„⸗—.—.— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſo den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 9. wird. 8 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl eträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolche Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt lorene oder defecte Buch ein der Leſer zum Erſatz 7. Pajuneelie Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 H. Clauren. Siebenter Theil. 7 Dresden, 1821. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Scherz und Ernſt, „von H. Clauren. Siebentes Baͤndchen. Inhalt: Die Rutſchparthie. Leidenſchaft und Liebe. 8 ——— Die Rutſchparthie. I. Wer hat denn ausgeſpielt? „ Wer hat denn ausgeſpielt?“ fragte die zahnloſe Generalin zum dritten Male. Denn das ausgeſpielte Blatt lag ſeit einer halben Vier⸗ telſtunde auf dem Tiſche, und ſaͤmmtliche vier Damen hatten, im chriſtlichen Eifer, dem lieben Naͤchſten Ehre und guten Namen zu rauben, im Unmuthe uͤber die wieder ſteigenden Preiße des Kaffee's, und im gerechten Zorne uͤber die abſcheulichen Dienſtmaͤdchen, die ſich erfrechten, viel niedlicher zu ſeyn, als ihre alten Herrinnen, ihr ganzes Whiſt ſo vergeſſen, daß keine wußte, was Trumpf war, und keine, wer die Vorhand hatte. „Ich, liebe Exzellenz,“ ſagte endlich die in ihrem Fette faſt erſtickende Landraͤthin:„ich muß ausgeſpielt haben, denn mir fehlt die drei⸗ zehnte Karte in der Hand.“ Sie hatte aber, ungeachtet ſie in Gedanken ſieben Mal hinter⸗ einander gegeben, vergeſſen, daß ſie eben wieder zum achten Male Karte gegeben, und daß ihr vermißtes dreizehntes Blatt aufgedeckt auf dem Tiſche lag. Keine merkte den Fehler, auch kam er beim Ende des Spiels nicht zur Sprache, denn das Spiel ſelbſt kam gar nicht zu Ende, weil ſchon beim dritten Stiche das Geſpraͤch eine Wendung nahm, wobei alle vier Damen, die noch in ihren Haͤnden beftndlichen Blaͤtter ein⸗ muͤthiglich auf den Tiſch legten und an die Rob⸗ berpartie nicht mehr dachten. „Wiſſen Sie denn ſchon,“ ſagte naͤmlich die ſchindelduͤrre Conſiſtorial⸗Raͤthin, und invitirtee auf Coeur:„wiſſen Sie denn ſchon die ſaubere Geſchichte von Mamſell Linchen?“ A E& 2. Das Mutterrecht. „Von Lamberts Linchen?“ fragten alle drei aus einem Munde, und die Frau vom Hauſe, die Kammerpraͤſidentin, wechſelte die Farbe, denn in der Stadt hieß es: ihr Julius habe mit dem Maͤdchen ein heimliches Verſtaͤnd⸗ niß, und in dem haͤmiſchen Geſichte der ſaffran⸗ gelben Conſiſtorialraͤthin las die Mutter Dinge, die fuͤr die Ehre ihres Julius und ihres ganzen Hauſes, Alles fuͤrchten ließen. „Das gute Kind,“ fuhr die menſchenfreund⸗ liche Gattin des Dieners Chriſti fort:„muß Knall und Fall aus der Stadt; Sie verſtehen mich, Knall und Fall. Sie nimmt heute rings⸗ herum bei der lieben Sippſchaft Abſchied; ich bin ihr ſelbſt begegnet. Es iſt wahrhaftig Zeit, daß ſie fortkommt.“— „Nun ſagen Sie doch, ¹ fiel ihr die Land⸗ raͤthin in's Wort und gab ihrem keuchenden, —————,— 6 lebensſatten Mopſe auf dem Schooſe, aus der Untertaſſe die Haͤlfte ihres Kaffee's zu ſaufen: „was iſt denn mit ihr vorgegangen? Haͤßlich war das Ding nicht; ich wollte es einmal als Kammermaͤdchen miethen; ſie ſoll recht geſchickt ſeyn, und ſchien fuͤr ihren Stand ziemlich feine Manieren zu haben; aber, Gott bewahre; da legte ſich der Herr Vormund darein und fing einen heilloſen Spektakel an und meinte, ſeine Muͤndel waͤre dazu viel zu gut. Nun, du mein Himmel, da waͤre der Mamſell auch noch keine Perle aus der Krone gefallen; muͤſſen doch jetzt ganz andere Maͤdchen, ſtiftsfaͤhige wohl gar, conditioniren, wenn ſie nicht verhungern wollen; ich haͤtte koͤnnen zwanzig Offiziertoͤchter in mei⸗ nen Dienſt bekommen, wenn ich gewoltt haͤtte, nun, und ein Offizier iſt doch ein ganz ander Ding, als ſo ein lumpiger Herr Leinwandhaͤnd⸗ ler Lambert.“ „Der alte Narr, Gott 8b ihn ſelig,“ nahm die Generalin das Wort:„war auch ſo „ 4 ein Mosje Superklug. Er that, den heimlich reichen Leuten gleich, immer, als wuͤßte er nicht, wovon er morgen leben ſollte, und wollte damit der Welt weiß machen, wunder welche Schaͤtze er mit ſeinem bischen Leinwandhandel zuſam⸗ men geſpact häͤtte; und, weiß der Herr, oft konnte er nicht uͤber zehn Thaler disponiren. Denken Sie ſich, mein Vetter, der Lieutenant, ſprach ihn einmal um 50 Ducaten an; nur auf ſechs Wochen; glauben Sie, daß der arme Schlucker ſie haͤtte aufbringen koͤnnen?“ „So ein Menſch,“ unterbrach ſie die Land⸗ raͤthin:„zur Ehre haͤtte er es ſich ſchaͤtzen ſollen, durch eine Gefaͤlligkeit der Art mit Ihro Ex⸗ zellenz werther Familie in Verbindung zu kom⸗ men; aber heut zu Tage—“ „Nicht einmal 50 Ducaten,“ verſetzte die Conſiſtorialraͤthin hoͤhniſch lachend:„und ſollte, heißt's immer, große Geſchaͤfte nach Spanien machen;— ſpaniſche Fliegen kann ſich die Jungfer Tochter auf die Zirbeldruͤſe legen, um 8 ſich die großen Roſinen aus dem Kopfe ziehen zu laſſen!“ „Was iſt denn an dem Maͤdchen ſelbſt?“ fragte die Praͤſidentin mit zagender Aengſtlich⸗ keit, denn es bangte ihr vor der Antwort. Sie hatte erſt ſeit Kurzem durch die dritte Hand von ihres Sohnes Neigung zu Paulinen gehoͤrt. Die Strenge ihres Mannes, der nichts auf dem geraden, offenen Wege abmachte, ſondern deſſen Lieblingsweiſe es war, alles heimlich zu ſpinnen und alles ſuperfein einzufaͤdeln, war ſo eiſern, daß ſie ſich nie erlaubte, mit Julius, ihrem einzigen Sohne, uͤber ſein Verhaͤltniß zu dieſem Maͤdchen zu ſprechen. Der Praͤſident hatte zu ihr geſagt:„ich weiß, wie er zum Maͤdchen ſteht; laß mich nur machen, ganz allein machen; miſche Dich nicht in Dinge, die Du nicht uͤberſiehſt, die Du nicht zu zuͤgeln ver⸗ ſtehſt; er geht an meiner unſichtbaren Leine; wenn es Zeit iſt, haue ich den Knoten entzwei, wie Alexander den Gordiſchen!“ 9 „An dem Naͤdchen ſelbſt?“ entgegnete die Conſiſtorial⸗Schlange:„kennen Sie denn die Jungfer Zimp nicht?“— „Ich habe das Maͤdchen nie geſehen,“ er⸗ wiederte die Praͤſidentin und ſchlug die Augen nieder, denn die Conſiſtorial⸗Raͤthin lachte laut auf und ſagte:„Nun, Sie ſind eine allerliebſte Schwiegermutter; die ganze Stadt traͤgt ſich mit dem Geruͤchte, daß ſie Ihrem Julius den Kopf verruͤckt, und daß ſie es darauf abgeſehen habe, platterdings Ihre Schwiegertochter zu wer⸗ den, und Sie kennen das ſaubre Fruͤchtchen nicht einmal! Ich ſtehe Ihnen dafuͤr, beide lie⸗ gen in dieſem Augenblicke einander in den Ar⸗ men und ſchwoͤren ſich zum Abſchiede unter tau⸗ ſend ſyrupſuͤßen Thraͤnen ewige Liebe und Treue. Liebſte Praͤſidentin, Sie ſind eine himmliſche Frau; auf Ihren Thees bin ich am liebſten in der ganzen Stadt, und Ihr Haus iſt ein's der erſten in der Reſidenz, aber Ihr Mutterrecht— nehmen Sie es mir nicht uͤbel, ich rede uͤber 10 Sachen, die mich nichts angehen— Ihr Mut⸗ terrecht haben Sie ſich rein aus den Haͤnden winden laſſen. Sie wiſſen, Chlorindchen Duͤmpling— ſie brennt auf Julius, wie ein unterirdiſches Steinkohlen⸗Bergwerk— ſehen Sie, die muͤßte mir der Herr Julius nehmen; er möchte wollen oder nicht. Chlorindchen iſt aus einer der aͤlteſten Familie des Landes; wir haben zwei Miniſter aus dem Hauſe gehabt, und bei der Armee ſind immer Duͤmlinge ge⸗ weſen. Geld hat ſie nicht, indeſſen haben Sie doch genug, um zehen ſolche Schwiegertoͤchter ſatt zu machen. Aber ich weiß, der ſaubere Herr Julius hat ihr immer keinen rechten Geſchmack abgewinnen koͤnnen, weil ſie auf dem einen Auge ein bischen einen falſchen Blick hat; auch hat er neulich uͤber ihre ſchwarzen Zaͤhne gewitzelt und ſich uͤber ihren großen Fuß aufgehalten. Gut, dann waͤr' die kleine Graͤfin Hornhauſen doch wahrhaftig ein Maͤdchen, wogegen nichts einzuwenden iſt. Er hat ſie neulich, weil ſie 11 immer ein wenig blaß ausſieht, eine kaͤſeweiße Roſe genannt. Waͤr' ich nur dabei geweſen, ich haͤtte ihm wahrhaftig darauf dienen wollen; — dieſe weiße Roſe hat 100,000 weiße Thaler, iſt Graͤfin und—“ „Laſſen wir die Graͤfin,“ ſagte die Gene⸗ ralin ſchnippiſch:„damit iſt es ſo weit nicht her; der Großpapa war Schlaͤchter; ich ſehe den Mann heute noch mit ſeiner Wurſtmulde und dem weißen Schuͤrzchen, vor unſerm Hauſe vor⸗ bei, auf den Markt gehen; die delikateſten Le⸗ berwuͤrſte im Lanoe hatte der Mann, und ſeine Magenwurſt, Gott weiß, ſie war mir lieber, als die Goͤttinger. Im Kriege machte er drei große Ochſen⸗Lieferungen, und ſchlug dabei ſolch ſinnloſes Geld zuſammen, daß er damit nicht wußte, wohin. Am Ende verliebte er ſich— es war ein huͤbſcher, ſtattlicher Mann— in ein armes, blutarmes Fraͤulein, und um dieſem ſeine Ochſenreiche Hand ſtandesmaͤßig bieten zu konnen, laͤßt ſich der Mann in den Grafenſtand 12 4 d erheben; waren alſo die Ochſen nicht, ſo wußte auch von der guten Graͤfin Hornhauſen kein Menſch ein Wort.“ „Mit oder ohne Ochſen, gnaͤdigſte Erzel⸗ lenz,“ unterbrach ſie empfindlich die conſiſtorial⸗ raͤthliche Schneidemuͤhle:„das Maͤdchen iſt ein⸗ mal Graͤfin, das kann ihr keiner nehmen, und ſie iſt mir am kleinen Finger lieber, als die hochgeprieſene Mamſell Lambert, mit der ihr Herr Vormund thut, als haͤtte ſie eine Million, und die doch noch einmal Gott danken muß, wenn ſich ein ehrlicher Schneidermeiſter um ſie bewirbt.“ In dieſem Tone ging es fort, und die be⸗ ſorgte Mutter konnte auf ihre Frage, nach dem in⸗ nern Werthe des Maͤdchens, immer keine be⸗ ſtimmte Antwort erhalten; nur ſo viel bekam ſie endlich von den natterzuͤngigen Splitterrich⸗ terinnen heraus, daß ſie alle drei von Linchen nichts Nachtheiliches wuͤßten, daß das Maͤdchen nicht haͤßlich ſey, ſich zwar aͤuſſerſt einfach und 13 7 faſt kleinbuͤrgerlich, aber doch recht geſchmackvoll 1 kleiden, und ſich faſt nirgend anders, als in der Kirche, öͤffentlich ſehen laſſen ſolle. Die Klatſch⸗ und Whiſtſeſſion ward endlich aufgehoben, und die Damen gingen aus einander. d e 3. k Vielleicht waͤr' alles anders. 3 Der von der giftigen Conſiſtorial⸗Raͤthin 4 hingeſprudelte Vorwurf, daß ſie ihr Mutterrecht 4 ſich habe nehmen laſſen; das truͤbe, in ſich ge⸗ kehrte Weſen ihres Sohnes, das ſie ſeit einiger 2 Zeit wahrgenommen; die Nachricht, daß Pau⸗ 2 line von ihren Bekannten hier Abſchied nehme 4— das alles wirkte auf die arme Frau, die ſeit 3 faſt dreißig Jahren willenlos gelebt und ſich ge⸗ 3 woͤhnt hatte, dem despotiſchen Starrſinn ihres 1 Gatten uͤberall fuͤgſam nachzukommen, ſo ſon⸗ n derbar, daß ſie unruhig ward und lange mit ſich nicht einig werden konnte, was ſie thun 14 ſollte, um das Gluͤck ihres einzigen Sohnes, an dem ſie mit unendlicher Liebe hing, nach ihren Kraͤften wahrhaft zu begruͤnden. Mit dem Praͤſidenten offen daruͤber zu ſpre⸗ chen, wie ihr als Frau geziemt und gebuͤhrt haͤtte, war gar kein Gedanke; er haͤtte gleich beim er⸗ ſten Worte ſie mit einem kalten„das verſtehſt Du nicht“ abgewieſen, ſelbſtzufrieden gelaͤchelt, die Thuͤre in die Hand genommen und ſie ver⸗ laſſen. Sie haͤtte mit dem Vertrauten ihres Man⸗ nes, dem Kanzeliſten Heimlich, Ruͤckſprache nehmen koͤnnen, um ſich von der Lage der Sache zu unterrichten, denn dieſer wußte gewiß alles; er war die Creatur, der Guͤnſtling ihres Man⸗ nes; aber ſollte ſie dieſem Menſchen, der ohne⸗ hin ſchon im Hauſe mehr wog, als ſie ſelbſt, ſollte ſie ihm noch mehr Gewicht geben? Der Naͤchſte war ja ihr Sohn ſelbſt. End⸗ lich einmal, nach langen dreißig Jahren, faßte be ſich das Herz, nach der ihr aus den Haͤnden 15 gewundenen Mutterrolle zu greifen, und ließ ih⸗ rem Sohne ſagen, er moͤge noch vor neun Uhr heute Abend zu ihr kommen; denn um dieſe Stunde kehrte der Praͤſident vom Caſino zuruͤck. Julius, etwas Alltaͤgliches ahnend, kam zwar; war aber ſehr eilig und ſchien aͤuſſerſt ver⸗ ſtimmt und truͤbſinnig zu ſeyn. Die Mutter ſprach, zum erſten Male in ſeinem Leben, uͤber ſein Herz mit ihm, und die Milde, die freundliche Guͤte, die in ihrer Rede lag, wirkte auf das Gemuͤth des jungen Man⸗ nes ſo tief, daß ihm das Waſſer in die Augen trat, und er mit kindlicher Innigkeit der Mutter Hand an ſeine Lippen druͤckte, und halb leiſe ausrief:„O meine Mutter, warum haben Sie nicht fruͤher ſo geſprochen, dann waͤr' vielleicht alles anders.“ 4. Die Mutter Und der Sohn. „Iſt denn jetzt meine Rede zu ſpaͤt?“ fragte beſorglich die Mutter. 16 „Gewißermaßen ja,“ entgegnete Julius. „Der Vater beſteht darauf, daß ich die Verbin⸗ dung mit Paulinen ſchlechterdings aufheben ſoll. Mutter, ich kann das nicht; ich habe dem Va⸗ ter, mit der ihm gebuͤhrenden Achtung, offen und ehrlich geſtanden, daß ich es nicht kann. Pauline iſt das ſchoͤnſte Maͤdchen in der Reſi⸗ denz; aber das iſt ihr geringſter Vorzug; Sie werden mich vielleicht parteiiſch nennen, darum kann mein Zeugniß bei Ihnen nicht gelten; aber fragen Sie alle, die das Maͤdchen genauer kennen, und Sie werden einſtimmig hoͤren, daß es auch das tugendhafteſte, das froͤmmſte in der Stadt iſt. Sie kennt zu ihrem Gluͤck unſere ſogenannte große Welt nicht, aber ich fuͤhre ſie heute in unſere Zirkel und ſie ſollen mir alle ge⸗ ſtehen, daß Pauline die erſten Damen des Ho⸗ fes an Anmuth uͤberſtrahle, an Kenntniſſen uͤbertreffe. Sie ſpricht franzoͤſiſch, engliſch, ita⸗ lieniſch, ſo gelaͤufig und gut, als deutſch; ihre feinen Arbeiten zeigen von ihrem Geſchmack und lius. bin⸗ ſoll. Va⸗ pffen unn. deſi⸗ Sie rum ten3 auer daß „ 7 1 von muͤhſamen Fleiße, nud ihre Haͤuslichkeit kann unſern ſaͤmmtlichen Maͤdchen zum Muſter dienen; ſie weiß, was ſie fuͤr dieſes Leben zu wiſſen braucht, und traͤgt in ihrer Bruſt ein Herz, womit ſie die Welt hienieden dem Manne, welchen ſie ſich zum Gefaͤhrten waͤhlt, zum Him⸗ mel umſchafft. Nur zwei, zwei erbaͤrmliche Gluͤcksguͤter fehlen ihr, Geld und Herkunft. An den letztern Mißſtand indeſſen darf ich mich nicht ſtoßen, da wir ſelbſt von ehrlichem Buͤr⸗ gerblut abſtammen; und was das liebe Geld betrifft, ſo traͤgt mir meine Stelle als Kriegs⸗ rath ſo viel ein, daß ich mit meiner Frau leben kann, einfach und rechtlich, wie ein Staatsdie⸗ ner immer leben ſoll: alſo iſt mir nichts entge⸗ gen, als der Wille meines Vaters. Ihre Ein⸗ willigung, meine liebe, liebe Mutter, haͤtte ich — nicht wahr, die habe ich?— Das ſagt mir ja ſchon die Herzlichkeit, womit Sie mir mein Geheimniß aufgeſchloſſen. „Du ſagteſt,“ fiel ihm die arme Mutter, 2 18 ſchon beſorgt, daß ſie wohl bereits einen Schritt fa zu weit gegangen, in's Wort:„Du ſagteſt vor⸗ hin, daß meine Fuͤrſprache zu ſpaͤt ſey— wie 4 verſtandeſt Du das?“ lic „Der Vater hat ſich,“ erwiederte Julius: zu „in dem Gedanken beſtaͤrkt, unſere Liebe ſey eine blos voruͤberrauſchende Leidenſchaft, die ſich be mit der Zeit abkuͤhlen werde. Er hat daher den J alten Pupillenrath Peters, der Paulinens Vor⸗ ar mund iſt, durch Vorſtellungen aller Art, nach ei langem und heftigen Widerſpruch des Letztern, endlich dahin vermocht, Paulinen von hier zu m entfernen, ſie geht zu einer Schweſter des Vor⸗ A munds, an das entlegendſte Ende des Reichs, tu und reiſ't uͤbermorgen ab— und ich, der ich der ſeligſte Menſch unterm Monde ſeyn koͤnnte, Y muß hier wie angefeſſelt bleiben, und Tag und m Nacht mich mit der quaͤlenden Beſorgniß peini⸗ dr gen, daß Pauline eben ſo ungluͤcklich iſt, als de ich;— und das Rechenexempel, daß dadurch 4 tu unſere Liebe erkalten werde, iſt am Ende ja doch 19 falſch. Wir verlieren die ſchoͤnſten Jahre unſe⸗ rer Jugend unwiederbringlich, und opfern ſie einem eiſernen Willen, ohne von dieſem ſchmerz⸗ lich blutigen Opfer eine einzige Frucht gedeihen zu ſehen!“ Die Mutter ſeufzte unwillkuͤhrlich, tief aus bewegter Bruſt, denn auch ſie hatte die ſchoͤnſten Jahre der Jugend unwiederbringlich verloren, auch ſie hatte das Gluͤck ihres Lebens, einem eiſernen Willen erfolglos zum Opfer gebracht. „Iſt denn,“ fragte ſie weich und theilneh⸗ mend:„alles ſchon verſucht worden, um den Anſichten des Vaters bielleicht eine andere Rich⸗ tung zu geben?“ „Alles,“ entgegnete Julius, und gab ſich Muͤhe, die Verzweiflung, die in ſeinem Ge⸗ muͤthe ſich regte, wieder mit Gewalt nieder zu druͤcken.„Ich habe den Vater gebeten, mit den kindlichſten Worten, die Gehorſam und Ach⸗ tung in unſerer Sprache nur zu finden vermoͤ⸗ gen; ich habe ihm Paulinens Bild treu und 2* 20 ehrlich gemalt; ich habe ihm beſtimmt erklaͤrt, daß, und ginge ſie bis zum fernſten Pol, unſer Verhaͤltniß doch immer und ewig daſſelbe bleibe; ich habe um die Gruͤnde ſeiner verweigerten Ein⸗ willigung zu unſerer Verbindung gebeten, um die Gruͤnde ſeines dringenden Wunſches, Pau⸗ linen von hier zu entfernen; und auf das alles hat er gelaͤchelt, und mir am Schluſſe unſers Zwieſprachs nichts geſagt, als: ich bin Praͤſident und Du biſt Kriegsrath!— Pauline— ſie ſtraͤubte ſich wochenlang dagegen, aber ich bat ſie fußfaͤllig darum, denn dieſer ſanften Him⸗ mels⸗Unſchuld koͤnnte, meinte ich, Niemand etwas abſchlagen— Pauline ſchrieb an ihn; ſie verſprach, daß wir uns nicht abſichtlich ſehen, und wenn wir uns zufaͤllig traͤfen, einander we⸗ nigſtens nie ohne Zeugen ſprechen wollten; nur bat ſie, mit mir in einer Luft leben zu duͤrfen, und darum flehte ſie, die Idee ihrer Verbannung aufzugeben. O haͤtte ich doch ihrem Gefuͤhle gefolgt und die Zeilen nicht laſſen abgehen. der 21 Statt aller Antwort kam Heimlich eines Tages geſchlichen, und fliſterte ihr mit ſeiner kriechen⸗ den Hoͤflichkeit zu, daß es dem Herrn Praͤſi⸗ denten hoͤchſt ſchaͤtzbar geweſen, den bewußten Brief von ſo lieben Haͤndchen zu erhalten; was aber den bewußten Antrag betreffe, ſo koͤnne aus den bewußten Gruͤnden demſelben nicht de⸗ ferirt werden. Jetzt trat der alte wackere Pe⸗ ters noch einmal vor, und deducirte dem Vater, daß er durchaus die Graͤnzen ſeiner Stellung uͤber⸗ ſchreite, wenn er Paulinens Entfernung ſo gebie⸗ teriſch verlange. Er ſelbſt ſey Vormund, und ihm liege es ob, zu beſtimmen, wo ſich Pauline auf⸗ halten ſolle. Es thue ihm jetzt leid, meinem Va⸗ ter ſich fruͤher gefaͤllig bezeigt und Paulinens Ent⸗ fernung verſprochen zu haben; das Maͤdchen, ſehe er gegenwaͤrtig, gehe uͤber den unnoͤthigen Schmerz der Trennung am Ende ein, und uͤberhaupt ſey ihm, ſeit er mich naͤher kennen gelernt, die Ueber⸗ zeugung geworden, daß er Niemand wiſſe, mit dem er Paulinen lieber zu verheirathen wuͤnſche, als mit mir; er geſtehe daher ganz offen, daß er die Verbindung eher beguͤnſtige als verhindere, und da ich mein auskoͤmmliches Brod habe, Pauline aber ein ganz unbeſcholtenes Maͤdchen ſey’, ſo waͤre ihm kein Rechtsgrund bekannt, welcher vorhalte, um das Gluͤck zweier Menſchen zu ſtoͤren, die ſich liebten und einander werth waͤren, weshalb er denn baͤte, ihn von der fruͤhern uͤber⸗ eilten Zuſage, Paulinen zu ſeiner Schweſter zu ſpediren, geneigteſt zu entbinden.“ „Aber auch hierzu hatte der Vater grlaͤchelt, den alten Peters wegen ſeiner pflichtmaͤßigen Sorge um Paulinens Wohlfahrt beſtens gelobt, zugleich aber dabei gemeint, daß unſere Tren⸗ nung ein heilſames Mittel ſey, die Echtheit un⸗ ſerer Geſinnungen zu pruͤfen, und daß er, be⸗ ſonders um des Pupillenrathes ſelbſt willen, wuͤnſche, Pauline reiſe je eher je lieber, weil ſchon mehrere Perſonen des erſten Ranges geaͤußert, der Herr Pupillenrath befoͤrderte die Neigung ſeiner Pflegbefohlenen zu dem, im 23 Range weit uͤber ihr ſtehenden Sohne des Praͤ⸗ ſidenten mehr, als eigentlich noͤthig, ſo, daß der Vater vielfaͤltige Muͤhe gehabt, die Ehre des Herrn Pupillenraths gegen dergleichen boͤslichen Leumund zu verfechten.“ „Natuͤrlich dringt nunmehr Niemand hef⸗ tiger auf Paulinens Abreiſe, als der alte Peters, und ſo ſind wir unwiederbringlich verloren, wenn nicht Sie, meine theure Mutter—“ „Zuvor wuͤnſchte ich wenigſtens,“ fiel die Mutter dem armen Julius in die Rede:„das Maͤdchen zu ſehen.“ Dieſer meinte, das ſey leicht zu machen; Pauline werde morgen um zwei Uhr zu ihrem Oheim, dem Hofapotheker, gehen, um Abſchied zu nehmen; auf der Straße, welche dahin fuͤhre, wohne die Generalin, wenn die Mutter alſo um gedachte Stunde letztere beſuche, ſo wolle er Pau⸗ linen bis zum Hofapotheker begleiten. Er um⸗ armte die Mutter im freudigſten Dankgefuͤhle fuͤr ihre Theilnahme, betheuerte, daß Pauline 24 bieſer nicht unwerth ſey, und geſtand mit tiefer Empfindung, daß ihm der Mutter ungewohnte Herzlichkeit unbeſchreiblich wohl thue. „Ungewohnte Herzlichkeit,“ wiederholte dieſe, von des edlen Sohnes ſtillem Vorwurfe getroffen:„wohl ſollte in unſerem Hauſe man⸗ ches anders ſeyn, es iſt aber vieles in der Welt, was nicht gut iſt und was darum doch nicht geaͤndert werden kann.“ „Doch, doch, meine Mutter,“ entgegnete, ſie verſtehend, Julius ernſt:„koͤnnte vieles an⸗ ders ſeyn; nur muß zwiſchen zwei Menſchen, die ſich lieben ſollen, das Vertrauen nicht fehlen.“ „Die ſich lieben ſollen,“ erwiederte die un⸗ gluͤckliche Mutter, die ihren Gatten nie geliebt hatte, tief verwundet, und wendete ihren Blick vom Sohne, der ihr ehrlich und offen in die Augen ſah, als frage er nach dem verlornen Gute, welches in jedem Hauſe der einzig wahre Schatz iſt. Die Stunde, wo der Praͤſident von ſeinem Caf eilte in efer aute olte urfe an⸗ elt, 25 Caſino heim zu kommen pflegte, ſchlug. Julius eilte, um die Mutter mit ihm allein zu laſſen, in die Arme ſeiner Pauline. 5. Der Abſchied. Es giebt keinen ſuͤßern Schmerz, als den der Trennung zweier Liebenden. Wer ein Paar Liebende recht nahe aneinander bringen will, der verſchaffe ihnen die goͤttliche Hoͤllengual, von einander Abſchied nehmen zu muͤſſen. Eins will dem andern den Wermuth des Scheidekelchs verſuͤßen, jedes will vor dem letzten Lebensfroſt noch genießen, was der Augenblick bietet; beide. finden ſich berufen, ſich fuͤr das zu entſchaͤdigen, was das Schickſal ihnen zu entreißen droht. Der alte Peters— war es Zufall, oder hatte der Graukopf noch ſo viel Erinnerung aus ſeiner Jugend, um zu wiſſen, wie laͤſtig in ſol⸗ chen ſeligen Augenblicken ein Zeuge iſt,— der alte Peters, der es immer ſo einzurichten gewußt diesmal nicht zu Hauſe. Gluͤhende Sehnſucht in der keuſchen Bruſt, empfing die Liebliche, mit ſchmachtendem Ver⸗ langen, den laͤngſt Erwarteten. Das Stuͤbchen war warm und traulich. Der klare Mond ver⸗ ſilberte die friſchgefrornen Eisblumen im Fenſter und beleuchtete das ganze Zimmer ſo hell, daß Pauline bis jetzt ohne Licht geſeſſen. Eben wollte ſie die Wachskerzen am Windoͤfchen an⸗ zuͤnden; aber Julius bat, es nicht zu thun, es ſaͤße ſich im Mondlicht ſo traulich. Pauline genuͤgte ſeinem Wunſche mit ſtiller Gewaͤhrung; ſah er, meinte ſie, doch dann ihre verweinten Augen nicht: denn ſie hatte, des na⸗ henden Abſchiedtags wegen, vor ſich im Stillen geweint, daß ein Thraͤnchen das andere gejagt. Reizender hatte Julius Paulinen faſt nie geſehen, als dieſen Abend; ſie war die Liebe, die Hingebung ſelbſt; es waren ja die letzten Stun⸗ den ihres Beiſammenſeyns; warum ſollte ſie hatte, daß Julius Paulinen nie allein traf, war war 27 ihm nicht— wenn auch ohne Worte— ge⸗ ſtehen, was ſie in ihrem ſtuͤrmiſch bewegten Her⸗ zen ſo gewaltig draͤngte; wer wußte denn, ob ſich beide je einander wiederſaͤhen? Warum ſollte ſie dem Geliebten nicht heute Kuͤße ohne Zahl gewaͤhren, die ſonſt im Scherze nur einzeln zu⸗ gezaͤhlt wurden? Nie hatte ihm bisher ein Kuß noch lang genug gedauert; wer mag es ihr ver⸗ argen, wenn ſie heut' aus angeſtammter Her⸗ zensguͤte, Sekunden nicht und nicht Minuten zaͤhlte, die ſeine Lippen auf den ihren brann⸗ ten? Sonſt— wer hat geliebt und kennt wohl nicht den Reiz der Liebes⸗Taͤndeleien— ſonſt hatte ſie, nachdem ſie juſt gelaunt, bald nur die Roſengruͤbchen auf der kleinen, runden Hand, ein andermal die friſche Fuͤlle ihres Schwanen⸗ armes, bald auch die Ringellockenpracht der ſtol⸗ zen Stirne, das weiche, tiefe Augenlied, den Pfirſich⸗Sammet ihrer Wangen, den blendend weißen Hals, oder das ſchwellende Purpurroth der Honiglippe ihm zu kuͤßen eingeraͤumt; doch gelegener Stunde,“ ſprach Heimlich hoͤhniſch heute, heute war ja Alles ſein.— Julius ſchwamm im Meere unermeßlichen Entzuͤckens, die himmelreinen Alpen der ſuͤßen Unſchuld la⸗ 1 gen dicht vor ihm, und in Paulinens ſeelenvol⸗ lem Auge ging hoch und hell der Liebe Leucht⸗ thurmfeuer auf. Da trat ein Schatten an die Wand des mondbeſchienenen Gemachs. Beide flogen hocherſchrocken auf, der Schatten aber prach mit Heimlich's, des Kanzliſten Stimme: „Verzeihung, wenn ich ſtoͤre, ich ſuchte blos des „Herrn Pupillenraths wertheſte Perſon.“ „Halb zehn Uhr noch Geſchaͤfte?“ fragte Julius, ſcharf, wie ein ſchneidend Schwert, denn uͤbertrieben angenehm ſchien ihm die Ueber⸗ raſchung nicht zu ſeyn. „Mit Permiſſion,“ entgegnete der tief De⸗ vote:„es iſt bereits halb eilf.“ Soſ fliegt die Zeit, wenn ſie durch das Ge⸗ biet der Liebe rauſcht. „Ich komme wohl ein andermal zu mehr hr ſch 29 und ſchlich davon; der Unmuth aber, vom kal⸗ ten Boͤſewicht in liebender Umarmung geſehen zu ſeyn, erfaßte beide gleich; ſie klagten ſich ihr Mißgeſchick, und, ſtatt der letzten Augenblicke noch ſelig zu genießen, verdarben ſie ſich ſolche mit einem Wettgeſang auf Heimlichs abgefeimte Bosheit, und auf den Unſtern ihrer Liebe, bis endlich das bruͤllende Horn des Waͤchters den eilften Stundenſchlag verkuͤndete und den Nei⸗ denswerthen aus dem Lauſchſtuͤbchen und aus Paulinens ſuͤßer Umarmung rief. 6. Das ernſte Wort. Ein harter Streit hatte unterdeſſen des Praͤ⸗ ſidenten und der Mutter Blut erhitzt. Ihn argerte der Ton, den die Frau auf einmal an⸗ genommen, weit mehr, als die Sache ſelbſt. So hatte er ſie noch nicht ſprechen gehoͤrt. Mit ſtuͤrmiſcher Leidenſchaftlichkeit verklagte ſie ſich ſelbſt vor ihm, daß ſie ſich faſt nun dreißig Jahre 30 des Mutterkechts begeben; ſie fodere es nun⸗ mehr zuruͤck. Sein kaltes:„das verſtehſt Du nicht,“ verwies ſie ihm mit Feſtigkeit und Stolz. Sie ſetzte ihm recht gruͤndlich aus einander, daß dieſe Aeußerung ſelbſt wider ſeine eigene Ehre ſey; des Praͤſidenten Frau ſey ihrer Stelle nie⸗ mals werth, wenn ſie das nicht verſtehe. Den Julius behandle er gerade wie ein Kind; er ſey ein Mann, der ſeine acht und zwanzig zaͤhle. Wenn Gott des Sohnes Herz noch kindlich rein erhalten, ſo ſey dies währlich ein Wunder; denn er, der Praͤſident, habe es ordentlich darauf an⸗ gelegt, dies edle Herz durch kalte Strenge zu verderben. Der Vater ſollte vom erſten Jahre an des Sohnes Freund ſeyn; er aber ſey dem braven Julius ein Schneemann, ein Geſpenſt, ein Fremder geweſen, dem nie der Sohn ver⸗ traut, den nie der Sohn geliebt. Und dieſe Gaͤngelei jetzt ſey ihr in den Tod zuwider. „Der Julius,“ beſchloß ſie ihre polemiſch derbe Predigt, roth ergluͤhend:„der Julius verdient 31 ſein Brod, und kann die Frau ernaͤhren. Laß ſelbſt ihn waͤhlen, zerſtoͤre ja nicht ſeines Hauſes Gluͤck, wie meine Eltern mir das meine rein zerſtoͤrt, da ſie mich in die Arme eines Mannes zwangen, der nur mein Geld, und nie mich ſelbſt geachtet hat.“ Der Praͤſident verlor den Kopf nicht im Geringſten; nach ſeiner innern Anſicht entwuͤr⸗ digte ſich die Frau durch den heftigen Ton, worin ſie mit ihm ſprach: vornehme Leute, meinte er bei ſich ſelbſt, muͤßten ſich nie ihrer Leidenſchaft Preis geben, muͤßten nie die Haltung verlieren, und immer das Herz dem Kopfe unterordnen; widerſprach er, ſo reizte er ihre, ihm ganz neue, nach dreißig langen Jahren wach gewordene, Hef⸗ tigkeit noch mehr; gab er nach, ſo feierte ſie uͤber ihn einen Triumph, der ihm unertraͤglich war. Er ermuͤdete ſie daher durch Deductionen; er trat in dem und jenem, ihren Anſichten vollkommen bei, lobte ihre muͤtterliche Zaͤrtlichkeit und ſagte am Ende laͤchelnd:„Ich ſehe die ganze Liebſchaft 2 92 mit derLeinwandhaͤndlerprinzeſſin fuͤr eine voruͤber⸗ gehende Leidenſchaft an, die bald verfliegen wird. Der alte Peters iſt an allem Schuld, der haͤlt auf das Maͤdchen, als waͤre es ein Juwel. Das dumme Ding trägt, wie man allgemein ſagt, die Naſe viel zu hoch, und der alte einfaͤltige Vormund ſetzt ſeinen Duͤnkel darein, den Ju⸗ lius mit allen ſeinen Ausſichten und Anſpruͤchen und mit all' ſeinem Vermoͤgen und ſeinen Ver⸗ bindungen, dem Maͤdchen in die Arme zu ſpie⸗ len. Dieſer vermaledeiten Kuppelei ein Ende zu machen, habe ich darauf gedrungen, daß die Kleine fort ſoll. Beide werden ſich vergeſſen lernen, und Julius wird, wenn ſein Blut ab⸗ gekuͤhlt iſt, es leicht uͤber ſich gewinnen, die Duͤmpling oder die Sornhauſen zu waͤhlen; fuͤr Eine von dieſen muß er ſich beſtimmen. Es ſind die beſten Partieen in der Reſidenz. Be⸗ harret er indeſſen durchaus auf der Verbindung mit dem mittelloſen Dinge, ſo werde ich fuͤr ſeine Verſetzung in eine kleine Stadt ſorgen, dort kann er machen, was er will.“ teſt 33 Die Mutter war mit dieſem Friedenſchluß zufrieden; hatte der Praͤſident ihr doch einmal Rede geſtanden; hatte er doch nicht gerade zu ſich fuͤr ewig und immer gegen Paulinen erklaͤrt. Jetzt rechnete ſie vorzuͤglich auf einen Haupt⸗ ſtreich, den ſie ausfuͤhren wollte. Der Praͤſident ſah ein huͤbſches Maͤdchen lieber, als ein haͤßli⸗ ches. Er hatte Paulinen noch nie geſehen; ſie wollte morgen, wenn Julius um zwei Uhr vor der Generalin Hauſe vorbeigehe, deren Aeuſ⸗ ſeres recht genau in's Auge faſſen, und fand ſie dann das Maͤdchen wirklich ſo ſchoͤn, als man es allgemein ſchilderte, ſo wollte ſie es auf die eine oder andere Art moͤglich machen, daß der Praͤſident Paulinen zu ſehen bekomme. Von dieſem Zuſammentreffen hoffte ſie das Beßte. . 7. Alſo das die Hochgeruͤhmte? Um ein Uhr ſchon ſaß ſie mit der geſpann⸗ teſten Neugier am Fenſter der Generalin, die 3 24 34 zwei, dreimal dringend bat, ſich doch lieber dem warmen Ofen naͤher zu ſetzen; denn es glatteiſte draußen und war eine ſo ſchneidende Kaͤlte, daß die Generalin beſorgte, die gichtkraͤnkelnde Prä⸗ ſidentin moͤchte an den nicht beſonders verwahr⸗ ten Fenſtern ſich Schaden thun. Doch dieſe hielt die Unruhe warm; ſie ließ die Hofapotheke nicht aus den Augen, und flog mit ihren Blicken Straße auf, Straße ab. Endlich kam Julius. An ſeinem Arme ein junges Maͤdchen, ma⸗ ger, blaß; ein grilliges Geſicht; das Auge matt; die Lippen bleich; im Gange keine Haltung; der Anzug zwar modiſch, doch fehlte alle Anmuth. Die Mutter prallte vom Fenſter weg und klagte uͤber Froſt; ſie ſprach verworren und hoͤrte auf der Generalin Rede nicht. Nach kurzem Abſchied warf ſie ſich in ihren Wagen und eilte verſtimmt und mißgelaunt nach Hauſe. Das alſo war die Hochgeruͤhmte? Sie ſchaͤmte ſich in ihres Sohnes Seele. Blaß, und hoͤrte urzem Heilte Sie Blaß, 35 mager,— das mochte allenfalls noch ſeyn; wer blaß iſt, kann wohl noch roth werden, und dick, weer fruͤher mager war;— die Grille aber, der unausſtehliche Zug um Mund und Naſe, und das verlebte Auge; das Plumpe und Gemeine. — Vom Aeußern ſoll man zwar auf innern Werth nicht ſchließen— doch nein— in allen dieſen Zuͤgen lag nichts Gutes. Das ſollte ihre Schwiegertochter werden? Nimmermehr! 9. Der Rutſchberg. Der Praͤſident kam von der Kammer. Das Schloß, wo dieſelbe ihre Sitzungen hielt, lag auf einem kleinen Huͤgel, von dem ein etwas ſteiler Weg hinab in die Straßen der Reſidenz fuͤhrte. Den Vortrag und die Frau, den Dienſt und Julius im Kopfe, gewahrte er die kleinen Buben nicht, die ſich am Schlittenſpiel ergoͤtzten; ſie zogen ihre Schlittchen bis zu dem Thore des Schloſſes hoch hinauf und flogen dann uͤber Eis 3* und Schnee den ſpiegelglatten Berg hinab. Ein Junge, flink und wohlgemuth, ereilte mit Bli⸗ in b tesſchnelle den alten Praͤſidenten; an Halten Ho war nicht mehr zu denken; er fuhr ihm mitten ein 6 zwiſchen die Beine, verlor das Gleichgewicht und blei glitt vom Schlitten. Der Praͤſioent ſelbſt aber aus fiel auf das behende Ding, und fuhr nun wil⸗ lich lenlos und raſch im vollen Fluge, zum großen biet Gaudium der lieben Straßenjugend, den Schloß⸗ Ha berg, wie ein Pfeil hinab. Hier lenkte das Kre Schlittchen eilends nach dem kleinen Gewuͤrzla⸗ den den, der dicht neben der Hofapotheke lag; der es Praͤſident fuhr mit dem rechten Fuße in einen M unten ſtehenden Theerkeſſel, mit dem linken zer⸗ Hi ſchmetterte er ploͤtzlich ein Fenſterchen des Ladens, in deſſen ſchwerfaͤlliger Inhaber durch den unvor⸗ flel hergeſehenen Fall und durch das Schreien der tren Straßenjungen aus ſeiner ruhigen Gemuͤthsſtim⸗ ten mung gebracht, dem Toben ſeines Mundes erſt Pf dann Einhalt that, als er ſah, daß des Praͤſi⸗ Ge denten Fuß dieſe Unordnung in ſeinem Gebiete Ein Bli⸗ alten itten und aber wil⸗ oßen hloß⸗ das rzla⸗ der einen zer⸗ dens, angerichtet hatte. Zwei Damen, die eben Arm in Arm von ferne kamen, die Duͤmpling und Hornhauſen, lachten laut uͤber ſeinen Unfall; ein junges Maͤdchen aber, wunderhuͤbſch, nur bleich vor Angſt, tritt in demſelben Augenblicke aus der angraͤnzenden Apotheke, ruft mit aͤngſt⸗ licher Theilnahme:„Rettung, Huͤlfe!“ und bietet dem Schlittenfahrer, wider Willen, die Hand, ihm aufzuhelfen. Doch dazu war die Kraft zu ſchwach. Zwei Stoͤßern, dem Proviſor, dem Receptarius und dem Laboranten, gelang es endlich, den von der Schlittenſeſſion hart Mitgenommenen, in das Haus zu ſchaffen. Hier ſetzte das ſchoͤne Kind mit regem Eifer alles in Bewegung. Es ſchickte nach dem Arzt und flehte dringend, ja recht raſch zu laufen; es trennte ſelbſt den rechten Aermel des blutbefleck⸗ ten Rockes auf, legte auf die Stelle, die an den Pfeiler angeſchlagen und ſehr beſchaͤdigt war, Goulard'ſches Waſſer, und rieb mit Coͤllniſchem die Schlaͤfe des vom Schlagfluß Bedrohten; dann aber, als er etwas wieder zu ſich kam, und die Theilnahme der lieblichen Fremden mit gel ſtillem Wohlgefallen dankbar zu bewundern ſchien, der fragte ſie mit weicher Stimme und mildem Blick, ſch ob ihm jetzt beſſer ſey. „Sind Sie die Tochter hier vom Hauſe?“ un fragte er, und ſah die Sorgliche recht freundlich dazu an. ho „Nein, nur Verwandte,“ entgegnete das Ar Maͤdchen ſanft erroͤthend:„mein Oheim und we meine Tante werden gleich die Ehre haben auf⸗ zuwarten, ſie waren ſo eben nur auf einen Au⸗ genblick ausgegangen.“ P. „Und Sie— Sie ſind von hier?“ fragte 5 weiter der Praͤſident, der ſehr neugierig zu ſeyn w ſchien, das reizende Maͤdchen naͤher kennen zu tr lernen, das ihn, den fremden Mann, mit chriſt⸗ 15 licher Barmherzigkeit dem Spotte der Pflaſter⸗ treter entzogen, ihn in das Haus geſchafft, und hier mit der theilnehmendſten Sorgfalt behandelt hatte. 39 „Mein Vater hat wahrſcheinlich das Gluͤck gehabt, von Ihnen gekannt zu ſeyn,“ erwiederte der helfende Engel, und legte einen neuen Um⸗ ſchlag um den blutenden Arm. „Ihr Vater?“ fragte ſinnend der alte Herr und ſchuͤttelte den Kopf. „Der Kaufmann Lambert,“ lispelte das holde Maͤdchen, kaum vernehmbar, ſchlug die Augen auf den verwundeten Arm nieder, und ward uͤber und uͤber feuerroth. Der Alte zuckte ſichtbar in einander. „Sie ſind Pauline?“ hob er nach kurzer Pauſe an:„und kennen Sie mich denn?“— fuhr er betroffen fort.„Wiſſen Sie denn, auf weſſen Haupt Sie, durch Ihr himmliſches Be⸗ tragen, das jetzt wahrhaftig doppelten Werth erhaͤlt, die gluͤhendſten Kohlen der Beſchaͤmung geſammelt haben? Ich bin der Praͤſident und Julius iſt mein Sohn.“ Paulinens fromme Taubenaugen ſchwam⸗ men in Thraͤnen.—„Der Heiland, unſer Herr, hat mich gelehrt,“ erwiederte ſie, weh⸗ muͤthig laͤchelnd:„Liebet eure Feinde, ſegnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch ver⸗ folgen. 9 Ein Strom von heißen Thraͤnen ent⸗ quoll der gepreßten Schwanenbruſt; der Arzt trat in dem Augenblicke ein und Pauline fluͤch⸗ tete in ein Seitenzimmer. 9. Die Rache. Der Schreck— der Schmerz in Kopf und Bruſt und Arm— das gellende Hohngelaͤchter der Baroneſſe Duͤmpling— die laute Schaden⸗ freude der Graͤfin Hornhauſen— und nun da⸗ gegen die zarte Milde des Maͤdchens, das er verfolgt, das er bitter gekraͤnkt, das er um den ganzen Frieden ſeines Lebens gebracht hatte, und das alles dieß vergaß und mit kindlicher Liebe ihm Pflege und Wartung angedeihen ließ; end⸗ lich die ſanften Worte der Duldung und Ver⸗ gebung, die Worte des Welten⸗Verſoͤhners in 41 dem Roſenmunde des gottergebenen Kindes— Alles dieß bewegte den eiſernen, ſtolzen Mann ſo ſonderbar, daß er auf den Arzt kaum hoͤrte, ſondern nur nach ſeinem Sohne und nach dem Wagen verlangte, um bald zu Hauſe zu ſeyn. Julius kam außer Athem. Der Vater bat den Arzt, abzutreten. Er zog des Sohnes Hand an ſein weich gewordenes Herz und ſprach freundlich zu ihm:„Hole mir Paulinen, ſie iſt meine Tochter.“ Julius traute ſeinen Sinnen kaum; er um⸗ ſchlang mit wilder Haſt den Vater und druͤckte ihn an ſeine Bruſt, daß den alten Mann die Freude des Gluͤcklichen bald um das Leben ge⸗ bracht haͤtte; dann ſtuͤrzte er fort und brachte das in lieblicher Verwirrung ergluͤhende Mäͤdchen. Beide ſanken zu des Vaters Fuͤßen nieder, und er ſprach mit tiefer Ruͤhrung ſeinen Segen uͤber ſie. 1 „Nennt es Zufall oder Fuͤgung,“ ſagte er, im kalten Herzen einmal endlich froh durch⸗ 42 waͤrmt:„aber daß die lachten,— daß die lachten— und Du, Du hier, Du huͤbſches, frommes Kind— daß Du hier warſt, und, gegen Deinen Feind ſo engelgut!— Ihr Frauen ſeyd von Gott beſtimmt, zu tragen; bald Eure eigenen Schwaͤchen, bald die Frucht Eurer Reize, bald unſere Erbaͤrmlichkeit. Pauline, trage ſo mit Milde und mit Liebe den Menſchen da, den Julius, auf den ich ſtolz bin, wie Du den Irr⸗ thum getragen haſt, in dem ich gegen Dich ge⸗ handelt. An eines ſolchen Weibes Seite kann nie mein Sohn ſich anders, als im Himmel fuͤhlen. Manches Maͤdchen haͤtt' ihn gern ge⸗ freit. Den Beiden ſoll das Lachen ſchon ver⸗ gehn. Ihr fahrt bei ihnen morgen vor und gebt Verlobungcharten ab. Jetzt erſt, Ihr Kin⸗ der, geht's zur Mutter und dann fahrt hin und kauft, was noͤthig iſt. Pauline ſoll der Duͤmpling und der ſtolzen Graͤfin, der ganzen Stadt zum Trotz, in vollem Glanz erſcheinen. Den Schmelz der koͤſtlichſten Perlen um Deinen Hals, den —.—„p„„8½ praͤchtigſten Juwelenſchmuck in deinem dunkeln es, Haar, den reichſten Silber⸗Baͤrenpelz, und was nd, Paris und London von Stoffen nur erfunden, len den erſten Shawl— alles kauft Ihr mir; die ute ganze Reſidenz— ſie ſoll, ſie muß zu Deinen ize, Fuͤßen nieder!“ ſo„Mein guter Vater, nein,“ rief aͤngſtlich den und beſcheiden Pauline bittend:„ich mag um rr⸗ anderer Gunſt nicht buhlen. Mein Julius al⸗ ge⸗ lein— Er hat in meiner Armuth mich des inn Gluͤckes werth gefunden, des Lebens Leid und nel Freuden mit ihm zu theilen; darum laſſen Sie ge⸗ auch fernerhin—“ ver⸗„Nichts, Kind,“ fiel ihr der Praͤſident in's und Wort:„ich will! Du ſollſt mir Ehre machen. in⸗ Der huͤbſchen Maͤdchen giebt es zwar hier viele; und doch— der Vater kann dem Kinde das wohl ing ſagen— wenn Du— ich weiß, der aͤußre um Flitter gibt Deinem Seelenadel keinen hoͤhern ꝛelz Werth, die Welt iſt aber einmal ſo, ſie urtheilt immer nur nach aͤußerem Schein— wenn Du, was Dir Natur verliehen, mit Sinn und mit Geſchmack verſchoͤnſt,— ich ſehe den ganzen Schwarm der Maͤdchen unſrer Kreiſe vor Neid und Aerger piatzen! Man hat Dich bei mir hart verlaͤumdet; nicht Maͤnner— Frauen waren es, die Dich ſchonunglos tief in Schatten ſtellten. Im Stralenlichte Deines Glanzes ſollen Sie Dich ſehen! Die kleine Rache laß mir!— Nun aber fort zur Mutter, und dann holt mir den alten Ehren⸗Peters.“ 10. Der alte Ehren ⸗Peters. Der Mutter Staunen uͤber die raſche Wen⸗ dung der Sache war eben ſo groß, als uͤber die unbegreifliche Verwandlung Paulinens, aus dem grillenhaften, widrigen Weſen, das ſie, vor einer Stunde an der Seite ihres Sohnes geſehen hatte, in das bluͤhende, reizvolle Maͤdchen, das der uͤbergluͤckliche Julius jetzt ihr in die Arme fuͤhrte. Jenes war, wie ſie nun hoͤrte, eine arme kraͤnk⸗ —— ☛ A»v —. —— —2——,— der liche Perſon, eine Bekannte Paulinens geweſen, der Julius auf der Straße begegnet, die bei dem eingetretenen Glatteis zu fallen eine aͤngſtliche Beſorgniß geaͤußert, und die Julius, ehe er Pau⸗ linen in die Apotheke abholte— wozu es noch eine Viertelſtunde Zeit war— aus Gutmuͤthig⸗ keit nach Hauſe gefuͤhrt hatte. Die Praͤſidentin war, nach guter Frauen Art, zart genug, ihrem Manne uͤber ſein fruͤhe⸗ res Vorurtheil gegen Paulinen keine, einem Vor⸗ wurf oder einer Anzuͤglichkeit aͤhnliche Sylbe zu ſagen; ſie dankte ihm, daß er ſeines Sohnes Wuͤnſchen ſo liebevoll zuvorgekommen, und bat ihn, der heute Abend einen großen Zirkel zur Verlobungfeier bei ſich ſehen wollte, lieber unter ſich im kleinen Kreiſe bleiben zu duͤrfen. Sie haͤtte in fruͤhern Faͤllen eine aͤhnliche Bitte nie gewagt. Der Praͤſident fuͤgte ſich mit einem froͤhlichen:„Ihr habt Recht, Kinder, wir wol⸗ len heute allein ſeyn!“ und die Mutter, der es unausſprechlich wohl that, daß er ihrem Wuſſche ſo freundlich entgegen kam, umſchlang ihn ſanft weinend und ſagte nach dreißigjaͤhriger Kaͤlte und Gleichguͤltigkeit, ohne Bitterkeit, aber mit ſehr tiefem Gefuͤhle:„Vielleicht lehren uns noch unſere Kinder das Gluͤck der Liebe.“ „Aber Einer,“ rief der Praͤſident und druͤckte der Mutter herzlich die Hand:„Einer darf nicht fehlen, das iſt der Pupillenrath.“ Nach dieſem war bereits geſandt worden; Julius hatte ihm in zwei Zeilen ſein Gluͤck ge⸗ meldet und ihn zur Verlobung eingeladen. Feſtlich geſchmuͤckt trat der achtbare Greis ein, hoͤrte mit ſichtbarem Antheil die ausfuͤhr⸗ liche Erzaͤhlung des erfreulichen Ereigniſſes, und zog das ſeit vier Jahren ſeiner Sorgfalt empfoh⸗ lene, mit dem Purpur der braͤutlichen Freude uͤbergoſſene Zaubermaͤdchen, in einem eigenen Gemiſch von Wehmuth und Froͤhlichkeit, an ſein edles Herz. Vor ihm und den Eltern wechſelten die Lie⸗ benden die Ringe, und Julius ſank dankend an 47 die Bruſt des vaͤterlichen Freundes, und bat, ihn von nun an als Sohn auf⸗ und anzuneh⸗ men, worauf dieſer ihm ſeine Pauline mit eini⸗ gen kraͤftigen Worten frommer Weihe zur treuen Lebensgefaͤhrtin in die Arme fuͤhrte. „Ich habe Dich gepruͤft, mein Sohn,“ ſprach der Alte:„und ich kann mit meinem Gewiſſen vor meinem verewigten Freunde, vor Paulinens Vater, beſtehen, wenn ich die Hand ſeines Kindes in die Deine lege. Du biſt ein fleißiger, anſpruchloſer, dem Egoismus und der Prahlſucht der heutigen Zeit fremd gebliebener Mann; Du ſtammſt von rechtlichen Eltern ab, biſt unbeſcholtenen Rufes, traͤgſt ein reines Herz in Deiner Bruſt, biſt geſund an Seele und Leib, vermagſt Dich und deine Gattin, deinem Stan⸗ de gemaͤß, zu ernaͤhren, und wirſt von Paulinen mit keuſcher, treuer Liebe umfangen. So ſollte der Mann ſeyn, den der Verklaͤrte ſeinem einzigen Kinde wuͤnſchte; einem ſolchen, und keinem andern, ſollte ich Paulinen zum Gatten geben duͤrfen. Dieſer Pflicht gegen den Ent⸗ ſchlummerten habe ich alſo genuͤget. Nun zu einer zweiten gegen Euch, meine Kinder! Setzen wir uns! Ich ſoll Euch mit meines heimgegan⸗ genen Freundes letztem Willen bekannt machen; ich erlaube mir daher, Euch dieſen, ſo weit er das heutige Ereigniß betrifft, gegenwaͤrtig mit⸗ zutheilen. Der kleine Kreis ſetzte ſich, und der Pupil⸗ lenrath holte das Teſtament hervor— Pauline weinte laut, als ſie des geliebten Vaters Schrift⸗ zuͤge erkannte; der alte Vormund drauͤckte ihr, ihren Schmerz ſanft beſchwichtigend, die Hand, und las mit bewegter Stimme folgenden Auszug: „Mein Plan war, ſo lange in meinem Ge⸗ „ſchaͤfte fleißig fort zu arbeiten, bis meine Pau⸗ „line einen Gatten von den Eigenſchaften, ſo „ich oben weiter auseinandergeſetzt, wuͤrde ge⸗ „funden haben. Dann wollte ich mich zur „Ruhe ſetzen und die Fruͤchte meiner Arbeit ge⸗ „nießen. Dabei entzog ich, ſo viel es thunlich nt⸗ llich 49 „war, die Ueberſicht meines Vermoͤgenszuſtan⸗ „des den Augen des Publikums, aus vielerlei „Gruͤnden; einmal gefiel mir die einfache Weiſe „meines Lebens am beſten; zweitens entging „ich den laͤſtigen Antraͤgen von ſchlechten, zu⸗ „dringlichen Leuten, die ſich ſchaͤmen, zu arbei⸗ „ten, aber nicht, zu borgen und zu betruͤgen; „und drittens endlich hoͤb ich den Segen, wo⸗ „mit mich Gott erfreut, fuͤr meine Pauline auf. „Nechtlichen Eltern iſt es ja die hoͤchſte Freude, „ſich alles zu verſagen, wenn ſie damit ihrer „Kinden Gluͤck bereiten koͤnnen. Waͤre es aber „bekannt geweſen, daß Pauline dereinſt an zeit⸗ „lichen Guͤtern ein nicht Unbetraͤchtliches zu er⸗ „warten; ſo haͤtten ſie, in ihrer fruͤhſten Ju⸗ „gend, die Dienſtboten und Bekannten, im rei⸗ „fern Alter aber die veraͤchtlichen Laffen ver⸗ „dorben, die ihre Titel und die Verdienſte ihrer „Voreltern in die Wagſchaale legen, und ſich „einbilden, uns ſchlichten Leuten eine Gnade zu 2 erzeigen, wenn ſie unſere geſunden Toͤchter an 4 „ihrer, durch die Laſter der großen Welt ent⸗ „weihten Hand, zum Altar fuͤhren, um von „unſerem muͤhſam erworbenen Gelde, ihre Schul⸗ „denlaſt zu tilgen, und dann ihr nichtsnuͤtziges „ Suͤndenleben nach wie vor fortzuſetzen.“ „Wie jedoch nur das Auge des allmaͤchtigen „Gottes in die Ferne der Zukunft zu ſchauen „vermag, wir armen, bloͤdſichtigen Menſchen „aber uns in weit ausſehenden Planen nicht „uͤberheben ſollen, ſo fuͤhle auch ich bei meinem „herannahenden Lebensende, daß es mir nicht „habe vergoͤnnt werden ſollen, meine Pauline „bis zu ihrer Verbindung mit einem, ihrer Tu⸗ „genden wuͤrdigen Manne ſelbſt zu geleiten, „und darum lege ich ihre Etzishung, naͤchſt Gott „und ſeinem eingebornen Sohne, der freundlich „hat geſprochen:„laßt die Kindlein zu mir „kommen,“ in die Haͤnde ihres oben genannten „Vormundes. Er ſoll Paulinen u nterrich⸗ „ten laſſen, als waͤre ſie zur Gattin eines „Mannes vom erſten Range beſtimmt; denn igen uen chen aicht nem nicht aline Tu⸗ iten, Gott dlich mir inten ich⸗ eines denn 3¹ „die Frauen muͤſſen mit der Zeit fortgehen, und „heute billigerweiſe mehr wiſſen, als vordem; „erziehen ſoll ef ſie aber in reiner Gottes⸗ „furcht, in Arbeit ſund ſtiller Haͤuslichkeit und „in der alten, einfſchen Weiſe der Vorzeit, w6 „die Entſagung den Genuß wuͤrzte, und die Al⸗ „ten darum am Leben mehr Freude hatten, als „jetzt die Jungen. Dann wird ſie, auch an der „Hand des Kleinſten im Volke, wenn er nur „ſonſt brav und ehljich iſt, und regen Eifer fuͤr „ſeinen Broderwerh, mit treuer Liebe zu mei⸗ „nem Kinde verbizdet, das Gute, das ihr Gott „hienieden beſchieden, mit Dank und zufriedenem „Herzen empfangen, und von dem, was ich „ihr hinterlaſſe, hen beſten Gebrauch machen, „Vor Allem habeſich aber, durch die Verheim⸗ „lichung meines Vermoͤgens bis zur Verheira⸗ „thung meines Kindes, bezwecken wollen, daß „Keiner ſie waͤhle um ihrer zeitlichen Guͤter „willen; denn fin ſolcher iſt ein eraͤchtlicher „Menſch, der das Mädchen um das Gluͤck, 4* „wahrhaft geliebt zu werden, zeitlebens betruͤgt, „und ſich uͤberdem als einen Ehrloſen brand⸗ „markt, wenn er Haͤnde und Kopf, die ihm „Gott zur Arbeit verliehen, dem Goͤtzen aller „Laſterhaften, dem unertraͤglichen Muͤßiggange, „Preis giebt und ſich von ſeiner Frau ernaͤhren „, laͤßt.“ „So weit fuͤr jetzt die hieher Bezug habende Stelle aus dem Teſtamente meines Freundes Lambert,“ ſprach der Pupillenrath, legte letzteres bei Seite und holte dagegen eine Rechnung⸗ Ueberſicht, nebſt andern Papieren, aus der Taſche.„Nach ſeinem Willen uͤberliefere ich nun, meine Kinder, das, was er mir fuͤr Pau⸗ linen hinterließ, und was nach ſeiner Beſtim⸗ mung in der Londoner Bank bisher niedergelegt war, ſammt den, ſeit ſeinem Tode davon auf⸗ gekommenen Zinſen, uͤber welches alles dieſe Ue⸗ berſicht die naͤhere gewiſſenhafte Berechnung mit Mehrerem enthaͤlt, in Eure Haͤnde. Er, der redliche Thaͤtigkeit endlich belohnt, hat meines 3 53 t, Freundes Fleiß mit ſeinem Segen reichlich uͤber⸗ d⸗. ſchuͤttet. Lebt froh und gluͤcklich damit; es ſind m drei Tonnen Goldes.“ Haͤtte der Praͤſident die Nutſchparthie nicht ler e⸗ gemacht, wer weiß, ob der wackere Julius den en Beſitz ſeiner wunderniedlichen Dreitonnen⸗Gold⸗ Pauline je errungen haͤtte. de 3 Waͤre es damit immer abgemacht; beim es naͤchſten Glatteiſe ſaͤhe ich von allen Bergen, zum es Heil der heirathluſtigen Soͤhne, tauſend Vaͤter rutſchen. Leidenſchaft und Liebe. I. DererſteKeim. Die halbe Welt hatte ich durchreiſ't; faſt in allen Reſidenzen Europa's, hatte ich Monate 2 * lang zugebracht; an unſerm eigenen Hofe war ich angeſtellt geweſen, und aller dieſer Herrlich⸗ keiten ward ich uͤberdruͤßig, und alles ließ ich im Stich und fluͤchtete auf meinen Landſitz, in der Meinung, hier mich vor der heimlichen Leere zu eetten, die, wie ein unſichtbarer Daͤmon, mich äberall verfolgte; ich wollte die ſchale Welt nicht mehr ſehen, die ſich im ewigen Kreiſe, um nichts herum trieb, die ſchoͤnſten Stunden des Tages verſchlief, den Reſt an uͤberladenen Tafeln und ttheuern Spieltiſchen verbrachte, und die Nacht in ſogenannten geſelligen Zirkeln vergaͤhnte. Mit recht romantiſchen Vorſätzen war ich in meinem ſtillen Beſitzthume eingetroffen; von Sonnenaufgang bis zum ſpaͤten Abend wollte ich mich meinen Geſchaͤften widmen; die Natur ſollte meine einzige Geſellſchafterin ſeyn, und das Gluͤck meiner Unterthanen der alleinige Zweck meines Lebens werden. Waͤhrend fuͤnf langer Jahre war ich nicht hier geweſen. Es empfing mich alles mit ſicht⸗ barer Freude. Mein redlicher Verwalter, Herr Ewald, hatte wacker Haus gehalten; die Kaſſe war gefuͤllt; Feldbau und Viehſtand in Ord⸗ nung; meine Bauern zufrieden; geſchmackvolle Gebaͤude prangten an der Stelle der verfallenen alten; mein Lieblingsplatz, der Garten, bluͤhte friſch und luſtig; Millionen Blumen neigten ſich huldigend ihrem Herrn entgegen. deine Forſten ſaͤuſelten mir, im ſtillen Rauſchen ihrer Wipfel, ihren traulichen Willkommen zu, und mein zaͤhlte, und weit und breit ſeines Gleichen ſuchte, begruͤßte mich mit kreiſchendem Schnattern, mit kraͤhendem Kikriki und mit kalekutiſchem Kau⸗ dern. Hier, hier unter meinen Heerden, unter meinen Blumen und Bluͤthen, in der Mitte meiner gefiederten Hoͤflinge und im Kreiſe mei⸗ ner Unterthanen, glaubte ich, meine Welt ge⸗ funden zu haben; aber in vierzehn Tagen hatte ich das alles geſehen und beſucht; zweimal und dreimal wieder geſehen und beſucht, und das quaͤlende Einerlei fing wieder an, mich mit ſei⸗ nem Alltagsgeſichte zu peinigen. Ich will ar⸗ beiten, ſagte ich zu mir ſelbſt, und machte mich nun an die vorliegenden Geſchaͤfte. Die Durchſicht der fuͤnfjaͤhrigen Rechnungen und die Leſung einiger Actenſtuͤcke uͤber drei ſchwebende Prozeſſe— beides war in zwei Mo⸗ naten abgemacht; und ich war nun wieder fertig. Wo ich ging und ſtand, war ich allein. G 0 / 4 ℳ großer Federviehhof, der uͤber zweitauſend Seelen 1 — dL⸗ 7 Mit meinem ehrlichen Verwalter konnte ich nur uͤber ſein Fach ſprechen; der alte Prediger hoͤrte ſchwer und der Gerichtshalter ſchrie, daß ich den Ohrenkrampf bekam, wenn ich mich mit ihm nur eine Viertelſtunde unterhalten hatte. Ich nahm die Geige in die Hand. Aber, ohne Begleitung iſt dieß auf die Dauer kein In⸗ ſtrument; phantaſirte ich, ſo mochte ich zu ſpie⸗ len anfangen, was ich wollte, ich kam, ich weiß ſelbſt nicht warum, am Ende allemal in eine ſo wehmuͤthige Stimmung, daß ich mich in die ruͤhrendſten Adagios verlor, und oft mit naſſen Augen aufhoͤren mußte. Eines Abends, ich hatte im Zwielicht, bei gffenem Fenſter geſpielt, und die Geige, weil ich wieder einmal aus den weichen Mollmelodieen heraus finden konnte, weg und mich ſtill in das Fenſter gelegt, um dem Monde, der hinter dem ſchwarzen Hochgebirge am fernen Horizonte ſchweigend hervortrat, einen freundlichen guten hew zu hieten; da ſaß Juſtine mit Frau Rei⸗ 58 nert, der alten Ausgeberin, vor der Thuͤre, und Beide plauderten, ſich von mir ungehoͤrt glau⸗ bend, recht vernehmlich uͤber meine werthe Perſon. Was Juſtine hier eigentlich vorſtellte, wußte ich ſelbſt nicht recht; der Verwalter hatte ſie, als die arme Waiſe ſeines vor Kurzem verſtorbenen Verwandten, eines Geheimen Kanzeliſten in der Reſidenz, zu ſich genommen; ſie fuͤtterte meinen Papagey, ſie begoß die Blumen in meinem Zim⸗ mer, ſie zog meine Uhren auf, ſie brachte mir alle Morgen meinen Kaffee; ſie hatte die Ober⸗ aufſicht uͤber meine Waͤſche; ſie ſuchte das feinſte Obſt vom Gaͤrtner aus und verſorgte damit meinen Nachtiſch; ſie hatte meinen Weinkeller unter ſich, und hielt das ganze Schloß, mit ei⸗ nigen, ihr untergeordneten Maͤdchen, ſo blank und rein, daß es ausſah, wie ein Kaͤſtchen. „Der arme Graf,“ ſagte Juſtine:„haben Sie gehoͤrt, wie er wieder geſpielt hat? Mir geht das allemal durch die Seele, und es iſt mir — in 0 — 39 jmmer, als ſpraͤche er ſein Wehe in Worten aus, ſo dringt der Ton zum Herzen.“ „Was das nun wieder vor ein Gerede iſt,“ erwiederte die alte Frau Reinert:„wird es klingen, als wenn er ſpraͤche!— Vigeline iſt Vigeline, es mag ſie ſpielen, wer will, und wenn ſie in der Schenke ein Schwaͤbiſches ſtreichen, mag ich das viel lieber hoͤren, als ſo was apar⸗ tes, wo kein Menſch recht weiß, was es ſeyn ſoll; am Ende weiß es der Herr ſelbſt nicht.“ „Ach, liebe Frau Reinert,“ entgegnete Ju⸗ ſtine:„der weiß es gewiß. Ich ſtehe Ihnen dafuͤr, das Herz ſchmerzt ihm in der Bruſt, wenn er ſo ſpielt.“ „Nu, wenn der Liebeskummer haben ſoll⸗ tel“ unterbrach ſie Frau Reinert:„ Wuͤßte ich doch wahrhaftig nicht, wo der bei dem Herrn herkommen koͤnnte; bei ſeinem Vermoͤgen— er darf nur pfeifen, und an jedem Finger hat er zehne; huͤbſch, jung, reich, gut, charmant; 60 ein Graf; ich moͤchte wohl ſehen, welche dem es abſchlagen koͤnnte.“ „Hat er,“ ſagte Juſtine leiſer:„hat er auch Alles und es fehlt ihm die Liebe, ſo iſt er doch arm, recht ſehr arm. Dann helfen ihm alle ſeine Herrlichkeiten nichts, und ſein reiches Leben muß ihm Langweile machen.“ Da hatte ich ja auf einmal den Schluͤſſel zu dem Geheimniß meiner Leere. Ich lachte im Stillen uͤber das ſiebzehn⸗ jaͤhrige Ding, das faſt noch keine zwanzig Worte mit mir geſprochen hatte, und ſich einbildete, den Sitz meiner Krankheit zu kennen. Frau Reinert war ſtrenger gegen mich; dieſe ſchob die Urſache meiner Gleichguͤltigkeit auf das Uebermaas meines Gluͤcks.„Glaube mir,“ ſagte ſie:„wer dem Ueberfluſſe ſo im Schooße ſitzt, wem der liebe Herrgott alles ſo auf dem Praͤſentirtellerchen entgegen bringt, der genießt und genießt, bis er das Beſte zum Ekel hat. Es geht dem Grafen, wie meinem Neffen, dem 61 Conditor, der hat ſich am Marzipan und an den Baiſers, Chokolatenplaͤtzchen, Bonbons und allen den ekelſuͤßen Zuckerſachen, ſo uͤberſatt ge⸗ geſſen, daß er von dem ganzen Zeuge nichts mehr mag. Wuͤrde dem jungen Herrn alles ſo knapp zugemeſſen, als unſer einem, wuͤßte er, was entbehren heißt, er wuͤrde— 4 „Kein Menſch,“ fiel ihr Juſtine recht alt⸗ klug in's Wort:„kein Menſch hat zu viel; ich habe noch keinen gekannt, der aus zu großem Gluͤck, ungluͤcklich waͤre; nein, darum ſpielt der arme Graf ſolche wehmuͤthige Weiſen nicht; im Herzen ſteckt ſein Uebel. Haͤtte er ein Weſen, das ihn liebte, ich meine nicht eine Frau, die er blos gewaͤhlt, weil ſie ihm ebenbuͤrtig oder an Neichthume gleich iſt, ſondern ein Maͤdchen, das ihm mit ganzer Seele gehoͤrte, das mit ſeinem ganzen Leben—“ Juſtine hielt inne, als haͤtte ſie zu viel geſagt, als haͤtte ſie ſelbſt gefuͤhlt, die paar Worte in zu lebhaftem Feuer geſprochen zu haben—„haͤtte,“ fuhr ſie nach einer kleinen —— — — ꝗ—— 6² Pauſe, etwas gemeſſener fort:„haͤtte der Graf ein Maͤdchen, mit dem er ſeine Gluͤcksguͤter theilen, und dafuͤr von dieſem einen Schatz, der alle ſeine Reichthuͤmer tauſendmal uͤberwiegt, ein reines Herz voll treuer Liebe eintauſchen koͤnn⸗ te, ich ſtehe dafuͤr, das Leben ſollte ihm mit neuem, und wahrhaftig mit unverwelklichem Reize geſchmuͤckt erſcheinen.“ „Larifari,“ hob Frau Reinert an, ſchuͤt⸗ telte den Abgang des jungen Sallats, den ſie waͤhrend des Zweiſprachs geleſen, von der Schuͤrze und hob die Sitzung auf, denn ſie mußte, wie ſie ſagte, morgen um drei Uhr wieder auf dem Platze ſeyn. Beide gingen zur Ruhe; ich aber lag wohl eine Stunde noch im Fenſter, und ſah in den klaren Mond und in die ſtille Nacht, und wie⸗ derholte mir jedes Wort, das Juſtine geſpro⸗ chen, und zerſetzte mir den Sinn ihrer einfachen Rede ſo lange, daß ich uͤber das ſiebzehnjaͤhrige 63 Ding gar nicht mehr lachte, ſondern recht ernſt⸗ haft und in mich gekehrt war. Hundert und aber hundert Maͤdchen hatte ich geſehen, aber an das Heirathen hatte ich noch mit keiner Sylbe ernſtlich gedacht. Zehn und zwanzig Partieen waten mir vorgeſchlagen worden; aber eben, weil man ſo planmaͤßig da⸗ bei zu Werke gegangen war, hatte ich ſolchen berechneten Heirathentwuͤrfen nie einigen Ge⸗ ſchmack abgewinnen koͤnnen. Ein reines Herz voll treuer Liebe— ſo hatte Juſtine geſprochen — ein reines Herz voll treuer Liebe ſollte mir das Leben mit neuen, und wahrhaftig mit un⸗ verwelklichen Reizen ſchmuͤcken! Ich ging die ganze Maͤdchenreihe meiner Bekanntſchaft durch.— Eine koͤſtliche Gallerie! In allen Laͤndern, an allen Hoͤfen, kannte ich bildſchoͤne Kinder dutzendweiſe. Aber die Dutzend⸗ ſchoͤnen ſind wie die Dutzenduhren; nur ein gluͤck⸗ licher Zufall iſt es, wenn die Wahl auf eine gute faͤlt.— Ja, ſie hatte Recht; ich konnte mit 64 ganz lebhaft denken, wie das huͤbſch ſeyn muͤßte, wenn ich jetzt— ich war gerade in dem Aus genblicke dazu recht aufgelegt— ein ſolches Maͤdchen, wie das Kind es meinte, in meinem Arme gehabt haͤtte. Einmal ſchon, aber nur ein einziges Mal, war mir ſo geweſen, wie jetzt, als ich meinen Bruder, meinen ehrlichen, lieben Guſtav be⸗ ſuchte, und ihn an der Seite ſeiner liebenswuͤr⸗ digen Gattin ſo gluͤcklich ſah, daß ich, wenn das junge Paͤrchen, vor meinen Augen, ſtundenlang zuſammen taͤndelte und koſ'te, oft den Blick wegwenden mußte, weil die geheime Sehnſucht nach gleicher Seligkeit, mir die Bruſt zuſam⸗ men krampfte, daß ich dachte, vor fuͤßem Schmerze auf der Stelle vergehen zu muͤſſen. Aber, ſo ein liebes Himmelsweſen, als meines Guſtavs Lottchen war, gab es auch in der gan⸗ zen Welt nicht weiter. Darum hatte ſie auch Gott zu ſich genommen, denn die Erde war die⸗ ſes reinen Engels nicht werth, und der Gram uber ihren unerſetzlichen Verluſt hatte bald darauf meinem armen Guſtav die Kraft des Lebens Aut lches gebrochen; er war der treu Geliebten, ohne die nem ihm keine Freude hienieden mehr bluͤhete, ge⸗ folgt, und Beide ruhen neben einander im ſtil⸗ Nal, len Grabe. inen An die Seligkeit der Liebe hatte ich denken be⸗ wollen, und meine Gedanken hatten ſich in das r Schauerreich des Todes verloren; ich blickte mit wur⸗ das naſſen Augen hinauf in die flimmernden Ster⸗ ne! Auf welcher dieſer Millionen Welten wan⸗ an Bu delte mein Guſtav und ſein Lottchen!—„Nein,“ Bli. ſagte ich, nach langer Weile leiſe:„das Herz ucht. ſucht voll treuer Liebe— auf dieſem dunkeln, kalten am-⸗ 3. 3; Erdenballe, finde ich es nicht; nur druͤben, jen⸗ ßem.: 4 6 ſeit des Grabes, wo wir reiner, wo wir beſſer ſind, en. 4 tſ dort werde ich— eines gan Ein leiſes Nachtluͤftchen ſaͤuſelte durch das u⸗ duich Laub der Baͤume; mir war, als ſpraͤchen aus aue die dem heiligen Rauſchen die Geiſter von druͤben zu mir heruͤber. Bram 66 Nach langer Pauſe athmete ich, wie aus ſchwer beklommener Bruſt, und legte mich, in ei⸗ ner der wunderbarſten Stimmungen meines Le⸗ bens, zu Bette. Daß ſie der erſte Keim des Saamenkorns war, das Juſtine mir in das Herz geworfen— davon hatte ich in dem Augenblicke auch nicht die entfernteſte Ahnung. 2. Die Suͤndflut. Den folgenden Morgen brachte mir, wie ge⸗ woͤhnlich, Juſtine den Kaffee, fuͤtterte Papchen, zog die Uhren in ſaͤmmtlichen Zimmern auf, und begoß meine Blumen. War das Naͤdchen dieſe Nacht ſchoͤner ge⸗ worden, oder hatte ich bisher keine Augen ge⸗ habt! Die allerreizendſte Blondine, die ich in meinem Leben geſehen. Ich einfaͤltiger Menſch! Ich mußte wirklich bis jetzt blind geweſen ſeynz aus einer Akt dummer, mir angeborener Bloͤ⸗ 67 digkeit, ſchlug ich immer, einem recht huͤbſchen Maͤdchen gegenuͤber, den Blick zur Erde. Das war mir, erinnerte ich mich jetzt, auch hier be⸗ gegnet; ich hatte, wenn ſie eingetreten, entweder geleſen, oder zum Fenſter hinaus geſehen, oder nach meinem miſantropiſchen Afrikaner im gol⸗ denen Kaͤfich, oder nach meinen durſtigen Blu⸗ men geſchaut, niemals nach ihr ſelbſt. Jetzt aber, durch die geſtrigen Worte auf ſie aufmerk⸗ ſamer geworden, faßte ich ſie in das Auge, und als wuͤrde mir mein Zimmer heller, mein Schloß blanker, meine ganze Umgegend freundlicher, ſo ſonderbar ward mir zu Muthe. Siebenzehn Jahre, nein, ſo alt war das Kind gewiß noch nicht.— Wie ſie bei dem Papchen ſtand, die Schaale, worin das Fut⸗ ter befinolich, in der zarten Hand; das gold⸗ gelockte Haar in zierlichen Flechten um das Madonnenkspfchen geſchlungen; das Auge groß und himmelblau; das Muͤndchen, wie eine friſch aufgeplatzte Granatbluͤthe; der Teint, wie aus * 5 Lilienduft und Roſenblut zufammengehaucht; das feinſte Ebenmaaß in der ganzen Grazienge⸗ r ſtalt; das Fuͤßchen zum Lachen klein und nied⸗ bo lich; und vor der Schneepracht des jungfraͤuli⸗ ſt chen Buſens, ein wuͤrziger Straus, von dem ch aber, in der Naͤhe dieſes gluͤhenden Himmels⸗ 3 ſtriches, die Haͤlfte der Blumen, ſchon am 5 fruͤhen Morgen, verſengt und verwelkt herab⸗ hingen— eine leibhaftige Hebe war mein klei⸗ 1 ner Mundſchenk! 4 Noch hatte ich mit dem Maͤdchen keine Sylbe 9 geſprochen. Ein ſo namenloſes Entzuͤcken durch⸗ ſtroͤmte mir Herz und Seele, daß ich kein Wort ſ hervorbringen konnte. Zum Gluͤck bemerkte dieß 6 Juſtine nicht: denn als ich ſie vorhin anſah, mochte ich wahrſcheinlich ausgeſehen haben, als d ob ich ſie mit den Augen verſchlingen wollte; 2 ſie hatte den Blick zur Erde niedergeſchlagen, h und ihn jetzt auf den Papagei gerichtet, der ihre d ſchmeichelnden Lockungen, ihr einen guten Mor⸗ t gen zu ſagen, weil er eben unausſtehlich eigen⸗ 69 ſinnig gelaunt war, unerfuͤllt ließ, ſie mit ſeinen roͤthlichen Augen von der Seite ganz verdruͤßlich beſchielte, und ſich endlich, nachdem ihm das ſuͤße Kind wohl zehnmal das roſige Zeigefinger⸗ chen ihrer kleinen Rechten, unter ſreundlichem Zureden, hingehalten, entſchloß, ihr ſeine toͤl⸗ piſche einwaͤrts gebaute Pfote zu bieten. „Ein recht muͤrriſcher Patron,“ ſagte ich, und beneidete im Geheimen den bunten Iſegrimm uͤber das liebliche Gekoſe, worin ſich das ſchoͤne Maͤdchen gegen ihn erſchoͤpfte. „Er iſt immer allein,“ entgegnete Tina ſanft entſchuldigend, und krabbelte dem armen Gefangenen im Peruͤckchen. „Bin ich doch auch immer allein,“ erwie⸗ derte ich, mich an ihre Aeußerung von geſtern Abend erinnernd, und erſchrak, als ich die Worte heraus hatte, denn ein leichtes Roth uͤberflog den zarten Sammet ihrer Lilienwange, und es war mir, als ſey ich mit der Thuͤr in das Haus gefallen. 70 Tina ſchwieg, und ging, ohne aufzuſehen, zu den Blumen. „Wir pflegen,“ hob ich an, und wollte, auf eine recht feine Weiſe, ihr zu verſtehen geben, daß ſie auf alles andere, die pflichtmaͤßigſte Auf⸗ merkſamkeit habe, nur auf mich nicht:„wir pflegen die lebloſen Geſchoͤpfe oft mit mehr Sorg⸗ falt, als unſere armen Mitmenſchen; meine Blumen werden taͤglich begoſſen und ſorglich ge⸗ wartet, und wie viele Menſchen in der weiten Welt moͤgen heute fruͤh ohne Pflege, ohne ein einziges ſtilles Zeichen der wohlwollenden Lie⸗ be, verſchmachten.“ „Auf Ihren Guͤtern wenigſtens nicht, Herr Graf!“ ſagte Tina, und verſtand mich nicht, oder wollte mich nicht verſtehen; in dem Wohl⸗ laut ihrer Rede aber lag eine mich recht beloh⸗ nende Zufriedenheit mit meinem Thun und We⸗ ſen.„So weit hier die Graͤnzen ihres Beſitz⸗ thums reichen, ſo weit hat hier jeder, was er braucht, und erkrankt ein Armer, ſo wartet ſei⸗ 71 ner im Siechhauſe, das Ihre Milde geſtiftet, die noͤthige Pflege und Wartung.“ „Das allein macht noch nicht gluͤcklich,“ entgegnete ich und half, ohne aufzuſehen, die Blumentoͤpfe ausputzen:„der da druͤben, mein afrikaniſcher Hypochondriſt, hat auch alles, was er braucht, und iſt doch beſtaͤndig verdruͤßlich und haͤngt das verſtimmte Koͤpſchen. Er iſt immer allein, ſagteſt Du, Tina.— Sieh, mein liebes Kind, zum gluͤcklich ſeyn gehoͤrt mehr, als Eſ⸗ ſen und Trinken; ich kenne Perſonen, denen das Fuͤllhorn des Ueberfluſſes unverſiegbar iſt, und ſie ſind“— doch nicht gluͤcklich, wollte ich ſa⸗ gen, aber das Wort erſtarb mir im Munde, denn Tina ſchlug ihr Auge von den Blumen auf mich, und ich ſah in die Azurblaͤue dieſes unver⸗ geßlichen Blicks, worin ich die gutmuͤthigſte Theilnahme, die herzlichſte Freundſchaft, und noch ein Bischen mehr las. „Doch nicht gluͤcklich,“ ſetzte Tina bedeu⸗ tend und langſam, meiner Rede hinzu, holte 72 aus der beklommenen Schwanenbruſt tief Athem, und goß, in Gedanken verloren, die ganze Gieß⸗ kanne auf den, eben unter ihren Haͤnden be⸗ findlichen Orangerieſtock aus, daß ſie das ganze Blumentiſchchen unter Waſſer ſetzte, und die kleine Suͤndfluth ihrer argen Zerſtreuung, den Fußboden des halben Zimmers uͤberſchwemmte⸗ Sie hatte faſt den Tod vor Schreck, als ſie die Waſſersnoth gewahrte; mit beiden Haͤnd⸗ chen wollte ſie die Kaskade aufhalten, die ſich vom Tiſche herab, auf den getaͤfelten Fußboden ergoß, aber das war vergebliche Muͤhe. Ich hoͤrte dieß Plaͤtſchern, das mir ihr Herz ſo ſicht⸗ lich verrieth, mit dem Entzuͤcken, womit der Landmann auf das erſte Troͤpfeln des, nach langer Entbehrung, endlich erfolgenden Gewit⸗ terregens lauſcht. Ich warf, ſehr pfiffiger Wei⸗ ſe, nur ſo ganz leicht im Scherz hin, daß ſie mit dem Waſſer haͤtte oͤkonomiſcher umgehen ſollen, indem, bei jetzt zunehmender Sonnenhitze, manche meiner Blumen zweimal des Tages —— —— 73 wuͤrden muͤſſen begoſſen werden, und ich daher wuͤnſchte, daß ſie das vergeudete Waſſer zum Abend aufgehoben haͤtte: aber ſie hoͤrte das alles nur halb, und eilte in halber Verwirrung aus dem Zimmer, um das Hausmaͤdchen heraufzu⸗ ſenden, dieſes Verſehen wieder gut zu machen. Sie mußte das Uebel noch aͤrger gemacht haben, als es war, denn das Hausmaͤdchen brachte noch eine Magd mit, und beide wiſchten nun, ſo viel ſie nur konnten, und kicherten heimlich dazu, daß ſie ein paarmal vor Lachen haͤtten berſten moͤgen. Vermuthlich— ganz gewiß ſetzten die ſich, uͤber die Veranlaſſung zu dieſer Ueberſchwem⸗ mung, eine, nach ihren Anſichten, ganz eigene, fuͤr Juſtinens guten Ruf nicht gar erbauliche, Geſchichte zuſammen. „Marſchir da, Peak,“ rief ich mit dem Scheine des Verdruſſes, zur alten großen Dogge, die ſich dem Scheuerfaͤßchen der Maͤgde naͤherte: „willſt du, ungeſchicktes Thier, das Faß auch umwerfen, wie vorhin die Gießkanne!“ Nun laſtete, meinte ich, die Schuld der Waſſersgefahr, die Juſtinens Ehre bedrohte, nicht mehr auf uns, ſondern auf dem großen, plumpen Peak; ich hatte— ſo geht es dem Ehrlichen, der nicht luͤgen kann— ich hatte jetzt erſt den Schein wider mich und Juſtinen vergroͤßert. Das Waſſer floß vom Tiſchchen herab; die Flut im Zimmer konnte alſo nicht aus einer, vom Hunde auf dem Fußboden um⸗ geworfenen Gießkanne herruͤhren, und— was das Allerſchlimmſte war, Peak war vorhin gar nicht in der Stube geweſen, ſondern mit den Maͤgden erſt herein gekommen. Dieſe glaubten nun, recht eigentlich zu wiſſen, woran ſie waͤren, und aus den Seitenblicken, die ſie mit einander verſtohlen wechſelten, konnte man den Arg⸗ wohn deutlich abnehmen, dem ſie im Geheimen Raum gaben. Ich war uͤber das hydrauliſche Ungluͤck, das ich 75 mich in meinem intereſſanten Geſpraͤch geſtoͤrt, Juſtinen zur Flucht gedraͤngt, und ihre Ehre dem Hauche der verlaͤumderiſchen Klatſchſucht zweier gemeinen Dirnen Preis gegeben hatte, jetzt noch verdruͤßlicher, als mein Papagei, und genoß mein Bischen Fruͤhſtuͤck im finſterſten Schmollen. 3⸗ Liebesang ſt. Mit theilnehmender Eile holte ich die juͤng⸗ ſten Rechnungen des Verwalters, um zu ſehen, was dieſer der armen Tina an jaͤhrlichem Ein⸗ kommen ausgeſetzt hatte, und ſann auf eine gute Manier, daſſelbe verdoppeln zu koͤnnen; ich durchlief die betreffenden Ausgabekapitel; in kei⸗ nem einzigen war ihrer gedacht. Ich ſah noch einmal genau nach; in den ganzen Rechnungen 9 5 9 kam ihr Name nicht vor. Ich freute mich, Veranlaſſung zu haben, ſie aufzuſuchen, und ſie ſelbſt daruͤber zu ſprechen. Wo mochte ſie ſtecken! Fragen wollte und konnte ich nicht. Die beiden dummen Maͤdchen hatten mir mit ihren bedeutſamen Wechſelblicken und ihrem heimlichen Lachen, ſchon ſattſam zu er⸗ kennen gegeben, wie geneigt die Menſchen ſind, aus jedem, auch dem geringfuͤgigſten Umſtande, ſich etwas zuſammen zu ſetzen, woran doch wahr⸗ haftig nichts war. Ich ging, unter zehnerlei Vorwand, durch alle Zimmer und Gemaͤcher des ganzen Schloſ⸗ ſes; ich fand ſie nicht. In den Souterrains und in den Kellern war ſie auch nicht. Meine Unruhe trieb mich auf den Boden. Frau Reinert, die unwillkommen⸗ ſte Begleitung, folgte mir auf dem Fuße. Sie mochte ſich ſchon lange den Kopf zerbrochen ha⸗ ben, was ich in der erſten und zweiten Etage, Trepp auf Treppe ab, umhergegangen; ihre Milch⸗ und Butterkeller, ihre Gemüſevorraͤthe und die Drehrolle im Souterrain konnte es unmoͤglich ſeyn, die mich zu ihrer Unterwelt lock⸗ 77 ten. Ich mußte— ſo wenig iſt man in ſeinem eigenen Hauſe Herr— ich mußte ihr uͤberall vorluͤgen, wornach ich bald da, bald dort zu ſe⸗ hen wuͤnſchte. Die Butter ſchmecke mir dumpfig, meinte ich, es muͤſſe am mangelnden Luftzuge im Keller liegen; die Milch ſcheine nicht genug auszuſahnen; vielleicht, weil ſie zu kalt ſtehe; die Drehrolle knarre, daß ich es oben in meinem Zimmer hoͤre, und der Sand, worin das Ge⸗ muͤſe im Winter eingeſchlagen geweſen, muͤſſe aus den Kellern geſchafft werden, und fuͤr den Herbſt neuer hineinkommen, denn, wenn ich am Weingelaͤnder oben im Garten vorbeiginge, verſpuͤrte ich an dem, aus den Kellerfenſtern heraufkommmenden Geruche, daß— Frau Rei⸗ nert war ſchon bei der erſten Erwaͤhnung von der dumpfigen Butter, vor innerer Bosheit feuer⸗ roth, wie ein kalekutiſcher Truthahn geworden. Demoſthenes war ein Taubſtummer gegen die Frau. Mit einer wahrhaft furchtbaren Gelaͤu⸗ figkeit der drachengefluͤgelten Zunge, ſetzte ſie 78 aus einander, daß dieß alles nur Verlaͤumdung ſey.„Ich weiß wohl,“ fuhr ſie, ſich in Zorn und Bitterkeit ergießend, fort:„wem ich hier im Wege bin; es ſind juͤngere, huͤbſchere da, die meinen Platz ſuchen;“— gewiß meinte ſie die arme unſchuldige Tina—„meine Butter, im⸗ mer friſch und ſuͤß wie ein Mandelkern, wird in der ganzen Runde weit und breit geſucht; und meine Milch— ich moͤchte wohl wiſſen, wo ſie mehr Rahm und beſſere Buttet lieferte. 4 Ich beſchwichtigte die Geifernde mit den guͤ⸗ tigſten Worten; ich hatte der ehrlichen Frau wehe gethan, ohne es im mindeſten zu wollen. Tina war an allem Schuld. Die brennende Sehnſucht, dem Maͤdchen in die azurblauen Au⸗ gen zu ſehen, und die Beſorgniß, den Zweck neines Suchens zu verrathen— komme der Liebende nur erſt zuiſchen dieſe zwei Klippen, es ſoll ihm wahrhaftig ſchwer werden, ſich mit Eh⸗ ren daraus zu retten. Die Wein⸗ und Bierkeller waren verſchloſ⸗ —,— —,— 79 ſen, darin konnte ſie nicht ſeyn; alſo vermuth⸗ lich auf dem Boden! Frau Reinert folgte mir auf jedem Schritte; ſie hatte einmal alle Schleuſen gezogen, und mußte ſich Luft machen. Es fehlte nicht yiel, daß ich ihr, um ihrer nur los zu werden, foͤrm⸗ liche Abbitte und Ehrenerklaͤrung angeboten haͤtte. Sie hatte mir neulich ihre Noth geklagt, keine ordentliche Rauchkammer zu haben; ſie muͤßte alles in den Schornſtein haͤngen, wo ihr nichts recht gerathe, und auf einem ſo großen Gute keine Rauchkammer zu haben, ſey ein wahres Elend. Um nur mit guter Manier auf den Boden zu kommen, wendete ich vor, mir oben die beſte Stelle zur Rauchkammer aus⸗ zuſuchen, und dieſe Aeußerung, worin ſie die beifaͤllige Beruͤckſichtigung ihres fruͤhern An⸗ trags fand, verſoͤhnte ſie mehr, als dieß die trifftigſte Reparation d'honneur vermogt ha⸗ ben wuͤrde. Als ich die oberſte Treppenſtufe betrat, huſchte —— —— — 80 etwas in den Bodenverſchlag, wo der Hafer fuͤr meine Wagen⸗ und Reitpferde aufgeſchuͤt⸗ tet lag. „War da nicht etwas?“ fragte ich mit ge⸗ preßter Bruſt, denn gewiß war es, nach mei⸗ ner Meinung, die, jetzt immer dringender ge⸗ ſuchte Juſtine. Die ſuͤße Unruhe, dieſe wohl⸗ thuende Qual!— Ich haͤtte vergehen moͤgen vor Unmuth, nicht gleich nachfliegen zu koͤnnen. Doch fand ich Juſtine; was mußte Frau Rei⸗ nert von mir denken! Ach, es gibt fuͤr das Draͤngen der erſten Liebe keine entſetzlichere Pein, als der Zwang, ſolche Ruͤckſichten nehmen zu muͤſſen. „Es wird der Moritz, der Schreiber, ge⸗ weſen ſeyn,“ entgegnete die hinter mir herauf⸗ kommende Frau Reinert:„der giebt um die Zeit gewoͤhnlich das Futter heraus.“ Wir umkreiſ'ten ſelbander alle Schornſteine, aber, war es die ſtickende Hitze unter dem Dache hier oben, oder die Hoͤllenmarter der Eiferſucht, iht, 81 die mir die Moͤglichkeit zufliſterte, daß Moritz und Juſtine da drinnen ſeyn koͤnnten,— mir ward die Bruſt ſo eng, daß ich nicht laͤnger aus⸗ halten konnte; ich war in die Vorſchlaͤge der raͤucherungluſtigen Frau Reinert, der Allerfuͤg⸗ ſamſte, und verſprach, den Rauchtempel ſo groß und ſchoͤn bauen zu laſſen, als ſie nur wolte; ich machte, daß ich von ihr los kam, denn es zog mich, wie mit tauſend Ketten nach dem Bo⸗ denverſchlag. Iuſtine ſteckte gewiß darin; es war mir vorhin wahrhaftig halb und halb ſo vor⸗ gekommen, als waͤre das, was in die Thuͤre huſchte, etwas Weißes geweſen. 4. Wieſengruͤn. Nein, ich hatte mich geirrt. Moritz war al⸗ lein da, und wartete auf den Kutſcher, um ihm das Futter zuzumeſſen. Der Hafer war in regelmaͤßigen Haufen, ungefaͤhr zwei Fuß hoch, zuſammengeſchaufelt; 6 rings am Rande lief eine zierliche, mit dem Kornſchaufelſtiel gezogene Art von Arabeske; und in der Mitte prangte ein, auf gleiche Weiſe, in die Haferflaͤche kuͤnſtlich gravirter Kranz von Kleeblaͤttern, worin ein J. deutlich zu ſchauen war. Juſtine! Ich hatte, um meine Erſcheinung hier auf dem Boden zu beſchoͤnigen, auch Moritz vorge⸗ logen, daß ich haͤtte einmal nachſehen wollen, ob alles hier in Ordnung ſey, und ihn wegen der Reinlichkeit und des guten Zuſtandes, worin ich den Boden und die daneben befindlichen Ge⸗ ſchirrkammern fand, freundlich belobt; jetzt hatte ich den Athem faſt verloren, ſo erſchrocken war ich uͤber das J. „Wer hat ſich denn mit dem Kunſtſtuͤck da verewiget?“ fragte ich, auf den Kleeblaͤtterkranz im Hafer weiſend, ohne Moritz dazu anſehen zu koͤnnen. „Der alte Joſt, unſer Kornſchipper,“ ent⸗ dem eske; eeiche irter ttlich 83 gegnete er läͤchelnd:„laͤßt ſich das nun ſchon nicht nehmen. Seine Nahmenschiffren muß er, wenn er mit dem Schippen fertig iſt, uͤberall anbringen.“* Alſo, auch dem armen Moritz hatte ich Un⸗ recht gethan. Ich war dafuͤr jetzt noch einmal ſo freundlich, als vorhin, und fragte ihn nach ſeiner Herkunft, Dienſtzeit, und dergleichen mehr; er erzaͤhlte davon ein Breiteres, ſprach recht gebildet, verrieth, wie es ſchien, abſichtlich, daß er ſein Fach, die Landwirthſchaft, nicht al⸗ lein praktiſch betrieben, ſondern auch, nach ſeinen Kraͤften, und mit Huͤlfe meiner auf dem Schloſſe befindlichen oͤkonomiſchen Bibliothek, theoretiſch ſtudirt habe, und druckſte und druckſte, als habe er etwas auf dem Herzen, zu deſſen Verlautba⸗ rung ihm aber der Muth fehlte. Mir ward ſchon wieder bruͤhſiedend warm; zuverlaͤßig wollte er Gehaltzulage, um Juſtine heirathen zu koͤnnen, denn mit dieſer unter einem Dache zu leben, und nicht ſchon lange auf Hei⸗ 6 † 84 rathgedanken gerathen zu ſeyn, war, nach mei⸗ ner Anſicht, unmoͤglich. Der Menſch war recht huͤbſch, hatte in ſeinem Aeuſſern etwas recht an⸗ ſtaͤndiges, konnte ſich uͤberall ſein Brod verdienen, und Juſtine mußte ihn nehmen, denn ſie war eine blutarme Waiſt, und ſah auſſer ihm, hier keinen jungen Mann weiter. Das alles war mir klar und richtig, wie zweimal zwei vier iſt. Heraus mußte er mit der Sprache! ich ſollte ihm mein Ungluͤck ſelbſt abfragen! Richtig!— Zur Haͤlfte wenigſtens kam ich der Sache auf die Spur. Ich beruͤhrte kaum die Frage nach ſeinen kuͤnftigen Ausſichten, als er, ſchmunzelnden Ge⸗ ſichts, mit der Aeuſſerung herausruͤckte, daß er wohl einen Wunſch habe, aber freilich— er zuckte die Achſeln und ſchwieg. Auf nochmaliges Erſuchen, ganz ohne Scheu zu ſagen, was er fuͤr einen Plan habe, und auf die Verſicherung, daß ich deſſen Ausfuͤhrung— ich daͤmpfte das Wort, ohne es ſelbſt einmal genau zu wiſſen— un d. 85 gern unterſtuͤtzen werde, wenn ich koͤnnte, ruͤckte er dann endlich mit dem Antrage heraus, daß ich ihm das kleine Vorwerk Wieſengruͤn in Pacht geben moͤchte. „Ich werde mit Herrn Ewald daruͤber ſpre⸗ chen,“ entgegnete ich beifaͤllig, um ihm zur Beantwortung der Frage, die nun kommen ſollte, mehr Muth zu machen. „Der wird dagegen ſeyn,“ erwiederte Moritz traurig.„Er fuͤrchtet, Ew. Erlaucht wuͤrden denken, daß, wenn er dafuͤr ſtimmte, von ſei⸗ ner Seite Eigennutz im Spiele waͤre. „Wie ſo?“ fragte ich, ihn nicht verſtehend. „Er iſt mein Vetter,“ ſagte Moritz klein⸗ laut, und will mir darum ſein Vorwort bei Ewr. Hochgraͤflichen Gnaden nicht vergoͤnnen.“ „Da iſt ja die— die Juſtine auch mit Dir verwandt,“ platzte ich, von mir ſelbſt uͤber⸗ raſcht, heraus, und buͤckte mich raſch nieder und holte aus dem Haufen eine Hand voll Hafer und ließ ihn mir, ohne aufzublicken, durch die Finger laufen; denn alle dreißig Pfund Blut, die der Menſch im Koͤrper haben ſoll, waren mir bei der dummen Frage in das Geſicht geſchoſſen. „Weitlaͤufig!“ entgegnete Moritz mit der hoͤchſten Gleichguͤltigkeit, und wußte nicht, in welchem engen Bezug ſein kalt hingeworfenes „Weitlaͤufig“ mit meiner Lebensruhe ſtand. Ein Muͤhlſtein war vom Herzen; ein ſehr großes Intereſſe konnte, nach dieſer ruhigen An⸗ theilloſigkeit zu urtheilen, Moritz an Juſtinen nicht haben; indeſſen, man kennt ja die Henker⸗ freude, womit die Eiferſucht das liebende Herz auf ihre Marterbank ſchraubt— indeſſen hei⸗ tathen konnte er ſie darum doch wollen. „Wieſengruͤn,“ hob ich, immer noch in meinem Haferſpiel verloren, an:„Wieſengruͤn hat eine ſtarke Melkerei; eine tuͤchtige Wirthin, die ihr Fach verſteht, und ſelbſt mit Hand an⸗ legt, iſt dort die Hauptſache,“— und ſelbſt mit Hand anlegt— den Einſchiebſel mußte — der 87 0. der Satan ſelber meiner lauernden Eiferſucht diktirt haben. Juſtine, blos mit den feinſten weiblichen Arbeiten bisher beſchaͤftiget, hatte weiße, weiche Patſchchen, wie eine Prinzeſſin; die wuͤrde dem Mosje Moritz ein ſchoͤnes Geſicht machen, wenn er ja auf die raſende Idee kaͤme, ihrer als Frau zu begehren, damit ſie das Gluͤck habe, wöchentlich zwei, dreimal zu buttern und Kaͤſe zu machen und— nun vollends mit ihren wun⸗ derniedlichen Fuͤßchen alle Tage fruͤh— Mittags und Abends, durch die Staͤlle zu patſchen. „Allerdings,“ erwiederte Moritz:„iſt das in Wieſengruͤn mit eine Hauptſache; indeſſen, ſo etwas findet ſich hier in der Gegend wohl; es gibt ja Maͤdchen genug in der Welt; eine Putzmamſell nach der Mode darf es freilich nicht ſeyn; wer heut zu Tage vorwaͤrts will, muß ſich ruͤhren und darf die Knochen nicht ſcho⸗ nen.“ 5. Die Dachluke. Ein ganzes Floͤtzgebirge waͤlzte ſich mir von der Seele. Nein, auf Juſtinen hatte der ehr⸗ liche Moritz ſein Auge nicht gerichtet.— Kno⸗ chen— wie haͤtte er dieſes plumpe Wort in den Mund nehmen, und dabei an des Engels zarte Hebegeſtalt denken koͤnnen; und— nein, nein! — meine einfaͤltige Beſorgniß war voͤllig un⸗ gegruͤndet; denn wenn mich meine Combina⸗ tions⸗Gabe nicht ganz im Stiche ließ, konnte er, Gott ſey Dank, das Maͤdchen ſogar nicht einmal leiden. Mit der Putzmamſell nach der Mode, ſtichelte er gewiß auf Juſtinen. Aller⸗ dings ging auch das Maͤdchen fuͤr ihre Lage ein wenig zu nett; indeſſen, das war ſo recht gut, Wahrſcheinlich hatte der alte Vetter, der Ver⸗ walter, ſeine Freude daran, ſie immer ſo nied⸗ lich als moͤglich gekleidet zu ſehen, und wen ging das weiter etwas an? Froͤhlich und leicht, wie von einer ſchweren — 89 Krankheit geneſen, hob ich, den heimlichen Plan, den mir einmal verdaͤchtig geweſenen Morit, ſo⸗ bald als moͤglich, aus dem Hauſe zu ſchaffen, im Herzen, wohlwollend zu ihm an, daß er auf die gewuͤnſchte Pachtung in jedem Falle rechnen koͤnne, daß Johannis, als die beſte Uebergabe⸗ zeit, vor der Thuͤre ſey, und daß— da flatterte hinter dem dicken Schornſtein, der, vom Hafer rund umgeben, durch den Futterboden zum Dache hinauf ging, der Zipfel eines weißen Ge⸗ wandes hervor. Das Wort blieb mir vor Schreck im Munde. Alſo hatte ich mich doch nicht geirrt; alſo war das Maͤdchen doch hier oben— heimlich— verſteckt— mit dem— mit dem Moritz allein!— „Was iſt da hinten Weißes?“ fragte ich, meiner Sinne kaum mehr maͤchtig, und that mir ungeheure Gewalt an, den Krampf, der mir die Bruſt zuſammen zog, vor dem Raͤuber mei⸗ ner Seligkeit nicht merken zu laſſen. „Die Kutſcherin hat neulich, als es regnete, ein wenig Waͤſche hier aufgehangen,“ antwortete Moritz entſchuldigend:„und wahrſcheinlich ver⸗ geſſen, ſie ſeitdem wieder abzunehmen.“ Ich ſchaͤmte mich der abermaligen Taͤuſchung und wollte gehen, weil ich mein, uͤberall Ver⸗ brechen und Verrath ſuchendes Auge zu dem kryſtallreinen Menſchen, dem ich ſchon wieder Unrecht gethan, nicht aufheben konnte; aber— war denn auch wahr, was er ſagte? Hinter den Schornſtein zu kommen, ohne bis an die Knie in den ringsum geſchuͤtteten Ha⸗ fer zu treten, war nicht moͤglich— und wenn ich nun durchwadete und hinterkam und das Maͤdchen fand?— Oder konnte ſie, waͤhrend ich hinterging, nicht vor, auf die andere Seite ſchluͤpfen, und ſo, den koloſſalen Schornſtein immer zwiſchen uns, mit mir Haſchens ſpielen, daß ich ſie in Ewigkeit nicht entdeckte? Mein beſſeres Selbſt wollte fort, hielt eine naͤhere Un⸗ terſuchung unter Zartgefuͤhl und Wuͤrde, und — —,— —,— glaubte an die Waͤſche der Kutſcherin. Aber die ſuͤndigere Haͤlfte meines Ichs meinte hohnla⸗ chend, daß die Kutſcherfrauen in der Regel nicht ſo viel Waͤſche uͤbrig haͤtten, um ſie halbe Wo⸗ chen lang auf der Leine haͤngen zu laſſen; daß Mosje Moritz, bei der Frage nach dem weißen Gewande, etwas verlegen ausgeſehen habe; und daß uͤberhaupt ein Brodherr nicht alles auf das Wort glauben muͤſſe, was ſeine Untergebenen ihm vorſchwatzen, ſondern daß es ſeine Pflicht und Schuldigkeit ſey, ſich von der Wahrheit ih⸗ rer Ausſagen zuweilen mit eigenen Augen zu uͤberzeugen. „Da will die Reinert,“ ſagte ich, auswen⸗ dig verdruͤßlich und inwendig ſehr gluͤcklich, einen Vorwand gewonnen zu haben, den verhaͤngniß⸗ vollen Schornſtein ohne Verdacht umgehen zu koͤnnen, und ſtak ſchon bis uͤber die Waden im Hafer:„eine Rauchkammer haben; der Schorn⸗ ſtein hier“— „Die Alte weiß nicht, was ſie will,“ fiel der wirthſchaftliche Moritz mir aͤrgerlich in's Wort: „wir haben Jahre lang im Schornſtein geraͤu⸗ I chert, und Speck und Wuͤrſte und Schinken ſind ſ untadelhaft geweſen.“— „Laſſen wir das,“ verſetzte ich, ihn beſaͤnf⸗ tigend:„ich habe es ihr einmal verſprochen, und wir muͤſſen ihr nun ſchon den Willen thun; der Schornſtein hier ſcheint ſich zur Rauchkammer viel beſſer zu— Moritz und Juſtine waren ganz unſchuldig! Nichts als Waͤſche hing da! der gallſuͤchtige Teu⸗ fel, der mich hieher in den Hafer gedraͤngt hatte, war boshaft genug, mir die ſtachlichſten Koͤrner in die Stiefel zu ſchuͤtten; ich ſtand und ging wie auf Nadeln; aber ſpitziger noch waren die Dornenvorwuͤrfe, die meine gute Haͤlfte, die nun Oberwaſſer hatte, der ſchlechteren jetzt uͤber mein laͤcherliches Betragen machte. Indeſſen letztere duckte doch noch nicht voͤllig nieder. „Was iſt denn das fuͤr ein weißes Kleid?“— fragte ich und wies auf ein allerliebſt garnirtes Gewand von recht feinen Petinet, was auf der Leine mit hing.„Gehoͤrt das auch der Kut⸗ ſcherfrau?“ „Nein,“ erwiederte Moritz lachend:„das iſt Juſtinen; ſie hat neulich, oben auf dem Aer⸗ mel, einen rothen Weinfleck bekommen— wir haben alle daran kurirt, aber es ſcheint— Der Kutſcher kam jetzt, ſich ſein Futter ge⸗ ben zu laſſen; ich wadete durch den Hafer wieder zuruͤck, ließ mir die Stiefel ausziehen, um der Stacheln los zu werden, und warf nun, in der ruhigen Ueberzeugung, daß mein laͤcherlicher Ver⸗ dacht ganz ungegruͤndet war, aus der Dachlucke einen Blick rund um auf meine Beſitzungen. Es iſt ein recht huͤbſches Gefuͤhl, einen Strich von Gottes lieber Erde ſein nennen zu koͤnnen⸗ So weit das Auge reichte, ſo weit liefen die Graͤnzen meines Beſitzthums hinaus; eine herr⸗ liche Landſchaft, links hoher Laubwald; rechts faſt unuͤberſehhare Felder und Wieſen; vor mir, 94 druͤben uͤber dem breiten Strome, ſanft anſtei⸗ gende Rebenhuͤgel, und unter mir, dicht am Schloſſe, der große, weitlaͤufige Park, mit ſei⸗ nem Thiergarten, ſeiner Faſanerie, ſeiner— Juſtine— ſo wahr der Herr lebt,— im gan⸗ zen Hauſe hatte ich ſie geſucht,— dort unten bei der Kaskade— 6. U r b an. Ich waͤre lieber gleich zur Dachlucke hinaus geflogen; aber ſo— die vermaledeiten Ruͤck⸗ ſichten; ich haͤtte nur ein wenig raſcher, als ge⸗ woͤhnlich, abgehen duͤrfen, ſo haͤtte Moritz ſammt dem Kutſcher, gewiß Wunder gedacht, was mich ſo haſtig hinunter triebe. Ich zwang mich da⸗ her, ſo gleichguͤltig als moͤglich zu ſcheinen, ſagte im langſamen Abgehen, daß Moritz, der be⸗ wußten Sache wegen, in Kurzem naͤhere Be⸗ ſtimmung von mir erhalten ſolle, war, als ich mich ungeſehen glaubte, in drei Saͤhen die Tieppe ich 95 hinab, und rannte im Siebenmeilenſtiefelſchritte zur Kaskade. Der Park— tagtaͤglich war ich ſeit meinem Hierſeyn darin geweſen, aber es war, als haͤtte er heute ein ganz anderes Geſicht. Sonſt hat⸗ ten mich ſeine Oede, ſeine Einſamkeit, ſeine Langweile erdruͤckt; heute— tauſend und aber tauſend Voͤgel flogen und zwitſcherten darin herum; Millionen Bienen umſumſten Millionen Blumen; und das kraͤftige, friſche Gruͤn der Baͤume, und das duftende Strauchwerk— uͤberall war Leben und Treiben und Wirken und Schaffen— und ich hatte es hier— ich be⸗ griff mich nicht— ich hatte es hier oͤde, einſam, langweilig finden koͤnnen? Und nun erſt das Plaͤtzchen hier am Waſſerfall!— wie friedlich und wie traulich!— wie ſtill und wie heim⸗ lich!— Die Sonne war ſchon hoch herauf, aber das dunkele Schattendach dieſer Rieſen⸗ baͤume hier— wohl blitzte hie und da einmal das Endchen eines, ein und zwanzig Millionen Mei⸗ 96 len langen Sonnenſtrahls durch, aber ſchattig und kuͤhl war es darum immer, ſelbſt am hohen Mittag. Plaͤtſchernd ergoß ſich der kryſtallklare Bach uͤber gruͤn bemooſ'te Steine, von Stufe zu Stufe in geſchwaͤtzigem Gemurmel hinab; zwei Najaden am Ufer, eine köͤſtliche Gruppe von Balthaſar Permoſer, thuͤrmten ſchaͤkernd mehrere kleine Felsſtuͤcke zuſammen, um das Waſſer zu daͤmmen, dieſes aber ließ ſich nicht ſtauen, ſon⸗ dern uͤberſtieg die entgegengeſtaͤmmten Maſſen, und fiel um ſo hoͤher und dröhte, die kuͤhnen Maͤdchen zu netzen, die es wagten, dem allmaͤch⸗ tigen Elemente Geſetze vorſchreiben zu wollen. Oben, weiter hinauf, unfern der hoͤchſten Stufe der Kaskade, auf dem, von tauſend ſchoͤnfarbi⸗ gen Waſſerblumen umdufteten, Ruhebette der ſchilfbegraͤnzten Nymphen, ſaß Juſtine und naͤhte, und war in ihrer Arbeit ſo vertieft, daß ſie mich nicht eher hoͤrte, als bis ich dicht vor ihr ſtand. Sie fuhr mit einem kleinen Schrei auf, legte Ple das Haͤndchen auf die Bruſt und klagte laͤchelnd uͤber den entſetzlichen Schreck, den ſie gehabt. Ich zog ſie mit den tiefen Gedanken auf, worin ſie verloren geweſen ſeyn muͤſſe; und in der ſuͤßen Verwirrung, die jeder ihrer lieblichen Zuͤge verrieth, las ich mein Entzuͤcken; denn in ihrem ganzen Weſen lag— ich bin wahrhaftig nicht eitel, aber wer in den ſeligen Hieroglyphen der keuſchen Unſchuld nur irgend zu buchſtabiren vermochte— konnte in dieſer Freundlichkeit, in dieſem zauberiſchen Laͤcheln, die noch perſchloſſene Knospe des Wohlwollens finden, aus welcher die Goͤtterroſe der Zuneigung, der Liebe, ſich ſicht⸗ lich entfalten mußte. Ich ſaß neben dem reizenden Maͤdchen; ich ſchlang meinen Arm um ihre Huͤfte und koſ'te mit ihr, denn der geſchwaͤtzige Bach that, als ob er laut zu reden allein hier das Recht habe. Ja, jetzt wußte ich, was mir gefehlt hatte. In dieſem Augenblick, auf dieſem traulichen Plaͤtzchen, an der Seite dieſes holden Kindes— 64 97 98 alle Nebel der Zukunft fielen, und ich ſah die Sonne meines Lebens in ihrem zaͤrtlichen Liebes⸗ blicke vor mir aufgehen. Ich ruͤckte ihr noch naͤher, ich ſprach, Gott weiß, wovon; aber, die verſteckte Glut meiner geheimſten Empfindungen mußte aus manchem meiner Worte herausgeblitzt haben, denn ſie ſchien immer verlegener zu werden; ihre Naͤ⸗ therei, bei der ich ſie beſchaͤftigt fand, hatte ſie ſchon lange im Schooße liegen, ohne daran zu arbeiten; ihre Hand ruhte in der meinen; eini⸗ gemale zuckte ſie, um mir dieſes ſuͤße Unterpfand ihres lautloſen Geſtaͤndniſſes, daß ich ihr nicht gleichguͤltig ſey, unvermerkt zu entziehen; allein ich hielt die kleine Gefangene feſt, und das leiſe Zittern derſelben bebte mir durch alle Nerven. Mit ſtillem Entzuͤcken betrachtete ich das liebens⸗ wuͤrdige Kind; jetzt noch faſt die aͤrmſte Waiſe im Lande, und in wenigen Augenblicken die Herrin meiner ſchoͤnen Grafſchaft, die ich eben im Begriff war, ihr mit meinem Herzen zu die bes⸗ Bott iner hem ſie Naͤ⸗ 2 ſie zu eini⸗ fand nicht llein leiſe ven. ens⸗ zaiſe die eben 99 Fuͤßen zu legen. Unſer, oder eigentlich mein Geſpraͤch— denn ihren kleinen Purpurmund hatte die Schuͤchternheit faſt gaͤnzlich verſchloſ⸗ ſen; ſie hatte das Koͤpfchen geſenkt; ihre Wan⸗ gen gluͤhten; der Blick war auf die Erde gehef⸗ tet, und die Bleilaſt der hoͤchſten Befangenheit preßte ihr die Schwanenbruſt ſichtbar zuſammen — mein Geſpraͤch alſo war unvermerkt auf die Schilderung meiner Lage gerathen; ich hatte ihr erzaͤhlt, wie freudenleer mir anfaͤnglich hier mein Leben geweſen, wie ich bisher den Zweck meines Daſeyns ſo gar nicht verſtanden, wie ihr Lieb⸗ reiz endlich in das Dunkel meines Innern das erſte Licht gebracht, wie— „Urban, ſuchſt du mich?“ rief ſie d Gar⸗ tenknecht zu, der von den Treibhaͤuſern kam und zum Eſſen nach dem Schloſſe gehen zu wollen ſchien; ſie ſprang auf, verabſchiedete ſich durch eine leichte Verbeugung, hatte den alten Urban zehnerlei zu fragen, und verſchwand mit 7* ihm in dem, auf dem Wege nach dem Schloſſe befindlichen Platanen⸗Waͤldchen. Der alte Urban war mir ſchon von fruͤher Kindheit an zuwider. Von meiner Liebhaberei, nach Neſtern zu klettern, hatte er der Mutter, und von meinen Verſuchen, aus den Baum⸗ ſchulen mir Reitgerten zu ſchneiden, den Vater heimliche Nachrichten geſteckt; natuͤrlich war ich daruͤber zurecht gewieſen worden, und wenn ich mir auch ſpaͤterhin ſagte, daß Urban damals pflichtgemaͤß gehandelt hatte, ſo konnte ich ihn doch nie ſehen, ohne an jenen unfreundlichen Tadel zu denken, der mir von den Aeltern da⸗ mals in reichlichem Maaße zu Theil geworden war— und jetzt muß der Ungluͤcksmenſch mir in den Weg kommen, gerade in dem Augen⸗ blick, wo ich im Begriff ſtand, Juſtinen meine Liebe zu geſtehen, und—„Urban, ſuchſt du mich?“ Die Paar Worte kamen mir gar nicht aus dem Sinn; ſie klangen mir unbeſchreiblich widrig, und ich mochte denken, woran ich wollte, alle 101 ſo hallten ſie mir immer im Ohre wieder, ſo, daß ich des leidigen Schalles gar nicht los wer⸗ den konnte.— Morgen fruͤh kam Juſtine wieder auf mein Zimmer, zu Papchen und zu den Beumen. Vielleicht— ganz gewiß kam ſie gaͤr ſchon heute Abend; ſie hatte mich gewiß verſtanden; ich hatte es ihr ja, ſollte ich denken, deutlich genug zu verſtehen gegeben; die Haͤlfte des, den Blu⸗ men heute fruͤh zugedachten Waſſers, war ja ver⸗ plempert worden; ſie mußte alſo heute Abend kommen; und da ſollte uns der Mosje Unaus⸗ ſtehlich, der alte Urban, gewiß nicht wieder ſtoͤren. 7. Herr Ewald. Der Jaͤger rief mich zu Tiſch. Da ſaß ich im Speiſezimmer, mutterſeelen allein. Eine miſerable Figur, ich, der Kam⸗ merdiener, der Jaͤger, der Buͤchſenſpanner, drei — 102 Bedienten, der Jokei, und, ich glaube, noch ein Paar ſolcher Livreegeiſter, raſaunten mit Tellern und Glaͤſern hinter meinem Stuhle herum; der Koch, der, weil ich vor Mißmuth in der Regel faſt Hinen Biſſen aß, ſich wieder einmal alle erſinnliche Muͤhe gegsben hatte, meinem Gau⸗ men einen gnaͤdigen Beifall abzugewinnen, be⸗ kam von mir im Stillen wieder ſauere Geſich⸗ ter; ich ſtippte auf allen Gerichten herum, murmelte etwas von elendem Eſſen zwiſchen den Zaͤhnen, und ließ zwei, drei Schuͤſſeln unange⸗ ruͤhrt ſtehen. Ja, dachte ich, wenn Tina hier mir gegenuͤber ſaͤße und mir vorlegte und mit mir plauderte und mit mir ſcherzte und mir einſchenkte! Ich konnte mir das ſo lebhaft den⸗ ken, daß ich halb laut vor mich hinlachte, vom vierten Gericht die Haͤlfte, vom fuͤnften zwei drittel, und das ſechſte faſt ganz aufzehrte; beſ⸗ ſern Wein verlangte, heimlich ihr Wohl und dem verwuͤnſchten Urban ein Pereat trank und bei der zweiten Flaſche recht gemuͤthlich ward⸗ 103 Ich tafelte laͤnger als gewoͤhnlich, ließ die Tu⸗ multuanten hinter meinem Stuhle, die mir in den gegenuͤber befindlichen Spiegeln jeden Ge⸗ ſichtszug, jede Miene belauſchten, abtreten; er⸗ quickte mich am Nachtiſch, den Tina mir wieder mit der zarteſten Aufmexkſamkeit ganz vorzuͤg⸗ lich beſorgt hatte, und ſaß noch und ſchwelgte in den freudenreichen Planen meiner Zukunft, als mein ehrlicher Verwalter eintrat, um mir meh⸗ rere Geſchaͤftsfragen vorzulegen. Er kam mir wie gerufen. Ich mußte mit ihm wegen der Wieſengruͤner Pachtung und we⸗ gen Tina's vergeſſener Gage ſprechen, und— ach nur von ihr reden zu koͤnnen, ihren Namen nennen zu hoͤren, war mir ſchon Seligkeit. Der alte Herr ſchien verſtimmt, verdruͤßlich. Wer die elende Plackerei des Verwalterlebens kennt, entſchuldigt das gern. Ohne Aerger geht das nicht ab. „Trinken Sie, Alterchen,“ ſagte ich und ſchenkte ihm froͤhlich, wie ich lange nicht geweſen, meinen kreuzbraven Nierenſteiner ein, daß er des Redlichen Sorge breche und ſein Herz er⸗ waͤrme.„Da hat mir der Moritz heute von Wieſengruͤn geſagt; das will er pachten; er ge⸗ faͤllt mir; es iſt ein huͤbſcher, ruͤhriger Menſch, der, wie ich ſehe, auf Ordnung in ſeinen Sa⸗ chen haͤlt.“— Der Verwalter ſah mich mißbilligend und finſtern Blickes an; der wackere Mann, blos weil Moritz ſein Vetter war, wollte er, um in meinen Augen nicht als Nepot zu erſcheinen, dem armen Jungen in ſeinem Gluͤcke nicht be⸗ foͤrderlich ſeyn; je ſauertoͤpfiger er ausſah, je mehr ſprach ich zu Moritens Lobe. „Man muß einem jungen Manne, der vor⸗ waͤrts will, behuͤlflich ſeyn; wir wollen ihm die Pachtung geben; machen Sie ihm einen billigen Contract; hoͤren Sie, einen recht billigen; denn der Menſch hat einen ſchweren Anfang; er muß heirathen; wir wollen ihm eine huͤbſche Frau, eine tuͤchtige Wirthin verſchaffen; das Wohn⸗ 105 haus druͤben in Wieſengruͤn iſt allerliebſt einge⸗ richtet; Sie koͤnnen es ihm ganz zum Gebrauch uͤbergeben; nur das kleine niedliche Kabinet rechts unten zu ebener Erde, da bei der Akazienlaube, das heben Sie mir auf; ich werde oft in die friſche Milch hinuͤber reiten; und dann habe ich dort ein recht nettes Plaͤtzchen fuͤr mich allein.“ Die Freude uͤber die geheimen Plane mei⸗ ner Liebe, wovon freilich der gute Herr Ewald nichts wiſſen konnte, druͤckte mir das Herz ab. Mit dem hinuͤber reiten war es nichts; hinuͤber fahren wollte ich, und das mit Tina. Das Kabinet in Wieſengruͤn, man konnte kein ein⸗ ladenderes Winkelchen auf der ganzen Welt fin⸗ den, rings um Landſchaften von Hackert, Rein⸗ hart, Mechau und Klengel; große deckenhohe venetianiſche Spiegel. Der Fußboden, ein zier⸗ lich gearbeitetes Parket von dunkelfarbig gebohn⸗ tem Nußbaumholz; im Secretair eine Floͤten⸗ uhr; aus den Fenſtern die lachendſte Ausſicht uͤber Fluren und Buſchwerk; und dort, in die⸗ 106. ſem lauſchigen Plaͤtzchen, ungeſehen von der gan⸗ zen Welt, in meinen Armen mein Frauchen, die goldgelockte Tina mit den blauen, ſchmach⸗ tenden Augen!— das alles dachte ich mir im Stillen, und betrieb meine Verpachtung⸗ und Moritzens Verheirathungplane mit einer Haſt, daß ich lieber geſehen haͤtte, die Uebergabe des Vorwerks haͤtte heute ſchon vor ſich gehen koͤnnen. Nicht alſo Herr Ewald. Er ward immer kälter und zuruͤckhaltender, je lebendiger ich mich fuͤr das Vorhaben erklaͤrte, und bat mit kurzen Worten, die Sache noch naͤher in Ueberlegung nehmen zu duͤrfen. Dabei ſah er aus, als ob er mich durchſchaute, und mich in meiner leidenſchaftlichen Liebe zu Ju⸗ ſtinen— aber— davon konnte er ja nichts ahnen; dieſe, mir kaum ſelbſt recht klare Ver⸗ muthung war blos die Angſt meines Gewiſſens. Was konnte er von der Gluth wiſſen, die im Tiefſten meines Herzens in ſo praſſelnden Flam⸗ 107 men aufloderte, daß ich zur dritten Flaſche griff, um die mich beinahe verzehrende Feuersbrunſt nur wenigſtens einigermaßen zu loͤſchen. Wahrſcheinlich, um mich von dem, ihm nicht recht gefallenden Geſpraͤch abzubringen, lenkte er die Rede auf unſere Nachbarſchaft, erzaͤhlte, wie dieſe ſonſt, zu Lebzeiten meiner El⸗ tern, hier immer verkehrt habe, und wie man ſich jetzt wundere, daß ich ſo eingezogen lebe, daß ich aus der ganzen Runde, ſeit den zehn Wochen meines Hierſeyns, auch noch keinen Menſchen bei mir geſehen; wie auf dem und jenem der umliegenden Ritterſitze manches huͤbſche, eben⸗ buͤrtige Fraͤulein— Halt— die letzten Worte ſchtugen ein; ich war mit einem neuen Plane fertig. Freund Ewald, vermuthlich von der oder jener ſorglichen Mutter angeregt, ihr ſeinen jungen Prinzipal als Schwiegerſohn zuzuſchanzen, wollte mich in unſere Nachbarwelt einfuͤhren; mein Herz ſollte, nach ſeiner Meinung, bei einer der Schoͤnen unſers Landes haͤngen bleiben, und 108 mein armes Tinchen, mit gebrochenem Herzen, mich an der Seite einer andern ſehen. Der alte Herr ſpielte ſein Schach recht ver⸗ deckt; aber er fand an mir ſeinen Meiſter. „Gut,“ ſagte ich, das Lachen uͤber ſeine Feinheit kaum verhaltend:„gut, daß Sie mich daran erinnern. Um die Zeit jetzt, ſo vor Jo⸗ hannis, gaben meine Eltern, wie ſie ſich ent⸗ ſinnen werden, immer einen recht glänzenden Ball. Kommenden Freitag uͤber acht Tage, den 16. d. M.— es war Juſtinens Namens⸗ tag— ſoll, um die alte gute Gewohnheit nicht abkommen zu laſſen, hier einer bei uns ſeyn, der den fruͤhern nichts nachgeben muß. Laden Sie in meinem Namen, die ganze Nachbarſchaft rund um dazu ein; laſſen Sie die Hautboiſten von Walderode kommen. Was Kuͤche, Kon⸗ ditorei und Keller nur vermoͤgen, alles muß heraus; wir wollen den Leuten zeigen, daß unſer altes gaſtfreundliches Haus noch nicht ausgeſtor⸗ ben iſt; aber“— Bis dahin kam ich mit Ju⸗ 10) ſtinen in Richtigkeit, und bei der Tafel, wenn die Menſchenkinder von der Freude und dem Weine erwaͤrmt waren, ſtellte ich den Staunen⸗ den die elternloſe Waiſe, die engelſchoͤne Tina, als meine Braut vor, und Trompeten und Pauken und Glaͤſerklang und das Vivatgeſchrei der bechampagnerten Gaͤſte, und der Donner meiner vier und zwanzig Boͤller auf dem Soͤl⸗ ler des Schloſſes— ich konnte vor Luſt und Seligkeit kaum ſitzen bleben—„Aber,“ fuhr ich fort und ſah in den Goldſpiegel des Nieren⸗ ſteiners in meinem Kryſtallglaſe, denn ich ſollte vor dem Alten jetzt ihren Namen nennen, und konnte dazu die Augen um keinen Preis aufhe⸗ ben—„aber, wenn ich in meiner Junggeſel⸗ lenwirthſchaft Damen bei mir ſehen ſoll, muß jemand— muß ein Frauenzimmer da ſeyn, das die Honneurs macht— verſtehen Sie, zum Theeeinſchenken oder dergleichen. Da meine ich denn— die Frau Reinert will ſich dazu nicht ſchicken, die iſt zu unbeholfen, zu“(— Ich dachte, er ſollte mir in's Wort fallen und mir ſelbſt Juſtinen vorſchlagen, aber ich haͤtte bis morgen fruͤh reden koͤnnen, Herr Ewald that den Mund nicht auf, ſondern horchte nur, was da herauskommen ſollte—„Da meine ich denn, die— die— Ihre Nichte, die kleine Ju⸗ ſtine—“ „In ſolcher vornehmen Geſellſchaft zu er⸗ ſcheinen, wuͤrde wohl fuͤr das Maͤdchen zu viel Ehre ſeyn,“ erwiederte Herr Ewald mit ganz ſonderbarem Ton, als wollte er ſagen:„Da wuͤrden die Damen unſerer Nachbarſchaft ſchoͤne Augen machen, wenn ſie das huͤbſche Maͤdchen, als die Mamſell Geſellſchafterin des jungen Herrn Grafen, kennen lernten.“ Ich hatte zwar auf die beſcheiden ſeyn ſollende Erwiederung meines Herrn Oberhofmeiſters Ewald, ein nichts ſagendes„Bitte recht ſehr“ auf der Zunge, aber der alte Fuchs machte ein ſo gar wunderliches Geſicht, daß mir die Wangen wie Feuer zu brennen anfingen; ich fuͤhlte ein ſte⸗ ger Ro jaͤl lich chendes Brickeln, als bohrte mir jemand mit zehntauſend feinen Naͤhnadelſpitzchen in allen Poren, und konnte nichts weiter, als ein, dem Scheine der allerhoͤchſten Gleichguͤltigkeit abge⸗ zwungenes„nun, das wird ſich ja noch finden“ herausbringen. Herr Ewald erhob ſich vom Stuhle und wollte gehen; ich brach aber— der erſte Pfahl zu dem Bruͤckchen, das ich ſchlagen wollte, war ja eingerammt, ich hatte den Namen Juſtine genannt, alſo nun getroſt weiter— die vierte meines herrlichen Nierenſteiners an, ſchenkte meines ehrlichen Verwalters Glas bis an den Rand voll und ſagte waͤhrend des Eingießens, das ich ſo langſam als moͤglich verrichtete, um etwas zu haben, worauf ich waͤhrend des Redens ſehen koͤnnte. „Da habe ich heute Ihre Rechnungen durch⸗ blaͤttert, um zu ſehen, was jedes an Einkommen jaͤhrlich habe. Sie ſtehen noch auf dem naͤm⸗ lichen Gehalte, wie vor zehn Jahren; jetzt iſt alles weit theurer, als ſonſt; ich bitte alſo, eine jaͤhrliche Zulage von 200 Rthlr., als einen Ih⸗ nen gebuͤhrenden Beweis meines Anerkennt⸗ niſſes Ihrer Verdienſtlichkeit, anzuſehen, und— und—“ Herr Ewald kratzte ſcharrend hinten aus und dankte freundlichſt, ich aber erſchrak uͤber mich ſelbſt, denn noch, als ich die Flaſche entpfropfte und ihm einſchenken wollte, hatte ich mit keiner Sylbe an die Zulage gedacht; es war blos die Verlegenheit und die Angſt, wie ich das, was ich wegen Juſtinens Gage auf dem Herzen hatte, uͤber die Lippen bringen wollte, die mich verwirrt machten, und um nur zu reden, kam ich meiner Idee wegen Juſtinens Unterſtuͤtzung, mit der Zulage fuͤr Herrn Ewald in die Quere — indeſſen, verdient hatte ſie der Ehrenmann lange ſchon, mein Wein war gut, mein Herz mild und froͤhlich, meine Caſſe in gutem Stan⸗ de— alſo mochte der alte Herr die zweihun⸗ dert Thaͤlerchen in Gottes Namen behalten— „und dann,“ fing ich jetzt wieder an, als ich ſie bei nten hrak iſche ich war das, rzen nich am ung, uere ann derz mich ein wenig von meiner Ueberraſchung erholt hatte, und ſchenkte mir dazu mein Kryſtallglas ein—„und dann, die— die Kleine— Ihre Nichte— die hat, wie ich ſehe, ja noch gar nichts.“ „Was ſoll ſie denn haben?“ fragte Herr Ewald ein wenig barſch und ſtutzte. „Von fruͤh bis Abend,“ fuhr ich fort:„iſt ſie beſchaͤftigt, und ich mag nicht, daß Jemand bei mir etwas umſonſt thue. Auf die Zeit ihres Hierſeyns zahlten wir ihr daher, daͤchte ich, mo⸗ natlich ſo etwa zehn Louisd'ore noch nach. „Zehn Louisd'ore“— fiel mir der Ver⸗ walter in's Wort und fuhr vom Stuhle auf, und meinte, daß ſie gar nichts, durchaus gar nichts zu bekommen habe; ſie lerne hier erſt die Wirthſchaft, und dafuͤr muͤßten andere gar zu⸗ zahlen; da ſie aber ſo arm ſey, als eine Kir⸗ chenmaus, und ſchon hie und da recht gut ge⸗ braucht werden koͤnne, ſo habe er es vor mir verantworten zu koͤnnen geglaubt, wenn er ihr 2 5 114 freie Koſt und Station bewilliget, und mehr haͤtte ſie auch jetzt noch nicht noͤthig. „Junge Maͤdchen haben,“ unterbrach ich ihn:„zu kleinen Schaͤkereien immer etwas Geld noͤthig, alſo laſſen Sie uns nur unſere milde Hand aufthun, und— „Ach was, Schaͤkereien,“ erwiederte er fin⸗ ſter und kurz:„dazu muß ein ſo dummes Ding kein Geld in die Haͤnde bekommen.“ „Wenn ich ihr es aber nun ſchenken will,“ ſagte ich halb aͤrgerlich, und war es eigentlich uͤber den alten Eigenſinn ganz. „Da nun vollends gar nicht, Herr Graf!“ entgegnete der alte Ewald mit feſter Be⸗ ſtimmtheit. „Das Maͤdchen iſt arm,“ hob ich beguͤti⸗ tigend an:„und mag vielleicht manches drin⸗ gende Beduͤrfniß haben.“ „Eben, weil ſie arm iſt,“ verſetzte der Alte und zog die Augenbraunen zuſammen:„ſoll —*⏑̈— un 115 und muß und darf ſie nichts nehmen. Solch Geld bringt keinen Segen, Herr Graf.“/ Er ſtuͤrzte den Nierenſteiner raſch hinunter, fragte mit ſichtbar verhaltenem Groll, db ſch noch etwas zu befehlen habe, und trat nach ungewoͤhn⸗ 4 lich froſtiger Verbeugung ab. 8- Kunigunde. Was war das? So hatte ich hen alten Mann, der in der Regel die Ehrerbietung, die förmliche Zuruͤckhaltung ſelbſt war, nie geſehen! — Gewiß legte er meiner reinen, edlen Abſicht, gegen Juſtinen gerecht zu ſeyn, ganz andere Gruͤnde unter. Aber— kannte et mich ſo wenig? hatte er mich nicht aufwachſen geſehen? hatte er nicht von meiner fruͤhſten Jugend an, meinen Wandel, meine Denkart, mein Herz— ach! dem guten Menſchen thut nichts weher, als ſo ganz verkannt zu werden.— Aber, mir geſchah ſchon Recht! Was wollte ich eigentlich 8 84 ———— 116 mit dem albernen Gedanken, dem Maͤdchen ein — Gehalt ausſetzen zu wollen. Gehalt!— es lag ſo etwas Erniedrigendes, ſo etwas De⸗ muͤthigendes fuͤr Juſtinen darin, daß ich mich nicht begreifen konnte, wie es meinem Zartge⸗ fuͤhl nur moͤglich geweſen war, einem ſolchen einfaͤltigen, unzarten Plane Raum gegeben zu haben. Ich wollte ja dem holden Kinde meine Hand bieten, und lag in dieſem Antrage nicht tauſendmal mehr, als in jeder andern Verguͤ⸗ tung! Das mußte ich wieder gut machen, und bald, heute Abend noch kam ſie ja, um die heute fruͤh verſaͤumten Blumen zu begießen. Da wollte ich gerade heraus reden; wollte ihr ſagen, wie ſchoͤn, wie liebreizend ſie ſey; wollte ihr den Eindruck geſtehen, der— kurz, heute noch ſollte und mußte die Sache in Ordnung kommen. Der Geiſt des Weins hatte mir das Herz auf die Zunge gezaubert; ich fuͤhlte zu dem wichtigen Schritte Muth, und an Worten ſollte es mir 1 3 1 1 3 4 117 Der Abend kam, aber Juſtine nicht. Sie hatte das, was ich vom zweimaligen Begießen der Blumen heute Morgen geſagt, entweder nicht verſtanden, oder wegen anderer Geſchaͤfte nicht abkommen koͤnnen, oder.— wegen ihres Oheims, des geſtrengen Herrn Ewalds, nicht kommen duͤrfen. „Morgen alſo,“ ſagte ich, mich tro öſtend, und legte mich verdruͤßlich zu Bette. Mit be⸗ klommener Sehnſucht ſah ich den folgenden Mor⸗ gen nach der Thuͤr, wenn ſie ſich oͤffnen und mein Goldblondinchen mit dem Fruͤhſtuͤck herein⸗ treten und mir, mit dem Zauberlaut ihrer Sil⸗ berſtimme, ihren guten Morgen bieten wuͤrde. Mein Kaffee blieb dießmal laͤnger, als je aus; 4 das eitle kleine Ding ſchmuͤckte ſich wahrſchein⸗ lich ſorgfaͤltiger noch, als ſonſt, oder die Ahnung deſſen, was ihrer wartete, machte ſie befangen, daß ſie aus maͤdchenhafter Sch. ichternheit zoͤ⸗ gerte, oder— 5— endlich— das Herz klopfte mir faſt hoͤrbar— dir Thuͤre oͤffnete 118 ſich! Der alte plumpe Peak watſchelte voran, he ihm folgte das betagteſte aller Hausmaͤdchen, die re alte Kunigunde. bi Schmerzliche Taͤuſchunl! War Juſtine 3 krank? durfte— wollte ſie nicht kommen? n wollte ſie nicht kommen? Wie mit gluͤhen⸗ C dem Eiſengriffel ſchrieb mir die gekraͤnkte Liebe en dieſe Hoͤllenfrage in das gepreßte Herz. Ueber n die Lippen konnte ich ſie nicht bringen; zwei⸗, 8 dreimal ſetzte ich an, um mich zu erkundigen, warum Juſtine mir das Fruͤhſtuͤkk nicht ge⸗ r bracht; aber, konnte ich denn? Ich mußte ja t fuͤrchten, mich zu verrathen und das heilige Ge⸗ 3 heimniß meiner ungluͤcklichen Leidenſchaft dem. gemeinen Troſſe meiner Umgebungen Preis zu. geben. ’ Die alte Kunigunde war von jeher nicht 1 mein beſonderer Guͤnſtling geweſen; heute ward ſie mir ganz unausſtehlich. Mein miſantropi⸗ ſches Papchen ſympathiſirte mit mir; wenn ihm— die liebholde Juſtine mit ihrem niedlichen Lilien⸗ 119 haͤndchen das Futter reichte, ſagte er allemal recht manierlich: merci, merci; Kunigunden aber biß er in die gelbrunzliche Knochenfauſt, daß ſie Zeter ſchrie; ſie drohte ihm mit Schlaͤgen; da machte er aber ſeiner Galle Luft, nannte ſie Guind*) und warf ihr, deutſch und franzoͤſiſch, engliſch und ſpaniſch alle eingelernte Schimpf⸗ worte an den Hals, und wies ihr am Ende mit einem derben ruſſiſchen Pascholl die Thuͤr. Haͤtte ich meinem Herzen folgen duͤrfen, ich waͤre wieder, wie geſtern, unter allerlei Vor⸗ wand, durch das ganze Pnus, vom Keller bis zum Boden geſtuͤrmt, um Juſtinen zu finden. Aber, man kennt ja die Schaam der Liebe. Jeder Menſch, dachte ich, wuͤrde mir anſehen, was ich ſuche, und es ſollte, es durfte ja nie⸗ mand, als ſie, als ſie allein, das Wehe der Sehnſucht wiſſen, das mir die Bruſt faſt aus⸗ einander draͤngte. —— *) Bedeutet im Daͤniſchen eine alte Vettel. 120 Beſſer, dachte ich, du erzwingſt vor den Leu⸗ ten den Schein der hoͤchſten Gleichguͤltigkeit, und fuͤhrſt die dummen Menſchen alle mit einander irre; wirſt unterdeſſen mit Juſtinen, die du ja doch morgen ſehen mußt, im Geheimen einig, erklaͤrſt ſie mit einemmale als deine Braut, und laͤſſeſt dann die erbaͤrmliche Welt ſo lange daruͤber reden, bis ſie fuͤr ihre Flachheit einen andern Ge⸗ genſtand ihrer Unterhaltung findet. Im Hauſe ſelbſt konnte ich nicht aushalten; uͤberall glaubte ich den Ton ihrer Stimme, den Tritt ihres Fußes zu hoͤren, und immer ward ich getaͤuſcht; ich warf, um mir ſelber aus dem Wege zu gehen, mich auf das Pferd und ritt, ſo weit ich konnte und kam erſt ſpaͤt am Abend wieder. Mit banger Beklommenheit ſpielte ich am folgenden Morgen wieder das ganze geſtrige Spiel durch; lauſchte an der Thuͤre, um zu hoͤ⸗ ren, wenn Juſtine mit dem Fruͤhſtuͤck die Treppe herauf kommen werde; verging vor geheimen 121 Leu⸗ Entzuͤcken, wenn ich glaubte, ſie ſey es, was und. ſich meinem Zimmer naͤherte; lachte verdruͤßlich nder wenn ich ſah, daß ich mich wieder einmal geirrt ja hatte, und dachte, der Schlag ſollte mich auf ng, der Stelle ruͤhren, als, ſtatt meines Blondkoͤpf⸗ and chens, abermals die ſchmuck⸗ und zahnloſe Ku⸗ ber nigunde eintrat. Be⸗ Dem Dinge wollen wir bald auf die S Spur kommen, ſagte ich wuͤthend zu mir ſelbſt, als en; die Alte Papchen gefuͤttert, die Blumen begoſ⸗ den ſen, die Uhren aufgezogen und das Zimmer ver⸗ ard laſſen hatte. Will, kann oder darf Juſtine im nicht kommen? das muß ich wiſſen, und Herr tt, Ewald ſoll es mir ungefragt ſagen; ich zog nd meine Achttageuhr mit der heftigſten Haſt auf, zerſprengte abſichtlich die Kette, klingelte dem m Jaͤger und ließ Herrn Ewald zu mir bitten. ge„Da hat mir,“ fuhr ich kurz und finſter ⸗ 3 ihn an:„die alte Schachtel, die Kunigunde, e einen ſaubern Streich geſpielt; denken Sie ſich, meine ſchoͤne Achttageuhr— die Kette in tau⸗ ſend Stuͤcken!— Die plumpe Perſon— einen Bratenwender kann ſie handiren, aber zu Be⸗ ſorgung dieſer Art ſchickt ſich der alte Land⸗Dra⸗ goner doch wahrhaftig nicht. Wenn im Schloſſe niemand anders Zeit dazu hat; ſo will ich es kuͤnftig lieber ſelber thun. Herr Ewald ſtieß einen derben Verwalter⸗ fluch uͤber die Ungeſchicklichkeit des Bauernvolkes aus, und verſprach, abhelfliche Maaßregeln zu treffen.— Da hatte ich ja meinen Zweck recht fein erreicht; jetzt ſchickte der alte Herr Pfiffikus gewiß Juſtinen wieder, denn ich hatte ihm über ſeine ſuperkluge Einrichtung mit der Kunigunde ein ſo ſaures Geſicht geſchnitten, wie er noch keins von mir geſehen. 9. Die Ball⸗Li ſte. Zugleich legte er mir das Verzeichniß von den Gaͤſten vor, die er zum Namenstage meines blauäͤugigen Azurkindes hatte einladen laſſen. 123 Ich hatte den ganzen Ball ſchon wieder vergeſ⸗ ſen. Um Juſtinens willen hatte ich ihn ver⸗ anſtaltet; erſchien dieſe nicht dabei,— und dem jetzigen Anſchein nach, konnte ich darauf nicht mit Sicherheit rechnen;— ſo war mir der ganze Ball eine Hoͤllenpein. Mit ſeiner gewoͤhnlichen Genauigkeit hatte er die ganze Einladungge⸗ ſchichte in eine tabellariſche Ueberſicht gebracht, und in dieſer der werthen Gaͤſte Namen, Stand, Alter und ſonſtige Umſtaͤnde anzufuͤhren, nicht außer Acht gelaſſen. So aͤrgerlich ich, wegen der Achttageuhr, zu ſcheinen mich auch gezwungen hatte, ich konnte, einen halben Blick in die Einladungs⸗Tabelle, des Lachens mich doch kaum enthalten. Jetzt ſah ich den ſchlauen Patron, den alten Herrn Ewald, durch. Er hatte meine Abſich⸗ ten auf Juſtinen gemerkt, mochte glauben, ich finde blos Wohlgefallen an ihr, weil ich keine andere Maͤdchen hier ſaͤhe, mochte meine Zunei⸗ gung blos fuͤr einen voruͤbergehenden, Juſtinens 12 Namen und Ehre gefaͤhrdenden Nauſch der Lei⸗ denſchaft halten, und hatte nun, in der Angſt ſeines Herzens, den Ballplan ergruͤbelt, um mich mit den Schoͤnen der Nachbarſchaft bekannt zu machen, und mich auf ſolide Heirathgedanken zu bringen. Das alles verrieth ſeine Ballgaſt⸗ tabelle; denn umſonſt ſtand in der Kolonne der aͤußeren und inneren Qualitaͤten, wie er ſie be⸗ titelt hatte, nicht— bei Graͤfin Galvani: ſchoͤn, 250, 000 Rthlr. 20 Jahre alt; bei Baroneſſe Harvay: huͤbſch, geiſtreich, tu⸗ gendhaft, 19 Jahre; bei dem Fraͤulein v. Iferten: viele Talente, ſingt meiſterhaft, ſpricht 6 Sprachen, 20 Jahre alt; bei der Freiin v. Kempis: aus der aͤlteſten Fa⸗ milie im Lande; der Vater in großem Anſehen bei Hofe, ſehr ſchöͤne Figur, 13 Jahre; bei der Comteſſe de Laireſſe: große, weitlaͤufige —— bei 125 Lei⸗ Beſitzungen in den Nie derlanden, ſehr huͤbſch, ngſt grundgut, 17 Jahre; um bei der Demoiſelle Maͤltzer: bildſchoͤn, 500,000 innt V Rthlr. baar Geld, beſitzt das bedeutendſte kken Wind⸗ und Waſſermuͤhlenwerk im ganzen aſt⸗ Reiche, 18 Jahre. der V„Necht ſchoͤn, recht ſchoͤn,“ ſagte ich und be⸗ legte die kurioſeſte aller Tabellen zuſammen und wendete mich gegen das Fenſter, denn in das hlr. Geſicht des alten Mannes zu ſehen, ohne laut aufzulachen, war mir nicht moͤglich. Seine tu⸗ Ueberpfiffigkeit bildete ſich ein, die Sache recht klug eingefaͤdelt zu haben. Eine von den fuͤnf tte,— ſechs— ſieben und zwanzig Schoͤnen, die 20 4 auf ſeiner Liſte ſtanden, gefiel mir mit ihren . bemerkten Meriten, nach ſeiner heimlichen An⸗ a⸗ ſicht, ganz gewiß. Ich freute mich im Stillen, m ihn, und wenn er noch zehnmal ſchlauer waͤre, 18 8„ dießmal dennoch zu beluchſen; ich gab mir, ohne es ſelbſt recht deutlich zu wiſſen, halb und halb das Ehrenwort, daß mir ſeine Ball⸗Schoͤnen, und wenn es lauter Grazien und Horen und Amoretten waͤren, doch nicht gefallen ſollten, und daß von dieſem Balle ich dennoch ohne Braut nicht gehen wollte, und dießmal ſiegte ich und nicht Herr Ewald. 10⸗ Papchen. „Ew. Hochgraͤflichen Gnaden haben auch,“ fuhr Herr Ewald hinter meinem Ruͤcken fort:„den Pacht⸗Kontrakt wegen Wieſengruͤn zu verlangen geruht. Gedachtes Vorwerk indeſſen iſt dem Viehſtande auf unſeren uͤbrigen hieſigen Guͤtern ganz unentbehrlich. Es muß mit ſeinem unermeßlichen Heu⸗Ertrag uͤberall aushelfen, wenn auf anderen Plaͤtzen daran Mangel iſt. Geht uns Wieſengruͤn verloren, ſo fehlt der ganzen Grafſchaft die beſte Perle in der Krone. Ew. Erlaucht wollen aber dem Moritz wohl und haben ihm eine Pachtung zu⸗ geſichert. Da iſt Sternau; das Ding liegt ganz und ten, raut und 127 außer dem Zuſammenhange mit der Grafſchaft, und mir zum Adminiſtriren doch faſt ein wenig weit; alle Quartale dreißig Meilen hin und dreißig Meilen her zu machen, wird mie jetzt beinahe zu viel. Wollen Sie ihm das Gut geben, ſo machen Sie ihn zu einem gluͤck⸗ lichen Manne. Er kann jaͤhrlich ſechstauſend Thaler Pacht gut und gern geben, und fuͤr die Kaution will ich ſchon ſorgen. Der Junge iſt brav und ruͤhrig; er wird dort ſchon vorwaͤrts kommen. Unter Verhoffen hoͤchſter Genehmi⸗ gung, habe ich daher den befohlenen Kontrakt, in Bezug auf Sternau entworfen und ſtelle deſ⸗ ſen hochgefäͤllige Vollziehung Ewr. Hochgraͤflichen Gnaden unterthaͤnig anheim.“ „Necht gut,“ erwiederte ich und gab ihm mit der Hand das gewoͤhnliche Verabſchiedung⸗ zeichen, ohne ihn anzuſehen, denn die Freude hatte mein ganzes Geſicht mit ihrer Roſengluth uͤbergoſſen; da hatte ich ja offenbar den Finger⸗ zeig der Vorſehung! In Wieſengruͤn war Mo⸗ ritz auf jeden Fall zu nahe; wenn auch zwiſchen Juſtinen und ihm nicht das geringſte Verhaͤlt⸗ niß Statt gefunden, ſo waren ſie doch Beide mit einander verwandt. Jetzt ſollte er die Kou⸗ ſine taͤglich als ſeine gnaͤdigſte Frau Graͤfin be⸗ komplimentiren! Das machte ſich nicht; auch ich ſelbſt waͤre durch dieſe Naͤhe gewiß beſtaͤndig in hundertfaͤltige Verlegenheiten gerathen. Beſ⸗ ſer, viel tauſendmal beſſer alſo, mit dem ehrli⸗ chen Moritz ſo weit weg, als irgend nur moͤg⸗ lich. Sternau war der beſte Platz in der gan⸗ zen Welt fuͤr ihn, und Herr Ewald, mein ſu⸗ perfeiner Herr Ewald, mußte mir dazu ſelbſt die Hand bieten! So ſonderbar ſind oft die Schik⸗ kungen des Zufalls, wie wir leichtſinnige Men⸗ ſchen die Hand der Allmacht nennen, welche Millionen Welten in ihrem Gange erhaͤlt, und ohne die nichts geſchieht und nichts geſchehen ſoll. Der alte Herr hatte bei dem Pachtanſchlage, mit ſeiner ihm eigenthuͤmlichen Redlichkeit, den 1²29 eigenen Vetter nicht geſchont; manche Anſaͤtze waren offenbar zu hoch geſpannt. Ich ſpielte den Edlen, ſetzte die Pachtſumme, um dem Pachtluſtigen das Gut deſto anziehender zu ma⸗ chen, um 500 Rthlr. freiwillig herab, ertheilte ihm, um der Vorſehung, die ihm den Weg nach dem entfernten Sternau gewieſen hatte, nach⸗ zuhelfen, den bei uns zu Lande fuͤr Naͤchter be⸗ deutender Guͤter wohl uͤblichen Charakter als Amtmann, und ſandte ihm den Kontrakt voll⸗ zogen durch den Jaͤger zu. Wenige Minuten darauf kam meine Freun⸗ din Kunigunde herauf geſchrien und heulte, daß ſie der Bock ſtieß. 5 Der geſtrenge Herr Ewald hatte ſie, wegen der zerbrochenen Kette in der Achttageuhr, mit einem Gerichtchen Ochſenziemer regaliren wol⸗ len; ſie hatte indeſſen, im Gefuͤhl ihrer ſonnen⸗ klaren Unſchuld, gegen den unziemlichen Ziemer feierlichſt appellirt, und von Herrn Ewald, nur unter der Bedingung Erlaß der Strafe verſpro⸗ 3 9 chen erhalten, wenn ſie von mir ein ſchriftliches Zeugniß auswirken koͤnne, daß ſie die fragliche Kette nicht zerbrochen habe. Betrog mich mein Gefuͤhl nicht, ſo glaubte Herr Ewald gleich nicht, daß Kunigunde das kleine Ungluͤck angerichtet habe, ſondern ſah meine Beſchwerde fuͤr das an, was ſie war, 1 naͤmlich fuͤr die berechneteſte Gegenkabale, die alte, haͤßliche Kunigunde nicht mehr um mich zu haben, ſondern die bisherige hoͤchſt lobenswerthe Einrichtung mit der liebreizenden Tina wieder hergeſtellt ſehen zu wollen; darum handelte der alte Fuchs, wider ſeine ſonſtige Gewohnheit, im vorliegenden Falle ſo raſch, und darum verlangte er von mir ſelbſt das ſchriftliche Zeugniß⸗ Erſt hatte ich geſagt, Kunigunde haͤtte die Uhrkette zerbrochen, und nun ſollte ich ſchreiben, ſie haͤtte es nicht gethan! Blieb ich bei meiner Ausſage, ſo taͤnzte Herrn Ewalds zudringlicher Solotaͤnzer auf der alten Unſchuld ohne Erbar⸗ 121 men herum; widerrief ich, ſo wußte Herr Ewald, woran er mit mir war. In lauter ſolche verdammte Klemmen kann die Liebe bringen. Ich ſchrieb nicht. Mit abgewandtem Geſichte— denn ich ſchaͤmte mich vor der falſch Angeklagten— ſagte ich zu Letzterer:„Entzwei iſt die Kette; wer ſie aber zerbrochen, weiß der Himmel,“ druͤckte, wegen des angedrohten Schrecks, ihr einen Tha⸗ ler in die Hand und ließ dem Herrn Ewald durch den Jaͤger ſagen, er moͤge die Sache vor der Hand auf ſich beruhen laſſen, ich wuͤrde ſchon noch mit ihm deshalb ſprechen. Den folgenden Morgen kam Juſtine, die ich, ſeit ſie mit dem dummen Urban aus dem Garten gegangen, mit keinem Auge geſehen, wieder nicht, ſondern die gute Kunigunde. Neben dem Kaffee lag ein kleines, acten⸗ förmiges, verſiegeltes Packet in Queerfolio, von Moritzens Hand an mich uͤberſchrieben. Es 9* — ͦ—— war das Duplicat des Sternauer Pachtkontrakts, von ihm unterzeichnet, und ein ſehr zierliches Dankſagungſchreiben. Am Schluſſe deſſelben ſagte er, nach den gewoͤhnlichen Verſicherungen, ſich meines Zutrauens, durch die ſtrengſte Er⸗ fuͤllung aller ſeiner uͤbernommenen Pflichten, im⸗ mer wuͤrdiger machen zu wollen, unter andern: „Ew. Hochgraͤflichen Gnaden ſind der Schoͤpfer meines Gluͤckes und haben mich in den Stand geſetzt, den heißeſten Wunſch meines Herzens viel fruͤher erfuͤllen zu koͤn⸗ nen, als ich in meiner beſchraͤnkten Lage, ohne Ihre wohlwollende Beruͤckſichtigung, haͤtte erwarten duͤrfen. Bis hierher mußte das zwiſchen mir und meinem Juſtinchen be⸗ ſtehende Liebesbuͤndniß der kleinen um uns lebenden Mitwelt ein Geheimniß bleiben, von dem, auſſer unſerem Herrn Oheim, kein Menſch Kunde haben durfte. Gegen⸗ waͤrtig aber halte ich mich gehorſamſt ver⸗ pflichtet, Ew. Hochgraͤflichen Gnaden zu al⸗ 133 lererſt davon in Kenntniß zu ſetzen; dabei empfehle mich und meine liebe Braut Ih⸗ rem ferneren hoͤchſten Wohlwollen, und bin u. ſ. w. Las ich denn recht! taͤuſchten mich denn meine Augen nicht? Ich knillte vor Wuth den Brief zuſammen, daß man ihn haͤtte in eine Haſelnuß ſtecken koͤn⸗ nen, und breitete ihn dann wieder aus einander und las, und las wieder; aber die ominoͤſe Stelle blieb unveraͤnderlich, als waͤre ſie in Erz und Stein geſchrieben. Ich lag erſtarrt im Sopha und dachte jetzt jedem Worte nach, das Juſtine, mein Herr Verwalter und Mosje Mo⸗ ritz geſprochen. Jetzt— welche Pechfackel ging mir auf! des Maͤdchens Angſt bei der Kaskade, wo uns Mosje Moritz wahrſcheinlich von g Dachlucke aus ſitzen ſah; Herrn Ewalds Eife gegen mein Lauſchkabinet in Wieſengruͤn.— Das I. in dem Kleeblaͤtterkranze auf dem Heu⸗ boden!— Ein allerliebſtes Kleeblatt! 134 Sie hatten alle drei doch ein abſcheuliches Spiel mit mir geſpielt. Ich— ſo offen, ſo ehrlich, ſo gut, und ſie— ſo heimlich— ſo — ich ſprang auf und rannte wie ein Beſeſſener im Zimmer umher! Da blieb ich auf einmal vor Papchen ſtehen. Akkurat wie ich, ſo allein, ſo verrathen, ſo verkauft ſtand er da, und reichte mir, zum erſtenmale in ſeinem Leben, die Pfote, als wollte er ſagen:„willkommen, armer Un⸗ gluͤckskamerad; mich haben die boͤſen Menſchen um mein Papagaiweibchen in den paradieſiſchen Waͤldern meiner Heimath auch ſo ſchaͤndlich be⸗ trogen; traue keinem dieſer ungefiederten Unge⸗ heuer mehr.“ Ich lachte mit naſſen Augen, ſtreichelte wehmuͤthig den kleinen Freund im ein⸗ ſamen Kaͤfig und wußte nun, warum er beſon⸗ ders im Schimpfen ſolche Sprachfertigkeit er⸗ Rangt hatte; er machte damit ja ſeiner Galle auf die Menſchen Luft. Herr Ewald, Moritz und Juſtine— daß gerade die drei es waren, die mich ſo heimlich daß 135 umgangen, ſchmerzte mich am meiſten; ich meinte es mit ihnen ſo gut; hatte ich ihnen al⸗ len nicht noch in dieſen Tagen, in dieſem Au⸗ genblicke, Liebes und Herzliches erwieſen? Erſte⸗ rem durch die Zulage, letzterem durch den Pacht, und Juſtinen— ach ich durfte nicht an ſie denken, ohne vor mir ſelbſt zu erroͤthen. Meine armſelige Menſchenkenntniß! Halb Europa hatte ich durchreiſ't, an allen Hoͤfen war ich zu Hauſe, die Welt, bildete ich mir ein, hatte ich ſtudirt, und Herr Ewald, Moritz und Juſtine, die drei einfachſten Menſchen unter der Sonne, hatten mich taͤuſchen, hatten mich ſo taͤuſchen koͤnnen! Gewiß hatten ſie das heimlich gluͤhende Feuer meiner Liebe gewahrt, das bewies ja des Maͤd⸗ chens Ausbleiben, des alten Ewalds auffallendes Benehmen gegen mich, und Morizens Eile, mir ſeine Verbindung kund zu machen, ganz offenbar!— Nein, ich konnte Juſtinen nie wieder ſehen! Was mußte das Maͤdchen im Stillen uͤber mich und meinen Herrn Kollegen, ———— 136 den Papagai, lachen! Sie hatte mit ihren Schlauheit gewiß ja jedes Wort verſtanden, das ich von Liebe zu ihr geſprochen. Nein, nein, nie konnte ich ihr gegenuͤber ſtehen! Des alten Ewalds Einfall, das junge Paar nach Sternau ziehen zu laſſen, war Goldes werth! Weg, weit weg mit ihnen, daß ich ſie nie wieder ſah; bis dahin, daß ſie abziehen konnten, waren ja nur einige Wochen. Dieſe Zeit uͤber wollte, mußte ich ihnen aus dem Wege gehen. Ich wollte fort, gleich auf der Stelle fort; Gott weiß wo⸗ hin, weit in das Land hinein, um nur nicht hier zu bleiben. Da fiel mir der verwuͤnſchte Ball ein. Auch wieder ein ſauberes Machwerk meines Herrn Ewald! Wolltte ich nicht bei der ganzen werthen Nachbarſchaft auf das Groͤb⸗ lichſte anſtoßen, mußte ich bleiben. Gebe man ſich nur einer einzigen Schwaͤche Preis! Die Untergebenen verpaſſen dieſen Augenblick nie, um uns dann, oft auf immer, an ihr unſicht⸗ bares Gaͤngelband zu ſchmieden. Hier tanzte ei 137 ich nach meines Herrn Verwalters Pfeife, und ſo wuͤrde man bei manchen viel Groͤßeren und Hoͤheren, denn ich, aͤhnliche herzbrechende En⸗ trechats ſehen, wenn man nur immer die feinen Faͤden erkennen koͤnnte, an welchen ſie, nach dem unhoͤrbaren Pfeifchen ihrer Umgebungen, ihre Spruͤnge machen muͤſſen. Ich hatte mir das Ehrenwort gegeben, von dieſem vermaledeiten Balle nicht ohne Braut gehen zu wollen. Juſtine hatte es ſeyn ſollen, und nun war ſie, ſammt meinem Ehrenworte, mir verloren; denn daß mir meines Herrn Ver⸗ walters Tabellenſchoͤnen nicht gefallen wuͤrden, daruͤber haͤtte ich ihm Brief und Siegel geben wollen. Sie waren mir alle ſchon im Voraus zuwider, blos weil er wuͤnſchte, daß mir eine darunter gefallen ſollte. Muͤrriſcher, als ich je geweſen, ging ich uͤber eine Stunde im Zimmer auf und ab. Mein bunter kleiner Geſellſchafter watſchelte, verdruͤßlich wie ich, auf ſeiner Stange hin und ————— 138 her, und ſchimpfte ſein ganzes Regiſter durch: Schurke, Coquin,*) Niemezyk,**) Pra⸗ tare,**) Rascal, ¼) Furbo, †) Smi⸗ grer. †rt) Weiter ging ſeine Philoſophie nicht, und mit meiner war ich auch am Ende. Als ich nach langer Weile wieder in ſeine Naͤhe kam, rief er mir zu:„gut, gut!“ was ich nach Ge⸗ fallen uͤberſetzen konnte, entweder, daß er wieder gut ſey, oder, daß ich es werden ſollte. Er ſchimpfte nicht mehr, ich auch nicht. Was ſollte ich auch! Was konnten, ſagte ich, bei ruhigerer Ueberlegung, am Ende zu mir *) Das Wort Coquin bedarf keiner Ueberſetzung, das haben wir alle aus dem graͤßlichen Lexikon gelernt, das uns in den Jahren 1806— 1812 die Zeitgeſchichte aufgeſchlagen hatte. **) Polniſch: kleiner Deutſcher⸗ ***) Schwediſch: Schwaͤtzer. †) Engliſch: Schurke. † †) Italieniſch: Schelm. † †) Daͤniſch: Fuchsſchwaͤnzer. ſelb Zu liel gro der gli mi ſen pei mir ing, kon 812 — . 139 ſelbſt: was konnten die drei Menſchen vor den Zufall, daß ich Tina in ihrer ſuͤßen Unſchuld liebenswuͤrdiger fand, als alle Maͤdchen meiner großen Welt? In welcher Verlegenheit mochte der alte Ewald geweſen ſeyn, als er das Auf⸗ glimmen meiner Liebe gewahrte! Wie quaͤlend mußte dem armen Moritz das Verhaͤltniß gewe⸗ ſen ſeyn, worin er zu mir ſtand! Wie aͤngſtlich peinigend mußte der braͤutlichen Juſtine meine Zudringlichkeit vorgekommen ſeyn! Wie leicht konnte ſie ſich verleiten laſſen, mich fuͤr einen gemeinen Wuͤſtling zu halten, der auf das Schein⸗Vorrecht ſeines Standes, und auf ſeine Paar Hände voll Gold poche und gemein genug ſey, ſich zwiſchen die Liebenden draͤngen und die Seligkeit ihrer Liebe ſtoͤren zu wollen! Wie zart hatten die Menſchen bei all dieſen, ſo nahe lie⸗ genden Beſorgniſſen, bei all dieſen, auf ſie druͤk⸗ kenden Nebenruͤckſichten, mich behandelt. Ich ſtand zufaͤllig wieder vor meinem Pa⸗ pagai; er kletterte inwendig an den Staͤben ſei⸗ 140— nes Kaͤfigs herauf, winkte mir vertraulich, ſteckte den Kopf aus ſeinem Bauer heraus, und als ich mich zu ihm heruͤber beugte, gurgelte er mir ſchnar⸗ rend„generoͤs“ in das Ohr. Das war eigent⸗ lich des Spitzbuben gewoͤhnliche Bettelphraſe um Zucker; mich uͤberraſchte in dieſem Augenblicke aber das Wort ganz ſeltſam.„Ja,“ rief ich laͤchelnd:„ich will generoͤs ſeyn, gegen Dich/ Du feiner, hoͤflicher Schelm, und gegen die drei ehrlichen Menſchen, die ich, ohne Schuld und Wiſſen, geaͤngſtigt habe, und die beinahe ver⸗ leitet worden waͤren, mich und die Reinheit mei⸗ nes Sinnes zu verkennen.“ Ich reichte dem Watſchelbein das groͤßte Stuͤck Zucker, das ich in der Doſe finden konnte, und ſetzte mich flugs und froͤhlich und ſchrieb an Moritz, daß ich an ſeiner mir gemeldeten Verlobung den aufrichtig⸗ ſten Theil naͤhme; dem jungen Paare, zum Hochzeitgeſchenk, von der Pacht jaͤhrlich 500 Rthlr. erließe; den Herrn Ewald, weil ich, auch ohne Buͤrgſchaft eines Caventen, mein Sternau in wif ſtel ter! doe nic ſell 141 in ſicheren und ehrlichen Haͤnden aufgehoben wiſſe, von der Verpflichtung, die Kaution zu ſtellen, entbinde, und ihm, bei dem neuen Un⸗ ternehmen, recht viel Gluͤck wuͤnſche. Es war zwar, als weine mir das Herz in⸗ wendig, da ich das Billet ſiegelte— war ich doch nun wieder ſo einſam, ſo liebeleer, ſo rings⸗ um verlaſſen, als vorher— aber ich fuͤhlte, daß, wie die Sachen jetzt ſtanden, ich im Augenblicke nicht anders handeln konnte, wenn ich das Ver⸗ trauen der Menſchen und die Achtung vor mir ſelbſt behalten wollte. Ich hielt das Billet meinem Intimus hin und fragte: ob ich es ſo recht gemacht; der dumme Kerl nickte, und der Jaͤger trug die Ur⸗ kunde des Sieges uͤber mich ſelbſt an die Be⸗ hoͤrde. Da ſchlug das Schmettern eines Poſt⸗ horns an die Fenſter, und ein hoher Reiſewa⸗ gen, mit zwei Bedienten auf dem Bocke, rollte in den Hof. 11. Albin und Gabriele. Jetzt, gerade jetzt Gaͤſte zu bekommen, war ich am allerwenigſten aufgelegt.„Am Ende fuͤllt der Wagen die Luͤcke,“ ſagte ich, hinter den Vorhaͤngen lauſchend, in halbem Scherz zu mir ſelbſt und legte die Hand auf das Herz, als füͤhte ich recht ſchmerzlich, wie gar ſtiu und ver⸗ oͤdet es darinnen ausſehe. Richtig— eine Dame ſaß im Wagen. Sie ſtieg— Gott, mir ward ordentlich aͤngſt⸗ lich! Eine Dame jetzt empfangen zu muͤſſen! Sie konnte keinen unguͤnſtigeren Augenblick waͤhlen!— Sie ſtieg, ohne ſich weiter melden zu laſſen, aus. Nein, mit dem Erſatz der Luͤcke war es nichts. Kunigunden konnte man, gegen dieſe Unform von Dicke und Breite, ein wahres Modell von Schlankheit nennen. Die Wagen⸗ federn huͤpften eine Elle hoͤher, als ſie dieſe Rie⸗ ſenlaſt los waren. Der Dicken ſprangen zwei gi war Ende hinter rz zu „ als ver⸗ agen. ngſt⸗ ſſen! ablick ellden uͤcke egen hres gen⸗ Rie⸗ wei 143 allerliebſte Kinder nach: ein Knabe und ein Maͤdchen. Ein Blick nur hinab, und ich er⸗ kannte die Kleinen, meines ſeligen Bruders Guſtav Kinder. War es der raſche Wechſel der Empfindungen, war es die ſchmerzliche Freude uͤber das Wiederfinden der Hinuͤbergeſchiedenen in den Zuͤgen der holden Kleinen, ich weiß es nicht, aber Thraͤnen drangen mir in die Augen; ich eilte in den Hof hinab und ſchloß die Kinder laut weinend in meine Arme. Der Vormund ſchickte ſie mir, um ſie in die Reſidenz weiter zu befoͤrdern; die kurze Dicke war ihre bisherige Gouvernante geweſen, konnte aber, wegen noch immer mehr zunehmender Leibesſtaͤrke, dieſem Poſten nicht laͤnger vorſtehen und nun ſollten ſie mit Genehmigung ihres Großvaters muͤtterlicher Seits, in der beruͤhm⸗ ten Penſion⸗Anſtalt der Demoiſelle Louvois un⸗ tergebracht werden. Einige Tage Raſt bedung ſich die paͤdago⸗ giſche Fleiſchmaſſe, gleich bei der erſten Begruͤſ⸗ —-cy 144 ſung, von mir aus, denn ſie ſey, meinte ſie, von der achttaͤgigen Reiſe ſo angegriffen, daß fie kein Glied ruͤhren koͤnne. Ich ließ ihr eins der beſten Zimmer anweiſen, die Kinder aber muß⸗ ten dicht neben mir wohnen; Albin rechts, Ga⸗ briele links. Der liebe Herr Gott haͤtte meinem verſtoͤr⸗ ten Herzen kein willkommeneres Geſchenk machen koͤnnen, als gerade mit dieſen froͤhlichen, un⸗ ſchuldigen, geiſtreichen Kindern; ſie hatten be⸗ ſtaͤndig tauſend Sachen zu erzaͤhlen und tauſend Fragen zu thun; wo ich ging und fuhr, waren ſie meine Begleiter; ich ließ ihnen von meinem Blumengarten beſondere Beete abzaͤunen, worin jedes ſeine kleine Laube erhielt. Mein herrlicher Federviehhof ward ihrer beſondern Aufſicht uͤber⸗ geben, und um das beſcheidene Maaß ihrer Gluͤckſeligkeit uͤbervoll zu machen, bekam Albin den großen Peak, ſtattlich geſattelt und aufge⸗ zaͤumt, zum Reitpferd, Gabriele aber eine wun⸗ derniedliche kleine Equipage mit vier raſchen Zie⸗ 145 genboͤcken beſpannt, worin ſie ſich im großen Park ſelbſt herum kariolte. Ich ward mit den Kindern ſelber zum Kinde, ſie waren unzertrenn⸗ lich von mir; mein Umgang war ihnen Unter⸗ richt, meine Unterhaltung mir und ihnen Erho⸗ lung; ich mußte mir die Stunden abſtehlen, die meinen Geſchaͤften gehoͤrten, und ich brach letz⸗ teren jede Minute ab, um ſie Albin und Gabrielen zu widmen. Jetzt glaubte ich zu wiſſen, was mir bisher gefehlt hatte. In der Mitte dieſer Unſchuld, dieſer Natuͤrlichkeit, dieſes offenen, traulichen Weſens, war es mir, als wuͤrde ich ſelbſt froͤmmer, reiner, beſſer.„Laſſet die Kind⸗ lein zu mir kommen, denn ſolchen iſt das Him⸗ melreich,“ hatte der edelſte Menſch unſerer Erde, der Sohn Gottes geſagt, und ich fuͤhlte, beide Kleinen in den Armen, die Milde ſeiner Worte tief im Herzen. Aber, als ob mir nichts gelaſſen werden ſollte, woran ſich meine Seele mit Innigkeit 10 146 haͤnge; als ob ich beſtimmt ſey, meine Sehn⸗ ſucht nach etwas, woran ich mich feſter ſchließe, ewig und immer unerfuͤllt zu ſehen; als ob jedes Band zwiſchen mir und dem, was mir lieb ge⸗ worden war, gewaltſam zerriſſen werden ſollte und muͤßte,— die Gouvernante trat jetzt, wie des Schickſals Tuͤcke, auf, und erklaͤrte, daß ſie nun nicht laͤnger warten koͤnne, ſondern mit den Kindern ihre Reiſe nach der Reſidenz fortzuſetzen genothigt ſey. Freilich, was ſollten die Kleinen auf die Dauer hier? Des Vormundes und des Groß⸗ vaters beſtimmter Wille war, ſie der Demoiſelle Louvois uͤberliefern zu laſſen; dagegen konnte und durfte ich nichts einwenden. Sie hier zu behalten, ohne alle Gelegenheit zu ihrer fernern Ausbildung, ohne muͤtterliche Pflege, war un⸗ moͤglich; ich mußte mich alſo fuͤgen, und bat, nur bis uͤbermorgen die Abreiſe auszuſetzen; ſo lange ſagte die Wohlbeleibte zu, und meinte, ſie habe mich ohnehin bitten wollen, ſie bis dahin 147 hier verweilen zu laſſen, weil ſie vom Großvater heute oder morgen Briefe erwarte. Alſo nur wenige Stunden noch ſollte ich mit den Kindern zuſammen ſeyn, die in dieſer Zeit meine guten Engel geweſen waren und mir jede Mißlaune, jede falſche Stimmung, durch ihren frohen Sinn, durch ihre ſchuldloſen Scherze weggetaͤndelt hatten; ſie fruͤhſtuͤckten eben mit mir in der Roſenlaube, aber keinem wollte es ſchmecken, denn ſie hatten von ihrer umfang⸗ reichen Mamſehl die bald bevorſtehende Tren⸗ nung erfahren. Ob die warmen Thraͤnchen, die ihnen uͤber die Wangen floſſen, ihren Blu⸗ men, ihren Tauben, oder dem großen Peak, oder den vier ſchnellfuͤßigen Boͤcken vor dem Halb⸗ chaischen, oder mir galten, will ich ununterſucht laſſen; aber der ſtille Schmerz der Kleinen, ihre Niedergeſchlagenheit, ihr zaͤrtliches Klagen, daß ſie von mir nun fort ſollten, alles dieß ging mir ſo nahe, daß ich aufſtehen, die Laube verlaſſen und mich im Garten ein wenig ergehen mußte⸗ 10 † 148 um mir vor ihnen nicht merken zu laſſen, daß der weiche Ton ihrer Wehmuth mich angeſteckt hatte, und ich ſelbſt dem Weinen naͤher war, als dem Lachen. 12. Leopoldine. Ich ging um die naͤchſte Baumpartie herum, um ihnen je eher je lieber aus dem Geſicht zu kommen; da flog mir ein engelſchoͤnes Mädchen an die Bruſt, rief luſtig lachend:„Guten Mor⸗ gen, Bruno!“ ſchlang ihre Lilienarme mir um den Hals, druͤckte ihr wuͤrziges Roſenmuͤndchen mir auf die Lippen, und ſagte zu einem hinter der Hecke eben hervorrretenden alten Herrn, muthwillig ſcherzend:„Er kennt mich nicht mehr!“ Der alte, freundliche Herr— 2— „Willkommen, Großpapa,“ rief ich ihm freundlich entgegen. Und das liebreizende Maͤd⸗ chen?— Ja, jetzt erkannte ich ſie! Leopoldine, ſeine Tochter, meines ſeligen Lottchens Schweſter. — daß teckt var, — 149 „Aber bin ich Dir denn ſo ganz aus Ge⸗ ſicht und Gedaͤchtniß gewachſen?“ fragte Leo⸗ poldine mit dem zarteſten Wohllaut, und in dem Blicke ihres ſanften ſchwarzen Auges lag ſo er⸗ was Schmelzendes, daß mir, als ich ihm begeg⸗ nete, ganz wunderlich ward. Wie konnte ich das Maͤdchen wieder erken⸗ nen! ſeit Guſtavs Hochzeitfeier hatte ich ſie nicht geſehen; damals war ſie ein unbedeutendes Ding von zehn, eilf Jahren geweſen, und jetzt — was war aus dieſem Kinde geworden! Dieſe volle, uͤppige Jugendgeſtalt, dieſes rabenſchwarze ſeidene Haar! dieſer ſchoͤngeformte Lockenkopf, dieſes zarte Lilienweiß des feinſten Teints; dieſer Purpur der freundlich laͤchelnden Lippen, dieſes roſene Gruͤbchen in der bluͤhenden Wange, und, ach Gott, ach Gott! der ſchmachtende Liebes⸗ blick dieſes großen, ſeelenvollen Auges!— Dazu das ſchweſterliche Du! Das kam mir vor, als haͤtte Kupido damit eine Pontonbruͤcke uͤber das heimlich auflodernde Feuer im tiefen Grunde 150 zwiſchen uns beiden, vom Ufer der Verwandt⸗ ſchaft auf das der Liebe, aus lauter Roſen zu⸗ ſta ſammengeſchlagen. Es war ganz meines Gu⸗ ſa ſtavs liebholdes Lottchen, nur jugendlicher, fri⸗ M ſcher, lebendiger, und noch viel, viel huͤbſcher. ter Jetzt kamen die Kinder, die uns mochten Al plaudern und lachen gehoͤrt haben, aus der Laube, I um die Ecke herum; ſie erblickten kaum Leopol⸗ fuͤ dinen, als beide mit ausgebreiteten Armen und ge mit dem ruͤhrenden Rufe:„meine Mutter!“ auf ſie zuflogen. die Vater und Tochter, Albin und Gabriele. 5 Nur liebende Eltern und Verwandte, nur ver⸗ in waiſite Kinder koͤnnen den ſtummen Schmerz S wuͤrdigen, der ſich waͤhrend dieſer Pauſe in leiſes ta Schluchzen ergoß. Mein Guſtav und mein NM Lottchen! Die Thraͤnen einer ſolchen Todtenfeier ſo ehrten Euch mehr, als alle mit goldener Lapidar⸗ m ſchrift prangende Grabſteine. J Den armen Kindern war die Ueberzeugung, ed daß Leopoldine nicht ihre Mutter ſey, faſt nicht tr — 151 zu nehmen. Es war ja ihr Geſicht, ihre Ge⸗ ſtalt, ihre Haltung, ihre Sprache.„Sey,“ ſagte ich zu dem, in ſtilles Weinen aufgeloͤſ'ten Maͤdchen, ſanft bittend:„ſey immer ihre Mut⸗ ter, Leopoldine. Schlaͤft einem Kinde dieſes Alters die Mutter im Grabe, ſo iſt es auf dieſer Welt ſehr verlaſſen und wird ſein Leben lang fuͤhlen, daß ſie ihm in der Fruͤhe ſeiner Jugend gefehlt hat.“ „Jetzt ſollen,“ fuhr ich zum Alten fort, als die Kleinen Leopoldinen fortgezogen, um ihr ihre Herrlichkeiten zu zeigen:„jetzt ſollen die Kinder in eine ſogenannte Penſion⸗Anſtalt. Kennen Sie dieſe Inſtitute? Wenige ausgenommen, taugen ſie alle nicht. Gelernt wird da drin nach Moͤglichkeit; aber halten Sie doch die Zoͤglinge ſolcher Anſtalten gegen die Kinder, die im Fa⸗ milienkreiſe aufgewachſen! Unter zwanzig im Inſtitute Erzogenen ſind neunzehn, welche die edelſten Schaͤtze der Menſchen, Offenheit, Ver⸗ trauen, Geradheit und kindliche Liebe verloren 152 haben; die naͤchſten Folgen davon ſind, Kaͤlte, Gemuͤthloſigkeit, Verſtecktheit, Luͤge. So aus⸗ geruͤſtet, kommen die jungen Maͤnner in die Welt, die Maͤdchen in den Eheſtand. Was iſt von ſolchen Menſchen zu erwarten? Was hilft ihnen all ihr Bischen Franzoͤſiſch, Klavier⸗ klimpern und Knixen und Tanzen? Sie bringen das Gift aus der Anſtalt mit in das Leben, das ihnen ihr beſſeres Selbſt ermordet, und jedem, der mit ihnen in Beziehung tritt, gefaͤhrlich wer⸗ den kann; und in ſolche Treibhaͤuſer wollen Sie die Liebes fruͤchte meines Guſtav und Ihres Lottchens bringen? Mein Gaͤrtner ſetzt Ihnen ſchon im Februar Kirſchen vor, reif ſind ſie, aber ſie ſchmecken doch nicht; wollen Sie denn— Der wackere Alte ließ mich nicht ausreden. „Wenn Eltern,“ fiel er mir ſehr ernſt in's Wort:„ihre Kinder, ſtatt ſie durch Lehre und Beiſpiel ſelbſt zu erziehen, in der Stadt, unter dem Vorwande zu vieler Zerſtreuungen, oder zu verantworten; aber hier, mein guter Bruno, iſt 153 vieler Geſchaͤfte, die es nicht zulaſſen, die Le⸗ bensordnung, hinſichtlich der Lehrſtunden, ſo puͤnktlich zu halten, als es noͤthig ſey, oder weil der eine oder der andere Gatte zum Geſchäfte der Erziehung nicht paſſe, oder auf dem Lande, wegen vorgeblichen Mangels an Gelegenheit zur feinern Ausbildung— wenn, ſage ich, ſolche Eltern ihre Kinder vor dem zwoͤlften, dreizehnten Jahre aus dem Hauſe thun, ſo verſtehe ich ſie nicht, und ſie moͤgen, was ſie gegen das Seelen⸗ heil ihrer Kinder verbrechen, dereinſt vor Gott der Fall anders. Vater und Mutter todt, der Vormund ein pedantiſcher, mit Berufsarbeiten üͤberſchuͤtteter Mann! Die Gouvernante, brav und geſchickt, aber um anderthalb Centner zu fett; ich alt und fuͤr dieſe Kinder viel zu ſchwach und nachſichtig!— Kurz, ich ſehe kein anderes Mittel, als das gewaͤhlte, und um die kleinen Weſen noch einmal zu ſehen, zog ich vor⸗ mit ihnen lieber hier, als in der Reſidenz zu⸗ 154 ſammen zu treffen, wo ich zehn, zwoͤlf Meilen weiter hin habe, als hieher. Laſſen wir die Kleinen alſo uͤbermorgen reiſen; ſie ſind ja uͤberall in Gottes Hand.“ „Koͤnnten Sie mir ſie hier laſſen,“ fragte ich horchend:„wenn ich eine Frau haͤtte, die den Kindern die Stelle der Mutter erſetzte?“ „Den Augenblick!“ entgegnete der alte Herr, meine ſchwere Frage leicht hinnehmend. Das Fruͤhſtuͤck fuͤr die Gaͤſte kam; ich er⸗ ſuchte den Alten, Platz in der Laube zu nehmen und zuzulangen, und ging, um Leopoldinen mit den Kindern aufzuſuchen. Letztere ſchickte ich zum Großvater und empfahl der kleinen Ga⸗ briele, die Wirthin zu machen, und Albin, dem alten Herrn fleißig einzuſchenken; Leopoldinen, die verſicherte, jetzt weder eſſen noch trinken zu können, nahm ich am Arm und verlor mich mit ihr in die ſtillſten Partieen des Parks. Weſſen das Herz voll iſt, geht der Mund bald uͤber, ſagt das Sprichwort, aber das iſt —— — —— 155 nicht wahr. Voll war mir das Herz, bis zum Ueberlaufen, aber die Lippen, die Lippen! Zehn⸗ mal ſetzte ich an! Aber es ging ja nicht. Leo⸗ poldine war die Froͤhlichkeit, die Unbefangenheit, die Liebenswuͤrdigkeit, die ſuͤße Liebe ſelbſt. Das bertrauliche Du machte mich zu ihrem Bru⸗ der; fuͤr den nahm ſie mich, fuͤr nichts weiter; ich mochte ſuchen, von einer Seite ihr beizukom⸗ anen, von welcher ich wollte; uͤberall ſtellte ſie mir die Tirailleurs des allerjugendlichſten Muth⸗ willens entgegen; meine kleine geſetzte Gabriele war gegen dieſe Ausgelaſſenheit eine wahre Ma⸗ trone, und dabei ward Leopoldine immer ſchoͤner, immer reizender! Das Feuer im Grunde hatte die Pontonbruͤcke rein aufgezehrt; zum Gluͤcke war ich aber hinuͤber, in dem Laͤndchen der Liebe; der Ruͤckweg war mir abgeſchnitten, aber ich dachte auch an nichts weniger, als an den Ruͤck⸗ zug; mir war an der Seite dieſes Engels von Maͤd⸗ chen unbeſchreiblich wohl. Dieſe oder keine! ſagte mein Herz ſo laut, daß ich mich nur wunderte, daß 156 ſie es nicht hoͤrte. Wir ſtanden jetzt auf dem hoͤchſten Punkte im Park, einem ziemlichen Huͤ⸗ gel, von dem aus man einen großen Theil des ganzen Beſitzthums uͤberſehen konnte. Die reiche, freundliche Gegend lag in der ſchoͤnſten Morgenbeleuchtung zu unſeren Fuͤßen; uͤberall der Segen des Herrn auf Wald und Flur, und ringsum Alles bluͤhend und kraͤftig und froͤhlich und wohlgemacht von Gott und den Menſchen. 0 Das war ſo ein recht ausgeſuchter Punkt, um einem geliebten Maͤdchen zu ſagen, nimm mein Herz und theile das Erbe meiner Vaͤter. Leopoldine ſtaunte mit tief gefuͤhltem Ent⸗ zuͤcken in die himmliſche Ausſicht, hob nach ei⸗ ner langen Weile beide Haͤnde gefaltet vor die Bruſt, als wolle ſie beten und ſagte vor ſich hin: „Mein Gott, wie ſchoͤn iſt Deine Welt!“ Sie geſtand, die hieſige Gegend ſo anziehend ſich nicht gedacht zu haben, und ſchmollte mit dem Vater, daß dieler uͤbermorgen ſchon wieder von hier fort wolle.„Du kannſt immer hier —— —— —— — 157 bleiben, wenn Du willſt,“ platzte ich heraus, das erſte Wort ſehr laut, das zweite leiſer, das dritte noch leiſer, und ſo immer decreſcendo fort, bis zum letzten, was ſie gewiß nicht verſtanden haben konnte, denn ich hoͤrte es kaum ſelbſt; ſo erſchrocken war ich uͤber die raſche Rede, und uͤber die einfaͤltige, hoͤlzerne Weiſe, womit ich den heiligſten Wunſch meines Herzens ihr offen⸗ bart hatte.„Wie denn immer hier bleiben?“ fragte ſie lachend.„Am Ende haſt Du hier den Verſucher geſpielt, und mich hieher auf Deine Zinne gefuͤhrt, um mir zu ſagen, knie nieder und bete mich an, und Alles ſoll Dein ſeyn.“ Das war aber der letzte Schuß; mit dieſem hatte ſich der Muthwille ihres Tirailleurcorps auch auf einmal verſchoſſen, denn als ich, geſenkten Blickes, mit ſanftem, weichen Tone bat, mit dem ernſteſten Worte meines Herzens nicht zu ſcherzen, da mußte Freund Amor meinen flehend⸗ lichſten Wunſch erhoͤrt, und ihr ein Pfeilchen auf den rechten Fleck abgedruͤckt haben. 155 Die Harpune ſaß. Mein Fiſchchen ging zu Grunde, und ward lautlos und ſtill, und aus der tiefſten Tiefe herauf entquoll das Blut der friſchen Wunde, und faͤrbte dem Engel von 1 Maͤdchen den Pfirſichſammet der zarten Wange. Der Großvater kam jetzt mit den Enkeln den Huͤgel herauf; ich wollte erſt uͤber die Stoͤ⸗ rung gerade in dieſem Augenblicke verdruͤßlich werden, aber was ich zu wiſſen wuͤnſchte, wußte t ich ja ſchon; ich hatte, als ich das oben von dem ernſteſten Worte meines Lebens geſagt, ihre Hand, die in der meinen ruhte, recht herzlich ge⸗ druͤckt, und ſie hatte die meinige wieder gedr— In der Liebe gibt es, wie in jedem geheimen Orden, Zeichen, Wort und Griff, woran ſich in allen Welttheilen, unter den Nationen . alles Glaubens, und unter allen Staͤnden die Liebenden, ehe ſie ſelber wiſſen, daß ſie es ſind, erkennen ſollen. Das Zeichen iſt das erſte; ſolches gibt das Auge. Es woͤre die allerintereſ⸗ ſanteſte Aufgabe fuͤr einen Maler, eine Gallerie —— r Se 139 — ſolcher erſten Liebesblicke zu liefern. Das Wort u ns kann nie gelernt werden, weil es bei jedem Lie⸗ der besbuͤndniß ein anderes iſt. Eine vollſtaͤndige von Kenntniß und ein genaues Studium dieſer Wor⸗ ge. te, wuͤrde die merkwuͤrdigſten Aufſchluͤſſe im eln Felde der Menſchenkenntniß geben; ſo weiß ich ta⸗ V z. B. einen Nachmittagsprediger, der ein Maͤd⸗ ich chen Jahrelang kannte, ohne ſie zu lieben, und gte tte auf einmal ſein Herz verlor, blos als dieſe ihn m fragte, ob ſie ihm noch ein Taͤßchen Kaffee ein⸗ re 4 ſchenken duͤrfe. e⸗ Bis dahin, ich meine nicht bis zum Kaffee, — ſondern bis zum Worte, iſt die Liebe eine rein n geiſtige; den Ring zwiſchen dieſer und der irdi⸗ n ſchen, koͤrperlichen aber macht der Griff, d. i. n der Haͤndedruck. ie Manche wollen ein weiteres Erkennung⸗ d, mittel, den Kuß annehmen, weil er als ſolches ; in manchen Ordensverbruͤderungen gelte, wo er ſ— indeſſen wie Brod zu Brode ſchmecken ſoll; al⸗ lein die Verfechter dieſes Klaſſifikationſyſtems 160 ſind ganz links.Ehe der Liebende den Kuß wagt, weiß er ſchon, daß er ihn wagen darf; er weiß ſchon, daß er liebt und wieder geliebt wird. Der Kuß iſt das Siegel des Liebesbuͤnd⸗ niſſes, aber nicht das Mittel, zu erkennen, ob dieß Buͤndniß wirklich da ſey. Ginge der Raum dieſer Blaͤtter nicht zu Ende, es ließe ſich uͤber dieſe wichtige Materie noch Manches ſagen— doch ich eile zu Leopoldinens Haͤndedruck zuruͤck, der mir die beſeligende Gewißheit gab, daß dieſes holde Kind, das mit jeder Stunde mir anzie⸗ hender ward, mir herzlich wohl wollte. Die ſicherſte Probe meiner voͤlligen Umwan⸗ delung gab ich mir nach Tiſche. Moritz kam mit Juſtinen, um ſich bei mir fuͤr mein Hoch⸗ zeitangebinde zu bedanken; ich ſah das Maͤdchen zum erſtenmale an der Seite des Geliebten, als ſeine Braut; und ich konnte ſie ſehen, ohne das mindeſte Gefuͤhl von Neid oder Eiferſucht; ich fand ſie recht huͤbſch, recht angenehm; aber das Flaͤmmchen, das fuͤr ſie geflackert hatte, war ſo Kuß darf; eliebt zuͤnd⸗ b dieß raum uͤber n— rruͤck, dieſes inzie⸗ wan⸗ kam Hoch⸗ dchen als e das ; ich das ar ſo 161 voͤllig ausgebrannt, daß auch nicht das Geringſte mehr davon 8 verſpuͤren war; das Feuer der lautern, der reinen Liebe verloͤſcht nie, und darum durfte ich Leopoldinen ewige Treue ver⸗ ſprechen. Von jenem Augenblicke, heute fruͤh an, wo unſer Geſpraͤch, das oben eine gewichtige Wendung genommen hatte, durch den Vater und die Kleinen unterbrochen wurde, war mein bis dahin uͤbermuͤthiges Poldinchen gar kleinlaut und nachdenkend geworden. Sie ſchlug, ſobald ich ſie anſah, den Blick maͤdchenhaft nieder, und verlor ſich in ſa tiefes Sinnen, daß der Vater mehrmal fragte, ob ihr etwas fehle. Sie ver⸗ neinte verlegen, wußte nicht, wo ſie die ſchwar⸗ zen, verraͤtheriſchen Augen hinthun ſollte, und verließ am Ende in der lieblichſten Verwirrung das Zimmer. Die Kinder, die wie Kletten an ihr hingen, folgten ihr bald, und mir ging es, wie den Kin⸗ dern; mir war nur wohl, wo ſie war; ich kam 11 162 kurz darauf mit dem Vater nach; ſie ſaß in der Mitte der Kleinen, hatte verweihe Augen und blaͤtterte, um ſich zu zerſtreuen und den Sturm in ihrem Innern zu beſchwichtigen, in dem zu⸗ fäͤllig da liegenden Bilderbuche und erzaͤhlte den Kindern Geſchichten daraus. Dieſe aber, das Bild der Mutter, dem Leopoldine ſo ſprechend aͤhnlich war, immer noch im Herzen, und durch ihre liebevolle Behandlung unwiderſtehlich zu ihr gezogen, baten, als ich eben eintrat, mit ein⸗ dringenden Schmeichelworten wiederholentlich, doch nicht zu reiſen, ſondern immer hier zu blei⸗ ben und ſie hier zu behalten; ſie draͤngten ſich mit den ſuͤßeſten Liebkoſungen an Leopoldinen, und ſtreichelten ihr Arm und Wange und kuͤß⸗ ten ihr Hand und Mund und gaben ihr der kindlichſten Zaͤrtlichkeit himmliſche Worte. Ich ſtand eine Weile und ſah mit ſtillem Entzuͤcken dem ſpielenden Gekoſe zu; Leopoldine that an⸗ faͤnglich, als ſaͤhe ſie es fuͤr Scherz an, dann ward ſie ernſter und weicher; es waren ja die —.— 163 heiligen Vermaͤchtniſſe ihrer verklaͤrten Schweſter, die ſich und ihr ganzes Lebensgluͤck, ihre Bil⸗ dung und Erziehung, mit dem kindlichſten Ver⸗ trauen, ihr an das Herz legten. Sie ſchloß die verwaiſ'ten Kinder ſchweigend in ihre Arme; die Thraͤnen ſchoßen ihr in die Augen, und mild laͤchelnd beugte ſie ihr Engelskoͤpfchen zu Ga⸗ brielen herab; da ſagte ich mit ſanftem Tone: „Leopoldine, Dich bitten Unſchuld und Liebe; verſchließ ihnen nicht Dein Ohr. Bleibe bei uns; ſey dieſen beiden holden Kindern eine liebende Mutter, und mir ſchenke Dein Herz.“ Leopoldine ſank freudig weinend an mei⸗ ne Btruſt, die Kinder umſchlangen unſere Kniee und der Vater ſegnete den Bund der Tugend und der Treue. Am folgenden Tage war ein feſtlicher Ball. Herrn Ewalds Regiſterſchoͤnen kamen alle ſammt und ſonders. Er ſelbſt und Moritz und Juſtine gehoͤrten zu den Gaͤſten. Wir waren froh und guter Dinge, und bei der Tafel machte ich der bechampagnerten Geſellſchaft meine Verlobung mit Leopoldinen bekannt. Meine vier und zwanzig Boͤller auf dem Soͤl⸗ ler des Schloſſes thaten ihre Schuldigkeit, und ich laͤchelte heimlich, daß ich das mir im Stillen gegebene Ehrenwort, von dieſem Balle nicht ohne Braut gehen zu wollen, ſo redlich geloͤſ't hatte. Die dicke Mamſell fuhr am Morgen, nach dem Balle, in ihre Heimath; Moritz und Juſtine aber nach Sternau, wo ſie ſich im beſten Wohl⸗ ſeyn befinden. Unſere Kleinen wachſen und gedeihen und ſchaffen uns taͤglich neue Freuden. Meine Leopoldine, die ihren Werth, ihre Tugenden und ihre Reize immer mehr und mehr entfal⸗ tet, hat mich zum gluͤcklichſten Menſchen ge⸗ macht, und Papchen iſt viel luſtiger als je, denn er hat an den Kindern ein Paar umgaͤng⸗ liche Freunde gewonnen, die ihm mit allerlei Kurzweil die Zeit vertreiben. Das Schimpfen hat er darum auch faſt ganz verlernt; deſto oͤfterer ſagt er:„gut, gut.“ Der Himmel gebe, daß er mit dieſen Worten das Echo der verehrten Leſer ſey, wenn dieſe das Buch aus der Hand legen! Vor wenigen Tagen fruͤhſtuͤckte ich beim Grafen und ſeiner wunderlieblichen Leopoldine in der Reſidenz. Wir hatten unter andern auch koͤſtlichen Schinken; ich hielt ihn fuͤr Weſtphaͤlinger oder Bayonner, und ſang ihm, ein recht leckeres Scheibchen, mit Pfeffer ge⸗ 166 wuͤrzt, auf dem Teller, und ein Glas Ma⸗ dera⸗Malvaſier dazu in der Hand, eine hoch⸗ poetiſche Hymne; Leopoldine, die Wirthliche, fand ſich durch mein Lob geſchmeichelt, und verſicherte, daß der Schinken ein ehrlicher Landsmann ſey, den ſie vom Gute mitgebracht haͤtte; der Graf aber laͤchelte und meinte, daß die ſchwarze, ſtille Werkſtaͤtte, aus welcher der Geprieſene hervorgegangen, ein bleibendes Mo⸗ nument in der Geſchichte ſeines Herzens ſey; erzaͤhlte mir, als wir ſpaͤterhin allein waren, das kleine Begebniß, und erlaubte mir,& zum Nutzen und Frommen Aller, die mit ihm in gleiche Lage kommen, und einen voruͤbergehenden Rauſch der Leidenſchaft fuͤr Liebe anſehen, in vorliegenden Blaͤttern mit⸗ theilen zu duͤrfen. Zugleich hat ſich der edle Graf Bruno feierlich verpflichtet, mir aus beſagtem, hoͤchſt ſchaͤtzbaren Rauchpalaſte, jaͤhrlich, auf Le⸗ — 1 benszeit, einen tugendbelobten Schinken zu liefern, und ich ſehe daher der Wahrma⸗ chung dieſer graͤflichen Zuſage mit geziemender Sehnſucht entgegen. Den dazu gehoͤrigen Ma⸗ dera⸗Malvaſier aber erwarte ich vom freund⸗ lichen Leſer.