—— Lei zöſiſcher Literatur nann in Gießen, Lit. A. Nr. 256. eſebedingungen. . Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Bücher jeden Tag von Morgens en. ¹ gabe eines geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet iſſ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mrk.— Pf. 3 4 7 17 „—„ 5 9—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G ahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Vuien Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 5 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zepriſſene, verlorene und 1 „7. Ausleihezei. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 4 nnn Scherz und Ernſt von H. Clauren. Zweiter Theil. —;— 1 1 Dresden, 1818. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Das Raubſchloß.(Aufſchluß) Seite 169 Die Reiſe aus dem Lager 5 Der Giftmord 4 4 ⸗ Verfehlte Liebe 7 Scherz und Ernſt von H. Clauren. Zweites Baͤndchen. ———:⏑——ͤ— Das Raubſchloß. Aufſchluß der, im erſten Baͤndchen abgebrorhenen Geſchichte. Meien Staubmantel, meinen leichtflattern⸗ den Staubmantel hatte ich durch und durch geſtochen. Der Zipfel deſſelben war in der Thuͤre des Vorgeleges, vor dem einen der gro⸗ ßen eiſernen Oefen, die im Ritterſaale ſtan⸗ den, eingeklemmt. Als ich die Vorlegethuͤr offnete, um nean Mantel zu erloͤſen, knarrte ſie und fiel dann wieder zuruͤck: dies Knarren war das Roͤcheln, das Winſeln; und 170 als ſie zuruͤckfiel, beruͤhrte die Klinke den ei⸗ ſernen Aufwurf, in den die Klinke gehoͤrte; das war das Klopfen des Großmeiſters ge⸗ weſen. Der Zugwind hatte die verdammte Thuͤre abgeſtoßen und zugezogen; ſie war ſeit Jahren nicht eingeoͤlt, und knarrte da⸗ her in einem ſo eigenen Tone, daß ich ſelbſt, als ich ſie zur Probe jetzt mehrere Male öͤffnete und zuruͤckfallen ließ, die Aehnlichkeit mit jenem jammervollen Gewinſel, bis zur Taͤuſchung wahrnahm. Die Klinke war von Eiſen, der Aufwurf von Eiſen, daher klang das Zuruͤckfallen der wieder zugehenden Thuͤ⸗ re natuͤrlich wie der Schlag eines Hammers von Eiſen auf Eiſen. Der erſte Ruck, wenn die Thuͤre zuruͤckſiel, war allemal ſtark, nach⸗ her folgten zwei ſchwaͤchere: daher werden mehrere meiner Leſer ſich entraͤthſeln, warum ich den fuͤrchterlichen Bruder in der Nahe glaubte. Bruno und Gotthard waren hinter mir drein gekommen, um zu ſehen, wer ſie in 171 ihrem Rumpelgemach, bei dem Zweikampfe uͤberraſcht hatte. Sie hatten jetzt die Viſire aufgezogen: es waren zwei lebendige bausbaͤ⸗ ckige Menſchen. Sie waren ſo ſehr erſchro⸗ cken, als ich; indeſſen verſtaͤndigten wir uns bald. Es waren die beiden, fruͤher ſchon er⸗ waͤhnten Gartenknechte, Georg und Heinrich. Die Tante ließ in der Regel immer einen auf der Ruine ſchlafen, damit die Mobilien, die in den neu eingerichteten Zimmern ſtan⸗ den, doch nicht ganz unbewacht waͤren; in⸗ deſſen war es dem einen zu einſam in dem alten Gemaͤuer da oben; ſie hatten daher ausgemacht, immer zuſammen zu ſchlafen. Von meinem Hierſeyn hatten ſie nichts ge⸗ wußt. Dieſen Abend kommen die Garten⸗ bengel auf den Einfall, Ritter zu ſpielen. Panzer, Helm und Schwerter haͤngen in der Polterkammer. Wenn einer dem andern einen Klapps beigebracht hatte, lachte der andere; ſie hatten ihre Viſire herunter gezo⸗ 172 2 gen: daher dieſes hohle Gelaͤchter, das ich in dem Hoͤllenrachen eines Satans geſucht hatte Als ich, den blanken Degen in der Hand, unvermuthet zwiſchen die Fechtenden trat, faͤllt dem einen vor Schreck das Schwert aus der Hand: als aber die Gewappneten ſehen, daß ich die Flucht ergreife, ermannen ſie ſich wieder, und eilen mir nach. Auf dem Ruͤckwege, als ich mich vor der Thuͤr des Vorgeleges wegzog, wird dieſe vom Zugwind abgeſtoßen; der Zipfel meines Staubmantels ſchluͤpft dazwiſchen, die Thuͤr klappt wieder zu; ich glaube, ein Ungeheuer packe mich von hinten, verwende den Degen, und ſtoße ihn ruͤckwaͤrts durch den duͤnnen Nanking. So weit hatte ich Aufſchluß. Allein der Nonnengeſang in der Gruft, die Be⸗ leuchtung, das Krachen, als ich Caͤcilien, die an ihrem eigenen Sarge ſaß, zurief, die weiße Geſtalt im Gebuͤſche— das waren mir noch heimliche Raͤthſel. Ich fragte die Gartenknechte, ob ſie nichts 173 ſingen gehoͤrt haͤtten„Das macht es oft ſo,“ entgegneten die Geharniſchten, und Heinrich hob die dort an der eiſernen Thuͤre noch liegende Lea in die Hoͤhe.„So lange die hier haͤngt, wird es auch nicht anders im alten Schloſſe werden. Die ſeligen Non⸗ nen aus St. Clara ſingen, ſeitdem Mam⸗ ſell Caͤcilchen todt iſt, faſt woͤchentlich ein paar Maal da unten bis zur tiefen Mitter⸗ nacht, ihre frommen Seelenmeſſen. 7 Bei dieſen Worten hielt er das Bild mir naͤher. Ich mußte mich wegwenden; denn es war, als kniee die Kindesmoͤrderin lebendig vor mir. Ich ſchauderte. Ewig lange hatte ſie die heilige Mutter Gottes um Erbarmen angefleht: fuͤr ſie war keine Gnade mehr, weder in dem unermeßlichen Kreiſe der Millionen von Welten, noch in den endloſen Raͤumen der Ewigkeit. Nur die weibliche Bruſt, in der auch einmal Mut⸗ terliebe mit Mutter⸗ Verzweiflung gekaͤmpft hat, konnte dieſen Jammerblick verſtehen; 1 74 ich ahnete nur halb ſeine grauſenvolle Be⸗ deutung. Ich bat die beiden Gartenknechte, mit mir noch einmal hinunter zu kommen, um in die Gruft zu ſehen, ob man da noch et⸗ was bemerke. Sie begleiteten mich. Wir gingen ohne die Laterne, die wir oben in meinem Zimmer brennend zuruͤck⸗ ließen. Nein, wir ſahen nichts. Alles war ſtill und dunkel in der Gruft. Die Nonnen, die Muſik, das Licht, Alles war verſchwunden. Caͤcilie ſchlummerte wie⸗ der ruhig in ihrem Sarge. Wir kehrten in die Ruine zuruͤck. Die Gartenknechte gingen in ihre Polterkammer. Ich war nun wieder allein. Ich warf mich auf das Sopha, ließ das Licht brennen und horchte zwei lange Stunden. Endlich ſchlummerte ich ein, und erwachte ſpat am Morgen. Die Tante — wir ruͤck⸗ Bruft. Alles wie⸗ Die mer. ließ unge und ante 175 kam mit Julien herauf, um mit mir zu fruͤhſtuͤcken. „Ich waͤre geſtern beinahe noch einmal herauf gekommen, Vetter,“ ſagte Julie:„aber ich hatte keinen Athem mehr, um die Trep⸗ pe zu erſteigen.“ „Wie ſo?“ fragte ich erſtaunt. „Ich habe eine Nacht gehabt! kein Auge habe ich zuthun koͤnnen.“ „Sie?“ „Stellen Sie ſich nur vor! Geſtern als wir von Ihnen weggegangen waren, und ich mich eben ausziehen wollte, kommt Jett⸗ chen./ „Wer iſt Jettchen?“ fiel ich ihr ins Wort. „Kennen Sie Jettchen nicht mehr? Amtmanns Jettchen von Eichberg? Die kommt alſo, ein Laternchen in der Hand, mit ihrem Braͤutigam, nach dem Gewitter noch heruͤber; der hat einen Brief aus Prag bekommen, und ſoll morgen, als heute 226 ſruͤh fort; er hat ſich hier uͤber acht Wo⸗ chen aufgehalten, iſt faſt täglich in unſerm Hauſe geweſen, und will alſo von Mutter⸗ chen und mir noch Abſchied nehmen. Mut⸗ terchen war ſchon zu Bette. Ich plaudre mit beiden noch ein Weilchen, und begleite ſie dann durch den Garten, um ſie hinten hinaus zu laſſen, wo ſie ein ganzes Stuͤck naͤher gehen. Als wir hier in die Naͤhe der Ruine kommen, gerieth Weigl auf den ungluͤcklichen Gedanken, Caͤciliens Gruft noch zum letzten Male zu beſuchen. Wir waren oft alle drei des Abends in der Gruft gewe⸗ ſen und hatten ein frommes Lied an Cacili⸗ ens Sarge geſungen. Mir gefiel die Ab⸗ ſchieds Idee des ſchwaͤrmeriſchen Menſchen: ich hatte den Schluͤſſel noch bei mir. Wir traten ohne Furcht und Grauen in die ſtille Kammer ihrer Ruhe. Wir ſprachen von der Seligen, vom Scheiden und Wiederſehen, Weigl ſchloß die Geliebte in ſeine Arme, und beide ſchwuren ſich, einander bis zum 1 Wo⸗ nſerm utter⸗ Mut⸗ audre gleite inten Stuͤck Naͤhe den noch aren ewe⸗ cili⸗ Ab⸗ hen: Wir kEille der hen, ne, um 177 letzten Hauch des Lebens treu zu ſeyn, und rein und gut, wie meine Caͤcilie geweſen war.“ „ZJettchen ſank, ergriffen von dem Schau⸗ er des heiligen Eides, an Caͤciliens Sarge auf ihre Kniee, betete leiſe um den Seegen des Vaters der Liebe, und um eine ſanfte Ruhe fuͤr die vertrauteſte Freundin ihrer Ju⸗ gend, fuͤr ihre Caͤcilie. Weigl aber ging ſchweigend in die kleine Nebenhalle, die Mut⸗ terchen hat auswoͤlben laſſen, ergriff dort meine Harfe, und ſpielte das ſchoͤne alte Lied: Wie ſie ſo ſanft ruhn. Ich ſetzte mich ſtill neben ihn, und hob, in tiefer Wehmuth ver⸗ ſunken, den frommen Geſang an, den Jett⸗ chen vorn in der Gruft, knieend am Sarge, mit ihrer reinen Silberſtimme begleitete. Wir hatten den dritten Vers geſungen. Wir konnten nicht weiter. Thraͤnen, heiß gewein⸗ te Thraͤnen erſtickten unſer Lied. Auf ein⸗ mal rief eine laute, wilde Stimme: Caͤ⸗ cilie!“ „„Herr Jeſus, mein Heiland!““ ſchrie Jettchen, raffte ſich auf, eilte zu uns in die Nebenhalle, und warf die Thuͤr hin⸗ ter ſich zu. Wir waren alle drei erſchuͤt⸗ tert. Jettchen rief:„„fort, fort!““ er⸗ griff die Laterne ſo haſtig, daß ſie verloͤſchte, und zog uns mit ſich aus der Halle. Wir 1ih ne. als wir gingen, durch das Ge⸗ buͤſch nach Hauſe. Hier erholten wir uns ein wenig von unſerm Schreck; dann gab ich ihnen einen Begleiter mit, denn ſte muß⸗ ten dieſen Abend noch nach Eichberg.“ Jetzt kam die Reihe des Erzaͤhlens an mich. Der Leſer weiß nun meine Geſchichte jener Nacht. Ihm iſt hoffentlich alſo uͤber den wunderbaren Zuſammenhang jener Bege⸗ benheit jetzt weiter nichts dunkel. Das Bild der ungluͤcklichen Lea ſchenkte mir die Tante zum Andenken, und Julchen heilte mit ihrer Naͤhnadel die Wunde mei⸗ nes grauſam durchſtochenen Staubmantels. Die ** Reiſe aus dem 6ageig Lange hatte ich gewaͤhlt unter den Schoͤ⸗ nen des Landes. Mein Onkel meinte, ich ſollte, wie er ſich ausdruͤckte, eine Reiche heirathen, und die reichen Maͤdchen gefielen mir immer nicht. Unter uns geſagt, man⸗ che waten recht huͤbſch, recht ſehr huͤbſch, und— ich haͤtte mich wohl entſchließen koͤnnen, ei⸗ nem ſo niedlichen Kinde mit 60— 30,000 Rthlrn. meine Hand zu bieten; aber die Maͤdchen mochten mich nicht. Ich konnte 3 mich ſchlechterdings nicht bequemen, ihre Geldſaͤcke anzubeten; ich war offen, herzlich 12* ——— 2 180 gegen ſie, und ſie und ihre Papas und Ma⸗ mas verlangten, daß ich devot ſeyn ſollte. So vergingen Jahre, und ich hatte noch keine FrauM. Meine Tante, vorbeſagten Onkels Frau, eine verſtaͤndige Alte, nahm meine Parthie, „Laß dem Jungen Zeit,“ ſagte ſie.„So twas laͤßt ſich nicht zwingen. Er wird ei⸗ ne Frau finden, wo er ſie nicht ſucht.“ In dieſen paar Worten lag von nun an meine Myſtik. Wo ich nur etwas Wei⸗ ßes, etwas einer Schuͤrze Aehnliches, ſah, da glaubte ich, hinter dem ſtecke meine kuͤnf⸗ tige Frau. Tauſendmal laͤchelte ich; denn ich irrte mich tauſendmal; bis ich mich dann gewoͤhn⸗ te, die Frauenzimmer zu ſehen, ohne an das Heirathen zu denken, und ſo ging die Sa— che recht leidlich. Aber es vergingen wieder Jahre, und ich hatte noch immer keine Frau. Um die Zeit dernſtaltet der Fuͤrſt ein — Luſtlager. Aus allen Garniſonen des kleinen Staates, zogen die Regimenter nach der Re⸗ 4 ſidenz; ich ihnen nach... Der Zuſchauer waren viermal mehr, 15 als der Soldaten; dieſe exercirten und ma⸗ noeuvrirten, und wir andern lebten froh und guter Dinge, atzen und tranken herzlich 3 ſchlecht; bezahlten alles uͤber die Gebuͤhr; 3 ließen uns beregnen und von der Sonne verbrennen; rennten alle Tage unſre drei, vier Meilen; fielen uͤber Zeltpfloͤcke uns die Naſen blutig; ſahen vor Staub und Pul⸗ „ verdampf, von allen geruͤhmten herrlichen Evolutionen und Manoeuvres, keinen Stich und behaupteten doch alle einſtimmig, daß uͤber die Freude des Luſtlagers nichts in der Welt gehe. Nach vierzehn Tagen hatte der Spaß ein Ende; die Zelte wurden abgebrochen; ——— die Regimenter marſchirten auseinander und jedes eilte nach Hauſe. Zu dem Behuf woll⸗ te auch ich mir Extrapoſt beſtellen; Ich ging 122 1458 ſelbſt auf das Poſthaus, weil ich keinen Be⸗ dienten mit hatte. 8„ Ein Gluͤck,“ antwortete der Poſt⸗ Sekretaͤr,„daß ſie nicht einige Minuten ſpaͤter kamen: Sie erhalten gerade die letz⸗ ten Pferde, und den einzigen noch brauchba⸗ ren Wagen.“ In dem Augenblicke kam ei⸗ ne Dame mit einem jungen wunderniedlichen Maͤdchen, und erſuchte gleichfalls den Se⸗ eretaͤr um eine Poſtchaiſe und zwei Pferde. Die Poſtchalſen waren alle laͤngſt in Stuͤcken gefahren, und die Pferde kamen vor ſpaͤt Abend nicht zuruͤck. Er verſprach die Extrapoſt auf morgen. So lange konnte die 5 Dame nicht warten. Sie mußte heute fort. „Und wenn Sie mir die Pferde vierfach bezahlen wollen,“ entgegnete der Poſtbeamte, „ich kann nicht. Es iſt alles, was nur in der Stadt Pferde hat, aufgeboten, zur Poſt ſie zu ſtellen; ich habe heute ſechs und ſie⸗ benzig Vierſpaͤnner expedirt, die andern habe ich gar nicht gezaͤhlt. Die Pferde auf den 483. Doͤrfern ſind zu Militairfuhren requirirt; kurz Sie muͤſſen warten.“ Mit dieſem Be⸗ ſcheid ging der Mann in ſeine Stube zu⸗ ruͤck und ließ die Dame ſtehen. In einer Poſt⸗Stube iſt man ſchon ein halber Reiſender. Die conventionelle Welt liegt hinter dem Menſchen, ſobald er den Wanderſtab in der Hand hat. Man iſt ungebundener, unbefangener. Ich fragte die Verlegenen, wohin ſie zu reiſen gedaͤchten.„O mir geht es fatal, ganz fatal,“ entgegnete die Dame,„ich kam hierher und hatte mir mit meinen Verwand⸗ ten aus Sporenberg ein Rendezvous gegeben: dieſe ſollten meine Nichte hier wieder mit zuruͤcknehmen. Allein meine Leutchen ſind nicht gekommen. Ich wohnte hier bei mei⸗ nem Bruder, dem Geheimen Rath Roman; dieſer geht heute auf Commiſſion und ſchließt ſein Haus zu, folglich muß ich heute fort; ich wollte mit meinem Bruder zu Hauſe fahren, deſſen Commiſſionsreiſe geht durch 184 meinen Ort. Das war alles ſchon beſpro⸗ chen, und darum ſandte ich meinen Wagen, gleich nach meiner Ankunft zuruͤck; allein jetzt muß ich meine Nichte ſelbſt begleiten und eine Poſtchaiſe nehmen, und nun ſoll ich nicht einmal Pferde, nicht einmal einen Wagen bekommen. Ich muß nun eine Woh⸗ nung im Wirthshauſe nehmen, ich muß— „Gar nichts muͤſſen Sie, meine— ich weiß nicht, wen ich die Ehre habe—“ „Ich bin die Forſtraͤthin Riedel.“ „Gehorſamer Diener. Freut mich, die Ehre— gar nichts— wollte ich ſagen, meine beſte Frau Forſtraͤthin, brauchen Sie in Ihrem Plane zu aͤndern. Ich reiſe die⸗ ſen Augenblick ab; ich fahre uͤber Sporen⸗ berg, es wird mir ein Vergnuͤgen ſeyn, die Demoiſelle Nichte— Das Maͤdchen ward roth. Die Tante machte einen Knix.„Sehr guͤtig, ungemein güͤtig,“ entgegnete ſie—„aber ich weiß nicht, wen—“ 185 „Ich heiße von Oſten“ antwortete ich mit dreuſter Stimme, und ſetzte hinzu, um ſie ſicherer zu machen:„und bin Braͤutigam. Sie riskiren alſo nichts.“ „Der Herr Baron von Oſten? der kuͤnftige Herr Schwiegerſohn unſers Herrn Oberforſtmeiſters? freut mich, freut mich unendlich, die Ehre zu haben, Ihnen meine gehorſamſte Devotion perſoͤnlich bezeigen zu duͤrfen, und Ihnen meinen unterthaͤnigen Gluͤckwunſch zu Dero Vermaͤhlung muͤndlich darbringen zu koͤnnen.“ „Kennen ſie meine Braut?“ fragte ich halb todt vor Angſt. „Nein gnaͤdiger Herr, ich habe nicht die Ehre. Der Herr Oberforſtmeiſter ſind zwar der gnaͤdigſte Herr Vorgeſetzte meines Mannes, allein wir ſind die Entfernteſten im Departement Ihres Herrn Schwieger⸗ vaters; wir wohnen uͤber 17 Meilen aus⸗ einander.“—— „Ich weiß, ich weiß. Nun, wie ſteht 186 es, Frau Forſtraͤthinn, wollen Sie mir die Demoiſelle Nichte anvertrauen?“ „Ach, liebwertheſter Herr Baron, ich weiß nicht, ob wir uns unterſtehen duͤrfen, Sie zu incommodiren.“ „Sprechen Sie doch nicht von ineom⸗ modiren; ich habe einen Platz im Wagen leer; Sie gehoͤren zum Departement mei⸗ nes Schwiegervaters; Sie ſind in Verlegen⸗ heit; der alte Herr wuͤrde mir es nicht ver⸗ zeihen, wenn ich ſeiner guten Frau Forſtraͤ⸗ thin nicht einmal dieſe kleine Gefaͤlligkeit erweiſen wollte.“ Mein Vorſchlag ward endlich nach vie⸗ len Complimenten und Entſchuldigungen an⸗ genommen. Beide eiltet in ihre Wohnung, ich in die Meinige. In einer halben Stun⸗ de kam die Nichte. Ein Maͤdchen trug ih⸗ re wenigen Habſeligkeiten. Der Geheime Rath Roman, der, wie aus den Reden des Maͤdchens hervorging, den Herrn von Oſten ſehr genau zu kennen ſchien, hatte mein An⸗ * —,· 187 erbieten aͤußerſt artig gefunden. Das Dienſt⸗ maͤdchen brachte tauſend Empfehlungen nebſt Butterſemmeln und Knackwuͤrſten vom Ge⸗ heimen Rath mit. Er war eben im Abrei⸗ ſen begriffen, und nahm die Tante mit, ſonſt waͤren beide ſelbſt zu mir gekommen, und haͤtten ſich perſoͤnlich bei mir bedankt. Daß das nicht geſchehen war, dankte ich meinem Schutzgeiſt. Denn, dann haͤtte der Geheime Rath, ſtatt des Herrn von Oſten, meine Wenigkeit gefunden, und ich waͤre in unbe⸗ ſchreibliche Verlegenheit gerathen. Daß ich in der Geſchwindigkeit auf den Einfall gekommen war, mich fuͤr den Herrn von Oſten auszugeben, hing ſehr natuͤrlich zuſammen; ich wußte zufaͤllig, daß dieſer im Hauſe des Oberforſtmeiſters bekannt war. Kannte die Forſtrathin dieſen Herrn von Oſten perſoͤnlich, ſo gab ich mich fuͤr deſſen Vetter oder Bruder aus. Die Nachricht, daß ich Braͤutigam ſey, hatte ich bloß hin⸗ geworfen, um die Forſtraͤthin ſicher zu ma⸗ 138 chen; der zufaͤllige Umſtand, daß der Herr von Oſten wirklich Braͤutigam war, verbluͤff⸗ te mich ein wenig, doch ſammelte ich mich ſo ſchnell, als möͤglich. Kurz meine dreifa⸗ che Luͤge, daß ich Braͤutigam, daß ich Herr von Oſten ſei, und nach Sporenberg reiſe, brachte die 9 ich te in meinen Wagen, und das war ja alles, was ich verlangt hatte. Ob ich nach Sporenberg, oder n wo an⸗ ders hin reiſte, war mir ganz einerlei, denn ich hatte ein Paar Tage von meinen Ge⸗ ſchaften uͤbrig; aber zwiſchen dem Alleinrei⸗ ſen und in Geſellſchaft einer ungemein anzie⸗ henden Nichte, lag ein gewaltiger Unter⸗ ſchied. Noch hatte ich kein Wort,⸗ keine ehte von der Kleinen gehoͤrt. Ich haͤtte ſie fuͤr ſtumm gehalten, wenn ſie nicht endlich, als ſie in den Wagen ſtieg, an den Onkel und an die Tante recht viel Gruͤße beſtellt haͤtte. Sie holte ihr Geldboͤrschen hervor. Es war wenig darinn; Sie gab dem Maͤdchen die . — 189 4 Haͤlfte ihrer Baarſchaft als Trinkgeld fuͤr f deſſen Bemuͤhung. Das Maͤdchen kuͤßte die 5 kleine weiße Hand, die Nichte zog ſte ſchnell 6 zuruͤck und ſtieg mit ſichtbarer Berſenheis E in den Wagen. 2 Ich ſchrieb in mein inneres Notizbuch? 5 kindlich, arm, erkenntlich, beſcheiden, keuſch, ſehr huͤbſch, recht ſehr huͤbſch, faſt zu huͤbſch. Der Poſtillon fuhr wie ein Raſender uͤber das Pflaſter; man konnte ſein eignes Wort nicht hoͤren. Ich haͤtte ſchreien muͤſ⸗ ⁸½ ſen, wenn ich mich haͤtte mit ihr unterhal⸗ ten wollen, und das haͤtte ſich doch nicht ge⸗ 2 ſchickt. Ich ſchwieg alſo. Sie auch. Endlich hatten wir den Steinweg hin⸗ ter uns. Es war ein herrlicher Morgen, ringsum eine freundliche Gegend. Das Auge der Nichte weilte mit Freu⸗ de auf den um uns liegenden Fluren. Fiel ihr Blick auf die vor uns in blaͤulicher Fer⸗ ne daͤmmernden Gebirge, ſo ſchlug ſie die Augen ſchnell nieder. 190 Ich trug in mein N lich fuͤr Naturſchoͤnheit, Zukunft. Wir waren eine Meile gefahren. Die Nichte hatte kein Wort geſprochen. Ich auch nicht. Ich hatte mir eine Meile zu fahren, ohne ſie anzureden. Ich hielt dieß fuͤr das ſicherſte Mittel, ihre Bloͤdigkeit zu entwaffnen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Etwas hatte ich auch erreicht, aber verdammt wenig. Sie hatte anfaͤng⸗ lich ganz tief in die Ecke eingedruͤckt, geſeſſen. Ich auch. Ein Hamburger Zucker faß haͤtte zwiſchen uns noch Raum gehabt, ſo weit ſa⸗ ßen wir von einander. Nach und nach hatte ſie die Graͤnze ihres Beſitzthums erweitert; auch ich war unvermerkt naͤher geruͤckt, und ſo ſaßen wir ziemlich dicht neben einander, ohne daß ſie Arges daraus nahm. Aber der erſte Meilenſtein machte mir doch Freude. Ich hatte mich nach ihm geſehnt. Nun wollte ich meine Zunge entfeſſeln. otizbuch: empfaͤng⸗ angſtvoll fuͤr die feſt vorgenommen, 191 Ich fing an. Sie antwortete kurz, aber freundlich. Beim zweiten Meilenſteine ging die Sache ſchon viel beſſer. Sie ſprach recht gut; ſie fuͤhlte ſehr richtig, ihr Verſtand blitzte uͤberall hervor; waͤre ſie heiterer, oder⸗ weniger gutmuͤthig geweſen, ich haͤtte ſie witzig nennen koͤnnen. Ich wollte in mein Notizbuch wieder eintragen, allein ich hatte nun ſchon ſo viel Liebes und Gutes von ihr bemerkt, daß ich in meinem Innern mir Summa Summarum laut geſtand, nie ein lieberes Maͤdchen ge⸗ ſehen zu haben. Dies Geſtaͤndniß haͤtte ich bei mir be⸗ halten ſollen. Allein, Gott weiß, wie ich es verſah, es glitt mir uͤber die Lippen, und die Nichte war bis zum vierten Meilen⸗ ſteine wieder ſtumm, wie ein Fiſch. Wir hatten unterdeſſen die Pferde ge⸗ wechſelt und einen Poſtillon bekommen der verheirathet war, eine kranke Frau hatte, 193 und uns unterwegs klagte, er ſei ſo arm, daß er keinen Doctor bezahlen koͤnnte. Die Nichte zog, als wir auf der Sta⸗ tion ankamen, und der Poſtillon zuruͤckritt, ihr Beutelchen, und gab ihm mehr, als die Haͤlfte ihres Reſtes. Sie hatte ſich hinter den Wagen geſtellt, daß ich ſie nicht ſehen ſollte; aber ich ſah durch das kleine Fenſter, was am Wagen angebracht war; ſie ſtand mit dem Ruͤcken gegen mich gewendet, und bemerkte mich nicht. Aber ich und der liebe Gott ſahen ſie, und wir beide ſahen auch, daß ſie nur noch ein paar Groͤſchelchen im Beutel hatte, und daß ein Paar große Thraͤ⸗ nen ihr auf die wohlthaͤtige Hand fielen, als ſie mit dem Poſtknechte ihre Armuth theilte. Ich ſchlechter Menſch hatte dem Po⸗ ſtillon, als ich ihm in der Poſtſtube ſein Biergeld zahlte, einen Rand⸗Ducaten in die Hand gedruͤckt. Ich dachte, er ſollte bei der Nichte mir einen Stein ins Bret ſchieben, und ihr von meiner Gutthat erzaͤhlen; aber — 193 der Kerl war noch ſchlechter, als ich. Er nahm das Scherflein der Nichte und meinen Dukaten und ritt davon, ohne meines Hol⸗ laͤnders, gegen die Nichte, mit einer Sylbe zu gedenken. Der Himmel umzog ſich, als wir weiter fuhren; der Abend brach ein; es ward fehr finſter; am Ende ſtockdunkel. Der Wagen fiel aus einem Loch in's andere; bald flog die Liebliche auf mich, bald plautzte ich auf ſie. Wer in aͤhnlicher Lage iſt geweſen, wird meine Pein ermeſſen koͤnnen. Aber ich hielt mich, als haͤnge der Sonnenluͤſtre ſelbſt im Wagen, und gewann dadurch wenigſtens ſo viel, daß wenn dieſer auf meiner Seite hing, das Maͤdchen minutenlang mir an der Bruſt lag. Das raſende Feuer, das in die⸗ ſer hoch aufloderte, konnte freilich die Engel⸗ reine nicht ahnen. Endlich erreichten wir die dritte Station. Der Poſtmeiſter wollte uns in der Nacht nicht weiter fahren laſſen. Die Wege waͤren, meinte er, grundlos 13 194 ſchlecht, und das Gebirge, das wir jetzt paf⸗ ſiren muͤßten, in der finſtern Nacht durch⸗ aus nicht befahrbar. Die Nichte, die ſchon in den letzten Stunden unſrer Reiſe, uͤber jedes Loch Todes⸗ angſt ausgeſtanden hatte, willigte gern ein, zu bleiben. Niemand war damit zufriede⸗ ner, als ich. Wir aßen ein ſehr gut zugerichtetes Abendbrod. Die Nichte machte die Wirthin. Ich ſaß dem lieblichen Maͤdchen gegenuͤber. Ich hatte bisher immer nur ihr Profil ge⸗ ſehen. Jetzt hatte ich den vollen Liebreiz des gerade mir zugewendeten ganzen Geſicht⸗ chens im Auge. Sie hatte Pelz und Um⸗ ſchlagetuch abgelegt. Sie hatte das Haͤub⸗ chen abgebunden. Die Luft hatte ihre vor⸗ hin etwas blaße Wange geroͤthet. In ihrem großen, unbeſchreiblich ſchoͤnen, ſchwarzen Auge lag der Glaube an meine Artigkeit, der endlich nun Ankergrund gefunden zu haben ſchien. Das zwiſchen uns ſtehende „ ͤ—O A& 8 A2. — 195 Tiſchchen war ganz ſchmal. Dicht vor mir druͤben ſaß das Maͤdchen mit der ganzen Fuͤlle ſeiner ſuͤßen Reize, uͤber welche die holde Verlegenheit, mit dem fremden Manne hier allein zu ſeyn, einen eigenen Zauber goß. Nun konnte ein jeder Menſch leſen, wie die Schuͤchternheit allmaͤhlig ſchwand, und nur noch eine maͤdchenhafte Befangenheit den Platz behielt. So, wie mir jetzt war, dachte ich mir ohngefaͤhr die magiſche Vorfeier des braͤutlichen Verhaͤltniſſes,— mir mundete kein Biſſen mehr. Des Poſtmeiſters ehrli⸗ cher Landwein ward mir zum gluͤhenden Burgunder. In dieſem Augenblicke brachte ein Maͤdchen Stroh, ein anderes weiß uͤber⸗ zogene Betten, und beide bauten fuͤr uns beide, ein breites hochgethuͤrmtes Paradebette, das im Harem nicht peizender ſeyn konnte. Die Nichte ſchien vom Schlafen und vom Bette gar keine Notiz zu nehmen; ſie ſprach nicht davon. Ich auch nicht. 13* Wir wußten beide, daß wir auf dieſer Prachtſtreu ſchlafen ſollten; aber wir beide thaten, als ob keine Streu in der Welt waͤre. Sie holte ihren Strickſtrumpf her⸗ aus, ich ſtellte mich an das Kamin. Sie brachte das Geſpraͤch auf meine Braut. Ich wußte recht gut, daß das Erinnern an dieſe, der Schanzkorb ſeyn ſollte, hinter dem ſie ſich ſichern wollte. Sie kannte das Fraͤulein, ſie war begeiſtert von ihm. Haͤtte der wirkliche Herr von Oſten vor dem Kamin geſtanden, er haͤtte von dem Werth und den Tugenden ſeiner Braut, dieſe Nacht einen ſchoͤnen Traum getraͤumt. Ich ſchwieg zu ihren Tiraden uͤber das Fraͤulein. Ich dachte an ganz andere Dinge. Jetzt unterhielt ſie mich. Jetzt verlor ſie ſich in dem Fluß lebendiger Rede; denn ſie ſprach vom Gluͤck der Liebenden, die, und wenn Welten zwiſchen ihnen laͤgen, treu einander gehoͤren; ſie ſuchte den Grund dieſes himmliſchen gegenſeitigen Vertrauens, in —, 197 der ungemiſchten Reinheit der wahren Liebe, und ſchloß mit der Behauptung, daß Liebe ohne Ruhe nicht denkbar ſey. „Nun ſo wollen wir uns auch zur Ruhe begeben!“ ſagte ich trocken, denn ſie hatte alle Canaͤle ihrer Beredſamkeit auf einmal ſo geoͤffnet, daß ſie den Morgen her⸗ angeſchwatzt haͤtte, wenn ich keinen Damm davor zog. Meine Aeußerung mußte ihr etwas querfeldein gekommen ſeyn; denn ſie ſchlug das Auge auf ihre Arbeit nieder, und ſprach kein Wort weiter. Mit dem Reden ſchadet man oft der guten Sache. Ich haͤtte vom Schlafengehen gar nicht ſprechen, ſondern mich niederlegen ſollen. Sie wuͤrde, bildete ich Thoͤrigter mir ein, wenn ich eingeſchlafen waͤre,— wohl ſtill nachgekommen ſeyn. Es war noch fuͤr vier Perſonen Platz. Ich that jetzt, was ich gleich haͤtte thun ſollen. Ich klagte uͤber entſetzliche Muͤdig⸗ —————ͤ-—— keit; entſchuldigte die Freiheit, in ihrer Gegenwart zu ſchlafen, mit dem eiſernen Geſetz der Nothwendigkeit, legte mich halb entkleidet nieder, und wuͤnſchte ihr von mei⸗ nem Strohthrone aus, eine gute Nacht. Sie dankte, ohne ſich weiter im ihrem Stricken ſtoͤren zu laſſen, mit ſtillſchweigen⸗ dem Kopfnicken. Ich konnte nicht ſchlafen. Und wenn ich die ganze lange Nacht der Juden vor⸗ her durchwacht haͤtte, ich haͤtte nicht ſchlafen koͤnnen. Ich ſchnarchte nach einem Weilchen ein wenig, um der Nichte glaubend zu machen, ich ſchliefe, und blinzelte durch die Wimpern, um zu ſehen, was die Kleine beginne. Sie wendete ſich nach mir, machte einen langen Hals, und als ſie meinte, daß ich recht feſt eingeſchlafen, loͤſte ſie, um ſich es bequemer zu machen, das Schnuͤrleibchen auf, und wuſch ſich mit friſchem Waſſer— jeder Strohhalm unter mir, ward bei dieſem An⸗ „„ ☛ d S 2 ⸗ 199 blick zu einem unterirdiſch brennenden Stein⸗ kohlen⸗Floͤtz— den blendenden Hals. Ich ſah alles nur halb. Ach! nicht einmal halb, denn ſie hatte das Angeſicht nach dem Ka⸗ mine gewendet, und nur als ſie ſich um⸗ drehte, um vom Tiſch das Handtuch wegzu⸗ nehmen, da ſchwor ich mir im Stillen hoch und theuer, daß ich nie ein koͤſtlicheres Maͤdchen geſehen hatte. Wehmuͤthig ſah ich auf den leeren Platz neben mir. Warum konnte ich nun nicht ſagen,„komm und theile meinen Thron mit mir?“— blos weil ich gelogen hatte, weil ſie mich fuͤr den Herrn von Oſten hielt, und weil ſie daher glauben mußte, daß Oberforſtmeiſters Fraͤulein meine Braut ſei. Das mußte anders werden; ſo hielt ich es dieſe Nacht nicht aus. Ich that, als ob ich erwachte. Wie ein Blitz flog das große weiche Umſchlagetuch um Buſen, Hals und Achſel. 3 etwas beleidigt:„ Ihr Satz taugt nichts; 7 200 „Mein Gott, Demoiſelle, noch nicht zu Bette?“ „Glauben Sie denn wirklich, Herr Baron, daß ich mich niederlegen werde?“ „Sagten Sie nicht vorhin, daß Liebe ohne Ruhe nicht denkbar ſei? Ich halte ſie der Liebe faͤhig, ſehr faͤhig, folglich—“ „Sie haben mich recht gut verſtanden. Aber es iſt nicht huͤbſch von Ihnen, daß ſie mich mißverſtehen wollen.“ Ich warf meinen Matin uͤber, ſprang aus dem Bette, und— es mochte nun dar⸗ aus entſtehen, was da wollte,— ich entdeck⸗ te ihr, daß ich nicht der Baron von Oſten ſei, daß ich keine Braut habe, daß meine Tante mir immer geſagt, ich werde eine Frau finden, ohne ſie zu ſuchen, und daß ſie, ſie allein die ſei, die ich gefunden, ohne zu ſuchen.„ Ihr Satz von der Ruhe, Ma⸗ demoiſelle“ rief ich, von dem Geſichtchen, was ſie zu meinem Bekenntniſſe machte, — 201 gar nichts. Ich liebe Sie⸗ wie ein Menſch nur lieben kann; aber ich habe keine Ruhe. Von der gluͤcklichen Minute an, als ich Sie ſah, bis zu dieſem wichtigen Angenblicke, hat mich alle Ruhe geflohen. Ein Fieber, als ob ich vergehen wollte, brennt in meinom Innern. Himmliſches, himmliſches Mad⸗ chen, darf ich hoffen?“ „Ihre Liebe iſt nicht die Meinige! ent⸗ gegnete das Maͤdchen hochroth und bitter boͤſe:— Sie fingen ihre Bekanntſchaft mit einer Luͤge an. Von der Diskretion eines ſolchen Mannes darf ich nichts erwarten. Ich ward dem Baron von Oſten anvertraut, nicht Ihnen. Ich werde den Weg nach Hauſe allein finden.“ Sie verbeugte ſich, nahm ihre wenigen Sachen und ein Licht, und ging, um die Poſtmeiſterin zu wecken. Ich ereilte fruͤher die Thuͤre. „Ich vertrete Ihnen nicht den Weg, Mademoiſelle, ſie ſind frei. Aber hoͤren 202 Sie mich einen Augenblick. Was wuͤrden die Menſchen im Hauſe von mir denken, wenn Sie jetzt, in der Mitternacht, die, Poſtmeiſterinn weckten? Sie ſelbſt wuͤrden bald der Gegenſtand des Geſpraͤchs aller Poſtknechte. Schonen ſie meine Ehre und meinen Ruf Bin ich auch nicht der Baron von Oſten, ſo bin ich doch ein ehrlicher Mann.“ Ich nannte ihr meinen Namen und Stand. Ich geſtand ihr, daß ich, bloß um ſie zu begleiten, die Reiſe gemacht haͤtte; zufaͤllig ſei mir, als ihre Tante mich gefragt habe, wer ich ſei, einer meiner Bekannten, der ſ von Oſten eingefallen. Meine Verlegenheit ſei nicht gering geweſen, als ühre T Tante dieſen gekannt und der Verhaͤlt⸗ niſſe deſſelben mit der Tochter des Oberforſtmei⸗ ſters erwaͤhnt habe, allein die Freude, mit der liebenswuͤrdigen Nichte zu fahren, habe alle meine Angſt beſiegt.„Nun habe ich Ihnen,“ fuhr ich mit gutmuͤthiger Offenheit fort, „alle meine ſchweren Verbrechen geſtanden. — 1. 1 20⁰3 Darf ich Verzeihung hoffen? Werden Sie mir nun wieder Ihr Vertrauen ſchenken?“ Die Nichte laͤchelte halb ernſthaft, ging von der Thuͤre zuruͤck, und legte ihr Reiſe⸗ paͤktchen wieder auf die Seite. „Sie beduͤrfen des Schlafes“ ſagte ich nach einer Weile:„legen Sie ſich ganz ru⸗ hig nieder. Ich werde nicht weiter ſchlafen.“ „Sie werden ſich nicht wieder niederle⸗ gen?“ 6 „Nein.“ „Gewiß nicht?“ „Auf meine Ehre nicht!“ Das Maͤdchen ging, nach einer langen Weile, ſchweigend und legte ſich, ohne ſich zu entkleiden, auf das Bette. Ich warf, weil es in der Nacht doch zu kuͤhl werden konnte, eine leichte ſeidene Decke uͤber ſie, die ich auf Reiſen immer bei mir fuͤhre. Sie dankte freundlich. Ich ſetzte mich, ihr den Ruͤcken zugewendet, gegen das Kamin. Die heimliche Stille! Das bluͤthen⸗ 204 weiße Bettchen! Das liebreizende Maͤd⸗ chen!— Ja, es giebt im menſchlichen Leben Verhaͤltniſſe, wo eine Rieſenkraft dazu gehoͤrt, um Herr ſeiner ſelbſt zu bleiben. Ich ſtier⸗ te ſchweigend in die Kohlen des verglimmen⸗ den Kaminfeuers. Ein Fuͤnkchen nach dem andern ging aus. Das wahrhafte Bild meiner Grundſaͤtze. Aber ich nahm mit Ge⸗ walt den Blaſebalg der geſunden Vernunft zur Hand, und wehte ihnen wieder Geiſt und Leben an, daß ſie in dieſer ſchweren Pruͤfungsnacht vorhalten ſollten. Was mich jetzt am meiſten ſchmerzte, war, daß ſie mit mir ſchmollend, eingeſchla⸗ fen war. Die Sonne ſoll nicht im Zorn uͤber uns untergehen. Das Trotzköpfchen war eingeſchlafen, ohne mir einmal gute Nacht geſagt zu haben. Nach einer guten Viertelſtunde, als ich lange ſie ſchon eingeſchlummert glaubte, fragte ſie leiſe:„Sie ſind doch nicht boͤſe auf mich?“ re ſe 2⁰5 5. in Ich eilte zu ihr, und bog mich an Ih⸗ rt, rem Streubette auf ein Knie nieder.„Boͤ⸗ „ ſe? warum ſollte ich böſe auf Sie ſeyn?“ en,„Ich glaube, ich habe Ihnen etwas eun hartes geſagt, und Sie ſind ſo gut. Sie ild wachen, daß ich ſchlafen kann. Seyn Sie za⸗ wieder gut, ich habe Sie nicht beleidigen ift wollen.““ iſ Weg war mein Groll! So ſind wir 2 gutherzigen Maͤnner; ich hatte eben anfan⸗ . gen wollen, uber das kleine Sauertoͤpfchen mich zu aͤrgern, ein ſanftes Wort, und wir 1 laſſen uns um den Finger wickeln. 1 Ich zog den vollen ſchoͤnen Arm, der 3 bis zur Achſel entbloͤßt, auf der ſeidenen De⸗ ,. cke lag, an meine Lippen. Ich betheuerte „ mit voller Seele, nie auf ſie boͤſe geweſen 3 1 zu ſeyn, nie in meinem Leben auf Sie boͤſe werden zu koͤnnen, und fiel, ich weiß heute noch nicht wie, in das vorhin abgebrochene Thema wieder ein. Aber die Richte entgegnete halb ernſt, halb verdruͤßlich, daß, wenn ich nicht den Augenblick davon abbraͤche, ſie aufſtehen und das Zimmer verlaſſen muͤſſe. Wenn ich alſo nur einige Ruͤckſicht auf ſie naͤhme, ſo baͤte ſie vor allem, ihr dieſe Nacht Ruhe zu goͤn⸗ nen.— Ich druͤckte, ihren Wunſch gewaͤhrend, ihr den Gutenachtkuß, mit zarter Liebe auf den ſchneeweißen Arm; ſtand, von unbefrie⸗ digter Sehnſucht ſchmerzlich gefoltert, wieder auf, und ſetzte mich an das langſam ver⸗ glimmende Kaminfeuer. Ich ſchlummerte auf dem Stuhle ein. Das reizende Maͤdchen ſchlief bis an den hellen Morgen. Wir hatten nur noch eine Station bis Sporenb⸗ eg, dann ſah ich vielleicht die Lieb⸗ liche nie wieder. Ich brachte alſo beim Fruͤhſtuͤck, das geſtern abgebrochene Geſpraͤch wieder in den Gang.„Nun, was meinen Sie,“ ſchloß ich meine Rede, und nahm in meine beiden Haͤnde ihre kleine Rechte: 207 „Wollen Sie— willſt Du es mit mir wa⸗ gen, Du ſuͤßes herziges Maͤdchen? „Ich meine nichts, ich kann nichts mei⸗ nen,“ ſagte ſie ſchnell, aber freundlich. „Sie kennen mich ja nicht. Ich Sie nicht. Sprechen Sie nicht davon. Es wird mir Angſt. Ihre Tante hat Unrecht.„Suchet, ſo werdet ihr finden,“ ſagt die Schrift.“ Der Poſtillon blies. Wir ſetzten uns in den Wagen. „Wenn ich ſuchen darf, muß ich Sie beſuchen duͤrfen; kann ich das?“ „Nein.“ „Nicht?“ „uUm keinen Preiß.“ „Warum nicht?“ „Erſtens ſind Sie als der Baron von Oſten mit mir gereiſt; als ſolcher muͤßten Sie in unſerm Hauſe auftreten; denn natuͤr⸗ lich ſchreibt man aus unſerm Hauſe an die Forſtraͤthin, und was wuͤrde das fuͤr eine verwirrte Geſchichte werden, wenn Sie un⸗ 203. ter J rem wirklichen Namen ſich nun bei uns jetzt einfuͤhrten. 77 „Zweitens?“ „Zweitens—— „Nun?“ „Laſſen Sie uns abbrechen. bin in unſerm Hauſe nich de“— — Ich 6 t gluͤcklich, ich wer⸗ ſie ſchlug die Augen nieder, und ſprach leiſer—„ich werde verachtet, gemiß⸗ handelt; man wuͤrde ſich wundern, wenn Sie um— meinetwillen kaͤmen, da Toͤchter im Hauſe ſind, die auf die Hand eines ſolchen Mannes eher Anſpruch machen koͤnnen, als ich. Ich eſſe in dieſem Hauſe— das Gna⸗ denbrod. Meine Eltern ſind ſeit zwei Jah⸗ 4 ren todt. Sie hinterließen mir nicht als meine Erziehung.“ Ich ſchloß das holde Maͤdche mee ne Arme. Ich betheuerte ihr wie⸗ Redlich⸗ keit meiner Abſichten; in vierzehn doßen wollte ich zuruͤckkommen, und offen nnd ge⸗ rade um ihre Hand anhalten. Wir hatten u ——— 2— uns, machte ich den Plan, in der Reſidenz kennen gelernt. Daß ich ſie bis hierher be⸗— . gleitet hatte, durfte kein Menſch erfahren. 1 Sie laͤchelte verlegen und wand ſich aus meinen Armen.„Sie ſind etwas ch raſch,“ ſagte Sie in holder Verwirrung. er⸗„Nun“— entgegnete ich ihr, ſchon nd halb triumphirend:„Ihr Erſtes hatte nichts ß⸗ auf ſich. Ihr Zweites habe ich beantwortet, ie haben Ste noch ein Drittes?“ m Ihr„Ja“ glitt kaum hoͤrbar uͤber die 4 Lippen. 8„Noch ein Drittes? Laſſen Sie doch ¹.. hoͤren!“ 8„Sie duͤrfen mich nicht lieben, ich— 8 ich werde ſchon geliebt. Aber fragen Sie 5 nicht nach dem Namen, den kann ich jetzt noch nicht nennen. Sie ſind außer ihm der einzige Menſch in der Welt, der darum weiß. Ehren Sie mein Geheimniß. Ich haͤtte es Ihnen nicht mitgetheilt, wenn Ihr Antrag, den ich zu wuͤrdigen weiß, mir nicht 14 8 4 210 die Gegenpflicht auflegte, gegen Sie offen und ehrlich zu ſeyn. Ich mußte zu dieſer widrig uͤberraſchen⸗ den Nachricht ein fatales Geſicht gemacht haben, denn ſie fragte nach einer Pauſe wie⸗ der, mit unausſprechlicher Gutmuͤthigkeit, ob ich boͤſe ſey? Ach, boͤſe war ich nicht, aber ungluͤck⸗ lich, wirklich recht ungluͤcklich. Unſere Un⸗ terhaltung bis Sporenberg war fetzt hoͤchſt einſilbig; einigemale ſetzte ich an, um den Schleier ihres Liebesgeheimniſſes zu luͤften; aber ſie hielt ihn feſt zuſammen, und betheu⸗ erte, daß ſie ſehr dringende Urſachen habe, den Namen ihres Geliebten zu verſchweigen. Ich bot ihr meine Huͤlfe an, um die Steine des Anſtoßes, die ihrem Gluͤcke vielleicht im Wege laͤgen, zu beſeitigen; ſie ſchuͤttelte aber wehmuͤthig mit dem Kopfe, und ſagte:„uns kann niemand helfen.“ Vor dem Poſthauſe in Sporenberg ſtieg ſie ab, dankte mir ſuͤr genoſſene Hoͤflichkei⸗ — ₰4 — T 211 ten und ging in die Wohnung ihrer Ver⸗ wandten. 1 Ich ſah dem Maͤdchen, ſo weit ich konn⸗ te, nach. Es ſchwebte, wie eine Grazienge⸗ ſtalt, die Straße hinab. Jetzt erſt trat mir mein, in der vergangenen Nacht, uͤber mich ſelbſt erfochtener Sieg, wie ein rieſenhaftes Tugendſtuͤck vor die Seele. Der Abſchied vorhin war einfaͤltig, kleinſtaͤdtiſch, der aͤrgerte mich; das Maͤd⸗ chen hatte, den ganzen Weg uͤber, ſo ſinnig, ſo anſtaͤndig geſprochen, und jetzt dankte es fuͤr— genoſſene Hoͤflichkeiten. Die Opfer, die ſchmerzlichen Opfer, die ich ihm gebracht, nannte es ſchlechtweg Hoͤflichkeiten! Aber nein— im Grunde hatte die Schlaue doch recht. Als ſie ausſtieg, lagen mehrere Menſchenkinder der Nachbarſchaft, in den Fenſtern. Konnte ſie denn da hin⸗ treten, und ſagen, ich danke dir fuͤr deinen ehrenfeſten Schutz in dieſer Nacht, fuͤr dein beſcheidenes Entſagen, fuͤr die Martyrerquaal, 14* 212 mit der du dich ſelbſt gekreutzigt haſt! Ihr Abſchied war kalt, ſteif und ceremoniell, und damit wieß ſie der ganzen Chriſtenheit in den benachbarten Fenſtern das entfernte Ver⸗ haͤltniß, in dem ſie zu mir geſtanden haben wollte; wer jetzt haͤtte ahnen ſollen, daß ſie unter meiner Decke, eine ganze Nacht mit mir in einem Zimmer geſchlafen, daß ich auf dem Punkte geſtanden, ſie zu heirathen, daß ſie mir, in der Angſt ihres Herzens, ihr Liebesgeheimniß anvertraut, habe der muͤßte ein paar Herrſchelſche Telescope, ſtatt der Pupillen, im Auge haben. Die geſchwaͤtzige Poſtmeiſterin gab mir naͤheres Licht. Nachdem ſie mir mit ſchel⸗ miſchem Laͤcheln, zu der bisherigen angeneh⸗ men Neiſegeſellſchaft Gluͤck gewuͤnſcht, ich ihr aber, zur Ehrenrettung des Maͤdchens, entgegnet hatte, daß es den ganzen Weg ſtill und in ſich gekehrt geweſen, fuhr ſie mit Theilnahme fort:„wie kann das auch an⸗ ders ſeyn, das arme Ding hat boͤſe Tage —* „ v 2413 im Hauſe; die Alten werfen ihm das bis⸗ chen Brod, das es ſie koſtet, tagtaͤglich vor, und von den Toͤchtern muß es ſich alles ge⸗ brannte Herzeleid gefaͤllen laſſen. Mehr, um nur dieſem Elende zu entgehen, als aus Liebe, hat ſich das arme Maͤdchen, wie man ſo munkelt, mit einem jungen Menſchen hier in der Gegend eingelaſſen; aber, denken Sie an mich, der Mosje macht das niedliche Maͤdel ungluͤcklich, und laͤßt es dann ſitzen; es iſt nicht das erſte Mal, daß er es ſo ge⸗ macht hat!““ Die Rede der Schwatzhaften zerſchnitt mir das Herz. Einem Unwuͤrdigen alſo gab das Maͤdchen Wunderhold, ſeine Hand, ſeine Liebe und Reitze, und mir, der ich es mit ſo zarter, redlicher Herzlichkeit umfing, mir verſagte es alles! „Koͤnnen Sie denn nicht“ fragte ich aͤngſtlich, und vom truͤbſten Mißmuth gepei⸗ nigt,„koͤnnen Sie denn nicht das unbeſon⸗ nene Maͤdchen vor dem Menſchen warnen?“ „Vor dem?— den kennen Sie nicht, lieber Herr. Das iſt ein malitioͤſer He⸗ ring; mein Mann hat draußen vor dem Thore die große Wieſe, den Sauanger, von ihm in Pacht, wir haben einen Heuſchlag darauf, delikates Gras ſage ich Ihnen, wie Sallat; den Sauanger naͤhm' uns der Menſch vor der Naſe weg, wenn er erfuͤhre, daß ich mich in ſeine Amourſchaften mengeliren thaͤ⸗ te— nein, da ſoll mich Gott behuͤten; was deines Amts nicht iſt, da laß deinen Vorwitz.“ So geht es in der Welt! Tauſend dumme Streiche wuͤrden weniger begangen, wenn der Dritte ſich nicht von erbaͤrmlichen Urſachen abhalten ließe, ihnen durch offenen Rath und gute That in den Weg zu treten; aber wenn das Ungluͤck, das hunderte ha⸗ ben kommen ſehen, ohne zu rechter Zeit den Mund aufzuthun, da iſt, dann ſtellen ſie ſich hin, und ſchreien dem, dem es begegnet, in das Geſicht, und zermalmen ihn mit ſchonungloſen Vorwuͤrfen. „ f — „ f 17 Wie waͤr' alles anders geworden mit der armen Nichte, wenn die Poſtmeiſterin, die den Geliebten der Kurzſichtigen beſſer kannte, ſich nicht mit dem Sauanger den Mund haͤtte ſtopfen laſſen. Verſtimmt von der Albernheit der Men⸗ ſchen, fragte ich mich, wohin ich nun wollte. Umzukehren und das Poſthaus wiederſehen, wo der Teufel der Verſuchung mir das rei⸗ zendſte Maͤdchen von der Welt auf dem Strohlager gewieſen hatte, war mir nicht moͤglich. Ich fuhr alſo allein weiter. Aber das gefiel mir auch nicht. Auf der naͤchſten Station ging die fah⸗ rende Poſt eben ab. Sie war mit lauter froͤhlichen Leutchen beſetzt, die auch aus dem Luſtlager kamen. Ich war mit Extrapoſt gekommen haͤtte alſo auf dieſe Weiſe, nach der Poſt⸗ Ordnung, weiter fahren muͤſſen; indeſſen, da ich dem Poſtmeiſter bis zur erſten Stati⸗ on das Extrapoſtgeld bezahlte, und nun noch und 216. obenein die Gebuͤhren der ordinaire Poſt bis dahin berichtigte, ſo war der uneigennuͤ⸗ tzige Mann gefaͤllig genug, ſich meiner Lau⸗ ne zu fuͤgen, und mich mit der ordinairen Poſt, die mir in meiner Stimmung jetzt lieber war, als die einſame Poſtchaiſe, in Gottes Namen fahren zu laſſen. Ich bekam als letzter Paſſagier den hinterſten Platz. Der mit Eiſen beſchlagene große Briefbeutel⸗ kaſten ward mir zum Sitz angewieſen. Ein kraͤftiges Mittel gegen die Hypo⸗ chondrie, ein ſolcher Briefbeutelkaſten! Schon auf dem Stadtpflaſter trennte ſich das Fleiſch von meinem Gebein. Die Zaͤhne klapperten mir im Munde, und ehe wir das Weichbild des Staͤdtchens im Ruͤcken hatten, thaten mir alle Rippen im Leibe weh. Einen großen, friſch geflochtenen Korb im wunden Herzen, die ſchlafloſe Nacht im weiten Auge, keinen Mundbiſſen im Magen, und den Briefbeutelkaſten unter dem Sitz⸗ organe,— das haͤtte kein Menſch lange zx— 217 aushalten koͤnnen. Zum Gluͤck kamen wir in tiefen Sand; der Wagen mahlte ſich lang⸗ ſam fort. Dem einen Uibelſtande war alſo abgeholfen. 1 Der Herr ſitzen dahinten wohl gar nicht bequem?“ fragte eine uͤppige Blondine und bog ſich von ihrem Sitze hinterwaͤrts zu mir herum. „Nicht zum bequemſten,“ entgegnete ich, und ſpuͤrte, daß mein Eſſiggeſicht ſich uͤber die theilnehmende Anrede der blonden Poſtgefaͤhrtin, ſichtbar aufheiterte;„indeſ⸗ ſen“ fuhr ich, mich artig verbeugend fort: „indeſſen dulde ich mein Ungemach gern, weil ich das Vergnuͤgen habe, hinter Ihnen zu ſitzen.“ „Wollen Sie,“ ſagte die Blondine zu der neben ihr ſitzenden Bruͤnette,„ein wenig Platz machen, ſo koͤnnte der arme junge Herr vielleicht zwiſchen uns ſitzen.“ Die Bruͤnette ruͤckte mit einem freund⸗ lichen:„recht gern!“ ſo weit ab, als ſie 218 konnte. Ich ſtieg uͤber die Lehne ihres Si⸗ tzes, klemmte von dem Uiberfluſſe ihrer Maͤn⸗ tel und Roͤcke ſo viel unter, als ich brauchte und ſaß, wie ein Prinz. Die Blondine war ein Weltkind. Sie ſprach— Gott weiß, wie wir auf das Ge⸗ ſpraͤch— gekommen waren, von der Liebe mit einer Lebendigkeit, mit einem Feuer, daß ich mit jedem Augenblicke den ganzen Poſtwagen in Flammen aufgehen zu ſehen, befuͤrchtete. „Komiſche Menſchen ſind wir,“ ſagte ſie, und lachte, und in der Tiefe des Wangen⸗ gruͤbchens dunkelte ſich der roſige Grund, „komiſche Menſchen ſind wir, daß wir uns ſchmiegſam unter Geſetze fuͤgen, die alte Knaſterbaͤrte geſchnitzelt und geſchnoͤrkelt ha⸗ ben, welche vor tauſend Jahren und laͤnger lebten, von der Liebe ſo viel wußten, als un⸗ ſer Poſtillon da vorn, von der Bahn der Cometen, und an das Zeitalter, in dem wir heute leben, ſo wenig dachten, als an unſre Sitten und Beduͤrfniſſe. Wie kann z. B. 32 — 219 ein Menſch dem andern gebieten, nur eine Frau zu nehmen? Die Tuͤrken haben vier, fuͤnf Weiber, und wollen auch ſelig werden; Als das Geſetz der Einweiberei aus dem Hirnkaſten der Ueberklugen zur Welt kam, kannte man noch nicht den knallenden Sal⸗ peterſtaub, der in wenigen Stunden, zehn, zwanzigtauſend junge Kraftmaͤnner auf den Schlachtfeldern hinſtreckt; damals mochte das Verhaͤltniß, das auf den Taubenſchlaͤgen ſtatt findet, auch unter den Menſchen noch paſ⸗ ſend ſeyn, und jedes Taͤubchen ſeinen Tau⸗ ber haben; aber jetzt— gehen Sie doch hin auf alle Baͤlle, und Sie werden finden, daß immer auf zehn Maͤdchen ein Mann kommt.“ „Wohl haben Sie recht,“ entgegnete ich:„wenn Sie meinen, daß der jetzige Mangel an Ehemaͤnnern und Taͤnzern, Suͤß⸗ milchs goͤttlicher Ordnung gaͤnzlich entgegen laufe; aber, da es nun einmal ſo iſt, moͤch⸗ ten die Maͤdchen nicht mit der Schrift 220 fragen: was ſoll ich thun, daß ich ſelig werde?“ „O,“ erwiederte ſie mit einem vielſa⸗ genden Schelmenblick,„das beantwortet ſich von ſelbſt. Wir Frauen und Maͤdchen muͤßen jetzt die Geſellſchaftsrechnung ſtudiren, und uns in den Schatz der Welt, in die Mannsperſonen theilen. Im Ernſt“ ſetzte ſie nach einer Pauſe, bedeutend hinzu, und warf die blauen Augen, mit einem leiſen Seufzer, in den blauen Himmel,„es wuͤrde viel beſſer auf Erden jetzt ſtehen, wenn die Frauen weniger eiferſuͤchtig, und die Geſetze von der Kirchenbuße in allen Laͤndern abge⸗ ſchafft waͤren. Die Gewalt der Natur iſt ſlaͤrker, denn alles. Das Feuer des Veſuvs hat noch keiner geloͤſcht, und ſo wird auch die Liebesgluth im menſchlichen Herzen, wohl keiner zu daͤmpfen vermoͤgen.“ Sie legte bei den Worten die Hand auf die Bruſt, als empfinde ſie da auf dem . —— —-3— 221 Fleckchen einen ſuͤßen Schmerz und wendete das Geſicht abwaͤrts. Sah ich recht; ſo ſtand mein kleiner Veſuv zur Nechten mit irgend einem ver⸗ heiratheten Manne in Verhaͤltniſſen, und dieſer hatte den Feuerberg ſchon erſtiegen. Ich umſchlang die Ueppige, und wis⸗ perte ihr in das Ohr:„Sie verſchließen ein Geheimniß, das ſie mit ihrem ſcheinbaren Frohſinn nicht wegſcherzen koͤnnen.“ Ein dunkler Carmin ergoß ſich ihr uͤber die ſammetne Wange.—„Offenes Ver⸗ trauen kann ſie vielleicht retten”“ fuhr ich jetzt in meiner Vermuthung beſtaͤtiget, drei⸗ ſter, aber anſtaͤndig und theilnehmend fort. Sie ſchuͤttelte ſchweigend mit dem Kopfe, ihr ſchoͤnes großes Auge ſtand unter Waſſer. Ich hatte richtig geſehen, das war wohl außer Zweifel, das ſehr ſchoͤne Maͤdchen dauerte mich; auf der naͤchſten Station wollte es, wie ich vorhin von ihm gehoͤrt, 1 222 den Poſtwagen ſchon verlaſſen; wollte ich alſo helfen, mußte es bald geſchehn. 3 Ich zog die ſanft Ergluͤhende dichter an mich, und kuͤßte ihr, zum ſtillen Zeichen,. daß ich fuͤr mein Theil wegen des Fehl⸗ tritts ſie zu keiner Kirchenbuße verdammen wuͤrde, die Purpurwange, und ſagte mit aͤngſtlicher Herzlichkeit„draͤngt Sie Ihre Lage; ſo nehmen Sie von mir Rath und Huͤlfe an, wenn Sie beides anderswo nicht beſſer zu finden wiſſen.“ Sie aber druͤckte. tief beſchaͤmt das Geſicht zum hochwogenden 1 Buſen nieder und ſchwieg; und als ich ſie heimlich fragte, ob ſie mir, meines wahrlich gut gemeinten Anerbietens wegen, zuͤrne, wendete ſie ſich, durch ſtille Thraͤnen laͤchelnd, zu mir und erwiederte den Kuß, den ich auf ihre ſchwellenden Lippen ihr druͤckte, mit dankbarer Hingebung. Sie ward zwar nach einer Weile wie⸗ der heiterer, und begann in ihrer vorigen Weiſe zu ſcherzen, aber der Scherz war er⸗ 2— — +—— —— 223 zwungen, und wenn er gleich eher Leicht⸗ ſinn, als leichten Sinn verrieth, ſo blickte doch der geheime Kummer, der ihr das Herz druͤcken mochte, nur zu deutlich vor. Es ſind doch arme Weſen, die Maͤdchen, dachte ich bei mir, und war einſylbiger und ſtiller. Die Nichte und die Blondine, beide hatten ihre Herzen an Maͤnner verſchenkt, die dieſe Anmuth, dieſe Reitze, dieſe Zauber⸗ ſuͤßen Bluͤthen, mit buͤbiſcher Tuͤcke brechen wollten oder ſchon gebrochen hatten. Ich machte meinem Unmuthe Luft, und zog auf unſer Geſchlecht los, das dem weiblichen wahrhaftig an Tugend und Rechtlichkeit, in der Regel weit nachſteht, und ſelten der Liebe werth iſt, von der ſich die ſchwache Gutherzige bethoͤren laͤßt. Meiner Nachbarin zur Linken mochte die harte Anklage der Maͤnner im Munde eines Mannes ſelbſt, etwas ſonderbar vor⸗ kommen; ſie hatte, von ſittiger Beſcheiden⸗ heit befangen, die ganze Zeit bis jetzt, wort⸗ —— — —— 224 los und in ſich gekehrt, da geſeſſen, und ſich ſchuͤchtern von mir entfernt gehalten; Jetzt, — meine Rede ſchien mir ihr Vertrauen gewonnen zu haben— jetzt wendete ſie ſich zu mir, und bot mir und dem gefalle⸗ nen Engel zu meiner Rechten, mit gut⸗ muͤthiger Gaſtfreundlichkeit, ein Fruͤhſtuͤck an. 9 1. 3 Sie hohlte eine große Schachtel hervor und theilte mir und der Blondine mit ver⸗ ſchwenderiſcher Freigebigkeit mit; ich war hungrig wie ein Wolf. Aber waͤhrend des Eſſens uͤberſah ich nicht das ſilberne Meſſer⸗ beſteck, das in der Schachtel lag; nicht die feine damaſtne Serviette, in der die wollige Torte eingepackt war, nicht das Flaͤſchchen Malaga das in einer engliſchen Cryſtall⸗Ca⸗ raffine beigepackt war. Unſere klein thin zog waͤhrend des Fruͤhſtuͤcks. 9 ſchuhe von der runden Flaumenhand. Zwei Brillantringe, im neueſten Geſchmack gefaßt, blitzten an den niedlichen Fingern; eine dreizeilige Schnur von faſt Haſelnuß großen —⸗ 5 * 225 ich aͤchten Perlen umfloß den ſchoͤnen Hals, und 5t, ſenkte ſich in die Tiefe des verraͤtheriſchen en Halstuches— aber ihr bei weitem reicheres ich Geſchmeide war das Elfenbein ihrer Zaͤhne, le⸗ der Purpur ihrer Lippen, der jugendliche it⸗ Karmin ihrer Wangen, und das Juwelen⸗ n. feuer ihres dunkeln blauen Auges. Ungeach⸗ or tet ich, bekanntermaſen, vorige ganze Nacht 1 r⸗ wachend zugebracht, das koͤſtliche Fruͤhſtuͤck ar gab mir neue Kraͤfte; ich war gar nicht 3 es 1 ſchlaͤfrig mehr. Was doch ein Paar Troͤpf⸗ b⸗. chen Rebenblut thun! Wir alle drei wurden ie auf unſerm Poſtarmeſuͤnder⸗Baͤnkchen ſo aus⸗ ge gelaſſen luſtig, als tauſend Herren und Da⸗ 2n men in dieſem Augenblicke, auf ihren weichen a⸗ Stahlfeder⸗Divans gewiß nicht waren. Die 3 r⸗ 1. Bruͤnette aber ward faſt empfindlich, als ich d⸗ unſerem harten Poſtſitze jenen Spottnamen ei gab, und ich mußte hieraus beinahe ver⸗ t, muthen, daß ſie aus dem Poſtdepartement ne abſtamme, und darum nicht leiden wolle, daß n man auf die, in Ketten haͤngenden Breter unſers heilloſen Sitzes, ein bischen ſchimpfe. 15 Als die Blondine auf der naͤchſten Station abſtieg, und ſich verabſchiedete, kuͤßte ich ſie auf den ſchneeweißen Hals, und warf im albernen Scherz die Frage hin, ob es wohl einem Scharfrichter moͤglich ſeyn ſollte, einen ſolch wundervollen, koͤſtlichen Hals mit dem Schwerte zu durchhauen. Die Blondine band ſich lachend die goldigen Ringellocken in die Hoͤhe, und meinte, wenn das einmal geſchehen ſolle, werde ſie mich dazu verlangen, wo ſie gewiß von mir Pardon zu erhalten hoffe; die Bruͤnette aber legte die Hand vor die Augen, krampfte die Fingerſpitzen zuſammen, und aͤuſerte, in gemeſſenen ernſten Worten, ihren Unwillen uͤber ſolch ſinnloſes Gerede. Mit dem liebreitzenden Blondchen ver⸗ ließ uns auch der uͤbrige Theil der Geſell⸗ ſchaft; meine kleine Braune und ich blieben allein auf dem Wagen. Sie zog, als ſie das Poſtgeld bezahlte, einen Beutel mit we⸗ 227 n nigſtens zweihundert Dukaten heraus; und 2 dabei hatte ſie einen ſo feinen Anſtand, eine d ſo gewandte Manier, daß ich mir ihr Fah⸗ ren auf der ordinairen Poſt nicht recht zu⸗ , ſammenraͤumen konnte. t Ich aͤußerte in ferner Beziehung eine Bemerkung daruͤber; ſie hatte, ſo fein ich e es angelegt zu haben glaubte, mich verſtan⸗ d den, und lange nachher erzaͤhlte ſie mir, daß , ſie zum erſtenmale mit der Poſt fahre; ihr ß Bruder habe ſie aus der Reſidenz abholen e wollen, allein eines ſeiner Pferde ſey krank 2 geworden, er habe ihr alſo geſchrieben, ſie 1 d moͤchte mit guter Gelegenheit zuruͤck kommen, n dieſe haͤtte ſich nicht gefunden, und ſo habe h ſie ſich entſchlieſſen muͤſſen, mit der Poſt zu ⸗ reiſen; denn laͤnger habe ſie ſich in der läͤr⸗ s menden Stadt nicht gefallen koͤnnen. n 3„Sie wohnen alſo auf dem Lande?“ .„Ja, und das recht gern; in der Stadt ⸗ 7 iſt es nicht halb ſo huͤbſch, als in unſerm 1 freundlichen Haͤuschen.“ „Aber wird Ihnen die Zeit nicht zu⸗ weilen lang?“ „Daruͤber habe ich nie geklagt. Im Sommer— nun da iſt es ja beſtimmt beſſer auf dem Lande, als in der Stadt. Unſere Beſitzung liegt auf einem kleinen Berge, wir koͤnnen das Paradies unſers Laͤndchens weit und breit uͤberſehen; ich fuͤhre das Hausweſen meines Bruders, das nicht ganz unbedeutend iſt, und unſer Garten iſt mein trauteſter Freund, ich beſuche ihn taͤg⸗ lich; und im Winter, da helfen Buͤcher und Muſikalien aus. Mein Bruder hat mich an meinem letztern Geburtstage mit einem Wiener Fluͤgel uͤberraſcht, auf den ich mich jetzt mehr freue, als ich mich bei der Her⸗ reiſe auf das ganze liebe Lager gefreut habe.“ „Iſt Ihr Herr Bruder auch muſika⸗ liſch. 11 „Dilettant wenigſtens. Seine’ eigent⸗ liche Liebhaberei ſind Pferde und Hunde. — — N Selbſt unſere Karren⸗Pferde koͤnnten man⸗ che Equipage in der Reſidenz zieren, und Hunde haben wir, ich weiß ſelbſt nicht ein⸗ mal, wie viel.“ Ich hatte das zarte braune Maͤdchen bisher immer Demoiſelle genannt. Jetzt merkte ich, daß es ein Fraͤulein vom Lande war. Ich nannte ſie bei der erſten Anrede, „mein Fraͤulein,“ warf es aber ſo hin, als ob ich ſie vom Anfange an fuͤr nichts anders gehalten haͤtte, um mir keine Bloͤße zu geben. „Wie kommen Sie auf die Idee, mich Fraͤulein zu nennen?“ fragte ſie naiv laͤchelnd. „Verzeihen Sie, wenn ich es nicht gleich that, und verzeihen Sie, wenn ich mich jetzt irre; ich ſetzte mir alles, was Sie mir erzaͤhlt hatten, zuſammen und das Faecit machte Sie zum Fraͤulein; der Landſitz, das weitlaͤufige Hausweſen, Ihre gewaͤhlte Erziehung, die praͤchtigen Pferde, die vielen Hunde.“— 229 —— „Machen denn bei Ihnen zu Lande die Hunde adelig?“ ſagte ſie etwas beißend: und köͤnnte ich darum nicht weniger oder mehr ſeyn, als ihr vermeintliches Landfraͤulein?“ Weniger war ſie nicht; denn in der Betonung der letztern Worte lag ein Stolz, den der nur fuͤhlen konnte, der das intereſ⸗ ſante Maͤdchen ſah und höoͤrte. Sie war beſtimmt mehr. Ihr Inneres war bei dem Geſpraͤche aufgeregt; dieſer Punkt ſchien 9 ihre empfindlichſte Schwaͤche zu ſeyn. Zu der„Demoiſelle“ hatte ſie geſchwiegen, weil ja auch Prinzeſſinnen Demoiſelles genannt werden koͤnnen. Das„Fraͤulein“ hatte ſie beleidigt. Die lieblichſte Bruͤnette, die dieſen ordinairen Poſtwagen in jeder Hin⸗ ſicht ſo extraordinair machte, war eine Graͤ⸗ finn. Ich wußte nicht, wo ich meine Augen gehabt hatte; jeder Menſch, der nur eine Idee von dem Bilde einer jungen, faſt uͤber⸗ zarten Grafentochter hat, mußte dieſem rei⸗ zenden Kinde, die Graͤfinn gleich beim erſten 8 231¹ Blicke anſehen. Der Poſtwagen that gar nichts zur Sache; habe ich doch eine Fuͤr⸗ ſtinn auf einem Leiterwagen, mit einem blin⸗ den Pferde, auf einen kleinſtaͤdtiſchen Jahr⸗ markt kommen geſehen; warum ſollte nicht einmal eine junge Graͤfin auf den tollen Einfall kommen einen ordinairen Poſtwagen zu verſuchen. Solchen alten Malaga, als ſien zum Fruͤhſtuͤck credenzte, hatten hundert Reichsgrafen nicht im Keller; und was mir voͤlligen Aufſchluß in der Sache gab, war eine gebratene Ente. Sie mußte von ſehr altem Geſchlechte ſeyn, nehmlich meine braun⸗ lockige Reiſegefaͤhrtinn, denn die Ente war in das Couvert eines Pakets eingewickelt, was wahrſcheinlich an den Bruder der Graͤ⸗ ſinn addreſſirt geweſen war, ein Stuͤck des Couverts war abgeriſſen, ich las blos: „Meiſter Graf“ Alſo war der Bruder meiner ſchoͤnen Enten Fee entweder Ritt⸗Oberhof⸗ oder Oberforſt⸗ 1 Meiſter; im Innern des Couverts las ich das Wort„Rabenſtein“ Ein ehemaliger Univerſitaͤtsfreund von mir war der Graf Nabenſtein, der mir oft im Scherz, denn er lachte uͤber alle Standesvorrechte, erzaͤhlt die aͤlteſte im Rhein⸗ g hatte, ſeine Familie ſei gau. Am Ende war mein dinabde akade⸗ miſcher Freund der Bruder ſelbſt; nur wuß⸗ te ich nicht, wie dieſer aus dem vrnan hierher gekommen ſeyn ſollte; doch, was iſt jetzt in den Zeiten der moͤglichen Unmoͤg⸗ lichkeit, nicht alles moͤglich?! „Graͤfinn“ hob ich devot an, und wollte einen recht artigen Sermon beginnen; aber die Comteſſe lachte mir gerade in das Ge⸗ ſicht; ihr Incognito war verrathen, ſie that das beſte, ſie machte gute Miene zum ver⸗ ſpielten Spiele. Dies lag in ihrem frivolen Lachen. „Sagen Sie,“ ſie kicherte, ſie bog ſich krumm, ſie trampelte vor Lachen mit beiden Juͤßchen auf dem Boden des Poſtwagens, — NX 233 „ſagen Sie, wo haben Sie die Graͤfinn in mir herausgefunden?“ Ich war von dem muthwilligen Maͤd⸗ chen ſo verbluͤfft, daß ich recht einfaͤltig ant⸗ wortete,„in der Ente!“ „Aus welchem Lande ſind Sie? bei Ihnen machen Hunde die Menſchen zu Edel⸗ leuten, und Enten die Edelleute zu Grafen!“ „Ich kann ihnen alles erklaͤren.“ Ich holte die Ente aus der Schachtel und zeigte ihr die Addreſſe. Sie lachte, ward roth, verlegen und ſtille. Jetzt haͤtte ich ſchweigen ſollen; aber mein Stolz uͤber meine Ent⸗ er.„Oh!“ ſagt ich triumphirend,„ich weiß noch mehr. Ich deckungen trieb mich weit darf Ihnen nur das Wort Rabenſtein nen⸗ nen.“ Die Graͤfinn ward auf einmal ernſt, ſehr ernſt. Sie ſprach kein Wort. Nach einer Pauſe trat ihr eine Thraͤne in das ſanfte, blaue Auge. Ich erſchrak. Wehe thun hatte ich ihr 234 nicht gewollt. Rabenſtein hieß ſie nicht, ſchle das merkte ich; denn wie haͤtte ihr Name kann ſie ſo verſtimmen koͤnnen; wahrſcheinlich war den ein Graf Rabenſtein ihr ungluͤcklicher Ge⸗ 6 ganz liebter. Ich mußte meinen dummen Streich ſo g wieder gut machen, und nebenbei dem Ge⸗ 3 auch heimniß ihres Herzens naͤher kommen. 3 Her Ich knuͤpfte die Unterhaltung wieder Rab an. Die Comteſſe, vorher ſo ausgelaſſen luſtig, blieb einſilbig und verſtimmt. Ich ſie brachte das Geſpraͤch auf die Zeit der Ju⸗ eine gend, kam ſo auf meine Univerſttaͤtsjahre,„* und erzaͤhlte uͤber eine Viertelſtunde, ein Bla Breites von meinem Grafen Rabenſtein aus dem aͤlteſten Hauſe des Rheingau's. Wor „Was wollen Sie mit Ihrem Grafen Rabenſtein?“ fragte die Graͤfin halb lachend, Ihr halb ſinnend. ne, „Offen heraus, Comteſſe, im Innern Frei des Entenbraten⸗Umſchlags las ich das Wort, zaul „Rabenſtein.“ Anfaͤnglich hielt ich Sie da⸗ 1 brar her fuͤr eine Graͤfin Rabenſtein; das Ge⸗ ſtan ſchlecht iſt alt, ſehr alt. kann Sie nicht beleidigt haben; als ich aber Meine Vermuthung den Namen nannte, und Sie auf einmal ſo ganz veraͤndert waren, Ihre frohe Laune Sie ſo ganz verließ, da vermuthete ich, was ich auch noch glaube, daß ein Rabenſtein Ihrem Herzen— Kennen Sie vielleicht meinen Rabenſtein aus dem Rheingau?“ „Nein, den Ihrigen nicht. Aber“— ſie brach ſchnell ab, verbiß mit dem Aber eine ſehr wehe Empfindung, und fragte— „Haben Sie weiter nichts geleſen in dem Blatte?“ „In der Enten⸗Enveloppe? kein Wort weiter, keine Sylbe.“ Sie laͤchelte wieder etwas freundlicher. Ihr Frohſinn, ihre vorige muthwillige Lau⸗ ne, ihr ſanfter Scherz, ihre wiedergekehrte Freundlichkeit— alles mahlte ſich in dem zauberiſchen Geſichtchen ſo ſprechend. Sie brauchte kein Wort zu reden und man ver⸗ ſtand ſie. Das, das war das Maͤdchen, von dem meine Tante gewahrſagt hatte, ich wuͤrde es 3 finden, ohne es zu ſuchen. Die Nichte war es nicht, denn dieſe hatte ich ja eigentlich doch geſucht. Die Blondine war es auch nicht. Die war, ſammt ihrem Veſuv im lie⸗ bekranken Herzen, und ſammt ihrer neuen Geſetzgebungsſucht, dem ſchuldloſen Leben ja eigentlich ſchon verfallen! Die Nichte war recht ſehr huͤbſch; die Blondine auch; aber die Graͤfinn war ſchoͤn. Fuͤr die Nichte haͤtte ich einen Finger, fuͤr die Blondine Haab und Gut, fuͤr die Graͤfinn mein Leben wagen koͤnnen. Ach, warum war das braunlockige Maͤdchen— Graͤfinn! Wir hatten eine lange Weile ſtill ne⸗ ben einander geſeſſen; Jedes in ſich gekehrt, in unſerer eigenen Tiefe verloren. „Was fehlt Ihnen? fragte ſie endlich mit gutmuͤthiger Theilnahme.„Sie waren vorhin ſo— ſo ausgelaſſen, daß ich Sie faſt fuͤr indiskret zu halten anſing, und jetzt — 237 — ein ganz anderer Menſch ſind ſie gewor⸗ den.“ Mein Herz wallte uͤber. Ich ergriff ihre kleine Hand, in jedes Gruͤbchen druͤckte ich einen gluͤhenden Kuß.„Ach, waͤr' ich doch ein ganz anderer Menſch!“ rief ich aus, und begegnete dem ſeelenvollen Blicke ihres ſchwaͤrmeriſchen, großen Auges. „Ein ganz anderer Menſch? wie ver⸗ ſtehen Sie das?“ „Ach, die— ich legte meine Stirn auf ihre Hand, um das Urtheil uͤber meine Kuͤhn⸗ heit nicht in ihren Augen zu leſen,— ach, die verdammten Vorurtheile des Standes!“ „Wohl haben Sie ein wahres Wort geſprochen,“ ſagte Sie ſehr ernſt und be⸗ deutend,„die verdammten Vorurtheile des Standes!“ Ich blickte jetzt kuͤhner auf. Ich ſah ihr in das Auge. Es ſchwamm in Thraͤnen. Liebte die Raͤthſelhafte einen andern Buͤrgerlichen, oder gehoͤrte dieſe Thraͤne mir? „Warum legen Geſetze,“ fuhr ſie trau⸗ rig und ſehr ernſt fort,„warum legen Ge⸗ ſetze, warum legen alte Vorurtheile, die wahrlich nicht mehr dem Zeitgeiſte entſprechen, dem Herzen Feſſeln an, die keine Macht der Welt zerſprengen kann, Feſſeln die den Ge⸗ fuͤhlvollen bis zum Tode belaſten!“ „Keine Macht der Welt?“— fiel ich ihr in das Wort:„der Starke zerbricht alle Feſſeln, und— edles Maͤdchen, in Ihrer Seele liegen Kraͤfte, deren Staͤrke Sie viel⸗ leicht ſelbſt nicht kennen. Reines, himmli⸗ ſches Maͤdchen,“— ich ſank zwiſchen den Poſtſtuͤcken zu ihren Fuͤßen, ich umfaßte ihre Kniee, ich barg mein Geſicht in ihrem ſchoͤ⸗ nen Schooße— 1 „Stehen Sie auf,“ ſagte ſie bittend und uͤberraſcht,„ich bin hier in der Naͤhe meiner Heimath, wie leicht koͤnnte uns ein Bekannter begegnen, und was wuͤrde die Welt von mir und Ihnen ſagen, wenn man Sie zu meinen Fuͤßen erblickte!“ — ich, von der Furcht, mich dann bald von ihr trennen zu muͤſſen, hoch aufgeſchreckt. „Dort oben iſt unſere Wohnung,“ ſag⸗ te ſie, und wieß auf ein Gebaͤude, das mei⸗ nem etwas kurzen Geſichte, wie ein großes neues Schloß vorkam. Die ſinkende Sonne vergoldete die Fenſter der graͤflichen Villa. „Alſo nur noch einige Augenblicke an meiner Seite? Ach laſſen Sie die Welt, Welt ſeyn. Liebe kennt keine Convenienz, keine Lakirbaͤume des Standes. Liebe iſt in der Bruſt des Galeeren⸗Selaven, wie in der Bruſt der Weltenbeherrſcher, ſich immer gleich.“ Jetzt war nichts mehr zu verſaͤumen. Ich zog ihre Hand an meine Lippen, ich ſchlang meinen Arm um ihren Nacken, ich lehnte das leiſe ſich ſtraͤubende Maͤdchen an meine Bruſt, ich bedeckte Haar, Stirne, Au⸗ gen, Wange und Mund mit tauſend Kuͤſſen, ich hing minutenlang an den wuͤrzigen Lip⸗ „In der Naͤhe Ihrer Heimath?“ fragte ——— ———— nach Hauſe. 240 pen der zauberiſchen Graͤfinn; da rief eine Baßſtimme einen droͤhnenden:„Guten Abend“ in den Wagen. Ein paar furchtba⸗ re Hunde ſchlugen an, daß es druͤben am graͤflichen Schloſſe widerhallte. Die Graͤfin ſprang halb todt aus mei⸗ nen Armen, ſie faßte ſich ſchnell und ſagte freundlich:„guten Abend, Matthes.“ Ich traute meinen Augen kaum. Es war ein baumlanger Kerl mit einem zweiraͤ⸗ drigen Karren, den Winde und Strick ſchau⸗ derhaft, aber deutlich bezeichneten. Die Graͤfinn nahm ihre Schachtel, bot mir mit einem Blicke, in dem die ganze Aufloͤſung ihres Syſtems uͤber Standesvor⸗ urtheile lag, gluͤckliche Reiſe, ſtieg ab, ſetzte ſich auf das ſchreckliche Kabriolet, und fuhr . 6 241 Vor einigen Wochen machte ich jene mir unvergeßliche Reiſe wieder. Am Todtenhuͤgel der Nichte bluͤhte Veilchen und Tauſendſchoͤn. Sie war von dem Wuͤſtling ihrer Liebe betrogen worden; ein ſtarker Blutſturz hatte ihr Leben geendet. Die Maͤdchen des Orts. hatten ihr Grab mit Blumen umpflanzt. Das naͤchſte Staͤdtchen belebte ein graͤßliches Feſt. Eine Kindesmoͤrderin ward abgethan. Als Fremder hatte ich die Ehre, auf dem Rabenſteine, im Blutkreiſe, einen Platz angewieſen zu bekommen. Die arme Suͤnderin wurde gebracht.— Es war die Blondine. Nach der Hinrichtung kam meine Bruͤ⸗ nette auf mich zu; an ihrer Seite der furcht⸗ bare Mann, mit dem Nachrichterſchwerte unter dem rothen Mantel. Sie ſtellte mir in ihm den Waſenmeiſter Graf, als ihren jetzigen Gatten vor. Mir ward bei dieſer grohen Prifentate 16 on, eiskalt im ganzen Geſichte. Ich machte die Augen unwillkuͤhrlich zu, denn es war mir, als ob mir ſchon die Schlafmuͤtze uͤber die Naſe gezogen wuͤrde. Sonderbar! Die Nichte hatte der liebe Gott zu ſich genommen; die Braunlockige holte der Henker; die Blonde der Teufel; und ich— ich habe noch immer keine Frau. Der Giftmord. Unweit einer großen Stadt hatte ein vor⸗ maliger Armee⸗Lieferant, Herr Meerbach. ſich ein Bauerngut im Doͤrſchen Wieſenfließ gekauft, um dort ſein aͤußerſt betraͤchtliches Vermoͤgen zu genießen. Er hatte weder Frau noch Kind; aber eine Menge huͤbſcher Kin⸗ der im Hauſe. Die gekaufte Bauernhuͤtte hatte er weggeriſſen und an deren Stelle eis nen laͤndlichen Pallaſt hingebaut, der an Ge⸗ 2 ſchmack und Reichthum ſeines Gleichen im ganzen Lande ſuchte. Faſt woͤchentlich kam ein Schwarm ſeiner Freunde, aus der Stadt zu ihm heraus, die mit ihm jagten, zechten, 16 und den jungen Bauerweibern und Dirnen, in den kurzen, glockenrunden Faltenroͤcken, den Hof machten. Das alles, beſonders der letztere Punkt, verdroß die Bauern und Knech⸗ te. Das ganze Dorf konnte den Herrn Meerbach nicht leiden. Kein Menſch wußte recht, wo er ſeine Schaͤtze herhabe. Im Kriege, hieß es allgemein, ſollte er ſie ſich verdient haben. Wie man im Kriege ſein Hab und Gut verlieren und bettelarm wer⸗ den koͤnne, daruͤber hatten die armen Wie⸗ ſenfließer wohl ſattſame Begriffe; wie es aber moͤglich ſey, im Kriege reich zu werden, das ging uͤber ihren Horizont. Zufaͤllig hatte man die Idee in Umlauf gebracht, Herr Meerbach habe ſeine Thaler nicht auf rechtem Wege erworben. Die Klatſchgevattern des Dorfs ſetzten dazu und wvon, bis man ſich endlich einander allge⸗ mein ins Ohr raunte, Herr Meerbach habe einen bei⸗- ihm einquartirten Offizier, wie ſie es üinten abgemurkſt, habe bei dieſem eine 1 245 Menge Geldſaͤcke, die dieſer als Beute mit ſich gefuͤhrt, vorgefunden, und ſei aus ſeinem fruͤheren Wohnorte hierher gefluͤchtet. So bald man nur erſt mit dieſem Geruͤchte ins Reine war, erklaͤrte ſich das uͤbrige von ſelbſt. Herr Meerbach kam in keine Kirche, weil er nicht das Herz hatte, vor Gottes Altar zu erſcheinen. Er trug immer den Hut tief in die Augen gedruͤckt, weil er den Blick der Menſchen ſcheute. Er lebte in ewigem Saus und Braus, weil er, wie ſie ſich ausdruͤckten, ſeine Gewiſſensbiſſe damit uͤbertoͤbern wollte. Kurz alle dieſe Symp⸗ tome galten der chriſtlichen Gemeine fuͤr baa⸗ re Muͤnze; ſie deuteten ſie alle auf ein of⸗ fenbar ſchweres Verbrechen, das auf der Seele des Herrn Meerbach laſte. Dazu kam die Erinnerung an das Sprichwort: Gleich und Gleich geſellt ſich gern, welches pald auf die Stadtgeſellſchaft paßte, die, wenn ſie ein⸗ mal auf das Land kam, ihr tolles Wefen 246 ohne Zaum und Zuͤgel trieb; bald auf die Maͤdchen des Hauſes, die in den Augen der Bauern nicht recht kapitelfeſt zu ſeyn ſchie⸗ nen. Mit einem Worte, die Bauern trauten dem Herrn Meerbach nicht, und beeiferten ſich um die Wette, ihm allen erdenklichen Tort und Dampf anzuthun. Die Alten trieben des Nachts ihr Vieh auf ſeine Wie⸗ ſen und ließen von dieſem ſeine neu aufge⸗ worfenen Feldgraͤben recht abſichtlich zertre⸗ ten, und die Jugend begnuͤgte ſich nicht mit der heimlichen Pluͤnderung ſeiner Obſtgaͤrten, ſondern zerknickte noch obenein, mit haͤmi⸗ ſcher Freude, die Zweige, zerbrach die Kro⸗ nen ſeiner, an ſich einzigen Obſtbaum⸗Pflan⸗ zungen und zog oft in einer Nacht mehre hundert Baͤumchen aus ſeinen Schulen. Herr Meerbach aͤrgerte ſich wohl, ob ſolchen argen Schabernacks die Galle in den Magen: allein in der Mitte ſeiner blonden, braunen und ſchwarzen Hausgenoſſinnen, und an der Tafelrunde ſeiner froͤhlichen Stadt⸗ — —— ,— den, — 247 gaͤſte, vergaß er dann bald wieder die Un⸗ thaten ſeiner heilloſen Dorf⸗Nachbarn, und machte ihnen nicht einmal die Freude, ſich es merken zu laſſen, oder ihnen in der Amtsſtube deßhalb den Fehdehandſchuh hin⸗ zuwerfen. Da ſeht ihr wieder das boͤſe Gewiſſen, riefen die tuͤckiſchen Bauern. Wenn er nur rein unterm Bruſtlatze waͤre, wuͤrde er wohl mit uns anbinden; aber ſo fuͤrchtet er die Amtsſtube wie die Hoͤlle, weil er denkt, man werde ihm dort, wegen ſeines fruͤhern Wan⸗ dels, ein bischen nebenbei mit auf den Zahn fuͤhlen und ihm die Kuͤnſte abfragen, wie er zu ſolchem Reichthume gekommen, um ſein ſuͤndiges Leben ſo nach Gefallen zu fuͤhren. An allen Geruͤchten iſt immer etwas Wahres. In wie fern dieſer faſt allgemeine Grundſatz ſich im vorliegenden Falle bewaͤhr⸗ te, beweißt der Verfolg dieſer, uͤbrigens nicht erdichteten Geſchichte. Eines Tages fuhr der Bauer Martin 248 mit einem Fuͤderchen Holz, was er vorige 7 Nacht dem Herrn Meerbach aus deſſen Park geſtohlen hatte, nach der Stadt zu Markte. „Seid Ihr nicht aus Wieſenfließ?“ fragte ihn dort ein junger Mann, und gab* ihm, auf die bejahende Antwort, einen Brief an Herrn Meerbach, mit der Bitte, ihn ja gleich, ſo bald er zu Hauſe komme, an den Herrn Empfaͤnger abzugeben, weil etwas ſehr Dringendes darin ſtehe. Martin verſprach es und ſteckte den Brief in die Taſche. Auf dem Heimwege nahm er des Schul⸗ meiſters Sohn, einen Knaben von 11 bis 12 Jahren mit nach Hauſe. Martin bog an 3 dem Briefe links und rechts. Ihn aufzu⸗ machen, getraute er ſich doch nicht recht: aber er haͤtte vor ſein Leben gern gewußt, was darin ſtand. Der junge Mann, der ihm den Brief gegeben hatte, war ein Be⸗. kannter von Herrn Meerbach; er hatte ihn oft ſchon draußen in ſeinem Dorfe geſehen, und daher mochte dieſer ihn auch fuͤr einen — * Wieſenſließer erkannt haben. Er hatte den Brief ſo dringend gemacht; darin mußte et⸗ was Wichtiges ſtehen. Er bog ihn etwas aus einander und erblickte wohl Schriftzuͤge darin: alelt er konnte Geſchriebenes nicht leſen. Zum Gluͤck ſaß das Sch ulmeiſterkind, ein erhrd Genie, auf ſeinem Holzwagen; das ließ Martin in die auseinander gebogene Briefſpalte gucken, und das las:— Ma⸗ jor— Gift— Leiche auf den Wagen— luſtig ſeyn— Mehr konnte das Auge des kleinen In⸗ quiſitors nicht erſpaͤhen: aber mehr brauchte Martin auch nicht; denn das Billet ſagte ja deutlich, daß jemand vergiftet werden ſollte, daß man die Leiche zu ihm heraus bringen und dabei recht luſtig ſeyn wollte. So lange war Martin zu Fuße neben dem Wagen gegangen: jetzt ſetzte er ſich auf und fuhr in geſtrecktem Trabe nach Hauſe; denn der Brief brannte ihn in der Taſche. Er eilte zum Schulzen, erzaͤhlte, was das Kind geleſen hatte, und legte den Brief feierlich nieder. Der Schulze berief in aller Eile und ohne das geringſte Aufſehen, die Gemeine, trug den Fall vor, und erhielt ein⸗ ſtimmig den Auftrag, den Brief zu oͤffnen, um endlich einmal Licht uͤber den raͤthſelhaf⸗ ten Herrn Meerbach zu bekommen. Wirklich hatte ſich diesmal die dumme Kommun nicht geirrt. Das Billet lautete folgendermaßen: 3 Liebes Bruͤderchen! Zum Kaffee kommen wir nicht. Der Major, ein Opfer der Kabale, muß erſt fal⸗ len. Der lebendige Satan, der kalte Wurm iſt mit von der Parthie. Um halb acht Uhr wirckt das Gift; um neun Uhr ſchaf⸗ fen wir die Leiche auf den Wagen. Du wirſt den Todten ſchon unterbringen. Ich hoffe, wir werden recht luſtig ſeyn. Sorge nur fuͤr Champagner, daß der alte Miller ſein gemordetes Kind vergißt. Wenn Kalb den Schreck mit den, ihm auf die Bruſt ge⸗ . 251 ſetzten Piſtolen verwinden kann, ſo kommt er mit. Morgen fruͤh iſt bei Dir Schei⸗ benſchießen. Wir gruͤßen Dich! Dein treuer Freund. Ueber die Kabale, den kalten Wurm und den Champagner konnten ſie anſangs nicht einig werden. Einige laſen das Wort Kabale fuͤr Kanaille; den Champagner fuͤr Campagne, andere fuͤr Kompagnie; andere fuͤrchteten den Lindwurm des Ritters St. Georg; endlich erklaͤrten ſie es fuͤr Woͤrter aus der Spitzbuben⸗Sprache, die unter Leuten des Schlages, ja gaͤng und gaͤbe ſeyn muͤſſe. Ubrigens lag es doch nun klar am Tage, weß Geiſtes Kinder Herr Meerbach dnd ſeine Spießgeſellen waren, und jetzt wurden denn die lebhafteſten Berathungen gepflogen, was nunmehr in der Sache zu thun ſey. Nach vielen Erwaͤgen traf denn endlich der Schulze ſolgende Verfuͤgung. Martin ſtellte ſich mit zwoͤlf handfeſten Burſchen, bewaffnet mit Stangen, Miſtga⸗ beln und Senſen, Abends gegen neun Uhr in den Elſenbuſch, den die Giftmörder auf dem Wege aus der Stadt nach Wieſenfließ paſſiren mußten. Alle ſollten ſich mit Stri⸗ cken verſehen, um die Bande zu binden und ſie dann vorerſt in das Dorf zu transporti⸗ ren. Zu gleicher Zeit ſollten zwanzig andere Mann, unter Anfu⸗ uͤhrung des Dorfſchmids, das Haus des Herrn Meerbachs beſetzen, letztern ſelbſt gefangen nehmen, und ihn, gleichfalls gebunden, in das Haus des Schulzen bringen. Ein Theil dieſer Mann⸗ ſchaft aber ſollte als Obſervations⸗Chor im Meerbachiſchen Hauſe bleiben, und ſich der Mamſells verſichert halten, deren gruͤndliche Verhoͤrung und Confrontirung mit der Bande, vielleicht von der Gerichtsbehoͤrde fuͤr noͤthig erachtet werden duͤrfte. Er ſelbſt, der Schul⸗ ze, ließ ſich ſeinen Ackergaul, den im Dorſe unter dem Namen des ſchwarzen Huſaren be⸗ ₰ 2 — C—B— „ 2442 — — ———— ——“—— ⏑‿ᷣ—— 25 ◻ kannten Paradeur ſatteln, und eilte in die Stadt, um dem Gerichtshalter Meldung zu thun, und ſich naͤhere Verhaltungsbefehle einzuholen. Den Brief nahm er mit. Er ritt den Fußſteig, um deſto mehr Zeit zu gewinnen; daher konnte er der Mordbande mit ihrer Leiche nicht begegnen, welche die große Straße gefahren kam. Ungluͤcklicherweiſe ſaß, nicht weit von der Stadt, ein liebendes Paͤrchen im Accazien⸗ buſch, an dem der Weg des Schulzen vorbei lief. Die Dame ſpielte mit ihrem ausge⸗ ſpannten Sonnenſchirm und drehte ihn mit ſtaͤdtiſchem Muthwillen, dem vorbei reitenden Schulzen entgegen. Der ſchwarze Huſar, dem in ſeiner Lebenspraxis wenig ſolcher viel⸗ farbigen Sonnenſtrahl⸗Ableiter vorgekommen ſeyn mochten, prellte unvermuthet von der Seite, baͤumte kerzengrade in die Hoͤhe, ſprang gleich darauf auf die Vorderfuͤße, und feuerte mit dergeſtaltiger Schnellkraft hinten aus, daß der Wieſenfließer Großin⸗ 254 quiſttor drei Ellen weit in die Accazien plumpte. Das Paͤrchen, ſeiner Schuld am Vorfalle wohl bewußt, fluͤchtete eilend, um ſich dem Hagel von Fluch⸗ und Schimpf⸗ woͤrtern, mit denen der Entſattelte in unge⸗ meſſener Rede, ſeiner ergrimmten Bruſt Luft machte, in Zeiten zu entziehen, und der Acker⸗Paradeur flog“ in geſtrecktem Laufe nach der geliebten Heimath zuruͤck. Der Statthalter vom Wieſenfließ war auf den Bauch gefallen. Er konnte kaum athmen, ſo druͤckte es ihn auf den, kurz vor⸗ her mit Speckkloͤſen ausgepflaſterten Magen. Er verwuͤnſchte ſein Amt, den Herrn Nach⸗ bar Meerbach, den kalten Wurm und die Majorsleiche, und wand ſich mit tauſend⸗ faͤltiger Muͤhe aus den Accaziendornen, die ihm durch die gelblederne Huͤlle ſeiner untern Potentaten⸗Haͤlfte gedrungen waren. Ein Fetzen ſeines kalemanknen Bruſtlatzes blieb, als ewiges Wahrzeichen, unter den bluͤhenden Trauben des erotiſchen Buſchwerks haͤngen, 8 ſem Sch Der Gef der ren, dirt Obd Ph rurt Fed eine und ſein filziges Dreyeck war nirgends zu ſinden. Geſchroͤpft, zerriſſen und baarkoͤpfig, den ſchwarzen Huſaren an der friedlichen Krippe vermuthend, ging er nun, bitterboͤſe zur Saadt, beſchwichtigte die aufruͤhreriſchen Kloͤſe, im erſten Schnapsladen, durch ein Churfuͤrſtlich Magenwaſſer, und berichtete das crimen attentatum, dem hoͤchlich er⸗ ſtaunten Gerichtshalter in ziemlicher Breite⸗ Den Brief, das wichtige Aktenſtuͤck in die⸗ ſem hochnothpeinlichen Handel, hatte der Schulze, trotz des Paraſolſturzes gerettet. Der Gerichtshalter machte in unglaublicher Geſchwindigkeit ſein Ueberſchlaͤgelchen wegen der Prozeßkoſten, Sitz⸗ und Atzungsgebuͤh⸗ ren, die bei dem erwuͤnſchten Vorfalle liqui⸗ dirt werden mußten; ſandte gleich, wegen Obduction des Major⸗Kadavers, zum Kreis⸗ Phyſikus, und fuhr mit dieſem, dem Chi⸗ rurgus und dem Schulzen, den noͤthigen Federn, einem halben Rieß Papier und einem Quart Tinte, behufs des aufzuneh⸗ 256 menden Visum repertum und erſten ſum⸗ mariſchen Protokolls, zum Thore hinaus. Der Schulze ſaß, nach den Regeln der Hoͤflichkeit, ruͤckwaͤrts. So lange er lebte, war ihm das noch nicht widerfahren. Es ward ihm ſchwarz und weiß vor den Augen; die ganze Gegend um ihn herum, tanzte und wirbelte in einem Kreiſe; er verbiß mit Muͤhe ſein Uebel und Weh. Ein nie ge⸗ kannter Schwindel trieb ihm den kalten Angſtſchweiß auf die Stirne; er dachte, es waͤre ſein Letztes. Die Natur war ſtaͤrker, als ſein gewaltiger Reſpect vor dem, ihm gegenuͤber ſitzenden Halsgerichte. Die Kloͤs⸗ chen, ſeit dem Wurfe vom ſchwarzen Huſa⸗ ren, einmal in ſchiefe Richtung gekommen, gingen den Krebsgang. Der uͤberraſchte Schulze kredenzte ſie, wider ſeinen Willen, in den Schoos des Herr Gerichtshalters. Doch wir laſſen ſie beide das mit einander abmachen und wenden uns zu dem Piket am Elſenbuſch. ſum⸗ aus. der ebte, Es gen; und mit ge⸗ lten es ker, ihm loͤs⸗ uſa⸗ nen, chte len, ers. der iket —— Als des Schulzens Rappe, vom Luſt⸗ wandler geſcheucht, mit dem Kopfe auf der Bruſt, ohne Reiter, wie ein wildes Un⸗ gethuͤm durch das dunkle Dickicht herge⸗ ſprengt kam, und an der Lungenſucht laͤngſt ſchon leidend, roͤchelte, daß man bei der Abendſtille es weithin hoͤren konnte: da dachte die Elſenbuſch⸗Beſatzung, es waͤre der leben⸗ dige Teufel. Sie nahm einſtimmig Reißaus. Mit unſaͤglicher Muͤhe brachte ſie Martin, der Tapfere, zum Stehen. Er redete ſie an wie ein Feldherr, ſchlingelte ſie herunter, daß ſich einer vor dem andern ſchaͤmte, und fuͤhrte ſie⸗ endlich in ihr angewieſenes Elſen⸗ verſteck zuruͤck. In dieſem Augenblicke kam die Giftmoͤrder⸗Bande: allein die Elſen⸗ Helden waren einmal durch den ſchwarzen „Huſaren entmuthiget. Martin kommandirte zum Angriff. Viere ſollten den Pferden in die Zuͤgel fallen; zwei den Kutſcher harzeli⸗ ren und die uͤbrigen ſechs den Wagen in Beſchlag nehmen: aber keiner griff an; keiner 47 gab einen Laut von ſich; der Wagen fuhr vorbei und nun erſt brachte Marſchall Mar⸗ tin ſei Dtwwiſion aus dem Buſche. Jetzt kam der Muth wieder; alle liefen hinter drein; alle ſchrieen wie Beſeſſene. Die Pferde vor dem Wagen wurden ſcheu; die Fahrenden glaubten von Staßenraͤubern ange⸗ fallen zu werden; einer griff nach ſeiner Buͤchſe und ſchoß. Alle zwoͤlf hoͤrten die Kugel uͤber ſich wegpfeifen, ſie ſtreifte Martin dem dreizehnten, welcher der letzte war, den Hut. Dies ſchneidende Pfeifen war die Loſung zur Flucht. Alle machten Rechts um kehrt euch! ohne Kommando, und liefen, Martin an der Spitze, in die Elſen zuruͤck. Jetzt rollte wieder ein Wagen in der Ferne. Der Schulze hatte, wie alle Oberbe⸗ fehlshaber zu thun pflegen, den Operations⸗ plan fuͤr ſich behalten: ſie wußten alſo nicht, daß Er die Juſtiz zu Wagen mitbringen werde. Natuͤrlich vermutheten ſie, der zweite gehoͤre zu dem erſten, und Martin nahm, fuhr Nar⸗ Jetzt inter 259 in aller Geſchwindigkeit, die Kraft ſeiner Beredtſamkeit zuſammen, um ſeinem Kom⸗ mando begreiflich zu machen, daß, wenn ſie nur recht raſch alle, mit einem Male uͤber Pferde, Kutſcher und Wagen herfielen und ohne Weiteres darauf losſchluͤgen, die Fah⸗ renden gar nicht zur Beſinnung kommen koͤnnten, und daher von Gegenwehr durch⸗ aus nichts zu fuͤrchten waͤre. Die Sache ließ ſich hoͤren, das Kommando verſprach ſeine Schuldigkeit zu thun und hielt Wort. Mit einem höͤlliſchen Geſchrei ſtuͤrzten die Bauerbengel aus dem Buſche hervor und knittelten, unter dem Schutze der Dunkelheit, ihren Herrn Gerichtshalter, ihren wackern Schulzen, den Kreis⸗Phyſikus und den Chi⸗ rurgus, in wenig Minuten dermalen durch, daß dieſe ihren Geiſt aufzugeben gedachten. Erſt als ſie das Zetermordio der windelweich geſchlagenen Juſtiz und die derben Fluͤche, in denen ſich der Schulze rein ausſprach, vernahmen, und beide an ihren Stimmen . 17* erkannten, ſchlich ſich einer nach dem andern in den Buſch zuruͤck, und der Kutſcher, dem bei der Affaire gar nicht wohl zu Muthe geweſen war, und bei Gelegenheit auch einige Nebenreflexionen uͤber die Naſe bekommen hatte, fuhr, ſo bald er ſeine Pferde frei ſah, in vollem Trabe dem Dorfe zu, ſo daß die Frevler unerkannt blieben. Der Schulze wußte wohl, woͤran er ge⸗ weſen war; aber da der Herr Gerichtshal⸗ ter die beſten bekommen hatte, war er kein Narr, zu ſagen, daß er ſelbſt das Komman⸗ do in den Buſch geſteckt habe, ſondern ruͤck⸗ te mit der Vermuthung heraus, daß dieſe Straßenraͤuber ganz beſtimmt zur Bande des Herrn Meerbach gehoͤrten. Martin, ſo beſtuͤrzt er anfangs uͤber den verdammten Mißgriff war, mußte am Ende mit ſeinem Piket doch lachen, daß das Ding ſo gekommen war; denn der Ge⸗ richtshalter und der Schulze hatten es, nach ihrer Meinung, ſchon lange an ihnen ver⸗ * die 261 dient. Nur der Gregorius und das Kreis⸗ Vieh, wie ſie den Chirurgus und den Kreis⸗ Phyſikus nannten, bedauerten ſie aufrichtig; denn dieſe waren wirklich dazu gekommen, wie jener zur Ohrfeige. Doch da ſie einmal ihre Klappſe weghatten, ſo war nun bei der Sache weiter nichts zu thun, als den ganzen Vorfall zu verſchweigen: das verſprachen ſie denn alle hoch und theuer, und zogen nun in verſchiedenen einzelnen Truppen nach dem Dorfe zu, um zu ſehen, was der Schmied mit Herrn Meerbach, den unter⸗ deſſen angekommenen Fremden und dem todten Major angefangen habe. Dieſer hatte ſeine Sache beſſer einge⸗ faͤdelt. Herr Meerbach war verhaftet, die Bande mit Stricken gebunden und die Mam⸗ ſells geknebelt, aber die Leiche nirgends zu finden. So bald nur bei dem Gerichtshalter der erſte Schreck ſich gelegt und durch un⸗ ausgeſetzte Branntwein⸗Umſchlaͤge, der kleine 262 Blutſtriem ſich geſetzt hatte, der ihm von einem Ohrlaͤppchen zum andern quer uͤber das Geſicht geſchlagen war, ſchritt er mit heiligem Amtseifer, bei offenen Thuͤren, zum Verhoͤr. Das ganze Dorf hatte ſich heran gedraͤngt. Herr Meerbach ward zuerſt vorgefuͤhrt. „ Er wollte ſich uͤber die ihm widerfahrne unwuͤrdige Behandlung beſchweren; allein der Gerichtshalter gebot ihm Stillſchweigen, ſolle nur antworten, was er gefragt werde. Jetzt wurden ihm denn uͤber den Urſprung ſeines Vermoͤgens, uͤber die Geſchichte mit dem angeblich abgemurkſten Offizier, uͤber ſeinen Umgang mit den Frauenzimmern ſei⸗ nes Hauſes, uͤber ſeine Verbindungen mit der Bande und uͤber die ſchlechten Sympto⸗ me ſeines Gewiſſens, die noͤthigen Fragpunk⸗ te, vorgelegt. Er antwortete ganz kurz: „ Mein Vermoͤgen habe ich durch gluͤck⸗ liche Einkaͤufe bei Armee⸗Lieferungen ver⸗ und meinte, das werde ſich ſchon finden: er » 263 dient; der erwaͤhnte Offizier iſt in meinem Hauſe ſo blutarm geſtorben, daß ich die Be⸗ graͤbnißkoſten aus meinen eigenen Mitteln habe tragen muͤſſen; die Maͤdchen in mei⸗ nem Hauſe ſind vier arme, aber ſittlliche Toͤchter meiner Schweſter aus Regensburg, die ich zu mir genommen habe, weil ihre Mutter geſtorben iſt; eine Bande, mit der ich in Verbindung ſtehen ſoll, kenne ich nicht; die Kirche laſſe ich deshalb unbeſucht, weil mir der Prediger unſers Dorfes nicht nach meinem Sinne ſpricht; und den Hut druͤcke ich in die Augen, wenn ich durch das Dorf gehe, um die boͤſen Menſchen nicht zu ſehen, die mir, ungeachtet ich ihnen nie etwas in den Weg gelegt habe, alles mögliche Ueble aus Abſicht zufuͤgen. Aus Lie⸗ be zum Frieden habe ich bis jetzt geſchwiegen: allein, da ich einmal dieſes Punkts erwaͤhnet habe, ſo bitte ich um gerichtliche Genugthuung. Der Gerichtshalter freute ſich, ob des neu⸗ en Prozeſſes: Meerbach contra die Gemeine zu Wieſenfließ; entgegnete, daß daruͤbere ine beſondere Klage ſubſtantiiret werden muͤſſe, und ließ nun den Herrn Meerbach abtreten, um jetzt die Bande zu vernehmen. Die Staͤdter wurden vorgefuͤhrte und ihrer haͤnfenen Tricots an Haͤnden und Fuͤ⸗ hHen entledigt. Der Juſtitiarius erſtaunte, als er in dieſer Geſellſchaft den Kammerrath F..., den Aſſeſſor L..., den Ober⸗Bauinſpector H... und vier Schauſpieler, lauter ihm be⸗ kannte, rechtliche Leute, erblickte. Alle hatten ſich bei dem unvermutheten Ueberfalle des Dorf⸗Schmieds und ſeiner Legionen gewehrt, wie die Baͤren; alle hat⸗ ten ſich mit Ruhm und Wunden bedeckt, und ungeachtet letztere noch friſch bluteten, hatte keiner die Laune verloren; die Sache kam ihnen ſo laͤcherlich vor, daß ſie ſelbſt ihrem alten Bekannten, dem Herrn Juſtitiarius, in das Geſicht lachten. Allein dieſer faltete ſeinen Schattenriß NV —— N 265 in die Amtsmiene, legte den bewußten rief vor, und fragte: Wer von den Inhaftirten dieſen ge⸗ ſchrieben habe?— Wer der Major, das Opfer der Kabale ſey?— Welcher von ihnen der kalte Wurm ge⸗ nannt werde?— Wer vergiftet worden?— Aus welcher Apotheke und welches Gift man genommen?— Wo die Leiche, die hier untergebracht werden ſollen, ſich dermalen befinde?— Ob der alte Miller, der ſein gemorde⸗ tes Kind vergeſſen ſolle, unter ihnen ſey?— Von wem, wann und wo dieſes Kind gemordet worden?— Und was es in Anſehung eines Kalbes und den ihm auf die Bruſt geſetzten Diſſolen fuͤr eine naͤhere Bewandniß habe. Dieſer Brief ſetzte er hinzu, fe di— Veranlaſſung ihrer ſofortigen Arretirung weſen, und die Inquiſiten ſollten ſich alles weitlaͤufigen Laͤugnens enthalten, da dies 1 Documentum offenbar wider ſie zeuge, auch 4 ihre bei ſich habenden Gewehre und ihre 3 widerſpenſtige Gegenwehr, bei der im Na⸗ 5 men des Gerichts unternommenen Verhaf⸗ tung ihrer Perſonen, ſattſam ihre Scheu vor 4 der jetzt, zum Beßten des Gemeinwohls, eroͤff⸗ 5 neten Ergruͤndung ihrer, bisher Lerheinlich d ten Hauptverbrechen, darthaͤten. 3 v Saͤmmtliche Inkulpaten platzten bei der 2 halsgerichtlichen feierlichen Aabe in ein lau⸗ ſ tes Gelaͤchter aus. Der Kammerrath nahm . das Wort: „Die Gewehre, Herr Gerichtshalter, hat⸗ k ten wir mitgenommen, weil wir uns, wie 5 der vorliegende Brief deutlich beſagt, bei un⸗ 1 2 ſerm Freunde Meerbach auf Morgen zu ei⸗ ſ nem Scheibenſchießen gebeten hatten. Ge⸗ 1 wehrt haben wir uns gegen den Angriff des 4 Dorf⸗Vulkans und ſeiner Genoſſen, weil 5 wir als ſchuldloſe Maͤnner einen ſolchen Uee⸗ ſi 267 berfall nicht im Namen einer weiſen Ge⸗ richtsbehoͤrde vermuthen konnten, ſondern glaubten, mit betrunkenen Bauern zu thun zu haben. Uebrigens wurde heute, wie ich Ihnen durch einen zufaͤllig mitgebrachten Komoͤdienzettel belegen kann, Kabale und Lie⸗ be gegeben. Dieſer Herr hier machte den Major, dieſer den Secretair Wurm, der da den Muſikus Miller, und dieſer den Herrn von Kalb. Mehr bedarf es wohl nicht, um Ihnen uͤber die ſchauderhafte Giftmord⸗Ge⸗ ſchichte und die uͤbrigen vermutheten Haupt⸗ verbrechen das noͤthige Licht zu geben.“ Der Gerichtshalter fiel aus den Wol⸗ ken. Er erklaͤrte jetzt den Bauern das Miß⸗ verſtaͤndniß, und gab Befehl, die uͤber die Nichten des Herrn Meerbach verfuͤgte Ob⸗ ſervation aufzuheben, und die, im uͤbertriebe⸗ nen Amtseifer, von den Bauern eingeklemm⸗ ten Knebel zuruͤck zu nehmen. Herr Meer⸗ bach ſelbſt, dem der ganze Vorſall unglaub⸗ lichen Spaß gemacht hatte, erbot ſich, dem Gerichtshalter die Gebuͤhren, deren Verluſt dieſer laut bedauerte, zu bezahlen, und bat ihn dann zu ſeiner immer wohl befetzten Tas fel. Den Bauern aber gab er Bier und 2 Branntwein, ſoͤhnte ſich mit ihnen gericht⸗ lich aus, und lebt nun, da ſie ihn von ihrem Herrn Juſtitiarius, als durchaus unbeſchol⸗ ten und von allem Verdacht gereinigt, loben gehoͤrt haben, mit ihnen in Frieden und Eintracht. — Verfehlte Liebe. (Keine Erfindung.) Der junge Graf von Logan hatte die gro⸗ ſe Tour beendigt, die glaͤnzendſten Hoͤfe Eu⸗ ropens geſehen, und ſein reines Herz, ſeinen koͤſtlichen Sinn fuͤr das Gute, gerettet. Der Monarch ſchaͤtzte ihn und beſtimmte, ihn im Departement der auswaͤrtigen Angelegenhei⸗ ten anzuſtellen; die Monarchin ſchenkte ihm ihr ausgezeichnetes Wohlwollen, und wuͤnſch⸗ te, an ihn ihre erſte Hofdame, die wunder⸗ ſchoͤne Baroneſſe von Eiſenfeld zu verheira⸗ 270 then, die ihr, in einer vertraulichen Stunde, ihr Entzuͤcken uͤber den jungen Grafen ge⸗ ſtanden hatte. Bei Hofe iſt immer ein bereitwilliger Dritter, der dem Vierten der⸗ gleichen Allerdurchlauchtigſte Aeußerungen, auf eine recht fein gekuͤnſtelte Weiſe, mitzu⸗ theilen verſteht; aber der junge Graf, in der Hof⸗Atmosphaͤre groß gezogen, wich auf eben ſo zart gedrechſeltem Wege, beiden Antraͤgen aus, ohne daß er die Huld beider Majeſtaͤ⸗ ten verſcherzte. Der kleinen Baroneſſe nur wurmte das Koͤrbchen: es lagen auch ſo bit⸗ tere Fruͤchte darin, daß ihr aufwallender Groll ihr nicht zu verdenken war. Die Monarchin glaubte naͤmlich ſeit ei⸗ niger Zeit bemerkt zu haben, daß das Auge des Sereniſſimi mit einem etwas zu ſichtba⸗ ren Wohlgefallen auf der jungen Eiſenfeld verweile. Das Maͤdchen war, das mußte ihm der Neid laſſen, ein lieblich reizendes Geſchoͤpf, und auf dem ſchoͤnen, vollen Hal⸗ ſe ſaß ein kleines Köpfchen, in dem die fein⸗ 271 ſten Intriguen ihr Hoflager aufgeſchlagen hatten. Dem ſchwarzlockigen Schlaukoͤpſchen war die allerhuldreichſte Aufmerkſamkeit nicht entgangen, mit der es bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet wurde, und um dies glimmen⸗ de Feuer in der Geburt zu erſticken, hielt die Monarchin am gerathenſten, die Baro⸗ neſſe durch eine anſtaͤndige Verbindung vom Hofe zu entfernen. Der Graf ſchien ihr dazu der paſſendſte Mann, weil er die Hof⸗ Geſellſchaften nicht liebte, ſich uͤberall zuruͤck⸗ zog, und alſo ſeine kuͤnftige Gemahlin eben⸗ falls vom Courkreiſe zuruͤck zu halten wiſſen wuͤrde. Jetzt hatte der Graf die Eiſenfeld ausgeſchlagen. Die Monarchin konnte ihm darum nicht zuͤrnen. Fuͤhlte er doch wie ſie. Er liebte die Eiſenfeld nicht; ſie auch nicht. Aber das Maͤdchen hatte nun ſchlim⸗ mere Tage bei ihr. Die Reitzbare trug die Launen der Al⸗ lerungnaͤdigſten nicht lange. Unter dem Vor⸗ wande einer ſchwaͤchlichen Geſundheit, wel⸗ 272 cher das Hofleben mit ſeiner Convenienz und Etiguette nicht zuſage, bat die Baroneſſe um ihre Entlaſſung, die ihr mit Freuden bewil⸗ ligt wurde. Die Hofleute zerbrachen ſich uͤber dem kleinen Starrkopf den eigenen. Niemand wußte die Veranlaſſung, denn der Vorwand mit der ſchwaͤchlichen Geſundheit war offenbare Luͤge. Das Maͤdchen bluͤhte wie eine friſche Roſe. Man ſprach einen ganzen halben Tag daruͤber; als aber eine Straßburger Truͤffelpaſtete auf die Tafel kam, die nach der Verſicherung des Ober⸗ Mundkochs 90 Dukaten gekoſtet hatte, da vergaß man die Baroneſſe, und ſprach nun von der Paſtete. Das Maͤdchen ging in das elterliche Haus zuruͤck. Eine vom Hofe Entlaſſene iſt in den Augen der Reſidenzwelt geaͤchtet. Kein Menſch wußte, was die Baroneſſe ver⸗ brochen, aber jeder dichtete ihr ein Vergehen an. Gar bald ward die Dichtung zur Wahr⸗ heit umgeſtempelt, und nun zog ſich alles und um wil⸗ ſich nen. der heit uͤhte inen eine 2afel ber⸗ da nun liche ee iſt ihtet. ver⸗ gehen Jahr⸗ alles 273 von der armen Eiſenfeld zuruͤck; beſonders ließ ſich kein Menſch mit ihr oͤffentlich ſehen, denn vielleicht konnte dieß ein Fuͤnfter ſehen, und wenn dieſer das dem Vierten, dieſer es dem Dritten geſagt haͤtte, und es waͤre durch dieſe davon Kundſchaft zum Hofe gekommen, ſo haͤtte man ſich fuͤr verloren auf ewig ge⸗ halten. Kein Wunder, wenn die Zuruͤckgeſetzte, im Gemuͤth die heiligſte Schuldloſigkeit, tief gekraͤnkt, die Menſchen verachten, die Welt haſſen lernte! Bitterer Unmuth vergiftete ihre Laune, geheimer Groll ſprach ſich in je⸗ dem ihrer Gefuͤhle aus, und wer war nach ihrer Anſicht, von allem dem die erſte Ur⸗ ſache?— Der Graf von Logan! Sie ſetz⸗ te ſich den Zuſammenhang der Veranlaſſun⸗ gen, die ſie genoͤthigt hatten, ihre Entlaſſung zu nehmen, ganz richtig auseinander. Sie ſchrieb ſie nieder in ihrem kleinen Geheim⸗ buche, von dem ich nachher Auszuͤge liefern werde. 18 Der junge Graf hatte nicht die entfern⸗ teſte Ahnung, daß er mit dem Weggange der Baroneſſe vom Hofe, nur im mindeſten Bezug ſtehe. Er hoͤrte vom Vorfalle ſpre⸗ chen; es freute ihn, daß das Maͤdchen, in der ſchoͤnſten Bluͤthe ſeines Alters, ſo weni⸗ gen Werth auf den Glanz des Hofes, auf den Werth des Ranges gelegt, und ſich von einer Exiſtenz losgeſagt hatte, die ihm, von Anbeginn an keinen Reitz hatte abgewinnen koͤnnen. Er fand hierin eine Aehnlichkeit der Gefuͤhle, der Anſichten mit den ſeinigen, die ihm das Maͤdchen werth machten. Bekannt mit der Engherzigkeit der gro⸗ ſen Hofwelt, ſiel es ihm nicht auf, daß jeder auf die Entfernte ſein Steinchen warf. Er gab ſich nicht einmal die Muͤhe, den haͤ⸗ miſchen Ausbruͤchen der Verlaͤumdung zu be⸗ gegnen; aber das Maͤdchen ſelbſt fing ihn an zu intereſſiren. Er hatte die Baroneſſe ſonſt mehre male bei Hofe geſehen. Jetzt fand er ſie ——,—— ern⸗ ange eſten re⸗ pre 275 79 zufaͤllig in einem kleinen Kreiſe einer ihr verwandten Familie. Dort war ſie die ſtol⸗ ze, an allgemeine Huldigung gewoͤhnte, praͤch⸗ tig geſchmuͤckte, von Luͤſtres und Truͤmeaux umſchimmerte und umflimmerte Hofdame ge⸗ weſen. Hier war es das niedergedruͤckte Maͤdchen, von allen, ſelbſt von den Ihrigen verkannt; in der einfachſten Kleidung ſaß ſie am Naͤhtiſch in einer Gartenlaube, von der ſinkenden Abendſonne beleuchtet; aber roͤther ward ihr die Wange, als der Graf, vom Vater der Familie ihr vorgeſtellt, mit freund⸗ lichen Worten ſagte, daß er ſich freue, ihre „Bekanntſchaft hier zu erneuern, daß er ihr Gluͤck wuͤnſche, den Hof mit der Natur ver⸗ tauſcht zu haben, und daß die Natur bei dieſem Tauſche gewonnen. In jedem andern Munde waͤre der letztere Zuſatz eine bloße Schmeichelei gewe⸗ ſen. Der Graf ſchmeichelte nie, das wußte die ganze Stadt; was er ſagte, kam aus dem Herzen heraus. Ach, es that der Ge⸗ 18* kraͤnkten unbeſchreiblich wohl, endlich einen Menſchen zu finden, in deſſen Augen ſie nichts verloren hatte. Daß dieſer Eine ge⸗ rade der Graf von Logan war— ein ſon⸗ derbares Gefuͤhl griff ihr wehmuͤthig in die wunde Bruſt. Sie hatte den Grafen haſ⸗ ſen wollen; ſie konnte es nicht. Der große ſchoͤne Mann, im vollen Reitz der friſchen Jugend, hatte ſich ihr ſchon ſeit dem erſten Tage, als ſie ihn bei einer großen Hof⸗Aſ⸗ ſemblee ſah, unvergeßlich gemacht. Der Ruf ſeiner gediegenen Kenntniſſe hatte ihm ihre Achtung gewonnen, und die ſanfte Guͤte ſei⸗ nes Charakters, ſeine vollendete feine Erzie⸗ hung, ſein unbeſcholtener Wandel, das ſe⸗ lenvolle herrliche Auge, der leiſe Zug von lieblicher Schwaͤrmerei— nein! ſie konnte ihn nicht haſſen.„Was hat er Dir— ſagte ſie heimlich zu ſich ſelbſt— denn auch gethan?“— „Kaum daß er dich einigemale geſehen, ſchickt eine Zweite einen Dritten an ihn ab, 8 1 n, 277 und laͤßt ihm die Hand der Ungefragten, der kaum Gekannten, mit Hintenanſetzung aller Delikateſſe anbieten. Das war nicht der Weg zu dem Herzen des zartfuͤhlenden Man— nes. Dem Grafen war der Hof ſammt al⸗ lem Zubehoͤr zuwider. Du, die erſte Hof⸗ Dame der Monarchin, konnteſt ſchon darum in ſeinen Augen keinen Werth, keinen Reitz haben. Er hatte dir dort oben, zwiſchen kalten Marmorwaͤnden, nie etwas Artiges geſagt, dich nie ſeiner Aufmerkſamkeit vor⸗ zuͤglich gewuͤrdigt. Jetzt ſieht er mit Wohl⸗ gefallen das einfache Maͤdchen; der Auguſt⸗ Abend erwaͤrmt ihn, und er ſteht mit offenem Wohlwollen, mit huldigender Achtung vor dir.“ 4 Der Graf blieb den Abend im kleinen Zirkel. Der Familie ſchien die Auszeichnung, mit welcher der Graf die Geſunkene behan⸗ delt hatte nicht entgangen zu ſeyn. Er kam oͤfter; ſeine zarte Aufmerk⸗ ſamkeit that der Baroneſſe wohl. Allmaͤhlig 278 ſchlich ſich der Gedanke in ihre Seele, daß ſie dem jungen liebenswuͤrdigen Mann nicht gleichguͤltig ſey. Sie traͤumte ſich ein ſchoͤ⸗ nes Gluͤck, ſie vergaß den Verluſt ihres ehe⸗ maligen Hofglanzes; an des Grafen Seite lernte ſie die Nichtigkeit aͤußerer Wuͤrde er⸗ kennen, und ihren eigenen Werth fuͤhlen. Aber ihr Traum verſchwand. — Der Graf verreiſte auf eine kurze Zeit, und brachte ein Fraͤulein vom Lande, als ſeine Gattin, mit. Die junge Graͤfin war die ſchoͤnſte Frau in der Reſidenz. Ihre ſtolze Figur imponirte; aber die Guͤte ihres ſtolz g Herzens, ihre Sanftheit, ihr feiner Weltton, erwarben ihr in Kurzem die unbedingte Huldigung ihres neuen Kreiſes.* Von dieſem Augenblicke an, ging das Lebensgluͤck der Baroneſſe unter. Sie er⸗ fuhr jetzt erſt von ſich ſelbſt, daß ſie den Grafen geliebt hatte. Sie wußte nicht, daß der Graf ſchon ſeit Jahren in dem Beſitz ſeiner angebeteten Thereſe geweſen war; ſie —— ‿ù 0 20 279 glaubte, daß er ſie jetzt erſt habe kennen ge⸗ lernt, und machte ſich nun geheime Vorwuͤr⸗ fe, daß ſie ihm nicht herzlich genug entgegen gekommen ſey; ſie ſah das Gluͤck des lieben⸗ den Paares, ſie ſah es in einander verſchmel⸗ zen, und ihr getaͤuſchtes Herz verblutete im Innern. Sie ward bitter gegen die ganze Welt, ſie haßte ſich ſelbſt, aber ſie behielt ſo viel Kraft des Geiſtes, Herr ihrer gluͤhenden Eiferſucht zu bleiben. Das Geſchick legte ihr eine harte Probe auf. Der Graf hielt ſich nur den Winter uͤber mit ſeiner liebenswuͤrdigen Gattin in der Reſidenz auf. Im Anfange des Fruͤh⸗ jahrs ging er mit ihr auf ſeine Guͤter. Thereſe hatte die Baroneſſe kennen gelernt, ſie hatte das ſchoͤne Maͤdchen mit ihrem ſtil⸗ len Schmerz, mit ihren geheimen Leiden lieb gewonnen. Sie ahnete nicht im Ent⸗ fernteſten, daß ſie ſelbſt der Grabſtein ihrer Wuͤnſche, ihrer Hoffnungen war. Sie hatte ſich oft in traulicheren Augenblicken ihr ge⸗ naͤhert, um die kalte Tiefe ihres veroͤdeten Herzens aufzuſchließen; ſie hatte einigemal mit leiſem Finger die toͤdtliche Wunde be⸗ ruͤhrt, an deren Folgen, in furchtbarer Stille, das Bluͤthenleben der ungluͤcklichen Eiſenfeld dahin ſchwand; ſie hatte mit der freundlich⸗ ſten Schonung die Frage gewagt, ob es nicht hoffnungloſe Liebe ſey, die ihren zuweilen 1 ſichtbaren Mißmuth erzeuge, und auf alles das immer nur ein wehmuͤthiges Laͤcheln, ein ſtilles Kopfſchuͤtteln, ſeltener eine muͤhſam verhaltene Thraͤne, zur Antwort erhalten. Thereſe glaubte jetzt der Dulderin Kummer zu kennen. Freundſchaft, meinte ſie, ſolle ihr das erſetzen, was Liebe ihr genommen. Auf dem Lande, im Schooße der erwaͤrmenden Natur, ſollte das Maͤdchen ihren frohen Sinn wiederfinden, dort ſollte die Kraft ihrer Jugend wieder aufbluͤhen. Sie wollte ſich enger an das zartfuͤhlende Maͤdchen an⸗ ſchließen, ihr volles Vertrauen gewinnen und dann das wunde Herz heilen. 24 231 Sie theilte dem Grafen den Wunſch mit, die Baroneſſe mit auf das Land zu nehmen; dem zaͤrtlichen Gatten war der Wille der Geliebten, Geſetz: er willigte um ſo lieber in den Vorſchlag, als ihm der Um⸗ gang des gebildeten, ſittlichen Maͤdchens im⸗ mer willkommen geweſen war, und ſo fuhr denn die himmliſch gute Thereſe zur Baro⸗ neſſe, um ihr den Antrag zu machen. Vor Kurzem hatte ſie von ihr, auf freundliche Bitte, das ſchweſterliche Du erhalten. Die Baroneſſe war durch die Einladung uͤber⸗ raſcht, ſo uͤberraſcht, daß ſie ſich wegwandte, den Blick zu den Wolken erhob, die Augen mit der Hand bedeckte, und halb leiſe aus⸗ rief:„auch das noch?“ Doch ſammelte ſie ſich ſchnell wieder, und ſchlug die Einla⸗ dung, mit weit geſuchten Gruͤnden, aus. Al⸗ lein Thereſe ließ ſich nicht abweiſen; ſie bat mit ſo bezaubernder Guͤte, daß die Baroneſſe wankend wurde, und als ſie hinzuſetzte: „Nina, ſchlag mir es nicht ab, mein Mann wuͤnſcht recht herzlich, daß Du uns beglei⸗ teſt,“ da entgegnete die Getroͤffene,„ich komme, aber“ ſagte ſie ſinnend und lang⸗ ſam:„es waͤre vielleicht beſſer, ich kaͤme nicht!“ Thereſe hob die bedeutenden, dunkeln Worte auf. Sie verſtand ſie nicht, aber ſie fuͤhlte ſich erſchuͤttert durch ſie, ohne zu wiſ⸗ ſen, warum. „Auch das noch“ hatte ſie geſagt, und „es waͤre vielleicht beſſer, wenn ich nicht kaͤme?“— was wollte ſie damit, fragte ſich Thereſe, als ſie zu Hauſe fuhr.„Sollte ſie vielleicht?“— Sie hatte den Faden in dies labyrinthiſche Dunkel ſchon beinahe in der Hand, aber zum Gluͤck fuͤr das liebende Weib riß er, und knuͤpfte ſich nie wieder an. Die Anſtalten zur Abreiſe, die Abſchiedsvi⸗ ſiten ꝛc. verwiſchten bald den ſonderbaren Eindruck, den jene fallen gelaſſenen Worte auf ſie gemacht hatten. 4 Nina hatte ſich ſtark gemacht. Der 283 Kampf zwiſchen Herz und Verſtand hat⸗ te ihr bittere Thraͤnen gekoſtet, aber ſie hat⸗ te die Gewalt uͤber ſich gewonnen, ihren Schmerz noch tiefer zu verſenken, ſie wollte ſich zwingen, die Gluͤcklichen taͤglich zu ſehen; ſie buͤrdete die Centnerlaſt der gewichtigſten Vernunftgruͤnde auf ihr Herz. Es ſollte nichts mehr fuͤhlen. Sie gebot dem Froh⸗ ſinn, das Gewoͤlke der Wehmuth ihr aus dem Auge zu bannen; ſie zwang den laͤcheln⸗ den Scherz in die lieblichen Gruͤbchen ihrer Wangen zuruͤck. Sie gewann es uͤber ſich, ſich ſelbſt zu taͤuſchen, und freute ſich des errungenen Triumphs. Als ſie aber hinkamen, auf das ſtille Land, als die harmloſe Thereſe oft im rein⸗ ſten Entzuͤcken gluͤcklicher Liebe laut ausrief, daß hier, nur hier in Gottes ſchoͤner Natur, an der Seite ihres Herrmann, ihr Paradies ſei; als Herrmann von den ſuͤßen Reitzen ſeiner himmliſchen Thereſe uͤberwaͤltigt, zu ihren Fuͤßen niederſank, ſie ſeine Einzige, 234 ſeinen Engel nannte; als er vom bluͤhenden Fruͤhling umduftet, die Liebliche auf ſeinen Schooß zog, und die Wonne der irdiſcheu Seligkeit von ihren Lippen trank, da fiel Nina's erkuͤnſteltes Gebaͤude in einander. Das Herz warf die kalte Laſt der aufgebuͤr⸗ deten Vernunftgruͤnde von ſich; es gluͤhte heißer, als je. Es zehrte ſich ſelbſt auf. Die Auſſenwaͤnde hielt Nina noch kuͤnſtlich zuſammen. Sie lachte und ſcherzte, ſie trat mit einer Lebendigkeit, mit einer muthwilli⸗ gen Heiterkeit auf, daß das liebende Paar ſie in dem Augenblicke, eben von ihrer fruͤhe⸗ ren Schwermuth geheilt glaubte, als die Ungluͤckliche ohne Rettung verloren war. Die Jammerqualen, die ihr Inneres zerriſſen, kannte keiner. Ein Charakter, wie dieſer, konnte ſich wohl exaltiren. Eine beiſpielloſe Spannkraft war da, Nina hatte ſie benutzt. Allein von Dauer konnte dieſer widernatuͤrliche Zuſtand nicht bleiben. Die Himmelshoͤhe von Feſtigkeit, auf die ſich den nen heu fiel der. uͤr⸗ ihte auf. lich trat illi⸗ aar ihe⸗ die eres wie Line atte eſer Die ſich 258 das Maͤdchen mit Selbſtgeiſelung gezwungen hatte, ſank unter ihren Fuͤßen zuſammen. Das Leben ward ihr unertraͤglich. Eines Abends— am Horizonte leuch⸗ tete das Wetter, der Himmel hatte ſich um⸗ zogen, in weiter Ferne verhallte der rollen⸗ de Donner, und einzelne Tropfen fielen aus den ſchwarzen tiefliegenden Wolken her⸗ ab, auf die Blumen und Orangenbluͤthen, die ihre ſuͤßen Duͤfte in die Laube ſpendeten, in welcher der kleine Zirkel dicht nebenein⸗ ander ſaß. Nina verlor ſich mit dem Blicke ihres großen ſchwarzen Auges, in die flat⸗ ternden Zickzacks des fernen Wetterleuchtens; ſie ſchwaͤrmte ſich die Moͤglichkeit, durch die zerriſſenen Wolken in das Allerheiligſte des Himmels zu ſehen. Dorthin ſehnte ſich ihr muͤdes Herz.„Wenn ich ſterben ſoll,“ ſagte ſie ruhig, und mit ſcheinbarer Gleich⸗ guͤltigkeit gegen den Sinn ihrer Worte,„ſo wuͤnſche ich einen recht ſchnellen Tod. Vom Blitz erſchlagen zu werden, muß ein ſchoͤner, recht leichter Tod ſeyn, und es liegt ein eigener Reitz darinn, durch das Feuer des Himmels, dieſer Erde entruͤckt zu wer⸗ den.“ „Zu der Ehre koͤnnen ſie bald kom⸗ men,“ verſetzte der Graf ſcherzend,„wir bekommen dieſe Nacht wahrſcheinlich mehrere heftige Gewitter. Die Luft iſt zum Erdruͤ⸗ cken baͤnglich und ſchwer.“ „Nein“ entgegnete Thereſe, und ſchlang den ſchoͤnen Arm um ihren geliebten Herr⸗ mann,„wenn ich mir meinen Tod einmal beſtellen ſoll, ſo muß er mich nicht zu ſehr uͤberraſchen. Ich muß mit Beſinnung ſter⸗ ben, ich muß fuͤhlen daß ich ſcheide; dann ſage ich jedem noch ein freundliches Wort, und alle meine Wuͤnſche, die mich nach mei⸗ nem Tode intereſſiren, ſage ich noch Dir, mein Herrman! und ein Jahr nach meinem Tode erſcheine ich Dir, Herrman!“ —„Haſt du denn Wuͤnſche nach dem Tode? meine himmliſche Thereſe!“ ſagte der Graf tie ſei „he liegt euer wer⸗ kom⸗ „wir hrere rdruͤ⸗ hlang Herr⸗ nmal ſehr ſter⸗ dann Wort, mei⸗ Dir, einem Tode? Graf . 287 tief bewegt, und zog das ſanfte Weib an ſeine Bruſt. „Ja Herrmann,“ entgegnete die Holde leiſe, und neigte den Kopf, als ob ſie ſich ſchaͤme, ſie zu geſtehen, an des Liebenden Herz. Nina ſtand, aus Diskretion gegen eine ſo geheime Familien⸗Angelegenheit auf, und ging den Garten tiefer hinab. 8 „Laß mich in Deiner Familiengruft in der Reſidenz beiſe iſetzen, neben deine Schwe⸗ ſter;“ ſagte Rinan,„ fie war die treuſte Freun⸗ din meines Lebens! ich habe ihr, als ſie ſtarb, verſprechen muͤſſen, einſt neben ihr zu ruhen. Und dann— wenn Deine letzte Stunde einmal abgelaufen iſt, dann kommſt Du ja auch neben mich— nicht wahr, mein einzig geliebter Herrmann?— und nun wuͤnſche ich noch etwas,— ſie legte ihren Mund an Herrmanns Wange, und liſpelte leiſe— „heirathe nach meinem Tode“— Ein graͤßlicher Blitz zerriß den Himmel 298 und ſpaltete die Linde am Ende des Gar⸗ tens. Die beiden Liebenden ſprangen hoch auf, der furchtbare Donnerſchlag warf ſie wieder nieder. „ Nina iſt erſchlagen!“ rief der Graf in ſchrecklicher Ahnung und raffte ſich auf, um ſie zu ſuchen. Aber ſie kam ihm entge⸗ gen, ſtumm vor Entſetzen, am ganzen Koͤr⸗ per zitternd. Sie fluͤchteten alle drei in das Haus zuruͤck, und hier erſt gewann Nina die Sprache wieder. Der Blitz hatte, keine funfzehn Schritte von ihr, in die Linde geſchlagen. 4 Sie hatte den Hut und einen Schuh verloren, der Regen hatte alle drei durch⸗ naͤßt; man lachte ſich jetzt gegenſeitig einan⸗ der aus; nur in des Grafen Bruſt blieb uͤber Thereſens Wuͤnſche und ihr letztes, halb ausgeſprochenes Wort, ein ſtiller Ernſt. Wenige Tage nach jener Gewitternacht — ich darf nicht nach der Zeitfolge erzaͤhlen, ſondern nur die Geſchichte der Begebenheit t 289 ſo vortragen, wie ſie ſich vor den Augen ihres Publikums entwickelte. Der aufmerkſame Leſer wird den Zuſammenhang des Ereigniſſes fruͤher ahnen, als ihn die nachzuliefernden Bruechſtuͤcke aus Ninas Tagebuch darſtellen.— Wenige Tage nach jener Gewitternacht alſo, erkrankte Thereſe. Sie klagte anfaͤng⸗ lich uͤber kleine Uebelkeiten. Die Verwal⸗ tersfrau, eine verſtaͤndige Hausmutter, die in Ermangelung eines Arztes herbeigerufen wurde, zog uͤber die Unpaͤßlichkeit, naͤhere Erkundigungen, unter vier Augen ein, und ſtattete dem entzuͤckten Grafen im Voraus ihre Gluͤckwuͤnſche zu den erſehnten Hoff⸗ nungen ab. Thereſe weinte vor Freude: ſie war die Gluͤcklichſte unter der Sonne. Der Graf umſchlang das reitzende Weib, und hatte fuͤr das Entzuͤcken ſeiner Empfindung keine Worte. Aber dieſer Uebelkeit ſolgten ſehr krampfhafte, Schmerzen. Thereſe klagte uͤber unſaͤgliches Schneiden im Unterleibe, und man beſchloß daher, einen Arzt aus der 19 . 290 naͤchſten Stadt holen zu laſſen. Nach Ab⸗ gang des eilenden Boten, verſchlimmerte ſich der Zuſtand den ungluͤcklichen Thereſe von— Minute zu Minute. Es traten die furcht⸗ barſten Convulſionen ein; ihre Augen ver⸗ loren den Glanz des Lebens, die Zunge ihre Kraft zum Sprechen. Der Graf, Nina, und alle Umſtehenden verzweifelten vor Angſt. Kein Menſch konnte helfen. Alle Haus⸗ mittel, die furchtbaren Schmerzen der Leiden⸗ den zu lindern, blieben ohne Erfolg. Thereſe wollte etwas ſagen, aber ſie konnte nicht 1 mehr reden, ſie lallte nur noch. Der Graf l reichte ihr eine Schiefertafel, ſie ſchrieb mit 1 kaum leſerlicher Hand das Wort„Gift.“ g Der Graf verſtand, daß ſie baͤte, ihr Gift ſt zu reichen, um ihre graͤßliche Qual zu enden, e er warf ſich laut weinend vor das Bette — H— +——— der Gemarterten und ſprach ihr Troſt zu; C er flehte Gott an, Huͤlfe zu ſenden. Nina ſt wankte mit hoch aufgehobenen Haͤnden, bleich v wie der Tod, zum Zimmer hinaus. 1 291 Ahneſt du, theilnehmender Leſer, die Schauderthat? brich nicht zu fruͤh den Stab uͤber die Ungluͤckliche. Thereſens Stirn bedeckte ein kalter Schweiß. Ihr matter Blick ſuchte Jemand im Zimmer. Sie fand die nicht, die ſie ſuchte. Da brach ſie in ein herzzerſchneiden⸗ des Schluchzen aus, und wimmerte laut. Sie zog die Hand ihres Hermanns an ſich, ſie legte ſie auf das engelreine Herz. Es ſchlug langſam jetzt, es ſtockte. Ihre feuchte Hand umklammerte feſt die Rechte des ge⸗ liebten Mannes. Mit unnennbarer Weh⸗ muth blickte ſie zu ihm auf. Ein leiſer, gepreßter Seufzer— da ſtand das Herz ſtill, das Auge ſchloß ſich gebrochen, und entſeelt lag die ſchoͤne Huͤlle. Das Jammergeſchrei des ungluͤcklichen Grafen rief alle Hausgenoſſen herbei. Sein lieb⸗ ſtes dieſer Welt war ihm verloren, auf ewig verloren. Der bitterſten Verzweiflung hinge⸗ geben, kuͤßte er die Verblichene im wilden 19* 292 Schmerz. Er rief ihren Namen, er netzte die erkaltete Hand mit den Thraͤnen ſeines Jammers. Beſinnunglos trug man ihn weg. Nina kam, in ſtummen Schmerz tief verſenkt. Keine Thraͤne im ſtieren Auge, kein Tropfen Blut im Geſichte. Sie hielt die Haͤnde krampfhaft in einander gefaltet, vor dem blaſſen Munde. Am Bette der Entſchlafenen ſank ſie nieder. Sie erſtarrte in ſtiller Verzweiflung. Nichts war vermoͤ⸗ gend, ſie vom Bette wegzubringen. Den ſolgenden Morgen traf der Arzt ein. Seine, im Beiſeyn des Grafen vorge⸗ nommenen Verſuche, Thereſen ins Leben zuruͤck zu rufen, blieben fruchtlos. Der Graf, auch dieſe letzte Huͤlfe verloren, fluͤchtete auf ſein Zimmer. Der ſchnelle Tod der bluͤhend ge⸗ ſunden, jungen Frau, war dem Arzte ein Raͤthſel. Er forſchte, ob ſie in den letzten Tagen etwas genoſſen habe, was irgend einen entfernten Anlaß gegeben haben koͤnnte. 293 Aber alle umſtehende Hausoffizianten und Domeſtiken verſicherten einſtimmig, daß nicht die geringſte Vermuthung, eine ſolche Beſorgniß begruͤnde. Nina, welche die Nacht bei Thereſen gewacht hatte, war, als der Arzt kam, von ihrem Sitze aufgeſtanden, und hatte ſich mit dem gluͤhenden Kopf ans Fenſter gelehnt. Der Arzt naͤherte ſich ihr, und aͤußerte leiſe, daß die Symptome, die er an der Todten bemerke, ihm außerordent⸗ lich verdaͤchtig waͤren.„Hoͤrte ich jetzt nicht allgemein,“ ſetzte er hinzu,„daß ein Zufall nicht im Spiele geweſen ſeyn kann, und kennte ich die gluͤcklichen Verhaͤltniſſe des Hauſes nicht ſo genau, die den Gedanken einer Abſicht ganz unmoͤglich machen, ſo wuͤrde ich— es klingt ſonderbar, aber— dem Grafen mag ich ſo etwas nicht ſagen, es wuͤrde ihn zu ſehr erſchuͤttern, aber Ihnen, der Freundinn vom Hauſe, muß ich es ſa⸗ gen, um den Grafen auf die Nothwendigkeit vorzubereiten, die Frau Graͤfinn oͤffnen zu 29 ¼ laſſen,— ſo wuͤrde ich auf der Vermuthung einer Vergiftung beharren.“ Nina ſchlug die Haͤnde uͤber dem Kopf in einander, als ob der Wetterſtrahl des juͤngſten Tages alle ihre Glieder erbebt „Erſchrecken Sie nicht, Baroneſſe, ich ſage nur, Vermuthung! Gewißheit wuͤrde uns die Oeffnung verſchaffen. Es giebt ſo ſonderbare Faͤlle in der Welt, daß keine menſchliche Phantaſie zureicht, ihre Moͤglich⸗ keit zu berechnen. Wenn auch alle die Leute des Hauſes beſtaͤtigen, daß die Frau Graͤfinn nichts Nachtheiliges genoſſen, ſo iſt es ja doch immer moͤglich, daß es geſchehen; denn ſie waren ja nicht jeden Augenblick in ihrer Naͤ⸗ he, und wenn es gleich allgemein bekannt iſt, daß die Liebenswuͤrdigkeit, die Tugend und die ſanfte Guͤte der Frau Graͤfinn, ihr aller Herzen gewannen, ſo kann es ja doch ſeyn, daß — Gott, man kennt ja die Menſchen!— daß ſie vielleicht einer Perſon im Wege war. me 295 Sie ſind eine ſchweſterlich-befreundete Ver⸗ traute der Frau Graͤfinn geweſen, Baroneſſe! wiſſen Sie vielleicht—?“ „Nein!“ fiel ihm die Gepeinigte in das Wort, und warf einen halb ſcheuen Blick auf den Fragenden. Haͤtten die Teufel der Hoͤlle ſelbſt ſie auf die qualvollſte Folter gelegt,— groͤßer konnte die Marter nicht ſeyn. „Wenn nun“ ſetzte ſie nach einer Pauſe zaghaft hinzu, ohne ihn anzuſehen,„wenn nun Ihre ſchreckliche Vermuthung gegruͤndet waͤre, und Sie alſo die Urſache des Todes wuͤßten, koͤnnten Sie denn dann noch helfen? waͤren dann noch Mittel moͤglich, waͤre nur ein Schein von Moͤglichkeit da, die Todte—“ „Wieder lebendig zu machen? Nein, Baroneſſe“ erwiederte der Arzt, laͤchelnd uͤber die Staͤrke ihres Glaubens an ſeine Kunſt. „Da iſt keine Hoffnung mehr! Ich habe mein ganzes Wiſſen aufgeboten! Es iſt nichts unverſucht geblieben! Schade, ewig ſchade um die ſchoͤne junge Frau! Es war die reinſte, fleckenkoſeſte Seele, die ich gekannt habe.— Jetzt, gnaͤdigſte Baroneſſe, ſprechen Sie mit dem Herrn Grafen, ob er die Seci⸗ aung erlaubt. Uibrigens aber ſchonen Sie ſich, Baroneſſe. Der Auftritt hat Sie ange⸗ griffen. Faſſen Sie ſich. Die Wege der Vor⸗ ſehung ſind unerforſchlich: ſie ruft oft die edelſten Menſchen von der Welt, und— als ob das Verbrechen ein heiligeres Buͤrgerrecht auf der Erde habe, als die Tugend— die Verworfenen bleiben.“ Nina ging, um den Grafen zu ſprechen. Sie kam bald wieder zuruͤck, und als der Arzt nach der Erklaͤrung des Grafen fragte, ſchuͤttelte ſie verneinend den Kopf. Der Arzt aͤußerte, daß, ſo wie er den Grafen kenne, er gleich deſſen Abneigung gegen das Oeffnen der Leiche vermuthet ha⸗ be, empfahl ſich und fuhr nach Hauſe. Die Beſorgung des Begraͤbniſſes, glaub⸗ 297 ten die Leute des Grafen, wuͤrde ihn nun ein wenig zerſtreuen; aber er gab ſich ſei⸗ nem Schmerze ganz hin. Er ließ andere gewaͤhren, wie ſie wollten. Bloß ſie, die Angebetete, fuͤllte ſeine Seele. Ihre Blu⸗ men, ihre Guitarre, das Andachtbuch, aus dem ſie den letzten Morgen zu Gott gebetet hatte, Alles was ihr das Liebſte geweſen war, ließ er in ſein Zimmer bringen. Das Tuch, das ihre letzten Thraͤnen barg, lag in ſeinem Buͤreau, in ſtiller Wehmuth ſah er oft mi⸗ nutenlang auf ſeine Rechte, die im Sterben der verklaͤrte Engel auf das treue Herz ge⸗ legt hatte, das nun nicht mehr ſchlug. Er verſtand die Sterbende, die ihm damit hatte ſagen wollen, daß der letzte Pulsſchlag des liebenden Herzens ihm gehoͤre. Er ſah noch den wehmuͤthigen Blick, mit dem ſie von ihm ſchied. Ach dieſer Blick war das letzte Wort ihres Geiſtes geweſen! Er ſah noch die weißen Flecke auf ſeiner Hand, die ihm Thereſens Finger, vom kalten Todeskrampfe 298 4 ergriffen, gedruͤckt hatten! Er hoͤrte noch den bangen, den letzten, leiſen Seufzer, unter dem die ſchoͤne Bluͤthe ihres Lebens auf ewig zer⸗ brach!— Das ſuͤße Wehe aller dieſer Erinnerun⸗ gen wollte er ſich nicht rauben laſſen. Es war ja das Einzige, was er aus dem Schiff⸗ bruche ſeiner Lebenshoffnungen gerettet hatte; darum wollte er ſich durch nichts ſtoͤren laſ⸗ ſen, und darum hatte er ſeinem Hausſekre⸗ tair in wenigen Worten das traurige Ge⸗ ſchaͤft, die Beſorgung der Beerdigung, uͤber⸗ tragen! Aber als dieſer die Frage that, wo die Frau Graͤfin beigeſetzt werden ſollte, ob hier auf dem Gute oder in der Familien⸗ gruft in der Reſidenz; da lief es kalt uͤber den Ruͤcken des Grofen, denn er gedachte der Bitte, die ſeine Thereſe vor wenigen Tagen, an jenem Gewitterabende, gleichſam im Vor⸗ gefuͤhl ihres nahen Todes, ihm an das Herz gelegt hatte. er, der holt tenr des ein Hal ſtuͤck ſtille und liche befa eine den San kleir meh bluͤh auf Mu den ———˖n:Dx.:¶„„.—Byÿ——— 299 „In die Familiengruft!“ antwortete er, und brach in ein lautes Weinen aus. Nina hielt Tag und Nacht beim Sarge der Graͤfinn aus; ehe er geſchloſſen wurde, holte ſie den Grafen, um Thereſen zum letz⸗ tenmale zu ſehen. Nina hatte die Braut des Todes einfach geſchmuͤckt. Im Haare ein Blumengewinde von Immortellen; am Halſe ein kleines diamantnes Kreuz, ein Erb⸗ ſtuͤkk von Thereſens Großmutter; auf der ſtillen Bruſt einen bluͤhenden Blumenſtrauß, und am Finger das ſchoͤne Symbol der ehe⸗ lichen Treue, den Trauring. Blau emalllirt, befand ſich auf dieſem ein Vergißmei nnicht; eine bedeutende Bitte der Geſchiedenen an den bleibenden Gatten. Von ſchwarzem Sammet war das Todenkleid, beſtreut mit kleinen, in Silber geſtickten Sternen. Kaum mehr kenntlich war Thereſens Geſicht! Das bluͤhende Roth auf der Wange, das Laͤcheln auf den Lippen, der himmliſche Zug um den Mund, der uͤppige Buſen— das alles war 4 300 geſchwunden; das tief eingefallene Auge ge⸗ ſchloſſen, die Spuren der nahen Verweſung hier und da ſchon ſichtbar. „Meine Thereſe,“ ſagte der Graf, in ſanfter Wehmuth verſunken, nachdem er ſie jange mit ſtill bethraͤntem Auge angeſtarrt hatte,„meine einzige Thereſe!“— Wahrer Schmerz ſpricht nicht viel. Ach, das Herz war ihm ſo voll! Er konnte nicht bleiben.„Schlummre ſanft, mein Weib, mein engelreines Weib! bald bin ich bei Dir!“ ſagte er mit einem Blicke, der ihre Seele in jenen fernen Regionen gewiß erreich⸗ te, und dankte der ungluͤcklichen Nina, die kalt und bleich wie ein Marmorbild, ohne Thraͤnen, faſt ohne Athem, neben ihm ſtand, fuͤr die zarte Liebe, die ſie, in den letzten Le⸗ benstagen, ſeiner Thereſe und jetzt ihrer Huͤlle bewieſen hatte. Nina hob langſam den ſtieren Blick ih⸗ res ſchwarzen, halb verloͤſchenden Auges, von der Leiche auf den Grafen; ſie reichte ihm die Sie hin Fen der zur tert! The kurz te, rer gew nen bis einig die Vor ſetzen net, Gen ten ge⸗ ſung f, in r ſie tkarrt Ach, nicht Veib, bei ihre reich⸗ die ohne tand, n Le⸗ ihrer ck ih⸗ von ihm 301 die zitternde Hand, und ſagte leiſe:„Leben Sie wohl!“ Der Graf ging ſchweigend zum Zimmer hinaus; Nina rief die Leute zum Verſchlie⸗ ßen des Sarges, und vom einfachen Gelaͤute der kleinen Dorfglocke, ward nun dieſer bis zur Graͤnze des Gutes begleitet. Alle Un⸗ terthanen, alt und jung, gaben bis dahin Thereſen das Geleite. Was ſie in dieſem kurzen Zeitraume, mit ihrer himmliſchen Guͤ⸗ te, mit ihrem wohlthaͤtigen Sinne, mit ih⸗ rer freundlichen Herablaſſung, ihnen allen geworden war, das ſagten die ſtillen Thraͤ⸗ nen der ehrlichen Landleute. Von hier aber, bis zur Reſidenz, wurde der Sarg nun von einigen graͤflichen Hausoffizianten begleitet, die ihn dort ohne beſonderes Gepraäͤnge, der Vorſchrift gemaͤß, in der Familiengruft bei⸗ ſetzen ließen; nachdem ſie ihn zuvor geoͤff⸗ net, und die Verſchiebungen des Koͤrpers und Gewandes, die bei dem Fahren nothwendig hat⸗ ten entſtehen muͤſſen, wieder geordnet hatten. Nina reiſte den folgenden Tag, ohne den Grafen wieder zu ſehen, zu einer ihrer Freundinnen, in eine entlegene Mittelſtadt, und der Graf ſchloß ſich mit ſeinem gerech⸗ ten Schmerz in ſein Zimmer ein. Er ließ ſich von Niemandem ſprechen, vor Nieman⸗ dem ſehen. Der Hausſekretair und der Kammerdie⸗ ner waren die einzigen Menſchen, die bei ihm den Zutritt hatten. Es vergingen Wochen, ohne daß er ſelbſt mit dieſen nur ein Wort ſprach. Oft fand ihn der erſtere vor Thereſens Bilde auf den Knieen liegen. Er durchwach⸗ te oft ganze Naͤchte am Schreibtiſch. Er ſchrieb die ruͤhrendſten Briefe an ſeine The⸗ reſe. Sein Wohn⸗ und ſein Schlafzimmer waren ſchwarz ausgeſchlagen. Alle Dome⸗ ſtiken des Hauſes mußten in tiefſter Trauer gehen. Thereſens Andachtbuch, die Bibel und ihre fruͤhern Briefe, die ſie ihm als Braut geſchrieben hatte, waren ſeine einzige Lektuͤre. Als der Sekretair ihn einſt bat, do⸗ he Di kau ſag bal iſt Luf wol mir dah bluͤl meh mac Eng ſer Abe dem raph mels te ie und ohne ihrer tadt, rech⸗ ließ man⸗ erdie⸗ ihm cchen, Wort eſens wach⸗ Er he⸗ nmer dome⸗ rauer Bibel n als nzige bat, 3⁰3 doch ein wenig an die Luft zu gehen, er ſaͤ⸗ he ſo krank und eingefallen aus, daß ein Dritter, der ihn lange nicht geſehen, ihn kaum mehr kennen werde, freute er ſich, und ſagte mit ſanftem Laͤcheln:„da bin ich ja bald am Ziele. Was ſoll mir die Luft? iſt doch meine Thereſe auch nicht an der Luft! Nein, nur wo die iſt, da wird mir wohl werden! Wenn Sie es ehrlich mit mir meinen, ſo wuͤnſchen Sie, daß ich bald dahin komme. Hier, mein guter Mann, bluͤht mir keine Freude mehr, gar keine mehr! Gott hat es nicht gut mit mir ge⸗ macht. Thereſe war ihres Platzes unter den Engeln werth, darum rief er ſie ab von die⸗ ſer Erde, fuͤr die ſie zu gut, zu heilig war. Aber warum vernichtete er nicht mich in dem Augenblicke, als er ſie zu ſeinem Se⸗ raph erhob? Ich weiß, dieſe lichte Him⸗ melshoͤhe, auf der Thereſe jetzt ſteht, erreich⸗ te ich nie; aber dann mußte er mir Gefuͤhl und Verſtand rauben, damit ich den unſaͤg⸗ 20½ lichen Schmerz der Trennung nicht ſo tief empfaͤnde. Ich bin ja auch ſein Geſchoͤpf und er quaͤlt ja keins. Warum mich al⸗ lein?“ Den armen Sekretair fing es allmaͤh⸗ lig an, fuͤr ſeines Herrn koͤrperliches und geiſtiges Wohl zu bangen. Er fuͤhlte, daß er nicht gemacht war, um das verſunkene Gemuͤth des Grafen aus ſeiner dunkeln Tiefe wieder herauf zu heben. Er ſann lange um⸗ her und muſterte die ganze Reihe der Freun⸗ de des Grafen, wer ſich dazu wohl eignen moͤchte, und ſeine Wahl fiel gluͤcklicherweiſe auf den Major von Eck, einen feinen und gefuͤhlvollen Mann von vielſeitigen Kennt⸗ niſſen, den der Graf von Jugend auf, als ſeinen beſten Freund, immer geliebt hatte. Dieſem ſchrieb er heimlich; er vertraute ihm ſeine Beſorgniſſe fuͤr die Zukunft, und bat, daß er moͤge kommen und ihm helfen, die immer mehr zunehmende Schwermuth des Grafen zu zerſtreuen. tief opf al⸗ jaͤh⸗ und daß kene Liefe um⸗ eun⸗ gnen veiſe und ennt⸗ als hatte. ihm bat, die des 5⁰5 Der Major antwortete dem Sekretair in freundlichen Worten: daß ſein Dienſt⸗ verhaͤltniß ihm jetzt nicht erlaube, gleich zu kommen, indeſſen werde er ſich auch in der Ferne bemuͤhen, den Grafen zu heilen. Den naͤchſten Poſttag ſchon— er hatte im⸗ mer mit ihm in lebhaftem Briefwechſel ge⸗ ſtanden,— theilte er dem Grafen die Idee mit, Thereſen ein Monument im Garten zu errichten, legte ihm gleich einen leicht ſkizzir⸗ ten Entwurf bei, und warf die Bemerkung hin, daß, wenn raſch angefangen und lebhaft daran gearbeitet werde, man noch vor Ein⸗ tritt des Winters mit dem Ganzen vollkom⸗ men fertig werden koͤnne. Das goß neue Kraft in das zerruͤttete Gemuͤth des Grafen. Er eilte, zum Stau⸗ nen und zur Freude aller ſeiner Leute, gleich nach Empfang des Briefes, in den Garten; er ſuchte den Platz aus, wo das Monument hinkommen ſollte, ordnete an, daß morgen mit dem Anfahren der Baumaterialien der 20 3⁰6 Anfang gemacht werden ſolle, verwarf die Skizze, machte zehen andere Entwuͤrfe, blieb endlich bei dem eilften ſtehen, und ließ nach dieſem, den folgenden Morgen ſchon, mit dem Graben des Fundaments den Anfang machen. Die lange Dauer ſeiner Geiſtes⸗Abwe⸗ ſenheit kannte er nicht. Jetzt war er wie⸗ der der Vorige; nur ſanfter, weicher. Wer bei ihm was zu bitten hatte und in ſeine Bitte irgend etwas von Thereſen einzuweben verſtand, dem konnte er nichts abſchlagen. Einer jungen Baͤuerin, die ihn anſprach, den verlobten Braͤutigam vom Militair los zu⸗ machen, ſagte er unbedingt ſeine Verwendung zu, weil ſie ein Band an der Haube hatte, das Thereſe ihr am letzten Erndte⸗Feſte ge⸗ ſchenkt hatte. Er kannte das himmelblaue Band an dem Muſter ganz genau, was ihm, als Thereſe es kaufte, ſo gefiel, daß ſie ein Stuͤck vom naͤmlichen Deſſein fuͤr ſich aus⸗ nahm. Ihr letztes Morgenhaͤubchen hatte —————————,—,—— —— 1 wie⸗ Wer eine ben gen. 3⁰7 ſie damit geſchmuͤckt. Ein Bauerburſche, der huͤbſcheſte im Dorfe, bat um einen zins⸗ freien Vorſchuß zum Aufbau eines neuen Wohnhauſes. Der Burſche hatte, ſeines feinen Anſtandes halber, immer die Auszeich⸗ nung genoſſen, mit Thereſen, wenn ſie bei den laͤndlichen Feſten der Unterthanen erſchien, vortanzen zu duͤrfen. Zufaͤllig ſetzte er bei ſeiner Bitte um den Vorſchuß hinzu:„wir wollten erſt einen Richteſchmaus geben, wo die gnaͤdige Frau gewiß auch ein bischen hingekommen waͤre, denn ſie ſah es gerne, wenn wir froh und vergnuͤgt waren; aber nun iſt Alles anders; nun moͤgen wir auch gar nicht mehr vergnuͤgt ſeyn.“ Der ehrli⸗ che Junge hatte ein paar helle Thraͤnen im Auge, als er das ſagte; de Graf gab den Vorſchuß, und erließ ſchriftlich die Wie⸗ derbezahlung der Haͤlfte. Geſellſchaften mied der Graf. Im Winter beſuchte ihn der Major von Eck. Dieſem gelang es, ihn wenigſtens etwas auf⸗ 20* 3⁰3 zuheitern. Der Major ſuchte ihn moͤglichſt zu beſchaͤftigen; ſie entwarfen den Plan zu mehrern Wirthſchaftsgebaͤuden, die im kom⸗ menden Sommer aufgefuͤhrt werden ſollten; ſie ordneten die Bibliothek, ſie kopirten oder reducirten nach verjuͤngtem Maasſtabe die Charten uͤber die bereits vermeſſenen Guͤter, und ſo gewoͤhnte der Major allmaͤhlig den Grafen zu der Thaͤtigkeit, die einen nuͤtzli⸗ chen Zweck hat, und darum den Geiſt be⸗ ſchaͤftigt. Das Fruͤhjahr begann. Die Arbeiten des Grafen, die ihm der Major gleichſam als Penſum aufgegeben hatte, nahmen ihren Anfang. Der Graf hatte vom Morgen bis zum Abend zu thun. Er genaß von der Krankheit ſeines Tieſſinns vollkommen, aber ein Prozeß vernichtete, was der Major mit ſeiner vorſorglichen Freundſchaft ſo muͤhſam aufgebaut hatte. Jahrzehende hatte ein wichtiger Rechts⸗ ſtreit zwiſchen dem Grafen und deſſen Grenz⸗ ſt nachbaren uͤber einen bedeutenden Strich Lan⸗ zu des, bei den Gerichtshoͤfen geſchwebt. Jetzt n⸗ kam die Sache zux letzten Entſcheidung an 1; die hoͤchſte Inſtanz. Der Major, der um er des Grafen ſaͤmmtliche Angelegenheiten wuß⸗ ie te, rieth ihm, dieſes Prozeſſes halber, ſelbſt er, nach der Reſidenz zu kommen, um durch ſei⸗ en ne perſoͤnliche Gegenwart die Beendigung li⸗ dieſes langen, verdruͤßlichen Streites zu be⸗ he⸗ ſchleunigen. Er dachte in dem Augenblicke, als er en den Grafen einlud, nach der Reſidenz zu m kommen, nicht daran, daß Thereſens Naͤhe en auf des Grafen halb geheiltes Gemuͤth ſo is maͤchtig wirken werde. er Der Graf kam. Der Major war nicht er hier; er hatte in Dienſt⸗Angelegenheiten nit verreiſen muͤſſen. Sein erſter Gang war m zur Familiengruft. Er hatte den Gruft⸗ Schluͤſſel bei ſich zu Hauſe auf dem Gute 6 s⸗ nicht finden koͤnnen, er erſuchte daher den Todtengraͤber, der einen zweiten Schluͤſſel 310 hatte, ihm die Gruft zu oͤffnen. Er warf ſich bei Thereſens Sarg auf die Kniee. Da loͤſte ſich die leichte Rinde, die Zeit und Zerſtreuung um ſein Herz gezogen hatten. Es brach. Der eingeſchlaͤferte Schmerz er⸗ wachte mit neuer Staͤrke. Er drang in den Todtengraͤber, ihm den Sarg zu oͤffnen. Der Mann war vernuͤnftig genug, es ſtandhaft zu verweigern. Der Graf kuͤßte den Sarg, er betete zu ſeiner Thereſe, wie zu einer verklaͤrten Heiligen. Er weinte ſich ſtill aus, und ging mit ſeinem Jammer nach Hauſe. Hier fand er eine Einladung vom Fuͤr⸗ ſten Auguſt, der von ſeiner Ankunft unter⸗ richtet war, morgen zu der Maskerade zu kommen, die der Fuͤrſt in ſeinem paradieſi⸗ ſchen Garten, zu Ehren des Beilagers gab, das die Kron⸗Prinzeſſin mit einem auswaͤr⸗ tigen Prinzen feierte. Der Graf ſchlug die Einladung in verbindlichen Ausdruͤcken aus. Allein der Fuͤrſt, der den jungen Grafen wie — 311 ſeinen Sohn liebte, der um ſeinen Kummer wußte, und ihn durch Geſellſchaft zu zerſtreu⸗ en glaubte, fuhr ſelbſt bei dem Grafen vor, wiederholte ſeine Bitte, und noͤthigte dem Grafen, der nun nicht laͤnger ausweichen konnte, das Verſprechen ab, bei der Maske⸗ rade zu erſcheinen. Alle Feſte, die der Fuͤrſt Auguſt arran⸗ girte, trugen den Stempel der Vollendung. Die Hauptgaͤnge des Gartens waren praͤchtig illuminirt. An jedem Ende eines ſolchen Ganges brannte bald im Transparent, bald in bunten Lampen, ein großes Blumen⸗ bouket, oder ein Tempel des Hymen, oder. eine ſtille Grotte der Liebe u. ſ. w. Spaͤ⸗ terhin, gegen Mitternacht, beleuchtete der Mond mit ſeinem freundlichen Lichte das froͤhliche Feſt. Eine große tuͤrkiſche Muſik fuͤllte die Luft, und trug das Jauchzen des froͤhlichen Abends bis zu den dunkeln Wol⸗ ken, und alle Blumen und Orangeriebluͤthen dufteten heute lieblicher, um der Kronprinzeſ⸗ 312 ſin, ihrer Huldgoͤttin, ihr Opfer zu bringen. Hundert und aber hundert Masken, durch⸗ wogten, vom neckenden Scherze begleitet, den Garten, andere tanzten im hocherleuchteten Saale, oder labten ſich an den reich beſetzten Tafeln gemuͤthlich. In jeder Ecke des Tanz⸗ ſaales fielen, um die Luft den Tanzenden zu kuͤhlen, kleine Kaskaden in eryſtallene Becken. Das Waſſer ergoß ſich uͤber buntfarbige Lam⸗ pen; das Licht brach ſich durch die kleinen Spiegelfluthen, und verbreitete einen magi⸗ ſchen Schimmer. Immer ſtanden einige Masken bei den Kaskaden, um ſich zu kuͤhlen, und am ab⸗ wechſelnden Farbenſpiele das Auge zu ergoͤ⸗ tzen. Auch hierher kam der Graf einen Au⸗ genblick, den das Getuͤmmel der frohen Ge— ſellſchaft nicht anſprach. Er hatte dem Fuͤr⸗ ſten einmal das Wort gegeben. Dieſem woll⸗ te er ſich blos zeigen, und dann wieder heim⸗ kehren. Im ſchwarzen, duͤſtern Domino ge⸗ huͤllt, trat er an die Kaskade, und forſchte, 313 ob hier der Fuͤrſt ſey. Der Zauberſchimmer der Lampen hinter dem plaͤtſchernden Waſſer, hielt ihn einen Augenblick feſt. Es ſtanden eben wenige Masken um die Kaskade herum. Er weilte gern. Das Spiel des Waſſers, die ſtill flimmernden Lichter, die kuͤhlenden Luͤftchen thaten ihm wohl. Er warf zufaͤllig einen Blick auf die Umſtehenden. Da ſtand einige Schritte von ihm, dicht an der Kas⸗ kade, eine weibliche Maske von großer ſchoͤ⸗ ner Geſtalt, angethan mit einem ſchwarzen Sammetkleide, das von geſtickten Silberſtern⸗ chen uͤberſtreut war. Auf der Bruſt einen bluͤhenden Blumenſtrauß, am Halſe ein klei⸗ nes diamantenes Kreuz, an der Hand einen goldenen Ring, das Geſicht mit einem drei⸗ fachen ſchwarzen Schleier verhuͤllt, und das blonde Haar mit einer Guirlande von Im⸗ mortellen durchzogen. Der Graf erbebte, als traͤfe ihn ein Donnerſchlag. Es war Thereſe. Es war ihre Geſtalt, ihr Todtenkleid, ihr Kreuz, ihr 314 Haar; ſo hatte ſie im Sarge gelegen. Faſt haͤtte er laut aufgeſchrieen, aber der Schreck benahm ihm die Sprache. Die Maske hat⸗ te ihn nicht bemerkt, ſie ſtand mit dem Ge⸗ ſichte nach der Kaskade zu gekehrt, ohne Be⸗ wegung. Der Graf ſammelte die ſchwinden⸗ den Krafte, und naͤherte ſich, hinter dem Ruͤ— cken der Umſtehenden, ſeiner Geiſtergeſtalt. Er ſagte kaum hoͤrbar,„Thereſe!“ Es wendete ſich die Maske zu ihm. „Um Gottes willen, Wereſe,“ ſagte heimlich der Graf dem die Bruſt vor Ent⸗ zuͤcken und Schauder faſt zerſprang.„Biſt Du es, biſt Du es wirklich?“ Sie war es.„Herrmann,“ antwor⸗ tete ſie leiſe, und zog den Trauring vom Fin⸗ ger und gab ihn dem Grafen. Es war der Trauring mit dem blau emaillirten Vergißmeinnicht, den Thereſe im Sarge am Finger gehabt hatte. Der Graf traute ſeinen Sinnen nicht mehr. Ein kal⸗ tes Zittern ſtreifte ihm durch das Mark al⸗ 3¹15 ler Roͤhren. Den Ring hatte er an ſeinen Finger geſteckt. „Herrmann,“ fuhr die Unbegreifliche mit hohler Stimme leiſe fort:„ ruͤhre mich nicht an, ſonſt bift Du augenblicklich des Todes. Ich verſprach Dir, ein Jahr nach meinem Tode zu erſcheinen. Ich halte noch fruͤher Dir Wort. Komm mit mir. Allein. Denn Wichtiges ſprech' ich mit Dir.“ Sie ging, nahm vom naͤchſten Tiſche ein Licht, öffnete ein Seitenzimmer, und fuͤhrte ſo den Grafen durch mehrere Zimmer bis in ein abgelegenes ſtilles Kabinet. Der Graf folgte langſam, ſeiner kaum mehr be⸗ wußt. „Entſchleiere Dich, Thereſe, daß ich Dich ſehe,“ ſagte der Graf jetzt, und ſchlang ſeinen Arm, das Verbot des An⸗ ruͤhrens vergeſſend, um die Grabesgeſtalt. Thereſe hob den dichten Schleier. Ein kleiner hohler Todtenkopf grinſte dem Grafen entgegen. Vom Entſetzen uͤbermannt, ſtuͤrtzte der Ungluͤckliche zu Boden. Die Sinne vergingen ihm. Die tiefe Ohnmacht verlor ſich nach einer langen Pauſe allmaͤhlig. Der Graf kam wie⸗ der zu ſich. Aber die Geſtalt war verſchwun⸗ den, das Licht verloſchen. Kalter Schweiß ſtand ihm vor der Stirn. Alle ſeine Glieder waren gelähmt. Nach langen Minuten gewann er noch ſo viel Kraft um aufzuſtehen. Er ſchlich ſich, bekannt mit dem Innern des fuͤrſtlichen Pallaſtes, heimlich hinaus, warf ſich in ſei⸗ nen Wagen, und fuhr nach Hauſe. Ohne ein Wort zu ſprechen, ließ er ſich vom Kammerdiener entkleiden, und legte ſich vor innerem Grauſen erſtarrt, zu Bette. Blos der einzige Gedanke des nahen Todes lebte in ſeiner zerruͤtteten Seele, denn er hatte ja Thereſen angeruͤhrt, er hatte ſie ja umſchlungen. Den folgenden Morgen erwachte er mit einem hitzigen Fieber. Er phantaſirte sinne einer wie⸗ vun⸗ weiß ieder noch hlich ichen ſei⸗ ſich ſich eette. odes er ie ja ier aſirte 3¹7 zuweilen, war aber kurz darauf ſchnell wieder bei ſich, und ſprach dann mit voͤlligem Be⸗ wußtſeyn. Gleich nach dem erſten Erwachen er⸗ zaͤhlte er dem Kammerdiener, der noch nicht wußte, daß ſein Herr krank war, was er ge⸗ ſehen, und phantaſirte von dem geſtrigen Vorfall. „Guter Gott,“ hob der Unvorſichtige an,„alſo iſt es doch wahr?“ „Was ſoll wahr ſeyn?“ ſagte der Graf, der unterdeſſen wieder zu ſich ſelbſt gekommen war.„Sprich, was ſoll wahr ſeyn?“ „J, nu, von der ſeeligen Frau Graͤfinn, daß ſie dieſe Nacht mit bei dem Fuͤrſten Auguſt auf dem Balle geweſen ſeyn ſoll.“ „Um Gotteswillen,“ rief der Graf laut auf,„was weißt du denn davon?“ „Ach mir iſt es ganz kalt um das Herz geworden, als ich es gehoͤrt habe. Geſtern Abend zwiſchen eilf und zwoͤlf Uhr kommt 318 eine große ſchoͤne Dame maskirt aus dem Pallaſte des Fuͤrſten. Sie hat ein ſchwar⸗ zes Kleid angehabt, mit lauter Silberſtern⸗ chen darauf, und vor dem Geſicht einen dichten ſchwarzen Schleier.“ „Ja ja, weiter,“ rief der Graf„das war ſie, das iſt ſie geweſen. Nun?“ „Sie nillimt den erſten beſten Lohn⸗ wagen, giebt dem Kutſcher zwei Thaler, und ſagt ihm, er ſolle ſie nach Hauſe fahren. Er fragt natuͤrlich, wo ſie wohne, da ant⸗ wortet ſie, ſie werde es ihm ſchon ſagen; er ſolle nur vorerſt zum Bruͤckthore hinaus⸗ fahren. Als ſie vor das Thor kommen, weißt ſie ihm links zu fahren, Das iſt der Weg zum Gottesacker. Der Kerl ſchuͤttelt den Kopf, aber weil da vorbei auch der Weg nach der Faſanerie fuͤhrt, wo der Herr Haus⸗ marſchall jetzt wohnt, denkt er, daß die Da⸗ me die Tochter des Marſchalls iſt, die ziem⸗ lich von der Figur ſeyn ſoll. Aber als ſie an das Kirchhofthor kommen, ruft ſie dem —.———ꝙ— dem hwar⸗ ſtern⸗ einen „das Lohn⸗ und hren. ant⸗ gen; naus⸗ men, t der aͤttelt Weg daus⸗ Da⸗ ziem⸗ s ſie dem 319 Kutſcher halt zu, ſteigt aus, klingt die kleine Kirchhofthuͤre auf, und geht langſam zum Gottesacker hinein. Dem Kerl wird es un⸗ heimlich, aber die Neugierde iſt doch groͤßer, als die Furcht; er will ſehen, wo die Maske bleibt. Der Mond ſcheint hell. Er ſieht vom hohen Bocke uͤber die Mauer heruͤber. Da geht die lange ſchwarze Geſtalt mit den Silberſternchen, die im Mondſchein hell flimmern, zu Ew. Erlaucht Familiengruft, holt einen Schluͤſſel hervor, ſchließt die eiſer⸗ ne Gitterthuͤr auf, ruft dem Kutſcher, dem die Haare jetzt zu Berge ſtehen, noch eine gute Nacht uͤber die Mauer zu, und ver⸗ ſchließt hinter ſich die Thuͤre der Gruft.“ „Menſch,“ hob der Graf an, der jedes Wort von den Lippen des Erzaͤhlenden mit brennender Begierde geſogen hatte,„iſt das wahr? alles wahr?“ „Ich habe den Kutſcher heute fruͤh ſelbſt geſprochen. Er hat mir bei der Jung⸗ frau Maria und allen Heiligen geſchworen, 320 daß das alles buchſtaͤblich ſo iſt, wie ich es Ihnen erzaͤhlt habe. Auch die zwei Thaler hat er mir gewieſen. Das iſt ganz altes Geld; kein Menſch kennt das Gepraͤge. Er ſagt, er haͤtte die ganze Nacht kein Auge zuthun koͤnnen; immer habe er die ſchwarze Maske vor ſich geſehen und die hohle Stim⸗ me, mit dem ſie ihm die gute Nacht zuge⸗ rufen, kann er gar nicht aus dem Gedaͤcht⸗ niß wieder los werden.“ „Hohle Stimme? Ja— ach Jeſus ja! Es klang als ob ſie aus dem Grabe herausſpraͤche.— Ich will hin. Ich muß hin. Ich will Ihren Sarg oͤffnen laſſen. Ich muß ſie ſehen. Dort wird ſich das ſchreckliche Raͤthſel loͤſen. Ich habe ja ihren Ring. Fehlt der an ihrem Finger, dann, ach dann habe ich meine Thereſe wirklich geſehen, dann war es keine Taͤuſchung mei⸗ ner Sinne;— hol mir den Kutſcher, daß ich ihn ſelbſt ſpreche.“ Der Graf ſprang aus dem Bette, allein Auge arze tim⸗ uge⸗ aͤcht⸗ eſus rabe muß ſſen. das hren ann, klich mei⸗ 321 er war nicht vermoͤgend, ſich anzukleiden. Er zitterte ſo heftig, daß er nicht ſtehen konnte. Er mußte wieder in das Bette zu⸗ ruͤck gebracht werden. Der Arzt kam. Er hoͤrte den ganzen Zuſammenhang des ſonder⸗ baren Vorfalls. Er hielt es anfangs fuͤr ein Werk der zerruͤtteten Phantaſie des Gra⸗ fen; aber als der Kutſcher kam, und die zwei alten Thaler vorwieß, und die Geſchich⸗ te mit allen Eiden bekraͤftigte, wußte er bei aller Vernunft doch nicht was er denken ſollte. Der Graf konnte nicht aus dem Bette. Er flehte, er beſchwor den Kammer⸗ diener, die Oeffnung des Sarges zu bewerk⸗ ſtelligen; er ließ ihn vor das Bette knieen; hier mußte er die drei erſten Finger ſeiner Rechten auf das bloße Herz des Graſen legen, und ihm ſo ſchwoͤren, daß er ihm wahr und treu erzaͤhlen wolle, was er dort ſehen werde, und der Arzt erbot ſich frei⸗ willig, den Kammerdiener zu begleiten. Sie ließen ſich vom Todtengraͤber 21 die 322 3. eiſerne Gitterthuͤre des Gruftgewoͤlbes, wel⸗ ſche geſtern Thereſe vor den Augen des Kut⸗ ſchers hinter ſich verſchloſſen hatte, oͤffnen. Sie ſtanden jetzt in einem nicht zu großen, mit Quaderſteinen gepflaſterten Gewoͤlbe, in deſſen Mitte eine weite Oeffnung war. In dieſer Oeffnung befand ſich eine Treppe, auf der ſie nun in die graͤfliche Gruft hin⸗ abſtiegen, wo mehrere Saͤrge neben einan⸗ der ſtanden. Thereſens Sarg war der letzte. Neben ihm lag ein ſchoͤner friſcher Blumen⸗ ſtrauß. Der Todtengraͤber, der vom ganzen Vorgange nichts wußte, und alſo auch den Zweck des Oeffnens nicht kannte, bemerkte den Strauß zuerſt, weil er die Treppe vor⸗ an gegangen war. Er ſtutzte und konnte ſich platterdings nicht zuſammenreimen, wie die friſchen Blumen in die Gruft hier her⸗ unter gekommen waren. Der Arzt und der Kammerdiener ſahen ſich bedeutend an. Er⸗ ſterer nahm den Strauß an ſich. Der Kam⸗ merdiener holte nun den mitgebrachten ——— — Schraubenſchluͤſſel ervor, um die Schrauben, 9 womit der Sarg verſchloſſen war, zu oͤffnen. Dieſer Schraubenſchluͤſſel war von den Haus⸗ Offizianten, die damals den Sarg vom Gu⸗ the hierher gebracht hatten, mitgenom⸗ und dann im hieſigen graͤflichen Pa⸗ men, Mit Muͤhe konn⸗ lais aufgehoben worden. te man nur die Schrauben aufwinden, ſo feſt waren ſie eingeroſtet. Die Schaudermacht der Verweſung hatte Thereſen, das vollendet ſchoͤne Weib, ſchrecklich zerſtoͤret. Im verbleichten Haar waren noch die Immortellen ſichtbar. Statt des bluͤhenden Geſichts ein ausgehoͤhlter Tod⸗ tenkopf; am Rumpfe noch das diamantne Kreuzchen; die Blumen des Bruſt⸗Boukets waren zu Staub und Aſche geworden; auf vermoderten Sammetkleide noch die angelaufenen Sternchen, dem ſilbernen ſchwarz aber der Trauring fehlte. Der Kammerdiener war damals, als g beigeſetzt worden war, mit hier 31 der 324 geweſen. Der Sarg wie oben erwaͤhnt, noch einmal unten in der Gruft geoͤffnet worden; und der brave ehrliche Menſch erbot ſich zu tau⸗ ſend Eiden, daß die Graͤfinn damals den Ring am Finger noch gehabt habe. Der Ver⸗ dacht, als habe der Todtengraͤber oder ein Dritter ſich dieſen Ring zugeeignet, war ganz ohne Grund; denn wer den Ring nahm, haͤtte auch das Kreuzchen nicht liegen gelaſſen, das zehnmal mehr werth war, als der Ring; und wer haͤtte dazu gekonnt? Nur der Todtengraͤber hatte den Schluͤſſel zur eiſernen Gitterthuͤre, und zu den Sarg⸗ ſchrauben hatte ihn kein Menſch. Allein haͤtte der Portier des graͤflichen Palais zu letztern, zu dem Sargſchraubenſchluͤſſel kom⸗ men koͤnnen, dann mußte er immer erſt den Gitterthuͤrſchluͤſſel vom Todtengraͤber haben, und was konnte dem Portier an dem kleinen Ringe liegen? Hatten die Unterſuchenden vorher kein Licht gehabt, ſo tappten ſie jetzt gar im Finſtern. —ᷣ— —— 3²5 Der Arzt, der hier ſah, daß ſelbſt die aller⸗ ſtrengſte Unterſuchung keinen Aufſchluß, ſon⸗ dern blos die Verbreitung des Geruͤchts von der Erſcheinung der Graͤfinn bewirken werde, eines Geruͤchts, was der Familie der Graͤfinn manche empfindliche Beunruhigungen verurſa⸗ chen mußte, gebot dem Todtengraͤber, dem Kut⸗ ſcher und dem Kammerdiener, uͤber den gan⸗ zen Vorfall die tiefſte Verſchwiegenheit. Der Graf freute ſich, daß der Ring gefehlt hatte.„Er mußte fehlen,“ ſagte er freundlich,„denn er iſt ja nicht zweimal in der Welt, und ſie gab mir ihn geſtern von ihrem Finger ſelbſt in die Hand, da⸗ mit ich ſie und ihre Treue daran erkennen ſollte. Ich habe tauſendmal dieſen Ring an ihrem Finger gekuͤßt.“ Den Strauß — der Kammerdiener hatte ja geſchworen, alles zu berichten, wie er es faͤnde, ſonſt haͤtte der Arzt den Fund verſchwiegen, um dem Schmerz des Grafen keine nene Nahrung 326 zu geben— den Süahſßs ließ er ſich in das Bette geben. „Ja, ja,“ ſagte er laͤchelnd, und die Thraͤnen ſchoſſen ihm in die Augen,„das war das geſtrige Bouket! Die Blumen im Sarge ſind zu Staub und Aſche gewor⸗ den, da hat ſie friſche gepfluͤckt. Sind die Blumen aus Deinem Paradieſe, Thereſe? In Deiner Modergruft, in der deine Huͤlle, Deine ſchoͤne Huͤlle zerfallen iſt, da wachſen ſie nicht! Gebt ſie mir mit, dieſe Blumen, wenn ich ihr folge, und den Ring gebt mir mit, daß ich ihn ihr wiedergebe, und ihr ſage: Thereſe, Herrmann iſt dir treu geblie⸗ ben! Gruͤßt den Major, Nina und alle meine Leute. Sie ſollen beten fuͤr mich und Thereſen.“ Der ſchoͤne junge Mann rang nicht lange mit dem Tode. Zwei Tage noch lebte er, aber, ſein Geiſt war fruͤher von ihm ge⸗ wichen. Der Ring und der Strauß wurden, der letzten Vorſchrift gemaͤß, ihm in den —.— ₰ ( 3²7 18 Sarg mitgegeben, Noch hier lag in ſeinem Geſicht der Ausdruck, daß er ſein ſtilles Ziel ie errungen habe, daß ihm nun wohl ſey. 18 Dicht neben Thereſens Sarge ruht der n Gluͤckliche. Auch ſeine Blumen moͤgen nun ⸗ zu Staub und Aſche zerfallen ſeyn, auch te ihn mag nun die grimmige Hand der Ver⸗ 2 weſung entſtellt haben, aber das Andenken „ an dieſe beiden edeln Menſchen lebt noch in vieler Herzen. 3²28 Meine Leſer werden ſich des Verſpre⸗ chens entſinnen, daß ich aus Ninas Geheim⸗ Buche Auszuͤge liefern wollte. Es folgen hier nun diejenigen, welche Bezug auf jene Begebenheit ſelbſt haben. Ich bitte, ſie mit Aufmerkſamkeit zu leſen, um ſich den Zuſam⸗ menhang jener verworrenen Geſchichte aus dieſem Geheim⸗Buche ſelbſt zu entraͤthſeln. Ich werde dieſe Auszuͤge in kurzen Abfaͤtzen liefern, ſo wie ſolche in Ninas Ge⸗ heim⸗Buche wirklich enthalten ſind. Sie iſt irrig. Sein Wohlwollen iſt nicht Liebe ſondern bloßes Gutſeyn. Auch ich kann ihn nicht lieben, mag ihn nicht lieben. Er iſt Gatte, er iſt Monarch. Das erſtere Verhaͤltniß zu ſtoͤren, waͤre ſtrafbar; das zweite zu uͤberſpringen, bin ich nicht ſchlecht genug. Intrigue?— wozu ſoll ſie? wozu fuͤhrt ſie? wo koͤnnte ſie anders enden, als in den Armen des Verbrechens? Nein ich liebe ihn nicht. — ———, 329 Der Graf erſchien bei Hofe wie ein Meteor. Dieſe Art Menſchen taugt nicht fuͤr den Hof. Er war ungezwungen und frei; er ſtand feſt auf dem glatten Boden. Er ſprach oyne Ruͤckſichten, mit offenem Au⸗ ge und ſtolzer Stirne. Die Hofleute laͤchel⸗ ten uͤber ihn, weil er bei dem Eintritte ſich nicht tief genug vor dem Monarchen gebeugt hatte. Aber dieſem gefiel dieſer Stolz, die⸗ ſes offene Auge, dieſe gerade Haltung, dieſe ſchoͤne Geſtalt. Er ſprach lange mit dem Grafen, und ſagte zum Hofkanzler nachher halb laut:„Ein ſehr kapabler junger Mann.“ Das Armeſuͤnder⸗Geſicht zog den Hofkanzler nieder, er buͤckte ſich tief, und antwortete mit freundlichem Laͤcheln:„Ein hoffnuͤngsvoller junger Kavalier.“ Nun ſtiegen die Stocks des Grafen. Die Hoͤflinge fanden ihn aller⸗ liebſt und laͤchelten nicht mehr. Sie wollten nun auch ſo ſtolz, ſo frei⸗ ſo offen aufſehen, als der Graf; aber der Major Eck meinte, der Adler floͤge dem Blitz entgegen, wenn 35⁰ die Gaͤnſe beim Wetterleuchten die Koͤpfe nur ſchnatternd erhoͤben. — Er iſt huͤbſch; er iſt ſehr huͤbſch; in ſeinem Auge liegt eine gutmuͤthige Schwaͤr⸗ merei, die ihn unendlich intereſſant macht. Aber der Hof iſt nicht ſeine Welt. Was wollte heute die Monarchin? Sie ſprach mit uns uͤber eine halbe Stunde von ihm, und fixirte mich mit ihrem Blick. Er hat mich nicht mehr ausgezeichnet als andere; er iſt artig gegen alle. Sie nimmt die Sache ernſtlicher, als ſie iſt. Ich ſoll ihm, behauptet ſie, vor al— len Andern gefallen haben. Sein Blick ſoll nur allein auf mir geruht haben. Sie lach⸗ te laut auf, als ich roth ward und laͤugnete. Ich war einfaͤltig genug, zu geſtehen, daß er mir geſiele.„Ich weiß alles,“ ſagte ſie, „laſſen Sie mich ſorgen, Sie ſollen mit mir — ———— ur —.— ☛‿— 33¹1 zufrieden ſeyn.“ Wofuͤr will ſie ſorgen? Womit ſoll ich zufrieden ſeyn? — Abſcheulich! ſie hat mich ihm angetra⸗ gen, ſie hat mich ihm beſtimmt angetragen. Aus den Reden des albernen Kammerjun⸗ kers laͤßt ſich die ganze Geſchichte zuſammen ſetzen. Er hat ihm, mit der vermaledeiten Hoffeinheit, den Wunſch der Monarchin zu erkennen geben muͤſſen, daß ſie es gern ſaͤhe, wenn er ſich um meine Hand bewerbe. Und er hat mich ausgeſchlagen. Natuͤrlich. Ein Mann, wie der Graf, kann keinem Maͤdchen ſein Herz ſchenken, das er nicht liebt, und er kennt mich nicht einmal; er weiß nichts von mir, als daß ich das ungluͤckſeligſte Ge⸗ ſchoͤpf von der Welt, die erſte Hofdame, bin. Was muß der Graf von mir denken; muß er nicht, kann er nicht argwohnen, daß ich die Veranlaſſung zu dem entehrenden Auf⸗ trage des Kammerjunkers war? Erbaͤrmli⸗ ches Geſchoͤpf, ich! Ich darf ihm nicht ein⸗ e 53² mal ſagen, daß ich es nicht war, daß er mich nicht verachten ſolle. Aber ich ſehe ihr Spiel durch. Sie glaubt, daß ich ihr ein Herz rauben werde, das ihr ja doch nie gehörte. Sie wollte mich vom Hofe entfernen. Sie berechnete richtig, daß der Graf in dieſer Atmyſphäre nicht lange ausdauern, daß er den Hof bald meiden wuͤrde, und dann war ſie von der eingebildeten Gefahr meiner Naͤ⸗ he befreit. Dieß war ihr Zweck; die Mit⸗ tel waren ihr gleich. Der Kammerjunker war das elende Werkzeug, und ihrem kalten Herzen ward es leicht, meine Ehre, meinen Ruf unter dem meuchelmoͤrderiſchen Dolchſto⸗ ße verbluten zu ſehen. Nein, ich tauge nicht fuͤr die Hofwelt. Mein guter Vater wollte mir den hoͤchſten irdiſchen Glanz dieſer Erde erkaufen. Ich habe meine Ruhe, das Gefuͤhl meiner Selbſt hingegeben, und tauſendfachen Jammer dafuͤr eingetauſcht. Aber ich will es enden dieſes Verhaͤltniß, das von Anbe⸗ ginn keinen Reiz fuͤr mich haben konnte, und —zꝛV diel erz ke. Sie ſer er ar ſaͤ⸗ Lit⸗ ker ten nen ſtto⸗ cht llte rde uͤhl hen vill be⸗ ind r ſollte mein Entſchluß auch die Exiſtenz mei⸗ nes ganzen Seins koſten; ich habe ihn feſt gefaßt, und ich werde ihn ausfuͤhren. Es iſt geſchehen. Sie war uͤberraſcht, als ich ſie um meine Entlaſſung bat, aber ſie willigte mit ſichtbarer Freude ein. Hat ſie doch ihren Zweck erreicht und ich den meinigen. — Ich frage mich oft, ob ich nicht zu ſchnell handelte. So erbaͤrmlich glaubte ich die Menſchen nicht. Es fragt mich alles, warum ich es gethan, und keiner kann begreifen, daß ein Herz, wie das meinige, in jenen ſee⸗ lenloſen Kreiſen des aͤußern Schimmerglanzes und der kalten Hoffarth, nie heimiſch werden konnte. Die Menſchen umſchleichen mich, als haͤtt' ich ein Verbrechen begangen; ſie belauſchen jede meiner fruͤhern Handlungen, und wollen in einer wenigſtens den Grund finden, warum ich den ſtillen Kreis der Mei⸗ nigen jener ſtolzen Pracht vorzog. Sie wen⸗ 334 den ſich von mir; ich laſſe ſie in Frieden ziehen, ſie verſtehen mich nicht. Nur die Kinder greifen nach den Aepfeln, die mit Goldſchaum geziert am flimmernden Chriſt⸗ baume haͤngen. Die Goldbarren des wah⸗ ren Lebensgluͤcks liegen tief verſenkt in mei⸗ nem Gemuͤth. Ich bin ruhig und gluͤcklich. Der Graf war da. Ich fuͤhlte mich ſonderbar erſchuͤttert, als er in die Laube trat. Er wuͤnſchte mir Gluͤck, den Hof mit der Natur vertauſcht zu haben, er ſetzte ſchmeichelnd hinzu, daß die Natur bei dieſem Tauſche gewonnen. Heute erſt— dort nicht, in jenen ſteifen Courzirkeln— heute erſt lernte ich den Grafen naͤher kennen, und be⸗ wunderte mit ſtillem Staunen die Tiefe ſei⸗ ner Kenntniſſe, den Reichthum ſeines Ge⸗ fuͤhls. In ſeinen Augen hatte ich nicht ver⸗ loren. Ich fuͤhlte, daß ich gewonnen hatte. Er begegnete mir mit zarter Achtung, mit ſchonender Aufmerkſamkeit. Ach, es that mir ——— un — —— unausſprechlich wohl, von ihm nicht verkannt zu werden. Er verſicherte mich ſeiner Theil⸗ nahme; ſie erwaͤrmte mein Herz. Er zog mich an ſich, ohne daß ich es wußte; aber ich ſtraͤubte mich nicht. Seine Sanftheit, ſeine ſtrenge Sittlichkeit,— doch, hat mich nicht ſein angenehmes Aeußere, ſeine ſchoͤne Figur beſtochen, ihm unwillkuͤhrlich eine Lob⸗ rede zu halten? — Der Graf war wieder da! Heute froͤh⸗ licher, unbefangener, herzlicher. Sein Blick weilte mit Wohlgefallen auf mir. Ich las in ſeinem Auge etwas, das mich aufregte, das mir das Blut in die Wangen jagte und das Herz hoͤher hob. In ſeinem Betragen lag eine feine Auszeichnung, ein Entgegen⸗ kommen, das mich von jedem andern Manne in Verlegenheit geſetzt haben wuͤrde: bei ihm nicht. Er ſchloß mein Innerſtes ſich auf. Er ſprach uͤber tauſend Dinge, und wußte jedem ein Intereſſe zu geben. Er ergriff 336 im Feuer ſeiner Rede meine Hand, ich ließ ſie ihm willig, ohne etwas deutlich dabei zu denken; der Onkel ſah mich bedeutend an, ich zog die Hand erroͤthend zuruͤck. Der Onkel laͤchelte, der Graf ſchien weder das Laͤcheln des Onkels, noch mein Erroͤthen zu bemerken; er fuhr im Geſpraͤch fort, und ich aͤrgerte mich, daß ich roth geworden war, und daß ich die Hand zuruͤck gezogen hatte. —— Er liebt mich; ich glaube, er liebt mich. Er ging heute mit mir allein im Garten. Die Sonne ſenkte ſich hinter den blauen Gebirgen des Horizontes hinab, und vergol⸗ dete die Gipfel der Felſen mit ihrem praͤch⸗ tigen Abendroth. Er ſtand ſinnend vor dem feierlichen Schauſpiel, zog meine Hand an ſeine Lippen, ſahe mir mit Liebe unter die Augen, und druͤckte mir, im ſtillen Erguß ſeiner Empfindungen, die Hand. Ich glaube ich druͤckte ſie ihm wieder; da umſchlang er mich, und rief, ſeiner vergeſſend:„wo Liebe 3½ zu an, der das zu nd ar, tte. ich. ten. uen gol⸗ aͤch⸗ dem an die guß aube g er Liebe im Herzen wohnt, behaͤlt die Schoͤnheit der Natur ihre Rechte.“ Die Tante kam aus dem Seitengange und laͤchelte bedeutend uͤber die ſeltſame Gruppe. Ich mußte den gan⸗ zen Abend die Ausfaͤlle ihres Scherzes hoͤ⸗ ren, und ich hoͤrte ſie gern, denn ſie erinner⸗ ten mich an den Augenblick, welcher der ſuͤ⸗ ßeſte meines Lebens war. Meine einzige Be⸗ ſorgniß iſt, daß ich ſeiner Liebe nicht werth Er iſt beſſer, edler als ich; in ſeiner Seele iſt kein Flecken; in ſeiner Bruſt wohnt das tiefſte Gefuͤhl fuͤr Natur und Religion. Er kennt kein Falſch, ſein Herz iſt lauter, wie Kryſtall. Ich bin nicht ſo rein, ſo ma⸗ kellos. Der Hof hatte mich verdorben, aber ich will beſſer werden. wie er, und an ſeinem Herzen werde ich die Gluͤcklichſte ſeyn unter der Sonne. Er hat mich getaͤuſcht! Er nicht! Ich habe mich getaͤuſcht! The⸗ teſe iſt die Gluͤckliche, die ſein Herz gewon⸗ Ich will werden, Doch nein! 22 338 nen hat, die das Leben mit ihm theilt. Sie will meine Freundin ſeyn; ſie har um mei⸗ nen Umgang, um meine Liebe gebeten. Ei⸗ ne ſchwere, faſt unerfuͤllbare Bitte. Thereſe iſt ſchoͤn, ſie iſt liebenswuͤrdig; ſie kann beſ⸗ ſer ſeyn, als ich. Aber nein, mehr lieben kann ſie ihn nicht! Das Wort iſt heraus, und warum ſoll ich meinem armen Herzen, dem alles geraubt iſt, nicht die einzige Freu⸗ de goͤnnen, mich zum Vertrauten zu haben. Ja, ich liebte ihn; ich traͤumte mir ſchoͤne Hoffnungen, und ſie ſind auf ewig geſchwun⸗ den. Ich habe alles verloren. Jetzt iſt kein Erſatz fuͤr mich denkbar. Ich ſoll ſie lieben, Thereſen lieben, die ſich zwiſchen mich und ihn ſtellt. Eine Aufgabe, die fuͤr meine Kraͤfte zu ſtark iſt. Liebe laͤßt ſich nicht ge⸗ bieten, auch Freundſchaft nicht. Ich ſollte ſie haſſen, allein ſie kann ja nicht dafuͤr. Sie hatte fruͤhere Rechte auf ihn; ſie weiß es ja nicht, daß mein Herz im Stillen ver⸗ blutet. Ich will mich ſtark machen, ich will 339 ihre Freundin ſcheinen, ich will den Schmerz, der mich langſam toͤdtet, in ſtummer Ver⸗ zweiflung dulden. Nun bluͤht keine Freude fuͤr mich mehr Als er mir an jenem Abend die Hand ſo herzlich druͤckte, da ſank die Sonne meines Lebens hinter die Vorgebirge meiner ſtillen Hoffnungen, und ſie kehrt nie wieder zuruͤck. Es wird Nacht um mich bleiben, ewig dunkle, kalte Nacht. Schreck⸗ liches, freudenloſes Leben!; Aber ich habe es nicht verſchuldet. Der, der meine Tage zaͤhlte, weiß auch ihr Ende; bis dahin will ich ausharren, ohne Klagen, ohne Murren. Ich ſoll mit. Soll das gluͤckliche Paar auf das Land begleiten; ſoll taͤglich ſehen, wie die Liebenden im Zauber des Genuſſes nur ſich einander gehoͤren, und die ganze uͤbrige Welt vergeſſend, ihr Paradies pflegen und bauen; ich ſoll der einzige ſtille Zeuge ihrer ſeeligen Tage ſeyn, und Thereſe will vor meinem Auge den Mann mit zarter Lie⸗ 22* be umfangen, der meinem Herzen das theuer⸗ ſte war. Nein, das kaun ich nicht! Ich kann es nicht! Und doch habe ich zugeſagt, denn er, ſagte Thereſe, wuͤnſcht recht herz⸗ lich, daß ich ſie begleite. Er wuͤnſcht es, es iſt ſein erſter Wunſch, den ich ihm erfuͤllen kann, und doch wird er mir ſo ſchwer; er kennt den Jammer meiner Leiden nicht. Er weiß, er ahnet nicht, mit welcher namenlo⸗ ſen Treue ich ihn liebe. Vielleicht— wir werden uns taͤglich ſehen. Seinem Blicke wird mein tiefer Kummer nicht entgehen; er wird in die Tiefe meiner Geheimniſſe dringen, und mich dann wenigſtens bemitlei⸗ den. Ungluͤckliche! Zertretene! Daß du mit dem Mitleid der Freundſchaft Dich be⸗ gnuͤgen willſt, wo Dein gluͤhendes Herz Lie⸗ be fordert. Und wenn er nun die furchtba⸗ re Entdeckung gemacht, was gewinne ich da⸗ durch? wird er gluͤcklicher, wenn er ſich von Beiden geliebt weiß? Thereſe oder ich, eine ſteht dann auf der Spitze, und was hat 6 2 „— 341 mir Thereſe gethan, das engelreine Weſen, das einen Himmel voll Liebe im Buſen traͤgt! Doch es ſoll ſeyn. Ich habe mich lange geweigert. Sie drang in mich; er wuͤnſcht es; ich komme— aber es waͤre vielleicht beſſer, ich kaͤme nicht. Sie ſind ſo gluͤcklich, ich nicht, ich kann es nie werden. Jeder Tag macht mich elen⸗ der. Ich habe nur ihn geliebt. Mein Herz kann keinem andern gehoͤren. Er weiß es nicht, er ſoll es nie erfahren. Ich will mei⸗ nen Schmerz tief in mich verſenken, und den Grabſtein der Vergeſſenheit darauf waͤlzen. Vergeſſen? Nein, das kann ich nicht; ich ſehe ihn ja taͤglich; und wenn ich tauſend Meilen von ihm waͤre, ſo wuͤrde ſein Bild ewig lebendig vor meiner Seele ſtehen. Hab' ich doch keine Suͤnde begangen, und ich werde geſtraft, als die gemeinſte Ver⸗ brecherin; denn ungluͤcklicher als ich, iſt Nie⸗ mand auf der Welt. Der Anblick ihres 3 13 Gluͤcks verzehrt mein Innerſtes, und ich muß laͤcheln und freundlich ausſehen, und darf nicht ſagen, daß ich krank, daß ich ſehr krank bin. Kein Arzt kann mir helfen, kein Gott! Wenn ich Thereſen nur haſſen könnte, ſo haͤtte das Gift meiner Seele doch wenig⸗ ſtens eine Nahrung. Aber ſie iſt ſo gut, ſo himmliſch gut, daß ich ſie wider meinen Wil⸗ len lieben muß. Allen Uibeln ſetzt die Zeit ein Ziel, dem meinigen nur Geduld. Ich wollte ſterben. Ich ging dem Ge⸗ witter entgegen, ich flehte den Himmel an, daß er ſeine Blitze herabſchleudere und mich zermalme. Dicht neben mir fiel das Feuer aus den ſchwarzen Wolken nieder. O, waͤre ich doch noch einige Schritte vorwaͤrts ge⸗ gangen, ſo haͤtte meine Quaal geendet. Aber ich ſoll leben. Ich ſoll? wer zwingt mich? wo iſt der Arm, der ſich mir entgegenſtellt, wenn ich will? —— — ,— 343 Ich habe das Gift gefunden, das The⸗ reſe ſich hat kommen laſſen, um die armen Fliegen aus der Welt zu ſchaffen, die uns den ganzen Tag belaͤſtigen. Meine innern Furien plagen mich mehr; ich will ſie er⸗ toͤdten, dann hab' ich Ruh im Grabe. Ich fuͤrchte den Tod nicht, er iſt mir ein will⸗ kommener Freund; die Federkraft meiner Staͤrke iſt zerſchmolzen, ich ertrage den An⸗ blick nicht laͤnger, die Liebenden gluͤcklich zu ſehen. Ihren Hochgenuß will ich nicht ſtoͤ⸗ ren. Ich will mich zuruͤckziehen in den ſtil⸗ len Winkel meines Grabes. Die Welt iſt mir, ich bin der Welt nichts mehr werth. Sie werden weinen um mich, denn ſie ſind mir gut; aber das ſuͤße Gluͤck ihrer Liebe wird ihnen bald ihre Thraͤnen trocknen, und ſie werden mich vergeſſen. Das Gift iſt in der Limonade. Nur einen herzhaften Schluck und der große Schritt in jene ferne Welt iſt geſchehen. Mich ſchaudert. Die Limonade iſt truͤbe. Der Weg iſt dunkel, mein Herz bebt, zwei Mal habe ich ſchon den Becher an die Lip⸗ pen geſetzt. Es uͤberfaͤllt mich eine Angſt. Ich wollte noch an Thereſe und Herrmann ſchreiben, aber ich kann nicht, die Hand zit⸗ tert mir. Ich will noch einmal hinunter in den Garten; ich will mir Muth und Staͤr⸗ ke erflehen, meine Seele dem empfehlen, der Blumen und Gifte ſchuf; vom Gebete ge⸗ ſtaͤrkt will ich dann trinken und ſterben. Großer Gott, was iſt geſchehen, der Giftbecher iſt geleert. Thereſe iſt krank, ſie kann nicht ſprechen, der Schmerz zerreißt ihr Innerſtes. Charlotte behauptet, die Limona⸗ de weggegoſſen zu haben, weil ſie wolkig nnd unrein ausgeſehen habe, und dieß iſt meine einzige Beruhigung. Ich glaubte im erſten Schreck, Therefe ſey in meinem Zimmer ge⸗ weſen, und habe, um ſich zu kuͤhlen, Limona⸗ de getrunken. — r —— 345 Es iſt ſo, es muß ſo ſeyn! Thereſe iſt todt, noch im letzten Augenblicke ihres Lebens klagte ſie mich als ihre Moͤrderin an. Dort liegt die Schiefertafel, auf der ſie mit ſterbender Hand das Wort Gift nieder⸗ ſchrieb. Charlotten habe ich wieder gefragt; ſie behauptet das Glas ausgegoſſen zu haben, doch, ſetzt ſie hinzu, ſei es nur halb voll ge⸗ weſen. Beſtimmt war Thereſe auf meinem Zimmer, waͤhrend ich im Garten betete, und trank die Haͤlfte des Giftes. Ich habe ge⸗ mordet, ich habe dem Grafen ſein Liebſles geraubt, ich habe beide elend gemacht. O, haͤtte ich doch nie gelebt! Der Naͤcher der Welt will nicht, daß ich ſterben ſoll, ſonſt haͤtte er mich mit ſeinem Blitze erſchlagen, ſonſt haͤtte er mich das Gift trinken laſſen. So will ich denn leben, mir zu meiner Stra⸗ fe leben, und jede Stunde, jeder Tag ſoll den Jammer mehren, der meine Bruſt zer⸗ foltert. Mein innerer Gott iſt von mir ge⸗ — — — 1 346— wichen, nun habe ich keinen Frieden mehr auf dieſer Welt. Ich kann nicht weinen. Gott iſt ſo grauſam gegen mich, daß er mir ſelbſt die Linderung der Thraͤnen verſagt. Es iſt alles eiskalt; der Arzt nannte mich eine Verwor⸗ fene. Nein, das bin ich nicht! ich wollte ſie ja nicht morden, mir galt das Gift. Ihr Geiſt ſchwebt unter den Verklaͤrten. Sie weiß jetzt meine geheimſte That. The⸗ reſe, Du ſtehſt vielleicht in dieſem Augenblick unſichtbar vor mir, Du ſchaueſt in die Tiefe meines Herzens; Du wirſt es oͤde und er⸗ ſtarrt ſinden, aber der Vorſatz, Dein ſchoͤnes Leben zu kuͤrzen, war bei Gott und allen Heiligen nie in meiner Seele. Ich habe Deine Huͤlle geſchmuͤckt, an Deinem Sarge habe ich drei Tage und drei Naͤchte gewacht. Zum einzigen Andenken meines unnennbaren Ungluͤcks nahm ich von Deinem Finger den Trauring. Den kleinen Raub hat niemand Pr 347 bemerkt, ich war allein im Zimmer und kurz darauf vunze der Sarg geſchloſſen. ——jr— 90 Dieſen Ring will ich mitnehmen und e den Schluͤſſel zu deiner Gruft. Der Ring 3 war das Shhnnbe l deiner reinen Treue. Warſt 2 Du nicht, Thereſe, ſo truͤg' ich vielleicht die⸗ e ſen Ringr jetzt biſt Du nicht mehr, jetzt . laß mich ihn tragen! Aber nur, um mich . an meinen unerſetzlichen Verluſt taͤglich zu r erinnern. Und wird mir das Leben, mit 4 3 dem mich der Herr des Lebens ſtraft, zu 2 ſchwer; ſo ſoll mir Dein Gruftſchluͤſſel die 3 ſtille Wohnung Deines Friedens oͤffnen, und . an Deinem Sarge will ich mir Ruhe und 1 Muth erflehen. 2 Ich habe dem Grafen Lebewohl geſagt, —. ich darf ihn nie wiederſehen. Ich will in 1 4 ferner Stille leben, und meinem verzehren⸗ 1 den Gram mich willig Preis geben. Viel⸗ leicht endet er bald meine Leiden. 1 Was iſt das? Welche neue Pein draͤngt ſich mir an das Herz. In Charlot⸗ tens Zimmer finde ich von Bollmann, dem Kammerdiener des Grafen, den Brief, den ich in der Schnelle copire, um ſie meinen Fund nicht merken zu laſſen; denn ich ſoll nicht wiſſen, daß Bollmann ſie liebt. „„Mit unſerm armen Herrn wird es alle Tage ſchlimmer; ich weiß nicht mehr, was wir machen ſollen; auch den Herrn Sekretair wird ganz angſt und bange dabei. Sein einziges Geſchaͤft iſt, daß er tagtaͤglich an die Frau Graͤfinn ſchreibt.— Heute fruͤh, als ich in ſeinem Zimmer aufraͤumte und er im Kabinet noch ſchlief, las ich, was er dieſe Nacht an die Frau Graͤfinn geſchrieben hatte, und da es deine Baroneſſe betrifft, ſo ſchrieb ich mir es geſchwind ab, und ſchicke es dir auf beiliegenden Blaͤttchen. Das waͤre doch kurios, wenn der Graf und deine Baroneſſe noch ein Paͤrchen wuͤrden; fuͤr uns waͤre das gar nicht uͤbel, denn dann ſtaͤnde unſerm 8 e nem Tode N— 349 Gluͤck gewiß auch nichts mehr im Wege, und gewiß wuͤrde mein Herr an deiner Ba⸗ roneſſe den beſten Erſatz finden, und die ſee⸗ lige Frau Graͤfinn war deiner Herrſchaft immer ja ſehr gut, ſo daß ſie gewiß hat Nina ſagen wollen, wie das dumme Ge⸗ witter dazwiſchen gekommen iſt.““ Abſchrift. „„Lange ſchon habe ich etwas auf dem Herzen, Thereſe! Gieb mir daruͤber Auf⸗ ſchluß, wenn Du kannſt! An jenem Ge⸗ witterabende wollteſt Du mir zwei Wuͤnſche, erſt nach Deinem Tode erfuͤllbar, vertrauen. Den erſten, die Beiſetzung Deiner Huͤlle in der Familien⸗Gruft, habe ich leider ſchon erfuͤllen muͤſſen. Im Ausſpruche des zwei⸗ ten unterbrach uns der ſchreckliche Blitz, der die Linde in dem Garten zerſchmetterte. Du legteſt kurz zuvor Deinen Mund an meine Wangen und lispelteſt leiſe:„Und nun wuͤnſche ich noch etwas; heirathe nach mei⸗ 4 Was wollteſt Du damit ſagen, Thereſe! Ich habe mir oft den Sinn dieſes N. zer⸗ legt; jeder Deiner Wuͤnſche war mir von jeher heilig; und dieſer war der letzte Dei⸗ nes ſchoͤnen Lebens. Du willſt mir ein Jahr nach deinem Tode erſcheinen. Thue das, o, thue das, meine einzige, meine ver⸗ klaͤrte Thereſe, und dann ſprich jenen Wunſch aus, wenn er noch in deiner Seele ruht.““ Auch ich zerlege mir den Sinn dieſes N. in heimlicher Bangigkeit. Nur zweierlei konnte Thereſe ſagen wollen: heirathe nach meinem Tode Nina, oder heirathe nach meinem Tode nicht wieder. In des Grafen Seele koͤnnt' ich einen großen Blick thun, wenn ich das Original ſeines Briefes zu le⸗ ſen bekommen koͤnnte. Hat er, wie die Ab⸗ ſchrift des Kammerdieners lautet, N. ge⸗ ſchrieben, ſo deutet dieſer Zug ſeiner Feder auf den Zug ſeines Herzens. Aus Thereſens Hand wuͤrde er mich empfangen, und mich gluͤcklich machen. Ich wollte ihm ſeinen — 2. — Kummer zerſtreuen. Thereſe ſollte, als Ge⸗ nius jener lichtern Welt uns mit ihren Tu⸗ genden umſchweben, uns die Seeligkeit ihrer Himmel ſchenken; in meiner Liebe ſollte Herrmann eine zweite Thereſe ſinden, an meiner Seite ſollte die Erde ihm wieder zum Paradieſe entbluͤhen; unter dem Kuſſe meiner zaͤrtlichſten Treue ſollte ſein erkalte⸗ tes Herz ſich wieder erwaͤrmen. Thereſe wollte mir wohl, ſie liebte mich ſchweſterlich. Sie kannte das fruͤhere Verhaͤltniß zwiſchen mir und dem Grafen; ſie wußte, daß er mir wenigſtens gut geweſen war. Alle dieſe Ge⸗ fuͤhle mußten ſich auch in des Grafen Feder geſchlichen haben, wenn er dieſes N. ſchrieb. Und doch— ſollte Thereſe das„nicht wie⸗ der, auf den Lippen gehabt haben? Der Graf iſt ungewiß, tauſendmal mehr bin ich es. Sie will ihm erſcheinen. Gute ſchwaͤr⸗ meriſche Thereſe, Du kannteſt die eiſernen Feſſeln des Todes noch nicht. Der Weg zu jenſeits geht nie ruͤckwaͤrts. Noch keinem 35² Sterblichen gelang es, ihn zu finden. O kommſt Du, Thereſe, aus Deinen Fernen zu mir heruͤber, ſo rathe mir, ſprich, was ich thun ſoll, das Herz deines Herrmanns zu gewinnen! Er ſoll darum Dir nicht un⸗ treu werden. Du ſollſt ihn nicht verlieren, wir beide wollen Dich lieben. Sonderbar! Geſtern bin ich hier in der Reſidenz angekommen und heute trifft der Graf ein. Der Fuͤrſt Auguſt ſagte, daß der Graf ihm nach vielem Zureden das Wort gegeben, auf der Maskerade zu erſcheinen. Der Graf weiß nicht, daß ich hier bin. Ich werde ihn uͤbermorgen bei dem Fuͤrſten tref⸗ fen. In wenigen Wochen iſt es ein Jahr, daß Thereſe ſtarb. Er ſoll bleich und krank ausſehen, der Kummer hat ſein Leben ge⸗ woͤlkt. Der Quell ſeiner Freuden, Thereſe, liegt im Grabe. Er wird vergehen, wenn ihn ein liebender Arm nicht haͤlt. Sein Herz bedarf der Liebe, wenn es unter der Pe Pe 8 9 4 B ———— —— ——,& 22 ͤ 353 Pein der Einſamkeit nicht auch endlich zu ſchlagen aufhoͤren ſoll. Ich kann, ich will ihn retten. Ich habe keinen Vertrauten, der ihm meine gluͤhende Liebe erzaͤhlen kann. Thereſe ſoll meine Brautwerberin ſeyn. Ich betruͤge ihn, aber es iſt ein ſchuldloſer Betrug, der den Grafen vom Jammer ſeiner freudenloſen Exiſtenz rettet, ihm ein treues Weib in die Arme fuͤhrt, ihm Thereſens Luͤcke fuͤllt, und meinem Daſeyn einen gluͤck⸗ lichen Zweck giebt. Thereſe war einen Kopf groͤßer, wie ich. Wenn ich mir einen Tod⸗ tenkopf aufſetze, ſo gewinne ich ihre Figur; ihr Todtenſchmuck ſoll meine Maskenklei⸗ dung ſeyn, und Thereſens Trauring der Talismann, der ſeinen letzten Zweifel hebt. Die Blumen, die an ihrer Bruſt im Sarge vermoderten, ſollen ſriſch an der meinigen bluͤhen, und ich will ſie ihren Manen in der Gruft opfern, wenn ich den Grafen ge⸗ ſprochen. Ich will ſeinen Willen nicht bin⸗ den, ich will ihn nicht abſolut verpflichten, 22 354 mir ſeine verwaiſ'te Hand zu geben; aber ich will ihm ſagen, daß Nina ihn liebt, daß Nina Thereſens treuſte und letzte Freundinn war. Dann mag er ſich im Geheim bera⸗ then, und entſcheidet er ſich fuͤr meine Wahl, ſo ſoll meine zaͤrtlichſte Liebe ſein gluͤcklichſter Lohn ſeyn. Die Zeit iſt kurz; raſch an das Werk! Es, iſt alles fehl geſchlagen, der An⸗ blick des Todtenkopfes erſchuͤtterte den Gra⸗ fen heftiger, als ich vermuthete. Er ſtuͤrzte zuſammen; ihm ſchwanden die Sinne, ehe ich Thereſens Wunſch ihm verlautbart hatte. Mir ward bange. Ich fuͤhlte mich tief er⸗ ſchuͤttert. Ich fuͤrchtete ein allgemeines Auf⸗ ſehen. Ich mußte fliehen, ehe er erwachte. Die Liebe zu Herrmann hat mich zu einer Un⸗ beſonnenheit verleitet, die von ſchrecklichen Folgen ſeyn kann, welche ich nicht berechnen konnte. Der Graf iſt krank. Gott! eine ſchreckliche Angſt zerreißt mir das Herz. —⁴ Er iſt todt, er iſt todt! und ich lebe noch. Thereſe und Herrmann todt!— und ich lebe noch. Großer barmherziger Gott, wirf mich hinab in die Hoͤlle, in die ewige Ver⸗ dammniß! SDch winde verzweiflungsvoll die Haͤnde zu Dir hinauf. Ende, Allguͤtiger, ende! So weit die verſprochenen Auszuͤge. Nina ſtarb ein halbes Jahr ſpaͤter, wahrſcheinlich an genommenem Gifte. Un⸗ ter ihrem Nachlaß fand man das Geheim⸗ Buch, in welches ſie taͤglich ihre Bemerkun⸗ gen einzutragen gewohnt geweſen war. Ich habe nur das daraus mitgetheilt, was mit dem Aufſchluß der Begebenheiten des Grafen und der Graͤfinn im Bezug ſtand. Zufaͤllig hatte ich Gelegenheit, den Kam⸗ merdiener des Grafen perſoͤnlich kennen zu lernen. Ich ſprach ausfuͤhrlich mit ihm uͤber dieſe Geſchichte, und fragte ihn vor⸗ zuͤglich, ob er wirklich damals, als der Sarg 23* der Graͤfinn gleich nach ihrem Tode, bei der Beiſetzung in der Gruft geoͤffnet worden war, den Trauring an ihrem Finger bemerkt habe. Er geſtand, daß er, als der Major von Eck mit ihm den Sarg zum zweiten Male geoͤffnet habe, dieſen Umſtand haͤtte mit einem Eide bekraͤftigen wollen. Allein wenn er wirklich haͤtte ſchwoͤren ſollen, waͤr' er doch nicht im Stande geweſen, einen koͤrperlichen Eid darauf abzulegen, weil er ſich nicht ganz genau darauf beſinnen koͤnne. Der gute Mann hatte ſich auf jeden Fall geirrt. Die uͤbrigen Unſtaͤnde dieſer leider ganz wahren Geſchichte ergeben ſich dem aufmerkſamen Leſer von ſelbſt. —— Dresden, gedruckt bei Carl Gottlob Gaͤrtner. — ——