten Blick bis auf den Grund durchſchauen koͤnne.— Und ich ſollte etwas gemerkt haben, ſagte Erdmuthe, und ſagte es mit einer Manier, als wolle ſie mir weiß machen, ich ſey Klotilden nicht ganz gleichgiltig. Wer die Eitelkeit der Maͤnner kennt, wir wiſſen, daß das Hinwerfen einer ſolchen Mit⸗ theilung ein brennend Licht in ein Pulverfaß Lben-el. —.—— 165 Ich konnte den ganzen Tag keine Feder in der Hand halten, keinen geſcheiten Gedanken denken, kein vernuͤnftiges Wort ſprechen. Ich ſollte ihr nicht gleichgiltig ſeyn! in dieſem Zau⸗ bergedanken lag der Inbegriff aller Himmel. Sehzte ich mir das Gluͤck, von dieſem liebreizen⸗ den Weſen geliebt zu ſeyn, recht lebhaft aus ein⸗ ander; ſo ſchwanden alle jene kleinen Beſorgniſſe uͤber Klotildens Herz und Gemuͤth; ſo war ſie der fleckenloſeſte Engel im Himmel und auf Er⸗ den, denn ſie liebte mich. Muthchen, der Goͤt⸗ terbote, hatte mir es ja deutlich geſagt!— Die Nacht floh mir unter den ſuͤßeſten Traͤu⸗ men; am fruͤhen Morgen ſchrieb ich an Klotilden; ich hauchte meine ganze Seele in dieſem Briefe aus; ich betheuerte ihr die Reinheit meiner Ab⸗ ſichten, und beſchwor ſie, um das Almoſen einer Unterredung von einer einzigen Stunde. Dieß Billet wollte ich Muthchen waͤhrend des Eſſens zuſtecken. Muthchen blieb aus; ich ſaß im großen Speiſezimmer allein vor der leckern Tafel. Ich aß aus Verzweiflung wie ein hun⸗ griger Wolf; ich haͤtte mich todt trinken moͤ⸗ gen; der Wein druͤckte mir die von der halb durchwachten Nacht noch muͤden Augen bei Ti⸗ ſche zu. Meine Lage ging an meinem inneren Auge voruͤber; ich kam mir hier wie verrathen und verkauft vor. Nur einen Freund, einen einzigen Freund haͤtte ich an meine Seite ge⸗ wuͤnſcht. Ich ſchlug, von einem kleinen Ge⸗ raͤuſch erwacht, die Augen in die Hoͤhe, und wie durch Feenmacht hergezaubert, ſaß der gewuͤnſchte Freund, ein langer duͤrrer Mann, geiſterblei⸗ b chen Angeſichts, dicht neben mir, und langte ſchweigend nach dem Eſſen und Trinken, was vor ihm ſtand. Ich fuhr, uͤber den unerwarteten Nachbar erſchrocken vom Stuhle auf, und hatte im er⸗ ſten Augenblicke kaum ſo viel Beſinnung, zu b fragen, wer er ſey; er aber antwortete keine Sylbe, ſtarrte mich mit ſeinen tief liegenden, ſchwarzen Augen ſtill laͤchelnd an, tippte ſich mit den Fingerſpitzen ſeiner Rechten auf das Herz, und aß und trank wieder, ohne ſich im mindeſten ſtoͤren zu laſſen. Ich wiederholte ziemlich vernehmlich meine L Frage, und konnte nicht unbemerkt laſſen, daß bei aller Achtung fuͤr das Gaſtrecht, ich doch uͤber die Art und Weiſe, von einem Platze an der Tafel des Grafen von Dingelheim 1 1 Beſitz zu nehmen, mein Befremden nicht ber⸗ gen koͤnne. Der ſteinerne Gaſt erwiederte keine Sylbe, er wuͤrdigte mich keines Blickes, that, als haͤtte er von meiner Frage keinen Laut gehoͤrt und ließ es ſich wacker ſchmecken. Wenzel, der eben eintrat, war nicht weniger verwundert, Muthchens Kouvert von einem Steinfremden beſetzt zu finden, der zum Schorn⸗ ſtein hereingeflogen ſeyn mußte, denn kein Menſch hatte ihn kommen geſehen, und der Umſtand, daß er gerade das Speiſezimmer gefunden, ver⸗ rieth eine treffliche Naſe. Mir kam das Begebniß faſt laͤcherlich vor, denn das voͤllige Ueberhoͤren unſerer ziemlich ver⸗ ſtaͤndlichen Aeuſſerungen, und der Loͤwenappetit, mit dem der Fremde uͤber Schuͤſſeln und Fla⸗ ſchen herfiel, hatten etwas hoͤchſt Komiſches; auf der andern Seite aber war die ſeltſame Mittag⸗ Erſcheinung doch auch gar zu auffaͤllig, als daß man daruͤber haͤtte lachen koͤnnen. Der Unge⸗ betene war ſehr anſtaͤndig und modiſch gekleidet; auf der weißen feinen Hand blitzte ein Brillant⸗ ring mit einer Naͤmenchiffer unter einer Koͤ⸗ 167 nigskrone; aus den großen Augen ſprach Genia⸗ 168 litaͤt und ſtrenger Ernſt; im ganzen Weſen lag etwas Sonderbares und Grauenerregendes, und des Fleiſches war an dieſer erdfahlen, abgehager⸗ ten Geiſtergeſtalt ſo wenig, daß man faſt haͤtte glauben ſollen, der ſeltſame Gaſt habe ein Du⸗ bend Jahre in der Erde gelegen. Das iſt der Tod oder der Teufel, ſagte Wen⸗ zel halb laut vor ſich hin, und druͤckte ſich zum Zimmer hinaus, der Fremde aber, nachdem er ſich redlich genaͤhrt, ſpielte den Wirth, winkte mir, mich zu ſetzen und ſchenkte mir das Reſt⸗ chen Wein, was er noch uͤbrig gelaſſen hatte, recht gaſtlich ein. Hierauf holte er aus der Bruſttaſche ſeines Fracks ein Billet hervor und uͤberreichte es mir ſchweigend. Es war vom Grafen. Herr Frugoni, ein taubſtummer Maler, der mit ſeinen vortrefflichen Arbeiten en miniature in der Reſidenz viel Gluͤck machte, ſollte Klotil⸗ den malen, wenn dieſe, ſetzte der Graf ſcher⸗ zend oder beißend hinzu, von ihrem Zahnweh nicht ſo entſtellt ſey, daß fuͤr den Kuͤnſtler zu beſorgen, er werde ſie nicht treffen.— — Ich fuͤhrte den Stummen in Klotilbens Vor⸗ uU 195 au ⏑ᷣ ⏑ — 169 zimmer, ließ Muthchen herausrufen, ſtellte die⸗ ſer meinen Empfohlenen vor, nannte den Zweck ſeiner Sendung, und fragte, warum Mamſſell nicht heute bei Tiſche erſchienen. Wir haben unſre Urſachen, entgegnete ſie mit einem Tone, der deutlich zu verſtehen gab, daß dieß Wir auf Klotilden ging, und daß Muth⸗ chen die ſogenannten Urſachen hoͤchlich mißbilligte. 60. Der Maler kam nach einigen Stunden rein verklaͤrt aus Klotildens Zimmer; er hatte bereits an ihrem Portrait gearbeitet, und machte durch Zeichen verſtaͤndlich, daß dieß Maͤdchen der Aus⸗ bund aller Schoͤnheiten ſey; ſeine Beſchreibung ihres Liebreizes, und ſein Entzuͤcken waren ſo lebhaft, daß ich anfing, auf den Stummen ei⸗ ferſuͤchtig zu werden. Der Mann war gar nicht uneben; mager zwar und klapperduͤrr, aber die Frauen ſind nicht ſo eitel als wir, ſie ſehen mehr auf den Geiſt des Mannes, als auf deſſen Aeuſ⸗ ſeres; und wer dem armen Frugoni in das ſe⸗n lenvolle beredte Auge ſah, vergaß, daß er ſtumm war. 170 Nach vielen Kaͤmpfen und Ueberlegungen und Selbſtgeſpraͤchen, ließ ich den folgenden Tag ge⸗ radezu durch Wenzel muͤndlich bei Klotilden an⸗ fragen, ob ich mit Herrn Frugoni aufwarten und ein wenig zuſehen duͤrfe. Dieſe Anfrage dem Wenzel mit der aller⸗ hoͤchſtmoͤglichen Gleichgiltigkeit aufzutragen, war kein Kleines; aber ich freute mich, daß ich ſie heraus hatte; ſie klang ſo unbefangen, daß ich ſelbſt, hoͤrte ich ſie im Munde eines Dritten, nichts weiter darin geſucht haͤtte, als die Neu⸗ gierde, einmal en miniature malen zu ſehen. Als er zum Zimmer hinaus war, begriff ich die Keckheit, die ich gehabt hatte, mich bei dem Maͤdchen foͤrmlich melden zu laſſen, das mich, waͤhrend des Grafen Abweſenheit abſichtlich ver⸗ mied. Schlug ſie mir die Erlaubniß zu kommen ab, ſo war ich dem ganzen Hauſe bloß gegeben; denn Wenzel erzaͤhlte das beſtimmt allen Men⸗ ſchen; ſagte ſie zu,— ſo— hatte ich denn Kaͤlte genug, dieſe Zuſage aus Wenzels Munde zu hoͤren, ohne ihm vor Freuden um den Hals zu fallen? Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, und preßte auf den Fall der Zuſage mein Geſicht in alle moͤgliche Formen der gleichgiltig⸗ —— Male in ihrem Leben die Hand. Nun endlich, 171 ſten Ruhe; endlich hatte ich, ſagte mir mein Spiegel, die rechte Maske; Wenzel trat ein und brachte die Antwort, daß es der Mamſell Dumesnil recht ſehr lieb ſeyn werde; ich machte blitzſchnell kehrt, mit dem Geſichte nach dem Buͤcherſchrank zu, und that, als ob ich ein Buch ſuche, denn auf das recht ſehr lieb war ich doch nicht gefaßt geweſen, und das Blut ergoß ſich mir ſiedend, das fuͤhlte ich, uͤber beide Wangen zugleich. Recht ſehr lieb, war es dem kleinen Spitzbuben; nun moͤchte ich um Gotteswillen wiſſen, was das Maͤdchen abge⸗ halten hatte, die Tage, waͤhrend welcher der Graf abweſend geweſen war, herunter zu kom⸗ men, und mit uns zu eſſen und— aber wozu das Gruͤbeln und Fragen. Fort! zu ihr, zu ihr ſelbſt. 8 61. Herr Frugoni, den ich hier vermuthete, war noch nicht da, und Muthchen ließ ſich auch nicht 1 ſehen. Klotilde war allein und kam mir entge⸗ gen, und nannte mich mit freundlicher Herzlich⸗ keit willkommen, und reichte mir zum erſten 172 ſagte ſie lachelnd: haben Sie ſich entſchließen können, der armen Gefangenen ein Stuͤndchen Unterhaltung zu ſchenkeu. Gefangenen? wiederholte ich fragend. Dazu hat mich der Graf gemacht, verſetzte ſie etwas empfindlich. Er beſtellt mir eine CEh⸗ renwache, als ob ich nicht groß genug waͤre, auf mich ſelbſt Acht zu haben. Muthchen iſt ſelen⸗ gut, aber, und wenn er mir die erſte Aebtiſſin von Frankreich zur Aufſicht geſchickt haͤtte, ſie waͤre hier nicht noͤthig, ſie waͤre uͤberfluͤſſig ge⸗ weſen. Ein Mißtrauen der Art iſt dem, der nicht den mindeſten Anlaß zum Verdacht giebt, doppelt kraͤnkend, und um dem alten Herrn zu zeigen, daß ich von ſeinem ſogenannten Dekorum noch ſtrengere Begriffe habe, als er ſelbſt, habe ich mir vorgenommen, keinen Fuß uͤber die Schwelle meines Zimmers zu ſetzen, bis er zu⸗ ruͤckkommt; hier in meinem Stuͤbchen iſt mir ohnehin am wohlſten; hier werde ich nicht be⸗ horcht und belauſcht, nicht beklatſcht; ich ver⸗ ſichere Sie, ich bin in meinem ſelbſtgewaͤhlten kleinen Kaͤfig hier freier, als da unten in der Mitte von Menſchen, die in der Spionirkunſt foͤrmlich unterrichtet ſind, und nun glauben, ſich — 173 bei ihrem Herrn nur einſchmeicheln zu koͤnnen, wenn ſie ihm recht viel heimliche Nachrichten bringen. Ich entſchuldigte den Grafen, deſſen auf⸗ richtige Abſicht gewiß ſey, ihr das Leben moͤg⸗ lichſt angenehm zu machen, und der bei ſeiner bis⸗ herigen tiefen Eingezogenheit, ſich aus langer Weile angewoͤhnt zu haben ſchiene, ſeine einzige Unterhaltung darin zu finden, daß er um die Angelegenheiten ſeiner Umgebungen alles, bis auf den geringſten Umſtand wiſſen wolle, und fragte ſie, warum ſie, ſtatt ſich zu ſolch einem Einſiedlerleben zu entſchließen, nicht lieber mit in. die Reſidenz gereiſ't ſey, beſonders, da ſie anfaͤnglich ſo viel Vergnuͤgen darin zu finden ge⸗ ſchienen haͤtte. Das fragen Sie? ſagte Klotilde bedeutend, und ſchlug die Augen nieder, als aͤrgere ſie ſich, in meinem Schmerzgeſicht ſich geirrt zu haben, das ich damals gemacht hatte, als ich hoͤrte, daß Klotilde mitreiſen werde. Klotilde, meine himmliſche Klotilde! rief ich im Uebermaß meines Entzuͤckens, und zog ihre Hand an meine Lippen, und geſtand ihr mit verſchaͤmter Rede, daß ich, im Gefuͤhle meines 174 geringen Werthes, den Gedanken des Opfers, das ſie durch das Aufgeben der Reiſe, meinem geheimen Wunſche gebracht, nicht gewagt haͤtte. Das war kein Opfer, mein Freund, ant⸗ wortete ſie mit niedergeſchlagenen Augen, und ſpielte verlegen mit einem Bande, was ſie eben in der Hand hielt: oder wenn es ein Opfer war, ſo ward es von dem Lohn, der meiner kleinen Entſa⸗ gung zu Theil wurde, tauſendfach uͤberwogen. Glauben Sie denn, daß mich es nicht geſchmerzt haben wuͤrde, wenn Ihnen meine Abweſenheit gleichgiltig geweſen waͤre? Halten Sie es mei⸗ ner Eitelkeit nicht zu gut, wenn ſie ſich freute, in Ihrem Geſicht— das ich nie vergeſſen werde, zu leſen, daß es Ihnen lieber ſey, wenn ich bliebe? Meinen Sie denn, daß ich nun in der Reſidenz haͤtte vergnuͤgt ſeyn koͤnnen? Muß ich Sie erſt darauf aufmerkſam machen, daß meine Freude uͤber die ganze Reiſe vorbei war, als ich hoͤrte, daß Sie uns nicht begleiteten?— Haben Sie das Alles nicht verſtanden, ſetzte ſie leiſer hinzu, und wendete ſich halb von mir: ſo iſt es ein Opfer geweſen, deſſen ich mich jetzt ſchaͤme, Meine einzige, meine angebetete Klotilde, ent⸗ gegnete ich, vor ſeliger Wonne meiner Sinne 175 kaum mehr maͤchtig, urd ſtuͤrzte zu ihren Fuͤ⸗ ßen nieder: ich habe Dich verſtanden, Du einziges Engelweſen; ach wenn Du wüuͤßteſt, welche Martertage ich verlebt habe, Dich nicht ſehen zu duͤrfen, Dir nicht ſagen zu koͤnnen, wie namenlos ich Dich liebe. Lieben, fiel ſie mir ploͤtzlich in das Wort, und trat einige Schritte zuruͤck, und bat drin⸗ gend, aufzuſtehen. Lieben?— Sie hob das dunkelblaue Auge langſam auf mich, laͤchelte wehmuͤthig, zerdruͤckte eine Thraͤne, und ſagte kopfſchuͤttelnd: das thun Sie nicht, Sie kennen mich nicht. Weiß ich doch ſelbſt nicht, wer ich bin. Sie ſehen das aͤrmſte Maͤdchen dieſer Welt vor ſich, ohne Vaterland, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Freunde; abhaͤngig von der Gnade eines Fremden, deſſen verſchwenderiſche Freigebigkeit mir eine Quelle von tauſend Ver⸗ legenheiten iſt, deſſen Liebkoſungen mehr demuͤ⸗ thigend als erfreulich ſind.— Ich ſtehe ganz allein; ich habe keine Zukunft, keine Hoffnung, kein anderes Gefuͤhl, als das der goldenen Kette, an die ich hier gefeſſelt bin. Sie brach in lautes Weinen aus, und konnte ſich, trotz aller Ge⸗ 176 walt, die ſie ſich anthat, nicht faſſen, als Herr Frugoni eintrat. Dieſer ward uͤber Klotildens Weinen boͤſe; er gab durch ſeine beredte Pantomime zu verſtehen, daß er dieſes Thraͤnengeſichtchen nicht malen koͤn⸗ ne, und daß, wenn ich etwa die Veranlaſſung deſſelben ſeyn ſollte, ich mich augenblicklich ent⸗ fernen moͤchte. Als Klotilde ihm aber, durch eben ſo verſtaͤndliche Zeichen erklaͤrte, daß ich an ihren Thraͤnen ganz unſchuldig ſey, und mir zum Beweiſe, daß er auf mich nicht im Ge⸗ ringſten zu zuͤrnen Urſach habe, freundlich die Wangen ſtreichelte,— was mir, beilaͤufig ge⸗ ſagt, von dieſem weichen warmen Lilienhaͤndchen unausſprechlich wohl that,— ſo gab er ſich zu⸗ frieden, und meinte, daß es ihm dann recht lieb ſey, wenn ich bliebe, weil Klotildens Ge⸗ ſichtszuͤge, wenn ſie jemand habe, mit dem ſie ſich waͤhrend der Sibzung unterhalte, dann ſpre⸗ chender, lebendiger werden wuͤrden. Er brachte mir hierauf ſeinen ganzen Vorrath an Blau in allen Arten und bedeutete mir ſein Ungluͤck, mit keiner einzigen aller bieſer Farben, dieſes Korn⸗ blumenblau, der wunderherrlichen Feueraugen, in ſeiner ſeltenen Pracht ganz genau darſtellen zu ₰—³—, ſen 177 koͤnnen; indeß war dieß wahrſcheinlich von dem feinen Manne nur eine recht zarte Schmeichelei geweſen, denn er traf dieß milde Dunkelbau zum Sprechen. Klotilde vergaß ganz, daß ſie dem Maler ſaß; ſie plauderte ſo viel, und ſo lebendig, daß Herr Frugoni einige Male bitten mußte, nicht gar zu ſprachſelig zu werden; wir gingen die Geſchichte der letzten Tage mit einander durch, und ich konnte mich nicht enthalten, Klotilden halb im Scherz, halb im Ernſt den Vorwurf zu machen, daß ſie den alten Herrn, der von dem erſten Augenblicke ihres Hierſeyns, ihr nichts als Liebes und Gutes erwies, mit ihrem vorgegebe⸗ nen Zahnſchmerzen doch faſt ein wenig zu arg hintergangen habe. Nichts da! erwiederte ſie leichthin, aber be⸗ ſtimmt. Kein Menſch kann der Offenheit mehr huldigen als ich; wer mir aber nichts Gutes zu⸗ traut, wer mich uͤberall mit Waͤchtern umſtellt, wer jeden meiner Schritte mit Argwohn verfolgt, dem erklaͤre ich den Krieg. Dem Grafen, das ſage ich Ihnen vorher, erklaͤre ich ihn rund her⸗ aus, ſobald er koͤmmt. Ich leide das Aufpaſ⸗ ſen, das gelbſuͤchtige Schielen auf jede meiner 12 Handlungen durchaus nicht; ich kann, ſo lange ich das bemerke, hier nicht froh, nicht heimiſch werden. Alle ſeine Leute muͤſſen uͤber die Graͤnze; das ſind lauter Tuckmaͤuſer, lauter Schniffler, lauter Douaniers. Wo es offen und ehrlich hergeht, da bin ich gern. Fluchen Sie mir, wenn Sie je wahrnehmen, daß ich dem eine Luͤge ſage, daß ich dem meiner Handlungen geheimſte verhehle, von dem ich weiß, daß er ehrlich und offen und arglos gegen mich iſt. Mein Mutterchen hatte Vertrauen zu mir, und darum wußte es um jedes meiner kleinen Ge⸗ heimniſſe; Sie mein Freund,— ſie reichte mir die Hand, und druͤckte ſie recht herzlich— Sie ſind jetzt der Einzige in der Welt, auf den ich baue; der Einzige, von dem ich weiß, das er mir durch keinen Argwohn wehe thut; darum werde ich auch vor Ihnen, und nur vor Ihnen allein hier, nie ein Geheimniß haben; es thut mir wohl, wenn Sie Alles wiſſen, was ich denke und fuͤhle. Frugoni ſtand auf, und legte den Pinſel weg. Er ſchrieb, hier ſey es nicht moͤglich zu malen. Als er geſtern angefangen, habe Klotilde da geſeſſen, wie ein Sauertoͤpfchen; heute ſey & 8 29————, Hinſel ch zu otilde te ſey 179 das ganze Geſichtchen veraͤndert; die Paar Thraͤ⸗ nen haͤtten ihn nicht geſtoͤrt; in allen Zuͤgen ſey Leben und Friſche geweſen; aber jetzt zoͤge eine finſtere Wolke nach der andern daruͤber hin; er habe, als er Klotilden zum erſten Male geſehen, eine Hebe, das Bild des jugendlichen Liebreizes, malen wollen, und es werde ihm unter den Haͤn⸗ den zu einer Mater dolorosa. Er hob die Sitzung auf, und verſprach, mor⸗ gen wieder zu kommen. Ich bezeigte Luſt, noch ein wenig zu bleiben und mit dieſem wunderhol⸗ den Kinde zu koſen. Klotilde aber erinnerte mich an das, was ſie vom Dekorum geſagt hatte, und bat mich, zu gehen; morgen aber, wenn der Maler da ſey, wuͤrde ich ihr, meinte ſie, recht willkommen ſeyn, weil dieſer es ja gewuͤnſcht habe, daß ſie jemand waͤhrend der Sitzung un⸗ terhalte; ich erſuchte ſie nun, wenigſtens in den Garten zu gehen, und den ſchoͤnen Herbſtnach⸗ mittag zu genießen, und ſtellte ihr vor, daß das viele Stubenſitzen ihrer Geſundheit offenbar Nach⸗ theil bringe. Vergeſſen Sie denn, fragte ſie freundlich: daß ich mir vorgenommen habe, ſo lange der Graf abweſend iſt, mein Zimmer nicht zu ver⸗ 12* laſſen? Ich aber kehrte mich an den Einwand nicht, ſetzte ihr aus einander, daß ein ſolches Vornehmen, wenn vernuͤnftige Gruͤnde da waͤ⸗ ren, die deſſen Ausführung nicht raͤthlich mach⸗ ten, in die Klaſſe der Giillen gehoͤrte, und bat ſie wiederholt, mir den Arm zu geben. Ich haͤtte ſie gern noch um etwas, um etwas Hoͤheres gebeten; ihre friſchen Lippen waren ſo reizend, daß ich einen Kuß als Honorar fuͤr meinen diaͤ⸗ tetiſchen Rath wohl angenommen haͤtte! aber man weiß ja, wie bloͤde die tugendhafte, erſte Liebe iſt. Grillen? wiederholte ſie komiſch laͤchelnd: nein, mein lieber Freund, die ſind mir fremd; nur die Kranken, oder die vom Gluͤcke Verwoͤhn⸗ ten,— die moͤgen von Grillen geplagt werden, und andere wieder damit quaͤlen. Ihrem Wun⸗ ſche opfere ich meinen Vorſatz. Sie holte ſich Shwal und Hut. Ein zweites Opfer, ſagte ſie mit leichtem Scherze: ein zweites ſchon, und wie viel zoͤhlen Sie dagegen! Wahrhaftig Eines, was mehr gilt, als beide; die Ruhe meines ganzen Lehens, platzte ich her⸗ aus, und umſchlang das zauberiſche Maͤdchen, und machte gleich auf der Stelle zur Verlobung⸗ — 4 181 feier Anſtalt. Klotilde aber entſchluͤpfte meinem Arme, flog uͤber Flur, Treppe und Hof, daß ich ihr kaum folgen konnte, und fing erſt im Garten an, langſam zu gehen, wo die milden Luͤfte eines ausgeſacht ſchoͤnen Herbſttages ſie nach langer Entbehrung willkommen hießen. 62. Gern waͤre ich hinten an das Ende des Parks, in den Tempel der Ruhe gegangen, da war es heimlich und ſtill; oder hinunter an den See, in die Grotte des Neptun, da ſtoͤrte uns kein Menſch, da erlauſchte uns kein ſterbliches Auge; aber Klotilde ſetzte ſich, gewiß abſichtlich, in die große Weinlaube; hier hatten wir Schutz vor den Strahlen der Nachmittagſonne, und wer uns ſehen wollte, konnte kommen und ſich uͤberzeugen daß wir nicht verſteckt ſeyn wollten. Die lang vermißte freie Luft that dem Maͤdchen wohl; ſeine Lilienwangen roͤtheten ſich ſichtbar, und in den großen, ſprechenden Augen laͤchelte die freund⸗ lichſte Behaglichkeit. Ringsum und uͤber uns hingen vom zierlichen Gitterwerk des Laubenge⸗ woͤlbes die ſaftreichſten Trauben herab, blaue und weiße, eine immer groͤßer, reifer und ſchoͤner als die andere; wir pfluͤckten und aßen und plauder⸗ ten. Klotilde verlor ſich, von den ſchwarzblauen, mit zartem Duft uͤberhauchten Trauben an ihr Vaterland gemahnt, in den Erinnerungen an ihre Jugend und ihre reizende Heimath, und je laͤnger ſie ſprach, deſto weicher ward ihre Stim⸗ me. Des Heimwehes wunderbare Gewalt preßte ihr die Bruſt, und ſie geſtand endlich, unter herzlich geweinten Thraͤnen, daß ſie hier nicht laͤnger bleiben koͤnne, und daß, wenn ich ihr nur halb ſo gut ſey, als ich es ihr betheuert haͤtte, ich auf Mittel ſinnen ſolle, wie ſie ohne den Grafen zu kraͤnken, baldigſt in ihr Vaterland zuruͤckkehren koͤnne. Habe der Graf, was ſie nicht beurtheilen koͤnne, Verpflichtungen gegen ſie, ſo ſey ihm ja unbenommen, auch nach Bur⸗ gund ihr die noͤthigen Unterſtuͤtzungen zukommen zu laſſen, und ſelbſt wenn er dieß nicht wolle, oder moͤge, hoffe ſie mit dem, was ſie wiſſe und verſtehe, ſich auf eine anſtaͤndige Weiſe, eben ſo gut durch die Welt zu helfen, als es tauſend andere arme Maͤdchen ihrer Lage thun muͤßten, die vom harten Schick ſale hinausgeſtoßen, ſich auf ſich ſelbſt zu verlaſſen gezwungen waͤren. Der G⸗ =. 183 und ich, fuhr ſie mit iihrer raſchen Lebendigkeit fort: wir paſſen nun einmal nicht zuſammen; ich bin an dieſe ſtrenge Abgemeſſenheit nicht ge⸗ woͤhnt; ſeine Wachſamkeit uͤber jede meiner Hand⸗ lungen bringt eine Bitterkeit, einen Trotz in mir hervor, der meinem Charackter ſonſt ganz fremd war; es iſt mir, als muͤßte ich dem Druck, mit dem er mich belaſtet, eine gleiche Kraft entgegen⸗ ſetzen; ich fange an heimlich zu werden, die Luſt der Intrigue beſchleicht mich unwillkuͤhrlich; ich weiß, daß ich Unrecht thue, allein ich kann es nicht laſſen, dem Manne, der mich, der Son⸗ nenklarheit meiner Handlungen ungeachtet, mit ewigem Argwohn verfolgt, im Ueberwallen mei⸗ nes Unmuthes, bei weitem nicht mit der kindli⸗ chen Offenheit entgegen zu kommen, zu der mich ſeine Guͤte, ſeine Liebe verpflichten; ich fuͤhle, daß ich, wenn ich lange hier bleibe, am Ende ſchlecht werde, und darum will ich, darum muß ich fort, um mich vor mir ſelber zu retten, weil es noch Zeit iſt. Helfen Sie mir meinen Plan ausfuͤhren, ſinnen Sie, wie es moͤglich iſt,— aber was fehlt Ihnen? frug ſie mit ſanfter Rede, und ſah mir in das Geſicht und ſchwieg, weil ſie die Thraͤnen verſtand, die mir in die Augen ge⸗ ſchoſſen waren.— Klotilde! rief ich, und erlag faſt dem Rie⸗ ſenkampfe zwiſchen Vernunft und Liebe, der mir Kopf und Herz blutig zerriß. Sie wollen fort, und ich ſoll Ihnen dazu behilflich ſeyn! Sie fordern das Grauſamſte! Von der Reſidenz blieben Sie zuruͤck, weil Sie— ſo ſagen Sie wenigſtens, und gegen mich wollen Sie ja wahr ſeyn,— weil Sie ſahen, wie ungluͤcklich ich uͤber Ihre Reiſe war, und jetzt, wo ſie uns auf im⸗ mer und ewig verlaſſen wollen, ſoll ich einen Be⸗ weis meiner Liebe Ihnen dadurch geben, daß ich Ihnen zu Ihrer Entfernung ſelbſt behilflich bin! Klotilde— verlangen Sie mein Leben, nur das nicht. Meine einzige, meine himmliſche Klotilde, ſeyn Sie barmherzig! gehen Sie nicht! mein ganzes Gluͤck hienieden iſt dahin, wenn ich Sie verliere. Sie ſagen, Sie ſind arm. Gott ſey ewig Dank, daß Sie es ſind; denn dann darf ich Ihnen geſtehen, was dieß Herz fuͤr Sie fuͤhlt. Es iſt ja ein Gott im Himmel, in deſ⸗ ſen Vaterhand auch unſer Schickſal liegt; ver⸗ trauen wir auf ihn, Klotilde! er iſt mit uns, 185 wenn wir mit ihm ſind. Schlagen Sie ein, mein heilig geliebtes Maͤdchen, und ich werde— Sie that einen lauten Schrei, flog von der Bank auf, und fuhr mit beiden Haͤnden, laut jammernd nach dem Schwanenhals. Eine Wespe hatte das zarte Kind grimmig geſtochen. Beim tollen Hundsbiß ſoll das Ausſaugen des Giftes das ſchnellſte Heilmittel ſeyn. In der Angſt meines Herzens verwechſelte ich jenen ſchrecklichen Fall mit dem Wespenſtich, ſchleu⸗ derte raſch Klotildens zitternde Hand von der ſchwellenden dunkelrothen Stichwunde weg, rief haſtig: laß mich, um Gotteswillen Engel, laß mich, ich will Dir das Wespengift ausſaugen, ſonſt biſt Du in zehn Minuten des Todes— und ich hatte noch keine zwei Zuͤge gethan, als Klo⸗ tilde, die im Staunen, uͤber die Groͤße meiner edeln Selbſtaufopferung und in der Freude, durch die ihr neue chirurgiſche Operation vom Tode gerettek zu werden, mir eben die Wange unter ſuͤßem Koſen ſtreichelte, auf einmal links weg⸗ prallte; ich ſtarrte auf, und erbebte, denn der Graf ſtand in Lebensgroͤße vor uns. 63. Welche ungeheure Gewalt hatte der Mann uͤber ſich! Ich rechnete beſtimmt auf Sturm und Donnerwetter, aber er ſchwieg und ſchuͤttelte ironiſch laͤchelnd den Kopf; doch eben in dieſem Schweigen, in dieſem kalten Spottlaͤcheln lag die berechneteſte Peinigung, ich konnte kein Auge aufſchlagen, kein Glied ſtill halten, kein Wort ſprechen, und was hatte ich denn eigentlich ge⸗ than— nichts, gar nichts; denn dem liebens⸗ wuͤrdigſten Mädchen von der Welt hilfreich bei« zuſpringen, war doch wahrhaftig kein Verbrechen. Klotilde ſammelte ſich vom Schreck der Ueberra⸗ ſchung noch eher,— doch ſie hatte ja auch nichts Boͤſes gethan; denn daß ſie in ihren Todesnoͤ⸗ then die Schneepracht ihres Halſes hingab, um entgiftet zu werden, war ja bei Gott auch keine Suͤnde; entbloͤßt doch das zuͤchtigſte Maͤdchen vor dem Chirurgus gar den Fuß, wenn es ſich daran zur Ader laſſen muß. Sie erzaͤhlte mit ge⸗ laͤufiger franzoͤſiſcher Zunge den ganzen Vorfall, und belobte meinen Edelmuth, mit dem ich mein Leben daran geſetzt, um ſie zu retten. Der Graf mußte uͤber meine Dummheit, in der ich —— großer Hitze im Geſicht und fortwaͤhrendem Uebel⸗ 187 den Biß eines tollen Hundes mit einem bloßen Wespenſtich verwechſelt hatte, laut lachen; Klo⸗ tilde war empfindlich, daß er meinen Eifer fuͤr ihr Leben und ihre Wohlfahrt belachen konnte, und ich war, trotz der Scham, die mir das ganze Geſicht mit Karmin uͤbergoß, uͤber Klotildens Empfindlichkeit, im Tiefſten meines Innern, hoͤchlich entzuͤckt. Nach und nach kam, beſon⸗ ders durch Klotildens aͤcht franzoͤſiſche Redſelig⸗ keit, das Geſpraͤch in den Zug und der Graf er⸗ zaͤhlte zwar ein Breites uͤber die ihm in der Re⸗ ſidenz widerfahrenen Artigkeiten, aͤußerte aber, doch froh zu ſeyn, daß er wieder hier waͤre, weil er dort keinen Tag geſund geweſen ſey, und faſt beſtaͤndig an Schwindel, Ohrenbrauſen, uͤber⸗ ſeyn gelitten habe. Er nahm mich hierauf mit ſich auf ſein Zim⸗ mer, ließ ſich von den unbedeutendſten vorgekom⸗ menen Geſchaͤftſachen vortragen, und erwähnte der Wespengeſchichte weiter mit keinem Worte, aber Mamſell Muthchen hatte fuͤnf Minuten nach ſeiner Ankunft ſchon Order bekommen, gleich und ſofort wieder nach Hauſe zu gehen, vermuth⸗ lich, weil ſie Klotilden in den Garten allein ge⸗ hen ließ, und ſich nicht auch in die Weinlaube ſetzte, um ſich von den Wespen zerſtechen zu laſſen. 64. Herr Frugoni vollendete den folgenden Tag Klotildens Bild, ohne daß ich der Sitzung bei⸗ wohnen konnte, denn einmal ſaß ich in den mir vom Grafen aufgetragenen Geſchaͤften bis uͤber die Ohren vertieft, und dann hatte dieſer gegen Frugoni bereits ſein Mißvergnuͤgen geaͤußert, daß er meine Geſellſchaft beim Malen zugelaſſen, in⸗ dem es wider das Dekorum ſey, und ein junger Menſch in das Zimmer eines jungen Maͤdchens nicht gehoͤre. Ein ſonderbarer Mann, der Graf! warum ſagte er mir das nicht ſelbſt? und dann— uͤber den unſchuldigſten Beſuch von der Welt, bei dem jeder Menſch zugegen ſeyn konnte, und bei den Herr Frugoni auch wirklich zugegen war, machte er ein Aufheben, als ob Wunder was geſchehen waͤre, und uͤber die weit verfaͤnglichere Wespengiftgeſchichte, bei der er uns ſelbſt uͤber⸗ raſchte, verliert er kein Wort. Ergoͤtzte ihn der chriſtliche Muth, mit dem ich in meiner Dumm⸗ N 189 e heit fuͤr Klotilden ſelbſt in den Tod gehen wollte, oder das gewiß recht reizende Bild, die himmel⸗ ſchoͤne Klotilde in meinen Armen? oder ſah er heimlich vielleicht gar gern, daß wir beide uns einander gut waren, und wollte er nur ſcheinen, 3 als moͤge er ein ſolches Verhaͤltniß nicht geſtattet ⸗ wiſſen? Ich quaͤlte mich mit dem Allen weiter nicht. Klotilde hatte mir geſagt, daß ſie arm ſey; ich konnte alſo den Gedanken wagen, das ſaͤßeſte Kind in einer Runde von tauſend Mei l3en einmal mein zu nennen. Seit dem Wespen⸗ kuſſe hatte ſich, meiner Anſicht nach, Alles an⸗ ders geſtaltet. Ich wußte, daß ich Klotilden liebte, ich fuͤhlte, daß ſie mir gut war, und ich ahnete, daß der Graf— er ließ mich eben rufen, 1 und der Bediente, der mich erſuchte, ſchleunig r zu kommen, machte ein recht bedenkliches Geſicht. 4 ĩ a ☛* r ☛ 2 So weit ich im Studium der hieſigen Hofaugen⸗ ſprache gekommen war, ſagte der Blick des Be⸗ . dienten, der mich rief, ungefaͤhr ſo viel, alse geh nur, Du wirſt jetzt ein Kapitel geleſen be⸗ 3 kommen, uͤber das Du Dich wundern ſollſtz ¹. ich knoͤpfte mir daher, es war mir, als floͤge 3 ein leichter Froſt mir uͤber alle Glieder, Rock und Weſte bis an den Hals zu,— allein dieß⸗ mal hatte ich mich in meiner Kunſt, geſchnit⸗ tene Geſichter zu deuten, geirrt; der Graf war ploͤtzlich erkrankt, und ſchien ſehr bedeutend zu leiden. Der von Kaͤferlingen eilig herbeigeholte Arzt erklaͤrte die Krankheit fuͤr einen Nervenſchlag, meinte, daß die kleinen Zufäͤlle, die, wie ich ihm erzaͤhlte, der Graf ſchon in der Reſidenz ge⸗ habt, die gewoͤhnlichen Vorboten dieſer meiſt toͤdt⸗ lichen Krankheit waͤren, und gab weniz Hoff⸗ nung; er hielt mir und Klotilden eine ſehr ge⸗ lehrte Vorleſung uͤber die verſchiedenen Arten des Schlagfluſſes, als: des lymphatiſchen, gaſtri⸗ ſchen, ſpasmodiſchen und nervoͤſen, verſchrieb eine ganze Reihe von Recepten, fuhr mit bedenk⸗ lichem Achſelzucken von dannen, und uͤberließ uns unſeren bangen Beſorgniſſen. Klotilde verließ das Lager des Kranken keinen Augenblick. Der kleine Groll uͤber die beſtaͤndige Aufſicht, unter der ſie der Graf aus Argwohn oder Liebe bisher gehalten hatte, verſchwand in dieſem Augenblicke vor der Herzlichkeit ihres An⸗ theils an ſeinen Leiden; die Pflicht der Dankbar⸗ keit gegen den Wohlthaͤter ihres ganzen Lebens, und die geheime Ahnung des Familienbandes, 191 was ſie an den Grafen feſſelte, belebten ihre zarte Sorgfalt um ſeine Pflege; ſie lauſchte auf jeden ſeiner Winke, ſie kam ſeinen leiſeſten Wuͤn⸗ ſchen zuvor, und verrichtete das ſchwere Amt der Krankenwaͤrterinn mit der kindlichſten Selbſt⸗ verlaͤugnung. Der alte Mann ſchien dieß Alles mit tiefer Ruͤhrung zu bemerken; er ſah ſie im⸗ mer mit ſtillen Thraͤnen im Auge freundlich an, und bat ſie gegen Mitternacht, mit ihm zu beten. Wohl war es ein tief ergreifender Anblick, das fromme Kind am Bette des ſterbenden Grei⸗ ſes auf den Knieen liegen zu ſehen; Klotilde betete in der Sprache ihres Landes, zu dem, der den Voͤlkern aller Zungen ſein Ohr willig leiht, wenn ſie in der Noth zu ihm rufen; aber das Weinen erſtickte ihre Stimme. Sie ſenkte den Kopf auf ihre gefaltenen Haͤnde und ſchluchzte leiſe; da legte der Alte ſeine Rechte auf ihr Haupt und ſegnete ſie. 1 Nach einer langen Pauſe erſuchte er Klotil⸗ den, ſich zu entfernen, und winkte mir, mich zu ihm zu ſetzen. Er ſprach mit ſichtbarer Anſtrengung, kaum halb verſtaͤndlich; das Athemholen ward ihm im⸗ immer ſchwerer, und das zunehmende Roͤcheln ſtoͤrte ihn unaufhoͤrlich. Er fuͤhlte beſtimmt die Naͤhe ſeines Todes; es lag ihm etwas auf dem Herzen, gewiß ſtand dieß mit Klotilden in Be⸗ zug; aber die Macht der Gewohnheit verfolgt den armen Sterblichen bis an den Rand des Grabes; an Heimlichthun gewoͤhnt, konnte er ſich nicht entſchließen, ſich mir zu offenbaren. Alles, was er mir in kurzen abgebrochenen Saͤ⸗ tzen eroͤffnete, beſchraͤnkte ſich darauf, daß, wenn der Herr uͤber ihn gebieten ſollte, ich an ſeinen Sohn augenblicklich einen Kourier abfertigen, und deſſen Befehle, wegen der Empfangnahme der Belehnung einholen moͤchte. Was Klotilden anbelangt, hob er an, und druckte mir mit ſchwacher Kraft die Hand: ſo bleiben Sie ihr Freund.— Ueber ihrer Herkunft liegt ein ſchweres Geheimniß— die Ehre meines Hauſes— ein ſchrecklicher Huſten krampfte ihm die Bruſt zuſammen, ich rief Klotilden; ſie flog zitternd an ſein Bette und beſchwichtigte ſeine ſichtbare Angſt mit milder Rede und frommen Gebet. Er legte die Hand auf ihr Haupt, er wollte ſprechen, und konnte nicht; er wollte ſchlucken, und vermochte es nicht; der Naſe ent⸗ auollen einige Tropfen Blut, der Todesſchaum bedeckte ihm die erſtarrenden Lippen, die Pulſe ſtockten, das Auge brach.— Er war verſchieden, 65. Des Grafen Huͤlle ruhte ſchon mehrere Tage in der Familiengruft unſerer Kirche. Im Schloſſe war es oͤde und ſtill. Klotilde, vom ſchleunigen Hintritt des Grafen tief erſchuͤttert, lebte ſo auf⸗ fallend zuruͤckgezogen, daß ich ſie ſeit dem Be⸗ graͤbnißtage, wo ſie an der Spitze ſaͤmmtlicher Gemeinden dem Sarge gefolgt war, mit keinem Auge ſah. Faſt zwei ganze Wochen hatte ich, von einer Menge Geſchaͤfte uͤberladen, das ausgehalten; jetzt uͤberwog die Sehnſucht jede andere Ruͤckſicht, und ich faßte mir das Herz, ſie auf ihrem Zim⸗ mer, unangemeldet zu uͤberraſchen. Ein mit dem Poſtboten an ſie eingelaufener, mit einem mir fremden adeligen Petſchaft verſehener Brief, gab mir einen ſchicklichen Vorwand dazu. Sonſt immer die lebendige Raſchheit ſelbſt, ſchien ſie uͤber meinen Zuſpruch befangen; es lag in ihrem ganzen Weſen etwas Gemeſſenss, Aengſt⸗ liches. Sie nahm mir den Brief al, ohne ihn 13 zu oͤffnen; ich haͤtte gern gewußt, wer an das fremde, hier ganz unbekannte Maͤdchen ſchriebe, und was er ſchriebe; ſie aber ſchien auf das Alles nicht zu achten. Unſer Geſpraͤch, das ich mir ganz anders gedacht hatte, drehte ſich nur um die gewoͤhnlichſten Gegenſtaͤnde; ich konnte nicht laͤnger, ich mußte dem gepreßten Herzen Luft machen, und mein Befremden uͤber die Kaͤlte laut werden laſſen, mit der ſie dieſe ganzen vier⸗ zehn ewig langen Tage jedes Zuſammentreffen mit mir abſichtlich gemieden, und ſelbſt jetzt ſich ein Benehmen angeeignet habe, daß es ſcheine, als wolle ſie jede Naͤherung wie ein Vergehen von mir betrachten. Sie ſah mich eine Weile an, laͤchelte wehmuͤ⸗ chig, ſchuͤttelte das Koͤpfchen und ſchwieg. Habe ich etwa Unrecht, Klotilde? fragte ich ſanft, und der Gedanke, ihr wehe gethan zu haben, milderte den Ton meines Vorwurfs. Wohl haben Sie Unrecht, mein Freund, entgegnete Klotilde ruhig. So lange der Graf mich mit Aufpaſſern umſtellte, ſo lange war es, wenigſtens nach meiner Anſicht verzeihlich, wenn ich den Feſſeln, die er mir anlegen zu wollen ſchien, eine Art unſchuldigen Trotz entgegen ſetzte. eund, Graf r es, wenn dollen ſetzte.. 195 Jetzt, da ich frei bin, kommt es mir vor, als muͤßte ich mich ſelbſt in jene Feſſeln ſchmieden. Was mir eigentlich der gute alte Mann war,. weiß ich nicht; nur ſo viel fuͤhle ich, daß ich ſein Andenken ehren muß; und dieß kann ich nicht beſſer, als daß ich das freiwillig und gern thue, was er bei ſeinen Lebzeiten wuͤnſchte, daß ich es thun moͤchte. Er hatte manche Schwaͤche, man⸗ che Eigenheit, er hatte dafuͤr aber auch viel Gro⸗ ßes und Herrliches, und die tauſend Thraͤnen, die ihm ſeine Unterthanen, als ſie ihn zur ewi⸗ gen Ruhe begleiteten, ſtill nachweinten, waren unverwerfliche Zeugen ſeines Werthes. Laſſen wir ihn im Frieden ſchlummern. Jetzt mein Freund, wollen wir den Brief oͤffnen. Vor Ih⸗ nen habe ich kein Geheimniß. Sie werden ſelbſt ermeſſen, daß ich hier nicht bleiben kann. Die Guͤter gehoͤren dem Sohne unſers alten Herrn, einem jungen Wuͤſtling, von dem die eigenen Leute des Grafen nicht viel Gutes zu erzaͤhlen wiſſen. Wahrſcheinlich trifft dieſer, auf die Nachticht, die Sie ihm vom Tode des Vaters haben zukommen laſſen, in wenig Tagen hier ein. Mit welchem druͤckenden Gefuͤhle muͤßte ich vor ihm erſcheinen, wenn er mich in ſeinen 13* 196 Beſizungen hier faͤnde, wenn er mich fragte, wie ich hieher gekommen, was ich hier wolle, und ich ihm auf alles dieß keine genuͤgende Antwort geben koͤnnte. Legt Ihnen, fragte ich laͤchelnd: auf die letzte Frage, Ihr Herz die Antwort nicht in den Mund? Wenn der junge Graf Sie fragt, was Sie hier wollen, ſo ſagen Sie nur ganz trocken weg: Heirathen, und fragt er weiter, wen, ſo zeigen Sie nur gefaͤlligſt auf mich, ſo wird er, wenn er nicht ganz auf den Kopf gefallen iſt, den Zuſammenhang wohl verſtehen. Jetzt keinen Scherz, entgegnete Klotilde bit⸗ tend: wir ſtehen beide auf einem ſehr ernſten Punkte, auf dem Punkte der Entſcheidung unſe⸗ rer Zukunft. Wiſſen Sie denn Ihr Schickſal ſo beſtimmt, daß Sie deſſen Theilung mir bie⸗ ten koͤnnen? Der junge Graf hat, wie Sie wiſſen, mit dem Vater Jahre lang in geſpann⸗ ten Verhaͤltniſſen gelebt; wird er denn den Guͤnſt⸗ ling dieſes Vaters bei ſich behalten? Des Her⸗ umſchwaͤrmens in der Welt muͤde, ſehzt er ſich ruhig hieher, verwaltet ſeine Beſitzungen ſelbſt, und erſucht Sie, zum Neujahr ſich nach einem andern Verhaͤltniß umzuſehen; was dann? Nein, mein Freund, ich will Sie zu keiner Uebereilung verleiten. Unſere Wege gehen aus einander. Ich habe an den Schwager des alten Grafen, an den Ober⸗Kammerherrn geſchrieben; von dem erzaͤhlte der ſelige Graf immer viel Gutes, und darum habe ich Vertrauen zu ihm gefaßt; ich habe ihm meine hieſige Lage geſchildert, ihm die Nothwendigkeit aus einandergeſetzt, vor der An⸗ kunft des jungen Grafen von hier weggehen zu muͤſſen, und ihn gebeten, mich zum Unterricht im Franzoͤſiſchen, in der Muſik u. ſ. w., in anſtaͤndigen Haͤuſern ſeiner Bekanntſchaft zu em⸗— pfehlen, und bei den beſcheidenen Anſpruͤchen, die ich mache, wird ſich gewiß ein ſolcher Platz gefunden haben. Jetzt wollen wir den Brief oͤff⸗ nen, und ihn zuſammen leſen, in ihm liegt der Faden, an dem ich mich durch das Labyrinth dieſes dunkeln Lebens unter Kummer und Ent⸗ ſagen, fortwinden ſoll; es gibt kein mißlicheres Loos, als das eines Maͤdchens, das in der Welt mittellos und allein ſteht. Sie zerdruͤckte eine ſtille Thraͤne, und griff nach dem Briefe. Oeffnen Sie nicht, rief ich mit mir ſelbſt unbegreiflicher Laune, und gedachte der boͤſen Nacht in Kaͤferlingen, wo ich auch alle Hoff⸗ nungen aufgegeben und der Verzweiflung mich in die kalten Arme geworfen hatte, und auf die es mir gleich nachher ſo uͤberſelig bis jetzt gegan⸗ gen war. Der Brief kann uͤber Ihr ganzes Schickſal gebieten. Der Ober⸗ Kammerherr kann Ihnen,—. er war der vertrauteſte Freund des Grafen,— er kann Ihnen ſchreiben, daß Sie im Teſtamente, das der Verſtorbene beim hoͤch⸗ ſten Landesgerichte deponirt hat, reichlich bedacht ſind; dann— ich ſtockte, denn der Gedanke, daß ſie mir, dem blutarmen Secretair dann ver⸗ loren ſey, durchzuckte mir, wie ein kalter Don⸗ nerſchlag, die Seele. Nun und dann? fragte Klotilde freundlich: das ſollte ich meinen, waͤre ja das Beßte, was mir begegnen koͤnnte; Sie aber machen ein Ge⸗ ſicht dazu, als ſey das ein Ungluͤck. Das waͤre es auch, entgegnete ich, und mußte mich wegwenden, denn die ſchmerzliche Idee, daß Klotilde, wenn es bekannt wuͤrde, daß ihr durch Erbſchaft ein betraͤchtliches Vermoͤgen zuſiele, ein Heer von Anbetern um ſich haben wuͤrde, von denen mancher ihr zehnmal lieber und werther ſeyn duͤrfte, als ich, truͤbte mir das Auge und machte mich finſter. Mein Frzund, mein lieber, lieber Freund, ſagte A mild laͤchelnd, und in ihrem him⸗ melreinen Aulge glaͤnzte eine ſtille Thraͤne: wir ſind, ich weiß nicht wie, wieder auf die Unter⸗ haltung gerathen, bei der uns neulich in der Weinlaube die Wespe unterbrach; heute ſehe ich, kommt kein ſolches mitleidiges Thier ge⸗ flogen, um mich des Geſtaͤndniſſes zu uͤberhe⸗ ben, daß alle aͤußere Nebenumſtaͤnde auf die Neigung meines Herzens nie von Einfluß ſind. Der Brief hier, und Ihr faſt uͤberſpanntes Zartgefuͤhl, dringen mir dieſe Betheuerung ab; bin ich nach der Leſung dieſes Briefes reicher als jetzt, ſo wuͤrden Sie, nach Ihren An⸗ ſichten und Gefuͤhlen, nicht wieder den Muth haben, ſich mir mit Liebe und Vertrauen zu naͤhern, und ich— ſie lachte mit unbeſchreib⸗ lichem Liebreiz— ich kann Ihnen doch die Hand zuerſt nicht bieten; und bin ich, nach der Leſung des Briefes, aͤrmer, ſetzte ſie ernſt hinzu: und ich wollte dann noch von Ihrer Liebe ſprechen hoͤren, wuͤrde es, muͤßte es nicht den Schein haben, als— Als waͤre ich Ihnen nun gut genug, fiel ich ihr halb empfindlich, halb ſcherzend in das 200 Work. Alſo vor der Gntſiege fes, fuhr ich fort, und drut mein Herz, und ſah ihr in lare blumenblau ihres geiſtvollen Auges, und ſie ſank in meine Arme; ein mine Kuß eſiegelte den Bund zwiſchen zwei del armſten Menſchen unter der Sonne, die in der Se⸗ ligkeit dieſes Augenblicks die Gluͤcklichſten, die Neißſten auf dem ganzen Erdenrunde waren. ie war das Maͤdchen ſchoͤn, wie liebens⸗ wert Es kam mir vor, als waͤre es tau⸗ ſendmal reizender, ſeit es mein ſey. Ihr ver⸗ trauliches Du, um das ich ſie jetzt bat, hatte einen ganz unbeſchreiblichen Wohllaut. Wir waren vom Kuͤſſen zum Koſen, zum Schetzen und Taͤndeln uͤbergegangen; ſie erzaͤhlte mir nun mit herzlicher Offenheit, daß ich gleich am erſten Tag unſerer Bekanntſchaft das Gluͤck gehabt haͤtte, vor ihren Augen Gnade zu fin⸗ den; wir machten tauſend Plaͤne fuͤr die Zu⸗ kunft; uns bangte unſeres Fortkommens hal⸗ ber im Mindeſten nicht; der junge Graf konnte heute eintreffen und wir morgen auswandern muͤſſen, ſo ſtand uns jede große Stadt offen, wo wir mit Stundengeben in Muſik und ..—— 201 Sprache, uns unſeren Lebenserwerb ſchon ver⸗ bern 3. Armſelige Ausſichten, und doch war der Spiegel, der uns unſere kuͤnfti⸗ gen Tage ſo roſig zeigte, der freundlichſte, in den ih geſehen. 8 66. Wir wollten ſchon in den Garten hinab, um von allen unſeren Lieblingsplaͤtzchen, von der Schneeballparthie, wo wir uns zuerſt ſa⸗ hen, von der Weinlaube, und noch von vielen anderen, die wir nun wahrſcheinlich bald wuͤr⸗ den verlaſſen muͤſſen, vorlaͤufig Abſchied zu nehmen, als uns des Ober⸗Kammerherrn Brief⸗ den wir uͤber die Seligkeit unſerer Liebe ganz vergeſſen hatten, wieder in die Augen fiel. Wir oͤffneten und laſen: Ma chere demoiselle! Si vous voulez ôtre employée en qualité d'une gouvernante, il vous faut laisser annoncer dans la gazette. Moi je ne suis pas votre Commissaire, et F'ai trop a faire, pour pouvoir me me- ler en votre petites choses. Le comte 202 a parlé avec moi tres en de vous, et toujours avec beaucoupnour et tendresse; cel aussi la causepourquoi je suis avec l'estimation veritable Votre etc- Wir lachten uͤber die kauderwelſchen Zeilen; ihr Inhalt ſchmerzte uns nicht, nur fand Klo⸗ tilde, daß der Ober⸗Kammerher ein ungefaͤl⸗ liger Menſch ſey. Wenn er wirklich eine estimation veri- table fuͤr mich haͤtte, ſagte ſie halb empfind⸗ lich: ſo konnte er wohl fuͤr das verlaſſene Maͤd⸗ chen ein freundliches Wort bei ſeinen Bekann⸗ ten ſprechen. Sieh mir in das Herz, und Du wirſt keinen Hang zur Rache darin fin⸗ den, aber ſolchen Menſchen, gerade ſolchen, moͤchte ich fuͤhlen laſſen, wie wenig ſie verſte⸗ hen, den vom Ungluͤck Niedergebeugten aufzu⸗ richten. Jetzt mein Freund— ſiee ſchlug die Augen nieder: jetzt habe ich nichts, was ich Dir mitbringen kann, nicht einmal den Stolz einer geopferten Ausſicht. Du knuͤpfeſt Dir eine Laſt an das Leben, die Dich nie wird ſo hoch ſteigen laſſen, als Du mit Deinen Kennt⸗ niſſen, mit Deinem Herzen verdienſt. Ich 8 bh S 8 203 kann Dir keinen Erſatz bieten, nicht den ge⸗ ringſten. Das Feuer Deiner Liebe werden ſpaͤ⸗ terhin der Reue Thraͤnen ausloͤſchen, daß Du Dich uͤbereilteſt, und ein Band knuͤpfteſt, das Dir Deine Lage nur erſchwert, Dir nimmer Freude bringen kann. Laß mich in Frieden ziehn! ich will zuruͤck in mein Vaterland! Mein Gott wird mich ja dort nicht zu Schan⸗ den werden laſſen; ein belohnendes Gefuͤhl ſchon begleitet mich dahin, daß Dir dann die Haͤlfte Deiner Lebensſorgen abgenommen iſt. Mein Freund, mein Herzensfreund, des Ar⸗ men Loos iſt unbarmherzig hart! Die Tren⸗ nung von Dir, mein Geliebter— Sie iſt unmoͤglich! rief ich im Uebermaß des Schmer⸗ zes, und umſchlang das wunderholde Kind. Klotilde ſank, laut ſchluchzend, an meine Bruſt. Haſt Du denn den Muth, fragte ſie nach langer Pauſe, und laͤchelte unter ſanftem Weinen, mit hoffendem Vertrauen auf die Guͤte der Allmacht, mir in die Augen: haſt Du den Muth, des Lebens Buͤrde, die das Geſchick uns in unſerer Armuth auflegt, mit mir zu tragen? Wir ſind nicht arm, entgegnete ich, den 204 frommen Engel an mein tief bewegtes Herz druͤckend: wir verſtehen beide die große Kunſt, die ſelbſt manchem Weltweiſen abgeht, die Kunſt des Entbehrens, und wir haben beide ſo viel gelernt, daß wir uns verdienen koͤnnen, was wir brauchen. Schlag ein, meine treu geliebte Klotilde! bauen wir auf Gott, der wird es wohl machen; wir wollen nicht ſchla⸗ fen, noch ſchlummern, noch die Haͤnds zu⸗ ſammenthun, daß wir ruhen, auf daß nicht uͤber uns komme die Armuth wie ein Wande⸗ rer, und der Mangel, wie ein gewappneter Mann. Weinen und Klagen hat ſeine Zeit; laß uns froͤhlich ſeyn auf unſerm ſtillen Wege durch das Leben, das iſt unſer Theil. Ich hab' einmal ein Schätzel g'habt, Ich wollt, ich haͤtt es noch. blies der Kaͤferlinger Poſtknecht, und ſauſ'te mit dem aus Italien zuruͤckkehrenden Kam⸗ merdiener am Garten voruͤber. Wir lachten uͤber das alte Lied des Poſthorn⸗Virtuoſen und eilten in das Schloß zuruͤck, um zu hoͤren, was der Kammerdiener uns fuͤr Nachrichten vom jungen Grafen bringe. Dringender Urſachen halber, ſchrieb er, ſey 205 es ihm unmoͤglich, ſelbſt zu kommen; ich ſolle aber bei Anſicht dieſes, nach Wien eilen, und im Erzherzoge Karl nach ihm mich erkundigen; zugleich ſolle ich die Guts⸗Rechnungen des letz⸗ ten Jahres mitbringen, und was hier ſonſt noch von Intereſſe fuͤr ihn ſeyn koͤnne. 67. Ein Packet Rechnungen im Wagen links neben mir, ein Blechkaͤſtchen mit des ſeligen Herrn Documenten rechts neben mir, Frugo⸗ ni's Meiſterbild auf der Bruſt, und tauſend Plaͤne, Hoffnungen und Zweifel im Kopfe— ſo fuhr ich in die Kaiſerſtadt ein, fragte im Erz⸗ herzoge Karl nach dem Grafen, hoͤrte, daß er bereits eingetroffen ſey und ließ mich, nachdem ich den Reiſeſtaub abgeſchuͤttelt hatte, bei ihm melden. In banger Erwartung,— denn in des Mannes Hand lag ja meine Zukunft, mein Gluͤck,— trat ich vor den Grafen, und haͤtte beinahe laut aufgeſchrieen, denn ich ſtand vor Klotilden. Deſſelbe Geſicht, die nämlichen. Zuͤge, das ſchwarze Haar, die dunkelblauen Augen,— nur einige zwanzig Jahre aͤlter, und 9 290 an die Stelle der weiblichen Grazie, die zarteſte maͤnnliche Anmuth. Das war Klotildens Bru⸗ der, und kein anderer. Kommen Sie allein? fragte er geſpannt, und ſchien, als ich die Frage bejahte, in einer ſehr angenehmen Hoffnung getaͤuſcht zu werden; er wendete ſich halb ſeitwaͤrts und murmelte et⸗ was von dem Schluſſe ſeines Briefes, den ich nicht geleſen haben muͤſſe, jedoch nur ſo leiſe vor ſich hin, daß ich das, was er ſagte, oder viel⸗ mehr damit ſagen wollte, nicht recht verſtehen konnte. Sollte er unter den Worten: daß ich ihm außer den Rechnungen mitbringen ſolle, was ſonſt noch fuͤr ihn von Intereſſe ſeyn koͤnne, Klotilden, den unſchuldigen Zeugen von der Schuld ſeiner Mutter, gemeint haben? Ich ſchwieg, und glaubte, er wuͤrde ſich deutlicher erklaͤren, aber er beruͤhrte den Punkt nicht wei⸗ ter, ſondern ließ ſich, die mitgebrachten Papiere durchblaͤtternd, von der letzten Stunde des Va⸗ ters erzaͤhlen, hoͤrte mit der aufmerkſamſten Theilnahme zu, legte am Ende die Papiere aus der Hand, barg das Geſicht in ſein Taͤſchentuch und weinte die bitterſten Thraͤnen. War das der Mann, an dem die Leute un⸗ ſeres Hauſes kein gutes Haar wiſſen wollten, den Klotilde, meine ſanfte Klotilde ſelbſt, einen Wuͤſtling geſcholten hatte? Ein guter Sohn iſt kein ſchlechter Menſch, und daß der Graf keiner war, ſagte mir ſein leiſes Schluchzen um den toͤbtlichen Hintritt des kindlich geliebten Vaters. Ich habe, ſprach er, wie im Vorwurf ge⸗ gen ſich ſelbſt: hier in Freude und Gluͤck gelebt, waͤhrend mein armer Vater mit dem Tode rang. Er hat Niemand gehabt, der ihm in den letzten Stunden des ſchweren Kampfes Troſt zuſprach, Niemand, der— Er ſtarb, fiel ich ihm in das Wort, und an meinem Tone mußte der junge Graf abneh⸗ men, daß mir ſeine Vorſtellung, als haͤtten wir uns gegen unſern vaͤterlichen Freund, den alten Grafen, einer Liebloſigkeit zu Schulden kommen laſſen, recht innig weh that: Er ſtarb in meinen Armen; Klotilde betete mit ihm, bis zu ſeinem letzten Athemzuge, und als ſein Geiſt von ihm wich, druͤckte ſie das lebensmuͤde Auge zu. That ſie das? rief der Graf begeiſtert, und luaͤchelte durch die hellen Thraͤnen, und faltete freudig die Haͤnde vor die Bruſt: ſie betete mit ihm, ſie druͤckte ihm an meiner Stelle die Augen 208 zu?— er konnte nicht weiter ſprechen; die tiefſte Ruͤhrung erſtickte ihm die Stimme. Nach einer langen Pauſe, ſagte er ſtill vor ſich hinſinnend: ſonderbare Fuͤgung! alſo darum mußte ſie ſter⸗ ben? darum mußte Klotilde zum Vater? Er ſchuͤttelte, in Gedanken tief verloren, den Kopf und ging, den naſſen Blick zur Erde gewandt, ſchweigend im Zimmer auf und ab. Morgen fruͤh! ſagte er endlich, Klotildens blaues Auge auf mich gerichtet, freundlich bittend zu mir und verabſchiedete mich. 68. Ich hatte mich auf Wien gefreut, und war jetzt mitten darin, aber ich hatte keinen Sinn fuͤr die Annehmlichkeiten der geruͤhmten Kaiſer⸗ ſtadt. Die Sehnſucht nach Klotilden ſchwellte mir die Bruſt! Hundert bildſchoͤne Maͤdchen und Frauen begegneten mir, aber mein Engels⸗ kind mit dem Rabenhaar und den azurblauen Augen, war nimmer unter ihnen.— Das Raͤthſelhafte in des Grafen Benehmen beſchaͤftigte meine Phantaſie! Er mußte jenen Brief, deſ⸗ ſen Anfang ich in des alten Grafen Zimmer ge⸗ de war inn ſer⸗ ellte chen eels⸗ uen Das tigte deſ⸗ ge⸗ 209 leſen, erhalten haben, denn er wußte von Klo⸗ tilden. Seine wehmuͤthige Freude, als er hoͤrte, daß ſie den ſterbenden Vater gepflegt, daß ſie ihn getroͤſtet, daß ihr Gebet ihn in das Schauerreich des Todes begleitet hatte— und dann ſeine ſonderbare Aeußerungen uͤber die Fuͤgung des Schickſals— darum mußte ſie ſterben, ſagte er!— wer war die ſie? ſeine Mutter, die Schuldbelaſtete? die war aber ja ſchon lange todt! Ich bog, in Gedanken tief verloren, aus der Kaͤrnthner Straße, beim Stock am Eiſen, links ein, wandelte nach dem Graben zu, und prallte, da in der engen Paſſage dieſer Gegend, zwei Equipagen an einander vorbeiflogen, rechts an die Glasthuͤr eines Konditor⸗Ladens. Ein zarter weißer Finger tippte im inneren, an die Scheiben der Thuͤr, ich hoͤrte meinen Namen nennen, wendete mich, und erblickte das Som⸗ merſproſſen Geſicht der Gundel. 69. Ich trat, meinen Augen kaum trauend, in den Laden, ward von ihr mit einem lauten Ge⸗ läͤchter bewillkommt, fand an ihrer Seite einen 14 210 jungen Mann, den ſie mir als den Baron von Finkenbach vorſtellte, und mußte Mandelſchnitz! eſſen, die ſie mir als das weltberuͤhmte Back⸗ werk dieſer Konditorei anprieß, und nebenher, waͤhrend ich die wahrhaft uͤberirdiſche Ambroſia mir auf der Zunge zergehen ließ, beilaͤufig er⸗ zaͤhlte, daß ſie in dem kleinſtaͤdtiſchen Kaͤferlingen nicht mehr habe aushalten koͤnnen, daß Papa und Mama Knipps immer eigenſinniger und un⸗ ertraͤglicher wuͤrden, daß ihr Mann, nachdem er im Spiel und Trunk ihr Vermoͤgen und ſeine Geſundheit verlor, wegen lebensgefaͤhrlicher An⸗ faͤlle von Wahnwitz, im landesherrlichen Toll⸗ hauſe habe untergebracht werden muͤſſen, daß ſie, um ſich von dem tauſendfachen Ungemach, dem ſie dieſe Zeit uͤber faſt erlegen, zu zerſtreuen, mit ihrem Freunde, dem Baron, eine kleine Luſt⸗ reiſe hieher gemacht habe, daß ſie geſtern erſt hier angekommen ſey, und ſich unbeſchreiblich freue, gleich in den erſten vier und zwanzig Stun⸗ den ihres Hierſeyns, einen ſo alten lieben Be⸗ kannten zu finden. Auf gut Deutſch, Gundelchen war davon gelaufen, lebte mit ihrem ſogenannten Freunde, der, wie ich ſpaͤter in Kaͤferlingen erfuhr, dort 211 als Declamator und Magnetiſeur aufgetreten war, in den Tag hinein, und freute ſich, mich, den alten Bekannten hier zu wiſſen, um ihn, im Fall der Noth, die wahrſcheinlich nicht lange ausbleiben konnte, auf irgend eine gute Manier, wegen einer Hand voll Guldenſcheine, in Kon⸗ tribution zu ſetzen. Die Mandelſchnitzl ſchmeckten mir auf ein⸗ mal nicht mehr. Die Flaſche Pontac, die Gun⸗ del dem Vater gemauſ't hatte, um ſie mir heim⸗ lich zuzuſtecken, ſtand wie eine ſchwarze War⸗ nungſaͤule mir vor den Augen. Wo ein Kind gegen Vater und Mutter, wo ein Gatte gegen den andern heimlich handelt, da iſt kein Gluͤck, kein Segen im Hauſe. Ich entfernte mich, un⸗ ter einem geſuchten Vorwande, ſo bald als moͤg⸗ lich, und habe von der Landfluͤchtigen nie wieder gehoͤrt. 70. Morgen fruͤh, hatte der Graf geſagt; ich ſtand alſo bei guter Zeit auf, um in den Erz⸗ herzog Karl zu gehen; allein der Graf uͤberraſchte mich auf meinem Zimmer. Er begruͤßte mich freundlich, hatte einige 14* 212 Papiere in der Hand, und begann von Geſchaͤf⸗ ten zu ſprechen, als er Frugoni's Miniaturbild auf dem Tiſche neben meinem Bette gewahrte. Das hat Frugoni gemalt, rief er, wie electriſirt, griff mit dringender Haſt nach dem Gemaͤlde, weilte mit ſtillem Blick eine Weile auf demſelben, ſagte leiſe, mit gebrochener Stimme: ja das iſt ſie! fing dann laut an zu weinen, und ſtuͤrzte, das Bild in der Hand, zum Zimmer hinaus; ich folgte ihm, vor Schreck und Verwunderung mehr todt als lebendig, bis zur Treppe, er deu⸗ tete mir aber durch Handwinken zu bleiben, ſagte durch das vor den Mund gehaltene Tuch, ich moͤchte morgen fruͤh zu ihm kommen, eilte die Treppe hinab, warf ſich in den Wagen, und fuhr davon. Ich ſtand zehn Minuten und laͤnger auf einem und demſelben Flecke, und wußte nicht, ob ich wache oder traͤume. Was wußte der Graf von Frugoni? was von Klotilden? Klotilde hatte mehr als einmal geſpraͤchweiſe erwaͤhnt, daß ſie vom jungen Gra⸗ fen nichts wiſſe, als was ſie von den Umgebun⸗ gen des Hauſes gehoͤrt hatte, und das war nicht ſehr erfreulich. Wie konnte Klotildens Bild, das t 3 Bild eines Maͤdchens, das er nie mit Augen ſah, den Grafen ſo ergreifen? Was wollte er mit ſei⸗ nem, das iſt ſie, das iſt ſie! oder kannten ſich beide, und hatte mich Klotilde belogen, betro⸗ gen? Aber das war ja nicht moͤglich; welche Teufel muͤßten die Weiber ſeyn, wenn das rein⸗ ſte, das fleckenloſeſte Weſen unter ihnen, dieſe Klotilde, mich ſo haͤtte taͤuſchen koͤnnen. Das ganze Benehmen des Grafen war ſo befremdend! — Klotilde war nicht das Kind ſeiner Mutter, nicht ſeine Halbſchweſter! um einer ſolchen wil⸗ len gerieth ein Mann, wie der Graf, nicht in dieſe Extaſe; die Leidenſchaftlichkeit, mit der er nach dem Bilde griff, die tiefe Wehmuth, die ihm die Thraͤnen aus den Augen preßte; der Schmerz, die Verzweiflung, die ihn von dan⸗ nen trieben; der Raub des Gemaͤldes ſelbſt,— konnte ich denn noch an einem heimlichen Ver⸗ ſtaͤndniß zwiſchen ihm ur Klotilden zweifeln? Ja, ſie hatte mich hintergangen, die Schlange. Das ungeheuerſte aller Gefuͤhle, das Gefuͤhl be⸗ trogener Liebe packte mich mit gluͤhenden Zan⸗ gen. Ich mußte Aufſchluß haben, aus des Grafen eigenem Munde wollte ich den Zuſam⸗ menhang hoͤren; ich ſtuͤrzte ihm nach. Er hatte 214 ſich in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, und ließ Niemand vor ſich. Ich ließ mich nach einer Stunde wieder melden, dieſelbe Antwort; ich wiederholte eine Stunde ſpaͤter meine Anfrage; der Graf ſchickte mir ein verſiegeltes Billet her⸗ aus, in dem er mich mit freundlichen Worten erſuchte, morgen fruͤh wieder zu kommen, und bis dahin ganz ruhig zu ſeyn. Ruhig! das Wort war bald geſchrieben; ich durchlief die halbe Stadt, und wurde es nicht. Es wurde Mittag und ich konnte keinen Biſſen eſſen; es wurde Abend, und ich konnte nirgend aushalten; ich lief in das Theater an der Wien, aus dieſem in das Kaͤrnthner⸗Thor⸗Theater, aus dieſem in das Burgtheater! uͤberall wollte es mich nicht leiden, uͤberall verfolgte mich Klo⸗ tildens Bild, und des Grafen Worte, das iſt ſie, zerſchnitten mir das Herz in blutige Stuͤcke. Muͤde, erſchoͤpft bis zum Tode, warf ich mich auf mein Lager, und der Schlaf, der himmli⸗ ſche Troͤſter der Leidenden, druͤckte mir das thraͤ⸗ nenfeuchte Auge zu. 215 71. Den folgenden Morgen wachte ich fruͤher als gewoͤhnlich auf; ich eilte lin den Erzherzog Karl; der Graf war fort! Der Wirth des Hau⸗ ſes haͤndigte mir ein verſiegeltes dickes Packt Pa⸗ piere unter meiner Adreſſe ein, und richtete die Gruͤße aus, die der Graf noch beim Einſteigen in den Wagen an mich beſtellt hatte. Der Graf fort?— Ueber den Gedanken konnte ich nicht wegkommen. Die Papiere— was konnten mir die todten Papiere helfen; das waren, das ſah ich an der großen Folioform, trockene Acten⸗ und Rechnungſachen. Die aͤng⸗ ſtigendſten Beklemmungen in der Bruſt, ging ich mit dem Packte unterm Arme, nach Hauſe; meine Buͤrde ward mir immer ſchwerer; in den Papieren war nichts Gutes; darum ſchrieb der Graf, denn einem Manne von irgend einigem Zartgefuͤhl faͤllt es ſchwer, andern etwas Unan⸗ genehmes muͤndlich ſagen zu muͤſſen. Wie in jener Nacht zu Kaͤferlingen, als ich ohne Troſt und Ausſicht mit duͤſterem Blicke meine Lage uͤberſchaute, haderte ich jetzt mit dem Schickſale, deſſen Tuͤcke mich gegenwaͤrtig mit Doppelkrallen 216 packte. Es war, als haͤtte ich mein eigenes Kreuz zu meinem Golgatha getragen, ſo erſchoͤpft ſank ich in das Sopha, als ich meine Wohnung erreicht hatte. Mit ſchmerzlichen Ahnungen ent⸗ ſiegelte ich endlich die verhaͤngnißvollen Papiere. Oben auf lag eine auf mich geſtellte, vor den Gerichten zu Piombino ausgefertigte Voll⸗ macht, in des Grafen Stelle, die Lehn der ihm durch des Vaters Tod erblich zugefallenen Guͤter zu empfangen,. Das zweite, gleichfalls vor gedachten Ge⸗ richten ausgeſtellte Document„ uͤbergab die ſaͤmmtlichen Guͤter, ſammt allem in Deutſch⸗ land befindlichem Vermoͤgen des verſtorbenen Va⸗ ters, es moͤge ſolches beſtehen, worin es wolle, Klotilden und ihren naͤchſten Erben, zur lebens⸗ laͤnglichen Nußnießung. Das dritte, ebenfalls gerichtlich beſtaͤtigt, er⸗ nannte mich zu Klotildens Vormund. Das vierte Papier endlich, waren folgende Zeilen, von des jungen Grafen eigener Hand, und geſtern erſt geſchrieben. —— —.— —-—,,-„— — — —————— 217 Mein Freund! 2 Der letzte Brief meines ſeligen Vaters hat mich von dem Verhaͤltniß in Kenntniß geſetzt, in dem ſie zu Klotilden ſtehen. Mein Betra⸗ gen dieſen Morgen, mag Ihnen vielleicht auf⸗ fallend geweſen ſeyn; indeſſen leſen Sie weiter, und Sie werden mich entſchuldigen. Ich bin Ihnen offene Mittheilung ſchuldig; muͤndlich vermochte ich das nicht; dem Schuldbewußten faͤllt es ſchwer, dem Reinen gegenuͤber zu ſtehen; nehmen Sie daher meine ſchriftlichen Bekennt⸗ niſſe mit ſchonendem Wohlwollen auf; doch zur Sache. Nach beendigter akademiſcher Laufbahn ſandte mich mein Vater auf Reiſen. Paris war mein erſter Ausflug, dort mein erſter Gang in die große Oper, und noch denſelben Abend lag ich zu den Fuͤßen eines der ſchoͤnſten Maͤdchen, das dieſe Erde trug. Charlotte Dumesnil feſſelte mich mit den Reizen ihrer Jugend und ihrer heiligen Unſchuld. Sie ward mein, vor Gottes Altare, und Klotilde war die Frucht unſerer Liebe. Zu⸗ faͤllig erfuhr unſer Geſandter von der Verbin⸗ dung; er meldete ſie meinem Vater, und dieſer 218 entzog mir von dieſem Augenblicke an, ſein Herz und ſei Liebe; er ſchwor mir unverſoͤhnlichen Haß, und verbot mir, ihm je wieder unter die Augen zu treten. Des Vaters Briefe fielen in Charlottens Haͤnde. Sie verſchwand mit ihrem Kinde aus Paris, und hinterließ mir nichts, als einige Zeilen, in denen ſie mir ewige Liebe ge⸗ lobte, aber unſere Ehe, auf der des Vaters Fluch ruhe, fuͤr aufgehoben anſehe; ich durch⸗ ſtreifte ganz Frankreich, um ſie aufzufinden, vergeblich; ich habe ſie nie wieder geſehen, nie wieder von ihr gehoͤrt, als in einem Briefe, den ich ungefaͤhr vor drei Jahren von meinem guten ſeligen Vater erhielt. Ich ward, wahrſcheinlich auf deſſen Betrieb, zu verſchiedenen Sendungen nach London und Petersburg gebraucht, und lebte, da der Vater mir ſeit jenem Fehltritte, wie er es nannte, alle und jede Unterſtuͤtzung verſagte, von der Hinterlaſſenſchaft meiner, kurz nach die⸗ ſer Kataſtrophe verſtorbenen Mutter. Alle Be⸗ muͤhungen meiner Freunde unſerer Heimath, den Vater mit mir zu verſoͤhnen, blieben erfolglos. Er hatte große Plaͤne gehabt, mich in eine der erſten Familien des Landes zu verheirathen, und da dieſe durch meine Verbindung mit Charlotten vereitelt waren, blieb er fuͤr jeden Antrag zum Frieden unerbittlich, ſchrie mich bei allen Bekann⸗ ten ſeines Kreiſes fuͤr einen Wuͤſtling aus, und erklaͤrte ein fuͤr allemal, nichts von mir hoͤren zu wollen. Zwanzig Verſuche, meine treugeliebte Charlotte ſpaͤterhin ausfindig zu machen, ſchlu⸗ gen fehl; die politiſchen Stuͤrme der juͤngſten Zeit verwehten jede Spur, wenn ich ja auch einmal ſo gluͤcklich war, eine ſolche zu finden. Ich hielt deſſen ungeachtet das Geluͤbde, was ich ihr im erſten Schmerze unſerer Trennung, ohne Worte, that; ich verheirathete mich, ſo lange ſie unter den Lebendigen war, nicht wieder. Charlottens Tod verſoͤhnte den Vater; er ſchrieb mir ſeit lan⸗ gen, langen Jahren zum erſten Male wieder; er meldete mir, daß er Klotilden zu ſich genom⸗ men, und in ihrem Umgange neuen Reitz fuͤr das Leben gewonnen habe. Erſparen Sie mir die Aeußerungen uͤber den harten, ſtrengen Mann, der durch ſeine unbegreiflichen Kanaͤle, Charlot⸗ tens Aufenthalt ausgekundſchaftet, und ihn mir, bis zu ihrem Lebensende verſchwiegen hatte; er hat der Bitterkeit, die meine Seele bei dieſem Gedanken uͤberwallt, ihren Stachel durch die himmliſche Milde genommen, mit der er die 220 ganze Zeit über, Mutter und Kind unterſtuͤtte. Charlotte hat, wie ich jetzt erſt durch den Pariſer Freund, der dieſe Angelegenheit fuͤr meinen Va⸗ ter beſorgte, erfahren habe, immer in dem Wahne geſtanden, daß alle die Summen, die ſie aus des Vaters Hand, mit verſchwenderiſcher Freige⸗ bigkeit erhielt, ihr von mir zugefloſſen ſind; ſie hat ſich verpflichtet gefuͤhlt, alles auf Klotildens Erziehung zu wenden, und ihr mit dem Uebrigen ein kleines Kapital zu ſammeln.— Sie ſelbſt hat von ihrer Haͤnde Arbeit gelebt. Ich— ich habe nichts fuͤr ſie, nichts fuͤr mein Kind gethan. Das Document, wodurch Klotilde die Nutznie⸗ bung meines ſaͤmmtlichen vaͤterlichen Erbes erhaͤlt, loͤſcht daher nur einen Theil meiner Schuld aus. Ich vermuthete, daß mein Vater Ihnen vielleicht auf dem Todbette geſagt habe, daß Klo⸗ tilde meine Tochter ſey; weil ich es indeſſen nicht gewiß wußte, ſchrieb ich bloß, daß Sie mir mit⸗ bringen ſollten, was von Intereſſe fuͤr mich ſeyn koͤnne. Ich ſehnte mich, das Kind meiner Char⸗ lotte zu ſehen, das mir, noch kein Jahr alt, ent⸗ riſſen ward. Sobald ich erfuhr, daß Klotilde beim Vater war, ſandte ich Frugont an ihn, mit der Bitte, ſie fuͤr mich malen zu laſſen. zte. ſer us ge⸗ 221 Der Vater verſpricht mie das Bild zu ſenden, und ſtirbt daruͤber. Jetzt haben Sie es mir ge⸗ bracht; denn daß das Klotilde, und keine An⸗ dere iſt, ſagen mir die Zuͤge ihrer Mutter, die mir ſo aͤhnlich war, daß wir in Paris gewoͤhnlich fuͤr Geſchwiſter gehalten wurden. Laſſen Sie mir das Bild, ich gebe Ihnen dafuͤr das Original. Nach dem Briefe des Vaters, der, wie Sie wiſſen, durch tauſend Mittel die tiefſten Geheim⸗ niſſe ſeiner Umgebungen zu ergruͤnden verſtand, iſt zwiſchen Ihnen und Klotilden der zarte Bund der Liebe geſchloſſen. Die bittere Erfahrung meines Lebens hat mich milde gemacht; ich will das Herz meines Kindes in keine Schranken ein⸗ zwaͤngen; ihre Wahl ſoll ganz frei ſeyn. Sa⸗ gen Sie ihr, wer ſie ſey und welche Ausſicht in Betreff ihrer Vermaensverhaͤltniſſe ſich ihr eroffnet, und bleibt ſie ihrem Entſchluſſe treu, Ihnen die Hand zu geben, ſo ertheile ich hier⸗ mit gern und freudig meinen Segen. Mein Vater war ſtreng, er war uͤberſtreng, ſeine For⸗ derungen an die Menſchen gingen faſt in das Ueberſpannte, weil er mit eiſerner Puͤnktlichkeit ſeinen Pflichten genuͤgte und immer noch glaub⸗ te, zu wenig gethan zu haben; darum war er 222 faſt nie mit den Menſchen zufrieden, denn ſie blieben alle hinter den Anſpruͤchen zuruͤck, die er an ſie machte; indeſſen Sie ſind der Einzige, in deſſem Lobe er unerſchoͤpflich war. Als Ge⸗ ſchaͤftmann und als Menſch, waren Sie ihm gleich werth, und darum vertraue ich Ihnen das Wohl meines Kindes, wenn dieß in ſeiner Nei⸗ gung beharrt, unbedenklich an. Waͤre mein Vater am Leben geblieben, ſo haͤtte ihn, dahin zielen ſeine ſpaͤteren Briefe deutlich, nichts gluͤck⸗ licher gemacht, als Sie beide mit einander ver⸗ einigt zu ſehen; ich handle daher in dem Geiſte des edlen Mannes, wenn ich Eure beiden Haͤnde ſegnend in einander lege. Verzeihen Sie dem Vater, der den Sohn kennen zu lernen wuͤnſchte, ehe er das geliebte Kind ihm zufuͤhren mochte. Ich bin jetzt ruhig, denn ich weiß nun meine Tochter an der Seite eines geſunden, wohlgebilde⸗ ten Mannes, der, ein redlicher Haushalter, das Vermoͤgen des Vaters nicht vergeuden, und mit Klotilden die Lebensgenüſſe eben ſo treu und eht⸗ lich theilen wird, als er des Lebens Entbehrun⸗ gen mit ihr gemeinſchaftlich zu tragen entſchloſſen war. Um Ihrem Danke und meiner Beſchaͤmung — Dͤ-D— 223 zu entgehen, bin ich, wenn Sie dieſe Zeilen le⸗ ſen, ſchon auf dem Wege in meine neue Hei⸗ math Piombino. Nach dem Tode meiner Char⸗ lotte verband ich mich dort mit der Ducheſſe Bi⸗ nelli, aus einem der geachtetſten Haͤuſer unſe⸗ rer Gegend. Bis hieher hatte ich nicht den Muth, meiner geliebten Gattin von meiner fruͤ⸗ heren Verbindung zu ſagen. Sohbald ich weiß, daß Klotilde ſich Ihnen beſtimmt, und daß ſie alsdann nicht ſchutzlos iſt, werde ich offen und rlich das Bekenntniß meiner fruͤheren jugend⸗ n Uebereilung, das lange ſchon meine Seele that, zu meiner Gattin Fuͤßen niederle⸗ Klotilde ſoll dann, im Bilde wenig⸗ meiner ſanften Engelsfrau, meine Fuͤrbire eyn. Verzeiht mir meine Maria, wie ich von dem frommen Weſen glauben darf, ſo kommen Sie bald einmal mit Klotilden nach Piombino, uud ich will in dieſem Leben auf alle weitere Wuͤnſche verzichten. Leben Sie wohl, und laſſen Sie mich bald Klotildens Entſcheidung wiſſen. Auf den uner⸗ warteten Fall, daß ſie durch die Veraͤnderung ih⸗ rer Vermoͤgensumſtaͤnde anderes Sinnes werden ſollte, habe ich Sie als Vormund beſtellt, und 224 Sie werden dann ihr und mein Freund bleiben. Der Beweis von unbedingtem Vertrauen in Ihre gewiſſenhafte Rechtlichkeit, der in der Art und Weiſe liegt, mit welcher ich das zeitige und gei⸗ ſtige Wohl und Wehe meines geliebten Kindes Ihnen hingebe, mag Ihnen mehr, als alle leere Worte ſagen, mit welcher aufrichtigen und inni⸗ gen Hochachtung ich bin Ihr u. ſ. w. 79. Ich ſtierte uͤber fuͤnf Minuten gerade vor mich hin, als ich ausgeleſen hatte. Klotilde die Tochter des Grafen, mit einer jaͤhrlichen Ein⸗ nahme von wenigſtens 50,000 Rthlr. Ich ſollte mich freuen und konnte es nicht. Wer das Druͤckende kennt, ſich, ſey es durch Talente oder Kenntniſſe, durch Gold oder Rang ſeiner Frau untergeordnet zu fuͤhlen, wird die Beklommenheit meines Gefuͤhls rechtfertigen. Die glaͤnzende Zukunft, die mir der Graf bot, wie gern haͤtte ich ſie gegen meine fruͤhere Lage vertauſcht, wo Klodilde ihr ganzes Gluͤck, ihre ganze Seeligkeit in meiner Liebe fand. Sie war jetzt meine Gebieterin, ich nichts, als der ben. Ihre und gei⸗ ndes leere nni⸗ 225 Verwalter ihres Vermoͤgens. Unſer Verhaͤltniß war durch die leidige Entdeckung auf ewig zer⸗ ſtoͤrt; dieſe Ungebundenheit, dieſe Traulichkeit konnten nie mehr wiederkehren, und wo dieſe fehlten, wo konnte da von Liebe die Rede ſeyn! Wie hatte ich mich auf die Heimreiſe gefreut, und wie bangte mir nun vor ihr. Ich ſollte, ich mußte Klotilden aufgeben, denn die finſtere Ue⸗ berzeugung, daß von jetzt an jede Verbindung mit ihr ein Mißverhaͤltniß ſey, das uͤber uns beide mit der Zeit nur Unheil bringen müͤſſe, lag mit mathematiſcher Gewißheit vor mir, Tauſend Entſchluͤſſe reiften mir in der duͤ⸗ ſtern Seele, und tauſend verwarf ich, weil ſie bald mit meinem Herzen, bald mit meinem Kopfe im Widerſtreit ſtanden. Der halbe, der ganze Tag verging, und immer noch konnte ich mit mir nicht einig werden. Endlich, am ſpaͤ⸗ ten Abend, ſetzte ich mich hin und ſchrieb an Klotilden. Ihr, nach geſchehener Mittheilung von dem, was mir ihr Vater eroͤffnet hatte, anheimzuſtellen, ob ſie meine leere Hand noch annehmen oder ausſchlagen wolle, waͤre mehr als vermeſſen ge⸗ weſen; im erſten Falle mußte ich es als Gnade, 15 226 als mitleidige Barmherzigkeit, oder hoͤchſtens als Nothwendigkeit, das mir einmal gegebene Wort halten zu muͤſſen, anſehen; im letz⸗ tern haͤtte mich die Kraͤnkung getoͤdtet. Ich folgte alſo dem Gefuͤhl meiner Beſcheidenheit und meiner Rechtlichkeit, und gab ſie auf; ich ſetzte ihr, unter urſchriftlicher Beiſchließung des von ih⸗ rem Vater erhaltenen Briefes, aus einander, daß bei der durchaus veraͤnderten Lage der Dinge von der Vergangenheit keine Rede mehr ſeyn koͤnne; daß ich Beſonnenheit genug habe, in die Schranken, die mir das Verhaͤngniß jetzt be⸗ ſtimmt habe, zuruͤckzutreten; daß ſie unum⸗ ſchraͤnkte Herrin ihres Willens und Herzens ſey; daß ich die Vormundſchaft, mit der mich ihr Va⸗ ter beehrte, nur für den erſten Augenblick an⸗ nehme; daß ich ſie aber dem uͤbertragen zu duͤr⸗ fen mir vorbehalte, den ſie mit ihrer Hand be⸗ gluͤcken werde; daß ich mich gegenwaͤrtig nicht ſtark genug fuͤhlte, mich ihr gegenuͤber zu ſtel⸗ len; daß ich daher dringend baͤte, fuͤr die erſte Zeit wenigſtens in Kaͤferlingen bleiben zu duͤrfen, von wo aus ich die Gutsangelegenheiten, mit denen mich ihr Vater beauftragt habe, bis zu der anderweiten Einrichtung beſorgen wuͤrde; daß ich de daͤ 8 wi ger Di unf aus von las ſchr ich Der St gew nock nißt ſorg in d Fen ten Er auf sſtens ebene letz⸗ Ich t und ſetzte n ih⸗ nder, Dinge ſeyn n die t be⸗ aum⸗ ſey; Va⸗ an⸗ duͤr⸗ d be⸗ nicht ſtel⸗ erſte erfen, mit u der ß ich den naͤchſten Sonnabend daſelbſt einzutreffen ge⸗ daͤchte, und in der goldenen Krone abſteigen wuͤrde, wohin ich ihre etwanigen Befehle gelan⸗ gen zu laſſen ſie gehorſamſt erſuchte. Um folgerecht zu bleiben, hatte ich das ſuͤße Du der Liebe, das in den letzten ſeligen Tagen unſeres Beiſammenſeyns unter uns ſtatt fand, aus dieſem Briefe ganz weggelaſſen, und ſie vom Anfang bis zu Ende mit Sie angeredet; ich las die Zeilen mehrmal durch; kein Geſchaͤft⸗ ſchreiben konnte ruhiger, kaͤlter ausſehen; aber ich hatte es mit meinem Herzblut geſchrieben. Der kalte Schweiß ſtand mir auf der gluͤhenden Stirne, als ich endete. Es war Mitternacht geworden. Wenzel mußte aber deſſen ungeachtet noch fort auf die Poſt, um fuͤr dieſen verhaͤng⸗ nißvollen Brief unverzuͤglich eine Eſtafette zu be⸗ ſorgen, denn das Pappier brannte mir wie Feuer in den Haͤnden. Ich ſah dem ſchlaftrunkenen Wenzel aus dem Fenſter nach, ſo weit ihn in der matt beleuchte⸗ ten ſtillen Straße mein Auge erreichen konnte. Er verſchwand mit meiner ewigen Verzichtleiſtung auf mein zeitliches Gluͤck in dem Dunkel der Nacht, und ich warf mich troſtlos auf das Sopha. 15*† 228 Ich hatte gewaͤhnt, aus dem heimlichen er Kampfe zwiſchen Pflicht und Liebe wie ein Held res hervorgegangen zu ſeyn, und ich war ſchwach, ſeh wie ein Kind. Ich hatte wie ein Raſender ge⸗ der handelt.— Auf dieſen ſinn⸗ und gemuͤthloſen Brief— daf was ſollte Klotilde antworten, was ſollte ſie um thun! Das Maͤdchen mit einer Million Thaler, hal mit dieſem Reichthum von Wiſſen, mit dieſem ich Uebermaß von Liebreiz, mit dieſem unermeßli⸗ M chen innern Werthe, mit dieſen himmliſchen Br Augen, mit dieſem entſetzlichen, aͤcht burgun- An diſchen leichten Sinn— morgen lagen hun⸗ und dert, und uͤbermorgen wieder hundert zu ihren mi Fuͤßen, und konnte ich ihr denn verargen, wenn rich ſie das bischen Wohlwollen, was ſie fuͤr mich er, empfunden hatte, nach Empfang dieſes hoͤlzer⸗ gen nen Briefes, auf immer und ewig erſtickte? Ko⸗ Verlangte, ſelbſt wenn jenes Wohlwollen mehr, mei wenn es Liebe geweſen waͤre, verlangte nicht ihr te Stolz, nicht die Achtung vor ihr ſelbſt, den fal⸗ ma len zu laſſen, ihn aus ihrem Herzen, aus ihrem naͤr Gedaͤchtniß zu verbannen, der, ohne ſie zu pruͤ⸗ das fen, ohne ruhig abzuwarten, was ſie thun werde, ihr mit eiliger, ganz unnoͤthiger Haſt ſchrieb, daß 2²9 er ihre fruͤhere Zuneigung fuͤr eine Verirrung ih⸗ res Herzens, fuͤr eine jugendliche Uebereilung an⸗ ſehe? Konnte— ſie hatte einmal ſelbſt geſtan⸗ den, daß ſie von Eiferſucht nicht ganz frei ſey — konnte ſie nicht dem Wahne Raum geben, daß mich eine von den bildſchoͤnen Wienerinnen um das Reſtchen meines Verſtandes gebracht habe, und die unbegreifliche Einfalt, mit der ich alle meine Anſpruͤche freiwillig aufgebe, blos Maske ſey?— Der Brief, der vermaledeite Brief darf nicht fort, rief ich von peinigender Angſt gefoltert, laut aus, griff nach dem Hut und ſtuͤrzte fort, Wenzeln nach, aber dieſer kam mir ſchon in der Hausthuͤr entgegen, und be⸗ richtete mit unausſtehlicher Selbſtgefaͤlligkeit, daß er, wie er einmal den Schlaf aus den Au⸗ gen gehabt, nur ſo geflogen waͤre, und daß ein Kourier, der eben in unſere Gegend abgegangen, meine Depeſche mitgenommen habe. Kurios, ſetz⸗ te er laͤchelnd hinzu: wie der Kammerdiener da⸗ mals aus Italien zuruͤckkam, blies Chriſtian, der naͤrriſche Kerl, der Poſtknecht aus Kaͤferlingen, das luſtige Stuͤckchen: Ich hab einmal ein Schaͤtzl g'habt Ich wollt ich haͤtt es noch. Daſſelbe blies der Poſtillon, als er mit ſei⸗ nem Heern Kourier fortſauſ'te, aber viel ſchoͤner und ſtaͤrker, es ſchmetterte mir bis in das Herz, ſo ging es durch Mark und Bein. Ich ſchrie laut auf, ballte meine beiden Haͤn⸗ de vor die Augen und wandte mich von dem Un⸗ gluͤcksboten, denn auch mir drang das vermale⸗ deite Lied, der Schwanengeſang meiner Selig⸗ keit, bis in das Tiefſte meiner Seele. In den zufaͤlligen Umſtaͤnden, daß gerade ein Kourier, die allerſchnellſte Gelegenheit, mei⸗ nen Brief an Klotilden mitgenommen, und daß das Horn ſeines Poſtillons, mir jene Elegie an⸗ geſtimmt hatte, uͤber die ich vor wenigen Tagen noch mit Klotilden lachen konnte, lag meine Ue⸗ berzeugung, daß die Vorſehung, oder mein al⸗ tes, mich uͤberall verfolgendes Mißgeſchick, mich zu der harten Nothwendigkeit, das Maͤdchen mei⸗ nes Herzens aufgeben zu muͤſſen, ausdruͤcklich beſtimmt habe. Ich hatte dem ungluͤckſeligen Briefe erſt nach⸗ eilen wollen, um ihn von der Poſtbehoͤrde, wo ich ihn einholte, wieder zuruͤck zu fordern; allein jetzt, da ein Kourier ihn mitnahm, ſah ich durch 231 die ſchwarzen Brillenglaͤſer meiner Melancholie, daß es ſo, wie es einmal war, am beßten ſey. Erſt den folgenden Tag trat ich meine Ruͤck⸗ reiſe an, und je naͤher ich Kaͤferlingen kam, deſto baͤnglicher ward es mir um das Herz. Zehn Antworten hatte ich mir ſchon in Gedanken auf⸗ geſetzt, die ich von Klotildens Hand in der gold⸗ nen Krone zu finden gedachte, immer eine kaͤlter als die andere. Meine erſte und letzte Bitte, die ich gleich nach meiner Ankunft an Klotilden er⸗ gehen laſſen wollte, war die, wenn ſie mir ir⸗ gend noch einiges Wohlwollen ſchenke, es ſo ein⸗ zurichten, daß wir uns nie wieder ſaͤhen; ich zer⸗ quaͤlte mich, wie ich ihr dieſen Wunſch vortragen ſollte, ohne daß ſie gewahre, welche furchtbare Opfer es mir koſte, als mein Wagen vor der goldnen Krone hielt. Dieſe war mir in dieſem Augenblick eine dornige. Vor Angſt und Be⸗ klommenheit halb erdruͤckt, ſtieg ich aus; die Wirthin, unſere Dingelheimer ehemalige Ausge⸗ berinn, Suſette, empfing mich mit freundlichem Geſicht. Sind nicht Briefe aus Dingelheim fuͤr mich hier? fragte ich mit zugeſchnuͤrter Kehle. Ich hatte keinen Athem in der Bruſt mehr, aͤr⸗ gerte mich, wie man einen ſo bejammernswer⸗ then Ungluͤcksmenſchen, als ich in dieſem Augen⸗ blicke, mit ſo freundlichen Augen anſehen konnte, und ſchwankte neben der Redſeligen, halb todt vor unſaglicher Spannung uͤber den Inhalt des zu erwartenden Schickſalbriefes, die Treppe hin⸗ auf, in unſer gewoͤhnliches Abſteigequartier. Keine Zeile, entgegnete die Wirthin, und erzaͤhlte von dem Wiener Kourier, der vorgeſtern fruͤh ſchon durchgegangen war, und Briefe nach Dingelheim bei dem hieſigen Poſtamte zur Wei⸗ terbefoͤrderung abgegeben habe. Keine Zeile? War Klotilde krank, todt oder mir abhold?— Warum hatte ich geſchrieben? — Warum hatte ich— o— die Haare haͤtte ich mir ausraufen moͤgen— was ſollte ich nun thun?— Meiner Sinne kaum maͤchtig, ſchritt ich hinter der Wirthin uͤber die Flur; ſie oͤffnete mir die Thuͤr meines Zimmers und— Klotilde flog in meine Arme. 73. Wer den Muthwillen und die Liebe, die Schelmerei und die zarteſte Sinnigkeit malen will, haͤtte das Maͤdchen ſehen muͤſſen, wie es mit die ill, dem Laͤcheln des hoͤchſten Liebreizes die Hand auf meine Stirne legte, und mir dann an den Puls fuͤhlte, und mich fragte, ob ich den tollen Brief wirklich ſelbſt geſchrieben habe, ob ich fieberkrank geweſen, ob mein Herz in der Eisgrube meines Kopfes erſtickt ſey, ob ich denn alles, ihre Liebe, ihren Charakter, ihre Treue, ihre Wuͤnſche, ihr Gluͤck, ihre und meine Schwuͤre vergeſſen habe? Ich wollte antworten, mich entſchuldigen, aber ſie verſchloß mir mit der kleinen Hand den Mund, und bat mich, ernſter werdend, zu ſchweigen. Meinſt Du denn, fuhr ſie dann mit weicher Stimme fort: daß ein Paar Haͤnde voll Ducaten mein Gefuͤhl, das heiligſte des Lebens, meine Liebe umwandeln koͤnnen? Glaubſt Du denn, daß meinem Gedaͤchtniß jener Augenblick je entfallen konnte, wo Du der Mittelloſen Deine Hand boteſt, um mit ihr zu darben, und mit ihr das Bittere der Entbehrungen aller Art zu theilen? Haſt Du nicht geſagt, als ich das Loos des Armen unbarmherzig hart ſchalt, haſt Du da nicht geſagt, daß wir beide nicht arm waͤren, daß wir auf Gott unſern Herrn bauen wollten, der uns nicht verlaſſen wuͤrde? Haſt Du das nicht geſagt? Nun und ſieh, er hat uns nicht 234 verlaſſen; er hat unſere reine ſchuldloſe Liebe ge⸗ ſegnet, und Du willſt jetzt ſeine Vaterhand, mit der er uns, durch ſeine wunderbare Fuͤgung, ein ſorgenfreies Leben bereitet hat, zuruͤckweiſen? Glaubſt Du denn, daß auf dem ganzen Erdball ein Einziger iſt, dem ich mit mehrerem Ver⸗ trauen mich hingeben kann, als Dir? Von Dir allein weiß ich, daß Du mich liebſt, um meinet⸗ willen, denn Du gelobteſt mir Dein Herz, als ich verlaſſen und arm war; bei jedem andern, der ſich jetzt mir naͤherte, muͤßte ich dem Wahne Raum geben, daß nicht ich, ſondern das, was die Guͤte meines Vaters in die Wagſchale ge⸗ legt hat, ihn beſtimme, mir ſeine Hand zu bie⸗ ten.— Der Wunſch meines verklaͤrten Groß⸗ vaters vereinigt ſich mit dem meines Vaters, der unſern Bund ſegnete. Hat der wohlgemeinte Wille des Verewigten, und der Segen meines Vaters, der ſein Kind durch Dich gluͤcklich ma⸗ chen will, bei Dir gar kein Gewicht— oder hat — ſie ſtockte, fing laut an zu weinen, und lis⸗ pelte, das Geſicht balb von mir gewendet, leiſe — oder hat— Du warſt in Wien, wo der ſchoͤneren Maͤdchen es hunderte gibt,— hat viel⸗ leicht dort— ehrlich und redlich mit mir meinte, der, ſelbſt 235 Nein, nein, meine himmliſche Klotilde, rief ich laut, und ſank zu ihren Fuͤßen nieder, und umſchlang den holden Engel: nenne es Demuth, Beſcheidenheit, Bewußtſeyn meines Unwerthes, nenne das Gefuͤhl, das mir jenen Brief in die Feder dictirte, wie Du willſt, nur zweifle nicht an meiner Liebe; Du nur lebſt in meinem Her⸗ zen und keine Andere, Du wirſt ewig darin le⸗ ben; ohne Dich iſt die ganze Welt mir eine freu⸗ denleere Einoͤhe.— Wir wollen ſie uns zum Paradieſe ſchaffen, ſagte Klotilde, und ſenkte den ſuͤßen Liebesblick zu mir herab, und reichte mir fromm und herz⸗ lich die Hand, und ich ſtand auf und ſchloß das holdſeligſte aller Burgunder⸗Roͤschen an mein, in unausſprechlich ſuͤßem Wehe faſt vergehendes Herz.— Ein ſtiller, langer, ſelenvoller Verlo⸗ bungkuß beſiegelte den Bund unſeres Gluͤckes; da trat unſer guter Herr Gerichts⸗Director Strem⸗ ler in das Zimmer. 4 Uebergoſſen vom Incarnate der braͤutlichſten Scham, wand ſich Klotilde, unter ſuͤßen Thraͤ⸗ nen, verlegen laͤchelnd, aus meinen Armen, ich aber ſtellte dem wackeren Freunde, der es immer 236 unbemittelt, in der Zeit meiner hoͤchſten Bedraͤng⸗ niß ſich wegen meiner ungluͤcklichen Schuld bei Meiſter Heftlinger, ritterlich vor den Riß ſtellte, und mir uͤberall mit Rath und That treulich bei⸗ ſtand, Klotilden, als meine Braut vor, und erzaͤhlte ihm offen und kurz, den Zuſammenhang unſerer Begebniſſe. Als ſey ihm ſelbſt ein Gluͤckſtern erſter Groͤße aufgegangen, ſo hocherfreut druͤckte er mich in ſeine Arme, aber rund und gerade wie er immer war, meinte er unverholen, daß es ihm wider das Dekorum zu ſeyn ſcheine, wenn ich jetzt mit nach Buchenhayn hinausfuͤhre, wo noch kein Menſch recht wiſſe, in welchem Verhaͤltniß ich zu Klotilden ſtehe; ich ſollte von hier aus, meinte er, heute noch die Reiſe in die Reſidenz antre⸗ ten, um bei der Lehncurie und den uͤbrigen oberſten Gerichtsbehoͤrden die Auftraͤge des Gra⸗ fen zu beſorgen, Klotilde aber fahre, nach ſeinem unmaßgeblichen Dafuͤrhalten, heute ebenfalls wie⸗ der ab, und zwar nach Buchenhayn; er wolle hier verbreiten, daß ſie habe herein kommen muͤſ⸗ ſen, um mehrere Geſchaͤftangelegenheiten mit mir und ihm zu beſprechen. Nach Verlauf von acht Tagen aber werde er mit der Nachricht un⸗ 237 ſerer bevorſtehenden Verbindung in das Publikum treten, und die kirchlichen Formalitaͤten des Auf⸗ gebots beſorgen, und wenn ſich die Leute uͤber das unerwartete Ereigniß muͤde gloßirt haͤtten, wozu er vierzehn Tage vollkommen hinlaͤnglich hielte, ſo ſollte ich mit Klotilden in Weideleben, einem unſerer entlegenen Pfarrdoͤrfer, zuſammen treffen, von dem dort befindlichen Prediger, den er unterdeſſen darauf vorbereiten werde, mich im Stillen trauen laſſen, mich dann mit Klotilden in den Wagen ſetzen, und directe zu dem Vater nach Italien reiſen. Von dort aus kaͤmen wir, nach mehreren Monaten, als Mann und Frau zuruͤck, und dann haͤtte das Ding vor der Welt ein viel beſſeres, anſtaͤndigeres Anſehen, als wenn ich jetzt mit Klotilden gleich nach Buchenhayn fuͤhre, und dort dem lieben klatſchſuͤchtigen Pub⸗ likum zu allerlei Gerede Anlaß gaͤbe. Klotilde, die, wie immer die jugendliche Un⸗ ſchuld, auf das Urtheil der Welt nicht viel ach⸗ ten zu brauchen glaubte, und der Meinung war, die Leute, wenn man ſich ſelbſt nur keiner Schuld bewußt ſey, reden zu laſſen, was ſie wollten, hatte anfaͤnglich gegen Stremlers Vorſtellungen Manches einzuwenden, und ich, mit meinem ewigen Mißtrauen in die Ausdauer meines Gluͤk⸗ kes, ſah die von ihm als noͤthig geprieſene Tren⸗ nung von Klotilden, laut fuͤr hoͤchſt uͤberfluͤſſig, heimlich aber fuͤr ungluͤckſchwanger an; indeſſen ſeine Beredſamkeit, und vielleicht unſer Gefuͤhl, daß er im Ganzen nicht Unrecht habe, entkraͤf⸗ teten am Ende unſere Einreden, und ſo fuhren wir, nach dem augenblicklichen Genuß der ſelig⸗ ſten Minuten meines Lebens, dieſen Abend noch aus einander, ſie nach Buchenhayn, ich in die Reſidenz⸗ 74. Noch keine Meile war ich gefahren, als die heraufdaͤmmernde Nacht mich mit einem gan⸗ zen Heer banger Zweifel und Beſorgniſſe umla⸗ gerte. Wußte Stremler, der als unſer Gerichts⸗ Director leicht mit dem Grafen in Briefwechſel geſtanden haben konnte, um deſſen Entſchluß, Klotilden in den Nießbrauch ſeines ganzen in Deutſchland befindlichen Vermoͤgens zu ſetzen? Hatte er vielleicht einen andern Werthvolleren fuͤr ſie auf dem Rohre? Je dunkler es ward, je mehr Licht brachte ich in dieſe ſchaudervolle luͤk⸗ ren⸗ ſſig, eſſen fuͤhl, kraͤf⸗ hren ſelig⸗ noch die die gan⸗ mla⸗ chts⸗ echſel bluß, n in zen? leren vard, volle 239 Moͤglichkeit, denn ſein auffallendes Erſcheinen, die unberufenen Aeußerungen ſeiner Anſichten uͤber das einfaͤltige Dekorum; ſeine beredten Re⸗ monſtrationen auf unſere beiderſeitige Einwen⸗ dungen; ſein Dringen auf ſofortige Trennung; ſein heuchleriſches Verſprechen, wegen unſerer baldigſten Verbindung das Noͤthige beßtens be⸗ ſorgen zu wollen— alles paßte zuſammen, um meinen rege gewordenen Verdacht vollſtaͤndig zu begruͤnden; und wenn ich an das Laͤcheln dachte, mit dem er ſeine gelehrten Sentenzen zuweilen begleitete; ſo mußten ſich dießmal meine Zweifel in ſeine Rechtlichkeit immer mehr beſtaͤtigen. Ich begriff meine einfaͤltige Leichtglaͤubigkeit nicht, mit der ich meine ſuͤße Klotilde unwiederbringlich aus den Haͤnden gegeben hatte. Was gingen uns die Leute und ihr dummes Gerede an. Hatte die Kirche erſt unſerem Bunde die Weihe gege⸗ ben, ſo konnte die Welt ſchwatzen, was ſie woll⸗ te; man ſprach hoͤchſtens vier Wochen daruͤber, und dieß dazu hoffentlich hinter unſerem Ruͤcken, wovon wir alſo nicht einmal etwas hoͤrten, und dann haͤtte unſer Wandel und unſer Betragen jedes nachtheilige Urtheil wohl widerlegen ſollen. Umkehren, zu Klotilden fliegen, ſie in den 240 Arm nehmen, und uns in einfacher Stile von unſerm wackern Prediger in Buchenhayn einſegnen laſſen, war das Beßte. Doch die Auftraͤge des Grafen in der Ne⸗ ſidenz, von denen manche nicht wohl aufſchieb⸗ lich waren; die Scham vor Stremler, Klotil⸗ den und mir ſelber— Nach langem Kampfe ſiegte endlich die Vernunft und ich fuhr weiter. 753. In den erſten Tagen ſchon erhielt ich von Klotilden die zaͤrtlichſten Briefe; ſie erfolgten poſttaͤglich; immer herzlicher und inniger. Un⸗ ter mehreren Mittheilungen ſchrieb ſie mir auch, daß ihr veraͤndertes Verhaͤltniß durch Stremler in der Gegend bekannt geworden waͤre, und daß, unter dem Vorwande, ſich in Buchen⸗ hayn umzuſehen, faſt alle Tage junge Maͤnner aus der Nachbarſchaft, und ſelbſt aus entfern⸗ teren Ortſchaften kaͤmen, deren Abſichten offen⸗ bar andere, als die vorgewandten, zu ſeyn ſchienen; daß ſie ſich aber vor keinem ſehen laſſe, und allen Anmeldungen, Viſiten und Verſuchen, ſich ihr vorſtellen zu laſſen, jedes⸗ 8 Stil.⸗ hayn Re⸗ hieb⸗ lotil⸗ mpfe eiter. von Igten Un⸗ auch, mler und chen⸗ nner fern⸗ ffen⸗ ſeyn ſehen und edes⸗ 241 mal ausweiche. Sie ergoß ſich in die bitter⸗ ſten Bemerkungen uͤber die flache Erbaͤrmlich⸗ keit dieſer Menſchen, die von dem fremden ar⸗ men NMaͤdchen aus Dijon bisher nicht die ge⸗ ringſte Kennniß genommen, und nun naiv ge⸗ nug waͤren, mit ihr die Renten von Buchen⸗ hayn theilen zu wollen. In einem ihrer juͤng⸗ ſten Briefe erwaͤhnte ſie uͤbrigens, daß ihr der Vater, von Piombino aus, ungemein guͤtig ge⸗ ſchrieben, und ſie und mich, im Namen ſeiner Gattin, eingeladen, je eher je lieber einmal hinzukommen. Sie fand jetzt Stremlers Plan, gleich nach der Verbindung die Reiſe nach Ita⸗ lien anzutreten, zu des Vaters Einladung ſehr gluͤcklich paſſend, und traͤumte mit ihrer leben⸗ digen Phantaſie ſchon von nichts, als von den Genuͤſſen, die unſerer auf dieſer ſchoͤnen Tour warteten. Auf einmal blieben ihre Briefe aus. Ich marterte mich einen„ zwei, drei Poſt⸗ tage mit allerlei erdenklichen Beſorgniſſen und Beunruhigungen. Vergebens.— Keine Zeile! keinen Buchſtaben. Jebt hielt es mich nicht laͤnger. Die wich⸗ 16 — 242 tigſten Angelegenheiten des Vaters waren ohne⸗ hin in Ordnung, die minderwichtigen konnten, mußten warten. Von unleidlicher Qual bis auf das Hoͤchſte gefoltert, beſtellte ich auf der Poſt ſelbſt zwei Kourier⸗Pferde. Der Brief⸗ traͤger begegnete mir im Poſthauſe und haͤn⸗ digte mir ein eben mit Eſtafette eingetroffenes Schreiben ein. Es war von Klotilden; Ueber⸗ ſchrift und Siegel von einem Dritten. „Verrathe mich nicht, ſchrieb ſie: ich Wollte nichts, als Dir ſagen, daß ich Dich liebe; daß ich Dich namenlos, daß ich Dich unendlich liebe. Am Ausbleiben meiner Briefe bin ich unſchuldig; man hat ſie unterſchlagen. Komme bald, mein einziger, mein lieber, mein herzenslieber Freund. Sag Stremler nicht, daß ich Dir geſchrieben; ſag es Niemand. Man will nicht, daß ich Dir habe ſchreiben ſollen. Immer und ewig und noch viel laͤnger Deine treue Klotilde. Vier Kourier⸗Pferde! rief ich, das uner⸗ klaͤrliche Billet in der Hand, und zitterte am gan⸗ zen Koͤrper.. Es mußte Ungeheures vorgefallen ſeyn! Wer hatte ein Recht uͤber das freie Burgunder⸗Maͤd⸗ —„,—,,—„8„ —— 243 chen, wer uͤber die Herrin der Grafſchaft Bu⸗ chenhayn? Warum brauchte ſie ſich vor Strem⸗ ler zu verſtecken? Wer war der, der ſich unter⸗ ſtehen durfte, ihre Briefe zu unterſchlagen?— Ich jagte athemlos in meinen Gaſthof, ſaß in einer halben Stunde im Wagen, und flog mit den vier Kourier⸗Pferden zum Thore hinaus. Mein Weg ging uͤber Kaͤferlingen. Ich uͤberraſchte Stremler, der nichts weniger als mich erwartet zu haben ſchien, am fruͤhen Morgen beim Fruͤhſtuͤck. Sein Geſicht war mein Commentar. Er konnte den an mir und Klotilden begangenen Hochverrath nicht bergen. Er war unbefangen genug, um mir zu geſtehen, daß ich ihm gar nicht gelegen komme. Er ſchalt auf die Ungeduld meiner Liebe; nahm ſich heraus, verdruͤßlich daruͤber zu ſeyn, daß ich viel fruͤher komme, als der Abrede gemaͤß; brummte vor ſich hin, daß nun der ganze Spaß verdorben ſey, und zog ſich unterdeſſen an, um mich, ungebe⸗ tener Weiſe, zu begleiten. Daß Klotildens nothgedrungenes Schweigen und ihre angſtvollen Zeilen meine Ruͤckkunft be⸗ ſchleunigten, durfte ich ihm nicht verrathen; ich that mir alſo die moͤglichſte Gewalt an, ihn den 16*† 244 Sturm meines heimlichen Ingrimms nicht mer⸗ ken laſſen, log ihm vor, daß meine Geſchaͤfte in der Reſidenz fruͤher abgemacht worden waͤren, als ich haͤtte vermuthen köͤnnen; daß ich dort an dem wuͤſten großſtaͤdtiſchen Leben laͤnger keinen Gefallen haͤtte finden koͤnnen; daß ich von der Idee, uns in Weideleben copuliren zu laſſen, voͤllig abgegangen waͤre, weil der dortige Pfarrer mir weniger zuſage, als unſerer in Buchenhayn; daß ich Klotilden nur auf einige Stunden zu ſpre⸗ chen wuͤnſche, und daß ich dann, da er einmal unſer dortiges Beiſammenſeyn vor der Hochzeit nicht wohl fuͤr ſchicklich halte, wieder hieher nach Kaͤferlingen zuruͤckkehren, und hier bis zum Hoch⸗ zeittage ſelbſt, deſſen Beſtimmung ich Klotilden anheimſtellen wolle, verbleiben wuͤrde. Schoͤn, recht ſehr ſchoͤn! entgegnete Strem⸗ ler, fuhr in die Kleider, und machte eine Miene dazu, als wollte er ſagen, komme Du nur nach Buchenhayn, Du wirſt dort ſchon die gehoͤrige Beſcheerung finden. Endlich ſaßen wir im Wagen! Er fing, um die Unterhaltung in den Gang zu brin⸗ gen, an, von Geſchaͤften zu ſprechen, allein, wie konnte ich jetzt mit dem vollen, uͤbervollen ———— ——— „— 245 Herzen, in der Ueberſpannung, in der ich mich befand, mit der Idee, das Unerhoͤrteſte aus Klo⸗ tildens Munde zu vernehmen, von trockenen Ge⸗ ſchaͤften reden; ich ſchloß die Augen, verſicherte, von der Nachtreiſe ſehr erſchoͤpft zu ſeyn, und druͤckte mich in die Ecke des Wagens. Ich aͤr⸗ gerte mich jetzt, daß ich bei ihm vorgefahren und nicht allein nach Buchenhayn geeilt war. Aber meine Neugierde, von ihm etwas Naͤheres uͤber die Lage der Dinge zu erfahren, und der innere Drang, ihn wegen ſeines Benehmens zur Rede zu ſtellen, waren zu groß geweſen. Beide Ab⸗ ſichten aber hatte ich verfehlt; ich wußte ſo viel als vorher, und ſtatt daß ich vor ihm meinen ganzen Verdruß hatte ausſchuͤtten wollen, ſpielte er den Verdruͤßlichen. Mit jeder Minute wollte ich losbrechen, aber ich haͤtte Klotilden ja verrathen. Einige wenige Stunden koſtete es nur, mir noch Gewalt anzu⸗ thun. Erſt mußte ich ſie ſprechen, und dann ſollte das ſchwere Gericht uͤber Streniler und alle ergehen, die ſich unterfangen hatten, ſich uns und unſerm Lebensgluͤck in den Weg zu ſtellen. 76. Wir rollten eben vor der Warnungtafel vor⸗ uͤber. Der bluthroth Angethane— wahrhaf⸗ tig er hatte einige Aehnlichkeit mit Stremler! Der gute alte, ſelige Graf! Um ſeine Alleen zu ſichern, hatte er, mit ſeiner Alles umfaſſen⸗ den Vorſorge, das abſchreckende Merkzeichen hin⸗ geſtellt, und die ſchoͤnſte Bluͤthe ſeines eigenen Stammbaumes, Klotilde, ſollte ſchonunglos den Haͤnden des erſten beßten Baumfrevlers Preis gegeben werden! Nicht alſo— Herr Stremler! ſagte ich, vor heimlichen Aerger ergluͤhend, zu mir ſelbſt, und druͤckte die Augen wieder zu, und ward nicht eher wieder munter, als bis wir in die Gegend der Gartenthuͤr kamen, durch die ich bei meinem erſten Hierſeyn in den Park getreten war. Ich ließ halten, ſtieg mit Stremler aus, trat in den Garten, und ſah— war ich denn verzaubert? traͤumte ich denn? waren denn mei⸗ ne Augen vom Teufel geblendet?— nicht dreißig Schritte vor mir, Klotilden an der Seite eines fremden, wohlgeſtalteten Herrn, vor mir her⸗ gehen. Sie lachte einige Male laut, klatſchte in — 247 die kleinen Haͤnde und ſchien mit dem Fremden auf einem ſehr vertraulichen Fuße zu ſtehen, denn ſie legte ihre Hand auf ſeine Achſel, ſie— Mir verging Hoͤren und Sehen, und Strem⸗ ler verhielt ſich das Lachen, und in ſeinem Blicke ſchien die Frage zu liegen, was ich zu dem Auf⸗ tritte ſage.. Wer iſt denn das? fliſterte ich zwiſchen den zuſammengeknirſchten Zaͤhnen, halb leiſe; da lachte Stremler laut auf, der Fremde wendete das Geſicht nach uns— Klotildens Vater— das Maͤdchen ſtuͤrzte mit einem Freudengeſchrei in meine Arme. Aus der Seiten⸗Allee eilte eine junge ſchoͤne Frau auf die uͤberraſchte Grup⸗ pe zu, und ohne daß mir jemand die holde Fremde vorſtellte, wußte ich, daß es die italiſche Gattin des Grafen ſey. Dem Vaterherzen war, der ſanften liebreizenden Gattin gegenuͤber, das Geſtaͤndniß der fruͤheren Verbindung mit Klo⸗ tildens verklaͤrter Mutter, nicht ſchwer geworden. Die ſcharfſichtige Frau hatte bald den gluͤhenden Wunſch des Vaters entdeckt, ſein Kind, das ſie aus Frugoni's Bilde mit himmliſcher Anmuth an⸗ ſprach, von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen. 248 Eigener, herzlicher Antheil an dem bis jetzt faſt verwaiſ't geweſenen Kinde ihres geliebten Mannes, und, wie die Graͤfin ſelbſt geſtand, die Neugierde, zu wiſſen, ob das Maͤdchen wirk⸗ lich ſo reizvoll ſey, als Frugoni es malte, hatte ihr den Vorſchlag in die Seele dictirt, unverzuͤg⸗ lich nach Deutſchland zu reiſen, und der liebende Vater war entzuͤckt geweſen, das geheime Ver⸗ langen ſeiner Sehnſucht von der angebeteten Frau ſo zart unterſtuͤtzt zu ſehen. Beide hatten geglaubt, mich hier an Klotil⸗ dens Seite zu finden; indeſſen war ich beim Va⸗ ter noch mehr im Preiſe geſtiegen, als er hoͤrte, daß ich die Seligkeit der Brautwochen, meiner Pflicht gegen ihn und ſeine Auftraͤge, zum Opfer brachte. Klotilde hatte mit kindlicher Offenheit die Geſchichte der letzten Tage erzaͤhle„ vom Va⸗ ter den Segen zu ihrer Verbindung mit mir, wiederholentlich erhalten, und die junge Graͤfin, die mit Klotilden bald ein Herz und eine Seele war, hatte ſich ausbedungen, die Ausrichtung unſerer Hochzeitfeier allein uͤbernehmen zu duͤrfen. Ich hatte mit allen den Herrlichkeiten uͤberraſcht werden ſollen, darum war Klotilden auf das ſtrengſte unterſagt worden, mich vom Hierſeyn — — ——— 249 der Eltern in Kenntniß zu ſetzen; und weil ſie der Zuverlaͤſſigkeit ihrer Feder in derlei Dingen doch nicht recht trauten, ſo hatte mein ehrlicher, lieber Stremler, der mit im Komplot ſtak, die honette Einrichtung getroffen, ihre an mich ge⸗ ſandten Briefe ſich von dem Kaͤferlinger Poſt⸗ amte wieder ausliefern zu laſſen. Damit ich je⸗ doch uͤber das Ausbleiben ihrer Briefe nicht un⸗ ruhig werden, noch an der Dauer ihrer Liebe zweifeln ſolle, hatte ſie mir heimlich, per Eſta⸗ fette, den lakoniſchen, in meiner damaligen Stimmung mein Innerſtes empoͤrenden Brief geſchrieben. Jetzt— jetzt hatte ich den Schluͤſſel zu Allem, und mein zauberholdes Maͤdchen im Arme. Acht Tage ſpaͤter rief uns zur ſelbigen Stunde das herrliche Feſtgelaͤute unſerer Kirche zum Trau⸗ altar. Halb Kaͤferlingen fuͤllte den ſchoͤnen, ein⸗ fachen Tempel, in deſſen Grundfeſten ſein Er⸗ bauer, der verewigte edle Graf, der Stifter un⸗ ſeres Gluͤckes, nach geſegnetem, thatenvollen Le⸗ ben, der Ruhe des Grabes genoß. Im dichteren Kreiſe um uns herum aber ſtanden ſaͤmmtliche Gemeinden der ganzen Herrſchaft. Alles Gaͤſte 250 der jungen Graͤfin, und darum in hochzeitlichen Kleidern und ſtattlich geſchmuͤckt. Und als das Lied, mit dem uns die Verſammlung im Got⸗ teshauſe empfing, geendet hatte, und die Toͤne der praͤchtigen Orgel im weiten hohen Raume verklungen waren, da trat der Graf auf die un⸗ terſte Stufe des Altares, und ſtellte den Schul⸗ zen und Gerichten und ihren ſie umringenden Ge⸗ meinen, Klotilden als ſeine Tochter und ihre Herrin vor, und ſagte ihnen in einfachen Wor⸗ ten, daß er Klotildens Herzen, aus Gruͤnden eigener Erfahrung, freie Wahl gelaſſen, und daß ſie ihre Hand mir gelobt habe. Sein verſtorbe⸗ ner Vater, die hier an heiliger Staͤtte verſam⸗ melten Gerichts⸗ und Obrigkeitlichen Behoͤrden, und ſaͤmmtliche Guts⸗Einwohner haͤtten mein Lob einſtimmig ausgeſprochen, und darum ſegne er mit vollem Herzen den Bund, den Unſchuld und Liebe geſchloſſen, und bitte jetzt den Diener Got⸗ tes, uns im Namen des Allliebenden die from⸗ me Weihe der Kirche zu geben.— Klotilde ſank mit mir zu des Vaters Fuͤßen nieder; wir umſchlangen dankbar ſeine Kniee. — 251 Er hob uns tief bewegt in ſeine Arme. Der Prediger bekraͤftigte den Bund unſerer Liehbe mit der Kirche heiligem Segenſpruch, und vor Gottes Altare gelobten ſaͤmmtliche Guts⸗Einſaſ⸗ ſen, die uns von den erſten Tagen unſeres Hier⸗ ſeyns an, herzlich zugethan geweſen waren, dieß bis zum letzten zu bleiben. Als wir aber Paar und Paar, unter feierlicher Muſik, nach dem Schloſſe zogen, erwiſchte in der Kirchthuͤr der alte Meiſter Heftlinger meine Hand, und druͤckte ſie freudig an ſein Herz. Unſer Hof⸗ und Leibſchneider, ſagte ich laͤchelnd zu Klotilden, und ſtellte ihn ihr, in dankbarer Erinnerung jenes Morgens, wo er mir den Rath gab, mein Lebensgluͤck in Buchenhayn zu ſuchen, als den Mann vor, durch den ich es hier gefun⸗ den. In der feierlichen Stimmung, in der ich in dieſem Augenblicke war, gedachte ich der Worte Armuth, daß Du Dich mit ihm freuen moͤgeſt, wenn es ihm wohl geht. Ich erwiederte ſeinen biedern Handdruck herzlich, und Klotilde, die Aehnliches fuͤhlen mochte, reichte ihm freundlich ihre Rechte und ladete ihn, unter Zuſtimmung 1 der Mutter, die hinter uns ging, und das, was ich uͤber ihn geſprochen, mit angehoͤrt hatte, zur gaſtlichen Tafel. Unſere wackern Bauern, die mein ſuͤßes Frau⸗ chen, um ſeiner ſanften Milde und zarten Sorg⸗ lichkeit fuͤr das haͤusliche Wohl ihrer Familen wil⸗ len, in der ruͤhrenden Einfalt ihrer unverdorbe⸗ nen Herzen faſt vergoͤttern, wiſſen, daß Bur⸗ gund das ſchoͤne Vaterland des holden Engels iſt. Die von ihnen ſelbſt ausgegangene Idee, alle Be⸗ friedigungen ihrer Dorfgaͤrten, ſtatt der bisherigen todten Zaͤune, ihr zu Ehren von Burgunderroͤs⸗ chen*), anzulegen, iſt ein Beweis ihrer gewiß recht ſinnigen Aufmerkſamkeit. Denſelben Spaͤt⸗ herbſt noch wurden uͤberall, im ganzen Bereiche unſerer Beſitzungen, ſolche Hecken angelegt, und in dieſem Fruͤhjahr ſchon ſtehen die gruͤnenden Landsleute meiner Klotilde friſch und munter, und bluͤhen mit ihr um die Wette. Den ganzen Winter uͤber hatten wir von dem Plane geſprochen, die Eltern, die gleich nach un⸗ ſerer Verbindung zuruͤckreiſ'ten, in Piombino zu beſuchen; aber heute, da ich uͤber die Zeit unſerer *) Man nennt ſie auch Dijon⸗ oder Pfingſtröschen. —— 253 Abreiſe Klotildens Wuͤnſche beſtimmter verneh⸗ 4 men wollte, fiel ſie mir gluͤhroth und froͤhlich weinend um den Hals, und lispelte mir ver⸗ ſchaͤmt in das Ohr, daß dießmal aus der Reiſe nach Italien nichts werden koͤnne, Ich weiß auch, warum. 44 Gedruckt in der Gerlachiſchen Buchdruckerei. — Bei der Arnoldiſchen Buchhandlung in Dres⸗ den ſind folgende ſchoͤngeiſtige und andre fuͤr Beleh⸗ rung und Unterhaltung geeignete Schriften von A. Apel, H. Clauren, C. W. Conteſſa, de la Motte Fouqué, Th. Hell, E. v. Houwald, W. Irwing, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, R. Roos, G. Schilling, St. Schuͤtze, W. Scott, K. Streck⸗ fuß, L. Tieck, C. F. van der Velde, C. Weis⸗ flog und andern erſchienen und um die beigeſetzten Preiſe durch alle Buchhandlungen zu bekommen: Abendzeitung, herausgeg. v. Th. Hell und Fr. Kind, auf das Jahr 1817. 6 Thlr. 1818. 6 Thlr. 1819. 6 Thlr. 1820. 6 Thlr. 1822. 6Thlr. 1823. 9Chlr⸗ A. Apel, die Aitolier. Tragoͤdie m. K. 1 Thlr. ⸗ Kunz v. Kaufung. Trauerſpiel. 20 Gr. Das Geſpenſt. Drei Erzaͤhlungen von Fr. Laun, Fr. Kind und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. Der Mantel. Drei Erzaͤhlungen, v. Fr. Laun, K. Streckfuß und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. Ich und meine Frau. Orei Erzaͤhlungen, v. Fr. Laun, W. A. Lindau und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. H. Clauren, Luſtſpiele. 2 Thle. 1818. 2 Thlr. 6 gr. 2 ⸗ Scherz und Ernſt, 1r, 2r Thl. 2te Aufl. 1820. 1 Thlr. 20 gr. 2 2 6 ⸗ ⸗ 3r, Ar Thl. 2te Aufl. 1820. 2 Thlr. 2 2 Scherz und Ernſt, ör, 6r Thl. 1820. 2 Thlr. 2 2 2„ 2 1, 8r Thl, 1821. — 2 Thlr. 2 ⸗ ⸗ 2 ⸗ 9r, 10 r. Thl. 1822. 2 Thlr. 5 d Scherz und Ernſt, 2te Sammlung, 1r u. 2r. Thl. Des Vaters Suͤnde, der Mutter Fluch und die Fraueninſel, 1813. 2 Thlr. Scherz u. Ernſt. Zr. Thl. Der Blutſchatz. 1823. 1 Thlr. 6 gr. 5 4r. Thl. Das Oijon⸗Roͤschen. 1823. 1 Thlr. 6 Gr. 3 9 n 1 H. Clauren, Das Pfaͤnderſpiel, 1820. 1 Thlr. 6 gr. Der Vorpoſten, Schauſp. 1821. 16 gr. Der Liebe reinſtes Opfer. 1821. 18 gr. Rangſucht und Wahnglaube. 1821. 22 gr. Liesli und Elſi, zwei Schweizergeſchichten. 1821. geb. 1 Thlr. 8 gr. Das Schlachtſchwert. Eine Erzaͤhlung. 1821, 18 gr. Das Vogelſchießen, Luſtſpiel. 1821. 21 gr. Hede, Lebens Hoͤchſtes iſt die Liebe. 2 Thle. 2 Thlr. C. W. Conteſſa, Erzaͤhlungen, 2 Thle. 2 Thlr. Fr. de la Motte Fouqué, Reiſe⸗ Erinnerungen, 2 Thle. 1823. 2 2 Thlr. 12 gr. Th. Hell, Buͤhne der Auslaͤnder, 1r, 2r u. 3r. Bd. 3 Thlr. 16 gr. ⸗ gyratoͤne. 2 Thle. m. Kpf. 1821. 2 Thlr. Th. Hell. Des Maurers Leben. 3te Aufl. m. Kpf. 1822. geb. 1 Thlr. 4 gr. N nNn u uu n u u „, Der Renegat, 2 Thle. a. d. Franzoͤſ⸗ 1823. 2 Thlr. E. v. Houwald, Erzaͤhlungen. 1819. 1 Thlr. 4 gr. Fr. Laun, Zwei Braͤute fuͤr einen Mann. 1h 2te Aufl. 1 T 2« Die Gevatterſchaft. Neue Aufl. 1809. 1chu. 2 ⸗ Siſtorien ohne Titel. 2 Thle. 2te Aufl. 1808. 1 Thlr. 18 gr. 2 3. Die ſtille Jungfrau. 2 Thle. 2 Aufl. 1808. 1 Thlr. 18 gr. ⸗ Der wilde Jaͤger. 1820. 1 Thlr. 6 gr. ⸗ Welcher? Drei Erzaͤhlungen verwandten Inhalts. 1821. 1 Thlr. 3 gr. W. A. Lindau, Lebensbilder. 2 Thle. 18178. 1 Thlr. 12 gr. 2 2 2 Die Braut, a. d. Engl. v. W. Scott, 3Thle. 2teAufl. 1822. 2Thlr. . 3 Eduard, 4 d. Engl., von Walter Scott, 4 Thle. 1822. 4 Shrr gr. 2 ⸗ Das Herz von Mid⸗Lothian, von Walter Scott, Ir, 2r 3r Thl. 1822. 3 3 Thlr. W. A. Lindau, Anaſtaſius, Abenteuer eines Grie⸗ chen. 2 Thle. 1821. 2 Thlr 16 gr. ⸗ 4 2 Erzaͤhlungen von W. Irwing, aus dem Engl. 1822. 21 Gr. A. F. M. Richters Reiſen zu Waſſer und zu Lande. Fuͤr die reifere Jugend zur Belehrung und zur Unterhaltung fuͤr Jedermann, 3 CThle. 1822. 3 Thlr. 4 gr. R. Roos, Gedichte. 1820. 1 Thlr. ⸗ Gedichte. 2r. Thl. 1823. 1 Thlr. 3 gr. ⸗ ² Erzaͤhlungen. 1820. 1 Thlr. 3 gr. — ⸗ Dietrich v. Harras. 1822. 1 Thlr. 3 gr. Salomon, Parabeln. 1 Thlr. G. Schilling Schriften. Erſte Sammlung 50 Bde. 50 Thlr. Praͤn. Pr. 33 Thlr. 8„* 2 ⸗ Zweite Sammlung 25 Bde. 25 Rthlr. Praͤn. Pr. 20 Rthlr. St. Schütze, heitere Stunden, 1r Theil. 1821. 1 Thlr. 3 gr. 5 2 2 2 2r. Theil. 1820. . 1 Thlr. 3 gr. ⸗ 5 2 2 Zr. Theil. 1823. K. Streckfuß, Erzaͤhlungen. 1812. 1 Thlr. Taillefas, Schreckensſcenen a. d. Norden. 1820. 1 Thlr. L. Tieck, Novellen. 1r Thl. Die Verlobung. 1823. 2r Thl. Die Gemaͤhlde, 1823. E. F. van der Velde, Erzſtufen. 3 Theile. 1819. 2 Thlr. 18 gr. Prinz Friedrich. 1820. 1 Thlr. 12 gr. * Die Eroberung v. Mexiko, 3 Thle. 1821. 3 Thlr. Der Maltheſer. 1822. 1 Thlr. 12 gr. „ 9 2 2* „ ⸗ z Die Lichtenſteiner. 1822. 1 Thlr. „ ⸗ Die Wiedertaͤufer. 1822. 1 Thlr. 3gr. „„„ Die Patrizier. 1823. 1 Thlr. 15 gr. 4 5⸗ Guido. 1823. 21 Gr. ⸗ 2„“ Arwed Gyllenſtierna, 2 Thle. 1823. 2, Weisflog, Phantaſieſtuͤcke in meiner Manier, 2 Thle, 1823. —— *— —4y—————