—-—————=— 9 9 9 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Seih- und Leſebedingungen. 0 * 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht — zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ Ho den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ·—— Buener: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 3 1 f. A Pf. Pf. B„„ 2„=„ t, rir Sin⸗ und re g Faee ſ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung / 5 4 9 ¹ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ₰ ¹ „ defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausl 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und — eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen K der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e— Er zaäaͤhlungen von H. Clauren. Drittes Baͤndchen. Dresden, bei Paul Gottlob Hilſcher. 18 19. — * — Die Launen der Liebe. 1 Wilth fuhr von Leipzig nach Merſeburg. Auf halbem Wege, in der Windmuͤhle, ward gefuͤttert. Wilth traf da einen Prediger ſammt Frau und Tochter. Die Familie wollte nach Leipzig reifen. Das/ Maͤdchen war wunderſchoͤn. Der alte Vater, ein außerſt geſprachiger froher Mann, knuͤpfte mit Wilth bald eine Unterrebung an. Ka⸗ roline ſtrickte; nur zuweilen ruhte ihr Blick 8 auf dem jungen Wilth, den ſen elegantes Neiſekoſtuͤm recht gut kleidete. Die Mutter machte am Kaffeetiſch die Wirthin. Wilths 8 Kaffe war noch n kich fertig. Die gan ſerund⸗ liche Predigerin offerirte dem jungen Frem⸗ den unterdeſſen eine Taſſe, die dieſer von ſeiner Portion wieder zu erſetzen verſprach, und ſo war die erſte Bekanntſchaft ange⸗ knuͤpft.— Sonderbar genug! in einer Windmuͤhle! Karoline ſprach wenig. Wilth ſah heute nicht das erſte Maͤdchen. Er ward an dem irre. Damals waren die Landpredigertoͤch⸗ ter noch einfaͤltig ſi ſittſame Jungfrauen. Sitt⸗ ſam mochte Karoline ſeyn; aber einfaͤltig gar nicht. In ihrem Auge loderte ein unaus⸗ ſpyrechlich liebliches Feuer. In ihrem Geſicht lag etwas heimlich lachendes: Ihre ſchein⸗ . FPe abſichtliche Einſylbigkeit gab ihr einen „ eh u Neiz. Man ſah, ſie konnte ſprechen: aber ſie wollte nicht. Dabei war ſie unge⸗ mein freundlich, und gegen Wilth— we⸗ nigſtens bildete ſich das der eitle junge Menſch ein,— beſonders aufmerkſam. Der Kaffee war ausgetrunken: der Pfar⸗ rer brach auf. Wilth begleitete alle drei bis an den Wagen. Beide Alte ſtiegen zuerſt ein: nach ihnen Karoline. Wilth war kuͤhn genug, dem Maͤdchen unvermerkt einen Kuß auf die Hand zu druͤcken. Karoline that, als ob ſie es nicht merke. Sie ſetzte ſich ruͤckwarts. Der Wa⸗ gen flog dahin. Wilths Blicke ihm nach. Karoline beugte ſich nicht heraus: endlich lenkte die Chaiſe um eine Ecke. Da ſah er den freundlichen Lockenkopf zum letztenmale. Still und in ſich gekehrt ging er in das Wirthshaus zuruͤck: er ſetzte ſich auf ihren Sitz, er trank aus ihrer Taſſe, und ein hal⸗ ber Zwieback, den ſie hatte liegen laſſen, war ihm die heiligſte Reliquie.. Endlich brach er auf, und ſetzte ſeine Rälſe nach Merſeburg fort, wo er in kaufmaͤnni⸗ ſchen Geſchaͤften eine Woche ungefaͤhr ſich aufzuhalten gedachte. Er trug dem Mieths⸗ kutſcher, der ihn gefahren hatte, und nun wieder nach Leipzig zuruͤckkehrte, auf, ſich genau nach dem Logis des Predigers zu er⸗ 1* — 4— kundigen: er ſelbſt hatte dies, zu ſehr mit Ka⸗ rolinens Zauberreizen beſchaͤftiget, vergeſſen. Nach acht Tagen eilte er nach Leipzig zuruͤck. Sein Spion brachte die Nachricht, daß der Prediger im Helm abgeſtiegen ſey nachher aber ein anderes Logis bezogen habe; welches? hatte er nicht erfahren koͤnnen. Wilth forſchte uͤberall umher, aber immer umſonſt. So verging faſt ein halber Monat. Ka⸗ rolinens liebliches Bild ſtand noch immer vor ſeiner Seele. Er hatte nie ein reizen⸗ deres Geſchoͤpf geſehen. Immer noch hoffte er, ſie irgendwo zu ſinden, und darum theilte er ſeine Windmuͤhlen⸗Bekanntſchaft keinem ſeiner Freunde mit, aus Furcht, andere auf ſie aufmerkſam zu machen und ſie dann zu verlieren. Zufaͤllig ſtand er eines Abends im Schau⸗ ſpiel neben einem jungen Offtzier, einem ſei⸗ ner vertrauteren Bekannten. Beide geſtan⸗ den einander die herzlichſte Langeweile uͤber das Stuͤck, was eben gegeben wurde, und der Lieutenant that den Vorſchlag, dafuͤr nach Gautſch zu fahren. Gautſch iſt ein Doͤrfchen unweit Leipzig, jungen Wuͤſtlingen durch ein oͤffentliches Haus bekannt, welches von der Polizei connivirt wurde. Wilth, der die Gautſcher Schoͤnen laͤngſt ausgekoſtet hatte, fand keine Neigung, dieſem Vorſchlag Gehoͤr zu geben, und ſchuͤtzte vor, daß es ſchon zu ſpaͤt ſey. Der Lieutenant ſprach noch ein langes und brei⸗ tes daruͤber, und ſetzte als einen beſondern Beweggrund hinzu, daß ein eben erſt ange⸗ kommenes Maͤdchen dem Hauſe eine ganz neue Zierde gebe. Selbſt hatte er es noch nicht geſehen, ſondern nur eine Beſchreibung von ihm gehoͤrt, die er denn dem empfaͤng⸗ lichen Wilth treu mittheilte, Wilth blieb bei ſeiner erſten Aeußerung, daß es zu ſpaͤt ſey, und kaum war das Schauſpiel zu Ende, ſo trennte er ſich vom Lieutenant, ſuchte einen Miethswagen und flog nach Gautſch. Des Offiziers detaillirte Beſchreibung hatte eine ſonderbare Unruhe in ihm rege gemacht. Die Gautſcher Novize mußte mit ſeiner Karoline einige Aehnlichkeit haben und ein, dieſem Engel ahnliches, Maͤd⸗ chen heute zu umarmen, war ihm ein eige⸗ ner Genuß. Er fand ſich getaͤuſcht. Nichts als die ge⸗ woͤhnlichen Geſichter. Eine einzige Fremde! gemein, unintereſſant, nicht einmal huͤbſch. Er trank ſeinen Punſch, ohne die Maͤdchen eines Blicks zu wuͤrdigen: eins verließ nach dem andern den Murrkopf, bis er allein war. Er lachte uͤber die Naͤrrinnen, be⸗ zahlte ſeinen Punſch, und wollte zur Thuͤr' hinaus. In dem Augenblick trat Karoline herein. „Um Gotteswillen, Mademoiſell, Sie hier?“ rief Wilth außer Faſſung. Karoline hielt die Hand vor die Augen. Ihre Ver⸗ legenheit, ihre Schaam lieh ihr tauſend neue Reize. „Verdammen Sie mich nicht, mein Herr,“ ſagte ſie leiſe, legte beide Haͤnde ge⸗ faltet auf ihre ſchoͤne Bruſt und ſenkte den Kopf.„Ich bin ungluͤcklich— ſehr un⸗ gluͤcklich.“ Sie barg das Geſicht in ihr Tuch und weinte. „ungluͤcklich?“ wiederholte Wilth und ſein Blick umfaßte die ganze Grazien⸗Ge⸗ ſtalt des Maͤdchens, das wie eine Buͤßende vor ihm ſtand.„Nein, ungluͤcklich ſollen Sie nicht ſehn. So wahr ein Gott lebt. Seyn Sie barmherzig: halten Sie mich für einen rechtlichen Mann. Haben Sie Ver⸗ trauen zu mir. Wie kamen Sie hieher? Erzaͤhlen Sie?“ Karoline erzaͤhlte nun, von Thraͤnen und Seufzern oft unterbrochen, und aͤußerſt leiſe, um nicht behorcht zu werden: ſie ſey mit ihren Aeltern nach Leipzig gekommen, um ſich mit einigen Verwandten aus Dresden ein Rendezvous zu geben.„Nach einem Aufenthalte von acht Tagen,“ fuhr ſie fort, „reiſten meine Aeltern wieder zuruͤck. Ich mußte auf dringendes Bitten meiner Ver⸗ wandten noch eine Zeitlang bleiben. Der Vater hatte einen neuen Wagen gekauft und ihn mit ſeinen Pferden zu Hauſe gefahren; mir gah er den Auftrag, in dem alten Wa⸗ 3 gen mit gemietheten Pferden nachzukommen. In Gautſch, dicht vor dem Hauſe, in dem ich mich jetzt befinde, zerbrach der alte Wagen. Schmidt und Stellmacher, die ich alach ne fen ließ, erklaͤrten, daß die Reparatur unter 1 2 bis 3 Tagen nicht gemacht werden koͤnnte; und der Beſitzer des Hauſes, der vor der Hausthuͤr ſtand, meinen Unfall ſah und mei⸗ ne Verlegenheit bemerkte, bat mich, unter⸗ deſſen einzutreten. Fremd in Gautſch und in der ganzen Gegend, nahm ich dieſen gaſt⸗ freundſchaftlichen Antrag, der von der Frau des Wirths, Madame Haſe, mit unglaubli⸗ cher Gutmuͤthigkeit unterſtuͤtzt wurde, mit Dank an und fand eine ſehr artige und an⸗ ſtaͤndige Aufnahme, Endlich wurde der Wa⸗ — 9— gen fertig. Die Reparatur⸗Koſten betrugen 27 Thlr. Die Rechnung des Herrn vom Hauſe ꝛ0 Thlr. Dieſe Ausgabe war fuͤr meine kleine Reiſecaſſe, die auf ſolche außer⸗ ordentliche Faͤlle nicht eingerichtet war, zu groß. Ich bat den Wirth, mich ſo lange bei ſich zu behalten, bis ich durch einen Ex⸗ preſſen meinem Vater den Unfall gemeldet und von dieſem die noͤthigen Gelder erhal⸗ ten AHaͤtte. Der Wirth bewilligte dies gern, der Bote wurde abgefertiget; faſt muß ich aber glauben, daß er nur zum Schein ge⸗ gangen iſt, denn ſonſt muͤßte die Ruͤckant⸗ wort ſchon vor einigen Tagen eingetroffen ſeyn. Die Maͤdchen vom Hauſe, die mir einige als Schweſtern der Wirthin, andere als die des Wirths waren vorgeſtellt worden, draͤngten ſich nach und nach mit Vertrauen an mich. Jede fuͤhrte ihren Geliebten bei mir ein, und dieſe nahmen ſich in meiner Gegenwart Freiheiten gegen die Maͤdchen heraus, die dieſe mit eben ſo vieler Scham⸗ koſigkeit erwiederten. Endlich fuͤhrte man mir ſogar ſelbſt aͤhnliche Liebhaber zu; und nur mit der angeſtrengteſten Kraft gelang es mir, bis jetzt dergleichen abſcheuliche Antraͤge von der Hand zu weiſen.“„Jetzt ſehe ich, wo ich bin,“ ſchloß ſie mit verzweifelnder Stimme.„Gott! meine Aeltern— meine Ehre— aber eher will ich ſterben, ehe dieſe Unmenſchen uͤber mich ſiegen! Wilth ſchaͤumte vor Wuth, zitterte vor Freude, ſtand wie verſteinert vor dem zar⸗ ten Idol ſeiner heiligen Liebe, ſchritt mit heftigen Bewegungen durch das Zimmer, weinte, lachte, fluchte, tobte— kurz er war außer ſich. Seine ganze gluͤhende Rache fiel auf Haſe; den erſtechen, die Frau erdroſſeln, die Maͤdchen alle mit gluͤhenden Zangen reißen, die Elenden, die es gewagt hatten, einen Kuß von dieſem angebeteten Maͤdchen nur zu wuͤnſchen, viertheilen— dies waͤre ihm in dieſem Lageaßie das ſuͤßeſte ge⸗ weſen. —————— — 11— „Guter, edler Menſch,“ ſagte Karoline ſauft und laͤchelte durch ihre bittern Thraͤ⸗ nen,„ mit allem dem waͤre meine Ehre mir immer noch nicht gerettet, dieſe kann mir nur durch ewige Verſchleierung aller hier im Hauſe erlittenen Vorfaͤlle, und durch die moͤglichſt ſchnelle Entfernung von dieſem ver⸗ rufenen Zirkel erhalten werden.““ Wilth konnte ihr nicht Unrecht geben. Er ſah am Ende ſelbſt ein, daß man mit der aͤußerſten Delikateſſe mußte zu Werke gehen, um alles oͤffentliche Aufſehen zu ver⸗ meiden. Er wollte mit Haſe ſelbſt ſprechen/ um ihn wegen ſeiner Anfoörderungen, in Be⸗ treff der fuͤr Karolinen gemachten Auslagen, zu befriedigen, allein Karoline uͤbernahm aus Furcht, Wilth moͤchte ſich von ſeiner Hitze doch noch uͤbereilen laſſen und unangenehme Auftritte veranlaſſen, dieſe Unterhandlung ſelbſt. 3 Sie eilte aus dem Zimmer. Wilth war allein. Jetzt erſt gewann er einen Augen⸗ blick, ſich zu ſammeln, und den ſonderba⸗ ren Zuſammenhang der Begebenheiten dieſes Abends aneinander zu reihen. Sein Herz wurde ihm groß, bei dem Gedanken, dieſes Maͤdchen gerettet zu haben. Sein Plan war fertigz er wollte ſie von Haſe befreien, ſo⸗ dann bei ſeiner Mutter einfuͤhren, Karoli⸗ nens Vater den Vorfall melden, und dieſen um die Hand ſeiner liebenswuͤrdigen Tochter bitten. Daß Karoline ihn liebe, daran zweifelte ſeine Eitelkeit keinen Augenblick. Seine Spiegel ſagten ihm, daß er huͤbſch ſey, ſeine; Buͤcher, daß er Vermoͤgen beſitze, ſeine Bekanntinnen, daß er nicht unintereſ⸗ ſant ſey. Gut, edel hatte ſie ihn ſelbſt ſchon genannt, und von dem Gefuͤhl der Dank⸗ barkeit konnte er doch auch etwas erwarten. Er war der gluͤcklichſte Menſch unter der Sonne. Mit ſo reinen Gefuͤhlen, mit einer ſolchen zauberiſchen Hoffnung auf eheliches Gluͤck hatte wohl noch keiner im Haſeſchen Hauſe gerechnct. 4 A& — — 13— Jetzt trat Karvline mit dem Hohen⸗Prie⸗ ſter der Sonnenjungfrauen herein. Haſe war verdruͤßlich und verlegen. Wilth ging mit ihm auf die Seite.„Ihre Forderung an Demoiſelle,“ hob Wilth ernſthaft und ru⸗ hig an,„betraͤgt?“ „Funfzig Thaler 12 Groſchen.“ „Demoiſelle meinte, 37 Thlr.“ „Demoiſelle weiß nicht, was ſie meint. Als wir den Boten fortſchickten, betrug ihre Schuld ſo viel; ſie verlangt doch nicht, daß ich ſie ſeitdem umſonſt gefuͤttert haben ſoll?“ „Ach, das iſt was anders. Gut. Sie ſollen das Geld heute noch erhalten. Ich habe nicht ſo viel bei mir. Ich fahre die⸗ ſen Augenblick nach Hauſe, bringe die noͤ⸗ thige Summe und hole dann Demoiſelle zu meiner Mutter ab.“ Haſe konnte dagegen nichts einwenden. Wilth erſuchte jetzt Karolinen, ihre Sachen einzupacken, er werde bald wieder bei ihr ſeyn. Karoline begleitete ihren Retter bis an den Wagen: er kuͤßte ihr mit Innigkeit die weiche kleine Hand. Sie druͤckte die ſeinige. Er flog davon, und kam nach zwoͤlf Uhr Mitternachts wieder. Haſe wurde befriediget und das holde Maͤdchen ſaß neben Wilth im Wagen. Die Pferde gingen langſam, denn ſie waren muͤde, und die Nacht war ſtockfinſter. Karoline ergriff Wilths Hand und druͤckte ſie an ihr Herz.„O mein Herr,“ ſagte ſie mit geruͤhrter Stimme,„noch weiß ich Ih⸗ ren Namen nicht, aber— ſeine Hand auf ihr Herz fuͤhrend— hier hat Ihre Edel⸗ that Ihr Bild eingezeichnet, unausloͤſchlich bis in den Tod.“ Wilth umſchlang Karolinen und zog ſie in ſeine Arme. Karoline ſtraͤubte ſich nicht. Sie war in den Armen ihres edlen Retters. Ihre ſchuldloſe Seele ſah in ihm den rein⸗ ſten Juͤngling Ihre Lippen begegneten den ſeinigen. Ihr Hauch fachte das glimmende Feuer in Wilths Seele mit einem Augen⸗ blick zur lodernden Flamme an. Der Wagen ſchaukelte langſam. Fin⸗ ſtere Mitternacht umſchloß ſie. Wie eine freundliche Leuchtkugel ließ Kupido ſein Licht in das Dunkel des Wagens leuchten. Vor Wilths Auge war es helle. Sein Kuß war nicht mehr Kuß der Freundſchaft, nicht mehr Kuß des rechtli⸗ chen Wohlwollens. Seine Lippen brannten wie elektriſches Feuer; da wand ſich das fuͤße Maͤdchen aus ſeinen Armen und druͤckte ſich ſtill in die Ecke des Wagens. Wilth zog ihre Hand an ſeine Lippen; in ſeinem beſcheidenen Handkuß lag eine leiſe Bitte um Verzeihung. Karoline war wie⸗ der freundlich. Das Geſpraͤch fand ſich wieder. Karo⸗ line ſchien jenen Augenblick leidenſchaftlicher Aufwallung vergeſſen zu haben. Sie war herzlich und gut, und ließ Wilths Hand in der ihrigen liegen; mit . — 16— ſeiner Rechten hatte er ſie umſchlungen. Ihr Kopf ruhte auf ſeiner Achſel. Wilth war eingeſchuͤchtert; er wagte keinen zweiten Ver⸗ ſuch, ſich ihr weiter zu naͤhern. Als ſie an das Thor kamen, ſchlug es zwei Uhr. Wilth hatte zwar verſprochen, mit Karolinen bei ſeiner Mutter Logis gleich vorzufahren: allein jetzt, meinte er, ſey es zu ſpaͤt: das ganze Haus waͤrde da in Auf⸗ ruhr gerathen: die Mutter, eine aͤltliche, umſtaͤndliche Frau, auf dieſen Empfang ganz unvorbereitet, wuͤrde vor Schreck außer ſich ſeyn, eine fremde junge Dame um Mitter⸗ nacht in ihr Haus treten zu ſehen und— beſſer, weit beſſer ſey es, die Mutter den folgenden Tag vom ganzen Vorgange erſt zu unterrichten, und dann Karolinen einzu⸗ fuͤhren, wo er fär die liebevollſte, muͤtter⸗ lichſte Aufnahme ſtehe.„Bis dahin,“ ſetzte er ehrlich hinzu,„muͤſſen Sie mit meinem Logis vorlieb nehmen.“ Karoline weigerte ſich anfangs und wollte lieber in einem — 27— Gaſthofe abtreten, allein Wilth fuͤrchtete ent⸗ weder, ſie noch einmal zu verlieren, oder ein geheimerer Plan lag im heimlichen Neſte ſei⸗ ner bruͤtenden Wuͤnſche, oder der Gedanke, ein ſo himmliſches Maͤdchen auf ſeinem Zim⸗ mer bewirthen zu koͤnnen, hatte ſo etwas ro⸗ mantiſches fuͤr ihn; kurz er hoͤrte keine Ge⸗ gen⸗Einwendungen, und der Wagen hielt vor ſeinem Hauſe. Wilth ſchlug Feuer an, heizte ſein Wind⸗ oͤfchen, beſorgte ſelbſt Theewaſſer, und ſpielte mit unglaublicher Geſchaͤftigkeit und froher Laune den Wirth. Karoline maß an der eleganten Einrichtung ſeiner Zimmer ſeinen Wohlſtand ab. Sie laͤchelte freundlich ihm und ſeiner Wirthlichkeit Brifall zu, arran⸗ girte den Theetiſch, und befand ſich in dem niedlich meublirten Stuͤbchen ungemein wohl. Wilth ſah ſie mit Entzuͤcken. Sein kuͤnfti⸗ ges Weib! Wie ein Lichtſtrahl blitzte die⸗ ſer Gedanke in ſeine Seele. — 18— Jetzt trat eine neue Verlegenheit ins Spiel. Wegen des Schlafens. Karoline ſchien noch gar nicht daran gedacht zu ha⸗ ben; ſie ward verlegen, als Wilth davon zu ſprechen anfing. Wilth uͤberließ ihr ſein Bette in der Kammer, wozu er friſche Ue⸗ berzuͤge aus einem Mahagony⸗Waͤſchſchranke hervor holte; ſich ſelbſt behielt er das So⸗ pha im Zimmer vor. Karoline ließ ſich das Geſchaͤft, ihr Bette ſelbſt zu uͤberziehen, nicht nehmen, und Wilth leiſtete ihr huͤlfreiche Hand, ſo weit ſeine Linkiſchheit in dergleichen Geſchaͤften ſolches zuließ.. Der Thee war getrunken. Karoline ſchien muͤde zu ſeyn. Wilth glaubte in ihrem Auge den Wunſch zu leſen, nun zu Bette gehen zu koͤnnen. Doch bemerkte er noch eine Art Verlegenheit in ihr, ein Zoͤgern, das ihm auffallend war. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Er frug ſie endlich. Da lachte ſie ver⸗ — 19— ſchaͤmt, und ſagte,„ich habe noch eine Bitte an Sie.“ „ Noch eine⸗Bitte— und welche?“ Legen Sie ſich zuerſt nieder: ich will hier draußen in der Kammer warten, bis Sie ſich niedergelegt haben: dann ſagen Sie mir es. Ich ziehe mich dann aus, loͤſche das Licht aus, mache die Thuͤre auf, und lege mich ins Bette. Aber die Thuͤre, erlauben Sie mir, aufzumachen. Ich habe von Kindheit an nie allein geſchlafen. Ich koͤnnte kein Auge zuthun, wenn ich hier in dem Kaͤm⸗ merchen ganz allein laͤge. Aber wenn die Thuͤre auf iſt, und Sie in der Stube ſind, dann bin ich ruhig Wollen Sie das? Zu Hauſe ſchlafe ich bei meinen Aeltern auch ſo. Da denke ich, Sie ſind mein Vater. Nicht wahr, Sie thun mir den einzigen Gefallen? „Nein, mein himmliſches Maͤdchen,“ entgegnete Wilth, und laͤchelte uͤber ihre Bangigkeit vor unbekannte Geiſter und uͤber ihr Zutrauen zu dem bekannten Damon, der 2* in ſeinem Innern wuͤthete;„das wollen wir anders machen. Ziehen Sie ſich in der Kam⸗ mer aus und legen Sie ſich zu Bette. Ich bleibe unterdeſſen in der Stube: haben Sie ſich niedergelegt, dann rufen Sie mich, ſo nehme ich das Licht heraus und laſſe dann die Thuͤre auf. Sie gewinnen dabei, daß Sie ſich nicht im Finſtern zu Bette legen duͤrfen.”“ 4 Karoline bemerkte mit Verlegenheit, daß die Kammerthuͤre weder verriegelt noch ver⸗ ſchloſſen werden konnte.„Seyn Sie unbe⸗ orgt,“ ſagte Wilth,„ziehen Sie ſich ru⸗ aus, ich komme nicht eher, als bis Sie ufen; hier mein Ehrenwort. Es haͤlt fe⸗ ſter, als ein doppeltes Vorlegeſchloß.=/ „Gute Nacht, mein lieber Wilth,“ ſagte Karoline mit ſanfter Hingebung und recht innig bewegt; und doch lag ein zartes Laͤcheln in all ihrem Thun und Weſen, wahrſcheinlich der Originalitaͤt ihrer Lage entlockt.„Ich danke Ihnen fuͤr Ihre Muͤhe — 921— und Ihre Aufnahme, laſſen Sie ſich etwas recht ſuͤßes, liebes traͤumen. Ich werde den heutigen Tag nie vergeſſen. Morgen fuͤhren Sie mich zu Ihrer Frau Mutter., Gute Nacht, mein lieber Freund!“ Mit dieſen Worten ſchluͤpfte ſie in die Kammer, und machte hinter ſich die Thuͤre zu. Da ſtand nun Wilth. Das ſchoͤnſte Maͤdchen der Welt in ſeinem Bette. Mor⸗ gen ſollte er es zu ſeiner Mutter fuͤhren. Morgen hatte er es nicht mehr. Nicht ein⸗ mal einen Kuß hatte er zur guten Nacht be⸗ kommen. Er lag mit dem Ohr an der Thuͤr. Er hoͤrte das Rauſchen ihrer herabfallenden Kleider. Er hoͤrte, als ſie ins Bettchen ſtieg, daſſelbe unter ſeiner ſuͤßen Laſt ein wenig kniſtern. Alles ward heimlich ſtill um ſie, da rief ſie leiſe—„Nun!“ In dieſen drei unſeligen Buchſtaben be⸗ grub Wilth ſeine Feſtigkeit; Karoline ihre Tugend. Wilth ging hinaus, um das Licht zuruͤck zu holen.„Liegen Sie gut, mein Maͤd⸗ chen?“ frug er mit der liebevollſten Beſorg⸗ niß des aufmerkſamen Wirths.„Recht ſehr gut; nur unterm Kopf moͤchte ich noch ein Kiſſen heraus nehmen: es iſt mir faſt zu hoch; ich liege lieber flacher. Wilth half ihr das Kiſſen heraus neh⸗ men. Seine Hand zitterte; ſeine Kniee flo⸗ gen. Er hatte ſich uͤber Karolinen heruͤber⸗ gebeugt. Das bluͤhende Madchen lag im 6„ niedlichſten Nachthaͤubchen, verſenkt in wei⸗ 7 Vchen Flaumen, vor ihm. Ein ſchwanenwei⸗ ea⸗ voller Arm, bis zur Achſel zubloßt, bot 15 wenn ſich ein Engel dawiſchen ge⸗ ſtellt haͤtte, jetzt war 6s u ſpaͤt. 7 Der fri⸗ ſche Wintermorgen traf das ſchoͤne Maͤdchen in Wilths Armen. Sie ſchmiegte ſich, als ſie erwachte, verſchaͤmt an den Gelteßten ih⸗ res Herzens, um von ihm 23 ine Wilth war namenlos gluͤcklich. Aber peinigend war ihm der Gedanke, jetzt nun ſein holdes Maͤdchen aus ſeinem Hauſe her⸗ ausfuͤhren zu ſollen. Zum Gluͤck klagte Ka⸗ roline beim Aufſtehen uͤber einen kleinen An⸗ fall von Kopfweh. Wilth nahm daraus Veranlaſſung, ihr vorzuſtellen, daß ihr Kopf⸗ weh durchaus heftiger werden wuͤrde, wenn ſie ausgehe, er bat ſie alſo dringend, dieſen Tag ſich noch zu pflegen. Nach vielem Wei⸗ gern gewannen ihr endlich Wilths Liebko⸗ ſungen den Verſchub ihres Ganges zur Mut⸗ ter bis Morgen ab.. Wilths erſter Ausflug war zum Juwe⸗ lier, zur Putzmacherin, zum Schnitthaͤndler. Ueberall nahm er mehrere Artikel des Neue⸗ ſten und Geſchmackvollſten mit zur Auswahl nach Hauſe. Er fand ſie bei einem italieniſchen Bu⸗ che, das ſie aus ſeiner kleinen Bibliothek unterdeſſen gegriffen hatte. Sie war von ſeiner Aufmerkſamkeit uͤber⸗ / 5 I K. raſcht und wollte anfaͤnglich durchaus ſich zu keiner Auswahl verſtehen. Endlich, nach langem Zoͤgern, waͤhlte ſie und traf zufaͤl⸗ lig immer das Theuerſte. Beſonders ſchoͤn war der kleine Schmuck, den ſie ſich ausge⸗ ſucht hatte. Der freudetrunkene Wilth hatte beinah kein groͤßeres Gluͤck, als alles moͤgliche zu⸗ ſammen zu tragen was ihr nur irgend Ver⸗ gnuͤgen gewahren konnte. Der Abend kam heran. Dieſelbe Ver⸗ ſchaͤmtheit, dieſelbe jungfraͤuliche Zuͤchtigkeit, daſſelbe Straͤ Straͤuben derſelbe Kampf, derſelbe 2 Sies.] Her; an Herz, Mund an Mund, ſchwo⸗ ren ſie einander heilige Liebe. Wilth war der gluͤcklichſte Menſch. Karoline umfaßte ihn mit der Allgewalt ihrer Reize. Sie ſchien Aeltern, Ehre, ſich und ihre Zukunft vergeſſen zu haben. Sie hatte ſich ihm ganz hingegeben. Pnrohine erinnerte den volgruden MRorgen Ler 4 an die Einfuͤhrung bei der Mutter. Allein Wilth, der das liebliche Maͤdchen gern ſo lange als moͤglich ganz ungeſtoͤrt genießen wollte, log ihr vor, die Mutter ſey nicht ganz wohl, einige Tage wenigſtens wiſe ſie noch bei ihm bleiben. Karoline laͤchelte, ſchuͤttelte bedenklich mit dem kleinen Lockenkopf, und ſchwieg. Sie ſchrieb an ihre Aeltern, erzaͤhlte ihren gan⸗ zen Vorfall, ſchilderte ihnen Wilth mit dem lebhafteſten Feuer der Liebe, und bat am Schluſſe des Briefes den Vater, ihr Pferde zu ſchicken, und ſie in dem Wagen, der noch in Gautſch ſtehe, bald abholen zu laſſen. Der Brief war in einem vollkommnen, ſchoͤ⸗ nen Franzoͤſiſch geſchrieben. Wilth uͤberraſchte ſie im Schreiben, als er von ſeinen Geſchaͤften nach Hauſe kam Er fand ihren Styl, ihre Sprachkenntniß, ihre Gewandtheit im Ausdruck ungemein gut. Das Geſtaͤndniß ihrer Gegenliebe, das er hier ſchriftlich vor ſich hatte, that ihm uͤber alle Beſchreibung wohl, nur ihr Wunſch, bald abgeholt zu werden, zerſchnitt ihm das Herz. Er ſprach ſo ruͤhrend und ſo drin⸗ gend daruͤber, daß ſie fuͤrchtete, er moͤchte den Brief gar nicht ordentlich beſorgen. Sie zoͤgerte alſo nach Tiſche mit dem Zuſiegeln ſo lange, bis er wieder an ſeine Geſchaͤfte gegangen war, und trug dann den Brief ſelbſt auf die Poſt. Wilth war hoͤchſt unmuthig, als er dies erfuhr. Er hatte ſie ſelbſt nach Hauſe brin⸗ gen und dort bei den Aeltern um ihre Hand foͤrmlich bitten wollen. Karolinens zaͤrtliche umarmungen ſoͤhnten ihn wieder aus. Man entſchloß ſich nun, des Vaters Antwort ab⸗ zuwarten. Und da dieſe nicht gar zu lange ausbleiben konnte; ſo ließ ſich endlich Karo⸗ line uͤberreden, bis dahin bei Wilth zu bleiben. Nach ungefaͤhr 14 Tagen kam Wilth eines Abends zu Hauſe. Karoline umſchlang ihn mit ungewoͤhnlicher Heftigkeit. Sie hatte 3 — ⏑⏑— ◻☛ roth geweinte Augen, und ſchien im Innern ſehr tief erſchuͤttert zu ſeyn. Wilth erſchrak und frug nach der Urſache. Karoline reichte ihm einen entſiegelten Brief, und barg ihr Geſicht in ein naßgeweintes Tuch. Der Brief war vom Vater. Dieſer ſchrieb unter andern: „Dein Benehmen iſt ganz ſtrafbar. Du „verdienſt kaum den Namen meiner Toch⸗ „ter. Sobald du nur im Entfernteſten „deine Lage in Gautſch errathen konnteſt, „ mußteſt du die Gerichte des Orts um „Huͤlfe anſprechen. Statt deſſen aber „wirfſt du dich einem jungen Manne in „ die Arme, der dich mit ſeinem Aeußern „beſticht, und hinter der Larve des Eh⸗ „ renretters deinen guten Namen dir leicht „rauben kann. Ich habe ihn nur einige Augenblicke geſehen; allein ſo viel ſprach „wohl ſeine Phyſiognomie aus, daß er mein Kind des Fleiſches iſt. Wie konn⸗ „ teſt du ihm dich anvertrauen? wie konn⸗ n teſt du ſeine Antraͤge fuͤr Ernſt anſehen, „die nichts anders bezwecken, als dir den „Bluͤthenkranz deiner Unſchuld zu ent⸗ „reißen? Haͤtte ich nicht einen ſo felſen⸗ „feſten Glauben an deine Sittenreinheit, mich wuͤrde fuͤr dich zittern. Eile, dieſem „gefaͤhrlichen Menſchen zu entrinnen! „Weile keinen Augenblick laͤnger! Mit „der beigeſchloſſenen Summe wirſt du „ deine Herreiſe beſtreiten koͤnnen. Deine „„ Aeltern erwarten dich mit Sehnſucht. „Werneck war uͤber dein langes Ausblei⸗ ben untroͤſtlich. Er freut ſich ſehr, dich zu ſehen. Er iſt ein reiner, frommer „Menſch.“ Wilth war ſehr bewegt. „Deine Aeltern wollen uns trennen,“ ſagte er langſam und ernſt.„Sie verkennen mich und meine Abſichten. Ich werde nie von dir laſſen, meine reizende Karoline. Wir wollen hin. Beide hin. Ich muß mit dir reiſen. Deine Aeltern ſcheinen es nicht zu „ wuͤnſchen. Aber ich muß. Wer iſt der Wer⸗ neck, Karoline?“ Ein reicher Paͤchter in der Naͤhe, ant⸗ wortete Karoline, den ihr die Aeltern zum kuͤnftigen Gatten beſtimmt haͤtten.„Er iſt gut und rein,“ ſetzte das Maͤdchen hinzu. „Aber lieben kann ich ihn nicht. Nein, Wilth. Ich werde ihn heirathen muͤſſen und ungluͤcklich ſeyn. Dich habe ich geliebt, wei⸗ ter keinen. Morgen muß ich fort. Werde ich Dich je wieder ſehen, Wilth?“ Es war, als ob Karoline darauf ſtudirt haͤtte, das Herz ihres Geliebten ſtuͤckweiſe zu zerreißen. Wilth ging mit geſenktem Kopfe und in einander geſchlagenen Armen das Zimmer auf und ab. Er fuͤhlte jetzt erſt, was ihm Ka⸗ roline werth war. Er konnte ſie nicht laſſen. Sein Auge ward dunkel. Sein Geſicht gluͤhte. Nach einer langen Pauſe rief er feſt und feierlich:„ Morgen fahre ich mit. Du biſt ewig mein. Dein Vater ſoll mich — 3⁰— achten, Deine Mutter mich lieben. Wer⸗ neck iſt ein Narr. Morgen fahre ich mit. 1 Er umarmte das Madchen. Sie zog ihn ſeſter an ſich. Es ſchlug iim eine ſchoͤne Stunde. Den folgenden Morgen war Karoline krank. Sie konnte keinen Schritt aus dem Bette. Wilth war außer ſich. Er beſtellte ſeine Waͤſcherin fuͤr Karolineu zur Kranken⸗ pflegerin. Er holte den Arzt und wich nicht von ihrem Bette. Der Arzt wußte ſich nicht recht in die Krankheit zu finden. Er freute ſich aber, eine ſo aͤußerſt angenehme Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Den zweiten Tag, als er die Symptome der Krankheit noch nicht zu faſſen vermogte, wuͤnſchte ſie, ihn allein zu ſprechen. Wilth ging in das Nebenzimmer. Sie redete mit dem jungen Arzte uͤber eine Stunde: nun wußte er, was ihr fehlte. Sie ſchrieb an ihre Aeltern einen langen Brief: ſie ſchilderte ihre Lage als eine Folge der aͤlterlichen Strenge, und verſprach, zu — N Hauſe zu kommen, ſobald ſie voͤllig herge⸗ ſtellt ſey. Uebrigens erklaͤrte ſie, dem Paͤch⸗ ter Werneck nie ihre Hand geben zu koͤnnen. „Sie werden meinen Wilth ſehen,“ ſchloß ſie,„und ihn lieben. Er hat mir ewige Treue geſchworen und er ſpielt nicht mit Eiden. Wilth ſetzte noch einige Worte der Ach⸗ tung und kindlichen Ehrfurcht hinzu. Die Waͤſcherin beſorgte den Brief zur Poſt. Karoline kraͤnkelte anhaltend. Es gab Tage, wo ſie voͤllig wohl war. Wilth fuhr dann auf Anrathen des Arztes mit ihr aus. Wer ſie an ſeiner Seite im leichten Whisky vorbeifliegen ſah, ſtand wie angewurzelt. Das Feuer ihres Auges, ihr zartes Kolorit, das Liebliche ihres freundlichen Geſichtchens, ihre edle Figur und ihr geſchmackvoller An⸗ zug feſſelte Jeden. Wilth ſaß wie ein verklaͤrter Halbgott neben ihr. Sie faßte die Zuͤgel der raſchen Mohrenſchimmel. Die Thiere ſchaͤumten und — 3²— ſtampften. Sie hoͤrten ihren Zungenſchlag⸗ und wie die Voͤgel in der Luft, durchſchnit⸗ ten ſie die Winde. Unſtreitig waren dies Wilths gluͤcklichſe Tage. Man haͤtte ihm fuͤr ſo einen Nachmittag die halbe Welt bie⸗ ten koͤnnen. Er haͤtte nicht getauſcht. Jetzt lautete das Rathhausgloͤckchen die Meſſe ein. Wilths Geſchaͤfte riefen ihn aus Karolinens Armen. Schon ſeit mehreren Jahren logirte ein alter Onkel aus Breslau jedesmal die Meßzeit uͤber bei ihmn. Karo⸗ line wanderte alſo aus und ward bei ihrer Krankenpflegerin, der Waͤſcherin, welche im Hebammen⸗Gaͤßchen wohnte, fuͤr dieſe we⸗ nigen Wochen untergebracht. Den ganzen Tag ſaß Wilth in der Handlung, und Abends ſuchte er die Fremden auf den Kaffeehaͤuſern oder ſonſtige Geſellſchaften auf, ſo, daß er vor 11— 12 Uhr nie zu Karolinen kam. Karoline trug dies mit freundlicher Duldung, deſto hingebender war ſie, wenn Wilth, der trockenen Tagesarbeit muͤde, des Nachts in ihren Armen ruhte. Nach der Meſſe, war es feſt beſtimmt, wollte Wilth mit ſeinem Maͤdchen nach ihrer Heimath. Er wollte ſeiner Mutter zuvor alles entdecken, und hoffte dieſe zur Mitreiſe zu bewegen. Als Gattin fuͤhrte er dann Karolinen zuruͤck. So war ſein Plan. Ein gluͤcklicher oder un⸗ gluͤcklicher Zufall zerſtoͤrte ihn. Auf einem Kaffeehauſe machte er mit ei⸗ nem jungen Buchhandler aus Niederſachſen eines Abends Bekanntſchaft. Das Geſpraͤch lenkte beide bald auf ihren Lieblings⸗Gegen⸗ ſtand, auf die Maͤdchen. Der junge Nieder⸗ ſachſe, ein angenehmer jovialiſcher Menſch, ſchien den Leipziger Schoͤnen wenig Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laſſen zu wollen. Wilth nahm ſich ſeiner Landsmaͤnninnen an. „Herr,“ begann endlich der junge Frem⸗ de,„da ſollten Sie die polniſchen Maͤdchen ſehen; das iſt eine Grazie, ein Feuer, eine Liebe. Bei Gott im hohen Himmel, man glaubt einen Serapy vor ſich zu ſehen. Ach 3 — 34— und ein Fleiſch! ein Fleiſch! Freund! nein Sie ſehen keine Leipzigerin mehr an, wenn Sie ſo eine junge Polin einmal im Arm ge⸗ habt haben.“ „ Moͤglich! Moͤglich!“¹ erwiederte Wilth, von der lebhaften Schilderung ſchon enthu⸗ ſiasmirt;„allein ſo lange wir keine polni⸗ ſchen Seraphs anbeten koͤnnen, muͤſſen wir uns nun ſchon mit unſern Leipziger Maͤdchen begnuͤgen.“. „Nun, damit Sie, lieber Wilth, den Unterſchied ſehen, wollen Sie mit? Ich will Ihnen das liebenswuͤrdigſte, reizendſte Ge⸗ ſchoͤpf auf Gottes weitem Erdboden zeigen: eine kleine Popolska; einen lebendigen En⸗ gel. Das Maͤdchen ſpricht Polniſch, Deutſch, Franzoͤſiſch, Engliſch, zeichnet, malt, ſingt, ach und liebt— Herr! Man moͤgte unſin⸗ nig werden. Diana und Venus: eine Ve⸗ ſta am Tage, eine Bachantin in der Nacht.“ „ Und dieſen Inbegriff aller uͤbermenſch⸗ lichen Reize faßt Leipzig?“ —— — „Faßt Leipzig, faßt das welkberuͤhmte Hebammen ⸗ Gäßchen. So geht es in der Welt. Man ſucht Schaͤtze in Amerika und kennt die Goldgrube auf ſeinem Hofe nicht. Ich als Fremder muß Ihnen vom Cherub im Hebammen Gaßchen erzaͤhlen Kinder, Ihr ſeyd der Perlen nicht werth. „Im Hebammen Gaͤßchen? eine Po⸗ linn? Deutſch? Franzoͤſiſch? Enaliſch? malt, ſinat? ha ha ha ha! das muͤßte ganz friſch angekommenes Meßaut ſeyn.“ „Gott bewahre; Gott bewahre: ſie wird von einem ſungen Eſel von hieſigem Kauf⸗ mann gehalten. Man darf nur ſo unter der Hand auf ein halbes Stuͤndchen ſich hinwa⸗ gen Punkt halb 10 Uhr muͤſſen wir das Feld raͤumen: da ſegelt das Admiralſchiff in den Hafen. Die Stocks ſtehen hoch: unter einem Friedrichsd'or wird der Baum nicht aufgezogen.“ Es war als biſſe ein heimlicher Teufel dem armen Wilth bei dieſen Worten ins 3 * — 36— Herz. Doch— nein, es war nicht moͤg⸗ lich. Das konnte Karoline nicht ſeyn. Al⸗ bernes Zeug! Karoline war ja keine Polin. Wilth laͤchelte wieder, als ob er von einer ſchweren Krankheit geneſen ſey, und nahm des jungen Fremden Antrag, die kleine Po⸗ lackin zu beſuchen, mit erzwungener Bereit⸗ willigkeit an. Ahndung, Neugierde auf die reizende Auslaͤnderin, und Vorwurf einer Untrene gegen Karolinen, kämpften in ſei⸗ nem Innern. Bloßes Vorpoſtengefecht: die Streiter ſprengten gegen einander, druͤckten mit weggewandtem Geſicht das Piſtol auf einander, und ritten dann wieder zuruͤck. Unter dieſem inneren Scharmuͤtzel traten bei⸗ de Arm in Arm in das Hebammen⸗Gaͤß⸗ chen, gingen in der Waͤſcherinn Behauſung, oͤffneten die Thuͤre ihrer Wohnung, und Karoline flog dem Fremden entgegen. Wilth ſtand hinter ihm unbemerkt. Er ſah ihren runden ſchoͤnen Arm um den Nacken ſeines Fuͤhrers. Sie hieß ihn mit 83 ihrer Silberſtimme willkommen. Ihre fri⸗ ſchen roſenen Lippen druͤckten einen freundli⸗ chen Kuß auf ſeinen Mund. Laͤnger vermogt es Wilth nicht. Er ſprang mit erballter Fauſt dazwiſchen.„Ka⸗ roline!“ rief er und bebte an allen Gliedern, „was iſt das?“ Karoline war nicht im mindeſten betrof⸗ fen. Was das iſt? kurioſe Frage! das iſt ein allerliebſter junger Mann. Er findet mich vielleicht huͤbſch; das hat er mit Ihnen ge⸗ mein. Ich habe ein etwas raſches Blut; das habe ich mit Ihnen gemein. „Schaͤndlich, ſchaͤndlich!“ „Ha, ha, ha, ich glaube, Sie ſind eiferſuͤchtig. Naͤrriſcher Menſch! das ſollte ich ſeyn. Was fuͤhrte Sie denn hierher? Der Herr hier ſagt Ihnen von einem nicht haͤßlichen Maͤdchen. Sie vergeſſen Karoli⸗ nen und finden— Karolinen. Nicht wahr, ſo haͤngt die ſaubere Ueberraſchung zuſammen?26 „Schweig, niedertraͤchtiges Geſchoͤpf 4 „Still, ſtill; wir haben unſere Rech⸗ nung mit einander aufgehoben. Sie ſpra⸗ chen von ernſteren Banden, die uns verei⸗ nigen ſollten, und noch weiß Ihre Mutter nicht einmal, daß ich in der Welt bin. Meine Jugend wollten Sie genießen, und dann mich auslachen. Ich gab, was ich hatte, meine Reize: Sie eine Hand voll Thaler und ein paar modiſche Lumpen. Ich gab meh als Sie, am Ende ſind Sie, wenn wir es ſcharf nehmen, noch mein Schuldner. Wie koͤnnen Sie jetzt noch das Herz haben und an mich Forderungen machen? Fuͤhren Sie kuͤnftig Ihre Buͤcher beſſer, ſonſt wer⸗ den Sie am Ende bankerott,“ „Buhlerin, gemeine Buhlerin,““ ſchrie Wilth, daß die Stube droͤhnte und fuhr wuͤthend auf ſie ein,„elende, nichtswuͤrdige Hure!“— „ Herr,“ rief jetzt das Maͤdchen, und das Auge rollte furchtbar im Kopfe,„dies Wort koſtet Ihnen das Leben. Morgen fruͤh — 39 ſieben Uhr ins Roſenthal, auf Piſtolen, und jetzt mir aus dem Geſicht, augenblicklich mir aus dem Geſicht. Wilth rannte mit ſchaͤumender Erbitte⸗ rung zur Thuͤre hinaus. Sein Stolz, ſeine Eittelkeit, ſeine Liebe— die ganze Welt er⸗ druͤckte ihn.„Luft, Luft!“ rief er laut, als er auf der Straße war. Er konnte kaum athmen. Er lief wie ein Raſender durch alle Gaſſen. Am Ende ging er zum Thore hinaus ins Freie. Da brach ihm das Herz. Er weinte ſich aus und ward ruhiger. Er hatte Karolinen wahrhaft geliebt. Er hatte es redlich mit ihr gemeint. Sie hatte ihn fuͤrchterlich hintergangen. So dunkel die Nacht um ihn war, ſo licht war ihm Ka⸗ rolinens ganzes Betragen. Karoline war wahrſcheinlich nicht die Tochter des Pfarrers. Sie ſpielte wahr⸗ ſcheinlich mit dem Gautſcher Seelenyerkaͤufer ein Spiel.— Wilth ging die Geſchichte ihres Beneh⸗ — 4⁰— mens mit eben dem pruͤfenden Blicke jetzt durch mit welchem ich meine Leſer bitte, ſie noch einmal durchzublaͤttern, und uͤber⸗ zeugte ſich je mehr und mehr, daß er betro⸗ gen war. Gewißheit hat er nie daruͤber be⸗ kommen koͤnnen.„Ich habe ſie geliebt,“ ſagte er,„und ſah mit naſſem Auge in die Sterne; aber jetzt iſt es vorbei. Sie for⸗ dert mich, das elende Geſchoͤpf. Sie iſt meiner Rache nicht werth. Er irrte noch eine Stunde auf dem Fel⸗ de umher, und kam mißmuͤthig nach Hauſe. Der Onkel aus Breslau wunderte ſich, den Herrn Neffen endlich einmal des Nachts zu Hanſe zu finden. Er hatte durch die Auf⸗ waͤrterin von Karolinen gehoͤrt. Exr vermu⸗ thete, daß Wilth ihr die Stunden der Nacht geſchenkt hatte. Auf Wilths Geſichte las er, daß es Auftritte mußte geſetzt haben; er be⸗ nutzte daher den Augenblick, ſeinem Neffen einige wohlmeinende Vorwuͤrfe zu machen, Wilth erzaͤylte ihm im erſten Aufwallen des Unmuths ſeine ganze Geſchichte. Der Onkel ſah ruhiger, folglich richtigrr.„Das iſt ein Nachtvogel,“ ſagte er laͤchelnd,„und keine Pfarrerstochter. Gott weiß, wo ſie mit dem Pfarrer in der verdammten Wind⸗ muͤhle zuſammen getroffen ſeyn mag. In Gautſch hat man Dich gemeinſchaftlich ge⸗ prellt. Frage doch nach ihrem Wagen: ich wette, es iſt kein Rad davon zu ſehen. Da⸗ rum beredete ſie Dich, den alten Haſe nicht vor das Gericht Deiner Hitze zu fordern: darum ſprach ſie erſt mit ihm allein. Darum ſpielte Haſe den Verlegenen.“ „In der erſten Nacht ihres Hierſeyns— welche fein ſtudierte Koketterie! Jedes Wort⸗ jede ihrer Handlungen zeugt von ihrer Raf⸗ finerie, unſchuldig zu ſcheinen und Dich ganz in ihr verfuͤhreriſches Netz zu locken. Eine Thuͤre, mein Freund, iſt eine gewal⸗ tige Scheidewand. Es iſt nur eine Tape⸗ tenthuͤre, wie ich ſehe, allein auch dieſe mußte auf, damit nichts zwiſchen Dir und ihr ſey. Sie lag im Bette gewiß gut, we⸗ der zu hoch noch zu niedrig; aber Du muß⸗ teſt ihr naͤher. Freund, das fuͤhle ich— ich bin auch einmal jung geweſen— in dem Augenblicke waͤre Joſeph, erzkeuſchen Andenkens, auch gefallen. Ich werfe kei⸗ nen Stein auf Dich.“ „Pharaonis Weib mag nicht haͤßlich ge⸗ weſen ſeyn; aber es war ein Weib. Karo⸗ line— wenigſtens bildeteſt Du Dir das ein,— eine reine, unberuͤhrte Jungfrau. Eine Roſe im Waſſer, und eine Roſe auf dem Stocke!— Ihr Kopfweh den folgen⸗ den Morgen war ſehr natuͤrlich; ſie wollte nicht zur Mutter. Maͤdchen der Art haben vor rechtlichen Matronen einen gewaltigen Reſpekt. Sie erinnerte Dich zwar ſelbſt daran, ſie bei Deiner Mutter einzufuͤhren: allein wahrlich zum Scheine. Das Du ſelbſt keine große Luſt hatteſt, die Einfuͤhrung zu beeiligen, hatte ſie Dir laͤngſt angemerkt. Sie ſchreibt an ihre Eltern und beſorgt den ODrief ſelbſt auf die Poſt. Abſichtlich ließ . ſie ſich von Dir im Schreiben uͤberraſchen, — um ihre Talente und das Geſtaͤndniß ihrer n Liebe zu Dir kennen zu lernen. Die Ant⸗ n wort, angeblich vom Vater, floß wahr⸗ . ſcheinlich aus ihrer Feder. Dieſe Antwort 3 iſt die allerfeinſte Intrigue: ſie macht Dich auf einen gewiſſen Werneck aufmerkſam, der . wahrſcheinlich gar nicht exiſtirt: bloß um . außer den Leidenſchaften, die ſchon in Dei⸗ nem Herzen angefacht waren, nun auch f Deine Eiferſucht rege zu machen. Du . wolteſt nun mit ihr reiſen. Da ward ſie ⸗ krank. Was ſie mit dem jungen Doktor ge⸗ 1. macht hat, will ich gar nicht wiſſen. Die Gegenantwort an den Vater bringt die Waͤ⸗ ſcherin zur Poſt. Haſt Du nun Licht, mein Freund? Jetzt ſpielt ſie die Ehrenhel⸗ din, und fordert Dich. Das iſt ein Ro⸗ manenſtreich.*) Ein Narrenſtreich. Beee ere, eſce wreech eeeent wird lich dſs ſauftakengen Erelgigfes 2arerm Maͤdchen auf Piſtolen! Leg' Dich ruhig zu Bette, und ſchlafe aus. In acht Tagen haſt Du das intrikate Geſchoͤpf vergeſſen. Morgen gehe ich zu Deiner Waͤſcherinn, ſe⸗ hen muß ich die kleine Hausbeſtie doch, die Dir den Kopf ſo verruͤckt hat, ſie ſol nicht haͤßlich ſeyn.“ „Ach ſie iſt ſehr ſchoͤn,“ ſagte Wilth, und hielt ſich die Hand vor die Augen. „Ich kann ſie nicht haſſen. Sie hat mich beetrogen; aber ich werde ſie nicht vergeſſen.“ „Schon aut, ſchon gut. Wir kennen einander. Lege Dich nur vor der Hand ru⸗ hig zu Bette. Das Herz des Liebenden zer⸗ bricht Schloͤſſer, zertritt Felſen und trinkt Meere aus; aber der Zeit, der Zeit laͤßt es ihre maͤchtigen Rechte. Es iſt ein grauſa⸗ mes Ungeheuer, die Zeit. Aber nur fuͤr die Verliebten. Den Leidenden iſt ſie eine Wohlthat; dem Alter ein Schatz.“ 4 Wilth lag in demſelben Bette, in dem Karoline geſchlafen hatte. Er ſchlummerte — 45— erſt gegen vier Uhr des Morgens ein. Ein Geraͤuſch auf dem Flur weckte ihn Er hoͤrte eine fremde Stimme fragen: ob Herr Wilth hier wohne? Die Waͤrterinn oͤffnete die Thuͤre. Der Fremde trat haſtig ein, wandte ſich an den Onkel, der ſchon angezogen war, und ſagte, außer Athem,„kommen Sie eiligſt in das Lazareth. Demoiſelle Trziemecka wuͤnſcht Sie noch ein einiges⸗ mal zu ſprechen. Sie hat ſich in den Hals geſchoſſen. Sie lebt keine Stunde mehr. ℳ Wilth flog aus dem Bette, in die Klei⸗ der, zum Hauſe hinaus; er bebte, ihm ſchlotterten die Knie.„Sich in den Hals geſchoſſen? lebt keine Stunde mehr?“ wiederholte er ſich zehnmal unterweges, und ballte die Haͤnde in der Taſche. Er trat in das Lazareth. Kaxoline lag auf einem aͤrmlichen Bette. Kleidung, Bette, Zim⸗ mer, alles war voller Blut. Karoline lag blaß und ſtill, denn der Wundarzt des Hau⸗ ſes hatte ſie eben verbunden. Sie war ſehr ermattet. Sie erblickte Wilth, da weinte ſie und reichte ihm wehmuͤthig die Hand. Sie winkte den Umſtehenden, abzutreten; ſie wuͤnſchte mit ihm allein zu ſryn. Der Arzt ging und bat Wilth, ſich nicht lange aufzuhalten, ſie duͤrfe wenig ſprechen. „Wilth“ ſaate ſie leiſe zu ihm, als ſie allein war.), Du kamſt nicht, ich wartete bis ¾ auf acht Uhr.„Du hatteſt mir meine oͤffentliche Ehre geraubt, die Stunde des Zweikampfs ſollte ſie mir wieder geben, Du kamſt nicht. Ohne Ehre iſt mir das Leben bitterer, als der Tod. Ich ſetzte mir das Piſtol zwiſchen die Zaͤhne, ein ungluͤck⸗ licher Ruck; der Schuß ging ſeitwaͤrts.“ Sie hielt inne, ſie konnte nicht weiter ſpre⸗ chen; ſie druͤckte ſeine Hand an ihre blaſſen Lippen, und blickte ihn mit dem dunkeln Auge der Sterbenden an.„Verzeihung!“ lispelte ſie kaum hoͤrbax zwiſchen den Zaͤh⸗ nen, und legte Wilths Hand auf ihr Herz. Es klopfte in langſamen Schlagn die letzten Pulſe des Lebens. Wilth kuͤßte die blaſſe Wange, die zucken⸗ den Lippen, das brechende Auge.„Ich liebe Dich ewig“ rief er der Scheidenden nach,„ich werde Dich nie vergeſſen“ Sie lag kalt und bewußtlos da, ſie kannte ihn nicht mehr. Wilth vermochte nicht laͤnger zu bleiben. Er rief den Wundarzt und ging. Als er aus dem Lazareth heraustrat, umringte ihn eine Menge Neugieriger. Jeder wollte wiſ⸗ ſen; ob ſie noch lebe, warum ſie ſich habe erſchießen wollen; er antwortete keinem. Gefoltert von Liebe und Reue fuuͤchtete er nach Hauſe. Sein Onkel war ausgegangen, nach einer Stunde kam er.„Sie iſt todt“ ſagt' er langſam und geruͤhrt,„ich bin drau⸗ ßen geweſen, bei Gott ein ſonderbares Maͤd⸗ chen! es liegt etwas Großes, etwas Edles in ihrer Seele, ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll. Ihr neuern Kinder des Lichts — 48— heißt es Energie. Laß ſie ruhen, die Todte. Gluͤck, xeines Gluͤck wohnte nicht in ihrem Buſen; Deine Thraͤnen verzeihe ich Dir; ſte muß intereſſant geweſen ſeyn. Ein ge⸗ woͤhnliches Maͤdchen der Art ſchießt ſich nicht gleich eine Kugel in den Hals, wenn ihr ein rechtlicher Mann ins Geſicht ſagt, was es iſt, denn mehr haſt Du ja doch nicht gethan. Bleib bis dieſen Mittag zu Hauſe, ich habe noch einige Geſchaͤfte, zu Mittag eſſe ich mit Dir." Leipzig iſt eine kleine Stadt im Großen. Man ſprach in allen Straßen, in allen Ge⸗ woͤlbern von nichts, als von der ſchoͤnen Polin und von Wilth. Wo der Onkel hin⸗ kam, ward er ins Examen genommen; denn er, als Wilths Onkel, mußte das alles am genaueſten wiſſen koͤnnen. Der Onkel hatte das ſchon im Hereinkommen vom Lazareth bemerkt, darum bat er Wilth, nicht auszu⸗ gehen, um ihn nicht den Fingerzeigen des Publikums Preis zu geben. Jetzt ſprach er — 49— mit Wilths Compagnon und Wilths Mut⸗ ter, und ſetzte beiden die Nothwendigkeit auseinander, daß Wilth auf einige Zeit Leip⸗ zig verlaſſe. Beide ſahen das ein, und ſtimm⸗ ten gern bei. Da Wilth einmal verreiſen mußte, ſo ſchlug der Compagnon W... vor, wohin ſchon lange einer hatte gehen ſollen, um einige Handlungs⸗Geſchaͤfte dort in Ordnung zu bringen. Noch denſelben Abend ſaß Wilth mit dem Onkel im Wa⸗ gen. Er ließ ihn in Breslau, und ging nach W... 4 Seeine Geſchaͤfte gingen langſam von Statten, ſie zerſtreuten ihn, und W.. s Rei⸗ ze heiterten ihn allmaͤhlig auf. Er war an mehrere Haͤuſer empfohlen, das Vergſche ge⸗ fiel ihn unter allen am meiſten. Frau von Berg war eine liebenswuͤrdige, muntere Frau. Ihre gutmuͤthige Herzlichkeit ſchloß ſein In⸗ nerſtes auf. In einer traulichen Stunde theilte er ihr ſeine und Karolinens Geſchich⸗ te mit. Sie hatte ihn ſonſt mit ſeiner me⸗ 4 — 50— lancholiſchen Stimmung oft aufgezogen; jetzt ehrte ſie ſeinen Kummer; ſeine ſuͤße Schwaͤr⸗ merei gewann ihre Schweſterliebe. Eine ih⸗ rer vertrauteſten Freundinnen ſchien die jun⸗ ge Graͤfinn Calenberg zu ſeyn. Wilth, oder wie er jetzt hier in W... hieß, Herr von Wilth, hatte ſie ſchon einigemal geſehn; al⸗ lein noch immer hatte Karoline mit den blaſ⸗ ſen Lippen und dem ſterbenden Auge vor ſei⸗ ner Seele geſtanden. Er lebte noch nicht recht wieder auf der Erde. Sein Geiſt hat⸗ te den Schatten ſeines Maͤdchens in die lich⸗ teren Regionen der Oberwelt begleitet. Graͤfinn Thereſe ſchien ganz geſchaffen zu ſeyn, den Menſchen vom Himmel zur Er⸗ de herabzuziehn. Ihr unbeſchreiblicher Leicht⸗ ſinn, ihre frivole Laune, ihre Augen, die nichts als die uͤppigſte Liebe ſprachen, haͤtten ei⸗ nen Sterbenden zum Lachen, einen Geraͤder⸗ ten zum Scherzen und einen Marmor zum Schmelzen bringen koͤnnen. Die Sichſtn, Deutſchlands Gallir, — 61— ſollen, ſagt man, in W... Gluͤck machen. Wilth hatte der jungen Graͤfin gleich im er⸗ ſten Augenblicke der Bekanntſchaft nicht miß⸗ fallen. Sein duͤſterer Sinn hatte ſie feſt ge⸗ halten, wenn er Klavier ſpielte; wenn er ſang, ſo ereilte der Flug ſeiner Phantaſie⸗ mit der er ſich in die wildeſten Accorde ver⸗ lor, die innerſten Tiefen ihres Herzens. Sein ruhiger Kummer zuͤgelte ihren Muth⸗ willen, ſie ſaß oft minutenlang ihm gegen⸗ aͤber, ſah ihm theilnehmend ins Auge, und unwilkkuͤhrlich formte ſich ihr Geſicht nach ſeinen ſchoͤnen ernſten Zuͤgen. Er ſprach jetzt wenig, aber er redete mit Innigkeit und Ge⸗ fuͤhl. Der reizbaren Thereſe war, als haftte ſie noch memanden ſo ſprechen gehoͤrt, ſein fremder, reinerer Dialect, ſeine ſanfte feſte Stimme, ſeine Aeußerungen, der Glanz ſei⸗ nes feurigen Auges, die Bluͤthe ſeiner Ju⸗ gend— Grafin Thereſe ſagte ſchon den zwei⸗ ten Abend zur Frau von Berg, daß das der intereſſanteſte Menſch ſey, den ſie je geſehen 4* habe, und das wollte viel ſagen; denn die Graͤfin Calenberg gehoͤrte zum lioniſchen Adel, zu dem ſich recht viele liebenswuͤrdige junge Maͤnner zaͤhlten; ſie hatte mit mehre⸗ ren Großen vom Hofe Umgang, und doch wollte ſie keinen wiſſen, der ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit mehr gefeſſelt haͤtte, als der Herr von Wilth. Eben dieſe Kaͤlte, dieſes Nicht⸗ bemerken, dieſe Anſpruchloſigkeit waren fuͤr Wilth die ſchoͤnen Siegesbanner im Feldzu⸗ ge gegen die reizende Thereſe. Bis jetzt wa⸗ ren ihr die Maͤnnerherzen entgegen geflogen. Dieſes Herz ſuchte ſie. Frau von Berg freu⸗ te ſich dieſes Annaͤherns; ſie liebte Thereſia, und war dem ſchwaͤrmeriſchen Wilth recht gut. Sie ſpielte, ohne es zu wiſſen, awi ſchen beiden die Vermittlerin. Zu Wilth ſagte ſie:„Sie haben mehr Gluͤck, als Sie ſuchen. Auf Graͤfin Thereſe haben Sie einen eigenen Eindruck gemacht. Wollen Sie es nicht bemerken, oder haben Sie es wirklich nicht bemerkt? Ich habe ſie nie ſo geſehen. Ihr Herz iſt jetzt frei, die Calenberg wuͤrde an Ihrer Seite ein ge⸗ wiß recht gluͤckliches Weib werden; ihr Leicht⸗ ſinn wuͤrde durch Ihren Ernſt gebunden, und Ihr Mißmuth durch ihren Scherz wegge⸗ taͤndelt werden. Wenn ſolche Charactere ſich amalgamiren— Gewiß, da muß ein gutes Ganzes draus werden?“ „Liebe Berg, ein ſo wundes Herz, als das meine, vertraͤgt nichts weniger als Spott. Wo denken Sie hin? Graͤfin Calenberg und ich? Nein, ich war dem Wahnwitz nahe. Noch habe ich meinen Verſtand!“— „Nun? Gefaͤllt Ihnen die Calenberg nicht?“ „ Ach, ſie iſt ſehr liebenswuͤrdig/ aber— ¹4 „Sie hat zwar kein Vermoͤgen, aber ihre Verbindungen mit den erſten Haͤuſern der Reſidenz; ihr Geſchlecht iſt eins der aͤl⸗ teſten im Lande. „Eben das, meine gute Berg⸗ Ich bin Kaufmann. Das Loos, das ich Thereſen 54— mit meiner Hand bieten koͤnnte, ſieht mit ihren Anſpruͤchen in keinem Verhaltniß. „Sind ſie nicht ein ſonderbarer Menſch! Man hort Ihnen den Auslaͤnder an; hier ſind wir uͤber ſolche Armſeligkeiten weg; bei uns gilt blos Herz und Verſtand.“ Wilth ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf laͤchelte und ging. Eine Stunde drauf ſaß Thereſe bei der Berg. Das Geſpraͤch kam unvermuthet auf Wilth. „Ich mag ihn wohl leiden. Er iſt gut und herzlich. Unſere Modeherren taͤndeln, witzeln und fuͤhlen nichts; ſie ſehen uns uͤber die Achſeln an, und wiſſen kein geſcheutes Wort uͤber die Lippen zu bringen. Ich ha⸗ be darum immer gern mit Mannern von ge⸗ wiſſen Jahren geſprochen. Selbſt ihre Ga⸗ lanterie hat etwas fuͤr's Herz. Wilths Kopf iſt aͤlter, als ſein Herz.“ „Du ſprichſt recht vernuͤnftig, Thereſe. Es ſcheint mit Deiner Liebe ordentlich Ernſt zu ſeyn. „Das iſt es wirklich. Du kennſt mei⸗ ne Verhaͤltniſſe. Ein Jahr, ein halbes Jahr vielleicht ſpaͤter, und die Bluͤthe meines Gluͤcks iſt gebrochen. Was geſchehen ſoll, muß bald geſchehen. Jetzt noch kann ich waͤhlen. Der Hof wird jede Wahl billggen, ſobald ich ei⸗ ne freundliche Stunde abwarte, wo ich ſagen kann, daß ich liebe und geliebt werde.“ „ Darfſt Du das? Ich haͤtte glauben ſollen, damit machteſt Du dir boͤſes Spiel; daß Du geliebt werdeſt, kannſt Du wohl ſa⸗ gen, aber daß Du wieder liebſt?— „Kann ich auch ſagen. Jetzt. Vor acht— zehen Monaten noch nicht. Ich glaube, ich waͤre auf eine Feſtung transpor⸗ tirt worden. Aber jetzt!— man fuͤhlt ſich, das blaue ſchoͤne Auge iſt himmelwaͤrts ge⸗ wendet. Hienieden ſind wenig Freuden mehr zu erwarten.“ 5 „Gut; aber unter den vielen huͤbſchen jungen Maͤnnern, die Dich umkreiſen”— „Iſt kein einziger, der mit Wilth den Vergleich aushielte. Einer huldigt mir, weil ich nicht haͤßlich bin; der andere, weil er meine Verbindung ahndet und von meinem Einfluß, von meiner Fuͤrſprache etwas er⸗ wartet; der dritte, weil er glaubt, im frem⸗ den Garten, wo der Zaun niedergetreten iſt, luſtwandeln zu koͤnnen. Wilth weiß von al⸗ lem dem nichts. Wenn er einmal fuͤr mi etwas fuͤhlen lernt, ſo bin ich es, die ihm ſein Herz gewinnet, nicht fremde Reize; leſe ich recht in ſeinem Auge, ſo bin ich ihm nicht gleichguͤltig. „Nicht gleichguͤltig?— Nein, There⸗ ſe: Du verſtehſt Dich noch ſchlecht auf Maͤnnerherzen. Er findet Dich uͤber alle Weſen erhaben; er betet Dich an. Aber. der beſcheidene Schaͤfer wagt den Gedan⸗ ken nicht zu denken, Dich Sein zu nen⸗ nen.“— „ Sprachſt Du mit ihm davon? „Wohl: er fing ſelbſt davon an. Er iſt buͤrgerlich, Du Graͤfin. Das iſt der —— —— —-— 57— ganze Stein des Anſtoßes, der un im We⸗ ge liegt.“ „Das? Ach, Berg, da Rath da⸗ fuͤr! Nur keine Zeit verloren!“ Sie ſprang vom Sopha auf, klatſchte in die weichen, kleinen Haͤnde, und fuhr nach Hauſe. Wilth ſaß unterdeſſen auf ſeinem Zim⸗ mer, und wiederholte ſich die Unterredung mit der Berg von Wort zu Wort. Die kuͤnftige Madame Wilth eine ge⸗ borne Graͤfin Calenberg!„Nein, es geht nicht“ rief er aus, und lachte laut. Erſt neulich trug Thereſe einen Schmuck der ſei⸗ ne 12— 16000 Fl. werth ſeyn mußte; ſie hielt ſich Equipage, Domeſtiken ohne Zahl. Sie war ganz im feinſten Hofton erzogen, — taͤglich in Geſellſchaften. Der ganze Tag war fuͤr ſie eine Reihe von Abwechſelungen und Vergnuͤgungen. Ihr einziges Geſchaͤft war die Toilette. Vermoͤgen hatte ſie nicht. Wilths Verdienſt vom ganzen Jahre ging in einem Monate dranf um in dem Zuge fortzuleben, in dem Thereſe zu leben gewohnt war.„Nein, es geht nicht,“ ſagte er, und lachte nicht wieder; denn Thereſe war ſehr ſchoͤn, ſehr reizend. Man mußte in ihrer Geſellſchaft heiter werden. Ihre Bildung umfaßte ein großes Feld von Wiſſen und Kenntniſſen, und Ihr Herz war wirklich gut. „Nein, nein, es iſt nicht moͤglich,“ rief er ſich zu, und wuͤnſchte den Schmuck und die Bebienten, und die Points und die Equipa⸗ ge, und das Grafenweſen ins Pfefferland. Hieße das liebliche Geſchoͤpf ſchlechtweg The⸗ reſe Calenberg; heute haͤtte er es noch an ſeine Bruſt gedruͤckt, heute waͤre noch der ſchoͤne Bund geſchloſſen worden. Denſelben Abend ging er wieder zu der Berg. Er trat unangemeldet in ihr Zim⸗ mer. Der Tag war im Scheiden, es dun⸗ kelte. Im Zimmer brannte noch kein eicht. „Guten Abend, lieber Wilth,“ begegnete ihm eine Stimme. Thereſe war es. Sie ſaß im Winkel des Sophas und reichte ihm A E — 59— freundlich die Hand. Sie waren allein; Frau von Berg war ausgefahren. Thereſe hatte ſie erwarten wollen. Wilth hatte The⸗ reſen nie ohne Zeugen geſprochen. Das Herz wallte ihm uͤber, als er mit ihr allein im kleinen Sopha ſaß. e „Sie wollen, hoͤre ich, W... bald wie⸗ der verlaſſen. Gefaͤllt es Ihnen nicht bei uns?4 „Wem koͤnnte es in W... mßftn⸗ Allein meine Geſchaͤfte noͤthigen mich leider, an die Ruͤckreiſe zu denken.“ „Leider? blieben Sie wirklich gern ſonſt in W...? Ich glaubte, eine vater⸗ terlaͤndiſche Schoͤne—/ „Sie ſind ſehr beſcheiden, Graͤfin! „Und Sie heute ungemein galant. 44 „Heute? galant nie, wahr immer. Wenn irgend W... einen feſſelnden Reiz fuͤr mich haben koͤnnte, ſo waͤre— ℳ „So waͤre ichs? nicht wahr? Nein, mein guter Wilth, Ihre Geſchaͤfte ſind Ih⸗ — 60— nen die magnetiſchen Reize, die Sie von un⸗ b ſerer Seite reißen. Wir haͤtten Sie recht gern hier behalten. Wir ſind an Ihre Ge⸗ ſellſchaft gewoͤhnt. Es wird uns etwas, es wiird uns recht viel fehlen, wenn Sie nicht mehr bei uns ſind. „Nein, Graͤfin, in W... vermißt man ſich nicht. Die Menſchen rauſchen an ei⸗ ander vorbei, man gruͤßt ſich nicht, man M tt ſich nicht, man— ℳ 8 „Habe ich Sie vorhin erſt nicht recht freundlich gegruͤßt? Auch glaube ich, Se zu kennen.“ 2„Mich?“ 3 „Ja Sie. Sie ſind ſtolz und kalt.. Ob Sie je lieben koͤnnen, weiß ich nicht. — Selbſt fuͤr Freundſchaft ſind Sie, glaube ich, unempfaͤnglich; blos und immer Geſchaͤfts⸗ mann. Wir W.. rinnen ſind nicht ſo. Bei dieſen Worten lag ihre Hand auf der ſeinigen, ſie beugte ſich gegen ihn, und ihr herzliches Laͤcheln ſtrafte ihren Vorwurf — 61— ⸗ als Luͤge. Mit ihrem andern Arm ſtuͤtzte t ſie ſich auf das Sophakiſſen; Wilth ergriff d⸗ ddieſe Hand und kuͤßte ihren vollen, ſchoͤnen 8 Arm. Er hatte Thereſen nie beruͤhrt. Beim t erſten Kuſſe in das tiefe Gruͤbchen am Ellen⸗ bogen goß ſich ein flackerndes Feuer in ſein n Inneres. Unbewußt ſeiner ſelbſt ſchlug er 1⸗ ſeinen Arm um ihren Leib und zog ſie an n ſich. Ihre Wange gluͤhte an der ſeinigen. Thereſe ſtraͤubte ſich nicht. Wilth wagte ei⸗ t nen Kuß auf ihre Lippen, ſie gab ihn ihm e wieder. Die ganze Seeligkeit des Himmels lag in dieſem langen, innigen Kuſſe. In dieſem Augenblicke kamen die Be⸗ . dienten mit Licht. Thereſe flog aus ſeinem ... Arme in ihren Winkel des Sopha's zuruͤck. „ Als die Bedienten das Zimmer verlaſ⸗ ſen hatten, ruͤckte Wilth wieder naͤher. Die GFraͤfin ſtand langſam auf, und ging an das 3 Fenſter. Wilth ſetzte ſich, wo ſie geſeſſen, und kuͤßte den Fleck, wo ihre Hand geruht. V hatte. Thereſe bemerkte es, aber ſie wand⸗ te, ihm ins Geſicht zu ſehen. Wilth wagte nicht, ihr an das Fenſter zu folgen. Er ging zum Fortepiano, griff einige Akkorde, nahm dann den Hut, und eilte mit einem tiefen Seufzer zum Zimmer hinaus. „Ich darf ſie nicht wieder ſehen,“ ſag⸗ te er laut, als er in ſein Stuͤbchen trat. „Ich bin der ungluͤcklichſte Menſch, auf ewig verloren.“ Morgen wollte er fort, oh⸗ ne Abſchied von Bergs, von Thereſe. Jetzt erſt liebte er Thereſen mit namenloſer Staͤr⸗ ke. Er breitete die Arme aus, als ob er ſie umfaſſen wollte. Er hielt ſich die Augen zu, um die ſuͤße Sopha⸗Scene ganz wieder zu ſehen, er druͤckte den Aermel ſeines Rocks, mit dem er ſie umfaßt hatte, an ſeine Lip⸗ pen. Aber Morgen mußte er fort: denn ein Schritt noch, und er ſtuͤrzte in den Ab⸗ grund, an deſſen Rande er ſtand. Er fing den folgenden Morgen an, ſei⸗ te ihm den Ruͤcken zu, als ob ſie ſich ſchaͤm⸗ m⸗ ter er — 63— ne Sachen zu packen. Gegen Mittag erhielt er vom Herrn von Berg eine Einladungs⸗ karte auf ein freundſchaftliches Abendbrodt. Er ſchlug es aus. Da ſchrieb ihm die Frau von Berg:„Sie muͤſſen kommen; ich habe Ihnen Dinge von Wichtigkeit zu ſagen.“ Er ſah verdruͤßlich aus als er dem Bedien⸗ ten, der das Billet brachte, ſagte, er wuͤrde kommen: aber innerlich lachte es in ihm. Er freute ſich, ſeiner Vernunft, die ihm die Abreiſe rieth, das Billet der Frau von Berg entgegen halten zu koͤnnen. Er kam. Sei⸗ ner Vermuthung nach mußte Thereſe auch dort ſeyn. Sie war nicht da. Er ſpeiſte mit Bergs allein.„Warum ſchlugen Sie es meinem Manne erſt ab, zu kommen, lie⸗ ber Wilth?“ frug die Frau von Berg, und winkte den Domeſtiken, abzutreten. „Ich war im Einpacken beſchaͤftigt. Ich wollte dieſen Nachmittag fort.”“ „Fort auf immer? und das ohne Abſchied?“ =— „ Ich habe mich zu lieb. 36 ſbone mich gern; darum ſcheue ich das Abſchied⸗ 3 nehmen. Das Wort der Trennung von Ihrem Hauſe auszuſprechen/ wuͤrde mir zu ſchmerzlich fallen.“ 5 „Wenn ſie als Freund ſpraͤchen, wolle. ich Ihrer Vorliebe fuͤr unſer Haus recht vielen Dank wiſſen; Sie ſprechen aber als Verliebter. Uns gilt der Schmerz der Trennung wohl eigentlich nicht? „Doch, doch; Ihrem Hauſe. Sie nahmen mich ſehr gͤtig auf. Sie ſchenk⸗ ten mir eine Freundſchaft, die— ℳ „Sie nicht audehin weil Sie ſie nicht moͤgen, weil— „Ich lar aahmen⸗ Wie das, gnaͤ⸗ dige Frau?“ „Nein. Waͤren Sie wirklich der Frruud der Sie ſeyn wollen, ſo muͤßten Sie viel of⸗ fener ſeyn. Ohne gegenſeitiges voͤlliges Ver⸗ trauen iſt nie Freundſchaft denkbar. ℳ „Ich verſtehe Sie nicht! ₰- 8.— „Oder wollen mich nicht zerſehen. 6 Sie ſind verſteckt; und das iſt gegen eine Freundin, die es ſo redlich 1 Ihnen meint, als ich mit Ihnen, wahrli nicht huͤbſch. Die Calenberg geſtand mir in einem trau⸗ lichen Augenblick, daß ſie Ihnen nicht gram ſey. Sie haͤtte mir in meinem ganzen Le⸗ ben durch nichts eine groͤßere Freude ma⸗ chen koͤnnen, als durch dies Geſtaͤndniß. Ihr beide ſcheint mir fuͤr einander geſchaf⸗ fen, fuͤr einander im Himmel beſtimmt zu ſeyn. Ich beging die Unvorſichtigkeit, Ih⸗ nen neulich von dieſem Geſtaͤndniſſe etwas fallen zu laſſen. Es ſchien Ihnen wohlzu⸗ thun. Ich ließ jetzt mein Herz ſprechen, und aͤußerte den Wunſch, daß dieſe gegen⸗ ſeitige Neigung ein ernſteres Ziel haben moͤ⸗ ge, als ein bloß voruͤbergehendes Wohlwol⸗ len. Dieſer Gedanke traf Sie. Das ein⸗ zige Hinderniß, was Ihnen nach Ihrer An⸗ ſicht im Wege ſtand, war die Ungleichheit des Standes. Ich ſetzte Ihnen auseinander daß dies hier zu Lande bloßes leeres Vor⸗ urtheil ſei. Mich duͤnkt, Sie widerlegt zu haben. Geſtern Abend fuͤhrt Euch der Zu⸗ fall beide auf meinem Zimmer zuſammen. Thereſen zittert das Bekenntniß ihrer Liebe auf den Lippen. Da rennen Sie zur Stube hinaus, und heute wollen Sie fort. Ich, mein Freund, habe Sie errathen: Sie woll⸗ ten mit Thereſen taͤndeln. Jetzt, da ich von ernſteren Verbindungen ſprach, wird Ihnen bange. Wahrſcheinlich hat eine Leipziger Kaufmanns⸗Mamſell Ihre Liebe in der letz⸗ ten Meſſe erwiſcht. Das mußten Sie mir ſagen, wenn Sie es ehrlich mit mir und Thereſen meinten. Die Graͤfin Calenberg hatte ſich gegen Sie nicht ſo vergeben, daß Sie ſie mit dieſer Verſtecktheit hintergehen durften. Iſt eine Indelikateſſe vorgefallen, ſo ſchreiben Sie ſie auf Rechnung meiner Freundſchaft fuͤr Euch beide. Thereſe darf darum noch nicht der Gegenſtand einer ver⸗ aͤchtlichen Behandlung ſeyn.“ — 67— Wilth war wie vernichtet. Er gluͤhte vor Schaam, vor Aerger uͤber ſich ſelbſt; und doch fuͤhlte er, nicht anders handeln zu koͤnnen. Er gewann endlich die Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt wieder. „Liebe Berg,“ ſagte er ruhig, und ſein dunkler Blick lag auf ihrem Auge,„, das theure Band, das Sie an Thereſen feſſelt, entſchuldigt die Heftigkeit, mit der Sie Ih⸗ re Vorwuͤrfe durchbittern. Mein und The⸗ reſens Gluͤck hing in jener ſeligen Minute an einem Faden. Folgte ich meinem Gefuͤhle, bat ich um Ihre Hand, ſagte ſie mir zu, ſo war ich der gluͤcklichſte Ungluͤckliche auf der Erde.“ „Sie ſprechen Unſinn, Wilth. Wie kann der Ungluͤcklichſte der gluͤcklichſte Menſch auf der Welt ſeyn.“ „Ich war in dieſer Minute ſeeliger, als der ſeeligſte Engel im Himmel; denn ich liebe Thereſen mehr, wie mein Leben. Aber— ein guter Genius ſchrieb mir noch 5*⅝ — 68— zur rechten Zeit mit Flammenzuͤgen die Wahrheit ins Herz— meine Gattin kann Grafin Thereſe nicht ſeyn, wenn wir nicht ſchon im erſten Jahre den Schritt der Liebe bereuen wollen.“ „Sie bleiben mir ein Raͤthſel. Warum nicht Ihre Gattin?“ „Ich bin nicht reich. Thereſe iſt als Graͤfin Calenberg berechtigt, ein bequemes, ein ſplendides Leben zu fuͤhren. Sie iſt ſeit ihrer fruͤhſten Jugend daran gewoͤhnt, ich kann ihr dieß nicht gewaͤhren. Unſere Liebe kann ihren Entſagungen, zu denen ſie ſich taͤglich entſchließen muͤßte, kein Erſatz ſeyn. Die erſten Flittertage der Zartlichkeit wuͤr⸗ den verfliegen, und die vormalige Gräfin Ca⸗ lenberg wuͤrde in dem einfachen buͤrgerlichen Alltagsleben ihres Gatten bald Langeweile fuͤhlen; ſie wuͤrde entweder dieſes Einerlei ſliehen, den graͤflichen Ton feſthalten und meinen Wohlſtand ruiniren, oder ſich zu uns Buͤrgergeſichtern herabſtimmen muͤſſen und am 6⸗ Ende ſehr ungluͤcklich ſeSyn. Sein Sie gerecht, Frau von Berg! Pruͤfen Sie mit Ruhe meine Gruͤnde, die ich in das blutende Herz mit Gewalt draͤngen muß, und helfen Sie ſelbſt meiner Vernunft, daß ſie im Streite mit meinen Empfindungen das Feld behalte. Liebe Berg, ſtehen Sie mir bei; Sie ſind unpartheiiſch. Ich will lieber ungluͤcklich ſeyn, als an Thereſen unredlich handeln.“ „ Iſt das wirklich die Sprache Ihres Gewiſſens, Wilth?“ frug der Herr von Berg, und ergriff herzlich ſeine Hand. „Wahrlich, mein Freund!“ „Weiter ſtaͤnde alſo wirklich Ihrer Verbindung mit der Graͤfin nichts im We⸗ ge, und Sie hofften mit derſelben Ruhe und Vernunft, die Sie bis jetzt ſchwankend in Ihrem Entſchluſſe machten, in dieſer Ver⸗ bindung gluͤcklich zu ſeyn?¹⁷ „Thereſe uͤbertrifft alle Anſpriche, d die ich je an das Ideal machte, das ich mir von meiner kuͤnftigen Gattin aufſtellte; allein — 70— auch mit der freigebigſten Phantaſie ſehe ich nicht die Moͤglichkeit ein, jenes Hinderniß b aus dem Wege zu raͤnmen.”“ .„Koͤnnten Sie ſich entſchließen, Leipzig zu verlaſſen?“ „Leipzig bindet mich nicht. Wo ſoll ich aber mit meiner Handlung, mit meinvm Kompagnon hin?“ „Ich kenne Ihre Verhaͤltniſſe nicht. Koͤnnen Sie ſich von ihm trennen?“ „ Die Zeit unſerer Verbindung iſt oh⸗ nehin bald um. Das waͤre leicht zu ma⸗ chen. Allein, ſich anderswo neu zu etabli⸗ ren, hat in den jetzigen Zeiten ſeine ſehr b großen Schwierigkeiten.“ „Wie waͤre es, wenn Sie dem ganzen Kaufmannsweſen ewiges Lebewohl ſagten? Das Ungewiſſe dieſes Standes hat fuͤr mich nie Reiz gewinnen koͤnnen. Sie arbeiten ſich mit Anſtrengung zu einem gewiſſen Grade voon Wohlſtand hinauf; ein einziges Haus, mit dem Sie eng verbunden ſind, faͤllt, und de — — 71 Sie ſind mitgeſtuͤrzt; oder, wenn es auch nicht zu dem Falliren koͤmmt, ſo verlieren Sie heute da eine Summe und morgen dort eine Das verdirbt den beſten Charakter; Sie werden mißtrauiſch, Sie muͤſſen es wer⸗ den. Der Werth Ihres Innern geht verlo⸗ ren. Ein vollkommen guter Kaufmann iſt ſelten ein vollkommen guter Menſch; und ein gluͤcklicher Menſch ſelten ein gluͤcklicher Kaufmann.4 „Wahr, mein Freund, ſehr wahr. Ich fuͤhlte mich auch nicht zu dieſem Stande be⸗ ſtimmt. Ich hatte die Rechte ſtudiert. Im letzten Jahre meiner akademiſchen Laufbahn ſtarb mein Vater. Ich mußte nun die Hand⸗ lung uͤbernehmen; um unſer Vermoͤgen, das in derſelben ſtak, nicht fremden Haͤnden an⸗ zuvertrauen. Haͤtte ich heute eine Ausſicht zu einer feſten Stelle, ich arrangirte mich mit meiner Mutter und meinem Compagnon. Er iſt ein rechtlicher Mann. Ich wuͤrde nichts fuͤr mein weniges Habe und Gut zu fuͤrchten haben.”“ „Mit Ihren Rechtskenntniſſen koͤnnen Sie uns nichts helfen, lieber Wilth,“ ſagte Herr von Berg laͤchelnd.„Wir wollen Ih⸗ nen einen andern Weg vorzeichnen. Kom⸗ men Sie morgen fruͤh, hoͤchſtmoͤglich elegant gekleidet, punkt 10 Uhr zu mir; wir wollen dann weiter von der Sache ſprechen." Mit dieſen Worten brach er ab. Wilth bemerk⸗ te, daß Herr von Berg nicht weiter gefragt ſeyn wollte, ſchuͤttelte bedaͤchtig den Kopf, und laͤchelte. Frau von Berg ſchien von dem geheimen Plane zu wiſſen. Den folgenden Morgen punkt 10 Uhr ſtand Wilth aͤußerſt geſchmackvoll adoniſirt im Zimmer des Herrn von Berg. Er traf Thereſen im Morgen⸗Negligee auch da. Es war, als feierten beide das Verlobungsfeſt. Wilth zog Thereſens Hand an ſeine Lippen und umſchlang ſie. Thereſe war freundlich. An die Stelle ihres Muthwillens war ein ſaufter Frohſinn getreten. Wilth war durch das Naͤthſelhafte, durch das Geheimnißvolle deſſen, was Herr von Berg mit ihm vor⸗ hatte, befangen geweſen. Jetzt ward er ru⸗ higer, offener. Er ſah mit feſtem Blick auf 3 ſeinen myſtiſchen Fuͤhrer. Thereſe, die, ſchoͤ⸗ ne Thereſe war der Preis. Sie ſtand in ſeinen Armen, an ſeine Bruſt gelehnt, und betrachtete wohlgefallig die reiche Stickerei ſeines Kleides, dann gleitete ihr Blick auf ſeine Hand, die unberingt in ihren Locken ſpielte. „Hier, Wilth, fehlt Ihnen noch etwas,“ ſagte ſie, zog einen großen Brilliant⸗Ring vom Finger, und ſteckte ihn, mit einer be⸗ zaubernden Freundlichkeit, ihm an.„Wenn Sie mich nicht mehr lieb haben, geben Sie mir ihn wieder,“ drauf zog ſie einen Kupi⸗ dospfeil mit ausgewaͤhlten Juwelen beſetzt, aus ihrem Buſentuche, und ſteckte ihn in ſein Jabot.„Wilth, der Pfeil den Sie mir ins Herz geſtoßen haben,“ ſprach ſie leiſe und erruͤthete,„„ſitzt ewig feſt. Aber, wie haben Sie ſich das Halstuch gebunden,“ rief ſie heimlich laͤchelnd. Ja, wenn die Herxen nicht immer in Zucht und Ordnung gehalten wer⸗ b den; ſo fallen ſie gleich, mit aller ihrer lie⸗. ben Eigenliebe, der Nachlaͤſſigkeit ins Haus. Sie knuͤpfte ihm die Binde auf, und als ſee fertig war, ſaß ein brilliantes T in einem Myrthen⸗Kranze von wunderſchoͤnem Chry⸗ ſopas, unter ſeinem Kinne. 3 Bei dieſer Knuͤpferei, waͤhrend der ſie mit ihren kleinen Haͤnden an ihm herumfſin⸗ gerte, weilte ſein Blick auf ihren heimlichen Reizen. Er mußte den Kopf vorbeugen, um der behuͤlflichen Thereſe das Verſchleifen nicht zu ſauer zu machen. Er erreichte mit dem aͤußerſten Saume feiner Lippen die Woͤlbung ihrer ſchoͤnen Augenbraunen. Er ſenkte den Kopf tiefer und umfaßte das Maͤdchen. Thereſe ſchlang beide Arme um ſeinen Nacken. Er uͤbergluͤhte ihren Roſen⸗ mund mit tauſend Kuͤſſen der heißeſten Lie⸗ —— be. Es war die ſchoͤnſte Stunde ſeines Lebens. „Na, Kinderchen, ſeid Ihr fertig?“ ſagte Herr von Berg, der unterdeſſen abwe⸗ ſend geweſen war und jetzt mit ſeiner Frau ins Zimmer trat. Wilth erroͤthete. There⸗ ſe ſchlug die Augen nieder, und barg ihr Geſicht an ſeine Schulter.„Segne Euch Gott, meine Lieben,“ fuhr Herr von Berg herzlich und mit Ruͤhrung fort und umarm⸗ te die liebliche Gruppe, Frau von Berg um⸗ ſchlang Thereſen. Eine ſuͤße Pauſe; nur vom leiſen Sphaͤren⸗Gelispel der Kuͤſſe hei⸗ liger Freundſchaft und hingebender Liebe un⸗ terbrochen. Jetzt nahm Berg den neugebackenen Braͤutigam in ſein Kabinet, ſtellte ſich vor ihn hin, und ſagte ihm mit einer Stimme, die ihm Muth einſprechen ſollte: „Mein Zreund, Sie ſind nun jetzt nicht mehr Here Wilth, nicht Herr von Wilth, ſondern unſer lieber charmanter Graf von * Wilthershauſen. Sie haben in der Saͤchſi⸗ ſchen Armee bis zum Major gedient, und mit dem Wunſche, die Welt zu ſehen, Ihre Dimiſſion genommen. Sie haben alle Arme⸗ en von Europa geſehen und keine ſchoͤner als die unſrige gefunden. Sie brennen vor Verlangen, bei uns in Dienſt zu treten. Die Revenuͤen Ihrer Guͤter, und die Gage Ih⸗ res Poſtens erlauben Ihnen, einem Maͤd⸗ chen Ihres Standes die Hand zu bieten, das alle Reize in ſich faßt, vom Gluͤck aber weenig beguͤnſtigt iſt. Dies Maͤdchen iſt un⸗ ſere Thereſe. Jetzt ſetzen Sie ſich in The⸗ reſens Eqnipage und fahren direkte zum Fuͤr⸗ ſten. Dort wird ſich das Uebrige geben.”“ Wilth war verſteinert. Er hoͤrte kaum. Er machte Einwendungen, allein Herr von Berg widerlegte ſie alle, unterrichtete ihn naͤher, begleitete ihn bis zum Wagen, und dahin rollte die graͤfliche Karoſſe. Haͤtte Wilth die Schwere ſeines Her⸗ 1 — 77— zens nach Centnern berechnen koͤnnen, die Pferde haͤtten unter ihrer Laſt erlegen. Der Monarch hatte bekanntlich die Ge⸗ wohnheit, allen Menſchen ohne Unterſchied, die ihn zu ſprechen wuͤnſchten, perſoͤnlich Ge⸗ hoͤr zu geben. Die Suplikanten fanden ſich um 12 Uhr im Andienzzimmer ein, ein Staats⸗ Secretair befragte jeden um Namen, Wohn⸗ ort und Anliegen, trug dieß in eine Liſte, uͤberreichte ſolche dann dem Souverain, der nachher, mit der Liſte in der Hand, in den Audienz⸗Saal trat und diejenigen, die er ſprachen wollte, namentlich aufrief. Thereſens Kammerhuſar, welcher mit zwei andern Domeſtiken die Graͤflich Wilthers⸗ hauſiſche Auffahrt in der Staatslivree be⸗ gleitet hatte, ſprang jetzt vom Wagen, oͤffne⸗ te den Schlag, both dem armen Wilth, der halbtodt vor Angſt darinnen ſaß, zum Aus⸗ ſteigen den Arm, und ſagte hoͤchſt ehrerbie⸗ tig, daß er ſeiner Erlaucht den Weg zum Audienzſaal zeigen werde. Wilth ſchielte um ſich, als der Kerl ſo laut ſprach. Er fuͤrchtete, es moͤchte es je⸗ mand gehoͤrt haben, und jedermann, glaubte er, muͤßte ihm den Leipziger Ellentrabanten gleich beim erſten Blick anſehen. In dieſem abſcheulichen Augenblicke haͤtte er gern The⸗ reſen, Grafentitel und alles, wovon ihm Berg voorgeſchwindelt hatte, gegen den verſeſſenen Drehſtuhl in ſeinem Comptoir vertauſcht. Er ſtieg mit ſeinem reich gallonirten Kam⸗ merhuſaren die breite Treppe hinauf. Mit Herzklopfen ging er durch mehrere Gallerieen, Zimmer und Saͤle. Hie und da eine Schild⸗ wache; ſonſt alles ſtill um ihn her. Es war, als ob die imponirende Ruhe des lan⸗ desherrlichen Pallaſtes ihm Muſe goͤnnen wollte, ſeinen kuͤhnen Schritt noch einmal zu uͤberlegen. Haͤtte ihm der Kammerhuſar nicht den Ruͤckweg vertreten, er waͤre umge⸗ wandt, und haͤtte heute Nachmittag noch W.. im Ruͤcken gehabt. Die ganze Reſi⸗ denz lag ihm auf der Bruſt. Ein fuͤrſtlicher Diener oͤffnete die Thuͤ⸗ re des Audienzſaales. Wilth trat ein. Der Kammerhuſar blieb im Vorzimmer. Der Staats⸗Secretair empfing ihn gleich mit der Liſte und einer Bleifeder in der Hand. Er war wahrſcheinlich gewohnt, mehrere verlegene Lente zu ſehen, ſonſt haͤtte er an Wilths Armenſuͤndergeſicht Unrath ge⸗ merkt. „ JIhren Namen?“ „Graf Wilthershauſen,“ antwortete Wilth leiſe und aͤngſtlich. Die Luͤge war heraus. Der Ruͤckweg war nun abgeeſchnit⸗ ten. Wilth holte tiefen Athem, wurde feu⸗ crroth und quetſchte den armen Chapeaubas⸗ Hut in tauſend Falten. „Sie ſind aus— 2 „Sachſen.“ „In welchen Angelegenheiten wuͤnſchen Sie Sr. Majeſtat zu ſprechen?“ „In Dienſtangelegenheiten.“ — 80— „Sind der Herr Graf Sr. Majeſtaͤt ſchon vorgeſtellt?“ „Noch nicht. Aber Sr. Majeſtaͤt wiſ⸗ ſen von mir.“ Serr von Berg kannte dieſe gewoͤhnli⸗ chen Fragen und hatte den Pſeudo⸗Grafen darauf vorbereitet. Der Monarch wußte wirklich bereits von ihm; natuͤrlich aber nichts von der kleinen unſchuldigen Betruͤge⸗ rei, wie ſie Herr von Berg nannte. Wilth beantwortete die letzteren Fragen mit mehre⸗ rer Faſſung, weil er nun nicht wieder den Staats⸗Secretair betrog. Nun empfing letzterer noch einige Ein⸗ tretende mit aͤhnlichen Fragen, und als es eilf ſchlug, verließ er den Saal, um die Li⸗ ſte dem Souverain zu uͤberreichen. Die Zahl der Supplikanten war dies⸗ mal klein; ein junges Maͤdchen, ein Herr mit Stern und Band, zwei alte Frauen, ein Moͤnch, ein invalider Offizier, ein Jude und Wilth. Jedes ſtand ſtill fuͤr ſich. Jedes — 81— ſammelte ſich um ſeine Bitte kurz und deut⸗ lich vorzutragen. Aller Augen waren auf die Thuͤre gerichtet, durch welche der Fuͤrſt herein kommen ſollte. Wilth hatte noch vor wenigen Augen⸗ blicken mit dem Tode gerungen. Er hatte ſeine Pulſe ſchlagen gehoͤrt. Jetzt war er ruhig. Er wuͤnſchte, daß der Monarch bald kommen moͤge. Dies war die Stim⸗ mung, in der er ihm furchtlos ſprechen konn⸗ te. Der Monarch kam. Er hatte die Liſte in der Hand und erwiederte die ehrfurchts⸗ volle Verbeugung des Supplikanten⸗Kreiſes durch ein wohlwollendes Kopfnicken. Er trat drauf in ein Feuſter, und rief zuerſt den alten Offizier. Wilth hatte Muße, ihn zu betrachten. Sein leutſeliges Herablaſſen, ſeine gutmuͤ⸗ thige Humanitat floͤßten ihm Staͤrke und Vertrauen ein. Dem Maͤdchen, daß ſeinen Rock kuͤſſen wollte, gab er freundlich die Hand. Die beiden Alten und den Möoͤnch 6 fertigte er kurz ab. Mit dem Juden ſprach er am laͤngſten. Er redete aͤußerſt leiſe; theils um von den Uebrigen nicht gehoͤrt zu werden, theils weil er kraͤnklich war, und ſich nicht ſehr angreifen wollte. Auch ſein Geſicht ſprach, daß ihm nicht wohl war. Es war bleich und das Auge matt. Der Herr mit Stern und Band uͤber⸗ reichte ihm eine Vorſtellung. Der Fuͤrſt las ſie durch, riß ſie mitten von einander, gab die Stuͤcken den bebaͤnderten Herrn wie⸗ der und ging, ohne ein Wort zu ſagen, ohne eine Miene zu verziehen, langſam zum Saale hinaus. In der Thuͤre blieb er ſte⸗ hen, und rief;„Graf Wilthershauſen.“ Wiltb machte eine tiefe Verbeugung und folgte ihm in ſein Arbeitszimmer, wo ſich der Monarch, von dem Gehen und Sprechen ermuͤdet, auf das Sopha ſetzte. Wilth ſtand in einiger Entfernung vor ihm. Er dachte an Bergs Ordre, blos im⸗ mer ja zu ſagen, und wo moͤglich weiter 84 —,— 2 ⏑8⏑ s nicht viel zu ſprechen. Er hatte vollen Athem, volle Beſinnung. Sein Anſtand hatte jetzt etwas Edles. Ein huͤbſcher junger Mann ſtand vor dem Monarchen; dieſer ſchien ihn mit Wohlgefallen zu betrachten. Er maß ihn von Scheitel bis zur Sohle. „Sie ſind aus Sachſen?“ „(Eine leichte Verbeugung.) Ja, Ew. Majeſtaͤt. „und haben bei der Kavallerie gedient? ℳ „Ja, Ew. Majeſtaͤt⸗ 1 „Es gefaͤllt Ihnen bei uns? „Ew. Majeſtaͤt Truppen „Sie lieben die Graͤfin Calenberg?“ „Ja, Ew. Majeſtaͤt.“* „Ich wuͤnſche, daß die Graͤfin gluͤcklich mit Ihnen iſt.“ „ Ew. Majeſtaͤt— „Durch den den des Generals**** iſt das**r ſche Huſaren⸗Regiment vacant geworden. Nehmen ſie es als Hochzeitsge⸗ ſchenk von mir! Patent und Equipage wer⸗ 6* — 3— den Sie in Kurzem erhalten. Ich darf don Ihnen erwarten, daß Sie mein Wohlwollen verdienen und Thereſens Herz zu wuͤrdigen wiſſen werden.“ Bei dieſen Worten winkte der Fuͤrſt dem Grafen, daß er abtreten koͤnn⸗ te. Wilth hatte kaum noch ſo viel Beſin⸗ nung, daß er eine tiefe Verbeugung machen und die Thuͤre finden konnte. Sprechen konnte er kein Wort. Er flog uͤber den Audienzſaal ins Vor⸗ zimmer durch die Gallerieen, die breite Treppe hinunter, in den Wagen, in Thereſens Arme. „Nun, mon General“ rief ihm dieſe entgegen,„alles gluͤcklich abgelaufen?“ Wilth war außer ſich; darauf hatte ihn Berg nicht vorbereitet. Liebe, Ueber⸗ raſchung, Freude, alles beſtuͤrmte ſein Herz. Thereſe zog den Geliebten an ihre Bruſt. Er vergaß im ſuͤßen Anſtaunen des ſchoͤnen Maͤdchens ſeinen General ſein Regiment, ſeinen Grafen Thereſe war ihm mehr, als alles. Jeezt kamen Bergs. Sie trauten kaum freundlichen Geſichtern des ganzen, ziemlich ihren Ohren, als die gluͤckliche Thereſe ihreu Geliebten ihnen als General des*** ſchen Huſaren⸗Regiments vorſtellte. So viel hat⸗ ten Sie ſelbſt nicht erwartet. Aus ihrer herzlichen Freude las Wilth mit Ruͤhrung ihren lebhaften Antheil an ſeinem Gluͤcke. Wilth war heute zum erſtenmale in Thereſens Wohnung; er hatte nie ein ge⸗ ſchmackvolleres und reicheres Meublement gefunden. Die kleine Graͤfin bemerkte die Aufmerkſamkeit, die er dem Ganzen ſchenkte. Mit Wohlgefallen nahm ſie ihn bei der Hand und fuͤhrte ihn in den aͤbrigen Zim⸗ mern umher. Auch durch Kuͤche und Do⸗ meſtiken⸗Stuben ging das gluͤckliche Paar. Ueberall ſtuͤrzten Lakaien, Heiducken, Pors tiers, Laͤufer, Kammermaͤdchen, Koͤche, Kuͤ⸗ chenjungen und Kuͤchenmaͤdchen, Kutſcher, Reit⸗ und Stallknechte, Silberwaͤſcherinnen, Stuben⸗ und Garderobenmaͤdchen herbei, um Sr. Erlaucht den Rock zu kuͤſſen. In den — 36— zahlreichen Perſonals, lag die aufrichtigſte Freude uͤber den huͤbſchen neuen gnaͤdigen Herrn Grafen. Sr. Erlaucht waren recht herablaſſend. Sie ſprachen faſt jeden, und wußten jedem etwas Gutes zu ſagen. Graͤ⸗ fin Thereſe verſprach ihnen heute Abend ei⸗ nen kleinen Ball.„Da ſeid alle recht luſtig, Ihr Kinder,“ ſagte ſie wohlwollend und herzlich,„und trinkt unſre Geſundheit.“ Im Stalle ſtanden ſechs ausgeſuchte Wagenpferde, ein paar Klepper, und zwei Reitpferde fuͤr die Grafin. Wo er hinkam das ganze Haus war ein Muſter der Ordnung, der Eleganz, der mo⸗ diſchſten Pracht; ganz vorzuͤglich reizend aber war der Graͤfin Schlafkabinet. Die Waͤnde waren mit blasblauem Atlas verhangen, und die Vorhaͤnge mit Schmelz garnirt. Der gan⸗ ze Fußboden war eine mit Stahlfedern gepol⸗ ſterte Matratze, mit einem praͤchtigen Tep⸗ pich uͤberzogen. Ein hochaufſchwellendes, ungemein breites Bette ſtand in der Mitte, - 3— eine weiße Atlasdecke, mit goldnen breiten Franzen beſetzt, hing daruͤber bis auf die Erde, an den vier Zipfeln der Decke ruhten vier goldbronzirte Loͤwenklauen auf dem Boden. Die Decke des Zimmers war eine große Spiegel⸗Platte. Thereſe druͤckte an einer Feder, eine unſichtbare Floͤtenuhr ſpielte in dem Moment ein zaͤrtliches Adagio, das Bette wogte von ſelbſt in ſanftem Schaukeln, und in der einen Ecke des Zimmers plaͤt⸗ ſcherten wohlriechende Gewaͤſſer von einer kleinen kriſtallenen Kaskade, in ein antik ge⸗ formtes Becken von Onyr. An der andern Seite des Kabinets flogen die beiden Atlas⸗ vorhaͤnge auf, und ein kleiner Orangerie⸗ wald ſandte ſeine lieblichen Duͤfte in das Feengemach. Roſen und Flieder, Hyazin⸗ then und Akazien bluͤhten unter den Oran⸗ genbaͤumen, man glaubte einen Zauber⸗Gar⸗ ten vor ſich zu ſehen. Thereſe nahm eine kleine ſilberne Gießkanne und benetzte Blu⸗ men und Baͤume. Wilth ſtand in ausſprechlichem Entzuͤ⸗ cken verloren. Die Eindruͤcke aller ihm um⸗ gebenden Gegenſtaͤnde waren ſo feyerlich, ſo rein, ſo uͤberirrdiſch, daß er in einer Goͤt⸗ terſphaͤre zu ſchweben vermeinte. Sein Geiſt ſchwamm in den wolluͤſtigſten Gennͤſſen, ſeinen Koͤrper hatte er vergeſſen. Thereſe bemerkte die zarte Huldigung, die ſein ge⸗ fuͤhlvolles Staunen ihren Arrangements brachte. Sie ſtand vor ihm mit einem zau⸗ beriſchen Laͤcheln, wie eine Prieſterin der Liebe vor dem Allerheiligſten. Die Stunde der Weihe hatte aber noch nicht geſchlagen. Thereſe nahm ihm am Arm und zog ihn ſchaͤkernd aus dem blaßblauen Atlastem⸗ pel. Auf dem Ruͤckwege nach ihrem Wohn⸗ zimmer kamen ſie durch einen kleinen Saah wo eben das Hausofficiale am ſogenannten Kammertiſch ſpeiſte, der Haushofmeiſter, die Kammerfrau, der Stallmeiſter, der Kaſſirer, alle ſprangen auf und bezeugten Sr. Er⸗ laucht mit Kratzfuͤßen und Knixen ihre un⸗ X— terthaͤnige Ehrfurcht. Abſonderlich bekom⸗ plimentirte der Haushofmeiſter den gnaͤdigen Herrn Grafen mit zierlich geſetzten Worten, die Se. Erlaucht recht guͤtig herablaſſend zu erwiedern geruhten. Auch dem Kammer⸗ tiſch ward fuͤr heute Abend von der Graͤfin eine kleine Fete verſprochen. Die herrſchaftliche Tafel war blos mit vier Couverts belegt: Bergs beide Thereſe und Wilth. Beim Nachtiſch trat die Bedie⸗ nung ab. Man ſprach nun von der Aüenhm Zukunft. Den Winter wollte man in W.. den Sommer in der Provinz beim Reg inraee zubringen. Sobald das Patent eintraͤfe, ſollte die Verbindung ſeyn. Thereſe, des Hoflebens muͤde, ſehnte ſich nach haͤuslichem Gluͤck. Sie hoffte, es in Wilths Herzen und in dem Umgange mit Bergs zu finden. Nur fuͤr ſich wollten ſie unter einander leben. Sonderbar, Wilth mußte Graf wer⸗ den um buͤrgerlich leben zu lernen. Er ſtimmte mit voller Seele in all die Plaͤne. — 90— Sie ſtanden mit ſeinen Gefuͤhlen ganz im Verein. Je mehr er Thereſen ſprechen hoͤr⸗ te, deſto mehr bewunderte er ihren Ver⸗ ſtand, ihre Empfindungen, ihre Erfahrung. Es war, als ob ſie die Welt und deren Laͤ⸗ ſtiges ſchon ſeit ſo vielen Decennien kannte, als ſie Jahre zaͤhlte.„Nur im Hauſe ſoll meine Heimath ſeyn“ ſagte ſie mit ruͤhren⸗ der Einfachheit.„Ich mag ſie nicht mehr die Menſchengeſichter. Jetzt erſt gefallen mir meine vier Waͤnde; denn mein Wilth haucht Leben auf die bunten Steinflaͤ⸗ chen. Klausner wollen wir nicht werden. Giebt es ſchoͤne freundliche Tage draußen, mitgenommen! Schlakert s aber und ſchneit es, huſch in unſer Haͤuschen hinein! Nicht wahr, General? Der Huſaren⸗General nickte und dach⸗ te: huſch in unſer Atlas⸗Kabinet hinein! Auf einmal fuhr ihm der Gedanke an ſeine Mutter, an den Compagnon, an die Handlung durch die Seele. Er ward mit — 9¹— dieſen Augenblick ſo ſichtbar duͤſter, daß es Thereſen auffiel.„Nun, iſt das ein Braͤu⸗ tigamsgeſicht?“ frug ſie, und fuhr ihm mit der Hand uͤber die faltige Stirne,„vor der Fronte Ihres Regiments meinetwegen noch viel tauſendmal baͤrboͤſiger; aber hier? hente? mir gegenuͤber?“ Wilth erzaͤhlte woran er alles dachte und ſchloß damit, daß er durchaus ſich jetzt t ſeinem Compagnon auseinanderſetzen, und ſeine Mutter, in Hinſicht ihrer Ver⸗ haͤltniſſe zu ſeiner Handlung, ſichern muͤſſe. Durch Schreiberei ſei dies ein weitlaͤuftiges Geſchaͤft, am ſicherſten, er reiſe ſelbſt zuruͤck, wo er in 8 Tagen voͤllig in Ordnung in kommen hoffe. Die Graͤfin proteſtirte dagegen foͤrm⸗ lich und meinte, er ſolle den Plunder laſſen, wer ihn wolle. Berg aber pflichtete voll⸗ kommen dem Grafen bei. Beide Maͤnner uͤberſtimmten Thereſen, ſie mußte nachgeben. „ Gut“ ſagte ſie,„Ihr Trotzkoͤpfe, ihr ſollt — 9²— ¹ Euren Willen haben: aber nun thut mir auch den meinigen, das bitt' ich Euch. Muß Wilth fort, ſo ſoll er morgen fort. Jetzt bin ich noch an das fuͤße Gluͤck, ihn ganze Tage bei mir zu ſehn, nicht ge⸗ woͤhnt. Das Entbehren ſeines Umgangs wird mir jetzt alſo weniger ſchwer, als ſyaͤ⸗ terhin. Reiſen Sie morgen, und ich bitte Sie, Eilen Sie; beſchleunigen Sie Ihr Ge⸗ ſchaͤft, und kommen Sie dann wieder, um Ihre Thereſe nie wieder zu verlaſſen! Berg ſetzte noch hinzu, daß Wilth jetzt das Patent noch nicht habe und daher noch nicht obligat ſei. Waͤre ihm dies erſt ein⸗ gehaͤndigt, ſo muͤßte er Urlaub nehmen, und es ſtaͤnde dahin, ob er ihn gleich bekaͤme, er faͤnde daher ſebſt am gerathenſten, daß Wilth ſobald als moͤglich abreiſe, aber auch je eher je lieber wieder kaͤme. Thereſe ſah dies ſelbſt ein. Sie ward auf einmal ſehr weh⸗ muͤthig.„Ach,“ ſagte ſie, und legte beide Haͤnde auf die Bruſt,„mir iſt es hier ſo beklommen; es iſt mir, als ſaͤhe ich Sie nie wieder! Wilth! wenn Sie einen Augen⸗ blick zoͤgerten! Reiſen Sie morgen! Reiſen Sie heute, ich bitte Sie um Gottes Willen, heute noch! Mir iſt alle Freude verdorben. Vergnuͤgt kann ich doch nicht eher ſeyn, als bis ich Sie wieder ſehe. Muß ich Arzenei nehmen, ſo ſehe ich ſie nicht erſt lange an, ſonſt nehme ich ſie zehnfach ein: die Augen zu, und hinunter! Geſchwind, machen Sie, daß Sie fortkommen! Es iſt mir, als muͤßte ich Sie treiben. Ich habe eine Un⸗ ruhe in mir, ich kann es nicht beſchreiben. Sie ſteckte mit ihrer Aengſtlichkeit den armen Wilth an. Er ſprang auf:„ja, heute noch,“ rief er, umſchlang Thereſen, druͤckte ihr tauſend Lebewohl auf die ſchuͤ⸗ nen Lippen und eilte zur Thuͤre hinaus. Nach einigen Stunden ſaß er ſchon in der Poſt⸗Chaiſe. Er flog mit Kourierpferden nach Leipzig. Hier ging es nicht ſo geſchwind, als er geglaubt hatte. Nach drei Wochen erſt war er mit ſeinem Compagnon im Reinen. Er ſpielte den Großmuͤthigen, uͤberließ ſei⸗ nem Aſſocié die ganze Handlung um eine Kleinigkeit, die dieſer ihm in Wechſeln zahl⸗ te, und legte ihm nur die Pflicht auf, ſeiner Mutter jaͤhrlich bis zu ihrem Abſterben 500 Thlr. auszuzahlen. Jetzt war er fertig. Thereſen hatte er poſttaͤglich geſchrieben, auch hatte er zwei Briefe von ihr bekommen: mehrere konnte er wohl nicht erwarten; denn ſie glaubte be⸗ ſtimmt, ihn nicht laͤnger als 8 Tage in Leipzig vermuthen zu koͤnnen. Thereſe, das Atlaskabinet, die Floͤthen⸗ uhr, das bewegliche Bette, der elaſtiſche Fußboden, der Orangenwald, alles ſchaukelte vor ſeinen Augen voruͤber: er warf ſich wie⸗ der in ſeinen Kourierwagen und jagte nach W.. zu. Als er uͤber P... kam, begegnete ihm —+8 8 8 8 Sg die Nachricht von des Monarchen Tode. S◻ S8 E y=’q Der Schoͤpfer ſeines Gluͤcks, der maͤchtige Goͤn⸗ ner ſeiner Thereſe, war ihm verloren Er hat⸗ te ihn perſoͤnlich liebgewonnen. Es ging ihm nahe, doch pries er ſich gluͤcklich, daß der Fuͤrſt nicht fruͤher war abgerufen worden. Sein Gluͤck war nun gemacht. Er freute ſich, Thereſen in der Hoftrauer gewiß mit neuen Reizen zu finden, und jagte weiter. Er hatte in einem ſeiner letztern Briefe Thereſen erſucht, ihm in einem Billeette, welches ſie am Thore abgeben ſollte, zu ſa⸗ gen, ob er gleich bei ihr abſteigen koͤnnte. Als er zu den Thoren von W.. einfuhr, wurde er nach Namen und Stand gefragt. Er nannte ſich Graf Wilthershauſen; allein, ſeinen Generalsrang verſchwieg er, denn er hatte zur Zeit das Patent noch nicht, dies lag wahrſcheinlich bei Thereſen. Er frug in der Wachſtube nach dem bewußten Billet, es fand ſich keins. Er nannte die Graͤfin Calenberg, von der ein Billet beſtimmt ab: gegeben ſeyn muͤſſe, es war keins da⸗ „Vielleicht hat ſie den Brief noch nicht dung traf.“ Er fuhr in einen Gaſthof kleidete ſich um, und fuhr zu Thereſen. ehe noch der Lohnbediente den Schlag oͤffne⸗ t,, hatte er ihn ſelbſt aufgeriſſen. Er ſtuͤrz⸗ te aus dem Wagen und riß an der Klingel, als ob er einen Todten auflauten wollte. Ein aͤltlicher Mann, ohne Liyree, aͤrmlich und ſchlecht angethan, oͤffnete die Thuͤre. Wilth hatte ſich den dicken, reichbordir⸗ ten Portier gedacht, mit den breiten Ban⸗ delier, und dem tiefen Buͤckling, wie er ihn das erſtemal ſah, als er vom Monarchen kam. Er glaubte am Ende, in einem fal⸗ ſchen Hauſe zu ſeyn. „Die Graͤfin Calenberg wohnt doch hier?“ „Hat hier gewohnt.“ „Hat hier gewohnt, und nicht mehr?" „Nein, nicht mehr: und wohnt hier kein Menſch mehr, als ich. Die Graͤfin iſt verreiſt.“ erhalten, in dem ich mit ihr jene Verabre⸗ Sein Herz zerſprang faſt vor Sehnſucht, 22 7./ .— 97 „Verreißt?— ſeit wenn?““ „Seit Vorgeſtern.“ „Wohin?“ „Das kann ich nicht ſagen.“( „Mit all' ihren Leuten?“ „Das weiß ich nicht.“ Wilth ſtand wie angewurtelt; die Sin⸗ ne ſchwanden ihm. Haͤtte er die Klinke der Hausthuͤre nicht in der Hand gehalten, er waͤre umgeſunken.. 8 Der kurzſilbige Alte ſah ihn adleche dann wieder feuerroth werden: die Augen nnkelten, die Lippen bebten; er mochte fuͤrch⸗ ten, Wilth ſey unreimiſch. Ohne daß die⸗ ſer es merkte, draͤngelte der Alte langſam die Thuͤre hinter ihm zu, und ſo ſtand Wilth auf der Straße.. „Wo befehlen Sie jetzt hin?¹¹ frug der Lohnlakei hoͤflich. „Zum Teufel“ kuirſchte Wilth dh die Zaͤhne und ſtampfte mit dem Fuße. Der 4. —— Lohnlakei prallte hinter den Wagen, und ließ ſich nicht wieder ſehen. 128 Wilth ließ den Miethswagen ſammt dem Bedienten ſtehen, und eilte zu Fuße zu Bergs. Kein Menſch zu Hauſe, die ganze Eta⸗ ge feſt verſchloſſen. Er ſtand vor der Thuͤ⸗ re, die ihm ſo oft und ſo gaſtfreundlich ſich nüſte hatte. Er klingelte. Niemand hoͤr⸗ Er klingelte wieder. Endlich kam ein 8 e der obern Etage herunter und ſag⸗ te ihm, die Herrſchaft, die hier logire, ſei geſtern fruͤh abgereißt. Wohin? konnte ſie nicht ſagen. Das Maͤdchen lief die Treppe wieder hinauf, und ließ ihn mit ſeinem Schmerz allein ſtehen. Er rang die Haͤn⸗ den d der Kopf glühte ihm. Voll des hoͤchſten Unmuths lief er in ſeinen Gaſthof zuruͤck. Ein Polizei⸗Offizier, der ſchon laͤngſt dort auf ihn gewartet hatte, uͤberreichte ihm mit einer artigen Verbeu⸗ gung eine verſiegelte Ordre, und ging. Wilth erbrach das Papier und las: — 2 —,— „Dem Grafen von Wilthershauſen wird hierdurch aufgegeben, W... binnen vier und zwanzig Stunden zu verlaſſen“ Die Un⸗ terſchrift war vom Miniſter des Polizei⸗De⸗ partements. 3 Ich habe keine Worte, um Wilths Em⸗ pfindungen zu ſchildern. Seine Lage war wirklich fuͤrchterlich. Er verlor alle Beſin⸗ nung; er ſtand auf dem Punkte, wahnwitzig zu werden. Seine ganze Kraft war ihm ge⸗ nommen. Er ſchloß ſein Zimmer ab, legte ſich auf das Sopha und fuͤhlte, wie jede Ner⸗ ve in ihm ſich nach und nach abſpannte. Er war Tag und Nacht gefahren, die Vor⸗ faͤlle der verfloſſenen Stunde hatten ſeine Le⸗ benskraft erſchoͤpft. Er lag einige Minuten, da ward es ſtille und heimlich in ihm. Sei⸗ ne Augen wurden naß, er konnte weinen. Er fand in ſeinen Thraͤnen den wohlthaͤtig⸗ ſten Freund der Ungluͤcklichen, den Schlaf. Nach einigen Stunden ſuͤßen Schlum⸗ mers erwachte er wieder. 7* on Wheeſe — 100— Thereſe war ſein erſter Gedanke.„Ich muß ihr nach,“ rief er laut, und ſprang mit verjuͤngter Kraft vom Sopha. Unter mehrere ſeiner fruͤheren Bekannten zaͤhlte er auch einen angeſehenen Banquier, einen Mann, der viel mit dem erſten Hof⸗ perſonale zu thun hatte. Vermoͤge ſeiner Verbindungen konnte dieſer vielleicht etwas eer habe einen Brief an g abzugeben, der ihm von ſchickt ſei, und den er ihr cfe aus 1 perſoͤnlich einhäͤndigen ſolle; er frug, was das fuͤr eine Dame ſey, und wo ſie wohne. Der Banquier antwortete ganz in der doͤchſten Argloſigkeit:„Der Himmel weiß, wo die jetzt wohnen mag. Ihren Brief ſchi⸗ cken Sie nur wieder zuruͤck! Sie war,“ ſetzte er leiſe hinzu,„eine heimliche Beguͤn⸗ ſtigte des Monarchen. Das arme Ding iſt zu bedauern; ſie war wirklich gut. Durch ihre Liebenswuͤrdigkeit hatte ſie viel Gewalt — 101— aͤber den hoͤchſtſeligen Herrn gewonnen. So bald ſie nichts Unrechtes verlangte, that er, was ſie wollte, und das mag manchen Leu⸗ ten nicht recht angeſtanden haben; die hat⸗ ten es ſchon lange auf ſie gemuͤnzt. Sie wiſſen, wie das in ſolchen Faͤllen geht. Der Fuͤrſt war kaum verblichen, ſo wurde ſie weg⸗ tranſportirt. Wohin? weiß niemand, wahr⸗ ſcheinlich nach Linz.“ Wilth brauchte alle Gewalt uͤber ſich, um nicht merken zu laſſen, wie tief ihn die⸗ ſe Nachricht verwundete. Er verkaufte eiirn ſeiner Wechſel, in denen ihn ſein Eompagnon ausgezahlt hatte, und noch vor Ablauf der beſtimmten 24 Stunden ſah er W... Thuͤr⸗ me im Ruͤcken. Er hatte auf dem Wege nach Linz Muße genug, die Verirrungen ſeines Schickſals und ſeine jetzige Lage zu uͤberden⸗ ken. Die Vergangenheit beſchaͤftigte ihn ſo, daß er an die Zukunft nicht dachte. Erſt als ſeine Bemuͤhungen, Thereſen in Linz aufzufinden, fruchtlos waren, frug er 7* — 102— ſich, was er nun beginnen wollte. Nach Leip⸗ zig konnte er nicht zuruͤck. Seine ſchoͤne Handlung hatte er weggegeben. Von dem Wenigen, was er ſich davon ausbedungen hatte, konnte er nicht leben. Er wandte ſich nach Regensburg und Frankfurt am Main, um dort Seecretairdienſte zu ſuchen. Allein unbekannt, ohne alle Empfehlung, gelang es ihm nicht, einen Poſten zu finden. Eine Stelle auf einem Comptoir haͤtte er vielleicht erhalten koͤnnen; allein der Kaufmann hatte von Anbeginn ſeines Lebeus ſeinen Charaehat nicht angeſprochen.— Endlich gerieth er anf den Einfall, ſch in das Preuſiſche zu wenden. Ihn kannte dort kein Menſch. Sein Haus hatte dort⸗ hin nie Verbindungen gehabt; dort wollte er unbemerkt leben.„Hat mein Stern mich ganz verlaſſen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, und verfolgte mit ſeinen Blicken die Wellen des Maains, die zu ſeinen Fuͤßen vorbeigleiteten: p ſo ziehe ich eine Bedienten⸗Lioree an. All' 1 „—/—/— 2.—.,—,. — 103— die Fluthen hier unten— wie draͤngen und treiben ſie ſich. Am Ende kommen ſie doch in das Meer ihrer Beſtimmung. Vieleicht, wenn ich niemanden fuͤrchten darf, der den ungluͤcklichen Kaufmann Wilth, oder den be⸗ trogenen Grafen Wilthershauſen ahndet, bin ich am gluͤcklichſten.“ Er fand ein eignes Vergnuͤgen darin, ſich dieſe demuͤthige Rolle ganz auszumalen. In dieſer Demuth lag ein ſuͤßer Stolz, dem Geſchicke Trotz bieten zu koͤnnen. Er konnte Stunden lang an den Gedanken haͤngen, wie er ſeine feinere Bil⸗ dung verbergen, die Achtung ſeiner Kamera⸗ den und die Liebe ſeiner Gebieter gewinnen, und allen ein Raͤthſel bleiben wollte. Bald war die Frau oder Tochter vom Hauſe ein Gegenſtand ſeiner heimlichen Neigung, bald ſchenkte ihm ein huͤbſches Kammermaͤdchen ihr Herz.„Nein,“ ſagte er dann und ſchuͤttelte wehmuͤthig laͤchelnd den Kopf, nichts mehr von dieſem Geſchlecht! Es hat mir meine Ruhe, meine Hoffnungen gemordet. Ich will es fliehen und es vergeſſen ler⸗ nen. Er machte ſich den folgenden Tag auf den Weg, um ſeinem Ziele naͤher zu kommen: er nahm ſeine Tour auf Caſſel und Erfurt, und wollte dann in das Preuſiſche. In Erfurt loairte er im roͤmiſchen Kai⸗ ſer. Bekanntlich iſt dieß ein Eckhaus. Die vordere Fronte liegt am Markte, die andere Ecke ſtoͤßt auf eine ſchmale Gaſſe. Auf die⸗ ſe hatte ſein Zimmer die Ausſicht. Wilth lag im Fenſter. Wie gewoͤhnlich tieffinnig, in Gedanken verloren.— Zufaͤllig blickte er einmal auf. Karoli⸗ ne ſtand gegen ihm uͤber am Fenſter. Auch ſie erkannte ihn. Sie ſprang mit ausgebrei⸗ teten Armen vom Fenſter: er ſchoß wie ein Pfeil zum Zimmer hinaus und ſtand in ih⸗ rer Hausthuͤre. „Wilth, ja bei Gott, Du biſt es,“ rief ſie, legte beide Haͤnde ihm auf die Achſeln und ſah ihm voll freudiger Verwunderung ins Geſicht. 2 42 6 ☚☛ 2 2ͤS 2 e * ——: „Biſt Du es denn wirklich? Karoline? Du?— lebendig?— hier?“ frug Wilth, und ſtarrte dem todtgeglaubten Maͤdchen ins Auge. Sie hatten ſich tauſend Dinge zu fra⸗ gen, tauſend zu ſagen; keins hoͤrte auf das andere. Endlich brach Karoline ab.„Mor⸗ gen, lieber Wilth, komm zu mir: morgen fruͤh punkt 7 Uhr. Ich fuͤhre hier die Oe⸗ conomie eines alten Mainzer Hauptmanns. Du verſtehſt mich. Es geht mir recht gut, nur ein wenig gebunden. Der Alte iſt furcht⸗ bar eiferſuͤchtig. Ich erwarte ihn jetzt alle Augenblicke. Ich waͤre keine Stunde in ſei⸗ nem Hauſe, wenn er Dich hier traͤfe. Komm morgen fruͤh 7 Uhr: der Hauptmann ſteht vor 11 Uhr nie auf: dann ſind wir ganz ſicher. Du mußt mir dann alles erzaͤhlen. Ich habe Dir auch, ach Gott, ſo manches zu ſagen. Adieu Wilth! Die letzten Worte ſprach ſie mit Bedeutung, und druͤckte ihrem fruͤheren Geliebten die Hand. — 106— Wilth konnte zu Hauſe nicht bleiben. Das Herz wollte ihm zerſpringen, er eilte ins Freie; unter die Ruinen der hohen Zy⸗ riacksburg ſetzte er ſich nieder, die Stadt lag zu ſeinen Fuͤßen. Er ſtarrte gedankenlos hinab in die krummen regelloſen Gaſſen. Er glaubte, ein Labirinth vor ſich zu ſehen. Sein eig⸗ nes Bild. Auch ſo finſter und ſo leer; ſo groß und ſo arm Die Abendſonne ſchied von dem ihm gegenuͤber liegenden Gemaͤuer des Petersberges, und ſank hinter die blauen Gebuͤrge des Thuͤringer Waldes.„Morgen koͤmmt ſie wieder,“ ſagte Wilth, in das fei⸗ erliche Abendroth ſchauend: es war, als ob er den letzten Tag lebte. Karoline hatte ihm ſo manches zu ſagen verſprochen. Was konnte das ſeyn? Sie hatte das nicht mit Liebe geſagt. Ihr Empfang uͤberhaupt hatte bloß das Gepraͤge der Freude, ohne daß der Liebe getragen. Jetzt erſt fiel es ihm auf, nicht einmal einen Kuß hatte ſie ihm gege⸗ ben. Ihre Geſchichte hatte ſie ihm mit kur⸗ zen Worten erzaͤhlt: Man ſprengte aus, ſie ſei todt, um die Neugierde des herandraͤngenden Publikums zu unterdruͤcken. Sie war langſam im La⸗ zareth geheilt worden; man verwieß ſie, als eine oͤffentliche Buhlerin, aus der Stadt. Sie verkaufte durch Wilths Waͤſcherin ihre Habſeligkeiten, die ſie von Wilths Guͤte er⸗ halten hatte, und ging auf gut Gluͤck in die Welt. Durch eine Soldatenfrau machte ſie mit dem Mainzer Invaliden⸗Kapitain Be⸗ kanntſchaft, und der Handel war geſchloſſen. Das war ihre ganze Geſchichte; was konnte ſie ihm mehr erzaͤhlen wollen. Hatte ſie viel⸗ leicht die Idee, den geiſtlichen Krieges⸗Kruͤp⸗ pelhauptmann zu verlaſſen, und mit Wilth zu ziehen?„Das wolle Gott nicht“ ſagte Wilth mit veraͤchtlichem Laͤcheln, ſtand auf, und ging mit dem Vorſatze zu Hauſe, mor⸗ gen Karoline nicht zu ſprechen, ſondern ſei⸗ nen Wanderſtab fortzuſetzen, ohne ſie zu ſehen. — 1 08— Als er zu Hauſe kam, ſiel ſein Blick auf Karolinens Zimmer. Es war Abend, ſie brannte Licht. Der alte Herr ſaß in ei⸗ nem Lehnſtuhle und rauchte, ſie las ihm vor. Wilth freute ſich ſeiner Ruhe. Das Maͤd⸗ chen war noch ſehr ſchoͤn. Er fuͤhlte nicht den geringſten Antheil fuͤr ſie, ſie kam ihm vor, wie die Winterſonne, ſie erwaͤrmte ihn nicht. Er lag uͤber eine Stunde im Fen⸗ ſter; er weilte auf jedem ihrer Zuͤge, es war ganz noch die vorige Karoline, kein Fleckchen, eine Linie breit, an ihrem ganzen Koͤrper, das er nicht tauſendmal gekuͤßt haͤtte: jetzt ſtand er, wie vor ihrem Gemaͤlde. Es that ihm wohl, ſie zu ſehen; er durchfiog alle die ſeligen Stunden, die er in ihren Armen, die er damals fuͤr ſo rein, fuͤr ſo keuſch hielt, verlebt hatte. Er war ſehr gluͤcklich gewe⸗ ſen. Nur der Reiz der Erinnerung feſſelte ihn noch an ſie. Er ſchloß das Fenſter, oh⸗ ne ihr heimlich gute Nacht, ohne ihr Lebe⸗ wohl zuzurufen.„Es iſt ganz vorbei,“ ſagte — 109— 3 V er, und legte mit einer Art Selbſtzufrieden⸗ r heit die Hand auf das ſtille Herz. Den andern Morgen war er reiſefertig. 3 Aus noͤthiger Sparſamkeit machte er ſeine Tour zu Fuße. Vaͤſche und Kleidungsſtuͤcke t Aieß er in Frankfurt ſtehen, bis er ſeinen Be⸗ 1 ſtimmungsort wuͤßte, um ſie dann nachkom⸗ n men zu laſſen. Sein Dornenſtock war ſein * einziger Gefaͤhrte. Er bezahlte die Zeche, r und ging zum Hauſe hinaus. Als er um 3— die Ecke bog, erwartete ihn Karoline. Er 3 durfte gar nicht ſagen, daß er haͤtte wollen 4 vorbei gehen; ſie war heiterer, freundlicher, 3 herzlicher als geſtern. Wilth ging mit ihr G auf ihr Zimmer, ſie ſchlug ihr Morgentuch von der Achſel.„Da, Wilth,“ ſagte ſie, hier iſt Dein Werk;“ ſie zeigte mit dieſen Worten ihm die Schußwunde am ſchoͤnen Halſe, durch welche die Kugel herausgeflogen war,„das iſt das Andenken Deiner Liebe,“ ſetzte ſie ernſt hinzu. Oft noch ſchmerzt ſie mich, wenn das Wetter ſich aͤndert. Ach, benke ich dann, iſt die Natur ſich doch nicht gleich: warum forderte ich das von Wilth. Kuͤſſe mich auf die Wunde; vielleicht heilt ſie dann gaͤnzlich und ſchmerzet nicht wieder. Ich lebe ein duͤſtres, einfoͤrmiges Leben, vielleicht endet es bald. Iſt doch mein ein⸗ ziger Wunſch erfuͤllt; ich habe Dich noch einmal geſehen. Kuͤſſe mich, Wilth, daß ich den Balſam Deiner Liebe mit ins Grab nehme.“— Wilth war ſehr geruͤhrt, als er die graͤßliche Narbe ſah, die Karolinens vollen, runden Hals verunſtaltete. Er hoͤrte wieder das ſchwaͤrmende Maͤdchen, das immer vom Tode ſprach und das Leben liebte, wie ſich ſelbſt. Er kuͤßte ſie auf die Wunde mit mit⸗ leidiger Innigkeit, ein ſonderbares Gefuͤhl von Wehmuth uͤberwallte ihn. Er ſank trau⸗ rig auf ihren Buſen, eine Thraͤne trat ihm ins Ange.„Naͤrriſcher Menſch, nein, wei⸗ nen mußt Du nicht, Du machſt mich weich. Es iſt ja nun alles vorbei. Ich habe wohl — 111— auch geweint; ach lange, lange und oft ge⸗ weint: doch— jetzt nichts mehr davon! Wir wollen luſtig und guter Dinge ſeyn, wir wollen von den alten Zeiten ſprechen! Weißt Du noch den erſten Thee fruͤh um 2— 3 Uhr in Deinem Stuͤbchen? Komm ſetze Dich hier aufs Sopha, hier trink wie⸗ der mit mir den erſten Kaffee!“ Sie ſchenkte ihm ein„Verzeih,““ ſetz⸗ te ſie hinzu,„daß ich Dir keine Milch da⸗ zu geben kann; es iſt noch zu fruͤh, ich ha⸗ be noch keine bekommen koͤnnen. Nun trink, und erzaͤhle mir, wie es Dir, ſeit unſerm ungluͤcklichen Auſchied im Lazarethe, Tan⸗ gen iſt!“ Wilth faßte den be ſeines Lebens in wenige Worte. Er erzaͤhlte ihr bloß, daß er ſeinen Handlungs⸗Antheil an ſeinen Com⸗ pagnon verkauft habe, und jetzt auf Reiſen ſei, weil es ihm nicht mehr in Leipzig ge⸗ falle. Von Thereſen, von ſeinem Huſaren⸗ Regimente, von ſeinem graͤflichen Stande, — 1182— und von ſeinem Eutſchluſſ, als Bedienter 3 jetzt ein Unterkommen zu ſuchen, ſchwieg er. Karoline ſchien mit wenigem Antheile zuzuhoͤren; ſie unterbrach ihn einigemale und erinnerte ihn an das Trinken, weil ſonſt der Kaffee ganz kalt werden wuͤrde. Wilth war kein Freund von ſchwarzem Kaffee, auch hat⸗ te er ſchon gefruͤhſtuͤckt. Er ſagte dies und fing von etwas anderem zu ſprechen an. „ Nein, trinken mußt Du, Wilth; ich ſehe dies ſonſt fuͤr eine Verachtung an. 7 „ Sonderbares Maͤdchen, Dir zu gefal⸗ len trinke ich recht gern; aber ich habe wirk⸗ lich keinen Durſt.“ Bei dieſen Worten fiel ſein Blick auf die Taſſe, oben ſchwamm eine gruͤnliche Haut. Sein ganzes Innere krampf⸗ te bei dieſer Entdeckung in einander. .„Ja, mir zu Gefallen, lieber Wilth,“ ſagte Karoline freundlich und unbefangen, und ruͤhrte den Kaffee geſchwind mit dem Loͤffelt daß ſich die gruͤnliche Haut wieder 2225 2 — 113— zertheilte.„Er muß ſchon ganz kalt ſeyn, ſoll ich Dir etwas Warmes zugießen?“ „Ich danke Dir, ich trinke wirklich nicht,“ antwortete Wilth mit ſichtbarer Be⸗ klommenheit. Er entſann ſich in der Angſt nicht, ob er ſchon in Gedanken eine Taſſe getrunken haͤtte. Er fuͤhlte alle ſeine Ge⸗ daͤrme ſich winden, er konnte keinen Athem holen. Das Blut ſtockte in ſeinen Pulſen. „Du trinkſt wirklich nicht?“ frug Ka⸗ roline jetzt verwundernd und heiter.— Nach einer kleinen Pauſe ſetzte ſie ernſter und bedenklich hinzu:„Du glaubſt doch nicht, daß etwas drinnen iſt?“ „Ach Gott nein, Aber ich habe keinen Appetit.” „Nun, und wenn denn auch etwas drinnen waͤre,“ fuhr ſie mit ſteigender Hef⸗ tigkeit und furchtbarer Stimme fort.„„Was waͤre es denn nun weiter! Fordere ich denn zu viel von Dir? Soll ich denn fuͤr die ſchreckliche Zeit, die ich ſeit unſerer Tren⸗ — 3 — 114— nung lebte, gar keinen Erſatz haben? Dei⸗ ner dachte ich taͤglich. Bald verfolgte Dich mein Segen, bald mein Fluch; Du verga⸗ ßeſt mich, Du ſchwaͤrmteſt in der Welt her⸗ um. Ich kaͤmpfte jeden Tag, jede Stunde mit bittern Leiden: Du woltteſt jetzt vor⸗ uͤbergehen, ohne mich zu ſehen, ohne mir Le⸗ bewohl zu ſagen. Schaͤmteſt Du dich mei⸗ ner oder hatteſt Du mich ſchon wieder ver⸗ geſſen? Du biſt reiſefertig, ſehe ich. Wohl! Ich will Dich nicht aufhalten. Trinke! Es iſt Gift drinnen. Fuͤnf Minuten fordere ich von Dir. Mehr nicht. Ich habe laͤnger geduldet, ich habe laͤnger gelitten, fuͤrchterlich gelitten. Dir will ich es leichter machen. Fuͤnf Minuten und Du biſt am Ziele. Fuͤrchte Dich nicht; Du gehſt nicht allein, ich gehe mit Dir. Was ſoll ich hier? mein Leben iſt mir Schmach. Nur die Nacht ſah meine Freuden. Weg mit dieſer erbaͤrmlichen Leere! Noch einen Kuß, Wilth, den Kuß der Verſöohnung. — 115— Arm in Arm wollen wir fruͤhſtuͤcken, das Mittagsbrod eſſen wir oben!“ 8 „Oder in der Hoͤlle,“ verſetzte Wilth, dem waͤhrend dieſer Tirade der Todesſchweiß aus der Stirne gequollen war. 38 Karoline oͤffnete ihre Arme zu der letz⸗ ten Umarmung. Sie ſchenkte ſich Kaffee ein, und uͤberreichte, mit einer ſataniſchen Feſtig⸗ keit, ihrem Geliebten ſeine Taſſe. Da trink Wilth“ ſprach ſie. Ihr Auge dun⸗ kelte. Jeder Tropfen Bluts war ihr aus dem Geſichte gewichen. Sie ſah blaß aus, wie eine Leiche, aber ſie zitterte nicht.„Ich freue mich zu ſterben. Mit Dir, Wilth! Gieb keinen Laut von Dir, wenn das Gift Dein Inneres zerreißt. Bei dem letzten Hauche meines Lebens ſchwoͤre ich Dir, der Schmerz iſt heftig, aber er dauert keine fuͤnf Minuten. Setz Dich hier auf den Boden, damit man Dein Fallen nicht hoͤre. Kein Winſeln, kein Wimmern! Druͤcke Deine Lippen zuſammen, daß man Dein Roͤcheln 6* — 116— nicht vernehme. Dort ſehen wir uns wieder. Adieu! mein Geliebter! Sic ſetzte ſich, und zog Wilth langſam hernieder. Sie fuͤhrte ihm die Taſſe zum Munde, da roch ihm das graßliche Gift entgegen. „Nein, nein, du hoͤlliſches Weſen,“ ſchrie er laut, ſprang auf und hielt ſich den Mund zu. Noch hatte er das letzte Wort nicht ausgeſprochen, als Karoline in die Gifttaſſe griff, ſie ihm vor die Fuͤße warf, daß die gruͤnliche Haut ihm Strumpf und Stiefel beſpritzte, und ihn mit wuͤthendem Grimme zur Thuͤre hinaus ſchob.„Elender, Du biſt des Todes nicht werth,“ ſchrie ſie ihm nach, und verriegelte die Thuͤre. Wilth eilte ohne Hut und Stock zum Hauſe hinaus Beides fand er auf der Gaſ⸗ ſe. Sie hatte es bereits durchs Fenſter ge⸗ worfen.. Ohne Beſinnung taumelte er zum Tho⸗ re hinaus. Erſt da die friſche Morgenluft 4 * „ Q„9·—,—· ——j,—½ — 117— ihn anwehte, trat wieder Leben in ſeine Seele. Er rang die Haͤnde, verfluchte ſein Ge⸗ ſchick, und eilte, als ſetze jemand hinter ihm drein. Allmaͤhlig ward er ruhiger. Seine vo⸗ rige Stimmung kehrte wieder. Die Reiſe zerſtreute ihn. Sein Bedientenplan, das Un⸗ erkanntbleiben, gewann wieder fuͤr ihn neue Reize. Schon hatte er mehrere Preuß. Staͤdte durchwandert, als er nach M....... kam. Er ging in ein Wirthshaus, um ſich nach Fremden umzuthun, die vielleicht eines Be⸗ dienten auf Reiſen beduͤrften. Der Mar⸗ queur verſtand ihn falſch, alaubte, daß er einen Bedienten auf Reiſen ſuche, und bot auf der Stelle ſich ſelbſt an. Wilth merkte den Irrthum, konnte ſich des Lachens kaum enthalten, und vertroͤſtete ihn mit einem: „ Nun, wir wolten ſehen 2 „Sie logiren doch hier, mein gnaͤdiger — 118— Herr? Sie ſollen das beſte Zimmer haben. Ohne weiter zu fragen, oͤffnete der Marqueur die Thuͤre. Es ſaß eine lange bunte Reihe an der table d'hote. Das kraͤftige Eſſen dampfte dem hungrigen Wilth lieblich entge⸗ gen. Er nahm ohne Umſtaͤnde Platz. „Rheinwein oder Burgunder?“ frug ihn der Marqueur, als er ſich geſetzt hatte. „Der Buraunder taugt nicht viel“ fluͤſterte ihm ſein Nachbar, ein dicker Herr, ins Ohr. Wilth verbeugte ſich, fuͤr die gute Nach⸗ richt dankend, gegen den dicken Mann und beſtellte Rheinwein. Er fand den Wein der Empfehlung werth. Aus ſeinen ſchoͤnen Flu⸗ then ſtieg ſein kuͤnftiges Gluͤck hervor. Die Guͤte des Weins gab zwiſchen ihm und dem wohlbeleibten Herrn Veranlaſſung zur Unter⸗ haltung. Man lobte ihn und trank. Er oͤffnete die Lippen und ſchloß die Herzen auf. Der dicke Herr war Landrath aus einem be⸗ nachbarten Kreiſe. Er war in die Stadt * 8 4 — 99u—** — 119— gekommen, um fuͤr ſeinen Schwager, den Ge⸗ neral*** in Sexs, einen Sekretair zu en⸗ gagiren. Er hatte mehrere junge Leute ge⸗ ſprochen,„lauter Windſaͤcke, lieber Nachbar, lauter Windſaͤcke; der kann nicht ſchreiben, jener klagt uͤber zu weniges Gehalt; dieſer fraͤgt, ob er bei der Stelle heirathen kann: ein dritter erkundigt ſich nach der? Arbeit, ein vierter will nicht, weil der Graf ein General iſt,— Gott weiß! keinem iſt es recht. Sonſt pfiff man und hundert ſtreckten ihre Arme nach dem Biſſen Brodt aus.“ „Koͤnnen Sie mir etwa ein paßliches Subject empfehlen? Doch Sie ſind wohl ſelbſt fremd hier? Es iſt fuͤr den Anfang 3 ein kleiner Poſten, aber mein Schwager, der General, hat das Gluͤck, von des Koͤnigs Majeſtaͤt gekannt zu ſeyn. Seine Empfeh⸗ lung———“ℳ Wilth hatte im Rheinwein neuen Muth getrunken. Er fuͤhlte ſich zur Bedientenrolle — 120— zu ſtolz. Der dicke Herr war ihm ein Bo⸗ te des Himmels. „Ich war“ hob er beſcheiden an,„ſelbſt in der Abſicht hieher gekommen, ein Enga⸗ gement der Art zu ſuchen. Empfehlungeu habe ich nicht. Pruͤfen Sie mich, Herr Landrath! Ich wuͤnſche, daß der kleine Um⸗ fang meiner Kenntniſſe Ihren Erwartungen entſprechen moͤge. Fuͤr meine Auffuͤhrung buͤrgt meine Ehre."„ „Ihr Name?. „Ich heiße Wilthershauſen,“ antwor⸗ kste Wilth mit einiger ſchuͤchternen Verlegen⸗ heit, der dieſe alltaͤgliche Frage nicht erwar⸗ tet hatte; er verbarg ſeinen Namen, um nicht etwa einmal erkannt zu ſeyn. Der Landrath beſtellte ihn auf den morgenden Tag zu ſich. Ihre Unterredung ſchweifte nun auf dem weitlaͤuftigen Felde der gewoͤhnlichen Conver⸗ ſation umher. Zufaͤllig machte Wilth beim Trinken das Maurer⸗Zeichen; beide erkann⸗ ten ſich als Bruͤder. Der ehrliche Landrath — 40 cc— ꝙù — 121— war ein enthuſiaſtiſcher Freimaurer; ſie ſchie⸗ den in vertraulicher Herzlichkeit von einander. Den folgenden Morgen erſchien Wilth zur beſtimmten Stunde, um ſich pruͤfen zu laſſen. Der Landrath wollte ihm diktiren. Wilth bat ſich mit ſehr vielem beſcheidenen Anſtande Akten aus, um eine Relation dar aus auszuarbeiten. „Damit kann ich dienen“ ſagte der Landrath, der dieſe Bitte fuͤr eine kleine An⸗ maßlichkeit anſah.„Vor einer Stunde erſt habe ich hier das Aktenſtuͤckchen von der Kammer erhalten, um daruͤber gutachtlich zu berichten.“ Es waren vierzehn Volumen. Sie betrafen einen vieljaͤhrigen Streit eines Gutsherrn und zweier Gemeinen mit dem Koͤnige, uͤber die Entwaͤſſerung eines großen Torfmoors. „Sie erlauben mir doch, erſt die Aeten zu leſen? ¹ fragte Wilch und laͤchelte uͤber die gigantiſche Probearbeit.„Mit Vergnuͤ⸗ gen, mit tauſend Vergnuͤgen. Sie fahren — 122— heute mit mir, da koͤnnen Sie ſich Zeit neh⸗ men; die Sache hat keine Eile. Wilth fuhr mit. Er war ausgeſoͤhnt mit ſeinem Schickſal. Die Gewitter ſchienen ihm nun voruͤber zu ſeyn. Sie hatten ſein Inneres erſchuͤttert. Er war ungemein reiz⸗ bar geworden. Schon dieſer kleine Schim⸗ mer von Hoffnung goß Freude ihm ins Herz. „Ob wohl etwas von weiblichem Weſen im „Hauſe des Landraths ſeyn mag“ fragte er ſich unterweges einigemale; aber immer druͤck⸗ te er die Augen feſt zu, und nahm ſich vor, keins anzuſehen, und waͤre es auch Venus Medicis ſelbſt. 3 Der Landrath hatte eine Tochter. Jung, raſch, herzensgut, geſund, recht ſehr huͤbſch und ein paar große Augen im Kopfe, uͤber die Wilth beinahe ſeine vierzehen Volumina Acten, betreffend die Entwaͤſſerung des Torf⸗ moors, vergeſſen haͤtte. Ihm lief das Waſ⸗ ſer im Munde zuſammen, aber er hielt ſich Wort. Er nahm ſeine Acten vor. Sie wol⸗ hat keine Eile, mein lieber Wilthershauſen“ - 123— len, dachte er, das Waſſer vom Moore zap⸗ fen, dann trocknet das Moor, dann brennt der Torf; ſie wiſſen nicht, wo mit dem Waſſer, hin. Ach, ich moͤchte es auf mein Herz leiten, daß da nie ein Fuͤnkchen wieder aufglimmte. Er las acht Tage, den neun⸗ ten Abend z uͤberreichte er dem Landrath den Bericht. Der dicke Herr ließ ſich fuͤnf Pfeifen ſtopfen, ſchloß ſich ein, und fing an zu leſen. Er ſchrieb, ohne ein Wort davon oder dazu zu thun, ſeinen Namen darunter, ließ den Bericht copiren und ſammt den Acten abge⸗ hen. Er geſtand ſich ſelbſt, ſolch ein Be⸗ richt war nie aus ſeiner Feder gefloſſen: der Vortrag rein und fließend; die species facti ſtand in wenig Zeilen zuſammengedraͤngt da⸗ und das Gutachten gruͤndete ſich auf die Ac⸗ ten und auf die beigelegte Situationscharte. Wilth horchte auf Beifall oder Tadel. Er erfuhr keine Silbe. Endlich frug er.„Das antwortete der Landrath, und Wilth glaubte, er habe ſeine Arbeit noch nicht angeſehen. Er hatte Langeweile. Der Landrath nahm ihn mit auf die Jagd. Abends ſpielte er mit dem Fraͤulein Doppelſonaten, oder mit der alten braven Landraͤthin Mariage. Die verdammten Doppelſonaten; ſie wa⸗ ren gewaltig ſchwer, und an der Seite des runden, jovialen Fraͤuleins hatte er durchaus keine Aufmerkſamkeit. Er mußte oft paufiren. Da ſchielte er hinuͤber auf Achſel und Bauſch, und kam am Ende immer aus dem Takte. Bei der Mariage ging es ihm beſſer. Mama war uͤber die Vierzig. Vielleicht waͤre es ihm gelungen, daß Fraͤulein Hannchen ihm naͤher getreten waͤre; aber er hielt ſich mit einer Feſtigkeit entfernt, die ihm Ehre machte. 4 Er frug nach mehr als drei Wochen den Landrath uͤber ſeine Beſtimmung.„Gefäͤllt es Ihnen bei uns nicht mein Freund?“ frug der dicke Mann mit Rahe.„ Sie ha⸗ ben vielleicht Langeweile; ich kann Ihnen kei⸗ gemacht. — 125— ne Geſchaͤfte geben, wenn ich meine Secretai⸗ re nicht vor den Koßf ſtoßen will. Aber laſ⸗ ſen Sie Sich doch nicht kuͤmmern. Eſſen Sie, trinken Sie, ſeyn Sie luſtig und guter Dinge! Haben Sie ſonſt ein Beduͤrfniß, ſo ſagen Sie es mir; Sie ſind wie ein Kind im Hauſe. Mein Schwager hat noch nicht Ihrentwegen geantwortet, weil ich dieſerhalb noch nicht an ihn geſchrieben habe, und ich noch nicht geſchrieben, weil ich noch nicht konnte. Das hat keine Eile“ Wilth war noch durch die Wechſel von ſeinem Compagnon bei Caſſe. Er konnte ſich alſo wohl gefallen laſſen, hier ohne weitern Zweck herum zu ſchlendern.— Einige Tage nach dieſer Unterredung trat der Landrath mit einem ungewoͤhnlich freundlichen Geſicht zu ihm ins Zimmer. „Wir ſind durch“ hob er mit Stolz und Selbſtgefaͤlligkeit an:„wir ſind gluͤcklich durch. Sie haben Ihre Sache vortrefflich Sie haͤtten mir konnen tauſend — 126— Thaler ſchenken, ich haͤtte die Freude nicht gehabt. So hat das Departement in mei⸗ nem Leben nicht an mich reſeribirt. Leſen Sie, leſen Sie, Freund!“ Der Landrath gab ihm das Reſcript der Kammer auf jenen gutachtlichen Bericht. Sie hatte denſelben ſammt den Aeten an das Provinzial⸗Departement eingeſandt, und theilte ihm nun deſſen dies falſige Reſolution abſchriftlich mit. Am Schluſſe deſſelben hieß es unter andern:„Auch habt ihr den Land⸗ rathn uͤber die einſichtsvolle und gruͤnd⸗ liche Darſtellung dieſer verwickelten Sache, ſo wie uͤber ſein diesfalſiges erſchoͤpfendes Gutachten, welchem wir in allen Punkten vollkommen beipflichten, Unſere Allerhoͤchſte Zufriedenheit zu bezeugen. Sind Euch mit Gnaden gewogen ꝛc.“ „Ich habe nichts dabei gethan, aber nun will ich thun. Eher konnte ich Sie meinem Schwager nicht empfehlen. Ich wollte gern wiſſen, wie Ihre Arbeit ausfiele. — 7— Jetzt brauche ich Sie nicht zu empfehlen, Sie ſind es ſchon. Mein Secretair ſchreibt ſchon Ihren Begleitungsbrief, Sie reiſen heu⸗ te mit meinen Pferden hin. Mutterchen ver⸗ ſorgt Ihre Kuͤche und Hannchen Ihr Fla⸗ ſchenfutter, und ſollte Ihnen unterwegs et⸗ was zuſtoßen, ſo haben Sie hier etwas auf den Fall der Noth.“ Er uͤberreichte ihm ein Papierchen mit zehn Friedrichsd'or, und umarmte ihn maureriſch.„ Ueber die Be⸗ dingungen ſage ich Ihnen nichts. Mein Schwager iſt ein ehrlicher Mann. Ihr wer⸗ det wohl Beide mit einander fertig werden.“ Wilth fand, was ihm der Landrath ver⸗ ſprochen hatte: einen ſehr redlichen Mann und ein auskoͤmmliches Engagement. Nach einigen Jahren verſchaffte ihm der General einen ehrenvollen Koͤnigl. Poſten. Beim Feldzug im December 1806 ſprach ich ihn zu Erfurt im roͤmiſchen Kaiſer, da erzaͤhlte er mir dieſe Geſchichte. Von The⸗ reſen hat er nie wieder etwas erfahren. Ka⸗ — 12 8— roline iſt todt, ſie ſtarb in Erfurt als Gat⸗ tin eines Preuß. Feldwaibels, der ſie nur ein einzigesmal mit dem Stocke zuͤchtigte/ und dann in einer recht gluͤcklichen Ehe mit ihr lebte. Sie war, ſo viel hatte Wilth durch Zufall herausgebracht, keine Pfarrerstochter, ſondern eine geborne Polin. Der Pfarrer, in deſſen Geſellſchaft er ſie in jener Wind⸗ mähle zwiſchen Merſeburg und Leipzig hatte kennen lernen, war mit ihr in Querfurt zuſam⸗ men gekommen: von da aus hatten ſie gemein⸗ ſchaftliche Reiſe gemacht. Wie ſie nach Deutſch⸗ land, wie ſie nach Querfurt gerathen ware wußte kein Menſch. Daß Wilth nicht der erſte war, der ihren Bluͤthenkranz zerriß, iſt⸗ wohl keinem Zweifel unterworfen. Im Gegen⸗ theil ſcheint ſie eine ſehr ausſtudirte Buhlerin geweſen zu ſeyn, die aber fuͤr Wilth ein beſon⸗ deres Intereſſe gewann. Waͤre dieſer weniger ſchwach, weniger ſchwaͤrmeriſ ch in ſie ver⸗ liebt geweſen, vielleicht haͤtte er eben ſo zufrie⸗ den 3 it ihi gelebt, als der Erfurter Feldwaibel. — ——,———, 8gJ. Die graue Stube. 5) — Blendau kam, bei der Fortſetzung ſeiner Reiſe nach Italien, auch durch meinen Wohn⸗ ort. Wir waren alte Bekannte. Er beſuch⸗ te mich. Wir verplauderten den Winterabend bei einer Bohle Punſch. Er erzaͤhlte mir die ſchrecklichſten aller ſeiner Naͤchte in der grauen Stube. Ich lachte ihm anfaͤnglich ins Geſicht; ich ſelbſt hatte in fruͤherer Zeit von dem Burgfraͤulein gehoͤrt, aber natuͤrlich S. Erſtes Bindchen No. 83B. .. 959 — 132— zu bieten. Ich brachte alſo das Geſpraͤch auf die Stube. „Gewiß ihr Fremdenzimmer?“ frug ich, den Blick auf das Gaſtbette gerichtet. „ Bloß, wenn wir ſo viel Beſuch ha⸗ ben, daß wir ihn unten nicht laſſen koͤnnen,“ entgegnete die Mutter. Gewoͤhnlich aber logiren die Gaͤſte unten bei uns“ „O, da erlauben Sie mir wohl, hier oben zu ſchlafen. Ich liebe die großen Stu⸗ ben, man kann ſich darin recht ausgehen.“*. „Es wird Ihnen hier oben nicht ge⸗ fallen,“ ſagte das huͤbſche Lottchen, und warf der Mutter einen bedeutenden Blick zu. „Wie ſo, Mademoiſelle? Die Aus⸗ ſicht iſt hier wunderſchoͤn; mein Pfeifchen hier fruͤh am Fenſter.— Ich kann mir keinen koͤſtlichern Genuß denken. „Meine Tochter meint nur,“ fiel die Oberamtmaͤnninn mir in's Wort, und ſah das niedliche Maͤdchen mit ſtreng verweiſen⸗ dem Auge an,„daß es Ihnen hier nicht — — 133— gefallen wird, weil die Stube ſich nicht gut heizt, und bei contraͤrem Winde raucht es auch zuweilen. Die Ausſicht iſt wirklich recht ſchoͤn. Man kann bei hellem Wetter hier vier Meilen weit ſehen. Wenn Sie wuͤn⸗ ſchen, will ich ihre Sachen hier herauf brin⸗ gen laſſen.“ Ich bat wiederholendlich zwar darum, aber die Wechſelblicke zwiſchen Mutter und Tochter waren nicht ohne Bedeutung gewe⸗ ſen. Es bangte mir jetzt vor der Nacht. Etwas war an der Sache. Blendau hatte nicht getraͤumt. Der durchbrochene Damm lenkte unſer Geſpraͤch auf das Waſſer. Der Strom hat⸗ te ſich weit und breit Platz gemacht, und einen großen See von wenigſtens einer Qua⸗ dratmeile gebildet. Die Abendſonne ſpiegel⸗ te ſich in den Fluthen, die auf dem breiten neuen Bette ruhiger wogten, als ich dieſe Nacht in meinem dimmelbetie zu claian berechnen konnte. — 130— nie daran geglaubt; indeſſen, als er bei un⸗ ſerer alten Freundſchaft betheuerte, daß auch nicht eine Silbe bei der ganzen Geſchichte erdichtet ſey; ſo wurde ich aufmerkſamer, und beſchloß im Stillen, Fraͤulein Gertrude perſoͤnlich kennen zu lernen. Dieß konnte ich um ſo eher, da ich Oberamtmanns, von fruͤ⸗ herer Zeit her, recht gut kannte, und ohne⸗ hin in ihrer Gegend Geſchaͤfte hatte, die meine Anweſenheit dort laͤngſt erfordert haͤtten. In dieſem Fruͤhjahre trat ich meine kleine Reiſe an. Oberamtmanns nahmen mich mit der ihnen eigenen Gaſtfreundſchaft auf. Sie erinnerten ſich meiner, von alter Zeit her noch ganz lebhaft, und da ſie hoͤr⸗ ten, daß ich in der Runde herum Geſchaͤfte habe, ſo baten ſie alle einſtimmig, hier bei ihnen zu bleiben, und von hier aus meine kleinen Angelegenheiten abzumachen. Ich nahm den Vorſchlag mit Dank an. Ich war Vormittags angekommen. Nach Tiſche meldete der Voigt, daß der große Damm — 35/ ☛&& 8 08 8 8 »—————— te durchgebrochen ſey, und der Strom die gan⸗ ze Huͤtung uͤberſchwemmt habe. Der Vater und die Soͤhne ſetzten ſich zu Pferde; die Mutter und Lottchen gingen mit mir eine Treppe hinauf, um das Waſſerſchauſpiel von einem Fenſter aus, zu uͤberſehen. Lottchen oͤffnete eine Thuͤre, wir traten in ein großes Zimmer; es war die graue Stube. Blen⸗ dau's Beſchreibung traf auf das Haar. So⸗ gar die zwei, in jener ſchrecklichen Nacht halb herunter gebrannten Wachslichter ſtanden noch auf dem Tiſche, unter dem Spiegel! aͤtte ich mich nicht vor mir ſelbſt ge⸗ ſchaͤmt, ich waͤre gern von dem Entſchluſſe, hier zu ſchlafen, zuruͤckgegangen. Am hellen lichten Tage hatte das graue große Zimmer ſchon etwas Zuruͤckſchreckendes: um wie viel mehr nicht bei der Nacht! Gott weiß, wo⸗ zu es ſonſt beſtimmt geweſen ſeyn mogte! Wozu drei Treppen hoch ein gewoͤlbtes gro⸗ ßes Gemach?— Doch ich war ja hergekom⸗ men, um der blaſſen Gertrude die Stirne 9* A Die Soͤhne kamen mit dem Vater zu⸗ ruͤck. Wir tranken Kaffee, plauderten, ſpiel⸗ ten, und ſo kam der Abend heran. Ich trank mit Willen ein paar Glaͤſer Wein. Ich fuͤhlte ein leiſes Zittern in mir. Ich mußte mein Inneres erwaͤrmen. Aber es wollte mir nicht gelingen. Ich fror, oh⸗ ne daß ich mich des Froſtes erwehren konnte. Lachen Sie mich nicht aus, meine Le⸗ ſer und Leſerinnen! Gehen Sie nur allein hinauf in das graue abgelegene Gewoͤlbe, und— Sie moͤgen leugnen, wie Sie wol⸗ len,— Sie ſchlafen in der Naͤhe von be⸗ kannken Menſchen, und in einem freundlichen Zimmer, doch lieber, als da oben, von Gott und aller Welt verlaſſen, in dem kalten wei⸗ ten Bette, wo vielleicht Gertrude an ihren Giftzuckungen verſchied. Ein Stuͤndchen nach dem Abendeſſen gingen wir auseinander. Der Vater und die Soͤhne intonirten alle ein verwunderndes „ſo?“ als ſie von der Mutter hoͤrten, daß „—,—&ex ³3565 ⏑QƷ — 135— ich mir die graue Stube ausgebeten hatte. Dies fatale„So,“ im Munde eines alt⸗ klugen Mannes, und zweier ruͤſtiger jungen Leute, verſetzte mir faſt den Athem. Ich war auf dem Punkte, mir eine Erklaͤrung aͤber dieſes„So“ zu erbitten, und der Fa⸗ milie die Blendauſchen Schreckens⸗Auftritte, in dem verwuͤuſchten grauen Zimmer zu er⸗ zaͤhlen. Aber die Urſachen, die Blendau'n abgehalten hatten, von der Sache zu ſprechen/ legten auch mir Stillſchweigen auf. Ich ſelbſt hatte ja noch nichts mit ei⸗ genen Augen geſehen, noch nichts mit eige⸗ nen Ohren gehoͤrt. Zweifelte man an der Wahrheit von Blendau's Erzaͤhlung; ſo konn⸗ te ich ſie mit nichts bekraͤftigen, und hatte meinen Freund Blendau laͤcherlich gemacht. Zweifelte man nicht, ſo beſtaͤrkte ich die ganze Familie in ihrer Furcht vor Gertru⸗ den, und konnte vielleicht die Menſchen, die hier ziemlich ruhig zu wohnen ſchienen, am Ende gar veranlaſſen, aus dem h Sene — 136— Hauſe zu ziehen. Ich ſchwieg alſo. Ich hatte meines Freundes Blendau mit keiner Silbe abſichtlich erwahnt. Was ſollte ich antworten, wenn ſie hoͤrten, daß ich ihn kuͤrzlich geſprochen hatte und ſie mich frag⸗ ten, warum er, ohne ſich ſehen zu laſſen, auf und davon geritten fey. Ich that alſo, als ob ich nicht wuͤßte, das ein Blendau in der Welt waͤre. Brigitte leuchtete mir. Bei der guten Nacht, die ich der Familie wuͤnſchte, ſahen ſich faſt alle mit Bedeutung einander an. Nur die Mutter ſtrafte einen nach dem an⸗ dern mit einem verſtohlenen Blicke. Ich bat Brigitten im Scherz, mir Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Es waͤre mir doch ein bischen einſam da oben.„Hier in der grau⸗ en Stube?“ ſagte das Maͤdchen, und zuͤn⸗ dete die Blendauſchen Lichter mit dem mit⸗ gebrachten an. „Nein, und da koͤnnten Sie mir tau⸗ ſend Thaler geben, hier oben ſchliefe ich nicht.“ — e 2 „Nun, was thut denn die Stube dabei: da iſt ja ein Zimmer, wie das an⸗ dere.“ 1 „Wenn Sie Geſellſchaft wuͤnſchen, die koͤnnen Sie bald haben, die kommt vielleicht ungebeten. Gute Nacht lieber Herr.“* Und ſo war das kleine Ding zur Thuͤre hinaus. Man ſah ihr an, daß ſie ſelbſt Furcht hatte. Ich war nun in der vermaledeiten gro⸗ ßen Stube allein. Noch hatte ich ziemliche Faſſung. Ich verließ mich auf meinen ſcharf geſchliffenen Saͤbel und auf meine ſichern Piſtolen. Auf letztere ſchuͤttete ich friſches Pulver, und legte nun meinen Waffenappa⸗ rat auf den Stuhl vor das Bette. Ich ſtopfte mir noch eine Pfeife, aber der Taback wollte nicht ſchmecken; das ferne Rauſchen des durchgebrochenen Stroms, und das ewi⸗ ge gleichzeitige Klappern des Perpendikels in der nahen Thurmuhr, brachten mich ein we⸗ nig außer Faſſung. Das Rauſchen klang ſo 1. — 138— wild, ſo vernichtend, und das letztere wie das Picken eines gigantiſchen Todtenwurms. Ich nahm jetzt das Licht und ein Piſtol und durchſuchte nun das ganze Zimmer; ich forſchte nach heimlichen Thuͤren, nach etwa⸗ nigen Klappen in der Diele; ich unterſuchte das Bette und alles unterm Bette genau. Der Tiſch unterm Spiegel war mit Vor⸗ haͤngen umzogen; ich oͤffnete ſie: uͤberall fuͤhl⸗ te ich mit der Hand, ob etwa eine Druckfe⸗ der, ein Schloß, ein kuͤnſtliches Scharnier vorhanden ſey. Ich fand Nirgends etwas Verdaͤchtiges. Mein Bette war weiß uͤber⸗ zogen. Ich ſchloß die Fenſter ſorgfaͤltig zu, verriegelte beide Thuͤren, zuerſt die kleine Bogenthuͤre, durch die ich mit Brigitten her⸗ ein gekommen war, dann die große Glas⸗ thuͤre. Ungluͤcklicherweiſe ſah ich bei dem Verriegeln der letztern durch die Scheiben auf den langen Gang hin, der nach dem Ge⸗ faͤngnißthurm fuͤhrt.— Bei Gott im hohen Himmel, da ſtand das ſcheußliche Gerippe, de 2 aeeo — — ——, 2 — 139— der ſchwarze Graf, groß und fuͤrchterlich im Gange und hatte ein altes Ritterſchwerd in der knoͤchernen Hand. Mir kraͤuſelte das Haar zu Berge. Der Schreck that mehr, als mein Muth. Ich raffte mich zuſammen, ich riegelte die Thuͤr raſch auf, ſprang heraus, und ſchrie wie ein Beſeſſener:„Graf Hugo, hier den letzten Gang mit mir 4. Ich zuckte mein Piſtol, druͤckte ab— es verſagte. Das Gerippe hob das Schwerdt, der Todtenkopf grinſte, da raͤumte ich das Feld⸗ Das Piſtol warf ich weg, und ſtuͤrzte zuxuͤck in die graue Stube, riegelte hinter mir zu, und warf mich ins Bette. 2 Da lag ich in demſelben Bette, in dem — ſo erzaͤhlte ja Blendaun— Gertrude un⸗ ter den ſchrecklichſten Giftzuckungen verſchie⸗ den war, in demſelben Bette, in dem kein Menſch ruhig ſchlafen konnte, und in dem mein armer Freund Tobias, genannt Toͤb⸗ ſelchen, Todesſchweiß geſchwitzt hatte. — 150— Die Lichter hatte ich brennen laſſen. Das zweite Piſtol lag noch ſcharf geladen auf dem Stuhle vor meinem Bette. Ich lag eine lange Weile. Erſt ſchuͤt⸗ telte mich ein unwillkuͤhrlicher Fieberfroſt⸗ dann— halt— was war das? Es ſchlurf⸗ te langſam Etwas, wie ein großer Menſchen⸗ fuß auf duͤnn geſtreutem Sande. Ich horch⸗ te! Noch einmal faßte ich meine Beſinnung zuſammen. Ich ergriff den Saͤbel. Auf die verfluchten Piſtolen konnte ich mich nicht verlaſſen. Mit beiden Haͤnden hielt ich, aufgerichtet im Bette, den Saͤbel umklam⸗ mert, entſchloſſen, hier das Aeußerſte abzu⸗ warten. Da ſcholl ein hoͤlliſches Gelächter uͤber den Gang. Eine Manns⸗ und eine Frahens⸗ ſtimme. Hugo und Gertrude.— Ich ſteckte à la Blendau den Kopf u un⸗ ter die Decke, legte meinen Saͤbel neben mich, und empfahl meine Seele dem Hoͤchſten. Nach zwei Stunden erſt ſchlummerte ich ein. — 141 Am Morgen erwachte ich. Meine Lich⸗ ter waren ausgebrannt. Ich hatte ziemlich geſchlafen. Allein auf dieſe Stube brachte mich kein Menſch wieder⸗ Ich zog mich raſch an, und eilte in 1 das Wohnzimmer der Oberamtmaͤnninn, wo die Familie beiſammen war, um zu fruͤhſtuͤcken. Ich mußte Aufſchluß haben; ich mußte wiſſen, ob die Meuſchen hier im Hauſe ge⸗ nauere Kunde von dem vermaledeiten Liebes⸗ paare der Vorzeit hatten. Ich erzaͤhlte ih⸗ nen Blendau's und meine Geſchichte. Sie zerplatzten beinahe vor Lachen. Lottchen, das ſchalkhafte Ungluͤckskind, hatte ſich den Schwank erdacht. Eigentlich hatte das Ganze dem arinen Toͤbſelchen ge⸗ golten. Ich kam nur par honneur mit in die Geſchichte. Tobias Blendau war ſonſt das Stich⸗ blatt des Hauſes geweſen. Die Kinder des Oberamtmanns hatten tauſend Spaß mit ihm gehabt. Die graue Stube war ihm Laͤrmkanone abbrennen, er wachte nicht auf. — 142— der Sitz des Schreckens von jeher geweſen. Man haͤtte ihm ſonſt eine Million bieten koͤnnen; er waͤre nicht in die graue Marter⸗ kammer gegangen. Jetzt kam er nach ſieben Jahren wieder. Er ſprach von der Bildung ſeines Verſtandes; von ſeinen ſeit der Zeit in der Aufklaͤrung gemachten Fortſchritten, u. ſ. w. Das alles erzaͤhlte der Vater der Familie, noch am Abend der Ankunft des Vetters, und verſicherte einmal uͤber das an⸗ dere, Toͤbſelchen ſehe ſich gar nicht mehr aͤhnlich, es ſey ein ganz anderer Menſch ge⸗ woorden. Da gerieth Lottchen auf den tollen Einfall, ihn zu verſuchen. Die beiden Bruͤder mußten die neue Gertrude unterſtuͤtzen. Die Eltern wußten natuͤrlich kein Wort von dem Unfuge. Das Kleeblatt rechnete auf Toͤbſels von ſonſt noch bekannten feſten Schlaf. Wenn Vetter To⸗ bias am Tage eine irgend maͤßige Bewegung gehabt hatte, ſo konnte man neben ihm eine — 143— Dieſen Tag hatte er den weiten muͤhſamen Ritt gemacht: Er ſchlief gewiß recht feſt. Sie ſchlichen an die Glasthuͤre. Er ſchnarch⸗ te richtig, wie eine Boultonſche ſechzigzoͤllige Feuermaſchine. In der Glasthuͤre war eine runde Scheibe zerbrochen, durch dieſe griff Kottchen durch und riegelte auf; ſie gingen nun auf den Struͤmpfen hinein, und riegelten jetzt die kleine Bogenthuͤre auch auf, holten ein Gerippe, woran ihr Hofmeiſter ihnen, in fruͤherer Jugendzeit, uͤber den menſchlichen Koͤrperbau Unterricht ertheilt hatte, ſtellten es an die etwas offengelaſſene kleine Bogen⸗ thuͤre, zuͤndeten die beiden Wachslichter an der mitgebrachten Blendlaterne an, und po⸗ ſtirten ſich nun ſo, daß Fritz draußen vor der Bogenthuͤre ſtand, Karl unter dem ver⸗ hangenen Spiegeltiſch kroch, und Lottchen, angethan mit einem in aller Geſchwindigkeit zuſammen genaͤhten Sterbekleide und dem Todtenkranz im Haar, uͤbrigens aber Geſicht und Bruſt gepudert, ſich, als es zwoͤlfe ſchla⸗ gen ſollte, vor den Spiegel ſtellte, ein Kru⸗ zifir in der Lincken, und einen langen, großen Eiszapfen in der Rechten. Sie machten nun ein ſtarckes Geraͤuſch und Blendau erwachte. Der Gifttropfen, der aus Gertrudens Hand auf Blendau's Geſicht ſpruͤtzte, war reines Waſſer, vom Eiszapfen in Lottchens waremer Hand. Die Todtenkaͤlte des gruftſchweißigen Arrns, mit dem Lottchen Blendau's Ruͤcken umſchlang, war ſehr natuͤrlich; die Hand war von dem Eiszapfen, den Lottchen aber un⸗ terdeſſen in Blendau's Bette unter das Kopf⸗ kiſſen gelegt hatte, kalt und naß geworden. Das Gerippe zog die Thuͤre nicht hin⸗ ter ſich zu, ſondern Fritz warf ſie mit ange⸗ ſtreng ter Kraft zu; daher der furchtbare Krach/ und daher das Stuͤrzen des Gerippes auf den dicht an der Thuͤre ſtehenden Blendau. Lottchen loͤſchte, waͤhrend des Sinkens zur Er de, das kurz vorher ergriffene Licht aus. Carl war, waͤhrend Blendau nach der Bo⸗ genthuͤre, gegangen war, unter ſeinem Spie⸗ geltiſche hervorgekrochen, und, indem Lottchens Licht erloſch, bließ er das auf dem Tiſche ſtehende Licht auch aus. Blendau ſtuͤrzte in das Bette zuruͤck, in welchem der große Eiszapfen allmaͤhlig zer⸗ ging, und das ganze Lager durchnaͤßte. Alle drei ruͤhrten ſich nicht eher, als bis ſie nach ungefaͤhr einer Stunde Toͤbſeln wieder ſchnar⸗ chen hoͤrten. Da ſchafften ſie wieder das Gerippe leiſe zum Zimmer hinaus, ſetzten al⸗ les wieder an Ort und Stelle, riegelten die Bogenthuͤre zu, gingen zur Glasthuͤre hinaus, und verriegelten dieſe wieder durch die zer⸗ brochene Scheibe. Die drei Bouteillen Nie⸗ renſteiner mochten denn in Blendau's Kopfe auch das ihrige beigetragen haben. Zufaͤllig hatte Blendau gegen den Va⸗ ter am Abend vor jener Schaudernacht er⸗ waͤhnt, daß er mich auch beſuchen werde. Sie kannten Blendau's offene Plauderſucht; er hatte mir, als altem Bekannten, wahr⸗ 10 — 146— ſcheinlich die Seene der Nacht in der grau⸗ en Stube erzaͤhlt. Als ich nun kam, und Blendau's gar nicht erwaͤhnte, aber im grau⸗ en Zimmer zu ſchlafen verlangte, ſahen die feinen Menſchenkinder in mein Spiel. Lott⸗ chen hatte nicht uͤbel Luſt, aus mir ein zwei⸗ tes Toͤbſelchen zu machen. Als ſie aber Pi⸗ ſtolen und Saͤbel auf mein Zimmer bringen ſah, war dem kleinen Muthwillen doch die Luſt vergangen. Ehe ſie meinen Geiſterban⸗ ner⸗Apparat bemerkt hatte, war ſchon das verdammte Gerippe auf den Gang geſchaft worden, um in der Nacht gleich bei der Hand zu ſeyn. 1 Brigitte ſteckte mit in dem Komplott. Mein Piſtol verſagte, weil Carl Waſſer auf die Pfanne gegoſſen hatte. Die Aufhebung des Schwerdtes in der Hand des Gerippes laͤugneten alle: meine erſchuͤtterte Einbil⸗ dungskraft muß mir dieſe Taͤuſchung bewirkt haben. Auf dem Sande im Gange ſchlurften — 147— alle drei ſaubere Geſchwiſter: ſie ſchlichen an die Glasthuͤre; und als ſie mich mit dem Saͤbel im Bette ſitzend fanden, lachten alle drei laut auf. Das war das hoͤlliſche Ge⸗ laͤchter. Weiter hatten ſie den Scherz nicht treiben wollen; denn die Eltern hatten ihnen, ſchon wegen Blendau's Peinigung, das Ka⸗ pitel geleſen. Lottchens friſche Roſenlippen haben den Muthwillen redlich abbuͤßen muͤſſen. Ich kuͤßte die bluͤhende Gertrude ſo lange, bis ſie hoch und heilig verſicherte, keinen Menſchen in der grauen Stube mehr zu necken. —— Der Wanderer im Sande. ——— Waͤhrend der Zeit, daß ich in Berlin leb⸗ te, beſuchte ich zuweilen meine Freunde in der Lauſitz. Auf einer Ruͤckreiſe von daher, die ich, wie gewoͤhnlich, zu Pferde machte, holte ich in dem Sand⸗Paradies zwiſchen Baruth und Zoſſen einen Wanderer ein. Er ſchlug ſich Feuer zur Pfeife an. Der Schwamm wollte nicht fangen; ich offerirte ihm von dem meinigen. Die Bekanntſchaft — ſie ſollte Jahre dauern und ſehr ſonder⸗ bar enden— war angeknuͤpft. —·—— ͤ p„ — . v Mein Wanderer war ungefaͤhr 22 Jahr alt, die Kleidung reinlich, der Dialect hoch⸗ ſaͤchſiſch. Im Geſicht,— ich halte nicht viel auf Phyſiognomik, es iſt ein truͤgeriſches Studium— aber in dieſem Geſichte lag Un⸗ zufriedenheit, Hader mit dem Geſchick. Die erſten Fragen, woher? und wohin? waren gewechſelt; der arme junge Menſch war von dem Waden im gelblichen Sandmeere ermuͤ⸗ det; ich ließ meinen Bedienten abſitzen und den Fremden bis Zoſſen neben mir reiten. In Zoſſen, in meinem gewoͤhnlichen Abſtei⸗ gequartier, bei dem Apotheker Lindner, war der mein Gaſt, Er kam aus Dresden; dort hatte er in der Naͤhe der Reſidenz die Aufſicht uͤber ein graͤfliches Blaufarbenwerk gefuͤhrt, hatte ſich mit dem Beſitzer uͤberworfen und ging auf gut Gluͤck nach Berlin. Seine ſchwaͤrmeri⸗ ſche Anhaͤnglichkeit an ſeine Geſchwiſter/ ſei⸗ ne kindliche Liebe zu ſeiner alten Mutter und ſeine ſchoͤnen Kenntniſſe im Fache der Che⸗ 1 — 150— mie und Pharmacevtik, gewannen ihm meine Annaͤherung, meine Achtung. Bei der ziemlich ausgedehnten Bekannt⸗ ſchaft mit zufaͤllig faſt allen Apothekern Ber⸗ lins, konnte ich hoffen, meinen expatruͤrten Tiſch⸗Nachbar bald unterzubringen. Ich aͤußerte ihm dieſe Hoffnung; er aber erklaͤr⸗ te mir ſeine beſtimmte Abneigung gegen alles Apothekern. Klaproth, Hermbſtaͤdt, Karſten waren die Sterne, die den jungen Weiſen aus dem Nachbarlande zogen. Dieſe woll⸗ te er hoͤren, an deren geiſtig reich beſetzte Tafel wollte er ſich ſetzen; fuͤr den Magen war ihm nicht bange.„Ich habe gar nichts,““ ſetzte er laͤchelnd hinzu, alſo auch keine Sor⸗ gen. Ich will mir ſchon zu verdienen ſu⸗ chen. Meine Mutter, meine Schweſtern muß ich unterſtuͤtzen, die hungern daheim. Was ich eruͤbrige, gehoͤrt dieſen.“ Lindner mußte ſeinen beſten Wein her⸗ auf holen, dieß menſchliche Herz einmal zu erfreuen. Zoſſen war die erſte preußiſche ☛&̈̈Q⁵—„— 22 — — 15¹— Stadt, in die er trat. Seine erſte Libation gehoͤrte ſeinem neuen Koͤnige. Ich trank mit einer Feierlichkeit, als ob ich eine Pro⸗ vinz im Namen meines geliebten Monarchen in Beſitz genommen haͤtte. Scherif ſo hieß mein Freund, blieb die⸗ ſe Nacht in Zoſſen: ich ritt nach Berlin, nachdem ich meinen Schuͤtzling den kommen⸗ den Tag zu mir beſchieden hatte. Er kam. Ich trug ihm Tiſch und Wohnung auf die erſten zwei Monate bei mir an: er ſchlug es mir aber ab. Gott weiß, wovon er lebte; aber er war froh,„denn,“ ſagte er, habe ich mich doch nun weiter mit keinem Grafen herum zu aͤrgern.9— Nur auf die delikateſte Art gelang es mir, ihm zuweilen eine kleine Unterſtuͤtzung aufzudringen. Ihn aber, den zarten Men⸗ ſchen, druͤckte das ſo, daß er ſeltener zu mir kam, und jede freundliche Aufmerkſamkeit von mir mit ſichtbarer Verlegenheit annahm. Endlich ſtuͤrtzte er einſt mit einer heftigen — Freude auf mein Zimmer, und umſchlang mich mit den Worten„ich habe es heraus, ich habe es heraus; nnn kann ich meine Schulden an Sie abtragen, ich kann Ihnen dankbar ſeyn, ich kann Ihnen gefaͤllig ſeyn/ und— meine Mutter, meine Schweſtern, ich kann ihnen frohe, frohe Tage machen.“ Sein Auge zitterte in Thraͤnen, er war au⸗ ßer ſich. Nach und nach kam er zu ſich und theilte mir uun unter dem Siegel heiliger Verſchwiegenheit mit, daß er die Verferti⸗ gung eines Surrogats fuͤr die Potaſche ent⸗ deckt haͤtte, wobei beſonders bei dem damals ſehr geſpannten Preiße dieſes Artikels, ein aͤußerſt betraͤchtlicher Vortheil fuͤr den En⸗ trepreneur zu berechnen war. Dieſen Vor⸗ theil wollte er mir ganz allein abtreten. Ich ſollte auf meiner kleinen laͤndlichen Beſitzung die Potaſchfabrike etabliren, und ihn zum Vorſteher derſelben ernennen. Er legte mir den ganzen Prozeß ſchriftlich vor, und —2.—— ———2 K—=— 2 — 153— machte mir einen Anlage⸗Koſten⸗Ueberſchlag, den ich uͤberſehen konnte. Ich traute mir indeſſen doch nicht che⸗ miſche Kenntniſſe genug zu, um ſeine Vor⸗ ſchlaͤge vollſtaͤndig zu beurtheilen, ich frug ihn alſo, ob ich ſeinen ſchriftlichen Aufſatz einem Dritten, einem ſehr achtbaren Manne ſeines Fachs, vorlegen duͤrfe. Ich nannte ihm kaum den Namen des einzigen Theil⸗ nehmers unſers Geheimniſſes, als er ſogleich einwilligte. Der Plan ward vorgelegt und im Ganzen genehmigt, nur ſollten einige naͤ⸗ her vorgeſchriebene Verſuche im Kleinen, die Hypotheſen meines Potaſch⸗Fabriken⸗Di⸗ rektors begruͤnden. In der Kochſtraße ward eine Kuͤche ge⸗ miethet, und zu unſerm Laboratorium einge⸗ richtet. Da ward nun bei verſchloſſenen Thuͤren gerieben und geſtoßen, gekocht und gebraut. Naͤchte lang ſaßen wir bei der ſtillen Retorte. Nach zehn langen Wochen lohnten unſre Muͤhe die gluͤcklichſten Reſul⸗ ——xxx———— 3 8 3 2 8 1 ——————— tate. Unſere Freude war grenzenlos. Der Scheidekunſt, der Goͤttlichen, tranken wir ei⸗ ne der beſten aus Hippels Keller, und ſetzten dabei mit Liebe und Vertrauen, unſere Ver⸗ haͤltniſſe als Fabrikherr und Fabrikdirektor, durch einen ſchriftlichen Contract, feſt. Ich laͤchle heute noch uͤber den Wettkampf des Edelſinns bei jenem Contractsſchluß. Im⸗ mer ſetzte ich dem Beſcheidenen, dem An⸗ ſpruchloſen zu viel aus. Er haͤtte lieber gar nichts geuommen. Als ich aber ſeiner Mut⸗ ter und ſeinen Schweſter, eine Tantieme vom Ueberſchuß beſtimmte, da fiel er mir um den Hals, und ſchwur, bis zum Tode mir zuzu⸗ gehoͤren. Der Ungkͤtkliche! Er hat buch⸗ ſtaͤblich Wort gehalten! Nun wurden die lebhafteſten Anſtalten zur Einrichtung der Fabrik im Großen ge⸗ macht. Wir reißten auf mein kleines Eigen⸗ thum. Waſſer, Holz, Platz, Gebaͤude, alles paßte in ſeine Anforderungen⸗ Wir wollten eben nun Hand ans Werk legen, als die Sa⸗ 8 8 2 —* — 155— line zu Schoͤnebeck daſſelbe Potaſch⸗Surro⸗ gat lieferte, und zwar, weil ihr die Zutha⸗ ten nichts oder wenig koſteten, zu einem Preiße, mit dem wir nicht Schritt halten konnten. Schoͤne Hoffnungen, herrliche Plaͤne, große Ausſichten!— Ihr alle wart dahin! Meinen Freund traf der Schlag haͤrter als mich, Ihm war dieß Unternehmen Haupt⸗, mir Nebenſache geweſen. Er ward ſehr duͤſter.„Ich habe kein Gläͤck,“ ſagte er,„mir ſchlaͤgt ales fehl. Diefen Satz hielt er ſich fruͤher ſchon oft vor die Seele. Ich arbeite ihn ihm immer mit Muͤhe aus den Augen. Ich munterte ihn auf, neue aͤhnliche Unterſuchungen anzu⸗ ſtellen; ich nannte ihm fuͤnf, ſechs Gegen⸗ ſtaͤnde. Artikel, die eben ſo und vielleicht noch mehr geſucht waren/ als unſere verma⸗ ledeite Potaſche. Aber er ſchuͤttelte zu allen den Kopf. Soikerhin bruͤtete er wohl wieder iiber — 156— irgend einer neuen Entdeckung aͤhnlicher Art, aber ſie mußte ihm nicht gelingen wollen. Er ſchrieb damals einige chemiſche Wer⸗ ke, die ihm Unterhalt gewaͤhrten, und mit lautem Beifall uͤberall aufgenommen wurden. Mich rief um dieſe Zeit mein Geſchick von Berlin. Wir ſchieden von einander als herzliche Freunde. Nach fuͤnf Jahren fuhr ich eines Tages in Petersburg nach Kamini⸗Oſtrow, um ei⸗ nen Freund zu ſprechen. Es war an einem Februarmorgen. Mein deutſcher Magen hat⸗ te ſich an die dortige Kaͤlte noch nicht ge⸗ woͤhnt. Ich hatte einen langen Weg zu fah⸗ ren. Die Tafel eines Hauſes, mit der In⸗ ſchrift:„Deutſches Kaffeehaus“ lud mich freundlich ein, abzuſteigen, und ein Glas warmen Punſch zu trinken. Beim zweiten Zuge ſtand mein Pota⸗ ſchenfreund vor mir. Er vergaß ſich, die Umſtehenden, Alles. Er flog mit einem lau⸗ —————— — 157— ten Schrei in meine Arme. Er weinte, er lachte, er zitterte vor Freude. An einem Manne habe ich die Wuͤrkung der Ueberra⸗ ſchung der Freude nie ſtaͤrker geſehen. Das war uͤberſpannte Reizbarkeit der Nerven, oder — mein Freund wadete hier in Petersburg wieder im Sande, wie damals zwiſchen Ba⸗ ruth und Zoſſen, und er hoffte in mir ſeinen Retter aus der Noth gefunden zu haben. Er wohnte in demſelben Hauſe. Wir gingen auf ſeyn Zimmer. Unordentlich war er wohl immer geweſen; hier hatte er ſeine Unordnung in ein Syſtem gebracht. Es lag alles unter⸗ und uͤbereinander. Mit beſorg⸗ licher Theilnahme frug ich ihn, was er hier treibe, wie er hierher gekommen ſey, wie es ihm gehe.„Heute nicht, heute nicht”“ ant⸗ wortete er mit bitterm Schmerz„heute wol⸗ len wir froͤhlich ſeyn. Ich habe Sie hier. Nun ſoll alles gut gehen. Sie haben mir gefehlt. Gott hat Sie mir hergeſandt. Nun,⸗ ach nun iſt alles anders.“ — 158— Ich hatte an der Antwort zur Genuͤge. Der Sand war tiefer als der Maͤrkiſche! Der arme Teufel ließ Wein holen. Er konn⸗ te nicht einſchenken, ſo zitterte er immer noch. Er trank den Wein nicht, er goß ihn hinun⸗ ter. Mir banate vor ſeiner Exaltation. Ich endete meinen Beſuch bald, und bat ihn, morgen zu mir zu kommen. „Nein, kommen Sie morgen zu mir! Ich will Ihnen meine Herrlichkeiten, meine Reichthuͤmer zeigen, I antwortett er,„heute kann ich es nicht. Unſer Wiederfinden hat mich zu allem heute unfaͤhig gemacht.“ Ich kam zur beſtimmten Stunde. Er oͤffnete mir drei große kalte Zimmer, alle mit Mineralien angefuͤllt. Alles lag durch einander/ ohne Folgereihe, ohne Syſtem, ohne Nummer. Er war heute ruhiger, beſonnener. Ich war von dem Anblick dieſer ſchoͤnen Minera⸗ lien⸗Sammlung in ſeinen Haͤnden uͤberraſch⸗ ter, beklommener. Was wollte dieſer Ge⸗ ſchaͤftsunkundige hier in Petersburg mit den — 159— Steinen. Er ſchuͤttete ſein Herz aus. Er ſetzte mir ſeine Lage offen auseinander. Fuͤr die⸗ ſen zartfuͤhlenden Menſchen war ſie ſehrecklich. Nach meiner Abreiſe von Berlin, hatte er einem jungen Englaͤnder daſelbſt, Unterricht in der Chemie und Phyfik gegeben. Der Schuͤler, es wird mir ſchwer den Namen die⸗ ſes ſeltenen Edlen zu verſchweigen, hatte den Lehrer lieb gewonnen. Nach Jabre langer Bekanntſchaft ging Scherif nach Freiberg, um dort, von ſeinem engliſchen Freunde un⸗ terſtuͤtzt, Mineralogie zu ſtudiren. Nach Be⸗ endigung ſeiner Studien, ſchießt ihm der Britte unaufgefordert zehntauſend Thaler oh⸗ ne Zinſen vor. Mit dieſen ſoll mein ehrli⸗ cher Freund eine Mineralienhandlung etabli⸗ ren.— Scherif kauft in Sachſen und auf dem Harz eine ausgeſucht ſchoͤne Sammlung zuſammen, und ſchwimmt, der Ordre ſeines Wohlthaͤters gemaͤß, damit nach London. Hier wollte der edle Britte ihn erwarten, und ſein Geſchaͤft durch ſeine Bekanntſchaft — 160— und ſeinen Einſluß unterſtuͤtzen; allein als Scherif die Brittiſche Inſel mit ſeinen Stein⸗ kiſten belaſtet, haben Ehre und Vaterland ſeinen Wohlthaͤter zur Kuͤſtenarmee gerufen. Alle widerrathen dem Steinreichen, ſeine Schaͤtze hier auszupacken. Kein Menſch ha⸗ be jetzt Sinn und Zeit fuͤr dies Fach. Ein Ruſſiſches Schiff liegt im Hafen und will in wenigen Tagen die Anker zur Ruͤckkehr lichten. Dem Kapitain gefaͤllt die Ladung; er verſpricht goldene Berge und Scherif ſee⸗ gelt gluͤcklich nach Petersburg. Da ſaß nun der Arme, ſieben Monate lang in der gigan⸗ tiſchen Kaiſerſtadt, ohne Freund, ohne Be⸗ kannte, ohne Empfehlung und ohne alles Ta⸗ lent, ſich in die Welt einzufuͤhren. Er war einem Steinjuden in die Haͤnde gefallen. Die⸗ ſer charmante Mann, der in allen erſten Zir⸗ keln der Reſidenz heimiſch war, hatte ihm die ſchoͤnſten Cabinetsſtuͤcke fuͤr einen Spott⸗ preis abgedruͤckt; aber keiner Seele erzaͤhlt, daß eine Mineralienſammlung aus Deutſch⸗ — 161— land eingelaufen war, damit Niemand di⸗ rekte, ſondern durch ihn nur kaufen mußte. Sein Wirth war ein rechtlicher Mann; er hatte ihm die billigſten Preiße fuͤr Tiſch und Logis accordirt, aber ſieben Monate in Pe⸗ tersburg im Wirthshauſe, mit 4 Zimmern — die ſchuldige Summe war bedeutend, und die Ausſicht, vielleicht noch ſieben Monate ſo zu ſitzen, wirklich fuͤrchterlich. Heute ließ ich eine Flaſche Wein geben. Wir tranken der alten Zeit und der Zukunft. Den wackern Englaͤnder ließen wir leben, und den Schweſtern und der Mutter flogen unſere Toaſts uͤber die Eisflaͤchen nach dem fernen Vaterlande entgegen. Mein Freund war wieder der alte. Ich mußte ihm ſeinen neuen Muth erhalten. Ich konnte es gluͤck⸗ licherweiſe mit meiner Ueberzeugung; denn ich hatte einen ziemlich ſichern Weg, ihm mit einem Male ſeine Steinlaſt abzunehmen. „Eben jetzt,“ hob ich lebhaft an,„ſind die Univerſitaͤten zu Willna, Dorpat, Char⸗ 14 kow, Kaſan und Moskau, theils neu errich⸗ tet, theils reorganiſirt. Der junge Czaar, fuͤr das Emporbluͤhen dieſer Lehranſtalten auf das gluͤcklichſte enthuſiasmirt, verwendet Millionen auf die reichliche Ausſtattung der⸗ ſelben. Bibliotheken, Apparate, Inſtitute, Sammlungen aller Art werden angekauft und herbeigeholt. Sie ſind zu einem gluͤcklichen Zeitpunkt hier. Ein Mineralien⸗Cabinet muß jede Univerſitaͤt haben. Einige davon ſind ſchon damit verſehen; andern fehlen ſie ganz; andern zum Theil. Sie muͤſſen Nowofilzof, Murawieff, Klinger ꝛc. ihren Catalog vorle⸗ gen. Dies ſind die Curatoren der neuen Uni⸗ verſitaͤren. Dieſe großen wackern Maͤnner ergreifen gern jedes Mittel, ihren Curandin⸗ nen nene Reize, neue Vollkommenheiten zu geben. Sie haben herrliche Suiten, manche doppelt, manche dreifach. Theilen Sie ihre Sammlung ſo ein, daß mehrere kleine voll⸗ ſtaͤndige Cabinets daraus formirt werdeu koͤnnen. Machen Sie moͤglichſt billige Prei⸗ ——— 6—8 ße und ich ſtehe Ihnen dafuͤr, in ſechs Wo⸗ chen haben Sie keinen Stein mehr im Hau⸗ ſe. Sie ſind fremd, Sie antichambriren nicht gern. Geben Sie mir Ihren Catalog ich will ihn ſelbſt an den Mann bringen.“ Scherif war wie umgewendet; die Bruſt woͤlbte ſich ihm hoͤher. Seine Steine hat⸗ ten ihm auf dem Herzen gelegen, jetzt trug ich mit. Seine Laſt war ihm leichter, er fuͤhlte ſe nicht mehr. Ich nahm ihn mit in den Zirkel der Meinen, ich machte ihm Zer⸗ ſtreuungen, ich lehrte ihn das große herrliche Petersburg kennen. Er war nicht aus der Stube gekommen. MNach einiger Zeit erinnerte ich ihn an die Reinſchrift ſeiner Cataloge, die er mir verſprochen hatte; ſie war noch nicht fertig. Ich hatte ſehr gute Gelegenheit, den er⸗ wuͤnſchteſten Gebrauch davon machen zu koͤn⸗ nen. Ich erinnerte nach einigen Wochen daher wieder daran, die Abſchriſten waren noch nicht gemacht. 11* 2 — 164— Es verging wieder ein halber Monat, ich erinnerte zum dritten Male. „Aufrichtig geſtanden,“ erwiederte er, „Sie wiſſen, ich ſchreibe keine gute Hand; ich habe mir daher Muͤhe gegeben, einen Co⸗ piſten ausfindig zu machen, allein die Men⸗ ſchen ſind hier ſchrecklich theuer, und ich ha⸗ be kein Geld.“ Ich machte ihm freundliche Vorwuͤrfe, mir dies nicht fruͤher geſagt zu haben; ich erbot mich, die Reinſchrift beſorgen zu laſ⸗ ſen, half ſeiner Geldverlegenheit durch einen kleinen Vorſchuß ab, und bat, mir nur den Catalag auszuhaͤndigen. Er wollte ihn, ſag⸗ te er, noch einmal revidiren, und ihn mir dann bringen. Jedesmal, daß ich ihn bisher geſprochen hatte, roch er ſehr nach ſpirituoͤſen Getraͤn⸗ ken. Meine aͤngſtliche Beſorgniß um ihn machte mich dreuſt, ihn mit gebuͤhrender Be⸗ ſcheidenheit darauf aufmerkſam zu machen. Er laͤugnete nicht, hier in einer Woche ſo — 165— viel zu trinken, als er in Sachſen in einem Jahr getrunken habe. Das Klima, meinte er, verlange es von ſeiner Conſtitution, auch habe ihm ſein Arzt, der ihn waͤhrend einer vierwoͤchentlichen Krankheit in der Kur ge⸗ habt, gerathen, ſeinen Magen durch ſtarke Getraͤnke zu roburiren. Indeſſen, Spiritus zur zwoͤlften Probe/ Rum und Arak viertelquartweiſe zu trinken/ ponnte ihm ſein Brownianer unmoͤglich gera⸗ then haben. Es verſtrich wieder ein Monat, ich hat⸗ te den Catalog ſeiner Mineralienſammlung noch nicht. tm. Manche Menſchen brauchen einen Trei⸗ ber. Mein Freund gehoͤrte zu dieſer Claſſe, das ſah ich jetzt deutlich. Ich trieb ihn al⸗ ſo nun ernſtlich, ſagte ihm, mein Aufenthalt in Petersburg ſei nunmehr nur noch auf ei⸗ nige Wochen berechnet; wenn ich ihm alſo zum Verkauf ſeiner Mineralien behuͤlflich ſeyn ſolle, ſo muͤßte er mir nun ohne allen Auf⸗ — 166— enthalt den Catalog herausgeben.— Da geſtand er mir, daß er ihn uoch gar nicht gemacht hatte. Ohne ihn auf das urrerſahlhe dieſer Geſchaͤfts⸗Nachlaͤſſigkeit ſehr aufmerkſam zu machen, denn dies haͤtte ihm nur von neuem das Zutrauen zu ſich ſelbſt, und mit dieſem allen Muth geraubt, bat ich ihn dringend, nun Tag und Nacht zu arbeiten, um mit dieſer odieuſen Arbeit, wie er ſie ſelbſt nann⸗ te, endlich einmal fertig zu werden. Er ver⸗ ſprach es; aber die Lauheit, mit der er dies Verſprechen gab, ließ mich nicht viel erwar⸗ ten. Ich wollte ihm nun 14 Tage Ruhe laſſen,„dann,“ ſetzte ich ſcherzend hinzu, „ komme ich wieder auf Exekution.Ä“ Ich gab ihm wieder eine kleine Unterſtuͤtzung. Er nahm ſie dießmal mit wenigerer Delika⸗ teſſe als gewoͤhnlich. Die Noth, die harte Noth hatte die zarten Saiten ſeines Gefuͤhls zerriſſen. Eines Mittags ſaß ich im greſe der — — 167— 4½ Meinigen bei Tiſche, als ein Fremder eilends nach mir fragte. Es war ein junger Menſch aus dem deutſchen Kaffeehauſe, der vom Herrn des Hauſes abgeſandt war, mich zu Scherif zu holen. Dieſer ſey todtkrank und wuͤnſche mich zu ſprechen. Wir fuhren in ge⸗ ſtreckter Karriere durch die meilenlange Stadt. Ich fand das Haus verſtoͤrt; Polizei⸗Offizi⸗ anten, Blut, Aerzte, fremde Menſchen in ſei⸗ nem Zimmer. Der Kranke lag mit verbun⸗ denem Kopfe im Bette. Er druͤckte mir ſchweigend die Hand und wuͤnſchte, allein mit mir zu ſeyn. Ich ahnete das Schrecklichſte; ich bat die Umſtehenden, abzutreten. „Ich habe,“ hob mein armer Freund mit ſchwacher, weicher Stimme an,„den letz⸗ ten Verſuch gemacht, mir zu helfen; auch da habe ich kein Gluͤck. Mir ſchlaͤgt alles fehl. Ich bin verloren. Retten Sie mich vor mir ſelber.“ „Ruhig, ruhig mein Freund; Sie ſind krank, ſprechen Sie nicht! Es greift Sie an.“ — 163— „Nein, ich bin ruhig: jetzt ſehr ruhig. Fuͤrchten Sie ſich nicht vor mir! Ich weiß alles; alles ſehr genau. Ich muß ſprechen. Großer Gott, laſſen Sie mich reden! Sie, mein Freund, ſollen alles wiſſen. Ich war fertig mit der Welt, ich gehoͤre ihr nicht; ſie iſt nicht fuͤr mich, ich paſſe nicht fuͤr die Menſchen und die Menſchen nicht fuͤr mich. In meiner Seele wurde es immer dunkler. Der Gedanke des Todes war mein einziger Lichtpunkt. Der Tod iſt ein bloßer chemi⸗ ſcher Prozeß. Weiter nichts. Das Wort „Selbſtmord“ klingt ſchrecklich. Glauben Sie, dem Ungluͤcklichen iſt er Wolluſt. Dort liegt die kleine Schauderbruͤcke, auf der ich in das Reich der Schatten wandeln wollte.“ Err wieß in der Ecke des Zimmers auf ein großes, aͤußerſt ſcharfkantiges Stuͤck Horn⸗ ſchiefer. Es war vöoͤllig mit Blute benetzt. Ich bebte vor innerm Grauſen in mich zu⸗ ſammen. Er bat, ich moͤchte ihm den Stein auf das Bette legen. Ich zauderte und aͤu⸗ —.——— 8 + 82 — 269— ßerte ihm die Beſorgniß, das Bekte ihm mit Blut dadurch zu verunreinigen. „Sie haben einen kleinen allerliebſten Jungen. Das iſt ja auch Ihr Blut. Laſſen Sie mich mein Blut auch ſehen! Schauen Sie her: hier faßte ich den Stein; mit dieſer ſcharfen Schneide wollte ich mir den Hirnſchaͤdel heben. Ich Ungluͤcklicher! Ich traf drei, viermal falſch. Ich ſchnitt mir die Stirnhaut entzwei, weiter kam ich nicht. Ich war boͤſe uͤber den mißlungenen Verſuch, ergriff in Unmuth einen Scherben Glas und wollte mir das Herz zerſchneiden. Ich ſchnitt bis zwiſchen die Ribben, bis auf den Bruſt⸗ knochen; ich ſchnitt zwei, dreimal: jedesmal blieb ein Stuͤck Glas in der Wunde ſakken, aber das Herz, dieſen Lebenspunkt, nicht. Mein Unmuth wuchs bis zur Wuth: ich zerbrach eine Fenſterſcheibe, ſtieß ſie im Moͤrſer klein und verſchlang das Pulver. Die Sinne ſchwindelten mir. Die Knie wankten, meine Seele trennte ſich von ihrer —— — 170— zerſtuͤmmelten Huͤlle, ich dankte Gott fuͤr mei⸗ ne Erloͤſung und ſank zuſammen. Vor einer Stunde erwachte ich wieder. Aber ſtatt mit meinem Geiſte die Sonnenbahn hoͤherer Re⸗ gionen zu durchfliegen; erblickte ich mich von Menſchen umringt, die mir fatal ſind, weil es Menſchen ſind. Nach Engeln haͤtte ich mich geſehnt. Darum ließ ich Sie holen. Himmliſcher Freund, Retter meiner Seele! Erbarmen Sie ſich meiner! Thun Sie mir einen Gefallen, den letzten, um den ich Sie bitte!— Schlagen Sie mich todt! Ich kann, ich mag nicht mehr leben. Dort iſt die Moͤrſerkeule. Nur einen einzigen Schlag anf die Schlaͤfe hier, nur einen recht ſtarken 3 Schlag und Gott wird Sie fuͤr meine Er⸗ loͤſung ſegnen. Er hatte kaum geendet, ſo jil e er auch in ſeine voͤllige Sinnenzerruͤttung zuruͤck. Das Blut ſtieg ihm dunkel in die Wangen, die Augen rollten graͤßlich, er knirſchte mit — —— den Zaͤhnen, der ganze Koͤrper zitterte wie —— 4 9 — 3 — 171— vom ſtaͤrkſten Fieberfroſt geſchuͤttelt, und ein weißer feiner Schaum ſchoß ihm auf die Lippen. An die Kraft beſaͤnftigender Worte war hier nicht zu denken. Erſchuͤttert von dem furchtbaren Anblick, ſprach ich mit Herzlich⸗ keit und Weihe zu dem Ungluͤcklichen, aber der ſanfte Troſt der Beruhigung, der ihm ſo oft Balſam fuͤr ſein ſtuͤrmiſches Innere ge⸗ weſen war, glitt, ohne Wurzel zu faſſen, an ihm gab. 3 Ich holte einen Arzt, einen Polizeioffi⸗ zianten und einen Waͤchter von den draußen Stehenden herein, und ward nun dringend vom Herrn des Hauſes angeſprochen, meinen Freund anderswo unterzubringen. ⸗ Man empfahl mir das Buͤrgerhoſpital (ſo, glaube ich, hieß dieſe treffliche Anſtalt an der Fantanka, in derſelben Straße, in welcher das Hebammen⸗Inſtitut liegt). Ich ließ die Zimmer und das Mineralien⸗Kabi⸗ net von der Polizei verſiegeln, und meinen — 172— ungluͤcklichen Freund, in Betten vorſichtig gepackt, in einer Kibitke nach dem veu antten Hospital bringen. Dieſe Kranken⸗ und Verpflegungs⸗ An⸗ ſtalt iſt, wie alle Etabliſſements, die unter der ſpeciellen Aufſicht der Kaiſerinn Mutter ſtehen, ein Muſter der Vollkommenheit. Das ganze, ungeheuer große Gebaude ſieht einem Pallaſte aͤhnlicher, als einem Spital. Ueber⸗ all die hoͤchſtmoͤgliche Reinlichkeit, die voll⸗ ſtaͤndigſte Ordnung, die ſorgſamſte Aufmerk⸗ ſamkeit, die zarteſte Pflege. Die große Selbſt⸗ herrſcherinn revidirt oͤfters ſelbſt dieſe Anſtalt, und ihrem beiſpiellos ſcharfen Auge entgeht auch die unbedeutendſte Kleinigkeit nicht. Der erſte Arzt der Anſtalt, ein aͤußerſt wiſſenſchaftlicher, unterrichteter Mann, dem ich den neuen Gaſt ſeines Hauſes dringend empfahl, kannte zufaͤllig einige ſeiner literari⸗ ſchen Werke. Er intereſſirte ſi ch mit ach⸗ tungsvoller Beſorglichkeit fuͤr ihn. Ich er⸗ zaͤhlte dem menſchenfreundlichen Manne, was —— 1 G — 173— ich von dem Kranken wußte. An dem Ver⸗ ſchlucken des pulverifirten Glaſes zweifelte er⸗ wenigſtens konnte es nicht in dem Maaße, als der Patient erzaͤhlt hatte, genommen worden ſeyn. Er unterſuchte den Kranken⸗ zuſtand genau, fand den vom fruͤher herbei⸗ geholt geweſenen Chirurgen angelegten Ver⸗ band der Kopf⸗ und Bruſtwunde gut, und verordnete, daß der Fremde auf den Irren⸗ Fluͤgel gebracht werden ſolle. So hieß der Theil des Gebaͤndes, der zur Aufnahme der Geiſteszerruͤtteten beſtimmt war. Hier erhielt mein armer Freund ein ei⸗ genes geraͤumiges Zimmer, und einen eigenen Waͤrter. Er hatte wieder volle Gegenwark des Geiſtes. Er dankte mir fuͤr meine Vor⸗ ſorge, wußte aber natuͤrlich nicht, daß er im Irrenflaͤgel einer oͤffentlichen Anſtalt wohne. Ich ſtellte ihm den Arzt als meinen alten Freund vor, der die Gefaͤlligkeit gehabt ha⸗ be, ihm in ſeinem Hauſe Wartung und Pfle⸗ ge zu bieten. — m— Ich hatte Hoffnung zur Beſſerung, allein der Arzt benahm ſie mir im Geheimen gaͤnz⸗ lich. Den folgenden Tag hatte er ſchon Riemchen mit Schnallen an den Haͤnden. Man hatte ihn anbinden muͤſſen, weil er ge⸗ raßt hatte. Er kannte mich nicht mehr. Er lachte oft laut auf, ſcherzte mit ſeinem Warter, und bat mich und eine ſehr hohe Perſon der Reſidenz, die er nie geſehen hat⸗ te, mit dem Waͤrter, auf morgen zu einem Diner zu ſich. Der Waͤrter, ein vernuͤnftiger ſtiller Mann, ſagte mir auf ruſſiſch heimlich: „Der wird's nicht lange machen.!“. Das Herz war mir gebrochen. Ich konnte nicht lange weilen.. Ich ſprach dieſen Mittag zwei Bekann⸗ te; zwei junge Deutſche, die hierher berufen waren, um das Innere des ruſſiſchen Reichs zu bereiſen. Beide kannten meinen armen Freund noch von Jeng her, wo ſie mit ihm ſtudirt hatten. Wir fuhren zuſammen den naͤchſten Morgen in das Buͤrgerhoſpital. Der Gluͤckliche hatte ausgerungen.— Meine Begleiter wuͤnſchten ihn zu ſehen. Man wieß uns in die Todtenkammer. Da ſtanden mehrere blecherne verdeckte Kaſten. —ÿ —,— — 175— Wir oͤffneten einen nach dem andern. Im fuͤnften fanden wir den Geſuchten! Schreckli⸗ ches Wiederfinden eines alten Univerſitaͤts⸗ Bekannten! Ich meldete den Seinen im fernen Ba⸗ terlande den traurigen Vorfall; auch dem bra⸗ ven Englaͤnder gab ich Nachricht. Von letz⸗ term erhielt ich keine Antwort. Die erſtern dankten mir herzlich und der Bruder des Ver⸗ ſtorbenen erbot ſich, meine Auslagen, die ich etwa gehabt, zu decken. Sie waren mit den fruͤhern Vorſchuͤſſen nicht unbedeutend. Jahre lang erwartete ich die Erfuͤllung dieſes Ver⸗ ſprechens. Statt der Zahlung erhielt ich den Beſuch eines Advokaten, der mir im Namen des Schuldners eroͤffnete, daß dieſer, wenn nicht ein voͤlliges Falliment bewirkt werden ſolle, akkordiren muͤſſe. Er habe zu mir das Vertrauen, daß ich den andern Glaͤubigern vorangehen, und den Accord von 50 Prozent zuerſt eingehen werde. Ich unterſchrieb und habe heute noch kein Geld. Junger Leſer! Dir erzaͤhle ich dieſe praktiſche Lebens⸗Geſchichte. Ziehe dir fol⸗ gende goldene Regeln daraus: — 178— 3 ¹) Gewoͤhne dich an ein ſtetes Geſchaͤfts⸗ Leben. 2) Trage die mit jedem Geſchaͤfte, mit jeder Lage verbundenen Unannehmlichkeiten als Mann. 3) Unterzieh dich keinem Gewerbe, wozu du nicht paſſeſt. 4) Verliere den Muth und die Hoffnung auch im ungluͤck nicht. 5) Vermeide, dich an hitzige Getraͤnke ge⸗ woͤhnen zu wollen. 6) Suche Menſchen, ſo wirſt du ſie finden. 7) Halte in deinem Geſchaͤfte vor allen auf Ordnung. 8) Schiebe keine Arbeit, die du heute machen kannſt, auf morgen auf. 9) Laß dich nicht verleiten, ein Gewerbe ganz mit fremden Gelde anzufangen, beſon⸗ 1 ders huͤte dich, dazu Geld von einem Freun⸗ de oder Verwandten zu borgen. 10) Laß dich durch mein Beiſpiel nicht ſchrecken, dem Freunde, ſelbſt mit Aufopferung, Freund im vollen Sinne des Wortes zu ſeyn. Das innere Bewußtſein erfuͤllter Pflicht, deckt das Manco der Boͤrſe. . e, eee ee ee gae ae, Se, Gu ee uu e 2e. v — e