8 bek Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „— 9„ 17„ .„ 2.„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge ahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 — ——— 4 10 v0001291 23 doßurads: Leenl] ur Taeg -(pJ) usaTes paeuufrsed/ 81SpÖð unradrIEnbe Surn eTaoeuxa erds 2600 V arM Scherz und Ernſt, von H. Clauren. Achtes Baͤndchen. ni Inhalt: Die Kartoffeln in der Schale. Jella, das Kroatenkind. Die Kartoffeln in der Schale. 1. Das Laub fing an, ſich zu vergelben, die Abende wurden lang, die Tage truͤbe, und Roſamunde ſah mit bangem Blicke in die kalte Nebelnacht des Spaͤtherbſtes, der den Kaſtanienbaum vor dem Hauſe ſchon entblaͤttert, die Corneliuskirſch⸗ hecke dunkel geroͤthet und die einzeln haͤngengeblie⸗ nen Pflaumen im Gaͤrtchen zuſammengeſchrumpft hatte, daß ſie ſchmucklos und runzelig anzu⸗ ſchauen waren, wie Gertraut, die ſechzigjaͤh⸗ rige Nonne des aufgehobenen Camaldulenſer⸗ Kloſters. Lange lag Roſamunde im kleinen Fenſter des niedrigen Haͤuschens und ſah ſinnend, wie draußen die feuchte, ſchwere Nachtluft ſich zu 1 A “ Regen und Naͤſſe geſtaltete, und wie der Herbſt⸗ wind mit den herabgefallenen gelben Blaͤttern ſein grauſames Spiel trieb, und ſchauerte ob des großen Schlummers, wozu ſich die Erde bereitete, ſtill in einander. Gertraut aber ſchuͤrte das Feuer im Kamine zuſammen und rief triumphi⸗ rend:„die Paſteten ſind fertig!“ damit meinte die Genuͤgſame jedoch nur die dampfenden Kar⸗ toffeln in der Schale, die ſie jetzt auftiſchte. „Komm, Maͤdchen, und iß!“ ſagte die Alte froͤhlich und ſetzte ſich an das weißgedeckte Tiſch⸗ chen, und Roſamunde ſetzte ſich, faltete die zar⸗ ten, kleinen Haͤnde und betete:„Komm, Herr Jeſu, ſey unſer Gaſt, und ſegne, was Du uns beſcheret haſt, Amen.“ Die Ernonne aber ſchlug, nach der Weiſe ihres Glaubens, ihre drei Kreuze, wisperte eini⸗ ge Worte heimlich, und reichte, als wolle ſie mit Roſamunden uͤber die Verſchiedenheit ihrer bei⸗ derſeitigen Anſichten nicht hadern, dem Maͤdchen uͤber dem Speisopfer friedlich die Rechte. 2 „Sieh', wie mehlig und weiß,“ ſagte Ger⸗ traut und legte der ſuͤßen Roſamunde ein Paar aufgeplatzte Kartoffeln auf den blanken Teller „verbrenne Dir Deine Fingerchen nicht, die Dinger haben beim Feuer geſtanden⸗“ Unter traulicher Rede verzehrten Beide das einfache Abendbrod, das blos aus Kartoffeln und Salz beſtand, aber ſie waren dabei froͤhli⸗ cher, als die vornehmen Praſſer bei manchem Schmaus, denn ſie waren reines Herzens und kannten nichts Beſſeres. Roſamunde bluͤhte in der Friſche ihrer Ju⸗ gend; in ihrem Herzen wohnte der ſtille Frie⸗ den der Unſchuld; ſie wußte nichts von der gan⸗ zen großen Welt um ſich her. Ihr Vater war auf dem Blutfelde der Ehre im Auslande gefal⸗ len, und Tante Gertraut hatte ſie, nach dem Tode der Mutter, die kurz nach dem Gatten vor Kummer geſtorben, in ihrem achten Jahre zu ſich genommen; dieſe war ihre einzige Geſellſchaf⸗ terin, ihre einzige Freundin, ihre Mutter; ihr 6 hatte Roſamunde Bildung und Unterricht zu verdanken, von ihr hatte ſie das kunſtfertige Spiel auf der Harfe und die feinen weiblichen Arbeiten gelernt, womit ſich Beide kuͤmmerlich ihr Brod verdienten. Eine Staͤdterin, an taͤg⸗ liche Zerſtreuung gewoͤhnt, haͤtte nicht vier und zwanzig Stunden in dem einfoͤrmigen Leben ausgehalten. Roſamunde hatte keine Ahnung, daß ſie irgendwo gluͤcklicher ſeyn koͤnnte. Sie hatte den ſechszehnten Sommer durchlebt, und ihren keuſchen Buſen ſchwellte noch keine Lei⸗ denſchaft. Des Tagewerks muͤde, entkleidete ſie ſich jetzt, nach eingenommenem Abendmahle, und. mit Wohlgefallen ſchaute Tante Gertraut auf die jungfraͤuliche, reizvolle Geſtalt der halbent⸗ huͤllten Hebe; da klopfte es draußen am Fenſter und ein ſchreckliches Geſicht grinſte durch die Scheiben. Mit lautem Schrei des Entſetzens ſprang Roſamunde in zwei Saͤtzen in das bluͤthenweiße 7 ung * Bettchen, und Gertraut kreuzte ſich betend Stirn und Bruſt. Das Geſicht aber klopfte draußen wieder und fragte nach dem Namen des Dorfes. Zitternd oͤffnete Gertraut das kleine Fenſter und begruͤßte den Fremden mit einem frommen: „Gelobt ſey Jeſus Chriſt.“, „In alle Ewigkeit!“ entgegnete der Graͤu⸗ liche aus ſeinem großen Baͤrenpelze heraus, ent⸗ ſchuldigte ſich mit hoͤflichen Worten, daß er ſol⸗ chen Schreck verurſacht und erzaͤhlte, daß ſeine Leute, der deutſchen Sprache nicht maͤchtig, ſich wahrſcheinlich verirrt haͤtten; er wolle nach Guͤl⸗ denau, zum Grafen von Steinburg. Gertraut erwiederte, immer noch mit zag⸗ hafter Stimme, daß er in Guͤldenau ſey, zeigte ihm den Weg zum graͤflichen Schloſſe und ſchlug, im Innern entſetzt, das Fenſter zu, denn das Geſicht des Fremden war doch auch gar zu widrig. „Gott, am Ende iſt das,“ ſagte ſie, und ſah durch die Scheiben dem großen Reiſewagen nach, der jetzt mit ſeinen drei weitleuchtenden Laternen den beſchriebenen Weg nach dem Schloſſe zu ſchwankte:„am Ende iſt das der Braͤutigam, der, wie ſie im Dorfe geſprochen, aus Polen hat kommen ſollen. Nein, und wenn der Menſch im Golde ſaͤße bis uͤber die Ohren— die armen Comteſſen!“— Roſa⸗ munde zog die Bettdecke vom Koͤpfchen und fragte:„Iſt er denn fort?“ und freute ſich, keine der beiden Graͤfinnen heute Abend zu ſeyn, und beſorgte, dieſe Nacht nicht einſchlafen zu können, denn wenn ſie die Augen zumache, ſehe ſie das gelbſchwarze Geſicht mit der Kreuz⸗ und Quernarbe und die Haſenſcharte, und das matte, graue Katzenauge, Pud das ſtoͤrrige, roͤthliche Haar, und die brandfaulen, fletſchigen Zaͤhne. Wie gut, daß der Menſch die Geſchichte der Zukunft nicht weiß! Roſamunde ſtreckte ſorgen⸗ los ihre zarten Glieder aus, betete ihren from⸗ —— — 9 men Abendſegen, läͤchelte mit geſchloſſenen Au⸗ gen dem holden Schlafe entgegen, und ſchlum⸗ merte bald in das Reich der ſuͤßeſten Traͤume hinuͤber. 2. Nicht ſo geſtaltete es ſich im graͤflichen Schloße. Der Nachtiſch war abgetragen, als der alte Graf Steinburg, der die letzten Tage ſchon in ſich gekehrt umhergeſchlichen war, den damaſte⸗ nen Schlafrock enger zuſammenſchlug, den Do⸗ meſtiken abzutreten befahl, und ſeine beiden Toͤchter alſo anredete: „Ihr werdet an mehrern kleinen Zuberei⸗ tungen abgemerkt haben, daß ich in Kurzem Beſuch erwarte; dieſer gilt. Euch. Ihr ſteht Beide in den Jahren, wo der Wunſch, Euch auf eine anſtaͤndige Weiſe verſorgt zu ſehen, dem zaͤrtlichen Vater verzeihlich iſt. Es haͤngt jetzt von Euch ab, Euch und mir ein Loos zu 10 2 4 bereiten, das zu den gluͤcklichſten unter dem Monde gehoͤrt, denn der Mann, der Euch zu⸗ gedacht iſt, beſitzt an den Ufern des Bog und Kodina, in den Gegenden von Monaſteryszez, Balta, Kublicz und Kuczenice die weitlaͤuftig⸗ ſten Guͤter; iſt der Graͤnznachbar vom crimmi⸗ ſchen Chan; hat Sitz und Stimme auf dem Grod zu Winnice und zieht von ſeinen ſaͤmmt⸗ lichen Staroſteien und Grafſchaften ein jaͤhrliches reines Einkommen von zwei Milloonen polniſcher Gulden.“ „Ein polniſcher Gulden iſt?—“ kragte Graͤfin Amalie, und:„Sollen wir denn Beide Einen heirathen?“ Graͤfin Ida. Beide ruͤck⸗ ten naͤher, denn die zwei Millionen lagen wie friſche Magnete vor ihnen, die ihre kalten Eiſen⸗ feilſpaͤhn⸗Herzen gar wunderſam anzogen. „Ein polniſcher Gulden iſt,“ fuhr der Va⸗ ter etwas leichtern Herzens fort:„ſo viel, als vier Groſchen unſeres Geldes;“ und Amalia rechnete ſchon im Stillen mit dem Finger auf dR—S/& 11 dem Tiſche ihre kuͤnftige Einnahme nach Thalern aus; zu Ida aber ſagte der Vater, uͤber ihre Frage laͤchelnd, daß nur die dem Heirathluſtigen zu Theil werde, die ihm am beſten gefalle; daß er ein ſehr edler Menſch ſeyn ſolle, daß er vor allen Tugenden des Frauengeſchlechts die haͤus⸗ lichen liebe, daß er das Vorurtheil hege, ſolche bei ſeinen vaterlaͤndiſchen Maͤdchen weniger fin⸗ den zu koͤnnen, als bei den deutſchen, und daß er naͤchſt dieſem auf Bildung und aͤußere An⸗ nehmlichkeiten viel zu halten ſcheine.„Dieſes alles,“ ſchloß der Vater:„habe ich von Eurem Oheim, dem Major, mitgetheilt bekommen, der jetzt, als er nach der Remonte gereiſtt, den jungen Mann in Kiew hat kennen gelernt, und nicht genug Gutes von ihm mir ſchreiben kann. Der Major hat ſein Vertrauen gewonnen, und ihm empfohlen, ſein Gluͤck bei einer von Euch zu verſuchen. „Jung ſagſt Du, Vaͤterchen?“ hob Ida nougierig an, und der Vater meinte, daß der 12 Mann ungefaͤhr einige dreißig ſeyn werde; beide Toͤchter aͤuſſerten, daß dieß nicht ſehr jung mehr ſey, indeßen muͤßten die zwei Millio⸗ nen ein Paar Jaͤhrchen zu viel ſchon auf ſich nehmen. „Und der Name?“ fragte Amalie geſpannt, und Beide lachten, als der Vater mit dem, ei⸗ nem deutſchen Munde freilich etwas ſchwer aus⸗ zuſprechenden Bialobrzeski, nicht recht fer⸗ tig werden konnte und das Geſicht dabei verzog, als waͤren ihm Lippen und Zunge in den pol⸗ niſchen Bock geſpannt.„Das Einzige,“ ſetzte der Vater, leicht daruͤber hinhuͤpfend, hinzu: „das Einzige, was jedoch nur einer eiteln Thoͤ⸗ rin ein Anſtoß ſeyn koͤnnte, iſt der Umſtand, daß der junge Graf Bialobrzeski nicht aͤbertrieben ſchoͤn ſeyn ſoll. Ich habe, um alles Aufſehen ſo viel moͤglich zu vermeiden, und weil ich des Ausgangs der Sache doch immer noch ungewiß bin, es veranſtaltet, daß er uns hier, und nicht in der Reſidenz beſucht, und nun wißt t 13 Ihr auch, warum wir ſo ſpaͤt gegen den Winter noch hierher auf das Land fuhren.“ In dem Augenblicke rollte langſam der La⸗ ternenwagen durch das Schloßthor. Der Vater rief:„Da koͤmmt er am Ende, ſtatt morgen, ſchon heute!“ und die beider Maͤdchen eilten, weil ſie behaupteten, nicht braͤut⸗ lich angezogen zu ſeyn, auf ihr Zimmer. 3. „Wenn der Graf auf Aeußeres vornehm⸗ lich ſieht, biſt Du die Millionaͤrin,“ ſagte Ida mit erzwungener Freundlichkeit:„denn daß Du ſchoͤner biſt, als ich, kann Niemand laͤugnen.“ „Der Spott iſt ſehr unreif,“ erwiederte Graͤfin Malchen bitter:„huͤbſch ſind wir Beide, ſchoͤn iſt keine von uns; Manche nennen mein Geſicht griechiſch; der junge Legationrath neu⸗ lich hieß mich nur ſeine Juno; dem Andern gefaͤllt Dein Stumpfnaͤschen beſſer.”“ „Keine Anzuͤglichkeiten, Malchen! ich weiß 14 recht gut, daß Du Dich uͤber meine Fuͤlle aͤr⸗ gerſt, und Dir einbildeſt, Deine Magerkeit ſey aͤſthetiſch; indeſſen meinte noch am Sonntage der Rittmeiſter— ℳ „Ich bitte Dich, verſchone mich mit ſeinen Huſaren⸗Bonmots!“ fiel ihr Amalie in's Wort:„wenn aͤtherleicht ich aus dem bunten Kreiſe in die Mitte des Cottillons hervorfliege, watſchelſt Du wie ein Martinsgaͤnschen im langſamen Laͤnderer und huͤpfeſt, wie ein le⸗ bensſatter Wiedehopf, durch die Eccoſſaiſen⸗ Colonne.“ „Jetzt ſchweig, Malchen, oder ich werde boͤſe!“ hob Ida an, und ſchoß einen giftigen Blick auf die Schweſter:„bloß der Neid ſpricht aus Dir, der gelbſuͤchtigſte Neid; haͤtteſt Du einen huͤbſchen runden Arm, Du wuͤrdeſt Deine duͤnnen Storchſchnaͤbel von Armen wahrhaftig nicht immer bis an die Fingerſpitzen verſtecken; und uͤber Deine duͤnnſpitzigen, ſchwaͤrzlichen Haare ſchlaͤgt jeder Friſeur die Haͤnde uͤber dem 15 Kopfe zuſammen, weil er ohne falſche Locken und Zoͤpfe nicht fortkommen kann, ſtatt daß er mit dem Reichthume meines goldgelockten Ringel⸗ haares oft nicht weiß, wo er hin ſoll.“ „So?— mein armes, ſchlechtes Haar! von wem iſt denn der Haarring, den der Baron am letzten Hofballe ſo oft an ſeine Lippen druͤckte? von wem das Haarband, womit der Oberſtlieutenant ſeine ſchoͤne Repetiruhr ge⸗ ſchmuͤckt hat? von wem die Haarkette, die der Generalintendant Tag und Nacht an ſeinem Halſe traͤgt? Haſt Du denn einen Einzigen auf⸗ zuweiſen, der Dich nur um eine halbe Locke ge⸗ beten haͤtte; aber freilich, die Semmelsfuͤchschen ſind nicht Jedermanns Sache!“ „Sieh, Malchen, die Thraͤnen ſtehen Dir vor Bosheit in Deinen kleinen Augen; Gott ver⸗ zeih mir die Suͤnde, aber leibhaftig, wie eine wilde Katze kommſt Du mir vor.“ „Thraͤnen! vor Lachen muͤßten ſie mir in die Augen gekommen ſeyn, vor Lachen uͤber 16 Deine Albernheit, Dir einzubilden, daß Du— den polniſchen Millionaͤr erobern werdeſt.“ „Ich— ja, das will ich; und wenn Du alle Deine alten verbrauchten Kuͤnſte noch ſo ſehr aufbieteſt, ihm, wie gewoͤhnlich Q☚ Weges entgegen kommſt; Dich, wie immer, ihm an den Hals wirfſt— das alles ſoll Dir dießmal auch, wie immer, nichts helfen. Iſt er nur ir⸗ gend nach meinem Sinne, ſo wird er mein Mann!— und— keinen polniſchen Groſchen ſollſt Du von den zwei Millionen haben. Kei⸗ nen Schritt ſollſt Du uͤber meine Schwelle. Gar nicht ſehen mag ich Dich.—“ „Erboße Dich nicht, mein dickes Trutſchel⸗ chen— ich ſteh Dir mit Kopf und Kragen dafuͤr; ehe vier und zwanzig Stunden in's Land gehen, liegt der arme polniſche Teufel zu mei⸗ nen Fuͤßen— und Du— nein, ſieh, ich bin viel edler, als Du, ich werde Dir die Thuͤre meines Palaſtes nicht verſchließen; Du ſollſt bei mir leben; aber Deinen Duͤnkel, Deinen dumꝛ brod ſollſt einſch Kind und Vape ſchon daß i aX ſterlie junge den dann ſtatt bei d nigte 1 ſtine Extre geſpa 1 17 dummen Duͤnkel will ich brechen; das Gnaden⸗ brod ſollſt Du bei mir eſſen, als Kammerjungfer ſollſt Du bei mir dienen, den Thee ſollſt Du einſchenken, wenn ich große Zirkel habe; meine Kinder warten, wenn ich in Geſellſchaft fahre; und meiner Laune Spottziel ſeyn, wenn ich an Vapeurs oder Migraͤne leide; o ich will Dich ſchon muͤrbe machen. Du ſollſt fuͤhlen, Ida, daß ich die Aeltere bin.“ Das Kammermaͤdchen unterbrach den ſchwe⸗ ſterlichen Zwieſprach. Es war von jeber der jungen Graͤfinnen heimlich beauftragt geweſen, den fremden Herrn recht genau zu beſehen, und dann getreulichen Bericht im Geheimen abzu⸗ ſtatten; allein nach des Maͤdchens Anſicht hatte bei der beiſpielloſen Haͤßlichkeit des Beaugenſchei⸗ nigten der Vortrag in Pleno keine Gefahr. „Sechs Pferde,“ begann die redſelige Chri⸗ ſtine mit gedaͤmpfter Stimme:„ſechs Pferde Extrapoſt waren dem großen Reiſewagen vor⸗ geſpannt. Zwei Bedienten, vom Regen durch⸗ 2 9 weicht, wie die Waſſerratten, und von der langen Reiſe ganz ſteif, purzelten vom hohen Bocke herab, daß ich denke, es bleibt meinetwegen kein Gebein an den zwei Baͤren ganz; unſere Leute kamen nun gleich mit Windlichtern und Fackeln und Laternen herbei, und oͤffneten den Wagen. Kommt Ihnen meinetwegen ein ſchmucker, junger Menſch heraus, daß ich denke, ich ſoll vor Freuden uͤber den Braͤutigam in meine Kniee ſinken; aber es war nur der Kammerdie⸗ ner, der ſich gleich gegen den Wagen wendete und ſeinem Herrn heraushalf. Ei du meine Guͤte— ſtarr und ſteif, ich ſage Ihnen, ſtarr und ſteif waren wir Alle, wie das laſterhaftige Geſicht die Reihe herum uns anſah, und mei⸗ netwegen mehr mit der Naſe, als mit dem Munde fragte, ob der gnaͤdige Herr Graf zu Hauſe ſey. Nun ſehen Sie, gnaͤdige Comteſſen! ich will meinetwegen kein ehrlich Maͤdchen ſeyn, wenn Sie in dem Geſichte ein Fleckchen ſehen, meinetwegen wie eine Stecknadelkuppe groß, we ngen Bocke kein Leute ckeln agen. icker, ſoll neine erdie⸗ ndete neine ſtarr ftige mei⸗ dem f zu ſſen! eyn, hen, wo 19 nicht Pockennarben ſitzen; krumme, ſichelfoͤrmige Beine; Sie koͤnnen meinetwegen Kegel durch⸗ ſchieben; hinten einen recht honetten Verdruß; die Zaͤhne quittegelb; Augen wie ein Luchs; und was die Haare anbelangt, ſo glauben Sie mei⸗ netwegen eine Kehreule vor ſich zu ſehen, ſo borſtig ſtehen ſie dem Herrn zu Berge.— Nein, ich bin ein armes Maͤdchen, aber meinetwegen koͤnnte er noch zehnmal mehr ſeyn— eher in das Grab, als mit dem zum Traualtar.“ „Ich will Deinem Gluͤcke nicht in den Weg treten,“ hob Graͤfin Amalia zu Graͤfin Ida an:„Du kennſt die aͤltern Anſpruͤche, die der Praͤſident auf meine Hand hat; ich will jedoch erſt morgen mit eigenen Augen ſehen; und finde ich die Mißgeburt ſo, wie Chriſtine ſie beſchreibt, ſo wirſt Du ſelbſt mir Recht geben, daß es ab⸗ ſcheulich waͤre, um ſolch eines Scheuſals willen, dem armen Praͤſidenten untreu zu werden.“ „Deine Treue iſt Goldes werth,“ erwiederte Ida ſpitzig:„nein, da lerne von mir lieben; 2* 20 ich mag den Polen gar nicht ſehen; ich habe an der Beſchreibung ſchon genug; wie ſollten ſie in der Reſidenz lachen, wenn der ſaͤbelbeinige Buckelinski an meiner Seite in unſern Soirées erſchiene; am Ende muͤßte ich auf unſern himm⸗ liſchen Militaͤrbaͤlen mit dem Dromedar tanzen! 5 6 Ich habe ja die Wahl zwiſchen dem Rittmeiſter, u1 dem Regierungdirector und dem Jagdjunker; un jeder hat ſein Auskommen, und einer iſt mir kor gewiß. Ich verſtehe nur den Onkel Major nicht, der wie er uns einen ſolchen Liebeskruͤppel auf den da⸗ Hals hat ſchicken koͤnnen; aber damit Du ſiehſt, nic daß ich, trotz Deines ſehr unſchicklichen Betra⸗ tur gens von vorhin, nicht auf Dich boͤſe bin, ſo dic ſchenke ich Dir den Polenbraͤutigam mit Haut p und Haar.“ der 6„Was Du wegwirfſt, heb' ich wahrhaftig ver nicht auf,“ verſetzte Amalia ſchnippiſch; und ſo daͤ gallſuͤchtig ſie ſich voͤrhin um den Beſitz des ber Sarmaten gezankt hatten, ſo giftig uͤberboten habe llten inige irées mm⸗ aen! iſter, nker; mir nicht, den ehſt, etra⸗ „ ſo Haut öftig d ſo des oten 21 ſie ſich jetzt im Witze, allen Anſpruͤchen auf ihn zu entſagen. 4. Noch dieſen Abend, ſpaͤt vor Schlafengehen, kam der Vater auf ihr Zimmer, ließ das Kam⸗ mermaͤdchen, das er bei ihnen fand, abtreten, und erzaͤhlte ihnen, ohne ſie erſt viel zum Worte kommen zu laſſen, mit großer Begeiſterung von dem Fremden. Da war kein Land in Europa, das der Pole nicht geſehen, kein Hof, den er nicht beſucht, keine Anſtalt von einiger Bedeu⸗ tung, die er nicht ſeiner Aufmerkſamkeit gewuͤr⸗ diget, keine lebende Sprache, die er nicht ge⸗ ſprochen haͤtte.„Die Paar Stunden,“ fuhr der Entzuͤckte fort;„ſind mir wie Minuten verflogen, dieſer Witz, dieſe Laune, dieſes Ge⸗ daͤchtniß, dieſe feine Gewandheit iſt mir im Le⸗ ben nicht vorgekommen; und mit ſeinem Ver⸗ moͤgen— Euer Onkel, der Major, Ihr kennt ihn ſchon; der macht ſo etwas immer kleiner, 22 als es iſt; man darf aber nur ein Quentchen gef Combination⸗Gabe beſitzen, und die hinge⸗ im b worfenen einzelnen Aeußerungen des Herrn von ma Bialoberrr— daß die polniſchen Ki's alle 20 ſolche blitzſchwere Namen haben— alſo, man 5 wo darf ſich nur zuſammenſetzen, was er daruͤber ein 1 zufäͤlliger Weiſe ſpricht; ſo— man müͤßte ja ner ein Kind ſeyn, wenn man nicht noch einmal ſo Ja viel herausrechnen ſollte; denkt nur, Kinder, das z. B. im Diſſidentenkriege hat ſein Vater den All bekannten beiden Biſchoͤffen Soltyk von Cracau aue und Meſſalski von Willna, ein Geſchenk von Re 70⁰,000 Dukaten auf einem Brete gemacht; nic das Silberzeug, das von ſeinem Hauptgute zum ner 3 Confoͤderationſchmauſe nach Targowicz geſchafft zu worden, hat auf vier dreiſpaͤnnigen Wagen dar transportirt werden muͤſſen; unter Kosciusko's ſey Fahnen hat ſeine Mutter faſt ein ganzes Ka⸗ daf vallerieregiment, auf alleinige Koſten ausgeruͤſtet, ſäͤtz geſtellt; und zu Ehren der unter Dombrowski in He Italien, Spanien, Deutſchland und Preußen 23 gefallenen vaterlaͤndiſchen Helden, hat er ſelbſt im Garten ſeines vaͤterlichen Schloſſes ein Denk⸗ mal errichtet, das nach ſeiner Beſchreibung uͤber 20,000 Rthlr. koſten muß; an dem Tage aber, wo es im Lande bekannt ward, daß Polen wieder ein eigenes Koͤnigreich ſeyn ſolle, ſchenkte er ſei⸗ nen ſaͤmmtlichen Unterthanen, auf ein ganzes, Jahr lang, ihre Abgaben, und zahlte fuͤr ſie das Kamingeld in den Kronſchatz.— Wer das Alles thun kann, muß kein armer Mann ſeyn; auch ſieht man dem Manne das Gediegene, das Reiche in ſeinem ganzen Weſen an; da iſt nichts Prahlendes; ich verſuchte einige Male fei⸗ ner Weiſe, ihm uͤber dieſen Punkt auf den Zahn zu fuͤhlen; aber er ſchluͤpfte abſichtlich immer daruͤber weg, nannte das ſeltene Gluͤck, reich zu ſeyn, einen angenehmen Zufall, und meinte, daß der Reichthum dem Menſchen von Grund⸗ ſaͤtzen, von Erziehung und richtig fuͤhlendem Herzen, nur eine Zugabe ſey; denn ein ſolcher koͤnne und muͤſſe auch ohne Geld gluͤcklich ſeyn. 24 Seht, Kinder, ſo ſprach der Mann, den mir nich mein Freund bei ſeiner Remonte, als Parade⸗ Far pferd fuͤr den Reſt meines Lebens, zugeſendet nur hat; und wenn ich bis jetzt Euch beiden immer Ihr mit gleicher Vaterliebe zugethan geweſen bin; ſo weg komme ich mit dieſer heute zum erſten Male in's Klei Gedraͤnge, weil ich nicht weiß, welcher von Euch gar beiden ich dieſen mir von Gott erkohrnen Schwie⸗ ein gerſohn beſtimmen ſoll.“ Kop „Wir verzichten beide auf ihn,“ erwiederte Sch Amalie hohnlachend.„Sein liebes Geld koͤnnte am uns wohl gefallen, aber das Hottentottengeſicht Eue und die Verdruͤßlichkeit auf den Achſeln, und die eine Lyrabeine“— ſchli „Habt Ihr ihn denn ſchon geſehen?“ fragte gebe der Vater kleinlaut und ſtill zagend vor Bangig⸗ ſchl. keit, dieſen Goldſiſch aus ſeinem Netze ſo muth⸗ Leu willig verlieren zu ſollen.„Es iſt wahr,“ fuhr Gr. er fort, als er hoͤrte, daß Chriſtine ihnen den ſey Rebreizenden Schattenriß von dem Fremden ge⸗ vor liefert hatte:„es iſt wahr, ganz huͤbſch iſt er mir arade⸗ ſendet mmer 13 ſo e in's Euch hwie⸗ ꝛderte onnte eſicht d die agte igig⸗ uth⸗ fuhr den ge⸗ 56* 23 nicht; aber Chriſtine hat denn doch auch ihre Farben ein wenig zu ſtark aufgetragen. Sprecht nur ein Paar Stunden mit dem Manne, und Ihr werdet uͤber manchen Stein des Anſtoßes wegſehen lernen; Ihr werdet Euch an einzelne Kleinigkeiten bald gewoͤhnen und ſie am Ende gar nicht mehr ſehen. Was hilft Euch denn ein Apoll von Belvedere, wenn er mit leerem Kopf und leeren Haͤnden kommt; auch an Schoͤnheiten gewoͤhnt man ſich, und wird ihrer am Ende uͤberdruͤßig. Uebrigens— ich wuͤrde Euch das als Vater nicht ſagen, wenn ſich nicht eine von Euch durchaus und platterdings ent⸗ ſchließen muͤßte, dem Manne ihre Hand zu geben; und dieſer ſage ich es, um ihr den Ent⸗ ſchluß leichter zu machen— uͤbrigens ſind unter Leuten von unſerm Stande, heut zu Tage, die Grundſaͤtze uͤber Ehe und haͤusliches Gluͤck, Gott ſey Dank! nicht mehr ſo kleinbuͤrgerlich, als vordem, und vielleicht noch heute unter Menſchen von beſchraͤnkteren Anſichten. Unſer Herr von — Bialoberruschiss,— ki— Gott, der dern I Mann muß ſich einen andern Namen geben Scha laſſen— aber er iſt in der großen Welt viel zu dung V ſehr zu Hauſe, als daß er nicht ein Auge— Nach auf dem andern ſcheint er ohnehin nicht recht nie z 6 viel ſehen zu koͤnnen— zudruͤcken ſollte, wenn Hoff ſeine junge Frau einen Adonis unter den Gar⸗ heit deoffizieren, oder einen Narziß unter den Herren ſaͤtze vom Civile, huͤbſcher findet, als ihn; und bei— ſeinem Verſtande, wovon man ihm eine recht von tuͤchtige Portion nicht abſprechen kann, muß er ich ſ ſich gewiß taͤglich ſagen, daß ihn, um ſeiner Wec ſtruppigen Haare willen, ein ſo huͤbſches Maͤd⸗ preis chen, als Ihr beide ſeyd, wahrhaftig nicht ge⸗ zu ſi waͤhlt haben wird.“ niche „Ich wiederhole noch einmal, ich wuͤrde dieß hier nicht geſagt haben, wenn ich nicht gewußt haͤtte; alle aber— in dieſer ſtillen Stunde der Mitter⸗ gelde nacht, in dem duͤſtern Augenblicke der Entſchei⸗ ſchor dung meines Schickſals, darf der Vater wohl uͤbri ein Mal mit vollem Vertrauen zu ſeinen Kin⸗ 27 dern reden, die ihn retten ſollen, retten von Schande und Verzweiflung. Die Verſchwen⸗ dungſucht Eurer guten ſeligen Mutter; zaͤrtliche Nachgiebigkeit des ſchwachen Vaters gegen den nie zu loͤſchenden Vergnuͤgensdurſt und die eitle Hoffahrt der verwoͤhnten Kinder; eigene Schlaff⸗ heit in Ausfuͤhrung hundert Mal gefaßter Vor⸗ ſaͤtze noͤthiger Sparſamkeit und Einſchraͤnkung; — alles dieß zuſammen hat mich, in einer Reihe von Jahren, an den Abgrund gebracht, woran ich ſtehe; in der Stadt creditlos, ſchon von Wechſeln und Mahnbriefen verfolgt, der Kunſt preis gegeben, ein Loch zu oͤffnen, um hundert zu ſtopfen; aus den Haͤnden unchriſtlicher Ma⸗ nichaͤer getrieben in die Klauen gieriger Hebraͤer; hier Gott und aller Welt ſchuldig; die Bauern alle bis auf das Mark ausgeſogen; die Pacht⸗ gelder auf ein halbes Jahrzehend im Voraus ſchon erhoben und vergeudet;— was bleibt mir uͤbrig, als ein Paar Loth Blei, oder ein Paar mitleidige Wellen; denn das Erhaͤngen iſt fuͤr 2⁸ Leute unſers Standes ein ſchimpflicher Tod; auf dieſe Weiſe laͤnger zu leben aber eine tau⸗ ſendfachere Qual, als in Oel geſotten, auf dem Roſte langſam gebraten zu werden. Euere Ausſicht— Ihr kennt unſere Freunde! Laßt mich nur eine Woche das Sonnabendsdinéer und die Dienſtagsſoirée ausſetzen, wie herzlos wuͤrden ſie uͤber uns herziehen;— nun vollends Ihr! vis-a-vis de rien— was nur die raffinirteſte Canaillerie Schlechtes erſinnen koͤnnte, wuͤrde Euch nachgeſagt; alle Thuͤren wuͤrden Euch ver⸗ ſchloſſen; von Eurer Haͤnde Arbeit koͤnnt Ihr nicht leben; alſo entweder in das Ausland, und unter fremden Namen, das mehr denn zu ge⸗ ſaͤuerte Gouvernantenbrod unter tauſend Thraͤ⸗ nen ſchmerzlicher Ruͤckerinnerung gegeſſen; oder— was noch als eine große Gnade des Monarchen anzuſehen waͤre— in die Sand⸗ ſteppen der aufgehobenen Abtei Diſtelduͤrringen gegangen, und dort im Stifte der heiligen Ge⸗ noveva, den Kranz der jungfraͤulichen Freuden, Tod; tau⸗ dem Euere Laßt r und arden Ihr! rteſte vuͤrde ver⸗ Ihr und u ge⸗ Thraͤ⸗ ſſen; des aand⸗ ngen Ge⸗ nden, 29 mit den dort eingekauften zwanzig alten Schach⸗ teln von Mamſells und Fraͤuleins, zu Grabe getragen.— Jetzt waͤhlt.— Wird der Pole. mein Schwiegerſohn; ſo ſchwelgt die von ihm Gewaͤhlte in Herrlichkeit und Freuden; ſie nimmt die andere Schweſter zu ſich und theilt mit ihr des glaͤnzendſten Lebens Seligkeit, und ich— o, in der erſten Hitze des Braͤutigam⸗ Entzuͤckens will ich ihn ſchon auf eine ſchonende Weiſe dahin zu beſtimmen ſuchen, daß er mich in den Wohlſtand zuruͤck hebt, dem ich ent⸗ fallen bin, und der unter allen Staͤnden der beſte iſt.“ Die Zukunft des Vaters kuͤmmerte die zaͤrt⸗ lichen Kinder nicht uͤber die Maaßen, aber was dieſer vom Gouvernantenleben und von der ſchauderhaft einfoͤrmigen Exiſtenz im Stifte zu Diſtelduͤrringen hatte fallen laſſen, das ging den Gebeugten zu Herzen. „Ich will ihn ſehen,“ ſagte Amalia, von ihrer Lage erſchuͤttert.— Ida aber erklaͤrte ſich, 30 mit chriſtlichem Muthe, den Polen ungeſehen zu heirathen, wenn er ihr nachlaſſe, vom Trauung⸗ tage an, ganz nach ihrer Neigung, nach ihrem Willen zu leben.“ „Wenn der Mann nur einmal A geſagt hat,“ meinte der Vater:„ſo wird er auch B ſagen, nur muß man mit Antraͤgen der Art um Gotteswillen nicht gleich in den erſten acht Ta⸗ gen heraustreten. Laßt ihm nur Zeit, es wird ja, Kinder, es wird ja Alles von ſelbſt ſich dann machen. Vor Allem aber ſucht jetzt ſeine Auf⸗ merkſamkeit, ſein Wohlwollen zu gewinnen; er zog auf ſeine Landsmaͤnninnen vorhin ganz un⸗ barmherzig los; in geſellſchaftlichen Zirkeln, auf Baͤllen und Redouten, da, meinte er, waͤren ſie entzuͤckend ſchoͤn; da glaubte man nur Engel vor ſich zu ſehen, und in der Kunſt, ſich ge⸗ ſchmackvoll zu kleiden, uͤber Nichts viel zu ſpre⸗ chen, und durch tauſendfache Liebreize den Sin⸗ netrunkenen zu feſſeln, muͤßte er ſie die erſten Meiſterinnen der Welt nennen; aber was ge⸗ 31 diegene, gruͤndliche Kenntniſſe anbelange und die eigentlichen Pflichten der Hausfrau, Gattin, Mutter, da— na, ehrlich geſtanden, es iſt bei uns auch nicht viel anders; und Frauen unſeres Standes ſind auch nicht dazu beſtimmt, nach dem Hausweſen zu ſehen, oder nach den lieben 1 Kindern den ganzen Tag herumzulaufen,— aber— dieß ſcheint bei ihm nun ein Mal eine ſchwache Seite, ſo eine Art von Schuß zu ſeyn; alſo fuͤgt Euch. Thut von morgen an ſo, als ob Ihr den ganzen langen Tag an aichts weiter daͤchtet, als an die liebe Wirthſchaft. Gebt Acht, Kinder, er beißt an. Du, Ida, nimm morgen fruͤh den Koͤtſcher und hole im Hälter unter ſeinem Fenſter ein Paar Fiſche heraus; da muß er Dich ſehen; mache Dich durch ein Morgenlied, oder ſo etwas Gutes, was Du in der Geſchwindigkeit ja einſtudiren kannſt, be⸗ merkbar; ſing' nur recht laut; er kommt dann gewiß an's Fenſter, thu' aber nicht, als ob Du ihn ſaͤheſt. Und Du, Amalia, ſchaͤftere morgen 32 morgen ein Bischen in der Kuͤche herum; binde Dir ein weißes Schuͤrzchen vor, thue, als ob Du ſelbſt mit angriffeſt; und, wenn ich ihn morgen im Schloſſe herumfuͤhre, ſo werde ich, wenn wir in die Naͤhe der Kuͤche kommen, ſehr ſtark mit den Fuͤßen auf dem Flur hinſchluͤrfen; und ſo bald Du das hoͤrſt, ſo mache Dir nur gleich an dem Heerde etwas zu thun; ſcheine ihn aber, wenn wir bei der Kuͤche vorbei gehen, gar nicht wahrzunehmen; ich will ihn ſchon auf Dich auf⸗ merkſam machen, und Dich dabei in das gehoͤ⸗ rige Licht ſtellen. Und endlich, ſorgt huͤbſch fuͤr den Kammerdiener; auf den ſcheint er vorzuͤg⸗ lich viel zu halten, und es iſt auch ein feiner, huͤbſcher Menſch; er mußte den Herrn heute Abend bei Tiſche bedienen; auch wuͤnſchte dieſer, daß ſein Wawrzyniec, d. h. auf deutſch ſein Lo⸗ renz bei ihm im Zimmer ſchlafen koͤnne.— Noch muß ich Euch ſagen, daß er, Gott weiß⸗ von wem, an den Kammerherrn Beuſtelwitz Empfehlungen mit hat. Nimmt er das Fraͤu⸗ binde Du rgen venn ſtark und leich aber, nicht auf⸗ gehoͤ⸗ fuͤr zuͤg⸗ iner, heute ieſer, Lo⸗ weiß, Awitz raͤu⸗ lein Guſtel auf das Korn, ſo ſieht er Euch gar nicht mehr an, denn die iſt juͤnger und huͤhſcher als Ihr Beide, alſo fackelt nicht lange; was ge⸗ ſchehen ſoll, muß bald geſchehen. Die ſollte Euch ſchoͤn auslachen, wenn ſie dieſes Goldfiſchchen Euch wegkaperte.“ Der Vater klingelte jetzt und befahl der ein⸗ tretenden Chriſtine, wegen des Bettes fuͤr den Kammerdiener die noͤthigen Anſtalten zu tref⸗ fen; uͤbrigens aber gegen dieſen ihrer Herrſchaft, der beiden jungen Comteſſen, immer mit ge⸗ buͤhrender Achtung zu erwaͤhnen.„Man hat,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu:„in Romanen und Komoͤdien der Exempel, daß die Kammermaͤd⸗ chen, wenn ſie zum Lobe ihrer Herrin ſpre⸗ chen, oft Urſache einer ernſtern Verbindung wurden, und gleichſam dafuͤr zur Belohnung des Braͤutigams ſchmucken Bedienten zum Manne bekamen; ich wollte Dir Gluͤck wuͤnſchen, Chriſtine, wenn Oeiner hier ein aͤhnliches Loos 3 wartete, denn der Wawrzyniec, der Lorenz, iſt ein gewandter, artiger Menſch.“ grei haͤßl 5. bleit Der Vater, der, ohne Huͤlfe vom Himmel ſchen herab, den ſchimpflichen Bankerot unvermeid⸗ lich vor ſich ſah, und in dieſem polniſchen Wi⸗ ſchre derling einen himmlichen Cherub gefunden zu Vat haben glaubte, nahm mit ſchwerem Herzen von chen beiden Maͤdchen gute Nacht. ſchan Schon in der Thuͤre drehte er ſich noch ein eine Mal um, ließ Chriſtine wieder abtreten, und ſagte von Todtesangſt gequaͤlt:„Wird mir nicht Das von dieſem geholfen, ſo bin ich in wenigen frem Tagen unermeßlich elend; ich muß es ſagen, Wat mich verfolgen dringende Wechſel von Bedeu⸗ dern tung; ich kann mich nicht halten. Falle ich, ihr ſo fallt Ihr mit! Alle die jungen Herren, die Ida Euch bis jetzt die Cour gemacht haben, drehen Stif Euch von dem Augenblicke an, daß ich Wechſel⸗ ſelbſ arreſt bekomme, den Ruͤcken zu. Sie verlaſſen nmel meid⸗ Wi⸗ n zu n von h ein und nicht nigen ſagen, hedeu⸗ e ich, , die rehen echſel⸗ laſſen 35 Euch Alle, alſo greift zu, um Gotteswillen, greift zu und wenn der Mann noch tauſendmal haͤßlicher waͤre; als er wahrhaftig nicht iſt; es bleibt Euch keine Wahl uͤbrig. Ihr ſteht zwi⸗ ſchen Tod und Leben. Gute Nacht!“ Als ob er ſeinem Tode ſchon entgegen ſchreite, ſo blaß und vor ſich hinſtierend ging der Vater zum Zimmer hinaus, und beide Maͤd⸗ chen ſahen ſich einander, vor Schreck uͤber die ſchaudervolle Entdeckung ihrer Lage, halb erſtarrt eine lange Weile ſchweigend an. Chriſtine kam herein, um ſie zu entkleiden. Das Maͤdchen wollte wieder anfangen, vom fremden haͤßlichen Herrn und dem huͤbſchen Wawrzyniec und den Baͤren, den beiden an⸗ dern Bedienten, zu ſprechen; aber Amalie rief ihr ein gebieteriſches:„Schweig!“ zu, und Ida zog ſich, im Vorgefuͤhl des Diſtelduͤrringer Stiftlebens, zum erſten Male in ihrem Leben, ſelbſt aus. Unvermuthet that ſich die Thuͤre auf.— 2 5 36 Ein ſchreckliches Menſchengeſicht. Alle drei ſchrieen laut auf.— Das ſchielende, pockenzer⸗ fetzte Mulattenſcheuſal entſchuldigte ſich, zog ſich ſchnell zuruͤck und machte die Thuͤre hinter ſich zu. „Das war er!“ rief Chriſtine lachend.— „Das war er?“ wiederholten beide Graͤfinnen und froren vor Angſt und Bangigkeit, daß die Schleifen an den Nachtkorſettchen wie Espen⸗ laub zitterten. In der Regel zankten ſich beide Schweſtern jeden Abend, aus dem Bette heraus, noch ein Stuͤndchen; dießmal lagen ſie lautlos, und von der Ueberraſchung eingeſchuͤchtert, jede auf ihrem Lager. „Der Vater“— ſagte Amalie zu ſich ſelbſt—„warum hat er nicht beſſer gewirth⸗ ſchaftet! fuͤr den wirſt du dich wahrhaftig nicht opfern;— aber was wird aus dir, wenn er fallirt,— als Gouvernante!— du, die Graͤ⸗ fin Amalie von Steinburg, Gouvernante— d.— innen aß die spen⸗ eſtern h ein dvon hrem ſich virth⸗ nicht 37 nimmermehr!— Und als Stifrsdame in Diſtelduͤrringen?— magre Koſt, keine Ge⸗ ſellſchaft, keinen Umgang, beſtaͤndige dumme Arbeit die einzige Zerſtreuung,— ich ſtuͤrbe in den erſten acht Tagen! Der ruͤbengelbe Sar⸗ matenbraͤutigam iſt, Gott weiß, abſcheulich: aber unſer Oberkammerherr iſt auch nicht viel huͤbſcher, und die Frau lebt doch recht ertraͤglich mit ihm; der Generaldirektor hat vielleicht keine Blattergrube weniger, und iſt bei naͤherer Be⸗ kanntſchaft doch gar nicht unangenehm; und was die von Chriſtinen erwaͤhnten Saͤbelbeine betrifft, ſo iſt es mit den Spazierſtoͤcken unſers alten Oberſtallmeiſters nicht viel anders beſtellt, und dennoch gilt er fuͤr den beſten Ehemann am ganzen Hofe.— Die jaͤmmerliche Gouvernante und das freudenleere Stiftsfraͤulein in der einen Wagſchale, der reiche Pole in der andern,— es iſt gar keine Frage, die Sache wuͤrde ſich ſchon machen. Der Welt ſchuͤtze ich die Kindes⸗ pflicht vor, die mich, um den Vater zu retten, 4 3 zu dem Opfer vermocht hat, meine Hand dem ſagt ungeliebten Haͤßlichen zu geben, die ich doch ein⸗ ihr . mal bei dem Legationrath, oder bei dem Praͤ⸗ in b ſidenten, oder bei dem Oberſtlieutenant, oder weg bei dem Generalintendanten, oder wenn Alle mei nicht angebiſſen haͤtten, doch gewiß bei dem Ba⸗ kan ron an den Mann gebracht haͤtte. Alſo ich Me will— ja, ich will morgen in die Kuͤche; ich heir will das Geſpraͤch, wenn er nun durchaus eine Dre Wirthin zur Frau verlangt, auf die Kochkunſt Na⸗ bringen; morgen fruͤh ſchlage ich ein gutes Koch⸗ nate buch nach und lerne ein Paar Rezepte auswen⸗ an dig; ſolch einem dummen Polen will ich wohl dort Staub in die Augen ſtreuen.“ nich Die ihrigen druͤckte der Sandmann mitten alle in der Vorbereitung auf ihre bevorſtehende Probe bei nieder; ſie ſchlummerte als die unbezweifelt ge⸗ deut wiß millionenreiche Frau von Bialobrzes- nen ka ein Flu Jda war aufgeregter. Do „Kammerherrns Guſtel in Beuſtelwitz,“ dem ein⸗ Praͤ⸗ oder Alle Ba⸗ ich ich eine lunſt och⸗ 39 ſagte ſie zu ſich ſelbſt und luͤftete die Decke, weil ihr ſehr warm war:„Kammerherrns Guſtel in Beuſtelwitz ſollte mir dieſen Millionenfiſch wegfangen? Nimmermehr!— Auf den Ritt⸗ meiſter, Negierungdirektor und Jagdjunker kann ich nicht recht bauen. Die ſagen mir ein Menge Schoͤnes, aber keiner bringt das Wort: heirathen, uͤber ſeine Lippen; auch haben alle Drei im ganzen Vermoͤgen nicht ſo viel, als der Nachbar des Crimſchen Chans in einem Mo⸗ nate an Einkuͤnften bezieht. Dort will ich hin, an den Bog, und an die Ufer des Kodina; dort kann es bis zu den Saporoger Koſacken nicht mehr weit ſeyn; vielleicht ſeh' ich dann den allerliebſten Offizier wieder, der vor dem Jahre bei uns im Quartiere lag. Er ſprach kein Wort deutſch, und ich verſtand doch jede Sylbe. Ei⸗ nen ſchoͤnern Mann gibt es nicht, von dem Fluß Sinucha, wovon er uns immer durch den Sunſhn erzaͤhlte, bis zur Seine. Was wuͤrde der Koſaken⸗Adonis ſagen, wenn ich ihm als Staroſtin, als Nachbarin auf dem bluͤ⸗ henden Wieſen⸗Ozean ſeines grasreichen Va⸗ terlandes begegnete. Ja, ich will hin. Der Rittmeiſter, der Regierungdirektor und der Jagdjunkber ſollen verſchmachten. Mein Mann, von dem iſt nicht die Rede; ich werde ihn do⸗ miniren, er muß wollen, was ich will, zehen Jahre will ich opfern; zehen Jahre will ich zu⸗ fammenſparen; dann laſſe ich mich von dem Menſchen ſcheiden, und komme mit zwanzig Millionen polniſcher Gulden nach Deutſchland zuruͤck; dann bin ich ſieben und zwanzig Jahre alt, und dann fange ich erſt an zu leben. Sie machte jetzt hundert Plane, wie ſie mit ihren zwanzig Millionen ſich kuͤnftig in der va⸗ terlaͤndiſchen Reſidenz einzurichten gedachte, ſah den Glanz ihres Palaſtes, die Pracht ihrer Ta⸗ fel, den Reichthum ihrer Garderobe und die Legion ihrer Anbeter ſchon vor ſich, und, uͤber⸗ felig vor heimlichem Entzuͤcken uͤber das kuͤnftige Goͤtterleben, ſagte ſie leiſe vor ſich hin:„Jg. ich will— ich will morgen fruͤh mit dem Koͤtſcher in den Haͤlter, und vor ſeinen Augen will ich die Fiſche aus dem Waſſer fangen, mit einer Grazie, mit einem Anſtande, daß er ſeine eitele Luſt an mir haben ſoll. Gott, wie man⸗ ches andere Maͤdchen ginge um den Preis bis an den Hals in das Waſſer, und ich brauche mir ja kaum die Finger naß zu machen.“ Sie hoͤrte in Gebanken die Fiſchchen morgen ſchon plaͤtſchern, ſah die zwanzig Millionen im Netz⸗ chen ſchon zappeln, und ſchlummerte in das Reich der gluͤcklichſten Traͤume hinuͤber. 6. Der truͤbe Herbſtmorgen, der die Feuer⸗ und Waſſerprobe der beiden Graͤfinnen beſchei⸗ nen ſollte, war kaum heraufgedaͤmmert, als Graͤfin Ida ſchon, einen niedlichen Koͤtſcher auf der blendend weißen Achſel, aus dem Schloſſe trat und nach dem Haͤlter huͤpfte. Um von dem Herbſtnaß, das die Graspartie 42 um den Haͤlter herum ſtark uͤberwaͤſſert hatte, das Morgenkleid mit keinem Taͤngel verzieren zu laſſen, hatte ſie ſich hoch aufgeſchuͤrzt, ſo daß die Borduͤre, in deren geſchmackvollem Deſſein eine Pariſer Kunſtſtickerin ſich erſchoͤpft hatte, die ſtattliche Wade kaum bedeckte. Trotz des feuchten Morgennebels, umſchlang doch nur ein leichter weißer Shaw⸗ Buſen und Huͤfte der Fiſchernovize, die mit einer Selbſtgefaͤlligkeit durch den Garten ſchritt, als duͤnk⸗ ſie ſich eine koryciſche Potamide*) In der Literatur der Morgenlieder nicht ſehr bewandert, der Vorſchrift des Vaters, ſich durch Geſang dem Staroſten bemerkbar zu machen, aber eingedenk, ſang ſie mit klarer Stimme:„bei Maͤnnern, welche Liebe fuͤhlen,“ und gruͤßte redht herablaſſend den jungen Kammerdiener, den Wawrzyniec, der in der Gartenthuͤre ſtand, und, als ahne er in ihr *) Potamiden hießen den nach den Or diktaͤiſche, aylaͤiſe die Flußnymphen; ſie wur⸗ ten, wo ſie ſich aufhielten, che, koryeiſche genannt. datte, ieren daß ſſein atte, ſchon ſeine kuͤnftige Gebieterin, ſich vor der vor⸗ uͤbergehenden Grafentochter mit dem Koͤtſcher, ehrerbietig verneigte. Sie hoͤrte jetzt hinter ſich polniſch ſprechen; ſie konnte einen halben Vier⸗ telsblick ruͤckwaͤrts ſich nicht abſchlagen. Der Guldenmillionair lag im Fenſter. Sie verſtand zwar nicht Polniſch, aber ſie haͤtte darauf ſchwoͤ⸗ ren wollen, daß Beide miteinander uͤber ſie ſprachen; was der Staroſtencroͤſus zum Kam⸗ merdiener herunterſprach, klang ihr gerade ſo, als ſage er:„ſieh dieſen Engel von Maͤdchen!“ Woͤrtlich verſtand ſie etwas von Schalk und von Parze; gewiß hatte der von Liebe Be⸗ fangene gemeint, daß die Parzen mit dem Schalk Amor, ihm nun den goldenen Faden ſeines Lebens recht lang ſpinnen moͤchten, oder ſo et⸗ was dergleichen. Stolzer hob ſie die Bruſt, hoͤher den Fuß; ihr ganzes Weſen ward freier; denn ihr Plan, den Polen zu bezaubern, war ihr gelungen, das fuͤhlte ſie; ihr Triumph uͤber Schweſter Malchen und die Beuſtelwitzer Guſtel 4 ½ war entſchieden. Laut in die Luft hinaus wir⸗ belte ſie mit freudiger Keckheit den hochpoetiſchen Schlußvers: „ Mann und Weib, und Weib und Mann, Reichen bis zur Gottheit h'nan,“ ſchritt, waͤhrend der in die Hoͤhe hinaus gehen⸗ den Cadenz, halbtanzend uͤber das ſchmale Bret, das zum Fiſchkaſten im Haͤlter fuͤhrte, warf mit heroiſcher Kraft den Deckel des Fiſchkaſtens auf, glitt, hieruͤber das Gleichgewicht verlierend, vom ſchluͤpfrigen Brete aus, und plumpte mit einem ungeheuern Schrei in den Kaſten hinein. Pfeilſchnell flogen indeſſen der huͤbſche Kam⸗ merdiener und der eine Baͤr, der Bediente des Staroſten, herbei. Erſterer ergriff die uͤber dem Waſſer noch allein ſichtbare Pariſer Borduͤre, zog daran die halbtodte Braut ſeines Herrn herauf, umſchlang dann die Wohlbeleibte und brachte mit Huͤlfe des Bedienten die graͤfliche Nixe gluͤcklich aus dem Kaſten. „Das iſt groß Fiſch!“ rief lachend Wa⸗ lek,*) der Bedientenbaͤr, in gebrochenem Deutſch, und machte in ſeiner dummen Gut⸗ muͤthigkeit Anſtalt, die verungluͤckte Guͤldenauer Potamide zu ſtuͤrzen, indeſſen ſchlug dieſe ſchon, ſobald ſie nur erſt recht aufrecht ſtand, die Au⸗ gen wieder auf, ſank aber vor Schaam und Un⸗ muth, von Schreck und Aerger verwirrt, dem Wawrzyniec, ihrem Retter, ohnmaͤchtig wieder in die Arme zuruͤck. Der zweite Bediente Woyezech eilte jetzt auch herbei und warf uͤber die Naſſe eine warme, zottelige Decke, in ſeiner Sprache: Kotze**½) genannt, und ſo trugen ſie die Graͤfin, recht bedeutungvoll in den pol⸗ niſchen Hermelin, die Kotze, gehuͤllt, dem Vater entgegen, der mit der ganzen Dienerſchaft, von Woyezech's Huͤlfgeſchrei aufgeſchreckt, aus dem Schloſſe in den Garten geſtuͤrzt kam, und die braͤutliche Najade, die ſich unter der waͤrmenden — *) Auf deutſch: Velten. *y) Koc, gruby. 9. 46 Decke wieder erholt hatte, von den Sarmaten in Empfang nahm. Chriſtine brachte die Wiedergetaufte zu Bette, und kraͤnkte die ohnehin Gebeugte noch tiefer, durch die Mittheilungen, die ſie ihr uͤber den Staroſten und deſſen tugendbelobten Herrn Kammerdiener zu machen hatte. Jener hatte das Waſſeropfer vor dem Falle mit keinem Auge geſehen; er ſchlief noch dieſen Augenblick in ſei⸗ nem warmen Bette, waͤhrend die Beſtimmte ſeines Herzens, auf dem naſſen Wege, beinahe in das Reich der ewigen Herrlichkeit eingegangen waͤre. Der, den Ida fuͤr den Polenbraͤutigam angeſehen hatte, war der Kotzenſpender, Woy czech geweſen. Er hatte ſich von oben herunte mit ſeinem Kameraden, den Walek, der unten, micht weit vom Kammerdiener geſtanden, von Graͤfin Ida aber auf dem Gange nach dem Fiſchkaſten ganz unbeachtet geblieben war, un⸗ terhalten, und, wie der Gaͤrtner, der fruͤher ein⸗ mal in Polen geweſen, verſtanden haben wollte, aten —QO——OQOQ˖QOC—ꝭO—Q—·OQ—O˖—ęQQO—Q—OQO—O—OO—QCꝑ—ꝑCꝑ—Q—ꝑ—ꝑC—Q—Q—ꝑ—ꝑ—ꝑ—O—O—ꝑ—ꝑ—ꝑ—ꝑ—ꝑ—ꝑ—ꝑ—ꝑ—ꝑ— ſich uͤber den ihnen zum Fruͤhſtuͤck gereichten Branntwein belobend geäͤuſſert. Chriſtine plap⸗ perte die Worte der Schnappshymne, gorzallca jest bardzo dobra.*) nach, und Graͤfin Ida wußte nun, zur Vermehrung ihrer Beſchaͤmung, daß ſie ſich ob halber deſſen, was ſie von Schalk und Parze gehoͤrt zu haben glaubte, ein wenig geirrt hatte.„Nun, und der Wawrzyniec,“ fragte ſie kleinlaut:„was wollteſt Du mir von dieſem ſagen?“ „J,“ verſetzte Chriſtine:„denken Sie ſich, der Mosje nahm ſich meinetwegen ordent⸗ lich eine Gurke heraus, und meinte: die Fiſche aus dem Haͤlter zu holen, das ſchicke ſich fuͤr eine Graͤfin nicht; bei ihnen zu Lande thue das die Kuͤchenmagd; auch haͤtten Sie ſich bei dem ganzen Fiſchzuge ſo genommen, daß man Ih⸗ nen die ungewohnte Arbeit wohl haͤtte anmerken koͤnnen.“ *) Der Branntwein iſt gut; das erſte Wort wird ausgeſprochen Gorſchalka. 4³ Chriſtine wollte ihn dafuͤr einen Naſeweis ſchimpfen, allein Graͤſin Ida fand in der Aeuſ⸗ ſerung ihres hoffentlichen Kammerdieners eine recht artige Schmeichelei.„Waͤre der Menſch nicht, ich laͤge jetzt ſchon abgeſtanden im Fiſch⸗ kaſten!“ ſagte die Dankbare, ließ ſich ihre Boͤrſe reichen und gab Chriſtinen ein Achtgroſchenſtuͤck, um es, als ſchwachen Beweis verbindlicher Er⸗ kenntlichkeit, ihrem Retter vom Karpfentode einzuhaͤndigen.„Du haͤtteſt die Geſchichte mit anſehen ſollen,“ ſetzte ſie, mit ſich ſelbſt zufrie⸗ den, hinzu:„wenn ich an die Ariadne auf Naxpos denke, wie unbehuͤlflich plautzte die neu⸗ lich auf dem Hoftheater in das offene Weltmeer. Ohne mich zu ruͤhmen, ich habe mich uͤber meine eigene große Contenance gewundert; als ich ausglitt und ſah, daß ich mich nicht halten konnte, nahm ich mich zuſammen, und ich glaube, ich bin mit vieler Grazie in den Fiſch⸗ kaſten gefallen; frag' doch den Wawrzyniec, was er dazu ſagen wird; aber unſere Fiſche waren en vo tet we jut un B mi und ich alten ich iſch⸗ was aren entſetzlich erſchrocken, daß doch nur ein einziger von ihnen auch nur einen Muck gethan haͤtte.“ Der Bediente des Vaters unterbrach die Un⸗ terhaltung. Der Staroſt, der jetzt aufgeſtanden war, und das Begebniß erfahren hatte, ließ der jungen Graͤfin ſein herzlichſtes Beileid verſichern und um die Erlaubniß bitten, ihr, wenn ſie Beſuche annehmen koͤnne, nach dem Fruͤhſtuͤck, mit dem Vater, ſeine Aufwartung zu machen. „Angenommen!“ antwortete Ida ſtolz, und Chriſtine hatte nun eine der martervollſten Stunden, denn Ida befahl hunderterlei, um es im naͤchſten Augenblicke zu widerrufen. Das Maͤdchen haͤtte zehn Haͤnde haben moͤgen, und waͤre der geſtrengen Gebieterin doch noch immer zu langſam geweſen. Sollte Ida den Staroſten im Bette oder auf dem Sopha empfangen?— im bloßen Kopfe oder im Haͤubchen?— blaß oder roth? — nervenſchwach oder kraͤftig?— hoͤchſt— hoͤchſt wichtige, kritiſche Fragen; und die Zeit 4 50 ſo kurz, die Umſtaͤnde ſo dringend. Viermal. b war ſie aus dem Bette auf das Sopha ge⸗ e ſprungen, und dreimal wieder zuruͤck in das 1 1 Bett geeilt; da entſchied ſie ſich endlich fuͤr letz⸗ ſi 6 teres; ſie erſchien dann kraͤnker; der Fall, eine r junge Dame im Bette zu finden, war ſeltener, u und darum ſchon intereſſanter; und die blaͤhen⸗ 1 den weißen Kiſſen, die ſich der Ueberfuͤlle ihres. Koͤrpers traulich anſchmiegten, und die leichte Decke, welche die Formen der Hingegoſſenen ¹ verraͤtheriſch umhuͤllte— das Alles machte ſich 8 offenbar beſſer, als der ſtudirteſte Sitz auf dem G Sopha,— aiſo in das Bett. Mit dem blo⸗ 1 ßen Kopfe war es nichts; die blonden Ringel⸗ f locken— der Fiſchkaſten hatte ihnen graͤßlich mitgeſpielt; alſo ein Haͤubchen; drei lagen ſchon, t belaſtet mit tauſend Schmaͤhworten, zu den e Fuͤßen der geaͤngſteten Chriſtine; das eine ſaß f zu tief in die Stirne hinein, das andere zu weit t 6 aus dem Geſichte, das dritte ſollte einer alten Pelzmuͤtze aͤhnlicher ſehen, als einem Morgen⸗ letz⸗ eine ener, ihen⸗ ihres eichte enen ſich dem blo⸗ ngel⸗ ßlich hon, den ſaß weit alten gen⸗ bonnet, endlich das vierte— ein allerliebſtes, einfaches Ding, das wirklich dem Maͤdchen recht niedlich ſtand.„Gut,“ ſagte Ida, und ſah ſich wohlgefaͤllig im Handſpiegel an:„nun raſch das Korſettchen mit den brabanter Kanten, und die kleine Bajadere, und vor allem, Rouge, nur geſchwind' Rouge.— Der Mann,“ meinte Ida:„liebt das Haͤusliche, die Hausmanns⸗ koſt; alſo mußt du roth ausſehen und friſch, und thun, als ob ſo ein Fall in das Waſſer dir etwas alltaͤgliches waͤre; ja nicht gepimpelt, aber auch die Decenz, die Weiblichkeit huͤbſch im Auge behalten, kurz— du willſt ihn ſchon fangen.— Dort das Buch vom Buͤreau noch hierher auf das Tiſchchen, und das Tiſchchen raſch hierher vor das Bett!“ rief ſie; und war eben mit der Roͤthung der linken Wange halb fertig, als der Vater mit dem Staroſten ein⸗ trat. Eine Wange roth, die andere weiß; den Spiegel und das Schminktoͤpſchen blitzſchnell 4* 52 unter die Decke, und der Saͤbelbeinige ſtand vor dem Bette. Chriſtine hatte die Sache viel zu arg ge⸗ macht; eine complete Kegelkugel ging auf keinen Fall durch; hoͤchſtens eine ganz kleine ovale zum Ausmachen; der Verdruß war da, aber ſo ſehr gefaͤhrlich fiel er auch juſt nicht auf; nur das Geſicht— huͤbſch konnte man es freilich nicht nennen, die Blattern hatten es giftig zerriſſen; auch war ein kleiner Anſatz von Haſenſcharte nicht zu laͤugnen, und was die himmelanſtar⸗ renden Borſtenhaare und die gelblichen Zaͤhne anbelangte, ſo konnte beides nicht in Abrede geſtellt werden; aber alles deſſen ungeachtet ſprach aus den großen, brennenden Augen doch ein ſo klarer Geiſt, und aus jedem ſeiner Zuͤge eine ſo unbeſchreibliche Herzensguͤte, daß Ida, ſobald ſie nur uͤber den erſten Augenblick wegge⸗ kommen war, den polniſchen Millionair bei wei⸗ tem nicht ſo abſchreckend fand, als ſie ſich ihn vorher gedacht hatte. —Q—Q—Q—C—C—C—’—C—C—L—O—Q—ꝑꝑꝑ——— dvor —4,,— Mit ſanfter Freundlichkeit fragte er nach ihrem Befinden, und in ſeiner gutmuͤthigen Theilnahme an ihrem Unfalle lag ſo etwas Herzinnigliches, daß ſie dem Manne nicht gram ſeyn konnte. Auch ihm konnte man wohl abmerken, daß er an dem dicken, runden Graͤfchen im Nachtkorſettchen mit den brabanter Kanten kein Mißfallen hatte; und der bankerottnahe Vater pries im Stillen die Vorſehung, die ihm am Nande des Verderbens dieſen Engel aus Polen geſandt hatte. „Aber wie konnte,“ fragte in Bezug auf den Fiſchfang der Staroſt, den auf der Zunge ſchwebenden Vorwurf im Tone mildernd:„wie konnte Graͤfin Ida ſich einem ſo ſchweren Hausgeſchaͤfte ſelbſt unterziehen?“ „Von Jugend auf,“ erwiederte Ida mit gelaͤufiger Zunge:„lernt man nur zu bald, daß, wenn es im Hauſe gut ſtehen ſoll, man Alles ſelbſt machen muß; ſeit dem Tode meiner ver⸗ 53 54 ehrten Mutter habe ich mich mit meiner guten Schweſter in die Verwaltung unſerer Oekonomie getheilt; dieſe verſieht das Miniſterium des In⸗ nern, ich das der auswaͤrtigen Angelegenheiten. Feld, Wald, Wieſen, Teiche gehoͤren ſonach in meinen Bereich, und ſo wenig auch unſere Be⸗ ſitzungen, dem Umfange nach, bedeutend ſeyn moͤgen, ſo beſchaͤftigen mich doch die Verbeſ⸗ ſerungen und die Cultur dieſer Branche ſo durchaus, daß mir zu ſchaalen Nebendingen, als zu Putz, Aſſembleen, Baͤllen, Theater und dergleichen Taͤndeleien, eben ſo wenig Zeit uͤbrig bleibt, als meiner lieben Schweſter, die mit ihren Staͤllen, Scheunen, Kellern, Speichern und mit ihrer Kuͤche den ganzen Tag vollauf zu thun hat. Der Staroſt erſtaunte hoͤchlich uͤber die ihm unerwartete Erſcheinung, in der jungen Graͤfin eine ſo thaͤtige und unterrichtete Oekonomin zu finden; er ruͤckte mit ſichtbarer Lebhaftigkeit naͤher, und brachte, da es der Fiſchkaſten ge⸗ 55 weſen war, der ihm Anlaß zu dieſer Unterhal⸗ tung gegeben hatte, das Geſpraͤch auf die Teich⸗ wirthſchaft. Ohne in den Ton eines unbeſchei⸗ denen Examinators einzugehen, ließ er ſich frag⸗ weiſe, als wolle er ſich von der hier zu Lande uͤblichen Weiſe, in Betreff des Teichweſens un⸗ terrichten, uͤber die beſte Anlegung der Streich⸗ teiche, uͤber die Mittel, die Naubfiſche zu ver⸗ tilgen, uͤber die neueſten Maſchinen zur Hebung der Teichgraͤben, uͤber die Arkane zur Vermeh⸗ rung der Karpfenbrut, uͤber das dreijaͤhrige Be⸗ ſäen der abgelaſſenen Teiche mit Hafer, uͤber den Bau der Fluthbetten, uͤber die Schwierig⸗ keiten, den Fiſchen im ſtrengen Winter, durch Eiswuhlen, immer die noͤthige Luft zu geben, und dergleichen gelehrte Dinge mehr aus; aber er mochte hintippen, wohin er wollte, Graͤfin Ida ſtockte, und ſo genau der Staroſt in dem Teichweſen bewandert zu ſeyn ſchien, ſo wild⸗ fremd war die Graͤfin darin, die von dem gan⸗ zen Kram bis dahin kein Wort gehoͤrt hatte; 77 ℳ 56 ſie klemmte in der Verlegenheit ihres Herzens, da ſie merkte, daß der Staroſt anfing, an ihr irre zu werden, das Schminkbuͤchschen und den kleinen Handſpiegel unter der Decke zwiſchen den Knieen zuſammen, und knicks, knacks! brach letterer hoͤrbar in Stuͤcke; der Vater ſah Ida befremdet an, und da dieſe, vor Aerger uͤber ſich ſelbſt, die Farbe wechſelte, konnte er ſich nicht enthalten zu fragen: was das Knackern unter der Decke zu bedeuten gehabt. „Ich ließ mir,“ ſagte die Verlegene, mit erzwungener Dreiſtigkeit:„um mir die uner⸗ traͤgliche Langweile im Bette zu vertreiben, vom Maͤdchen das Modell zu einer Saͤemaſchine ge⸗ ben, woran ich ſeit Kurzem angefangen habe, und wollte ein wenig daran arbeiten; da uͤber⸗ raſchte mich der ſchaͤtzbare Beſuch. Zu furcht⸗ ſam, einen ſo ſchwachen Verſuch der Beurthei⸗ lung eines Sachkenners preis zu geben, ver⸗ ſteckte ich, lieber Vater, geſchwind meine Ar⸗ beit; und nun moͤgen ein Paar Staͤbchen zer⸗ 57 brochen ſeyn;— der Schade iſt indeſſn bald wieder zu heilen.“ Der Staroſt ſah mit neuem Wohlgefallen auf das Maͤdchen; eine junge Graͤfin, die zum Zeitvertreib am Modell einer Saͤemaſchine eigen⸗ haͤndig arbeitet, war ihm noch nicht vorgekom⸗ men. Er griff mit vieler Lebendigkeit dieſen Gegenſtand auf, kam auf die Fellenberg'ſchen Saͤe⸗ und Ackermaſchinen zu ſprechen, wollre uͤber hundert dahin einſchlagende Gegenſtaͤnde belehrt ſeyn, und brachte die arme Graͤfin, die von dem ganzen Weſen kein Wort wußte, von Neuem in die allertoͤdtlichſte Verlegenheit. Dieſer zweite Verſuch ſchien ihm etwas mehr Licht uͤber die vorgebliche Wirthſchaftverſtaͤndige gegeben zu haben. Doch war er viel zu fein, ſich von ſeinen halben, heimlichen Entdeckungen im Mindeſten etwas merken zu laſſen. Das auf dem Tiſchchen neben dem Bette befindliche Buch hatte ſchon lange ſeine Neu⸗ gierde gereizt; er warf ſcherzend die Vermuthung 5⁸ hin, daß ſie ſich wahrſcheinlich vor ihrem mecha⸗ niſchen Zeitvertreibe, mit der unterhaltenden Lektuͤre eines neuen Romans, den Morgen ge⸗ kürzt habe; aber Ida entgegnete laͤchelnd, daß ſolche loſe Speiſe ihr nicht munde.„Wir deut⸗ ſchen Maͤdchen,“ ſetzte ſie fromm und ſittſam hinzu:„ſind gewohnt, jeden Tag, vor dem Be⸗ ginnen unſerer Berufsgeſchaͤfte, unſer Herz durch ein gutes Morgengebet zu erbauen; ich weiß nicht, ob Sie Ehrenbergs weib⸗ lichen Sinn und weibliches Leben kennen?“ „Nein,“ entgegnete der Staroſt, von des Maͤdchens kecker Luͤge uͤberraſcht; denn er hatte, mit ſeinen Fernrohren von Augen, auf dem Ruͤcken des Buches deutlich den goldenen Buch⸗ ſtaben⸗Titel: Die Verſchoͤnerungs⸗ kunſt, oder 100 Recepte, die Schoͤn⸗ heit des Geſichts zu erhalten, geleſen, und langte mit der Hand nach dem Buche, um ſich naͤher zu uͤberzeugen; aber Ida ſchnappte .— 59 es ihm raſch weg und ſteckte es zum geweſenen Spiegel und dem Schminkbuͤchschen unter das Bett; weil ſie, wie ſie vorgab, bei dieſer und jener Stelle der taͤglichen Morgenandachten eigenhaͤndige Anmerkungen beigefuͤgt habe, die ſie unmoͤglich einen Dritten ſehen laſſen koͤnne. Er bemerkte jetzt auf der einen Wange den rothen, noch nicht ganz verriebenen Schmink⸗ fleck, und meinte etwas ſpitzig: daß ihre Saͤe⸗ maſchine ſchon fertig ſeyn muͤſſe, da er eben wahrnehme, daß ſie dieſelbe ſchon haͤtte anſtrei⸗ chen wollen. Er ſah dabei ſo ſtarr auf den rothen Backenfleck, und brach kurz darauf, ſo augenſcheinlich kalt, ſeinen Beſuch ab, daß Ida fuͤhlte, er habe ſie ergruͤndet. Sie war mit ſich ſehr unzufrieden, warf, als er weg war, Chriſtinen das Schminktoͤpf⸗ chen, die Spiegelſcherben, die Bajadere, das Haͤubchen, das Buch, kurz Alles an den Kopf, und blieb vor Trotz und Unleidlichkeit liegen. 7. Graͤfin Amalia ſtand unterdeſſen, mit einem blendend weißen, feinen Battiſtſchuͤrzchen an⸗ gethan, und in dem allerſauberſten Kuͤchen⸗ Coſtuͤme, zur großen Verwunderung des ganzen Hausweſens, vor dem Heerde, und wartete des Augenblicks, wo Papa das verſprochene Schluͤrf⸗ zeichen geben werde. Ihre Vorbereitungen waren alle vollſtaͤndig getroffen; ſo wie der Va⸗ ter ſchluͤrfte, wollte ſie das Caſſerol ergreifen; links ſtand ein Napf mit Kirſchſauce, rechts eine Schaale ausgeſchlagene Eyerdotter; hinter ihr auf dem Tiſche ein Flaͤſchchen Spiritus, und ein zweites mit Roſenwaſſer in Bereitſchaft; denn an einem Spirituspudding wollte ſie ihre Mei⸗ ſterſchaft beurkunden. Kam nun der Vater mit dem Staroſten in die Kuͤche, ſo fand ſie letzterer in voller Arbeit, gegen ſich ſelbſt den ganzen Tag im Bette —— ———— tte 61 bei der ſie ſich mit ſo viel Grazie und Gewand⸗ heit benehmen wollte, daß der Staroſt ihr gewiß vor ihrer, in das Waſſer geplumpten Amphibien⸗ ſchweſter, den Vorzug geben muͤßte. Wawrzyniec, der Herr Kammerdiener, fand ſich zufaͤllig in der Kuͤche ein; der junge, huͤbſche Menſch konnte ſein Staunen nicht bergen, Graͤfin Amalie hier zu finden, und ſie ſelbſt Hand an das Werk legen zu ſehen. Er aͤuſſerte gegen den geſtempelten Koch laut ſein Befrem⸗ den daruͤber, und wuͤnſchte nichts mehr, als den Graͤfinnen und Edeldamen ſeiner Heimath dieß wirkliche Bild zeigen zu koͤnnen.„In einen Rahmen von aͤchtem Golde haͤtte es die alte wackere Mutter unſers Herrn faſſen laſſen,“ ſetzte er, bezaubert von der ihm ganz neuen Erſcheinung, hinzu, und verwandte von der zartgeſtalteten Prieſterin der graͤflich Steinburgiſchen Laren, der das Feuer des vaͤterlichen Heerdes die Wange recht lieblich roͤthete, kein Auge. Amalie hoͤrte jedes Wort, und wenn ſie 62 gleich nicht aufſah, ſo wußte ſie doch, daß ſein Blick auf ihr weilte; war es auch nur ein Kam⸗ merdiener, ſo mußte ſie ſich doch geſtehen, daß es ein ſehr fein gebildeter Menſch ſey. Sein Lob that ihr recht wohl; ſie gefiel ſich jetzt noch einmal ſo gut; und wohl zum erſten Male in ihrem Leben bekuͤmmerte ſie ſich um einen wirth⸗ lichen Gegenſtand, und fragte die Ausgeberin, ob er ſein Fruͤhſtuͤck bekommen. Bei ihm zu Lande fragte in der Regel die Frau von Stande nach ſolchen Dingen nie; wo ihre eigene Domeſtiken ſchliefen; ob ſie etwas zu eſſen hatten, und dergleichen Armſeligkeiten waren der kalten, ſtolzen Herrin fremd; hier— dieſe Theilnahme, dieſe Wirthlichkeit!— ſein Gefuͤhl uͤberwallte ihn; er naͤherte ſich der Graͤfin mit ſehr feinem Anſtande, verſicherte, daß ihm und ſeinen Kameraden nichts abgehe, dankte ſehr verbindlich fuͤr die gnaͤdige Sorgfalt, und zog zwiſchen der Wirthlichkeit ſeiner Landmaͤnnin⸗ nen von hohem Range und der deutſchen Grafen⸗ toͤchter eine ſo ſcharf und witzig ausgefuͤhrte Pa⸗ rallele, daß, ſo geſchmeichelt ſie ſich auch von ſeiner Rede fuͤhlte, ſeine Seitenhiebe uͤber die Unwirthlichkeit der Graͤfinnen ſeiner Heimath, ihr doch alle mit in das Herz trafen; denn ſie mußte ſich heimlich ſagen, daß ſie von der Ver⸗ waltung eines Hausweſens nicht um ein Haar mehr wuͤßte, als jene ſarmatiſchen Schoͤnen. Sie hoͤrte mit ſtiller Aufmerkſamkeit zu;z das ganze loͤbliche Kuͤchenperſonale trat nach und nach naͤher und neigte dem Sprecher das Ohr; denn er erzaͤhlte vom Vaterlande mit beredter Lebendigkeit, und als er merkte, daß ihm die junge Graͤfin ſelbſt ihre huldvolle Aufmerkſam⸗ keit ſchenkte, ließ er ſich noch mehr gehen und unterhielt den ganzen Kuͤchenkreis mit Witz und Laune,— da ſchluͤrfte es auf einmal draußen, und Graͤfin Amalie, die in des luſtigen Wawrzy⸗ niee Vortrag ganz verloren zu ſeyn ſchien, er⸗ ſchrak uͤber das ihr jetzt unerwartete Zeichen ſo heftig, daß ſie mit einem kleinen Schrei unwill⸗ 64 kuͤhrlich ineinander fuhr. Sie griff haſtig rechts nach der Schaale mit den Eydottern und wollte ſie in das Caſſerol ſchuͤtten; in dem Augenblick trat der Vater mit dem Staroſten in die Kuͤche; das Auge auf Beide gerichtet, ſchuͤttete ſie vor⸗ bei, und die ganzen Eydotter ſich auf das weiße Roͤckchen. Der gelbe Dotterſtrom bahnte ſich von der rechten Huͤfte ab ſeine Bahn, breitete ſich, wie der Nieder⸗Rhein, unten in mehrere Arme aus; die Graͤfin aber ſprang halb todt vor Aerger und Schreck, links auf die Seite, ſtieß an den Napf mit Kirſchſauce und warf ſich letztere auf die entgegengeſetzte Seite des weißen Roͤckchens; kein Troͤpfchen war vorbei geſpritzt, die ganze Sauce bildete von der linken Huͤfte herab das rothe Meer in ſeiner völligen Breite. Ein Kuͤchenmaͤdchen auf der andern Seite des Heerdes, das die Graͤfin bloß zweimal aufſchreien hoͤrt, aber vor dem dazwiſchen be⸗ findlichen Heerde die gelbe Tiber rechts und das rothe Meer links nicht ſehen kann, glaubt durch 3 —2 ce. ein ungluͤckliches Mißverſtaͤndniß, ihre junge Herrin ſey vor einer großen Katze erſchrocken, die ſich dort, wo die Graͤfin ſteht, mehrentheils aufzuhalten pflegt, ergreift im Unterthaneneifer einen Brander vom Heerde, und faͤhrt damit blind und toll dicht bei der Graͤfin vorbei, um den vermeintlichen Kater aus ſeinem Verſteck zu jagen; das Battiſtſchuͤrzchen faͤngt Feuer; die Ausgeberin, im Wahne, das Roſenwaſſer er⸗ wiſcht zu haben, womit ſie das Feuer loͤſchen will, erfaßt den Spiritus, gießt vorn auf das Battiſtſchuͤrzchen, was ſie gießen kann, und die Graͤfin ſteht in vollen Flammen. Die ganze Kuͤche ſchreit laut auf; der Koch laͤuft in der Angſt zum Strange der Schloß⸗ glocke und laͤutet Sturm. Das Alles iſt das Werk eines Augenblicks. Wawrzyniec aber ſtuͤrzte ſich der hell lodern⸗ den Graͤfin zu Fuͤßen, umfaßte ſie mit beiden Armen, druͤckte ſie feſt an ſich, und erſtickte ſo das hoͤlliſche Feuer, das, rechts von der Endot⸗ 5 66 ter⸗Tiber, und links von dem rothen Kirſch⸗ meer eingedaͤmmt, das battiſtene Kuͤchentaͤn⸗ delſchuͤrzchen in einem Nu verzehrt hatte, und nun die Spiritusbeſprengte Graͤfin ſelbſt be⸗ drohte.— Schon beim erſten Aufflackern der Flamme waren der graͤflichen Scheinkoͤchin die Sinne ge⸗ ſchwunden; ſie wußte nichts von dem, was weiter mit ihr vorging; Wawrzyniec trug das gerettete Brandopfer in das naͤchſte Zimmer, und legte die Ohnmaͤchtige auf das Sopha, wo der Vater, Chriſtine und eine Schaar von Maͤdchen und Frauen die Sorge uͤber ſich nah⸗ men, ſie in's Leben zuruͤckzurufen. Woyezech lachte, und ſagte, die fuͤllreiche Ida mit der fleiſchloſern Amalie vergleichend: „Fiſch ſchwer, Braten leicht.“ Wawrzyniec aber eilte, ſich umzukleiden, denn ſein linker Arm war eygelb, ſein rechter kirſchroth, vorn aber hatte ihm das brennende Schuͤrzchen der Graͤfin die Halstuchzipfel und den Jabot rein weggeſengt. irſch⸗ taͤn⸗ und be⸗ unme ge⸗ was das mer, wo von nah⸗ eiche end: niec lrm ber fin igt. 6„ Graͤfin Amalie erholte ſich bald wieder, warf ſich, weil der Staroſt ihr aufzuwarten wuͤnſchte, mit Chriſtinens Huͤlfe, raſch in ein reizendes Negligee und vergaß uͤber die, durch Chriſtinen ihe mitgetheilte Nachricht von Ida's ſchlechter Laune, ihren ganzen gehabten Schreck; denn ſie konnte ſich hieraus beſtimmt abnehmen, daß Schweſter Ida die Hoffnung auf das polniſche Millionenleben bereits aufgegeben habe. 4. Mein Spiel iſt leichter,“ ſagte ſie, ſich ermuthigend, zu ſich ſelbſt:„er hat mich dem Tode nahe geſehen; ich muß ihm, vorne bren⸗ nend, vorgekommen ſeyn, wie die Jungfrau von Orleans, wenn ſie im flammenden Lager der Englaͤnder ſteht. Mein Anzug war gewiß gut gewaͤhlt, und mein gellender Schreckenſchrei — keine Theaterprinzeſſin kann ihn beſſer zwingen.— Daß ich nachher wirklich in Ohn⸗ macht gefallen bin, iſt mir um keine tauſend Thaler feil; denn ein huͤbſches ohnmaͤchtiges Maͤdchen macht auf einen Mann, wenn er nicht 5* ganz von Holz iſt, einen ordentlichen Knall⸗ Effect. Die ſchwarzen Haare, das blaſſe Ge⸗ ſicht, von unten in Feuer, mit zarter Grazie — zuſammengeſunken in den Armen des kraͤftigen 6 4 Wawrzyniee, es muß ſich allerliebſt gemacht haben; und ich wuͤßte nicht, was ich darum gaͤbe, wenn ich mich ſelbſt haͤtte ſehen koͤnnen. Die dicke, plumpe Ida iſt durchgefallen; ich durchſchaue des Staroſten Geſchmack; er liebt gewiß das Aetheriſche, das Schmachtende, das Feine. Keine Schminke— blaß, zum Ster⸗ ben blaß muß ich ſeyn; den Athem kurz, den Blick matt, die Sprache leiſe und lispelnd, um den Mund ein ſanftes Laͤcheln, nicht zu viel S geſprochen, und den Buſen bis an das Kinn verhuͤllt.“ Chriſtine mußte ihr das Spinnrad der Kuͤ⸗ chenmagd neben das Sopha ſetzen; auf den einen Tiſch beorderte ſie eingemachte Fruͤchte, Mehl, Eyer und andere Kochingredienzien; auf den andern einige Untertaſſen mit Getreideproben ein Stuͤck ungebleichte Hausleinwand. Der Staroſt kam mit dem Vater, und Graͤfin Amalie ſah jetzt den Mann, der ſie von der Gouvernanten⸗Marter und dem Diſtel⸗ duͤrringer Schauderleben retten ſollte, und fuͤr den ſie ſchon im Feuer geſtanden hatte, ſich gegenuͤber. Er freute ſich, ſie auf den Schreck beſſer zu finden, als er gefuͤrchtet hatte, und ſprach hier wieder mit ſo vieler Herzlichkeit, daß die junge Graͤfin— die zwei Millionen jaͤhrliche Ein⸗ kuͤnfte konnten wohl auch etwas thun— im Stillen recht boͤſe auf Chriſtinen ward, die ihn als einen wahrhaftigen Knecht Ruprecht ge⸗ ſchildert habe; denn ſie fand den Mann recht intereſſant, und meinte bei ſich, noch viel haͤß⸗ lichere geſehen zu haben. Sie vergaß im Laufe des Geſpräͤchs, was immer lebhafter und unterhaltender ward, ihre angenommene Rolle; ihre Wange roͤthete ſich; der kurze Athem verlor ſich; ihr Blick ward feu⸗ riger; ihre Sprache lauter und weniger affectirt, als im Anfange; und je natuͤrlicher ſie ſich hingab, deſto mehr ſchien ſie dem Staroſten zu gefallen, der recht launig ſcherzre, ihr bittere Vorwuͤrfe machte, daß ſie ihn, durch ihren Un⸗ fall, um den ſchoͤnen Spiritus⸗Pudding ge⸗ bracht haͤtte; und, um wenigſtens in etwas da⸗ fuͤr entſchaͤdigt zu werden, ſie erſuchte, ihm das Rezept zu dieſem Gerichte zu geben, damit er es ſich von ſeinem Koche zu Hauſe danach machen laſſen koͤnne. Der Vater ruͤckte auf dem Stuhle aͤngſtlich hin und her. Er ſetzte ſich vor Bangigkeit auf ſeine beiden Haͤnde und ſah ſtarr vor ſich hin— denn nun meinte er, ginge das Examen los. Gerade ſo hatte der feine Patron es druͤben bei Ida auch gemacht. Erſt die Artigkeit, die Freundlichkeit ſelbſt; dann ganz weit um den Brei herumgekommen, mit tauſend Kreuz⸗ und Querfragen, und end⸗ lich, wenn er das arme Ding auf das blanke Eis gefuͤhrt; ſich zuruͤckgezogen, wie die Katze vom Taubenſchlage.— Juſt hier daſſelbe Spiel! Wie ſollte nun das arme Kind, das Malchen, das ſich in ſeinem Leben um ſolch gemeines Weſen, um das Kochen und Braten, nie be⸗ kuͤmmert hatte, wie ſollte nun das jetzt wiſſen, wie ſo ein dummer Pudding gemacht werde. Aber Graͤfin Malchen wußte es. Sie hatte ſich vom Koche die Gerichte ſagen laſſen, die er dieſen Mittag auf die Tafel bringen werde, und nun die Rezepte dazu den ganzen Morgen aus dem Kochbuche auswendig gelernt; ſie ſagte dem Staroſten das Rezept zu dem Spirituspudding mit einer ſo ſichern Gelaͤufigkeit her, daß dem Vater, vor Verwunderung uͤber ſein gelehrtes Kind, der Mund offen ſtehen blieb. Der Sta⸗ roſt nickte hoͤchſt beifaͤllig, und tauſchte ihr dafuͤr die Anleitung zu ein Paar polniſchen Natio⸗ nal⸗Gerichten aus, indem er ihr erzaͤhlte, 22 4 wie der Barszez*) und Bygos**⁴) bereitet wuͤrden. Auch kochen konnte der Staroſt alſo! Jetzt faßte er ungluͤcklicher Weiſe das Spinnrad in das Auge. Die Graͤfin log ihm vor, das feine Geſpinnſt, das auf der Spuhle der fleißigen Feinſpinnerin, der Kuͤchenmagd, ſaß, ſelbſt verfertigt zu haben; und die Ober⸗ aufſicht uͤber das geſammte Spinnweſen und uͤber die Weberei auf ihres Vaters Guͤtern zu fuͤhren. Er hoͤrte mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit zu. Der Vater las deutlich in ſei⸗ ner Miene: das iſt die Frau nach meinem Her⸗ zen; auch auf meinen weitlaͤufigen Beſitzungen an den Ufern des Bog und des Kodina, ſoll die meine Leibeigenen ſpinnen und weben lehren. — *) Barszcz(ausgeſprochen Barſchtſch) iſt eine ſehr wohlſchmeckende ſaͤuerliche rothe Nuͤben⸗ ſuppe. **) Bygos(ausgeſprochen Bikoſch) ſauer Ragout mit vielen Zwiebeln. & ◻ — —( 10 cc„ 1 æ Hatte der Staroſt vorhin bei Ida ſeine ganze Gelehrſamkeit uͤber das Drillweſen und die Teichwirthſchaft ausgekramt; ſo verlor er ſich jetzt in dem Flachsbau. Er wußte vom Jaͤten der jungen Pflanzen, vom Aufziehen und Riffeln, von der Waſſer⸗ und Thauroͤſte, vom Doͤrren und Brechen, vom Schwingen und Hecheln mit ſo umfaſſender Sachkenntniß zu ſprechen und dieſen trockenen Gegenſtand ſo an⸗ ziehend zu behandeln, daß Graͤfin Malchen mit ungetheiltem Intereſſe zuhoͤrte. So lange machte ſich die Sache noch recht leidlich; aber nun ging das Fragen an. Die Graͤfin ſollte ihm erzaͤhlen, wie viel Ellen wer⸗ gene Leinwand man hier zu Lande zu einem einfachen Geſindeuͤberzuge brauche; was von ei⸗ nem Scheffel Leinſamen gewonnen werden koͤnne? wie viel ein Stein geſchwungener Flachs, an gehe⸗ cheltem Flachs und Werg gebe? wie viel Stuͤck flaͤchſenes Garn zu einer Recke Leinwand von 16 Eneen, gehoͤren? und dergleichen Querfragen mehr. chet den Kindern; ſondern er webte ſie ſo un⸗ vermerkt in das Geſpraͤch, daß Graͤfin Amalie ſelbſt nicht wußte, daß ſie gefragt worden ſey; er gab z. B. über dieſes und jenes abſichtlich falſche Data an, hielt dann inne, und meinte, daß er ſich wohl irre, und bat ſich von ihr, der Unterrichteten, naͤhere Belehrung aus, oder er ſtockte mitten in der Rede, und aͤuſſerte: daruͤber und daruͤber nicht mit ſich im Klaren zu ſeyn; ſie, die Graͤfin aber, werde ſeine Anſichten be⸗ richtigen koͤnnen— aber er mochte es anfangen⸗ wie er wollte, die Graͤfin, die das geſammte Spinn⸗ und Webereiweſen auf ihres Vaters Guͤtern leiten wollte, wußte von dem ganzen Kram kein Wort. Sie fuͤhlte, daß ſie bei dem ſchlauen Manne verlieren mußte, und ward bei jeder Frage ver⸗ legener, weil ſie alle nur mit Stillſchweigen beantworten konnte. Er fragte jetzt nach den daſtehenden Getrei⸗ Dieſe legte er ihr nicht vor, wie der Kate⸗ 2 8& 2œ 6 75 deproben; ſie hatte ſie hinſetzen laſſen, um ſagen zu wollen, ſie haͤtte die beſſern herausgeſucht, um ſie fuͤr den Hausbedarf nach der Muͤhle zu ſenden; allein, da er auch in dieſer Partie zu Hauſe war, und uͤber das Gewicht der verſchie⸗ denen Getreidearten und uͤber die beſten Muͤhl⸗ ſteine und uͤber das geſammte Mahlweſen ſelbſt eben ſo tiefe, gruͤndliche Kenntniſſe verrieth, als uͤber die fruͤher beruͤhrten Gegenſtaͤnde; ſo ſchwieg ſie und ſchuͤtzte Kopfweh und Uebelſeyn, als Folgen des erlittenen Feuerſchreckens, vor, damit er nur gehen und das Rigoroſum been⸗ digen moͤge. Der Staroſt empfahl ſich mit ſichtbarer Kaͤlte und fragte draußen nach ſeinem Kammer⸗ diener; da dieſer aber nicht bei der Hand war, erſuchte er einen in der Naͤhe ſtehenden Schrei⸗ ber, ihm vom naͤchſten Poſtamte morgen fruͤh die noͤthigen Extrapoſtpferde, zu Fortſetzung ſei⸗ ner Reiſe, zu beſtellen. g. Wawrzyniec war unterdeſſen hinaus an das Ende des Dorfes gegangen. Der Reiſewagen des Staroſten war nicht abgepackt worden. Halstuch und Jabot waren ihm verbrannt, Die Maͤdchen im Schloſſe aber hatten ihm, auf Befragen, ob man wohl dergleichen hier im Orte gleich fertig zu kaufen bekommen koͤnne, geſagt, daß die alte Nonne, die Schweſter Ger⸗ traut, draußen am Ende, wohl die einzige ſey, die ihm damit werde aushelfen koͤnnen, denn ſie ar⸗ beite gar feine Sachen, und halte auf billige Preiſe. Wawrzyniec trat in die freundliche, kleine Huͤtte, die man ihm als der Alten Wohnung bezeichnet hatte, klopfte an die Stubenthuͤre und hoͤrte mit Befremden ein jugendliches: „herein!“ Er hatte geglaubt, die alte Exnonne Gertraut zu finden, und ſtand vor der bluͤhenden Roſamunde. Die herrliche Geſtalt, die heilige Unſchuld im ganzen Weſen, die geſunde Friſche im zarten Wangenroth, und die ſanfte Freundlichkeit im geiſtvollen Auge der holdſeligen Jungfrau, uͤber⸗ raſchten den jungen Menſchen ſo gewaltig, daß er ganz vergeſſen zu haben ſchien, was er eigent⸗ lich hier gewollt habe. Er ſprach vom Verſengen und Verbrennen, von ſeinem Herrn und von den jungen Graͤfinnen ſo bunt durch einander, und legte dabei auf die Rudera ſeines Jabots, unter denen das ſtuͤrmiſch bewegte Herz Feuer gefangen zu haben ſchien, ſeine Rechte ſo linkiſch, daß Roſamunde nicht recht wußte, was ſie aus ihm machen ſollte. Es war der erſte huͤbſche, junge Mann, den ſie in ihrem Leben ſah, und— kein Menſch hatte ſie das gelehrt— ſie fuͤhlte, daß ſie die Urſache dieſer Verwirrung war, die ihn ſo gut kleidete, und die ihn ihr um ſo anziehender machte Sie laͤchelte, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ihm mit mildem Blicke in die Augen, die er blitz⸗ 7⁸ ſchnell niederſchlug; denn die Zauber ihrer Reize blendeten ihn, wie das Morgengold der Sonne. Aber auch ſie ſenkte jetzt die Augenlieder zur Erde nieder, und ihre Wangen dunkelten ſich purpurfarben; denn er hatte ſie ſo wunderbar angeſehen, wie noch keiner in der Welt. Er ſetzte ſich, aus bloßer Verlegenheit, ohne daß ihm Roſamunde, auch wieder in der Zer⸗ ſtreuung, einen Stuhl angeboten haͤtte, auf den entfernteſten Seſſel, und auſſerte ſchuͤchtern, daß er Schweſter Gertraut erwarten wolle; als aber Roſamunde ſich auf ihren vorigen Platz am Fenſter niederließ, und die Spitzenkloͤppelarbeit, wobei Wawrtzyniee ſie vorhin unterbrochen hatte, wieder anfing, nahm Wawrzyniec, der die Art von weiblicher Beſchaͤftigung noch nie geſehen hatte, den Hut in den Mund, griff den unter ihm befindlichen Seſſel mit beiden Haͤnden an, und trug ihn ſo unter ſich— alles in der hoͤch⸗ ſten Geiſtesabweſenheit— zu Noſamunden hin; Reize onne. zur ſich erbar ohne Zer⸗ den daß aber am beit, atte, Art ehen inter an, oͤch⸗ hin; ſe kloͤppeln in der Naͤhe betrachten⸗ 79 zte ſich neben ſie, und wollte nun das Spitzen⸗ Aber als das holde Moͤdchen die kleinen Klöppel mit kunſtfertiger Behendigkeit durch ein⸗ ander warf, und mit den zarteſten aller weißen Haͤndchen das feine Zaubergewebe vor ſeinen Augen fertigte, und auf ſeine verworrenen Kreuz⸗ und Querfragen mit zuͤchtiger Jungfraͤulichkeit antwortete, und er mit jeder Minute und mit jedem Blicke neue Reize in dieſem ſinn⸗ und gemuͤthvollen Weſen entdeckte, da wuͤnſchte er⸗ daß die alte Gertraut noch recht lange ausbleiben moͤge; denn ihm war unausſprechlich wohl in dem kleinen Stuͤbchen. Je mehr er mit der Lieblichen plauderte, deſto unbefangener ward ſie. Er begriff nicht, wie man auf ſo einem ſtillen Dorfe vergnuͤgt leben koͤnne; und ſie ſchilderte ihm das Gluͤck ihrer Lage mit ſolcher Lebendigkeit, daß er das Maͤdchen mit noch geſpannterer Aufmerkſamkeit in's Auge faßte; er ſchien ſich zu wundern, daß —— 1 —— 80 ſie an dieſer Lebenseinfachheit Gefallen finden koͤnne, und lobte dafuͤr die wechſelreichen Genuͤſſe in der Stadt. „Da zieht es mich nicht hin,“ ſagte Ro⸗ ſamunde und kloͤppelte immer fleißig dazu. „Wir Maͤdchen auf dem Lande bilden uns ein, viel gluͤcklicher zu ſeyn, als die in den Staͤdten; dort rauſcht das Leben vorbei; keins kennt das andere, keines traut dem andern, keines liebt das andere, nur ſich ſelbſt liebt jedes und ſein Ver⸗ gnuͤgen; nur der Reiche gilt dort, und der Arme wird zertreten; hier auf dem Dorfe ſind wir Alle arm; da iſt eins ſo viel als das andere; und wenn ich ſehe, daß meine Nachbarn zur Nechten und zur Linken die ganze Woche im Schweiße ihres Angeſichts arbeiten muͤſſen und doch nichts vor ſich bringen, laſſe ich mir auch gefallen, wenn es mir nicht beſſer geht.“ „Mußt Du denn ſo arbeiten, mein armes Maͤdchen?“ fragte Wawrzyniec theilnehmend. „Nu dafuͤr ſind wir ja in der Welt,“ ent⸗ ge die fre — 81 gegnete Roſamunde laͤchelnd:„Sie werden auch nicht muͤſſig ſeyn. Deſto beſſer ſchmecken dann die freien Stunden.“ „Bei uns,“ entgegnete Wawrzyniec:„fuͤh⸗ ren die Maͤdchen ein ganz anderes Leben; eſſen, trinken, ſchlafen, tanzen, putzen, das iſt ihre Arbeit, und ſich ein Bischen die Cour machen laſſen, ihre Erholung.“ Roſamunde kloͤppelte weiter, ohne zu ant⸗ worten. „Findeſt Du daran etwas auszuſetzen?“ fragte Wawrzyniec ſie beobachtend. „Laͤndlich, ſittlich;“ erwiederte Roſamunde, ohne aufzuſehen. „Wie aber haltet Ihr es hier zu Lande denn mit dem Courmachenlaſſen?“ fragte Wawrzy⸗ niec, und Roſamunde buͤckte ſich tiefer, und, als floͤge eben Cupido in der Geſtalt des aller⸗ niedlichſten Courſchneiders vor ihr unſichtbar voruͤber und faͤchelte ſie mit ſeinen friſcheſten Roſenluͤftchen an, ſo ſanft roͤthete ſich ihre 6 4 8 Wange.„Davon wiſſen wir auf dem Lande,“ lispelte ſie leiſe und kaum verſtaͤndlich:„recht wenig oder gar nichts.“ Sie erſchrak, daß ſie das geſagt, und meinte, daß es wohl beſſer ge⸗ weſen, gar nicht darauf geantwortet zu haben und begriff nicht, wie es gekommen, daß ſie des Fremden Frage verſtanden, denn es war die erſte dieſer Art, die ein Menſch ihr je gethan. „Davon weißt Du recht wenig oder gar —— nichts?“ wiederholte Wawrrzyniec, vor heimli⸗ chem Entzuͤcken lachend.„Sieh doch! habe mir immer ſo viel von den ehrlichen deutſchen Maͤdchen erzaͤhlen laſſen, und hier koͤnnen ſie 3 recht manierlich luͤgen. Was wuͤrdeſt Du denn ſonſt ſo ſcharlachroth! Geſteh, mein wunder⸗ liebliches Maͤdchen! Dein Herz iſt nicht mehr frey!“— Roſamunde ließ aus allen zehen Fingerchen die Klöppel fallen, und wendete das gluͤhende Geſicht abwaͤrts nach dem Fenſter. Denn der gar huͤbſche, junge Pole ſetzte ſie mit ſeinen ihr wo 83 Fragen und mit ſeinen brennenden Augen in die allerpeinlichſte Verlegenheit; es war ihr, als draͤnge ſich all ihr Blut in die Wangen, und ihr Herz— nein, es war nicht mehr frei. „Sprich doch!“ ſagte Wawrzyniec mit aͤngſtlicher Stimme, und ruͤckte noch naͤher und ſuchte Roſamundens Blicke zu begegnenz aber ſie waͤre um keinen Preis im Stande geweſen, ihn anzuſehen, noch viel weniger ihm zu ant⸗ worten. „Da hab' ich ja das Geſtaͤndniß,“ fuhr Wawrzyniec fort, und ſchwankte zwiſchen dem Streben, den Scherz, an dem ſich das Geſpraͤch bis jetzt fortgeſponnen hatte, feſt zu halten, und dem Schmerz, dieſes koͤſtliche Maͤdchen als das Eigenthum eines Andern anſehen zu muͤf ſen, mitten inne:„da habe ich ja das Geſtaͤnd⸗ niß Deiner Liebe.“ „Meiner Liebe?“ wiederholte Roſamunde erſchrocken:„ich habe ja kein Wort geſagt.“ 6** „Eben,“ erwiederte der junge Kammerdie⸗ ner, auffallend baͤnglicher und duͤſter geworden; denn er folgerte aus ihrem Schreck, daß ſie wirklich ein Liebesgeheimniß auf dem Herzen habe.„Eben Dein Schweigen zeugt gegen Dich, mein ſuͤßes Weſen; Du erſchrakſt daruͤber, daß ich Dich bis auf den Grund durchſchaute, ſo heftig, daß Du die Sprache verlor'ſt. Du thuſt mir mit dieſem ſtummen Geſtaͤndniſſe ſehr wehe, aber— „Ich Ihnen wehe?“ fragte Roſamunde mit weicher Stimme und wendete ſich zu ihm, und ſah ihm, wahrhaftig ohne es zu wiſſen, ſondern ganz in der himmelreinen Unſchuld ihres Herzens, mit ſo ſchmachtendem Liebesblick gerade in den Stern ſeines Auges, daß er aufſprang und vor Entzuͤcken ganz auſſer ſich, laut rief: „Das iſt ein Engel— und der,“ ſetzte er ge⸗ brochenen Herzens hinzu:„und der ſollte einem Andern gehoͤren?“ tre erdie⸗ rden; ß ſie erzen gegen uͤber, aute, Du ſehr unde ihm, ſſen, hres rade ang rief: 9. In dem Augenblick trat die fromme Ger⸗ kraut ein. Roſamunde war in dieſen zehn Minuten ein anderes Weſen geworden; ſonſt, vor der andaͤchtigen, gottgefaͤlligen Himmelsbraut kein Geheimniß, erbebte ſie heimlich jetzt ſo heftig, daß die kleinen Kniee unwillkuͤhrlich an einander ſchlugen, und die zahlloſen Kloͤppel in ihren Haͤnden alle zuſammen zitterten; ſie konnte kein Glied ſtill halten, und in der Bruſt keinen Athem gewinnen. Wawrzyniec, den der un⸗ vermuthete Eintritt der Alten wohl auch uͤber⸗ raſcht hatte, ſammelte ſich jedoch ſchneller, er⸗ zaͤhlte, was der Zweck ſeines Hierſeyns ſey, lohte die feine Waare, die ihm Gertraut jetzt vor⸗ legte, und kaufte ihr, zu ihrer großen Freude⸗ den ganzen Vorrath von Halstuͤchern und Ja⸗ bots mit einem Male ab, ohne mit ihr lange zu handeln. „Da der Herr ſoviel zuſammen nimmt,“ — 96 86 ſagte Roſamunde, den Handelsgeiſt der alten Gertraut mißbilligend:„ſo wird vom gefoderten Preiſe auch noch etwas abgehen.“ Wawrzyniec aber und die alte Gertraut tha⸗ ten beide, als uͤberhoͤrten ſie die unkaufmaͤnniſche Verwendung, und erſterer legte das Verlangte in blanken, funkelnagelneuen Dukaten hin, welche der Alten unbeſchreiblich gefielen. Ro⸗ ſamunde ſah ſie mit keinem Auge an, denn ſie ſchmollte im Stillen, daß der huͤbſche Fremde ſeinen Vortheil ſo gar nicht verſtehe, und auch nicht ein Mal eine Miene zum Handeln ge⸗ macht hatte; und der huͤbſche Kammerdiener haͤtte vor Freuden uͤber dieſe heimliche Entdeckung ſeinen Lohn auf zehn Jahre hingeben moͤgen; denn bei aller Beſcheidenheit wollte es ihm doch beduͤnken, als ſey er dem liebenswuͤrdigen Him⸗ melskinde nicht ganz gleichguͤltig. Die fromme Gertraut, der ein ſo liberaler Kaͤufer noch gar nicht vorgekommen war, holte noch eine ganze Me nae Age alter Kloſterarbeiten, Sti verſ ſehr uͤbe 87 Stickereien und andere Waaren der Art hervor, lten rten verſicherte mit gel laͤufiger Zunge, daß dieſe Artikel ſehr ſtark nach Polen gingen, und freute ſich tha⸗ uͤber den jungen allerliebſten Menſchen ſichtbar, iſche als er dieſe Behauptung, obgleich nicht ein wah⸗ ngte res Wort daran war, ſehr ernſtlich beſtaͤtigte, hin, aus den Kartons einzelne Stuͤcke herausnahm Ro⸗ und verſicherte, daß dieß und jenes, bei ihm in ſie der Heimath, mit ſoviel Dukaten bezahlt werde, mde als die alte Gertraut Achtgroſchenſtuͤcke dafuͤr zu auch fordern ſich kaum getrauet haͤtte. ge⸗ Hatte Roſamunde, die, waͤhrend beide e ſich ener einander aus Leibeskraͤften beſchwindelten, in ung ſtillem Anſchauen des jungen Fremden verloren enz war, das Blitzen des ſchalkhaften Laͤchelns in och ſeinen Mundwinkeln bemerkt, oder hatte ſie in— 3 im⸗ ſeinen Feueraugen geleſen, daß er ſein ſchoͤnes, blankes, vielleicht ſauer erworbenes Gold ſo. aler verſchwenderiſch hingab, bloß um die Alte zu olte gewinnen; es fing ihr jetzt an ordentlich bange en, um den jungen Menſchen zu werden, der ganz 8⁸ kopflos handelte und Zeug kaufte, das ihm zu nichts nuͤtzen konnte; und doch that ihr dieſes ſtille Liebesopfer wohl, denn es galt ja ihr. Wer lehrte dieß dem Maͤdchen, das vor zwanzig Minuten noch kein Wort von der Liebe wußte. Ach! dieſes himmliſche, erſte Erwachen, dieſe uͤberſeligen Ahnungen!— wer malt ihre Zau⸗ ber, wer ihr Entzuͤcken! Roſamunden durch⸗ flogen tauſend ſuͤße Schauer; ihr Blick ruhte unverwandt auf dem jungen Manne, und in ihrem Innern hallten ſeine Worte:„Dein Herz iſt nicht mehr frei,“ melodiſch wieder. Sie fuͤhlte ſich zum erſten Male auf einem höhern Standpunkte, als die andaͤchtige Schwe⸗ ſter Gertraut, vor deren Klugheit ſie bisher eine unbegraͤnzte Ehrfurcht gehabt hatte; aber die Alte ſah nicht, was ſie ſah; Roſamunde durch⸗ ſchaute beide, ihre muͤtterliche Freundin und den kaufluſtigen Polen. Letztterer, bemerkte ſie, hatte ſeinen Zweck erreicht. Die rechtliche Alte war gegen ihn die Freundlichkeit ſelbſt; nach —— —.— 89 gluͤcklich gemachtem Handel mußte er ſich ſetzen und erzaͤhlen, von ſeinem Lande und ſeinem Herrn. Neugierig, wie die Nonnen alle ſind, ſuchte Gertraut auszuforſchen, ob der Herr wirk⸗ lich der ſey, den man als Brautwerber auf dem Schloſſe erwartet habe, und aus des Kammer⸗ dieners Reden zu ſchließen, ließ ſich, ob er gleich damit ſehr behutſam herausruͤckte, wohl abneh⸗ men, daß der Herr auf die Brautſchau herge⸗ kommen ſey; er wollte jetzt horchen, wie die Graͤ⸗ finnen bei Gertraut und Roſamunden ange⸗ ſchrieben ſtaͤnden; er tadelte dieß und jenes an ihnen, anderes wieder lobte er; allein uͤber bei⸗ des ließen ſie ſich nicht aus; bloß als er anfing, üͤber ſie loszuziehen, bat ihn Roſamunde mit freundlicher Gutmuͤthigkeit, ſie auch nicht zu lieblos zu beurtheilen; ihre Mutter ſey vielleicht durch ihr Leben in der großen Welt abgehalten worden, ihnen eine ſorglichere Erziehung zu geben, oder ſie ſey ſelbſt fruͤher verbildet, und nun nicht im Stande geweſen, auf die Toͤchter die noͤthige Aufmerkſamkeit zu wenden; und, manche kleinen Schwaͤchen abgerechnet, laͤge in Beiden wohl viel Gutes, das, wenn ſie auf dem einfachern Lande bleiben, und es bewahren und pflegen koͤnnten, wohl tauſendfaͤltige Frucht bringen muͤſſe. Wawrzyniec lauſchte auf die verſtaͤndige Rede der engelſchoͤnen Roſamunde mit großer Aufmerkſamkeit; ließ ihrer Tuiu. womit ſie 7 von den Unertraͤglichkeiten der thoͤrigen Graͤfin⸗ nen ſprach, alle Gerechtigkeit w oiderfahren, klagt aber deſto empfindlicher uͤber die Weiſe, wie er ſelbſt im Schloſſe behande elt werde, und meinte⸗ daß er ſich gern beſcheide, als bloßer Diener keine großen Anſpruͤche machen zu duͤrfen, daß er aber doch wenigſtens auf ein Bischen genießbares Eſſen haͤtte rechnen zu koͤnnen geglaubt; ſeit geſtern Abend haͤtte er jedoch noch keinen Biſſen mit Appetit gegeſſen, und er ſey um ſo uͤbler daran, da, wie er hoͤre, der Krug im Dorfe auch eine erbaͤrmliche Kneipe ſey; er wolle gern das Zeh nur 91 Zehnfache bezahlen und mit dem Allereinfach⸗ ſten vorlieb nehmen, wenn das Bischen Eſſen nur gahr und reinlich ſey. „Lieber Gott,“ begann die weichmuͤthige Alte:„ſolch junges Blut waͤchſt noch, und ſol hungern— wir haͤtten wohl“— Roſamunde ward vor Angſt feuerroth; denn die ehrliche Gertraut war drauf und dran, den Wawrzyniec, der ein Schmecksbraͤtchen zu ſeyn ſchien, zu Gaſte zu bitten, und ſie hatten heute W im Blut und Leben nichts, als was ſie geſtern Abend gehabt hatten, Kartoffeln in der Schale und ein Bischen Salz dazu.— Richtig, Gertraut platzte heraus und lud ihn feierlich zum Diner, ſprach von nicht Umſtaͤnde machen, von einem Gerichtchen Gerngeſehen und der⸗ gleichen hoͤflichen Gemeinplaͤtzen mehr, und freute ſich, als das ſogenannte junge Blut ohne Wei⸗ teres zuſagte. Roſamunde— ſie aͤrgerte ſich uͤber ſich ſelbſt, aber ſie konnte des Gefühls nicht Herr 92 werden— ſie ſchaͤmte ſich ihrer bittern Armuth vor dem fremden, jungen Mann; er hatte ſie mit ſo feiner Zartheit bis jetzt behandelt; in ſei⸗ nem ganzen Weſen hatte ſo viel herzliche Ach⸗ tung gelegen; er hatte ſie gewiß hoͤher, wohl⸗ habender geglaubt; und nun ſollte ſie ia der ganzen Bloͤße ihrer gedruͤckten Lage vor ihm er⸗ ſcheinen. Ihn zu bewirthen machte ihr wohl Freude, aber nur nicht gar ſo ſehr aͤrmlich; ſie haͤtte gern drei Tage gehungert, wenn ſie damit nur eine Schuͤſſel beſſere Koſt fuͤr ihn haͤtte gewinnen koͤnnen. „Liebe Gertraut,“ hob ſie mit ihrer Silber⸗ ſtimme an, die dem ſtill Entzuͤckten mit un⸗ nennbarem Zauber jedes Mal bis in das Tiefſte ſeiner Seele drang:„Liebe Gertraut, du haſt den Herrn auf ein Gericht Gerngeſehen ge⸗ beten, aber— „Nun, ſiehſt Du mich nicht gern?“ fragte Wawrzyniec laͤchelnd, und es lag in ſeiner Frage eine ſo ſanfte Klage, daß Roſamunde ihr, im vohl ſie mit aͤtte ber⸗ un⸗ fſte 93 fuͤßen Wehe uͤberſtroͤmendes Herz, beinahe durch einen der zaͤrtlichſten Blicke verrathen haͤtte. „Das wohl,“ entgegnete ſie, ſichtbar ver⸗ legen:„aber unſer Mahl iſt mehr denn zu ein⸗ fach, und billig ſollte Tante Gertraut dem ver⸗ woͤhnten Gaumen nicht zumuthen, mit ſolcher Koſt vorlieb zu nehmen. Wir haben“— ſie ſchlug die Augen nieder— ach wie leicht waͤre die Armuth zu ertragen, wenn ſie bloß Entbehrung foderte; aber daß Beſchaͤmung ſo oft und ſo unvermeidlich in ihrem Schmerzensge⸗ folge iſt,— das macht ſie druͤckend.— „Nu, was haben wir denn?“ nahm die fromme, gottvergnuͤgte Gertraut ihr das Wort ab:„wir haben nichts, als Kartoffeln. Das iſt ein heilſam Gericht fuͤr die Großen, wie fuͤr uns; an Butter gebricht es, aber Salz und Brod macht die Wangen roth, und Kartoffeln mit Salz, rutſchen auch durch den Hals, ſagte immer unſere Aebtiſſin, Gott habe ſie ſelig. Alſo es iſt Mittag, decke den Tiſch, und will der 94 junge Herr mit uns vorlieb nehmen, ſo ſey et willkommen.“ „Vorlieb?“ fragte Wawrzyniec, froͤhlich dankend:„mit tauſend Freuden; ich bin auch armer Leute Kind, und— „O dann,“ fiel ihm gaſtfreundlich Roſa⸗ munde in die Rede und bot ihm die weiße Flau⸗ menhand:„dann ſeyn Sie uns herzlich will⸗ kommen, dann wiſſen Sie, wie es thut, gern viel geben zu wollen und nicht zu koͤnnen; nun will ich auch weiter nicht Angſt haben, daß es Ihnen bei uns zu ſchlecht hergehe; unſere Kar⸗ toͤffelchen ſind die ſchoͤnſten im ganzen Dorfe; meine ehrliche Gertraut hat ſie ſelbſt gebaut; in unſerm Gaͤrtchen hinterm Hauſe.“ Sie flog zum Schranke und holte weißes, feines Tiſchzeug, noch eine Reliquie des fruͤhern Wohlſtandes; das Tiſchgeraͤthe war alles ſpiegelblank, und als ſie ſich geſetzt hatten, betete ſie mit der ruͤhrenden Einfalt eines gottgeliebten Kindes, ihr frommes Tiſchgebet wieder: Komm, Herr Jeſn, ſey 95 r Gaſt, und ſegne, was du uns beſcheeret Pnft Amen. Da konnte der junge Menſch ſich nicht laͤnger unſ gewaͤltigen; das Waſſer ſchoß ihm in die Augen, und er ſprang auf und eilte an das Fenſter, daß Gertraut und Roſamunde nicht ſehen ſoll⸗ ten, daß ihm die Thraͤnen unaufhaltſam uͤber die Wangen liefen. Beide aber kamen ihm nach, und ſchienen ob ſeines ſeltſamen Betragens betreten; er aber laͤchelte verſchaͤmt durch die Thraͤnen und ſagte, ſich entſchuldigend, Roſa⸗ mundens Gebet habe ihn ſo ſonderbar uͤberraſcht. Seine ſelige Mutter, eine fromm Frau, habe ihn als Nand dieſes Tiſchgebet gelehrt.„Gleich nach dem erſten Eintritt in das Stuͤbchen war mir,“ ſagte er noch beklommen:„ſo eigen um Herz, ich kam mir ſo h heimiſch vor;— ſo de und bewegt, als heute, glaube ich nie ge⸗ weſen zu ſeyn, und nun, als Roſamunde mit ſo tiefem Gefuͤhl betete, meinte ich, mein liebes, ſiebes Muͤtterchen zu hoͤren;— weiter war es —— 96 nichts,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu; aber was im Geheimen ſeiner Empfindungen vorgegangen war, ſagte der Zartfuͤhlende nicht; die bittere Armuth des engelſchoͤnen Maͤdchens, und ihre gluͤckliche Zufriedenheit, die heimliche Schaam uͤber ihre mittelloſe Lage, und die Gaſtfreund⸗ lichkeit, mit der ſie ihn, als ſie hoͤrte, daß er auch arm und durch nichts Beſſeres verwoͤhnt war, zum Mitgenuſſe ihres ſpaͤrlichen Mahles lud, und den mildeſten Freund der Bedraͤn den Heiland, um ſeinen Segen bat, das Alas hatte ihn tief ergriffen. Gertraut beſchwichtigte ſein aufgeregtes Ge⸗ fahl durch belobende Worte ſeiner chriſtlichen Geſinnung; Roſamunde aber druͤckte, in der heiligen Unſchuld ihres kindlichen Gemuͤths, ſeine Hand an ihr Herz; ihr himmelklares Auge ſtand voll Thraͤnen, und der ſtumme Liebesblick, womit ſie auf dem in froͤhliche Wehmuth Ver⸗ lornen freundlich weilte, verkuͤndete ihm deutlich, daß der Fruͤhling der irdiſchen Seligkeit in ihrer im igen ttere ihre aam and⸗ ß er öͤhnt ihles üen, Alles der ſeine Auge blick, Ver⸗ tlich, ihrer — 92 jungfraͤulichen Bruſt aufgegangen ſey, und die, erſten ſuͤßeſten Keime getrieben habe. Beide verſtanden ſich ohne Worte, und loͤſ'ten ſich in ihrem lautloſen Entzuͤcken faſt auf, Gertraut aber rief zur Tagesordnung, d. h. ſie holte die uͤberſchwenglich Gluͤcklichen, ohne die Aether⸗Regionen zu ahnen, worin ſie eben geſchwaͤrmt hatten, zu den Kartoffeln zuruͤck; Roſamunde ſuchte die Aufgeplatzten aus, ſchaͤlte ſie dem Gaſte, und dieſer aß, als ſaͤße er an der Prachttafel des erſten Woiwoden ſeines Landes. Der herrliche Appetit des jungen Polen ver⸗ ſcheuchte in Roſamunde's Herzen die letzten Rebel aͤngſtlicher Verlegenheit; ſie ſah jetzt, daß es ihm bei ihnen wirklich gefiel, und das machte ſie froͤhlſich und guter Dinge. Sie ward nun vollig unbefangen, und ba⸗ durch unendlich liebenswuͤrdig. Scherz und Lachen, Taͤndeln und Necken, wuͤrzten das fru⸗ gale Mahl, und Wawrzyniec, der das in tau⸗ ſend neuen Liebreizen erbluͤhende Maͤdchen, vor 7 7 98 innerer Freude, mit den Augen haͤtte verſchlingen moͤgen, ſcherzte mit dem ſchuldloſen Weſen, wie ein Kind. Nach und nach— die drei Menſchen ta⸗ felten— unſern erbaͤrmlichen Leckermaͤulern vielleicht unglaublich— uͤber dem frugalen Mahle laͤnger denn eine Stunde;— nach und nach kam das Geſpraͤch auch auf den alten Herrn. Der wollte nun Roſamunden platter⸗ dings nicht gefallen, und ſie wehrte ſich mit bei⸗ den Haͤndchen, als Wawrzyniec lachend fragte: ob ſie ſich wohl entſchließen koͤnnte, den Mann mit ſeinem vielen Gelde zu heirathen. Er er⸗ zaͤhlte von ihm eine Menge ſchoͤner, edler Zuͤge; die ließ ſie alle gelten, und meinte, daß ſie auch glaube, ihm gut werden zu koͤnnen; aber zum heirathen— nein, dazu koͤnnte ſie ſich um kei⸗ nen Preis entſchließen. „Aber hat denn das Geld gar keinen Reiz fuͤr Dich?“ fragte Wawrzyniec mit eigener Bedeutung. —— 8 8—„ 99 „Was ſollte es nicht!“ erwiederte Roſa⸗ nunde leicht hin:„wie einmal die Welt jetzt geſtaltet iſt, behaͤlt dns Geld ſeinen unſchaͤtzbaren Werth, und ich wollte gewiß mit Maas ge⸗ nießen, was mir der Himmel beſcheerte; aber da es nicht ſeyn kann, und nicht ſeyn ſoll— nun, da muß man ſich auch ſchon zufrieden geben. Es iſt eine ſchwere, aber eine ſehr dank⸗ bare Kunſt, das Andern nicht zu beneiden, was man ſelbſt nicht hat, und nur, wer ſich uͤber Anderer Gluͤck aufrichtig freuen kann, iſt ein guter Menſch.“ „Ich habe in die Lotterie geſetzt,“ ſagte Wawrzyniec, komiſch laͤchelnd und Roſamunden ſcharf in das Auge ſehend:„wenn ich das große Loos gewinne, nehme ich gleich eine Frau; wuͤr⸗ deſt Du dich denn auch uͤber mein Gluͤck ein Bischen aufrichtig freuen?“ „Sie das große Loos?“ ſagte Roſamunde purpur und ſeiner ſonderbar geſtol ten Frage mit feiner Gewandheit aust weichend:„nein⸗ * 100 lieber Freund, das iſt dießmal ſchon verſagt; unſere alte Botenfrau hat mir ein Achtelloos aus der Stadt mitgebracht, und darauf faͤllt der groͤßte Gewinn; macht der Zufall aus dem Spaße Ernſt; ſo ſchickt uns der Collekteur eine Eſtafette.“ 10. Roſamunde hatte kaum dieß Wort geſagt, als in der Ferne der Poſtillon blies. Alle drei flogen an das Fenſter. Weit, weit aus dem Walde her, hinter dem das naͤchſte Stäͤdtchen lag, toͤnte des Poſthorns Schmettern heruͤber. Geſtern war in der Reſidenz die Lotterie ge⸗ zogen worden. Eine Poſtſtraße ging durch Guͤldenau nicht — wo ſollte der Poſtillon alſo herkommen, wenn es nicht Fortunens heilbringende Eſtafette war, die verſprochener Maaßen der Collekteur. hatte abfertigen wollen. agt; loos fͤllt dem eine igt, 101 Roſamunde hatte das große Loos gewonnen; freilich nur ein Achttheil; aber fuͤr das blutarme Kind ein unermeßlicher Schatz. Sie kaufte das freundliche Haͤuschen, in dem ſie jetzt mit Tante Gertraut zur Miethe wohnte; ſie verſchönerte das Gaͤrtchen mit Blu⸗ men, Baͤumen und Strauchwerk; ſie nahm ein Maͤdchen in den Dienſt; ſchlief taͤglich eine Stunde laͤnger; kaufte ſich einen ganzen Schrank der allerfeinſten Waͤſche, und zaͤhlte zwanzig Arme, Kranke, Blinde und Lahme, die mit wohlthätiger Hand unterſtuͤtzt, und eben ſo viel elternloſe Kinder, die von ihr erzogen und er⸗ naͤhrt werden ſollten; und fiel, im Entzuͤcken öber das kummerfreie Leben, das ſich vor ihren Augen, ihr und der Tante aufthat, dieſer um den Hals und ſtreichelte der an dem eingekehrten Glücke noch zweifelnden Alten die gefurchte Wange, und rief mit kindiſcher Gutmuͤthigkeit⸗ „O freue Dich doch, Tantchen, nun ſollſt Du auch taͤglich dein Weinchen haben zur Staͤrkunz 102 und dein Kaffeechen wieder, wie vordem in dei⸗ nem Kloſter; ich aber bleibe beim Waſſer, das iſt mir das Liebſte. Sie aber traktire ich mit“ — der Himmel weiß, womit, denn ſie blieb in dem Ausbruche ihres Entzuͤckens ſtecken, weil ſie dem armen Wawrzyniec in das Auge ſah, und in dieſem, ſtatt des Mitgefuͤhls lauter Freude, aͤngſtliche Beklommenheit bemerkte.— „Nein, wenn Du reich biſt,“ entgegnete der junge Menſch ſo verdruͤßlich, als ſey ihm eine große Hoffnung zu Waſſer geworden:„nein, wenn Du reich biſt, dann iſt alles vorbei, das ſeh' ich im Voraus!“ Waͤhrend dem kam der melodiſche Poſt⸗ knecht um die Ecke geritten; hinter ihm drei aufgeſchirrte Pferde; er trabte voruͤber, dem Schloſſe zu. Wohl ward Roſamunde ſtill und ſtiller, als ſie ihren Irrthum gewahrte; ſie ſchaͤmte ſich, daß ſie ihr Luftſchloͤßchen ſo frei und offen vor dem jungen Fremden in das Blaue hingebaut hatte, und mochte in ihrer erſten Anwandlung 9 6 von Niedergeſchlagenheit kaum zu ihm aufſehen, . weil ſie fuͤrchtete, von ihm ausgelacht zu werden; in dieſer aber, den Zweck der vier Poſtpferde, denen ei ſo eben noch zwei mit einem Poſtillon folgten, 9, errathend, ſtuͤrmte, ohne auf Roſamundens r Empfindlichkeit uͤber ihr verfehltes Gluͤck viel zu achten, und ſelbſt ohne Abſchied, fort, den Pfer⸗ 4. den auf das Schloß nach. ne in, II. as Hier verrannte ihm der Graf den Weg, nahm ihn bei der Hand, nannte ihn Freund⸗ ſt⸗ chen, machte ihm hoͤfliche Vorwuͤrfe, daß er ſei⸗ reĩi nen Kammer⸗Tiſch verſchmaͤht habe und nicht 2m zu Hauſe gekommen ſey, draͤngte ihn unter dieſem Geſpraͤch auf ſein Zimmer, und ſchloß als ihm hier, ungeſehen und unter vier Augen, ſein, ch,. dem Drange der Umſtaͤnde faſt erliegendes, or 9 Herz auf. „Freundchen,“ begann er, und drehte ihm 104 dazu fortwaͤhrend am Rockknopfe:„Sie gelten, wie ich ſehe, alles bei Ihrem Herrn; er haͤlt mit Recht enorme Stuͤcke auf Sie; und darum wende ich mich an Sie; die Sache kommt zum Abdruͤcken. Der Fuchs muß aus dem Loche heraus. Punktum. Sie verſtehen mich.“ „Nein, noch nicht,“ entgegnete Wawrzyniec und ſtand auf Kohten, denn er ſah im Hofe den Walek und den Woyezech ſchon alle An⸗ ſtalten zur Abreiſe treffen, und— Roſamunde. — Er konnte ja nicht fort! Er konnte ja nicht. „Gut,“ erwiederte der Graf ſehr ver⸗ legen und heimlich:„laſſen Sie mich deutlicher reden. Helfen Sie mir. Ich werde mich er⸗ kenntlich bezeigen. Es ſoll gewiß Ihr Schade nicht ſeyn.“ „Ich Ihnen helfen, Herr Graf?“ fragte Wawrzyniec mit einem Tone, als komme es ihm ſeltſam vor, einen armen Kammerdiener von ei⸗ nem Grafen ſo anſprechen zu hoͤren⸗ 105 „Ja,“ erwiederte dieſer heftig und von der dringendſten Noth gepreßt.„Das Feuer brennt mir auf den Naͤgeln; ich muß mich Jemand vertrauen, und der Jemand ſind Sie, weil Sie mir bei Ihrem Herrn vorſpannen ſollen. Maͤnnchen, ich bin generos; ich kann fuͤrſtlich belohnen, wenn ich will; alſo ſeyn Sie menſch⸗ lich; fordern Sie, was Sie wollen; hoͤren Sie, was Sie wollen, aber— das Meſſer ſitzt mir an der Kehle— aber ſchaffen Sie Huͤlfe. Der Krieg hat mich ruinirt; was der mir uͤbrig ließ, gab ich aus Patriotismus hin.— Herr, mit beiden Haͤnden habe ich auf den Altar des Vaterlandes ſogenannte freiwillige Gaben gelegt, daß mir oft ſelbſt die Augen uͤbergegangen ſind; nun habe ich nichts mehr.— Ich bin total er⸗ ſchoͤpft; dringende Wechſel verfolgen mich; und haͤtte mir nicht Gott einen Engel vom Himmel geſandt, ich muͤßte morgen landfluͤchtig werden. Dieſer Engel iſt Ihr Herr. Nach eines Freun⸗ des Briefen, durfte ich hoffen, daß ihm eine mei⸗ 106 ner Toͤchter gefallen werde. Herzensgute, ſanfte, liebe, eingezogene, haͤusliche Kinder aus der alten Zeit, ſtill, beſcheiden, fromm, einfaͤl⸗ tig und ſittſam; greifen Alles ſelbſt an, und arbeiten, weiß Gott! von fruͤh bis ſpaͤt, wie die Baͤren; aber er ſcheint nicht anbeißen zu wollen., aen zu. Beide ſind, es iſt ordentlich, als ob er es ihnen angethan haͤtte, beide ſind in ihn verliebt bis uͤber die Ohren.— Menſch, wenn Du machen koͤnnteſt, daß— ℳ „Heirathen? meinen Sie,“ fiel ihm der Eilige in das Wort:„das ließe ſich wohl— die jungen Graͤfinnen ſind allerliebſt, und die geruͤhmten Tugenden ſieht man ihnen alle an den Angen an; aber da ſehe ich noch nicht, wie Ihnen geholfen waͤre.“ „Nicht?“ ſchrie der Gepreßte, von neuen Hoffnungen emporgehoben:—„Das ſiehſt Du nicht, mein Goldſohn? Habe ich einen Schwiegerſohn, wie Dein Herr iſt, einen ſolchen ſchwer wiegenden Millionair, ſo— wo lei 107 „Mein Herr?“ verſetzte Wawrzyniec ganz erſtaunt:„mein Herr ein Millionair? Liebſter Herr Graf, wo haben Sie Ihre Briefe her? Ich brauche Ihnen nur ein einziges Wort zu ſagen, und Sie wiſſen Alles. Ich bin doch ſchon⸗ eine ſchoͤne Zeit bei ihm, aber daß ich doch nur einen rothen Brummer*) Lohn von ihm auf⸗ zuweiſen haͤtte!“— Den Grafen durchzuckte es, als ſchluͤge aus wolkenloſem Himmel das Wetter auf ihn. „Noch keinen Brummer?“ brummte er leiſe und gedankenlos nach, und ſtierte in den ihn angaͤhnenden Abgrund ſeiner nun ſchrecklich werdenden Zukunft. „Von der Seite iſt alſo keine Huͤlfe,“ meinte Wawrzyniec, den die ſtill bruͤtende Ver⸗ zweiflung des unrettbar verlornen Grafen zu er⸗ ſchuͤttern ſchien.„Wenn Sie aber Luſt haͤtten, — *) Eine polniſche Kupfermuͤnze von geringem Werthe. 108 Guͤldenau zu verkaufen, ſo wuͤßte ich wohl einen dummen polniſchen Teufel, der ſich gern hier anſiedeln will, und den man wohl in einen Han⸗ del hineinfuͤhren koͤnnte, daß er das Ding uͤber den Spahn bezahlen muͤßte.“ „Menſch, Freund, Engel!“ rief der Graf, wie aus einem ſchweren Traume erwachend: „uͤber den Spahn?— Schaffen Sie den dum⸗ men Teufel, draͤngen Sie ihn, prellen Sie ihn, ziehen Sie ihm die Haut uͤber die Ohren.— aber bald— bald— ſonſt geh' ich unter.— Es iſt, als hingen mir zehn Muͤhlſteine am Halſe, ſo zieht es mich in den Grund hinab.— Hat der Kaufluſtige,“ ſetzte er, ſich ſelbſt uͤberbietend, leiſer hinzu:„noch keine Frau, ſo gebe ich ihm meine beiden Toͤchter, Gott weiß es, alle beide, mit Freuden zu.“ Wawrzyniec aber meinte, der Kaͤufer, er im Sinne habe, den ſey ſchon verſagt; jetzt wuͤn⸗ ſche er nur noch einige Tage hier zu bleiben, um das Gut genauer in Augenſchein nehmen und ka nen hier an⸗ 4 6 109 ſeinem Manne in petto, Bericht daruͤber ab⸗ ſtatten zu koͤnnen; er werde deshalb ſeinen Herrn dringend bitten, die Poſtpferde wieder zuruͤckzu⸗ ſchicken, ihn aber, den Grafen, erſuche er, gegen ſeinen Herrn, der ein Freund des Kaufluſtigen ſey, Guͤldenau nur recht zu loben.„Mir ſelbſt,“ ſetzte Wawrzyniec fein hinzu, um uͤber Roſamunden den Grafen, ihren Guthsherrn, auszuhorchen:„mir ſelbſt gefaͤllt es ſchon, um ſeiner huͤbſchen Maͤdchen willen; habe da vorhin in dem freundlichen Haͤuschen mit dem Weinge⸗ laͤnder und dem Nußbaum und der Cornelius⸗ kirſchhecke vor dem Fenſter— „Ah, unſer Roſamundchen!— das waͤre ſo ein Fiſchchen fuͤr den Herrn Wawrzyniee!— Weiß der Himmel— wenn der Gutsverkauf mit dem polniſchen dummen Teufel zu Stande kaͤme, die ſollten Sie haben, Freundchen, wenn nicht— Schade, daß daraus nichts werden kann.“— Dem jungen Menſchen verging, bei der raͤth⸗ 110 ſelhaften Stoppelrede, der Athem.—„Scha⸗ de,“ wiederholte er heimlich knirſchend, denn er glaubte dieſes Engelsweſen ſchon einem An⸗ dern verſagt—„Schade, daß daraus nichts werden kann?“— „Ich ſage das nicht,“ erwiederte der Graf, der ſich von ſeinem ſchneidenden Blick und vor dem kalten Grimm ſeines Tones entſetzte:„ich bin uͤber dergleichen Vorurtheile weg; aber ihre Familie— ihre Verwandten— die gaͤben das im Leben nicht zu. In der Reſidenz— der Geheime⸗Rath von Weißlingen, ihres Vaters Bruder, ein aufgeblaſener Narr— die Kam⸗ merherrin von Lichtbach, ihrer Mutter S Schwe ſter, eine ſtolze, dickthuige Frau!— Gott bewahre, wo denken Sie hin! „Alſo ein Fraͤulein iſt Roſamunde?“ ſagte der arme Wawrzyniec kleinlaut.— „Ein aͤchtes, veritables!“ verſetzte der Graf.— das 111 „Aber das arme Kind verhungern laſſen, das koͤnnen Verwandte im Stande ſeyn?“ „Das kommt wohl!“ meinte achſelzuckend der Graf:„und ehrlich geſtanden, die Lichtbach und der Weißlingen, ſie haben beide ſelbſt nicht viel. Ihr glaubt nicht, Freundchen! was wir hier in der letzten Zeit patriotiſch geweſen ſind; Alles hat fortgemußt, der letzte Groſchen, Alles aus purer, heller Vaterlandsliebe; wir ſtecken alle darum in Schulden, einer tiefer, als der andere; und darum, darum, Retter aus aller Noth! ſchafft mir den Polen, der uͤber den Spahn bezahlt. Ich will auch—“ Bialobrzeski rief juſt in den Hof zum Walek hinab, ob denn der Wawrzyniec noch nicht da ſey; letzterer ſprang daher fort und uͤberließ den Grafen ſeinen Verkaufſpekulationen allein. 12. Es verging keine Stunde, als die Szenen ſich aͤnderten. 112 Die Graͤfinnen fuhren ohne Abſchied zur Reſidenz zuruͤck; denn der Vater hatte ihnen entdeckt, daß der Major ſie zum Beſten gehabt haben muͤſſe; daß das von ihm empfohlene pol⸗ niſche Scheuſal eine rattenkahle Kirchenmaus ſey, die nicht einmal dem armen Wawrzyniec das Bischen Bedientenlohn zu zahlen vermoͤge; daß er nun wohl abſehe, warum der gelbe Iſegrimm ſeine, wahrſcheinlich bloß mit Feldſteinen und Lumpen gefuͤllten, Koffer nicht habe abpacken laſſen; daß er ihn jetzt mit allen Hunden vom Hofe hetzen laſſen wuͤrde, wenn er nicht durch den Herrn, oder durch den Kammerdiener, ein Geſchaͤftchen von Bedeutung zu machen hoffe, und daß er, ſobald dieß abgethan ſey, nach⸗ kommen werde. Der Poſtillon, der vorhin der rechenfertigen Roſamunde das Luftſchloͤßchen ſo truͤgeriſch zu⸗ ſammengeblaſen hatte, trabte nach ſeiner Sta⸗ tion zuruͤck. Wawrzynier ging in den Stall, um ſich ein d zur ihnen gehabt pol⸗ 6 ſey, das daß imm und acken vom urch ein offe, ach⸗ gen zu⸗ Sta⸗ ein 113 Pferd auszubitten und die Gutsgraͤnzen mit einem Ortkundigen zu bereiten; aber die Paar vorhan⸗ denen Klepper waren blind, lahm und dockſteif; er ging alſo zu Fuße und eilte in den Wald, um nur mit ſich allein zu ſeyn. Der Graf ging bei allen ſeinen Leuten um⸗ her und wies ſie an, wie ſie den Kammerdiener, oder deſſen Herrn, falls einer von ihnen, im Bezug auf Guͤldenau, nach dieſem oder jenem fragen ſollte, zu bedienen haͤtten, und rieb ſich vor Freude heimlich die Haͤnde, die Menſchen alle dazu ſo bereitwillig zu finden. Nataͤrlich! ſie merkten, daß ein Gutsverkauf im Werke ſey, und dankten Gott im Stillen, einen neuen Herrn zu bekommen; ſchlimmer, als ihr jetziger, konnte er nicht ſeyn. Sie waren alle beſchaͤftigt, bis auf den alten Herrn Bialobrzeski; dieſer ſchlenderte gemaͤchlich durch das Dorf, blieb zufaͤllig vor Roſamundens Haͤuschen ſtehen, knuͤpfte mit der ſechzigjaͤhrigen Gertraut, die im Gaͤrtchen ſich 8 174 zu thun machte, ein Geſpraͤch an und wußte es ſo anziehend zu machen, daß dieſe, nachdem ſie laͤnger denn eine Viertelſtunde mit ihm uͤber das Gelaͤnder heruͤber geplaudert hatte, ihn freundlich einlud, in ihre Huͤtte zu treten. Roſamunde hatte ihn durch das Fenſter un⸗ geſehen belauſcht; ſie hatte ihn ſprechen gehoͤrt; ſeine milde, anſtaͤndige Rede, worin etwas Herz⸗ liches und Gutes lag— der Umſtand, daß es der Herr des jungen Wawrzyniec war— die Freude, die Poſtpferde zuruͤckgehen geſehen zu haben, der daraus gezogene Schluß, daß der alte Herr ſich beſtimmt habe, heute noch hier zu bleiben, die darauf gebaute Hoffnung, den jun⸗ gen Wawrzyniec vielleicht heute noch wieder zu ſehen— ſie fand den alten Herrn Bia lo- brzeski bei weitem ſo haͤßlich nicht, als er geſtern Abend geſchienen hatte. Er trat in das ſpiegelblanke Stuͤbchen. Roſamunde hieß ihn mit kindlicher Vertraulich⸗ keit willkommen, und benahm ſich ſo gemuͤthlich te es n ſie das dlich un⸗ hoͤrt; Herz⸗ ß es die 1 zu alte 115 und herzlich gegen ihn, als ihm, dem armen, verunſtalteten Manne, wohl wenige Maͤdchen von dieſer engelgleichen Schoͤnheit mochten ent⸗ gegengekommen ſeyn.. Er machte, als er die feinen Arbeiten ſah, die ſein Wawrzyniec gekauft, aber noch nicht mitgenommen hatte, und von Gertraut hoͤrte, daß hier dergleichen Herrlichkeiten zu bekommen ſeyen, große Beſtellungen, gegen die der ganze Handel mit Wawrzyniec keiner Erwaͤhnung mehr werth war, und entzuͤckte die fromme Klo⸗ ſterſchweſter dadurch bis in den dritten Himmel. Mit Roſamunden aber plauderte er ein Langes und Breites, und ſchien ihr gediegenes Wiſſen, ihre Beſcheidenheit, ihren heitern, frommen Sinn, die zufriedene Ergebung in ihr ſichtbar aͤrmliches Geſchick, ihren unermuͤdlichen Fleiß, den Geſchmack ihres einfachen Anzuges und die unausſprechliche Anmuth ihres ganzen Weſens mit großem Wohlgefallen zu bewundern. Spaͤ⸗ terhin kam er auf das Kloſterweſer und ſagte zu Gertraut, einen Augenblick von Roſamunden unbemerkt, daß er mit ihr einige Minuten allein zu ſeyn wuͤnſche. Gertraut hatte fuͤr das Maͤdchen einen Auf⸗ trag in die nahegelegene Lohmuͤhle, und Roſa⸗ munde ging; ſie reichte beim Abſchiede dem Fremden gutmuͤthig ihre weiße, kleine Hand; meinte, bald wieder da zu ſeyn, und ſetzte herz⸗ lich hinzu, daß ſie hoffe und wuͤnſche, ihn noch zu finden. Daß ſie aber auf dem Wege zur Lohmuͤhle den huͤbſchen Wawrzyniec fand, daß ſie mit die⸗ ſem den Damm hinaus bis zum ſtillen Waͤld⸗ chen ging, und daruͤber faſt das Wiederkommen vergaß; dafuͤr konnte ſie nicht. 13. Wawrzyniec war ſtill und aͤngſtlich. Sie machte ihn auf die Schoͤnheiten des Spaͤt⸗ Herbſtes aufmerkſam und zeigte ihm die bunten Farbenmiſchungen im Fruchtgarten des Lohmuͤl⸗ — 117 lers und im Laubwalde, wo das erfriſchende Gruͤn verſchwunden war, und an deſſen Stelle ernſtere, dunklere, aber immer noch herrliche Grundfarben hervorgetreten waren; mit froͤh⸗ lichem Blicke pfluͤckte ſie von der Mauer der Lohmuͤhle wilden Wein und ſogenannten Hart⸗ riegel, und betrachtete eine Weile das Laub, das durch allmaͤhlige Stufen des Gruͤnen in das Gelbliche, bis in ein lebhaftes Roth uͤbergegangen war, und ſagte mit Vertrauen in die Zukunft ſchauend:„auch der Herbſt unſers Lebens wird ſeine Schoͤnheiten haben.“ „Der Herbſt,“ fiel Wawrzyniec ſehr ernſt ein—„nein, der macht mich traurig, der ver⸗ ſtimmt mich; er iſt beſonders heute mein Bild Alles eilt jetzt der Zerſtoͤrung entgegen. Beim leiſeſten Hauche faͤllt Blatt auf Blatt und wird zu Staub. Der Wald ſteht nackt und durch⸗ ſichtig da; in ſeinen Wipfeln brauſ't der Sturm; die Huͤgel dort, ſchmucklos und oͤde; die Wieſen hier grau und ſchwammig; Blaͤtter und Gruͤn hat der Froſt getoͤdtet; in der Luft nichts, als das wilde Heergeſchrei der Zugvoͤgel, die vor den Schrecken des Winters uͤber das Meer fliehen; und die Zeitloſe— ein entſetzlicher Name— iſt die einzige Blume der erſchlafften Natur, Der Vorhang der großen Schaubuͤhne faͤllt in Millionen Schneeflocken herab und beſchließt die wundervollen Scenen des Jahres, und die uner⸗ meßliche Schoͤpfung erſtarrt unter kalter Eislaſt, wie mein Herz unter dem Rieſengewicht der Convenienz, der Vorurtheile, der flachen Er⸗ baͤrmlichkeit.“ Roſamunde war von der finſtern Tiefe des jungen Mannes ſonderbar uͤberraſcht; dieſen Mittag ſo froͤhlich und lebensluſtig, und jetzt ſo verſtoͤrt und ſo truͤbſinnig!„Mit der einzi⸗ gen Blume,“ ſagte ſie, um ihn aufzuheitern, und ſah ihm mit ihren wunderfreundlichen Au⸗ gen in das graͤmliche Geſicht:„mit der einzigen Blume, der Zeitloſe, hat es nun auch nicht ſo ganz ſeine Richrigkeit; die blauen Schmetter⸗ 119 lingsbluͤmchen hier, die ſchoͤne Ellenhohe Stau⸗ den⸗Aſter, dort die Scabioſe auf der Wieſe, die allerliebſte Wicke, und dort im Garten die gar huͤbſche, aͤhrenfoͤrmige Blume und noch funf⸗ zig andere trotzen dem bischen Reif und Herbſt⸗ froſte und bluͤhen, bis der harte Winter recht ernſtlich wird, immer luſtig fort und fort; ſie kommen mir vor, wie die Frauen, die, wenn der Mann auch graͤmlich und verdruͤßlich und kalt und froſtig iſt, doch immer heiter bleiben und dem Leben die ſchoͤne Seite abzugewinnen ſuchen, bis der Tod ſie mit ſeinen eiſigen Armen umfaͤngt; uͤbrigens iſt die Zeitloſe ſo was Ent⸗ ſetzliches, wozu Sie die arme Blume machen wollen, wahrhaftig nicht. Aus ihr wird in der Apotheke eine Tinktur bereitet, die das ſicherſte Heilmittel gegen alle Gichtuͤbel iſt; da laſſen Sie ſich nur von Tante Gertraut erzaͤhlen; das iſt eine alte, erfahrne Doktorin, welche Wun⸗ derkuren damit gemacht hat; und ſo gar erſtarrt, wie Sie die Natur machen wollen, iſt ſie auch 120 nicht. Sehen Sie dort das Schmetterlingspaͤr⸗ chen ſtill und luſtig durch die Abendluft ſegeln,*) und— ſie bog einen Weidenzweig herab und zeigte ihm eine fleißige Raupe— und ſehen Sie, den kleinen Koͤnigsvogel, der hat noch lange bis zu ſeiner Verpuppung. Alſo, warum ſo finſter, lieber Herr? Mich erinnert der Herbſt nie an das Ende alles Endlichen; ich knuͤpfe im Gegentheil an die Gewahrung dieſes allmaͤhligen Einſchlummerns aller Naturkraͤfte, die felſenfeſte Gewißheit des baldigen Fruͤhlings, und auf dieſe baue ich meinen Glauben an ein Jenſeit. Auch wir werden ſo verwelken, wie hier um uns Laub und Blumen; auch unſer Auge wird ſo brechen, wie dort der milde Abendſtrahl der waͤrmeloſen Sonne— ſollen wir aber darum bei jedem Sonnenuntergange und an jedem Herbſtabende der Nacht und dem Winter zagend entgegen 2) Wahrſcheinlich Phal. libatrix, oder Ph. Cas- sinia, die ſich erſt, kurz vor Eintritt der ſtrengen Winterzeit, paaren⸗ 121 ſtarren, und darum den Genuß der ſchoͤnen Ge⸗ genwart uns verkuͤmmern? Sehen Sie doch auf meine Tante Gertraut; ſie iſt eine alte Perſon, die wohl, wenn in der Natur alles rund um ſie her ſich ſchweigend zum Todtenſchlafe bereitet, auch an ihr letztes Stuͤndlein denken kann; und dennoch iſt ſie immer heiter und wohlgemuth. Dem guten Menſchen bangt vor dem Grabe nicht; er lebt ja druͤben ſo rein und gluͤcklich fort, als hier.— Tante Gertraut ſagt zwar, noch reiner und noch gluͤcklicher, als hier— aber das iſt ja kaum moͤglich!“ Wawrzyniec ward, als er das fromme, glaͤu⸗ bige Maͤdchen ſo wahr und ſo unbefangen und natuͤrlich uͤber die wichtigſten Dinge des Men⸗ ſchen, uͤber Natur und Sterben, ſprechen hoͤrte, tief bewegt, und faltete ihr die Haͤnde entgegen, und rief im liebeſeligen Entzuͤcken:„o, du kla⸗ res, engelreines Weſen! welcher peinlichen Qual unterliegt in dieſem Augenblicke mein Herz— es wird mir ſo eng um die Bruſt— nein,“ 122 ſetzte er halb komiſch hinzu:„Eure Luft hier taugt nichts!“ „Unſere Luft?“, fragte Roſamunde zaube⸗ riſch laͤchelnd, denn— kein Laut hatte es ihr verkuͤndet, aber ſie wußte es— denn das Ge⸗ ſtaͤndniß ſeiner Liebe preßte ihm die Kehle zu⸗ ſammen; das war es, was ihm das ſehnende Herz zerquaͤlte.—„Unſere Luft?— an der iſt doch wahrhaftig nichts auszuſetzen; ſie iſt milde und friſch; oder kommen Sie etwa, um mit unſerer armen Luft hier in Guͤldenau große gelehrte Verſuche anzuſtellen, wie— ich las erſt neulich davon— wie Landriani in Piſa, Fon⸗ tana in Paris, Sauſſuͤre auf den Alpen, Do⸗ lomieu in Malta und Scheele in Stockholm? — Laſſen Sie mir ja meine hieſige heimiſche Luft ungetadelt, ich bin in ihr jung und groß und geſund geworden; und“— ſetzte ſie kang⸗ ſamer und ernſt hinzu:„Kſie traͤnkt und naͤhrt die Blumen, die auf dem Grabe mei⸗ 123 ner Mutter bluͤhen; ſie iſt mir die Liebſte dieſer Welt.“ Des jungen Polen Augen hafteten, in ſtil⸗ len Thraͤnen ſchwimmend, auf dem himmliſchen Maͤdchen, das mit zarter Ruͤhrung der Mutter erwaͤhnte, die ungekannt, und vom kleinen Kreiſe der Ihrigen nur geliebt, auf dem nahen Fried⸗ hofe in Gott ruhte. „Machen Sie mich nicht weich,“ ſagte Wawrzyniec bittend:„ich bedarf jetzt aller Feſtigkeit— wir reiſen ab, und ich ſehe Sie“ — er ſchlug das Auge nieder, weil er in das Ihrige, worein die Wehmuth ſchnell ihre Perlen ergoß, nicht ſchauen konnte—„ich ſehe Sie wahrſcheinlich nie wieder!“ „Sie?— Sie!“ ſagte Roſamunde, durch die unerwartete Nachricht des nahen Abſchiedes ſichtbar erſchuͤttert und mit zitternder Stimme —„warum nennen Sie mich denn mit einem Male Sie?— und“— ſie druͤckte ihm, ohne es zu wiſſen, die Hand an das ſchmachtende — 124 Herz—„und gerade in der letzten Stunde unſeres Beiſammenſeyns?“ „Ich ſchaͤme mich meiner fruͤhern Unart,“ entgegnete Wawrzyniec verlegen und ſah ſeit⸗ waͤrts zur Erde:„ich hielt Sie Anfangs fuͤr meines Gleichen, und— die trauliche Gewohn⸗ heit unſerer Sprache— meine Unbeſonnenheit ich muß jetzt ſehr um Verzeihung bitten, mein gnaͤdiges Fraͤulein!“ „Nicht ſo, nicht ſo!“ fiel ihm Roſamunde mit unnachahmlicher Natuͤrlichkeit in'’s Wort: „ich habe es gern gehoͤrt, daß Sie mich Du ge⸗ heißen. Was hilft mir denn der Vor orzug der — Geburt; ich bin ja ſo arm— ich bin ja noch viel aͤrmer, als Sie!— ich war— ja, ich darf es ſagen, Sie gehen ja bald fort, und dann wuͤrde mir es wehe thun, wenn Sie es nicht wuͤßten— ich war Ihnen recht gut geworden, Tante Gertraut auch. So vergnuͤgt, als wir heute Mittag waren, bin ich noch nie geweſen; ich werde, wenn Sie fort ſind, mir jedes Wort ten tunde art,“ ſeit⸗ 3 fuͤr vohn⸗ nheit tten, 125 wiederholen, das Sie geſprochen; denn ich weiß noch Alles; aber wenn ich dann dieß Alles in das ſteife Sie uͤberſetzen muß, klingt es nicht halb ſo huͤbſch,— ach, dann klingt es gar nicht; — alſo— nun in dem letzten Augenblicke un⸗ ſers Beiſammenſeyns— nichts Andres,— nichts Neues! laſſen wir's beim Alten!“ „Roſamunde!“— rief Wawrzyniec im Uebermaaß der ſeligſten Wonne; denn der Un⸗ ſchuld Purpurlippen hatten ihm das ſuͤßeſte Gegengeſtaͤndniß verrathen—„meine ein⸗ zige Roſamunde, ja— aber dann mußt auch Du nicht mehr Sie mich nennen, ſondetn Du — Du!“ 3 „Das kann ich nicht,“ ſagte das zauberholde Maͤdchen lachend, und die hellen Thraͤnchen roll⸗ ten ihr uͤber die roſige Wange. „Nie?“ ſagte bittend und mit bedeutſamer Betonung Wawrzyniec und ſchlang ſeine Arme um die in ſuͤßer Liebe vergehende Jungfrau. Da ſank ſie, den ſchmachtenden Laut ſeiner Frage 126 verſtehend, mit braͤutlichem Schamroth uͤber⸗ gluͤht, an des jungen Mannes wonnetrunkene Bruſt; und die Engel im Himmel jauchzten uͤber den Bund, den Unſchuld und Liebe fuͤr die Ewigkeit geſchloß„ und den die Gluͤckli⸗ chen mit einem laßſgen, ſeelenvollen Kuſſe be⸗ 8 ſiegelten. „Wir ſind der Halle deiner verklaͤrten Mut⸗ ter ſo nahe,“ begann Wawrzyniec nach der ſuͤßeſten und feierlichſten Pauſe ſeines Lebens: „laß uns hingehen und ſie um ihren Segen bitten.“ Und ſie gingen auf den ſtillen Fried⸗ hof, wo ſie an dem Todtenhuͤgel niederknieten, und Wawrzyniec legte ſeine Rechte auf das Grab und gelobte, unter frommen Thraͤnen, der Gefundenen ſeines Herzens ewige Treue. Roſamunde ſchluchzte laut und betete zu dem Gott, der ihr Vater und Mutter genommen und ſie in Noth und Armuth gepruͤft hatte, mit glaubigem Vertrauen fuͤr ihr kuͤnftiges Gluͤck. Wawrzyniec aber rief zu dem truͤbum⸗ 127 zogenen Herbſthimmel hinauf:„meine heilig geliebte Mutter, ich habe geſucht, wie du ge⸗ wollt. Kannſt du von deinem lichtern Sterne herab, deines Sohnes Wege leiten, ſo ſegne mich und Roſamunden.“ Die Abendſonne ſank am Horizonte hinab und beleuchtete den Gottesacker mit ihrem letzten Strahlenſchimmer mild und freundlich; die Wolkenſaͤume vergoldeten ſich mit dem Purpur der Scheidenden, und Roſamunde und Wawrzyniec ſtanden, Arm in Arm ver⸗ ſchlungen, zwiſchen den Graͤbern der Seligen, und ſtaunten das feuerfarbene Abendbild in Weſten an, in der ſtillen Entzuͤckung waͤhnend, das Friedensland der Engel und Verklaͤrten ſelber vor ſich aufgethan zu ſehen. „Wie iſt mir das Alles ſo ſchnell und ſon⸗ derbar gekommen?“ fragte auf dem Heimwege Roſamunde ſich laut, und ſetzte mit kindlicher Einfalt aͤngſtlich hinzu:„wir kennen uns kaum ſeit Stunden, und ſollen immer einander gehoͤ⸗ ren! Ich habe nie geliebt und weiß nicht, ob 128 die Liebe uͤberall das Herz des Menſchen ſo raſch und ſo heimlich uͤberfaͤllt; mir iſt es wohl und wehe in der Bruſt; ich moͤchte weinen und lachen— aber— nicht wahr, meiner alten Gertraut muͤſſen wir es ſagen! vor ihr habe ich kein Geheimniß— nur ich— ich kann es nicht uͤber die Lippen bringen.“ „Sie weiß es ſchon,“ erwiederte Wawrzy⸗ niec, und erzaͤhlte nun, daß er ſeinen Herrn, in der dringendſten Angſt ſeines Herzens, gebeten habe, ſich fuͤr ihn bei der Alten zu verwenden, daß dieſer, waͤhrend ſie Beide ſich hier gefunden, mit ihr auf jeden Fall werde geſprochen haben, und daß er eine abſchlaͤgige Antwort um ſo we⸗ niger befuͤrchte, als ihm ſein Herr, wenn die Sache hier richtig werde, eine ſehr gute Pachtung verſprochen habe. Das Kammerdienerleben habe dann ein Ende, und er waͤre ſo frei, als ſein Alter ſelbſt. „Du biſt ſehr raſch,“ ſagte Roſamunde und ſah dem Gluͤcklichen, mit einer Art von Aengſt⸗ n ſo wohl und alten 129 lichkeit in das Auge:„Du biſt faſt zu raſch. Wenn Du das Band ſo ſchnell zerreißen koͤnn⸗ teſt, als Du es geknuͤpft haſt! Wawrzyniec⸗ wenn Du das koͤnnteſt!“ „Mein Naͤdchen, mein einziges Maͤdchen!“ entgegnete der Selige und kuͤßte die Beſorgniſſe, die das liebliche Engelskind noch ausſprechen wollte, von den friſchen Lippen.„Sieh mir in das Herz und Du wirſt kein Falſch darin finden. Ich kann nicht viel Worte machen; zumal heute nicht; mir iſt, als mir war, da ich zum erſten Mal zu Gottes Tiſche ging; ſo feier⸗ lich und ſo aͤngſtlich, ſo wohl und ſo beklom⸗ men; aber traue mir, glaube mir! Ich meine es, ſo wahr der Ewige uͤber mir iſt, gut und ehrlich mit Dir. Raſch iſt es mit uns gekom⸗ men, ja; aber wie ſollte es das nicht. Deine Einfachheit, Dein frommer Sinn, Deine Haͤus⸗ lichkeit, Dein Fleiß, Deine Sittenreinheit, Deine Zufriedenheit mit Deinem entſagungvol⸗ len Leben, Dein Wiſſen— und uͤbertrieben 9 130 haͤßlich biſt Du auch nicht— ſag' nur, wie ſollte ein junger Menſch es wohl anfangen, ſich in Dich nicht auf der Stelle zu verlieben!— Aber, daß Du— daß Du mir gleich ſo gut geworden, daß Du den Muth haſt, mir Stein⸗ fremden Deine Hand zu geben.“— „Ja ſprich,“— erwiederte Roſamunde, mit halbmuthwilligen Laͤcheln:„wie iſt das zugegangen? Kommt der Menſch aus dem ver⸗ ſchrieenen Polen, ſpricht und ſpricht und lacht, und— und weint,“ ſetzte ſie ernſt hinzu— „Wawrzyniec, Deine Thraͤnen— die fielen ſchwer in die Wagſchale. Du biſt der erſte Menſch, dem ich gut geworden bin, und ſollſt es wahrhaftig auch bleiben. Wie Du herein⸗ trateſt in unſer Stuͤbchen, nun, erſchrecklich gar⸗ ſtig biſt Du juſt auch nicht— da ſah ich Dich recht gern— wie Du mit dem Stuhle unter Dir, und den Hut im Munde— ich haͤtte er⸗ ſticken moͤgen vor Lachen— aber Auslachen— nein, das war es nicht! Und wie Du ſagteſt, 131 daß ich Dir wehe thaͤte, und dann, wie Du mit unſerer Armuth vorlieb nahmſt, und— wie Dich mein Tiſchgebet ſo ſonderbar bewegte— ſieh, da— da— nun, ſagen kann ich Dir es nicht Alles, Du weißt es ja ſchon“— „Ja, ja, Himmelsweſen!“ rief Wawrzy⸗ niec im Uebermaaße ſeines Entzuͤckens:„ich weiß es, und verzehre mich in dem ſeligen Ge⸗ danken, daß ich das weiß. Jetzt aber, Roſa⸗ munde, ſchlaͤgt unſere Abſchiedſtunde.“— „Abſchied— Stun—“ das Wort blieb dem Maͤdchen im Munde, ſo ſchmerzlich traf ſie der Gedanke des Scheidens. „Nur auf wenige Tage,“ verſetzte Wawr⸗ zyniec, ſie beſchwichtigend:„mein Alter dringt darauf, heute Abend, jetzt gleich noch in die Reſidenz abzureiſen; dorthin kommſt Du mit Tante Gertraut Sonntag nach, und dort verbinden wir uns, um uns nie, nie wieder zu trennen. Wird ſich meine Roſamunde aber auch gern entſchließen, ihr ſchoͤnes, deutſches Va⸗ 9* 132 terland mit meinem unwirthbaren Polen zu vertauſchen?“ „Das Weib ſoll ja Vater und Mutter ver⸗ laſſen und mit dem Manne ziehen, ſagt die Schrift!“ entgegnete Roſamunde ſehr ernſt. „Das iſt alſo unſer Aller Geſchick! Guͤldenau, mein liebes Guͤldenau zu verlaſſen, wird mir ſchmerzlich fallen; denn ich kenne noch keinen beſſern Ort in der Welt— und meiner ver⸗ klaͤrten Mutter Aſche ruht hier— aber ich ſoll ja fort. Wo Du biſt, Wawrzyniee, werde ich uͤberall gern ſeyn. Ohne Dich wuͤrde es mir auch hier nicht mehr gefallen! Aber, daß Du heute ſchon fort mußt!— Nun, zur Tante wirſt Du doch wenigſtens noch einen Augenblick kommen?“ „Nein, nein!“ ſagte froͤhlich⸗ſtuͤrmiſch der Eilige:„je ſpaͤter hier, je ſpaͤter dort. Gruͤße, kuͤße die Tante; in der Reſidenz ſehen wir uns wieder; dort bring' mir auch die Sachen nach, die ich heute von ihr gekauft. Jetzt, meine 133 einzige Roſamunde, leb' wohl!“ Er umſchlang das wunderſchoͤne Maͤdchen, druͤckte ihr hundert und aber hundert Kuͤſſe auf Augen, Stirn und Mund, und wollte immer fort und konnte im⸗ mer nicht. Endlich kamen mehrere Bauern von der Gegend der Lohmuͤhle hergegangen; da trennten ſich die Liebenden, um von dieſen nicht geſehen zu werden; und Wagwrzyniec ſtuͤrmte nach dem Schloſſe zu, Roſamunde aber ging langſam und mit ſchwer belaſtetem Herzen, das Koͤpfchen voll Wunder und Gedanken, nach Hauſe. Sie ſank ſchweigend an die Bruſt ihrer muͤt⸗ terlichen Freundin; und Gertraut legte ihre Haͤnde auf das Haupt der Tiefbewegten, und fragte mit ſanfter Stimme, wo ſie geweſen. „Bei meiner Mutter, mit Wawrzyniec,“ antwortete Roſamunde weinend:„auf ihrem Grabhuͤgel hat er mir Liebe und Treue gelobt; ſegne, meine Gertraut, unſern Bund, und laß mich mit ihm ziehen.“ „Gott hat es wunderbar mit Dir gefuͤgt!“ ſagte Gertraut mit Andacht und Wehe:„wer auf den Herrn vertraut, wird nicht zu Schanden. Wir ſollen nicht ſorgen fuͤr den kommenden Tag, denn wir wiſſen nicht, was uns gut iſt, und unſer Schickſal liegt in der Hand des Allweiſen. Dich hat Gott geſegnet, meine Roſamunde; Du bedarfſt meines Segens nicht; aber ich will zu Dem beten, deſſen Wege unerforſchlich ſind, daß er Dich auf dem rechten erhalte, und Dich nim⸗ mer ſtraucheln laſſe.“ Roſamunde ward heute Abend von der ehr⸗ lichen Gertraut koͤſtlich bewirthet; aber— Wawrzyniec war ja nicht da, und bis zum Sonntage— ach da war es noch lange hin. Auf den alten Herrn Bialobrzeski war das braͤutliche Maͤdchen recht herzlich boͤſe; erſt will er fort, dann bleibt er da und ſchickt die Poſtpferde zuruͤck; und nun treibt er mit ſchwerem Gelde im Dorfe andere Pferde auf und faͤhrt mit Anbruch der Nacht von dannen! Dieſen Abend doch wenigſtens haͤtte er bleiben und ihr den Lockenkopf laſſen koͤnnen; Gertraut hatte zwar den alten Herrn ſehr gelobt, aber Roſamunde konnte nicht anders, ſie mußte ihren Unmuth uͤber ihn laut werden laſſen. Gertraut indeſſen ſagte in ihrer ſanften Weiſe:„Verſuͤn⸗ dige Dich nicht durch unreife Worte, meine Ro⸗ ſamunde; wer weiß, was den Mann, der Dir wohl will, zu ſeiner ſchnellen Abreiſe beſtimmt hat; wenn wir vorſchnelle Menſchen immer erſt nach den Urſachen fragten, warum Andere ſo und nicht anders handeln, wir wuͤrden unſere Mitmenſchen viel weniger falſch beurtheilen, und mit ihnen uns viel ſeltener verfeinden; ich koͤnnte z. B. mit deinem Herrn Wawrzyniec auch ſchmollen; es war wohl an ihm, mir ein Wort uͤber Euer Verhaͤltniß zu goͤnnen; aber— wahrſcheinlich haben ihn dringendere Pflichten davon abgehalten. Laß das, ich will ihm darum doch gut bleiben, wenn er meiner Roſamunde Gluͤck nur wahrhaft begruͤndet.“ 136 „Tantchen,“ ſagte Roſamunde, die wohl fuͤhlte, daß die ehrliche Alte nicht unrecht hatte: „wenn am Fenſter jetzt wieder das haͤßliche Ge⸗ ſicht klopft, ſo mache Thor und Thuͤren auf; ich will es willkommen heißen, Nota bene, wenn der junge Jemand dabei iſt. Sie ſchluͤpfte wieder, wie geſtern Abend, in ihr bluͤthenweißes Bettchen, legte die kleine Flau⸗ menhand auf das klopfende Herz, laͤchelte dem Davongeeilten eine ſtille gute Nacht mit ſolcher ſuͤßen Sehnſucht zu, daß er, nach ihrem Wah⸗ ne, gewiß den Liebesgruß auf irgend eine Weiſe gewahren mußte, und traͤumte von nichts, als von Polen. Die Genien des Schlummergottes mußten ſie nach Arkadien*) verſetzt haben; denn ſie ſah ſo viel Wunderherrliches, daß ſie ) Nicht das alte, in dem heutigen Morea; ſon⸗ dern der ſchoͤne Landſitz der Fuͤrſtin Radzivil bei Lowicz, der durch die ſinn⸗ und geſchmack⸗ vollen Anlagen, womit die geiſtreiche Beſitzerin ihre tiefen Kenntniſſe im Fache der Kunſt be⸗ waͤhrt hat, weit und breit bekannt iſt. —— —-— ſe w —-— 137 vermeinte, erſt im Paradieſe der Liebe ſelbſt zu ſeyn, und daß ihr jetzt die Zauberei erklaͤrlich ward, die in kaum zwoͤlf Stunden bewirkt hatte, wozu ſonſt oft eben ſo viele Monate gehoͤren. Sonſt mußte das arme Kind fruͤh, vor Ta⸗ gesanbruch heraus und an die Arbeit, denn ohne dieſe muͤhſelige Anſtrengung ward nicht ſo viel verdient, als das kuͤmmerliche Lebensbeduͤrf⸗ niß erheiſchte. Am folgenden Morgen aber ließ Tante Gertraut die Gluͤckliche ſo lange ſchla⸗ fen, als ſie nur wollte. Zweimal ſchlich die Alte auf den Zehen an das Bett, aber immer noch ſchlummerte Roſamunde; und an den rothen Baͤckchen, die ſie ſich erſchlafen, und an dem feinen Laͤcheln in den Mundwinkeln war die Behaglichkeit ſichtlich abzunehmen, worin das braͤutliche Muͤdchen ſchwelgte. Endlich, als die Strahlen der ſpaͤten Herbſonne, die mit ihr um die Wette geſchlafen zu haben ſchien, das bluͤ⸗ hende Geſicht mit ihrem friſchen Golde uͤber⸗ 138 ſchimmerten, ſchloß Roſamunde die Augen auf und duͤnkte ſich in einer Feenwelt. Rund um das Bettchen herum eine voll⸗ ſtaͤndige Beſcheerung. Sammet und Seide, Huͤte und Federn und hunderterlei Kleinigkeiten aller Art, eine immer niedlicher als die andere, hingen und lagen im Halbkreiſe auf Stuͤhlen und Tiſchen; und vor der Ueberraſchten, auf der Decke zwei Briefe vom alten Bialobrzeski und dem jungen Herrn Wawrzyniec. Tante Gertraut aber hatte im Winkel geſtanden und das Maͤdchen und deſſen bis zum lauten Entzuͤcken ſteigende Freude im Stillen belauſcht; ſie kam mit Thraͤnen freu⸗ diger Ruͤhrung zu ihrem ſuͤßen Liebling an das Bette und bot einen freundlichen guten Morgen, und— es draͤngte ihr das Herz ab— und erzaͤhlte mit gelaͤufiger Zunge, wie heute in der Daͤmmerung aus der Stadt ein Wagen mit all dieſen Herrlichkeiten, und auſſerdem noch mit Kaffee, Kuchen und Zucker, mit zwei todten kle auf voll⸗ 139 Faſanen, einem lebendigen Schneider, einem Kiſtchen Wein und allerlei Kuͤchenvorrath an⸗ gekommen ſey; und der Damenkleidermacher habe Befehl, das Maas zu Oberrock, Reiſe⸗ kleidern, Negligees und dergleichen zu nehmen und hier zu bleiben und Alles bis zur Abreiſe fertig zu liefern. Lange ſchon hatte der Herbſtdurchfroͤſtelte draußen auf dem Hausflur geſtanden und des Augenblicks klappernd geharrt, wo die gemaͤch⸗ liche Braut ihren Morgenſchlaf werde geendet haben. Es war ihm auf dieſem luftigen Vor⸗ poſten Muße genug geblieben, aus den aͤrmli⸗ chen Umgebungen und Geraͤthen im Huͤttchen, auf die Duͤrftigkeit der Bewohnerin zu ſchließen; und verdruͤßlich, ſeine theure Zeit und ſeine ſchoͤ⸗ pferiſche Kunſt ſolchem Bettelpack opfern zu muͤſ⸗ ſen, begriff er nicht, wie Leute in praͤchtigen, ſechsſpaͤnnigen Reiſewagen ſich um eine arme Dorfſchoͤne in dem Grade hatten bekuͤmmern koͤnnen, daß ſie ihn, den Gefeierten aller Stadt⸗ 140 damen, durch verſchwenderiſche Goldanerbietun⸗ V Fre gen, ſpaͤt Abends in alle Schnitt⸗ und Mode⸗ den handlungen, und zur Mitternachtzeit gar hierher geſchickt hatten. nie Jetzt hoͤrte er den Zwieſprach, folgerte dar⸗ B b aus, daß das Bauernding aufgewacht ſey, und V W oͤffnete daher, des laͤngern Wartens muͤde, un⸗ ſte gerufen die Thuͤre. ne Er mußte jedoch wieder abtrollen und war⸗ da ten, bis Roſamunde aufgeſtanden war und ſich S angekleidet hatte; und nur erſt, als er wieder 4 we hereingerufen, das Maaß nahm, und die jugend⸗ er lich friſche Hebegeſtalt in ihrer Liebespracht vor lã ihm ſtand, und er den zarten Gliederbau, das ur Ebenmaaß ihres ſchoͤnen Koͤrpers und die Ueber⸗ w fuͤlle ihrer Reize nach Zollen und Linien berech⸗ te nete; da geſtand er ſich im Stillen, unter allen ih ſeinen Stadtgrazien ein aͤhnliches Exemplar ih nicht aufweiſen zu koͤnnen; nun begriff er auch di das Entzuͤcken der Herrn im Sechsſpaͤnner, und f C er erklaͤte unumwunden, daß es eine wahre 9 etun⸗ Node⸗ eerher dar⸗ und un⸗ Freude ſey, fuͤr eine ſolche Figur zu arbeiten; denn dieſe koͤnne nichts entſtellen. Roſamunde ſah und hoͤrte von dem Allen nichte, denn ſie hatte die Briefe von dem alten Bialobrzeski und ihrem jungen Herrn Wawrzyniec geoͤffnet und verſchlang ſie. Er⸗ ſterer ſchrieb umſtaͤndlich, daß er die Wahl ſei⸗ nes jungen Freundes mit vollem Herzen billige; daß er ihn erzogen habe, und wie ſeinen eigenen Sohn liebe; daß er ihr in ihm einen rechtlichen, wackern und herzensbraven Mann zufuͤhre; daß er ihm, um deſſen Lage zu verbeſſern, nach länge gehegtem Plane, ein's ſeiner Hauptguͤter, unter billigen Bedingungen in Pacht uͤbergeben werde; daß er gern ſehe, wenn ſeine junge Paͤch⸗ terin, in ihrem neuen Kreiſe, auch in Hinſicht ihres Aeuſſern, mit dem gehoͤrigen Anſtande vor ihren Untergebenen erſcheine; daß er ſich daher die Freiheit nehme, einige Kleinigkeiten fuͤr ihre Garderobe und Toilette beizufuͤgen; daß er zu⸗ gleich den Schneider mitgeſandt habe, um vor 142 ihrer baldigen Abreiſe von dieſem ſich bei der Anfertigung der noͤthigſten Kleidungſtuͤcke huͤlf⸗ reiche Hand leiſten zu laſſen; daß ſie unterdeſſen mit dem vorlieb nehmen moͤge, was er in der naͤchſten Stadt in der Eile haͤtte auftreiben koͤn⸗ nen, und daß das etwa noch Fehlende in der Reſidenz, wo er ſie auf den Sonntag erwarte, nachfolgen ſolle. Der Brief von Freund Wawrzyniec war reines Wiſchiwaſchi; Entzuͤcken und Verzweif⸗ lung, Scherz und Ernſt, Sehnſucht und Eifer⸗ ſucht; alles bunt durch einander; war ſie doch ſelbſt in dieſem Augenblicke nicht anders! Sie druͤckte den verliebten Unſinn des tollen Wildfangs an die Lippen, und lachte durch ein Paar helle Thraͤnchen, die ihr unwilluͤhrlich in die Augen geſchoſſen waren. 14. Die wenigen Tage flohen unter Arbeit und Reiſevorbereitungen hin; am letzten Abend die ᷣ☛⏑ ☛ 143 i der ſchweifte Roſamunde noch in der ganzen Gegend umher und nahm von allen Lieblingsplaͤtzchen eſſen ihrer Jugend Abſchied; ſie ward immer ſtiller der und ſtiller, und als ſie auf den Friedhof zu ihrer koͤn⸗ Mutter ging und dieſer ein heimliches„ruhe der ſanft“ in das Grab zufliſterte, zerfloß ſie in arte, Wehmuth und legte auf die Stelle des Grabes, wo des Geliebten Rechte gelegen, als er ihr ewige Treue geſchworen, ihre kleine Lilienhand, womit er ſie ſich bisher das Leben gefriſtet, und gelobte der fer⸗ 5 Verklaͤrten, fromm und gut zu bleiben ihr Lebe⸗ bſt lang; dann rief ſie aus der ſchmerzzerriſſenen kte Bruſt:„gute Nacht, meine verklaͤrte Mutter!“ an zu der Entſchlafenen hinab, und ging, da es lle rund um ſchon dunkel geworden war, weinend en nach Hauſe. Vor dem Huͤttchen brannten zwei Laternen, die zu dem Reiſewagen gehoͤrten, der, wie vom Himmel gefallen, ſchon bepackt und mit vier 1d 4 Pferden beſpannt, vor der Thuͤre ſtand. Freudig erſchrocken, trat Roſamunde in ihr 144 Stuͤbchen und fiel beklommen der ehrlichen Ger⸗ traut in die Arme. Dieſe aber machte ſich ſtaͤrker, als ſie war, und ſagte:„ich ſah das Alles vorher, und wußte, daß das Scheiden aus Deinem Jugendleben hier Dir das Herz zerreißen wuͤrde. Geſchlafen haͤtteſt Du dieſe Nacht doch nicht; alſo war es beſſer, heute noch fortzufah⸗ ren. Der alte Herr hat den Wagen geſchickt; was ſollen wir alſo ſäͤumen! Faſſe Dich daher, meine Roſamunde, und trenne Dich von unſerer friedlichen Huͤtte; Du ſiehſt ſie wahrſcheinlich Sie war Deiner Tugend, Dei⸗ Wohl Dir, wenn Du kuͤnftig vielleicht geraͤumiger wohneſt, nie wieder. ner Unſchuld heiliger Tempel. und darum doch Dein Haus immer ein Gott⸗ geweihtes iſt. Es ſey dem Ungluͤcklichen eine ſichere Zufluchtſtaͤtte, der Freundſchaft ein ſtiller Ruheplatz, und Deinem Gatten ſein Himmel auf Erden.“ Roſamunde ſank, vom Scheideſchmerz tief ergriffen, auf ihre Kniee und betete; dann erhob „ 145 ſie ſich, ſchwankte an Gertrauts Arme zum Wagen, druͤckte dem ehrlichen Bauer und deſſen Frau, denen das Haͤuschen gehoͤrte, und meh⸗ reren aus dem Doͤrfchen, die herbeigekommen waren, um das holde, liebe Kind noch einmal zu ſehen, dankbar und herzig die Hand; und fuhr mit Tante Gertraut in die Nacht hinaus, die ſo dunkel war, als ihre Zukunft. Das Schaukeln des Wagens wiegte die Er⸗ ſchoͤpfte bald ein, und der Schlaf ſenkte ſich auf die thraͤnenmuͤden Augen wohlthaͤtig nieder. Spaͤt am andern Morgen erwachte ſie, und ihr erſter Blick fiel auf zwei Bedienten in großen Reiſemaͤnteln, die vorne auf dem Bocke ſaßen, und ſich mit einander polniſch unterhielten; die vier Gaͤule aber, womit ſie geſtern Abend aus Guͤldenau abgefahren war, hatten ſich in ſechs raſche Poſtpferde verwandelt. Gertraut loͤſ'te der Erſtaunten das Raͤthſel. Der alte Bialobrzeski hatte ihnen ſeine ſarmatiſchen Getreuen, Walek und Woyezech, 10 146 bis zur letzten, von Roſamunden verſchlafenen Station entgegen geſendet und dieſen aufgetra⸗ gen, ſechs Pferde zu nehmen, um Sonntag zur beſtimmten Stunde in der Reſidenz einzutreffen. Sie mußten Auftrag haben, ſtattliche Trinkgel⸗ der an die Poſtknechte zu ſpenden, denn dieſe fuhren, ſobald Walek, der in der deutſchen Sprachkunde die meiſten Fortſchritte gemacht zu haben ſchien, Roſamundens Erwachen bemerkt, und ihr, unter tiefem padam do nug,*) ſei⸗ nen„Kute Morke“ in den Wagen gegruͤßt, und den Poſtillonen nun ſein luſtiges laly, zywo!**) zugerufen hatte, wie beſeſſen von dannen, ſo, daß Roſamunde, die zum erſten Male in ihrem Leben mit Extrapoſt fuhr, im⸗ mer fuͤrchtete, der Wagen wuͤrde in tauſend Stuͤcke zerſtieben. So ging es den ganzen Tag *) Ich falle zu Fuͤßen, eine im Polniſchen gewoͤhn⸗ liche Redensart, die ſo viel heißt, als tiefe Ver⸗ beugung. **) Tahy und Z)wo heißt; raſch, luſtig, vorwaͤrts. V au — auf der endloſen Straße, bis ſie in blauer, wei⸗ ter Nebelferne die Thuͤrme der Reſidenz vor ſich ſahen. 4 Jetzt— Walek bekomplimentirte die Stan⸗ genpferde, in kurzen Perioden, mit einem langen Kantſchu, und alle Sechſe flogen im Gallop der Hauptſtadt zu— jetzt ſchlug Roſamunden das Herz, daß ſie es mit beiden Haͤndchen halten mußte. In wenigen Augenblicken ſollte ſie ihn wiederſehen, an deſſen Leben ſie das ihrige ge⸗ knuͤpft hatte! Die Poſtknechte raſ'ten ſchmetterne durch mehrere Straßen; Roſamunde ſah und hoͤrte von den vorbeiraſſelnden Wagen, von dem hin⸗ und herwogenden Menſchenſtrome, von den gro⸗ ßen Gebaͤuden und von allen andern ihr neuen Umgebungen kaum die Haͤlfte; ſie dachte ja nur an ihn. Walek rief vom Bocke herab: lewo, lewo,*) nach die Oliva'ſche palacu; Pod' — *) Links, links. 148 wurze!“*)— und die Sechſe bogen ſchaum⸗ bedeckt, links in den praͤchtigen Gitterhof des Graͤflich Oliva'ſchen Palaſtes. Eine Anzahl reich betreßter Bedienten flog mit Fackeln herbei; der alte Herr Bialobrzeski, in einem einfachen, ſchwarzen Frack, ſtand, den Ankom⸗ menden die Haͤnde entgegenbreitend, in der Thuͤre, und Roſamunde ſank, aus dem Wagen gehoben, in die umfangenden Arme ihres Wawrzyniec, der in ſeiner, mit Orden ge⸗ ſchmuͤckten, koͤſtlichen Paradeuniform, ſchoͤn wie ein Ad nis ausſah, Roſamunde, die vor dem Wunder der Erſcheinung kein Wort uͤber die Lippen bringen bonnte, an ſeine entzuͤckte Bruſt druͤckte, und ſie, im ſuͤßen Rauſche des Wieder⸗ ſehens, die Prachttreppe hinauf trug, bis in die ihr beſtimmten, hocherleuchteten Zimmer. „Nicht mein Kammerdiener Wawrzyniec,“ ſagte laͤchelnd der alte Herr Bialobrzeski, *) In den Hof. — * — 149 als ſich hier Roſamunde, die in einem Fee'n⸗ lande zu ſeyn waͤhnte, von ihrem erſten Freu⸗ den⸗Erſtarren ein wenig erholt hatte:„nicht mein Pachter,— der Graf Oliva iſt es, dem Sie Ihre Hand gegeben. Ich war ſein Fuͤhrer bis hieher— nun uͤberlaß ich Ihnen, Fraͤulein, ſeine Zuͤgel!“ Wer mag die Gruppe malen! Das uͤber⸗ raſchte, wunderholde Maͤdchen an der, von Wonne uͤberſtroͤmenden Bruſt des ſchoͤnen, jungen Grafen Conrad, der die Braut aus ih⸗ ren Zaubertraͤumen, ſtuͤrmiſch⸗ zaͤrtlich, in die wirkliche Welt zuruͤckkuͤßte, und in deſſen froͤh⸗ lichem, gutmuͤthigen Geſichte man die Seligkeit uͤber das Gelingen dieſer Ueberraſchung las; den alten Weiſen, der ſich im Stillen gluͤcklich pries, ſeinen Liebling, rein an Seele und Leib, vom wilden Lebensmeer, in den ruhigen Hafen der Liebe gefuͤhrt zu haben; und die edle Gertraut, die von Ferne ſtand und die Guͤte Gottes an⸗ 150 betete, der ihre arme Roſamunde ſo groß und ſt herrlich gemacht hatte, 1 t. Was meine Leſer ſchon ahnen, ward jetzt a Roſamunden erzaͤhlt; und ich ergaͤnze daher r hier nur in der Kuͤrze, was erſtere nicht wiſſen V d köͤnnen. G Conrad war nach ſeines Vaters, des Mi⸗ e niſtes, Grafen Oliva Tode, ſeit ſeinem zwoͤlften 1 Jahre, von der Reſidenz abweſend, theils auf. ¹ Reiſen, theils auf den weitlaͤufigen Beſitzungen ſeiner Mutter in Polen und Rußland. Seit 8 jener Zeit war der alte Bialobprzeski ſein Lehrer und Begleiter geweſen. Beide hatten mit einander die halbe Welt geſehen; Graf Con⸗ rad hatte in dem letzten Kriege gegen Napoleon, bei einer auswaͤrtigen Macht, Dienſte genom⸗ men, und ſich durch ſeine Tapferkeit bis zum Major emporgeſchwungen. Nach beendigtem Feldzuge hatte er ſich in der Schweiz wieder mit ſeinem alten Freunde zuſammengefunden, und Beide waren in dem Plane begriffen, Europa's —— „*=— 151 fuͤdliche Haͤlfte zu bereiſen, als ſie von der Mut⸗ ter, die ſich eben zu der Zeit auf ihren Guͤtern an der Graͤnze von Taurien aufhielt, zuruͤckbe⸗, rufen wurden, weil ſie fortwaͤhrend kraͤnkelte, die Naͤhe ihres Endes beſorgte, und ihren einzigen Sohn noch einmal zu ſehen wuͤnſchte. Letzterer eilte zuruͤck, fand die Mutter im Scheiden, und mußte ihr verſprechen, bald ein, ſeiner wuͤrdiges Maͤdchen zur Gattin zu waͤhlen; hinſichtlich des Glaubens und Standes mache ſie ihm keine Beſchraͤnkung, nur, bat ſie dringend, nur ſolle er ſich kein reiches ausſuchen. Sie hatte mit ihrem Gatten, dem Grafen Oliva, der ſie wahr⸗ ſcheinlich bloß um ihres unermeßlichen Reich⸗ thums halber geheirathet hatte, nicht gluͤcklich gelebt; und dieß mochte der Hauptgrund dieſer ſonderbaren Bedingung ſeyn; ſie bemaͤntelte ihn aber mit dem Vorwande, daß Conrad Vermoͤgen genug habe, eine Frau zu ernaͤhren, und daß es daher Suͤnde waͤre, ein reiches Maͤdchen einem aͤrmern Heirathluſtigen zu 152 entziehen. Sie ſegnete ihren Eingebornen und verſchied. Einige Zeit darauf trat Graf Conrad mit ſeinem alten Freunde die Reiſe nach Deutſchland an, um die Verwaltung ſeines väterlichen Ver⸗ moͤgens, wozu der Palaſt hier in der Reſidenz und mehrere nahe liegende Guͤter gehoͤrten, ſelbſt zu uͤbernehmen. Sie kamen bei dieſer Gelegenheit durch Kiew, lernten den Major, den Oheim der jungen Graͤ⸗ finnen von Steinburg kennen, und dieſer erzaͤhlte ihnen zufaͤllig von ſeinen Nichten ſoviel Liebes und Gutes, daß, beſonders da er ſpaͤterhin mit dem Grafen Conrad vertrauter geworden, und von den voͤllig zerruͤtteten Vermoͤgensumſtaͤnden des Steinburgiſchen Hauſes verſchiedenes hatte fallen laſſen, Graf Conrad neugierig ward, ſie wenigſtens zu ſehen. Raſch und lebendig, wie dieſer nun einmal immer zu handeln ſich ge⸗ woͤhnt hatte, war er mit ſeinem Wunſche gegen den Major gleich herausgeplatzt und hatte dieſen 0 31 n f 1 4 d 1 8 . 5 — e⸗ —y 153 gebeten, ſie bei den jungen Nichten vorlaͤufig anzumelden. Der alte Herr aber, der ruhiger zu Werke ging, ließ ſich vom Major das Ehren⸗ wort geben, daß er den Namen des jungen Gra⸗ fen nicht verrathe. Der Major meldete, um mit den Nichten ſeinen Scherz zu treiben, den Alten als Braͤutigam an, und vertraute, als ſeine Briefe nach Deuſchland bereits abgegangen waren, dem Grafen Conrad ſeinen Einfall; die⸗ ſer fand ihn der Idee des Alten, die Maͤdchen ungekannt zu beobachten, vollkommen entſpre⸗ chend, und ſtimmte ſeinen vaͤterlichen Freund bald dahin, in der Rolle aufzutreten, worin wir ihn zu Guͤldenau haben erſcheinen ſehen. Graf Conrad erzaͤhlte eben unter tauſend Lachen, wie er die beiden ihm zugedachten Braͤute aus Feuer und Waſſer gerettet, als Walek eintrat, und in ſeinem gebrochenen Deutſch verſicherte, daß er nun nicht laͤnger wehren koͤnne, ſie wollten drau⸗ ßen Alle gern ihre kuͤnftige junge Frau Graͤfin ſehen, er habe lange ſich mit Haͤnden und Bei⸗ nen geſtemmt, aber nun bäͤte er ſelber, ſie ein⸗ laſſen zu duͤrfen; und es draͤngten ſich nun Kammerdiener, Koch, Thuͤrſteher, Bedienten, ſt Stallleute, Kuͤchen⸗ und Haus⸗, Stuben⸗ 1 d und Kammermaͤdchen, die Alle erſt in dieſen h Tagen angenommen waren, ohne Zahl herein, wurden alle zum Kandkuß gelaſſen und gingen, bezaubert von der Huld ihrer Gebieterin, mit Luſt und Liebe an ihre Geſchaͤfte. 4 Wenige Tage darauf war die feierliche Ver⸗ maͤhlung des jungen, liebenswuͤrdigen Paares, d bei welcher der junge Graf mit verſchwenderiſcher Pracht alles nur Erſinnliche aufbot, um der großen Welt, worin er ſeine wunderſchoͤne Ro⸗— ſamunde einfuͤhrte, ein ſchwaches Zeichen von der Seligkeit zu geben, die er in dem Beſitze dieſes Engels der Liebe und Unſchuld gefunden. Ihr einfacher, geſchmackvoller Anzug, die fun⸗ 3¼ kelnde Pracht der ſeltenſten und koͤſtlichſten Bril⸗ 5 lanten in ihrem Ringelhaar, ihre Beſcheidenheit, ihr edler Anſtand, ihre jugendliche Friſche, ihr 159 geiſtvolles Auge— der ganze Kreis, worein die Herrliche an des ſchoͤnen Grafen Seite trat, ſtaunte ſie an, und es war unter allen Frauen der glaͤnzenden Geſellſchaft keine, die ſich mit ihr haͤtte meſſen moͤgen. 15. Vorigen Spätherbſt kam der Graf mit ſeiner liebenswerthen Roſamunde durch Dresden⸗ Aus dem, in der Abendzeitung befindlichen, mei⸗ ner Feder enteilten Aufſatze: das P faͤnder⸗ ſpiel, war ihm die Stadt Wien als eins der eleganteſten Gaſthaͤuſer bekannt geworden; er war in dieſer daher abgeſtiegen, und hier lernte ich die gluͤcklichen Menſchen zufaͤllig kennen. Sie wa⸗ ren auf der Reiſe nach Polen und Rußland be⸗ griffen, wo ſie ſich aber nur dieſen Winter uͤber aufhalten und dann wieder nach Deutſchland zuruͤckkehren werden. Tante Gertraut lebt wie⸗ der, nach ihrem ausdruͤcklichen Verlangen, in ihrem kleinen, freundlichen Haͤuschen; der alte 156 Herr Bialobraeski aber war ihnen voran⸗ geeilt, um zu ihrem Empfange auf den Be⸗ ſitzungen in Polen und Rußland Alles gehoͤrig vorzubereiten. Es traf ſich gerade, daß ſie den Jahrestag ihrer erſten Bekanntſchaft hier feier⸗ ten. Der junge Graf erzaͤhlte mir, was er vorhabe, und ich bat mich auf das Feſt bei ihm zu Gaſte. Es kamen dieſen Mittag— eben ſo, wie vor dem Jahre— nichts als Kartoffeln mit Salz auf den Tiſch. Vergnuͤgter konnte kein Kaiſer ſein Mittagbrod genießen. Roſamunde ſchaͤlte, wie vor dem Jahre, die aufgeplatzten Erd⸗ aͤpfel mit ihren Lilienhaͤnden, und reichte die Koſt der Armen, die durch Gewoͤhnung und durch die Zufriedenheit mit ihrem Looſe oft reicher ſind als die Reichen, mir und ihrem Gatten, unter Freude und Lachen. Als wir uns von unſerer Tafel, fuͤr deren Frugalitaͤt des Abends uns ein herrlicher Auſtern⸗ 157 ſchmaus entſchaͤdigte, erhoben, uͤberreichte Graf Conrad ſeiner holden Gattin, zur Feier des Jahrestages ihrer Liebe, den Kaufbrief von Guͤldenau, und erklaͤrte ſie foͤrmlich zur Beſitzerin dieſes weitlaͤufigen Gutes, das er, um den armen Graͤfinnen ihre Feuer⸗ und Waſſerpro⸗ ben wenigſtens in etwas zu verguͤten, in der Erinnerung an den, ihm von deren Vater ge⸗ gebenen Auftrag, weit uͤber den Spahn bezahlt hatte. Wer Roſamundens Freude mit anſah, und ihre Art zu danken; wer es ſah, wie die ſuͤße Frau den Mann ihres treuen Herzens, im Ent⸗ zuͤcken uͤber die Erfuͤllung ihres kaum gewagten Wunſches, mit unbeſchreiblicher Innigkeit, in ihre Liebesarme ſchlang, und Auge in Auge, Lippe auf Lippe, Bruſt an Bruſt, minutenlang ihr Leben aus dem ſeinigen ſog; der lernte er⸗ kennen, daß Geben ſeliger ſey, denn Nehmen. Roſamunde ging im traulichen Geſpraͤch, das ſich jetzt unter uns anknuͤpfte, mit frommer Nuͤhrung in die Geſchichte ihrer Liebe zuruͤck, und erlaubte mir, ſie meinen Leſern mitzutheilen, Faͤllt ſie in die Haͤnde eines eben ſo armen, tu⸗ gendhaften und liebreizenden Maͤdchens, und ſtarkt ſie daſſelbe im Vertrauen auf Gott und gute Menſchen; ſo haben meine armſeligen Kar⸗ zoffeln tauſendfaͤltige Frucht getragen. nd ar⸗ — Sell a, das Kroatenkind. Der Rittmeiſter, Graf Lauenburg, konnte kaum weiter; vom fruͤheſten Morgen an war er ohne Raſt geritten; endlich hatte er die Hoͤhe erreicht, wo er in das herrliche Thal ſah, in dem die ringsum belagerte Veſte Dresden lag. Mit mattem Blicke uͤberſchaute er die paradieſiſche Gegend, uͤber welche der Wuͤrgengel ſeine grau⸗ ſenden Fittige, ſeit mehrern Wochen ſchon. ſchaudervoll breitete, Hunger und Seuchen, Gram und Verzweiflung, wuͤtheten im Innern der geaͤngſteten, hoch umſchanzten Stadt; und in dem ganzen Umkreiſe hatten die Schrecken des Krieges Alles verwuͤſtet, den Sitz des Wohl⸗ 2 160 ſtandes in eine Einoͤde verwandelt und die fried⸗ lichen Einwohner entweder zur Flucht genoͤthi⸗ get, oder dem fuͤrchterlichen Nervenfieber auf die Schlachtbank geliefert. Nach vielen Fragen gelang es ihm, den General im Belagerungcorps, an den er mit wichtigen Depeſchen abgeſendet worden war, auszuforſchen, und ſobald er ſeine Papiere ab⸗ gegeben, trabte er ſo weit als moͤglich zuruͤck, um auſſer dem Gewuͤhle der Belagerungtruppen auszuruhen, und ſich und ſein armes Pferd zu dem Ruͤckwege zu ſtaͤrken. Er gewahrte an dem Fuße einiger reizend gelegenen, aber faſt gaͤnzlich zerſtoͤrten Weinhü⸗ gel, eine Reihe kleiner, nicht weit von einander entfernter Winzerhaͤuſer und hoffte, derſelben, fuͤr Geld und gute W und Erquickung zu finden. in einem orte, Aufnahme Das erſte— den Bivouacks das naͤchſte— ſtand leer. Keine Fenſter, keine Thuͤren mehr; Abzes gepluͤndert und zerſchlagen. —— wuꝛ geſe ——— 16 Das zweite war etwas mehr geſchont, allein kein Menſch darin. Im dritten lag eine ſterbende Frau auf aͤrm⸗ lichem Stroh; auſſer dieſer keine menſchliche Seele im ganzen Huͤttchen. Den Grafen wandelte der Unmuth an, der den ſanfteſten Menſchen zum Tiger macht, der Unmuth des wuͤthenden Hungers und Durſtes. Er wollte das lechzende Herz, auf gut ſoldatiſch, durch einen recht derben Fluch auf ſein Mißge⸗ ſchick erleichtern, aber das boͤſe Wort blieb ihm hinter den brennenden Lippen; denn in der Thuͤre des vierten Haͤuschens gewahrte er eine ſo holde Maͤdchengeſtalt, daß er Eſſen und Trin⸗ ken faſt vergaß, und die Liebliche ſchier mit den Blicken verſchlang⸗ „Kannſt Du mir nur einen Tropfen Waſ⸗ ſer geben, gutes Kind?“ fragte er beſcheiden bittend, als er naͤher gekommen war und dem wunderhuͤbſchen Maͤdchen in die großen Augen geſehen hatte. Die Kleine entgegnete ein freund⸗ 11 162 liches„Recht gern!“ flog mit einem Kruge zur nahen Felſenquelle, und reichte dem Verdurſteten den kuͤhlen Labetrunk mit einer Anmuth und einer Herzlichkeit, daß ihm der Kryſtallausbruch wie Tokayer ſchmeckte. Des Grafen wackeres Streitroß wieherte im tiefſten Baſſe leiſe, als es die wohlthätige Hebe mit dem Kruge kommen ſah, und haſchte nach den Troͤpfchen, die vom Rande des Gefaͤßes blinkend herab perlten. „Biſt du auch durſtig, mein armes Thier?“ ſagte das Maͤdchen, waͤhrend der Graf in vollen Zuͤgen trank, mit wohllautender Silberſtimme, und ſtreichelte des Pferdes Hals und Maͤhne; troͤſtete es ſchmeichelnd, daß es auch bekommen ſolle, ſo viel es nur wolle, nur muͤſſe es huͤbſch warten, bis ſein Herr getrunken habe; eilte dann wieder zur Quelle und goß das geholte Waſſer in eine kleine, flache Wanne, woraus ſich der ehrliche Braune die eisfriſche Spende dergeſtalt ſchmecken ließ, daß das Maͤdchen, das Wort der ge zur rſteten h und sbruch rte im Hebe nach efaͤßes hier?““ vollen mme, aͤhne; nmen uͤbſch dann Jaſſer h der eeſtalt et der 163 Schrift: der Gerechte erbarmet ſich ſeines Viehes, ien Herzen, dreimal zur Quelle mußte, und ſich der Gutthat ſelbſt zu freuen ſchien, die ſie dem verſchmachtenden Thiere erzeigen konnte. Der Graf hatte ſein braves Pferd vielleicht tauſendmal traͤnken geſehen, aber ſo noch nie. Er haͤtte eine Stunde hier ſtehen und einen ſtil⸗ len Zuſchauer abgeben moͤgen. Das zarte, dem Anſcheine nach kaum vierzehnjaͤhrige Kind— die ſchlanke Geſtalt, der feine Gliederbau, der Schnee auf Hals und Buſen, die flaumenweiche Hand, der niedliche Fuß, das Wohlklingende ihrer Ausſprache, die unbeſchreibliche Grazie in allen ihren Bewegungen, und doch dazu das Einfache, das beinahe Aermliche ihres Anzugs⸗ beides ſtand in ſonderbarem Widerſpruch mit einander. Er hatte ſich an das letztere, weil es ihm zuerſt in's Auge gefallen war, zuerſt gehal⸗ ten, und ſie darum auch mit dem, bei einem ge⸗ woͤhnlichen Winzermaͤdchen wohl uͤblichen Du, angeredet. Er hatte wohl von der in Sachſen 11 † 164 auch bei mittlern und geringern Volksklaſſen heimiſchen Bildung manches gehoͤrt und geleſen, aber dieſes niedliche Weſen— eine gewoͤhnliche Winzerin war dies im Leben nicht. Er fuͤhlte ſich verlegen, doch er hatte einmal mit dem Du angefangen; er fuͤrchtete, ſich laͤcherlich zu ma⸗ chen, wenn er jetzt in das Sie uͤberginge, und nahm ſich alſo vor wenigſtens vor der Hand, in dem einmal angenommenen Tone zu bleiben. Seiner leicht hingeworfenen Frage nach ih⸗ tem Namen, war ſie mit der Erwiederung, daß ſie Klara heiße, ausgewichen— aber auch ſchon dieſer Name— im Kreiſe einer armen Wein⸗ gaͤrtnerfamilie war er ſicher nicht gewoͤhnlich; doch, ſie hatte bei der Antwort etwas verlegen geſchienen, und der Graf konnte es daher nicht uͤber das Herz bringen, dieſen Punkt noch ein⸗ mal zu beruͤhren. Vom Hunger gemahnt, mußte der Graf mit dem Wunſche herausruͤcken, etwas zu eſſen zu bekommen; er that es mit der ihm eigenen ſt der aſſen eſen, lliche aͤhlte Du ma⸗ und 165 Beſcheidenheit, und bat, mit mildem Blick auf ihr duͤrftiges Gewand, nicht die mindeſten Um⸗ ſtaͤnde zu machen; ihr Waſſer habe ihm wie der beſte Ungarwein gemundet, daher werde ihm auch das einfachſte Gericht aus ihrer Hand, und von ihr mit Freundlichkeit gereicht, das will⸗ kommenſte ſeyn. Man brauchte kein tiefer Menſchenkenner zu ſeyn, um die Verwirrung zu bemerken, worein die arme, blutarme Klara bei dem Gedanken gerieth, den blanken Ofſizier heute Abend be⸗ wirthen zu ſollen. Sie ſah in das lange, breite Thal vor ſich hin, bis zu dem boͤhmiſchen Graͤnzgebirge, und von dieſem in die Wolken hinauf, als ob ſie Huͤlfe auf Erden und im Himmel ſuche, und auf das Manna warte, das durch ein Wunderwerk von oben herab fallen ſolle. „Ich wuͤrde Dich,“ ſprach herzlich der Graf, der ihre peinigende Verlegenheit wahrnahm: „mit meiner Bitte nicht behelligen, denn ich kann mir denken, daß Euch hier in der Naͤhe des Belagerungcorps ſelbſt nicht viel uͤbrig ge⸗ blieben ſeyn mag; aber ich habe ſeit ſechs und dreißig Stunden keinen Biſſen gegeſſen, und— darf ich Dir,“ ſetzte er ſchonend hinzu:„mit dem vielleicht benoͤthigten Gelde“— „Sechs und dreißig Stunden!“ ſiel Klara theilnehmend ihm ſchnell in die Rede und ſchien ſein Geldanerbieten nicht hoͤren zu wollen:„ich bitte, nur ein wenig zu verziehen, ich werde“— es war, als fiel ihr der im Koͤpfchen reifgewor⸗ dene Entſchluß centnerſchwer— nich werde gleich wieder hier ſeyn; laſſen Sie unterdeſſen Ihr Pferd hier im Schatten weiden und ruhen Sie dort in der Laube.“ „Du biſt ſo gaſtfreundlich, mein liebes Maͤd⸗ chen,“ ſagte der Graf gutmuͤthig ſcherzend: „und bieteſt mir nicht einmal Dein Haus an! Ich were Dir nichts nehmen, mein gutes Kind; Du kannſt mir immer trauen, ich bin auch ehr⸗ licher Leute Kind.“ 167 „Nehmen!“ entgegnete Klara ſchmerzlich: „ach, da iſt nicht viel mehr zu nehmen; aber — Sie ſcheinen ein milder, guter Herr zu ſeyn, und haben vielleicht noch Vater und Mutter am Leben und beide lieb; darum ſind Sie gewiß nicht boͤſe, wenn ich Sie bitte, waͤh⸗ rend meiner kurzen Abweſenheit nicht in unſer Haus zu gehen. Wir haben nur ein Stuͤbchen darin, und in dieſem liegt meine arme Mutter und ſchlaͤft ſeit achtzehn boͤſen, kranken Tagen⸗ heute, jetzt eben, den erſten erquickenden Schlaf. Nicht wahr, Sie ſtoͤren mein Muͤtterchen nicht?“. „Nein, mein Engelskind!“ entgegnete der junge Graf geruͤhrt, gedachte mit kindlicher In⸗ nigkeit der geliebten Eltern in der fernen Hei⸗ math, druͤckte dem frommen Maͤdchen die kleine, zarte Hand und gelobte, ſich recht ruhig zu ver⸗ halten, und waͤhrend ſie weg ſey, das Haus vor jeder Stoͤrung zu bewahren. Die wirthliche Kleine ſchluͤpfte jetzt leiſe in die Huͤtte, kam nach kurzem Weilen wieder heraus und eilte vor ihm voruͤber, den Huͤgel hinab, in das Thal, wo die Belagerungtrup⸗ pen ſtanden. Hatte den Grafen ſein Auge nicht getaͤuſcht, ſo hatte ſie unter dem ſchneeweißen Schuͤrzchen etwas Buntſeidenes verborgen. So weit er ihr nachſehen konnte, ſo lange weilte ſein Blick mit Wohlgefallen auf dem an⸗ muthigen Kinde, das mit leichter Behendigkeit durch die Weingaͤrten hinabſchwebte, und in deſſen natuͤrlichem Liebreize ein eigener Zauber lag. Belaſtet mit Lebensmitteln aller Art, kam ſie bald wieder zuruͤck; das Buntſeidene aber brachte ſie nicht mit. Gewiß hatte es der armen Klara an Gelde gemangelt, und ſie hatte bei einer unchriſtlichen Marketenderin die Eßwaaren gegen vielleicht ihr einziges Sonntagskleidchen eingetauſcht. Dem Grafen zerſchnitt der Gedanke das Herz. — vieder Suͤgel truy⸗ uſcht, zchen ange an⸗ gkeit in uber — 169 Er haͤtte jetzt lieber noch laͤnger gehungert, oder ſich gern, mit einem Stuͤcke trockenen Brodes begnuͤgt. Klara ging zuerſt zur Mutter, die noch ſchlief. Nun machte ſie ſich raſch an die Bereitung des Eſſens, und wer das holde Kind ſah, wie es in der kleinen Kuͤche geſchaͤftig war, und wie das hochflammende Feuer der Bluͤhenden die Wange noch hoͤher roͤthete, und wie ſie Alles ſo flink und appetitlich machte, der mußte ſich auf die Bewirthung des gaſtlichen Maͤdchens freuen, wäͤre er auch weniger vom Wolfshunger befallen geweſen, als der junge Rittmeiſter. An dem Geſchick, womit die Kleine Alles angriff, und an der Fertigkeit, womit ihr Alles von den Haͤnden ging, ward letzterer irre. Ein Maͤdchen von Stande war an Arbeit der Art, in dieſem Maaße, nicht gewoͤhnt; aber— wo eine Andere plump und derb herum raſaunt haͤtte, ging bei ihr Alles leicht und raſch; ſie faßte Alles nur mit den aͤuſſerſten Fingerſpitchen 170 an; wahrte ihr reinliches Gewand vor jedem Fleckchen, und ſprach, waͤhrend der Arbeit, die dem holden Kinde unbeſchreiblich gut ſtand, im⸗ mer freundlich und gewaͤhlt, ſo, daß der Graf die Frage: wer biſt Du? ſchon wieder auf der Zunge hatte; aber ſie wollte es ihm ja nicht ſagen. Er haͤtte ihr wehe gethan, wenn er ſie noch einmal gefragt haͤtte; er ſchwieg da⸗ her. Meinte er doch, es morgen in den naͤch⸗ ſten Haͤuſern, oder im erſten Dorfe, gewiß zu erfahren. Als das Eſſen zum Auftragen bereit war, trat ſie den Grafen verlegen an und bat um Entſchuldigung, daß ſie mit Tiſchzeug und der⸗ gleichen nicht aufwarten koͤnne; ſie haͤtten fruͤher in der Stadt den beſten Theil ihrer Habſeligkei⸗ ten der Verpflegung ihrer Einquartirten zum Opfer bringen muͤſſen, und hier waͤren ſie drei⸗ mal hinter einander rein ausgepluͤndert worden, ſo, daß ihnen, im ſtrengſten Verſtande des Worts, faſt gar nichts uͤbrig geblieben ſey. 171 Sie brachte jetzt das Eſſen in die Laube und entfernte ſich, um zu der Mutter zu gehen, die eben erwacht war. Der junge Graf aß nur, was das Geſetz der Natur verlangte. Der Gedanke, dieſem Maͤdchen zur Laſt zu fallen, ihr das letzte, das ſie gehabt hatte, zu koſten, war ihm erdruͤckend, und— dann hatte er ſich auch im Stillen ge⸗ dacht, an der Seite der Lieblichen zu genießen, was ſie ſo ſchmackhaft bereitet hatte, und nun war ſie bei der Mutter. Die kindliche Pflicht war ihr heiliger, dringender, als— er ſtockte— die Mutter hatte ſie ja alle Tage; er— er war nur einige Stunden hier.— Es lag ſo eine Art Gleichguͤltigkeit in dem Zuge— waͤre der Fall umgekehrt geweſen, waͤre ſie zu ihm in die Heimath gekommen— wahthaftig, und wenn Vater und Mutter auch ein Bischen krank ge⸗ weſen waͤren, ſo lieb er beide hatte, keine Mi⸗ nute haͤtte er ſich von dem Maͤdchen entfernt— ſie aber hier— ſie ließ ihn allein eſſen und 172 ſchien ſich nicht weiter um ihn zu bekuͤmmern. Der Gaſt war in ihm nicht beleidigt; er hatte in dieſem Feldzuge hundertmal allein gegeſſen, und war daruͤber auf ſeinen Quartierwirth nicht boͤſe geweſen; es war ein anderes Gefuͤhl des Mißmuthes, das dem jungen Rittmeiſter wurm⸗ te; man haͤtte es beleidigte Eitelkeit nennen koͤnnen, wenn ſein Herz nicht mit im Spiele geweſen waͤre. Er hatte in ſeinem Hyaͤnenhunger gemeint, drei ſolche Schuͤſſeln, als ſie ihm vorgeſetzt, ver⸗ zehren zu koͤnnen, und er war mit der vor ihm ſtehenden noch nicht zur Haͤlfte fertig, als er nicht mehr mochte. Die Augen hatte er unverwandt nach dem Huͤttchen gerichtet; einmal mußte Klara doch wieder kommen. 1 Endlich kam ſie, die froͤhlichſte Freundlichkeit im ſprechenden Blicke; ſie erzaͤhlte in ungebun⸗ dener Geſchwaͤtzigkeit, daß die Mutter erwacht ſey und ſich wie neugeboren fuͤhle; daß ſie ſelbſt nern. hatte ?eſſen, nicht des irm⸗ anen piele 173 jetzt alle Gefahr uͤberſtanden zu haben glaube, und daß ſie ſeit langer, langer Zeit zum erſten Male etwas zu genießen verlangt habe, „Wie gut,“ fuhr Klara unbefangen plau⸗ dernd fort:„wie gut, daß der liebe Gott, der uͤberall weiter ſieht, als wir armen Menſchen, Sie mir zugeſendet hatte; waren Sie gerade nicht hier, ſo konnte ich meinem armen Muͤt⸗ terchen in der Geſchwindigkeit nichts bieten, was ſie zu erquicken vermochte; ſo aber hatte ſie kaum den Wunſch nach etwas Herzhaftem ausgeſpro⸗ chen, als ich ihr, die in unſerer leeren Kuͤche nichts vermuthete, ſcherzend entgegnete:„Tiſch⸗ chen, Tiſchchen, decke dich!“ und, als waͤre aus unſerm Huͤttchen ein verzauberter Feenpalaſt ge⸗ worden, ihr von der ſaͤuerlichen Bruͤhe zu Ihrem Eſſen ein Bischen reichen konnte, das ſie mehr ſtaͤrkte, als vielleicht die beſte Arznei.“ Der Graf fuͤhlte den feinen Zug ihrer Gut⸗ muͤthigkeit, womit ſie ihn zum Geſandten der guͤtigen Vorſicht machen wollte; er blickte dem 174 liebenswuͤrdigen Maͤdchen in das große, herrliche Auge, wo der reinſten Freude Thränen ſchwam⸗ men, und ſagte ernſt und herzlich:„was ich ſah, fromme Klara, das hat Gott, der in das Verborgene ſchaut, auch geſehen. Du gabſt das Letzte hin, um den fremden Hungrigen, der Dich anſprach, zu ſpeiſen. Sieh die Geneſung Deiner Mutter, als den erſten Segen Deiner milden That an; wer mit der Zartheit zu geben verſteht, als Du, dem gibt die Allmacht gewiß mehrere Mittel in die wohlthaͤtige Hand, um das Leiden hienieden mit lindern zu helfen.“ Klara, mit der Mutter Wohl zu lebhaft be⸗ ſchaͤftigt, hoͤrte auf die zweite Haͤlfte dieſer Rede zu wenig, um ihren dunkeln Sinn, den der Graf in dieſem Augenblicke vielleicht ſelbſt kaum ahnete, begreifen zu koͤnnen; ſie hielt ſich blos an das, was er vom Segen des Himmels ge⸗ ſagt hatte, und es that ihr wohl, der Mutter hoffentliche Wiederherſtellung ſich durch ihr gaſt⸗ liches Opfer gewiſſermaßen erkauft zu haben 175 Allerdings war es ihr Anzug geweſen, den ſie hingetragen hatte, aber um dieſen Preis— Gott, ſie haͤtte ja gern ihr Leben hingegeben, um die geliebte Mutter zu retten. Jetzt, von der druͤckendſten Sorge um die zaͤrtlich verehrte Mutter wenigſtens in etwas be⸗ freit, nahm ſie ſich Zeit, den Gaſt, den ſie ſelbſt ihr vom Himmel zugeſandt genannt hatte, ein wenig naͤher zu betrachten. Die Maͤdchen ſehen im dreizehnten Jahre ſchon mit ganz andern Augen, als wir im zwanzigſten, und Klara war im Mai ſchon dreizehn geweſen. Sie fand den Rittmeiſter ſehr huͤbſch; ſeine Geſtalt— die Tannen hinter ihrem Weinberge konnten nicht ſchlanker ſeyn— und in dem Geſichte lag ſo viel Gutes, ſo viel herzlich Mildes; ſeine aus⸗ laͤndiſche Ausſprache klang ihr ſo weich und doch ſo maͤnnlich, und was er ſprach, bezeichnete den Mann von ſo feinem Anſtand und rechtlicher Sitte, von ſo gruͤndlicher Bildung und gediegener Gemüͤthlichkeit, daß ſie, ſtatt in den Keller zu gehen, auf den Boden kletterte, und als ſie oben war, ſich gar nicht beſinnen konnte, was ſie hier anz oben gewollt hatte, und noch weniger zu begreifen ben vermochte, wie ſie herauf gekommen war. In⸗ deſſen, da ſie nun einmal hier war, ſo ſchlich ſie in an das Dachfenſter, das nach der Laube fuͤhrte, Fla und belauſchte den kriegeriſchen Himmelsboten zun und freute ſich, als ſie ihn ſitzen ſah, ernſt und Sch in ſich gekehrt, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, dem in tiefes Nachdenken verſunken. Warum es koͤpf ihr lieb war, ihn gerade ſo und nicht anders zu Kla ſinden, daruͤber konnte ſie ſich ſelbſt keine Rechen⸗ Cup ſchaft geben, aber ſie haͤtte weniger, ſie haͤtte gar und B 4 keine Freude gehabt, wenn er allein, luſtig und Lau vergnuͤgt geſeſſen haͤtte. Jetzt fiel es ihr auch ein, was ſie eigentlich gewollt hatte; in den Wir Keller hatte ſie gewollt, um die einzige Flaſche alten Rheinwein, die den Marodeurs nicht in den, die Haͤnde gefallen war, weil ſie in einem engen gung Winkel, tief im Sande vergraben lag, zu ho⸗ Hau len, und dem armen Offtzier, der ſehr erſchoͤpft Vorf oben e hier reifen In⸗ ich ſie uhrte, boten t und ſtuͤtzt, m es rs zu ſchen⸗ te gar 3 und auch den laſche cht in engen u ho⸗ hopft 177 zu ſeyn ſchien, ein Paar Glaͤſer zur Staͤrkung anzubieten. Das Uebrige ſollte der Mutter auf⸗ bewahrt bleiben. Statt in die Laube, trat ſie, ſchon wieder in der unbegreiflichſten Zerſtreuung, mit ihrer Flaſche in die Stube. Die Mutter aber war zum Gluͤcke von Neuem in einen erquickenden Schlaf gefallen, und bemerkte alſo ihr Kind nicht, dem der ſuͤßen Liebe erſte Regungen das Locken⸗ koͤpfſchen gar gewaltig eingenommen hatten. Klara aͤrgerte ſich uͤber ihre Faſelei, wie ſie Cupido's argen Zauberſpuk nannte, jetzt ſelbſt⸗ und ſchlich auf den Zehen hinaus und in die Laube. Eine neue Verlegenheit; in ihrer ganzen Wirthſchaft kein Glas! Der Graf, an das Feldleben gewoͤhnt, haͤtte den, von Klara, unter freundlicher Entſchuldi⸗ gung des von allem Beduͤrftigen entbloͤßten Hausſtandes, halb aͤngſtlich hervorgebrachten Vorſchlag, aus der Flaſche zu trinken, recht gut 12 178 annehmen koͤnnen. Allein er meinte, daß er noch einen weit beſſern Ausweg wiſſe. Er nahm Klara's linke Hand, goß in dieſe den koͤſtlichen Wein, und ſchluͤrfte nun aus der Schneetiefe ihres niedlichen Haͤndchens, den Re⸗ bennektar mit unnennbarem Vergnuͤgen. Wohl lachte Klara uͤber die neue Art zu trinken, aber ſie hatte die hundert leichten Kuͤſſe recht gut ge⸗ fuͤhlt, womit der junge, huͤbſche Krieger ihre kleine Hand vor, bei und nach dem Trinken uͤberſaͤet hatte, und dieſe durchgoſſen ihr Blut mit eben ſo reinem Feuer, als den Grafen nach dem eben gehabten ſeligen Genuß zu durchſtroͤmen ſchien, denn Beide ſahen ſich ſchweigend einander durch die beredten Augen tief in die Seele, als haͤtten ſie ſich verſtanden. „In den neumodiſchen Becher geht nicht allzuviel,“ ſagte Klara nach einer kleinen Weile ſcherzend und reichte ihm die Flaſche:„nun trin⸗ ken Sie einmal ordentlich. Sie beduͤrfen der Staͤrkung.“ aß er Er 2 den der n Re⸗ Wohl aber ut ge⸗ kleine eerſaͤet t eben meben ſchien, durch haͤtten nicht Weile n trin⸗ en der . 179 „Ordentlich?“ fiel ihr, von der Suͤße des entſchwundenen Augenblicks noch berauſcht, der Graf laͤchelnd in das Wort:„ich moͤchte wohl den ſehen, der auf dieſem Erdenrunde heute einen beſſern Trunk gethan. Aber dieſer Wein— allen Reſpekt vor Deiner Winzerkunſt!— doch dieſer Wein wuchs nicht auf Deinen Bergen! Das iſt der ausgeſuchteſte Johannisberger, alter Siebenundzwanziger; den wollen wir Deiner armen Mutter nicht rauben; ſie bedarf ſeiner mehr, als ich.“ „Guter Herr,“ erwiederte Klara geruͤhrt, und dankte ihm durch einen herzlichen Haͤnde⸗ druck:„mein Muͤtterchen ſoll auf Ihre Ge⸗ ſundheit davon trinken, und daß Sie gluͤcklich und unverſehrt wieder heimkommen in den Kreis Ihrer Lieben.“ Der Graf wollte, wenn die Mutter aufge⸗ wacht ſey, zu ihr, um ſie kennen zu lernen, und ſie wegen ſeiner Selbſteinquartierung in ihrem Hauſe um Entſchuldigung bitten; aber 12& Klara erſuchte ihn, das bis morgen fruͤh zu ver⸗ ſchieben. Heute Abend, meinte ſie, werde der Anblick des fremden Kriegers und der Gedanke, ihn nicht nach Stand und Wuͤrden bewirthen zu koͤnnen, die Kranke ſo beunruhigend beſchaͤf⸗ tigen, daß ſie die ganze Nacht kein Auge wuͤrde zuthun koͤnnen. Ueber das Nachtlager hatte ſich Klara ſchon geaͤngſtiget; ſie konnte dem Grafen keinen an⸗ dern Platz, als oben den kleinen Boden des Hauſes anbieten; allein auf dem kalten Eſtrich da oben konnte es ſich unmoͤglich gut ſchlafen, und ſie hatte in ihrem ganzen Vermoͤgen keinen Halm Stroh. Der Graf lachte uͤber ihre Beſorgniſſe, ver⸗ ſicherte, daß, und wenn ſie das ſchoͤnſte Du⸗ nenbette ihm boͤte, er in der Naͤhe ſeines Pferdes bleiben muͤſſe, und da dieſes auf die Bequem⸗ lichkeit eines Stalles dieſe Nacht, wie ſchon ſo manche, verzichten muͤſſe, ſo wolle er ihm hier unter freiem Himmel Geſellſchaft leiſten. ver⸗ e der anke, rthen ſchaͤf⸗ huͤrde ſchon an⸗ des iſtrich lafen, eeinen ver⸗ Du⸗ ferdes ſuem⸗ on ſo hier 181 „Dieſer kleine, ſanft anlehnende Raſenhuͤgel,“ ſeßte er mit ſoldatiſcher Genuͤgſamkeit hinzu: „iſt ein ſo reinliches und vortreffliches Lager, als ich es lange nicht gehabt; der Sattel mein Kiſ⸗ ſen, der Mantel meine Decke, mein Brauner mein Schlafkamerad, die Engel uͤber dem Ster⸗ nenhimmel meine Waͤchter und Du, ſuͤßes Klaͤrchen, mein Traumbild.“ Unter dieſen Worten hatte er ſein wahrhaftiges, Himmel⸗ bett ſich bereitet, huſchte ſich in ſeinen Mantel, ſtreckte die uͤbermuͤden Glieder auf dem kuͤhlen Raſen aus und wuͤnſchte der kleinen Klara eine gute Nacht. Ohne es ſelbſt zu wiſſen, knieete das Maͤd⸗ chen neben ihm nieder, und bejammerte ihr Ge⸗ ſchick, ihm nichts Beſſeres bieten zu koͤnnen, und reichte ihm mit kindlicher Gutmuͤthigkeit die kleine, weiche Hand, die der junge Graf mit zarter Innigkeit an ſeine Lippen druͤckte. Er ſah zu dem lockigen Engelskoͤpfchen herauf und fagte halb im Scherze, halb im Ernſte:„einen 182 Kuß, meine Klara, haͤtteſt Du mir wohl zur guten Nacht geben koͤnnen; ich wuͤrde noch ein⸗ mal ſo ſanft ſchlafen.“ Aber Klare erſchrak uͤber das freie Wort des dreiſten Kriegers und ſprang auf und ſchluͤpfte, ohne viel zu antworten, in ihr Huͤttchen zuruͤck, wo ſie ſich auf ihr aͤrm⸗ liches Mooslager legte; denn die Betten waren ſchon vor mehrern Wochen in die Haͤnde der Pluͤnderer gefallen. Sie lag wohl, aber ſchlafen konnte ſie nicht. Jetzt erſt, als Alles rings umher ſtill war, hatte ſie Zeit, uͤber das kleine Ereigniß des Tages mit Muße nachzudenken. Je feſter ſie die Augen zumachte, deſto deutlicher ſtand der huͤbſche Uh⸗ lanenoffizier vor ihr. Er hatte ſie ſeine Klara, er hatte ſie ſein ſuͤßes Klaͤrchen genannt; dieſe Wohllaute toͤnten ihr noch in der trunkenen Seele nach; er hatte ſie immer ſo eigen ange⸗ ſehen— faſt haͤtte ſie ſchmachtend geſagt, aber der Blick war noch ganz anders, noch viel be⸗ deutender geweſen. Er hatte ihre Armuth nicht verſ gege aus ken Ha es i noch lang bete ſanf den ſie ſelb war abg ſchli auf nich ſtat es peit l zur ein⸗ ſchrak und orten, aͤrm⸗ varen e der nicht. hatte s mit lugen e Uh⸗ klara, dieſe kenen ange⸗ aber el be⸗ nicht 183 verſchmaͤht; was ſie ihm mit vollem Herzen gegeben, das hatte ihm recht gut geſchmeckt; aus ihrer Hand hatte er getrunken, aus der lin⸗ ken, die dem Herzen am naͤchſten war; ihre Hand hatte er mit einer Innigkeit gekuͤßt, daß es ihr war, als fuͤhlte ſie ſeine gluͤhenden Lippen noch darauf beben. Einen Kuß hatte er ver⸗ langt— nein, verlangt nicht, nur darum ge⸗ beten und ſo beſcheiden gebeten, bloß, um recht ſanft zu ſchlafen. Der arme, muͤde Menſch, den haͤtte ſie ihm wohl geben koͤnnen; es war— ſie geſtand es ſich jetzt im vollen Aerger uͤber ſich ſelbſt, daß es nichts, als alberne Ziererei geweſen war, dieſe Bitte dem ſanften, huͤbſchen Manne abgeſchlagen zu haben. Wenn er nun nicht ſchliefe! Und er ſchlief ganz gewiß nicht, denn auf dem harten Sattel— hatte ſie denn gar nichts Weiches, das ſie ihm zum Unterlegen, ſtatt des Kopfkiſſens anbieten konnte?— War es die unermeßliche Gewalt der erſten Liebe, oder peinliche Gewiſſenhaftigkeit der Gaſtfreundſchaft; 184 aber ſie konnte nicht liegen bleiben; ſie huſchte hinaus und brachte das Unterroͤckchen, das ſie am Tage getragen, um es auf den harten Sat⸗ tel zu legen. Der junge Graf ſchlief. Der helle Mond beſchien einen Apoll von Belvedere. Dieſen hatte Klara im Antiken⸗Cabinette geſehen, und mit dieſem hatte der Schlafende, nach ihrer Mei⸗ nung, eine ſprechende Aehnlichkeit, nur daß der Graf ihr noch viel huͤbſcher, noch viel anziehender vorkam, als der antike.*) Mit ſorglicher Ge⸗ wandheit legte ſie die weiche Gabe ihrer keuſchen Liebe auf das harte Feldkiſſen, nahm, da ſie be⸗ merkte, daß der Graf recht feſt ſchlief, ſeinen Kopf zwiſchen beide Haͤndchen, legte ihn behut⸗ ſam auf das Roͤckchen, und freute ſich kindiſch, daß ihr das Wagſtuͤck gelungen und er daruͤber nicht erwacht war. *) Dieſer iſt aus der Graͤflich Bruͤhl'ſchen Samm⸗ lung, und gerade kein Meiſterſtuͤck. mm⸗ 185 Noch einmal bog ſie ſich zu ihm herab und ſah mit ſtillem Entzuͤcken, wie er nun viel behaglicher lag, und ihr Blick weilte mit geheimen Vergnuͤ⸗ gen auf dem maͤnnlichen, ſchoͤnen Geſichte, das der freundliche Vollmond mit ſeinem mildeſten Lichte uͤbergoß. Sie verlor ſich in der heimlichen Betrachtung ſeiner lieblichen Zuͤge, worin ein verſtecktes Laͤcheln ſichtbar ward, als gaukelten der Phantaſie des Schlummernden die wonnig⸗ ſten Traͤume vor. Vielleicht traͤumt er von Dir, ſagte die kleine Eitelkeit zu ſich ſelbſt, warf ihm— es ſah es ja niemand als der Mond, der verſchwiegene Zeuge mancher heiligen, unverrathenen Liebe— warf ihm einen halben Kuß zu und ging nun uberſelig in ihre Huͤtte zuruͤck, die ſie jetzt mit keinem Palaſt vertauſcht haͤtte. Getraͤumt hatte der gute Herr Rittmeiſter nicht, aber geblinzelt. Er hatte im halben Schlafe das zauberholde Maͤdchen kommen und ihm den weichen Schlafapparat bringen geſehen; den zarten Haͤnden zurecht gelegt; er hatte be⸗ merkt, wie ſie ihn freundlich betrachtet, und darum hatte er laͤcheln muͤſſen. Waͤre Klara noch eine Minute laͤnger geblieben; ſo haͤtte er laut lachen muͤſſen, und bei der gluͤhenden Lei⸗ denſchaft, die fuͤr das ſchuldloſe Himmelskind in des jungen Grafen Bruſt, vom erſten Au⸗ genblicke an, ſich geregt hatte, und die jetzt, da er des holden Maͤdchens Wohlwollen und Liebe unverkennbar wahrnahm, in voller Flam⸗ me empor zu ſtuͤrmen anfing, waͤre es vielleicht in dieſem Momente zum gegenſeitigen Ge⸗ ſtaͤndniſſe gekommen, das Beide jahrelanger Schmerzen und tauſenderlei Beſorgniſſe wuͤrde uͤberhoben haben. Am Tage, wenn Alles laut und hell um den Menſchen iſt und er ſich ſelbſt ſieht, denkt und fuͤhlt er gewoͤhnlich ganz anders, als in der ſtillen Mitternacht. Klara begriff, als ſie am Morgen erwachte, er hatte gefuͤhlt, wie ſie ihm den Kopf mit bei⸗ 187 ihre geſtrige ſamaritiſche Barmherzigkeit nicht. Sie ſchaͤmte ſich vor ſich ſelber, und hatte den Muth gar nicht, ſich vor dem Gaſte ſehen zu laſſen. Sie lauſchte vom Bodenfenſter wieder in den Garten hinab; zum Gluͤcke war er eben mit ſeinem Pferde beſchaͤftigt; der Sattel und ihre weiche Spende lagen ihm im Ruͤcken; ſie benutzte den Augenblick; flog hinab, holte, von ihm unbemerkt, ihr Roͤckchen, und beide thaten nun, da Klara ihm das Fruͤhſtuͤck brachte, als ſey nichts vorgefallen. Beide waren in dieſer Nacht ſich in Gedan⸗ ken viel naͤher gekommen, als ſie jetzt in der Wirklichkeit ſich gegenuͤber ſtanden; Beide hat⸗ ten von einander getraͤumt, mit einander ge⸗ koſet, ſich ihre Herzen ausgetauſcht, ſich einan⸗ der ihre Liebe geſtanden, und jetzt hatte Keins den Muth, dem Andern recht in's Geſicht zu ſehen. In ſolchen Augenblicken ahnt der arme irdiſche Menſch, daß die Liebe das heiligſte Ge⸗ fuͤhl ſey; daß ſie im Tiefſten unſeres Herzens wohne und erkennt ſie fuͤr das Hoͤchſte, fuͤr das einzige Himmliſche, das in der menſchlichen Bruſt lebt. Klara ſchlug den Blick zur Erde; ihre ge⸗ ſtrige Unbefangenheit, ihre Froͤhlichkeit, ihr kindlicher Sinn, alle dieſe bunten Schmetter⸗ linge des Jugendfruͤhlings waren verflogen; ſie war wie umgewandelt. Zu dem unge⸗ wohnten Draͤngen in ihrer Schwanenbruſt trat nun auch der erſte Liebesſchmerz. Der Graf ſattelte ſein Streitroß; den kaum Gefun⸗ denenen wollte alſo das Kriegsgeſchick ihr ſchon wieder entreißen. Auch der Graf war ſtill und in ſich ge⸗ kehrt; er mußte fort, und waͤre doch ſo gern geblieben. „Meine Klara,“ ſagte er endlich, als er mit ſatteln fertig war und ſein Pferd vorfuͤhren wollte:„meine liebe, liebe Klara, ich muß von dannen. Wo— wann— wie werden wir uns von ſcho ihm liche wal zurt me mir haſt geſa entg in d was ange der Ent 189 uns wieder ſehen? wirſt Du auch, wenn ich fern ichen von Dir bin, meiner mit Liebe denken?“ Klara konnte nicht ſprechen; ihr großes, ge⸗ ſchoͤnes Auge ſchwamm in Thraͤnen, ſie nickte ihr ihm wehmuͤthig lächelnd zu, und die jungfraͤu⸗ tter⸗ V liche Bruſt hob ſich hoͤher, als thaͤte ſie ſich Ge⸗ gen; walt an, nicht laut zu weinen. nge⸗ b„Wenn ich auch gluͤcklich aus dem Felde ruſt zuruͤckkehre,“ fuhr der Graf mir weicher Stim⸗ Der b me fort:„wo werde ich Dich finden? Du haſt un. mir— ich habe Dich zweimal gefragt— Du hon haſt mir Deinen Namen immer noch nicht geſagt.“⸗ „Weiß ich doch den Ihrigen noch nicht!“ Der entgegnete Klara und ſetzte der Grafen dadurch in in die peinlichſte Verlegenheit; denn zu dem, was er vorhatte, fand er es ſeinem Zartgefuͤhle er angemeſſener, ſeinen Namen, wenigſtens vor en der Hand, nicht wiſſen zu laſſen on„Gut,“ erwiederte er ſchnell, um ihre Quer⸗ Entgegnung zu umgehen:„Du weichſt mir zum 1 drittenmale aus. Aber, wenn ich nun einmal wieder hieher in die Gegend komme, und Du biſt zufaͤllig nicht mehr auf dieſem Weinberge, wie dann? Wie ſoll ich Dich denn anderwaͤrts herausfinden, und ſehen muß ich Dich, ſonſt mag ich gar nicht her.“ „An den Fall hab' ich ſchon gedacht,“ ver⸗ ſetzte Klara, ſich und ihre Liebe verrathend, heimlich:„und ich bin da auf einen Einfall ge⸗ rathen, der— „Nun, laß hoͤren!“ ſagte der Graf, und war begierig, was Schlaukoͤpfchen ausgeheckt hatte. „Vor dem Frieden,“ verſetzte Klare:„kom⸗ men Sie doch wahrſcheinlich nicht in unſere Ge⸗ gend zuruͤck; dann iſt die Reſidenz offen und wir wohnen wieder in der Stadt. Nun koͤmmt bei uns ein Wochenblatt heraus, das heißt der Anzeiger; koͤnnten Sie mir nicht darin ein Zeichen geben, ſobald Sie angekommen waͤren? Meine weitern Maaßregeln wuͤrde ich dann — ver⸗ thend, ill ge⸗ nd eheckt kom⸗ 2 Ge⸗ und zmmt t der ein iren? dann 191 ſchon nehmen, um das Wiederſehen moͤglich zu machen.“ Der Graf, der auf dieſe Weiſe ſich der Nothwendigkeit, ſeinen Namen nennen zu muͤſſen, uͤberhoben ſah, ging mit Freuden in den Vorſchlag ein, und verabredete mit ihr, daß er, wenn er einmal uͤber lang oder kurz nach Dresden komme, in dem erwaͤhnten Anzeiger bekannt machen laſſen wolle, daß Jemand eine Reiſegeſellſchaft nach Berlin ſuche, jedoch ohne Koffer. Deutlicher konnte er— das fuͤhlte wenig⸗ ſtens Klara, und ward feuerroth und laͤchelte und weinte zugleich, vor Freude und vor ſuͤßem Schmerz— deutlicher konnte der Graf ſeine Heirathplane nicht ausſprechen. Denn, was hieß das anders, als daß er ſie mit ſich heim⸗ fuͤhren und auf ihre beſchraͤnkten Umſtaͤnde keine Nuͤckſicht nehmen wolle, daß er ſie liebe, auch ohne gefuͤllte Kiſten und Koffer! Der Karmin der braͤutlichen Schaam uͤber⸗ ——— 192 purperte die ſammetne Wange des lieblichen Kindes, und ſie gelobte dem Grafen und ſich, von nun an, ſobald ſie in die Stadt zuruͤck⸗ kehrte, keine Nummer des Anzeigers ungeleſen zu laſſen. Die beiden armen Verliebten! ſie hatten mit Cupido's Binde vor den Augen ihren Plan gemacht, ohne die Wenn und Aber, die deſſen Ausfuͤhrung in den Weg treten konnten, mit in Anſchlag zu bringen. Wir ſchwachen, arm⸗ ſelichen Menſchen koͤnnen kaum eine Vier⸗ telmeile weit deutlich ſehen, in der Entfernung von kaum einigen Schritten nicht deutlich hoͤ⸗ ren, kaum um uns herum greifen, und wollen bis, Gott weiß, wie weit hinaus, große Plane machen.— Klara hatte der Mutter von der Einquar⸗ tierung dieſen Morgen erzaͤhlt, und der Graf trat in ihr Stuͤbchen, um ihr fuͤr die Aufnahme in ihrem Hauſe zu danken und ihr baldige Beſ⸗ ſerung zu wuͤnſchen. die nied der ſpraͤc ihrer belob blichen d ſich, uruͤck⸗ zeleſen hatten Plan deſſen mit arm⸗ 193 Er fand eine verſtaͤndige, wohlgebildete Frau, die aber Krankheit, Gram und Muthloſigkeit niedergedruͤckt hatten. Klara entfernte ſich einen Augenblick, und der Graf benutzte dieſe Gelegenheit, das Ge⸗ ſpraͤch auf ſie zu bringen, und ihrer Wirthlichkeit, ihrer Gaſtfreundſchaft, ihres ganzen Betragens belobende Erwaͤhnung zu thun. Das Geſicht der Kranken erheiterte ſich zu⸗ ſehends. Welche Mutter hoͤrt nicht gern Gutes von ihrem Kinde?„Es iſt meine Tochter,“ entgegnete die Geſchmeichelte:„aber was wahr iſt, darf ja die gluͤckliche Mutter ſelbſt wohl ſagen; ohr ein Opfer des Todes; ſie hat Alles hingegeben, ihre kindliche Liebe waͤre ich laͤngſt um mich zu retten; ſie weicht nicht von meinem 9 8 8» ihre Geduld, ihre Sorgfalt ſind uner⸗ muͤdlich; ſie vergißt ſich ſelbſt und denkt nur an mich; ſie hat eine Staͤrke im Entſagen, die keine Graͤnze kennt, und eine Gewalt uͤber ſich ſelbſt, die mich in ſtilles Staunen ſetzt. 13 194 blutet ihr Herz im tiefſten Innern und ſie zwingt ſich, froͤhlich zu ſeyn, um mich die Laſt deſſen, was ſie zu tragen hat, nicht ahnen zu laſſen. Ihr taͤgliches Morgen⸗ und Abendgebet iſt meine Wiedergeneſung, und ſchenkt mir der Hoͤchſte, der uͤber Leben und Tod zu gebieten hat, meine Geſundheit wieder, ſo habe ich ſie naͤchſt ihm lediglich meiner guten, meiner from⸗ men Klara zu danken. Liegt es aber in ſeinem weiſen Rathſchluſſe, mich von dieſer Welt ab⸗ zufodern, ſo— ich habe nichts, als mein Kind zu verlieren— ſo faͤllt es mir ſchwer, dieſes ſchulbloſe, fleckenreine Weſen, hier auf dieſer ſuͤndigen Welt, allein ohne Rath und Huͤlfe, ganz verlaſſen zu wiſſen.“ „Das iſt ſie nicht,“ fiel der junge Graf, ſich halb vergeſſend, der ſanftweinenden Mutter in's Wort:„hier, meine Hand darauf— ſie gehoͤrt einem ehrlichen Manne— Klara wird“ — In dem Augenblicke trat das Maͤdchen in das Zimmer. Der Graf, ſich beſinnend, daß ſchm ihn in d Ung Krar Aug dem wingt deſſen, aſſen, ir der bieten ich ſie from⸗ ſeinem lt ab⸗ Kind 195 er keine Zeit mehr zu verlieren habe, eilte nach kurzem Abſchied von dannen, umfaßte draußen vor der Thuͤre die liebreizende Klara, druͤckte, vom Wehe der Trennung ſtuͤrmiſch bewegt, der jungfraͤulich ſich Straͤubenden, zwei— drei— vier ſuͤßſe Scheidekuͤſſe auf die friſchen Purpurlippen, ſchwang ſich mit auffallender Haſt auf ſein Streitroß und jagte den Huͤgel Klara ſah ihm mit unnennbarer Sehnſucht nach. Unten bog er links um die hohe Garten⸗ mauer, noch einen herzinniglichen Blick der ſchme rzlich verlangenden Liebe— und ſie ſah ihn nicht wieder. Er ſprengte hinaus in die dunkle Zukunft, in deren Hintergrunde des Krieges grauſendes Ungethuͤm ſeiner harrte; ſie trat in das ſtille Krankenſtuͤbchen der leidenden Mutter⸗ Dieſe wendete ſich nach ihr um, und in dem Augenhlicke fiel eine reich geſpickte Goldboͤrſe aus dem Bette zu Klarens Fuͤßen nieder. 13* Jetzt wußte Klara, warum der Graf ſo haſtig der davon geritten war, warum er ſeinen⸗Nallen ken verſchwiegen hatte. 2 Beide ſegneten den edlen Menſchen, der mit Be ſolcher Zartheit ſeine Theilnahme bezeigt hatte, ver aber Klara fand bald, als ſie ſich die Sachs Zu naͤher aus einander ſetzte, eine Menge Dinge, bed die ſie tief kraͤnkten; einmal war ihr der Ge⸗ vier danke, ſeine Schuldnerin vielleicht auf ewig zu er? ſeyn, peinigend; dann hatte die Boͤrſengeſchichte Bel ſie um das ganze Abſchiedr heiß hatte ihm recht methodiſch Lebewohl ſagen wol⸗ nich len; das hatte, wie ſie es ſich gedacht, wenig⸗ Kin ſtens eine Stunde dauern ſollen, und nun war Sch er fortgebrauſ't, bloß, um nicht als der Boͤrſen⸗ kon ſpender erkannt zu werden; und ſie haͤtte ihm ten doch noch tauſend wichtige Sachen zu ſagen ge⸗ ihre habt; dann— was die Hauptſache war— ner dann war auch wieder das liebe Gold daran Schulh, dieſ daß ſie ſeinen Namen nicht erfahren hatte. Er liebt wollte keinen Dank; vielleicht auch— verzeiht haſtig 6 KRomen eer mit Boͤrſen⸗ een ge⸗ erzeiht der Gedruͤckten! geneigt, den Handlungen ſeiner Wenenſchen ganz falſche Beweggruͤnde unterzulegen— vielleicht auch ——— nœ;- verſchwieg er ſeinen Namen, um ſich in der Zukunft vor allen Zudringlichkeiten der Huͤlfs⸗ beduͤrftigen zu ſichern! Wenn er ihr nur zum vierten Theile ſo gut war, als ſie ihm, ſo mußte er Vertrauen zu ihr haben, und der ſchwaͤchſte Beweis war wohl der, daß er ihr ſagte, wie er heiße. Sie hatte ihm zwar ihren Namen auch nicht geſagt; aber— werft dem ungluͤcklichen Kinde nicht leeren Duͤnkel vor— es war edle Scham. In ihrer furchtbar gedruͤckten Lage konnte ſich die arme Klara dem heimlich gelieb⸗ ten Manne nicht nennen. Er war fort, und ihre einzige Hoffnung war jetzt auf den Dresd⸗ ner Anzeiger geſetzt. Sie ſegnete ihren Einfall, dieſes unentdeckbare Stelldichein mit dem Ge⸗ liebten ihres Herzens beſprochen zu haben, und genoß ſchon jetzt— der Graf war kaum eine wunden. Sei⸗ — — 198 halbe Stunde fort— den Vorſchmack des gluͤcklichen Wiederſehens. Sie ſchwelgte in dem Gedanken dieſes himmliſchen Gefuͤhls, des einzigen, das unſer Leben hienieden an das Jenſeitige knuͤpft, ſo ſuͤß, daß ſie alles Schmol⸗ len, alles Boͤſeſeyn vergaß, und den gluͤcklich Wiedergekehrten, der jetzt ihr Herz mit ſich ge⸗ nommen hatte, mit ihren Lilienarmen umfing und an ihre treue Bruſt zog— verſteht ſich, in Gedanken. Es ſind jetzt gerade zwei Jahre, als der eben zum Oberſtlieutenant befoͤrderte Graf Lauen⸗ burg nach Dresden kam. Ein ſchoͤner, kraͤftiger Mann, Commandeur eines der bravſten Uh⸗ lanen⸗Regimenter ſeines achtbaren Heeres; die kuͤhne Bruſt mit mehrern wohlverdienten Orden geſchmuͤckt; uͤber der Stirne eine ehren⸗ volle Hiebwunde. Klara, das fromme, wunderſchoͤne Maͤdchen, das ihr einziges Sonntagskleid verkauft, um k des te in 3, des n das chmol⸗ uͤcklich ch ge⸗ mfing t ſich, eben auen⸗ ftiger Uh⸗ eeres; enten hren⸗ dchen, um ihn zu erquicken, das zwiſchen ihm und der hei⸗ lig geliebten Mutter den unbezahlbaren Johan⸗ nisberger Siebenundzwanziger getheilt, um ihn zu ſtaͤrken, das ihm, mit ſchamhafter Schuͤch⸗ ternheit, die weiche Huͤlle ihres zarten Koͤrpers gereicht hatte, um ihn ſanft zu betten; das in allen dieſen kleinen Zuͤgen und in der beiſpiello⸗ ſen Kindesliebe zur leidenden Mutter den Neich⸗ thum ihres Gemuͤths, die Guͤte ihres Herzens, die Reinheit ihrer Gefuͤhle ihm entfaltet hatte; Klara ſtand immer noch vor ſeiner Seele. Er hatte ſeit der Zeit manch liebreizendes Kind ge⸗ ſehen, aber Klara blieb in ſeinen Augen immer die Erſte. Die Entfernung iſt eine heimtuͤckiſche Klippe der Liebenden; die Phantaſie idealiſirt ſich den fernen, geliebten Gegenſtand und erhebt ihn uͤber alles Irdiſche zum Engel. Alle Mängel, alle Schwaͤchen ſchwinden vor dem innern Auge der Einbildungkraft des Liebenden; ſein Idol ſteht fleckenlos, himmelrein, als das Urbild aller göttlichen Vollkommenheit da. 199 Je naͤher der Oberſtlieutenant bem Weich⸗ bilde von Dresden kamz je mehr ihm der Au⸗ genblick, ſeine mit ſtiller Sehnſucht im Herzen bewahrte Klara von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, entgegen eilte, deſto mehr fing die pro⸗ ſaiſche Wirklichkeit an, das angebetete Maͤdchen, das Goͤtterbild ſeiner ſuͤßen Traͤume, des ihr an⸗ gedichteten Phantaſie⸗Schmuckes zu entkleiden, So ſchoͤn, ſo reizend, ſo liebenswerth konnte Klara nicht ſeyn, als er ſich das holde Weſen dachte. Er zitterte vor heimlicher Angſt und vor lauter Freude. War ſie ihm noch ſo gut, als e ſich einbildete, daß ſie ihm ſeyn muͤſſe, ſo bot en ihr ſeine Hand und fuͤhrte ſie heim. Seit jenen, in der Eile halb geraubten, hals 7 erhaltenen Abſchiedskuͤſſen, hatte er kein Wort von Klara gehoͤrt, ſeine damalige Hoffnung von ihr in den benachbarten Weinbergshaͤuſern, oder im erſten Dorfe, erwas Naͤheres zu erfahren, war vergeblich geweſen; jene hatte er menſchen⸗ keer gefunden; in dieſem wußte keine Seele von Veich⸗ Au⸗ herzen ht zu pro⸗ dchen, r an⸗ eiden, onnte geſen d vor 18„ 19 e Klara Und ihrer M Es 3 lag eine von jenem Winzerhuͤttchen entfernt; was x 8 kuͤmmerten ſich die Doͤrfler um den zum bereich gehoͤrenden kleinen Weinberg, mit deſſen Beſitzern oder Bewohnern ſie in kein ſtanden! In Dresden ſelbſt hatte er k kanntſchaft gehabt, und alſo auch von Nier aber Klara Erkundigung einziehen jetzt konnte es ihm nicht ehr⸗ in einer halben Stunde mußte er ihren Namen, Herkunft und ihre ganzen Verhaͤltniſſe w denn er hatte ſich in der Stadt Wien, wo er geſtiegen war, kaum umgekleidet, einen Miethwagen warf und auf den wohlb ten Weinberg jagte. Noch wenige Schritte, und Kl ſeinen Armen. Er konnte nicht im Wagen bleiben, das Herz klopfte ihm ſo bange in der Bruſt; er mußte heraus und ſich ergehen. Einiges aͤrm⸗ liches Hausgeraͤthe, das er vor der kleinen ——— — Thuͤre des Huͤttchens erblickte; zwei Papierſchei⸗ ben im kleinen Fenſter; das ſehr verfallene Dach — alles verrieth ihm, daß Klara und ihre Mutter noch tiefer im Elende ſchmachteten, als in jenen Tagen. Er ſetzte, beklommenen Athems, den Fuß in das Haus; da kam ein kleiner Junge, baar⸗ fuß, unſauber und bloß mit einem ziemlich ſchmutzigen Hemdchen angethan, aus der Stube, klotzte ihn groß an, und fing, wahrſcheinlich aus Furcht vor dem fremden Schnurrbart, laut an zu ſchreien. „Was iſt dir denn, mei Hampelmaͤnn⸗ chen?“ kreiſchte eine weibliche Stimme in der Stube; und eine alte, rothaͤugige Bauerfrau trat heraus, um zu ſehen, was dem kleinen Un⸗ bande Boͤſes widerfahren. Als ſie den blanken Herrn gewahrte, beſchwichtigte ſie den Schreihals durch einige ernſtliche paͤdagogiſche Seitenwinke auf die in der Stube hinterm Spiegel beſindliche —— mlich tube, ) aus t an aͤnn⸗ 1 der rfrau Un⸗ nken ihals vinke liche 203 Ruthe, und fragte, was dem gnaͤdigen Herrn im Belieben ſtaͤnde. „Nichts, nichts,“ entgegnete der Graf, von Wehmuth, Klara's ehemaligen, ſonſt ſo freundlichen Wohnſitz in ſolchen Haͤnden zu finden, tief ergriffen, und wollte fort.„Es war einmal eine gewiſſe Klara hier, die glaubte ich noch hier, und dieſe haͤtte ich gern geſpro⸗ chen. Ihr koͤnnt wohl nicht ſagen, Mutter⸗ chen, wo“— 2 „Klaͤrchen? Klaͤrchen?“ fiel die krumme Alte ein:„nu freilich, die iſt noch hier, meine Schwie⸗ gertochter. Da, der kleine Schmutzhammel da, iſt ihr Junge.“— Sie wiſchte dem lieben Enkelchen mit der Schuͤrze das Naͤschen und ſagte zum trotzigen Dickkopf:„ſo— ſey huͤbſch artig; gieb dem Herrn da ein ſchoͤn Pußpatſchchen.“ Der Graf aber hatte jetzt, in dieſem furcht⸗ baren Augenblicke fuͤr die Huldigung des ihm vorgeſtellten kleinen Sanseuͤlotten keinen Sinn. — Er traute ſeinen Ohten kaum.„Dieß Klaͤr⸗ chens Kind?“ rief er, h und durch erbebt, und trat zuruͤck und ſchlug, die Haͤnde in einan⸗ denn s Mutter noch?“ fragte er, wie halb im 2 ne, als er ſich ſelbſt gefragt zu haben wirklich wache; ob er bei Sin⸗ nen, bei T holte die alte „ne— der Drache iſt, Gott ſey Dank, endlich abgefahren; ſie lag hier und konnte nicht leben, nicht ſterben; bis denn die boͤſe Staupe kam— aber Junge lauf und hol die Mutter— ſag', ſie ſoll gleich kommen.“ Di „Die Krumme lac „Iſt ſie denn zu Hauſe?“ fragte der Graß und veilor vor Angſt, Klara als Gattin eines Andern, als Mutter, in dieſer Lage zu ſehen, dieſen Augenblick zu ſehen, allen Athem in der Bruſt. auf die gemarterte Bruſt.„Lebt Klaͤr⸗ bebt⸗ nan⸗ 205 „Sie arbeitet oben im Berge!“ wiederholte die Alte. af mitleidig nach. Hartherzige:„ging ihr freilich ſauer an. Un⸗ gewohnt Ding iſt bluteſſig ſauer! Sie moͤgen's nun glauben, oder nicht, aber in den erſten vier⸗ zehn Tagen heulte ſie alle Morgen, wenn ſie die Schwielen in den weißen Patſchchen ſah, und mit der harten Hacke doch wieder in den 2 Jetzt aber— mein Chriſtian uͤber das ewige Zimprichthun das Leder einmal recht und ſeit der Zeit— ich muͤßte eine niedertraͤchtige Canaille ſeyn, wenn or dentich dur d9, ich es anders ſagte— ſeit der Zeit muckt ſie nicht und arbeitet unverdroßen, wie ein Baͤr, als waͤre ſie von Jugend auf dabei ge⸗ weſen.“ N2 Dem C jedes Wort das Herz. die krumme 206 delte Weſen, nicht, und ſollte die Welt daruͤber zu Grunde gehen. Er hatte ja der Mutter auf dem Todbette geſchworen, ihr ungluͤckliches Kind nie zu verlaſſen. Nur die allerdringendſte Noth konnte Klara beſtimmt haben, ein ſolches ſchmaͤh⸗ liches Loos zu waͤhlen. Er bruͤtete noch, ganz in ſich verloren, uͤber das, was er thun woltte, als die Alte den Kopf zu dem, ſeit dem Frieden nicht geſcheuerten Schubfenſterchen hinausſteckte und rief:„Nu, wo bleibſt Du denn ſo lange?“ Die Harbeieilende antwortete:„ich komme ja ſchon.“„Es war Klara's Stimme— ſie flog vor dem kaum durchſichtigen Fenſter vor⸗ bei.— Es war Klara. Der Graf zitterte am ganzen Koͤrper. Athemlos trat die junge Winzerfrau ein und fragte, was denn ſo Eiliges los ſey?— Nein— des Grafen ſchoͤne Klara war es nicht. Der Graf gewann wieder Luft in der beängſteten Bruſt; er tachte uͤber das Mißver⸗ 207 207 ſtaͤndniß und uͤber ſich ſelbſt; druͤckte der ar⸗ men, huͤbſchen Winzerin, der man es wohl an⸗ ſah, daß ſie zu der ſchweren Weinbergsarbeit nicht geboren war, fuͤr ihren Zeitverluſt, vor Freude, daß er ſich geirrt hatte, ein Goldſtuͤck in die kteine, durch harte Schwielen entſtellte Hand, und fragte nun umſtaͤndlicher nach ſei⸗ ner Klara. Beide, die junge und die alte Frau, wußten kein Wort von ihr; ſie waren erſt ſeit Kurzem auf dem Berge und hatten von denen, die fruͤher da gewohnt hatten, keine naͤhere Kunde; der Winzer, der ihnen Platz gemacht hatte, war ein alter, einzelner Mann geweſen; zu deſſen Zeit, meinte ſie, habe kein Frauenzimmer im Hauſe gewohnt; ſie verwieſen den Forſchenden indeſſen an ihren Herrn, den Beſitzer des Berges, einen wohlhabenden Mann in der Stadt. Der Graf fuhr in die Reſidenz zuruͤck, ließ ſich bei dem Weinbergsbeſitzer melden, ward A vorgelaſſen, erzaͤhlte, daß er auf ſeinem Berge — 5, daher komme, ſich bei ihm nach ihnen zu er⸗ daß er an/ d ounte, da dieſ die er ge⸗ freundlich aufgenommen wor⸗ bei ſeiner zufaͤlligen Durch⸗ ern Leutchen habe beſuchen wol⸗ Namen vergeſſen habe, und mit breiten Tage ſo ſeltene Tugend akbarkeit, bedauerte aber aufrichtig, mit en Namen nicht dienen zu koͤn⸗ ezte hinzu, daß auch Auskunft erhalten ode abgegangen ſey. Aus deſſen Hauſe indeſſen koͤnne die be⸗ 11 beſagter, ſein Vorgaͤnger, ſchen Geſchlechte ſo gänzlich verfeindeter Ha⸗ milie unmoͤglich geweſen ſey ein, mit dem geſtolz geweſen, daß man in deſſen Naͤhe nie ſeyn, denn mit koͤn⸗ nem auch ilten agen 209 einen Schatten von Frauenzimmer zu ſehen be⸗ kommen habe. Es bleibe daher nur die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß die fraglichen, gaſtfreundlichen Damen, waͤhrend der Kriegstroubeln, auf be⸗ niemten Weinberg lediglich gefluͤchtet, nach Auf⸗ hebung der Belagerung aber, ſich in die Stadt wieder zuruͤckbegeben haͤtten, und daher hier, bei einer hochloͤblichen Polizei wuͤrden ausgefragt werden muͤſſen. Da ſtand der arme Oberſtlieutenant mit ſei⸗ ner brennenden Sehnſucht, mit ſeiner gluͤhenden Liebe, mit ſeinen jahrelang gehegten Traͤumen von der Seligkeit des einſtigen Wiederfindens, am Rande ſeiner Hoffnungen. Das Mittel, ſich einander ein Lebenszeichen zu geben, das ihm Klara beim Abſchiede vorge⸗ zeichnet hatte, und das er damals, in der Zuver⸗ ſicht deſſen nicht zu beouͤrfen, mehr aus Scherz als im Ernſt annahm, der Dresdner Anzeiger, blieb ihm jetzt der einzige Ausweg. Beſprochener Maſen lautete daher ſeine, 14 im gedachten Anzeiger*) befindliche Bekannt⸗ machung, woͤrtlich alſo: „Wenn Jemand am Ende dieſer Woche, „in Geſellſchaft mit Extrapoſt, auf gemein⸗ „ſchaftliche Koſten, in einem ſehr bequemen „Wagen, jedoch ohne Koffer, nach Berlin „zu reiſen wuͤnſcht, der hat ſich in der Stadt „Wien zu melden.“ Er trug ſie mit ſchwerem Herzen ſelbſt in die Expedition, und war nun auf den Erfolg hoͤchſt begierig. Er durchirrte unterdeſſen alle Straßen, alle oͤffentlichen Plaͤtze; er beſuchte alle Kirchen und das Theater, um Klara irgend einmal zu entdecken. Er ſah alle huͤbſchen Mädchen, und deren gibt es viele in Dresden, fuͤr ſeine Wein⸗ bergs⸗Heilige an; er ward hundertmal ge⸗ taͤuſcht, und doch ließ er ſich immer wieder ver⸗ fuͤhren. Auf ſeine Bekanntmachung meldete ſich ein *) S, No. 95 des Jahrgangs 1818. Seite 1237 jung und fried vorn theu zu h dang tel r men sin fers ſellſch ges, Berl Ruf zwar habe ſeine fahre Aeng ken! kannt⸗ Woche, emein⸗ zuemen Berlin Stadt t in die höchſt btraßen, Kirchen aimal zu en, und Wein⸗ nal ge⸗ der ver⸗ ſich ein ite 1237* junger Gelehrter, eine alte verwachſene Matrone und eine herbſtelnde Schoͤne. Erſterer war zu⸗ frieden, wenn er ſein leichtes Mantelſaͤckchen vorn aufbinden konnte. Die Matrone be⸗ theuerte, nur ein unbedeutendes Buͤndel bei ſich zu haben; die ſeptembriſirende Huldin aber be⸗ dang ſich die Erlaubniß aus, ihre kleine Schach⸗ tel mit Putzwaaren, im Wagen ſelbſt, mitneh⸗ men zu duͤrfen; auf dieſe Weiſe der Conditio sina qua non, hinſichtlich des verbetenen Kof⸗ fers, genuͤgend, glaubte jedes von dem reiſege⸗ ſellſchaftluſtigen Oberſtlieutenant, fuͤr ein Billi⸗ ges, in ſeinem ſehr bequemen Wagen mit nach Berlin genommen zu werden. Der ſeines guten Rufs wegen ſehr zaghafte Schachtelengel geſtand zwar, anfaͤnglich einiges Bedenken gehegt zu haben, mit dem Oberſtlieutenant, den man ſich, ſeinem Range nach, viel aͤlter gedacht, allein zu fahren; indeſſen beſchwichtigte die Sittſame ihre Aengſtlichkeit laut mit dem Troſte, unter Koſa⸗ ken und Baſchkiren, waͤhrend des Krieges, Jahre 14* 212 kang gelebt zu haben, ohne daß es einem beige⸗ nack kommen waͤre, ihr ein Leides anzuthun, und ſo daß hoffe ſie auch, mit dem Herrn Oberſtlieutenant werꝛ den kurzen Weg, gewiß zu ihrem beiderſeitigen Sch Vergnuͤgen, zuruͤckzulegen. terw Der Graf vermuthete in jedem dieſer drei V Kar kofferloſen Reiſegefaͤhrten, bei deren erſtem Ein⸗ wag tritte, einen verſteckten, von Klara heimlich ab⸗ V fahr geordneten Liebesboten; und einem Dritten, der vom eigentlichen Zweck jener Bekanntmachung unterrichtet geweſen waͤre, haͤtte die Unterhaltung wan des Grafen mit den ſich Meldenden, unendlichen zn! Spaß machen muͤſſen. Er fragte ſo behutſam 1n und weit ausholend die Leutchen aus; er nahm. 3 ſich gegen ſie anfaͤnglich ſo uͤbertrieben freundlich, ganz ſo komiſch liſtig, ſo zuvorkommend guͤtig, und ganz ward, wenn er merkte, daß die Menſchen von Anze ſeiner Liebesqual keine Ahnung hatten, und geln wirklich weiten nichts wollten, als in ſeinem ge⸗ Wied prieſenen ſehr bequemen Reiſewagen, moͤglichſt kein wohlfeil, mit nach Berlin fahren, nach und altung dlichen utſam nahm ndlich, , und n von und em ge⸗ öglichſt h und 213 nach ſo mißlauniſch, verdruͤßlich, kurz und grob, daß die ſtufenweiſe Gefoppten aus ihm nicht klug werden konnten, und, abſonderlich die welkende Schoͤne, ſich am Ende gluͤcklich pries, mit dem wet⸗ terwendiſchen Sonderling in ſeiner„commoden Karrete,“ wie der fruͤher gelobte bequeme Reiſe⸗ wagen jetzt geſcholten ward, nicht nach Berlin fahren zu muͤſſen. Der Graf entſchuldigte ſich, unter dem Vor⸗ wande, einen Reiſegeſellſchafter bereits gefunden zu haben, gegen die vergeblich Ausgefragten, und ließ ſie alle Drei laufen. Klara, die damals den erſten Plan zu der ganzen Bekanntmachung gegeben, die damals ganz gewiß verſprochen hatte, jede Nummer des Anzeigers ſorgfaͤltig zu leſen, die ihre Maaßre⸗ geln beſtimmt hatte nehmen wollen, um das Wiederſehen moͤglich zu machen— Klara ließ kein Wort von ſich hoͤren. Sie war entweder todt, verſchwunden, oder verheirathet. 244 Drei entſetzliche Fälle, und einer faſt ſo ſchlimm, als der andere. Der Graf blieb noch einige Tage, um ab⸗ zuwarten, ob der Zufall ihm das Maͤdchen in die Arme fuͤhre, das ſeinem Herzen immer theu⸗ rer ward, je mehr ſein Mißgeſchick ſie ihm ent⸗ reißen zu wollen drohte. Er weilte umſonſt. Vom tiefſten Mißmuth niedergedruͤckt, muß⸗ te er ſich endlich entſchließen, Dresden zu ver⸗ laſſen. Er ſchied mit unnennbarem Schmerze; denn nun gab er alle Hoffnung auf, ſein heilig, ſein einzig geliebtes Maͤdchen je wieder zu ſehen. In duͤſtre Schwermuth verſunken, traf er in Toͤplitz ein. Wegen voͤlliger Heilung ſeines linken Arms, den im letzten Feldzuge ein tiefer Lanzenſtich verwundet hatte, war er von ſeinem Arzte zwar hieher geſchickt worden, aber blieb ſeine Stimmung ſo, als ſie bei ſeiner Ankunft war, ſo ging alle Kur, die er ohnehin erſt Ende Auguſts anfing, wo faſt ſaͤmmtliche Gaͤſte das Bad vater ten muͤr der und noch garte die e der ſich Moh Schl hineit digen mern im ſe ken, Son gezog muß⸗ ver⸗ nerze; eeilig, ehen. af er ſeines tiefer inem blieb kunft Ende das vaterlaͤndiſchen Freunde, die er hier traf, kann⸗ ten ihn faſt nicht mehr, ſo mißlauniſch und muͤrriſch, ſo weich und muthlos war der Mann, der ſonſt als ein wahres Muſter von guter Laune und heiterm Frohſinn gegolten hatte. Einer ſeiner naͤhern Bekannten fuͤhrte ihn, noch am Abende ſeiner Ankunft, in den Schloß⸗ garten. Auf dem Wege dahin mußten ſie durch die enge Gaſſe beim Stadtbade. Ein glaͤnzen⸗ der Wagen begegnete ihnen, ſie hatten Noth, ſich auf die Seite zu fluͤchten, denn zwei wilde Mohrenkoͤpfe vor dem Wagen, raſ'ten vom Schloßplatze den Huͤgel herab, in das Gaͤßchen hinein, daß es ausſah, als wollten die unbaͤn⸗ digen Ungethume das ganze Stadtbad zertruͤm⸗ mern. Ein junges, engelſchoͤnes Maͤdchen ſtand im ſchaukelnden Wagen, die Zuͤgel in der Lin⸗ ken, groß und herrlich, wie die Geliebte des Sonnengottes ſelbſt. Sie hieb zwiſchen die un⸗ gezogenen Mohrenkoͤpfe, daß dieſe haͤtten in die 215 Bad wieder verließen, gaͤnzlich verloren. Seine —— 216 Luͤfte fliegen moͤgen, und Papa und Mama, zwei ganz alte Ehrenleute, ſaßen hinter der kuͤh⸗ nen, wunderniedlichen Pferdebaͤndigerin mit ei⸗ ner Sicherheit und Ruhe, als wuͤßten ſie, daß, ſd lange ihr muthiges Kind die wilden Teufel da vorne in der Hand habe, nichts zu befuͤrchten ſey. Zwei reich gallonirte Bedienten ſtanden hinten und ein Jokey flog zu Pferde hinter drein. Das Alles waͤhrte einen Augenblick; der Graf aber erſtarrte vor Freude und Entzuͤcken, denn das Himmelskind im Wagen war Klara. Dem Stadtbade gegenuͤber wohnt ein Barbier, vor deſſen Fenſter ſtand der Graf, wie verſteinert; er konnte vor Freude kein Wort ſprechen, kein Glied ruͤhren. Endlich ſiel er ſeinem Freunde um den Hals, wendete um und zog den Stau⸗ nenden mit ſich fort, dem Wagen nach, der nach Schoͤnau jagte. „Aber, um Gotteswillen,“ fragte der Ge⸗ ſchleppte:„wo willſt Du denn hin? Menſch, Du haſt ja keinen Athem mehr.“ end ama, kuͤh⸗ it ei⸗ daß, el da cchten anden drein. Graf denn Dem „ vor inert; kein eunde Stau⸗ „ der r Ge⸗ eenſch, 217 „Kennſt Du den Wagen, Freund?“ fragte endlich, vor Entzuͤcken rein verklaͤrt, der Graf. „Nun, der gehoͤrt,“ verſetzte dieſer:„dem kroatiſchen Obergeſpann, dem alten Manne, der rechts im Wagen ſaß.“ „Kroatiſchen?“ wiederholte der Graf leiſe, und ein kalter Fieberreif ſtreifte uͤber die jungen Keime ſeiner, eben erſt aufgegangenen Hoffnung — dann hatte er ſich wieder einmal geirrt, dann konnte das kuͤhne Maͤdchen mit den wilden Moh⸗ renkoͤpfen ſeine Klara nicht ſeyn! Er hielt in ſeinem begonnenen Sturmſchritte inne und ſagte mit geſunkenem Muthe—„laß nur, wir holen den Wagen doch nicht ein!“ „Aber, Menſchenkind,“ hob ſein Begleiter lachend an:„was wollteſt Du denn eigentlich mit dem Wagen? Stachen Dir die Kroaten⸗ Beeſter in die Augen, oder die niedliche Jella? „Jella heißt das Maͤdchen?“ fragte der bitter Getaͤuſchte und legte die kalte Hand vor die gluͤhende Stira und wendete um, ohne 218 ſeinen Begleiter viel zu hoͤren, der von dem un⸗ geheuern Reichthum des alten Obergeſpanns, Grafen Zapolya, und von den allgemein an⸗ gebeteten Reizen des liebenswuͤrdigſten aller Kroatenkinder, der jungen Graͤfin Jella, und von den Teufelsſtreichen, welche die unbaͤndigen Mohrenkoͤpfe hier ſchon angerichtet, ein Langes und Breites erzaͤhlte. Wider ſeinen Willen ging der Graf mit dem Geſchwaͤtzigen in den Schloßſaal, ſaß dort am Tiſche, ohne ein Wort zu ſprechen und ohne ei⸗ nen Biſſen zu eſſen, und eilte, nach aufgehobener Tafel, in ſeine Wohnung zuruͤck, denn er war verſtimmt; alle Geſellſchaft, alle Menſchen waren ihm zuwider. Fuͤnf Jahre lang hatte er ſich auf den Au⸗ genblick gefreut, das Maͤdchen wieder zu ſehen, das ihn durch Froͤmmigkeit, durch natuͤrlichen, unverdorbenen Sinn, durch herzliches Entgegen⸗ kommen und durch bluͤhende Reize, mit un⸗ nennbarem Zauber, an ſich gezogen hatte; die dieſ den 219 felſenfeſte, im Glauben an ſein Gluͤck nie be⸗ zweifelte Hoffnung, ſeine holde Klara in ihrem Wohnorte zu finden, war ihm vereitelt worden; hier fliegt ein Maͤdchen vor ihm voruͤber, ſeiner ſuͤßen Klara aͤhnlich, wie ein Engel dem andern, und ſtatt der armen, vaterloſen Sachſin, iſt es die croͤſusreiche Tochter eines Kroaten vom erſten Range. Er woltte bitterboͤſe werden auf die alberne Jella mit ihren Mohrenkoͤpfen, denn die kroatiſche Schoͤne hatte ihm durch ihre auf⸗ fallende Aehnlichkeit das wunde, ſehnſuchtvolle Herz mitten von einander geriſſen, aber er konnte nicht. Es war ja ein Geſicht, eine Geſtalt, eine Haltung mit ſeiner liebholden Klara. So, vollkommen ſo, hatte ſich ſeine Phantaſie das damalige Kind ausgemalt; ſo mußte Klara jetzt ausſehen, ſo voll und ſo uͤppig, im Auge dieſes brennende Feuer, auf den Wangen dieſer feine Karnat, im kleinen Munde dieſer Perlenſchmelz der niedlichſten Zaͤhne, auf den laͤchelnden Lippen dieſer Purpur, im ganzen 2²28 Koͤrper dieſe Kraͤftigkeit, dieſe Friſche, dieſe An⸗ muth, des keuſchen Buſens roſige Bluͤtenhuͤgel hatten ſich hoͤher gewoͤlbt.— Alles das hatte er in dem Nu geſehen, deutlich und beſtimmt in dem Nu geſehen, als die wilde Kroatin vor ihm vor⸗ bei geſtuͤrmt war, und darum war dem Verſtei⸗ nerten wohl zu verzeihen, daß er dem ehrlichen Barbier mit dem Ruͤcken faſt die Fenſter einge⸗ druͤckt hatte, denn er haͤtte tauſend Eide ſchwoͤ⸗ ren wollen, daß das ſeine Klara geweſen, und ſie war es doch nicht. Graͤfin Jella Zàpolya — ein ſteinfremdes Kroatenweſen, draͤngte ſich zwiſchen ihn und ſeine Klara; er mußte mit Gewalt das Bild ſeiner Klara im Gedaͤchtniſſe feſthalten, wie ſie ausſah, als ſie— faſt mit kroatiſcher Natuͤrlichkeit— ſeinen Kopf auf die weiche, warme Huͤlle ihrer reizenden Huͤften legte, um es ſich nicht von der ſchoͤnen Jella auf immer und ewig verwiſchen zu laſſen. Er zau⸗ berte ſich Klara wieder vor die Seele, wie die gutmuͤthige Klara— ſogar in der Pferdelieh⸗ 221 haberei der ſtolzen Tochter des Obergeſpanns aͤhnlich— ſeinem wackern Braunen Hals und Maͤhne ſtreichelte, wie ſie dem durſtigen Thiere das Felſenwaſſer brachte, und immer miſchte ſich die himmliſche Kroaten⸗Graͤfin in die Gruppe, daß er Jella mit Klara und Klara mit Jella verwechſelte, und beſonders in den ſuͤßen Traͤu⸗ men der warmen Auguſtnacht vom ſchalkhaften Morpheus geneckt, aus den verlangenden Armen der einen, an die liebegluͤhende Bruſt der andern gelegt ward. Er erwachte am Morgen muͤde und entkraͤf⸗ tet, als haͤtte er zwei Schlachten geſchlagen. Es zog ihn mit unausſprechlicher Gewalt hinaus nach Schoͤnau; dorthin waren geſtern Abend die Mohrenkoͤpfe gebrauſ't; dort mußte das Kroatenkind wohnen. Doch, wozu ſie ſehen! Je⸗ der Blick auf ſie, war eine Untreue gegen Klara. Begegnete ihm Graͤfin Jella einmal zufaͤllig— ſo klang die Entſcheidung ſeines Herzens in dieſem Selbſtſtreite— ſo wollte er ſich an ihrer Aehn⸗ — 222 lichkeit mit Klara weiden, aber aufſuchen wollte er die Kroatin nicht. Eben im Begriff, in den Fuͤrſtengarten zu gehen, wo ſich ein Theil der Badegaͤſte bekannt⸗ lich des Morgens trifft, hoͤrte er auf dem Flur vor der Thuͤre ſeines Zimmers eine weibliche Stimme ſeinen Bedienten fragen, ob hier der Oberſtlieutenant Graf Lauenburg wohne. Der Graf ſtutzte. Das Frauenzimmer ſprach ſehr gebrochen deutſch, in der Manier faſt, wie die Polinnen, aber doch etwas anders. Der Graf erſchrak; ſo hatte er ſich dieſe Nacht gedacht, daß es klaͤnge, wenn die Graͤfin Jella deutſch ſpreche. Dummer Einfall! Die Graͤfin Zapo- lya, früh, draußen vor der Thuͤre des fremden Oberſtlieutenants! „Die Verliebten ſind verruͤckt!“ ſagte der „Graf, laͤchelnd zu ſich ſelbſt, und horchte weiter. Der Bediente hatte die Frage der Fremden be⸗ jaht; dieſe bat, ſie zu melden. Es lag ein eigner Wohllaut in der Sprache der Rade⸗ bre ollte n zu nnut⸗ Flur — 22 brechenden. Dem Grafen klopfte das Herz unwillkuͤhrlich. Auf die Frage des Bedienten, wen er zu melden habe, antwortete die Fremde:„i heiß Anka.“ „Anka?“ wiederholte des Grafen Diener mit einem Tone, als wolle ihm beduͤnken, einen ſolchen Namen in ſeinem chriſtlichen Taufregiſter nicht zu kennen.— „Sag Sie nur,“ erwiederte die Nachtigall⸗ ſtimme:„i kaͤm von die junge, ſchoͤne Kroati Graͤfi Zapolya.“ Der Graf erwartete die Meldung ſeines Dieners nicht erſt ab; er riß die Thuͤre auf, und Anka, das allernetteſte aller Kroaten⸗Kam⸗ mermaͤdchen, in ſeiner ſaubern, allerliebſten Na⸗ tionaltracht, trat ein; blitzte mit ſeinen kohl⸗ ſchwarzen, brennenden Augen den Grafen freundlich an; brachte etwas von Erſchaft— Paradies— furt— Tſchutſchitza— uͤber die granatbluͤthenen Lippen; uͤberreichte ein Billet mit einem kleinen Paket, und ging, da der Graf mit bebender Hand das Billet erbrach, Au * und nun fuͤr nichts weiter Augen und Ohren ung hatte, ſeiner Wege. üͤbe Die in ſeinen Haͤnden zitternden Zeilen lau⸗ ich teten alſo: ein Mein theurer, treuverehrter me Freund! kon Wohl wird es mir ſchwer, nicht alles mit Plo einem Federſtrich niederſchreiben zu koͤnnen, was der 6 ſich mir in dieſem Augenblicke durch das Herz draͤngt, aber ich will mir Gewalt anthun, und Sie ruhige Beſinnung zu gewinnen ſuchen, um Ih⸗ gew nen das ſchriftlich zu erzaͤhlen, was mir mein V ich Unſtern muͤndlich zu thun leider verbietet. muͤ Als ich heute Abend vor dem Stadtbade hat vorbei fuhr, fiel mein Blick auf Sie. Ich er⸗ bere kannte Sie, Ihrer Civilkleidung ungeachtet, den licht Augenblick, meine raſchen Pferde mußten den nehl Nervenſchlag der Freude, der mir durch alle Glieder flog, fuͤhlen; ſie wurden unruhig, wild⸗ es mit , was 8 Herz ,, und m Ih⸗ mein Ich er⸗ t, den n den ch alle wild⸗ 225 und wollten fort und ich mußte meine ganze Aufmerkſamkeit zuſammennehmen, um die ungezogenen Stoͤrenfriede der Seligkeit, die mich uͤberwallte, nur zu erhalten. Ich ſah mich, ehe ich bei der Toͤpferſchenke um die Ecke bog, noch einmal um; ich dachte, Sie wuͤrden nachkom⸗ menz ich bildete mir ein, Sie muͤßten nach⸗ kommen; allein Sie ſtanden auf dem großen Platze, am Arme eines Dritten, die Hand vor der Stirn, als ſey Ihnen unwohl⸗ Ich hatte mich getaͤuſcht, wie es, ſeitdem ich Sie nicht geſehen, ſchon tauſendmal der Fall geweſen iſt. Sie waren es nicht geweſen, und ich lachte mich uͤber meine unermuͤdliche Gut⸗ muͤthigkeit aus, die ſich von meiner Phantaſie hat ewig foppen laſſen, und doch immer wieder bereit iſt, jeden, der nur eine entfernte Aehn⸗ lichkeit von Ihnen hat, fuͤr Sie ſelbſt zu nehmen. Spaͤt Abends, als ich eben im Begriff war, mich niederzulegen, kam Jerwaz, ein weitlaͤufiger 17 226 Verwandter unſers Hauſes, noch zu mir, um Abſchied zu nehmen. Ein faſt bis an das Laͤcherliche grenzendes Vorurtheil fuͤr Alles, was Uhlane heißt, im Kopfe, erzaͤhlte er mit großer Freude, daß er mit Ihnen im Schloßſaale gegeſſen, daß Sie, wie er von Ihrem Begleiter nach Ihrem Weg⸗ gehen erfahren, Oberſtlieutenant jenes braven Uhlanenregiments waͤren, von dem er die Heldengeſchichte des ganzen vorigen Feldzuges auf das genaueſte wußte, und mit meiner, von ihm im Scherz oft beſpoͤttelten Vorliebe fuͤr dieſe Waffengattung vertraut, plauderte er ein Breiteres, ſagte mir Ihren Namen, und beſchrieb Sie ſo genau, daß ich das Ent⸗ zuͤcken meiner geheimen Freude faſt nicht mehr verbergen konnte. Noch begreife ich kaum, wo ich die Kraft herbekam, die Gleichguͤltigkeit zu heucheln, wo⸗ mit ich ihn fragte, ob er die Uniform dieſes ge⸗ rüͤhmten Heldenregiments kenne; er betheuerte, 2n „ um eendes „ im daß er Sie, Weg⸗ draven r die dzuges reiner, orliebe zuderte amen, 3Ent⸗ mehr Kraft „ wo⸗ es ge⸗ euerte, die Uhlanenuniformen aller Heere zu kennen, und beſchrieb mir die befragte bis auf die kleinſten Schnuͤre. Es war die, keine andere als die, worin ich Sie ſah, als Sie, der ret⸗ tende Engel von unſerem Elende, im Weinberge erſchienen. Jetzt mußten Sie der ſeyn, den ich heute Abend durch meine Unvorſichtigkeit beinahe uͤber fahren haͤtte. Die ſchmerzliche Frage, warum Sie mie nicht nachgekommen, draͤngte ſich mir wieder in das Herz. Er hat Dich nicht erkannt, ſagte eine troͤ⸗ ſtende Stimme in mir; er wollte Dich nicht an Deine Schuld mahnen, eine zweite, Ihren Edel⸗ muth rechtfertigend; er hat Dich vergeſſen, eine dritte, mich bitter verhoͤhnend. Die letzte blieb wie ein Stachel in der wun⸗ den Bruſt. Ich war jetzt froh, daß wir morgen zuruͤckreiſ'ten, denn Sie wieder zu ſehen, und von Ihnen vergeſſen zu ſeyn, war mir eine * 2 . Demuͤthigung, der ich nichts entgeg 2 2 — 8 8 Jerwaz ſchwatzte noch vieles, aber ich hoͤrte mit offenen Ohren nicht; ich ſah meinen ſchoͤnen Traum, den ich fuͤnf Jahre lang tief in meiner Seele bewahrt und mit den reizendſten Farben meiner Phantaſie geſchmuͤckt hatte, den ſchoͤnen Traum des Wieberſchens, wie eine bunte Sei⸗ fenblaſe, vor mir zerſtieben; meine Augen fuͤll⸗ ten ſich mit recht ſchmerzlichen Thraͤnen. Jerwaz, der alberne Menſch, bildete ſich 4 ein, ich weine ſie unſerer Trennung; ich mußte ihm, trotz meiner Verſtimmung, in das Ge⸗ ſicht lachen, und er eilte, beſchaͤmt uͤber das Mißzverſtaͤndniß meiner naſſen Augen, von dan⸗ nen. In der Thuͤre ſchon kam er wieder zuruͤck und brachte mir verſchiedene Briefe an mich, die er dieſen in Empfang genommen, und uͤber ſeine Uhla⸗ 4₰3 229 eben Seit ich Dresden verlaſſen, laſſe ich mir durch eine Bekannte daſelbſt den dortigen An⸗ . öͤrte zeiger woͤchentlich nachſenden, wo ich auch bin. nen Ich griff, wie immer, auch dießmal, unter iner allen Briefen, zuerſt nach ihm, und denken Sie rben die mich begluͤckende Ueberraſchung, als ich in dnen dem Blatte vom 26. d. M. die beſprochene Sei⸗ Aufforderung zur Reiſe nach Berlin,„jedoch fuͤll⸗ ohne Koffer,“ fand. Wer es weiß, was es fuͤr ein Maͤdchen ſa⸗ ſich 3 gen will, die bangſte Sehnſucht im treuen ußt⸗ V Herzen, fuͤnf Jahre lang den Dresdner An⸗ Ge⸗ zeiger zu leſen und immer das Geſuchte darin das nicht zu finden, der kann den Grad meines Ju⸗ dan⸗ els ermeſſen. ruͤck Nein, mein theurer Graf, Sie hatten mich nich, nicht vergeſſen. Poſt Mit froͤhlichem Triumphe antwortete ich der hla⸗ Stimme, mit welcher der Satan des Argwohns bei⸗ zum erſten, aber gewiß auch zum letzten Male in meinem Leben, mich vorhin wie mit einer ——— ——— gluͤhenden Zange gequaͤlt hatte: nein! er hat mich nicht vergeſſen. Jetzt war die Gewißheit, daß Sie jene Weinbergs⸗Erſcheinung wirklich waren, daß Sie mit dem Grafen Lauenburg, mit dem Uh⸗ lanen⸗Oberſtlieutenant, mit dem, den ich heute bei einem Haar todtgefahren haͤtte, mit dem, den Vetter Jerwaz heute Abend geſehen, eine und dieſelbe Perſon waren, meiner Seele unum⸗ ſtoͤßlich, felſenfeſt; und beruhigend ſagte ich mir ſelbſt, daß nun nur zwei Faͤlle noch da waͤren; daß Sie mich entweder nicht erkannt, oder mich, aus Zartgefuͤhl wegen des Darlehns, nicht gleich den erſten Tag Ihrer Ankunft haͤtten aufſuchen wollen. Um den letztern Punkt gleich zu beſeitigen, eile ich, Ihnen die wohlthaͤtig geliehenen hun⸗ dertundfunfzig Louisdore in derſelben Boͤrſe wieder zuruͤckzugeben, womit Sie meiner guten, ſeligen Mutter das Geld mit der, Ihrem Charakter eigenen Schonung, heimlich unter die Decke gelegt —, hat ſene daß uh eute F em, eine um⸗ mir ten; lich, leich 4 hen gen, zun⸗ eder igen kter —, 231 hatten. Sie haben mit dieſem Golde das Le⸗ ben zweier dankbaren Menſchen Jahre lang gefriſtet, die taͤglich Sie geſegnet, taͤglich fuͤr Sie gebetet haben. Sie ſetzten mich in den Stand, meiner heilig geliebten Mutter, bis zur letzten Stunde ihres truͤben Lebens, manche Er⸗ quickung zu reichen, ihr Arzt und Heilmittel zukommen zu laſſen, und, nach ihrem Hinuͤber⸗ ſcheiden, die Zeit, bis mich meine Großaͤltern aufnahmen, ſorgenfrei und anſtaͤndig zu leben⸗ Meine Mutter iſt jetzt bei Gott. Iſt es Ihnen bis hieher wohlgegangen, ſo laſſen Sie mir den gluͤcklichen Wahn, daß dieſes Wohl⸗ ergehen eine Folge meines andaͤchtigen Gebets fuͤr Sie iſt. Mein lieber Dresdner Anzeiger ſchmeichelt mir vor, daß Sie unſer Wiederſehen gewuͤnſcht haben. Laſſen Sie es mich mit der Offenheit, die ich Ihnen ſchuldig bin, mein edler Freund in der Noth, laſſen Sie es mich geſtehen, daß auch ich wuͤnſche, Sie zu ſehen und zu ſprechen; und daß ich ſehr ungluͤcklich ſeyn wuͤrde, wenn dieſer Wunſch mir nicht erfuͤllt werden ſollte. Der Morgen daͤmmert ſchon, und ich hab⸗ Ihnen noch ſo viel zu ſagen, und ſoll in einer Viertelſtunde im Wagen ſitzen, um mit meinen Großaͤltern zu Hauſe zu fahren. Ich bin die ganze Nacht nicht zu Bette gegangen, um mit Ihnen zu plaudern, und nun ich eben anfangen will, Ihnen meine kleine Lebensgeſchichte mit⸗ zutheilen, kommen ſchon die Poſtpferde. Iſt es nicht hart! vielleicht wohnen Sie einige Haͤuſer nur von mir entfernt, und ich fahre fort— weit von hier fort, ohne Ihnen ein freundliches Wort haben ſagen zu koͤnnen. Aber Sie kom⸗ men— Sie haben es ja drucken laſſen— ich habe es ja ſchwarz auf weiß hier vor mir liegen— Sie kommen gewiß und machen, was hier nicht ſeyn konnte, dort moͤglich. Wir wohnen in Tſchutſchitza, in einer der reizendſten Gebirgsgegenden des ganzen Kroatenlandes⸗ Vom Kulme unſers himmelhohen Petſch ſehen —,— —.— Sie das unermeßliche Gruͤn des adriatiſchen Meere 5, und unſere herrlichen Weinberge, un⸗ ſere Oliven⸗ und Feigenwaͤlder ſollen Ihnen ge⸗ wiß gefallen; auch ein Winzerhuͤttchen, ganz dem aͤhnlich, wo Sie uns fanden, habe ich mir bauen laſſen. Mein Großvater weiß von Ihnen und Ih⸗ rer edlen That. Sie werden ihm gewiß ſehr willkommen ſeyn. Ich bat ihn, heute nur noch hier zu weilen, aber leider hat er heute Abend mit einem alten Geſchaͤftsfreund ein Stelldichein im Erzherzog Carl zu Prag beſprochen, und bei ſeiner, mir heute zum erſten Male peinlichen Puͤnklichkeit, war an Aufſchub ſeiner Abreiſe nicht zu denken. Ich muß alſo fort, aber ich ſage Ihnen kein Lebewohl, weil ich— nicht hoffe, nicht ahne, ſondern ganz beſtimmit weiß, daß ich Sie in Prag, oder noch lieber in unſerm himmliſchen Thale an der Grenze des Littorale, bald wieder ſehe. Anka, die ſpaͤter abfaͤhrt, als ich, hat den 234 Auftrag, Sie aufzuſuchen und Toͤplitz nicht eher zu verlaſſen, als bis ſie ſo gluͤcklich geweſen, Sie herauszufinden; daher bin ich daruͤber, daß dieſe Zeilen in Ihre Haͤnde kommen, ganz ruhig. Alſo auf Wiederſehen und zwar auf recht baldiges Wiederſehen, Ihre dankbare Jella. „Kourierpferde!“ rief der Graf ſtuͤrmiſch, dem eben eintretenden Bedienten zu:„und wo iſt Anka, die junge Kroatin, die vorhin den Brief brachte?“ Letztere war laͤngſt fort. Waͤhrend der Be⸗ diente die Pferde beſtellte, lief der Graf, um Anka zu ſprechen; er erfuhr, daß der alte Ober⸗ geſpann mit ſeiner Familie im Paradieſe*) ge⸗ *) Bekanntlich hat faſt jedes Haus in Toͤplitz einen Namen; das Paradies iſt in Schoͤnau eines der ſchoͤnſten Haͤuſer. Schoͤnau aber ein, dicht an ht 5, 235 wohnt hatte. Dorthin ſtuͤrmte er, aber Anka war bereits abgereiſ't. Er holte ſie in Bilin ein und gab ihr zum Botenlohn fuͤr das Billet deſſen goldene Beilage, mit dem Erſuchen, ſie als dereinſtiges Hochzeit⸗ geſchenk von ihm anzunehmen. Die ſchwere Boͤrſe im Schooße, ward der Ueberraſchten die Zunge leicht, und ſie erzaͤhlte in ihrem kaum verſtaͤndlichen Deutſch, was ſie von ihrer jungen Graͤfin, die ſie wie einen klei⸗ nen Abgott liebte, nur wußte. Der Auszug dieſes kauderwelſchen Galimathias war, daß Klara's Mutter ſich wider Willen der Aeltern verheirathet, und darum die aͤlterliche Liebe fuͤr ihre ganze Lebenszeit verſcherzt hatte; daß erſt nach dem Tode der Mutter die Großaͤltern, durch Vermittlung einer Bekanntin in Dresden, von Klara Kunde erhielten; daß ſie das Maͤd⸗ Toͤplitz anſtoßendes, mit ganz neuen, freundlichen Haͤuſern geſchmuͤcktes Doͤrfchen. 236 chen zu ſich genommen, jedoch unter der einzigen Bedingung: den Namen Klara, weil die Mut⸗ ter auch Klara geheißen, ſo lange ſie in ihrem Hauſe ſey, abzulegen; daß ſie ihr zur Pflicht gemacht, ſich mit dem echt kroatiſchen Namen der Großmutter, Jella, nennen zu laſſen; daß ſie das Enkelkind auf den Haͤnden truͤgen, daß der alte Obergeſpann bei Warasdin, Fiume und an der Kulpa große Guͤter habe, wo Alles, ſo weit der Himmel blau, ſein ſey; daß ſeine zehn⸗ tauſend Schaafe ſo ſchoͤn ſeyen, wie die koͤnig⸗ lichen Merinos zu Holitſch und Morkopail; daß Jella das ungeheure Vermoͤgen der Großaͤltern allein erbe;(dem Grafen fiel ſeine in Erfuͤllung gegangene Prophezeihung ein, daß Klara einmal große Mittel in die wohlthaͤtige Hand bekom⸗ men werde, um Menſchenelend zu lindern) daß mehrere Verwandten des Ban*) und des *) Ban(vielleicht das polniſche Pan, Herr) iſt die erſte Perſon vom hoͤchſten Range in Kroatien⸗ —— Commandanten*) lauter reiche und angeſehen 8 Maͤnner, und eine Menge Praoͤdialiſten 33 um Jella geworben; daß der alte Obergeſpann wohl gegen dieſen und jenen nichts zu erinnern gehabt, daß aber Jella immer eingewendet, vor der Hand nach ledig bleiben zu wollen,„und,“ ſetzte Anka, mit einem pfiffigen Seitenblick ihrer Kohlenaugen auf den Wonnetrunkenen hinzu: „ſchoͤni Jella at ſchon ſicher eine uͤbſe deutſch Err ſerr lieb.“ Wer fliegt mit mir und dem uͤberſeligen Grafen nach Prag! Er uͤberholte den Sechs⸗ ſpaͤnner des Obergeſpanns, ohne ſich in ſeinen Wagen ſehen zu laſſen. Im Angeſichte des Erzherzogs Karl empfing er die Ankommenden; *) Iſt die zweite Perſon im Lande; unter ihm ſtehen die Warasdiner, kroatiſchen und Karl⸗ ſtaͤdter Regimenter. **) Biſchoͤfliche Edellen te, Beſitzer ſolcher Guͤter⸗ mit welchen der zichti von Agram, adelige Familien zu belehnen, b ſt b igt iſt, Jella ſank mit einem lauten Freudenſchrei des reinſten Entzuͤckens in ſeine Arme. Punktum. Denn daß der Graf einige Tage darauf ſeine Verlobung mit der engelgleichen Jella feierte und einen Monat ſpaͤter in Kroatien die Hochzeit, verſteht ſich von ſelbſt. Nach dem Austritt aus dem großaͤlterlichen Hauſe nahm Klara den Namen ihrer verklaͤrten Mutter wieder an. Im folgenden Jahre be⸗ ſuchte ſie mit ihrem gluͤcklichen Gatten die ſtillen Thaͤler, wo ihre Großaͤltern wohnten. Die liebliche Klara brachte dem alten Obergeſpann einen bausbaͤckigen Urenkel mit, in deſſen kleinen Pulſen ſichtbar noch Kroatenblut rollte. In Toͤplitz verlebten ſie einige Tage wieder im Paradieſe, wahrhaft paradieſiſch. Am Scheidetage trank der Graf wieder aus Klara's linkem Schwanenhaͤndchen ein Glas alten Ungar, auf die Dauer ſeines Paradieſes. 239 des An der Seite einer geliebten Gattin, Vater eines geſunden Kindes, ein reines Herz in der i Bruſt, Geiſt und Gemuͤth beſchaͤftigende Arbeit, . den Kopf von Nahrungſorgen frei, und zuwei⸗ 4 len ein Glas alten, reinen Weins mit einem 9 treuen Freunde— mehr bedarf es nicht, um hienieden uͤberall im Paradieſe zu ſeyn. den ten be⸗ 8—— len Die nn en er m ˙s — r,—— Gedruckt in der Gerlachſchen Buchdruckerei. Bei der Arnoldiſch en B Buchhandlung in Dresden ſind folgende dr ten von A. Apel, H. Clauren, C. W. Conteſſa, zuwald, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, . Schilling, S Schutze, K. Streckfuß, C. F. van Andern erſchieuen und um die beigeſetzten Preiße andlungen zu bekommen: n Th und F Kind, auf das Jahr .41819. GThlr. 1820. 6 Thle. 1821. Thlr. Tragöͤdie m. K. Thlr. 9eS Kaufung, Trauerſpiel. 29 Gr. Drei Erzaͤhlungen von Fr. Laun, Fr. Kind illing. 1 Thlr. 6 gr. Drei Erzaͤhlungen v. Fr. Laun, K. Stead füß und Thlr. 6 gr. neine Frau. Drei Erzaͤhlungen, von Fr. Laun, und A. Lindau und G. Schilling. 1 Thlr. Clauren, Luſtſpiele. 2 Thle. 1818.— 2 Tblr. Scherzü. Ernſt. 1r, 2r Thl. 2teAufl. 1820. 1 Thlr. 2 2 ⸗ 3r, Ar Thl. 2te Aufl. 1820. 2 2ℳ2.⸗ 27⸗ ⸗ 5r, ör Thl. 1820. 2 T 5 2 2 2 71, 8r. Thl. 1821. 22 2 Das 5 7 Der ⸗ Der Sihwein eie zucchat en. 1 Thlr. Houwald S Laun, Zwei B .1809. 2te uu. 1800). 1 T 7 Die Gevarter 7 iſt. orien ohne? 1 Thlr ⸗ Die nie Jut 9 1 9 5 1 7 dung en verwandten Inates W. 8 1 T 2 ach Walter Scott, 3Thle. 1820. 2Thi R. 3 1 St. n, 1r Thl. 1821. K. 1842. aus dem No rden. 1820. r nie 1819. Prlez Friedrich. 1820. Die Erdberung ig von Mexiko, 3 Thle. —— gende teſſa, ndau, . van breiße Tlnn 1nn Inſhnt ſnin 12 13 14 15 16 17