— — D, Leihbibliothek f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 von. 5. Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 4 Bücher: 3. auf 1 Monat: 1 Mk. 50 Pf. Pf. „ 3 7„—„ 3.= t„ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendun der Bücher auf ihre ei 6. Schadenersatz. 2 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk.— Pf. 2 Mk. 4 2 n 3 g9 nen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ir beſchmutzte, zerriſſene, verldrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder d ete Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz de Ganzen verpflichtet. 7. Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Werkes, ſo iſt f H. Clauren. Vierter Theil. Dresden, 1819. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. — — Scherzund E von H. Clauren. 1 * Viertes Baͤndchen. I. Hunderttauſend Thaler. Jenny ſaß am Fenſter und naͤhte Weißzeug. Ich gruͤßte; ſie nickte recht freundlich. Es fiel mir auf einmal ein, daß ich viel mit ihrem Vater, dem Bergſchreiber Teuſen⸗ bach, zu reden hatte; ich bog in das Haus, pochte, mit dem heimlichen Wunſche Papa Murrkopf nicht zu treffen, leiſe an die Stu⸗ benthuͤre, und ſein rauhes„Herein“ ſagte mir, daß ich mich verrechnete. „Wie kommen Sie in dem Mordwetter zur Stadt?“ rief er mir entgegen, und Jen⸗ ny ſprang von ihrem Sitze auf, um mich, den vom kalten Regen Durchnaͤßten, mit ei⸗ 1** 3 ner Taſſe Kaffee zu erwaͤrmen. Sie hatte verweinte Augen. Es ſchien, als ſei zwi⸗ ſchen Vater und Tochter etwas unangeneh⸗ mes vorgefallen; der Alte war gewaltig ver⸗ druͤßlich. „Was fehlt Ihnen, alter Herr?“ begann ich mit traulichen Worten, als Jenny ſich in die Kuͤche entfernt hatte.„Sie ſind nicht ſo wie ſonſt?“ „Was mir fehlt?— Geld. Geld fehlt mir. Alle Tage wird es ſchlimmer. Ich komme nicht mehr aus; ich habe zum erſten Mal in meinem Leben Schulden gemacht— und kann ſie nicht bezahlen. Waͤr' ich al⸗ lein, macht' ich den Teufel mir d'raus; aber da iſt das Maͤdel. Herr, ſo ein lebendiges Kind iſt ein freſſend Kapital. Waͤr' es ein Junge, da ſtuͤnd' er vor dem Friſchfeuer, oder lag' vor Ort, oder ſaͤße als Supernumerar⸗ Aſſiſtent in der Kanzlei des Hochloͤblichen Obervergamts und verdiente ſein Brod— aber ſo.— Was ernaͤht denn ein ſolches Ding mit allen zehn Fingern den ganzen Tag uͤber? Nichts. Kaum das Salz kann man damit bezahlen. Sehen Sie,“ fuhr er vom Uebermuth uͤberwaͤltigt, fort und zeigte auf die Naͤtherei:„ſie muß jetzt fuͤr Geld arbei⸗ ten; ſo weit iſt es mit uns gekommen!“ „Das iſt keine Schande, Herr Bergſchrei⸗ ber,“ fiel ich ihm troͤſtend in's Wort, und ging, in aller Geſchwindigkeit, mit meiner Gutmuͤthigkeit zu Rathe, wie ich helfen koͤnn⸗ te, ohne dem rauhen Manne und der zarten Jenny wehe zu thun.„Schaͤmen wir Maͤn⸗ ner uns doch nicht, uns unſer Brod mit Arbeit zu verdienen; Sie wiſſen ja das bib⸗ liſche Wort vom Schweiße des Angeſichts.“ „Aber die Weiber nicht; von denen ſpricht die Bibel in dem Sinne nichts. Jennys Mutter haͤtte dieſen Schmerz nicht uͤberlebt.“ „Ihre Frau war eine Brittin; die ha⸗ ben uͤber derlei Dinge andere Anſichten; un⸗ ſere deutſchen Frauen und Maͤdchen ſind we⸗ niger ſtolz, und wiſſen ſich in die Norhwen⸗ digkeit der Entſagung, der Entbehrung weit beſſer zu fuͤgen.“ „Wohl, wohl,“ entgegnete der Alte, und blickte mit Bedeutung auf das Bild der Se⸗ ligen, das von herrlicher Meiſterhand gemahlt, 3 zwiſchen ſchwarzgeſudelten Schattenriſſen der Bergſchreiberfamilie in aufſteigender Linie, an der Wand hing,„das war unter vielen er⸗ lebten Uebeln das groͤßte, daß ihr das Entſa⸗ gen ſo ſchwer ward. Nichts war ihr gut genug. Aus allem ſah ihr das hochmuͤthige engliſche Weſen heraus. So lange die 1000 Pfund reichten die ich mit ihr bekam, ging es noch leidlich; als es aber mit denen zur Neige war, und ſie ihr hoffaͤrtiges Leben, an das ſie ſich in Birmingham gewoͤhnt, nicht fortſetzen konnte, nahm der Gram taͤg⸗ d. lich immer mehr uͤberhand; ich habe an ih⸗ rer Seite keine frohe Stunde gehabt— aber, 88 mir geſchah ſchon recht! Der verfluchte Geiz iſt die Wurzel alles Uebels.“ „Ihre Frau,“ ſagte ich und ſah ihr Bild, aus dem ihre Seele lebendig zu mir ſprach, mit unverwandtem Blicke an, und freute mich, einen Weg in die Schonung gefunden zu haben:„Ihre Frau ſoll ein gar liebes Weſen geweſen ſeyn; die ganze Gegend ſpricht noch mit Achtung von ihr.“ „Eine Schlange war ſie,“ erwiederte er ergrimmt, aber leiſe, daß es Jenny nicht hoͤ⸗ re, wenn ſie etwa herein kaͤme.„Daruͤber ließe ſich viel ſprechen. Sie hat mieh betro⸗ gen, ungeheuer betrogen; aber ſie iſt todt.— Baſta!“ „Wenn Ihnen das Bild feil iſt, ſo moͤchte ich ihm wohl eine Stelle in meinem Cabi⸗ net geben; Sie wiſſen, ich habe da eine ganze Sammlung huͤbſcher Maͤdchen⸗ und Frauenkoͤpfe, und als Kunſtwerk iſt es wahr⸗ lich von elaſſiſchem Werthe.“ Er ſtutzte, laͤchelte uͤber meine Einfalt, das, was ich kaufen wollte, ſelbſt zu loben, und brummte uͤber den naͤrriſchen Caſus, das 7 Bildniß ſeiner ſeligen Frau in das Cabinet eines Dritten zu verſchachern, doch etwas verlegen zwiſchen den Zaͤhnen, daß er fuͤr ſei⸗ ne Perſon das Portrait wohl miſſen koͤnne, weil er die Zuͤge deſſelben doch nimmer ver⸗ geſſen werde; nur, meinte er, wuͤrde Jenny den Handel nicht gern ſehen. „Wir geben vor,“ erwiederte ich eilig, und freute mich, daß er in meinen Antrag einging, weil ich nun doch wenigſtens auf eine Zeitlang das arme Maͤdchen von der Nothwendigkeit, um das liebe Brod arbeiten zu muͤſſen, erloͤß't ſah:„wir geben vor, daß ich das Bild nur auf einige Wochen zu mir nehme, um es zu copiren; allmaͤhlich gewoͤhnt ſie ſich dann daran, es nicht auf ſeiner Stelle zu ſehen, und lernt es vergeſſen; was denken Sie dafuͤr zu fordern?“ Jenny brachte jetzt den Kaffee. Das Maͤdchen hatte, wie ich nachher er⸗ fuhr, am Mittag die aͤrmlichſte Koſt genoſ⸗ ſen; es hatte Wochenlang nichts als Brod 9 und Salz gegeſſen, und bewirthete jetzt den Fremden mit einer Gaſtfreundlichkeit, als ſei er im Kreiſe der anſtaͤndigſten Familie in der Reſidenz; ſie praͤſentirte ſpaͤterhin das auser⸗ leſenſte Obſt, und das zierlichſte Backwerk, was ſie im Staͤdtchen nur hatte auftreiben koͤnnen, und nicht ahnend, daß ich die Laſt der druͤckenden Armuth kenne, unter der ſie ſchmachte, plauderte ſie mit ſo vieler Natuͤr⸗ lichkeit und Laune uͤber dieß und jenes, daß mir anſing, recht warm zu werden. Es mochte wohl auch vom Kaffee ſeyn. Aber wenn ich mir das holde Bergſchrei⸗ berkind auf meinem ſtillen, kleinen Landſitz dachte, wohl nicht im Urber iuſfe, aber doch im Beſitze hinreichender Gluͤcksguͤter; der uͤbergraͤmlichen Zucht des alten Bergeiſtes entbunden, in meine Arme gelegt; und wenn ich mir ausmahlte, wie ſie dann erſt den Reich⸗ thum ihrer Heiterkeit, ihres Muthwillens entfalten wuͤrde, ſo— Der Alte benutzte den Augenblick meiner geheimen Verzuͤckung, und ſchob mir unver⸗ merkt einen Zettel in die Hand, auf dem er den Preis des Bildes hemerkt hatte, mit der Bitte, zu nicken, wenn er mir genehm ſey. Der Unmenſch hatte barbariſch viel gefo⸗ dert, aber was ich gab, gab ich ja eigentlich nur um der armen Jenny willen; ich nickte. Nun erſt ſchmeckte mir der Kaffee, denn ich hatte ihn redlich bezahlt. kam mir jetzt noch tauſend Mal reizender vor, als vorhin, und es war, als ſtaͤnde ſie mir naͤher, als haͤtte ich mir ein Recht auf ihre Traulichkeit erkauft. Auch der Alte ward heiterer, und— mochte der Schlaukopf in meinen Augen den Antheil geleſen haben, den ich an Jenny nahm, oder war es Zufall— ſo hart er vorhin uͤber das Ungluͤck geſprochen, das Maͤdchen ernaͤhren zu muͤſſen, ſo belobend erwaͤhnte er jetzt alle ihre ruͤhmlichen Seiten, ihre Haͤuslichkeit, ihren frommen, reinen Sinn, Jenny aber 1¹ ihre ruhige Ergebung in die Fuͤgungen des oft recht herben Schickſals, ſo daß Jenny roth und roͤther ward und ihn bat, deſſen nicht mehr zu gedenken. Ich begriff mich nicht. Funfzig Mal wohl war ich ſeit den zwei Jahren, die ich in der hieſigen Gegend leb⸗ te, in dem kleinſtaͤdtiſchen Bergneſte geweſen, und hatte Jenny oft geſehn; aber ſo wohl⸗ gefaͤllig, ſo liebreizend als heute, war ſie mir nie erſchienen. Der Vater ward eben abgerufen. Ich ruͤckte, als wir allein waren, meinen Stuhl naͤher an den ihrigen; ich haͤtte mich lieber auf letztern ſelbſt geſetzt, um das, was ich ihr ſagen wollte, nicht laut ſagen zu muͤſſen, denn von ſo etwas ſpricht es ſich recht leiſe am beſten. „Es wuͤnſcht jemand,“ hob ich an, und ſah mit geſenktem Blick, etwas beklommen auf ihre Arbeit nieder und ward noch con⸗ fuſer, als ich ſchon war, denn ihre kleine, dicht vor mir liegende Hand, mit den roſigen Gruͤbchen und den zarten blauen Aederchen in der Lilienhaut, brachte mich gaͤnzlich aus dem Concepte:„Es wuͤnſcht jemand auf dem Lande— unter annehmlichen Bedingungen, mit denen Sie— gewiß zufrieden ſeyn wuͤr⸗ er, beſonders da Sie ſich der— freundlich⸗ ſten Behandlung, die doch bei Perſonen von ſo zarten Anſichten“— ich hatte mich ver⸗ fahren und konnte nicht wieder in das Gleis; ich haͤtte, vor Bosheit uͤber meine dum⸗ me Einleitung, mir den Hirnſchaͤdel am Weiß Gott! wenn ich eine Kaͤſemutter haͤtte miethen wol⸗ len, ich haͤtte meine Anrede nicht anders an⸗ fangen koͤnnen.— Jenny ſchuͤttelte, den Sinn meiner Aphorismen halb errathend, das Koͤpfchen und ſchwieg. Pauſen der Art ſind entſetzlich. Ich hob den Faden des Geſpraͤchs wie⸗ der auf.„Ihrem Herrn Vater, begann ich: wuͤrde nach ſeinen Aeuſſerungen von vorhin Naͤhtiſch einrennen mögen. 13 vielleicht ſelbſt eine Aenderung Ihrer Lage nicht unlieb ſeyn, und— „Meiner Lage? oder unſerer?“ fragte ſie in etwas ſcharf betonter Rede. „Ich fuͤr meine Perſon bin mit meiner Lage zufrieden. Das Landleben— ſie ſtockte ein wenig— will mir nicht recht gefallen; auch kann ich den Vater nicht allein laſſen; er ſieht vieles fuͤr ſchwarz an, was am Ende nur ſchwaͤrzlich iſt und kehrt gegen das Le⸗ ben und gegen die Menſchen die ſchroffen Seiten ſeines Innern heraus; ſo daß ich immer zu thun habe, ihn wieder glatt zu machen, und mit der Welt im Frieden zu er⸗ halten. Was aber unſere Lage betrifft,“ ſetzte ſie leiſer hinzu, und buͤckte ſich tiefer auf ihre Naͤtherei nieder:„ſo danke ich Ih⸗ nen recht herzlich fuͤr Ihre Theilnahme; aber— in Ihrer Mutterſprache liegt meine Antwort; auch in der Armuth fehlt der Muth nicht. Lachen Sie nicht uͤber das Erbtheil meiner Mutter, uͤber den brittiſchen 34 Stolz. Das Armſeyn ſelbſt iſt nicht druͤ⸗ ckend. Aber die Menſchen, die nicht wiſſen, an wie oiel tauſend Stellen das Herz des Armen wund iſt, die druͤcken den Ungluͤck⸗ lichen tief nieder. Glauben Sie nur, auch der Arme hat ſeine Freuden, ſeine Ehre und ſein Selbſtgefuͤhl.“ „Jenny!“ rief ich, tief erſchuͤttert durch ihre heftige Weiſe und durch die Thraͤnen, die von den langen Wimpern auf die Naͤ⸗ therei herabtroͤpfelten:„Sie haben mich miß⸗ verſtanden! Wehe wollte ich Ihnen bei Gott, im Himmel nicht thun; verleugnen Sie ein Mal die Englaͤnderin und laſſen Sie den deutſchen, redlichen Mann zu ſich ſprechen, der vielleicht in nicht abgemeſſener Rede, aber wahrlich mit dem wohlmeinendſten Herzen von der Welt, Ihnen die Hand des Freun⸗ des darbietet.“ Sie war jetzt weicher geworden; ſie legte wohlwollend ihre weiße Flaumenhand auf meine Rechte, und ſagte ſanft laͤchelnd:„ich danke. Mir fehlt nichts. Eure Gluͤcksguͤ⸗ ter ſind die fluͤchtigen Kinder des Augen⸗ blicks. Eure Tafel, Eure Genuͤſſe, Eure ſchim⸗ mernden Herrlichkeiten— wie lange dauern ſie denn? wahrhaftig nicht ſo lange, als mei⸗ ne Freude, ihrer entbehren zu koͤnnen. Fuͤr die dringendſten Beduͤrfniſſe des Lebens, de⸗ ren Mangel beſonders meinem alten Vater fuͤhlbar iſt, wird, hoffe ich, bald geſorgt ſeyn. Ich habe an die Familie meiuer Mutter nach England geſchrieben. Es ſollen nicht reiche, aber wohlhabende Menſchen ſeyn. Gott wird mein gutes Wort eine gute Statt ha⸗ ben finden laſſen.“ In dem Augenblicke kam der Poſtmeiſter des Staͤdtchens an das Fenſter, hatte in der Linken ein Blatt Papier, ſchlug mit der Rech⸗ ten triumphirend darauf, und ſchrie durch die Scheiben:„Hunderttauſend Thaler!“ Der Makel. Das war ein recht dummer Schnak vom Herrn Poſtmeiſter. Ich— und beſtimmt Jenny auch— hatte nichts gewiſſeres gedacht, als daß Briefe aus England mit ſchweren Bank⸗Noten eingelau⸗ fen, die aller Noth ein Ende geinacht. Aber es war nichts, als der Plan einer auswaͤrti⸗ gen Lotterie, deren großes Loos ſich auf hun⸗ derttauſend Thaler belief. In vielen Orten befaſſen ſich zur großen Beſchwerniß der Einwohner, die Poſtbedien⸗ ten mit dem Vertrieb der Lotterie⸗Looſe; wer bei ihnen ſpielt, erhaͤlt die fuͤr ihn angekom⸗ menen Briefe mit der Minute; die andern muͤſſen halbe Tage lang darauf warten. Zu dieſem ſpeculativen Gelichter gehoͤrt der Poſt⸗ meiſter meines Bergſtaͤdtleins. Er hatte kaum erfahren, daß ich vom Lande herein⸗ gekommen, ſo hatte er mir auch ſchon in mi 17 allen Haͤuſern, mit denen ich zu verkehren pflegte, nachgeſpuͤrt, und hier hatte er— um mit ihm in ſeinem bergmaͤnniſchen Kunſtſtyl zu ſprechen— mich gluͤcklich erſchuͤrft. „Herr,“ rief er, und legte den Plan auf Jenny's Naͤhtiſch, und ſtuͤtzte beide Zei⸗ geſinger auf die großgedruckte Zahl der Hun⸗ derttauſend Thaler:„was meinen Sie zu dem geſchneidigen Suͤmmchen?“ „Das iſt verbotene Waare,“ entgegnete ich halb ernſt, halb ſcherzend. „Weil es auslaͤndiſch iſt? bah! fallen wir durch, erfaͤhrt es kein Maͤuschen; erbre⸗ chen wir aber das ſchmaͤhliche Poͤſtchen, nun ſo ſind 200 Thlr. Strafe auch noch zu tra⸗ gen. Hol' an, Maͤnnchen, hol' an; man muß der Jungfer Fortuna entgegen gehen; denken Sie ſich, alles in vollwichtigem Gol⸗ de, und das wird heut' zu Tage nicht mehr in den Forellenköpfen gefunden, wie zu je⸗ nen Zeiten, da Fach ſein Probier⸗Buͤchlein ſchrieb.“ Jenny hatte von den großen Zahlen kein Auge verwandt.„Hunderttauſend Thaler in Golde,“ wiederholte ſie langſam, und laͤchelte: „die ſind wohl zu gewinnen. Eins muß ſie ja doch haben, und wenn ich an meinen heu⸗ tigen Traum denke,“ ſetzte ſie launig hinzu: „kann mir es gar nicht fehlen.“ „Einen Traum?“ fragten wir beide, wie aus einem Munde. „Das trifft ſich doch aber wirklich cu⸗ rios,“ ſagte ſie ſinnend, und werd ernſter: „wenn ich die Zahlen hier anſehe, iſt es ak⸗ kurat, als ſaͤhe ich das Gegenbuch vor mir, das mir dieſe Nacht ein kleiner Berg⸗Kobold auf den Schoos legte. Ich hatte eine Wie⸗ ſe, auf der tauſend Blumen prangten, wie ſie kein Ziergarten aufweiſen kann. In die⸗ ſer muthete ein“— ſie ſtockte und der hol⸗ deſten Verwirrung zarter Purpur uͤberflog die ſammetne Wange. „Nun ein—?“ ſagte ich, und bat, fort⸗ zufahren— —— 1——, ———.. ———— „In dieſer muthete ein junger Fremder aus weiter Ferne, eine Fundgrube von ſechzig Lachtern in's Gevierte, entbloͤßte zum Erſten den Gang, und warf Kuͤbel und Seil ein. Ich weinte, denn meine ſchoͤnen Blumen gab ich verloren und ſah ſchon im Geiſte thurm⸗ hohe Halden auf mein Feld geſtuͤrzt; doch trat der Fremde zu mir, rroͤſtete mich, und verſicherte, daß mir fuͤrder kein Leid ge⸗ ſchehen ſolle; und als das aufgenommene Lehn beſtaͤtiget war, ſagte er mir den zu Bergrecht gewoͤhnlichen Erbkux an, und ließ ihn im Gegenbuche gewaͤhren; die Ausbeute aber trug die Summe, die hier ſteht, und rings um die Halden bluͤhten die Blumen viel herrlicher, als vordem, und der Fremde nahm mich bei der Hand, fuͤhrte mich in das Zechenhaus, wo die Bergleute verſam⸗ melt waren, und ſprach:„Gluck auf, alle mit einander, Bergmeiſter, Geſchworne, Stei⸗ ger und Schlegelgeſellen, wie ihr hier alle verſammelt ſeid; mit Gunſt bin ich aufge⸗ 2 20 ſtanden, mit Gunſt ſetz' ich mich nieder; gruͤßete ich nicht das Gelag, waͤr' ich kein ehrlicher Bergmann!“— und als ſie ſeinen uralten bergmaͤnniſchen Gruß mit einſtimmi⸗ gem: Gluͤckauf! erwiedert, ſtellte er mich— doch das gehoͤrt nicht zur Sache;— ich ſetze. Was koſtet das Loos?“ Der Poſtmeiſter nannte den Einſatz; ſie holte ihre Sparbuͤchſe, eine ganz kleine hoͤl⸗ zerne, vergoldete Truhe, wendete uns den Ruͤ⸗ cken und zaͤhlte; aber daran, daß ſie zwei Mal nach dem Betrage des Einſatzes fragte, war wohl abzumerken, daß ihre Fonds nicht ausreichen wollten. Ich hatte indeſſen ein Loos dem aufdring⸗ lichen Schwaͤtzer abgenommen und legte es als ihr Eigenthum, mit dem Wunſche in ih⸗ re kleine Truhe, daß es ſo viel Ausbeute ge⸗ ben moͤge, als ihr getraͤumter Erbkux. Sie ſchob es aber lachend zuruͤck, klappte die klei⸗ ne Truhe ſchnell zu, daß ich ihr Bischen Baarſchaft nicht uͤberſehen ſollte, und meinte, — — — ich moͤchte doch erſt warten, was ich gewoͤn⸗ ne, und dann ſei es ja immer noch Zeit, den Generoͤſen zu ſpielen. Sie ſagte das nicht boͤſe, nicht empfindlich, nicht ſtolz; ſondern mit einer ſo reinen Laune, daß ich halb be⸗ ſchaͤmt mein Loos einſteckte, und mir heim⸗ lich zuſchwor, es deſſen ungeachtet nur fuͤr ihre Rechnung zu ſpielen. Sie fing wieder an, mit ihrem Gelde zu klimpern; in der Vorausſetzung, daß ſie zu einem Halben oder Viertel⸗Looſe eher vielleicht das Beduͤrftige zuſammenbringen werde, frag⸗ te ich, ob wir mit einander in Compagnie gehen wollten. „Mit Ihnen nicht,“ erwiederte ſie, be⸗ hauptete, ich habe kein Gluͤck, und ſtichelte zum Beleg ihrer Behauptung, auf das vor⸗ jaͤhrige Vogelſchießen, bei dem ich beſtaͤndig gefehlt; auf meine beiden erſt gekauften Fuͤch⸗ ſe, mit denen ich greulich betrogen; und auf meine Bergtheile am Chriſtoͤffel⸗Stolln, wo ſeit undenklichen Zeiten, mit ſchwerer Zubuſe . 22 gebaut worden, und wir jetzt, wegen Wetter⸗ Mangel, vor der Hand und bis zu eingehol⸗ ter Erlaubniß, uͤber uns brechen zu duͤrfen, und uns ſelbſt Wetter zu machen, gar nicht ferner forttreiben koͤnnten; warf einen Blick nach der Wanduhr, und ſchluͤpfte zur Thuͤre hinaus. zelte der Poſtmeiſter ihr nach:„ſoll mich die⸗ ſer und jener, und wenn ſie auch nur zehn⸗ taufend Thaler gewinnt, die laſſe ich nicht aus dem Garne. Unſer alter Herr Oberein⸗ fahrer hat, unter uns geſagt, ein gewaltiges Auge auf das Ding. Aber der alte Schaͤker iſt vor ganzes Ort gekommen, und ſteht auf feſtem Geſteine nicht mehr. Geht das Maͤ⸗ del in der Lotterie leer aus, meinethalben, Gluͤck auf! Frau Obereinfahrerin; aber zeigt ſich das Gluͤck ihr im hoͤflichen Anbruch— mein Seel, da mengelire ich mich drein, und verſtuͤrze dem langnaſigen Goͤpel die Stre⸗ „Ein Maͤdchen, wie ein Reh,“ ſchmun⸗ Da hatte ich ja auf ein Mal zwei Ne⸗ benbuhler! Beide zwar, glaubte ich, nicht ſehr fuͤrchten zu duͤrfen, denn der Obereinfahrer war ein ſtarker Funfziger, und der Poſtmei⸗ ſter ſo plump und ungeſchlacht, daß die fein⸗ fuͤhlende Jenny unmoͤglich Gefallen an dem Menſchen finden konnte; aber der Gedanke, daß es doch vielleicht moͤglich ſei, dieſes zart⸗ geſchaffene Weſen in den Armen des grobge⸗ walkten Poſtmeiſters zu ſehen, fiel mir ſo zentnerſchwer auf das Herz, daß ich meines Aergers nicht ganz Herr bleiben konnte, und ihm ganz kurz und trocken hinwarf, er ſolle nur die Rechnung nicht ohne den Wirth machen, denn Jenny ſei ein ſo liebreizendes Himmelskind, daß ſie nur in die naͤchſte, be⸗ ſte große Stadt kommen, und da ein wenig in der jungen Maͤnnerwelt bekannt werden duͤrfte, um gleich aus allen zwei und dreißig Winden, Freier in Menge angeflogen kom⸗ men zu ſehen, die ihr ihre Herzen zu Fuͤßen legten. 24 „So hageldick,“ meinte der Poſtmeiſter, „fliegen die Freier heuer juſt auch nicht her⸗ um, und in den großen Staͤdten, da iſt ge⸗ rade die rechte Sorte. Uebrigens ſehen Sie die Maͤdchen mit ganz andern Augen an, als wir hier im Orte. Weibſen iſt Weibſen; das iſt all einerlei. Wenn ich ein Pferd kauf', ah, à la bonheur, da beſehe ich es mir hinten und vorn, und ſperre die Augen auf, und das haͤtten Sie mit ihren Fuͤchſen 4 auch thun ſollen; aber bei den Maͤdchen— meinetwegen koͤnnen ſte gehen, einwaͤrts wie die Enten, Faͤuſte haben, groͤßer als unſer Bergſchmidt, und einen Kropf, daß ſie mis ih⸗ ren rothen Augen nicht daruͤber wegſehen koͤn⸗ nen, wenn ſie nur Geld haben. An Gottes Segen iſt alles gelegen. Da liegt der Hund begraben.“ Solchen Menſchen iſt gar nicht zu ant⸗ worten; ich legte die Stirn an das Fenſter, die Haͤnde auf den Ruͤcken, ließ ihn reden, — und harrte mit Sehnſcht des wiederkehrenden Naͤdchens. „Und Jenny,“ fuhr der breitſpurige Schwaͤtzer fort:„huͤbſch iſt ſie, nun ja, aber ſo was erſchrecklich Zimmetbluͤthnes iſt doch nun auch nicht in ihrer Viſage zu finden; und wenn ſie mein Seel' noch ſchoͤner waͤre, als die ſelige Aelteſte von Oberſteigers, die . der Vater, von Sandſtein, als Poſaunenen⸗ 4 gel hat aushauen laſſen was waͤr' ihr damit 55 geholfen? Wir, ich und der Obereinfahrer, ſind aufgeklaͤrte Leute; nur wir beide ſetzen uns allenfalls daruͤber weg; die arme Kleine 2 kann nichts davor; aber ſo lange ſie lebt, be⸗ haͤlt ſie den Makel. —— Nummer 3 Z 3. „Was behaͤlt ſie?“ fragte ich und dreh⸗ te mich, meinen Ohren nicht trauend, ver⸗ wundert zu ihm.. „Ihren Makel,“ wiederholte er heimlich, und lachte mit ſataniſcher Freude:„aber das unter uns, der Bergſchreiber ſchluͤge mich todt, wenn er erfuͤhre, daß ich davon gemun⸗ kelt; auf dem Flecke iſt er ſo kitzlich, wie mein Fliegenſchimmel! hinterm Sattel;— Sie wiſſen doch, der Bergſchreiber war mit dem ſeligen Oberberghauptman in England?“ „Ja. „Nu, ſehen Sie, da kommen ſie unter andern auch in ein kleines Staͤdtchen, Bir— Bir— i, wie heißt denn das Neſt— es haͤmmert ſich hinten—“ „Ich weiß ſchon, Birmingham; ſo klein iſt das Neſt von 70,000 Einwohnern nun wohl nicht; doch nur weiter.“ „Richtig, Birmingham! da iſt ein Chi⸗ rurgus; ein Deutſcher; der hat eine Toch⸗ ter. Mit der wird mein Herr Bergſchrei⸗ ber bekannt, mir nichts, dir nichts; verſcha⸗ merirt ſich in ſie und bittet die Eitern um die Hand der Tochter. Erſt will die nicht; * 27 aber die Eltern zwingen ſie dazu, und drin⸗ gen auf ſehr ſchleunige Heirath; das macht den Bergſchreiber ſtutzig; er legt ſich auf's Horchen, und erfaͤhrt, daß die Mamſell Chi⸗ rurguſſin— na Sie verſtehen mich ſchon—“ „Was denn?“ „Nu, ſehen Sie, da war ein Lord, das iſt ſo viel, wie bei uns ein Edelmann; na, man weiß ja, wie die Herren ſind, wenn ein armes Buͤrgerding dumm genug iſt, ſich von ihnen anfuͤhren zu laſſen; kurzum, mein Bergſchreiberchen ſtellte ſich auf die Hinter⸗ beine, und machte Maͤtzchen, und wollte nun von der Heirath nichts wiſſen; indeſſen die Familie des Lords, der vor des Teufels Ge⸗ walt das Maͤdchen ſelber heirathen wollte, ſetzte Tod und Leben daran, daß aus der Geſchichte nichts wuͤrde, und bot den Eltern 12000 Thaler, wenn ſie die Verbindung der Tochter mit dem Bergſchreiber zu Stande braͤchten; dern Bergſchreiber ließ ſich vom Satan blenden, nahm die Haͤlfte jener Sum⸗ me, und brachte ſie nun, ſammt ſeiner Lady Teufenbach hieher. Alle Hagel, Herr, war das eine ſchoͤne Frau. Aber einen Duͤnkel hatte ſie im Kopfe! Ich ſage Ihnen, un⸗ ausſtehlich. Wir alle waren ihr Pomade. Sie ſprach deutſch, wie Wurſt, aber ſie re⸗ dete kein Wort mit unſer einem, und der Bergſchreiber hat ſie gar nicht anruͤhren duͤr⸗ fen. Wie ſie lange todt war, ſie ſtarb vor ungefaͤhr acht Jahren, da hatte der Berg⸗ ſchreiber einmal bei Oberſteigers auf dem Kindtaufen einen kleinen Habemus, da ſa⸗ ßen wir beide zuſammen und plauderten, und da habe ich ihm die Geſchichte ſo halb abge⸗ lungert.“ „Laſſen wir die Todten ruhen,“ ſagte ich, und konnte mir das ungluͤckliche Loos der armen Mutter denken, an der Seite die⸗ ſes Mannes, fuͤr den Fehltritt ihrer Jugend zeitlebens zu buͤßen. Ich oͤffnete das Fenſter, um zu ſehen, ob Jenny nicht kaͤme; mir war es, als ſtuͤnde ſie im Spruͤhregen an der Ecke der Straße, Hand in Hand mit einem jungen Bergmann, der entweder eben ſeine Schicht verfahren hatte und heim ging, oder im Begriff ſtand, erſt anfahren zu wollen, und auf dem Wege nach der Grube war, denn er war angethan mit Grubenkittel, Leder und Schachthuthe, und hatte das Grubenlicht in der Hand. Sie hatte vorhin nach der Wanduhr geſehen, dieſe wies auf ſieben— die Stunde, wo die Tagſchicht endet und die Nachtſchicht anhebt; das ſah denn wohl einem halben Stelldich⸗ ein ſo aͤhnlich, wie ein Ei dem andern. Ich hatte mich nicht geirrt; ſie war es geweſen; ſie kam von der Ecke die Straße herauf, trat in das Zimmer und legte den vollen Betrag des Lotterie⸗Einſatzes auf den Tiſch. Jetzt hatte ſie auf ein Mal das benö⸗ thigte Geld beiſammen; vorhin nicht. Wahr⸗ ſcheinlich— gewiß— ganz gewiß hatte ihr der junge Bergmann im Grubenkittel das Fehlende zugeſchoſſen. Das einen ſehr hohen Grad voraus— der drittes No⸗ es mir ſchien— der Der Poſtmeiſter ſtr ſchoͤne Thaler ein; Kauflooſe vor, Collecteurwitze, ſetzte denn doch von Vertraulichkeit nbuhner! und wie gefäͤhrlichſte. 3 ich meine und Jenny's legte ihr eine Parthie und bat, mit aͤchtem Lotterie⸗ ſich nur das auszuſuchen, was die hunderttauſend Thaler gewinnen de; Jenny aber holte aus einem Wandſchraͤnk⸗ chen eine zwiesliche Ruthe von blankem Me⸗ tall hervor, ſchlug drei Kreuze daruͤber, faßte ſie mit beiden Haͤnden aufrecht und ſagte mit einem wahren Bergmannsglauben:„die Wuͤn⸗ ſchelruthe ſuchet Erze und Gaͤnge, und wo ſie nieder ſich ziehet, da ſoll man einſchlagen und ſchuͤrfen, denn da gehen die Gaͤnge zu Tage aus; ſo neige denn auch du, mein Ruͤthlein, dich auf das Loos nieder, dem mein zeitliches Gluͤck zu Tage ausgehen wird.“ wuͤr⸗ auls 3¹ ch Die Ruthe neigte ſich ſichtbar auf Num⸗ eit mer 333.—— — ie C 2— 3 IV. 2 Gl a ckhau f 1 „Die Drei iſt eine wunderſame Zahl,“ 2 . ſagte Jenny bedeutend:„und hier ſind ihrer drei.“ „Mit der Drei iſt die Treue verwandt,“ fiel ich ihr ſcherzend in das Wort. „Dann muͤßte es nur eine Drei ſeyn, b denn nur Einem, nur einem Einzigen kann mman treu ſeyn,“ verſetzte Jenny, ungewoͤhn⸗ lich ernſt, und legte ihr Loos, mit einer Art Feierlichkeit, in den Wandſchrank, unter ihr Wuͤnſchelruͤthgen. 1 Ich ließ das blinde Gluͤck beſtimmen, 4 welches Loos mir werden ſollte; ich zog, au⸗ ßer dem vorhin fuͤr ſie genommenen Looſe, die Haͤnde auf den Ruͤcken gelegt, nun auch 32 meine Nummer, und da die letzte Klaſſe bald gezogen werden ſollte, bat mich der Poſtmei⸗ ſter, den Sonntag uͤber drei Wachen wieder zur Stadt zu kommen, wo die reitende Poſt eintreffe, mit welcher er die Nachricht uͤber unſerer Looſe Schickſal erwarte. Er ging. Mir brannte es auf der Seele, mit Jenny in das Klare zu kommen. Auf Umwegen erfuhr ich nichts; das war bei dieſem uͤberfeinen, ſchlauen Maͤdchen vor⸗ aus zu ſehen. Ich fragte alſo kurz und rund, wer der junge Bergmann geweſen, mit dem ſie trotz des Regengeſtoͤbers, ſo lange an, der Ecke geſtanden, und ob ſie nicht mit dieſem das Loos gemeinſchaftlich genommen. „Sie haben ein Recht darnach zu fragen,“ entgegnete ſie, uͤber meine Neugierde ein we⸗ nig empfindlich, aber doch zu gutmuͤthig, um ernſtlich boͤſe zu ſeyn:„denn ich habe erklaͤrt, mit Ihnen nicht ſpielen zu wollen. Der jun⸗ ge Mann, mit dem ich vorhin ſprach, iſt aus dem Hannoͤverſchen, und haͤlt ſich hier auf, um den Bergbau praktiſch zu erlernen. Wir ſpra⸗ chen unlaͤngſt zufaͤllig vom Lotteriegluͤck, und er meinte, wenn ich einmal mein Gluͤck auf dieſem Wege verſuche, moͤchte er gern Theil daran nehmen. Das ſiel mir ein, als ich mein halbes Loos bezahlen wollte. Es war eben ſieben Uhr, wo er auf dem Stolln zu den drei Kreuzen die Nachtſchicht verfaͤhrt; er muß hier vorbei, ich traf ihn an der Ecke; und er lief, als ich ihm ſagte, daß nun aus unſerm Scherz Ernſt geworden und ich Ge⸗ legenheit habe, ein Loos zu bekommen, nach Hauſe und holte den Betrag ſeines halben Antheils. Wollen Sie noch mehr wiſſen?“ fragte ſie halb muthwillig, halb ſpitz. „Wenn Sie mir noch mehr ſagen wollen, warum nicht? z. B. ob ich mich irre, wenn es mir ſo vorkommr, als waͤre der junge Hannoveraner ein— recht intereſſanter jun⸗ ger Mann? „Er iſt huͤbſch und gut. Wir ſind Col⸗ legenkinder; ſein Vater iſt auch Bergſchrei⸗ — 2 34 ber, und ſo arm, als meiner, denn die Berg⸗ ſchreiber haben uͤberall nicht viel. Als Han⸗ noveraner iſt er halber Landsmann von mir, und da er der Einzige hier im Orte iſt, der engliſch ſpricht, mag ich gern mit ihm reden⸗ damit ich nicht vergeſſe, was mich meine Mut⸗ ter gelehrt hat.“ „Alſo bloß darum reden Sie gern mit ihm?“ fragte ich auf der Folter meiner ge⸗ heimen Eiferſucht. „Sie wollen mehr wiſſen, als Ihnen noͤ⸗ thig iſt!“ entgegnete ſie mit niedergeſchlage⸗ nen Augen, und ward ein wenig verlegen. „Und wenn es mir nun noͤthig, wenn es mir nun ſehr noͤthig waͤre, dieß zu wiſ⸗ ſen, dieß ganz genau und beſtimmt zu wiſſen.“ Sie ſah mich errathend an, ward feuer⸗ roth, und laͤchelte ein wenig, dann wechſelte ihre Farbe; nach einer kleinen Pauſe ſagte ſie mit Ernſt und Bedeutung:„Unſere Knap⸗ pen ſahren in heimlicher Stille tagtaͤglich, 35 und bringen ihren Schacht im Geſtein im⸗ mer tiefer und tiefer; und doch hat noch kei⸗ ner der Erde Geheimſtes ergruͤndet; des Frauenherzens Tiefſtes aber iſt tiefer noch und heimlicher; darum ſoll auch Niemand nach Dingen forſchen, die ihm nicht from⸗ men noch fruchten.“ Da hatte ich meinen Beſcheid. „Sie achten,“ erwiederte ich eben ſo ernſt geworden, als ſie:„auf Wuͤnſchelruthe und Traͤume, und haben zwei Huͤlfmittel, die untruͤglicher ſind, als beide; Verſtand und Gefuͤhl!“ „Das ſind armſelige Markſcheider,“ fiel ſie mit mit ſeltſamer Bitterkeit in das Wort: „der Empaß ſoll ihnen die Stunde angeben, gegen welchen Welttheil der Gang ſein Strei⸗ chen hat; aber in Eiſenbergwerken— und die kalten, roſtigen Menſchen ſind ja lauter Eiſen— kann man mit Compaß und Mag⸗ net nicht viel handiren, denn die Nadel ver⸗ ruͤckt ſich.“ — „Legen Sie doch, Jenny, Ihre Hand auf mein Herz, und Sie werden vor Ihrer Markſcheidekunſt mehr Achtung gewinnen. Ich hatte Hoͤheres, ich hatte das Hoͤchſte von Ihnen zu begehren, aber jetzt bitte ich nur um Ihr Vertrauen. Der junge Bergmann, der jetzt ſeine Nachtſchicht verfaͤhrt, und in dem ſtillen Eingeweide der Erde, vor Ort arbei⸗ tet, der hat, als ein rechter Haͤuer, auch hier— auf ihr Herz deutend— den Vor⸗ theil gewußt, wie er Geſtein und Gaͤnge ge⸗ winnen ſoll.“ Jenny ſchlug uͤberraſcht die Augen nie⸗ der; mit dieſer Sicherheit konnte der Ober⸗ berghauptmann, von den Gruben auf allen Revieren ihres Bergamts nicht ſprechen, als ich von dem Tiefſten ihres Herzens. Es war, als haͤtte ich eine ſechzigzollige Feuer⸗ maſchine angeſetzt, ſo gingen die Waſſer auf. Meltzer fuͤhrt ſchon in ſeinem uralten Wer⸗ ke, Gangräna metall., das Aufſteigen der Waſſer in der Grube, als eine Urſache an, dand hrer nen. von nur unn, dem bei⸗ 37 „daß mancher hoͤffliche Zug und manche ſtatt⸗ liche Zeche liegen bleiben gemußt, weil die Knappen die Arbeit einzuſtellen genoͤthiget geweſen;“ ſo ging es auch mit; denn als des Maͤdchens Thraͤnen, den ſchoͤnen Augen ſtromweiſe entrollten, als ſie, uͤberwaͤltiget vom Schmerz ihrer Lage, laut weinte; da konnte ich ſelbſt nicht mehr ſprechen. Das Waſſer ſtand mir in den Augen; ich wendete mich, weil ich mich ſchaͤmte, vor einem Maͤdchen zu weinen. Aber ſie hatte meine Ihraͤnen, die ſtillen Zeugen meines Schmerzes, den ſie fuͤr Theilnahme hielt, ge⸗ ſehen, und dieſe galten ihr mehr, als meine Worte. Mit treuherziger Gutmuͤthigkeit reichte ſie mir die Hand; ich druͤckte ihr den Abſchiedkuß meiner eben erſt erwachten Liebe darauf, und gewann es uͤber mich, ſie nicht merken zu laſſen, welchen ungeheuern Kampf ich in dieſem Augenblicke mit mir ſelbſt ge⸗ kaͤmpft hatte. Er lag hinter mir, der er⸗ ſchlagene Rieſe meiner Eigenliebe; ich ſuͤhlte — 38 die Groͤße des Sieges uͤber mich felbſt, und ich ſteckte mir das Ziel, der theilnehmende Freund zu werden, fuͤr den mich das argloſe Maͤdchen hielt In ſuͤßer Unſchuld erzaͤhlte jetzt Jenny von ihrem Anton, von dem gaͤnzlichen Man⸗ gel aller Ausſicht fuͤr ihre Liebe; von dem Plan ihres Vaters, ſie an den reichen alten Obereinfahrer zu verheirathen, und von der einzigen Hoffnung, die ſie beide auf das Loos ſetzten, das ſie ſchon lange haͤtten zuſammen nehmen wollen.„Ich habe mir das Geld dazu ernaͤht,“ ſagte ſie mit freudigem Selbſt⸗ gefuͤhl:„und Anton hat es ſich durch Weil⸗ arbeit und Nachtſchichten recht ſauer verdient; wenn da das Gluͤck kein Einſehen hat, ſo muͤßte Redlichkeit und Fleiß, Tugend und Liebe nichts mehr werth ſeyn auf der Welt.“ „Das Gluͤck iſt blind, Jenny, hoffen Sie nicht ſo beſtimmt.“ „Rauben Sie mir meinen Glauben nicht. Das Gluͤck iſt ein Werkzeug in Gottes 39 Hand und Gott im Herzen hat jedes Berg⸗ und hende mannskind.“ gloſe„Das biſt Du ja nicht,“ ſagte ich heim⸗ lich bei mir ſelbſt, und war jetzt faſt mathe⸗ enny matiſch uͤberzeugt, daß die arme Jenny Nan⸗ ſammt ihrem Anton, bei dem Gluͤcksſpiel leer dem ausgehen wuͤrde; denn lag es im Plane der lten Vorſehung, das Maͤdchen mit zeitlichen Guͤ⸗ der tern zu ſegnen, ſo haͤtte ſie die ungluͤckliche boos Mutter nicht von der Seite des reichen Lords men getrennt, und dem Maͤdchen nicht den unbe⸗ zeld mittelten Bergſchreiber zum Pſeudovater auf⸗ bſt⸗ gedrungen. Wenn wir Maulwurfmenſchen doch nicht eil⸗ „. uͤber die Vorſehung kannegießern wollten! ſo„Vertrauen Sie den Freunden mehr, als und dem Gluͤcke,“ hob ich an, und wenn ich mich t.“ recht ſcharf vor Gericht ziehe, war es mir, Sie. als haͤtte ich mich dabei ein bischen in die Bruſt geworfen.. ht.„Ich habe keine Freunde,“ antwortete Jenny demuͤthig:„und Anton auch nicht. Wir brauchen auch keine; wir haben Gott, und der wird helfen. Ich kann zuweilen wohl traurig ſeyn, und dann muß ich recht herzlich weinen; aber muthlos bin ich nie. Wer an Gott glaubt, kann nicht verzagen. De s Bergmanns herzerhebender Wahlſpruch i*ſt ja, Gluͤckauf!“ V. Die Staffette. Der Entſcheidung⸗Sonntag war da. Ich fuhr mit meinen Fuͤchſen, von denen der eine die Mauke, der andere den Spath hatte, zur Stadt. Ich hatte wohl anfaͤng⸗ lich auch meine Plaͤne gemacht, wie ich Jen⸗ ny uͤberraſchen wuͤrde, wenn ich ihr die, auf mein fuͤr ſie geſpleltes Loos gewonnenen hun⸗ derttauſend Thaler uͤberwieſe; allei die Zeit der Ziehn — n je naͤher ng heran kam, deſto mehr —⁸ρ——— ———,— hatten ſich meine kuͤhnen Projeete in blaue Duͤnſte verloren, ſo daß ich jetzt faſt mit be⸗ ſtimmter Gewißheit, auf mein Loos nichts zu gewinnen, zum Staͤdtchen hinein fuhr. Einige Mal— ich will ganz aufrichtig ſeyn— war mir die Frage in den Kopf ge⸗ kommen: ob es denn recht und billig ſey, dem Maͤdchen, das mich eigentlich nichts an⸗ gehe, das nicht aͤrmer ſey, als zehn Millio⸗ nen andere eben ſo arme in der Welt, und das gegen mich auch nicht ein Fuͤnkchen von Neigung im Herzen hatte, die ungeheure Summe von Hunderttauſend Thalern fuͤr nichts und wieder nichts hinzugeben. In⸗ deſſen, ich hatte mir es geſchworen. Ich will gern zugeben, daß der Schwur das Werk einer Uebereilung geweſen ſeyn mochte; aber er war einmal gethan, und ſo blieb ich feſt auf meinem Vorſa atze beharren. Der Wergſchrri iber empfing mich freund⸗ lich, denn ich hatte ihm unterdeſſen den Ju⸗ denpreis fuͤr ſeines Weibes Gemaͤhlde, treu und redlich geſandt. Das Zimmer war feſt⸗ lich geſchmuͤckt. Jenny kam mit Anton aus der Kirche. Sie lachte mir ſchon von weitem froͤhlich entgegen.. Man hat ſo viel uͤber Glauben, Liebe und Hoffnung geſprochen und geſchrieben. Jenny's liebliches Geſichtchen gab dieß alles deutlich zu leſen. Hundert reiche Maͤdchen haͤtten die Haͤlfte ihres Geldes fuͤr das Gluͤck hingegeben, das auf dieſen bluͤhenden Wan— gen laͤchelte; fuͤr das ſelige Entzuͤcken, das in dieſen blitzenden Augen ſtrahlte; fuͤr den Stolz, der auf dieſer Stirn thronte. Es war doch ein koͤſtliches Maͤdchen, und mein Schwur reu'te mich nicht, denn ein ſolches zur Schuldnerin zu haben, ein ſolches ſich zeitlebens verpflichtet zu wiſſen, iſt auch et⸗ was werth. Warf ſie den Blick in des Himmels Blaͤue, ſo war ſie der perſonifizirte Glaube; weilte ihr großes, ſchmachtendes Au⸗ ge auf dem friſchen kraͤftigen Anton, ſo 43 mahlte ſich die gluͤcklichſte Liebe in jedem ih⸗ rer Zuͤge, und ſah ſie in die Weltgegend hin, von der die heute erwartete Nachricht her⸗ kommen mußte, ſo fehlte ihr zum lebendi⸗ gen Bilde der Hoffnung nichts, als der An⸗ ker— doch nein, der fehlte ihr auch nicht, denn ſie lehnte ihren Arm auf den ihres An⸗ ton, und dieſer ſah ſo ehrenfeſt und zuverlaͤ⸗ ßig aus, als koͤnne er einen Dreimaſter al⸗ lein halten. Sie ſtellte mir ihn vor, und fliſterte mir heimlich zu:„ Er weiß, daß Sie alles wiſſen.“ So lange der Vater gegenwaͤrtig war, konnte ich mich gegen die jungen Leute nicht erklaͤren; wir ſprachen daher nur im Allge⸗ meinen uͤber den Zweck unſerer heutigen Zu⸗ ſammenkunft, und ſie erzaͤhlten mir, daß der Poſtmeiſter die Verabredung genommen, uns ſchon von Weitem durch telegraphiſche Zei⸗ chen zu erkennen zu geben, was wir gewon⸗ nen; war es das große Loos, ſo wollte er, 44 ſobald er um die Ecke biege, beide Haͤnde hoch in die Luft halten; betrug der Gewinn nur 5000 Thaler oder mehr, ſo hielt er die Rechte; betrug er weniger als 5000 Thaler, ſo hielt er die Linke in die Hoͤhe; ob der Gewinn auf mein oder Jenny's Loos gefal⸗ len, ſollten wir erſt von ihm dann muͤndlich erfahren; wenn aber alle Looſe durchgefallen, ſo komme er mit beiden Haͤnden in den Rock⸗ taſchen anſpazirt. Auſſer uns wußte kein Menſch im Staͤdtchen von der Unternehmung ein Wort, wegen der bewußten 200 Thaler Strafe. Auf das Vergnuͤgen, den Gluͤcksgott mit beiden Haͤnden hoch in der Luft um die Ecke angeſtiegen kommen zu ſehen, wollten wir, meinte ich, verzichten; denn bei Faͤllen dieſer Art, ſei es gewoͤhnlich, Staffetten zu ſenden; was wir alſo mit der reitenden Poſt zu erwar⸗ ten haͤtten, koͤnnte hoͤchſtens nur ein bedeuten⸗ der Rebengewinn ſeyn; allein Jenny hatte die groͤßten Noſinen im Koͤpfchen, und baute auf 45 des Poſtmeiſters Verſicherung, daß eine Staf⸗ fette kaum einige Stunden fruͤher eintreffen koͤnne, als die reitende Poſt; und darum ſei es ſehr moͤglich und hoͤchſt wahrſcheinlich, daß der Haupt⸗Colleeteur keine Staffette abgehen laſſe, ſondern die goldene Nachricht mit der eben ſo ſchnellen, reitenden Poſt uͤberſenden werde; ich ſchwieg, um ſie in ihrem gluͤcklichen Wahne nicht zu ſtoͤren. Anton ſah in das Spiel ihrer losgebundenen Phantaſie mit hei⸗ term Ernſt. Es mochte ihm wie mir gehen; je naͤher er dem Entſcheidungsaugenblicke kam, deſto mehr ſchien er ſich zu uͤberzeugen, daß ſei⸗ ne Hoffnungen eitle Traumbilder geweſen wa⸗ ren; aber er erbaute ſich an Jenny's felſenfe⸗ ſtem Glauben und ergoͤtzte ſich an ihrem kind⸗ lich frohen Sinn. „Sie haben doch Ihr Loos noch?“ fragte ich zufaͤllig Jenny, und erzaͤhlte ein halb Du⸗ tzend Geſchichten von Faͤllen, wo bedeutends Gewinne nicht hatten ausgezahlt werden koͤn⸗ nen, weil die Looſe verloren gegangen waren. 46 „Das liegt noch ruhig auf ſeinem Platze unter der Wuͤnſchelruthe,“ entgegnete ſie, ging, um es zu holen, an das Wandſchraͤnk⸗ chen und rief erſchrocken:„es iſt nicht da!“ In demſelben Augenblicke— vier Stun⸗ den fruͤher, als die reitende Poſt moͤglicher Weiſe eintreffen konnte— ſchlug das Schmet⸗ tern eines Poſthorns an die Fenſter; wir fuhren, wie vom Schlage getroffen, zur Haus⸗ thuͤre hinaus; da ritt der Poſtknecht, mit der ledernen Taſche auf der Bruſt, durch die Querſtraße nach dem Poſthauſe zu, und el⸗ ne Menge kleiner Pochjungen hinter ihm drein, und alle ſechrieen aus vollem Halſe: „aͤne Stachete!“ VI. Das große Loos. — Jenny bebte an allen Gliedern.„Unſer Loos hat gewonnen!“ rief ſie:„und nun iſt —, 47 es verſchwunden!“ ſie wuͤhlte mit tauſend Haſt und Angſt im Schraͤnkchen umher, nnd hoͤrte von meiner Troͤſtung, daß mein Loos auch das ihre ſei, keine Silbe. Ich wollte hin zum Poſtmeiſter, um naͤhere Kunde ein⸗ zuziehen, aber ſchon kam dieſer, bei Gott, beide Haͤnde hoch in der Luft, wie beſeſſen um die Ecke herum. Anton faßte mich vor Freuden beim Kopf, daß ich wahrhaftig dach⸗ te, er wolle mir den Schaͤdel zuſammendruͤ⸗ cken. Jenny flog, in Gegenwart des Vaters, laut weinend vor Entzuͤcken in Antons Ar⸗ lte ſelbſt faltete halb erſtarrt die me, der A Haͤnde; und mir ſchnuͤrte die Ueberraſchung ſo gewaltſam die Bruſt zu, daß ich kein Wort ſprechen konnte. Es war nichts.— Ein Reiſender ſandte eine Staffette vor⸗ aus, um uͤberall Pferde bereit zu finden, und der Poſtmeiſter hatte ſich das Spaͤschen ge⸗ macht, uns zum April zu ſchicken. Wir haͤtten ſollen boͤſe ſeyn, aber keines konnte es werden. Wir lachten alle, eins uͤber das andere; wußten wir doch nun, wie es den Leuten zu Muthe iſt, die mit einem Male hunderttauſend Thaler gewinnen. Jenny war jetzt beſtimmter, als je, daß, wo nicht das große Loos ſelbſt, doch ein ſehr bedeutender Gewinn uns zufallen werde; das Schickſal habe uns nicht auf ein Mal mit ſeiner Freude ertoͤdten, ſondern allmaͤlich auf⸗ regen wollen, meinte ſie, um uns nach nnd nach an unſer Gluͤck zu gewoͤhnen. Sie fing jetzt ihr Loos wieder an zu ſuchen, und im⸗ mer ward ihr unbegreiflicher, wo es hingekom⸗ men, da ſie nun beinahe alle Kommoden, Schraͤnke und Schubfaͤcher im ganzen Hauſe umgekehrt hatte. Anton war ruhiger;„ich baue nicht viel auf das Gluͤck,“ ſagte er zu mir, vom Va⸗ ter ungehoͤrt, und ließ Jenny kramen:„ſon⸗ dern auf mich ſelbſt; dann kann ich wenig⸗ ſtens nie ungluͤcklich ſeyn. Meine Ausſichten * —* r 49 ſind fern, aber in fuͤnf— ſechs Jahren denke ich doch, Jenny als Frau ernaͤhren zu koͤn⸗ nen, und an der Seite dieſes Maͤdchens, ſoll mir bis dahin die Zeit nicht lang werden. Das liebe Geld iſt es wahrhaftig nicht, was ich vermiſſen werde. Giebt Gott nur Ge⸗ ſundheit, ſo will ich mir ſchon verdienen, was wir brauchen, und Jenny wird das Wer nige zuſammenhalten, was wir haben, und dann wird die Sache ſchon gehen. Meinen Sie nicht auch Herr?“ Ich druͤckte dem huͤbſchen Anton die Hand; ſeine einfache Lebensweisheit, ſeine ernſte An⸗ ſicht, ſeine gediegene Ruhe machten mir ihn unendlich werth. „Ich finde es nicht,“ ſagte Jenny auf uns zukommend, und rang verzweiflungvoll die kleinen Haͤnde ihrem Anton entgegen. „Laß doch das Suchen ſeyn“ erwiederte An⸗ ton und umſchlang das ſuͤße Maͤdchen:„ich habe mein großes Loos ja ſchon gezogen, und brauche kein zweites.“ 4 „Fuͤr mich ſuche ich nicht,“ antwortete Jenny, und ſah ihm freundlich in die Au⸗ gen.„Dir ſollte das Gluͤck bringen, was es als Mitgift mir verſagte.“ „Weg mit dem Zeuge,“ rief er laͤchelnd: „wir foͤrdern beſtaͤndig das lieben Metalles zu Tage, und darum wird doch die Welt um kein Haar gluͤcklicher. Mein Vater war arm, und iſt ſein ganzes Leben hindurch froͤhlich geweſen, denn unſere Mutter war gut, und wir Kinder haben ihm keinen Kummer ge⸗ macht; und als er todt war, trugen ihn die Knappen weinend zur Grube, und ſenkten ihn unter ſtillem Gluͤckauf! in die Erde, denn ſie hatten ihn lieb, und er war ihrer Ehre werth; und ſo ſoll's auch bei uns ſeyn, nicht wahr, meine einzige Jenny?“ „Ja,“ ſagte Jenny mit naſſen Augen, und ſchmiegte ſich an Antons ſtolze Bruſt: „ſo ſoll es auch bei uns ſeyn.“ Nun mochte es kommen, wie es wollte; der Zufall hatte uns auf den Gewinn der vot nu nic hunderttauſend Thaler wie auf die Nieten vorbereitet; faſt fing ich jetzt an, der Hoff⸗ nung Raum zu geben, daß wir wenigſtens nicht ganz leer ausgehen wuͤrden. Die Reitpoſt kam.. Der Poſtmeiſter hatte, um, der dickbe⸗ ſagten 200 Thlr. wegen, alles Aufſehen in der Epedition zu vermeiden, ausdruͤcklich ge⸗ beten, nicht zu ihm zu kommen, ſondern ab⸗ zuwarten, bis er, als lebendiger Telegraph, ſelbſt um die Ecke ſegeln werde. Dieß hat⸗ ten wir verſprochen, dagegen hatte er auch wieder ſein Ehrenwort einſetzen muͤſſen, uns, wie er in ſeinem altbergmaͤnniſchen Kauder⸗ waͤlſch ſich ausdruͤckte, kein Kuͤnſtel wieder zu haͤngen, ſondern, der wahren Sachlage gemaͤß, die verabredeten Fernzeichen zu geben. Die Achſeln hoch bis an den Kopf gezo⸗ gen und beide Haͤnde in den Rocktaſchen— ſo kam die Trauergeſtalt um die Ecke. Erſt lachten wir uͤber die wahrhaft poſ⸗ ſirliche Geſtaltung des aufrichtigſten Beileids, 4* das der, in ſich ſelbſt zuſammengezogene Poſt⸗ meiſter, meiſterhaft darſtellte; dann aͤrgerten wir uns ein bischen uͤber das ungerechte Gluͤck und wuͤnſchten, daß, da wir nun einmal nichts hatten haben ſollen, der Hauptgewinn wenigſtens in andere wirklich beduͤrftige Haͤn⸗ de gefallen ſeyn moͤge; ich ſprach mit Be⸗ dauern von den ſchoͤnen Naͤchten, die Anton und Jenny, unter und uͤber Tage vergeblich dem Schlaf abgebrochen; beide aber verſicher⸗ ten, daß, wer den andern liebe, wie ſein Le⸗ ben, ein wenig Schlaf nicht achte, wenn er damit dem andern eine Freude machen koͤn⸗ ne; Jenny aber wiſchte ſich die Augen, ward wieder froͤhlich und ſagte:„ich bin ein Kind geweſen. Was uns gut iſt, wird Gott uns ſchon geben; behalte die hunderktaufend Tha⸗ ler, wer ſie gewonnen, und genieße ſie gluͤck⸗ lich. Anton iſt mein. Wir ſind geſund und zufrieden. Das iſt mehr, denn das große Loos.“ gema in g Poſt⸗ eerten Gluͤck nmal winn Haͤn⸗ Be⸗ nton blich cher⸗ Le⸗ n er koͤn⸗ vard Kind uns Tha⸗ luͤck⸗ und roße VII. Der Schaafkopf. Der Abend war mild und freundlich; wir, Jenny, Anton und ich, gingen die Heer⸗ ſtraße entlang ſpaziren, bis zur Kunſt, wo wir eben wieder umkehren wollten, als wir im Gebuͤſch, das am Kunſtgraben lang hin⸗ laͤuft, und durch das die Straße von hier ab, mitten durchgeht, einen mehrſtimmigen Schrei, und in demſelben Augenblick einen dumpfen Krach, dann aber einen ſehr lebhaf⸗ ten Wortwechſel hoͤrten. Wir eilten naͤher herbei, und fanden ei⸗ nen großen ſechsſpaͤnnigen Reiſewagen, durch die Unvorſichtigkeit des halbbetrunkenen Poſt⸗ knechts umgeworfen. Der Bediente, der auf dem Bocke geſeſſen, war ohne Schaden da⸗ von gekommen, der Herr der Equipage aber, cin Mann von etwa vierzig Jahren, wohl⸗ gemacht und ſehr vornehmen Anſehens, klagte, in gebrochenem Deutſch, uͤber den linken Fuß, und warf dem Schlingel von Trunken⸗ bold, ein Dutzend recht herzhafte engliſche Fluͤche zu. Jenny hoͤrte kaum den Zauberlaut der Mutterſprache, als ſie mit Anton herbei ſprang; beide bezeigten dem Fremden, in ge⸗ laͤufigem Engliſch, ihre Theilnahme, und Jen⸗ ny erſuchte ihn, in ihrem Hauſe mit dem Wenigen, was ſie ihm bieten koͤnne, vorlieb zu nehmen; es ſei im Orte ein recht unter⸗ richteter Wundarzt, den wolle ſie augenblick⸗ lich beſorgen; und bei deſſen Geſchicklichkeit hoffe ſie, ſolle der ihn betreffende Unfall von keinen bedeutenden Folgen ſeyn. Anton flog in die Kunſt, um Leute zur Aufhebung des Wagens zu holen; der Frem⸗ de aber vergaß ſeinen Aerger und ſeinen Schmervz uͤber der Freude, hier in dem rau⸗ hen Gebirge ein Paͤrchen gefunden zu haben, das nach ſeiner Verſicherung ein ſchoͤneres Engliſch ſprach, als er es in der letzten Re⸗ ſidenz gehoͤrt hatte. Er ſah das Maͤdchen ken⸗ iſche der erbei ge⸗ Jen⸗ dem rlieb nter⸗ Llick⸗ hkeit von zur rem⸗ inen rau⸗ ben, eres Re⸗ chen 55 mit unnennbarem Wohlgefallen an, er ver⸗ ſchlang es beinahe mit ſeinen Blicken, und wenn Jenny nur den Mund aufthat, ſo laͤ⸗ chelte das ganze Geſicht des Fremden in Lie⸗ be und Entzuͤcken. „Das iſt Anton's boͤſer Feind,“ dachte ich:„und ſeiner Liebe Tod,“ denn je laͤnger Jenny mit dem fremden Manne ſprach, de⸗ ſto mehr floß ihr Mund mit ihrem Herzen uͤber. Aber wahre Liebe kennt das Gift der Eiferſucht nicht; Anton kam zuruͤck und kuͤß⸗ te der liebreizenden Samariterin, die des Fremden verſtauchte Hand eben mit ihrem Taſchentuche umwand, die roſige Wange, und griff nun ruͤſtig mit an, und half dem haus⸗ hohen Prachtwagen auf die Beine, hob den Kranken hinein, ſetzte die kleine barmherzige Schweſter daneben, empfahl den Leuten, die er von der Kunſt mitgebracht hatte, neben dem Wagen herzugehen, weil er dem Poſt⸗ knecht nicht traue; und eilte nun mit mir, den kuͤrzern Fußſteig voraus, um den Wund⸗ arzt zu holen, und den Vater Bergſchreiber auf die Einquartirung vorzubereiten.„Der wird ein bischen fluchen,“ ſagte er lachend: „denn er kann die Englaͤnder nicht leiden, aber das iſt nun dießmal nicht anders; den Mann konnten wir doch wahrhaftig nicht am Kunſtgraben liegen laſſen— ſehen Sie,“ ſagte er nach einer Weile:„der Fremde iſt gewiß reich, denn ſeines Wagens braucht ſich kein Koͤnig zu ſchaͤmen; aber was helfen dem armen Teufel jetzt alle ſeine Thaler! er gaͤbe mir beſtimmt ein Sechstheil ſeines Ver⸗ moͤgens fuͤr meine zwei geſunden Beine.“ Der Bergſchreiber wollte aus der Haut fahren, und nannte Jenny's chriſtliche Liebe einen Narrenſtreich, er habe ſelbſt kaum zu brocken und zu beißen, meinte er, kirſchbraun vor Bosheit, und nun ſolle er noch einen brittiſchen Narren, der mit keiner Berghenne*) *) In der Bergmanns⸗Sprache leider nur eine Waſſer⸗ Suppe. ͤ—+₰„ aſſer⸗ vorlieb nehme, hier fretzen und fuͤttern. An⸗ ton ſprach von der Pflicht gegen den Naͤch⸗ ſten; doch davon wollte der Bergſchreiber nichts wiſſen, und demonſtrirte ihm, daß das Hemde dem Menſchen naͤher ſei, als der Rock, und der Vater der Tochter naͤher, als ein von der Nebel⸗Inſel hergelaufener Maulaffe. Meine Troſtgruͤnde zogen aber beſſer, denn ich raunte ihm ins Ohr, daß der Her⸗ gelaufene, von ſeiner Nebel⸗Inſel recht huͤb⸗ ſche Banknoͤtchen mitgebracht zu haben ſchei⸗ ne, und von der brittiſchen Großmuth ließe ſich mit Beſtimmtheit erwarten, daß der Fremde, der uͤbrigens gar nicht wie ein Maul⸗ affe, ſondern wie ein recht achtbarer Mann von Stande ausſehe, alle kleine Auslagen und Muͤhwaltungen doppelt und dreifach ver⸗ guͤten werde. „Hol' ihn der Teufel,“ brummte der Iſe⸗ grimm in den Bart:„meinethalben moͤgen ſie mit ihm machen, was ſie wollen, aber ſa⸗ gen Sie ihm, daß ich kein Gaſtwirth bin, daß er es als eine große Gefaͤlligkeit anſehen ſolle, wenn ich ihn in meinem Hauſe auf⸗ nehme, und daß er einen Vorſchuß machen müſſe, wegen der Auslagen; was ſoll ich uͤbrigens dem Vagabondirer lange aufwar⸗ ten; ich gehe zum Obereinfahrer, da fehlt der Vierte zum Schaafkopf.“ VIII. Hunderttauſend Thaler und daruͤber. Ich war froh, daß er ging, denn ſchon hoͤrte ich von fern den luſtigen Poſtknecht das alte Bergſtuͤckchen blaſen: Gluͤck auf! mein guter Freund, Was geht Ihr mit der Ruthen? Ich glaub', Ihr ſeid gemeint, Ein Bergwerk hier zu muthen! hen nuf⸗ hen ich bar⸗ hit 59 und eben kam der Wagen, von der ganzen lieben Bergjugend des Staͤdtchens umzingelt, langſam angefahren. Anton trabte, vom entgegengeſetzten Enbe des Orts, mit dem Chirurgus auch ſchon heran. Der Bediente oͤffnete den Schlag und ſchlug die Stufen des Tritts, zur lauten Freude der Bergjungen, denen eine ſolche auf⸗ und niederklappende Fahrt nie vorgekom⸗ men, aus einander; und Jenny, purpurroth, bis zum hoͤchſten Grad aufgeregt, flog mit verweinten Augen und froͤhlichen Angeſichts in zwei leichten Spruͤngen herab und mir an den Hals. „Wo iſt mein Anton!“ rief ſie, und wollte in ſeine Arme, Anton aber ſtand ſchon am Wagen und trug vorſichtig, feſt und ſicher, den Fremden in das Haus, und der Fremde legte ſegnend ſeine Hand auf An⸗ tons gluͤhende Stirn. Da brach Jenny in lautes froͤhliches Weinen aus, und zog mich, der ich zu dem Allen keinen Schluͤſſel finden 60 konnte, ſtuͤrmend in das Zimmer, weil der Fremde mich zu ſprechen wuͤnſche. Nach dem Verbande, bei dem der Arzt erklaͤrte, daß das Ganze eine bloße Contuſion ohne alle Folgen und Bedeutung ſey, bat der Kranke die Umſtehenden, abzutreten, und be⸗ hielt mich allein zuruͤck. Er reichte mir, tief bewegt, die Hand und dankte mir fuͤr den ihm, bei ſeinem heutigen Unfall, bezeigten An⸗ theil und fuͤr die Freundſchaft, die ich bis⸗ her dem Hauſe hier bewieſen.—„Letztere berechtigt mich zu dem Vertrauen, fuhr er fort: mit dem ich Ihre Guͤte in Anſpruch nehme. Ich bin der Lord Lifford. Jenny iſt meine Tochter.“ „Am großen Markte zu Birmingham, wo jetzt Nelſons Statue ſteht, hatte mein Onkel, den ich als junger Mann von zwei, drei und zwanzig Jahren, von London aus, beſuchte, ein praͤchtiges Haus; dicht neben ihm wohnte Jenny's Mutter, die in der ganzen Stadt unter dem Namen der ſchoͤnen — —— y—— 61 Deutſchen bekannt war. Wir ſahen uns ein halbes Jahr taͤglich; ihre Tugend, ihr Ver⸗ ſtand, ihre Reize ſchlugen mich in die Feſ⸗ leln der ſuͤßeſten Liebe. Meine Ausſichten, meinen Rang, die laͤcherlichen Vorrechte mei⸗ ner Geburt, alles legte ich zu ihren Fuͤßen nieder, und erſt, als ſie ſich von der Reinheit meiner Abſichten feſt uͤberzeugt hatte, ſchenk⸗ te ſie mir ihr Herz und gelobte mir ihre Hand. Mein Onkel, ein ſtolzer Mann, er⸗ fuhr das Verhaͤltniß, theilte es meiner Fa⸗ milie in London mit und wußte mich durch eine unaufſchiebliche Geſchaͤftsreiſe nach Ir⸗ land, in die Grafſchaft Donegal, zu entfer⸗ nen. Ich konnte meine Ruͤckkunft in hoͤch⸗ ſtens einem Monat, berechnen; mein deutſches, angebetetes Maͤdchen trug das Pfand meiner Treue, die Frucht unſerer leidenſchaftlichen Verbindung, unter ihrem Herzen. Ich reiſ'te ab, mit dem heiligen Schwur, gleich nach meiner Ruͤckkunft die Schwierigkeiten die ich von Seiten meines Hauſes zu befuͤrchten hatte, voͤllig zu beſeitigen, und unſerem Bun⸗ de durch den prieſterlichen Segen die Weihe la zu geben.“ ſch „Die Eltern meines Maͤdchens ſetzten zi meinen Onkel von unſerm Fehltritt und von 4 meinem foͤrmlichen Eheverſprechen in Kennt⸗ ne niß. Er benutzt meine Abweſenheit, und W weiß durch Geld dieſe zu beſtimmen, daß ſie tet der ungluͤcklichen Betty mit den furchtbarſten taͤ Drohungen und den haͤrteſten koͤrperlichen 9. Gewaltmitteln zuſetzen, um einem Schreiber, eit der ſich mit einem deutſchen Großen eben cke in Birmingham aufhaͤlt, ihre Hand zu ge⸗ laſ ben. Sie traͤgt alle Peinigungen mit uner⸗ ba⸗ ſchuͤtterlicher Feſtigkeit; als aber ein Brief nie ihr in die Haͤnde faͤllt, den ich, an einen dor⸗ ſich 6 tigen Bekannten geſchrieben haͤben ſoll, und ver in dem ich dieſem, unter niedrigen Spoͤtte⸗ ger leien uͤber die gefallene Betty, meine Ver⸗ bindung mit einer irlaͤndiſchen Miß melde— Faͤ da geht ſie in die abſcheuliche Schlinge, wech⸗ ſelt mit dem Schreiber die Ringe, legt in die Haͤnde meines Onkels freiwillig den ver⸗ langten Schwur, nie eine Zeile an mich ſchreiben zu wollen, und ſegelt vier und zwan⸗ zig Stunden darauf nach Deutſchland.“ „Man wußte meinen Aufenthalt in Do⸗ negal zu verlaͤngern, und fand Mittel und Wege, mich in landesherrlichen Angelegenhei⸗ ten nach Dublin zu ſchicken; ich ſchrieb poſt⸗ taͤglich an Betty; alle Briefe wurden an den Onkel abgeliefert. Endlich erhalte ich von einem Dritten aus Birmingham die Schre⸗ ckens⸗Nachricht, daß Betty ſich von mir ver⸗ laſſen geglaubt, und da ſie die, nun bald ſicht⸗ bar werdenden Folgen meines Leichtſinnes, nicht mehr verbergen zu koͤnnen gefuͤrchtet, ſich mit einem, ihr aufgedrungenen Deutſchen verheirathet habe, und mit dieſem bereits ab⸗ gereiſ't ſey.“ „Von dieſem Augenblick an waren die Faͤden meines Lebensgluͤcks zerriſſen“ „Jahre lang habe ich einſam und in tief⸗ ſter Abgezogenheit verbracht; mit dem be⸗ 64½ ſtimmteſten Widerwillen erklaͤrte ich mich ge⸗ gen alle Vorſchlaͤge meiner Familie, die mich mit den erſten Haͤuſern Englands zu verbin⸗ den wuͤnſchte. Betty's Bild war der einzige Stern meiner Hoffnung; nach Deutſchland zog mich eine unnennbare Sehnſucht; ſo lange meine Eltern lebten, war es keine Moͤglich⸗ keit, dieſen ewig mir im Herzen liegenden Wunſch zu befriedigen, und nach deren und des Onkels Tode trennten die politiſchen Conjuncturen unſere Inſel von dem Con⸗ tinent.“ „Nach achtzehn Jahren endlich werden die Meere frei. In der zerriſſenen Bruſt des Mannes gluͤht noch das Feuer jener rei⸗ nen, ſeligen Liebe; ich eile vor allem nach Birmingham. Betty's Eltern ſind todt. Im Kirchenbuche ſteht Betty Kuͤhn deutlich, aber der Name ihres Gatten iſt ſo entſtellt, daß kein Menſch ihn ausſprechen mochte; jeder⸗ mann las Teufelsquark.“ ge⸗ mich bin⸗ nzige land ange lich⸗ nden und ſchen Con⸗ rden ruſt rei⸗ nach Im aber daß eder⸗ Ich lachte, und der Lord, ſo weich ge⸗ ſtimmt er war, laͤchelte ſelbſt, als ich ihm ſagte, daß man haͤtte Teufenbach leſen ſollen, und ihm des dafuͤr angeſehenen Wortes Deu⸗ tung gab. „Bei dem gaͤnzlichen Mangel aller Nach⸗ richt,“ fuhr er fort:„mußte ich die Hoff⸗ nung, Betty je zu finden, faſt aufgeben. Aber eine unausſprechliche Ahnung trieb mich dennoch uͤber den Kanal; ich fuhr ſeit Jahr und Tagen im deutſchen Lande uͤberall umher; hielt mich an jedem Haupt⸗Orte Monate lang auf; fragte unter der Hand nach allen brit⸗ tiſchen Maͤdchen, die von unſerer Inſel her⸗ uͤber geheirathet hatten, und blieb immer oh⸗ ne Spur. Auf ein Paar Tropfen von dem Waſſer, das ſchon manche Schlachten gewon⸗ nen und dem rohen Haufen der Quell ſei⸗ 3 nier Freude iſt, mußte ich in den Hafen mei⸗ nes Friedens, meiner Ruhe ſegeln.“ „Berauſcht wirft mich mein Poſtillon um — ſonſt fuhr ich vor Jenny voruͤber!“— „Mein erſtes Wort, als ich bei ihr im Wagen ſitze, iſt die Frage, woher ſie ſo fer⸗ tig engliſch ſpreche; ſie nennt ihre Mutter eine Englaͤnderin. O Herr— mit dieſem Augenblick wußte ich mein uͤberſchwengliches Gluͤck; denn Jenny aͤhnelt meiner Betty; ich frage in unermeßlicher Freude nach ihrer Mutter Familien⸗Namen, und als ſie, ob meiner Heftigkeit ſtaunend, Kuͤhn ihn nannte, riß ich ſie jauchzend an mein Herz. Nach Betty konnte ich nicht fragen; ich wußte in dieſem Augenblicke, ſie war todt. Tauſend blutige Traͤume hatte ich getraͤumt, und ſie immer im Sarge, im Grabe, oder in den lichteren Raͤumen der ewigen Heimath geſe⸗ hen. Jenny aber zog meine Hand an ihre Lippen, ſah mit ſtummer Wehmuth mir in die Augen, und rief auf ein Mal im Ueber⸗ maße des kindlichſten Entzuͤckens aus: Du— Du biſt mein Vater!“— Der Lord hielt inne. Die Freude und der Schmerz hatten ihm das Herz gebrochen; er ſchluchzte laut.—— „Auf dem Sterbebette,“ ſchloß er nach einer Pauſe, unter ſanften Thraͤnen:„hat Betty dem neunjaͤhrigen Kinde den Vater genannt, aber Jenny hat auf den Knieen ihr geloben muͤſſen, nie das Geheimniß zu ver⸗ rathen. Wenige Stunden darauf iſt meine Betty verſchieden, und der kleinen Jenny iſt uͤber dem ſchmerzlichen Verluſt der geliebten Mutter mein Name entfallen; aber die Sa⸗ che ſelbſt, der Umſtand, daß ſie des Berg⸗ ſchreibers Kind nicht ſey, iſt ihrem Gedaͤcht⸗ niß geblieben.“ „Jetzt Herr, meine Bitte. Sie ſind hier heimiſch, und der Freund meines Kindes, das Sie mir einen ehrlichen Mann nennt.“ „Den Bergſchreiber, den Teufelsquark, mag ich nicht ſehen; ich bin in ſeinem Hauſe und muß darin bleiben, bis mein Fuß gene⸗ ſen; aber laſſen Sie ihn nicht vor meine 67 Augen. Schalten Sie uͤber meine Kaſſe; geben Sie ihm, was er haben will; er hat Jenny erzogen und ernaͤhrt. Lohnen Sie ihm anſtaͤndig. Sorgen Sie, daß es ihm Freude macht, mir mein Kind wieder zu ge⸗ ben. Er muß gerichtlich ſtinen vaͤterlichen Anſpruͤchen an Jenny entſagen, und ich adop⸗ tire Jenny nach der Form eurer Geſetze.“ „Meiner Betty das ſchoͤnſte Grabmal im Lande. Nicht der Gattin des Bergſchreibers, der Lady Lifford beſorgen Sie es, Freund! Ihre erſten Kuͤnſtler und Architekten fordern Sie auf; ſie ſollen dem Geſchmack und der Pracht ihr Recht gewaͤhren. Am Todestage meiner Betty werde ich, ſo lange ich lebe, immer hier ſeyn, und fallen mir die Augen zu, ſo legt mich an ihre Seite.“ „Jenny hat mir ihre Liebe zu Anton ge⸗ ſtanden. Des Kindes erſte Bitte an den auͤbergluͤcklichen Vater war, daß ich Anton als meinen Sohn ſegnen moͤge. Betty's Lebens⸗ gluͤck haben kalte, herzloſe Menſchen zertreten, — 8 ²2 d——92 2* 7 69 weil ſie ihr den Treugeliebten aus den Ar⸗ men riſſen. Jenny's Vater hat diß Mar⸗ terqualen kennen gelernt, unter denen das menſchliche Herz am Ende erliegt, wenn es die Freiheit ſeiner Liebe verliert. Jenny Lifford ſoll als ein freies, brittiſches Maͤd⸗ chen, einzig der Neigung ihres Herzens fol⸗ gen. Anton gefaͤllt mir, er iſt ruͤſtig und regſam; entſchloſſen und kindlich— er iſt der Geliebte meines Kindes und darum mein Sohn. Ich werde meinen Kindern ein zeit⸗ liches Loos bereiten, mit dem ſie zufrieden ſeyn ſollen; nach England gehen ſie nicht; dazu habe ich meine Gruͤnde. Stehen Sie mir mit Rath und That bei, ich werde Ih⸗ nen mit den Kindern zeitlebens dafuͤr dank⸗ bar ſeyn.“ Ich eilte an meine mir uͤbertragene Be⸗ ſorgungen, und mit den ungemeſſenen Sum⸗ men, uͤber die ich zu ſchalten und zu walten hatte, war es nicht ſchwer, ſie zur voͤlligen Zufriedenheit des Lords auszurichten. 7⁰0 Miß Lifford, die im Schooße des uͤber⸗ ſchwenglichen Gluͤcks, eben ſo demuͤthig war, als ſie vorhinn unter dem Drucke der Armuth ſtolz geweſen, ward jetzt von ſtattlichen Gra⸗ fen, Freiherren und Junkern umflattert, die ihr— ſo bald ſie hoͤrten, daß ich im Na— men des Vaters um eine Grafſchaft in der Nachbarſchaft handelte, und anderthalb Mil⸗ lionen Thaler baar zu zahlen mich erbot,— alle mit tauſend Eiden betheuerten, daß ſie ſchon laͤngſt der Mamſell Teufenbach ſich zu naͤhern gewuͤnſcht, jedoch immer von dem finſtern Bergſchreiber in unziemlicher Ferne gehalten worden waͤren; nun aber wollten ſie laͤnger ſich nicht zuruͤckweiſen laſſen, und leg⸗ ten Rang, Titel und Herzen zu ihren Fuͤßen nieder. Aber Jenny lachte uͤber die erbaͤrmlichen Herren, und meinte, Anton, der um hundert Maͤdchen haͤtte buhlen koͤnnen, habe das Le⸗ ben in Leid und Freude mit der armen Jen⸗ ny zu theilen geſchworen, und die Treue, de 71 damals Jenny Teufenbach dem hochherzigen Anton gelobet, werde Miß Lifford nie bre⸗ chen; und an dem Tagn an welchem ich den Handel uͤber die Gihichaft abſchloß, feierten wir auf dem prachtvollen alten Schloſſe des neuen Beſitzthums, des himmliſchen Maͤdchens Verlobung mit Anton. Ein ſchoͤneres Paar war ſchwerlich im Lande zu finden. Und damit das Traumbild wahr werde, deſſen Jenny fruͤher erwaͤhnte, vom jungen Fremden aus der Ferne, der auf ihrer blumi⸗ gen Wieſe zum erſten den Gang entbloͤſet, und Kuͤbel und Seil eingeworfen; ſo fand der bergkundige Anton, in den Grenzen der Herrſchaft, gar bald die maͤchtigſten Stein⸗ kohlenlager, und darum ließ ich, als er ihr am Vermaͤhlungstage bei der Tafel, den zu Bergrecht gewoͤhnlichen Erbkuyx feierlich an⸗ ſagte, die Knappen des Reviers, auf dem er ſonſt gearbeitet, zu den Fluͤgelthuͤren des ho⸗ hen Saales hereinmarſchiren, und ſie ſangeit⸗ unter Trompeten⸗ und Paukenſchall das Lied, 72 mit dem der Poſtknecht dem Hochzeitvater, den edeln Lord Lifford in unſer Staͤdtchen gefuͤhrt: Gluͤck auf! mein guter Freund; Was geht Ihr mit der Ruthen? Ich glaub', Ihr ſeid gemeint, Ein Bergwerk hier zu muthen? „Wenn ich ankommen kann, So tret' ich ſelbſt mit an; Ich ſehe das Gebirg' Fuͤr etwas Edles an. . Den Lord ſelbſt aber uͤberraſchte ich an dieſem Tage, an welchem er mehrere Male mir mit ſtillen Thraͤnen im Auge, in das Ohr fliſterte:„ wenn meine Betty doch dieſe Stunde erlebt haͤtte s. mit ihrem Bilde. Ein Koͤnigreich haͤtte ich dim. Manne ſchenken koͤnnen, und es haͤtte in dieſem Augenblicke keinen hoͤhern Werth fuͤr ihn gehabt. ter, hen 73 Mein guͤtiges Geſchick hat mir manche ſchoͤne Tage geſchenkt; dieſer war einer der ſeligſten hienieddin. „Gott ſegnere Jenn e mit zwei hol⸗ den Kindern, und Anton's Thaͤtigkeit mit dem gluͤcklichſten Lohne; die weitlaͤuftige Herrſchaft bluͤht uͤber Tage in ſichtbarem Gedeihen, und unter Tage gewaͤhren die unermeßlichen Steinkohlenſchaͤtze, aus denen jetzt Anton die ferne Reſidenz mit der gan⸗ zen Umgegend verſieht, dem Beſitzer eine un⸗ verſiegbare Quelle des Wohlſtandes auf ewi⸗ ge Zeiten. Im verfloſſenen Jahre betrug der Geſammt Ertrag der ganzen Herrſchaft hunderttauſend Thaler und daruͤber. Vorſtehendes theilte mir ein geachteter Freund mit; ein Paar Kommata abgerech⸗ net, habe ich die, an ſich wahre Geſchichte, woͤrtlich wiedergegeben. Der Himmel ſchenke uns mehrere ſolche Jenny's, die Antone wer⸗ den ſich wohl vEf ſelbſt dazu finden. —.— de, nke er⸗ 289G 884 Der kleine Galeeren⸗Sclave. Bekanntlich hat der Herr von Fellenberg, auf ſeinem Gute Hofwyl im Kanton Bern, neben ſeinem vortrefflichen oͤkonomiſchen Er⸗ ziehung⸗Inſtitut und ſeiner Acker⸗Inſtrumen⸗ ten⸗Fabrik, eine Anſtalt errichtet, in die ganz arme Knaben aufgenommen und zu tuͤchtigen Landwirthen gebildet werden. Um in dieſen Kindern, niedriger Herkunft, das noͤthige Ehr⸗ gefuͤhl zu wecken, hat der wackere Fellenberg die Einrichtung getroffen, daß jedem der Kna⸗ ben, von den jungen Zoͤglingen des oͤkonomi⸗ ſchen Inſtituts, ein beſonderes Conto gefuͤhrt wird; in das Soll wird der Betrag ih⸗ er Koſt und Kleidung, ihres Unterrichts und anderer fuͤr ſie gemachten Auslagen eingetra⸗ gen; in das Haben aber das, was ſie mit ihrer Handarbeit im Felde und in den Gaͤr⸗ ten an Tagelohn verdienen, und was ſie aus ihren, ihnen angewieſenen kleinen Gartenplaͤ⸗ ten, die ſie in den Freiſtunden nach eige⸗ ner Willkuͤhr bearbeiten, an Gemuͤſen und Fruͤchten, zu den, in Bern uͤblichen Markt⸗ preiſen, an die Kuͤche des Inſtituts verkauft haben. Auf dieſe Weiſe arbeitet ſich jeder dieſer Knaben in ſeinem achtzehnten, neun⸗ zehnten Jahre, wo ihm natuͤrlich ein hoͤheres Tagelohn gutgeſchrieben wird, als in ſeinem neunten, zehnten, frei, ſo daß er ſeine Brauch⸗ barkeit nun als Vogt, Wirthſchafter, Meier oder Verwalter, in fremde Dienſte gehen zu koͤnnen, ſich gewiſſer Maßen ſelbſt zu ver⸗ danken hat. Der Vorſteher, Aufſeher und Lehrer dieſer ganzen, in ihrer Art gewiß ein⸗ zigen Anſtalt, iſt ein junger, liebenswuͤrdiger Schweizer, Namens Werli, und unter meh⸗ reren nachahmungwerthen Eigenheiten dieſes 77 Inſtituts iſt auch die, daß die Knaben an⸗ gehalten werden, Tagebuͤcher zu fuͤhren, in die ſie alle Abende, vor dem Schlafengehen, die kleinen Begebenheiten des verlebten Ta⸗ ges, was ſie gelernt, ihre Anſichten und der⸗ gleichen einzutragen pflegen. Vor mehreren Jahren erhielt Herr von Fellenberg zur Aufnahme in dieſe Anſtalt ei⸗ nen Knaben von etwa neun Jahren, aus Frankreich, von einem dortigen Freunde zu⸗ geſendet, den dieſer von einer Verbrecher⸗ kette losgekauft hatte, die aus einem Krimi⸗ nalgefaͤngniſſe zu den Galeeren abgefuͤhrt wurde. Der Kleine hatte, trotz ſeiner Ju⸗ gend, die ganze Stufenleiter von unbedeuten⸗ den Diebereien, bis zum Raubmord, durch⸗ geſtiegen; hatte verſchiedene Straßenraͤube⸗ reien mit begehen helfen, und war bei Ein⸗ fangung einer Raubbrennerbande mit ergrif⸗ fen worden. 4 Das Kind ging ſeinem martervollen To⸗ de entgegen; denn daß es, auf die Galeeren⸗ 78 Bank geſchmiedet, die furchtbare, ſeine kleinen Kraͤfte uͤberſteigende Ruderarbeit keine Wo⸗ che aushalten konnte, lag am Tage. Der Anblick, den zarten Knaben mit dem offenen huͤbſchen Geſichte, mit dem ſchuldloſen Blick im klaren großen Auge, belaſtet von der ſchweren Kette, in welcher die graͤßlichſten Verbrecher dem Meere zuklirrten, ſchweigend und tiefgebeugt voruͤber ſchwanken zu ſehen, zerſchnitt dem menſchlichen Manne das Herz. Er wußte den Auſſeher dieſer geſchloſſenen Geſellſchaft durch Vorſtellung und Geld zu gewinnen, und der Kleine ward in dem, an den Kommandanten des Beſtimmunghafens abzuliefernden Begleitſchein, als unterwegs geſtorben, bemerkt und ſeinem Retter uͤber⸗ antwortet. Dieſer kannte die Anſtalt ſeines Freundes Fellenberg, und da er ſeinen Schuͤtz⸗ ling nirgends beſſer aufgehoben wußte, als in dieſen Haͤnden, ſo ſandte er ihn mit der ganzen aktenmaͤßigen Schilderung des kleinen Teufelbratens nach Hofwyl. 79 Allerdings mochte der Galeerengaſt dem Herrn von Fellenberg, im erſten Augenblicke, kein willkommener ſeyn; indeſſen auch ihn beſtach das ehrliche Geſicht des Jungen, das mit ſeinen Greuelthaten in offenbarem Wi⸗ derſpruche ſtand; er beſchloß daher wenigſtens den Verſuch mit ihm zu wagen. Vor allem ſchloß er ſich mit dem Knaben ein, ſagte ihm hier unter vier Augen, daß er nur allein um deſſen fruͤheren Lebenswan⸗ del wiſſe, und ſo lange ſich der Fremdling in ſeinem Hauſe tadellos auffuͤhre, auch kein Menſch davon ein Wort erfahren ſolle, und ſprach uͤber ſeine Vergangenheit und Zukunft moͤglichſt liebreich und vertraulich mit ihm. Der Kleine hatte ihn unverwandten Auges angeſehen und mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit zugehoͤrt. Eine immer dunkler werden⸗ de Roͤthe faͤrbte ſeine Wangen; er ſchlug den Blick zur Erde, und eine Thraͤne, vielleicht die erſte, die er dieſer Art in ſeinem Leben weinte, zitterte ihm an den Wimpern. Der edle Fellenberg, tief ergriffen von dem freudi⸗ gen Gedanken der Moͤglichkeit, den Kleinen noch vielleicht retten zu koͤnnen, ſchloß den erſchuͤtterten Knaben an ſeine Bruſt, und ſagte mit liebreicher Wehmuth:„ich fuͤhre dich in den Kreis ganz ſchuldloſer Kinder; ſie empfangen dich als ihren Brudor, weil ſie dich ſo rein und tugendhaft halten, als ſie ſelbſt ſind. Sobald du den feſten Willen haſt, eben ſo gut zu werden, als ſie ſind, und jeden Abweg ſtreng zu vermeiben, und dir keinen, auch nicht den kleinſten Fehltritt zu erlauben, und immer, auch wenn dich nie⸗ mand ſieht, nur der Stimme deines Gewiſ⸗ ſens zu folgen, ſo bald biſt du ein guter Kenſch und bleibſt es, ſo lange du bei die⸗ ſen einfachen Grundſaͤtzen treu beharrſt. Die Vergangenheit liegt dann vergeſſen und ver⸗ ziehen hinter dir, und die Zukunft wird dir Wege und Mittel zeigen, das wieder doppelt gut zu machen, was du, aus Mangel an Er⸗ ziehung und verleitet durch ſchlechte Beiſpiele, ——— 81 bisher Boͤſes gethan haſt.“ Der Kleine, mit dem wahrſcheinlich noch nie ein Menſch ſo geſprochen, konnte kaum reden; er ſenkte den Kopf tief, wiſchte ſich die Thraͤnen aus den Augen, gab ſeine Rechte dem edeln Fellen⸗ berg und ſagte leiſe:„ja! ich will.“ Er ward jetzt in die Anſtalt eingefuͤhrt; die Kinder darinnen empfingen ihn mit freundlicher Gutmuͤthigkeit, und Werli, dem das Geheimniß anvertraut ward, machte es ſich zum Geſetz, den verlornen Menſchen durch Liebe und Freundſchaft zu gewinnen. Die Faͤhigkeiten des Knaben waren auſ⸗ ſerordentlich; er konnte, als er zu Herrn von Fellenberg kam, weder leſen, noch rechnen, noch ſchreiben; aber er holte in Kurzem die Kinder ſeines Alters ein; in ſeiner Handar⸗ beit war er fleißig, geſchickt und unverdroſ⸗ ſen, und der Religions⸗Unterricht, den er hier zum erſten Male genoß, und in dem Werli vorzuͤglich auf ihn zu wirken verſtand, 6 zog ihn wunderbar an. Er zeichnete ſich durch Vertraͤglichkeit mit ſeinen kleinen Ka⸗ er meraden aus; ließ bei unbedeutenden Necke⸗ Al reien, die bei Kindern wohl vorkommen, Un⸗ de recht ſtillſchweigend uͤber ſich ergehen, und wo beſtand mehrere Proben, wo ihm Fellenberg und Werli Geld und Geldeswerth in den ne Weg legten, zu beider hoͤchſten Zufriedenheit; au auch war es ein recht feiner Zug von ihm, te daß er, wenn er Sachen der Art fand, die At er allenfalls unvermerkt haͤtte bei Seite brin⸗ ich 3 gen koͤnnen, ſie nie dem Herrn von Fellen⸗ ich berg, bei dem er wohl haͤtte glauben koͤnnen, 1bo ſich dadurch in ein ſehr guͤnſtiges Licht zu be 1 ſtellen und deſſen Beſorgniß zu entkraͤften, ſa⸗ ſondern alle Mal ſeinem Lehrer Werli brach⸗ tet te, von dem er glaubte, hinſichtlich ſeiner eit fruͤheren Lebensgeſchichte ungekannt zu ſeyn. m So fuhr der Knabe ein ganzes Jahr mit 1 9 bewundernswuͤrdiger Feſtigkeit fort, und Herr. von Fellenberg nahm jetzt einmal zufaͤllig ſein 83 Tagebuch*) vor, in dem der Kleine, ſobald er nur etwas deutſch ſchreiben konnte, alle Abende, unerinnert, ſehr regelmaͤßig alles nie⸗ dergeſchrieben hatte; die neueſte Stelle darin war folgende: „Heute Abenb ſollte der kleine Ruͤtli ei⸗ nen Brief uͤber Land tragen. Er glaubte, auf Antwort warten zu muͤſſen, und fuͤrchte⸗ te, daß es ſpaͤt werden wuͤrde, und hatte Angſt, im Dunkeln nach Hauſe zu gehen. Seit ich wieder ein gutes Gewiſſen habe, habe ich keine Angſt mehr vor dem Dunkel; ich bot ihm daher an, fuͤr ihn den Brief zu beſorgen; Ruͤtli ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen; er wollte mir das Bothenlohn abtre⸗ ten und ein Schock bunte Bohnen noch oben⸗ ein geben; aber ich habe beides nicht genom⸗ men, denn der kleine Ruͤtli iſt ſchwach und — * Jeder Knabe hat ein verſchließbares Schré zur Aufbewahrung ſeiner Habſeligkeiten; ſem verwahren die Kinder auch ihre Lag als ihre vertrauteſten Freunde, ſehr ſorgfältig. 6* 5 kann nicht ſo viel Tagelohn verdienen, als ich, und er iſt ſehr arm, und hat auch kei⸗ nen Vater und keine Mutter mehr. Ich hatte einen tuͤchtigen Weg zu machen, aber ich ging recht leicht und flink, denn ich ſah immer des kleinen, armen Ruͤtli freundliches Geſicht vor mir, wie er ſich bei mir bedankt hatte, und ich glaube, daß ich wieder einmal etwas Gutes gethan habe. Als ich uͤber un⸗ ſere Grenze kam, ging ich an einem langen, langen Obſtgarten vorbei. Dicht am Zaune ſtand ein junger Aepfelbaum; die Haͤlfte ſei⸗ ner Zweige beugte ſich auf meinen Fußſteig heruͤber, und an einem derſelben hing ein heerlicher Apfel. Was uͤber den Zaun haͤngt, darf, wie ich wohl ſonſt gehoͤrt, der Wanderer ſich mit Fug und Recht nehmen. Ich war recht durſtig, und der Apfel hing ſo niedrig, daß ich ihn greifen konnte. Aber ich dachte, wenn du zuruͤckkommſt, wirſt du wohl noch durſtiger ſeyn, und brach ihn nicht ab.“ Ich aber ſah iches dankt nmal un⸗ irſt du ch ihn „Ich ward bald abgefertiget; die Sonne ſank eben hinter das Gebirge, als ich ſchon wieder auf dem Ruͤckwege an dem fremden Garten vorbei ging. Der Apfel hing noch da, und ich war noch viel durſtiger, als vor⸗ hin; aber ich brach den Apfel nicht ab, denn der Abend war gar zu ſchoͤn.“ Es giebt keine zartere Gewiſſensſprache, keine reinere Froͤmmigkeit, keine kindlichere Einfalt! Herr von Fellenberg legte tiefgeruͤhrt das Tagebuch an ſeinen Ort, dankte Gott fuͤr den Segen, den er ſeinen und ſeines Werli Bemuͤhungen um die Erziehung und das Seelenwohl des Geretteten geſchenkt hatte, und ſetzte, von dieſem Augenblicke an, ein un⸗ bedingtes Vertrauen in den Kleinen. Dieſer iſt nun vier Jahre in der An⸗ ſtalt und hat dieſe ganze Zeit uͤber noch nicht ein einziges Mal geſtrauchelt. Als ich in Hofwyl war, ſah ich den Kna⸗ ben. Es war eben Abend; er kam mit Werli und ſeinen Kameraden von der Feldarbeit zuruͤck; die Kinder ſangen ein froͤhliches Abendlied, und jeder hatte einen großen Strauß Wieſenblumen in der Hand. Der kleine Galeerenſclave war wohlgemuth und guter Dinge; er ging mit einem freundlichen Jungen Hand in Hand, uͤber die bluͤhende Matte. Die kleinen heimkehrenden Arbeiter gruͤßten, als ſie naͤher kamen, Fellenberg und mich traulich; wir plauderten, eine Weile mit ihnen. Sie kannten die Wieſenblumen ihrer Schweizer⸗Flora alle, dem Linee'ſchen Namen nach, und ſchwatzten von deren pharmaceuti⸗ ſchen oder landwirthſchaftlichen Gebrauch und Nutzen, wie geborne Apotheker und Oekono⸗ men. Die friſche Kraftigkeit der Kleinen, ihre Unbefangenheit, ihr kindliches Verhaͤlt⸗ niß zu ihrem Werli, zu ihrem Wohlthaͤter Feuenberg, die Zufriedenheit mit ihrem Loo⸗ ſe, die ſichtbar auf ihren bluͤhenden Wangen laͤchelte, und mitten darunter der, dem Him⸗ mel und der Menſchheit wieder gewonnene deit hes ßen Der und cen ende eiter und mit threr amen euti⸗ und kono⸗ inen, ehhaͤlt⸗ haͤter Loo⸗ angen Him⸗ nnene 87 Straͤfling mit ſeinem offenen, huͤbſchen Ge⸗ ſichte, alles dieß ruͤhrte mich unbeſchreiblich; ich unterhielt mich, von den uͤbrigen etwas entfernt, lange Zeit mit dem ſeltſamen Kna⸗ ben; er antwortete verſtaͤndig und beſonnen, und als ich auf Herrn von Fellenberg zu ſprechen kam, und deſſen Milde und Liebe pries, nickte er ſtillſchweigend beifaͤllig, als ſpreche ich aus ſeinem Herzen, und wendete ſich von mir, daß ich ſeine naſſen Augen nicht ſehen ſollte; jetzt rief Werli zur Heim⸗ kehr nach Hauſe; da druͤckte er mir ſeinen Blumenſtrauß in die Hand und ſagte mit weicher Stimme:„gute Nacht, Herr! Sie ſind ein frommer Mann, ich moͤchte wohl noch laͤnger mit Ihnen reden; dort ſteigt der Mond uͤber die Gletſcher herauf; beten Sie zu dem lieben Gott, der Sonne und Mond und Sie und mich geſchaffen hat, daß ich immer gut bleibe.“ Als die Kinder mit ihrem Werli uns aus den Augen waren, fiel ich dem edeln Felleenberg um den Hals und dankte ihm, im 4 Namen der Menſchheit, fuͤr das, was er an dem Knaben gethan. Gott ſegne ferner Beide! Zieht ſich der freundliche Leſer die Ue⸗ berzeugung aus meiner Erzaͤhlung, daß ſelbſt das verdorbenſte Kind, durch eine fromme, ſanfte, umſichtige Erziehung; durch, eckmaͤ⸗ ßige, anhaltende Beſchaͤftigung in freier Luft; durch Mittheilung nuͤtzlicher Kenntniſſe; und . vornehmlich durch gutes Beiſpiel, zu einem brauchbaren, redlichen und reinen Menſchen umgebildet werden kann; ſo freue ich mich, vorſtehenden Aufſatz einen praktiſchen nennen zu duͤrfen. Der ſelige Papier⸗Muͤller. ne,— naͤ⸗ ft; Es war ein Abend, wie heute. Die Schnee⸗ ind flocken fielen dicht und groß, und wir ſaßen um dem den warmen Ofen herum und plauderten. Im hen V Zirkel guter und gebildeter M Menſchen, ſpricht ich, man uͤber die beſte Art, Knackwuͤrſte zu ma⸗ nen* chen, mit eben der Theilnahme, als uͤber Goͤ⸗ b the's Wahlverwandtſchaften. Iſt doch eine gute Knackwurſt auch eine Wahlverwandt⸗ ſchaft. Unſer Geſpraͤch hatte uns vom⸗Hun⸗ dertſten auf das Tauſendſte gefuͤhrt. Der geſtern fruͤh erfolgte Tod des Nachbar Pa⸗ pier⸗Muͤllers brachte mancherlei Bemerkungen in unſere Mitte. Der alte Forſtrath nannte nichts, als Gutes ſprechen. richtet.“ ihn einen Lumpenkerl, nicht etwa im Bezug auf ſein Gewerbe, ſondern lediglich auf ſein Herz.„Solch ein Menſch,“ meinte der Al⸗ te:„kann im Grabe keine Ruhe haben. hat die Leute gedruͤckt und iſt ein harter Mann geweſen ſein Leben lang.“ „Sei ruhig Kind,“ ſagte die Forſtraͤthin: „er iſt todt; und von den Todten ſoll man Das große Lei⸗ chentuch, das man dem Entſchlummerten uͤber den Sarg haͤngt,— das, mein lieber Mann, iſt der wahre Mantel der chriſtlichen Liebe. Das bedeckt den Heimgegangenen mit allen ſeinen Schwaͤchen, Fehlern und Suͤnden. Richtet nicht, ſo werdet ihr auch nicht ge⸗ „Ich richte auch nicht, Muͤtterchen,“ ent⸗ gegnete der Alte, und reichte der ſanften, frommen Frau die Hand:„ich denke mir nur, wenn auf meinem Herzen ſo viel Thraͤnen laͤgen, als der Lumpenhund ausgepreßt hat, daß ich zum ewigen Schlafe nicht einſchlum⸗ Er 9¹ mern koͤnnte. Der Menſch iſt auch graͤßlich geſtorben. Der Schmerz hat ihm alle Glie⸗ der verzerrt. Sein letztes Wort iſt ein furchtbarer Fluch geweſen, und er hat ſich hoch und theuer vermeſſen, daß er heute Abend bei der Fichten⸗Schonung ſeyn, und dem Amtmanne die Grenze zeigen wolle. Daß er an der Grenze des Lebens ſtand, als er dieß ſagte, ahnte der Bube nicht. Drei Stunden darauf iſt ſein Geiſt von ihm geſchieden.“ „Vaͤterchen,“ hob Minchen, des Forſt⸗ raths Tochter, halb ernſt, hald ſcherzend an, und warf einen bedeutenden Seitenblick auf mich:„Vaͤterchen, ſprich nicht von der Fich⸗ ten⸗Schonung; da iſt Jemand, der heute Abend noch hindurch muß.“ „O!“ fiel ich der Beſorglichen in das Wort:„mir iſt nicht bange, wenn ſich auch zehn Papier⸗Muͤller in den Weg ſtellen, ich und mein Rappe wollen ſchon vorbei kom⸗ men. Erzaͤhlen Sie mir, liebſter Forſtrath, was iſt denn das mit der Grenze fuͤr eine Geſchichte.“ „Wollen Sie denn heute noch, in dem Wetter, nach Hauſe?“ fragte die Mutter. „Es iſt ja ſo dunkel, daß man keine Hand vor ſich ſehen kann. Der Weg iſt verſchneit, Sie finden keine Bahn, und die Nacht iſt keines Menſchen Freund.“ Ich konnte nicht bleiben. Mein Bruder war unwohl; er haͤtte ſich geaͤngſtet, wenn ich ausgeblieben waͤre; und ich hatte ja nur eine kleine Meile bis zur Heimath. Ich lehn⸗ te alſo den gaſtfreundlichen Antrag der Forſt⸗ raͤthin ab, bat, meinen Rappen ſatteln zu laſſen, und unterdeſſen erzaͤhlte mir der Alte in Kurzem die Grenzgeſchichte. „Vor Jahresfriſt,“ hob er an:„ward in der Fichten⸗Schonung eine alte Frau er⸗ ſchlagen. Der Moͤrder hatte ſie mehrere Schritte weit von dem Flecke, wo ſie erſchla⸗ gen worden, weggeſchleppt, und ſie hinter ei⸗ nem Huͤgel verſteckt. Dieſer Fleck war durch .——“ —C——„— ͤ— —3 93 das Wuͤhlen im Sande, und durch das ver⸗ lorne Blut deutlich bezeichnet; die Greuelthat war hinter einem Gebuͤſch, dicht an der Stra⸗ ße, geſchehen; das Gebuͤſch liegt im landes⸗ herrlichen Gebiete; jener Huͤgel aber, wo die Frau verſcharrt war, liegt, nach des Juſtiz⸗ Amtmanns Behauptung, im Beſitzthum des Papier⸗Muͤllers. Dieſer leugnet es und ſagt: erſt hinter dem Huͤgel geht mein Grund⸗ ſtuck an. Noch iſt die Sache unausgemacht, und es kommt hierauf viel an, indem die Frage davon abhaͤngig iſt, wer die Koſten der Unterſuchung tragen ſoll, der Staat, als Grundherr der Stelle, wo die Mordthat ge⸗ ſchehen, oder der Papier⸗Muͤller, als Beſitzer des Flecks, wo die Erſchlagene gefunden wor⸗ den iſt. Der ergriffene Moͤrder liegt unter⸗ deſſen in Ketten. Heute hat die Beſichti⸗ gung ſeyn ſollen. Vor laͤnger als vierzehn Tagen, iſt der Papier⸗Muͤller vom Amte da⸗ zu vorgeladen worden; damals noch friſch und geſund hat er entgegnet: er werde kom⸗ 94 men, aber ſpaͤt, denn er habe ein unauf⸗ ſchiebliches Geſchaͤft auswaͤrts vor, von dem er erſt gegen Abend zuruͤckkehren koͤnne. Un⸗ terdeſſen wirft ihn eine heftige Darmgicht auf das Krankenlager. Ungeachtet der grim⸗ migſten Schmerzen entſinnt er ſich geſtern fruͤh, des heutigen Termins, und ſeines alten Grolls auf den Amtmann; er ruft, dem kalten Senſenmann ſchon halbtodt in den Ar⸗ men, mit ſchaͤumenden Munde: und wenn ihn eine Million Teufel auf dem Kranken⸗ bette feſthielte, ſo wollte er doch zum Ter⸗ mine auf dem Streitſlecke erſcheinen, und dem Amtmanne die Zaͤhne weiſen; und ließe ihn die Darmgicht nicht eher aufſtehen, ſo ginge er um Mitternacht hinaus; der Amt⸗ mann muͤſſe mit ihm auf den Mordfleck, und ſolle er ihn mit den Haaren hinausziehen.“ So ſprach der Vater, und der Rappe trampelte vor dem Fenſter, um mich in we⸗ nig Minuten uͤber jenen Schauderplatz zu tragen. fer wie vor flog Ich 95 Ich verabſchiedete mich und flog mit dem Renner zum Hofe hinaus. Das Pferd ſehn⸗ te ſich nach der heimathlichen Krippe; ich ließ ihm den Zuͤgel; es trat in den tiefen Schnee bis auf den ungefrornen Boden durch, es hob die Fuͤße um ſo hoͤher, ſetzte den Kopf wild auf die Bruſt, und durchbrauſ'te ſo mit mir die oͤde Hutung, bis in die Fichten⸗ Schonung. Hier ward der Weg enger, der Schnee tiefer, mein Rappe ungeduldiger. Er trabte unaufhaltſam fort— ploͤtzlich ſtand er ſtill. Ich ſchoß, mich deſſen nicht verſe⸗ hend, dem Thiere faſt uͤber den Hals, hielt mich aber im Sattel, faßte den Zuͤgel ſchaͤr⸗ fer, und trieb das Pferd mit Wade und Sporn vorwaͤrts. Aber der Rappe ſtand, wie eingewurzelt, ſtemmte die Vorderfuͤße vor, ſpitzte die Ohren und ſchnaubte. Sollte der Papier⸗Muͤller— nur halb flog mir der Gedanke durch die Seele.— Ich ſtand auf dem Platze, wo die alte Frau, unter den Streichen des Moͤrders, ihren Geiſt aufgegeben hatte. „Feige Memme!“ rief ich mir lelſe zu, gab mit erzwungenem Muthe dem Rappen einen Lungenhieb, und ſetzte ihm die Spo⸗ ren tiefer in die Seiten. Das wilde Unge⸗ thuͤm baͤumte ſich hoch dem dunklen Schnee⸗ himmel entgegen, und ſprang in einem kur⸗ zen Bogenſatze ſeitwaͤrts. Ich legte mich auf's Schmeicheln. Ich klopfte dem ſchnau⸗ benden Rappen mit zitternder Hand den Hais. Aber das Thier war ſchlechterdings zu bewegen, nur einen Schritt vorwaͤrts ſtehen nicht zu thun. Es mußte etwas vor ihm oder liegen, und doch ſah ich nichts; denn es war ſtockfinſter. Es ward mir unheim⸗ lich zu Muthe. Ich ſtieg ab, fuͤhrte mit der linken Hand das Pferd und hielt mit der rechten die Reitgerte vor. Der Nappe folgte zitternd einige Schrit⸗ te, dann ſtand er und ſchnarchte aus den weit aufgeriſſenen Naſenloͤchern laut auf. 97 Ich ſtarrte vor mir hin. Mein Blick ſiel auf einen ſchwarzen Sarg, der mitten im Wege ſtand. Ich hatte noch ſo viel Muth, nach dem Sarge, den ich fuͤr ein bloßes Luftbild hielt, mit der Gerte zu ſchlagen; als aber der Schlag ſchauerlich hohl fiel, als der Rappe in dieſem Augenblick links prellte, und nun nicht weiter heranzubringen war; da ſank mir das Herz.— Ich entſann mich„ daß ein Fußſteig ſeitwaͤrts durch die Schonung fuͤhre; ich ſtieg wieder auf und ritt zuruͤck, bis ich den Eingang des Fußſteiges erreichte, der nicht in zu großer Entfernung vom Fahr⸗ wege, nebenbei lief. Als ich in die Gegend des Sarges kam, ward der Rappe wieder ungewiß, aber kaum hatte er den Fleck hin⸗ ter ſich, ſo zog er im geſtreckten Laufe auf Tod und Leben aus; ich ließ ihn rennen, denn mich fror, daß ich kein Glied ſtill hal⸗ ten konnte. 7 Mein Bruder, der Landrath, war noch wach. Ich erzaͤhlte ihm mein Abenteuer. Er lachte mir in das Geſicht. Ich be⸗ theuerte ihm, was ich geſehen und gehoͤrt hatte, bei meiner Ehre. „Nun ſo will ich Dich doch zum Luͤgner machen,“ erwiderte er:„ich gebe dir meine beiden Landreiter mit. Findet ihr den Sarg, ſo zahle ich dieſen fuͤr ihre Muͤhe zwei Tha⸗ ler; findet ihr ihn nicht, ſo iſt es billig, daß du den Leuten die Muͤhe auf gleiche Weiſe lohneſt.“ Den Handel war ich gern zufrieden. Ich ließ den Rappen wieder ſatteln. Die Land⸗ reiter begleiteten mich auf ihren Kleppern. Wir kamen der Fichten⸗Schonung naͤher. Mein Pferd ging ruhig. Wir kamen auf den; ich um zwei Thaler aͤrmer, und mein Bruder lachte, als ich nach Hauſe kam, mich ohne alle Schonung aus. den Angſtfleck— der Sarg war verſchwun⸗ Ich ſchlief kaum eine Stunde. Der ſchwarze Sarg ſtand immer vor mir; ich hoͤrte den dumpfen Schlag meiner Gerte; ich fuͤhlte das bange Zittern des geaͤngſteten Pferdes unter mir; ich roch den Firniß des verwuͤnſchten Todtenhauſes. Daß meine Sinne mich nicht getaͤuſcht hatten, wußte ich ganz gewiß. Ich hatte nie an Erſcheinungen geglaubt. Jetzt war ich kleinmuͤthig. Der Sarg auf dem Mord⸗ platze— galt er mir? galt er der Erſchla⸗ genen? dem Moͤrder oder dem geſtern Ver⸗ ſchiedenen? Den folgenden Morgen war mein erſtes Geſchaͤft, wieder nach der Schonung zu rei⸗ ten. Wohl ſah ich die Spuren meines Pfer⸗ des, das auf dem Fleck, wo der Sarg ge⸗ ſtanden, den Schnee quer uͤber dem ganzen Wege zuſammen getrampelt hatte. Allein weiter fand ich nichts. Ich eilte zu Forſt⸗ raths, um ihnen meine Geſchichte zu er⸗ zaͤhlen. 100 „Sieh Mutter,“ hob der Alte an:„das iſt der Nachbar Papier⸗Muͤller. Sagte ich nicht geſtern, der Menſch kann keine Ruhe im Grabe haben? Wahrhaftig, er hat uns alle im Leben zu bitter gekraͤnkt und geaͤr⸗ gert, und immer blieb er ohne Strafe; nun hat er ſeinen Lohn!“. Die Alte faltete die Haͤnde, und ſprach: „ſegnet, und fluchet nicht! Wer biſt du, daß du, wie Paulus ſagt, den fremden Knecht richteſt? Er ſteht oder faͤllt ſeinem Herrn. Er mag aber wohl aufgerichtet werden, denn Gott kann ihn aufrichten.“ „Den nicht, Mutter,“ fiel der Forſtrath der Rechtglaͤubigen in das Wort:„den wird Gott nicht aufrichten; den hat der Teufel in ſeinen Klauen. Du hoͤrſt ja! das iſt ſein Sarg geweſen.“ „Warlich,“ verſetzte Minchen ſo ernſt und feierlich, als ich das Maͤdchen nie geſe⸗ hen hatte:„warlich, das iſt ſein Sarg ge⸗ weſen. —. „Kind, was weißt Du den davon?“ fragte die Mutter betroffen, und mir ſchlug das Blut in allen Pulſen, denn, war Min⸗ chens Muthwille gebeugt, dann mußte etwas an der Sache ſeyn. Sie hob den kleinen Lockenkopf von der Arbeit in die Hoͤhe, und ſchaute bedeutend umher; wir draͤngten uns um ihren Arbeit⸗ tiſch. „Martin,“ begann ſie:—„Sie kennen den Knecht des Papier⸗ Muͤllers,— Mar⸗ tin alſo holt mit dem Schlitten, geſtern Abend den Sarg ſeines Herrn aus der Stadt. Schlecht gepackt, rutſcht der Sarg langſam vom Schlitten hinten herab, und Martin faͤhrt ſorglos weiter; Sie kommen des We⸗ ges, erkranken ſammt Ihrem Rappen, an ei⸗ nem tuͤchtigen Manſchetten⸗Fieber, und druͤ⸗ cken ſich ſeitwaͤrts. Martin, ſchlafend heim⸗ gekehrt, bemerkt jetzt erſt ſeinen Verluſt, kehrt um und holt den Sarg; und nun iſt na⸗ tuͤrlich die Erſcheinung verſchwunden, als Sie die Courage haben, mit zwei bewaffneten Landreitern, das Luftbild, die friſchgeohlte Todtenkammer wieder aufzuſuchen. Eben er⸗ zaͤhlte mir unſer Hausmaͤdchen Martins ge⸗ ſtriges Abenteuer. Das, mein lieber Freund, iſt die ganze Geſchichte.“ Sie brach nun in ein lautes Lachen aus, und ich war vierzehn Tage lang das Stichblatt der umliegenden Gegend. Sagen aus der Zeit des Voͤlker⸗Krieges. 1. Marſcholl Beſſieres lag an ſeiner ſehr ſchweren Wunde ohne Rettung; die Aerzte hatten ihn aufgegeben und einer ſeiner Ad⸗ jutanten mußte ihm, falls er auf dieſer Welt noch Anordnungen zu treſſen habe, das Her⸗ nen.„Auf annahen ſeiner letzten Stunde eroͤ dieſer Welt habe ich nichts mehr zu thun,“ antwortete der Marſchall, der gern ſein Leben noch gefriſtet haͤtte, mit tiefer Bitterkeit; „aber fuͤr die Welt noch viel. Gehen Sie, mein Freund, zum Kaiſer, und bitten Sie 10 4 Se. Majeſtaͤt, in meinem Namen, um die Ehre ſeines Beſuchs; ich habe noch ein ern⸗ ſtes Wort mit ihm zu ſprechen.“ Der Adjutant ging. Der Marſchall befahl dem Kammerdie⸗ ner, ihm ſeine Parade⸗Piſtolen zu bringen, ſie in ſeiner Gegenwart ſcharf zu laden und neben ihn zu legen. Der Kammerdiener erfuͤllte mit ſichtbarer Beſorgniß den Befehl. Der Marſchall be⸗ deckte die Piſtolen mit ſeinem Tuche. Der Kaiſer kam; der Kammerdiener eilte ihm in das Vorzimmer entgegen, theilte ihm den Vorfall wegen der Piſtolen mit, und ließ die Aeuſſerung fallen, daß ſein guter Herr ſehr ſtark phantaſire. Se. Majeſtaͤt wuͤnſch⸗ ten laͤchelnd baldige Beſſerung und entfernten ſich Der Marſchall blieb ſein letztes Werk der Welt ſchuldig und ſtarb, ohne zum Schuß gekommen zu ſeyn. — 2—— ilte hm eß err ſch⸗ ten derk huß 105 0 Einer der franzoͤſiſchen Generale unter⸗ hielt im letzten Kriege eine Correſpondenz, die mit ſeiner Dienſtpflicht vielleicht nicht ganz vertraͤglich war, und bediente ſich eines ſeiner Adjutanten dazu, als Mittelsperſon; der Kaiſer hoͤrte davon, ohne den Zuſammen⸗ hang zenau zu erfahren; er ließ den Adju⸗ tanten vor ſich kommen und fragte ihn mit freundlicher Miene, was er von der Sache wiſſe. Der junge Mann antwortete: daß er oͤfters mit dem Befehl, ſchriftliche Auftraͤge zu beſorgen, von ſeinem Chef beehrt werde, oh⸗ ne deren Inhalt zu kennen; der Kaiſer ließ ſich die Perſonen nennen, an die er derglei⸗ chen, ſeit den letzten Tagen, beſorgt habe. Un⸗ ter den genannten befand ſich der verdaͤchtige Correſpondent nicht. Der Kaiſer ſagte etwas ernſter:„beſin⸗ nen Sie ſich; an weiter keinen haben Sie Briefe uͤberbracht? Sie ſprechen mit Ihrem Kaiſer; an weiter keinen?“ „Nein, Sire, an weiter keinen,“ antwor⸗ tete der Adjutant ganz unbefangen. Der Kaiſer, ergrimmt, daß er auf die⸗ ſem Wege der Sache nicht naͤher gekommen war, und ſich dadurch eine Bloͤße gegeben hatte, ſchlug den jungen Mann, mit geballter Fauſt in's Geſicht. Dieſer zog wuͤthend den Degen, um damit nach dem Kaiſer zu ſtoßen. Die Umſtehenden fielen dem Raſenden in die Arme. Der Kaiſer war gerettet, und der Adjutant ward eine Stunde darauf nach Frankreich abgefuͤhrt. 107 3. In einem deutſchen Lazarethe raug ein. franzoͤſiſcher Gefangener, der ſchwer bleſſirt war, mit dem Tode. Er richtete ſich drei— Mal auf, und blickte ſtarr umher. Dann legte er ſich wieder nieder, und hielt beide Haͤnde feſt zuſammengekrampft vor das Ge⸗ ſicht, das der kalte Todesſchweiß befeuchtete. „Der kann nicht ſterben,“ ſagte ein alter Dragoner, welcher nicht weit davon lag, und dem ſchweren Kampfe zwiſchen Tod und Le⸗ ben, eine Weile mit zugeſehen hatte; iſt denn keiner, der mit ihm ſprechen kann?“ fand ſich ein Leichtbleſſirter, welcher der franzoͤſiſchen Sprache etwas maͤchtig war; der ging zu ihm und fragte, was er wuͤn⸗ ſche. Der Sterbende bat um einen Prediger ſeines Glaubeus. Zum Gluͤck war im Orte ein katholiſcher Pfarrer, der vollkommen ftan zoͤſiſch ſprach. Dieſer ward herbeigeholt und machte die gewoͤhnlichen Vorbereiti ngen ihm die letzte Oehlung zu geben.„ Mein Herr,“ hob der Ungluͤckliche an,„erſt fragt mich, ob ich der Gnade Gottes werth bin,, und ſagt mir, ob ich ſelig werden kann. Ich habe eine ſchreckliche That begangen, die Gott mir nicht verzeihen wird. In Deutſchland fand ich einſt ein kleines Maͤdchen von et⸗ wa zehn Jahren, ein liebes, freundliches 5 N 2 Kind in einem Garten ſpielen. Ich lockte. das Kind in den entfernteſten Winkel, wo die Zimmerleute eben von der Arbeit gegan⸗ 4 gen waren, die ſich mit Aufrichtung einer Breterwand beſchaͤftiget hatten; ich wollte mein Geluͤſte mit dem Kinde treiben. Da es ſich aber ſperrte und ſtraͤubte, ſchlug ich ihm durch die Haͤnde zwei Naͤgel, welche ſammt Hammer und Werkzeug von den Zimmerleu⸗ ten da liegen gelaſſen waren. So hing das Kind halb ſtehend an der Wand. Und um nun nicht verrathen zu werden, nahm ich mei⸗ ne Flinte und ſchoß es auf den Kopf.“ Der Graͤßliche hatte kaum geendet, ſo bruͤllte er 109 laut auf, rollte die Augen furchtbar im Ko⸗ pfe, riß ſich mit beiden Haͤnden die Haare vom Scheitel und ſtarb.„Zur Hoͤlle mit dem Satan!“ riefen die Krieger, als der Prediger ihnen die Geſchichte der entſetzlichen That verdeutſchte. 4. Der Prinz Poniatowsky wohnte vor vie⸗ len Jahren einer kleinen Landparthie bei. Man ſpeiſ'te in einem Garten, der an der Heerſtraße lag; eine Zigeunerin zog voruͤber, und der Wirth des Hauſes ließ ſie, zur Be⸗ luſtigung ſeiner Gaͤſte, hereinrufen, um je⸗ dem derſelben aus der Hand ſenn Schickſal zu prophezeien. Die Reihe kam auch an den Prinzen. „Junges Herrchen,“ ſagte die Alte unter an⸗ dern:„Sie werden hoch ſteigen, aber erſt dicht am Grabe, und eine Elſter wird die Urſache Ihres Todes ſeyn.“ Man lachte, beſchenkte die Frau reich⸗ lich und ließ ſie ziehen; ſie war noch lange der Gegenſtand des Geſpraͤchs, und man rieth ſcherzend dem Prinzen, einmal, wenn er Land und Leute zu regieren bekomme, auf die Koͤpfe der Elſtern, wie in manchen Staa⸗ ten auf die der Sperlinge, einen Preis zu ſetzen. Der junge Prinz ſelbſt mußte von „—. 3 111 der Rede der Alten wunderbar ergriffen wor⸗ den ſeyn; er blieb den Reſt des Tages in ſich gekehrt, und geſtand dieß ſelbſt am fol⸗ genden Morgen, in einem Briefe, einem ſei⸗ ner Freunde, den er— jetzt ein wenig mehr aufgeheitert,— im Scherz bat, alle Elſtern, die ihm in den Weg kommen wuͤrden, todt zu ſchießen. Als nach Jahrzehnten, der zweitaͤgige Marſchall*) ſeinen Tod in der Elſter fand, da dachten ſeine Freunde an die Sage der Alten. Sie hatte furchtbar wahr geſprochen. *) ‚Bekanntlich erhielt der Prinz Poniatowsky zwei Ta⸗ ge vor ſeinem Tode, vom Kaiſer von Frankreich, den Marſchall⸗Stab. ———— Kleinigkeiten. 1 1. Ein Mann von Vermoͤgen und gaſtfreund⸗ lichem Sinne, hatte einen jungen Offizier zur Einquartirung bekommen, den er beſtens be⸗ wirthete. Sein Tiſch war einer der vorzuͤglichſten in der Stadt; aber dem Offizier nicht gut genug. Dieſer maͤkelte jeden Mittag und verdarb dem Wirthe die Eßluſt ſo, daß letz⸗ terer den Einquavtirten bat, kuͤnftig fuͤr ſich allein, auf ſeinem Zimmer zu eſſen. Dieß verdroß den Offizier, und war er vorher unzufrieden geweſen, ſo aͤuſſerte er es jetzt 113 noch zehn Mal mehr, ſo daß der Bediente ſeinem Herrn erklaͤrte, er fuͤrchte ſich, dem Offizier etwas vorzuſetzen, weil er gedroht, ihm das ganze Eſſen an den Kopf zu wer⸗ fen. Dem ſo Geplagten lief endlich die Galle uͤber und er beſchwerte ſich ſchriftlich bei dem Befehlshaber ſeiner Einquartirung.— Er erhielt eine aͤuſſerſt artige Antwort des Inhalts: Der General habe uͤberall von ſei⸗ ner Gaſtfreundlichkeit Gutes gehoͤrt; den bei ihm Einquartierten aber kenne er auch ſo ge⸗ nau, daß er ſogar von ſeinen Lieblingsgerich⸗ ten unterrichtet ſei. An der Spitze derſelben ſtehe Poͤkelfleiſch mit Erbſen, wenn er dieſes Gericht ihm taͤglich zweimal vorſetze und ihm auch weiter nichts gaͤbe, ſo wuͤrde der Offizier zufrieden und das gute Einverſtaͤnd⸗ niß vollkommen hergeſtellt ſeyn. Der Empfaͤnger ſchuͤttelte uͤber den ſon⸗ derbaren Geſchmack ſeines Offiziers den Kopf 3 aber er that, wie ihm befohlen war, und ließ Poͤkelfleiſch mit Erbſen kochen. Als der 8 414 Bediente das ſrugale Mittagmahl bra te, warf es der Offizier wuͤthend an die Erde und verlangte das zweite Gericht. Da ward ihm auf einem Porzellan Teller das Billet ſeines Chefs uͤberreicht. Der Offizier ſtutzte, las, erblaßte, aß eine zweite Portion von dem naͤmlichen Gerichte, die man ihm an die Stelle der weggeworfenen brachte, mit vielem Appetite, und war ſeit der Zeit mit allem, was ihm vorgeſetzt ward, hoͤchlich zufrieden. 2Qᷣ —* An einem Markttage kam ein Bauer mit einer vollen Geldkatze in das Wirthshaus ei⸗ nes Staͤdtchens und ſchuͤttete einen Haufen preußiſcher Sechſer auf den Tiſch, mit der Aeuſſerung, daß er heute den Baͤcker neben dem Nathhauſe recht barbiert habe.„Ich ttrank ihm,“ erzaͤhlte er dem Wirthe und lachte recht pfiffig,„erſt tuͤchtig auf den Pelz, und wie er denn ſo halb ſieben war, verkauf⸗ te ich ihm mein Getreide. Der dumme Jan hat mir zwei Groſchen mehr auf den Schef⸗ fel geben muͤſſen, als jeder andere.“ Nun jetzte er ſich an den Tiſch und zaͤhlte ſein Geld auf. Ihm gegenuͤber poſtirte ſich ein Soldat, ein irdenes Pfeifenſtummelchen im Munde, beide Ellnbogen auf den Tiſch und das Geſicht zwiſchen den Faͤuſten. Der Soldat ſah das Zaͤhlen eine Weile mit anz, endlich rief er:„da fehlt ein Sech⸗ ſer, Landsmann!“ und tippte mit dem Stie⸗ 8* fel des Stummelchens auf die Stelle, wo der Sechſer zu wenig gezaͤhlt ſeyn ſollte. „Richtig!“ entgegnete der Bauer und legte den zu wenig Gezaͤhlten zu. „Da fehlt wieder einer!“ ſagte der Sol⸗ dat und tippte mit dem Stiefel des Stum⸗ melchens auf den Fleck, wo der Sechſer feh⸗ len ſollte. Der Bauer ſah nach, hatte zu wenig ge⸗ zaͤhlt und ſchoß den fehlenden zu. „Da fehlt noch einer.“ Der Bauer gukte hin; er brummte uͤber ſeine wenige Fertigkeit im Zaͤhlen und legte zu. „Da wieder einer!“ Jetzt hielt ſich der Bauer fuͤr behext. Er haͤtte beinahe den Soldaten in Verdacht ge⸗ habt; allein der Menſch ruͤhrte das Geld mit keinem Finger an, ſondern tippte blos mit der Pfeife darauf und ſchmauchte dann ſo ruhig, wie vorher, fort. Der Bauer ſah ſein aufgezaͤhltes Geld noch einmal durch, und behauptete, nun ſey do ſten den Betrug merkte. 117 endlich alles richtig gezaͤhlt.„ bewahre,“ entgegnete der Soldat.„Wo habt ihr denn die Augen? Ihr habt dem Baͤcker eins an⸗ trinken wollen, und ſeid, glaub' ich beinahe, ſelbſt zu tief in's Naſſe geſtiegen. Seht doch her: hier fehlt ein Sechſer;— da unten bei dem Thaler wieder einer;— hier gleich bei Eurer Hand rechts wieder einer;— da in der letzten Reihe wieder einer.“— Der Bauer traute ſeinen Augen kaum⸗ Der Soldat hatte uͤberall recht; wo er hin⸗ tippte, fehlte alle Mal ein Sechſer.— Sehr uatuͤrlich; denn er hatte den Stiefel ſeiner irdenen kleinen Pfeife mit Vogelleim beſtri⸗ chen; wo er nun mit dieſem hintippte, da hob er jedesmal einen Sechſer mit auf, den er, waͤhrend er die Pfeife in den Mund ſteckte, abnahm und in die hohle aufgeſtuͤtzte Hand ſenkte. So metzte er das Getreide⸗ geld mit vieler Behaglichkeit, ohne daß der dumme, halb angeſtochene Bauer im minde⸗ * . Ein Bekannter von mir, der vom Lande in die Stadt gekommen und in demſelben Gaſthauſe abgeſtiegen war, ſah den Vorgang mit an und lachte den Bauer heimlich aus. Wer war nun unter den dreien der Ge⸗ wiſſenloſeſte?— Der Bauer, der den Baͤ⸗ cker betrunken machte, um ihm ſein Getreide dann deſto hoͤher zu verkaufen?— der Sol⸗ dat mit ſeinem Wuͤnſchel⸗Pfeiſchen?— oder mein Bekannter, der uͤber dies Riemſtecher⸗ ſtuͤkchen lachte, ohne dem Bauer den Dieb zu Fſh, 2 /A geiase 1 119 3. Im letzten Kriege ſtand ein Regiment eine Zeit lang in einer Mittelſtadt, und marſchirte dann eines Morgens ſehr eilig ab, um, in ſeine Heimath zuruͤckzukehren. Zur Verhuͤtung der Deſertion hatte man die ganze Zeit uͤber auf einen Damm auſſerhalb der Stadt eine Schildwache geſtellt. Der Sol⸗ dat, der im Augenblicke des Abmarſches auf dieſem Poſten geſtanden hatte, ward, durch Verſehen, abzuloͤſen vergeſſen. Er ſtand bis zum Mittag, erfuhr dann, daß das Regiment die Stadt bereits verlaſſen habe, und fand fuͤr gut, demſelben nicht zu folgen. Er hatte waͤhrend der Zeit ſeines Auf⸗ enthalts im Hauſe ſeines Wirths, mit einer Tochter deſſelben ein Verhaͤltniß angeknuͤpft, das ihn den Reiz des Soldatenlebens leicht vergeſſen ließ. Sein Fleiß, ſeine ſittliche Auffuͤhrung, die Fertigkeit in ſeinem Gewer⸗ be, das zufaͤllig auch das ſeines Wirths war, waren ihm wirkſame Empfehlungen, und ———— 130 nach kurzer Zeit erraug er das Gluͤck, das Maͤdchen ſein nennen zu koͤnnen und im Kreiſe ſeiner neuen Familie als Glied auf⸗ genommen zu werden. So lebte er fuͤnf fro⸗ he Jahre; er gewann das Meiſterrecht, das Vertrauen ſeiner Mitbuͤrger, die Liebe der Seinigen und den Genuß der Vaterfreuden in zwei geſunden Kindern. Zum Andenken ſeines vorigen Standes hatte er Rock und Waffen aufgehoben, und ſegnete, bei dem An⸗ blicke derſelben, oft im Stillen den Entſchluß, die Bahn der kriegeriſchen Ehre mit dem friedlichen Wirken des Gewerbfleißes ver⸗ tauſcht zu haben. Bei den jetzigen Duͤrchmaͤrſchen traf es ſich, daß daſſelbe Regiment in ſeinen Wohn⸗ orr wieder einruͤckte. Die Furcht, erkannt, vor das Kriegsge⸗ richt gezogen, und ſeines ganzen Lebensgluͤcks beraubt zu werden, brachte ihn faſt zur Ver⸗ zweiflung. In der Angſt ſeines Herzens fiel ihm der Gedanke ein, daß jener Damm, auf dem man ihn damals zuruͤckgelaſſen hat⸗ te, auf jeden Fall wieder mit einer Schild⸗ wache werde beſetzt werden; er warf ſich da⸗ her, ſobald das Regiment ſich der Stadt naͤ⸗ herte, in ſeine Montur, nahm ſein Gewehr auf die Schulter uͤnd eilte zum jenſeitigen Thore hinaus auf ſeinen alten Poſten. Seine Vermuthung war gegruͤndet gewe⸗ ſen. Schon nach einer Stunde kam das Pi⸗ ket, um den Poſten dort anzuſtellen. Nun endlich! rief er dem Unteroffizier, einem alten Bekannten, der das Piket fuͤhr⸗ te, lachend entgegen, endlich kommt Ihr ein Mal und denkt an mich. Bei meiner ar⸗ men Seele, ſo lange habe ich in meinem Le⸗ ben noch nicht Schildwache geſtanden. Die Zeit iſt mir hier verteufelt lang geworden. Die Soldaten waren erſtaunt, ihren al⸗ ten Kameraden hier auf den Poſten zu fin⸗ den, und brachten ihn im Triumpfe vor den Inhaber des Regiments. Der launige Einfall gewann den Gene⸗ ral, und die ruͤhrenden Bitten der unterdeſ⸗ ſen herbeigeeilten Familie bewirkten der fuͤnf⸗ jaͤhrigen Schildwache Verzeihung und foͤrm⸗ lichen Abſchied. Aufſchluͤſſe uͤber den Gruͤnmantel von Venedig. — F r den aufmerkſamen, ſcharfſinnigen Leſer — und nur ſolcher erfreut ſich vorliegendes Buch— bedarf es keiner weitlaͤuftigen Aus⸗ einanderſetzung; dieſem macht es Vergnuͤgen, ſich das, was ich zur Vermeidung unnoͤthiger Breite, nicht beruͤhre, ſelbſt zu ergaͤnzen. Folg⸗ lich darf ich mich der Kuͤrze bedienen, die bei einer ſo proſaiſchen Arbeit, als der Aufſchluß über eine vermeintliche Uebernaturlichkeit iſt, unerlaͤßlich ſcheint. Doch zur Sache. Guilielmo war von ſeinem Vater beſtimmt, Emmelinen, das Maͤdchen mit den zwei Mil⸗ lionen, zu heirathen. Ohne eine andre im Herzen zu haben, war es ihm doch widrig, nicht ſeinen eigenen Gefuͤhlen folgen zu duͤr⸗ fen, ſondern um des lieben Geldes willen, von dem ihm ja der Himmel ohnehin genug beſchert hatte, fuͤr ſein, ganzes Leben an eine Perſon gebunden zu werden, die er noch gar nicht kannte, und deren Tugenden und Kenntniſſe und Aeußeres gar nicht in Anſchlag, nicht ein⸗ mal in Erwaͤhnung gebracht worden waren. Aus kindlichem Gehorſam, und weil ſein Vater und alle aͤltere Arbeiter auf deſſen Comp⸗ toir verſicherten, daß der alte Mellinger ein tuͤchtiger Kaufmann, bei dem viel zu lernen, verließ er Venedig, um ſein kaufmaͤnniſches Studium unter Herrn Mellingers Leitung zu vollenden, und nebenbei, um Emmelinen zu ſehen. Geſiel ſie ihm nicht ganz vorzuͤg⸗ lich, ſo wollte er ſeinem Vater, ſchriftlich, rund heraus ſeines Herzens Meinung erklaͤren, K und ihn bitten, von dem alten Heirathplane abzuſtehen. Einige Stationen von Herrn Mellingers Wohnort traf Guilielmo mit dem jungen Wilmſen aus Bremen zuſammen. Beide frö⸗ lich und offen, wurden auf der Reiſe bald mit einander bekannt, ſtiegen nach ihrer Ankunft in einem und demſelben Wirthshauſe zur Son⸗ ne ab und bezogen darin die Stube Nr. 14. gemeinſchaftlich. Guilielmo hatte zwar vom Vater, welcher dem alten Mellinger von dem baldigen Ein⸗ treffen ſeines Sohnes bereits Nachricht gege⸗ ben, die Weiſung bekommen, ſich nach ſeiner Ankunft ſofort bei Herrn Mellinger zu mel⸗ den, allein er war nicht hingegangen; er hatte ſich erſt auf Kundſchaft legen und zu erfah⸗ eren ſuchen wollen, was an dieſem und an Emmelinen ſei. Zur Erreichung dieſes Zwecks, meinte er, es vor Allem noͤthig, daß Wilmſen, der, eer Kraͤnklichkeit wegen, faſt. gar nicht aus kurz man erſchoͤpfte ſich in ihrem Lobe; nur, dem Hauſe kam, unter ſeinem Namen ſich hier aufhalte und er als Wiimſen auftrete. Wilmſen, dem Guttielmo die Abſicht die⸗ ſer einſtweiligen Namenverwechſelung aus ein⸗ ander ſetzte, und der vom erſten Augenblicke der Bekanntſchaft an von Guilielmo mit Artigkeit uͤberhaͤuft, von ihm die ganze Zeit uͤber im Gaſthauſe freigehalten und mit großer Liebe und Freundlichkeit behandelt wurde, konnte die kleine Gefäͤlligkeit, dem reichen Sponſeri ſei⸗ nen Namen zu leihen, nicht abſchlagen; und ſo galt Wilmſen fuͤr Guilielmo und dieſer fuͤr Wilmſen. Ueber Herrn Mellinger und deſſen Tochter hoͤrte Guilielmo in der ganzen Stadt nur eine Stimme. Emmeline war nach dieſen Nachrichten ſehr huͤbſch, in allen Fachern des weiblichen Wiſſens wohl unterrichtet; haͤuslich, ſittſam; in der großen Welt, wie im ſtillen Kreiſe ihrer Fa⸗ milie, zu Hauſe; wohlthaͤtig, ſanft, heiter, 127 ter ſetzten einige hinzu, ſcheine ſie zuweilen das Naͤschen ein wenig hoch zu tragen; Andere le⸗ meinten, ſie kenne ihren Werth; Andere wie⸗ na der, ſie habe ſchon zwanzig Anbeter zu ihren der Fuͤßen geſehen, aber unter einem Millionaͤr eit oder einem Grafen thue ſie es nun ſchon nicht; im und wieder Andere ließen vermuthungweiſe fal⸗ ebe len, ſie haͤtte gewiß ſchon heimlich ihr Theil, die denn ſonſt koͤnnte ſie gegen die Dutzend⸗Anbe ſei⸗ ter, unter denen ſich, wie unter den Dutzend⸗ mnd Uhren, doch zuweilen etwas Gutes faͤnde, un⸗ fäür moͤglich ſo allgemein ſproͤde ſeyn. Vom Vater erzaͤhlte man uͤberall nur öer Uebles; man ging vielleicht zu weit; man ließ ine ihm kein gutes Haar. Der groͤßte Theil ſei⸗ nes Vermoͤgens ſey, hieß es, zuſammengewu⸗ ehr chert; auf dem Gelde liege Ach und Wehe vie⸗ ens ler hundert Betrogener, Gedruͤckter und Ge⸗ der draͤngter. Seinen Spekulationgeiſt wollte nie⸗ Fa⸗ mand ihm ablaͤugnen, aber Alle behaupteten, wenn er einmal eine gluͤckliche Spekulation aufgefaßt, daß ihm dann auch nichts zu heilig“ ſey, um ſie durchzuſetzen. Beſtechung landes⸗ herrlicher Diener bei großen Lieferungen, Bre⸗ chung geſchloſſener Contrakte, ſchienen erlaubte Mittelchen, und dabei wiſſe er jedesmal es ſo zu drehen und zu wenden, daß kein Menſch ihn faſſen oder gerichtlich belangen koͤnne, und komme es ja zu einer Klage, ſo behalte er al⸗ lemal Recht.— Guilielmo, fromm und rechtlich erzogen, wollte jetzt mit der ganzen Familie nichts zu⸗ thun haben; Emmeline, meinte er, haͤtte ihm vielleicht gefallen koͤnnen, allein das Vermoͤgen, was er einmal mit ihr zu erwarten habe, koͤn⸗ ne ihm keinen Segen bringen. Unredlich er⸗ worbenes Gut bringt den Kindern keine Frucht, war immer der Wahlſpruch ſeiner chriſtlich ge⸗ ſinnten Mutter geweſen. Mit ſolchem Gelde mochte ſich der gewiſſenhafte, zartfuͤhlende Sohn nicht befaſſen. Jetzt war er daher beſtimmt, wieder zu ruͤckzureiſen, und dankte dem Himmel fuͤr de 129 Einfall, ſich gar nicht zu erkennen gegeben zu haben. 3 Ein Zufall aͤnderte Alles. Am Namentage der geliebten Mutter ging Guilielmo in den Dom, um fuͤr die Entfernte in ſtiller Andacht zu beten. Alles Weltliche aus der Seele gebannt, hatte er fuͤr ſeine Umgebung kein Auge. Er kniete am Hochaltar nieder, beugte ſein Antlitz zur Erde und ſprach im kindlichen Vertrauen zu Gott, waͤhrend die herrliche Kapelle in den obern Raͤumen des hochgewoͤlbten Tempels das Benedictus*) vortrug. Es war, als ſpreche eine innere Stimme zu ihm:„ſtehe auf, Dein Glaube hat Dir geholfen!“ und er richtete *) Den mit dem katholiſchen Ritus nicht beke ten Leſern dient zur Nachricht, daß die Muſt welche während des Hochamts die Zwiſchenzeit füllt und von den Muſikern Meſſe genannt wird, in der Compoſition der Worte des Kyri Gloria des apoſtoliſchen Glaubensbekenntni des Sanctus, Benedictus und Agnus Dei be⸗ ſteht. 130 ſich, mit freudiger Erhebung ſeines Herzens, in die Hoͤhe, und ſein erſter Blick fiel auf Emmelinen. Das fromme, ſchoͤne Maͤdchen, den Roſen⸗ kranz in der Lilienhand, lag eine Stufe hoͤher als 41 ſeitwaͤrts in demuͤthiger Stellung vor dem Allerheiligſten auf den Knien. Waͤhrend ddes 3 ganzen Hochamts betete es, der Welt ent⸗ ruͤckt, leiſe vor ſich; das ſeelenvolle große Au⸗ ge ſenkte ſich bald ni jeder, bald hing es im ſtillen Glauben an der huldvollen Mutter Gottes, die aus dem Bilde des Altarblattes auf Beide ſeg⸗ nend herabblickte. Er ſah die betenden Pur⸗ purlippen, er ſah die Perlen des Kranzes, eine nach der andern, aus den Roſenfingern an der Schnur 4 rabfallen; die ſchlanke, jugendliche Geſtalt,— und ein ungeſtuͤmes Draͤngen preß⸗ te ihm die Bruſt. So haftte ihn noch kein Maͤdchen gefeſſelt; aber er betheuerte gegen ſich ſelbſt, auch noch kein liebreizenderes geſe⸗ hen zu haben 1 * lager uͤber, ſen licher Plal 6 goͤtzte jeder Stil Anſt freuꝛ ging dem 131 Die Unbekannte erhob ſich nach dem Agnus Dei und verließ die Kirche. Er folgte ihr von Weitem. Rechts und links an den Thuͤren des Doms lagen Bettler und Kruͤppel, welche die Vor⸗ uͤbergehende mit zudringlicher Bitte um Almo⸗ ſen beſtuͤrmten; ſie theilte Jedem mit freund⸗ licher Milde mit und eilte dann uͤber den Platz. Gutlielmo folgte immer von fern und er⸗ goͤtzte ſich an der Haltung, an dem Gange, an jeder Bewegung des koͤſtlichen Maͤdchens im Stillen. Mehrere der Begegnenden zogen mit Anſtand die Huͤte; einige Damen gruͤßten freundlich und ſprachen, als ſie an ihr voruͤber⸗ gingen, von dem geſchmackvollen Anzuge, von dem bluͤhenden Aeußern der Gegruͤßten mit ſichtbarer Theilnahme. Die Altarnachbarin bog jetzt in die Straße rechts, in welcher Herr Mellinger wohnte. „Wenn das“,— dachte Guilielmo und laͤchel⸗ te, ohne den Gedanken auszudenken, denn in 6 Herrn Mellingers Straße konnten hundert huͤbſche Maͤdchen wohnen. Die Wunderniedliche ſchritt uͤber die Straße heruͤber, auf die Seite, wo Herrn Mellingers Haus ſtand.„Wenn das Emmeline“, dachte er wieder, mit freudiger Beklommenheit, und läͤchelte uͤber ſich ſelbſt, denn die Straße war lang; auf dieſer Seite konnten noch zehn huͤbſche Maͤdchen wohnen. Sein Auge folgte ihr jetzt in der allergeſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit. Sie hatte noch drei Haͤuſer bis zu Herrn Mellingers Wohnung. Die Leute vor den Hausthuͤren in der Nachbarſchaft gruͤßten alle zuͤchtig und herzlich.— Sie mußte hier in der Naͤhe wohnen. Sie blieb am Mellinger⸗ ſchen Hauſe ſtehen und zog die Klingel mit dem eiſernen Kreuzgriff. Tobias oͤffnete die Thuͤre, und der Engel war verſchwunden. „Wenn das Emmeline waͤre“, ſagte er halblaut vor ſich hin, und ſtand und hatte und jetzt ſen, hatte 2 ein a Raſch dem gang zu l Vern gewe Alter wirk durch daß zwar lang ndert traße agers dachte und war zehn folgte kſam⸗ Herrn r den en alle ier in linger⸗ it dem ‚Engel agte er d hatte nichts als Herrn Mellingers Haus im Auge, und das Maͤdchen im Herzen. Er ließ ſich von Perſonen, mit denen er an öͤffentlichen Orten von Herrn Mellinger und deſſen Tochter fruͤher geſprochen, Letztere jetzt genauer beſchreiben. Sie war es gewe⸗ ſen, die er waͤhrend des Hochamtes am Altare hatte kennen gelernt. Von dieſem Augenblicke an war Guilielmo ein anderer Menſch. Mit ſeiner gewoͤhnlichen Raſchheit faßte er den Plan, ſich, unter frem⸗ dem Namen, im Mellingerſchen Hauſe Ein⸗ gang zu verſchaffen, Emmelinen naͤher kennen zu lernen und, wenn ſie ihn, auch ohne ſein Vermoͤgen zu kennen, bloß um ſeinetwillen lieb gewoͤnne, ihr ſeine Hand zu bieten. Auf den Alten wollte er dann mit aller Kraft dahin wirken, daß er das wieder herausgebe, was er durch Lug und Trug zuſammengeſchachert habe; daß er ein beſſerer Menſch werde; daß er auf zwanzig Wegen gut mache, was er in ſeinem langen Leben boͤſe gemacht habe, und daß er rachte den von Liebe und Bekehrungſucht ge⸗ 134 ſich, hinſichtlich ſeines Vermoͤgens, an dem be⸗ gnuͤge, was er wirklich ſeiner kaufmaͤnniſchen, ehrlichen Thaͤtigkeit zu danken habe. Dann, meinte der Gewiſſenhafte, werde auch der Se⸗ gen des Herrn auf ſeiner Verbindung mit Em⸗ melinen ruhen, und ſie wuͤrden mit dem Vater zuſammen ein gluͤckliches Haus machen. Der Plan war fertig, und nach ſeiner Meinung ganz vortrefflich; aber die Ausfuͤh⸗ rung fand große Schwierigkeiten. Unter ir⸗ gend einem Vorwande konnte Guilielmo wohl mit Herrn Mellinger einige Male wegen eines Geſchaͤfts ſprechen, aber dann war auch die ganze Bekanntſchaft zu Ende, und Emmelinen bei der Gelegenheit zu ſehen, war gar kein Gedanke, denn ſie ſaß in ihrem Zimmer, und der Vater empfing alle Geſchaͤftbeſuche auf dem Comptoir; auch huͤtete dieſer ſich wohl, einen jungen, huͤbſchen Mann bei ihr einzufuͤhren. Der durch einen Blutſturz jaͤhling erfolgte Tod des Reiſefaͤhrten, des jungen Wilmſen, einer ffuͤh⸗ r ir⸗ wohl eines h die linen kein und fdem einen en. folgte mſen, ht ge⸗ quaͤlten Guilielmo auf den tollen Einfall, den d Leſer aus dem vorigen Baͤndchen dieſes kennen gelernt haben. Er hatte von dem Ge⸗ ruͤchte, daß es auf Herrn Mellingers Comptoir umgehe, was ſich aus deſſen Nachbarſchaft mit der Kirche des vormaligen Frauenkloſters, in den Koͤpfen der Aberglaͤubigen zuſammengeſetzt haben mochte, gehoͤrt. So, und nicht anders, meinte er, ſei es moͤglich, auf den Alten zu wirken; wie er Emmelinen ſich naͤhern wolle, daruͤber war er mit ſich noch nicht einig. Der gruͤne Mantel, in dem er in jener Nacht dem Herrn Mellinger erſchien, war Wilmſens Eigenthum. Die Todtenhand hatte er vom anatomi⸗ ſchen Theater durch einen jungen Arzt erhal⸗ ten, mit dem er fruͤher, an der Gaſttafel in der Sonne, Bekanntſchaft gemacht hatte. Das Leichenweiß im Geſichte lieferte ein Stuͤckchen Kreide. Der Hausknecht in der Sonne hatte den Granmantel aus dem Hauſe gehen, aber nicht 136 4 wieder herein kommen geſehen; denn nach der Erſcheinung bei Herrn Mellinger kam Gui⸗ lielmo als Wilmſen zuruͤck, den gruͤne Man⸗ tel eng in einander gewickelt, unterm Arm. Er breitete den gruͤnen Mantel uͤber die Leiche des jungen Wilmſen und ſteckte Herrn Mellingers Empfangſchein in den Aufſchlag des Aermels. Die kleine eiſerne Gitterthuͤr auf dem Kirchhofe oͤffnete ſich nicht von innen; das hatte der erſchrockene Tobias nur mit ſeinen lugen geſehen. Den Brief an den alten Sponſeri nahm Guilielmo von der Poſt wieder zuruͤck, ſo, daß dieſer gar nicht nach Venedig abging. Da Guilielmo Petſchaft und Handſchrift auf dem Poſtamte vorwies, konnte man kein Bedenken haben, ihm den Brief zuruͤckzuſtellen. Der Brief von Venedig, den die Sta⸗ fette brachte, war von Gutlielmo geſchrieben, und einem Bekannten, der an dem Wege nach Venedig wohnte, mit dem Erſuchen zuge⸗ 137 ſchickt worden, denſelben auf jene Art an Herrn Mel Guilielmo gab, der ſeines Vaters ſo taͤuſchend, daß ſie f b Hand glich, wenn er ſich Muͤhe kein Menſch unterſcheiden konnte. Der Zweck dieſes Briefes war, den Glau⸗ ben des alten Mellinger an die Erſcheinung, und die ſehr gute Wirkung, die ſeine Worte auf das Gemuͤth des Alten gemacht hatten, noch feſter zu begruͤnden. Ohne einen beſtimmten Plan zu haben, ſondern bloß um den alten Mellinger kuͤnftig, bei vorkommender Gelegenheit, noch einmal vielleicht auf die Erſcheinung des Gruͤnman⸗ tels wieder zuruͤck zu bringen, ließ Guilielmo zwei gruͤne Maͤntel, dem, der mit dem jungen Wilmſen begraben wurde, ganz gleich, anfer⸗ tigen; an dieſem fehlte der oberſte Knopf; folglich ſchnitt er auch von den beiden nachge⸗ machten die oberſten Knoͤpfe ab*). *) Da die Mäntel, in der Folge der Geſchichte, ihre Rolle doch noch zu ſpielen bekommen will 138 Er ſchrieb jetzt, im Bezug auf Herrn Mel⸗ lingers boͤſe Handlungweiſe, mit der dieſer, auf unrechtem Wege, den gkoͤßten Theil ſeines Vermoͤgens zuſammengehaͤuft hatte, das ita⸗ lieniſche Biller mit verſtellter Hand, riß es in drei Stuͤcke und ſteckte kurz vor der Einſen⸗ kung des jungen Wilmſen das eine Stuͤck in die Taſche des Mantels Nr. 1., der mit dem Verſtorbenen begraben ward. Auf welche Weiſe er die beiden andern Stuͤcke und die beiden andern Maͤntel brauchen wollte, wußte er damals noch nicht. Er hoffte auf irgend einen Zufall, der ſich ihm darbieten wuͤrde, dem alten Mellinger noch einmal zu erſcheinen; er wollte dann einen der gruͤnen Maͤntel zuruͤcklaſſen, und— da aller guten — ich ſie, um ſie von einander zu unterſcheiden⸗ numeriren, und den im Grabe mit Nr. 1. den, der vor der Thüre des Stockhauſes gefunden ward mit Nr. 2. und den, der in der Caſſe des Herrn Mel⸗ linger lag, mit No. 3. bezeichnen. 1△ — 139 Dinge drei ſeyn ſollen— ſpaͤterhin, wenn der alte Wucherer in ſeiner Hartherzigkeit noch immer beharrt und ſich nicht gebeſſert haben ſollte, ihm zum dritten Male erſcheinen, den dritten Mantel wieder im Stich laſſen, und dann, als Wilmſen, die Sache ſo einzufaͤdeln ſuchen, daß der mitbegrabene Mantel No. 1. wieder ausgegraben und das darin beſindliche Blatt mit den in den beiden Maͤnteln Nr. 2 und 3. gefundenen Blaͤttern, zufammengehal⸗ ten werde; wo er dann von dem Inhalte des ganzen Billets mit Sicherheit erwartete, daß er den geizigen, herzloſen Mellinger bis in das Innerſte erſchuͤttern, auf ſein Gemuͤth die be⸗ abſichtigte Wirkung machen, und ihn beſtimmen werde, das viele Boͤſe, was er in ſeinem Leben gethan, vor deſſen Ende noch gut zu machen; der Alte ſollte nach ſeinen ſchwaͤrmeriſch from⸗ men Begriffen, ſchon bei lebendigem Leibe, ei⸗ nen Vorſchmack des Fegefeuers bekommen; das unrechte Gut, was ſich unter deſſen Ver⸗ moͤgen befinde, ſollte derſelbe auf irgend eine 140 Weiſe zu wohlthaͤtigen Zwecken verwenden, und dann erſt wollte er, wenn er Emmelinen naͤher kennen gelernt und gefunden habe, daß ſie das waͤre, wofuͤr er ſie nach ihrem reizvollen Aeu⸗ ßeren hielt, ihre Gegenliebe, unter dem Schein⸗ Namen eines unbemittelten jungen Mannes, zu gewinnen ſuchen und dann— dann erſt, hoffte er, werde thin u und Emmelinen das von Schlacken reine Gut des Alten Segen bringen koͤnnen. 3 Die Bekann tmachung in den Zeitungen gab ihm die erwuͤnſchte Gelegenheit, in das Mellingerſche Haus zu kommen. Die Erſcheinung des erſten Gruͤnmantels war von ſo guten, wohlthaͤtigen Folgen, daß er der beiden nachgemachten Maͤntel bei Herrn Mellinger gar nicht bedurfte. Guilielmo be⸗ kam durch ſeine Brauchbarkeit und Unentbehr⸗ lichkeit auf den durch die Erſcheinungworte: „ich zeichne jede Ihrer Thaten dem „ewigen Gott auf, der uns richtet, 14 1 „wie wir gerichtet; darnach meſſen „Sie ihr Thun und Laſſen ab“ tief aufgeregten Mann ein ſolches Ueberge⸗ wicht, daß er durch freundliche Vorſtellung, durch ernſte Worte, und, wenn Herr Mellin⸗ ger ja einmal auf die alten Nicken wieder ſtieß⸗ bloß durch die entſernt hingeworfene Bemer⸗ kung, daß das und jenes nicht recht ſey, und daß der ewige Gott jede unſerer Thaten zaͤhle und uns richte, wie wir gerichtet, unter der 3 Firma des jungen Wilmſen, auf der Bahn nur nachzuhelfen brauchte, die er als Gruͤnmantel in das Gewiſſen des Alten gebrochen hatte. Die Ungluͤcksfaͤlle, die das Mellingerſche Haus trafen, waren fuͤr Guilielmo ein wahres Labſal; er ſah ſie in ſeinem frommen Sinne fuͤr nothwendige Ereigniſſe an, um das Ver⸗ moͤgen des Alten vom unrechten Gute zu rei⸗ nigen. Was nach allem dieſem Verluſte uͤbrig blieb, mochte, nach Guilielmo's Anſicht, ohn⸗ 1 gefaͤhr das ſeyn, was der Alte ſeinem redli⸗ chen Fleiße zu danken habe. 142 Jenes, daruͤber, zwiſchen Herrn Mellinger und Guilielmo erwaͤhnte Geſpraͤch, in dem Letzterer ſeine Meinung bloß verſtellte, um den Alten zu erforſchen, beſtaͤrkte Guilielmo, daß der Alte in ſich gegangen und die ihn treffen⸗ den Verluſte fuͤr Strafgerichte des Ewigen anſehe.. Guilielmo war um dieſe Zeit im Begriff, ſich zu entdecken. Seinem Vater hatte er, vom Anfange an, das ganze Begebniß und deſſen Gruͤnde mitgetheilt; dieſe ehrte zwar der Vater; die Erſcheinunggeſchichte aber konnte er, als aͤlterer, beſonnener Mann, ei⸗ gentlich nicht billigen, doch war es nun nicht mehr moͤglich, ſie ungeſchehen zu machen, und da ſie fuͤr den Charakter des alten Mellinger von den beſten Folgen war; ſo ließ er den Sohn den einmal eingeſchlagenen Weg, als Wilmſen die Liebe des Maͤdchens zu ge⸗ winnen, ruhig gehen, und freute ſich mit ſei⸗ ner Gattin herzlich, als Guilielmo ihm ſchrieb: „jetzt bin ich Emmelinens Liebe durch hundert ⏑ 2 143 „kleine Anzeigen gemiß, jetzt kann der Herr „Guilielmo Sponſeri aus Venedig mit hun⸗ „dert noch reichern Mo „der Welt kommen, um ſe um ihre Hand zu „bitten; Emmeline, glaube ich mit feſtem Ver⸗ „trauen in ihre ſchoͤne Seele, in ihr edles, „reines Herz, Emmeline ſchlaͤgt ſie aus, wenn „der arme Wilmſen aus Bremen ſie bittet: ſei aus allen Theilen „mein! Der Alte iſt ein ganz anderer Mann „worden. Alle, die ihn ſonſt haßten, ſprechen „jetzt mit Liebe und Achtung von ihm. Bald „werde ich nun den Namen Wilmſen ſei „im Grabe ſchlafenden Eigenthuͤmer zuruͤckge⸗ „ben und als Ihr Sohn auftreten; ich werd „dem Vater und der Tochter und dem „kum ſagen, daß ich es gethan, um gewiß zu „werden, daß Emmeline mich um meinet⸗ und em „nicht um der Gluͤcksguͤter willen liebe, mit „denen uns der Himmel geſegnet hat, und Alle „werden die ſchuldloſe Maskerade billigen; ich „warte nur einen gluͤcklichen Zufall zu meiner „Entlarvung ab, und denke, Emmelinens Ge⸗ 144 „burtstag, der auf den letzten des kommenden „Monats faͤllt, dazu zu waͤhlen.“ Die Ausfuͤhrung dieſes Plans ward durch das Einruͤcken des fremden Armeecorps ver⸗ hindert. In dieſen unruhigen Tagen war an eine Verbindung mit Emmelinen nicht zu den⸗ ken; beſſer alſo, er blieb in der Mitte von Mititaͤr⸗Befehlshabern, die den reichen Spon⸗ ſeri aus dem, auch unter dem Scepter ihres Herrſchers ſchmachtenden Venedig, ganz anders auf das Korn genommen haben wuͤrden, als den armen Commis Wilmſen in der geborgten Huͤlle der Unbedeutenheit, und wartete ab, welche Wendung der Gang der politiſchen Din⸗ ge nehmen werde. Der auf den alten Mellinger geworfene Verdacht wegen des Couriermords ergrimmte Guilielmo uͤber alle Beſchreibung. Er hatte den Alten wegen ſeines gluͤcklich uͤberſtandenen Kampfes mit dem Boͤſen lieb gewonnen; er hielt ihn des beſchuldigten Verbrechens nicht faͤhig; er kannte ſchon aus Venedig her die den irch ver⸗ an den⸗ von vonz⸗ hres ders als gten ab, Din⸗ rfene nmte hatte venen ; er ſchaͤndliche Raubgier der franzoͤſiſchen Befehls⸗ haber; er wußte, wie ſie alles aufboten, den Wohlhabenden das Ihre abzupreſſen und ſich zu bereichern; er zweifelte zwar an der Moͤg⸗ lichkeit, daß es an das Leben des alten Man⸗ nes gehe; indeſſen, wer wußte, was der Alte eigentlich verſchuldet haben konnte; das Vor⸗ geben des Couriermordes konnte ja nur bloßer Vorwand geweſen ſeyn, um ſich ſeiner Perſon zu bemaͤchtigen. Vielleicht hatte der alte Mann ſich beikommen laſſen, in irgend einem Ge⸗ ſchaͤftbriefe, die jetzt alle geoͤffnet wurden, ein Wort uͤber Napoleon und deſſen Helfershelfer fallen zu laſſen, das war bei ſeinem Vermoͤgen genug, um ihm mehrere Tauſende zur Strafe abzunehmen; oder— Guilielmo kannte Herrn Mellingers Haß gegen die Franzeſen—, viel⸗ leicht hatte ſich letzterer, durch dieſen verleitet, mit irgend Jemand in Rußland oder Preußen in verbotenen Briefwechſel oder gar in ein Lie⸗ ferunggeſchäft fuͤr die dortigen Heere einge⸗ laſſen. War dieß der Fall, ſo ließ ihn mor⸗ 10 1465 gen die Militaͤr⸗Commiſſion erſchießen und das ganze Hab und Gut des Ungluͤcklichen confisciren. Der Alte mußte alſo in Freiheit geſetzt werden, es mochte koſten was es wollte. Beſonnene Gewandtheit, raſche Thaͤtigkeit, ſichere, gleichgeſinnte Freunde und ungezaͤhltes Gold waren die Zaubermittel, durch welche Guilielmo, unter dem Schutze der allwalten⸗ den Vorſehung, des Alten Rettung ermoͤg⸗ lichte. Das erſte, was er beſorgte, war, daß einer ſeiner vertrauteſten Freunde, der junge Ban⸗ kier Carera, den Commandanten zu einer Par⸗ thie auf ſein, anderthalb Meilen von der Stadt, entferntes Landgut einladen und ihm, durch die uͤbrigen in das Buͤndniß gezogene Geſellſchafter, unter denen ſich tuͤchtige Kehlen⸗ virtuoſen befanden, gleich in der erſten Stun⸗ de, ſo wacker zutrinken laſſen mußte, daß die⸗ ſer von ſeinen fuͤnf Sinnen nichts wußte. Dadurch gewann Guilielmo Zeit und Entfer⸗ nut keit, Altes elche lten⸗ noͤg⸗ einer Ban⸗ Par⸗ der ihm, dgene hlen⸗ tun⸗ die⸗ ußte. atfer⸗ 147 nung dieſes abſcheulichen Menſchen von der Stadt. Mehrere Offiziere kamen die drei Stunden Weges herausgeritten, um ſich wegen Viſiti⸗ rung der Mellingerſchen Papiere die noͤthigen Befehle zu holen; allein der Commandant pochte auf ſeine Klugheit, dem alten Mellinger die Caſſen⸗ und Buͤreau⸗Schluͤſſel abgefordert und zu ſich genommen zu haben, ſo daß von etwanigen verdaͤchtigen Papieren nichts weg⸗ kommen koͤnne; die Herren ſollten ganz ruhig hier bleiben und mit trinken, meinte er, mor⸗ gen ſei auch noch ein Tag; da wollten ſie hin in das Mellingerſche Haus und alles von oben bis unten wenden, und was in Caſſa waͤre, wuͤrde ſchon ſeinen Herrn finden. Carera und ſeine trefflichen Spießgeſellen, alle zuverlaͤſſige Freunde von Wilmſen, lachten dem aberwitzi⸗ gen Commandanten uͤber die ſinnreichen An⸗ ſtalten ſchallenden Beifall zu, ſchenkten den Offizieren wacker ein und zogen nun, um ſie und ihren ſaubern Commandanten recht ſicher 40* waͤren ſie ſeine erbittertſten Feinde. Der junge Stark, Guilielmo's trauteſter Bufenfreund, ſanft und ſtill, und daher bei ſolchen wilden Gelagen, wie dieſes nothge⸗ drungene war, weder bemerkt, noch, wenn er fehlte, vermißt, wagte ein Unternehmen, das ihn den Hals koſten konnte. Der Commandant, von der Hitze des ſchwuͤlen Tages und vom alten Chambertin und St. Perai und Alicante, durch und durch ergluͤht, klagte einigemale uͤber das Laͤſtige ſeiner ihm uͤberall zu eng werdenden Uniform. Scherzend brachte ihm Stark den leichten Nankin⸗Ueberrock des Herrn vom Hauſe und bat ihn, es ſich bequem zu machen; hier auf dem Lande, und noch dazu unter lauter Herren, werde ihm, als Koͤnige des Feſtes, ja gern ver⸗ goͤnnt, moͤglichſt à son aise zu ſeyn. Der Commandant ließ es ſich, da alle ihn baten, den ſchweren, mit Gold belaſteten Tuchrock ge⸗ gen den leichten Nankin zu vertauſchen, nicht zu machen, auf den alten Mellinger los, als als iſter bei hge⸗ er das des rtin irch tige rm. bten und auf ren, ver⸗ Der ten, ges icht 149 zweimal ſagen, und nun ward es ihm erſt recht wohl und trinkgerecht. Stark hing die Uniform in ein Nebenzim⸗ mer, griff nach den darin beſindlichen Meliin⸗ gerſchen Schluͤſſeln, warf ſich auf Carera's, un⸗ ten hinter dem Herrnhofe ſchon bereit ſtehen⸗ den, engliſchen Renner, jagte in 40 Minuten zur Stadt und uͤberlieferte auf eine Stunde die gluͤcklich entwendeten Schluͤſſel dem erſtaun⸗ ten Guilielmo, um alle verdaͤchtige Papiere bei Seite zu ſchaffen und die Caſſe, die mor⸗ gen in Beſchlag genommen werden ſollte, zu leeren.. Waͤhrend dieſer Zeit war Plapperlottchens Mutter auf Carera's Gut hinaus gefahren, und hatte ihres Kindes Freigebung erbitten wollen, war aber mit kaltem Hohnlaͤcheln und mit den Worten:„nix, nix,“ abgeſpeiſt wor⸗ den. Guilielmo war unter der Zeit nicht muͤſſig geweſen. Eine Hand voll Gold hatte den Ge⸗ angenwaͤrter Pallaſch, und eine zweite, den Unteroffizier Wollmar bewogen, Gutlielmo auf eine Viertelſtunde zum alten Mellinger zu laſſen. Letzterer wußte nicht im Mindeſten, warum er eingezogen war. Das Geruͤcht vom Cou⸗ riermord erfuhr er erſt durch Guilielmo; zu⸗ gleich betheuerte er, daß er weder in verbote⸗ nem Briefwechſel, noch in einem unerlaubten Geſchaͤft geſtanden; er ſey bei der Verhaftung allerdings entſetzt geweſen, allein bloß vor Schreck uͤber das unerwartete Ereigniß; jetzt ſey er ruhiger, weil er wiſſe, daß er nichts ver⸗ brochen, und weil er beſtimmt hoffe, daß mor⸗ gen beim erſten Verhoͤr ſeine Unſchuld an den Tag kommen und er wieder auf freien Fuß ge⸗ ſetzt werden muͤſſe. Allein Guilielmo traute dem Frieden nicht. Es waͤre, meinte er, nicht der erſte Fall, daß die Franzoſen Menſchen, ſo rein und fleckenlos wie die Sonne, haͤtten hinknien und erſchießen laſſen. Beſſer ſey immer beſſer. Waͤr' er entwiſcht, koͤnnten ſie ihm nicht an das Leben: er ſolle nur in der auf zu rum Tou⸗ zu⸗— bote⸗ bten rung vor jetzt ver⸗ nor⸗ den ge⸗ aute nicht cen, atten ſey ſie 151 Mitternacht um zwoͤlf Uhr ſeiner warten und ihm unbedingt folgen. Jetzt nahm er den Gefangenwaͤrter Pal⸗ laſch und den Unteroffizier Wollmar vor. Letz⸗ terer war zum Gluͤck ein wuͤthender Franzoſen⸗ feind, der den gemeinen, habſuͤchtigen Com⸗ mandanten innig haßte. Guilielmo bot ihnen große Summen, wenn ſie ihm in ſeinem Vor⸗ haben befoͤrderlich waͤren. Gluͤck genug, daß ſie ihn wenigſtens an⸗ hoͤrten, ohne ihn auf der Stelle anzuklagen und ihn mit in Verwahrung zu nehmen. Pallaſch war bald umgeſtimmt. Wollmar neigte ſich fuͤr ſeine Perſon zwar auch heruͤber; nur wußte er nicht, wie er ſich und ſeine Leute von der Strafe, die ſie fuͤr das Entwiſchen des alten Mellinger ganz gewiß erwarte, frei ma⸗ chen und uͤberhaupt, wie er ſein kleines Wach⸗ Commando blenden ſollte;„ja,“ ſetzte er halb ſcherzend hinzu:„wenn man eine Geſpenſter⸗ geſchichte mit hineinbringen und ihnen weiß machen koͤnnte, ein Geiſt haͤtte den Arreſtan⸗ ten entfuͤhrt, die Kerle ſind ſo dumm, man koͤnnte Thuͤren mit ihnen einrennen— ſie glauben alles, und ſchwoͤren dann Stein und Bein darauf, daß ſie den Geiſt ſelber geſehen haben; und der Commandant iſt eine alte Waſchfrau, der haͤlt auf Wahrſagen und Zei⸗ che deuterei, auf Kaffeeſatz und Kartenſchla⸗ gen, warum ſollte er nicht auch an Geſpenſter glaube 2 Dieſe Worte ſielen wie Lichtblitze in Gui⸗ lielmo's dunkle Seele. Er vertraute nun beiden, als Gruͤnmantel von Venedig, den alten armen Mann entfuͤh⸗ ren zu wollen; das ſey, ſagte er ihnen vor: ein beruͤhmter Geiſt, von dem man hieſigen Orts ſchon hie und da gemunkelt; darum werde es um ſo glaubhafter ſeyn, wenn es heißen werde, daß dieſer der Schutzgeiſt ge⸗ weſen, der dem Gefangenen ſeine Freiheit wieder gegeben habe. Er eilte nun nach Hauſe, um Anſtalten zu treffen, die vorzuͤglich mit dahin ausliefen, 153 dem allgemein verhaßten Commandanten den Zettel in die Hand zu ſptelen, der in den drei gruͤnen Maͤnteln vereinzelt war, und der ur⸗ ſpruͤnglich fuͤr Herrn Mellinger beſtimmt ge⸗ weſen war, aber jetzt auf den hartherzigen, boͤſen Commandanten paßte, als waͤre er an ihn, vom Anfange an, ausdruͤcklich gerichtet geweſen. Da fand er den treuen Stark mit den Schluͤſſeln. Papiere und Buͤcher ließ er unangeruͤhrt, weil er vom alten Herrn wußte, daß ſich nichts Verdaͤchtiges darunter beſinde. Die Caſſe leerte er bis beinahe auf 4000 Reichsthaler, um doch etwas darin zu laſſen, legte dann den gruͤnen Mantel Nr. 3. hinein, verſchloß ſie wieder und bat den wackern Stark, zuruͤckzueilen, um ſich keinem Unglucke auszu⸗ ſetzen, von der Schluͤſſel⸗Entwendung aber keinem Menſchen zu ſagen. Auf die Ruͤckſette des, in dieſem Mantel ſteckenden Theils von demjenigen Blatte, wo⸗ von ein Drittel in dem begrabenen Mantel Nr. 1. ſteckte, hatte er in moͤglichſter Eile noch mit denſelben Schriftzuͤgen, mit denen er jene Schreckensworte auf die Vorderſeite geſchrieben hatte, die erwaͤhnte Rechtfertigung geſchrieben: „Pallaſch und Wollmar ſind unſchuldig, „Gottes, des Allmaͤchtigen Strafe treffe „den, der einem von ihnen ein Haar „kruͤmmt.“ Freilich mochte es nun dem Commandan⸗ ten, auch wenn er weniger befangenen Ver⸗ ſtandes geweſen waͤre, wie ein halbes Zauber⸗ werk vorkommen, dieſe Worte in einem Man⸗ tel zu finden, der in einer Caſſe lag, zu der er, gleich nach der Verhaftung des alten Mel⸗ lingers, den Schluͤſſel in der Taſche gehabt hatte. Wer in der Welt konnte vorher vom Gefangenwaͤrter Pallaſch und vom Un⸗ teroffizier Wollmar ein Wort gewußt haben? Nur einem uͤbermenſchlichen Weſen konnte es ⸗——, darauf geſetzt hatte, 155 moͤglich geweſen ſeyn, dieſen Zettel in die wohlverſchloſſene Caſſe gebracht und vor der Arretirung die Namen des Gefangenwaͤrters und des wachhabenden Unteroffiziers gewußt zu haben. Dem Commandanten, der von der Entwendung der Schluͤſſel nichts ahnete, muß⸗ te, im engſten Sinne des Worts, der Ver⸗ ſtand ſtille ſtehen. Selbſt der Unglaͤubigſte, der Mann von den feinſten Anſichten,— was der Commandant aber nicht im Mindeſten war,— haͤtte hier das durch Starks Courier⸗ ritt ſehr verworren gewordene Gewebe nicht gleich loͤſen koͤnnen. Guilielmo hatte bei dieſen Zeilen einen doppelten Zweck: einmal den Commandanten und jeden Dritten ganz irre zu machen, und dann den Pallaſch und Wollmar von der Strafe dafuͤr, daß ſie den alten Mellinger hatten entwiſchen laſſen, zu befreien. dde Abſichten wurden erreicht; denn be 3 Trumpfe, den der Gruͤnmantel von V Venedig wagte der aberglaͤubige Commandant nicht, dem Pallaſch und Woll⸗ mar nur ein boͤſes Wort zu ſagen. Unter dem erwaͤhnten Caſſenvorrath war nicht der Beſtand der Haupt⸗Caſſe— worin der gruͤne Mantel Nr. 3. gefunden ward,— ſondern der Beſtand derjenigen Caſſe gemeint, die in großen Handelshaͤuſern zu den vorkom⸗ menden Tages⸗Ausgaben beſtimmt iſt, einem Diener gewoͤhnlich zur Fuͤhrung uͤbertragen wird und hter auf dem Mellingerſchen Com⸗ toir einige tauſend Thaler betrug. Daß Tobias das Wachkommando mit Opium betrunken machte, wiſſen wir. Gutlielmo, der leicht vermuthen konnte, daß Emmeline alles daran ſetzen wuͤrde, um ihren Vater im Gefangniſſe zu ſprechen, und der fuͤrchten mußte, durch ihre Gegenwart im Stockhauſe in der Ausfuͤhrung ſeiner Plaͤne geſtoͤrt zu werden, gab den von ihm gewon⸗ nenen Gehuͤlfen, Pallaſch und Wollmar, die ſtrengſte Weiſung, ſie nicht zum Vater zu laſo ſen. Er ſelbſt kam nach eilf Uhr des Nachts, 157 durch eine Seitenthuͤre, ungeſehen in das Stockhaus, ward in dem Augenblicke, daß Lieschen Pallaſch unter irgend einem Vor⸗ wand entfernt worden war, in das dicht vor Herrn Mellingers Gefaͤngniß befindliche Wach⸗ zimmer des Gefangenwaͤrters und Unteroffi⸗ ziers eingelaſſen und trat, in ſeinen gruͤnen Mantel gehuͤllt, in den Kerker vor den alten Mellinger. Daß Lieschen durch anziehende Krieg⸗ und Mordgeſchichten vom Vater und Wollmar wach gehalten wurde, geſchah aus Abſicht; ſie ſollte den Gruͤnmantel mit Herrn Mellin⸗ ger durch das Zimmer gehen ſehen, um als Zeugin mit abgehoͤrt zu werden. 3 Der Vater hieß ihr mehrere Male zu Bet⸗ te zu gehen; auch dieß that er abſichtlich, da⸗ mit ſie im Verhoͤr es ausſage und dadurch der Schein vermieden werde, als habe er ſie bei ſich behalten, um zu beſchwoͤren, daß ſie das und das geſehen. Lieschen konnte mit gutem Gewiſſen den koͤrperlichen Eid ablegen, und ſie haͤtte noch zehnmal auf Tod und Le⸗ ben geſchworen, den ſchrecklichen Gruͤnmantel mit eigenen Augen geſehen und ſeine Worte: „ich bin der Gruͤnmantel von Venedig, meine Wohnung iſt das Grab; dieſer iſt frei, wer ihn anruͤhrt, iſt des Todes!“ mit eigenen Ohren gehoͤrt zu haben. Wollmar erzaͤhlte ſeinen Soldaten ſo viel⸗ von dem ungeheuern Gruͤnmantel, und Lies⸗ chen betheuerte aus eigner, feſter Ueberzeugunz, daß Alles ſo kraͤftig, daß dieſe gern an den Entſetzlichen glaubten und, um ihren Wein⸗ ſchlaf als Wirkung des Uebernatuͤrlichen aus⸗ zugeben, und ſich gleichſam wie gebannt, wie behext geweſen darzuſtellen, dem Commandan⸗ ten nun von dem Gruͤnmantel Sachen vorlo⸗ gen, daß dieſer an das Geſpenſt ſchon bei dem, vor der Thuͤre des Stockhauſes gefundenen und ihm uͤberbrachten Mantel Nr. 2. glaubte, ehe er noch die beiden andern gruͤnen Maͤntel, den aus der Caſſe Nr. 3. und endlich gar den aus dem Grabe, Nr. 1. zu ſehen bekam. — 159 Nach Lieschens Erzaͤhlung war die Thuͤre des Stockhauſes verſchloſſen; vor derſelben, im Hauſe ſelbſt, lag der gruͤne Mantel Nr. 2. Gutlielmo hatte ihn, ſobald er mit dem alten Herrn aus der Wachſtube mitten durch die ſchlafenden Soldaten gegangen war, dahin ge⸗ worfen, um die Vermuthung darauf hinzu⸗ fuͤhren, daß er mit dem Befreiten durch die verſchloſſene Thuͤre verſchwunden ſey. Er war mit dem alten Herrn ſodann durch die Seiten⸗ thuͤre aus dem Hauſe gegangen und hatte die⸗ ſen in Carera's Haus gefuͤhrt; hier erwartete Wachokovich den Alten und ging mit ihm durch den Garten, an deſſen hinterm Ende die Stadtmauer lief; in dieſer Mauer war eine Thuͤre, die auf das Feld hinaus ging. Hier ſtand ein leichter Wagen; Herr Mellinger fuhr, nachdem ihm ein Paß auf Herrn Fob⸗ bayok, den alten Buchhalter Wachokovichs, ein⸗ gehaͤndigt worden, war, nach Raab und ging ſpaͤter nach Smyrna. Die Durchſuchung des Stockhauſes, nach dem Verſchwinden des Gruͤnmantels, nahm Wollmar abſichtlich ſehr umſtaͤndlich vor, um den Fluͤchtigen moͤglichſt viel Zeit gewinnen zu laſſen. Der Soldat war vor dem Stockhauſe ver⸗ ſchwunden, weil Wollmar hatte fallen laſſen, daß er ohnfehlbar werde erſchoſſen werden, da er von den Fliehenden nichts gehoͤrt und ge⸗ ſehen haben wollte; der Soldat hatte ſich in der Stadt verſteckt, und kam erſt nach dem Abzuge des Commandanten wieder zum Vor⸗ ſchein. Den Leichengeruch an den Maͤnteln Na. 2. und 3. und an den darin befindlichen Papie⸗ ren hatte Guilielmo durch Hepar*) sul- phuris calcarea bewirkt. Daß die Maͤntel Nr. 2. und 3. aber vermodert aus einander fielen, ruͤhrte daher, weil ſie Guilielmo mit *) Schwefelleber, aus welcher die Hahnemannſche Weinprobe bereitet wird⸗ 161 gebranntem, ungeloͤſchtem Kalke eingerieben hutte. 3 Plagpeelotchet ward noch einmal verhoͤrt; hier erſt mittelte ſich aus, daß der Mellinger an dem permeigt⸗ hen Pouriermorde unſchuldig war, baß die ganzs Sache auf einem bloßen Mi Fverſtaͤndyiſſe beruhe. Der Commandant aber ſchaͤmte ſich den ganzen Aufſtand um nichts veragkaßt zu haben; er wollte ſich nicht lch wlich machen; daher gebot er dem Kinde, bei Todezſtrafe, gehen Niemand, ſelbſt gegen die Aeltern nicht, den wahren Zuſammenhang der Sache zu erzaͤhlen. Auch mochte ihm, da nun Herr Mellinger einmal fluͤchtig geworden war, darum zu thun ſeyn, ihn im Verdacht der Schuld zu erhalten, um ſein Vermoͤgen, wo moͤglich, doch noch in Beſchlag nehmen zu koͤnnen. Daß die ſteinfremde, ausgegrabene Leiche fuͤr Tobias gehalten ward, war natuͤrlich. Guilielmo ſchickte zwanzig, dreißig Menſchen 1 hin⸗ die das ausſagen ſollten; und dieſe freu⸗ ten ſich, dem gehaßten Commandanten eins mit aufheften zu koͤnnen; nun glaubte auch der uͤber in Wuth. Der Gerichts⸗Aktuarius ge⸗ hoͤrte zu Guilielmo's beſten Freunden und that dem fremden Gewalthaber mit Freuden allen moͤglichen Tort an. Der kleine, ſchmale Zettel war vom alten Herrn Mellinger; Guilielmo hatte ihn dieſen Morgen aus Smyrna durch Wachokovich er⸗ halten und ſandte ihn durch den fremden Kna⸗ ben abſichtlich in dem Augenblicke, als der Commandant bei Emmelinen war. Von der Stafette des Commandanten nach Venedig erhielt Guilielmo durch ſeine Freunde auf dem Poſtamte Nachricht; er mußte ver⸗ muthen, daß der Commandant uͤber die Aecht⸗ heit der Handſchrift Erkundigung einziehen werde; er ſchrieb daher ſeinem Vater, durch eine von der naͤchſtenStation aus abgeſandte Stafette, den Zuſammenhang der Sache und Poͤbel, es ſey Tobias wirklich und kam dar⸗ — 1— der dar⸗ s ge⸗ that allen alten dieſen h er⸗ Kna⸗ s der nach eunde 2 ver⸗ Aecht⸗ ziehen durch ſandte e und — — diktirte ihm die Antwort, die dieſer darauf geben ſollte. Der Tochter des Scharfrichters, Rebekka, war Tobias von Guilielmo gemeldet; daher wußte dieſe um die Ankunft und hatte die paßlichen Anſtalten zu ſeinem Empfange in der Kammfettkammer getroffen. Herr Mellinger wollte Emmelinen uͤber ſeine Entweichungs⸗Geſchichte nichts eroͤffnen, weil er ſich gegen Guilielmo mit einem Eide verpflichtet hatte, davon gegen Jedermann ſo lange zu ſchweigen, bis er ihn perfoͤnlich ſeines Eides entbunden habe; letztern ließ ſich Gui⸗ lielmo geben, um ſich und ſein Haus in Ve⸗ nedig vor aller Rache des Commandanten und ſeines Anhanges zu ſichern; und da Herr Mel⸗ linger, als er jetzt zuruͤckkehrte, mit Guilielmo, noch nicht wieder zuſammengetroffen war, ſo hatte er ſeines Schwures auch noch nicht ent⸗ bunden werden koͤnnen. Herr Mellinger hielt daher nur ſcheinbar 11* „ Guilielmo immer noch fuͤr den armen Wilm⸗ ſen. So viel zur Entraͤthſelung der Myſterien 8 des Gruͤnmantels. Auch die Myſterien der Liebe zwiſchen Guilielmo und Emmelinen haben ſich ent⸗ raͤthſelt, denn vor Kurzem erſt ſchrieb mir das gluͤckliche Paar: daß ihre ſuͤße Luſt und der Großaͤltern holde Freude ein eben ingeiroffe⸗ —— nes, niedliches Grünmäͤnteichen ſey. 284ſſſſ““—— n rNarin wirchnered'eReuee Inhalt des dritten Theils: ien Ein Scherz und tauſend Folgen. Der Gruͤnmantel von Venedig. Des vierten Theils: 4 4 Hunderttauſend Thaler. der 1 Der ſelige Papiermuͤller. 3 Kleinigkeiten. Aufſchluͤſſe uͤber den Gruͤnmantel von Venedig. ⸗ ⸗n is4s56666636564666,4603336636363696669,66,365,6,,40,66656,645556,3646560666405e Dresden, gedruckt bei Carl Gottlob Gärtner. „&** 6659662 ,9890b97 111τνοQG Bei der Arnoldiſchen Buchhandlung in Oresden ſind folgende ſchöngeiſtige Schriften von A. Apel, H. Clauren, Th. Hell, E. v. Houwald, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, G. Schilling, K. Streckfuß, van der Velde und andern erſchienen und um die beigeſetzten Preiſe durch alle Buchhandlungen zu bekommen: Abendzeitung, herausgegeben von Th. Hell u. Fr. Aind⸗ auf das Jahr 1817. 6 Thlr. 1818. 6 Thlr. 1819. 9 Thlr. A. Apel, die Aitolier. Tragödie m. K.„Thlr. — Kunz von Kauffung. Trauerſpiel. 20 Gr. Das Geſpenſt. Drei Erzählungen von Fr. Laun, Kind und G. Schilling. 1 Thlr. Der Mantel. Drei Erzählungen v. Fr. Laun, K. Streck⸗ fuß und G. Schilling 1 Thlr. 6 gl. Ich und meine Frau. Drei Erzählungen von Fr. Laun, W. A. Lindau und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gl. H. Elauren. Luſtſpiele, 2 Thle. 1813. 2 Thlr. 6 gk. — Scherz und Ernſt. 2 Shleeh 1818. 2 Thl. 19 gl. —— 3r. Th. 1849. 1 Th. 21 gl. Th. Hel, Bühne der Austandär. 1r. Lnd 199. 2 Thlr. 6 gl. E. o. Houwald, Erzählungen. 1919. 1 Thlr. 4 g. Fr. Laun, Zwei Bräute für einen Mann. 1309. 2t ke Maiſi. Thlr. —— Die Gevatterſchaft. Neue Aufl. 1309. 1 Thlr. —,— Hiſtorien ohne Titel. 2 Thle. ate Aufl. 1803. 1 Thlr. 18 gl. .Laun. Die ſtille Jungfrau. 2 Thle. 2te Auſfr 1803. 1 Thl. 13 gl. W. A, Lindau, Lebensbilder, 2 Thle. 1816. 1 Thl. 13 At Amphitryon. Luſtſpiel von F. v. Kleiſt. Herausgegeben von A. Müller. 2te Aufl.— 16 2 Salomon, Parabeln. 1819. 1 Thlr. K. Streckfuß, Erzählungen. 1812. Thlr. Dramatiſches Taſchenbuch. 2te Aufl. geb. 123 gl. C. F. van der Velde, Eröſtufen. 3 Thle, 19:9. 2 Thlr. 8 gk. 1 ſtav Schil⸗ adenpreiſe eſer neuen erleichtern, n w ir 335 Thlr. Sä ofür ſie durch alle ſolide Buch langen iſt.— ſind in jener Sammlung enthal wie es iſt. zte verb. Auff. 4 hle. 3te verb. Aufl. 5. 6. 9. 10.) Die ſchör b 11.) Bagatellen von Z. 3. 14. 15 ezahiun 2n. 4. T 5 Thle. 19. 20. 3. 24 noſſen. 2 Thle. 2te verb. Aufl. 24.) Das . ra im Bade. 2 Thle. 27.) Der ter. ate 2 in: Band gedrängte Aufl. 28. Saat des Böſen. 2 Thle. 30.) Elärchens Ge⸗ ſe. 2te aus zin 1 Band gedraͤngte Aufl. 31.) nderaporheke. 32. Der Weihnachtabend. 2te rb. Aufl. 33.) Die Neuntödter. 34.), Die Geiſter s Erzgebirges, 35. 36.) Flocken. 2 Thle. 37. 38. Gottholds Abentheuer. 2 2 hhhandlungen zu er⸗ ¹) Das Weib Ignoranten. ebesdienſt. 4 +— „Schilling, die Brautſchau. 2 Thle, 1809. 2 Thlr. 12 gl. — der Mädchenhüter. 2 Thle. 1810. 2 Thlr. — Röschens Geheimniſſe. 3te Aufl. 2 Theile. .—, 1 Thlr. 12 gl. — Gloſſen über einige Städte und Gegenden des nördlichen Deutſchlands im . Schilling, Mondſteinwuͤrfe von Z. Kukuck d. j. 22 gl. — Drako, Dämon det Hölle. 13 gl. Arnoldiſche Buchhandlung. — ————————