Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 — — Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens (7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. — 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ — den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Seochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mf. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 1 2„ 6„„ 2„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene over defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. „ 7. husſ nezeil Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird J veſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. H——— 2/61 exFl g Tü*6(-Tauy T) 6 08„ e6t TaeA uess TMA n 1104:u† LAο *6 Pg. aAdoxααο+αμαουεοεαs pu³. 0uAS PONN (6) 802 g C eUuS POuI quo-aαο εᷣdosads pusa³ Der Major kannte es nicht mehr aushal⸗ ten. Vierzehn lange Tage und Nachte hat⸗ te er das Ungemach ertragen, aber nun war der Faden ſeiner Geduld geriſſen.„Herr Prediger“ hob er an, ſchaffen Sie mir ein ander Quartier; Ihre Fliegen am Tage, und Ihre Maͤuſe in der Nacht— ich bin, hol⸗ mich der Teufel, ein guter Menſch, aber es geht nicht laͤnger, beides ſind nun einmal abgeſagte Feinde von mir. Ihre verdamm⸗ ten Maͤuſe werden alle Tage munterer, und die abſcheulichen October⸗Fliegen, alle Tage matter.“ Der Prediger, ein lieber alter Mann, b.heuerte mit der Nichte und der Haushaͤl⸗ † terin, daß, wie er ja ſelbſt wiſſe, im gan⸗ zen Dorfe kein einziges Haus ſei, was ſich zu ſeiner Aufnahme eigne. Auf dem Amte- wohne der Oberſte, in der Muͤhle der Ritt⸗ meiſter und beim Schulzen und Schulmei⸗ ſter zwei Lieutenaͤnts. „Iſt denn im Kloſter nichts von einem Stuͤbchen?“ „Bewahre der Himmel; der untere Gelaß iſt ſeit der Aufhebung des Kloſters zur Amtsſtube, zur Kaſſe und zum Gefaͤng⸗ niß eingerichtet, und der obere Raum zu Kornboͤden.“ „Nun ſo ſchlage ich meine Reſidenz in Ihrer Kirche auf. Da giebt es weder Flie⸗ gen noch Maͤuſe; erſtere finden dort nichts zu leben, und letztere bleiben auf Ihren 4 Kornboͤden.“ 3 „Von beiden Plagegeiſtern iſt die Kir⸗ 74 che ganz frei, doch—“ ——— — 5 „Im Ernſt, alter Herr, laſſen Sie mich in der Kirche ſchlafen; ich darf doch mein Pfeiſchen darin rauchen?“ „Sie ſtehen noch auf dem Feld⸗Etat, Herr Major, alſo leben Sie noch im Kriegs⸗ zuſtande; und im Kriege haben ſich unſre armen Kirchen wohl noch andre Begegnun⸗ gen gefallen laſſen muͤſſen; eine Pfeife Ta⸗ back waͤre alſo das wenigſte; aber—“ „Was fuͤr ein aber?“ „Sie lachen mich aus, Herr Major; Sie ſind ein wackerer Soldat. Alle Ihre Huſaren ſprechen mit Ehrfurcht von Ihrem Muthe, von Ihren Thaten. Sie werden ſagen, daß Sie ſich vor nichts fuͤrchten,— aber in der Kirche— nehmen Sie mir es nicht uͤbel, in der Kirche wird Sie's wohl nicht leiden.“.—— „Was wird mich nicht leiden?“ fragte lachend der Major,„das ſoll wohl ſo viel heißen, als ob es in der Kirche nicht recht richtig waͤre?“ 4 — „Herr Major, ich bin ein alter Mann, und wir haben bereits vierzehn Tage zuſam⸗— men gelebt, Sie werden mir die Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, daß ich mich nicht jedem Vorurtheile, jedem Wahne Preis ge⸗ 7 be; aber mit der Kirche hat es— ſeine Be⸗ wandniß.———— Viele Menſchen, wenn ſie um Mitternachtzeit in die Naͤhe der Kirche kommen, haben ein leiſes Stoͤh⸗ nen gehoͤrt, und darinnen auf und ab gehen, und die Buͤcher auf dem Altar auf und zu. klappen. Der vorige Gloͤckner hat mit ſei⸗ 3 nen eignen Augen geſehen, wie ſich die kleine* Kirchthuͤre hinten am Altar aufgethan hat, und eine weiße Geſtalt herausgetreten iſt, die ihm dreimal gewinkt hat. Drei Tage dar⸗ auf war der J Mann todt.“ „Lieber alter Herr, glauben Sie denn das alles wirklich?“ 4 „Warum ſoll ich das nicht glauben; un⸗— ſer ganzes Dorf weiß es ja. Ich koͤnnte 4 Ihnen noch ganz andere Dinge erzaͤhlen aber Sie wollen ſchlechterdings ein Freigeiſt ſeyn, alſo“. „Kein Freigeiſt in Ihrem Sinne, ſon⸗ dern ein freier Geiſt, der die Knechtſchaft — des Aberglaubens jeglicher Art, mit Fuͤßen tritt. Es war vorhin mein Scherz, in der Kirche ſchlafen zu wollen. Im Felde gewöhnt 1 man ſich an alles, alſo auch an Ihre infa⸗ men Fliegen nnd Maͤuſe, allein jetzt iſt es mein Ernſt. Heute Abend bette ich mich noch in Ihre Kirche. Es bedarf gar keiner —— „ + ein Kopfkiſſen, ein Licht, meine Pfeife, m nen Saͤbel und meine Piſtolen„“„— „Sie koͤnnen die Kirche mit ganzen — Batterien umſetzen, das hilft Ihnen nichts. 22 „Die Thuͤre aus der Kirche in das Kloſter iſt doch verſchloſſen?“ .„Inwendig und auswendig.“ 1„Kann ich die große Kirchthuͤre, und die kleine hinten am Altare inwendis zu⸗ ſchließen?“ Umſtaͤnde; meine Matratze, meinen Mantel, „Ja, auch verriegeln.“ „Iſt der unterirrdiſche Gang, von dem Sie uns neulich ſagten, an irgend einer Stelle offen?“ „Uiberall dicht vermauert.“ „Nun, lieber Prediger, koͤnnen Sie ganz unbeſorgt ſeyn; ich ſchlafe dieſe Nacht noch in Ihrer Kirche, und werde morgen fruͤh ganz friſch und munter zu Ihnen kom⸗ men, und Ihnen zum Weiterbringen in das ganze Dorf, erzaͤhlen, daß ich nichts geſehen und gehört habe.“ In dem Augenblicke trat der Oberſte in das Zimmer. Der Major erzaͤhlte ihm unter vielem Lachen das eben gehabte Geſpraͤch und ſei⸗ nen Entſchluß, kommende Nacht allen Gei⸗ ſtern der Kloſterkirche den Fehde⸗Handſchuh hinwerfen zu wollen. Der Oberſte, um ein Jahrzehent aͤlter, als der Major, hatte ſeiner Erzaͤhlung, in tiefes Sinnen verloren, zugehoͤrt; er lachte 4 gar nicht, ſondern ſagte ſehr ernſt:„Ich mag eigentlich ſolche Herausfoderungen nicht recht leiden. So lange die Welt ſteht, hat man die Moͤglichkeit der Geiſterſichtbarkeit eingeraͤumt, ſo lebhaft ſie auch von andern beſtritten worden iſt.„Heute“— ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu,—„heute wuͤrde ich uͤbrigens am wenigſten den An⸗ fang mit dem Schlafen in der Kirche gemacht haben, lieber Major. Heute den 16. Octo⸗ ber am erſten Schlachttage bei Leipzig, an dem unſer braver Wulfeneck ſiel!“— lich auf, und hielt ſich die Hand zuſammen⸗ gekrampft vor die Augen.„Mein ehrlicher, mein lieber guter Wulfeneck! Das iſt wahr, daran hab' ich nicht gedacht! Heute Abend ein Jahr, daß er an meiner Seite ſiel! Son⸗ derbar. Eben heute ein Jahr!“ 3 Der Major war ſehr bewegt. Er ging, die Haͤnde auf den Ruͤcken gelegt, ſtill in ſich gekehrt, im Zimmer auf und ab. Der 9 Pfarrer freute ſich im Stillen, daß der Frei⸗ geiſt muͤrbe gemacht worden war, und ging Der Major war ſo tief ergriffen, daß er der lang verhaltenen Thraͤnen nicht mehr Herr werden konnte; ſie rannen ihm ſtill uͤber Wange und Bart. „Verzeihung, lieber Major,“ begann der Oberſte ſanft, und reichte ihm theilneh⸗ mend die Hand.„Verzeihung, daß ich in Ihnen eine ſo wehe Erinnerung geweckt habe, ich weiß,— Wulfeneck war Ihr treuſter Freund.“ „O, ich danke Ihnen vielmehr dafuͤr! ich koͤnnte auf mich boͤſe ſeyn, daß ich von 8 ſelbſt nicht den Todestag meines Wulfeneck feierte, daß Sie mich erſt daran erinnern zur Stube hinaus. mußten.— Mein guter Wulfeneck!— ach er hat auch nicht Wort gehalten!“ „Wig nicht Wort gehalten?“ „Wir lagen am 15., den Abend vor Eroͤffnung der ungeheuern Schlacht im Bi⸗ 11 vouaͤck. Der naͤchtliche Himmel war dun⸗ kel blutroth von den tauſend Wachtfeuern aus den Doͤrfern, die rings um die geaͤng⸗ ſtete Stadt hoch aufflackerten, und die kal⸗ te Nachtluft erzitterte von dem Jammerge⸗ ſchrei der Ungluͤcklichen, deren Gut und Ha⸗ be, Feind und Freund, Raubgier und Hun⸗ ger, Wuth und Flamme unbarmherzig zer⸗ ſtoͤrten. Wulfeneck lag an meiner Seite. — Wir wußten, daß morgen die Schlacht be⸗ 4 ginnen ſollte; unſere Huſaren durften nicht abſatteln; ſie waren munter und guter Din⸗ ge, und ſangen das Lied, deſſen Strophen ſich immer endeten: „ Gott wird durch uns ihn ſchlagen, „Mit Roß und Mann und Wagen.“ Wir beide wollten ſchlafen, aber wir konnten nicht. Wir richteten uns auf, ruͤck⸗ 1 ten dem Wacht⸗Feuer naͤher, und plauder⸗ ten mit einander. Wulfeneck war von dem Muthe unſrer herrlichen Leute begeiſtert. „Ja“ rief er aus: „Gott wird durch uns ihn ſchlagen, Mit Roß und Mann und Wagen.“ Es wird ein heißer Tag werden, aber der Sieg iſt unſer; bei dieſem draͤngenden Un⸗ kuͤm ſich mit dem Feinde zu meſſen, die in der Bruſt eines jeden von uns, mit na⸗ menloſer Gewalt ſtuͤrmt, muß der Sieg un⸗ ſer werden. Bruder! Du ſollſt morgen Dei⸗ ne Freude uͤber mich, an der Spitze meiner Jungen haben. Mein Leben will ich theuer verkaufen, das verſpreche ich Dir, na— und gevieter Gott uͤber mich, ſo ſind wir darum — ſetzte er laͤchelnd hinzu, und gab mir die Ich erſcheine Dir nach meinem Tode, ſo wahr ich Hand,— nooch nicht geſchiedene Leute. ein ehrliches Huſarenherz im Leibe habe, un ein Gleiches mußt auch Du mir verſprechen, h uͤberleben ſollte. Der Menſch wenn ich Die kann was er will, als Geiſt muß er noch mehr konnen.— Mein Freund, mein Bru⸗ der, mein Guthenau,— bleibe ich, ſo ſiehſt Du mich binnen Jahresfriſt; hier meine ——, ce. ———— — 1 ul⸗ Hand darauf“—— Du nehei icher Wul⸗ feneck, das Jahr laͤuft in wenig Stunden zu Ende, und ich habe Dich lac nicht ge⸗ ſehen!“ „Und Sie wollen heute,“ fragte der Oberſte,„gerade heute, deſſen ungeachtet in Kirche ſchlafen, Major? Glauben Sie nicht, daß ich ein altes Weib bin, aber die Geſchichte, die Sie mir da von Wulfeneck erzaͤhlten, und Ihr eben gefaßter Entſchluß mit der Kloſterkirche— das trifft ſo ſonder⸗ bar, ſo ganz ſonderbar zuſammen, daß es bei meiner Treue ausſieht, als wollten Sie der Erſcheinung gerades⸗Weges entgegen gehen. Sie kennen mich, ich glaube, daß ich, ſo lan⸗ ge ich Soldat bin, meinem Stande keine Schande gemacht habe.“ „Nein, bei Gott nicht.“ „Aber ich ſchaͤme mich nicht, es zu ge⸗ ſtehen; ich will, wenn es ſeyn muß, mein Regiment in das heißeſte Feuer fuͤhren, aber in der alten duͤſtern Kloſterkirche, an Ihrer ——— — —ͤſͤſͤſ — — — — — — ————— n zu ſchlafen, wuͤrde mir noch einmal ſo ſchwer fallen.“ „Ich will nicht in Abrede ſtellen, Herr Oberſter, daß Wulfenecks Andenk 4 en mich ſon⸗ derbar ergriffen hat. Indeſſen— was wuͤr⸗ de der alte Pfarrer frohlocken, wenn ich jetzt auf einmal umkehrte; er muͤßte meine fruͤ⸗ hern Einwuͤrfe fuͤr leere Windbeuteleien und nich fuͤr den ausgemachte eſten Poltrer hal⸗ ten. ⸗⸗ „Nun ſo kommen Sie wenigſtens vor⸗ her auf das Amt; ich habe Sie bereits bei dem Amntmann; zum Abendbrod ange ſagt, und Sie ſind ihm willkommen. Sie einzuladen war die eigentliche Veranl aſſung meines Be⸗ ſuchs. Ich erwarte unſern Freund Stein⸗ berg mit jeder Minute; ſein Regiment geht zwei Meilen hier in der Gegend vorbei; er hat gehoͤrt, daß wir hier im Quartier liegen, und ließ durch einen ſeiner heruͤbergeſchickten Uhlanen fragen, ob ich zu Hauſe waͤre, und ob er auf eine Nacht zu mir kommen koͤnne. —— 15 r Zugleich hatte, der ſich immer gleich bleiben⸗ en Uhlanen mit Zucker, de komiſche Menſch, d daß der k. Arak und Citronen dermaßen bopackt, arme Kerl kaum uͤber ſich wegſehen konnte/ 4 da wollen wir denn eins zuſammen punſchen, t und dann koͤnnen Sie, wenn es nun plat⸗ terdings nicht zu aͤndern iſt, meinetwegen den fluͤchtinen Punſchrauſch in Ihrer alten Kirche ausſchlafen.“ Der Major aber dankte fuͤr Abendeſſen und Punſch und geſellſchaftliche Zerſtreuung⸗ daß er zu keinem von allen und verſicherte⸗ dieſen heute aufgelegt ſey; den wenigen Reſt des Tages, dem Andenken —y— er wolle vielmehr ſeines verklaͤrten Freundes im Stillen wid⸗ men. Als eben die Schlafbeduͤrfniſſe des Ma⸗ jors, ſeinem wiederholt erklaͤrten Willen ge⸗ maͤß, ungeachtet der nochmaligen Proteſtatio⸗ nen des Pfarrers, zur Kirche geſchafft wer⸗ M den ſollten, kam der Adjutant, der den Ma⸗ jor faſt alle Abende beſuchte. Dieſer ſtutzte — — 4 ch uͤber die Wa 11 ahl des in ſeiner Art eigenen Schlafkabinets mit Kanzel, Al⸗ tar und Orgel, indeſſen fand er ſo viel Ori⸗ ginelles in der Sache, daß er ihr am Ende ſeinen Beifall nicht verſagte, und die Pfeife und die Piſtolen des Majors ſelbſt in die ſt den beſten Platz fuͤr den St rohſe ack und die darauf zu l Kirche trug, und egende Matra⸗ tze, dem M kajor mit ausſuchen half. Er erbot ſich, dem Major Geſellſchaft zu leiſten, und meinte, es ſei fuͤr ſein Bette allenfalls wohl noch Raum genug, indeſſen dankte der Major, um gegen den Pfarrer morgen den vollen Beweis fuͤhren zu koͤnnen. Sie ſaßen beide eine geraume Weile vor dem Altare zuſammen, rauchten ihr Pfeif⸗ chen, tranken ein Glas Bier dazu und plau⸗ derten von dieſem und jenen; aber je laͤn⸗ ger ſie ſprachen, je leiſer fingen ſie an zu re⸗ den, denn es ſchallte in der weiten leeren Kir⸗ iche ſo furchtbar, daß es immer klang, als ſpraͤ⸗ chen ſechs, ſieben Perſonen mit ihnen zugleich. 127 Der Adjutant war wohl ein munteres Haus, aber hier ſchien er befangen. Er ſah ſich einigemale rechts und links um, und in die lange dunkle Kirche vor ſich hin, und meinte am Ende doch, daß er bei ſeinem Schulzen lieber ſchlafe, als hier in dem al⸗ ten gothiſchen Gebaͤude. Der Major ſchwieg, und als es im Dorfe zehn ſchlug, der Adjutant ſein Pfeifchen ausklopfte, und ihm gute Nacht ſagte, ging er ſchweigend und ernſt mit ihm bis zur kleinen Kirchthuͤre, ließ den Adjutanten heraus, und riegelte hinter ihm zu. Die große Kirchthuͤre hatte er vorher ſchon unterſucht, und ſie verſchloſſen gefunden. Jetzt war er allein in dem hohen ſchau⸗ erlichen Tempel Gottes. 4 Die ewige Lampe brannte ein ſtilles Flaͤmmchen ohne weitern Schein und Schim⸗ mer. Auf dem Altar ſtanden zwei brennende Wachskerzen. Er nahm eine davon, und ſtellte ſie neben das Bette, das wie ein Pa⸗ 2 — 3 — 18 radeſarg vor dem Altare ſtand, und legte ſich halb entkleidet nieder. Seine Piſtolen lagen neben ihm auf einem Schemmel. Er ſchloß die Augen, um einſchlafen zu wollen; aber ſein aufgeregter Geiſt gebot dem Koͤrper; er konnte keinen Schlaf finden. Er horchte mit geſchloſſenen Augen, ob ſich etwas bewege. Ein leiſes Gerille, als ob ſich ein Stein⸗ chen in der dunkeln Hoͤhe des Spitzgewoͤlbes losgebroͤckelt habe, und herabrolle, und immer groͤßer und ſchwerer werde, je tiefer es kom⸗ me, ward ihm vernehmbar. Er ſchlug die Augen auf, richtete ſich in die Hoͤhe, und ſtarrte die lange finſtere Kirche hinab— da war ihm, als ſchwebe etwas Weißes oben bei der Orgel umher. Aber kaum, daß ſein Blick dorthin geflo⸗ gen war, verſchwand auch ſchon das Nachtbild. „Einbildung,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, legte ſich wieder nieder, ſchloß die Augen und bedeckte ſie mit ſeiner Rechten. . 19 Er zwang ſich, einzuſchlafen, aber eine unwillkuͤhrliche Hitze uͤberhauchte ſein Inner⸗ ſtes, und draͤngte ihm einen gelinden Schweiß durch alle Poren. In der Kirche war alles wieder ſtill. Kein lebendes Weſen ruͤhrte ſich im großen ſchwarzen Raum. Nach langer, langer Weile aber ver⸗ nahm der Major ein fernes Klirren, als fiel eine eiſerne Kette. 4 Dießmal war keine Einbildung im Spie⸗ le; er hatte erſt ein heimliches Klimpern, dann das Klirren der eiſernen Glieder in ein⸗ ander, und endlich das Fallen der Kette, wie auf Steinpflaſter, gehoͤrt.. Er raffte ſich wieder in die Hoͤhe. Er riß die Augen weit auf, ſein forſchender Blick ſtrich an der Kanzel vorbei, da hob etwas Weißes ſich auf dem Platze empor, wo ſonſt der Prediger ſteht und verſchwand. „Wulfeneck“ ſagte heimlich der Major zu ſich ſelbſt,„ſollteſt Du kommen, um Dein 2 ₰ 20 Wort zu loͤſen? Aber es iſt ja nicht moͤg⸗ lich! Es iſt ja nicht moͤglich!“ Und doch draͤngte ſich des vorangegan⸗ genen Freundes Geſtalt jetzt vor des Majors Seele, als ſtaͤnde er lebendig vor ihm. Von ſanfter Wehmuth uͤberfloſſen, legte ſich der Ma⸗ jor wieder nieder, und je feſter er die Augen zumachte, je deutlicher ſah er in ſeinem ge⸗ heimen Innern, den Freund ſeines Herzens, den einzigen Menſchen in der Welt, der ſein ganzes unbegraͤnztes Vertrauen gehabt hatte. „Ja, Du haſt Dein Wort geloͤſt“ ſagte er ohne Worte zu ihm, in der Sprache unbe⸗ horchter Gedanken,„ich habe Dich geſehen, ich habe Dich wiedergeſehen; gehab' Dich wohl in Deinem unbekannten Jenſeit, bis ich Dir einſt folge, und mit Dir, an Dei⸗ ner treuen engelreinen Bruſt, die Freuden des Himmels zuſammen genioge Ein Etwas regte ſich in dieſem Augenblicke in der Kirche. 2 Es war, als ſei es im Ruͤcken des Majors. 46 Er wandte ſich ſchnell um. 2 Es war nichts. Alles, alles war ſtill, wie im Grabe der ewigen Nacht. 3 luf dem Thurm der Kirche im Dorfe 8 ſchlug es eilfe. Der Major blieb nach der Seite gekehrt . liegen, nach der er ſich eben gewandt hatte, um zu ſehen, ob er dieſes Etwas, was er ſich regen gehoͤrt hatte, naͤher entdecke. Der Schemmel mit der Wachskerze und den Pi⸗ 3 ſtolen ſtand auf dieſer Seite vor dem Bette. Sein Blick wandelte an der ihm gegen⸗ uͤber beſindlichen Wand hin, bis zum drei Fuß hohen Gitter des Chores, das die heili⸗ ge Staͤtte des Hochaltars, von dem uͤbrigen Kirchenraum trennte.. Dieſe ganze Wand war geziert mit Ge⸗ 4 daͤchtnißtafeln der Seeligen, die unter ihnen, in der Todtengruft laͤngſt vermodert waren; mit den Bildniſſen der verſtorbenen Aebte des vormaligen Kloſters, mit Kraͤnzen von Ros⸗ marin und Rauſchgold, die zum Andenken der in Gott ruhenden Moͤnche, von ihren Angehoͤrigen hier aufgehaͤngt waren, und mit Schnitz⸗ und Schnoͤrkelwerk allerlei Art von nußbraunem Holze. Die Kerze auf dem Altar und die vor ſeinem Bette, warfen ein ſchwaches Daͤmmer⸗ licht auf alles das hin, und es geßalteten ſich ihm daraus die ſeltfamſten Schatten und Formen. Dicht aber am Gitter, noch in— nerhalb des Chores, befand ſich die Thuͤre zur Saeriſtei von ſchwarzem, ſchweren Ei⸗ ſenblech. Es war ihm, als oͤffne ſich dieſe Thuͤre. Er ſtierte unverwandten Blicks auf die Thuͤre— ſte oͤffnete ſich langſam, immer weiter und weiter. Das Blut ſtockte ihm in den Pulſen, ſo griff ihm das Entſetzen in das bebende Herz. Er wollte aufſpringen und hineilen, und ſe⸗ hen, ob dieſe Thuͤre, die er vorhin genau un⸗ terſucht und verſchloſſen gefunden hatte, ſich 4 † wirklich bewege. Er rieb ſich die Augen, um heller zu ſehen. Nein, er hatte ſich ge⸗ taͤuſcht. Die Thuͤre bewegte ſich nicht wieder. Aber der Abt, der uͤber dieſer kleinen 8 ſchwarzen Thuͤre hing, ſah auf ihn herab, als ob er lebe. Des alten eisgrauen Man⸗ nes gluͤhendes Auge traf unverwandt gerade auf ihn. Je laͤnger der Major das wun⸗ derſame Bild anſah, je ſprechender ward das finſtere melancholiſche Geſicht; dieſe tiefen Furchen, dieſe gelbe Haut, dieſe blaſſen Lip⸗ 8 pen, dieſes geiſtvolle ALuge— der Major konnte nicht laͤnger hinſehen, es war, als ob der Abt mit ihm eben zu reden anfangen werde; es kam ihm vor, als verflaͤchten ſich die Furchen, als erglaͤnze die Haut, als oͤff⸗ neten ſich die Lippen, als bekomme das Au⸗ ge Licht und Leben. Der Major wandte ſich auf die entgegengeſetzte Seite, und kehrte dem Abt, und der verdaͤchtigen Thuͤre und den * Gedaͤchtnißtafeln, den Bildern und Kraͤnze den Ruͤcken zu. — Er fammelte ſich wieder und gewann ſo viel Ruhe uͤber ſich, daß er im Stillen uͤber ſeine Anwandlung von Furcht laͤcheln konnte.„Du haſt den Maͤuſen und Fliegen aus dem Wege gehen wollen;“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„den Zweck haſt du erreicht; und nun ſchlaͤfſt du doch nicht! Blos aus alberner Furcht, die dir noch von der Kin⸗ derſtube aus anklebt. Ein Huſaren⸗Major der ſich anderthalb Jahre lang, faſt tagtaͤglich wie ein braver Kerl mit dem Feinde herum⸗ geſchlagen hat! Tolle, thoͤrigte Einfalt! Das Weiße auf der Orgel und Kanzel, war Spiel meiner aufgeregten Phantaſie, das Auf⸗ ehen der Sakriſteithuͤre blos ſcheinbar; wenn an am hellen Tage recht ſtarr auf eine Thuͤ⸗ ſieht, kann man ſich am Ende einbilden, ſie gehe langſam von ſelbſt auf; das Gerille des rollenden und im Fallen immer ſchwerer werdenden Steins, und das Geklirre der kte— ja— gehöͤrt hab' ich beides, darauf will ich ſchwoͤren, aber ob es in der Kir⸗ — — * 8 5 —.— che war, kann ich nicht behaupten. Ich lie⸗ ge nun anderthalb Stunden hier, und mir iſt kein Haar gekruͤmmt; hauſten wirklich Geiſter hier, die mir etwas anhaben wollten, auf was haͤtten ſie bis jetzt warten follen! Nichts ſoll mich mehr ſtoͤren; ich will kein Auge mehr aufmachen, i ich will ſchlafen; ich will, und ich werde ſchlafen.”“ Mit dieſem feſten Vorſatze ſtreckte ſich der Major, jetzt wieder voͤllig zu ſich ſelbſt gekommen, lang aus, und fiel allmaͤhlig in den ſeeligen Zuſtand der Ruhe, in welchem der Menſch zwiſchen Wachen und Sch lafen ſchwebt. Der Schlummergott uͤberſtreute den Muͤden endlich mit ſeinem betaͤubenden Moh⸗ ne. Die Seele ſpannte die Sinne aus ih⸗ rem taͤglichen Joche, und gaukelte ihrem Herrn nun im Traume als Schwarzkuͤnſtlerin tau⸗ ſend bunt verworrene Bilder vor ſein inne⸗ res Auge. 8 Da rief es auf einmal leiſe, aber ver⸗ nehmlich„mein Freund!“ 8 Der Schall dieſer Worte traf das Ohr des Majors! aber er hoͤrte ſie nur traͤu— mend, beſchaͤftigt mit den Luftgebilden, die ihm ſeine Seele geſchaffen. Da rief es wieder„mein Freund!“ und dem Major war es, als ſpraͤche ein En⸗ gel vom Himmel herab, ſo mild klangen die Toͤne und ſo ſanft, ſo melodiſch. Noch war er im Schlafe; aber die weichen Schleier, mit denen ihn Muͤdigkeit und Schlummer umflort hatten, fielen all⸗ maͤhlig von ſeinem Auge, und je naͤher er dem Erwachen kam, je deutlicher ward es ihm, als ſei dieß die Stimme ſeines verklaͤr⸗ ten Wulfeneck geweſen. Er ſchlug jetzt die Augen auf. In der Kirche war es heller, als vorhin; und in demſelben Augenblicke hoͤrte er wieder, jetzt vollkommen wachend, die leiſen Worte„mein Freund!“ Der Major wendete ſich raſch um. Da ſtand Wulfeneck, zehn Schritte vor —jü 0 27 ſeinem Bette. Angethan mit einem weißen 62 Sterbehemde, die toͤdtliche Schußwunde in der entbloͤßten Bruſt, leichenbleich, und eine lange hochbrennende Kerze in der Hand. „Wulfeneck“ ſchrie der Major, vom Entſetzen erſtarrt, laut auf, daß das Wort weit in die dunkle hochgewoͤlbte Kirche hin⸗ ein ſchallte, und der Widerhall zweimal Wul⸗ feneck wiederholte. „Entſetze Dich nicht,“ ſprach die Ge⸗ . ſtalt,„ich bin es.“ Stier war das glaͤnzende Auge; aber Wulfeneck war es. Nur zarter, jugendlicher die Zuͤge des Todtengeſichts, in dem ſeit Jahr v und Tag kein Leben mehr war.„Ich bin gekommen,“ fuhr die Geſtalt fort:„mein Wort zu loͤſen! Meine Zeit iſt kurz. Hoͤre meine letzte Bitte: ſetze auf dem Felde der deutſchen Ehre, ein eiſernes Kreuz mir; ich focht fuͤr daſſelbe im Leben, gieb mir's im 7 Tode.“ „Wulfeneck“ wiederholte der Major Todes. 28 von ſeinem erſten Schrecken etwas zu ſich gekommen, und wollte aufſtehen und auf ihn zueilen. Bleib“ entgegnete die Geſtalt.„Wo Du einen Schritt mir nur naheſt, zerfließe ich in Nichts, und Du biſt ein Kind des „Ah!“ rief der. Major, jetzt voͤllig Meiſter ſeiner Furcht, aber aufgereitzt bis zum Zerſpringen aller ſeiner ſcharf geſpann⸗ ten Nerven:„das iſt Betrug! das iſt ein hoͤlliſches Blendwerk. Du biſt nicht Wul⸗ feneck.“ Er griff raſch zu den Piſtolen, ſchlug an und ſchoß. lſchlug an die Decken der ho⸗ hen Kirche, daß es widerhallte, als waͤre d Zwanzigpfuͤnder losgebrannt, Der Knal ein Vier un die Geſtalt aber ſtand ſchußrecht und unbe⸗ weglich, blos die Rechte hatte ſie verwendet vor das Geſicht gehalten, und als der Pul⸗ verdampf verflogen war, lachelte ſie mitlei⸗ dig:„Erbaͤrmlicher, ich bin nicht von die⸗ — 29 ſer Welt,“ und warf die aufgefangene Pi⸗ ſtolen⸗-Kugel, mit leichtem Schwunge, dem Major ins Geſicht. Da brach der Muth des Majors, ſeine Sinne ſchwanden, und ſeine Seele floh aus ihrer Huͤlle. ——— ““ Erſt als der Morgen daͤmmerte, kam der Major wieder zu ſich. Im erſten Augenblicke hielt er die Be⸗ gebenheiten der vergangenen Nacht, deren er ſich bis auf die kleinſten ganz genau erin⸗ nerte, blos fuͤr einen ſchweren, boͤſen Traum. Als er ſich aber von ſeiner Erſchoͤpfung, die ihm die mehrſtuͤndige Ohnmacht zugezo⸗ gen hatte, allmaͤhlig immer mehr und mehr erholte, und ſein Geiſt freier ward, konnte er an den Traum nicht mehr glauben. Die Piſtolen⸗Kugel, die er im Bette fand, hob ihn vollends uͤber allen Zweifel. Es war die⸗ ſelbe Kugel, mit der er geſtern das Piſtol geladen hatte; er hatte ſie erſt geſtern ſelbſt gegoſſen, er erkannte ſie an dem Zeichen ſei⸗ ner Kugelform. Er hatte alſo ſeinen Freund wirklich ge⸗ ſehen, und er hatte auf ihn, den Verklarten, geſchoſſen! Unbegreifllich war es ihm, wie er dieß hatte thun koͤnnen. Er entſann ſich nicht 3¹ deutlich mehr, wie ihm geweſen; nur ſo viel erinnerte er ſich, daß ihn der Gedanke, als wolle ihm ein Menſch, oder der Teufel ſelbſt, ein Gaukelſpiel vormachen, uͤberraſcht und in Harniſch gebracht habe. Seine beiden Kerzen brannten noch, und das blaſſe Licht des weichen Herbſtmorgens fiel durch die hohen Kirchenfenſter. Von der Erſcheinung ſelbſt war keine Spur mehr vorhanden, und in der Daͤmme⸗ rung der Kirche herrſchte eine feierliche Stille. Sie that ihm wohl, dem erſchuͤtterten Man⸗ ne, der in dieſer entſetzlichen Nacht alle ſei⸗ ne Faſſung verloren hatte. Der Gedanke, auf ſeinen Freund ge⸗ ſchoſſen zu haben, quaͤlte ihn mit tauſendfa⸗ cher Marter. Das Heilige des Orts, die hohe Ruhe in dem großen gothiſchen Tem⸗ pel, und die Morgenroͤthe, die immer heller und heller die Bogenfenſter beleuchtete, ſtimm⸗ te den Gefolterten zur Wehmuth und Reue. Nur im Erguß der bitterſten Thraͤ⸗ 32 nen, fand er Linderung ſeines truͤben Schmer⸗ zes. Er ſtand jetzt auf, kleidete ſich voͤllig an, loͤſchte die Lichter aus, ging zur Kirche hin⸗ aus und ſchloß hinter ſich zu. Es fieberte ihn. Sein Inneres gluͤhte, die kuͤhlen Luͤfte des Herbſtmorgens fielen wie eiſiger Reif auf ihn. Er eilte in die Pfarrwohnung, ging, ohne ſich ſehen zu laſſen, auf ſein Zimmer und ſchrieb an den Oberſten. Er erzaͤhlte ihm klar und wahr die Ge⸗ ſchichte dieſer Nacht,(wie ich ſie, aus die⸗ ſem Aufſatze entlehnt, meinen Leſern mitge⸗ theilt habe) legte im Vorgefuͤhl ſeines, viel⸗ leicht nahen Todes, ſein Teſtament bei, das er dieſen Morgen aufgeſetzt hatte, und bat ſchluͤßlich den Oberſten, von dieſem höchſtſon⸗ derbaren Ereigniß gegen jedermann zu ſchwei⸗ gen.... 3 Nach Verlauf einer Stunde brachte ihm der Reitknecht des Oberſten einen verſiegelten 35 vom Gaſte des Letztern, vom Brief, er war on Steinberg unterzeich⸗ Oberſtwachtmeiſter v net. „Erſt lies, mein Freund,“ ſchrieb ihm Steinberg,„die Anlage A. und dann fah⸗ inem Billet weiter fort.“ jor ſchlug die Anlage A. aus⸗ r ein Protokoll und lautete re in me Der Ma einander; es wa folgendermaßen: „Aktum Marſchquartier Wormsdorf den 12. Auguſt 1792 Dato geſtellten ſich die Herren, Hanns Detlev von Steinberg, und Herrmann Heinrich Freiherr von Guthe⸗ beide Cornets im hochloͤblichen Irreſchen nau, und ließen ſich alſo 7 Huſaren⸗Regimente, aus:“ „„— heute zufaͤllig aufgekommenen uͤber Geiſtererſcheinungen und Geſpenſter, Geſpraͤchs folgende Wette verabredet, die wir, um ſie 1 2 8˙2. 4 vor allerlei Mißverſtaͤndniſſen zu bewahren⸗ 5 7 Wir haben auf Veranlaſſung eines 54 und ihr volle Rechtsguͤltigkeit zu verſchaf⸗ fen, hiermit ſchriftlich verlautbaren laſſen wollen.“ . Ich naͤmlich, Herrmann Heinrich Frei⸗ herk von Guthenau, erklaͤre hierdurch und Kraft dieſes einen Wettſchilling von einem hundert Stuͤck Friedrichsd or erlegen zu wollen, wenn mir der Cornet, Herr Hanns Detlev von Steinberg, fruͤh oder ſpaͤt, mit⸗ telbar oder unmittelbar, das Geſtaͤndniß ſchriftlich oder muͤndlich, oder durch die That abgewinnt, daß ich eine Erſcheinung oder ein Geſpenſt geſehen habe, ohne der⸗ ſelben oder deſſelben Unaͤchtheit auf dem Flecke zu entdecken.“ „Es bleibt ihm, dem Herrn von Stein⸗ berg dabei unbenommen, ſich aller nur moͤg⸗ lichen Mittel zu bedienen, um mir eine Taͤuſchung der Art glaubhaft zu machen, jedoch ohne Gefaͤhrdung meines Lebens und meiner Ehre. 35 „Dagegen verſpreche ich, Hanns Det⸗ dem Herrn Cornet, lev von Steinberg, Freiherr von Guthe⸗ Herrmann Heinrich einen Wettſchilling von zweihundert ichsd'or, wenn ſelbiger die Un⸗ s ihm vortretenden Geſpenſtes ſicht kommenden Er⸗ und ſol⸗ nau Stuͤck Friedr aͤchtheit eine oder einer ihm zu Ge „auf dem Flecke entdeckt, Mittel und Wege frei keines ausgenom⸗ ſcheinung len ihm dazu alle und unbehindert bleiben, Allen Perſonen aber, ſo einer nommen. e der Wettenden zur Ge⸗ oder der ander Wette noͤthig haben, oder ſich winnung der ihrer bedienen wird, verſprechen beide Her⸗ ren Contrahenten ſolches auf keinerlei Wei⸗ ſe entgelten zu laſſen.“ „Zu mehrerer Bekraͤftigung alles deſſen, ſo hier niedergeſchrieben worden, haben beide Herren Comparenten ſolches unter ſeitiger Verzichtleiſtung ausdruͤcklicher gegen auf alle Einwaͤnde, Ausfluͤchte oder Excep⸗ 2* ₰ 6 tionen, ſo einer oder der andere aus dem MNeechte der Minderjaͤhrigkeit, machen moͤch⸗ teo, eigenhaͤndig unterzeichnet, und iſt jedem derſelben ein gleichlautendes Exemplar aus⸗ 1 ..... gefertiget, ein drittes aber in der Regi⸗ 3 ſtratur des hochloͤblichen Regiments aſſer⸗ virt worden.“ „Hanns Detlev von Steinberg. Herrmann Heinrich Freiherr von Guthenau. bL a. u. s. 2 Waidmann, 5 Auditeur im Hochlöblichen rre ſchen Hu⸗ ſaren Regiment.“. Der Major las nun ſehr betroffen und die Loͤſung des Raͤthſels dunkel ahnend, im Billet des Oberſt⸗Wachtmeiſters weiter. „Ich ſchrieb neulich an meine Frau, und ließ mir von Hauſe einige alte Fami⸗ lienpapiere kommen, deren ich zur Arran⸗ girung einer Privatangelegenheit bedurfte, — in einem dieſer Papiere lag dieß laͤngſt vergeſſene Protokoll; ich laͤchelte, als ich es aus einander ſchlug, und wollte, wenn wir uns einmal traͤfen, und Du Dein Exem⸗ plar noch haͤtteſt, mit Dir verabreden die Cornetspoſſe zu vernichten. Ich weiß nicht mehr, wie wir damals auf die Albernheit gekommen ſind; ich entſinne mich nur ſo halb und halb, daß ich damals einen ge⸗ waltigen Reſpekt vor dergleichen Viſionen d Du gar keinen; daß ich mich d daß ich Dich zur Wette ver⸗ mein alter lieber Guthe⸗ hatte, un aͤrgerte, un anlaßte, um Dir, nau, einen rechten Poſſen zu ſpielen; aber Du warſt mir zu pfiffig und ich lernte Deinen Muth ſpaͤterhin im Ge⸗ fecht kennen, wo Du immer der Erſte warſt, wenn es galt; da fing mir fuͤr meine 200 Friedrichsd'orchen an zu bangen, ich fuͤhlte zu kourageux, die Unmoͤglichkeit der Aufgabe, Dich auf die Probe zu ſtellen; nach und nach kam die Geſchichte mir ganz aus dem Sinne; wir kamen aus einander und der Scherz wurde am Ende ganz und gar vergeſſen.“ „Geſtern Abend traf ich hier ein, um mit Deinem Oberſten und Euch allen, ei⸗ nen froͤhlichen Abend zu genießen. Der juͤngere Bruder Deines Freundes Wulfeneck, der dieſen Feldzug als Freiwilliger in un⸗ ſerm Regimente mitgemacht hat, begleitete mich „Der Oberſte erzaͤhlte uns, daß, und warum Du uns dieſen Abend nicht Geſell⸗ ſchaft leiſten wollteſt. Zugleich ſetzte er hinzu, daß Du eigentlich dem Pfarrer, Dei⸗ nem Wirthe zum Trotz, darauf beſtaͤndeſt, in der Kloſterkirche zu ſchlafen. Immer noch die alte Marotte im Kopfe, ſagte ich unwillkuͤhrlich vor mich hin. Man ver⸗ langte daruͤber naͤhern Aufſchluß, und ich 39 erzaͤhlte unſre ſonderbare Wette aus der Geſchichte unſrer Jugend.“ „Herrlich, Herrlich! rief Euer Adju⸗ tant, wir haben einen ſehr Verſtuͤmmelten im Regimente, den Huſaren Schramm. Er kann nie wieder dienen, und er iſt arm; ihm bedinge ich die hundert Stuͤck Frie⸗ drichsd'or aus, Herr Oberſtwachtmeiſter, wenn mein Major ſie verliert; gewinnt er die Wette aber, ſo werde ich ihn vermoͤ⸗ gen, daß er zufrieden iſt, wenn die 200 Friedrichsd'or von Ihnen an einen In⸗ validen Ihres Regiments gezahlt wer⸗ den.“ „Da es das Wohl eines Dritten galt, eines wackern Kriegers unſerer Armee, er⸗ laubte ich mir nicht, ſeinen Rechten etwas zu vergeben. Ich willigte alſo ein, und Dein Oberſter ſah der Ausfuͤhrung unſers Plans entgegen.“ Was das Rollen des losgebroͤckelten 77 Steins betrifft, ſo hat Dein lauſchendes Ohr ſich damit wahrſcheinlich eben ſo ge⸗ taͤuſcht, als mit der weißen Erſcheinung auf Orgel und Kanzel, Dein Auge.“ „Das Klirren der eiſernen Kette iſt leicht erklaͤrbar; wahrſcheinlich hat ſich der Pferdedieb, der in dem benachbarten Ge⸗ faͤngniſſe eingeſchmiedet ſitzt, einmal auf die andere Seite gelegt.“ „Als Du in die Kirche kamſt, befand ſich der junge Wulfeneck ſchon in der Sa⸗ criſtei.” „Angel und Schloß waren friſch einge⸗ ölt, aber dennoch hoͤrteſt Du etwas, als er leiſe die Thuͤre aufſchloß. Die Sacriſtei⸗ Thuͤre machte er einigemal auf, um zu ſe⸗ hen, ob Du wach' ſeiſt; Du haſt Dich al⸗ ſo nicht geirrt, als Du waͤhnteſt, ſie oͤff⸗ ne ſich langſam.“ „Ein bischen Kreide hatte den jungen Wulfeneck, der ſeinem verſtorbenen Bruder — — 41 ſo aͤhnlich ſieht, wie ein Ei dem andern, die noͤthige Blaͤſſe gegeben, und mit rother Dinte war die Schußwunde gemahlt. Er war auf den bloßen Struͤmpfen leiſe auf Dein Bette zugegangen darum hatteſt Du ihn nicht fruͤher gehoͤrt. Aber Deine Ku⸗ gel bekamſt Du von ihm an den Kopf ge⸗ worfen, weil er ſie, noch ehe du ſchoſſeſt, aus beiden Piſtolen ſchon in der Hand hatte; denn im Heruͤbertragen hatte ſie der Adjutant, der Dich abſichtlich geſtern Abend beſuchte, um Dir bei der Einrichtung Dei⸗ nes originellen Schlafcabinets behuͤlflich zu ſeyn/ unvermerkt mit dem Kraͤtzer heraus⸗ gezogen, und ſie ihm eingehaͤndigt.“ „Der junge Wulfeneck fluͤchtete, als er merkte, daß Du vom Schreck uͤberwaͤltigt warſt, in die Sacriſtei zuruͤck, ſchloß hin⸗ ter ſich leiſe zu, und ſprang zum Fenſter hinaus.”“ „Wir legten aber draußen heimlich ei⸗ ne Leiter an das Dir zunaͤchſt ſtehende Fen⸗ ſter, und da wir ſahen, daß Du Dich be⸗ wegteſt, und alſo— wiewohl Deiner nur halb bewußt,— lebteſt, beruhigten wir uns und ich ſandte in der Nacht noch eine Or⸗ donnanz in mein Marſchquartier, um das Portefeuille holen zu laſſen, in dem ſich das Protokoll befand, das ich Dir hier in der Anlage A. mitgetheilt habe.“ „In Deinem Schreiben an den Ober⸗ ſten haſt Du ausdruͤcklich bereut, auf Deinen Freund Wulfeneck geſchoſſen zu haben. Du haſt alſo die Unaͤchtheit der Erſcheinung nicht entdeckt, mithin habe ich die Wette gewonnen, und die 100 Stuͤck Friedrichsd'or gehoͤren dem braven Schramm.“ „Damit ich aber auch fuͤr die jugend⸗ liche Albernheit buͤße/ Dir, mein treuer, alter Guthenau, eine boͤſe Nacht gemacht zu haben, wiederhole ich Dir hiermit ſchrift⸗ 45 lich die, Deinem Oberſten und dem Adju⸗ s muͤndlich gegebene Erklaͤrung, tanten bereit Euern wackern Schramm auch meine 200 Friedrichsd'or zahlen zu wollen. 9 „Biſt du nun durch dieſe Poͤn mit mir und uns Allen ausgeſoͤhnt, ſo komm' ſo⸗ fort auf das Amt und trink' ein Glas Wein 4 77 zur Staͤrkung mit Deinen Freunden. „Steinberg.“ legte die 100 Stuͤck ch, fuͤr die ihm Der Major kam; er . Friedrichsd'or auf den Tiſe der luſtige Adjutant im Namen des armen Invaliden herzlich dankte. Er druͤckte den Bruder ſeines Wulfeneck an ſein Herz, und war wieder froͤhlich mit den Froͤhlichen und lachte mit ihnen uͤber ſeine Verwirrung in der vorigen Nacht. . Nach der Tafel ward aber das Pro⸗ tokoll feierlich zerriſſen, jeder von ihnen bekam ſein Theil davon/ und auf des Ober⸗ 4 † ſten Commando⸗Wort„Feuer“ zuͤndete ein jeder vergnuͤgt ſeine Nachmittagspfeife da⸗ von an. — —— E Ber Gemeiner Siun und wahre 4 Groͤße. (Eine wahre Geſchichte.) Der Controlleur Hanf reiſte mit Extrapoſt von der Reſidenz nach ſeinem Wohnorte zu⸗ ruͤck. In der Sandwuͤſte vor M.... rief er auf einmal dem Poſtillon„ alt“ zu: ſprang aus dem Wagen, lief eine Strecke Weges zuruͤck, und ſuchte etwas Verlornes. Der Poſtillon frug ihn, was er ſuche. „Hilf mir ſuchen, ¹ antwortete der Con⸗ trolleur,„ich habe eine Boͤrſe mit zweihun⸗ dert Friedrichsd'or verloren; auf der letzten Station hatte ich ſie noch. Du erhaͤltſt zwei Friedrichsd'or, wenn du ſie findeſt.“ Der Poſtillon flog wie ein Blitz vom Bocke; bei der Bruͤcke am Elſenbuſch war der Herr vorhin ausgeſtiegen, hatte ſich eine Pfeife angeſchlagen, und war ein wenig ne⸗ ben dem Wagen gegangen. Dort mußte die Boͤrſe liegen. Er lief, was er laufen konn⸗ te, um der erſte zu ſeyn. Der Controlleur kam bald nach. Beide ſuchten. Der Po⸗ ſtillon ſpuͤrte wie ein Truͤffelhund. Sie hat⸗ ten eine Stinde im Sande gekreuzt, aber ihre Muͤhe war fruchtlos. Der Poſtillon wollte Leute aus der Muͤhle holen, um ſuchen zu helfen; allein der Controlleur ſagte, mehr verdruͤßlich, als ungluͤcklich:„laß das, der Bettel iſt die Zeit nicht werth/ die wir dar⸗ uͤber ſchon verſaͤumt haben; der Verluſt. iſt mir nur jetzt gerade fatal.“ Er ſetzte ſich etwas uͤbel gelaunt in den Wagen und ließ fortfahren. Der Poſtillon kannte in ſeinem Staͤdt⸗ chen drei Controlleure; aber alle drei haͤtten drei Tage geſucht, wenn alle drei zu nur drei Thaler verloren haͤtten. Er bekam vor ſeinem Paſſagier einen gewaltigen Re⸗ ſpekt; das war kein Controlleur, das war wenigſtens ein Graf. Er blies, als er zum Staͤdtchen herein fuhr:„ich hab mein Sach' Gott heimgeſtellt,“ und er hatte noch nicht ausgeſpannt, als ſchon der Poſtmeiſter und das ganze Poſthaus die Geſchichte wuß Der Poſtmeiſter war ein Omigint ar le, die dieſe Tour je gemacht haben, beluſtig⸗ te er durch ſeine Neugierde, durch ſeine Plau⸗ derhaftigkeit, durch ſeine Sackgrobheit Menſchen, von denen er nichts zu ert hatte, und durch ſeine kriechende Hoͤflichkeit gegen Leute von Range und Vermoͤgen. Im Begleitſcheine war zwar der Paſſa⸗ gier als Controlleur Hauf benannt, allein— ein Controlleur und 1000 Rthlr. Geld ver⸗ lieren, und ſo ruhig, ſo gefaßt dabei ſein, als der Herr es war— dahinter ſteckte et⸗ 48 was. Der Poſtmeiſter brannte. Der Con⸗ trolleur war einſilbig und kurz. Es war Morgen. Er beſtellte eine Por⸗ tion Kaffee. Der Poſtmeiſter brachte eigen⸗ haͤndig Chokolate. „Ich habe Kaffee beſtellt.“ „Erlauben Ew. Gnaden, Sie haben, hoͤre ich, Alteration gehabt.“ (Erſtaunt.)„Woher kennen Sie mich?“ „O, ich wußte gleich, als Ew. Gnaden aus den Wagen ſtiegen, daß Ew. Gnaden nicht der waren, fuͤr den ſich Allerhoͤchſtdie⸗ ſelben ausgaben. Unſereins iſt nicht von heute. Das hat man am Blick, an der Manier weg. Ew. Gnaden haben ſo etwas Guaͤdi⸗ ges in Hoͤchſtdero allergnaͤdigſtem Gange und Benehmen. Auch das Ungluͤck kann ein ſo hohes Gemuͤth nicht darnieder beugen. Ew. Gnaden haben, hoͤre ich, eine Boͤrſe mit vie⸗ lem Gelde zu verlieren geruht?“ „Sehr viel iſt es eben nicht, indeſſen iſt mir gerade jetzt der Unfall unangenehm.— 1 p 49 Wir ſollten uns ſonſt ſchon geſehen haben, Herr Poſtmeiſter! Ihr Geſicht koͤmmt mir bekannt vor. Waren Sie ſonſt nicht bei Hofe?“ „Ewr. Gnaden tiefdevoteſter Diener. Es ſchmerzt mich außerordentlich, auf dieſe ſchmei⸗ chelhafte Vermuthung eine allerunterthaͤnigſte Verneinung erwiedern zu muͤſſen. Ich bin nicht von Geburt. Meine knechtiſche Geſtalt hat in den Galla⸗Reihen der Großen des Reichs, bei Hofe, weder Sitz noch Stimme, und ſo iſt mir nur ein allereinzigesmal das unausſprechliche Heil zu Theil geworden, in der Naͤhe des Koͤnigs Majeſtaͤt zu ſeyn; bei der letzten Revue hatte ich das Gluͤck, neben Sr. Majeſtaͤt allergnaͤdigſtem Vorreiter bei⸗ her reiten zu duͤrfen.“ „Bei der letzten Revuͤe? richtig. Da war es, ich entſinne mich. Se⸗ Majeſtaͤt ſprachen von Ihnen in hoͤchſtgnaͤdigen Aus⸗ drücken.— Seit der Zeit bin ich in dieſer entfernten Gegend nicht wieder geweſen⸗ 4 5⁰ Ich haͤtte auch nicht geglaubt, je wieder hie⸗ her zu kommen; na, wie geht es hier? iſt der Koͤnig geliebt?““ „Angebetet Ew. Gnaden.“ . Gehen die Geſchaͤfte in ihrem Gange fleißig fort? thun die Landesbehoͤrden ihre Schuldigkeit? bluͤht der Wohlſtand des Lan⸗ des?“. „Blüht, bluͤht Ew. Gnaden. Mit den Geſchaͤften ſchnurrt es nur ſo, Ew. Gnaden.“ „Sein Sie ehrlich, Herr Poſtmeiſter. Taͤuſchen Sie mich nicht. Ich frage Sie im Namen des Königs.“ Der Poſtmeiſter prallte drei Schritte zuruͤck, und ſchoß einen tiefen Buͤckling. „„Ew. Excellenz.“ „Ich bin nicht Excellenz. Ich bin der Geheime Ober Finanzrath Baron von Hanf. Reden Sie offenherzig und wahr, Herr Poſt⸗ meiſter! Sie ſind Sr. Majeſtaͤt allerhoͤch⸗ ſter Perſon, als ein unterrichteter, mit der Verfaſſung des Departements ganz vertrau⸗ — + 5* ter, vorurtheilsfreier, hellſehender Mann bekannt geworden. Von Ihrer Discreti⸗ on erwarte ich uͤbrigens die tieſſte Ver⸗ ſchwiegenheit. Welches ſind die auffallend⸗ ſten Gebrechen in der hieſigen Landesverwal⸗ tung?“ Der Poſtmeiſter zitterte an allen Glie⸗ dern. Sonſt hatte er immer ein Schwerdt⸗ maul gehabt, wenn das Raiſonniren uͤber Kammer und Regierung losging. Jetzt hat⸗ te ihm die Ueberraſchung die Zunge gelaͤhmt. Doch die Gelegenheit, ſeinem lieben Naͤch⸗ ſten etwas am Zeuge zu flicken, kam nie wie⸗ der.„Ja“ fing er endlich an:„daruͤbe iſt viel zu ſprechen. Die Knuͤppelbruͤcke z. B. hier an der Poſtſtraße iſt ſehr ſchlecht, grundſchlecht. Ich habe Vorſtellung deshalb gemacht. Niemand hoͤrt mich.“ Der Geheime Rath ſchrieb in ſein Ta⸗ ſchenbuch:„ſchlechte Knuͤppelbruͤcke.“ „Die Herren hier, es iſt mich nichts bis jetzt angegangen, darum habe ich geſchwie⸗ 4* 5³ gen— aber ſie machen alle mehr Aufwand, als ſie ſollen und koͤnnen; der Steuerrath hat ein Paar Goldfuͤchſe im Stall; der Koͤ⸗ nig, mein allergnaͤdigſter Koͤnig und Herr, kann ſie nicht beſſer haben. Von 600 Rthlr. Gehalt fuͤttert man ein Paar ſolche Pferde wahrhaftig nicht.— Des Kaͤmmerers Frau traͤgt Spitzen an der Haube, fauſtbreit, ſo wahr Gott lebt, fauſtbreit. Der Kaͤmmerer hat jaͤhrlich 95 Rthlr. 12 gl. halb Courant halb Muͤnze.— Der Stadtſchreiber iſt der erſte Zierbengel in der ganzen Stadt. Vo⸗ rige Woche hat er ſich exſt ein Paar Hoſen mit geſticktem Latze machen laſſen, die ihn baare 16 Rthlr. koſten.“ Der Geheime Rath ſchrieb in ſein Ta⸗ ſchenbuch;„Goldfuͤchſe. Spitzen. Geſtickte Hoſen.“ „unſere Rathsherren ſollen um 8 Uhr in die Seſſion kommen. Ew. Hochfreiherrl. Gnaden finden ſie alle zuſammen noch um halb 9 Uhr hier druͤben beim Kaufmann am 53 Weintiſch.— Die Domainen⸗Beamten ſitzen im Golde bis uͤber die Ohren, baden ſich in Champagner, und wuchern mit dem lieben Korne, wie die Juden; kein Menſch bekuͤm⸗ mert ſich um ſie. Sie haben den Departe⸗ mentsrath in der Taſche. Wenn er kommt, iſt es, als ob der liebe Herr Gott kaͤme. Da wird traktirt. Nichts iſt da zu theuer. Mein gnaͤdigſter Herr Geheimer Ober⸗Fi⸗ nanzrath und Reichsfreiherr, das hundert Auſtern iſt bei ſolchen Gelegenheiten mit 8 Rthlr. bezahlt worden.— Der Herr Kam⸗ merdirektor ſind ein Freund von huͤbſchen Ge⸗ ſichtern. Haben nun unſere Herren Beam⸗ ten keine huͤbſche Frau oder Tochter, ſo ſchaf⸗ fen ſie ſich eine Couſine oder ſonſt ſo was Junges an, und ſollten ſie es zwanzig Mei⸗ len weit holen.“ Der Geheime Finanzrath war immer finſtrer und mißmuͤthiger geworden, der edle Unwille uͤber die uͤberhand genommenen Lan⸗ desgebrechen gluͤhte ihm auf der gerunzelten 54 Stirne. Er ſchrieb:„Weintiſch. Gold. Champagner. Couſinen.“ „Ja“ hob der Baron endlich an,„ſo kann, ſo ſoll es nicht laͤnger dauern. Die Provinz geht ſo ihrem Ruin entgegen. An allem dem Unheil iſt der Praͤſident ſchuld. Er controllirt nicht. Er glaubt alles. Er ſieht nicht ſelbſt.— Ich habe ihn oft ge⸗ warnt. Er war mein Freund; aber alle meine Ermahnungen ſind fruchtlos geblieben. Jetzt kann ich nichts mehr fuͤr ihn thun. Er iſt gefallen.“ „Gefallen? Unſer Herr Praͤſident?“ „Total gefallen; der Koͤnig iſt unbes ſchreiblich aufgebracht. Se. Majeſtaͤt haben mich zum Organ Allerhoͤchſtdero Unwillens gemacht. Ich habe hier die Caſſationsordre im Portefeuille. Doch— Herr Poſtmei⸗ ſter, ich zaͤhle auf Ihre Verſchwiegenheit. Sie verlieren Ihren Poſten, wenn Sie ein Wort von dem laut werden laſſen, was wir geſprochen haben. Ich werde Sie vielleicht 53 in der Sache mehr brauchen, weil Sie, wie mir Se. Majeſtaͤt ſchon fruͤher ſagten, und ich jetzt auch vollkommen beſtaͤtigt finde, mit den Gebrechen der Landes⸗Verwaltung ſatt⸗ ſam bekannt ſind, und Sie mir hie und da nuͤtzlich ſeyn koͤnnen. Der Praͤſident muß erſt ein compte renduͤ von ſeiner geſammten Geſchaͤftsfuͤhrung ablegen, und dazu gehoͤrt Zeit. Unter acht bis zehn Wochen werde ich ihm ſchwerlich die ungluͤckliche Caſſations⸗ ordre einhaͤndigen koͤnnen. Mich dauern ſei⸗ ne ſchoͤnen Guͤter. Die werden bei der Ge⸗ legenheit wohl ſpringen; denn er ſoll ſchreck⸗ liche Defecte bei ſeinen Caſſen haben. Die Guͤter liegen ja wohl hier in der Naͤhe?“ „Drei Stunden von hier, mein gnaͤ⸗ digſter Herr Reichs⸗Baron; durch die Feld⸗ mark des einen ſind Allerhoͤchſtdieſelben heu⸗ te fruͤh gefahren.“ „Kennen Sie die Guͤter genau?“ „O mein gnaͤdigſter Herr Reichsfreiherr und Geheimer Ober⸗Finanzrath! Brumm⸗ Ochſen hat er, Gott ſtraf' mich, wie die Buͤf⸗ fel. Lauter ſchoͤnes Vieh. Seine Sauen ſind die ſchoͤnſten im Lande, und ein Boden, es darf nur geſpruͤht haben, ſo ſinkt man mit dem Wagen bis uͤber die Achſen in den Koth, ſo fett iſt der Boden. Lauter Waitzen⸗ Acker. Auch faͤllt ein vortreffliches Bier dort; die Guͤter ſind ihre 180,000 Rthlr. unter Bruͤdern werth.“ „Dieſe Summe zooͤnnte ich allenfalls da⸗ zu beſtimmen. Sollte es noch ſo weit kom⸗ men, daß der Praͤſident ſie verkaufen muß, ſo werde ich mich ihrer Huͤlfe beim Beſichti⸗ gen und Abſchaͤtzen der Guͤter bedienen, mein lieber Poſtmeiſter.“ „Schuldigſter unterthäntgſter Knecht.“ „Uebrigens Herr Poſtmeiſter, ich reiſe inkognito. Verſtehen Sie mich? ich reiſe ſo inkognito, daß ich nicht einmal meine Be⸗ dienten habe mitnehmen koͤnnen. Es darf im ganzen Lande, unter acht Wochen kein denſch wiſſen, daß ich hier in der Provinz — — 57 bin. Ich werde unter der angenommenen Rolle eines Controlleurs, noch einige Zeit im Departement herumreiſen, um Data gegen den Praͤſidenten und manche andere zu ſam⸗ meln. Dann erſt gehe ich nach P., um dort oͤffentlich aufzutreten. So lange reinen Mund, Herr Poſtmeiſter, oder—“ „Wie ein Grab, wie ein Grab!“ „Jetzt Herr Poſtmeiſter— muͤſſen Sie mir einen Gefallen thun. Sie wiſſen mei⸗ nen kleinen Unfall von heute Morgen. Ich habe gar kein Geld mehr, außer einige kleine Muͤnze. Hier iſt meine goldene Repetir⸗ Uhr. Borgen Sie mir darauf 70 Rthlr. ſie iſt 150 Rthlr. werth.“ „Preiswuͤrdigſter Herr Geheimer Ober⸗ Finanzrath! Ew. Reichsfreiherrl. Gnaden ſetzen mich in die demuͤthigendſte Verlegen⸗ heit! Ich, einem Koͤniglichen Organ— Geld auf Pfand borgen! Gut und Blut ſteht meines Koͤnigs hochbetrautem Geheimen Rathe zu Dienſten; Gut und Blut.“ —— ——— 58 „Sehr verbunden, wackerer Mann!“ „Wie viel brauchen Ew. Hochſeeiherre lichen Gnaden?“ „Wenn Sie mir 4 bis 500 Thlr. ge⸗ ben koͤnnen, ſo thun Sie mir einen Gefal⸗ len. In 14 Tagen haben Sie das Geld wieder, mit meinem beſten Danke.“ „Liebſter, allerverehrt eſter Herr Reichs⸗ freiherr! Schuldigkeit, nichts als Schuldig⸗ keit. Ich werde in einem halben Stuͤndchen wieder hier ſeyn. So lange geruhen ſich Al⸗ lerhoͤchſtdieſelben in Gnaden zu gedulden.“ Der Poſtmeiſter flog wie ein Pfeil zum Hauſe hinaus. Er war ein Mann von mit⸗ telmaͤßigem Neeien und Credit. Es ko⸗ ſtete ihm nur zwei Gaͤnge zu einigen reichen Kaufleuten des Staͤdtchens, und er hatte die, auf 14 Tage beſprochenen 400 Thlr. zu⸗ ſammen. Er erzaͤhlte ganz offen, daß er das Geld fuͤr den fremden Herrn ſuche, der die 1000 Rthlr. heute verloren habe. Alle wollten wiſſen, wer der Fremde eigentlich ſey. Er haͤtte es ſo gern geſagt, haͤtte ſo gern alle ſeine neuen Geheimniſſe mitgetheilt, aber ſeine eigne Caſſation ſtand darauf! Er lag wie zwiſchen zwei Muͤhlſteinen. Mit ſo geſchloſſenem Munde hatte ihn noch kein Menſch geſehen. Es mußte wirklich etwas Wichtiges im Werke ſeyn; denn aus dem Poſtmeiſter war kein Wort zu bringen. Er ſagte nichts, als hoͤchſtens:„Kinder in 6— 3 Wochen werdet ihr Wunderdinge hoͤren; Wunderdinge ſage ich euch, von denen kein Menſch ſich traͤumen laͤßt. Ich weiß alles; aber ich darf nichts ſagen, bei Verluſt mei⸗ nes Kopfs, keine Sylbe.“ Alle deuteten dieſe Geheimniſſe auf die Politik, der Fremde war ein wichtiger Staats⸗ Bote, der dem benachbarten Lande Krieg oder Frieden brachte. Man zerbrach ſich die Koͤpfe, und der Poſtmeiſter lachte ſie mit ei⸗ ner Selbſtgefaͤlligkeit heimlich aus, die ihm die kleine Muͤhe des Geld⸗Ganges reichlich belohnte. 60 Er zaͤhlte nun zu den 400 Rthlrn. aus ſeiner Poſtkaſſe noch 100 Rthlr. hinzu, und legte ſo 500 Rthlr. zu des Geheimen Finanz⸗ Raths Fuͤßen nieder. Der Baron betheuerte, dieſen Dienſt⸗ eifer, als Mann von Ehre zu belohnen, druͤckte dem gluͤcklichen Poſtmeiſter verbind⸗ lich die Hand, und ſicherte ihm, bei der naͤchſten Vacanz im Poſtdepartement eine Rathsſtelle zu. Die Freude, das Entzuͤcken des Poſt⸗ meiſters waren unbeſchreiblich. Er aͤrgerte ſich jetzt, nicht 1000 Rthlr. gegeben zu ha⸗ ben, vielleicht waͤre dann der Geheime Finanz⸗ Rath mit einer Geheimen Rathsſtelle heraus⸗ geruͤckt. Er ließ Wein und Fruͤhſtuͤck ge⸗ ben; er nahm fuͤr dieß ſo wenig als fuͤr Chokolate, noch fuͤr die Poſtpferde, irgend einige Bezahlung, ſondern legte blos ein Scheinchen uͤber die 500 Rthlr. zum Unter⸗ ſchreiben dem Geheimen Finanzrathe vor. Der Geheime Finanzrath bat, ohne viel 61 auf den Schuldſchein zu achten, um die Pfer⸗ de, weil er ohnehin ſchon ſehr lange ſich hier verweilt hatte. Es ward angeſpannt. Da ſchob der Poſtmeiſter, der in ſeinen Geſchaͤften peinlich ordentlich war, das Scheinchen nochmals dem Geheimen Finanzrath vor die Augen, und dieſer unterſchrieb es endlich mit vollſtaͤndi⸗ diger Beiſetzung ſeines ganzen Charakters in beſter Form Rechtens. 1 Der Poſtmeiſter begleitete den Gehei⸗ men Finanzrath bis an den Wagen. Es ſtand alles an den Thuͤren. Alle Fenſter waren geoͤffnet. Jedes wollte den 9 reichen ſremden Herrn ſehen, der die 1000 Rthlr. verloren hatte, ohne eine Miene dar⸗ uͤber zu verziehen. Der Poſtmeiſter ſcharrte hundertmal hinten aus, und buͤckte ſich hun⸗ dertmal tief bis zur Erde. Als der Geheime Rath in der Chaiſe ſaß, ſchuͤttelte der gute Herr dem Poſtmeiſter recht cordialiter die Hand, und der Poſtmei⸗ 62 ſter rief ganz laut:„luͤckliche Reiſe, Herr Controlleur!“ mit einem Geſichte, daß nun jeder wußte, der Herr war kein Controlleur. Unterdeſſen war die ganze liebe Jugend, und eine Menge alter Weiber hinaus an den Elſenbuſch gezogen. Alle ſuchten die Tau⸗ ſendthaler⸗Boͤrſe. Sie wuͤhlten, wie die Maulwuͤrfe im Sande herum. Sie krebſten und buttelten mit tauſend Fingern; endlich ſchrie ein Junge„Fundus, Fundus, hier iſt der Beutel!“ Es ward ein Mordlaͤrm. Al⸗ les uͤber den Jungen her. Aber der Ben⸗ gel hatte die Leute zum Beſten gehabt. Er hatte keinen rothen Heller gefunden. Wo⸗ chenlang noch trieben ſich einzelne Menſchen auf der Straße dort herum; jeder traͤumte ſich, den Schatz zu erhaſchen. Aber es gluͤck⸗ 3 te keinem. Wenigſtens ward es nie ruch⸗ bar, daß einer den Beutel mit den 200 7„ 2 Friedrichsd'or wirklich erwiſcht habe. Die 44 Tage waren verlaufen. Der Geheime Finanzrath ſandte das Geld nicht. 63 Es vergingen wleder 14 Tage. Die 500 Rthlr. kamen noch nicht an. Der Poſtmei⸗ ſter haͤtte gern nach P. geſchrieben, aber er hatte dort keine Bekannten, als die Ober⸗ Poſtofficianten, und er durfte ſich ja nicht einmal erkundigen, ob der Geheime Finanz⸗ Rath Baron von Hanf angekommen war. Er haͤtte dadurch Winke geben koͤnnen, die des Geheimen Finanzraths ganzes Spiel verdorben haͤtten. Er wartete noch 14 Tage. Jetzt fing ihm an bange zu werden. Morgen wollte er an einen Freund in der Reſidenz ſchrei⸗ ben, und ſich ſo ganz von Ferne nach dem Geheimen Finanzrath von Hanf erkundigen. Noch denſelben Morgen ſchrieb der Geheime Finanzrath,„er habe ſeine Geſchaͤfte vollen⸗ Het, er waͤre im Begriff den Praͤſidenten zu kaſſiren; dieſer werde ſich auf ſeine Guͤter nachher begeben, aber nicht lange dort ver⸗ weilen; die ſchuldigen 500 Rthlr. ſolle der Poſtmeiſter naͤchſte Woche erhalten.“ Am 64 nemlichen Abend trat ein Jaͤger in ſein Zimmer. „Der Herr Praͤſident haben hier eine Viertelſtunde vor der Stadt ein Rad zerbro⸗ 1 chen: Sie laſſen den Herrn Poſtmeiſter da⸗ 3 her erſuchen, Ihnen ein Chaiſenrad zu leihen.“. „Aha!“ entgegnete der Poſtmeiſter hohnlaͤchelnd,„gehen der Herr Praͤſident auf Dero Guͤter?“ „Ja, Herr Poſtmeiſter!“. „Der Herr Praͤſident werden wohl lan⸗ ge dort verweilen?“ „Einige Monate, der Herr Praͤſident gehen auf Urlaub hierher.“ „Ha ha ha ha! Urlaub! Caſſation! Caſſation wollen der Herr Leibjaͤger ſagen.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte trocken der Jaͤger.— „Glaube es wohl, lieber Freund! Der Praͤſident iſt um dieſe Zeit jetzt, nie auf ſei⸗ 82 ne Guͤter gezogen. Ich weiß es beſſer. 65 Sagen Sie Ihrem Herrn Expraͤſidenten, daß ich fuͤr ihn kein Rad haͤtte. Ich weiß wohl einen, der ihm damit aufwarten kann, und waͤre ich Souverain, ich wollte den ſau⸗ bern Herrn Praͤſidenten, bei meiner armen Seele, darauf bringen. Sag' Er das ſeinem Herrn.“ Der Jaͤger ſchuͤttelte den Kopf, ging und rapportirte von Wort zu Wort dem erſtaunten Praͤſidenten den gehabten Zwie⸗ ſprach. „Der Menſch hat getrunken“ erwiderte lachend der Praͤſident, und machte ſich ſelbſt auf den Weg zum Poſtmeiſter. „Sieh da, neuer Herr Expraͤſident;“ rief ihm der Poſtmeiſter mit infamirender Veraͤchtlichkeit entgegen.„ Ey, ey, wie ſe⸗ hen wir uns wieder? Aber ſo geht es, wenn man immer mit der Naſe hoch hinaus will. Schlecht, ſchlecht, grundſchlecht haben Sie Ihre Rolle geſpielt. Auf Ihren Truͤmmern bluͤht mein Gluͤck empor. Wir waren ſonſt — 2 Freunde; aber das hoͤrt nun auf. Verſte⸗ hen Sie mich, mein Herr? das hoͤrt nun auf.“. Der Praͤſident war wie aus den Wol⸗ ken gefallen. Er traute ſeinen Ohren nicht. Er hielt im erſten Augenblick den Poſtmei⸗ ſter fuͤr wahnſinnig.„Machen Sie keine Ceremonien, mein Herr,“ rief der Poſtmei⸗ ſter hohnlachend.„Den Koͤnig ſo zu betruͤ— gen, das iſt keine Bouteillen⸗Sache. Stel⸗ len Sie ſich, wie Sie wollen. Ich weiß al⸗ les. Der Geheime Finanzrath Baron von Hanf iſt mein Specialiſſimus. Na! geht Ihnen nun ein Licht auf?“ „Der Geheme Finanzrath Baron von Hanf?“ „Aha, ſind Sie im Klaren? liebwer⸗ theſter Herr geweſener Praͤſident! Hier iſt alles ſchon ruchbar; heut fruͤh ſchrieb's mir mein Intimus. Wollen Sie noch laͤugnen?“ „Herr Poſtmeiſter, ich bewunderte mei⸗ ne Faſſung. Aber das Naͤthſel muͤſſen Sie 97 mir loͤſen, oder ich laſſe Sie in Ihrem eige⸗ nen Hauſe arretiren. Dies Mißverſtaͤndniß iſt mir doch ein wenig zu ſtark.“ Das Wort„arretiren“ bruͤhte den Poſtmeiſter ab. So konnte ein Expraͤſident nicht ſprechen. Er wurde in ſeinem Glau⸗ ben etwas wankend. Doch verlor er ſeine Haltung noch nicht ganz. „Da, hier Herr— Herr Praͤſident, ſchwarz auf weiß, ſchwarz auf weiß.“— Er uͤberreichte dem Praͤſidenten des Barons eigenhaͤndigen Brief. 3 Der Praͤſident las, faltete den Brief langſam wieder zuſammen, und gab ihn dem Poſtmeiſter zuruͤck.„Der Menſch da iſt nicht Geheimer Finanzrath und nicht Ba⸗ ron“ ſagte er ruhig,„es iſt der Controlleur Hanf; ich kenne ſeine Hand. Ich habe den Mann oft gewarnt. Seiner Betruͤgereien wurden am Ende zu viel. Er iſt geſtern fruͤh gefaͤnglich eingezogen worden. Sind die gegen ihn eingekommenen Denunciationen * 5 68 nur zur Haͤlfte wahr; ſo hat er lebenslaͤng⸗ liche Feſtungſtrafe verwirkt. Die 500 Rthlr. die er Ihnen nach dieſem Briefe ſchuldig iſt, bekommen Sie nie wieder. Er hat keinen Pfennig im Vermoͤgen. Der Schreck ſchmetterte den Poſtmeiſter zu des Praͤſidenten Fuͤßen nieder.„Hochbe⸗ trauteſter Herr Praͤſident, treu gehorſamſter Diener und Nath unſers allergnaͤdigſten Kö⸗ nigs,“ ſchrie er heulend, und wand ſich wie ein Wurm um die Kniee des Praͤſidenten, „wie ungluͤcklich, wie blind, wie ſtarrblind bin ich geweſen! Heiliger, lieber Gott, was habe ich gethan! wie mache ich mein Ma⸗ jeſtaͤtsverbrechen wieder gut! Mein Geld verloren, meine Ausſichten verloren, die Gna⸗ de meines hoͤchſtverehrlichen Herrn Praͤſiden⸗ ten verloren, meine Chokolate, mein Fruͤh⸗ ſtuͤck, Gott, Gott, dieſer Boͤſewicht!“ Der Praͤſident achtete auf ſein Gewim⸗ mer wenig, ſetzte ſich an des Poſtmeiſters Schreibtiſch, ſchrieb eine Aſſignation, groß 69 g⸗ 250 Rthlr. auf die Kammer in P. à Conto r. ſeines Gehalts, gleich nach Sicht an die Or⸗ ſt, dre des Poſtmeiſters zahlbar, haͤndigte ſie en dem Poſtmeiſter mit der Aeußerung ein, daß er ſeinen Schaden zur Haͤlfte tragen wolle, er uͤberließ den Erbaͤrmlichen ſeinem gerechten 48 Staunen, und ließ ſich vom Buͤrgermeiſter er des Staͤdtchens einen Wagen zur Fortſetzung ſeiner Reiſe verſchaffen. Das Raubſchloß. Eine buchſtaͤblich wahre Geſchichte. Eine ſehr angenehme Dienſtreiſe fuͤhrte mich in die Gegend des Rieſengebirges, wo ich in meiner fruͤheren Jugend, ein Jahr im Hau⸗ ſe meiner Tante Walther, aͤußerſt gluͤcklich verlebt hatte. Ich hatte mir vorgenommen, ſie bei dieſer Gelegenheit zu beſuchen und ihre bei⸗ den Toͤchter, die damals Kinder von zwei, drei Jahren geweſen waren, jetzt, in der Bluͤthe ihrer ſchoͤnen Tage, wieder kennen zu lernen. 8 Der Onkel war ſeit jener Zeit geſtorben, und die Tante lebte von ihrem ſehr anſehn⸗ lichen Vermoͤgen, auf ihrem Gute, in der reizendſten Gegend des innern Gebirges⸗ Im letzten Staͤdtchen, wo ich im Wirths⸗ hauſe mich nach den naͤhern Umſtaͤnden der Familie erkundigte, erfuhr ich zu meiner gro⸗ ßen Betruͤbniß, daß die arme Tante vor ei⸗ nigen Wochen, ihre juͤngſte Tochter, Caͤcilie, durch das Scharlachfieber verloren habe, und von dieſem harten Schlage des Schickſals, ungemein niedergedruͤckt ſey. Man nannte den Schmerz der armen Mutter ſehr gerecht; denn die ſechszehnjaͤhrige Caͤcilie ſei ein ſo kluges und gutes Maͤdchen geweſen, daß ſie von der ganzen umliegenden Gegend geliebt worden ſey. Dieſe Nachricht daͤmpfte in mir die Freude des Wiederſehens nach langen vier⸗ zehn Jahren, um ein Merkliches: auf der an rade die ungluͤckliche Mutter beſuchen zu koͤn⸗ dern Seite war es mir aber lieb, jetzt ge⸗ 272 nen, um ihren Schmerz zu theilen, und f ihren Kummer, wo moͤglich, zu zerſtreuen. r Um ihr, gleich bei der erſten Begruͤßung, d ein Merkzeichen meines herzlichen Antheils§ zu geben, kaufte ich mir einen Streifen u ſchwarzen Kreppflor, und umwand damit den 2 linken Ermel meiner Uniform. 2 Es war Mittag, als ich aus dem Staͤdt⸗ chen abfuhr. Die Sonne kach brennend mir 2 uͤber dem Scheitel; ein heißer Suͤdwind weh⸗ g te uͤber die Kornfelder, und dunkle Gewitter⸗ ſ Wolken lagerten ſich um die nakten Waͤnde 1 des rieſenhaſten Gebirges. 1 In wenigen Stunden erreichte ich die 1 Graͤnzen von dem Gute meiner Tante; die 4 alte verfallene Ruine, die auf dem ſtattlichen 1 Berge uͤber dem Wohnhauſe thronte, und unter dem Namen des Raubſchloſſes in der 4 8 ganzen Gegend bekannt iſt, hatte ich ſchon 4 fruͤher entdeckt. Ich begruͤßte im Vorbei⸗. fahren alle die ſtillen Plaͤtzchen der Runde, die ich als Knabe ſo oft beſucht hatte, mit S 73 freundlicher Wehmuth. In die ſuͤße Erinne⸗ rung jener gluͤcklichen Jahre verſunken, durch die Nachricht von dem Tode des geliebten Kindes weich geſtimmt, und uͤberwaͤltigt von unnennbaren Gefuͤhlen, ſank ich mit ſtummen Thraͤnen, der uͤberraſchten Tante in die Arme. Sie empfing mich in tiefer Trauer. Der Flor an meinem Arme ſagte ihr ſchwei⸗ gend, daß ich ihren Schmerz ſchon kannte; ſie druͤckte mich an das zerriſſene Mutterherz, und ſchluchzte laut. „O warum kamſt Du nicht,“ ſagte ſie leiſe, und legte ihr verweintes Geſicht auf meine Achſel,„warum kamſt Du nicht ei⸗ nen Monat fruͤher? Da war ich noch gluͤck⸗ lich und reich; da ſtand ich noch in der Mitte meiner beiden Kinder. Ach, mein Freund!“ fuhr ſie fort, und richtete ſich auf, „jetzt hat mir Gott die ganze Haͤlfte meines irdiſchen Gluͤcks genommen. Ich habe ge⸗ murrt! ich habe laut gehadert mit ihmz 774 24 Caͤcilie war ein Engel! warum ließ er mir das Kind nicht? was hatte ich verbrochen? Wenn die Mutter am Grabe ihres Kindes, allmaͤchtiges Weſen, an Deiner Liebe, an Dei⸗ ner Guͤte verzweifelt, o ſo zuͤrne ihr nicht! eine Mutter hat nichts, als ihre Kinder.“ In dem Augenblicke trat Julie, ihre aͤltere Tochter, herein. Sie hatte ſchon im Hauſe meine Ankunft und meinen Namen erfahren, ſie hoͤrte die letzten Worte ihrer Mutter. Mit der traulichen Herzlichkeit, die das alte Recht der Blutsfreundſchaft heiligt, ſchloß ſie mich in ihre Arme, und kuͤßte troͤſtend die blaſſe Wange der leidenden Mutter. In ihr ſchoͤnes, großes Auge ſchoß eine ſtille Thraͤne. Ich ſuchte keine Worte, denn an einem ſo wunden Herzen haftet nicht der Troſt ſtu⸗ dirter Rede; ich ließ mir von beiden recht viel von der Verſtorbenen erzaͤhlen, und mach⸗ te dadurch und durch meine herzliche Theil⸗ nahme, ihren Kummer leichter. n u 75 Beiden that es wohl, von der Verſtorbe⸗ nen reden zu koͤnnen; Caͤciliens letzte Stunde war der Gegenſtand ihrer Unterhaltung. Caͤcilie war mit dem vollen Bewußtſeyn ihres nahen Todes, hinuͤbergeſchlummert; ſie hatte ſich vor dem Einſcharren in die Erde gefuͤrchtet, und die Mutter gebeten, ſie nicht auf den Kirchhof begraben zu laſſen, weil es möglich ſei, lebendig begraben zu werden, und dann keine Rettung denkbar ſei. Unter dem Raubſchloſſe war ein tiefer, halb ver⸗ fallener Keller; dieſen, bat ſie die Mutter, zur Gruft einrichten zu laſſen; dort habe der Tod ihr keine Schrecken, denn ſie ſei da immer unter den Lebendigen. Die ungluͤck⸗ liche Mutter hatte die letzte Bitte ihres ſter⸗ benden Kindes erfuͤllt. Sie und Julie gin⸗ gen jetzt mit mir zur ſtillen Ruheſtaͤtte der Verklaͤrten. Die Ruine lag einige tauſend Schritte vom Hauſe entfernt, auf einem kurz abge⸗ ſtumpften Felſen. 6 „ Der Weg dahin fuͤhrte durch einen klei⸗ nen Hain von hundertjaͤhrigen Eichen, der mit in den Garten des Wohnhauſes gezogen war. Die naͤchſten Umgebungen der Ruine, waren ſchon zu Zeiten des vorigen Beſitzers, in einen Park verwandelt, der den Charak⸗ ter ſeines Mittelpunktes, der Ruine trug; ernſtes Dunkel himmelhoher Tannen, und ſanftes Gruͤn der herabhaͤngenden Thraͤnen⸗ weiden. Naͤher dem ſchwarzen, gelb bemooſten Felſen, wiegten ſich junge Birken in den leiſen Luͤften. Flieder, wilde Roſen, Jasmin, Epheu, und tauſend andere kleine Gebuͤſche umkraͤnzten die Burg, zu welcher der mir bekannte ſchmale Fußpfad den Huͤgel hinan fuͤhrte. Aber ein neu gebahnter enger Weg ſchlaͤngelte ſich, links um den Felſen zur neuen Gruft hin, deren Eingang, wie ich ihn von weitem erblickte, mit einem geſchmackvoll bronzirten eiſernen Gitterthor verſehen war. Um den Schmerz meiner Begleiterin⸗ nen, der waͤhrend unſers Hergehens ſich ein wenig gelegt hatte, nicht von neuem rege zu machen, bog ich rechts ein, um den Berg hinauf in die Ruine zu gehen, von der ich ſonſt immer mit Entzuͤcken die weite reizen⸗ de Ausſicht genoſſen hatte. Eine neue, waͤhrend meiner Abweſenheit gemachte Anlage, uͤberraſchte mich; die Tan⸗ te hatte das noch vorhandene Gemaͤuer des alten verfallenen Ritterſchloſſes benutzt, um einige kleine bewohnbare Zimmer darin ein⸗ zurichten; Eine kuͤhne, mit einem eiſernen Gelaͤnder verſehene Treppe fuͤhrte an der in⸗ nern Wand des halb eingeſtuͤrzten Wartthurms hinauf, von der man in eine Flur, und dann in zwei gothiſch meublirte Gemaͤcher trat. Ich oͤffnete das Fenſter, und uͤberſchau⸗ te mit einem Blicke, die Schneekuppe, die Gegend der Elbquellen, und die beiden Schneegruben; den ganzen Kamm des alten, ehrwuͤrdigen Rieſengebirges, und einen Theil 78 des fruchtbaren Schleſtens; vor mir ein ſtil⸗ les, von der Welt geſchiedenes Thal; unter mir den Eingang zur eiſernen Gitterpforte, von Caͤciliens kuͤhler Felſengruft. Im Zimmer ſelbſt hing das Portrait des Onkels, neben ihm das, der unter un⸗ ſern Fuͤßen ſchlummernden Caͤcilie. Eine ſchöne Blondine, bluͤhend, wie die Goͤttin der Geſundheit, in der laͤchelnden Wange das Gruͤbchen jugendlicher Unſchuld; das ſeidene Haar in weichen Ringellocken um den kleinen Engelskopf, und eine weiße Roſe am jungfraͤulichen Buſen. „Das iſt ſie?“ fragte ich, im ſtillen Bewundern der fruͤh verwelkten Schoͤnheit verſunken.. „Das war ſie,“— ſagte die Mut⸗ ter mit ſanfter Wehmuth, und Julie wandte ihr Geſicht weg, um im Stillen die Thraͤ⸗ nen zu bergen, die dem wunden Herzen ent⸗ quollen. Beide Schweſtern aͤhnelten einander, wie ich jetzt bemerkte; nur war Julie bruͤnett. Ich ſuchte das Geſpraͤch wieder abzu⸗ lenken, um Mutter und Tochter, die von neuem die Verlorne hier wieder gefunden hatten, vom Gegenſtande ihrer Trauer abzu⸗ ziehen, und richtete meine Aufmerkſamkeit auf die innere Einrichtung der aͤuſerſt ge⸗ ſchmackvollen Zimmer. In der anſtoßenden Stube ſtanden drei Betten; hier hatte die Mutter mit ihren Toͤchtern den vorigen Sommer hindurch ge⸗ ſchlafen; ſie erzaͤhlten, wie gluͤcklich ſie hier gelebt haͤtten; wie jeder Morgen, jeder Abend in dieſem einzig ſchoͤnen Aufenthalte, ihnen neue Freuden geboten habe, und mach⸗ ten eine ſo reizende Schilderung davon, daß ich um die Erlaubniß bat, die wenigen Tage meines Hierſeins auch hier wohnen und ſchlafen zu duͤrfen. Die Mutter willigte gern ein; nur Julie fragte, ob es mir nicht grauen wuͤrde, — — ——— ge 80 in den wuͤſten Ruinen, der ſtillen Gruft des Todes nahe, ganz allein zu ſeyn; ſo gern ſie die Nuheſtaͤtte ihrer Schweſter beſuche, ſo unmoͤglich wuͤrde es. ihr doch ſeyn, eine Nacht hier oben allein zuzubringen. Ich entgegnete ihr laͤchelnd, daß ich kei⸗ ne Furcht habe, die Naͤhe ihrer entſchlafenen Schweſter habe fuͤr mich, in dieſer Hinſicht, nichts ſchreckhaftes, und gegen den Angriff der Lebenden ſchuͤtze mich mein Degen. „Etwas von der Art haſt Du auch nicht zu fuͤrchten,“ fiel mir die Tante ins Wort, „die Mauer geht, wie Du weißt, um den ganzen Garten, und die Thuͤre hier, die auf die Landſtraße fuͤhrt, iſt von innen immer verriegelt. Du haſt wohl unſere Chauſſee noch nicht geſehen, die ſeit Deiner Abweſen⸗ heit, durch das Gebirge geleitet iſt? Sie oͤffnete bei dieſen Worten das zweite Fenſter, und zeigte mir die ſchoͤne neue Kunſt⸗ ſtraße, die aus den nahen Felſenmaſſen ſich hervorwand, dicht neben der Gartenmauer 4 84 vorbeilief, und weit hinunter, bis in die Schluchten des vor uns liegenden großen Ge⸗ birges zu uͤberſehen war. Aus der Schlafſtube fuͤhrte eine Thuͤre auf einen langen Corridor, der hinter dem alten Ritterſaal der ehemaligen Burg hin⸗ lief. Von dieſem Corridor trat man in den Saal ſelbſt; dieſer war noch vollkommen gut erhalten; ich kannte ihn ſchon aus meinem fruͤhern Aufenthalte, wo er aber weit verfal⸗ lener ausſah. Jetzt waren die großen Bo⸗ genfenſter wieder hergeſtellt, er war neu ge⸗ dielt, und mit gothiſchen Meublen verſehen. Die alten eiſernen großen Oefen ſtanden noch, und die Mauergemaͤlde an den Waͤnden, hat⸗ te die Tante wieder auffriſchen laſſen: eine Wolfsjagd, zwei große Schlachtſtuͤcke aus den Zeiten des Fauſtrechts, und ein Zweikampf auf Leben und Tod. In letzterem beſonders, war der Charakter jener Vorzeit treu gehal⸗ ten; es that einen unglaublich kraͤftigen Ef⸗ fekt. 6 Ritter Bruno— die alte Chronik des Schloſſes erzaͤhlte den Vorfall, den der da⸗ malige Burgkaplan in Moͤnchsſchrift aufge⸗ ſetzt hatte, umſtaͤndlich— Ritter Bruno lag vom Ritter Gotthard, dem vormaligen Herrn dieſer Burg, erſchlagen im Sande. Der Helm war ihm vom Kopfe gefallen, das Blut entrieſelte den Halsadern, und floß in brei⸗ ten Stroͤmen uͤber den Panzer. Der Er⸗ ſchlagene ballte, vom grimmigen Schmerze des Todes uͤberwaͤltigt, die rechte Fauſt gen Himmel; die andere wuͤhlte ſich in die von ſeinem Blute gefeuchtete Erde; je laͤnger man dieſes Schreckensbild anſah, je mehr verwirklichte es ſich im Gemuͤthe des ergrif⸗ fenen Anſchauers. Man ſah das Zucken der allmaͤhlig erſtarrenden Glieder; man hoͤrte das letzte Roͤcheln des Sterbenden. Ich ſtand lange vor dem graͤßlichen Bilde, und theilte dieſe Bemerkung der Tan⸗ te und Julien mit. Sie empfanden beide daſſelbe, und ſagten, daß ſie, um dieſes ent⸗ ₰„ 1—.— 0. —— 83 ſetzlichen Eindrucks willen, den dieſes Bild jedesmal auf ſie mache, ungern dieſen Saal betraͤten. „Ach,“ ſagte die Mutter, und hielt die Hand vor die Augen,„nein, da ſtarb mei⸗ ne Caͤcilie einen frommern, ſanftern Tod. Das Winſeln, das Röcheln, ach Gott! ja, das hoͤre ich noch! aber ihre Seele war da ſchon von ihr gewichen; ſie fuͤhlte von die⸗ ſen letzten Zuckungen des Koͤrpers nichts mehr.— Kommt von dem Bilde weg. Es hat mich nie ſo erſchuͤttert, als heute.“ Wir gingen wieder in den Corridor zuruͤck. Ich erblickte eine eiſerne Bogenthuͤr am En⸗ de deſſelben, die mit einer ſtarken Eiſenſchie⸗ ne verriegelt war, an der ein großes Vorle⸗ geſchloß hing. Ich entſann mich nicht, dieſe ſonſt geſehen zu haben. „Sie war auch noch nicht,“ entgegnete die Tante,„mein verſtorbener Mann hat ſie machen laſſen; ſie fuͤhrt in den alten vier⸗ eckigen Thurm, unter dem ſonſt ein Burg⸗ 6* 84 verlies geweſen iſt. Der obere Naum des Thurms iſt jetzt zur Polterkammer benutzt, um mehret res altes Geruͤmpel, was ſonſt um⸗ herſtand, darin aufzubewahren.“ „Wozu aber die Thuͤre von Eiſen? Der ſchwere Riegel und das große Schloß davor? Das ſieht ja aus, als ob Tantchen ihre Schaͤtze darin aufbewahrte.“ „Dazu ſoll es auch dienen,“ antwor⸗ tete die Tante laͤchelnd.„Mein ſeliger Mann hatte die Idee, wenn die Maͤdchen wuͤrden herangewachſen ſeyn, den Winter in Prag zuzubringen; waͤhrend der Zeit woll⸗ ten wir unſere kleinen Habſeligkeiten von Werth hier aufbewahren, weil dieß Gemach allein mit einem feuerfeſten Gewvöͤlbe verſe⸗ hen iſt. Ueber der ſchwarzen Lhe hing das Portrait der bleichen No ne, das ich von fonſt her ſchon kannte. „Lebt die arme Lea auch noch?“ frag⸗ te ich, und weilte mit meinem Blicke auf 85 dem frommen Geſichte, das der Gram le⸗ bendig machte. Schon als Kind hatte mich dieſe Himmelsbraut angezogen. Ich hatte es nie ohne Theilnahme, nie ohne leiſe Ah⸗ nung ihres raͤthſelhaften Geſchickes, anſehen koͤnnen. Lea war— ſo ſagten die alten Urkun⸗ den des Schloſſes die Tochter eines der reichſten Grafen im Gebuge geweſen. Sie war heimlich mit dem Ritter Gotthard, den oben erwaͤhnten fruͤhern Beſitzer dieſes Schloſ⸗ ſes verlobt. Ihr Vater, der ſie einem an⸗ dern beſtimmt hatte, verdammte ſie, als er ihe, durch die Natur beſiegeltes, ihm aber niche kund gewordenes Verſtaͤndniß mit Gott⸗ hard, entdeckte, zum Kloſter; ſie mußte bei den Schw c u St. Clara in Breslau den Schleier den. Ganchn entfuͤhrte ſie, und bracht ieher auf ſein Schloß, aber er konnte! Prieſter vermoͤgen, ihm vor dem Altare des„dhigen Gottes, der alles Verborgene ſieht, ehelichen Seegen zu 86 geben. Lea erlag der Strafe des Gewiſſens. Sie ermordete ihr Kind kurz nach ſeiner Ge⸗ burt, und ſtarb an den Folgen genommenen Giftes. Man las die Geſchichte ihrer Lei⸗ den, ihrer Verzweiflung in ihren Zuͤgen. Sie kniete vor dem Bilde der heiligen Mutter Maria. Zerriſſen von den Schmerzen des eben genoſſenen Giftes, die Quaalen der Hölle im gebrochenen Herzen, rang ſie die Haͤnde, die das Kind ermordet hatten, zu der heiligen Jungfrau um Erbarmen. Die Frucht ihrer Liebe, ein bildſchoͤner Knabe, lag todt zu ihren Fuͤßen. Bruno, der Rö⸗ chelnde im Ritterſaale, war ihr Vater. Gort⸗ hard hatte ihn erſchlagen, und mit dieſem Blute das Blut ſeines Kindes, nad den Selbſtmord ſeines geliebten Weibes, der Kin⸗ dermoͤrderin Lea, furchtbat geraͤcht. In der ganzen Gegend trug man ſich mit der Sage herum, des Lea keine Ruhe im Grabe habe, und vaß der Schatten des erſchlagenen Bruno, Oft noch auf der Ober⸗ welt wandle. Man erzaͤhlte ſich vom from⸗ 1s. ze⸗ men Nonnengeſang, der ſich zu Zeiten in der en Mitternacht hoͤren laſſe; auch wollte man ei⸗ ein banges Stoͤhnen und Roͤcheln vernom⸗ ie men haben, welches auf den ungluͤcklichen ter Vater Bruno gedeutet wurde, der ſein Kind es und ſeinen Enkel in das Grab, und den er Ritter Gotthard um den Frieden ſeines Le⸗ ie bens gebracht hatte. Dieſem Winſeln war u immer ein wildes Waffengeklirr vorangegan⸗ ie gen, woraus man denn folgerte, daß auch 8 e, Gotthard noch fein Weſelk—rreibe, und den 5⸗ blutigen Zweikampf wiederhole, der dem ei⸗ t ſernen Vater das Leben geendet hatte. Alle dieſe Geſchichten, die ich hier in n n meiner Kindheit oft von den Leuten des Dor⸗ 2 fes erzaͤhlen gehoͤrt hatte, traten mir jetzt wieder vor die Seele. h„Die arme Lea war doch gluͤcklicher als e ich, ſagte die Tante; ſie verlor ihr Kind, als 3 ſie ſeinen Werth noch nicht ſo kannte; und ſie konnte ſterben!“ zes erſchuͤtterten mich. „Tante,“ entgegnete ich„beneiden Sie der Erbarmungswuͤrdigen ihr Loos nicht. Vergehen Sie ſich nicht gegen Gott! Ih⸗ nen blieb noch ein holdes Kind, der armen Lea nichts, als der grauſenvollſte Tod.— Sahen Sie nicht die Bleiche des Geſichts? Nicht den Krampf in den gefalteten Haͤnden der Knieenden? nicht die gluͤhende Thraͤne im ſtieren, halbgebrochenen Auge, das keinen Blick mehr in die lichte Hoͤhe des Himmels wagt? nicht den namenloſen Jammer auf der Lippe, die kaum mehr vermag, das letzte Ave Maria zu beten? nicht die gequaͤlte Bruſt, die der grauſame Vaterfluch zerſchla⸗ gen hat?— laſſen Sie uns gehen; ich hal⸗ te vor dem Bilde nicht laͤnger mehr, aus. Es iſt, als ſtaͤnde das ungluͤckliche Maͤdchen mit der ſchweren Laſt ſeines unendlichen Un⸗ gluͤcks lebendig vor mir. Selbſt in den Zuͤ⸗ Dieſe Worte des hoͤchſten Mutterſchmer⸗ 89 gen der heiligen Jungfrau iſt keine Gnade, kein Erbarmen fuͤr ſie zu finden.“ ke rollte ein ſchwerer In dem Augenbl Donnerſchlag uͤber die Ruinen weg, und ver⸗ lor ſich in den wiederhalle ſchwarzen Rieſenfelſen. ſich bei meiner ſchon zuſa aminenge⸗ thuͤrmt hatte, war unterdeſſen heraufgezogen. Die Luft brauſte zum ſchnellen Sturme auf; es ſielen einzelne Tropfen, wir mußten nach Hauſe eilen, wenn wir nicht das ganze Ge⸗ witter hier oben abwarten wollten, und ſo kamen wir fuͤr dießmal nicht in Caͤciliens Gruft. Wir hatten kaum das Wohnhaus er⸗ reicht, als ein derber Platzregen ſiel, der das Land erquickte, und uns die Kuͤhle ſchenkte, nach der die Erde ſich ſchon mehrere Tage geſehnt hatte. Im Hofe tanzten Millionen Blaſen auf den Pfuͤtzen, und zerplatzten ſo ſchnell, wie ſie entſtanden waren; ungeheure Blitze flogen aus den ſchwarzen Wolken auf 9⁶ das enge Thal herab, und ein ewiger Don⸗ ner, vom Echo der Berge zehnmal wieder⸗ gegeben, fuͤllte die Luft. Die Gebirgsbe⸗ wohner ſind das gewohnt; ſie achten kaum darauf. Mir war das große Schauſpiel der Natur wieder neu geworden, ich zagte im Geheimen; denn jeder Donnerſchlag ſchien die ganze große Felſenkette aus den Angeln ihres Urgrundes zu heben. Sobald ſich der Regen gelegt hatte, ließ die Tante mein Gepaͤcke in die Ruine ſchaffen. Ich haͤtte jetzt viel darum gegeben, wenn ich den Wunſch, in jenem verfallenen Ge⸗ maͤuer, die Naͤchte meines hieſigen Aufent⸗ halts zubringen zu wollen, nicht geaͤußert haͤtte. Unter mir Caͤcilie im Grabe, neben mir der lange hohe Ritterſaal, der ſterbende Bruno, der enge Corridor, die ungluͤckliche bleiche Lea und die eiſerne verriegelte Thuͤre, die zum Burgverlies fuͤhrte, in dem manche Thraͤne der Verzweiflung mochte geweint „— 2 S„2 91 worden ſeyn:— alles das war eine ſo ſchau⸗ erliche Nachbarſchaft, die mit den freundli⸗ chen Umgebungen des Wohnhauſes, in offen⸗ barem Contraſt ſtand. Doch ich hatte es einmal geſagt, und konnte es nun nicht zu⸗ ruͤcknehmen; denn die Tante ſchien es hoch aufgenommen zu haben, daß ich in der Naͤ⸗ he ihrer Caͤcilie meinen Wohnſitz hatte auf⸗ ſchlagen wollen. „Sie werden in der Ruine ſchlafen?“ ſagte der alte Jaͤger, als er die letzten Stuͤ⸗ cke meiner Habſeligkeiten, meinen Staub⸗ mantel, die Piſtolen und den Degen nahm, um ſie hinuͤber zu tragen. „Ja, mein lieber alter Niklas. Wa⸗ rum?“ „Ich meine nur ſo, lieber Herr. Sie muͤſſen mehr Herz haben, als ich. Unſer einer iſt auch keine Memme. Hundertmal bin ich ſchon in dunkler Nacht mutterſeelen allein, im Gebirge auf dem Anſtande gewe⸗ ſen, und habe den Ruͤbezahl und den wilden 2 ohne daß mir einer haͤtte was anhaben koͤn⸗ nen, denn ich bin ein alter frommer Mann; aber da oben ſchlafe ich jetzt doch nicht.“ „Wie ſo, Alter? Die Tante hat ja mit ihren Toͤchtern vorigen Sommer auch oben geſchlafen.“ „Ja, ſonſt wohl, und da mußte ich und der George und der Heinrich auch mit oben ſchlafen. Aber jetzt!— Ich will Ih⸗ nen keine Unruhe machen: aber ſeit der Zeit, daß Mamſell Caͤcilchen da unten beigeſetzt iſt, wollen die Leute allerlei gehoͤrt haben. Glau⸗ ben Sie nur, mit der Kindermoͤrderin, mit der Lea, iſt es nicht richtig. Im St. Cla⸗ renſtifte zu Breslau wollen ſie auch was da⸗ von wiſſen, dort ſoll ſie auch zuweilen ihr Weſen treiben.“ Der alte Mann ging. Ich hatte mir jedes Wort aufgehoben, was er geſprochen hatte; aber man haͤtte mich den aͤrgſten Poltron geſcholten, wenn Jaͤger und die Berggeiſter rumoren gehoͤrt, ic it +— .o Sͤ—.—, A 93 ich jetzt gebeten haͤtte, meine Sachen wieder in das Wohnhaus zu ruͤckſchaffen zu laſſen. Wir ſpeiſten zu Abend. Der Amtmann und zwei Schreiber ſa⸗ zen mit am Tiſche; drei kraͤftige junge Leu⸗ te. Ich hoffte wenigſtens einen davon be⸗ reden zu koͤnnen, mir in der Ruine Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, und machte mich daher mit ihnen naͤher bekannt. Ich fuͤhrte das Ge⸗ ſpraͤch auf die Wirthſchaft, auf das einzige Feld ihres Wiſſens. Wir wechſelten unſere Anſichten daruͤber aus, und ich erreichte mei⸗ nen Zweck, ihnen naͤher zu kommen. Nach Tiſche, als Mutter und Tochter einen Augen⸗ blick abweſend waren: warf ich die Aeuße⸗ rung hin: daß es nun auch Zeit ſei, zu Bette zu gehen, daß ich auf der Ruine ſchla⸗ fen wuͤrde, und ob einer von ihnen etwa ſo gefaͤllig waͤre, die Parthie mitzumachen; Bet⸗ ten ſtaͤnden bereit, und wir koͤnnten da oben noch bei einem Glaſe Ungar, ein Stuͤndchen verplaudern. 94 Sie entſchuldigten ſich alle drei mit den gehorſamſten Buͤcklingen. Der Amtmann hatte noch zu ſchreiben; der eine Schreiber mußte bei der Caſſe ſchlafen, und der zweite morgen fruͤh ſehr zeitig auf dem Platze ſein, um die Leute zur Arbeit zu wecken. Man ſah es allen Dreien an, daß ſie dieſe Ent⸗ ſchuldigungen nur ſuchten, um der Ruine zu entgehen, und ich mußte allein hinauf. Jetzt erſt fing ich an furchtſam zu wer⸗ den. Ich hatte eine Beklommenheit, die ich mir nicht erklaͤren konnte. Ich ſchalt mich einen Thoren; aber ich konnte meine Ban⸗ gigkeit nicht bezwingen.— Es ſchlug ein Viertet auf eilf Uhr; ich mußte endlich gehen. Die Tante ließ mir eine Laterne geben. Im Schlafzimmer, meinte ſie, wuͤrde ich zwei Lichter finden; auch ſei Wein und Waſ⸗ ſer beſorgt, und morgen fruͤh wollte ſie mit Julien heraufkommen, um mit mir gemein⸗ ſchaftlich zu fruͤhſtuͤcken. u 95 Ich ging. Das Gewitter hatte ſich verzogen, der Himmel war truͤbe, der Mond wandelte hin⸗ ter zerriſſenen Wolkenſchleiern, und ward nur ſelten ſichtbar uͤber den ſtillen Bergen, deren Gipfel ſich in dem ſchwarzen Himmel ver⸗ loren. Das Wetter leuchtete einige Mal, aber nur in der weiteſten Ferne. Die Aeſte der Baͤume waren vom Regen ſchwer bela⸗ ſtet; in den Wipfeln rauſchte der Nacht⸗ wind. Ich wand mich durch die dunkeln Ei⸗ chen; durch das lichtere niedrige Gebuͤſch; ließ Caͤciliens Gruft links liegen, und erſtieg, meine Laterne in der Hand, den Huͤgel der Ruine, und ihre, halb in der Luft ſchweben⸗ de Wendeltreppe. Ich oͤffnete den kleinen Vorſaal, trat in mein Wohnzimmer, aus dieſem in das Schlaf⸗ gemach, und eilte, meine Lichter anzuzuͤnden, und die Thuͤre, die auf den Corridor fuͤhrte, zu verriegeln. Auch die Thuͤre nach dem kleinen Vorſaale, durch welche ich gekommen war, ſchloß ich hinter mir zu, und hielt mich ie nun fuͤr ſicher. te Schlafen konnte ich nicht. 3 Ich entkleidete mich, und oͤffnete den 5 Buͤcherſchrank des ſeligen Onkels, der im te Schlafzimmer ſtand, um mich durch Leſen ar von den bangen Gedanken abzuziehen, die g unwillkuͤhrlich meine Seele umlagerten. br Das erſte, was ich ergriff, war ein dr Geſangbuch. Ich ſchlug es auf und las: ſc Warum erbebſt Du meine Seele,— 14 Bei dem Gedanken an das Grab? A. aunn Nicht Dich umſchließet ſeine Hoͤhle 3 MNur Deine Huͤlle ſinkt hinab! ha Sie ſchuf der Allmacht Wink aus Staub, G Drum wird ſie der Verweſung Raub. D Ich wollte nichts vom Tode leſen und erf vertauſchte daher das Buch mit einem an⸗ dern; es war Elpizon von Sintenis. get „Iſt denn die ganze Bibliothek hier Jo der Erinnerung des Todes. Jebrihe. ſagte 225 e nen ind an⸗ ier gte 97 ich zu mir ſelbſt, und griff nach einem drit⸗ ten Buche in kleinem Taſchenformat: es war eine hoͤchſt merkwuͤrdige Beſchreibung des Ordens der Tempelherren, aus dem dreizehn⸗ ten Jahrhunderte. Das erſte Blatt das ich aufſchlug, enthielt das Ritual eines Trauer⸗ acts, welcher zum Andenken eines Ordens⸗ bruders in*** gefeiert worden war, der vielen meiner Leſer, die in der aͤltern Ge⸗ ſchichte Deutſchlands bewandert ſind, bekannt ſein wird, der durch ſeine Schriften und durch ſeinen ſtrengen redlichen Wandel, die Achtung ſeiner Zeitgenoſſen ſich erworben hatte, und den ich das Gluͤck habe, zu den Gliedern meiner Familie zaͤhlen zu duͤrfen. Daß er Tempelherr geweſen, erfuhr ich hier erſt. Hier in dieſer ſtillen Stunde an ihn gemahnt zu werden, hatte ich nicht erwartet. Ich las mit der geſpannteſten Theilnahme: „Der Tempel war ſchwarz ausgeſchlagen; in der Mitte ſtand der Sarg, der die 8. 8 5 .— 5—, Tiefes Schweigen in der Runde.—— Huͤlle des Entſchlummerten umfaßte. Neun Todtengerippe ſtanden am Sarge, und hielten die Lampen, die mit halbem Lichte den Tempel erleuchteten. Auf dem Sar⸗ ge lag, in der Gegend des Kopfes, ein Kranz von weißen Roſen, dann der Tem⸗ pelherrn⸗Schmuck und der entbloͤßte De⸗ gen des Verſtorbenen. Auf dem Tiſche ein Todtenkopf und ſieben Leuchter in Ge⸗ ſtalt von Sphynxen. Die Templer tra⸗ ten einzeln und ſchweigend ein, alle ſchwarz mit Trauerfloͤren angethan. Der Groß⸗ meiſter verkuͤndigte den Zweck der Ver⸗ ſammlung, Gericht uͤber den Todten zu halten, der in ihrer Mitte ruhe.„Es iſt Mitternacht“ ſagte er,„das Grab iſt fertig. Unſer Mitbruder hat ſeine große Pruͤfungsreiſe vollendet; laſſet uns ſehen, wie er auf derſelben beſtanden. Iſt jemand unter Euch, der auftrete, und wider ihn klage?“ 99 Nach langer Pauſe trat der aͤlteſte Tempel⸗ herr rechts zu den Haͤupten des Entſchla⸗ fenen, bat um das Wort und redete alſo: Bruder Großmeiſter! Bruͤder Tempelherren! Nicht dem Menſchen geziemet den Todten zu richten. Gebet Gott die Ehre. Nur Er kann ſtrafen und lohnen. Nur Er durchſchaut uns bis auf den Grund, und kennet unſerer Thaten geheimſte. Darum Bruder Großmeiſter, und wenn Du drei⸗ mal rufeſt, daß wer auftrete und klage wider den Verklaͤrten; Dein Ruf wird verhallen, und kein Templer wird ſich melden, denn wir ſind Bruͤder in Chriſto unſerm Herrn. „Mein iſt die Pflicht“ hob der Großmei⸗ ſter an„noch einmal Euch zu fragen. Bruͤder Tempelherren! Ihr ſeid freie Ordensglieder. Sprecht, wenn Ihr zu ſprechen wißt! Wiederum eine lange Pauſe, und keiner ſprach. 7* 100 Da bat der juͤngſte der Templer um das Wort, und ſtellte ſich rechts zu den Fuͤ⸗ ßen des Sarges, und ſagte mit weicher Stimme zu den Bruͤdern: Er iſt von uns geſchieden! Wir ſehn ihn nimmer wieder, Goͤnnt ihm den ew'gen Frieden, Ihr war't ja ſeine Bruͤder. b Darauf ſprach der Großmeiſter laut:„Wo 3 V keine Klage iſt, iſt kein Richter. Klaget Keiner?“ ¹ Und die Bruͤder beugten ihre Kniee, und er⸗ wiederten alle ſammt und ſonders: Gott iſt unſer Richter! Jetzt aber hob der Großmeiſter einen Ham⸗ mer von Eiſen, und that damit drei ſchwe⸗ re Schlaͤge auf ein Kreuz von Eiſen, und rief in den Kreis:„oͤffnet die Pforten des Todes.“ So weit hatte ich geleſen, da klopfte es dreimal außerhalb meines Zimmers. Ich erbebte und ſchlug das Buch unwillkuͤhrlich zu. Ich horchte eine lange Weile. Es war alles wieder ſtill. Taͤuſchung! rief meine Vernunft. Ich hatte in Gedan⸗ ken in der Reihe der trauernden Tempelher⸗ ren geſtanden; meine Phantaſie war aufge⸗ reizt, ich hatte ein Klopfen gehoͤrt, das mein aͤußeres Ohr nicht beruͤhrt hatte. Ich be⸗ ſchwichtigte mich, durch dieſe Auseinanderſe⸗ tzung mit Gewalt, und griff wieder nach dem alten Buche, das mich wunderbar anzog, um darin weiter zu leſen. Und die Bruͤder Lehrlinge, rollten den Teppich links neben dem Sarge auf, und ſiehe, ein offnes Grab befand ſich dicht neben dem Sarge. Den Rand des Gra⸗ bes aber ſchmuͤckten ſchweigend die drei juͤngſten Bruͤder mit einem leichten Ge⸗ winde von friſchen weißen und rothen Roſen. Waͤhrend ſie das thaten, ſags te der Großmeiſter: Bruͤder Meiſter! Antwortet was ich Euch frage. 103 Wenn wird Gott Recht ſprechen uͤber die Todten? Erſter Meiſter. Am juͤngſten Gericht. Großmeiſter. Wer wird des Menſchen Klaͤger ſeyn? Zweiter Meiſter. Sein Gewiſſen. Großmeiſter. Wer ſein Vertheidiger? Dritter Meiſter. Niemand. Großmeiſter. Wer ſein Erbarmer? Vierter Meiſter. Niemand. Großmeiſter. Niemand? Fuͤnfter Meiſter. Gott iſt unſer Rich⸗ ter. Großmeiſter. Iſt Gott nicht auch all⸗ maͤchtig? Sechſter Meiſter. Und allgerecht. Großmeiſter. Hoͤrt Bruͤder Tempelher⸗ ren! Gott iſt allgerecht! Darum beuget Euern Willen vor ſeinem Geſetz. Siebenter Meiſter. Das Grab iſt fertig. Legt den Bruder in den Schoos ſeiner Mutter. 103 Dreimal ſchlug wieder der Großmeiſter mit dem eiſernen Hammer auf ſein eiſernes Kreuz, und die Bruͤder knieeten um das Grab herum, und kuͤßten ſchweigend die Erde. Da klopfte es dreimal wieder, deutlicher als vorher, und ein leiſes Gewimmer folgte dieſem raͤthſelhaften Klopfen.— Beides hatte ich beſtimmt gehoͤrt. Es klang, als ob Eiſen auf Eiſen fiele⸗ Ich ſtierte auf die Thuͤr, die nach dem Cor⸗ ridor fuͤhrte; dort war das Geraͤuſch herge⸗ kommen. In dieſem Augenblicke hoͤrte ich ein ſtar⸗ kes, lang anhaltendes Roͤcheln, dem letzten, lange verhaltenen Sterbeſeufzer eines Ver⸗ ſcheidenden gleich. Ich erſtarrte— mein ganzes Blut draͤngte ſich mir in das Herz; die Bruſt haͤtte mir zerſpringen moͤgen. Ich hatte, meiner unbewußt, das Licht in der Hand. Ich wollte hinaus auf den 104 Corridor. Tauſend Ahnungen traten vor meine Seele. Wie kann man ſich ſo aus ſich ſelbſt verlieren, ſagte ich endlich zu mir halblaut, raffte mich zuſammen, und ſuchte mich zu beſchwichtigen. Das Klopfen und das Ge⸗ wimmer, und das Roͤcheln— es iſt ja alles nichts geweſen. Du haſt— ach was hilft da alles Gruͤbeln und Sinnen; es iſt plat⸗ terdings nichts geweſen.— Ich griff noch einmal nach dem Buche im ſchwarzen Sammt, ich wollte die Be⸗ ſchreibung der Todtenfeier noch ausleſen, und dann zu Bette gehen. Ein leiſer Froſt uͤberreifte mir alle Glie⸗ der, aber ich ließ mir gegen mich ſelbſt nichts davon merken; ich nahm mein Buch, ſchlug auf, wo ich ſtehen geblieben und las weiter: Darauf hoben die Lehrlinge den Deckel vom Sarge, und der Entſchlummerte lag im weißen Sterbekleide. Die Haͤnde und Fuͤße gebunden. Die Schlaͤfe mit Lorbeer . 7„/ U 50 105 und Weinlaub umwunden; auf der Bruſt ein langes goldenes Kreuz mit Edelge⸗ ſteinen reich geſchmuͤcket, auf dem Her⸗ zen aber ein friſcher bluͤhender Veilchen⸗ Strauß! „Bruͤder Lehrlinge!“ hob der Großmeiſter an,„thut wie ich Euch befehle, und ant⸗ wortet, was ich Euch frage: Was be⸗ deutet der Kranz von Lorbeer und Wein⸗ laub?“ Erſter Lehrling. Der Menſch iſt ge⸗ ſchaffen fuͤr Ehre und Freude. Großmeiſter. Hoͤheres wartet des Men⸗ ſchen uͤber den Sternen. Lorbeer und Weinlaub verwelken. Entſchmuͤcket den Todten. Und die Lehrlinge nahmen den Kranz von den Schlaͤfen des Entſchlummerten. Großmeiſter. Was bedeutet das goldene Kreuz? Zweiter Lehrling. Nach Glanz und Reichthum ringt der Menſch. Großmeiſter. Wie ward der Menſch ge⸗ bohren? Dritter Lehrling. Ohne Metall. Großmeiſter. So ſoll er auch ſahren zur dunkeln Erde, ohne Glanz und arm, wie er gekommen. Entſchmuͤcket den Todten! Und die Lehrlinge nahmen das goldene Kreuz mit den edeln Geſteinen von der Bruſt des Entſchlummerten. 3 Großmeiſter. Warum ſind ihm Haͤnde und Fuͤße gebunden? Vierter Lehrling. Um anzudeuten, daß keiner hienieden frei ſei von der Knecht⸗ ſchaft ſeiner Sinne. Großmeiſter. Der Tod hat die Ketten der Sinne gebrochen. Entfeſſelt den Freien. Und die Lehrlinge thaten, wie ihnen befohlen. Großmeiſter. Was ſoll der Veilchen⸗ ſtraus auf ſeinem Herzen? Fuͤnfter Lehrling. Die Bruderliebe hat ihn damit geſchmuͤckt. Er iſt des Schmu⸗ 0 ge⸗ ur vie en! euz uſt nde daß icht⸗ tten den blen. hen⸗ hat 107 ckes werth, denn er war demuͤthig im Le⸗ ben und beſcheiden. Nur ſolchen ſoll der Lohn Gottes werden. Großmeiſter. Wißt Ihr gewiß, daß der Bruder im Sarge todt, und zum Erden⸗ denſchlafe bereit ſey? Sechſter Lehrling(ihn bei der Hand faſſend) Das Fleiſch trennt ſich vom Knochen, die Haut loͤſ't ſich vom Fleiſche, Er iſt todt. Großmeiſter. Wie iſt ſein Grab? Siebenter Lehrling.(am Rande des Grabes, mit dem Blicke auf die Gruft geheftet) Dunkel— tief— enge— kalt. Großmeiſter. Bruͤder Geſellen! Leiſtet dem Entſchlafenen den letzten Liebesdienſt! Gebt ihm das Geleite eures Bruderſee⸗ gens, denn er ſtand in Eurer Mitte. Darauf legte der erſte Bundesgeſell ihm ſei⸗ ne Rechte auf das Haupt und ſprach: „Bruder Geſell! Wohl Dir, wenn Du der Weisheit Schaͤtze geſammelt, ſo viel Du vermocht haſt; fahre mit Gott.“ Der zweite aber legte ihm die Rechte auf die Augen, und ſprach:„Wohl Bruder, Dir, wenn Du mit mildem Blick die ſchwache Welt betrachtet.“ Der dritte aber legte ſeine Rechte ihm auf das Geſicht, und ſprach:„Er ſchrieb Dir Gutes in's Geſicht. Heil Dir, wenn keinen Du mit dieſer Schrift betrogen. Der Vierte aber legte ihm ſeine Rechte auf den Mund und ſprach:„Stumm iſt das „ Grab! Geſchloſſen Deine Lippe. Leicht wird die Erde Dir, wenn nie Dein Tei dem Bruder hat geſchadet.“ Der fuͤnfte aber legte gefaltet beide Haͤnde ihm auf das Herz und ſprach ſanft be⸗ wegt:„Es hat ausgeſchlagen das from⸗ me Herz. Nein Freund, mein Bruder, fahre wohl. Wir leben ja nur um zu ſterben, und nur, wer lebt, wie Du, ſtirbt leicht. Das iſt der Lohn der Tu⸗ Un Hi 109 3 gend, daß ſie dem Tode ſeine Schrecken 4 nimmt.“ Der Sechſte aber legte ſeine Rechte ihm auf auf die Fuͤße, und ſprach:„Wer auf der a, rechten Bahn hier wandelt, der wird den ie Pfad zum Gnadenreich, auch durch des auf V Tudes Grauſennacht, gar wohl zu finden . b wiſſen.“ Dir Und endlich ergriff der Siebente des Todten n Rechte und ſagte:„Du haſt, Bruder Ge⸗ 1. V ſell, am rauhen Steine gearbeitet, muͤh⸗ auf voll und unverdroſſen. Dein Gott ruft dis Dich zur hoͤhern Arbeit ab, den letzten icht Haͤndedruck giebt Dir Dein Bruder. ud Schlaf ſanft den langen Schlaf. Dort in des Tempels lichten Hallen vereint uns ide Gottes Liebe wieder.“ unn Hierauf hoben die Lehrlinge den Deckel wie⸗ der auf den Sarg und verſchloſſen ihn der, mit ſieben Naͤgeln. Dann aber ſangen D die Meiſter unter gedaͤmpfter Muſik: 3 Ne recorderis, domine, peccata il- 110 lus, dum veneris judicare saeculum per ignem.*) Nach deſſen Beendigung ſtimmte der ganze Kreis das de profundis an, waͤhrend deſſen einer nach dem andern hinzutrat, den Sarg mit Weihwaſſer beſprengte und ſprach: Mein Bruder, Du biſt der Welt ge⸗ ſtorben, und lebeſt jetzt in Gott. Darauf ſtimmte das unſichtbare Chor das Libera an; alle Kerzen, bis auf die des Großmeiſters verloͤſchten. Die Bruͤder, Meiſter und Geſellen legten ſich, in der Form eines Kreuzes, auf die Erde und beteten ſtill. Die Bruͤder Lehrlinge aber ſenkten ſchweigend und langſam den Sarg in die Gruft, und waͤhrend dem erhob — *) Auch bei den Bruͤdern des Todes war dieß die Leichenceremonie, wenn ſie Mitglieder ihres ſchrecklichen Ordens zur Erde beſtat⸗ teten.. ge⸗ das des uͤder, der und aber Sarg erhob s war glieder beſtat⸗ der Großmeiſter den eiſernen und ließ ihn dreimal fallen, auf das Kreuz Hammer, von Eiſen, und ſprach dazu:„Ich ſeegne Dich im Namen des dreieinigen Got⸗ tes. Im Namen des uralten ehrwuͤrdigen Ordens der Tempelherren. Im Namen der hier verſammelten Bruͤ⸗ der Meiſter, Geſellen und Lehrlinge.“ Da klopfte es zum dritten Male wieder dreimal draußen ſo ſtark und vernehmlich daß ich zuſammenfuhr, und vor Schreck faſt 1 kein Glied ruͤhren konnte. Es klang wie Eiſen auf Eiſen. Dießmal war es keine Taͤuſchung. Ich hatte es zu deutlich gehoͤrt. Ich verlor den Athem aus der Bruſt; das Haar ſtraͤubte ſich mir empor, es lief mir kalt durch alle Marck⸗Roͤhren.— Horch— Es aͤchzte auch wieder, aber ſchwaͤcher als vorhin.— Der Apfel im Auge erſtarr⸗ 112 te mir. Die Haͤnde krampften ſich geballt in einander. Die Moͤglichkeit des Erſcheinens ge⸗ ſchiedener Geiſter, draͤngte ſich mir wider Willen auf. Ich kaͤmpfte mit der Idee, als mit dem gefaͤhrlichſten Feinde meiner Ruhe fuͤr dieſe Nacht; aber mein ſonderbar aufgeſchrecktes Gemuͤth erlag im Kampfe. Ein Lebender war auf der Ruine außer mir nicht, daß wußte ich beſtimmt; ein Raͤu⸗ ber wuͤrde ſich nicht ſo gemeldet haben. Einen Scherz konnte mir niemand bereiten wollen, denn es wußte von meinem Hierſein, außer den Hausgenoſſen meiner Tante, keine Seele; und die Tante und Julie waren zu Scherzen der Art jetzt nicht aufgelegt; die uͤbrigen Bewohner des Hauſes aber, ſtanden zu mir in einem Verhaͤltniſſe, das ihnen ei⸗ nen Scherz dieſer Gattung nicht leicht er⸗ laubte. Auch klang das leiſe Gewimmer vorhin und jetzt das langſame ſchreckliche Geaͤchze η && 20 rhin aͤchze 113 nicht wie Scherz. Das war der letzte Laut des Kampfes mit dem Tode. Aber toͤnte es von der Gruft der fruͤh verblichenen Caͤcilie herauf?— war es der Nachhall des Todesſeufzers aus dem Munde des gefallenen Bruno? oder der letzte Hauch, der ihrer Gewiſſenslaſt erliegenden Lea?— oder ein Schmerzenslaut des Bruder Templers? Oder waren alle dieſe Fragen grundlos, und lag ein Huͤlfloſer auf der Straße, die neben dem Garten ſich in das Thal hinab⸗ zog, und hatte an die Gartenthuͤr geklopft, und den Bewohner der Nuine, den er an der Beleuchtung meines Fenſters gewahrt hatte, um Beiſtand angefleht?— Das iſt es! rief ich, mich ſelbſt tröſtend, mir zu, warf meinen Staubmantel um, zuͤndete die Laterne an, griff nach mei⸗ nem Degen, und wollte hinab auf die Stra⸗ ße;— da rauſchte eine ſanfte Muſik durch mein ſtilles Zimmer, wie das Geſaͤuſel einer Engelsharfe. Ich blieb erſtaunt mitten in der Stube ſtehen.— Die zarten Toͤne waren wieder ver⸗ hallt. Es regte ſich nichts; nur in meinem Innern klangen ſie noch wieder. Ein kalter Schauer rieſelte mir uͤber den Nuͤcken. Dieß waren keine irrdiſchen Laute gewe⸗ ſen; ſie klangen, als wuͤrden ſie von hoͤhern Sphaͤren auf den Wolken zu mir herabge⸗ tragen. Ich wollte mich uͤberreden, daß ich mich getaͤuſcht haͤtte; aber ich hatte den har⸗ moniſchen Accord beſtimmt gehoͤrt. Ich haͤt⸗ te ihn nachgreifen wollen, wenn ich eine Har⸗ fe zur Hand gehabt haͤtte, ſo lebendig ſtand er noch vor meiner Seele. Nein! es war keine Taͤuſchung! Der himmliſche Laut toͤnte jetzt wieder, ihm folgte die Melodie: Wie ſie ſo ſanft ruhn ꝛc. Zwei gedaͤmpfte weibliche Stim⸗ men begleiteten die unſichtbare Muſik. Ich Bvernahm deutlich: 1 Wie ſie ſo ſanft ruhn, Alle die Seeligen, er⸗ Zu deren Wohnplatz Jetzt meine Seele eilt. em Wie ſie ſanft ſo ruhn, in die Graͤber ter Tief zur Verweſung hinabgeſenket! Jedes Wort verſtand ich: es war, als we⸗ V ſtaͤnde der unſichtbare Chor neben mir. ern V Das ſind keine Geiſter, das ſind Men— ge⸗ ſchen! rief ich mir freudig zu, und oͤffne⸗ ich te das Fenſter, um zu ſehen, ob ich unten har⸗ Jemand erblickte. haͤt⸗ Caͤciliens Gruft unter mir war erleuch⸗ Har⸗ tet; das Licht aus derſelben beſtrich den, vor kand der Gruft befindlichen Blumenplatz. Der Mond war hinter das Gebirge geſunken, ſchwarze Mitternacht umhuͤllte das Thal. eder, Ein ſchwacher ferner Blitz leuchtete matt an ſanft dem jenſeitigen Felſen wieder; die Glocke des 5tim⸗ irchthurmes im Dorfe ſchlug eilf.— Ich Ich rief hinab: Wer iſt da? Keine Antwort.— Aber in den Schluch⸗ 3* ten des ungeheuern Gebirges, hallte es lang⸗ ſam dreimal wieder: Wer iſt da?— iſt da?— da? Ich vernahm den zweiten Vers des frommen Nonnengeſanges: Und nicht mehr weinen Hier, wo die Klage flieht; Und nicht mehr fuͤhlen, in Hier, wo die Freude flieht, 4 Und unter traurigen Zypreſſen 1 Bis ſie der Engel hervorruft, ſchlummern. 4 Ich will hinab! ſagte ich leiſe zu mir 9 und ſchloß das Fenſter. Dort unten muͤſſen 1 Menſchen ſeyn! 8 V Ich konnte mich eines heimlichen Zit⸗ ſi terns nicht erwehren. Ich griff nach den n Piſtolen; ſie flogen mir in der Hand. In al dem exaltirten Zuſtande konnte ich nicht zie⸗ B len, nicht treffen; ich legte ſie weg. de G Der dritte Vers der Kloſter⸗Jungfrauen von St. Clara begann: Wie, wenn bei ihnen, ſt Schnell wie der Roſe Pracht, Dahin geſunken, es Modernd im Aſchenkrug Spaͤt oder fruͤhe, Staub beim Staube Meine Gebeine begraben liegen! Spaͤt oder fruͤhe! wiederholte ich 1 ungſam und ging. Ich umgriff den bloßen hegen mit einem Krampfe, als ob ihn mir mand aus der Hand reißen wollte, ſchloß te Thuͤre des Zimmers auf, und ſtieg, die terne in der Hand, in den Staubmantel nir guͤllt, die Treppe hinab. Der Grabesge⸗ ſen ſg begleitete mich, aber ich konnte keine rte mehr verſtehen. Es war, als haͤtten zit⸗ ſic die Saͤnger, und der unſichtbare Harf⸗ den nernehr entfernt. Als ich die Treppe her⸗ In abgemmen war, bog ich rechts um den zie⸗ Bergzerum, naͤherte mich auf den Zehen der Grft, und ſtand jetzt vor dem eiſernen P uen Gitterth.. Die Gruft war nur halb erleuchtet. 118 Die Muſik war verſtummt. Mitten in der Todeshalle ſtand auf einer Erhoͤhung, zu der einige Stufen fuͤhrten, ein verſchloſſener Sarg. Ein Maͤdchen kniete daneben betend; die Haͤnde vor dem Geſicht gefaltet, hatte es den Kopf an den Sarg gelehnt. Eine ſchoͤne Blondine, aber bleich, wie der Schatten eines Geiſtes; das ſeidene Haar ringelte ſich in weichen Locken um den kleinen Kopf; eine weiße Roſe wogte am be⸗ benden Buſen,— es war Caͤcilie!— Juſt ſo hing ſie im Zimmer oben. Ich war außer mir vor Schrecken. Die Grabesſtille um mich her, die matte Beleuch tung der Gruft, die kalte Mitternacht⸗Luf welche mich von unten bis oben beſtrich Caͤcilte, die Todgeglaubte, neben ihrem Se⸗ ge, das ruckweiſe heilige Rauſchen in en Wipfeln der Eichen hinter mir— das Blut gerann mir in den Adern. Ichegriff einen Stab des Gitters, ſchuͤttelte inwill⸗ kuͤhrlich am ſchwarzen Toden⸗Thſe und 119 der V rief mit der Stimme eines Verzweifelnden: der Caͤcilie! ener„Herr Jeſus! mein Heiland!“ ſchrie end; das Maͤdchen, rang die Haͤnde gegen die hatte Decke des feuchten Gewoͤlbes, und richtete ſich auf. In demſelben Augenblick verſchwand wie die Beleuchtung; ein furchtbarer Krach er⸗ idene toͤnte im Innern der ſchwarzen Gruft; ich den prallte vor Entſetzen drei Schritte vom Gitter n be⸗ zuruͤck, und eilte, meiner halb unbewußt, und Juſt von unſaͤglicher Angſt verfolgt, in die Zim⸗ mer meiner Ruine hinauf. 3 Die Ich flog an das Fenſter, um zu ſehen, lleuch ob die Gruft wieder beleuchtet ſei; es war Lu; alles finſtere ſchwarze Nacht; im Gebuͤſch ſtrich verſchwand eine weiße Geſtalt. 1 S⸗ Ich ſchloß das Fenſter. n en Meine Ruhe, meine Feſtigkeit waren das von mir gewichen. Ich war unſchluͤſſig, ob griff ich die Schreckensnacht hier oben in dieſer will⸗ graͤßlichen Wohnung der Geiſter zubringen, oder hinabgehen ſollte, in das Wohnhaus 120 der Tante, um dort Ruhe zu ſuchen, die ich hier zu finden nicht hoffen durfte. Da klopfte es wieder mit dem eiſernen Hammer draußen im Corridor, als riefe der Großmeiſter der Templer die Bruͤder zur Hrdnung, und das dumpfe Gewinſel und das qualvolle Roͤcheln des Sterbenden drang an mein Ohr. Ich horchte erſtarrend.— Aber wer beſchreibt meinen Schreck, als ich Waffengeklirre in der Ferne vernahm, dem ein hoͤhniſches Gelaͤchter folgte. Ich hoͤrte deutlich zwei Klingen, die gegen ein⸗ ander kaͤmpften; ich hoͤrte ſie deutlich fallen auf Panzer, Helm und Schild, und nur ein Satan konnte ſo lachen. Das Geklirre der ſcharf auf einander ſchlagenden Klingen ſchien aus dem Ritterſaale zu kommen. Ich war meiner kaum mehr maͤchtig. Hat ſich denn die Hoͤlle gegen mich verſchworen? ſagte ich halblaut zu mir ſelbſt. Sind geheime Kraͤfte in der Na⸗ h 121 tur, welche die Toden aus ihren Graͤbern rufen, ſo willſt du ſie ſehen. Dieſe furcht⸗ bare Nacht ſoll dir Aufſchluß uͤber die Ge⸗ heimniſſe der Unterwelt geben, den deine Seele lange ſchon geahnet hat. Mehr aus Verzweiflung, als mit Be⸗ dacht, nahm ich zum zweiten Male Laterne und Degen, und oͤffnete langſam und mit zitternder Hand die Thuͤre, die zum Corri⸗ dor fuͤhrte. Mit ſtierem Auge ſtarrte ich hinaus in den langen ſchmalen Gang, und ſah nichts. Es war alles ſtill. Mich ſchuͤttelte ein kalter Fieberfroſt; ich vermochte kaum die Laterne zu halten; aber meinen ſcharf geſchliffenen Degen packte ich feſt im Griffe, und ging langſam weiter in den Corridor hinab. Die Zaͤhne wollten mir klappern; ich kniff ſie feſt auf einander. Ich mußte jetzt Aufſchluß haben, und haͤtte es mir das Leben koſten ſollen. Die Thuͤre rechts zu dem Ritterſaal 122 war verſchloſſen; aber an der ſchwarzen ei⸗ ſernen Thuͤre links, uͤber welcher das Bild der ungluͤcklichen Lea hing, war das große Vorlegeſchlo eöffnet, und die eiſerne Schie⸗ ne, die haune Nachmittag queer uͤber die Thuͤre weggelegen hatte, hing jetzt herunter. Hier war, wie die Tante geſagt hatte, die Polterkammer, aus der, wie ich mich ent⸗ ſann, eine kleine Wendeltreppe, den Thurm hinab, in das ehemalige Verlies fuͤhrte. Mit bangem Zagen luͤftete ich die an⸗ gelehnte Thuͤr ein wenig. Das gewölbte Gemach war ſch hwach erleuchtet. Zwei hohe Rittergeſtalten, von oben bis unten geharniſcht, ſtanden vor mir. Bruno der Erſchlagene, und Gotthard ſein Moͤrder. Sie erſtarrten, als ſie mich gewahrten; dem einen entſank ſein Schwerdt. Ich bebte zuruͤck; der Athem entging mir; ich hatte keine Luft mehr in der Keh⸗ le; ich ſchlug die Thuͤre hinter mir zu, daß es im alten Schloſſe krachte, als haͤtte das 2 —,— —õ— Wetter eingeſchlagen. Lea's Jammerbild ſtuͤrzte herab, und fiel dicht hinter mir nie⸗ der; die Gewappneten bruͤllten: Ha! Ho! Ha! Ho! und kaſſelten mit ihren ſchwar⸗ zen Panzern dicht hinter mir drein. Ich wollte auf mein Zimmer zuruͤck, da packte mich etwas unten am Zipfel des Mantels. In der Verzweiflung verwendete ich den Degen, und ſtach ruͤcklings hinter mich. Mein Degen faßte das was mich ge⸗ packt hatte. Ich ſtieß wie ein Raſender, den Mordſtich anderthalb Fuß tief. In dieſem ſchrecklichen Augenblicke kam ich wie⸗ der zur Beſinnung; ich wendete den Kopf um, meine Augen glitten an meiner Klinge „ hinab, da ſah ich Ungluͤcklicher, wen ich durch und durch geſtochen hatte. (Fortſetzung im zweiten Baͤndchen.) 3 Das Blutbeil. 7— Bei einem der reichſten Fleiſchhauer in ei⸗ ner bedeutenden Provinzialſtadt, war ein junger Grenadier mit einem Unteroffizier einquartirt. Der junge Soldat erzaͤhlte ei⸗ nes Morgens dem Unteroffizier, daß er in n Nacht einen ganz eignen habe; er koͤnne ſich deſſelben entſinnen; nur ſo der vergangene Traum gehabt nicht mehr recht genau iel ſei ihm daraus erinnerlich, daß er eine e weiße Jungfrau geſehen habe, mit ei⸗ ze von funkelnden Sternen um v zart nem Kran 125 das Haupt, und freundlichen Angeſichts, die ihn gebeten habe mit ihr zu gehen. „War ſie huͤbſch?“ fragte ſcherzend der Unteroffizier. „Schoͤn wie ein Engel im Himmel,“ antwortete der Grenadier,„aber blaß. Kein Tropfen Blut im Geſichte; große, große Augen, aber kein Leben darin; weiß war ihr Gewand, aber im Halstuche hatte ſie drei große Blutſlecken. Nein, mit der haͤtte ich nicht gehen moͤgen!“ „Sprach ſie denn nicht mit dir?“ fragte der Unteroffizier jetzt ernſthafter. „Kein Wort. Sie ſtand dicht vor mei⸗ nem Bette. Es war, als kaͤme ſie gerade aus dem Grabe zu mir, ſo kalt war die Luft, die ſie mitbrachte. Dreimal winkte ſie mir, ohne eine Miene zu verziehen. Ihre Hand war knochenduͤrr, und gelb wie eine Todenhand. Mich ſchauderte vor dem Gedan⸗ ken, daß ſie mich anruͤhren koͤnne; da erwach⸗ te ich, und das Leichenbild war. verſchwunden.“ Beide ſprachen noch lange uͤber den Traum, und der Unteroffizier hatte den ver⸗ nuͤnftigen Einfall, von der ganzen Sache gegen die Wirthsleute nichts zu erwaͤhnen. Die Tochter dem Alter der erſchienenen Jungfrauz Leute Art, meinte er, machen ſich gleich Gedan⸗ derden und Sterben. Wozu vom Hauſe war ungefaͤhr in ken von Krank die Menſchen ohne Noth quaͤlen! Beim Schlafengehen am naͤchſten Abend, ſagte der Unteroffizier laͤchelnd:„Wenn Dei⸗ ne blaſſe Jungfrau Dich wieder beſucht, ſo gruͤße ſie von mir.“ Der Grenadier aber druͤckte die Augen feſt zu, und wollte von dem Nachtgeiſt nichts wiſſen; doch dieſer kam ungebeten. Ganz ſo, wie geſtern erſchien ihm die Jungfrau, und, zur Vermehrung ſeines Ent⸗ ſetzens, ſprach ſie dießmal mit leiſer Stimme, aber vernehmlich:„Ich habe keine Ruhe im Grabe, denn nur eingeſcharrt bin ich niemand hat mich chriſtlich zur Erde beſtat⸗ 127 tet, und ich bin fromm geweſen und unſchul⸗ dig; darum ſollſt Du Dich meiner erbar⸗ men, und die Laſt wegnehmen, die auf dem Todenhuͤgel liegt, unter dem ich ſchlummere.“ Der Traͤumende erwachte, von Graus und Schrecken uͤbermannt, und die blaſſe Jungfrau, mit den drei Blutflecken im Tu⸗ che, war verſchwunden. Er erzaͤhlte dem Unteroffizier am Mor⸗ gen ſeinen zweiten, boͤſen Traum, und dieſer ſcherzte nicht mehr, ſondern ſchuͤttelte bedenk⸗ lich den Kopſ. Beide zergliederten jedes Wort, was die Erſcheinung geſprochen, und beide kamen darin uͤberein, daß das Maͤd⸗ chen ermordet ſeyn muͤßte. Zur Familie des Wirths mußte die Un⸗ gluͤcklichen nach ihrer Vermuthung gehoͤren; denn nur in dieſem Hauſe war ſie dem jun⸗ gen Krieger erſchienen, ſonſt hatte er nie Traͤume der Art gehabt; und war ſie kein Mitglied der Familie, wo ſollten ſie der Unſeligen auf die Spur kommen? 128 Beim Mittageſſen brachte der Unterof⸗ fizier, ein gewandter Kopf, das Geſpraͤch auf den Tod. Die Kinder ſaßen alle friſch und geſund um den Tiſch herum. Er meinte, daß dies den Aeltern Freude machen muͤſſe, ſo alle beiſammen um ſich zu ſehen, und ſragte ganz hingeworfener Weiſe:„Haben Sie nie eine Leiche im Hauſe geh „Gott ſei Dank! nein,“ antwortete die Frau:„ſo lange wir im Hauſe wohnen, und das iſt ſeit unſerer Verheirathung, iſt uns noch niemand geſtorben, der uns lieb ge⸗ weſen waͤre.“ Der Fleiſchhauer aber legte Meſſer und Gabel weg, und verfaͤrbte ſich Blick des Fragenden nicht aht?“ und konnte den ertragen, ſondern ſchlug das Auge nieder, und ging bald vom Tiſche, unter dem Vor⸗ geben dringender Geſchaͤfte. Dieſe auffallende Veraͤnderung bemerk⸗ ten beide, der Unteroffizier wie der junge Soldat, und erſterer ſagte, als ſie nach dem Eſſen wieder auf ihrem Zimmer waren: — „ 1—y—— 129 „Dahinter ſteckt etwas, den Menſchen traf das boͤſe Gewiſſen zu ſichtbar; haſt Du ge⸗ ſehen, wie er nach Luft ſchoͤpfte und die Bruſt ihm zu eng ward, als ich von der Leiche anfing? Ich werde morgen bei ihm auf den Buſch klopfen! das iſt nicht richtig!“ Als es Abend ward, begann der Gre⸗ nadier wieder von ſeinem Traume zu ſpre⸗ chen.„Ich habe, meinte er, bei Leipzig ge⸗ fochten, und bei Laon und auf dem Mont⸗ martre: Gott weiß, da ging es heiß her; aber ich will lieber eine ganze Schlachtlinie, als die Jungfrau noch einmal ſehen. Sie kommt mir den ganzen Tag nicht aus dem Sinne; wo ich ſtehe und gehe, wandelt ſie vor mir; es iſt mir immer, als ſage ſie mir etwas ins Ohr mit ihrer heimlichen Stimme und dann weht es mich kalt an, als ſei das ihr Grabes⸗Odem aus dem todtenblaſſen Munde; ihre Lippen waren doch auch ſo weiß, wie Kreide. Es friert mich, wenn ich daran denke.“ 9 130 „Sei kein Narr, Burſche,“ erwiederte der Unteroffizier:„biſt darin geweſen, im Feuer, wie ein Loͤwe und haſt Dich uͤberall geſchlagen, wie ein braver Kerl, und nun wirſt Du Dich fuͤrchten, vor einem leeren Hirngeſpinſt!“ „Fuͤrchten? bei meiner armen Seele nicht! Ich habe mich noch vor nichts ge⸗ fuͤrchtet; aber in der Geſchichte mit dem Maͤdchen, da grauſt mich etwas an, ich weiß nicht was. Ich kann das nicht ſo beſchrei⸗ ben, wie mir zu Muthe iſt; aber die Haut auf dem ganzen Leibe wird mir kalt, es iſt mir, als wuͤrden mir die Haare duͤnner auf dem Kopfe, wenn ich an das geſpenſtige We⸗ ſen denke. Das Geſicht iſt huͤbſch, da moͤch⸗ te ichegern hineinſchauen, nur das Stiere im Auge und die bleiche Farbe, und die vertrockneten Leichenhaͤnde, und der Verwe⸗ ſungs⸗Geruch in dem weißen Sterbekleide — nein, nein, ich mag die Traum⸗Geſtalt nicht wieder ſehen.“ 131 „Wenn Du das Maͤdchen aber wieder⸗ ſiehſt,“ ſagte der Unteroffizier,„ſo behalte die Faſſung, und hoͤre es ruhig an, und thue was es von Dir will; merke auf alle recht genau, daß Du mir es von Wort zu Wort erzaͤhlen kannſt damit ich meine Maaßregeln darnach nehme; ruͤhre es nicht an und greife nicht darnache beides moͤgen dergleichen Luftbilder nicht leiden.“ Sie legten 13 nieder; lange plauder⸗ ten ſie aus den Betten mit einander. End⸗ lich ſchliefen ſie ein. Gehuͤllt in das Dunkel der ſchweigen⸗ den Nacht, trat die weiße Jungfrau zum dritten Male vor die Seele des ſchlafenden, jungen Kriegers.„ Mache meinem Leiden ein Ende,“ ſagte ſie heimlich, aber vollkom⸗ men verſtaͤndlich.„Geh hinab in den Hof! Da wirſt du ein hohes verfallenes Gemaͤuer finden, zwiſchen dieſem liegt ein Mordbeil. Du wirſt es an meinem Blute erkennen. Das nimm weg! dann habe ich Ruhe in 9 X 133 der kalten Erde. Drei Wunden hat mir das Mordbeil geſchlagen—(ſie ſchob das Tuch vom Halſe etwas zuruͤck, und zeigte die tiefen, weit aufklaffenden, ſchrecklichen Wunden) da bin ich geſunken in die Nacht des Todes. Ich weiß, wer mich gemordet, aber ich darf es nicht kund machen; der Schreckliche wird ſeine Schuld Dir ſelbſt bekennen, wenn er mein Blut ſieht. Rein iſt mein Blut nicht mehr; der Abſcheuliche hat es geſchaͤndet. Doch dieſerhalb darf Dir nicht grauſen. Du biſt der Einzige im Hau⸗ ſe, der das Werk verrichten kann. Denn . von Deinen Haͤnden iſt auch ſchon Menſchen⸗ blut gefloſſen, aber Du biſt darum nicht ſtrafbar. Du biſt groß und herrlich dadurch geworden, denn Du haſt erwuͤrgt die Feinde des Landes. Geh und thue, wie ich Dir geſagt habe, aber ſprich vor vollbrachtem Werke keinen Menſchen; der Morgen daͤm⸗ mert; auch der meinige. Die Verklaͤrung tagt vor meinen Augen.“ — A — — 135 So ſprach die Jungfrau und verſchwand. Der Grenadier erwachte, und der Mor⸗ gen graute. Jedes Wort der Jungfrau wiederholte ſich der Soldat. Es war ihm, als haͤtte er nicht getraͤumt, als haͤtte er ſie wachend ge⸗ ſehen. Nach einigem ſtillen Sinnen ſtand er auf, kleidete ſich, ohne den Unteroffizier zu wecken, an, warf den Mantel uͤber, nahm ſein Seitengewehr und ſchlich ſich zum Zim⸗ mer hinaus und die Treppe hinunter. Er entriegelte leiſe die Hofthuͤr, oͤffnete ſie, ging einige Schritte in den Hof vorwaͤrts, und erblickte rechts in einem Winkel richtig das hohe verfallene Gemaͤuer. Es ſchien die Umfaſſungswand eines ehemaligen Stalles geweſen zu feyn. Ohne Dach und Holzwerk. Die Thuͤre war mit ſchweren Holzkloben verrammelt, die ſo groß waren, daß ein Menſch ſie nicht heben konn⸗ te. Aber an der einen Wand des Gemaͤu⸗ / 134 ers lagen Holzſtubben und Wagengeraͤth⸗ 3 ſchaften, auch ein Stuͤck einer alten Leiter. 3 Er kletterte hinauf, ſo, daß er in den innern Raum des Gemaͤuers hinab ſehen konnte; dieſer war leer. In einem Winkel des Raums erhob ſich ein Huͤgel aufgeworfener 3 Erde, daruͤber kurzes Dornengeſtraͤuch, und etwas faules Stroh. Der junge Grenadier ließ die Leiter hinab, um dann wieder hin⸗ auf kommen zu koͤnnen, und ſprang ihr nach. Er ſchuͤrte das Stroh und das Dornen⸗ geſtraͤuch weg. Da ſiel ihm das Mordbeil entgegen. Kalt und krampfig zuckte es ihm in der vor Entſetzen erſtarrten Hand, als er dar⸗ nach griff. Er nahm es mit ſich, eilte ungeſehen zuruͤck auf ſein Zimmer, und legte es dem eben erwachenden Unteroffizier vor das Bet⸗ te., Umſtaͤndlich erzaͤhlte er nun, wie ihm die Jungfrau im Traume wieder erſchienen, was ſie geſagt, und was er darauf gethan. r XN Aber der kalte Schweiß ſtand ihm auf d Stirn, und er dnrnas ſich hoch und theuer, daß er einen ſolchen Gang nie wieder thun moͤge.„ enſs auf eine Batterie, als noch einmal nach dieſem Beile!“ ſagte er und ſchuͤttelte ſich, als wende ſich vor innerem Fie⸗ berfroſt das Herz im Leibe um. Der Unteroffizier hatte ſehr aufmerkſam zugehoͤrt; er unt erſuchte das Beil; allein der daran befindliche Roſt erlaubte keine ge⸗ nauere Erforſchung des, nach der Ausſage der Jungfrau daran klebenden Blutes. Unterdeſſen war das Haus wach gewor⸗ den, und die Stimme des Fleiſchhauers ließ ſich vernehmen. Der Unteroffizier kleidete ſich ſchnell an, und trug dem Grenadier auf, jenen heraufzurufen. Als er ihn kommen hoͤrte, bedeckte er ſchnell das Beil mit einem Tuche. Der Fleiſchhauer trat ein, wuͤnſchte ei⸗ nen guten Morgen, und fragte nach dem Begehren der Einquartirten. „Herr Wirth,“ begann der Unteroffi⸗ zier in feſtem Tone, mit ſcharf auf den ar⸗ men Suͤnder gerichtetem Blick, das verroſte⸗ te, ſchreckliche Beil, mit dem Tuche verhuͤllt in der Hand.„Herr Wirth, Ihre Graͤuel⸗ hat iſt an das Tageslicht gekommen, und das Blutbeil, mit dem Sie dem Maͤdchen die drei Todeswunden in den Hals geſchla⸗ gen haben,— hier iſt es.“ Der Uiberfuͤhrte ſchlug laut aufſchreiend die Haͤnde gen Himmel und ſank mit dem graͤßlichen Bruͤllen der Verzweiflung ohnmaͤch⸗ tig zu Boden. Der Unteroffizier aber faßte ihn an der Bruſt, ruͤttelte ihn in das Leben zuruͤck und uͤberlieferte den Moͤrder dem Criminal⸗Ge⸗ richte. Gleich im erſten Verhoͤr geſtand der Entſetzliche ſeine ungeheuere That. Das Maͤdchen war die Tochter eines bemittelten Buͤrgers in ſeiner Straße. Durch tanſend Kuͤnſte hatte er die Tugend des — ——— ————— — — * — 327 37 ſchuldloſen funfzehnjaͤhrigen Kindes einzu⸗ ſchlaͤfern und ihre Sinnlichkeit zu wecken ge⸗ wußt. Nach einigen Monaten geſtand ſie ihm die Folgen ihres vertraulichen Umgangs. Er beſchwichtigte ihre Todesangſt mit der Verſicherung, ihre Furcht zu bannen, und gab ihr mehrere Arzneimittel. Doch dieſe bleiben ohne Wirkung, und ſchon fallen der Mutter ſorgſame Blicke auf die veraͤnderte Geſtalt des Maͤgdleins. Da verabredet der Graͤßliche mit dem armen gequaͤlten Kinde, daß ſie beide eines Morgens zuſammen weg⸗ fahren wollen zu einer klugen Frau, auf ei⸗ nem nicht fernen Dorfe, die ſchon hundert Mamſells aus der Stadt geholfen habe, und bei der ſie ſich gewiß auch Raths erholen werde; er beſtellte die Leichtglaͤubige, hoͤchſt berechneter Weiſe gerade an einem Morgen ganz fruͤh zu ſich, an dem ein franzoͤſiſches Infanterie⸗ Regiment abmarſchirte. Sie kam. Im Hauſe des Fleiſchhauers ſchlief noch 138 alles, er lockte ſie in den verfallenen Stall, deſſen Thuͤre damals noch offen ſtand. Dort hob er raſch das Beil, und wollte ihr den Kopf ſpalten, ſie wandte ſich aber, vor Schre⸗ cken halb todt, um dem graͤßlichen Schlage auszubeugen, und ſo ſiel das Beil, ſtatt auf den Schaͤdel in den Vorderhals; ſie ſank auf der Stelle nieder und gab keinen Laut von ſich. Aber das Roͤcheln des aus der zerſchnittenen Luftroͤhre hervorfließenden Blu⸗ tes war furchtbar, und um dieß zu hemmen, hieb er ihr noch zwei Wunden an zwei an⸗ dern Stellen des Halſes, verſcharrte auf dem Flecke die Entſeelte, ſchloß die Thuͤre zu, und ließ an dem nehmlichen Tage einen Haufen Eichenholz, den er ſchon fruͤher beſtellt hatte, vor dieſer Thuͤre aufklaftern. Natuͤrlich wurde das Maͤdchen von den Eltern bald vermißt; aber der Fleiſchhauer wußte das Geruͤcht, als ſei das liederliche Ding mit einem Franzoſen jenen Morgen davon gelaufen, ſo fein in Umlauf zu brin⸗ — 13 39 gen, daß jeder Menſch es glaubte, obgleich * keiner begreifen konnte, wie das junge, ſonſt 3 ſo zuͤchtige Maͤdchen auf einmal ſo haͤtte umſchlagen koͤnnen. Er bot den jammernden Eltern ſelbſt ☚¶ 8 Pferde und Wagen an, um dem ausmar⸗ ſchirten Regiment den naͤchſten Weg nachzu⸗ fahren. Er fuhr ſelbſt mit, um ſie ausſin⸗ dig machen zu helfen. Allein, ihre Muͤhe war vergeblich. * Im erſten Nachtquartier erzaͤhlte er den bekuͤmmerten Eltern ſo viele Geſchichten von weggenommenen Pferden und Wagen heim⸗ lich in's Ohr, daß dieſe ihm nicht zumuthen konnten, weiter zu fahren. Er kehrte mit der troſtloſen Mutter um, der Vater verfolgte ſeinen Weg zu Fuße, aber er kam nach acht Tagen auch wieder zuruͤck, ohne dem Kinde auf die Spur ge⸗ kommen zu ſeyn. 3 Dieſe Thatſachen gab der Moͤrder in voͤlligem Zuſammenhange zu den Akten des 140 des Gerichts. Den dritten Tag entleibte er ſich im Gefaͤngniß⸗ 4 Die Eltern der Ermordeten aber ließen die Ueberreſte des geliebten Kindes ausgra⸗ ben und auf dem Kirchhof ihrer Gemeinde chriſtlich zur Erde beſtatten. Die ſchoͤne Diana. Eine Stunde von der Reſidenz liegt ein Staͤdtchen, welches im Sommer faſt taͤglich von den Bewohnern derſelben beſucht wird. In eins der dortigen vornehmſten Kaffee⸗ haͤuſer, trat vor Kurzem eine junge elegant gekleidete Dame, und fragte nach dem Wirth vom Hauſe. Ihre liebliche Figur, ihre le⸗ bendige Gewandtheit, ihr großes ſchoͤnes Au⸗ ge, welches die Umſtehenden anſtaͤndig be⸗ gruͤßte, machten auf alle Gaͤſte einen hoͤchſt gefaͤlligen Eindruck. Der Wirth erſchien und fragte nach den Beſfehlen der Dame. Sie beſtellte auf uͤbermorgen ein Mit⸗ tagmahl von 13 Gedecken zu 3 Thaler fuͤr die Perſon, gab einen Friedrichsd'or darauf, nannte ihren Namen, und fragte: ob der fuͤrſtliche Garten offen waͤre, weil ſie in dem— ſelben den ſchoͤnen Morgen genießen wolle. Der Wirth bejahete das letztere. Sie ver⸗ abſchiedete ſich von den dort Sitzenden mit einer artigen Verbeugung, ließ ſich ihren Wagen folgen, und ging durch die dunkle Linden⸗Allee, die durch das Staͤdtchen fuͤhrt, langſam zum fuͤrſtlichen Garten. Unter den Gaͤſten hatte Werdall, ein fremder junger Kaufmann aus Gothenburg geſeſſen. Dame hatte ihn getroffen; ſeine Eitelkeit ſagte ihm, daß ſie ihn mehr als alle andere angeſehen, daß ſie ihn vorzuͤglich freundlich gegruͤßt, daß ihr Blick, waͤhrend ſie mit dem Wirthe geſprochen, ausſchließlich auf ihm ge⸗ ruht habe. Er fragte den Wirth nach dem Namen Die freundliche Grazie der jungen ——— àA der Dame, den er nicht recht verſtanden hat⸗ te, und hoͤrte, daß es Demoiſelle Blandini, die erſte Solotaͤnzerin vom Hoftheater ſei. Er hatte erſt geſtern das engelſchoͤne Maͤd⸗ chen tanzen geſehen, er erkannte ſie jetzt wie⸗ der und folgte ihr in den Garten. Er holte ſie in einem ſchattigen Lauben⸗ gange ein, faßte ſich ein Herz, und begann ſeine Anrede mit der ſchmeichelnden Verſi⸗ cherung, daß er ſich freue, ihre naͤhere Be⸗ kanntſchaft zu machen, daß er Jahrelang in allen oͤffentlichen Blaͤttern, von dem Zauber geleſen habe, den ihr jedesmaliges Auftreten unter den Zuſchauern verbreitet habe, daß er ſo gluͤcklich geweſen ſei, ſie geſtern, in dem Ballet Zephyr und Flora, ſelbſt zu ſehen; daß alle jene oͤffentlichen Lobpreiſungen ſein Entzuͤcken nicht auszudruͤcken vermoͤchten, was er, in der ſeligen Erinnerung des geſtrigen unvergeßlichen Abends immer empfinden wer⸗ de, und daß er, ſobald ihm der Wirth ih⸗ ren Namen genannt habe, ſich nicht habe 143„ — das Gluͤck verſagen koͤnnen, ſie noch einmal zu ſehen, daher er ihr hieher unchgeeilt waͤre. Das holde Maͤdchen war von der ſinni⸗ gen Rede des M uden Fremden uͤberraſcht; aber es hatte Welt genug, ſich nicht aus der Faſſung zugen zu laſſen und ihm auf ſeine Artigkeit etwas Verbindliches zu erwiedern. Das Geſpraͤch war angeknuͤpft, und fuͤhr⸗ te ſich lebhaft weiter. Beide wandelten mit einander durch den ſtillen fuͤrſtlichen Garten, und verloren ſich in eine, an Innigkeit im⸗ mer mehr gewinnende Unterhaltung. Das heimliche der bluͤhenden Umgebungen; die milden Luͤfte, die des Maͤdchens ſchoͤne Wan⸗ ge und die Millionen duftender Blumen ſchmeichelnd kuͤßten; das ſanfte Feuer im großen Auge der Reizenden, und der blitzen⸗ 1 de Morgenthau im Graſe; der Silberton ihrer Stimme, und die froͤhlichen Lieder der tauſend befluͤgelten Saͤnger, die mit friedli⸗ cher Liebe im kleinen Herzen, auf dem bun⸗ . 143 ten Bluͤthenmeere herumſchwirrten; das zar⸗ te Schwanken ihrer Goͤttergeſtalt und das Wiegen der ſchlanken Zweige, welche ein leiſes Luͤftchen hin und her ſchaukelte;— alles dies draͤngte die gluͤhende Bruſt des jungen Fremden; er ſchlang, ſich vergeſſend, ſeinen Arm um die Huͤfte des neben ihm ſchwebenden Engels, und zog ihre kleine wei⸗ che Hand an ſeine bebenden Lippen; aber die Zuͤchtige wand ſich, unter dem Vorwand eine Blume zu pfluͤcken, aus ſeinem Arm, und deutete ſchweigend auf die Graͤnzen des Schicklichen. Sie leitete das Geſpraͤch, das er in das Sentimentale zu leiten verſuchte, auf das Triviale ihres kleinen Diners, was ſie uͤbermorgen zu geben gedachte, nannte un⸗ ter den Gaͤſten, die ſie erwartete, den Schau⸗ ſpiel⸗Direktor, den Konzertmeiſter, den Bal⸗ let⸗Direktor, den Regiſſeur, den Kapellmei⸗ ſter, und als der junge Merkur in den welt⸗ bekannten Namen, lauter achtbare intereſſan⸗ te Maͤnner erkannte, und die Aeuſſerung hin⸗ 10 warf, daß dieſer Cirkel einer der ausgeſuch⸗ teſten ſey, ſo beantwortete ſie dieſe Bemerkung mit der artigen Einladung, die Zahl ihrer Gaͤſte zu runden, und ihr und ihren Freun⸗ den und Freundinnen das Vergnügen ſeiner Gegenwart zu ſchenken. „Es koͤmmt mir, ſetzte ſie laͤchelnd hin⸗ zu, ſelbſt recht naiv vor, daß ein junges Maͤdchen einen jungen feinen Herrn, nach einer kaum halbſtuͤndigen Bekanntſchaft, zu einem freundſchaftlichen Mittagbrot einla⸗ det. Indeſſen entſchuldiget das Vergnuͤgen, welches mir Ihre Bekanntſchaft gemacht hat, meine Uibereilung, wenn Sie ſtreng genug ſeyn ſollten, meine wirklich recht herzlich ge⸗ meinte Gaſtfreundſchaft ſo zu nennen. Sie ſchlug jetzt den Ruͤckweg ein, und als ſie der Gluͤckliche in den Wagen hob, bat ſie ihn nochmals, ſein Verſprechen zu halten und gewiß zu kommen.„Sie ſind fremd, ſagte ſte ſcherzend, ich kenne Sie kaum dem Na⸗ men nach. Ich mache am Ende meine gan⸗ ze Geſellſchaft und alle die huͤbſchen Maͤd⸗ chen, die ich gebeten habe, umſonſt auf eine ſo liebenswuͤrdige neue Bekanntſchaft neu⸗ gierig, und Sie laſſen mich im Stich, und kommen nicht. Ohne Sie waͤren wir, ſetzte ſie rechnend hinzu, wie mir eben einfaͤllt, unſerer dreizehn. Sie kennen die Ungluͤcks⸗ zahl, die manchem meiner Gaͤſte Angſt ma⸗ chen wuͤrde, ſich an den Tiſch zu ſetzen; alſo duͤrfen Sie nun ſchon nicht ausbleiben, und um fuͤr mich und meine Tafelrunde hinlaͤng⸗ liche Buͤrgſchaft zu haben, muͤſſen Sie mir, — ja wahrhaftig, Sie muͤſſen mir ein Un⸗ terpfand geben.“. Der ſelige junge Menſch haͤtte dem Seraph im Wagen das Herz im Leibe ge⸗ geben, ſo war er von des holden Maͤdchens Liebreiz hingeriſſen. Er zog ſcherzend ſich den Ring vom Finger, auf den der wunder⸗ lieblichen Blandini laͤchelnder Blick eben zu⸗ faͤllig ſiel, und verſprach, uͤbermorgen das 10* ſein Erſcheinen beim Gaſtmahl gewiß wieder einzuloͤſen. Maͤdchen fuhr dahin; der Ent⸗ widerte ihren freundlichen Gruß, den ſe hu noch zuruͤck⸗ fandte, als der Wagen um die Ecke bog, mit tauſend, ihr heimlich nachgeworfenen Kuͤſſen. Das erſehnte Uibermorgen war endlich da, und er traf, aͤuſſerſt galant adoniſirt, in dem beſtellten Kaffeehauſe ein. Er durchſtrich mehrere Zimmer, um ſei⸗ ne ſchoͤne Wirthin aufzuſuchen; er fand nie⸗ mand; der Saal, in dem gewoͤhnlich geſpeißt ward, war leer. Nirgend eine Anſtalt zu der verſpro⸗ chenen Fete. Endlich ſtieß er auf den Wirth. Die⸗ ſer erzaͤhlte ihm denn, daß die Demoiſelle denſelben Abend wieder da geweſen ſey, und das Mittagmahl wieder abbeſtellt habe, weil der Schauſpiel⸗Direktor, dem es vorzuͤglich 149 gelten ſollen, unvermuthet krank geworden ſey. Sie habe, ſetzte der gemein bedauert, die Wohnung des fremder Wirth hi Herrn nicht zu wiſſen; weil ſie nun außer Stande geweſen, ihn von der Abbeſtellung des Diners zu unterrichten; ſie habe ihm, dem Wirthe, daher aufgetragen, den jungen Herrn um die Bezeichnung ſeiner Wohnung zu erſuchen, und ihn ſehr um Verzeihung zu bitten, daß ſie ihn hier umſonſt heraus in⸗ kommodirt habe. Das, was von ihren Haͤnden ſey, moͤge er die Ge haben, bald abzuholen. So verſtimmt Werdall auch war, weil ihm der heutige Tag durch den Direktor, deſſen Krankheitszufall er ſchon erfahron hat⸗ te, verloren ging, ſo troͤſtete ihn doch die Einladung, ſeinen Ring ſich abholen zu duͤr⸗ fen. Er ſollte ſie wiederſehen, vi lein ſehen; Er knü ſchmeichelhafteſten Hof an dieſe die agen, und eilte, wie⸗ Er ließ einige Tage abſichtlich verſtrei⸗ chen, ehe er hinging; Es ſah ja aus, als ob er ſeines Ringes halber kaͤme. 1 Endlich— der Ring hatte fuͤr ihn in dieſem Augenblicke keinen Werth, das ſchoͤne Maͤdchen zog ihn hin— machte er ſich auf den Weg. Demoiſelle war nicht zu Hauſe. Er gab eine Karte ab, auf deren Ruͤckſeite ſeine Wohnung bemerkt war. Es vergingen wieder einige Tage. Er hoffte von ihr eingeladen zu werden; allein er merkte, daß das auch ein bischen zu viel verlangt war. Er ging alſo zum zweiten Male. Demoiſelle war wieder nicht zu Hauſe. Er ließ die zweite Karte da, ſchimpfte auf ſein Mißgeſchick, und fragte das Kam⸗ mermaͤdchen, wenn er auf das Vergnuͤgen rechnen duͤrfe, Demoiſelle zu Hauſe zu treffen. Dieſes nannte ihm die Fruͤhſtunde. Er rechnete eine ganze Woche auf das 761 Gluͤck einer Einladungskarte; allein er kal⸗ kulirte falſch. Er wollte ſchon ſchmollen mit ſeinem Unſtern, als er am folgenden Morgen ein aͤußerſt artiges Billet von der Lieblichen erhielt, in dem ſie ihm ihr Bedauern mel⸗ dete, nicht zu Hauſe geweſen zu ſeyn, und zugleich erwaͤhnte, daß ſie eben im Begriff ſey, eine kleine Reiſe auf das Land zu ma⸗ chen, von der ſie in 14 Tagen zuruͤckkommen werde, wo ſie dann beſtimmt auf das Ver⸗ gnuͤgen rechne, ihn bei ſich zu ſehen, um ihm das Unterpfand ausliefern zu koͤnnen, das ſie immer noch auf das angenehmſte an jenen himmliſchen Morgen erinnere, dem ſie die Ehre ſeiner ſchaͤtzbaren Bekanntſchaft zu danken habe. Er druͤckte das Blatt, auf dem ihre kleine weiche Hand geruht hatte, an ſeine Lippen, und zaͤhlte mit gluͤhendem Feuer ſchwaͤrmeriſcher Sehnſucht die langen Tage, bis zu dem ſchoͤnem Augenblicke, wo er ſie endlich wiederſehen ſollte. So verging eine Woche. Er war auf einem Diner geweſen, das er ſpaͤt verließ. Beim Zuhauſegehen fiel ſein Blick an der Straßenecke auf den Komoͤdien⸗ Zettel, der fuͤr heute ein Ballet verkuͤndete, in dem die Angebetete ſeines Herzens, die Diana machte. Er traute ſeinen Augen kaum; allein ihr Name ſtand klar und deutlich gedruckt da. Sie mußte alſo fruͤher wiedergekommen ſeyn, als ſie ſich vorgenommen hatte; er eilte in das Theater. Da erſchien die Himmli⸗ ſche, den blitzenden Halbmond im dunkeln Haar. Das ganze Parterre begruͤßte ſie gleich beim erſten Auftreten mit lautein B Bei⸗ fall. Er klatſchte ſich die Hand bald wund Er ſtand ganz vorn, dicht am Orcheſter. Ihm war es, als blicke ſie nur ihm freund⸗ lich zu, als tanze ſie heute nur fuͤr ihn. Die praͤchtige Muſik hob das zephyrleichte Maͤdchen hoch in die Luͤfte, ihr kleiner F beruͤhrte kaum den Boden. In einem der 8, Fu 135 zarteſten Solo's erſchoͤpfte ſie ihre Kunſt, ein obligates Waldhorn begleitete das huͤ⸗ pfende Schweben der Reizenden; Allen ver⸗ b ging der Athem, denn ſie drehte ſich acht, . zehn, zwanzig Mal auf einem Fuße mit der Behendigkeit eines gefluͤgelten Kreiſels, dann flog ſie vor, dem Parterre entgegen, breitete die Arme weit aus, pauſirte auf den Zehſpitzen mehrere Minuten und laͤchelte, 1 freundlich dankend dem tumultuariſchen Bei⸗ 2 fall, der die einfallende Janitſchaaren⸗Muſik 3 uͤberrauſchte. 1 Werdall klatſchte ſtaͤrker, als alle; ſein 2 Bravo erklimmte die Hoͤhen des Paradieſes, 4 und verlor ſich in den gemahlten Wolken . des Hintergrundes. Er konnte die ganze . Nacht kein Auge zuthun; immer ſtand, auf den kraͤftigen Fuͤßchen ſich wiegend, ſeine . hochaufgeſchuͤrzte Diana mit den ausgebrei⸗ teten Armen vor ihm, und lockte ihn ſchmei⸗ b 3 chelnd an die wildfliegende Bruſt. r Den naͤchſten Vormittag ſchon— laͤn⸗ d ger konnte der Gluͤckliche nicht warten— eilte er in die Wohnung des geliebten Maͤd⸗ chens, ließ ſich melden, und ward vorge⸗ laſſen. Diana war blaß. Der geſtrige Tag hatte ſie ein wenig angegriffen. Sie ent⸗ ſchuldigte ſich, daß ſie noch im Negligee ſey, und frug, was ihr die Ehre ſeines Beſuchs verſchaffe. Werdall, uͤber die Frage etwas betroffen, goß vorerſt ein ganzes Fuͤllhorn von Lobes⸗ erhebungen uͤber den Zauber des geſtrigen Abends aus, und erzaͤhlte dann, wie ange⸗ nehm er uͤberraſcht geweſen ſey, ſie geſtern auf der Buͤhne zu finden, da er ſie, nach ih⸗ rem guͤtigen Billet, noch auf dem Lande ge⸗ waͤhnt habe. Er nahm ſich etwas verlegen; denn ſo reizend auch die Holde heute war, ſo hatte er ſie ſich doch weit herzlicher ge⸗ dacht. Neulich im fuͤrſtlichen Garten war ſie ſo freundlich geweſen, und heute ſo fremd, auch ihre Sprache war heute anders. Doch 155 daran war wahrſcheinlich die geſtrige An⸗ ſtrengung Schuld. Demoiſelle horchte hoch auf.„Auf dem Lande? von einem Billet ſprechen Sie? Ich habe ſchon einmal gefragt, wie ich zu der Ehre ihres Beſuchs komme. Darf ich die Frage wiederholen? Sie haben, wie ich von meinem Maͤdchen hoͤre, ſchon fruͤher die Guͤte gehabt, mich mit Ihrer Gegenwart be⸗ ehren zu wollen. Verzeihen Sie, daß meine Verhaͤltniſſe nicht erlaubten, den Beſuch ei⸗ nes jungen Mannes anzunehmen, der mir ganz fremd iſt! Jetzt, da Sie zum dritten Male kamen, glaubte ich, daß Sie beſtimm⸗ te Auftraͤge an mich haͤtten; allein Sie ſprechen von einer Perſon, die Sie naͤher zu kennen ſcheinen, Sie haben“—— „Demoiſelle!“ rief Werdall aus, und war von dem Fremdethun ſeines Idols aus aller Faſſung gebracht,„ſo ſchnell vergeſſen zu werden, iſt faſt nicht moͤglich. Es ſoll Mode ſeyn, zuweilen zerſtreut zu ſcheinen, 156 allein, wenn Sie in mein Inneres ſchauen koͤnnten, wuͤrden Sie von dem widrigen Eindruck geruͤhrt werden, den dieſe Kaͤlte, dieſes abſichtliche Verwiſchen jenes gluͤcklichen Morgens auf mein Herz macht.“ „Jedes Ihrer Worte iſt mir ein Raͤth⸗ ſel,“ ſagte die ſchoͤne Diana aͤngſtlich, und eine leiſe Roͤthe trat in die Lilienhaut der blaſſen Wange.„Sie ſind auf jeden Fall im Irrthum, oder“ ſetzte ſie, ſich ermuthi⸗ gend hinzu:„Sie erlauben ſich einen ſehr dreiſten Scherz, um Ihren Eintritt zu eent⸗ ſchuldigen.“ „Weder Scherz noch Irrthum,“ ent⸗ gegnete Werdall, dem die wunderliebliche Jagdgoͤttin immer unbegreiflicher ward,„ ich geſtehe offenherzig, das es mich ſchmerzt, ſo von Ihnen vergeſſen zu ſeyn. Haͤtte mir Ihr Billet nicht ſelbſt die Erlaubniß—“ „Was denn fuͤr ein Billet? Ich bitte Sie! mein Billet? Ich habe Sie in meinem Leben nicht geſehen, nie Ihren Na⸗ * 157 nen nennen gehoͤrt, und ſoll an Sie geſchrie⸗ ben haben!“ „Ich habe Ihre lieben Zeilen noch in meinen Haͤnden,“ fiel der Betroffene ein, und kaide aus einem von Roſenoͤl durchduf⸗ teten Taſchenbuch, das beſagte Billet hervon. hn Blatt iſt nicht von meiner Hand,“ rief die Halbmondſchoͤne, und laͤchelte ihm Hohn.„Wollen Sie ſich uͤberzeugen, ſo le⸗ ſen Sie hier den Brief, den ich eben an Herrn Duport anfing, als ich durch Ihren aͤußerſt ſonderbaren Beſuch geſtoͤrt wurde.“ Sie zeigte ihm den Brief. Dieſer war zwar franzoͤſiſch und das Billet deutſch ge⸗ ſchrieben, allein deſſen ungeachtet waren das zwei ganz verſchiedene Haͤnde. Die Schrei⸗ bemeiſter der ganzen Welt haͤtten, bei einer gerichtlichen Comparatio literarum, eidlich erhaͤrten muͤſſen, daß dieſen Brief und dieſes Billet nun und nimmermehr eine und dieſelbe Hand geſchrieben habe. Die ſelbſt im Zuͤrnen liebenswuͤrdige 138 Blandini beſchaͤmte den Uiberfuͤhrten durch 8 ein lautes, ihn tief demuͤthigendes Gelaͤchter; b als ſie aber in das Billet naͤher blickte, und ei . ihren Namen darunter fand, ward ſie ernſter; ſie las weiter, aber ſie warf bald das verma⸗ ſt ledeite Blatt weit von ſich weg, denn ſie el fand da etwas von einem Unterpfande, das n ſie an einen himmliſchen Morgen erinnere. Sie hatte gar nicht das Herz weiter zu fragen, was das allerliebſte Unterpfand— ſey; ſie rief laut:„das iſt abſcheulich, das h iſt abſcheulic Man hat meinen Namen 1 gemißbraucht, ſchaͤndlich gemißbraucht. Sie ſind betrogen. Ich bin gemißhandelt. Mein n 6 Herr, haben Sie nur einen Funken Gefuͤhl p fuͤr das Heiligthum der Ehre eines unbe⸗ V ſcholtenen Maͤdchens; ſo glauben Sie, glau⸗ ie 4 ben Sie! ich habe jetzt, in dieſem entſetzliz 5 chen Augenblicke, weiter keine Beweiſe, daß d ich die nicht bin, die dieſes Blatt geſchrieben hat, daß ich von dieſem Blatte keine Silbe weiß. Erzaͤhlen Sie mir, ich beſchwoͤre Sie urch ter; und ker; ma⸗ 159 darum, was Sie eigentlich hierher fuͤhrt, von wem Sie dieß Billet erhalten haben, erzaͤhlen Sie mir alles!“ Werdall verlor alle Faſſung.„Was ſoll ich erzaͤhlen? Sie wiſſen ja alles. Sie entſinnen Sich, daß Sie neulich in ½** waren, und ein Diner beſtellten! „Ich?“ „Daß ich Sie kurz darauf im fuͤrſtli⸗ chen Garten traf, daß ſie die Gewogenheit hatten, mich zu dem Diner einzuladen.“ „Sie?“ „Daß Sie um meines Kommens ge⸗ wiß zu ſeyn, Sich meinen Ring als Unter⸗ pfand ausbaten.“ „Ich? Ihren Ring? und den ſoll ich noch haben? am Ende ſind Sie wohl bloß gekommen, ihn von mir zuruͤck zu for⸗ dern? War der Ring von Werth?“ „Er iſt ein Erbſtuͤck meines Vaters, und ward bei der Tayxation ſeiner Hinterlaſ⸗ ſenſchaft auf 6000 Rthlr. abgeſchaͤtzt.“ 601 Das Maoͤdchen trat erbleichend zuruͤck. „Nein, mein Herr,“ rief ſie erſchrocken: „halten Sie mich einer ſolchen Handlung nicht faͤhig. Hier iſt ein abſcheulicher Be⸗ trug im Spiele. Kommen Sie, ich bitte Sie, begleiten Sie mich zum Polizer Praͤ⸗ ſidenten auf der Stelle. Ich kenne ihn, er wird, er muß mir Recht ſchaffen. Ich bin Auf meinem Namen ein ſolches Bubenſtuͤck! Erlauben Sie mir, daß ich mich auf einen Augenblick entferne, um mich anzukleiden, ich bin in wenigen Minuten wieder bei Ihnen.“ Sie ging, am ganzen Koͤrper zitternd, zur Thuͤre hinaus. Der Wagen, den ſie unterdeß beſtellt hatte, fuhr vor. Sie kam, bat Werdall, der ſeinen Sinnen nicht traute, ihr zu folgen und beide fuhren zum Poli⸗ zey Praͤſidenten. Beide gaben den Vorfall zu Protokoll, und nach Verlauf einer Woche war der Ring und die Pſeudotaͤnzerin ausgemittelt. Letz⸗ außer mir! tere war ein Freudenmaͤdchen hoͤhern Ranges, n: das mit der ſchoͤnen Diana eine ſprechende ng Aehnlichkeit hatte. he⸗ Die Induſtrie⸗Ritterin hatte den jungen tte Werdall im Schauſpiel geſehen, wo ihr Eben⸗ aͤ⸗ bild, durch ihren zauberiſchen Tanz das gan⸗ er ze Publikum entzuͤckte. Vor Allen war der bin junge Fremde hingeriſſen, der zehnmal in es einem Athem betheuerte, nie einen ſchoͤnern ich Engel geſehen zu haben. Sie hatte jedes ich ſeiner Worte gehoͤrt, denn ſie hatte dicht ten hinter ihm geſeſſen; ſie hatte den Ring be⸗ merkt und ſeinen Werth erfahren, weil Wer⸗ nd, dall letzteren ſeinem Nachbar, einem alten ſie Freunde, dem der Ring aufgefallen war, ge⸗ im, nannt hatte; und an demſelben Abende hat⸗ ute, te auch Werdall gegen ſeinen Freund erwaͤhnt, oli⸗ daß er den folgenden Tag in das benachbar⸗ te Staͤdchen fahren, und in dem und dem koll, Kaffeehauſe abſteigen werde. Sie fand ſich ing alſo dort ein, gab ſich fuͤr ihr Ebenbild, die detz⸗ Blandini, aus, beſtellte zum Schein das Di⸗ 1½ 162 ner, zeichnete waͤhrend des Geſpraͤchs mit V dem Wirth den jungen Werdall ſehr freund⸗ V 6 lich aus, ſagte abſichtlich, daß ſie in den fuͤrſt⸗ lichen Garten gehen werde, und legte bei ih⸗ rer Abſchiedsverbeugung in ihren Blick, den ſie dem Fremden zuwarf, eine ſtillſchweigende Einladung, ihr dahin zu folgen. Den Ring dem Entzuͤckten abzuſchwatzen, war ihr ein Leichtes. Ihre Bemuͤhungen, den Betroge⸗ V nen von Zeit zu Zeit hinzuhalten, gluͤckten ihr vollkommen. Von dem Wirth des Kaſ⸗ feehauſes, bei dem ſie darauf wieder vorſprach, erfuhr ſie Werdall's Wohnung. Durch eine ihrer gemeinern Genoſſinnen ließ ſie ihn und ſeine Gaͤnge beobachten. Sie vermuthete, daß er die wirkliche ſchoͤne Solotaͤnzerin, Blandini, aufſuchen wuͤrde; aber ſie fuͤrchtete davon keine Entdeckung, weil ſie wußte, daß das Maͤdchen durchaus keine Beſuche von fremden jungen Mannsperſonen annahm; als aber einige Zeit hingegangen war, und er ſeinen Beſuch wiederholt hatte, mußte ſie 163 fuͤrchten, am Ende doch die beiden Perſonen ſich gegenuͤber und dann die Geſchichte mit dem Ringe zur Sprache gebracht zu ſehen; ſie ſchrieb alſo an den Uibertölpelten, daß ſie verreiſen werde, um die Entwickelung ihres Spiels weiter hinauszuſchieben. Das Ballet, in dem Diana auftrat, war ihr ein Strich durch die Rechnung. Noch ſchlimmer ging es ihr mit dem Ringe ſelbſt. Sie wollte ihn anfaͤnglich vet⸗ kaufen; allein der Juwelier, dem ſie ihn zu⸗ erſt anbot, machte, als er den koſtbaren Ring in der Hand des Maͤdchens erblickte, das er an den Federn zu erkennen ſchien, ein ſo be⸗ denkliches Geſicht, daß ſie in ſeinen Augen zu leſen glaubte, er zweiſte an der Rechtmaͤ⸗ ßigkeit ihres Beſitzes. Sie ging alſo zu ei⸗ nem zweiten Juwelier, den ſie kannte, und log dem vor, ein Freund von ihr, der von Stande ſey, und ſie zuweiten beſuche, und nicht genannt ſeyn wolle, habe ſie erſucht, auf dieſen Ring 1000 Thlr. zu borgen. 11* 16 ¾ Das klang wahrſcheinlich. Sie nahm das Geld, no wollte nach Ablauf der Verpfaͤn⸗ dungszeit vorgeben, ihr Freund ſey noch nicht bei Kaſſe, den Ring einzuloͤſen, vielmehr bitte er noch um 1000 Rchlr. auf 14 Tage; ſie wollte tuͤchtige Zinſen obenein verſpre⸗ chen, dieſe 1000 Rthlr. nehmen, davon ge⸗ hen und den Ring beim Juweliiſt Sti⸗ che laſſen. Die Thaͤttgkeit des Polizey⸗Hraͤſidenten vereitelte den Plan. Er ſandte, gleich nach der Protokollirung des Vorfalls, die erhalte⸗ ne ſehr genaue Beſchreibung des Ringes, bei allen chriſtlichen und juͤdiſchen Juwelieren herum, und erhielt ihn von dem Pfandin⸗ haber augenblicklich ausgeliefert Die gaſtfreundliche Pſeudo⸗Diana muß⸗ te das erhobene Geld, was ſie noch ziemlich vollſtaͤndig beiſammen hatte, wieder heraus⸗ zahlen und erluſtirt ſich gegenwaͤrtig im Spinnhauſe. — 4 * 4 ——= 5