Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die 2 zibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 7 3 Auswärtige Abonnenten habem für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. . ſeusunezcit Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſt ſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ———— * ——— —— . A☛ . — 8 = 18α H. Clauren. 6tes Baͤndchen. Dresden, bei Paul Gottlob Hilſcher 1820.— —— ——— nem derſelben: Herr Storch, der Verfaſſer mehrerer elaſ⸗ ſiſcher Werke uͤber Rußland, behauptet in ei⸗ das ſchoͤne Geſchlecht in Rußland ſey oft ſo wenig zur Romantik geneigt, daß die Herzenschronik eines ganzen Jahres nicht Stoff zu einem einzigen R wuͤrde. oman liefern Im Ganzen kann er Recht haben Die Urſache dieſer ſcheinbaren Kaͤlte ſuche ich nicht ſowohl im Klima, als vielmehr in der Erziehung, die, beſonders in den hoͤheren Staͤnden, wohl nirgends beſſer ſeyn kann, als in Rußland. VI. — 2— Die oͤffentlichen weiblichen Bildungsanſtal⸗ ken, die bekanntlich unter der ſpeciellen Leitung der Kaiſerinn Mutter ſtehen, arbeiten auf die zweckmaͤßigſte Art darauf hin, das weibliche Gemuͤth von aller Ueberſpannung des Gefuͤhls befreit, und den Werth der reinen Sitklichkeit, der zarteſten Zuͤchtigkeit, in ſeiner moͤglichſten Achtung zu erhalten. Dieſe oͤffentlichen An⸗ ſtalten ſind fuͤr die Privat Erziehung nachah⸗ mungswuͤrdige Muſter geworden, und ſo hat die angebetete Maria Feodorowna ſich ein un⸗ ſterbliches Verdienſt um Rußlands Frauen und Toͤchter erworben. Auch kann die alte und noch heute uͤbli⸗ che Gewohnheit der niedern Staͤnde in Ruß⸗ land, bey der Hochzeitsfeier die Jungfraͤulich⸗ keit der Braut, durch Aufhaͤngung des uͤber das Brautbette gebreitet geweſenen Tuches, öͤffentlich zu beurkunden, das ihrige dazu bei⸗ tragen, die Wuͤrde des unbeſleckten Kranzes dort hoͤher zu achten, als irgendwo — ———— 7 —— — 3— Allein weniger fuͤr Liebe empfaͤnglich, ſind darum die ruſſiſchen Holdinnen nicht, als die Maͤdchen anderer Zonen. Ith lernte in Arch⸗ angel, faſt auf der aͤuſſerſten Spitze des noͤrd⸗ lichen Europa, ein wunderliebliches Maͤdchen kennen. Eine gluͤhendere Phantaſie, eine ſchwaͤr⸗ meriſchere Liebe, eine ſchmelzendere Zärtlichkelt kann in keinem italiſchen Herzen, nicht in der Bruſt einer Schoͤnen von Peru und Lima woh⸗ nen. Dabei ſind unſtreitig die ruſſiſchen Schö⸗ nen reizender, als die Schoͤnen eines heißeren Erdguͤrtels; denn wer die Ueppigkeit des Koͤr⸗ vers, das Laͤcheln der bluͤhenden Geſundheit, das himkiſche Feuer des jungfraͤulichen Zlicks, die Zanberfriſche aller weiblichen Reize geſehen zu haben, behaupten Nil, Fer muß einem nordiſchen Maͤdchen zu Fuͤßen gee haben. Pawlowna, die Heldinn meiner heutigen, factiſch wahren Geſchichte, lebte an den Ufern der Duͤna, in einer lebhaften Handelsſtadt. Ihr Vater war ein reicher Kaufmann. Sie ſeine einzige Tochter. „ Ein brillantes Conzert in dem großen, ſchoͤ⸗ nen Saale ihrer Vaterſtadt, der durch ſeinen bekannten Namen an die Vorzeit der Ritter erinnert, machte in den Begebenheiten ihres bisherigen ſtillen, harmloſen Lebens die erſte Epoche. Ein junger Offizier in auslaͤndiſcher Uniform ſtand, unter den Zuhoͤrern. Ihre Nachbarinnen erklaͤrten ihn einſtimmig fuͤr ei⸗ nen ſchoͤnen Mann. Ihr Blick weilte mit Ge⸗ fallen auf dem Fremden. Sie hatte eigentlich noch nie einen ſchoͤnen Mann geſehen. Ver⸗ zeiht der kleinen Neugierigen, wenn ſie ihn ver⸗ ſtohlen recht genau anſah, bloß um ihre Be⸗ griffe von den Regeln der maͤnnlichen Schoͤn⸗ heit zu berichtigen. Des Fremden Blick ſchweifte auf den glaͤn⸗ zenden Reihen der Damen umher. Kein Ort der Welt konnte ihm eine praͤchtigere Galerie aufweiſen. Es ſchmeichelte dem Eiteln, die Blicke aller auf ſich gerichtet zu ſehen; ſo nur ſteht der Fluͤgelmann an der Spitze ſeines Corps, geſehen von Allen, von Aller Augen feſt ——᷑——— ————.— gefaßt. Es waͤre unbeſcheiden, und am Ende auffallend geweſen, dieſes an ſich nichtsſagen⸗ de Blick⸗Geplaͤnkel fortzuſetzen, er wendete ſich alſo und ſah nach dem Orcheſter hin. Nur zuweilen wagte er jetzt, ſeitwaͤrts zu ſchielen, und auf einer ſolchen heimlichen Exeurſion begegneten ihm Pawlownen's Augen. Sie begegneten ihm zwei⸗, drei“, viermal, und die ferne Bekanntſchaft war angeknuͤpft. Beide, ach beide verſchlungen ihre Hoffnungen, ihre Freuden, in dieſen telegraphiſchen Knoten. Der Fremde erfuhr bald von ſeinem Be⸗ gleiter, der ihn in das Concert gefuͤhrt hatte, Pawlownens Namen, Stand und Vermoͤgen. Ihre zauberiſchen Reize ſah er ſelbſt, und von der Engelsguͤte ihres Charakters erzaͤhlte der Begleiter ein Breites. Er haͤtte gar nichts zu ſagen gebraucht; denn wer nu⸗ ſehen konnte, ſah, daß in dieſem ſchoͤnen Koͤrper erse ſchoͤne Seele wohnen muͤßte, las in dieſem freundli⸗ chen Auge die reinſte Gutmuͤthigkeit, in die⸗ ſem Gruͤbchen Witz und Lanne, in dieſem fei⸗ — 6— nen Karmin der Wange, Unſchuld und Ge⸗ ſundheit, in dieſem ganzen Geſichtchen, Ta⸗ lente und Geiſt. Das Concert endete. Die Geſellſchaft ging auseinander. Pawlowna verſchwand. Cron⸗ helm ſtuͤrzte nach. Er trat eben aus der Thuͤre des Hauſes, als Pawlowna mit dem Vater in den Schlitten ſtieg. Die neidiſchen Ren⸗ ner entzogen ſie ſeinem Auge. Pawlowna hatte ihn bemerkt. Sie ſah ſich aus dem Schlitten noch einmal nach ihm um. Er haͤtte eine Welt fuͤr den Platz ihres Vaters gegeben. Es litt ihn zu Hauſe nicht. Er mußte noch dieſen Abend Pawlownens Wohnung ſe⸗ hen. Er fand ſie leicht, da er des Vaters Namen wußte. Eine koͤſtliche, eine bedeutungs⸗ volle Ueberraſchung: das ganze große, ſchoͤn⸗ Haus we. on unten(bis oben illuminir Die taaſend und aber tauſend Lichter verbro teten ihren freundlichen Schimmer weit ur breit in die Straßen hinein. Herrlicher konn ſich das Prachtgebaͤude nicht geſchmuͤckt h ———— —:.— — — 7— ben, um ſich dem erſten Blicke des bezauberten Cronhelm, der mit Schwiegerſohns⸗Gedanken kam und ſtaunte, als das Vaterhaus der lieb⸗ lichen Pawlowna zu praͤſentiren. Er frug die Umſtehenden, was dieſe große Beleuchtung bedeute? Er erfuhr dann, daß Pawlownens Vater einen Bruder in Peters⸗ burg habe, deſſen Tochter heut' ihr Hochzeits⸗ ſfeſt feiere, und zur Ehre ſolcher Familientage ſey es in Rußland uͤberall uͤblich, daß die naͤchſten Verwandten und Freunde, zur Be⸗ zeugung ihrer Theilnahme, ihre Haͤuſer illu⸗ minirten. Eine ſchoͤne, dem Fremden ungemein er⸗ freuliche Gewohnheit. Der Glanz vieler Lich⸗ ter hat allemal etwas Freudiges fuͤr das Ge⸗ muͤth. Die Erinnerung an die Chriſtbaͤume in den gluͤcklichen Jahren der Kindheit mag auch das ihrige zu dieſem froͤhlichen Eindruck beitragen. Aber Cronhelm hatte einen ganz andern Chriſtbaum im Auge. Pawlowna ſtand in einem Fenſter des hochbeleuchteten Hauſes, und ſah auf den bunten Kreis der unten verſammelten Zuſchauer herab. Cron⸗ helm in ſeiner praͤchtigen Huſaren⸗Uniform ſtand mitten unter dieſen, umſtrahlt von dem Abglanz ihres Hauſes. Sie weilte lange mit ihrem Blicke auf ihm, endlich ſchien ſie in den Zirkel ihrer Geſellſchaft gerufen zu werden. Sie entfernte ſich und Cronhelm ſchlich in die dunkle Einſamkeit ſeiner Wohnung zuruͤck. Cronhelm klagte den ſtillen Waͤnden ſeine Lie⸗ be. Pawlowna war mitten im großen Zirkel ihrer Freundinnen und Bekannten allein; Cronhelm ſah nichts, als das Maͤdchen im Schlitten; Pawlowna dachte an nichts, als an den fremden Huſaren. Cronhelm erlag unter der Laſt ſeiner Plaͤne; Pawlowna ſchwebte auf den Fluͤgeln ſchoͤner Hoffnungen. Beide traͤumten dieſe Nacht von einander; bei⸗ de wurden von ſchrecklichen Traͤumen gemar⸗ tert. Pawlowna ſah den ſchoͤnen jungen Mann vor ihren Augen zu Tode knuten, und in Cronhelms Armen ſtarb das reizende Maͤd⸗ . —õy— ——C—— * — — ——;:— — . ——— — 9— chen den graͤßlichen Tod des Hungers. Der Morgen weckte beide; jedes laͤchelte uͤber ſei⸗ nen Traum. Ach haͤtten doch beide den war⸗ nenden Schutzgeiſt der Zukunft gehoͤrt!— Wer die nur in Rußland heimiſche Tu⸗ gend der Gaſtfreundſchaft kennt, wird ſich nicht wundern, daß Cronhelm, ganz fremd, ohne alle Empfehlungen, binnen den erſten vierzehn Tagen in den angeſehenſten Haͤuſern des Orts eingefuͤhrt war. Ein Ball auf einer eleganten geſchloſſenen Geſellſchaft, nach Art der Reſſourcen in Deutſchland, brachte endlich Cronhelm und Pawlownen einander gegenuͤber. Cronhelm kannte jetzt das liebliche Maͤd⸗ chen, als waͤr' er ihr leiblicher Bruder. Er hatte alle Menſchen uͤber ſie ausgehorcht. Alle hatten nur eine Stimme uͤber ſie. Jeder wuß⸗ te einen ſchoͤnen Zug ihres Herzens, jeder eine ſchoͤne Handlung zu erzaͤhlen. Dieſer pries ihre Fertigkeit auf dem Claviere, jener ihre Vollkommenheit in der franzoͤſiſchen Sprache; — 10— jener ihre hohe Weiblichkeit; dieſer ihren Witz; jener ihre Kenntniſſe; dieſer ihre Gutmuͤthig⸗ eeit; und alle gaben ihr, als dem einzigen Kin⸗ de ihres reichen Vaters, wenigſtens eine Mit⸗ gift von 50 tauſend Thaler Alberts, und mein⸗ ten, daß ihr kuͤnftiges Erbe gern fuͤnfmal ſo viel noch betragen koͤnne. Auf Cronhelm machten alle dieſe Lobeser⸗ hebungen gerade eine entgegengeſetzte Wirkung. Dieſem durchaus vollkommenen Maͤdchen konnte er ſich nicht bieten. Hier ganz fremd, ohne Verhaͤltniſſe, ohne Ausſichten.— Mit ſchmerzlichem Kummer legte er die Hand auf das blutende Herz, und arbeitete auf den maͤnnlichen Entſchluß, ſich keiner Thorheit Preis zu geben, und dieſes koͤſtliche Maͤdchen ſich aus dem Sinne zu ſchlagen. Ihr erſter Anblick hatte ihn wunderbar ergriffen. Jetzt war der Zauber jenes erſten Angenblicks ver⸗ flogen, jetzt wollte er kalt ſeyn, und die Uner⸗ reichbare mit ruhigem Auge betrachten. — 11— 7. Aber als Pawlowona in den Saal krat, als alle Blicke ihr huldigend entgegen floen, als ihre freundliche Verneigung alle begruͤßte, als ſie mit Vergnuͤgen den fremden Huſaren⸗ Rittmeiſter in dem ſie empfangenden Kreiſe zu bemerken ſchien, da ſchwanden die Grund⸗ ſäͤtze ſeiner Vernunft, da gehoͤrte er ſich nicht mehr, und der Zauberreiz der Lieblichen ſpann⸗ te ihn unwillkuͤhrlich an ihren Triumphwagen, vor dem die jungen Maͤnner der halben Stadt zogen. 3 Alles ſtuͤrzte zu ihr, um ſich einen Tanz von ihr zu erbitten. Sie verſagte ſich ſo ſchnell, daß Cronhelm,— der ſich ihr gar nicht gleich naͤhern konnte, wenn er ſich nicht mit beiden Ellenbogen Luft machte, welches ſich doch hier nicht thun ließ,— fuͤrchtete, eine geflochtene Reſolution zu bekommen. Allein Pawlow⸗ na hatte ihm den erſten Tanz vorbehalten. Eine guͤtigere Aufmerkſamkeit konnte er nicht verlangen. Sie hatte, wie er ſelbſt gehöͤr hatte, allen, die ſie um den erſten Tanz anſpra⸗ — 12— chen, geſagt, daß ſie fuͤr dieſen bereits engagirt ſey, und, als Cronhelm ſie im Allgemeinen um einen bat, gab ſie ihm den erſten. Sie ſprach dabei leiſer als gewoͤhnlich, damit die, denen ſie den Tanz abgeſchlagen hatte, nicht hoͤren ſoltten, daß ſie ihn jetzt erſt vergebe und glau⸗ ben mußten, ſie habe ihn ſchon fruͤher dem Rittmeiſter gegeben. In ſolchen kleinen Zuͤgen verlautbart ſich das weibliche Gemuͤth. Cronhelm fuͤhlte ihn tief Wie in Kupfer geſtochen, ſtand vor ihm: „Mein lieber fremder Freund, ich bin Dir recht gut.“ Das las er auch in ihrem Blick, in ihrer Art, ſich zu benehmen, in ihrem Ge⸗ ſpraͤch, ſelbſt in dem frohen Charakter ihres Tanzes. Die aͤuſſere Sitte und Zucht hielten den Schleier, in dem Anſtand und Weiblich⸗ keit das Maͤdchen von Erziehung in oͤffentli⸗ chen Geſellſchaften uͤberall auftreten laſſen, zwar feſt zuſammen; aber das Auge des Be⸗ zauberten fand doch kleine, faſt unbemerkbare Luͤcken, durch die es ſich bis in das geheime — 13— Innere dieſes himmliſchen Weſens hineinſteh⸗ len konnte. Auch Pawlownens Bater lernte Cronhelm hier kennen. Ein trockener, ehrlicher Kauf⸗ mann. Der Rittmeiſter wollte ein Geſpraͤch mit ihm anknuͤpfen; allein es blieb ſtecken. Cronhelm wußte nichts von Tratten und Ham⸗ burger, Londner Briefen, kannte keinen Cours, wußte nicht, wie hoch die Ducaten bei ihm zu Lande jetzt ſtanden, kannte nicht einmal die er⸗ ſten kaufmaͤnniſchen Haͤuſer der Reſidenz ſei⸗ nes Hofes, und der Alte hatte wieder keinen Sinn fuͤr Cronhelms Fach, der ihm von der Armee ſeines Vaterlandes, von der Verſchie⸗ denheit der Uniformen ſeines Regiments, vom langſamen Avancement u. dgl. unterhalten woll⸗ te. Sie wichen daher bald auseinander. Deſto laͤuger verkehrte der Alte mit Herrn Schmalbohm, einem jungen Kaufmann, der, wie Cronhelm hier erfuhr, Pawlownens be⸗ ſtimmter Braͤutigam war. Ein feiner Mann, in London erzogen, unlaͤngſt von Amerika zu⸗ ruͤckgekommen, und einige Tonnen Goldes im Vermoͤgen. Da ſtand Cronhelm mit dem armen Her⸗ zen unter dem reich gallonirten Dollmann, am Rande ſeines Gluͤckes, und alle Hoffnungen ſeiner Eitelkeit verſchwanden, wie bunte Sei⸗ fenblaſen, vor ſeinen Augen. Pawlowna ſprach mit Schmalbohm im Bogen eines Fenſters. Eine Art vertrauter Herzlichkeit ſchien ſchon in ihre Verhaͤltniſſe getreten zu ſeyn. Pawlowna legte ihre Hand auf den Arm des Beneideten. Er hielt den kleinen Finger ihrer Aelhten minutenlang an ſeine Lippen. Ein gluͤhender Dolch fuhr durch Cron⸗ helms ergrimmendes Herz. Der furchtbarſte Teufel, der Teufel der Eiferſucht, ſchlug in dieſem Augenblicke ſein ſchwarzes Lager in ihm auf. Dieſer Menſch ſtand zwiſchen ihm und ihr. Er hoͤrte nicht mehr die froͤhliche Muſik, er ſah nicht mehr das leichte Schweben der ihm voruͤberfliegenden Taͤnzer. Es ging ihm — — ⏑˙——— — 15— wie den Fenſtern im Ballſaal. Er fror und ſchwitzte zugleich.. Vorhin, als er mit ihr getanzt hatte, als der ganze Saal das ſchoͤne Paar einſtimmig fuͤr das erſte in der Geſellſchaft erklaͤrte, als er, trunken von der Suͤße der Gegenwart an der Seite ſeines Engels, die ganze Welt ver⸗ gaß—— er haͤtte mit keinem Koͤnige ge⸗ tauſcht, und jetzt— Alles war ihm gleichguͤltig. Alles. Er hatte lange die Diagonale des Saals von ferne durchſtiert. Jetzt ſchlich er ſich dem Bo⸗ genfenſter naͤher, um ſie unbemerkt zu behor⸗ chen. Sie ſprachen engliſch. Er verſtand ſie nicht. Da gewahrte ihn Pawlowne. „Sie tanzen nicht, Herr Rittmeiſter? Ei, ei, was werden unſere Damen dazu ſagen!“ ſprach laͤchelnd Pawlowne, und ſtellte beide Herren einander vor. Die Unterhaltung ward jetzt unter ihnen angeknuͤpft, und Cronhelm geſtand ſich, daß Schmalbohm ein ungemein intereſſanter Menſch ſey. Aber auch dieſem geſiel Cronhelm. Er fuͤhlte ſich vielleicht dem Rittmeiſter in Kenntniſſen und Welt uͤberle⸗ gen, aber Cronhelms Herz, ſeine geſunden Urtheile, ſeine Beſcheidenheit, und die heitere Laune, die Pawlownens froͤhlicher Witz uͤber ihn goß, machten ihn in Schmalbohms Au⸗ gen zu einem recht angenehmen Menſchen. Er bat ihn zum morgenden Abend in ein muſtka⸗ liſches Kraͤnzchen. Pawlowna ward zum Tanz von einem Drikten aufgefordert, und die beiden Neben⸗ buhler tranken ein Glas Punſch auf naͤhere Bekanntſchaft. Sie wußten nicht, daß ſie Beide Gift tranken. Cronhelm entfernte ſich bald. Zum Tanz mit Pawlownen kam er nicht mehr. Sie war ſchon auf alle Taͤnze verſagt. Alle die andern ſchoͤnen Maͤdchen hatten keinen Reiz fuͤr ihn. Er konnte den Begluͤckten nicht mit ihr zu⸗ ſammen ſehen. Es zerſchnitt ihm das Heni. Er ging. in d ihr ſie ji nirt. Er ſchlu das das zu ſte laſſer Schn der ben k T Lage! ihn r lieber moͤger er wuͤ Geſch VI. Auf dem Heimwege ſuchte er die Straße, in der Pawlowna wohnte, auf/ um wenigſtens ihr Haus und das Fenſter zu ſehen, aus dem ſie juͤngſt auf ihn herabſah. Es war diesmal nicht wie neulich illumi⸗ nirt. Es war dunkel und ſtill wie ſein Herz. Er ſtand eine lange Weile mit ineinander ge⸗ ſchlungenen Armen dem Hauſe gegenuͤber. Blos das Geld— blos das verfluchte Geld war es, das ihm fehlte, um ſich neben Schmalbohm zu ſtellen, und zwiſchen ſich und ihm waͤhlen zu laſſen. In einem einzigen Abende verwendete Schmalbohm auf eine Fete eine Summe, von der ein Staabsrittmeiſter ein Jahr haͤtte le⸗ ben koͤnnen. Wie konnte er— Ach nur er kannte ſeine Lage! Freilich— Pawlownens Hand konnte ihn retten. Aber doch haͤtte er taufendmal lieber geſehen, wenn ſie keinen Fuͤnfer im Ver⸗ moͤgen haͤtte, denn— er wußte ſelbſt nicht, was er wuͤnſchen ſollte. Er zuͤrnte auf ſich, ſein Geſchick, auf die Vergangenheit, auf die Zu⸗ VI. 2 kunft, auf alles. In dem Augenblick ging Pawlownens Hausthuͤr auf, und, ſo viel er beim Laternenſchimmer erkennen konnte, kam ein junges Maͤdchen heraus und ging die Straße entlang; er folgte ihr. Die Kleine ſchien ſein Folgen zu bemerken. Sie ging langſamer. Er bot ihr einen guten Abend. Sie dankte ihm freundlich. Es war Pawlow⸗ nens Kammermaͤdchen. Babette kannte den Rittmeiſter. Sie hatte ihn ſchon bei der Il⸗ lumination vor dem Hauſe geſehen.„Und wenn dieß auch nicht waͤre,“ ſetzte ſie ſcalk. haft laͤchelnd hinzu,„ ſo wuͤrde ich Sie doch gleich den Augenblick erkannt haben; denn meine Mamſell hat mir eine ſo genaue Be⸗ ſchreibung von Ihnen gemacht, daß ich Sie haͤtte malen wollen.“ Man muß ein ruhigeres Blut haben, als ſich gewoͤhnlich ein junger Huſaren⸗Rittmeiſter in den Adern zu halten pflegt, um bei einer ſo ſchmeichelhaften Mittheilung nicht vom ge heimſten Entzuͤcken ergriffen zu werden. E umſe Bar plau wenn ſie n ließe lich! Scht Herr ganz ſohn Leber Polr der werd ſoll zuſan ſind gewo ſeyn. ſter; iſt de ging l er kam die leine ging bend. blow⸗ e den r Il⸗ „Und chalk⸗ doch denn ie Be⸗ h Sie n, als meiſter iner ſo om ge n. E — 19— umſchlang das Maͤdchen und druͤckte ſeinen Bart auf ihre Lippen. Das ſchlug ein. Sie plauderte mit unbeſchreiblicher Offenheit, daß⸗ wenn Mamſell ein bischen ernſthaft ſey, und ſie nur ein Wort vom fremden Huſaren fallen ließe, Mamſell gleich wieder heiter und froͤh⸗ lich werde. Cronhelm brachte das Geſpraͤch auf Schmalbohm.„Ach gehen Sie mir mit dem Herrn Schmalbohm, verſetzte Babette.„Die ganze Stadt ſpricht, daß er unſer Schwieger⸗ ſohn werden wird, ich glaube es in meinem Leben nicht. Schon als Herr Schmalbohm im Polroͤckchen herumlief, und Mamſell noch in der Wiege lag, hat das ſollen ein Paͤrchen werden. Er hat Geld, ſie hat Geld, und nun ſoll das bischen Geld zuſammen kommen und zuſammen bleiben. Das iſt das Ganze. Sie ſind zuſammen auferzogen und zuſammen groß geworden. Da kann ſchon keine rechte Liebe ſeyn. Sie kennen ſich wie Bruder und Schwe⸗ ſter; und ſo lieben ſie ſich auch. Aber das iſt doch nicht ſo die eigentliche rechte diebe, ich 2* kann mich nicht ſo recht ausdruͤcken, Sie wer⸗ den mich ſchon verſtehen.“ Der Gluͤckliche verſtand die kleine Schlan⸗ ge. Er haͤtte vor Freuden in die Sterne flie⸗ gen moͤgen, die ihm klar und rein von oben herabfunkelten. Er ſprach von Pawlownen, als ſey es ein Seraph. Er wußte, daß ſie heute Abend noch jedes Wort erfuhr, und darum ſetzte er bedeutungsvoll hinzu:„Maͤdchen, Du haſt mein Gluͤck in den Haͤnden. Gott uͤber den Sternen ſieht in mein Herz. Nur Pawlowne— keine andere. Liebes Maͤdchen, mir vom Himmel geſandt!! Ich beſchwoͤre Dich bei Gott und allen Heiligen, ſprich, darf ich hoffen? ohne Hoffnung kann, mag ich nicht leben.“ Babette legte vielleicht ihre Gefuͤhle in Pawlownens Mund. Sie aͤuſſerte, daß Paw⸗ lowna ſehr vortheilhaft uͤber ihn geſprochen; aber freilich in ihrer Seele etwas zu verſpre⸗ chen, wagte ſie denn doch nicht.„Laſſen Sie doch der Sache Zeit,“ ſagte ſie gutmeinend, vm erſt hal mu wie Maͤ klei den line ein ſelbſt componirtes Concert. Pawlow⸗ „mit der Zeit bricht man Roſen, und auf den erſten Hieb faͤllt kein Baum.“ „Ja); engliſches Maͤdchen, mein Aufent⸗ halt iſt hier nur kurz. Was geſchehen ſoll, muß bald geſchehen. Wenn ſehe ich Dich wieder? Dich zu ſprechen, mein huͤbſches Maͤdchen, iſt mir ſchon halbe Seligkeit.“ So zaͤrtlich hatte noch niemand mit der kleinen Babette geredet. Sie waͤre jetzt fuͤr den Rittmeiſter in das Feuer gelaufen.„Mor⸗ gen kann ich nicht. Uebermorgen bin ich wieder hier. Aber hier ſtehen bleiben duͤrfen wir nicht. Das faͤllt auf. Mich kennen alle Menſchen in unſerer Straße. Jetzt muß ich fort. Gute Nacht, lieber Herr.“ Sie flog wie ein Pfeil, um die verplauderte Zeit wie⸗ der einzuholen, und Cronhelm eilte mit neuen Hoffnungen in ſeine Wohnung.—— Pawlowna war im muſikaliſchen Kraͤnz⸗ chen die ſchoͤnſte Blume. Sivolano, ein durchreiſender Kuͤnſtler, ſpielte auf der Vio⸗ — 22— na, der das Concert ſehr geſiel, nahm, nach⸗ dem er geendet hatte, ſeine Stimme, ſetzte ſich an das Fortepiano und ſpielte ſeine ſchwerſten Paſſagen mit einer Fertigkeit, mit einer Praͤ⸗ ciſion und mit einer Delicateſſe, daß der Ita⸗ liaͤner im Rauſche des Entzuͤckens dem Maͤd⸗ chen zu Fuͤßen ſank.„Sind Sie muſſkaliſch? frug Pawlowne den Rittmeiſter, mit einer Miene, als ob ſie gewuͤnſcht haͤtte, er moͤchte ja ſagen. Der Arme mußte nein antworten. Er fuͤhlte ſich bettelarm in dieſer Minute. Das Gold ſeiner Uniform ward ihm zu Blei. Pawlowna ſprach mit dem Virtuoſen italia⸗ niſch; eben ſo fertig, als geſtern engliſch. Cronhelm hatte gegen dieß alles nichts aufzu⸗ weiſen, nichts, als ſeine erbaͤrmliche Stickerei⸗ ſeine Troddeln und Schnuren. Sein eigenes Gefuͤhl ſagte ihm, er koͤnnte in Pawlownens Augen keinen Werth haben, und doch war ſie 3 heute ſo herzlich, ſo hingebend ihm. Sein Entzuͤcken uͤber ihr hinreißendes Spiel, mit dem ſie jetzt eines der ſchwierigſten Clavier⸗ n 2— 23— Concerte vortrug, ihr ſchmelzender Geſang, der die ganze Geſellſchaft bezauberte, that ihr wohler, als das laute Bravo des Zirkels, als das kunſtgerechte und ſchmeichelhafte Urtheil des ſtaunenden Virtuoſen. Sie ſprach viel und lange mit Cronhelm. Sie goß Leben und Muth in ſeine Seele. Sie zog ſeinen Geiſt zu ſich hinauf. Er hatte nie ſo gehalt⸗ voll, ſo gewaͤhlt geſprochen, als heute. Babette hatte ſehr guͤnſtig fuͤr ihn gewirkt. Babette wußte, daß das Verhaͤltniß zwiſchen Pawlownen und Schmalbohm bloß conventis⸗ nell war, daß Pawlowna den ihr Beſtimmten eigentlich nicht liebe. Der Huſar hatte dem Maͤdchen gefallen. Die Gifte der Kaffkaſchen Leſebibliothek waren durch glatte Romane der kleinen Babette in das Gemuͤth gefloſſen. Daß der fremde, blanke Huſar ſich vor das Haus ihrer geliebten Herrin hinſtellte und ſeufzte, daß er ſie zur Vertrauten ſeines Kum⸗ mers machte, daß er ihre Haud kuͤßte, daß er ſie an ſeine baͤrtigen Lippen zog, daß er um ihr ſo romantiſch, ſo erbaulich, daß ſie ſich feſt vornahm, den ungluͤcklichen Huſarenpel; durchaus nicht fallen zu laſſen. Pawlowna hatte ihr neulich, am Abend jenes Concerts, von dem fremden Offizier ein Paar Worte geſagt. Jetzt, als Pawlowna vom Balle kam, erzaͤhlte ihr Babette beim Auskleiden den ganzen Vorfall. Sie ſchmuͤckte ihn noch aus. Sie legte dem Rittmeiſter ei⸗ ne Menge ſchoͤner Worte in den Mund, die ſein Geiſt nie gedacht hatte; ſie hatte in ſei⸗ nem Auge Thraͤnen zittern geſehen, und als ſie ſchieden, hatte er vom ſchrecklichſten Selbſt⸗ morde geſprochen, wenn Pawlowna ihm ver⸗ koren ginge. Pawlowna that die Nacht kein Auge zu. Sie hatte noch nie geliebt. Da die ganze Stadt wuſte, daß ſie Schmalbohms Beſtimm⸗ te war, ſo hatte nie ein junger Menſch ge⸗ wagt, ſich ihr zu naͤhern. Und jetzt kam ein fremder ſchoͤner Mann hundert Meilen weit ihren Beiſtand ſie anflehte,— alles dieß ſchien ien ſich elz end ein im —— — 25— her, ſtellte ſich vor ihr Haus, fror bald zu Eis vor lauter Liebe, ſenkte ſeinen Blick, wenn ſie ihn anſah, war verlegen, wenn er mit ihr ſprach, tanzte mit keiner, als mit ihr) ſuchte und verfolgte ſie uͤberall mit ſeinem Auge, eilte aus der Balkgeſellſchaft, um ſich Babetten zu naͤhern, und ſchuͤttete in deren theilnehmende Bruſt ſeine Liebe, ſeinen Kummer, ſeine Ver⸗ zweiflung aus. Sie fing jetzt an, Cronhelm mit Schmal⸗ bohm zu vergleichen. Das kluge, das ver⸗ ſtaͤndige Maͤdchen blieb an dem Aeuſſern han⸗ gen. Cronhelms Wagſchaale war in ihren Augen ſchwerer. Figur, Geſichtsbildung, An⸗ ſtand, Tanz, koͤrperliche Gewandheit,— von dieſer Seite hatte Cronhelm entſchiedenes Ue⸗ bergewicht. Sie hielt jetzt den armen Schmal⸗ bohm gar keiner Liebe faͤhig. Er war immer ſo natuͤrlich, ſo ruhig, ſo kalt, wenn er mit ihr ſprach. Cronhelm hatte kaum geathmet, wenn ſie ihn nur anſah. Die Leere ſeines Gei⸗ ſtes hielt ſie fuͤr Bloͤdigkeit, fuͤr Befangen⸗ heit, fuͤr Beklommenheit ſeiner furchtſamen Liebe. In dieſen Trugſchluß legte ſie den Keim ihres Ungluͤcks. Sie verſchloß ihre Gefuͤhle in ſich; ſie traute keiner ihrer Freundinnen, ſie fuͤrchtete, ihre Liebe thoͤrig geſcholten zu hoͤ⸗ ren, weil Schmalbohms edler Charakter, wie ſein tadelloſer Wandel, ſein gebildeter Geiſt, ſein gutes Herz, ihn in den Augen aller Maͤd⸗ chen der Stadt, zu einem ſehr liebenswuͤrdi⸗ gen Manne machten. Durch dieſe Heimlich⸗ keit ward ihr ihre Liebe heilig. In dieſer langen Winternacht ward ſie erſt uͤber ſich ſelbſt einig. Es hatte ihr immer im Verhaͤltniß mit Schmalbohm etwas gefehlt. In Cronhelms Ange lag eine ſanfte Melan⸗ cholie, eine zarte Schwaͤrmerei, die ſie gleich im erſten Augenblicke zu ihm hingezogen hatte. Jetzt ſah ſie hell.— Nur das Gold auf ſei⸗ nen Kleidern war ihr zuwider. Sie wuͤnſchte ſich ihn blutarm, um ihn in jeder Hinſicht zum gluͤcklichen Mann machen zu koͤnnen. Sie nen — 27— nahm ſich feſt vor, ihm ihr Wohlwollen be⸗ merkbar zu machen. Und ſie hielt ſich redlich Wort. Ihr Spiel, ihr Geſang war heute zum erſtenmal in ihrem Leben Coketterie. Der kleine Teuſel der Gefallſucht ſaß ihr im Auge, im Gruͤbchen der Wange, im freien Tragen des Koͤrpers, kurz in jedem Finger, jeder Be⸗ wegung, wie die fliegende Gicht. Sie ſchleier⸗ te zwar uͤber alles das Anſtand, Dezenz und Ehrbarkeit und Zucht; aber das waren nur die Zitronen zu den Auſtern, die den Mund nur noch waͤſſeriger machen. Es ward von einer morgenden Spatzier⸗ fahrt geſprochen. Man woltte auf die erſte Station nach St. Petersburg zu fahren. Im dortigen eleganten Poſthauſe verſammelt ſich gewoͤhnlich die ſchoͤne Welt des Orts. „Sie werden doch von der Parthie ſeyn, Herr Rittmeiſter? Der Weg dahin iſt treff⸗ lich, und das Poſthaus liegt recht huͤbſch,“ ſagte Pawlowna, und freute ſich ſichtbar, daß Cronhelm die unerwartete Einladung annahm. Und wenn die Parthie nach Sibirien ginge,“ entgegnete Cronhelm im Feuer ſeines Entzuͤk⸗ kens, und duͤckte ſich,„ich fliege mit meinem Goldfuchs voran.“ Schmalbohm bemerkte die alberne Extaſe des Eingeladenen, und laͤ⸗ chelte. Cronhelm fuͤhlte, daß er zu viel ge⸗ ſagt hatte, und ward roth; und Pawlowna deutete dieß Rothwerden wieder auf Bköͤdig⸗ keit und Unſchuld des Herzens. Haͤtten Sie doch alle drei verſtanden, was Cronhelm ſagte!¹! Verdamme, freundlicher Leſer, den Lieb⸗ ling meiner Ruͤckerinnerung, die reizende Paw⸗ lowna nicht. Wer nur einigermaßen das weibliche Herz hat kennen gelernt, wird oft die Bemerkung gemacht haben, daß gerade die talentvollſten, die phantaſiereichſten, die lebhafteſten und geſcheuteſten Maͤdchen, im Punkte ihrer Wahl nicht immer am gluͤcklich⸗ ſten greifen. Der ſchoͤne Mann iſt gerade ih⸗ nen lieber, als der reelle. Die Verirrungen einer ſolchen Figurliebe enden bei dieſer Claſſe von Maͤdchen und Frauen erſt mit ihrem Tode. Pawlowna fand in dem Gedanken:„er liebt dich,“ die Summe ihres ganzen Gluͤcks. Sie traͤumte ſich eine goldene Zukunft. Die Schlittenfahrt vollendete den Bau ihres Luft⸗ ſchloſſes. Die Geſellſchaft beſtand aus mehr denn 30 Schlitten. Schmalbohm und Cronhelm waren mit mehreren jungen Leuten zu Pferde. Pawlowna fuhr mit ihrem Vater. Schmal⸗ bohm ritt recht gut: aber freilich der Huſar weit beſſer. Sein Goldfuchs tanzte neben Pawlownens praͤchtigem Schlitten, als kennte er ſeine kuͤnftige Gebieterinn; Cronhelm fuͤhlte ſeinen Triumph uͤber den Nebenbuhler auf⸗ dem Harttraber. Seine Gewandtheit auf denn flinken Pferde erwarb ihm uͤberall ungetheil⸗ ten Beifall; Pawlowna laͤchelte ihm bei jeder Courbette, bei jedem kuͤhnen Bogenſatz, den das muntere Roß in die blauen Luͤfte ſchoß⸗ freundlich zu. Aus allen Schlitten erſchollen laute Bravo's. Es war Cronhelms gluͤcklich⸗ ſter Tag. Er hatte nun ein Paroli auf das Franzoͤſiſche, auf das Engliſche, auf alle muſi⸗ kaliſche Talente. Denn ſo reiten konnte kei⸗ ner. Schmalbohm trabte im Fleiſchertrott in der Arriergarde der Caravane. Er fuͤhlte Cronhelms Ueberlegenheit und aͤrgerte ſich. Pawlownens Pferde, durch Cronhelms Hin⸗ und Herjagen laͤngſt unruhig gemacht, wurden jetzt durch einen Zufall ſcheu, und gingen vom Fleck aus durch. Der Kutſcher konnte ſie nicht mehr halten. Sie flogen vor allen Schlitten vorbei, brachen jetzt aus der Bahn und raſ'ten nun ſeitwaͤrts uͤber eine gro⸗ ße ebene Feldflaͤche. Je mehr Pawlowna und der Vater ſchrien, deſto mehr griffen die Pfer⸗ de aus, ſie brauſten wie Sturmwind uͤber das Schneegefilde. Der leichte Schlitten beruͤhrte kaum die Erde. Die ganze Schaar der Rei⸗ ter eilte hinterher. Cronhelm war eben, als das Ungluͤck vorſiel, bei einem der hinterſten A — 31— Schlitten; jetzt ſah er den Allarm der Reiter. Er ſetzte nach. Er erblickte in der Ferne, daß ſie von der Straße abbogen. Er wußte im⸗ mer noch nicht, daß es Pawlownen galt; als er aber Schmalbohm erjagte und dieſer im ſchwerfaͤlligen Galopp ihm zurief:„retten Sie Pawlownen!“ da ließ der Huſar auftreten. Mit verhaͤngtem Zuͤgel uͤberflog er alle. Er ſah jetzt den Schlitten. Er ſtieß die beiden Eiſen dem Pferde in die Ribben— da ſtreckte ſich der Fuchs zur furchtbaren Carriere. Er ſauſ'te wie ein Pfeil am Schlitten vorbei; Cronhelm warf ſich vom Pferde, ſtuͤrzte den ſchnaubenden Ungeheuern in die Zuͤgel, und ſie ſtanden wie die Laͤmmer. Pawlowna war gerettet. Sie ſank bleich und weinend dem Manne ihres Herzens in die Arme. Er kuͤßte die Zitternde vor den Au⸗ gen des Vaters. Dieſen Kuß hatte er ſich verdient. Der Alte dankte dem Rittmeiſter in wenigen, aber freundlichen Worten. Jetzt kam Schmalbohm mit der uͤbrigen Cavalcade angaloppirt. Cronhelm ließ ſie aber nicht viel zum Worte kommen. Er ſetzte den Kut⸗ ſcher auf ſeinen Fuchs, und nahm die Zuͤgel der wilden Schlittenpferde ſelbſt in die Haͤnde. Die Beſtien bebten an allen Gliedern, ſo hatte er ſie zuſammen genommen, als er den Schlit⸗ ten beſtieg. Jetzt waren ſie taubenfromm. Er bog zuruͤck auf die Straße, ſetzte ſich an die Spitze des Schlittenzuges, und ſo flog die ganze Geſellſchaft hinter ihm drein, wieder luſtig und froͤhlich, dem Poſthauſe zu. Er ſaß dicht vor ſeinem Maͤdchen.*) Ihr Blick begegnete dem ſeinigen. Sie feierten beide in dieſem heiligen Augenblicke ihre Verlobung, und der Alte, der kein Wort von dieſem Fa⸗ milienfeſte in ſeinem Schlitten wußte, ſah recht freundlich dazu aus. Er hatte ſeine *) Auf dem ruſſiſchen Schlitten ſitzt der Fahrende nicht, wie in Deutſchland, hinter, ſondern vor dem, der gefahren wird, mehrentheils in der Quere, ſo, 8 daß er ein Auge auf die Pferde und das andere auf die Perſonen im Schlitten haben kann. cht ut⸗ de. Freude uͤber Crouhelm, der ſeine Pferde lobte, und hoch und theuer ſich vermaß, nie in ſei⸗ nam Leben einen elegantern Schlitten geſehen zu haben.„Das Dingelchen koſtet auch 1000 Rthlr. Alberts,“ ſagte ſchmunzelnd der Alte, und Cronhelm machte nun von den deut⸗ ſchen plumpen Schlittenkaſten mit den lie⸗ genden Loͤwen und Hirſchen, und mit den Mohren⸗ und Davids⸗Harfen⸗Koͤpfen, und den Adlern vorn an den Schlittenhaͤlſen, und von den unaͤſthetiſchen Pritſchen hinten, eine ſo wahre und launige Beſchreibung, daß der Alte den luſtigen Huſaren anfing, recht wohl zu leiden. Cronhelm war ſeit dem Augenblick, daß er die reizende Pawlowna in ſeinen Armen gekuͤßt hatte, wie umgewendet. Die ganze Geſellſchaft, die ſich jetzt im Poſthanſe ver⸗ ſammelte, erkannte ihn einſtimmig fuͤr einen naͤrriſchen, gutherzigen Kautz, den ſeine jetzi⸗ ge Munterkeit weit beſſer kleide, als ſeine fruͤhere Stille und Zuruͤckgezogenheit. Er VI. 3 war faſt ausſchließlich um Pawlownen. Er hatte fuͤr nichts weiter Auge, fuͤr nichts wei⸗ ter Sinn; und die Dankbare litt gern, daß er ihr nur gehoͤrte; ſie erwiederte den Druck ſeiner Hand; ſie begegnete ſeinem flammen⸗ den Blick mit Wohlwollen und Traulichkeit. Den Ruͤckweg machte Cronhelm wieder auf Pawlownens Schlitten und der Vater bat ihn zum Abendbrodt. Schmalbohm aß auch mit. Dieſer war verſtimmt. Pawlowna merkte es nicht. Sie lachte uͤber jeden, oft unbedeutenden, Scherz des Huſaren; ſie freu⸗ te ſich, daß der Vater heute Abend bei ſo froͤhlicher Laune war. Der Alte ſchenkte ta⸗ pfer ein, und der gluͤhende Portwein fing an, in Cronhelms deutſchem Kopfe Poſto zu faſ⸗ ſen. Zum Gluͤck merkte er es bei Zeiten. Er ſollte von ſeiner Heimath, von ſeiner Fa⸗ milie, von der Veranlaſſung ſeiner Herreiſe ein Langes und Breites erzaͤhlen; aber Cron⸗ helm bat, wenn er davon referiren ſolle, ihm kuͤnftig keinen Portwein zuvor einzuſchenken, —y— Er wei⸗ daß ruck nen⸗ keit. auf bat auch wna oft reu⸗ ſo —-— und ſo empfahl er ſich bald nach dem Eſſen, um ſich keine Bloͤßen zu geben. Babette empfing ihn an der Thuͤre des Hauſes. Sie hatte tauſend wichtige Dinge zu plaudern. Auf der Straße konnte ſie ſich nicht wieder mit ihm hinſtellen, ohne Auf⸗ ſehen zu machen. Hier im Hausflur war es zu kalt. Cronhelm machte ihr daher den Vorſchlag, auf ihr Stuͤbchen mit ihm zu gehen. Vabette beſann ſich ein Weilchen, endlich willigte ſie ein; nur durfte ſie kein Licht mitnehmen, denn die Fenſter ihres Zim⸗ mers gingen auf den Hof, und aus dem Vorderhauſe konnte man, wenn ſie Licht brannte, das ganze Stuͤbchen uͤberſehen. Auch dieß ließ ſich der gutwillige Rittmeiſter ge⸗ fallen. Vom traulichen Dunkel umſchloſſen zog der Huſar jetzt die Kleine auf den Schooß, und ſie erſtattete nun pflichtmaͤßigen Bericht von ihren Bemuͤhungen, die Herzen der In⸗ tereſſirten auszukundſchaften, ihn beim Va⸗ 3* ter geltend zu machen, und ſeine Wuͤnſche der Ausfuͤhrung naͤher zu bringen.. abe Nach ihrer Beſchreibung hatte er von die Pawlownen alles zu hoffen.„Um den Al ten ten geneigter zu machen,“ fuhr ſie in ihreem zaͤl Napport fort,„mußte ich ſchon ein bischen preͤ luͤgen. Ich erzaͤhlte alſo geſtern, als ich de lar Mamſell anzog, wo er dabei war, und wo Re ich das Geſpraͤch auf Sie brachte, daß ich M unſere Waſchfrau geſprochen habe, die Ih⸗ ha ren Bedienten kenne, und dieſer haͤtte ihe nicht genng Ruͤhmens von Ihren ſchoͤͤen P. Guͤtern machen koͤnnen, die Sie in Deutſch⸗ ihr land haͤtten; Sie waͤren— der alte Herr H. gibt ſeine Tochter im Leben keinem Solda⸗ ten— nicht mehr im Dienſt, ſondern haͤt⸗ 3 in ten Ihren Abſchied, und lebten von Ihrem vo großen Vermoͤgen. Jetzt waͤren Sie aff H Reiſen und wollten ſich die Welt beſehen ,) V In dem Augenblick trat Pawlowna in f. lie das Stuͤbchen. Babette ſprang vom Schoo⸗ ße. Cronhelm ſaß wie eine Mauer. Paw⸗ — 37— lowna hatte kein Licht. Er blieb unbemerkt; aber deſto bemerkbarer ward ihm Pawlowna, die jetzt der ſchlauen Babette von der Schlit⸗ tenfahrt und von Cronhelms Heldenthat er⸗ zaͤhlte, und jedes ihrer Worte mit dem Ge⸗ praͤge der lebendigſten Liebe ſtempelte. Der lauſchende Rittmeiſter war nun mit ſich im Reinen. Er hoͤrte von den Lippen ſeines Maͤdchens, daß er das ſchoͤne Ziel errungen hatte. Nach einer langen Weile ging endlich Pawlowna auf ihr Zimmer; Babette folgte ihr. Cronhelm ſchluͤpfte aus Stube und Hauſe. Sein Plan war fertig. Babette hatte in der Einfalt ihres Herzens ihm denſelben vorgezeichnet. Er beſuchte jetzt Pawlownens Haus oͤfters. Der Vater ſah ihn gern. Das Verhaͤltniß mit Pawlownen ward taͤglich trau⸗ licher. Schmalbohm entfernte ſich allmaͤhlig. Die Stadt munkelte ſchon von Cron⸗ helm und Pawlowna. Der Vater ſelbſt — 38— merkte, daß die beiden jungen Menſchen ſich einander mehr als gut waren. Der Gedanke, ſein Kind an der Seite eines bravherzigen Mannes zu wiſſen, der bedeutende Guͤter in Deutſchland hatte, und— vielleicht auch die Frende uͤber die adelichen Enkel, zogen ihn zum Rittmeiſter immer mehr und mehr hin. Mit Pawlowna im Einverſtaͤndniſſe, ge⸗ ſtand Cronhelm endlich dem Vater ſeine Lie⸗ be, und bat um die Hand des lieblichen Maͤdchens. „Herr Rittmeiſter,“ begann der Alte mit freundlichem Wohlwollen,„Pawlowna iſt mein einziges Kind. Wir glauben, Sie von Seiten Ihres Herzens zu kennen, allein— verzeihen Sie dem beſorgten Vater— Ihre uͤbrigen Verhaͤltniſſe ſind uns fremd. Koͤn⸗ nen Sie mir daruͤber beruhigende Auskunft geben, ſo liegt der Erfuͤllung Ihrer und mei⸗ ner Wuͤnſche nichts mehr im Wege.“ „Das kann ich/“ erwiederte der gluͤckliche Huſar. Er eilte zu Hauſe und brachte ſeine vollguͤltigen Legitimationen; naͤmlich den Ab⸗ ſchied vom Militair⸗Dienſt, eigenhaͤndig von ſeinem Souverain unterzeichnet; und den Kauf⸗Contract uͤber die von ihm in ſeinem Vaterlande fuͤr 275000 Rthlr, gekauften Guͤ⸗ ter, welcher vor dem hoͤchſten Gerichtshofe der Provinz, in der die Guͤter lagen, in beſter Form Rechtens, verlautbart war. Die reizende Pawlowna ſank in des Ritt⸗ meiſters Arme, und der Vaker ertheilte ſeinen Segen. Der Alte machte den eutzuͤckten Braͤuti⸗ gam nun mit dem Entſchluſſe bekannt, ſei⸗ ner Tochter jaͤhrlich bis zu ſeinem Tode 3000 Thlr. Alberts zur Unterhaltung des Hausweſens zu geben, dann ſey ſie ſeine einzige Univerſal⸗Erbin. Sollte Pawlowna vor ihrem Gatten ſterben, ſo wolle er Letzterm jaͤhrlich dieſe 3000 Rthlr. lebenslaͤnglich aus⸗ zahlen; um jedoch auch ſeine Tochter einiger⸗ — 4⁰— maßen zu ſichern, wuͤnſche er, der Herr Schwie⸗ gerſohn moͤge ihr auf den Fall, daß ſie Witt⸗ we wuͤrde, ein jaͤhrliches Wittwengeld von 2000 Rthr., auf die Revenuͤen des Guts, ge⸗ richtlich verſchreiben laſſen. „Gegen dieſen billigen Vorſchlag konnte Cronhelm nichts einwenden. Er ließ den Contract daher in den Haͤnden des Schwieger⸗ vaters, der das Geſchaͤft bei den Gerichten des Orts morgen gleich einleiten wollte. Cronhelm und Pawlowna wurden nun oͤf⸗ fentlich in der Stadt als Braut und Braͤuti⸗ gam declarirt, und genoſſen die goldenen Ta⸗ ge des ſchoͤnſten Traums, den je die menſch⸗ liche Phantaſie erſchaffen konnte, die Tage des Brautſtandes, in vollen Zuͤgen. Pawlow⸗ ne liebte den Gluͤcklichen mit einer ſo fuͤßen Hingebung, ſie wirkte durch ihren Verſtand, durch ihre Herzensguͤte ſo ſichtbar auf ſeinen Kopf, auf ſein Gemuͤth, daß er von Tage zu Tage ſich mehr und mehr veredelte, und jetzt erſt fuͤhlte, wie viel ihm fehle, um dieſen Engel Sen 41— ganz zu verdienen. Er betete ſie mit einer Heiligung an, die ihn uͤber alles Irdiſche erhob. So verſtrichen ſechs unvergeflich ſchoͤne Wochen. Da riß der ſeidene Faden und das tauſendſchneidige Schwerdt, das uͤber ihrem Gluͤcke geſchwebt hatte, fiel herab und zer⸗ ſchnitt die zarten Gewebe ihrer ſchmeicheln⸗ den Hoffnungen. Ein Cabinets⸗Courier trat eines Morgens vor das Bette des Braͤutigams, frug ihn barſch, ob er Cronhelm heiße, und als er dieß bejahete, zeigte er ihm den Befehl des Kaiſers. Erbleicht ſtand der Rittmeiſter auf. Er rang die Haͤnde gen Himmel. Er bat, er flehte, nur eine Zeile ſchreiben zu duͤrfen. Der Courier ſchlug alles rund ab. Er bedeck⸗ te den zitternden Koͤrper mit der noͤthigſten Kleidung. In 10 Minuten ſaß er in einer vor der Hausthuͤr ſchon bereitſtehenden Kibit⸗ ke. Die Courierpferde zogen an. Er flog ſeinem unbekannten Schickſale entgegen. genblicke in Kurland. Schmalbohm, der edle Menſch, eilte, die Ungluͤckspoſt Pawlownen zu bringen. Er ſagte nichts von ſeinem Schmerz, dieſes reizende Maͤdchen verloren zu haben, nichts von den ſtillen Hoffnungen, die ſein Herz wieder von neuem belebten. Er hatte ſechs Wochen ihr Haus gemieden, er hatte ſie nicht wieder geſehen; aber jetzt kam er, um Pawlownen auf das unerwartete Ereiguiß, auf ihren Verluſt, allmaͤhlig vorzubereiten. War es Schmalbohm nicht, der nie gelo⸗ gen hatte, ſie haͤtte ſeinem Worte keinen Glau⸗ ben gegeben. Sie vergaß in dieſem Augen⸗ blicke des hoͤchſten Schreckens, daß die Lippen, die ihr jetzt den Tod durch die Nachricht ga⸗ ben, ſonſt ihr hundertmal Liebe und Treue geſchworen hatten; ſie ſah nicht, daß Schmal⸗ bohms Herz brach, weil er die gluͤhende Lei⸗ denſchaft in Pawlownens Bruſt bemerkte, mit der ſie an Cronhelm gefeſſelt war. Sie weinte, ſie ſchrie, ſie ſtreckte die Haͤnde nach ihm aus, Pawlownens Vater war in dieſem Au⸗ —.—.—— — N 1◻ ͤ—— als wollte ſie ihn feſt halten. Auf einmal war ſie ſtill. Sie legte die kleinen Finger an die brennende Stirne. Jede Minute war unbezahlbar; in jeder Viertelſtunde war Cron⸗ helm mehrere Werſte weiter von ihr geriſſen. „Was hat er verbrochen, wohin ſchleppt man ihn?“ frug ſie, und niemand antwortete. Sein Bedienter kam; auch dieſer wußte nichts. Er brachte einen Gruß von Cronhelm.„Wenn Pawlowna mich nicht rettet, ſo bin ich auf ewig verloren;“ das waren ſeine letzten Wor⸗ te geweſen. „Ja, ja— ich will, ich muß dich retten,“ rief ſie lant, und ihr Plan war fertig. Sie ſank Schmalbohm um den Hals und beſchwor ihn, eine einzige Bitte, die letzte Bitte, die ſie in dieſer Welt an ihn thue, ihr zu gewaͤhren. Von einem ſolchen Maͤdchen umſchlungen, kann kein Mann etwas abſchlagen. Schmal⸗ bohm ſagte unbedingt zu. Sie verlangte 2000 Rubel bis zur Nuͤckkunſt ihres Vaters aus Kurland. Schmalbohm eilte, ſie zu ho⸗ — 44— len. Sie bat, ſie nicht ſelbſt zu bringen, ſon⸗ dern ſie zu ſchicken, und erſt morgen fruͤh zu ihr zu kommen, dann werde ſie hoffentlich ge⸗ faßter ſeyn.„Ihre Delicateſſe, Ihre Zart⸗ heit, erdruͤckt mich, mein Freund;“ ſagte ſie, und druͤckte mit ungewohntem Ungeſtuͤm ſeine Hand an ihr hochfliegendes Herz.„Ich wer⸗ de Ihnen den heutigen Zug Ihres großen, ed⸗ len Charakters nie vergeſſen. Ich werde Sie ewig ehren, ewig achten. Aber jetzt eilen Sie! Schicken Sie das Geld! Verſchmaͤhen Sie den Kuß meiner Dankbarkeit nicht!“ Mit dieſen Worten lehnte ſich die Exaltirte au Schmalbohms Bruſt. Schmalbohm kuͤßte das zauberiſche Madchen, in deſſen Buſen ſein Himmel und ſeine Hoͤlle lagen, und ſtuͤrzte fort, um ihre Bitte zu erfuͤllen. Jetzt wandte ſie ſich an Adolph, ihren Cou⸗ ſin, einen wackern Jungen, zu dem ſie das mei⸗ ſte Vertrauen hatte. Sie ſprach ihn bloß unter vier Augen. Adolph mußte vor allen Dingen erſt ſeine rechte Hand auf ihr Herz 4 2ͤ——⏑ν———— legen und ſo ſchwoͤren, von dem, was ſie ihm jetzt anvertraue, in acht Tagen, keinem Men⸗ ſchen ein Wort zu ſagen. Die ſtockenden Pulſe* des zerriſſenen Herzens ſchlugen im langſamen Todeszuck unter ſeinen Fingerſpitzen. Er ſchwor und rief freudig,„Maͤdchen, jetzt kann man mir die Zunge aus dem Schlunde reißen, ich verrathe Dich nicht.“ „Nun ſo gceh, und beſorge auf Deinen Namen eine Pedroſchne nach Tobolsk, und ſchaff' mir Saͤbel, Piſtolen und Manns⸗ kleider.“ „Nach Tobolsk? Weißt Du denn, daß ſein Ziel dorthin geht?“ frug Adolph, und das Ruͤckenmark erkaltete ihm vor Schander bei dieſer Frage. „Dorthin, oder uͤber die Grenze: iſt das Letztere, ſo werde ich ihn finden, wenn ich zu⸗ ruͤckkomme: aber iſt er nach Sibirien verbannt, ſo iſt es noͤthiger, ihn dort vor allen Dingen aufzuſuchen. In zwei Stunden halte mit den Courierpferden an unſerm Garten! Steige dann aus, komme in das Haus, ich ziehe Dei⸗ ne Kleider an und ſetze mich in den Wagen. So merkt es weder der Poſtillon, noch ſonſt ein Menſch, denn wir ſollen einander ja aͤh⸗ neln. Ich ereile Cronhelm, kaufe ihn los, fuͤchte mit ihm uͤber die Grenze, und dann ſollſt Du weiter von uns hoͤren. Nach acht Tagen ſag' das Alles dem Vater. Er ſoll ru⸗ hig ſeyn, es wird mir nichts Leides geſchehen. Jetzt fort, fort, wenn Du mich lieb haſt, die Zeit iſt edel.“ Zwei Stunden darauf ſaß ſie, als der nied⸗ lichſte Courier, den je die Sonne beſchienen hat, mit ihren 2000 Rubeln, in der flinken Kibitke, und jagte auf Tod und Leben dem ſchrecklichen Sibirien entgegen. Nach dem Vogel iſt ein ruſſiſcher Cabi⸗ nets⸗Courier bekanntlich das ſchnellſte Ge⸗ ſchoͤpf auf der Erde. Schon auf der erſten Station erfuhr Pawlowna zu ihrer unaus⸗ ſprechlichen Freude, daß ſie auf der richtigen ——— 2ͤ————IJ— 8½ 2 ——— „—— nen halben Tag voraus. — 47— Spur war. Allein jene hatten mehr als ei⸗ Waͤhrend das liebende Maͤdchen Pferden und Menſchen das Queckſilber ihrer Papier⸗ rubel in die Beine gießt, will ich den Zuſam⸗ menhang dieſer unerwarteten Begebenheit in kurzen Worten erzaͤhlen. Cronhelm hatte die Fahnen ſeines Regi⸗ ments heimlich verlaſſen. Ich habe nie er⸗ fahren koͤnnen, welches die eigentliche Veran⸗ laſſung dieſer Entweichung geweſen war; ei⸗ nige nannten deshalb ein ungluͤckliches Duel,, andere einen harten Subordinationsfehler und noch andere gar die Verfertigung falſcher Staatspapiere. Er war an die Ufer der Duͤ⸗ na gefluͤchtet, um von hieraus ſeine Angelegen⸗ heiten auszugleichen. Die Bekanntſchaft mit Pawlownen machte ihm ſeine ungluͤckliche La⸗ ge erſt recht fuͤhlbar. Babette uͤbernahm, oh⸗ ne daß ſie alle es wußten, ohne daß das Maͤd⸗ chen es ahnete, in dieſem Trauerſpiel die Hauptrolle. Sie fachte in dem Herzen beider Liebenden das Feuer einer gluͤhenden Leiden⸗ ſchaft an: ſie naͤherte die ſchwachen Hoffnun⸗ gen des Deſerteurs; ſie wies ihm die Son⸗ nenhoͤhe des Gluͤcks, die er erklimmen konnte, wenn er nur ernſtlich wollte; ſie zeigte ihm den Pfad, auf dem er den Chimboraſſo ſeiner Waͤnſche erſteigen mußte. Sie log ihn zum Land⸗Edelmann, und Cronhelm mußte in die⸗ ſer Luͤge beharren, wenn er Pawlownen, das geliebte Maͤdchen ſeines Herzens, ſein nennen wollte.— Er uͤberreichte, wie wir wiſſen, dem Schwie⸗ gervater, den Abſchied vom Militair und den Guts⸗Kauf⸗Contract. Erſteren nahm er wie⸗ der an ſich; letzteren behielt der Schwieger⸗ vater, um ihn den Gerichten zu uͤbergeben, da⸗ mit dieſe auf den Grund dieſes Kaufbriefes die Verſchreibung anfertigen ſollten, Kraft de⸗ ren Cronhelm Pawlowuen ihr Witthum auf die Guts⸗Revenuͤen ausſetzen wollte. Der Chef des Gerichtshofes kannte natuͤr⸗ lich die Unterſchriften dieſer Contraets⸗Confir⸗ —— en⸗ un⸗ on⸗ ite, hm ner um die⸗ das gen hie⸗ den bie⸗ ger⸗ fes de⸗ —— mation nicht, da dieſer Contrakt von einer Ge⸗ richtsbehoͤrde unterzeichnet war, welche in ei⸗ nem fremden Lande, in einer uͤber 20 Meilen entfernten Provinz ausgeſtellt war. Man wen⸗ dete ſich alſo an den im Orte befindlichen Con⸗ ſul des Reichs, aus dem Cronhelm gekommen zu ſeyn vorgab, und frug ihn, ob dieſe Unter⸗ ſchriften ihre Richtigkeit haͤtten? Der Conſul, ein ſehr ſchaͤtzbarer Mann, erkannte Siegel und Unterſchriften fuͤr richtig, nur war ihm der Stil, die Form und der Stempel des Kauf⸗Contrakts nicht ſo recht mit den Ver⸗ handlungen aͤhnlicher Art ſeines Staates uͤber⸗ einſtimmend. Er bat daher um einige Zeit Aufſchub; er wollte felbſt an jene Gerichtsbe⸗ hoͤrde ſchreiben, und dieſe offiziell uͤber die Richtigkeit jener Confirmation befragen. Als Freund von Pawlownens Hauſe bat er unter⸗ deſſen um die moͤglichſte Verſchwiegenheit und Delicateſſe in dieſer Sache. War es, wie der Conſul halb und halb vermuthete, mit dem Kauf⸗Contrakt nicht 4 — 5⁰— richtig, ſo wollte er Pawlownens Vater die noͤthigen Aufſchluͤſſe geben, und dadurch ver⸗ hindern, daß das liebenswuͤ dige Maͤdchen nicht einem ſo betruͤgeriſchen Abendtheurer in die Haͤnde geliefert werde. An demſelben Morgen, an dem Cronhelm nach Siberien transportirt wurde, erhielt der Conſul die Antwort, daß der Contrakt falſch ſey; daß es keinen verabſchiedeten, wohl aber einen heimlich entwichenen von Cronhelm gebe; daß, wenn der Cronhelm einen Abſchied, von des Monarchen Majeſtaͤt unterzeichnet, vorzeige, dieſer Abſchied eben ſo nachgemacht ſey, als der Kauf⸗Contrakt; daß dem Hofe bereits ſchleunige Anzeige von dem Vorfall gemacht, und dieſem uͤberlaſſen worden ſey, das hierunter weiter Erforderliche in Gnaden zu verfuͤgen. Die Cabinetsfedern ſind gewoͤhnlich raſcher, als die juriſtiſchen Kiele. Der Hof, kaum davon benachrichtiget, machte von dem Vor⸗ fall in Petersburg Anzeige, und trug auf Ver⸗ die ver⸗ hen r in elm der lſch aber elm ied, net⸗ acht dofe fall ſey/ nden her, num Jor⸗ Ver⸗ —— 51— haftung und Auslieferung des Unbeſonnenen an; allein der ſo gerechte als ſtrenge Paul I. uͤbernahm die Beſtrafung des Kopfloſen ſelbſt, und ſandte ihn, um dem beleidigten Hofe ſei⸗ nerſeits die ſchleunigſte und moͤglichſte Genug⸗ thuung zu geben, ſofort nach Tobolsk. Liebe iſt ſtaͤrker und raſcher, als Pflicht. Der Ungluͤcks⸗Courier jagte, nach ſeiner Vor⸗ ſchrift, pflichtmaͤßig unaufhaltſam von Sta⸗ tion zu Station, dem kalten Wohnſitze des menſchlichen Elends zu. Aber Pawlowne er⸗ eilte ihn endlich doch. Die eintoͤnige Glocke ihrer ſchaͤumenden Pferde*) ſchallte uͤber die oͤden Steppen weit voraus. Cronhelm glaubte einen zweiten Courier, der ihm des Kaiſers. Begnadigung braͤchte und ihn zuruͤckrief. Er *) Bekanntlich bedienen ſich die ruſſiſchen Poſtillons keines Horns, ſondern im Bügel des in der Ga⸗ bel ziehenden Pferdes hängt elne Glocke, das „ Läuten derſelben hat auf die Begegnenden die nämliche Wirkung, als das Schmettern des Poſt⸗ horns. Der Poſt muß alles ausweichen. 4* — 5 2— kraute ſeinen Augen nicht, als Pawlowne an ſeinen Wagen ſprang. Er ſtuͤrzte heraus, zu ihren Fuͤßen nieder. Seine Freude, ſein Entzuͤcken, haͤtten keine Worte. Er weinte laut. Er umſchlang Pawlow⸗ nens Kniee. Er bedeckte ihre Haͤnde mit Kuͤſ⸗ ſen und Thraͤnen. Pawlowne verſuchte nun, den Courier zu gewinnen. Sie bot ihm 1000 Rubel, wenn er den Gefangenen laufen ließe, und auf der naͤchſten Station ausſagte, daß er ihm ent⸗ ſprungen ſey. Der Menſch war nicht zu be⸗ wegen. Die JFurcht vor der Knute war ſeine Tugend. Auf dieſe 1000 Rubel hatte ſie al⸗ les gebaut. Ihr ſchoͤnes Gebaͤude ſtuͤrzte in einem Nu zuſammen. Der Schlag traf ſie unerwartet. Sie entdeckte ſich dem Courier; ſie ſagte ihm, daß ſie Frauenzimmer ſey; daß Cronheim ohne ſie nicht, und ſie nicht ohne Cronhelm leben koͤnne.—„Nun ſo kommen Sie mit uns.“ ſagte der Wenſch trocken;„das verwehre ich Ihnen nicht; davon ſteht in meiner Ordre nichts. In Tobolsk leben meh⸗ rere ehrliche Frauen. Sie werden dort auch nicht ſterben. Und haben Sie die Rubel ſo tauſendweiſe wegzuwerfen, wie es ſcheint, nun, deſto beſſer fuͤr Sie.“ Der Vorſchlag war neu. Sie hatte, als ſie aus ihrer Vaterſtadt herausfuhr, nicht im entfernteſten daran gedacht. Aber was ſollte ſie jetzt machen? Den Geliebten ihres Her⸗ zens, der Sprache ganz unkundig, dem Elende allein Preis geben? ihn vielleicht nie wiedet⸗ ſehen? mit Spott und Schmach bedeckt, in das vaͤterliche Haus zuruͤckkehren?—— der erſte Schritt war gethan; der zweite ward ihr leichter. Vielleicht beſtimmten ſie noch gehei⸗ me Urſachen, den Vorſchlag des Couriers zu zergreifen. Sie ſolgte dem Menſchen, der ſie betrogen hatte, in das Exil. Cronhelm fuͤhlte, daß er das Gluͤck des holden Maͤdchens zer⸗ treten hatte. Sein Gewiſſen ſtrafte ihn ſtren⸗ ger, als die Ungnade des gerechten Gaars. Das Verbrechen, das er an Pawlownen be⸗ gangen hatte, lag ſchwerer auf ihm, als der Leichtſinn, mit dem er ſich gegen ſeinen Mo⸗ narchen, gegen ſein Vaterland und gegen ſei⸗ ne flicht vergangen hatte. Er bat, er flehte jetzt ſelbſt, daß Pawlowne zuruͤckkehren, und ihn ſeinem verdienten Schickſale uͤberlaſſen moͤchte. „Ich kann nicht,“ erwiderte das helden⸗ muͤthige Maͤdchen weinend:„ich kann nicht. Laß mich Dein Loos theilen. Wenn wir bei⸗ de zuſammen tragen, wird keinem es ſchwer.“ Da druͤckte der Verbrecher die edle Paw⸗ lowne an die zerriſſene Bruſt, und ſchwor zu den Wolken, ihrer wuͤrdig zu werden.— Jh⸗ rer Treue, ihrer beiſpielloſen Hingebung zu lohnen— ach dieſen Gedanken durfte er nie denken. Die Graͤnzpfaͤhle, die Europa von Aſten trennen, waren die ſtillen Zeugen dieſes Schwurs. Das ſchwaͤrmeriſche Maͤdchen kniete nieder. Sie kuͤßte den Saum des va⸗ terlaͤndiſchen Welttheils. Sie ſchied von Va⸗ ter und Freunden auf ewig.„Nun,“ ſagte — 2 2—— fie mit wehmuͤthigem Laͤcheln, und ihr Blick hing mit zarter Sehnſucht auf dem hinter ihr liegenden Europa,„nun gehoͤre ich Dir, Cron⸗ helm. Mich liebteſt Du. Aus Liebe zu mir wurdeſt Du ſtrafbar. Meine Liebe, meine treue Liebe ſoll Dir fuͤr all' die tauſend bitteren Lei⸗ den, die Deiner in dieſem ſchreckbaren Him⸗ melsſtriche warten, Erſatz ſeyn.“ Sie ſetzte ſich in Cronhelms Kibitke. Der Coprier folgte ihnen in ihrem Wagen. Auf einer der Stationen ward ein Pope nach vie⸗ ler Muͤhe und Aufopſerung gewonnen, ihnen zur Verbindung auf Leben und Tod den kirch⸗ lichen Segen zu ertheilen. Pawlowne legte jetzt die mitgenommene Kleidung ihres Ge⸗ ſchlechts an. So kam das junge Ehepaar nach Tobolsk. Die zweitauſend Rubel waren ziemlich auf der Reiſe geſchmolzen. Der Reſt wurde zur haͤus⸗ lichen Einrichtung und zum Unterhalt auf den erſten Monat verwandt. Pawlowne behielt Muth und Vertrauen auf die Guͤte des Him⸗ — 56— mels. Unverſchuldetes Ungluͤck traͤgt ein rei⸗ nes Gewiſſen leichter, als ein boͤſes das ver⸗ ſchuldete. Cronhelm war oft ſehr niederge⸗ ſchlagen. Wenn der naͤchſte Monat um war, ſo war er auf das wenige eingeſchraͤnkt, was den Verbannten ausgeſetzt iſt, und Pawlow⸗ ne,— wovon ſollte dieſe leben! Pawlowne baute auf ihre Talente. Sie machte Bekanntſchaften mit den erſten Haͤu⸗ ſern des Orts und mit den hieher exilirten Fa⸗ milien, unter denen ſich einige der angeſehen⸗ ſten des ruſſiſchen Reichs befanden. Sie be⸗ zauberte uͤberall durch ihre Sprachkenntniſſe, ihr Spiel, ihren Geſang, ihren einfachen ſtil⸗ len Wandel. Sie aͤußerte kaum den Wunſch, ſich durch Stundengeben ihren Unterhalt zu verſchaffen, als alle Familien ſich an ſie draͤng⸗ ten, um ihre Kinder einer ſo liebenswuͤrdigen Lehrerinn anzuvertrauen. Sie ſpannte bald ihre Forderungen auf den theuern Maaßſtab, der in Tobolsk bekanntlich fuͤr Gegenſtaͤnde des Wiſſenſchaftlichen im Cours iſt, und ſo — — ———B—ᷣ—ͦ—ÿ—V—x—B—B—ꝛ—ꝛꝛ—ꝛ——— ———————— — 206— ———— — A2— — — 8α— verdiente ſie im Durchſchnitt jaͤhrlich dreitau⸗ ſend Rubel. Davon unterhielt ſie ihren Haus⸗ ſtand und zahlte nach drei Jahren ihre Schuld an Schmalbohm ab. Sie hatte an ihren Vater einigemale ge⸗ ſährieben allein dieſer verſchloß ihr ſein Herz. Ihre Briefe blieben alle unbeantwortet. Schmalbohm ſchrieb ihr freundſchaftlich und ſandte ihr das Geld wieder zuruͤck. Allein ſie konnte und wollte es nicht von ihm neh⸗ men; ſie ſchickte es ihm alſo zum zweitenmal, und bat, es zu behalten. Um dieſe Zeit ſtarb der Czaar. Der Kai⸗ ſer Alexander beſtieg den Thron. Eine ſeiner erſten ſchoͤnen Handlungen war, mehrere Un⸗ gluͤckliche in Tobolsk, Nertſchinsk und Irkuzk zu begnadigen. Unter dieſen befand ſich auch Cronhelm. Aber er erlebte dieſe Freude nicht. Er war, im eigentlichſten Sinne des Worts, vor Kummer geſtorben. Pawlowne hatte ihn durch ihre Tugend, durch ihren Umgang, durch ihre Sittenreinheit zu einen guten Men⸗ 53— ſchen gebildet. Er liebte dieſen fleckenloſen Engel mit unnennbarer Zaͤrtlichkeit. Ihr Loos erdruͤckte ihn. Er machte ſich taͤglich im Geheimen Vorwuͤrfe, daß er ſie in ſein Elend mit hinabgezogen habe; daß er gar nichts thun konnte, um ihr nur eine einzige Freude zu machen; daß ſein Verſtand dem ihrigen nicht gleich war; daß er ſo ganz allein von ihrem ſauern Verdienſte lebte; daß, wenn die Arbeit des Tages auch noch ſo ſehr ſie ange⸗ griffen hatte, doch nie eine Klage uͤber ihre Lippen kam, und daß er nichts, ſo gar nichts hatte, als ſein Herz, ſeine Liebe. Pawlowne kam zuruͤck. Wo ein Kaiſer verzeiht, kann das Vaterherz nicht grollen. Der Alte ſoͤhnte ſich mit dem unguͤck⸗ lichen Weibe aus. Schmalbohm war ver⸗ heirathet. Ich fand Pawlowne einige Jahre nach⸗ her, auf einem glaͤnzenden Balle, an der Hand eines zweiten Gatten. Den Reizen de le H D n der lieblichen Frau gegenuͤber, ward man leicht geneigt, auf die kalte Erde, welche die Huͤlle des Unbeſonnenen, tauſend Meilen von Dir, theilnehmender Leſer, ewig bedeckt, kei⸗ nen Stein des Vorwurfs zu waͤlzen. Der Schein »— eruͤgt. Geſtern erſt war ich in der Reſidenz ange⸗ kommen. Couſin Adolph, das luſtige Men⸗ ſchenkind, war einen Tag fruͤher eingetrof⸗ fen, und bewohnte in meiner Auberge, der ſchriftlichen Abrede gemaͤß, das Zimmer ne⸗ ben mir. Er blieb fuͤr immer hier; hatte vor der Hand ſich aber im Wirthshauſe eingemiethet, um ſich ein Logis in der Stadt auszuerſehn und neu einzurichten. Leiſe klopfte es an meiner Thuͤre. Ich rief„herein!“ und ein junges Maͤdchen, ein Koͤrbchen unterm Arm, trat ſchuͤchtern in das Zimmer. — 61— Kaum vernehmbar frug ſie: ob mir von ihrer Naͤhterei etwas gefaͤllig ſei Sie ver⸗ neigte ſich anſtaͤndig bei der Frage, ſchlug den Blick auf die Erde und hielt ihn am Boden geheftet. 1 „Was haben ſie denn Schoͤnes?“ Sie reichte mir das Koͤrbchen. Die kleine weiße Hand zitterte. Sie pries ihre Waare mit keinem Wor⸗ te; ſie ſchwieg, und uͤberließ mir) die aͤußerſt ſauber geſtickten Vorhemdchen, Halstuͤcher ꝛc. ſelbſt zu beſehen und zu beurtheilen. Ihre Stille, ihre Aengſtlichkeit, machte mich auf ſie noch aufmerkſamer, als der Fleiß, der in der geſchmackvollen Arbeit ih⸗ rer huͤbſchen Hand ſichtbar war. Die Kleine war ungefaͤhr 19 Jahr alt; ſie ging einfach, aber reinlich und modiſch gekleidet. Ihr Geſicht ſprach die hoͤchſte Unſchuld aus; ihr Anſtand verrieth Erzie⸗ hung und nicht gewoͤhnliche Herkunft, deſto auffallender war mir ihr Herumgehen in den Wirthehaͤuſern, ihr Beſuchen der Frem⸗ den auf den Zimmern. „Haben Sie heute ſchon viel verkauft?“ „Noch gar nichts.“ „Da muß ich Ihnen wohl das Hand⸗ geld geben. Was koſtet der Jabot hier?“ „Drei Thaler.“ „Das iſt ein bischen viel. Indeſſen mit einem ſo huͤbſchen Maͤdchen darf man nicht handeln.“ Sie warf ihr großes blaues Auge auf mich, ſchlug es aber ſchnell wieder nieder.— Das machte mich irre, ſo ganz unſchuldig mochte die Kleine am Ende doch wohl nicht ſeyn. Ihre Schuͤchternheit war feine Rolle. Ich kannte die Raffinerieen der Reſidenz⸗ maͤdchen aus fruͤherer Zeit. Ich war be⸗ gierig, wie ſie ihr Spiel entwickeln wuͤrde. Ihr nicht im mindeſten entgegen zu kom⸗ men, nahm ich mir feſt vor. Sie ſollte ſelbſt nach und nach den Schleier fallen laſ⸗ ſen, den ſie mit ſo ausgeſuchter Schlauheit uͤber ihre hohe Jungfraͤulichkeit geworfen hatte. Sie hatte ſich ſo kuͤnſtlich einſtudiert, daß der Ungeuͤbte dieſe zarte Bloͤdigkeit durchaus nicht fuͤr Affektation halten konnte. Jetzt— die dunkele Blaͤue ihres feurigen Auges hatte ſie verrathen, der ſchnelle Auf⸗ blick deſſelben, als ich ihr eine kleine Artig⸗ keit uͤber ihr Aeußeres hingeworfen hatte, war mir der Fackeltraͤger bei dem Eintritt in ihre innerſte Tiefe geworden. Jetzt muß⸗ te ſie ihr Spiel noch feiner anlegen, wenn ſie glaubte, mich kaͤuſchen zu wollen. Ich nahm den Jabot, und legte einen Louisd'or auf den Tiſch. „Geben ſie mir lieber Courant, mein Herr, ich kann ihnen auf das Goldſtuͤck nicht wieder herausgeben.“ 4 „Nun ſo behalten ſie das Uebrige! Wir werden ja pfterer mit einander handeln, da koͤnnen wir es in Anrechnung bringen.“ „Nein, mein guter Herr, das geht nicht.“ — 64— Aha, da kam ſchon der gute Herr uͤber die lieblichen rothen Lippen. Aber— ich muß der Wahrheit die Eh⸗ re geben— ſie ſprach das„guter Herr“ mit einer ſolchen, ich moͤchte ſagen, Kind⸗ lichkeit aus, daß eine eigentliche Annaͤherung von ihrer Seite nicht darin lag. Indeſſen athmete ſie jetzt etwas freier. Vorhin hatte ſie einigemale geſchluckt, wenn ſie geſprochen hatte; dies Schlucken iſt immer ein Zeichen der hoͤchſten Verlegenheit. Auf den Sprach⸗ organen liegt dann ein Krampf, und dieſe Art von Krampf verraͤth allemal eine Peini⸗ gung. Jetzt ſchluckte ſie nicht mehr. Das Köpfchen ſtand um † Joll höher, aber die ſchoͤne Bruſt woͤlbte ſich noch nicht, und das zarte Augenlied bedeckte noch den Reiz ihres ſprechenden Blicks. „Kind,“ hob ich ſcherzend an: hich bin Herr meines Geldes. Wenn ich Sie nun erſuche, den Ueberſchuß des Louisd'ors einſt⸗ ber — 65— weilen aufzuheben? Dieſe kleine Gefaͤlligkeit werden ſie mir doch nicht abſchlagen?“ „Ach nein, mein guter lieber Herr; aber das geht wirklich nicht,“ uͤber dem kleinen Munde ſchwebte bei dem Worte ein leiſes heimliches Laͤcheln. Sie hatte mich verſtan⸗ den.„Nehmen Sie lieber fuͤr das Uebrige Ihres Louisd'ors,“ ſetzte ſie, den Kopf wie⸗ der etwas tiefer geſenkt, hinzu,„noch Et⸗ was von meiner Arbeit, ſo ſind wir aus⸗ geglichen.“ „Mein liebes Maͤdchen, ich kann vor der Hand nichts weiter brauchen. Wollen Sie das, was Sie an Gelde zuviel empfangen, durchaus nicht umſonſt nehmen, ſo— nun ſo geben ſie mir einen recht huͤbſchen Mor⸗ genkuß dafuͤr.“ Ich aͤrgerte mich, als ich dies heraus hatte; es war ja mein feſtex Vorſatz geweſen, ihr nicht entgegen zu kom⸗ men. Aber ſo ſind die Maͤnner. Wahr⸗ haftig, ſie treten den Zaun, den die Natur VI. 5 — 66— um das Maͤdchen gezogen hat, allemal zuerſt nieder. Allemal. Die Kleine griff mit aͤngſtlicher Schnelle nach ihrem Jabot, ließ das Goldſtuͤck auf dem Tiſche liegen, machte eine halbe Ver⸗ beugung und ging nach der Thuͤre. „Mademoiſelle, ein einziges Wort! Blei⸗ ben Sie! Ich will keinen Kuß; ſeyn Sie ganz ruhig.“ Sie blieb ſtehen; wandte ſich, und hatte die Hand vor den Augen. „Mit dem Kuß war es mein Scherz,“— eigentlich war es mein voller Ernſt geweſen, denn das Maͤdchen war ganz allerliebſt. Ein Herrnhuter haͤtte ihr das nicht abſprechen koͤnnen.„Geben Sie mir den Jabot, und nehmen Sie den Louisd'or; Sie brauchen mir nichts darauf wieder herauszugeben; ich habe Ihnen einen Schreck eingejagt; ich bin Ihnen Schmerzens⸗Gebuͤhren ſchuldig, und das von Rechtswegen.“ ——9 2 2— „— — 67— Beſah ich die Sache mit dem Auge der Billigkeit, ſo war ſie mir auch Schmerzens⸗ Gebuͤhren ſchuldig; ich hatte einen Schmerz unter der linken Bruſt, der mir recht wohl zu thun anfing. Die Kleine ſtand in einem eigenen Zauber vor mir. War ſie Wahr⸗ heit, was ich immer noch nicht beſtimmt wußte, ſo hatte ich in meinem Leben nie ein intereſſanteres Nahter⸗Maͤdchen geſehen. „Braucht man denn hier in der Re⸗ ſidenz ſo wenig Geld, daß ſie durchaus dieſe Kleinigkeit nicht nehmen wollen, die ich mit tanſend Vergnuͤgen auf das Gluͤck rechne, eine ſo ungemein liebe Bekanntſchaft ge⸗ macht zu haben?“ „Brauchen?— brauchen?— Ach, mein Herr!“ Sie ſenkte das große Auge in ihr Koͤrb⸗ chen und hob es dann zu den Wolken, als ob ſie dort oben die Huͤlfe luchen wollte, die ihr die Naͤhterei in ihrem Koͤrbchen nicht zu bieten vermogte. 6* —— 68— „Verdienen Sie denn nicht ſo viel, als Sie brauchen?“ „Nicht die Haͤlfte, nicht das Viertel.“ „Das iſt traurig.“ „Ja wohl traurig, ſehr traurig,“ fagte ſie bedeutend, und eine lang verhaltene Thraͤne trat ihr ſtill in das Auge⸗ Sie wiſchte ſie weggewandten Geſichts, mit dem Finger ſchnell weg; aber ich hatte ſie bemerkt, und der Gott, dem die Thraͤne eines frommen Kindes wohlgefaͤllig iſt, hatte gewiß auch den Kummer ihres gebrochenen Herzens geſehen. „Sonſt naͤhrt doch Arbeit immer ihren Mann. Sie ſetzen vielleicht den Preis der ihrigen zu niedrig an?“ „Ach nein! ich arbeite aber nicht allein fuͤr mich. Ich habe eine arme kranke Mut⸗ ter und noch zwei kleine Geſchwiſter,“ Jetzt konnte ſie nicht mehr. Sie nahm das Tuch vor das Geſicht, ſie weinte, ſi ſe ſchluchzte. Ich war tief bewegt. Ich haͤtte jetzt viel darum gegeben, wenn ich den faden Scherz mit dem Kuſſe haͤtte zuruͤcknehmen koͤnnen. Natuͤrlich hatte ich ihr Vertrauen verloren. Ich eilte, das Unrecht, was ich ihr angethan, wieder gut zu machen. „Mein gutes Kind,“ hob ich herzlich und wohlmeinend an,„eine ſolche Lage for⸗ dert lebhaft zur Theilnahme auf. Ich bin nicht reich, ſonſt wuͤrde ich mich ſelig ſchaͤt⸗ zen, mehr fuͤr Sie zu thun. Aber— er⸗ weiſen Sie mir den Gefallen, und nehmen Sie jenen Louisd'or fuͤr ihre Arbeit, und dieſen hier fuͤr Ihre arme kranke Mutter.!“ „Mein guͤtiger Herr, mein ſehr guͤtiger Herr, ach wie ſoll ich Ihnen danken,“ ſagte das fromme Kind, und legte beide Haͤnde vor die von Freude und Zweifel durchkreuz⸗ te Bruſt. 3 „Legen Sie keinen zu großen Werth auf die Kleinigkeit! Ich wollte hier Schau⸗ ſpiele, Conzerte u. dergl. ſehen. Da gehe — 760— ich nun einige Male weniger hin, das iſt alles. Aber von Ihnen, mein liebes Kind, biete ich mir dafuͤr eine Gefaͤlligkeit aus.“ Sie ſtutzte. Die verdammten Kuͤſſe mogte ſie wieder fuͤrchten. Das las man in dem kleinen, gar ſehr huͤbſchen, ausdrucks⸗ vollen Geſichte. „Sie muͤſſen,“— ich ſtockte. War es Eiferſucht, war es Beſorgniß fuͤr mich oder fuͤr ſte, was aus mir ſprach, ich weiß es nicht.— „Ich will fuͤr Sie wirken. Ich will mich bei meinen Freunden hier bemuͤhen, Ihre Lage zu erleichtern, aber— Sie muͤſ⸗ ſen mir verſprechen, nicht mehr auf den Fremdenzimmern in den Wirthshaͤuſern her⸗ um zu gehen. Dazu, liebes Kind, ſcheinen Sie nicht gemacht zu ſeyn.““ „Ach Gott, nein, nein, das bin ich auch nicht. O, mein guͤtiger Herr! wenn Sie die Centnerlaſt haͤtten waͤgen ſollen, die auf meinem Herzen laſtete, als ich an Ihrer iſt — 7¹— Thuͤre anklopfte! Es iſt mein erſter, mein allererſter Gang dieſer Art.“ „Ihr erſter, in Ihrem Leben Ihr erſter? „Ach, ich habe heute fruͤh Gott um Muth und Staͤrke, auf meinen Knieen ge⸗ beten. Aber ich fuͤhlte doch, daß mir das Blut aus dem Geſichte wich, als ich in ihr Zimmer trat. Ach, nur wer arm iſt, kennt den namenloſen Schmerz des Ungluͤcks. Sonſt las ich oft vom Gluͤck der Armuth. Jetzt— ich muß das Geld nehmen, als Ge⸗ ſchenk nehmen, das Sie fuͤr Ihr Vergnuͤgen beſtimmt hatten. Ich muß es nehmen, denn Sie haben es meiner Mutter, meiner armen Mutter geſchenkt;— ſonſt— ach/ ich gab den Armen ſo gern. Ich ahncte nicht.—— „Sie lebten ſonſt in gluͤcklichen Um.— ſtaͤnden?“ „In fehr gluͤcklichen,“ ſagte ſie leiſe/ und ſeufzte tief. „Lebt Ihr Vater noch? 92.— „Nein! ſeit einem Jahre hat er die Ru⸗ he gefunden, die er geſucht hat.“ Ich ſchanderte, verſtand ich recht, ſo klagte das Kind den Vater als Selbſtmoͤr⸗ der an „Was war ihr Vater? „Geheimer Rath.“ „Geheimer Rath? und Sie hier im Kampfe mit Hunger und Verzweiflung?“— „Mit Hunger?— ja, ach großer Gott, ja! oft, ſehr oft bin ich in dieſem Jahre ſchon hungrig mit meinen kleinen Geſchwi⸗ ſtern zu Bette gegangen. Aber Verzweif⸗ lung?— nein— nein. Rauben ſie mir meinen Glauben nicht,“ rief ſie laut, druͤckte weinend die gefaltenen kleinen Haͤnde vor die hochſchwellende Bruſt zuſammen, und warf einen Blick gen Himmel, der den er⸗ weichen mußte, der die Lilien auf dem Fel⸗ de wachſen laͤßt, und ſeine Welt mit Erbar⸗ men umfaͤngt. Ru⸗ ſo ör⸗ 8 „Durch die ungluͤcklichen Conjuncturen der Zeit verlor mein Vater ſeine Stelle. Er ward auf halbe Penſion geſetzt; das nahm er ſich zu Sinne. In ſeinem fruͤhern Ver⸗ haͤltniß hatte die vielleicht zu elegante Ein⸗ richtung ſeines Hausweſens ihm Schulden zugezogen; jetzt konnte er dieſe nie abbezah⸗ len. Seine Glaͤubiger draͤngten ihn mit grauſamer Haͤrte; ſein ſchneller Tod rettete ihn vor ihren Verfolgungen. Nun hatte meine Mutter nichts, als ihre drei Kinder. Wir zogen hierher, um hier, wo wir unge⸗ kannt ſind, von der Hoͤhe unſers Standes herabzuſteigen, und in der tiefen Verborgen⸗ heit zu leben, in die uns unſer Schickſal ge⸗ wieſen hatte. Es gelang mir durch unſere Wirthin, Arbeit auf Beſtellung zu erhalten; allein die Familien, die ich mit meiner Ar⸗ beit verſah, ſind theils jetzt auf das Land gezogen, theils in die Baͤder gereiſt, theils ſind ſie nun mit ihren Beduͤrfniſſen auf eine Zeit lang durch mich verſorgt, und ſo ſtockte auch dieſer kleine Nahrungsquell. Um das Maaß meines Ungluͤcks voll zu machen, er⸗ krankte meine Mutter. Unſere Wirthin gab mir den Rath, meine Naͤhterei nun ſelbſt auszutragen, und vorzuͤglich die Fremden in den Aubergen außzuſuchen, die beſſer bezah⸗ len, als die Einheimiſchen, auch wuͤrde ich laͤnger im Orte unbekannt bleiben, welches meine Mutter vorzuͤglich wuͤnſcht,(die in dem Schimmer ihres vorigen Glanzes, viel⸗ leicht nur aus Gewohnheit, noch gern ihr Gluͤck ſucht, und daher alle Beſchaͤmungen, die ſie von der Kundwerdung unſers Ran⸗ ges und unſerer fruͤheren Verhaͤltniſſe aͤngſt⸗ lich fuͤrchtet, moͤglichſt zu vermeiden wuͤnſcht.) Ich ſtraͤubte mich lange, den Schritt in die Gaſtzimmer der Fremden zu wagen. Aber heute— meine kleine Hauskaſſe war gaͤnz⸗ lich erſchoͤpft. Geſtern hatten wir uns alle ohne Eſſen niedergelegt. Heute klagten mei⸗ ne Kleinen mir mit bittern Thraͤnen ihren Hunger. Die Mutter ſehnte ſich nach einer ſch Erquickung— da mußte ich. Ich mußte. Die heißen Thraͤnen ſchoſſen ihr wieder in die Augen, ſie wollte noch etwas von mei⸗ ner Großmuth oder ſo was Gutes ſagen, aber das Weinen erſtickte ihre Stimme, und das war auch recht gut; denn mit meiner Großmuth, unter uns geſagt, war es an⸗ faͤnglich nicht weit her; ich haͤtte den gan⸗ zen Jabot nicht gekauft, und der zweite Louis⸗ d'or waͤre auch nicht in das Koͤrbchen, ſondern ins Schauſpielhaus gewandert, wenn, ſtatt des wunderlieblichen ſchuͤchternen Maͤd⸗ chens, eine Freche, Zahnloſe— vielleicht eben ſo arm, eben ſo ungluͤcklich— in mein Zim⸗ mer getreten waͤre. So find die Maͤnner alle; aber ich mag keine Worte daruͤber verlieren, denn ich aͤndere ſie mit meinen noch ſo ſchoͤnen Tiraden doch nicht. Jetzt hatte mich die Lage des reizenden Maͤdchens ergriffen, vielleicht mehr als ihr ſchoͤner Koͤrper, ihr ſeelenvolles Ange, ihr Anſtand, die natuͤrliche Grazie in allen ih⸗ ren Bewegungen. „Mein edles, mein himmliſches Maͤd⸗ chen! ich habe ein geliebtes Weib daheim. Ich hatte mir vorgenommen, eine kleine Bi⸗ jouterie zum Andenken ihr mitzubringen. Das liebſte Geſchenk wird meiner Maria ſeyn, wenn ich ihr erzaͤhle, daß ich einer ſo ungluͤcklichen Familie, einem ſo liebenswuͤr⸗ digen Maͤdchen, eine frohe Stunde gemacht habe.”“ Ich legte drei Louisd'or zu den vo⸗ rigen zweien, wickelte ſie in ein Papierchen, und ſteckte ſie in das Koͤrbchen. „Ach mein Herr!“ rief das Maͤdchen, und ihr kummervoller Blick verklaͤrte ſich in Freude und lautes Entzuͤcken.„Ich verſtehe noch nicht die ſchwere Kunſt zu nehmen, haͤtte ich doch Worte fuͤr meinen Dank!“ „Kommen Sie“— entgegnete ich mit heimlicher Freude, das Maͤdchen bald wieder zu ſehen,—„kommen Sie in einigen Ta⸗ gen wieder; ich werde unterdeß mit mehrern . 1— ih⸗ hiefigen Familien ſprechen, die ich genau kenne, und die ſich gemeinſchaftlich mit mir d⸗ gern beeifern werden, Ihnen ein beſſeres Loos m. bereiten zu koͤnten.“ Bi⸗ Das Maͤdchen ordnete die Naͤhterei in en. ihrem Koͤrbchen, machte eine verbindliche ria Verbeugung, und ging. ſo Es war mir lieb, daß Couſin Adolph uͤr⸗ das holde Naͤhtermaͤdchen nicht bei mir ge⸗ cht troffen hatte, denn ſein leichter Sinn war po⸗ nicht geeignet, die Liebliche mit der Zartheit en, zu behandeln, die ihr Schickſal, ihre Lage forderten. Er war ſchon ausgegangen ge⸗ en, weſen, und kam nach einigen Stunden, um in ſich eleganter anzukleiden, und mehrere Viſi⸗ ehe ten bei verſchiedenen Großen zu machen, bei en, denen er ſich, als eben ernannter Rath im hoͤchſten Collegio des Landes, praͤſentiren mußte. nit Vierzehn Tage hatte ich auf das Wie⸗* der derkommen meines Schuͤtzlings umſonſt ge⸗ La⸗ wartet. Ich hatte dieſe Zeit benutzt, um fuͤr die ungluͤckliche Familie zu wirken. Aus Diseretion hatte ich die intereſſante kleine Naͤhkerin weder um ihren Namen, noch um ihr Logis gefragt, indeß hatte ich mehrere meiner wackern Freunde zu einem jaͤhrlichen Beitrag fuͤr die Norhleidenden vermogt, ſo, daß ich ihnen eine jaͤhrliche Unterſtuͤtzung von faſt 200 Thalern bieten konnte, und ich freu⸗ te mich des Augenblicks, wo das Maͤdchen kommen wuͤrde, um ihr die froͤhliche Croͤff⸗ nung machen zu koͤnnen. Die Schaͤndliche hatte mich betrogen. Zufaͤllig komme ich in einen oͤffentlichen Ort außerhalb der Stadt, wo ſich vorzuͤglich des Sonntags Nachmittags, die ſchoͤne Welt der Reſidenz verſammelt, und unter Muſik und froͤhlichem geſelligen Scherz, allerlei Er⸗ friſchungen genießt. Da ſitzt die gemeine Luͤgnerin mit ihrer Mutter und den Kleinen,. hinter einem, mit Kuchen, Kaffee und fei⸗ nem Obſte belaſteten Tiſche. Das Maͤd⸗ chen war ſchoͤn, wie die Goͤttin der Liebe, und die Eleganz ihres geſchmackvollen An⸗ +—„ 8———„—— 8„„„ n⸗ zugs deutete auf Stand und Vermoͤgen. In ihrem dunkeln Haar blitzte ein Halbmond von Juwelen, ihren jungfraͤulichen Buſen zierte eine Roſe, die ein Pfeil von Diaman⸗ ken feſthielt. Vom gerechteſten Unwillen uͤberwaͤltigt, ſenkte ſich mein Blick auf den Jabot ihrer kleinen Hand. Alſo darum hatte ich der langerſehnten Freude entſagt, das Schau⸗ ſpiel zu beſuchen? Alſo darum hatte ich den Genuß geopfert, meiner Maria einen kleinen Beweis meines Andenkens aus der Reſidenz mitzubringen? Alſo darum hatte ich die Guͤte, die Menſchenfreundlichkeit meiner Be⸗ kannten in Anſpruch genommen. Nein, ſo arg, ſo bitter hatte mich noch niemand in der Welt getaͤuſcht. Wie mußte die Abſcheu⸗ liche mich ausgelacht haben, als ſie mir mei⸗ ne ſchoͤnen Louisd'ors, die heut zu Tage kein Menſch uͤbrig hat, mit ihren Thraͤnen abgeheuchelt hatte. Ich wollte erſt hin, um ihr wenigſtens mit einem Blick zu ſagen, — 8⁰— daß ich, trotz ihrer lieblichen Huͤlle, itzt doch das Krokodill erkannt haͤtte. Aber was half mir dieſe Zuͤchtigung! Meine fuͤnf Gold⸗ ſtuͤcke waren ja doch nun einmal dahin; und dem verſiockten Reſidenzmaͤdchen durfte ich zutrauen, daß es ihr noch obenein Spaß ge⸗ macht hatte, dem Leichtglaͤubigen vom Lande ihre Superioritaͤt im Felde der Kniffe und Naͤnke fuͤhlen zu laſſen. Dieſen ſchmerzli⸗ chen Triumph konnte ich ihr nicht goͤnnen. Ich ſetzte mich in eine Laube, aus der ich ſie ungeſehen beobachten konnte. Ich ha⸗ derte mit Gott, daß er dieſem ausſtudir⸗ ten jungen Teufel die Larve eines Engels vorgebunden hatte. Die kleine Hausbeſtie war ſo ſchoͤn, ſo wunderſchoͤn, daß ſie die Blicke aller Voruͤbergehenden auf ſich zog. Mehrere junge Maͤnner blieben, wenn ſie ihrem Luftkreiſe ſich naͤherten, unwillkuͤhrlich ſtehen, und weilten mit ihren Blicken, wie angezaubert, auf der Holden. AÄber keiner ging an ſie heran, keiner ſprach mit ihr. 31— Natuͤrlich. Denn kannte ſie, wie wahr⸗ ſcheinlich, auch mancher unter ihnen, ſo war hier, im Zirkel honnetter Familien, nicht der Ort, die Bekanntſchaft mit dieſem naͤchtli⸗ chen Raubvogel zu verlautbaren. 3 Die Mutter war blaß, die Kleinen hun⸗ grig. Dieß, die Krankheit der Alten und der Hunger der Kleinen, mogte alſo das ein⸗ zige Faktiſche in ihrer Geſchichte ſeyn. Den Kindern ſchmeckten mein Kaffee, mein Ku⸗ chen und meine Kirſchen ganz vortrefflich. Die kleinen Raben haͤtten mir das Herz aus dem Leibe gefreſſen, wenn ich es mit mei⸗ nem Golde in das Koͤrbchen der Satans⸗ ſchweſter gelegt haͤtte. 4 So reizend ſie als pauvre honteuse vor mir geſtanden hatte, ſo bezaubernd war ſie hier als reiches Maͤdchen von Stande. Ich haͤtte dreuſt meine fuͤnf weggeworfenen Louisd'or wieder gewinnen koͤnnen, wenn ich ſie darauf verwettet haͤtte, ob jemand in dieſem Stolze, in dieſer Haltung, in dieſer 6 — 8²— Engelsreinheit, in der frommen Kindlichkeit dieſes Blicks, in dieſer zarten Aufmerkſam⸗ keit auf Mutter und Geſchwiſter, ein Naͤh⸗ termaͤdchen, eine Buhldirne, eine Betruͤge⸗ rin ahnen konnte. Zuweilen nur ſchweifte ihr himmliſches dunkelblaues Auge unter der Menge umher; es ſollte ausſehen, als ob ſie auf jemand warte, denn ſie fixirte mehreremale den Blick auf den Weg nach der Stadt. Aber eigent⸗ lich ſuchte ſie friſche Beute. Zufaͤllig ſtreif⸗ te ihr weit umher ſpaͤhender Blick auch an meiner Laube vorbei. Sie erkannte mich. Eine ſchnelle Roͤthe uͤberhauchte ihre Wan⸗ ge. Sie bog ſich zur Mutter heruͤber, ſagte ihr etwas leiſe in das Ohr, und laͤchelte!—— Großer Gott. Sie laͤchelte!! Groll, giftiger Groll krampfte mir die Bruſt zuſammen; ich ſtand auf und ging. Ich hatte mit Couſin Adolph, der den Mittag bei ſeinem Miniſter geſpeiſt hatte, die Abrede genommen, uns einander hier zu ſei keit am⸗ daͤh⸗ uͤge⸗ ches her; and blick hent⸗ reif⸗ an ich. Van⸗ agte — 33— treffen. Aber ich konnte nicht bleiben. Das Stichblatt eines ſolchen verworfenen We⸗ ſens zu ſeyn, war mir nicht moͤglich. Ich ſchlich mich ungeſehen hinter ihrem Tiſche weg. Der eine Junge, ihr Bruder, hatte eben ein Herz von Mandeltorte zwiſchen den Zaͤh⸗ ſnen. Das du Gift freſſen moͤgteſt/““ knirſchte ich heimlich, und fuͤhlte, ob das meinige noch ſchluͤge, denn es ward mir kalt und leer un⸗ ter der linken Bruſt. Vor dem Thore begegnete mir Adolph in ſeiner Equipage. Er entſchuldigte ſich daß er nicht fruͤher gekommen war, bat daß ich einſteigen und mit ihm wieder heraus⸗ fahren moͤchte, und erkundigte ſich, ob ich viel ſchoͤnes draußen gefunden haͤtte. „Die Hoͤlle,“ entgegnete ich ihm, und bat ihn, nicht hinzufahren, ſondern mit mir umzukehren, denn, ſah er das Maͤdchen, und ſeinem Auge entging die Reizende beſtimmt nicht, ſo hatte er, wie ich ihn kannte, heute noch eine Bekanntſchaft mit ihr angeknuͤpft, 6* und ihn, den reichen verſchwenderiſchen Feu⸗ erkopf, koſtete dies abgefeimte kleine Teu⸗ felskind ſo viel hunderte, als ich Thaler daran gewendet hatte, „Die Hoͤlle?“ frug er lachend,„ſprich deutlicher, Menſch, was iſt Dir begegnet.“ „Kehre um, wir wollen zu Hauſe fah⸗ ren, dort will ich Dir alles erzaͤhlen, Du mußt es wiſſen, alles wiſſen. Gerade Du“ „Umkehren kann ich nicht; ich habe meh⸗ reren verſprochen, hinaus zu kommen. Setze Dich mit ein! Fahre mit! Ich fuͤhre Dich in meinen Cirkel ein. Vielleicht findeſt Du manche Bekannte darinnen.“ „O, ich habe gefunden. Eben das. Mit zuruͤckfahren kann ich um keinen Preis. Ich muͤßte mein Selbſtgefuͤhl verlaͤugnen.“ „Was Henker, Vruͤderchen, ſo verdruͤß⸗ lich habe ich Dich in meinem Leben noch nicht geſehen.“ „Verdruͤßlich? vergiftet bin 194 „Vergiftet?“ ſchrie Adolph, und wollte eu⸗ eu⸗ aus dem Wagen ſpringen. ler„Im Gemuͤth, im Herzen,“ ſagte ich ſchnell, um ihn zu beruhigen.„Kannſt Du h nicht jetzt mit nach der Stadt umkehren, „ ſo komm wenigſtens ſo bald als moͤglich. Halte Dich draußen nicht lange auf, ich be⸗ ah⸗ darf heute Deiner Geſellſchaft mehr als je.“ du„Ich komme in einer Stunde,“ antwor⸗ 146 tete Adolph, und hieß dem Kutſcher, nun eh⸗ zu fahren. etze„Noch eins Adolph“— ich konnte nicht; ich ich mußte ihn warnen. Die Angſt, daß der 1 Du herrliche Junge verloren gehen moͤgte, druͤck⸗ te mir das Herz ab.„Noch eins Adolph: Nit du wirſt draußen das ſchoͤnſte Maͤdchen des ch Erdbodens ſehen.”“ „Bon, bon!“ iß⸗„Warte nur, laß mich ausreden! Das ch Maͤdchen iſt eine Canaille. Um Gotteswil⸗ len ſprich nicht mit ihr! Ich werde Dir alles erzaͤhlen, wenn Du zu Hauſe kommſt. 21 — 36— Einen Halbmond in den Haaren, eine Roſe mit einem Pfeil vor dem Buſen, eine blaſſe Mutter zur Linken und ein Paar Vielfraße zur Rechten. Du kannſt nicht fehlen. Jetzt fahre mit Gott!“ Adolph lachte, als ob er einen Irren ſprechen hoͤre; die wilden Rappen ſtanden nicht laͤnger, und ich ging mit meinem Aer⸗ ger nach Hauſe. Nach einer Stunde riß Adolph die Thuͤ⸗ re weit auf, rief freudig:„Bruͤderchen, Fraͤu⸗ lein Emilie von Haldenburg, meine Braut!“ und trat, das koͤſtliche Maͤdchen mit dem Halbmond in den Haaren an ſeiner Seite, in mein Zimmer. In der erſten Ueberraſchung glaubte ich, daß das wunderliebliche Fraͤulein Emilie und mein Naͤhtermaͤdchen, zwei verſchiedene, und ſich im aͤußern nur aͤhnliche Perſonen waͤ⸗ ren, aber als die Raͤthſelhafte nur den Mund aufthat— ſchon an ihrer Verbeugung er⸗ kannte ich die kleine Betruͤgerin wieder. Ih — 37— war ſehr verwirrt, und meine Verlegenheit ſtieg auf den hoͤchſten Grad, als die ſchoͤne Emilie mit unbeſchreiblicher Anmuth ſich mir naͤherte, meine Hand mit Herzlichkeit ergriff, und ſagte:„das ungluͤckliche Maͤdchen mit dem Koͤrbchen, mußte Ihnen, ſehr edler Menſch, den Kuß des Dankes verſagen. Adolphs uͤbergluͤckliche Braut bittet Sie, den heiligen Bund der Verwandſchaft damit zu beſiegeln“ Meiner ſelbſt halb unbewußt, ſchloß ich das niedliche Maͤdchen in meine Arme, und druͤckte auf die bittenden Lippen ſo viele Kuͤſſe der Freundſchaft und Ver⸗ wandſchaft, daß Adolph endlich ausrief: ich haͤtte den Bund nun genug beſiegelt. Laͤ⸗ chelnd wand ſich Emilie aus meinen Armen und ſank an Adolphs Bruſt, um ſeine nei⸗ diſche Aeußerüng mit ihrem wuͤrzigen Mun⸗ de zum Schweigen zu bringen. „Aber Kinderchen,“ hob ich, zu mir ſelbſt allmaͤhlich gekommen, an:„wenn es kein Traum iſt, was ich hier vor mir ſehe, ſo erzaͤhlt doch, wie das alees gekommen.“ „Alles, alles ſollſt Du erfahren, mein wackerer Bruder,“ ſagte Adolph tief geruͤhrt, und ſchloß mich an ſein hochaufſchlagendes Herz.„Am Throne Gottes, edler Junge, werde ich einmal laut erzaͤhlen, was Du an meinem Maͤdchen gethan „Stille, ſtille Adolph,“ rief ich dem Ex⸗ altirten zu, und ſchaͤmte mich, daß er jen⸗ ſeits der Lumperei erwaͤhnen wollte, der ich— ich Erbaͤrmlicher heute Nachmittage geflucht hatte. Wie gewichtlos mußte dem Allwiſ⸗ ſenden meine That ſeyn, die mich heute ſo ſchmerzlich gereut hatte. Wahrhaftig, wir ſind recht elende Menſchen.„Stille Adolph,“ wiederholte ich, und die innere Schaam faͤrbte mein ganzes Geſicht.„Davon ſchwei⸗ ge: aber ſprich, wie haͤngt das Alles ſo ſon⸗ derbar zuſammen?“ „Den Aufſchluß des Rigs erzaͤhl' ich Dir in zwei Worten. Jetzt fahre ich aber erſt meine Braut zu Hauſe, dann komme ich wieder her, ſtatte Dir treuen Rapport uͤber die ganze Geſchichte ab, und heute Abend biſt Du dann unſer Gaſt. Wir feiern unſere Verlobung,“ Er bot ſeiner reizenden Braut den Arm. Das Maͤdchen ſtellte ſich auf einmal unten an die Thuͤre.„Hier,“ ſagte ſie in feierli⸗ cher Erinnerung verſunken,„hier ſtand ich, huͤlflos, zitternd, allein, ganz allein auf die⸗ ſer weiten Welt. Da ſandte Gott ſeinen Engel, der hielt mich. Und jetzt— ach jetzt! Adolph! mein ewig geliebter Adolph! Guter, guter Gott, bin ich denn deiner Guͤte werth?“ Sie hob weinend die kleinen Haͤn⸗ de, die drei Menſchen genaͤhrt, gepflegt und erhalten hatten, zum Himmel. Adolph zog mich und das fromme Kind ſchweigend an ſeine Bruſt. Sie gingen Arm in Arm zum Zimmer hinaus, und fuhren nach ihrer Behauſung. Bald darauf kam Adolph wieder. „Nun hoͤre zu, mein Freund, mein Bru⸗ der,“ hob er an,„ich werde mich kurz faſ⸗ ſen. Ich kannte Emilien ſchon, als ſie mit ihrer Familie noch im gluͤcklichen Verhaͤlt⸗ niß lebte. Ihre Talente, ihre Erziehung, die Guͤte ihres Herzens, hatten mich feſt an das Maͤdchen gekettet. Ich haͤtte damals ſchon geſprochen; allein der unbaͤndige Stolz des Vaters ließ mich fuͤrchten, daß meine Antraͤge nicht angenommen werden wuͤrden. Emilie war mir recht gut; ich bildete mir ſogar halb und halb ein, daß ſie mich liebte. Waͤhrend des Krieges ward ich verſetzt; ich ward an 100 Meilen von der Lieblichen ge⸗ trennt. Den Tag vor meiner Abreiſe uͤber⸗ fluͤgelte mich mein Herz. Als ich Abſchied von der Familie nahm, erzaͤhlte ich geſpraͤchs⸗ weiſe, daß ich den letzten Abend meines Hier⸗ ſeins ganz allein im Buchwaͤldchen, meinem Lieblingsplatze, verbringen wuͤrde. Dies Waͤldchen iſt der Sammelplatz der dortigen beau monde, wird aber in den Wochenta⸗ „ e—.———9 2 — 91— gen faſt gar nicht beſucht. Beim Scheide⸗ kuſſe, den ich auf Emiliens Hand druͤckte, liſpelte ich leiſe:„ich ſehe Sie noch.“ Sie hatte mich verſtanden. Sie kam mit einer vertrauten Freundin. Ich ſorach mit ihr offen und ernſt. Sie gab mir den erſten Kuß der Liebe; ich ſchwor ihr bis zum letz⸗ ten treu zu ſein. Dem Vater wollte ich von unſerm Verhaͤltniß ſchreiben, ſobald ich die Rathsſtelle erhalten haͤtte, die ich damals fruͤher zu erhalten hoffte. Ich lerhielt einen einzigen Brief von ihr. Die meinigen, die ich an einen Freund couvertirte, kamen zu⸗ ruͤck, weil die Familie nach dem Tode des Vaters, der ſich vergiftet haben ſollte, weg⸗ gezogen ſei, ohne daß man wußte, wohin. Mein Dienſt feſſelte mich an meinen Poſten, ich konnte, beſonders in der damaligen un⸗ ruhigen Zeit, auf die Erhaltung eines Ur⸗ laubs, um ſie aufzuſuchen, nicht rechnen. Ich ließ in mehrere Zeitungen an E. v. H. eine — 92— Aufforderung einruͤcken, mir vom jetzigen Auf⸗ enthalte Nachricht zu geben. Alles umſonſt. Endlich erhalte ich den langverheißenen Rathspoſten, und komme hierher. Den Mor⸗ gen nach Deiner Ankunft gehe ich fruͤh aus. Du ſchliefſt, glaubte ich, noch. Als ich zu⸗ ruͤck komme, und hier in der Straße ſchon bin, tritt ein ſehr niedliches Maͤdchen mit ei⸗ nem Koͤrbchen unter dem Arme aus dem Hau⸗ ſe, haucht in ihr Tuch und haͤlt es vor die Augen, ſo wie man gewoͤhnlich zu thun pflegt, wenn man nicht ſehen laſſen will, daß man geweint hat. Das Geſicht ſelbſt barg mir der Strohhut. Die Figur war ſo huͤbſch, ihre Manier ſo beſcheiden, ihr Gang ſo froͤhlich ſchwebend. Ein gewoͤhnliches Maͤdchen konn⸗ te das nicht ſein. Ich folgte ihr, um zu ſe⸗ hen wo ſie wohne. Je laͤnger ich hinfer ihr herging, je mehr trat Emitie mir nnvermerkt vor die Seele; aber dies Maͤdchen war we⸗ nigſtens um einen halben Zoll groͤßer, ihr Bu⸗ ſeu, ihre Achſel waren voller, ihr Wuchs uͤppi⸗ ge bu ker 1 ger; und dann, das Fraͤulein von Halden⸗ burg, was ſollte dies fruͤh vor 8 Uhr in ei⸗ ner Auberge gemacht haben?— Die Stik⸗ kereien, die in ihrem Koͤrbchen lagen, fuͤhr⸗ ten mich auf die Vermuthung, daß das nied⸗ liche Ding ein Naͤhtermaͤdchen ſei? Sie verlor ſich immer weiter und weiter in die entferntern Seitenſtraßen, wir mußten bald am Ende der Stadt ſein. Die Haͤuſer wur⸗ den einzelner; lange Gartenmauern und Zaͤu⸗ ne zogen ſich an den Gaſſen hinab. Je ra⸗ ſcher ich ging, je mehr eilte ſie voran. Sie merkte, daß ihr jemand auf dem Fuße folg⸗ te. Ich hatte ſie ſchon anreden wollen, al⸗ lein ich war kein Durchreiſender; ich blieb hier einheimiſch. Ich konnte mich vielleicht compromittiren, und— das Maͤdchen konn⸗ te ja auch von ganz honetter Herkunft ſein,— Verlegenheiten der Art waren mit meinem Geſchaͤftsplatze nicht vertraͤglich. Sie bog endlich in die letzte kleine Gaſſe, dicht an. der Stadtmauer, und ging in einen Garten, an deſſen Ende ein niedriges Haus ſtand. Der Garten lag tiefer als die Straße; ich konnte ihn ganz uͤberſehen. Gleich an der Thuͤre arbeitete die Gaͤrtnerin. Dieſe em⸗ pfing die Eintretende mit einem freundlichen „guten Morgen Mamſellchen“ und frug, wie es gegangen. Das Maͤdchen ſah ſich um; da ſie mich hinter meinem Baume aber nicht gewahrte, holte ſie ein Papierchen aus dem Koͤrbchen, legte fuͤnf Goldſtuͤcke in die weiße kleine Hand, und erzaͤhlte der Frau ein Brei⸗ tes, von dem ich aber nichts verſtehen konn⸗ te, weil ſie leiſe ſprach. Sie gingen nun beide dem Hauſe zu, und die Gaͤrtnerin ſchlug vor Verwunderung und ſichtbarer Theilnahme immer mit beiden Haͤnd en an ihre Schuͤrze. Jetzt wußte ich ſo ziemlich, wes Geiſtes⸗ kind das Maͤdchen war; nur das naßgewein⸗ te Geſicht, was ſie mit aus dem Wirths⸗ hauſe gebracht hatte, konnte ich mir nicht zuſammen reimen. Nach einer langen Weile kam die Gaͤrt⸗ nerin wieder zuruͤck und ging an ihre Arbeit. Ich that, als ob ich erſt eben vorbei kaͤme, und frug uͤber den Zaun heruͤber, ob ich nicht etwas Obſt bekommen koͤnne. „Gern, ſchmucker junger Herr,“ antwor⸗ tete die Freundliche und riegelte die Thuͤr auf. Ich bezahlte fuͤr die erhaltenen Kirſchen gerade noch einmal ſo viel, als ſie verlang⸗ te, und betheuerte ihr, als ſie es nicht neh⸗ men wollte, daß ich dies mit Vergnuͤgen gaͤ⸗ be, denn die Kirſchen waͤren hier ſo ſchoͤn, als ich ſie in meinem ganzen Leben noch nicht gegeſſen haͤtte. Dies Lob und meine Ge⸗ neroſité ſchloͤſſen ihr Herz auf. Ich erzaͤhlte ihr, daß ich eine Brunnenkur brauchen wol⸗ le, und zu dem Ende ein ruhiges Gartenlo⸗ gis zu miethen wuͤnſche.„Die Lage ihres Gartens,“ ſetzte ich hinzu,„gefaͤllt mir; kann ich vielleicht ein Stuͤbchen bekommen? ich werde mit Vergnuͤgen geben, was Sie fordern?“ — 96— Sie bedauerte, mir nicht dienen zu koͤn⸗ nen, indem ihr kleines Haus ſchon beſetzt ſei. Ich frug was ſie an Miethe erhalte, und da ſie mir den Miethpreis nannte, bot ich ihr das Doppelte, wenn ſie ihre Mieths⸗ leute vusziehen laſſe. „Und wenn ſie mir das Vierfache gaͤ⸗ ben,“ entgegnete die Redliche,„ſo koͤnnte ich das nicht thun. Die Leutchen, die ich bei mir habe, ſind arm, fromm und gut. Die Mamſell, vielleicht haben Sie ſie geſehen, „ſie kam den Augenblick zuvor, das iſt ein le⸗ bendiger Engel. Die ließ ich nicht aus dem Hauſe, und wenn ſie mir Gold uͤber Gold boͤten. ⁰ „Wer ſind die Leute? „Haldenſteins heißen ſie; ich ichr ack aͤber die Aehnlichkeit des Namens. Sie ſind nun ein Jahr hier, und das Maͤdchen naͤhrt und pflegt die ganze Familic. Alle Morgen und alle Abende betet ſie auf ihren Knicen, und Gott hoͤrt ihre Bitte nicht. Sie darbt und hungert, aber ſie klagt nicht⸗ Wenn es ihr zu ſchwer wird, geht ſie in den Garten, in das fernſte Winkelchen, und weint ſich ſtill aus; dann iſt ſie wieder froh und heiter, und ſitzt und naͤht, oft bis in die halbe Nacht. Nein lieber Herr, das Maͤdchen laſſe ich nicht aus dem Hauſe.“ Wir hatten hinter einem hoch aufgewach⸗ ſenen Bohnenbeete geſtanden. Das Maͤd⸗ chen war aus dem Hauſe gekommen, ohne daß wir ſie geſehen hatten; auch uns hatte ſie nicht bemerkt. Jetzt ſtand ſie vor uns; es war Emilie. Mit einem lauten Schrei der namenloſeſten Freude ſtuͤrzte ich auf ſie zu. Sie breitete ihre Arme aus, ſie zitterte⸗ ſie erbleichte, und ſank kalt und mit bre⸗ chendem Auge an meine Bruſt. Ich kuͤßte ſie in das Leben zuruͤck. Sie erholte ſich langſam; aber ſie konnte die Augen nicht aufſchlagen. Das Gefuͤhl ihrer verarmten Lage druͤckte ihren Blick zur Erde nieder; der Schreck hatte ihren Mund geſchloſſen. VI. 7 Endlich traͤnkte das gepreßte Herz ihr ſchoͤnes Auge mit wohlthaͤtigen Thraͤnen. „Wie ſehen Sie mich wieder?“ ſagte ſie leiſe, und hielt die zitternde Hand vor das Geſicht. Ich umſchloß die Reizende, und machte ihr ſanfte Vorwuͤrfe, daß ſie auf mei⸗ ne Briefe, auf meine Bitte in den Zeitun⸗ gen, nicht geantwortet haͤtte.„Ach mein Freund,“ hob ſie mit weicher Stimme an, „das iſt jetzt alles anders, ganz anders, als ſonſt. Wir ſind arm, ſehr arm geworden. Ihre ſpaͤtern Briefe habe ich nicht erhalten; die Zeitungen leſen wir nicht. Ich wollte Ihnen einmal ſchreiben— aber unſer Ver⸗ haͤltniß war durch unſere zerriſſene Lage auf⸗ gehoben. Mein letzter Abſchiedsabend gab mir Hoffnungen, die ich mit blutendem Her⸗ zen vernichten mußte. So foderte es mei⸗ ne Vernunft. Gott hat mich ſehr gedemuͤ⸗ thigt. Ich ehre ſeinen ſtrengen Willen.“ „Fromme Dulderin!“ rief ich und ſchloß von der Anmuth ihrer Reize uͤberwaͤltige, —— ——,— nes 2 ſie das und mei⸗ tun⸗ nein an/ als den. ten; ollte Ber⸗ auf⸗ gab Her⸗ nei⸗ 8 muͤ⸗ loß igt/ — — 99— Emilien in meine Arme,„wenn Sie jenem Schwure treu geblieben ſind, ſo hat die Stunde ihres Kummers geendet.“ „Das iſt vorbei, Herr von Walen, ſag⸗ te Emillie, und entzog ſich ſanft meinen um⸗ fangenden Armen.„ Mein Herz bewahrte jenen heiligen Eid in ſeiner Reinheit, aber— bleiben Sie mein wohlwollender Freund! Laſ⸗ ſen Sie uns nich weiter davon ſprechen! Ich habe dem Jammer meiner Lage tauſend⸗Op⸗ fer gebracht, dies war vielleicht das ſchwer⸗ ſte. An Ihrer Seite muß eine andere ſie⸗ hen. Die arme, die bettelarme Emilie ge⸗ hoͤrt nicht mehr auf dieſen glaͤnzenden Platz. Beruͤhren Sie dieſe Saite nie wieder!— Darf ich Sie nicht zu meiner Mutter fuͤh⸗ ren? Schonen Sie moͤglichſt die Geſunkene, ſie iſt krank, und darum nicht ſo ſtark als ich. 1 Wir gingen ſchweigend nach dem Hauſe zu. Die Mutter empfing mich mit Herzlich⸗ keit und Freude. Wir ſprachen faſt eine 7** — 100— Stunde von dem Zirkel unſerer fruͤheren Bekanntſchaft. Endlich konnte ich meinem Herzen laͤnger keine Gewalt anthun. Ich er⸗ zaͤhlte der Mutter offen und ehrlich von dem engern Verhaͤltniß, in dem ich mit Emilien geſtanden hatte, und bat jetzt um die Hand des Engels. Die Mutter war uͤberraſcht; Emilie in der holdeſten Verwirrung. Die Mutter wollte wiederholen, was Emilie mir geſagt hatte; aber ich fiel ihr in das Wort, ſagte, daß ich Alles ſchon wiſſe, und be⸗ theuerte, daß Emilie mir jetzt werther ſei, als je. Da ſank denn das Maͤdchen mei⸗ ner Liebe lautweinend an mein freudiges Herz, und die Mutter ſegnete unſern Bund. Wir beide mußten in das Freie. Emi⸗ lie eilte in frohem Entzuͤcken mit mir zur Gaͤrtnerin, die ihr in den Tagen ihres Lei⸗ dens, ſo treu, ſo chriſtlich die Hand ge⸗ reicht, und mit Theilnahme und Huͤlfe ihren Kummer gelindert hatte. ⸗ 41— ,—— — 101— Sie erzaͤhlte der Wackern ihr Gluͤck wie ſie es nannte, und pries mir die huͤbſche, junge Frau als ihre einzige Freundin in der Noth. „Sehen Sie, mein Braͤutchen,“ hob freundlich die Gutmuͤthige an, und kuͤßte Emiliens Haͤnde mit ſchmeichelnder Zaͤrtlich· keit:„hab' ich nicht immer geſagt, daß der Anker der Hoffnung nicht locker laͤßt, wenn er guten Boden gefaßt hat? Das Bild, die Hoffnung mit dem Anker, haͤngt uͤber meinem Bette, und alle Morgen, wenn ich aufſtand, habe ich herzlich gebetet, daß nur die Hoffnung mein Emilchen nicht verlaſſen moͤgte, denn der Menſch ohne Hoffnung, ach Gott! nein der iſt doch auch gar zu ungluͤcklich. „Ach lieber Herr,“ ſetzte ſie, zu mir ſich ge⸗ wendet, hinzu:„ich weiß nicht, wer Sie ſind/ aber halten Sie mir das Maͤdchen recht in Ehren und Wuͤrden; das iſt ein Gotteskind, ſo gut, ſo gar zu ſehrchen gut iſt kein Menſch in der ganzen Welt.“ Emilie kuͤßte die junge Frau auf die fri⸗ ſchen Lippen; letztere ſcherzte noch lange uͤber meine theure Bezahlung ihrer Kirſchen und uͤber meine Miethsantraͤge, und wuͤnſchte uns in der Fuͤlle ihrer treuherzigen Suade ihren beſten Segen, bei dem die Kinder nicht ausblieben. Erroͤthend ging Emille, ich folgte ihr; wir ſetzten uns in eine Laube und koſten traulich. Sie erzaͤhlte mir de Geſchichte der vergangenen traurigen Zeit, die Du, wie ich nachher hoͤrte, aus ihrem Munde weißt. Endlich kam ſie auch auf den heutigen Mor⸗ gen, und gah mir, ohne daß ich ſie darum gefragt hatte, den Aufſchluß uͤber die fuͤnf Louisd'or. Bruder, das warſt Du geweſen! Zimmer, Anzug und Perſon bezeichneten Dich. Du haͤtteſt das Maͤdchen von Dir ſprechen hoͤren ſollen, Du haͤtteſt Dir ſelbſt gut wer⸗ den muͤſſen. Aber ſprich—— alter herr⸗ licher Junge, Du hatteſt heute wahrſchein⸗ lich Emilien erkannt— warum hatte ſich Dein Herz von ihr gewendet, warum warn⸗ teſt Du mich vor ihr, warum nannteſt Du ſie eine—— „Um Gotteswillen ſchweig! ſprich das Wort nicht aus; Du brandmarkſt mich. Ehrlich heraus! ſie hatte mir von ihrer bit⸗ tern Armuth erzaͤhlt, jetzt fand ich Sie im Glanz der hoͤchſten Wohlhabenheit. Ich glaubte, ſie haͤtte mich“——„Herzensbruͤ⸗ derchen! betrogen, willſt Du ſagen, Ach Gott nein, es war alles buchſtaͤblich wahr, was ſie Dir geſagt hatte. Mit herzlicher Freude erzaͤhlte ich ihr, daß Du mein trau⸗ teſter Freund, der naͤchſte Verwandte meines Hauſes ſeieſt, und wir machten uns das Plaͤnchen, Dich heute draußen recht ſolenni⸗ ter zu uͤberraſchen. Ich hatte natuͤrlich gleich nach den erſten Stunden unſers Wie⸗ derfindens nichts Angelegentlicheres zu thun, als Emiliens und der Ihrigen Lage, nach Kraͤften, zu verbeſſern. Sie bezogen ein an⸗ ſtaͤndiges Logis in der Stadt, und meine ſuͤ⸗ — 1204— ßeſte Sorge war, meine reizende Emilie fuͤr die langen Entbehrungen des Lebensgenuſſes, in jeder Hinſicht moͤglichſt zu entſchaͤdigen. Heute ſollteſt Du ſie unn in ihrer veraͤn⸗ derten Geſtalt kennen lernen. Emilie fuhr mit ihrer Mutter zuerſt hinaus. Du ſollteſt Sie ſehen und ein bischen in Verlegenheit kommen. Ich wollte dann ſpaͤter kommen⸗ das Raͤthſel loͤſen, und Dir mein Madchen als Braut vorſtellen. Jetzt weiß ich, was unſern Plan zerſtoͤrt hat; aber nun komm auch, denn man wird uns erwarten. Die Theeſtunde hat ſchon lange geſchlagen.“ Der Gluͤckliche zog mich mit ſich. Der kleine Familienzirkel empfing mich mit Herz⸗ lichkeit und mit dem traulichen Tone, den das Recht der Blutsfreundſchaft heut zu Ta⸗ ge, in der großen Welt verloren zu haben ſcheint. Die ehrliche Gaͤrtnerin, die Emi⸗ liens Leiden mit getragen hatte, ſollte auch ihre Freuden theilen. Sie war mit Zeugin des froͤhlichen Ehrentages, und hatte ſich, mit „— ͤ e — 105— ihrer natuͤrlichen Laune, recht gemuͤthlich. Sie hatte, zur Feier des Verlobungsfeſtes, den Theetiſch mit den ausgeſuchteſten Blumen, und mit einer Torte geſchmuͤckt, auf der ihr Liebling, die Hoffnung mit dem Anker, von feinen eingemachten Fruͤchten, recht zierlich dargeſtellt war. Wir hatten uns kaum in den Kreis um die dampfende Theemaſchine geſetzt, als ein Wagen vor das Haus raſ⸗ ſelte. Adolph und Emilie ſprangen zum Zimmer hinaus. In wenigen Augenblicken brachten ſie meine Maria in ihrer Mitte ju⸗ belnd zuruͤck. Maria, mein holdes Weib⸗ flog in meine Arme. Adolph, der herzige Menſch, hatte mir die Ueberraſchung berei⸗ tet, Er hatte meiner Maria Pferde und Wagen geſendet, uns bei Emilien das Logis einrichten laſſen und auf dieſe zarte Weiſe den Dank abgetragen, den er ihr und mir fuͤr die kleinen Entſagungen ſchuldig zu ſein glaubte, mit denen ich Emilien meine Theil⸗ nahme bewieſen hatte. 3 — 106— Waͤhrend des frohen erſten Augenblicks unſers unvermutheten Wiederſehens, hatten die Kleinen die Hoffnung ſammt den Anker gegeſſen. Eine recht triftige Deutang: Im Her⸗ zen der liebenswuͤrdigen Emilie, war an die Stelle der ungewiſſen Hoffnung jetzt das Ge⸗ fuͤhl der gluͤcklichen Wirklichkeit getreten. —:;— ½ „Kinderchen, gehabt Euch wohl, und ſeyd recht vergnuͤgt,“ ſagte der alte Ober⸗Forſt⸗ meiſter, und reichte die Hand Reihe herum in den Wagen hinein,„und Ihnen(ſich zu mir wendend) gnade Gott, wenn Sie einem meiner Maͤdels ein Haar kruͤmmen laſſen.“ Die Braunen zogen an, der Alte prallte zu 1 ruͤck, um ſeine Fußzehen zu gewahren, und wir flogen zum Hofe hinaus. „So bin ich denn nun,“ hob ich gra⸗ vitaͤtiſch von meinem Ruͤckſitz zu den drei im 6 Fonds gegen mir uͤber ſitzenden, huͤbſchen Frauleins an,„ſo bin ich denn nun Ihr — 108— wohlbeſtallter Ober⸗Hofmeiſter, und befehle Ihnen vor allen Dingen, Reſpekt vor mir zu haben. Blinder Gehorſam iſt die erſte Pflicht eines gutartigen Zöglings, und da⸗ her gebiete ich, daß man mir flugs und froͤh⸗ lich einen Kuß gebe, mit welchem feierlichen Actus denn, unſere luſtige Reiſe zum Lager eroͤffnet ſein moͤge.“ Meine drei niedlichen Gegenuͤbers ſahen ſich einander an; keine wollte den Anfang machen; endlich verſprachen ſie zu gehorchen, aber unter einer einzigen Bedingung.— Und dieſe lautet? „Daß Sie ſich im Lager um uns gar nicht bekuͤmmern, daß Sie uns gewaͤhren laſſen/ wie wir wollen. Tante Polangen iſt ja da; ſie hat uns alle als Kinder bei ſich gehabt und groß gezogen, ſie wird uns alſo auch ohne Sie ſchon unter ihre Fluͤgel nehmen.“ Ich willigte um ſo lieber in den Vor⸗ ſchlage denn die beſtaͤndige Fuͤhrung dreier liebenswuͤrdigen Maͤdchen waͤre mir, im Ge⸗ —;— — 1 09— draͤnge des Lagertumults, ohnehin ſehr laͤſtig geworden. Meine kleinen Gegnerinnen hielten dafuͤr auch redlich Wort. Eine kam nach der an⸗ dern auf meinen Ruͤckſitz, ſetzte ſich ein Weil⸗ chen neben mir, und zahlte mit ihren ſchöͤ⸗ nen Lippen die aufgelegte Contribution. Vier Jahre war ich faſt taͤglich im Hauſe des Oberforſtmeiſters; aber ſchoͤner hatten mir die drei Maͤdchen nie geſchienen, als heute. Roſalie, die aͤlteſte, ein Ideal einer uͤp⸗ pigen Blondine. In ihrem großen blaue Auge lag ein Himmel voll Liebe. Ihr blen⸗ dend weißer Hals, ihr ſchöner runder Arm, die Weberfülle ihres herrlichen Koͤrpers muß⸗ ten jeden Erdenſohn aus der Faſſung brin⸗ gen. Heute ſollte die ſchwarze Enveloppe alle dieſe Zauberreiz e bergen. Ader bald luͤf⸗ tete ſich hier eine Falte, bald faͤchelte dort der Wind die ſchwarze weiche Huͤlle weg, und uͤberall blendete das. iarteſte. We E des ſuͤßeſten Fleiſches hervor. Auf ihrer Wange — = 110— „ lag eine leichte Blaͤſſe, und gerade dieſe machtz ſie heute ſo unbeſchreiblich intereſſant. Florentine— Sie werden die Bemer⸗ kung auch gemacht haben, daß die Maͤdchen, mit dunkelbraunen Haaren und blauen Au⸗ gen die allergefaͤhrlichſten unterm Monde ſind.— Florentine gehoͤrt zu dieſer gefähr⸗ lichen Claſſe. Sie hat das Feuer einer Bruͤ⸗ nette, und den Schmelz einer Blondine⸗ Sie kann lachen und weinen, beides zugleich; ſie kann ſchmollen und kaͤndeln. Sie ver⸗ ſchließt den. Reichthum ihrer Talente tief in ſich; aber wenn ſie bei Laune iſt, blitzen die Feuer⸗ ihres Witzes, wie freundliche Leucht⸗ kugeln, auf. Ich hatte fruͤher nicht ſo auf⸗ merkſam ſie beachtet. Ein Sammerpelz hat⸗ te mich vorigen Winter in ihre Feſſeln ge⸗ ſchlagen. Sie erſchien eines Tages in ei⸗ nem Indigo⸗Sammetpelz mit Zobel beſetzt. Schoͤner hatte ich kein Maͤdchen geſehen. Von dem Augenblicke an huldigte ich ihr. Ich gehoͤrte ihr— aben nur wann ſie allein dieſe ant. ner⸗ hen, Au⸗ aude äͤhr⸗ ine. ich; ver⸗ in die cht⸗ suf⸗ jat⸗ ge⸗ ei⸗ etzt. en. hr. ein — 1112— war. Denn, ſtanden Roſalia und Marig neben ihr, ſo hatte ich den Apfel in der Hand, und wußte wieder nicht, wem er ge⸗ hoͤre.— Maria— kein ſchwaͤrzeres Haare kein weißerer Teint„kein brennenderes Auge kann gedacht werden. In ihrer ſchoͤnen Bruſt loë derte das Feuer der ewigen Liebe⸗ Tann des Vaters wildeſtem und Zaͤune, daß mir, juſt auch keinem: ver⸗ zagten Reuter, oft die Haare zu Berge gin⸗ gen. Terpſichore und alle Horen waren ge⸗ gen dieſe ſchwebende Grazie im Tanz, bleierne Voͤgel aus Dreyers Fabrik. Ernſt, Ruhe, Bedachtſamkeit waren ihr an jedem Men⸗ ſchen verhaßt. Sie neckte und wollte geneckt ſein. Sie ſpornte den Bleßfuchs, einen aͤcht arabiſchen Hengſt, daß er hinten aus feuerte und kerzengrade in die Luft ſtieg; dann ſtrei⸗ chelte ſie ihn gutmuͤthig wieder. Eben ſo neckte ſie jeden Menſchen, bis er— er muß⸗ te— bitter empfindlich wurde, und dann 19— nahm ſie den Kapf des Erzuͤrnten zwiſchen mit die kleinen weichen Haͤnde, und man mußte ced ihr wieder gut ſeyn. Sie war die Guͤte, ſto die Weichheit, die Liebe ſelbſt. Ihre Aus⸗ hat gelaſſenheit war bloß Kraft der Jugend. dre Ihre Weiblichkeit hob ſie zu den Seraphs. ben Noch waren alle drei Maͤdchen, nach beſ meiner heiligen Uel Ueberzeugung, unſchuldig, wie als die Kinder der r Natur. ſie 6 ☚ ſFmn noch dieſen Abend die Re⸗ brr ſidenz erreichen koͤnnen; allein unſere wilden ent Pferde wurden in einem Dorfe, zwei Mei⸗ hei len vor der Stadt, ſcheu, zerbrachen die Deich⸗ ſen ſel, und wir mußten hier uͤbernachten. Die bro Wirthsſtuben waren uͤberfuͤllt mit Menſchen Gi die auch nach dem Luſtlager wallfahrteten. Wir erhielten mit genauer Noth ein Zim⸗ uh mer im obern Stock. Rt Große Koͤpfe werden im Ungemach noch Je groͤßer. Wir waren in unſerm elenden Stuͤb⸗ in chen gluͤcklicher, als alle Koͤnige der Welt. ſich Das Eſſen war ſo ſchlecht, daß Tiras, der da „ mit uns gelaufen war, das ganze Souper cedirt bekam, und reinen Tiſch machte. De⸗ ſto beſſer der Wein. Der Ober⸗Forſtmeiſter hatte uns, fuͤr den Forſt⸗Departementsrath, drei Bouteillen alten ſuͤßen Ungar mitgege⸗ ben. Dieſe konnten dem Manne, fuͤr den ſie beſtimmt waren, unmoͤglich ſo noͤthig ſeyn, als uns Verſchlagenen. Maria ſaiſirte ſie, ſie entpfropfte die erſte. Ein koͤſtlicher Aus⸗ bruch. Er brach alle meine guten Vorfaͤtze entzwei. Die erſte Bouteille machte uns heiter, die zweite luſtig, die dritte ausgelaſ⸗ ſen. Die drei Maͤdchen gluͤhten; in mir brannte die Hoͤlle. Wahrlich! hier war des Guten zu viel. Wir laͤppſchten und tollten bis gegen 11 Uhr des Nachts. Jedes ſehnte ſich nach Ruhe. Im Zimmer ſtanden zwei Betten. Ich machte drei Vorſchlaͤge: ich wollte mich in das eine, und die drei Maͤdchen ſollten ſich in das andere legen; oder, ich wollte das meinige mit einer von ihnen theilen; 8 — 114— oder ich wollte ſo chriſtlich ſeyn, und zweie, durch das Loos beſtimmte, bei mir aufnehmen. Jeder meiner gutgemeinten Plaͤne wurde verworfen, ich ſelbſt foͤrmlich deportirt. Man uͤberließ mich grauſam meinem Schickſale. Alle meine heimlichen Hoffnungen, die ich mir kaum ſelbſt recht deutlich gedacht hatte, waren geſcheitert. In der Verzweiflung eilte ich zu den Wirthsleuten, und frug ſie, ob denn gar kein Kaͤmmerchen mehr im ganzen Hauſe zu ha⸗ ben ſey. „J, liebes Herrchen,“ entgegnete die Alte, jjetzt erſt haben wir von ihren Leuten erfah⸗ ren, wen wir die Ehre haben, in unſerm Hauſe zu beherbergen. Vorhin, als Sie ka⸗ men, war des Trubels gar zu viel bei uns; da wieſen wir Ihnen die Stube an, in der gewoͤhnlich unſere Fremden logiren. Aber fuͤr ſo vornehme Herrſchaften, i da geben wir gerne unſer Putzſuͤbchen her. ¹0 ich dem mir mer Sie fen, das ent gen glat ke wol ſcho Her ſchl. auf len haͤtt Alte, fah⸗ ſerm ka⸗ uns; der Aber eben — 115— Die freundliche Alte leuchtete mir vor; ich folgte. Oben, auf demſelben Flur, auf dem meine drei Huldgoͤttinnen reſidirten mir die ehrliche Wirthin ein allerliebſtes Zim⸗ merchen mit zwei Betten an.„Da koͤnnen Sie mit der Frau Liebſten ganz ruhig ſchla⸗ fen, es iſt alles ſchneeweiß uͤberzogen,“ ſagte das Muͤtterchen, ließ das Licht ſtehen, und entfernte ſich. Die paar Worte machten mich erſt ge⸗ gen mich ſelbſt deutlich. Was die Frau glaubte, wuͤnſchte ich von Herzen: Golt woll⸗ te nicht, daß der Menſch allein ſey. Ich wollte es heute Abend auch nicht. Lange ſchon war ich des einſamen Lebens muͤde. Heute— jetzt, grade jetzt ward mein Ent ſchluß feſt. Ich wollte heirathen; jetzt, gleich auf der Stelle. Eine von den dreien mußte es ſeyn. Waͤh⸗ len konnte ich nicht, mogte ich nicht. Ich haͤtte ſte lieber alle drei geheirathet. Alle drei waren gleich ſchoͤn, gleich reich, gleich gut, gleich liebenswuͤrdig, gleich jung; denn 3 8 — 116— ein Jahr mehr oder weniger thut nichts zur Sache. Je laͤnger ich die Betten betrach⸗ tete, deſto feſter ward mein Wille. Doch ich mußte mich beſtimmen, welche von den dreien mein Haab und Gut, mein Herz mit mir theilen ſollte. Unmoͤglich. Ich ſchwankte ewig hin und her. Die Idee, die Maͤdchen um mich looſen zu laſſen, war un⸗ ausfuͤhrbar. Gut waren mir alle drei. Das war gewiß. Davon war ich felſenfeſt uͤber⸗ zeugt. Aber, liebte mich denn die, auf wel⸗ che das Loos fiel, gerade am meiſten? Und üͤberhaupt— wuͤrden ſie ſich zum Looſen verſtehen? Noth macht erfinderiſch, das iſt wahr⸗ haftig wahr, und daß die Geſchichte von je⸗ her unſere Meiſterin war und bleiben wird, iſt auch wahr. Mir fielen die erſten Roͤmer ein. Mein Putzſtuͤbchen war Rom in ſeiner fruͤheſten Kindheit, durch einen Sabinerraub wollte ich mein Rom zu meiner Brautkam⸗ mer umſchaffen. Eine mußte ich rauben. ſeiner rraub kam⸗ uben. — 117— Die, welche mir am meiſten wohlwollte, wird ſich, berechnete ich ſehr richtig, am wenig⸗ ſten ſtraͤuben, dieſe wird die Meine, die bei⸗ den uͤbrigen moͤgen entfliehen. Aber wie die Maͤdchen heruͤber bekommen? Zu Bette waren ſie noch nicht, ich hatte ſie, als mir die Alte mein Rom aufſchloß, noch lachen gehoͤrt. Ich war bald mit meinem Plane fertig. Ich nahm mein Licht, ſchlich mich an die Thuͤre ihres Zimmers, und rief ein hohn⸗ laͤchelndes„Etſch, Etſch, Etſch“ zum Schluſ⸗ loch hinein. Sie erkannten mich an der Stimme, ſie hatten die Thuͤre bereits verriegelt.„Was giebts? was iſts?“ riefen alle drei. Ich er⸗ zaͤhlte ihnen mein Gluͤck, ein koͤſtliches Zim⸗ mer erwiſcht zu haben, gegen welches das ih⸗ rige ein wahrer Stall ſey. Ich ſchilderte ihnen Stube, Meubles und Betten zehnmal reizender, als ſie wirklich waren, und trug ihnen einen Tauſch an. — 118— Dieſer Vorſchlag wirkte. Sie trauten mir aber nicht. Sie behielten ſich alſo vor, meine Reſidenz ſelbſt in Augenſchein zu neh⸗ men. Gluͤcklicher Einfall, gluͤcklich ausge⸗ fuͤhrt. Drei ſchoͤne Maͤdchen des Nachts eilf Uhr in meinem Zimmer! Sie kamen richtig. Alle drei im tieff ſten Negligee. Es war, als haͤtten ſie es darauf abgeſehen, ihre blendenden Reize in das verfuͤhreriſcheſte Licht zu ſtellen. Roſalia hatte ſich in ihre lange weiche Enveloppe gehuͤllt, Florentine und Maria erſchienen in weißen Nachtkorſets. Die bluͤhenden froͤhlichen Maͤachen, in dem traulichen Koſtuͤm, in der Mitternachts⸗ ſtunde— einem achtzigjaͤhrigen Trappiſten haͤtte der Mund waͤſſern mu aͤſſen. Ich kuͤßte die Holden zum Willkommen in meinem Ei⸗ genthume. Sie ehrten das Hausrecht und boten die Purpurlippen mit himmliſcher Hingebung. Ich erklaͤrte ihnen nun in einer kurzen buͤndigen Rede, daß der Antrag, mit ihnen — 119— zu kauſchen, mein gehorſamſter Spas gewe⸗ ſen ſey; daß dieſes mein Zimmer hier nichts mehr und nichts minder, als das ehemalige alte beruͤhmte Rom vorſtelle; daß ich jetzt die Entſtehungsgeſchichte des roͤmiſchen Staa⸗ tes, von Uranfang an, ihnen hier auffuͤhren wolle; daß ſie die Sabinerinnen waͤren; und daß ich zur Erhaltung der Republik und fuͤr das allgemeine Beſte eine von ihnen, falls nicht eine oder die andere freiwillig zu blei⸗ ben gedaͤchte, durch die Macht der Gewalt faͤr die Meinige erklaͤren wuͤrde. Ich hatte mein Manifeſt noch gar nicht geendet, als ſie alle drei uͤber mich herſielen. „BVerraͤther, Luͤgner/ Betruͤger,“ und aͤhnliche Ehrentitel flogen mir um die Ohren; die Sabinerinnen draͤngelten mich; ich kam ins Lachen; ſie warfen mich auf einen Stuhl, ſie bogen mich ruͤcklings uͤber; Maria kannte meine ſchwache Seite, ſie ſtippte, ſie kitzelte mit ihren kleinen Fingern mir unterm Halſe ſo peinigend, daß ich den Geiſt vor Lachen 120— aufzugeben fuͤrchtete. Mit meinem Taſchen⸗ tuche banden ſie mir die Haͤnde, mit dem Handtuche die Fuͤße, und nun ſchluͤpften die Sabinerinnen zur Thuͤre hinaus, und ließen den halbtodten Roͤmer auf dem Wahlplatze. Ich kam nach und nach zu mir ſelbſt. Ich erholte mich, ich entfeſſelte mir Haͤnde und Fuͤße; aber den Kopf haͤtte ich mir moͤ⸗ gen abſchlagen vor Aerger, daß meine Hoff⸗ nungen, meine ſuͤßen Hoffnungen, nun guf einmal geſchwunden waren. Ich war uͤber mich verdruͤßlich, boͤſe. Ich entkleidete mich, und legte mich nieder. Die Thuͤre— o was hofft unbefriedigte Lei⸗ denſchaft nicht alles— die Thuͤre ließ ich unverſchloſſen.„Wer weiß,“ ſagte ich troͤ⸗ ſtend zu mir,„verirrt ſich nicht doch noch eine von den drei kleinen Furien dieſe Nacht in Dein Zimmer, in Deine Arme!“ Ich konnte nicht ſchlafen. Meine Flur⸗ nachbarinnen waren noch laut. Sie lachten noch, wahrſcheinlich uͤber ihren Sieg. All⸗ maͤhlig wurden ſie ſtiller. Endlich ganz ru⸗ hig. Eine Weile drauf hoͤrte ich ihre Thuͤre knarren. Eine leiſe Hoffnung liſpelte mir ins Ohr,„ſie kommt.“ Wahrlich, es naͤ⸗ herte ſich etwas meinem Zimmer. „Leben Sie noch, Herr Roͤmer?“ frug heimlich eine liebliche Stimme. Ich konnte nicht unterſcheiden, wem ſie gehoͤrte. „In den letzten Zuͤgen, grauſame Sabi⸗ nerin! Kommen Sie! Roms Thore ſtehen Ihnen offen, loͤſen Sie meine Feſſeln, retten Sie mich von einem ſchmaͤhlichen Tode.“ Maria trat mit einem Lichte in der Hand herein, unterm Arm hatte ſie ein Piſtol aus dem Wagen. Tiras ſchwenzelte hinter ihr her. Sie hatte mich noch gebunden geglaudt. „Schlafen Sie denn bei offenen Thuͤ⸗ ren?“¹ ſagte ſie, und ſchob den innern Nacht⸗ riegel vor. Ich traute meinen Augen kaum. „Die Betten druͤben ſind zu ſchmal. Wir koͤnnen unſerer zwei darinnen nicht liegen. Ich werde hier ſchlafen. Aber zuvor Ihre⸗ — 122— Kavalierparole, daß Sie, ſo lange ich im Zimmer hier bin, nicht aufſtehen. Geben Sie Ihr Wort nicht gutwillig, nicht luich ſo ſchieße ich Sie auf dem Ileck zuſamme Sie ua das Piſtol auf mich, ſpannte den Hahn. „Um Gotteswillen, Maria, druͤcken Sie nicht ab, das Ding iſt geladen, ſcharf ge⸗ laden.“ *„Sch weiß es,“ erwiederte ſie laͤchelnd. „Ihr Ehrenwort.“ „Nun ja, ja. Aber unter einer Bedin⸗ gung.“ „Nichts. Unbedingt. Ganz unbedingt!“ „Nun ſo ſchießen Sie! ſo iſt mir mein Leben ja doch nur eine Quaal. Vier Jahre Sie geliebt. Geliebt mit verzehrendem Feuer. Jetzt— die Stille der Mitternacht um⸗ ſchließt uns. Die heiligſte Sicherheit giebt uns die ſuͤßeſten Rechte! Jetzt fordern Sie etwas von einem Maune, was kein Mann habe ich Sie geſehen, vier Jahre habe ich e . — 1923— . eingehen kann. Ich gehe es ein, aus der reinſten Achtung fuͤr Sie; ich will nur eine riuin eine allereinzige Bedingung machen, d auch dieſe gewaͤhren Sie mir nicht ein⸗ un Oh! Marie ſchießen Sie!“ Das reizende Maͤdchen büi das Piſtol. „Nun und Ihre Bedingung? „Sie ſetzen ſich hieher. Wir plaudern ein Viertelſtuͤndchen, und zur guten Nacht geben Sie mir einen Kuß von fuͤnf Minuten.“ Maria ſetzte den Leuchter auf den Tiſch, legte das Piſtol darneben, und ſaß auf mei⸗ nem Bette.„Nur zwei Minuten, und einen Kuß,“ lispelte ſie leiſe! Selige, ſelige zwei Minuten!— Sie flogen wie Sekunden! Sie waren verſchwun⸗ den, ehe meine Freude mir Zeit gelaſſen hat⸗ te, mein Gluͤck ganz zu empfinden. Sie riß ſich aus meinen Armen. Sie druͤckte mir noch einen langen Feuerkuß auf die Lippen, ſprang auf, loͤſchte das Licht aus, und ent⸗ kleidete ſich im Jußtei⸗ ohne ein Wort zu ſprechen. Erſt, als ſie ſich niedergelegt hat⸗ te, ſagte ſie mit Herzlichkeit,„gute Nacht, mein lieber Freund!“ Tantalus war ein Gluͤcksprinz gegen mich. Er hatte doch nur Eſſen und Trinken vor ſich, und konnte nicht zulangen. Ich lag an der Kette meines Ehrenworts, und die wun⸗ derliebliche Maria mir gegenuͤber in der an⸗ dern Ecke des Zimmers! Unſer Diagonale maß keine zehen Schritte. Die Thuͤre ver⸗ riegelt, funfzigjaͤhrigen Tokaier im Kopfe, fünfundzwanzigjaͤhriges Blut in den Adern. Dreimal in den Abgrund der Unterwelt ver⸗ wuͤnſchte Situation! Ich lag im Schlunde des Veſuvs. Der feurige Ofen, in dem die drei Maͤnner zu Olims Zeiten einmal geſchwitzt haben, war eine Eisgrube gegen mein Bette. Meine Zunge war trocken, wie eine engliſche Raſ⸗ pelfeile. Das Mark in den Noͤhren pulve⸗ riſirte ſich.. Ich konnte es nicht laͤnger aushalten. — 125— „Liebſte Maria!“ hob ich endlich au. „Was giebts?“ „Schlafen Sie noch nicht? „Nein, aber gleich! „Geht es Ihnen auch wie mir?“ „Wie geht es Ihnen denn? „Miſerabel, ganz miſerabel.“ „Mir geht es recht gut. Was fehlt Ih⸗ nen denn?“ „Ich habe eine Hitze! Ich koͤnnte das Eismeer aufthauen, wenn ich zehen Minuten nur am Strande ſpatzieren ginge.“ „Thun Sie das!“ „Darf ich nicht aufſtehen, und das Fen⸗ ſter aufmachen?“ „Das Fenſter aufmachen duͤrfen Sie, aber aufſtehen duͤrfen Sie nicht.“ „In wiefern kann ich denn aufmachen, ohne aufzuſtehen? ich habe ja acht Schritte bis zum Feuſter!“ „Nun ſo laſſen Sie es zu.“ „Mein Ehrenwort—ℳ — 126— „Habe ich! „— War erzwungen. „Sophiſterei.“¹ „Ihre Schweſtern und die Welt werden ja doch denken, was ſie wollen.“ „Meine Schweſtern kennen mich, und die Welt wird nichts davon erfahren. Plau⸗ dern Sie ein Wort, ſo halte ich Sie fuͤr— „Infam wollte ſie ſagen, denn das wat ihr Leibwort, wenn ſie böſe wurde.“ Ich muckte nicht. Sie hielt inne und ſchwieg. Was ich nicht auf dem Wege Rech⸗ tens erlaugen konnte,— denn Necht hatte ich, mein Ehrenwort war mir ja mit dem Piſtol auf der Bruſt abgemartert worden,— das wollte ich durch Liſt gewinnen. „Ich that, als ob ich ſchliefe. Sie wand⸗ e ſich im Bette; wahrſcheinlich legte ſie ſich auf die Scite, um auch einzuſchlafen. So lag ich ein Weilchen, zwiſchen Furcht und Hoffnung. Jetzt ſchlich ich leiſe aus de — 127— dem Bette. Ich ſtand noch nicht in der Mitte des Zimmers, als ſie rief: „Was wollen Sie?“ „Himmliſche Maria!„ „Huß, Tiras, Huß! Tiras, der furchtbare Wolfspacker, ſprang wuͤthend auf, ſchlng an, daß die Porzelaͤn⸗ op Suj ErRD FIz nn„ kaſſen auf der Syiegelkommode klirrten, und . inem e⸗ 9 r 1 fuhr mit ſeinem Rachen gerade auf mich cin. 4.; 7,„. Mit Einem Satz war ich wieder in mei⸗ Maze, No⸗„r Gucte Sund! M„; nem Bette. Der verfluchte Hund! Maria r. S 1 5 NS lachte heimliwh. Ich hoͤrte ſie unterm Bette Eer 3 L RfInt ainen 8 kickern. Ich haͤtte Blut weinen moͤgen. Jetzt war alles verloren. Ich durfte nur ein Glied in meinem Bette ruͤhren, ſo knurr⸗ te die Beſtie. Er haͤtte mich in Stuͤcken geriſſen, wenn ich nun nur einen Fuß aus dem Bette geſetzt haͤtte. Es war ein ge⸗ kaͤhrliches Thier, und weiß der liebe Gott, as ich ihm einmal ohne meinen Willen in den Zeg gelegt haben mochte, er war mir von Anbeginn nicht gruͤn. zweiflung. „Nun? „Erſchießen Sie mich! „Morgen,“ antwortete die kleine Tiger⸗ ſeele, und ſprach nun kein Wort, ſondern ſchlief in Kurzem wirklich ein. Ich war nun allein mit meinem Schmerz, mit meinen vereitelten Wuͤnſchen, mit mei⸗ nen verfehlten Hoffnungen/ mit meinem in ſich vergluͤhenden Lavablute. Vor mir der Hoͤllenhund! Nach einer langen Stunde ſchlief auch ich endlich ein. Als ich des Morgens er⸗ wachte, war Maria ſchon aus Bette und Zimmer geſchluͤpft. Auch das ſchwarzſchnaͤu⸗ zige, große, vierbeinige Blockadecorps hatte ſich zuruͤckgezogen. Ich ſtand auf, zog mich an und ging zum Fruͤhſtuͤck hinuͤber. Ich machte ein Gruͤ⸗ neberger Eſſig⸗Geſicht, als ich eintrat; aber als alle drei Maͤdchen mich umſtellten, und „Maria!“ rief ich in der bitterſten Ver⸗ r⸗. ind aͤu⸗ ling Ir bruͤ⸗ aber und 129 mir Ruͤbchen ſchabten, und mir mein geſtri⸗ ges Etſch, Etſch, Etſch wiedergaben, mußte ich am Ende doch lachen. Jede gab mir freiwillig einen freundlichen Morgenkuß. Maria zuerſt. Wir fuhren weiter. Tiras ward hier bis zur Ruͤckkunft in einem Stall eingeſperrt; denn im Lager haͤtte er halbe Compagnien aufgefreſſen, wenn er boͤſe geworden waͤre. Ich goͤnnte ihm ſeine Baſtille; hatte ich doch wenigſtens eine Rache. Am Thore der Reſidenz mußten wir einen Augenblick halten. Das Leib⸗Huſaren⸗Re⸗ giment marſchirte en parade heraus in das Lager. Herrliche Leute! Der Trompeten⸗ ſchmetter wirbelte ſich bis zur Sonne hinauf. Die ſpiegelblanken Pferde tanzten. Tauſende von Zuſchauern draͤngten ſich von beiden Sei⸗ ten an den Weg⸗ Der Adjudant von Lanitz ſprengte an un⸗ ſern Wagen, als er uns gewahrte. Ro⸗ ſalig reichte ihm mit mehr, als gewoͤhnli⸗ VI. 1 9 — 130— cher Freude, die Hand aus dem Schlage. Der Adjudant druͤckte die kleinen warmen Finger heißhungrig in den Bark. Dies Ent⸗ gegenkommen von Roſalien gefiel mir nicht. Wollte, mußte ſie einer Maunsperſon in die⸗ ſem Augenblicke ihre ſchuͤne Hand geben, ſo war ich der naͤchſte. Ich ſaß ja im Wagen! Wozu erſt da ſich dem Gerede des Publi⸗ kums Preis geben, und den Schwanenarm jn die rauhe Septemberluft hinausſtrecken/ dem jungen Schnautzbart in die Haare! Verſtand ich die Sprache ihrer großen blauen Telegraphen recht; ſo erzaͤhlte ſie dem Huſaren, daß ſie lange, lange ſich nach ihm geſehnt hatte, daß ihr jede Minute, bis zum ſeligen Wiederſehen, zu einem Jahrtauſend geworden. Der Dienſt foderte den Adjudan⸗ ten, der Willkommene konnte nicht lange bleiben. Sein Goldfuchs trampelte unge⸗ duldig unter ihm, als ob er eine Welt aus⸗ einander treten wollte. Roſalie druͤckte dem Adjudanten die Hand mit einer krampfhaf⸗ ten dure lopy Roſ aus, Hee mir Zaͤh den ſind iſt bei lage Vat Ger zehr ſalit von Sc ſage. rmen Ent⸗ nicht. mdie⸗ 1, ſo igen! ubli⸗ narm ecken, roßen e dem h ihm 3 zum tuſend judan⸗ lange unge⸗ t aus⸗ te dem pfhaf⸗ 131— ten Innigkeit, daß ihr die blauen Aederchen durch die Lilienhaut ſchimmerten. Er gal⸗ loppirte an die Spitze ſeines Regiments, und Roſalie bog ſich weit aus dem Wagen her⸗ aus, um den vogelſchnellen Renner, bis zum Heerpauker, mit den Augen zu begleiten. „Wenn das ſo fortgeht,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, und knirſchte heimlich mit den Zaͤhnen,„ſo iſt in 24 Stunden keine von den drei Himmelstoͤchtern mehr Dein. Wir ſind noch nicht zum Thore hinein und eine iſt ſchon Deinem Reiche entwunden. Der Adjudant war vorige Weihnachten bei uns geweſen. Die Guͤter ſeiner Eltern lagen einige Meilen von uns entfernt Der Vater hatte mit Roſalien damals den alten General Lanitz beſucht. Beide waren vier⸗ zehn Tage damals druͤben geweſen, und Ro⸗ ſalie ſprach immer mit hohem Entzuͤcken von jener Reiſe.— Jetzt fiel mir der Schleier von den Augen. Roſalie war des 9* — 132— Adjudanten Verlobte. Sie war fuͤr mich verloren, unwiederbringlich verloren. Frau von Polangen empfing uns mit offenen Armen. Ich legte meine Auf⸗ ſicht, mit erzwungenem Scherz,— denn das Spaßen verging mir— feierlich nieder, uͤbergab die drei Maͤdchen der Aufſicht der Tante, und ging, um meinen Bruder, den Staabs⸗Rittmeiſter im Leib⸗Uhlanen⸗Regi⸗ mente, aufzuſuchen. Mein Bruder fand mich veraͤndert, verſtimmt. Haͤtte ich ihm nur erzaͤhlen duͤr⸗ fen; vom offenen Himmel mit Hunden weg⸗ gehezt, und vor meinen Augen die Bluͤthe des Liebreizes in der Hand eines Huſarer⸗ Adjudanten! Aber was fuͤhlt ein wilder Ufanen.„Nitt⸗ meiſter von ſoſchem Schmerz! Er kann, bildet er ſich wenigſtens ein, tauſend Himmel ſich oͤffnen und ſchließen;„Die Uniform,“ war immer des Sauſewinds drittes Wort, „die Uniform, Bruͤderchen, iſt ein Haupt⸗ 2 — — Regi⸗ nderk, duͤr⸗ weg⸗ Zluͤthe ſaren⸗ Ritt⸗ kann, immel orm,“ Wort, Haupt⸗ ſchluͤſſel fuͤr alle Herzen, alle Mieder, alle Himmel.“ Ich erroͤthete vor Unmuth, wie ein zuͤch⸗ tiges Maͤdchen. Er vergiftete mit dieſer fatalen Idee meine jungfraͤulichen Begriffe von der Kunſt des weiblichen Geſchlechts, das unſere zu wuͤrdigen. Ich mußte ihm Recht geben. Hatte ich dieſen Morgen nicht noch die flimmernden Augen der hingegebenen Roſalie geſehen? „Nun, ſo will ich auch eine Uniform an⸗ ziehen, und die Maͤdchen zu Dutzenden vor Liebe verſchmachten laſſen.““ „Herzensjunge, zieh an, zieh an“ ſchrie der Rittmeiſter, und brachte mir ganze Stuͤhle voll der eleganteſten Uniformen.„O, wenn Du Soldat waͤrſt, auf den Haͤnden truͤg' ich Dich, Bruder!“ „Ich hielt dem Queckſilber eine lange und kraͤftige Rede uͤber den Werth ſeines Standes; aber ich zeigte ihm auch die Kehrſeite.„Der Soldatenſtand, mein — 134— Kind,“ ſagke ich und zwaͤngte zur Probe und zum Scherz meine Beine in die Para⸗ demodeſten,„der Soldatenſtand hat mit dem Jungfrauenſtande eine Uhr. Er muß nicht zu lange dauern. Eine alte Jungfer und ein alter Soldat taugen beide nicht. Fuͤr das Vaterland krumm und lahm ge⸗ ſchoſſen zu werden, mag an ſich eine vor⸗ treffliche Sache ſeyn: ich kenne das nicht, denn ich habe meine geſunden Gliedmaßen noch, auch,“ fuhr ich fort, und preßte mir die Bruſt in das enge Kollet,„ſoll der Tod auf dem Brachfelde der Ehre und in den Schanzgraͤbern der Ruhmſucht ſuͤß wie Ho⸗ nigkuchen ſeyn, indeſſen— 0 „Ach Poſſen, wer wird gleich an den Tod denken,“ erwiederte mein Bruder, und druͤckte mir die Uhlanenmuͤtze mit dem ſchwankenden Reiherbuſche uͤber die Augen. „Ich meine nur ſo, daß ich zu den Blei⸗ Baiſers und den Kartetſchenpaſtetchen, von 4* Kin robe ara⸗ mit muß igfer iicht. ge⸗ vor⸗ nicht, naßen mir Tod den Ho⸗ den und dem igen. Blei⸗ von — 135— Kindesbeinen an keinen ſonderlichen Appe⸗ tit gehabt habe, daß— „Sieh, alter Junge, Deine Fanfarona⸗ den paſſen gar nicht zu Deinem himmliſchen Air. Ich will meine ganze Schwadron mit Riemen und Sattelzeug auffreſſen, wenn es in der Armee einen huͤbſcheren Diſnie giebt, als Du ſeyn wuͤrdeſt.“ Mein Bruder zuͤndete ſechs Wachslic⸗ ter an, um mich zu beleuchten. Mein Blick fiel in den Spiegel— wir ſind alle Adams Kinder.— Ich glaube, Maria haͤtte das haͤßliche„Huß Tiras“ hinter den Lippen behalten, wenn ich ſo vor ihr geſtanden; Rofalia haͤtte dem Huſaren nicht die Hand ſo innig gedruͤckt, wenn ich ihr ſo gegen⸗ uͤber geſeſſen haͤtte. Ein Kanonenſchuß ſchlug an die Fenſter. „Was iſt das?“ „Ach, das Fenerwerk be ginnt, das Feu⸗ erwerk. Geſchwind, Bruͤderchen, komm, das mußt Du ſchen.“ 3 der Paradeuniform!“ Warum nicht! Es iſt ja ſtockfinſter. Es erkennt Dich kein Menſch; und bemerkt Dich jemand, ſo haͤlt man Dich fuͤr mich; denn ich bin, mit Verlaub, wenn auch nicht ſo ein Liebesgott wie Du, doch Dir ein bischen aͤhnlich. Zum Auszichen iſt keine Zeit. Nur fort, fort.“ Der wilde Menſch zog mich mit ſich. Die Raketen, die am ſchwarzen Himmel hoch oben mit tauſendfaͤltigem Knakkern zerplatz⸗ ten, zeigten uns den Weg: in fuͤnf Minuten waren wir an Ort und Stelle. Das Feuer⸗ werk war in einem großen Garten, der dicht an das Lager anſtieß. Mehr Menſchen als Puverkoͤrner. Ich verlor im Gedraͤnge mei⸗ nen Bruder. Tauſende alles Standes und Nanges gruppirten ſich laut durch einander an den Barrieren, die um das Feuerwerks⸗ theater gezogen waren. Zchen große Feuer⸗ baͤlle ſtiegen in die ſchwarze Hoͤhe hinauf, ſie „Nun, ſo doch nicht! Doch nicht in — 137— ſuchten die verlorne Sonne, und verbreiteten ein helles, freundliches Licht uͤber die ſtau⸗ nende Menge von oben herab. Mein Auge ſchweifte in dieſem lichten Augenblick an der großen weiten Barriere herum, um meinen Bruder zu erſpaͤhen, und zwanzig Schritt von mir— ſteht Florentine in ihrem ver⸗ fuͤhreriſchen Sammetpeltz. Ich ſchoß auf ſie hin; aber ehe ich ſie erreiche, verloſchen die Feuerbaͤlle, alles um mich her iſt ſtockdunkel. Einige Feuerraͤder, die eben angezuͤndet wur⸗ den, warfen einen ſchwachen, zarten Schim⸗ mer auf die Barriere, ich erkannte den Sammetpeltz wieder, und ſchlug im folgen⸗ den Augenblick meine Arme um Florentinen. „Sie hier? allein?“ „Haͤtte ich Sie doch bald nicht erkannt. So dunkel iſt es. Die Uniform ſteht ihnen doch tauſendmal beſſer, als Civilkleider. Meine Tante iſt nicht hier; wir haben nichts zu fuͤrchten, kommen Sie,“ antwortete ſie — 138— boum boͤrßar, druͤckte mir frendig die Hand und verließ die Barriere, Florentine ſchien in einer mir aͤhnlichen Stimmung zu ſeyn. Bei jedem Schritte kußte ich ihr Stirne, Wangen und Lippen. Sie ſchloß ſich dicht an mich. Sie ſprach kaum zwei Worte. See erwiederte meine Kuͤſſe mit einer Leidenſchaftlichkeit die ich nie an ihr bemerkt hatte. Ja, mein Bruder hatte Recht. Die paar Loth Gold auf ſeiner Uni⸗ form thaten bei Florentinen in vier Minu⸗ ten mehr, als meine Blicke, meine Seufzer, meine Worte in vier Jahren. Da ſtanden wir am außerſten Ende des Gaktens.— Florentine ſchien, von ihren Ju⸗ gendjahren her, hier genau bekannt zu ſeyn; ungeachtet es ſo finſter war, daß man die Hand nicht vor ſich ſehen konnte, fuͤhrte ſie mich am aͤußerſten Ende des Gartens in eine große Grotke. Florentine o gehoͤrte ganz mir. Bekannt mit den Schleifen und Schnuͤren des Sammetpelzes, loͤßte ich die neidiſche Huͤle. „, Tk„„ — 139— Im tiefſten Hintergrunde der Grotte zog mich Florentine auf ein weiches Moosſopha. Der Welt, allen Verhaͤlt ſſen, ſich ſelbſt entruͤckt, legte ſich Florentine mit ſuͤßem Schmachten in meine Arme. Sie ſprach kein Wort; ſie hing in ſtillem Entzuͤcken an meinen beben⸗ den Lippen. Ein ſchrecklicher Blitz beleuchtete in die⸗ ſem Augenblicke die ganze Grotte, ein furcht⸗ barer Donner erbebte uͤber uns. Die Grotte erbebte in ihren Grundfeſten; kleines Steingeruͤlle rollte von allen Seiten herab. Wir flogen wie Verbrecher auf. Ich hatte bei dem Aufſchlagen des Feuers den Eingang unſers Liebestemvels bemerkt, ich ſtuͤrzte hinaus. Die Hoͤlle mußte geborſten ſeyn. Die ganze Atmoſphaͤre roch nach Schwefel, Pulver, nach dem Teufel ſelber. Ich wollte zuruͤck in Florentinens erwar⸗ tende Arme. Aber ich fand den Ruͤckweg nicht wieder. Ich tappte im Geſtrippe und Gebuͤſche herum, ich konnte nicht ruͤckwaͤrts, — 140— nicht vorwvaͤrts; ich purzelte uͤber Steinhau⸗ fen, ich ſiel in Hecken, meine Achſelbaͤnder blieben in den Dornen haͤngen, ich war wie beheyt. „Florentine,“ rief ich endlich, um we⸗ nigſtens ihren Ariadnenarm zu haben, der mich aus dieſem verfluchten Labyrinthe wie⸗ der herausfuͤyre. Ein bruͤllendes„Wer da?“ war die Antwort. Ein Kerl, groß wie ein Rieſe, ſtand vor mir. Er mußte beſſere Augen haben, als ich, denn als er mich in der Uniform gewahrte, prallte er drei Schritte zuruͤck, und praͤſentirte das Gewehr. „Gewehr im Arm,“ kommanbirte ich mit der Gravitaͤt eines Generalfeldmarſchalls. „Immer brav munter und wachſam, mein Sohn. Was haſt Du hier fuͤr einen Po⸗ ſten?“ „Bei der Laͤrmkanone.“ „Ach ja, ich weiß, ich weiß. Paß gut auf. Virleicht findet ſich hier herum der ——„» — 141— Deſerteur, um deſſentwillen ſie vorher abge⸗ feuert wurde. Wie iſt mir denn! Bin ich durch die Finſterniß doch ganz fremd hier geworden, hier geht ja wohl der eWeg zur Stadt? „Nein hier, Sie gehen erſt auf die zwei Wachtfeuer dort los, daan kommen Sie gleich in die große Straße, da koͤnnen Sie nicht fehlen.“ „Ach richtig, richtig!“ Ich ging den bezeichneten Weg. Das Gift des Unmuths zog ſich mir durch ale Adern. Alſo ein Deſerteur hatte mich um Florentinens Bluͤthenreitz gebracht? O! haͤtte ich das gewußt! Eine ganze Armee haͤtte koͤnnen vor meiner ſtillen Grotte vor⸗ bei Reißaus nehmen! Florentinens Sam⸗ metpelz haͤtte ich nicht gelaſſen. Florentine! Alſo eine Laͤrmkanone nur konnte Deine Tugend ſchußfeſt machen? Ich begriff mich nichf, ſie nicht. Nicht meine raſche Drei⸗ ſtigkeit, nicht ihr Hingeben, nicht ihr Ent⸗ gegenkommen; der Septemberabend war recht friſch, und ſie gluͤhte. Der alte Ober⸗ 1 forſtmeiſter ſagte einmal:„die Maͤdchen.— Ihr köoͤunt mir es glauben, ich bin ein alter Jaͤger, und kenne die Menſchen und die Thiere— die Maͤdchen haben alle eine Stunde, in der ſie ſich nichts abſchlagen koͤnnen. Bei manchen dauert dieſe Stunde einen Augenblick, bei andern die ganze Zeit ihres Lebens.“ Florentine mußte ihre Stunde gehabt haben, ſonſt— je ruhiger ich jetzt bei mei⸗ nem Heimgehen daruͤber nachdachte, je mehr ward ſie mir Raͤthſel. Meines Bruders Bedienter wartete mit Sehnſucht auf mich. Er uͤberreichte mir ein Billet ſeines Herrn. „Den Augenblick wirf Dich in Ballklei⸗ der und komm. Beim Feuerwerk fand ich Deine himmliſchen drei Pflegekinder. Sie ſind mit auf den Ball bei dem Prinzen ge⸗ laden. Anch Dich wuͤnſcht der Prinz bei 22. 8—— ſich zu ſehen. Mein Wagen ſteht. bereit. Was iſt Florentine fuͤr ein Engel! Bru⸗ der, Deinen Vatorſeegen!“ 3 „Florentinen? Charmant! Lanitz, Roſa⸗ lien, und mein ehelerblicher Bruder, Floren⸗ tinen! Florentinen— die Ungetkeue! Mit jedem Uniformſtuͤck, das ich ablegte, minderte ſich mein Muth. Es ſtand in meiner Macht, die Madchen beiden zu ent⸗ reißen, denn ich kannte beide laͤnger, ich hatte aͤltere Rechte auf ſie, aber ich verzagte. Ich gab ſie beide verloren; ich ſah die Paare ſchon am Trauaftare, und zwiſchen mir und dem reinen himmliſchen Weſen Marien die Beſtie, den Tiras. Und blieb mir denn Ma⸗ rie? Die vermaledeite Reiſe in das Lager! Noch hatte ich vom ganzen Lager nichts geſehen, als die Laͤrmkonone, und ſchon hat⸗ ten ſich zweie von meinem Herzen longe⸗ riſſen. Maria, die köͤſtliche Maria flog in dieſem Augenblicke Colonne auf, Colonne ab.— Alle Augen— am Ende der Prinz — 44— ſelbſt....„Nein, Du mußt hin, ſagte ich zu mir ſelbſt, und ließ mich nun von dem Bedienten adoniſiren. Dieſer unterhielt mich von einer Mord⸗ geſchichte, die ſo eben im Lager vorgefallen war, und mit mir in Bezug ſtand. Ein Soldat hatte ſeine Frau im Lager erſchla⸗ gen, und war in Civilkleidern gefluͤchtet. Daher der Stoͤrenfried, die verdammte Laͤrmkanone. Sonderbarer Zuſammenhang! eine Frau mußte erſchlagen werden, damit mein Bru⸗ der, der unverdiente Wildfang, Florentinen unberuͤhrt in ſeine Arme ſchloß! Ich eilte zum Wagen;—— der Kut⸗ ſcher flog mit mir zum Thore hinaus, nach dem naͤchſten Rittergute, wo der Prinz mit ſeinem K Kuͤraſſierregimente kantonirte.) Uebex⸗ all ſchwaͤrmten auf dem Wege Huſaren herum den fluͤchtig gewordenen Moͤrder zu ſuchen. Das Schloß des Gutsherrn, wo per ½ 9 2 — 145— Prinz den Ball gab, leuchtete mir weit entgegen. Ich ließ fahren, was die Pferde laufen konnten. Ich wußte Lanitz an Roſa⸗ liens Seite, meinen Bruder zu Florentinens Fuͤßen. Schreckliche Gewißheit! Aber wer, wer buhlte um Maria Diana? noch ſchrecklichere Ungewißheit! Dreifache Eiferſucht nagte und biß und quaͤlte mich in der geheimſten Tiefe meines Innern. Endlich hielt ich im Schloßhofe. Ich ſtieg aus; ich flog die Treppe hinan; ein Kammerhuſar des Prinzen riß mir die Fluͤ⸗ gelthuͤren des Ballſaales auf, Maria fihweb⸗ te an der Hand des jungen Kuͤraſſierprinzen die Kolonne herunter, mir gerade entgegen. Ihr Auge gehoͤrte ihrem grazioͤſen Taͤnzer. Kein Menſch ſah mich; denn aller, aller Blicke im ganzen Saale ruhten mit Wohl⸗ wollen und Wolluſt, mit Vergnuͤgen und Be⸗ VI. 10 — 4146— gierde, auf dem ſchoͤnen, ſchoͤnen Maͤdchen, das dem Himmel entſchwebt ſchien. „Tiras, Tiras,“ rief ich mir heimlich, „ich haͤtte das Hundegeſchlecht ausrotten, alle Menſchen im Saale haͤtte ich niederſto⸗ ßen moͤgen; denn ihre Faunenblicke, ihr Stadt⸗, ihr Hofathem vergifteten den Engel.“ Ich bemerkte nicht Florentinen, nicht mei⸗ nen Bruder. Im Nebenzimmer ſaßen beide. Mein Bruder ſprang auf, flog mir an den Hals, und zog mich zu Florentinen. Ich ſtand mit meinem Verbrechergewiſſen vor ihr. Wir beide betrogen den ehrlichen Bru⸗ der. Sie war heiter und unbefangen. Sie ſah mir ſo rein in das Auge, als ob ſie keine Grotte, keine Laͤrmkanone in der ganten Welt kennte. Dieſe furchtbare Verſtel⸗ lungskunſt ging uͤber die Grenzen meiner Erwartung. „Noch iſt es mit uns nicht ganz rich⸗ tig/“ erzaͤhlte mein, lachender Uhlane,„aber, — 147— Bruͤderchen, es wird. Nicht wahr, Fraͤu⸗ lein, Sie ſind Ihrem Schwager auch ein bischen gut? Es iſt ein Junge, wie ein Gott.“ Florentine ſah mich freundlich an. Die Idee, mich als Schwager zu betrachten, ſchien ihr nicht uneben. Die Bekanntſchaft mit meinem Bruder war nicht von heute. Sie kannten ſich ſchon mehrere Jahre. Heute aber ſchien mein Bruder die Winterquartirre bezogen zu haben. Florentine war gegen ihn unbegreiflich herzlich und froh.— O! Weiber! Weiber! Dieſelbe Florentine, die— war die ver⸗ fluchte Laͤrmkanone nicht, den Tod der ſuͤße⸗ ſten Liebe in meinem Arm geſtorben wore, ſaß jetzt an meines Bruders Seite, vor mei⸗ nen Augen, mit einer jungfraͤulichen Zuͤch⸗ tigkeit, mit einem ſo ungeheuchelt ſchuldloſen Geſicht, mit einem ſo lieblichen Frohſinn— nein, es war mehr, als ich ertragen konnte. Meine Laune war verſtimmt, ich fand 10* — 148— eine Wolluſt darinn, auch die Aeolsharfen⸗ Saiten ihres Gemuͤths zu Diſſonanzen zu drehen, und nebenbei wollte ich meinem Bru⸗ der ein Wachfeuerchen anzuͤnden, daß er ſich vom Reize dieſer gefaͤhrlichen Schlange nicht uͤberrumpeln laſſe. „Das Feuerwerk,“ begann ich, die Ge⸗ legenheit vom Zaun brechend,„das Feuer⸗ werk war heute Abend auch keinen Thaler werth. Haben Sie nicht gefroren, Fraͤu⸗ lein?“ „Ich hatte mich warm angezogen. Ich habe mich ſehr gut amuͤſirt, wo ſteckten Sie denn?“ Ihre Frivolitaͤt verwirrte mich; dieſe feſte Haltung in der verworrenſten Verle⸗ genheit verrieth eine geuͤbte Intriguantinn. Jetzt ſetzte ich mich darauf, ſie außer Faſ⸗ ſung zu bringen. „Ich fand,“ antwortete ich, und ſah ſie mit einem durchbohrenden Seitenblick an, hein allerliebſtes Maͤdchen meiner fruͤhern do w C 8 n n Ich eckten dieſe Verle⸗ atinn. . Faſ⸗ ah ſie k an, ruͤhern — 149— Bekanntſchaft: wir ließen Feuerwerk, Feuer⸗ werk ſeyn, und durchwandelten den Garten. Das holde Kind zog mich mit ſich fort bis in die ſtille Grotte am Ende des Parks dort.—— Florentine ſprang auf und wollte weg. Mein Bruder frug nach der Urſache ihres Wegeilens. „Die Geſchichte, die ihr Herr Bruder erzaͤhlt, iſt fuͤr die Gallerie, mein Platz iſt im erſten Range.“ Mit dieſen Worten ging ſie, und warf einen Blick des tiefſten Unwillens auf mich uͤber die Achſel. „Sieh, Bruͤderchen,“ hob der getaͤuſchte Uhlan an,„ſo, gerade ſo muß meine Frau ſeyn, und darum muß Florentine meine Frau werden. Laß kuͤnftighin Deine verfaͤnglichen Erzaͤhlungen weg, wenn Florentine meine Frau, und wenn ſie dabei iſt! Ich fuͤr meine Perſon mag vor metn Leben gern ſo was hoͤren; beſonders in deiner Manier. —— — 150— Was paſſirte denn da in der Grotte? Bruͤ⸗ derchen? In dem Augenblicke trat Maria in das Zimmer; hinter ihr fuͤnf, ſechs, ſieben junge Uniformen. Ein empoͤrender, ein herzzer⸗ ſchneidender Anblick. Kaum, daß mich Ma⸗ ria gewahrte, ſo kam ſie auf mich zu, zog, weil ſie meine Antipathie gegen das Leder⸗ Kuͤſſen kennt, den Handſchuh aus; und reichte mir die Lilienhand freundlich zum Wihtommen. Die jungen Vaterlandstaͤnzer ſtuͤrzten auf Hand, Arm, Ellenbogen und Finger; Maria entzog ihnen den gemißhandelten Arm und ſagte mir laͤchelnd leiſe.„Ihr Fleckchen haben ſie doch nicht getroffen.“ Sie wies auf das heimliche weiche Gruͤb⸗ chen zwiſchen Ober⸗ und Unterarm, das ich, im Verzuͤcken der Liebe, ihr Tauſendmal ſchon hatte aufbeißen wollen. Die Indringlichen umſtuͤrmten ſie von neuem; jeder wollte den Walzer, der eben 2 ru⸗ das nge zer⸗ Ma⸗ zog/ der⸗ und zum zten ger; Ilten Phr en. ruͤb⸗ ich, mal von — 1351— im Saale vom Orcheſter herabbrauſ'te, mit ihr tanzen. „Ich bedaure,“ ſagte ſie, ſich vernei⸗ gend,„ich bin bereits mit dem Herrn hier engagirt.“ Sie lehnte ſich auf meinen Arm, wir eilten in den Saal und drehten uns in dem wirbelnden Kreis. Ein eigenes Schweſterpaar! Jene traͤgt heimlich ihre Reize mir freiwillig an, und kennt mich kaum unter den Menſchen; dieſe zeichnet mich durch ihre Engelsfreundlichkeit oͤffentlich aus, und beim Tete a Tete hetzt ſie Hunde auf mich! Ich nahm das ſuͤße Maͤdchen in den Arm, bot die ganze Kunſt meines Tanzes auf, und fuͤhlte den Blick aller Lorgnetten, aller Augen im ganzen Saale auf uns lie⸗ gen. Maria, Maria war es, die alle Maͤd⸗ chen, alle Frauen uͤberblendete. Allen den Soͤhnen des Mars wackelten die Lippen, waͤſſerte der Mund. Maria ſprach waͤhren des Tanzes ſo freundlich, ſo herzlich mit — 132— mir, ſie ſchmiegte ſich ſo traulich an mich. Sie ſah nicht das Stieren der Faunen⸗ Geſichter, ihr Auge ſpiegelte ſich nur in dem meinigen; der Engel der Liebe ſtand nur zwiſchen uns, nicht mehr der garſtige Tiras. Ich hatte meine Arme um ſie ge⸗ ſchlungen, ich druͤckte das zauberiſche Maͤd⸗ chen leiſe. Gewiß hatte es kein Menſch bemerkt, aber Maria blieb den Augenblick ſtill ſtehen, verneigte ſich empfindlich und endete den Walzer. Der Unmuth uͤber mich ſelbſt grollte wieder in mir auf. Florentine begegnete uns.„Sind Sie noch boͤſe?“ frug ich, und wollte das vorige Geſpraͤch wieder an⸗ knuͤpfen.„Erſchraken Sie denn auch ſo uͤber die verdammte Laͤrmkanone, bei dem Feuerwerk 2 „Erſchraken Sie denn ſo? „In meiner Grotte,— als die verma⸗ ledeite ultima ratio losbrannte“¹“— na⸗ — 153— „Sie haben getrunken,“ ſagte Floren⸗ tine veraͤchtlich, und ließ uns ſtehen. Mein Bruder ſtellte mich dem Prinzen vor. Maria ſtand an meiner Seite. Sein gnaͤdiger Blick galt mehr ihr, als mir. Se. Durchlaucht waren recht herablaſſend. Sie ſprachen uͤber unſern Walzer, Hoͤchſt⸗Sie waren charmirt, entzuͤckt! Am Ende der langen Tirade von vielen Worten und we⸗ nigem Sinn, baten ſich Se. Durchlaucht die Francoiſe, die eben getanzt werden ſollte, von Marien aus. „Ew. Durchlaucht werden verzeihen, ich bin mit dem Herrn engagirt.“ Sie machte eine aͤußerſt devote Verbeugung, und legte mich mit ihrer Luͤge zwiſchen zwei gluͤhende Walzen. „Wenn,“ hob ich mit einem Hofbuͤck⸗ ling an,„wenn Ew. Durchlaucht mit dem Fraͤulein zu tanzen wuͤnſchen, ſo cedire ich — mit Vergnuͤgen— meine Rechte“”“— „das koͤnnen ſie nicht, mein Herr,“ erwie⸗ — 154— derte Maria mit einer Art, die mich und den Prinzen in unbeſchreibliche Verlegenheit brachte.„Ich habe Ihnen meinen Arm zum Tanz gegeben. Haben Sie ihn ange⸗ nommen, ſo koͤnnen Sie, ſo duͤrfen Sie ihn nicht— cediren. Ich bin der Herr meines Arms, ich. Um Sie nnn beide der Verlegenheit zu uͤberheben, erlauben Sie mir, gar nicht zu tanzen.“ Sie verneigte ſich noch devoter, als vorhin, vor dem Prinzen, warf mich mit einem boͤſen, boͤſen Blick bis zu den Anti⸗ poden, und ging. „Charmant, recht charmant“ ſagte der Prinz halb zu mir, und halb zu ſich,„das Boͤſeſeyn ſteht ihr allerliebſt. Sur mon honneur, allerliebſt.““ Der Prinz wendete ſich, und ließ mich allein ſtehen. Abſcheuliches Maͤdchen, erſt hetzt ſie den Tiras auf mich, und nun gar den Prinzen! Und ſollte ich auf alle ewige Gnadenmittel Verzicht leiſten, mich braͤchte —— kein Menſch wieder zu einer Reiſe in das Lager. Mir war Mariens ganzes Beneh⸗ men gegen den Prinzen ein Raͤthſel. Ich ſuchte ſie auf. Da begegnete mir Tante Polangen in hoͤchſter Bewegung, in heimli⸗ cher, aber ſchrecklicher Angſt, hinter ihr Ro⸗ ſalie, leichenblaß, an Lanitzens Arme. Die Tante ergriff mich, als ſtuͤnde auf meinem Kopfe ein Preis.„Gut, daß ich Sie finde. Roſalie iſt unwohl. Ich muß hier bleiben. Bei Marien und Florentinen. Fahren Sie mit ihr— mit der Roſalie— Lanitz faͤhrt ſelbſt.— Es koͤnnte was paſſi⸗ ren. Nacht iſt es. Sie iſt allein— Fah⸗ ren Sie mit.“ Das iſt wieder eine gute Parthie, dachte ich, da ſollſt du Roſalien huͤten, gegen ei⸗ nen Huſaren⸗Adjudanten huͤten; waͤre doch die infame Reiſe in's Lager, wo der Pfeffer waͤchſt. Maria kam, um gute Nacht von Roſa⸗ lien zu nehmen.„Cediren,“ raunte ſie mir — 156— in das Ohr,„mich einem Prinzen eediren, pfui, pfui, pfui. In meinem Leben vergeſſe ich Ihnen das nicht. Ich konnte, ich wollte mit dem Prinzen dicht tanzen, er war vor⸗ hin bei dem erſten Tanze unartig, ungezo⸗ gen geaen mich geweſen, und Sie,— Sie wollen ihm mich cediren?“—— „Fraͤulein, meine himmliſche Matia⸗ wußte ich denn das alles?“ „Lluch wenn Sie das nicht wußten. Ein Maͤdchen, das ſich Ihnen anvertraut, muͤſ⸗ ſen Sie nie cediren, nie, nie, auch keinem Prinzen!4 Sie war doch wieder gut. Wenn Sie ſprach, wurde ſie immer wieder gut. Sie reichte mir die Hand.„Gute Nacht, dum⸗ mer Menſch“ ſagte ſie lachend, und ging in die Geſellſchaft zuruͤck. Ich hob Roſalien in den Scheibenwa⸗ gen. Ich ſetzte mich neben ſie. Lanitz auf den Bock. Er fuhr ſelbſt. In Karriere ging es der Stadt zu. Roſalie bat um 2 — 0 * Gotkeswigen, nicht ſo raſch zu fahren, aber erſt, als wir auf die Chauſſe, auf das Pfla⸗ ſter kamen, griff Lanitz in die Zuͤgel. Ich hatte die Kranke in meinen Arm gelehnt. Sie meinte, ſie laͤge ſo recht gut, es ſey ihr beſſer, Der Verſucher trat wie⸗ der zu mir. Dem Huſaren⸗Adjudanten ein Bein zu ſtellen, meine aͤltern Rechte geltend zu machen, mich fuͤr den heutigen uͤber⸗ freundlichen guten Morgen zu raͤchen, das, dos bruͤtete der boͤſe Daͤmon, der mich auf dieſer ganzen Reiſe, von Anbeginn an, be⸗ gleitete, bald in mir aus.„Fahr Du nur, mein Bruͤderchen, da draußen auf Deinem Bocke, wir wollen in unſerm haſchigen Waͤ⸗ gelchen ſchon nachkommen,“ dachte ich, zog die uͤppige Roſalie dichter an mich, und kuͤßte ihr Stirn und Wange. Ich umfaßte, ich umſchlang das reitzende WMadchen. Sie ſchwieg. Lanitz hatte ſeine Augen auf die Mohrenſchimmel geheftet. Das wußte das Maͤdchen. Roſalie draͤngte noch enger ſich — 1658— an mich. Die Lippen zitterten mir vor ſaͤßer Freude. Roſalie ſchlang raſch ihren Arm um mich. Ihre kleinen Finger krampf⸗ ten ſich auf meiner Achſel zuſammen. Sie knipp, daß ich haͤtte laut aufſchreien moͤgen, aber ich ſchwieg. Man haͤtte mir Arm und Beine ausrenken köoͤnnen, ich haͤtte geſchwie⸗ gen. Ich dachte an den alten Oberforſtmei⸗ ſter und an ſeinen Satz von der Stunde. Roſalie ſtoͤhnte, als ob ſie aus einer Ohnmacht erwachte. Sie klagte uͤber das Stoßen des Wagens; ich ſetzte ſie auf mei⸗ nen Schooß. Roſalie loͤßte ſich das Leib⸗ chen und alle Baͤnder. Der Hammer zur Stunde des Oberforſtmeiſters hob aus, eben ſollte ſie ſchlagen, die ſeelige Stunde— da hielt der Wagen. Ich fuhr ans Fenſter. Wir ſtanden in einer ſchmalen Straße vor einem kleinen Hauſe. Das war nicht die Wohnung der Tante Polangen. Ich ſtutzte. „Steigen Sie aus,“ lispelte mir Lanitz vom Bocke durch die Fenſterſcheibe in den fru — 159— Wagen,„ſteigen Sie aus, lieber Freund. Wie geht es Dir, liebe Roſalie?“ „Ach Gott, nicht gut. Ich glaube, ich habe den ganzen Weg in Ohnmacht gelegen. Macht nur daß ich herauskomme. Der Wagen ſtieß! ich konnte faſt nicht laͤnger es aushalten.““ Ich war unterdeſſen ausgeſtiegen.„Fra⸗ gen Sie doch hier einmal,“ verſetzte Lanitz, „hier in dem kleinen Hauſe nach Madame Kolbe, ich weiß, hol mich der Teufel, nicht recht gewiß, ob ſie hier, oder darneben wohnt. Es iſt ja ſo pechſinſter, daß man die Hand nicht vor ſich ſehen kann.“ Ich ſtutzte wieder, und klopfte an den Fenſterladen des kieinen Hauſes. Roſalie wimmerte in dem Wagen. „Eine alte Frau oͤ frug nach Madam Kol „Kolbe? Kolbe? Madam Kolbe? nein, die weiß ich nicht.“ ſhe f den Laden. Ich be. — 160— „Die Hehamme! in's drei Teufelsna⸗ men,“ polterte Lanitz vom Bocke herunter. „Ach die, ja die wohnt hier neben an, Dicht neben an.“ Jetzt ahnete ich, jetzt ſah ich helle. Die alte Frau mogte denken, ich waͤre der Be⸗ diente und Lanitz der Kutſcher einer herr⸗ ſchaftlichen Equipage, welche die Hebamme holen ſollte. Sie nahm keine Notiz von uns, ſte ſchloß ihren Laden wieder zu, und wir pochten nun Madam Kolbe heraus. Dieſe ſchien ſchon voöͤllig vorbereitet. Wir hoben Roſalien aus dem Wagen. La⸗ nitz ſchob mir die Zuͤgel in die Hand, und blieb bei dem Fraͤulein faſt eine Biertel⸗ ſtunde. Da ſtand ich nun hinter den Beſtien, den Rothſchimmeln, und mußte die wilden Unbaͤnde mit guten Worten beſchwichtigen, waͤhrend eine Frage die andere meinen Kopf beſtuͤrmte. Ich hatte im Stillen üͤber die Gunſibe⸗ zeugungen gejubelt, die mir Roſalie, hinter dem Ruͤcken ihres bockfeſten Adjudanten, ge⸗ ſchenkt hatte. Und ſie hatte mir nichts ge⸗ ſchenkt. Gar nichts. Ich hatte geraubt. Ich hatte gepluͤndert Jetzt erklaͤrte ich mir ihren Krampf in den kleinen Fingern, ihr Stoͤhnen, ihre Bereitwilligkeit, auf meinen Schooß ſich zu ſetzen. Die Loͤſung ihres Leibchens, alles erklaͤrte ich mir jetzt.— Aber daß Roſalie ſo, ſo haͤtte fallen koͤnnen, daß der Adjudant einen ſolchen folgenreichen Sieg errungen hatte, das konnte ich mir nicht erklaͤren. Traue einer nur noch einem Maͤdchen! Fraͤulein Florentine hatte ich in der Grotte kennen gelernt, und Fraͤulein Ro⸗ ſalie jammerte unter den Haͤnden der Heb⸗ amme!! Auf die Unſchuld beider hatte ich vor der Reiſe in das Lager tanſend Eide ſchwoͤren wollen. Was hatte ich bei ſolchen Schweſtern und bei ſolch einer Tante, von Marien zu erwarten; von Jarien, deren Blut Platina zu Brei ſchmelzen konnte! VI. 11 = 162— Die Tante mußte darum wiſſen; denn ihre g Angſt war Beweis. Eine ſchoͤne liebe Tante! k. darum bedungen ſich auch die Maͤdchen 2 gleich bei dem Anfang unſerer unſeligen ſe Reiſe von mir aus, daß ich mich gar nicht um el ſie bekuͤmmern, daß ich ſie ganz und gar ihrer E Tante allein uͤberlaſſen ſollte. Sie kannten ſie, die allerliebſte nachſichtige Tante! Wer weiß, wem ſie jetzt wieder Marien ankup⸗ ſe peln wollte. Ich war ihr im Wege, da⸗ 5 rum ſchickt ſie mich hieher, und laͤßt mich ja ein Paar wilde Rothſchimmel halten. n Zum Gluͤck kam jetzt Lanitz heraus, ſonſt hi haͤtte ich wahrhaftig die verfluchten Schim⸗ mel ſtehen gelaſſen; denn ich mußte zuruͤck, zo auf den Ball zuruͤck, um Maria zu beob, ei achten, und ſie zu retten, wenn ſie es noch un werth war. Lanitz ſiel mir wie ein Wahn⸗ ſie ſinniger um den Hals. S „Ein Sohn, ein Sohn! Sie ſind der ſa erſte, der meine Freude weiß. Menſch, En. de gel, Ihre Theilnahme! daß Sie uns be⸗ — 163— gleiteten. Herzenslieber Junge, nie, nie kann ich Dir es verdanken. Nur um Got⸗ teswillen reinen Mund! Sie machen uns ſonſt ungluͤcklich, mich, Mutter und Kind elend. Ihr Ehrenwort Herr! Herr! Ihr Ehrenwort!“ Ich gab es, der Exaltirte haͤtte mir ſonſt gegen den Hebammenpallaſt das Ge⸗ hirn eingerennt. Er ſprang auf den Bock, jagte wie ein Raſender nach Hauſe oder zum Arzt, und uͤberließ mir zu gehen, wo⸗ hin mir es beliebte. Ich mußte auf den Ball zuruͤck. Es zog mich wie mit Ketten hin. Ich hoffte, eine Equipage zu finden, die dahin fuͤhre, um ihre Herrſchaft abzuholen, aber es ließ ſich keine ſehen noch hoͤren. Ich hatte die Stadt, die Chauſſee ſchon im Ruͤcken, ich ſah ſchon in weiter Ferne den Lichtglanz des Ballſchloſſes, der mit dem aufdaͤmmern⸗ den Morgenſchimmer im Oſten widerlich 11* 164— kontraſtirte. Da ſprengten zwei Kuͤraſſiere von des Prinzen Regiment auf mich ein. „Wer da? wohin?“ Ich entgegnete Ihnen, daß ich auf den Ball gehen wolle, den ihr Prinz dort auf dem Schloſſe gab.. „Spitzbube! Er! Zu Fuße hier heraus? nach Mitternacht auf den Ball. Schlecht verdefendirt, Musje! ſchlecht, grundſchlecht. Marſch, umgekehrt, vorwaͤrts!“ „Ich glaube ihr habt getrunken? wo ſoll ich hin? wer will mir wehren zu gehen, wo ich hin will? u „Wir! Hallunke, wir! daß Dich das heilige Mordkreuz⸗Donnerwetter. Will der Kerl noch Naͤtzchen machen. Vorwaͤrts ſage ich, oder wir hauen ihm die Fluͤgel vom Leibe. Die Gruͤnde waren triftig. An Flucht war nicht zu denken, ich kehrte mit ihnen um nach der Stadt zu; den Streich, den — 8½„— .„2 & Q*— +₰—„.— malitioͤfen Streich, hatte mir der Prinz eingebrockt. Mariens Betragen mußte ihn auf den Gedanken gebracht haben, daß Maria mich ihm vorziehe. Beſtimmt hatte er mit Tan⸗ te Polangen den Plan gemeinſchaftlich ge⸗ kartet, mich vom Balle zu entfernen, und damit ich nicht wiederkomme, er ſich hinter ein Paar bohnenſtrohgrobe Kuͤraſſiere. Jetzt iſt Marie ſein, und mor⸗ gen entlaͤßt man mich meines Arreſtes, und giebt einen Irrthum vor, ein Verſehen in der Perſon— aber der Zweck iſt erreicht. Ich haͤtte verzweifeln moͤgen vor Bos⸗ heit. Ich mußte zuruͤck auf den Ball. Ein raſcher Sprung uͤber den Seitengraben an der Chauſſer konnte mich retten. ſchweren Kuͤraſſe konnten nicht nach. Um mir die Gelegenheit auszuſehen, ging ich an den Graben dicht weg. raſſier mußte meine Liſt merken; er befahl mir, mitten auf der Chauſſee zu gehen. Der eine Kuͤ⸗ Beide nahmen mich in die Mitte. Wie einen Miſſethaͤter brachten ſie mich ſo auf die Thorwache. Hier erſt erfuhr ich den Zuſammenhang. Der Prinz war unſchul⸗ dig. Der Moͤrder, der geſtern Abend aus dem Lager deſertirt war, der durch die Laͤrmkanone mich geſtern ſchon um Floren⸗ tinen gebracht hatte, ſiellte ſich unſichtbar auch hier mir wieder in den Weg. Alle Straßen waren beſetzt, um ihn aufzuſuchen. Die Kuͤraſſiere hatten mich auf daß Korn gefaßt. Der Moͤrder war in Civilkleidern entflohen. Ich konnte, ich mußte es ſeyn. Der Offizier von der Thorwache examenirte mich, wir waren allein. Ich erzaͤhlte ihm, wer ich ſey, wohin ich gewollt hatte. Er maß mich von oben nach unten. Er wollte meine Geſchichte, die ich ihm, um Lanitz und Roſalien willen nicht ganz treu erzaͤh⸗ len konnte, und in der ich daher einigemal ſtockte, platterdings nicht glauben.— „Daß Du den Deufel haͤtteſt mit Lüͤgen/ — 4167— „rief er.“ Nein Patroͤnchen, Du bleibſt hier. Marſch mit ihm in die Arreſtanten⸗ ſtube!“ Ich warf mich auf die Pritſche. Ich ſah mich ſchon morgen im Verhoͤr— dann lag Roſaliens Ehre vor allen Hauptwachen begraben. Ich hatte Lanitz mein Wort ge⸗ geben, zu ſchweigen. Man haͤtte mich auf die Tortur legen koͤnnen, ich haͤtte nichts geſagt. Aber am Ende kam die Sache doch zur Sprache, und Roſaliens Ruf ſtand auf der Spitze. Ich uͤberlegte und bat, den Offizier allein zu ſprechen. Er kam. „Herr Lieutenant, kennen Sie den Adju⸗ danten von Lanitz?⁷ „Er iſt mein Freund! „Auch der meinige. Laſſen Sie mich ausreden; das Gluͤck, die Ehre unſers ge⸗ meinſchaftlichen Freundes haben Sie in Haͤnden. Erlauben Sie mir ein Paar Zei⸗ len an Lanitz. Sie ſollen ſie leſen. Bis dahin, Herr Lieutenant,— Cavalierparole, kein Wort, kein Sterbenswort von dem Vo all!“ Der Leutenant ward ungewiß, endlich willigte er ein. Er nahm mich mit und behielt mich in ſeiner Stube. Lanitz kam, meiner Bitte gemaͤß, in Ci⸗ vilkleidern, damit die Burſche auf der Wa⸗ che ihn nicht erkennen ſollten. Ich erzaͤhlte ihm, in des Offiziers Gegenwart, den Vor⸗ fall. Lanitz betheuerte, daß er mich kenne, und bat den Lieutenant, von der ganzen Sache, bei ſeiner Freundſchaft fuͤr ihn, ewig zu ſchweigen, weil ich ſonſt in das Gerede der Stadt kommen wuͤrde, daß ihm und mir nicht lieb ſey. Lanitz ließ mich in mein Logis fahren. Er ſelbſt ging einen kuͤrzern Weg zu Fuße nach Hauſe. „Die drei Maͤdchen bringen Dich noch an Galgen und Rad,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, und beſchloß, mich gaͤnzlich von ih⸗ dem 8 r 109— nen loszureißen. Die beiden alteſten gehoͤr⸗ ten mir nicht mehr. Und Maria— Ach, ich war ihr immer noch gut, ungeachtet des Wolfspackers und des Prinzen. Ich legte mich, erſchoͤpft von den Be⸗ gebenheiten der ungluͤcklichen vier und zwan⸗ zig Stunden nieder; um 9 Uhr fruͤh ließ Maria mich ſchon eitiren. Mein Bruder ſchlief noch. Ich eilte hin. Statt ihrer fand ich Florentinen im Zimmer. Floren⸗ tine war freundlich, froͤhlich. Sie dankte mir fuͤr den geſtrigen Beiſtand, den ich Ro⸗ ſalien geleiſtet haͤtte. Ich ſtaunte, daß ſie es wußte, daß ſie uͤber Roſaliens Kinderei Freude habe konnte. Von meiner Gefan⸗ gengeſchichte ſchien ſie nichts zu wiſſen. „Aber ſagen Sie,“ hob ſie mit einem Male an,„was hatten Sie denn geſtern mit mir: Sie ſprachen da von einer Kanone, von einer, glaube ich, Laͤrmkanone, ich glaube, ich glaube, es war bei Ihnen im Oberſtuͤbchen nicht recht richtig.“ — 170— Wir waren allein. Ich begriff ihre Leugnungsgabe nicht. Ich umfaßte ſie, da riß ſie, um nicht laͤnger mit mir allein zu ſeyn, an der Klingel, und das Kammer⸗ maͤdchen trat ein. Hinter ihr zufaͤllig eine Schneiberin mit dem Sammetpelze uͤber dem Arm. „Aber Kind,“ ſchalt Florentine auf das Schneiderknoͤspchen,„den Pelz ſollten Sie mir ja geſtern Abend bringen. Es war ja eine Kleinigkeit nur daran zu machen. Ich haͤtte ihn geſtern ſo gern bei dem Feuerwerk angezogen.. Ich ſiel aus den Wolken. Meine Grot⸗ ten⸗Heilige war die kleine Schneiderſchoͤne. Gott weiß, was fuͤr einen Uhlanenoffizier ſie in der verwuͤnſchten Uniform geglaubt hatte. Sie ging. Ich ſank zu Florentinens Fuͤßen. „Reine, heilige, keuſche Florentine, ſtammelte ich, und kuͤßte meines gluͤcklichen Bruders Eigenthum, ihre weiche kleine Hand, bald wund. Florentine hielt mich fuͤr verruͤckt. — 171— Marie kam, und fand mich zu Florentinens Fuͤßen. „Allerliebſt; ich beſtellte ihn, und ſtatt mir zu huldigen, wagen Sie ſich an fremdes Gut! Florentine iſt Braut, mein Herr. Seit geſtern Braut ihres Bruders. Ihre Men⸗ ſchenfreundlichkeit gegen Roſalien, hat Sie geſtern um das Gluͤck gebracht, Zeuge die⸗ ſes Bundes zu ſeyn. Jetzt ſollen Sie fort, mit Courierpferden fort zum Vater, um ihm muͤndlich Roſaliens Entbindung zu melden.“ „Das iſt wieder ein ſchoͤner Auftrag.“ „Nun?— Die Großvaterfreuden ken⸗ nen Sie noch nicht, ſonſt wuͤrden Sie es uͤbel nehmen, wenn wir jemand anders beauftrag⸗ ten, dem Vater die froͤhliche Botſchaft zu uͤberbringen“ „Du vergißt in deiner Freude, Maria,“ hob Florentine ein wenig verlegen an,„daß dein Courier die Hauptſache noch nicht weiß.“ „Ach Gott ja,“ ſagte lachend Marig. „Drum wollte er auch nicht zum Vater. — 172— Nein er weiß es ja nicht. Er hat es ja nicht wiſſen koͤnnen.“ Doch jetzt gehoͤren Sie zur Familie. Sie haben Roſalien in der bang⸗ ſten Stunde ihres Lebens gepflegt(ich ward, vor Schaam uͤber mich ſelbſt, blutroth), jetzt muͤſſen Sie es wiſſen; Roſalie iſt, ſeit dem e22ſten December vorigen Jahres, Baroneſſe von Lanitz! ha ha ha ha, das iſt ihm neu! Sehen Sie, unſer eins kann auch ſchweigen!“ „Roſalie? Frau v. Lanitz? Lanitz Gattinn?“ „Lanitzens Ehefrau vor Gott und uns. Nur nicht vor der Welt: darum, mein neu⸗ gebackner Herr Schwager, reinen Mund! die Sache haͤngt ſo zuſammen. Des Adju⸗ danten Onkel, der alte Erbmarſchall, be⸗ ſtimmte ſeinem Neffen das Fraͤulein Sauroff zur Gattinn. Lanitz liebte das Maͤdchen nicht. Er konnte es nicht lieben,“ „Ich kenne ja die triefenden Augen, den garſtigen Mund, die kalte ſtolze Seele, die Abyſſiniſche Wuͤſte in ihrem Herzen!“ Lanitz erklaͤrte, die Sauroff nie zu hei⸗ „.————,,———,„· — 1756— rathen. Der Erbmarſchall drohte mit Enter⸗ bung. Er hat eine halbe Million im Ver⸗ moͤgen. Lanitz iſt der naͤchſte Erbe.“ „Ich verſtehe, verſtehe.“ „Lanitz lernte Roſalien kennen; er bat um ihre Hand, ſelne Eltern und unſer Vater wil⸗ ligten gern ein. Nach Weihnachten vorigen Jahres reiſ'te man uͤber die Greuze und ließ ſich heimlich trauen. Außer der Familie weiß kein Menſch ein Wort davon. Der Erb⸗ marſchall liegt auf den Tod. Nimmt der liebe Gokt den alten Eigenſinn zu ſich, ſo iſt unſer Geheimniß geloͤſ't. Man wird in der Reſidenz vierzehn Tage lang von der Ge⸗ ſchichte ſprechen, und Lanitz wird, vor dem Geklimper ſeiner halben Million, die haͤmiſche Welt nicht hoͤren. Sehen Sie, mein Freund, das iſt der ganze Roman. Jetzt heißt es unter unſern Domeſtiken, Roſalie iſt mit einer Bekanntinn, vom Balle aus, auf deren Landaut gefahren. In der Reſidenz kann man ſo etwas eher — 17½— vertuſchen, als auf dem Lande; darum reiſ'⸗ ten wir hierher, unter dem Vorwande, das Lager zu ſehen. Sie nahmen⸗ wir mit, wil der Vater uns ohne maͤnnliche Begleitung nicht reiſen laſſen wollte, weil wir auf Ihre Diskretion rechnen konnten, und weil Sie, bis auf gewiſſe Punkte, ein ganz allerliebſter Menſch ſind. Wir alle dachten Roſaliens Niederkunft nicht ſo nahe, ſonſt waͤren wir geſtern natuͤrlich vom Balle geblieben, auf dem ich mich uͤberhaupt miſerabel gehabt habe. Jetzt, mein lieber Reiſemarſchall, ſollt Ihr nun fort zum Vater, um ihm die froͤhliche Botſchaft muͤndlich zu bringen. Der Vater hat die liebe Art, ſich, wegen ſeiner ſchwachen Augen, die einkommenden Briefe gern vorleſen zu laſſen, und da koͤnnte denn, wenn wir ihm ſchrieben, eine huͤbſche Geſchichte herauskommen. „Den Augenblick reiſe ich, und bringe nun dem Vater einen Enkel und zwei Soͤhne.“ — 1275— „Und zwei Soͤhne? ℳ „Nun ja, meinen Bruder und mich.“ Florentine lachte laut auf. Marie ward roth. „Marie, keinen Schritt eher in den Wagen: der Courierwagen vor der Thuͤre kann verfaulen, ehe ich reiſe; nur unter die⸗ ſer Bedingung!“ Maria ſchlug die Augen nieder, und wollte fort.„Nicht von der Stelle! Maria! meine einzige, meine himm⸗ liſche Maria! In Ihrer Hand liegt das ganze Gluͤck meines Lebens.“ Ich zog das verwirrte Maͤdchen an meine Bruſt. Sie hatte Thraͤnen im Auge und laͤchelte.„Nun ja,“ ſagte ſie mit un⸗ beſchreiblichem Liebreize,„reiſen Sie mit Gott und bringen Sie meinem alten Vater einen Enkel und zwei Soͤhne!“ Ich ſchlang in ſuͤßem Entzuͤcken die Ueberraſchte in meine Arme. Der Schmet⸗ ter des mahnenden Poſthorns riß mich von — 176— den Purpurlippen, von der freudig klopfen⸗ den Bruſt meiner angebeteten Maria. Jetzt— der alte Onkel hat unterdeſſen das Erbmarſchall Amt in Abrahams Schoo⸗ ße uͤbernommen,— ſitzen wir gluͤckliche drei Paar oft bei dem Vater Ober⸗Forſtmeiſter am Kamin zuſammen, und lachen uͤber die Reiſe in's Lager. — e — A— S e Sz Gedruckt bei Carl Gortlob Gaͤrtner.