4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ —— gabe eines geliehenen Buches wir jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 S 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſte wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: bezahlt werden und 2 Bücher: 1 Mk. 4 Bücher: 6 Bücher: — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 2 2„—„ 3 3 1 S* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9 „—A—— ———,-o-—— ,=N Der 3 Blutſchat, von H. Clauren. — 85 Dresden, 1823, in der Arnoldiſchen Buchhandlung, Scherz und Ern ſt von H. Clauren. Zweite Sammlung. Drittes Baͤndchen. Inhalt: Oer Blutſchaz⸗ 1 Ba Prelloni waren friſche Auſtern angekom⸗ men. Der Kammerrath ließ eiligſt ein Um⸗ laufſchreiben an die befreundeten Leckermaͤuler ſeiner Bekanntſchaft ergehen, mit dem Erſuchen, ſich dieſen Abend bei dem wackern Italiener einzufinden, und Frau und Kind mitzubringen; nahm, als die unertraͤglich langſame Uhr end⸗ lich die achte Stunde verkuͤndete, ſeine Klotilde an den Arm, und ſchlenderte froͤhlich zum trau⸗ lichen Schmauſe. Tauſend Stuͤck, Prelloni, zum erſten An⸗ fange! rief beim Eintreten in den ſtattlich ge⸗ ſchmuͤckten Keller der gaſtliche Fettbauch, und ſchaute ſich ſchmunzelnd um, denn ihn luͤſterte nach den Bayonner Schinken, die rieſengroß neben den dutzendweiſe, aufgeknuͤpften, ellenlan⸗ gen Eſelsfleiſchwuͤrſten, von der Gewoͤlbdecke herabhingen, und die mitten darunter herabbau⸗ melnden Goͤttinger und Braunſchweiger Pracht⸗ Exemplare, machten ihm den Mund waͤſſerig 1* — 4 und die Wahl ſchwer; zugleich warf er einen verlangenden Blick in die glaͤnzenden Augen eines halb durchgeſchnittenen, herrlichen Schwei⸗ zerkaͤſes, ſchielte hinab, in die Reize eines ge⸗ oͤffneten friſchen Kaviarfaſſes, und rief, das Auge zum Wurſt⸗ und Schinkenhimmel andaͤch⸗ tiglich gehoben, mit ruͤhrender Stimme: Gott was iſt deine Welt ſchoͤn! Klotilde aber zog aus der, eben auf den Ladentiſch kommenden großen Terrine, den feinen Duft des Biſchofs in die friſche Bruſt, und ergoͤtzte ſich an den wuͤrzigen geſchaͤlten Pomeranzen, die in dem t fuͤßen rothen Meere herumſchwammen, wie un⸗ ſer Eidball im Ocean. Sie heftete abſichtlich den Blick in den Spiegel des aromatiſchen Bi⸗ ſchofblutes, um nicht wieder hinuͤber zu ſehen in den Winkel des Gewoͤlbes; denn da ſaß an einem gedeckten Tiſchchen ein junger Gruͤnrock, der kein Auge von ihr verwandte. Ein wildes Goſicht, gelblich und mit Blatternarben bedeckt; das Haar ſtarr und ſtiuppig, und im ganzen Weſen etwas Duͤſteres, Barſches, Trotziges. Hundert Stuck Auſtern, kommandirte er mit einem droͤhnenden Baſſe, daß alle Anwe⸗ ſende ſich nach ihm wendeten: und wenn eine —— 2 darunter iſt, die nichts taugt, ſetzte er, zum Kellner gewendet, hinzu: werf ich Euch alle an den Kopf. Er ſchielte, nach dieſen Worten, uͤber die Achſel wieder nach Klotilden, dieſe fluͤchtete aber hinter den Ruͤcken des Vaters, und war froh, daß Einige der fuͤr den Abend zuſammenge⸗ ſchriebenen Geſellſchaft in das Gewoͤlbe traten, mit denen ſie, ſammt dem Vater, in das be⸗ ſtellte Kabinet ging. Prelloni, wer war denn der? fragte letzte⸗ arer, als ſie, vom Wirthe gefuͤhrt, in das ele⸗ gante Kabinet eintraten, der mit der Baßpo⸗ ſaune in der Kehle; denke doch, weiß Gott, es faͤngt der Cyclope Steropes aus dem Schlunde eines feuerſpeienden Berges an zu reden. Kann nicht dienen, entgegnete der hoͤfliche Italiener: muß aber ein reicher Herr ſeyn. Kam geſtern Abend mit fuͤnfen ſeines Kalibers; die aßen maͤnniglich zweihundert Stuͤck Auſtern und ſetzten par téte, zwei Flaſchen Champagner darauf; heute fruͤh deſſelben Gleichen, und die⸗ ſen Mittag hinwiederum; und der Herr mit dem Baſſe, bezahlt alles in Gold. Hatte der Vater die Blicke des gruͤnroͤckigen 6 Brummdruͤſels bemerkt, mit denen dieſer ſein Tildchen, wie er das ſuͤße Kind gewoͤhnlich nannte, zu verſchlingen drohte? Prelloni's letz⸗ tes Wort klang ihm recht beifaͤllig; wer 3600 Stuͤck Auſtern und 36 Flaſchen Champagner, mit Prelloniſcher Kreide berechnet, in 24 Stun⸗ den, in blankem Golde bezahlen konnte, mußte des gelben Zeuges im Ueberfluß haben, und ein ſolcher Eidam— er mußte ſelbſt im Stillen uͤber den weiten Blick laͤcheln, den er da in das Blaue hinaus that, aber wenn er ſich dachte, einmal einen Schwiegerſohn zu bekommen, der mit ihm die Liebe zu jenen Schaalthierchen theilte, der fuͤr den Knall des Schaumweines gleiche Empfaͤnglichkeit hatte, der, wie hier ſicht⸗ lich ſich zeigte, die Gabe Gottes nicht allein genießen konnte; der ſich gewiß eine kindliche Freude daraus machte, vor allen Andern den geliebten Schwiegervater an den reichen Auſter⸗ baͤnken ſeines Ueberfluſſes ſchwelgen zu ſehen; ſo — er konnte nicht anders— entzuͤckt uͤber die bloße Moͤglichkeit einer ſolchen Zukunft, betrach⸗ tete er ſeine huͤbſche Klotilde mit Wohlgefallen und druͤckte ihr den, nach den Kamm⸗Muſcheln waͤſſerigen Mund, aaͤchelnd auf die roſige Wange. 7 Was iſt Dir Vaͤterchen? fragte die Holde freundlich; aber der Vater nickte blos ſchmun⸗ zelnd, beſtellte, dem eidamlichen Gruͤnrock gleich, ein Dutzend der feinſten Sorte von Ay, und bat die unterdeſſen vollſtaͤndig verſammelte Ge⸗ ſellſchaft, ſich zu ſetzen; man aß und trank und war froͤhlich und guter Dinge, und hoͤrte nur mit halbem Ohre auf die ſalbungvolle Rede des Kammerraths, der ſich, das Koͤſtlichſte des auf⸗ geblaſenen Meeres und Frankreichs auf der Zunge, des Breitern uͤber beides ausließ, und die kleinen Meerungeheuer mit gruͤndlicher Ge⸗ lehrſamkeit, in Berg⸗, Sand⸗ und Lehmauſtern theilte, den Erſteren, die auf Hoͤhen wohnen, und darum dem Wechſel der Ebbe und Fluth ausgeſetzt ſind, den Vorzug gab, und die ſees laͤndiſchen, die von Colcheſter, die Hollaͤndiſchen und Juͤtlaͤndiſchen, die Trieſter Pfal⸗Auſtern und die Inſular⸗Auſtern von Venedig, ſo ſy⸗ ſtematiſch kritiſirte, daß ihm dabei ſelbſt im⸗ mer das Waſſer im Munde zuſammenlief, und er einen drath⸗ und ſiegelbewahrten Pfropfen nach dem andern, zum Oeckengewoͤlbe des pa⸗ radiſiſchen Kellers ſpringen ließ, um die unter⸗ deſſen verſchlungene Anzahl der belobten Schaal⸗ 8 leckerbiſſen hinabzuſchwemmen. Dankbar pries er des Schoͤpfers weiſe Einrichtung, der die Auſterbaͤnke mit Millionen dieſer Delikateſſen beſaͤe und ihnen die wohlfeilſten Lebensmittel, ein Bischen Lehmerde und Seegras zur Nah⸗ rung angewieſen habe; er ſchoͤpfte hieraus die troſtreiche Hoffnung, daß es auch der ſpaͤteſten Nachwelt an dieſer Goͤtterſpeiſe nicht fehlen werde; er erlaubte ſich gegen die Allweisheit in der Natur nur den einzigen Tadel, daß die Schaalen dieſer anbetenswuͤrdigen Seebuͤrger ſo unnoͤthig dick und ſchwer waͤren, zog nebenbei auf die unmaͤßig hohen Portoſaͤtze der oberſten Poſtbehoͤrde, und auf die unchriſtliche Acciſe los, die den Genuß eines Produktes, das wir im Lande ja doch ewig nicht erzeugen koͤnnten, uͤber alle Gebuͤhr vertheuerten, und griff eben zur zweihundert und erſten Auſter, als vorn im Laden des Italieners, wo der Gruͤnrock mit ſeinen Gaͤſten ſaß, ein von pausenartigem Wir⸗ bel begleitetes wildes Vivat⸗Geſchrei ertöͤnte, und Prelloni kurz darauf eintrat und triumphi⸗ rend berichtete, daß die Herren eben der Mam⸗ ſell Kammerraͤthinn Geſundheit getrunken, und dabei, jeder mit zwei vollen Champagnerflaſchen 9 auf dem Tiſche, die Pauken ſo lange geſchlagen haͤtten, bis ſie blos die Haͤlſe der zertruͤmmerten in den Haͤnden behielten. Am aͤrgſten habe der bewußte Gruͤnrock, der den Toaſt eigentlich aus⸗ brachte, geſchrien und getrommelt; ſo daß die An⸗ dern ſelbſt gelacht und ihn ſcherzweiſe den trojani⸗ ſchen Trompeter Stentor genannt haͤtten. Der Kammerrath war in der Freude uͤber die ſeiner Tochter bewieſene Aufmerkſamkeit, und im ſtillen Entzuͤcken, daß er ſich in den Blicken des gruͤnen Trompeters nicht irrte, drauf und dran, ſich durch Prelloni, fuͤr die erzeigte Ehre foͤrmlich bedanken zu laſſen, und den Toaſt mit ſeinem Kreiſe erwiedern zu wollen; indeſſen riethen die Vernuͤnftigeren, die wohl abnehmen konnten, daß alsdann das wilde Heer unausbleib⸗ lich ſelbſt erſcheinen, und ihnen allen vielleicht den ganzen Abend verderben wuͤrde, davon ab, und Klotilde, bei dem ganzen Auftritte von ſon⸗ derbarem Grauen befallen, bat den Vater drin⸗ gend, das nicht zu thun. Man gab ſich von Neuem den Tafelfreuden hin, und der Kammer⸗ rath, der in der Kunſt, ſeine Gaͤſte mit ver⸗ ſchwenderiſcher Freigebigkeit froͤhlich zu machen, ſeines Gleichen ſuchte, ſchenkte ein, ließ vom 10 Beßten auftragen und ergoß den Zauber ſeiner roſigſten Laune uͤber den ganzen Zirkel, als waͤre es das letzte Freudenmahl, das er ſeinen Freun⸗ den gebe, als wolle er ſich ſelbſt uͤberbieten. Da trat— die Mitternachtſtunde war laͤngſt ſchon voruͤber— Herr Beifuß, der Supernu⸗ merar⸗Vice⸗Kontroleur bei der, dem Kammer⸗ rath untergebenen General⸗Kaſſe, todtenbleich herein und konnte die Bitte, mit ihm zwei Worte allein zu ſprechen, kaum herausbringen, ſo preßte ihm das, was er auf dem Herzen hatte, Bruſt und Kehle zuſammen. Was tauſend, Herr Vice⸗Beifuß! ſo ſpaͤt? rief der Kammerrath lachend. Setzen— trin⸗ ken, fuhr er mit freundlicher Herablaſſung fort, und ſchenkte einen rothen Bouzy ihm ein, daß der Schaum uͤber das Glas lief; aber dem jungen Menſchen fehlte der Athem, ſo war er gelaufen. Nur zwei Worte, verehrteſter Herr Kammer⸗ rath, fluͤſterte dieſer bittend: die Sache iſt dringend. Geſchaͤftſachen? fragte der von Luſt und Re⸗ benblut halb Berauſchte, mit ungewiſſer Stimme und ging mit dem Unwillkommenen in einen Fen⸗ ſterbogen. Die Marſchorder iſt heraus, wisperte hier 11 der junge Beifuß in gedraͤngteſter Kuͤrze. Alle Regimenter brechen auf; Alle ſchreien nach Geld. Fuͤr den erſten Augenblick ſollen die bereiteſten Fonds, wo ſolche nur irgend befindlich, morgen fruͤh an den Kriegs⸗Miniſter uͤberwieſen werden. Saͤmmtliche Kaſſen ſollen morgen neun Uhr alle ihre Beſtaͤnde abliefern. Unſere hat nach dem geſtrigen Abſchluſſe 342,000—— Saͤmmtliche Kda— Ka—? fiel ihm der Erbebte in das Wort und krampfte ſich an den Fenſterwirbel feſt. Wenn ich gehorfamſt bitten darf, fuhr der Ungluͤcksbote fort: ſo wollen der verehrliche Herr Kammerrath, zur Zeit, von der pflichtmaͤßigen Mittheilung noch keinen Gebrauch machen. Die Sache ſoll noch ein Geheimniß bleiben, ich eilte nur her, damit wir morgen bei Zeiten zu zaͤhlen anfangen koͤnnen, und das Geld in Bereitſchaft haben, wenn die Herren vom Kaſſen⸗Kuratorium und von der Kriegs⸗Kaſſe kommen, um unſere Beſtaͤnde nach den Buͤchern zu reyidiren und die Gelder in Empfang zu nehmen. Geheimniß, ſtammelte der Kammerrath, wie vom Schlage gelaͤhmt, heimlich nach: ahber wo⸗ her wiſſen Sie denn darum? us ————ͤͤͤͤͤſ — — —— Vicebeifuͤßchen ſchlug verſchaͤmt die Augen nieder, und liſpelte: Fiekchen— Fiekchen? fragte der Kammerrath mit ſchaaf⸗ aͤhnlichem Blicke, denn im wuͤſten Kopfe wuͤrgte ſich Ungeheures durcheinander. Wer iſt Fiekchen? Wie kommt die in unſere General⸗Kaſſe?— Darin iſt ſelbige wohl nicht, entgegnete Bei⸗ fuß, von des Kammerraths blutdunkeln Flam⸗ menblitzen eingeſchuͤchtert— ich weiß nicht, ob Denenſelben das— das Fiekchen bei Geheime Kriegsraths bekannt iſt. Das Kammermaͤdchen? brummte der Kam⸗ merrath horchend— ja. Bei ſelbigem habe ich, fuhr der Viceſuper⸗ numerar⸗Kontrolleur entſchuldigend fort, und es jammerte ihn, das jahrelang bewahrte Heiligthum ſeiner ſtillen Liebe ſeldſt verrathen zu muͤſſen: bei dieſem habe ich zuweilen des Abends das kleine Wirthſchaftbuch nachzucalculiren, Federpoſen und das Dintenfaͤßchen in Ordnung zu halten und ſolche Keckſchooßereien mehr— Weiter, weiter! unterbrach ihn der Kammer⸗ rath auf Kohlen. Fiekchen, fuhr Beifuß fort: hatte die Frau Geheime Kriegsraͤthinn entkleidet, der Herr Ge⸗ ugen haaf⸗ uͤrgte hen? Bei⸗ lam⸗ ob eime am⸗ per⸗ d es dum bei eine und und ner⸗ 13 heime Kriegsrath waren zugegen geweſen, hatten mit der Frau Geheimen Kriegsraͤthinn vom un⸗ vermeidlichen Ausbruche des Krieges geſprochen, dabei des erhaltenen Auftrages erwaͤhnt, in der ganzen Reſidenz morgen alle Kaſſenbeſtaͤnde in Empfang zu nehmen, und geaͤußert, daß das manchen der Herren Rentanden, die mit ihren Buͤchern nicht in Ordnung waͤren, wohl ein et⸗ was ſchreckhafter Beſuch werden duͤrfte. Solches Alle ſteckte mir Fiekchen, als ſie die Frau Ge⸗ heime Kriegsräthinn zu Bette gebracht hatte, ſchleuniglich, weil ſie weiß, daß ich das Gluͤck habe, unter dem verehrten Herrn Kammerrath, bei der General⸗Kaſſe zu arbeiten, und weil der Herr Geheime Kriegsrath im vertraulichen Ge⸗ ſpräche mit der Frau Geheimen Kriegsraͤthinn, quantsweiſe hatte fallen laſſen, daß, wo ein Kreuzer nur fehle, der— mit Reſpect zu ſagen — der Teufel die kalkulatoriſchen Kaſſenbeſtien alle mit einander holen ſolle— und ſomit habe ich nicht verfehlen wollen, den durch Fiekchen er⸗ haltenen erſten Wind dem verehrten Herrn Kam⸗ merrath foͤrderſamſt mitzutheilen. Selbiges Fiek⸗ chen war um meinetwillen ſehr beaͤngſtigt, indeſ⸗ ſen unſer Kaßchen, konnte ich ihr mit gutem Ge⸗ ——— ——— 14 wiſſen betheuern, iſt in klarvoller Ordnung; und unſere Buͤcherchen ſtimmen auf's Daus. Wann befehlen der Herr Kammerrath, daß ich morgen fruͤh zum Zaͤhlen— Dieſer aber ſtand, tief in Gedanken verloren, vor dem Demuͤthigen, hoͤrte und ſah nicht und ſtarrte durch die Scheiben in das ſchwarze Dunkel der Nacht; und erſt als Beifuß fragweiſe fliſterte: waͤre es vielleicht um 7 Uhr gefaͤllig? brach der Kammerrath das duͤſtere Schweigen, raffte ſich zuſammen und entgegnete ein leiſes Nein. Er meinte, daß das ausſehen wuͤrde, als ſey er auf die Ablieferung der Beſtaͤnde vorbereitet geweſen, aͤußerte, daß er nicht eher als um 9 Uhr, wie gewoͤhnlich, auf die Kaſſe kommen werde, machte dem dienſttreuen Supernumerar⸗Vice⸗Kontrol⸗ leur Veifuß zur ſtrengſten Pflicht, gegen keine menſchliche Seele von der Sache etwas zu verlaute baren, entließ ihn mit vornehmfreundlichem Hand⸗ winke, und ſetzte ſich wieder zur Tafel. Allein die Auſtern hatten kein Waſſer und wollten nicht rutſchen, und der Champagner zog Faͤden; er ließ ſpaͤterhin merken, daß er anfange ſchlaͤf⸗ rig zu werden; die Geſellſchaft dankte fuͤr ge⸗ noſſene Höoͤflichkeiten, ging auseinander, und eigen Noth traue genhe 15 Papa Kammerrath wanderte mit Tildchen nach Hauſe. Die grauenvolle Macht des boͤſen Gewiſſens ertoͤdtete den fluͤchtigen Rauſch des Schaumwei⸗ nes, der in der letzten Zeit der einzige Troͤſter des Verlorenen geweſen war. Jahrelang hatte er durch Feſte und Aufmerkſamkeiten aller Art, die Kaſſen⸗Kuratoren und ſeine Vorgeſetzten geblen⸗ det, daß dieſe nicht ſehen wollten, was ſie als pflichtſtrenge Maͤnner ſehen mußten. Ihre Nach⸗ ſicht hatte ihn immer dreuſter gemacht und ſo war der Defect immer groͤßer geworden. Bei der ganz unerwarteten, morgen fruͤh bevorſtehenden Ablie⸗ ferung aller Kaſſenbeſtaͤnde, mußte die Sache zur Sprache kommen, wenn er ſich nicht unrett⸗ bar verloren geben wollte. Den Betrag des Fehlenden ſich genau anzugeben, war er jetzt, wo er die auf der Kaſſe befindlichen Buͤcher nicht zur Hand hatte, außer Stande; ungefaͤhr aber uͤber⸗ ſchlug er das Defieit auf 30 bis 40,000. Fl. Menſchen in ſolcher Lage haben Beichtvaͤter eigener Art. Dieſen werfen ſie ſich, wenn die Noth am hoͤchſten iſt, mit unbedingtem Ver⸗ trauen in die Arme, weil ſie auf deren Verſchwie⸗ genheit rechnen und von ihnen fuͤr einen gewich⸗ is ————— —— 16 tigen Beichtpfennig, Troſt und Rettung ihrer im Fegefeuer der peinigendſten Angſt bratenden Seele, mit Sicherheit erwarten koͤnnen. Der große Haufe haßt gemeiniglich dieſe Retter aus aller Noth, be⸗ greift nicht, warum die ſe das ausſchließliche Vor⸗ recht zum Reichwerden haben, und verfolgt ſie mit Haß und Verachtung, und oft doch verdie⸗ nen dieſe beides nicht, oder doch wenigſtens in weit geringeren Grade, als der, welcher ihnen ſeine Ehre, ſeine Pflicht blos gibt, und ſich zum nichtswuͤrdigen Werkzeuge ihrer Speculationen er⸗ niedrigt. Sie kennen die Schlechtigkeit der Welt⸗ ſie wiſſen, daß auch unter den Hoͤhergeſtellten ihr Gold einen groͤßern Werth hat, als die Pflicht und daß der Metalklang ſtaͤrker iſt, als die leiſe Sprache des Gewiſſens; ſie verſtehen dieſen Um⸗ ſtand zu benutzen, und haben wahrhaftig Recht, wenn ſie behaupten, daß der Beſtechliche, der Beamte, welcher Fuͤrſten und Vaterland, Dienſt⸗ treue und Dienſtehre fuͤr ein Paar Rollen Duca⸗ ten verkaufen kann, viel ſchlechter ſey, als ſie ſelbſt. Der Kammerrath ſchrieb an die Wechsler Moſes Schmuel und Joel Eſau, bat unter dem Siegel der Verſchwiegenheit jeden um 20,000 fl⸗ bot 20 das C vorkon ligkeit Sum L dem auf 1 als zu chen l merat D vielen Maa folgte ſchwa in der tuſch Scho nann Aller lichſt Ruͤck niſſin rer im Seele, Haufe th, be⸗ he Vor⸗ ugt ſie verdie⸗ eens in ihnen ch zum nen er⸗ Welt⸗/ ſtellten Pflicht die leiſe n Um⸗ Recht, 2, der Dienſt⸗ Duca⸗ als ſie zechsler er dem 200 fl⸗/ 17 bot 20 Procent, verſprach binnen zwei Monaten das Geld wieder zu bezahlen, verpflichtete ſich, vorkommenden Falles, zu aͤhnlichen Gegengefaͤl⸗ lggkeiten, und erſuchte ſie, ihm die gewuͤnſchte Summe vor 8 Uhr zu uͤberſenden. Beide lehnten den Antrag ab, weil ſie, bei dem bevorſtehenden Ausmarſche, ihre Kapitale auf Lieferungen und Verpflegungen weit hoͤher, als zu den gebotenen lumpigen 20 Procent brau⸗ chen konnten, und halb neun Uhr war der Kam⸗ merath todt. Der Schlag hatte ihn geruͤhrt, hieß es: die vielen Auſtern geſtern Abend; der in ziemlichem Maaße genoſſene Wein; der gleich darauf er⸗ folgte Heimgang in der kalten Nacht; der ſchwammige Koͤrper— das war ja natuͤrlich. Das Deficit der General⸗Kaſſe ward— ein in derlei Faͤllen recht ſchoͤnes Wort,— ver⸗ tuſcht; aus reinem Patriotismus, aus purer Schonung fuͤr den geliebten Landesherrn. Man nannte es eine der zarteſten Pflichten, vor der Allerhoͤchſten Perſon jede Unannehmlichkeit moͤg⸗ lichſt zu entfernen. Doppelt ſey, hieß es, dieſe Ruͤckſicht jetzt noͤthig, wo das Gemuͤth Sere⸗ niſſimi, durch den Ausmarſch der Truppen oh⸗ 2 ₰ —y ſͤnſſn— — 3 91 nehin beunruhigt ſey. Daß indeſſen mehrere Vorgeſetzte des Seligen, dieſem bedeutende Sum⸗ men ſchuldig waren, daß wenn mit Strenge ge⸗ fodert wurde, den Defect wenigſtens ſo viel als moͤglich, aus deſſen hinterlaſſenem Vermoͤgen zu decken, Klotildens Vormund, oder die fiskaliſche Behoͤrde die Sculdigen zur ſofortigen Bezah⸗ lung ihrer Schuld, durch Rechts⸗Mittel dringend anhalten mußte; daß dieſe alſo maͤuschenſtill waren, und die erborgten Kapitaͤlchen in ihrem Leben nie wieder zuruͤckzahlten; daß die Kaſſen⸗ Kuratoren ſammt Weib und Kind, bei Geburtta⸗ gen, Weihnachtbeſcherungen und dergleichen freund⸗ lichen Veranlaſſungen, vom Kammerrath mit Auf⸗ merkſamkeiten aller Art uͤberſchuͤttet, und bei den Caſſen⸗Reviſionen ſelbſt mit den ausgeſuchteſten Delikateſſen der ganzen Welt ſo uͤberfuͤttert un“ mit den beßten und feurigſten Weinen aller Ert theile ſo uͤberſchwemmt worden waren, daß ſ kein Auge hatten aufthun können— das alle wußte niemand, und wußte oder ahnete es aus hie und da einer der ehrlichen Subalternen, waͤre ja zertreten worden, wenn er nur gemuc haͤtte. Kam nur ein Wort vom Defecte vor da Ohr des Fuͤrſten, ſo war es natuͤrlich, daß di ger, eilte bat, die er Kloti be S wie der tehrere Sum⸗ ige ge⸗ iel als gen zu aliſche Zezah⸗ ngend enſtill ihrem aſſen⸗ urtta⸗ eund⸗ Auf⸗ ei den teſten t un? Erk aß ſ alle au 1, nue da di 19 Herren Kuratoren ihn erſetzen mußten; alſo ge⸗ bot man, wie es hieß, zur Ehre des in Gott ent⸗ ſchlafenen Hern Kammerraths, den untern Kaſ⸗ ſenbeamten unverbruͤchliches Stillſchweigen; mein⸗ te, das Fehlende werde ſich bei genauerer Durch⸗ legung der Rechnungen wohl noch ermitteln laſſen, ſchob die ganze verhaßte Angelegenheit auf die ſogenannte lange Bank, auf der ſolcher Verbrechen mehrere ruhen, und ruͤhmte ſich gegenſeitig, die Sache mit pflichtmaͤßiger Ruͤckſicht auf des Sere⸗ niſſimi verehrteſte Perſon, mit billiger Schonung des lieben ſeligen Kammerrathes, mit beßter Beachtung der oͤffentlichen Beamten⸗Ehre, kurz — wieder in ſolchem Falle ein recht glattes Wort, — mit der erforderlichen Delikateſſe abge⸗ macht zu haben. Onkel Fluͤmer, des Kammerraths Schwa⸗ ger, und wohlbeſtellter Apotheker zu Finſterberge, eilte auf die erhaltene Todespoſt in die Reſidenz, bat, im Taumel uͤber die unermeßliche Erbſchaft, die er als naͤchſter Verwandter und Vormund von Klotilden zu verwalten bekommen werde, die hal⸗ be Stadt zum Leichenbegaͤngniſſe, und freute ſich wie ein Kind uͤber den langen ſchwarzen Zug, der dem reich mit Silber beſchlagenen Sarge 2*† ₰ — J— ——— — — 20 folgte; als er die endloſe Reihe Wagen erblickte ſtuͤrzte ihm das Waſſer in die Augen. Ja, rief er Klotilden zu, die vom kindlichen Schmerze aufgeloͤſ't, haͤnderingend im Zimmer auf⸗ und abſchwankte: daß der Vater ein reicher, ein vor⸗ nehmer Mann war, wußte ich; aber daß er ſo in Ehren, ſo grauſam in Ehren ſtand, nein das hab' ich nicht gedacht. Sieh nur, alle kom⸗ men ſie mit ihren Eelipahſchen angekariolt, Ex⸗ cellenzen und Geheime Raͤthe, wie Kraut und Ruͤben durch einander; Fickerment, Tildchen, ſieh die beiden Braunen da vor der gelbausge⸗ malten Staatskaroſſe; Donner und Wetter ſind das Pferdel weine nicht Tildchen, ſolch eine Ehre widerfaͤhrt Dir im Leben nicht wieder. Bei meiner armen Seele, ich ſtuͤrbe heute noch mit tauſend Freuden, wenn ich wuͤßte, ſo begraben zu werden. Aber muͤſſen wir nicht hinunter, und die hohen Herrſchaften erſuchen, auszuſteigen und mit einem Stuͤckchen Leichenkuchen und ei⸗ nem Glaͤschen Wein vorlieb zu nehmen? Eine eben gegenwaͤrtige Bekannte von Klo⸗ tilden aber erklaͤrte ihm, daß in allen dieſen Equipagen kein Menſoh ſitze, ſondern, daß es un⸗ ter den Großen hier Sitte ſey, die Wagen leer — 21 zu ſchicken, und daß dieß auch fuͤr eine Ehren⸗ bezeigung gelte. Der kleinſtaͤdtiſche Apotheker nannte dieß, vielleicht nicht mit Unrecht, eine Narrenpoſſe; meinte, der ſelige Schwager haͤtte den Herren wohl oft genug zu eſſen und zu trinken gegeben, daß ſie dafuͤr wohl nun in Per⸗ ſon ihn haͤtten zu Bette bringen koͤnnen, und lobte ſein Finſterberge, wo niemand ſeinen Knecht zur Leiche ſchicke, ſondern entweder gar nicht, oder in eigener Perſon komme; doch er gewahrte jetzt die Schaaren von Leichentraͤgern, deren jeder mit einer Citrone in der Hand paradirte, und ſendete Jeremischen, den aus ſeiner Apotheke zum ſchwarzen Mohren mitgebrachten Burſchen, heimlich hinab, um mit ihnen die Ablieferung der goldgelben Suͤdfruͤchte, nach der Ruͤckkunft vom Kirchhofe, fuͤr ein Billiges zu behandeln, denn er gedachte, mit dieſen die Honoratioren ſeiner Heimath zu erquicken, die des Abends gewoͤhnlich bei ihm einzuſprechen pflegten, um ihre politi⸗ ſchen Geſpraͤche durch ein Glas Punſch zu be⸗ feuern. Allein Mohren⸗Jeremischen kam un⸗ verrichteter Sache zuruͤck; denn die lang beflorten Trauer⸗Figuranten entgegneten einmuͤthiglich, daß der Italiener Prelloni, ſeit undenklichen Zei⸗ 22 ten ſchon, wegen Ablieferung der fraglichen Lei⸗ chentitronen, zu gleichem Behufe mit ihnen eine General⸗Konvention geſchloſſen, und mißgelaunt uber die raffinirte Spekulation der Großſtaͤdter, ſchimpfte er auf Prelloni, der ihm zuvorgekom⸗ men war, recht weidlich, als dieſer ſich ihm mit freundlichen Buͤcklingen nahte, und ſich aͤußerſt gluͤcklich ſchaͤzte, den vielberuhmten Herrn Apo⸗ theker Fluͤmer aus Finſterberge, den hochgeach⸗ teten Herrn Schwager des viel zu fruͤh zu den himmliſchen Freuden berufenen Herrn Kammer⸗ rathes, perſoͤnlich kennen zu lernen. At einer, fuhr er mit gepreßter Stimme fort: Raiſon, ſu weine uͤber die Verluſt von der Err Kammrath, bin ick; o Signor Fluͤmaͤhr, die Err Kammrath war mon ami le plus fidèle; ick verlier con⸗ ſiderable par sa mort. Beßte Kundmahn, beßte Freund, il meglior avventore! l'otti- mo amico! Der Schmerz uͤbermannte ihn, er konnte den Thraͤnen nicht laͤnger wehren, und riß mit Haſt ſein Tuch aus der Taſche. Zufaͤllig fiel ein Packet Papiere mit heraus; Fluͤmer, von des Leidtragenden Theilnahme tief bewegt, buͤckte ſich, ihm die Papiere aufzuheben; da bemerkte Lei⸗ eine launt adter, kom⸗ mit ußerſt Apo⸗ geach⸗ u den amer⸗ einer, n, ſu nrath, mrath r con⸗ mahn, Potti- konnte ß mit fiel ein on des buͤckte merkte 322 5 erſt Prelloni, daß er ſie verloren, und rief: o bealte Sie, bealte Sie; das is theuer Souvenir von mein liebe, liebe Freund! Flumer warf ei⸗ nen Blick hinein, es war eine kleine, von dem Hochſeligen unberichtigt gelaſſene Rechnung, die Prelloni mit geziemenden Kratzfuͤßen begleitete. O Gott, erwiederte Fluͤmer, von den Huldi⸗ gungen des Hoͤflichen gedraͤngt: mein wuͤrdiger Herr Schwager ſind noch nicht unter die Erde, und ſchon wird man mit derlei liquidirlichen Zu⸗ muthungen behelliget. Nur der Ordnung halber, meinte Prelloni, habe er nicht verſaͤumen wollen, das Nötchen zu ſich zu ſtecken. Fluͤmer hatte im Leben ſchon einen ungemeſſenen Reſpect vor ſeines reichen Schwagers Vermoͤgen gehabt; aber nach deſſen Tode erſt ſollte er die reine Ueberſicht von dem Umfange ſeiner Wohlhabenheit bekom⸗ men. 1840 fl. war der Selige blos fuͤr Au⸗ ſtern, Kaviar und dergleichen Leckereien dem ehr⸗ lichen Prelloni ſchuldig geblieben; was mußte je⸗ ner fuͤr ein Einkommen gehabt haben, um auf ſolche Nebendinge dieſe enormen Summen ver⸗ wenden zu koͤnnen, von der Fluͤmer ſeinen gan⸗ zen Hausſtand vier Jahre lang unterhalten haͤtte. Auch Prelloni ſtieg bei ihm im Werthe. Im — 24 ganzen Jahre nahm er in ſeiner Finſterberger Apotheke kaum die Haͤlfte jener Summe ein, die Prelloni von einem einzigen Kunden zu fordern hatte. Der Vormund der reichen Klotilde, der ſich im Stillen immermehr aufblaͤhende Fluͤmer, druͤckte Prelloni vornehm die Hand, verſicherte, daß die Kleinigkeit in wenigen Tagen berichtigt ſeyn ſolle, und ging nun, um den ſchwaͤgerlichen Croͤſus zur ewigen Ruhe zu geleiten. Klotilde trat halb ohnmaͤchtig aus dem Hauſe. Auch der Gruͤnrock ſtand unter den tauſend Zuſchauern, die ſich verſammelt hatten, um das Leichengepraͤnge in Augenſchein zu neh⸗ men. Er ſah das bleiche, ſchoͤne Maͤdchen, von der Gewalt des Schmerzes vernichtet, ſeiner ſelbſt ſich kaum bewußt, zum Trauerwagen gefuͤhrt werden. Hundertmal hatte er geleſen, daß die weibliche Eitelkeit ſich im Schmucke der Leidtra⸗ genden gefalle, und daß der ſchwarze Kreppflor der Frauen, beſonders der Blondinen Liebreiz er⸗ hoͤhe. Klotilde aber, das ſah man ihr an, wußte von dem Allen nichts. Ihr verweintes Geſicht, die eingeſunkene Haltung ihrer ſtolzen, edlen Fi⸗ gur, ihr zur Erde geſchlagener Blick, ſprachen deutlich, wie tief ſie gebeugt war. Alle Umſte⸗ 23 hende ſtarrten ſie theilnehmend an. Ein jedes wußte etwas Gutes von dem zarten Kinde zu er⸗ zuͤhlen, und der Gruͤnrock, der geſtern ſo barſch und wild ausgeſehen hatte, war von dem ſonder⸗ baren Eindruck, den das mit eigener Anmuth ausgeſtattete, lebendige Bild des Kummers auf ihn machte, ſo uͤberraſcht, daß er eine Thraͤne, vielleicht die erſte in ſeinem Leben, verſtohlen im Auge zerdruͤckte, weil er ſich vor ſeinen Kamera⸗ den ſchaͤmte, die uͤber die Schuljungen lachten, welche, ihr blankes Zweigroſchenſtuͤck in den Haͤn⸗ den, das eben beginnende Sterbelied mit einem Dienſteifer abbruͤllten, als waͤre es ſelber ihr letztes. Fluͤmer ſchnitt auswendig zwar auch das Ge⸗ ſicht eines Leidtragenden; inwendig aber lachte er, und freute ſich des großen Augenblickes, der ihm geworden; denn ſolche Ehre als heute, war ihm noch nicht widerfahren. Er hatte ſich, kraft der ihm nicht abzuſprechenden Beſcheidenheit, im Zuge hinten an die Kanzelliſten und ſolche kleine Leutchen, als ſeines Gleichen anſchließen wollen; allein der Leichenbitter, der bei derlei feſtlichem Gepraͤngegewoͤhnlich den Ceremonienmeiſter macht, ſetzte ihm aus einander, daß er heute, als der naͤchſte Verwandte des Hauſes, den Vorrang vor 26 Allen habe; erwiederte auf ſeine mit tauſendfaͤl⸗ tigen Buͤcklingen begleiteten Bittegehorſamſt und auf ſeine kleinſtaͤdtiſchen Betheuerungen, daß ſich das nicht ſchicken werde, daß er recht gut wiſſe, wohin er gehoͤre, und daß er die Achtung und die tiefe Ergebenheit, die er den hohen Herrſchaften hier ſchuldig ſey, nimmermehr aus den Augen ſetzen werde, nichts als ein trockenes: das muß ich beſſer verſtehen! und ſchob ihn uͤber die hier ganz uͤberfluͤſſige Einrede, ohne Weiteres in den erſten Wagen, wo er den General⸗Superinten⸗ denten als ſeinen Begleiter fand. Seinen ganzen Chinavorrath haͤtte Fluͤmer darum gegeben, wenn die Buͤrgerſchaft von Fin⸗ ſterberge ihn dieſen Triumph haͤtte feiern geſe⸗ hen. Zum Ungluͤck hatte er aber keinen Zeugen ſeiner Herrlichkeit, als Jeremischen. Dieſer trabte, des kalten Wetters ungeachtet, mit ent⸗ bloͤßtem Haupte neben dem Wagen durch dick und duͤnn, denn Herr Fluͤmer hatte ihm beim Hin⸗ einſteigen zugefliſtert, daß der Herr, der heute die Ehre haͤtte mit ihm zu fahren, in Kirchenſa⸗ chen, naͤchſt dem Fuͤrſten der Erſte im Lande ſey, und einen ſolchen hatte Jeremischen noch nicht geſehen. 2 8&——/½„— —, α 33 27 Fluͤmer klemmte ſich, aus lauter Ehrfurcht vor Sr. Hochwuͤrden, dergeſtalt zuſammen, daß der General⸗Superintendent ½ des Platzes im Wagen zu ſeiner Bequemlichkeit behielt; dieſer aber ſprach uͤber den Verſtorbenen wohl mit chriſt⸗ licher Schonung, jedoch ließ er manche mißbilli⸗ gende Aeußerung uͤber die heutige Sucht, vor der Welt glaͤnzen zu wollen, uͤber den immer mehr einreißenden ungluͤcklichen Hang, mehr aus⸗ zugeben, als man einzunehmen habe, uͤber die faſt ganz aus der Mode kommende Tugend, fuͤr die Seinigen nach dem Tode zu ſorgen, und der⸗ gleichen mehr fallen, daß jeder andere leicht haͤtte merken koͤnnen, wo Se. Hochwuͤrden hinaus wollten; nur Fluͤmer nicht, der hoͤrte nur halb, und freute ſich, wenn die Leute in den Wagen ſahen, denn er ſaß oben an. Was wird denn das arme Kind beginnen, das gute liebe Klotildchen? fragten Se. Hochwuͤr⸗ den mit vaͤterlichem Antheil. O die iſt dicke durch! entgegnete Herr Fluͤ⸗ mer: die nehmen wir zu uns; wie unſer Kind ſoll ſie da bei uns im Hauſe ſeyn; wie den Apfel im Auge wollen wir ſie lieb haben. Mein Schatz 2³ iſt eine tuͤchtige Wirthinn, der ſoll ſie ein bischen an die Hand gehen, und— Recht, recht, fiel der General⸗Superinten⸗ dent beifaͤllig ein, und ſchien ſich jetzt etwas mehr dem Manne naͤhern zu wollen, der ihm anfaͤng⸗ lich nicht recht gefallen haben mochte, in dem er aber jetzt einen wackern, wenn auch etwas unge⸗ bildeten Kleinſtaͤdter kennen zu lernen glaubte: nur nehmen Sie den zarten Sinn des Maͤdchens recht in Obacht. Es iſt ein gar reines, herrliches Weſen. Sie kam oft zu meinen Toͤchtern und ich habe ſie immer gern geſehen. Sie will mit ſehr vieler Liebe behandelt ſeyn. Der gute,, ſelige Vater, uͤber den ſich manches wohl ſagen ließe, hat ſie an vieles gewoͤhnt, was ihr ſchwer wer⸗ den wird, aufzugeben; dafuͤr hat er aber, und das iſt in ihrer nunmehrigen Lage ein großes Gluͤck fuͤr das arme Kind, bei ihrer Erziehung keine Koſten geſcheut— er hat dem Maͤdchen ei⸗ nen Schatz hinterlaſſen— Einen Schatz! ſchrie Fluͤmer, und ſpreizte alle zehn Finger aus, als wollte er ihn heben, und ſaͤße er tauſend Klafter unter der Erde. Der Zug aber hielt jetzt auf dem Gottesacker; beflorte Lohnbedien⸗ ten oͤffneten die Schlaͤge und beide ſtiegen aus. „ nͤ—Pͤ——ꝰ/ Sf 2—ↄ/ͤ—,„»„ 8—„— ——4 29 Des Nachbars Meiſterrede am Sarge des Entſchlafenen ging an Fluͤmers Ohren voruͤber, denn dieſer hatte nichts als den Schatz im Kopfe. Klotilde ſollte ein Leben haben, wie im Himmel. Taͤglich Syrup, Sonntags Zuckerkant im Kaffee. Von Arbeiten war gar nicht die Rede. Ein Bis⸗ chen Stricken und Leſen war das Ganze. Uebri⸗ gens ſollte ſie ihr eigener Herr ſeyn, ſchlafen, ſo lange ſie wollte, aufſtehen, wann ſie wollte, eſſen und trinken was ſie wollte. Dafuͤr aber natuͤrlich kamen ihm, bis zu ihrer Volljaͤhrigkeit, die Zinſen ihres unermeßlichen Vermoͤgens zu Gute; mit ſeiner Ober⸗Vormundſchaftbehoͤrde, mit dem Magiſtrate, wollte er deshalb ſchon fer⸗ tig werden; ſeine Apotheke, ſein ganzes Haus⸗ weſen mußte ſich dabei aufnehmen; die langjaͤh⸗ rigen Baͤren bei den Droguiſten hier in der Re⸗ ſidenz wurden abgeſtoßen; Zucker und Kaffee wa⸗ ren ſeit Jahren nicht ſo wohlfeil geweſen, als eben jetzt; er kaufte ſich ungeheure Vorraͤthe da⸗ von an. Beide Artikel ſtiegen gewiß einmal im Preiſe; er gewann dabei Thaler auf Thaler. Das große, ſchoͤne Haus des alten penſionirten Ober⸗ ſten, gegenuͤber, mit dem langen Garten und den zehn Scheffeln Feld, war feil,— wer konnte —— —ſſſ — 30 ihm wehren es zu kaufen! Sollte es, wie man munkeln wollte, zum Kriege wirklich noch kom⸗ men, ſo konnte ihm— er hatte ja Geld in Haͤn⸗ den— eine recht fette Lazareth⸗Lieferung nicht entgehen; dabei war, wenn man den Rummel nur ein Bischen weg hatte, unmenſchlich zu ver⸗ dienen; Großenau, das praͤchtige Rittergut— kam er mit vollen Haͤnden— der Beſitzer ſtak bis uͤber beide Ohren in Schulden, der ſchlug ge⸗ wiß los; dann hieß er Erb⸗ Lehn⸗ und Gerichts⸗ herr auf—— da polterten die kalten Erdkloͤße und Steine auf den eingeſenkten Sarg hinab, und das grauſende Geraͤuſch ſtoͤrte den Traͤumen⸗ den in ſeiner gluͤcklichen Milchmaͤdchen⸗Rechnung; Klotilde aber, von der wohl verſtandenen Rede des frommen Dieners Chriſti tief erſchuͤttert, und jetzt von dem hohlen Schauergetoͤſe des herabrol⸗ lenden Steingerilles bis auf das Mark durchbebt, ſchrie laut auf, rang voller Verzweiflung die Haͤnde gen Himmel, und ſank in die Arme einer Freundinn; man mußte ſie zum Wagen tragen. Der Gruͤnrock war der erſte, der herbeiſprang, um huͤlfreiche Hand zu leiſten. Er benahm ſich mit ſo vielem Antheil, mit ſolchem Anſtande, daß Niemand des Unberufenen Liebesdienſte ver⸗ 3 31 bat; er trug mit feſter Kraft das ohnmaͤchtige Maͤdchen zum Wagen. Als Klotilde aber auf dem Wege bis dahin die Augen aufſchlug und zufaͤllig in die ſeinigen ſah, entſetzte ſie ſich, denn ſie hatte in eine Stichflamme geſehen, die dun⸗ kelgluͤhend verzehrte, ohne zu erwaͤrmen. Be⸗ dienten und Dienſtboten empfingen die arme Klo⸗ tilde aus ſeinen Armen noch halb erſtarrt, und er verſchwand unter der Menge. Kaum zu Hauſe angelangt, kam Onkel Fluͤ⸗ mer haſtig in das Zimmer, nahm das Maͤdchen aus dem kleinen Kreiſe ſeiner Bekanntinnen, die eben gekommen waren, um die Verlaſſene durch ſanfte Troͤſtungen aufzurichten, in die anſtoßende Arbeitſtube des ſeligen Vaters, und fragte drin⸗ gend: Tildchen, wo iſt Dein Schatz; wo ſitt er, wo liegt er, wo ſteckt er? Das Maͤdchen ſchuͤt⸗ telte ſchweigend das blaſſe Haupt und glaubte einen Irren reden zu hoͤren. Heraus mit der Sprache, fuhr er preſſend fort, und haͤtte das Kind lieber gleich auf eine Folterbank geſpannt: heraus damit, Maͤdchen, leugne nicht, verſtelle Dich nicht. Ich habe Plaͤne, ich ſage Dir, Rieſenplaͤne. Es ſoll Dir nichts abgehen; wie 32 eine Prinzeſſinn ſollſt Du leben; aber ausliefern mußt Du ihn, ich bin Dein Vormund. Klotilde wußte nicht, ob ſie wache oder traͤu⸗ me; ſie hatte in ihrem ganzen Leben von keinem Schatze gehoͤrt, und der Doppelſinn, der in dem Worte lag, ließ ſie in Ungewißheit, ob der Onkel einen lebendigen oder todten meine. Sprechen Sie denn, fragte ſie endlich zwei⸗ felnd: von Geld, oder— von Geld, von Geld! rief er haſtig: von was ſonſt? von Pretioſen, Effecten, Gold, Silber und anderen edlen Me⸗ tallen. Der Schwarzrock, Se. Hochwuͤrden, der Herr General⸗Superintendent haben mir Alles vertraut. Der Vater hat Dir Maöͤdchen einen Schatz hinterlaſſen.— Klotilde ſah ihn verwun⸗ dert an, und meinte, ohne auf dieſe Neuigkeit vielen Werth zu legen, daß ſie davon noch keine Sylbe gehoͤrt habe; hier im Secretair des Vaters waͤren alle Papiere deſſelben befindlich; vielleicht wuͤrden dieſe naͤheren Aufſchluß geben. Nichts von Aufſchluß, fiel ihr der Oheim in das Wort: der gute Vater war noch nicht kalt, als ich hier ſchon Alles durchſtoͤberte. Haben Sie auch das verborgene Fach— Verborgenes Fach? unterbrach ſie Fluͤmer 33 haſtig: nein, nein, ſchließ auf engliſches Tildchen, zeig' mir das verborgene Faͤchelchen, beſtimmt finden wir da Deine Moſen und Propheten. Klotilde druͤckte an einer Feder; ein nicht ganz kleines Schubfach ſprang hervor. Fluͤmer ſtierte mit gierigem Blicke hinein; er mochte das Fach bis an den Rand voll mit alten Ducaten oder Juwelen gefuͤllt ſich gedacht haben, denn er brumm⸗ te ein verdruͤßliches Hm! vor ſich hin, als er bloß Papiere darin gewahrte; indeſſen Se. Hochwuͤr⸗ den hatten doch Recht gehabt; die Papierchen wa⸗ ren lauter Wechſel von großen, bedeutenden Maͤn⸗ nern der Reſidenz, von Geheimen Naͤthen, Praͤ⸗ ſidenten, Directoren und dergleichen. Er durch⸗ lief die Documente mit fluͤchtigem Blicke, ſum⸗ mirte den Betrag derſelben in aller Geſchwindig⸗ keit zuſammen und murmelte mit freundlichem Laͤcheln etwas von Fuͤnf und Zwanzigtauſend vor ſich hin, ſchob dann, in ſeinem Gott ſtill ver⸗ gnuͤgt, das Fach wieder an ſeinen Ort, nahm die Schluͤſſel an ſich, und erwiederte auf Klotil⸗ dens beinahe ſpottweiſe hingeworfene Frage: ob er den großen Schatz gefunden habe? mit einer Miene, als meine er, das dumme Ding brauche auch nicht Alles zu wiſſen. Papier iſt kein Geld; 2 2 34 ſo ein Theologe iſt doch in der Welt immer wild⸗ fremd. Die Paar Schuldbriefchen, ei nun, wenn ſie eingehen, iſt es wohl gut, aber baar Geld waͤre mir lieber geweſen; baar Geld locht; beſſer haben, als haͤtte ich; ein Sperling in der Hand iſt mir lieber, als zehn Tauben auf dem Dache. Er wollte morgen den Anfang machen, die Wechſel einzucaſſiren, aber dieſen Abend noch traf ein Eilbote von der Frau Apothekerinn Fluͤ⸗ mer aus Finſterberge ein, die den Herrn Gemahl dringend bat, die Ruͤckreiſe ſofort anzutreten, weil ſonſt Apotheke, Ehre, Privilegium und Al⸗ les auf dem Spiele ſtehe! Denk nur Fluͤmerchen, fuhr ſie in ihrem Schriben fort: wie es mir geht; man kann doch nicht immer in der lieben Apo⸗ theke ſtecken, wenn man nicht ganz und gar ver⸗ putten will; ich bin alſo geſtern Abend bei Steuer⸗ reviſors zum Konverſations⸗Thee; der Sextus las uns, wie gewoͤhnlich, aus dem Konverſations⸗ lexikon vor; wir hatten ſchon die Artikel— Mi⸗ loradowitſch, Miltiades, Milz und Mimen her⸗ unter und ſtehen juſtement bei dem Artikel von der Mimik, das iſt ein ſehr ſchweres Studium, wo Du, mein Kind, auch noch ein ſchoͤn Stuͤck Arbeit haſt, ehe Du darin Meiſter wirſt. Min — 2 en, 2* 35 war erſt die ganze Geſchichte von der Objectivitaͤt der Darſtellung und von dem mimiſchen Rhyt⸗ mus und Accent boͤhmiſche Doͤrfer; aber der Herr Sextus demonſtrirte uns das alles ganz hand⸗ greiflich, und tanzte uns einen mimiſchen Hopſer vor, wie ihn der Herr von Xenophon in der Ana⸗ baſis beſchrieben haben ſoll, als unſere Annelieſe hereingeſtuͤrzt kommt, und uns unter Schreien und Heulen erzaͤhlt, daß ſie Poſtmeiſters Sabin⸗ chen vergiftet habe. Der Sextus, der eben einen zyriſchen Kreuzſprung machte, drei viertel Ellen hoch in die Luft, ſchlug wie ein Nußſack zur Erde, und mir zitterten alle Glieder am ganzen Leibe. Wie wir uns nur erſt wieder ein Bischen recolli⸗ girt hatten, erzaͤhlte Annelieſe, daß Sabinchen mir haͤtte ſagen laſſen, ſie haͤtte wieder ihre ko⸗ miſchen Kraͤmpfe.— Cooniſchen, verbeſſerte Fluͤmer, der den Brief ſeiner theuern Haͤlfte dem kleinen Familienkreiſe laut vorlas— und ich ſollte ihr doch etwas dafuͤr ſchicken. Anne⸗ lieſe ſieht ſich in der ganzen Apotheke danach um, findet in ihrer Dummheit aber weiter nichts, als ein Bischen Johanniswedel, vergreift ſich jedoch in der Angſt und gibt ſtatt Johanniswedel, Eſelsſpringgurkenpulver— 3* 36 Selbſt Eſelsſpringgurke! ſchrie Fluͤmer und ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Tiſch. Bei Sabinchen hat ſich nun zu den Kraͤmpfen 3 ein nachdruͤckliches Kneipen geſellt, und was dann weiter erfolgt, kannſt Du denken. Sie haben gleich nach dem alten Schaͤfer geſchickt, und der hat das Pulver fuͤr Gift erklaͤrt, ſo daß Sabin⸗ chen vor Schreck in drei Ohnmachten hinter ein⸗ ander hat fallen wollen, wovon jedoch keine zur Reife kam. Ich ſetzte mich nun gleich in Trab, lief durch dick und duͤnn zu Poſtmeiſters, und fand da einen Heidentumult; der Alte wollte eine Stafette an den Koͤnig ſchicken, ſie, die Poſt⸗ 8 meiſterinn wollte Annelieſen raͤdern laſſen, und das von unten auf, und mir ſagte ſie Sachen in’s Geſicht, daß ich denke, der Schlag ruͤhrt mich auf der Stelle; Sabinchen aber meinte, ihr ſey zu Muthe, wie der Louife in Kabale und Liebe, im letzten Akt; ſie haͤtte lange ſchon gern ſterben wollen, denn die ſchlechte Welt ſey nicht werth, daß man darauf lebe, nur aͤrgere es ſie, daß ſie aus Anneliſens Hand den Tod empfangen 4 ſolle; haͤtte ſie dem Leben Ade ſagen muͤſſen, ſo„ wuͤßte ſie andere Leute, die ihr den Juͤngling mit der geſenkten Fackel haͤtten zufuͤhren ſollen, und ——„„—,, ,„„ 7 nA ‿* 7 dann waͤre ihr dieſer willkommen geweſen. Sie zielte damit ganz beſtimmt auf den Sextus, aber der macht ſich aus der alten ſechs und dreißigjaͤh⸗ rigen Mamſell keinen Pfifferling.— Schrien die, ſo ſchrie ich noch zehnmal mehr, und end⸗ lich drang ich durch und brachte ſie zum Schwei⸗ gen, und ſchwur hoch und theuer, daß das Eſels⸗ ſpringgurkenpulver kein eigentliches Gift ſey, daß ich das beſſer verſtehen muͤſſe, als der alte Pfu⸗ ſcher, der Schaͤfer, daß es, nur im Uebermaße genoſſen, ſchaͤdlich werden koͤnne, daß aber von dem Hahnemann'ſchen Haͤppchen die Mamſell Zimperlich nicht gleich ſterben wuͤrde; ich ſtopfte nun, was ich ſtopfen konnte, Muskatenbalſam, Kinogummi und Kolumbowurzel in die Trauer⸗ ſpielheldinn, ſchlemmte Luciuswaſſer hinterdrein, und ſie befindet ſich gegenwaͤrtig wie ein Fiſchchen. Aber was uns der Spaß gekoſtet hat, will ich keinem Menſchen erzaͤhlen. Erſt kam der Buͤr⸗ germeiſter und ſprach vom Anzeigen des Vorfalls. Ein Paar Flaſchen Wein ſtimmten ihn indeſſen wieder zu unſern Gunſten; dann kam das Kreis⸗ vieh, der Herr Kreis⸗Phyſikus, der wollte die ganze Hiſtorie in die Reſidenz berichten; ich mußte einen Schinken, zwei Pfund Schokolate, und ſechs Flaſchen Wuͤrzburger ſpringen laſſen; dann erfuhr ich, daß der Rattenſchwanz, der Hofmei⸗ ſter bei Ober⸗Forſtraths, die Geſchichte wollte in die Zeitungen ſetzen laſſen; den bearbeitete ich mit zwei Pfund von Deinem beßten Rollknaſter, und endlich miſchte ſich der Amtmann hinein. Der liebt das Klingende— drei ſchoͤne, blanke Du⸗ caten— Weiter konnte Fluͤmer nicht leſen; der Schmerz äber den verlornen Verdienſt eines ganzen Mo⸗ nats ſchnuͤrte ihm die Kehle zu. Er kuillte vor Unmuth den Ungluͤcksbrief in einen Haarwickel zuſammen, und erklaͤrte nach einer furchtbaren Pauſe, daß er fort muͤſſe, gleich auf der Stelle, dieſen Abend noch, denn ſolche Auftritte duͤrften nicht wieder vorkommen, wenn er nicht ſein gan⸗ zes Haab und Gut riskiren wolle. Er ließ dabei, nach aͤcht gemeiner Weiſe, die zarte arme Klotilde fuͤhlen, daß die Verwandt⸗ ſchaft mit ihr an dem ganzen Ungluͤcke allein Schuld ſey. Waͤrſt Du nicht meine Nichte, rief er halb weinerlich: ſo waͤr' ich nicht hier, ſondern zu Hauſe, und dann waͤre die heidniſche Konfu⸗ ſion nicht vorgefallen. Jetzt aber marſch fort; pack Deine Siebenſachen uͤber Hals und Kopf „„ͤͤa aes 8ͤb1u2—. 39 zuſammen; in einer halben Stunde muͤſſen wir im Wagen ſitzen. Nimm nur das Noͤthigſte mit⸗ das Uibrige kann Dir nachgeſendet werden. Klotilde fuͤgte ſich ſtill. Sie ſah in die duͤ⸗ ſtere Zukunft mit banger Ahnungz ſie fuͤhlte, wie roh und unleidlich der Oheim war; ſie kannte die Tante als eine grillige, eitle, verbildete, uner⸗ traͤgliche Frau; aber ſie hatte ja keine Wahl. Beide waren ihre naͤchſten Verwandten; ſie muß⸗ te ſich fuͤgen, und um den Onkel, der ihr gera⸗ dezu vorwarf, daß ſie eigentlich an Sabinchens Giftmorde, wenn er zur Ausfuͤhrung gekommen, Schuld geweſen wäͤre, nur zu beſchwichtigen und wieder gut zu machen, beeilte ſie die Abreiſe nach Kraͤften, und fuhr dieſen Abend noch mit ihm ab⸗ Onkel Fluͤmer hatte, auf daß nichts um⸗ komme, noch in den letzten Augenblicken vor der Abreiſe, alle Reſte des Leichenweins moͤglichſt zu gewaͤltigen geſucht, und ſchnarchte jetzt in dem Winkel des Wagens, daß man faſt haͤtte meinen ſollen, er habe ſich in ein Plumpenrohr mit deſo⸗ latem Ventile verwandelt. Klotilde hingegen huͤllte ſich froͤſtelnd in die Tiefe ihres weichen Pelzes; Herz und Kniee zitterten ihr heimlich, und Stirn und Auge gluͤheten wie Feuer. Ohne Abſchied 40 von den Geſpielinnen ihrer Jugenb nehmen, ohne ihnen ein freundliches Wort ſagen zu koͤnnen, war ſie in die dunkle Nacht hinausgefahren, und der kalte, ſchwarze Himmel grauſ'te ſie ſeltſam an. Kein Stern blinkte am ganzen Himmel. Dichter Nebel lag auf der erſtarrten Erde, und der Wind brauſ'te hohl in den Wipfeln des duͤſtern Nadelholzes. Gibt es Wahrzeichen, ſo waren dieſe wahrlich nicht geeignet, um das arme Mäd⸗ chen auf ſeinem neuen Lebenswege zu ermuthigen. Vom zaͤrtlichen Vater auf den Haͤnden getragen, der Liebling ihrer Jugendfreundinnen, rein und ſchuldlos, froͤhlich und leicht war ſie durch ſechs⸗ zehn Sommer geflattert, und wußte von keinem Kummer und keiner Sorge. Jetzt auf einmal verſank ſie in die druͤckendſte Aenaſtlichkeit; ſie duͤnkte ſich von der ganzen Welt verlaſſen, und zagte dem Geſchick, dem ſie verfallen war, mit geheimen Schauder entgegen. Sie irrte ſich. Wenn auch der erſte Empfang der Tante nicht ganz ſo war, wie das verwaiſ'te Kind⸗ von der muͤtterlichen Freundinn ihn gewuͤnſcht haͤtte; ſo ſah Klotilde doch ſchon in den erſten Stunden nach ihrer Ankunft, daß ſie ſich die Sache viel ſchlimmer vorgeſtellt hatte. — &* Dieſe ſchnelle Wandlung hatte einen Grund, den freilich Klotilde nicht ermitteln konnte. Onkel Fluͤmer hatte, gleich nach den erſten, ziemlich kalten Begruͤßungen, ſeine Frau, wie er es nannte, coramirt. Klotilde, hatte er ihr geſagt, bringt jaͤhrlich 1000 Gulden Zinſen in das Haus. Daß ſie ſo reich iſt, wird in der Stadt und Gegend bald ruchbar werden. Zehne, Zwanzig werden kommen, und ſich um ſie be⸗ werben. Gefaͤllt es ihr bei uns nicht, ſo wird ſie dem Erſten dem Beßten ihre Hand geben, blos um aus unſerem Hauſe zu kommen, und dann ſind die tauſend Gulden jaͤhrlich pritſch; machen wir ihr aber hier das Leben fuͤß, ſo denkt ſie nicht daran; das Ding iſt noch ein Kind, und wenn wir es recht anfangen, bleibt ſie eine alte Jung⸗ fer, und unſere Kinder erben einmal ihr ganzes ſchoͤnes Bischen. Laß mich nur machen, ich will ihr ſchon, wenn Einer kommt und ernſthafte Ab⸗ ſichten blicken laͤßt, von dem Mosje ſo viel Schlech⸗ tes erzaͤhlen, daß ſie Gott dankt, wenn er wieder geht; und haben wir auf die Art nur ihrer drei, vier mit der langen Naſe abziehen laſſen, ſo kommr kein fuͤnfter; Jungfer Tildchen bleibt ſitzen, und die zwanzig, fuͤnf und zwanzig tau⸗ ſend Gulden ſind unſer. Aber fein muͤſſen wir es anfangen, mein Putthuͤhnchen. Sieh, Du haſt, Du mußt mir es nicht uͤbel nehmen, zu⸗ weilen wohl ſo etwas adſtringirendes, ſchweißtrei⸗ bendes, durchſchlagendes in Deinem Geſichte; ich darf Dich, wenn Du nicht bei Laune biſt, nur anſehen, und es wirkt auf mich, als haͤtte ich in hinreichender Doſis genoſſen. Ich fuͤr meine Perſon bin nun ſeit den zwanzig Jahren unſerer gluͤcklichen Ehe daran gewoͤhnt, aber das Maͤd⸗ chen— das iſt ohnehin ein Bischen ſuperfein; man muß wahrhaftig mit ihr umgehen, wie mit einem rohen Eie. Alſo Putthuͤhnchen, wenn Du Deine Saͤchelchen fein huͤbſch machſt, ſo ſollſt Du auch aus Tildchens Zinſen, jaͤhrlich 100 fl. Nadelgeld haben. Dieſer Zuſatz wirkte. Madame Fluͤmer ge⸗ lobte, des ſchlauen Gatten Willen zu thun, und ſah dabei ſo freundlich aus, daß Fluͤmer in die waͤhrend ſeines Eheſtandes ſelten gehoͤrte Betheu⸗ rung ausbrach, daß in ihrem Geſichte auch emul⸗ ſirende Kraͤfte laͤgen. Klotilde, die von allen dieſen kuͤnſtlichen Be⸗ rechnungen nichts wußte, lebte ſtill und friedlich. Nach den ihr zugekommenen Beſchreibungen von der Tante Fluͤmer, hatte ſie ſich dieſe viel ſchlim⸗ du mer gedacht, und war zufrieden, daß ſie ſich ge⸗ u⸗ 4 irrt hatte. Wohl vermißte das arme, an die ei⸗ Reſidenz gewoͤhnte Maͤdchen, manche Lebensan⸗ ich nehmlichkeit, das Theater, die ſehr froͤhlichen ur Zirkel in des Vaters Hauſe, den Kreis der Ju⸗ in gendfreundinnen, die Konzerte und Baͤlle; und ne ſo jung auch das Kind noch war, ſo ſchwebten ter ihm doch ſchon die Bilder von dem und jenem d⸗ huͤbſchen jungen Manne vor der Seele, von dem n; es glaubte, durch irgend eine kleine Aufmerkſam⸗ it keit ausgezeichnet worden zu ſeyn. Ein Weiteres in 3 war im Felde der Liebe hier noch nicht geſchehen. iſt Noch ſchlug dieſes kindliche Herz ruhig in der zar⸗ fl. ten Bruſt, die ſich taͤglich ſtolzer hob; noch gluͤhte das geiſtige Feuer im großen blauen Auge, ohne e⸗ die Allmacht ſeiner Kraft zu kennen, und ſpruͤhte nd blos zuweilen in den Lichtfunken des jugendlichen ie Muthwillens auf. Dazu gaben die Huldigungen u⸗ des ſtets liebefertigen Herrn Sextus nur zu bald l⸗ Gelegenheit. Der loſe Schmetterling war bisher im ganzen Staͤdchen von Blume zu Blume geflo⸗ e⸗ 4 gen. Poſtmeiſters Sabinchen hatte er, durch ). jahrelangen Umgang im Fluͤmerſchen Hauſe mit allen Offizinalkraͤutern ſattſam bekannt geworden, 44 anfaͤnglich ſein Himmelſchluͤſſelchen genannt, jetzt ſchimpfte er ſie, wegen ihres weißen, ſchwammi⸗ gen Weſens, einen Puffball; ²) Rectors Hann⸗ chen war ſonſt ſein Koͤnigskerzchen; jetzt ſpottete er ihrer, zuweilen wohl etwas uͤbertriebenen Sen⸗ timentalitaͤt und nannte ſie eine Hiobsthraͤne; ²) Einnehmers Lili betete er ehedem, wegen ihrer ſchwarzen Haare, als ſein Engelſuͤßtuͤpfelfarn ³) an; jetzt verglich er die Vergeſſene, wegen ihrer Gallaͤpfelſaͤure, mit dem Natterwurzknoͤterich. 4) Selbſt Madame Fluͤmer, die ihn alle Sonn⸗ und Feſttage zu Tiſche bat, ihn beim Schlachten unausbleiblich mit friſcher Wurſt bedachte, und am Weihnachtabende, bei ſeinem Geburttage und bei aͤhnlichen Veranlaſſungen, ihm ihr zaͤrtliches Wohlwollen durch ſelbſt genaͤhte Jabots, feine Leibwaͤſche oder dergleichen, ſattſam beurkundete, hatte er fruͤher als ſeinen Herzklee, als ſeinen Lie⸗ besapfelnachtſchatten ⁵) verehrt; jetzt zog er, frei⸗ lich nur unter der Hand, gegen ſie los, daß kein ¹) Boviſtkugelſchwamm, Lycoperdon borista, 2) Coix lacryma. 3) Polypodium vulgare. 4) Polygenum Bistorta. 5) Solanum Lycopersioum. —— 8e v * 45 gut Haar an ihr blieb; bald taufte er ſie zum Raſſelkraut,*) bald zur Teufelsklaue*) um⸗ Tildchen, Tildchen faßte er in das Auge. Lange ſchon war bei Fluͤmers vom reichen Schwager Kammerrath die Rede geweſen. Wenn der Apo⸗ theker auf das Kapitel von dem fuͤrſtlichen Auf⸗ wande dieſes Hauſes kam, ward er immer noch einmal ſo groß und aufgeblaſen, und Madame Fluͤmer erwaͤhnte oft, daß ſie es eben ſo gut haͤtte haben koͤnnen, als ihre ſelige Schweſter; um ihre Hand habe ſich der Kammerrath zuerſt be⸗ worben; damals ſey aber der Menſch nichts wei⸗ ter als Steuer⸗Kanzelliſt geweſen, dem ſie den Korb gegeben; ſpaͤter, als ihre Schweſter Frau Kammerraͤthinn geworden, Kutſche und Pferde, und in jeder Stube eine Servante mit Silberzeug und Porzellain gehabt, habe es ihr wohl oft leid gethan, indeſſen waͤre das nun einmal nicht mehr zu aͤndern geweſen. Dieſe und aͤhnliche Reden gingen jetzt an dem innern Ohre des heirathlu⸗ ſtigen⸗Sexrtus voruͤber; er hielt ſich im ganzen Staͤdtchen fuͤr den einzigen jungen Mann von 1) Polygonum persicaria. 2) Auch Baͤrlappkolbenmoos, Lycopodium clas vatum. 46 feiner Lebensart; er ward in alle Zirkel gezogen; er hatte literariſche Dojeuners, Singethee und dramatiſche Abendunterhaltungen eingerichtet; im Späͤtherbſt, wenn die Familien mit dem Sauer⸗ krauteinlegen fertig waren, und im Fruͤhjahr, ehe die Feldarbeit anging, ordnete er allemal zwei glaͤnzende Baͤlle an; er hatte hier zuerſt den Cot⸗ tillon eingefuͤhrt, mit Noth und Muͤhe einen Journal⸗Zirkel etablirt, und ſtand im Begriff, ein Liebhabertheater zu begruͤnden. Es konnte ihm nicht fehlen. Tildchen, das noch gar nichts von Liebe wußte, das noch jedes Eindruckes faͤhig war, konnte ihm nicht entgehen. Er ſetzte ihr bei der erſten Gelegenheit mit einem Gedichte zu; das Gefuͤhl, beſungen zu ſeyn, war ihr gewiß noch neu, und hatte er nur erſt einen Grad wohl⸗ wollender Neigung gewonnen, ſo war es ihm ein Leichtes, hier, wo ihm niemand in das Gehege kam, wa er ganz allein Hahn im Korbe war, dieſes engelſchoͤne, liebenswuͤrdige, ſteinreiche Kind als Braut heim zu fuͤhren. Mit des Maͤdchens großem Vermoͤgen mußte es ſeine Richtigkeit ha⸗ ben; denn Fluͤmer, bei dem er jetzt einige Male auf dieſen kitzlichen Punkt fein getippt hatte, war der Antwort und ſtatt daß er ſonſt ſtundenlang 4 3 3 —— 4 jeden ſilbernen Kaffeeloͤffel des Schwager Kam⸗ merraths aufzuzaͤhlen wußte, dem weiteren Ge⸗ rede uͤber dieß Kapitel abſichtlich ausgewichen. Gerade dieß galt dem ſchlauen Sextus als ein untruͤgliches Zeichen, das Tildchen zu der ſel⸗ tenen Gattung der Goldfiſchchen gehoͤre; denn waͤre des Vaters Hinterlaſſenſchaft der Vermu⸗ thung nicht entſprechend ausgefallen, und Klo⸗ tilte darum unter die Kirchenmaͤuschen zu ſetzen geweſen, ſo haͤtte Herr Fluͤmer, wie ihn der Sextus zu kennen glaubte, mit dem Vermoͤgen des Maͤdchens, um dieſes je eher je lieber unter die Leute zu bringen, erſt recht geprahlt. Ein Hauptbeweis fuͤr Klotildens Wohlhabenheit lag ihm aber darin, daß Fluͤmers das Maͤdchen hiel⸗ ten, wie eine kleine Prinzeſſinn; dieß that den ganzen lieben langen Tag ſo viel wie nichts, klim⸗ perte ein Stuͤndchen auf dem Klavier, ein hal⸗ bes auf der Guitarre; naͤhte und ſtickte ein bis⸗ chen, taͤndelte mit den Kindern und mit dem Kaͤtzchen, nahm und gab Beſuche und fuͤhrte das neidenswertheſte Leben. Wie haͤtte Herr Fluͤmer, ſo weit er deſſen Knickerei kannte, des Maͤdchens Kunſtfertigkeiten nicht fuͤr ſein Haus benußt, wie hart und karg es behandelt, wenn dieß in 48 der Lage geweſen waͤre, bei ihm das Gnadenbrot zu eſſen.. Klotilde, ſo viel hatte der weitſehende Sextus ſchon weg, war ihm nicht gram; ſie lachte im⸗ mer, wenn ſie ihn ſah; ſie beſuchte die von ihm begruͤndeten Geſellſchaften gern, und wenn ſie gleich ſagte, daß ſie in die von ihr oft ſcharf be⸗ krittelten kleinſtaͤdtiſchen Zirkel blos komme, weil ſie nichts Beſſeres hier habe, ſo wußte er ihr Er⸗ ſcheinen doch beſſer zu deuten. Es war gewiß, ihn in dieſen Kreiſen zu finden, und darum blieb das loſe Kind nie aus. Mittlerweile hatten Prelloni, der Konditor Klebrig, die Weinhandlung Flaͤſchleins ſeligen Wittwe, der Hofſchlaͤchter und viele andere aus der Reſidenz, Herrn Fluͤmer mit ellenlangen No⸗ ten incommodirt, und drohten, nach wiederhol⸗ ten verdruͤßlichen Erinnerungen, im Falle noch laͤnger ausbleibender Zahlung, mit Prozeß⸗Weit⸗ laͤufigkeiten. Der Quaͤlgeiſter endlich los zu werden, machte ſich Fluͤmer, nachdem er zur Vermeidung aͤhnli⸗ cher Verwechſelung Unfaͤlle, als der mit der Eſel⸗ ſpringgurke war, die ſtrengſten Maßregeln getrof⸗ fen hatte, auf den Weg in die Reſidenz, um —*e 49 einigen Schuldnern des verehrten Schwagers, ihre eben jetzt faͤlligen Wechſel zu praͤſentiren. Vier⸗ und fuͤnfmal ſprach er bei dem und jenem vor; kein Menſch war zu Hauſe; zwei und drei Stunden ſaß er bei dem und jenem im Bedientenſtuͤbchen; der erwartete Herr vom Hauſe kam immer nicht. Endlich, nach achttaͤgigem Laufen, und zehn⸗ maligem Wiederkommen, gelang es ihm, bei einem der Schuldner, bei dem Geheimen Rath von Schlauenheim, vorgelaſſen zu werden. Der humane Mann ließ Fluͤmer gar nicht zum Worte kommen. Ich weiß, was Sie wollen, ſagte er, ihm zum Empfange die Hand freund⸗ lich reichend. Unſer lieber, guter, ſeliger Kam⸗ merrath,— wir haben beide an ihm unerſetzlich verloren. Setzen Sie ſich— Johann, eine Flaſche Liebfrauenmilch, Achtundvierziger— hat mir oft von Ihnen erzaͤhlt. Liebes und Gutes. Freut mich, endlich Ihre werthe Bekanntſchaft perſoͤnlich zu machen, mein lieber, lieber Herr Fluͤmer!— Hielt viel Stuͤcke auf Sie, der ſelige Mann; Gott, noch entſinne ich mich, als ob es erſt heute geweſen waͤre, kam der gute Kam⸗ merrath einen Abend, legt mir da, auf das 4 Tiſchchen da, tauſend Stuͤck Louis'dor und dringt mir, ſo zu ſagen, das liebe Geld ordentlich auf; ich wollte damals das Seitenſtich'ſche Haus un⸗ ten am Kneiphofe kaufen; hatte das der Selige gehoͤrt, und bringt mir ungebeten das Geld; ich bin in ſo was aͤngſtlich, delikat; ich wollt's nicht nehmen; ich laſſe vorwandweiſe fallen, daß — es muß mir geſchwant haben— daß wir alle ſterblich waͤren, daß beim Verfall des Wech⸗ ſels er das Zeitliche geſegnet haben koͤnnte; daß mich vielleicht zufaͤllig gerade dann die Wiederbe⸗ zahlung geniren koͤnnte, daß— faͤllt mir der Mann— Sie kannten— lieber Gott, Sie kannten ſeine Weiſe, faͤllt mir der Mann in das Wort, ſterbe ich, ſagte er, es iſt, als ob ich ihn noch hoͤrte, hier ſaß er, auf der Stelle, wo Sie ſitzen— trinken Sie doch liebſter Herr. Fluͤmer, das Weinchen iſt aͤcht, fuͤr den kann ich ſtehen, liegt ſchon ſeine ſechs, ſieben Jahre in meinem Keller— ſterbe ich, ſagte er, hat mein Schwager, mein lieber Fluͤmer, mein gan⸗ zes Vermoͤgen zu verwalten. Ich, ſagte er, ich bin— verzeihen Sie, aber es ſind ſeine eigenen Worte, ich bin ein guter Kerl, aber gegen mich iſt Fluͤmer ein Engel. Der wird ſie nicht druͤk⸗ — ob elle, derr ann ahre hat an⸗ ich nen nich -uͤk⸗ —,— 51 ken, der nicht.— Auch die Todten ſollen leben, ſagt Schiller, kommen Sie, alter lieber Freund, ſtoßen Sie an, auch die Todten ſollen leben; ſo ein Mann, wie unſer Kammerrath, wird nicht wieder jung. Fluͤmer trank. Es kribbelte ihn in der Naſe, ſo weinerlich war ihm bei der Geſundheit gewor⸗ den, und der trauliche Mann hatte ihn tief ge⸗ ruͤhrt; ſo herablaſſend, ſo treuherzig hatte noch kein Großer mit ihm geſprochen, und dieſer hier trug zwei Sterne auf der Bruſt und eine ganze Bandbude im Knopfloch, war aus einer der aͤl⸗ teſten, ausgebreitetſten Familien im Lande, nannte ihn ſeinen alten, lieben Freund, und ſchenkte den Achtundvierziger ein, als gaͤlte die Flaſche ſechs Dreier. Er hatte in ſeinem dum⸗ men Finſterberge, nach gemeiner Leute Art, auf die Großen und Vornehmen oft geſchimpft, und ſie kaltherzige, ſtolze, eigenſuͤchtige Menſchen ge⸗ ſcholten. Hier, dieſem Biedermanne gegenuͤber, ward er anderes Sinnes; die Stunde ſeiner Be⸗ kehrung hatte geſchlagen, und die zweite Flaſche Liebfrauenmilch ſpuͤlte das letzte Giftreſtchen ſei⸗ nes kleinſtaͤbtiſchen Grolls auf die Standes⸗Be⸗ vorrechteten der Reſidenzwelt gluͤcklich hinunter. 4* Der Geheime Rath ſprach jetzt mit freund⸗ licher Theilnahme von Fluͤmers Lage, erzaͤhlte, wie der ſelige Kammerrath immer bedauerte, daß ein ſo tuͤchtiger Pharmaceutiker in dem kleinen Neſte Finſterberge verſauern muͤſſe, ließ geſpraͤch⸗ weiſe und unter dem Siegel der Verſchwiegen⸗ heit fallen, daß in Kurzem die große Salomons⸗ Apotheke am Schloßplatze ſolle verſteigert werden, ſicherte ihm, wenn er Luſt habe, das Ding un⸗ ter der Hand fuͤr ſehr billige Bedingungen zu er⸗ langen, Geld⸗Vorſchüͤſſe und alle moͤgliche Un⸗ terſtuͤzung zu, und malte ihm das kuͤnftige Salomonsleben mit ſolchen bezaubernden Farben, daß Fluͤmer, der in Gedanken ſchon alle Hof⸗ und Leib⸗Aerzte in der Taſche hatte, den erſten Haͤuſern der Stadt die furchtbarſten Rechnungen ſchrieb, Kutſche und Pferde hielt, große Gaſtge⸗ bote gab, und unermeßliche Schaͤtze zuruͤcklegte, vor lauter Entzuͤcken, dem himmliſchen Gehei⸗ men Rathe die Hand kuͤßte und von der Lieb⸗ frauenmilch bis auf den Grund der Seele durch⸗ weicht, erbſengroße Thraͤnen weinte. Die dritte Flaſche kam, allein Fluͤmer bat den uͤbermenſch⸗ lich guͤtigen Wohlthaͤter dringend, ſie nicht zu offnen, denn er fuͤrchtete, daß, traͤnke er noch 53 einen Tropfen, er aus der Ruͤhrung ſich gar nicht wieder herausfinden und die weichliche Freu⸗ denſtimmung ſeines Gemuͤthes ſich auf mißfaͤlli⸗ gem Wege Luft machen moͤchte. Muͤſſen auch noch mit unſerer Geldgeſchichte in Ordnung kom⸗ men, Alterchen, hob der Geheime Rath an, als fiele ihm der verfallene Wechſel zufaͤllig ein, und holte ein Papier aus dem Buͤreau: da hab' ich auf ein Jahr einen neuen Wechſel ausgeſtellt, wenn der faͤllig iſt, leg' ich Euch das Geld da wieder auf das Tiſchchen, wo es der ſelige Kam⸗ merrath hingelegt hatte, und wir trinken dann wieder eins zuſammen. Fluͤmer tauſchte den neuen gegen den alten Wechſel aus, und wenn es ihm auch nicht ganz recht war, ſtatt des Geldes ein Papierchen zu bekommen, ſo konnte er in dieſem Augenblicke ſich dagegen doch nicht aͤußern; Schlauenheim ſollte und wollte ihm ja die Salomonsapotheke um ein Billiges verſchaffen— und zur Bezah⸗ lung der Laͤpperſchulden des Kammerraths blieb ihm genug Geld uͤbrig, wenn die uͤbrigen jetzt zahlbaren Wechſel eingingen. Mit der eben nach Finſterberge abgehenden Botenfrau ſchrieb Fluͤmer, als er zuruͤck in ſei⸗ 534 nen Gaſthof kam, an ſeine Frau, daß dieſe ſchier glaubte, er waͤre in der Stadt verruͤckt ge⸗ worden. Herrlicher Mann, krakelte er mit trunkenſeligen Zuͤgen, noch keine Viertelſtunde, und wir beide die dickſten Specialiſſimi. Wenn ich an unſern hochnaͤſigen Stachelbeeribizel*) von Oberamtshauptmann dagegen denke, welch' Dis⸗ crimen! Große Apotheke am Schloßplatze! vorn der gekroͤnte Sohn Davids mit der Bathſeba, hinten ein Springbrunnen; ich unten, hinterm Tiſche von Akoujou, Du oben im prunkvollen Gaſtzimmer, als vornehme Madame. Der Leibmedikus kuͤßt Dir die Hand, der Hofchirur⸗ gus buͤckt ſich vor Dir bis zur Erde. Ich kom⸗ me; tiefe Reverenzen von allen Seiten; zwoͤlf Schuͤſſeln, ſechserlei Weine. Kaffee mit Rum. Spazierfahrten; Abends Theater. So geht nun das Leben alle Tage; ich aber bin Dein treuer Koͤnig Salomon genannt Fluͤmer. Erſt als er zu Hauſe Nachmittags den Rauſch ausgeſchlafen hatte, fiel ihm auf, daß von den O— V— 1) Ribes grossularia. 3 oöm⸗ voͤlf um. geht mer. uſch den 59 ruͤckſtaͤndigen Zinſen gar nicht die Rede geweſen war. Gewiß hatte dieſe der Geheime Rath im neuen Wechſel mit zum Kapital geſchlagen; er ſah dieſen erſt jetzt nach; heute am Morgen hatte er ihn zwar eingeblickt, aber der Liebfrauenmilch⸗ Flor hatte ihm die Augen dermaßen getruͤbt, daß es ihn geduͤnkt hatte, als ſchwaͤmmen die Buch⸗ ſtaben und Zahlen auf dem Papiere alle bunt durch einander. Nein, von den Zinſen war keine Sylbe er⸗ waͤhnt, und ſtatt des einen Jahres, lautete der neue Wechſel auf vier! Er wollte Anfangs gleich wieder hin und das kleine Verſehen berichtigen laſſen, aber— die Salomonsapotheke!— der Geheime Rath konnte empfindlich werden— und er ſelbſt buͤßte ja nichts ein, das Geld gehoͤrte ja Tildchen. Noch dieſen Abend ſtieg er dafuͤr zum Di⸗ rector von Leiſekorn; das war des ſeligen Schwa⸗ gers Kaſſencurator und vieljaͤhriger Freund. Die goldbetreßten Bedienten hatten den Mahnenden ſchon viermal abgewieſen; heute waren der Herr Director endlich zu Hauſe. Ein gutes halbes Stuͤndchen mußte Fluͤmer im Vorzimmer war⸗ ten. Im ganzen großen, hohen Hauſe war eine Todtenſtille. Dem Ungewohnten fing es an, in dieſen heimlichen Umgebungen bange zu wer⸗ den. Kein Menſch ruͤhrte ſich, die Ampel im Kabinette leuchtete ſchwach, mit Muͤhe erkannte er in den, an den Waͤnden herumhaͤngenden prachtvollen Kupferſtichen, lauter bibliſche Ge⸗ ſchichten; ein frommer Mann, der Herr Direc⸗ tor! dachte Fluͤmer im Stillen vor ſich hin, und holte kaum Athem, ſo beklommen war ihm von der Lautloſigkeit in dem Hauſe, und von dem duͤſtern Schimmer der milchweißen Alabaſteram⸗ pel. Auch der Prinzipal ſeiner kuͤnftigen Apo⸗ theke, der Koͤnig Salomo, war in einem dieſer herrlichen Kupfer meiſterhaft dargeſtellt, und zwar in dem Augenblicke, wie er den heimlichen Befehl gibt, ſeinen Bruder Adonai und einige ihm verdaͤchtige demagogiſche Große zu ermorden. Vom oben erwaͤhnten Oberamtshauptmann ſei⸗ nes Ortes hatte Fluͤmer fruͤher einmal gehoͤrt, daß Salomo's Tempelbau, Salomo's Siegel⸗ ring, kurz der ganze Koͤnig Salomo fuͤr die Bruͤder Freimaurer und Roſenkreuzer von hoher ſymboliſcher Bedeutung ſey, und er gruͤbelte in ſeiner profanen Dummheit eben daruͤber nach, wie gerade der Herr Salomo, ein Baſtard und 57 Brudermoͤrder, zu der Ehre gekommen, noch heute in hohem Anſehen zu ſtehen, bei einem Bunde, in dem Unbeflecktheit und Bruderliebe die Hauptgeſetze ſeyen, als es durch die Oede des weiten Hauſes ſchellte, daß er heftig erbebte und vor Schrecken den Schlucken bekam. Zwei Diener, in jeder Hand einen vierar⸗ migen Leuchter, traten ſchweigend ein, baten, ihnen zu folgen, und geleiteten ihn mit ihren ſechszehn brennenden Wachskerzen durch mehrere Zimmer bis zum gnaͤdigen Herrn. Hier, in der Arbeitſtube des Directors brannte eine duͤſtere Oellampe, von einem tiefen Blechſchirme verdeckt. Herr von Leiſekorn, ein baumlanger duͤrrer Mann, angethan mit einem weißen Flausrocke, erhob ſich von ſeinem Seſſel, und fragte in ei⸗ nem tiefen Baſſe, aber kaum vernehmlich, was ſein Begehren ſey. Fluͤmers Antwort war ein gellender Schluck⸗ auf. Er ſah den duͤrren Rieſen mit heimlichem Zittern an; ſo, accurat ſo guckten draußen beim Brudermoͤrder Salomo, die blutduͤrſtige Tuͤcke, die erſtickte Mordluſt auch aus dem ſcheuen Blicke; nur machte das Erdfahle dieſes widrigen Geſichts hier, die Sache noch grauenhafter und die ver⸗ 58 haltene Baßſtimme rollte aus der Tiefe der hoh⸗ len Bruſt herauf, wie der Donner aus den Schluchten tauſend Fuß hoher Felſen. Der Director fragte noch einmal, was Fluͤ⸗ mers Begehr ſey, und da dieſer ſich hierauf als des Kammerraths Schwager ihm praͤſentirte, und ſeine Wuͤnſche wegen hochgeneigter Berichti⸗ gung des Wechſels verlautbarte, nahm der lange duͤrre Mann das Papier aus Fluͤmers Hand, und riß es, ohne eine Miene zu verziehen, in vier Stuͤcke. Fluͤmern ruͤhrte vor Entſetzen faſt der Schlag. Herr Director, gnaͤdigſter Herr Director, rief er halb todt vor Angſt; um Got⸗ teswillen, mein Document— das ſind Kindes⸗ gelder! Teufelsgelder ſind es, entgegnete Herr von Leiſekorn mit kalter Ruhe. Ihr Schwager war ein leichtſinniger, gott⸗ und pflichtvergeſſener Mann; ich mußte einſt mit meinen Kollegen ſeine Kaſſe revidiren; eine halbe Stunde vor dem Geſchaͤft entdeckt er mir, daß er 5000 fl. Defect habe. Auf ſeinen Knieen bat er mich hier in dieſem Zimmer, ihn nicht zu entdecken; ich bin ein frommer chriſtlicher Mann, ich laſſe mich er⸗ weichen und ſtelle ihm uͤber jene Summe einen 59 Wechſel, verſtehen Sie, zum Schein aus, daß er ihn in die Kaſſe ſtatt baaren Geldes lege. Nach vollzogener Reviſion ſoll er das fehlende Geld in die Kaſſe ſchaffen, und mir mein Papier zuruͤckgeben; ſtatt deſſen legt ſich der Mann hin und ſtirbt, und nun kommen Sie und verlangen das Geld, das ich von Ihrem, in ſeinen Schul⸗ den erſtickten Herrn Schwager in meinem Leben nicht bekommen habe. Allverehrteſter, gnaͤdigſter Herr Director, wimmerte Fluͤmer, uͤber die neue Art von Wech⸗ ſeleinloͤſung noch ganz außer ſich: was Sie da zu erzaͤhlen belieben, muß ich als Apotheker Fluͤ⸗ mer glauben, aber als dem Vormund meiner Nichte, erlauben Sie mir hochgeneigteſt, ſolches in unterthaͤnigen Zweifel ſtellen zu duͤrfen. 5000 fl. — ich bitte doch um Gotteswillen, die ſind— ich habe vor dem verehrten Herrn Director gewiß allen erſinnlichen Reſpekt!— aber 5000 fl. ſind heut zu Tage kein Pappenſtiel, und die obervor⸗ mundſchaftliche Behoͤrde wird meines Muͤndels Rechte gewiß buͤndigſt vertreten. Glauben Sie, oder glauben Sie nicht, er⸗ wiederte der Director, ohne im mindeſten aus der Faſſung zu kommen. Aber wollen Sie mich 60 einer Gewaltthat zeihen, thun Sie gegen meine Ehre einen einzigen Schritt, ſo— ich habe Ih⸗ ren Schwager noch unter der Erde in meiner Hand. Bei ſeiner letzten Kaſſenreviſion,— das wiſſen Sie nicht, das koͤnnen Sie nicht wiſ⸗ ſen,— bei ſeiner letzten Kaſſenreviſion ergab ſich ein Defect von 42,000 Gulden. Er wartete dieſe Revidirung nicht ab, ſondern nahm ein Paar Gran Schlafmohn und legte ſich damit zur ewigen Ruhe. Ich— ich, Herr Fluͤmer, habe aus chriſtlicher Liebe, aus Attachement zu dem armen verlaſſenen Kinde, zu dem Tildchen, und aus ſchuldiger Achtung vor der ganzen Fa⸗ milie des Kammerraths— Fluͤmer, dem bei den Neuigkeiten beinahe Hoͤren und Sehen ver⸗ ging, kratzte bei der ehrenvollen Erwaͤhnung der Familie, mit beiden Beinen devoteſt unter dem Stuhle— die ganze ſchmutzige Geſchichte mit dem Manne begraben laſſen; ich habe es durch mein Bischen Konnexionen dahin gebracht, daß ein ewiger Schleier daruͤber geworfen iſt. Nun! in Gottes Namen, ruͤhren Sie es auf. Sie haben, wie ich vermuthen kann, noch mehr Wechſel von hieſigen achtbaren Maͤnnern in den Haͤnden. Blaſen Sie Laͤrm; klagen Sie! Ihre obervormundſchaftliche Behoͤrde wird Sie darum als wackeren Vormund loben; aber mein lieber Herr Apotheker, thun Sie dieſen Schritt, ſo muß— ſo muß ich den zweiten thun. Ich trete nun auch auf, mache die Gaunerſtreiche Ihres ſaube⸗ ren Herrn Schwagers kund, lege zum Beßten des Fisci, auf den Betrag aller Ihrer Wechſel Beſchlag, und laſſe den landesherrlichen Kaſſen⸗ betruͤger, Ihren Herrn Schwager, noch nach ſeinem Tode, in effigie an den Galgen ſchlagen⸗ An den Galgen! wisperte Fluͤmer angſtvoll heimlich nach. Was haben Sie dann gewonnen? nichts, gar nichts. Klotildchen bekommt von allen Ih⸗ ren Wechſeln keinen Kreuzer, denn dieſe betra⸗ gen, wenn ſie auch alle eingehen, gewiß kaum die Haͤlfte des Defects, und was darauf an Geld einkommt, das ziehe ich fuͤr die Staatskaſſe ein; der Name des Maͤdchens aber, und der ganzen Familie iſt mit gebrandmarkt; welcher rechtliche junge Mann wird jenem die Hand bieten, wer mit dieſer noch verkehren koͤnnen?— Wollen Sie alſo klug handeln und liegt Ihnen des Kin⸗ des Wohl und Ihre eigene Ehre am Herzen, ſo ſchweigen Sie mit allen Ihren Foderungen; ver⸗ 62 brennen Sie die nichtsnutzigen Papiere, und wer⸗ fen Sie die Aſche derſelben auf des Kammerraths Grabhuͤgel. Was hier aber noch in ſeiner Woh⸗ nung an Mobilien und Tiſchgeraͤth, Waͤſche, Wein und dergleichen vorraͤthig iſt, das ſetzen Sie in Geld um und tilgen Sie damit die klei⸗ nen Laͤpperſchulden des Mannes; auf dieſe Weiſe retten Sie ſeine oͤffentliche Ehre vor der Welt, und das iſt dem Maͤdchen, dem Klotildchen, auch eine ſchoͤne Mitgift⸗ Mit dieſen Worten ſtand der Director auf, als haͤtte er nun nichts mehr zu ſagen, und klin⸗ gelte den Bedienten. Dieſe traten mit ihren ſechszehn Lichterleuchtern wieder ein; Fluͤmer hatte Schlucken und Beſinnung verloren, er verbeugte ſich, ohne ein Wort zu ſprechen, und ging wie ein begoſſenes Huͤndlein von dannen. Der Schwager! der Kammerrath an den Galgen! das war von dem Director ein tuͤckiſcher Einfall. Fluͤmer ſah den Mann ſchon haͤngen. Wenn ſie das Bild nahmen, das der ſeligen Kammerraͤthin Putzzimmer ſchmuͤckte, mit dem goldnen Rahmen, die blaue Hyacinthe im Knopf⸗ loche des braunſammetnen Treſſenkleides und die goldene Doſe in der Manſchettenhand, und die diamantenen Guͤrtelſchnallen in den apfelgruͤnen Atlasmodeſten— wenn ſie das Bild an das dreibeinige Luſthaus draußen auf dem Kaviller⸗ berg hingen, Fluͤmer haͤtte den Tod gehabt. Was hatte er in Finſterberge nicht alles vom reichen und angeſehenen Schwager Kammerrath erzaͤhlt! Wie hatte ihn bei den dortigen Honoratioren dieſe Verwandtſchaft nichr gehoben und in der Hoͤhe erhalten,— und nun— nein das ging nicht, das ging in aller Welt nicht. Der Director hatte Recht. Lieber Ehre und guten Namen ge⸗ rettet, die ſchoͤnen Wechſel Preis gegeben, und die kleinen Schulden des Seligen berichtigt. Tild⸗ chen— nun, lieber Gott, es gab mehr arme Maͤdchen. Warum hatte der Vater das Kind nicht beſſer bedacht! Den folgenden Morgen ſchon raͤumte Fluͤmer im Nachlaſſe des Schwagers auf, verſilberte Ge⸗ raͤthe und Meubles, bezahlte Prelloni und alle andere Glaͤubiger, und fuhr mit dem kleinen Ueberreſte des Geretteten nach Hauſe. Madame Fluͤmer fiel uͤber die ſauberen Neuig⸗ keiten beinahe in Ohnmacht; ſie griff nach ihrem Biſambuͤchschen, und erſtarrte ſo gaͤnzlich, daß ſie kein Wort hervorbringen konnte. Endlich 64 ſchlos ſie die Schleuſen ihrer Redſeligkeit auf, und als ſie ſich uͤber des ſeligen Schwagers Schlech⸗ tigkeit und uͤber ihres Mannes Dummheit, ſich vom Director gleich in das Bockshorn jagen zu laſſen, ſattſam ergoſſen, und die Aufhebung der noch in Haͤnden habenden Wechſel, zur unbe⸗ dingten Pflicht gemacht hatte, fragte ſie, vor Aerger uͤber das verlorne Nadelgeld gluͤhroth, was nun mit Klotilden werde, und ob die noch wie eine Prinzeſſin im Hauſe gehalten werden ſolle. Ihrer Meinung nach, ſey es das Gera⸗ thenſte, ſie auf dem Fleck fortzuſchaffen; die Ba⸗ ronin Knoll in Knuͤppelhauſen ſuche ſo eben eine Kammerjungfer; dort moͤge die Mamſell Bim⸗ pernell ihr Heil ſuchen. Fluͤmer aber war ſchlauer. Sehen die Leute hier, meinte er: daß das Maͤdchen kammerjungfert, ſo ſind wir mit blamirt. So lange wir alſo nicht eine Gelegenheit haben, das Ding weit weg, am liebſten außer Landes zu bringen, ſo lange muß es, um unſerer Familien⸗Ehre willen, bei uns bleiben. Damit es aber ſein Brot nicht umſonſt eſſe, will ich den Jeremias abdanken, der ohne⸗ hin nicht viel taugt, und Tilden in ſeine Stelle nehmen; wir ſagen dann, es waͤre bei ihr Lieb⸗ 65 haberei, wir haͤtten ſie ſelbſt gebeten, ſich mit dergleichen, fuͤr ihren Stand unpaſſenden Be⸗ ſchaͤftigungen nicht abzugeben, allein das Apo⸗ thekern waͤre nun einmal bei ihr eine wahre Paſ⸗ ſion. Ihr aber muͤſſen wir anders beikommen; von ihrer Verarmung muß ſie nichts wiſſen; ſie kann, wie alle ſolche junge Kaͤlber, nicht ſchwei⸗ gen; in den erſten zwei Stunden weiß es die hal⸗ be Stadt, und dann lachen die Leute hier, die ſo ſchon, wegen unſerer hohen Sippſchaft, auf uns mit ſcheelen Augen ſehen, uns nur aus. Ich bringe ihr das in einem Saͤftchen bei; ich ſa⸗ ge, Du haͤtteſt ſie immer mehr lieb gewonnen, und wenn ſie Deine ganze Gunſt erwerben woll⸗ te, ſo ſollte ſie es Dir ein bischen in der Apothe⸗ ke erleichtern. Laß mich nur machen. Anfaͤng⸗ lich laſſen wir das Alles ſachtchen angehen; die ganze Geſchichte muß ihr ordentlich ſpielig vor⸗ kommen, und erſt nach und nach buͤndeln wir ihr Eins nach dem Andern auf, und Du brauchſt am Ende gar nicht mehr in die Apotheke zu ge⸗ hen. Du kannſt dann alle Nachmittage in Dei⸗ ne Geſellſchaften, das iſt auch etwas werth, und was Jeremias kann, wird ſie mit ihrem anſchlaͤgi⸗ gen Koͤpfchen bald lernen, und dann erſparen wir ₰ 66 auch einen ſchoͤnen Thaler Geld. Finden wir fe aber mit der Zeit eine gute Gelegenheit, ihr die au Schippe zu geben— fort mit ihr. F So war denn der Stab uͤber die arme Klo⸗ ge tilde gebrochen, und ſo mag durch die Schuld des de leichtſinnigen Vaters manches Kind des Lebens⸗ de gluͤckes hienieden auf ewig verluſtig gehen. te Schon den folgenden Morgen ließ Fluͤmer ih gegen Klotilden geſpraͤchweiſe fallen, daß es ſei⸗ ih ner Frau oft recht beſchwerlich zu werden anfan⸗ m ge, tagtaͤglich in der lieben Apotheke ab und zu zu gehen. Auf den Jeremias ſey kein Verlaß, vi ’ und er ſelbſt koͤnne, wegen ſeiner anderen Geſchaͤf⸗ ch te(fruͤh im Weinhauſe, Abends beim Solo) di A auch nicht immer auf dem Platze ſeyn, er muͤſſe A jetzt ſich nach einer Perſon umſehen, die ſeiner in guten Frau die Laſt ein wenig erleichtere. d A Klotilde ließ ihn nicht ausreden; mit der zi freundlichen Herzlichkeit, die in dieſem ſchoͤnen le 1 jugendlichen Gemuͤthe lebte, erklaͤrte die Zartfuͤh⸗ te lende, daß ſie da doch wohl die erſte ſey, welcher h die Pflicht obliege, der Tante das Leben ſo an⸗ d genehm als moͤglich zu machen, und daß es ihr b wohlthue, dem Onkel fuͤr die vielen Beweiſe von ch Wohlwollen, mit denen er ſie waͤhrnd ihres Au⸗ wir 67 fenthaltes in ſeinem Hauſe uͤberhaͤufte, wenigſtens auf einige Art ihre Verbindlichkrit zu bezeigen. Fluͤmer wollte noch einige ſcheinbare Einwendun⸗ gen von Sichnichtſchicken, Zuvornehmſeyn, und dem Urtheil der Welt vorbringen, allein Klotil⸗ de nahm ihn lachend an den Arm, zog ihn un⸗ ter Tanzen und Springen in die Apotheke, bat, ihr nur recht viel zu thun zu geben, und verſprach ihre Saͤchelchen ſchon zu machen, daß die Leute mit ihr zufrieden ſeyn ſollten. Einen niedlichern Apothekerlehrling gab es vielleicht in der ganzen Welt nicht. Das Maͤd⸗ chen wußte gar nicht, wie ſchoͤn ſie war. Das gol⸗ digglaͤnzende Haar, das ſelenvolle blaue Auge, der Alpenſchnee der zarten Haut, das roſige Gruͤbchen in der bluͤhenden Wange das ſich nur bildete, wenn das Engelskind ein ſanftes Laͤcheln uͤberflog, der ein⸗ zig ſchoͤn geſchnittene kleine Purpurmund, die Per⸗ lenpracht im Schmelz der Zähne, die fein geform⸗ te Hand, der volle, weichgerundete Arm, die herrliche friſche Jugendgeſtalt— wie ewig Scha⸗ de, daß dieſes liebliche Weſen hier zwiſchen Sal⸗ ben und Pflaſtern, zwiſchen Pulvern und Traͤnk⸗ chen verkuͤmmern ſollte! Geht nur hin in die Provinzialſtaͤdte, in die vom Reſidenz⸗Duͤnkel 8 2§ 68 verſchrieenen kleinen Neſter, in die ſtillen Doͤrfer, auf die Pfarreien und Pachthoͤfe, auf die Land⸗ und Ritterſitze, und in die waldumguͤrteten Forſt⸗ haͤuſer! Was bluͤhen da auf Gottes lieber deut⸗ ſcher Erde, ungeſehen und ungekannt, fuͤr wun⸗ derhuͤbſche Kinder! Dort, dort, in jenem gluͤck⸗ lichen Stillleben, wo die Jungfrau, abgeſchieden von der verdorbenen großſtaͤdtiſchen Welt, deren Freuden nur aus den Traͤumen ihrer Phantaſie kennt, dort wohnen noch die Liebe und die Treue. Herr Fluͤmer brachte ſeinen Zoͤgling ganz be⸗ hutſam an die Kette. Im Anfange war Jere⸗ mieschen noch da; Tildchen brauchte da nur ab⸗ und zuzugehen; als Spiel, als Zeitvertreib, lehr⸗ te ſie der ſcherzhafte Oheim, Morſellen machen; ſie ſelbſt fand Vergnuͤgen daran, zu wiſſen, wie die Dingerchen verfertigt wuͤrden, die ihr als Kind ſo vortrefflich geſchmeckt hatten; ſie kochte wie ein Meiſter, ihren Zucker mit Waſſer bis zur Tafel⸗ Conſiſtenz, nahm zur Probe etwas mit dem Spatel heraus, ſchnellte es in die Luft, und wenn es ſich als eine Flaumfeder zertheilte, nahm ſie den Zucker vom Feuer, ruͤhrte ihn unter Zuſatz von etwas Weingeiſt, bis er abzuſterben anfing, mengte dann die vorgeſchriebenen Stoffe, vor 69 dem Erkalten, ſchnell unter, goß das Gemenge in die befeuchtete hoͤlzerne Morſellenform, zer⸗ ſchnitt es, vor dem gaͤnzlichen Erkalten, in ſchma⸗ le viereckige Stuͤckchen, und ihre Morſellchen wa⸗ ren fix und fertig. Man mußte das mit anſe⸗ hen, um zu dieſem Zuckerwerk einen unwider⸗ ſtehlichen Appetit zu bekommen. Auch rotuliren lernte ſie, und wenn ſie ihre Zuckermaſſe tropfen⸗ weiſe auf das dazu eingerichtete Blech fallen ließ, und die Bruſtkuͤchelchen dutzend⸗ und hundert⸗ weiſe aus der ſchoͤpferiſchen Hand hervorgin⸗ gen, und ſie ſelbſt ſo reinlich und appetitlich aus⸗ ſah, daß man das ganze Maͤdchen fuͤr ein Bruſt⸗ kuͤchelchen haͤtte halten moͤgen; ſo konnte man wohl begreifen, warum jetzt die liebe Jugend von Finſterberge die Klingel der Apothekenthuͤr mehr als je in Bewegung ſetzte, denn die Bruſtkuͤchel⸗ chen waren im ſchwarzen Mohren nie ſo delikat geweſen. Selbſt der Sextus ſchloß ſich zuweilen an den Nachtrab ſeiner theuern Schuljungen, und bat, wann dieſe abgefertigt waren, mit ſuͤſ⸗ ſen Worten, ſeinen Heilholder,*) ſeine Hy⸗ giea, wie er Tildchen im Erguſſe ſeiner Zaͤrtlich⸗ 1) Sambucus ebulus. 70 keit nannte, um ein Paar herzerquickliche Mor⸗ ſellen; als dieſe ihm aber eines Morgens, in ei⸗ ner muthwilligen Anwandlung, um ſeiner fuͤr immer los zu werden, und ſein ſtuͤrmiſches Herz⸗ klopfen, uͤber das er mit bedeutſam girrenden Blicken klagte, aus dem Grunde zu heilen Man⸗ namorſellen reichte, kam er nicht wieder; denn es ward ihm darauf ſo mißlich zu Sinne, daß er mitten in einem Satze ſeines lateiniſchen Leſe⸗ buchs, den vor Angſt preßhaft zuſammengeknip⸗ penen Gedicke in der Hand, ſeine Klaſſe eilig verlaſſen mußte, und ſelbſt dieſen Abend noch, den plaſtiſch⸗mimiſchen Theezirkel bei Poſtmei⸗ ſters zu beſuchen nicht die geringſte Luſt hatte. Er kam zwar, auf dringend wiederholtes Bitten, aber ungewoͤhnlich ſpaͤt; er hatte verſprochen, die⸗ ſen Abend den Apoll von Belvedere darzuſtellen; aber dazu war er ſchlechterdings nicht zu bewegen; er neinte, mit einem zaͤrtlich ſtrafenden Sei⸗ tenblick auf Tildchen, daß ihm heute gar nicht apollerig zu Muthe ſey, und ließ ſich nur durch vieles Zureden beſtimmen, dafuͤr den Laokoon zu machen. Des Rectors Aelteſter und Poſtmei⸗ ſters Davidchen waren ſeine Soͤhne, zwei zuſam⸗ mengebundene Shawls vertraten die Stelle der 71 Schlangen. Der Sertus ſaß, in der ihm heute vorzuͤglich zuſagenden Stellung mit vorwaͤrts ge⸗ kruͤmmtem Unterleibe, und erreichte im Geſich⸗ terſchneiden eine ſo furchtbare Wahrheit, daß Alle ſich vor ihm entſetzten, nur Klotilde, der dabei manches einfallen mochte, konnte ſich des heimlichen Lachens nicht erwehren. Der Sextus breitete, nach der Vorſtellung, uͤber die Geſchichte jener grauenvollen Gruppe, zum Staunen des ganzen Kreiſes, ſeine Gelehrſamkeit des Weitern aus; erzaͤhlte, wie ſie Ageſander von Rho⸗ dus gearbeitet, wie ſie 1506. in den Baͤdern des Titus gefunden worden, und wie ſie Papſt Julius im Belvedere habe aufſtellen laſſen, als ob er dabei geweſen waͤre, und wandte ſich dann unvermerkt, mit ſcherzhaftem Drohfinger zu Tildchen und ſagte bluͤmlicher Weiſe: Lao⸗ koon war der Prieſter des Apollo, dieſer aber der Vater des Aeſculap; Sie heilloſes Heiden⸗ Yſopchen, ²) was wuͤrde der Vater meines Prin⸗ zipals, zu Ihnen, ſeinem juͤngſten Zoͤgling ſa⸗ gen, wenn ich Sie bei ihm verklagte. Noch will ich glauben, daß ein bloßes Vergreifen am 1) Cistus Helianthemunn 72 Vorfalle Schuld gewe dem Zufalle danken; les leichter, und die ſen iſt und muß eigentlich denn mir iſt heute um Vie⸗ Fluͤgelkraft meiner Phanta⸗ ſie entfeſſelter als je; aber Tildchen, Engelkaͤtz⸗ chen,*)„ wenn das nicht Fehlgriff, wenn das boshaft berechnete Abſicht geweſen waͤre!— Klotilde verſicherte, daß ſie nicht wiſſe, was er wolle, und wußte, ob es gleich ein ſtarkes Stuͤck war hier das Lachen zu verbeißen, doch das Madonnengeſichtchen ſo ernſt zuſammen zu hal⸗ ten, daß der purificirte Sextus, in ſeiner inneren Jury das nicht ſchuldig laut uͤber ſie aus⸗ ſprach. Der ſelenſchwarze Mo mit ſtillem Entzuͤcken, Apothekerburſchen anließ, als waͤre ſie vom Him⸗ mel dazu berufen. Nachdem der erſte Grundun⸗ terricht gelegt war, ging es an das Pulvern, Raspeln, Granuliren, Koliren und Filtriren; er unterwies die Gelehrige im Reiben, Zerquet⸗ ſchen, Ausſchwingen und Abſchaͤumen; ſie lernte Emulſionen, Pulpen, Paſten und Konſerven, Pflaſter und Salben bereiten, deſtilliren und dis⸗ penſiren und drehte ihr Pillchen nach Noten. 2) Filago germanica. hrenkoͤnig Fluͤmer ſah daß Klotilde ſich zum 73 Jetzt ward, unter dem Vorwande noͤthiger Einſchraͤnkung, Jeremias entlaſſen; Fluͤmer, der Heuchler, geſtand ihr, unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, daß er hie und da einige Ein⸗ bußen gehabt, und nicht ſo viel eruͤbrige, ſich einen Gehuͤlfen halten zu koͤnnen; Klotilde, das ſanfte gutmuͤthige Weſen freute ſich, ſo weit vorgeſchritten zu ſeyn, daß ſie dem Oheim an die Hand gehen, und ihm die erzielte Erſparniß be⸗ wirken konnte. Allmaͤhlig trat nun auch Ma⸗ dame Fluͤmer mit der Schattenſeite ihres Cha⸗ rakters hervor. Fallen dieſe Blaͤtter in die Hand eines armen Maͤdchens, das ſo ungluͤcklich iſt, von gewiſſen⸗ und charakterloſen Verwandten das ſogenannte Gnadenbrot annehmen zu muͤſſen; ſo wird dieſes Klotildens Lage, die ſich von Ta⸗ ge zu Tage verſchlimmerte, zu ermeſſen vermoͤgen. Was die Wilffaͤhrige anfänglich aus Gefaͤlligkeit, aus Bereitwilligktit, halb zum Scherz, zur eige⸗ nen Luſt gethan hatte, ward ihr jetzt als Pflicht angerechnet, und wenn jemand in ihrer Gegen⸗ wart aͤußerte, daß die Tochter des ſeligen Herrn Geheimen Kammerraths doch wahrhaftig nicht noͤthig haͤtte, zu ſo ſchwerer, ungewohnter Ar⸗ beit ſich herzugeben, fiel ihm das Fluͤmerſche Ehe⸗ 74 paar gleich lächelnd in die Rede und verſicherte, daß dieß auch ſeine Meinung ſey, daß aber das komiſche Maͤdchen auf das Apothekerweſen ganz verſeſſen ſey, und aller Vorſtellungen ungeachtet, dieſe Liebhaberei nicht aufgeben koͤnne. Klotilde konnte und durfte nicht widerſprechen; ſie that, was ſie that, in ihrem Wahne ja zum Beßten der zuruͤckgekommenen Familie. Wohl ward das Kreuz, das ihr das Geſchick aufgelegt hatte, immer ſchwerer; wohl fuͤhlte ſie das Mißverhaͤltniß ihrer fruͤheren Erziehung zu ihrer jetzigen Lage; aber Oheim und Tante wa⸗ ren in der erſten Zeit ihres Hierſeyns, ihr mit ſo vielen Aufopferungen entgegengekommen; haͤtte ſie ſich nicht ſelbſt des ſchwaͤrzeſten Undankes an⸗ klagen muͤſſen, wenn ſie jetzt, da ſie ihren Wohl⸗ ſtand erſchuͤttert glaubte, nicht mit Beiden ge⸗ tragen haͤtte? Zu den neuen Induſtriezweigen, die Fluͤmer ſeit kurzem cultivirte„ gehoͤrte auch das heilige Parallelopipedum; ſo hatte der witzige Sextus eine kleine Geſellſchaft getauft, die ſich an den unbeſetzten Abenden der Woche, bei Fluͤ⸗ mer, in einem an die Apotheke ſtoßenden Zim⸗ mer von der genannten Form verſammelte, und 75 ſich mit Kardinal, Grog, Biſchof, Wein und Punſch, alles Fluͤmerſches Gebraͤu, ſattſam vergnuͤgte. Ein Grundgeſetz dieſes geiſtreichen Vereins, der darum auch nur aus Maͤnnern be⸗ ſtand, war, daß jeder der Geſellſchaft das Recht hatte, den andern, ſelbſt mitten im Trinken, nach dem ſchweren Loſungworte der heiligen Ver⸗ ſammlung, Parallelopipedum, zu fragen, und daß dieſer, wenn er es nicht ohne Anſtoß ſprach, den halben Geldbetrag ſeines Glaſes in die allge⸗ meine Trinkkaſſe, als Strafgebuͤhr erlegen mußte. Der pfiffige Sextus hatte zu dieſer traulichen Bruͤderſchaft unter andern auch mehre reiche Buͤr⸗ ger: Becker, Brenner, Brauer, Schlaͤchter, Gerber, Riemer und dergleichen gezogen, denn dieſe ſpickten die Trinkkaſſe zum allgemeinen Beß⸗ ten reichlich, weil ſie uͤber das verdammte Wort ſelten gluͤcklich hinwegkamen, ſondern zur kauten Freude der Tafelrunde, faſt allemal beim Pip ſtecken blieben; darum beleaten auch Spottvöͤgel, denen nicht das Gluͤck zu Theil wurde, in das Parallelopipedum aufgenommen zu werden, die Mitglieder derſelben mit den Spitznamen Pip⸗ voͤgel, Piplinge oder Pipiſten. Ein ſolcher war der Weißgerbermeiſter Scha⸗ 76 big, ein alter reicher Kauz; der kam gewoͤhnlich zu allererſt, damit er ſein Viertelchen in Ruhe trinken konnte, ohne uͤber das fatale Loſungwort zu ſtolpern. Eines Abends trat er auch, ziem⸗ lich fruͤh noch am Tage, in die Apotheke, beſah ſich, im Vorbeigehen, Tildchen mit ganz beſon⸗ ders aufmerkſamen Auge, bot ihr einen freund⸗ lichen guten Abend, brummelte etwas von gnaͤ⸗ diger Frau, vor ſich laͤchelnd, in den Bart, winkte Fluͤmer mit dem elfenbeinernen Stock⸗ knopfe, ihm zu folgen und ſchritt quer uͤber in das Parallelopipedum. 3 Er ließ ſich ſtatt des uͤblichen Viertelchens heute keine Halbe, und dann noch eine Ganze geben; Fluͤmer mußte mittrinken und ſie plauderten von dieſem und jenem, und als ber Wendewein*) ——ᷣ̃— 1) In Fluͤmers Wohnorte gibt es bekanntlich drei Sorten ſelbſt gewonnenen Weines; Wende⸗ wein, Schulwein und Dreimaͤnner⸗ wein. Wer die erſte Sorte trinkt, muß ſich des Nachts umwenden und auf die andere Seite legen laſſen, damit das Getrunkene die Eingeweide nicht durchfreſſe; der Schulwein iſt von noch beſſerer Qualitaͤt, man droht damit den Kindern, wenn ſie nicht in die Schule ge⸗ hen wollen; die Prima Sorte aber iſt der Drei⸗ maͤnnerwein, alſo benannt, weil man ihn in der Regel nicht anders trinkt, als wenn einen A‿ u T d ir 27 dem Alten das Herz erwaͤrmt hatte, ruͤckte er Fluͤmern naͤher, und ſagte: Gevatter, ein Wort im Vertrauen! Wie ſteht es mit der draußen? Es iſt jemand eines Abends hier geweſen, hier in unſerem Pip, dem hat ſie ganz grauſam ge⸗ fallen, und wenn wir hier zuſammenkommen, — er machte mit der Rechten die Pantomime des Geldzaͤhlens in die hohle Linke— ſo iſt Euch die Mamſell in vier Wochen eine gnaͤdige Frau, mir nichts, dir nichts. Er erzaͤhlte nun mit weitſchweifiger Umſtaͤndlichkeit, daß er geſtern draußen in Dippelpfuͤtzingen auf dem Edel⸗ hofe zweihundert Stuͤck Sterblingsfelle gekauft, und daß ihm bei dieſer Gelegenheit der gnaͤdige Herr ſein ganzes Herz aufgeſchloſſen habe. Der Dippelpfuͤtzinger Herr, rief Fluͤmer ganz verwundert! der alte Herr von Fettſteertken? Herr Schabig aber meinte lachend, daß es der junge, der Sohn ſey, der unlaͤngſt von dem Militair den Abſchied genommen, und jetzt beim Vater auf dem Gute lebe. Fluͤmer konnte ſich plasterdings nicht entſin⸗ zwei Maͤnner halten, und der dritte den Labe⸗ trunk eingießt, 7⁸ nen, ihn hier geſehen zu haben, aber Schabig betheuerte ſolches, entſann ſich, daß es am letz⸗ ten Viehmarkte war, wo mehrere Fremde in den Pip mitgebracht wurden, und beſchrieb ihn als einen jungen barſchen Mann, das Haar ſtarr und ſtruppig, ein bischen wild im Blick, die Geſichtfarbe etwas gelblich, und bei ſeinem Hier⸗ ſeyn waͤre er mit einem gruͤnen Rocke angethan geweſen. Das beiſeite, Gevatter, fuhr der Ger⸗ ber traulich fort: die Hauptſache iſt's Geld; das Maͤdel gefaͤllt ihm, aber ohne Klingendes iſt es nichts. Ihr wißt ſchon, wo der Edelmann um ein Buͤrgerding freit, da hat's in der Regel einen Haken. Wir haben draußen ein bischen ſchlecht gewirthſchaftet. Kein Ziegel auf dem Dache iſt mehr unſer. Denkt Euch, das delikate Schaaf⸗ heu, das dort faͤllt, Alles haben ſie verkauft, und nun iſt nichts mehr zu fuͤttern da, und die Schaafe, deren Felle ich kaufte, ſind vor Hun⸗ ger crepirt. Das Dippelpfuͤtzingen iſt wohl ein ſchoͤnes Gut, aber es gehoͤren ein 16— 20,000 Thaͤlerchen hinein, ſonſt ſind wir kapores. Nu ſeht, Gevatter— es ſoll auch fuͤr Euch was ab⸗ fallen, verſteht Ihr mich— aber wie ſteht es mit dem Beßten? ſchenkt reinen Wein ein; mir 79 buͤrft Ihr keine Flauſen machen. Habt immer viel gebraſcht vom reichen Kammerrath! was hat die draußen nun eigentlich? muͤtterliches iſt nicht viel da, denn Eure Frau hatte auch nichts; aber der alte Kammerrath— Fluͤmern ſtand der Schweiß auf der Stirne. Der alte Weißgerber war ein durchtriebener Fuchs und dazu einer ſeiner Hauptkunden; der Mann brauchte jaͤhrlich eine gewaltige Menge Alaun; dem getraute er ſich nicht, auf eine ſo ernſte Fra⸗ ge mit einer Windbeutelei zu antworten; er er⸗ zaͤhlte ihm alſo klar und bar die ganze Geſchichte, ſchonte dabei des ſeligen Schwagers ſo viel als moͤglich, fluchte weidlich auf die nichtsnuͤtzigen Wechſel, und bat den Alten um geziemende Ver⸗ ſchwiegenheit. Dieſer aber hatte den elfenbeinernen Vogel ſeines Stockknopfs im Munde und lachte. Haben Euch da wieder einmal recht betippelt, Fluͤmerchen, die klugen Herren in der Stadt, ſagte der alte Schabig und ſchuͤttelte ſpoͤttelnd das Haupt. Wo die Schelme hinauswollen, liegt ja am Tage. Der geheime Rath, der Schlauen⸗ heim, hat Euch mit ſeiner Liebfrauenmilch zum dummen Teufel umgetauft, und mit ſeinen peſti⸗ 80 lentialiſchen Komplimenten beſchwindelt. Zeit gewonnen, Alles gewonnen; darum giebt er Euch einen neuen Wechſel, und macht aus dem beſpro⸗ chenen einem Jahre vier. Die Zinſen rechnet er aber auf ſeinen Achtundvierziger. Ihr Apothe⸗ ker, Ihr Neunundneunziger ſchreibt, wenn es auf das Rechnen ankommt, doch eine ſchoͤne Kreide, aber der Schlauenheim verſteht es doch noch beſſer. Leiſekorn iſt aber der eigentliche Ma⸗ tador! reißt ſeinen Wechſel vor Euern ſichtlichen Augen in Stuͤcken, und ſchuͤchtert Euch mit ſei⸗ nem Galgen dermaßen ein, daß Ihr Eure Pa⸗ pierchen ruhig zu Hauſe nehmt, und ſelber Gott dankt, wenn nur weiter keine Rede davon iſt. Mit nichten! Die Fuͤchschen muͤſſen alle aus dem Loche heraus, und der ſaubere Herr von Lei⸗ ſekorn zuerſt; ſeyd ganz ruhig, er wird vom ſe⸗ ligen Kammerrath nicht Laͤrmen ſchlagen; er nicht. Er war der Kaſſenkurator, und wird die Ge⸗ ſchichte mit den Defecten recht ruchbar, und kommt ſie vor die Behoͤrde, wohin ſie gehoͤrt, ſo muß der Herr Kurator das Fehlende erſetzen und riskirt ſeinen Poſten. Aber Ihr, Fluͤmerchen, taugt nicht, das durchzufechten. Gebt's Maͤ⸗ del mit den Wechſeln dem Fettſteertken, der iſt von Min ſchor der lang abha Euch Klot Sch Dip. Laſt gam lung in h men naͤhe haͤtt Tild Har liche dieſe wie 81 von Adel, hat Connexionen, ſpricht mit allen Miniſtern, wie wir beide mit einander, und wird ſchon die Papiere zu Gelde machen. Ihr ſeyd der Vormund geweſen, und habt das Ding eine lange Weile gefuͤttert, Ihr muͤßt auch was davon abhaben; 1000 fl. ſind Euer, die verſpreche ich Euch in des Edelmanns Namen. Topp! ſagte Fluͤmer, und ſchlug ein, und Klotilde war verrathen und verkauft Der Poſtknecht der Liebe, der Gerbermeiſter Schabig, fuhr den folgenden Tag ſchon nach Dippelpfuͤtzingen, uͤberbrachte dem, unter der Laſt ſeiner Schulden zaͤrtlich harrenden Braͤuti⸗ gam das Reſultat der gepflogenen Unterhand⸗ lungen, und ſtellte ihm anheim, des eheſten nun in hoͤchſteigener Perſon nach Finſterberge zu kom⸗ men, um das fragliche Maͤdchen ſeines Herzens naͤher kennen zu lernen. Dieſer aber meinte, mit dem Kennenlernen haͤtte es bis nach dem Beilager Zeit; er haͤtte Tildchen ſchon hinlaͤnglich ge⸗ und beſehen; der Hauptpunkt ſey das Geld; er dringe auf abſchrift⸗ liche Mittheilung der erwaͤhnten Wechſel; mit dieſen wolle er erſt in die Reſidenz, und horchen, wie weit es moͤglich, ſie durch ſeine Verbindun⸗ 6 82 gen in Geld umzuſetzen; und wenn ſich das ma⸗ chen ließe, ſo wiederhole er das Verſprechen, Fluͤ⸗ mern 1000, und dem Herrn Schabig 500 fl. zu zahlen, und damit koͤnnten, wuͤrden und muͤß⸗ ten beide Herren zufrieden ſeyn. Der weißgerbende Liebesbote kam mit dieſem Beſcheide zuruͤck: Fluͤmer copirte die Wechſel, ſandte die Abſchriften mit einem hoͤflichen Brief⸗ lein nach Dippelpfuͤtzingen, und ließ an den Marterſchrauben, unter denen das arme Tildchen bisher im Stillen geſeufzt hatte, jetzt etwas be⸗ traͤchtliches nach, denn er ſah in dem Maͤdchen ſchon die gnaͤdige Frau leibhaftig vor ſich. Der Sextus hatte Recht; hundertmal hatte dieſer, in ſeiner Extaſe, die ſchoͤne Jungfrau, ihres ſtolzen Wuchſes wegen, ſeine Koͤnigsblume,*) wegen ihrer vornehmen Haltung, ſeinen Edelgaman⸗ der, ²) wegen der Majeſtaͤt ihres himmelreinen Blicks ſein Sonnenauge ³) genannt. Ja, das war die edle Frau von Fettſteerkten auf Dip⸗ pelpfuͤtzigen, wie ſie leibte und lebte. Er ſchaͤm⸗ 1) Paeonia officinalis. 2) Teucrium chamaedris. 3) Matgicaria Partheniun, 83 te ſich, ihr bisher ſolche, ihres Standes unwur⸗ dige Arbeiten aufgebuͤrdet zu haben, dispenſirte ſie von dieſem und jenen, und machte faſt Alles ſelbſt, ſo daß Tildchen, das freilich die Gruͤnde dieſer Umwandlung nicht ahnen konnte, faſt auf die kraͤnkende Vermuthung gerathen waͤre: ihr Ungeſchick haͤtte den Oheim vermocht, ſich auf einmal den Geſchaͤften, die ſie bisher beſorgt hatte, wieder ſelbſt zu unterziehen, aber er war ja freundlicher, als ſeit langer Zeit; und— Tante Fluͤmer, von der ſie, ungeachtet aller An⸗ ſtrengungen, ihre Zufriedenheit zu gewinnen, noch vor kurzem nichts als Scheltworte gehoͤrt hatte, war jetzt die Guͤte ſelbſt, denn Papa Fluͤ⸗ mer hatte ihr aus ſeinen 1000 Kuppelgulden wie⸗ der ein erkleckliches Nadelgeld verſprochen, ihr aber zugleich dringend empfohlen, gegen Tildchen moͤg⸗ lichſt gut zu ſeyn, damit dieſes, wenn der Braͤu⸗ tigam aus der Reſidenz komme, nicht Urſache habe, gegen ihn uͤber die erlittene Behandlung im Hauſe zu klagen. Statt des Braͤutigams aber traf von dieſem ein grober Brief an Fluͤmer ein, in welchem der Herr von Fettſteertken, von Aprilſchicken, von buͤrgerlicher Auffshrung und duͤnkelhaften Ein⸗ . 6* bildungen ſprach, kurz und rund erklaͤrte, daß, ungeachtet er mit zwei Miniſtern, drei Gehei⸗ men, vier nicht Geheimen, fuͤnf Wirklichen und ſechs Titular⸗Raͤthen, uͤber die bewußten Wech⸗ ſel geſprochen, doch Alle einſtimmig gelacht und gemeint haͤtten, daß damit nicht durchzukommen ſey, und Herr Fluͤmer wohl am beßten thun wer⸗ de, die hiermit in Verbindung ſtehende Angele⸗ genheit fuͤr immer unberuͤhrt zu laſſn. Aus der beabſichteten Heirathgeſchichte, ſchloß endlich der Briefſteller: kann demnach nichts werden, und ſtelle Ew. Hochedelgeboren ich ergebenſt anheim, Ihre Wechſel ſauer kochen, Mamſell Tudchen aber, damit ſelbigem die hochfahrenden Gedan⸗ ken an eine Verbindung uͤber ihren Stand bal⸗ digſt vergehen, recht fleißig Pillen drehen zu laſſen. Die gnaͤdige Frau Nichte auf Dippelpfuͤtzin⸗ gen, die 1000 fl., das Nadelgeld— Alles, Al⸗ les vernichtete dem tief erſchuͤtterten Fluͤmer die⸗ ſer abſcheuliche Brief mit einem Male, und hat⸗ te der Edelmann mit ſeinen Verbindungen die Wechſel nicht giltig machen koͤnnen, ſo war es Niemand moͤglich. Er wollte die verhaßten Pa⸗ piere ſchon in das Feuer werfen. Haͤtte er es 85 doch gethan! Es war aber, als erfaßte eine un⸗ ſichtbare Hand die ſeinige. Bei Gott iſt kein Ding unmoͤglich, ſagte er ſtill brummend vor ſich hin: verwandelte ſich einmal Waſſer in Wein, warum ſollte nicht auch einmal Einer kommen, der die imfamen Wiſche doch noch zu Gelde ma⸗ chen koͤnnte. Er legte ſie daher verdruͤßlich wie⸗ der auf ihren alten Platz, und wetteiferte nun mit der lieben Ehehaͤlfte, die arme Klotilde das Ungluͤck ganz verlaſſen zu ſeyn, in ſeinem vollen Umfange fuͤhlen zu laſſen. Er erklaͤrte ihr jetzt unverholen, daß ſie arm, bettelarm ſey; er ſchimpfte auf den Vater im Grabe, daß dem Kinde das Herz in der Bruſt blutete. Du mußt nun Dein Brod verdienen, ſagte er kurz und kalt: von Deinem bischen Naͤhen und Flicken und Sticken und Stricken kannſt Du Dich⸗ nicht ſatt machen. Euer ganzes Fingeriren wirft ja taͤglich kaum das Salz ab. Aus dem Hauſe koͤnnen wir Dich nicht laſſen; Du biſt zu jung, zu— dumm wollte er ſagen, aber die großen blauen Augen des tiefgekraͤnkten Maͤdchens war⸗ fen einen ſo ſelenvollen Blick auf den Erbaͤrm⸗ lichen, daß er das Wort nicht uͤber die Lippen bringen konnte. Da haben wir uns denn ſchon 86 entſchließen muͤſſen, fuhr er mit ſcheinheiliger Froͤmmelei fort: Dich bei uns zu behalten. Denn der Herr ſpricht: was wir thun einem unter ſeinen geringſten Bruͤdern, das haben wir ihm gethan; aber die Apotheke mußt Du nun gäͤnz⸗ lich uͤbernehmen; fruͤh, ehe wir oͤffnen, und Abends, wenn wir geſchloſſen haben, mußt Du meiner Frau ein paar Stuͤndchen die Naͤherei fuͤr das Haus beſorgen, und Sonntags werden wir gern ſehen, wenn Du Deinen Unterricht im Fran⸗ zoͤſiſchen und auf dem Klaviere bei den Kindern fortſetzeſt; dafuͤr will ich gern Nachſicht haben, wenn Du in der Apotheke, falls nicht dringen⸗ dere Geſchaͤfte da ſind, fuͤr Dich naͤhen und ar⸗ beiten willſt. Klotilde, das fuͤgſame, arme Weſen, ließ ſich Alles gefallen. Sie ſah Alles fuͤr ein Werk der Barmherzigkeit an, denn ſie wußte nicht, wie unentbehrlich ſie dem Oheim war. Sie koſtete ihm nichts als das bischen magere Eſſen„ und war im Laufe der Zeit mit ihrer Gewandtheit, mit ihrem anſchlaͤgigen Koͤpfchen und mit ihrem guten Willen, in den Geſchaͤften der Apotheke ſo be⸗ wandert worden, daß er nur anordnen durfte, und gewiß ſeyn konnte, Alles mit der groͤßten 87 Genauigkeit ausgefuͤhrt zu ſehen. Das Gefuͤhl, ſich ihr aͤrmliches Brot einigermaßen wenigſtens zu verdienen, und alſo dem Onkel und der Tan⸗ te nicht ganz zur Laſt zu ſeyn, hielt ſie aufrecht; nach der Reſidenz zuruͤck hatte ſie keine Sehnſucht mehr; was ſollte ſie jetzt dort, wo ſie geliebt und geachtet geweſen war, und in Luſt und Freude gelebt hatte; wo ſie nun, um der Miſſethat des Vaters willen, ſich uͤberall zuruͤckgeſetzt zu ſehen, mit Recht fuͤrchten mußte. Die ganze uͤbrige Welt war ihr fremd. Einen andern Zufluchtort kannte ſie nicht, alſo blieb ihr nichts uͤbrig, als auszuharren und zu dulden. Die Kraft der Jugend iſt allmächtig, und im Tragen des Ungemachs hat das Weib eine Gewalt, daß man das Geſchlecht wahrhaftig nicht das ſchwache nennen ſollte; ſo fuͤgte ſich die ſanfte Klotilde in das druͤckende Verhaͤltniß ohne Murren, und wuͤrde bei ihrer Anſpruchloſigkeit ihre Lage ſelbſt jetzt noch leidlich gefunden haben, wenn nur die Tante mit ihren furchtbaren Lau⸗ nen nicht geweſen waͤre. Klotilde mochte doch thun und machen, was ſie wollte und konnte, aͤber Alles zankte und kiff die Frau, und das immer in einem ſo ſchneidenden, widrigen Tone, daß Klotilde oft alle Faſſung zuſammen nehmen mußte, um nicht an ſich ſelbſt zu verzweifeln. In ganz Finſterberge war keine, die ſich mit ihr in Hinſicht ihrer Kunſtfertigkeit in weiblichen Ar⸗ beiten haͤtte meſſen koͤnnen; aber Tante Fluͤmer tadelte Alles bis auf den kleinſten Stich. Beim geringſten Verſehen mußte Klotilde die giftigſten Vorwuͤrfe uͤber die Reſidenz⸗Erziehung, uͤber den hochnaſigen Vater hoͤren, der ſein Kind zu nichts ordentlich angehalten habe; und ſchoſſen dem Maͤdchen, bei ſolchen harten Reden, die Thraͤnen in die Augen, ſo ſchimpfte es Madame Fluͤmer einen Waſſerlieſch,*) eine Pimpel⸗ nelle, ²)— verhielt es ſich das Weinen, ſo war es ein Holzmangold, 3)— lachte— was recht ſelten geſchoh— einmal das niedliche Kind, ſo hieß es gleich ein Lablabfaſel 4) und lachte es zu ihren oft ſehr zweiſeitigen Spaͤßen nicht, ſo ſprach Madame von Dickſaft, Sauer⸗ — 1) Butomus umbellatus. 2) Pimpinelle. 3) Pyrola rotundifolia. 4) Dolichos lablab. 89 tamarinde ¹) und dergleichrn Saͤchelchen mehr. Kein Tag verging ohne die unangenehmſten Auf⸗ tritte dieſer Art; die Mißſtimmung der Tante ward immer fuͤhlbarer, und Klotilde fing, bei allem leichten Sinne, mit dem die Natur die bunten Fluͤgel der Jugend verſchoͤnt hat, am En⸗ de doch an, den Muth zu verlieren. An allem dieſem Unheil war der verwuͤnſchte Sextus vor⸗ zuͤglich mit Schuld. Der hatte ſonſt zu der Frau Apothekerin Fluͤmer Fuͤßen gelegen; jetzt vernach⸗ laͤßigte er Madame ſichtlich, hatte nur fuͤr Tild⸗ chens Reize Augen, und war unbeſonnen genug, die Gluth ſeiner inbruͤnſtigen Liebe frank und frei brennen zu laſſen. Dreimal kam er taͤglich in die Apotheke; fruͤh, um ein Glaͤschen Bittern fuͤr den boͤſen Nebel zu trinken; nach dem Eſſen, um ſich ſein Deſert, ein Loth roſenrothe Bruſt⸗ kuͤchelchen zu holen, und Abends, um den Schul⸗ ſtaub mit einem Achtelchen Dreimaͤnnerwein hin⸗ abzuſpuͤlen; in das Zimmer der Madame Fluͤ⸗ mer, der er ſonſt taͤglich ſeine Huldigungen dar⸗ brachte, ſetzte er jetzt keinen Fuß; und wenn er ſie zufaͤllig einmal ſah, ſo war in der Regel ſein 1) Tamarindus indica. Erſtes, bei allen Goͤttern der Oberwelt zu ver⸗ ſichern, daß Tildchen alle Tage ſchoͤner werde, daß ſie eine wahre Zierde der Stadt, eine veri⸗ table Himmelskerze*) ſey, und zerſchnitt mit jedem ſolchen Worte der Apothekerin das vom Gifte der wuͤthendſten Eiferſucht durchfreſſene Herz. Lange ſchon war es aus der Mode gekom⸗ men, Klotilden in die geſelligen Zirkel des Orts mitzunehmen; heute aber war große literariſche Aſſemblee bei Apothekers ſelbſt, und es ward ihr verſtattet, der Geſellſchaft beizuwohnen, doch mußte ſie, wie ſich von ſelbſt verſtand, zu ihrem Geſchaͤft zuruͤck, ſo oft die gellende Klin⸗ gel der Apothekenthuͤre ſie hinter den Ladentiſch rief. Der ſinnige Sextus hatte ſeit ſeinem Hier⸗ ſeyn die Einrichtung getroffen, daß in dergleichen Zuſammenkuͤnften die Auserwaͤhlten, die ſich den engern Ausſchuß nannten, Aufſaͤtze, Gedich⸗ te oder dergleichen aus eigner Fabrik ableſen mußten. Der Vorleſer ſaß auf einem dreibeini⸗ gen Seſſel, den der Sextus in den delphiſchen Tripos umgetauft hatte, und ſo wie dort die — 1¹) Verbascum thapsus. Prieſ ſpruc den, ſetzen beerb eſſen ſende vertr nahg 8 was Fluͤn lyriſ Er figu rirte Sch dur poſt um hat hen ver⸗ an 91 Prieſterin Pythia, vor Herausgabe ihres Orakel⸗ ſpruchs, ſich das Haar im caſtaliſchen Quell ba⸗ den, ſich mit Lorbeer bekraͤnzen, beim Nieder⸗ ſetzen auf den Dreifuß, den nebenſtehenden Lor⸗ beerbaum ſchuͤtteln, und einige Lorbeerblaͤtter eſſen mußte; ſo wurden auch hier fuͤr die Vorle⸗ ſenden aͤhnliche Feierlichkeiten vorgeſchrieben; nur vertrat die Stelle des caſtaliſchen Quells der nahgelegene Muͤhlgraben; dafuͤr gewaͤhrte aber, was an Lorbeerblaͤttern erforderlich war, die Fluͤmerſche Apotheke in ſattſamer Fuͤlle. Der Sextus hatte fuͤr dieſen Abend einen lyriſchen Hymnus auf Tildchen in der Taſche. Er wollte ihn erſt leſen, und dann ſollte er mit figurirter Muſik geſungen werden. Vom figu⸗ rirten Geſang erwartete er ſich einen wahren Schlag⸗Effect; der mußte dem Maͤdchen mitten durch's Herz gehen. Der Kreisſecretair, den die poſtmeiſterliche Sabine mit ihren Liebesnetzen umgarnt hielt, wollte ſeinen Preis ſteigern, und hatte, von dem, im Publicum heimlich umge⸗ henden Geruͤcht eines bald ausbrechenden Krieges veranlaßt, ein furchtbares Heldengedicht fabrizirt, an deſſen Schluß er nicht undeutlich merken ließ, daß, wenn die Kriegstrommete ertoͤne, ihn nichts 92 abhalten ſollee, die Kreisfeder mit dem Schwerte zu vertauſchen. Fluͤmer dagegen hatte ſich in einem ſechs Bogen langen in Proſa geſtellten Aufſatz, uͤber die unvermeidlichen Folgen des Brechweins ausgelaſſen, kleines Scherzando zum Beßten geben, in dem er die Apothekerzeichen rein poetiſch erklaͤrt hatte; ſo hieß es darin unter andern: . Arena heißt der Sand, und †+† Acidum die Saͤure. 0-0 Arſenik heißt dieß Gift, dieß O Aurum Gold, das Theure. Ihr findet bei mir 000 Oel; mein 2 Geiſt iſt oftmals fluͤchtig, AO 8 Nimm dieſes Weinſteinſalz, das Mittelchen wirkt tuͤchtig. Ein wahres Meiſterſtuͤck der elegiſchen Dicht⸗ kunſt aber war Poſtmeiſters Sabinchen gegluͤckt. Sie hatte ſich dazu nymphenartig angethan; einen zerriſſenen weißen Roſenkranz in dem nachlaͤſfigen Haar; am Buſen eine verwelkte rothe Roſe, in der Hand eine gelbe. So trat ſie in langen Trauerkleidern, im Kothurnſchritt in das Zimmer, netzte ſich bedeutſam ſchweigend Locken und Stirn mit dem Kriſtallwaſſer des wollte aber zuvor ein Muͤh niede beerb die b tem Nach die U eiſe richt die verlo taͤuſ te be cken, meiſ emer das des ten. hwerte ſich in ſtellten n des or ein em er hatte; dum 93 Muͤhlgrabens, ließ ſich langſam auf den Tripos nieder, ſchuͤttelte an dem danebenſtehenden Lor⸗ beerbaume, kaute einige ſeiner Blaͤtter, verſchlang die bittern Dinger, und begann mit tief gefuͤhl⸗ tem Pathos ihr Elegieion, das eine gluͤckliche Nachbildung des verlorenen Paradieſes war, und die Ueberſchrift fuͤhrte: Das verlorene Fell⸗ eiſen. Eine Liebende naͤmlich harrte auf Nach⸗ richt vom fernen Getreuen. Das Felleiſen, das die ihr beſtimmten Briefe enthalten hatte, war verloren gegangen, und nun uͤberließ ſich die Ge⸗ taͤuſchte der zarteſten Schwermuth, und verklag⸗ te bei den Goͤttern, in den ruͤhrendſten Ausdruͤ⸗ cken, das ganze Poſtperſonale vom General⸗Poſt⸗ meiſter bis zu Schmierfrieden herab, ſo hieß der emeritirte alte Poſtknecht zu Finſterberge, dem das mißliche Amt uͤbertragen war, die Raͤder des wohlloͤblichen Poſtamts geſchmeidig zu erhal⸗ ten. Sie war eben bei der graͤßlich ſchoͤnen Stelle, wo die Verzweifelnde die Rache der himmliſchen Maͤchte beſchwoͤrt, und deklamirte anfänglich mit ſchmachtender Zaͤrtlichket, dann aber mit ſteigender Furienwuth: Felleiſen ſag' wo biſt, wo biſt Du hingeſchwunden; Der kecke Frevler, der Dich Liebesſchatz gefunden⸗ 4 Er werde ſchonunglos an's Marterkreuz gebunden, Nicht hoͤren mag ich mehr des Poſthorns kreiſchend Schmettern, Iſt noch Gerechtigkeit im Himmel und bei Goͤttern, So ſchlagt allmaͤchtig drein mit Euern Donnerwettern. Da donnerte es draußen an der Hausthuͤr, daß ſie Alle aufflogen, und meinten, die beſchwo⸗ renen Himmelsmaͤchte haͤtten in die Apotheke ein⸗ geſchlagen. Aber es war Jeremieschen, in einen ſchwar⸗ zen Schaafzobel gehüͤllt, ein Paar gewaltige Spo⸗ renſtiefeln an den Fuͤßen„ einen großen mond⸗ ſichelfoͤrmig geſchweiften Saracenen⸗Saͤbel um die Huͤfte, und einen hohen Huͤhner⸗Reiher auf dem mit funkelnagelneuen Cordons geſchmuͤckten Uniform⸗Hut. Er kam bruͤhwarm aus der Re⸗ ſidenz, berichtete in ſeiner, gewoͤhnlicher Weiſe ziemlich confuſen Manier, bunt durcheinander, daß dort, wie der Blitz aus heitern Wolken, der Befehl gekommen waͤre, die Armee mobil zu ma⸗ chen; daß ein feindliches Corps im Anmarſch ſey, daß ſie in der Reſidenz Alle den Kopf verloren haͤtten, daß er deßwegen bei der Feldapotheke an⸗ geſtellt ſey; daß Alles wie toll und blind zu den Waffen eile, daß er fuͤr Koͤnig und Vaterland auf 2 ſeiner kleide Man ihm ben n abzul den nach Maͤd men, hafte nen baß der T wie d tauſe Feind figen den ſchlie ſeyn ſterbe etwa bunden. eiſchend oͤttern, bettern. Sthuͤr, ſchwo⸗ e ein⸗ war⸗ Spo⸗ nond⸗ um auf ckten 95 auf Tod und Leben Pillen drehen wolle; daß bei ſeiner Abreiſe von hier, zwei Paar alte Bein⸗ kleider, ein Blaſerohr und fünf Sonnette von Mamſell Sabinchen und ein Serviettenband, was ihm Tildchen getapißerirt haͤtte, hier zuruͤckgeblie⸗ ben waͤren; daß er gekommen ſei, um dieß alles abzuholen, und mit zu Felde zu nehmen; daß in den Graͤnzſtaͤdten, die der Feind bereits beſetzt habe, nach eingelaufenen Spionsberichten, Frauen und Maͤdchen ſelbſt von Stande, keinen Anſtand naͤh⸗ men, den Anſtand zu verletzen, und den ſtand⸗ haften Zumuthungen der feindlichen Offiziere ei⸗ nen nur zu freundlichen Widerſtand leiſteten; daß die dortigen jungen Leute uͤber dieſen Zuſtand der Dinge, vor Aerger und Bosheit abſtaͤnden wie die Karpfen, und daß in Kurzem hundert⸗ tauſend Mann, mehr oder weniger, Freund oder Feind, hier ſeyn und ohne Umſtaͤnde ihre vorlaͤu⸗ figen Standquartiere hier nehmen koͤnnten. Stielloſer Feldehrenpreis! ſchrie der Sextus, den neugebackenen Feldapotheker in ſeine Arme ſchließend: liebſter Feldnichel, ſollte es moͤglich ſeyn! hier Truppen? in unſerm friedlichen Fin⸗ ſterberge, das keinem der weltlichen Potentaten etwas zu Leide thut, Truppen? mein wilder Feld⸗ ſafran, was fuͤr Tage warten unſer, wenn Streitwink und Bluthirſe unſern gemuͤthlichen Fluren entſprießen! Ach mein tapferer Feldrit⸗ terſporn! wo die Teufelsklauen bluͤhen, da ge⸗ deiht kein Jungferntroſt, da traͤgt die Manns⸗ treue keine Fruͤchte. Wohl ſoll, entgegnete weiſſagend die delphi⸗ ſche Sabine und ſchlug den Blick auf den Kreis⸗ ſecretair: der Mannstreue von der Minne ge⸗ lohnt werden, wenn ſie aushaͤlt im Felde. Fin⸗ ſterbergs Frauen und Maͤdchen ſollen hochſtehen in der Chronik unſers Weichbildes; ſie werden nicht ſeyn wie jene an der Graͤnze, von denen uns hier Freund Jeremias berichtet; ſie werden treu halten an ihren Buhlen. Erhebt Euch von Euern Sitzen, verehrliche Schweſtern des Krei⸗ ſes, ſtrecket die Rechte zum blauen Himmel em⸗ por, und ſchwoͤrt, ſeine Farbe zu halten. Fluch, dreifacher Fluch treffe eine jede, und verfolge ſie durch das ganze Leben bis zum Gra⸗ be, die ihr Herz zu Einem der feindlichen Heer⸗ ſchaaren wendet! Die Maͤdchen alle— jedes hatte ja einen im Sinne, von dem es wußte, daß, wenn es Noth thue, er unter die Fahnen des Vaterlandes eilen werde, und glaubte, durch wenn lichen eldrit⸗ n ge⸗ anns⸗ elphi⸗ dreis⸗ 2 ge⸗ Fin⸗ tehen erden denen erden ) von Krei⸗ lem⸗ alten. und Gra⸗ Heer⸗ jedes ußte, hnen durch ₰b 97 den Schwur der Treue, die Gegenliebe des Ei⸗ nen ſich feſter zu machen,— die Maͤdchen alle flogen von ihren Sitzen auf, hoben die Rechte und ſchworen, die Deutung auf des Himmels Blaͤue wohl verſtehend, ſeine Farbe zu halten, und ſprachen der uͤberreizten Sabine den Fluch nach, mit dem jede Abtruͤnnige belegt ſeyn ſolle durch das ganze Leben, bis zum Grabe. Klotil⸗ de, noch keinen im Herzen, hatte das alles nachgeſprochen, ohne weiter großes Gewicht dar⸗ auf zu legen, nur als ſie die letzten Worte der furchtbaren Verwuͤnſchung uͤber die Lippen brach⸗ te, flogen ihr die Schauer eines leiſen Grauens durch die Seele. Es ward ihr unerkläͤrlich ban⸗ ge in der Bruſt, und ſie war froh, als die Ge⸗ ſellſchaft aus einander ging. Von dem Tage an verſchwand die Ruhe des Friedens aus Deutſchlands Graͤnzen, und der Krieg überzog mit ſeinen Graͤueln die halbe Welt. Noch war keine Woche vergangen, als die erſten feindlichen Schaaren, zwei Jaͤger⸗Re⸗ gimenter zu Pferde, ſchon eintrafen und das Staͤdtchen mit tauſend harten Forderungen aͤng⸗ ſtigten. Ein Hauptungluͤck fuͤr daſſelbe war, daß man keinen Menſchen der franzoͤſiſchen 7 —— — S 98 5 Sprache maͤchtig auffinden konnte, der zwiſchen dem fremden Militair und den Stadtbehoͤrden den Dollmetſcher haͤtte machen koͤnnen. Daraus entſtanden unzaͤhlige Mißverſtaͤndniſſe, welche die feindlichen, ohnehin ſchon barſchen und erbar⸗ menloſen Befehlhaber nur noch wilder machten, weil ſie gar zu leicht geneigt waren, die Ver⸗ ſicherung des geplagten Magiſtrats, daß in gre⸗ mio keiner ſey, der ſich mit ihnen gehoͤrig ver⸗ ſtaͤndigen koͤnne, fuͤr abſichtliche Bosheit! an⸗ zuſehen. Der wohlweiſe Rath, dem das Haupterfor⸗ derniß ſeiner Sitzungen in dieſer preßhaften Zeit oft mit Grundeiſe ging, requirirte alle Honora⸗ tioren, einen nach dem andern, die Vices eines Stadt⸗Dollmetſchers zu uͤbernehmen, allein der Rektor meinte, wenn es ſtatt Franzoſen, die Gracchen waͤren, die alten Hellenen, die Bewoh⸗ ner des vom Peneos bewaͤſſerten Theſſaliens, die opuntiſchen, epiknemidiſchen, ozoliſchen Lokrier, oder dergleichen aͤhnliche, von ihm ſeit fruͤhſter Jugend traktirte Voͤlker der griechiſchen Vorzeit, ſo wollte er wohl mit ihnen fertig werden; allein mit denen Galliern der vorliegenden Sorte moͤ⸗ ge er ſich nicht befaſſen, maßen ſelbige den 99 humanioribus gaͤnzlich entfremdet ſeyen; gleicherweiſe erklaͤrte ſich der Conrektor, und meinte, wohl mit den Etruskern und Lateinern, mit den Sabinern und Samnitern fertig werden zu wollen; allein im Waͤlſchen ſey er durchaus unbewandert, und muͤſſe daher bitten, ihn mit dem angetragenen Translatorpoſten gewogentlich zu verſchonen. Da fiel dem Conſul dirigens Apo⸗ thekers Tildchen ein, und nach langen Debatten mit Herrn Fluͤmer, uͤberließ dieſer dem Magiſtra⸗ te das Maͤdchen unter der harten Bedingung, daß er fuͤr den Verluſt deſſelben in ſeinem Apo⸗ theker⸗Geſchaͤft taͤglich einen Gulden Entſchaͤdi⸗ gung, Klotilde ſelbſt aber, aus der Stadtkaſſe freie Bekoͤſtigung erhalte. Die Stipulation des bewußten Guldens ſollte uͤbrigens vor dem Maͤd⸗ chen ein Geheimartikel dieſer ſpeculativen Con⸗ vention bleiben. Klotilde ſtraͤubte ſich zwar anfaͤnglich gegen die Zumuthung, taͤglich von fruͤh bis abends auf der Rathsſtube zu ſitzen, und mit den feindlichen Militair⸗Behoͤrden zu verkehren; als aber der Oheim ihr aus einanderſetzte, daß jetzt, wo jeder redliche Deutſche, ohne Anſehen der Perſon, fuͤr das allgemeine Beßte, Gut und Blut hingebe, 7* 100 ein Maͤdchen, zumal ein armes, Gott danken muͤſſe, wenn es zum Gemeinwohle auch etwas beitragen koͤnne; daß es eine wahre Suͤnde ſeyn wuͤrde, wenn ſie dieſen ehrenvollen Antrag des dirigirenden Herrn Buͤrgermeiſters ablehnen woll⸗ te, da ſie auf dem ihr gebotenen Platze der gu⸗ ten Stadt Finſterberge außerordentliche Dienſte leiſten, und mancher bedraͤngten Familie, durch vorſorgliche Vermittelung und eindringliches Fuͤr⸗ wort, Huͤlfe und Erleichterung verſchaffen koͤnne, und daß dieſe Anſicht und ſeine ihm beiwohnende treue Buͤrgerpflicht allein ihn vermocht haͤtten, der Stadt und dem Gemeinweſen das Opfer zu brin⸗ gen, und ſie aus ſeinem Apothekergeſchaͤft zur Mitverwaltung des oͤffentlichen Wohls herzuge⸗ ben; und als jetzt die Tante Fluͤmer dazu kam, und ſie ſchneidend fragte: ob ſie denn alles Ge⸗ fuͤhl der Dankbarkeit verleugnen, und nicht ein⸗ ſehen wolle, daß in dieſer ſchweren Zeit, wo man ohnehin nicht wiſſe, wie die Gierwoͤlfe, die un⸗ gebetenen Gaͤſte ſatt zu machen, es dem Onkel und der Tante lieb ſeyn muͤſſe, einen Eſſer am Tiſche weniger zu haben, da rief die arme ver⸗ rathene, verkaufte und vermiethete Klotilde, im bittern Gefuͤhl ihrer ungluͤcklichen Lage: ja ich — 101 will und ging mit ſchwerem Herzen, an des Buͤr⸗ germeiſters Seite, zu ihrem Golgatha, nach dem Rathhauſe. Sie erhielt hier, am großen Rathstiſche, ih⸗ ren Ehrenſitz neben dem dirigirenden Conſul, und dieſer richtete an ſie, in feierlicher Verſammlung, eine kurze aber recht beſonnene Rede, in der er das Wohl der Stadt in ihre Haͤnde legte, ihr verſprach, ſie, ſo weit ſeine und des wohlweiſen Rathes Kraft und Gewalt ausreiche, vor jeder unbill zu ſchuͤtzen, und dagegen ihr zur Pflicht machte, alles aus einer Sprache in die andere, treu zu dollmetſchen, und allen uͤberſpannten und geſetzwidrigen Forderungen der zulaͤnglichen Gaͤſte die moͤglichſte Feſtigkeit entgegen zu ſetzen. Schließ⸗ lich empfahl er dem verſammelten Unterſtabe des Magiſtrats, den Kopiſten, dem Stadtdiener, Marktmeiſter, Polizeiſergeanten, Feuer⸗ und Nachtwaͤchter, Raths⸗Thuͤrmer und den Stadt⸗ knechten, ihr den gebuͤhrenden Reſpect in allen Faͤllen zu erweiſen, und, wo es noͤthig, oder periculum in mora ſey, ihre Anordnungen puͤnktlich zu befolgen. Das Gefuͤhl, auf dem ihr durch das ſonder⸗ barſte Geſchick, angewieſenen Platz Gutes wirken 102 zu koͤnnen, ließ ſie die Wehthat vergeſſen, mit der ſie Oheim und Baſe bitter gekraͤnkt hatten; wohl war es ihrer jungfraͤulichen Schuͤchternheit ein Schweres, hier oͤffentlich zu ſchalten; allein, hatte ſie doch gehoͤrt, daß in benachbarten Laͤn⸗ dern unbeſcholtene Maͤdchen in dieſer eiſernen Zeit zum Waffenrock und Schwerte griffen, und in den Reihen der Krieger die Bruſt dem Tode bo⸗ ten; warum ſollte ſie in dieſen Tagen der allge⸗ meinen Noth, nicht auch das Ihre thun, dem Gemeinweſen, nach ihren ſchwachen Kraͤften, foͤrderlich zu ſeyn! Der Lohn dieſes kleinen Opfers, was der Drang der Umſtaͤnde von ihr forderte, war ja ſchon da; ſie fand ihn doppelt, einmal, in dem Gedanken, die haͤuslichen Ausgaben im Hauſe des Oheims durch ihre Entfernung zu ver⸗ mindern, und dann in dem erhebenden Bewußt⸗ ſeyn, fuͤr die ſaͤmmtlichen Bewohner der Stadt vielfaͤltig Gutes wirken zu koͤnnen. Sie hatte ſich kaum den Umfang ihrer neuen Pflichten und die Anſichten ihrer je⸗ bigen Lage aus einandergeſetzt, als ein Trupp feindlicher Huſaren, einen Offizier an der Spitze, vor das Rathhaus angeſprengt kam, unter wildem Tumulte abſaß, und —·— 103 mit klirrenden Schleppſaͤbeln die Treppe herauf ſtuͤrmte. Der Buͤrgermeiſter zitterte an Haͤnden und Beinen. Ein Schoͤffe, der eben ſeines Na⸗ mens Unterſchrift unter die Ausfertigung wegen Klotildens Diaͤten, mit Streuſand vergnuͤgen wollte, goß vor Schreck das Dintefaß daruͤber, und der Rathsdiener, ſtolperte, den graͤulichen Gaͤſten voran, zweimal der Laͤnge nach, die Trep⸗ pe herauf, und rapportirte mit halb zugeſchnuͤr⸗ ter Kehle, daß ſolche mordverbrannte Kerle noch nicht hier geweſen waͤren. Schimpf und Fluch auf der laͤſterlichen Zun⸗ ge, und ungezuͤgelte Rohheit im ganzen Beneh⸗ men, brauſ'te die Horde in das Zimmer und polterte unter Anmeldung eines ſtarken Kavalle⸗ rie⸗Corps, eines Marſchalls, der General⸗ Kriegskaſſe und des Armeecommiſſariats, eine Menge von Forderungen heraus, daß man, haͤtten ſie alle gewaͤhrt werden ſollen, das Staͤdt⸗ chen einem gepluͤnderten gleich achten konnte. Klotilde entgegnete, ohne erſt ſich in weit⸗ laͤufiges Hin- und Heruͤberſetzen einzulaſſen, mit ſanfter Rede, und in ſehr elegantem Franzoͤſiſch, daß man thun werde, was moͤglich ſey, daß aber die Genuͤgung aller gemachten Forderungen 104 uͤber die Kraͤfte des, von den bereits ſtattgefun⸗ denen Durchmaͤrſchen, ausgeſogenen Staͤdtchens gehe, und daß ſie daher bitte, die Requiſitionen nur auf das unentbehrlich Noͤthige zu beſchraͤn⸗ ken, wo dann ſofort die erforderlichen Anſtalten zu deſſen Herbeiſchaffung getroffen werden ſollten. Sie lobte mit aͤcht franzoͤſiſcher Gelaͤufigkeit das Betragen der fruͤher hier durchgegangenen Trup⸗ pen, und gab ihnen unumwunden zu verſtehen, daß auf guͤtlichem Wege, bei dem deutſchen Vol⸗ ke uͤberall mehr auszurichten ſey, als auf dem der rohen Gewalt, und daß ſie daher auch ſie bitten muͤſſe, hier die Achtung nicht außer Augen zu ſetzen, die eine ungluͤckliche Stadt von jedem geſitteten Krieger zu erwarten berechtigt ſey. Starr und ſteif und offenen Mundes ſtanden Buͤrgermeiſter, Rathsherren und Beiſitzer, als die bildſchoͤne Klotilde, in der Glorie ihrer neuen Amtswuͤrde, zu den Wuͤſtlingen ſprach, wie ein Engel der beſſern Welt zu ſuͤndigen Teufeln. Keiner verſtand, was ſie ſprach, aber jeder las es in der tiefen Stille des Saales und in den Menen der Krieger. Die Gewalt der Schoͤn⸗ heit, die Allmacht der jugendlichen Unſchuld koͤn⸗ nen auch vom Barbaren, ſo lange er Menſch iſt, fun⸗ hens en raͤn⸗ lten ten. das up⸗ den, Jol⸗ ——— 105 nicht verleugnet werden. Die Ueberraſchung, fern von der Heimath, in ſeiner Landesſprache angeredet zu werden, wirkt uͤberall wunderſam auf das Gemuͤth. In dieſem Roſenmunde aber erhielt die beſonnene Rede einen eigenen zauberi⸗ ſchen Wohllaut; ſo hatten die wilden Menſchen die Sprache ihrer Frauen und Maͤdchen lange nicht ſprechen gehoͤrt, und darum waren ſie ſtill, und horchten den Silbertoͤnen dieſer melodiſchen Stimme, die wohlgefaͤllig in ihr Inneres drang. Der Offizier, vorhin ein ruͤckſichtloſes Unge⸗ thuͤm, erwiederte jetzt in beſcheidenem Tone, daß er ſelbſt nur Ordre befolge, und das verlange, was ihm zu verlangen befohlen ſey; indeſſen, wenn die Sachen ſo ſtaͤnden, wie ſie ſage, ſo duͤrfte es den Truppen ſelbſt zutraͤglich ſeyn, wenn nicht das ganze Corps in das Staͤdtchen zuſammen gedraͤngt wuͤrde; er werde dieß daher ſeiner Behoͤrde durch eine zuruͤckgehende Ordo⸗ nanz melden, und die Verlegung einiger Regi⸗ menter auf die naͤchſten Dorfſchaften anheimſtel⸗ len. Er that dieß mittelſt ſchriftlichen Rapports auf der Stelle, und Klotilde trug unterdeſfen dem Magiſtrate das Reſultat ihrer bisherigen Verhandlung vor. Der Ofſizier aber konnte 106 nicht umhin, der lieblichen Klotilde uͤber ihre Fer⸗ tigkeit im Franzoͤſiſchen, und, jetzt etwas be⸗ kannter geworden, uͤber ihr ſo feines als beſtimm⸗ tes Benehmen auf dieſem ſonderbaren Platze, auf dem er in ſeinem zwanzigjaͤhrigen Kriegsle⸗ ben noch kein Frauenzimmer ſah, einige Artig⸗ keiten zu ſagen. 3 Bisher hatte der wohlweiſe Rath, dem das Herz, ſobald ſich nur ein Quartiermacher von Ferne zeigte, immer gleich in die Kniekehlen ſank, ſich in jede Forderung ſchmiegſam gefuͤgt, und dadurch der armen Stadt ungeheure Laſten zuge⸗ zogen. Klotildens Feſtigkeit und die dadurch be⸗ wirkte Hoffnung, einige Regimenter los zu werden, kamen bald zur Kunde des ganzen Orts, und als der Syndikus, der des Franzoͤſiſchen wohl ſo weit maͤchtig war, daß er verſtand, was geſprochen ward, den Leuten erzaͤhlte, wie herz⸗ lich ſich Klotilde fuͤr ſie verwendet, wie lebendig ſie die Noth der Einſaſſen geſchildert habe, kamen viele, dem holden Maͤdchen zu danken, und es um fernere Fuͤrſprache in der Noth zu bitten. Dießmal hatten Klotildens Worte wirklich Segen gebracht. Der Marſchall kam nur mit ſeiner Suite, dem Commiſſariate, der Kriegs⸗ kaſſe ze uͤ verth Nied die i verſic ganze ſo wo 2 ein ei frei zu oft T reitſch plast der E die S ſer M ſo be⸗ kein C ſam 4 tier ge D ſehr k nichts. 107 kaſſe und zwei Regimentern zur Stadt; das gan⸗ ze uͤbrige Corps war auf die umliegenden Doͤrfer vertheilt worden. Das war Klotildens Werk, und Hoch und Niedrig, Reich und Arm prieß die Beſcheidene, die immer, nur ihre Pflicht gethan zu haben, verſicherte, als ſeine Retterinn; denn, waͤre das ganze Corps in der Stadt einquartirt worden, ſo war dieſe verloren. Bis zu dieſem Tage hatte Fluͤmer ſich durch ein eigenes Kunſtſtuͤckchen immer einquartierung⸗ frei zu erhalten gewußt; er hielt ſich naͤmlich, ſo oft Truppen angeſagt waren, jedesmal in Be⸗ reitſchaft, laugenſalzige Schwefelleber oder Em- plastrum foetidum zu machen, und trat nun der Einquartirte, ſeinen Zettel in der Hand, uͤber die Schwelle, ſo machte Fluͤmer mit einem die⸗ ſer Medicamente, oft mit beiden zugleich, einen ſo beſtialiſchen Geſtank im ganzen Hauſe, daß kein Einziger bleiben wollte, ſondern unaufhalt⸗ ſam Kehrt machte, und ſich ein anderes Quar⸗ tier geben ließ. Dieſen Abend aber, wo die Offizierquartiere ſehr knapp waren, half ihm ſeine Staͤnker⸗Kunſt nichts. Er ermangelte zwar nicht, daß ganze 108 Haus, als der ihm zugedachte Kriegskaſſenbeamte um die Ecke kam und eben eintreten wollte, dermaßen zu parfuͤmiren, daß dieſem an der Thuͤr ſchon uͤbel und wehe ward, und er, das Taſchentuch vor der Naſe, ſtracks umwendete, um dem Billet⸗Amte zu verſichern, daß es in dieſem Hoͤllenpfuhl Eine Nacht nur auszuhalten, eine reine Unmoͤglichkeit ſey; allein er mochte, um ſich verſtaͤndlich zu machen, ſeinen Ekel durch Geſichterſchneiden zu erkennen geben, ſo viel er wollte, der Vorſteher des Billetamtes, in dem Wahne, den viele Tauſend Deutſche damals mit ihm theilten, daß man naͤmlich ſich den Franzo⸗ ſen am deutlichſten mache, wenn man das Deut⸗ ſche gebrochen und recht laut ſpreche, ſchrie ihm entgegen: Billet caput— womit er ihm ſehr ſinnreich zu verſtehen geben wollte, daß keine Billets mehr zu haben ſeyen, und fuhr troͤſtend fort, Apothek kut, Schulwein kut, Stink ah keſund, keſund; er meinte mit letzterm Zuſatze ihm erklaͤrlich gemacht zu haben, daß das, was vielleicht in der Apotheke zuweilengnicht vorzuͤg⸗ lich gut roͤche, Medicamente waͤren, die zur Her⸗ ſtellung der menſchlichen Geſundheit bereitet wuͤr⸗ den, ſchob dem Kriegskaſſirer das Billet auf das beamte wollte, an der „ das hendete, es in hhalten, te, um durch viel er in dem nals mit Franzo⸗ s Deut⸗ drie ihm ym ſehr aß keine troͤſtend btink ah Zuſatze 3, was vorzuͤg⸗ zur Her⸗ tet wuͤr⸗ auf das 1⁰9 Fluͤmerſche Haus, wieder in die Hand, und be⸗ deutete ihm durch Pantomime, daß er doch Gotr danken ſolle, ein ſo gutes Quartier bekommen zu haben. Der Abgewieſene ging troſtlos zuruͤck; er wollte ſich ein Herz faſſen, und in das, wegen ſpaͤten Abends ſchon verſchloſſene Haus treten; allein der entſetzliche Geruch, der ſelbſt durch die Thuͤrklinſe ihm entgegen kam, widerte ihn zu ſehr an. Muͤde, einen zweiten Verſuch auf dem Quar⸗ tieramte zu wagen, im Orte zu fremd, um ein anderes Unterkommen zu ſuchen, verdruͤßlich uͤber ſein Mißgeſchick, und vom ſtarken Tagemarſch faſt bis zum Tode erſchoͤpft, warf er ſich, in ſei⸗ nen Mantel gehuͤllt, auf das Steinpflaſter vor der Thuͤr; er beſchloß, hier die Nacht zuzubrin⸗ gen und wenn er morgen noch hier bleibe, auf die Anweiſung eines andern Quartiers mit Ge⸗ walt zu dringen. Die Augenlieder ſanken ihm bald zu. Er ſchlief, als laͤge er auf weichen Flaumen. † Bis dieſen Augenblick hatte Klotilde auf dem Rathhauſe aushalten muͤſſen, weil immer ihre Gegenwart dort an dem heutigen unruhigen 3 * 110 Tage noͤthig geweſen war; jetzt endlich war es ſtiuer geworden; es war niemand weiter gekom⸗ Men, der ihre Huͤlfe und ihren Beiſtand begehrte, und man hatte ſie ihres ſchweren Poſtens fuͤr heute entlaſſen, mit dem Erſuchen, morgen huͤbſch zeitig wieder auf dem Platze zu ſeyn. Um ſie vor etwanigen Anfaͤllen auf der Stra⸗ ße zu ſichern, ward ihr der Marktmeiſter mit Ober⸗ und Untergewehr, als Eskorte mitgegeben, und der alte Rathsdiener Schnaͤpſel, einen roſt⸗ zerfreſſenen Waͤchterſpeer in der Rechten, leuchtete mit einem Handlaternchen voran. Dieſer aber prallte drei Schritte ruͤckwaͤrts, als er eben an der Fluͤmerſchen Hausthuͤr klin⸗ geln wollte, und dicht vor der Schwelle einen Menſchen quer uͤber liegen ſah, der ſich weder ruͤhrte noch regte. Ein Todter, wisperte er der hinter ihm kom⸗ menden Klotilde heimlich zu, und wies auf den ſteinernen Gaſt. Klotilde entſetzte ſich im erſten Augenblicke, doch fiel ihr zugleich auch ein, daß es ein Kranker ſeyn koͤnne, der bei dem Oheim aͤrztliche Huͤlfe habe ſuchen wollen, und hier ent⸗ kraͤftet umgeſunken ſey. Sie trat daher mit dem Marktmeiſter naͤher, und dieſer leuchtete dem var es gekom⸗ gehrte, ss fuͤr norgen Stra⸗ r mit geben, roſt⸗ ichtete vaͤrts, klin⸗ einen weder kom⸗ f den erſten daß heim enk⸗ dem em 111 Schlafenden in das blaſſe Geſicht. Gott, das junge Blut ſchlaͤft hier auf den kalten Steinen, ſagte der Alte leiſe: ein feiner huͤbſcher Menſch, der daheim bei der Mutter wohl auch eines beſ⸗ ſern Bettes gewohnt geweſen iſt. Klotildens mitleidiger Blick weilte mit ſtillem Wohlgefallen auf dem Schlummernden. Die Schauer der kalten Mitternacht hatten ſeine Wange gebleicht; in den Zuͤgen des ſchoͤn geform⸗ ten Geſichts lag etwas unſchreiblich anziehendes, und in den Mundwinkeln ſchwebte ein mildes Laͤcheln, daß es ſchien, als haͤtte der ſanfte Gott der guten Traͤume ihn das Ungemach der Wirk⸗ lichkeit vergeſſen laſſen, und umgaukele ihn mit den roſigſten Phantaſiebildern. Mein Gott und Herr, welch' eine Zeit! ſagte der Marktmeiſter halb laut vor ſich hin: liegt der arme Menſch hier auf nacktem Stein, wie bei uns kein Hofhund, und daß das nicht ſchlechter Leute Kind iſt, ſieht man da an dem Ringelchen; das funkelt meiner Treu, wie der Abendſtern ſelber. Klotilde— den ganzen Tag nichts als den Jammer der gedruͤckten Einwohner vor Augen, und deren bittere Wehklagen noch im Ohre, hatte, 112 von den vielen Auftritten des Elends hoch auf⸗ gereizt und in einer ganz eigenen Stimmung, das Rathhaus verlaſſen; jetzt wirkte dieſes ruͤh⸗ rende Bild der grauenvollen Zeit um ſo tiefer auf ſie. Die Augen ſtanden ihr voll Waſſer, und das Gefuͤhl, hier gern helfen zu wollen, und nicht zu koͤnnen, beengte ihr die Bruſt. Ja, und wenn er noch einmal ſo ſanft ſchliefe, meinte Schnaͤpſel: ſo werden wir ihn doch wecken muͤſſen, denn, Mamſellchen, in das Haus muͤſſen Sie, und uͤber ihn weg, geht es doch nicht. Er faßte den jungen Mann behut⸗ ſam bei der Schulter, rief mit gedaͤmpfter Stimme: Mosje!— lieber Herr Sackernontjeh! — Tuttswitt— und der ſchoͤne junge Mann ſchlug die großen pechſchwarzen Augen auf; ſein erſter Blick fiel auf Klotilden, und, als ſaͤ⸗ he er in der zarten Geſtalt ein ihm eben entflo⸗ henes Traumbild, ſtarrte er ſie eine ganze Weile ſchweigend an, und murmelte, noch zwiſchen Schlaf und Erwachen, fragweiſe und kaum ver⸗ ſtaͤndlich— heilige Mildwida von St. Sa⸗ veur?— Wohl mochte es ihm, noch halb ſchlaftrun⸗ ken, vorkommen, als ſpraͤche ihn ein befreunde⸗ tes tild me me unt gen erze gen cher des unt te, ent Kro He ſey, was abe unc hab mit ner auf⸗ ung, ruͤh⸗ r auf und und ſanft ihn das ht es ehut⸗ pfter tjeh! Nann auf; s ſaͤ⸗ ttflo⸗ Weile ſchen ver⸗ Sa⸗ trun⸗ inde⸗ 113 tes Weſen aus der fernen Heimath an, da Klo⸗ tilde mit dem Zauberlaute ihrer melodiſchen Stim⸗ me ihn, in der Sprache ſeines Landes, theilneh⸗ mend fragte, was ihm fehle, warum er hier unter freiem Himmel liege, ob ihm kein Obdach geworden ſey; und jetzt erſt wieder voͤllig munter, erzaͤhlte er dem mitleidigen Engel zwiſchen den gewappneten Schaarwaͤchtern, welch' ſchmerzli⸗ ches Opfer er ſeiner Naſe gebracht habe. Klotilde hoͤrte kaum, daß er auf das Haus des Oheims gewieſen war, als ſie ihre Begleiter, unter Zuruͤckbehaltung der Laterne, verabſchiede⸗ te, das Haus aufſchloß und den Oheim laͤchelnd entſchuldigte, der fuͤr die vielen eintreffenden Kranken der Armee, mit der Bereitung der Heilmittel aller Art jetzt fortwaͤhrend beſchaͤftigt ſey, unter denen wohl manches ſeyn koͤnne, was keinen einladenden Geruch verbreite; zugleich aber verſicherte ſie, daß nunmehr beſtimmt jede unangenehme Spur davon ſich voͤllig verzogen haben werde, und erſuchte den jungen Fremden mit gaſtlicher Milde, ihr zu folgen. Weckte ſie den Onkel, ſo mußte ſie von ſei⸗ ner natuͤrlichen Averſion gegen alle Einquartie⸗ rung, die heftigſten Vorwuͤrfe uͤber das Werk 8 114 ihrer Barmherzigkeit erwarten. Der Menſch war ſo dankbar; er ſprach ſo beſcheiden; ging, um die Bewohner des Hauſes nicht zu ſtoͤren, auf den Zehen, redete aus der naͤmlichen Urſache immer nur ganz leiſe, verbat hinſichtlich der Bewirthung, wegen ſpaͤter Nachtzeit, alle Umſtaͤnde; benahm ſich mit ſo feinem Anſtande, und hatte in ſeiner ganzen Manier etwas ſo Feines, ſo Zartes, daß ſie, bei der dringenden Lage der Umſtaͤnde, kei⸗ nen Anſtand nahm, ihm ihr Zimmerchen zu oͤff⸗ nen. Sie bat, wenigſtens mit etwas Thee vorlieb zu nehmen, ſchlich in Apotheke und Kuͤ⸗ che, und beſorgte Alles mit ſolcher Gewandtheit und freundlicher Gutmuͤthigkeit, daß der unge⸗ betene Gaſt immer mehr in Verlegenheit gerieth, und dem gutmuͤthigen Kinde verſicherte, lieber die ganze Nacht auf ſeinem Steinſopha geblieben zu ſeyn, wenn er gewußt haͤtte, daß ihr ſeine Auf⸗ nahme ſo viel Ungelegenheit mache. Klotilde aber betheuerte, daß ſie den Zufall gluͤcklich peeiſe, ihn des Bivouaks in der kalten Nacht uͤbrrhoben zu haben, das ihm auf jeden Fall eine Krankheit zugezogen haben wuͤrde; daß ſie das Alles recht gern thue, daß— ſie wollte weiter ſprechen, allein die ſchwarzen Augen des war n die f den umer hung, nahm ſeiner „daß kei⸗ 1 oͤff⸗ Thee Kuͤ⸗ dtheit unge⸗ rieth, er die en zu Auf⸗ zufall alten jeden daß vollte des 115 ſehr huͤbſchen jungen Fremden brannten ſo eigen auf die ſanfte Himmelsblaͤue der ihrigen, daß ſie dieſe niederſchlageu, und ſich wegwenden mußte, denn ſie fuͤhlte eine blitzſchnell ſie uͤberfliegende Purpurgluth auf ihren Wangen, und es ward ihr ſo warm und wohl im wunderbar beweg⸗ ten Herzen, als ihr noch niemals war. Iſt dieß das Quartier? fragte der Gaſt mit einem halben Seitenblick auf ein niedliches Haͤub⸗ chen, was am Vorhang angeſteckt war, und Klotilde bejahte, und verſchloß, was ſie von ih⸗ ren Kleidungſtuͤcken umherliegen ſah, in den Schrank, holte einen friſchen Ueberzug aus dem⸗ ſelben, und ſchmuͤckte ihr Bettchen mit dem Schnee des weißen Linnens, daß der junge Frem⸗ de, der nicht ahnete, welches große Opfer das Maͤdchen ihm in dieſem Augenblicke brachte, in lautes Entzuͤcken ausbrach, und dankbar meinte, daß er ſchon lange ſolche Bequemlichkeit entbehre. Nun ſchlafen Sie auch recht wohl, ſagte Klo⸗ etilde mit wirthlicher Gaſtlichkeit: und morgen werde ich ſchon ſorgen, daß Ihnen das Fruͤhſtuͤck zu rechter Zeit gebracht werde. Gute Nacht mein liebenswuͤrdiges Maͤdchen, erwiederte der junge Mann und zog Tildchens 8. 5 116 Hand an ſeine Lippen. Lohne Ihnen Gott, was Sie an mir thun; morgen ſchreibe ich nach Mar⸗ ſeille an meine Mutter, die hat ihren Nicolas gar ſehr lieb, und was ihm Gutes geſchieht, er⸗ kennt ſie dankbar an, als ſey es ihr geſchehen; in der Ferne wird dieſe Sie ſegnen, und wenn ich einmal weit von Ihnen bin, und es geht Ihnen wohl, ſo denken Sie daran, daß— Die beſcheidene Klotilde ließ ihn nicht ausre⸗ den, ſie bat, von der Kleinigkeit nicht ſo viel Aufhebens zu machen, die Mutter aber, wenn er morgen ſchriebe, von ihr zu gruͤßen. Sie nahm ihr Licht und ging. In der Apotheke ſtand ein Sopha fuͤr die, welche auf die Bereitung der Arzneien zu warten pflegen. Von Stahlfedern und Roßhaaren war in ſelbigem zwar nicht viel zu ſpuͤren; Tildchen aber ſtreckte, nachdem ſie ſich eine Decke geholt hatte, ihre zarten Glieder darauf mit ſolcher Behaglichkeit aus, und ruhete ſo ſanft, als laͤge ſie in einem fuͤrſtlichen Prachtbette. Das himm⸗ liſche Bewußtſeyn, den ganzen langen Tag bis zur ſpaͤten Mitternacht nichts als Gutes gethan zu haben, verwandelte ihr hartes Lager in das weichſte Ruhebette. Die muͤden Augenlieder was Nar⸗ olas „er⸗ hen; venn geht usre⸗ viel venn Sie die, arten war dchen ſeholt olcher lͤge mm⸗ g bis than das lieder 117 ſenkten ſich, und noch im Hinuͤberſchlummern laͤchelte ihr kleiner Roſenmund lieblich, denn der Herr Nicolas ſchwebte ihr vor der ſuͤßtraͤumen⸗ den Seele; die Hand, die er kuͤßte, lag auf ih⸗ rem Herzen; ſie hoͤrte ſeine ſanfte Stimme; ſie ergoͤtzte ſich an dem milden Ernſt ſeiner frommen Rede, an der Zartheit ſeiner Kindesliebe, an dem Flammenblick ſeiner kohlſchwarzen Augen, an der jugendlichen, friſchen Geſtalt ſeines wohl⸗ gebauten Koͤrpers, und an der ſtillen Weiſe, die ihn ſo unbeſchreiblich anziehend machte. Sie haͤtte gern noch acht Tage lang ſo fort⸗ geſchlafen, denn Schalk Amor hatte, in der Maske des Traumgottes, ihr tauſend ſuͤße Bil⸗ der vorgefuͤhrt, daß ſie, mit ihrem Fußſpitzchen zum erſten Male im Roſengarten der Liebe, ob der neuen Wunder, in lauter Entzuͤcken ſchwamm; aber Schnaͤpsler pochte ſie, als der Morgen kaum graute, im dringenden Dienſteifer ſchon wieder heraus. Zwanzig Menſchen, berichtete er durch das Fenſter, ſtaͤnden bereits im wohlloͤblichen Seſſionſale, und warteten ihrer mit Ver⸗ langen. Boͤslich verſchuͤchtert vom liebloſen Diener des rathsbeduͤrftigen Raths, verſchwanden im Hui — — 118 alle die freundlichen Traͤume, aber der Saamen, den ſie in der ſtillen Nacht ſtreuten, war auf fruchtbares Neuland gefallen. Das traͤgt, wie bekannt, gar gedeihlich, und als haͤtte Kupido ſeine Pfeile in Pflugſchaar und Eggenzinken um⸗ ſchmieden laſſen, und mit dieſen das neuverlie⸗ hene Grundeigenthum, Tildchens jungfraͤuliches Herz, die ganze Nacht kreuz und quer durchzo⸗ gen, auf daß die Saat im warmen lockern Bo⸗ den bald keime und Wurz e, ſo ſchmerzte es dem Maͤdchen, 12e Affel. unter der lin⸗ ken Bruſt, und doch war der Schmerz ſuͤß, und das Wehe wohlthuend. Es war ihr wohl, im Geheimſten ihres In⸗ nern, ſo, als wiſſe ſie, was dieß Alles bedeute, aber ſie hatte nicht den Muth, ſich genaue Re⸗ chenſchaft daruͤber zu geben, und ſchob die Schuld auf das harte Sopha, auf dem ſie ſchlecht gele⸗ gen, und nun davon Herzbruͤcken bekommen habe. Als maͤdchenhaftes Kind hatte ſich Klotilde geſtern niedergelegt, als Jungfrau ſtand ſie auf. Keine der himmliſchen Maͤchte iſt auf Erden geſchaͤftiger, als die Liebe; in der tiefſten Mit⸗ ternacht hatte ſie Klotildens argloſes Herz beſchlichen; es war unwiederbringlich verloren. 119 Klotilde ſtand, ſchon wieder voͤllig angeklei⸗ det, mitten in der Apotheke, ſah vor ſich hin auf Einen Fleck, traͤumte wachend, und war ſo in Gedanken vertieft, daß ſie hoch aufſchrak, als Schnaͤpsler zum zweiten Male an das Fenſter pochte, und dringend bat, doch ja gleich zu kommen. Jetzt raffte ſie ſich mit Gewalt zuſammen, eilte zum Dienſtmaͤdchen, das noch im Bette lag, und erzaͤhlte dieſem, daß oben in ihrem Zimmer Einquartierung ſey, daß fuͤr Fruͤhſtuͤck und alle uͤbrige Beduͤrfniſſe ordentlich geſorgt werden muͤſſe, und daß vor Allem Onkel und Tante, ſobald ſie aufſtaͤnden, davon zu unter⸗ richten waͤren, und eilte auf ihren, heut ihr noch dreimal ungelegenern Poſten. Onkel Fluͤmer, der kurz nachher aufgewacht war, und am Daͤmmern des Morgens wahr⸗ nahm, daß es ſchon nicht ganz fruͤh mehr ſey, fuhr aus dem Bette, um Klotilden zu wecken, damit dieſe ſofort auf das Rathhaus wandere, und er dadurch ihr Fruͤhſtuͤck erſpare. Er platzte mit ſeiner gewoͤhnlicheu Heftigkeit in Klotildens Zimmer, und wollte ſie rufen, aber die Ueberraſchung ſpeilerte üm den Mund und 120 ſchnuͤrte ihm die Gurgel. Als faßte ihn ein Wirbelwind, ſo raſ'te er in drei Saͤtzen die Trep⸗ pe hinab, und ſeine, noch im Bette befindliche theure Haͤlfte vermeinte ſchier, daß aus der Heer⸗ de der Gergeſener ein Teufel in ihn gefaͤhren ſey, denn er ſprang wie beſeſſen umher, und ſprach von Schnurrbart und Spornſtiefeln, von be⸗ ſchimpftem Haus und Apotheke, von unerhoͤrter Scheinheiligkeit, von Czako's, von Halsumdre⸗ hen, Landſtreicherin, und zum Hauſehinaus⸗ werfen, ſo bunt durch einander, daß Madame Fluͤmer mehrere Mal fragte, ob es bei ihm rap⸗ pele, ob er Raſekraut ²) oder Tollwurzel ²) ge⸗ geſſen habe, ohne jedoch genuͤgende Antwort zu be⸗ kommen. Endlich kam dann die ſaubere Entdeckung im Zuſammenhange heraus, und Madame Fluͤ⸗ mer fuhr mit lautem Schrei aus dem Bette, als ſie das ſchreckliche Skandalum vernahm. Keine Stunde darf ſie in meinem Hauſe bleiben, rief ſie wuͤthend, und ſteckte aus Furcht vor naher Ohnmacht, die Naſe zolltief in ihr Biſambuͤchs⸗ 1) Auch Schwarzbilſen genannt. 2) Napellſturmhut. ein rep⸗ diche Heer⸗ ſey, prach be⸗ oͤrter ndre⸗ aus⸗ dame rap⸗ ge⸗ u be⸗ kung Fluͤ⸗ als deine rief aher ichs⸗ 121 chen; aber ſag' um Gotteswillen, wo koͤmmt der Menſch her? Wo er herkoͤmmt? entgegnete er in grimmi⸗ gem Zorn: wo anders, als vom Rathhauſe; ge⸗ wiß iſt er ſpaͤt eingetroffen, hat kein Quartier finden koͤnnen, ein bischen gelaͤrmt, und aus purer Menſchenliebe— nein, es iſt zu toll! Das Maͤdchen, Hab und Gut häͤtt' ich fuͤr dem ſeine Unſchuld eingeſetzt; nun trau einer noch heut zu Tage einem Maͤdchen! In dem Augenblicke klingelte es in der Apo⸗ theke; Papa Fluͤmer ging. Es war zum Un⸗ gluͤck der Pipiſt, Meiſter Schabig, der zum fruͤhen Morgen ein Glaͤschen Bittern verlangte; dieſem vertraute Herr Fluͤmer, in der erſten Hi⸗ te, die ganze Geſchichte, und natuͤrlich ſtand das arme engelreine Tildchen noch vor Mittage, in jedem Familienkreiſe der ganzen Stadt, ſcho⸗ nunglos am Pranger. Wenn doch auch nur Eins gefragt haͤtte, ob es denn anch wirklich wahr ſey, was man von dem bis dahin ganz unbeſcholtenen Maͤdchen ſich einander erzuͤhle! O— wenn doch jede Zunge, bei der erſten Verlaͤumdung, gleich auf der Stelle im Munde verdorrte! Stille Waſſer ſind tief, ſagte der Eine; 1²22 die hat es hinter den Ohren, der Andere, ſo ein kleines Wetterding, der Dritte, das habe ich ihr ſchon lange angemerkt, der Vierte, und, wenn es nur kein Franzoſe geweſen waͤre, Alle mit einander. Und waͤhrend die Unmenſchen ſo ihre Ehre und Ruf unbarmherzig zerfleiſchten, ſtand ſie untern den Vaͤtern der Stadt, und verfocht, fuͤr vier und zwanzig gute Groſchen Suͤndengeld, das in Fluͤmers Taſche floß, ihre bedraͤngten Mitbuͤrger gegen die unſinnigen Forderungen der Einquartirten mit dem regſamſten Eifer, und der Gott, der die Thraͤnen des zertretenen Deutſchlands zaͤhlte, gab den Worten des Maͤd⸗ chens Kraft; ihre ſanfte Rede machte die wilde⸗ ſten Tiger zahm, und ihren weiſen Ausſpruͤchen und ihren billigen Entſcheidungen unterwarfen ſich die ſtreitenden Partheien ohne Einwand. Das Dienſtmaͤdchen erzaͤhlte zwar, was ihm Tildchen aufgetragen, an Herr und Madame Fluͤmer, aber das war nur eine zuſammengefa⸗ belte Geſchichte. Der Stab war einmal uͤber ſie gebrochen, und Fluͤmer ſchwur hoch und thaaer, daß das liederliche Ding mit keinem Fuß je wie⸗ der uͤber ſeine Schwelle kommen ſolle. Auch den Herrn Patron oben wollte er ſchon hinaus com⸗ 123 plimentiren; er nahm ſein Schwefelleberkunſtſtuͤck⸗ chen wieder vor, allein Nicolas oͤffnete, als er denn Banndampf von unten herauf verſpuͤrte, zum großen Aerger der Madame Fluͤmer, die ihr umſonſt verbranntes Holz hoͤchlich bejammer⸗ te, die Fenſter, und er trug, in der Meinung, daß die bereitete Peſtgeruͤche wieder von den Arz⸗ neien herkaͤmen, die zum Beßten ſeiner kranken Kameraden gemacht wuͤrden, den heilloſen Duft, mit ſtoiſcher Ruhe. Jetzt ſandte er auch ſein Quartierzeddel an Herrn Fluͤmer, der nun wohl ſah, daß die Aufnahme des Fremden kein bloßes Werk der Barmherzigkeit von Tildchens Seite war; auch milderte ſich bei Madame der Zorn um ein Merkliches, als der junge Herr Nico⸗ las, nach der feinen Sitte ſeines Landes, ihr, als Frau vom Hauſe, ſeine Aufwartung machte; ſie mußte, ihn von oben bis unten betrachtend, ſich geſtehen, daß in ganz Finſterberge keiner war, der ihm das Waſſer reiche, und ſie grollte im Ge⸗ heimen ihren laͤngſt vermoderten Eltern noch im Grade, daß ſie ihr keinen Unterricht im Fran⸗ zoͤſiſchen hatten geben laſſen, denn ſie haͤtte gar zu gern mit dem huͤbſchen jungen Manne ein Paar Worte gewechſelt. Er hatte ihr die Hand 124 gekuͤßt, er hatte, mit der Pantomime des Ent⸗ ſchuldigens, mehrere Verbeugungen gemacht; er hatte im Sprechen die Worte incommoder und Pardon fallen laſſen, und bei dem Worte Par- don ſeine Rechte auf ſein Herz gelegt, gleichſam als ob er ſagen wolle, wie leid es ihm thue, ſie zu incom modiren, und daß ſie ihm dieß pardon⸗ niren ſolle, und um ihn daruͤber zu beſchwichtigen, bewirthete ſie ihn mit ſelbſtgemachtem Luͤnel, und klopfte ihm auf die Achſel, und meinte in ge⸗ brochenem Deutſch: Mit der Zeit verſteh; Mann draußen in Apothek— Burr, immer brumm, brumm, wie alt Baͤr, gut Logis; nicht ſtink; Eſſen viel, Trinken viel; und gewiß hatte er weg⸗ gekriegt, daß ſie hatte ſagen wollen, ſie wuͤrden ſich mit der Zeit ſchon verſtehen lernen; ihr Mann ſey zwar zuweilen ein wenig muͤrriſch, allein das Quartier ſey gut; die unwillkommenen Geruͤche nicht beſtaͤndig, und was Eſſen und Trinken an⸗ belange, ſolle er keine Klage haben, denn Rico⸗ las lachte freundlich zu allem dieſem; ihr Geſicht indeſſen verzog ſich bemerkbar, als er ſich umſah, und nach Demoiſelle fragte; ſie entgegnete kurz; Mamſell— Maͤhr(wahrſcheinlich wollte ſie ſa⸗ gen: beim Maire) Rathhaus,— viel parlir, Ent⸗ ; er und Par- Fſam ſie don⸗ gen, und n ge⸗ Lann mm, tink; weg⸗ rden Lann das ruͤche an⸗ Lico⸗ eſicht ſah, zurz: 2 ſa⸗ arlir, und ſetzte heimlicher hinzu: Mamſell nicht gut— viel Paßion— pauyre falſche Katz. Auch das ſchien er zu verſtehen, und empfahl ſich nach ei⸗ ner Weile. Madame Fluͤmer war lange nicht ſo vergnuͤgt geweſen, wie dieſen Morgen. Beim Weggehen hatte ihr der junge Menſch die Hand wieder ge⸗ kuͤßt, zweimal; und— ja, ſie konnte es ſich nicht leugnen, und auch ſehr bedeutend gedruͤckt. Was ſie alles in ſeinem Blick las, wollte ſie, lieb⸗ lich verſchaͤmt, ſich ſelbſt nicht geſtehen, aber ſie muͤßte den Staar haben, meinte ſie, wenn der nicht bis uͤber die Ohren in ſie verliebt waͤre. Mit der Unterhaltung war es, wie ſie ſich ſchmei⸗ chelte, recht gut gegangen; ſie brauchte nicht vier Wochen mit dem niedlichen jungen Menſchen zuſammen zu ſeyn, ſo plapperte ſie beſtimmt, wie eine geborne Franzoͤſin. Mittlerweile war Nicolas auf das Rathhaus gegangen, um Klotilden zu ſehen. Sie ſtand eben, hold und heilig wie der Genius des Frie⸗ dens, zwiſchen zwei kriegfuͤhrenden Maͤchten, einer armen gemißhandelten Buͤrgerfrau, und einem rauhen Kuͤraſſieroffizier, der dieſer das Eſſen vor die Fuͤße geworfen und ſie blutruͤnſtig geſchlagen hatte, und jetzt mit lautem Laͤrmen ein anderes Quartier verlangte. Klotilde er⸗ ſchoͤpfte ſich in ſanften Vorſtellungen und ruhi⸗ gem Beſchwichtigen; und als ſie, um ſein Ehr⸗ gefuͤhl zu wecken, aͤußerte, daß es ihm wohl beſſer geziemt haben wuͤrde, die Staͤrke ſeines Arms fuͤr den Feind aufzuheben, als ſie an einem ſchwachen Weibe zu verſuchen, und daß dieß Be⸗ tragen einer ſogenannten großen Nation unwuͤr⸗ dig ſey, riß er, in der Wuth ſeiner ungemeſſe⸗ nen Hitze, das Schwert aus der Scheide, und wollte auf Klotilden loß; doch Nicolas, und mit ihm zehn Franzoſen, ſprangen dazwiſchen, und baͤndigten den Wuͤthrich. Nicolas mußte nicht ohne Bedeutung ſeyn, denn der Oſſizier erwie⸗ derte, ungeachtet ihm Nicolas, in der erſten Ueberwallung mit einer Fluth von Vorwuͤrfen uͤber ſein tadelnswerthes Benehmen uͤberhaͤufte, keine Sylbe, und bat, da Nicolas erwaͤhnte, daß dieſer Auftritt im gegenwaͤrtigen Feldzuge nicht deſſen erſter dieſer Art ſey, und bei dieſer Gelegenheit etwas von Meldung beim Marſchall fallen ließ, eben ſo eingeſchuͤchtert, als er vor⸗ hin trotzig war, die Sache auf ſich beruhen zu laſſen. 27 127 Der armen Buͤrgerfrau gab Nicolas ein Goldſtuͤck Schmerzengeld, empfahl dem Offizier, in ſehr gemeſſenen Ausdruͤcken, ſich kuͤnftig be⸗ ſcheidener und mit billigerer Ruͤckſicht auf die Umſtaͤnde ſeiner Wirthsleute zu benehmen, und ließ beide in Frieden ziehen. Im Weggehen murmelte der Gedemuͤthigte mit verbiſſenem In⸗ grimm in den wilden Schnauzbart, daß er, wenn der Marſchall nur nicht der Herr Vetter waͤre, dem jungen Laffen, dem Geldzaͤhler, dem Mosſe Nicolas, wohl den Hals brechen wolle; dieſer aber hoͤrte es nicht, denn er hatte nur das blondlockige Maͤdchen, die bildhuͤbſche Klotilde, im Auge; aber er konnte kein Wort mit ihr ſprechen, denn zwanzig Menſchen war⸗ teten auf ſie, und jeder hatte Dringendes bei ihr vorzubringen, ſo daß ſie keinen Augenblick freiĩ dar. Mißmuthig ſchlich er nach Hauſe. Der wun⸗ ferbare Eindruck, den dieß Maͤdchen auf ihn ge⸗ nacht hatte, beſchaͤftigte ſeine ganze Seele. In der fernen Heimath, als Kind, hatte er Klotil⸗ den ſchon geſehen. Er laͤchelte bei dem Gedan⸗ ken ſtill vor ſich hin, aber je mehr er ihn feſt⸗ hielt, deſto aͤhnlicher ward Klotilde dort der hei⸗ 128 ligen Milhwida, ²) die im Altarblatte in der Kirche der Benediktinerinnen von St. Sauveur, ihn immer ſo unbeſchreiblich angezogen hatte. Mit ſeltſamen Schauder gedachte er jenes Bildes, wo im duͤſtern Tannenwalde, ein junger Pilger, unter den blutbeſpritzten Dolchen erbarmenloſer Raubmoͤrder, ſein Leben aushauchte, und die Heilige, vom bluͤhenden Gebuͤſch umſchattet, und darum von den Verbrechern ungeſehen, angſtvoll die Haͤnde gen Himmel rang, und auf ihren Knieen um Huͤlfe flehte; und wie in der zweiten Häͤlfte des Bildes die Wolken ſich theilen, und die Engel des ewigen Friedens Blumenketten her⸗ ablaſſen, um das Opfer der unmenſchlichſten Raubgier, in die himmliſche Wohnung der Se⸗ ligen empor zu heben. Mit treuer, ſo erzaͤhlte die Legende, mit reiner Liebe war die heilige Mildwida dem Pilger zugethan, und als ſie mit eigenen Augen, den Liebſten dieſer Welt ſo ſchmachvoll enden ſah, gelobte ſie ſich dem Him⸗ mel und nahm den Schleier; allen Maͤgdlein zum ¹) Die Legenden nennen ſie auch Mildwida, und Mildgitha. Sie war eine Koͤnigstochter celtiſcher Abkunft, und ſtarb im Jahr 676;z der 17te Januar iſt der Feier ihres Andenkens beſtimmt. der eur, atte. ldes, lger, loſer die und tvoll hren eiten und her⸗ yſten Se⸗ aͤhlte eilige 3 ſie ‚et ſo dim⸗ zum und iſcher 17te 129 Muſter, fuͤhrte ſie ein ſo frommes gottgeweihtes Leben, daß, zum Lohne fuͤr ihren rein chriſtli⸗ chen Wandel, und zum Erſatze fuͤr das grauſa⸗ me Opfer ihrer Liebe, ſie mit Wunderkraͤften verſehen ward, vermoͤge deren ſie große Dinge that, und noch heute, wenn im Geiſt der Wahrheit angerufen wird, der keuſchen, leidenden Liebe eine kraͤftige Schutzheilige iſt. Als haͤtte Klotilde jenem gemuͤthvollen Kuͤnſt⸗ ler, fuͤr die Kirche der frommen Benediktinerin⸗ nen von St. Saveur geſeſſen, ſo glich ſie ſeinem Bilde. Das war die ſchlanke, reizvolle Geſtalt; das die Jungfraͤulichkeit im ganzen Weſen jener Heiligen. Aber das Ueberirdiſche, das in dieſem himmelblauen Auge lag, hatte der arme Maler freilich nicht erreichen koͤnnen; wie dort, ſchmuͤck⸗ te auch hier den ſchoͤnen Madonnenkopf das ſei⸗ denartig gläͤnzende Goldhaar in ringelnden Lok⸗ ken und zierlichen Flechten; aber die weiße Ala⸗ baſterpracht, in der hier Bruſt und Hals und Nacken prangten, im Bilde anzudeuten, war keine Farbe der Welt zart genug; wie dort, war auch hier der kleine Purpurmund nach den Re⸗ geln der ſtrengſten Kunſt geformt, aber freilich, wenn Klotilde ihn oͤffnete, wenn ſie ſprach, wenn 130 ſie laͤchelte, wo blieb da die ſtuͤmperhafte Kunſt! Und dieſes engelgleiche Maͤdchen ſollte in den ge⸗ fahrvollſten Tagen unſerer Zeit, wo jede zuͤchtige Jungfrau in die innerſten Gemaͤcher ihres vaͤter⸗ lichen Hauſes fluͤchtete, hier tagtaͤglich, jedem rohen Krieger Preis gegeben, unter der Laſt ei⸗ nes oͤffentlichen Amtes ſchmachten? Er zerſann ſich, wie er das arme Weſen von dieſer Laſt frei mache, denn daß ſie Klotilden beſtimmt ſey, lag bei ihm außer allem Zweifel; da ſtieß ihm der junge Herr Boas auf, der Gehuͤlfe eines Ar⸗ meelieferanten, beider Sprachen maͤchtig, und zu jeglichem Geſchaͤftchen wohl brauchbar. Mit dieſem trat er in das Heiligthum der Piplinge, in das, ſeit dem Einmarſch der Trup⸗ pen ganz verwaiſ'te Weinſtuͤbchen, ließ ſich eine Flaſche vom Beßten geben, und ſeinem ſehr ver⸗ ſtimmten Wirth, Herrn Fluͤmer, durch Boas bedeuten, daß er zwar bei ihm einquartirt ſey, daß er aber taͤglich bei ſeinem Oheim, dem Mar⸗ ſchall ſpeiſe, und daher ihm nicht beſchwerlich fal⸗ len werde. Was er uͤbrigens an Fruͤhſtuͤck, Licht, Holz und dergleichen Kleinigkeiten brauche, da⸗ fuͤr werde er ſich mit Herrn Fluͤmer taͤglich durch einen goldenen Napoleon abfinden; er wiſſe wohl, be—o,,= ᷣ 8 5.——/·.—.———„ anſt! n ge⸗ htige aͤter⸗ edem t ei⸗ ſann frei lag der Ar⸗ und 1 der Lrup⸗ eine c ver⸗ Boas ſey, Mar⸗ h fal⸗ Licht, „da⸗ durch wohl, 131 daß ihm dieß Alles, nach leidigem Kriegsgebrauch, eigentlich unentgeltlich gebuͤhre, allein er wolle, ſeiner Seits, das allgemeine Elend der harten Zeit nicht vermehren, und daher habe er ſich zum Geſetz gemacht, uͤberall ſo zu verfahren, ſo lange ihm dieß ſeine eigenen Mittel erlaubten; ihm ſey nichts druͤckender, als von denen, die durch die Macht der Gewalt gezwungen waͤren, ihn in ih⸗ rem Hauſe beherbergen zu muͤſſen, mit unfreund⸗ lichen Worten und Mienen behandelt zu werden; er bitte daher, ihn auf die kurze Zeit ſeines von ihm unverſchuldeten Aufenthalts als Mitglied der Familie anzuſehn, und werde ſich auf alle moͤgliche Weiſe bemuͤhen, ſich dieſes, ihm hier beſonders theuern Gluͤcks, werth zu machen u. ſ. w. Dem Armeeverhungerungbehuͤlflichen Herrn Boas gingen dieſe, allem Kriegsgebrauch entgegenſtre⸗ benden Worte mit ſchwerer Muͤhe uͤber die Lip⸗ pen; denn er plagte, fuͤr ſeine werthe Perſon, die Unbeneideten, die das Ungluͤck hatten, ihn zur Einquartierung zu bekommen, mit den un⸗ erſchwinglichſten Forderungen, und nach ſeiner Meinung konnten die gebotenen taͤglichen Napo⸗ leonsd'or zu weit ergoͤtzlichern Zwecken verwen⸗ det werden; indeſſen uͤberſetzte er doch treulich, 9* 132 was ihm Nicolas in den Mund legte, und Herr Fluͤmer traute ſeinen Ohren kaum, denn ein ſol⸗ cher Antrag war wohl gewiß noch von keinem Quartierberechtigten der großen Armee, ſo lan⸗ ge die dreifarbige Kokarde exiſtirte, gemacht worden. Er kratzte hinten und vorn aus, buͤckte ſich, den Jabot mit beiden Haͤnden zuſammen preſſend, bis zur Erde, und ſagte, um ſeinen Dank dem Franzoſen auch in deſſen Sprache zu verſtaͤndigen, die Woͤrter Serviteur und obligirt, zehnmal in einem Athem. Nach einer kleinen Pauſe aͤußerte, durch Herrn Boas, Nicolas die Nothwendigkeit, jetzt, wo Deutſchland der Schauplatz des Krieges wahr⸗ ſcheinlich mehrere Jahre lang ſeyn werde, Deutſch zu lernen; fragte Fluͤmern, ob er hier nicht je⸗ mand wiſſe, der ihm darin Unterricht geben koͤn⸗ ne, und machte, als dieſer entgegnete, daß an dieſem Artikel hier gaͤnzlicher Mangel, und daher er ſelbſt genoͤthigt geweſen ſey, ſeine eigene Nichte, zur Verwaltung des Rathsdollmetſcheramts her⸗ zugeben, den Vorſchlag, dieſer den gewuͤnſchten Unterricht zu uͤbertragen. Fluͤmer zog die Achſeln bis uͤber die Ohrlaͤpp⸗ chen, ſchuͤttelte mit dem Kopfe und ſagte: non ——— —j— A ⏑ —,—— — — ‿ 18 133 possible. Er ſetzte dem Herrn Boas aus ein⸗ ander, wie unentbehrlich Tildchen auf dem Rath⸗ hauſe ſey, und fuͤgte, mit der Bitte, dieß jedoch hier in der Stadt nicht weiter zu verbreiten, luͤ⸗ genhafter Weiſe hinzu, daß er dafuͤr taͤglich einen blanken hollaͤndiſchen Dukaten Ausloͤſung erhalte, und bei ſeinen bedraͤngten Umſtaͤnden und den fuͤrchterlichen Kriegsausgaben, dieſen ſchoͤnen Zu⸗ ſchuß nicht entbehren koͤnne. Da ihm indeſſen Nicolas darauf erwiedern ließ, daß er einen mit der Armee, aus dem Elſaß gekommenen, und beider Sprachen maͤchtigen Bedienten wiſſe, den Fluͤmer unter viel billigern Bedingungen an Tild⸗ chens Stelle vorſchlagen koͤnne, und der ohnehin hier zuruͤck bleiben muͤſſe, weil er, kraͤnklicher Umſtaͤnde halber, dem Heere zu folgen, außer Stande ſey; daß es des Oheims unwuͤrdig ſcheine, ſeine Nichte, mit ihrer feinen Erziehung und ih⸗ rem Zartgefuͤhl fuͤr Schicklichkeit und Anſtand, mitten unter die roheſten, aller Zucht und Sitte jahrelang entwoͤhnten Krieger zu ſtellen; daß er gern das, was die arme Stadt an Diaͤten be⸗ willigt, doppelt berichtigen werde, und daß er, aus Dankbarkeit fuͤr dieſe Gefaͤlligkeit, dem ver⸗ ehrten Herrn Fluͤmer, und keinem andern, die große Medikamentenlieferung fuͤr das im benach⸗ barten Jagdſchloſſe Rehburg, auf 5000 Betten zu errichtende Militairlazareth zuzuweiſen, ſich bei ſeinem Onkel, dem Marſchall, bemuͤhen werde⸗ da ſchlug es bei Fluͤmer durch. Er ſagte unbe⸗ dingt zu, ließ etwas von bonjour sequens— Maire— Rappell und Lection fallen, wo⸗ mit er wahrſcheinlich ſagen wollte, daß am fol⸗ genden Morgen ſchon vom Buͤrgermeiſter, Klo⸗ tilde zuruͤckgefordert werden und ihren Unterricht anfangen ſolle, und ſtuͤrzte, er konnte ſich vor heimlichen Entzuͤcken nicht laͤnger halten, zum Weinſtuͤbchen hinaus, um ſeiner Frau das Vor⸗ gefallene kund zu thun. Er kauderwaͤlſchte dieſer im erſten Erguſſe ſeines Entzuͤckens alles bunt durch einander, pries den jungen Franzoſen als ei⸗ nen Engel, und rief: hol un der Teufel den gan⸗ zen Koͤnig Salomo mit ſeiner mir vorgewindbeu⸗ telten Apotheke in der Reſidenz; Kaiſer Napoleon iſt mein Mannz unſer ſchwarzer Mohr, Maͤus⸗ chen, ſoll uns reich machen; Rehburg iſt mein Peru, mein Guinea, und jedes der 5000 Laza⸗ rethbetten iſt eine braſiliſche Goldgrube. Statt ——— & 2 ,ͤ——„2=2. 135 China ²) gebe ich Weidenrinde mit Bolus und Sandelholz gefaͤrbt; ſtatt Ambra ²) ein bischen Storax; ſtatt des aͤchten Bibergeils ³) engliſches, und ſtatt Moſchus 4) mein Mixtum compo- situm von Benzoe, Judenpech und Bocksblut. Stirbt heute ein Kranker, ſo lebt er in den Liſten noch acht— vierzehn Tage, und nimmt immer friſch weg ein; und die Rechnungen wer⸗ den nicht mit doppelter, ſondern mit zehnfacher Kreide geſchrieben; dafuͤr verklebt man billiger⸗ weiſe den Sanitaͤtoffizieren, den Oberaͤrzten und Aufſehern Augen, Ohren und Maul mit golde⸗ nem Kleiſter; leben und leben laſſen, iſt mein Symbolum, und fangen wir hier es beim rech⸗ ten Ende an, ſchlagen wir ein Heidengeld zuſam⸗ men; bitten wir nur Gott den Allmaͤchtigen, daß der Krieg huͤbſch lange dauere, dann ſollſt Du mal die Frau Apotheker Fluͤmer mit ihren Point⸗ 1) Das Pf. koſtet ax Rthlr. das Fluͤmerſche Burkogut 2) Das Loth koſtet 11 Rrhlr. d das Fluͤmerſche Sur⸗ rogat 2 2 gr. 3) Das Pf. koſtet 24 Rthlr. d das Fluͤmerſche Sur⸗ rogat 2 15 gr. 4) Das Pf. koſtet 584 Rthlr. das Flämerſche Sur⸗ rogat kaum 2 1 Rhl. 136 kleidern, und ihren reichen Pelzen und den bril⸗ lantenen Schmuckſachen ſehen. Donner und Victoria— nur ein zehn, zwanzig Jaͤhrchen Krieg, und die Fluͤmers ſind gemachte Leute. Die Pointkleider und die Pelze und die Ju⸗ welen gefielen Madame Fluͤmer wohl, nur nicht daß Klotilde dem jungen huͤbſchen Nicolas deut⸗ ſche Stunde geben ſollte; das ſchicke ſich nicht, meinte ſie, und ergluͤhte im Geheimen vor Eifer⸗ ſucht; Gelegenheit macht Diebe, ſagte ſie mit ſcheinheiliger Sittſamkeit: man muß keinen auf das Eis fuͤhren, und zum brennenden Schwefel kein Pulverfaß ſetzen. Pahl erwiederte lachend Herr Fluͤmer: Til⸗ de iſt alt geuug, um bei ihrer Tugend ſelbſt Schild⸗ wache zu ſtehen! Wir koͤnnen ſie doch nicht huͤten. Wenn Er wollte, koͤnnte Er von dem kranken Bedienten das Deutſche eben ſo gut lernen, als von Tilden; aber— i— ſo viel habe ich wohl weg, er ſcheint ein ganz abſonderliches Auge auf das Maͤdchen zu haben.— Scheint er das? fragte Madame Fluͤmer raſch, und ihr Auge rollte dunkler: und Du woll⸗ teſt dem Menſchen, dem—— es ward ihr ſchwer, das Wort auszuſprechen, denn es ging ril⸗ und hen Ju⸗ icht 2ut⸗ icht, fer⸗ mit auf efel Lil⸗ ild⸗ en. ken als ohl auf ner oll⸗ ihr 137 ihr nicht vom Herzen,— dem Feinde, das Kind ordentlich abſichtlich in die Arme werfen? Herzensputhuͤhnchen, rief der geldſuͤchtige Gatte: lege in die eine Wagſchale fuͤnftauſend Krankenbetten, und in die andere das dumme Ding, die Tilde— was wiegt ſchwerer? Muͤſ⸗ ſen in der jetzigen Zeit doch alle unſere Herren Geheimen Obermedicinalraͤthe, Praͤſidenten und Miniſter ihre Soͤhne hergeben; was iſt denn Mam⸗ ſell Tildchen Beſſeres?— und faͤllt ſie, ſo— ſo faͤllt ſie auch fuͤr das Vaterland! denn durch ſie erhalte ich die Lazarethlieferung; die Lebendigen bringen mir da drinn keinen Nutzen, ſondern die Todten, die in den Liſten noch ein Paar Wochen wenigſtens, als lebend fortgefuͤhrt werden, und an denen ſoll es nicht fehlen, dafuͤr laß mich ſor⸗ gen. Wie die Fliegen ſollen die Kerle ſterben, und wenn unſere Marſchaͤlle und Generale ei nen Orden verdienen, muß ich zwei bekommen; denn was dieſe nicht im Felde auf das Haupt ſchlagen, will ich in meinen 5000 Betten ſchon muͤrbe machen. Klotilde ſtutzte nicht wenig, als ihr der Oheim mit freundlichem Geſichte eroͤffnete, daß ſie der laͤſtigen Rathsdollmetſcherſtelle entbunden ſey, da⸗ 138 fuͤr aber der Einquartirung Unterricht im Deut⸗ ſchen geben muͤſſe. Der dunkelſte Purpur uͤberflog im Augenbli⸗ cke ihre Wange; ſie fuͤhlte, daß ſie roth wurde und wußte doch nicht deutlich warum. Sie freu⸗ te ſich wohl, von jenem ihr vom Anfange an widrigen Poſten erloͤſ't zu ſeyn; allein nun wieder zu dieſem ſonderbaren Amte commandirt zu werden!— Ja, wenn Nicolas ſie darum gebeten— dann haͤtte ſie ihm gewiß den Ge⸗ fallen recht gern gethan; ſie war ihm ja Dank ſchuldig; er hatte ſie gegen den wuͤthenden Kuͤr⸗ raßieroffizier geſchuͤtt;— aber ſo— unbekannt mit dem Gewebe, in das ſie Fluͤmers Eigennutz verſtrickt hatte, fand ſie in der Manier etwas Unzartes, etwas— ſie war ſelbſt nicht recht im Klaren mit ſich. Nu, Du ſagſt ja gar nichts dazu, hob endlich der Oheim an: Du wirſt blos roth bis uͤber die Ohren, und antworteſt keine Sylbe. Was ſoll ich entgegnen? ſagte Klotilde ver⸗ legen: ſobald Sie es befehlen, muß ich es thun, nur— Nu, fuhr Fluͤmer auf, der, wenn ſie ſich weigerte, ſchon den Franzoſen boͤſe werden und — ——————⁸28Gß——, 139 dann ſein Jagd⸗ und Luſtſchloß Rehburg, ſammt den 5000 Betten, wie ein Traumbild verſchwinden ſah: nu, was haben wir denn wie⸗ der einmal fuͤr Bedenklichkeiten! Vergiß nicht, was wir an Dir Alles gethan haben, und noch thun. Der Menſch hat mein Gluͤck in der Hand. Ich muß ihm gefaͤllig ſeyn; er wuͤnſcht Deutſch zu lernen; hier iſt kein Menſch, der da⸗ zu taugt, als Du; alſo kann ich, ſollte ich mei⸗ nen, dieſe kleine Aufmerkſamkeit von Dir wohl erwarten; ſie wiegt, das wirſt Du ſelber fuͤhlen, all das Gute und Liebe, was Du bei uns ge⸗ noſſen, noch lange nicht auf. Ich will ja auch, ſagte ſanft bittend, die arme Klotilde: nur finde ich nicht recht ſchicklich, daß ich mit dem jungen Mann ſtundenlang allein,— Sehr richtig, fiel ihr Madame Fluͤmer bei⸗ faͤllig in das Wort. Sieh Maͤnnchen, das ver⸗ ſtehſt Du nicht; Ihr Herren habt von der Bloͤ⸗ digkeit, von der ſchamhaften Schuͤchternheir un⸗ ſers Geſchlechts keine Idee; Du koͤnnteſt mir Geld uͤber Geld bieten, ich ſollte mit ſo einem fremden jungen Manne nur eine Stunde allein ſeyn, beſonders mit dem; ich weiß nicht, ſetzte 140 ſie hinzu, wahrſcheinlich um Klotilden vor ihm bange zu machen, und jede Annaͤherung zwiſchen beiden moͤglichſt zu entfernen: ich weiß nicht, er hat— wenn man ihm in die pechſchwarzen Au⸗ gen ſieht, wird es einem ganz deutlich— er hat einen großen, ſo ſcheint mir es wenigſtens, einen ſehr großen Hang zum Tiefſinn; ich fuͤrch⸗ tete mich zu Tode, wenn ich mit dem allein ſeyn ſollte; indeſſen— er wuͤnſcht den Unterricht, und Du mein Schatz beſtehſt darauf, und ſo will ich, Dir zu Liebe, gern das Opfer bringen, und ſelbſt mit gegenwaͤrtig ſeyn. Dann iſt der Anſtand unſers Hauſes nicht verletzt, und ich kann den jungen Menſchen immer in dem gehoͤ⸗ rigen Reſpect halten., Tildchen war das eigentlich nicht recht; wa⸗ rum wußte ſie ſelbſt nicht deutlich; aber ſie muß⸗ te ſchon ſo thun, als danke ſie der Tante fuͤr den muͤtterlichen Schutz, deſſen ſie, nach ihrem Gefuͤhl, gar nicht bedurfte. Doch in den erſten Stunden ſchon belehrte ſie ſich eines andern. Vor der Gefahr, die ſich hier vor ihrem innern Auge aufſchloß, konnte ſie kein Engel, am wenigſten Tante Fluͤmer ſchuͤten. Ja! dieſe hatte Recht; in ſeinem ſich unte mer 141 Blicke lag etwas ganz eigenes; aber Tiefſinn war es nicht; das unnennbar Heilige der zarte⸗ ſten Liebe war es, das Entzuͤcken der erſten Reg⸗ gungen in dem Tiefſten ſeiner reinen Bruſt; Klotilde ſaß ihm anfangs gegenuͤber; aber ſie konnte das nicht lange aushalten; ſah ſie ihm in das große, ſanfte, ſchwarze Auge, ſo meinte ſie in eine Kirche zu ſehen, ſo fromm und ſtill und feierlich ward ihr zu Sinne; aber ſie mußte laͤcheln, wenn ſie das Schelmengruͤbchen in der bluͤhenden Wange gewahrt, und laut lachen, wenn ſich die friſchen Lippen des kleinen huͤbſchen Mundes grauſam zerplagten, das ſchwere Deutſch herauszumartern. Sie ließ ihn neben ſich ſitzen, aber da ward das Uebel nur aͤrger; ſie ſahen beide in Ein Buch; ſie hatte gemerkt, daß ihm die Worte, wo das r vor einem Mitlauter ſtand, am ſchwerſten auszuſprechen waren; um ihn daher zu uͤben, hatte ſie mehrere Woͤr⸗ ter dieſer Art aufgeſchrieben; 3. B. Donner⸗ keil, Karpfen, Sterben, Marter, ſie hielt mit dem roſigen Zeigefinger der Rechten eben die Worte Sterben und Marter, feſt, die er leſen ſollte; dreimal ſetzte er mit dem Sterben und Marter an, und blieb immer ſtecken; er bog ſich jetzt naͤher, als koͤnne er die ſchweren Worte des Barbaren⸗ Deutſch nicht recht erkennen, zog, von der Tan⸗ te, der ſie den Ruͤcken zuwendeten, ungeſehen, die kleine Hand dem Munde naͤher, druͤckte ihr in aller Geſchwindigkeit einen Kuß darauf, und ſenkte ſo, ohne daß er es ſelbſt wußte, das ſuͤße Gift der heimlichen Liebe in Klotildens empfaͤng⸗ liches Herz; das Maͤdchen erſchrack uͤber den kecken Streich, aber die Tante ſaß ja hinter ihr; ſie ſchwieg, und ein leiſer Schauer, wie ſie ihn zuvor nie kannte, uͤberwehete ſie ſonderbar; ſie zitterte in allen Fiebern, und doch konnte ſie dem tollen Menſchen, der ſie ſo erſchreckt hatte, nicht zuͤrnen. Ging es doch dem armen Nico⸗ las in dem ſeligen Augenblicke, als das Blumen⸗ thor in ſeinem bis jetzt noch voͤllig liebefrei geblie⸗ benen Herzen, dem ſtuͤrmenden Amoretten⸗ ſchwarme ſich zum erſten Male oͤffnete, um kein „Haar beſſer. Er weidete ſich an Klotildens mäd⸗ chenhafter Verlegenheit, und war ſelbſt verlege⸗ ner als ſie; er ſah am Zittern ihrer Buſenſchlei⸗ fe, wie gewaltſam ſie erſchuͤttert war, und ihm ſelbſt war es, als haͤtte eine unſichtbare elektri⸗ ſche Macht ihm alle Pulſe zerſchlagen; er verlor ihm ektri⸗ derlor 143 ſich in dem ſtillen Schmachten ihrer himmel⸗ blauen Augen, und war, vor Entzuͤcken uͤber die halb dunkele Ahnung, dieſem ſuͤßen Maͤdchen nicht ganz gleichguͤltig zu ſeyn, unvermoͤgend, ein Wort zu ſprechen, weder ein franzoͤſiſches noch ein deutſches. Als aber Madame Fluͤmer, der die Pauſe etwas zu lange wurde, aufſtand, um zu ſehen, ob etwa das in der Kehle ſtecken geblie⸗ bene Wort dem jungen Menſchen das Leben ge⸗ koſtet habe, fuhr er zuſammen, und ſprach das Sterben und die Marter mit ſo furcht⸗ bar hohler Stimme aus, als ſolle noch heute im ganzen Hauſe keiner am Leben bleiben. Fluͤmer machte mittlerweile ungeheure Ge⸗ ſchaͤfte. Nicolas hatte Wort gehalten; die gan⸗ ze Medikamentenlieferung in das Lazareth zu Reh⸗ burg war dem Gluͤcklichen zugefallen. Nicolas war ſein Abgott, und Klotilde, der er unſtreitig dieſe Goldquelle zu verdanken hatte, ſtieg wieder bei ihm im Preiſe. Das Fluͤmerſche Haus ward jetzt der Sammelplatz der erſten Beamten von der Sanitaͤtparthie, vom Kommiſſariate, und von der Kaſſe; der ſchlaue Fluͤmer verſtand recht gut die große Kunſt, eine ſolche Sache beim rechten Ende anzufangen; er gab eine Fete uͤber die an⸗ ———— — 144 dere; ließ auftragen, daß die Tiſche haͤtten bre⸗ chen moͤgen, und vergoldete die Finger der Be⸗ ſtechlichen in vollem Maaße. Madame Fluͤmer hatte jetzt mit ihrem, auf einmal in die hoͤchſt moͤgliche Eleganz geſtuͤrzten Hausweſen, mit den Arrangements zu den ewi⸗ gen Feſtins, mit dem Empfange der beſtaͤndigen Viſiten ſo vollauf zu thun, daß ſie den Wachpo⸗ ſten bei Klotilden und Nicolas bald aufgab. Der Menſch gefiel ihr auch gar nicht mehr ſo, wie an⸗ fangs; huͤbſch war er, das mußte ihm der Neid laſſen; aber doch auch gar zu bloͤde; und hinſicht⸗ lich des guten Tildchens war, meinte ſie, noch weniger zu beſorgen. Ihr machte er zuweilen ein artiges Geſchenk, Klotilden hatte er noch keinen Pfifferling gegeben; ihr kuͤßte er jedesmal, wenn er er ging und kam, ehrerbietig die Hand; Klo⸗ tilden ſah er nicht an. Mit ihr ſprach er, wenn ſie große Geſellſchaften hatten, faſt unaufhoͤrlich; mit Klotilden beinahe kein Wort. Sie hatte ubrigens in der franzoͤſiſchen Sprache, durch den taͤglichen Umgang mit ihm und andern Franzoſen, recht tuͤchtige Fortſchritte gemacht, ſo daß die Koͤ⸗ chin und das Dienſtmaͤdchen und ſelbſt der Mann, oft ihr blaues Wunder daruͤber hatten; ſo rief 145 ſie z. B. dem Dienſtmaͤdchen uͤber die ganze Ge⸗ ſellſchaft weg, es ſolle die Bouillon⸗Fleiſchbruͤhe herumgeben; Nicolas fragte ſie, ob man ihm auch einen botte-valet beſorgt habe; ſie bat ihn um eine lumiere-ciseaux, und da ſie das Licht zufaͤllig ausputzte, ſagte ſie, ſich ent⸗ entſchuldigend: il est sorti. Dem Marſchall, der ſie auf Nicolas Veranſtaltung mit ſeinem Beſuche beehrte, praͤſentirte ſie ihren Mann, als Klotildens avant-bouche, entgegnete ihm, als er uͤber die Ungefaͤlligkeit der hieſigen Leute gegen ſeine Soldaten klagte, mon dieu, est il pos- sible; il donne donc ici un tres bon coup des hommes, ru⅝ͤckte auf das Sopha zu, und bat ihn, zu thun, als ob er a maison waͤre. Nicolas ſchritt dagegen im Studium der deutſchen Sprache gediegener vor. Wenn Klotil⸗ de redete, horchte er in ſtiller Behaglichkeit dem Wohllaute ihrer Worte; er ſog jede Sylbe von ihren Purpurlippen, und meinte, vom Zauber ihres gewaͤhlten Ausdrucks beſtochen, daß keine Sprache der Welt reicher ſey, als die Deutſche. Umſonſt ſuchte er in der ſeinigen den ſinnigen Unterſchied zwiſchen taͤndeln und laͤppiſchen, um⸗ ſonſt die zarten Worte lieblich und koſen. Nur 10 146 die gemuͤthvolle deutſche Liebe, die unter tauſend muthwilligen Neckereien, unter dem ſuͤßen Spiel des ſchuldloſeſten Scherzes ihre erſten Knospen entfaltet, nur dieſe koͤnne ſolche bezeichnende Worte erfunden haben. Aus einem der erſten Haͤuſer des ſuͤdlichen Frankreichs, im Kreiſe einer ſittenreinen Familie erzogen, von den Segnungen einer frommen Mutter begleitet, war Nicolas, als eins der hunderttauſend Schlachtopfer des grauſamen Konſcriptiongeſetzes, den Adlern des despotiſchen Zwingherrn gefolgt. Der nahen Verwandtſchaft mit dem Marſchall hatte er die gefahrloſere Anſtellung bei der Kriegskaſſe zu dan⸗ ken. Im Geheimſten ſeines Herzens bittern Haß gegen den großen Wuͤrgengel der Welt, zog ihn das Mitgefuͤhl des Elends, in dem er Deutſch⸗ land ſchmachten ſah, unwiderſtehlich zu dem nie⸗ dergedruͤckten Volke. Wir ſind Nachbarkinder, ſagte er mit freundlicher Gutmuͤthigkeit. Euer deutſcher Rhein, und meine Rhone— nur zwei Stunden weit von einander entſpringen beide auf dem St. Gotthard. Warum ſollen wir ein⸗ ander Feinde ſeyn, warum uns haſſen? Was that ich Euch? was ihr mir? Er verrieth in den traulichen Stunden, die er jetzt mit der verſtaͤn⸗ bhoe—S ͤ — ᷣ 147 digen Klotilde allein war, und in welchen ihm dieſe das Gluͤck des vormaligen Landfriedens und die Greuel der jetzigen Lage mit lebendigen Far⸗ ben ſchilderte, bald ſeine Anſichten, und die klei⸗ ne Scheidewand, die das deutſche Maͤdchen zwi⸗ ſchen ſich und dem einnehmenden Franzoſen an⸗ faͤnglich aus Patriotismus und Franzoſenhaß muͤhſam zuſammen gemauert hatte, fiel bald aus einander, als ſie den vermeintlichen Feind ihres Vaterlandes ſo ſprechen hoͤrte. Das Geheim⸗ niß ſeines politiſchen Glaubens heilig bewahrend, gewann ſie ihn um ſeiner Beſcheidenheit, ſeiner ſanften Milde, ſeines froͤhlichen reinen Herzens willen, immer lieber, und als er ihr aus einan⸗ der ſetzte, daß die drei Farben ſeiner Kokarde, roth, weiß und blau, ihm in ſeinen Augen auf nichts als auf Liebe, Unſchuld und Treue deuteten, und ihr ſein Blick deutlich ſagte, daß er in dieſem Sinne dieß Panier einzig und allein in ihrem Dienſte trage, verſtummte allmaͤlich auch der Widerwille, der ſie fruͤher jebesmal uͤberwallt hat⸗ te, wenn ſie jenes Zeichen der trotzigen Waffen⸗ gewalt am Andern erblickte. Bei der Rohheit des Fluͤmerſchen Ehepaares bedurfte er keines beſondern Scharfblicks, um 10* ——— 145 Klotildens Verhältniſſe bald kennen zu lernen, die ihr in dieſem Hauſe um ſo druͤckender ſeyn mußten, als ſie, in ihrer gepreßten Lage, der Kaͤite, der Liebloſigkeit, der haͤrteſten Indolenz, nichts als Sanftmuth und Duldung entgegen zu ſetzen hatte. Klotilde klagte nie, auch wenn ſie die ungerechteſte Behandlung erlitt; aber an ih⸗ rem Schmerzgeſichtchen, an ihren verweinten Augen, die wahrhaftig nicht ſo bezaubernd ſchoͤn geſchaffen waren, um üͤber ſolche Gemeinheiten eine Thraͤne zu vergießen, nahm er immer mit bekuͤmmerter Theilnahme wahr, wie unwuͤrdig ſie wieder einmal behandelt worden war. Bisher hatte er den ſtummen Leidtragenden geſpielt; als er aber fortwaͤhrend die Gewaltthaten bemerkte, die man ſich gegen das huͤlfloſe Kind erlaubte, und die in dem Maße zunahmen, in welchem Fluͤmers fuͤhlten, ſich in der Gunſt der Sanitaͤt⸗ offiziere ſo feſtgeſetzt zu haben, daß ſie Nicolas Verwendung nun nicht mehr bedurften, konnte er dem innern Grimme nicht laͤnger wehren. Er nahm die erſte Gelegenheit wahr, Klotilden auf jhre unverdiente widrige Stellung aufmerk⸗ ſam zu machen, entſchuldigte ſein unberufenes Einmiſchen mit ſeiner Theilnahme, mit ſeiner— 149 er ſprach das Wort zum erſten Male aus— mit ſeiner Liebe, und bat, ihm die Mittel zu nennen, ſie von der Verbindung mit dieſem Hau⸗ ſe loszumachen. Klotilde hoͤrte dem Strome ſeiner Eiferrede, der ſeinem edlen Herzen ſo heiß und lebendig entquoll, mit wohlgefaͤlliger Ruͤhrung zu; ſie ſah tief gebuͤckt vor ſich nieder, um die Thraͤnen vor ihm zu verbergen, die ihr ſtill uͤber die Wange hinab tropften. Seit des Vaters Tode hatte mit ſolchem freundlichen Antheil, mit ſolcher in⸗ nigen Sorglichkeit, mit ſolcher gutmuͤthigen Waͤrme, noch Niemand zu ihr geſprochen. Im ganzen Kreiſe ihrer Bekanntſchaft war Keiner, der die Verlaſſene geſchuͤtzt, Keiner, der ihr Rath und Huͤlfe bot. Wunderbare Fuͤgung! Der blutige Krieg, der unermeßliches Elend uͤber die Erde brachte, ſollte ihr, aus weiter Ferne, von den Kuͤſten des mittellaͤndiſchen Meeres her, den rettenden Freund zufuͤhren. Sie ſchuͤttelte, ohne aufzuſehen, den Kopf und ſagte unter ſanf⸗ tem Weinen leiſe: mir kann Niemand helfen. Da umſchlang Nicolas die Tiefgebeugte, und ſagte ernſt und bewegt, daß er das ſo nicht laͤn⸗ ger mit anſehen koͤnne. Er habe bereits an ſeine to Mutter geſchrieben, ihr ſein Herz entdeckt, und um das Gluͤck gebeten, Klotilden ihr als Tochter zuzufuͤhren. Von den Anſichten der Mutter duͤrfe er eine bejahende Antwort mit Gewißheit erwarten; noch beim Abſchied habe ſie halb im Scherz halb im Ernſt geſagt, daß er aus Deutſch⸗ land, wo die Maͤdchen unterrichteter, haͤuslicher und fleißiger waͤren, als in Frankreich, eine huͤbſche Frau mitbringen ſolle; in Klotilden habe er die Genuͤgung aller jener Erforderniſſe verei⸗ nigt gefunden; wolle Klotilde alſo, wie er, und glaube ſie an ihn, an ſeine Schwuͤre, ſo ſolle ſie dort, im muͤtterlichen Hauſe, Erſatz fuͤr die bis⸗ herigen Entbehrungen alles Lebensgenuſſes, und in ſeiner Liebe, in ſeiner Treue das Anerkennt⸗ niß ihres Liebreizes, ihres Werthes, ihrer Tu⸗ gend finden. Ich kann, ſchloß er tief bewegt, und die Augen ſtanden ihm voll Waſſer: leider Dich nicht ſelbſt in meine friedliche Heimath ge⸗ leiten; aber Du ſollſt dort in dem milden Klima, in der himmliſchen Gegend, in unſern Lorbeer⸗ und Myrthenhainen, im Schatten duftender Orangen, im lauſchigen Halbdunkel unſerer blaßgruͤnen Oliven⸗ und Mandel⸗Waͤlder, in unſerer, von Lavendel und Meliſſe balſamiſch 151 durchwuͤrzten Luft, und im Kreiſe guter Men⸗ ſchen, bald die Kraͤnkungen vergeſſen, mit wel⸗ chem Dich hier das Geſchick verfolgte; und kehre ich dann, nach wiederhergeſtelltem Weltfrieden, zuruͤck in mein herrliches Frankreich, und ich finde Dich dort an dem Ufer der Rhone, im Schooße meiner Familie, und ſie ſchmuͤcken Dir das Haar mit den ſchoͤnſten Kraͤnzen unſerer Myrthen— Klotilde— meine einzige, meine uͤber Alles geliebte Klotilde, meine heilige Mildwida von St. Saveur, ſage Ja, und der ſeligſte Menſch dieſes Erdenrundes liegt zu Dei⸗ nen Fuͤßen. Da ſank Klotilde froͤhlich weinend an ſein Herz, und der erſte Wechſel⸗Kuß der reinſten Liebe beſiegelte den ſchoͤnen Bund. In dieſem ſuͤßen Augenblicke, in dem das uͤberraſchte Maͤdchen nicht wußte, ob es wache oder traͤume; in dem die braͤutlichen Schauer ſchuͤchterner Befangenheit, Herz und Seele uͤber⸗ flogen; in dem die Phantaſie den Schwaͤrmen⸗ den die reizendſten Bilder der Zukunft, an den blumigen Geſtaden des mittellandiſchen Meeres, vorzauberte; in dem eins das andere fragte, wie das alles ſo ſonderbar komme, wie eins dem an⸗ 2 2 dern betheuerte, ihm gleich vom erſten Augen⸗ blicke an, mehr als gut geweſen zu ſeyn; in dem ſie unter Lachen und Scherzen zuruͤckgingen auf die fruͤhere launige Geſchichte ihrer Bekanntſchaft, wo der Rathsdiener Schnaͤpsler, den ſchlafenden Nicolas der erſchrockenen Klotilde als einen Tod⸗ ten praͤſentirt hatte; in dem ſie dieß alles ſich einander in froͤhlicher Unſchuld mittheilten, und tauſend Plaͤne ſchufen, und ſtatt der Kommata und Interpunctionen, die Rede, uͤber alle grammatikaliſche Gebuͤhr, mit Koſen und Kuͤſ⸗ ſen unterbrachen; in dieſem uͤberſeligen Augen⸗ blicke begannen Napoleons Trommeln, unter dem Fenſter der Gluͤcklichen, mit raſendem Wirbeln, den Generalmarſch zu ſchlagen, und an allen Ecken durchkreuzten eilige Trompeter mit verhaͤng⸗ tem Zuͤgel die Straßen, und blieſen Alarm. Was iſt das? fuhren beide erſchrocken auf, und flogen an das Fenſter; aus allen Haͤuſern ſtuͤrzten die Einquartirten mit Sack und Pack heraus; Alles jagte und lief zu den Sammelplaͤ⸗ tzen, und Nicolas ſprang geiſterbleich und athem⸗ los zum Marſchall.. Klotildens ſchoͤnſte Stunde des Lebens hatte geſchlagen. Nicolas kam in wenigen Minuten ——,„ r= ,ͤ ͤ—,„„=, — „8ß.»„ 153 n⸗ zuruͤck, und berichtete, daß Order zum ſchleunig⸗ m ſten Aufbruche eingetroffen ſey; er troͤſtete mit uf* gebrochenem Herzen die Verzagende; er betheuer⸗ ft, te von Neuem ihr ſeine treue Liebe bis zum To⸗ en de; verſprach poſttaͤglich zu ſchreiben; bat, wenn d⸗ Briefe an ihn eintreffen ſollten, ſie zu oͤffnen; ich beſchwor Klotilden, die Gelegenhit, die er fuͤr ſie nd zur Reiſe in ſein Vaterland eheſtens ausfindig ta zu machen hoffe, nicht zuruͤckzuweiſen, und ſtell⸗ ille te ſie, da eben Fluͤmers eintraten, um nach der uͤſ⸗ AUrſſache des ſchnellen Aufbruchs zu fragen, dieſen n⸗ zu ihrem groͤßten Erſtaunen, als ſeine verlobte em„. Braut vor, die er nach hoffentlich bald beendig⸗ In, tem Feldzuge, in dem Hauſe ſeiner Mutter zu len zu finden gedenke, um ſich dann dort im Kreiſe ag⸗ ſeiner Familie mit ihr auf immer zu verbinden. Klotilde hoͤrte von dem Allem kaum die Haͤlf⸗ uf, te. Ihr vom Schmerz der Trennung zerriſſenes ern Herz loͤſ'te ſich in die bitterſten Thraͤnen auf. ack Sie fuͤhlte jetzt erſt, mit welcher namenloſer lä⸗ Liebe ſie den ihr aus fremder Ferne Zugefuͤhrten m⸗ uumfaßte. Sie hatte ihm noch tauſend Dinge 8 zu ſagen, noch tauſend ihn zu fragen, und nun atte 1 ſollte er fort, jetzt im Augenblicke fort, dem ver⸗ haͤngnißvollen Geſchick des blutigen Krieges ent⸗ 154 gegen. Die letzte Minute ihres Beiſammenſeyns, vielleicht die allerletzte in ihrem Leben, konnte ſie nicht einmal allein mit ihm genießen. Fluͤmers, Adjutanten, Bedienten, Offiziere, Alles kam und rannte wider und uͤber einander, daß Bei⸗ de nicht zu ſich ſelbſt kommen konnten. Das Dun⸗ kel der truͤben Zukunft in der bangen Seele, die gluͤ⸗ hendſte reine Leidenſchaft im liebenden Herzen, lagen im ſchrecklichen Augenblicke des Scheidens beide einander in den Armen. Treue bis zum Tode, war Beider letztes Wort, und Klotilde ſank, als Nicolas vom Adjutanten des Marſchalls an den endlichen Aufbruch freundlich erinnert, ſich losriß und zum Hauſe hinaus ſchwankte, ohnmaͤchtig auf das Sopha nieder. Als ſie zuruͤck in das Leben kam, hatte Ni⸗ colas ſchon ſeinen fluͤchtigen Braunen unter ſich und die Thore der Stadt im Ruͤcken; ſein Bur⸗ ſche kam in geſtreckter Karriere zuruͤck, und brach⸗ te ihr vom Herrn den Schluͤſſel zum Buͤreau, den dieſer, vorgeblich aus Vergeßlichkeit, mitge⸗ nommen haͤtte, und viel tauſend herzliche Gruͤſſe. Klotilde oͤffnete das Buͤreau, in der Erwar⸗ tung, vielleicht einige Worte des Abſchieds von ihm darin zufinden. Die arme Getaͤuſchte! wo 155 konnte er, bei dieſem Draͤngen der Umſtaͤnde, an das Schreiben gedacht haben!— und doch— im letzten Schubfache rollte ihr eine ſaubergepack⸗ te anſehnliche Goldrolle entgegen, mit der Ueber⸗ ſchrift: Der geliebten Klotilde zur baldigen Reiſe in Nicolas Heimath. Nicht der gewichtige Inhalt der ſchweren Rol⸗ le war es, was Klotildens Schmerzgeſichtchen ein dankbares Laͤcheln abgewann,— denn Gold hat fuͤr die engelreine Liebe eines ſolchen Herzens keinen Werth, ſondern die zarte Weiſe, mit der er, mitten im Gedraͤnge der letzten Augenblicke, des Mittels gedacht hatte, ſie in den Schooß ſei⸗ ner Familie zu geleiten, und mit der er ſich der Verlegenheit uͤberhoben hatte, von Klotildens Dank beſchaͤmt zu werden. Ich will hoffen, und an ihn glauben, ſagte Klotilde leiſe vor ſich hin, und ſendete ihm der Kuͤſſe heimlichſte nach. Fluͤmers betrugen ſich gegen Klotilden ziem⸗ lich artig, denn ſie hoͤrten von den Beamten des noch in Rehburg zuruͤckgelaſſen Lazareths, daß Nicolas aus einer alten reichen Familie ſey, die im ganzen Departement der Rhonemuͤndungen wegen ihrer Rechtlichkeit und ihren Verbindungen in der Reſidenz, allgemein geachtet werde, und 156 daß Nicolas der kuͤnftige alleinige Erbe eines Vermoͤgens ſey, das faſt einem fuͤrſtlichen gleiche⸗ Bei Beaucaire und Arles laͤgen die Beſitzungen ſeiner Mutter, und von dem Ertrage der, in dieſen befindlichen Oliven⸗ und Mandelwaͤlder, und von dem dort wildwachſenden Ueberfluſſe an Centifolien, Myrthen, Meliſſe, Lorbeeren, Ros⸗ marin, Lavendel und Salbei, erzaͤhlten ſeine Landsleute ſo viel, daß Fluͤmer ſchon im Stil⸗ len ſich beim reichen Neffen Nicolas ausbedung, die Apotheke mit gedachten Artikeln unentgelt⸗ lich zu verſorgen. Zweimal erhielt Klotilde von dem Geliebten Briefe. Beide waren der Erguß ſeiner Sehn⸗ ſucht; beide verriethen die bange Beſorgniß uͤber die Ewigkeit, in der er ſie nicht wieder ſehen wer⸗ de, und beſonders war die Sprache im letzten ſo weich und duͤſter, daß er Klotilden, ſo oft ſie ihn las, die heißeſten Thraͤnchen koſtete. Es koͤn⸗ nen Jahre vergehen, ſchrieb er unter andern: ehe unſer Gluͤcksſtern uns wieder zuſammen fuͤhrt. Klotilde, meine einzige Klotilde, mein deutſches, treues Maͤdchen, Du haſt geſchworen, mein zu ſeyn, bis zum Tode; aber darf ich denn wagen, dieß zu glauben? War es nicht ein — 157 Wort der Uebereilung? durfte ich es denn for⸗ dern? darf ich denn zuͤrnen, darf ich Dich denn meineidig nennen, wenn Du es brichſt? We⸗ nige Monate kannten wir uns, und Du ſollſt mir fuͤr das ganze Leben angehoͤren? Ich wohl, ich werde Dein bleiben, bis in alle Ewigkeit; aber ſo kannſt Du mich auch nicht lieben, als ich Dich! Ich denke nichts, als Dich. Ich ſehe, ich hoͤre nichts, als Dich; ich traͤume von Nichts, als von Dir. Ich wiederhole mir jedes Deiner Worte. Ich lebe nur in Dir. Leben und Welr ſind mir ohne Dich nicht denkbar Ich moͤchte Dir zehntauſendmal hinſchreiben: ich liebe Dich; ich moͤchte es Dir mit meinem Blute hinſchrei⸗ ben! aber Du weißt es ja! Ach nein, Du weißt es nicht, Du kannſt es nicht wiſſen! Mit der ſchwarzen bitterſauern Dinte, mit einer elenden Feder ſoll ich Dir ſagen! ach, warum nicht mit einem Blicke? warum nicht mit einem Kuſſe. Klotilde— warum nicht?— Hat denn ſchon Einer nach mir auf Deinem Stuͤbchen gewohnt? liebe Tilde! um Gotteswillen nicht! Sag deinem Onkel, er ſolle Schwefelleber machen, Tag und Nacht, und tauſendmal mehr als damals, da er mich mit ſeinem Peſtilenz⸗Weihrauch wegbannen wollte. Gott— ich kann noch ſcherzen, und das Herz blutet mir, und die Augen ſtehen voll Waſſer.— Von der Mutter habe ich noch kei⸗ ne Antwort. Das aͤngſtigt mich— nicht weil ich an ihrer Einwilligung zweifle, denn deren bin ich, nach dem, was ich ihr uͤber Dich ſchrieb, im Voraus voͤllig gewiß, ſondern weil ich fuͤr ihre Geſundheit fuͤrchte. Meine gute, meine herr⸗ liche Mutter! ihre bange Bekuͤmmerniß um mich truͤbt ihr jede Stunde, und ich bin ſo gluͤcklich und ſo elend! O— Allmaͤchtiger, ſende aus Deinem Himmel den Engel Deines Friedens auf die blut⸗ und thraͤnenbedeckte Erde— dann Klo⸗ tilde, meine einzige, mit deutſcher Treue geliebte Klotilde, dann ſegnen uns, Deinem Ebenbilde der heiligen Mildwida von St. Saveur gegen⸗ uͤber, meine Mutter und die Kirche zu dem Bun⸗ ein, den nichts, auch ſelbſt der Tod nicht tren⸗ nen ſoll. Mit Gelegenheit eines Kouriers, den Klo⸗ tilde kannte, und der eben durchging, um dem Marſchall Depeſchen zu uͤberbringen, befoͤrderte ſie einige Zeilen an Nicolas. Mein einziger, mein innig geliebter Freund, ſchrieb ſie unter andern: Du thuſt mir wehe, wenn Du an mir — 159 zweifelſt. Du biſt ja mein Alles. Nur durch Dich hat bas aͤrmliche Leben mir neue Reize ge⸗ wonnen. Ich klage nicht uͤber die tauſend Hin⸗ derniſſe, die der Erreichung unſers Ziels im We⸗ ge liegen; gerade dieſe ſind mir Buͤrge, daß mir das Gluͤck werden wird, Dich dereinſt mein nen⸗ nen zu koͤnnen. Du biſt mir das Hoͤchſte meines Lebens, und wer das Hoͤchſte erringen will, muß, das liegt ja in der Natur der Sache, mit man⸗ cher Schwierigkeit kaͤmpfen, ehe er den erſehn⸗ ten Gipfel erklimmt. Ich weine wohl, wenn ich allein bin, und haͤrme mich, daß Du fern biſt, und nicht dicht neben mir in meinem lie⸗ ben Schmollſtuͤbchen, wo Dir immer ſo be⸗ haglich war; aber jetzt, in dem ſeligen Augen⸗ blicke, wo ich die lieben Schriftzuͤge Deiner Hand vor mir liegen habe, wo ich mit Dir plaudere, kann ich nur froͤhlich ſeyn, daß mir wenigſtens das Gluͤck geblieben iſt, durch die Fe⸗ der, die weiter reicht, als das beßte Sprachrohr, mit Dir in vertrauter Beziehung zu bleiben. Rings um mich liegen lauter Buͤcher uͤber Frank⸗ reich. Ich bin ſchon in Deinem Vaterlande zu Hauſe, als waͤr' ich darin geboren; und freilich, wenn ich an die blumenbedeckten Ufer Deiner Rhone, und an Eure Mandel⸗ und Olivenwaͤl⸗ der denke, wollen mir unſer Kalmus und unſer Sumpfporſt am Muͤhlbache, und die duͤrren Kiefern des Finſterberger Stadt⸗Forſtes nicht mehr gefallen; dorthin zieht es mich mit der ſuͤßen Gewalt der Liebe; dort, und nur dort gruͤnen die Saaten meiner gluͤcklichen Hoff⸗ nungen. Wenige Tage nach Empfang dieſes Briefes hoͤrte Klotilde mit klopfendem Herzen von einer bedeutenden Schlacht, in der das Corps, bei dem Nicolas ſtand, total geſchlagen, und bei dieſer Gelegenheit die ganze Kriegskaſſe erbeu⸗ tet ſey. Die ganze Stadt, in der wenig Einquartie⸗ rung ſich noch befand, uͤberließ ſich dem laute⸗ ſten Jubel, und die Patrioten benutzten die Ver⸗ anlaſſung, ſich dieſen Abend im Fluͤmerſchen Pipſtuͤbchen etwas zu Gute zu thun. Einer wußte immer mehr als der andere zu erzaͤhlen und der letzte hatte ſeine Neuigkeiten noch u aufgetiſcht, als ſchon die ganze feindliche Arme. dermaßen zuſammengeſchoſſen war, daß ſich auch nicht Ein Mann mit dem Leben hatte retten koͤnnen, Klotilde verlor den Athem aus der bei beu⸗ artie⸗ aute⸗ Ver⸗ ſchen Einer hlen t rme. auch etten 3 der 161 Bruſt. Sie ſollte ſich mit freuen, mit anſtoßen auf Tod und Verderben aller Franzoſen! Der Sextus kam, und brachte, außer ſich vor Luſt und Seligkeit uͤber die erquicklichen Anzeichen vom ſchlechten Stande des franzoͤſiſchen Kriegs⸗ gluͤcks, Fluͤmern die Todespoſt, daß das Reh⸗ burger Lazareth uͤber Hals und Kopf evacuirt werde. Morgen, rief er, und ſtuͤrzte ein Glas Dreimaͤnnerwein in die heiſere Kehle, als ſey es der ſuͤßeſte Nektar: morgen feiern wir das Sie⸗ gesfeſt; ich habe ſchon mit dem Buͤrgermeiſter Alles beſprochen. Punkt acht Uhr zieht die gan⸗ ze Stadt vom Rathhauſe in die Kirche; auf bei⸗ den Thuͤrmen Trompeten und Pauken. Ich fuͤhre den Zug; vorn die Schule; dann alle Jungfrauen der Stadt; dann die loͤblichen Gil⸗ den und Buͤrger, hinter dieſen die Frauen; zu⸗ lett der Magiſtrat, von den Honoratioren beglei⸗ tet; vorn und hinten die Schuͤtzen; Alles ge⸗ ſchmuͤckt mit Eichenzweigen, woran ſich Eicheln befinden, denn dieſe deuten auf die Frucht un⸗ ſerer Opfer.— Der anweſende Stadtfoͤrſter aͤußerte ſich zwar ſehr heftig gegen den Schluß dieſes Vorſchlags, und ſchob die Beduͤrftigkeit der Kaͤmmereikaſſe vor, die den hieraus offenbar 11 162 entſtehenden Ausfall der Maſtnutzung gegenwaͤr⸗ tig nicht vertragen koͤnne; doch der Sextus rief im gluͤhenden Eifer: was Eichelmaſt, was Schweine; wir ſind auch mager geworden und haben gehungert; der Henker wird das liebe Schwarzvieh nicht holen, wenn es dießmal auf den deutſchen Siegesſchmuck verzichtet. Waͤh⸗ rend des Triumphzugs laſſe ich raͤuchern; die ganze Prozeſſion muß in einem Qualme von Wohlgeruͤchen die Straßen entlang ſchwanken. Fluͤmerchen, Ihr liefert den Weihrauch wohl gratis. Bei Rehburg habt Ihr redlich verdient; das bischen Wachholderbeere und Maſtix wird Euch ja den Hals nicht gleich koſten, und Sie, fuhr er zu Klotilden ſich wendend fort: Sie, meine ſtolze Siegwurzel,*) Sie ſollen meine Triumphatrix, meine Victoria machen. Einen Lorbeerkranz im goldgelockten Haar, einen Palmzweig in der Hand, mit Fluͤgeln angethan, und in weißem weitfaltigen Gewande, ſo ſtell⸗ ten die Griechen ihre Nike dar, und ſo ſollſt Du, goͤtterſchoͤne Tochter der Titanen, Pallas und der Styx, traute Schweſter des Zelos und Kratos 1) Allium Victorialis. genwaͤr⸗ us rief „ was en und 8 liebe nal auf Waͤh⸗ 1; die ie von anken. wohl rient; wird Sie, Sie, meine Einen einen tthan, ſtell⸗ Du, d der ratos und der Bia,*) morgen, im Feſtzuge, von zwei Brauknechten und zwei Schneidergeſellen, hoch uͤber dem Volke getragen werden. Inzwi⸗ ſchen wird, was an Halbgeneſenen allhier zu⸗ ruͤckgeblieben iſt, unter der Hand, von ſichern Leuten in den ſtillen Orkus befoͤrdert, und wir ſingen im Tempel Te Deum laudamus. Ein Trupp von zwanzig Huſaren, der die⸗ ſen Abend ſpaͤt, zufaͤllig in Finſterberg eintraf, rettete, ohne ſeine Großthat zu ahnen, dem, mit der ſchmaͤhlichſten Kuͤrzung bedrohten Schwarzvieh ſeine Eicheln, Fluͤmern ſeinen Wachholder und Maſtix, den Halbgeneſenen aber das Leben, und uͤberhob Klotilden der wid⸗ rigen Rolle der Siegesgoͤttin. Kein Menſch in der ganzen Stadt that, als ſey ihm nur im Ent⸗ fernteſten der Gedanke eines Triumphmarſches in den Sinn gekommen, und ſtatt des getraͤum⸗ tes Freudenjubels, herrſchte auf allen Straßen eine ſolche oͤde Stille, daß Fluͤmer in der Trauer uͤber den Verluſt ſeiner braſilianiſchen Goldgrube, ſeines Rehburger Lazareths, und die arme Klo⸗ 1) Des Muthes, der Staͤrke und der Gewalt. 11* ———— 164 tilde, in ihrer bangen Beſorgniß um Nicolas, dußch nichts geſtoͤrt wurden. Bei dem ſehr bedeutenden Vermoͤgen, das Fluͤmer durch ſeine Weiſe, die Lazarethunter⸗ nehmung zu benutzen, in wenigen Monaten zu⸗ ſammengeſchlagen hatte, konnte es an Neidern nicht fehlen; man nannte ihn laut und heimlich einen Franzoſenanhaͤnger, einen Landesverraͤther, einen Blauangelaufenen; indeſſen, er ſchimpfte, ſobald er merkte, daß der Wind ſich drehte, wie ein Rohrſperling auf die Hallunken, die ihm den Betrag der in der letzten Woche gelieferten Arznei nicht bezahlt haͤtten; betheuerte, daß er nur ge⸗ than, als ob er es mit ihnen hielte, um den Lazarethbuͤrgern die noͤthigen Schlaftraͤnkchen ge⸗ hoͤrig beibringen zu koͤnnen, log mit dreiſter Stirne, daß er mehr geliefert habe, als man⸗ cher General im offenen Felde, und gewann damit ſo ziemlich wieder das Vertrauen ſeiner Mitbuͤrger. Deſto empfindlicher mußte Klotilde buͤßen. Das trauliche Verhaͤltniß, was zwiſchen ihr und Nicolas obgewaltet hatte, war nicht unbemerkt ge⸗ blieben; Fluͤmers Plauderſucht hatte dem und jenem, unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, colas, das unter⸗ n zu⸗ idern mlich ither, pfte, wie den rznei r ge⸗ den nge⸗ eiſter nan⸗ ann einer ßen. und ge⸗ und eit, 165 das Geheimniß, daß Klotilde die foͤrmlich erklar⸗ te Braut des reichen Nicolas ſey, verlautbart; dieſe und jene hatten die intereſſante Neuigkeit, natuͤrlich allemal unter dem Siegel der Verſchwie⸗ genheit, weiter verbreitet, und ſo war Klotildens Allerheiligſtes in wenigen Tagen ſtadtkundig⸗ Vielleicht,— gewiß haͤtte in Klotildens Lage, keine der Finſterberger Schoͤnen, dem liebens⸗ wuͤrdigen Nicolas gegenuͤber, anders gehandelt; aber die Mißgunſt, der Neid, die Eiferſucht ſpritzten jetzt in vollem Maaße ihr Gift uͤber das ungluͤckliche Maͤdchen. Alle verdammten es ein⸗ muͤthiglich, und der Patriotismus mußte das Bollwerk ſeyn, aus dem ſie die Vertheidigung⸗ loſe mit den gluͤhenden Kugeln des Sportes und der Verachtung, ohne Schonung bewarfen⸗ Man hoͤhnte ſie hinter ihrem Ruͤcken mit dem Spitznamen der franzoͤſiſchen Mamſell; ſtichelte in ihrer Gegenwart auf Maͤdchen der luͤderlich⸗ ſten Klaſſe, die den Franzoſen nachgelaufen wa⸗ ren; aͤrgerte ſie abſichtlich mit bald wahren bald erdichteten Geſchichten der ſchaͤndlichſten vom Fein⸗ de begangenen Greuelthaten, und quaͤlte ſie— alles im Wahne, dadurch einen Beweis ſeines Patriotismus zu geben,— auf ſo mannichfal⸗ 166 tig haͤmiſche Weiſe, daß ſie jedesmal weinend nach Hauſe kam, und ſich jetzt das Verſprechen abgewann, in die Kreiſe dieſer Menſchen, die ſich mit berechneter Bosheit ein wahres Vergnuͤ⸗ gen daraus machten, ſie vor der ganzen Stadt herabzuwuͤrdigen, keinen Fuß wieder ſetzen zu wollen. Mit Todesangſt griff ſie jetzt jedesmal nach den Zeitungen, denn die ſeit der juͤngſten Zeit einlaufenden verkuͤndeten eine Niederlage des Feindes nach der andern; in jeder Schlacht wa⸗ ren mehrere Tauſende geblieben. Konnte— mußte Nicolas, wenn er auch aus jener erſten ſich gerettet hatte, nicht jetzt ein Opfer des To⸗ des geworden ſeyn! Er gehoͤrte zwar nicht zu den Combattanten ſelbſt, aber ſie hatte in dem Buͤlletin uͤber jene erſte Schlacht, mit blutendem Herzen leſen muͤſſen, daß dabei die Kriegskaſſe genommen, und deren Bedeckung in die Pfanne gehauen war! Dort lag wieder das neueſte, dieſen Abend erſt angekommene Blatt auf dem Tiſche; es war ihr ſo angſt, ſo bange, daß ſie nicht wußte, ob ſie es aufnehmen oder liegen laſſen ſolle. Sie griff darnach,— ein fluͤchti⸗ ger Blick— ſie entfaͤrbte ſich— ein zweiter 167 auf die Ungluͤckszeilen, und der Schlag des Schreckens fuhr ihr durch alle Glieder.— Oh⸗ ne ein Wort uͤber die Lippen bringen zu koͤnnen, rang ſie die Haͤnde gen Himmel; der ſchmerzlich durchkrampften Bruſt verſagten alle Pulſe; ſie ſank halb todt in das Sopha. Der Brief, der un⸗ ſelige Brief, den ſie zuletzt an Nicolas geſchrieben, ſtand in der Zeitung woͤrtlich abgedruckt. Der Kourier, dem ſie ihn anvertraute, war von einem Streifcorps aufgefangen worden, und der Chef deſſelben hatte, um die Verworfenheit mancher deutſchen Maͤdchen und Frauen, die mit Verleugnung alles Vaterlandgefuͤhls, ihr Herz dem Feinde ſchenkten, in ihr gehoͤriges Licht zu ſtellen, und andere von dergleichen Frevel abzu⸗ ſchrecken, nichts angelegentlicheres zu thun ge⸗ habt, als dieſes Schreiben, nebſt einigen aͤhnli⸗ chen Liebesbriefchen, die ſich, zur gefaͤlligen Wei⸗ terbefoͤrderung an die Geliebten im feindlichen Heere, bei dem Kourier vorgefunden hatten, in der Zeitung der Reſidenz, mit den ſchaͤrfſten No⸗ ten begleitet, abdrucken zu laſſen. Klotildens Unterſchrift, und die Erwaͤhnung des Finſterber⸗ ger Stadtforſtes, ließen uͤber ⸗die Identitaͤt der Briefſtellerin keinen Zweifel uͤbrig. Sie war 168 vor ganz Deutſchland, vor der ganzen, mit Frankreich im Kriege begriffenen Welt, an den Pranger geſtellt. Noch hielt der Krampf der todtenaͤhnlichen Ohnmacht die Ungluͤckliche feſt, als Sabine, des Poſtmeiſters Tochter, das Zei⸗ tungblatt in der Hand, auf das Zimmer ſtuͤrzte, und ſie mit den grauſamſten Vorwuͤrfen weckte. Um Gottes Willen, ſchrie ſie der Erwachenden entgegen, und ſchlug auf das unſelige Papier: was iſt das? Man hat lange ſchon in der Stadt davon geſprochen, und Fluͤmers ſelbſt ließen dar⸗ uͤber ſich wunderlich vernehmen; aber, eben weil ich die Stadt und Fluͤmers kenne, nahm ich das Alles fuͤr bodenloſes Geſchwaͤtz.— Doch hier— hier iſt Dein eige nes Bekenntniß! Du biſt ver⸗ loren! Verfallen biſt Du dem Geſpoͤtte der Leicht⸗ ſinnigen, der Verachtung der Rechtlichen, dem Haſſe der Partheiwuth! Klotilde, Du haſt Dein eigenes Urtheil Dir geſprochen! Dreifacher Fluch — haſt Du vor uns Allen laut geſprochen, und Deine Rechte dazu gen Himmel gehoben— drei⸗ facher Fluch ſolle jede treffen, und ſie verfolgen durch das ganze Leben bis zum Grabe, die ihr Herz zu Einem her feindlichen Heerſchaaren wen⸗ de!— Klotilde, des Meineides ſchreckliche Fol⸗ 169 gen ſind unausbleiblich. Du haſt Dich ſelbſt verflucht! Du gehoͤrſt den Maͤchten der Hölle. Ich wende mich weg von Dir— alle Gemein⸗ ſchaft ſey zwiſchen uns aufgehoben! Geh Dei⸗ nen dunkeln Weg, ſein Ende heißt Verzweiflung! Und wenn ſelbſt der Buhle Deines vom Satan umſtrickten Herzens, ſeinen National⸗Flatterſinn baͤndigte, und Dich nicht vergaͤße, und Dich an die, von Dir geprieſenen Blumenufer ſeiner Rho⸗ ne fuͤhrte, der Friede Deiner Seele wird Dich dahin nie begleiten. Ein Grab in deutſcher Er⸗ de, ſtill beſchattet von unſern verſchmaͤhten Kie⸗ fern, iſt bei Gott mir lieber, als der ſchoͤnſte Feenpalaſt in Deinen Olivenhainen; denn, wo Du auch ſeyn magſt, die Schmach und die Schande, das boͤſe Gewiſſen und der Fluch des Landverrathes, haͤngen ſich, wie Furienkletten uͤberall an Dich, und zuͤndeteſt Du in Deinem wonnevollen Frankreich auch tauſend Sonnen an, in Dir wird es immer finſter ſeyn. Nur der Tod iſt Dein Freund, und den wuͤnſche ich Dir lieber heute als morgen! Nur der Tod iſt mein Freund? fragte Klo⸗ tilde vernichtet, und ſchoß einen dunkeln Blick auf die Schonungloſe. 170 Ihr ſprecht mein Urtheil, ohne mich zu hoͤ⸗ ren, Gott wird mich richten! er iſt milder als die Menſchen. Das Schickſal hat mir Alles ge⸗ nommen! ich habe entbehren, ich habe tragen ge⸗ lernt! Ich hatte nichts, als meinen guten Na⸗ men! Auch den wollt Ihr mir nicht laſſen.— Was ſoll ich unter Euch! Der Vater im Him⸗ mel wird in ſeiner unermeßlichen Gnade mich nicht verſtoßen, wenn ich den Schritt thue, zu dem Ihr mich zwingt. Thue den Schritt, mein Kind, ſagte Sabi⸗ ne mit kaltem Spott: laufe Inach Frankreich, hier kannſt, hier darfſt Du nicht bleiben. Nein, ich kann nicht bleiben, rief Klotilde ſchmerzlich, und brach in einen Strom von Thraͤ⸗ nen aus. Doch, wohin Du meinſt, geht mein Weg nicht.— Sehr richtig, fiel Sabine ihr hohnlaͤchelnd in das Wort: lieber dem Herzallerliebſten nach; im Felde lebt es ſich froͤhlich und guter Dinge, und waͤhrend wir am Kummertuche nagen, ſchwelgſt Du im Mark Deines ausgeſogenen Va⸗ terlandes mit Deiner großen Nation um die Wette. Sabine!— Gott verzeihe Dir und Euch ——y— 171 Allen, ſagte Klotilde und hob das naſſe Auge zum Himmel. Du ſollſt in der letzten Stunde unſers Beiſammenſeyns kein boͤſes Wort von mir hoͤren.— Du machſt mir den Abſchied leicht, und darum danke ich dem, ohne den nichts geſchieht, daß er Dich mir geſandt hat. Du haſt mich in den Staub treten wollen, und ich bin von Dir aufgerichtet, geſtaͤrkt worden, in dem Vorſatze des herben Scheidens. Sollten wir uns nicht wieder ſehen, Sabine, ſo denke an dieſe Stunde. Vieleeicht faͤllt einmal die Binde der Verblendung von Deinem Auge, und Du— Was ſind das, ſtuͤrzte der Onkel Fluͤmer jetzt in das Zimmer: fuͤr verfluchte Strei⸗ che! Kommt einer nach dem andern unten in die Weinſtube, und Alle bringen das infame Zeitungblatt, und gratuliren mir zum franzoͤſi⸗ ſchen Herrn Vetter! Biſt Du denn ganz von Sinnen? Keine Woche darfſt Du mir laͤnger im Hauſe bleiben. Das ganze Gerede in der Stadt, daß ich blau angelaufen waͤre, haben wir, wie ich nun ſehe, einzig und allein Dir zu danken; freilich nehme ich es jetzt den Leuten nicht uͤbel, wenn ſie geſagt haben, Fluͤmers ſind franzoͤſiſch. 172 J, ſo ſchlage doch der heilige Kreuz⸗Donnerſtag in die ganze franzoͤſiſche Paſtete. Ich bin nicht Dein Onkel mehr! Meine Frau nicht mehr Dei⸗ ne Tante. Was haben wir an dem Maͤdchen nicht alles gethan. Wie ein Apfel im Auge ha⸗ ben wir es gehalten! Und das iſt nun Dein Dank dafuͤr? Wenn ich nun noch an den Gene⸗ ralſuperintendenten in der Reſidenz denke! Der Vater hat dem Maͤdchen einen Schatz hinterlaſ⸗ ſen, ſagten Sr. Hochwuͤrden— daß Du das Wetter kriegſt mit dem Schatze! In Deinem Blute muß der Reichthum ſtecken, ſonſt haͤtteſt Du nicht ſolche verruͤckte Streiche machen koͤn⸗ nen. Die Frau Mutter ſelig war accurat ſo; die hat dem Papa Kammerrath ihre Lebtage auch die Peruͤcke heiß gemacht. Nein, mein Toͤchter⸗ chen; daß paßt fuͤr mein Haus nicht! Lauf in Dein franzoͤſiſches Frankreich ſo tief hinein, als Du willſt; klettere auf Deine Mandelbaͤume, ſo hoch Du willſt, lege Dich auf Deine Lavendel⸗ wieſen, ſo lang Du willſt; nur mache, daß Du hier bald fortkommſt. In acht Tagen koͤnnen Deine ſieben Sachen alle in Ordnung ſeyn, und dann ſage der Stadt Ade, die gleichnißweiſe zu reden, in ihren verſchimpfirten Kieferforſten, 173 Gott ſey Dank, keinen einzigen ſo raupenfraͤßi gen Baum aufzuweiſen hat, als Dich. Ich werde noch eher gehen, ſagte die Ver⸗ ſtoßene mit gebrochener Stimme, und weinte laut.— Deſto beſſer, fiel ihr der Oheim trotzig und kLalt in das Wort, meinte, daß, ſo lange ſie noch hier waͤre, er die undeutſche Landesverraͤthe⸗ rin gar nicht ſehen moͤge, und ſie daher ihr Eſſen auf ihr Zimmer bekommen ſolle, und ging mit Sabinen, unter Toben und Schimpfen zur Stu⸗ be hinaus. Klotilde warf den Mantel um, und ſchlich ſich aus dem Hauſe; als ſie uͤber die Schwelle trat, lispelte ſie leiſe: nie wieder zuruͤck, und warf im Voruͤbereilen den Schmerzensblick der ewi⸗ gen Scheidung auf die Stelle, auf der ſie den Geliebten des blutenden Herzens, in jener Mit⸗ ternacht, halb erſtarrt gefunden hatte. Der Abend war dunkel und truͤbe. Kein Stern am Himmel. Die verweinten Augen brannten ihr im gluͤ⸗ henden Kopfe, und die Schauer des Todes rie⸗ ſelten eiſig ihr durch Blut und Mark. Sie eilte unbemerkt durch Thor und Vorſtadt, — 174 die einſame Heerſtraße entlang. Tauſend Schrit⸗ te hatte ſie noch, bis zu der Galgen⸗Bruͤcke, die uͤber den reißenden Strom fuͤhrte. Dort war ihr Ziel, dort das Ende ihrer Schmach, ihres Jammers. Rundum alles oͤde und leer; kein lebendes Weſen regte ſich; der Abendhimmel war truͤbe und wolkig; und hohl rauſchte der Wind in den Wipfeln des finſtern Nadelwaldes. Zweimal ging ſie dicht an das Ufer; aber beide Stellen waren ihr zu ſeicht. Von der Bruͤcke mitten in die Tiefe hinab mußte der raſche Sturz geſchehen, wenn das grauſende Werk gelingen ſollte. Sie ging daher vom Ufer zuruͤck auf die Bruͤcke, und bog ſich uͤber das Gelaͤnder, und ſtierte einige ſchreckliche Augenblicke hinunter in die eiligen Fluthen. Es zog ſie, wie mit magi⸗ ſchen Ketten hinab in die heimliche Tiefe. Kei⸗ ne Thraͤne netzte ihr brennendes Auge; die Pulſe ſtockten fieberhaft,— das naſſe Grab zu ihren Fuͤßen,— ein Sprung der Verzweiflung, und die mitleidigen Wellen nahmen die Geaͤchtete in ihre ſchweigende Arme. Sie kniete nieder, um unter dem Bruͤcken⸗ Gelaͤnder, in den Strom hinabzugleiten— da ſchl Da⸗ las dritt getr zuſe men gloch bliel kein Kon cher der Unſt entg ſich Deit gehoͤ fen, Reice ten dem aber, ruͤcke, twar ihres endes truͤbe nden imal tellen n in ehen, f die und er in nagi⸗ Kei⸗ dulſe hren und e in ken⸗ da ſchlug es in der Stadt drei Viertel auf acht! Das war die ſelige Stunde, in der ſonſt Nico⸗ las puͤnktlich mit dem allemal laͤngſt erſehnten dritten Schlage, jeden Abend in ihr Zimmer getreten war, um ſeinen Sprachunterricht fort⸗ zuſetzen, um mit ihr zu koſen, mit ihr zu traͤu⸗ men von dem Zauber der Zukunft. Die drei wohlbekannten Schlaͤge der Thurm⸗ giocke trafen wunderbar Klotildens Herz. Sie blieb auf ihren Knieen liegen, denn ſie hatte keine Kraft mehr, ſich aufrecht zu erhalten. Kommſt Du mein Freund? fragte ſie mit wei⸗ cher leiſer Stimme hinaus in das ſtille Dunkel der heraufdaͤmmerden Nacht, und rang dem Unſichtbaren die krampfhaft zitternden Haͤnde entgegen, und die ſchwer belaſtete Bruſt loͤſ'te ſich in ſchmerzliche Thraͤnen auf. Haſt Du in Deinem kalten fremden Grabe die drei Schlaͤge gehoͤrt, die Dich ſonſt an mein treues Herz rie⸗ fen, und die jetzt meine letzte Stunde ſchlugen? Reich mir Deine Hand aus Deinem unbekann⸗ ten Lande heruͤber, mein Trauter, daß ich auf dem grauenvollen Schritte nicht ſtrauchele. Du aber, Allerbarmer im Himmel, gehe nicht mit mir vor Gericht. Mir war Uebermenſchliches — 176 aufgebuͤrdet— Keine liebende Seele auf dieſer Welt; ſchuldlos geaͤchtet, verſtoßen, verbannt, ohne Liebe und Ehre, ohne Hoffnung, ohne Zukunft—— hinab mit dem ſchmachbedeckten, elenden Leben—. Sie buͤckte ſich jetzt in der Wuth der bitter⸗ ſten Verzweiflung raſch unter das Gelaͤnder, ſchickte ſich zu dem Todesſprunge an, und rief, die Haͤnde in einander geballt, die Augen ge⸗ ſchloſſen, ſich ermuthigend, das Selbſteomman⸗ do laut zu: eins, zwei, dr—— Wer iſt das, bruͤllte eine donnernde Baß⸗ ſtimme, und packte mit einem Rieſengriff die dem Leben Enteilende. Klotilde erbebte, warf einen Blick hinter ſich, gewahrte einen baumſtarken ſchwarzen Mann, wollte ſchreien, hatte aber vor Schreck, Sprache und Beſinnung verloren, und ſchloß das erſtar⸗ rende Auge.—— Nach laͤnger denn zehn Minuten kehrte ſie endlich in das freudenleere Leben zuruͤck; ihr erſter Blick fiel auf zwei La⸗ ternen, die ihr in das Geſicht blendeten, und auf drei fremde Menſchen, von denen einer wilder als der andere ausſah. Von Neuem erbebt, ſank ſie wieder kraftlos dieſer bannt, ohne eckten, bitter⸗ aͤnder, d rief, in ge⸗ man⸗ Baß⸗ ff die ſich, kann, prache rſtar⸗ zehn nleere i La⸗ und einer ftlos 177 in die vorige Betaͤubung zuruͤck, und nur erſt das Ruͤtteln des Wagens, in den man ſie ge⸗ hoben hatte, brachte ſie allmaͤhlig wieder zu ſich. Der unwillkommene Mann, der ihrem grauſenden Schritte ſich entgegengeſtellt hatte, ſaß neben ihr, und ſchien mit ſorglicher Theil⸗ nahme ihre endliche Ruͤckkehr in das Leben wahrzunehmen. Taͤuſchten ſie nicht ihre noch halb zerſtoͤrten Sinne, ſo hatte er ſie bei ihrem Namen genannt. Die Laternen warfen ſo viel Licht in den Wagen, daß ſie ſeine Geſtalt, ſein Geſicht ziemlich deutlich ſehen konnte; aber in dem jetzigen Augenblicke der tiefſten Zerruͤttung ihres Innern konnte ſie ſich ſeiner platterdings nicht deutlich erinnern; das Haar ſtarr und ſtrup⸗ pig; die Kleidung, nicht ſchwarz, wie ſie im er⸗ ſten Augenblicke wollte bemerkt haben, ſondern dunkelgruͤn; den linken Arm in einer Binde; in den Augen ein duͤſtres wildes Feuerblitzen; die gebliche Haut mit Blatternarben bedeckt. Iſt Ihnen jetzt etwas beſſer? fragte er mit zarter Schonung, und deutete dadurch feiner Wei⸗ ſe darauf hin, daß er den Umſtand, ſie auf der Bruͤcke gefunden zu haben, blos fuͤr eine ſie uͤber⸗ fallene Unpaͤßlichkeit gehalten wiſſen wolle, 12 178 Sie entgegnete ein kaum vernehmbares Ja, und als er ſeine Vermuthung aͤußerte, daß ſie wahrſcheinlich in Finſterberge wohne, und ſie er⸗ ſuchte, ihm ihre Wohnung zu nennen, um ſie dahin bringen zu koͤnnen, bat ſie, den Wagen halten zu laſſen, denn ſie befanden ſich eben vor dem Fluͤmerſchen Hauſe. Der Fremde hob ſie mit ſeinem Bedienten und dem Vorſpaͤnner her⸗ aus, geleitete ſie bis zur Hausthuͤr, oͤffnete die⸗ ſe, wuͤnſchte baldige Wiederherſtellung von dem erlittenen kleinen Begegniſſe, und eilte in ſeinen Wagen zuruͤck, ohne von der Geretteten einen Dank oder nur einen freundlichen Blick zu erhalten. Fluͤmers ahneten von dem Begebniſſe kein Wort; ſie wußten kaum, daß Klotilde ausgegan⸗ gen war. Dieſe eilte aber unbemerkt auf ihr Zimmer, und hier erſt ergoß ſich das tauſendfach gefolterte Herz in den heißeſten Thraͤnen. Die Laſt des Gewiſſens, die Hand der Vorſehung, die ſie wunderbar vom Verbrechen gegen ſich ſelbſt rettete, druͤckte ſie zu Boden. Sie wollte beten, aber ſie konnte nicht. Die Schuldbelaſtete vermochte nicht, das Auge zu dem zu erheben, dem ſie mit ſchwacher Hand in die Raͤder ſeines unerforſchlichen Schickſals zu greifen eigenmaͤchtig gewagt hatte. rres Ja, daß ſie ſie er⸗ um ſie Wagen ben vor hob ſie er her⸗ ete die⸗ n dem ſeinen Dank en. e kein gegan⸗ uf ihr ndfach Die 9, die ſelbſt beten, nochte e mit lichen tte. 179 Sie fand keinen Troſt in ſich; der Glaube an ihr beſſeres Selbſt ſchien fuͤr ſie verloren; der Sturm der Verzweiflung hatte ſich in ihr gelegt; nur das dunkle Gefuͤhl, Gott durch irgend ein Opfer verſoͤhnen zu muͤſſen, ſchwebte ihr vor der duͤſtern Seele, ohne daß ſie ſich dieſer Idee ſelbſt deutlich bewußt war. Es baute ſich in ihrer Phan⸗ taſie ein Syſtem zuſammen, dem ungefaͤhr gleich, was in der grauen Vorzeit, mancher Gefallenen der Grundſtein der Kloͤſter und ſogenannter from⸗ men Stiftungen ward. Sie ſehnte ſich, an der Barmherzigkeit des Ewigen verzagend, etwas Großes zu thun, was ihr ſeine Liebe wieder ge⸗ winnen koͤnnte. Da klopfte es leiſe an der Thuͤr, und die jun⸗ ge, ſchoͤne Muͤlenau trat ein, freundlich wie der Engel des himmliſchen Friedens; entſchuldigte ih⸗ ren ſpaͤten Beſuch mit einigen herzlichen Worten und erzaͤhlte, daß ſie eben von einem nahen Ver⸗ wandten ihres Hauſes, vom Vetter Rauhenfeld Briefe erhalten habe. Er hat, fuhr ſie fort, dem gegenwaͤrtigen Feldzuge beigewohnt, und ſich, wie wir von Andern wiſſen, bei allen Gelegen⸗ heiten ruͤhmlich ausgezeichnet; wegen eines Lan⸗ zenſtichs in die Huͤfte, und einer Schußwunde 12* im linken Arme iſt er dienſtunfaͤhig, zur Beloh⸗ nung ſeiner außerordentlichen Leiſtungen aber, und in Betracht ſeiner forſtwiſſenſchaftlichen Kennt⸗ niſſe, als Forſtmeiſter in Schreckengrund ange⸗ ſtellt worden. Er findet dort in ſeiner neuen Dienſtwohnung nichts, als die vier leeren Waͤn⸗ de, denn ſeit der dort geſchlagenen blutigen Schlacht, in welcher ſein Vorgaͤnger im Amte, ein ſiebenzigjaͤhriger Greis, von Nachzuͤglern er⸗ mordet ward, iſt die Stelle nicht beſetzt, und das damals rein ausgepluͤnderte Haus nicht wieder bewohnt geweſen. Er kann wegen einer Ge⸗ ſchaͤftsreiſe unter acht, neun Wochen nicht hin⸗ kommen, waͤnſcht aber dann ſeine haͤusliche Ein⸗ richtung in Ordnung zu finden, und hat mich, als ſeine naͤchſte Verwandte gebeten, ſchleunigſt dahin abzugehen, und waͤhrend ſeiner Abweſen⸗ heit ſei ganzes Hausweſen in Stand zu ſetzen. Kannſt und willſt Du mit, Klotilde, ſo thuſt Du mir einen großen Gefallen. Allein ich gehe mor⸗ gen fruͤh ſchon ab; kannſt Du bis dahin reiſefer⸗ tig ſeyn? Gern, gern, erwiederte Klotilde, welche die ſanfte huͤbſche Frau wie einen Boten des Him⸗ mels betrachtete, der ſie aus dem Kreiſe verhaß⸗ eloh⸗ und ennt⸗ unge⸗ leuen Vaͤn⸗ tigen Imte, ner⸗ bdas dieder Ge⸗ hin⸗ Ein⸗ mich, nigſt deſen⸗ etzen. t Du mor⸗ ſefer⸗ de die Him⸗ rhaß⸗ ter Umgebungen wunderbar fuͤhre, mit leiden⸗ ſchaftlicher Lebendigkeit; ſie fiel ihr um den Hals⸗ und brach, im tiefſten Gefuͤhle des Dankes gegen die Vorſehung, die ſie hier im Spiele glaubte, und die ihr doch nicht ganz zu zuͤrnen ſchien, in einen Strom von Thraͤnen aus. Was haſt Du, mein Kind! fragte die jun⸗ ge Frau mit zarter Theilnahme, der man es an⸗ hoͤrte, daß ſie um das zerſtoͤrte Gemuͤth des un⸗ gluͤcklichen Maͤdchens wiſſe. Aber Klotilde rief leiſe ſchluchzend durch das Tuch: nichts, nichts! barg, von der Empfin⸗ dung, daß noch eine Seele auf dieſer Welt war, die mit Liebe und Wohlwollen zu ihr ſprach, ſon⸗ derbar uͤberwallt, ihr Geſicht an der Bruſt ihrer gottgeſandten Retterin, bat, ihr nicht zu zuͤrnen, und verſprach, morgen zu rechter Zeit ſich einzu⸗ finden. Die Frau von Muͤlenau aber erſuchte ſie, nicht zu ihr zu kommen, ſondern zu warten, bis ſie bei ihr vorfahre, um ſie abzuholen, dankte fur ihre Bereitwilligkeit, ihr Geſellſchaft zu lei⸗ ſten, entſchuldigte ihren kurzen Beſuch mit der Menge kleiner Beſorgungen, die ihrer noch war⸗ teten, und eilte nach Hauſe. Klotilde meldete Fluͤmers ihre Abreiſe und —— 182 deren Zweck ſchriftlich, und legte ſich, bis zum Tode erſchoͤpft, zu Bette. Aber ſie fand keinen Schlaf. Minutenlang fielen ihr wohl die muͤden Au⸗ genlieder zu, aber dann fuhr ſie, wie mit gluͤ⸗ henden Zangen aufgeriſſen, in die Hoͤhe, denn des Grauſens wildeſte Bilder hatten ſie aus dem fieberhaften Schlummer geweckt.— Es ſchlug dreiviertel auf Zwoͤlf— wieder die drei verhaͤng⸗ nißvollen Schlaͤge, deren einfoͤrmiger Metallton in der ſtillen Mitternacht verſchwamm, und im Tiefſten der wunden Bruſt ſeltſam wiederklang. Beim dritten Schlage oͤffnete ſich langſam und leiſe die Thuͤr des Zimmers, und Nicolas trat ein, in einem weißen Sterbegewande und bleichen Angeſichts; das Auge ſtier;z im ganzen Weſen kein Leben. Klotilde konnte vor Schreck keinen Laut uͤber die Lippen bringen; ſie ſtarrte die Tod⸗ tengeſtalt an; dieſe aber hob die Hand, zeigte auf eine graͤßliche, weit von einander klaffende Wunde im blutruͤnſtigen Schaͤdel, und winkte dem Maͤdchen ſchweigend und bedeutſam. Klotilde fuhr mit einem gellenden Klageſchrei vom Lager in die Hoͤhe— das Nachtgeſicht war verſchwunden, das Zimmer finſter und ſtill, aber kalt, wie Grabesluft wehte es ſie von der Stelle an, wo der Erſchlagene geſtanden. Der eiſige Reif des geheimen Entſetzens ſchauerte ihr durch Mark und Gebein; hatte ſie den Treugeliebten wirklich geſehen? war es Fiebertraum geweſen? ſie wußte es ſelbſt nicht. Aber dort, nach jenem Schlachtfelde, wo ſie ihn erſchlagen hatten, rief ſie jetzt ihr Geſchick! Er hatte gewinkt, ſie ſolle ihm folgen; was konnte ſie beſtimmter ahnen, als daß auch ſie dort den Tod finden werde, nach dem ſie ſich ſehnte. Kaum daͤmmerte der Morgen, als Frau von Muͤlenau vorgefahren kam, und Klotilden ab⸗ holte. Wohl befremdete es dieſe, daß ſie wieder umlenkten, und vor dem Muͤlenau'ſchen Hauſe vorbeifuhren; ſie entſann ſich, geſtern ſich erboten zu haben, zur Frau von Muͤlenau zu kommen, und, was mit weniger Umſtaͤnden verknuͤpft war, ſich bei dieſer in den Wagen zu ſeben; auch ſchien ihr auffallend, daß, als ſie vor der Muͤlenauer Wohnung vorbeikamen, die Pferde im geſtreckten Trabe jagten, und wenn ſie ſich nicht geirrt hatte, ſo lag neben Herrn von Muͤ⸗ lenau im Fenſter, ein Fremder, der— doch ſie waren ſchon vorbei und Frau von Muͤlenau 184 hatte, wie es ihr vorkam, in demſelben Augen⸗ blicke abſichtlich ihre Aufmerkſamkeit auf das Ge⸗ paͤck in dem Wagen gerichtet, welches, wie ſie vorgab, anders geordnet werden muͤſſe, um be⸗ quemer ſitzen zu koͤnnen. Klotilde warf, als ſie das Thor paſſirt hat⸗ ten und jetzt langſamer fuhren, die Frage hin, wer der Herr neben Muͤlenau geweſen; allein Frau von Muͤlenau wollte keinen Menſchen ge⸗ ſehen haben, brachte das Geſpraͤch auf etwas anders, und wußte durch ihre muntere Unterhal⸗ tung, durch den Wechſel der Gegenſtaͤnde, die an ihnen voruͤberflogen, und ſpaͤterhin durch die Erzaͤhlung aller der Geſchaͤfte, die in Schrecken⸗ grund ihrer warteten, das zerſtoͤrte Gemuͤth der armen Klotilde ſo zu beſaͤnftigen, daß dieſe ſich allmaͤhlich wieder aufheiterte, und den launigen Einfaͤllen der Witzbegabten zuweilen ein beifaͤlii⸗ ges Laͤcheln ſchenkte. Einen eigenen Reiz gewaͤhrte Klotilden der Gedanke, daß denſelben Weg, den ſie jetzt fuh⸗ ren, fruͤher Nicolas auch genommen hatte; fand ſie einen recht breitaͤſtigen Baum an der Straße, ſo hatte er in deſſen Schatten geruht; bemerkte ſie eine nahe Quelle, ſo ſegnete ſie dieſelbe im ugen⸗ s Ge⸗ vie ſie m be⸗ t hat⸗ e hin, allein en ge⸗ etwas erhal⸗ 2, die rch die eecken⸗ hh der e ſich nnigen eifaͤlli⸗ der fuh⸗ fand traße, gerkte 2 im Stillen, denn aus ihr hatte er ſeinen Durſt ge⸗ loͤſcht, und ſo war das Bild, das ihr im Herzen lebte, ewig und immer vor und neben ihr. Am fuͤnften Tage verließen ſie die endloſe Chauſſee, und bogen rechts ab in eine romantiſch wilde Ge⸗ gend; die ſteilen Berge, der unfahrbare Weg noͤthigte ſie oft, auszuſteigen, und ſie ergingen ſich in den anmuthigſten Parthieen eines tau⸗ ſendjaͤhrigen ſtillen Forſtes, waͤhrend ihnen der Poſtillion von der hier vorgefallenen blutigen Schlacht erzaͤhlte. Er war ſelbſt Augenzeuge jener ſiegreichen Thaten geweſen; von den Fran⸗ zoſen gezwungen, hatte er— Klotilde verlor al⸗ les Blut aus dem Geſichte, als er das erzaͤhlte — mit ſeinen Pferden vorſpannen muͤſſen, um die Kriegskaſſe durch das Gebirge mit ſchaffen zu helfen; aber das ſetzte Muͤhe, fuhr er fort: auf den Wagen mußte unchriſtlich viel Geld ſeyn, denn wir mußten das liebe Vieh bald halb todt ſchlagen. Vor uns, dort unten im Thale, ging der Betteltanz los. Daß dich das heilige Don⸗ nerwetter, was polterten die alten Kanonen hier im Walde wider; ich dachte doch bei meiner ar⸗ men Seele, die ganze Erde ſollte den Tag unter⸗ gehen; auf einmal hieß es, Koſacken, Koſacken, 186 und keine zwei Minuten, ſo brach aus dem Ge⸗ buͤſch ein ganzer Schwarm ſolcher langſpießiger Sappermenter vor, und Hurrrah! Hurrah! ka⸗ men ſie mit eingelegten Lanzen herangeflogen, daß ich denke, der Teufel ſelber iſt mitten unter ih⸗ nen, ich ſchnitt meine Straͤnge ab, warf mich auf meinen Gaul und— heidi davon; in dem⸗ ſelben Augenblick ſaß ſchon ein Koſack dicht hin⸗ ter uns, ſtieß mit der Pike ein junges huͤbſches Buͤrſchchen vom Pferde herunter, und ich nicht faul, nahm den Braunen als Beute mit, und brachte ihn gluͤcklich nach Hauſe. Da vorn auf der Hand, das iſt der Mosje Franzos!— Al⸗ lons Tuttswitt, rief der Erzaͤhler, und gab dem Braunen mit der Peitſche einen leichten Schmitz, und Klotilde wendete das Geſicht weg, denn die Augen ſtanden ihr voll Waſſer! Das war Nico⸗ las Reitpferd; die Blaͤſſe auf der Stirne, die vier weißen Fuͤßchen! Die Mordfinken, die Koſacken, fuhr der Poſtknecht fort: bekamen aber doch die Kriegs⸗ kaſſe nicht, denn noch ehe ich den Berg hinauf war, ſtuͤrzte ein Regiment Chaſſeurs da aus der Schlucht heraus, und jagte meine Spitzmuͤtzchen mit den langen Zahnſtochern wieder in den Wald hinein, und nun ging es mit den Geldwagen in den Hohlweg da hinab, daß ich denke, es bleibt kein Rad ganz. Vom Ende dieſes Schlachtberichts hoͤrte Klo⸗ tilde nichts; es ward ihr immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher zu Sinne, und nach einigen Schritten ſank ſie ohnmaͤchtig in das Moos nieder. Ein wenig koͤllniſches Waſſer, was Frau von Muͤlenau aus dem Wagen holte, und der friſche Kriſtall, den der Poſtknecht im Hute aus der naͤchſten Felſenquelle brachte, gaben dem heimlich verblutenden Herzen bald des Lebens Friſche wieder, und als ſie endlich die Augen auf⸗ ſchlug, wies der Poſtillon, der in ſeiner Gut⸗ muͤthigkeit meinte, daß der Unfall von der Er⸗ ſchoͤpfung des ungewohnten Bergſteigens herruͤhre troͤſtend in das tief unten liegende Thal, und ſagte: nun geht es bergab, und in einem halben Stuͤndchen ſind wir in Schreckengrund; da un⸗ ten, hinter der grauen Felswand, liegt das Forſthaus. Der ungeebnete ſteile Weg, der dicht an jaͤ⸗ hen Abgruͤnden vorbeifuͤhrte, war zu gefaͤhrlich; beide hatten den Muth nicht, einzuſteigen; ſie zogen vor, zu Fuß hinabzugehen, und ſelbſt da 188 gab es noch Noth und Muͤhe, uͤber manche ge⸗ faͤhrliche Stellen gluͤcklich wegzukommen. Wie war hier Alles ſo oͤde und ſchauerlich. Rings um ſchroffe, himmelhohe Felſen; in dem ganzen tiefen Bergkeſſel eine Todtenſtille; nur das Rauſchen des Luftzuges in den Wipfeln der zu den Wolken hinanſtarrenden Schwarztannen, und das Rieſeln der Waldbaͤche, die aus hundert Steinritzen laͤngs des Weges hinabeilten, waren vernehmbar. Dem Weltkinde, der jungen Muͤ⸗ lenau, wandelte bei dem Gedanken, hier der Jugend ſchoͤne Tage verbluͤhen zu muͤſſen, im Geheimen ein leiſes Grauen an. Klotilde aber war vor Entzuͤcken außer ſich. Dieſer Ernſt in der Natur, dieſe Abgeſchiedenheit von Welt und Leben, dieſe wohlthaͤtige Stille, dieſer ruhige Frieden— und in der Naͤhe ſein Grab! Sie ſank weinend an der Begleiterin Bruſt, und ſagte bittend: Emilie, laß mich hier ſterben. Meine Klotilde! entgegnete dieſe, ſonderbar uͤberraſcht, und ſichtbar bemuͤht, in Klotildens Seele eine ſo truͤbe Stimmung nicht aufkommen zu laſſen. Leben ſollſt Du hier, und das recht vergnuͤgt; ſieh, dort das ſtrohbedeckte Huͤttchen, das ſich da unten am Bache, unter die uͤberhan⸗ iche ge⸗ uerlich. in dem ; nur eeln der annen, zundert waren Muͤ⸗ ier der 1, im e aber nſt in lt und ruhige Sie und n. derbar ildens nmen recht tchen, rhan⸗ 1³9 genden Felſen ſchmiegt, das hat, wie mir Rau⸗ henfeld beſchrieb, das Gluͤck, vor der Hand, und bis wir des Vetters Wohnung im Forſthauſe eingerichtet haben, unſere Reſidenz zu ſeyn; der blaͤuliche feine Rauch, der dem gebrechlichen Schornſteine entſteigt, deutet hoffentlich auf ein behagliches Kaffeefeuerchen. Ein wahres Idyl⸗ lenleben wollen wir hier fuͤhren, und das Beßte iſt, daß es nicht ewig dauert, denn nur allenfalls im Arm der Liebe mag es ſich hier ruhen laſſen! Klotilde ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf, und ging, in tiefes Sinnen verloren, in den dunkeln Schreckengrund hinab. Nicolas ruhte hier nicht im Arm der Liebe, ſondern in dem des Todes, und nach ſolcher Ruhe ſehnte ſich ihr gebroche⸗ nes, lebensmuͤdes Herz im Stillen auch. Der Bewohner der kleinen Huͤtte, ein armer Waldwaͤrter, empfing mit Frau und Kind die beiden Gaͤſte im Feſtſtaate. Er war vom neuen Herrn Forſtmeiſter uͤber ihre Ankunft bereits ſchriftlich benachrichtigt geweſen, und hatte die Empfangesherrlichkeiten nach Kraͤften veranſtal⸗ tet; Haus und Stubenthuͤren waren mit friſchen Maien geſchmuͤckt; vor der Huͤtte lag fein ge⸗ ſtreuter Sand, und das Stuͤbchen, das er ihnen 190 als ihr Eigenthum anwies, prangte mit bunten Wald⸗ und Wieſenblumen; das einfache Haus⸗ geraͤth war ſauber und ſpiegelblank, und aus den kleinen weinumrankten Fenſtern uͤberſah man den ganzen Keſſel des engen Thales. Des Waldwaͤrters reinliche Hausfrau brachte den von Emilien gluͤcklich prophezeihten Kaffee, und waͤhrend dieſe mit der Geſchwaͤtzigen uͤber Kinder und Haushalt weitlaͤufig verkehrte, ent⸗ wendete Klotilde heimlich ein Paar recht große Stuͤcke Zucker, und ſchluͤpfte hinab auf den gruͤ⸗ nen Anger am Bache, wo die vier Poſtpferde ſich im friſchen Graſe eine Guͤte thaten, und gab, als ſie vom Kutſcher, der im Schatten lag und ausruhte, auf Befragen die Verſi⸗ cherung erhielt, daß der Braune weder ſchlage noch beiße, dem treuen Thiere des Geliebten den ſuͤßen Raub. Das ſoll dem Mosje Franzmann wohl ſchmecken, meinte lachend der Poſtknecht, und lobte den Braunen als ſein beßtes Pferd; Klotilde aber ſtreichelte das Thier, und liebkoſ'te es zaͤrtlich, und nannte es mit dem ſuͤßeſten Schmeichelnamen, und— ſie hatte dem Poſt⸗ knecht den Ruͤcken gewendet, daß er das Waſſer nicht ſehen ſolle, was ihr klar und warm aus dem es v Dri reich behe ſtuͤb ſeher mit tren jetzt das Forf baͤut beſti Felſ nich Rev hie Ber block rung wild bunten Haus⸗ sus den man brachte Kaffee, n uͤber „ ent⸗ t große n gruͤ⸗ kpferde „ und chatten Verſi⸗ ſchlage en den zmann knecht, Pferd; ebkoſ'te ͤßeſten Poſt⸗ Waſſer m aus 191 dem Herzen in die Augen ſchoß,— und kuͤßte es verſtohlen. Sie hatte hundertmal ſchon das Druͤckende ihrer Armuth gefuͤhlt; waͤre ſie heute reich geweſen, ſie haͤtte um jeden Preis das Pferd behalten. Aber Klotilde, rief Emilie aus dem Giebel⸗ ſtuͤbchen herab: der Kaffee wird ja eiskalt. Gleich, entgegnete Klotilde, ohne ſich umzu⸗ ſehen, pfluͤckte noch eine Hand voll Klee, gab ſie mit freundlichen Worten dem Braunen, und trennte ſich ſchmerzllch von dem Thiere, das ihr jetzt unter allen lebenden Weſen auf der Welt das Liebſte war. In dem neu einzurichtenden Wohnhauſe des Forſtmeiſters gab es viel zu thun. Das Ge⸗ baͤude lag, als ſey es zu einem Trappiſtenkloſter beſtimmt, tief im kalten Grunde einer ſchwarzen Felſenſchlucht. Wo das Auge ſich hinwendet, nichts als himmelhohe, von fruͤhern furchtbaren Revolutionen der Urwelt zerriſſene Granitwaͤnde; hie und da hausgroße von den Gipfelzacken des Bergkeſſel⸗Randes herabgeſchleuderte Stein⸗ blöcke; uͤberall das Bild der grauſamſten Zerſtoͤ⸗ rung. Nur dicht hinter dem Hauſe war der wilden Natur ein Gartenplaͤtzhen abgewonnen, 192 in dem durch die Sorge des fleißigen Waldwaͤr⸗ ters, Blumen und Fruchtbaͤume, Gemuͤſe und bluͤhendes Strauchwerk erfreulich gediehen; einige hohe Buchen und Linden gewaͤhrten Schatten und Kuͤhlung, und am Ende des Gartens erhob ſich auf der dicken Mauer ein Wartthurm, zu deſſen Soͤller eine kuͤhne Wendeltreppe fuͤhrte; von dieſem aber hatte man durch eine vielleicht meilenlange Schlucht, eine faſt unuͤberſehbare Ausſicht in eine ferne, mit lichtblauen Nebelflor verhuͤllte Felſenwelt. Auf dieſem Soͤller verweilte Koltilde am lieb⸗ ſten. Es war ihr, als ſaͤhe ſie durch das Rie⸗ ſen⸗Telescop, die meilenlange Schlucht, in ein unbekanntes Feenland, in die Nebel⸗ Ferne des ewigen Jenſeit hinuͤber. Sie hatte den hieſigen Aufenthalt lieb gewonnen, und es bangte ihr vor dem Augenblick, wo Rauhenfeld eintraf, und ſie mit Emilien wieder abreiſen ſollte; denn — wo ſollte ſie hin! nach Finſterberge zuruͤck? um keinen Preis der Welt. Sie hatte anfaͤng⸗ lich in einem albernen Wahne Emilien in Ver⸗ dacht gehabt, daß dieſe die Abſicht habe, zwi⸗ ſchen ihr und Rauhenfeld eine Verbindung ein⸗ zuleiten; ſie hatte darum, ſobald ihr ſo etwas aus faͤllig mal her g den, eine im S ergab Raul rathet z. B. derſtu geblich Plaͤn fuͤllba gehab ſamm als C doch! nicht und d 2 ſen; ten h beiten waͤr⸗ und einige atten erhob „ zu ährte; lleicht hbare elflor lieb⸗ Rie⸗ in ein ie des eſigen te ihr ntraf, denn ruͤck? ffaͤng⸗ Ver⸗ zwi⸗ g ein⸗ etwas aus Emiliens ſonderbaren Aeußerungen und auf⸗ faͤlligem Mienenſpiel klar geworden war, zehn⸗ mal und tauſendmal den Einfall verwuͤnſcht, hie⸗ her gekommen zu ſeyn, und abſichtlich vermie⸗ den, uͤber Rauhenfelds perſoͤnliche Verhaͤltniſſe eine Frage zu verlieren. Spaͤterhin bat ſie aber im Stillen Emilien den Verdacht ab, denn es ergab ſich aus mehrern Anſtalten, die Emilie in Rauhenfelds Hausweſen traf, daß dieſer verhei⸗ rathet war, und Familie hatte; ſo richtete ſie z. B. ein Zimmer fuͤr die Frau und eine Kin⸗ derſtube ein; Klotilde laͤchelte jetzt uͤber die ver⸗ gebliche Angſt, die ſie uͤber die befuͤrchteten Plaͤne von Emiliens Seite, und uͤber die uner⸗ fuͤllbaren Antraͤge des ungekannten Rauhenfeld gehabt hatte, und baute ſich die Moͤglichkeit zu⸗ ſammen, vielleicht der Frau zur Geſellſchaft, und als Erzieherin der Kinder hier bleiben zu koͤnnen; doch wollte ſie mit dieſem Gedanken vor Emilien nicht eher laut werden, als bis ſie Rauhenfeld und deſſen Frau ſelbſt kennen lernte. Die letzten Tage waren ſehr unruhig gewe⸗ ſen; die Handwerker aus den benachbarten Staͤd⸗ ten hatten alle ihre von Emilien beſtellten Ar⸗ beiten abgeliefert, das ganze Haus war geordnet 13 und geſchmuͤckt und Emilie ſagte, als ſie mit Klotilden Alles beſichtigte und ihren Erwartun⸗ gen entſprechend fand, daß nun Rauhenfeld kom⸗ men koͤnne, wann er wolle, ſein wuͤſtes Haus faͤnde er jetzt wie ein Kaͤſtchen. Kommt Frau von Rauhenfeld nicht gleich mit? fragte Klotilde, und Emilie verneinte mit ſonderbarem Laͤcheln; als aber Klotilde, dieß nicht bemerkend, weiter fragte, wie viel Kinder Nauhenfelds haͤtten, lachte Emilie laut, und verſicherte, daß die Kinderſtube wohl groß genug ſeyn werde, um ſie alle zu faſſen. Klotilde aͤrgerte ſich, gefragt zu haben, ging, um das Geſpraͤch abzubrechen, in den Garten, ſetzte ſich, von den vielen Geſchaͤften des Tages, bei denen ſie fleißig half, erſchoͤpft in den Schat⸗ ten der dunkellaubigen Linden, und wollte leſen; allein das Buch entſank bald ihrer Hand, und ſie ſchlummerte in das Reich der freundlichſten Traͤume hinuͤber. Des Treugeliebten Lichtge⸗ ſtalt ſchwebte mit glaͤnzendem Gefieder aus dem Nebellande jenſeit der Felſenſchlucht heruͤber; die Schwarztannen des Schreckengrundes waren in bluͤhende Mandelbaͤume, die eilenden Wellen des Waldbaches in die Fluthen der Rhone verwan⸗ mit rtun⸗ kom⸗ Haus gleich te mit dieß Kinder „und genug ging, arten, Tages, Schat⸗ leſen; „ und ichſten ichtge⸗ 3 dem r; die en in en des rwan⸗ 195 delt; ſie ſchwebte Nicolas durch die lachenden Fluren ſeiner paradieſiſchen Heimath entgegen, und dieſer nannte ſie freundlich willkommen; ſie hoͤrte, noch geſchloſſenen Auges, aber den feſ⸗ ſelnden Armen des Traumgottes ſchon halb ent⸗ wunden, das Wort des Willkommens deutlich. Doch war es nicht ſeine ſanfte, melodiſche Stim⸗ me, ſie klang ihr viel rauher, viel tiefer. Wa⸗ cher jetzt geworden, ſchlug ſie das Auge auf, und vor ihr ſtand der ſchwarze Mann— derſelbe, den ſie bei Prelloni zuerſt ſah; derſelbe, der ſie bei des Vaters Begraͤbniß zum Wagen gelei⸗ tete; derſelbe, der ſie in jener Grauennacht auf der Galgenbruͤcke vom Selbſtmorde rettete. Vet⸗ ter Rauhenfeld, ſagte Emilie, den wohlbekann⸗ ten Fremden vorſtellend, und der Forſtmeiſter ergriff der Erbebten zitternde Hand, dankte ihr mit freundlichen Worten fuͤr die Huͤlfe, die ſie der Couſine Emilie hier mit ſo vieler Bereitwil⸗ ligkeit geleiſtet habe, und bekannte ſich dafuͤr zu ihrem ewigen Schuldner. Ungewiß, ob Rauhenfeld ſie erkannte, raffte ſie die ganze Kraft ihrer Beſinnung zuſammen, um ſich nicht zu verrathen, und der Umſtand, daß ſie, aus tiefem Schlaf erwacht, von Nauhen⸗ 13* 196 felds Begruͤßung uͤberraſcht wuͤrde, entſchuldigte ihre anfaͤngliche Verwirrung. Emilie hatte ſchon fruͤher erklaͤrt, daß, ſo⸗ bald Rauhenfeld angekommen, und ihm das neu eingerichtete Wohnhaus uͤbergeben ſey, ſie ſchleunig zuruͤckeilen muͤſſe, weil ſie hier wegen der Langſamkeit der Arbeiter ihren Aufenthalt viel mehr verlaͤngert haͤtte, als Anfangs verabredet war; ſie aͤußerte daher im Laufe des Geſpraͤchs, daß ſie uͤbermorgen wieder nach Hauſe zu reiſen gedenke. Klotilde legte bei dieſer Erklaͤrung unwillkuͤhr⸗ lich die Hand auf das gepreßte Herz. Zuruͤck nach Finſterberge konnte ſie nicht, und hier blei⸗ ben, bei dem Herrn von Rauhenfeld allein, konnte ſie auch nicht, und wo ſollte ſie, in der ganzen Welt fremd, in dem Augenblicke hin. Sie hatte auf Frau von Rauhenfeld gerechnet, und dieſe war nicht mitgekommen, und von der Zeit, daß dieſe noch kommen werde, war noch kein Wort geſprochen. Die Zukunft, die auf einmal wieder ſo nahe vor ihr ſtand, die Noth⸗ wendigkeit, jetzt durchaus einen Entſchluß faſſen zu muͤſſen, der Umſtand, daß ſie Emilien, die ihre Lage in ihrem ganzen Umfange hoffentlich ldigte 7 ſo⸗ n das , ſie wegen lt viel bredet raͤchs, reiſen lkuͤhr⸗ zuruͤck blei⸗ allein, in der hin. chnet, en der noch 2e auf Noth⸗ faſſen „ die ntlich 197 nicht kannte, die Unmoͤglichkeit der Ruͤckkehr nicht mit allen Details auseinander ſetzen konnte, der Schmerz, ſich von der Naͤhe der Gegend zu trennen, in der Nicolas Huͤlle ruhte, wenn er wirklich geblieben war, alles dieß zuſammen ge⸗ nommen, ſtuͤrmte ſo dringend auf ſie ein, daß ſie die Aufmerkſamkeiten, die ihr Rauhenfeld auf alle moͤgliche Art erwies, uͤberſah, ſeine Hul⸗ digungen uͤberhoͤrte, und fuͤr die Herrlichkeiten, die er ihr in einem praͤchtigen Shawl, und in einem ſehr niedlichen Schmuck, als ſchwaches Zeichen ſeines Dankes fuͤr ihre thaͤtige Mithuͤlfe bei der Einrichtung ſeines Hauſes, mit zarten deutungvollen Worten zu Fuͤßen legte, keinen Sinn hatte. So kam der Vorabend des Reiſe⸗ tages heran. Klotilde hatte noch immer keinen beſtimmten Plan; nur halb im Dunkeln lag in ihrer Seele der Gedanke, im erſten beßten Staͤdtchen, wo es ihr auf der Ruͤckreiſe am meiſten gefallen wuͤrde, unter dem Vorwande eines Anfalls von Unpaͤßlichkeit zuruͤckzubleiben, und ſich dort von ihrer Haͤnde Arbeit das ſtille Leben kuͤmmerlich zu friſten. Sie ging noch einmal nach den wil⸗ deſten Parthieen des Schreckengrundes, um von 198 all den Plaͤtzchen, die ihr, eben wegen ihrer von der verheerenden Kraft der graußen Vorzeit durch⸗ einander gewuͤrfelten regelloſen Lage, ſo lieb ge⸗ worden waren, Abſchied zu nehmen, als ihr auf ſchmalem Fußpfad, rechts ſchroff himmelanſtar⸗ render Felſen, links jaͤher bodenloſer Abgrund, Rauhenfeld, die blanke Buͤchſe auf der Achſel, begegnete, und ſie aus ihren tiefen Traͤumen mit einem ſcherzweiſe laut donnernden Halt weckte. Ausweichen kann auf der kaum fußbreiten Stelle Keins dem Andern, rief Rauhenfeld la⸗ chend: alſo entweder Sie mit mir, oder ich mit Ihnen; Klotilde meinte mit freundlichem Laͤcheln, daß ſie dieß ſeiner Beſtimmung uͤberlaſſe, doch waͤre es ihr lieber, wenn er umkehren wolle, und ſie alſo mit ihm ginge, da der Weg, den er kaͤme, naͤher nach Hauſe fuͤhre, und ſie Emilien noch einpacken helfen wolle. Das Wort Einpacken war dem Forſtmeiſter die Loſung, ſeinen Schmerz uͤber Klotildens bal⸗ dige Abreiſe laut werden zu laſſen; ſie gingen, als der Weg breiter ward, Arm in Arm, den Berg hinab, kamen in den Garten, ließen ſich unter den dunkelnden Linden auf die Moosbank nieder, und ſie ſaßen noch nicht, als Rauhen⸗ — 3 er von durch⸗ eb ge⸗ r auf nſtar⸗ rund, lchſel, nmit te. reiten d la⸗ )mit heln, doch und en er iilien eiſter bal⸗ igen, den ſich bank hen⸗ — 12 199 feld, der laͤngſt auf eine paſſende Gelegenheit ge⸗ wartet zu haben ſchien, Klotilden allein zu ſpre⸗ chen, ſchon ſeine Bitte vom gepreßten Herzen hatte, dieſe kleine Felſenwelt als die ihrige anzu⸗ ſehen, ihn in ſeiner Einſamkeit hier nicht zu ver⸗ laſſen und ihm ſeinen Aufenthalt hier durch ihre Anweſenheit zu verſchoͤnern. Klotilde, die ſich bei dieſem, mit recht wohl⸗ gefaͤlliger Befangenheit vorgebrachten Antrage, auf einmal uͤber die Angſt ihrer Zukunft, wenig⸗ ſtens fuͤr das Erſte, weggehoben ſah, nickte zu allem dem recht herzlich bejahend, verſicherte, daß der Schreckengrund ihr vom Anfange an ge⸗ fallen, daß ſie die ganze Gegend unbeſchreiblich anheimele, und daß gerade dieſe Einſamkeit, dieſes Fernſeyn vom herzloſen Getuͤmmel der Welt, ihrem Gemuͤthe, ihrer Stimmung zu⸗ ſage, nur weiß ich nicht— fuhr ſie bedenklicher fort, und ſchlug das himmelklare blaue Auge be⸗ ſcheiden zur Erde: nur weiß ich nicht ob Ihrer Frau Gemahlin— Wie denn Frau Gemahlin, erwiederte Rau⸗ henfeld laut auflachend: eben das, das ſollen Sie ja ſeyn, meine Klotilde!— Schlagen Sie ein, auf gut Waidmannsgluͤck. 200 Klotilde ſprang erſchrocken auf, und wollte fort; ſie war ſo erſchuͤttert, daß ſie keinen Athem in der Bruſt, kein Wort auf der Zunge hatte; aber Rauhenfeld, der ſeinem Schoͤpfer dankte, daß er das Geſtaͤndniß gluͤcklich heraus hatte, drang auf naͤhere Erklaͤrung; indeſſen gewann er von Klotilden weiter nichts, als das Verſprechen, mit Emilien weiter daruͤber zu reden. Und Du beſinnſt Dich noch? fragte dieſe, als ſie ihr das eben erlebte Ergebniff, davon noch hoch aufgeregt, erzaͤhlte. Rauhenfeld liebt Dich ſeit dem erſten Augenblicke, daß er Dich ſah. Er hat ſein Brot, ſteht in Amt und Wuͤrden, und der Staat hat es dankbar anerkannt, daß er, mit Aufopferung ſeiner Geſundheit, Blut und Leben fuͤr die Ehre ſeines Vaterlandes einge⸗ ſetzt hat. Huͤbſch— iſt er nicht; indeſſen mein Mann gehoͤrt auch nicht zu den Apollos von Bel⸗ vedere, und wir leben darum doch recht gluͤcklich mit einander. Er hat, Du ſiehſt, ich bin gegen ſeine Fehler nicht blind— er hat etwas Rohes, Barſches, Wildes! doch iſt das wohl mehr Folge ſeiner Erziehung, und ſeines bisherigen Umgangs, als Eigenthuͤmlichkeit ſeines Charakters; im vollte them datte; ankte, hatte, nn er echen, dieſe, noch Dich ſah. rden, daß Blut inge⸗ mein Bel⸗ cklich gegen ohes, Folge angs, im 201 Walde, unter Holzſchlaͤgern und Koͤhlern groß geworden, und dann die letzte Zeit in den Feld⸗ lagern— wie kann das anders ſeyn! Deine fleckenloſe Klarheit wird in ſein duͤſteres Weſen ein freundliches Licht bringen; Dein einfacher, ſanfter Sinn wird ihn milder machen, und an Deiner feſten Ruhe wird ſein leidenſchaftliches Ueberwallen ſich brechen, wie die Wogen des Weltmeeres am blumenbedeckten Felſengeſtade;— ſo weit von ihm. Jetzt zu Dir, meine Klotilde; Du liebſt ihn nicht. Warum, iſt jetzt gleichgil⸗ tig; aber Du liebſt ihn nicht, und glaubſt dar⸗ um, ihm Deine Hand verſagen zu muͤſſen. Mein gutes Kind, glaubſt Du denn, daß heut zu Tage in der Regel alle Ehen aus Liebe geſchloſſen werden? bietet jetzt, wo die Mannsperſonen, faſt ohne Ausnahme, eheſcheu geworden zu ſeyn ſchei⸗ nen, ein junger Mann von hinlaͤnglichem Aus⸗ kommen, einem Maͤdchen ſeine Hand, ſo wird dieſem von Eltern, Verwandten und Freunden, unter der Verwarnung, daß nicht ſobald ein zweiter, gleich annehmlicher kommen duͤrfte, ſo lange zugeſetzt, bis es der Vernunft Gehoͤr, und dem Brautwerber die Hand giebt; man ge⸗ woͤhnt ſich nach, und nach an einander, und laͤ⸗ 202 chelt ſpaͤterhin uͤber die Courſchneidereien, die uns in der Bluͤthenzeit unſerer Tage ergoͤtzten, ohne in ernſtere Verbindungen uͤberzugehen. Ich mag Dir nicht laͤugnen, daß Muͤlenau mir nicht ſo lieb war, als mancher andere; daß ich mich damals im Stillen ſehr ungluͤcklich fuͤhlte, nicht meiner Neigung folgen zu koͤnnen, die mich in ganz andere Arme gefuͤhrt haͤtte. Lieber Gott, wie gut, daß die Vorſehung weiter ſah, als ich; dieſe andern— was waren ſie, leichte Tänzer, angenehme Geſellſchafter, flatternde Schmetter⸗ linge! Auch Du wirſt kuͤnftig einmal laͤcheln lernen, uͤber die Traͤume Deiner erſten Liebe. Du haſt das fruͤher ſchon verbreitete Geruͤcht, daß Nicolas bei der in dieſen Thaͤlern vorgefallenen Schlacht, das Leben verlor, hier von Allen, die wir geſprochen haben, hundertmal beſtaͤtigen ge⸗ hoͤrt. Ueber die Straͤflichkeit jener Liebe will ich Dir keine Vorwuͤrfe machen. Das Herz weiß von keiner Politik, von keinen Landesgraͤnzen! aber ſo billig ſind nicht Alle. Du weißt, wie ſehr Du Dir in der oͤffentlichen Meinung geſcha⸗ det haſt. Es wird nicht leicht ein junger Mann ſich nach der zweiten Haͤlfte Deiner Zuneigung ſehnen, deren erſte Du einem, von jedem Deut⸗ 203 ſchen verhaßten Feinde des Vaterlandes ſchenkteſt. Rauhenfeld weiß um Deine Verirrung, und ſeine Liebe iſt ſtark genug, ſie Dir zu verzeihen. Ich kenne, fuhr Emilie ſanft bewegt, mit leiſerer Stimme fort: ich kenne die Geſchichte jenes un⸗ ſeligen Abends. In dieſem ernſten Augenblicke darf ich vor Dir kein Geheimniß haben. Rau⸗ henfeld, der damals bei uns abſtieg, theilte ſie uns zu unſerm tiefen Schrecken mit. Er hatte Dich aus fruͤherer Zeit erkannt; er nannte uns Deinen Namen, und wir entſchuldigten Dein entſetzliches Vorhaben mit Deiner Trauer uͤber den durch den Tod verlorenen Geliebten, und vorzuͤglich mit der unwuͤrdigen Behandlung, die Du im Hauſe Deines Oheims erleiden mußteſt, und die Dich wahrſcheinlich zu dem, Gott und jenſeitige Zukunft verlaͤugnenden Schritte getrie⸗ ben haben muͤſſe. Rauhenfeld drang mit ſtuͤr⸗ miſcher Haſt in uns, Dich augenblicklich aus dem liebloſen Hauſe zu nehmen; darum mein Antrag, mich hieher zu begleiten; darum meine ſchnelle Abreiſe.— Du hoͤrſt von mir keinen Vorwurf uͤber jenen Entſchluß. Ich ermeſſe die angſtvolle Nothlage, die Dich von jener Schauer⸗ bruͤcke in die dunkeln Wellen hinabzog, und bitte —— 2⁰4 den Allerbarmer im Himmel, daß er Dir ver⸗ gebe, wie wir Dir vergeben. Aber fuͤhlſt Du nicht ſeine Vaterhand, die Dir gerade im letzten Augenblicke Deines verſtoͤrten Lebens auf wun⸗ derbarem Wege ſeine Huͤlfe ſandte? Regt ſich in Deiner erkalteten Bruſt kein Gefuͤhl des Dan⸗ kes gegen den Gottgeſandten, der, im Momente Deiner allerhoͤchſten Verzweiflung, Dich aus den offenen Armen des Todes riß, und Dich in das Leben zuruͤckfuͤhrte? Begreifſt Du den Umfang ſeiner unnennbaren Liebe, der uͤber alle Deine Unbilden gegen Dein Vaterland, gegen Deine oͤffentliche Ehre, gegen Dein Leben, mit Scho⸗ nung hinwegſieht, Deine Fehltritte mit Deiner Unerfahrenheit, mit Deiner uͤberreizten Empfind⸗ ſamkeit, und mit der, Deine zarten Kraͤfte uͤber⸗ ſteigenden harten Lage im Hauſe des Oheims entſchuldiget, und in Deiner Liebe ſein alleiniges, ſein hoͤchſtes Lebensgluͤck findet? Ahneſt Du nichts von der, in der heutigen Zeit, in der Bruſt jedes guten Menſchen rege gewordenen Pflicht ge⸗ gen das Gemeinwohl? Nauhenfeld hat ſeine Geſundheit dem Vaterlande geopfert; er bedarf einer ſorglichen Pflege. Du haſt, in der Pe⸗ riode Deiner Verblendung, gegen Dein Vater⸗ ver⸗ Du etzten wun⸗ ſich Dan⸗ nente 3 den das fang HDeine deine öcho⸗ einer 225 land gefehlt. Haͤltſt Du nicht dieſe Verbindung, in der Du die Verpflichtung uͤbernimmſt, des verdienten Kriegers treue Pflegerin zu ſeyn, fuͤr einen Wink der Vorſehung, jenes Vergehen nach Deinen Kraͤften wieder gut zu machen? Siehſt Du nicht, daß dieß das einzige Mittel iſt, Dir die verlorne Achtung Deiner Mitwelt wieder zu gewinnen? Selbſt, wenn Du eine noch hefti⸗ gere Abneigung gegen Rauhenfeld haͤtteſt, als Du, ohne auf Deinen moraliſchen Werth zu verzichten, gegen einen Mann, der Dir das Le⸗ ben rettete, und Dir mit der reinſten Liebe zu⸗ gethan iſt, haben kannſt, ſelbſt dann wuͤrde ich als Buͤßung, als Opfer von Dir fordern, daß Du ihm Deine Hand gebeſt; hielten die Reinſten, die Edelſten der Nation ſich nicht zu hoch, ihr Leben dem Tode zu weihen, warum ſollſt Du — verzeih, Klotilde, der Schaͤrfe meines Wor⸗ tes, warum ſollſt Du, die in dieſer großen Zeit fuͤr das Heil ihres Volks nicht nur nichts that, ſondern gar der allgemeinen Stimme ent⸗ gegen, einem Feinde des Vaterlandes mit einer Liebe zugethan war, die an das Heiligſte, das ihr Gott zu bewahren gab, an ihrem eigenen Le⸗ ben ſich vergriff, die alſo weder zu den Reinſten, 206 noch zu den Edelſten ihrer Nation gehoͤrt, warum Dich ſollſt Du Dich hoͤher achten, als jene? Sieh, jetzt wenn Du durchaus zu Rauhenfeld keine wahre,— innige Neigung gewinnen kannſt, ſieh die Ver⸗ Hab bindung mit ihm als Genuͤgung Deiner, dem ergie Vaterlande abzubuͤßenden Pflicht an; Du thuſt ſchm dann immer nur den tauſendſten Theil von demn,. kaͤm was die fuͤr uns gethan, die, in der Bluͤthe ih⸗ mag rer Jugend, auf den Feldern der Ehre fielen, und ich t der großen Sache ihr Theuerſtes, ihr friſches Le⸗ ſo la ben zum blutigen Opfer brachten.— Jetzt Klo⸗ 3 kanr tilde ſprich! Du verſoͤhnſt Dein Mißgeſchick, Du verſoͤhnſt die Beſſern Deiner Mitwelt, wenn Du dem Dir gebotenen Winke folgſt; und Gott wun wird Dir Kraft geben, das, was Du ein Kreuz lie, 1½ nennſt, zu tragen, bis Du, der kleinen Buͤr⸗ 3 mir den gewohnt, ſie fuͤr keine mehr anſiehſt. Be⸗ barn harrſt Du aber auf Deinem Irrwege, der wahr⸗ und lich nicht zum Heil Deiner Seele fuͤhrt; ſo muͤſ⸗ oder M ſen wir an der Rechtlichkeit Deiner Anſichten, an erin der Gediegenheit Deines Gefuͤhls, an der Rein⸗ kann heit Deiner Grundſaͤtze verzweifeln, und Du haſt ich ſi es Dir allein beizumeſſen, wenn Dir Deine Zeit⸗* gleich genoſſen ihre Achtung und Liebe verſagen, und Dich aus ihrem Kreiſe aͤchten. Jetzt ſprich— jetzt entſcheide. Klotilde lehnte ſich weinend an Emiliens Bruſt. Habe Mitleid, flehte ſie in heißen Thraͤnen ſich ergießend: habe Mitleid mit mir, wenn ich den ſchmerzlichen Kampf in mir ſelbſt nicht ſo raſch kaͤmpfe, als Du von mir forderſt. In Vielem magſt Du Recht haben; in Allem nicht. Aber ich will ja Alles thun, was Ihr von mir fordert, ſo lange ich mit meinem Gewiſſen dabei beſtehen kann. Gewiſſen? fragte Emilie ſcharf. Nicht ſo, bat Klotilde, nicht ſo! ich bin wunden Herzens; Dein ſchneidender Blick, Emi⸗ lie, die Haͤrte Deines Wortes, fliegen wie Pfeile mir in mein zerriſſenes Innere. Sey mild, ſey barmherzig mit mir. Kann— ich frage Dich, und werde Dich am Abend meines Lebens hier, oder am jenſeitigen Morgen dort einmal daran erinnern, darum erwaͤge Deine Antwort wohl, kann, darf ich geſchworene Eide brechen? Ob ich ſie mit Recht oder Unrecht geſchworen, gilt gleichviel;— auch mag daruͤber nur meines Gottes Allweisheit ſelbſt richten— aber ich frage, darf ich ſie brechen? ſſ—— 208 Geſchworne Eide? wiederholte Emilie ernſt: ich verſtehe Dich!— aber dieſe unbeſonnenen Schwuͤre hat der Tod entkraͤftet. Dieſen Fall hofft Ihr; ich fuͤrchte ihn; aber wenn nun, was Euch wahrſcheinlich iſt, nicht wahr waͤre; wenn Nicolas lebte; wenn er wie⸗ derkehrte; wenn er draͤnge auf die Zuſage mei⸗ ner Liebe, die ihm ewig gehoͤren wird, wie willſt Du dann die Wehthat, zwei Herzen gebrochen, das Lebensgluͤck zweier ſchuldloſer Menſchen auf immer vernichtet zu haben, vor uns, vor Dir, vor Gott verantworten? Thoͤrigter Wahn! entgegnete Emilie. Dei⸗ ne kranke Phantaſie taucht ihren Pinſel in bun⸗ ten Seifenſchaum, und malet Dir luftige Traumbilder, die in ihr Nichts zerſtieben, wenn Du ſie eines ruhig pruͤfenden Blickes wuͤrdigeſt. Aus jenem Schattenreiche kehrt Keiner wieder, und waͤren alle Geruͤchte uͤber ſeinen Tod nicht wahr, und er kaͤme vor dem Schluß des Frie⸗ dens— wuͤrdeſt Du dem Manne in das feind⸗ liche Land folgen? haͤtteſt Du wirklich alle Ach⸗ tung vor Dir ſelbſt in dem Grade verloren, um den Schimpf, den Spott, die Schmaͤhun⸗ gen jedes ehrlichen Deutſchen zu uͤberhoͤren, die Dich bleib den verſt ich Aus aber Voͤlt verg lang dem Dir hoͤrer des Emi lebt, treu ziehe welch Jetzt ja ol keine geger Rau ernſt: nenen ; aber nicht wie⸗ mei⸗ 1 willſt rochen, n auf r Dir, Dei⸗ n bun⸗ luftige wenn rdigeſt. wieder, d nicht 8 Frie⸗ feind⸗ le Ach⸗ erloren, naͤhun⸗ n, die 209 Dich auf dieſer ſchmachvollen Brautfahrt unaus⸗ bleiblich begleiten wuͤrden? Willſt Du aber auf den Frieden warten, der die erbitterten Voͤlker verſoͤhnen ſoll? Armes kurzſichtiges Maͤdchen! ich will Dir nicht wehe thun, ich will an der Ausdauer ſeiner Treue bis dahin nicht zweifeln; aber welcher Sterbliche vermag das Ende dieſes Voͤlkerkriegs zu berechnen?— Jahrzehnde ſind vergangen und Europa iſt auf dem 700 meilen⸗ langen Striche vom Tejo bis zur Berezyna, mit dem Jammer des Krieges bedeckt. Wer buͤrgt Dir dafuͤr, daß nicht noch Jahrzehnde dazu ge⸗ hoͤren, ehe der Wuͤrgengel des Mordens muͤde, des Menſchenblutes ſatt werde?— Doch, fuhr Emilie nach einigem Beſinnen fort: wenn er lebt, nach dem Friedenſchluſſe kommt, Dir treu geblieben iſt, und Dich bittet, mit ihm zu ziehen— hier meine Hand, ſo bin ich die erſte, welche Deine Trennung von Rauhenfeld bewirkt. Jetzt haſt Du keine Ausflucht mehr. Jetzt alſo ja oder nein. Du biſt— erwiederte Klotilde zagend, weil ſie keinen Ausweg mehr wußte, ſich vor der ihr ent⸗ gegenſtrebenden Verbindung zu retten: Du biſt Rauhenfelds Verwandte,— Freundin. Glaubſt 14 210 Du denn, daß er an meiner Hand gluͤcklich ſeyn werde, gluͤcklich mit einer Frau ohne Liebe? Haſſeſt Du ihn? fragte Emilie raſch. Nein, ſagte Klotilde ſanft: aber zwiſchen nicht haſſen und lieben— lieben— iſt ein Unterſchied. Ich verlange auch keine Liebe in Deinem Sinne, fiel ihr Emilie in das Wort. Rauhen⸗ feld bedarf bei ſeiner Duͤſterheit einer verſtaͤndi⸗ gen Freundin; bei ſeinem verſchloſſenen Weſen einer freundlichen Geſellſchafterin; bei ſeinen, mit oͤfterer Abweſenheit von ſeiner Wirthſchaft verknuͤpften Dienſtreiſen, einer wirthlichen Haus⸗ frau; bei ſeiner zerruͤtteten Geſundheit einer zaͤrtlichen Pflegerin. Biſt Du ihm dieß, ſo er⸗ fuͤllſt Du den ganzen Kreis Deiner Pflichten ge⸗ gen ihn; eine weitere kann und wird er nicht von Dir fordern. Klotilde, rief Emilie bittend, und ſchloß die von Qual und Angſt gepreßte in die Arme: Klotilde, ſag' das einzige Woͤrtchen Ja, und Gott wird den Sieg Deiner Vernunft uͤber Dein ſchwaches Herz, durch eine freuden⸗ reiche Zukunft Dir verherrlichen. In dieſem Augenblicke ſtuͤrzte Rauhenfeld, der die letzten Worte ſeiner Vermittlerin belauſcht vom ſeyn 2 oiſchen ſt ein deinem auhen⸗ ſtaͤndi⸗ Weſen ſeinen, hſchaft Haus⸗ einer ſo er⸗ ten ge⸗ nicht ittend, ßte in rtchen rnunft euden⸗ enfeld, auſcht 211 hatte, herein, flog zu Klotildens Fuͤßen, be⸗ ſtuͤrmte mit Emilien vereint, das ſchwankende Maͤdchen, und vierzehn Tage ſpaͤter ſprach der Prieſter der Kirche fromme Weihe uͤber das Buͤndniß.— Die Faͤden, aus denen dieſes eheliche Band gewebt ward, lagen tiefer, als Klotilde und Emilie ahnen konnten. Rauhenfeld hatte Klotilden im letzten Augen⸗ blicke ihrer vaͤterlichen Herrlichkeit kennen gelernt. Ihr reizvolles Aeußere hatte ihm gefallen. Des Vaters jovialer Tagesbefehl: Tauſend Stuͤck Auſtern, Prelloni, zum erſten Anfange! hatte ihm in dem alten Kammerrath einen reichen Mann verrathen, und Prelloni, den er uͤber dieſen Punkt weitlaͤufig ausholte, war in der Schilderung von dem großen Vermoͤgen ſeines verehrten Herrn Kammerraths, der faſt monat⸗ lich eine ſolche Auſternfete bei ihm gab, mit Winken und Aeußerungen ſo verſchwenderiſch, daß Rauhenfeld den Auſternfreund wenigſtens fuͤr einen halben Millionair halten mußte. Zwei Tage nach dem prachtvollen Begraͤbniß, deſſen Glanz auch das ſeinige beitrug, um die Idee vom reichen Manne zu beſtaͤtigen, verließ Rau⸗ 14*† 212 henfeld die Reſidenz, um ſich an der Graͤnze des Reichs unter die Fahnen des Landes zu ſtellen, und ſah und hoͤrte, den ganzen Feldzug uͤber, von Klotilden nichts eher wieder, als bis an jenem grauenvollen Abend auf der Galgenbruͤcke. Muͤ⸗ lenau's loͤſ'ten ihm das Raͤthſel uͤber den Zuſam⸗ menhang der Dinge, durch welche Klotildens Wohnſitz aus der Reſidenz nach Finſterberge ver⸗ legt wurde, und ihr einſtimmiges Lob uͤber des Maͤdchens innern Werth, ſprachen den Heirath⸗ luſtigen um ſo lebendiger an, als er von der Lieblichen aͤußern Reizen ohnehin ſchon beſtochen war. In ſeinem neuen Dienſtverhaͤltniſſe, wel⸗ ches ihn in eine, bloß durch wirthliche Benutzung des dazu gehoͤrigen Feldbaues und Viehſtandes, eintraͤgliche ſtille Wald⸗Einſiedelei verwies, ſah er ſich genoͤthigt, eine auf die Genuͤſſe des Le⸗ bens in der großen Welt verzichtende, an ein⸗ fache Haͤuslichkeit gewoͤhnte Frau zu waͤhlen; dazu ſchien Klotilde, die im Hauſe des Oheims die haͤrteſte Arbeit verrichten mußte, die ſich vor der Welt in den Fluthen hatte verbergen wollen, am paſſendſten. Der Schreckengrund galt im ganzen Lande fuͤr ein zweites Siberien; darum, und wegen ſeiner perſoͤnlichen Unannehmlichkei⸗ ellen, von enem Muͤ⸗ ſam⸗ ldens ver⸗ r des rath⸗ a der ochen wel⸗ bzung ndes, „ſah e Le⸗ ein⸗ hlen; heims h vor ollen, lt im rrum, ten, war Rauhenfeld mit verſchiedenen Heirath⸗ anträgen verungluͤckt; die ſchoͤne Geaͤchtete aber, meinte er, ſchlug ihm gewiß ihre Hand nicht ab; hatte ſie ſich dem Tode in die kalten Arme ſtuͤr⸗ zen wollen, wuͤrde ſie an ſeiner Seite gewiß doch lieber durch das Leben gehen koͤnnen. Von dem gefallenen Geliebten durfte er nichts mehr fuͤrch⸗ ten, und daß ſie dem Menſchen, der, nach der ihm von Muͤlenau's gemachten Schilderung, viel Einnehmendes gehabt hatte, gut geweſen war, rechnete er ihr zu keinem Verbrechen an; hatte er doch auch bis zu dem Tage, an dem er den Lan⸗ zenſtich in die Huͤfte bekam, in manchen noch viel engern Liebesverhaͤltniſſen unzarterer Art ge⸗ ſtanden. Alle dieſe Umſtaͤnde beſtimmten ihn, Muͤlenau's ſeine Wuͤnſche und Abſichten zu ent⸗ decken; und Emilie, die Klotilden herzlich wohl⸗ wollte, und in Rauhenfelds uͤberraſchender Er⸗ klaͤrung einen offenbaren Wink der Vorſehung ſah, das Maͤdchen aus den jetzigen ihm widrigen Umgebungen zu entfernen und der Huͤlfloſen eine anſtaͤndige Lage zu gewaͤhren, fand ſich mit tau⸗ ſend Freuden bereit, den Plan nach allen Kraͤf⸗ ten zu unterſtuͤtzen. Den geheimen, eigentlichen Hauptbeweggrund von Rauhenfelds raſchem Ei⸗ — 214 fer, dieſe Verbindung zu Stande zu bringen, kannte ſie nicht; ſie hielt das fuͤr gluͤhende Liebe, was nichts als nothgedrungene Spekulation war. Muͤlenau hatte naͤmlich ſeinem Jugend⸗ freunde und Vetter unter vier Augen vertraut, daß Klotilde auch nicht ganz blos ſey; ihr Va⸗ ter habe ihr bedeutende Schuldforderungen hin⸗ terlaſſen, die, ſo viel er wiſſe, nur darum nicht eingezogen wuͤrden, weil die Schuldner Maͤnner von Einfluß in der Reſidenz waͤren, welche die, ohnehin mit Lauigkeit gemachten Verſuche des einfaͤltigen bedeutungloſen Fluͤmer, bisher immer vereitelten. Kaͤme aber einer, der das Ding beim rechten Ende anzufangen, und ihm den gehoͤrigen Nachdruck zu geben verſtaͤnde, ſo ſey es gar keinem Zweifel unterworfen, daß, wo nicht die ganze Summe, die uͤber 20,000 Gulden betragen ſolle, doch durch Vergleich oder auf andere Weiſe, wenigſtens die Haͤlfte noch heraus zu bekommen waͤre. Die Nachricht ſchlug ein. Rauhenfeld hatte durch ſein bisheriges wuͤſtes, wildes Leben ſein weniges Vermoͤgen vergeudet, und erlag faſt der Laſt ſeiner druͤckenden Schulden; unbarm⸗ herzige Glaͤubiger quaͤlten ihn oft bis zur Verzweif⸗ lung forde noch gen, eilun den. nes genb Vorf ſonde dafuͤ Glaͤr hing ihn Vor ward zuw Wei Hau bisch wert das Die lung, und druͤckten ihn durch uͤberſpannte Zins⸗ iebe, forderungen immer tiefer in den Abgrund, und war. noch dringender waren die heimlichen Zahlun⸗ end⸗ gen, die ihm als Buße fuͤr jugendliche Ueber⸗ aut, eilungen durch Urthel und Recht auferlegt wur⸗ Va⸗ den. Auch er ſah daher, ſchon am Rande ſei⸗ hin⸗ nes Verderbens, Klotildens Fund auf der Gal⸗ nicht genbruͤcke, fuͤr einen Wink der unerforſchlichen nner Vorſehung an; er hatte ihr das Leben gerettet; die, ſonderbare Verkettung; ſie ſollte ihn aus Dank des dafuͤr, von der ſataniſchen Peinigung ſeiner :mer Glaͤubiger retten, die wie Vampire an ihm ding hingen, ihn bis auf das Blut ausſaugten, und den ihn nie zu Kraͤften kommen ließen. ſey Jetzt ſah er Land! jetzt galt es nur, mit wo Vorſicht in den Hafen zu ſteuern. Muͤlenau 000 ward ſein Lootſen. oder Deine Frau braucht um meine Lage nicht V noch zu wiſſen, ſagte er zu dieſem traulich: die 6 Weiber, die gewvoͤhnlich in der Welt nicht zu atte Hauſe ſind, macht ſo etwas gleich ſcheu. Das 6 ſein V bischen Schulden iſt ja gar nicht der Rede faſt— werth. Bekomme ich Klotilden und mit ihr rm⸗ das Geld, ſo bin ich ein gemachter Mann. Die Hauptſache iſt, daß Klotilde hier fort⸗ kommt; das Maͤdchen iſt huͤbſch, der Teufel koͤnnte ſein Spiel haben, und einen Dritten herfuͤhren, der ſie mir wegkapert. Der Fuͤrſt hat mir 1000 Gulden zur Einrichtung meiner verwuͤſteten Wohnung geſchenkt; davon haͤndige ich ehrlich und treulich Deiner Frau die Haͤlfte ein; damit geht ſie, ihrem Verſprechen gemaͤß, morgen nach Schreckengrund, um dort anzu⸗ ſchaffen was noͤthig iſt. Das Maͤdchen muß mit; dort in dem von Gott, und Welt geſchie⸗ denen Thale ſoll ſie kein Teufel mir heraus⸗ finden. Wir ſehen hier unterdeſſen, daß wir die Wechſel vom alten Fluͤmer bekommen; dieſe nehme ich mit in die Reſidenz, wohin ich ohne⸗ dieß muß. Dort ſehe ich, wie die Glocken haͤngen, und wenn wir die alten Papierchen verſilbern koͤnnen, ſo iſt das niedliche Tildchen meine wohlbeſtallte Frau Forſtmeiſterin zu Schreckengrund, und dann wollen wir anfan⸗ gen, ein Leben zu fuͤhren, wie die Engel im Himmel; da ſollſt Du einmal den Keller ſehen, den Dein alter Rauhenfeld ſich anlegen wird, und koͤmmſt Du, mich zu beſuchen, ſo rufe ich Tildchen zu: Tauſend Stuͤck Auſtern zum erſten Anfang. Teufel Dritten Fuͤrſt meiner aͤndige Haͤlfte gemaͤß, anzu⸗ muß geſchie⸗ eraus⸗ ß wir ; dieſe ohne⸗ Zlocken jerchen ldchen n zu unfan⸗ gel im ſehen, wird, rufe zum 217 So lautete damals der geheime Plan, nach dem ſich Klotildens Schickſal geſtaltete. Fluͤ⸗ mer hatte indeſſen wohlweislich die bewußten Wechſel nicht herausgegeben, ſondern ſich nach vielem Zureden und nach erfolgtem Verſprechen einer angemeſſenen Belohnung, dazu verſtan⸗ den, die Namen der Schuldner, die Data der Wechſel, und den Betrag des Kapitals und der ruͤckſtaͤndigen Zinſen anzugeben. Mit die⸗ ſen Notizen ging Rauhenfeld in die Reſidenz, wendete ſich da an den Advokaten Schraube, einen der beruͤchtigtſten Rabbuliſten, und ver⸗ ſprach etwas Anſehnliches, wenn dieſer ihm die Wechſel zu Geld mache. Herr Schraube uͤber⸗ blinzelte mit kalter Hoͤllenfreude das Namens⸗ verzeichniß der Schuldner; alles gute Leute, ſagte er im wonnigen Vorgefuͤhl: hier wieder zehn, zwoͤlf Prozeßchen mit einem Male zu bekom⸗ men, und die Verzeichneten, nebſt ſeinem Herrn Mandanten, methodiſch langſam martern zu koͤnnen, alles gute Leute, mitunter ein wenig hartleibig, indeſſen wenn man die Latwerge nur recht zu miſchen weiß, das Herz aus dem Leibe muͤſſen ſie herausgeben. Sehen Sie, verehrter Herr Forſtmeiſter, fuhr er fort, und 5 “ ———— 218 ſchlug mit der verwendeten knochenduͤrren Hand auf das Papier, und grinſte zaͤhnefletſchend: ſehen Sie hier das kleine Wechſelchen von 500 Gulden, darauf borge ich Ihnen ſelber die Haͤlfte, ſo ſolide iſt das Papierchen, der Aus⸗ ſteller, der Finanzſecretair iſt geſtorben; die Witwe iſt eine einfaͤltige, ehrliche Frau; mit der wollen wir bald umſpringen; wenn ich der weiß mache, daß ich dem ſeligen Herrn Fi⸗ nanzſecretair noch im Grabe Wechſelarreſt geben muͤßte, wenn ſie nicht zahle, ſo ſchafft ſie Rath, und ſollte ſie das Bette unter dem Leibe ver⸗ kaufen. Er ſchlug über ſeinen witzigen Einfall eine ſo bruͤllende Lache auf, daß ſelbſt Rau⸗ henfeld vor ihm erſchrack. Schraube machte ohne Verzug bei ſaͤmmt⸗ lichen Schuldnern die Runde, und war es wahr, was er ſagte, oder gab er es nur vor, um den neuen Klienten zu koͤdern, nach ſeiner Ausſage hatte keiner ſich ſehr geſperrt, ſeinen Wech⸗ ſel einzuloͤſen; und die ins Bockshorn gejagte arme Finanzſecretairwitwe war erboͤtig, gegen Erlaß der ruͤckſtaͤndigen Zinſen, das Kapital ſo⸗ fort abzutragen, um nur ihren Mann in der Erde, vor den giftigen Biſſen der Schlangen⸗ zunge wahret anvert zu ert A die † verlan gerech! richtig ner C dieſer verſto⸗ etwas g zeugu Hand ſchend: n 500 er die Aus⸗ 1; die ; mit ich der en Fi⸗ geben Rath, e ver⸗ Linfall Rau⸗ mmt⸗ wahr, n den asſage Wech⸗ ejagte gegen al ſo⸗ n der ngen⸗ 219 zunge des ſataniſchen Herrn Schraube zu be⸗ wahren. Jetzt Herr Forſtmeiſter, rief dieſer: nur die Wechſel; die 20,000 blanke Gulden ſollen Ih⸗ nen ſchon ſchmecken. Rauhenfeld eilte nun nach Schreckengrund, betheuerte von Neuem der ſchwachglaͤubigen Emi⸗ lie, daß er ohne Klotilden nicht leben koͤnne, daß ihn eine unnennbare Liebe zu dem Maͤd⸗ chen hinzoͤge, daß er der allerungluͤcklichſte Menſch ſey, wenn dieſes ihm ſeine Hand verſage, und daß er ſein ganzes Wohl und Wehe ihr allein anvertraue; und ſo gelang es ihm, ſein Ziel zu erreichen. Als Klotildens Gatte hatte er das Recht, die Herausgabe der Wechſel von Fluͤmer zu verlangen; allein, die paar hundert Thaler ab⸗ gerechnet, welche die Finanzſecretair⸗Witwe be⸗ richtigte, und die Schraube, auf Abſchlag ſei⸗ ner Gebuͤhren, gleich inne behielt, war, wie dieſer ſchrieb, alle Muͤhe vergeblich, aus den verſtockten Suͤndern, den uͤbrigen Schuldnern, etwas herauszupreſſen. Rauhenfeld hatte, in der gewiſſen Ueber⸗ zeugung, die erwarteten Gelder nach und nach — 220 8 einzubekommen, ſich mit ſeinem gewoͤhnlichen Leichtſinn, eine Menge Ausgaben erlaubt, und dadurch ſeine alten Schulden um mehr als die Haͤlfte vermehrt. Jetzt, da Schraube, der wahrſcheinlich von den ſaubern Herren in der Reſidenz gehoͤrig bearbeitet worden war, wieder⸗ holt verſicherte, daß zur Realiſirung jener Wech⸗ ſel, auch nicht die mindeſte Hoffnung ſey, gaͤhnte dem verlorenen Rauhenfeld ein offener Abgrund entgegen. Gerichtliche Vorladungen, Executionen, Auspfaͤndungen, Gehaltsbeſchlag⸗ nahmen, Prozeſſe, Drohungen, grobe Mahn⸗ briefe, laͤſtige Beſuche dringender Glaͤubiger und wie alle die Ungeheuer heißen moͤgen, welche den ihnen einmal Verfallenen um Ruhe und Zufriedenheit bringen, plagten und quaͤlten ihn taͤglich. Muͤlenau's, meinte er, haͤtten ihn, blos um Klotilden mit Ehren unter die Haube zu bringen, abſichtlich betrogen; er zerfiel mit ih⸗ nen auf immer; auf Klotilden ſelbſt aber fiel ſein toͤbtlichſter Haß. So aufmerkſam er An⸗ fangs gegen ſie geweſen war, ſo kalt und un⸗ freundlich behandelte er ſie jetzt. Das letzte Mittel, zu dem Verzweifelnde dieſer Lage ge⸗ woͤhnl! geiſtig ſich ſ des jetzt 1 konnte morge ihm d Wang bruch behan unmer neknit Galge jetzt n ihnen beide D Hitze ſtuͤck ungluͤ dem ſchlug und g verflu hnlichen woͤhnlich ihre Zuflucht nehmen, iſt der Genuß bt, und geiſtiger Getraͤnke. Auch Rauhenfeld, der in als die ſich ſelbſt die Grundſaͤulen der Vernunft und de, der des Glaubens von Jugend auf vermißt, und in der jetzt nichts hatte, an dem er ſich feſthalten wieder⸗ konnte, ergriff in der Furienangſt vor jedem r Wech⸗ morgenden Tage, die Flaſche, und je dunkler ng ſey, ihm das Feuer des Korngeiſtes auf Stirn und offener Wange brannte, je furchtbarer ward der Aus⸗ dungen, bruch ſeines Unmuthes uͤber ſeine Lage. Er beſchlag⸗ behandelte die taubenfromme Klotilde mit der Mahn⸗ unmenſchlichſten Haͤrte, ſagte ihr oft mit Zaͤh⸗ iger und neknirſchen, daß er jenen Rettunggriff auf der welche Galgenbruͤcke tauſendmal bedaure; daß ſie ihn he und jetzt mit in den Abgrund hinabziehe, und daß ten ihn ihnen am beßten ſey, wenn der Teufel ſie beide je eher je lieber hole. , blos Dieſen Morgen erſt vergaß er ſich in der aube zu Hitze des unſeligen Spiritus, den er zum Fruͤh⸗ mit ih⸗ ſtuͤk im Uebermaße trank, ſo weit, daß er die aber fiel ungluͤckliche Frau, wegen eines Verſehens, an er An⸗ dem ſie nicht einmal Schuld war, blutruͤnſtig nd un⸗ ſchlug. Er hing die Buͤchſe uͤber die Achſel, s letzte und ging, Klotilden, ſich und die ganze Welt age ge⸗ verfluchend, zum Hauſe hinaus. Waͤre er doch nie wieder gekehrt! Klotilde trug ihren Kummer mit der Ge⸗ duld eines Engels. Nach ihren Anſichten, die ſie ſich ſelbſt nicht einmal deutlich geſtand, war ihre jetzige wahrhaft ſchreckliche Lage nichts als wohlverdiente Strafe ihres Meineides gegen Nicolas. Sie hatte ihm geſchworen, Treue bis zum Tode, und vor Gottes Altare hatte ſie jenen Schwur gebrochen. Sie buͤßte als Maͤrtyrin ihre Schuld, und bat Gott oft im Stillen, daß er bald enden moͤge, denn er hatte ihr mehr aufgelegt, als ſie zu tragen vermochte. Rauhenfeld kam, wie das oft der Fall war, wenn er im entfernten Reviere zu thun hatte, dieſen Mittag nicht zu Hauſe. Auf dem Heim⸗ wege gegen Abend, hoͤrte er von einem Klaf⸗ terſchlaͤger, daß ſchon ſeit zwei Tagen ein frem⸗ der Herr kreuz und quer im Walde herum gehe. Er habe ſich eben wieder oben am Berg⸗ rande des Schreckengrundes ſehen laſſen, ſey vor dem und jenem Baume oft ſtehen geblie⸗ ben, und habe mit dem Kopfe geſchuͤttelt. Rauhenfeld aͤußerte die Vermuthung, daß es vielleicht ein Kaufluſtiger ſey, der ſich zu dem oder jenem Zwecke, beſonders gewachſene Baͤume der Ge⸗ ten, die d, war chts als 9 gegen Treue re hatte ißte als oft im er hatte nochte. all war, n hatte, 1 Heim⸗ n Klaf⸗ in frem⸗ herum Berg⸗ n, ſey geblie⸗ chuͤttelt. daß es zu dem Baͤume 223 —2 ausſuchen wolle; der Klafterſchlaͤger aber meinte, daß das nicht wohl der Fall ſeyn koͤnne, denn der Fremde ſey allemal nur vor den aͤlteſten, morſcheſten, vom Windbruche oder Wetterſcha⸗ den heimgeſuchten Baͤumen ſtehen geblieben, die zu nichts als zum Verbrennen taugten; wolle der Mann aber Brennholz kaufen, ſo brauche er darnach nicht ſo ſorglich durch den ganzen Forſt zu revieren; wenn er urtheilen duͤrfte, ſo moͤchte er vielmehr behaupten, daß es mit dem fremden Herrn da oben, er zeigte auf die Stirn, nicht recht richtig waͤre. Rauhenfeld ſtutzte, nahm ſeine Buͤchſe vom Arm, ſchuͤttete friſches Pulver auf die Pfanne, und ging zu der Felſenſchlucht hinab, in die, nach Ausſage des Klafterſchlaͤgers, der Fremde ſeine Richtung nahm. Unten im Thale ſtand, abwaͤrts vom Fahr⸗ wege, mitten in einer jungen Birkenſchonung, der Beſchriebene und ſah ſich um. Als er Rauhenfeld gewahrte, griff er mit dem Anſtande, der an einem jungen Manne von Erziehung unverkennbar iſt, nach dem Hute, und gruͤßte. Rauhenfeld hatte ſchon ein Paar Schock Donnerwetter auf der Zunge, mit denen er den Fremden anfahren wollte, daß dieſer ſich unter⸗ ſtand, hier in der Schonung herum zu wandeln; allein die feine Art zu gruͤßeen, der gewaͤhlte Rei⸗ ſeanzug, das Wohlklingende der Stimme, und die einnehmenden Geſichtszuͤge, das alles verrieth keinen gewoͤhnlichen Menſchen, und Rauhenfeld fragte alſo, ebenfalls im Tone der Artigkeit, ob der Fremde ſich vielleicht verirrt habe, in welchem Falle er ſich gern erboͤte, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Dieſer aber dankte hoͤflich, und erzaͤhlte in ziemlich gebrochenem, aber recht wohl verſtaͤndlichem Deutſch, daß er der hier in dieſer Gegend vorgefallenen Schlacht beigewohnt, und das Ungluͤck gehabt habe, gefangen zu wer⸗ den. Gegenwaͤrtig kehre er aus Rußlands In⸗ nerem nach Frankreich zuruͤck, und er habe nicht umhin gekonnt, einen kleinen Umweg zu ma⸗ chen, um dieß merkwuͤrdige Schlachtfeld noch ein⸗ mal in Augenſchein zu nehmen, und ſich Alles ganz genau wieder zu vergegenwaͤrtigen; allein er waͤre ſchon den ganzen Nachmittag hier herumge⸗ ſchweift, und koͤnne ſich doch nicht zurecht finden. Rauhenfelds einziges leidliches Steckenpferd war die Geſchichte des letzten Feldzuges; in der hieſi nehn ausg ganz Schl ſten unter in d Hau unge genat rend ſich e digen 5 Aufn litair war, berich wie Blick fuͤrch auffaͤ beme und er den unter⸗ indeln; te Rei⸗ , und verrieth henfeld it, ob velchem rechten hoͤflich, er recht hier in ewohnt, zu wer⸗ ds In⸗ be nicht zu ma⸗ och ein⸗ ch Alles allein er erumge⸗ finden. kenpferd in der hieſigen Schlacht hatte er die tollkuͤhnſten Unter⸗ nehmungen mit der entſchloſſenſten Tapferkeit ausgefuͤhrt; dazu kannte er das Gebiet ſeines ganzen Forſtes, in dem ein großer Theil der Schlacht geliefert worden war, bis auf den klein⸗ ſten Strauch; der Fremde konnte daher keinen unterrichtetern Fuͤhrer ſich wuͤnſchen. Rauhenfeld, in den Werken uͤber dieſen Feldzug ganz zu Hauſe, wußte von der Stellung und den Beweg⸗ ungen jedes einzelnen Corps beider Armeen die genaueſte Rechenſchaft zu geben, und trug, waͤh⸗ rend ſie nach der Gegend zu gingen, wo die Schlacht ſich eroͤffnet hatte, die Geſchichte jenes denkwuͤr⸗ digen Tages, mit dem lebendigſten Feuer vor. Doch der Fremde ſchien ihm die ungeſtoͤrte Aufmerkſamkeit, die Rauhenfeld von einem Mi⸗ litair erwartet hatte, der meilenweit umgereiſ't war, um ſein ſtrategiſch⸗taktiſches Studium zu berichtigen, nicht zu ſchenken, ſondern ſtand, wie zerſtreut, oft ſtill, und ſchweifte mit dem Blicke gewoͤhnlich umher; indeſſen ſchien es, als fuͤrchtete er, dieß merken zu laſſen, und noch auffaͤlliger war, daß er, wie der Klafterſchlaͤger bemerkt hatte, immer die Gipfel alter ſchadhafter und morſcher Baͤume zum Zielpunkt machte. 15 225 226 Beide wanderten wohl uͤber drei Stunden ſo mit einander herum; ſie kamen einander naͤher, und der Fremde lernte ſeinen Fuͤhrer als einen verſtaͤndigen, und, was ihm ein Hauptpunkt zu ſeyn ſchien, als einen vom hieſigen Locale ganz genau unterrichteten Mann kennen. Daher nahm er, als ihn Rauhenfeld halb im Scherz fragte, was er denn immer da oben in den alten Baumkruͤp⸗ peln zu ſuchen habe, keinen Anſtand, mit dem eigent⸗ lichen Zweck ſeiner Herreiſe naͤher herauszuruͤcken. Ich ſehe, hob er laͤchelnd an: daß ich allein und ohne Ihre Mithuͤlfe nicht zum Ziel komme. In dem Zufall, daß ich gerade Sie, den Ober⸗ intendanten des hieſigen Forſtes gefunden habe, liegt mir einer der gluͤcklichſten Winke. Sie wiſ⸗ ſen jeden Stamm, jeden Buſch im Walde. Ent⸗ ſinnen Sie ſich nicht eines Baumes, vom Blitze getroffen, oder vom Sturme zerriſſen?— Rauhenfeld ſtand und ſann. Ob Laub⸗ oder Nadelholz, fuhr der Fremde fort, weiß ich nicht mehr beſtimmt; aber glaub⸗ hafter iſt mir das erſtere. Er ſtand in einem freien, ſchmalen Thale, auf einer kleinen Hoͤhe, faſt rings um von Dornen und anderm, damals wenigſtens, niedrigen Gebuͤſch umgeben. „ inden ſo naͤher, s einen unkt zu ale ganz r nahm te, was imkruͤp⸗ neigent⸗ ruͤcken. hh allein komme. en Ober⸗ n habe, Sie wiſ⸗ Ent⸗ n Blitze — Fremde rglaub⸗ einem a Hoͤhe, damals 227 Rauhenfeld legte die Hand vor die Augen, und revierte in Gedanken durch den ganzen Forſt. Die kleine Anhoͤhe, beſchrieb der Fremde wei⸗ ter: lag auf einem Wieſen⸗ oder Weideplatze; weiter rechts, nach dem Fuße des Berges zu, war ein Streif friſch gepfluͤgten Ackerlandes. Die eine Seite des geborſtenen Baumſtammes war halb verkohlt; war das Feuer des Himmels oder die Sorgloſigkeit der Hirten die Urſache davon, das weiß ich nicht; dicht unten an der Wurzel, auf der verkohlten Seite, war in der Erde ein laͤngliches muldenfoͤrmiges Loch, eine bedeutende Vertiefung, vielleicht eben von jenen Hirten ge⸗ graben, die, vom Stamme gegen den Wind ge⸗ ſchuͤtzt, ſich ihr Feuer hier mochten angemacht haben.— Nun? fragte Rauhenfeld geſpannt. Ich halte ſie fuͤr einen Mann von Ehre; ſagte der Fremde mit einer Art Verlegenheit: und dar⸗ um darf ich von Ihnen erwarten, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden. Es mag Ihnen vielleicht unbeſonnen ſcheinen, daß ich Ih⸗ nen, nach einer kaum dreiſtuͤndigen Bekannt⸗ ſchaft eine Entdeckung mache, die ich, unter an⸗ dern Verhaͤltniſſen, ſelbſt meinem aͤlteſten Freunde 15* 228 vorenthalten wuͤrde; allein ich kann ohne Sie nichts wirken; darum muß ich mir Ihre Huͤlfe erbitten. Iſt mein Unternehmen von gehofftem Erfolge; ſo denke ich, ſollen Sie den Augenblick, der uns zuſammen fuͤhrte, nicht bereuen, denn ich werde die Verdienſtlichkeit Ihrer Mitwirkung, gehoͤrigen Orts, nicht unerwaͤhnt laſſen, und man wird es ſich gewiß zur angenehmſten Pflicht machen, Ihnen das dafuͤr gebuͤhrende Anerkennt⸗ niß, auf irgend eine Ihnen erfreuliche Weiſe zu⸗ kommen zu laſſen.— Doch zur Sache.— Das Waffengluͤck war, wie Sie wiſſen, uns in jener Schlacht nicht guͤnſtig. In der Gegend je⸗ nes Baumſtammes hielt die Kriegskaſſe unſers Corps; dieſes war bei ſeiner Retirade ſo gaͤnzlich aufgeloͤſ't, daß nicht daran zu denken war, die Kaſſe vor dem nachruͤckenden Feinde zu retten. Alle unſere Knechte ſchnitten die Pferde von den Straͤngen, jagten von dannen, und ließen den Wagen ſtehen;— um zu erhalten, was moͤg⸗ lich war, warf ich mit zwei Collegen,— wir waren bei dieſer Kaſſe angeſtellt— in aller Ge⸗ ſchwindigkeit, die Goldbeutel wenigſtens in jene Vertiefung, und verſchuͤtteten ſie mit Sand und Strauchwerk; aber kaum daß wir mit dieſer Ar⸗ 2 Sie Huͤlfe offtem nblick, denn rkung, und Pflicht kennt⸗ eiſe zu⸗ de.— uns in end je⸗ unſers aͤnzlich r, die retten. on den ken den moͤg⸗ — wir er Ge⸗ in jene nd und er Ar⸗ 229 beit zu Stande waren, und uns nun auch zur Rettung des Silbergeldes auf aͤhnliche Weiſe an⸗ ſchicken wollten, wurden wir von der feindli⸗ chen leichten Reiterei uͤberraſcht; der ganze Reſt der Kriegskaſſe fiel in ihre Haͤnde, meine beiden Gehuͤlfen wurden im Getuͤmmel des Ueberfalls erſchoſſen, ich gerieth in Gefangenſchaft. Jetzt, auf dem Heimwege in mein Vaterland begriffen, iſt die Neugierde wohl zu verzeihen, die mich her⸗ treibt, nachzuſehen, ob jenes Gold, von deſſen Vergrabung außer mir, bis jetzt kein lebendiger Menſch wußte, noch da liege, wohin wir es ge⸗ borgen. Seit fuͤnf Tagen durchkreuze ich, vom fruͤhen Morgen bis zum ſpaͤten Abend, Ihren Forſt in allen Richtungen; der Platz iſt wie ver⸗ ſchwunden. War es denn viel? fragte Rauhenfeld mit ſcheinbarer Gleichguͤltigkeit. Ueber drei Millionen Franks,*) antwortete der Wuͤnſchelruthenbeduͤrftige: allerdings koͤnnte ich nach meiner Heimkunft unſerm Hofe davon Anzeige machen, und dieſem uͤberlaſſen, bei dem *) Ein Frank iſt bekanntlich 6 gr. 5 ⅝ Pf. Preuß. Cour, 230 Ihrigen die weitere Verwendung wegen des Auf⸗ ſagt ſuchens jenes Goldes, einzulegen; aber bedenken Sto Sie, wenn man nun ſuchte und nichts faͤnde! iſt und wie leicht iſt dieß nicht moͤglich! wie leicht dort koͤnne jene Goldſaͤcke von der Kavallerie, die gen uns uͤberfiel, ſelbſt noch aufgeſpuͤrt, wie leicht Huͤ ſpaͤter, beim Umhauen des Baumes, oder von eine Hirten, die dort huͤteten, gefunden worden ſeyn. hall Ganz Frankreich lachte mich ja zeitlebens aus, lich oder hielt mich fuͤr einen ſpekulativen Betruͤger, unt der mit ſeiner Anzeige, vom Hofe, Gott weiß drei welche große Belohnung habe erzielen wollen. daͤn Erſt alſo die Gewißheit, und dann die Meldung. Be Und dann das leere Neſt? fiel ihm Rauhen⸗ dien feld lachend in das Wort. Das koͤnnte eine gute ſter Beſcheerung werden. Ehe Sie nach Hauſe kom⸗ W men, und dort Ihre Eingabe an den rechten der Mann bringen; ehe von da aus die Sache durch’ auf eine Menge Behoͤrden und Inſtanzen hierher die koͤmmt, und wir hier zum Werke ſelbſt, zur V nir Hebung des Geldes ſchreiten, erfahren zwanzig, wit dreißig Menſchen davon, und wenn ich heute b Abend zehn Mann Schildwache hinſtellte, mor⸗ ſch gen waͤre das Geld doch zum Teufel. Haͤtten Sie un mir das von der Kriegskaſſe gleich anfangs ge⸗ Auf⸗ enken faͤnde! leicht „ die leicht r von ſeyn. aus, ruͤger, weiß dollen. dung. uhen⸗ 2 gute kom⸗ echten durch ierher „ zur anzig, heute mor⸗ Sie s ge⸗ 231 ſagt, wären wir vielleicht ſchon jetzt an Ort und Stelle, denn die Gegend, wo dieſe geſtanden, iſt am ganz entgegengeſetzten Ende des Waldes; dort giebt es wohl drei, vier ſolcher, von Ber⸗ gen umſchloſſener Thaͤler mit kleinen buſchigen Huͤgeln, und mir ſchebt ſelbſt vor, daß auf dem einen oder dem andern dieſer Erhoͤhungen, alte halb abgeſtorbene Ruͤſtern ſtehen. Wohl moͤg⸗ lich, daß dort Ihr Baum des Lebens mit dar⸗ unter befindlich iſt. Aber, bis dahin haben wir drei volle Stunden zu marſchiren, und der Abend daͤmmert ſchon; wir kaͤmen im Stockdunkeln hin. Beſſer, Sie goͤnnen mir die Ehre, und bleiben dieſe Nacht bei uns, und morgen mit dem Fruͤh⸗ ſten, fahren wir beide allein an jenes Waldende. Wir nehmen Spaten und Schaufel mit, und liegt der Plunder noch da, ſo laden wir ihn gleich auf, und fahren damit in das Amt, um dort die gefundenen Herrlichkeiten gerichtlich zu depo⸗ niren. Hat das liebe Gut dort ſo lange gelegen, wird es uns auch dieſe Nacht niemand wegholen. Der Fremde nahm den vernuͤnftigen Vor⸗ ſchlag und die freundliche Einladung dankbar an, und beide ſchlenderten langſam nach dem Schre⸗ ckengrunde hinab. —ÿÿ — Da Sie, hob jetzt ⸗Rauhenfeld, den das morgende Vorhaben der Schatzhebung bis jetzt zu beſchaͤftigen ſchien, nach einer langen Pauſe an: da Sie bei der Kriegskaſſe angeſtellt waren, muͤſſen Sie auch einen Herrn Nicolas gekannt haben! Nicolas? wiederholte der Fremde, und ſchuͤt⸗ telte ſinnend den Kopf. So heißt er wenigſtens mit dem Vornamen, erwiederte Rauhenfeld mit einem Tone, dem man es anhoͤrte, daß er an dem fraglichen Gegen⸗ ſtand keinen beſondern Wohlgefallen habe. Sei⸗ nen Familien⸗Namen weiß ich nicht; nur ſo viel iſt mir bekannt, daß er aus dem Rhone⸗ Departement war, zu Finſterberge, einem Staͤdt⸗ chen unſers Reichs, beim Apotheker, wo ihn in der Weinſtube einer meiner Bekannten oft ſah, im Quartiere lag, und hier in der Schlacht ge⸗ blieben ſeyn ſoll. Richtig, richtig, fiel der Fremde ihm in das Wort: ja, der hat hier auch in das Gras beißen muͤſſen; das war eben eine: von meinen beiden Kollegen, von denen ich Ihnen vorhin erzaͤhlte. Was war denn an dem Menſchen? fragte Rauhenfeld, lachte, als ihm ſein Gaſt achſel⸗ das Bjetzt Pauſe varen, kannt ſchuͤt⸗ imen, dem zegen⸗ Sei⸗ ur ſo hone⸗ Staͤdt⸗ hn in ſah, ht ge⸗ das heißen eiden hlte. ragte chſel⸗ — 233 zuckend antwortete, daß man von den Todten ja nur Gutes reden ſolle, machte jetzt ſeine Hofthuͤr auf, und ſagte beim Eintreten, weiß ich doch Ihren werthen Namen noch nicht einmal, um Sie meiner Frau vorſtellen zu koͤnnen. Duͤmarſais, antwortete der Fremde mit ei⸗ ner leichten Verbeugung, und Rauhenfeld fluͤ⸗ ſterte ihm heimlich die Bitte zu, gegen ſeine Frau von der bewußten Sache nichts zu erwaͤhnen. Liebe Frau,— Herr Duͤmarſais, ein Holz⸗ haͤndler aus der Reſidenz! ſagte Rauhenfeld, als er mit dieſem bei Klotilden in das ſchwach erleuch⸗ tete Zimmer trat. Ein Gluͤck, daß Rauhenfeld ſich jetzt nach der Wand wendete um Hut, Jagdtaſche und Buͤchſe an die dort befindlichen Naͤgel zu haͤngen, denn Klotilde und Nicolas ſtanden erſtarrt ſich gegenuͤber. Rauhenfeld fuhr mit dem Geſichte nach der Wand gewendet, und mit ſeinen Jagdgeraͤth⸗ ſchaften beſchaͤftigt fort, Klotilden zu eroͤffnen, daß Herr Duͤmarſais bei ihnen uͤbernachten wer⸗ de, und ſie benutzte dieß, um ſich, unter dem Vorwande haͤuslicher Angelegenheiten, entfernen zu koͤnnen, denn ſie war bis dahin nicht im 234 Stande geweſen, nur ein Wort uͤber die Lippen zu bringen. Draußen erſt rang ſie die Haͤnde weinend gen Himmel; die Freude uͤber Nicolas Wiederfinden, der bitterſte Vorwurf, ihm ſchein⸗ bar als Treuloſe gegenuͤber zu ſtehen, beides zer⸗ riß ihr das Herz. Doch, was hofft die Liebe nicht!— Wenn er lebt, und nach dem Frie⸗ denſchluſſe kommt, und Dir treu geblieben iſt, und Dich bittet, mit ihm zu ziehen, ſo bin ich die Erſte, welche Deine Trennung von Rauhen⸗ feld bewirkt.— So hatte Emilie geſprochen. Darauf baute Klotilde ihre Plaͤne. Emilie mußte ihr Verſprechen halten; ſie hatte es gelobt, ſie hatte ihr die Hand darauf gegeben; und ob Ni⸗ colas ihr treu geblieben war, unterlag keinem Zweifel; ſein freudiger Schreck, der ſanft fra⸗ gende Vorwarf ſeines Blicks hatte es ihr geſagt, mehr als alle Worte es vermoͤgen. Noch ſtand ſie ſo unentweiht da, als Nicolas ſie ver⸗ ließ. Sie war bloß Rauhenfelds Pflegerin ge⸗ weſen; ſeine Gattin nie. Ihre Hand hatte ſie ihm gegeben; ihr Herz beſaß Nicolas, und nur Nicolas allein. Als ſie ſich moͤglichſt geſammelt und mit ſorglicher Gaſtlichkeit zur Bereitung des Abend⸗ —— 235 mahls die noͤthigen Anſtalten getroffen hatte, kehrte ſie in das Zimmer zuruͤck. Rauhenfeld aber bat den vermeintlichen Herrn Duͤmarſais, nicht uͤbel zu nehmen, wenn er ſich einen Augen⸗ blick entferne, um die unterdeſſen eingegangenen Amtsbriefe zu beantworten, und ſeinen Holz⸗ ſchlaͤgern fuͤr morgen die noͤthigen Anweiſungen zu ertheilen. Endlich— endlich, rief Nicolas, als ſie allein waren, und breitete die Arme weit aus, und Klotilde ſank froͤhlich weinend an ſeine treue Bruſt. Seinen Lippen entſchluͤpfte kein Vor⸗ wurf uͤber das gebrochene Wort; nur in ſeinem Auge ſprach eine ſtille Thraͤne den Schmerz ſeiner Seele aus, Klotilden als die Frau eines Andern zu finden. Er erzaͤhlte in gedraͤngter Kuͤrze, wie es ihm in der ruſſiſchen Gefangenſchaft ging, wie er das Druͤckende ſeiner Lage nur in der Hoffnung des Wiederſehens ruhig ertrug; wie er zweimal an Klotilden ſchrieb, ohne Antwort zu erhalten; wie er endlich, nach erfolgtem Frie⸗ den, zuruͤck eilte; wie er ſeinen Weg nach Fin⸗ ſterberge richtete, und, ſtatt ſeines Namens, uͤberall abſichtlich den der Familie Duͤmarſais annahm, um, wie er gleich befuͤrchtete, falls 236 ſeine Briefe Klotilden nicht erreicht haͤtten, ſie ſeine Ankunft nicht vielleicht durch einen Zufall im Voraus wiſſen zu laſſen, ſondern ſie, wenn ſie ihn, was er vermuthen muͤſſe, unter den Tod⸗ ten glaube, als Lebender zu uͤberraſchen. Frei⸗ lich, hob er naſſen Auges an, und legte die Linke auf die ſchmerzerfuͤllte Bruſt: freilich hoffte ich Dich anders zu finden, meine himmliſche Klo⸗ tilde! Tauſendmal habe ich Dich mir gemalt, aber Du biſt ſchoͤner geworden, als alle Bilder, die mir meine Phantaſie ſchufen. Ich hatte große, ſuͤße Plaͤne! ſie ſind dahin! Meine liebe Mutter! Der Friede ſollte ihr den Sohn und die lang verheißene Tochter zufuͤhren.— Klo⸗ tilde, meine einzige, meine ewig einzige Klotilde! Gott hat das anders gewollt! Ich kehre allein heim! Meine ſchoͤnen Traͤume! die einzige Freude meiner Einſamkeit in den Steppen des Nor⸗ dens!— ſie ſollten in dem bluͤhenden Paradieſe der Heimath ſich verwirklichen, und nun werde ich dort ungluͤcklicher ſeyn, als in den Eiswuͤſten Siberiens! Deine Thraͤnen, Klotilde, ſagen mir, daß Du mich nicht ganz vergeſſen hatteſt. Gieb mir den Troſt mit auf meinen liebeleeren Lebe geder dem und getre daß ſie e Zeit ſeit bitte jetzt iſt u ich l Ein Alln Trer meir meſſ an Dein Wer ich des „ ſie zufall wenn Tod⸗ Frei⸗ Linke te ich Klo⸗ malt, zilder, hatte liebe und Klo⸗ tilde! allein reude Nor⸗ adieſe werde uͤſten ſagen atteſt. leeren 237 Lebensweg, daß Du mein auch ferner im Guten gedenken willſt, daß— Klotilde ſtuͤrzte, ihrer nicht mehr maͤchtig, dem treu, dem einzig Geliebten in die Arme, und waͤre Rauhenfeld in dem Augenblicke ein⸗ getreten, ſie haͤtte geſagt, was ſie jetzt ſagte, daß ſie Nicolas, und nur Nicolas allein liebe; ſie erzaͤhlte ihm die Begebniſſe waͤhrend der Zeit ſeiner Abweſenheit alle treu und wahr, ſeit Du mich verließeſt, ſagte ſie, und weinte bitterlich: wich alles Lebensgluͤck von mir; aber jetzt bin ich tauſendmal ungluͤcklicher; mein Elend iſt unermeßlich. Gott ſelbſt vermag, ſo lang ich lebe, meinen Jammer nicht zu lindern! Klotilde, rief Nicolas freudig entzuͤckt: mein Ein und mein Alles! was magſt Du an des Allmaͤchtigen Huͤlfe verzweifeln! haſt Du Deine Treue ſo im Herzen bewahrt, ſo helfe ich, ohne meine ſchwache Kraft mit der des Alerhoͤchſten meſſen zu wollen. Bis jetzt mußte ich Dich an Rauhenfelds Seite gluͤcklich glauben, und Deinen Entſchluß, ihm zu gehoͤren, fuͤr das Werk Deines Herzens halten. Bis dahin war ich allein ungluͤcklich, und es war die Pflicht des rechtlichen Mannes, Dir und Deinem Gat⸗ 238 ten gegenuͤber, ſeinen Schmerz in die noͤthigen Schranken zuruͤckzuweiſen. Jetzt, meine heilig geliebte Klotilde, geſtaltet ſich die Sache anders. Dich aus den Haͤnden des Mannes zu retten, der Dich ſeiner und Deiner ſo unwuͤrdig behan⸗ delt, iſt mein Erſtes. Nachdem, was er ſich gegen Dich erlaubt hat, kann er Dich nicht lieben. Die Aufhebung Eures Verhaͤltniſſes kann und wird ihm daher nicht ſchwer fallen. So viel ich aus ſeinen Aeußerungen bemerke, hat fuͤr ihn das Gold beſondern Reiz. Aufwie⸗ gen will ich Dich mit Golde, mein holdes Kind, ſetzte er laͤchelnd hinzu: und ſollte er, was ge⸗ wiß nicht zu befuͤrchten ſteht, dennoch Hinder⸗ niſſe in den Weg legen, ſo ſetze ich die ganze Welt in Bewegung, um das Ziel zu errreichen. Ohne Dich gehe ich nicht von dannen, mein Engel, mein Leben. Faſt moͤchte ich jetzt wuͤn⸗ ſchen, daß wir morgen vergeblich ſuchten. Klotilde ſtutzte, und Nicolas vertraute ihr, ſie war ja die Erſte und Einzige in der Welt, die um alle ſeine Geheimniſſe wußte,— das morgende Vorhaben, und wiederholte den Wunſch, nichts zu finden, weil Rauhenfeld, durch das Geſchenk, was ihm fuͤr ſeinen Antheil an dem Au ſo Anr ten niß zu, hera Ich thur ſage ſchon ihm ſich ſais den Dad mali erzaͤl detru rend an d bei er al higen heilig ders. etten, ehan⸗ ſich nicht iſſes allen. kerke, fwie⸗ dind, ge⸗ nder⸗ ganze chen. mein vuͤn⸗ ihr, Velt, das nſch, das dem 239 Ausgegrabenen, hoͤchſten Orts, werden muͤßte, ſo viel bekommen wuͤrde, daß dann Nicolas Antraͤge fuͤr ihn weniger Werth haben moͤch⸗ ten, als jetzt, wo er, nach Klotildens Geſtaͤnd⸗ niß, in druͤckender Geldverlegenheit war. Sey jehzt ruhig, fluͤſterte er ihr noch ſchnell zu, denn ſie hoͤrten Rauhenfeld die Treppe herauf kommen: morgen ſpreche ich mit ihm. Ich kann mich aber nicht verſtellen, und ſo thun, als ob ich Dir ganz fremd waͤre; wir ſagen ihm, daß wir uns entſonnen, einander ſchon in Finſterberge geſeh— Rauhenfeld trat ein, und Klotilde erzaͤhlte ihm mit weiblich ſchlauer Gewandtheit, daß, wie ſich nach und nach ergeben habe, Herr Duͤmar⸗ ſais ein alter halber Bekannter von ihr ſey, den ſie beim Oheim Fluͤmer zuweilen ſah. Dadurch erhielt ſich das Geſpraͤch von den ehe⸗ maligen Zeiten im lebhaften Gange. Nicolas erzaͤhlte viel von Rußland, und Klotildens freu⸗ detrunkener Blick hing an ſeinen Lippen, waͤh⸗ rend Rauhenfeld ſtill vor ſich hinſtierte, und an der Unterhaltung wenig Theil nahm. Auch bei Tiſche blieb er ſtumm, deſto mehr ſprach er aber der Flaſche zu, ſo, daß es Klotilden 240 bange ward, denn, uͤbernahm er ſich im Trin⸗ ken, ſo war er ſeiner Hitze nicht immer Mei⸗ ſter. Klotilde hatte, ſo lange ſie in Schrecken⸗ grund war, keinen ſo froͤhlichen Abend gehabt; ſie mußte den freudeblitzenden Augen Gewalt anthun, damit ſie nicht die Seligkeit verriethen, in der das liebende Herz faſt verging, den Todtgeglaubten vor ſich zu ſehen, ihn zu hoͤren, ihn bewirthen zu koͤnnen. Als ſie aber gewahr⸗ te, daß Rauhenfeld immer finſterer ward, und ihm das trauliche Plaudern beider laͤſtig zu wer⸗ den ſchien, hob ſie die Tafel auf, und Nicolas verſtand die Frage, ob er nicht muͤde ſey, und ſich nach Ruhe ſehne, und ging; zweimal ſagte er gute Nacht, und hatte immer noch etwas zu erzaͤhlen, endlich faßte er Klotildens Hand, kuͤßte ſie herzlich, ſagte bedeutend: morgen ein Mehreres, und ging, vom Jaͤgerburſchen be⸗ gleitet, auf das ihm bereitete Zimmer. Unertraͤgliches Volk, die Franzoſen, brummte Rauhenfeld ihm nach: das verfluchte langweilige Geſchwaͤtz; wie ein Paar alte Waſchweiber habt Ihr da geſeſſen;— und ich war ſo muͤde, daß ich kaum mehr die Augen aufhalten konnte— mach', daß Du zu Bette kommſt.— Naͤrriſch, Trin⸗ r Mei⸗ drecken⸗ gehabt; Gewalt riethen, „ den hoͤren, ewahr⸗ d, und zu wer⸗ Nicolas , und l ſagte etwas Hand, en ein en be⸗ immte veilige habt „daß te— erriſch, 241 — hob er nach einer Weile an— naͤrriſch, wie es doch in der Welt zugeht— wie wir heute Nachmittag im Walde neben einander herſchlen⸗ derten— da dachte ich dran! Trafen wir uns damals, ſo brannte ich dem Kerl auf den Kopf, und es kraͤhte kein Hahn darnach! und jetzt, ſeit⸗ dem die großen Herren ein bischen Pergament genommen, und darauf geſchrieben haben, daß Friede iſt, ſoll es Unrecht ſeyn, was damals Recht, was eine Großthat war. Komiſche Welt! — dumme Welt.— Biſt Du denn noch nicht fertig mit Deinem Ausziehen? Ihr Weiber troͤ⸗ delt doch gewaltig.— Klotilde aber eilte, daß ſie ſich niederlege, denn es ward ihr unheimlich zu Sinne. Was Rauhenfeld von dem auf den Kopf brennen ſagte, hatte ihr die Roſenglut der geheimen Freude, die ihr im Wangengruͤbchen den ganzen Abend laͤ⸗ chelte, im Nu gebleicht. Nauhenfeld hatte dazu mit den Zaͤhnen geknirſcht, als thue es ihm noch leid, Nicolas damals nicht begegnet zu ſeyn.— Hoͤre,— ſagte er leiſe, und trat traulich naͤher, und es klang, als frage tief aus ſeinem Innern heraus, die ſchwache Stimme des Ge⸗ wiſſens: hoͤre, wenn Du etwas ſindeſt, und 16 242 Du weißt nicht, wem es geho⁵ͤrt, was machſt Du damit?— Ich hebe es auf, ſagte Klotilde, den Sinn ſeiner Worte nicht verſtehend. Richtig, erwiederte er, und lachte im don⸗ nernden Baſſe ihr beifaͤllig zu: ich hebe es auf; aber wem gehoͤrt— zum Beiſpiel, ich ſetze den Fall— Du weißt doch, die Franzoſen haben hier ihre Kriegskaſſe eingebuͤßt, da, wo Dein ſeliger Mosje Nicolas auch dabei geweſen iſt, nun po- sito, ein Beutelchen davon haͤtte ſich in den Sand verkruͤmelt gehabt, und Du faͤndeſt es; wem gehoͤrt das Beutelchen? der Krone Frank⸗ reich? dem Sieger in der damaligen Schlacht? dem Herrn des Grund und Bodens, wo der Quark liegt? oder dem Finder? Wer hat das naͤchſte Recht darauf?— ich meine der Fin⸗ der, denn der iſt ja dem Beutel der naͤchſte— was meinſt Du?— Finde Du nur erſt das Beutelchen, ſagte Klotilde, ihn jetzt, nach dem, was ſie durch Nicolas vom morgenden Schatzheben wußte, ver⸗ ſtehend, mit erzwungenem Laͤcheln: das Uebrige wird ſich dann leicht geben; und ging, um nicht mehr in das gelbe Geſicht zu ſehen, das ihr heute 243 ſeit ſie ſich an den milden Zuͤgen des ſanften Nicolas wieder erquickt hatte, widriger vorkam, als je. Morgen ein Mehreres, hatte ſein Mund ge⸗ ſprochen, und in ſeinem geiſtvollen ſchwarzen Auge hatte ein ganzer Kommentar zu den paar freundlichen Worten gelegen, den ſie ſich, jetzt in ihr weißes Bettchen eingehuſcht, und gar bald vom Traumgott ſuͤß umfangen, des Breitern er⸗ klaͤrte. Sie luſtwandelte an Nicolas Seite, am Blumengeſtade des mittellaͤndiſchen Meeres; ein Perlmutterſchiffchen mit lauter Amoretten be⸗ mannt, ſchaukelte von der See zu ihnen heruͤber; ſie eilten eine kleine Anhoͤhe hinauf, von der ſie herab die Kuͤſten von Suͤd⸗Europa, Weſtaſien und Nordafrika uͤberſehen konnten. Eine wuͤr⸗ zig duftende Orangerielaube empfing ſie; das Schiffchen kam naͤher, die Amoretten, die von roſigem Lichtglanz umfloſſen ſeltſam glaͤnzten, winkten unter tauſend Scherz mit freundlichen Geberden; Nicolas auf dem luftigen Gipfel des Berges aber warnte, der lockenden Einladung zu folgen. Taͤuſchende Irrlichter ſind es, ſagte er ihr leiſe in das Ohr: dem Rieſenheerde entſtie⸗ gen, der tief unter dem Meeresgrunde liegt, un⸗ 16 † 241 ter dem ein ewiges Feuer brennt. Hoͤrſt Du nicht tief unter dem brauſenden Wogen der Wel⸗ len das raſende Toben der Vulkane? Klotilde fuhr aͤngſtlich aus dem Schlafe auf, und ſchon voͤllig erwacht, hoͤrte ſie wirklich ein furchtbares Raſſeln, das in den ſchwarzen Thaͤ⸗ lern des ſtillen Schreckengrundes weit wiederhallte. Mein Gott, was iſt das? fragte ſie aͤngſtlich Rauhenfeld, der, zu ihrer Verwunderung, ſich noch nicht niedergelegt hatte, ſondern am Tiſche ſtand und mit einem Paar Piſtolen beſchaͤftigt war. Wie man ſich nun gleich ſo haben kann, fuhr ſie Rauhenfeld an, und putzte das Licht aus: nichts iſt es, der Johann iſt es, der zur Stadt faͤhrt. So ſpaͤr noch? fragte Klotilde. Ich will, erwiederte Rauhenfeld: morgen früh bei Zeiten mit dem Franzmann, mit dem Hotzhaͤndler oben, in den Wald fahren, mein Fruͤhſtuckwein iſt mir ausgegangen; da habe ich den Johann mit dem leichten Jagdwa⸗ gen in die Stadt geſchickt, und ihm eingebunden, daß er morgen bei guter Zeit wieder hier ſey. Der dumme Kerl!— er ſollte mir die Piſtolen da mitnehmen, zum Schwertfeger, und nun hat er —— Du Wel⸗ auf, h ein Thaͤ⸗ allte. ſtlich ſich iſche ftigt ann, Licht zur —.j.— 245 ſie mir doch vergeſſen. Die Leute haben doch auch nicht fuͤr einen Dreier Gedanken; nichts als Stroh im Kopfe— leg' Du Dich ruhig wie⸗ der hin, und ſchlafe. Morgen brauchſt Du nicht aufzuſtehen, wenn wir wegfahren. Wir brechen fruͤh auf und kommen ſpaͤt wieder; aber dann mach uns ein gutes Mittagbrot; ich hoffe, es ſoll uns ſchmecken. Sie wußte ja, weswegen ſie morgen in den Wald wollten; ſie verſtand daher, warum Rau⸗ henfeld hoffte, daß ihnen das Mittagbrot ſchmek⸗ ken werde, und lachte, halb ſchon wieder ein⸗ ſchlummernd, heimlich, wenn ſie ſich Nicolas als Schatzgraͤber dachte. Hundert Bilder flogen der Traͤumenden im bunten Wechſel vor der auf⸗ geregten Seele voruͤber; ſie hatte ſo wohl eine Stunde ſanft und ruhig geſchlafen; da ſchlug die Wanduhr im Zimmer der Nebenſtube drei viertel auf Zwoͤlf, und beim dritten Schlage, den ſie halb wachend halb ſchlafend hoͤrte, öͤffnete ſich langſam und leiſe die Thuͤr ihres Zimmers, und Nicolas trat ein, im weiſſen Sterbegewande und bleichen Angeſichts; das Auge ſtier; im ganzen Weſen kein Leben. Klotilden war es ſelbſt im Traume, als haͤtte ſie Nicolas ſo ſchon einmal — 246 geſehen, aber ſie konnte vor Schreck keinen Laut uͤber die Lippen bringen; ſie ſtarrte die Todten⸗ geſtalt an; dieſe aber hob die Hand, zeigte auf eine graͤßliche weit von einander klaffende Wunde im blutigen Schaͤdel, und winkte ihr ſchweigend und bedeutſam. Klotilde fuhr vom Lager in die Hoͤhe, da ſtieß die Todtengeſtalt einen lauten Schrei aus, das Blut ſchoß ſtromweiſe aus der Wunde. Klo⸗ tilde ſchlug die Augen auf, das Traumbild war verſchwunden, aber ein gellender Schrei, wie ſie ihn vorhin im Schlafe hoͤrte, fuhr ihr durch die Seele; es war beſtimmt Nicolas Stimme. Mein Gott im Himmel, was iſt das? rief ſie und raffte ſich auf. Mann— Rauhenfeld — hoͤrſt Du nicht?— Rauhenfeld— Rau⸗ henfeld!— Sie flog aus dem Bette, warf den Mantel um, eilte zu des Mannes Lager, und fand es leer.— Jetzt ſchrie es zum dritten Male — es war Nicolas Stimme. Gott und Herr, was iſt das! rief Klotilde haͤnderingend, und ſtuͤrzte, mehr todt als lebendig, nach Nicolas Zimmer. Mein Heiland und mein Gott, ſchrie die Ungluͤckliche und flog zu dem Bett, auf dem 247 Nicolas im Todeskampfe lag. Einen Stich in die Bruſt, einen furchtbaren Hieb uͤber den Kopf⸗ warf er, halb entſeelt ſchon, den letzten Scheide⸗ blick auf die Durchbebte, lispelte mit der Milde eines Verklaͤrten ihr laͤchelnd zu, heilige Mildwida von St. Saveur, und verſchied. Rauhenfeld aber, das bluttriefende Schwert in der Rechten, das Licht in der Linken, bruͤllte Klotilden entge⸗ gen: was willſt Du hier? Doch ſie hoͤrte nicht. Nicolas, mein Nicolas, rief ſie, und ſank laut weinend vor ſein Lager, und beſchwor ihn, mit herzzerſchneidenden Worten, nur ein einziges Mal noch die Augen aufzuſchlagen. Da ſie aber ſah, daß er ſie auf ewig ſchloß, ſprang ſie haſtig auf, und wollte fort, nach Huͤlfe, nach Menſchen. Biſt Du raſend, ſchrie Rauhenfeld und packte ſie. Siehſt Du nicht, daß der Narr ſich ſelbſt mordete?— Dein Nicolas iſt es?— Natuͤr⸗ lich— nun begreife ich. Er hat den Schmerz nicht uͤberleben koͤnnen, Dich an meiner Seite zu ſehen; darum ſtoͤßt ſich der Menſch das Meſ⸗ ſer in die Bruſt; bei der Gelegenheit ſpringt ſeine alte Kopfwunde auf— und als ich, von ſeinem Winſeln erſchrocken, hinauf komme, ſinde ich hn ſchon halb todt in ſeinem Blute. 248 Moͤrder— Tiger— Ungeheuer! rief Klo⸗ tilde und woltte ſich ſeinem Arm entwin den, um die Leute zu wecken, und, wenn es noch moͤglich war, Huͤlfe zu ſchaffen. Nicht von der Stelle, donnerte ſie Rauhen⸗ feld an. Im ganzen Hauſe iſt kein Menſch. Heinrich, Georg, die Koͤchin, Alles iſt in der Stadt. Bis dahin, daß ſie zuruͤckkommen, muß der Patron hier unter die Erde geſchafft werden, ſonſt haben wir von dem Gaſte nichts als tauſend Ungelegenheiten und Schererei. Hinten an der Hofmauer iſt ein ſtilles Plaͤtzchen, wo er ſanft ruhen wird. Hilf mir ihn fortſchaffen. Du nimmſt die Schluͤſſel der Stube an Dich, und laͤſſeſt niemand hinein, bis alle Spuren des Blu⸗ tes vertilgt ſind. Kommen die Leute zuruͤck, ſo heißt es, der fremde Herr iſt ſchon wieder abge⸗ reiſ't. Mache Deine Sache klug. Was geſche⸗ hen iſt, ſteht nicht mehr zu aͤndern. Ich fahre in den Wald, und komme ich gluͤcklich wieder, ſo wollen wir leben, wie der liebe Gott in Frankreich⸗ Graͤßlicher Unmenſch, verruchter Teufel! rief Klotilde im hoͤchſten Schmerz der Verzweiflung, und ſuchte ſich aus den Klauen des Satans zu winden. Keinen Schritt aus dem Zimmer! — — — 249 bruͤllte Rauhenfeld, keinen Laut! Du thuſt, was ich Dir befehle, oder Du biſt ein Kind des To⸗ des. Er zuckte den blutbeſpritzten Mordſtahl ihr auf die fliegende Bruſt.— Stoße, ſchrie Klotilde in der Fieberglurh wahn⸗ ſinnigen Jammers, ſtoße zu, Elender! daß Dein Maß voll werde! ende mein fluchbedecktes Leben.— Forſtmeiſter, riefen in dieſem furchtbaren Augenblick drei, vier Maͤnnerſtimmen unten von der Straße herauf: Forſtmeiſter— Rauhenfeld — Herr von Rauhenfeld— Georg— Heinrich— Huͤlfe— Moͤrder! ſchrie Klotilde, den Ma⸗ jor, den Amtmann und deſſen Soͤhne aus dem naͤchſten Staͤdtchen an der Stimme erkennend, und wollte zum Fenſter. Rauhenfeld aber ſtieß ihr, unter ſchaudervollem Fluche, das Mordmeſ⸗ ſer durch die Bruſt, oͤffnete das Fenſter, ſagte zu den Angekommenen: Gleich, meine Herren, ſchloß das Fenſter wieder, ſetzte das Piſtol vor den Mund, und jagte ſich die Kugel durch den Kopf. Die Gaͤſte, welche zu einer Jagdparthie ge⸗ kommen waren, und ſich durch einen Unfall am Wagen verſpaͤtet hatten, ſprangen, vom Huͤlf⸗ 250 geſchrei und Piſtolenſchuß aufgeſchreckt, uͤber den Hofzaun, zerſchlugen das erſte beßte Fenſter, eil⸗ ten nach dem Zimmer, wo ſie das Licht bemerkt hatten, und fanden die drei Ungluͤcklichen in ih⸗ rem Blute. Klotilde war an Nicolas Lager nie⸗ dergeſunken, und lebte noch ſo lange, um den Zuſammenhang des eben vorgefallenen ſchreckli⸗ chen Begebniſſes aus ihren einzelnen, halben Wor⸗ ten errathen zu laſſen. Aber Huͤlfe war vergeb⸗ lich. Das himmelblaue Auge brach; der letzte Blick der liebenden Sehnſucht hing an Nicolas, die blaſſen Lippen wimmerten leiſe ſeinen Na⸗ men— ſie neigte das ſchoͤne, goldgelockte Haupt auf die blutende Bruſt, und verſtummte unter den Schauern des willkommenen Todes. Beide— Nicolas und Klotilde, ruhen dicht neben einander in des Schreckengrundes einſamen Thale. 22 Bei der Arnoldiſchen Buchhandlung in Dres⸗ den ſind folgende ſchoͤngeiſtige und andre fuͤr Beleh⸗ rung und Unterhaltung geeignete Schriften von A. Apel, H. Clauren, C. W. Conteſſa, de la Motte Fouqué, Th. Hell, E. v. Houwald, W. Irwing, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, R. Roos, G. Schilling, St. Schotze, W. Scott, K. Streck⸗ fuß, L. Tieck, C. F. van der Velde, C. Weis⸗ flog und andern erſchienen und um die beigeſetzten Preiſe durch alle Buchhandlungen zu bekommen: Abendzeitung, herausgeg. v. Th. Hell und Fr. Kind, auf das Jahr 1817. 6 Thlr. 1818. 6 Thlr. 1819. 6 Thlr. 1820. 6 Thlr. 1822. 6 Thlr. 1823. 9 Thlr. A. Apel, die Aitolier. Tragoͤdie m. K. 1 Thlr. ⸗ Kunz v. Kaufung. Trauerſpiel. 20 Gr. Das Geſprnſt. Drei Erzaͤhlungen von Fr. Laun, Fr. Kind und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. Der Mantel. Drei Erzaͤhlungen, v. Fr. Laun, K. Streckfuß und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. Ich und meine Frau. Drei Erzaͤhlungen, v. Fr. Laun, W. A. Lindau und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. H. Clauren, Luſtſpiele. 2 Thle. 1818. 2 Thlr. 6 gr. 2 2 t. u 2 2 2 2* g 3 H. Clauren, Scherz und Ernſt, 1r, 2r Thl. 2te Aufl. 1820. 1 Thlr. 20 gr. 6*⸗ ⸗ 3r, Ar Thl. 2te Aufl. 1820. 2 Thlr. 5r, ör Thl. 1820. 2 Thlr. 2 71, 8r Thl, 2 1521. Thlr. ⸗ ⸗ 9r, 10r. e 1822, 2 Thlr. Scherz und Ernſt, 2te Sammlung, 1r u. 2r. Thl. Des Vaters Suͤnde, der Mutter Fluch und die Bianeninſer. 1813. Thlr. Zr. Thl. Der Blutſchatz. teas 1es 6gr. 1 3 3 A 3 Ar. Thl. Das Dijon⸗Roͤschen. 1823. Das Pfaͤnderſpiel, 1820. 1 Thlr. 6 gr. Der Vorpoſten, Schauſp. 1821. 16 gr. Der Liebe reinſtes Opfer 1821. 18 gr. Rangſucht und Wahnglaube, 1el. 2 gr. Liesli unn ei zwei Schwweiſrheſchichten. 1821. Thlr. 8 gr. Das Darogrhre ein Erzaͤhlung. 1821, 18 gr. Das Bogeſſchießen. Luſtſpiel. 1821. 21 gr. Ses Lebens Hoͤchſtes iſt die Liebe. 2 Shl⸗ Thlr. C. W. Soureſ⸗ Erzahlungen, 2 Thle. 2 Thlr. Fr. de la Motte Fouqué, Reiſe⸗Erinnerungen, 2 Thle. 1823. 2 Thlr. 12 gr. Th. Hell, Buͤhne der Au laͤnder, 1r, 2r u. 3r. Bd. ⸗ 5 Lyratoͤne, 2 Thle. m. Kpf. 1821. 2 Thlr. 3 Thlr. 16 gr. .