Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Der— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3„„ 5 e 7 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sie hatte keinen ruhigen Augenblick mehr im. Hauſe. Sie eilte zu einer Freundinn. Dort hoͤrte ſie den ganzen Zuſammenhang der ungluͤcklichen Geſchichte. Der Graf war geſtern Abend mit meh⸗ reren Studenten auf der Muͤhle. Ein jun⸗ ger Baron macht ſich uͤber einen Barbierge⸗ V. 2 — 2— ſellen luſtig, der ganz ehrbar hinter einem Kruge Bier ſitzt, und ſein Pfeiſchen raucht. Der edle Graf findet dieſen Scherz fade, in⸗ human und dem Zeitgeiſte widerſprechend. Er belegt ſeine Behauptungen mit hundert Bei⸗ ſpielen aus der Geſchichte des Tages, die Maͤnner von gewoͤhnlicher Herkunft, die hoͤch⸗ ſten Stufen menſchlicher Ehre erklimmen ge⸗ ſehen habe, und wird ausgelacht. Er geraͤth in Hitze. Der Baron wird anzuͤglich, der Graf wuͤthend. Er fordert den Baron auf Piſtolen. Heute fruͤh ſtellen ſie ſich. Der Graf hat den erſten Schuß. Er fehlt. Der Varon zielt beſſer, und flieht aus dem Weich⸗ bilde der Stadt, weil man fuͤr des Grafen Leben beſorgt ward. Der Graf war bisher im Orte faſt nicht bekannt geweſen. Er hatte die Univerſitaͤt vor wenigen Wochen bezogen, und lebte ſtill und den Wiſſenſchaften hingegeben. Jetzt ſprach die ganze Stadt von ihm. Die Bar⸗ biergeſellen hoben ihn bis in den Himmel. — 3— Fuͤr ſie hatte, ſo weit die Chronik ihrer al⸗ ten ehrwuͤrdigen Kaſte reichte, noch keiner ge⸗ blutet. Am wenigſten ein Graf. Bei jedem Einſeifen ward die Geſchichte, den Barbier⸗ kunden in das Maul geſchmiert, und ſie fand uͤberall Belfall. Denn ein Graf, der einen Baron, um eines Buͤrgerlichen, um eines armen Barbiergeſellen willen, fordern konnte, mußte ein herrlicher Mann ſeyn, vom heili⸗ gen Feuer des Gefuͤhls fuͤr reines Menſchen⸗ recht ganz durchgluͤht. Steinfremde Menſchen ſchickten taͤglich in das Haus des Grafen, um ſich nach ſei⸗ nem Befinden zu erkundigen. Die freundli⸗ che Theilnahme der gutherzigen Leute trug viel zu ſeiner Geneſung bei. Nach einigen Wochen zeigte er ſich zum erſten Male am Fenſter. Ottilie erkannte ihn kaum wieder. Das friſche Roth ſeiner Wangen war gewi⸗ chen. Seine ſonſt ſo ſchoͤnen, großen Augen lagen tief in dem kranken, bleichen Geſichte. Sonſt trat er ſo friſch auf. Jetzt ſchlich er 1* — 4— immer ſo freundlich, ſo froͤhlich geweſen; jetzt ſprach der tiefſte Kummer aus jedem ſei⸗ ner Zuͤge. Ottilien trat das Waſſer in die Augen und das Bild des armen Grafen in das Herz. Denſelben Abend beſuchte des Grafen Dok⸗ tor, ihr Hausarzt, den Vater. Ottilte be⸗ zeugte ihm ihre Theilnahme an der gluͤckti⸗ chen Kur des jungen Sabadowski, zugleich aber theilte ſie ihm ihre Bemerkung uͤber den ſtillen Gram mit, den ſie heute ſo deutlich an ihm wahrgenommen hatte. „Das glaube ich,“ entgegnete der wackere Mann, da mag der Henker ſich des Grams erwehren koͤnnen, wenn es einem ſo geht, wie meinem armen Sabadowski. Denken Sie ſich, das muß aber unter uns bleiben, als er zu dem verfluchten Duell geht, nimmt er ſeine ganze Baarſchaft, etwas uͤber 1000 Dukaten mit, um,“ falls er ſeinen Gegner etwa niederſchießen ſollte, ſich gleich auf das langſam im Zimmer auf und ab. Er war — G — 5— bereit ſtehende Pferd zu ſchwingen, und, ſeine Dukaten in der Taſche, das Weite zu ſuchen. Als das Duell angeht, zieht er, wie gewoͤhn⸗ lich, ſeinen Rock aus, und wirft ihn unter einen dicht neben ihm ſtehenden Baum, in deſſen Naͤhe ſein Bedienter mit dem Pferde haͤlt. Als er den Schuß bekommt, ſinkt er zuſammen, und wird ohnmaͤchtig. Kein Menſch bekuͤmmert ſich um den Rock. Erſt nach drei, vier Tagen, nachdem ihn das Wundſieber ein wenig verlaſſen, und ihm ſein Kopf etwas freier geworden war, faͤllt ihm ſein Rock wieder ein. Er fraͤgt den Bedien⸗ ten. Dieſer treue Menſch aber war mit dem Ungluͤck ſeines Herrn zu ſehr beſchaͤftigt ge⸗ weſen, als auf den Rock zu achten,— kurz, der Rock mit den 1000 Dukaten iſt weg und bleibt weg. Nun hat der arme Graf kaum 30 Rthlr., die er ſein nennen kann, und un⸗ ter einem halben Jahre erhaͤlt er keinen neuen Wechſel vom Hauſe. Seinem Vater darf er von dem Duell nicht ſchreiben, das iſt ein — 6— alter ſtrenger Mann. Noch weniger darf er dieſem ſagen, daß ſein Geld ſchon all iſt, denn er iſt ja kaum vier Wochen hier. Im Orte ſelbſt hier hat er keinen Kredit, denn er iſt fremd. Weiß Gott, ich gaͤbe ihm mein ganzes Vermögen, ſo ein lieber, ehrlicher Menſch iſt das. Daß er Graf iſt, vergißt man ganz. So herablaſſend, ſo liebreich iſt er; und er intereſſirt mich vorzuͤglich, weil er mein Fach waͤhlt; denken Sie, Herr Land⸗ rentmeiſter, er ſtudirt Medizin. Wir haben Edelleute, Ritter, Excellenzen in unſerm Fache, aber einen Grafen, nein, den haben wir, meines Wiſſens, noch nicht unter den Medi⸗ zinern. Sein Vater iſt der reichſte Graf im Gouvernement Wilna. Sobald der junge Mann ſeine akademiſche Laufbahn hier been⸗ digt hat, geht er auf Reiſen, und dann wird er Chef des Ruß. Kaiſerl. Geheimen General⸗ Ober⸗Medizinal⸗Collegii in St. Petersburg. Herr, das iſt eine Stelle, die jaͤhrlich ihre 30,000 Rubel eintraͤgt; aber dafuͤr muß auch 4 ——— 8ð 222— 8 ³ — 5— der Chef, ein Mann von Metier, ein com⸗ pletter Mediziner ſeyn.“ „Lieber, alter Freund,“ erwiederte Otti⸗ liens Vater, der Landrentmeiſter,„dem ar⸗ men jungen Manne muͤſſen wir helfen, ſonſt faͤllt er in Juden⸗Haͤnde, und die beuteln ihn aus. Wenn ich nur wuͤßte, auf welche Mi⸗ nier wir an ihm kaͤmen und ihm das Geld vorſchießen koͤnnten, ohne ihn zu beleidigen. Koͤnnen Sie nicht ſagen, Sie ſchoͤſſen es ihm auf ein halbes Jahr vor? Ich koͤnnte Ihnen dann 100 bis 200 Louisd'or geben.“ „Mein ehrlicher, wackerer Mann,“ rief der Doktor aus, und Ottilie kuͤßte dem herr⸗ lichen Vater die Hand.„Nun, Kinderchen,“ ſagte der frohherzige Alte,„macht davon nicht viel Weſens, ich ſchenke es ihm ja nicht, ich borge es ja nur. Nun, lieber Himmel, die Zinſen auf ein halbes Jahr buͤße ich ein; aber ſo muß man nicht rechnen. Der junge Mann kommt aus der Verlegenheit. Haͤtte ich einen Sohn, und er waͤre in der Fremde, — 8— da wuͤrde es mich auch freuen, wenn er ei⸗ nen Freund in der Noth faͤnde. Nun, Dok⸗ terchen, wird es ſo gehen?“ „Nein, mein guter, lieber Herr Land⸗ rentmeiſter, ſo nicht. Er weiß, daß ich nicht einem Dritten ein Wort zu ſagen.“ Ottilie hatte den beſten Einfall: Ein ar⸗ mer, ehrlicher Mann hatte den Rock aufge⸗ hoben. In der Taſche des Rocks hatten ſich— 350 Dukaten gefunden; das Uebrige mußte fruͤher entwendet oder verloren ſeyn. Der Finder hatte ſich dem Doktor entdeckt, und ten zu duͤrfen. Der Doktor hatte dem Fin⸗ der geſagt, es muͤßte mehr Geld im Rock ge⸗ weſen ſeyn. Allein der Fremde habe hoch und theuer ſich vermeſſen, nicht mehr darinn gefunden zu haben, und habe den Doktor ge⸗ beten, ihn, wo moͤglich, nicht zu nennen, um nicht etwa noch fuͤr ſeine Ehrlichkeit, mit der er den Fund wiederbringe, in Unterſuchung reich bin; und er hat mir durchaus verboten, um die Erlaubniß gebeten, den Rock behal⸗ — gezogen zu werden. Nach Verlauf eines hal⸗ ben Jahres, wenn dann die Wechſel von Wilna einliefen, ſollte der Doktor dem Gra⸗ fen offenherzig erzaͤhlen, er habe das Geld von jemand geborgt, um ihn aus der Verle⸗ genheit zu reißen, und habe ſich jenes Mit⸗ tels bedient, ihm das Geld auf die moͤglichſt ſchonende Art in die Haͤnde zu ſpielen. Der Plan fand Beifall, der Doktor nahm die 350 Dukaten in Empfang und bat nun noch um eine Gefaͤlligkeit. „Run?“ fragte der Vater, und ſagte im Voraus ſchon ja. „Das ſchlaͤgt in Ihr Departement, lie⸗ bes Maͤdchen. Der Graf ſpeiſ't aus dem Hotel, dort iſt der Herr Fettſchoͤpfabski Mund⸗ und Leibkoch, und der junge Mann muß kraͤf⸗ tige Suppen bekommen: wollten Sie wohl, Maͤdchen?— Er wohnt Ihnen hier in der Naͤhe, ſonſt ließe ſich meine Frau den Lie⸗ besdienſt nicht nehmen.“ Ottilie ward feuerroth. Sie freute ſich — 10— der Bitte; nun konnte ſie fuͤr den armen Grafen doch auch etwas thun.* Naher Paukenwirbel und munterer Trom⸗ petenſchmetter ſtoͤrten ſie in ihrer Unterhal⸗ tung. Sie eilten an die Fenſter. Die ganze Straße wegte. Ein großer Fackel⸗Aufzug. Die Geſellen aller Zuͤnfte der volkreichen Stadt brachten dem edlen Grafen ein Staͤndchen. Ottilien trieb die Gutmuͤthigkeit des dankba⸗ ren Volks unwillkuͤhrlich das Waſſer in die Augen. Die froͤhlichen Tauſende umlagerten das Haus.„Graf Sabadowski ſoll le⸗ ben,“ ertoͤnten die Luͤfte. Eine praͤchtige Muſik trug jauchzend die Wuͤnſche des groß⸗ herzigen Volks zu den funkelnden Sternen, und der geruͤhrte Graf gab ſein Letztes, den Reſt ſeines ganzen baaren Vermoͤgens her, um die Deputirten der Geſellen⸗Laden, die ihn im Namen ſaͤmmtlicher Zuͤnfte vor dem Bette becomplimentirten, bewirthen zu laſſen. Sie aͤußerten ihm den Wunſch der fuͤr ſein Leben ſo theilnehmend beſorgt geweſenen Men⸗ 4— 5 4— 5 — 11— gezaihn zu ſehen, und er, ſo ſchwach er auch war, ſtand auf und wankte an das Fenſter. Der tauſendfaͤltige Fackelſchimmer beleuch⸗ tete kaum die blaſſe Geſtalt des Maͤrtyrer⸗ Grafen— da erſcholl ein unbaͤndiges Hur⸗ rah. Maͤdchen und Kinder, alles ſchrie aus voller Bruſt mit. Jedes hatte den bleichen jungen Grafen geſehen. Er hatte ſich gegen alle freundlich verneigt; jedes wußte, daß ſein Blick auf ihm geruht hatte. Er hatte alle gegruͤßt. Jetzt aber kam der alte Doktor bitter und boͤſe aus des Landrentmeiſters Hauſe geſtuͤrzt, und hob in beiden Haͤnden Hut und Stock hoch in die Luft, und gebot Ruhe.„Wollt ihr,“ rief er mit der Stimme des Donners in die jubelnde Menge,„wollt Ihr mit Eu⸗ rer Freude den Herrn ertoͤdten? Kinder, gehr heim in Frieden, und laßt mir den Herrn Grafen, meinen Herrn Patienten, in unge⸗ ſtoͤrter Ruhe. Ich danke Euch allen nochmals in ſeinem Namen; aber jetzt bitte ich Euch, ſoll er geneſen, ſo muß er vor allem Ruhe haben.“ Die Deputirten, vernuͤnftige Menſchen, ließen zum Abmarſch blaſen, die Muſik ſtimm⸗ te den ſchoͤnen Geſang an: „Hoch klingt das Lied vom braven Mann“ und ſo retirirte das froͤhliche Detaſchement in beſter Ordnung. Der Doktor ſtolperte nun die Treppe hin⸗ an, ſchalt auf den Grafen, daß er aufgeſtan⸗ den ſey, und uͤberreichte ihm mit dem erſon⸗ nenen Maͤhrchen die 350 Dukaten. Der er⸗ ſtaunte Graf drang auf den Namen des Ehr⸗ lichen; als der Doktor ihn aber zu ſagen durchaus verweigerte; ſo mußte er wenigſtens zehn Dukaten annehmen, die er jenem als ſchwaches Zeichen ſeiner Dankbarkeit in ſei⸗ nem Namen zu uͤberreichen erſuchte. Um ſich nicht zu verrathen, mußte der Doktor das Geld nehmen, und haͤndigte es ſofort dem Landrentmeiſter ein, dem dieſer neue huͤbſche Zug den Grafen noch naͤher brachte. e„8»· o d 2 — 13— Ottiliens Suppen thaten die erwuͤnſchte Wirkung. Vom Doktor erfuhr er, baß Ot⸗ tilie, auf deſſen Erſuchen, die menſchenfreund⸗ liche Muͤhe uͤber ſich genommen hatte, taͤg⸗ lich ſeine Kuͤche zu beſorgen, und von ſeinem Bedienten, das Ottilie ein ſehr liebenswuͤr⸗ diges Maͤdchen ſey, daß ſie taͤglich nach ſei⸗ nem Beſinden ſich erkundige, und daß ſie ſeine allmaͤhlige Geneſung jedesmal mit ſicht⸗ barer Theilnahme vernehme. Natuͤrlich war ſein erſter Ausgang in das Haus des Landrentmeiſters. Sonſt iſt die Krankenſuppe gewoͤhnlich das Ende der Liebe; hier war ſie der Anfang. Die Labung, die der ſterbende Gatte aus den Haͤnden der zaͤrt⸗ lichen Frau mit Ruͤhrung und Dankbarkeit genießt, hatte der auflebende Graf aus den Haͤnden eines Maͤdchens empfangen, das ihm retht ſehr gut war, ohne es eigentlich ſelbſt zu wiſſen. Erſt als ſie ihn ſich gegenuͤber ſtehen ſah, als ſie ihn ſprach, loͤßte ſich die — 14— Binde von ihrem innern Auge. Sie wußte jetzt deutlich, daß ſie ihn liebe. Ddttiliens Kraftſuppen hatten ihm das Buͤr⸗ gerrecht in ihrem Hauſe gegeben. Er kam faſt taͤglich. Er ſah ſich als Mitglied der Familie an, und der Alte gewoͤhnte ſich ſo an ihn, daß er faſt nicht ohne ihn leben konnte. Zeit und Umſtaͤnde hatten auch den rafen und Ottilten mit einander vertrauter gemacht. Sabadowski gab ihr taͤglich Be⸗ weiſe ſeiner zarten Aufmerkſamkeit. Er be⸗ handelte ſie mit einer Achtung, die faſt dem. liebenden Maͤdchen anfing aͤngſtigend zu wer⸗ den. Aber— freilich, wenn ſie ruhig uͤber⸗ legte, ſo handelte der Graf ſehr edel, ihre Hinneigung zu ihm nicht zu mißbrauchen; denn ernſtliche Abſichten konnte— durfte er ja nicht haben. Er liebte ſie, das wußte ſie. Aber die Laſt ſeines Standes erdruͤckte jedes Aufkeimen von Leidenſchaft in der erſten Geburt. So vergingen ohngefaͤhr zwei Monate, da kam ein junger Hofrath aus der Reſidenz, —· hielt ſich einige Tage im Orte auf, brachte Empfehlungen von Raͤthen, geheimen Raͤthen, zuͤr⸗ Praͤſidenten und Miniſtern an den Landrent⸗ am meiſter mit, und war unbeſchreiblich hoͤflich der gegen den Vater, und mehr als artig gegen ſo die Tochter. Der Graf haͤtte blind ſeyn muͤſ⸗ ben ſen, wenn er nicht geſehen haͤtte, was hier den vorging. Er paßte daher eine guͤnſtige Stunde ter ab, und erklaͤrte ſich gegen den Alten mit. Be⸗ Offenheit und Ruhe.„Ich glaube,“ ſagte* be⸗ er beſcheiden und mit Achtung fuͤr das Maͤd⸗ em. chen ſeines Herzens,„ich glaube, daß Ottilie er⸗ mir gut iſt. Ich habe nie mit ihr davon er⸗ geſprochen. In meinem Lande iſt es Sitte, re daß ich mich erſt der Liebe der Eltern verſi⸗ 1; chere. Ich haͤtte noch Jahrelang geſchwiegen: er denn wir beide ſind noch jung, wir konnten e. beide noch warten; allein vielleicht ein Tag 8 Zoͤgerung wuͤrde mich um Ottiliens Beſitz, t. um mein ganzes Gluͤck gebracht haben. Ent⸗ a ſcheiden Sie alſo uͤber mein Schickſal.“— Der Vater war uͤberraſcht. Er hatte wohl — 26— bemerkt, daß der junge Graf ſeiner Tochter immer mit ausgezeichneter Huldigung begeg⸗ nete, allein daß Ottilie einmal Graͤfin Sa⸗ badowski werden koͤnnte, hatte er ſich nicht im Traume beikommen laſſen. Des Grafen Umſtaͤnde waren ihm durch den Doktor, einen ehrlichen, zuverlaͤßigen Mann, ſattſam bekannt. Die ganze Stadt ehrte den jungen edlen Mann. Seine Auf⸗ fuͤhrung war tadellos. Ottilie war ihm ſehr gut. Was konnte er gegen die Verbindung einwenden? Der einzige Anſtoß war die Ver⸗ ſchiedenheit des Standes. Der Alte machte den Grafen darauf aufmerkſam, aͤußerte ſeine Zweifel wegen der Einwilligung des alten Sabadowski, und bemerkte nebenbei, daß das Vermoͤgen ſeiner Tochter fuͤr einen Mann ihres Standes wohl nicht unbedeutend ſey, allein fuͤr den Aufwand eines reichen Gra⸗ fen nicht paſſe. Lieber Herr Landrentmeiſter,“ entgegnete der Graf, und ſchlug verwirrt die Augen nie⸗ ochter hegeg⸗ Sa⸗ nicht durch ßigen Stadt Auf⸗ ſehr dung Ver⸗ nachte ſeine alten daß Nann ſey, Gra⸗ gnete nie⸗ — 17— der,„beſchaͤmen Sie mich nicht. Ich habe nie nach dem Vermoͤgen Ihrer liebenswuͤrdi⸗ gen Tochter gefragt; ich mag es nicht wiſſen, ich brauche es nicht. Ottiliens Herz, ihre Tugenden, ihre Reize ſind meine Schatze. Und was das Vorurtheil der Standes⸗Ver⸗ ſchiedenheit betrifft, ſo kennt man dies in meinem Vaterlande nicht einmal dem Namen nach. Ich kann Ihnen einen der erſten Gro⸗ ßen unſers Landes nennen, der die Tochter ſeines Voigts heirathete und im Zirkel der glaͤnzendſten Familien mit ihr verkehrt, ohne daß nur jemand daran denket, darin etwas Anſtoͤßiges zu finden. Mein ehrlicher alter Vater wird meine Wahl ſegnen, wenn ich ihm ſchreibe, welch ein Maͤdchen ich in Ot⸗ tilien gefunden habe.“ Ottilie ward nun herbeigerufen, und ſank, nach einer kurzen aber herzlichen Erklaͤrung des Grafen, in ſeine Arme. Der Graf ſchrieb an ſeinen Vater. Alle Maͤdchen beneideten die Gluͤckliche. Jedes V. 2 — 18— habe Der junge Hofrath zog ſich in Zeiten zuruͤck. Der Alte warf ſich in die Bruſt, wenn er von ſeinem Schwiegerſohne, dem Grafen Sabadowski, ſprach, und das taͤgliche Geſpraͤch handelte von den fuͤrſtlichen Anſtalten, die zur Feier der Vermaͤhlung ge⸗ troffen wurden. Dem beſcheidenen Grafen waren ſie alle zu groß, zu praͤchtig; nach ſei⸗ nem ſtillen Sinne waͤre ihm ein geraͤuſchlo⸗ ſes kleines Feſt, im Zirkel weniger Freunde, das liebſte geweſen. Indeſſen, er mußte ſich in die Wuͤnſche des prachtliebenden Alten fuͤgen; und um ſei⸗ ner Seits nicht zuruͤck zu bleiben, beſtellte er einen ſehr eleganten Brautſchmuck fuͤr 5⁰⁰0 Rthl. Allein der Alte, der dies erfuhr, drang in den Grafen, die Beſtellung auf die Haͤlfte zuruͤck zu nehmen, weil Ottilie noch aus dem Erbe ihrer verſtorbenen Mutter ſo viel Bril⸗ lanten hatte, daß ſie aus ihrem Schmuck hun⸗ dert Graͤfinnen verdunkeln konnte. —— — 19— Sabadowski zog nun, auf dringendes Bit⸗ ten des Alten, in das ſchwiegervaͤterliche Haus, und wirkte ſich die Erlaubniß aus, einen Stall auf 6 Pferde dem Hintergebaͤude anbauen zu duͤrfen, weil er ſeinen Vater erſucht hatte, ihm zur Hochzeit, nach ſeines Landes Ge⸗ brauch, einen recht ſchoͤnen polniſchen Poſtzug von 5 Pferden,*) und eins zur Reſerve zu ſchenken. In wenigen Wochen war der Stall, den der Landrentmeiſter auf eigene Koſten baute, fertig, auch kam die Antwort vom alten Gra⸗ fen Sabadowski. Die zerbrach alle Hoffnungen, alle Traͤume. Sie war polniſch geſchrieben. Der junge Graf wollte erſt ſie nicht mittheilen. Da aber Vater und Tochter in ihn drangen, treu und ehrlich ihnen zu ſagen, was der Vater ge⸗ ſchrieben, ſo uͤberſetzte er mit zitternder Stim⸗ *) Eine ſogenannte Piatha. me, mit bleichem Geſichte, mit bitterer Ver⸗ zweiflung in jedem ſeiner Zuͤge. „Gegen Deine Verbindung,“ ſchrieb des Grafen Vater,„gegen Deine Verbindung mit einer Buͤrgerlichen an ſich, haͤtte ich nichts auszuſetzen. Du kennſt darinn meine Geſin⸗ nungen. Auch brauchte ſie Dir keinen pol⸗ niſchen Groſchen Vermoͤgen mitzubringen, Du kennſt meine Lage, und weißt, daß ich Dei⸗ nem Stande gemaͤß Dir immer ein Haus etabliren kann; allein meine fruͤheren Plaͤne, meine unabaͤnderlichen Beſtimmungen, haben fuͤr Dich es anders beſchloſſen. Ich machte Dich mit Deiner Zukunft nicht fruͤher bekannt, weil ich Dir ſo viel Verſtand zutraute, Du wuͤrdeſt Deine akademiſche Zeit nicht mit Hei⸗ rathsgedanken, ſondern mit Studiren fuͤllen. Jetzt muß ich Dich mit Deinen Ausſichtrn vertrauter machen, um Dir zu zeigen, daß nicht Eigenwille, ſondern Grundſaͤtze meine Handlungen leiten. Vielleicht entſinnſt Du Dich aus Deiner fruͤhern Jugend der Fuͤr⸗ ſtinn Czurbatipolaska; ſie war damals noch Kind. Nach Beendigung Deiner Studien und Deiner Reiſen wird ſie 18 Jahre alt, und dieſe iſt Dir von mir und der Fuͤrſtinn Vater beſtimmt. Ihr Vermoͤgen iſt im Gegenſatz deſſen, was Dir, wenn uns Gott ſonſt vor Ungluͤck behuͤtet, nach meinem Tode einmal zufaͤllt, nicht bedeutend, deſto wichtiger aber iſt der Einfluß des Alten bei Hoſe. Deine ganze Karriere, alle Deine Ausſichten, das Wohl unſerer ganzen Familie ſtaͤnde auf dem Spiele, wenn Du die Hand der jungen Fuͤr⸗ ſtinn ausſchluͤgeſt, und darum mußt Du an . die Panieneczka Ottilka*) nicht weiter den⸗ ken. Die Pferde ſollſt Du erhalten, ich haͤtte ſie Dir ohnehin geſandt, auch ohne Deine Bitte, weil ich will, daß Du Deinem Stan⸗ de immer gemaͤß leben ſollſt, ꝛc. ꝛc. Ottilie hatte ſich ſtaͤrker geglaubt. Sie ſah den Grafen, den ſie mit aller Hingebung *) Das Juͤngferchen Ottilie. tiebte, verloren. Sie ſank laut weinend in einandar. Der Vater war am empfindlichſten Flecke, an ſeiner Ehre verwundet. Es war ſtadt⸗ und landkunbig, daß der Graf ſein Schwiegerſohn werden ſollte; jetzt ging die Verbindung zuruͤck, und er war mit ſelner Tochter beſchimpft. Der bitterſte Spott des Publikums druͤckte das Geſicht, das ihm die graͤfliche Parthie um einen Zoll höher ge⸗ trieben hatte, zum Grabe des gekraͤnkteſten Stolzes wieder nieder. Der junge Graf allein behielt Muth. Das Schweigen der beiden beleidigten, ihm ſo theuren Menſchen, das ihn ſo folternd peinigte, gab ihm Kraft und Staͤrke zum Handeln. „Von dieſem ungluͤcklichen Briefe,“ hob er indignirt uͤber des Vaters kalte Planſucht, an,„darf kein Menſch ein Wort wiſſen. Ich kenne meinen Vater. Er wird mich nicht un⸗ gluͤcklich machen. Er wird die Luftſchloͤſſer ſei⸗ nes Caleuͤls nicht in die Thraͤnen meiner Ver⸗ zweiflung bauen, Ich ſchreibe ihm noch ein⸗ — 23— mal. Ottilie iſt unzertrennlich mein. Sein Sie ruhig. Mein alter ehrlicher Vater hat einen Vertrauten, einen Menſchen, der alles uͤber ihn vermag. Sein Kammerdiener, ein Deutſcher, der dreißig Jahre ihm dient, lenkt ſeinen ganzen Willen. Der Menſch hat mir immer wohl gewollt, und wenn ich ſeinem un⸗ erſaͤttlichen Eigennutz etwas opfere, ſo iſt er fuͤr unſer Intereſſe gewonnen. Durch dieſen will ich wirken, und Sie ſollen ſehen, daß mein Vater die Czurbatipolaska fallen laͤßt, und Ottilien, als ſeine Tochter, an das Herz druͤckt.“ Noch denſelben Tag ſchrieb der junge Graf an den Vater einen langen polniſchen, und an Billig, den Kammerdiener, einen eben ſo lan⸗ gen deutſchen Brief. Letzterem verſprach er tauſend Dukaten, wenn er des Vaters Ein⸗ willigung zur Verbindung mit Ottilien bewir⸗ ke. Er gab dem Landrentmeiſter den deutſchen Brief zu leſen, uͤberſetzte ihm den polniſchen — 24— und da beide deſſen Genehmigung hatten, ſo trug ſie der Kaſſenbote zur Poſt, Einige Tage darauf erhielt der Landrent⸗ meiſter von ſeinem Fuͤrſten den Auftrag, aus ſeiner Caſſe zwanzigtauſend Thaler in Frie⸗ drichsd'or an den Hof des Nachbarlandes zu ſenden; jedoch ſollte die Uebermachung des Geldes, weil die Zahlung ein Geheimniß blei⸗ ben ſollte, nicht durch die Poſt, und nicht durch Tratten, ſondern baar und durch ver⸗ traute Leute geſchehen. Die Reſidenz des be⸗ nachbarten Hofes war zwoͤlf Meilen von des Landrentmeiſters Wohnort entfernt. Schon ſeit geraumer Zeit war der Grenzwald wegen Unſicherheit im Geruͤcht. Dem Landrentmei⸗ ſter bangte fuͤr das Geld; er außerte bei Tiſch gegen Ottilien und den Grafen ſeine Beſorg⸗ niß, bat aber um Verſchwiegenheit. Der Graf lachte uͤber die Aengſtlichkeit des Alten, und erbot ſich, das Geld ſelbſt zu uͤberbringen⸗ „Geben Sie mir zwei Pferde Extrapoſt und Ihren leichten offenen Wagen,“ ſagte er,„ich — 25— fahre Ihnen das Geld durch die ganze Welt. Ich habe den Weg durch den beruͤchtigten Wald ſechsmal gemacht, und nie eine Katze, geſchweige denn eine Raͤuberbande geſehen. Nimmt man erſt viel Menſchen mit, die um das Geheimniß wiſſen, ſo laͤuft man die meiſte Gefahr. Schlimmſten Falls nehme ich meine Piſtolen mit, und damit Sie ſehen, daß ich auch aͤngſtlich ſeyn kann, ſo will ich ſtatt ei⸗ nem Paare zwei Paare mit nehmen. Mit vier Piſtolen, Herr Landrentnfeiſter, halte ich zehn Mann in Reſpekt, die ganze Fahrt iſt eine kleine Tagereiſe, und ich komme am hel⸗ len Mittage durch den Wald.“— Der Alte willigte gern ein, denn auf den jungen beherzten Grafen konnte er ſich verlaſ⸗ ſen, und uͤbrigens klang es auch nicht uͤbel, wenn der junge Graf, deſſen Name in dem offiziellen Begleitungsſchreiben genannt wurde, in der nachbarlichen Reſidenz, bei der Abliefe⸗ rung des Geldes, erzaͤhlte, daß der Abſen⸗ der, der Landrentmeiſter, ſein kuͤnftiger Herr Schwiegervater ſey.. Den folgenden Morgen fruͤh flog der junge Graf, mit dem Gelde in vier verſiegelten Kaſ⸗ ſenbeuteln, zum Thore hinaus. Gegen Abend traf eine Eſtafette vom Grafen, von der er⸗ ſten Station uͤber der Grenze, beim Landrent⸗ meiſter ein. Der junge Graf hatte vicht ſelbſt geſchrieben, ſondern folgendes Billet dictirt: „Ihre Beſorgniſſe waren gerecht. Ich bin ungluͤcklich und habe Sie vielleicht mit ungluͤck⸗ lich gemacht. Gegen 10 Uhr kam ich in den Grenzwald. Hatte mich der erſte Poſtillon gut gefahren, ſo fuhr mich der zweite noch beſ⸗ ſer; er hatte zwei raſche Pferde. Wir jagten, daß es eine Luſt war. Dicht vor dem Elſen⸗ thale, bei der Bruͤcke uͤber das kleine Fließ, ſiel ein Schuß, acht Kerls traten aus dem Ge⸗ buͤſch vor, ſtuͤrzten den Pferden in die Zuͤgel, umzingelten den Wagen und ſchoſſen auf mich und den Poſtillion, daß uns die Kugeln um die Ohren pfiffen. So betaͤubt mich auch der öö a bin den en, en⸗ Be⸗ ich — 27— erſte Schreck hatte, ſo kehrte doch die Gegen⸗ wart des Geiſtes ſchnell wieder zuruͤck, ich feuerte zwei meiner Piſtolen ab, ich wehr⸗ te mich mit dem Saͤbel und ſchrie dem Po⸗ ſtillion zu, auf die Pferde und auf den Kerl zu hauen, der die Pferde hielt; aber in dem Augenblick ſank der Poſtillion vom Bocke. Ich erhaſchte zum Gluͤck noch die Zuͤgel: in demſelben Moment griffen ſechs, acht Haͤnde in den Wagen, ich ſchoß nach dem Kerl bei den Pferden, er ließ ſchnell los, ich jagte jetzt davon, vier Schuͤſſe fielen hinter mir her, zwei trafen den Wagen, ich war dem Tode entronnen, aber das Gold war geraubt! Ich blutete. Jetzt erſt bemerkte ich, daß ich bles⸗ ſirt war. Hut und Mantel hatte ich verloren, vom Frack war mir eine Klappe abgeriſſen. Wie das Alles gekommen, mag Gott wiſſen; ich ward es erſt jetzt gewahr. Meine Wunden am Kopf und an der rechten Hand ſind unbe⸗ deutend, aber ich muß einen harten Schlag auf die Bruſt bekommen haben, denn ich warf — 28— Blut aus, und habe ein ſolches Druͤcken, daß ich kaum Athem holen kann. Ich begegnete keinem Menſchen, die Straße war wie aus⸗ geſtorben. Dicht uͤber der Grenze liegt, wie Ihnen vielleicht bekannt ſeyn wird, die Sta⸗ tion. Ich erreichte ſie mit Noth. Ich mußte viel Blut verloren haben; denn ich ward ſo ſchwach, daß es mir ſchon anfing, ganz ſchwarz vor den Augen zu werden. Ich ſank vor dem Poſthauſe beinahe vom Wagen. Ich ließ den Juſtiz⸗Amtmann des Orts kommen und machte ihm mit dem Vorfall bekannt, ohne von der Beſtimmung des Geldes zu ſagen. Leben Sie wohl. Ich kann nicht mehr. Ich bin ſo matt. Ueber mich ſeyn Sie unbeſorgt; man weiß, daß ich Ihr Schwiegerſohn bin. Der Herr Poſtmeiſter hat mich wie ſein Kind auf⸗ genommen, auch ſoll der Arzt kein ungeſchick⸗ ter Mann ſeyn. Machen Sie nur gleich Laͤr⸗ men, Vielleicht ſind die Buben noch zu errei⸗ chen. Hier ſind alle Anſtalten getroffen, der ganze Wald ſoll bis zur Grenze durchſucht wer⸗ den. Nach dem armen Poſtknecht iſt gleich eine Fuhre geſandt. Hoffentlich lebt er noch. Ihr Wagen iſt durchſchoſſen und voller Blut. Gott, was wird aus mir und Ihnen werden! Das aͤngſtigt mich mehr, als meine blutende Bruſt. Ottilie, ach ich muß ſchließen! Mit kindlicher Liebe Ihr gehorſamſter Sohn Woyciech Graf Sabadowski. Den Landrentmeiſter warf das Ungluͤcksbil⸗ let beinahe zu Boden. Ottilie ſchrie laut, ſie wollte zum Grafen. Sie kannte ihn, ſie wußte, daß er ſeine Schmerzen immer unbe⸗ deutender angab, als ſie waren. Sie ſah ihn ſchon todt im Poſthauſe liegen. Sie ſtuͤrmte in den Vater, mit ihr hinzufahren, und den Grafen, wenn er noch lebe und irgend nur transportabel ſey, abzuholen; aber dieſer muß⸗ te erſt den ungluͤckltchen Vorfall bei den Ge⸗ richten ſeines Orts melden, zugleich ging ſeine Anzeige davon per Eſtafette an ſeinen Fuͤrſten 30 3 ab. Dieſer ließ augenblicklich an 8 Mann ei 3 Huſaren aufſitzen, und den ganzen Wald durch⸗ na ſtreifen. Man fand keinen Menſchen, der nur ſe im Geringſten ſich verdaͤchtig gemacht hatte. He 4 Zwei Holzhauer wurden eingezogen, die im V un Walde, in der Gegend der Bruͤcke, um die Zeit des ungluͤcklichen Ereigniſſes, gearbeitet the hatten. Sie hatten mehrere Schuͤſſe fallen rer gehoͤrt; allein ſie hatten geglaubt, daß man nie jage, und nicht weiter darauf geachtet. Hut me und Mantel des Grafen fanden ſich hinter ei- ne nem Elſenbuſch. Die Klappe des Fracks lag de⸗ auf der Straße, der Poſtillion war todt. Er zu hatte zwei Schuͤſſe von hinten durch das 3 Herz erhalten. zw Gegen den Landrentmeiſter wurde der Pro⸗ eit zeß eingeleitet. Das Erkenntniß verurtheilte er ihn zum Erſatz des Geldes, weil er die ihm ertheilte Ordre nicht puͤnktlich erfuͤllt hatte. heo Der Transport des Geldes hatte ſollen durh jel vertraute Leute geſchehen. Der Land⸗ te rentmeiſter aber hatte es, ſtatt mehreren, nur Nann urch⸗ nur hatte. ie im die heitet fallen man Hut er ei⸗ Pro⸗ heilte ihm hatte. durch hand⸗ nur — 34— einem anvertraut, und uͤbrigens gehoͤrte, nach der juriſtiſchen ſpitzfuͤndigen Auseinander⸗ ſetzung des Decernenten— des abgewieſenen Hofraths,— ein unmuͤndiger Auslaͤnder nicht unter die Cathegorie der vertrauten Leute. Der edle Fuͤrſt; der den Quell der Par⸗ theilichkeit des Urtelsſprechers gegen den Land⸗ rentmeiſter erfuhr, das Erkenntniß ſelbſt aber nicht umſtoßen konnte, erließ dem Landrent⸗ meiſter, als einem alten gepruͤften treuen Die⸗ ner, aus landesherrlicher Milde, die Haͤlfte des Erſatzes, ſo, daß er nur 10,000 Thaler zur Kaſſe bezahlen mußte, wozu ihm drei Jahre Zeit gelaſſen wurden. Dem Alten war zwar der Verluſt ſehr empfindlich, indeſſen bei einem Vermoͤgen von 100,000 Thalern konnte er die Einbuße allenfalls verſchmerzen. Der junge Graf genas in Kurzem. Ottilie hatte ihn mit dem Vater einigemal beſucht, und jetzt, da er voͤllig wieder hergeſtellt war, hol⸗ ten ſie ihn vom Poſthauſe ab. Der ganze Vorgang hatte auf ſein Gemuͤth einen unglaublichen Eindruck gemacht; er war von jeher immer ſtill und in ſich gekehrt gewe⸗ ſen; jetzt ward er es noch mehr. Die Elſen⸗ bruͤckte jagte ihm auf der Ruͤckreiſe alles Blut aus dem Geſicht. Auf dieſem Schauerflecke zog die ganze Geſchichte jener furchtbaren Stun⸗ de vor ſeiner Seele voruͤber. Er hielt ſich ei⸗ nigemal die Hand vor die Augen, als ob ihm am Rande einer unerforſchlichen Tiefe ſchwin⸗ delte. Auf der naͤchſten Station trat ihm die Frau des erſchoſſenen Poſtknechts mit ihren drel kleinen Kindern an. Der Graf war tief erſchuͤttert. Er gab ihr einige Friedrichsd'or, und verſprach ihr eine lebenslaͤngliche Penſion von 100 Rthr. Ottilie fiel ſtill weinend um ſeinen Hals, und dankte ihm fuͤr das men⸗ ſchenfreundliche Erbarmen. Das ganze Staͤdt⸗ chen ſegnete den edlen Grafen. Am Abend ſeiner Ankunft traf die Ant⸗ wort ſeines Vaters ein. Auch Bilig ſchrieb. Des Vaters polniſcher Brief lautete ganz kurz und in der Ueberſetzung alſo:„Fuͤgeſt Du ₰ Dich nicht in meinen unabaͤnderlichen Willen, ſo haſt Du, ſo lange ich lebe, keinen Denar von mir zu gewaͤrtigen. Nach meinem Tode kannſt Du thun, was Du willſt. Von heute an erhaͤltſt Du keine neuen Wechſel, als bis Du mir bei Deinem Graͤflichen Ehrenworte verſicherſt, daß die Verbindung mit der Ot⸗ tilka gaͤnzlich aufgehoben iſt. Die Pferde, die ich Dir einmal verſprochen, ſollen in Kur⸗ zem erfolgen. Willſt Du mit ihnen nicht ver⸗ hungern, ſo ſuͤge Dich, und beſtimme Dich der jungen Fuͤrſtinn Czurbatipolaska.“ Billigs deutſcher Brief enthielt die Verſi⸗ cherung, daß alles angewendet worden, den alten Grafen fuͤr die Wuͤnſche des Sohnes ge⸗ neigt zu machen, daß aber dießmal der Wille des Alten unwiderruflich feſt ſtehe. Da lag der ſchoͤne Traum in ſeinen Truͤm⸗ mern; der junge Graf von Ottiliens Herzen losgeriſſen; Ottilie, von der Hoͤhe ihres Tri⸗ umphs uͤber alle Maͤdchen des Orts, herabge⸗ 3 ſchleudert; der Vater dem Spotte der ganzen Stadt Preis gegeben! Sabadowski ging, mit geballten Faͤuſten vor der Stirne, ſtill ſinnend in der Stube umher. Ottilie weinte. Der Vater ſtierte auf die polniſchen Hieroglyphen des lakoniſchen Briefes. Keins ſprach eine Sylbe, weil der junge Graf, der zuerſt ſprechen mußte, die Rede nicht eroͤffnen konnte. Zum Gluͤck trat jetzt der Doktor, der alte Hausfreund; in das Zimmer, um den zuruͤckgekommenen jungen Grafen zu bewillkommen. Er kannte die Ver⸗ haͤltniſſe zwiſchen den beiden jungen Leuten. Er bemerkte die Stoͤrung. Er frug, und er⸗ hielt den noͤthigen Aufſchluß. „Nun, und daruͤber haben Sie alle drei den Kopf verloren?“ frug er theilnehmend laͤ⸗ chelnd.„Ihr Herr Vater, lieber Graf, ſchreibt Ihnen ja deutlich, was Sie thun ſollen. Sie heirathen Ottilien, und warten mit kindlicher Ergebung bis auf den Zeitpunkt, wo Sie der Erbe ſeines Vermoͤgens ſeyn werden. Bis — zen ſten tube erte chen der die trat das ngen Ver⸗ uten. d er⸗ drel d laͤ⸗ preibt Sie licher e der Bis — dahin ſpannt Papa Schwiegervater vor, der wird Sie mit Ihren Pferden nicht verhungern laſſen. Koͤnnen Sie auch kein graͤfliches Haus fuͤhren, ſo werden Sie mit Ihrer Liebe zur Einfachheit doch ein recht gluͤckliches, freundliches Haus machen, und, gerade her⸗ aus, gluͤcklich und freundlich iſt beſſer, als graͤflich. Bleiben Sie bei uns; entfuͤhren Sie dem alten Vater ſein einziges Kind nicht. Die ganze Stadt ehrt und liebt Sie. Blei⸗ ben Sie Ihrem Studtum treu. Auch wenn Sie nicht davon leben muͤßten, iſt die Arzenei⸗ wiſſenſchaft fuͤr jeden Mann von Kopf und Herzen ein gar ſchoͤnes Feld, auf dem man ſein ganzes Leben zu thun und zu ſchaͤftern hat, ohne je fertig zu werden. Die Zeit Ih⸗ rer Muße ſchenken Sie Ihrer Gattinn, Ih⸗ rer Familie und den Gutgeſinnten unſers Orts, und wir wollen zuſammen wie im Paradieſe leben. Sie, Herr Graf, konnten das nicht ſagen, weil Sie fuͤhlten, daß Sie Ihre Hand Ottilien nicht leer bieten konnten. Unſer alter 3* — 36— wackerer Herr konnte Ihnen das auch nicht ſagen, weil es ausgeſehen haͤtte, als draͤnge er Ihnen ſeine Tochter auf. Mir als Arzt und Freund vom Hauſe, iſt in ſolchen Faͤllen ein herzliches, ehrlich gemeintes Wort gern vergoͤnnt. Ein Wort zu ſeiner Zeit hat ja noch niemand gereut.“ Beide Liebende zogen die Haͤnde des Alten an ihre klopfenden Herzen. Der Doktor hatte ihre Wuͤnſche durchſchaut und aus ihre Seele geſprochen. Den Vater freute es, einen Aus⸗ weg zur Rettung ſeiner und ſeiner Tochter Ehre gefunden zu haben. Er ſagte gern ja, und ſo feierte der kleine Zirkel noch dieſen Abend das Feſt der Verlobung. Der junge Graf antwortete dem Vater gar nicht. Aber an ſeine Mutter ſchrieb er und an Billig, und meldete ihnen, daß er von Ottilien nicht laſſen koͤnne. Ottilie legte einige franzoͤſiſche Zeilen an die Mutter mit bei, und bat um ihre Liebe und ihr Vorwort bei dem Vater. 2 — aus 82 2 — Die Hochzeit ſelbſt wurde in wenigen Mo⸗ naten anberaumt. Einige Tage vor derſelben traf der Poſtzug mit einem klingelnden ſoge⸗ nannten Krakauer Geſchirr richtig ein. Billig hatte ihn bis Grodno ſelbſt gebracht und von da einen ſichern Juden genommen, der ihn gluͤcklich ablieferte. Man konnte nichts ſchoͤneres ſehen. Sechs ausgeſuchte Pferde, jedes vom andern in der Farbe verſchieden, aber alle einander gleich im Wuchſe, Feuer und Alter. Auch ſandte Billig durch die Poſt, auf Befehl der Mutter, eine Tratte von zweitauſend Dukaten an Ottiliens Ordre, auf ein Leipziger Haus geſtellt, als Antwort auf ihren kindlichen Brief, den ſie nicht ſelbſt beantworten konnte, weil ſie im Franzoͤſich⸗Schreiben nicht ſehr geuͤbt war. Jetzt fuͤllte das ganze Haus neuer Jubel. Als der Graf mit ſeinem Maͤdchen in der fuͤnf⸗ ſpaͤnnigen eleganten Equipage zum erſten Male ausfuhr, als das froͤhliche Klimpern und Klin⸗ geln der fuͤnf wilden Pferde die ungewohnte — 38— — ſtille Luft des Staͤdtchens zertheilte, da flogen alle Fenſter auf, da ſchmunzelte der Alte mit ſeeligem Blicke ihnen die lange Straße weit nach, und hoͤher ſtieg ihm wieder der Kamm; denn wie lange konnte der alte Graf noch le⸗ ben, und dann war ſeine Tochter im Beſitze eines unermeßlichen Vermoͤgens. Fuͤnf bis ſechs ſolche Poſtzuͤge mußten dann in ſeinem Hauſe ſtehen, und in ſeinem Hofe war noch Platz zu einem Stalle auf hundert Pferde. Die Vermaͤhlung ſelbſt ging uͤber der Gren⸗ b ze im Stillen vor ſich, weil der Pfarrer des Orts den Grafen ohne Conſens des Vaters nicht hatte trauen wollen. Das Paͤrchen lebte gluͤcklich und froh. Nur zuweilen ſtoͤrte des Grafen zunehmender Truͤbſinn die Seeligkeit der Familie. Er ſelbſt fuͤhlte die Macht ſei⸗ nes Uebels, und ſuchte im Weine Zerſtreuung. 2 Nur wenn er taͤglich zwei bis drei Bouteillen ſ Wein trank, hatte er keine Anfaͤlle von jener 5 ſtillen Melancholie, die ihm das Blut ſo zu n Herzen trieb, daß er eine Angſt bekam, als S „f 5 8. f —, —„ ◻σα ͤ * haͤtte er eine ſchwere Suͤnde auf dem Ge⸗ wiſſen.. Sein Hausweſen koſtete ihm viel. Nach und nach hatten ſich mehrere Edelleute der um⸗ liegenden Gegend in ſeinen Zirkel gefunden, die Buͤrgerlichen verſchwanden zwar dagegen all⸗ maͤhlich aus dem Kreiſe, allein dieſe waren mit einem vergnuͤgten einfachen Mahle abge⸗ ſpeißt worden, wo jene mit glaͤnzenden Feten bewirthet werden mußten. Der Graf ſpielte gern, aber ungluͤcklich. Die Graͤfinn ſpielte nie. Sie ſaß oft am Spieltiſche und ſah, daß ihre Gaͤſte Gauner waren, die dem Gat⸗ ten das Geld abnahmen; allein er liebte das Spiel leidenſchaftlich, und konnte ſich von den Behauptungen ſeiner Gattinn nie uͤberzeugen. Der Vater hatte ihnen jaͤhrlich viertauſend Thaler ausgeſetzt; das erſte Jahr war verfloſ⸗ ſen, und nicht allein dieſe viertauſend Thaler dazu, ſondern auch die zweitauſend Dukaten, welche die Mutter geſchickt hatte. Die guͤtige Mutter ſandte auf die erfreuliche Nachricht, — — 40— daß ihr ein Enkel gebohren ſey, wieder durch Billig, hinter ihres Mannes Ruͤcken, tau⸗ ſend Dukaten.. 4 Der alte Landrentmeiſter bekam einen ge⸗ waltigen Reſpekt vor der herrlichen Mutter; was mußte das fuͤr ein Vermoͤgen ſeyn, wenn die Frau, ohne Wiſſen des Mannes, neun⸗ tauſend Thaler verſchenken konnte. Der alte 3 Mann ward von Tage zu Tage hoffaͤrtiger, und ſtieß ſeine alten buͤrgerlichen Bekannten, deren Umgang er jetzt abſichtlich vermied, da⸗ mit vor den Kopf. Ottilie war und blieb im⸗ mer dieſelbe. Ihre Freundinnen gewoͤhnten ſich nach und nach an die Frau Graͤfinn; der ¹ Neid verlor mit der Zeit ſeinen Stachel, und man liebte die kleine ſanfte Frau mit eben der Herzlichkeit, mit der man ſie ſonſt, als Land⸗ rentmeiſters Ottilie, umfaßt hatte. Des Grafen liebſter Umgang war mit dem Poſtmeiſter uͤber der Grenze, der ihm nach jenem ungluͤcklichen Naͤuberanfalle ſo liebreich aufgenommen und gepflegt hatte; er ritt oft — —½—— ——— —— e Ke ern 11936: —— — — — — 4¹— ganz allein zu ihm, und verweilte dort meh⸗ rere Tage. So ſtill und ſanft er in der Regel war, ſo furchtbar hitzig war er, wenn er ein Naͤuſch⸗ chen hatte, Einſt war er mit mehrern Edel⸗ leuten auf einem oͤffentlichen Vergnuͤgungsorte. Schon lange war er gegen einen ſeiner Be⸗ dienten eingenommen; es war ſein aͤlteſter Die⸗ ner, derſelbe, der bei dem Duell den Rock mit den 1000 Dukaten unter dem Baume hatte liegen gelaſſen. Heute trank der Graf mehr, als gewoͤhnlich, und der arme Bediente begoß ihm von ohngefaͤhr ſeinen neuen Frack mit ro⸗ them Weine. Der Menſch war geſtoßen wor⸗ den; er verantwortete ſich, und erhielt eine Ohrfeige. Die Anweſenden lachten. Dieß brachte den Bedienten in Harniſch, und im Ueberwallen des Unmuths platzte er mit der Aeußerung heraus, daß dieß dem Grafen nicht ungerochen hingehen ſolle. Sabadowski hoͤrte kaum dieſe trotzigen Worte, als er auf den Menſchen wuͤthend einſprang, ihn zu Boden rannte, und ihn ſo lange mit Fuͤßen trat, bis er unter ihm ſeinen Geiſt aufgab. Die ganze Geſellſchaft war uͤber den Auftritt erſchuͤttert, kein Menſch wagte, ſich zwiſchen den grimmi⸗ gen Grafen und den gemarterten Bedienten zu draͤngen. Jetzt aber, als das letzte Todes⸗ roͤcheln des Zertretenen das Ende der graͤßli⸗ chen Marter verkuͤndete, zerbrach die eiſerne Wuth des Grafen, er ſah, was er gemacht, er riß ſein Pferd aus dem Stalle, und jagte, ſtatt, wie alle glaubten, nach aͤrztlicher Huͤlfe, uͤber die Grenze. Der Graf ward mit Steckbriefen verfolgt: aber er war verſchwunden. Er hatte einige 1000 Thaler Schulden gemacht, die, weil ſie ſich auf Rechnungen des Hausweſens bezogen, der Schwiegervater bezahlen mußte. Nach Verfluß mehrerer Monate ſchrieb Sabadowski an den Landrentmeiſter; er ſchob ſein ganzes Ungluͤck ihm und ſeiner Tochter zu. Haͤtte er Ottilien nicht kennen gelernt, ſo waͤre er nach Beendigung ſeiner Studien, an —— — der Hand der jungen Fuͤrſtinn Czurbalipolaska, von Ehrenſtufe zu Ehrenſtufe geſtiegen, und haͤtte jetzt gewiß ſeinen Platz in den glaͤnzen⸗ den Reihen der erſten ruſſiſchen Großen, ſtatt daß er nun, um nicht zu verhungern, gezwun⸗ gen geweſen waͤre, bei einer kleinen Schau⸗ ſpieler⸗Geſellſchaft, unter fremdem Namen, ein erbaͤrmliches Engagement anzunehmen Sein Vater habe ihm alle Unterſtuͤtzung ver⸗ ſagt, und die Mutter, deren heimliche Geld⸗ ſendungen der Vater endlich bemerkt habe, duͤr⸗ fe ihn nicht weiter unterſtuͤtzen; ſo waͤre er alſo der Verzweiflung hingegeben, wenn ſich nicht der Schwiegervater ſeiner annehme. Er verlange, daß ihm ſeine Frau, die vor dem Al⸗ tare Freude und Leid mit ihm zu theilen ver⸗ ſprochen, ſammt dem Kinde folge, und er ge⸗ waͤrtige von der Guͤte des Alten, eine, ſeinem Stande angemeſſene Unterſtuͤtzung. Der Va⸗ ter gewaͤhrte ſeinen Wunſch, die junge Graͤ⸗ finn aber verreiſte unter dem Vorwande, eine auswaͤrtige Freundinn zu beſuchen, und kam, unter dem neu angenommenen Namen ihres Mannes, in ſeinem Wohnorte an. Er verließ das Theater und lebte unter ei⸗ nem dritten Namen in Hamburg, Frankfurt und Strasburg. Allein der abgewieſene Hof⸗ rath, der jetzt Vorſitzer des Criminal⸗Gerichts geworden war, ſpaͤhete ihn bald aus, und er ſollte eben aufgehoben und als Moͤrder des Bedienten ausgeliefert werden, als er zeitig genug Wind davon bekam, und ſich durch heim⸗ liche Flucht rettete. Die arme Frau, zum zweitenmale verlaſ⸗ ſen, kehrte, mit einem Kinde unter dem Her⸗ zen, zum Vater zuruͤck, und ſah ihren Gatten nie wieder. Sie war aͤußerſt niedergeſchlagen und weinte oft im Stillen die heißeſten Thraͤ⸗ nen; ihr Vater uͤberraſchte ſie eines Abends in einem ſolchen ſehr traurigen Augenblicke, da geſtand ihm die Jammernde, daß ſie der Unmenſch, waͤhrend ihres Aufenthalts bei ihm, mehreremale thaͤtlich gemißhandelt habe.„Va⸗ ter,“ redete die himmelreine Seele,„ich habe . Ahndungen, die mir oft das Herz zerdruͤcken. Als ich jetzt zuruͤckkam, ordnete ich meines Mannes Waͤſche und Sachen, um ihm, wenn ich ſeinen Aufenthalt erfuͤhre, etwas davon zuzuſenden. In einer ſeiner Rocktaſchen finde ich geſtern dieſen Beutel!“ Sie brachte mit dieſen Worten einen der vier Beutel, in die die angeblich geraubten 20,000 Thaler gepackt geweſen waren. Sie kannte dieſe Beutel genau, weil ſie ſie von feiner blauſtreifiger Leinwand ſelbſt genaͤht hat⸗ te. Der vorgezeigte war mit dem Blute des erſchoſſenen Poſtillions befleckt! Der Alte erſtarrte. Jetzt hatten ſie ſchreck⸗ liches Licht uͤber den ganzen Vorfall; darum drang der Abſcheuliche darauf, das Geld al⸗ lein zu transportiren. Der Poſtillion hatte von hinten zwei Schuͤſſe erhalten. Von wem anders, als vom Grafen ſeibſt, der ihn dann vom Bocke heruntergeworfen hatte. Die Beu⸗ tel hatte er wahrſcheinlich in einem Sumpfe verſteckt gehabt; denn der vorgewieſene hatte Spuren von Moorerde noch an ſich. Die Freundſchaft mit dem Grenz⸗Poſtmeiſter, der ein unbeſcholtener Mann war, unterhielt der Graf bloß, um dieſen Weg oͤfters zu machen. Er machte ihn jedesmal allein, gewiß aus kei⸗ ner andern Urſache, als um nach ſeinem ver⸗ ſenkten Schatze zu ſehen und allmaͤhlich das Geld zu holen. Sein Tiefſinn, ſein Inſich⸗ gekehrtſeyn waren die lebendigen Merkmale ſeines boͤſen Gewiſſens. Der Bediente mußte um mehrere ſeiner Handlungen wiſſen, darum zertrat das Ungeheuer den Menſchen, weil er fallen ließ, daß er den Grafen ſeine harte Be⸗ handlung wolle fuͤhlen laſſen. Je mehr ſie ſich alle dieſe und mehrere Um⸗ ſtaͤnde zuſammen ſetzten, deſto gewiſſer ward die traurige Ueberzeugung, daß der Graf jenen Raubmord ſelbſt begangen hatte. Unter ſeinen Papteren fanden ſte nichts, als die deutſchen Briefe von Billig, die ſie ſchon kannten, und einige polniſche, die ſie nicht leſen konnten. Sie beſchloſſen jedoch, ſie irgend einem, der — 47— Sprache kundigen, vertrauten Manne zur Ueberſetzung zuzuſenden. Ueber dieſe Unterredung, die mit jedem Augenblicke ſchauerlicher ward, war die Mit⸗ ternacht hereingebrochen; da pochte es an der Hausthuͤre. 1 Es war der Graf. Der Vater empfing ihn und zitterte vor Schreck ſo heftig, daß er kaum ein Wort zu ſprechen vermochte. Ot⸗ tilie war mit ihrem Kinde, das ſie aus dem Bette riß, in eine Hinterkammer gefluͤchtet. „Ich bin,“ hob der Graf mit wildem Ton an,„hier geaͤchtet; ich weiß, daß mich Steck⸗ briefe verfolgt haben; darum kam ich im Dun⸗ kel der Nacht verborgen. Ich verlange mein Weib und mein Kind, um es mit nach Lit⸗ thauen zu nehmen. Ottilie ſoll meines Va⸗ ters Vergebung erflehen. Er wird ſich erwei⸗ chen. Ottiliens Reize werden den Weg zu ſeinem Herzen finden. Aber ſie muß mit, heute noch mit. Pferde und Wagen, alles ſteht be⸗ bereit. Wo iſt meine Frau?“ Der Alte hatte ſich unterdeſſen geſammelt. „Ottilie iſt nicht hier,“ ſagte er ganz ruhig; „ſte iſt bei meiner Schweſter auf einige Tage zum Beſuche. Sie kann, wenn ich ihr einen Boten ſende, morgen Abend wieder hier ſeyn. Bleiben Sie hier; es hat Sie kein Menſch im Hauſe geſehen. Kommen Sie auf die blaue Stube, da ſteht ein Bette; ich bringe Ihnen morgen heimlich Eſſen und Trinken; es ſoll Sie keins unſerer Leute entdecken.“ Der Graf willigte nach einigem Beſinnen ein. Der Alte fuͤhrte ihn auf das blaue Zim⸗ mer, gab ihm Licht, Wein und Zwieback, und ſchloß ihn ein. Der Graf frug leiſe durch die Thuͤre, war⸗ um er ſie verſchließe, und der Alte antwortete, „damit nicht morgen etns von unſern Leuten zufaͤllig auf das Zimmer kommt und Sie entdeckt.“ Jetzt war der Vogel gefangen. Zum Fen⸗ ſter hinaus konnte er nicht, denn das Zimmer war zwei Stockwerk hoch. ſpr elt. ig; age nen yyn. iſch die nge es nnen zim⸗ und vwar⸗ tete, uten Sie Fen⸗ amer — Der Vater eilte nun zu Ottilien, und ſie hielten Rath, ob ſie ihn morgen bei den Ge⸗ richten angeben ſollten, oder ob der Alte ihm hundert Dukaten in die Hand druͤcken und den Rath geben ſolle, dieſe Nacht noch ſich eiligſt auf die Fuͤße zu machen, weil er aus dem Hin⸗ und Herſchleichen mehrerer Gerichtsdiener auf der Straße vermuthe, daß man ihn ſchon in der Stadt ppuͤre. Sie verloren ſich in Ungewißheit und Zwei⸗ fel uͤber das, was ſie thun ſollten, als ein graͤßlicher Knall das ganze Haus durchdroͤhnte. Beide erbleichten, denn beide wußten, was geſchehen war. Alle Leute im Hauſe waren aufgeweckt. Die Nachtwaͤchter klopften ſtuͤr⸗ mend an die Hausthuͤre. Der Landrentmeiſter oͤffnete das Haus und das blaue Zimmer. Der Graf lag in ſeinem Blute. Der Kopf war in drei Stuͤcke ge⸗ ſprengt. Sein Herz wird heute noch auf der Akademie in Spiritus verwahrt. Der abgewieſene Hofrath erhielt wieder V. 4 — — 5⁰— die Unterſuchung gegen den Landrentmeiſter. Man machte ihm den Prozeß, weil er den Aufenthalt des Grafen im Auslande gewußt hatte, ohne ihn anzuzeigen, und weil er den mit Steckbriefen Verfolgten in ſeinem Hauſe aufgenommen hatte, ohne ſofort der Polizey davon Meldung zu thun. Dem Landrentmei⸗ ſter koſtete dieſer Prozeß mehrere tauſend Tha⸗ ler, und drei Jahre ſeines Lebensabends. ¹ Die Graͤfinn ward vom zweiten Kinde ent⸗ bunden, und lebte von der Milde ihres Va⸗ ters. Die wenigen Edeln der Stadt bemitlei⸗ deten ſie und behandelten ſie mit Achtung und Schonung. Der groͤßere Haufe des Publi⸗ kums trat auf die Ruinen ihres Gluͤcks mit teufliſchem Hohnlaͤcheln, und kraͤnkte die ſchuld⸗ los Leidende bis auf die feinſten Faſern ihres Innern.. Zu den polniſchen Briefen fand ſich ein Ueberſetzer, der aber wenig polniſch verſtehen mochte; denn er ließ ſich erſt den Zuſammen⸗ hang der Sache erzaͤhlen, und verſicherte dann, —— 2 2 2 2 2—— — 5¹— daß die Briefe die redlichſten Verſicherungen von Vaterliebe gegen den Sohn enthielten. Der Landrentmeiſter ward von einem Rechts⸗ freunde auf die Idee gebracht, dem alten Sa⸗ badowski, dem er durch Billig den Tod ſei⸗ nes Schwiegerſohnes fruͤher ſchon auf eine ſcho⸗ nende Weiſe gemeldet hatte, ſeine Enkel zu empfehlen. Die Ehe war legal vollzogen, meinte der Rechtsfreund, folglich hatten die Enkel das Pflichttheil ihres Vaters, des jun⸗ gen Sabadowski, vom alten Großvater recht⸗ lich zu fordern. Auf die Todesanzeige hatte Billig geant⸗ wortet, daß der alte Graf und die Graͤfinn ganz troſtlos waͤren, daß ſie hofften, der Sohn habe ein ſeinem Stande gemaͤßes Begraͤbniß erhalten, und daß ſie ſaͤmmtliche desfalſige Ko⸗ ſten puͤnktlich decken wuͤrden. Auf die Empfehlung der kleinen Saba⸗ dowskiſchen Kinder antwortete weder Billig, noch der alte Graf. Man nahm daher Veranlaſſung, mir den 4* — 5²2— Antrag zu machen, wenn ich in die Gegend von Wilna kaͤme, den Grafen deshalb zu ſpre⸗ chen, und ſeinen Gewalthaber, den Kammer⸗ diener Billig, fuͤr die Sache zu gewinnen. Kurz darauf kam ich auf einer Reiſe nach Kiew durch Wilna. Kein Menſch kannte einen Grafen Saba⸗ dowski. Von einem fuͤrſtlichen Hauſe Czur⸗ batipolaski weiß man im ganzen ruſſiſchen Rei⸗ che kein Wort. Blos Billig war bekannt. Er war Kammerdiener in einem kleinen adeli⸗ chen Hauſe geweſen, hatte auf einmal viel Geld in Haͤnden gehabt, ohne daß man wuß⸗ te, wo er es herbekommen, und war ſeit Kur⸗ zem verſchwunden. Dem Geruͤchte nach war er an die Kuͤſten des aſowſchen Meeres gegan⸗ gen. Man ſchickte mir die polniſchen Briefe. Dieſe gaben den voͤlligen Aufſchluß. Die Geſchichte mit den, bei dem Duell im Rocke verlornen, 1000 Dukaten war Luͤge. Der Arzt ſollte zum Mitleid bewegt werden, und dem Grafen Geld ſchaffen. Die Pferde end bre⸗ ter⸗ — waren von dem bei der Elſenbruͤcke geraubten Gelde gekauft. Die von der Graͤfinn Saba⸗ dowska angeblich geſandten Gelder uͤbermachte Billig gleichfalls von dem Kapitale unter der Elſenbruͤcke. Der Graf ſandte es ihm in Tratten auf Petersburg und Riga; in Wilna ſetzte Billig dieſe Tratten gegen Briefe auf Hamburg und Leipzig um, und fuͤr ſich be⸗ hielt er, nach des Grafen Willen, 5000 Rthl. von dieſem Mordgelde. Der Graf ſelbſt war ein Barbiergeſelle aus Wermar. Er hatte in Polen eine Zeitlang conditionirt, und ſich dort eine ziemliche Fertigkeit der polniſchen Spra⸗ che erworben. Sich ſelbſt hatte er gemordet, wahrſcheinlich, weil er aus dem Einſchließen folgerte, er werde den Gerichten uͤberliefert werden. Die uͤbrigen Aufſchluͤſſe kann ſich der aufmerkſame Leſer ſelbſt geben. Ottiliens Vater ſtarb im Kummer des ge⸗ demuͤthigten Stolzes. Die arme Frau lebt ſtill und eingezogen. Ihr Vermoͤgen iſt ſehr — 54— 1 zuſammen geſchmolzen. Der Frau des erſchoſ⸗ fenen Poſtknechts und ſeinen zuruͤckgelaſſenen Kindern giebt ſie jaͤhrlich eine ihren Kraͤften gemaͤße Unterſtuͤtzung. Ihre eigenen Kinder ſind ihre einzige Freude. Die fromme Dul⸗ derinn hat all das Ungemach, was das Schick⸗ ſal ihr ſo ſchuldlos bereitete, mit ſanfter Er⸗ gebung getragen. Menſchen, brecht nicht den Stab mit Hohn uͤber ſie! Der junge Arzt. Verdienſte machen nicht dein Glück allein, Der Zufall muß oft mit im Spiele ſeyn. De junge huͤbſche Frau des Kaufmanns S. in D... g kraͤnkelte ſeit einem Jahre. Der weitlaͤuftige Kreis ihrer Bekanntſchaft nahm den innigſten Theil an ihren koͤrperlichen Lei⸗ den, denn Madame S. war uͤberall geliebt, uͤberall geehrt. Ihr Gatte, einer der reich⸗ ſten Maͤnner der Stadt, that alles Erſinnliche, um die Geſundheit der angebeteten Gattinn herzuſtellen. Er nahm Einen Arzt nach dem andern an, und verabſchiedete ſie alle wieder. Unter dieſen waren gewichtvolle Maͤnner, die ihre ganze Kunſt aufboten. Umſonſt. Ma⸗⸗ dame S. ward von Monat zu Monat kraͤn⸗ — 36— ker. Sie ſah in grauenvoller Ferne den Tod mit langſamen Martern ihr entgegen ſchlei⸗ chen. Der troſtloſe Gatte wendete ſich endlich an den beruͤhmteſten Leibmedikus in der Re⸗ fidenz ſeines Vaterlandes, und erhielt von die⸗ ſem ſchriftlich den Rath, daß, nach allen Symptomen, die er ihm gemeldet habe, die Reiſe nach Karlsbad das Zweckmaͤßigſte ſeyn wuͤrde. Dieſer Rath war hier recht anwendbar. Der Leibmedikus ſchrieb im Oktober; vor dem Juny kommenden Jahres konnte die Badereiſe nicht angetreten werden. Bis dahin konnte die Kranke ſchwerlich leben; und dann hatte der Herr Leibmedikus, fuͤr ſeine 20 Louisd'ors doch einen Rath gegeben. Ihre Jugend, ihre Liebe zum zaͤrtlichen Gatten, ihre Freundſchaft fuͤr den Zirkel ihrer Bekannten, ihre Empfaͤnglichkeit fuͤr die Freu⸗ den der Welt, ketteten ſie an das Leben. Ihre Hoffnung— Ach wer weiß es nicht, daß dieſe Himmelstochter die treueſte, die liebreichſte „„„ & 114— Pflegerinn der armen Kranken iſt— ihre Hoffnung baute ſie auf den Rath des weit und breit beruͤhmten Leibarztes. Dieſer hatte ſie ja bis zum kuͤnftigen Sommer vertroͤſtet, die⸗ ſer mußte ja alſo berechnet haben, daß ſie bis dahin ihr Leben noch friſten koͤnne. Sie zaͤhlte mit banger Ungeduld jede Stunde der langen ſchlafloſen Winternaͤchte. Endlich ſchmolz der Schnee, das Eis der Stroͤme brach, das junge Gruͤn entſproß der Erde. Aber die Leiden des armen hoffenden Weibes mehrten ſich. Wie war es moͤglich, die hundert Meilen lange Reiſe nach Carlsbad zu wagen! 1 Allein ſie beſtand darauf, ſie beſchwor ih⸗ ren Mann, ſie hinzuſchaffen. Dort, nur dort an jenen Heilquellen, glaubte ſie an Rettung. Alle Aerzte der Stadt, die nach und nach wie⸗ der geholt wurden, alle Bekannten widerrie⸗ then die Reiſe; allein die flehenden Bitten der Leidenden vermogten uͤber den theilnehmenden Gatten mehr, als alle Gegenrede. Er ließ, — 8— nach der Erfindung eines geſchickten Mechani⸗ kus ſeines Orts, einen eigenen Wagen bauen, in dem die Kranke liegen, und ſich ſonſt aller moͤglichen Bequemlichkeiten erfreuen konnte, und ſo gieng denn die Reiſe vor ſich. Er, ein Bedienter und zwei Kammermaͤdchen mach⸗ ten das Gefolge. Der Krankenwagen fuhr Schritt vor Schritt; man machte taͤglich hoͤch⸗ ſtens 3 Meilen. So ſtark ſich anfaͤnglich die Leidende ge⸗ macht hatte, um das Ziel ihrer Wuͤnſche, die Wunderquellen zu Carlsbad zu erreichen; ſo fand ſie doch nun die Beſorgniſſe ihrer Freun⸗ de in D... g nicht ungegruͤndet. Sie fuͤhlte, daß ſie nicht weiter konnte. Jede Bewegung des Wagens, ungeachtet er in den ausgeſuch⸗ teſten Federn hing, verurſachte ihr Hoͤllen“ martern. Am dritten Tag erklaͤrte ſie, keinen Schritt weiter fahren zu koͤnnen. Sie bat ihren Mann, ſie hier in dem kleinen Staͤdtchen zu laſſen, das man eben erreicht hatte. Sie wollte hier ſterben. — 59— Bis hieher hatte die Dulderinn muthig ousgeharrt. Aber jetzt war der Faden ihrer Hoffnungen geriſſen. Sie weinte laut. Sie bat den troſtloſen Gatten, ſich nicht weiter zu aͤngſtigen. Es ſey nun alles verloren. Nur ein Obdach ſolle er ihr verſchaffen, um ruhig zu ſterben. Der Gefolterte— ſchreckliches Geſchaͤft!— ſuchte nun ein Plaͤtzchen, wo das geliebte Weib ſeines Herzens, das muͤde Haupt hinlegen ſollte, um auf ewig einzuſchlummern. Das beſte Haus in der Stadt gehoͤrte dem Poſtmeiſter. Er trat mit rothgeweinten Au⸗ gen in das Zimmer deſſelben. In kleinen Staͤdten weiß man das Neue gleich. Man wußte auch hier ſchon, daß eine kranke Frau in dem großen Wagen liege. Er brachte ſein Anliegen in kurzen gebrochenen Worten vor. Die tiefſte Wehmuth preßte ſeine Stimme. Mutter und Tochter ſchoſſen die Thraͤnen in die Augen. Sie blickten bittend auf den Vater und wohlwollend auf den Fremden. — 60— Der Poſtmeiſter verſtand den menſchen⸗ freundlichen Blick ſeiner wackern Frau und ſei⸗ nes herzigen Kindes; er reichte dem Fremden troͤſtend die Hand, und gab die ganze obere Etage ſeines Hauſes willig Preis. Roͤschen, die Tochter, flog an den Wa⸗ gen, um der Kranken ihren theilnehmenden Willkommen zu bringen. Sie bebte zuruͤck, denn Jene lag mit geſchloſſenen Augen da. Noͤschen glaubte ſie ſchon verſchieden. Aber ſie lebte noch. Sie rang mit dem Tode. Der Poſtmeiſter, ein herrlicher Mann, der den Kopf immer auf dem rechten Flecke hatte, ließ gleich alle ſeine Knechte herbeirufen, ver⸗ bot ihnen alles Geraͤuſch, und befahl, den ganzen Wagenkaſten abzunehmen, und ihn die Treppe herauf zu tragen. Sein Befehl ward auf das puͤnktlichſte vollfuͤhrt, und oben die Erſtarrte aus dem Wagenkaſten gehoben, und in ein ſchnell bereitetes Bette gelegt. Sie ſchlug eine Weile nachher zwar die Augen wie⸗ — 61— der auf, allein ihre Seele ſchien von ihr ge⸗ wichen zu ſeyn; ſie erkannte Niemand mehr. In demſelben Augenblick kam die ordinaͤre Poſt an.„Sallat, Sallat und gruͤne Peter⸗ ſilie,“ ſchmetterte der froͤhliche Poſtknecht durch das ganze Staͤdtchen hin; aber kreiſchender noch, als ſein ſchmetterndes Horn, erſchallte vom bunt beſetzten Poſtwagen das alte Lied: 4„Ein freies Leben führen wir ꝛc.“ Der ſorgſame Poſtmeiſter ſtellte ſich breit hin vor ſein Haus, winkte mit Haͤnden und Bei⸗ nen, daß man ſtille ſeyn moͤchte; aber kein Menſch ließ ſich in der gluͤcklichen Arche Noaͤh ſtoͤren. Alles ſang, ſchrie, lachte, blies und kraͤhte durcheinander, daß man ſein eigenes Wort nicht hoͤren konnte. Juden, Maͤdchen, Kaufleute, Studenten ꝛc. ꝛc. entſtiegen dem luſtigen Poſtwagen, und trieben ihr Weſen, als wenn ſie die Stadt zum Thore hinaus werfen wollten. „Meine Herren, meine liebe Herren,“ ſchrie der Poſtmeiſter, und faltete bittend die Haͤnde — 62— vor die Bruſt.„Nur dieß Stuͤndchen halten Sie ſich ruhig. Hier oben liegt eine todtkran⸗ ke Perſon. Draußen koͤnnen Sie ja wieder recht luſtig ſeyn; nur hier nicht: ich bitte, ich bitte recht ſehr. Thun Sie mir den Geſallen, ich will Sie auch gleich weiter expediren.“ „Eine kranke Perſon? nun Bruͤderchen, da kannſt Du Dir das Reiſegeld verdienen,“ ſagte ein Bruder Studio zu einem jungen wohlgebildeten Mann, der unter den luſtigſten mit der allerluſtigſte geweſen war.„Aber, Bruͤderchen, Knoͤpe muß ſie haben, ſonſt iſt die Sache Pomade. Was iſt denn die Kranke fuͤr ein Beſen, Herr Poſtmeiſter? Altes fide⸗ les Haus(ſich wieder zum jungen Mann wen⸗ dend), na, mache einmal hier Deine Streiche!“ Der junge Mann frug den Poſtmeiſter, wer die Kranke ſey. Das wußte der ehrliche Poſtmeiſter ſelbſt nicht.„Sind Sie wirklich Arzt, mein Herr,“ ſagte der Poſtmeiſter,„ſo ſind Sie wohl ſo gut, einmal herauf zu kom⸗ men? Wir haben hier in unſerm Staͤdtchen den bloß einen alten Barbiergeſellen, dem ich mei⸗ ne Poſtpferde nicht einmal anvertraue.“ Der junge Mann erſuchte nun ſelbſt ſeine Reiſegeſellſchaft, ſich ruhig zu verhalten und der Kranken zu ſchonen. Das gefiel dem Poſt⸗ meiſter. Beide gingen zu der Kranken; der Gatte war nicht gegenwaͤrtig; er war einen Augenblick in den Garten hinter dem Hauſe gegangen, um ſich auszuweinen, um Beiſtand und Rath von oben zu erflehen, um ſich Muth und Staͤrke zur Scheideſtunde zu holen. Der junge Arzt unterſuchte mit ſehr vieler Vorſicht und Aufmerkſamkeit Auge, Zunge, Athem, Haut und Puls der Sterbenden. Sprechen konnte er ſie nicht. Er ließ ſich mit ihren beiden Maͤdchen in ein genaues Geſpraͤch ein; ſie waren vom Anfange der Krankheit um ſie geweſen, er frug ſie die ganze Geſchichte derſelben ab; ſie mußten ihm die Recepte ge⸗ ben, welche in der ganzen Zelt gebraucht wor⸗ den waren, und die man mitgenommen hatte, um den Carlébader Brunnenarzt uͤber die — 64— Krankheit voͤllig zu informiren. Er erfuhr jetzt, wer die Dame ſey. Nach ſeinem Na⸗ men frug man ihn nicht; nur ob er helfen koͤnne. Beide Maͤdchen faßten ihn aͤngſtlich bei der Hand, beide baten flehentlich um den Ausſpruch, ob Rettung moͤglich ſey. Der Poſtmeiſter las das Ja oder Nein mit beſorg⸗ licher Beklommenheit von ſeinen Lippen. Der junge Mann ſagte gar nichts; ſon⸗ dern frug nach der Apotheke.„Ach Gott, hier iſt keine,“ war die Antwort. „Das iſt ſchlimm! nun, wo iſt die naͤchſte?“ „In D. n; zwei Meilen von hier!“, „Das iſt noch ſchlimmer!— laſſen Sie den Poſtwagen abgehen; ich fahre nicht mit. Schaffen Sie mir geſchwind ein Courierpferd nach D.n; und einen Poſtillion zu Pferde dazu. Dieſe ruhige, beſonnene Manier geſiel den Maͤdchen. Sie dankten fuͤr ſeine Bereitwillig⸗ keit, und eine lief, um den Herrn zu holen; ehe dieſer aber am hintern Ende des Gartens neimtttel ſelbſt geholt habe, und frug, ob er ſie der Kranken reichen duͤrfe.— aufgefunden wurde, jagte der junge Menſch, wie ein Sturmwind, zum Hauſe hinaus. Dieſe Eile geſiel Roͤschen; Sie hatte ſich vom Vater ſchon alles Erzaͤhlen laſſen. Sie ſah den jungen Mann mit Wohlwollen nach. „Daß Du den Satan mit Reiten kriegſt,“ brummte der Schirrmeiſter, als der junge Arzt nach der dritten Stunde das ſchaͤumende Pferd ſchon wieder um die Ecke des Marktes bog. Er ſprang ab, forderte Waſſer, Thee, Wein, und eilte die Treppe hinauf. Herr S. ſaß am Bette der Sterbenden. Der junge Mann trat ihm beſcheiden an, ſagte ihm, daß er gerufen worden, daß er, die⸗ ſer Aufforderung zu Folge, die noͤthigen Arze⸗ Der junge Menſch war ſehr jung, ſein Aeußeres konnte nicht viel Vertrauen erwecken. Aber das kochende Blut, das der Courierritt durch alle Adern gejagt hatte: der Schweiß, der dem Bereitwilligen von Stirn und Wange„ V. — 66— floß, waren Buͤrgen von wenigſtens menſchli⸗ cher Theilnahme, und dieſe gewann dem aͤrzt⸗ lichen Courier zuerſt das Wohlwollen des un⸗ gluͤcklicen S.— Vertrauen konnte er nicht haben, aber was war hier zu wagen! Ein geliebtes Weib ohne Huͤlfe in den letzten Zuͤ⸗ gen! Waͤre der Scharfrichter gekommen und haͤtte ſich als Arzt gemeldet, der Geaͤngſtete haͤtte ihn an das Bette der Theuren gefuͤhrt. Die mitgebrachte Arzenei wurde der Kranken eingefloͤßt. In Kurzem erfolgte ein wohlthaͤ⸗ tiger Schlummer. eessacsersienestnenn as⸗ Madame S. erwachte neu geſtaͤrkto Man 8. 2* erzaͤhlte ihr vom ordinaͤren Poſtengel, wie ſich der junge D. ſcherzweiſe ſelbſt nannte; ſie dankte ihm in leiſen, abgebrochenen Worten — fuͤr ſeine Huͤlfe. Ihr ward von Stunde zu Stunde, von Tage zu Tage wohler. Der junge Arzt verließ ihr Bett nicht; er ſorgte fuͤr ſie, wie fuͤr eine angebetete Heilige. Nach anderthalb Monaten war Madame S. voͤllig wieder beroeſen Sie bekam wie ſchli⸗ aͤrzt⸗ 3 un⸗ nicht Ein 1 Zuͤ⸗ und gſtete fuͤhrt. anken hlthaͤ⸗ Man die ſich e; ſie Vorten nde zu Der ſorgte dadame m wie - der Farbe; ihr Arm rundete ſich wieder. Kraft der Geſundheit laͤchelte wieder mit un⸗ ausſprechlichem Liebreiz auf ihrem freundli⸗ chen, gutmuͤthigen Geſichtchen. Sie vergaß Carlsbad und alle Apotheken, aber dem jun⸗ gen Arzt blieb ſie bis heute dankbar. Der Zufall fuͤhrte mich durch das Staͤdt⸗ chen, als Herr S. und ſeine bluͤhende Gattinn eben ihr Abſchiedsfeſt feierten, um den mor⸗ genden Tag nach D... g zuruͤckzureiſen. Ich war ganz fremd, aber der ehrliche Poſtmeiſter, der mir die Veranlaſſung des Fe⸗ ſtes erzaͤhlte, und ſah, wie mich ſeine Ge⸗ ſchichte freute, ließ mit Bitten nicht eher nach, als bis ich zu bleiben, und am frohen Tage Theil zu nehmen verſprach. Er ſtellte mich dem ſehr lieben Paare S. vor, und dann praͤſentirte er mir den jungen Doktor, als ſeinen kuͤnftigen Schwiegerſohn. Heute feierte dieſer ſeine Verlobung mit dem ſanften Roͤschen. Beide Menſchenkinder hat⸗ ten ſich waͤhrend der 6 Wochen kennen gelernt; 5* Die 63—— . V beide de hatten ſich einander lieb gewonnen. Herr alt S. hatte den Retter ſeiner geliebten Frau V bei fuͤrſtlich belohnt, und Madame S. hatte dem 8 lieblichen Roͤschen einen Schmuck zum Verlo⸗ V lich bungstage geſchenkt, den keine Prinzeſſinn in äbe zionen ſich ſchaͤmen durfte. Mehr werth als alles beides, war der Ruf, 11 der dem gluͤcklichen Arzte nach D... g voran⸗ am gegangen war. Der junge Mann war aus der Gegend von D.. g; er hatte auf mehre⸗ ren Univerſitaͤten Deutſchlands ſtudirt; hatte eine kleine mediziniſche Reiſe nach Paris, Berlin und Wien gemacht, und wollte nun zuruͤck in ſeine vaterlaͤndiſche Gegend, um ſich in D.. g niederzulaſſen, und dort ſein Heil zu verſuchen. Der geſchickteſte Arzt weiß, wie ſchwer ihm der Anfang ward! Dieſem Beneidens⸗ werthen kam das Gluͤck entgegen. Die Lo⸗ beserhebungen des S... ſchen Paares, die Geſchichte der Rettung dieſer dem Tode ſchon Preis Gegebenen, ſeine Beſcheidenheit gegen Herr Frau dem Berlo⸗ in zu Ruf, oran⸗ aus nehre⸗ hatte Daris, nun n ſich Heil ſchwer idens⸗ e Lo⸗ „ die ſchon gegen aͤltere Maͤnner ſeines Fachs, ſeine heitere Laune beim leichten Kranken, ſeine beſorgliche Theil⸗ nahme bei ſchweren Patienten, und hauptſaͤch⸗ lich ſeine gediegenen Kenntniſſe⸗erwarben ihm uͤberall Beifall und Aufnahme. Er iſt jetzt— jene Geſchichte trug ſich im Sommer 1806 zu— der geſuchteſte Arzt in D.. g, und an Roͤschens Seite der gluͤcklichſte Mann. Die Piſtolen⸗Lehre. Wahre Anekdote. Auf dem Kaffeehauſe zu K. ſaß ein kleiner Mann, rauchte ſein Pfeifchen und las Zeitun⸗ gen. Er war durchaus ſchwarz, aber modiſch angezogen: eine irdene Pfeife, ein ſehr weißer feiner Jabot und ein weißes Halstuch, wa⸗ ren das einzige Weiß an der ganzen Kleidung des Mannes. Kurz darauf ſtuͤrmte der Major von L. herein. Ein Mann, der eine Ausnahme un⸗ ter den Kameraden ſeines Ranges macht; der Alle bruͤskirt, die er ſieht; dem jeder Ver⸗ nuͤnftige gern aus dem Wege geht, weil ihm immer eine Impertinenz auf der Zunge ſitzt. Gleich hinter ihm folgten Lieutenants und Faͤhnrichs. leiner eitun⸗ diſch eißer wa⸗ dung n L. 2 un⸗ ; der Ver⸗ ihm ſitzt. und ——— — — — 71— Der Major war bei Laune. Er trat hin⸗ ter den ſchwarzen Mann, machte Maͤnnchen und putzte, zum Schein aus Verſehen, das ihm zunaͤchſt ſtehende Licht aus. Sein Ge⸗ folge lachte. Der Fremde zuͤndete es ſich ru⸗ hig wieder an und las weiter. Jetzt kannte der Major ſeinen Mann. Er konnte ihm was bieten.„Guten Abend, Schulmeiſterchen,“ ſagte er, bot ihm die Hand und mit demſelben Griff war die irdene Pfeife in Stuͤcken. „Marguer, andere Pfeife, rief der Frem⸗ de. Das Gefolge lachte lauter. Der Major nannte ben kleinen ſchwarzen Mann einen goͤtt⸗ lichen Kerl; da indeſſen weiter nichts mit ihm anzufangen war, auch der Major zu einer Parthie Whiſt eingeladen wurde, ſo ging er mit ſeiner kleinen Suite in ein Nebenzimmer und man ließ den ſchwarzen Mann ſitzen. Dieſer las ſeine Zeitungen, rauchte ſeine Pfeife und trank ſeinen Thee, ohne nur im mindeſten einen Zug von Unwillen uͤber jenen infamirenden Hohn zu aͤußern. — 72— Nach einer langen Weile ſtand er auf, ging in das Nebenzimmer, wo der Major ſpielte, trat vor ihm hin, faßte ihm vorn bei einem Knopf auf der Bruſt und ſagte,„mein Herr, morgen fruͤh ſchieß wir uns.“ „So, ſo, ſiel ihm lachend der Major ins Wort.— Bringen der Herr Schulmeiſter Dero Fibel mit.“ „Sie hab keine Schande, ſich zu ſchieß mit mir, ich bin See⸗Capitain in engliſch Dienſt.— Morgen fruͤh, ſechs Uhr, an dem Ende des Damms, wo die viele Weid.““ Der Capitain ging, ohne ein Wort wei⸗ ter zu ſagen, fort, der Herr Major lachten noch lange uͤber den kleinen Schulmeiſter, aber der Witz wollte doch nicht mehr ſo recht flie⸗ ßen. Der ſchwarze Mann mußte ihm gewal⸗ tig ernſt ins Geſicht geſehen haben; er ward zerſtreut, machte die auffallendſten Fehler im Spiel, und er, dem ſonſt keiner einen leich⸗ ten Spott in den Weg werfen durfte, ſchwieg, als einige junge Offiziere ziemlich deutſch ihm zu verſtehen gaben, daß, wenn die erſte Le⸗ ction des ſchwarzen Scholarchen heute ſchon ſo gut angeſchlagen habe, morgen recht viel Beſ⸗ ſerung zu erwarten ſey. Die ganze geſtrige Geſellſchaft erſchien, mit dem Major, den folgenden Morgen auf dem bezeichneten Platze. Der Capitain erwartete ſie ſchon. Er hatte ſeine praͤchtige Uniform an. Man begruͤßte ſich gegenſeitig einander ſehr artig.— Als die Begleiter des Majors bemerkten, daß der Capitain keinen Secundanten bei ſich hatte, offerirte ſich einer von ihnen dazu. „Mein Herr,“ antwortete der See⸗Capi⸗ tain,„ich danke. Ich nicht brauche einen Secundanten. Ich meinen Jokay bei mir hab. Fall ich, weiß der, was zu thun. Sie alle ſind Offiziere von einer Armee, die ich lieb und acht ſehr hoch. Sie werd mir nicht thun laſſ Unrecht oder Gewalt. Herr Major, wenn Sie nicht hab Piſtol, die ſind gut, ſo koͤnn Sie waͤhl ein von mein.“ — 74— Er rief den Jokay herbei; dieſer hatte ein Maroquin⸗Kaͤſtchen unterm Arm. Der Ca⸗ pitain oͤffnete es. Aus Indigo⸗Samt⸗Futte⸗ raleu blitzzen vier koͤſtliche Piſtolen heraus. Der Major dankte und meinte, er ſei auf ſeine Piſtolen eingeſchoſſen. Er war unge⸗ mein ernſthaft und feierlich. So hatte ihn kein Menſch noch geſehen. Die Manier des See⸗ Capitains brachte ihn außer Faſſung. In die⸗ ſem feſten, ruhigen Geſichte lag ſein Tod. Die Piſtolen wurden geladen; funfzehn Schritt wurden abgemeſſen. Die Gegner ſtanden auf ihren Pläͤtzen. „Mein Herr,“ hub der Secundant des Majors zum See⸗Capitain an,„Sie ſind der beleidigte Theil. Sie haben den erſten Schuß.“— Der Capitain legte an. Todtenſtille im Halbkreiſe der Zuſchauer. Der Major er⸗ bleichte. Der Capitain ſetzte ab.„Weil der „Herr Major nicht wird hab den zweiten Schuß, wenn ich hab den erſten, ſoll ſchieß — 75— der Herr Major zuerſt.“„Herr Capitain,“ ontgegnete der Secundant:„Sie ſcheinen Ih⸗ rer Kunſt ſehr gewiß zu ſeyn. Um ſo edler iſt Ihre Verzichtleiſtung auf den erſten Schuß⸗ Allein ich, wir alle hier, duͤrfen dies nicht zugeben. Sie ſtehen hier allein ohne Secun⸗ danten. Sie haben ſich unter unſern Schutz, unter unſere Geſetze gegeben. Schießen Sie.“ „Nicht ſicher ſcheinen meiner Kunſt; ſicher ſein. Ich nicht Wind mach kann. Meine Piſtol ſchieß ſehr gut. Sollen ſelber⸗ ſehn.“„Jokey“(rief er dem Menſchen eng⸗ liſch zu)„wirf etwas in die Hoͤhe;“ der junge Menſch holte ſein Taſchentuch hervor.„Nein, etwas kleineres, Geld oder einen Knopf, oder ſo etwas.“ Der Jokey brachte eine Pflaume aus der Taſche.„Gut,“ rief der Capitain,„wirf ſie hoch in die Luft;“ der Junge warf hoch, der Capitain zielte, ſchoß und die Pflaume flog ſpritzend in hundert kleine Stuͤcke von ein⸗ ander. Die Umſtehenden ergriff eine paniſche Ehr⸗ furcht. Der Major war ſchon lebendig todt. Die Lippen wackelten ihm. Er wollte beherzt ſcheinen, er wollte dem Capitain ſeine Bewun⸗ derung muͤndlich zollen, aber er konnte nicht ſprechen, die Kehle war ihm plombirt. Es ging nichts heraus, nichts hinein. Er konnte kaum Athem holen, die Halsbinde haͤtte ihm platzen moͤgen. Der Capitain ſprach kein Wort uͤber ſei⸗ nen Pflaumenſchuß. Er ladete in Gegenwart des Secundanten ſein Piſtol von neuem und ſtellte ſich auf ſeinen Platz. Auch der Major faßte wieder Poſto. Er hatte ſich ein wenig erholt.„Schieß Sie, Herr Major.“ Der Secundant wollte wieder ſprechen, wollte das Recht ſeines Amts wieder geltend machen, allein der Capitain ließ ihn nicht zum Wort kommen, ſondern rief jetzt etwas rauher; „Schieß Sie.“ Der Major ſchoß und fehlte. „Schieß Sie noch einmal, Herr Major. Sie hab gezielt nicht gut. Falle ich, iſt es ein Gluͤck fuͤr die andern Herren hier. Haben gelacht geſtern Abend Alle; muͤſſen Alle ſehen in meine Piſtol, einer nach dem Andern.“ Dieſe Worte ſtrichen wie Wuͤrgengel an den Begleitern voruͤber. Jeder betheuerte ſich im Innern, nicht gelacht zu haben. Der Se⸗ cundant widerſprach dem zweiten Schuß nicht mehr. Der Major ſchoß jetzt ſuͤr ſie Alle: lag dieſes ernſte Ungeheuer nichs im Sande, ſo ſchoß es Alle, wie Sperlinge, todt. Die Ueberzeugung hatte jetzt ein Jeder. Der Major legte an. Ihm kam es ſchwarz und weiß vor die Augen. Der Mann ſah ihm feſt und ruhig ins Geſicht.„Geſtern,“ ſagte er endlich einmal laͤchelnd,„war ich ihr klein Schulmeiſter, heute muß ich ſeyn Ihr groß. Sie halten zu hoch. So werd Sie mich treffen nicht.“ Der Major ſchoß und fehlte! Ein kalter Fieberblitz traf Aller Glit⸗ der. Jetzt legte der Capitain an. Er ſetzte wieder ab. „Herr Major, Sie ein ſehr elender Menſch ſind. Ich habe gefragt geſtern Abend; alle Leut hab geſprochen ſchlecht von Ihnen. Sie ſind in zwei Minuten todt. Sind Sie fertig mit ſich, mit Welt und mit großer Gott? Bet ſie fromm. Alle Menſchen bitt Sie ab, die Sie hab beleidigt. Und Gott erbarmt t ſich Ihrer Seele. Meine Herren, Huͤte ab, wenn wir ſprech mit großen Meiſter der gan⸗— zen Welt, muͤſſen wir ſein mit unbedecktes Haupt. Bet Sie, Major.— Vater unſer, der du biſt im Himmel.“ Alle zogen die Huͤte, j der Jokey ſein Muͤtzchen. Eine furchtbare Pauſe. Keiner konnte ein Glied ſtill halten, ſo hatte ſie des Mannes einfache Rede ergrif⸗ fen. Dem Major ſchlug das Herz hoͤrbar. Er ſtand auf der ſchrecklichen Schauerbruͤcke zwiſchen Leben und Tod. Sein betender Blick flog durch die Wolken.„Amen“ lispelte es von den Lippen der Umſtehenden. Die Pflau⸗ me, die Pflaume hatte die Herzen geruͤhrt. 6„& Alle bedeckten ſich jetzt wieder, die To⸗ desſtunde des Majors hatte geſchlagen. Er hatte ſchon keinen Tropfen Blut mehr im Geſichte, er zitterte ſo heſtig, daß er nicht gerade aufſtehen konnte. Seine Quaal zu enden, legte der Capi⸗ tain raſch an, zielte, ſetzte ab, gab ſein Piſtol dem Jokey, ſagte verdruͤßlich,„der Menſch iſt nicht werth engliſch Pulver,“ und ging. Am Abend erſchien er wieder ſchwarz im Kaffeehauſe. Es nekte ihm keiner. Der Ma⸗ jor nahm den Abſchied.* Der Meßſonntag. Der junge Leß, ein Deutſcher aus London, beſuchte in Geſchaͤften ſeines Hauſes die Meſſe zu**rrrs jaͤhrlich einmal. Alle ſeine Be⸗ kannten freuten ſich immer, wenn die Meßzeit heranruͤckte; denn der junge Leß brachte ihnen mit, was jedes ſich wuͤnſchte. Die alten Kauf⸗ leute hatten ihn gern, weil er in aller Kuͤrze, ohne viele Worte, Geſchaͤfte von mehreren Tauſenden mit ihnen abmachte; und die jun⸗ gen Leute ſeines Alters hoͤrten ihn gern, denn ſeine frohe Laune, ſeine lebhafte Darſtellungs⸗ gabe ſchmuͤckten die kleinen Begebenheiten ſei⸗ nes Lebens, die er ihnen mittheilte, zu den intereſſanteſten Erzaͤhlungen aus. Er hatte Oſt⸗ und Weſtindien geſehen, er war in ganz Europa zu Hauſe. Er trug alle Bemerkungen alle Ereigniſſe, in ſein Portefeuille. Daher war er unerſchoͤpflich. Er wußte immer etwas Neues. Die aͤltern Frauen nannten ihn einen kerngeſunden, bluͤhenden, breitſchulterigen Eng⸗ laͤnder; ſie lobten ſeine ſuperfeine Waͤſche und ſeine einfache Eleganz; den juͤngern und den Maͤdchen gefiel ſeine brittiſche Sonderbarkeits⸗ ſucht, in der er vielleicht zuweilen, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ein wenig kokettirte; allein ſie hob ihn in der That zu einem ſehr ange⸗ nehmen Menſchen, denn in allen kleinen Zuͤ⸗ gen der Art, blickte ein hohes Zartgefuͤhl fuͤr Recht und Sitte, ein herzlicher Frohſinn, eine liebliche Weichheit des Gemuͤths und eine un⸗ gemein lebendige Regſamkeit des Herzens her⸗ vor. Dabei hatte er eine Compilationswuth, ſo, daß er ſchon in den wenigen Jahren ſei⸗ ner Reiſen, drei beireiſiſche Cabinets zufam⸗ mengetragen haͤtte, wenn er minder freigebig geweſen waͤre. Im Sammeln achtete er auf alles, was ſonderbar war, oder was ihn an V. 6 — 82— eine auffallende Begebenheit erinnerte. An Syſtem oder Ordnung dachte er ſo wenig, als der Graf Scheremetiew, in deſſen Zim⸗. mer die ſeltenſten Herrlichkeiten der Welt ſo bunt und dicht unter einander geſtellt waren, daß man kaum treten konnte. Er verreiſ'te jaͤhrlich uͤber 8000 Thaler, und ſein Haus aͤußerte oft gegen ſeine deut⸗ ſchen Correſpondenten die Beſorgniß, daß der junge Leß wohl nicht immer die ihnen gebuͤh⸗ renden Dehors beobachte, weil er in ſeinen Ausgaben mehr als zu oͤkonomiſch ſey. In**err**r traf er gewoͤhnlich den Sonn⸗ abend vor den Meßſonntag ein; an dieſem ſpeiſ'te er jedesmal bei dem Banquier Born, dem reichſten Kaufmann des Orts, bei dem er auch logirte. Nach altem Herkommen war an dieſem Tage die ganze Familie des Hauſes verſammelt, und Leßs hatte ſchon ſeit fuͤnf, ſechs Jahren die Gewohnheit, die weiblichen Mitglieder dieſes Zirkels mit eleganten Klei⸗ nigkeiten zu uͤberraſchen, die er direkte aus An als Zim⸗ lt ſo aren, daler, deut⸗ 3 der buͤh⸗ einen vonn⸗ ieſem orn, dem war auſes fuͤnf, ichen Klei⸗ aus —— London mitbrachte. Jedesmal wußte er der Vertheilungsart dieſer Bijouterien eine andere Form zu geben; bald looſ'te, bald wuͤrfelte man darum, bald veranſtaltete er eine Lotterie; diesmal— die Mittagstafel war aufgehoben,— die Geſellſchaft verfuͤgte ſich zum Kaffee in ein zweites Zimmer, da ſtand der junge luſtige Leß im Koſtuͤme eines kleinſtaͤdtiſchen Kraͤmers, in einer kleinen reich geſchmuͤckten Bude; vor ſich hatte er einen bunten Drehvogel, und jede Dame ſollte um die in der Bude zierlich auf⸗ geſtellten Herrlichkeiten drehen. Auf die hoͤch⸗ ſte Nummer zwoͤlfe ſetzte er ſich ſelbſt zum Preis. Gewann ihn eine verheirathete Dame, ſo erhielt ſie, ſtatt ſeiner, ſein mit kleinen Brillanten beſetztes Portrait; wies aber der Drehvogel, von der Hand eines Maͤdchens beruͤhrt, auf Nummer zwoͤlf, ſo ſollte und mußte ſie ſich entſchließen, dem jungen Leß die Hand auf ewig zu geben. Wer dieſer Bedin⸗ gung ſich nicht unterwerfen wolle, ſolle entwe⸗ der gar nicht mitdrehen, oder ſich fuͤr halbe 6* Frau, d. i. fuͤr die Braut eines andern erklaͤ⸗ ren. Blieb der Vogel zwei oder mehreremal⸗ auf Nro. 12 ſtehen, ſo behielt Leß ſich das Recht vor, zu waͤhlen. Blieb der Vogel mit ſeinem ſpitzigen Schnaͤbelchen, deſſen Ende faſt Haarfein war, nicht ein einziges Mal auf dem ganz kleinen Punkt zwoͤlfe ſtehen, ſo verpflichtete ſich Leß, in dieſer Meſſe den Da⸗ men einen ſplendiden Ball zu geben. Alles klatſchte in die Haͤnde. Alles rich⸗ tete ſeine Augen auf das Voͤgelchen, das mit dem Koͤpfchen auf ſeine Scheibe niederduckte, und ſo pfiffig ausſah, als wiſſe es im Gehei⸗ men ſchon, was es ſeinem Herrn fuͤr eine Holde in die Arme fuͤhren wolle. Uns jungen Leuten pochte das Herz, denn jeder hatte im Stillen auch ſein Drehvoͤgel⸗ chen. Zwiſchen uns und einigen jungen Maͤd⸗ chen des Zirkels waren kleine Verhaͤltniſſe; manche von uns bildeten ſich ein, daß ſie ge⸗ liebt wuͤrden, oder wenigſtens, daß man ih⸗ nen recht gut waͤre. Der Einfall des jungen — male das mit Ende Mal , ſo Da⸗ rich⸗ mit ckte, ehei⸗ eine denn gel⸗ Naͤd⸗ iſſe; ge⸗ ih⸗ Inſulaners konnte uns einen ſehr großen Quer⸗ ſtrich machen. Denn das ſahen wir wohl mit Leidweſen, daß alle ſechs Maͤdchen, die das buntgefiederte Orakel jetzt in die Hand neh⸗ men ſollten, dem Herrn Leß nicht gram wa⸗ ren.„Das iſt ein dummer Spaß,“ fing ei⸗ ner leiſe von uns an;„ein alberner Einfall,“ ſagte ein anderer,„eine burleske Idee“ ein dritter; aber wir ſagten es nur heimlich unter uns, denn laut— die Maͤdchen ſammt dem Herrn Leß haͤtten uns nur ausgelacht. Endlich hob der alte Herr Born,— das war ein vernuͤnftiger Mann,— laut an,„Leß! machen Sie kein tolles Zeug. Und wenn ſechs Mal Ihr verteufeltes Drehvoͤgelchen auf Nro. 12 ſtehen bleibt, denken Sie denn, daß eine von unſern ſechs Maͤdchen Sie heirathen wird?“ „Warum nicht,“ entgegnete Leß aus ſeiner bunten Bude,„warum nicht, Herr Born? Ich habe lange und oft ſchon gewaͤhlt. Wer die Wahl hat, hat die Quagal, Wenn die Damen von meinem Voͤgelchen hinten das Schwaͤnzchen in die Hand zu nehmen, ſich entſchließen koͤnnen, ſo iſt dies ein ſtilles Zei⸗ chen, daß, wenn der liebe Gott es haben will, ſie ſich auch entſchließen koͤnnen, mit mir das luftige Bischen Leben zu durchfiattern. Uebri⸗ gens, Herr Born, habe ich ſchon mein Neſt⸗ chen. Mein achtbares Haus hat mich den Tag vor meiner Abreiſe zum Compagnon an⸗ genommen. Morgen werde ich die desfalſigen Annoncen hier abgeben laſſen.“ Born ſcharrte mit beiden Beinen ſich tief verneigend; die andern Herren vom Metier ſcharrten alle mit, denn das Haus des jungen Mannes in der Bude war, ohne Frage, das erſte in ganz London, und das will etwas ſagen. „Meine Kinder, das wird ernſthaft,“ hob Madame Triebſand an, eine junge ſehr huͤbſche Frau, die noch kein Jahr geheirathet hatte und ſich im Geheimen aͤrgern mochte, daß Leß ſeinen Drehvogel nicht ſchon zur letz⸗ ten Meſſe mitgebracht hatte; denn ihr Maͤnn, der Herr Triebſand, wußte kein Wort von ihren Reizen, er hatte nur ihre Thaler gefreit. „Bilden Sie Sich denn im Ernſt ein, daß eins unſerer Maͤdchen drehen wird? Sie muͤſ⸗ ſen andere Bedingungen machen, ſonſt ruͤhrt kein Menſch den Vogel an.“ Waͤhrend jetzt die Debatten von allen Sei⸗ ten lebhaft wurden, und Leß in ſeiner Bude einen harten Sturm zu uͤberſtehen hatte, zog Mama Born ihren Eheherrn auf die Seite⸗ Mama Born war eine Herzensgute alte Frau, aber zwei ſchwache Seiten hatte ſie; ſie re⸗ gierte den Mann und hielt auf Traͤume, Vi⸗ ſionen und Myſtik, wie auf das heilige Evan⸗ gelium.„Maͤnnchen,“ fluͤſterte ſie ihm leiſe in das Ohr,„laß in Gottes Namen unſer Julchen drehen. Leß iſt eine Parthie, die nicht ſo wiederkoͤmmt; und dieſe Nacht traͤumte ich von einem Stoßvogel, der Julchen hoch in der Luft mit ſich forttrug. Der Stoßvogel — 88— ſah Dir akkurat ſo aus, wie das Ding in der B Bude.“ 1 „Aber Leß hat ja keinen Stoßvogel, das Le iſt ja ein Drehvoͤgelchen; das wird in ſeinem jaͤ Leben nicht in die Luft hoch auffliegen, es ſteht ſo ja ſo geduckt da, wie unſer Herr Gildeſe⸗ di kretaͤr.“ ei „Das mag nun ſeyn wie es will; aber ei laß Julchen mitdrehen, mehr ſage ich nicht.“ ſe Unterdeſſen hatten die Damen uͤber Leß einen vollſtaͤndigen Sieg erfochten; ſie ſchrie⸗ 5 ge ben ihm Bedingungen vor, die er ſich am fr Ende gefallen ließ; ſie lauteten alſo:„Das ne ganze vom Herrn Leß vorgeſchlagene Arrange⸗ do ment wird genehmigt bis auf folgenden Punkt: ſp Bleibt der Drehvogel, von der Hand einer S unverheiratheten Dame in Bewegung geſetzt, V ri bei Nro. 12 ſtehen, und gerade ſo ſtehen, daß 1 he ſeine feine Schnabelſpitze auf das kleine Puͤnkt⸗ re chen weiſ't, welches zwiſchen der 1 und 2 be⸗ 1 ſp findlich iſt, ſo iſt die Dame Braut des Herrn ne Leß; jedoch bleibt ihr unbenommen, ſich dieſer — — Brautſchaft entziehen zu koͤnnen. Sie kauft ſich denn von ihrer Verpflichtung, den Herrn Leß zu heirathen, dadurch los, daß ſie ihm jaͤhrlich zwoͤlf Kuͤſſe giebt, Herr Leß mag ſich ſolche holen, wo er nun will; auch ſoll ihm die ſich Losſagende jaͤhrlich ein Geſchenk von eigener Hand ſo lange fertigen, bis Herr Leß eine andere Braut gefunden und ſich mit die⸗ ſer ehelich verbunden hat.“ Die Maͤdchen wollten den verdaͤchtegen Vo⸗ gel doch noch nicht in die Hand nehmen; aber freilich, die allerliebſten Putzſachen nach der neueſten Mode des Jahres reizten, und Ma⸗ dame Triebſand, die das Puͤnktchen und das ſpitzige Schnaͤbelchen des kleinen gebuͤckten Schickſalsverkuͤndigers ſehr genau unterſuchte, rieth ihnen jetzt ſelbſt, ganz dreuſt mitzudre⸗ hen; denn ſie meinte, es gehoͤre ein ungeheu⸗ rer Zufall dazu, daß das haarfeine Schnabel⸗⸗ ſpitzchen des Drehvogels gerade auf dem klei⸗ nen kaum ſichtbaren Puͤnktchen zwiſchen der Zwoͤlfe ſtehen bleiben ſollte. — 90— Leß, der dieſe heimliche Mittheilung be⸗ lauſchte, machte ſich gleich noch zur einzigen und letzten Bedingung, daß jede Dame, ſo⸗ bald ſie gedreht haͤtte, drei Schritte vom Vo⸗ gel ſich entfernen muͤßte; er verſprach ein glei⸗ ches zu thun, und die uͤbrigen der Geſellſchaft mußten daſſelbe verſprechen, damit der Vogel ruhig auslaufen koͤnnte, und nicht durch leiſes Anruͤhren oder ſtarkes Anhauchen, Anblaſen ꝛc. in ſeinem Drehen geſtoͤrt werde. Die Bedingung war billig, und wurde einſtimmig von allen Theilen angenommen. Jetzt begann das verwuͤnſchte Spiel. Da⸗ mit aber meine Leſer das Intereſſe davon ha⸗ ben, was uns Umſtehende dabei feſthielt, will ich, waͤhrend die aͤltern und verheiratheten Damen, ihrer Quinquaillerieen willen, den Vogel halb ſchwindelnd drehen, die ſechs Maͤd⸗ chen nennen, welche das Orakel verſuchen ſoll⸗ te; ich will ſo unpartheiiſch ſchildern, daß ge⸗ wiß kein Menſch merken ſoll, wo ich, wenn — — das Drehvoͤgelchen mir parirt haͤtte, wuͤrde „halt“ kommandirt haben. 1) Julchen Born. Eine zweite Prin⸗ zeſſinn Oudipore. Die reichſten jungen Kauf⸗ leute der Stadt buhlten um ihre Hand. Al⸗ lein Papa konnte nicht in ihre Buͤcher ſehen; er wußte alſo nicht, ob ſie wirklich ſo reich waren, als ſie ſich ausgaben; darum hatte er ſich immer noch nicht erklaͤren koͤnnen, wem er ſie gaͤbe. Mutter Born hatte von keinem der Buhler zur Zeit noch getraͤumt; das war ihr ein ſehr wichtiges Argument, vor der Hand zu allen fernen oder nahen Antraͤgen der Art zu ſagen:„ich weiß nicht. Das hat ja noch Zeit. Kommt Zeit, kommt Rath“ u. dergl. mehr. Julchen Born wußte, daß ſie huͤbſch, daß ſie reich war, daß ſie Talente hatte. Sie verlangte, daß man ihr huldigte. Sie zog ſich ſehr gewaͤhlt an; ſie bewahrte ihren Teint wie ein Heiligthum; ich glaube, ſie legte ſich im Sommer mit dem Sonnenhute zu Bette; wenigſtens habe ich ſie ohne dieſen nie geſehen. — 9²— Dafuͤr aber war ſie ſo blendend weiß, ſo zart, ſo fein, daß man ſie fuͤr ein Maͤdchen von ho⸗ her Abkunft halten mußte, und wenn ſie in einem wendiſchen Bauerrocke erſchienen waͤre; ihre Seele, kalt und ſtolz. Ihr Blick konnte nie erwaͤrmen, nie anziehen. Sie haͤtte koͤn⸗ nen ganze Heere von Anbetern um ihren Beſitz auf Tod und Leben kaͤmpfen ſehen; ſie haͤtte 4 gedacht, das muͤßte ſo ſeyn. In ihrer Artig⸗ Ne hatte ſie etwas Demuͤthigendes. Weenn ſie einer Jugendfreundinn zum Ge⸗ burtstage etwas ſchenkte, ſo hatte ſie eine ſo beleidigende Art zu geben, daß die Beſchenkte fuͤhlen mußte, ſie war nicht halb ſo reich, als Demoiſelle Born. Leß, wahrſcheinlich an die kalten Englaͤnderinnen gewoͤhnt, ſchien dies zu uͤberſehen. Ihr galt das ganze Drehvogel⸗ ſpiel, das war an allen zehn Fingern zu be⸗ rechnen. Er wollte ſich des foͤrmlichen Anhal⸗ tens um ihre Hand uͤberheben, und hatte ſich den Scherz auserſonnen. Er wußte, Julchen war ſehr reich und ihm ſehr gut. Der Ge⸗ —29—. — 932 danke, in London das erſte Haus zu machen, hatte ihr das Koͤpfchen ſchon oft verruͤckt. Man hatte ſie oft mit Leß aufgezogen; allein einem Reiſediener— Julchen ergrimmte, wenn man nur ſo einen Gedanken denken konnte; jetzt hatte er das Ziel erreicht; jetzt ließ ſich eher von der Sache reden. 1 2) Mienchen Behrends. Ein recht liebes Maͤdchen, ein huͤbſcher voller Koͤrper,„- nur nicht ganz jung mehr; aber davor konnte e Mienchen nicht; ſie hatte fuͤnf und zwanzig 3 85 Sommer ſchon gezaͤhlt, und mogte manchen heißen Tag erlebt haben, denn ihr Auge ſah etwas matt aus, ihr Blick war nicht recht jungfraͤulich mehr; in ihrer Miene lag eine Frivolitaͤt, die aͤltere Maͤnner verſtanden, juͤn⸗ gere aber oft in Verlegenheit ſetzte. Leß ſchien ihr ſehr gut zu ſeyn, man konnte ihr auch nicht gram ſeyn; ſie war die Gutmuͤthigkeit, die Gefaͤlligkeit ſelbſt. 3) Luiſe Wall. Geiſtreich und verſtaͤn⸗ dig, faſt zu vollkommen, zu ernſt. Wenn — 94— andre froͤhlich huͤpften und tanzten, laͤchelte ſie heiter und ſanft; in einem hoͤhern Grade konnte ihr Gemuͤth nicht laut werden. Waͤre ſie ſchoͤn geweſen, ſo haͤtte man ſie einen En⸗ gel nennen koͤnnen, denn in ihrer Seele war kein Flecken. Die Geſchichte ihres Herzens koͤnnte ein Buch fuͤllen. Ein junger ſehr lie⸗ benswuͤrdiger Prinz hatte zu ihren Fuͤßen ge⸗ legen. Er war von der Macht dieſes wirk⸗ lich ſeltenen Maͤdchens ſo gefeſſelt, daß er un⸗ troͤſtlich war, als ſein Fuͤhrer dieſe Liebe eine Thorheit nannte, und mit ihm eiligſt die Stadt verließ. Leß verſtand ihren ſtillen Sinn. Auch ſie ſah den jungen luſtigen Mann gern. Nebenbei hatte ſie zwei Tonnen Goldes. 4) Johanna Klara. Ein Maͤdchen, das kein Menſch recht kannte. Ihre Abkunft wußten wir wohl alle; ſie war eines armen verſtorbenen Landpredigers Tochter, eine weit⸗ laͤuftige Verwandte des Bornſchen Hauſes; aber ihre Sanftmuth, ihre Engelsguͤte kannte niemand ganz. Der Heiland trug ſchwer an ſeinem Kreuze. Johanna trug ein ganzes Haus. Der Gang des Göoͤttlichen war nur bis zur Schaͤdelſtaͤtte; Johanna's Dornenweg ſollte bis zum Grabe dauern, und ſie war erſt neunzehn Jahre alt! Johanna ſtand dem ganzen großen Haus⸗ weſen vor. Dem Alten gab ſie immer zu viel aus. Der Sonnabend, wo ſie Rechnung ab⸗ legen mußte, war ein Martertag fuͤr ſie. Herr Born, der, wenn Gaͤſte zugegen waren, nichts brillant genug haben konnte, quaͤlte die arme Johanna fuͤr einen ſolchen Gaſttag, wo na⸗ tuͤrlich mehr darauf gegangen war, als an ei⸗ nem gewoͤhnlichen, oft bis zu blutigen Thra⸗ nen. Johanna ſtand um drei Uhr auf, ar⸗ beitete, wenn alle noch ſchliefen, verkaufte ihre Arbeit, und warf das geloͤſte Geld in die Hauskaſſe, bloß, um den ſchaͤndlichen Knik⸗ ker, den Herrn Born, nicht boͤſe zu machen. Dieſe ſtillen Morgenopfer wußte niemand: ich erfuhr ſie erſt vor einigen Tagen von einem Maͤdchen des Hauſes, welches ihre Arbeiten — heimlich verkaufen laſſen mußte. Mama Born peinigte die Arme mit ihrer Froͤmmelei; Jo⸗ hanna mußte die Alte alle Abende einleſen, d. h., ſie mußte ſich vor deren Bette ſetzen, und aus einem veralteten Predigtbuche ſo lange ihr vorleſen, bis Madame Born ſchnarchte. Verſah es das arme Kind, und hoͤrte ein we⸗ nig zu zeitig mit Leſen auf; ſo erwachte Ma⸗ dame Born, und dann mußte Johanna we⸗ nigſtens zwei ganze Predigten durchleſen, ehe der Madame Born die Augenlieder wieder zu⸗ ſielen. Fruͤh eroͤffnete ein Morgenſegen, vor der Madame Bette, ihr Tagewerk, und dann mußte ſie fragen, wovon Madame getraͤumt hatte. Hierauf wurde das Traumbuch aufge⸗ ſchlagen, nachgeleſen, und der Traum ſelbſt in ein dazu beſonders angelegtes Buch einge⸗ tragen. Im Uebrigen hatte Johanna mit Madame Born den ganzen Tag nichts zu thun, und beide ſtanden daher auf ziemlich gutem Fuße mit einander. Aber Johanna's eigent⸗ licher Teufel war Julchen. Schon laͤngſt hatte —,— —,— dieſe daran gearbeitet, die arme Johanna aus dem Hauſe zu cabaliren; aber dazu waren beide Eltern nicht zu bewegen; der Vater nicht, weil er wohl wußte, daß ſein Hausweſen nie eine ſorgſamere, redlichere, fleißigere Oberauf⸗ ſeherinn erhalten konnte; uͤberdem gab er ihr keinen Pfennig, ſondern bloß das Bißchen Eſſen und Julchens abgetragene Kleider. Und die Mutter haͤtte nun noch weit weniger in Johanna's Entfernung gewilligt, denn dieſe hatte einmal getraͤumt, daß Johanna viel Gluͤck und große Ehre uͤber das ganze Haus bringen werde; alſo Julchens Minen ſpran⸗ gen, und Johanna blieb. Johanna war dem eiteln Maͤdchen bloß darum ein Dorn im Auge, weil Johanna hundertmal huͤbſcher, als Jul⸗ chen, war. Die ſchimmernden Juwelen an Julchens Fingern, Ohren und Halſe ſahen wie boͤhmiſche Glasſteine aus, wenn man der himmliſchen Johanna in das große, ſchoͤne Auge geſehen hatte. Julchens blendend wei⸗ ßer Teint geſiel; aber Johanna's friſches Co⸗ 7 lorit, ihre zartbluͤhende Wange, ihr ſchoͤnes ſaftiges Fleiſch, ihr voller jungfraͤulicher Bu⸗ N ſen ließen Julchens weißes Geſicht, das von Gottes Sonne noch nie beſchienen worden war, weit hinter ſich. Einen eigenen Zauber hatte Johanna im Niederſchlag ihres Auges. Es hatte ſo eine duldende Demuth, ſo ein ſtilles Tragen, daß man ihr in der erſten Mi⸗ nute anſah, welches Maͤrtyrerleben ſie hier fuͤhrte. Aber hob ſie den Blick, dann ſprach heimliche Sehnſucht nach einem unbekannten Etwas aus ihrem Auge; dann verrieth ſie eine gluͤhende Liebe, die den einſtigen Gluͤckli⸗ chen ihres Herzens zu verzehren drohte, und doch wuͤnſchte ſich jeder, den Tod dieſer ſuͤßen Verzehrung in ihren Armen zu ſterben. Jul⸗ chen tanzte kunſtgerecht, Johanna mit natuͤr⸗ licher Grazie bezaubernd ſchoͤn Es war, als wenn Johanna ein anderes Weſen wuͤrde, wenn ſie in die Colonne trat. Sie vergaß dann den Sonnabend, die Abendpredigten und das mißguͤnſtige Julchen; ſie gehoͤrte dann — „ 8& LS στ—:„—— nur der Freude und ihrem Taͤnzer. Ihr klei⸗ ner, fein gebauter Fuß flog im wirbelnden Tanze Colonne ab und auf, ihr uͤppiger ſchoͤ⸗ ner Koͤrper lag traulich im Arme des wonne⸗ trunkenen Taͤnzers, und im ganzen Geſicht⸗ chen ſprach ſich eine ſo ſuͤße Hingebung aus, daß mir, wenn ich ſo etwas mit anſah, alle⸗ mal das Waſſer im Munde zuſammen lief, als ſchnitte man eine friſche, recht ſaftige Ci⸗ trone vor meinen Augen von einander. Jul⸗ chen bekam bei jedem ſolchen Balle, auf wel⸗ chem Johanna immer die Koͤniginn war, eine Saͤure, daß ſie mit einem bloßen Blicke haͤtte einen Sallat anmachen koͤnnen. Der beſte Torgauer Weineſſig war Waſſer gegen einen ſolchen Blick. Johanna ging, wenn ſie auch nur geſchenkte Sachen trug, immer geſchmack⸗ voller gekleidet, als Julchen in den mit Points und Stickereien reich gallonirten Kleidern. Auf die Roſe, die von Johanna's zauberiſchem Buſen ſchwankte, ſah ich viel lieber, als auf die unſchaͤtzbar ſchoͤne zehnfache Perlenſchnur, 9* — — 100— mit der Julchen ihre weichlich⸗weiße Bruſt verſchönert hatte. In jedem Schnitte ihrer Kleider hatte Johanna Originalitaͤt, Roman⸗ tik, wo Julchen nur auf Pracht und aller⸗ neueſte Mode ſah. Schoͤnheit, Herzensguͤte und reiner Hausverſtand ſind maͤchtiger, denn Reichthum und leerer Weltton. Darum dreh⸗ ten ſich unwillkuͤhrlich aller Maͤnner Augen, wie die Lupinen, nach Johanna, und von uns allen mißgoͤnnte im Voraus keiner dem Englaͤnder ſein reiches Julchen. 5) Lina Heinal, ein allerliebſtes Kind der Natur. Der perſonifizirte Muthwille. Ihr Vater giebt ihr ein Rittergut in der ſchoͤn⸗ ſten Gegend des Landes mit. In dem Pal⸗ laſte dieſes Guts iſt links unten, umdunkelt von Akazien und Roſen, ſchon die Brautkam⸗ mer vollkommen fertig und geſchmuͤckt. Sich als kuͤnftigen Erb⸗ Lehn⸗ nnd Gerichtsherrn an der Seite dieſes luſtigen kleinen runden Maͤdchens dort im traulichen Halblichte zu denken, iſt eine ſehr ſuͤße Idee, die man ſich — — —„ dR 2n ͤ ☛—— ͤ— 2 uſt rer an⸗ er⸗ uͤte enn eh⸗ en, von em ind llle. oͤn⸗ dal⸗ kelt am⸗ Sich rrn den zu ——— ſo lange nicht recht lebendig ausmalen darf, als bis man die Thuͤrklinke dieſes paradiſiſchen Kabinets wirklich in der Hand hat. Davids Pinſel kann keinen ſchoͤnern Lockenkopf ſchaf⸗ fen; wenn Lina lacht, muß alles mitlachen. Thraͤnen habe ich in dieſem Feuerauge nie ge⸗ ſehen, denn das gluͤckliche Geſchoͤpf hat keinen Kummer; ihre einzige Sorge iſt, jeden Tag ein anderes Vergnuͤgen zu erſinnen. In ihrem froͤhlichen Gemuͤthe liegt ein unerſchoͤpflicher Auell von Lebensluſt. Dieſer Quell hat Heil⸗ kraͤfte, wie der erſte Geſundbrunnen der Welt; denn wer dem jovialiſchen Maͤdchen in das Geſicht ſieht, wird geſund, und wenn er mit Einem Fuße ſchon im Grabe laͤge. Auf Leß hat die Kleine einen ſeltſamen Eindruck ge⸗ macht. Er kann ſie Stunden lang anſehen, ohne vom Zauber ihrer ſeltenen Reize geſaͤt⸗ tigt zu werden. 6) Virginie Silberforſt endlich— die aͤltern Damen haben ſchon alle ihre Herr⸗ lichkeiten erdreht; eben ſollen nun die armen 102— ſechs Maͤdchen des Vogels hinterm Theile, den ich aus Dezenz nicht gern nennen will, ſeine Drehkraft geben, ich muß daher eilen— Vir⸗ ginie Silberforſt alſo— ich habe nie mit be⸗ decktem Haupte von dem Maͤdchen geſprochen. Schoͤn konnte man ſie nicht nennen, aber unausſprechlich liebreizend. In ihrem Auge ſchwamm ein Meer von Liebe. Ihr ganzer Koͤrper war vom lieben Herr Gott beſtimmt, alle Maͤnner, wenn ſie noch nicht uͤber die 90 ſind, außer Faſſung zu bringen. In jedem Gruͤbchen auf der roſigen Wange, auf dem Kinne, auf der kleinen Hand, auf dem run⸗ den Arme, lag ein Magiſter Matheſeos, ein unerſchoͤpflicher Stoff zum Gruͤbeln und wei⸗ tern Forſchen. Eine Mitgift von 200,000 Rthlr.— doch man draͤngt ſich um die Bude, hin zu ihr! mit bangem klopfenden Herzen ſtanden wir alle um ſie herum. Der muthige Englaͤnder mußte wahrlich Ernſt im Sinne haben; denn er ſprach aͤußerſt feierlich, und erſuchte nun, ohne laͤngeres Zoͤgern, den Vo⸗ — 103— gel, der Reihe nach, zu drehen. Alles ſtierte auf den bunten Langſchnabel: mir verging der Athem. Die Herren und Frauen lachten: den Maͤdchen, die es immer noch fuͤr Poſſe hiel⸗ ten, ſtieg das Blut in das Geſicht. Keine wollte den Anfang machen. Endlich ergriff Minchen Behrends den Vogel, drehte raſch, ließ ihn auslaufen und— punkt eilfe blieb er ſtehen. Eine Toilette war der Preis die Nummer. G Jetzt war Johanna Klaren, als die naͤchſte von Minchen, an der Reihe; Julchen meinte aber, ſie koͤnnte ja wohl noch warten. Jul⸗ chen ſelbſt wollte die letzte ſeyn. Luiſe Wall— Dreiviertel auf neun. Ein Dejeuner von geſchliffenem Glaſe. Lina Heinal— Halbzwoͤlfe und ſieben Mi⸗ nuten. Ein Damen⸗Reitzeug. Virginie Silberforſt— Dreiviertel auf zwoͤlfe und neun Minuten. Alles ſchrie ſchon laut: der Vogel durfte nur noch einen Ruck hun und Virginie war Braut. Allein das — 104— Voͤgelchen machte halt, und Virginie erhielt den Preis mit einem praͤchtigen Ballkleide ausgezahlt. Johanna Klaren wollte nicht drehen. Leß bat, alles beſtuͤrmte ſie, ſie verneigte ſich bit⸗ tend; da erbot ſich Julchen, fuͤr ſie zu drehen. Dieſe wollte bei der Gelegenheit die Drehkraft des Voͤgelchens, die ſie bei den erſten vieren Fion genau beobachtet hatte, noch genauer ſtu⸗ dieren; Leß proteſtirte zwar, allein, weil Jo⸗ hanna ſich fortdauernd weigerte, nahm Jul⸗ chen ohne Weiteres den Vogel, drehte, und er blieb auf dem omineuſen Punkte ſtehen. Jetzt begannen fuͤrchterliche Debatten: ein Theil der Geſellſchaft behauptete, man muͤßte den Wurf gelten laſſen. Papa Born wider⸗ ſprach obhalber ſeiner Tochter. Mama Born ſah ihren Traum erfuͤllt, nach welchem Jo⸗ hanna Gluͤck und Ehre in das Haus bringen ſolle, und meinte, man muͤßte das Schickſal nicht weiter verſuchen. Aber die Maͤdchen auͤberſchrieen ſie; ſelbſt Julchen, das ſonſt ſo A8S2 G&—ͤS=S;S —, 8 e ☛ ☛⏑̈ 2⏑⏑⏑— ——————— umſichtige Julchen gab ſich die große Bloͤße, und drang darauf, daß Johanna nun ſelbſt drehen muͤßte. Johanna konnte ſich nicht wei⸗ gern, ſie haͤtte ſich ja dem Gelaͤchter des gan⸗ zen Kreiſes Preis gegeben. Sie gluͤhte hoch⸗ roth, ſie ſenkte den Blick zur Erde, drehte, ohne hinzuſehn, den Wundervogel, und— er blieb auf dem nehmlichen Puͤnktchen ſtehen. Die ganze Geſellſchaft war durch das auf⸗ fallende Phaͤnomen elektriſirt. Leß ſprang uͤber das Tiſchchen ſeiner Bude, und ſchloß die Er⸗ bleichende in ſeine Arme.„Meine Braut, meine Braut,“ rief er im Wonnetaumel des Entzuͤckens, und kuͤßte die von dem ernſten Schrey Ergriffene wieder in das Leben zuruͤck. Johanna war ſo uͤberraſcht, daß ſie kein Wort uͤber ihre Lippen brachte; aber in ihrem ver⸗ klaͤrten Geſichtchen lag deutlich zu leſen, daß ein laͤngeres, bis jetzt aͤußerſt geheim gehalte⸗ nes Verſtaͤndniß zwiſchen dieſen beiden Men⸗ ſchenkindern obgewaltet hatte.„Halt, halt,“ — 106— rief jetzt Madame Triebſand, und mit ihr die ganze Geſellſchaft,„hier iſt noch Julchen.“ Julchen laͤchelte, als ſie die zaͤrtliche Um⸗ armung ſah, bittergiftig, und meinte, jetzt wohl des erbaͤrmlichen Spiels, das ſie ſchon vom Anfang an angeekelt habe, uͤberhoben ſeyn zu koͤnnen; aber der Papa winkte, die Mama dachte an den Stoßvogel, und winkte auch, und ſo mußte denn Julchen den El⸗ tern wenigſtens den Willen thun, und drehen. Der Vogel wies 59 Minuten auf zwoͤlfe! die ganze Bude ſtand auf dieſem Preiſe; aber Julchen, zitternd vor Bosheit, lachte hoͤh⸗ niſch, und ſagte mit wegwerfendem Spott: „ſolche Herrlichkeiten kann ich mir hier auf dem Chriſtmarkte kaufen.“ Leß hoͤrte es nicht, er hatte ſeine reizende Johanna wieder im Arme, und bat jetzt um ihre Erklaͤrung. „An der Stelle meiner Eltean, ſagte Jo⸗ hanna leiſe,„ſtehen hier Herr und Madame Born, fragen Sie dieſe.“ 02 ie ‿— — 107— Herr Born traute ſeinen Augen noch nicht. Die arme, von ihm alle Sonnabende ſo grau⸗ ſam gemishandelte Johanna, ſollte jetzt die reichſte Kaufmannsfrau in England werden. Gegen das Haus Leß und Comp. war ſeine Handlung eine bloße Heringsbude. Er buͤckte ſich tief complimentirend vor dem Brautpaar, und— was wollte er machen, nein konnte er ja nicht ſagen, ob ihm gleich der Unmuth uͤber den verfluchten Drehvogel, der ſeinem Jul⸗ chen ſo abhold geweſen war, die Eingeweide im Leibe haͤtte zerreißen moͤgen— und er⸗ theilte ſeinen Segen in beſter Form Rechtens. Mama Born ſprach mit Weihe von jenem Traume, der nun ſo Wort fuͤr Wort einge⸗ troffen ſey. Johanna hatte Gluͤck und Ehre uͤber ihr Haus gebracht; denn durch ſie wurde Mama Born mit dem großen Hauſe Leß und Comp. in London verwandt. Leß umſchlang nun ſein braͤutliches Maͤd⸗ chen, und frug mit traulichem Tone:„nun und Du, meine Johanna?“ — 103— „Mein Herz, Leß“ antwortete die Gluͤck⸗ liche,„weißt Du, war ja laͤngſt Dein. Hier, mein Eduard, vor Gott und den Freunden unſers Hauſes, meine Hand. Bis zum Tode Dein!“ Sie ſank, mit Freudenthraͤnen im Auge, an die Bruſt des Entzuͤckten. Man konnte kein ſchoͤneres Paar ſehen. Jetzt wand ſich Johanna aus ſeinen Ar⸗ men, eilte zu Herrn und Madam Born, und kuͤßte ihnen die Haͤnde. Es war hier noch gamz die demuͤthige fromme Johanna Klaren, nicht die reiche Millionairinn, der in wenigen Monaten halb London huldigen mußte, die, trat ſie an die Ufer der Themſe, von der gan⸗ zen Kauffarthey⸗Flotte ihres Gatten, wie eine Koͤniginn, begruͤßt werden ſollte. Die Maͤdchen, die Freundinnen ihrer Jugend, umarmten ſie der Reihe nach mit weiblich theilnehmender Herzlichkeit. Es ſind doch gute Geſchoͤpfe, die Maͤdchen! Jede ſagte ſich im Stillen, daß, wenn ihr Leß nicht haͤtte — ——— —— — 109— zu Theil werden ſollen, ſie ihn nach ſich keiner mehr gewuͤnſcht haͤtte, als der allgemein g* liebten Johanna; nur Julchen blieb in ihrem Charakter. Sie konnte den Gedanken, Jo⸗ hanna uͤber ſich zu ſehen, nicht ertragen. Sie haßte ſie von dieſem Augenblicke an. Leß, der neidenswerthe Menſch, lebte nur ſeinem holden Maͤdchen. Erſt jetzt, in dem Arme des Geliebten, entfalteten ſich Johan⸗ na's hohe Reize. Jeder geſtand ſich, daß Jo⸗ hanna die lieblichſte Grazie war, die kelne Phantaſie ſich ſchoͤner malen konnte. Ihr uͤberließ im Scherz der gluͤckliche Leß. den von Julchen verſchmaͤhten Reſt der Bude:; ſie kramte ihn ſogleich aus, und vertheilte die niedlichen Sachen unter uns Alle zum Anden⸗ ken des frohen Tages. Ich erhielt eine bril⸗ lantene Buſennadel; eine Lyra, deren Saiten Haare waren, die Leß fuͤr die ſeinigen aus⸗ gab; Johanna wollte mir darum die Lyra wie⸗ der abſchwatzen, allein ich gab ſie nicht heraus. Ein ſehr froͤhlicher Ball, den Leß in einem — 110— oͤffentlichen Hauſe veranſtaltete, beſchloß den Tag. Mehrere Meßfremde und Einheimiſche wurden in der Geſchwindigkeit dazu eingela⸗ den, und ihnen von Leß ſeine Johanna als Braut vorgeſtellt. Johanna erſchien in einem weißen, reich geſtickten Kleide, mit dem ſie Leß auf ihrem Zimmer uͤberraſcht hatte. Eine Koͤnigsbraut konnte in dieſem Prachtkleide an ihrem Gallatage auf dem Hofballe erſcheinen. In Johanna's Ringelhaare blitzten feurige Diamanten, an ihrem ſchoͤnen Buſen wogte ein großes Juwelen⸗Bouquett; die goldenen Schlangenkoͤpfchen, die ich um des ſammet⸗ weichen Ohrlaͤppchens willen ſonſt ſo gern ge⸗ kuͤßt hatte, waren von reichen Diamanten ver⸗ draͤngt; um ihren uͤppigen Oberarm ſchmieg⸗ ten ſich ſmaragdene Braßelets, und ſelbſt auf dem weißen Ballſchuh, am kleinen niedlichen Fuße, blinkerten Sternchen von ganz kleinen Diamanten. Das Maͤdchen ſah aus, wie eine Fee. Und nun dieſes ſich Gleichbleiben, dieſes frohſinnige, gutmuͤthige, herzliche Ge⸗ —— 111— ſicht, dieſe Froͤhlichkeit, dieſe Liebe im Blick! Man konnte kein koͤſtlicheres Maͤdchen nach England ſchicken, um fuͤr die deutſchen Schoͤ⸗ nen ein guͤnſtiges Vorurtheil zu erwecken. Sahen die jungen Britten dieſen Engel, ſie kamen alle uͤber den Kanal, um ſich eine ſolche Johanna zu ſuchen. Leß verlebte eine aͤußerſt gluͤckliche Meſſe. Er wohnte mit Johanna im dritten Stock des Hauſes, auf einem Fluhr. In dieſer ſtillen Entfernung von den uͤbrigen Bewohnern des Hauſes hatte Leß ſchon ſeit fuͤnf Jahren die beſten Meßgeſchaͤfte gemacht. Er hatte Jo⸗ hanna kennen, achten und lieben gelernt. Jetzt war ſie fein. Jeden Augenblick, den er ſich abmuͤßigen konnte, widmete er ihr; in ſeinem dritten Stock war ſein dritter Himmel. Auch ſprach er mit Herrn und Madame Born ein Buͤrgerwort uͤber Johanna's nunmehrige Be⸗ handlung im Hauſe. Er mußte noch eine Reiſe nach St. Petersburg und Moskau ma⸗ chen. Dann kam er zuruͤck, feierte das Feſt — 2112— feiner Verbindung und nahm die liebenswuͤr⸗ dige Johanna aus unſerm Kreiſe mit ſich nach England. Bis dahin bat er Herrn Born in ſehr beſtimmten Ausdruͤcken, ſeine Braut in Ehren zu halten. Herr Born verſtand, was Leß ſagen wollte, und verſicherte mit den hoͤf⸗ lichſten Verbeugungen, daß Johanna immer ſein Augapfel geweſen; jetzt ſolle ſie die Krone ſeines Hauſes werden. Leß ſchied von Johanna. In wenigen Monaten ſollten ſie ſich wiederſehen; aber fuͤr Braut und Braͤutigam iſt dieß eine Ewigkeit. Johanna war ohne Troſt, als der Reiſewagen vorfuhr.„Nur bis zur Stadt hinaus laß mich Dich begleiten,“ bat ſie flehentlich,„Gott weiß, wenn und wie und wo wir uns wieder ſehen.“ Ich mußte mitfahren, um ſie dann wieder zuruͤck zu fuͤhren. Das iſt eine ſchlechte Parthie. Die mache ich in meinem Leben nicht wieder. Johanna ſaß auf ſeinem Schooße. Er kuͤßte die Reizende bald blutig. Sie ſchlang ſich um ſeinen Hals. Sie ſog ſich an ſeine 32 — 113— ir⸗ Lippen. Ihr Buſen zitterte vom Raſſeln des ich raſchen Wagens. Mir war, als haͤtte ich die in 3 Braͤune, ſo zog mir der Anblick die Kehle zu⸗ in ſammen. Johanna waͤre mit bis Moskau ge⸗ as fahren. Nach einer Stunde drang ich endlich öf⸗ in ſie, auszuſteigen. ier Haͤtte ich alles ſo gewußt, wie es der Leſer ne V erfahren ſoll, wahrhaftig, ich haͤtte ſie in Got⸗ V tes Namen bis Moskau mitfahren laſſen. en 4 Einige Tage ſpaͤter verließ auch ich Johan⸗ na's Wohnort, und verſprach, zum Hochzeits⸗ feſte beſtimmt zu erſcheinen. Die Einquartierung. Wenige Wochen nach unſerer Abreiſe ruͤckte ein Garderegiment ein, um die Stadt gegen die Moͤglichkeit eines feindlichen Ueberfalls zu ſichern. An Herrn Borns Hausthuͤre malte der Fourier einen Lieutenant. Das Zimmer, das Leß bewohnt hatte, ward der Einquartie⸗ rung eingeraͤumt. Der Baron von Stewich trat kurz darauf ein, entſchuldigte ſich, als ungebetener Gaſt beſchweren zu muͤſſen, und nahm von ſeinem Zimmer Beſitz. Dem Kunſtkenner entging ſeine ſchoͤne Fluhr⸗ nachbarinn nicht. Er verpfaͤndete allen Kam⸗ meraden ſeine Ehre, daß Johanna Klaren ein Engel ſey, und er vermaß ſich hoch und theuer, daß, und wenn ſie noch zehnmal ſproͤder ſey, — ⸗-/ñ m 58+₰„—„ 2 F —— — 115— als ſie ſchiene, er ihr doch noch beikommen wolle. Bei jeder Parade erzaͤhlten ihm ſeine Kriegsgefaͤhrten von ihren erfochtenen Siegen, und ſpotteten ſeiner, da er geſtehen mußte, mit ſeinem Belagerungscorps noch nicht um einen Schritt weiter vorgeruͤckt zu ſeyn. Die Helden— ſie waren uͤbrigens, ſo lange das Regiment exiſtirte, noch nie aus der Re⸗ ſidenz gekommen— machten Gluͤck bei dem ſchoͤnen Geſchlechte des Orts. Die jungen Kauf⸗ leute mit ihren ſchlichten Fracks, mit ihren run⸗ den Altagshuͤten, mit ihren ſackaͤhnlichen Plu⸗ derhoſen ſtanden jetzt im Hintergrunde; denn die raſchen Taͤnzer, die flinken Reiter mit dem ſchwankenden Federbuſch auf dem martialiſchen Hute, mit der reich geſtickten blanken Uniform, mit den angegoſſenen Modeſten und mit der muthig ſtolzen Haltung des ſchlanken Koͤrpers, ſtachen uͤberall die Philiſterſoͤhne aus. Die Fremdlinge ließen ihren Werth fuͤhlen; ſie erzaͤhlten von den Hofbaͤllen, von den Cour⸗ tagen der Reſidenz, zu denen nur Altbuͤrtige 8* — 116— Zutritt haͤtten; ſie erwaͤhnten Geſpraͤchsweiſe der Graͤfinnen und Freiinnen, die den Schmerz der Trennung ihnen poſttaͤglich nachweinten; allein ſie waren doch guͤtig genug, ſich auch zu den buͤrgerlichen Zirkeln herabzulaſſen; ſie fan⸗ den den Wein, den ihre Wirthe ihnen von den beſten Sorten vorſetzten, ziemlich trinkbar; ſie beſchieden ſich auf den Baͤllen wohl auch, eine Eccoſſaiſe einmal von einem jungen Kauf⸗ mann vortanzen zu laſſen, und meinten, die Maͤdchen des Orts waͤren fuͤr die Winterquar⸗ tiere, die man hier halten zu wollen ſchien, recht ertraͤgliche Dingerchen. Die jungen Fracks ergrimmten; unter den runden Huͤten ſchwoll der Kamm; allein man trug den Jammer im Stillen. Einen ganz vorzuͤglichen, der Stamm⸗ baumachtung faſt gleichen Reſpekt, hatten die Herren vor dem Gelde. Die vornehmen Maͤd⸗ chen in der Reſidenz hatten Ahnen dutzend⸗ und mandelweiſe; aber, einige Ausnahmen abgerechnet, keinen Groſchen Mitgiſt. Hier — 117— ſprach man nur von Hunderttauſenden. Man fing alſo einen Stutzhandel an. Moehrere der Maͤdchen tauſchten ihre Geldſaͤcke gegen die gnaͤdige Frau ein. Zu Julchens Fuͤßen lagerte ſich der Stabs⸗ major, Graf Geiersklau. Ein guter, lieber Mann, nur daß er immer uͤber die Rundheit des Geldes zu klagen hatte. Er hatte ſchoͤne Guͤter, aber ſie waren nicht ſein; er hatte viele Connexionen, aber nur mit ſeinen Glaͤubigern. Er hatte ſehr eintraͤgliche Revenuͤen, aber ſie reichten nicht zu den Zinſen. Julchen konnte ihn retten. Zwar eine Mamſell zur Frau, einen Ladenkoͤnig zum Schwiegervater: eine Kaufmannsfrau zur Schwiegermutter,— der Graf hatte alle Beſonnenheit noͤthig, um ſich an dieſe Idee zu gewoͤhnen! Indeſſen er rech⸗ nete ſo: Dein Regiment bleibt nicht hier. Folglich iſt der Zuſammenhang mit den Schwie⸗ gereltern von nicht ſehr enger Beziehung, hoͤch⸗ ſtens brieflich; und ſchickt der Alte nur im⸗ mer Geld, ſo willſt Du ihn mit Deinen — 118— Schreibereien nicht oft incommodiren. Jul⸗ chen iſt nicht hoffaͤhig, die ſchickſt Du auf die Guͤter; da kann ſie die Graͤfinn ſpielen, ſo viel ſie wiſl. Da hat ſie Geſellſchaft ihres Standes, den alten Prediger und den tauben Gerichtshalter. Durch ihre Mitgift arran⸗ girſt Du Dich mit den dringendſten Mani⸗ chaͤern, lebſt in der Reſidenz Deinem Stande gemaͤß, und was nicht baar da iſt, ergaͤnzt der Kredit; den Glaͤubigern kannſt Du ſchon ſa⸗ gen, daß Herr Born Dein wuͤrdiger Herr Schwiegerpapa iſt; bei den Halunken gilt ſo ein Herr Born mehr, als der Graf Gei⸗ ersklau. 4 Das Facit dieſes Calkuͤls war, daß der Major noch dieſen Nachmittag um Julchen foͤrmlich anhielt. Der Vater ſagte, unter tauſend Hoͤflichkeitsbezeugungen, nein. Die Mutter war untroͤſtlich daruͤher; denn der Major war ja der leibhaftige Stoßvogel, von dem ſie getraͤumt hatte, daß er Julchen hoch oben in der Luft mit ſich forttrug: Geiers⸗ „—„„ „ e e 1ͤ — — — 119— klau! Es konnte keinen deutlichern Traum geben. Sie bearbeitete ihren Mann mit al⸗ len nur denkbaren Kunſtgriffen, die ihr ſonſt nie fehlgeſchlagen waren; aber diesmal ſchei⸗ terten alle ihre Bemuͤhungen an dem harten Kaufmannsſinn des Alten. Sie fuͤhlte zum Erſtenmale in ihrem Leben, daß Herr Born auch einen Kopf hatte. Herr Born machte es, wie die hoͤchſten Inſtanzen in Appellationsſachen; er gab gar keine Gruͤnde an. Der Graf, der dieſen maſſiven Trotz nicht erwartet hatte, war ſo voreilig geweſen, einem ſeiner dringendſten Glaͤubiger, der die gemeine Idee hatte, eins ſeiner Guͤter gerichtlich ſe⸗ queſtriren laſſen zu wollen, ſchon zu ſchreiben, daß er Julchen Born heirathen werde, und daß der liebe Mann, der Herr Glaͤubiger, mit allen gerichtlichen Vorſchritten nur bis zum Verbindungstage Anſtand nehmen moͤgte, wo er ſeine ganze Forderung getilgt erhalten ſolle. Sah nun der Glaͤubiger, daß die Vertroͤſtung auf Julchen Born, deren Haus er wohl kann⸗ te, Luͤge war, ſo legte er augenblicklich Se⸗ queſter ein, und fing er erſt zu ſequeſtriren an, ſo ſtuͤrzten alle andre Glaͤubiger herbei, und adminiſtrirten, ſequeſtrirten, exequirten, ſub⸗ haſtirten ſo, daß der Graf unwiderbringlich verloren war. Jetzt ſtand der Major auf der Spitze. Er verbiß den Unmuth uͤber den groben Buͤrger⸗ korb, und entwarf einen andern Operations⸗ plan. Er ſtellte ſich vor ſeinen Spiegel, uͤbte einige Geſtikulationen des tiefen Schmerzes, der hoffnungsloſen Liebe ein, eilte zu Julchen, und ſpielte den Verzweifelnden. Julchen hatte manchen Anbeter vor ihrem Wagen geſehen; aber ſo hatte noch keiner ſich gebehrdet. Nach ſeinen Aeußerungen mußte man ſchließen, daß wenigſtens auf einige Stunden der Hof Trauer anlegen werde, wenn Julchen die erſten Cour⸗ Zirkel nicht fuͤlle.„Mit Ihren Talenten“ fuhr er in ſeinem lebhaften Schmerze fort, — — 121— „mit Ihrer Geſtalt, mit Ihren Reizen, mit Ihrer Herzensguͤte, waren Sie in Kurzem die vertranteſte Freundinn der Fuͤrſtinn, die Koͤniginn des Tages in allen unſern Aſſem⸗ bleen, das Idol der ganzen Reſidenz, die guͤ⸗ tige Mutter aller meiner Tauſende von Unter⸗ thanen. An Ihrer Seite ſtand ich Gluͤckli⸗ cher, beneidet im glaͤnzenden Courſaale, be⸗ neidet auf der ſtillen Flur meiner vaͤterlichen Heimath. Und alles das zerreißt Ihr grau⸗ ſamer Bater mit einem trockenen Nein, ohne nur einen einzigen Grund fuͤr dieſes Centner⸗ wort anzugeben. Vermuthlich iſt Standes⸗ vorurtheil der ungluͤckliche Quell dieſes Neins. Ich fuͤr mein Theil wollte mein Grafendiplom mit Vergnuͤgen zerreißen. In meinem Auge iſt ein Zuckerhut, ein trockener Wechſel, eine Rolle Knaſter eben ſo viel werth, als eine Grafenkrone. Aber Sie, Julchen, Sie ſind zur Graͤfinn geboren. In Ihrer Figur, in Ihrem Anſtande liegt ein Stolz, eine Groͤße, die Ihnen ſelbſt ſagen muͤſſen, daß das Schick⸗ — 122— ſal Sie zu etwas Hoͤherm beſtimmt hatte, als zur Gattinn eines ehrſamen Kaufmanns.“ Julchen weinte vor Unmuth. Mehrere Wochen hatte ſie ſich als Graͤfinn ſchon ge⸗ traͤumt. Der Major war ein recht huͤbſcher Mann. Die Uniform ſtand ihm allerliebſt; den meiſten Reiz hatte fuͤr ſie aber doch die Graͤfinn, ſie fuͤhlte ſelbſt, daß der Major Recht hatte, daß ſie zur Graͤfinn geboren war. Mit heißen Thraͤnen umſing ſie den Ungluͤcklichen, und ſchwur, ihn troͤſtend, ihm ewige Liebe. Sie wollte ihm immer treu bleiben, und wenn der Herr uͤber Leben und Tod dereinſt uͤber ih⸗ ren Vater gebieten ſollte, dann, dann wollte ſie des Grafen werden. Allein damit war dem guten Manne und Hoͤchſtdero Herren Glaͤubiger nicht gedient. Das konnte lange waͤhren. Er raſte im Zim⸗ mer umher, er fluchte ſeinem Schickſal, er hielt ſich das Tuch vor die Augen, um Thräͤ⸗ nen zu heucheln. 123 Thraͤnen in den Augen eines Tapfern, ei⸗ 1 nes Schwerdumguͤrteten haben fuͤr ein Maͤd⸗ chen, das vor ihr Leben gern heirathen moͤgte, einen unwiderſtehlichen Reiz. e—ue Julchen ſchmiegte ſich an den Geliebten, um ſeinen Kummer zu beſchwichtigen. Sie. umſchlang ihn mit ihren Schwanenarmen; ſte⸗— ſetzte ſich auf ſeinen Schooß. Er umfing ſie e, mit zudringlicher Kuͤhnheit; ſie ſtraͤubte ſich Eh, zwar zuͤchtig; aber den Erſatz des Taͤndelns, konnte ſie ihm ja gewaͤhren, da das vaͤterliche⸗/ 54 ℳ Nein ihn aus dem Beſitz ihrer Reize verdraͤngt hatte. Ihrer ſelbſt unbewußt, raͤumte*— — Pläͤne.— ſ Zulchen wollte zuͤrnen, als ſie aus dem 4 Taumel ihrer Sinne erwachte. Aber der Ma⸗ E— . jor rief mit ſtudirter Waͤrme feurig aus.„Jetzt 2 biſt Du mein Weib!“ Sie fuͤhlte tief, was ſa . er ſagte, und legte verſchaͤmt die glühendo Wange on die Druſ des geljebten Gatten. 124 Nach dieſen Praͤliminarien ward es dem Grafen leicht, die in ſeine Schlingen Gefallene in ihre Rolle einzuſtudiren. Sie vertraute den 4 — Vorfall der Mutter; ſie datirte ihn auf Anra⸗ then des Majors um mehrere Wochen fruͤher zuruͤck, und bat nun die Mutter flehentlich, bei dem Vater wegen Beſchleunigung des Bei⸗ agers das Noͤthige einzuleiten. „Mein Kind, hob Madame Born feierlich 1 an, ich ſollte dir zuͤrnen. Aber ich kann nicht. ſ Du biſt an dieſem malheureuſen Ungluͤck nicht d Schuld. Du nicht: das iſt Gottes Finger. 1 4 Geiersklau! Da haben wir ja den Stoßvogel. j Aber ſo ſind die Maͤnner. Sie ſpotten der Traͤume, und wiſſen nicht, daß dieß, ſeit die k bibliſche Zeit nicht mehr iſt, wo die Engel er⸗ ſe ſchienen, und mit unſer einem wie mit ihres it Gleichen ſprachen, der einzige Weg iſt. auf n dem der liebe Gott ſeinen Willen den Seinen m zu erkennen giebt. Jetzt verlaß dich auf mich. Ich will alles auf das Beſte ausrichten.“ de E* — 125— Papa mußte ja ſagen. Die vorgebliche Lage der Dinge machte die Beſchleunigung der Verbindung dringend noͤthig. Man ſchrieb zwar dieſe Eile auf die Moͤglichkeit eines bal⸗ digen Ausmarſches; allein das Publikum ſah heller, und Julchen, dem man im Ganzen nicht ſehr wohl wollte, und an deſſen gutem Ruf die jungen, nun um ſie betrogenen Stu⸗ tzer der Stadt gar zu gern einen Mackel ſuch⸗ ten, mußte manches hoͤren, was den Zauber⸗ ſchimmer ihres Grafennimbus umtruͤbte. Je⸗ der zweideutige Blick ihrer Bekannten traf ſie mit Verachtung, und Johanna, die keuſche, jungfraͤuliche Johanna ſtand neben der graͤfli⸗ chen Verbrecherinn, wie eine Heilige. Ihre keuſche Zuͤchtigkeit that dem Auge wohl. Die ſchoͤne Farbe der Unſchuld roͤthete ihre Wange immer hoͤher, je mehr Julchens Geſicht, ſehr natuͤrlicher Urſachen halber, immer mehr und mehr verbleichte. Dieſen Triumph konnte Julchen der reizen⸗ den Prieſterinn der reinſten Tugend nicht laſſen. Der Graf verſchwelgte in Julchens Armen die ſuͤßeſten Brauttage. Johanna verſchwand gewoͤhnlich aus Julchens Zimmer, ſobald der Graf eintrat. Dem Major ſiel dies auf. Er aͤußerte ſein Befremden.„Ach“ hob die heim⸗ lich erboßte Braut an„das iſt ein ungluͤckli⸗ ches Maͤdchen. Sie hat ſich in unſere Ein⸗ quartierung, in den Stewich ſo innig verliebt, daß keine Worte faͤhig ſind, die Staͤrke ihrer Leidenſchaft auszudruͤcken. Leider ſcheint der gute Menſch ſie gar nicht zu bemerken. Die Johanna dauert mich. Der Vater will ihr einſt eine ſehr nahmhafte Ausſteuer mitgeben; denn ſie iſt eine Verwandte unſers Hauſes, aber kein Menſch wagt ſich an das arme Ding; denn ſie hat ein ſo nonnenhaftes Aeußere, daß man ſchwoͤren ſollte, ſie bliebe ewig Veſtalinn, und doch⸗gluͤht in ihrer Bruſt eine Liebe, wie ich ſie ſelten kenne. Es gehoͤrte nur ein dreu⸗ ſter Schritt dazu, um den kloͤſterlichen Schleier, in den ſie ſich gehuͤllt hat, zu zerreißen.“ Eine Stunde darauf wußte der Lieutenant — A»ͤrS—„—8————. 2 — — * 197 ne jedes Wort, was Julchen geſprochen hatte. Der Major zog den Lieutenant auf eine glůͤ⸗ hende Hechel.„Menſch,“ rief er ihm zu, als er Julchens Bemerkungen ihm mitgetheilt hatte, was ſind Sie fuͤr ein Winterquartier⸗ ſchuͤtze? hier zehen Schritte vor Ihrer Thuͤre das ſchoͤnſte Maͤdchen, das ich in meinem Le⸗ ben geſehen habe; das arme Ding moͤchte ſter⸗ ben vor Liebe zu Ihnen, und Sie wiſſen es nicht! Herr, Sie wiſſen es nicht! Das Maͤd⸗ chen vergeht vor innerem Gram, wenn es Julchen mit mir koſen ſieht. Es kann den Anblick nicht ertragen. Sehnſucht nach glei⸗ 6 chem Genuſſe zernagt ihr uͤberfuͤlltes Herz; 6 und Sie ſitzen hier oben, und ſtatt in den E Armen der Koͤſtlichſten zu koſen, ſchmergeln Sie Ihre tuͤrkiſche Pfeife, und laſſen Johan⸗ nen mit ihrer heißen Liebe verjammern.“ Der Lieutenant wollte nicht glauben, daß er von dieſem himmliſchen Weſen geliebt werde. „Herr Major!“ entgegnete er, und ſtellte die baumlange Ottowine in die Ecke.„Herr Ma⸗ — 128— jor, Ihr Wort in Ehren, aber die Entdeckung iſt mir neu. In den erſten Tagen meines Hierſeyns wagte ich, mein Netzchen außzuſtel⸗ len. Aber ſie hat mich ablaufen laſſen! Herr Major, ſie hat mich ablaufen laſſen!“ „Verſtellung, Freund! Sie kennen die Maͤdchen in der Provinz noch nicht. So ein zwanzigjaͤhriger junger Menſch, wie Sie ſind, iſt doch verdammt bloͤde; haben Sie nur eine Mandel Jahre mehr in der Welt gelebt, da werden Sie ſchon aus andern Augen ſehen. Muͤßte ich hier im Hauſe nicht die Verhaͤlt⸗ niſſe beruͤckſichtigen, vor Ihren Augen wollte ich die Johanna um den Finger wickeln. Glau⸗ ben Sie nur, ſo ein Buͤrgermaͤdchen macht ſich eine Ehre daraus.“ „Beſter Herr Major, Ihr Wort in allen Ehren, aber Sie irren ſich. Eines Abends, als wir vom Eſſen herauf kamen, ereilte ich die Kleine auf der Treppe; ich umſchlang ſie, und wollte ihr einen Kuß rauben, aber der niedliche Satan ſchleuderte mich ſo kraͤftig zu⸗ — 129— ruͤck, daß ich die ganze Treppe herunter ſchlug. Herr Born, Madame Born, alles kam aus den Zimmern; Alle dachten, ich haͤtte das Ge⸗ nick gebrochen, ſo lag ich ohne Beſinnung da. Nach und nach kam ich zu mir, und log ih⸗ nen vor, ich waͤre mit den Sporen auf der oberſten Stufe haͤngen geblieben; die Ribben thaten mir acht Tage im ganzen Leibe weh. Seit der Zeit bin ich ihr keinen Schritt zu nahe gekommen, denn ſo was muß nicht ſeyn; iſt es die nicht, ſo iſt es eine Andere.“ „Das wohl! indeſſen verſuchen Sie noch einmal Ihr Gluͤck, wer weiß, wollte das arme Ding Sie gar nicht ſo gefaͤhrlich detreppiſiren; Sie verloren blos das Gleichgewicht. Das gute Maͤdchen mag oft genug bedauert haben, daß ſie Ihnen wider Willen weh gethan hat.“ Der Lieutenant nahm ſich das ad notam, allein er verſtand es platterdings nicht, ſich Johannen nur um einen Finger breit zu naͤ⸗ hern. Mit Worten konnte er ſich nicht im⸗ mer recht behelfen, er ſprach daher lieber mit V. 9 ——· — 130— den Haͤnden, und dieſem Dialog ging Jo⸗ hanna zehen Schritte aus dem Wege. Ein einziger Tag, eine einzige Stunde aͤn⸗ derte das Alles. Julchens Hochzeit ward ge⸗ feiert. Julchen wußte es zu karten, daß Jo⸗ hanna bei dem Souper, Stewichs Tiſchnach⸗ barinn ward. Julchen wußte, daß der Cham⸗ pagner Johannens— war,“ Stewich mußte ihr tapfer einſchenk rtheilte ei⸗ nigen ihrer Bekanntinnen e Jo⸗ hanna, die heute gar ni tuſia zu ſeyn ſchiene, doch aufzuheitern. Zede 94☛ hin, und trank heimlich mit ihr ihres Leß Geſund⸗ heit. Johanna ahnete nicht, daß dieß Abge⸗ ordnete ihres Teufels waren; ſie dankte jeder freundlich, und, es galt ja den fernem Felieb⸗ ten, und trank bei jeder Geſundheiteenige Zuͤge. Mit jedem Nippen ward ſie ſchoͤner. Die Wangen gluͤhten, die Purpurlippen roͤ⸗ theten ſich feiner, die Augen ſpruͤhten das Feuer entzuͤckender Liebe, und ſtuͤrmiſche Sehn⸗ ſucht woͤlbte den jungfraͤulichen Buſen. Jul⸗ ——— 131— chen hatte ihren Hoͤllenplan richtig berechnet. Johanna ward das Verlangen, das Hingeben ſelbſt. Eine ganz entgegengeſetzte Wirkung machte der ſchwere Johannisberger auf den Lieutenant. Er hatte ſich feſt vorgenommen, ſich heute einen Haarbeutel einzubinden und dann Johanna zu gewaͤltigen. Aber je mehr er trank, deſto weſcher ward er. Es kamen ihm die Thraͤnen in die Augen, er mogte ſpre⸗ chen, wovon er wollte. Zufaͤllig brachte ihn einer ſeiner Tiſchnachbarn auf den ſchoͤn geformten Ofen im Saale, und bedauerte, daß der Mann, der ihn gefertiget, ſchon ge⸗ ſtorben ſey; da brach er in ein heimliches Schluchzen aus, daß ihm der Schweiß per⸗ lenwezſe vor die Stirne trat. . mundete der weinerliche Tiſch⸗ nachbar nicht. Sie ſtand auf. Da ſchwin⸗ delte ihr das Koͤpfchen. Sie ergriff ein Licht, eilte, um ſich keine Bloͤße zu geben, unver⸗ merkt zum Saale hinaus, ſchluͤpfte in ihr Zimmer, und warf ſich, halb entkleidet, mit 9* — 132— ihrer gluͤhenden Sehnſucht, mit ihrer ſußen Liebe auf das Bettchen. 4 3 7 sf 7 Der Ball begann, Julchen vrrmißte Jo⸗ hannen. Aber auch der Lieutenant war ver⸗ ſchwunden. Julchen ſchlich ſelbſt einen Au⸗ genblick hinauf. Johannens Zimmer war in⸗ wendig verriegelt. Ein leiſes Geraͤuſch in der Gegend von Johanna's Bette verſicherte der Abſcheulichen, daß ihr Mordplan auf Johan⸗ hannens Bluͤthenreiz gluͤcklich gelungen war. Jetzt ging ihr eine neue Welt auf. Der Lieu⸗ tenant konnte der unbemittelten Johanna nie ſeine Hand bieten. Leß— dafuͤr wollte ſie ſchon ſorgen,— mußte erfahren, daß ein Gardeoffizier die erſten Knospen †gebrochen hatte.† Leß mußte nun das Maͤdchen fallen laſſen, und ſtatt in London der Pracht, dem Ueberfluſſe, dem Gluͤcke im Schooße zu ſitzen, mußte Johanna, wenn anders nicht die Fol⸗ gen dieſer Nacht ſie gar aus dem Hauſe ver⸗ draͤngten, wieder auf ihre Stufe herunter ſtei⸗ A. ze e, Se 2e,* ——— —— 2* — 133— gen, von der ſie der fatale Leß empor gehoben hatte. Jetzt d ſie ſich fuͤr die bittere Zu⸗ ruͤckſetzung des Drehvogels an Leß geraͤcht. Johanna war verdorben. Eine Stunde nach Julchen ſah ein Maͤdchen des Hauſes den Lieu⸗ tenant von Johannens Thuͤre in ſein Zimmer ſchleichen. Das Maͤdchen konnte ſich nicht enthalten, die ſaubere Entdeckung Julchens Kammermaͤdchen bruͤhwarm mitzutheilen, und von dieſem erfuhr es Julchen beim Auskleiden. Des Himmels Rache ereilte Julchens ſchwarze Hoͤllenthat. Er ſtoͤrte ihre Braut⸗ nacht. Der Morgen hatte kaum gegraut, als der Generalmarſch den Gatten von ihrer Seite rief. Nach einer Stunde ſchon hatte das Re⸗ giment die Thore der Stadt im Ruͤaag. An Stewich hatten drei Mann wecken muͤſſen, ſo hatte der Erſchoͤpfte geſchlafen. Auch Johanna ſchlief, als wollte ihr die ſchonende Vorſicht das ſchreckliche Erwachen recht lange verzoͤgern. Sie hatte nichts gehoͤrt — 134— von dem Generalmarſch, der den Verbrecher ihren Vorwuͤrfen entruͤckte, nichts von dem wilden Gallop der Adjutanten durch die ſtillen Straßen, nichts von dem Herauswogen des Regiments. Am ſpaͤten Morgen erſt erwachte die Ungluͤckliche. Sie erinnerte ſich der Sce⸗ nen der verhaͤngnißvollen. Nacht, wie aus ei⸗ nem Traum. In den Armen ihres mehrere hundert Meilen entfernter Leß hatte ſie gele⸗ gen. Er hatte ſie gekuͤßt. An ſeiner lieben⸗ den Bruſt hatte ihr die ſuͤßeſte der Stunden geſchlagen, von ſeinen Lippen hatte ſie den ſchmeichelnden Schwur der ewigen Liebe und Treue gehoͤrt— ach! unb dieſer Traum trat, je mehr ihre entflohenen Lebensgeiſter ſich ſam⸗ melten, je wacher ſie wurde, immer mehr und mehr in den Hintergrund ſeines Nichts zuruͤck. „Was habe ich gethan!“ rief ſie, ſich ver⸗ abſcheuend, aus, und ſprang von der Lager⸗ ſtaͤtte ihrer Entheiligung. Sie hielt beide Haͤnde vor das Geſicht, ſie mied den Spiegel, ſie wandte den Blick vom Bette, ſie wußte —4— —————— ——————— nicht, wo ſie ſich hinwenden ſollte; jede Klei⸗ nigkeit im Zimmer war ihr ein Zeuge der ſchrecklichen Verirrung.⸗ 4— 3 Sie traute ihren Sinnen nicht. Sie hielt ihren Verſtand fuͤr zerruͤttet. Sie haͤtte ſich. ſelbſt ſchwoͤren wollen, daß Leß die Weihe der Brautnacht empfangen— aber ach, die Ge⸗ wißheit ihres Jammers ward bald vollendet. Man klopfte an die Thuͤre. Sie war ver⸗ ſchloſſen. Johanna konnte nicht oͤffnen. Sie hatte den Schluͤſſel nicht.„Das nenne ich mir eine Eiferſucht,“ ſagte draußen auf dem Flur das Kammermaͤdchen der Graͤfinn;„den Schluͤſſel hat wahrhaftig der Lieutenant einge⸗ ſteckt, als er herausging, damit kein Menſch die Mamſell im Schlafe ſtoͤren ſollte; ein— ſchallendes Gelaͤchter der Umſtehenden vernich⸗ tete Johanna. Das Heiligſte der Jungfrau, ihre Ehre, war zertreten. Sie ſank laut ſchluchzend in einander. Die treue Liebe, die ſie ihrem Leß geſchworen, war gebrochen, der Kranz ihrer jungfraͤulichen Bluͤte zerriſſen, ihr wn guter Name zertrammert, ihr ganzes Lebens⸗ gluͤck geopfert. Madame Born ſandte den Hauptſchluͤſſel. Man verlangte Johanna an die Spitze der haͤuslichen Geſchaͤfte; allein ſie vermogte nicht, einem Menſchen vor das Ge⸗ ſicht zu treten. Sie gab Unpaͤßlichkeit vor, und huͤtete ihr Zimmer. So lebte ſie mehrere Wochen in ſtiller Ver⸗ zweiflung. Ihre einzige Vertraute war Luiſe Wall. Luiſe wußte von der Graͤfinn die Ge⸗ ſchichte jener Nacht; es bedurfte alſo keines Geſtaͤndniſſes. Johanna marterte ſich ſelbſt mit den furchtbarſten Vorwuͤrfen; es bedurfte alſo keiner Zurechtweiſungen, ſondern bloß ſanfter Troͤſtungen, herzlicher Theilnahme, in denen ſich die herrliche Luiſe faſt erſchoͤpfte. Nur ſelten gelang es dem großherzigen Maͤd⸗ chen, die ungluͤckliche Johanna auf einen Au⸗ genblick zu zerſtreuen; aber als nach einiger Zeit Johanna mit geheimen Schauder die Fol⸗ gen jener graͤßlichen Nacht unter ihrem Her⸗ zen verſpuͤrte, da verlor das Wort des Troſtes 2 — ⏑ 1 2— ——V—V—— — 137— feine Kraft. Johanna ſah ſich gebrandmarkt vor der Welt. Ihr Leben ward ihr eine Buͤrde. Sie hatte tragen und dulden gelernt; aber die Laſt ward ihr zu ſchwer. Sie nahm die letz⸗ ten Kraͤfte ihres Muths zuſammen, ſie ſchrieb an Leß und an Madame Born. Leß antwor⸗ tete gar nicht, und Madame Born verwies ſie binnen vier und zwanzig Stunden aus dem Hauſe. „Nun laß mich enden,“ ſagte ſie zu Lui⸗ ſen, die eben in das Zimmer trat, als ſie das Billet der Madame Born entſiegelt hatte. „Fuͤhre mich, Luiſe, auf ein ſtilles fernes Plaͤtzchen, wo ich ruhig ſterben kann. Auch Du darfſt nicht laͤnger um mich ſeyn. Ich bin vergeſſen, verſtoßen, geaͤchtet. Es ſchadet Deiner Ehre, wenn man mich an Deiner Seite ſieht. Stich mir in das Herz, es blutet nicht mehr, ſo erkaltet, ſo erſtarrt iſt mir das Blut ſchon in den Adern. Die letzte Stunde wird mir leicht werden. Gieb mir Gift, Luiſe, ich bitte Dich, ich beſchwoͤre Dich, gieb mir Gift, — 138— und dann geh weit von mir weg; ich will den ſegnen, den ich betrog— und mich und die Frucht des Betruͤgers will ich verderben.“ Luiſe war von der Ruhe, mit der Johanna dies ſagte, tief erſchuͤttert.„Nein, nein, ar⸗ mes, ungluͤckliches Maͤdchen, ſagte ſie und um⸗ ſchlang mit Liebe die Verzweifelnde; wenn al⸗ les Dich verlaͤßt, ſo will ich Dein ſeyn. Um Gotteswillen bleib deiner maͤchtig. Wir ha⸗ ben vier und zwanzig Stunden Zeit, nur dieſe hHalte ruhig aus. Dann gehoͤrſt du mir.“ Sie kuͤßte, ſie ſchmeichelte, ſie liebkoſete mit un⸗ nennbarer Zartheit die Verſtoßene, ſie erweich⸗ te endlich das in ſich verlorne Maͤdchen. Jo⸗ hanna fand nach vielen Wochen die erſten Thraͤnen wieder.„O, ſo habe ich eine Seele auf dem Erdenrunde, die mein iſt,“ ſagte ſie leiſe, und flog mit dem Blick in die Wolken. „Luiſe, ich will Dein ſeyn, aber verbirg mich vor mir ſelber. Weit weg von hier, wo ich fremd und ungekannt bin, wo niemand meine Schande, mein Verbrechen weiß, wo mich ₰ — ——, 8& ⏑„ t1 niemand ſieht; denn wen ich ſehe, den muß e ich ja betruͤgen. Ich habe nie gelogen, und . nun ſoll ich jeden, der mir in das Geſicht 3 V ſieht—— 2„Laß das,“ fiel ihr Luiſe troͤſtend ein. 2„Jetzt ordne Deine Sachen; morgen Abend 4 bin ich bei Dir, um Dich abzuholen.“ 1 Von jetzt an ward ich naͤher in dieſe un⸗ 4 gluͤckliche Begebenheit verflochten. Ich erhielt 6 von Luiſen einen reitenden Expreſſen, mit dem 6 Erſuchen, augenblicklich zu kommen, mich aber 2 nicht weiter in der Stadt ſehen zu laſſen, ſon⸗ 3 V dern geraden Weges, und ohne alles Aufſe⸗ 3 hen, bei ihr mich einzufinden, um ihr ein klei⸗ 3 nes gutes Werk vollfuͤhren zu helfen.„Es gilt“ endete ſie ihre fluͤchtigen Zeilen,„es gilt 3 V unſrer Johanna Klaren; mehr brauche ich nicht zu ſagen, um Ihre Bereitwilligkeit ge⸗ wiß in augenblickliche Thaͤtigkeit zu ſetzen. Um acht Uhr morgen Abend erwarte ich Sie be⸗ ſtimmt.“ Ich durchflog die beiden erſten Poſtſtatio⸗ „ F — 140— nen mit meinen Rennern, dann nahm ich Kou⸗ rierpferde. Punkt acht Uhr Abends ſtand ich vor Luiſen. Hier erfuhr ich Johannens un⸗ gluͤckliche Geſchichte, und nun ſollte ich helfen, die arme Verſtoßene auf eine anſtaͤndige Weiſe ſo unterzubringen, daß ſie, ohne gekannt zu ſeyn, dle Entwickelung ihres Schickſals ab⸗ warten konnte. Die Koſten uͤbernahm die edle Luiſe. Ich durchlief die Gallerie meiner zu ſolchen Verhaͤltniſſen paſſenden Bekannten. Der Poſtmeiſter Kupfer mit ſeiner ſtillen her⸗ zigen Frau, zwei Meilen von meinem Wohn⸗ ort, waren meine Leute. Die Poſthaͤuſer wa⸗ ren einquartierungsfrei, das paßte in meinen Plan, und das Poſthaus lag vom Staͤdtchen entfernt und ſo iſolirt, daß Johanna hier voͤl⸗ lig unbemerkt bleiben konnte. Wie ich meinen Poſtmeiſter und ſeine Frau kannte, ſchlugen mir die Menſchen meine Bitte um Johanna's Aufnahme gewiß nicht ab. Luiſe holte jetzt Johanna. Sie hatte das arme Maͤdchen auf mich vorbereitet; ich ſollte — 141¹— der einzige Vertraute ihres Geheimniſſes ſeyn. Was mogte Johanna in den letzten Tagen ih⸗ res Lebens gelitten haben! Die ſchoͤne Suͤnde⸗ rinn ſtand mit geſenktem Blicke vor mir. Sie legte die Hand vor die Augen, die bleiche Wange uͤberflog eine leichte Roͤthe. Mir war, als haͤtte ich das Maͤdchen nie reizender geſe⸗ hen. Ich zog ihre Hand an meine Lippen, ſie druͤckte meine Rechte und ſagte leiſe— „Luiſe legt meine Ehre, den Reſt meines Le⸗ bens in Ihre Hand. Hat Luiſens Vertrauen nur einigen Werth in Ihren Augen, ſo ver⸗ achten Sie mich nicht.“ Mehr konnte ſie nicht ſprechen. Sie ſenkte den Kopf anf die ſchoͤne Bruſt, ſie weinte ſtille Thraͤnen. Wir beru⸗ higten ſie; ich ſuchte ſie aufzuheitern, die An⸗ ſtalten zu der originellen Reiſe zerſtreuten ſie wenigſtens. Eile thut nie gut. Uebereilung iſt gar ſchaͤdlich. Das merkte ich jetzt. Ich hatte mich uͤbereilt. Ich hatte ein Wageſtuͤck uͤber⸗ nommen, deſſen Ausfuͤhrung ich mir nicht zu⸗ — 142—„ traute. Ich ſollte, Gort weiß, wie lange, Johanna's einziger vertrauter Freund ſeyn; ich ſollte ſie taͤglich ſehen koͤnnen, das ſchmach⸗ tende Maͤdchen, mit dem Madonnen⸗Blicke, mit der ſtillen Liebe, mit der zauberiſchen Geſtalt. Traurig ſchieden die beiden Maͤdchen von einander. Johanna's letzte Bitte war, ihr, wann Leß ſchreiben ſollte, ſeine Briefe nicht zu ſchicken.„Sag ihm, wenn Du ihn ſiehſt,“ ſetzte ſie hinzu, und man ſah ihr an, was ſie die Worte koſteten,„ſag ihm nie, wo ich bin. Er ſoll mich vergeſſen. Er darf mich nie, nie wieder ſehen.“ Die Fliederlaube. Dem Poſtmeiſter Kupfer und ſeiner Gattinn ſtellte ich Johanna als eine Verwandte von 6 mir vor. Ihr Mann, erzaͤhlte ich, ſey bei dem Feldverpflegungs⸗Commiſſariat angeſtellt, die Frau koͤnne ihm nicht von Quartier zu Quartier folgen, alſo haͤtte ſie ſich nach einem ruhigen Aufenthalt umgeſehen. Ich zahlte auf 3 zwei Monate ihre Bekoͤſtigungsgelder voraus, und ſie war beiden ein willkommener Gaſt. Die weitern Folgen uͤberließ ich der Zu⸗ kunft. Von Johanna's Annehmlichkeiten, von ihrer Kunſt, alle Menſchen zu feſſeln, konnte ich erwarten, daß, wenn die Zeit die Voran⸗ ſtalten zur Wiege noͤthig machen ſollte, auch dann die ehrliche Poſtmeiſterinn ihren ſchoͤnen — ⸗ — 144— Pflegling mit Liebe und treuer Sorgfalt be⸗ handeln werde. Ich beſuchte die Liebliche alle Sonntage. Ich war ihr einziger Vertrauter. Sie ſchloß ſich mit Herzlichkeit an mich. Sie nannte Zmich ihren einzigen Freund; ich ſtrebte nach oͤherm Range.“ Der Beſitz dieſes koͤſtlichen Maͤdchens war mein ſchoͤnes Ziel. Aber ich verzweifelte an deſſen Erreichung; denn auch nicht die mindeſte Beguͤnſtigung geſtand ſie mir zu. Kaum daß ſie mir ihre Hand ließ, in deren roſene Gruͤbchen ich oft minutenlange Feuerkuͤſſe druͤckte. Einen Kuß von ihrem kleinen Purpurmunde zu erhalten, war mir um keinen Preis moͤglich!„Demuͤthigen Sie mich nicht,“ ſagte ſie, aus meinen Armen ſich windend, als ich ſie, im Entzüͤcken verloren, einſt umſchlang, und mit Gewalt ihre wuͤrzi⸗ gen Lippen beſtuͤrmte.„Ich kann mir den⸗ ken, was Sie von mir glauben. Ihr Be⸗ nehmen wirft mich von der Stufe hinab, auf der ich in Ihren Augen zu ſtehen waͤhnte.“ 22 — 145— Sie konnte vor innerer Schaam ſich ſelbſt nicht anſehen. Thraͤnen bitterer Wehmuth ſtuͤrzten ihr in das Auge; ſie wankte ſchwei⸗ gend zum Zimmer hinaus. Unmuthig uͤber mich ſelbſt warf ich mich in den Wagen, und fuhr nach Hauſe. Ich wollte das romanhafte Maͤdchen nicht wieder⸗ ſehen, das fuͤr alle meine Liebe, fuͤr meine Sorge, fuͤr mein Thun und Treiben mir nicht einmal einen freundlichen Kuß geben konnte. Aber ich konnte nicht von dem himmliſchen Weſen laſſen; ich zaͤhlte ſchon den Montag fruͤh die Stunden bis zum Sonntagsmorgen; die Woche ward mir zu einer Ewigkeit. Ich hatte Muße, uͤber mich, uͤber meine Lage, meine Wuͤnſche nachzudenken. Sie konnte nicht anders handeln. Sie mußte dieſen klö⸗ ſterlichen Schleier der ſtrengſten Zuͤchtigkeit uͤber ſich werfen, wenn ſie des Mannes Ach⸗ tung, der es redlich mit ihr meinte, nicht verr lieren wollte. Die Plaͤne, die in den gehei⸗ men Tiefen meiner Seele keimten, konnte ſie V. 10 ja nicht ahnen. Wußte ich ſie doch ſelbſt kaum bis jetzt deutlich. Aber nun traten ſie heraus. Mein Herz erwaͤrmte ſie, ſie wuchſen mir uͤber den Kopf. Die Haͤlfte der Woche war noch nicht beendigt, als ich eins mit mir war, Johanna meine Hand zu bieten. Das Kind des Verworfenen unter ihrem Herzen— die Maͤnner ſind grauſame Egoiſten. Wagt doch ein Maͤdchen nie die Frage an den Geliebten, ob ihm in ihren Armen die Himmel des Ge⸗ nuſſes ſich zuerſt oͤffneten. Johanna war ja ſo ſchuldlos an dieſem Falle. Wahrlich, das iſt der Maaßſtab nicht, die Unſchuld zu be⸗ rechnen. Es giebt Maͤdchen, einen kleinen Jungen an der Bruſt, die unſchuldiger, jung⸗ fraͤulicher ſind, als manche Nonne im Ge⸗ maͤuer des unzugaͤnglichen Kloſters. Die Frucht jenes ungluͤcklichen Augenblicks lag mir nicht mehr im Wege. Johanna, das reine himmliſche Maͤdchen mit ihren ſtillen Tugenden, mit ihrem weichen Herzen, mit dem Zauber ihrer Reize ſollte llte —— — 147— mein werden, und darum ſprang ich uͤber die Vorurtheile der Welt weg; ich hoͤrte nicht die haͤmiſchen Bemerkungen, mit denen mich das liebe Publikum zum Hochzeitstage anbinden wuͤrde. Um allem dem auszubeugen, beſchloß ich, die Verbindung zu beſchleunigen, und— man kannte Johanna und thre Geſchichte ja in mei⸗ nem Orte nicht,— die Suͤnde des Gardiſten auf mich zu nehmen. Jetzt litt es mich nicht laͤnger zu Hauſe. Ich konnte den Sonntag nicht erwarten. Ich jagte nach dem ſtillen Poſthauſe zu. Die milde Luft des Fruͤhlings war mir voraus geeilt, und hatte Johanna's Wange geroͤthet und in ihr verſunkenes Herz Waͤrme und Leben gehaucht. Sie ſtand in der Gartenthuͤr unter der bluͤhen⸗ den Fliederlaube; ſie winkte mir freundlich, als ſie mich die Straße herauf gallopirt kom⸗ men ſah. Ich warf mich vom ſchaͤumenden Pferde, ich eilte auf ſie zu, und zog ihre Hand an meine Lippen. Sie kuͤßte mich frei⸗ 40* willig.„Ich war eine Thoͤrinn,“ ſagte ſie laͤchelnd,„daß ich Ihnen neulich den Kuß ver⸗ ſagte. Nicht war, es war keine Verachtung, daß Sie ihn von mir forderten?“—„Jo⸗ hanna, Johanna!“ rief ich, von dem blen⸗ denden Liebreiz des goͤttlichen Maͤdchens ge⸗ feſſelt, und ſchlang beide Arme um die Wun⸗ derliebliche—„Sie verachten? ich, einzige Johanna, ich denke nur Sie, ich traͤume wa⸗ chend und ſchlafend von Ihnen, ich konnte nicht laͤnger bleiben, ich mußte heute ſchon heraus.“—„Das iſt recht huͤbſch von Ih⸗ nen,“ entgegnete ſie mit unnennbarer Gutmuͤ⸗ thigkeit:„ich fuͤrchtete daß Sie boͤſe waͤren, und doch war mir immer, als koͤnnten, als duͤrften Sie es nicht ſeyn, ich erwartete Sie darum taͤglich; heute— es war mir baͤnglich, ich hatte heute ſo ein freudiges, ſo ein behag⸗ liches Gefuͤhl, ich kann es nicht nennen. Es iſt mir heute ſo feſtlich! heute war ich gewiß, daß Sie kommen wuͤrden. Ich danke Ihnen, daß Sie es gethan haben, Sie haben mir ☛ 2— —28 ate uͤ⸗ ie g⸗ ß- Freude gemacht.“ Eine beſſere Stimmung konnte ich nicht erwarten. Ihre Kleidung be⸗ zeichnete ſogar den Feſttag. Sie hatte ſich ein⸗ fach, aber geſchmackvoll geſchmuͤckt. Sie war heute unbeſchreiblich liebenswuͤrdig, ſie konnte ſogar ſcherzen. Nur als mein Blick einmal auf ihre ſchoͤne Geſtalt fiel, die jetzt ihre eige⸗ nen Reize zu gewinnen anfing, ward ſie roth, ſenkte das Auge, und der Geiſt ihrer Laune war auf einen Augenblick gewichen. Auf hundert Wegen hatte ich es verſucht, meinem Herzen Luft zu machen. Aber ich konnte den Anfang des Geſpraͤchs, das mein Schickſal entſcheiden ſollte, nicht finden. Ich hatte einen herrlichen Tag verlebt, aber er ko⸗ ſtete mich ein Jahr meines Lebens; denn dies Maͤdchen bloß ſehen, verzehrte Gemuͤth, Herz und Seele. So konnte ich nicht wieder weg. Der Abend ruͤckte ſchon naͤher, ich faßte alſo Muth, bat ſie um zehn Minuten Gehoͤr zu einem ernſten Worte, und ſprach meine Wuͤn⸗ ſche mit Liebe und Herzlichkeit aus. — 150— Sie hatte neben mir geſeſſen und genaͤht. Immer tiefer und tiefer neigte ſich das Geſicht auf die Arbeit, ein paar große Thraͤnen fielen 1 auf die Naͤtherei. Als ich geendet hatte, zog ſie meine Hand an ihr Herz, druͤckte ſie leiſe, ließ mich dann los, und barg ſtill weinend das Geſicht in ihr Tuch. Ich ſaß auf der Folter. Endlich hatte ſie ſich geſammelt. Leiſe ant⸗ wortete ſie, und ſtockte öfters in der jungfraͤu⸗ lichen Rede. Ich fiel durch. Sie nannte mich einen edlen Mann, ſie nannte meinen Antrag ein Opfer, das ich mir braͤchte, ein gefallenes Maͤdchen wieder auf die Stufe der Achtbaren zu heben, ſie that, als ob ſie durch⸗ aus gar keinen Werth haͤtte; aber ich ſiel doch durch.„Ich weiß„* ſchloß ſie,„daß ich Leß verloren habe, daß er mich nicht mehr lieben kann; daß er mich nicht mehr lieben wird. Aber ich gehoͤre ihm, nur ihm bis zum Tode. Ein Schaͤndlicher hat dies Band zerriſſen. Leß nicht. Ich nicht, bei dem heiligen Gott, der meine Worte hoͤrt, der meine geheimſten Hand⸗ ———— — 151— lungen weiß, ich nicht. Meine Seele iſt rein. Jenſeits, wenn die Huͤlle mit ihren Maͤngeln hienieden bleibt, jenſeits bin ich wieder Sei⸗ ner werth. Leß liebte ich, ſo lange mein Herz die Liebe kennt. Fruͤher keinen. Nach ihm keinen. Mein Freund, mein einziger Freund, Sie haben mir durch Ihren Antrag ein Ge⸗ ſchenk gemacht, das groͤßer iſt., als haͤtten Sie mir eine Million geſpendet. Ich glaubte die Achtung guter Menſchen verſcherzt zu haben. Aber, wenn ein Mann, dem ich ſo herzlich gut bin, mir ſeine Hand bietet, wenn er ſich nicht ſcheut, an der Seite der Gefallenen in der Welt oͤffentlich aufzutreten, und mich fuͤr die Seinige anzuerkennen; ach dann hebt nach bittern Tagen zum erſtenmale meine Bruſt ſich ſtolzer wieder. Luiſe und Sie! Ich habe eine Freundinn, einen Freund. Ich bin nicht arm mehr. Ihr guͤtiges Wohlwollen iſt nicht Mitleiden, fuͤr das ich es mit wehmuͤthigem Danke hinnahm, es iſt freundſchaftliche Hin⸗ neigung zu dem ungluͤcklichen Maͤdchen, das Ihre Liebe nie vergeſſen wird. Bewahren Sie mir Ihr Herz! Seyn Sie mein Bruder!“ Sie ſank an meine Bruſt, ſie weihte den Bruder⸗Bund durch die ſuͤßeſten Schweſter⸗ kuͤſſe, die je ein ſchoͤnes Maͤdchen eauf die Lipo pen eines Mannes gedruͤckt hat. Ich haͤtte vergehen moͤgen vor eae Schmerz der brennendſten Liebe. Der wuͤr⸗ zige Hauch des roſigen Mundes, die kleinen friſchen Lippen, der weiche volle Arm, der ſich um meine Achſel geſchlungen hatte, der ſchwellende Buſen an meiner Bruſt— Ach Gott, ach Gott, wo ſollte ich da die bruͤder⸗ liche Feſtigkeit auf die Dauer behalten. Ein Veſuv gluͤhte mir im Herzen, in allen Adern; nur der fromme Blick ihrer großen, ſeelenvol⸗ len Augen hielt den Ausbruch des mit aller Gewalt kaum erhaltbaren Feuers zuruͤck. Das Schmettern eines Poſthorns ſchlug an unſere ſtille Fliederlaube. Johanna, der meine bruͤtende Stille, mit der ich ſie umfing, nicht recht bruͤderlich vorgekommen ſeyn mogte, meiin meine Arme. Ich rief nach Huͤlfe; flog aus meinen Armen, und ging zur Gar⸗ tenthuͤr, die auf die Straße fuͤhrte. Ich folgte ihr. 4 Leß ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder. Jo⸗ hanna that einen lauten Schrei, erbleichte und denn beide hatten ihr Leben ausgehaucht. Leß hielt Johanna's Knie feſt umklammert: aber er hoͤrte uicht, er ſprach nicht, er athmete nicht. Ich rief um Huͤlfe. Aber kein Menſch hoͤrte mein Rufen aus dem fernen Garten. Endlich ermannte ſich Leß zuerſt. Er kuͤßte Johanna's Knie, Johanna's Haͤnde; allein ſie war erkaltet. Er rief ihren Namen, er beſchwor ſie, nur einen Blick ihm zu ſchenken. Aber ihre Seele war gewichen. Sie hoͤrte nicht das Klagen ſeiner jammernden Stimme, nicht das bange Seufzen ſeines gebrochenen Herzens. Ich goͤnnte ihr mitleidig das Er⸗ ſtarren des Todes; denn ihrem uͤberzarten Ge⸗ fuͤhl mußte Leß's Liebe tauſendfache Hoͤllenmar⸗ ter ſeyn. Ich ſollte Leß haſſen, denn um ſei⸗ — 154— netwillen ſchlug das treue Maͤdchen meine Hand aus. Aber ſein Kummer, ſeine Ver⸗ zweiflung zerriſſen meinen Haß. Wir trugen Johanna in die nahe Flieder⸗ laube. Ein leichter Zugwind beſtrich jetzt die feuchte Stirne, den kalten Buſen der Ver⸗ blaßten; ich wollte Huͤlfe im Hauſe holen, aber in dieſem Augenblick ſchlug Johanna die Au⸗ gen auf. Laut weinend vor Freude ſank Leß vor ihr nieder, und rief:„Sie lebt. Meine Johanna lebt!“ Johanna ſtand ſprachlos vor ihm, von ihm in den Knien umfaßt. Sie legte ihre zit⸗ ternde Hand auf ſeine gluͤhende Stirne, ſeufzte tief aus der Bruſt heraus und rief ſchluchzend: „Gott! auch das noch!— Eduard, mein einzſg geliebter Eduard! geh, fliehe vor mir. Sieh mich nicht an! Dein ſanfter Blick ſchleu⸗ dert mich in den Abgrund meiner Schande.“ „Johanna, ich weiß alles! Du biſt un⸗ ſchuldig!“ „Das heißt Dich Gott ſprechen. Ja, bei —— — ͤ, 2 0 40 —— dem Ewigen, vor dem mein Herz offen liegt, ich bin unſchuldig. Aber ich bin Deiner nicht mehr werth. Ach, Eduard, tauſendmal habe ich um den Tod gebeten, damit nur Du mich auf dieſer Erde nicht wiederſehen follteſt. Gott hat dieſe Bitte mir nicht gewaͤhrt. Strafe mich nicht mit deinem Blicke, er brennt wie ein gluͤhender Dolch mir bis in das Innerſte meiner Seele. Vergiß mich, Eduard, ich werde nicht lange mehr leben. Laß mich aus Deinen Armen! Ein reineres Maͤdchen ver⸗ dient Deine Liebe, Eduard—“ wimmerte ſte, von tiefem Schmerze uͤberwaͤltigt.„Lebe ewig wohl! Haſt Du ein Gefuͤhl fuͤr Rache in Dei⸗ nem Herzen, und der Verbrecher, der die Bluͤthe der Unſchuld brach, die ich Dir be⸗ — wahrte, begegnet Dir auf dem Wege Deines Lebens, ſo—— Da ſtuͤrzte Leß in ihre Arme, und rief mit Verwirrung und Schaam:„Johanna, der Verbrecher war ich!“ Kein Sterblicher vermag das Staunen, den — 156— Schreck, die Freude, den ſchmollenden Zorn, das jungfraͤuliche Erroͤthen zu malen, das jetzt alles Johannas allmaͤhlich ſich verklaͤrendes Geſichtchen verkuͤndete. Sie ſtarrte den Mann ihrer Liebe an, ſie uͤberfaͤrbte ſich mit gluͤhendem Purpur, ſie laͤchelte ihm halbe Ver⸗ zeihung, die Thraͤnen ſuͤßer Liebe ſchoſſen ihr in die Augen, ſie ſchlang beide Arme um ſei⸗ nen Nacken, und lispelte ihm leiſe entgegen: „Du, Eduard? Du Eduard? ja wahrhaftig, Du biſt es geweſen. Ich hatte Dich, nur Dich geſehen. Ich hatte mit Dir geſprochen. Ich haͤtte einen Eid darauf ſchwoͤren wollen; aber da das ganze Haus den Unertraͤglichen nannte— ach Gott, Eduard, alſo Du, Du?“— Sie druͤckte ſich mit ſieudig Schaam an ſeine Bruſt. 2— Eduard kuͤßte in ſeligem geuer der erſche⸗ ten Minute, Johanna's ſchwellenden Buſen, den ſanft gewoͤlbten Schooß.— Ich ver⸗ ſchwand aus der Laube, ich waͤre erſtickt, wenn ich noch eine Secunde geblieben waͤre, ſo 157— druͤckend, ſo ſchwuͤl ward mir die Luft unter dem fuͤßduftigen Flieder. Ich eilte auf die entgegengeſetzte Seite des Gartens; ich verbarg mich hinter Gebuͤſch, ich kehrte der Fliederlaube den Ruͤcken zu, und ſtierte in den blauen Himmel. Meine Sonne war untergegangen. Ich hatte alles verloren. Ich faßte meine ganze Vernunft zuſammen; ich zwang mich in die Rolle der ruhigen Entſagung. Johanna ſollte mich, da ſie mich nicht lieben konnte, wenig⸗ ſtens bewundern. Nach einem Stundenlan⸗ gen boͤſen Kampfe war ich Herr meiner Lei⸗ denſchaft, wenigſtens war es mir gelungen, es zu ſcheinen; ich ging in die Laube zuruͤck, um mir den Aufſchluß von Leß uͤber den ſonderba⸗ Eenenhider Geſchichte zu erbitten. Johanna trat, als ich mich naͤherte, aus der Laube, und ging, um mir nicht zu begeg⸗ nen, auf einem Seitenwege nach dem Hauſe zu. Ihr Geſicht war hochroth uͤberpurpurt. Und ich ſollte nun in die verfuͤhreriſche ſtille — 158— Laube treten, und dem uͤbergluͤcklichen Leß Theilnahme heucheln. Ach, ich haͤtte mir das Herz aus der Bruſt reiſſen moͤgen, um nur heute nichts zu fuͤhlen. Leß umarmte mich mit dem Feuer eines Wonnetrunkenen.„ZJetzt ſetze Dich zu mir, wackerer Junge,“ hob er an.„Du haſt mei⸗ ner Johanna mit treuer Bruderliebe beigeſtan⸗ den. Das lohne Dich Gott. So etwas wiegt ſchwerer, als alles Gold der Erde. Be⸗ darfſt Du einſt in Deinem Leben eines dankba⸗ ren Freundes, ſo vergiß mich nicht. Du ſchienſt vorhin auch uͤberraſcht; Du kannſt es mehr ſeyn, als Johanna, denn dieſe— doch laß Dir in der Kuͤrze erzaͤhlen, denn ich habe Eile. Die Geſchichte mit dem Drehvoͤgelchen, mein Jungchen, war eine nothwendige Finte. Ich kannte Johanna ſeit fuͤnf Jahren. Jetzt erſt konnte ich ihr meine Hand bieten, da ich von meinem Hauſe zum Compagnon ernannt worden war. Ich wußte, daß Borns, viel⸗ leicht das Julchen ſelbſt, einen ernſten Antrag — 159— von mir erwarteten. Ließ ich Julchen ſtehen und zog meine Johanna an mein Herz, ſo hatte ich Borns hoͤchlich beleidigt, und das durfte ich, unſerer Handelsverhaltniſſe halber, nicht; gerade damals durchaus nicht. Ich brachte alſo mein Drehvoöͤgelchen mit. Das Dingelchen parirte mir aufs Wort. Mittelſt eines Druͤckers(den kein Menſch bemerkte weil ich, drei Schritte vom Tiſche, die Hand auf mein Budenrepoſitorium ſtuͤtzte, in wel⸗ chem der Druͤcker angebracht war,) mußte das Voͤgelchen ſtehen bleiben, wo ich es haben wollte. Meine Liſt gelang mir gluͤcklicher, als ich dachte. Borns waren nicht im mindeſten em⸗ pfindlich. Julchen war erbittert, indeſſen glaubte ich nicht, daß ſie mir ſchaden koͤnnte. Ich reiſ'te in der Hoffnung ab, meine Jo⸗ hanna bald wieder zu ſehen. In Riga fand ich den alten Diener un⸗ ſers Hauſes, Herrn Martin, mit dem ich die Ruͤckreiſe nach London antreten wollte. Ich — 160— fahre Tag und Nacht, um meine Johanna zu ſehen, um ſie nach England abzuholen. Vier⸗ zig Meilen von ihr entfernt, ereilt uns ein Courier unſers Hauſes, mit der Nachricht, daß mein Compagnon mit Tode abgegangen ſey; die Wittwe forderte mich auf, ſchleunigſt nach London zu kommen. Die Reiſe zu Jo⸗ hanna war ein Umweg von ſechszig Meilen. Mein alter Martin, der nicht mehr wußte, was Liebe heißt, bat, beſchwor mich, jetzt, nur jetzt nicht dieſen Umweg zu machen. Ich konnte es mir nicht abſchlagen. Da fiel der alte Mann, mit treuer Anhaͤnglichkeit an das Wohl unſers Hauſes geknuͤpft, vor mir auf die Kniee, und flehte, es nicht zu thun.„Es ſtehen Millionen auf dem Spiele, Herr Leß, mein guter Herr Leß, nur diesmal, nur in dieſem dringenden einzigen Falle hoͤren Sie auf die Bitte Ihres alten Dieners.“ Ich konnte nicht. Aber ich ſchwor ihm, Johanna diesmal nicht mitzunehmen, weil dies natuͤr⸗ lich uns zu lange aufhielt, und nicht laͤnger, — — ols zwei Stunden zu verweilen. Wir jagten mit Courierpferden, auf Tod und Leben; Nachts zwoͤlf Uhr kamen wir an. Waͤhrend Martin die Pferde wechſeln ließ, und nach⸗ dem ich ihm nochmals meine Hand geben muͤſſen, in zwei Stunden beſtimmt wieder da zu ſeyn, eilte ich zu Johanna. Vor dem Hauſe hielt eine Wagenburg. Die ganze erſte Etage des Hauſes war hoch erleuchtet, eine praͤchtige Muſtk brauſte auf die Straße herab. Von den Umſtehenden erfuhr ich Julchens Verbindungsfeier. Mein Blick flog zu Jo⸗ hanna's Fenſter im dritten Stack, es wae das einzige erleuchtete. Was ſollte mir der Ball⸗ ſaal, was Borns mit ihrem graͤflichen Nim⸗ bus! Zu-Johanna wollte ich ja nur. Zwei Stunden waren mir vergoͤnnt. Keine Mi nute durfte ich verſaͤumen. Ich flog die Treppe hinauf. Kein Menſch aus dem Hauſe ge⸗ wahrte mich. Ich oͤffnete Johanna's Zimmer. Da liegt das reizende Maͤdchen halb entblößt auf dem Bette und ſchlummert; ſie mußte die f V,,. 2,8 9 He,,K,tre e, der Erinnerung jener zwei Goͤtterſtunden bebte ihm durch alle Nerven. ſen Augenblick erſt eingeſchlummert ſeyn, denn das Licht ſtand eben nur friſch geputzt auf der Kommode. Ich zitterte vor Freude, Johanna Jallein zu finden. Ich verriegelte die Thuͤr, um von keinem Menſchen mir meine Freude rauben zu laſſen, ich loͤſchte das Licht aus, um Johanna zu uͤberraſchen; ich naͤherte mich leiſe dem Lager. Ich kuͤßte das himmliſche Maͤdchen halb wach. Sie ſprach halb im Schlafe noch mir mir; ſie wollte auf einmal 8„ uſſchreien; aber da nannte ich ihr meinen Namen und bat ſie ruhig zu ſeyn, und 2 ſchwichtigte ſie mit Millionen Kuͤſſen und—“ Leß ſprang von der Bank auf; der Zauber „Ich mußte fort. Johanna wat er Gäpft Sie lispelte meinen Namen. Sie ſchlang ſich krampfhaft um meinen Hals, ſie ſchien mich nicht laſſen zu wollen. Aber ich mußte fort. Ich verpfaͤndete ihr mein Leben, in hoͤchſtens zwei Monden wieder hier zu ſeyn, um ſſ 4 dann mit mir zu nehmen. Sie antworie— mir nicht. Erſchoͤpft lag ſie und hielt mit mit„ ihrem weichen Arm meinen Kopf feſt um⸗ ſchlungen. Die nahe Thurmglocke Guf. Ich war gegen Martin zum Luͤgner gewordel— Sie ſchlug die dritte Stunde meines himm⸗&— liſchen Genuſſes. Ich wand mich leiſe aus dem Arm der Schlummernden, ich druͤckte den Scheidekuß ihr ſchweigend auf die ſuͤße Lippe und ging. Im Hauſe waren viele noch laut. Damit nicht irgend ein Dritter ſich in Johanna's Zimmer verliere, verſchloß ich es, und nahm den Schiuͤſſel zu mir; ich bringe ihn hier mit. Liefere ihn an Borns aus.“ „Jelz feich mich in den Wagen, und eilte mit meinem Martin nach London. Nachnmm ⸗ vor unſerer Einſchiffung ſchrieb ich an Jo⸗ hanna; allein ſie hat ſo wenig dieſen Brief, als die folgenden erhalten, die ich von London aus an ſie ſandte. Entweder ſie ſind von der Graͤfinn, der ich ſo etwas zutraue, unterſchla⸗ gen worden, oder bei dem geſtoͤrten Poſtenlauf 11* — 4164— verloren gegangen. Aus letzterer Urſache habe ich auch Johanna's Billet und Luiſens Brief nicht erhalten.“ „Unruhig, von Johanna auf alle meine Briefe keine Zeile Antwort bekommen zu koͤn⸗ nen, beeiligte ich die Arrangements meiner Geſchaͤfte, ſo viel als ich nur konnte, und fliege nun mit guͤnſtigem Winde und ſchnell⸗ fuͤßigen Poſtpferden dem ſuͤßen Ziele meiner Wuͤnſche entgegen. Ich will Johanna uͤber⸗ raſchen. Das Bornſche Haus eignet ſich zu Auftritten dieſer Art nicht, mein erſter Gang iſt zu Luiſe Wall; dieſe ſoll Johanna zu ſich kommen laſſen, dort wollen wir das Feſt des Wiederſehens feiern.“ „Nur eine Luiſe Wall gehoͤrt dazu, um die verwickelten Begebenheiten mit Delikateſſe und Schonung zu erzaͤhlen, die Johanna, meine unſchuldige Johanna, um Ehre und Ruf, um ihren Aufenthalt im Bornſchen Hauſe, und um die Ruhe ihres Lebens ge⸗ bracht hatten.“ — 165— „Ich benahm Luiſen den Irrthum, der ihr den armen Stewich ſo verhaßt gemacht hatte. Der junge Mann iſt, hoͤre ich, nach mir an Johanna's Thuͤre geweſen. Ein gluͤck⸗ licher Einfall von mir, daß ich das Zimmer verſchloſſen hatte. Ihr habt dem Menſchen bitter Unrecht gethan. Nehmt Eure Verwuͤn⸗ ſchungen zuruͤck. Gott ſey Dank, er hat kei⸗ nen Theil an den Wonneſtunden jener doppel⸗ ten Hochzeitnacht im Bornſchen Hauſe.“ „Nicht zwanzig Minuten verweilte ich laͤnger, als ich wußte, daß Johanna hier unter Deinem Schutze, in ſtiller Einſamkeit lebe.“ Johanna kam jetzt zuruͤck, und ſagte mit froͤhlicher Laune:„Eduard, ich bin fertig. Meine Sachen ſind ſchon alle im Wagen.“ „Nun, ſo laß uns fahren in Frieden, meine Johanna. Segne die Erde Deiner Vaͤter. Segne die, die Dir Gutes gethan haben. Jenſeit des Meeres ſoll die Weihe des Prieſters unſern Bund heiligen. Komm, — 166— meine Johanna, mein himmliſches Weib! Endlich biſt Du mein. Mein bis zum Tode.“ Er umſchlang die Holde und trug ſie in den Wagen. Sie druͤckte mir einen langen herz⸗ lichen Scheidekuß auf die Lippen. So innig, ſo hingebend hatte ich ſie gegen mich nie ge⸗ ſehen. Leß ſchied weinend von mir. Johanna uahm die Blume von ihrer Bruſt, die ich heute ſo oft um ihren Platz beneidet hatte.„Dieß, meiner einzigen Luiſe halb, und eine Haͤlfte Dir, meinem Freunde, meinem Bruder! Mein Leben gehoͤrt Euch. Ewig bleibe ich Eure Schuldnerinn. Lebe wohl, mein Bruder! Gott laſſe es Dir und Luiſen wohl gehen!“. Sechs flinke Poſtpferde ruͤckten an; der Wagen verlor ſich aus meinen Augen. Ich kehrte mit gebrochenem Herzen in meine Ein⸗ ſamkeit zuruͤck. Der Graf Geiersklau iſt vor dem Feinde geblieben. Born hat, um dem Enkel die — 167— Guͤter zu retten, des Schwiegerſohns ſaͤmmt⸗ liche Schulden bezahlen muͤſſen. Julchen iſt aus ihrer Sphaͤre getreten, und hat keine mweue gefunden. Sie lebt, wie ein Fiſch, den die Fluth auf den Sand geſchleudert hat. Die Graͤfinnen ſehen ſie uͤber die Achſel an, und die Maͤdchen und Frauen ihres ehema⸗ ligen Standes moͤgen ihr nicht den Hof machen. Sie iſt ſehr arm; denn ſi di e hat kei⸗ ne Freundinn. Dresden, gedruckt bei Carl Gottlob Gaͤrtner. 719½ 9 1 1,960,9,,eeVrenenegeeeeneeee — 9eennnrnneneeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee 4 Verzeichniß von vorzüglich neuen belletriſtiſchen Schriften, welche im Verlage der Hilſcherſchen Buͤchhandlung in Dresden erſchienen ſind. Baumgarten⸗Cruſius, C., Reiſe aus dem Herzen in das Herz. 2 Theile. 1 Rthlr. 16 gl.. Das angekündigte Werk des Verfaſſers der unſicht⸗ baren Kirche, iedt unter der Form einer in Baiefen abgefaßten Reiſebeſchreibung, die von Genf üder Tu⸗ rin, ailand, Florenz, Venedig, Trieſt, Wien nach Dresden führt, nicht ſowohl Darſtellung bekannter Lo⸗ calitäten, als Bemerkungen über den aͤußern und in⸗ nern Menſchen, durch Art zund Zeit verſchieden, und doch derſelhen nur in dem Romane, der ſich durch die Neiſe durchſchlingt, die Geſchichte der Kämpfe des Le⸗ bens, die aus den edelſten Kraften, des Geiſtes und der ausgezeichneſten Bildung am gefährlichſten hervor⸗ ehn. aber durch die religiöͤſe Richtung des Gemüths dcher zum ſchönen Herzensfrieden gedeihen. Meine Ausflucht in die Welt. Eine Erzählung von H. Clauren. Zwey Bändchen⸗ Pr. 2 Thlr. Der Verfaſſer iſt den gebildeten Ständen der heu⸗ tigen Leſewelt, längſt als einer der beliebteſten Schrift⸗ ſteller im belletriſtiſchen Fache bekannt; es bedarf da⸗ her bey der Anzeige obigen Werkes einer weitläufti⸗ en Empfehlung. Auch hier, wie in den mehreſten ſei⸗ ner literariſchen Erzeugniſſe. hat er ſeine tiefe Men⸗ ſchen⸗ und Weltkenntniß, den Reichthum ſeines vielſei⸗ tigen Wiſſens, und die Gediegenheit ſeiner Lebensgn⸗ ſichten, gar mannichfaltig entiwickelt, und das Gofaͤl⸗ lige ſeiner Sprache, die Eigenthümlichkeit ſeiner Vor⸗ ſtellungen, und die Gemüthlichkeit ſeiner unerſchöpfli⸗ chen Launen, geben auch dieſem Buche d de, was ſeiner Nimili z. B. in allen Bücherſammlun⸗ gen, das Bürgerrecht erworben hat. Clauren, H., Erzählungen. 5 Bände. à 20 gl. Glauren, H., Mimili. Eine Erzählung. 3te Auflage. Mit Mimilis Bildniß nach der Natur gemalt von Wocher, und geſtochen von Bolt à 18 gl. Drei Tage zu Pferde. Erzählung von F. Laun. Die reiche Ader von Witz und heiterer Laune, wel⸗ e die romantiſchen Darſtellungen, dieſes geiſtreichen und gewandten Erzahlers ſo erfreutich belebt, zeichnet auch dieſe Erzählung aus, welche durch glückliche Er⸗ findung und an iehende Si ne ng bi zu Ende feſſalt. 5 ““ 2