4 8 8 tE 103 7—V—⸗———— Leihbibliothek J deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 eih- und Jgeſebedingungen. 1 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ I pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —¹den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent gegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Ihinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. · 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: )— 153———.— — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 9„ 3„.„—„ 3„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 2— defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ] Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Na ſane erſ. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird —beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen l der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.* M,l Dtℳ Viertes Baͤndchen. 4 Dresden, bei Paul Gottlob Hilſcher 19 1 g. —————— r Der holkaͤndtſche Jude. Eine wahre Geſchichte. Der Rath Burdach hatte, durch die politi⸗ ſchen Conjunkturen des Vaterlandes, ſeine lan⸗ desherrliche Stelle verloren. Er ging in das Ausland und ſuchte Dienſte; er ſchrieb an alle Freunde, Goͤnner und Verwandte. Alles ſchlug ihm fehl. Jeder bedauerte den armen Mann, jeder erkannte ſeine Brauchbarkeit; keiner half. Zwei Jahre lang hatte er ſo zwiſchen Hoff⸗ nungen und Taͤuſchungen gelebt. Nur ein Ungluͤcklicher kennt den verzweiflungsvollen Schmerz einer ſolchen Lage. Seine wenigen Habfeligkeiten waren verkauft; die Kleider, die Waͤſche ſeiner liebenswuͤrdigen Gattinn, wan⸗ derten nach und nach, in die Buden der Troͤdel⸗ 1 ſuden; jetzt ſollten auch die Betten auf dieſen ungluͤcklichen Weg! Irdes wollte ſein Bette zuerſt Preis geben, und, aus Liebe zum an⸗ dern, auf dem Stroh ſchlafen. Hannchen, das achtjaͤhrige einzige Kind der beiden ungluͤcklichen Eltern, hoͤrte den ruͤhren⸗ den Wettſtreit. Mit Thraͤnen im blauen Au⸗ ge, ſchmiegte es ſich an den Vater.„Nimm mein Bettchen zuerſt, Vaͤterchen,“ ſagte das liebliche Kind,„ich will gern auf der Erde ſchlafen.“ „So weit, ſo weit iſt es mit uns gekom⸗ men!“ rief der erſchuͤtterte Vater, und warf den hoffnungsloſen Blick in den dunkeln Himmel. Hannchen ſchlief wechſelsweiſe bei Vater und Mutter, und ihr feines Bettchen friſtete den Eltern drei Monate das traurige Leben. Burdach war ein geuͤbter Geſchaͤftsmann, aber er hatte keine weitere Talente: er ſchrieb eine ſchlechte Hand, und hatte keine Empfeh⸗ lungen. 4 Haͤtte man ſeinen Fleiß, ſeine Treue, ſeine vielſeitigen Kenntniſſe, ſein richtiges Gefuͤhl, ſeine hohe, faſt uͤberſpannte Delikateſſe gekannt, gewiß, er haͤtte irgendwo ſein Brod gefunden; aber ſo blieb man am Aeußern haͤngen, und, trug er ſich als Lehrer, Sekretaͤr, Rechnungs⸗ fuͤhrer, Buchhalter an, ſo zuckte man die Ach⸗ ſeln, und ließ den Suchenden ſtehen. Die Naͤthin wollte Unterricht in weiblichen Arbeiten geben, aber in das aͤrmliche enge Lo⸗ gis, wo das einzige kleine Stuͤbchen, Speiſe⸗, Wohn⸗ und Schlafzimmer war, ſchickte kein Menſch ſeine Kinder hin. Sie arbeitete end⸗ lich fuͤr die Leute, und er hatte endlich das Gluͤck, drei Familien zu finden, deren kleine Kinder er im Leſen und Schreiben unter⸗ richtete. So lebten ſie kuͤmmerlich und ſtill. Sie aßen kein Fleiſch, und tranken kein Bier. Sie gingen zu Hauſe baarfuß, um Struͤmpfe und Schuhe zu ſparen. 1* Burdach hatte ſo gern Taback geraucht. Pfeifen und aller Tabacksapparat waren laͤngſt verkauft. Er ſagte oft recht wehmuͤthig: „wenn ich nur alle Woche eine, nur eine ein⸗ zige Pfeife rauchen koͤnnte. Es iſt unbeſchreib⸗ lich, was die Macht der Gewohnheit thut. Wenn ich zuweilen fruͤh in das Haus eines Wohlhabenden trete, und der Wohlgeruch der Morgenpfeife des Hausherrn mir entgegen duftet, ach Kinder, Ihr glaubt nicht, welche unnennbare Sehnſucht mich da uͤberfaͤllt. Nur des Sonntags fruͤh moͤchte ich eine ſolche Pfei⸗ fe rauchen. Nur eine einzige.“ Die arme Raͤthin prieß dann den Kaffee. „Lieber Gott,“ ſagte ſie und ſetzte die friſchen Lippen an das Waſſerglas,„wie es ſonſt doch ſo huͤbſch war. Des Sonntags Morgens ſa⸗ ßen wir beiſammen, Du mit Deinem Pfeif⸗ chen; da klimperten die Kaffeetaſſen, der brau⸗ ne aromatiſche Trank, die dicke, praͤchtige Sa⸗ ne; ach nur ein einziges recht ſchoͤnes Taͤßchen Kaffee moͤchte ich einmal trinken.“ „Muͤtterchen,“ hob Hannchen ſanft an, und legte das trockne Brodrindchen weg, an dem es eben gekau't hatte,„Muͤtterchen ließ dann Kaffeekuchen holen. Ach, ich ſehe noch die ſchmalen langen Streiſchen; oben Zucker und ganz kleine Mandelwuͤrfelchen darauf ge⸗ ſtreut; die ſchmeckten! Muͤtterchen, kannſt Du nicht ein einziges Mal wieder ſolchen Kuchen holen laſſen? nur ein allereinziges Mal?“ Jedes Wort zerſchnitt dem Vater das Herz. Jahre lang hatten Gattin und Kind mit ihm gehungert, hatten alle Freuden des Lebens, alle Bequemlichkeiten, alle Beduͤrfniſſe, ſeinem Ge⸗ ſchick geopfert, und noch ſah er keine Ausſicht, den Seinen, die er namenlos liebte, ein beſſe⸗ res Loos zu geben. Der Unmuth uͤberwaͤltigte ihn; das Waſſer ſchoß ihm in die Augen, er wandte ſich weg, da eilte Hannchen auf ihn zu, kuͤßte ſeine Hand, und ſagte mit engliſcher Gutmuͤthigkeit:„Vaͤterchen, weine nicht, ich will ja keinen Kuchen haben, ich habe nur geſpaßt. Sieh, mein Brodrindchen ſchmeck⸗ — 6— mir eben ſo gut. Sey wieder vergnuͤgt, mein Vaͤterchen. Wir ſind ja alle noch beiſammen.“ Burdach hob ſein Kind an die ſtillweinen⸗ de Bruſt. Dle Mutter ſchlang ſich in tiefer Ruͤhrung um beide.„Nein,“ rief Burdach, „das Schickſal hat mich nicht ungluͤcklich ge⸗ macht. Jettchen! Unſer Kind lebt ja noch, Du meine Jette, meine einzige Jette liegſt ja noch in meinen Armen. Guter, guter Gott, erhalte mir meinen Muth!“ Als die Aeltern allein waren, lehnte ſich die Raͤthin an des Gatten Bruſt und ſagte freundlich:„Morgen iſt Hannchens Geburts⸗ tag.“ „Morgen, den Sonntag?“ „Ja ja, da wird das kleine Ding ſchon acht Jahre!— Ich habe das weiße Kleid, das ich fuͤr Fraͤulein Koswig ſtickte, recht gut bezahlt bekommen, darf ich fuͤr Hannchen wohl ein Schuͤrzchen kaufen? Das arme kleine Ding hat ſchon zwei Geburtstage und zwei Weihnachten nichts bekommen. So ein Schuͤrzchen wuͤrde ihr recht viel Freude ma⸗ chen.“ „Ja Frauchen, mache dem Kinde, mache Dir die Freude und laß auch ſolchen Mandel⸗ kuchen holen!“ „Mein guter, lieber Mann.“ „Und mache Dir auch ein Feſt! Mache Dir einen recht ſchoͤnen Kaffee.“ „Ach Mann, ich ſcherzte nur; wir eſſen einmal kein Abendbrod beide, da iſt der Ku⸗ chen erſpart.“ „Himmliſche, himmliſche Seele! Ach Gott, Gott, daß Du Engel vom Weibe mit mir lei⸗ den mußt!“ „Leide ich denn, Mann! wir ſind ja ge⸗ ſund! und Du und Hannchen, Ihr beide lebt ja noch.“ Burdach umſchlang das holde Weib. Er war heute weicher, als je.„Ich habe hier noch ein ſilbernes Hemdeknoͤpfchen vom ſeligen Vater; laß mich gehen und es verkaufen, und Hann⸗ chen eine Freude damit machen. Ich werde etwas ſpaͤt wieder kommen, ſey darum nicht aͤngſtlich.“ Die Raͤthin umarmte ihn dankbar. Er ging nach**xex, einem von ſeinem Wohnorte eine kleine Meile entfernten Geſund⸗ brunnen. Dort hielt ſich die Badezeit uͤber ein Troͤdeljude auf; dem wollte er das Hemde⸗ knoͤpfchen, bei Gelegenheit ſeines Spatziergan⸗ ges, verkaufen, und ſeinem Hannchen ein klei⸗ nes Geburtstags⸗Angebinde mitbringen. Der Brunnen war dieſen Sommer ſehr beſucht. Aus allen Laͤndern waren Fremde herbeigeſtroͤmt. Burdach fuͤhlte ſich auf der⸗ eleganten Promenade nicht gemuͤthlich. Dem Armen, ein geliebtes Weib und Kind zu Hau⸗ ſe, die darben muͤſſen, thut es nicht wohl, un⸗ ter reichen Umgebungen ſich zu befinden.„Der tauſendſte Theil von dem, was ihr uͤppigen Menſchen heute verpraßt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„reichte hin, um mich und die Meinen ein Jahr lang zu ernaͤhren.“ Der Unmuth uͤbermannte ihn. Als er aber die dickgeſchwol⸗ lenen Beine der reichen Podagriſten ſah, als er den Keuchhuſten der ſchwindſuͤchtigen vor⸗ nehmen Damen hoͤrte, als er die bleichen Wan⸗ gen der umherſchleichenden Kinder ſo vieler Großen bemerkte; da dachte er an ſich, an ſein geſundes Weib, an ſein bluͤhendes Hannchen, und ward heiterer. Er verlor ſich in die Parthien des nahe am Bade befindlichen engliſchen Parks; hier war es ſtiller; hier gefiel es ihm beſſer. Am See ſtand unter einem dunkelſchattigen Kaſta⸗ nienbaum ein Gartenſopha; hier ſetzte er ſich nieder, und weidete ſeine Augen an der reizen⸗ den Gegend, an den herrlichen Anlagen. Ihm gegen uͤber, auf der Inſel am Seo, erblickte er in der Ferne einen Mann, der mit ſeiner Gattin ſich in das Gras gelagert hatte. Ihr Kind, ein Knabe von ungefaͤhr 6 bis 7 Jah⸗ ren, ſtand im Kahne, auf dem ſie zur Inſel gefahren waren, und ſchaukelte ſich. Burdach war in ſich gekehrt und recht ru⸗ hig. Morgen wollte er mit ſeiner Gattin und Hannchen auch hergehen und auf die Inſel —— — 10— fahren, und dort ſeinen Nachmittag in ſchoͤner, freundlicher Stille verleben. Da traf ſein Ohr das Schreckensgeſchrei der ungluͤcklichen Aeltern von der Inſel her⸗ uͤber. Sein Blick flog auf, zum See. Da hob ſich ein Kindeskopf aus den Wellen. Die Aeltern ſtanden am Ufer, und rangen die Haͤn⸗ de. Das Kind ſtreckte beide Haͤndchen aus dem Waſſer empor und fank unter. Burdach ſprang mit Einem Satz in den See. Er ſchwamm wie ein Aal. „Mein halbes Vermoͤgen,“ ſchrie der Va⸗ ter vom Ufer der Inſel heruͤber,„wenn Sie mein Kind retten!“ Burdach hoͤrte nichts von der Belohnungsverſicherung, er ſah nicht die zagende Mutter. Er kaͤmpfte nur mit den Fluten. Er erreichte das Kind. Er brachte es zur Inſel und legte es auf den bluͤhenden Raſen. Der Knabe ſchlug die Augen auf. Er lebte. Vater und Mutter umklammerten bald das Kind, bald den Retter. Die ſchoͤne ſchlan⸗ ke Frau kuͤßte dem edlen Burdach den Mund, — 11— die Hand. Der Vater lag vor ihm auf den Knieen. Der Knabe ſieng wieder an zu ſpre⸗ chen. Er bekam wieder Farbe und laͤchelte in die Thraͤnen ſeiner freudetrunkenen Mutter. Burdach war tief erſchuͤttert. Auch ihm preßte die Freude das Waſſer in die Augen. Die Aeltern kuͤßten ſich ſchweigend. Sie hoben ihr Kind in ihre Mitte. Sie ſchloſſen den fremden naſſen Burdach in ihren heiligen Kreis. Jetzt fand die Zunge, die vor Schreck und Freude gelaͤhmt geweſen war, die Sprache wie⸗ der.„Herr, Mann vom Hlmmel geſandt,“ hob der Gluͤckliche an, womit kann ich Ihnen wieder eine Freude machen? Sprechen Sie, Herr, entledigen Sie mich einer Laſt, die mir recht ſchwer auf dem Herzen liegt!“ Burdach ſah eine Pfeife an dem Stamme des naͤchſten Baumes angelehnt.„Laſſen Sie mich eine Pfeife Taback rauchen,“ ſagte er mit Lierigem Heißhunger,„nur eine allerein⸗ zige Pfeife.“ „Tauſend fuͤr eine,“ antwortete der gluͤck⸗ liche Vater; er ſtopfte die praͤchtige, mit Sil⸗ ber beſchlagene Pfeife ſelbſt. Der Meerſchaum⸗ kopf war ſeine dreißig Dukaten werth. Die Mutter, die ſehr huͤbſche Mutter, holte das Feuerzeug. Burdach that ſeit Jahren den er⸗ ſten Zug: er blies den blauen Wolkendampf in die Luft.„Ein aͤchter hollaͤndiſcher Knaſter,“ rief er mit unbeſchreiblichem Entzuͤcken. Ein Feuerwerk fuͤr eine Million Thaler konnte 100,000 Zuſchauer nicht gluͤcklicher machen, als ihn die runden luſtigen Ringel, in denen der Knaſterdampf vor ihm hergaukelte. „Koͤnnte deine Jette dich doch nur einen Augenblick mit der Pfeife ſehen,“ dachte er, und blickte uͤber den See, ob ſie nicht mit Hannchen kaͤme, aber es kam niemand. Er war ſehr heiter, ſehr gluͤcklich. Als ſeine und des kleinen Geretteten Klei⸗ der getrocknet waren, machte man ſich zur Nuͤckfahrt bereit. Noch ehe die Aeltern die Inſel verließen, umſchlang der Gatte ſein lieb⸗ liches Weib. Beide gingen in tiefer Ruͤhrung, den Kleinen in der Mitte, zu Burdach. „Merke Dir,“ ſagte der Vater mit inni⸗ gem Gefuͤhl,„den Mann! Seinen Kindern und Kindeskindern ſey dankbarer Freund! Herr, Sie haben mehr gethan, als wir ver⸗ gelten koͤnnen. Nehmen Sie zum Andenken an dieſe Stunde dieſe Pfeife. Meine Sara hier ſchenkte ſie mir, als mir mein Sohn ge⸗ boren wurde.“ Ein mehreres wagte der Dankbare nicht, dem edlen Burdach in dieſem Augenblicke an⸗ zubieten. Burdach ſiel dem Manne um den Hals. Er hatte ihm ein Koͤnigreich geſchenkt. Man fuhr zuruͤck. Burdach mußte mit den gluͤcklichen Aeltern in ihre Wohnung. Ob ſie gleich hier fremd waren, ſo bemerkte doch Bur⸗ dach an allen Umgebungen den ſichtbarſten Wohlſtand. Jetzt erſt erfuhr er, daß ſein froͤhlicher Wirth ein hollaͤndiſcher Jude ſey. Sprache und Kleidung haͤtten es ihm nie ver⸗ — 14— rathen. Der Mann hatte ſeine Geſchaͤfte nie⸗ dergelegt, hatte ſein ganzes Vermoͤgen, politi⸗ ſcher Differenzen wegen, im Stich laſſen muͤſ⸗ ſen, und lebte jetzt, wie er, mit einem Seiten⸗ blick auf Sara, laͤchelnd ſagte, von kleinen Unternehmungen. Bei Tiſche trank man den aͤlteſten Rheinwein. Nach dem Eſſen ſagte Herr van der Huyſen, er muͤſſe noch einen Gang in Geſellſchaft gehen, Burdach ſolle ihn begleiten. Dieſer entſchuldigte ſich mit ſeinem Anzuge. Sein Kleid war aͤrmlich und zum Theil noch nicht ganz trocken.„O, dafuͤr iſt Rath,“ ſagte van der Huyſen, und fuͤhrte Bur⸗ dach in ein Nebenzimmer; hier mußte er ſich umkleiden. Burdach und der Hollaͤnder hat⸗ ten ziemlich Eine Figur. In wenigen Minu⸗ ten ſtand Burdach verwandelt da. Die feinſte hollaͤndiſche Waͤſche, das feinſte hollaͤndiſche Tuch machten ihn zum Manne nach den neue⸗ ſten eleganteſten Geſchmack gekleidet. Die freundliche Hollaͤnderin fuͤllte ihm einen aͤu⸗ ßerſt elegant geſtrickten Tabacksbeutel mit dem — 15— 10 hochberuͤhmten Knaſter, und ſo gingen Bur⸗ dach und der Hollaͤnder fort. Wo Burdach geweſen war, darf ich noch nicht verrathen. Er flog mehr als er ging, Abends nach 10 Uhr zu Hauſe. Frau und Kind ſchliefen ſchon. Ihn fand der Morgen noch wach. Er ſtieg ſehr zeitig auf, und als die Raͤthin mit Hannchen auf⸗ ſtanden, uͤberraſchte er ſie mit einem koͤſtli⸗ chen Fruͤhſtuͤck. Die Aufwaͤrterin brachte ein praͤchtiges Kaffeeſervice herein, die goldenen Porzellaintaſſen klirrten, die kleine ſilberne Kaffeekanne dampfte, das kryſtallene Toͤpfchen enthielt die fetteſte Sane. Auf einer porzel⸗ lainenen Schuͤſſel prangte eine ſuͤße Mandel⸗ torte, auf deren Zuckerguſſe die ſchoͤnſten ein⸗ gemachten Fruͤchte, Hannchen zu Ehren, ein zierliches H bildete. Hannchen und die Mutter trauten ihren Augen nicht. Burdach, in ſeinem neuen, fei⸗ nen Ueberrocke, die blitzende Pfeife im Munde, — 16— war, im Ambranebel ſeines hollaͤndiſchen Kna⸗ ſters, das lebendige Bild der hoͤchſten Gluͤck⸗ ſeligkeit. Er ſchenkte den wuͤrzigen levanteſchen Kaffee ein, er warf, aus dem zierlich gearbei⸗ teten Silberkoͤrbchen, ganze Felsſtuͤcke von dem feinſten Zucker in die blanken Taſſen; er zer⸗ ſchnitt die elaſtiſche, feuchte, wollige Torte; er kuͤßte Weib und Kind, und die hellen Thraͤnen ſchoſſen dem Gluͤcklichen aus den Augen. „Mann,“ rief die Raͤthin,„was iſt das? Das kannſt Du von dem Hemdeknoͤpfchen nicht alles haben!“ Der Rath zeigte das Knoͤpfchen, es war noch unverſehrt in ſeiner Taſche. „Nun aber ſag', wie biſt Du zu dem allen gekommen? ich bin ſo ſonderbar bewegt, ich weiß nicht, ob ich mich daruͤber freuen darf. Mann— Du,“ ſie ſchlang ſich herzlich um den Gatten, und lispelte ihm aͤngſtlich in das Ohr,„Mann, lieber Mann, Du haſt doch keine Thorheit, oder—— noch etwas Schlim⸗ meres begangen?“ . 17 Burdach erzaͤhlte ſeinen geſtrigen Nachmit⸗ tag, und brachte die Bitte der Hollaͤnderin mit, daß ſeine Gattin mit Hannchen heraus Wi kommen ſollten. Wie er zu dem eleganten Fruͤhſtuͤcksapparat eigentlich gelangt ſey, uͤber⸗ ſprang er. Die Raͤthin hielt es fuͤr ein Praͤ⸗ ſent des Hollaͤnders. Sie kannte die Offen⸗ heit ihres Mannes, ſie vermuthere, daß er im Erguß des aufgeſchloſſenen Herzens, ſeine Lage und die Wuͤnſche der armen Gattin und ſeines Hannchens erzaͤhlt haͤtte, und fuͤr den reichen Hollaͤnder war die Erfreuung des Retters ſei⸗ nes Kindes mit einem porzellainenen Dejeunee und mit einer Torte ja nicht ſo etwas uͤber⸗ ſpannt Großes. Aber als die Modehaͤndlerin nach einer Stunde kam, und fuͤr die Raͤthin und Hann⸗ chen, auf Befehl eines fremden Herrn, zwei vollſtaͤndige aͤußerſt geſchmackvolle Anzuͤge brach⸗ te, als der Damenſchuhmacher, auf Befehl ei⸗ nes fremden Herrn, einen ganzen Kaſten mit Schuhen zum Ausſuchen ſandte, und als der 8 chen, war ihm das Dringendſte. — 18— Troͤdeljude, Hannchens Bettchen, auch auf Be⸗ fehl eines fremden Herrn, zuruͤckſandte, da glaubten beide, und ſelbſt Burdach, im Feen⸗ lande zu ſeyn. Das Dejeuner und die Torte waren Bur⸗ dachs Werk: das uͤbrige hatte der edle Jude beſorgt. Er hatte ſich dieſen Morgen nach Burdachs Umſtaͤnden in der Stadt erkundigt. Er hatte geſtern dem Retter ſeines Kindes nichts aufdringen koͤnnen, als die Pfeife, den Beutel, und die Kleidung, die er ihm eigent⸗ lich nur zu leihen Willens geweſen war, und die er ihn, als Burdach ſie einmal an hatte und ſie ihm ſo gut ſtand, bat, als Scherz zu behalten, um ſeine Gattin als Fremder zu uͤberraſchen. Jetzt erfuhr er des ehrlichen Burdachs traurige Lage. Er hoͤrte von Burdachs zarter Liebe zu Gattin und Kind. Dieſen zuerſt, dieſen vor allen Dingen eine Freude zu ma⸗ — 2ͤ— Mittags ließ Burdach aus dem beſten Spei⸗ ſehauſe ein recht reichliches Diner holen: eine Flaſche Burgunder, Jettchens Lieblingswein, wuͤrzte das Mahl. Und als ſie den letzten Biſſen im Munde hatten, raſſelte ein netter Miethswagen vor die Thuͤre, um die Gluͤck⸗ lichen nach dem Brunnen zu fahren. Die Raͤthin hielt Mittagsmahl und Wagen fuͤr des Hollaͤnders Veranſtaltung, und ſie genoß dankbar. Burdach ließ ſie in dem Glauben. Hann⸗ chen kuͤßte den Wagen. Sie war ſeit zwei Jahren nicht gefahren. Ihr neues Kleidchen ſtand ihr wie angegoſſen. Die Naͤthin kannte keiner; ſo reizend bluͤhte das vor Freuden ver⸗ klaͤrte Geſicht der jungen huͤbſchen Frau, unter dem Schleier von brabanter Kanten, den die Modehaͤndlerin vom Hollaͤnder erhalten hatte, um ihn dem uͤberſandten Anzuge mit beizu⸗ fuͤgen. Der Empfang bei van der Huyſens war herzlich. Die Raͤthin wollte danken. Der 2* — 20— Hollaͤnder bat, zu ſchweigen.„Wir ſind Ihre Schuldner,“ ſagte der ehrliche Mann,„wir werden es ewig bleiben; ſprechen Sie nie wie⸗ der von Dank! Sie beſchaͤmen, Sie aͤngſti⸗ gen mich. Ohne Ihren Mann laͤge heute un⸗ ſer einziges Kind auf der Bahre, mein Benja⸗ min auf der Bahre! Das große Gluͤck, das uns Ihr Gatte ſchuf, wiegen ja tauſend ſolche kleine Freuden nicht auf, deren ich mir die unbedeutendſten Ihnen zu bereiten, heute er⸗ laubte.“ Die beiden Frauen wurden bald naͤher be⸗ kannter. Eine war der andern werth. Sie ſchloſſen ſich recht herzlich an einander. Ben⸗ jamin ſpielte mit Hannchen ſo vertraut, als ob ſie ſich ſeit Anbeginn ihres kleinen Lebens ge⸗ kannt haͤtten. Man fuhr gemeinſchaftlich nach der beruͤch⸗ tigten Inſel. Der gerettete Kleine nahm un⸗ willkuͤhrlich Burdachs Hand, druͤckte ſie auf der Todesſtelle ſchweigend an ſeine Lippen, und barg dann ſein Geſicht im Schooß der lieben⸗ — 21 den Mutter. Dieſer natuͤrliche ſchoͤne Zug des fuͤhlenden Kindes ſtimmte den kleinen Zirkel weich: es gehoͤrte eine lange Zeit dazu, ehe man wieder voͤllig heiter ward. Die Geſellſchaft hatte Holz und Kaffee ſammt Zubehör mit auf die Inſel genommen. Man machte Feuer und kochte ſich Henriettens Goͤttertrank ſelbſt. Die arme kleine Raͤthin wurde uͤber ihren großen Hang zum Kaffee recht tuͤchtig mitgenommen: aber ſie ließ ſich nicht ſtoͤren; ſie trank mit unbeſchreiblichem Wohlbehagen, und zog dafuͤr auf das Tabacks⸗ qualmen der Maͤnner los. Noch auf der Inſel beſchenkte die junge Hollaͤnderin, die Raͤthin mit einem praͤchtigen Juwelenhalsbande, und Benjamin bat Hann⸗ chen, ſeine kleine mit Diamanten beſetzte Uhr anzunehmen. Gegen Abend fuhr man in van der Huyſens Wohnung zuruͤck, wo ein ſehr reichliches Abendbrod bereit ſtand. Nach dem Eſſen ging der Hollaͤnder wieder mit Burdach auf ein Stuͤndchen weg. Als Burdachs in die Stadt zuruͤckfuhren, frug die Raͤthin ihren Mann, wo er geweſen ſey.„In Geſellſchaft“ antwortete der Rath etwas verlegen. Auch Madame van der Huy⸗ ſen hatte ſie gefragt, wo die Maͤnner hinge⸗ gangen waͤren; und auch dieſe hatte geantwor⸗ tet,„in Geſellſchaft“ und dabei die Augen nie⸗ dergeſchlagen. Sie ward aͤngſtlich, weil ihr offener Mann ſonſt keinen Schritt ohne ihr Wiſſen that, und ihr von jedem Zirkel, in dem er ſonſt geweſen war, ein langes und breites erzaͤhlte, und jetzt ſpielte er auf einmal den Heimlichen. Doch ſchwieg ſie, weil ſie merkte, daß er das Geſpraͤch von der geſtrigen Abend⸗ geſellſchaft abſichtlich abbrach. Den folgenden Morgen ging Burdach fruͤh⸗ zeitig aus, und kam Mittags mit der erfreu⸗ lichen Nachricht wieder, daß er ein beſſeres Logis am Markte gemiethet habe: Es ſey alles zum Einziehen ſchon bereit. Er brachte gleich Traͤger mit, um die wenigen Habſeligkeiten in das neue Logis zu ſchaffen. — g2— — ——O⏑—B—B—Z—ꝛ—x—ꝛ—ꝛꝛꝛ— — Die Raͤthin war uͤber den Wechſel der Dinge erſtaunt. Die Gegenwart der Traͤger hinderte ſie, mit ihrem Manne zu ſprechen. Sie folgte und trat in ein allerliebſtes, ſehr bequemes Logis. Zwei Zimmer waren ganz neu meublirt. Die ſchnelle Verwandlung ihrer Lage machte ihr die Wohnung zum Feenpalaſt. Die alte Lohnfrau, die fuͤr ein geringes Wo⸗ chenlohn nur taͤglich einmal gekommen war, um die groͤbern haͤuslichen Verrichtungen zu beſorgen, war abgedankt; eine Koͤchin und ein Stubenmaͤdchen, die Burdach gemiethet hatte, meldeten ſich bei der Raͤthin, um ihre Dienſte anzutreten.— Die Raͤthin bat ihren Mann um Aufſchluß. Er antwortete laͤchelnd:„van der Huyſen ward mein Engel. Er hat mich heute wieder zu ſich gebeten, ich werde bald wieder zuruͤckkommen.“ Er kam erſt nach 12 Uhr des Nachts zu Hau⸗ ſe; ſo vergnuͤgt als dieſen Abend, hatte die Raͤthin ihren Mann faſt nie geſehen. Den folgenden Morgen beſorgte der Nath ein ſehr ſchoͤnes Fortepiano fuͤr Hannchen: er nahm Maͤtres im Unterrichte fuͤr Muſik, Zeich⸗ nen, franzoͤſiſche Sprache und die uͤbrigen Ge⸗ genſtaͤnde des Wiſſenſchaftlichen an: er ver⸗ ſorgte Kuͤche und Keller mit den noͤthigſten Beduͤrfniſſen; er kaufte das Erforderliche an Waͤſche und Kleidungsſtuͤcken fuͤr ſich und ſeine Familie, und ſo war er in noch nicht dreimal vier und zwanzig Srunden wieder in der ehe⸗ maligen Lage ſeines Hausweſens, aus der ihn das boͤſe Geſchick ſeines Vaterlandes vor zwei Jahren vertrieben hatte.„Mann“, ſagte die Raͤthin, und hing ſich ahndungsvoll an ſeinen Hals,„nur einen Augenblick ſteh mir Rede! Was iſt das alles ſeit vorgeſtern? wo haſt Du all' das Geld her zu dieſen Umwandlungen? Wir ſtanden am Rande der Verzweiflung? und jetzt— Du kannſt doch die Wiedergeburt un⸗ ſeres Wohlſtandes mit——— ehrlichen Augen anſehen?“ „Jettchen, was denkſt Du von mir?“ frug Burdach mit ungewiſſer Stimme. Du ſollſt alles wiſſen, meine Jette! Ich will Dir alles erzaͤhlen: nur jetzt— der Hollaͤnder wartet auf mich, ich ſoll ihn heute beſuchen; es iſt ſchon fuͤnf Uhr. Willſt Du mit, Jettchen, ſo laß ich einen Wagen holen; ſonſt gehe ich zu Fuße.“ „Geh, Burdach! aber morgen! nicht wahr, morgen ſagſt Du mir alles?“. „Du ſollſt alles wiſſen,“ antwortete der anißvolle und ging. Er kam ſpaͤt wie⸗ der. e Laune war ausgelaſſen luſtig. Seine Gattin lag ſchon im Bette: aber ſie war noch wach. „Du machſt mich bange, Burdach. Ich kann meines Gluͤcks nicht froh werden. Ich werde mich in meine ruhige Armuth zuruͤck wuͤnſchen, wenn Du mir nicht bald das quaͤ⸗ lende Raͤthſel loͤſeſt. Sprich, ich bitte Dich um Gotteswillen, was treibſt Du mit dem Hollaͤnder?“ 9 „Jettchen ſey ruhig! Laß Deinen Glauben an mich unerſchuͤttert. Ich kann es Dir jetz noch nicht ſagen. Jetzt noch nicht. Aber Du ſollſt zu ſeiner Zeit alles erfahren.“ Er kuͤßte die Gewiſſenhafte auf die Purpurlippen, und wuͤnſchte ihr eine gute Nacht. Die Raͤthin that faſt kein Auge zu. Sie mußte Aufſchluß haben. In den bangſten Au⸗ genblicken ihres vorigen Kummerlebens hatte ſie ſich nie ſo niedergedruͤckt gefuͤhlt, als jetzt. Ihr jetziger Wohlſtand ward ihr ſo eine uner⸗ traͤgliche Laſt. Sie wagte nicht zu denken, was ſie im Geheimen ihres Innern fuͤrchtete. Vor Kurzem hatte ſie von einem Manne ge⸗ hoͤrt, der ſich durch ſeine falſche Banknoten⸗ Fabrik ein fuͤrſtliches Vermoͤgen erworben hat⸗ te. Faſt in ein aͤhnliches Gewerbe vermuthate ſie jetzt ihren Mann verwickelt. Der Schlaf floh ihr Lager. Das Bette brannte wie Neſ⸗ ſeln unter ihr. Zu dem Aufwande, den er in dieſen drei Tagen beſtritten hatte, mußte er baares Geld, viel baares Geld gehabt haben; denn auf Credit borgte dem faſt ganz Unbe⸗ kannten, kein Menſch in der Stadt einen Schemmel, geſchweige denn die Trimeaux und alle die Herrlichkeiten, mit denen ihr Haus jetzt uͤberfuͤllt war. Sie ſtand leiſe auf, ging in das Wohnzimmer, ſchlug ſich Licht an, und durchſuchte die Taſchen des Rocks, den ihr Mann dieſen Abend angehabt hatte. Sie zit⸗ terte bei dieſem ungewohnten Geſchaͤft. Aber ſie erbebte, als ein ſchwerer Geldbeutel ihr in die Haͤnde ſiel. Die Weſten, die Beinkleider⸗ taſchen und— das Schnupftuch waren mit Dukaten gefuͤllt. So viel Gold hatte ſie nie beifammen geſehen! Sie eilte zu dem Schran⸗ ke, in dem Burdach ſeine Briefſchaften ver⸗ wahrte. Sie hatten beide einen gemeinſchaft⸗ lichen Schluͤſſel zu dem Schranke, weil ſie ihre Rechnungen und ihre feinſten Arbeiten bisher darin mit aufzubewahren gewohnt geweſen war. Sie hoffte, Papiere vielleicht zu ſinden, die ihr Aufſchluß geben koͤnnten. Gott— vielleicht falſche Banknoten. Sie ſuchte ver⸗ geblich, aber im Winkel des Fachs ſtand ein leinener Beutel, den ſie mit Einer Hand nicht erheben konnte!— War der Hollaͤnder ein falſcher Muͤnzer?— Doch die Dukaten hat⸗ ten verſchiedenes Gepraͤge, und waren weder neu noch blank, welches nach ihrer Meinung wohl der Fall haͤtte feyn muͤſſen, wenn ſie eben friſch aus der heimlichen Muͤnze hervorgegan⸗ gen waͤren. Zum Geſchenk konnte der Hollaͤn⸗ der dieſe ungeheure Summe nicht gemacht ha⸗ ben. Wozu auch dann Burdachs Verlegenheit, wenn ſie ihn um den Zuſammenhang ſeiner ſchnellen Wohlſtandsgeſchichte frug? wozu dann ſein Schletet uͤber das Ganze? wezu die ge⸗ heimnißvollen Wege ihres Mannes zum Hol⸗ laͤnder? Burdach, nur Burdach konnte ihr Aufſchluß geben. Sie eilte an ſein Bette, um ihn zu wecken. Aber er ſchlief ſo ruhig, auf ſeinem Geſichte laͤchelten die gluͤcklichſten Traͤu⸗ me. Nein, er konnte zu keinem ſchlechten Streiche hinabgeſunken ſeyn. Burdach war ja immer ſo rein, ſo engelrein, ſo erprobt el hrlich. Sollte der Charakter eines folchen Mannes ſich ſo ſchnell umwandeln laſſen koͤnnen? Selbſt van der Huyſen— die Beſtechun igen ſeiner Ge⸗ ſchenke verloren in dieſem ſtillen mitternaͤcht⸗ lichen Aug der Huyſen ſchien und zu wenig Gewalt uͤber andere zu haben, ihren Werth— ſelbſt van u viel rechtliches Gefuͤhl ——⸗ als ihm die Empfaͤnglichkeit fuͤr drgend ein un⸗ erlaubtes Gewerbe, und Macht rung ihres Mannes zuzutrauen. Burdach ſchlafen. Sie legte die Goldhaufen hin, wo ſie ſie gefun Licht aus, und ſchlummerte erſt den hatte. gegen Morgen ein, mit dem feſten Vorſatze, von Burdach nicht zu laſſen, bis er gebeichtet haͤtte. Als ſie aufſtand, ſchlief Burdach noch. Ein Bote kam vom Brunnen mit einem Billet von dem Hollaͤnder. Es war zwar an ihren Mann addreſſirt, allein— verzeiht dem vom ſchrecklichen Argwohn geplagten Weibe— ſie erbrach es. Van der Huyſen ſchrieb „Die Herren ſind boͤſe auf mich und S „geworden. Wir haben es ihnen ten — 30—. „zu arg gemacht. Um die Aufmerkſam⸗ „keit nicht zu ſehr auf mich zu ziehen, nhabe ich es fuͤr beſſer gehalten, heute „abzureiſen. Ich gehe vor der Hand in „das ſchleſiſche Gebirge, wo ich aber kei⸗ „ne Geſchaͤfte machen werde. Gegen den „Herbſt finde ich mich in Leipzig ein, „um dort die Meſſe abzuwarten. Brau⸗ „chen Sie mich dann, ſo erwarte ich Sie „dort. Brauchen Sie mich ſpaͤter, ſo „wird Ihnen mein Bruder im Haag, je⸗ „derzeit meine Addreſſe geben koͤnnen. Es „iſt beſſer, Sie bleiben nicht in Ihrem „ijetzigem Wohnorte. Einige haben Sie „geſehen und erkannt. Es koͤnnte Ihnen „Verdrießlichkeiten zuziehen. Meine Frau „gruͤßt mit mir und meinem Benjamin „die Ihrigen herzlichſt. Gott erhalte Sie, „wackerer ehrlicher Mann! Wir werden „Sie und Ihre herrliche Frau nie ver⸗ „geſſen. Ihr Eid iſt meine Beruhigung. Moſes van der Huyſen.“ Das Billet machte ihr Labyrinth noch dunkler. Wer waren die Herren? warum ſollte Burdach nicht hier bleiben? und doch noch wackerer ehrlicher Mann? und Ihres Burdachs Eid war van der Huyſens Beruhigung?——— Des Hollaͤnders Bote hatte keine Antwort abgewartet, ſondern war ohne dieſe zuruͤckgegangen. Burdach war unterdeſſen wach geworden. Sie ließ ihn ſich ankleiden und fruͤhſtuͤcken, ohne im mindeſten etwas von ihren halben Entdeckungen laut wer⸗ den zu laſſen. Jetzt gab ſie ihm des Hollaͤnders Billet, und ſagte ſehr ſanft:„ich habe es geoͤffnet und geleſen.“ Burdach las es. Er blieb ganz ruhig und ſagte:„es iſt gut, daß van der Huyſen nicht fruͤher hat reiſen muͤſſen. Und hier waͤre ich ſo nicht geblieben.“ „Du verſprachſt mir Aufſchluß, lieber Mann; darf ich ihn fordern?“ Burdach zeigte Henrietten die Zeile im Billet.„Ihr Eid iſt meine Beruhigung.“ „Ich darf nicht,“ ſagte er mit heiterm Ge⸗ ſicht.„Aber ſey ganz ruhig! Du ſiehſt ja, daß ich es bin. Und koͤnnte ich es denn ſeyn, wenn nur im mindeſten die Frage mein Ge⸗ wiſſen belaſtete, ob in meiner Verbindung mit van der Huyſen etwas Unrechtliches laͤge? Ich habe ein unbeſchreibliches Gluͤck gehabt. Ich bin reich, fuͤr unſere Umſtaͤnde ſehr reich, ge⸗ worden.“ „Gluͤck, bloßes Gluͤck?— Burdach, mein lieber ehrlicher Burdach, iſt es nichts weiter als Gluͤck?“— „Bei der Liebe zu unſerm Kinde! ich halte es fuͤr weiter nichts, als Gluͤck!“ 1 „Du haͤltſt es dafuͤr? Um Gotteswillen, ſprich doch deutlicher!“ „Engliſches Weib, ich darf nicht. Einſt— in nicht zu langer Zeit ſollſt Du alles erfah⸗ ren. Du haſt ja ſelbſt geleſen. Mich bindet ein Eid. Ein Eid in die Hand eines ſehr wackern, eines ſehr rechtlichen Mannes gelegt. Quaͤle Dich nicht mit unnützer Beſorgniß! Genieße mit frohem Sinn, was Gott uns be⸗ ſchert hat! Komm— was Du wiſſen darſſt, mußt Du wiſſen.“ Er holte ſeine Schaͤtze hervor. Es waren etwas uͤber achttauſend Dukaten. „Das hat Gott beſchert?“ frug die Raͤ⸗ thin mit aͤngſtlichem Kopfſchuͤtteln.„Ach Bur⸗ dach, das Geld iſt nicht aus reinen Haͤnden.“ „Fromme Seele!— Gott, wenn ich nur ſprechen duͤrfte!— Deine beſte Kundſchaft war Madame Bormann. Sie bezahlte Dir Deine Kleiderſtickereien uͤber den Preis. Wir wußten beide, daß ſie nicht das Geld hatte, dieſe theuern Kleider zu bezahlen, daß der Herr von Ruͤben, der Bormann Reize mit ſchwerem Gelde aufwog, und daß beide ſuͤndigten, die Bormann, wie Ruͤben: aber entheiligteſt Du Deine Hand, wenn Du das Geld nahmſt? Gewiß nicht! Wir dankten oft im Stillen unſerm Erhalter uͤber den Sternen, daß die Bormann ſo honett zahlte, denn ſonſt waͤren wir verhungert und erfroren.— Sigentlich dankten wir Gott, daß ein luͤderlicher Edelmann und eine ehebrecheriſche Kaufmannsfrau ihr Weſen mit einander trieben.— Sieh, Jett⸗ chen, ſo haͤngt es mit dieſen Dukaten unge⸗ faͤhr auch zuſammen. Sie entwuͤrdigen mich ſo wenig, wie Dich die Thaler, die Du von der Bormann empfingſt. Suͤndengeld iſt ja alles Geld in der Welt. Vielleicht exiſtirt kein Zweigroſchenſtuͤck, auf dem nicht das Gift des Betrugs, der Verfüͤhrung, der Buͤberet haftet. Aber das Geld kann wieder zum Ta⸗ lisman des Paradieſes werden, wenn wir es zu guten Zwecken beſtimmen. Wir wollen uns im ſuͤdlichen Deutſchland ein kleines Guͤtchen kaufen und dort im Stillen unbemerkt leben. Die Einfachheit machte uns jetzt ja ſo gluͤcklich, da wir mit der druͤckenſten Feindin der menſch⸗ lichen Freuden, mit der Nahrungsſorge, kaͤmpf⸗ ten; um wie viel wohlthaͤtiger wird uns unſer ſtilles Leben nicht werden, wenn wir das ha⸗ ben, was wir brauchen.“ Dem biedern Burdach waren die Augen naß geworden. Er umſchloß ſeine Gattin. „Ich will Dir vertrauen, Mann. Der Fromme ſoll ja glauben, ohne zu ſehen.“ Zum Nachmittag ward die Naͤthin zur Baͤckermeiſterin Paͤhtſch zum Kaffee geladen. Burdach hatte bisher ihre juͤngeren Kinder un⸗ terrichtet gehabt. Die alte Baͤckerin hatte der Naͤthin zuweilen, wenn ſie durchs Geſinde von der Noth der armen Leute hoͤrte, ein Brod ge⸗ ſchickt; auch hatte an hohen Feſttagen Hann⸗ chen eine friſche Semmel von ihr bekommen. Zu etwas Weiterm hatte die reiche, aber uͤber⸗ ſpannt ſparſame Buͤrgerfrau es nicht kommen laſſen. Jetzt— ſie brannte vor Neugierde, zu wiſſen, wie Burdachs auf einmal zu einer ſo vollkommenen haͤuslichen Einrichtung gelangt waͤren; ſie fand jetzt die Leute eher ihres Um⸗ gangs werth, als vorher, wo ſie gar zu ſehr armſelig angezogen gingen, und ſie nahm es ſehr hoch auf, daß Burdach den Unterricht ih⸗ rer Kinder, ungeachtet er dies bei einigen an⸗ dern gethan hatte, noch nicht aufgegeben habe, nur mit dem Unterſchiede, daß er, ſtatt wie vordem zu ihnen zu gehen, ſie zu ſich in das Haus kommen ließ.— Jetzt erließ ſie eine foͤrmliche Invite an die Burdach, mit Hann⸗ chen dieſen Nachmittag am Kaffeetiſche zu er⸗ ſcheinen. Dieſe ſanfte, fromme Burdach ſagte zu. Die ehrliche Baͤckerin hatte ihr ja in der Noth beigeſtanden. Sie kannte vom Hoͤren⸗ ſagen den Buͤrgerſtolz der alten Baͤckerfrau, aber ſie hatte auch gehoͤrt, daß die Alte ſonſt eine redliche, brave Frau ſeyn ſollte; geſehen hatten ſie einander ſich noch nie. Das Haus der Semmelfuͤrſtin war ein kleiner Palaſt; nicht in Hinſicht der Groͤße, als vielmehr der Pracht und der hoͤchſtmoͤgli⸗ chen Reinlichkeit. Doch wußte man— und das ſtoͤrte den Genuß nicht— daß man bei einem Baͤcker war. Der Mehlgeruch, der feine Brodduft, der Anblick der weißen und braunen Semmeln in dem zierlichen Laden, hatten ih⸗ —— —* ren eigenen Reiz. Frau Paͤhtſch war ſo dick, daß ſie ſich kaum ruͤhren konnte. Vor Fett oder vor Stolz konnte ſie es auch zu keinem ganzen Kniyx bringen, als die Raͤthin eintrat. Aber als die dankbare Burdach mit ihrem lieb⸗ reizenden Geſichtchen vor ihr ſtand, und uͤber ihre Guͤte, mit der ſie bisher ſich ihrer Familie angenommen hatte; ihr einige herzliche Worte ſagte, da antwortete die alte Dicke mit naſſen Augen:„i zum Schwerenoth, Frau Raͤthin, machen Sie mir das Herz nicht weich! Was ich gethan habe, iſt Wenigkeit geweſen; Sie haben's gebraucht, ich hatt's uͤberfluͤſſig; da⸗ von ſprechen Sie mir nicht wieder; na ſetzen Sie ſich! Machen Sie keine Zierereien! Na ſagen Sie, wie gefaͤllt es Ihnen in Ihrem neuen Logemente? Meines Großvaters ſelger Schweſter Tochter Mannes Bruder hat auch einmal da gewohnt. Hinterm Hauſe iſt ein Garten mit einem Bull in Gkuͤn. Da hab' ich manchmal als Kind geſpielt. ber ſagen Sie mir Frau Raͤthin, warum haben Sie ſo lange Zeit ſo miſerabel gelogirt; i du liebes Herr Gottchen, da haben Sie auch gar zu enge zuſammenkriechen muͤſſen.“ „Es wollte ſich nicht anders machen laſſen, liebe Madam.“ „Aber nun ſo auf einmal, das hat uns alle recht Wunder genommen. Es ſoll bei Ihnen jetzt alles gar ſehrchen huͤbſch und aparte ſeyn.“ Die Naͤthin war ſehr verlegen. Auf die Erzaͤhlung der Geſchichte ihres Reichwerdens, die ſie ſelbſt nicht wußte, hatte ſie ſich gar nicht gefaßt gemacht. Am Ende wußte die Frau mehr, als ſie ſelbſt. „Wir haben anfangs,“ ſagte die Nothluͤg⸗ nerin mit aͤngſtlicher Stimme,„ſehr geſpart, bis wir endlich ſo viel zuſammen hatten, um uns etwas ordentlicher einzurichten.“ „Siehſt Du, Annedortchen,“ hob die Alte zu threr aͤlteſten Tochter an,„das iſt vom Sparen. Ja, Frau Raͤthin, das Sparen iſt eine ſchoͤne chriſtliche Dugend aus dem Geſang⸗ — fuͤrſtin, noch den Tadel der Mamſell Paͤhtſch. Madame Paͤhtſch mit der Raͤthin ſehen laſſen; buche. Nimm Dir an der Frau Naͤthin ein exemplariſches Beiſpiel! Sieh, das iſt auch noch eine junge Madam, und hat ſo lange ſo ſchoͤne geſpart. Aber Ihr Mamſells denkt: laßt die Alte nur reden.“ Annedortchen, im neuſten Koſtuͤm aͤußerſt elegant gekleidet, warf einen kalten Seitenblick auf die Raͤthin. Die arme Frau verdiente beides nicht. Weder das Lob der Semmel⸗ So geht es in der Welt! Die Raͤthin hatte ſieben Taſſen Kaffee trin⸗ ken muͤſſen. Jetzt ſuhr die Equipage der Al⸗ ten vor. Ein Paar mit Kleye ausgefuͤtterte apfliche Schweißfuͤchfe. Die Halbehaiſe hatte lange ſchon gedient. Wahrſcheinlich wollte ſich Sie fuhren mit Mamſell Hannchen und dem jungen Herrn Paͤhtſch gerade— auf den Brunnen. Die Raͤthin ſah den Brunnen fuͤr die 21ᷣl 2 Grabſtaͤtte ihrer innern Ruhe an. Sie war ſehr niedergeſchlagen, als man ausſtieg. Die dicke Backersfrau trat in einem oͤffent⸗ lichen Garten ab, waͤhlte eine Laube, und ließ Wein und Erfriſchungen ſerviren. Hierauf ſchlug ſie einen Spatziergang vor, da aber der Raͤthin nicht ganz wohl war, blieb dieſe allein ſitzen, und die Baͤckerfamilie luſtwandelte mit Hannchen in dem weitlaͤuftigen Garten umher. Dicht neben der Laube der Raͤthin ſaßen in einer andern Laube ein Ofſizier und ein Civiliſt. Beide waren in einem Geſpraͤch begriffen, von dem die Raͤthin Folgendes vernahm: Offizier. Ich begreife es nicht, wie er es anfing. Er mochte auf eine Karte ſetzen, auf welche er wollte, er gewann. Civiliſt. Nun ſo auch mein Nachbar, der Blaurock. Ich habe ihn 100 Dukaten auf eine Karte ſetzen geſehen, und allemal ge⸗ wann er. Offizier. Die Banague iſt rein ferti⸗ ſie ſoll uͤber 20,000 Rthlr. verloren haben — Civiliſt. Und kein Menſch hat eigent⸗ lich recht gewonnen, als der Hollaͤnder und der Blaurock. Offizier. Was war denn der Kerl ei⸗ gentlich? der Blaurock 2 Civiliſt. Weis Gott! Es ſoll ein ehe⸗ maliger**Xx* ſcher Offiziant ſeyn. Kein Menſch kennt ihn hier recht. Er hat nur ſeit dem Sonnabend Abend geſpielt, und in den paar Abenden ein ſo flaͤmiſches Gluͤck gehabt. Offizier. Den Teufel auch Gluͤck! Freundchen, da muß was anders dahinter ſtek⸗ ken, als Gluͤck. Die beiden Musjes muͤſſen ſo ein bischen fingern koͤnnen. Civiliſt. Liebſter Hauptmann, das iſt nicht moͤglich. Sie koͤnnen ja die abgezogenen Karten nicht vorher wiſſen. Ja, wenn der Banquier ein ſo deſperates Gluͤck gehabt haͤtte, da wollte ich Ihnen recht geben. Aber, be⸗ denken Sie doch, der Pointeur.— Es iſt ja platterdings unmoͤglich! den Blaurock kenne — 4²— ich uͤbrigens nicht. Aber der Hollaͤnder, er war zwar nur ein Jude, aber es war doch ein praͤchtiger Menſch: das war kein Gauner, da⸗ fuͤr buͤße ich mit meinem Kopfe. Die Poin⸗ teurs koͤnnen nicht betruͤgen, der enorme Treffer, den die beiden Menſchen hatten, war bloßes gluͤckliches Ungefaͤhr. Mehr hoͤrte die Raͤthin nicht. Aber mehr brauchte ſie auch nicht zu hoͤren. Ihr Mann — wer konnte der Blaurock anders ſeyn,— hatte alſo dem gluͤcklichen Zufall ſein ſchnell erworbenes Vermoͤgen zu danken. Der, dem er es abgenommen hatte, war ein Spieler, ein allgemein anerkannt ſchlechter Meuſch. Auf je⸗ den Fall war jetzt das Geld in beſſern Haͤnden, als vorhin. Sie vergaß, ſie verlor ihr heißes Kopfweh. Sie ward heiter und froh, und als ſie mit der Baͤckerfamilie zu Hauſe fuhr und in ihr Logis trat, flog ſie ihrem Manne an den Hals, und ſagte herzlich:„Mann, ich habe Dir Unrecht gethan. Vergieb! Aber er⸗ zaͤhle mir, wie das Alles gekommen iſt!“ Sie 43 ſelbſt theilte ihm mit, was ſie im Brunnen⸗ garten gehoͤrt hatte. „Du weißt alles,“ entgegnete Burdach, „das Wie kann ich Dir jetzt noch nicht ſagen. Weiß ich es ſelbſt doch noch nicht recht.“ Burdachs verließen bald ihren bisherigen Wohnort und kauften ſich unweit F........ eine allerliebſte kleine Beſitzung. Der Rath bewarb ſich, um nicht ohne Berufsgeſchaͤfte zu leben, um einen Poſten, der nicht viel Arbeit, aber auch nicht viel Gehalt hatte; die Stelle ward ihm zu Theil. Sie warf ihm doch ſo viel ab, daß er nun mit den Zinſen ſeines Ver⸗ moͤgens recht angenehm leben konnte. Ich hatte ſeine Bekanntſchaft einem ſonder⸗ baren Zufalle zu danken. In der letzten Meſſe durchſtreifte ich eines Morgens einige entlegene Promenaden des ſchönen Gartens bei P....... Ich wandelte, in mich ſelbſt verloren, hin⸗ ter einem elegant und modiſch gekleideten —— — 44— Manne her, den ich fuͤr einen reichen Kauf⸗ mann hielt. Auf einmal fiel ein Schuß. Wir beide ſtutzten, blickten auf das nicht entfernte Ge⸗ buͤſch, aus dem der Pulverdampf emporſtieg; und ligtrn unſere Schritte unwillkuͤhrlich nach dem Gebuͤſch. „Das iſt Zweikampf oder Selbſtmord,“ rief mir der Fremde im Hineilen zu. In dem Augenblick, daß wir dem kleinen Gebuͤſche nahe waren, ſprang ein junger Menſch ohne Hut heraus, und ſuchte, als er uns erblickte, das Weite. „Das iſt der Moͤrder,“ rief der Fremde, und in drei Saͤtzen hatte ich ihn beim Kragen. Der junge Menſch zitterte, als ſchuͤttelte ihn das heftige Fieber. Ein Kind haͤtte ihn feſt halten koͤnnen. Er rang die Haͤnde hoch gen Himmel. Er ſuchte Thraͤnen, aber er fand ſie nicht. Wir frugen ihn, wer er waͤre, warum er gelaufen ſey ꝛc.; aber er antwortete nicht. Wir fuͤhrten ihn in das Gebuͤſch zuruͤckt. Das abgebrannte Piſtol lag auf der Erde. „Wem galt der Schuß,“ frug der Fremde. Der ju ge Menſch ſah ſcheeigend zur Erde. „War außer Ihnen noch jemand hier?“ Der junge Menſch ſchuͤttelte den Kopf. „Alſo Ihnen golt der Schuß? Sie woll⸗ ten etwas nehmen, was Ihnen nicht allein ge⸗ hoͤrt? Haben Ste nicht Vater und Mutter mehr? nicht Bruder, nicht Schweſter? nicht eine Seele, die ſich Ihres Lebens freut?“ „Meine Mutter! meine arme Mutter! rief der Selbſtmoörder aus, und hob die gefal⸗ teten Haͤnde weinend vor die bebenden Lippen. Der Fremde war erſchuͤttert. Ich ſtand innigſt bewegt da, und ſuchte den Ungluͤcklichen zu troͤſten.„ „Junger Mann,“ hob der Fremde an, und faßte ihn theilnehmend bei der Hand.„Sie haben eine Mutter, die Sie lieben? Ein guter Sohn kann kein ſchlechter Menſch ſeyn. Ich will weiter nicht mit Ihnen rechten. Sie fuͤh⸗ — 46— len den Schritt, den Sie thun wollten.— Wir ſind hier einander alle drei fremd.“— Keiner kannte den andern.—„Aber der, der Schmerz und Freuden ſchuf, hat uns zu ein⸗ ander gefuͤhrt. Wir ſind Ihnen Huͤlfe durch Rath und That ſchuldig. Was fehlt Ihnen? Köoͤnnen wir helfen?“ Der junge Menſch ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf.„Haben Sie Vertrauen zu mir! Sprechen Sie! Fuͤhrte verkannte Liebe Sie auf dieſen Schauderplatz, ſo werde ich Ihr Ge⸗ heimniß ehren, ich verlange nicht den Gegen⸗ ſtand Ihres Herzens namentlich zu wiſſen. Aber ich werde Ihnen meine Anſichten uͤber das Ganze mittheilen, und vielleicht gluͤckt es mir, entweder durch meine Bekanntſchaft fuͤr Sie vortheilhaft zu wirken, oder, iſt dazu gar keine Ausſicht, Sie wenigſtens zu beruhigen. Iſt Ihre Ehre beleidigt, und Sie konnten keine andere Rache nehmen, als dieſe ſchreck⸗ liche hier, ſo wollen wir ſie raͤchen. Sind Sie in Geldverlegenheit, ſo will ich, ſo weit —-— 47— meine Kraͤfte reichen, helfen. Ihre Kindesliebe hat mich beſtochen. Ich habe auch einen Sohn. Wenn Sie einſt Vater ſein werden, ſo werden Sie fuͤhlen, was das heißt.“ „Mich kann nichts retten, als der Tod!“ „Nichts als der Tod?“— Der Fremde ſchwieg lange nach dieſer Frage. Endlich zog er des jungen Menſchen Hand an ſein Herz, und frug leiſe,„armer, armer Menſch, haſt Du ein boͤſes Gewiſſen?“ Ein lautes Schluchzen war ſeine Antwort. „Klebt Menſchenblut an Deinen Haͤnden?“ Der Gefolterte ſchuͤttelte den Kopf. „Laſtet,“ frug der Fremde mit moͤglichſter Schonung,„laſtet der Fluch verfuͤhrter Un⸗ ſchuld auf Deinem Herzen?“ „Nein, nein,“ erwiederte der junge Mann. „Vergriffeſt Du Dich an fremdem Gute?“ Der Gefragte ſchwieg. Er ſchlug das Auge tief zur Erde. Der Fremde tratt drei Schritte zuruͤck. „An fremdem Gute?“ wiederholt der Fremde ſtaunend. „Die Welt wird mich verdammen. Ich kann mich nicht rechtfertigen. Darum wollte ich aus der Welt.“ „Schießt man denn, Herr, eine Seele mit einer Piſtolenkugel aus der Welt? Hoͤrt denn die Verbindlichkeit, ſich zu rechtfertigen, jen⸗ ſeits der Schußweite auf? Iſt denn die Welt Ihr Richter allein? Konnte denn ein Piſto⸗ lenknall den Urtelsſpruch ihres Richters ent⸗ kraͤften? Sprengten Sie denn die hoͤchſte Inſtanz, vor der jede That ihr Endur⸗ theil empfaͤngt, das letzte Weltgericht, mit die⸗ ſem Fingerhut voll Pulver, auseinandee?—— Doch mir geziemt es nicht, Sie das jetzt zu fragen, was Sie ſich haͤtten fragen ſollen, ehe Sie den Gang hierher thaten, der nach Ihrer Meinung Ihr letzter ſeyn ſollte. Sie ſind jetzt in unſerer Gewalt. Sie ſind wegen dop⸗ pelten Vergehens ein gerechtes Opfer des Kri⸗ minalgerichts.— Dieb und Selbſtmoͤrder!— — 49— ein junger Menſch von 18 bis 20 Jahren!— — Herr, ich habe Ihnen Rath und Huͤlfe an⸗ geboten. Ihrer Mutter Willen halte ich noch mein Verſprechen. Ohne Huͤlfe ſind Sie ver⸗ loren, kann ich helfen?“ „Die Summe iſt zu groß.“ „Nennen Sie mir ſie.“ „Viertauſend fuͤnfhundert Thaler.“ „——— Das iſt fretlich etwas viel. Wem gehoͤrte das Geld? Wie kamen Sie dazu? Woc iſt es jetzt? Erzaͤhlen Sie. Die große Haͤlfte Ihres Geheimniſſes wiſſen wir ja: geben Sie uns den Reſt.“ Der junge Mann erzaͤhlte nun in gedraͤng⸗ ter Kuͤrze, er heiße Binder, und ſey von ſeinem Hauſe aus Hamburg hieher zur Meſſe geſandt, um Geld einzukaſſiren. Er ſei vorgeſtern in einen froͤhlichen Zirkel gekommen, wo er ſich im Trinken etwas uͤbernommen habe. Man habe ihn hierauf uͤberredet, mit zu einem Spieler zu gehen, und dort ein Stuͤndchen am Pharaotiſch ſein Heil zu verſuchen. Nach 4 d 50 vielem Straͤuben, denn er habe vorher nie ge⸗ ſpielt, ſey er mitgegangen, und habe von den einkaſſirten Geldern 500 Rthlr. verloren. „Den folgenden Morgen,“ fuhr der junge Binder fort,„war ich auf dem**rſchen Kaf⸗ feehauſe. Ich hatte vor Angſt und Kummer die ganze Nacht kein Auge zugethan. Ich ließ mir ein Glas Liqueur geben, mir war nun wohl. Ein aͤltlicher Offizier, den ich geſtern auch bri der Pharaobank bemerkt hatte, geſellte ſich zu mir. Er knuͤpfte vom geſtrigen Spiele das Geſpraͤch an, aͤußerte, meinen kleinen Ver⸗ luſt, wie er ihn nannte, bemerkt zu haben, und verſicherte mich des aufrichtigſten Antheils. Er rieth mir, mein Heil heute wieder zu ver⸗ ſuchen. Die 500 Rthlr. muͤßte ich dem Gau⸗ ner, dem Banquier, durchaus wieder aus den Zaͤhnen reißen. Ich bezeugte nicht die ge⸗ ringſte Luſt dazu; allein er betheuerte, er ſey ein alter Pharaofreund, und er koͤnne mir tauſend Beiſpiele erzaͤhlen, wo die Anfaͤnger den erſten Abend immer verloren, und den — 5¹— b folgenden Abend das Verlorne ſich nicht allein wiedergeholt, ſondern noch obenein bedeutende Summen dazu gewonnen haͤtten. Nur, ſetzte 2 er freundlich rathend hinzu, muͤßte man nicht 1 zu hitzig ſpielen, aber auch nicht gleich zu zag⸗ 3 haft ſeyn, wenn einem das Gluͤck nicht gleich 3 Freundlich anlaͤchle. Er verſtand die Kunſt, 1 3 mir dieſes alles ſo augenſcheinlich zu machen, 1 daß ich halb und halb verſprach, dieſen Abend 3 wieder hitanan„Ich bin ein alter 6 Praktikus,“ ſagte er ſcherzend, und druͤckte 1 mir de Hand,„ich werde mich in Ihre Naͤhe . ſetzen, und Ihnen, wenn Sie es erlauben, . zuweilen einen freundſchaftlichen Wink geben. 2 Ihr jungen Herren ſeid immer zu raſch. Solche . Voͤgel haben die Herren Banquters am lieb⸗ 1 ſten. Aber wir wollen dem Patron diesmal 4 die Rechnung verderben. Folgen Sie mir ) nur huͤbſch.“ r Ich ward wieder heiter. Der Zufall hatte r mich dem alten Kapitaͤn in die Hande gefuͤhrt, n der ſich meiner ſo herzlich annahm, und der 4* mir eine ſo beſtimm te Zuverſicht gab, das Ver⸗ lorne wieder zu gewinnen. In dieſem Augen⸗ blick kam der Lemberger Jude in das Zimmer, von dem ich geſtern 6000 Rthlr. fuͤr mein Haus gehoben hatte. Er kannte den Kapitaͤn; als ich mich einen Augenblick von dem Tiſche, an dem wir gemeinſchaftlich ſaßen, entfernte, un⸗ terhielten ſie ſich uͤber mich, denn ich hoͤrte den Juden meinen Namen nennen. Der Abend kam heran. Ich hatte nicht Ruhe, nicht Raſt. Die Hoffnung zum Wie⸗ dergewinn meiner 500 Rthlr. trieb mich mit gluͤhenden Stacheln an den verfluchten Pha⸗ raotiſch. Der Kapitaͤn poſtirte ſich neben mir. Ich gewann und verlor, mit abwechſelndem Gluͤcke; im Ganzen ging es heute beſſer als geſtern.„Sie muͤſſen mehr wagen,“ raͤuſper⸗ te mir der Kapitaͤn zu,„Sie haben heute Gluͤck.“ Ich ſetzte hoͤher, und verlor.„Nur den Muth nicht verloren,“ ſagte der Kapitän, „das Gluͤck will geſucht ſeyn, Fortuna iſt eine launige Jungfer.“ Ich verdoppelte den Ein⸗ ſatz einige Male, und verlor. Der Kapitaͤn ſchoß mir ungefordert Geld vor. Ich ward hitzig, ich verlor. Mein Nachbar half wieder aus. Ich ſah meinem Verderben entgegen, wenn ich aufhoͤrte. Ich mußte wagen. Ich wagte, und ſtuͤrzte in den Abgrund. Heiliger Gott im Himmel— meine Abſicht war, den geſtrigen Schaden wieder gut zu machen, und ich verlor dieſen Abend 4000 Rthlr. Der Kapitaͤn begleitete mich in mein Logis. Hier mußte ich ihm meine Schuld abtragen. Den folgenden Morgen, als geſtern fruͤh, meldete ſich ein Banquier aus Berlin bei mir mit einem Briefe von meinem Hauſe, in dem die Aufgabe enthalten war, daß ich das, was ich bis jetzt einkaſſirt haͤtte, an dieſen Banquier gegen Quittung auszahlen ſollte! Ich erwie⸗ derte ihm, daß ich noch keine nahmhafte Sum⸗ me einbekommen habe; daß ich aber ihm heute fruͤh um 10 Uhr 4500 Rthlr. aushaͤndigen wuͤrde. Zwei Tage lang lebte ich ohne Eſſen, — Trinken und Schlaf. Ich hatte keine Rettung vor mir. Von tauſend quaͤlenden Teufeln um⸗ lagert, entſchloß ich mich zu dieſem letzten Gange. Zweimal ſetzte ich das Piſtol zwiſchen die Zähne. Ich blickte mit banger Sehnſucht in die blauen Wolken, ob Gott mir nicht Ret⸗ tung fenden koͤnne. Der Todesſchweiß trat mir auf die Stirne, die Sinne ſchwande mir. Sis mußte vollbracht werden, die ſchreckliche That. Ich ergriff mit Verzwetflung zum drit⸗ ten Male das aufgezogene Piſtol. Mein Fin⸗ ger beruͤhrte unverſehens den Druͤcker. Das Gewehr brannte ab, die Kugel flog in den Eichſtamm da.— Jetzt wiſſen Sie alles. Richten Sie mich, ich bin in Ihren Han⸗ den.“—— Wir ſchwiegen eine geraume Zeit. Die ein fache Erzoͤhlung des Unaluͤcklichen, das Zit⸗ tern ſeiner Knie, das krampfhafte Winden ſei⸗ ner in einander gerungenen Haͤnde, das Stiere ſeines verzweiflungsvollen Blicks, hatten uns tief erſchuͤttert.„Herr Binder,“ hob der — 55 Fremde endlich ſehr bewegt und ernſt an,„ich verſprach Ihnen Huͤlfe. Ich werde mein Wort halten. Dem Andenken an Ihre Mutter ha⸗ ben Sie es zu danken, daß ich Sie nicht in den Abgrund fallen laſſe, den Sie ſich ſelbſt, durch ihren Leichtſinn, gegraben haben. Wem am Rande ſeiner Verbrechen das Bild der lie⸗ benden Mutter vor die reuige Seele tritt, der iſt noch zu beſſern. Darum, und darum halte ich Sie feſt und laſſe Sie nicht ſtuͤrzen, wohin Sie Ihre unverzeihliche Unbeſonnenheit hinab gezogen haͤtte. Den Kapitaͤn, von dem Sie ſprachen, kenne ich. Es iſt ein niedriger Gau⸗ ner. Es iſt ein Compagnon der Pharaobank. Der Lemberger Jude muß ihm die Summe genannt haben, die er Ihnen gezahlt hatte, ſonſt haͤtte der Kapitaͤn Ihnen keinen falſchen Groſchen geborgt. Kommen Sie heute Abend neun Uhr auf den Markt. Bei dem Spring⸗ brunnen werden Sie mich finden. Bis dahin ſchweigen Sie uͤber den ganzen Vorfall, ſonſt ſind Sie verloren.“ — 56— „Von Ihrer Diskretion(ſich gegen mich wendend) darf ich erwarten, daß Sie auch bis dahin ſchweigen.“ Mit dieſen Worten ging er. Wir beide ſahen einander befremdet an. Wir beide frugen einander, wer dieß ſey? Uns beiden war der Vorfall hoͤchſt ſonderbar, und der Fremde mehr als raͤthſelhaft. Der junge Menſch dauerte mich. Er ſchwankte zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung. Ich gab mich ehm den ganzen Tag, denn ich fuͤrchtete bald einen Ruͤckfall ſeines furchtbaren Entſchluſſes, bald irgend eine neue Gefahr fuͤr ihn von außen. Binder erkannte dieß dankbar. Er bat, auch dieſen Abend bei ihm zu bleiben, weil er doch nicht recht wiſſe, was der Fremde mit ihm vorhabe. Ich ver⸗ ſprach in der Naͤhe um ihn zu ſeyn, doch ſo, daß mich der Fremde nicht gletch bemerke, weil ihm meine Gegenwart, um die er mich nicht erſucht hatte, vielleicht unangenehm ſeyn koͤnn⸗ te⸗ Wir gingen gegen neun Uhr auf den Markt.. Doch druͤckte ich mich, in meinen Mantel ge⸗ huͤllt, an der Ecke des Rathhauſes, hinter eine — Bude. Ich hatte zwei ſcharf geladene Piſtolen bei mir, und konnte, von meinem Standpunkt aus, den Springbrunnen beobachten. 1 Punkt neun Uhr kam der Fremde. Er traf Binder auf dem bezeichneten Platze. Er gruͤßte ihn, nahm ihn unterm Arm, und ging mit ihm weiter. Ich folgte in einiger Ent⸗ fernung. Der Fremde fluͤſterte ſeinem Beglei⸗ ter viel Heimliches in die Ohren, wovon ich aber nichts verſtehen konnte. Sie gingen beide in die erſche Straße, und traten in das *r*r ſche Kaffeehaus, wo der beruͤchtigte Herr von Banque machte. Binder hatte, das wußte der Fremde. von dem einkaſſirten Gelde noch 1500 Rthlr.— Sollte es auch auf dieſe abgeſehen ſeyn? Ich folgte raſch nach. Sie waren ja an einem oͤffentlichen Orte, wo der Fremde keinem verwehren konnte, zugegen zu ſeyn. Ueberdem hoffte ich, von letzterm nicht gleich erkannt zu werden. Ich hatte fruͤh Civilkleider angehabt, — 58— und jetzt erſchien ich in meiner Uniform. Meine Piſtolen behielt ich in der Taſche. Den Mantel warf ich ab, und trat unter die Poin⸗ teurs, um einige Karten mit einer Kleinigkeit zu beſetzen. 4 ſich der Fremde dem Tiſche naͤherte, und fing an zu Der Fremde bemerkte es und laͤchelte. Kurz darauf erklaͤrte der Banquier, er werde nur noch drei Taillen durauin und dann aufhoͤren, ihm ſey nicht wohl. Der Fremde beſetzte e dret, vier Karten, jede 4 mit einem Dukaten, eine aber mit zwei Duka⸗ ten. Seine Augen waren ſtier auf des Ban⸗ quiers Finger gerichtet. Ich ſah mit der ge⸗ ſpannteſten Neugierde auf beide. Des Frem⸗ den Blick auf des Banquiers Haͤnde war ein eiſernes gluͤhendes Lineal. Der Banquier fuͤhtte den ſcharfen gluͤhenden Blick auf die Fingerſpitzen. Von Volteſchlagen oder aͤhnli⸗ chen Buͤbereien durfte hier nicht die Rede ſeyn. Der Banquier hatte hier ſeinen großen Meiſter vor ſich. So viel bemerkte ich an der aͤngſt⸗ lichen Verlegenheit des Banquiers, der ſonſt der kaltbluͤtigſte Teufel ſeines Gelichters iſt, deutlich. Binder ſtand einige Schritte vom Frem⸗ den; er ſetzte auf die naͤmliche Karte, welche der Fremde mit zwei Dukaten beſetzt hatte, ein Beutelchen mit 1000 Dukaten. Mir verging der Athem. Der Banquier zog ab; Binder gewann. In der zweiten Taille das naͤmliche Spiel. Der Fremde beſetzte mehrere Karten mit einem Dukaten, von denen er manche verlor, manche gewann; aber auf die dreie ſetzte er zwei Dukaten. Binder beſetzte ſie mit 300 Stuͤck Dukaten. Der Banquier zog ab; Binder gewann. Bei der dritten und letzten Taille ſpielte Binder nicht mehr; denn er hatte ſein Geld wieder. Er war vor Schreck und Freude blaß wie eine Leiche. Er durfte beides nicht laut werden laſſen. Ich haͤtte dem Fremden um * — 60—, den Hals fallen moͤgen. Die Taille war ge⸗ miſcht; da rief der Fremde mit dem Finger auf die Sieben va Banque. Wie ein Donnerſchlag fiel das Wort in die Mitte der Spieler. Dem Banquier trieb es den Schweiß durch die Stirne, wie Druckluft das Queck⸗ ſilber durch Holz. Im ganzen Zimmer eine tiefe Stille. Des Banquiers Auge flehte den Fremden mit einem herzzerſchneidenden Blick um Schonung an. Aber der raͤthſelhafte Menſch ſaß wie eine Marmorſaͤule da. Seine beiden Augen lagen auf des Banquiers Haͤn⸗ den; dieſer zog zagend und langſam ab. Er ſchien es ſchon zu wiſſen, daß er, dieſem furcht⸗ baren Spieler gegenuͤber, ohne Rettung verlor. Die Haͤnde flogen ihm, als wuͤrde er galva⸗ niſirt. Endlich— Alle Erwartung war ge⸗ ſpannt. Alles wuͤnſchte dem Banquier, der faſt alle Beutel wie ausgepluͤndert hatte, die Rache des Himmels. Endlich erſcholl—„die Dame verliert, die Sieben gewinnt.“ Der Fremde ſtrich, ohne eine Miene zu verziehen, 2 5a——· A —. 7— 8ε A△ o — 61— einen unermeßlichen Geldhaufen ein, und ging. Die Bank war geſprengt, Binder gerettet, der Fremde verſchwunden. Ich faßte den freudetrunkenen Binder mit ſeinem Golde unterm Arm. Wir eilten auf die Straße, um den Unergruͤndlichen zu finden. Aber unſere Muͤhe war vergebens. Binders Freude hatte keine Worte. Er kuͤßte mich und die Goldbeutel. Er ſchwor in meine Haͤnde, nie, nie wieder eine Karte an⸗ zuruͤhren. Er weinte, er lachte laut auf. Er war faſt von Sinnen. Nach einer Weile ſtand er auf einmal ſtill.„Gott,“ rief er aus,„ich habe ja noch Geld von ihm!“ Er holte alles Geld aus den Taſchen vor, und es fanden ſich drei Beutel uͤber das gewonnene Geld; einer mit 1000, der andere mit 500 und der dritte mit 100 Dukaten. „Dies iſt meines Schutzgeiſtes eigenes Geld,“ rief Binder.„Dies iſt ſein Eigenthum. Gott! wo iſt er, daß ich es ihm gebe, daß ich ihm zu Fuͤßen falle, daß ich ihm danke.;, — 62— „Er wird ſich wohl melden: faſſen Sie das nur. Aber ſagen Sie mir um alles in der Welt willen, wie haben Sie in zwei Kar⸗ ten Ihre 4500 Rthlr. gewinnen koͤnnen?“ „Wie ich es gemacht habe, haben Sie ge⸗ ſehen; warum ich es ſo und nicht anders ge⸗ macht habe, weiß ich ſelbſt nicht. Der Fremde gab mir die drei Beutel, die Sie hier ſehen. Er ſagte, ſetzen Sie zum Schein einige Duka⸗ ten auf welche Karten Sie wollen; allein auf die Karte, die ich mit zwei Dukaten beſetzen werde, ſetzen Sie einen der drei Beutel. Greife ich mit der Hand in die Haare, ſo ſetzen Sie den mittleren Beutel. Den groͤßern aber, wenn ich mich mit der linken Hand auf den Tiſch ſtemme. Dies iſt alles, was ich weiß.“ Mich beſchaͤftigte dieſer in ſeiner Art ein⸗ zige Auftritt ſo, daß ich noch dieſen Abend zu einem meiner Freunde ging, um ihn dieſem zu erzaͤhlen. Hier traf ich Burdach, den ich vor⸗ her nie geſehen hatte. Burdach hoͤrte mit der hoͤchſten Auf fmerkſamkeit zu.„Das iſt van der Huyſen,“ rief er, als ich geendet hatte, und n ſprang hoch auf;„das iſt mein Retter, mein 2 Freund, mein redlicher Hollaͤnder!“ Seine Beſchreibung de lben traf mit dem Fremden ⸗ aufs Haar. Wir ſaßen bis tief in die Nacht 22 zuſammen. Er theilte uns die Geſchichte jener e Tage mit; er erwaͤhnte des Eides, kraft deſſen 1. Burdach ſich hatte verpflichten muͤſſen, zwei a⸗ Jahre keinem Menſchen von ſeiner Verbindung if mit van der Huyſen zu ſagen. Dieſe waren n 1. vor Kurzem verfloſſen. Er konnte alſo ſpre⸗ fe chen; aber es war ihm eben ſo, wie dem gluͤck⸗ ie lichen Binder gegangen. in Er hatte bloß die Karten beſetzt, die ihm ch der Hollaͤnder bezeichnet hatte. Damals hatte dieſer ſelbſt mitgeſpielt, und ebenfalls ſehr be⸗ n⸗ deutende Summen gewonnen. zu Burdach erkundigt zu gen in allen I 8r⸗ der Polizei⸗B nach ſainen er Seraph. nirgend 3 zu finden. Binder ſetzte in die oͤffentlichen Blaͤtter, — 64— daß man ihm 1600 Dukaten aufzuheben gege⸗ ben, und daß er bitte, die 5 Depoſitum wieder von ihm in Empfang zu nehmen. Allein der Fremde meldete ſich nicht. Binders ſtrenge Gewiſſenhaftigkeit veranlaßte ihn nun, dieß Geld gerichtlich zu deponiren, wo es heute noch liegt. Burdach und Binder,— beide Gluͤckskin⸗ der des Myſtikers hatten ſich einander durch mich kennen gelernt— Burdach und Binder wandten ſich endlich, da ihr Nachforſchen ver⸗ geblich war, gemeinſchaftlich an van der Puh⸗ ſens Bruder im Haag, und frugen ihn, w ſein Bruder ſich aufhalte. Sie erzaͤhlten die Geſchichte ihrer Bekanntſchaft mit ihm, und Binder erwaͤhnte der gerich tlich deponirten 1600 Dukaten. Hier iſt van der Huyſens (des Bruders) Antwort. „Mein Bruder hatte mir von Ihnen bei⸗ den erzaͤhlt: ich kannte Sie alſo ſwon, als ich das von Ihnen gemeinſchaftlich unterzeichnete Schreiben von iſten v. M. erhielt. Allerdings muß Ihnen die Handlungsweiſe meines Bru⸗ ders Moſes auffallend ſeyn, und ich kann Ih⸗ nen nur einen Theil Ihrer Raͤthſel loͤſen. Mein Bruder war ein ſehr wohlhabender Mann. Er machte, was nicht wenig ſagen will, eins der erſten Haͤuſer in Amſterdam. Die ungluͤcklichen Handels⸗Conjunkturen der juͤng⸗ ſten Zeiten trafen ihn furchtbar hart. Er buͤßte ſein ganzes großes Vermoͤgen ein. Er gerieth, im engſten Verſtande des Worts, an den Bet⸗ telſtab. Er verließ ſein Vaterland und lebte in einem Staͤdtchen am Rhein, ſo kuͤmmerlich, daß er oft mit Weib und Kind hungrig zu Bette gehen mußte. Sein Lieblings⸗Studium war von jeher die Mathematik geweſen; er ſuchte dieſes wieder hervor. Er gruͤbelte, ob nicht moͤglich ſey, den Gang des Lottos, der Claſſen⸗ Lotterien und mehrerer Gluͤcksſpiele zu berech⸗ nen, und fand durch anhaltendes Studium end⸗ lich die Berechnung der Pharao⸗Karten ſo ma⸗ thematiſch gewiß, daß er ſeinen Kopf ohne Ge⸗ fahr auf eine Karte haͤtte ſetzen koͤnnen. Mit dieſem Geheimniſſe, dos er keinen Menſchen mitgetheilt hat, noch mittheilen wird, 5 ———. ——————ꝛ——ꝛℳ:-Qy — 66— bereiſte er alle Baͤder und Meſſen, ſetzte ſich, mit einem toͤdtlichen Haſſe gegen alle Ban⸗ quters, an die gruͤnen Tiſche, und machte uͤber⸗ all leere Neſter. Er ward bald ſo bekannt, daß, wo er nur an einen ſolchen Tiſch trat, Ban⸗ quiers und Gruppiers ihr Haab und Gut ſchon verloren gaben. Dieſer wahre Stein der Wei⸗ ſen hat ihm zwei Millionen Gulden wieder eingebracht; ſie ſind in ſeinen Haͤnden beſſer aufgehoben, als in den Haͤnden der liederlichen Banquiers. Jetzt hat er mir ſein Ehrenwort gegeben, nie wieder eine Karte anzuruͤhren. Er iſt vorgeſtern mit Frau und Kind nach Bra⸗ ſilien abgeſegelt. Die 1600 Dukaten ſollen, bis zu ſeiner fernern Dispoſition, deponirt bleiben. Er laͤßt Sie beide herzlich gruͤßen. Hat der Herr Rath Burdach irgend einen Wunſch, ſo bin ich von meinem Bruder beauf⸗ tragt, ihn zu erfuͤllen, denn er bekennt ſich als Herrn Burdachs ewigen Schuldner. Ich aber 8 im mit aller Hochſchäͤtzung Ihr ganz ergebenſter Samuel van der Huyſen. Saag, den 14. Nov. 18.. Belohnte Treue. — ᷣ Im September 1816 marſchirte das*r*r ſche Regiment aus H.. u. Mit ihm der Premier⸗ Lieutenant Wilmſen. Seine Gattin rang die Haͤnde beim Abſchied; mit ſchrecklicher Gewiß⸗ heit lag der Gedanke in ihrer Seele, ihn nie wieder zu ſehen. Der Fjaͤhrige Albert ſchlang die kleinen Arme um des Vaters Knie. Wilm⸗ ſen wollte troͤſten, aber er konnte nicht. Der Schmerz hat keine Sprache. Er druͤckte die verzagende Frau an die weinende Bruſt. Er hob den Kleinen in die Hoͤhe, und preßte ihn feſt an ſich. Da wirbelte der Generalmarſch durch die Straßen. Wilmſen riß ſich mit vlu⸗ tendem Herzen von dem Liebſten ſeiner Welt los, und eilte in ſeine Reihen. 5* Wilmſen war ein biederer Mann. Seiner fehlerhaften Erziehung aber mußte man die Rohheit zuſchreiben, die oft in die Verhaͤltniſſe zwiſchen ihm und ſeiner Frau getreten waren. Er liebte ſie mit reiner Hingebung, wenn er aber ihre kleinen Fehler, ihren Leichtſinn, ih⸗ ren Hang zur feinern Koketterie, ihre Sucht in allen Zirkeln fuͤr die Witzigſte, die Inte⸗ reſſanteſte zu gelten, ruͤgte, ſo maß er ſeine Worte wohl nicht immer mit der Brabanter Elle, die bekanntlich die laͤngſte iſt, ſondern ſprach kurz und derb uͤber ſie ab. Dieß ver⸗ droß oft die ſentimentalere Eliſe. Sie nannte dann ihren Mann kalt, ungebildet, altfraͤnkiſch, und ſo entſtand allmaͤhlich unter beiden ein Mißverſtaͤndniß, das, wenn ſie laͤnger beiſam⸗ men geblieben waͤren, vielleicht zu einer gaͤnz⸗ lichen Trennung haͤtte Anlaß geben koͤnnen. Indeſſen im jetzigen Scheide⸗Augenblicke war alles vergeſſen. Jedes fuͤhlte, daß es dem an⸗ dern Unrecht gethan hatte, und darum war der Schmerz der Trennung in beiden aufrichtig. * Wilmſens Regiment kam gleich im An⸗ fange des Feldzugs in das Feuer. Es ſtand wie ein Granitfelſen. Als aber der Kartaͤt⸗ ſchenhagel halbe Compagnien mit einem Male niederſchlug, und die feindliche Cavallerie dem Ueberreſte in die Flanke ſtuͤrzte, da wich es, und von dieſem Augenblicke an verlor es ſeine Exiſtenz, ſeinen Namen. Wenige ereilten die zuruͤckfliehende Armee. Unter dieſen wenigen befand ſich Wilmſen nicht. Nach den Briefen, die nach und nach von den gefangenen und in das feindliche Land abgefuͤhrten Offizieren einliefen, war Wilmſen auch unter dieſen nicht. Ein Corporal wollte ihn, im Gefecht, an ſeiner Seite haben fallen geſehen. Eliſe war troſtlos. Sie hatte den Schmerz der Trennung nach und nach tragen gelernt, aber jetzt dieſe Ungewißheit uͤber Leben oder Tod ihres Gatten war ihr peinigend. Sie forderte ihn in mehreren Zeitungen auf, von ſich Nachricht zu geben; ſie wendete ſich per⸗ ſoͤnlich an die feindliche Militzr⸗ Behoͤrde, mit der Bitte, ihn unter den Gefangenen ausku ſchaften zu laſſen. ber alle Mittel blieben ohne Erfolg Ihr Jammer graͤnzte an Verzweiflung, aber eben darum war er nicht von Dauer. Peinlicher ward ihre Lage in oͤkonomiſcher Hinſicht. Ihr ganzes, nicht unbedeutendes, Vermoͤgen ſtand auf einem Gute im benach⸗ barten Polen. Napoleon hatte verboten, Zin⸗ ſen von fremden Capitalien uͤber die Graͤnze zu zahlen. Sie erhielt alſo von ihrem ganzen Vermoͤgen keinen Pfennig Intereſſen. Dieſer ſehr unangenehme Umſtand noͤthigte endlich Eliſen, mit ihrem kleinen Albert nach Polen ſelbſt zu ziehen; ſie ließ ſich in G., einem Mittelorte, nieder; weil ſie da ihrem Schuld⸗ ner am naͤchſten wohnte. Dieſem war nun die Ausflucht, ihr die ruͤckſtaͤndigen und lau⸗ fenden Zinſen ferner vorzuenthalten, abgeſchnit⸗ ten; er zahlte den Ruͤckſtand von drei Jahren, auf Einem Brette aus, und Eliſe konnte da⸗ it 2 — 71— mit ihre neue Einrichtung ſich recht angenehm machen. Eliſe gefiel allgemein. Den bezauberte ihr ſchoͤner Koͤrper, dieſen ihr feiner Welton, je⸗ nen ihr lebendiger Witz, alle, ihr Vermoͤgen. Man hieß ſie bald die reiche, bald die liebens⸗ wuͤrdige Wittwe. Sie ward in die erſten Zir⸗ kel des Orts gebeten, und wenn auch die Frauen ihr nicht allen Beifall zollten, weil ſie im Stillen ihre Oberherrſchaft anerkannten, ſo lag dafuͤr unausgeſetzt ein Heer von Anbetern zu ihren Fuͤßen. Ein junger, dreiſter Menſch, der eben erſt bei einer Civilbehoͤrde des Orts angeſtellt war, verdraͤngte endlich alle. Seine Spekulation ging nicht ſowohl auf Eliſen ſelbſt(denn ſie war fuͤnf Jahre aͤlter als er), ſondern Relmehr auf ihre runden Thaler. Er hatte fruͤhere Schulden, und machte taͤglich neue dazu. Er heuchelte ihr eine unbegraͤnzte Liebe vor; er ſchwor ihr tauſendmal in einer Stunde, ſich in das erſte, beſte Waſſer zu ſtuͤrzen, wenn ſie ihn nicht erhoͤre. Er verſchwand aus allen Zirkeln, aus allen luͤderlichen Haͤuſern, von allen Spieltiſchen, um nur ihr zu gehoͤren. Er gab dem kleinen Albert Unterricht; dabei blaͤute aber der Unmenſch, wenn die Mutter nicht zu⸗ gegen war, den armen Jungen ſo unbarmher⸗ zig durch, daß der Kleine dieſen forcirten Un⸗ terricht kein halbes Jahr ausgehalten haͤtte. Dieß war auch des Praͤceptors loͤbliche Ab⸗ ſicht; denn der Stiefſohn war ihm, in Anſe⸗ 3 hung ihres Vermoͤgens, ein Dorn im Auge. Eliſe bewohnte vor der Stadt die Haͤlfte eines ſehr freundlichen Hauſes. Das Logis in der andern Haͤlfte war jetzt offen. Der Er⸗ ſtuͤrmende bezahlte ohne Handel die geforderte Miethe, und nun war er Eliſens erklaͤrter Hausfreund.. Jetzt trat er mit ſeinen Wuͤnſchen deutlicher hervor. Eliſe hatte ſie laͤngſt errathen, allein ihre Hand war ja noch nicht frei. Sie hatte von Wilmſens Tode ja keine beſtimmte Ge⸗ wißheit. ——O—O—O.·— Lag dieſer Stein des Anſtoßes nicht im Wege, ſo haͤtte ſie ihm unbedenklich ihre Hand gegeben; denn einer ſolchen heißen Liebe war Wilmſen nie faͤhig geweſen. Jetzt, jetzt erſt fuͤhlte ſie, was es heiße, geliebt zu werden.— Armes, betrogenes Weib! Eliſe erklaͤrte ſich auf ihres Hausfreundes Antraͤge in unbeſtimmten Ausdruͤcken. Sie bat ſich Bedenkzeit aus, und verſprach, wegen Wilmſen noch einmal alle Mittel zu verſuchen, um ſich von ſeinem Tode zu uͤberzeugen. Allein der Hausfreund hatte nicht viel Zeit zu verlieren; die Juden draͤngten ihn. Er hatte ſeine Glaͤubiger mit der Hoffnung getroͤ⸗ ſtet, die wohlhabende Wittwe zu heirathen. Faſt woͤchentlich kam einer und erkundigte ſich, ob denn noch nicht geheirathet wuͤrde. Der junge Mann geſtattete zwar die erbe⸗ tene Bedenkzeit, aber nur zum Schein. In dem naͤmlichen Augenblicke legte er die Mine an, um durch verdeckten Weg in das Herz der Feſtung zu dringen. Ein ſehr ſchoͤner warmer — —— 74— Fruͤhlingsabend beguͤnſtigte ſeine Plaͤne. Mil⸗ lionen Kirſchbluͤthen dufteten im Garten hin⸗ term Hauſe. Eliſe wandelte an ſeinem Arme im traulichen Dunkel, unter den wuͤrzigen Alleen. Am einſamen Ende des ſtillen Gar⸗ tens ſtand, im Gruͤn junger Mayen, ein klei⸗ ner Moostempel. In dieſem opferte Eliſe ihre Selbſtaͤndi keit, ihre Zukunft, ihr Gluͤck. Aber die Kirſchen, die jene Laube umbluͤht hatten, ſchwollen ſpaͤter zur ſuͤßen Frucht. Eliſe fuͤhlte den druͤckenden Sommer. Sie gab dem Weiederfragenden ihr Jawort, und verſchrieb, vor Notar und Zeugen, dem Neuverlobten ihr ganzes Vermoͤgen. Den Abend des feſtlichen Tages, an dem die Akte vollzogen ward, verlebte der Braͤu⸗ tigam in einer luſtigen Geſellſchaft mit alten Freunden. 4 Unterdeſſen arbeitete die gluͤckliche Braut daheim am Kinderzeuge. Der Abend war ſchwuͤl. Der Himmel rundum umzogen. Am Horizonte leuchtete das Wetter. Eliſe wuͤnſch⸗ 3 * — 75.— te des Geliebten baldige Ruͤckkehr, weil ihr allein im Gartenhauſe bangte; da klopfte es gegen zehn Uhr. Freudig oͤffnete ſie die Thuͤre. Statt des Erwarteten trat ein fremder Mann herein. Albert hatte eben wollen zu Bette gehen. Erſtand in ſeinem Hemdchen im Zimmer, als der Fremde eintrat und mit dem lauten Freu⸗ denſchrei:„mein Vater!“ flog er ihm in die Arme. Wilmſen konnte in den erſten Augenblicken kein Wort ſprechen. Er druͤckte Frau und Kind an die ſtumme Bruſt; endlich brach ſeine maͤnnliche Feſtigkeit. Er weinte die ſeligen Thraͤnen des Wiederſehns. Er hatte das Lieb⸗ ſte ſeiner Welt wieder in den Armen: Eliſe und ſeinen Albert. Sein Kind hatte ihn auf den erſten Blick wieder erkannt. Es ſchmiegte ſich liebkoſend an ſein Herz, es ſtreichelte mit beiden Haͤnden ſeine Wangen, und laͤchelte in ſeine Thraͤnen. „Iſt es denn wahr? habe ich Euch denn wieder,“ frug er zehnmal in einer Minute, und kuͤßte Gattin und Kind im froͤhlichen Wechſel. Albert ſah krank und bleich aus, der zaͤrt⸗ liche Vater frug, was ihm fehle.„Nichts“, erwiederte mit wehmuͤthigem Laͤcheln der Klei⸗ ne.„Ich habe Dich ja nun bei mir, mein Vater, mein lieber Vater, nun werde ich wohl 8 wieder geſund werden. Mein liebes, gutes Vaͤterchen, Du bleibſt doch nun bei uns.“ „Ja, mein einziges Kind! meine Eliſe! 1 nichts ſoll mich nun von Euch trennen. Aber was fehlt Dir, meine reizende Eliſe, Du biſt nicht froh, macht Dir mein Wiederkommen keine Freude? Sieh unſer jauchzendes Kind; ſieh mich Gluͤcklichen! Hat Dein Herz auch immer fuͤr mich geſchlagen? Eliſe ſank weinend an des Mannes Bruſt. 3 Seine Frage ſtieg in das Innere ihrer Hoͤlle hinab. „Der Sturm der Ueberraſchung hat meine Freude ertoͤdtet,“ hob ſie mit gepreßter Bruſt an.„Noch fuͤrchte ich zu traͤumen; den Todt⸗ geglaubten in meinen Armen. Und Du biſt ſo gut, ſo weich, ſo theilnehmend.“ Ach Eliſe, wie viel tauſendmal habe ich meiner Haͤrte, meiner Rauhheit geflucht, mit welcher Liebe Dir in der Ferne jedes ſtrenge Wort abgebeten, das ich oft zu Dir ſprach! Ich habe im ſtillen Kreife guter Menſchen ge⸗ lebt, und bin, glaube ich, beſſer geworden: und Du? meine ſuͤße, meine himmliſche Eliſe? und Du? „Auch ich will beſſer durch Dich werden,“ ſprach die Vernichtete, und barg das gluͤhende Geſicht an der Bruſt des Entzuͤckten. „Nun erzaͤhl' mir, wie es Euch geht, wie Ihr hierher kommt, was Ihr hier treibt, wie Ihr hier lebt!“ Eliſe erzaͤhlte mit kurzen Worten die Ver⸗ anlaſſung, ſich in G... niedergelaſſen zu ha⸗ ben, und verſicherte, daß ſie, bis auf die Tren⸗ nung von Wilmſen, hier recht angenehm, aber eingezogen und ſtill gelebt habe. „Auch mich hat Gott in ſeine Obhut ge nommen,“ hub Wilmſen geruͤhrt an.„Auf dem Schlachtfelde blieb ich, am Kopf und in der rechten Schulter ſchwer bleſſirt, ohne Be⸗ wußtſeyn liegen. Erſt den zaeiten Tag nach der Schlacht, erwachte ich aus meiner Betaͤu⸗ bung. Als ich die Augen aufſchlug, ſtand ein Bauer neben mir, eine Schaufel in der Hand. Ich ſollte, wie ich nachher erfuhr, lebendig begraben werden. Ich bat den Menſchen um einen Schluck Waſſer. Der Gutmuͤthige reich⸗ te mir Branntwein und ein Stuͤckchen Brod aus der Taſche. Ich kuͤßte ihm Kniee und Haͤnde dafuͤr; da ſtieg ihm das Waſſer in die Augen. Er loͤste einer erſchoſſenen Marketen⸗ derin, die nicht weit von mir lag, das Tuch vom Halſe, und wickelte es mir um den Kopf. Ich hatte meine voͤllige Beſinnung wieder, die Schulter ſchmerzte wie hoͤlliſches Feuer. „„Bring mich in Dein Haus, Alter,““ bat —— ich ihn;„„um Gottes Willen in kein Laza⸗ reth; ich will lieber auf Deinem Heuboden ſterben, als im Lazareth ein Kruͤppel wer⸗ den.““ Der Bauer beſann ſich ein Weilchen, dann ſagte er:„„Ich bin hier commandirt, bis den Abend muß ich bleiben; leg' Er ſich dort unter jenen Strauch, Herr Offizier, daß man Ihn nicht gewahr wird; ſonſt wird Er gefangen. Auf den Abend will ich Ihn ab⸗ holen.““ Ich kroch wimmernd zum Strauch, und harrte drei lange Stunden, bis mein Er⸗ retter kam. Sein Dorf war zwei ſtarke, Mei⸗ len entfernt. Er hatte ſeinen Wagen bei ſich. Er lud mich auf. Gegen Mitternacht kamen wir auf ſein Gehoͤft. Das Dorf lag in ei⸗ nem gluͤcklichen Winkel, von Gebirgen umge⸗ ben: es war von Freunden und Feinden leer; ich war ſicher. Der Dorfbader nahm mich in die Kur. Ich gehoͤrte der ganzen Gemeine. Jeder beeiferte ſich, mir meine Leiden zu er⸗ leichtern. Die Menſchen ſchickten mir alle Mittage, reiheherum, zu eſſen. Immer ſaßen — 8⁰— Frauen, Maͤdchen und Kinder an meinem Bette. O Eiiſe, o mein Albert, dort laßt uns hinziehn, dort laßt uns leben. Ich konnte meiner Bleſſur halber nicht ſelbſt ſchreiben; der Prediger des Orts, ein gar lieber Mann, ſchrieb an Dich: aber, wie ich gleich fuͤrchtete, der Brief kam wahrſcheinlich nicht in Deine Haͤnde. Wir wiederholten mehreremale dieſen Verſuch; der letzte Brief, der endlich in H.. U angekommen war, ward mir zuruͤckgeſandt, mit der troͤſtlichen Note vom daſigen Poſtamte: „„Empfaͤngerin iſt von hier weggezogen. 4466 Ich ſchrieb an mehrere unſerer Verwandten; von einem nur, vom Major v. D., erhielt ich die Antwort, er wiſſe nicht, wo Du ſeyeſt; die andern ſchwiegen alle.“ „Nach langer Ungewißheit, die immer pei⸗ nigender wurde, beſchloß ich, Dich in oͤffent⸗ lichen Blaͤttern zu bitten, mir Deinen Aufent⸗ halt zu melden. Ich erſuchte den Schulhalter meines Dorfes, dieſe kleine Angelegenheit zu beſorgen. Der Dienſtfertige verſicherte, daß — 81— er den Aufſatz zur Inſertion befoͤrdert habe; ich bat ihn um das Zeitungsblatt, in dem die Aufforderung befindlich ſey; der zartfuͤhlende Mann aber bat mich, das Blatt nicht zu leſen. „„Jede Zeile,““ ſetzte er geruͤhrt hinzu, „„muß Ihnen ja ein Dolchſtich ſeyn, Herr v. Wilmſen. Nicht wahr, Suschen, Du liefſt durch die ganze Welt, Deinen Mann zu ſuchen, wenn ich Dir einmal abhaͤnden kaͤme?““ Die liebliche Frau nickte ſchweigend, kuͤßte ihren Mann, druͤckte mir die Hand, und eilte zur Thuͤr hinaus, damit ich ihre naſſen Augen nicht ſehen ſollte. Sie hatten Recht, die Men⸗ ſchen: ich haͤtte jetzt das Zeitungsblatt um kei⸗ nen Preis anruͤhren moͤgen! Kopf und Schul⸗ ter waren geneſen. Ich wollte unter fremdem Namen fort, und Dich in H.. u aufſuchen; dort mußte ich ja doch wenigſtens Deine Spur finden: allein das ganze Dorf ließ mich nicht ziehen. Alle baten, erſt abzuwarten, ob Du Dich auf die oͤffentliche Aufforderung nicht melden wuͤrdeſt. Ich wartete von Poſttag zu — 8²2— Poſttag. Um nicht unterdeſſen unbeſchaͤftigt zu ſeyn, gab ich den Kindern meines Doͤrf⸗ chens Unterricht im Zeichnen. Die dankbaren Aeltern beſchenkten mich dafuͤr mit einem voll⸗ ſtaͤndigen Anzuge und einer Kiſte voll der fein⸗ ſten Waͤſche. Die Fortſchritte, die meine Klei⸗ nen im Zeichnen machten, erwarben mir ihre allgemeine herzliche Liebe. Ich hielt taͤglich im Schulhauſe meine Stunden, ich ward der Freund des ganzen Dorfes, und bei der letzten Gemeinde⸗Verſammlung ſetzte man mir einen Gehalt von 100 Rthlr. und freies Logis und Tiſch aus; letzteres beides erhielt ich, auf Rechnung der Gemeine, bei dem Pfarrer. Ich mußte ihre Gabe annehmen; denn ich waͤre ohne dieſe Huͤlſe verhungert. Aber Du und mein Albert?— Taͤglich ſah ich den Schul⸗ lehrer mit ſeiner Gattin. Beide waren ſo gut, ſo ſanft gegen einander, beide lebten ſo glücklich beiſammen. Tauſendmal bereute ich, daß ich in den Jahren unſers Beiſammenſeyns oft ſo ſtreng, ſo hart gegen Dich, Eliſe, gewe⸗ — 83— ſen war. Tauſendmal nahm ich mir vor, auch ſo traulich, ſo hingebend zu werden, wenn Du wieder mein werden wuͤrdeſt. Du antworte⸗ teſt mir auf meine Briefe, auf meine oͤffent⸗ liche Aufforderung nicht! Geld zum Reiſen hatte ich nicht. Mich bis H... u zu betteln, ſchaͤmte ich mich. Ich nahm mir vor, von meinem Gehalte zu ſparen, bis ich ſo viel zu⸗ ſammen gebracht haͤtte, daß ich die Reiſe an⸗ treten konnte, ohne die Mildthaͤtigkeit der Menſchen anzuſprechen. Ich duldete muthig aus.“ „Dich und mein Kind aufzuſuchen, war mein einziger Gedanke, mein einziger Troſt. Ich entſagte allen Lebensgenuͤſſen. Jeder Tha⸗ ler, den ich fuͤr meine Zeichen ſtunden empfing, war mir ein Koͤnigreich werth.“ „Eines Abends ſaß ich ſehr wehmuͤthig bei meinem Freunde, dem Schullehrer, in der bluͤhenden Kirſchlaube. Die gluͤckliche Ein⸗ tracht des jungen Paares zerſchnitt mir das Herz. Ich konnte dieſem freundlichen Paare 6* ——y— — nicht gegenuͤber ſtehen, heute nicht. Gluͤhen⸗ der hatte die Sehnſucht mir nie im Buſen ge⸗ wuͤthet. Ich ſann auf alle erdenkliche Mittel, Nachricht uͤber Dich einzuziehen; da fiel mir die alte Tante, die Landraͤthin, ein. Die weiß ja alles. Sicher wußte ſie auch von Dir. Ich begriff mich nicht, warum ich mich nicht fruͤher an ſie gewendet hatte: vielleicht— Du weißt, Eliſe, ich konnte ſie mit ihrer verlaͤum⸗ deriſchen Zunge nie leiden, vielleicht hatte ich gerade iſie nicht gefragt, um nichts Nachthei⸗ liges von ihr uͤber Dich zu hoͤren, die ja an Gott und der ganzen Welt immer etwas zu ta⸗ deln hatte.“ „Ich ſchrieb ihr, und erhielt eine ſechs Seiten lange Antwort. Sie hatte ihre Feder in Gift getaucht, ſie zerriß mir jeden Faden des Glaubens an Dich, ſie wuͤhlte mit der Wolfsklinge ihrer teufliſchen Verlaͤumdung mir bis auf das Roͤhrenmark. Du ſeyeſt, ſchrieb ſie, nach G.... gezogen, um Dein Vermoͤgen zu retten; Du habeſt hier mich und alle Deine — 8 5— Pflicht vergeſſen: Du ſeyeſt, wie ſie von ei⸗ nem Freunde, der durch G. gereiſt, fuͤr beſtimmt gehoͤrt habe, auf dem Punkte, einem jungen Luͤderlichen Deine Hand als Gattin zu geben; mein Albert ſey Dir gleichguͤltig, das Kind verhungere und verjammere unter Deinen Augen— ſo weit vermogte ich zu leſen, da knitterte ich den Brief in der krampfhaft ge⸗ ballten Fauſt zuſammen.— Fort, fort ſtuͤrmte es laut in mir. Ich eilte zu meinem treuen Dernde, em Schulle rheer ich Frzäͤßli⸗ 3 5 R 25 8— —2 F. S — „„Lieber? und zog meine Re ahte an ihre ſchlagende u Vrul⸗ „„Sottes Geleite zur Reiſe. Jatzt e erſt habe ich ſie lieb. Mein Walter waͤre lange ſchon gegangen. Nicht wahr, mein ehrlicher Mann? Gewiß hat die Tante gelogen. Man kennt ja die alten Muhmen, ich habe auch ſo eine in der Stadt. Ihre Frau iſt ſchuldlos. Am Ende hat ſie unſere Zeitung gar nicht geleſen, — 36— und ſehnt und graͤmt ſich nach Ihnen zu Tode.““ „Eure Zeitung? in Eure habt Ihr meine Bitte an meine Eliſe ſetzen laſſen? warum nicht in Hamburger, in die Berliner? Nur dieſe konnten in Eliſens Haͤnde kommen.“ „Jetzt— es war, als ob ich fruͤher mit Blindheit geſchlagen geweſen waͤre,— fiel mir die Moͤglichkeit ein, daß auch Du vielleicht mich auf demſelben oͤffentlichen Wege geſucht haben koͤnnteſt. Wir lafen in unſerm Doͤrf⸗ chen nur die Zeitung des Landes; aber im naͤchſten Staͤdtchen wurde die Hamburger ge⸗ halten: der Prediger erhielt ſaͤmmtliche Jahr⸗ gaͤnge, von 1816 an, vom Poſtmeiſter des Staͤdtchens auf ſeine Bitte zugeſandt. Wir ſuchten, und fanden Deine Aufforderung. Ach Eliſe, das war die erſte ſchoͤne Stunde ſeit dem Ausmarſch. Ich kuͤßte Deinen Na⸗ men, ich benetzte Deine Zeilen mit meinen Thraͤnen.„Ich komme“ rief ich laut aus, und jetzt war kein Haltens. Ich ging, wie ich —, ſtand. Meine wenigen Thaler hatte ich in der Taſche. Suschen band den gehenkelten Duka⸗ ten ſich vom Halſe, gab ihn mir, und lispelte leiſe„„zum Nothpfennig.““ Sie begleitete mich mit ihrem Manne bis an die Graͤnze meines wohlthaͤtigen Doͤrſchens. Ehrliche, liebende Seele! Dein Nothpfennig iſt noch mein unverſehrtes Heiligthum. Ich wanderte zu Fuß. Ich eilte, als ob ich Dich verloͤre, als ob ich meinen Albert nicht wieder ſaͤhe, wenn ich einen Tag zu ſpaͤt kaͤme. Im letzten Staͤdtchen hier vor G....frug ich nach Dir, ohne mich zu erkennen zu geben. Ein gefaͤlli⸗ ger Mann, der Apotheker des Orts, kannte Dich dem Namen nach: er bezeichnete mir das zweite Haus vor der Stadt, rechts, als Deine Wohnung, und ſo habe ich Dich und meinen Albert gluͤcklich gefunden. Dich und meinen Albert,— ach daß ich jetzt mitten unter Euch ſtehe, daß ich Euch beide in meinen Armen habe.⸗! Guter, heiliger Gott! -— 88— Noch lange ſprach der Gluͤckliche, und im⸗ mer hatte er zu erzaͤhlen und zu fragen. Albert ward endlich muͤde und legte ſich zu Bette. Wilmſen ſehnte ſich allmaͤhlig auch nach Ruhe; er war heute faſt acht Meilen gegangen. Eliſe hatte fuͤr dieſe Nacht ihn in das Putzzimmer gebettet. Der Gluͤckliche zog das reizende Weib auf das Daunenlager, und ſchlummerte im Arm der Liebe ein. Eliſe ſtand, als dem Muͤden der Schlaf die Augenlieder geſchloſſen, auf, um dem Ver⸗ lobten, den ſie ſchon in der Ferne kommen hoͤrte, die Hausthuͤre zu oͤffnen. Vom Weine berauſcht, umfing er die un⸗ gluͤckliche Braut. Aber ein Donnerſchlag weck⸗ te ihn aus ſeinem frohen Taumel, als er von der Ankunft des Gatten hoͤrte. Die Glaͤubiger hatten bis jetzt ruhig ge⸗ wartet. Sie wußten, daß der Schuldner mit dem Vermoͤgen der Braut bezahlen werde. Machte aber jetzt Wilmſen ſeine Rechte auf 89— Eliſens Hand guͤltig, ſo war es dem tief Ver⸗ ſchuldeten keine Moͤglichkeit, ſich zu retten. Er verlor Credit, Ehre, Braut, Vermoͤgen und am Ende ſeinen Poſten. Wilmſen war der einzige Stein auf dem Wege ſeiner Selbſt⸗ erhaltung, ſeines Gluͤcks. Sein innerer Teu⸗ fel bruͤtete nicht lange uͤber dem hoͤlliſchen Plan. Er hatte kaum gehoͤrt, daß Wilmſen im Gaſtzimmer ſchlafe, ſo ſchlich er, von Eli⸗ ſen unbemerkt, in die Kuͤche, holte ſich ein Licht und die Holzaxt, trat vor des glücklich Traͤu⸗ menden Bette, und ſchlug ihn mit ungeheurer Kraft vor die Stirn. Eliſe hoͤrte den furcht⸗ baren dritten, vierten Schlag, ſie ſtuͤrzte in das Zimmer. Wilmſen roͤchelte. Das Bette ſchwamm im Blute, und der Kannibale hieb mit der Axt den fuͤnften, ſechsten, ſiebenten Schlag. Eliſe, vom Schrecken der Sprache beraubt, konnte keinen Laut von ſich geben. Sie ſtuͤrzte dem Raſenden in die Arme. Der Erſchlagene verſchied in den graͤßlichſten Zuk⸗ kungen vor ihren Augen. „Wo Du einen Laut thuſt“ murmelte der Schaudervolle, und hob die Prſhe Axt in die Luft,„ſo biſt Du ein Kind des Todes.“ Neben an ſchlaͤft Albert, hoͤrt er uns, ſo ſind wir verrathen. Dieſer mußte mir aus dem Wege, ſonſt war ich verloren. Du, mein Gunc. mein Alles, warſt durch dieſen fuͤr mich auf ewig dahin. Dich kann er nicht ſchmerzen. Du hielteſt ja laͤngſt ihn fuͤr todt. Jetzt fort mit ihm aus dem Hauſe, ehe der Morgen graut. Kein Menſch weiß, wo er geblieben iſt, kein Menſch hat ihn hereinkom⸗ men geſehen. Unſere Leute ſchlafen, und Al⸗ bert bringen wir morgen fruͤh nach W.... auf die Schule; dort vergißt er den Vater. Er muß morgen fruͤh mit keinem unſerer Leute ſprechen; dafuͤr laß mich ſorgen! Jetzt nur dieſen aus dem Hauſe, es wird mir ſonſt ſelbſt unheimlich. Eliſe! geſchwind einen Sack; wir ſtecken ihn hinein, und tragen ihn hinunter an den Muͤhienteich. —— —— Eliſe rang die Haͤnde! Sie— Sie war an dem Morde Schuld. Lebte das Kind des Moͤrders nicht unter ihrem Herzen, ſie haͤtte Wilmſen offen und wahr die neuangeknuͤpften Verhaͤltniſſe erzaͤhlt, haͤtte dieſe Verhaͤltniſſe aufgehoben, und waͤre mit Wilmſen und Al⸗ bert in das gluͤckliche Doͤrſchen gezogen. Wilm⸗ ſen haͤtte ihr verziehen, denn er war ja ſo gut, ſo ſanft, ſo herzlich. Und nun lag er vor ihr mit zerſchmettertem Schaͤdel. Gehirn und Blut auf ſeinem Geſichte— noch vor wenigen Minuten ſelig in ihren Armen, und jetzt kein Lebenszeichen mehr in ihm. Nicht einmal weinen ſollte ſie! Das Blut preßte ſich zu ihrem Herzen, ſie ſank in die Knice, ſie erbleichte. Die Sinne ſchwanden ihr, ſie ſtuͤrzte zu Boden, und eine wohlthaͤtige Ohn⸗ macht uͤberhob ſie eines grauſenden Anblicks. Der Moͤrder holte ſich ſelbſt einen Sack, ſteckte den Verſtuͤmmelten hinein, und wollte ihn allein in den Teich tragen. Aber er ver⸗ mogte es nicht. Sein Rauſch, ſeine Wuth — 9 2— waren verflogen, ſeine Kraͤfte waren erſchoͤpft. In der Todesangſt, vom Morgen uͤberraſcht zu werden, weckte er Eliſen aus ihrer Ohn⸗ macht auf. Er bat, er flehte, er beſchwor ſie, ihm den Sack bis zum Teich, der nur hundert Schritte vom Hauſe entfernt war, tragen zu helfen. Eliſe weinte laut und be⸗ theuerte, keine Hand anzuruͤhren. „Nun ſo ſoll denn dieſe Nacht,“ hob der Satan mit funkelnden Augen an,„die Luſt zu morden in mir kuͤhlen. Eliſe und Albert, Ihr beide, wenn Du nicht hilfſt. Du, Du biſt an Deines Kindes Tode Schuld: ich nicht. Ich muß. Mein Leben endet ſonſt am Hoch⸗ gericht.“ Er rannte mit der Ayt nach Al⸗ berts Kammer. Da rief die Gepeinigte,„ich will.“ Sie trugen ſchweigend die Schauderlaſt nach dem Teiche. Die Nacht war dunkel. Der Himmel ſchwarz umzogen. Dumpfer. Donner rollte in der Ferne. Vom Feuer des Blitzes ſah ſich die Ungluͤckliche mit dem Er⸗ ſchlagenen beleuchtet. Sie wandte jedesmal ihr Geſicht. Es war ihr, als traͤfe ſie jeder Blitz, als leuchte der hoͤchſte Richter der Welt, mit dem Feuer ſeines Himmels, in die Tieſe ihres zerriſſenen Gewiſſens. Das Ufer des Teichs iſt an einer Stelle ziemlich hoch und ſehr ſteil. Die Heerſtraße fuͤhrt uͤber dieſe Stelle, und, um Ungluͤck zu vermeiden, iſt am Rande des Weges eine kleine Kauer, zwei Fuß hoch, aufgefuͤhrt. Auf dieſe Mauer legten ſie den Sack; ſie ſuchten große Steine zuſammen, packten ſie in den Sack, damit er gleich zu Grunde gehe, und der Moͤr⸗ der, der auf der kleinen Mauer knieete, band nun den Sack zu und rollte ihn von der Mauer hinab. Der Sack fiel ſchnell und zog den Moͤrder mit ſich hinunter. Der Schreckliche ſchrie, er wollte ſich oben anklammern, aber er vermogte es nicht. Ein naher Blitz, ein hef⸗ tiger Donnerſchlag! Die Flaͤche des Teichs wich auseinander und ſchlug uͤber die Herab⸗ kommenden zuſammen, und Moͤrder und Ge⸗ mordeter waren verſchwunden. Eliſe ſtierte hinab in die ſchweigende Tiefe des Waſſers, ſie bebte am ganzen Koͤrper, ſie rief leiſe die Namen der Verſchlungenen, ſie erſtarrte vor Schreck. Ein heftiger Regenguß und das furchtbare Gepraſſel des Donners weckten die Ungluͤck⸗ liche. Zweimal wollte ſie nach, hinab in die raͤthſelhafte Tiefe. Nur Mutterliebe, Liebe zu ihrem Albert, ketteten ſie noch an das Leben. Sie eilte nach Hauſe. Jeder Tritt in ihrer Wohnung war mit dem Blute des ſchuldlos Gemordeten bezeichnet. Sie hatte keine Ruhe in der Marterhoͤhle, in welcher ihr treuer Gatte erſchlagen war. Ueberall ſtand ſein Bild ihr vor der Seele: uͤberall verfolgte Sie die Schreckensgeſtalt des Schaudervollen mit der blutigen Axt. Sie eilte wieder fort aus dem Hauſe. Der Morgen daͤmmerte. Das Ge⸗ witter hatte ſich verzogen. Sie ging noch ein⸗ mal zum Teiche. Keine Spur von den Ver⸗ —— ſchwundenen. Sie hatte keine Ruhe. Das Feuer der Hoͤlle brannte ihr in der Bruſt. Sie rang mit ſich ſelbſt. Endlich wandte ſie ſich gegen die Stadt, ging zum oberſten Rich⸗ ter des Orts, und gab ſich ſelbſt an. Der feinfuͤhlende Mann behandelte die Un⸗ gluͤckliche mit Theilnahme und Anſtand. Die ganze Stadt ward von dem Vorfall erſchuͤt⸗ tert. Man traf augenblicklich Anſtalt, den Teich abzulaſſen. Da erklaͤrte ſich das ſonder⸗ bare Ereigniß. Der Moͤrder hatte in der Dunkelheit, in der Angſt und in der Uebereilung, den Zipfel ſeines duͤnnen Zeuguͤberrocks, mit in den Sack gebunden. Als der Sack nun von der Mauer fiel, zog er den Moͤrder mit hinab, und letzte⸗ rer ſtuͤrzte nach, weil er auf der Mauer knieete, und das Uebergewicht ſeines Koͤrpers ohnehin ſich zum Teiche herabgeneigt hatte. 3 Ich ſprach Eliſen, von ihrer Familie be⸗ auftragt, im Gefaͤngniſſe. Sie war ernſt und — 96— ergeben und harrte auf den Ausgang des gegen ſie eroͤffneten Kriminalprozeſſes mit banger Ungeduld. Sie erzaͤhlte mir ihre traurige Geſchichte. Albert iſt der Mutter einziger Geſellſchaf⸗ * ter. Seine Stunden haͤlt er regelmaͤßig und dann eilt er zu der Verlaſſenen, und wankt nicht von ihrer Seite. Neulich redete ich ihm zu, ſeiner Geſundheit wegen, einen kleinen Spatziergang zu machen. Er kam mit rothge⸗ weinten Augen zuruͤck und legte der Mutter einen Straus Waſſerblumen in den Schooß: „Aus dem Muͤhlenteiche ſchluchzte das Kind, und umſchlang den Nacken der weinenden Mutter.“ S u. —— ——— die Kirchenfenſter faͤllt. Die Kirche zu St. Barbara. Ven einem froͤlichen Abendſchmauſe, ging ich eines Sonntags nach eilf Uhr zu Hauſe. Mein Weg fuͤhrte mich uͤber den Kirchhof. Zufaͤllig fiel mein Blick auf die alte ſchwarze Kirche zu * St. Barbara. Es war Licht darin. Ich ſtutzte. Ich glaubte anfaͤnglich, daß ich mich taͤuſche. Aber je mehr ich mein Auge auf die langen hohen Fenſter heftete, je deut⸗ licher gewahrte ich die ſonderbare Helld in der Gegend des Altars. 3 Vielleicht, dachte ich, Prennt jenſeits der Kirche in einem der an den Kirchhof ſtoßenden Haͤuſer ein helles Licht, deſſen Schein darh ae Ich ging um die Kirche herum. Kein einziges Fenſter der hier ſtehenden Haͤuſer war erleuchtet. Die Bewohner derſelben ſchliefen ſchon alle in ſtiller Ruhe. Jetzt waren zwei Faͤlle nur denkbar. Ent⸗ weder hatte der Kuͤſter noch ein Geſchaͤft in der Kirche; indeſſen war dieß nicht recht wahr⸗ ſcheinlich, denn was ſollte der in der Mitter⸗ nachtsſtunde hier zu thun haben; oder im Gotteshauſe trieb ein Kirchenraͤuber ſein We⸗ ſen. An eine uͤbernatuͤrliche Erſcheinung dachte meine Seele nicht. Die Kirche war in der Form eines Kreuzes gebaut. Vorn, unter dem Thurme war der Haupteingang; die beiden anderen Thuͤren wa⸗ ren an den Enden des Kreuzes; hinten am Kopfe des letztern ſtand der Altar. Ich ging leiſen Schrittes an alle drei Thuͤ⸗ ren, und verſuchte mit moͤglichſter Behutſam⸗ keit, ob eine geoͤffnet ſey; aber ſie waren alle drei ſorgfaͤltig verſchloſſen. Alle Fenſter waren unbeſchaͤdigt und geſchloſſen, auch waren die Fenſterbruͤſtungen ſo hoch, daß ohne Leiter nie⸗ mand haͤtte einſteigen koͤnnen, und eine ſolche Leiter war nirgends zu ſehen. Alſo konnte weder der Kuͤſter, noch ein Raͤuber in der Kirche ſeyn. Ich horchte durch die Schluͤſſel⸗ loͤcher. Man hoͤrte keinen Laut, keinen Tritt, keine Bewegung. Alles war ſtill, wie ein Grab. Die Beleuchtung der Gegend des Al⸗ tars war ſchwach und blieb unveraͤndert. Waͤre es eine katholiſche Kirche geweſen, ſo haͤtte ich den blaſſen Schein fuͤr den Schimmer der ewi⸗ gen Lampe gehalten. Aber ſo wußte ich mir durchaus das Raͤthſel nicht zu loͤſen. Mein Schleichen, mein Horchen, mein lei⸗ ſes Athmen hatten mich gegen mich ſelbſt heim⸗ lich gemacht. Eine ferne Ahndung des Ueber⸗ natuͤrlichen ſchwebte mir unvermerkt naͤher. In der Kirche waren mehrere Gruften fuͤr die erſten Familien der Stadt. Unlaͤngſt erſt hatte man eine junge Graͤfin hier beigeſetzt. Sie ſchlief den ſtillen Schlaf der Ewigkeit in der 7* — 100— Naͤhe des Altars. Ein heimlicher Froſt ſtreifte mir uͤber die Haut. Ununterſucht konnte ich die Sache nicht laſſen. Aber allein konnte ich nichts thun. In der Kirche nur war die Aufloͤſung zu fin⸗ den, und dazu bedurfte ich der Schluͤſſel. Der Kuͤſter wohnte der Kirche gegen uͤber. Ich pochte ihn mit moͤglichſt wenigem Ge⸗ raͤuſch heraus. Immer hatte ich die Augen auf die Gegend des Alters gerichtet, aus Furcht, die Helle moͤgte unterdeſſen ver⸗ ſchwinden. Endlich ſteckte der Kuͤſter den Kopf mit der Schlafmuͤtze zum Fenſter heraus. Ich erzaͤhlte 8 ihm leiſe, was ich geſehen; ich fuͤhrte ſeinen Blick auf die Kirche. Er erſchrack, als er das Licht gewahrte. Er ſchloß mir die Thuͤre auf, ließ mich herein, ſchlug Licht an, und ließ ſich alles er⸗ zaͤhlen, was ich geſehen und bemerkt hatte. „ Lieber Herr,“ hob er dann an,„da las⸗ fen Sie uns davon hleiben! da geht etwas L⸗ 54 vor, das wir beide nicht gewaͤltigen koͤnnen. Beſtimmt ſind das Dinge der Unterwelt.“ „Poſſen, Herr Kuͤſter, wie koͤnnen Sie verſtaͤndiger Mann ſolch albernes Zeug glau⸗ ben!“ „Nicht Poſſen, lieber Herr; ich bin ein alter Mann, und weiß, was in meiner Kirche vorgeht, darauf verlaſſen Sie ſich. Jetzt weiß ich es.“ Er ſann eine Weile, dann murmelte er vor ſich hin:„Bei Gott, es trifft alles. Auf ein Haar trifft alles.“ „Nun was wiſſen Sie denn? was trifft denn alles?“ fragte ich, durch ſeine ſatzweiſen Aeußerungen noch aufgeregter, und mit aͤngſt⸗ lichem Blick auf die Kirche, in der die ratſel. hafte Helle noch ſichtbar war. „Ein tiefer Erdgang fuͤhrt zur Kirche. Hinter dem Altare war ſonſt ſein Ende. Lange, lange vor meiner Zeit iſt der Gang verſchuͤt⸗ tet, und die Fallthuͤre hinter dem Altare ver⸗ mauert worden, aber— Sie wiſſen doch, daß die junge Graͤfin vorigen Freitag in der Kirche iſt beigeſetzt worden?“ „Ja! nun?“ „Vor hundert Jahren ſtarb eine junge Graͤfin aus demſelben Hauſe. Es war die Graͤfin Hedwig, ſie liegt unter der Kupfer⸗ platte am Taufſtein. „Ich weiß, ich weiß; nun?“ „ Da hat es gebrannt in der Kirche, drei Naͤchte hindurch, ein ſtilles heiliges Feuer. Keiner hat es loͤſchen moͤgen, keiner hat es ge⸗ konnt. Kurz vor dem Tode meines ſeligen Vorgaͤngers, das ſind nun fuͤnf und vierzig Jahr, ſtarb die Graͤfin Erdmuthe aus dem naͤmlichen Hauſe, acht Tage vor ihrer Hoch⸗ zeit. Das ſchwarze Marmormonument unter der graͤflichen Kapelle bezeichnet ihre Grab⸗ ſtaͤtte.“ „Nun, und?“ „Nun, und drei Naͤchte hat es gebrannt in der Kirche, das haben Hunderte von Men⸗ — 1 zum graͤflichen Schloſſe gefuͤhrt.“ — 103— ſchen geſehn, und mein Anteceſſor hat den Tod davon gehabt. „Den Tod?“ „Den Tod! wie ich Ihnen ſage. Auf welche Weiſe, hat er nie erzaͤhlt; aber ich will tauſend Eide ſchwoͤren, daß das wahr iſt. Jetzt, die junge Graͤfin Mathilde liegt kaum in der Erde, da brennt es wieder. Nun, was meinen Sie dazu? Soll ich mir etwa auch den Tod holen? Nein! Laſſen ſie die arme Graͤfin in Frieden ruhen. Got ſei ihrer jun⸗ gen Seele gnaͤdig!“ Der Mann hatte mich durch ſeine fluͤſtern⸗ de Rede in meinem Glauben wankend gemacht. Das Licht in der Kirche brannte noch. Es ward mir nicht recht gemuͤthlich.„Nun, und der Erdgang, von dem Sie vorhin ſprachen, was hat der mit der Sache zu thun?“ „Ja! wie man ſagt, hat er in dunkeln Kruͤmmungen, drei Lachter tief unter Tage, — 104— „Nun, Herr Kuͤſter! da ſind wir dem Auf⸗ ſchluſſe ja nahe. Vielleicht ſind die Mitglieder des graͤflichen Hau es, durch ein altes Fami⸗ liengeſetz, verbunden, jeder graͤflichen Jung⸗ frau, die der Tod aus ihrem Kreiſe fuͤhrte, drei Naͤchte hindurch, ein ſtilles Todtenopfer, bei der Gruft der Geſchiedenen zu bringen? oder— Sie entſinnen ſich, daß Graͤfin Ma⸗ thilde im Sarge mit einem weißen, reich in Silber geſtickten Todtenkleide angethan war; an dem Finger ihrer Rechten blitzte ein Dia⸗ mantring, im Haar kleine Juwelen; ſollten vielleicht mittelſt des unterirdiſchen Ganges, raubſuͤchtige Menſchen—“ „Erſtlich brauchte man dazu nicht dreier Naͤchte, und dann, was die Hauptſache iſt, lieber Freund, Sie vergeſſen, daß der Gang verſchuͤttet und die Fallthuͤre vermauert iſt.“ „Wiſſen Sie das gewiß? ganz gewiß!“ „Die Verſchuͤttung!“ entgegnete er lang⸗ ſam und jetzt ſelbſt geſpannt,„die Verſchuͤttung weiß ich nicht ganz gewiß. Das iſt mir nur — * — 105— ſo geſagt worden, aber daß die Fallthuͤre ver⸗ mauert iſt, das iſt Thatſache. Sie ſelbſt ſind ja, beim Communiciren, hinter dem Atare weggegangen und werden dort keine Fallthuͤre bemerkt haben. An den großen eingelegten Flieſen bemerkt man noch jetzt die Stelle, wo die Fallthuͤre geweſen iſt.“ „Gut! Aber iſt es denn nicht moͤglich, daß man ſich, vom Erdgange aus, einen an⸗ dern Ausweg in der Kirche verſchafft haben kann?“ „Ohne daß ich es bemerkt haben ſollte? Nein, lieber Herr, das iſt nicht moͤglich!“ „Der ganze Raum vor dem Altare iſt eine große, weite Gruft! oben liegt Platte neben Platte, bald von Zinn, bald von Kupfer, un⸗ ten ſtehen die Saͤrge. Wie leicht iſt es, aus dem Erdgange ſich zu dieſer großen Gruft durchzubrechen, wie leicht dann, eine jener Platten von unten aufzuheben!“ „Ja, bei meiner armen Seele, Herr, das waͤre moͤglich!“ „Nun, und ſo iſt es! Kommen Sie in die Kirche; in ger halben Viertelſtunde haben wir voͤlligen Aufſchluß.“ „Wir! in die Kirche? Jetzt! Um Got⸗ teswillen nicht. Wir haben ja ſchon den Auf⸗ ſchluß. Es iſt ja ſchon alles ganz klar!“ „Was denn?“ „Nun, der Aufſchluß!“ 4 „Der Aufſchluß? Nun, was haben Sie denn fuͤr einen Aufſchluß aufgeſchloſſen?“ „ nu— das Licht, die Graͤfin Mathilde und der Erdgang, das haͤngt alles zuſammen, ganz natuͤrlich zuſammen.“ „So helle ſeh ich das noch nicht. Wir iffn eigentlich alle beide noch nichts, als daß ein Licht in der Kirche brennt. Das uͤbrige ſind bloße Vermuthungen. Sie ſind ein kluger lieber Mann; bleiben Sie nicht auf halbem Wege ſtehen!“ „Mein Vorgaͤnger iſt an der Geſchichte geſtorben. Mein Vorvorgaͤnger vielleicht auch. Wer weiß das! Ich habe nicht die mindeſte —,— — — 107— Luſt, uͤber die Graͤfin Mathilde in's Gras zu beißen. Was deines Amts nicht iſt, da laß deinen Vorwitz!“ „Deines Amts nicht iſt? Herr! Aller⸗ dings iſt es Ihres Amts! Die Kirche zu St. Barbara iſt Ihnen anvertraut. Was wuͤrde das Ihnen vorgeſetzte Klrchen⸗Collegium ſagen, wenn ich morgen erzaͤhlte, daß Sie ſich gewei⸗ gert haͤtten, mit mir zu gehen. Ich fordere Sie bei ihrem Dienſteide auf; kommen Sie!“ „Allein gehe ich nicht,“ ſagte der Kuͤſter verdruͤßlich und kleinlaut;„laſſen Sie uns wenigſtens Mattheſen mitnehmen.“ „Wer iſt Mattheſen?“ „Matthes heißt er; er iſt mein Haus⸗ knecht.“ Den Vorſchlag war ich gern zufrieden. Der Menſch ſchlief wie ein Erſchlagener; endlich ruͤttelten wir ihn auf. Der Kuͤſter ſchrie ihm in die Ohren:„In St. Barbara brennt es. Die hochſelige Graͤfin Mathilde geht um. Der Erdgang iſt durchbrochen, die — 108— Gruftplatten ſind geluͤftet!“ Da ſprang der Erſchrockene mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette. In der erſten Betaͤubung fuhr er, ſtatt in die Beinkleider, mit den Fuͤßen in die Armloͤcher ſeiner Jacke, und glaubte ſich be⸗ hext, als er mit dem Anzuge nicht fertig wer⸗ den konnte. 4 Nach und nach erholte er ſich endlich, und als er hoͤrte, daß ſich das Brennen in St. Barbara, auf den bloßen Schein eines ſchwa⸗ chen Lichts reducire, ſo erzaͤhlte er, daß er das Naͤmliche ſchon geſtern und vorgeſtern Abend bemerkt habe. Heute war afſo die dritte, und wenn des Kirchners Chronik wahr war, die letzte Nacht Die Uhr ging auf Zwoͤlfe; dann ſollen ja alle naͤchtliche Erſcheinungen der Art gewoͤhnlich ſich enden. Wir mußten alſo eilen, wenn wir nicht zu ſpaͤt kommen wollten. Matthes war ein vernuͤnftiger Menſch! Mit Licht, meinte er, muͤßten wir uns vor al⸗ lem andern verſehen. Moͤchten nun Geiſter — —————— —OO⏑—ᷣ—ꝛ::::ÿ— — 109— oder Menſchen in der St. Barbara hauſen, Licht könnten beide nicht vertragen. Er nahm daher eine Laterne mit, jeder von uns beiden erhielt ein Altarlicht in die Hand. Dieſe brannten heller als die gewoͤhnlichen, weil es ſtarke Wachslichter waren; auch war, nach Mattheſens Anſichten, ein ſolches Altarlicht doch, gewiſſermaßen, ein Schutzbrief gegen alle Anfechtungen des Teufels und ſeiner Genoſſen. Uebrigens hatte Matthes einen reſpektablen Pruͤgel, ich ward mit einem kurzen ſpaniſchen Rohr verſehen, und der Kuͤſter ergriff, in der Angſt ſeines Herzens, ein langes Lineal. So bewaffnet traten wir denn unſere naͤcht⸗ liche Recognoſcirung an. Ich ward durch Mattheſens ruhiges Be⸗ nehmen ermuthiget, und der Kuͤſter ſchien, durch das ihm vor die Augen geſchobene Kir⸗ chen⸗Collegium, auch ein bischen Courage mehr bekommen zu haben. Unſern Operationsplan hatte Matthes ent⸗ worfen. Zur Hauptthuͤre, vorn unter dem — 110— Thurme, wollten wir hinein gehen. Wir hat⸗ ten dann die ganze Laͤnge der Kirche vor uns, und konnten Zeit gewinnen, unſere weitern Maßregeln zu beſprechen, wenn wir erſt die beleuchtete Gegend des Altars, in der weiteſten Entfernung, beaugapfelt hatten. Matthes wollte mit der Laterne an der Kirchthuͤre Poſto faſſen, um uns, unſere vorzuͤglichſte Waffe, das Licht zu erhalten. Wir beide ſollten dann unſere Lichter anzuͤnden und in dem Haupt⸗ Mittelgange der Kirche, herauf, nach dem Al⸗ tar zu gehen. In der Mitte, in der Gegend des Taufſteins, ſollte der Kuͤſter ſtehen bleiben; ich aber ſollte nun vorwaͤrts gehen, und den Altar und ſeine Umgebungen recognoſciren. So war Mattheſens Plan. Matthes hatte recht huͤbſche ſtrategiſch⸗taktiſche Kenntniſſe. Die haͤtte ihm weder der Herr von Maſſen⸗ bach, noch der ſelige Buͤlow abſtreiten koͤnnen. Mich ſchickte er auf die Spitze hinaus; ich ſollte den erſten Vortrab machen. Der Kuͤſter war das Hauptkorps, und Matthes ſelbſt bil⸗ A —— — 111— dete die Reſerve. Wurden die Armeen des erſten und zweiten Treffens geſchlagen und zum Ruͤckzug genoͤthigt, ſo war er der erſte, der Reißaus nehmen konnte; er durfte nur einen Schritt uͤber die Kirchthuͤrſchwelle thun, und er war im Freien. Indeſſen, mir ging es, wie manchen Generalen, ich billigte den Schlacht⸗ plan, weil ich ihn noch nicht recht uͤberſehen konnte; auf dem Platze ſelbſt, dachte ich, wird ſich das Weitere ſchon ergeben. Der Kuͤſter war bedaͤchtiger. Er beſtimmte „ wenigſtens die große Kirchthuͤre zum Sammel⸗ platze, im Fall wir retiriren muͤßten. Matthes aber, der durch ſeines Herrn Zaghaftigkeit das Herz bekommen hatte, ſich uͤber ihn luſtig zu machen, meinte, von der Ratraite muͤßte gar nicht die Rede ſeyn. Das Hauptkorps zog ſich die Schlafmuͤtze tiefer uͤber die Ohren und brummte zwiſchen die Zaͤhne:„Du haſt gut 4 ſprechen, Du ſtehſt an der Kirchthuͤre.“ Ich 2 ſchlug nur noch eine Kriegsliſt vor; naͤmlich ich gab den Tagesbeſehl, daß, wenn einer ½ ſchrie, die beiden andern aus Leibeskraͤften gleich mitzuſchreten anfangen ſollten, damit die Gegner eine unſichtbare Mehrzahl unſerer Pirthie im Hintergrunde fuͤrchten muͤßten, wenn ſie auf einen Einzelnen von uns ſtoßen follten.. Unter dieſen Verabredungen waren wir auf den Zehen vor die große Kirchthuͤre ge⸗ kommen. Der Kuͤſter ſteckte langſam den Schluͤſſel in das Schloß. In dieſem Augenblicke ſchlug oben auf dem hohen Thurme die Uhr drei vier⸗ tel auf Zwoͤlfe. Das Knarren der großen Uhrraͤder, das Ausheben des Hammers, die dumpfen drei Schlaͤge, ihr Verhallen in die dunkele Mit⸗ ternacht— Mir ſank das Herz, die Bruſt engte ſich zuſammen. Ich athmete ſchwerer. Mieine Begleiter, von den verhaͤngnißvollen drei Schlägen nicht minder ergriffen, ſprachen kein Wort. Wir traten in ſtummer Erwar⸗ tung leiſe in die Kirche. — S D ꝙ— o„““ * 113— Jetzt ſtanden wir zwiſchen der Kirchthuͤre und dem hoͤlzernen Verſchlage, der in aroßen Kirchen, zur Vermeidung der Zugluft, ge⸗ woͤhnlich angebracht iſt, und hier mit einer in Rollen gehenden Thuͤre verſehen war. Deer Kuͤſter und ich zuͤndeten nun unſere Lichter an. Nach dem Sinne des Worts ſoll man von einem Lieutenant LLieu Vei) das Standhalten erwarten. Man hat aber Exempel, daß dieſer Sinn manchmal ver⸗ fehlt worden iſt. Ich mußte von meinen bei⸗ den Generallientenants ein Gleiches befuͤrch⸗ ten. Liefen ſie davon, ſo war ich verleſen. Ich ließ mir alſo noch von beiden Hand und Wort darauf geben, daß wir treu an einander halten wollten, und keiner ohne die beiden an⸗ dern zur Kirche hinaus gehen ſolle. Sie be⸗ kraͤftigten dieß durch ihren Handſchlag. Des alten Kuͤſters Rechte zitterte. Matthes, der, ohne in ſeinem Leben ein Etappen⸗Reglemenr geleſen zu haben, von der Verpflegung einer Armee ganz vortreffliche Begriffe hatte, holte 8 — 114— ain Flaͤſchchen Kuͤmmel hervor, gab jedem ei⸗ nen derben Schluck, und nun zog er die Rol⸗ lenthuͤre des Verſchlags behutſam auf; wir beide traten ein. Matthes blieb außerhalb des Verſchlages mit der Laterne ſtehen. Unſer Blick eilte unſern Schritten voraus. „Bei dem ewigen Gott im hohen Himmel,“ fluͤſterte heimlich der Kuͤſter,„am Altare iſt es helle.“ Wir gingen langſam vorwaͤrts. In meine Beinroͤhren ſenkte ſich kaltes Blei, ſo ſchwer wurden mir die Fuͤße. Die naͤchtliche Stille in dem Hauſe des Hoͤchſten, die kalte Grabes⸗ luft, das ſchwarze Dunkel, die Oede in dem himmelhohen langen Gewoͤlbe— und nun der unerklaͤrliche Schimmer am Altare— hun⸗ dertmal lieber haͤtte ich auf eine Batterie ſtuͤr⸗ men wollen. Da erholt man ſich doch. Da luͤftet ſich die Bruſt durch den Angriff ſelbſt; aber hier dieſes Lauern, dieſes Athem an ſich halten, dieſes todte Schweigen! * ——— „—2828 ͤ — „ t — 115— Unſere Blicke ſpaͤhten rechts und links in die Frauenſtuͤhle und in die Seitengaͤnge, aber wir gewahrten nichts Verdaͤchtiges. Wir ſtan⸗ den ſtill und horchten, aber auch nicht das Mindeſte ließ ſich vernehmen. Wir haͤtten koͤnnen eine Milbe athmen hoͤren. Die ganze Kirche war ein weites Grab. Am Taufſteine gingen unſere beiden Lichter mit Einem Male aus. „Zuͤnden Sie Ihr Licht bei Matthes an, kommen Sie aber bald wieder,“ ſagte ich, die letzte Kraft noch ſammelnd, zum Kuͤſter, und erhaſchte den Taufſtein, denn mir ward ſchwarz vor den Augen; ein nie gekannter Schwindel wandelte mich an, ich glaubte, umſinken zu muͤſſen. Meine Wangen waren erkaltet, meine Stirne gluͤhte. Froſt durchſchauerte alle meine Glieder, ich glaube, ich hatte ein complettes Kanonenſieber. Lachen Sie mich nicht aus, meine Leſer! Jetzt das Buch in der Hand, auf dem Sopha, im ſichern freundlichen Stuͤbchen, laͤßt ſich das 3* — 116— alles recht gut leſen. Haͤtten Sie nur an dem Taufſteine, mitten in der weiten todtenſtillen Kirche, geſtanden; das Lachen waͤre Ihnen wahrhaftig vergangen. Ich ſtand auf der Gruft der Graͤfin Hed⸗ wig. In dem Augenblicke, daß der Kuͤſter die Rollthuͤre des hoͤlzernen Verſchlags hinter ſich hatte, und ich nun in der Kirche allein, ganz allein mich befand, ſtrich ein ſcharfer Zugwind an meinem Geſichte ſchnell voruͤber; unter meinen Fuͤßen regte ſich etwas lebendiges in der Gruft. Ich trat wie elektriſirt von der kupfernen Platte weg. Meine Kniee flogen. Das Herz hoͤrte mir auf zu ſchlagen. Das Licht auf dem Altar ſtand mit der Gruft der Graͤfin Hedwig in Beziehung. Das ahnete ich nun deutlich. Wie nahe aber, oder wie fern?— dies tiefe Raͤthſel ſollte ſich noch löſen. Graͤſin Hedwig ruhte ſeit einem Jahrhundert unter der kupfernen Platte. Die konnte es nicht ſeyn. So viel Beſinnung — 117— hatte ich noch, um dieß beſtimmt nicht zu glauben. Eine halbe Minute darauf ſah ich nach dem Altare wieder hin. Eine weibliche Figur ſtand vor demſelben, und beugte den Kopf tief nieder auf den Tiſch des Herrn. Sie ſtand mit dem Ruͤcken gegen mich gewendet. Lange ſtierte ich nach dem Altare hin. Mein kurz⸗ ſichtiges Auge erreichte nichts weiteres. Die Umriſſe der weiblichen Figur unterſchied ich kaum deutlich. Meine Entfernung von ihr betrug uͤber achtzig Schritte; zwiſchen mir und ihr lag dunkle Nacht. Aber ihr Nieder⸗ beugen, die Bewegung ihrer Arme bemerkte ich ganz genau. Auch uͤber ihre Kleidung konnte ich nichts beſtimmtes wahrnehmen. Nur ſo viel ſah ich, daß ſie eine Art von mehr als gewoͤhnlich dickem Umſchlingetuch uͤber dem Halſe trug. Jetzt ſchlug es oben auf dem Kirchthurme zwoͤlfe. Die Figur ging, mit herunterhaͤn⸗ genden gefalteten Haͤnden, langſam hinter den — u— Altar. Ich hoͤrte ihren Geiſtertritt nicht; ich ſah ſie nur gehen. Das Licht auf dem Altare brannte jetzt heller, ſein Schein breitete ſich viel weiter, als vorhin, aus. Eine ſchauerliche Ahnung der Geiſterwelt trat mir naͤher vor die bange Seele. Ich ſelbſt gehoͤrte der Erde ſchon nicht mehr recht an. Endlich kam der Kuͤſter mit dem angezuͤn⸗ deten Lichte. Eine ſchreckhafte Geſtalt. Das erdfahle ernſte Geſicht in der gelblichweißen Schlafmuͤtze; eine ſchwarze Weſte; die weißen Flanellaͤrmel der Unterweſte, ſchwarze Bein⸗ kleider mit ſchwarzen Glasknoͤpfen, einen ſchwarzen und einen weißen Strumpf an,— eine Folge des erſten Schrecks bei dem An⸗ ziehen.— Das lange Lineal unter dem Ar⸗ me, das im Schatten, in der Groͤße eines gi⸗ ſich hindehnte— und nun das niedergeſchla⸗ gene muthloſe Auge unter den dickgewoͤlbten Braunen. Nein, der Menſch war nicht ge⸗ gantiſchen Maſtbaums, an den Emporkirchen ——Oñ˖a—⁸O—O—O·—OęBDD— ——V—ꝛ—ꝛ—ꝛ——.——— — 119— ſchaffen, um mich an ihn zu lehnen; und doch m dankte ich Gott, daß ich ihn ſah; war es doch te wenigſtens ein lebendiges Weſen. „Ich lispelte ihn in das Ohr, was ich ge⸗ lt ſehen, und zuͤndete mein Licht an dem ſeinigen ch an.„Das iſt,“ ſagte der vor Schreck Er⸗ hr ſtarrte,„das iſt Graͤfin Hedwig. So haͤngt ſie gemalt im graͤflichen Schloſſe. Die Wulſt n⸗ um den Hals war ſonſt Mode.“ 18 V Er hatte kaum die Worte uͤber die Lippen, en V ſo verloͤſchten wieder unſere beiden Lichter, als en 3 ob ſie von einem unſichtbaren Weſen abſicht⸗ n⸗ lich ausgeblaſen wuͤrden. in„Nun ſo geh' ich ohne Licht,“ ſagte ich — entſchloſſen. Der erſte Paroxismus meines n⸗ Kanonenfiebers hatte ſich gelegt, meine Bruſt r⸗ woͤlbte ſich freier. Ich wollte dem Kuͤſter und i⸗ ſeinem Matthes ein heroiſches Vorbild geben. 1 en Daß mein Ruͤckfall ſo nahe war, ahnete ich a. nicht. en Gedankenlos behielt ich die erloͤſchte Altar⸗ kerze in der Linken. Mit meiner Rechten um⸗ krampfte ich die kurze ſpaniſche Badine, und verpflichtete den Kuͤſter, auf dem Platze aus⸗ zuhalten, und mir mit lautem Geſchrei zu Huͤlfe zu eilen, wenn ich ihm zuriefe, daß ich deren beduͤrfe. Ich zog meine Schuh aus, um deſto leiſer auftreten zu koͤnnen. Ich ging mit aller moͤglichen Faſſung nun vorwaͤrts auf den Altar zu. Der Chor, ſo nennt man in manchen Kirchen den Vorplatz des Altars, war durch ein niedriges Gitter, von dem uͤbrigen Raume der Kirche geſchieden, gleichſam als ſey hier das Alerheiligſte des Tempels. Das Gitter hatte auf beiden Sei⸗ ten Thuͤren; ich oͤffnete die eine, ſie fiel hinter mir wieder zu, und ſo war ich von meinem Sukkurs, dem Kuͤſter, geſchieden. Das Licht auf dem Altare verbreitete uͤber den ganzen Vorplatz eine ziemliche Helle, ſo, daß ich alle Gegenſtaͤnde hier genau wahrneh⸗ men konnte. Die Gruft der vor wenigen Ta⸗ gen eingeſenkten Graͤfin Mathilde war offen; der Deckel derſelben, eine Zinnplatte, lag dicht daneben. Rechts war die Sakriſtey. Die Thuͤre der letztern ſtand offen. Mathilde, das ungluͤckliche ſiebenzehnjaͤhrige Grafenkind, an einem Nervenſieber ſchnell geſtorben, lag, im ſilbergeſtickten weißen Todtenkleide, ohne Kopf, auf dem Tiſche. Die Haare ſtanden mir zu Berge. Ein eiskalter Schauder fieberte mir durch alle Glieder. Die Zaͤhne zitterten unwillkuͤhrlich im Munde, ich fror, daß ich kaum athmen konnte. Es grauſ'te ſich in mir, weiter zu gehen. Aber vor die Sakriſtey⸗Thuͤre wieder vorbei, konnte ich unmoͤglich. Ich wollte den Kuͤſter rufen, allein ich hatte keinen Laut in der Keh⸗ le. Funfzehn Schritte noch hatte ich bis zum Altar. Dort wollte ich ruhen. Alle Kraft war von mir geſchwunden. Ich warf mich auf die unterſte Stufe des Altars. Das Bild des Erloͤſers am Kreuze, im großen Altarblatte, goß wieder Ruhe in mein Herz. Zu ſeinen Fuͤßen lag die heilige — 122— Barbara und betete, die Haͤnde zum naͤchtlichen Himmel gehoben. Im Geſichte der Knieenden lag der Jammer einer ganzen Welt. Je laͤn⸗ ger man die Zuͤge der ſtillen Dulderin betrach⸗ tete, je mehr ſah man, daß ihr andaͤchtiges Flehen ihre tiefen Leiden linderte. Wehmuͤ⸗ thiges Entzuͤcken ſprach das fromme Auge. Die Thraͤne des Kummers entrann der naß geweinten Wange, und leiſe Hoffnung, daß der Gekreuzigte ihr andaͤchtiges Gebet gehoͤrt, ſchwebte auf den bebenden Lippen. Auch mir ward es leichter um die beengte Bruſt. Ich hatte mich wieder geſammelt. Neu ermuthiget ſtand ich auf, um das raͤthſel⸗ hafte Licht, das jenes koͤſtliche Altarbild von unten herauf, magiſch beleuchtete, nun naͤher zu unterſuchen.. Eine kleine Blechlampe, ſparſam mit Oel getraͤnkt, ſtand auf dem Altartiſche. Wer dieſe verdaͤchtige Lampe hierher geſetzt, blieb mir noch dunkel. Sie flackerte, als ob ſie eben verloͤſchen wollte. Jetzt dankte ich —— — 123— dem Himmel, daß ich meine Wachskerze mit mir genommen hatte; ich zuͤndete ſie eilends an dem ſterbennden Lichte der Lampe an, und — Matthes hatte Recht— dies helle Licht in der Hand war mir lieber, als eine mit Kartaͤtſchen geladene Kanone. Hinter den Altar war jenes geiſtige Weſen gegangen. Dort mußte ich das Ende meiner fuͤrchterlichen Ahnungen ſuchen. Leiſe ſchlich ich mich vom Altar herunter, und begann nun den letzten Gang. Ich druͤckte mich hart an die Mauer an, aus Beſorgniß, daß jemand hinter dem Altare hervorſpringen moͤchte, der, wenn ich dem Altare zu nahe war, mich gleich haͤtte faſſen koͤnnen. Kaum hatte ich einige Schritte vor⸗ waͤrts gethan, als ich den Aufſchluß unſerer Schreckensnacht vor mir ſah. Die Flieſen, die an die Stelle der Fallthuͤre eingemauert geweſen waren, lagen alle herausgehoben und aufgeſchichtet, neben der Oeffnung des unter⸗ irdiſchen Ganges. Schutt und Erde waren rings herum friſch aufgeworfen. Ich ſchwankte zwiſchen Weitergehen oder Umkehren. Wandelten Geiſter oder Menſchen hier auf dieſem grauſamen Wege? Wer hatte die Gruft der entſchlummerten Mathilde ge⸗ luͤftet? Wer ihr die letzte Ruhe nicht gegoͤnnt, und ihren Koͤrper ſo graͤßlich verſtuͤmmelt? Mer hatte die immer geſchloſſene Sakriſtey⸗ thuͤre geſprengt? Was hatte in Hedwigs hun⸗ dertjaͤhrigem Grabe ſich geregt? Wer hatte die Blechlampe auf den Altar geſetzt, um in dunkler Mitternacht dieſe heimlichen Schau⸗ derthaten zu beleuchten? Wer durchirrte in dieſen ſchrecklichen Stunden alle die ſtillen Gruften hier, und ſtoͤrte die Todten in ihrem ewigen Schlafe? Wer? und warum? Noch uͤberſah ich nicht die ganze hintere Nuͤckwand des Altars. Ich mußte noch einige Schritte vorwaͤrts gehen. Kalt, wie feiner Eisthau, hauchte mir die feuchte Moderluft aus dem geoͤffneten Erdgange — 1295— entgegen. Ich ſtand, im Innerſten von neuem erbebt, lange nur mit halber Beſinnung. Den Erdgang hinabzuſteigen— nein, das war mir nicht moͤglich. Aber naͤher treten, hinabſehen in die Vorhalle dieſes myſtiſchen Weges, wollte ich. Kaum hatte ich einige Schritte gethan, als ich dicht an der hintern Ruͤckwand des Al⸗ tars etwas erblickte. Ob Menſch, oder Er⸗ ſcheinung, konnte ich im erſten Augenblicke nicht beurtheilen. Es war geſtaltet wie eine Mumie. „Wer iſt das?“ ſagte ich halb laut. Ich wollte es ſtaͤrker ſagen, aber die Luftroͤhre war mir eng zuſammengezogen. Es ruͤhrte ſich nicht. „Wer iſt denn das?“ ſagte ich jetzt etwas lauter, hielt den Stock nach der Mumien⸗Ge⸗ ſtalt weit vorgerichtet, trat naͤher und wandte meine Kerze darauf hin, um deutlicher ſie be⸗ ſehen zu koͤnnen. — 126— Die Spitze meines Stocks hatte ſie leiſe beruͤhrt. Sie entfaltete ſich langſam. Großer, heiliger Gott! es war Hedwig, mit der Wulſt um den Hals, wie ſie der Kuͤſter im graͤflichen Schloſſe geſehen hatte. Sie richtete ſich in die Hoͤhe, gewahrte mich, ſchrie laut auf:„Jeſus, Jeſus!“ und ſchlug die duͤrren Todtenhaͤnde klappernd in einander. Jetzt hatte mein Schreck keine Graͤnzen; ich bruͤllte mehr als ich ſchrie. In dieſem graͤßlichen Augenblicke erſcholl die ganze Kirche von tauſend Stimmen. Hinterwaͤrts griff mir eine kalte kraͤftige Hand in das Halstuch. „Hoͤllenhund verfluchter!“ donnerte ein furcht⸗ barer Mann mit Hellebarde und Schwerdte bewaffnet, und ſtuͤrzte mich auf den Boden nieder. Ich ſank ohne Bewußtſeyn. Mein letzter Blick, als ich ſchon auf der Erde lag, ſiel in den ſcharfzaͤhnigen Rachen eines fun⸗ keäͤugigen ſchwarzen Ungeheuers. Meine Pulſe ſtockten. Auge.—— Ich ſchloß das gebrochene — Die Achſe, um die ſich die ganze Geſchichte dieſer mir unvergeßlichen Nacht herumdreht, war eine alte ganz arme Frau. Von ihrem Wirth, wegen lange ruͤckſtaͤndigen Miethzinſes, vor Kurzem aus dem Hauſe gewieſen, von niemandem aufgenommen, hatte ſie den Ent⸗ ſchluß gefaßt, bis dahin, daß ſie wieder ein Unterkommen faͤnde, in der Kirche zu St. Barbara, ihr naͤchtliches Abſteigequartier auf⸗ zuſchlagen. Mehrere kleine innere Reparaturen der Kirche waren Urſache, daß ſie den Maurern und Stukkaturarbeitern taͤglich geoͤffnet ward. Unvermerkt ſchlich ſich die Alte allemal gegen Abend herein, verſteckte ſich in einer der Ka⸗ pellen, ließ ſich einſchließen, ſchlug ſich Licht an, traͤnkte die Lampe mit zuſammen gebettel⸗ tem Oele, und legte ſich dann auf ihre Bu⸗ 1 blaͤtſchke, ſo nannte ſie das Sopha, was ſie ſich hinter dem Altare aus Huͤtſchen und Bret⸗ tern zuſammen gebaut hatte, und was ſie je⸗ den Morgen, vor Eroͤffnung der Kirche, wieder wegtrug. Dieſe Nacht,— ſie mußte von un⸗ ſerm Hin⸗ und Hergehen, und dem Thuͤr⸗ Auf⸗ und Zumachen, ſo heimlich wir auch darin geweſen waren, doch geſtoͤrt worden ſeyn,— dieſe Nacht war ſie einmal aufgeſtan⸗ den, um nach ihrer Lampe zu ſehen. Sie hatte den Docht gereinigt und ein wenig wie⸗ der aus der Dille hervorgezogen, darum brann⸗ te das Licht heller, als ſie am Altar geweſen war. Die Lampe uͤberhaupt zuͤndete ſie alle Abende an, weil ihr, in der weiten oͤden Kirche, ohne Licht, wie ſie ſich ausdruͤckte, zu graulich war. Den Tritt ihres Fußes hatte ich nicht hoͤren koͤnnen, denn ſie war auf den Struͤmpfen gegangen. Ihren Brod⸗Bettelſack hatte ſie um den Hals geſchlungen, um ſich die Bruſt nicht zu erkälten. Das war die Wulſt der guten ſeligen Grafin Hedwig. — 129— Des Kuͤſters Erzaͤhlung von den drei Naͤch⸗ ten, waͤhrend deren es jedesmal nach dem Tode einer jungen Graͤfin aus Mathildens Hauſe in der Kirche gebrannt haben ſolle, war allerdings Sage des Volks. Ich hatte ſchon fruͤher davon gehoͤrt; aber das Mahr⸗ chen war mit nichts erwieſen. Bloß der Aberglaube naͤhrte noch die Erinnerung die⸗ ſer Fabel. Allenfalls fand eine natuͤrliche Erklaͤrung Statt. Vor 45 Jahren war der Erdgang noch nicht verſchuͤttet. Er fuͤhrte, wie ich nun erfuhr, wirklich in das grafliche Schloß. Leicht moͤglich, daß die Familie auf dieſem geheimen Wege einige Nachte hindurch, Vertraute in die Gruft der Geſchiedenen fattte, um ſich gegen die Furcht des Schein⸗ todes zu ſichern. Daß uns die Lichter am Taufſtein aus⸗ gingen, war eine Folge der in die Kirchthuͤre 9 — 130— eingeſchnittenen, und mit eiſernen Doppel⸗ kreuzen verſehenen Loͤcher; dieſe Thuͤren ſtießen hier gerade auf einander, und es mußte alſo auf dem Flecke ein beſtaͤndig ſcharfer Zug⸗ wind ſeyn. Das Regen unter meinen Fuͤßen in Hed⸗ wigs Gruft mußte entweder bloßes Werk der 8 gereizten Einbildungskraft geweſen ſein, oder eine Ratte hatte ihre Nachtrunde da unten als ich auf der kupfernen Platte geſtande on den Randſugen derſelben abgebroͤckelt und her⸗ unter gefallen ſeyn. ie graͤfliche Famtlie, die aus den, meinen Freunden muͤndlich mit⸗ getheilten, Erzaͤhlungen jener Ereigniſſe hier⸗ von zufaͤllig benachrichtigt war, ließ die Gruft oͤffnen, fand aber nicht das Mindeſte, was auf irgend eine Vermuthung fuͤhren konnte. gemacht, oder ein wenig Kitt 1 Der Zinndeckel von Mathildens Gruft war geſtern Abend erſt abgeliefert und neben die Oeffnung gelegt worden, um morgen fruͤh ein⸗ gekittet zu werden. Die Sakriſtei hatte geſtern der Kuͤſter aus Fahrlaͤſſigkeit zu verſchließen vergeſſen. Auf dem Tiſche lag das weiße reich geſtickte Ge⸗ wand, das der Prediger in der Kirche zu St. Barbara, bei der Vertheilung des Abend⸗ mahis, umzuhaͤngen pflegt. Die Flieſen waren am Sonnabend ſchon heralsgerommen, weil der Bauinſpektor, der die Reparaturen der Kirche dirigirte, bemerkt hatte, daß ſie ſich geſenkt hatten. Die in den Erdgang, bei deſſen Zumaurung, ge⸗ ſchuͤttete Erde hatte ſich, in den vielen Jahren, um ein Merkliches geſetzt, daher waren die Flieſen nachgeſunken, folalich war, wenn nicht einmal ein Communrkant waͤh⸗ 9 ½ — 132— rend des Gehens hinter dem Altare durch⸗ brechen ſollte, die neue feſtere Fundamentein⸗ ſchuͤttung und die Umlegung der Flieſen noth⸗ wendig. Weil aber in St. Barbara dieſen Sonntag keine Communion geweſen war, hatte die angefangene Arbeit hinter dem Al⸗ tare kein Menſch bemerkt. Als es zwoͤlfe ſchlaͤgt, kommt der Nacht⸗ waͤchter in die Raͤhe der Kirche. Matthes ruft ihn an, und erzaͤhlt, was hier vorgeht. Der Nachtwaͤchter, von meinem Hierſeyn weiter nicht umſtaͤndlich unterrichtet, tritt in die Kirche, und bildet nun, nachdem ihn Matthes ſtatt der Subſidien einen Schnapps verheißen, mit ſeinem ſchwarzen Spitz das Huͤlfskorps. Ich fange kaum an zu ſchreien, ſo bruͤl⸗ len das Hauptkorps, die Reſerve und die Auxiliartruppen gleich noch tauſendmal aͤrger, o υd — 133— als ich. Der Nachtwaͤchter weiß nicht, daß ich zum Contingent gehoͤre; er haͤlt mich fuͤr einen Kirchenraͤuber; daher ſein Griff, ſein Fluch und der Genickſtoß, der mich zu Boden ſtuͤrzte, wo knurrend mich der Spitz um⸗ ſtellte. Es gehoͤrte lange Zeit dazu, ehe wir uns einander gehoͤrig verſtaͤndigten. Jetzt lachten wir alle fuͤnfe. Die arme Alte ſchlief dieſe Nacht auf dem Hausflur des Kuͤſters. Den folgenden Morgen ward die Ge⸗ ſchichte in dem ganzen Orte ruchbar. Das Armendirektorium brachte die Dachloſe im Hoſpital unter. Dort lebt ſie noch heute, wend ſie unterdeſſen nicht geſtorben iſt. 3 5— 2„ 3 lenverkauf. Jahr ‿ Eine 8 dem 1 des — „Es iſt alles verloren,“ ſagte der Vater, legte die Hand auf die gefurchte Stirne, und blick⸗ te tief bekuͤmmert auf Julien nieder. „Wie, mein Vater?“ frug das Maͤdchen erſchrocken, und nahm dem Alten Hut und Stock aus der Hand,„keine Hoffnung mehr?“ „Nichts! nichts! das Colleglum iſt auf⸗ geloͤst. Wir ſind außer 5 2 ier Julchen, te praͤnume⸗ das letzte Gehalt auf drei rando. Wir beſtuͤrmten den Mcdanen, er ſolle unſer Leben wenigſtens auf ein Jahr friſten. Die Caſſe iſt bei Gelde. Aber der Furchtſame glaubt, alles den Franzoſen hin⸗ geben zumuͤſſen; und ſo ſind wir alle, alle am Rande der Verzweiflung. Gott, was wird aus uns werden!“ Sulchen troͤſtete. Der Praͤſident, meinte 1 ſe, ſey ein kluger Mann. Wuͤſte er nicht ganz gewiß, daß das ganze Unheil nur ein Vierteljahr dauere, wuͤrde er wohl mehr be⸗ willigt haben. Sie redete dem Vater zu, wie⸗ der heiter zu ſeyn; ſie ſtrich die 180 Rthlr. Quartalgehalt in ihre kleine Haushaltungs⸗ kaſſe, und trug die Suppe auf den Tiſch. Aber der Vater aß keinen Biſſen. Er ſaß ſtill und in ſich gekehrt. Er druͤckte dem hoffenden Maͤdchen ſchweigend die Hand, und ſagte mit ſehr tiefer Ruͤhrung:„fuͤr mich iſt wohl ge⸗ ſorgt. Hier uͤber der Erde wird mir es zu — 136— unruhig. Da unten iſt es ſtiller. Neben Deine Mutter laß mich legen, Julchen. Lange uͤberlebe ich alen den Kummer nicht! Aber Du, Julchen! Großer lieber Gott! Wo Du 4₰ hin?“ 3 4 Julie legte den Loͤffel weg. Auch ſie konn⸗ te nicht eſſen.„Vaͤterchen, ſprechen Sie nicht vom Tode! Gott wird ja helfen!“ ſagte ſie, und warf ſich ſchluchzend an ſeinen Hals. „Julchen, einmal muß ich ja doch fort, und alle die Auftritte in den letzten vierzehn Tagen beſchleunigen meinen Tod. Das fuͤhle ich. Ich ſterbe gern, habe ich doch, außer Dir, nichts auf der Welt mehr, was mir lieb iſt. Es iſt mir alles vorangegangen. Aber Du, Du, Julchen, liegſt mir auf dem Herzen. Du biſt ein liebes, gutes Maͤdchen, aber, Jul⸗ chen, nimm mir's nicht uͤbel, Du— Du biſt ein Weltkind. In der Wirthſchaft biſt Du, wie Deine ſeelige Mutter, ſo treu und flink und fleißig und reinlich. Aber uͤbrigens— war Deine Mutter beſſer. Du kannſt nicht dafuͤr, Julchen. Aber die Welt, die Zeiten, die haben Dich mit fortgeriſſen. Deine Mut⸗ ter war eine fromme chriſtliche Frau. Du haſt die Augen von Deiner Mutter; aber Du kannſt ſie nicht ſo niederſchlagen. Das Demuͤ⸗ thige, das Beſcheidene iſt nicht darin. Wenn Deine Mutter in der Kirche ſang, ſo fuͤllte der Ton ihrer Stimme mein Herz mit unbeſchreib⸗ licher Andacht. Du haſt ganz ihre Stimme, aber das Andaͤchtige fehlt. Deine Mutter zog. ſich zuͤchtig an. Sie ſteckte z. B. das Hals⸗ tuch bis oben zu. Ihr— ich will Dir nicht hren, die Mode mitzumachen, aber es hat 8. lles ſeine Grenzen. Ein ſittſames Maͤd⸗ Geſan ſich ſo etwas, meine ich, gar nicht ſagen laſſen, das muß ſich ſelbſt fuͤhlen. Du — 138— kannſt nicht dafuͤr, Julchen, das ſage ich noch einmal. Haͤtteſt Du Deine Mutter nicht im achten Jahre verloren, waͤrſt Du gewiß an⸗ ders. Ich, du lieber Gott, ich bin von mei⸗ nen Aktenrepoſitorium, mein ganzes Leben hin⸗ durch, nicht viel weggekommen, wo wollte ich die Zeit hernehmen, Dich zu erziehen; auch geſteh ich Dir ganz ehrlich, habe ich das Zeug nicht recht dazu, und die ehrliche ſeelige Tante Buͤchner auch nicht. Eine Suppe hat ſie Dich kochen gelehrt, das iſt wahr, aber weiter auch nichts. Du biſt an allem dem nicht Schuld. Du haſt Dich nach der Welt gebildet, und haſt gedacht, wie es die macht, muͤßteſt Du es auch machen. Aber, Julchen, die Welt taugt 4 nichts. Werde nur erſt ſo alt, als ich bin. Da wirſt Du es auch ſagen. Als Du n im Concerte ſpielteſt, ſah ich hundert Augen auf Dich ſtieren, und alle wollten Dich verderben. ———· — 139— Ich haͤtte Dir die Harfe aus dem Schooße 4 nehmen und mit Dir zu Hauſe gehen moͤgen, ſo unmuthig ward ich. Wie vergiftete Pfeile flogen die Blicke unſerer jungen Fants auf Dich. Nein, mit ſolchen Augen ſah man zu meiner Zeit ein junges unſchuldiges Maͤdchen nicht an.“—— „Kommen Sie! kommen Sie,“ ſtuͤrzte der Aſſeſſor Bieſenhaar in das Zimmer,„ge⸗ ſchwind, Herr Regiſtrator! Julchen! hier werfen Sie den Pelz um, ein Cavallerieregi⸗ ment kommt die Muͤhlenberge herunter. Es marſchirt en parade in die Stadt. Men⸗ ſchen, wie die Eichen; Buͤſche, nein, ganze Maner haben ſie auf Kinn und Wange, und jeder Blick iſt eine Bombe. Martialiche Burſche, das muͤſſen Sie ſehen, die ganze Stadt iſt entgegen.“ „Weil die ganze Stadt ein Narr iſt, 6 — 140— ttt antwortete der Regiſtrator.„Wenn Du willſt, Julchen, ſo geh. Ich werde leider Gottes die Herren zeitig genug zu ſehen be⸗ kommen.“ Julchen ſteckte das Halstuch vorn bis oben zu. Aber die Seitenwand des knappen Tuchs zog ſich vom hochgethuͤrmten Bauſch weg und Bieſenhaar ſah mehr letzt, als vorhin. Das ſchoͤne Maͤdchen Fhlre ſich in den ſchwarzen Pelz und ſchlu ffte mit dem luſtigen Aſſeſſor, den fremden Huſaren anegegen. Sie fah nicht die ſchwarze Wolke des Un⸗ heils, die, wie ſonſt einmal vor den Kindern Iſraels, hier vor dem ſchmetternden Trompe⸗ ter⸗Corps vorauszog. Ihr Blick weilte nur auf der langen voruͤberwogenden Reihe ſchoner junger Maͤnner: hie und da nickte einer freundlich dem bluͤhenden Maͤdchen zu, und begleitete den Willkommen mit einem artigen* Bonmot. Die Scene wandelte ſich, als ſie nach Hau⸗ ſe kam. Sie hatte drei Mann Einquartie⸗ rung, und der Vater lag im Bette.„Schaf⸗ fen, ſchaffen, Wein, Fleiſch, Braten,“ begruͤß⸗ ten ſie ihre Gaͤſte beim Eintritt, als ſie hoͤrten, daß Julie die Wirthin des Houſes ſey. Der Vater war krank, ſo krank, daß er um keinen Preis aufdauern konnte. Die Krieger fan⸗ den das Mͤdchen allerliebſt, ſie naͤherten ſich ihr mit ziemlich dreuſten Manieren; da ſie aber ſehr ernſthaft in die Schranken der Artig⸗ keit zuruͤckgewieſen wurden, ſo ſchimpften ſie ſie einen kleinen Teufel und blieben in ihren. Grenzen. Sie beſorgte den Haushalt, ſie pflegte den Vater, ſie that alles, was ſie thun konnte; aber ſo allein mit ihrem Dienſtmaͤd⸗ chen unter den fremden Kriegern— es ward — 142— *½ ihr angſt und bange. Sie ſchickte zu drei, vier Frauen und Maͤdchen ihrer Bekanntſchaft, und bat, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Keine konnte kommen, denn jede hatte aͤhnlichen Be⸗ ſuch. In dieſer Verlegenheit traf ſie Bieſen⸗ haar des Abends. Sie klagte ihm ihre Noth. „Gott, wenn es weiter nichts iſt! bei meinem huͤbſchen Julchen bleibe ich eine Ewigkeit. Aber eine Bedingung. Abends einen Gutnachtkuß und fruͤh einen guten Morgenkuß.“ Julie ſagte laͤchelnd zu. Er haͤtte Hun⸗ dert verlangen koͤnnen; hatte ſie doch nun ei⸗ nen Bekannten im Hauſe, der ſie ſchuͤtzte. Die Einquartierungen wechſelten faſt taͤg⸗ lich. Die ohnehin kleine Hauskaſſe ward im⸗ mer ſchwaͤcher, der Vater immer kraͤnker. „Meiſte Julte,“ ſagte der arme alte Mann eines Abends, als ſie allein waren.„Meine liebe Julie, faſſe Dich! meine Stunde wird — 143— bald ſchlagen. Ich bin verſorgt; ich ſehne mich nach dem Tode. Aber Du! Du! Mein gutes einziges Kind! wenn Gott ſich Deiner nicht erbarmt, biſt Du verloren. Auf die Menſchen hier darfſt Du nicht rechnen. Wir ſind hier fremd und nicht geliebt. Taͤglich ziehen einige von unſern Bekannten hier fort. Und die hier bleiben, bleiben, weil ſie Schul⸗ denhalber nicht fort koͤnnen. Von dieſen kannſt 6 Du keine Unterſtuͤtzung erwarten. Geh nach E...; nehmen ſich auch unſere Verwandten Deiner nicht an, ſo haſt Du im ſchlimmſten Falle dort ein Recht, von E. als Deiner Vaterſtadt, Unterſtuͤtzung zu erwarten. Hat der Herr des Lebens und des Todes uͤber mich geboten, ſo bitte die Frau Raͤthin Weil um ein Obdach, ſo lange, bis Du eine anſtaͤndige Gelegenheit bis E.... findeſt. Und ſchlaͤgt Dir in E.. alles fehl, ſo——— Zulie, 4 — 144— das iſt Dein Loos!! ſo nimm Dienſte. Aber bleibe fromm und gut. Man kann in jedem Stande gluͤcklich ſeyn, nur muß man die Ach⸗ tung vor ſich ſelbſt nicht verlieren. Wenn ich von Dir ſcheide, werde Deine Mutter Dein Schußgeiſt.— Meide, Julchen, meide den erſten Schritt zur Untugend. Laß Dich ſeg⸗ nen, meine Tochter.“ Julchen ſchluchzte, und beugte ſich auf das Bette nieder. Der Vater legte die zitternde Hand auf ihren Kopf und betete leiſe. Er legte ſich dann auf die Seite und ſchlummerte, Gegen Morgen ſchied ſeine Seele. Die Raͤthin Weil konnte Julchen nicht aufnehmen. Sie hatte kaum ſelbſt Platz ge⸗ nug, ſo beſchraͤnkt war ſie durch die taͤglichen Einquartierungen. Auch wollte Julchens 1 Hauswirth das arme Maͤdchen nicht einmal — 145— r ziehen laſſen; wer ſollte dann, meinte er, die 1 Laſt der Einquartierung, die auf dem Logis 4 lag, tragen? Alle Freunde, alle Bekannten waren fortgezogen. Sie war untroͤſtlich. Der 1 Aſſeſſor allein hielt treu bei ihr aus. 1 Er zog jetzt foͤrmlich in ihr Logis und 3 machte den Wirth. Allein Geld brachte er nicht mit, denn er hatte keins. Sein einziger Neichthum war ſeine Violine; auf dieſer war er Meiſter. Iulie veraͤußerte allmaͤhlig die ganze kleine Verlaſſenſchaft ihres Vaters, um den Hausſtand und die Einguartieruſgskoſten zu beſtreiten. Anfaͤnglich wohnte und ſchlief der Aſſeſſor in einem beſondern Zimmer. Als — aber ein Hauptmann ihnen in das Quart er b gelegt wurde, der durchaus auf mehrere Zim⸗ mer beſtand, mußte der Aſſeſſor das ſeinige 1 raͤumen, und es blieb ihnen nichts uͤbrig, als zuſammen in Einer Stube zu wohnen. —- 146— Bieſenhaar hatte ſchon oͤfters das reizende Maͤdchen zu beruͤcken geſucht. Als ſie aber ſich immer geſtraͤubt, ſich ſeinen Armen immer entwunden und ihn flehentlich um Schonung gebeten hatte, da hatte er von ihr gelaſſen, denn er fuͤrchtete, ſie wuͤrde ihm am Ende das Haus verbieten, und er hatte nichts zu eſſen. Jetzt aber ſprachen ihn die himmliſchen Liebreize des holden Maͤdcheas ſtaͤrker an, als ſein Magen. Julie loͤſchte am erſten vor dem Schlafengehen das Licht aus und entkleidete ſich im Finſtern; ein Gleiches ſollte der Aſſeſ⸗ 4 for. thun. Sein Bette ſtand in der entfernten Ecke des Zimmers. Die Thuͤre war verrie⸗ gelt; die Fenſterlaͤden geſchloſſen, Julie lag ſchon im Bette; da forderte der Ungluͤcks⸗ menſch ſeinen Gutenachtkuß. Die vollendet ſchoͤne Roſe ward trotz al⸗ ₰ — — 147— les Straͤubens entfaltet. Sie ſollte ent⸗ blaͤttern. 4 Am folgenden Morgen ſchwamm Julie in Thraͤnen. Reue und Verzweiflung durch⸗ ſchnitten ihr Herz. Bieſenhaar ſchloß das wunderliebliche Maͤdchen ſchaͤkernd in ſeine „Laß das, kuͤßte den wuͤrzigen Mund der kleinen Schmol⸗ Arme. Julie,“ ſagte er, und lenden.„Wir ſind ja nun Mann und Frau, und wegen unſers Unterhalts iſt mir auh nicht bange. Du mit Deiner Zauberharfe, mit Deiner himmliſchen Stimme, und ich mit meiner Geige. Wahrhaftig wir wollen nicht verhungern. Wenn wir nur erſt aus diefem verdammten Loche eeraus ſind, dann gehen wir auf Reiſen, uͤberall laſſen wir uns hoͤren; 4* unter einem Thaler Entree, keinen Strich, kei⸗ nen Griff. Dann koͤnnen die Leute klatſchen ſo viel ſie wollen. Ein wahres paradieſiſches 10 † — 148— Leben. Ich kenne nichts gluͤcklicheres, als eine ſolche Virtuoſenreiſe. Und dies Vierteljahr bis zu Johannis iſt ja auch bald zu Ende. So lange muͤſſen wir nun ſchon wegen des alten Schlingels von Menuu aushalten; dann iſt unſere Miethszeit zu Ende, und dann heydi uͤber alle Vnees Die erſten Strahlen der Fruͤhlingsſonne ſtahlen ſich mit ihrem freundlichen Lichte durch die Herzen, die der Tiſchler gar kuͤnſtlich in die Laͤden gefaͤgt hatte, und beleuchteten mit 1 roſenem Schimmer die unbereitete Brautkam⸗ mer. Das holde Weib war tauſendmal ſchoͤ⸗ ner noch, als je. Auch der Hauptmann fand Gefallen an der jungen Frau. Daß er eigentlich zu der Copulation Veranlaſſung gegeben hatte, wußte er 149— er nicht. Er hielt beide ſchon fuͤr laͤnger ver⸗ heirathet, und man ließ ihn in dem Wahne. Er ſaß faſt den ganzen Tag im Wohn⸗, Schlaf⸗ und Speiſezimmer ſeiner jungen Wirthsleute, und begegnete der reizenden Ju⸗ lie mit der ausgezeichnetſten Artigkeit. Einſt als er mit ihr allein war, naͤherte er ſich ihr auf gut ſoldatiſch. Aber Julie verwies ihm ſeinen Mißbrauch heee Vertrauens ſo fein, und verſicherte ihm, nie wieder mit ihm allein ſein zu wollen, ſo ernſtlich, daß der Luͤſterne alle weitere Verſuche aufgab, das liebreizende Weib zu ſich herabzuziehen. Die unlautere Flamme, die Julie in ſein eigenes Innere zuruͤckgedraͤngt hatte, verzehrte den Hauptmann beinahe. Bieſenhaar merkte recht gut, daß ſein Einquartirter auf Julien ein Auge hatte. Er taͤndelte mit dem uͤppigen Maͤdchen nie zaͤrt⸗ — 150— licher, als wenn der Hauptmann zugegen war. ieſer haͤtte vergehen moͤgen. Er lief oft vor Unmuth aus dem Zimmer. So vergingen zwei Monate. Juliens Vermoͤgen war geſchmolzen. Sie hatte kaum noch die fuͤnf Wochen, die ſie bis zu Johan⸗ nis noch hier aushalten mußte, zu leben. Ih⸗ res Vaters Nachlaß war ziemlich verzehrt. Die entbehrlichſten Stuͤcke ihrer Kleidung und Waͤſche waren ſchon verfetzt oder verkauft. Jetzt mußten auch die noͤthigern Habſeligkei⸗ ten in die Haͤnde der juͤdiſchen Wucherer, die der armen Julie das Alles fuͤr ein Spottgeld abpreßten. Sie haͤtte mit Grauſen der Zukunft ent⸗ gegen geſchaudert, wenn Bieſenhaar ihr nicht mit ſeiner frohen Laune, alle Sorgen, allen Kummer weggeſcheucht haͤtte. Ein einziges Conzert machte das Alles wieder gut. Gleich ——22 — 15¹— nach Johannis gingen ſie fort, ließen ſich uͤber der Graͤnze, bei einem Prediger ihres Glau⸗ bens, foͤrmlich trauen, und dann erholten ſich ihre Finanzen in der erſten beſten Stadt durch ein ſplendides Doppel⸗Conzert, das beide meiſterhaft einſtudirt hatten. So war der Plan; ſo baute ſich Julie ihr buntes Schloͤßchen in bie blaue Luft, und geſtand an einem ſolchen froͤhlichen Abend, wo Bieſenhaar mit beiden Haͤnden Materia⸗ lien zu dem Sphaͤrenbau herbeitrug, dem Hochaufhorchenden, daß ſie Mutterfreuden ahne. Den folgenden Morgen ging Bieſenhaar mit ſeiner Violine weg, um einen Wirbel daran bei dem Drechsler repariren zu laſſen. Statt ſeiner traf Mittags ein Billet von ihm ein. Der Oberamtmann Schlegel, ſchrieb er, habe ihn bei dem Drechsler gefunden und ihn — 152— ſammt ſeiner Violine gleich mit hinaus auf das Amt genommen, um die alten Duetts einmal wieder durchzufiedeln. Er werde mor⸗ gen erſt wieder kommen. Am Abend kam der Hauptmann von ei⸗ nem Diner nach Hauſe. Ohne erſt in ſeine Stube zu gehen, fand er ſich gleich in Ju⸗ liens Zimmer ein Er war mehr als dreuſt, er war unverſchaͤmt. Julie hatte anfangs ſeine Zweideutigkeiten fuͤr Folgen eines Wein⸗ rauſches gehalten, und war ihm ausgebeugt, aber als er auf die gemeinſte Weiſe ſeine Lie⸗ bes⸗Declarationen zu entfalten anfing, trat ſie zornig zuruͤck, und frug ihn:„wofuͤr halten Sie mich?“ 8 „Fuͤr das was Sie ſind, mein Engel. Ihr habt mir weiß gemacht, Ihr waͤr't Mann und Frau. Aber warte, kleiner Spitz⸗ 1— gemacht haſt, ſollſt Du mir buͤßen.“ —„Herr Hauptmann!“ 0 laß die Poſſen, Kind. Mousje Bie⸗ ſenhaar iſt abgefunden, der Waunt 7) habe * 3 ihm muſſen dreißig Louisdor Abſtand geben. * Iſt das fuͤr ein ſo kleines Stu umpfnaͤschen 1 0 nicht enormes G eld? kleinen Bieſenhaͤrchen, biſt bis zu 8 den Antlpoden v verkauft, mit ihre Ihre Ehre, der ſtenz und das ger, die Seele am ſtaͤrkſten. erſir erſti Du, ſammt dem dafuͤr m Kinde verk nken. r mein. Ich weiß alles, alſo nur keine Umſtaͤnde!“ Julien war, als muͤßte ſie vor Schaam Sie war uppelt. Von dem, der ihr einziges Vertrauen beſaß, ver⸗ Schande, ihre Exi⸗ Leben ihres Kindes, dem Hun⸗ der Schmach Preis gegeben! In Augenblicken der hoͤchſten Gefahr iſt — 154— Julie verbarg den tauſendfaͤltigen Schmerz, mit dem des Hauptmanns erniedrigende Worte ihr Inneres zerriſſen hatten, hinter einem ſchallenden Gelaͤchter. Sie ſpielte die Frivole, und ihr Herz blutete. Sie taͤuſchte gluͤcklich den Hauptmann. Er drang auf die erſten Zinſen ſeines Kaufſchillings; ſie bat um Stundung bis nach dem Abendeſſen; ſie ging hinaus, um dieß zu beſorgen, und kam nicht wieder. Des Maͤdchens Verſchwinden machte Auf⸗ ſehen in der Stadt. Der Hauptmann erzaͤhlte ohne Heel den Zuſammenhang der Sache. Der groͤßte Theil ihrer Bekannten, die noch im Orte waren, verdammte Julien ungehoͤrt. Sie hatte, ſo hieß es uͤberall, mit Bieſenhaar, den Hauptmann um die dreißig Louisd'or ge⸗ meinſchaftlich geprellt, und ſich mit ihm aus dem Staube gemacht; zu verlieren hatten beide ja nichts. SS 22 — 155— 1 Wie grauſam iſt doch die Welt! Hun⸗ dert Zungen ſtachen wie giftige Vampiren auf Ehre und Ruf des ungluͤcklichen Maͤdchens, und was hatte Julie den Menſchen gethan? wahrhaftig, der alte Regiſtrator hatte Recht: die Welt taugt nichts.. Kein Menſch dachte an die Thraͤnen, kei⸗ ner an die Verzweiflung des fluͤchtig geworde⸗ nen Maͤdchens.„Das liederliche Ding,“ hieß es,„iſt mit dem Aſſeſſor davon gegan⸗ gen; wie der ſich an das Maͤdchen hat haͤngen koͤnnen, iſt auch unbegreiflich.“ Der Hauptmann fluchte auf beide. Als ich ihm aber die Moͤglichkeit aus einander⸗ ſetzte, daß Julie ganz ſchuldlos ſeyn koͤnne, als ich ihm ſagte, Bieſenhaar ſey von jeher ein gemeiner niedriger Wolluͤſtling geweſen, der gewiß des Maͤdchens erſte Roſe gebrochen, ſie ihm dann auf eine ſchaͤndliche Weiſe ver⸗ — 156— kauft habe; als ich ihm betheuerte, Julie ſey bis zu dem ungluͤcklichen Umgange mit dem Verworfenen, ein durchaus unbeſcholtenes Maͤdchen geweſen, und ſein ihr mitgetheilter Handel habe ihre Ehre, ihren Stolz, das Be⸗ wußtſeyn ihrer Schuldloſigkeit, auf das tiefſte niederbeugen muͤſſen; da kam er aus ſeinem Irrthume, und jetzt ſchwor er oft, lieber noch dreißig Louisd'or einbuͤßen zu wollen, wenn das arme hinausgeſtoßene Maͤdchen ſich nur kein Uebel angethan haͤtte. Meine Hoffnung, daß Julie nicht mit Bieſenhaar unter einer Decke ſtecke, baute ich auf ihr weibliches Gefuͤhl; denn ſie mußte den Abſcheulichen bis zum Tode haſſen, der ſie ſo herabwuͤrdigen konnte, und dann— auf ihre Harfe. Die ſtand verwaiſt in ihrem Zimmer. War Julie bei Bieſenhaar, ſo haͤtte ſie beſtimmt ihre Harfe ſich vorausgehen laſſen. ſ & 8 — 157,— Ich bot alles auf, um das verſchollene Maͤdchen wieder ausfindig zu machen. Auch der Hauptmann intereſſirte ſich dafuͤr. Er ſah ſich als die alleinige Urſache ihrer Flucht an. Er verfluchte jenen unſeligen Abend. Er verſprach bei Gott und Ehre, ſein Unrecht wieder gut zu machen. Aber Julie blieb verſchwunden. Auch vom Aſſeſſor hoͤrte man nichts wieder. Die Geſchichte der damaligen Tage war an großen Ereigniſſen ſo uͤberfuͤllt, daß man die Bege⸗ benheit der armen Julie in Kurzem vergaß. — 158— Das Konzert begann. Die ſchoͤne Welt von halb Warſchau war darin verſammelt. Ich fand verſchiedene Bekannte in dem eleganten Kreiſe. Die Freude des Wiederſehens hatte 2 diesmal mein Getuuͤth ſtaͤrker ergriffen, als die Macht der Toͤne. Ich hatte auf die bril⸗ lante Symphonie und auf das darauf folgende Terzett kaum geachtet, ſondern mich mit mei⸗ nen Nachbarn, lauter unvermuthet gefundenen Bekannten, unterhalten; auf einmal trat Ma⸗ dame Piavetti mit ihrem Gatten in die Mit⸗ te des Orcheſters, um ein Doppelkonzert auf Harfe und Geige vorzutragen. Ein allgemei⸗ nes St, St, kuͤndigte etwas Außerordentliches an. Die fremde Kuͤnſtlerin, die ſich heute zum erſten Male hoͤren ließ, fuͤllte den ganzen Saal mit Entzuͤcken. Sie griff mit allen zehen Fingern kraͤftig in die Saiten; die Toͤne ihrer Tiefen bebten durch den Fußboden n des ganzen Konzertſaals. Die Sicherheit, die ch Gewandheit ihrer kleinen Hand bezauberte en Alle. Jede Saite ſchien Feuer zu ſpruͤhen, te ſo hatte ſie im Preſtiſſimo das Inſtrumenr 6 s angegriffen. Aber als ihr Gatte, ein bluͤhen⸗ ſ. der junger Mann, ſeiner Amatiſchen Geige e im weichſten Moll ein wehmuͤthiges Adagio 3 i⸗ entlockte, als tauſend Augen auf dem ſchoͤnen n Kuͤnſtler ruhten, der ſeinen Geiſt, ſein ganzes 3⸗ Gefuͤhl, durch den Bogen in ſein Inſtrument t⸗ auszugießen ſchien, als ſeinem Talente die 6 ff feierlichſte Stille im weiten praͤchtigen Saale i⸗ huldigte, da griff ſeine Gattin leiſe in die 1 8 bebenden Saiten, und theilte die Aufmerkſam⸗ te keit des lauſchenden Publikums. Das Weiche n ihrer Melodieen, das allmaͤhlige Decrescendo n vom erſchuͤtterndſten Forte bis zum kaum hoͤrbaren Pianiſſimo, das in duͤſtre Me⸗ — 160— lancholie Verſenkende ihrer Harmonie, das alles war nicht mehr Harfenſpiel, es war reiner, him mliſt cher Sphaͤrenklang. Sie er⸗ hob die Perzet bis uͤber die Wolken. Ein jeder hielt den Athem an ſich, um keinen Laut zu verlieren. Endlich hatte das herr⸗ liche Paar die Wechſelcadenz geſchloſſen, das Orcheſter ſiel mit ſeiner energiſchen Vollſtim⸗ migkeit ein, aber das Beiſallsklatſchen des hoch entzuͤckten Publikums uͤbertaͤubte alle Baͤſſe und Pauken. Madame Piavetti ſtand auf, um ſich dankend zu verneigen. Es war Ju⸗ lie. Ich traute meinen Augen, meiner Lorg⸗ nette nicht. Ich trat naͤher. Es war Ju⸗ lie. Schoͤner, reitzender, als ich ſie je ge⸗ ſehen hatte. Hier im Saale ſie zu uͤberraſchen, hielt ich nicht fuͤr rathſam; aber den kommenden Morgen eilte ich ſo früh, als es der Anſtand 161— 3 erlaubte, in das Hotel, in welchem ſie mit r ihrem Manne logirte. „Sie hat mir vergeben, ſie hat mir verziehen!“ rief mir eine Stimme auf der Treppe entgegen; der Hauptmann kam eben b von ihr. Auch er war hier. Auch er hatte I 3 ſie erkannt. Er hatte zu den Fuͤßen der 9 ſchoͤnen Frau gelegen, der Armefuͤnderſtaub 4 - war noch auf ſeinen Knieen ſichtbar. ,„Kommen Sie, Freund, wir muͤſſen mit l 1⸗ einander fruͤhſtuͤcken. Sie ſind mir von Gott b g⸗ V geſandt. Sie wiſſen die Geſchichte. Die 1 V Piavetti iſt ein Engel.“ Ich ſuchte mich e⸗ loszumachen, um in Juliens ſchoͤnen Augen die Freude des Wiederſehens zu leſen; allein 3 lt der Hauptmann verſicherte mich, ich käͤme n jetzt nicht vor, denn ſie habe ihn weggeſchickt, weil ſie ihre Toilette habe machen wollen. 11 — 162— Ich kehrte alſo mit ihm um, und er bewir⸗ thete mich mit einem koͤſtlichen Fruͤhſtuͤck. Intereſſanter noch, als dieß, war mir die Erzaͤhlung von Juliens Schickſalen im Mun⸗ de des Freudetrunkenen. Julie hatte, dem zudringlichen Haupt⸗ mann entflichend, kaum die Thuͤre hinter ſich, als ſie zum Hinterhauſe hinausgeeilt war. Sie flog durch die Stadt. Sie ſuchte das Freie. In funfzehen Minuten war ſie 5 gerettet. Jetzt erſt fand ſie Thraͤnen. Jetzt erſt lag das Schreckliche ihrer Zukunft vor ihren Augen. Sie hatte gar keinen Plan. Haͤtte ſie der Zufall auf die Flußſeite der Stadt hinausgefuͤhrt, ſie haͤtte ſich mit Wolluſt in die Wellen geſtuͤrzt. Sie war, wie ſie ſtand und ging. Ihr kleines ganzes Habe war hinter ihr. Nicht einen Blick wagte ſie ein⸗ * mal ruͤckwaͤrts, aus Furcht, einen Verfolger zu gewahren. Gluͤcklicherweiſe fiel ihr die Schulmei⸗ ſterin Bellmann im Haulaͤnderdoͤrſchen Bu ch⸗ bach ein; dort war ſie mit ihrem Vater oͤf⸗ ters geweſen, um von der wirthlichen Frau ihren Wintervorrath an Obſt und Gemuͤſe zu kaufen; dieß war ihre einzige Bekanntin in der ganzen Runde. Sie hatte drei Stun⸗ den zu gehen. Der Abend war ſchoͤn, ſie erreichte gluͤcklich das Doͤrfchen, und fand eine freundliche Aufnahme. Sie bat ihre wackere Wirthin bloß um die Erlaubniß, einige Wo⸗ chen bei ihr bleiben zu duͤrfen, und ſchrieb gleich nach E. an ihre Verwandten, die ſie um einige Unterſtuͤtzung bat, die Ruͤckkehr zu ihnen antreten zu koͤnnen. Von der Laſt, die auf ihrem Gewiſſen und unter ihrem Herzen lag, ſchwieg ſie gegen beide. Die ehrliche 11* — 164.— Schulmeiſtersfrau ſagte:„Bleiben Sie ſo lange als Sie wollen, ſo ein gutes, huͤbſches Kind im Hauſe iſt ein wahrer Segen Got⸗ tes.“ Die Anverwandten aus E.... ſchrie⸗ ben, daß ſie ſie nicht aufnehmen koͤnnten. Ihr Staͤdtchen ſey gepluͤndert und halb ab⸗ gebrannt. Seuchen, Hunger und Kummer rafften taͤglich Menſchen hinweg ꝛc. ꝛc., ſie moͤgte alſo nicht kommen, auch koͤnnten ſie ihr nichts ſchicken, indem ſie ſelbſt nichts, als das Blut in ihren Adern haͤtten.“ Unter⸗ deſſen hatte Julie die Naͤhterei des Hauſes beſorgt, um ihr Brod bei der Schulmeiſterin nicht umſonſt zu eſſen; auch fuͤr andere Leute im Doͤrfchen hatte ſie genaͤht, Hauben ge⸗ ſtickt ic. ic. Ein Muͤtzenfleckchen ward ihre Bruͤcke in das beſſere Land. Lieschen, ein Haulaͤndermaͤbchen, welches auf dem Schloſſe des Erbherrn diente, hatte ſich ein Muͤtzen⸗ — ——᷑—;O——ꝭ—ęOQOQ—LQ—ꝭQOQOQOę—CQCQOQę—O·O—·——— — 165— fleckchen von Julien ſticken laſſen. Das Maͤdchen war recht huͤbſch, und darum ſtickte Julie mit ganz vorzuͤglichem Fleiße ihr ein herrliches Roſenbouquet auf die Muͤtze. Die Arbeit war ihr gelungen. Die gruͤnen, trok⸗ kenen, fleckigen Blaͤtter, die volle, uͤppige Cen⸗ tifolie, die ganz kleinen, groͤßeren und zum Aufbrechen reifen Knospen— die Natur konnte den Strauß nicht koͤſtlicher geben. Das Kammermaͤdchen im Schloſſe, dem Lieschen ihr wunderſchoͤnes Fleckchen zeigte, war uͤber die Arbeit entzuͤckt. Nur aus Pa⸗ ris konnte ein ſolches Machwerk kommen. Sie wieß es ihrer Herrſchaft, die in gleiches Staunen gerieth. Zufaͤllig war die junge Conteſſe Brziſanowska aus der Gegend der Oberweichſel, zum Beſuch auf dem Schloſſe. Sie ſuchte ein Kammermaͤdchen. In einer Stunde hielt die herrſchaftliche Equipage vor — 166— der Thuͤre des Buſchbacher Schulmeiſterhau⸗ ſes, und Julie war gemiethet. Die Worte des ſterbenden Vaters waren erfuͤllt! Julie begleitete kurz darauf ihre neue Gebieterin in deren Heimath. Graͤfin Jo⸗ ſephe war ein ſo liebes, ſanftes Weſen, daß Julie mehr ihre Geſellſchafterin, als ihr Dienſtmaͤdchen war. Sie waͤre fuͤr den Au⸗ genblick gluͤcklich geweſen, wenn die Frucht ihrer Schande nicht unter ihrem⸗Herzen ge⸗ keimt haͤtte. Das graͤfliche Schloß thronte auf einem hohen Felſen. Im Thale lag die kleine Re⸗ ſidenz des Fuͤrſten. Beide Haͤuſer erkehrten freundlich mit einander. Pia⸗ vetti, der Kapellmeiſter des Fuͤrſten, hoͤrte Julien eher, als er ſie fah. An einem ſchoͤ⸗ nen Juliusabend war er heraufgekommen in den graͤflichen Garten; er ließ ſich einen Tel⸗ —— — 167— ler Kirſchen geben, und ſetzte ſich in eine Laube. Julie war dieſen Abend allein. Die Graͤfin machte mit ihren Aeltern eine Waſſer⸗ parthie. Die Fenſter der Graͤfin gingen in den Garten hinaus, ſie ſtanden offen. Julie war mit ihrem kleinen Tagesgeſchaͤfte fertig, und ergriff der Graͤſin Harfe. Sie glaubte ſich unbehorcht: ſie uͤberließ ſich ihrer Phan⸗ taſie; das Inſtrument ſprach ihren Kummer, ihre Wehmuth, ihre Hoffnungsloſigkeit aus. Piavetti lauſchte entzuͤckt. Das war nicht Joſephens Spiel, das er genau kannte. Die⸗ ſe fertige Hand verrieth eine vollendetere Meiſterin; dieſe Zartheit eine gefuͤhlvolle Virtuoſin. Die geſpannteſte Neugier trieb ihn in das Schloß, in Joſephens Zimmer. Die Ueberraſchte ſprang erſchrocken auf, als der — 163— junge Roͤmer eintrat. Die Verwirrung lieh ihr tauſend neue Reize. Piavetti frug nicht nach Namen und Stand. Er kuͤßte dem lieb⸗ lichen Maͤdchen die zauberiſche kleine Hand; er bat, er beſchwor, fortzufahren; und als ſte ſich beſcheiden weigerte, brachte er Noten und Geige aus dem Conzertſale des Grafen. Julie ſpielte nach einigem Zoͤgern ohne An⸗ ſtoß vom Blatte. Piavetti accompagnirte. Mit italiaͤniſchem Feuer erzaͤhlte ſeine treue Violine das Entzuͤcken ſeines Herzens. Sein Bogenſtrich war kuͤhner, als ſeine Augen. Je mehr er das ſchmelzende dolce des himmli⸗ ſchen Maͤdchens hoͤrte, je weniger wagte er, die holde Erſcheinung anzuſehen, aus Furcht, ſein Blick werde ſie wieder verirren und den melodiſchen Fluß ihrer ſich immer mehr und mehr entbindenden Talente ſtoͤren. Aber als Julie, nach und nach dreuſter geworden, mit 1 dem Umfang ihrer ganzen Kunſt hervortrat, als das Inſtrument, im lieblichen Schooße des ſchoͤnen Maͤdchens, nicht mehr Toͤne gab, ſondern leiſe ſaͤuſelte, wie der Hauch eines Zephyrs aus himmliſcher Hoͤhe, als Julie in die unbeſchreibliche Anmuth ihres tiefen Ge⸗ fuͤhls ſich ſelbſt verlor, da ſtuͤrzte Piovetti zu Juliens Fuͤßen nieder, Graͤfin Joſephe trat in das Zimmer. oſephe, die Julien als Harfnerin noch gar nicht gekannt, und vor der Thüre das Feenduett lange belauſcht hatte, ſchloß die Verlegene in die Arme. Von dieſem Augen⸗ blicke an war Julie nicht Kammermaͤdchen mehr; ſie ward mit zur graͤflichen Tafel ge⸗ zogen und war Joſephens treue Gefaͤhrtin. G Piavetti wußte im erſten Augenblick nicht, ob ihn Juliens Geſtalt oder Spiel mehr be⸗ zaubert hatte. Er ſah ſie jetzt taͤglich; er — 170— lebte nur ihr: er ſah, er hoͤrte nur ſie, er traumte wachend und ſchlafend nur von ihr. Drei Wochen peinigte er ſich ſo. Endlich vermogte die Gewalt der Liebe nicht laͤnget; ſich zu bergen. Er bat um ihre Hand. 2 Julien hatte des ſchoͤnen Roͤmers ſchwaͤr⸗ meriſcher Feuerblick laͤngſt ſchon in Feſſeln ge⸗ ſchmiedet, ſie geſtand ſich, nie einen liebens⸗ wuͤrdigern Mann gekannt zu haben, aber doch uͤberraſchte ſie ſein Antrag. Sie bat um drei Tage Bedenkzeit. Jetzt mußte das Geſtaͤndniß ihrer Lage uͤber ihre Lippen. Joſephe war ihre einzige Vertraute. Unter tauſend Thraͤnen waͤlzte ſie die Laſt ihres Gewiſſens in Joſephens Bruſt, und theilte ihr Piavetti's Wuͤnſche mit. „Piavetti!“ rief die freimuͤthige Graͤfin aus,„muß das wiſſen. Aber ſo viel ich ihn ⸗ * 8 171— kenne, wird er, iſt ſeine Liebe ihm Ernſt, Ihnen verzeihen.“ Sie ſuchte ihn auf, ſſe erzaͤhl te ihm alles. „Meine Amati,“ erwiederte Piavetti, an⸗ faͤnglich etwas betroffen, dann aber gefaßter; „meine Amati hat, ſeit ſie den Sprung hat, an Volltoͤnigkeit und Reinheit nicht verloren: reißt mir eine roͤmiſche Quinte, ſo knuͤpfe ich ſie wieder an, und ſie klingt ſo ſilberrein, wie vorher. Faͤllt ein Haar aus meinem Bogen, werfe ich ihn darum noch nicht weg. Ich wuͤnſchte, es waͤre nicht geſchehen; aber— laſſen Sie mich nichts wiſſen. Ich mag nicht wiſſen wer? wie? wo? wenn? Es iſt mir launig, daß Sie, mein kleines Com⸗ teschen, in dieſer verzweifelt delicaten Sache unſer Poſtillion d'amour ſeyn ſollen. Iſt mir Julie gut, ſo iſt es raͤthlich, daß wir — 172— unſere Verbindung beſchleunigen, um ihrer zußern Ehre willen.“ Piavetti eilte mit der Graͤfin zu Julien. Der Bund der Liebe ward geſchloſſen, und das junge Paar ging auf Reiſen. Mit ei⸗ nem todten Kinde begrub Julie das Anden⸗ ken an Bieſenhaar. Sie hat nie wieder von ihm gehoͤrt. Jetzt ein Glas Champagner auf Juliens Wohl, und dann, Freund, zu ihr. Sie muͤſſen ſie ſehen und iheen Gatten. Das ſind ein Paar liebe Menſchen. 7 Wir tranken und eilten in den Gaſthof. Piavetti's waren ſchon abgereiſ't. * — 173— Sieheſt Du, freundlicher Leſer, das ent⸗ zuͤckende Paar auf ſeiner muſikaliſchen Berei⸗ 4 ſung unſers irdiſchen Reſonanzbodens, ſo wirſt . Du es in dieſer kleinen Lebensgeſchichte deut⸗ „lich erkennen. In den Himmel wird es Dich heben durch ſein himmliſches Spiel. Gruͤße die holde Frau vom treuen Freunde ihrer Jugend. 3 Dresden, gedruckt bei Carl Gottlob Gärtner. Inh al des erſten Baͤndchens: Erſte und letzte Lieeree Seite 1. Die Pruͤfung.„„. 4 ⸗ 55. Die graue Stube. ⸗ 66. Das Kriegs⸗ und das peinliche Recht 5 221. Der Wurſtball,.„ 2 133. Des zweiten Baͤndchens: Meiner Leiden und Freuden. Des dritten Baͤndchens: Die Launen der Lieee GSeite 1. Die graue Stubee„ 129. Der Wanderer im Sande„„ 148. Des vierten Baͤndchens: Der hollaͤndiſche Zude.Seite 1. Belohnte Treie. 4 67. Die Kirche zu St. Barbaaau ⸗ 97. Der Seelenverkauff,..„ 1 — 8 5