„—— —————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 eih- und Ceſebedingungen. .1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ei pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 25„ 2„ 3„„ 4„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ f lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Clauren. . Sechſter Theil. 4 Dresden, 1820. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. — Scherz und Ernſt v on H. Clauren. Sechſtes Baͤndchen.. * FInhalt: Kilians Tagebuch. Das Liebesvermäaͤchtniß. Auszug aus dem Tagebuche Kilians des Seminariſten zu Schnabelſchwatzhauſen. I. Der Herr Ober⸗Berg⸗ Hauptmann von Trebra zu Freyberg, hat es drucken laſſen, daß, je tiefer man in die Erde hinein kommt, deſto waͤrmer ſoll es drinnen werden; 150 Fuß tief in der Erde iſt es einen Grad; 300 Fuß tief zwei Grad, und ſo immer fort; ſo daß man in der Tiefe von Einer Million Fuß, Eiſen ſchmelzen kann, ohne Holz und Kohlen. Ju⸗ ſtement ſo iſt es auch mit dem menſchlichen Her⸗ zen. Je tiefer mir Theodoͤschen in das Herz 1* 4 ſieht, deſto waͤrmer wird mir es darin. Ich habe eine Glut in demſelbigen, daß, wenn ich eine Bleigans hineinſchieben wollte, ſothane Gans in zwei Minuten zu Brei ſchmelzen muͤßte. 2. Wo das hinaus will, weiß ich nicht, der Menſch hat 4 Hunde⸗, 8 Schneide⸗ und 20 Backenzaͤhne, und ich habe mit ſaͤmmtlichen 32 Zahnen geknirſcht, als heute der Mosje Oberfoͤrſters Ludwig ſagte, daß Amt⸗ manns Theodoſia das ſchoͤnſte Maͤdchen im Lande ſey. Was will der Menſch hier im Or⸗ te? Er bleibe auf ſeiner Oberfoͤrſterei, wie wir auf unſerm Seminarium; Einem Jeden das Seine. 3. In kleinen Staͤdten ſtirbt von 32 Leuten jäͤhrlich einer. Hieſiger Ort zaͤhlt circa 6400 — —— — — — 5 Leute; folglich muͤſſen jaͤhrlich 200 ſterben. Dießmal ſtecke ich gewiß mit unter dieſen; denn geht das ſo fort mit dem Mosje Ludwig, ſo erlebe ich's, daß ich noch dieß Jahr ſterbe. Doͤs⸗ chen iſt nicht halb ſo freundlich mehr, als ſon⸗ ſten. Als ich heute Nachmittag vorbei ging, ſaß ſie am Fenſter und ſtrickte etwas in Perlen; daß ſie nur einen Blick mit ihren zwei ganz er⸗ ſchrecklich ſchonen Augen auf mich geworfen haͤtte; und ich huſtete doch weiß Gott dreimal ſo ſtark, daß die Schildwache bei dem Major davon aufwachte. Was ſie nur geſtrickt haben mag, und fuͤr wen? Ich bin nicht neugierig; aber das muß ich wiſſen. Gott! ſie war ſo klar und zart wie die Perlen ſelber, womit ihre weißen Fingerchen ſtrickten. 4. Durch Schlafloſigkeit wird der Menſch alle 3 Stunden um 16 Unzen leichter. Ich habe vorige ganze Nacht und heute den ganzen Tag kein Auge zugethan, vor Angſt uͤber das, was Theodoͤschen geſtrickt hat; wenn ich das nicht bald erfahre, ſo wiege ich in acht Tagen gar nichts mehr. Ich will mich zwingen, ruhig zu ſeyn; aber ich kann nicht. Ich will ſtudiren, aber die Buͤcher ſind mir alle ſo zuwider, als haͤtten ſie in Brechpulver gelegen. Ich will hinaus in's Freie. In der blechernen Thee⸗ kanne ſchieben ſie Kegel. Ja, die Kugel von lignum sanctum, will ich, wie die Kugel mei⸗ nes Schickſals, hinausſchieben in die heilige Zahl drei mal drei. Wahrlich ein treffendes Bild des menſchlichen Lebens. Auch der Beſte ſchiebt ſeine Annemarie; und wenn dann der Kegeljunge ſpoͤttelnd ſchreit: Holland und Eng⸗ land, die Kugel iſt durch's Loch gerannt, ſo hat die boͤſe Welt noch die freche Stirne, den Fehlenden zu behoͤhneln. Doch ich will mich vor allen Loͤchern und Pfeifenſtielen huͤten, ſo viel ich kann. Auf die Mitte will ich halten, Ach ſtaͤnde Doͤschen da, wo die Kegel ſtehen. —— F. Ich dachte, der Schlag ſollte mich ruͤhren. Als ich geſtern in die Kegelbude trete— wen finde ich da:— Mosje Ludwig, den Laͤmmer⸗ geier! denn daß er dem ſchuldloſen Laͤmmchen, dem Theodoͤschen nachſpuͤrt, wie ein gieriger Raubvogel! das habe ich nun weg. Er war ſehr guter Laune, und das aͤrgerte mich; ich wollte ihn klein machen und ſagte ſpitzig zu ihm: ja da ſtehen die meiſten Herren hier vor den Kegeln, und keiner weiß eigentlich einen Kegel richtig zu definiren, noch weniger ein Wort von den Ellipſen, Hyperbeln und Parabeln. Ei⸗ gentlich wollte ich ihm damit zu verſtehen ge⸗ ben, daß dieſe Dinger boͤhmiſche Doͤrfer auch fuͤr ihn waͤren; da wandte er ſich aber zu mir und ſagte: packen Sie Ihre Gelehrſamkeit von den Kegelſchnitten anderswo aus, Sie haben wahrſcheinlich heute in Ihrer Schule etwas von Apollonius Porgaͤus geleſen; hier gilt das Schie⸗ ben. Sie ſind an der Reihe, machen Sie ein⸗ 0 mal alle Neune!— Ich war uͤber ſeine Unver⸗ ſchaͤmtheit, und daruͤber, daß er von den drei Kegelſchnitten ſo gelaͤufig, wie von Butterſchnit⸗ ten ſprach, ſo verbluͤfft, daß ich hintenrum machte. Vor Bosheit ſtampfte ich mit beiden Beinen, er aber lachte. Ich haͤtte die ver⸗ dammte Kegelkugel in eine Kanonen⸗Kartaͤt⸗ ſchen⸗ und Giftkugel verwandeln, und wie eine Pille verſchlucken moͤgen, ſo aͤrgerlich wor ich auf mich ſelbſt. Nachher nahm er meinen Arm, und ſag Sie kommen noch lange nicht wieder daran; ich will Ihnen etwas erzaͤhlen. Er ging mit mir durch die Stachelbeerhecken bis an's Ende des Gartens; rechts junge Scho⸗ ten, links herrlich aufgeſchoſſenes Kartoffelkraut, uͤber uns unreife Kirſchen, und im ganzen Gar⸗ ten mehr denn hundert weiße und rothe Roſen. Ich vergeſſe den Abend in meinem Leben nicht. Als wir hinten an der Schaalwand waren, ſagte er: Ich gehe mit! der Waffenſtillſtand iſt 9 bald zu Ende. Was von den jungen Leuten hier im Staͤdtchen noch nicht im Felde iſt, geht alles mit mir fort; wir wollen eine ganze d Schwadron machen. Sie muͤſſen auch da⸗ bei ſeyn. — Mir ward ſo angſt, als er von der verfluch⸗ 4 ten Geſchichte anfing, daß ich kaum ein Wort 2 hervorbringen konnte. Jetzt, da die Kirſchen ſ bald reif wurden, und die Stachelbeeren, und da wir alle Tage die allerkoͤſtlichſten Schoten auf dem Tiſche hatten, und da ich ſchon die kuͤh⸗ b 4 len Herbſtabende in Gedanken vor mir ſah, wo es die erſten Kartoffeln ſetzte, wollte der Menſch, . daß ich mitziehen ſollte, wo es entweder gar nichts oder hoͤchſtens abgemagertes Rindfleiſch mit elendiglicher Reisjauche gibt. Ich ſammel⸗ te mich jedoch bald wieder, und entgegnete ihm b ganz unverholen, daß meine Beſtimmung hier ſey, . mich zum Schullehrer zu bilden; daß der Staat der Jugendlehrer in dieſer Zeit eben ſo benoͤthigt Widerwillen gegen alles Schießen haͤtte, und daher aus meinem Mitgehen nichts werden koͤnnte. Da hat Theodoſia doch Recht gehabt, fiel er vor ſich verdruͤßlich hinbrummend, mir ins Wort. Wie ſo? fragte ich, und fuͤhlte, daß ich roth geworden war, als er dieſen heiligen Na⸗ men auf ſeine unheiligen Lippen brachte. Sie glaubte gleich nicht, ſagte er ſpitzig, daß Sie uns begleiten wuͤrden. Sagte ſie das? fragte ich triumphirend, nun ſetzte ich noch zehnmal ſpitziger hinzu, dann bleibe ich ganz beſtimmt hier. Sie ſind ein Schafzipfel! fuhr mich der Mosje Ludwig an, und ging zu der Kegelgeſell⸗ ſchaft zuruͤck. Ich haͤtte ihm darauf dienen ſollen, allein er hatte ſich ſchon aus dem Staube gemacht, als mir dieß einfiel. Doͤschen hatte gleich nicht geglaubt, daß ich ſey, als der Soldaten, daß ich einen natuͤrlichen II mitgehen werde, das heißt ſo viel als: Doͤschen wuͤnſcht nicht, daß ich mitgehen ſoll, und ich muͤßte ein recht ausgemachter Schafzipfel ſeyn, wenn ich Stachelbeeren, Kirſchen, Schoten, Kartoffeln und Doͤschen im Stiche laſſen und mitgehen, und mir die Naſe verbrennen wollte. Das ſollte mir fehlen! Nun will ich erſt recht Hahn im Korbe werden, hab' ich es doch gleich geſagt, Doͤschen iſt mir nicht gram. Sie kann mich nicht ziehen ſehen; wenn der Mosje Lud⸗ wig, der Neuntoͤdter, nur erſt zum Thore hin⸗ aus iſt, dann will ich mir mein Neſtchen ſchon in Ruhe bauen. Waͤhrend ich hinten im Garten geweſen, hatte ein Andrer fuͤr mich, ein Honneur geſcho⸗ ben. Ich werde in Ehren bleiben, wenn ich auch nicht mitgehe. Fuͤr Bier und eine neue Pfeife zahlte ich.. 2 Gr. 6 Pf. Im Kegeln verlor ich 3— 9— facit 6 Gr. 3 Pf. Beim Abſchiednehmen ſagte die Kegelwir⸗ 12 thin, ich waͤre ſo ein huͤbſcher doucer Menſch, ſie wuͤrde mir gleich ihr Julchen geben, wenn ich einen guten Dienſt haͤtte; aber Doͤschen iſt mir dreitauſendmal lieber. Julchen iſt ein wil⸗ des, leichtfertiges Ding. Wenn die jungen Laf⸗ fen erſt alle todt geſchoſſen ſind, kann ich waͤh⸗ len, wie ich will, ich kriegte ihrer zehn, wenn ich ſo viel heirathen duͤrfte. 6. Um dem Halloh aus dem Wege zu gehen, das ſie in der Stadt mit den Freiwiliigen beim Ausmarſch machten, ſpazirte ich auf das Land zum Herrn Pfarrer Baſemann; ſobald ich aber hoͤrte, daß die Herren Helden fort waren, eilte ich zuruͤck, und das aͤus dreierlei Urſachen; erſt⸗ lich, war der Herr Pfarrer ſehr kalt gegen mich, und ſprach oft Anzuͤgliches von Ofenhockern und dergleichen Stichelreden mehr; zweitens hatten die Ruſſen ſeine Kirſchen noch ganz gruͤn von den Baͤumen rattenkahl gefreſſen, und drittens wartet wahrſcheinlich Doͤschen auf mich⸗ 13 „Mein Gott, Sie ſind nicht mit!“ redeten mich drei, vier Bekannte, die mir begegneten, hoͤchſt verwundert an. Ich antwortete: nein, aus Urſachen, aus ſehr bewegenden Gruͤnden! und bog um die erſte beſte Ecke. Der Saͤbel⸗ ſchnaͤbler, der Mosje Ludwig, hatte wahrſchein⸗ lich allen Leuten erzaͤhlt, daß ich nicht mit ihm gewollt. Aber daraus mache ich mir nichts; bin ich doch hier, wo Doͤschen iſt, und iſt er doch fort. Ich habe den Menſchen in meinem Leben nicht leiden koͤnnen. Er hat mir nichts gethan, aber er hat mir im Wege geſtanden; nun habe ich freies Spiel, nun will ich Doͤschen wohl ſo umgarnen, daß ſie mein werden ſoll, und truͤge ſie das Naͤschen noch zehnmal hoͤher. 7. Sie ſcheren mich beſtialiſch, daß ich nicht mitgegangen bin; und meiner hoͤchſten Seelen! ich ſchwankte, und war auch ſchon halb und, halb willens, nachzugehen, und dann haͤtte ich die Franzoſen alle allein todt geſchlagen, aber nun ich ihr heut begegnet bin, iſt es mir recht dort deutlich geworden, daß ich nicht zu Felde mar⸗. bekt ſchiren ſoll. Das Feuer beſteht aus Waͤrme cher und aus Lichtſtoff; item das Feuer der Liebe; Wr darum wird dem Menſchen warm und klar zu um Sinne, wenn er ſein Maͤdchen ſieht. Ich be⸗ ſo v gegnete ihr heute in dem Kroͤtengaͤßchen. Woll⸗ ſolch te ſie mich nicht ſehen, oder ſah ſie mich nicht, was daruͤber bin ich mit mir noch nicht einig; aber um ſie war doch ſo entſetzlich ſchoͤn, daß ich nur ſie, aucl und immer nur ſie, und nichts weiter als ſie mei ſah; ich bemerkte den infamen Rinnſtein nicht, che und machte ein ſo tiefes Compliment, daß ich neu faſt hinein gefallen waͤre; ſie dankte nicht, aber Col daran war der verwuͤnſchte große Strohhut gan Schuld. Sonſt iſt ſie ja immer ſo freundlich, und wie ein Maikaͤtzchen. ein 8. arb Aha, nun kommt's ſchon. Ober⸗Kaplans ben haben mich auf heute Abend zum Thee bitten 13 aber laſſen. Nun die jungen Herren fort ſind, die echt dort verkehrten, nun komme ich d'ran. Sonſt ar⸗ 1 bekuͤmmerte man ſich um Leute meines Glei⸗ rme chen gar nicht. Eigentlich ſollte ich denken,⸗ ebe; Wurſt wieder Wurſt, und ſollte mich nun auch zu um ſie nicht bekuͤmmern, zumal ich auch noch be⸗ ſo viel in der Taſche habe, um mir ein Gericht doll⸗ ſolches Japaniſches Zugemuͤſe kochen zu laſſen, icht, was ohnedem nicht mein Leibgericht iſt, aber aber um des bischen Theewaſſers willen komme ich ſie, auch nicht. Doͤschen iſt gewiß dort. Ich ziehe ſie meine ſchwarzſeidenen Struͤmpfe an; darin ma⸗ icht, che ich mich recht niedlich. Sie ſagte ſelbſt ich neulich, ich ſaͤhe darin aus, wie ein kompleter ber Collaborator— kompleter Collaborator! ein hut ganz herrlicher Einfall, von dem lieben Kinde; lich, und ſie weiß gewiß nicht einmal recht, was ein Collaborator heißt. Ja! ich werde mit ihr arbeiten; mit ihr werde ich mich durch das Le⸗ ben arbeiten, wie man ſich durch einen Spa⸗ ziergang arbeitet, der mit bluͤhenden Akazien 16 und Roſengebuͤſchen verwachſen iſt. Ein ſehr ſchoͤner Gedanke, und ich werde ihn heut Abend bei ſchicklicher Gelegenheit anzubringen ſuchen. Wenn ich es nur nicht vergeſſe. Aber ich ver⸗ geſſe alles, und mich ſelber, wenn ich das Göt⸗ terkind ſehe. Auch fuͤr einen Dreier Zimmt⸗ bluͤten, wie ſolche aus Oſt⸗ und Weſtindien kommen, oder einige Gewuͤrznaͤgelein von den Moluckiſchen Inſeln, werde ich mir kaufen, und darauf beißen, wenn ich mit ihr ſpreche, denn ſolches gibt eine wuͤrzige Rede. 9. Die Menſchenblutwaͤrme iſt 30 Grad Reau⸗ muͤr, und kochendes Waſſer 80o. Aber vor Bosheit, vor Ingrimm koche ich wie Queckſil⸗ ber, das ſind 300 ſchreckliche Grade. Ich koͤnnte mich mit Leib und Seele in den finni⸗ ſchen Meerbuſen hinein ſtecken, und wuͤrde mich nicht abkuͤhlen. O, Gott, wie ſehne ich mich nach einem Tropfen Weiß⸗Bier! Aber es iſt 17 zu ſpaͤt. Auf dem Rathskeller brennt kein Licht mehr! Das kommt alles von dem verfluchten Thee, haͤtte ich die hoͤlliſche Chineſenbuͤchſe doch mit keinem Auge geſehen, doch ich will der Ge⸗ ſchichte nicht vorgreifen. Alles huͤbſch hinter einander. Als ich in die Geſellſchaft trat, ſpiegelte ſich im Kriſtallwaſſer meines Augapfels, ihr Bild; ſie ſaß mir grade gegenuͤber, und arbeitete wie⸗ der an der Perlen⸗Strickerei!— alſo nicht fuͤr Mosje Ludwig, ſonſt haͤtte ſie es ihm wohl mit⸗ gegeben! Ich brachte meinen: guten Abend! an, und in das Gewinde meiner Euſtachiſchen Roͤhre, lispelte aus der Tiefe ihres Zaͤpfleins, ein zierliches:„Ei ſieh da, Herr Kilian!“ me⸗ lodiſch heruͤber, ſo daß mir der liebliche Harfen⸗ ton ihrer Floͤtenſtimme quer durch das Herzfell drang, bis zum Gekroͤſe, Die Frau Ober⸗Kaplanin gab ſodann ih⸗ rer Tochter Klementine auf, mir Thee einzu⸗ ſchenken; ich lehnte aber ſcherzend dergleichen „ 2 ab, weil der Menſch 2 Unzen an ſeinem Ge⸗ wichte verliere, wenn er, binnen einer Stunde, 14 Unzen warmen Thee trinke. Ob dieß nun gleich eine, von allen großen Anthropologen an⸗ erkannte Wahrheit iſt, ſo lachten doch ſaͤmmt⸗ liche Damen, und nannten dieß, wiewohl auch nur ſcherzweiſe, eine gelehrte Pedanterie, wofuͤr ich mich, den Oberleib in einem Winkel von 20 Graden vorbeugend, mit Laͤcheln gehor⸗ ſamſt bedankte. Doͤschen ſetzte aber grauſamlich bitter hinzu:„Herr Kilian darf keinen Thee bekommen, keinen Tropfen Waſſer muß er von einem ehrlichen deutſchen Maͤdchen erhalten. Waͤhrend alle unſere Freunde und Bruͤder drauſ⸗ ſen hungern und durſten, frieren und bluten, will er ſich hier in Maͤdchen⸗ und Frauenkreiſe ſetzen, und Pfäͤnder mit uns ſpielen. Es iſt abſcheulich, und ich begreife nicht, wie in der jetzigen Zeit ein junger, geſunder Mann leben kann, ohne Ehre und ohne Gefuͤhl fuͤr Freiheit und Recht. —.———— —— 19 Der Menſch hat das groͤßte Gehirn unter allen Thieren, aber es war mir, als ſey es rein ausgebrannt, da ich dieſe Schimpf⸗ und Glimpf⸗ rede vernahm. Es ging mir, wie ein Gewit⸗ terſchlag, von der Zirbeldruͤſe, durch beide El⸗ bogenmuskeln, bis zu den Fußſohlennerven, dermaſen, daß ich wie verſteinert da ſtand, und nicht wußte, was ich antworten ſollte. Kle⸗ mentine aber, die kleine braſilianiſche Jupuju⸗ ka,*) ſchnatterte geſchwaͤtzig dazwiſchen, und meinte: mir ſey bis jetzt der Abſchied vom Ke⸗ geljulchen nur etwas ſchwer geworden, darum habe ich noch nicht fortgekonnt, aber ſie wiſſe gewiß, daß ich ſchon Anſtalten getroffen, den uͤbrigen jungen Helden des Orts zu folgen. „Ach das iſt brav!“ riefen alle, und hoben die Taſſen in die Hoͤhe und ſtießen auf mein Wohl an:„nun ſoll Herr Kilian auch leben, *) Eine Art Raben, die in Braſilien heimiſch ſind, 2* 20 und jede von uns gibt ihm ein Andenken mit auf den Weg. 4 Ja wahrhaftig, ſagte Doͤschen freundlich: dann darf auch ich nicht zuruͤckbleiben und uͤber⸗ reichte mir das Boͤrschen von Perlen, das ſie eben fertig gemacht hatte. Es war ein Kranz von Vergißmeinnichtchen hineingeſtrickt, ſo na⸗ tuͤrlich und ſchmachtig, als ob ſie leibten und lebten. Ich wußte nicht, wie mir geſchah; aber ich bedankte mich fuͤr die, auf mich in Thee aus⸗ gebrachte Geſundheit, und kuͤßte Doͤschen die weiche, kleine Flaumenhand; ſie druͤckte die mei⸗ nige und lispelte:„nun bin ich Ihnen wieder recht gut; halten Sie ſich brav, und kommen Sie geſund wieder.“ Wie ſie das ſagte, ſo ſchlug es bei mir inwendig durch, ich konnte und mochte mich nun nicht laͤnger mehr ſperren; ich haͤt⸗ te gleich moͤgen in eine Schlacht mitten hinein ge⸗ hen, ſo großherzig war mir da auf dem Flecke, wo der Orden hingehoͤrt, Zwar war mir bei 21 dieſen ihren Worten das Weinen naͤher, als das Lachen, aber die andern jungen Maͤdchen ließen mich zu meinen eigenen Gefuͤhlen gar nicht kommen; ſie meinten, morgen ginge ein Offizier mit einiger Mannſchaft nach, an die⸗ ſen ſollte ich mich anſchließen; ich muͤßte mich daher noch heut Abend bei ihm melden, und ſomit ſchoben ſie mich zur Thuͤr hinaus. Die loſen Dingerchen! Wenn ich bleibe, haben ſie mich auf ihrem Gewiſſen. Doͤschen ſchob nicht mit, und auf ihrem Gewiſſen moͤchte ich gerade am liebſten liegen. Sie laͤchelte nur bei mei⸗ ner Deportation, doch lag in ihren milden En⸗ gelszuͤgen dabei nichts, als ungefaͤhr der Ge⸗ danke:„Mein Kilian, ich liebe Dich. Geh', die Ehre ruft Dich; Kehre mit Lorbeeren ge⸗ ſchmuͤckt zuruͤck, und Deine Theodoſia wird Dir entgegen kommen, in der Rechten den Palmenzweig, in der Linken eine bluͤhende Myrthe.“ 10. Der Menſch hat 249 Knochen, 500 Mus⸗ keln, 60 Puls⸗, 40 Blutadern und 40 Paar Nerven; alle dieſe meine Gebeine und Kal⸗ daunen fuͤhlte ich, nach dem erſten Marſch von 14 Tagen, ſo genau, daß ich ſie an den Fin⸗ gern haͤtte herzaͤhlen koͤnnen. Das war ein dummer Spas, woran ich zeitlebens denken will.— Die Stadt hatte mehrere feindliche Beut⸗ pferde gekauft, und ſetzte mich, als unbemittel⸗ ten Freiwilligen ihres Weichbildes, auf eins davon. Unſer Major, ein Literatus, dem der Schalk hinter beiden Ohren ſaß, behauptete, mein Thier ſey, der Figur nach, aus der Kal⸗ kas⸗ Mongolei, nordweſtlich von China; es war maͤuſefahl, dickbehaart, hatte einen großen Kopf und konnte mehr mager als fett geſchol⸗ ten werden; auf einem Auge ſah es gar nicht und auf dem andern war es ſtockblind. Der Major nannte es Ephraim, und verwies mich, h 1& 23 als ich darob ſtutzte, auf den Propheten Hoſea, Cap. 10. V. 11. Mein Sattel war auch eine patriotiſche Ga⸗ be, von einem Zimmermeiſter auf den Altar des Vaterlandes gelegt; das milde Opfer war hinten und vorn mit Blech und Stahlzwecken beſchlagen. Schon den erſten Nachmittag troͤ⸗ pfelte mir das helle klare Blut in die Stiefeln, aber heißer noch blutete mir mein Herz, das der Abſchied von Doͤschen dieſen Morgen mitten durchbohrt hatte. Aus Zeitmangel war mir nicht moͤglich, bei Allen Abſchied zu nehmen, wie ſich es wohl geſchickt haͤtte, aber zu Doͤschen mußte ich, und haͤtte es den Hals koſten ſollen. Sie hatte mich erwartet, das ſah ich an den ver⸗ weinten Augen; ſie ſiegelte eben einen Brief zu;„Gut,“ ſagte ſie:„daß ſie kommen, ich wollte in dieſem Auegnblick zu Ihnen ſchicken.“ Ich kratzte hinten aus, gleichſam ob ich ſagen wollte, das konnteſt du ſuͤßes Himmelsmaͤdchen doch wohl denken, daß ich noch einmal kommen werde, um dir vielleicht auf ewig Lebewohl zu 1 ſagen.„Reiſen Sie mit Gott, lieber Kilian,“ fuhr ſie ſehr bewegt fort.„Ich habe Sie(auf den Brief weiſend) hier Ihrem Freunde Lude⸗ wig empfohlen. Gruͤßen Sie ihn recht herzlich, und ſagen Sie ihm— ſie wollte weiter ſpre⸗ chen, aber das Weinen erſtickte ihre Rede. Sie hatte mich noch nicht in der Uniform geſehen, 1 und dieſe ſtand mir ſehr ſchoͤn. Es mochte ihr hart vorkommen, mich nun gerade jetzt zu ver⸗ lieren, da ich ihr erſt recht zu gefallen anfing; daher dieſer Thraͤnenſtrom, der ſo unaufhaltſam floß, wie der Ohio, der in Kanada ent⸗ ſpringt, und ſich in den Miſſiſippifluß ergießt;. mir war auch ſo zu Muthe, daß ich beinahe mit geweint haͤtte, wenn ſich ſelbiges nur fuͤr einen Kriegsmann haͤtte ſchicken moͤgen. Ich hatte ihr vieles von meiner rieſenmaͤſigen Liebe erzaͤhlen, und ſie um den Abſchiedkuß bitten wollen, aber ich war durch ihre ſanften Thraͤnen 3 ſo aus dem Concepte gebracht worden, daß ich 23 meinen Text ganz vergaß, und die Bitte um den Kuß, in dem Kirſchweine erſaͤufte, den ſie mir anbot, um auf das Wohl aller wackern Vaterlands⸗Vertheidiger zu trinken. Sie ſtieß mit mir an, nippte ein wenig, und trank auf dieſe Weiſe, recht verſteckt auch meine Geſund⸗ heit. Mein Empfehlungſchreiben ſteckte ich in die Brieftaſche, und da ich die ganze Flaſche Kirſchwein ausgetrunken hatte, druͤckte ich ihre kleine zarte Hand an meine Lippen, fuͤhlte ei⸗ nen ſuͤßen Gegendruck, hoͤrte noch ein frommes „Gott mit Ihnen, mein guter Kilian!“ aus ihrem holden Roſenmunde, und torkelte vom Weine, von den Thraͤnen und von dem Segen des Engels erſchuͤttert, uͤber die Schwellen ihres Hauſes. II. Ich hatte ſpaͤter eine Schafdecke uͤber mei⸗ nen Sattel bekommen, wo es denn recht leidlich mit der Sitzparthie ging; nur die Kunſt zu rei⸗ 25 ten wollte mir nicht in den Kopf, und ich hatte dieſerhalb oͤfters Zwieſpalt mit dem Major, der mir ſonſt, meiner Humaniora wegen, ſehr ge⸗ wogen war. Mit dem Schluß war ich noch gar nicht im Reinen, und Ephraim machte mir viel Herzeleid; er war hartmaͤulig bis zur Ver⸗ zweiflung; und ſetzte er einmal ſeinen dummen Kopf auf, ſo nahm er keine Raiſon an; ich habe ihm, wenn wir mit einander allein waren, oft himmliſch gute Worte gegeben, aber das war, als ſpraͤche man mit einem Brummochſen; die Sporen wollte er nun gar nicht vertragen; kam ich ihm mit den ſtacheligen, mir ganz entbehrlichen, und wie wir bald ſehen werden, hoͤchſt verderblichen Dingern, nur ein Bischen zu nahe, ſo feuerte er gleich hinten aus, daß er meinen Nachleuten im Zuge, ganze Herzogthuͤ⸗ mer von Erdkloͤßen in die Augen warf, und ich darum viel Noth und Moleſten mit meinen Kameraden hatte. Wir waren fuͤnf Wochen marſchirt; den 27 dritten Tag allemal ruhten wir aus, d. h. wir lagen ſtill, und darum doch nicht ſtill; denn wir exerzirten an ſolchen Kriegestagen von Fruͤh bis Abends. Ich hatte mir Bennigſen uͤber den leichten Cavallerie⸗Dienſt gekauft, und konnte recht gelehrt mitſprechen; aber das Exerzieren kam mir platterdings nicht in die Glieder, und der Major ſagte mir am Ende ganz verdruͤßlich in das Geſicht, ich wuͤrde in meinem Leben ein ſchlechter Soldat bleiben; ich waͤre in ſeinem ganzen Kommando der Al⸗ lerletzte. Ich dachte in meinen Gedanken: Doͤs⸗ chen ſoll auch keine Huſaren⸗Frau werden, du ziehſt den Pelz je eher je lieber aus! und ließ mich es weiter nicht verdrießen. Der Waffenſtillſtand ging zu Ende; die Feindſeligkeiten begannen, und der Major hielt taͤglich große Reden von Muth, Tapferkeit, Ge⸗ genwart des Geiſtes, von der Veraͤchtlichkeit des Pardonnehmens, von der Schonung gegen 28 Wehrloſe und dergleichen Dingen mehr. Mir ward allemal bei ſeinen Sermonen, als wenn ich meine Leichenrede hoͤrte, denn dachte ich mir den Feind recht lebendig vor mir, ſo war es mir, als ginge ich beſtimmt in meinen Tod; aber ich ließ mir von meiner Hoͤllenangſt nichts merken. Der Major war jetzt auch unruhiger, als ſonſt; er viſitirte faſt alle Naͤchte die Poſten ſelbſt; er ſcherzte weniger als gewoͤhnlich mit mir, und ſagte mir unter vier Augen, daß er fuͤr keinen fuͤrchte, als fuͤr mich. Ich zwang mich aber zu lachen, und antwortete, daß ich mich gar nicht fuͤrchte; ſo lange ich meinen Ephraim unter mir fuͤhlte, ſollte mir kein Menſch etwas anhaben. Der Major antwor⸗ tete aber halb beſorglich, halb ſcherzend, im Be⸗ zug auf das erſte Buch Moſe, Cap. 49. V. 21 und 14.„Ihr Ephraim, mein Freund, iſt kein ſchneller Hirſch Naphtali, ſondern ein bei⸗ nern Eſel, wie Jeſaſchar.“ Ich wunderte mich wohl, daß mein Major ein ſolch tuͤchtiger Bi⸗ 4 29 Mir belhuſar war, indeſſen machte mich ſeine Rede denn. doch ſelbſt ein wenig bange, und ich requirirte, mir wo ich nur konnte, Rum und Franzbranntwein es um meines Ephraims Laͤufte gefuͤgig und od; ſicher zu erhalten. chts ger, 12. ten Der Morgen graute eines Tages kaum, als nit 50 Mann aufſitzen mußten, um ein vor uns er liegendes Gebuͤſch zu durchſtreifen; worin ſich ng nach Ausſage der Einwohner, feindliche Kaval⸗ ich lerie gezeigt haben ſollte. Ich gehoͤrte mit zu en den funfzigen; ich hatte noch nicht recht ausge⸗ in ſchlafen; aber eine Kugel, die neben mir durch das t⸗ Laub ſauſ'te, machte mich recht munter. Es e⸗ war die allererſte, die mir in meinem Leben ſo 1I 1 nahe gekommen war, und ich kann nicht eben ſt ſagen, daß ich ſehr großen Appetit zu dem ⸗ Fruͤhſtuͤck gehabt haͤtte. Als wir aus dem Ge⸗ 3 buͤſch in das Freie kamen, plaͤnkelte ein Schwarm feindlicher Lanzenreiter auf der Huͤ⸗ tung herum, die uns ſofort in Empfang nah⸗ men. Ich waͤre der Meinung geweſen, das Gebuͤſch wieder zu gewinnen, denn die bunten Faͤhnchen an den langen, mit Eiſen beſchlagenen Piken, waren meinem noch ganz nuͤchternen Magen erſchrecklich zuwider, und dieſem Um⸗ ſtande ſchreibe ich auch das gewaltige Zittern zu, welches mich ſo ſeltſam uͤberfiel, daß ich kein Glied ſtill halten konnte; ich klammerte mich aus Mangel an gaͤnzlichem Schluß, mit beiden Haͤnden in Ephraims Maͤhnen, und fuͤhlte die Septemberluft ſo ſtachelkalt im Geſichte, als ritte ich einer grimmigen Dezembernacht entge⸗ gen. Unſer Lieutenant aber, ein kecker Wage⸗ hals, hatte eine andere Taktik im Kopfe. Er ſtrich ſich das krauſe Baͤrtchen, kommandirte ein luſtiges Vorwaͤrts, und unſre ganze Handvoll Huſaren ſtuͤrzte ſich mit einem unbaͤndigen Hurrah, auf die Lanzenreiter, als haͤtten dieſe, weiß Gott, bloße Zahnſtocher in den Haͤnden ge⸗ gehabt. Die blutgierigen Menſchen hieben 31 rechts und links vor ſich nieder, was in den Weg kam, und die Lanzenreiter purzelten wie. Krautſtruͤnke von den Gaͤulen; ich konnte aber nicht mithauen, weil ich der letzte war. In 10 Minuten hatte der Feind uͤber 90 Mann ver⸗ loren, da ließ er zum Ruͤckzug blaſen. Als mein Ephraim dieſe, ihm aus der Dienſtzeit im feindlichen Heere, bekannten Trompetenſtoͤße hoͤrte, denke ich, er wird raſend. Jetzt war kein Haltens; die Feinde flohen in geſtreckter Karriere; Ephraim mit mir hinter drein; un⸗ ſere Huſaren ſprengten mir nach, aber ich kam ihnen bald aus dem Geſicht, denn es ging mit mir, als ſaͤß' ich auf einem fliegenden Drachen, Ich verlor vor Angſt und Schrecken alle Hal⸗ tung, und krallte mich, meiner ſelbſt unbewußt, mit den Sporen in die Duͤnnungen des Satans; da ſchnaubte das Unthier, wie der lebendige Teufel, und in wenigen Augenblicken hatte ich die Feinde, wider meinen Willen, eingeholt, Ich bruͤllte vor Entſetzen, als ſtaͤk' ich am 32 Spieße; die ohnehin ſchon eingeſchuͤchterten ra Feinde geriethen darob in noch groͤßere Ver⸗. ſp zweiflung; viele warfen Piken und Gewehre un weg, und baten um Pardon; die andern jagten D weiter, ich immer mit ihnen um die Wette; ſie D fluͤchteten nach einer kleinen Feldſchanze, hinter lie der drei Kanonen ſtanden, aber die Artilleriſten ga waren, als ſie ihre Lanzenreiter wie das wilde Heer, anſprengen geſehen hatten, und mich, un den Graͤßlichen, ſchon mitten unter ihnen, ei⸗ zu ligſt davon gelaufen, und hatten die Kanonen ho im Stich gelaſſen. Mein ſtockblinder Ephraim m rannte ſich an der einen, den Kopf mitten von— ne einander, ſo daß ich ſtuͤrzte und zwiſchen meinen N Throphaͤen erſt meine Beſinnung wieder fand. In dem Augenblicke kam mein Lieutenant mit taͤ den uͤbrigen Huſaren heran. Die Zahnſtocher⸗ gli maͤnner waren gefangen, oder in die Pfanne de gehauen, oder in die ſchimpflichſte Flucht gejagt; B drei herrliche Kanonen waren unſer, und ich— er ich war der Held des Tages.„Kilian, Kame⸗ S ſten dilde nich, ei⸗ nen aim von nen und. mit her⸗ nne agt; — me⸗ 33 rad, Herzensjunge!“ ſchrie der Lieutenant, und ſprang vom Pferde und nahm mich beim Kopf und kuͤßte mich,„was fuͤr eine Rieſenthat haſt Du gethan. Ich habe Dich verkannt! ich habe Dir Unrecht zugefuͤgt, verzeihe mir, mein herr⸗ licher Junge! Du biſt der Erſte in unſerm ganzen braven Regimente; ſey mein Freund.“ Jetzt detaſchirte er zehn Mann und einen Unteroffizier in das naͤchſte Dorf, um Pferde zum Zuruͤckſchaffen der erbeuteten Kanonen zu holen, ich aber ſah die blanken Siegesmaͤhler meines Heldenmuthes an, wie die Kuh das neue Thor, denn ich fuͤhlte, daß ich zu dem Muthe gekommen, wie jener zur Ohrfeige. Im Triumph fuͤhrten wir unſere drei zwei⸗ raͤdrigen Eroberungen und unſere Gefangenen gluͤcklich zuruͤck. Mir hatte der Lieutenant an der Stelle meines ſeligen Ephraim, das beſte Beutepferd gegeben, und daß ich das Ehrenkreuz erhalten muͤſſe, ſey, meinte er, eine ausgemachte Sache; da fiel mir Doͤschen ein, wie ſelbige 3 34 ſchmunzeln werde, wenn ich als Ritter, und in allen Zeitungen gelobt, zu dem vaͤterlichen Herd zuruͤckkehren wuͤrde, und ich konnte mich nicht enthalten, laut in die Gegend meiner Vaterſtadt hinzulachen, wo das Zuckerbrotgeſichtchen, jetzt eben die Guckaͤuglein aufſchlagen mochte, um dem jungen Tage einen guten Morgen zu bieten. An dem Nachfolger meines ſanft und ſelig entſchlummerten Ephraim, hatte ich nichts Gro⸗ ßes errungen. Das Thier war ſo mager, daß man jeden Knochen an ihm zaͤhlen konnte, flie⸗ genſtachelig von Farbe, verunſtaltet durch ein kahles Rattenſchwaͤnzlein, und bockſteif auf allen Vieren, dazu uͤbermuͤdet, abgehungert und faul, wie der Eſel, mit deſſen Kinnbacken Simſon tauſend Philiſter erſchlug. Wir waren noch nicht in das Gebuͤſch zu⸗ ruͤck, woraus wir vorhin hervorgeflogen waren, als ein großer Schwarm feindlicher Heerſchaaren uns ereilte, um uns wieder abzujagen die Ka⸗ 35 nonen, und die wir gefangen und gebunden vor uns hertrieben. Unſer Wehrheld, der kecke Waghals, zaͤhlte die Nachſetzenden mit fluͤchti⸗ gem Auge, und fand, es ſeyen ihrer wohl zehn⸗ mal mehr, als unſer Haͤuflein, darum wollt' er ſich nicht meſſen mit ihnen, ſondern trieb, daß wir nur in Sicherheit kaͤmen mit unſrer reichli⸗ chen Beute. Ihm gelang auch das Werk, doch wollte mein Fliegenſtachel nicht weiter, und als er hin⸗ ter ſich deutlich vernahm, das Wiehern befreun⸗ deter Kampfgenoſſen, ward er ſtetiſch, und ob meiner Sporen ſo empfindlich, daß er bockte, und den ſtolzen Helden des Tages auf den Sturzacker warf; hier ereilten mich die Nachſe⸗ tenden und nahmen mich gefangen. Oft ſchon hatte ich von der Laune des Kriegsgluͤcks gehoͤrt. Jetzt mußte ich die ſchmerz⸗ liche Erfahrung ſelbſt machen, daß kein's wech⸗ ſelnder, kein's wetterwendiſcher ſey, als dieſes. 2* 3 36 Weg waren Doͤschen und Ehrenkreuz, und Lie⸗ be und Ehre. Man ſchleppte mich zuruͤck. An meiner Uniform erkannten die Bauern mich, als einen von denen, die ihnen vor einer halben Stunde die Pferde zur Wegſchaffung der Beute⸗Kano⸗ nen weggenommen hatten, und die ganze liebe chriſtliche Gemeinde ließ mit Peitſchen, Stoͤcken, Dreſchflegeln und Wagenrungen, ihren Muth dermaßen an mir aus, daß ich in wenig Minu⸗ ten kein Glied ruͤhren konnte; ich ſollte von den „Bauern in die naͤchſte Stadt eskortirt werden, aber ich war ſo gahr gewalkt, daß die Wuͤthen⸗ den am Ende die Unmoͤglichkeit, mich zu Fuße fortzubringen, ſelbſt einſahen, und ich die heim⸗ liche Rache hatte, ihnen noch einen Vorſpann⸗ dienſt zu koſten. Die Vorſpannknechte, die daruͤber hoͤchſt aufgebracht waren, zogen mich bis auf das Hemd aus, nahmen meine Kleider und warfen mich, wie im Hiob Capitel 1. in der erſten Haͤlfte des 21. Verſes beſchrieben ſte⸗ 2 4 Lie⸗ het, auf den Korbwagen. Gluͤcklicherweiſe ge⸗ wahrte ich unter den Umſtehenden den Schulleh⸗ rer des Dorfs; dieſem gab ich mich, als ehe⸗ iner nen maligen und kuͤnftigen Kollegen zu erkennen, nde und fleh'te ihn, mir wenigſtens geben zu laſſen, no⸗ 4 um meine Bloͤße zu bedecken. Da erhielt ich iebe denn endlich meinen Mantel wieder, und fuhr, ken, vom Gelaͤchter der lieben Jugend verfolgt, zu uth dem Dorfe hinaus. inu⸗ den 14. den, Ich hatte auf dem Wege zur Stadt viel hen⸗ Zeit gehabt, uͤber mein Mißgeſchick nachzuden⸗ duße ken, das mich von den Schoten und Kirſchen, im⸗ von den Fruͤhkartoffeln und Doͤschen, ſo grau⸗ un⸗ ſam getrennt, mir den Orden vor der Naſe die weggenommen, mich in die ſchimpflichſte Ge⸗ nich fangenſchaft gebracht, mich zum Suͤhnopfer des ider Requiſitionſyſtems gemacht und mich jetzt auf .in eine elendigliche Schuͤtte Stroh gelegt hatte; aber ehe ich zu allen dieſen ſtillen Selhſtbetrach⸗ 3⁸ tungen kommen konnte, war ich eingeſchlafen, und wachte erſt vor dem Hospital auf, wo eben Kr die Mittagſuppe vertheilt wurde. ha⸗ Ich machte mich, um nur nicht wieder zu⸗ e ruͤck gebracht zu werden, viel kränker, als ich M war, verſpuͤrte an den magern Suͤppchen zwar, zu daß hier kein Frauen⸗Verein waltete, doch ließ es ich es mir trefflich ſchmecken, und ſtreckte mich zar im Saale der Leichtbleſſirten, der hell und luf⸗ pf⸗ tig und nicht uͤberſetzt war, auf meiner rein⸗ we lichen Matratze lang aus, und that mir bene. die Zufaͤllig hoͤrte ich in dem Mantel, den ich ein uͤber mich geworfen hatte, etwas Papiernes Br raſcheln, ich ſpuͤrte nach, und fand Doͤschens He Brief an Mosje Ludwig. un 4 V Das war der Brief, worin ſie mich ihm ha⸗ empfohlen hatte, und bei deſſen Ueberreichung las ſie, wegen meines nahe bevorſtehenden Abſchie⸗ des, ſo weinte, daß ſie gar nicht mehr reden konnte. wa Was ſollte ich jetzt mit dieſem Briefe. Vor 39 meiner Auswechſelung d. h. vor dem Ende des Krieges, der Jahrzehente lang dauern konnte, hatte ich keine Ausſicht, den Mosje Ludwig zu treffen; mir war es Troſt und Erholung, etwas Mehreres von Doͤschens kleiner Schwanenhand zu leſen, als die Adreſſe, und uͤberdem, ich will es ehrlich geſtehen, war ich neugierig auf die zarten Wendungen, die Doͤschen bey der Em⸗ pfehlung meiner, ihr gewiß theuern Perſon, werde genommen haben; ich legte mich alſo auf die linke Seite nach der Wand zu, oͤffnete mit einer gewiſſen Art von Beklommenheit den Brief, druͤckte die lieben Zeilen, die aus ihrem Herzen fuͤr mich auf das Papier gefloſſen waren, und die noch kein menſchliches Auge geſchaut hatte, ſtill und ungeſehn an meine Lippen, und las Folgendes: „Mein einziger Ludwig.“ Der Anfang geſiel mir nicht recht. Erſtlich, warum mein Ludwig? dann warum mein einziger Ludwig? ſolcher aparter Mosjes 40 gibt es mehr in der Welt. Doch die Begierde, weiter zu leſen, war zu groß. Ach haͤtte doch jene Barbaren⸗Gemeine mich lieber ſplinterfa⸗ ſernackend fahren laſſen, ſo waͤre ich ohne den Mantel hergekommen, worin mein ganzes Un⸗ gluͤck ſteckte— Ich fuhr fort: „Mit ſehr traurigem Herzen ſetze ich mich, um Dir zu ſchreiben. Woͤchentlich gehen zwei Briefe regelmaͤßig an Dich ab, und von Dir habe ich, ſeit Deinem Ausmarſch, erſt einige wenige Zeilen. Mein einziger Troſt iſt, daß alle die jungen Leute, die mit Dir weggingen, ſeit der Zeit auch nur einmal hieher an die ihrigen geſchrie⸗ ben haben; folglich biſt Du, mein Herzens⸗ Ludwig, nicht an meiner Angſt, nicht an mei⸗ nem Schmerze Schuld, ſondern die abſcheuli⸗ che Feldpoſt, uͤber die alle Welt klagt. Darum habe ich mir auch einen eigenen postillon c'a- mour angeſchafft, den Kilian, der Dir dieſen Brief uͤberreichen wird. Ich ſehe Deine großen Augen noch groͤßer werden, wenn das Menſchen⸗ rde, doch rfa⸗ den Un⸗ nich, zei ich, llen. igen Zeit Frie⸗ ns⸗ nei⸗ euli⸗ rum da- eſen ßen hen⸗ 41 kind vor Dich tritt, den Saͤbel an der Seite, und, ſo Gott will, einen friſch gewachſenen Bart um die viel und ewig nichts ſagenden Lippen. Das hat Muͤhe gekoſtet, den Hans Haſenfuß auf die Beine zu bringen! Sonſt hatte ich we⸗ nigſtens Mitleid mit dem gelehrten Kalbe, aber ſeit er ſeine Haut in hoͤherm Preiſe hielt, als die Eure, und Euch ruhig hinziehen ſah, ohne Schaam uͤber ſein unmaͤnnliches Heimbleiben, ſeitdem iſt er mir ganz unausſtehlich geworden.“ Nein— weiter konnte ich nicht leſen; der infame Wiſch war noch vier eng geſchriebene Seiten lang, aber ich riß ihn in zwanzig kleine Stuͤcke, ſo erboſ't war ich uͤber die oſtindiſche Abgottſchlange! und mir dieſen Urias⸗ Brief mitzugeben! o die ganze Maͤdchenwelt haͤtte ich in dieſem furchtbaren Augenblicke zermalmen moͤgen. Lieber, rief ich laut aus, will ich unter lauter nordafrikaniſchen Chamaͤleons le⸗ ben und unter den Stinzemarins an den Ufern des Senegal, als unter dieſem Ottergezicht. 42 Fleuch die Buhlerin, daß du nicht in ihre Stricke unf falleſt, ſagt Sirach, und wende dein Angeſicht ihn von ſchoͤnen Frauen, denn ſie haben ſchon man⸗ liſch chen bethoͤrt! Bei dieſen Worten ſchlug ich mit Hit der geballten Fauſt auf den Ungluͤcksmantel, und worin ich den verdammten Brief bis hieher ge⸗ eine tragen hatte, daß eine dicke Staubwolke mich er c umhuͤllte. „Der raſet auch!“ brummte ein voruͤber⸗ gehender Arzt zu ſeinem Begleiter, und ſchrieb etwas, wahrſcheinlich die Nummer meines Bet⸗ tes, in ſeine Schreibtafel:„ſorgen Sie dafuͤr frie daß er heut noch in's Tollhaus kommt.“ mie mit 15. ſtaꝛ Zu dieſem mir beſtimmten Aufenthalt nen hatte ich denn doch keine rechte Luſt; uͤberdem von fuͤhlte ich mich ehen jetzt kluͤgr, als je. Ich ihn richtete mich alſo auf, um dem Arzte zu bewei⸗ bru ſen, daß ich mein bischen Vernunft voͤllig bei⸗ hei ſammen habe, als ſie eben einen Offizier von 43 unſern Ulanen, vom Strohlager aufhoben, um ihn in das Irrenhaus zu bringen. Er war hoͤl⸗ liſch zugedeckt und hatte drei Mordhiebe im Hinterkopf und uͤber die Stirne; die Poſthoͤrner und die Steigbuͤgel mußten ihm mitten von einander geſpaltet ſeyn. Ich ſchaute ihm, als er auf der Trage lag, genauer in das Geſicht. Es war Mosje Ludwig. Es haͤtte mir eigentlich lieb ſeyn ſollen, mei⸗ nen Erbfeind ſo zernichtet vor mir zu ſehen, denn er war es ja eigentlich, der mir meinen friedſamen Seminariſten⸗Rock ausgezogen, mich in das Feld der Ehre zuerſt gelockt, und mir auf dem Wege zu Doͤschen, im Wege ge⸗ ſtanden hatte. Aber als ich ſah, wie die Ula⸗ nen, die mit ihm gefochten hatten, und nun von Wunden bedeckt, in ſeiner Naͤhe lagen, zu ihm krochen, um ſeine Hand noch einmal zu druͤcken und viele ſie ihm kuͤßten, und ſie mit heißen ſtillen Thraͤnen benetzten, und wie die feindlichen Bleſſirten, die ſein wackerer Saͤbel 44 auch in das Lazareth geliefert hatte, alle ein⸗ muͤthiglich geſtanden, daß das ein wahres Un⸗ geheuer von Tapferkeit geweſen waͤre, und ſeinen Schmerz mit ruͤhrender Achtung ehrten, da fuͤhlte ich mich mit ihm ausgeſoͤhnt. Er lag blaß und entſtellt auf der Trage; es fror ihn, daß er zitterte, denn er hatte nichts, womit er ſich bedecken konnte; ich war, bis auf den Purpurruͤcken, fiſchgeſund; ich gab ihm al⸗ ſo meinen Mantel; ich weiß nicht, ob er mich erkannt, als ich mein ganzes Vermoͤgen uͤber ihn deckte, aber er zog meine Hand an ſein Herz, und wir ward es inwendig wohl und warm, denn ich fuͤhlte, daß ich etwas Gutes ge⸗ than hatte. Jetzt hatte ich nichts, als mein Hemdchen auf meinem zerblaͤuten Leichnam, aber ich war in dieſem Augenblicke reicher, als der lydiſche Koͤnig Kroͤſus, der aus dem Fluſſe Pactolus ganze Berge von Goldſand zuſammen⸗ fiſchen ließ. lieg dar 4⁵ ein⸗ 16. Un⸗ Der Lohn der Tugend bleibt nie aus. Eben einen als ich den Mantel uͤber Ludwig gebreitet hatte „ da und mich wieder auf mein Stroh werfen wollte, rief mich eine Stimme beim Namen; ich e; es wandte mich uͤberraſcht um, da ſtand ein jun⸗ ichts, ger bluͤhender Milchbart von Ulanen vor mir, s auf ſchuͤttelte mir treuherzig die Haͤnde, und ſchrie a al⸗ freudig auf:„Ja er iſt es, ehrlicher Kilian⸗ mich Herzens⸗Kamerad. Gott ſegne Dir die That, uͤber Unſer Rittmeiſter hat gefochten, wie ein Loͤwe, ſein wir alle ſetzten unſer Leben fuͤr ihn ein; aber und die Uebermacht war zu groß, 20 gegen 300 es ge⸗ Mann! fuͤnf von uns hatten die Ehre, den mein Heldentod zu ſterben; wir uͤbrigen geriethen nam, in ſchimpfliche Gefangenſchaft; doch wir haben „ als unſere Freiheit theuer verkauft. Kein einziger Fluſſe liegt hier ohne Wunden, ich bin am leichteſten men⸗ davon gekommen.“ Er deutete auf ſeine linke Achſel, wo er einen kleinen Streifhieb erhalten hatte, und ſchlug mir lachend auf meine Rechte, — ——— 46 und ſagte:„Kamerad, Du kennſt mich am Ende wohl nicht?“ Ich glotzte das junge Ulanenblut eine lange Weile an; es war mir, als waͤre ich in veraͤn⸗ derter Geſtalt, vordem einmal auf dem Uranus geweſen, der bekanntlich 417 Millionen Mei⸗ len von unſerm Erdball entfernt iſt, und haͤtte das Geſicht dort, auch in veraͤnderter Geſtalt geſehen, ſo bekannt und ſo fremd, ſo, accurat ſo, und doch wieder ſo ganz anders, kam es mir vor. Auf einmal ward es mir klar vor den Sin⸗ nen, als ſtaͤnde ich vor dem Lichte eines Fix⸗ ſterns; ich ſchaute dem zarten Ulanen noch ein⸗ mal in die Augen, und brach in den Freuden⸗ ſchrei: Kegeljulchen! aus.„Still, ſtill!“ lispelte mir das Ulanen⸗Maͤdchen zu, und legte die eine Hand mir auf den Mund, die andere aber, vor Scham, mich, wie den deutſchen Kai⸗ ſer Heinrich den IV. zu Kanoſſa vor Gregor betk ) am lange veraͤn⸗ ranus Mei⸗ haͤtte zeſtalt at ſo, 8 mir Sin⸗ Fir⸗ Hein⸗ euden⸗ till!“ legte andere Kai⸗ Pregor 47 dem VII., das heißt, im leinenen Hemde mit bloßen Fuͤßen zu ſehen, uͤber die Augen. „Ich heiße,“ fliſterte Julchen heimlich, mit halb weggewandtem Geſicht:„hier Julius, und bin von unſern Leuten nur gekannt. Ver⸗ rathe mein Geſchlecht nicht dem Feinde, und be⸗ decke Dich hier mit dem Laken unſers Rittmei⸗ ſters, daß ich mich neben Dich ſetzen, und mit Dir plaudern kann von Schnabelſchwatzhauſen und meinen Thaten. Julius kam, als ich mich in das Bettuch gehuͤllt hatte, wieder zu mir, und ſetzte ſich freundlich an mein Lager, und ich hatte Ge⸗ fallen an dem bartloſen Krieger, wie an keinem andern. 17. Die kegelwerthe Kleine hatte ſich, wie ſie betheuerte, aus puem blanken Patriotismus, wenige Tage nach meinem Abmarſche, auf die ſelbſtgeſtrickten Socken gemacht, und war dem 4 Heere mit einer fliegenden Kuͤche gefolgt; denn daß ſie, wie ich ſpaͤter erfuhr, dem juͤngſten Sohne unſers Viertelsmeiſters, der als Mar⸗ ketender in das Feld ging, zu Liebe, den ſtillen Kegelgarten mit den wilden Biwachtfeldern ver⸗ tauſcht habe, war blos das Geruͤcht buͤbiſcher Laͤſterer, und Julchen hat ſich ſpaͤterhin von dem auf ſie geworfenen Verdacht, durch tauſend leib⸗ liche Eide gereinigt. Eine feindliche Kanonen⸗ kugel riß gleich in den erſten Wochen, der er⸗ richteten Marketender⸗Compagnie, das Vier⸗ und Sechzig⸗Theil unſerer Stadt,— denn der Viertelsmeiſter hatte acht Kinder,— von dem Feldkeſſel weg, und ſo ſtand Julchen mitten in dem Kriegsgetuͤmmel allein. Ein junger Ula⸗ nen⸗Wachtmeiſter nahm ſich der Verlaſſenen mit ſeltener Aufopferung an; er ſagte ihr, ſie ſolle der Marketenderei nunmehr Valet geben, denn jetzt,— es war— man merke wohl auf die Zeit— beim Einmarſch der Verbuͤndeten in Sachſen, im Okrober 1813— denn jetzt ſey denn gſten Mar⸗ tillen ver⸗ iſcher dem leib⸗ onen⸗ er er⸗ Vier⸗ n der dem ten in Ula⸗ ſſenen , ſie geben, hl auf ten in et ſey die Zeit kommen, wo ſie bei den Fleiſchtoͤpfen ſitzen, und die Fuͤlle Brod zu eſſen haben wuͤr⸗ den, ohne darum bei dem Meiſter Schnapp⸗ hahn anzuklopfen; ſie moͤge ſich lieber in die Reihen der Helden ſelbſt ſtellen, worin ſchon viele ihres Geſchlechts ſtaͤnden; dieß braͤchte mehr Ehre und Lohn, als den gewaͤſſerten Brannt⸗ wein glasweiſe zu verjuͤdeln; fuͤr Pferd, Waf⸗ fen und Kleidung wolle er ſchon ſorgen. Sind in dieſem Kriege ganze Feſtungen auf die bloßen Worte eines beredten Sprechers gefallen; wie ſollte ſich ein ſo feurig lebendiges Maͤdchen, als Julchen war, nicht von der ein⸗ dringlichen Weiſe des jungen Wachtmeiſters hinreißen laſſen. Kurzum, Kegeljulchen ſaß auf, ſchlug die große Voͤlkerſchlacht mit, hieb bei der Stockfiſchbude vor dem Rannſtaͤdter Thor, zwei halbtodte Voltigeurs nieder, verlor ihren Beſchuͤtzer und Freund, den redlichen Wachtmeiſter, durch eine Flintenkugel, unweit der Funkenburger Bruͤcke, wurde acht Tage 4 66 ſpaͤter, beim Nachſetzen, ſammt ihren Kame⸗ raden und ihrem Rittmeiſter gefangen, und kam mit allen dieſen in das Lazareth, worein ich mich hatte bringen laſſen, um von den Dank⸗ ſagungen zu geneſen, die mir fuͤr die weggenom⸗ menen Pferde von der betroffenen Gemeinde, auf den Ruͤcken waren geſchrieben worden. 18. Als Leichtpleſſirter ward ſie dieſen Abend noch in ein Buͤrgerhaus einquartirt, und durch ihre, beim Lazareth⸗Ober⸗Aufſeher angebrach⸗ ten Schmeichelworte, wußte ſie es zu bewirken, daß auch ich in daſſelbe Haus zu liegen kam. Von dem mir fruͤher angedroheten Toll⸗ hauſe war weiter keine Rede; allein je mehr ich um Kegeljulchen war, deſto mehr fing ich an, den Abgang meines bischen Verſtandes zu ver⸗ ſpuͤren; ich verliebte mich ganz complet in ſel⸗ biges Maͤdchen, und ſchnappte totaliter uͤber, als die Kleine mir auf unſerm engen, aͤrmlichen 67 „Kaͤmmetlein, ſchon den zweiten Tag geſtand, daß ſie ſelbſten in mich geſchoſſen ſey; ſie habe Anfangs mich bloß in ihre Naͤhe gewuͤnſcht, weil wir aus einem und demſelben Orte waͤren, und wir von unſerm lieben Schnabelſchwatzhau⸗ ſen ſelbander kofen koͤnnten; aber jetzt, meinte ſie, ſey ich ihr viel mehr als bloßer Landsmann, und ſie ſehe Gottes offenbaren Finger darin, daß wir uns ſo wunderlicher Weiſe zuſammen⸗ gefunden haͤtten; ich ſah ſonach auch den beſag⸗ ten Finger darin, und verſchamerirte mich ſtuͤnd⸗ lich mehr in ſothanes Maͤdchen, das meinem Naturell vollkommen angemeſſen ſchien, ſo daß ich oft, wenn ich die ſich ganz mir anvertrauen⸗ de Kleine, mit ſeliger Liebe in unſerm Einquar⸗ tirungsloͤchelchen umfing, vor Entzuͤcken uͤber⸗ fließend, mit Gellert oder Klopſtock ausrief: Iſt mein Stuͤbchen eng und klein, Bin ich ſchon geborgen. ungeachtet wir die gluͤcklichſten Gefangenen auf den neun Millionen Quadratmeilen unſers 4*† 68 Erdballs waren, indem wir lediglich uns ſelbſt e genuͤgten, und die Liebe uns mehr gewaͤhrte, als 9 je ein Sterblicher wuͤnſchen kann, ſo freute es T uns doch, als in der folgenden Woche ein Pulk 1 Koſaken in die Stadt ſprengte, den Feind aus den Thoren jagte, und uns frei machte. ſt Die Schwerbleſſirten blieben im Orte; wir 3 andern erhielten Laufpaͤße, um uns in unſerer Heimath heilen zu laſſen. 4 Hand in Hand wanderte ich mit Julchen— nach Hauſe; ſie in ihrer Uniform, ich im Bett⸗ ie tuche des Rittmeiſters. Goitto, Michelangelo 2 und Raphael ſind bekanntlich die groͤßten Mei⸗ ſ ſter in dem Fache der Draperie, aber ſie haͤt⸗ G 5 ten an mir noch ſtudiren koͤnnen, ſo unerſchoͤpf⸗ 5 lich uͤbten Regen und Wind an mir jene ſchwe⸗ 9 re Kunſt. d Die Griechen bekleideten ihre Figuren meiſt 2 mit naſſen Gewaͤndern. Es regnete zwei Tage t lang, als goͤße es mit Eimern vom Himmel, und ich ſah juſtement ſo aus, wie eine lebendige 69 f— ſ Statue aus den zwoͤlf Thaten des Herkules, die. Praxiteles, als Basreliefs, in den Giebel eines es Tempels gearbeitet hat, und die wegen der vie⸗ ie len kunſtreichen naſſen Gewaͤnder, welche darin angebracht ſind, ein ewiges Studium der Pla⸗ ſtik bleiben. Ich aͤuſſerte mich daruͤber gegen M Julchen; aber die verſtand falſch, und ward er verdruͤßlich, und ſagte: ihr habe noch niemand geſagt, daß ſie blaß und dick ſey, und dabei en ward ſie ſo roth bis an die Ohrenſpitchen, daß lt⸗ ich nur Muͤhe hatte, ſie wieder zu beſaͤnftigen. 5 Am dritten Tage ward es aber windig, und ich kt ſchritt nun im weiten, faltigen und fliegenden t⸗ Gewande einher, wie Medea, die Tochter des pf⸗ Koͤnigs Aeetes von Kolchis, als ſie nach dem be⸗ Morde ihrer Kinder, im Drachenwagen durch die Luͤfte flog. Ich hatte immer an meinem iſt Betttuche oben und unten zuzuhalten, ſo ſpiel⸗ ꝛge ten die bengelhaften Kinder des Aeolus mit deſ⸗ el, ſen Zipfeln, und Julchen hatte auch nicht eine Stecknadel, um mir in meinen Noͤthen beizu⸗ 70 ſtehen. Endlich fuͤhrte uns doch das Geſchick in das Haus eines gutmuͤthigen Pfarrers, der mir einen alten muͤllerblauen, ſchwarz ausgemachten Rock ſchenkte; mit Unterkleidern konnte er in⸗ deſſen mir nicht unter die Arme, oder vielmehr unter die Beine greifen, weil ihm davon ſelbſt aller Vorrath ausgegangen; das erfinderiſche Julchen naͤhete mir daher aus dem oft erwaͤhn⸗ ten Betttuche ein Paar weite Koſakenhoſen, die zwar zum Interims⸗Pfarrerrocke etwas ab⸗ ſtachen, doch aber gegen meinen voriger Anzug wahre Galla machten. 3 19. In dieſem Aufzuge uͤberraſchten wir die alte Kegelmutter; Julchen als Ulane, ich aber oben als Pfarrer, und unten als Koſak. Die Alte pries den Allmaͤchtigen, ihr geliebtes Kind wieder lebendig in ihren Armen zu ſehen; ſie verzieh ihm den Ausbruch ſeines Patriotismus und nannte mich herzlich willkommen. die ber ‚Die nd ſie us 71 Ganz Schnabelſchwatzhauſen lief zuſammen, um uns zu ſehen; ich mußte mit Julchen faſt bei der ganzen adeligen und buͤrgerlichen Nobleſ⸗ ſe des Orts, Reihe herum ſpeiſen, denn jedes wollte von unſern Heldenthaten hoͤren und vom Leben im Felde, und von den Siegen unſrer Heere. Wir ſchnitten dabei beide um die Wette auf; und je mehr wir den Leuten vorlogen, deſto mehr ſchenkten ſie uns ein, ſo, daß ich keinen Abend ohne Haarbeutel zu Bette ging. Doch all dies Herrenleben wollte mir am „Ende nicht behagen, denn ich konnte mit Kegeljulchen nicht ſo vertraut ſeyn, als wie es in unſerer Gefangenſchaft und auf unſerm Heimmarſch geweſen; und Julchen ging es auch ſo. Die Holdſeligſte der Jungfrauen meinte, ſie wollte lieber, daß wir ſelbander allein noch in der Welt herumzoͤgen, wo ſie eigentlich das Leben recht genoſſen. Zu Doͤschen ging ich gar nicht; aus dreier⸗ lei Urſachen: um meinetwillen, um Julchens 7²2 willen und um des Rittmeiſters willen. Ich ſchaͤmte mich vor ihr; Julchen aber, und der Rittmeiſter haͤtten koͤnnen eiferſuͤchtig werden; denn Julchen wenigſtens war jaloux, wie ein Tuͤrke, ſo erſchrecklich war ſie verliebt in mich; ſie ſagte mir ganz geradezu: ſie koͤnne nicht oh⸗ ne mich leben, und ſie haͤtte es ihrer Mutter geſagt, und dieſe haͤtte geſagt, daß ich ein recht huͤbſcher Menſch waͤre, und daß ſie gegen unſre Liebe ganz und gar nichts einzuwenden haͤtte. Weil nun einmal Doͤschen, mit dem mali⸗ tioͤſen Briefe, meinem Herzen ein Bein geſtellt hatte; Julchen aber mir uͤber alle Maßen zu⸗ gethan zu ſeyn ſchien, ich auch ſonſten mit ihr ſehr vertraut war, und die Mutter alt und ſchwaͤchlich iſt, und nach deren Tode, Julchen als einziges Kind, Haus, Garten, Wirthſchaft, Kegelbahn, ſammt Bier⸗ und Weinſchank und die ganze honette Kundſchaft erbt, ſo entſchloß ich mich in der Desperation, Doͤschen ihrem Schickſal zu uͤberlaſſen, und um Julchen in aller⸗ bet ha vo un 73 beſter Form Rechtens anzuhalten— NB. Ich hatte gleich den Tag nach unſrer Ankunft einen vollſtaͤndigen neuen Anzug geſchenkt bekommen, und ſah recht anſtaͤndig aus. Geſagt, gethan. Ich brachte meine Worte bei der Mutter kurz und gut an, und die Alte ſagte kurz und gut: Jaz; und ſo eheligte ich am Weihnachtfeſte das luſtige Julchen, das mich im Mai mit ei⸗ nem geſunden Knaͤblein beſchenkte; ſelbiges aber ſoll mir, wie Julchen behauptet, aͤhnlich ſehen, wie ein Ei dem andern, ob es gleich nach Ver⸗ ſicherung der Mutter, die eine verſtaͤndige Frau iſt, einige Wochen zu fruͤh gekommen iſt. In⸗ deſſen, lieber zu fruͤh als zu ſpaͤt. Vor Kurzem kehrte auch der Rittmeiſter, gluͤcklich kurirt, zuruͤck. Er erhielt die Forſtmei⸗ ſterſtelle, und heirathete Doͤschen; ich lebe aber mit Julchen und meinem kleinen dicken Jungen ſo gluͤcklich, daß ich mir, als ich von der Ver⸗ bindung hoͤrte, keinen Pfifferling daraus machte. Der neue Herr Forſtmeiſter beſuchte mich gleich nach ſeiner Ankunft, dankte mir nochmals fuͤr den Mantel, machte mir mit Silberzeug ein ſehr praͤchtiges, nachtraͤgliches Hochzeitgeſchenk, und verſprach mir ad dies vitae, d. h. lebenslaͤng⸗ lich, alle hohe Feſttage, einen Haſen in die Kuͤche. Den Orden, wovon mir unſer Lieutenant vorgewindbeutelt hatte, habe ich zwar nicht er⸗ halten, weil, wie es heißt, meine Kameraden geſagt haben ſollen, daß eigentlich nicht ich, ſon⸗ dern mein ſeliger Ephraim an jener Großthat Schuld geweſen ſey; allein, ob ich ein Baͤndchen im Knopfloch trage, oder nicht, wenn man todt iſt— und ſterben muß man doch einmal— ſo kommt das alles auf eins hinaus. Vor der Hand lebe ich ſehr zufrieden und gluͤcklich, und das iſt die Hauptſache. Julchen liebt mich ganz unmenſchlich; in unſerm Garten wachſen die ſchoͤnſten Kartoffeln, und auf unſerer Kegelbahn ſchieben unſere Herren Honoratioren ihre Honneurs, daß es nur ſo donnert und wettert. 75 Wer nur durch Schnabelſchwatzhauſen reiſ't, — und wir haben eine ſtarke Paſſage, denn un⸗ ſer Oertchen liegt auf der Straße von Kraͤhwin⸗ kel nach Waͤſchewitz,— der kehrt bei uns ein, und ich erſuche hiermit Jedermann, auch ferner⸗ hin mich und mein Julchen mit geneigtem Be⸗ ſuche zu beehren. Kilian, kuͤnftiger Beſitzer der blechernen Thee⸗ kanne zu Schnabelſchwatzhauſen. Das Liebesvermaͤchtnitß⸗ Gr I. te „Fägen Sie ſich immer,“ ſagte mein Pachter: wa „und reiſen Sie in Gottesnamen. Sie brau⸗ Ab chen ja nicht gleich zu heirathen, aber beſehen al Sie ſich das Maͤdchen. Ihre ſelige Frau Mut⸗ gu ter hat Ihnen gewiß nichts Schlechtes ausge⸗ ſucht, und Nierenſchnitt, der Schlaͤchter, der in uns neulich die Fetthammel abkaufte, und bei G 6 Oberforſtmeiſters wie zu Hauſe iſt, meinte auch, G daß es ein Kapitalmaͤdchen ſey.“ eri na ö Ich lachte und aͤrgerte mich zu gleicher Zeit. Die Empfehlung eines Schlaͤchters, bei der ah Wahl der kuͤnftigen Ehegenoſſin mit in die hter: drau⸗ ehen Nut⸗ Sge⸗ der bei uch, zeit. der die 77 Wagſchaale zu legen!— Aber ſo ſind die Menſchen! Coͤleſtine von Walldow ſoll ihre 160— 180,000 Reichsthaler im Ver⸗ moͤgen haben, und wenn eine ihrer Tanten ſtirbt, noch funfzig tauſend, oder Gott weiß wie viel, dazu bekommen, folglich muß Coͤle⸗ ſtine geheirathet werden. Das war die ganze Grammatik meines alten Pachters. Er mein⸗ te es gut; das wußte ich; aber die Manier war mir unausſtehlich. Gleich den erſten Abend, als ich ankam, und in das Haus trat, um die kleinen Nachlaßangelegenheiten meiner guten Mutter zu ordnen, fing er damit an. Jedes Plaͤtzchen in dem Zimmer, das ſie, in der letzten Zeit ihres Lebens, auf unſerm Gute bewohnt hatte, jedes von ihr gebrauchte Geraͤth, jede Kleinigkeit in ihrem Schreibetiſche erinnerte mich an die unlaͤngſt Verlorene; mit naſſen Augen ging ich in dem ſtillen Zimmer auf und ab. Der Tag hatte ſich geneigt; es dunkelte. Mir war unausſprechlich wehmuͤthig 7 zu Sinne; es that mir wohl, allein zu ſeyn. Meine liebe, herrliche Mutter war mir die trauteſte Freundin dieſer Welt geweſen. In ihr hatte ich ihr Geſchlecht achten gelernt; ſie war ſo fromm, ſo rein, ſo tugendhaft, daß ich ihr oft im Scherz ſagte, daß, wenn ich mir einmal eine Frau ausſuchte, dieſe eben ſo ſanft, ſo gut, ſo einfach und herzlich ſeyn muͤſ⸗ ſe, als ſie. Einſt entgegnete ſie mir,— auch wieder im Scherz, doch dieſer war immer mit einem kleinen Zuſatz von Ernſt gemiſcht—„Aus⸗ ſuchen? nein, lieber Sohn, das muß ſich ſelbſt finden; die geſuchten Partien haben mir nim⸗ mer gefallen wollen. Eine gute Ehe wird im Himmel geſchloſſen; nicht in dem da oben uͤber den Wolken, ſondern im Himmel unſerer Lie⸗ be, den wir uns ſelbſt ſchaffen in unſerem Her⸗ zen. Du haſt dein Brod, Du kannſt alle Ta⸗ ge einem Maͤdchen mit Ehren deine Hand bieten. Es ſollte mir, wenn mich der Herr rd im uͤber r Lie⸗ Her⸗ e Ta⸗ Hand Herr 29 uͤber Leben und Tod zu ſich foderte, lieb ſeyn, Dich an der Seite einer redlichen Frau zu wiſſen, aber uͤbereile Dich darum nicht. Du biſt noch jung, und haſt allenfalls noch Zeit. Was ſeyn ſoll, ſchickt ſich. Laß Gott walten, der macht es mit uns immer am beſten. Ich war unwillkuͤhrlich an dieſe ihre Worte erinnert worden, weil ich eben in ihren Papie⸗ ren gekramt, und darunter Briefe von mir ge⸗ funden hatte, welche den Gegenſtand beruͤhrten; ſie hatte mir naͤmlich fruͤher empfohlen, wenn ich ſie aus der Reſidenz einmal wieder beſuchte, uͤber Buͤchenbruch zu fahren, und dort ihre beſte Freundin, die Oberforſtmeiſterin von Walldow, zu beſuchen, die mich kennen zu lernen wuͤnſche; ſie hatte deren Tochter Coͤleſtine erwaͤhnt, und, wie mir es geſchienen, nicht ganz undeutlich zu verſtehen gegeben, daß ſie dem Maͤdchen vor allen andern ganz vorzuͤglich gut ſey. Daruͤber hatte ich ihr denn, gerade bei froͤhlicher Lau⸗ ne, mehrerlei geantwortet, ihr verſprochen, das naͤchſtemal Waldows zu beſuchen, und ſie gebeten, unterdeſſen ihre kuͤnftige Schwiegertoch⸗ ter ſich huͤbſch nach der Hand zu ziehen. Seitdem war ich aber nicht wieder hier ge⸗ weſen, hatte alſo auch Waldows nicht kennen gelernt, und an die ganze Sache mit keiner Sylbe weiter gedacht. Jetzt— ich konnte nicht mehr ſehen— hatte ich die Papiere hingelegt, und ging ihren Inhalt in meiner Seele noch einmal durch; nicht um den hingeworfenen Heirathgedanken weiter auszuſpinnen, denn dazu war ich in die⸗ ſem Augenblicke wohl am wenigſten geſtimmt, ſondern um mich, moͤchte ich ſagen, mit dem mich umſchwebenden Schatten meiner lieben, gu⸗ ten Mutter weiter zu unterhalten. Herr Schlempe, der Pachter, unterbrach mich. Er gewahrte meine tiefe Ruͤhrung; er ſchien ſie ſchweigend zu ehren. Den ganzen Herweg hatte ich nicht weinen koͤnnen; jetzt frag lich d ſie toch⸗ r ge⸗ nnen einer 33— ihren urch; unken die⸗ mmt, dem „gu⸗ brach 3 ger anzen jetzt 63 hatte ich Thraͤnen gefunden, die meinen Schmerz erleichterten. Wir ſprachen nur von ihr; von ihren letzten Stunden; von ihrer ruͤhrenden Sehnſucht, mich, ihren einzigen Sohn, noch einmal zu ſprechen; von der Kraft ihres Geiſtes bis zum letzten Hauche. „Da hat ſie mir auch,“ fuhr Herr Schlempe fort, und zog ein Schaͤchtelchen aus ſeiner Ta⸗ ſche hervor:„noch wenige Augenblicke vor ihrem Tode, den Ring hier empfohlen, daß ich ihn Ewr. Gnaden gebe, um damit die Hand des Maͤdchens zu ſchmuͤcken, das Sie zu— wie ſoll ich ſagen, zu Dero Frau Liebſten erkohren, kurz darauf meinte ſie, ich ſollte ſie erinnern, den Herrn von Walldow zu beſuchen, wenn Sie her⸗ kaͤmen, Sie wuͤrden ſchon wiſſen, warum.“ Ich ſchlug die Augen zur Erde. „Wiſſen denn Ew. Gnaden warum?“ fragte Herr Schlempe und laͤchelte mich heim⸗ lich an. 66 Nein, entgegnete ich halb verlegen, weil ich mich der Kinderei ſchaͤmte, mit meiner Mut⸗ ter von ſolchen Dingen mich in unſerm Brief⸗ wechſel unterhalten zu haben. „Sehen Sie,“ hob er vertraulich an:„da iſt bei Oberforſtmeiſters, das Coͤleſtchen— nu, das iſt doch ein Kind, ſo ſuͤß, wie ein Stengel⸗ chen Gerſtenzucker; auf das hatte die gnaͤdige Frau Mutter ein gewaltiges Auge; denn das Maͤdchen kann Ihnen ein Stuͤck Fleiſch kochen, mein Seel, es zergeht einem auf der Zunge; huͤbſch iſt die Kleine auch, und rund und geſund, und was die Hauptſache iſt,— Moſes und die Propheten, o Jerum!“ Laſſen wir das heute, fiel ich ihm in's Wort, denn ich war wirklich in dieſem Augen⸗ blicke nicht aufgelegt, ein Geſpraͤch der Art fort⸗ zufuͤhren; am wenigſten mit Herrn Schlempe, den ich uͤber die Sphaͤre ſeiner Wirthſchaftan⸗ gelegenheiten hinaus, ſich nie verſteigen ſah. „Ich will Ewr. Gnaden auch gar nicht zu⸗ nd die in's lugen⸗ t fort⸗ lempe, aftan⸗ h. ht zu⸗ 67 teden:“ entgegnete der Plauderſuͤchtige:„aber ich meine nur ſo. Der Chryſoprasring muß dem quapplichen weißen Patſchelchen ganz charmant ſtehen, und die ſelige gnaͤdige Frau freut ſich noch im Himmel daruͤber, wenn Sie ein Paar wer⸗ den; hundertmal hat ſie das geſagt,— und gnaͤdiger Herr,— nicht wahr, Sie thun ihr den Gefallen?“ Es ward mir ſiedend heiß um das Herz. Wie kann ich dazu etwas ſagen, meinte ich: da ich das Maͤdchen noch gar nicht geſehen. „Warum ſind Sie auch in den drei Jahren, daß der Herr Oberforſtmeiſter nun hier in der Gegend iſt, mit keinem Fuße hergekommen? Aber das thut nichts; Coͤleſtchen wird Ihnen ge⸗ fallen; und dann, wenn Alles in Richtigkeit iſt, muͤſſen Sie mir von den ungar'ſchen Schweinen, die der alte Oberforſtmeiſter hat, ein Paar ver⸗ ſchaffen.— Herr von Dohnau, ſolches wunder⸗ ſames Vieh haben Sie gewiß noch nicht von An⸗ geſicht zu Angeſicht geſehen, o Jerum!“ 8* Ich mußte mich wegwenden, denn mitten im ſchmerzlichſten Gefuͤhle uͤber den Verluſt der ſorgſamen Mutter, die noch in den letzten Au⸗ genblicken fuͤr meine Zukunft ſo zart bedacht ge⸗ weſen, uͤberraſchte mich ein unwiderſtehliches Laͤcheln. „Glauben Sie nicht,“ fuhr der alte Schwaͤ⸗ tzer fort:„daß ich darum Ihnen zurede, denn ich bitte nicht um meinetwillen; am Ende mei⸗ ner Pachtzeit bleibt ja das liebe Vieh auf dem Gute; aber ſo lange, großoͤhrige, langbeinige Thiere gibt's im Lande nicht weiter; zur Ma⸗ ſtung ſind ſie wie geſchaffen; und in unſern Ei⸗ chenkaͤmpen muͤſſen ſie ein Fleiſch anſetzen, durch⸗ wachſen, wie Honig mit Mandeln, o Jerum!“ Mit Gewalt mußte ich das Geſpraͤch auf etwas anderes lenken, aber er wußte es immer auf Fraͤulein von Walldow und die ungariſche Prachrage zuruͤckzufuͤhren, ſo daß ich, um ſeiner nur los zu werden, endlich zuſagte, und verſprach, in Kurzem nach Buͤchenbruch zu reiſen. eiſche einer rach, 69 2 Meine Geſchaͤfte waren auf dem Gute zu Ende. Ich fuhr mit den Pferden des Pachters bis zur naͤchſten Station. Noch beim Einſteigen in den Wagen, wisperte er mir wiederholentlich die Empfehlung ſeines Freundes Nierenſchnitt in das Ohr, und ſo widrig mir die Empfohlene gerade dadurch geworden war, ſo beſtimmte ich mich doch, Walldows kennen zu lernen, und das Maͤdchen zu ſehen, um mich gegen den Schatten meiner guten Mutter zu rechtfertigen, die es ausdruͤcklich gewuͤnſcht, die aber gewiß nicht gewollt hatte, daß ich ohne Liebe einem Maͤdchen meine Hand geben ſollte. Gefiel mir Coͤleſtine, ſo konnte ich ja immer noch thun, was ich wollte; gefiel ſie mir nicht, ſo hatte ich der verklaͤrten Mutter wenigſtens den Willen gethan. Komiſche Menſchen, wir! Mit tauſend Gruͤnden ſtellen wir uns hin und philoſophiren; und kommt der Augenblick, wo wir weiſe han⸗ 70 deln ſollen, fallen wir in die weibiſchen Schwaͤ⸗ chen der Geiſtesbefangenheit. An den peinli⸗ chen Fall, was ich thun wuͤrde, oder vielmehr, was ich zu thun haͤtte, wenn Coͤleſtine mir nicht gefallen, aber auch nicht geradezu mißfallen ſoll⸗ te, hatte ich gar nicht gedacht;— eitle Maͤnner wir!— an die Moͤglichkeit, daß ich Coͤleſtinen gar nicht gefallen koͤnnte, noch weniger. Ich kam jetzt, aus den Fluren meines muͤt⸗ terlichen Erbes, auf die Straße, die zur Reſidenz fuͤhrt, nahm auf der erſten Station Poſtpferde, und fuhr weiter. Um nach Buͤchenbruch zu kommen, mußte ich mehrere Meilen auf der er⸗ waͤhnten Straße fahren, und dann links abbeugen. Die Sonne brannte auf dem ſchattenloſen Wege; mich durſtete; der Poſtillon vertroͤſtete mich auf Bluͤthleben, die Haͤlfte der Station, wo im Gaſthof zur dunkeln Linde, das klaͤrſte Waſſer, das ſchoͤnſte Bier und der herrlichſte Wein zu haben waͤren. Ich kannte das freundliche Dorf im Thale; 1 den reinlichen Gaſthof; die hundertjaͤhrige breit⸗ aͤſtige Linde vor demſelben, die ihm als ſchuͤtzen⸗ de Mutter den Namen gegeben; die rieſelnde Quelle, welche die Alte und manchen ihrer Gaͤ⸗ ſte naͤhrte, kuͤhlte und erquickte, und bat den Poſtknecht, ſo viel moͤglich zu eilen. 3. Der gaſtliche runde Tiſch, der die Linde um⸗ ſchließt, war bereits von Fremden beſetzt, die in zwei Wagen gekommen waren, und ein mitge⸗ brachtes Mittagbrod einnahmen. Drei Frauen und drei Herren. Ich beſtellte mir etwas zu eſſen, und ſetzte mich, bis es fertig ward, an ei⸗ nen kleinen Seitentiſch, in eine bluͤhende Jelaͤn⸗ gerjelieberlaube. Ganz unbeſchaͤftigt, muſterte ich die Frem⸗ den, die ausgelaſſen luſtig ſich an der mit fei⸗ nem Damaſt bedeckten Lindenrunde ergetzten⸗ Man ſah ihnen Allen an, daß ſie lange in den kalten, alten Reſidenzmauern geſteckt hatten, und ſich nun kettenlos und gluͤcklich fuͤhlten, endlich einmal in Gottes freier Luft ſich bewe⸗ gen zu koͤnnen. Der eine von den Herren, duͤrr und mager, ſaß hinter einer friſchen Aalpaſtete, und ließ ſich von dem froͤhlichen Gewirre, das die An⸗ dern um ihn begannen, nicht ſtoͤren. Ein zwei⸗ ter, groß und dick, lief beſtaͤndig mit einer Fla⸗ ſche Burgunder umher, und ſchenkte alle leeren Glaͤſer voll, ſang muntre Trink⸗ und Studen⸗ tenlieder, und ſchloß die alte Lindenwirthin ſcher⸗ zend in ſeine Arme, die ſich ſeiner noch recht gut entſann, als er vor dreißig Jahren von der Univerſitaͤt zuruͤckgekommen war; der dritte, ein junger kraͤftiger Menſch, mußte vermuthlich ein Seil⸗ oder Solotaͤnzer ſeyn, denn er unterhielt mit ſeinen equilibriſtiſchen Kuͤnſten, die ganze Dorfjugend von Bluͤthleben; die Jungen ließ er Raͤder und Purzelbaͤume ſchlagen, lehrte ſie auf dem Kopfe ſtehen, uͤber einander wegſprin⸗ gen, und dergleichen Kurzweil mehr, und je lten, ewe⸗ ager, ließ An⸗ zwei⸗ Fla⸗ eeren uden⸗ ſcher⸗ recht der „ ein h ein rhielt ganze 1 ließ te ſie ſprin⸗ nd je 73 plumper die Bauertoͤlpel ihre Streiche machten, deſto mehr lachte der Dicke mit der Bouteille, und gab ihnen ſeinen Burgunder zu trinken, als koſtete die Flaſche ſechs Dreier. Von den Frauen ſaß die eine runde kleine, aͤltliche in ewi⸗ gem Lachen, ſo daß es gar nicht moͤglich war, ſie anzuſehen und ernſthaft zu bleiben; ſie wollte ſich uͤber die Poſſen der halb und halb beburgunderten Kleinen, uͤber den Bruber Stu⸗ dio mit der Flaſche, und uͤber die Schwaͤnke des Solotaͤnzers, immer ausſchuͤtten, und wiſchte ſich oft die hellen Thraͤnen aus den Augen. Die andere, in mittleren Jahren, hatte wohl auch ihre Freude an dem Laͤrm, aber ſie laͤchelte nur gewoͤhnlich, und wenn ſie ja einmal lachte, ſo wich ein recht feiner Anſtand doch nie ihr von der Seite. Die dritte, ein wunderliebli⸗ ches Maͤdchen von etwa ſiebzehn Jahren, machte die Wirthin; ſie ſchnitt vor; ſie reichte herum; ſie verſorgte Alles; ſogar die Bedienten und Kutſcher; ſie erquickte die jungen Taͤnzbaͤren mit Butterſemmeln, und redete ihnen freundlich zu, ſich nicht zu erhitzen; ſie bat den dicken Bachus, ein den Kleinen nicht zu viel einzuſchenken, und den mie Veſtris⸗Furioſo, die Kinder nicht zu ſehr anzu⸗— greifen; ſie freute ſich wohl auch des luſtigen ſan Treibens, aber in ihrem Laͤcheln lag immer ein Fuͤf unausſprechlich ſittiger Liebreiz; je laͤnger man geſt das Maͤdchen anſah, deſto ſchoͤner ward ſie. kett Das alte Vorurtheil, daß in den großſtaͤdtiſchen En Reſidenzen die Jugend blaſſer, kraͤnklicher, ſchwaͤcher ſey, als auf dem Lande, machten der geh zarte Karmin ihrer Wange, das kraͤftige, ſaftige kroͤ Fleiſch ihres runden, ſchneeweißen Arms, der Th lebhafte Feuerblick ihres großen, ſprechenden Au⸗ ſau ges, die froͤhliche Behendigkeit aller ihrer Bewe⸗ Or gungen, ganz zu Schanden, es lebte und webte die Alles an der herrlichen Geſtalt; ihr Gang war Ti Tanz, ihre Sprache Geſang; ſie ſchenkte dem auf Paſtetenfreſſer ein Glas Rheinwein ein, die vot die leibhaftige Hebe; ſie accompagnirte dem Bachus einige Stanzen, und man hoͤrte eine Milder⸗ 75 hauptmann; ſie tanzte mit Veſtris⸗Furioſo ein Paar Minuten Gavotte, die reizendſte Le⸗ miere; ſie lachte mit der runden, dicken Pagode — die froͤhlichſte, lieblichſte Hore; ſie lag der ſanften Frau, wahrſcheinlich ihrer Mutter, zu Fuͤßen— ein himmliſcher Engel in Menſchen⸗ geſtalt. Und das Alles ohne die mindeſte Ko⸗ ketterie, im reinſten Erguſſe der augenblicklichen Empfindung, ungeſucht und ungeſchminkt. Daß das Maͤdchen zu den hoͤheren Staͤnden gehoͤrte, ſagten mir die Aalpaſtete, die Schild⸗ kroͤtenſuppe in Madera gekocht, der marinirte Thunfiſch, die Hammelcarbonade mit Truͤffel⸗ ſauce, der Vol-auvent à la financiére, der Orangenſallat, die grillirten Wachtelkeulchen, die feinen Weine, und das Silberzeug auf dem Tiſche unter der Linde, die praͤchtigen Wagen auf der Straße, das ſehr gewaͤhlte Reiſenegligee, vornehmlich aber das zarte Weiß ihrer Haut, die Anmuth, der Anſtand und das ganze Be⸗ nehmen des Maͤdchens ſelbſt. Die Neugierde ließ mich nicht laͤnger raſten; ich mußte wiſſen, wer die Menſchenkinder waren. Ich erhob mich aus meiner Laube, und wollte nach der Straße zu, um mich unvermerkt den Reiſewagen zu naͤhern, bei welchen ſich die Be⸗ dienten im Schatten gelagert hatten, und das Mittagmahl verzehrten, das ihnen die Sorgliche geſpendet hatte. In dem Augenblicke kam die Lindenwirthin mir in den Weg, und entſchul⸗ digte ſich, daß ſie mir nichts zu eſſen geben koͤn⸗ ne, indem die fremde Herrſchaft, fuͤr ihre Leute und die Dorfkinder, alle Vorraͤthe ſchon fruͤher weggenommen; ſie haͤtte zwar mehrere Nach⸗ barleute gebeten, ihr wenigſtens mit etwas aus⸗ zuhelfen, allein die Menſchen waͤren alle in der Heuernte, und ſo haͤtte ſie nirgend etwas be⸗ kommen koͤnnen. Mit war Eſſen und Trinken vergangen, ich hatte viel Hoͤheres jetzt im Kopfe, beruhigte da⸗ her die arme Wirthin, die uͤber ihre leeren Vor⸗ rathkammern in ſehr aͤngſtlicher Verlegenheit 77 war, mit der Verficherung, daß mich nicht im mindeſten hungere, und bat ſie, wenn Bier und Wein ihr ausgegangen, mir nur ein Glas Quell⸗ waſſer zu bringen. 3 4 Das ſchoͤne Maͤdchen war, waͤhrend dieſes Zweiſprachs, dicht bei uns vorbeigegangen, um ſich etwas aus ihrem Reiſewagen zu holen. In der Naͤhe hielt jetzt eine Bauerfrau mit einem Schiebkarren. Ein kleiner Junge hatte den Karren gezogen, auf welchem ein buntes Kaͤlb⸗ chen gebunden lag; die Frau, blaß und erſchoͤpft, warf ſich in den Schatten, um zu ruhen; der Kleine aber ſetzte ſich zu dem Kaͤlbchen, und ſtreichelte und kuͤßte das bunte Thierchen, nannte es ſein Lieschen, und bot ihm Gras und Blu⸗ men, die aber das arme, zum Tode beſtimmte Weſen nicht mochte. „Wo wollt Ihr hin, Mutter?“ fragte das Maͤdchen mit freundlicher Theilnahme. 7⁸ „Nach der Stadt, zum Schlaͤchter!“ ſagte die Baͤuerin kurz und verdrießlich. „Aber dauert Euch das Kaͤlbchen nicht? Euer Kleiner ſcheint ja dem Thiere ſo gut zu ſeyn!“ „Dauern!“ entgegnete bitter die Frau. „Was kuͤmmert ſich unſer herrſchaftlicher Pach⸗ ter darum! ich bin aus den Kriegsjahren die Steuer ſchuldig! lieber Gott, ich habe ja im Blut und Leben nichts, als den Jungen da, meine Kuh und das Kalb! Nu, da muß denn das dran!“ „Was ſeyd Ihr denn ſchuldig, Mutter?“ fragte das Maͤdchen, und liebkoſ'te das Kaͤlbchen, und den wehmuͤthigen Kleinen. „SZwei Thaler, und bringe ich die uͤbermorgen nicht auf das Schloß: ſo verſubhaſtiren ſie mir meine Huͤtte, und werfen mich auf die Straße.“ „Was denkt Ihr denn fuͤr das Kalb zu bekommen?“ fragte das Maͤdchen, und trat der Baͤuerin mitleidig naͤher. geg es ſagte nicht? ut zu Frau. Pach⸗ en die ja im in da, z denn tter?“ lbchen, aorgen ie mir raße.“ alb zu rat der „Das Ding iſt bald drei Wochen alt,“ ent⸗ gegnete die Frau: unter zwei Thaler ſchlage ich es nicht los; die iſt es unter Bruͤdern werth.“ Das Maͤdchen eilte in den Wagen zurüͤck, holte ihre Boͤrſe, und ſagte zur Alten:„Ich will Euch den Weg bis zur Stadt erſparen, da habt Ihr drei Thaler, Mutter, dafuͤr laßt mir das Kalb.“ Die Frau ſprang uͤberraſcht auf, und dankte der Geberin; der kleine Junge aber, als er hoͤr⸗ te, daß nun das Kaͤlbchen nicht mehr ſein war, und jetzt der Kaͤuferin uͤberlaſſen werden ſollte, fing an bitterlich zu weinen, und kuͤßte das Thier und legte ihm Zweige und Blaͤtter und Blumen zu guter letzt noch hin, und ſagte ihm in ruͤhren⸗ der Einfalt ſein Lebewohl. Die Alte, durch des Kleinen bange Klage ſelbſt weich geworden, fragte, mit halb weg⸗ gewandtem Geſicht, wohin ſie das Kalb fah⸗ ren ſolle; da ſagte das wohlthaͤtige Maͤdchen mit freundlicher Engelsmilde:„das Kaͤlbchen iſt ſchon bei ſeinem neuen Herrn; Kleiner, es iſt dein; nimm es mit nach Hauſe, und pflege ſein; der Gerechte, ſagt die Schriſt⸗ erbarmt ſich ſei⸗ nes Viehes; behalte Thiere und Menſchen lieb, und Gott, der Beide geſchaffen, wird Gefallen an Dir haben und deinen frommen Sinn ſegnen, dein Leben lang. Beide, die Mutter und der Knabe, ſtaunten, ihren Ohren kaum trauend, die helfende Fee an, und wollten, ſtumm vor Entzuͤcken und Freude, ihr Haͤnde und Rock kuͤſſen„ aber das himmliſche Maͤdchen entwand ſich den Ausbruͤ⸗ chen dieſes ſtuͤrmiſchen Dankes, und eilte zu ihrer Geſellſchaft zuruͤck. Die Baͤuerin ſah ihr, ſtille Freudenthraͤnen im Auge, ſchweigend nach; der Kleine aber nahm ſein Muͤtzchen in die, vor die Bruſt gefalteten Haͤnde, und betete halblaut das Vaterunſer. Das einfache Dankopfer der beiden armen, gluͤcklichen Menſchen ergriff mich tief; ich naͤherte mich ihnen, als der Kleine ſein Amen geſagt, 8 iſt ſein; ſei⸗ lieb, allen gnen, nten, Fee und r das zbruͤ⸗ te zu hihr, nach; „ vor blaut rmen, aͤherte zeſagt, 81 und Beide nun Anſtalt machten, ihr gerettetes Lieschen im Triumph wieder heimwaͤrts zu fuͤh⸗ ren, und fragte, woher ſie waͤren. Sie nannten mein Gut. Der Blitz haͤtte neben mir niederſchlagen koͤnnen, ich waͤre, glaube ich, nicht mehr erſchrok⸗ ken, als uͤber den Namen! Alſo meine Un⸗ terthanen waren beide, die von dem abſcheulichen Schlempe ſo hart gedraͤngt geweſen waren, daß ſie ihr Letztes hatten daran ſetzen muͤſſen, um ſich nur nothduͤrftig auf ihrer Stelle zu erhalten. Eine Fremde, ein himmelgleiches Weſen, hatte ſich ihrer Noth annehmen muͤſſen, die, zu lin⸗ dern, mir heiligſte Pflicht geweſen waͤre. Ich und meine gute ſelige Mutter waren ſchuldlos an dem Elende, worin die Frau mit ihrem Kin⸗ de ſchmachtete; dem Unmenſchen, dem Schlem⸗ pe, waren ausdruͤcklich, weil er die, waͤhrend der Kriegsjahre ruͤckſtaͤndig gebliebenen Reſte der ihm mit verpachteten Abgaben, von den Unterthanen nicht eintreiben zu koͤnnen vorgab, mehrere hun⸗ 6 dert Thaler vom Pachtgelde, noch von meiner Mutter, erlaſſen worden, und jetzt preßte dennoch der Erbarmungloſe, hinter meinem Ruͤcken, die ohnehin vom Kriege ausgeſogenen Unterthanen bis auf das Blut aus. Die Frau gewahrte von dem bittern Aerger ihres Guthsherrn nichts; ſie hatte ihren Schieb⸗ karn in der Hand, und das Kaͤlbchen und ihren froͤhlich vorantrabenden Kleinen im Auge; es ging luſtig heimwaͤrts, und ich mußte raſchen Schrittes nebenher gehen, wenn ich Naͤheres uͤber meinen ſaubern Herrn Schlempe erfahren wollte, aber die Frau— ſie war ja uͤberſelig, und in ſolchen Augenblicken hat der Menſch kein Ge⸗ daͤchtniß fuͤr fruͤher widerfahrenes Herzeleid. Sie antwortete kaum auf meine Fragen, und ſprach nur vorne mit dem Kinde von dem Maͤd⸗ chen, das ihnen geholfen, und von all dem Gu⸗ ten und Lieben, was ſie nun dem wiedergeſchenk⸗ ten Lieschen erzeigen wollten, und Beide aͤrger⸗ ten ſich, die Mamſſell nicht nach Namen und ſchu beh ner noch die anen erger hieb⸗ ihren 83 Wohnung in der Stadt gefragt zu haben, um ihr einmal, wenn Lieschen groß geworden, und gekalbt habe, ein Paar Kannen friſche Butter bringen zu koͤnnen. Da fiel auch mir wieder ein, daß ich nach dem Namen des holden Maͤd⸗ chens hatte fragen wollen; ich druͤckte alſo in aller Geſchwindigkeit meiner armen Bauerfrau, mit der Bedeutung, daß es zum Winterfutter fuͤr Lieschen ſeyn ſolle, drei Louisdore in die Hand, und eilte zuruͤck. Ich hoͤrte, daß die Frau hinter mir, mit ihrem Knaben, mich ſegnend pries, aber ich ent⸗ zog mich ihrem Danke, denn ich hatte ja nichts, als meine Gutsherrnpflicht gethan, ich hatte ja nur eine Schuld abgetragen, vor der mein In⸗ nerſtes erroͤthete. 5. Die ſchoͤne Fremde mußte vorhin die Ent⸗ ſchuldigungen der Lindenwirthin im Vorbeigehen behorcht, und ihrer Geſellſchaft erzaͤhlt haben, 6*† daß ich hier weder zu eſſen noch zu trinken be⸗ kommen koͤnne, denn als ich mich jetzt zu den te Bedienten wenden wollte, um meine geheimen lie polizeilichen Erkundigungen nach Stand und m Wuͤrden, Charakter und Namen, woher und ar wohin, einzuziehen, kam der gruͤnroͤckige Bac⸗ chus mir mit Champagner entgegen, ſchenkte A den ſchaͤumenden Bruͤſeling*) in ein hohes ge⸗ ch ſchmackvoll geſchliffenes Glas, und rief:„Herr, ba Sie ſind durſtig; geſchwind hier, trinken Sie ne unſre Geſundheit.“ fin Beim Champagnertrinken iſt allemal Ge⸗ m fahr im Verzuge, ich ſtuͤrzte alſo das Glas mit jo V einer, auf die verlangte Geſundheit ſich beziehen⸗ ei 1 le *) Bruͤſelgen, nennt man in Weſtphalen das hj Gemiſch von Selterwaſſer, Rheinwein und m Zucker, von dem Provinzalismus, bruͤſeln, d womit man das champagnerartige Schaͤumen. dieſer wohlſchmeckenden Miſchung recht rich⸗ ho tig bezeichnet; auf jeden Fall iſt bruͤſeln de deutſcher, als mouſſiren; Bruͤſeling daher wohl 2 auch beſſer als Mousseux. Ge⸗ mit hen⸗ das und In, men rich⸗ eln wohl 85 den leichten Verbeugung hinunter, und noch hat⸗ te ich nicht ganz ausgetrunken, als ſchhit das liebliche Maͤdchen mir zur Seite ſtand, und mir mit freundlicher Anmuth die feinſten Leckereien auf Silber kredenzte. Ich war von der gaſtlichen Aufnahme des Alten, und von dem Zauber des holden Maͤd⸗ chens, das in wohlklingender Rede beſcheiden bat, mit dem gern Gebotenen vorlieb zu nehmen, ſo uͤberraſcht, daß ich kaum Worte finden konnte, um ihnen etwas Verbindliches mit dem noͤthigen Anſtande zu ſagen. Der alte joviale Herr aber loͤſ'te mir die Banden, wor⸗ ein mich meine mir ſonſt gar nicht eigene Ver⸗ legenheit gezwaͤngt hatte; er ſchenkte mir raſch hinter einander, noch drei, vier Glaͤſer ein, zog mich an den Tiſch unter die Linde, ſtellte mich den uͤbrigen mit komiſchem Scherze, als einen halb Verhungerten dar, dem ſie das Brod vor dem Munde hier weggenommen haͤtten, und Alles, ſelbſt der Paſtetenkannibale, der bis da⸗ 86 hin nichts gethan, als immer fort gegeſſen hat⸗ te, beiferte ſich nun, mich vom Hungertode zu retten. Befangenheit waͤre hier Ziererei gewe⸗ ſen, ich langte alſo wacker zu, und der gruͤne Herr holte alle Bouteillenreſte zuſammen, die ich ihm austrinken helfen mußte, denn unan⸗ gebrochene Flaſchen waren nicht mehr zu haben. Der frohe Sinn, der die ganze Lindenrun⸗ de beſeelte, wuͤrzte die wenigen Minuten un⸗ ſeres Beiſammenſeyns ſo kraͤftig, daß wir ei⸗ gentlich nichts thaten, als eſſen, trinken und ſcherzen; unſre Unterhaltung drehte ſich um Poſſen, um Kurzweil und launigen Witzkram ſo wirbelnd herum, daß ich vor Lachen oft das, zu den Lippen gebrachte Glas wieder abſetzen mußte. Jetzt nach Her⸗ und Abkunft einander zu fragen, waͤre kaltes Waſſer in die luſtige Flam⸗ me unſerer muntern Ausgelaſſenheit geweſen. Wir waren Fremde, Reiſende, von den Gaͤn⸗ gelſchnuͤren der laͤſtigen Convenienz losgelaſſene 87 Menſchen, frohherzig und gut. Titel und Na⸗ men, Geburt und Rang waren unsllen nichts als Nebenſache. Auch gebot mir die Klugheit, alle Fragen der Art zu vermeiden; denn natuͤrlich mußte, wenn ſie mir ſagten, wer ſie waͤren, ich auch ſagen, wer ich ſey; und wenn, was doch leicht moͤglich war, die Frau mit dem Kalbe zufaͤllig gegen das Maͤd⸗ chen, oder die Dienerſchaft, erwaͤhnt hatte, wo ſie her ſey, oder ſie vielleicht ſpaͤter erfuhren, daß ich der Beſitzer jenes Gutes war, wo die Einwohner ſo unmenſchlich behandelt wurden — was mußten ſie von mir denken! Das Goͤttermaͤdchen hießen ſie Tina und Tinchen. Auf den ſilbernen Loͤffel⸗ und Ga⸗ belgriffen prangte ein altes Familien⸗Wappen mit einer Grafenkrone geziert; im Schilde ein geſchmackvoll gezeichnetes, mit Eichenlaub um⸗ kraͤnztes P. Veſtris⸗Furioſo war, waͤhrend ich gegeſſen, mir hinterm Ruͤcken auf der Landſtraße geweſen, 88 wahrſcheinlich nach der Frau mit dem Kaͤlbchen; er kam ſchnellaͤufigen Fußes wieder zuruͤck, und ſagte der ſuͤßen Tina etwas heimlich in's Ohr; ich verſchlang vor Schreck eine ganze, kunſtvoll geſpickte, junge Huͤhnerbruſt ungekaut, denn er beruͤhrte vor meinen Augen des Mauͤdchens ſammtene Wange mit den Lippen, als er ihr in's Ohr lispelte, und Tina verzog dabei keine Miene, als muͤßte und duͤrfte das ſo ſeyn; aber unfehlbar ging die von der Chauſſee zuruͤckge⸗ brachte Botſchaft mich an, denn Tina ſah mich beifaͤllig an, und nickte, waͤhrend der Fliſterrede ihres Merkurs, dreimal freundlich mit dem Koͤpf⸗ chen. Galt das meinen, der armen Baͤuerin gegebenen drei Goldſtuͤcken, ſo hatten ſie mir tauſend Prozent gewuchert⸗ 6. Mein Poſtillon blies zum endlichen Auf⸗ bruche, und die herrſchaftlichen Kutſcher meldeten, daß auch ſie zur Abfahrt bereit waͤren; wir trenn⸗ hen; ten uns unter Lachen und Schaͤkern, nur als und ich mich von Tina verabſchiedete, und ihr fuͤr Ohr; die gaſtfreundliche Bewirthung dankte, konnte ſtvoll ich nicht ſcherzen; ich ſagte ihr einige herzliche un er Worte, aͤuſſerte ihr den mir mit gluͤhender Sehn⸗ chens ſucht im Innern brennenden Wunſch, ihr bald r ihr einmal wieder auf dieſem Erdenrunde zu begeg⸗ keine nen, kuͤßte ihr die kleine, runde Hand, und las aber in ihrem ſeelenvollen Auge etwas, was in's ickge⸗ Deutſche uͤberſetzt, ungefaͤhr ſagte, daß auch ihr mich unſer einſtiges Wiederzuſammentreffen recht lieb errede ſeyn wuͤrde. Koͤpf⸗ Sie fuhren gegen Morgen, ich gegen Abend. zerin Noch zwei, dreimal bogen wir uns aus unſern 2 mir Wagen heraus, und gruͤßten, wie alte trauliche Bekannte, mit Huͤten und Tuͤchern; endlich waren wir einander aus den Augen geſchwun⸗ den, und ich gehoͤrte mir wieder ſelbſt. Auf⸗ Bachus Gruͤnrock hatte die Reſte ſeines deten, Nuͤdesheimer, Tokayer, Chambertin, Bordeaux, Lafitte, Ermitage, Alicante, Rota, und Gott 90 weiß, wie die Sorten alle geheißen hatten, red⸗ ner. lich mit mir getheilt. Kein Wunder, daß ich den nicht mehr fuhr, ſondern flog; daß die. Fluren, die durch die ich jetzt rollte, und welche in dem ner abendlichen Glanze der bald entſchwindenden jetzt Sonne, magiſch beleuchtet wurden, mir keine ſtill irdiſchen mehr, ſondern rein paradieſiſche waren; Feld die Muͤcken tummelten ſich als verwuͤnſchte El⸗ fenprinzen, in der goldigen Luft; und alle Men⸗ fuͤh ſchen, denen ich begegnete, ſahen mir ſo ver⸗ Sch gnuͤgt aus, als ich ſelbſt war.„Wie wunder⸗ ab, ſchoͤn iſt Gottes Erde,“ rief ich laut uͤber die wallenden Kornfelder hin, und breitete meine lang Arme weit aus, als haͤtte ich die ganze Welt an und meine Bruſt druͤcken moͤgen. ſchre Ich laͤchelte uͤber Iſaak Newtons und frag Wolfgang Goͤthe's Farbenlehre, uͤber Beider 3 Hypotheſen vom prismatiſchen Farbenbilde und Re uͤber Grimaldi's Ahnungen des Lichtbruchs beim Hä Durchgange durch das Prisma. Der beſte den Prisma⸗Schleifer iſt und bleibt der Champag⸗ red⸗ ß ich uren, dem enden keine aren; e El⸗ Men⸗ ver⸗ nder⸗ er die neine lt an und zeider und beim beſte apag⸗ 91 ner. Die herrlichen Regenbogenfarben, mit denen er mir mein kuͤnftiges Lebensbild, Tina, die uͤberſchwenglich liebenswerthe Tina, an mei⸗ ner Seite vormalte— Gott! ſie verſchwanden jetzt Alle mit einem Male— denn mein Po⸗ ſtillon bog links der Straße ab, und ſchlug den Feldweg nach Buͤchenbruch ein. Halt! ſchrie ich dem Poſtknecht zu, als fuͤhre er mich, wenn die Pferde nur noch einen Schritt vorwaͤrts thaͤten, in einen Abgrund hin⸗ ab, woraus keine Ruͤckkehr moͤglich. Der ehrliche Kerl fiel den im Fleiſchertrabe langſam hin zottelnden Gaͤulen in die Zuͤgel, und war uͤber mein ſonores Halt dermaßen er⸗ ſchrocken, daß er ſich raſch umwendete, und fragte, was mir fehle. Nichts! entgegnete ich, aus meinem Regenbogen Gefallener, verdruͤßlich, legte beide Haͤnde vor das Geſicht, und druͤckte den, von den Reſterweinen durchgluͤhten Kopf in die kuͤh⸗ len Moroquin⸗Kiſſen ⸗meines Wagens. Ich wollte mich noch einmal vor mich ſelbſt ſtellen, ich wollte mich ruhig und deutlich fragen, was ich in Buͤchenbruch noch ſuche, da ich in der dunkeln Laube zu Bluͤthleben Alles ge⸗ funden. Aber der Piſtillon ſah mich, wahrſcheinlich in der Meinung, daß ich krank ſey, von ſeinem Bocke, unverwandten Auges an; es war, als ſah' er mir in die Karten meines Phantaſie⸗ ſpiels, die ich mir eben heimlich miſchen, in das Geheimbuch meiner Liebe, das ich mir eben auf⸗ ſchlagen wollte. „Mir iſt,“ meinte er, und ſchuͤttelte uͤber das dunkle Feuer, das mir unter den Brauen brannte, bedenklich den Kopf:„von dem Selleri und dem Xerxes, und dem Bergunter, den mir der alte Herr im gruͤnen Rocke eingeſchenkt, auch ganz duſelig vor der Stirne; unſer eins iſt des ſtarken Zeuges nicht gewohnt; wir haben aber noch ein halbes Stuͤndchen bis Buͤchen⸗ ſelbſt kagen, ich in 8 ge⸗ einlich einem , als ntaſie⸗ in das n auf⸗ e uͤber brauen Selleri en mir ſchenkt, eins iſt haben zuͤchen⸗ 93 bruch, da iſt bei uns beiden, bis dahin Alles wieder verraucht.“ Um ſeines Geſichts nur los zu werden, und es auf Pferde und Weg zu lenken, rief ich ihm unwillig zu: fahre! aber langſam, ganz lang⸗ ſam; ſetzte mich in meinem Maroquin⸗Win⸗ kel zurecht, und ging langſam, wie jetzt mein Wagen, die Geſchichte meiner eben verlebten Stunden durch. Tina— ſie hatte ja ihren Werth, ihre Reize, ihre Tugenden, in ihrem ganzen Um⸗ fange vor mir entfaltet; von ihrer froͤhlichen Heiterkeit, konnte ich auf ihre Unſchuld; von ihrer ſorglichen Thaͤtigkeit, auf ihre Wirthlich⸗ keit; von der Liebe, womit ihr Alles zugethan war, auf ihren innern Gehalt; von ihrem ge⸗ waͤhlten Anzuge, auf ihren Geſchmack; von dem Purpur ihrer Wangen, von der Fuͤlle ihres Armes, von der Friſche ihres Fleiſches, auf ihre Geſundheit; von der Aufmerkſamkeit, womit ſie, mitten in der Freude, der Sorge fuͤr die 94 Dienerſchaft nicht vergaß, auf ihren Werth als Hausfrau; von dem Umſtande, daß ſie den Leu⸗ ten ſelbſt das Eſſen brachte, auf ihre Demuth, auf ihr Freiſeyn von allem Standesvorurtheile; von der Geſchichte mit dem Kaͤlbchen, auf ihre Wohlthaͤtigkeit, auf ihre Milde; von der, ihrer Spende vorangehenden Frage nach dem Werthe des Kalbes, auf ihre Umſicht und Beſonnenheit; von ihrem ganzen Benehmen, auf ihre Erzie⸗ hung, auf den hohen Grad ihrer Geiſtesbildung ſchließen. Es war ja auf dem ganzen Erdballe, der vor mir, im roſigen Schimmer des Abendhim⸗ mels, ſich eben anſchickte, ein kuͤhlendes Thaubad zu nehmen, kein Maͤdchen, das mir beſſer ge⸗ fallen; warum ſollte ich weiter fahren? Nur drei Faͤlle ſind moͤglich, dachte ich, und druͤckte, uͤber eine friſchgemaͤhte Wieſe fahrend, die flim⸗ mernden Augen uͤberſelig zu: Coͤleſtine von Walldow gefaͤllt dir jetzt gar nicht, und das iſt das wahrſcheinlichſte; dann iſt deine ganze Her⸗ an rette Zepl in e tige laͤche wan belfe reich Brr Sie auf ihrer 9⁵ reiſe uͤberfluͤſſig; oder, ſie iſt eben ſo reiz⸗ und gehaltvoll, als die Himmliſche unter der Linde, und dann haſt Du eine Wahl, womit Du nie auf's Reine kommen wirſt, oder ſie iſt noch liebenswuͤrd— doch das iſt gar nicht moͤglich. Mein Regenbogen geſtaltete ſich wieder vor mei⸗ nem entzuͤckten innern Auge; Veſtris⸗Furioſo, an der Spitze von hundert Genien und Amo⸗ retten, kam durch leichte Woͤlkchen geflogen; Zephyre und ſpielende Weſtwinde trugen Tina in einem Gewebe von Roſengewinden und duf⸗ tigen Blumen, zu mir hernieder, und legten laͤchelnd die Suͤße in meine Arme. Ihr Ge⸗ wand war lilienweiß gewebt von glaͤnzenden Ne⸗ belfaͤden, ringsum mit kriſtallreinen Thauperlen reichlich beſetzt; der Abendſtern glaͤnzte auf ihrer Bruſt, der goldene Halbmond in ihrem Haar. Sie umfing mich mit heimlichem Verlangen; auf dem wuͤrzigen Hauche ihres Athems ſchwebte ihrer freundlichen Rede wohlthuendes Schmei⸗ chelwort mir in's lauſchende Ohr; ihre ſchwel⸗ 95 lenden Lippen druͤckten den erſten Kuß der keu⸗ ſchen Liebe mir auf den bebenden Mund, und leiſe fliſterte ſie mir mit ihrer melodiſchen Floͤ⸗ Sch tenſtimme zu:„Mir iſt es ſo heiß in der lieben⸗ Acc den Bruſt, komm, laß uns kuͤhlen die ſelige weg Glut im Thaue der duftigen Wieſe.“ Da hob ſtrei ich die ſchmiegſame Leimoniade*) in meine und Arme, und trug ſie auf die Matte und wollte oder ſie auf friſchgemaͤhte Klee⸗ und Butterbluͤmchen legen, als Herr Schlempe und ſein Intimus, und der fleiſchhauerliche Meiſter, Herr Nierenſchnitt, finſt wie wilde Ungethuͤme der grauſen Geiſterwelt, das auf grunzenden ungariſchen Ebern, aus Schilf und Gerdhrig geritten kamen, quer uͤber den zitte Weg, und mir zwiſchen die Beine fuhren; meine und ſuͤße Buͤrde verſchwand; die Schweinebaͤndiger dem ſchrieen burr, burr, ich aber erwachte, hielt vor de, der Schenke, und hoͤrte das dritte Burr vom Sch Munde des Poſtknechts, und das Grunzen bunt⸗ ſtan ſchaͤckiger Ferkel im naͤchſten modrigen Tuͤmpel. —— der *) Wieſennymphe. keu⸗ und Floͤ⸗ eben⸗ ſelige a hob meine wollte nchen limus, chnitt, erwelt, Schilf er den meine undiger elt vor r vom 1 bunt⸗ uͤmpel⸗ 97 7. „Das hieß geſchlafen,“ ſagte lachend der Schwager, erzaͤhlte, daß die Bluͤthentrauben der Accazien, unter denen wir im letzten Waͤldchen weggefahren, mir immer uͤber das Geſicht ge⸗ ſtreift haͤtten, und ich doch nicht erwacht waͤre, und fragte, ob er hier im Wirthshaus bleiben, oder auf das Schloß fahren ſolle. Das ganze Schloß, deſſen alter, hoher Thurm und ſpitzige Giebel hinter den Wipfeln einer finſtern Kaſtanienallee hervorragten, fiel mir auf das Herz. Schon hier? fragte ich erſchrocken, ſtieg leiſe zitternd aus dem Wagen, befahl auszuſpannen, und auf mich zu warten, und ging, von dem ſuͤßen Traume mit dem ſchlechten En⸗ de, und von dem duͤſtern Wege nach dem Schloſſe, wunderſam ergriffen, unter die Ka⸗ ſtanien. Ich hatte ganz wieder ausgeſchlafen, und der Schreck, auf einmal hier in Buͤchenbruch zu ₰ 7 9 ſeyn, hatte auch die leichteſten Nebelduͤnſte der ſes verdammten Weinreſter verjagt. Im ſtillen Lan Halbdunkel des herrlichen Abends wandelte ich. einſam der hohen Gartenmauer entlang, und Dr üͤberlegte bei mir ſelbſt, was ich thun; ob ich Ober⸗ forſtmeiſters heute, morgen, oder gar nicht ſe⸗ mi hen ſollte. Die tiefe Einſamkeit, woraus mir V das altfraͤnkiſche, große Schloß entgegen trat, Di zog mich an. 6 Das iſt alſo, ſagte ich leiſe zu mir ſelbſt, nu und oͤffnete eine kleine Gitterthuͤre, die in den. Schloßgarten fuͤhrte: das iſt alſo den Jugendſit n des Maͤdchens, das deiner verklaͤrten Mutter geſ Liebesvermaͤchtniß Dir zur Gattin erkohren hat: P a Auf ſonderbaren Traͤumen— die Schweine ließ ich aus meinem Selbſtgeſpraͤche weg, denn die 5 waren ja blos Kinder der Wirklichkeit geweſen— 4e auf ſonderbaren Traͤumen alſo, hat dein Schutz⸗ wei geiſt Dich hieher getragen; Du biſt eigentlich, lag; ohne zu wiſſen wie, hieher gekommen. Waͤreſt ſchri Du wachend geweſen, ſo haͤtteſt Du, ſobald die⸗ „ e der ſes unheimliche, alte Gebaͤu dir in's Geſicht tillen kam, unfehlbar vor dem Dorfe umkehren laſſen, e ich ſo aber biſt Du nun einmal da, und ſo willſt und Du den Weg, deſſen Anfang Dir dein Geſchick Dber⸗ mit einem froͤhlichen Rauſche abgeſteckt hat, nun cht ſe⸗ auch mit nuͤchternem Sinne vollenden. Der 3 mir Ruͤckzug iſt Dir ja nicht abgeſchnitten. Gefaͤllt tral, Dir Coͤleſtine nicht, nun ſo iſt ja der Poſtknecht noch in der Schenke; Du laͤſſeſt dann anſpannen, ſelbſt, und faͤhrſt deines Weges weiter; zuvor willſt, a yn mußt Du ſie ſelbſt ſehen, ſelbſt pruͤfen. endſitz Ich war, in dieſes ernſt gewordene Selbſt⸗ Nutter geſpraͤch verloren, zufaͤllig rechts in die tiefere hat? Partie des geſchmackvoll angelegten Gartens ne ließ gekommen, und befand mich jetzt auf einem i die entlegenen Blumen⸗Rundtheil, in deſſen Mit⸗ ſen— te ein maͤßig großer viereckiger Quader von Schutz⸗ weißem Marmor, auf einem Granitfußgeſtell ntlich, lag; ich ſtand vor der Ruͤckſeite, welche die In⸗ Väreſt ſchrift hatte: ld die⸗ 7⸗* Dem treuen Jugendgeſpielen. Coͤleſtine. Zum erſten Male las ich ihren Namen— und das in Stein, in Marmor, auf einer Grab⸗ ſtaͤtte; denn daß dies hier eine ſolche ſey, darauf deuteten die Umgebungen von Cypreſſen, Haͤn⸗ geweiden, und ſchwarzem Nadelholz. Die Vorderſeite war ein ſehr kunſtvoll gearbeitetes Basrelief, einen ſchlafenden kleinen Hund darſtellend. Das war alſo des Maͤdchens erſter Jugend⸗ geſpiele geweſen! Ich wollte erſt uͤber den Ein⸗ fall, dem Thiere einen Denkſtein zu ſetzen, laͤ⸗ cheln; aber wenn ich mir dachte, daß das Maͤd⸗ chen, welches unter Dianens Auſpicien, in der duͤſtern Einſamkeit hier aufgezogen, kein anderes Weſen zu ihrem Umgang in den erſten Jahren des einfachen Kinderlebens gehabt, dem treuen Thiere wohl ſo gut geworden ſeyn konnte, daß es ihr Beduͤrfniß war, deſſen Andenken zu eh⸗ -— Brab⸗ arauf Haͤn⸗ Die itetes Hund igend⸗ Ein⸗ 1, lä⸗ Maͤd⸗ in der nderes Fahren treuen , daß zu eh⸗ 101 ren;, ſo ſing dieſer erſte Zug an, mir recht ſehr zu gefallen. Beſſer, dachte ich, in der Jugend mit einem guten Hunde, als mit einem ſchlech⸗ ten Menſchen umgegangen; jener wedelt hoͤch⸗ ſtens mit dem Schwanze, wenn dieſer mit der falſchen Zunge ſchmeichelnde Wedelreden, die junge Schoͤne verdirbt. Der Hund, der Lazari Schwaͤren leckte— welch ein treffendes Muſter⸗ bild fuͤr die Kleine, die dereinſt des kranken Gat⸗ ten, als ſorgliche Hausfrau, pflegen ſoll. Des Thieres Wachſamkeit— was kann das Kind anders daraus lernen, als immer auf ſich ſelbſt wachſam zu ſeyn, damit in die heiligen Scho⸗ nungen ihrer Unſchuld die fauniſchen Kirchenraͤu⸗ ber unſers zuchtloſen Jahrzehends, nie einen Fuß zu ſetzen wagen! Des Thieres Treue— nein, die weiſen Eltern konnten dem Kinde keinen beſ⸗ ſern Geſpielen fuͤr die erſte Jugendzeit geben, als einen Hund; an ihm ſollte es lernen, die Launen des Gebieters mit Ruhe und Ergebung zu tragen; nie von ſeiner Seite zu weichen; um 1⁰² keines Andern Gunſt zu buhlen; ihm, und nur ihm zu gehoͤren. Ich ging ſinnend durch die ſchmalen Irr⸗ gaͤnge des, mit vielem Geſchmack angelegten Gartens weiter, und ſtieß auf ein Bad, wie ich es fruͤher in Fontainebleau geſehen hatte; unter freiem Himmel, umbuſcht von Roſen, Jasmin, und anderm duftenden mannshohen Strauchwerk; nur freilich, ſtatt daß man dort in ein weißes, carrariſches Marmorbecken hinabſteigt, und ein reich verziertes Bronzegelaͤnder das Ganze um⸗ ſchließt, war hier das Becken von ehrlichem deut⸗ ſchen Porphyr, und die Umzaͤumung von unge⸗ ſchaͤltem jungen Kieferngeſtaͤnge; doch konnte ich mich des Wunſches nicht enthalten, daß Coͤleſtine heute Abend, nach dem heißen Tage hieherkom⸗ men, und ſich baden moͤge, wo ich— doch es rauſchte hinter mir etwas; ich ſah mich raſch um, und erblickte im Gebuͤſche eine voruͤber ſchwindende, weiße Geſtalt; ob es aber ein Maͤd⸗ chen, oder ein weißer Hirſch geweſen, konnte ich nur 103 bei der Schnelle, womit es in das Gebuͤſch flog, nicht beſtimmt beurtheilen. 8. Doch— ein Hirſch konnte es nicht gewe⸗ ſen ſeyn, denn ich entdeckte einen Gartenſaal hinter mir, woraus es gekommen; ich naͤherte mich dieſem, fand die Thuͤre offen, ſah, daß Niemand weiter darin war, und trat ſchuͤch⸗ tern ein. Ein recht ſinniger Zufall; ich hatte da beim Bade nur ſo eine Anwandelung von einem un⸗ heiligen Wunſche, und die Zuͤchtige— denn die Weiße war Coͤleſtine gewiß geweſen— fluͤchte⸗ te, mir im Ruͤcken, aus dem Kreiſe meiner un⸗ lautern Gedanken, und zum Erſatze, daß ich das Vergnuͤgen einbuͤßte, ſie hier im Saale zu ſe⸗ hen, gewaͤhrt mir der Zufall das Gluͤck, einen Blick in das Innere ihres Geiſtes zu werfen. An der einen Wandſeite, ein köͤſtlicher Fluͤgel, an der andern, eine große Sammlung von 104 Schmetterlingen unter Glas, an der dritten, Karten von den ſaͤmmtlichen Hauptprovinzen des Reichs; und an der vierten, ein Buͤcherſchrank, mit lauter Prachtbaͤnden geſchmuͤckt. Es daͤmmerte ſchon zu ſehr, um Alles ge⸗ nau unterſcheiden zu koͤnnen, aber die dem Fen⸗ ſter am naͤchſten ſtehenden Buͤcher waren fran⸗ zoͤſiſche, engliſche, deutſche, hollaͤndiſche Entomologen, Albin, Clerk, Drury, Cramer, Me⸗ rian, Reaumuͤr, Dogeer, Groffery, Sepp, Esper, Roͤſel, und viele andere; auch Dichter, Reiſebeſchreibungen und— nein es war zu dunkel ſchon, um die Titel der tiefer ſtehenden Buͤcher leſen zu koͤnnen; aber in den reich bronzirten Glasſchraͤnken erkannte ich noch den acht Zoll breiten ſchoͤnen Atlasvogel, die ja⸗ paniſche Phalaena noctua serici, von deren Sei⸗ dengeſpinſt ein Pfund zehn Frauenkleider gibt, die große Agrippina, und die herrlichen, hoͤchſt ſeltenen griechiſchen Ritter Menelaus, Priamus, Achilles, Andromache, Perſeus, Helenor, und tten, des rank, 3 ge⸗ Fen⸗ fran⸗ ogen, Me⸗ ery, dere; nein tiefer n den noch ie ja⸗ Sei⸗ gibt, hoͤchſt 105 diele andere wunderſchoͤne Eremplare von Schmet⸗ terlingen aus Surinam, Amboina und andern fernen Weltgegenden, die in den Sammlungen des Prinzen von Oranien, der Herren van der Meulen, von Marre, und anderer beruͤhmten Entomologen, wahre Paradepferde geweſen ſeyn wuͤrden, und die ich, doch auch ziemlich in der Welt herum gekommen, nie beiſammen geſehn, ſondern meiſtens nur aus Peter Cramers großen Kupferwerken kannte. Ich freute mich der ern⸗ ſten Liebhaberei des Maͤdchens, vor deſſen ge⸗ diegner Bildung ich anfing, beſondere Achtung zu bekommen; zwar wollte eine augenblickliche Mißbilligung ihres ſonderbaren Einfalls, gerade die Schmetterlinge zu ihrem Lieblingsfache ge⸗ waͤhlt zu haben, mir zu Kopfe ſteigen, und ich meinte bei mir ſelbſt, daß das Studium dieſer gefraͤßigen Zweifalter, mit ihren beſtaubten vier Fluͤgeln und ſpiralfoͤrmigen Zungen, fuͤr ein Maͤdchen unmoͤglich lehrreich ſeyn koͤnne; daß 106 die Bekanntſchaft mit den Myſterien dieſer flat⸗ terhaften Tag⸗Daͤmmerung⸗ und Nachtvöͤgel, die auf Gottes Welt nichts weiter thun, als freſſen, und ſich in ungeziemender Weiſe fort⸗ pflanzen, von gar keinem Nutzen ſey; ja daß das Beiſpiel der Raupen, die mit ihrer vielma⸗ ligen Haͤutung einen ewigen Toilettenwechſel vorzeichnen, und der Nachtvoͤgel, die blos unter dem Mantel des ſtillen Qunkels munter herum⸗ ſchwaͤrmen, den Tag aber, wie unſere Frauen der feinen Welt, in Muͤßiggang verbringen, auf das Gemuͤth der kleinen Entomologin hoͤchſt nachtheilig wirken mußte. Doch ich erblickte auf dem Tiſche am Fenſter ihre Arbeit, und eilte hin, um auch aus dieſer Schluͤſſe fuͤr den Werth der mir Beſtimmten zu ziehen, und ſo das Bild zu vollenden, das ich aus einer Menge einzelner Zuͤge mir bereits zuſammengeſetzt hatte, und wo⸗ mit ich meine immer mehr angeregte Einbil⸗ dungkraft recht angenehm beſchaͤftigte. ſter, fang grob Bar Arn den das Haͤn pfleg zu v kunf loſe, rere gen daß gang muf von 9. Auf dem Naͤhtiſche dicht am offenen Fen⸗ ſter, lagen ein halber Strumpf, und ein ange⸗ fangenes Frauenhemd; der Strumpf war von grobem Garne; wahrſcheinlich ein Werk der Barmherzigkeit, beſtimmt zur Spende an einen Armen; aber— die erſten Schattenſtriche fan⸗ den ſich, wie fatale Moderflecke im Bilde— das Gefertigte war nicht recht reinlich. In den Haͤnden eines Maͤdchens von feiner Bildung, pflegt ſo etwas gewoͤhnlich ganz ſauber gehalten zu werden. Die Strickerei war nicht allein ganz kunſtlos, ſondern auch hoͤchſt nachlaͤßig; einmal loſe, dann wieder derb; die Strickerin hatte meh⸗ rere Maſchen fallen laſſen; an den Schattirun⸗ gen des Schmutzes war deutlich wahrzunehmen, daß an dem Strumpfe ſehr langſam, und in ganz verſchiedenen, lange ausgeſetzten Perioden, mußte geſtrickt worden ſeyn. Das Frauenhemd von ſehr mittelmaͤßiger Hausleinwand, gab eben ſo wenig erfreuliche Schluͤße; die Saͤume un⸗ gleich, die Stiche weitlaͤufig, der Zwirn unſauber; in der Leinwand ſelbſt Kirſch⸗ und Kaffeeflecke ——— das ſchien alſo nach dem Spiegel, den mir mein, auf einmal ſehr rege gewordener Mißmuth vor die Augen hielt, ein gelehrtes We⸗ ſen zu ſeyn, das von Kunſt und Literatur, de⸗ ren Embleme hier zur Schau aufgeſtellt prang⸗ ten, ſo herauf oder— ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich es laut ſagen darf, ſo herunter ge⸗ zogen worden war, daß es in den ſchlichten Kreis der einfachen Hausfrau nicht mehr paßte. Der Groͤße und Weite des Hemdes nach zu urtheilen, mußte Coͤleſtine hinſichtlich ihrer Fi⸗ gur— doch was ſah ich! eben als ich das Hemd vom Tiſche aufhob, lag ein angefangener Brief von ihr darunter.— Nur ſo lange, wuͤnſchte ich, moͤchte es Tag bleiben, bis ich ihn ausgele⸗ ſen, denn dieſer— dieſer konnte mir die beſten Aufſchluͤſſe uͤber ihren Geiſt, vielleicht auch uͤber ihr Herz geben. Gluͤcklicher— ungluͤcklicher Brief! Ich las: 109 „Mein gutes Mihnchen.“ Ich komme getzunder in Eine Verzweufelte Patſe, und Du ſollſt mir mit Rad und Dat beiſtehn. Vater trinkt getzunder haͤftiger als je, auf meine Ver⸗ klaͤrung wegen des Etelmanns; ſeine Muhder hat Kirzlich das zeutliche keſaͤgnet, und vielen Reigtum hinterlaſſen an Geld und Brezios; und Vater, den Du ja kennſt, wenn er Einmal Nappelkeppig wird, beſteht tarauf, das ſeune unglickliche Coͤleſtina ſich ufopfern ſoll. Waß mach ich mir aus Stand und Wirthen, mein emphindſames Herz will nur Liebe, und ſehnet ſich nag einen, der die arme ſwaͤrmerichſe Coͤle⸗ ſtina verſteht. Der keiſe Mond, der haͤute Abend ſo blaßgelb ausſieht, wie ein Hinterfluͤgel des Amphriſus,*) belauſt mich, indem ich dieſes mit traͤnendem Auge ſchreibe; o koͤnte ich mich ver⸗ pupen, wie eine Raupe, und mein Elent ver⸗ *) Einer der ſchoͤnſten Tagfalter, in Batavia heimiſch. ſchlafen, bis einer kaͤme, der ſo zaͤhrtlich liebte, als ich, und ſich badete in meine Thraͤnen, und ſein frommes Leben for ſuͤßer Liebe aushauchen thaͤte zu meinen Fißen! Mein dreier Buſen wuͤrde dann zerſpringen vor purer Luſt, und wir beide wuͤrden hinſinken in einen wirzig duftenden Haufen von Vergißmeinnichts, und mit einan⸗ der aus reiner plantoniſer Liebe, in jene ebraͤiſen Felder hinuͤber ſlummern, ohne jemals widerum zu erwachen; o, aber, meine Minna, wo ſelb⸗ ſten fintet man getzunders ſolche wertheriſe Sieg⸗ warts?—— Vorbei iſt jenes Goltene zeit⸗ alter, wo eine Smacht⸗Ente Soͤne, mit Einen einzigen Seifzer, ihren Liebhaber piß zur Raßrei und verzweiflung bringen konte; o! ach haͤtte ich tamals kelebt, ſo—— ℳ Ich hoͤrte Jemand kommen— ein Jaͤger⸗ burſche naͤherte ſich dem Saale; ich ſprang ihm, um hier in einem Zimmer, worein ich nicht ge⸗ hoͤrte, nicht von ihm uͤberraſcht zu werden, ent⸗ „vie den emp terbt ſcha zen „Ni fuͤr fren ſes ſchaͤ ſelbe ging dem iebte, 1 und uchen zuſen d wir enden inan⸗ aͤiſen 111 gegen, und ſteckte den ſchrecklichen Brief, deſſen ich nun nicht los werden konnte, in die Taſche. „Sind Sie,“ fragte der Burſche hoͤflich: „vielleicht der Wildprethaͤndler, Herr Waidner, den der Schlaͤchtermeiſter Herr Nierenſchnitt empfohlen?“ Zu dienen, entgegnete ich, von der un⸗ terbrochenen Lectuͤre noch ganz außer Faſſung, ſchauderte bei dem mir vom Anfange der gan⸗ zen Geſchichte ſo widrig geweſenen Namen „Nierenſchnitt“ in einander, und dankte Gott fuͤr den eingegebenen Wink, nun hier unter fremden Namen auftreten zu koͤnnen, denn die⸗ ſes albernen Maͤdchens wegen hier zu ſeyn, ſchaͤmte ich mich jetzt ſo tief, daß ich vor mir ſelber die Augen kaum aufheben konnte. 10. Niedergeſchlagen und in Gedanken verloren, ging ich hinter dem Burſchen her, der mich nach dem Schloſſe zufuͤhrte. Die lieblichen Garten⸗ 112 anlagen, die den neueſten Geſchmack verriethen; die reiche Bibliothek und die werthvolle Schmet⸗ terlingſammlung im Saal— nein, es war gar nicht moͤglich; die Tochter eines Vaters, der an ſolchen Dingen Gefallen fand, konnte an Geiſt und Herz nicht ſo ganz verſchroben ſeyn. Auf jeden Fall, ja gewiß war die weiße Geſtalt, deren Strumpf, Hemde und Brief, mich in meinen Gedanken uͤber die fruͤher er⸗ ſpaͤhten ruͤhmlichen Eigenſchaften meiner Aus⸗ erwaͤhlten, ſo gaͤnzlich verwirrt hatten, nichts anders, als eine ehrliche Zofe geweſen. Aber der blaßgelbe Amphriſus— wie kommt ein Kammermaͤdchen dazu. Der mit klaren Buch⸗ ſtaben ausgeſchriebene Name Coͤleſtia? Und dann der junge Edelmann, deſſen Mutter vor Kurzem geſtorben, und auf deſſen Wahl der Vater, der Oberforſtmeiſter, beſteht? Der junge Ungluͤckliche ſoll ich am Ende ſelbſt ſeyn! Der Burſche zog ſeinen Hut, ich ſah auf ₰ der alte Oberforſtmeiſter kam aus einem Sei⸗ teng als lene Sch pret mich ſuch leſte ſtine nen ſorg ken, wor zu der Kar Oh auf ner Au 113 tengange auf uns zu; der Burſche nickte ihm, als wolle er damit ſagen, daß ich der empfoh⸗ lene Nierenſchnittianer ſey, und ging in das Schloß. Der Alte empfing den vermeintlichen Wild⸗ prethaͤndler ungemein freundlich, ſagte, daß er mich ſchon den ganzen Tag mit großer Sehn⸗ ſucht erwartet, und rief dem Burſchen zu, See⸗ leſte(ſo hart klang der himmliſche Name Coͤle⸗ ſtine in dem Munde des mir etwas rauh ſchei⸗ nenden Jaͤgers) ſolle Wein und Erdbeeren be⸗ ſorgen. Mir ſtieg das Blut bei dem Gedan⸗ ken, nun das, mir zum dunkelſten Naͤthſel ge⸗ wordene Maͤdchen in wenigen Minuten ſelbſt zu ſehen, zu Kopfe. Ich hoͤrte Alles, was mir der Oberforſtmeiſter in ſeinem waidmaͤnniſchen Kauderwelſch vorſchwatzte, nur mit halbem Ohre, denn ich ſah mit quaͤlender Todesangſt auf den Heckengang, woraus die, mir von mei⸗ ner guten Mutter Vermachte vielleicht in dieſem Augenblicke herauskommen werde, und ſegnete 8 8 114 im Stillen, nochmals den von einem dummen Jaͤgerburſchen mir angehauchten geſcheuten Ein⸗ fall, hinter der Wildprethaͤndlermaske den noth⸗ gedrungenen Brautwerber verſtecken zu koͤnnen. 11. „Mein alter Special, der Nierenſchnitt,“ begann der Oberforſtmeiſter, ergriff traulich meine Hand, und ſetzte ſich mit mir in eine Laube:„wird Ihnen meine Lage berichtet ha⸗ ben; Sie gehoͤren uͤberdem zum gruͤnen De⸗ partement, und verſtehen das Waidwerk; ich kann alſo ganz franchement mit Ihnen ſprechen.“ Ich nickte ſchweigend, und horchte, was da weiter kommen ſollte. „Sie haben ſich neu etablirt,“ fuhr er fort:„und brauchen mich; ich brauche ſie; eine Hand waͤſcht die andere— kriegen Sie Witterung?“ Ich verſtehe, entgegnete ich, und theilte die men Ein⸗ oth⸗ nen. itt,“ zulich eine 115 meine Aufmerkſamkeit auf den Heckengang und auf den Vater. „Was ſoll ich Sie, mein Alterchen,“ ſagte der Oberforſtmeiſter, und ſpreitete, um den An⸗ fang der Mittheilung etwas verlegen, ſeine Haͤnde uͤber ſeine Kniee:„was ſoll ich Sie lange beim Vorſuchen*) aufhalten; wie mit mir das Alles gekommen, waͤre eine weitlaͤufige Geſchichte zu machen. Haben Sie von der Springwurzel geleſen?“ Von der ſogenannten Moipe? fragte ich neugierig: die der gruͤne Specht dem wackern Waidman bringt, um die Riegel, unter denen heimliche Schaͤtze verborgen liegen, zu ſprengen? „Richtig, richtig, Gevatterchen, aber auch die hat mich bis dato im Stiche gelaſſen; es —— *) Vorſuchen heißt, mit dem Hunde vor Holtz ziehen, und ſorgſam ausſpaͤhen, was ſich darin befinde. 8* 116 ſollen und muͤſſen unterm Keller hier im Schlof⸗ ſe, da, wo die kleine Fallthuͤre vermauert iſt, nach uralter Sage, noch viele alte Thaler liegen, und heraus bekomme ich ſie gewiß; nur jetzt draͤngt mich die Noth, und ich muß, hol mich der Schneider, verenden, wenn Ihr mir nicht helft; ich wollte, Ihr koͤnntet mich aufbrechen und zerwirken, und mir in mein Geräͤuſche*) ſehen, ſo wuͤrdet Ihr abmerken, daß ich ein gu⸗ ter, ehrlicher Kerl bin; ich bin lediglich in das Malheur gekommen, weil ich Manchen meiner Bekanntſchaft falſch angeſprochen,**) und ihn fuͤr einen edeln Capital⸗Hirſch gehalten habe —— *) Unkundigen in der edeln Waidmannsſprache dient zur Nachricht, daß in derſelben unter Geraͤuſche, Herz, Lunge und Leber verſtan⸗ den werden. **vF) Anſprechen heißt, aus der Faͤhrte, die Groͤſ⸗ ſe, die Feiſtigkeit, uͤberhaupt die Guͤte des Hirſches beurtheilen. 117 of⸗ wenn er nur ein Gabeler,*) ein miſerabler iſt, Spießer**¼) war.“ en, Das geht wohl ſo in der Welt, fiel ich ihm etzt in die Rede, ſah vor mich hin auf den Boden, ich wunderte mich im Stillen uͤber die zerruͤtteten icht Umſtaͤnde einer der erſten Familien im Lande, hen und fand den alten Satz, daß in wirthſchaftlicher *;.„ * Hinſicht nichts verderblicher ſey, als koſtſpielige gu⸗ Sammlungen, Kabinetter und andre Spiele⸗ das reien dieſer Art, wieder einmal beſtaͤtigt; ein iner einziger Glaskaſten aus der Schmetterling⸗ ihn Sammlung im Saale, konnte mehrere hundert habe Thaler gekoſtet haben, und jetzt gab dem Manne ache*) Gabeler iſt ein Hirſch, welcher nur an jeder Stange ein Ende hat; Ende aber heißen die enter Spitzen am Gehoͤrne(Geweihe) und das Ge⸗ 3 ſtan⸗ hoͤrn hat zwei Stangen. **) Spießer heißt der Hirſch, welcher nur zroͤſ⸗ zwei Stangen ohne einiges Ende traͤgt. Ein 6 des edler Capital⸗Hirſch muß mehr denn acht Enden haben, und wenigſtens 300 Pfund wiegen. kein Menſch einen Dreier dafuͤr. Die weit⸗ laͤufigen, reizvollen Gartenanlagen hier um uns herum— was brachten ſie dem Manne ein, als daß ſie hoͤchſtens etwa den Leuten, die ihm Geld borgen ſollten, ein wenig Sand in die Au⸗ gen ſtreuten? Abbrechen konnte ich das Geſpraͤch nicht; der alte Herr ſah mir aus, als ob er zu den Leuten gehoͤrte, die es erſchrecklich uͤbelneh⸗ men, wenn man ſie mahnt, aber noch zehnmal groͤber werden, wenn man ihnen gar nichts borgt. Sehr lange wollte ich mich jedoch auch nicht hier aufhalten, denn wenn der erwartete aͤchte Wild⸗ prethaͤndler kam, ſo war ich in der allerpeinlich⸗ ſten Verlegenheit, und konnte mich dann vor Verdruͤßlichkeiten mancherlei Art nur dadurch retten, daß ich meinen wahren Namen ſagte, und aus dem Auftreten in der Rolle des Wild⸗ prethaͤndlers, einen Scherz machte; dieß wollte und konnte ich aber, um der Verhaͤltniſſe willen, worin die zuruͤckgekommene Familie mit meiner urch agte, Zild⸗ ollte llen, einer 119 ſeligen Mutter geſtanden hatte, jetzt um keinen Preis. Wie viel meinen Sie denn etwa noͤthig zu haben, warf ich langſam hin, ohne ihn darauf anzuſehen. Er ſchien von dieſer Frage ſehr angenehm getroffen zu werden, er ruͤckte mir naͤher, ſchuͤt⸗ telte mir traulich die Rechte, und ſagte:„Wir wollen recht dicke Freunde werden. Ihr ſeyd Eurer Drei jetzt in der Reſidenz;z in meiner Hand iſt es, die beiden andern zu ſtuͤrzen; denn laſſe ich ihnen kein Wildpret ab, oder gebe ihnen nur angegangenes und hochmuͤffiges, und hebe das Gute nur fuͤr Euch allein auf; ſo muͤſſen die Andern ihre Bude bald zumachen, weil un⸗ ſre Forſten hier die erſten im Lande, und der Reſidenz am naͤchſten ſind; nun ſeht, Ihr ſollt alles allein haben, was unſre Reviere liefern, und mit der Bezahlung will ich Euch auch nicht draͤngen, aber fuͤnf, ſechshundert Thaͤlerchen moͤchte ich zum Darlehn wohl brauchen. Fuͤnf— ſechshundert—— „Ja,“ fuhr er fort:„ſie ſollen gut ap⸗ plizirt werden; da iſt einer von Adel hier in der Naͤhe; ſeine Mutter und meine Frau waren alte Klatſchgevattern mit einander; die haben denn unter ſich eine Mariage gekartet, naͤmlich mit meiner Tochter Seeleſte;'s Maͤdel iſt jagd⸗ bar, in der Stadt ein bischen dreſſirt, daher recht fuͤhrig, uͤbrigens geſund auf den Laͤufen und quappelig vor lauter Feiſt und Friſche, ſie ſoll dem Schaͤcker wohl gefallen. Er denkt, wir fitzen in der Wolle, und darum will die Alte die Ausſtattung recht proper; das ſoll ſo, verſteht Ihr, das Prellnetz*) ſeyn, womit ſie den Ei⸗ dam zu verlappen**) gedenkt.“ Und wegen der Wiederbezahlung? fragte ich kleinlaut, und von dem Gedanken, daß ich der *) Auch Spiegelnetze genannt; bei Saujagden im Gebrauch **) Die zu jagenden Thiere mit Netzen oder leinenen Tuͤchern(Lappen genannt) umſtellen. ner der bei ap⸗ der aren aben nlich jagd⸗ daher aufen „ſie wir e die eſteht 1 Ei⸗ te ich h der agden oder ellen. 121 geprellnetzte Eidam hatte ſeyn ſollen, bis zu ei⸗ ner Art von Schwind*) exaltirt. „Hundert, Gevatterchen, nehmen wir auf den Wildpret⸗Contrakt ab; die verdient Ihr bei Eurem Geſchaͤftchen bald wieder, und koͤnnt das Suͤmmchen wohl als ein billiges Contrakt⸗ gebuͤhrniß anſehen; wegen des uͤbrigen aber ma⸗ chen wir, verſteht Ihr mich, noch neben dem Contrakt, ein Wildpret⸗Privathaͤndelchen, bei dem wir Beide beſtehen wollen; denn das, was ich dem Herrn nicht verrechne, ſetze ich Euch zu billigern Preiſen an, und tilge damit allmaͤhlig meine Schuld. Vor dem Walde liegt kein Schloß; meinen Wildprerſtand kann kein Teufel revidiren, und wenn wir es beide pfiffig anfangen, muͤſſen bei jedem Transport ein Paar Keuler⸗ chen, Bachen und ritterliche**) Sauen, oder *) Schwind, eine Krankheit uͤbertriebener Parforcehunde. **) Was beim Hirſch edel heißt, nennt der Waidmann beim Schweine und bei der Saue, 122 ein Boͤckchen ſammt Ricke*) mit einem guten Hirſche, fuͤr unſre Rechnung, mit in die Reſi⸗ denz nebenbei ſpaziren. Da haͤtte ich ja in eine ſaubre Familie ge⸗ heirathet! Die Tochter eine alberne, ſchmacht⸗ ſuͤchtige Thraͤnenlampe, und der Vater in Schul⸗ den bis uͤber die Ohren, und der gewiſſenloſeſte Wilddieb. Die Mutter— meiner verklaͤrten Mutter ſonderbar genug, ritterlich; wahrſchein⸗ lich, weil er beim Schwarzwildbret, den Zahn, Gewehr, das Fallen durch das Zeug, ſich durch das Zeug ſchlagen, das Herumbeiſ⸗ ſen mit den Hunden, ſtreiten, und einen fuͤnfjaͤhrigen oder aͤltern Keuler, ein hauend Schwein nennt; lauter Ausdruͤcke, vom Rit⸗ terthum entlehnt. Daß das weibliche Schwein eine Bache, und das maͤnnliche, bis zum erſten Jahre, Friſchling, dann uͤberge⸗ gangener Friſchling, und vom drit⸗ ten Jahre ab, Keuler genannt wird, iſt bekannt. *) Reh, maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechts. icht⸗ chul⸗ ſeſte utter hein⸗ gahn, ſich beiſ⸗ linen end Rit⸗ wein zum rge⸗ drit⸗ „iſt chts. 123 vertraute Freundin, die wenigſtens mußte gut ſeyn. „Hm, was haͤngt Ihr denn die Loͤffel?“*) fragte der Alte nach einer Weile, und ich ſchrak auf, denn ich merkte jetzt erſt, daß ich eine Wei⸗ le ſtumm vor mich hin geſeſſen, und gedanken⸗ los, mit einem zufaͤllig gefundenen Nelkenſtocke in den Sand gezeichnet hatte. Unwillkuͤhrlich zuckte mir der Gedanke, dieſen Mann, nach meiner guten Mutter ungluͤcklichem Liebesver⸗ maͤchtniß, meinen Schwiegervater nennen zu ſollen, gichteriſch durch alle Glieder; er mußte mir das Geſicht verzogen haben; denn der Alte fragte mich, was mir fehle, und ich gab, ſeiner Fra⸗ gen los zu werden, Seitenſtechen zum Vorwande. „O, wartet Gevatterchen,“ ſagte der Alte, und wollte aufſtehen:„dem koͤnnen wir bald beikommen; ich hol' Euch gedoͤrrten Schweiß †*) *) Beim Haſen bekanntlich die Ohren. **†) Geronnenes Blut. von gejagtem Hirſche, der thut, mit Eſſig aus einem Geſchirr getrunken, aus dem der Kreuz⸗ vogel geſoffen, bei Verrenkung und Verdrieß, bei Stechen im Leibe, ſchwerer Noth und boͤſem Ge⸗ wiſſen, mehr Wirkung, als Bocksblut.“*) Ich betheuerte, vor dem ſchwarzen Gewiſſens⸗ banner heimlich ergrauſend, daß der kleine Zufall nur voruͤbergehend geweſen, und daß mir wieder wohl ſey, und ſetzte, um auf feine Art nur bald wieder aus dieſem Neſte herauszukommen, ge⸗ duckt, wie ein alter Fuchs, der zum Baue kriecht, hinzu, daß ich von unſerm gemeinſchaftlichen Freunde Nierenſchnitt auf das Mitnehmen des benoͤthigten Geldes, nicht aufmerkſam gemacht worden, und daher heute noch zuruͤckzureiſen Willens ſey, um morgen Abend um dieſe Zeit, mit dem erforderlichen Suͤmmchen wieder ein⸗ zutreffen.“ *) Ein altes Hausmittel der Waidmaͤnner ge⸗ gen ſchwere Gebrechen und allerlei Krankheit. / te erf und gellte durch ter,“ vom lichten mit g aus Lreuz⸗ 6, bei Ge⸗ — ſſens⸗ Zufall vie der bald „ ge⸗ riecht, lichen n des macht reiſen Zeit, ceein⸗ er ge⸗ kheit. 125 „Jo ho, hoch do, hoch do,“*) rief der Al⸗ te erfreut, ſteckte beide Zeigefinger in den Mund, und pfiff gegen das Schloß, daß mir die Ohren gellten; eine weibliche Stimme aber antwortete durch die Hecken:„ich komme ſon, lieber Va⸗ ter,“ und Coͤleſtine kam durch den Heckengang, vom Schloſſe her, mit zwei brennenden Wind⸗ lichtern, hinter ihr aber folgte der Jaͤgerburſche, mit Erdbeeren, Zucker und Wein. 12. Da ſtand alſo endlich das Maͤdchen vor mir, das nach meiner ſeligen Mutter ſorglichem Pla⸗ ne, die Freuden und Leiden dieſes Lebens mit mir theilen, und ihre Hand auf ewig in die mei⸗ nige legen ſollte. Sie verneigte ſich zwiſchen ih⸗ ren Windlichtern recht artig und gefiel mir nicht uͤbel; die Schreiberin jenes unſeligen Briefes *) Das gewoͤhnliche Waldgeſchrei bei der Hirſch⸗ jagd. 126 3 hieß zwar auch Coͤleſtine; indeſſen konnte denn ein chriſtliches Kammermaͤdchen nicht auch ſo hei⸗ ßen? mußten denn der unſaubere Strumpf, das grobſtichige Hemd von ihr genaͤht ſeyn? Ich ſah ihr ſchweigend zu, wie ſie die mitgebrachten Erfriſchungen bereitete; durch dergleichen kleine Zuͤge blickt man oft in das Innere des zu Beob⸗ achtenden, wie durch ein Waſſermikroſkop von Stephan Gray.*) Sie machte das Alles mit recht vielem Anſtande, und antwortete auf mei⸗ ne Aeuſſerungen uͤber die vielen Umſtaͤnde, die ich ihr ſo ſpaͤt noch mache, mit ziemlicher Ge⸗ wandtheit— doch— ihr Anſtoßen mit der Zunge, oder vielmehr die eigene Manier, in al⸗ len Woͤrtern, in welchen das Sch vorkam, ent⸗ ee— *) Dieſe merkwuͤrdige Erfindung beſteht bekannt⸗ lich blos darin, daß man einen ganz reinen Waſſertropfen mit einer Nadelſpitze aufnimmt, und in das haarkleine Loch einer aͤußerſt duͤn⸗ nen Metallplatte bringt; wo dann dieſes Waſ⸗ ſertroͤpfchen voͤllig die Stelle einer Glaslinſe vertritt. wede fehle zulaf daß „B ſchrie ſicht fragt neint heuti ſonſt lichte Verg zum goͤttl woch halte haͤtte erder waͤre 2 denn ſo hei⸗ rumpf, 2 Ich rachten kleine Beob⸗ op von les mit if mei⸗ de, die der Ge⸗ nit der in al⸗ n, ent⸗ gekannt⸗ reinen nimmt, rſt duͤn⸗ es Waſ⸗ laslinſe 127 weder aus Ziererei, oder durch die Schuld eines fehlerhaften Sprachorgans, allemal das ch weg⸗ zulaſſen, brachte mich auf die halbe Vermuthung, daß ſie am Ende mit der Briefſtellerin, die vom „Belauſen des keuſen Mondes,“ ge⸗ ſchrieben hatte, doch eine und dieſelbe Perſon ſey. Ein merkwuͤrdiges, mir unvergeßliches Ge⸗ ſicht machte ſie, als der Vater mich zufaͤllig fragte, ob ich verheirathet ſey, und ich dies ver⸗ neinte mit dem abſichtlichen Zuſatze, daß die heutigen Maͤdchen gar nicht mehr ſo waͤren, als ſonſt, wo ſie beim Aufgang des ſanften Mond⸗ lichts, jedesmal eine ſtille Thraͤne geweint; Vergißmeinnicht⸗Kraͤnze aus der Hand des, bis zum Wahnſinn treu Geliebten als Angedenken goͤttlich hingehauchter Stunden dargereicht und wochenlang mit ſuͤßen Wehmuthzaͤhren friſch er⸗ halten; und ſich uͤberſchwenglich ſelig gewaͤhnt haͤtten, wenn ſie in der Liebe mit allen nur erdenklichen Marterqualen gepeinigt worden waͤren. Unverkennbar lagen in ihren Zuͤgen eine hoͤchſt beifaͤllige Aeußerung uͤber meine Anſichten von der Liebe, und die heimliche Bemerkung, daß ich nicht alle Maͤdchen der neuern Zeit in eine Klaſſe werfen ſolle, ſondern daß es wohl hie und da eins geben moͤchte, das meinen Anfode⸗ rungen entſprechen duͤrfte.„Auf dem Lande,“ ſagte ſie, und warf mir einen uͤberſuͤß ſchmach⸗ tenden Blick zu:„gibt es noch reine weich ge⸗ ſaffene Seelen; ſauen Sie in die Natur, und Sie werden uͤberall ſehen, daß der Soͤpfer den ſoͤnſten Smuck ſeiner Werke, nicht auf den oͤf⸗ fentlichen Markt, nicht auf die Saubuͤhne der großen Welt, ſondern immer in den Satten der Verborgenheit geſtellt hat; hoͤren Sie den Smelz der liebeklagenden Philomele anders, als im ſtillen lauſigen Gebuͤſ? die Saͤtze der Men⸗ ſen, das ſimmernde Gold und Silber, liegen ſie nicht tief im Sooß der Erde verborgen! Das fromme Saͤfchen auf der blumigen Aue, der ſwimmfertige Fiß im Waſſer, die Sildkroͤte mit eine ichten kung, eit in hl hie afode⸗ ade,“ mach⸗ ich ge⸗ „und r den den oͤf⸗ ne der en der e den rs, als Men⸗ liegen 1 Das , der öte mit 129 ihrer bundſaͤckigen Saale; der farbenreiche Smetterling, die ſnaͤbelnde Taube— wo fin⸗ den Sie alle dieſe wunderſoͤnen Herrlichkeiten anders, als in tiefer Abgeſiedenheit von der ge⸗ raͤußvollen Welt? So auch, glauben Sie mir, werden Sie das beſeidne ſuldloſe Maͤdchen ihrer Phantaſie, nur auf dem Lande, fern vom ge⸗ ſaͤftigen Gewuͤhle des menſlichen Lebens, der⸗ einſt finden. Selten Sie mich nicht ſwach, wenn ich noch an Unſuld und weibliche Saam⸗ haftigkeit glaube; ich ſatze die ſwermuͤthige Swaͤrmerei fuͤr das ſuͤßeſte Gefuͤhl in der ver⸗ ſwiegenen Bruſt des liebenden Maͤdchens.“ Das war, ja das war die ungluͤckſelige Briefſtellerin ſelbſt, und keine Andre; auch ſtimmten die Federn, die ich jetzt beim hellen Flimmer der Windlichter, in ihrem, an ſich recht huͤbſchen goldgelben aber ungekaͤmmt her⸗ abhaͤngenden Ringelhaar erblickte, das ziemliche Loch in dem Tuche, welches einen gar nicht uͤbeln Hals und Buſen bedeckte, und ein tuͤch⸗ 9 — ziger Kaffeefleck im weiſſen Kleide vorn unter dem Blankſcheit, mit dem mehr beſagten Strick⸗ ſtrumpfe und Hemde ſo vollkommen uͤberein, daß ich uͤber die Identitaͤt meines Liebesvermaͤcht⸗ niſſes keinen Zweifel mehr, jetzt an dem aber, was ich geſehen und gehoͤrt, vollkommen zur Genuͤge hatte, und meinen Ruͤckzug beeilte. Seeleſtchen war zwar ein wenig empfindlich, als ich die von ihr angebotenen„Erfrißungen ausſlug,“ allein der Vater, dem daran gelegen war, daß ich ſchleunig abreiſen moͤchte, um mit dem ſehnlich erwarteten Gelde bald wieder zu kommen, entſchuldigte mich ſelbſt bei der Tochter, und gab ihr, da ich mich jetzt verabſchiedete, den Auftrag, mich bis an die hintere Gartenthuͤre zu begleiten, weil ich mich im Finſtern allein nicht heraus finden wuͤrde. 13. Vermuthlich— ja gewiß fuͤhrte ſie mich abſichtlich durch alle moͤgliche Irrgaͤnge des Gar⸗ unter trick⸗ daß aͤcht⸗ aber, zur 2. dlich, ungen elegen n mit der zu ochter, 2, den athuͤre allein mich Gar⸗ 131 tens, denn es waͤhrte eine Ewigkeit, und wir hatten die verdammte Gartenthuͤre immer noch nicht erreicht, wo ich vorhin doch kaum einige hundert Schritte gegangen war. Sie hing an meinem Arme, ſprach in jenem Tone faſt im⸗ merwaͤhrend allein fort, und begleitete ihre Mo⸗ nologe bald mit zaͤrtlichen Haͤndedruͤcken, bald mit„ſmachtenden“ leiſen Seufzern. Mir ward am Ende ganz zweierlei bei der Sache, und ich aͤuſſerte mein Befremden, daß wir noch nicht am Ende des Gartens waͤren. „O,“ begann ſie und laͤchelte zaͤrtlich:„ich fuͤhre Sie keine falſen Wege, aber daß Ihnen die Zeit bei mir ſo lang wird, iſt keine Smei⸗ chelei fuͤr mich. Wahrſeinlich— o gewiß gingen Sie mit einer Andern hier viel lieber, als mit mir.“ Mir fiel die himmliſche Tina von heute Mittag ein. Gott! jene und dieſe!— nun — nun jene mir wieder mit ihrem tauſendfachen Liebreiz vor der Seele ſtand, konnte ich bei die⸗ 9* ——— 13² ſer gar nicht mehr aushalten. Zum Gluͤck höͤr⸗ te ich aus dem nicht fernen Staͤdtchen den Zap⸗ fenſtreich uͤber die ſtille Bruchgegend heruͤber trommeln; ich benutzte dies als Vorwand, das Geſpraͤch auf etwas anderes zu bringen, ſtand horchend auf einmal ſtill, und rief: St—— iſt das nicht Feuerlaͤrm?„Nein, Holder, ent⸗ gegnete ſie:„der Zapfen wird blos geſtrichen. 64 Sie fuhr nun fort, unaufhaltſam, wie ein reiſ⸗ ſender Waldſtrom, von der Seligkeit dieſes Abends zu ſprechen, wo ſie einen Freund ge⸗ funden zu haben glaube, in deſſen Seele ein „edles Gemiß von Serz und Swermuth“ laͤge, und ſchloß nach einer Herzensergießung, die mir uͤber ihre Reife zum Narrenhauſe faſt keinen Zweifel mehr ließ, mit ihren Wuͤnſchen, die ſie noch fuͤr dieſen Abend haͤtte.„Ach,“ ſagte ſie, ſeufzte tief und warf das Auge in den dun⸗ keln Himmel:„Ach, wenn ich wuͤnſen duͤrfte, ſo muͤßte jetzt ein Luftſiffer kommen, und uns in ſeiner Gondel durch die erfrißende Abendluft wuͤn krau 1 traul leide nen und ſonde die tremn ach eruͤber das ſtand „ent⸗ hen.“ n reiſ⸗ dieſes ad ge⸗ ele ein laͤge, die mir keinen die ſie ſagte ndun⸗ duͤrfte, nd uns endluft 133 an die Kuͤſte des ſuͤdlich helldunkelnden Mondes bringen; dort erſt wollten wir ungeſehen und ungehoͤrt, fern von dem Menſengetuͤmmel hie⸗ nieden, die Reize dieſes Abends genießen, ohne Seue vor ungebetenen Lauſern, weil dort auf je⸗ ner goldenen Seibe wir wahrſeinlich die einzigen Menſen ſeyn wuͤrden. Und Sie, Holder, was wuͤnſen Sie ſich heute noch— 2“ Ein tuͤchtig Stuͤck Poͤckelfleich mit Sauer⸗ kraut und Erbſen, brummte ich verdruͤßlich. „Swaͤrmer!“ ſagte ſie laͤchelnd und legte traulich ihre Hand auf meinen Arm.„Ach leider ſind wir hier nicht auf unſerm verſwiege⸗ nen Monde, wo ich die Seligkeit des Himmels und Sie vielleicht auch ihr Poͤckelfleis faͤnden, ſondern wir ſtehen an der neidißen Gartenthuͤre, die uns auf lange vier und zwanzig Stunden trennt. Seiden bringt Leiden, Wiederſehen aber, ach Wiederſehen! Freuden.“ Ich dankte Gott im Stillen, daß ich die Thuͤrklinke in der Hand hatte, oͤffnete ſie und 134 empfahl mich mit einer Eile, als wuͤrbe ich mit allen Ruͤden des gnaͤdigen Herrn Papa's aus dem Barten gehetzt. „Ach nur ein Wort, Holder,“ rief ſie: „nur ein ſuͤßes Wort ſage mir zum Abſied.“ Syrub, ſprach ich feierlich im tiefſten Baſſe, und druͤckte ihr die Hand vor Freude, daß ich endlich am Rande der Poſſe, des Gartens, meiner Wildpretrolle und meiner Brautwerbe⸗ rei ſtand. Sie aber hob beide Haͤnde vor die Bruſt, und ſagte mit freudigem Entzuͤcken:„Syrub? — Ach, nun verſteh ich erſt das Wort in Sillers hochgeſwungenem Liede an die Freu⸗ de, wenn er ſpricht: Wolluſt ward dem Wurm gegeben, Und der Syrub ſteht vor Gott.“ Laͤnger vermochte ich es nicht; ich zog die Thuͤre hinter mir zu, und rannte durch die dun⸗ kele Kaſtanienallee nach dem Wirthshauſe zu, wo ein Wagen mit zwei Laternen hielt. h mit 3 aus f ſie: ed.“ Baſſe, aß ich artens, werbe⸗ Bruſt, zyrub 2 ort in Freu⸗ og die e dun⸗ zſe zu, 135 14. Gewiß ſaß in dem Wagen der erwartete Wildprethaͤndler, denn er fragte nach dem Schloſſe. Kam der Mann eher auf das Schloß, als ich zum Dorfe hinaus war, ſo ward ich auf je⸗ den Fall als Betruͤger feſtgehalten, und mußte, um mich auf eine, meiner Ehre gemaͤße, Weiſe aus dem Spiele zu ziehen, meinen Namen nen⸗ nen. Die hunderttauſend Verlegenheiten, die aus dieſer Entdeckung entſtehen konnten, waren gar nicht abzuſehen; die erſte, und faſt eine der ſchrecklichſten war, daß ich dieſe Nacht haͤtte hier bleiben muͤſſen, Preis gegeben den ſmeicheln⸗ den Liebkoſungen der ſmachtenden Seeleſte. Mit dringender Haſt eilte ich zum Wirth, druͤckte ihm einen Dukaten in die Hand, und ſagte ihm, wir Beide, ich und der Herr im Wagen, haͤtten ein und daſſelbe Geſchaͤft auf dem Schloſſe; es laͤge mir aus mancherlei Ur⸗ achen daran, daß ich fort waͤre, ehe mein Ne⸗ 136 benbuhler auf das Schloß kaͤme; er ſolle ihn al⸗ Alle ſo auf alle moͤgliche Weiſe aufhalten; ich wolle Wo unterdeſſen meinen Poſtillon, der ſchon im An⸗ te, ſpannen begriffen, antreiben; wenn er aber V den ſaͤhe, daß ich eingeſtiegen, moͤge er ihn in Got⸗ war tesnamen fahren laſſen, denn mir waͤre an dem que Schloßgeſchaͤfte nichts gelegen, und ich wollte mer meinem Naͤchſten gern ſein Stuͤck Brod goͤn⸗ eine nen.— eine Was doch in der Welt ſo ein duͤnnes Stuͤck⸗ Br chen Goldblech thun kann! der Der einfaͤltige Dorfwirth legte dem gaudiebi⸗ W chen Großſtaͤdter,— denn ein Gaudieb war der kur Wildprethaͤndler, ſobald er auf Nierenſchnitts ger Winke heraus kam— ſo viele Hinderniſſe in zuſ den Weg, daß dieſer nicht vom Fleck konnte. St Erſt log er ihm vor, daß der Oberforſtmeiſter gar Ar nicht zu Hauſe ſey; als der Herr im Wagen geſ aber erwiederte, daß er beſtellt ſey, meinte der Lie Wirth, ob nicht gefaͤllig, dieſe Nacht wenigſtens L; bei ihm zu bleiben, da auf dem Schloſſe ſchon hnitts ſſſe in onnte. er gar VLagen te der gſtens ſchon 137 Alles zu Bette ſeyn werde; doch der Herr im Wagen ließ ſich nicht irre machen, und verſicher⸗ te, man wuͤrde im Schloſſe wohl noch auf ſeyn, denn er werde heute Abend ganz beſtimmt er⸗ wartet. Endlich mußte er ſich aber doch be⸗ quemen, einen Fuͤhrer bis zum Schloſſe zu neh⸗ men; da war nach des Wirths Verſicherung auf einer Stelle das Gelenke in das Schloßthor fuͤr einen fremden Kutſcher ſehr ſchwierig; auf der Bruͤcke uͤber den Schloßgraben war ein Loch; an der einen Stelle lag ein Prellſtein zu weit im Wege, uͤber den man leicht umwerfen konnte; kurz es kamen auf dem kurzen Wege von eini⸗ gen hundert Schritten, ſo viele Faͤhrlichkeiten zuſammen, daß der Herr im Wagen, an aller Straßenpolizei im Dorfe verzweifelnd, ſich zur Annahme des Fuͤhrers bequemte; ehe dieſer aber geſucht und gefunden ward, und ehe er Laterne, Licht und Anweiſung erhielt uͤber die Steine und Loͤcher, die er nicht mitnehmen, ſondern rechts und links liegen laſſen ſollte, ſaß ich laͤngſt in meinem Wagen, und jagte gluͤcklich gerettet, unter froͤhlichem Poſthorngeſchmetter zum Dorfe hinaus. 15. Wir erbaͤrmlich⸗blinden Raupenmenſchen! Gerade uͤber dieſe Eile, die ich mit einem Du⸗ katen bezahlte, fuͤr die ich, wenn es Noth that, noch zehnmal mehr gegeben haͤtte, und die mich damals ſo froͤhlich machte, daß ich vor Freude, gluͤcklich entkommen zu ſeyn, noch lange im Wa⸗ gen die Haͤnde laut jubelnd in einander rieb, gerade uͤber dieſe Eile haͤrte ich ſpaͤterhin mir den Kopf an der erſten beſten Wand einrennen moͤ⸗ gen. Mein ganzes zeitliches Wohl ſtand auf der Spitze, und ich wollte es lebendig begraben. Jetzt— wie oft ſehe ich die Menſchen uͤber einen gelungenen Plan jauchzen, der ihnen in wenigen Jahren der Keim zu lebenslaͤnglichem Ungluͤcke wird; wie oft aber hoͤre ich auch Andre aber ihr Mißgeſchick klagen, daß ihnen dieſer und ettet, dorfe 139 jener Wunſch nicht in Erfuͤllung gegangen, die ſpaͤterhin Gott dafuͤr auf den Knieen danken, daß er ihre damalige Bitte nicht erhoͤrt, weil ſie die Gewaͤhrung derſelben offenbar wuͤrde ungluͤck⸗ lich gemacht haben. Darum wir armen Wuͤr⸗ mer, Menſchen genannt, die wir uns blaͤhen, als haͤtten wir ſchon ein Paar Milchſtraßen ge⸗ ſchaffen, und die wir ſo blind ſind, als die Rau⸗ pen, und ſo gar erbaͤrmlich, daß, thun wir die Augen zu, man auch keinen falſchen Groſchen fuͤr uns gibt, darum ſollten wir vor der Zeit uͤber nichts ſehr jubeln, aber vor der Zeit auch uns nicht graͤmen und ſorgen und muͤhen, ſondern Dem vertrauen, der in der Minirraupe, die noch nicht die Staͤrke eines Haars erreicht, ein Gebaͤude von vier tauſend ein und ſechzig Mus⸗ keln*) zuſammengeſetzt, und nebenbei Millio⸗ nen Rieſenleuchtkugeln geſchaffen hat, unter de⸗ nen unſer Erdbaͤllchen eine der kleinſten iſt. *) Lyonet traité anatomique Chap. 7. 8. 9. 10. Doch— damals dachte ich an das Alles nicht. Es ſollten groͤßere Dinge kommen, um mir das in die Arme zu fuͤhren, dem ich hier mit Courierſchnelle aus dem Wege fuhr; es mußten Throne erſchuͤttert, Voͤlker gegen Voͤlker aufgeboten, Schlachten geſchlagen, und die halbe Welt in Noth und Verzweiflung geſtuͤrzt wer⸗ den, um zu dem Ziele zu gelangen, vor dem ich hier floh, als triebe mich ein boͤſer Geiſt von hinnen. 16. Ich nahm meinen Ruͤckweg in meine gegen⸗ waͤrtige Heimath, uͤber die Reſidenz, verfuͤgte von hieraus, wegen der, mir durch die Frau mit den Kaͤlbchen zu Ohren gekommenen Bedruͤckun⸗ gen meiner Unterthanen, die ſtrengſte Unterſu⸗ chung gegen meinen Pachter Schlempe, und ging nun auf Kundſchaft aus, um uͤber die Ge⸗ ſellſchaft unter der Bluͤthlebener⸗Linde das Naͤhere zu erfahren. Allein alle Bemuͤhungen waren lles um hier es lker albe wer⸗ ich von 141 fruchtlos; ich beſchrieb Jedes aus jenem froͤhli⸗ chen Zirkel, und vor allem das gefeierte Idol meines Herzens, die himmliſche Tina, den Toͤch⸗ tern in dem mir befreundeten Hauſe des Kon⸗ ſiſtorialpraͤſidenten ſo umſtaͤndlich, daß ſie das Engelskind haͤtten malen koͤnnen muͤſſen; aber anſtatt mir den Gefallen zu thun, zogen ſie uͤber mich und meine ſuͤße Unbekannte mit ſo grimmigem Witze her, daß ich Gott dankte, wenn ſie nur aufhoͤrten, davon zu ſprechen, und alle weitere Erkundigungen einſtellte, um mich und meine heimliche Leidenſchaft nicht auch an⸗ dern lieb⸗ und herzloſen Menſchen zum Stich⸗ blatte ihres Geſpoͤttes hinzugeben. Die Konſiſtorialpraͤſidentin, eine Jugend⸗ freundin meiner verklaͤrten Mutter, verwieß ih⸗ ren muthwilligen Toͤchtern, Pauline und Ber⸗ tha, ihre Unmenſchlichkeit oft, aber immer mit einer Miene, als ob ihr die Qual, die ſie mir anthaten, ſelbſt tauſend Spaß mache; endlich aber, da die beiden kleinen Hexen jede Gelegen⸗ heit vom Zaune brachen, mich bis auf das Blut zu peinigen, und ich mich recht ernſtlich zu aͤr⸗ gern anfing, daß ich dieſe Quäͤlgeiſter in die heiligſten Geheimniſſe meines Herzens hatte blicken laſſen, gebot ſie, mich nicht laͤnger zu necken, und meinte, daß, ſo viel ſie von meiner Mutter wiſſe, mir etwas ganz Anderes beſchie⸗ den ſey, denn dieſe habe in einer traulichen Stunde ihr mitgetheilt, daß meine dereinſtige Verbindung mit Coͤleſtine von Walldow, der Tochter ihrer treueſten Freundin, ihr einziger Wunſch ſey, und daß ein guter Sohn den ſo gut gemeinten Wunſch einer ſo guten Mutter gern erfuͤllen werde. Daraus wird nichts, platzte ich heraus: eher des Teufels Großmutter, als dieſen ſchmachten⸗ den Schwamm⸗ und Thraͤnenpilz. Alle Drei ſahen mich an, als trauten ſie ihren Ohren oder meinen Sinnen nicht. Kennen Sie die Walldow, fragte ich, durch die drei ſtaunenden Geſichter ein wenig ſtutzig geworden. „Als Kind habe ich ſie geſehen, ſeitdem nicht wieder,“ entgegnete die Mutter:„aber uͤber ihren Liebreiz, uͤber ihre Herzensguͤte, uͤber ihre vollendete Bildung, iſt nur eine Stimme; der Fuͤrſt ſelbſt, der neulich in Buͤchenbruch gewe⸗ ſen, iſt von dem Maͤdchen ganz entzuͤckt.“ Die Fuͤrſten haben zuweilen auch einen ku⸗ rioſen Geſchmack, erwiederte ich, durch die Ver⸗ ſicherung, daß man Seeleſtchen ſo gut, als nicht perſoͤnlich kannte, wieder dreiſter geworden: mei⸗ netwegen kann ſie einen Prinzen von Bagdaoo⸗ 1o*) heirathen, ſo ein albernes widriges Ding hat die Sonne noch nicht beſchienen. „Albern,“ fiel Pauline hoch verwundert ein: „mein Gott! ſie ſoll ja die erſte Naturkundige ſeyn, man erzaͤhlt Wunderdinge von ihrem Ver⸗ ſtande, von ihren Kenntniſſen. Sie ſoll zum *) Der Mittelpunkt aller Gebirge in Hochaſien. 144 Beiſpiel eine Schmetterlingſammlung haben, die— ℳ Ob meine Frau weiß, fiel ich ihr aͤrgerlich in's Wort: daß die Tagfalter an zwei zuruͤckge⸗ bogenen Freßſpitzen einer aufgerollten Zunge und keulfoͤrmigen Fuͤhlhoͤrnern, zu erkennen ſind, oder nicht, das i*ſt ganz einerlei. Fraͤulein Walldow kann alle Trojaner*) und Achier, alle Helikonier, Parnaßier und Danaiden, von ganz Batavia, Amboina und Sumatra einfangen; nur auf den Fluͤgeln meiner Freiheit laſſe ſie den goldigen Purpurſtaub unangeruͤhrt. „Ewig Schade,“ unterbrach mich Bertha etwas ſpitzig:„daß Sie ſich einander nicht ge⸗ fallen wollen; Sie ſind, wie wir hoͤren, ein be⸗ wanderter Entomologe; was waͤren Sie Beide fuͤr ein allerliebſtes Schmetterlingspaar ge⸗ worden!“ Und Sie, entgegnete ich, im Stillen uͤber —— *) Bekanntlich die Familien der Tagfalter. ſchen, ſechszehnjaͤhrigen Satans ergrimmt: „haͤtte ich dann gern an den ſeligen Englaͤnder Harvey verheirathet, der die Entdeckung machte, daß der Blutumlauf die allererſte Bedingung des Lebens iſt, denn Sie koͤnnen mit ihrer Ma⸗ nier wahrhaftig machen, daß einem das Blut im Herzen ſtockt. Laſſen Sie die Walldow die erſten Entomologen der Welt, einen Swam⸗ merdam, einen Sepp, einen Esper, oder einen Schmetterling ſelber heirathen, ich mag ſie nicht. 17. Ich fuhr nach Hauſe, und wußte ſo viel, als vorher; nein, ich wußte weniger und mehr. Weniger, weil ich nicht begreifen konnte, wie meine Mutter mir ein ſolches Liebesvermaͤchtniß, als das Buͤchenbrucher war, hatte hinterlaſſen koͤnnen, und wie es moͤglich war, daß ein ſol⸗ ches koͤſtliches Maͤdchen, als Tina unter der 10 die berechnete Bosheit des kleinen, wunderhuͤb⸗ Linde, nicht von allen Menſchen in der Reſi⸗ denz gekannt ſeyn ſollte, denn ſie war ja die ſchoͤnſte unter den hauptſtaͤdtiſchen Schoͤnen. Mehr, viel mehr aber, weil mir nun klar vor der Seele ſtand, wie das Maͤdchen ſeyn, denken, fuͤhlen, handeln mußte, dem ich dereinſt meine Hand bieten wollte. Nur dieſem— und kei⸗ nem andern Maͤdchen in der ganzen Welt ge⸗ lobte ich mir, zu gehoren; denn je weiter mich mein Wagen von ihr trennte, je mehr Zeit zwi⸗ ſchen den ſeligen Augenblick unter der Linde und die Gegenwart trat, in deſto hellere und be⸗ ſtimmtere Umriſſe trat ihr liebes Bild vor meine Phantaſie. 18. Ich kam in meinem Wohnſitze an; aber niemand kannte mich wieder. Sonſt, aus einer Geſellſchaft in die andere rauſchend, und allen Holdinnen des Orts eigengehoͤrig, ſuchte ich jetzt die ſtillſten Spaziergaͤnge auf, und bekuͤmmerte * Reſi⸗ a die oͤnen. er vor nken, meine d kei⸗ lt ge⸗ rmich t zwi⸗ de und nd be⸗ meine aber s einer d allen ich jetzt nmerte 147 mich um die Grazien meiner Umgebung ſo we⸗ nig, als um meine Freunde.„Er hat den Spleen,“ ſagten die Einen;„er trauert um die Mutter,“ die Andern;„er iſt verliebt,“ die Dritten, und alle Drei hatten Recht. Die Schweſter unſers Regierungdirektors, ein ver⸗ ſtaͤndiges Maͤdchen von ganz geſetzten Jahren, nahm mich abſonderlich in das Gebet, aber die Konſiſtorialpraͤſidentenkinder hatten mir mit ih⸗ ren heilloſen Stichelreden das Herz ſo wund ge⸗ macht, daß ich nicht den Muth hatte, es noch einmal aufzuſchließen, und ſein Heiligſtes vor einer Evenstochter zu offenbaren; ich draͤngte alſo alle meine Entzuͤckungen und mein Weh, meine Seligkeit und meinen Schmerz in mich ſelbſt zuruͤck, und brachte ſo die Flamme im ver⸗ ſchloſſenen Raume zu einer ſolchen Gewalt, daß ich mir am Ende ſelber vorkam, wie eine leben⸗ dige Humphrey'ſche Dampfmaſchine, die Strom auf und Strom ab, Tag und Nacht, ſchwer und leicht, gegen Wind und Wetter, ſonder Ruhe 10*† und Raſt, fort und fort treibt, und mit ewig —— zehrendem Feuer den Brennſtoff aus der Tiefe des Erdballs in die unſtaͤten Luͤfte verfluͤchtiget. 19. Die Schrecken der Zeit brachten mich end⸗ lich wieder zu mir ſelbſt. Ungeheure Maſſen feindlicher Schaaren waͤlzten ſich uͤber unſre Ge⸗ genden, und ſtroͤmten der Reſidenz zu. Mir ward von Seiten meines Vorgeſetzten der Auf⸗ trag, dorthin zu eilen, um der Behoͤrde beigeord⸗ net zu werden, welche die Kriegsangelegenhei⸗ ten zu beſorgen hatte. Der Sprache maͤchtig, ward ich gewoͤhnlich, zu Erledigung muͤndlicher Aufträge, an den feindlichen Marſchall geſandt, der den Befehl uͤber ſaͤmmtliche Truppen in der Reſidenz fuͤhrte, und dieſer zog mich bei ſolchen Gelegenheiten immer zur Tafel, welche auf Ko⸗ ſten meines ungluͤcklichen Vaterlandes taͤglich mit ſardanapaliſcher Verſchwendung beſetzt ſeyn mußte. Faſt nie ging ein Mittag vorbei, daß den das hin eber heit deu mei und ſche Fei ſaß das ſchr Koc die zu dem blitz Lech 149 ich nicht mehrere Male, in ſtiller Wuth, uͤber den unertraͤglichen Uebermuth knirſchte, womit das fremde Geſindel ſich den keckſten Hoffnungen hingab, und von ſeinen kuͤnftigen Siegen in dem eben wieder eroͤffneten Feldzuge mit einer Keck⸗ heit ſprach, als waͤre kein deutſches Herz, keine deutſche Fauſt mehr auf der Welt. Verworfene meines Volks, die in feindlichem Solde ſtanden, und an der Schweiß⸗ und Bluttafel des Mar⸗ ſchalls ſchmarotzten, oder Canaillen, die ſich dem Feinde als Lieferanten anboten und aufdraͤngten, ſaßen mir gegenuͤber, und aßen und tranken in das letzte Mark meines Vaterlandes hinein, als ſchmeckte das Geſammtwerk der franzoͤſiſchen Kochkunſt hier noch einmal ſo gut, da es durch die deutſchen Thraͤnen der Ungluͤcklichen, die da⸗ zu beiſteuern mußten, gewuͤrzt worden. Um dem Marſchall und ſeinem, in unſerm Golde blitzenden Gefolge fuͤr den Genuß der feinen Leckereien auch etwas zu bieten, warfen ſie mit den ekelhafteſten Schmeicheleien um ſich, und erzaͤhl⸗ ten eine Menge kurzweiliger Stadt⸗ und Fami⸗ liengeſchichten aus der Reſidenz und den Pro⸗ vinzen, die natuͤrlich alle auf Koſten der Beſpro⸗ chenen zum Beſten gegeben wurden, und durch deren Mittheilung die Zuhoͤrer von einer Menge heimlicher Schwaͤchen in Kenntniß geſetzt wurden, welche dieſe ausgelernten Teufel recht gut zu benutzen verſtanden. Ich mußte bei dergleichen Geſpraͤchen, die mir immer das Herz zerriſſen, oft vor Groll und Aerger Meſſer und Gabel weglegen; aber das bruͤllende Gelaͤchter, womit die giftigen Neuig⸗ keitkraͤmer gewoͤhnlich von dem Offizierkorps des „Marſchalls beehrt wurden, uͤbertoͤnte meine Be⸗ theuerungen, daß die eben vorgetragene Geſchichte entweder gar nicht, oder nur halb wahr ſey, und machte ich einem der ſchaͤndlichen Zutraͤger ſelbſt, im Uebermaße meines Unwillens, Vorwuͤrfe uͤber ihre Unbeſonnenheit, die Schwaͤchen dieſer oder jener Familie den Feinden ſo lieblos blos gegeben zu haben, ſo erwiederten ſie laͤchelnd: rerer leuch ange von bere Tag dem war in Dey rund geſp l und r das teuig⸗ 's des e Be⸗ chichte , und ſelbſt, wuͤrfe dieſer s blos chelnd: „Laſſen Sie doch das, die Herren haben gern ihren Spaß, und— ſie kennen ja die Leute nicht, wenn auch einmal deren Name genannt wird.“ Die Nachricht von einem eben gewonnenen Siege, der weit bedeutender ausgeſprengt ward, als er wirklich war, veranlaßte den Marſchall, ein großes Feſt zu geben, verſteht ſich, wieder auf Koſten der Stadt. Mittagstafel von meh⸗ reren hundert Gedecken, Ball, Feuerwerk, Be⸗ leuchtung der Stadt, kurz Alles ward weitlaͤufig angeordnet; und gewoͤhnlich ward uͤber Tiſche von den Fortſchritten geſprochen, die in den Vor⸗ bereitungen zu dem nahen Feſte von Tage zu Tage gemacht worden waren. Ein Oberſt, dem die Anſtalten zu dem Balle uͤbertragen waren, berichtete immer mit vieler Laune, was in den letzten 24 Stunden im Bezirke ſeines Departements geſchehen, und die ganze Tiſch⸗ runde hoͤrte ſeinen Vortraͤgen jedesmal mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu. 152 Eines Mittages— die erſten Familien wa⸗ ren zu dem Balle geladen worden— Eines Mittags meldete er, daß die Ordonanz eben von Buͤchenbruch mit abſchlaͤgiger Antwort eingetrof⸗ fen ſey. Ich horchte hoch auf, er hatte ein Blatt Papier in der Hand, warf einen fluͤchtigen Blick hinein, und wollte es wieder in die Brieftaſche legen. „Iſt die Antwort ſchriftlich da?“ fragte der Marſchall, und ſtreckte den Arm nach dem Blatte aus. „Ja,“ entgegnete der Oberſt verlegen:„es iſt aber eine Frauenhand, und vielleicht etwas ſchwer zu leſen.“ „Geben Sie her,“ ſagte der Marſchall, und der Oberſt gab ihm das Blatt, aber mit einem Geſichte, als ſey ihm nicht lieb, es ihm reichen zu muͤſſen. Der Marſchall las: wa⸗ Lines von etrof⸗ Blatt Blick taſche ragte dem „es etwas „ und einem leichen 153 Monsieur!*) Je ne puis repondre à l'honneur, que me fait Monsieur le Maréchal en m'invitant au bal qusil va donner. Mes Parens étant ab- sents ne peuvent m'y accompagner, et il se- roit indécent, qu'une Demoiselle assiste seule dans un bal d'Officiers. D'ailleurs, si mes Parens étoient ici, nous ne voudrions et ne pourrions jamais prendre part aux fètes, que vous donnez, car il est impossible de célé- brer des victoires, qui font couler tant de larmes à notre malheureuse parrie. *) Mein Herr! Die Einladung Ihres Herrn Marſchalls zu dem bevorſtehenden Balle, kann ich nicht die Ehre haben anzunehmen, einmal, weil meine Eltern verreiſ't ſind, und es, wen aſtens hier zu Lande, nicht Sitte iſt, daß ein Maͤdchen allein auf einem Offizier Ball erſcheint; und dann, weil, wenn auch meine Eltern zugegen waͤren, wir Ihren veranſtalteten Feſten nicht beiwohnen wuͤrden. Die Siege, woruͤber un⸗ ſer ungluͤckliches Vaterland weint, koͤnnen Monsieur le Maréchal peut avec son Ar- mée, nous rendre pauvres et misérables, mais il ne sauroit nous obliger à participer à ces fétes, et à nous rejouir, quand nos coeurs sont affliges. Au reste— il me paroit, qu'un homme, qui occupe une des premières places de la soi- disant grande Nation, mon- tre peu de delicatesse et de générosité, en ordonnant à nos fraix, la ceélébration d'un evénement, qui a fait répandre tant de sang inutiliment, qui a couté la vie à plusieurs milliers de nos freres, et qui enfin nous fait ——— wir nicht feiern helfen. Ihr Herr Marſchall kann uns mit ſeiner Heeresmacht arm und elend machen, aber er kann uns nicht zwin⸗ da uns zu freuen, wo unſer Herz blutet. on einem Manne, der zu den erſten ſeiner ſogenannten großen Nation gehoͤrt, finde ich es klein und unedel, auf unſre Koſten, Feſte aͤber ein Ereigniß auszuſchreiben, bei dem Tauſende unſrer Bruͤder und Freunde, nutz⸗ los, Blut und Leben, und wir abermals die bles, er à eurs roit, dres ꝛon- en d'un ang eurs fait chall und win⸗ utet. iner 2 ich Feſte dem nutz⸗ perdre à jamais Pespérance de pouvoir secouer le joug, et nous débarasser du fardeau, qui accable notre malheureux pays. Non— une Dame qui pourra danser à un bal pareil, ne peut éêtre une véritable Allemandę. à Büchenbruch le—— Célestine de Walldow. Der Marſchall gluͤhte vor Zorn. Ich war mit dem Maͤdchen ausgeſoͤhnt; was gingen mich ihr Strumpf, ihre Naͤhterei, ihr Lispeln, ihr ſchmachtendes Weſen an; das Maͤdchen, das den Muth gehabt hatte, einem feindlichen Hoffnung verloren haben, das eiſerne Joch abzuſtreifen, das mein ungluͤckliches Vaterland tief niederbeugt. Die Taͤnzerin, die auf dieſen Ball koͤmmt, kann keine redliche Deutſche ſeyn, Buͤchenbruch u. ſ. w. Coͤleſtine v. Walldow⸗ 156 Oberſten dieſen Brief zu ſchreiben, fuͤhlte, was die Ehre werth war, ein deutſches Maͤd⸗ chen zu ſeyn. An ihrer Gewandtheit, ſich in der fremden Sprache auszudruͤcken, ſah man, den fatalen Wiſch im Gartenſaale dagegen hal⸗ tend, daß das arme Ding beſſer franzoͤſiſch als deutſch zu ſchreiben verſtand. „Coͤleſtine v. Walldow,“ ſagte der Mar⸗ ſchall wegwerfend, und legte die Fauſt geballt auf den Tiſch:„kennt Jemand die Naͤrrin?“ „Man macht viel von ihrer Schoͤnheit, Ewr. Durchlaucht“— hob einer meiner Nach⸗ barn ſchmunzelnd an, eine Beſtie, die heute eben einen großen Vorrath von verſteckten va⸗ terlaͤndiſchen Kriegsbeduͤrfniſſen dem Marſchall fuͤr ein gut Stuͤck Geld verrathen hatte—„in⸗ deſſen iſt die nicht weit her. Aber eine feine Erziehung iſt da, und die patriotiſche Heilige hat ſeltſame Kenntniſſe; ſo ſchaͤtzt man z. B. ihre Schmetterlingſammlung mehrere tauſend Tha⸗ ler an Werth. Der Vater gehoͤrt zu den reich⸗ 157 ſten Maͤnnern im Lande; aber er koͤnnte— man weiß ja, wie es anderwaͤrts in landesherr⸗ lichen Forſten bei Holzverkaͤufen im Großen her⸗ zugehen pflegt— er koͤnnte, ſage ich, noch viel reicher ſeyn, wenn er in ſeinen Dienſtverhaͤltniſ⸗ ſen, nicht ſo pedantiſche beſchraͤnkte Anſichten haͤtte. Wackere Maͤnner hieſigen Orts, große bedeutſame Holzhaͤndler haben ihm recht reſpek⸗ table Antraͤge gemacht, deren ſich, weiß Gott, kein Oberforſtmeiſter zu ſchaͤmen braucht, aber“— „Alſo, das Schmetterlingsweſen,“ fiel ihm der Marſchall immer noch braunroth vor Bos⸗ heit in das Wort:„iſt der Mamſell ihre Paſ⸗ ſion? Colonel!“ rief er einem Offizier ſeines Generalſtabes zu, der vorzugsweiſe mit der Dis⸗ lokation der Truppen beauftragt war,„das*rſte Dragonerregiment ſoll morgen nach Buͤchenbruch aufbrechen; die Dragoner ſind, wie ich weiß, auch Freunde von den Schmetterlingen—— Sie verſtehen mich, uͤbrigens ſollen es ſich die wak⸗ kern Soldaten bei dem Fraͤulein wohl ſeyn laſ⸗ ſen; will das einfaͤltige Ding nicht mit uns tan⸗ zen, ſo mag es ſich mit den Dragonern diverti⸗ ren. Treffen Meldungen von Exceſſen etwa ein, ſo iſt diesmal keine Zeit, dergleichen Lappa⸗ lien zu unterſuchen.“ Alles lachte roh auf. Ich haͤtte dem Mar⸗ ſchall das Meſſer, das ich heitnlich knirſchend um⸗ krampfte, in die verruchte Bruſt ſtoßen moͤgen. Das genannte Regiment war eins der be⸗ ruͤchtigtſten der feindlichen Armee, von dem beſ⸗ ſern Theile derſelben ſelbſt verabſcheut. Wo es durchmarſchirt war, hatten Mord, Raub, Brand, Schaͤndungen, und alle erſinnliche Frevel deſſen hoͤllſche Spur bezeichnet. Was war nicht Alles von dieſer Beelzebubsbrut zu befuͤrchten, wenn ihr, wie hier geſchah, freies Spiel, oder vielmehr der Befehl gegeben ward, nach eigenen Luͤſten und nach Willkuͤhr zu ſchalten. Walldows Haus war meiner Mutter be⸗ freundet geweſen; konnte ich den Willen meiner Mutter in Hinſicht auf Coͤleſtinen auch nicht er⸗ mil ten haͤt ihre und wa ſter ſche wa na Ka flo tan⸗ verti⸗ etwa appa⸗ Mar⸗ dum⸗ oͤgen. er be⸗ mbeſ⸗ Vo es rand, deſſen Alles wenn mehr uſten r be⸗ reiner öt er⸗ . 159 fuͤllen; ſo hielt ich es doch fuͤr Pflicht, die Fa⸗ milie zu ſchuͤtzen, ſo viel meine Kraͤfte vermoch⸗ ten. Auch ohne alle andre Nebenverhaͤltniſſe haͤtte mich des Maͤdchens Brief beſtimmt, fuͤr ihre Ehre und fuͤr das Wohl ihrer Familie, Hab und Gut, Blut und Leben einzuſetzen. Dies war, in jenem gyraͤßlichen Zeitpankte unſerer tief⸗ ſten Schmach, jeder Deutſche jedem ſolchen deut⸗ ſchen Maͤdchen ſchuldig. Der Stuhl brannte unter mir. Endlich ward die Tafel aufgehoben; ich eilte nach Hauſe, nahm an baarem Gelde zu mir, was meine Kaſſe vermochte, warf mich auf das Pferd, und flog nach Buͤchenbruch. 20. Die Eltern waren, wie das Fraͤulein geſchrie⸗ ben, ſeit mehrern Tagen verreiſ't; ſie hatten, bei der Entlegenheit ihres Gutes von der Militaͤr⸗ ſtraße, die Moͤglichkeit einer Einquartierung gar nicht geahnet. Das Fraͤulein ſelbſt hatte ſich, ——— — wie mir ein alter Jaͤger, der im Schloſſe inzwi⸗ ſchen den Aufſeher machen ſollte, erzaͤhlte, gleich nach der Abſendung des Billets, abſichtlich oder zufaͤllig, in den Wagen geſetzt, und war zu ei⸗ ner Bekannten gefahren. Ich mußte mich dem Alten vertrauen. Der graubaͤrtige Knabe war in fruͤher Jugendzeit Scharfſchuͤtze geweſen; er wußte, wie es im Krie⸗ ge zugeht; und ich hatte daher leichtes Spiel, ihm meinen Plan begreiflich zu machen. Ich nannte ihm meinen Namen, und die Aehnlich⸗ keit meiner Geſichtszuͤge mit denen meiner Mut⸗ ter, war bei ihm meine Beglaubigung. Jetzt raſch zur Sache, begann ich zum Al⸗ ten: denn morgen bei guter Zeit, koͤnnen die ver⸗ fluchten Dragoner ſchon hier ſeyn. Mehrere Meilen von hier ſind, wie ich durch ſichre Kund⸗ ſchaft weiß, geſtern Abend ſchon Koſaken ſicht⸗ bar geweſen. Kannſt Du Dich, Alter, auf die Leute hier im Schloſſe und im Dorfe ver⸗ laſſen?“ nzwi⸗ gleich ) oder zu ei⸗ Der ndzeit Krie⸗ Spiel, Ich onlich⸗ Mut⸗ n Al⸗ ie ver⸗ tehrere Kund⸗ ſicht⸗ „ auf fe ver⸗ 161 „Wie auf mich ſelber, gnaͤdiger Herr,“ ſag⸗ te der Graukopf. Gut denn, erwiederte ich: ſo pluͤndern wir hier uns ſelbſt, ſtecken ein Paar Scheunen oder Staͤlle in Brand, und— Der Alte ſtutzte, und trat ſtaunend drei Schritte zuruͤck; als ich ihm aber aus einander ſetzte, was ich damit beabſichtigte, ging das Werk mit Freuden vor ſich. Habt Ihr Geld oder Schmuck oder andere, leicht fortzuſchaffende Sa⸗ chen vom hohem Werthe hier? fragte ich, aber der Alte ſchuͤttelte mit dem Kopfe, und ich aͤr⸗ gerte mich, daß ich gefragt hatte, denn wenn ich an die Wildprethändlergeſchaͤfte gedacht, haͤtte mir wohl beifallen ſollen, daß ſchon damals der Oberforſtmeiſter in großen Geldnoͤthen war. Aules Vieh ward in die Waͤlder getriebens Alles was irgend von einigem Werthe war, vor⸗ zuͤglich aber das in ſeiner Art einzige Schmetter⸗ lingskabinet, in einen entlegenen Felſenkeller ge⸗ ſchafft; mehreres alte Geraͤthe zertruͤmmert; ei⸗ 11. 162 nige ohnehin unbrauchbare Oefen niedergeriſſen; verſchiedene ſchon geſprungene Fenſterſcheiben zerbrochen; und als am andern fruͤhen Morgen die gefuͤrchtete Horde nach dem Bericht unſerer ausgeſtellten Kundſchafter, im Anmarſche war, ging ein kleiner, abgelegener, verfallener Schaf⸗ ſtall, in Feuer auf. 21. „Mit wildem Gebruͤll kam das Hoͤllenregi⸗ ment, kaum 300 Pferde ſtark, angeſprengt. „Freß, Sauf und Mammſell!“ waren die drei Requiſitionscommando's, womit ſie abſa⸗ ßen. Ich hatte fuͤr Eſſen und Trinken geſorgt, und empfing den Anfuͤhrer der Bande mit Faſſung und Anſtand. Er fragte vor Allem, was das fuͤr ein gro⸗ ßes Feuer hinter dem Gebuͤſch ſey, und ich erzaͤhlte ihm nun von den Greueln, die ein Pulk Koſaken, dieſe Nacht bei uns veruͤbt, mit ſol⸗ cher Lebendigkeit, daß jedes Wort in das Ge⸗ — — — en; ben gen erer var, ———— 163 ſindel einſchlug. So ungeſtuͤm ſie gekommen, ſo ſtutzig wurden ſie jetzt. Die zerbrochenen Scheiben, die Truͤmmern des Geraͤthes, die ich bis auf den Hof hatte herausſchleppen laſſen, die leeren Zimmer und Staͤlle, welche, gleich nach dem Abſitzen, mehrere Dragoner durch⸗ ſchniffelt hatten, waren ſtumme aber ſehr bered⸗ te Zeugen meiner Klage. „So hat die Canaille doch nicht gelogen,“ ſagte der Anfuͤhrer zu einem der Offiziere, und wendete ſich darauf zu mir, und erzaͤhlte halb lachend, daß er heute Morgen erſt einen Wan⸗ derburſchen habe erſchießen laſſen, weil dieſer, wie er, der Anfuͤhrer geglaubt, blos um ſeine Dra⸗ goner zu entmuthigen, ausgeſprengt habe, Ko⸗ ſaken hier in der Naͤhe geſehen zu haben.“ Ich dankte ihm, daß er zu unſrer Rettung gekommen, und ſetzte hinzu, daß wir dem Herrn Marſchall um ſo mehr verbunden fuͤr den gnaͤdigen Schutz waͤren, als er uns gerade die⸗ ſes Regiment geſandt, das brav genug waͤre, 11*† 164 den noͤthigen Widerſtand zu leiſten, auch ſelbſt wenn es wahr ſeyn ſollte, daß, wie die Koſaken, von denen einige etwas deutſch geſprochen, ſich geaͤußert, heute noch ein Corps von tauſend Pferden hier eintreffen ſolle. Der Anfuͤhrer warf mir hohnlaͤchelnd hin, daß er nicht zum Schutze des alten Schloſſes hieher geſchickt ſey, ſondern—— blos um eine Rekognoscirung zu machen, ſtellte ſich dann mit ſeinen Offizieren zuſammen, und aus ihrem ſehr heftig werdenden Wortwechſel entnahm ich, daß ſie graͤulich auf den Marſchall ſchimpften, der ihr Regiment nie leiden gekonnt, und der gewiß recht gut gewußt, daß der Feind hier in der Naͤhe ſey, und ſie, unter dem Vorwande, mit einem deutſchen Fraͤulein muthwillige Kurz⸗ weil zunkkeiben, hieher gejagt habe, um mit den vermaledei'ten Koſaken anzubmden. Alle ka⸗ men darin uͤberein, ſich hier ruhig zu verhalten, und den Soldaten keine Exceſſe zu erlauben, theils um die Mannſchaft beiſammen und in 765 Ordnung zu behalten, theils um die Einwohner nicht gegen ſich aufzubringen, die durch derglei⸗ chen Neckereien*) gereizt, ſich dann, wenn die angeſagten 1000 Koſaken wirklich kommen ſollten, leicht zu ihnen ſchlagen, und die feindli⸗ che Streitmaſſe vermehren koͤnnten. unterdeſſen unterhielten ſich die umſtehenden Dragoner mit den Knechten und Balern, und ich bewunderte die Schlauheit, womit letztere in ihrer Rolle blieben, und die Geſchicklichkeit, wo⸗ mit ſie in gebrochenem Deutſch die Dragoner unterhielten; wenn dieſe z. B. ſagten:„Koſak viel ſchlimm!“ antworteten die Bauern gewoͤhn⸗ lich:„o viel ſchlimm; viel ſchlimm, immer ge⸗ ſchrien, Franzos kaput, Franzos kaput.“ Sie erzaͤhlten nun von der verwichenen Nacht, logen dreimal beſſer, als ich, und ſchnitten, um den —— *) Agaceries— ſo nannten die Unmenſchen den unſchuldigen Scherz, zu ſengen und zu bren⸗ nen, zu rauben und zu morden. 166 merklichen Abgang an Sprachkunde durch Panto⸗ mine zu erſetzen, ſolche graͤuliche Geſichter dazu, daß den Dragonern gruͤn und gelb vor den Augen wurde. Mein alter Graukopf war abhanden gekom⸗ men, auch vermißte ich einige Jaͤgerburſche, den Gaͤrtner und zwei Schreiber; gerade die, welche zuvor das beſte Mundwerk gehabt hat⸗ ten; und im ganzen Schloſſe, wie im Dorfe, war kein Frauenzimmer zu ſehen; die Drago⸗ ner erkundigten ſich zwar hie und da nach„uͤbſe Mamſellen,“ aber die Bauern, die nun recht gut merkten, wie viel ſie den Patronen bieten konnten, betheuerten, daß die Koſaken Alles, was nur Frauenzimmer geheißen, und eine Schuͤr⸗ ze getragen, mitgenommen und vor ſich her ge⸗ trieben haͤtten, wie das liebe Vieh, Alles weit weg, weit weg, in die kalte Rußland. 22. Ich ließ jetzt Fruͤhſtuͤck auftragen, erzaͤhlte beilaͤufig den Offizieren, daß dies eigentlich fuͤr 167 ko⸗ die Kaſaken habe bereitet werden muͤſſen, daß ſie aß aber eben, als ſie es haͤtten verzehren wollen, de. Ordre bekommen haͤtten, aufzubrechen, und be⸗ m⸗ dauerte, daß das Regiment nicht einige Stunden he, fruͤher eingetroffen waͤre, wo es den ruhmlichſten ie, Sieg uͤber dieſe aſiatiſchen Wilden davon getra⸗ at⸗ gen haben wuͤrde. fe, Der Dorfſchneider, ein abgefeimter Burſche, go⸗ theilte dem Trompeter, der eben neben ihm ſtand, in bſe dieſem Augenblicke die Verſicherung mit, daß cht die Sorte Koſaken, die jetzt herausgelaſſen wor⸗ ten den, die allerſchlimmſte ſeyn muͤſſe; denn ihrer les, vier haͤtten heute Morgen des Schaͤfers Kind uͤr⸗ draußen, wo das Feuer ſey, mit Haut und Haar ge⸗ lebendig aufgefreſſen, daß auch kein Knoͤchelchen eit übrig geblieben waͤre, und hierbei ſchrie der doͤrf⸗ liche Kleidermacher, weil der Trompeter nicht Alles zu verſtehen ſchien, mit Aufopferung ſei⸗ ner hektiſchen Schneiderlunge, ſo entſetzlich, daß hlte 4 die Offiziere durch den Vortrag der Mordgeſchich⸗ te, und die heftigen, den ganden Hergang des 168 Kindesfraßes deutlich verſinnlichenden, Gebehr⸗ den des Scheerenkuͤnſtlers aufmerkſam gemacht, mich erſuchten, ihnen die Rieſenluͤge zu ver⸗ dolmetſchen. Zum Gluͤcke betheuerte die ganze Gemeine die Wahrheit jedes meiner Worte, wovon ſie keine Sylbe verſtand, durch vielfaͤltiges Kopf⸗ nicken, ſo daß ich mich ziemlich kurz faſſen konn⸗ te, denn das Lachen uͤberraſchte mich ſo gewal⸗ tig, daß ich vor den beſtuͤrzten fremden Herren beinahe heraus ausgeplatzt waͤre. 23. Man biwachtete auf dem Hofe; der Vor⸗ platz vor dem Schloſſe, wo man einen ziemlichen Theil der Umgegend uͤberſehen konnte, wurde zum Speiſeſaal gewaͤhlt, doch ließ der Anfuͤhrer, ehe er ſich ſetzte, einige Patrouillen ausgehen und die Wege mit kleinen Vorpoſtenabtheilun⸗ gen beſetzen. Auch wer Lavaters Phyſiognomik und Blu⸗ — —— menbachs Unterſuchungen uͤber die verſchiedenen Phyſiognomieen der Voͤlker, nicht geleſen hatte, ſah den Leuten, die jetzt als Vedetten und Feld⸗ pikets abreiten mußten, keine beſondre Luſt an, Bruſt und Zaͤhne den Barbaren vom Don und Ural zu weiſen. Eine dieſer kleinen Abtheilungen von 5 Mann ritt links den Wieſengrund hinaus, auf gewoͤhnliche Weiſe, einen Dragoner an der Spitze, alle mit geſpanntem Piſtol in der Hand, dem Elſengebuͤſch zu, wodurch die Landſtraße in diejenige Gegend fuͤhrte, wo ſich, nach meinen Nachrichten, Koſaken hatten ſehen laſſen. Wir verfolgten zufaͤllig das Piket mit den Augen, und kaum war es vom Gebuͤſch noch 50 Schritte entfernt, als im Dickig einige Schuͤſſe fielen; in demſelben Augenblicke flogen auch meh⸗ rere Koſaken mit eingelegten Lanzen aus dem Buſchwerk heraus, fingen die Pferde der ſaͤmmt⸗ lich heruntergeſchoſſenen Dragoner auf, und jag⸗ ten damit unter lautem Hurrah davon. 170 Es gibt keine Worte, den entſetzlichen Schreck zu beſchreiben, den die unvermuthete Erſcheinung der aſiatiſchen Spießer uͤber das ganze Exeku⸗ tions⸗Commando hervorbrachte. Die werthe Bauerngemeine ſchrie aus vollem Halſe:„Ko⸗ ſaken, juchhei Hurrah, Koſaken!“ der Trom⸗ peter neben dem Schneider ſollte Allarm blaſen, aber er hatte vor Angſt keine Luft in der Bruſt; Knechte und Jungen kamen mit Heu⸗ und Miſtgabeln aus allen Staͤllen heraus, das Re⸗ giment ſaß in 2 Minuten zu Pferde, und mit hunderttauſend Fluͤchen, unter welchen die Hoͤlle ſich haͤtte aufthun moͤgen, brauſ'ten die gefuͤrch⸗ teten Wuͤthriche, unangeruͤhrten Fruͤhſtuͤcks, zum Hofe hinaus, den Weg zuruͤck, den ſie gekom⸗ men waren. Zwei zuruͤckgebliebene Hallunken, die in den Staͤllen Verſchiedenes geſtohlen, und ſich nicht ſo geſchwind auf die Pferde hatte werfen koͤn⸗ nen, ſchlug die chriſtliche Gemeine mit Knuͤt⸗ teln todt. 24. Das feldfluͤchtige Exekutionsregiment war noch nicht uͤber die Gutsgraͤnzen hinuͤber, als die Koſaken aus dem Gebuͤſche heraus, und auf den Hof geſprengt kamen. Der alte Graukopf, die Jaͤgerburſche, der Gaͤrtner und die Schreiber; derbe Bohnenſtan⸗ gen, ſtatt der Lanzen in den Haͤnden; die zu⸗ verlaͤſſigſten Buͤchſen uͤber den Ruͤcken; tuͤchtige Saͤbel und Hirſchfaͤnger an der Seite; aushuͤlf⸗ liche Handwoͤrterbuͤcher zum Nachſchlagen un⸗ verſtaͤndlicher Redensarten, Knuten genannt, zwiſchen den Zaͤhnen der braun und gelb gemal⸗ ten Geſichter; und ſpitzige Biereſſigfiltrirtrichter von Filz auf den Koͤpfen! Jetzt war die Reihe des Erſchreckens an mir. Ich machte die Raſenden auf die moͤglichen Fol⸗ gen ihres tollkuͤhnen Unternehmens aufmerkſam, aber ich predigte tauben Ohren. „Nur nicht aͤngſtlich, lieber Herr,“ ſagte triumphirend der neue weißkoͤpfige Koſaken⸗ 172 Hetmann:„der Landſturm iſt ſchon uͤberall auf dem Platze; rund um uns herum ſteht Alles un⸗ ter den Waffen; wir duͤrfen unſre Schloßglocke nur ziehen, und in einer Stunde haben wir zwei tauſend bewaffnete, brave Bauern auf den Bei⸗ nen.— Hier, meine Jungen,“ er wies auf ſei⸗ nen Pulk—„Sapperment, die ſind eingeſchoſ⸗ ſen! drei hundert Schritte weit ſchießt Jeder dem Andern den Thaler aus den Fingern, und alle unſre Leute ſtehen, den Schießpruͤgel im Arm, ihren Mann. Dafuͤr iſt auch ein Oberforſtmei⸗ ſter unſer gnaͤdiger Herr. Der haͤlt auf Pulver und Blei, und das iſt jetzt mehr werth, als Manſchetten und Haarbeutel. Laſſen Sie die Menſchenkinder nur wieder kommen.„Mit Gott fuͤr Koͤnig und Vaterland,“ hat der Preuße geſagt, und das iſt ein chriſtlicher Feldſpruch, der jedem deutſchen Manne fein anſteht. Wenn wir nur Alle zuſammen halten, ſoll uns der Waͤlſche nichts anthun, und gaͤb'es ihrer Legio⸗ nen; die Menge macht's nicht. — — 25. Geſchehenes konnte nicht ungeſchehen ge⸗ macht werden. Ich trat daher, um die Men⸗ ſchen nicht durch ferneres Mißbilligen des, nun doch einmal ausgefuͤhrten Streiches zu entmu⸗ thigen, den Anſichten des wackern Alten, der mir aus dem Herzen ſprach, bei, betheuerte, bei ihnen, wofern die Geſchichte Folgen haben ſollte, treulich auszuhalten, und nahm ihnen nur das Verſprechen ab, ferner nichts ohne mein Wiſſen zu thun. Sie gelobten dies gern, dankten fuͤr meine bisherigen Leiſtungen, und waren uͤber die Nachricht, daß ich bei ihnen bleiben wollte, hoͤch⸗ lich erfreut. Zum Lohn ihrer Anſtrengungen, gab ich das dem Feinde beſtimmt geweſene Fruͤhſtuͤck der ganzen Gemeine Preis, wobei denn der Freiheit Deutſchlands, dem Oberforſtmeiſter, ſeiner Familie und mir mancher herzliche Toaſt gebracht ward; ich trank, wie ſich es gebuͤhrte, 154 dagegen dem Wohle der Buͤchenbrucher Koſaken und der ganzen wehrhaften Gemeine, und ward von der Geſammtzahl, fuͤr den Fall der Noth, zum Hauptmann ihres Landſturms einſtimmig ausgerufen. 26. Mein Erſtes auf dem neuen Poſten war, die Erſchlagenen beerdigen zu laſſen, und alle Wege Tag und Nacht mit Reitern zu beſetzen, die den Auftrag erhielten, mir, wenn ſie Trup⸗ penannaͤherung oder ſonſt etwas Auffallendes bemerkten, ſogleich Anzeige zu machen. Auſſer⸗ dem ließ ich den alten Schloßgraben mit Waſ⸗ ſer fuͤllen, die Ketten der Zugbruͤcke in Ordnung bringen, und ſo das Schloß, wenigſtens gegen den erſten Anlauf, in Sicherheit ſtellen; end⸗ lich ſchickte ich einige gewandte Leute zu Pferde aus, um uͤber die Bewegungen der feindlichen Armee auf der einen, und uͤber die vermeint⸗ liche Ankunft der echten Koſaken, genauere *△ 4— *△ 175 Nachricht einzuziehen, und ließ die Frauen und Maͤdchen wieder aus den Waͤldern zuruͤckrufen; die von uns fruͤher bewirkten Zerſtoͤrungen aber blieben, weil, bei vorkommenden Faͤllen, ein verwuͤſtetes Schloß im Kriege immer weniger einladend iſt, als ein im Stande der Sauber⸗ keit und Ordnung erhaltenes. 27. Der alte Jaͤger beehrte, als Sachkenner, meine Vertheidigungsanſtalten mit dem wohl⸗ geneigteſten Beifalle; allein deſſen ungeachtet mußte ich ihm den folgenden Morgen, um der militaͤriſchen Ordnung willen, einen kleinen Ver⸗ weis geben, denn er hatte das Aufziehen der Zugbruͤcke, welches ihm ausſchließend anvertraut war, geſtern Abend viel ſpaͤter beſorgt, als er von mir den Befehl dazu hatte. Er ſchwieg nach altſoldatiſcher Weiſe, in vorgeſchriebener Haltung ſteif vor mir ſtehend, und ein gutmuͤ⸗ thiges Laͤcheln halb verbeißend, als ob er ſagen — 176 wollte:„Nu, nu, nimm es mit der Disziplin auf deinem Buͤchenbrucher Kaſtell nur nicht auch gar zu genau!“ . 28. Denſelben Morgen berichtete mir ein Bur⸗ ſche aus dem Dorfe, der dieſe Nacht auf der Feldwache geſtanden, und eben abgeloͤſ't worden war, daß er geſtern Abend noch ſpaͤt in dem Zimmer des gnaͤdigen Fraͤuleins Licht bemerkt habe, und er wiſſe doch, daß das Fraͤulein ver⸗ reiſ't ſey. Ich ließ den alten Jaͤger kommen, und fo⸗ derte von ihm, der die Schluͤſſel zu allen Stu⸗ ben in Haͤnden hatte, hieruͤber Auskunft, allein dieſer warf meinem Berichterſtatter einen dum⸗ men Jungen in's Geſicht, der am hellen Mit⸗ tage, geſchweige denn ſpaͤt Abends, immer traͤu⸗ me, empfahl ihm, kuͤnftig auf der Feldwache lieber in der Naͤhe herum zu ſehen, als auf des Fräuleins Fenſter, woraus ihm doch kein Feind auf ſich wut waꝛ zu Se ſich und ber bei plin nuch Bur⸗ der rden dem nerkt ver⸗ d fo⸗ Stu⸗ allein dum⸗ Mit⸗ traͤu⸗ vache f des Feind auf den Hals kommen werde, und hieß ihn, ſich am nahen Muͤhlbach, die Augen waſchen. Bei allem dem aber hatte der Alte ſo etwas wunderliches im Geſichte, daß ich aufmerkſam ward, und in das Zimmer des Fraͤuleins ſelbſt zu gehen verlangte. Der alte Jaͤger war ſogleich bereitwillig, die Schluͤſſel zu holen. Er nahm den Burſchen mit ſich, und ließ mich ziemlich lange warten. Endlich kam er, bat mich, ihm zu folgen, und ſchloß des Fraͤuleins Zimmer auf. Ich bemerkte, daß ich bei der Selbſtpluͤnderung, wo beinahe alle Winkel des Schloſſes umgekehrt worden waren, in dieſem Zimmer gar nicht ge⸗ weſen ſey. Er beſtaͤtigte dies, und meinte, es ſey hier ſo gar nichts von Werthe, daß der Feind, ſelbſt wenn er auch hieher gekommen, doch nichts ihm beſonders Auffaͤlliges gefunden haben wuͤrde. Das ganze Gemach war ſo vornehm, ſo 12 geſchmackvoll, ſo einladend eingerichtet, daß ich gar nicht wieder heraus wollte. Nein, hier paßte die dicke, unertraͤgliche Seeleſte nicht her. Ich haͤtte jetzt viel darum gegeben, die widrige Per⸗ ſon nie geſehen zu haben; was haͤtte ich mir fuͤr eine reizende Vorſtellung von der intereſſanten Beſitzerin dieſes Zimmers machen muͤſſen; wie angenehm haͤtte ich mich taͤuſchen koͤnnen! Fluͤ⸗ gel, Guitarre, Stickrahmen, Palette und meh⸗ rere, in einer kleinen Hausbibliothek aufgeſtell⸗ te Buͤcher waren Zeichen von der Zeiteintheilung eines geiſtreichen Maͤdchens auf dem Lande. Zwei ſehr ſchoͤne Zeichnungen nach Claude le Lorrain und Philipp Hackert, in Gouache⸗Ma⸗ nier, verriethen eine Meiſterhand, und die duf⸗ tenden Blumen im Fenſter, die der alte Jaͤger eben begoſſen zu haben behauptete, ſchienen die Beſitzerin an die Natur zu mahnen, wenn ſie ſich der Kunſt zu ſehr hingab. Zwiſchen den erwaͤhnten Zeichnungen hing 179 ein mit ſchwarzem Krepp verhangener Rahmen von mittlerer Groͤße; ein Kranz von Immor⸗ tellen daruͤber. Was iſt das, Alter? fragte ich, und nahm den Zipfel des Trauervorhangs zwiſchen die Finger. „Das iſt die beſte Freundin des Fraͤuleins geweſen!“ entgegnete ernſt der Alte, ſah mich bedeutend an, ſchlug das Kreppgehaͤnge vom Gemaͤlde zuruͤck, und das Bild meiner Mutter laͤchelte freundlich wehmuͤthig mir entgegen. Unwillkuͤhrlich rief ich laut aus: Meine Mutter, meine gute Mutter! legte beide Haͤnde gefaltet vor die Bruſt, und des Schmerzes bit⸗ tere Thraͤnen ſchoſſen mir in's Auge. Ich haͤtte mit ihr ſprechen moͤgen, ſo aͤhnlich war jeder ih⸗ rer lieben Zuͤge. Ihr lebendiger Geiſt, die Engels⸗ milde ihres Herzens, der ſanfte Ernſt ihres Cha⸗ rakters— meine Mutter ſelbſt ſtand vor mir. „Das iſt unſeres Fraͤulchens letzte Arbeit,“ 12* 180 ſagte der Alte, der mit ſtummer Freude mein Entzuͤcken eine lange Weile betrachtet hatte. „Eures Fraͤuleins? Sie ſelbſt hat, brach ich verwundert aus: meine Mutter gemalt? 29. „Koſaken, Koſaken!“ ertoͤnte ein Geſchrei vom Hofe herauf. Einer meiner Kundſchafter kam mit verhaͤngtem Zuͤgel dem Schloſſe zuge⸗ ſprengt, jauchzte freudig:„die Koſaken ſind da!“ und ſchwenkte ein weißes Tuch durch die Luͤfte. Wir eilten ihm entgegen. Im naͤchſten Staͤdtchen waͤre ein Streifkorps malaroßiſcher Koſaken eingeruͤckt, mit ihrem Popen und einem ſeidenen Faͤhnlein, worauf ein Heiligenbild zu ſchauen geweſen; als der bewegliche Lanzenwald den Thoren ſich genaͤhert, hätten die Säͤnger ſich in wilden Weiſen mit vielen Trillern und Kadenzen gar ſchauerlich hoͤ⸗ ren laſſen, auch ſey zwiſchen innen immer ſcharf nein ich ſchrei after zuge⸗ da!“ uͤfte. korps hrem orauf 3 der aͤhert, mit h hoͤ⸗ ſcharf 181 gepfiffen und ſeltſam geſchnalzt worden; die Stadtmuſici aber haͤtten ihnen entgegengeblaſen, und der Schuͤtzenkoͤnig mit ſilbernen Schildlein am Halſe, ſey ſammt der loͤblichen Gilde hin⸗ ausgezogen, ſie zu empfahen, und Rath, Ge⸗ werbe und Schule haͤtten ſich an die Schuͤtzen geſchloſſen; und als die Fahne der Letztern, vor hundert Jahren und laͤnger der Gilde von der hochſeligen Frau Fuͤrſtin verehrt, mit dreimali⸗ ger Senkung den Kaiſer aller Reuſſen und die Genoſſen des Bundes begruͤßt, und die Koſaken willkommen geheißen, und alle Glocken vom Thurme gelaͤutet, und das Volk mit naſſen Au⸗ gen„Vivat, es lebe der alte Herr Gott!“ ge⸗ ſchrien, da ſey das Faͤhnlein mit dem Heiligen⸗ bilde auch dreimal geſenkt worden, und die Ko⸗ ſaken haͤtten alle Hurrah geſchrieen, daß die ſchadhaften Stadtmauern gewackelt; die Frauen und Maͤgblein aber waͤren aus den Haͤuſern geſtuͤrzt, und haͤtten Speis und Trank von jeglicher Art 182 herbeigebracht, zu erquicken Mann und Pferde, die aber etwas mager geweſen. Nachher aber haͤtten ſich alle durch einander den ganzen Tag gar hoͤchlich erluſtirt, bis Alles trunken gewor⸗ den, vom Syndikus und Senator herab, bis zum Hirten am Kuhthor.* So lautete die Meldung meines Kundſchaf⸗ ters, und kaum hatte er geendet, als auch ſchon ein kleiner Trupp dieſer verhunderttauſendfachten Ueberall und Nirgend mit Blitzesſchnelle in den Hof flog. Ein junger Offizier, der die Abthei⸗ lung befehligte und deutſch ſprach, erkundigte ſich nach den Koſaken, die nach den ihm, in dem naͤchſten Orte zugekommenen Nachrichten, hier geweſen ſeyn und ein Regiment feindlicher Dragoner verjagt haben ſollten. Ich erzaͤhlte ihm den Zuſammenhang der Sache, und er trank, uͤber die Entſchloſſenheit unſrer braven Landleute ſehr erfreut, mit meinem Buͤchenbru⸗ cher Hetmann auf gute Kameradſchaft. Zu⸗ 1183 gleich theilte er uns die hoͤchſt willkommene Nach⸗ richt mit, daß der Feind die Reſidenz eilig ver⸗ laſſen habe, und auf allen Punkten ſich zuruͤck⸗ ziehe; indeſſen rieth er, wegen der Nachzuͤgler, und weil die Geſchichte mit den Pſeudokoſaken doch vielleicht ruchbar, und uns, wenn das Kriegsgluͤck ſich wenden, und den Feind wieder herfuͤhren ſollte, ſehr nachtheilig werden koͤnnte, unſere Vorſichtm aßregeln noch eine Zeitlang fort⸗ zuſetzen; erkundigte ſich nach dem ſchoͤnen Fraͤu⸗ lein vom Hauſe, von dem er auch ſchon gehoͤrt hatte; ritt aber, da ich ihm verſicherte, daß ſie ſich zu einer Bekannten gefluͤchtet, nach einge⸗ nommenem Fruͤhſtuͤcke wieder weiter 30. Denſelben Abend brachte einer meiner Land⸗ ſturm⸗Vorpoſten einen Mann, der ohne Paß und Kundſchaft quer uͤber die diesjaͤhrige Brache gekommen. Auf die Frage: wohin? hatte er 184 geantwortet: Nach dem Schloſſe— bei naͤherer Unterſuchung aber ſehr aͤngſtlich gethan, und am Ende einen unverſiegelten Brief hervorgebracht, den er hier an den alten Jaͤger haͤtte abgeben ſollen, den aber auf meinen Vorpoſten niemand hatte leſen koͤnnen. 1 Die ganze liebe Gemeine verſammelte ſich um den Gefangenen, der ohne Widerrede und zur großen Freude der Umſtehenden einer der ge⸗ faͤhrlicſſten Spione war, und aus den Dreſch⸗ flegeln, Stricken, Beilen und andern Anſtalten, die unter der Hand gemacht wurden, um den Verurtheilten vom Leben zum Tode zu befoͤr⸗ dern, ergab es ſich, daß nichts leichter iſt, als eine Militaͤrcommiſſion im franzöſiſchen Geiſte einzurichten, welche gewoͤhnlich die Leute erſchießen ließ, ehe ſie ſolche vollſtaͤndig gehoͤrt hatte. Ich las: „Mein lieber Volkmar. Alle unſere bishe⸗ rigen Briefe ſind unbeantwortet geblieben; wahr⸗ — 185 ſcheinlich ſind ſie bei den gegenwaͤrtigen unruhi⸗ gen Zeiten gar nicht dort angekommen; ich habe daher einen, unſerer Gegend, nach ſeiner Verſi⸗ cherung, genau kundigen Menſchen angenom⸗ men, der dieſe Zeilen in deine Haͤnde zu uͤber⸗ liefern, 3n Antwort zu bringen verſpro⸗ chen; ich ſchreibe an Dich, weil ich hoffe und wuͤnſche, daß unſere Tochter nicht mehr dort, ſondern gleich bei den erſten Unruhen, die nach unſerer Abreiſe entſtanden, in die Reſi⸗ denz gefluͤchtet iſt, wo ſie doch ſicherer lebt, als auf dem Lande; gieb ihr Nachricht von uns, und laß uns wiſſen, wohin ſie ſich gewendet, Schreibe, wie ich, unverſiegelt; denn wenn der Bote in die Haͤnde von Militaͤrperſonen faͤllt, ſo werden doch, wie billig, ſeine Briefſchaften ge⸗ öffnet. Wir ſind geſund; nur leben wir in großer Unruhe um unſer Kind, und machen uns, oder vielmehr dem Zufalle, tauſend harte Vorwuͤrfe, daß wir gereiſ't ſind, ohne Coͤleſtine 186 mitzunehmen; doch, wer konnte ſich dieſe Kata⸗ ſtrophe damals denken. Wir haben ſchon zwei⸗ mal eingepackt, um zuruͤckzureiſen, aber die Un⸗ ſrigen laſſen uns nicht fort, und freilich ſtimmen alle Nachrichten von der Unmoͤglichkeit, mitten durch die ſich beſtaͤndig hin und une Armeen mit Sicherheit reiſen zu koͤnnen, ſo uͤberein, daß wir befuͤrchten mußten, nirgend Pferde noch Nachtlager zu finden. Ich wollte an⸗ faͤnglich allein kommen, aber die lange Reiſe zu Fuße zu machen, fand ich mich doch zu ſchwach; auch beſchwor mich meine Frau, bei ihr zu blei⸗ ben, weil, wenn auch ich von ihr gehe, ſie vor Angſt zu ſterben fuͤrchte. Unſere Tochter iſt in deinen Haͤnden geweſen, alter Menſch; Du wirſt wohl mit deiner erprobten Treue fuͤr ſie geſorgt haben. Schaff uns nur Nachricht, denn wir ſind in großer Angſt und Bekuͤmmerniß; Gott ſey mit Dir und mit allen meinen lieben Unterthanen in dieſer ſchweren Zeit. Arnold von Walldow“ 187 Vor Allem beruhigte ich die Umſtehenden uͤber die Perſon des Boten, verſicherte, daß dies kein Spion, ſondern der Ueberbringer wohlge⸗ meinter Gruͤße von ihrem Gutsherrn ſey, hieß ihn beſtens verpflegen, hoͤrte ihn noch uͤber das aus, was er unterwegs an Truppen geſehen, ließ dann Alle abtreten, und den alten Volkmar rufen. Die beſtimmte Frage:„wo iſt dein Fraͤu⸗ lein?“ brachte den Alten, der ſchon von dem Briefe gehoͤrt hatte, und wahrſcheinlich glaubte, durch dieſen vielleicht bereits verrathen zu ſeyn, ſo außer Faſſung, daß er im erſten Schreck ganz trocken antwortete:„Oben im Zimmer.“ In dem Zimmer, wo ich heute Morgen war? fragte ich uͤberraſcht. „In dem naͤmlichen,“ antwortete der Jaͤger. Weiß das Fraͤulein, daß ich hier bin? „ Ja. 74 —— 18⁸. Melde mich; ich will dem Fraͤulein den Brief hier, der, ſobald ſie ſelbſt hier iſt, ihr gehoͤrt, per⸗ ſoͤnlich uͤberreichen. Der Jaͤger ging. Ich fand das Benehmen des dicken Fraͤuleins, ſich vor mir verlaͤugnet zu haben, und ſich jetzt, da ſie gewiß vom Ver⸗ ſchwinden der Hauptgefahr ſchon unterrichtet war, noch vor mir zu verſtecken, mehr denn ſonderbar, ich fand es albern; indeſſen bei dem gaͤnzlichen Mangel an Lebensart und Lebensklug⸗ heit, konnte ich mir die Sache allenfalls erklaͤren. Uebrigens war ich mit mir daruͤber einig, ihr, wenn ſie mich wieder erkannte, aufzuheften, daß ich jene Wildprethaͤndlerrolle blos aus Scherz angenommen, und damals den Plan gehabt haͤtte, auf meiner Ruͤckreiſe wieder bei dem Va⸗ ter vorzuſprechen, woran ich aber durch meine Dienſtverhaͤltniſſe verhindert worden waͤre; dann wollte ich ſorgen, ſie auf eine ſichere Weiſe heute noch zu ihren Eltern zu ſchaffen, und da hier —. 189 ef fuͤr das Eigenthum ihrer, mit meiner ſeligen r⸗ Mutter befreundeten Eltern vom Feinde wahr⸗ ſcheinlich nichts mehr zu befuͤrchten war, in die en 3 Reſidenz auf meinen Poſten zuruͤckeilen. zu er⸗ 31. tet Ich ließ mein Pferd aus ſeinem Waldver⸗ nn ſteck herausholen, und berief ſaͤmmtliche Schrei⸗ 4 ber, den Schulzen und die Vernuͤnftigſten aus :g⸗ dem Dorfe zuſammen, um mich mit ihnen en. uͤber die, nunmehr bis zur hoffentlich baldigen hr, Zuruͤckkunft ihrer Guthsherrſchaft, zu treffenden aß Maßregeln zu beſprechen; da kam Volkmar ero zuruͤck und brachte mir folgendes uͤberraſchende abt Schreiben. ga⸗ 4„Mit dem geruͤhrteſten Danke, antworte ine ich auf ihre guͤtige Aeuſſerung, mir die Ehre inn Ihres Beſuchs goͤnnen zu wollen. Ihren um⸗ eute ſichtvollen Anordnungen ſind wir die Rettung unſers Vermoͤgens ſchuldig; die beiſpielloſe Auf⸗ opferung, womit Sie ſich zu unſerm Beſten her⸗ gegeben haben, die Feſtigkeit, womit Sie, aus reinem Wohlwollen fuͤr unſer Haus, in die Pflichten meines abweſenden Vaters getteten ſind, und die Menſchenfreundlichkeit, die Sie bei allen Ihren Handlungen hier gezeigt haben, werden meinen Eltern und mir ewig unvergeß⸗ lich bleiben. Der verklaͤrten Mutter freundlicher Segen, iſt uns in der groͤßten Noth unſers Le⸗ bens, durch ihren edlen Sohn geworden. Gott lohne Ihnen, was Sie Gutes an uns gethan.“ „Ich hatte mich, um einem mir widrigen Balle in der Reſidenz zu entgehen, und aus Beſorgniß, auf eine noch dringendere Weiſe dazu eingeladen zu werden, hier in der Naͤhe zu einer Bekannten begeben; allein dieſe, der Militaͤr⸗ ſtraße nahe, war ſo vielen Unannehmlichkeiten Preis gegeben, daß ich dort noch unſichrer lebte, als hier. Ich kehrte zuruͤck, und verbrachte einen 191 Tag in dem Waldverſteck, den mir der alte Volkmar beſorgt hatte; da dieſer mir aber von Ihrer Ankunft und von Ihren Anordnungen zur Sicherſtellung unſers Schloſſes erzaͤhlte, ſchlich ich mich durch Volkmars Vermittelung, der die Bruͤcke aufzuziehen abſichtlich zoͤgerte⸗ ſpaͤt Abends in das Haus zuruͤck, und bin hier Zeuge von den Liebesdienſten geweſen, womit Sie uns zu Ihren ewigen Schuldnern gemacht haben.“ „Die Urſache, warum ich von Ihnen nicht geſehen zu werden wuͤnſchte, liegt in meiner De⸗ muth, oder in meinem Stolze. Sie werden— ich muß dieß hinzuſetzen, um von Ihnen nicht noch mehr verkannt zu werden— Sie werden meine Gefuͤhle rechtfertigen, wenn Sie ſich des Geſpraͤches entſinnen, das einſt zwiſchen Ihnen und der Familie des Conſiſtorialpraͤſidenten uͤber meine unbedeutende Perſon Statt gefunden hat, von dem mir die Toͤchter dieſes Hauſes vor we⸗ nig Tagen zufällig Einiges mitgetheilt haben, und das mich heute um ſo tiefer ſchmerzt, als es mir den Muth nimmt, Ihnen, in meinem und meiner Eltern Namen, die innige, tief em⸗ pfundene Erkenntlichkeit perſoͤnlich zu bezeigen, die in meinem Herzen immer fuͤr Sie leben wird. Coͤleſtine von Walldow. Alſo hatten die Ungluͤckskinder, die Toͤchter des Schwarzrocks, der von Amtswegen Liebes⸗ und Eheleute ſcheidet, durch ihr verdammtes Plaudern auch uns getrennt.— Nein, verden⸗ ken konnte ich es Coͤleſtinen nicht, daß ſie, wenn ihr die Conſiſtorialplaudertaſchen Alles treulich berichtet hatten, was mir Unvorſichtigem damals über die Lippen geglitten war, keine große Nei⸗ gung hatte, mich ihr gegenuͤber zu ſehen. Was halfen mir nun alle meine ſogenannten Liebes⸗ dienſte hier— jene vorlauten Worte uͤberwuch⸗ 193 ſen, wie Unkraut, die Saat, die ich wahrlich mit gutem Willen hier geſaͤet hatte. Wenn doch immer Jeder bedaͤchte, was er ſpraͤche, zu⸗ mal ehe er die Spitze ſeines giftigen Zuͤngleins, wie ein Zapfenbohrer, an den guten Ruf des lieben Naͤchſten ſetzt! Ich ward finſter, verdruͤß⸗ lich. Das Maͤdchen, das ich ein dummes Ding, ein werthloſes Gaͤnschen geſcholten, wollte mich darum nicht ſehen, in ihrem eigenen Hauſe nicht ſehen, weil ſie ſich meiner ſchaͤmte. Ich konnte gar nicht tiefer gedemuͤthiget werden! und das von einer Familie, die mir ihr ganzes Hab und Gut zu verdanken hatte! Coͤleſtine hatte Recht. Ich war hart, ungerecht gegen ſie geweſen; ich hatte gegen kaltherzige Reſidenzmenſchen mich aͤber Dinge luſtig gemacht, die mich eigentlich gar nichts angingen. Coleſtinens Lispeln war Naturfehler; ihr Strumpf, ihre Naͤhterei, ihre ganze Art ſich zu benehmen, Mangel an Er⸗ ziehung, der ihr nicht zur Laſt fiel; das Bruch⸗ 13 ſtuͤck vom Briefe—— was zum Henker— — jener Brief— und dieſes Schreiben— beides war ja in keinem Zuge ſich gleich— Der alte Volkmar, der die ganze Zeit uͤber an der Thuͤre, in militaͤriſcher Stellung, ſteif wie ein Lineal ſtehen geblieben war, und dem es nun doch ein wenig zu lange dauern mochte, fragte, ob ich noch etwas zu befehlen haͤtte. Nichts, antwortete ich kurz, ging zur Thuͤre hinaus, und eine Treppe hoͤher, gerade auf Coͤ⸗ leſtinens Zimmer zu. Volkmar hinter mir drein. Sprechen mußte ich jetzt Coͤleſtinen, und auf irgend eine Weiſe wieder gut machen, was ich dem beleidigten Maͤdchen boͤs gemacht hatte. Ließ ich mich noch einmal melden, ſo war vor⸗ auszuſehen, daß ſie mich noch einmal abwies, und dann war meine Ehre dem alten Volkmar, und wenn dieſer plauderte, dem ganzen Hauſe Preis gegeben, alſo war es beſſer, ſie unange⸗ meldet zu uͤberraſchen. 195 Ich hatte die Klinke ſchon in der Hand, als ich im Zimmer ſprechen hoͤrte. Iſt das Fraͤulein nicht allein, fragte ich den alten Volkmar hinter mir. „Nein,“ entgegnete er, uͤber meine Weiſe nicht ſehr erbaut, und mit einem Geſichte, als ob es ihm nicht recht ſey, daß ich das Fraͤulein ſprechen wolle.„Mamſell Luͤder iſt da, bei der das Fraͤulein bisher geweſen.“ Alſo eine Bekannte vom Fraͤulein, ſagte ich, öffnete die Thuͤre und ſtand vor der himmliſchen Tina aus der dunkeln Linde zu Bluͤthleben. Alles Blut ergoß ſich mir in dem Augen⸗ blicke aus dem Herzen in das Geſicht; der freu⸗ dige Schreck laͤhmte mir die Zunge! Demoiſelle Luͤder? fragte ich kaum hoͤrbar, und machte, meiner halb unbewußt, eine leichte Verbeugung. „Meine Freundin Luͤder,“ entgegnete Tina in ſichtbarer Verlegenheit und bewillkommte 13*† 196 mich mit einem ſonderbaren Gemiſch von Schaam und Verbindlichkeit:„iſt eben in das Nebenzimmer gegangen.“ Und Sie?—— ſind— Fraͤulein von Walldow? fragte ich in der allerhoͤchſten Span⸗ nung, und zog, von Seligkeit trunken, ihre kleine Hand an meine Lippen. „Sie kennen mich nicht?“— ſagte ver⸗ wundert Coͤleſtine, und— ſie hielt inne, und ſchlug in ſuͤßer Verwirrung die Augen zur Erde. Und brach uͤber Sie den Stab? fiel ich ihr in's Wort. Ein ungeheurer Irrthum, der in zwei Worten ſich loͤſen muß. Lottchen Luͤder trat jetzt ein, und Volkmar ab; ich erzaͤhlte in gedraͤngter Kuͤrze die Aben⸗ teuer meines Wildprethaͤndler⸗Incognito's, und hoͤrte dann, daß jenes ſmachtende Seeleſt⸗ chen, die Tochter des, vor wenigen Tagen, vieler Dienſtveruntreuungen halber, caſſirten Forſt⸗ ſchreibers geweſen war. bö Was ſich weiter mit uns, naͤmlich mit mei⸗ ner liebreizenden Tina und mir begeben hat, bedarf keiner breiten Geſchichte. Denſelben Abend noch trafen die Eltern und des Vaters Bruder, der Paſtetenfreund, deſſen dicke wackere Frau, eine geborne Graͤfin Preuſſach, von der die Grafenkrone auf dem Silber herruͤhrte, und der Vetter Veſtris⸗Fu⸗ rioſo, mit einer ſtarken Koſaken⸗Bedeckung ein. Ehe eine Woche in das Land ging, feierten wir unſere Verlobung; am Friedensfeſte aber ſchmuͤckte ich Tinas Hand mit dem Ringe, den meine verklaͤrte Mutter, in der letzten Stunde ihres Lebens, meiner einſtigen Gattin beſtimmt hatte. Pachter Schlempe wurde, wegen harter Bedruͤckung meiner armen Bauern, Seeleſt⸗ chens Vater nachgeſendet; ich uͤbernahm die Verwaltung meiner Guͤter ſelbſt und lebe ſeit⸗ dem, an der Seite meines holden Weibes, die gluͤcklichſten Tage. 198 Von der Kuh, die Tina, als Kaͤlbchen vom Tode rettete, und jetzt von der armen Bauer⸗ frau, gegen drei andere eingetauſcht hat, trinkt Nobert, unſer kleiner Ehrenjunge, ſo eben auf dem Schoße der bluͤhenden Mutter ſeinen Becher friſche Milch, auf die Geſundheit Aller, welche vorſtehende Geſchichte, ohne die er nicht waͤre, mit Theilnahme geleſen. 1 4