5—ℳ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1 „ Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mit— Pf. 1— „„„=„ 3—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Häͤtte er, der mehrjaͤhrige Bekannte ihres Hauſes, ſie zu ſeiner Vertrauten gemacht, in duͤnne Bandſtreifen haͤtte man ſie zerſchneiden koͤn⸗ nen, ehe ſie von dem ihr mit aufzuheben gegebenen Geheimniſſe nur ein Wort haͤtte fallen laſſen, aber ſo—— Sie hatte in der Blumenfabrik noch eine Beſtellung zu machen, die ſo in das Detail ging, daß ſie ſolche den Arbeiterinnen nur allein ſelbſt deutlich machen konnte. Scheinbar verdruͤßlich uͤber den weiten Weg, warf ſie ſich den Mantel um, em⸗ pfahl den jungen Damen, waͤhrend ihrer kurzen Abweſenheit ihr Beſtes moͤglichſt wahrzunehmen, und ging raſchen Schrittes fort; aber weder rechts noch links war Steinau's Spur ausfindig zu ma⸗ chen. Er hatte ſich, ſein Paket unterm Arm, eilig auf das Pferd geworfen und war um die naͤchſte Ecke verſchwunden. recht gut, nur taugte der Wein nichts. Steinau berechnete ſich mit Auerſtaͤdt und deſſen Familie heute einen ſehr vergnuͤgten Abend, und dazu gehoͤrte platterdings eine Flaſche Champagner. Dieſer ſehr vernuͤnftige Gedanke fiel ihm ein, als er vor dem Keller ſeines verehrten Freundes, des Herrn Wein⸗ haͤndlers Sauermann vorbeiritt. Vom Pferde ſprin⸗ gen, eine Flaſche Champagner ſich geben laſſen, uͤberlegen, daß Eine fuͤr die ſtarke Auerſtaͤdtſche Fa⸗ milie doch wohl zu wenig ſey, die zweite fordern, beide in die beiden Rocktaſchen ſtecken und ſich wie⸗ der auf den Sattel ſchwingen, und davon jagen, war das Werk von fuͤnf Minuten. Beide, mit Draht, Bindfaden und Pech wohl⸗ verſehene Flaſchenhaͤlſe guckten aus den Rocktaſchen des Eiligen uͤber eine Viertel⸗Elle lang recht ge⸗ muͤthlich heraus, und erregten die Aufmerkſamkeit aller Voruͤbergehenden; um dieſen mit ſeinen Herr⸗ lichkeiten bald aus dem Geſichte zu kommen, be⸗ durfte es nur eines leiſen Wadendrucks, und der Braune, der fuͤr Sporen gewaltig ſenſibel war, griff aus, als ſtaͤnde vom Sturmwinde eine Wette zu gewinnen. Je toller er ritt, deſto mehr ſahen die Menſchen ihm nach, und der fliegende Flaſchen⸗ keller hinten, der bei der raſenden Karriere in ho⸗ rizontaler Richtung von den Huͤften labſtand, ge⸗ waͤhrte ihnen einen hoͤchſt poſſierlichen Anblick. Die lange Allee wollte er nicht hinunter reiten, da be⸗ gegneten ihm Wagen uͤber Wagen, und in einem und — Im Thereſenhayn war beim Speiſewirth Alles — 5— dem andern wenigſtens fuͤhrte ihm ſein Mißgeſchick gewiß einige Bekannte entgegen. Er wäahlte daher den eigentlich nur fuͤr Fußgaͤnger angelegten kuͤr⸗ zern Richtweg, der, zwiſchen zwei Gebuͤſchreihen, uͤber die Wieſe bis zum Thereſenhayne fuͤhrte, wo er unter den Spazierenden weniger Menſchen zu begegnen hoffte, von denen er gekannt ſey. Kaum 50 Schritte weit geritten fand er quer uͤber den Weg einen, den ſchoͤnen Spaziergang gegen Fahrende und Reiter ſichernden Schlagbaum, der eigentlich ſeit Menſchengedenken da ſtand, den der Herr Hof⸗ rath aber in der beiſpielloſen Haſt vergeſſen hatten; zuruͤckzureiten bis zu der Stelle, wo der Richtweg mit der Allee zuſammenlief, war ein unwiederbring⸗ licher Zeitverluſt. Der Braune ſetzte gut. Beide Sporen ihm in die Rippen und das flinke Thier flog wie ein Vogel uͤber den Schlagbaum; aber bei dem gewaltigen Ruck, den es gab, als das kraͤftige Thier aus der Luft wieder auf die Erde kam, ſchnell⸗ ten beide Flaſchen aus den Taſchen und ſprangen in hundert Stuͤcke, und der ſchoͤne Schaumwein ſpritzte milchweiß rund umher. Steinau warf keinen Blick ruckwaͤrts, denn hinter ihm ſtanden Mehrere, die des edeln Kreidegebornen unermeßliche Meriten kannten und deſſen Vergeudung hoͤchlich bedauer⸗ ten; aber unter dieſen gab es auch Einige, die den Hofrath kannten, die ſeine Stellung im Hauſe des Miniſters wußten, und aller Muhe ungeachtet plat⸗ terdings nicht im Stande waren herauszugruͤbeln, was das Hochwichtige nur in aller Welt ſeyn koͤnna das dem jungen Manne die furchtbare Eile ſo noͤthig gemacht habe, und warum er gerade heute, am 14. October, Champagner trinken wollen, und Einige von dieſen wieder legten die Finger an die Naſen und ſagten ſich mit ſehr bedenklicher Miene:„Halt! — hier iſt etwas ganz Außerordentliches los! Drau⸗ ßen in Thereſen hayn ſitzen die Sekretaͤre und Atta⸗ ches der*** ſchen Geſandtſchaft. Hofrath Steinau verkehrt oft mit ihnen; wahrſcheinlich hat mit die⸗ ſen die Erinnerung des heutigen Tages gefeiert werden ſollen. Aus dieſem kleinen, dem gewoͤhn⸗ lichen Menſchen bedeutungslos erſcheinenden Um⸗ ſtande laſſen ſich ungeheuere Reſultate folgern. Es thuͤrmt ſich am politiſchen Himmel ganz gewiß in Kurzem irgend etwas Bedeutendes auf. Wir koͤn⸗ nen in Kurzem Dinge erleben, die der große Hau⸗ fen ſich nie getraͤumt hat. Man ſollte die Scherben dieſer Flaſchen aufheben, um ſie dereinſt, wenn alle die Ereigniſſe, die kommen werden und kommen muͤſſen, wirklich eintreten, als Zeichen, als Zeugen und als Belege zu produciren, daß wir das Alles lange zuvor uͤberſehen, lange vorher gewußt haben.“ — So gibt es uͤberall, und namentlich in den Re⸗ ſidenzen, tauſend und aber tauſend Menſchen, die in das Blaue kalkuliren und raiſonniren, und das ganze Gebaͤude ihres zuſammen ſchwadronirten Kal⸗ kuͤls in die leere Luft ſetzen, daß es auseinander faͤllt, wie ein Kartenhaus; aber, und wenn ſie ſich in ihren Berechnungen hundertmal getaͤuſcht, ſie werden doch nicht klug; ſie nehmen das erſte hin⸗ geworfene Wort, den erſten ihnen im Wege liegen⸗ den Umſtand zum Eck⸗ und Grundſtein, und fuͤh⸗ ren ihren Kartenhaus⸗Bau wieder auf, und finden —.„— liegen⸗ d fuͤh⸗ finden — 7— bei dem noch duͤmmern Theil des Publikums fuͤr ihre zuſammen gefabelten Maͤhrchen immer wieder neuen Glauben. Die Nichtglaubigen aber werden, wenn ſie auch ſpäterhin merken, daß ihnen wieder einmal Eins aufgeheftet worden, darum doch nicht gewitzigter, ſie entſchuldigen ihre Leichtglaͤubigkeit mit dem herrlichen Gemeinſpruche, daß das ihnen Aufgebundene doch haͤtte wahr ſeyn koͤnnen, und im Stillen danken ſie ihrem Schopfer, daß ſie da⸗ mals etwas zu bereden und zu beklatſchen gehabt haben, denn wo ſollte in den taͤglichen Thee⸗ und Abend⸗Geſellſchaften der Stoff zum Plaudern und zum Klatſchen hergenommen werden, wenn er nicht, in Ermangelung eines gediegenern, aus der Luft gegriffen wuͤrde! 21. Steinau hatte von dem Allem, was in dieſem Augenblicke hinter ihm und uber ihn geſchwatzt wurde, keine Ahnung; er war unterdeſſen in The⸗ reſenhayn wohlbehalten angelangt, gab ſeinen ſchaumbedeckten Braunen dem Hausknecht des Re⸗ ſtaurateurs zum Herumfuͤhren, und ſuchte nun den Auerſtaͤdtſchen Familienkreis auf. Er ſtand in der Hausthuͤre der eleganten Re⸗ ſtauration und muſterte die ganze Geſellſchaft, die an dreißig, vierzig kleinen und groͤßern, zierlich weiß und gelb angeſtrichenen Tiſchen, auf dem gruͤ⸗ nen Vorplatze des Hauſes, im Schatten breitaͤſti⸗ ger Platanen ſaßen, und unter der trefflichen Har⸗ monie⸗Muſik des Garderegiments, und unter trau⸗ lichem Scherz und Geplauder den koͤſtlichen Herbſt⸗ Nachmittag bei Kaffee, Thee und aͤhnlichen Erquick⸗ lichkeiten genoßen. Aber die ſein Auge ſuchte, war unter all' den Gaͤſten nicht zu finden. Den alten weg Auerſtaͤdt kannte er nicht perſoͤnlich; nach ihm fra⸗ wier gen konnte und wollte er nicht; man haͤtte, meinte an! er, dann gewiß gleich gedacht, Wunder was er bei muf dem Manne wolle; auch mußte er nach dem, was fuͤr M ihm neulich die Tochter, und heute die alte Magd ſes von dem eingezogenen Leben des Auerſtaͤdtſchen Hau⸗ den ſes geſagt, vermuthen, daß der Archivar ſammt ſei⸗ und ner ganzen Familie hier in der glaͤnzend eingerich⸗ Er teten, und darum theuern Reſtauration gewiß we⸗ das nig verkehre, und daher von den Marqueurs und nerl den Kaffee⸗Maͤdchen wahrſcheinlich nicht gekannt ſey. blut Daß ſein Geburtstagskind aber hier ſey, wußte er. ſein beſtimmt; er mußte daher ſchon auf gut Gluͤck in Huͤf den weitlaͤuftigen Anlagen des Hayns umherſchwei⸗ gnuͤ fen; irgendwo mußte er die Geſuchte mit ihrer Ma Familie doch gewiß treffen.— Je mehr er ſich von dem Vorplatze der Reſtau⸗ er h ration entfernte, und je tiefer er in die entlege⸗ hen neren Partieen des Parks ſich verlor, deſto menſchen⸗ auf leerer wurden die Gaͤnge, deſto ſtiller ward es rund Wel um ihn; nur hier und da begegnete ihm ein Spa⸗ dem ziergaͤnger, nur hier und da ſah er in der Ferne ſah einſam Wandelnde, oder zuweilen wohl auch ein then Paͤrchen, das, ſich ſelbſt genug, aus dem geſelligen inde Gewuͤhl vorn auf dem gruͤnen Vorplatze, ſich hieher dam in die weniger beſuchten Anlagen gefluͤchtet hatte, das um von der ihm uͤberfluͤſſigen Welt, ſich, und die ſie i heutige Milde des Spaͤtherbſtes, unbelauſcht zu ge⸗ und nieß— dort vor ihm— das war ſie— aber wer moch war der junge Mann, der neben ihr ging? der— jung ja, ſie war es! Die Grazie ihrer Geſtalt, das Schwe⸗ Aug bende ihres Ganges, die Lebendigkeit in ihren Be⸗ wegungen!— er haͤtte ſie ja unter Hunderten aleich 5 wieder erkannt!— aber, wer war der junge Mann, te an deſſen Arme ſtie ſo traulich hing? Ihr Geſpraͤch ei mußte Beiden ſehr anziehend ſeyn, denn ſie ſchienen s fuͤr die wundervollen Umgebungen, die gerade die⸗ d ſes Plaͤtzchen bot, gar kein Auge zu haben; ſelbſt 1⸗ den dicken Herrn, der jetzt an ihnen vorbeiſtrich, l⸗ und ſie kopfſchuͤttelnd betrachtete, ſahen ſie nicht. h⸗ Er ſchlang— und ſie ſträubte ſich nicht, ſie lachte— 3 das Melodiſche ihrer ihm noch ganz deutlich erin⸗ d nerlichen Glockenſtimme hallte in ſeiner heimlich 9. blutenden Bruſt wieder— der junge Mann ſchlang r ſeine Rechte um des himmliſchen Kindes reizende n Huͤfte, und ſo wandelten Beide ſelbander gottver⸗ gnuͤgt eine lange Weile vor ihm her;— der junge er Mann zog ihre Linke an ſeine Lippen;— ſie klopfte — hielt man ihn denn von Stahl und Eiſen, daß 1⸗ er hinterhergehen, und das Alles ruhig mit anſe⸗ ⸗ hen ſollte?— Die tugendbelobte Mamſell Auerſtaͤdt, 1⸗ auf deren himmelreine Unſchuld Steinau das ganze d Weltall gegen eine taube Nuß gewettet haͤtte, klopfte 1⸗ dem jungen Manne haͤtſchelnd auf die Wange, und e ſah ihm— doch das konnte Steinau nur vermu⸗ n then, denn der Strohhut verbarg ihm das Geſicht, n indeſſen aus dem Zauber, der ſich uͤber den ver⸗ r dammten jungen Mann zu ergießen ſchien, ließ ſich 2 das Schmachtende des Blicks abnehmen, mit dem e ſie ihm bei dieſem, den armen Steinau durch Mark ⸗ und Bein gehenden Haͤtſcheln, in die Augen ſehen r mochte, und weil der dreitauſendmal verwuͤnſchte 5 junge Mann ſelber das Entzuͤcken des wonnigen 2⸗ Augenblicks nicht laͤnger mehr aushalten konnte, ſo bog er ſich, ſie auf Wange oder Mund— das konnte 1 Steinau wegen des malitiöſen Huts nicht recht ge⸗ nau ermitteln— ſo bog er ſich alſo, ſie auf Wange oder Mund zu kuͤſſen, zu ihr heruͤber, gewahrte in dieſem Momente aber den hinter ihnen ſchreiten⸗ den Steinau, ſagte, daß dieſer es hoͤrte,„hinter uns kommt Jemand,“ und Beide ließen unter La⸗ chen und Schaͤkern einander los, und gingen ganz ehrbar ihres Weges weiter. uUnter den zarten Weihgeſchenken in der Bruſt⸗ Taſche, in Steinau's Herzen, kochte es bis zum Ueberlaufen. Was hatte er ſich nicht Alles von die⸗ ſem Beſuche verſprochen! Wie war er nicht, ſobald er vom Geburtsfeſte gehoͤrt, zu Legnettoni geeilt! Mit welcher verſchwenderiſchen Freigebigkeit hatte er dort nicht das Geld faſt ungezaͤhlt weggeworfen, um nur recht viel zuſammen zu bekommen, womit er dem Maͤdchen Freude machen koͤnne! Wie war er nicht hieher gejagt! Bei dem Rieſenſatze uͤber den vermaledeiten Schlagbaum häͤtte er den Hals bre⸗ chen konnen! aber jede Minute war ihm ja unbe⸗ zahlbar geweſen. Statt ſeiner hatten die Cham⸗ pagner⸗Flaſchen die Haͤlſe gebrochen.— Er haͤtte auf das boͤſe Vorzeichen merken, und auf dem Flecke — umtkehrei ſollen. Aha— die da vorn— wahr⸗ ſcheinlich hatten ſich waͤhrend ſeines Monologs, bei dem er die Augen nicht auf die Ueberglücklichen, ondern bald in die Wolken, bald tief vor ſich auf den Boden geheftet hatte, Mamſell Auerſtaͤdt ein⸗ mal umgeſehen, und ihn erkannt, denn ſie war, vermuthlich um ihm baldmöoͤglichſt aus dem Geſichte zu kommen, mit ihrem werthen jungen Herrn un⸗ terdeſſen in den Duplirſchritt gefallen; aber entwi⸗ ſchen? Das ſollte ihr nicht gelingen. Steinau ſetzte ge⸗ nge in ten⸗ nter La⸗ zanz ruſt⸗ zum die⸗ bald eilt! hatte rfen, omit war r den bre⸗ unbe⸗ ham⸗ e auf Flecke wahr⸗ 3, bei ichen, ch auf t ein⸗ war, eſichte en un⸗ entwi⸗ u ſetzte ſich, gepeitſcht vom Grimme des wuͤthigſten Aer⸗ gers uͤber das Maͤdchen, uͤber das ganze Frauenge⸗ ſchlecht, uͤber den jungen Verfuͤhrer und uͤber ſich ſelbſt und ſeine dumme Aergerlichkeit, in Trab, holte in wenig Minuten das Paͤrchen ein, ſchnitt im Vorbeigehen, um die liebwerthe Mamſell Auer⸗ ſtädt ſeinen Unmuth recht tief fuhlen zu laſſen, ein bitterboͤſes Geſicht, zog ſeinen Hut, und ſagte mit einem Tone, in den er die allerſtudirteſte Bit⸗ terkeit zu legen ſich bemuͤhte, und mit teufliſchem Hohn:„Guten Abend Mamſell Au—“ Nein, ſie war es nicht. Er ſetzte pfeilſchnell ſeinen Hut wie⸗ der auf, druͤckte ihn, um nicht erkannt zu werden, tief in die Augen, ſchob, um dem Paͤrchen, das ſich uͤber den ſelbſt dem fremden Ohre recht bemerkbar gewe⸗ ſenen Giftton in dem gallebittern guten Abend, und uͤber die ihm fremde Mamſell Au—, fuͤr welche ſich die junge umäaͤrmelte Schoͤne verkaunt ſah, vor Lachen ausſchuͤtten wollte, um je eher je lieber aus den Augen zu kommen, in den nachſten Seitenweg, und fuͤhlte in ſeiner Bruſt ein ſo buntes Gemiſch von Verdruß uͤber ſeinen Mißgriff, von Schaam uͤber ſeine aufwallen de Eiferſucht, von Freude uͤber ſeinen Irrthum, und von heimlicher Sehnſucht nach dem Gluͤck, mit der liebreizenden kleinen Auerſtaͤdt auch hier ſo Arm in Arm zu wandeln, wie jenes Paͤrchen, daß er aus ſich ſelbſt nicht recht klug wurde. Der Mißgriff, das Verkennen der jungen vor ihm herwandelnden Dame nun, das hatte nicht viel auf ſich; er kannte die beiden Leutchen nicht; ſie kannten ihn nicht; der komiſche Auftritt war daher, ſobald er das hinter ihm herſchallende Ge⸗ läͤchter uͤber ſeine Mamſell Au— nicht mehr hoͤrte, und er ſich hinter dem Gebuͤſch ſeines eingeſchlage⸗ nen Nebenweges ihren Spottblicken entzogen hatte, bald vergeſſen; uͤber den Punkt war er, ſo em⸗ pfindlich er ihm anfangs geweſen, am erſten weg. Die aufwallende Eiferſucht aber war ihm ſelbſt neu, und er hatte von den furchtbaren Folgen dieſes La⸗ ſters ſo viel Graͤßliches geleſen und gehoͤrt und ge⸗ ſehen, daß er uͤber die Entdeckung, zu dieſem un⸗ ſeligen Fehler einen fruͤher nie geahnten Hang zu haben, mehr noch erſchrak, als er erſchrocken wäre, wenn ein Gallſcher Juͤnger ihm in das Geſicht ge⸗ ſagt haͤtte, daß an ſeinem Schaͤdel der Mordſinn und das Diebes⸗Organ fauſtdick bemerkbar ſeyen. „Wenn nun,“ ſagte er, in ſeinen ſtill umbuſchten Irrgaͤngen, mit verſchraͤnkten Armen langſamer ein⸗ her ſchreitend, in ruhigerer Selbſtpruͤfung zu ſich, „wenn nun auch die Luſtwandlerin vorhin Luiſe ge⸗ weſen waͤre, was ging es dich an, daß ſie ſich von ihrem Begleiter umarmen, daß ſie ihn ihre Hand an ſeine Lippen ziebhen ließ, daß ſie ihm die Wange ſtreichelte? Was haſt du denn fuͤr ein Recht, dies alles ihr zu wehren? Weißt du denn, in welchem Verhaͤltniß der junge Mann zu ihr ſteht? Kann es nicht ihr Verlobter, ihr Braͤutigam ſeyn“— Braͤu⸗ tigam! Das Herz krampfte ihm bei dem, Gedanken blutig zuſammen; da laͤchelte er halb laut vor ſich hin; das Ganze war ja ein Irrthum geweſen; das Maͤdchen war ihm ja ſteinfremd geweſen, und er pries den Allguͤtigen, daß er ſich getaͤuſcht, denn bei allem noch ſo vernuͤnftigen Raiſonnement uͤber die Laͤcherlichkeit ſeiner vermeintlichen Anſpruͤche an die engelhuͤbſche Auerſtaͤdt, wollte es ihm doch jedesmal die Bruſt mitten von einander reißen, wenn er dar⸗ heut wahr einer unw binuͤ moͤg dreh wied ſicht und ſaß — 15— an dachte, daß ein Dritter mit dem Maͤdchen auf einem ſolchen vertrauten Fuße ſtehen könnte, als der junge Mann mit ſeiner luſtwandelnden Schoͤ⸗ nen geſtanden hatte. Er ſelbſt— ach ja— das fand er recht natuͤrlich und verzeihlich und ganz un⸗ endlich reizend— er ſelbſt waͤre gern, recht ſehr gern mit der wunderniedlichen Luiſe ſo Arm in Arm, Auge in Auge, und Lippe an Lippe, in den unbe⸗ lauſchten Schlangenwegen hier herumgewandelt! Das ſuͤße Wehe der gluͤhendſten Sehnſucht nach aͤhn⸗ lichem Genuß preßte ihm alles Blut in das liebe⸗ kranke Herz; er legte beide Hände auf das klopfende Ungethuͤm, und geſtand ſich in einem lautloſen Se! r⸗ geſpraͤch, mit einer Art von Aengſtlichkeit uͤber das, was aus dieſem ihm ganz neuen Gemuͤths⸗Zuſtande werden ſolle, daß ihm ſo wie jetzt, noch nie zu Sinne geweſ— Nun, was war denn das wieder! — Rechts von ſeinem Wege ab lief ein ſchmaler Seitenfußſteig uͤber ein Bruͤckchen in eine kleine Weinlaube, die ſo heimlich und verſteckt lag, daß er ſie, ob er gleich wohl zwanzigmal hier geweſen war, heute doch ſelbſt zum erſtenmale ſah; er waͤre auch heute gewiß wieder vorbeigegangen, ohne ſie zu ge⸗ wahren, wenn ſie ihm nicht der blendende Schnee eines weißen Gewandes bemerkbar gemacht haͤtte;, unwillkuͤhrlich hatte er im Voruͤbergehen den Blick hinuͤber geworfen, und— nein, es war ja nicht moͤglich! Er hatte ſich gewiß wieder getaͤuſcht! Er drehte auf dem Fleck um, ſchlich ſich auf den Zehen wieder zuruͤck bis zu dem Punkte, wo man die Aus⸗ ſicht über das Bruͤckchen in die Weinlaube hatte, und— nein, nein, er hatte ſich nicht geirrt! Hier ſaß ſein angebetetes Ideal der engelreinſten Tugend, ——— — — 14— das Muſterbild der jungfraͤulichſten Zucht und Sitte, in den Armen eines ihm, wenigſtens dem Geſichte nach, nicht ganz fremden Offiziers; ſie hatte mit ihrer Linken ſeinen Hals umſchlungen, lag mit dem Köpſchen an ſeiner rechten Bruſt dicht angeſchmiegt, und ihre Rechte ruhte auf ſeinen Orden. Beide liſ⸗ pelten einzelne, wegen der Entfernung ihm unver⸗ ſtaͤndliche Worte, aber was er davon vernahm, lau⸗ tete wie ein foͤrmlicher Verlobungs⸗Dialog! Wenig⸗ ſtens ſchwor der Kriegsheld das Blaue vom Himmel herunter, und vermaß ſich kecklich, daß ihn der Teu⸗ fel auf der Stelle holen ſolle, wenn ſeine Liebe nicht die wahre, aͤchte, und ſeine Treue nicht von der ewi⸗ gen Sorte ſey, und das pflichtvergeſſene Ding ſchien ſeinen fuͤrchterlichen Schwuͤren leichtfertigen Glau⸗ beu zu ſchenken, denn es ſchlang jetzt auch den rech⸗ ten Arm um des liebegraͤßlichen Stuͤrmers Hals, und hemmte die wilde Fluth ſeiner eidlichen Be⸗ theurungen durch eine Unzahl freiwilliger Kuͤſſe.— Steinau, ergrimmt uͤber das, was er geſehen und gehoͤrt, krampfte die geballten Haͤnde in einander, und eilte, auf das Furchtbarſte enttaͤuſcht, von dau⸗ nen; er lachte vor Bosheit uͤber den Zauber, mit dem das gemeine Maͤdchen ihn hatte beruͤcken koͤn⸗ nen, über ſeine Erbärmlichkeit, ſich durch ſolch' eine werthloſe Kreatur aus der Faſſung haben bringen zu laſſen, und uber ſeine jaͤmmerliche Rolle, die er jetzt mit ſeinen Geburtstagspräſenten in der Taſche ſpiele. Er haͤtte ſie lieber, waͤr' er hier ungekannt geweſen, unter die Kaffeemaͤdchen vertheilt, um ſie nur nicht mit nach Hauſe zu nehmen, um ſie nur nie wieder zu ſehen. Von Beſchaͤmung und Haß, und vom ſchlimmſten Verdruß, vom Verdruß uͤber ſich tte, chte mit dem egt, liſ⸗ ver⸗ lau⸗ nig⸗ nmel Teu⸗ nicht ewi⸗ ſchien Glau⸗ rech⸗ Hals, 1 Be⸗ ſſe.— n und ander, n dan⸗ , mit n koͤn⸗ v' eine dringen „die er Taſche gekannt um ſie nur nie aß, und wer ſich — 15— ſelbſt getrieben, raste er auf dem nächſten Wege durch die Kaſtanien⸗Allee nach der Reſtauration zu, um ſich aufzuſetzen, und zu machen, daß er fort, fort von hier komme. Nein, ſo blind, ſo einfältig hatte er ſich nicht gedacht. Das Frauengeſchlecht war ihm zwar immer raͤthſelhaft und in mancher Hinſicht unerklaͤrlich vorgekommen; indeſſen hatte er einen Theil dieſer Erſcheinung auch in ſich geſucht; eine gewiſſe Bloͤdigkeit hatte ihm nie erlaubt, ſich einem Maͤdchen recht zu nahen. Erſt im Hauſe des Mi⸗ niſters— fruͤher— die Burſchenſchoͤnen hatten dem zartfuͤhlenden, ſchuldloſen jungen Manne nicht ge⸗ fallen können, und Familienkreiſe waren ihm, wie manchem andern ehrlichen Muſenſohne verſchloſſen geweſen, alſo erſt im Hauſe des Miniſters war ihm die Gelegenheit geworden, mit Frauen und Maͤd⸗ chen feinerer Bildung zuweilen in Beziehung zu kommen, allein lag an ihnen oder an ihm die Schuld, nur einige ausgenommen— hatten ſie Alle, ſo woll⸗ te es ihn wenigſtens beduͤnken, ſo etwas Kaltes, Vornehmes, Entfernendes, daß das Ideal, was ihm ſeine Phantaſie von dem Gluͤcke des Umgangs mit dem weiblichen Geſchlechte— war denn die Auer⸗ ſtaͤdt doppelt? War ſie uͤberall? Da druͤben— doch, das war ſie ja nicht. Die ſchwelgte ja dort im Won⸗ nemeere der kriegeriſchen Verlobungs⸗Seligkeit; aber ſie war es am Ende doch! Da druͤben im Geor⸗ ginen⸗Bosket gewahrte er einen kleinen Knaben, und ein— ja ein Maͤdchen war es, und, wenig⸗ ſtens der reizenden Figur nach, war es Luiſe. Nein — Sie war es nicht! Er ſah heute Alles fuͤr die ihm jetzt erſchrecklich gleichguͤltig gewordene Mam⸗ ſell Auerſtaͤdt an.— Ein Paar Schritte naͤher konnte — 16— er indeſſen wohl gehen— die koſteten ja nichts— ſie hatten ihm ſeinen Glauben an Frauen⸗Unſchuld, und vielleicht ſein ganzes Lebensgluͤck gekoſtet, wenn er ſie nicht gethan. Es war Luiſe. Die ſchwarzen Brillenglaͤſer, die ihm vorhin ein unbegreifliches Mißtrauen vor die Augen gebunden, mußten ſeinen Blick in die Weinlaube entſetzlich ge⸗ taͤuſcht haben; Luiſe hatte eben mit dem Knaben, der, wie ſich nachher ergab, ihr Bruder Borromäus war, einen kleinen Auftritt. Sie hatte zu einer unter den Händen befindlichen Arbeit einige Faͤden feinen Zwirn wickeln, und ſich, ſtatt des Wickels, eines mehrfach zuſammen gelegten Papiers bedienen wollen; Borromaͤus aber, der mehr Luſt haben mochte, hier herumzuſpringen, als ſich zu der lang⸗ weiligen Zwirnwickelei brauchen zu laſſen, hatte ihr den Noth⸗Wickel wegſtibitzt, und ſchien, in der Vor⸗ ausſetzung, daß, wenn Schweſter Luiſe den Papier⸗ Wickel nicht habe, aus der ganzen Wickelei auch nichts werden koͤnne, ſeine Beute um keinen Preis wieder herausgeben zu wollen. Er hielt das zuſam⸗ mengeknillte Papier feſt umklammert im linken Haͤndchen auf dem Ruͤcken, und ſpielte den kleinen Trotzkopf mit ſo poſſierlichem Ernſte, daß Luiſe ſich alle Gewalt anthun mußte, ihm nicht in das Geſicht zu lachen, das mit ſeinem ſchmollenden Schippchen wohl recht boͤſe ausſah, in dem doch aber keine Tuͤ⸗ cke, keine Bosheit, ſondern nur das an ſich nicht ganz unbegruͤndete Gefuͤhl lag, daß er vom Vater hie⸗ her mitgenommen worden ſey, nicht, um Zwirn wi⸗ ckeln zu helfen, ſondern um luſtig und guter Dinge S buſch Athe die n kopf zur. gen, mer „mei Pflich nicht und hinge den aber mir Dich zu ſe Aben Wor verdi laſſen Wille das d am h froͤhl Klag zu ha ja me was ſind: kann — 17— Steinau ſtand, von Luiſen unbemerkt, hinter hoch⸗ buſchigen Georginen, und lauſchte mit verhaltenem Athem ihrer Rede. Mit der himmliſchen Sanftmuth, die nur Frauen eigen iſt, ſtellte ſie dem kleinen Starr⸗ kopf vor, daß ſie wohl Macht und Gewalt habe, ihn zur Herausgabe ſeines erbeuteten Papiers zu zwin⸗ gen, aber,„mein Borromaͤus,“ fuhr ſie mit im⸗ mer freundlicher und herzlicher werdendem Tone fort, „mein Borromäus iſt ein wackerer Junge, der ſeine Pflicht lieber freiwillig als gezwungen thut. Und nicht wahr, heute, an meinem Ehrentage, kannſt und wirſt Du mich nicht kraͤnken?— Ich koͤnnte hingehen und mir Fritz oder Lohtſch holen; die wuͤr⸗ den mir mit tauſend Freuden den Liebesdienſt thun, aber ich weiß, es wuͤrde Dir nachher leid ſeyn, ihn mir verweigert zu haben; es wuͤrde Dich ſchmerzen, Dich von deinen vernuͤnftigern Geſchwiſtern beſchaͤmt zu ſehen, und ich würde Dir dadurch den ganzen Abend verderben. Ich duͤrfte dem Vater nur ein Wort ſagen, und er wuͤrde Dir den Augenblick die verdiente Strafe deines Ungehorſams zukommen laſſen, und Dir mit aller Strenge befehlen, meinen Willen zu thun; aber ſoll ich unſerm Vaͤterchen, das der frohen Tage ſo wenig genießt, und das uns am heutigen ſich einmal geſchenkt hat, um mit uns froͤhlich und vergnuͤgt zu ſeyn, ſoll ich ihm den durch Klage uͤber ſeinen Borromaͤus verbittern? Nein, da⸗ zu haſt Du dein Vaͤterchen viel zu lieb. Ich kenne ja mein Herzens⸗Kind. Du thuſt aus Liebe, um was ich Dich bitte; je eher wir anfangen, deſto eher ſind wir fertig; der Abend kommt ja ſo heran, ich kann daher ohnehin nicht viel mehr arbeiten, ich brauche deßhalb nur einige wenige Faͤden, die ſind LXXVIII. — 18— ein Borromaͤus ſpielen und tollen und luſtig ſeyn, ſo viel er will, bald aufgewickelt, und dann kannm und wenn ich denn der Mutter erzaͤhle, wie fleißig Bruder Borromäus mir geholfen, ſo iſt ſie in der Freude ihres Herzens wohl im Stande, ſie legt der Weintraube, die heute Abend fuͤr jedes der Kinder beſtimmt iſt, bei ihrem Borromaͤus noch ein recht ſuͤßes Traͤubchen zu; alſo mein alter Junge, ſey wie⸗ der freundlich⸗ gib mir den Wickel und einen Kuß, wir ſind wieder gute Freunde und in fuͤnf Minuten mit einander fir und fertig.“ Borromäus hatte anfaͤnglich gegrollt und Schwe⸗ ſter Luiſen mit ſeinen großen ſchwarzen Augen recht bitterboͤſe angeglubt; ſpaͤterhin hatte er, von ihrer verſtaͤndigen Rede getroffen, die Augen zur Erde niedergeſchlagen, und ſie, als Luiſe mit ihrer ſanf⸗ ten Engelsmilde die ihn ehrende Ueberzeugung aus⸗ ſprach, daß er aus Liebe thue, um was ſie ihn bitte, mit ſeinem verwendeten Aermchen bedeckt; jetzt flog er weinend an ihren Hals, druͤckte tief beſchaͤmt ſein Lockenkoͤpfchen in ihren Schwanenbuſen, gab ſein er⸗ beutetes Papier freiwillig zuruͤck, und verſprach gut zu ſeyn, und bat mit kindlich frommen Worten, ihn wieder lieb zu haben. Steinau— ſeit ſeiner fruͤheſten Kindheit waren ihm Familienſcenen dieſer Art fremd geworden. Lui⸗ ſens himmliſche Freundlichkeit, ihr Ernſt und ihre Guͤte hatten ihn unausſprechlich geruͤhrt. So— akkurat ſo hatte ſonſt ſein nun verklärtes Muͤtter⸗ chen mit ihm geſprochen, wenn er einmal ſich von dem Pfade der Pflicht verloren; kein boͤſes Wort war uͤber ihre Lippen gekommen; immer ſanft und ru⸗ hig war ſie geblieben, und hatte durch freundliche und gekeh Frau war, Tode gewe mer dem Auge ſelbſt ſtand umſch Herb da, d ſo ur zu kö weſen in en Parti imme maͤnr nur ſchen ſchaͤm Schoͤt haynt wand fleckte haftig Geda Sonn nicht ſuͤßen 3 aͤus will, eißig 1 der t der inder recht hwie⸗ Kuß, nuten Schwe⸗ nrecht mihrer Erde r ſanf⸗ ig aus⸗ nbitte, etzt flog imt ſein ſein er⸗ rach gut ten, ihn t waren en. Lui⸗ und ihre So— Muͤtter⸗ ſich von Wort war und ru⸗ reundliche und verſtaͤndige Rede immer Alles zum Beſten gekehrt; und die reine Engelguͤte und die ſanfte Frauenweiſe, mit der ſie zu ihrem Kinde geſprochen, war, wie der Vater in ſpaͤtern Jahren, nach ihrem Tode, oft mit naſſen Augen erzäͤhlte, auch das Band geweſen, mit dem ſie ihn, den Gatten, taͤglich im⸗ mer inniger an ſich gefeſſelt hatte. Das Alles flog dem ſonderbar bewegten Steinau in dieſem ſtillen Augenblicke durch die Seele, ohne daß er deſſen ſich ſelbſt recht klar bewußt war, und das Maͤdchen ſtand, von den kleinen Armen des lieblichen Kindes umſchlungen, im goldigen Scheine der ſinkenden Herbſtſonne ſo jungfraͤulich, ſo uͤberirdiſch reizend da, daß er ihm ſtillſchweigend abbat, es vorhin in ſo unlauteren Verhaͤltniſſen nur haben vermuthen zu können. Er begriff nicht, wie es ihm moͤglich ge⸗ weſen, dieſes Ideal von maͤdchenhafter Zuͤchtigkeit in entfernten Seitengaͤngen, in den abgelegenſten Partieen des Parks zu ſuchen, und es immer und immer wieder in den Armen genußluſtiger Lebe⸗ maͤnner zu ſehen. Der Adamsſohn! Er wollte es nur nicht begreifen, weil er ſich jetzt, der veſtali⸗ ſchen Jungfrau gegenuͤber, ſeiner geheimen Wuͤnſche ſchämte, auch ſo, wie jene Flankeurs mit ihren Schoͤnen, die verſchwiegenen Pläͤtzchen des Thereſen⸗ hayns mit Luiſen, ungeſehen und unbehorcht, durch⸗ wandeln zu koͤnnen. Jetzt, in der Naͤhe der Unbe⸗ fleckten, fielen die tauben Schlacken ſeiner Suͤnd⸗ haftigkeit von ihm ab. Es kam kein unziemlicher Gedanke in ſeine Seele; nur mußte er, um aus dem Sonnenkreiſe dieſer himmliſchen Sinnes⸗Reinheit nicht wieder herauszuſchwanken, die Augen von der ſuͤßen Fuͤlle ihrer friſchen Liebesreize oft wegwenden, . 3 denn das Maͤdchen war zu ſchoͤn, und der alte Adam, der Urvater ſeines in dieſem Punkte gar ſchwachen Geſchlechts. Er trat jetzt naͤher, begruͤßte die Ueberraſchte, bat, Borromaͤus freizugeben, erbot ſich zu deſſen Stellvertreter, hob den holden Knaben zu ſich her⸗ auf, erſuchte ihn im Scherz, ihm zu ſagen, wie er ſich bei der neuen Arbeit anzuſtellen habe, hoͤrte, um dem Maͤdchen, das ſeit ſeinem unerwarteten Ein⸗ tritt in das Georginen⸗Bosket, dreimal roth und dreimal weiß geworden war, Zeit zu laſſen, ſich un⸗ terdeſſen ein wenig zu ſammeln, des treuhaͤrigen kleinen Kerls ſehr ernſthaft gemeinter Unterweiſung in der Kunſt des Zwirnwickelns mit ſcheinbarer Aufmerkſamkeit zu, verſprach, unter ſeinen guten Lehren beſonders die: nichts zu verfitzen, beſtens zu beherzigen, ließ dann den niedlichen Jungen vom Arm, haͤndigte ihm das jetzt erſt ihm wieder ein⸗ fallende Miniſterial⸗Reſcript ein, befahl es ihm auf Leib und Leben an, ſchickte ihn damit an den Vater, und ſetzte hinzu, daß er bald nachkommen werde. „Mein Vater ſoll,“ fragte Luiſe, auf das, mit großem Geſchaͤftsſiegel verſehene Couvert in der Hand des damit raſch von dannen trabenden Kleinen, be⸗ ſorglich deutend,„doch nicht etwa heute in das Archiv?“ „Nein,“ entgegnete Steinau der roſigen Jung⸗ frau froͤhlich, er ſoll den heutigen Ehrentag, von dem ich vorhin hoͤrte, recht vergnuͤgt feiern, und darum eilte ich hieher mit einer ihm gewiß erfreu⸗ lichen Benachrichtigung. In ſo fern kam ich von Seiten des Staats; ich, meiner Seits, wollte in⸗ deſſen doch auch nicht zuruͤckbleiben, der Koͤnigin des — 21— Feſtes meine Theilnahme an demſelben zu beweiſen, und wenn ſie allergnaͤdigſt geruht, mit meinen herz⸗ lichen Wuͤnſchen fuͤr das verehrte Geburtstagskind, die ſchwachen Opfer meiner Huldigungen guͤtigſt aufzunehmen, ſo beſcheint die in dieſem Augenbli⸗ cke verſchwindende Octoberſonne, mit ihrem letzten Strahle, einen der gluͤcklichſten Sterblichen auf Er⸗ den.“ Mit dieſen Worten packte er, ſeine komiſche Beſcherung unter freiem Himmel mit dem Drange der Umſtaͤnde, unter lauter Lachen und Scherz, ent⸗ ſchuldigend, ſeine geſchmackvollen und wundernied⸗ lichen Herrlichkeiten auf die Gartenbank aus, ord⸗ nete Alles nett und zierlich, und bat Luiſen, beim Gebrauch dieſer Kleinigkeiten ſeiner immer wohl⸗ wollend zu gedenken. Luiſe ſtand rein verſteinert. Die allereleganteſten Prachtſachen, zu deren Beſitz ſich ihre kuͤhnſten Wuͤn⸗ ſche nie verſtiegen hatten, lagen hier vor ihr aus⸗ gebreitet, als Weihgeſchenke aus der Hand des Man⸗ nes, deſſen Bild, ſeit dem Augenblicke, daß ſie ihn im Miniſter⸗Hauſe geſehen, ihr Kopf und Herz wunderſam beſchaͤftigt, an den ſie vorhin erſt, kurz vor dem kleinen Diſput mit Borromaͤus, recht frennd⸗ lich gedacht, und den ſie, heute zu ſehen, bei dieſer Gelegenheit, mit recht ſchmachtender Sehnſucht heim⸗ lich gewuͤnſcht hatte. Steinau fuͤhlte bei der namenloſen Freude, die das Maͤdchen uͤber die unvermuthete und reiche Be⸗ ſcherung hatte, die Wahrheit des alten Spruchs, daß Geben ſeliger ſey, denn Nehmen, tief im Her⸗ zen; im erſten Augenblicke hatte das ſüße Kind kei⸗ nen andern Sinn, als den des unbeſchreiblichſten Entzuͤckens; alle Pulſe flogen ihm ſchneller, alles Blut ſtieg ihm in das Koͤpfchen, und es fuͤhlte ſich wie mit Roſenglut uͤbergoſſen; aber ioch war die⸗ ſes Raſchfeuer nicht verdampft, als ſchon die Ver⸗ legenheit ſich aus dem Wonnen⸗Meere, in dem Luiſe in den erſten Augenblicken ſelig geſchwommen hatte⸗ langſam auftauchte; durfte ſie denn von dem ihr faſt ganz fremden jungen Manne dieſe Prachtſtuͤcke annehmen? Wie ſollte ſie ihm dafuͤr danken? Raͤum⸗ te ſie ihm nicht Anſpruͤche, nicht Rechte auf Gegen⸗ verbindlichkeiten von ihrer Seite ein? Wie kam Er⸗ eigentlich dazu, ihr ſeine Aufmerkſamkeit auf ſolche auffallende Weiſe zu bethaͤtigen? Hätte er ihr eine Kleinigkeit geſchenkt, einen Scherz, da häͤtte es, meinte ſie, allenfalls nichts auf ſich gehabt; aber dieſe glaͤnzenden, dieſe überpraͤchtigen Wunderſa⸗ chen!— Er zwar hatte beim Auspacken und beim Ordnen der einzelnen Stücke, ſie alle ſammt und ſonders mit einer recht huͤbſchen luſtigen Art, der man es aber anhoͤrte, daß er uͤber die Keckheit, das ihm faſt fremde Maͤdchen auf eine ſo eigene Weiſe zu überraſchen, ſelbſt ſich gewiſſermaßen befangen fuͤhlte, fuͤr Kleinigkeiten ausgegeben, und das Ganze fuͤr bloßen Spaß; aber das waren keine Kleinigkei⸗ ten, und das Ganze war— das ſagte ihr ſein herz⸗ licher Blick, ſeine Innigkeit, ſeine Seligkeit beim erſten Aufblitz ihrer Luſt und Freude— das Ganze war kein Spaß. Die Sachen alle kamen ihr— ſie wollte den Gedanken mit Gewalt wegdraͤngen, aber er hing an jedem Stucke wie eine Klette, wie eine daran plombirte Etikette; die Sachen alle kamen ihr wie Brautgeſchenke vor, beſtimmt, ſie am Hochzeit⸗ tage braͤutlich zu ſchmuͤcken. Das Alles wirrte und ſchwirrte ihr in der Seele herum, und ſie haͤtte lie⸗ ₰. ſich die⸗ Ver⸗ euiſe atte, ihr tuͤcke um⸗ igen⸗ n Er ſolche eine es, aber der ſa⸗ beim und , der , das Weiſe angen Ganze nigkei⸗ herz⸗ beim Ganze — ſie „aber e eine nen ihr chzeit⸗ te und tte lie⸗ — 25— ber weinen moͤgen, als lachen, aber nicht vor Weh⸗ muth, ſondern vor Freu— nein, vor Freude auch nicht.— Sie wußte es ſelbſt nicht, aber die Bruſt war ihr ſo voll, Herz und Miederchen ſo eng, und der Athem viel zu kurz. Sie haͤtte ihm danken ſol⸗ len, aber that ſie dies, ſo nahm ſie ſeine Geſchenke mir nichts dir nichts an, und das konnte und durfte ſie doch ohne Wiſſen der Eltern um keinen Preis, die aber ließen ſich weder hören noch ſehen, und dann, wenn ſie ihm haͤtte danken wollen, haͤtte ſie ihn doch muͤſſen dazu anſehen, und das konnte ſie doch auch wieder nicht; denn vorhin, als er auf der Bank ſaß, und mit ihr uͤber die einzelnen Herr⸗ lichkeiten ſeiner Beſcherung dies und jenes geplau⸗ dert hatte, hatte er von unten zu ihr herauf ſie ſo ganz kurios angeſehen, daß ſie— er hatte zwar nichts dazu geſprochen, aber in dem Blicke ſeiner ſeelenvollen Augen— das hätte ein Kind leſen kön⸗ nen, ſtand ganz klar geſchrieben:„ich weiß zwar ſelbſt nicht recht, was ich mit meinen Geſchenken will und wie ich den Muth habe gewinnen koͤnnen, ſie Dir zu uͤberreichen, aber wenn Du mir in das Herz ſehen, bis auf den Grund meines ehrlichen Herzens ſehen koͤnnteſt, ſo wuͤrdeſt Du— ſie konnte es ſelbſt nicht bis zu Ende ausdenken, was ſie da alles wuͤrde zu ſehen bekommen, aber ſie wußte es ſchon, und darum konnte ſie ihn nicht wieder anſe⸗ hen, denn ſie fuͤrchtete, er moͤchte ihr dann durch ihre Augen auch bis auf den Kriſtall⸗Grund ihres Herzens ſchauen, und da das Feuer glimmen ſeben, das nicht heraus durfte, nicht heraus konnte, und eben darum, weil es keinen freien Luftzug hatte, ihr die Bruſt hob und hob, daß ſie die kleine Haud einigemale auf die Marmorpracht ihres Buſens legen mußte, als fuͤrchte ſie, daß die innere Glut ihn mitten von einander ſprengen werde. Das Einzige, was ſie in ihrer holden Verwirrung kaum verſtändlich uͤber die Lippen brachte, war ihre Verwunderung, wie er von ihrem Geburtstage habe wiſſen können. Steinau führte ſie darauf zuruͤck, daß ſie es ihm ſelbſt geſagt⸗ „Ich?“ fragte Luiſe geſpannt, und in ihrem Blicke lag die Mühe, mit der ſie ſich zerſann, wie das moͤglich.„Sprachen Sie nicht vorhin mit Bor⸗ romaͤus von Ihrem Ehrentage?“ fuhr Steinau laͤ⸗ chelnd fort. „Das war vor fuͤnf Minuten;“ verſetzte Luiſe unglaͤubig,„waͤhrend der Zeit war es ja aber doch unmoͤglich“— ſie deutete auf die Geburtstags⸗Be⸗ ſcherung—„all' dieſe wunderherrlichen Sachen her⸗ zuzaubern.“ „O,“ fiel ihr Steinau mit Lachen in das Wort; „ich darf nur ſagen, Tiſchchen, Tiſchchen decke dich— ſo habe ich, was ich wuͤnſche, und muͤßte es aus dem fernſten Enve der Welt herkommen.“ „Wahrſcheinlich,“ hob Luiſe an, und man hoͤrte an ihrem Tone, daß ſie einen Scherz aus der Sache machen wollte, der ihr aber nicht recht zu gelingen ſchien.„Wahrſcheinlich war das Alles fur eine ganz Andere beſtimmt; der Zufall will, daß Sie von mei⸗ nem Geburtstage hoͤren; es iſt,“ ſetzte ſie mit er⸗ zwungener Schalkhaftigkeit hinzu, denn der Hauptreiz des Geſchenks, daß er all' dieſe Zeichen ſeiner huldigenden Aufmerkſamkeit, ihr vom An⸗ fange an, beſtimmt habe, war ihr nun ſchon verlo⸗ rren gegangen, und, was ſchmerzlicher noch als dies, ſpre Dan im tag, Kra wer! Her! Ihre Ihn alten Ihre Ther in di es ve Stu wo it des Bevi wahr ritten ſehen einer breche Cle ſens blut ung ihre habe ruͤck, hrem wie Bor⸗ au lä⸗ Luiſe doch s⸗Be⸗ n her⸗ Wort; dich— s dem hoͤrte Sache lingen ie ganz on mei⸗ nit er⸗ in der Zeichen m An⸗ nverlo⸗ ls dies, — 25— an dieſen Verluſt knuͤpfte ſich der Gedanke, daß eine Andere— ſie durfte ihn nicht ausdenken, den Ge⸗ danken, ſie haͤtte ihm jetzt lieber all' ſeine Sieben⸗ ſachen wieder zuruͤckgeben moͤgen,„es iſt alſo der Einfall des Augenblicks geweſen, dem ich dieſe Ueber⸗ raſchung zu verdanken habe.“ „Zweifeln Sie an der Wahrheit meiner Ausſage?“ fragte Steinau lachend, und hielt den von ihr an⸗ gegebenen Ton des Scherzes feſt, weil er fuͤhlte, daß er in dieſem am unbefangenſten, am gelaͤufigſten ſprechen konnte;„Sie glauben wohl, daß ich, mit Damenputz beſtaͤndig bepackt, wie der heilige Chriſt im Lande herum reite, und wo ich einen Geburts⸗ tag, oder etwas dem Aehnliches wittere, meinen Kram auspacke? Wenn Sie nach Hauſe kommen, werden Sie hoͤren, daß ich dort war, um Ihrem Herrn Vater das zu bringen, was ich ihm jetzt durch Ihren kleinen Borromaͤus geſchickt habe; man wird Ihnen erzahlen, daß ich, auf die mir von Ihrer alten Servaute gefaͤllig mitgetheilte Nachricht von Ihrem Geburtstage, und von deſſen Feier hier in Thereſienhayn, nicht gleich hier heraus, ſondern erſt in die Stadt zuruͤckritt; ich kann Ihnen, wenn Sie es verlangen, fuͤnf, ſechs Zeugen ſtellen, welche die Stunde und den Ort angeben koͤnnen, wann und wo ich mich in den Beſitz meines kleinen Angebin⸗ des geſetzt habe; ein Zwanzigſtel unſerer Reſidenz⸗ Bevoͤlkerung wird Ihnen meine Verſicherung be⸗ wahrheiten koͤnnen, daß ich auf Tod und Leben ge⸗ ritten bin, um den gluͤcklichen Augenblick, Sie zu ſehen, je eher je lieber zu erjagen, und ſtatt mir einen freundlichen Blick wenigſtens fuͤr den hals⸗ brecheriſchen Bogenſatz, den mein Brauner über: Clauren Schr. LXXVIII. 7 Schlagbaum in der Promenade machte, zu ſchenken, kraͤnken Sie mich mit der Vermuthung, daß mein Treiben und Jagen und all' meine Haſt und Eile einer Andern gegolten. Iſt das huͤbſch von Ihnen? — Meine reizende Luiſe, ich kenne keine Andere; ich habe, ſeit ich Sie geſehen, nur Sie im Herzen gehabt, und neben Ihnen hat darin keine Andere Platz.“ „Ueber den Schlagbaum/“„ fiel ihm Luiſe halb todt vor Schreck und Angſt in die Rede, denn, ob ſie gleich in ihrem ganzen Leben noch keine Liebes⸗ Erklärung gehort hatte, ſo klang ihr das, was Steinau, jetzt auf einmal aus ſeinem Scherz in Ernſt fallend, da von ſeinem Herzen, und von dem darin ihr allein beſtimmten Platz erzaͤhlte, doch ak⸗ kurat ſo, wie der feierliche Eingang zu einem voll⸗ ſtändigen Liebes⸗Antrag; ſie fluͤchtete ſich daher, um ihn nur von dem ſie bis zum Fieberſchreck uͤber⸗ raſchenden Kapitel ab, und das Geſpräch auf etwas anders zu bringen, zu dem Schlagbaum, hielt ſich, als male ſie ſich in Gedanken den gefährlichen Bo⸗ genſatz aus, die Hand vor die Augen, damit ſie jetzt nur nicht aufzuſehen brauchte, und wollte die Moöglichkeit, daß ein Pferd uͤber dieſen mannsho⸗ hen Schlagbaum wegſetzen köͤnne, blos um dem Ge⸗ ſpraͤch die gewuͤnſchte Wendung zu geben, in Zwei⸗ fel ziehen; allein Steinau, der ihre Abſicht wohl merkte, marſchirte im Sturmſchritt auf die uͤber⸗ rumpelte Feſtung los, und ruckte, da die Tirail⸗ leurs ſeines Scherzes die Feſtungsbeſatzung auf das Freie herauszulocken nicht vermoͤgend geweſen wa⸗ ren, mit dem ſchweren Geſchuͤtz des Ernſtes vor, ſprach von der Sehnſucht nach ihr, die ihm die ganze ken, nein Eile en? ere; rzen dere halb , ob ebes⸗ was ez in dem ch ak⸗ voll⸗ e, um uͤber⸗ etwas t ſich, n Bo⸗ iit ſie te die nsho⸗ m Ge⸗ Zwei⸗ wohl uͤber⸗ Tirail⸗ uf das en wa⸗ s vor, ganze — 27— Zeit das Herz bald abgedruͤckt habe, zog ſich mit der ewigen Zerſtreuung ſelbſt auf, die ihn aller Geſchafte unfaͤhig mache, erzaͤhlte von der Muͤhe, die er ſich deßhalb gegeben, ihr Bild aus ſeiner Seele zu ver⸗ draͤngen, ſchilderte ſeine Freude, daß ihm dies nicht gelungen, die Leere, die ihn uͤberall druͤcke, weil ſie ihm uͤberall fehle, und die Seligkeit dieſes Au⸗ genblicks, ſie endlich einmal wieder zu ſehen, und kam ſo unvermerkt auf das, was ihm fehle, und was ſie ihm ſeyn ſolle, und hatte die Frage ſchon auf der Zunge, ob—— aber Luiſe, die auf tau⸗ ſend gluͤhenden Nadelſpitzen ſtand, ließ ihn nicht ausreden, ſondern erinnerte in der Todesangſt ih⸗ res Herzens, mit ſichtlicher Befangenheit, daß die Eltern nicht wiſſen wuͤrden, wo ſie ſey, und daß ſie daher bitte, mit ihr zu ihnen zu gehen; ſie fuͤhlte, daß das eine recht kindiſche Art war, ſich aus der verfaͤnglichen Lage zu ziehen, in die ſie ſeine ſonderbare, immer ernſter werdende Rede verſetzt hatte; aber, und wenn es ihr das Leben haͤtte ko⸗ ſten ſollen, ſie haͤtte auf ſeine Frage nicht antwor⸗ ten können; ſie war ihr gar zu ſchnell, gar zu un⸗ erwartet gekommen. Sie wußte nicht, welchen himmliſchen Liebesreiz ihr dieſe mädchenhafte Verwirrung, dieſe jungfraͤu⸗ liche Furcht vor dem entſcheidenden Schritte verlieh. Sie brauchte eigentlich gar nicht zu antworten; der Karmin ihrer Wange, das ſtuͤrmiſche Wogen des ſchwellenden Buſens, der ſchuͤchterne Aufſchlag des ſpiegelkla. Feuer⸗Auges, ſprachen zu Steinau's Gunſten deutlicher, als das vom Schreck gelaͤhmte Zuͤnglein im kleinen Roſenmuͤndchen vermocht haͤtte. Höoͤchlich erfreut uͤber die Entdeckung, ſiel Stei⸗ 3* nau, den die ſuͤße Angſt des ſcheuen Maͤdchens un⸗ ausſprechlich gluͤcklich machte, in ſeine ſcherzhafte Lau⸗ ne zuruͤck, nahm ſich vor, das Maͤdchen fuͤr den Au⸗ genblick mit ſeinem ernſtern Worte nicht weiter in das Gedraͤnge zu bringen, und bat, um die Unter⸗ haltung nicht in das Stocken gerathen zu laſſen, das ſo leicht eintritt, wenn das Herz ſo voll iſt, und der Mund zu ſprechen ſich nicht getraut, Luiſen zu den Eltern begleiten zu duͤrfen;„vorher aber,“ ſetzte er hinzu,„muͤſſen wir unſer Geburtstags⸗Kind noch putzen; was von den Sachen hier nur drauf und dran geht, muͤſſen wir gleich anlegen, Papa und Mama ſollen dann gewiß Freude haben an ih⸗ rem Toͤchterlein.“ Dies ſogenannte Anputzen ward eine riskante Arbeit; von der haͤtte Musje Steinau lieber weg⸗ bleiben ſollen. Bei den niedlichen Armbaͤndern, die er in der Gegend der Handgelenke anlegte, flimmerte es ihm ſchon vor den Augen, als floͤgen ihm Millionen ro⸗ ſenrother Fuͤnkchen vor dem Geſichte herum. Die wunderſchoͤn geformte Hand— ſo zart, ſo alaba⸗ ſterweiß und klein war ihm, ſelbſt bei den jungen Damen der hoͤchſten Staͤnde, die er im Hauſe ſeines Miniſters geſehen, noch keine vorgekommen; ſie lag, waͤhrend die goldene Feſſel darum gelegt ward, ſo ruhig, ſo vertrauensvoll in der ſeinigen, und in jedem der vier roſigen Gruͤbchen, die er mit ſeinen Kuͤſſen bedeckte, vermeinte er den Honigſeim der ſüßeſten Liebeswonne zu finden; die Armſpangen brachten ihm das Blut bis zum Siedegrad. Was war dies fuͤr ein koͤſtlicher Oberarm! Wo er bei dem Anlegen der Spangen zufäͤllig hintippte, ſprang ihm er⸗ n, nd zu 77 nd nuf pa ih⸗ nte eg⸗ der hm ro⸗ Die ba⸗ gen nes ag, ſo in nen der gen Las dem ihm die jugendliche Friſche dieſes vollen ſchoͤnen Arms mit Federkraft entgegen; gegen den Handkuß— ei⸗ gentlich waren es ihrer achte geweſen, denn er hatte in jedes der vier Gruͤbchen einen Kuß gedruͤckt— hatte Luiſe nichts einwenden koͤnnen, und darum hatte ſie auch nichts eingewendet; jetzt, als er aus Ober⸗ und Unterarm einen ſtumpfen Winkel bildete, und in der weichen Schnee⸗Tiefe deſſelben das war⸗ me Fleckchen kuͤßte, wo die Pulsader liegt, da fuͤhlte Luiſe in der linken Bruſt ein unnennbares Wohl⸗ behagen; und haͤtte ſie das Syſtem gekannt, was vor langen tauſend Jahren Archigenes zu Apamea uͤber den Puls und uͤber das Stroͤmen der Blut⸗ wellen aus dem Herzen zu den Pulsadern aufgeſtellt hat, ſo wuͤrde ihr erklärlich geworden ſeyn, warum ſie gern litt, was ſie vom halb fremden Manne nicht haͤtte leiden ſollen. Halb fremd— nein, das war er ihr ja nicht. Er hatte ſich als Freund, als Fuͤrſprecher bewaͤhrt, und er war der allerein⸗ zige Menſch in der ganzen Welt, der ihr das Feſt ihrer Geburt auf eine ſo zartſinnige Weiſe verherr⸗ lichte, daß ſie beim Anblick der koͤſtlichen Sachen, die im Feiergolde des herbſtlichen Abendroths gar wunderſam funkelten, mehreremale waͤhnte, in ei⸗ nem Feenlande zu ſeyn; ſo lange ſie lebte, hatte⸗ ihr kein Menſch geſagt, daß ſie huͤbſch ſey; der junge Mann, der Steinau machte ein Weſens von ihr, und von ihrer Schoͤnheit und Anmuth, daß ſie faſt ſelbſt daran glaubte, und dabei hatte er ſo etwas Ehren⸗ feſtes, Zuverlaͤßiges in Wort und Miene, daß, wenn ihm auch zuweilen ein ſchalkhaftes Laͤcheln die Lippen umſpielte, man es ihm doch anſah, daß noch keine Luͤge uͤber ſie gegangen.— Aber— er ſtudirte — 30— das Pulsader⸗Syſtem des Archigenes doch faſt ein wenig zu lange, ſie entzog ihm daher, unter der Bemerkung, daß ſie ſich die Ohrringe ſelbſt einma⸗ chen wolle, den Arm, und fingerte, und fingerte, aber ſie konnte, blos an ihre einfachen alten Sclan⸗ genkoͤpfchen gewoͤhnt, mit den flimmernden neuen Ringen nicht fertig werden. Das ging indeſſen ſehr naturlich zu. Tauſend nie gekannte Gefuͤhle durch⸗ fieberten ihr Innerſtes. Wie beim jungſten Kinde ſchlugen alle ihre Pulſe, uber hundertmal in der Minute; ſie hatte eine fliegende Unruhe in allen Gliedern, und in den Händen ein leiſes Zittern, deſſen ſie platterdings nicht Herr werden konnte. Steinau hatte ſich unterdeſſen auch kein kleines Penſum aufgegeben; waͤhrend Luiſe oben den Ohr⸗ ſchmuck beſorgte, knieete er vor ihr, und ſchlang den außerſt zierlich gearbeiteten Filogran⸗Guͤrtel um ihre Huͤfte. Das war ein böſes Stück Arbeit. Auf eine ſolche ſchlanke Taille, die er faſt umſpannen zu köͤnnen vermeinte, war der Guͤrtel nicht einge⸗ richtet; die Schnalle mußte um ein Bedeutendes zuruͤckgeſchoben werden, und paßte erſt, als er den Guͤrtel vier⸗, fuͤnfmal angelegt hatte; aber das war auch leichter aeſagt, als gethan. Wenn er das him⸗ melſchöne Maädchen ſo dicht vor ſich ſtehen ſah, und er an ihm hinauf blickte, und das Engelsgeſichtchen zu ihm freundlich herablachelte, und er den knappen Guͤrtel muſternd anpaßte, und dieſer ſchmiegſam den ſchönen Koͤrper umſchloß, und die Prachtfuͤlle des Schwanenbuſens, und die Wellenformen des maleriſchen Faltenwurfs uͤber Schooß und Huͤften, markirend hervorhob— es war ihm ja immer, als fahre ihm ein elektriſcher Schlag nach dem andern unen unge⸗ ndes den war him⸗ und tchen appen gſam tfuͤlle n des ͤften, r, als ndern — 31— durch alle Nerven und Sehnen, und werfe ihm die Arme auseinander, daß er ſie ausbreiten muͤſſe, das reizende Kind zu umfangen, und ihm mit dem Laute der gluͤhendſten Sehnſucht zuzuliſpeln:„ſey mein.“ Luiſe mußte den Sturm gewahren, der in Stei⸗ nau's Bruſt verheerend drohte, denn, um ihn nur da unten weg, und wieder auf die Fuͤße zu brin⸗ gen, rief ſie ihn bei ihrer Arbeit zu Huͤlfe. Die Ringe, klagte ſie ihm lachend ihre Noth, waͤren gluͤcklich durch die Ohrloͤcher gebracht, aber der eine wollte, wie ſie ſich ausdruͤckte, nicht knappſen; ſie hielt bei den Worten mit beiden Patſchchen den Ring im rechten Ohr, und lachte ihm uͤber die un⸗ geſchickten Haͤnde, wie ſie ſie nannte, ſo freundlich in die Augen, und zeigte ihm dabei einen ſo ſchoͤ⸗ nen Mund voll blendend weißer Perlenzaͤhne, daß er— ja, von Sinnen haͤtte er vor Entzuͤcken und vor der Zaubermacht dieſes jungfraͤulichen Liebrei⸗ zes kommen moͤgen, aber er ſollte ja helfen den Ohrring einmachen. Das weiche Sammetlaͤppchen des kleinen Ohrs— war denn an dem Maͤdchen Alles gemacht, ihm das Blut auf den Siedepunkt zu bringen! Wahrend der Arbeit— die ſuͤße Pein haͤtte er ſeinem beſten Freunde nicht gegoͤnnt— betrachtete er ſich recht in der Naͤhe und con amore das wunderherrliche Pro⸗ fil des Madonnenkoͤpfchens, die feingeformten Au⸗ genbraunen, die langen Wimpern, das Pfirſichroth der bluͤhenden Wange, das ſich weiter hinab, nach Kinn und Hals zu, in das Weiß des blendendſten Marmors verlor, und die Schelmengruͤbchen in dem Mundwinkel, und ſenkte den Blick tiefer auf die 32 weiche, volle Lilien-Achſel, und auf— da knappste der Ring, oder, auf gut deutſch, das Schließhaͤkchen ging in das Schloß, und Luiſe ſagte halb heimlich, wie zu ſich ſelbſt, nun geſchwind das Diadem, und dann bin ich fertig. Sie wollte ſich den blitzenden Schmuck ſelbſt anlegen, aber ohne Spiegel ging das nicht. Steinau bat um die Liebe, ihm das Geſchaͤft zu uͤbertragen, und waͤhrend ſich Luiſe auf die Bank vor ihm niederließ, und mit ſchalkhaftem Blick fort⸗ waͤhrend zu ihm hinauf lugte, und in ihrer Scherz⸗ rede manchen Zweifel in ſeine Geſchicklichkeit halb laut werden ließ, weidete er ſich an der Seidenpracht dieſes ſeltenen Haares, an den tauſend Ringeln, die ſich ſpielend um ſeine Finger ſchlangen, an dem Glanze der weichen Locken, an der Vogelperſpektive, die er von oben herab auf das dicht unter ihm ſiz⸗ zende koͤſtlice Mäͤdchen hatte, und an der ihm ſelbſt neuen Kunſtfertigkeit, mit der er, trotz der geuͤbteſten Kammerfrau der erſten Fuͤrſtin Europa's, unter einem quasi hitzigen Fieberparoxismus, bei dem er kein Glied hatte ſtill halten koͤnnen, das ge⸗ ſchmackvolle Diadem aufgeſetzt und befeſtigt hatte. Das elegante Collter machte den Beſchluß; auch hier wollte er ſeine Dienſte anbieten; aber bei dem Blick auf den blendenden Schnee dieſes Lilienhalſes, die⸗ ſes Marmorbuſens, entſank ihm dazu der Muth, er⸗ ſtarb ihm auf der Lippe das Wort des Anerbietens. Luiſe, die hier ſeinen Beiſtand gefuͤrchtet haben mochte, hatte, waͤhrend er das Diadem befeſtigt, das Collier ſelbſt umgelegt, war damit, ehe er ſeine desfallſige Huͤlfsleiſtung antragen konnte, ſchon fer⸗ tig, und ſtand, von dem ſchoͤnen Shawl, den er — 33— ihr jetzt uͤber die Achſeln warf, umfloſſen, wie eine braͤutliche Koͤnigin vor dem Ueberſeligen. Sie be⸗ durfte keines Spiegels, ſie durfte ihm nur in die vor Freude rein verklaͤrten Augen, in das vom Ent⸗ zuͤcken der Liebe umſtrahlte Geſicht ſehen, um ſei⸗ nen oft und immer kraͤftiger wiederholten Be⸗ theuerungen, daß ſie ein vollendeter Engel von Schoͤnheit und Anmuth ſey, vollen Glauben zu ſchenken. Er hatte im Uebermaaße ſeiner Freude, daß ihr die Kleinigkeiten alle ſo viel Vergnuͤgen machten, und die Zaubermacht ihrer Reize ſo wirkſam erhoͤh⸗ ten, beide Arme, beſtimmt, ohne daß er ſich deſſen ſelbſt recht bewußt war, um das Maͤdchen geſchlungen, und dieſes hatte— zog der Jubel der Ueberraſchung, oder das Gefuͤhl des Dankes, oder die Allgewalt der erſten Liebe das holdſelige Kind an des jungen Mannes ſtürmiſch bewegte Bruſt— willenlos ſich ihm zugeneigt, und ihre keuſchen Blicke des ſchmach⸗ tenden Verlangens verſtanden ſich, und die Lippen ſchwellten einander entgegen, und kamen ſich ſo nahe, daß ein loſer Zephyr, der von lauen Herbſt⸗ luͤftchen getragen, heraneilte, um das reich ge⸗ ſchmuͤckte Maͤdchen zu kuͤſſen, kaum dazwiſchen durch⸗ ſchluͤpfen konnte, da ſprang Lohtſch, die luſtige Hum⸗ mel, in das Bosket, und erzaͤhlte des Vaters großes Gluͤck, und bat, zu Tiſch zu kommen, und den Herrn, der den Bruder Borromaͤus mit dem Schrei⸗ ben an den Vater abgefertiget, mitzubringen, und lief voraus, um Beider Ankunft zu verkuͤnden. Luiſe aber, als ſie hoͤrte, wie große Dinge der Allguͤtige, zu dem ſie in mancher ſtillen Kummernacht für den armen Vater gebetet, an ihnen gethan, — 54— mochte der Freudenthraͤnen, die, ſie wußte ſelbſt nicht recht warum, ſchon lange aus dem Herzen her⸗ auf gewollt hatten, nicht mehr wehren; ſie fuͤhlte— die reine Liebe ergruͤndet das tief Verborgenſte— ſie fuͤhlte, daß Steinau das Werkzeug geweſen war, deſſen ſich die Vorſehung zum Heile ihres Hauſes bedient hatte; ſie ahnete, ſie wußte auch wieder nicht recht warum, aber ſie ahnete mit der Sicherheit, mit der man gern glaubt, was man wuͤnſcht, daß Steinau, was er gethan, um ihretwillen mit ge⸗ than, und was vorhin die ſchuͤchterne Jungfrau zu geben halb ſtraͤubend zoͤgerte, das gewaͤhrte jetzt das dankbare Kind im frommen Wahne, dem wohl⸗ thatigen Begrunder ihres haͤuslichen Gluͤcks dies ſchwache Opfer der kindlichſten Liebe nicht verſagen zu duͤrfen. Schuldloſer, reiner, engelreiner iſt viel⸗ leicht kein Kuß in der Welt gegeben worden! Er war das Siegel eines Liebesbuͤndniſſes, das ohne Worte geſchloſſen ward, deſſen Kraft aber laͤnger dauern ſollte, als mancher, in Vater Auerſtaͤdts Verwahrſam befindlicher, zierlich auf Pergament ge⸗ ſchriebener, wohl verklauſulirter, und mit großen Siegelkapſeln behängter Staatsvertrag. 22. Nur wer die ſeligſte Freude des Menſchen, die Freude, Andere gluͤcklich zu machen, genoſſen, kann den Genuß ermeſſen, in dem Steinau dieſen Abend ſchwelgte. Jetzt erſt erkannte er die neidenswerthe Stelle, die das Geſchick den Großen der Erde, den Fuͤr⸗ ſten, und ihren erſten Stellvertretern angewieſen hat. Sie kamen ihm wie gebenedeiete Gottgeſandte vor, die vom himmliſchen Allerbarmer auserleſen wor⸗ den, das menſchliche Elend zu mildern, die Thraͤ⸗ — 35— nen des unverſchuldeten Leidens zu trocknen, und rundum Heil und Segen zu verbreiten; jetzt erſt, in dem traulichen Stuͤbchen des Thereſenhayner Gaſt⸗ hauſes, in der Mitte dieſer genügſamen dankbaren Menſchen, ward ihm unerklaͤrlich, wie die Gewalt⸗ haber der ruͤden Vorzeit ihr Vergnugen, ihre Er⸗ holungen, ſtatt ſie in dem ſuͤßen Geſchäͤfte des Wohlthuens und im Dankiubel ihrer Begluͤckten zu finden, auf Sauhetzen, in Trinkgelagen und in den Armen eigenſüchtiger Buhlerinnen hatten ſu⸗ chen koͤnnen, und jetzt erſt hob er, froh, in einem, auch in dieſer Hinſicht beſſern Zeitalter zu leben, das Glas, und leerte es mit inniger Herzlichkeit auf das vom uͤberglücklichen Matthaus ausgebrachte Wohl des Allerdurchlauchtigſten, und Sr. Excellenz des Herrn Miniſters. Wohl verſtand der neue Archivrath den wohlge⸗ meinten Strafblick, den ihm Mutter Auerſtädt zuwarf, und der ihn erinnern ſollte an Alles das, was er in ſeinem Unmuthe vor wenig Tagen noch uͤber den wackern Miniſter, und ſelbſt uͤber den lie⸗ benswuͤrdigen jungen Mann, den Herrn Hofrath Steinau, der, wie auch die Mutter richtig wähnte, an ihrem Gluͤcke offenbaren Antheil, und auf die reich beſchenkte Luiſe ein gewaltiges Auge zu haben ſchien, in das Blaue raiſonnirt hatte; und in ge⸗ ziemender Erwiederung ſtieß er, von der uͤberſchweng⸗ lichſten Freude berauſcht, freundlich mit der Alten an, ſagte bittend: Allen Süͤndern ſoll vergeben, und die Hölle nicht mehr ſeyn, und trank, umeder beſſern Hälfte ſeines Lebens ein Zeichen ſeiner huldigenden Aufmerkſamkeit zu geben, —— 56 die uralte, und doch immer neue Geſundheit: was wir lieben, da knallte der Narqueur mit dem Cham⸗ pagner in das Zimmer, nach dem Steinau den Hausknecht mit dem fluͤchtigen Braunen heimlich in die Stadt geſchickt hatte, und der Pfropfen flog in weitem Bogen, von der Decke dem kleinen Borro⸗ maͤus auf das Stumpfnaͤschen, und waͤhrend die Kinder ob des ihnen fremden Schaumſpektakels laut lachten, fuͤllte Steinau, nachdem er den Marqueur abzutreten geheißen, ſchnell die liliengeformten Glaͤ⸗ ſer, wiederholte mit lautem Freudenruf: was wir lieben, ſtieß mit Luiſen an, und bat ſie in Ge⸗ genwart der Eltern um das Jawort, und dieſe um ihre Einwilligung. „Halt,“ rief, waͤhrend die roſige Braut froͤhlich weinend aus Steinau's Armen an das treue Mut⸗ terherz ſank, Matthaͤus in luſtiger Weinlaune: „uͤberrumpelt mich nicht, Kinder; heute Abend wird mir des Gluͤckes zu viel; die Zulage, der Archivrath, der dienſtfreie Nachmittag in Gottes ſchoͤner Luft, der trauliche Abend, Frau und Kinder, Alles ge⸗ ſund und vergnuͤgt um mich, und nun die reichen prachtvollen Geſchenke, und jetzt gar der ehrende Antrag unſers liebwertheſten Herrn Hofraths, der die Tochter im Range uͤber die Mutter erheben wuͤr⸗ de— und das Alles mit Einemmale, Schlag auf Schlag, auf den ungewohnten Wuüͤrzburger, beim ſchäumenden Champagner, heute— heute an ih⸗ rem Geburtsfeſte!— Laßt mir Zeit, laßt mir Ruhe, laßt mich zu mir ſelber kommen! mein alter Kopf faßt das nicht Alles. Ueber ſo etwas muß man ſich doch erſt mit der Mutter berathen, und ehe wir wei⸗ ter in der Sache verhandeln, habe ich noch,“ ſetzte er gar ſ hoͤhnt was ham⸗ den ich in 8g in orro⸗ d die Zlaut ueur Glaͤ⸗ wir Ge⸗ e um oͤhlich Mut⸗ aune: wird prath, Luft, es ge⸗ Lichen rende „ der wuͤr⸗ g auf beim un ih⸗ Ruhe, Kopf n ſich r wei⸗ tzte er — 37— mit einer Art Niederſchlag, befangen hinzu,„ein vernuͤnftiges Wort mit Ihnen, verehrteſter Herr Hofrath, zu ſprechen, ein— ſehr gewichtiges Wort, und darum wollen wir bis dahin Alle zuſammen thun, als ob nichts in der Sache vorgefallen waͤre, damit wir uns keiner Uebereilung ſchuldig machen, und freie Hand behalten, und thun koͤnnen, was wir wollen; ich habe— er langte ſich mit Braͤuti⸗ gams⸗Zartheit die Hand ſeiner Alten, und legte ſie ſich auf das ehrliche Herz— ich habe um die Mut⸗ ter drei Jahre gefreit, und alſo—„Liebes Vaͤter⸗ chen,“ fiel ihm von der Erwaͤhnung der drei Jahre heimlich erſchreckt, Luiſe bittend in das Wort, und Steinau zog das zauberſuͤße Kind mit dem wonnig⸗ ſten Entzuͤcken an ſeine freudetrunkene Bruſt, denn ſie hatte ihm in der naiven Bitte, dieſen ewig lan⸗ gen Termin ein wenig abzukuͤrzen, ihre Gegenliebe auf die verſchaͤmteſte Weiſe geſtanden. „Drei Jahre,“ verſetzte Matthaͤus lachend,„brau⸗ chen es nun juſt nicht zu ſeyn, aber drei Tage, Kin⸗ derchen, werdet Ihr wohl warten können.“ „Den heutigen mitgerechnet,“ erinnerte Luiſe, und die Eltern lachten uͤber des naſeweiſen Kindes dringende Eile; Steinau aber umſchlang es, und druͤckte ihm im Voraus den Verlobungskuß auf die friſchen Lippen. „Wie das Alles ſich ſo ſonderbar fuͤgt,“ hob Matthaͤus mit einer Art Selbſtverweiſes an:„Neu⸗ lich, als mir die Sorge um das liebe Brod die Seele verduſterte, und Lohtſch betete: Komm Herr Jeſu, und ſey unſer Gaſt, da durchſchnitt mir ein gar ſeltſames Gefuͤhl die Seele; es war mir, als höhnte das Kind in ſeiner Unſchuld, Gott den Herrn, — 33— und mich ſeinen eigenen Vater, daß es in ſeinem Gebete Jeſum unſern Heiland an eine Tafel laden ſolle, die nur die bitterſte Armuth, und die gram⸗ vollſte Sorge gedeckt hatten!— Und jetzt— Mut⸗ ter, auch wenn ich todt bin, laß die Kinder das alte fromme Tiſchgebet immer beten; ja, er hat in ſei⸗ ner unerſchoͤpflichen Guͤte geſegnet, was er beſcheret hat; wir ſitzen hier in Ehre und Ueberfluß, und der Hoffnung freundlicher Stern hellt uns die dunkle Zukunft auf; und Luiſens fleckenloſe Tugend ſoll ſchon hienieden ihren Lohn finden. Das Alles iſt des Herrn Werk. Er hat des Kindes frommes Bitten nicht verſchmaͤht; er iſt unſer Gaſt geweſen, denn wo gute Menſchen in reiner Liebe froͤhlich beiſam⸗ men ſind, da iſt er immer mitten unter ihnen.— An jenem Schmerzens⸗Mittage hatte ich Muͤhe, die Thränen zuruͤckzuhalten, die mir der Ueberblick mei⸗ ner Lage auspreßte;— dem unſeligen Tage, an dem Du, meine Luiſe, das Licht der Welt erblickteſt, ſind Millionen Thraͤnen nachgeweint worden, und ſo wie dieſe jetzt der Herr der Koͤnige verwandelt hat in lauten Sieges⸗ und Friedens⸗Jubel von mehr denn hundert Millionen Menſchen, ſo hat er auch mein Leid in Freude gewandelt. Vertraut auf ihn, Kin⸗ der, all' Eure Tage, er macht es mit uns immer am beſten. Koͤnnt' ich Euch Alles ſagen, was mir in dieſem Augenblicke durch Herz und Sinn geht, wenn ich Dich, meine Luiſe, heute, heute, in dem braͤutlichen Feſtſchmucke ſehe, und— er warf einen bedeutſamen, wehmuͤthig lächelnden Blick auf Mutter Auerſtaͤdt— wie mir des Heilandes ſchoͤner Spruch: Wahrlich ich ſage euch, was ihr gethan habt einem unter dieſen meinen geringſten Bruͤ⸗ inem aden ram⸗ Mut⸗ alte n ſei⸗ cheret d der unkle d ſoll ſt des zitten denn iſam⸗ n.— e, die kmei⸗ n dem „ ſind ſo wie dat in denn mein Kin⸗ mmer s mir geht, n dem einen k auf ſchoͤner gethan Bruͤ⸗ — 39— dern, das habt ihr mir gethan, klar wird, wenn ich an all' die tauſend Sorgen und Muͤhen denke, die meine Alte um Deinetwillen, Herzenskind, gehabt hat, Ihr wuͤrdet Alle niederfallen auf Eure Kniee, und anbeten Gott unſern Herrn, der an uns Gro⸗ ßes gethan. O, wie iſt mir die Bruſt ſo weit und ſo voll; ja, ich, ich kann verkuͤnden Gottes Allbarm⸗ herzigkeit und ſeine wunderbare Allmacht.— Laſſet uns das Mahl aufheben, das uns leiblich und gei— ſtig geſtaͤrkt hat; bete Lottchen.“ Und er breitete die Arme aus, und ſchloß Steinau und Luiſen an ſeine, unter der Laſt ſeines Geheimniſſes faſt zer⸗ ſpringende Bruſt. Ohne daß er es ſelbſt recht wußte, legte er auf Beider Haupt ſeine ſegnenden Haͤnde; Lottchen aber faltete die ihrigen und betete: Dan⸗ ket dem Herrn, denn er iſt freundlich, und ſeine Guͤte waͤhret ewiglich, Amen. Und ſo war das Lie⸗ besmahl geſchloſſen, und Vater Auerſtaͤdt trieb jetzt nach Hauſe, denn es war ſpaͤt geworden, und ſein diesmaliges Ausſchrammen von dem Geleiſe des täg⸗ lichen Einerlei, wie er ſein heutiges langes Auf⸗ bleiben naunte, ein Exempel ohne Beiſpiel. Steinau's heimliche Hoffnung, mit Luiſen Arm in Arm bei der lauwarmen Herbſtnacht nach Hauſe zu wandern, war, im engſten Verſtande des Worts, zu Waſſer geworden. Der Himmel hatte ſich umzo⸗ gen, es ging naß nieder, und ſeine Aufmerkſamkeit, einen Wagen aus der Stadt kommen zu laſſen, ward daher mit einſtimmigem Dank angenommen. Füͤr die juͤngern Kinder, die in threm Leben noch in keiner Kutſche geſeſſen, eine neue Ueberraſchung, durch welche der von ihnen uͤber alle Beſchreibung ge⸗ liebte Steinau noch hoͤher im Preiſe ſtieg. — 40— Borromaͤus, ein klein wenig bechampagnert, hatte ſich, vom Sandmanne arg geplagt, unter oft wie⸗ derholter Erkläͤrung, daß er gar nicht ſchlaͤfrig ſey, ſchon bei Tiſche das kleine Stumpfnäschen gerie⸗ ben; jetzt ſchloß er auf Luiſens weichem Schooße, eingeſchaukelt vom wiegenden Wagen, die vom Wei⸗ ne und Schlafe vergläſerten Aeuglein, ſchmiegte ſich in des ſchoͤnen Maͤdchens umfangende Arme, und ſchlummerte in zwei Minuten ein; dieſen ausge⸗ nommen, ertoͤnte im uͤbervollen Wagen aus Aller Munde einſtimmig Steinau's Lob; nur Luiſe konnte nicht mitſprechen. Sie ſah unverwandten Auges auf den Geliebten, der nebenher ritt, und mit dem Braunen, der gern fort nach Hauſe wollte, und der mit den etwas langſamer trabenden Kutſchpferden gleichen Schritt halten ſollte, und darum unter lau⸗ tem Schnauben und Brauſen alle Augenblicke weite Bogenſätze in die ſchwarze Nacbt hinaus machte, ſo viel Arbeit hatte, daß er mit ihr faſt kein Wort reden konnte. Den Gutenachtkuß aber, als er ſie, vor ihrem kleinen freundlichen Hauſe gluͤcklich angelangt, aus dem Wagen hob, ließ er ſich nicht nehmen, und er holte ſich heimlich noch einen, und dann noch einen, denn Vater und Mutter zaͤhlten wohl auch, nicht aber ſeine Kuͤſſe, ſondern ihre kleinen Ran⸗ gen, die wie Kraut und Ruͤben durcheinander im Wagen lagen, und nach und nach Alle eingeſchlafen waren, denn ſie hatten ſich den ganzen Nachmittag tuͤchtig herumgetummelt, und hatten des ungewohn⸗ ten Weins getrunken, und waren, wo nicht trun⸗ ken, doch, wie Matthaͤus ſcherzweiſe es nannte, halb ſieben geworden, und blinzelten nun in das Licht, das ihnen die alte Ancilla vor die Naſe hielt, wie neugeborne Huͤndlein. atte vie⸗ ſey, rie⸗ bße, Zei⸗ ſich und zge⸗ lller ante auf dem der den lau⸗ heite , ſo Vort vor ngt, und noch auch, Ran⸗ r im lafen ittag vohn⸗ trun⸗ halb Licht, „wie — 11— 23. Luiſe hatte vor den hunderttauſend Dingen, die ſie alle zu durchdenken gehabt, die ganze Nacht faſt kein Auge zugethan; erſt gegen Morgen hatte der Gott der ſuͤßeſten Traͤume ihr einigen Schlummer geſchenkt, und ſie ſchlief ſo ſanft, daß es die Mut⸗ ter nicht uͤber das Herz bringen konnte, das braͤut⸗ liche Mäͤdchen zur gewoͤhnlichen Stunde zu wecken; aber Lohtſch, der ein reitender Haſtbote einen Brief, auf dem groß geſchrieben ſtand: Buhr Demoiselle Louise Auerstädt, ziehto, ziehtissime, eingehaͤndigt hatte, platzte in Luiſens Kaͤmmerlein, und weckte die Langſchlaͤferin mit dem Freudenſchrei:„ein Bil⸗ letdoux von Steinau, der Postillon d'amour wartet auf Antwort. Noch halb ſchlaftrunken ſtreckte Luiſe aus dem Bette die warmen Alabaſterarme verlangend nach dem Briefe, druͤckte ihn unter der Oecke freudig an ihr Herz, ſteckte das Koͤpfchen, daß Lohtſch uͤber ihre kleine Abgöͤtterei nicht lache, auch unter die lau⸗ ſchige Decke, zog den Brief an die Lippen und ſagte ganz leiſe:„guten Morgen, mein lieber Freund, mein lieber, lieber Steinau,“ kam mit dem Geſicht⸗ chen wieder zum Vorſchein, erbrach das Schreiben, und las heimlich: „Bong Schuhr mon amie!“ „Du ſahſt geſtern in dem Tiadehm wahrhaftig „wie eine komhiette Braut aus. Vermuthlich ein „Geburtstagspräſent von Papa'n, wenigſtens ſag⸗ „te Dein Papa, als er einmal an unſern Tiſch kam, „daß Deiner ſep; aber Aperboh, wer war denn „der junge Hertz der mit Dir aus der Allee kam? LXXVYIII. 4 — 42— „Ei, ei, nicht uͤbel! ein ſcharmanter netter Mann, „mit recht nobelm Aeußern, und haſt Du ſeine „Halsbinde bemerkt? Allerliebſt umgebunden; „Poͤllerinski muß das auch ſo machen lernen; es „ſtand ihm gar zu niedlich, naͤmlich dem jungen „Fremden, wer war es denn, wenn man fragen „darf? Faſt war ich, laß mich es offenherzig ge⸗ „ſtehen, ein wenig ſchalluh auf Dich geworden; „Pöllerinski war ganz weg⸗ als er Dich ſah. „„Mein Gott, liebſter Lieutenant,“,“ ſagte ich „zu ihm,„„Sie ſind ja ganz aus dem Haus⸗ „chen; Sie thun ia, als ob Sie die Auerſtaͤdt in „Ihrem ganzen Leben zum allererſtenmal ſaͤhen. „Ein Artilleriſt muß mehr Kondenangſe haben.““ „„Auf Ehre, auf Ehre, ein pomboͤſes Maͤd⸗ „chen, die Auerſtaͤdt,““ ſagte er, und zupfte ſich „die ſogenannten Vatermoͤrder, oder wie ſie die „weißen, ſteifgeſtaͤrkten Kragenhaͤlſe nennen, aus „der Halsbinde;„„haben Sie das Tiadehm ge⸗ „ſehen? Tauſend Sapperment, auf Ehre, auf „Ehre, Fuͤrſtlich, Kaiſerlich ſtand dem Maͤdchen „das kronenartige Geſchmeide.““ „„O ſo eins habe ich auch,““ ſagte ich in der „Empfindlichkeit meines beleidigten Herzens et⸗ „was ſpitzig, denn, ich kann's nicht laͤugnen, es „ſchakrinirte mich, daß er ſo raſend viel Aufhe⸗ „bens davon machte.„„So eins haben Sie „auch?““ ſagte er ſehr fidelemang.„„Engel, „das muß Ihnen göttlich ſtehen; auf Ehre, auf „Ehre, ganz goͤttlich. Thun Sie mir die einzige „Liebe, und machen Sie's morgen, als heute, auf „der Schmalinker Kirmes ein;““ wir ſind naͤm⸗ „lich heute bei Oberamtmanns in Schmalinken 8 ͤͤ=ͤTV ann, eine den; 2(5 igen agen 3 ge⸗ den; ſah. e ich dus⸗ dt in ahen. 1. Maͤd⸗ e ſich ee die „aus im ge⸗ auf dchen in der ns et⸗ n, es Aufhe⸗ n Sie Engel, 2, auf einzige te, auf naͤm⸗ alinken — 43— „zur Kirmes, und er, als wie Poͤllerinski auch, „denn Oberamtmanns Sulilkorma iſt auf ihn ganz „verſeſſen, und wenn bei ihnen nur irgend was „los iſt, muß Poͤllerinski allemal dabei ſeyn.“ „Da ich nun einmal in der uͤbereilenden Scherz⸗ „haftigkeit eine Nothluͤge gemacht habe, mußt Du „mich ſchon aus der Patſche heraushelfen. Ich „wollte Dir es geſtern gleich ſagen, aber Du warſt „weg, wie Schnupftabak, und nachher höͤrte ich, „daß Ihr aͤßet, da wollte ich nicht herauf gehen. „Ihr muͤßt erſchrecklich lange getafelt haben, denn „wir fuhren ſehr ſpaͤt zu Hauſe, aber ihr ſaßt „immer noch und klebſtet bei Tiſche; alſo bitte ich „Dich, herzliebſter Schnirps, und ſchicke mir das „Tiadehm, morgen fruͤh haſt Du es unverſehrt „wieder; ſag' es aber Keinem, hoͤrſt Du, Nie⸗ „mand, daß Du mir es geborgt haſt; das braucht „ja keins zu wiſſen, weil es Niemand was an⸗ „geht, und mir Niemand doch was dazu gibt. „Ich lache mich ſchon im voraus halb ſcheckig, „wenn ich denke, was die langnaͤſige Mamſell Su⸗ „lilkorma fuͤr Augen machen wird, und bei Poͤl⸗ „lerinski'n kann es vielleicht mir zu meinem Gluͤ⸗ „icke gereichen Zeitlebens; alſo, gute Seele, ſchicke es Deiner Dich zaͤrtlich liebenden Freundin Groß⸗Wimmern, Priscille, den 15. Oct. verwittwete Schmatzihn. 18²24. 24. Luiſe ſtand, recht verdruͤßlich, in ihren ſchönen Traͤumen auf ſo alberne Weiſe geſtoͤrt worden zu ſeyn, und ſtatt des perheißenen Steinau'ſchen Bil⸗ 4 lets, Priſcillens einfaͤltigen Brief erbrochen zu ha⸗ ben, auf, und ſchwankte lange, ob ſie dem etwas indelkaten Verlangen der jungen Näaͤrrin genuͤgen ſollte; indeſſen fiel ihr ein, mit welcher Theil⸗ nahme Priſcille vor dem Jahre, als die kleine Lohtſch das Scharlachfieber gehabt, gekommen, und, weil Luiſe bei dem Kinde ſchon drei Naͤchte gewacht, und darum vielleicht eiwas blaß und angegriffen ausge⸗ ſehen, ihr die vierte Nachtwache abgenommen, und wie ſie ihrem Liebling, dem Borromaus, vorige Weihnachten ein koͤſtliches Schaukelpferd ſammt Sat⸗ tel und Zeug geſchenkt, und wie ſie uüͤberhaupt, wo ſie Freude machen, oder kleinen Beduͤrfniſſen ab⸗ helfen koͤnne, mit ſich immer gleicher Gutmuͤthig⸗ keit bereitwillig da ſey; da fuͤhlte ſie, ihr die Bitte nicht abſchlagen zu koͤnnen, und ſandte ihr das Ge⸗ wuͤnſchte. Sie eilte nun zum Fruͤhſtuͤck; der Vater, ſchon angekleidet, um Sr. Excellenz und den Herren Vor⸗ geſetzten ſeine Archivraths⸗Viſite zu machen, und ſich fuͤr die gnaͤdigſt bewilligte Zulage zu bedanken, kuͤßte ihr freundlich die Stirn, ſah ſie mit bedeutſamem Blicke an, legte ihr, als ſie anfangen wollte, zu erzaͤhlen, wie himmliſch ſie von dem geſtrigen Abend, und von Steinau getraͤumt, den Finger auf den Roſenmund, und ſagte mit faſt wehmuthigem Tone: „Vergiß nicht, um was ich Dich geſtern gebeten. Bis morgen Abend denke an die ganze Sache mit keinem Gedanken, thue, als ob kein Herr Hofrath Steinau in der Welt waͤre. In dieſem Augenblicke wird Dein Schickſal entſchieden. Sey ganz ruhig, das Loos falle, wie es wolle, Du biſt,“ ſetzte er lei⸗ ſer hinzu, und die Stimme brach ihm, daß es faſt & 2 α. ö—————— u ha⸗ etwas nuͤgen Theil⸗ ohtſch weil und usge⸗ „ und vorige t Sat⸗ t, wo en ab⸗ üͤthig⸗ Bitte s Ge⸗ ſchon Vor⸗ nd ſich kuͤßte ſamem te, zu Abend, uf den Tone: ebeten. he mit vofrath enblicke ruhig, er lei⸗ es faſt — 45— klang, als komme ihm das Weinen nahe,„Du biſt, wenn Deine Hoffnungen unerfuͤllt bleiben, darau nicht Schuld; ich auch nicht, und die Mutter auch nicht.“ Bei dieſen Worten klopfte er dem Maͤd⸗ chen, das ſeine raͤthſelhaften Worte nicht verſtand, und ihm mit verhaltenem Athemzuge in das Geſicht ſah, als ob es da leſen wolle, was ihm des Vaters Mund in Hieroglyphen ſprach, auf die Wangen, beſah ſich den neuen Archivrath im alten Spiegel, zupfte ſich die Weſtenſchoͤße und den Jabot zurecht, und ging, den Kopf voller Dankſagungs⸗Kompli⸗ mente, und das Herz mit der Sorge um des Kin⸗ des Wohl beſchwert, ſchweigend ſeines Weges. Die Mutter— beſtimmt wußte die Alles; der Vater— er hatte ja ſeine kleinen Eigenheiten, war immer bedenklich, und ſah Schwierigkeiten, wo keine waren; die Mutter hatte einen freiern Blick, ſah die Sache immer mit klarem Auge an, und hatte daus, was dem Vater nicht viel leichter vor⸗ kam, als Berge verſetzen, gewoͤhnlich ſchon bewirkt, wenn der Vater ſich erſt uͤberlegte, ob er zum Rie⸗ ſenwerk den Anlauf nehmen ſollte. Zu ihr eilte Luiſe. Sie ſtand im Kreiſe der auf der Erde um ſte herum liegenden Waͤſche und Kleidungsſtuͤcke, welche die Kinder geſtern angehabt hatten; da war auch nicht eins ohne Loͤcher oder Flecke. Sie ſchuͤt⸗ tete, die Thuͤr, zu der Luiſe herein trat, im Rüͤ⸗ cken, ihren hausfraulichen Unmuth uͤber die kleinen wilden Rangen, die doch geſtern auch gar zu ſehr getollt haͤtten, und nicht wuͤßten, wie ſauer es Va⸗ ter und Mutter werde, an die Stelle des Abgan⸗ gigen etwas Neues gleich wieder anzuſchaffen, ge⸗ gen Agnuſchka, die alte treue Magd, gus, meinte, — 46— Borromaͤi kleine, von oben bis unten zerflederte Höoͤschen vor ſich ausbreitend, daß es vom lieben Herr Gott recht hart ſey, der Mutter eines be⸗ ſchraͤnkten Hausſtandes, die der frohen Tage ohne⸗ hin ſo wenig habe, wenn ſie denn endlich einmal einen genoſſen, ſo viel Herzeleid gleich hinterdrein zu ſchicken, und degradirte fuͤr das Erſte den wil⸗ den Unband, den Borromaͤus, zum Sanskuͤlotten. „Guten Morgen, geſtrenge Frau Archivraͤthin,“ ſagte Luiſe hervortretend, und zwang ſich, um Muͤt⸗ terchen wieder gut zu machen, zum harmloſen Ge⸗ ſichte, und entſchuldigte ihr langes Schlafen mit dem Anfuͤhren, daß ſie erſt ſpaͤt gegen Morgen ein⸗ geſchlummert ſey. Die Mutter hatte— das war bei der feſten, durch langjaͤhrige Lebenskaͤmpfe ge⸗ ſtählten Frau, etwas ſehr Seltenes— die Mutter hatte verweinte Augen! Auf einen ſo froͤhlichen, in jeder Hinſicht ſo gluͤcklichen Abend, einen ſo truͤ⸗ ben Morgen!! Zwiſchen den Eltern konnte nichts vorgefallen ſeyn; Beide waren nicht miß⸗ ſondern mehr weich geſtimmt. Sollte das, was der Vater vorhin in dunkeln Worten geſprochen, mit den Thraͤnen der Mutter im Zuſammenhang ſtehen? Luiſe ſuchte die, in der Regel immer bald vor⸗ uͤbergehende uͤbele Laune, von der ſich die Mutter bei der Muſterung der geſtrigen Geburtstags⸗Ko⸗ ſtuͤmes hatte uͤberwallen laſſen, durch die Verſiche⸗ rung, die Kleinigkeiten ungeſäumt wieder in Ord⸗ nung bringen zu wollen, zu beſchwichtigen, und brachte, als Agnuſchka mit der Kinder⸗ Garderobe abgegangen war, das Geſpraͤch auf des Vaters recht leicht hingeworfene, aber wahrhaftig ſchwer, la ge⸗ rte en be⸗ ne⸗ nal ein vil⸗ n. n,“ ut⸗ Ge⸗ mit ein⸗ war ge⸗ tter hen, truͤ⸗ allen veich n in der — 47— radezu unmoͤglich ausfuͤhrbare Ordre, zu thun, als ob Steinau gar nicht in der Welt ſey, und bis mor⸗ gen an ihn und an die ganze Sache gar nicht zu den⸗ ken, und auf das, was er von der Entſcheidung ihres Schickſals in dieſem Augenblicke geſagt, und auf das, was er von ſeiner und der Mutter Schuld⸗ loſigkeit an dem eventuellen Scheitern ihrer Hoff⸗ nungen geſagt hatte, und glaubte, daß hierauf die Mutter mit ihrem gewoͤhnlichen Signalſchuß:„So ſind die Maͤnner,“ odet„Du kennſt ja den Vater, Du weißt ja, wie er iſt,“ die Reihe der Verſiche⸗ rungen eroͤffnen werde, daß Luiſe ſich nicht bange machen laſſen ſolle, daß der Vater immer die Muͤcke fuͤr den Elephanten anſehe, daß Alles in das rechte Geleis kommen werde, und wie dergleichen Troſt⸗ ſpruͤche ſonſt gewoͤhnlich hießen; allein die Mutter ſchwieg diesmal; ſie umfaßte Luiſen, nannte ſie ihr gutes liebes Kind, herzte und ſtreichelte ſie mit freundlicher Wehmuth, empfahl ihr, ſich bis mor⸗ gen Abend zu gedulden, wo Steinau ſich wahrſchein⸗ lich naͤher erklären werde, und bat mit eindringli⸗ chen Worten, ſich auf den Fall gefaßt zu machen, daß Steinau entweder gar nicht antworte, oder ſei⸗ nen geſtrigen Antrag fuͤr ungeſchehen anzuſehen bitte.„Halte ihn darum,“ ſchloß die Mutter ſich fuͤr ihn verwendend,„nicht fuͤr wankelmuͤthig in ſeinen Entſchluͤſſen, nicht fuͤr inconſequent; die Lage der Umſtaͤnde entſchuldigt hier Vieles. Er kann, auch wenn er zuruͤcktritt, doch ein rechtlicher, reeller Mann ſeyn. Wir wollen, wir duͤrfen ihn nicht rich⸗ ten; denn er kann Rüuͤckſicht nehmen muͤſſen, die wir nicht kennen. Faſſe alſo feſten Muth, meine liebe Luiſe, mein trautes Herzenskind. Denke lie⸗ — 43— ber— der Vater hat freilich Schweres, aber wahr⸗ haftig das Beſte gerathen— denke lieber, der ganze geſtrige Vorfall ſey ein Traum geweſen, ein Traum, der vielleicht, der wahrſcheinlich nie in Erfuͤllung gehen werde.“ 3 „Nie in Erfuͤllung?“ wiederholte Luiſe ſchmerz⸗ lich, und wollte ſich zwingen, in der Eltern Anſich⸗ ten einzugehen; aber ſie vermochte es nicht. Steinau — ſie hing mit felſenfeſtem Glauben an ihm; er war viel zu ernſt, viel zu gediegen, als daß er ſein geſtern mit ſo inniger Herzlichkeit gegebenes Wort zuruͤcknehmen konnte; und warum ſollte er es auch? Hatte ihn doch Niemand uberredet, hatte er ihr doch aus freiem Willen ſeine Liebe angetragen, und hatte ſie doch ſeit geſtern nichts gethan, wodurch ſie ſich dieſe verſcherzt haͤtte. „Nie in Erfuͤllung!“ ſagte ſie jetzt mit mitleidi⸗ gem Laͤcheln uͤber der Eltern unbegruͤndete Zweifel in Steinau's Liebe, und je mehr ſie den ganzen lan⸗ gen Tag im Geheimen an nichts dachte, als an ihn, gewann ihr Glaube, ihre Zuverſicht immer mehr Stärke; ſie hatte ſich anfaͤnglich das Köpfchen zer⸗ brochen, was der Vater und die Mutter mit ihren unaufloͤslichen Raͤthſeln eigentlich gewollt hatten; jetzt gewann ſie die himmliſche Gabe der jugendli⸗ chen Schuldloſigkeit, ihren leichten Sinn wieder. Mochte es doch ſeyn, was es wollte, es konnte auf ſie und Steinau keinen Einfluß haben; es konnte nicht. Aber ſie begnugte ſich jetzt nicht, im Tiefſten ihres Innern den Frieden ihres Gemuͤths wieder er⸗ obert zu haben; ſie wollte ihrer Umgebung auchzei⸗ gen, daß ſie ihre aͤngſtlichen Zweifel beſiegt habe; ſie war, zur großen Verwunderung der Eltern, de⸗ ner ſch ihr ter lich lau ſie ihr denr He der zen gen kein Be ſie ihr te i in unr den ſchl die Sch 2, 2 Cla dahr⸗ anze aum, lung nerz⸗ nſich⸗ inau 3; er ſein Wort nuch? rdoch hatte e ſich leidi⸗ veifel a lan⸗ Nnihn, mehr 1 zer⸗ ihren atten; endli⸗ jeder. te auf ponnte iefſten der er⸗ ich zei⸗ habe; n, de⸗ nen fuͤr Luiſens Betragen bis zum Abende der Ent⸗ ſcheidung gebangt hatte, ſtill froͤhlich, verrichtete ihre kleinen haͤuslichen Berufsgeſchaͤfte mit gewohn⸗ ter Ordnung und Puͤnktlichkeit, und ließ ihre heim⸗ liche Klage uͤber den Schneckengang der Zeit nicht laut werden. So kam endlich der Abend heran, und ſie dankte ihrem Herr Gott, als der Waͤchter vor ihrem kleinen Hauſe die zehnte Stunde abbruͤllte, denn der Ruf ſeines Horns brachte ihr nach altem Herkommen die Erlaubniß, die fleißige Nadel aus der Hand zu legen und in ihr Kaͤmmerlein zu gehen. Der Verabredung der Eltern gemaͤß war den gan⸗ zen ewig langen Tag von Steinau und von der geſtri⸗ gen Geſchichte, ſo weit ſie auf ihn Bezug hatte, kein Sterbenswort gefallen. Jetzt, im huſchigen Bettchen, holte ſie das Verſaͤumte getreulich nach; ſie ſprach halb laut mit ihm; ſie war gewiß, daß er ihrer in dieſem Augenblicke auch gedenke; ſie wuͤnſch⸗ te ihm einen vergnügten guten Abend, und koſ'te in fuͤßer Liebe mit ihm, bis ihr der Schlummer unvermerkt und allmaͤhlig,— wie er, ſeinem Bruder, dem Tode aͤhnlich, die Menſchen ja immer be⸗ ſchleicht,— die muͤden Augenlieder ſchloß. 25. Das Erſte, was ihr am folgenden Morgen in die Haͤnde fiel, war wieder ein Billet von Madame Schmatzihn; ſie ſchrieb: „Engliſche Seele.“ „Mit Deinem Tiadehm, das ich Dir hierne⸗ „ben wieder zuruͤckſchicke, habe ich geſtern ordent⸗ „lich Pfuirohreh gemacht. Pollerinski gerieth dar⸗ „uüber in komblette Eckſtahſe, aber ich kann nicht Clauren Schr. L.XXVIII. 5 — 50— „laͤugnen, daß ich ihn etwas den Abend nekli⸗ „ſchuͤrte, denn es waren ganz andere Leute da, „die mir die Kuhr machten, und das auf eine „ſo Ekellatante Weiſe, daß man heute gewiß in „der ganzen Stadt davon ſprechen wird; ich kann „aber wahrhaftig nicht dafuͤr, ſondern wenn zwi⸗ „ſchen mir und Poͤllerinski ein Malloͤhr, ein Bruch „entſteht, ſo iſt einzig und allein Dein Tiadehm „daran Schuld; ich danke Dir daher recht ſehr da⸗ „fuͤr, und bin Deine aufrichtige Freundin Priscille, verwittwete Schmatzihn. „Es iſt kein Schaden daran geſchehen, denn ich „habe mich ſehr in Acht genommen. Kann ich „Dir wieder einmal gefaͤllig ſeyn, ſo tisboniere „nach Gefallen uͤber mich. Liebſt Du Mispeln, ſo „ſchicke zu uns, wir haben ſie dies Jahr in ſolcher „Ahbongtanz, daß wir nicht wiſſen, wo mit hin.“ 26. Zwei Stunden ſpaͤter kam Lohtſch mit ganz ver⸗ ſtörtem Geſichte aus der Schule. Sonſt die Ord⸗ nung ſelber, warf ſie heute Buͤcher, Rechentafel und Vorſchriften, Alles bunt durcheinander, auf den Tiſch, ließ Strickbeutel, Handſchuh, Federn und Taſchentuch dabei liegen, und wollte, das Pennal in der Hand, fort, wieder zur Thuͤr hinaus. Doch die Mutter ſchalt ſie tuͤchtig aus, befahl, Alles an Ort und Stelle zu legen, fragte, was das fuͤr Wirth⸗ ſchaft waͤre, ein Pennal zu haben und die Federn 2 8.— ☛̈ ͤ zihn. in ich n ich niere n, ſo olcher hin.“ 1z ver⸗ 2 Ord⸗ eel und uf den en und Pennal Doch Clles an Wirth⸗ Federn umher liegen zu laſſen, und ging in ihre Kuͤche. In dem Augenblick trat Luiſe herein. „Erſchrick nicht, Luiſe!“ rief ihr Lohtſch entge⸗ gen, und hielt ihr das geoffnete Pennal entgegen. „Eben wollte ich zu Dir, ſetzte ſie, in einen ruhi⸗ gern Ton umſtimmend, hinzu, und Dich traktiren. Da, lange zu! Bonbons, Chokolade⸗Plaͤtzchen, Ci⸗ tronenſpaͤhne und Knackmandeln; Alles von der Schmalinker Kirmes; das iſt einmal,“ fuhr ſie, während ſie ihr Pennal⸗Fuͤllhorn umkehrte und in Luiſens weiße Flaumenhand die geruͤhmten Herr⸗ lichkeiten, ſammt zehn andern Sorten der niedlich⸗ ſten Zuckerſachelchen ſchuͤttete, fort,„das iſt ein⸗ mal eine Kirmes geweſen! Da iſt es hoch hergegan⸗ gen; und getanzt und geſchwaͤrmt haben ſie bis heute Morgen. Warum ſind wir nur bei ſo etwas nicht? Uns bittet kein Menſch!“ „Was das fuͤr eine Art iſt!“ ſagte Luiſe ſanft verweiſend,„als ich hereinkomme, finde ich Dich hoch aufgeregt, das Geſicht ſehr verdruͤßlich, und, ſtatt mich freundlich zu gruͤßen, und mir Dein Zu⸗ ckerzeug mit Herzlichkeit anzubieten, rennſt Du auf mich zu und ſchreiſt mir entgegen:„„erſchrick nicht, Luiſe!““„Wer ſoll da nicht erſchrecken! Ich bin es wenigſtens ſo, daß mir das Herz noch in der Bruſt zittert.“ „Das merkte ich,“ entgegnete Lohtſch„darum brach ich geſchwind ab; ich bin nicht ſo dumm, als ich ausſehe! Ihr ſagt immer: Lohtſch iſt wild, Lohtſch iſt ein Kalb, ein Kind, ein einfältiges ungeſchick⸗ tes Ding. Ihr thut mir wahrhaftig Alle mitein⸗ ander Unrecht. Sieh, als Du ſo bleich wardſt, wie der Kalk an der Wand, lenkte ich gleich um, und 5* 5² fing von etwas anders an, von den Knackmandeln und den Bonbons; ich dachte, ſie erfaͤhrt es doch noch zeitig genug; Du willſt ſie erſt wieder ein Bis⸗ chen zu ſich ſelber kommen laſſen; ſagſt Du ihr Al⸗ les mit Einemmale gleich heraus, ſie hat ja den Tod auf der Stelle.“ „Was denn, gute liebe Lohtſch, was haſt Du mir denn zu ſagen?“ fragte Luiſe mit dringender Bitte, und nahm beide Händchen der Schweſter in die ih⸗ rigen, und ſah ihr mit ſteigender Angſt auf die Lippen, die ihr verkuͤnden ſollten, woruͤber ſie, hoͤre ſie es auf einmal, den Tod auf der Stelle haben muſſe. Daß Steinau dabei mit im Spiele war, ſagte ihr eine geheime Ahnung mit mathematiſcher Gewißheit— doch wie ſollte Lohtſch in ihrer Schule, und Steinau in ſeinem Miniſterhauſe—— „Laß Dir erzaͤhlen,“ hob Lohtſch mit ungewohn⸗ ter Heftigkeit an, und man hoͤrte an ihrer gepreß⸗ ten Stimme, wie es ſie draͤngte, das Gift ſich von der Bruſt wieder wegzuſchwatzen, das ſie mit ihren Nachrichten eingeſogen hatte.„Dein Herr Steinau, Dein ſauberer Herr Hofrath iſt ein ſchlechter, ganz grundſchlechter Musje!“ „Lottchen!“ rief Luiſe, von des Maͤdchens kecker Rede durchbebt,„um Gotteswillen, was iſt das! ſprich, rede; was weißt Du, was haſt Du gehoͤrt? Wie kannſt Du, Kind, ſolch' ein hartes Wort uͤber— „O,“ fiel ihr Lohtſch empfindlich in die Rede, „warte nur, warte nur; laß mich nur erſt auser⸗ zaͤhlen, Alles bis zu Ende, dann wirſt Du das harte Wort nicht zu hart finden.— Nein, ſo heimtuͤckiſch wie dieſer Menſch, ſo ganz abſcheulich hinterliſtig iſt keiner weiter in der ganzen Welt. Weißt Du der — 55— denn, wen er heirathet? Die Schmatzihn heirathet er, die Schmatzihn und keine Andere.“ „Lottchen!“ rief Luiſe, und rang dem Maͤdchen die Haͤnde entgegen, und ſank, wie vom Blitze er⸗ ſchlagen, halb todt auf den naͤchſten Stuhl. „Hat ſich was zu Lottchen,“ entgegnete das klei⸗ ne geſchwaͤtzige Ding.„Sieh, wenn ich Dir das nicht ſo allmaͤhlig, nicht ſo quantsweiſe beigebracht haͤtte, ſondern gerade herausgeplatzt waͤre mit der ſchoͤnen Hiſtorie, waͤre es nicht zum Schlagruͤhren geweſen?“ „Aber, liebes gutes Lottchen,“ ſagte Luiſe mit weicher Stimme,„das iſt ja nicht moͤglich.“ „Nicht möoͤglich?“ wiederholte Lohtſch, von Lui⸗ ſens Zweifel faſt verletzt.„Gewiß, ganz gewiß iſt es; Du kennſt doch Domkirchners Bettinen?“ Luiſe ſchuͤttelte, die hellen Thränen im Auge, das Koͤpfchen. „J, ja doch,“ fuhr Lohtſch fort,„die mit mir in die Schule geht, die Schweſter von der huͤbſchen Mamſell, die bei der Legnettoni im Putzladen iſt, und die Dir ſo gefallen hatte, wie Du neulich we⸗ gen des Etoffe d'Elise fuͤr die Frau Landraͤthin in Plankenſee dort geweſen warſt.“ „Nun— zur Sache, zur Sache,“ trieb Luiſe mit ſteigender Angſt. „Nun, ich bin ja bei der Sache,“ erwiederte Lohtſch empfindlich,„ganz dicht dabei; Bettine hat es mir geſagt, der hat es ihre Schweſter geſagt, und dieſer hat es Madame Legnettoni ſelber geſagt; heute fruͤh; die kennt den Hofrath in⸗ und auswen⸗ ig; er geht bei Legnettoni's aus und ein; ſie iſt geſtern mit auf der Schmalinker Kirmes geweſen, „ — und hat der Schmatzihn ihre foͤrmliche Gratulation zur Verlobung mit Steinau abgeſtattet. Die Schmatzihn hat zwar Stein und Bein, und Leib 1 und Seele verſchworen, daß ſie den Hofrath gar nicht kenne, aber, das weiß man ja, der kommt es auf ein Paar Dutzend Luͤgen mehr oder weniger nicht an; die Legnettoni hat ſich aber nicht irre ma⸗ chen laſſen, und am Ende geſagt, daß Steinau ihr die Schmatzihn als ſeine Braut zwar nicht in deut⸗ lichen Worten genannt, aber auf eine ganz unbe⸗ zweifelte Weiſe ſelbſt als ſolche bezeichnet habe. Auf dieſe Aeußerung iſt die Schmatzihn verlegen gewor⸗ den, hat nichts rechts zu antworten gewußt, hat ſich vom Geſpraͤch loszuwinden geſucht, und iſt nach⸗ her der Legnettoni den ganzen Abend moͤglichſt aus dem Wege gegangen.“ „Albernes Geſchwaͤtz,“ ſprach Luiſe, und gab ſich ſichtbar Muͤhe, an daſſelbe nicht glauben zu wollen. „Steinau und dieſe Frau, die paſſen wahrhaftig nicht fuͤr einander! Nimmermehr kann Steinau's Wahl auf dieſe fallen.“ „Schweſter,“ fiel ihr Lohtſch altklug in das Wort, und es that ihr wohl, ſich uͤber dergleichen Dinge einmal mit Luiſen vertraulich unterhalten zu koͤn⸗ nen; kam ſie ſich doch in dem Augenblicke um fuͤnf Jahre aͤlter vor.„Schweſter, rede nur davon nicht! Noch neulich ſprach die Mutter vom kurioſen Ge⸗ ſchmack der Maͤnner. Als vorigen Monat der Ge⸗ heimerath Bloͤder die Mamſell Fuͤchſel heirathete— wollte es denn die ganze Stadt glauben?„„Der kluge, geſcheidte, feine Mann, das dumme, gemeine, plumpe Ding,““ hieß es uͤberall. Nun, und er hat ſie doch geheirathet; und die Schmatzihn mag A AOE 2 A ation Die Leib ) gar ut es niger ee ma⸗ au ihr deut⸗ unbe⸗ .Auf gewor⸗ „ hat rnach⸗ ſt aus gab ſich wollen. rhaftig einau's 3Wort, Dinge zu koͤn⸗ m fuͤnf n nicht! ſen Ge⸗ der Ge⸗ athete— „Der gemeine, und er ihn mag nun ſeyn, wie ſie will, aber das mußt Du doch zu⸗ geben, da iſt mir die Schmatzihn doch tauſendmal lieber, als die Mamſell Fuͤchſel; ſie hat mehr Le⸗ bensart; gut, ſeelengut iſt ſie auch; huͤbſcher iſt ſie wenigſtens zehnmal, und, was die Hauptſache auch bei dem werthen Herrn Hofrath ſeyn mag, ſie hat Moſen und die Propheten; Bettine meinte, vierzig⸗ tauſend baare Thaler!“ Die Mutter trat ein; beide Maͤdchen verſtaͤndig⸗ ten ſich durch einen ſich einander zugeworfenen Sei⸗ tenblick, daß von der Sache fuͤr den Augenblick nicht weiter zu ſprechen ſey, daß ſie aber, wenn ſie allein waͤren, wieder vorgenommen, und dann weitlaͤuf⸗ tiger verhandelt werden ſolle, und Lohtſch ruͤckte die flache Bruſt und die duͤrren Schultern, wie ſie die Maͤdchen dieſes Alters, zu ihrer großen Betruͤbniß, in der Regel haben, hoͤher heraus; ſie war, nach ihrer Meinung, wenigſtens jetzt fuͤnfzehn Jahre alt, und Luiſe hatte von Gluͤck zu ſagen, eine ſolche Ver⸗ traute gewonnen zu haben. Sie ſollte franzoͤſiſche Vokabeln lernen, zwei Exempel ausrechnen, der Bruͤder neue Hemden zeichnen, fuͤr den Vater das Taſchentuch zum naͤchſten Geburtstag hohlnaͤdeln, eine deutſche Ausarbeitung machen, und die juͤngſt gelernte Sonate einüben; aber im Koͤpfchen ging die Schmatzihnſche Geſchichte rund um; wie der Menſch, der Steinau, die Madame Schmatzihn ih⸗ rer Schweſter Luiſe vorziehen konnte, wie er vorge⸗ ſtern noch— nein, es uͤberſtieg all' ihre Begriffe. Sie verwuͤnſchte den Wortbruͤchigen, den Treuloſen und lernte dabei keine franzoͤſiſchen Vokabeln; ſie ſchwor ſich zu, das ganze Maͤnnergeſchlecht zu haf⸗ ſen, und verrechnete ſich dabei auf das Groͤblichſte 4 —— — 56— in ihren zwei Erempeln; ſie nahm ſich feſt vor, nie zu heirathen, und machte dabei die allerungluͤcklich⸗ ſten Kreuzſtiche; ſie bruͤtete den Plan aus, Luiſen das Wort abzugewinnen, daß auch ſie ledigen Stan⸗ des bleibe, und konnte heute mit dem Hohlnaͤdeln platterdings nicht zu Stande kommen; ſie kem auf die kuͤhne Idee, einen Orden fuͤr unverheirathete Maͤdchen zu ſtiften, und zerkaute uber die aufge⸗ gebene deutſche Ausarbeitung, von der ſie weder An⸗ fang noch Ende finden konnte, alle ihre ſchoͤnen Fe⸗ dern, und kam zuletzt, um den fatalen Mannsper⸗ ſonen, von denen ſie ſelbſt ihre neckereiſuͤchtigen Bruͤder nicht ausſchloß, fuͤr immer und ewig nur ganz aus dem Geſichte zu kommen, auf den ruͤhren⸗ den Gedanken, ihre Ordensſchweſtern in die abge⸗ legenſte Wildniß zu rufen, dort ein wuͤſtes Plätz⸗ chen auszuſuchen, ſolches mit einer himmelhohen Mauer zu umgeben, und in dieſem Diſteln⸗ und Dornenparadieſe, von der ganzen Welt geſchieden, zu leben und zu ſterben. Sie fuͤhlte ſich von die⸗ fer, aus reinem Aerger uͤber Steinau und die Schmatzihn, hervorgegohrenen Phantaſie ſo lebhaft ergriffen, daß ihr, waͤhrend ihres diesmal ihr gaͤnz⸗ lich mißrathenden Einuͤbens der abſcheulich ſchweren Sonate, die hellen Thraͤnen auf die Taſten fielen, und ſie, als ſie ſich dachte, wie es in ihrer kloͤſterli⸗ chen Wuͤſtenei ſtill und oͤde ſeyn wuͤrde, wenn ihre Jungfrauen nach und nach Alle ausſtuͤrben, und wie die zuletzt uͤbrig Bleibende, ganz mutterſeelen allein, ſich graulen wuͤrde, keine Note weiter ſpielen konnte. 3 — 27, Steinau hatte unterdeſſen vom Voter Auerſtaͤdt ein langes Schreiben in Folio auf gebrochenen Bo⸗ gen erhalten. Nach dem Eingange, in dem er ſich ziemlich umſtaͤndlich uͤber die Ehre ausgebreitet hat⸗ te, die ſeinem Hauſe durch Steinau's Antrag wi⸗ derfahren, war er aus dem ſteifen actenmäßigen Tone, in dem er angefangen, allmaͤhlig herausge⸗ kommen, und je mehr er ſich in das Schreiben ver⸗ tieft hatte, deſto ungebundener und natuͤrlicher war er geworden. „Ew. Wohlgeboren,“ ſchrieb er unter andern⸗ „werden ſich geneigteſt entſinnen, daß ich um eine dreitaͤgige Bedenkfriſt gebeten. Solches iſt, wie Ew. Wohlgeboren leicht ſelbſt ermeſſen werden, nicht geſchehen, um etwa uͤber Hochdero Perſon oder Ver⸗ haͤltniſſe unterdeſſen näͤhere Erkundigungen einzu⸗ ziehen, maßen ſolche ſich ſchon durch den Umſtand hoͤchſt guͤnſtig ergeben, daß Se. Excellenz, unſer gnaͤ⸗ digſter Herr Miniſter, Ew. Wohlgeboren vor vie⸗ len andern jungen, wohl meritirten und im Dien⸗ ſte tuͤchtig routinirten Maͤnnern, zu Ihrer naͤchſten Umgebung erwaͤhlt, und durch Hoͤchſtdero abſonder⸗ liches Vertrauen ehrenvoll ausgezeichnet, ſondern einmal, um allen dabei intereſſirten Theilen, beſon⸗ ders aber den beiden paciscirenden, die zu einem Entſchluſſe von ſolchem Gewicht erforderliche Zeit zu laſſen, zweitens, um dem, zu Tadel und Ruͤgen ohnehin ſo geneigten Publikum, den Vorwurf zu nehmen, als ſey von unſerer Seite irgend eine Uebereilung vorgefallen, und endlich drittens, um mir bei meinen uͤberhäuften, die menſchlichen Kraͤfte zuweilen faſt uͤberſteigenden Dienſtgeſchaͤften, die hinlaͤngliche Muße zur Aufſetzung dieſer ergebenſten Zeilen zu gewinnen, die Ihnen uͤber Einiges nicht — 538— unwichtige Aufſchluͤſſe geben ſollen; Aufſchluͤſſe, zu denen ich als ehrlicher Mann verpflichtet war, und die Ihnen gegeben und von Ihnen gepruͤft und er⸗ wogen werden mußten, ehe der Antrag, Luiſens Hand betreffend, fuͤr Sie als foͤrmlich bindend an⸗ geſehen werden kann.“. „Erlauben mir Ew. Wohlgeboren jetzt, der Sache durch eine kurze und einfache Geſchichts⸗Erzaͤhlung naͤher zu treten.“ „Vor 25 Jahren ward ich, nach Beendigung mei⸗ ner akademiſchen Laufbahn, in dem Bleichen felder Kreiſe, dem der, von Ihnen geſpraͤchsweiſe erwaͤhnte Herr Amtshauptmann von Blumenthal damals als Landrath vorſtand, in der Qualitaͤt eines Ober⸗ Kreis⸗Gerichts⸗Regiſtrators angeſtellt, und verhei⸗ rathete mich zwei Jahre ſpaͤter mit meiner gegen⸗ waͤrtigen lieben Frau.“ „Im Herbſte des Jahres 1806 p. C. war ich ge⸗ noͤthigt in Familien⸗Angelegenheiten eine Reiſe nach Nieder⸗Sachſen zu machen. Es iſt das Erſte⸗ und das Letztemal geweſen daß ich mich er kuͤhnte, um Urlaub einzukommen, und ich bin heute noch fuͤr deſſen gnaͤdige Auswirkung auf acht Wochen dem beſagten Herrn Amtshauptmann unterthaͤnig ver⸗ pflichtet.“ „Der Zweck ſothaner Reiſe war die Hebung einer kleinen Erbſchaft; die betreffenden Gerichte hatten fruͤher bereits, dieſer Angelegenheit halber, mit mir in Correſpondenz geſtanden, die Sache war vollſtaͤn⸗ dig präparirt und ventilirt, und daher ging die Auszahlung und, deductis deducen dis, die Empfang⸗ nahme der an ſich geringen, fuͤr mich und meine damalige Lage aber ſehr willkommenen Erbegelder, — 2.— 0—r',———ꝛ', A S — ohne Schwierigkeit vor ſich, wofur ich mich auch ge⸗ genwaͤrtig noch den damaligen dortigen, ſeit der Zeit jedoch ſammt und ſonders verſtorbenen Gerichtsper⸗ ſonen ſehr verbunden fuͤhle.“ „Nach ſolchergeſtalt gluͤcklich beendigtem Hebungs⸗ Geſchaͤfte trat ich meine Reiſe nach Hauſe, wie ich gekommen, d. h. zu Pferde au. Je naͤher ich Thuͤ⸗ ringen kam, deſto lauter wurden die Geruͤchte von Truppenzuͤgen in der Gegend; Einige riethen, mich mehr links zu wenden, um den rechten Fluͤgel der deutſchen Heere zu umgehen, und hinter der Preu⸗ ßiſch⸗Saͤchſiſchen Armee meinen Heimweg zu ver⸗ folgen; Andere meinten, daß ich mich möglichſt rechts ſchlagen und den linken Fluͤgel der Franzoſen um⸗ reiten muͤſſe, um im Ruͤcken der franzoͤſiſchen Ar⸗ mee⸗Corps nach Hauſe kommen zu können; die am Kluͤgſten ſich duͤnken wollten, und das war die Mehr⸗ zahl, widerſprachen beiden Anſichten, und hielten es fuͤr das einzig Beſte, ohne allen Aufenthalt ge⸗ rade aus vorwaͤrts zu reiten; ich wuͤrde dann die franzoͤſiſche Armee rechts, die Preußiſch⸗Saͤchſiſche aber links haben. Beide große Armee⸗Corps wä⸗ ren noch weite Tagemaͤrſche von einander entfernt; ich wuͤrde auf meinem Wege weder Mann noch Maus zu ſehen bekommen, und alſo meinen Weg ganz ungeſtoͤrt fortſetzen und glücklich durchkommen können; aber freilich, wenn ich lange zoͤgerte, duͤrfte es wohl paſſiren, daß ich zwiſchen beide gegen ein⸗ ander anruͤckende Armee⸗Corps mitten inne käme, wo ich; dann fuͤr ein Gericht Bleikloͤſe, allerlei Ka⸗ libers, nicht zu ſorgen haben wuͤrde.“ „Im Felde der Taktik gänzlich unbewandert, mit den Regeln der Strategie voͤllig unbekannt, und den — 60— alten Grundſatz, daß der gerade Weg immer der beſte ſey, in den, durch alle dieſe Spargements und Raiſonnements, etwas in's Zittern gerathenen Glie⸗ dern, nahm ich meinen Fliegenſchimmel unter die Beine, und ritt, mein kleines Erbe hinter mir im Mantelſack, ſcharfen Schrittes weiter, und ließ, da ich wahrſcheinlich in der Angſt und Einbildung rechts und links und hinter mir zu Etlichenmalen ſchon ſtark kanoniren hoͤrte, das faule Thier mitunter auch in Trab fallen, welches jedoch, weil das Pferd, ſeiner eigentlichen Rangliſte nach, ein bloßer Kar⸗ rengaul war und zu der Klaſſe der Harttraber ge⸗ hoͤrte, mit dem beſten Willen nicht lange auszuhal⸗ ten war, indem, ſobald der fragliche Fliegenſchim⸗ mel nur Miene machte, etwas flott auftreten zu wollen, Milzſtechen, Athem⸗Vergehen, Bruſtklem⸗ me, und ein jaͤmmerliches Durcheinanderwerfen al⸗ ler Kaldaunen im Leibe unausbleibliche Erſcheinun⸗ gen waren.“ „Am dritten Tage meines Heimrittes, am 13ten October 1806 p. C. langte ich, nachdem mir den Abend zuvor, und den ganzen Tag, viele Regimen⸗ ter und Bataillons und einzelne Detaſchements Blau⸗, Gruͤn⸗ und Weißroͤcke aufgeſtoßen waren, und ich uͤber die Duͤnnleibigkeit meiner Schimmel⸗ fliege, wie die luſtigen Kriegesſoͤhne meinen Gaul zu nennen beliebten, manches Witzwort hatte hoͤ⸗ ren muͤſſen, ohne, wegen offenbarer Ungleichheit der Streitkraͤfte, auf dergleichen Spitzreden viel erwie⸗ dern zu duͤrfen, auf den Hoͤhen vor einem mir bis dahin gaͤnzlich unbekannten, nachher aber in der deutſchen Reichsgeſchichte leider ſehr beruͤhmt gewor⸗ denen, mir jedoch darum hoͤchſt merkwuͤrdigen Flek⸗ — 61— ken an, weil— wiewohl wirkliche Urſprungs⸗Doku⸗ mente durchaus fehlen— die Vermuthung dafuͤr ſpricht, daß vielleicht dieſer Flecken der Stammort meiner Familie ſeyn koͤnne, ich meine Auerſtaͤdt.“ „Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich hinzufuͤgen, daß ich den vermuthlichen Stammſitz meiner Altvordern unfreiwillig zu ſehen bekam; ſchon am Mittage dieſes verhaͤngnißvollen Tages, vor einem Doͤrfchen, drei Meilen von Auerſtaͤdt, fing ich, im engſten Verſtande des Worts an, Lunte zu riechen, d. h. ich ſah jetzt, daß ich mitten in die Kriegstroubles hinein reite, und erblickte mich in Gedanken morgen ſchon auf der meilenlangen Blut⸗ bahn zwiſchen den beiden Armeen mit meinem flie⸗ genſchimmligen Harttraber; rechts von den fran⸗ zoͤſiſchen, und links von den combinirten Preußiſch⸗ Säͤchſtſchen Kugeln und Bajonets durch⸗ oder auch nur angebohrt zu werden— dazu hatte ich nicht die mindeſte Luſt. Ich machte daher, vielleicht in demſelben Augenblicke, in welchem nicht gar weit von mir die Diſpoſitionen zu dem Schlachtplane in den beiden großen Hauptquartieren entworfen wurden, auch meine kleine Diſpoſition uͤber meine Wenigkeit, die auf einen ehrenvollen Ruͤckzug nach Niederſachſen lautete, wo ich mich, meinen erbſchaft⸗ lichen Mantelſack, und meinen tauſendzungig ver⸗ hoͤhnten Fliegenſchimmel in voͤlliger Sicherheit glaubte.“ „Dieſem gemäß kehrte ich, zumal ich in der Ferne vor dem erwaͤhnten Dorfe ein Piket preußi⸗ ſcher Huſaren gewahrte, von dem ich im Vorbeirei⸗ ten nichts als unnutze Worte uͤber meinen ſchim⸗ melnden Kreuztraͤger zu erwarten hatte, um, und gedachte dieſen Abend noch einige Meilen zu ma⸗ chen, um mich der Schußnaͤhe moͤglichſt zu entziehen.“ „Allein durch mein Umkehren und raſches Da⸗ vonreiten mußte ich mich den Huſaren verdäͤchtig gemacht haben; ihrer Drei kamen hinter mir her⸗ geflogen, holten mich mit ihren vogelſchnellen, leicht⸗ fuͤßigen Litthauerchen bald ein, und forderten mich auf, mit ihnen unverweilt umzukehren.“ „Wenn Einladungen der Art mit krummen Saͤ⸗ belklingen geſchrieben werden, ſo kann man ſolche, Einer gegen Dreie, in der Regel nicht wohl abſchla⸗ gen; ich that ihnen alſo den Willen.“ „Auf meine Frage: was ſie von mir wollten, er⸗ wiederte der Eine:„„nicht raiſonnirt,““ auf mei⸗ ne Aeußerung, daß das eine kurioſe Manier ſey⸗ die Leute auf der Straße aufzuhalten, donnerte mir der Zweite ein barſches„„'s Maul gehalten““ in das Geſicht, und auf meine Erwiederung, daß er mir nichts zu befehlen habe, zog mir der Dritte einen Flachhieb uͤber die Schultern, daß mein Schim⸗ mel ſelbſt darob erſchrak und in ſeinen vermaledei⸗ ten Fleiſchertrott fiel. Als wir naͤher kamen, riefen einige Stimmen aus dem Piket:„„na bringt Ihr den Spion? der ſoll einmal baumeln!““ „Nun wußte ich, wofuͤr man mich hielt. Das Herz ſank mir unter die Knieguͤrtel. Ich bin ſonſt nicht furchtſam, aber unſchuldig hängen zu muͤſſen, war doch ein faſt zu weit getriebenes Anſinnen.“ „Der Kornet, der das Piket commandirte, ein Buͤrſchchen von kaum 17 Jahren, fuhr mich mit den Fragen an: wer ich ſey; woher ich komme; wohin ich wolle; warum ich vorhin, als ich das Piket in ma⸗ n.“ Da⸗ htig her⸗ icht⸗ nich Saͤ⸗ lche, hla⸗ „er⸗ mei⸗ ſey⸗ mir 1 in ß er ritte him⸗ edei⸗ iefen Ihr Das ſonſt iſſen, n.“ „ein t den vohin eet in — 65— das Auge bekommen, ſo ſchnell umgekehrt ſey, und dergleichen mehr.“ „Ich beantwortete Alles der Wahrheit gemaͤß, zwang mich, meiner Sache recht ſicher zu ſcheinen, und meine Angſt moͤglichſt zu verbergen, und holte meine Papiere und Paͤſſe vor.“ „Der Kornet warf einen Blick hinein, meinte, daß ich wohl ein ehrlicher Mann, aber auch der al⸗ lergefaͤhrlichſte Spion ſeyn koͤnnte; daß die Art Leute gewoͤhnlich mit den legalſten Päſſen verſehen ſey, und daß er mich daher, zur weitern Unterſuchung derſelben, zu ſeinem General ſchicken muͤſſe. Zugleich beauftragte er, ohne meine Zuſtimmung oder Ein⸗ rede abzuwarten, einen ſeiner Huſaren, mich zu es⸗ kortiren, ſetzte mir auseinander, daß ich als einen großen Beweis ſeines Vertrauens anzuſehen habe, wenn er mich nicht abſitzen und zu Fuße gehen, ſon⸗ dern den Weg zu Pferde machen laſſe; daß ich die Idee aufgeben ſolle, mit meinem bockſteifen Flie⸗ gen⸗Philiſter dem gutberittenen Huſaren, der eins der beſten Pferde in der Schwadron habe, zu ent⸗ kommen, und daß, falls mir etwas der Art dennoch in den Sinn kommen und ich nur Miene dazu ma⸗ chen ſollte, der Huſar die gemeſſenſte Ordre habe, mir ſogleich auf den Kopf zu ſchießen. Hierauf com⸗ mandirte er Marſch, und der Huſar ritt, das ſcharf geladene Piſtol in der Rechten, und den Saͤbel, blank gezogen, an der Hand haͤngend, dicht neben mir.“ „Die letzten Worte des Kornets, von dem auf den Kopf ſchießen, beſtaͤndig in den Ohren, bemuͤhte ich mich, gar keine Miene zu machen. Mein Mieth⸗ gaul, der in unſerm Staͤdtchen wegen ſeiner exem⸗ plariſchen Froͤmmigkeit das Lamm, und von den Primanern unſers Gymnaſii, denen er zuweilen die Freiſtunden kuͤrzte, Agnus genannt wurde, und der die ganze Reiſe uͤber keinen Schritt gegangen war, wenn ihm nicht die kalten Eiſen zwiſchen den Rip⸗ pen geſeſſen hatten, trat jetzt neben dem muntern Huſarenpferdchen auf, als ſtammte er directe von einem engliſchen Wettrenner her. Ich bat, in der Beſorgniß, mein Begleiter moͤchte das fuͤr den An⸗ ſatz anſehen, den ich zum Davonreiten naͤhme, und mir die verheißene Kugel auf den Kopf brennen, den Huſaren wegen der mir ſelbſt auffallenden Eile meines Schimmels, um Entſchuldigung, und er⸗ ſuchte ihn, ſelbſt herzuſehen, um die Rieſengewalt wahrzunehmen, mit der ich mich, leider Gottes, er⸗ folglos bemuͤhe, das hartmaͤulige Vieh in ruhigen Schritt zu bringen; aber der Schnautzbart lachte und ſagte, ich ſollte meinen ſteifen Saͤgebock nur laufen laſſen, er wollte ſchon nachkommen.“ „Je naͤher wir Auerſtaͤdt kamen, deſto baͤnglicher ward mir um das Herz. Das ungeheure Gewuͤhl und Getreibe hier im Hauptquartier, beides Vor⸗ boten der morgigen Schlacht— war zur ruhigen Unterſuchung meiner Unſchuld nicht geeignet. Man laͤßt mich ohne Weiteres laufen oder haͤngen, dachte ich, und weil Erſteres, wenn ich nur irgend ver⸗ daͤchtig ſchien, des leidigen Kriegszuſtandes halber, der die kuͤrzeſten Maaßregeln fordert und die här⸗ teſten rechtfertiget, nicht wohl denkbar war, ſo ſah ich mich bereits im Stillen nach dem Baume um, an dem ich morgen, wie die Huſaren ſehr etymolo⸗ giſch ſich ausgedruͤckt hatten, baumeln wuͤrde.“ „Mein ſchnurrbaͤrtiger Begleiter praͤſentirte mich den die d der war, Rip⸗ tern von der An⸗ und nen, Eile der⸗ walt „ er⸗ igen achte nur icher vuͤhl Vor⸗ igen Man achte ver⸗ lber, här⸗ ſah um, 1olo⸗ mich — 65— dem Offizier, an den er mich, ſeiner Ordre gemaͤß, ablieferte, gleich als einen Spion; ich deprecirte, den Hanfſtrick ſchon um den Hals fuͤhlend, hoͤflichſt⸗ und berief mich auf meine Papiere, die der Huſar dem Offizier einhaͤndigte; dieſer erwiederte aber ziemlich gleichguͤltig, daß ſich das bei der Unterſu⸗ chung finden werde, und uͤbergab mich einem Lieu⸗ tenant zur Bewachung.“ „Das war ein gar guter Menſch; er wollte mich ſchließen laſſen; weil es aber an Geſchmeide fehlte, indem ſchon mehrere der Spionirerei Verdaͤchtige eingefangen waren und in Ketten lagen; ſo ward ich in einen kleinen Keller eingeſchloſſen, wo ich mich recht wohl befand. Mantel und Geldbeutel hatte mir der menſchenfreundliche Lieutenant gelaſſen. Mein Schimmel leiſtete ſeinen Pferden im naͤchſten Garten beim Bivouakiren Geſellſchaft. Fuͤr Sattel und Zeug und fuͤr den Mantelſack, in dem meine Erbſchaft ſteckte, von der ich dem Lieutenant aber natuͤrlich nichts ſagte, muͤßte, verſicherte er, der Wachtmeiſter kaviren, und wenn ich auch keinen Biſ⸗ ſen Brod und keinen Halm Stroh hatte, ſo ging es mir in meiner halb unterirdiſchen Klauſe doch viel beſſer, als den Weimarſchen Scharfſchuͤtzen, die vor meiner Kellerlucke unter offenem Himmel lagen, und, wie aus ihrem Geſpraͤch hervorging, dieſen Morgen von Stadt Ilm ohne Fruͤhſtuͤck aufgebrochen waren, hinter dem Park von Weimar ohne Mittagbrod Mit⸗ tag gemacht hatten, dieſen Nachmittag mit leerem Magen bis hieher marſchirt waren, und jetzt ohne Abendbrod veſperten; indeſſen troͤſteten ſie ſich mit dem Schickſal des neben ihnen liegenden preußi⸗ ſchen Bataillons ſogenannter Gruͤner, das aus faſt LXXVIII. 6 — 66— lauter Polen beſtand, und das mit ihnen gemein⸗ ſchaftlich gehungert und gedurſtet, und den weiten Marſch gemacht hatte.“ „Von meinem Ritte ziemlich uͤbermuͤdet, und von der Angſt der letzten Stunden ſehr angegriffen, legte ich mich nieder und ſchlummerte trotz des furcht⸗ baren Getoͤſes, was dem kleinen Auerſtaͤdt dieſe Nacht gewiß auf ewige Zeiten unvergeßlich gemacht hat, trotz meines ziemlich fuͤhlbaren Hungers und brennenden Durſtes, und trotz meiner Galgenangſt nach zehn Uhr ein.“ „Gegen Mitternacht weckte mich ein langer duͤr⸗ rer Mann, den ich nachher Profos nennen hoͤrte, und fuͤhrte mich zum Verhoͤr ab. Zwei Soldaten nahmen mich in die Mitte. Das Laternchen mei⸗ nes duͤnnen Stockmeiſters zeigte mir ſein Geſicht; in dieſem las ich nicht viel Gutes; ſein Schweigen auf alle meine Fragen, was ich zu hoffen oder zu fuͤrchten habe, wollte mir noch weniger gefallen. Ich kam mir vor, als ginge ich nach der Staͤtte mit Namen Golgatha, das iſt verdeutſchet: Schaͤdelſtaͤtte. Ein raſcher Satz links oder rechts haͤtte mich viel⸗ leicht des ganzen Verhoͤrs und des haͤngenden Ce⸗ remoniells uͤberheben koͤnnen; der Profos war dem Aeußern nach nicht halb ſo flink, als ich damals, und wenn auch die Soldaten nach mir ſchoßen in der finſtern Nacht, geblendet von der Laterne, haͤt⸗ ten ſie mich wahrſcheinlich verfehlt. Aber rechts und links lagen Dragoner und Huſaren, Artilleriſten und Grenadiere; an ein Entkommen war nicht zu denken. Es durfte nur eine Stimme hinter mir her⸗ rufen:„„ein Spion!““ ſos ſtand Alles auf, um mich zu faſſen, denn dieſe Klaſſe von Verbrechern mein⸗ veiten „ und riffen, furcht⸗ dieſe emacht s und nangſt er duͤr⸗ hoͤrte, ldaten n mei⸗ eſicht; weigen der zu n. Ich te mit lſtaͤtte. v viel⸗ en Ce⸗ aur dem amals, ßen in e, haͤt⸗ bts und leriſten icht zu nir her⸗ f, um rechern — 67— findet, und das mit vollem Rechte, bei keinem Mi⸗ litaͤr Pardon.“ „Ich fügte mich alſo in mein Geſchick und ging, vor innerm Froſt und Bangigkeit zitternd, in das Gericht.“ „So ſcharf und ſchneidend das Verhoͤr anfing, ſo guͤnſtig endete es. Man finde, hieß es nach einer heißen halben Stunde, in der ich gewiß uͤber hun⸗ dert Kreuz⸗ und Querfragen zu beantworten hatte, keinen Grund zu dem gehegten Verdachte; ich ſolle ruhig meines Weges gehen, und morgen fruͤh mei⸗ ne Papiere und, um nicht aͤhnlichem Aufenthalt auf meiner Reiſe unterworfen zu ſeyn, einen neu ange⸗ fertigten Paß ausgeliefert erhalten.“ „Froh und frei, und die Kriegs⸗Gerechtigkeits⸗ pflege laut ſegnend, eilte ich in mein Kellerloch zu⸗ ruͤck; es war ja dieſe ſchaudervolle Nacht das beſte Plätzchen in ganz Auerſtaͤdt.“ „Die Todesangſt vom Herzen, ſchlief ich bis faſt an den hellen Morgen. Mein erſt Gefuͤhl war Preis und Dank, mein zweites die Sorge um meinen Flie⸗ genſchimmel; wahrſcheinlich hatte er, wie ich, Hun⸗ ger und Durſt. Sobald ich meine Paͤſſe hatte, wollte ich fort; mein Hauptzweck ſollte dann ſeyn, nur erſt zu ſehen, daß ich aus dem Armee⸗Spectakel heraus⸗ komme, und dann wollte ich mich und ihn pflegen, und ihm und mir bene thun, nach gluͤcklich uͤber⸗ ſtandenem Truͤbſal, Jammer und Elend.“ „Als ich den Blick aus meiner Kellerlucke warf, waren die Weimarſchen Schuͤtzen und die preußiſchen Gruͤnen verſchwunden. Ich trat in den Hof des Ge⸗ hoͤfts, in das ich geſtern Abend gefaͤnglich einge⸗ bracht worden,war; im Garten hatte mein Schimmel — 63— geſtanden; aber er ſtand nicht mehr da. Der Wacht⸗ meiſter, der fuͤr das Thier und fuͤr den, meine ganze Erbſchaft enthaltenden Mantelſack, und fuͤr Sattel und Zeug hatte kaviren ſollen, war auch nicht mehr da, und von dem menſchenfreundlichen Lieu⸗ tenant, der ſich geſtern meiner ſo beiraͤthig ange⸗ nommen, war auch nichts zu hoͤren noch zu ſehen.“ „Alles war, wie ich nachher erfuhr, ſchon lange vor meinem Erwachen hinausgezogen, den Feind zu empfangen und mit ihm ſich auf der blutigen Eh⸗ renbahn zu meſſen.“ „Das Haus, in dem ich dieſe Nacht verhoͤrt wor⸗ den war, ſtand noch auf ſeinem alten Flecke; aber der Profos und der Auditeur, oder wie der Mann Gottes t. Lirt werden mochte, der mich vernom⸗ men und mich fuͤr ſchuldlos erklaͤrt hatte, und alle die Herren, die mit zu Gericht geſeſſen— Alles war fort. Nach meinen Paͤſſen konnte ich nicht ein⸗ mal fragen.“ „Wenn ich nur meinen Schimmel mit dem Man⸗ telſack hatte; aus den Paͤſſen machte ich mir nicht viel; in wenigen Stunden mußte ich Meilen weit vom ganzen Kriegstroubel ſeyn, und dann fragte kein Menſch mehr nach meinem Paß.“ „Es war ein ſo dichter Nebel, daß ich keine zehn Schritte weit ſehen konnte.“ „Gewiß graste mein Lamm, mein Agnus, ganz ſeelenruhig in irgend einem Winkel des Gartens, in dem er dieſe merkwuͤrdige Nacht bivouakirt hatte, und ich hatte ihn vor dem gewaltigen Nebel nicht bemerkt.“ „Ich eilte alſo in den ziemlich weitlaͤuftigen Gar⸗ ten zuruͤck, und durchkreuzte denſelben noch einmal Bacht⸗ neine d fuͤr nicht Lieu⸗ ange⸗ hen.“ lange nd zu n Eh⸗ twor⸗ aber Mann rnom⸗ nd alle Alles dt ein⸗ Man⸗ nicht it vom e kein e zehn „ganz rrtens, hatte, l nicht n Gar⸗ einmal in allen Richtungen; aber mein Schimmel war weg, und blieb weg.“ „Jetzt fing die Sache an mir ſehr bedenklich zu werden. Mein ganzes Erbe ſtand auf dem Spiele, und obenein riskirte ich, den Werth des Pferdes ſeinem Herrn erſetzen zu muͤſſen.“ „Casum sentit Dominus heißt zwar die Rechts⸗ regel, und den Zufall, daß ich meinen Schimmel ver⸗ lor, mußte daher der Vermiether tragen, aber das ward, ſo viel ſah ich voraus, ein weitlaͤuftiger boͤſer Prozeß, der mir mehr koſten konnte, als der ganze Schimmel werth war. Ich konnte im ſchlimmſten Falle nun wohl meinen Regreß an den Wachtmei⸗ ſter nehmen, der mir fuͤr Pferd und Zeug hatte ka⸗ viren ſollen, aber wo ſteckte der Ehrenmann? Wie hieß er? Und geſetzt, ich mittelte ihn gluͤcklich aus, war mit dieſem, wenn er gegen ſeine Kavirungs⸗ Verbindlichkeit Flauſen machen wollte, nicht ein zwei⸗ ter Prozeß zu befuͤrchten, der wieder mehr koſten konnte, als das fliegende Agnus werth war?“ „Der Schreck uͤber meinen Verluſt, die Furcht vor meiner Ruͤckkehr mit leerer Hand, der graͤßliche Blick in die, von zwei unvermeidlichen Prozeſſen mir vergiftete Zukunft, die zwar uͤberſtandene, aber mir doch noch in allen Gliedern liegende geſtrige Baumel⸗Angſt, das viele Herumlaufen an dieſem unſeligen Nebelmorgen, der leere ausgehungerte Magen, der Anblick des wuͤſten, aller ſeiner Be⸗ wohner entbloͤßten Dorfs, und das eben jetzt mit allen Regiſtern beginende Orgeln der großen Schlacht⸗ Symphonie— kein Wunder, wenn man ſein bis⸗ chen Verſtand auf dem Flecke verloren haͤtte! Mir ſchwand alle Beſinnung dermaßen, daß ich, in dem — 70— Wahne, mein Pferd durchaus finden zu muͤſſen, noch einmal im Garten umherrannte, und, als ob es meinen Ruf zu erkennen im Stande ſey, mit weinerlicher Stimme händeringend in den dicken Nebel hinausſchrie:„„Schimmelchen!— Lamm!— Lämmchen!— Agnus!““ Links von mir ab, hin⸗ ter einem alten Backofen— ich wollte es zwar nicht ganz beſtimm. behaupten, aber ich haͤtte darauf ſchwoͤren wollen, daß auf den letzten Ruf„Agnus““ es von dorther„„hier““ geantwortet habe. Gott im Himmel, dachte ich, von meiner augenblicklichen quaͤlenden Lage faſt aufgeloͤst, follten in dieſer hoch⸗ nothpeinlichen Zeit die Fliegenſchimmel reden koͤn⸗ nen, wie weiland Bileams Eſel?“ „Ohne ſelbſt recht zu wiſſen, was ich that, ſchrie ich noch einmal Schimmel!— Lamm!— Laͤmm⸗ chen!— Agnus!—“ „Hier,“ antwortete eine ſchwache Stimme ganz deutlich wieder, aber von ſo einem großen dicken Thiere, wie mein weißer Fliegengaul war, hätte ich einen weit tiefern, ſtaͤrkern, poſaunenartigern Ton erwartet.“* „Noch einmal wiederhole ich, daß die kleinen und großen Begebenheiten, die ich ſeit geſtern Abend er⸗ lebt hatte, zuſammenfallend mit dem gegenwärti⸗ gen ſchrec hen Schlacht⸗Augenblick, in dem das Schickſal von halb Europa entſchieden werden ſollte, wohl geeignet waren, einen irgend reizbaren Men⸗ ſchen faſt wahnwitzig zu machen, und daß ich daher vielleicht zu entſchuldigen bin, wenn ich in der hoͤch⸗ ſten Exaltation uͤber das unerklaͤrliche„„Hier““ nach dem Backofen zu rannte, in der gewiſſen —- 71— Ueberzeugung, hinter demſelben meinen lieben Schimmel ſammt der Erbſchaft zu finden.“ „Mein Erb⸗Kapitaͤlchen und der Schimmel wa⸗ ren nicht da; aber eine junge, preußiſche Soldaten⸗ frau lag weinend auf den Knieen, und hatte mit ihren Haͤnden einen kleinen Grabhuͤgel vor ſich auf⸗ geworfen, den ſie mit heißen Thraͤnen benetzte.“ „„Was iſt Dir, liebe Frau?““ fragte ich theil⸗ nehmend, denn das blaſſe Geſicht der jungen Tod⸗ tengraͤberin ſprach den ungeheuern Schmerz aus, der ihr im tiefſten Innern wuͤthete.“ „„Ich habe mein Kind hier zur ewigen. Ruhe ge⸗ bettet,““ entgegnete ſie in einem mir fremden, faſt gebrochenen Deutſch, und bog ſich zur Erde nieder, und ein neuer Thraͤnenſtrom entquoll dem zerriſ⸗ ſenen Mutterherzen, und ſie kuͤßte den kleinen friſch aufgeworfenen Huͤgel, und ſtreichelte ihn mit ih⸗ ren Haͤnden.“ „In dieſem Augenblicke donnerte eine Batterie ſchwerer Feldſtuͤcke in der Naͤhe auf, und links und rechts praſſelte klein Gewehrfeuer dazwiſchen.„„Das ſind,““ ſagte ich, von des jungen Weibes ſtillem Gram, und von dem lauten Bruͤllen der Tod und Verderben bringenden Feuerſchluͤnde tief erſchuͤt⸗ tert,„„das ſind die militaͤriſchen Ehrenſalven, mit denen Dein Kind, arme Frau, zur Erde beſtattet wird.““⸗ „„Meine Ludwiga war auch ehrlich Soldaten⸗ Kind,““ erwiederte ſie mit wehmuͤthiger Freund⸗ lichkeit, und in ihren Worten lag eine Art Freude, daß die Beſtattung ihres Kindes ſo feſtlich ſey.“ „Ich dachte jetzt nicht mehr an meinen Schim⸗ mel, nicht mehr an meinen Mantelſac; ich hatte, — 72— der ungluͤcklichen Mutter gegenuͤber, ja gar nichts verloren.“ „Aber im Ganzen ward das hier doch eine ſchauer⸗ liche Begraͤbniß Feſtlichkeit, denn die Kugeln fingen jetzt an in den Garten zu fliegen, daß es keine dreißig Schritte von uns in den Aeſten der alten Pflaumen⸗ baͤume pfiff und raſaunte, als wuͤrde die ganze Ba⸗ taille blos um der paar Zwetſchen willen geliefert, die da oben noch auf den hoͤchſten Wipfeln ſaßen. Mit jeder Minute ward unſere Stelle mißlicher, und als eine ganze Kartaͤtſchen⸗Paſtete dicht hinter uns auf den Backofen fiel, beſchwor ich die Frau um der Ruͤckſichten willen, die ſie ihrem Manne ſchuldig ſey, eilends mit mir den Garten zu ver⸗ laſſen. Eine ganze Ladung, die unſers Nachbars Haus in dieſem Augenblicke bekam, eine Batterie, die jetzt im Nebengarten aufgefahren wurde, um den eiſernen Morgengruß zu erwiedern, und ein Kavallerie⸗Regiment, das in geſtreckter Karriere angeſprengt kam, um die Batterie zu decken, un⸗ terſtuͤtzten meine Bitte; die junge Frau legte ſeg⸗ nend die Hand auf den kleinen Huͤgel, ſagte, ohne auf das höoͤlliſche Krachen des feuerſpeienden Ge⸗ ſchuͤtzes viel zu achten, den thraͤnenden Blick auf den einfachen Grabhuͤgel gerichtet:„„Dobra noc, moja Hochana Ludwisio, spiyi spo Roynie!“*) und folgte mir, fuͤr meine Furcht vor den in ſteigender Progreſſion immer zahlreicher und dichter fallenden Blei⸗ und Eiſen⸗Baiſers, viel zu langſam; doch gab mir ihre Ruhe, ihre Nichtachtung auf das ganze Schlacht⸗Spektakel, das nun mit der furchtbarſten *) Gute Nacht, mein liebes Lieschen, ruhe ſanft! Gewalt ſeiner ſchrecklichſten Graͤßlichkeit ſich zu ent⸗ wickeln begann, eine Art von Muth; ich dachte, wenn eine Frau bei dieſem ſchauderhaften Spiele ihre Be⸗ ſinnung ſo voͤllig beiſammen haben kann, mußt und darfſt du, als Mann, den Kopf nicht verlieren. Ich haͤtte gern, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, die Beine in die Hand genommen und waͤre nach Leibeskraͤften ausgezogen, um den unaufknack⸗ baren Lambertsnuͤſſen, die von allen Seiten hernie⸗ der hagelten, aus dem Wege zu kommen; aber die junge Frau ging ſo gleichguͤltigen Schrittes von dannen, daß ich mich des Laufens ſchaͤmte. Sie er⸗ wiederte zwar, als ich ihr uͤber ihren Muth meine Bewunderung zollte, daß ich ſie ja fuͤr eine ſchlechte Soldatenfrau halten muͤßte, wenn ſie das Bischen Pulver nicht wollte riechen koͤnnen, allein, naͤher be⸗ trachtet, war das eigentlich kein rechter Heroismus, es war Lebensuͤberdruß; kein kaltes, ſondern vom Schmerze erſtarrtes Blut, keine helden muͤthige Ver⸗ achtung des Todes, ſondern ſtillbruͤtender verzweif⸗ lungsreifer Wunſch, der Welt Ade zu ſagen. Den Saͤugling im Grabe; den Mann in den, vom feind⸗ lichen Kartaͤtſchen Hagel moͤrderiſch beſchoſſenen Rei⸗ hen— was kann in ſolchen grauenvollen Augenblik⸗ ken dem liebenden Herzen willkommener ſeyn, lals der Tod? Nicht Muth, die allerhoͤchſte Muthloſig⸗ keit war es, die den Gang des ungluͤcklichen Wei⸗ bes hemmte. Es wollte ſterben, es wollte ſt erben in der Naͤhe des eingeſcharrten Lieblings, und des, nach ſeiner Ahnung, nach ſeiner Ueberzeugung be⸗ reits gefallenen Gatten.“ „Ich mußte die Zoͤgernde mit Gewalt fortreißen; ſie ging, geſenkten Kopfes, ſchweigend neben mir, Clauren Schr. LXXVIII. 7 ———— — 74— faltete von Zeit zu Zeit die Haͤnde, rang ſie, in ih⸗ rer mir unverſtaͤndlichen Sprache ſtill vor ſich mur⸗ melnd, in die Luft hinaus, und ſah oft mit weh⸗ muͤthiger Sehnſucht in die Gegend zuruͤck, von wan⸗ nen wir gekommen waren.“ „Auf meine Frage: woran ihr Kind eigentlich geſtorben? entgegnete ſie in ihrem gebrochenen Deutſch, daß es dieſe Nacht erdruͤckt worden ſey. Sie habe in dem Garten, in dem ich ſie gefunden, mit dem Regiment ihres Mannes bivouakirt, und ſey, von Hunger, Durſt und weitem Marſche er⸗ ſchöpft, eingeſchlafen. Ihr kleines Maͤdchen habe ſie, das wiſſe ſie gewiß, beim Einſchlummern im Arme gehabt; allein, wie ſie heute Morgen geweckt wor⸗ den, um mit dem Regimente wieder aufzubrechen, habe ihr Kind einen Schritt weit von ihr gelegen, erdruͤckt von einem fremden Pferde. Kein Menſch habe das fluchbedeckte Thier noch deſſen Herrn ge⸗ kannt, kein Menſch habe gewußt, wo es hergekom⸗ men; zum Regimente habe es nicht gehoͤrt, auch ſey es, als ſie ſich geſtern Abend mit ihrem Kinde nie⸗ dergelegt, noch nicht da geweſen.— Ihrer Beſchrei⸗ bung nach war der Kindesmoͤrder kein Anderer, als mein Fliegenſchimmel! Sie fluchte mit der Wuth empoͤrter Mutterliebe dem Pferde, und ich huͤtete mich wohl, ihr zu ſagen, daß es das meinige ge⸗ weſen; ſie fluchte in der Wuth der aufgereizten Lei⸗ denſchaft dem Herrn des Thiers, und ich ſchnallte unbemerkt meine alten ſtaählernen Sporen von den Stiefeln, und warf ſie hinter einen Strauch, daß ſie mich nicht als den Reiter ohne Pferd ihr verrie⸗ then, und ſie nicht auf die Vermuthung bringen moͤchten, daß ich die mittelbare Urſache ihres Un⸗ mih⸗ nur⸗ weh⸗ wan⸗ tlich enen ſey. aden, und de er⸗ e ſie, Arme wor⸗ ꝛchen, egen, tenſch n ge⸗ ekom⸗ ich ſev e nie⸗ ſchrei⸗ r, als Wuth huͤtete ge ge⸗ en Lei⸗ dnallte 8n den ), daß verrie⸗ ringen es Un⸗ — 75— gluͤcks ſey. Mit einem unbeſchreiblichen Gefuͤhl von befriedigter Rache erzaͤhlte ſie, daß ihre ganze Com⸗ pagnie, die dem freundlichen, luſtigen Kinde gut geweſen, dem Schimmel Scheuſal den Tod geſchwo⸗ ren, und daß ſie es mit vor das Dorf genommen, um es draußen zu erſchießen; da wußte ich ja auf einmal, wo es hingekommen, und was aus meiner Erpſchet Jra erben⸗ denn daß die werthe Compagnie nach er⸗ Xter Schimmel⸗ Exekution ſich unter meine Erbe Khaner⸗ wie unter meine Kleider getheilt ha⸗ ben werde, war ohne großen prophetiſchen Geiſt voraus zu ſehen.“ „Der Saͤugling todt; mein Schimmel durch ein quasi Stand⸗Recht zur Strafe des Erſchießens ver⸗ urtheilt, ich geſtern bei einem Haar gehangen, und heute, noch nuͤchtern, in die Hoͤlle verflucht, und, rings um uns das Auerſtaͤdter graufende Schlacht⸗ Coucert, das pizzicato des Infanterie⸗Feuers, und die maͤchtigen Contra⸗Bäſſe des Kanonen⸗Donners, und das Zeter der Fliehenden, und das Geheni der Sterbenden,— O, wertheſter Herr Hofrath, de Tag! die Lage!— Gott verhuͤte, daß ich je Aen liches wieder erlebe.— Ich wollte den vom ewigen Krachen des ſchweren Geſchuͤtzes fortwaͤhrend droͤh⸗ nenden Boden ſliehen, mich weit wegfluͤchten von dem Schauplatz des herzzerreißenden Spiels, wo es um Menſchenblut, um Menſchenleben, um Voͤlker⸗ gluͤck und Voͤlkerehre ging, aber die Frau, die von dem Gefuͤhl ihres Schmerzes jetzt nach und nach zu ſich zu kommen, und in deren Herzen allmaͤhlig um den geliebten Mann, dem ſie nahe zu bleiben wuͤn⸗ ſchen mochte, die bange Sorge Raum zu gewinnen ſchien, rieth mit verſtändigen Worten, hier im Ruͤk⸗ 76— ken der Fechtenden auszuharren, und den Wende punkt des Weltenſchickſals abzuwarten; zund ihre Auseinanderſetzung, daß, wenn ich mich von hier zu weit entferne, ich ganz unausbleiblich von Freund oder Feind aufgefangen oder von Marodeurs aus⸗ gepluͤndert und erſchlagen werden wuͤrde, beſtimmte mich, ihrer Aufforderung Gehoͤr zu geben, und zu bleiben. Ein Paar holzige Rüben, die wir in einem zertretenen Felde fanden, ſtillten unſern wuͤthendſten Hunger.— Sie erzaͤhlte mir bei unſerm frugalen Diner von ihrer Heimath und von der froͤhlichen Feier ihrer Hochzeit, die, nach dem Gebrauche ih⸗ res Volkes, am St. Dioniſiustage feſtlich begangen worden war, und von ihrer mir erſt jetzt auffal⸗ lenden Tracht. An dem ſchwarzen, faltenreichen wol⸗ lenen Rock, an dem ſonderbar geſtalteten Wammes von gleichem Zeuge, und an der breiten ſchwarzen, ſcharlachroth gefutterten Muͤtzenbinde erkannte ich⸗ daß meine Schlachtgefaͤhrtin eine Abkoͤmmlingin des im Dlugoſch erwaͤhnten ſlaviſchen Voͤlkerſtammes der Kaszuby's war. Ich hatte zufaͤllig fruͤher ein⸗ mal von dieſen Kaſſuben ein Breites in der Hey⸗ ler'ſchen Chronik und in Oelrichs diplomatiſchen Bei⸗ traͤgen geleſen, und es war mir ein eigener Ge⸗ nuß, Alles das aus dem Munde der jungen Frau beſtätigt zu hoͤren, was Beide von den Nachkommen jener aſiatiſchen Sarmaten⸗Horden er⸗ zaͤhlt haben. Auch ſetzte ich mir jetzt im Stillen zuſammen, warum ſie auf mein zweimaliges Ru⸗ fen nach meinem Schimmel„„hier““ geantwor⸗ tet haben mochte. Sie hieß naͤmlich Agnuſchka, und da hatte es wohl kommen koͤnnen, daß ſie unter mei⸗ uem„„Agnus““ ihren Namen verſtanden hatte.“ „Unter tauſend Angſt und Sorgen hatten wir die ende ihre er zu eund aus⸗ nmte id zu inem dſten galen ichen e ih⸗ ngen uffal⸗ wol⸗ nmes arzen, e ich, n des nmes eein⸗ Hey⸗ Bei⸗ r Ge⸗ ungen den en er⸗ btillen 3 Ru⸗ atwor⸗ a, und r mei⸗ atte.“ vir die — 277— martervollſten Stunden verlebt; die ſchrecklichſte er⸗ eilte uns jetzt; die Schlacht war entſchieden; Alles fluͤchtete auf Erfurt zu. Der Strom riß uns beſin⸗ nungslos mit fort. Unter Tauſenden, die nicht wußten wohin, verbrachten wir auf freiem Felde die Nacht, und beim Daͤmmern des Tages brachen wir wieder auf, um weiter gen Erfurt zu ziehen; in einem Dorfe, ich glaube ſie nannten es Zottel⸗ ſtaͤdt;— ein kleiner Fluß, die Ilm, kam uns rechts entgegen, wir paſſirten eine Bruͤcke, einige Schritte von dieſer lag links die Kirche, gerade aus aber die Schule; am Zaune des Schulgartens lag ein preußiſcher Gruͤner; o, ich ſehe ihn noch vor mir— hellblaue Klappen, weiße Knoͤpfe— war er todt? ſchlief er? war er betrunken? ich weiß es nicht. Er lag auf dem Geſichte, die Haͤnde unter den Augen; auf dem Ruͤcken ſeinen Torniſter. Aus dieſem regte ſich etwas Weißes. Gott verzeih' mir den Irrthum, ich hielt es— der Morgen graute noch, es war noch faſt dunkel— ich hielt das Weiße fuͤr ein lebendi⸗ ges Huhn; hungrig wie ein Wolf, ſtuͤrzte ich dar⸗ auf hin— rupfen, braten, eſſen— o, nur wer von ſolch' einem grimmigen Hyaͤnen⸗Hunger je geplagt geweſen, kann die Seligkeit ermeſſen, mit der ich hingriff nach dem weißen Huhn.„„Jeſus Maria, ein Kind,““ ſchrie Agnuſchka, und ich hatte das Aermchen eines Kindes, eines lebendigen neugebo⸗ renen Kindes in der Hand. Zitternd vor Schreck und Ueberraſchung nahm ich es nackend aus ſeinem roth und weißgeſcheckten Kalbfelle. Es war ſchon halb erſtarrt. Agnuſchka— o, die Mutterliebe ver⸗ ſiegt ſelbſt unter den Schaudern einer Auerſtaͤdter Schlacht nicht— Agnuſchka rief mit freudig per⸗ klaͤrtem Geſicht:„„es iſt ein Maͤdchen, es iſt mein Lieschen!““ und legte das faſt verſchmachtete kleine Weſen an ihre Bruſt, und ſchlang ihr Halstuch um das Kind, daß es ſich erwaͤrme, und kannte ſeines Entzuͤckens kein Ende, als der Saͤugling die ihm von Agnuſchka, nach Beobachtung der gewöhnlichen Vorſichtsmaaßregeln gebotene Bruſt, begierig nahm, und wacker trank.“ „„Der Gruͤne iſt todt,““ fliſterte Agnuſchka mir heimlich zu;„„„geben Sie mir ſeinen Torniſter, das Kind traͤgt ſich darin beſſer, als im bloßen Arm, und häͤlt ſich waͤrmer;“ und ich zog dem Soldaten behutſam den Torniſter uͤber den Kopf, und that, wie ſie mir geheißen; aber der Gruͤne war nicht todt; er brummte waͤhrend meiner Operation mur⸗ melnd vor ſich hin, was ich jedoch nicht verſtehen konnte, denn es war, ſo wollte es wenigſtens mei⸗ nem Ohre duͤnken, Polniſch.“ 2 „Waͤhrend Agnuſchka ſich fuͤr einen Augenblick auf einen Stein unweit des Schulgartenzaunes nie⸗ dergelaſſen und das durſtige Kind erquickte, machte ich mich uͤber den Torniſter her; bei Findlingen der Art liegen, wie ich ſonſt wohl in ſogenannten Hi⸗ ſtorienbuͤchern geleſen, gewoͤhnlich einige, wenig⸗ ſteus halben Aufſchluß gebende Zeilen, oder wohl gar, zur Beſtreitung der erſten Verpflegungskoſten, bedeutende Geldrollen; oder um den Hals des Kin⸗ des ſind gleichſam als Unterpfand der kuͤnftigen Ver⸗ guͤtung fuͤr die Erziehungs⸗Muͤhwaltung, reiche Ketten, Brillant⸗Kreuze und Schmuckſachen gebun⸗ den, an denen die Eltern den ausgeſetzten Liebling dereinſt einmal wieder zu erkennen vermeinen. Von dem Allem war aber nichts zu verſpuͤren. Ich fand — 79— im ganzen Torniſter nichts, als ein Stück unan⸗ ſehnliche alte Serviette, in die das Kind gewickelt geweſen war. Auch hatte ich oft von Malen, von Leberfleckchen und aͤhnlichen Merkzeichen gehoͤrt, die in ſpaͤtern Jahren den Eltern Veranlaſſung gege⸗ ben hatten, ihren verlorenen Liebling wieder aufzu⸗ finden, aber an dem ganzen Koͤrper der Kleinen war von dem Allem, ein kleines, kaum bemerkba⸗ res Leber⸗Tippchen unter dem linken Ohrlaͤppchen gusgenommen, nichts zu ſpuͤren.“ „Agnuſchka hatte jetzt das Kind getraͤnkt, und es in ſuͤßen Schlummer gelullt. Sie ſtand nun auf und ſchickte ſich an, weiter zu gehen. Ich ſtaunte ſie an und aͤußerte ihr, daß ich geglaubt, ſie werde es nur ſaͤttigen und dann zuruͤckgeben; wahrſchein⸗ lich ſey der Gruͤne der Vater des kleinen Weſens, und ſie werde doch dieſem ſein Kind nicht ſtehlen wollen; allein mit einer Heftigkeit, die mich fuͤr den Verſtand der Frau beſorgt machte, erklaͤrte ſte, daß ſie ſich dazu um keinen Preis verſtehen koͤnne; „„Gott hat,““ ſagte ſie, und umſchlang den Saͤug⸗ ling mit beiden Armen,„„mir mein Kind genom⸗ men, Gott hat es mir wieder gegeben. Iſt es deun nicht moͤglich, daß ver Unmenſch mich mein Lieschen hat einſcharren geſehen, daß er es wieder ausgegraben hat, daß es von dem Odem des all⸗ maͤchtigen Gottes, von ſeiner friſchen Luft ange⸗ haucht, wieder Leben erhalten, und daß er es nun mit ſich hat fortnehmen und fuͤr ſein Kind aus⸗ geben wollen?“ „Frau, verſuͤndige Dich nicht durch ſolche kecke Rede,“ erwiederte ich ſanft mißbilligend;„Gottes Herrlichkeit offenbart ſich heut zu Tage durch keine ö — 680— Wunder mehr; was einmal todt iſt, wird nicht wie⸗ der lebendig. Gib mir das Kind zuruͤck, daß ich es ihm wieder hinlege; er iſt nicht todt. Das kleine Weſen muß ihm das Liebſte ſeyn auf dieſer Welt; denn er hat— der Torniſter iſt, wie Du ſieheſt⸗ ganz leer— er hat alle ſeine Habſeligkeiten in Stich gelaſſen, blos um ſein Kind zu retten; er hat es aus der Schlachten hölliſchem Graus gluͤcklich gebor⸗ gen, und Du wollteſt ihm jetzt, wo das Schlimmſte uͤberſtanden, ſeine ſuͤße Buͤrde im Schlafe rauben?“ nSein Kind?““ fragte Agnuſchka mit bit⸗ term Spotte.„„Herr, wie moͤgt Ihr doch ſo gar kurz von Geſichte ſeyn. Denkt Ihr denn, daß dem Gruͤnen ſein Korporal würde vergonnt haben, den kleinen Balg mit in Reih' und Glied zu nehmen? Geſtohlen hat der Wuͤthrich das Kind, weiß Gott zu welchem Zwecke. Hunger thut weh, und Noth bricht Eiſen. Gibt es uͤber dem Meere druͤben ſchwarze Menſchenfreſſer, warum ſollte denn nicht einmal ein Gruͤner, um vor Hunger nicht umzukommen, ſolch' einen Wurm nehmen, und ihn ſich heimlich braten? Und geſetzt, ich pflichtete Euch bei und glaubte mit Euch, es waͤre ſein Kind, und er haͤtte es der Mutter nach dem Gefecht jetzt auf der Flucht abgenommen, um ihr die Laſt zu erleichtern, wo iſt denn die Mutter? Kann er denn das Kind er⸗ naͤhren? Iſt er auch nicht todt, ſo ſeht Ihr doch, daß er es nicht lange mehr machen wird; und was wird denn aus dem kleinen Wurm? Und ſelbſt, wenn er dieſen Augenblie und aufbricht, ich frage, was wird aus dem Kinde? Ohne Mutterpflege iſt das Kind in hoͤchſtens vier, fuͤnf Stunden verhun⸗ gert, verdurſtet, verjammert, verendet. Wollt Ihr, lieber Herr, die Verantwortung auf Euch nehmen, das ſchuldloſe kleine Weſen geradesweges ermordet zu haben? Stehlen!— ich! ein Kind ſtehlen!— Ja,— ja, ich will es ſtehlen; iſt es nicht beſſer, das Kind ſeinem gewiſſen Tode entziehen, als es umzubringen? O, wollt Ihr das, ſo quaͤlt es nicht lange; nehmt es bei dem Fuͤßchen und ſchleudert es mit dem Kopfe da gegen den Stein; ein raſcher Tod d 5 2 — 81— iſt immer beſſer, als ein langſamer, und ſterben muß es hier bei dem Gruͤnen ja doch.„„Schim⸗ pfen himmer,“ ſetzte ſie mit aufgeregter Bitterkeit in ihrem gebrochenen Deutſch hinzu,„„ſchimpfen himmer die Polen und die Deutſchen hauf die har⸗ me Kaſſuben, daß wir waͤren dumm und tuͤckiſch. Ho, guter lieber Err Gott, Kaſſuben viel tauſend⸗ mal beſſer ſeyn, als Polen und Deutſche; ier— beſoffener Pole liegt mit Kind⸗ hund laͤßt ungere hund durſte harme Kind, hund deutſche Err reißt Saͤugling von Murterbeuſt⸗ und will langſam ver⸗ ſchmachten laſſe hunglückliche Wurm.— Da, nehmt's in, und zerſchellt hihm han die naͤchſte Stein die kleine Kopf. J waſch mein Aende hin Hunſchuld.“ „Sie reichte mir mit raſcher Haſt das Kind und wendete das Geſicht weg, als wolle und koͤnne ſie die befuͤrchtete unmenſchliche Exekution, zu der ſie, um die Leiden des erbarmungswurdigen Weſens möͤg⸗ lichſt bald zu enden, in vollem Ernſte gerathen hatte, nicht mit anſehen.“ „Das Kind, von der unſanften Weiſe, mit der mir Agnuſchka es hinhielt, aus ſeinem Schlafe ge⸗ weckt, ſtieß einen kleinen Schrei aus und ſchlug die kleinen runzeligen Haͤndchen in einander. Freilich war dies zufaͤllig, aber der wimmernde Laut des in dieſem Augenblicke dem unvermeidlichen Tode Preis gegebenen Kindes, und die, wie zum Gebet um Erbarmen ſich in einander faltenden Haͤnde!— Ich vergeſſe Beides nicht, ſo lange ich lebe.— Bis in das Innerſte meiner Seele erſchuͤttert, gab ich das Kind Agnuſchka'n zuruͤck,„„Behalte es,“““ ſagte ich mit naſſen Augen,„„Du haſt nach Deinen Anſichten Recht. Irre ich, daß ich ſie theile, ſo mag mir Gott verzeihen; wir wollen uns des verlaſſe⸗ nen armen Weſens annehmen, als ſey es unſer ei⸗ genes, und findet es einmal noch waͤhrend unſers Lebens ſeine Eltern wieder, ſo werden wir uns ge⸗ gen dieſe uͤber unſern nothgedrungenen Raub, der ſa doch einzig und allein um des Kindes eigenen Beſten willen geſchieht, zu rechtfertigen wiſſen.“ „Agnuſchka war außer ſich vor Freude, Sie ſank — 32— vor mir nieder und umſchlang, nach der Sitte ihres Laudes, meine Kniee, und dankte mir, als haͤtte ich ihr eine halbe Welt geſchenkt; ſe eilte jetzt mit dem Kinde an das Ufer der Ilm, da wo ſte nahe bei der Kirche vorbei nach der Untermuͤhle zufließt, und nahm das kleine Weſen in die linke Hand und ſchoͤpfte mit der Rechten Waſſer aus dem Fluſſe, und goß es uͤber den Kopf des Kindes, und verrichtete ſo an ihm, wie ſie es nannte, die Nothtaufe, und gab ihm zu Ehren und zum Gedächtniß ihres geſtern be⸗ grabenen Lieblings den Namen Ludwiga; ich aber und die Octoberſonne, deren erſte Strahlen in die⸗ ſem Augenblicke das Thurmgemäuer des nahen Got⸗ teshauſes freundlich beleuchteten, waren die Tauf⸗ zeugen; der Wiederſchein dieſes heiligen Morgen⸗ lichts fiel vom ſtillen Tempel auf das Antlitz des Taͤuflings. Er war ſein einziges Pathengeſchenk. Wenige Stunden von uns die Schlachtfelder bei Auerſtadt und Jena, mit tauſend und aber tauſend Leichen bedeckt, und hier der neugeborene Findling an den Schwellen der Zottelſtädter Kirche, von zwei ſich ſelbſt ſteinfremden Menſchen, während ſein wahr⸗ ſcheinlicher Vater am Zaune des Schulgartens ver⸗ ſchied, in die Gemeinſchaft der Chriſten durch eine Kaſſubin feierlichſt aufgenommen.— Es konnte kei⸗ nen reichhaltigern Stoff zu einer ſalbungsreichen Taufrede geben; auch ſchickte ich mich, ergriffen von der Wunderbarkeit der zuſammentreffenden ÜUmſtaͤn⸗ de, an, wenigſtens in gedrängter Kuͤrze Einiges hieruͤber der frommen Agnuſchka ſagen zu wollen; allein dieſe ließ, in der Furcht, der Gruͤne moͤchte erwachen und Kind und Torniſter von uns reklami⸗ ren, mich nicht zum Worte kommen, ſondern eilte, jenes in dieſen gepackt und wohl verwahrt, mit mir von dannen uber den Zottelſtadter Dorfraum, bei Kirche und Schulhaus, die wir links liegen ließen, vorbei, nach Wersdorf zu;, doch bogen wir, auf Veranlaſſung mehrerer Fluͤchtlinge, die uns ein⸗ holten und der Richtung, welche ſaͤmmtliche Regi⸗ menter nahmen, kundiger waren, von dem einge⸗ ſchlagenen Wege links ab, und zogen gen Roßla, — 33— wo ſich ſpaͤter das Fuͤſelier⸗Bataillon v. Kloch, in dem, der Montur nach, unſers Lieschens Vater, der Gruͤne ſtand, von einem franzoͤſiſchen Parlamen⸗ tair aufgefordert, dem Feinde gefangen gab.“ „Ohne Aufenthalt ging es von hier denſelben Tag, als den 15. October, weiter nach Weimar. Man mußte uns, trotz meiner ſchlichten burgerlichen Klei⸗ dung, für Gefangene mit anſehen, denn wir Beide wurden dort im Schneiderſchen Hauſe, auf dem Ke⸗ gelplatze, mit 30 Andern, lauter Klochſchen Gruͤ⸗ nen, in eine Stube eingepfercht, aus der wir erſt Nachmittags zwei Uhr entkaſſen wurden. Auf dem Markte, vor dem Hauſe*) des⸗ beruͤhmten Witten⸗ derger Buͤrgermeiſters, Lucas Cranach, wurden wir aufgeſtellt. Wenn der alte Herr doch noch lebte, dachte ich in meinem Sinn, der malte dich gewiß von feinem Fenſter da druͤben aus, gleich fuͤr die ſpaͤte Nachwelt; der ehrbare Regiſtrator Auerſtädt ſammt der kaſſubiſchen Agnuſchka und unſerm auf⸗ geleſenen Kinde, Alle ohne ihre Schuld in franzoͤſi⸗ ſcher Gefangenſchaft— das ſollte von ſeinem kraͤf⸗ tigen Pinſel gewiß keine ſchlechte Gruppe werden, und da er aus der Geſchichte ſeines Herrn und Goͤnners, des Kurfürſten Johann Friedrich auf der Lochauer Heide, wohl ſich wurde erinnern koͤnnen, wie einem armen Gefangenen— ich legte beide Hande auf den knurrenden Magen— zu Muthe iſt, ſo wuͤrde er vielleicht, vom Mitleide geruͤhrt, dem armen ſchuldloſen Regiſtrator und der verſchmach⸗ tenden Kaſſubin einen Biſſen Brod— und die Thuͤre druͤben im Hauſe, wo der pietor celerimus, wie er durch einen Schnitzer des Steinmetzen auf ſeinem zu Weimar befindlichen Denkmale genannt iſt, vor faſt 500 Jahren gewohnt hatte, that ſich auf, und ein großer, wohlgeſtalteter, gar freund⸗ licher Mann, Cranachs Nachfolger im Hauſe, trat heraus, und wußte es auf feine Weiſe zu machen, *) Gegenwärtig befindet ſich in demſelben die Hoffmann⸗ ſche Hofbuchhandlung. daß er mir und Agnuſchka, und einigen unſerer naͤchſten Nachbarn, Brod und Fleiſch heimlich zu⸗ ſteckte. Hunderte vielleicht mag der gaſtliche Mann vor⸗ und nachher bewirthet haben, mehr aber er⸗ quickt hat er gewiß keinen, als uns. Beſtimmt hatte das Leidensbild der mater dolorosa, der blaſſen Agnuſchka, mit dem Kinde im Arme, ſein und der Seinigen Herz geruͤhrt. Nicht Lucas Cranach, ſondern Kuͤnſtler, die durch ihren wehmuthigen Farbenton ergreifende Werke ſchon geliefert, der Hunger, der Kummer und die ſtumme Verzweiflung hatten die bleiche Maͤrtyrerin gemalt. Sie war bis zum Um⸗ inken erſchöpft; ſie hatte keine Nahrung mehr fuͤr udwiga; ſie umkrampfte mit erſtarrendem Arm den ungluͤcklichen Wurm, der mit geoffnetem Muͤnd⸗ chen an der verſiegten Quelle lag und ſeinem Gotte uͤber den Wolken durch lautes Jammergeſchrei ſeine bittere Noth klagte. Das Alles mochten ſie druͤben im Hauſe des Herrn Lucas Cranach mit ſamariti⸗ ſcher Theilnahme geſehen und gehoͤrt haben, denn Agnuſchka war die Erſte, welche aus den Haͤnden des ſtattlichen Herrn die erquickende Spende bekam, und ſie erhielt, gegen uns lebrige, das Vierfache. Gott gebe dem wohlthaͤtigen Manne und ſeinem ganzen Hauſe heute noch einen froͤhlichen Tag dafuͤr!“ „Im Gaſthof zum Wallfiſch in Erfurt ward die Bataillons⸗Kaſſe der Grunen, um ſie nicht in Fein⸗ des Haͤnde fallen zu laſſen, unter die Officiere, ge⸗ gen deren Empfangſcheine, heimlich vertheilt. Ein Unterofficier, ein Bekannter Agnuſchka's, hatte auch davon hundert Thaler abbekommen, und wollte mit Agnuſchka, deren Zuſtand ihn jammerte, redlich theilen; allein die franzoͤſiſchen Gensd'armen, die ihn im Winkel Geld zählen ſahen, ſtuͤrzten mit graͤßlicher Raubgier herbei und nahmen ihm die ganze Summe weg. Agnuſchka erzaͤhlte einer Un⸗ teroffiziersfrau vom naͤmlichen Bataillon, die ſie auf dem Marſche hatte kennen gelernt— wenn ich nicht irre, hieß ſie Scholz— ihre zu Waſſer zerronnene Hoffnung, und fragte, ob ſie ihr, da der Mann nach den ihm ne gluͤc Hell folg⸗ der vert eine ließ ſie n unbe werd ben eine zu be als Dept uͤber ten l ſeyn Hankd mert fen i hober ſah, vor ſ ſie hi vor u wenn bei d geſog⸗ den ſi terſtü von d Erfur hen u waren zu wa — 65— den eingezogenen Nachrichten gefangen, und von ihm daher keine Unterſtuͤtzung zu hoffen, eine klei⸗ ne Summe vorſchießen koͤnne, die ſie ihr, nach gluͤcklicher Rückkehr im Lande der Kaſſuben, bei Heller und Pfennig ehrlich wieder abzahlen wolle.“ „Die Alte nickte verſtohlen, und winkte, ihr zu folgen. In einem nahen Bürgerhauſe ſtand unter der Treppe ein ihr, aus der Bataillons⸗Kaſſe an⸗ vertrauter Koffer mit tauſend Thalern, den ſie an einen ſichern dritten Mann ſchaffen ſollte. Sie uͤber⸗ ließ Agnuſchka zu nehmen, ſo viel ſie wolle, denn ſie wiſſe ohnehin nicht, wie ſie den ſchweren Koffer unbemerkt allein fortzubringen im Stande ſeyn werde. Agnuſchka hatte ſo viel Geld in ihrem Le⸗ ben noch nicht beiſammen geſehen; ſie langte ſich einen Hundertthalerbeutel und vermeinte eine Welt zu beſitzen. Aber ſie war noch nicht aus dem Hauſe, als ſechs bis acht üͤber muͤthige Chaſſeure, denen das Depot der Bataillons⸗Kaſſe von Soldaten, die dar⸗ uͤber wuͤthend waren, daß ſie bei der Theilung hat⸗ ten leer ausgehen muͤſſen, mochte verrathen worden ſeyn, eintraten, Agnuſchka'n den Beutel aus der Hand rißen, und die Unteroffiziersfrau der bekuͤm⸗ merten Serge, wie ſie den ſchweren Koffer fortſchaf⸗ fen werde, mit ſchneidendem Hohngelächter uͤber⸗ hoben.“ „Jetzt kam Agnuſchka laut weinend zuruͤck. Sie ſah, ohne alle Subſiſtenzmittel, keine Möglichkeit vor ſich, zu den Ihrigen heimzukehren, denn wo ſie hinwollte, zogen die feindlichen Schaaren ihr vor und verwuͤſteten das Land ſo, daß ſie, ſelbſt wenn ſie ſich bis nach Hauſe haͤtte betteln wollen, bei den von den franzoͤſiſchen Blutigeln rein aus⸗ geſogenen Bewohnern des ungluͤcklichen Landſtrichs, den ſie zu durchwandern hatte, wenig oder keine Un⸗ terſtuͤtzung zu hoffen hatte, zumal ſte die Frau eines von denen war, die, wie ſie ſchon in Weimar und Erfurt vom Volke hatte hoͤren müſſen, ſtatt zu ſte⸗ hen und das Vaterland zu vertheidigen, gelaufen waren und daſſelbe im Stich gelaſſen hatten. Da⸗ zu war der Winter vor der Thuͤr, und in den un⸗ —— — 26— wirthlichen Zonen der kaſſubiſchen Heimath mochte das Reiſen, ſelbſt in einer guͤnſtigern Jahreszeit, nicht das angenehmſte ſeyn. Aller Muth war ihr gewichen; ſie, die bis dahin ſo ſtark, ſo eiſern feſt geweſen war, verlor mit Einemmale alle Hoffnun⸗ gen, alle Ausſſichten. Sie war keines Blicks in die Zukunft mehr faͤhig, und ſank mit der Bitte zu meinen Fuͤßen nieder, ſie und ihr Kind, wie ſie Ludwiga nannte, auf die moͤglichſt kuͤrzeſte und we⸗ nigſt ſchmerzliche Art vom Leben zum Tode zu be⸗ foͤrdern, denn ein baldiges Ende ſey ihr und dem nur zum Jammer und zum Leiden von ſeiner Ge⸗ burt an beſtimmten ungluͤcklichen Wurme ja doch das Beſte.“ „Dieſer Augenblick, ſo ſchrecklich er meinem Her⸗ zen auch war, rettete mich, die Frau und das Kin? von tauſendfachem Elende. Man hatte uns in Wei⸗ mar, weil wir bei Roßla dem Bataillon Gruͤner uns zufaͤllig angeſchloſſen hatten, als Gefangene be⸗ trachtet, und uns als ſolche, nach dem alten Sprich⸗ worte: mit gefangen, mit gehangen, mit nuch Er⸗ furt transportirt; von hier ſollten wir weiter ge⸗ ſchleppt werden; als aber der Gensd'armen⸗Unter⸗ offizier ſich uns naͤherte, um uns aufzufordern, uns zurn Abmarſch in Reih und Glied zu ſtellen, und er die Frau mit dem Kinde weinend zu meinen Fuͤßen fand, und ſah, wie ich mit frommem Troſt⸗ ſpruch meine Hand auf ihr Haupt legte⸗ mochte er mich fuͤr einen Feldprediger oder erwas dem Aehn⸗ liches halten, denn er ſagte mit leichtem Spottlaͤ⸗ cheln„„Soldat⸗Bibelhuſar““ zuckte die Achſeln, ließ uns mit einer Miene, als glaube er nicht, daß dem franzöſiſchen Kaiſerreiche an uns viel gelegen ſeyn moͤchte, ruhig gewaͤyren, und ging ſeines We⸗ ges, und von da ab bekümmerte ſich weiter kein Menſch um uns,.“ „Wer Alles, und mit dieſem Allem, den Glau⸗ ben an Alles verloren, iſt leicht getroſtet. Ich ſetzte der, von den Marterqualen der ſchwärzeſten Ver⸗ zweiflung bis auf den hochſten Punkt gefolterten Aguuſchka auseinander, daß ich das Kind gefun⸗ vochte szeit, r ihr feſt fnun⸗ n die te zu ie ſie d we⸗ u be⸗ dem r Ge⸗ doch Her⸗ Kin? Wei⸗ ruͤner ne be⸗ prich⸗ ch Er⸗ er ge⸗ Unter⸗ 1, uns „ und reinen Troſt⸗ chte er Aehn⸗ pottla⸗ chſeln, ht, daß gelegen es We⸗ r kein Glau⸗ h ſetzte n Ver⸗ lterten gefun⸗ — 387— den; daß es alſo mein ſey; daß mir die Pflicht obliege, fuͤr deſſen Lebenserhaltung zu ſorgen, daß die Vorſehung ſte mir zu dieſem Behufe ſelbſt zuge⸗ fuͤhrt habe, und daß ich ſie daher erſuche, als Am⸗ me meiner kleinen Ludwiga mich in meine Heimath zu begleiten. Bis zu Ludwiga's Entwoͤhnung werde ja hoffentlich Frieden werden und Agnuſchka's Mann zurückkehren, wo ich ſie dann ungehindert ziehen laſſen werde; ſollte das Schickſal aber anders be⸗ ſchließen, ſo ſolle ſie Lebenslang in meinem Hauſe bleiben und keine Noth haben.“ „So troſtbedürftig und hoffnungslos vorhin Ag⸗ nuſchka geweſen war, ſo üͤbergluͤcklich verſicherte ſie jetzt zu ſeyn. Sie gelobte, Ludwiga wie ihr eige⸗ nes Kind zu pflegen, und mir und den Meinen treu und redlich zu dienen, und ſie hat Beides ehr⸗ lich gethan, bis auf dieſe Stunde; denn die altli⸗ che Magd, die Ihnen in unſerm Hauſe berichtete, daß wir nach Thereſenhayn gewallfahrtet, iſt die viel⸗ beſagte Agnuſchka. Sie hat, aller meiner Erkundi⸗ gungen ungeachtet, bis heute noch keine beſtimmte Nachricht uͤber ihren Mann; nach den Ausſagen ei⸗ niger ſeiner aus der Gefangenſchaft zuruͤckgekehr⸗ ten Kameraden, iſt er auf dem Transport nach Frankreich an den bei Auerſtaͤdt erhaltenen Wun⸗ den geſtorben.“ „Je naͤher wir meiner Heimath kamen, deſto baͤnglicher ward mir wegen des vermuthlich arque⸗ buſirten Schimmels, wegen der in die Brüche ge⸗ gangenen Erbſchaft, und wegen der in meinem Ge⸗ folge ſich befindenden Gaͤſte. Vor meiner Abreiſe hatte ich mit meiner Frau hundert Piane entwor⸗ fen, was wir Alles mit dem Erb⸗Kapitale anfan⸗ gen wollten, das uns in unſern damals gewaltig. beſchraͤnkten Vermoͤgens⸗Umiſtaͤnden manche Erleich⸗ terung und manchen Genuß verſchaffen ſollte, und nun hrachte ich nicht nur Nichts mit, ſondern auch noch Schulden fuͤr den Fliegen⸗Gaul, und obenein zwei freide fleiſchfreſſende Thiere, Agnuſchka mit dem Kinde.“ „— O, mein Herr Hofrath, da habe ich geſe⸗ — 688— hen, was wahre Liebe iſt, da habe ich verſtanden, was es heißt, wenn der weiſe Salomo in ſeinen Gnomen ſagt: Haus und Guͤter vererben die El⸗ tern, aber ein vernuͤnftiges Weib kommt vom Herrn, und Jeſus Sirach: Ein freundliches Weib erfreuet ihren Mann, und wenn ſie vernuͤnftig mit ihm umgehet, erfriſchet ſie ihm ſein Herz.“ „Ich haͤtte ihr noch zehn Kinder und zehn Am⸗ men dazu mitbringen koͤnnen, meine Frau haͤtte in der Freude, mich lebendig und geſund wieder zu ſehen, alle Zwanzig willkommen geheißen. Sie hat⸗ te, nach meinem letzten Briefe, in dem ich ihr den Tag meiner Abreiſe, und den Umweg gemeldet, den ich, um das beruͤhmte Weih⸗Weimar zu ſehen, hatte machen wollen, richtig auspunktirt, daß ich mit den gegeneinander vorruͤckenden Armeen auf den heißen Punkten bei Jena oder Auerſtaͤdt hatte zuſammen treffen muͤſſen, und mich ausgepluͤndert, verwundet, gefangen oder todt geglaubt; jetzt hatte ſie mich friſch und munter wieder, und war guͤtig genug, mir die Quadrupel⸗Verlegenheit, die ihr fei⸗ ner Scharfblick mir gleich abmerkte, bald wegzu⸗ ſchwatzen. Waͤren wir bisher ohne die Erbſchaft aus⸗ gekommen, ſo wuͤrden wir jetzt ohne dieſelbe auch nicht Hungers ſterben; der alte ſteife Schimmel wuͤrde den Hals nicht koſten; der Eigenthuͤmer muͤſſe ſich Abſchlags⸗Zahlungen gefallen laſſen, und über dieſe wuͤrde, wenn wir uns auf andern Flecken kleine Entſagungen gefallen ließen, auch wegzukom⸗ men ſeyn. Die kleine Ludwiga, fuhr ſie in ihrer Auseinanderſetzung, mit der ſie mich zu beruhigen ſich bemuͤhte, fort, die kleine Ludwiga koſtet vor der Hand noch gar nichts, und wenn ſie aͤlter wird und mehrere Ausgaben erfordert, wird auch dazu Rath werden; und was die Agnuſchka betrifft, ſo mußten wir uns, wenn der Himmel unſere Hoff⸗ nungen wahr macht, in Kurzem ja doch nach einer dienenden Perſon umſehen, die mit Kindern um⸗ zupeben weiß; dieſe hat uns der liebe Herr Gott felbſt zugeſandt: ſie gefällt mir, denn ſie hat Liebe zum fremden Kinde und ein gutes frommes Ge⸗ ndeu, ſeinen ie El⸗ vom Weib ig mit Am⸗ haͤtte der zu ie hat⸗ hr den t, den ſehen, aß ich en auf hatte ndert, hatte guͤtig hr fei⸗ wegzu⸗ t aus⸗ e auch immel muͤſſe d über Flecken zukom⸗ ihrer uhigen let vor er wird rda ifft, ſo Hoff⸗ h einer ren um⸗ r Gott t Liebe es Ge⸗ ſicht, und da geſchrieben ſteht—„„Thue dem Frommen Gutes, ſo wird Dir's reichlich vergolten, wo nicht von ihm, ſo geſchieht es gewißlich vom Herrn— ſo wollen wir der reichlichen Vergeltung gewaͤrtig ſeyn, und der armen Frau und dem ar⸗ men Kinde Gutes thun, ſo viel wir vermoͤgen.“ Und als ſie das ſagte, nahm ſie die kleine Ludwiga und ſah ihr in die klaren Augen, mit denen das verlaſſene Kind in die weite Welt ſeines Gottes, und in ſeinen hohen Himmel ſchaute, und ſie druͤckte es an ſich und herzte es, und machte ihm dieſen Abend noch ſein warmes Bettchen, und es ſchlief in dieſem viel behaglicher, als in ſeinem kalten kalb⸗ ledernen Torniſter. Die reichliche Vergeltung iſt aber an uns vielfach wahr geworden, denn Agnuſchka ward uns durch ihre unermuͤdliche Thaͤtigkeit, durch ihre zarte Anhaͤnglichkeit, und durch ihre goldene Treue, ein wahrer Schatz, und Ludwiga unſer Stolz, unſere Freude, unſer Gluͤck.“ „Die Guͤltigkeit unſerer Nothtaufe aber wollte meine wackere Haus⸗Ehre nicht anerkennen. Gegen ihre Gruͤnde war nichts einzuwenden; unſer Orts⸗ predigerließ ſich auch, nachdem ich ihm eine vollſtaͤndige Geſchichts⸗Erzäaͤhlung uͤber die Auffindung des Kin⸗ des mitgetheilt hatte, zur Taufung deſſelben willig finden; meine Frau, ich und Agnuſchka waren die Pathen. Die Kleine erhielt die Namen: Ludwiga Auerſtaͤdt. Dabei blieb es ihr und Jedem, ſo es dereinſt einmal angehen mochte, uͤberlaſſen, den Namen Auerſtädt von mir, ihrem gluͤcklichen Fin⸗ der und Pflegevater, oder von der, in der deutſchen Geſchichte ewig merkwuͤrdigen Schlacht bei Auer⸗ ſtädt, waͤhrend der ſie, nach allen Anzeichen, am zaten October geboren worden ſeyn mußte, oder von dem, einzig und allein durch die Auerſtaͤdter Schlacht bewirkten Umſtande, daß wir ſo ſeltſam zuſammen treffen mußten, herzuleiten.“ „Sobald in meinem Wohnorte meine Geſchichte, die ich Jedermaͤnniglich mitzutheilen keinen Anſtand nahm, ruchtbar wurde, regte ſich die Erbaͤrmlich⸗ keit des großen Haufens, der aus den unſchuldi Keeyſoßen Haufens, 3 ſendig⸗ — 90— ſten Dingen die Giftfaͤden des ſchwaͤrzeſten Arg⸗ wohns zu ſpinnen gewohnt iſt, in ihrer ganzen Groͤße.„„Gefunden will er das Kind haben?““ ſagten die boshaften Menſchen,„„wie er doch Al⸗ les ſo ſuperfein eingefadelt zu haben vermeint! Aber wir ſehen weiter; wir ſind der Sache bis auf den Grund gekommen; das Kind iſt ſein, und kei⸗ nes Andern. Wahrſcheinlich iſt die kaſſubiſche Ma⸗ dame des Kindes Mutter. Wie der Ferr Ober⸗ Kreis⸗Gerichts⸗Regiſtrator mit der ſchwarzwamm⸗ ſigen Slavin bekannt geworden, mag der Himmel wiſſen, auch wollen wir die Mutterſchaft der Kaſ⸗ ſubin dahin geſtellt ſeyn laſſen; die Vaterſchaft aber kann Herr Auerſtaͤdt nicht läugnen. Mit der Erb⸗ geſchichte war es nichts, als Wind. Wenn er nur recht viel geerbt haͤtte, er wuͤrde die alten Thaler wohl nach Hauſe gebracht haben; das ganze Vor⸗ geben geſchah nur, um einen Vorwand zur Reiſe zu haben. Er konnte mit der Poſt fahren; aber nein, es mußte hingeritten werden; an Gelde fehlte es ihm, wie immer; er ſetzte ſich alſo abſichtlich auf den Schimmel, verkaufte ihn dort fuͤr ein ſchweres Geld, deckte damit ſeine ganzen Reiſekoſten, und befriedigte mit dem Reſiduum die Anſpruͤche der Woͤchnerin. Wer ſein Vaterthum irgend noch in Huelſel ziehen moͤchte, darf nur in dem Kirchen⸗ uche nachzuſehen belieben, das wird ihm authen⸗ tiſche Gewißheit daruͤber geben. Hat der verheirathete Mann die Keckheit, ſein in wilder Ehe erzeugtes Kind auf ſeinen Namen taufen zu laſſen! Nein, was zu arg iſt, iſt zu arg!““ „So ſprachen die ſchlechten Menſchen, und Viele von ihnen waren dumm oder verworfen genug, alle dieſe falſchen Anſichten und haͤmiſchen Combing⸗ tionen, unter der Maske wohlmeinender Freund⸗ ſchaft, meiner Frau mitzutheilen. Dies klare We⸗ ſen aber laͤchelte uͤber die Bosheit der Welt— ſie glaubte an das, was ich ihr geſagt, weil ſie mich und die Wahrheit kannte; die fromme treue Agnuſch⸗ ka konnte ihr Niemand verdaͤchtigen, und die ſchuld⸗ loſe Ludwiga ward jetzt ihrer zarten Mutterliebe, 4 ihrer mit Keine Gege loſen daß d heiße Leute Geſch kein v me ko vor, 1 in das „2 daß er konnte machte weil n mit de ponirt und E Ludwi⸗ Kinder ter beg und de Recht immer Stiche — 91— da Ni ihrer lebendigen Theilnahme noch werther, weil— n 22,“ mit ſtiller Betruͤbniß ſah, daß das Kind, da och Al⸗ Keinem in der Welt etwas zu Leide gethan, der deimt Gegenſtand ihres niedrigen Witzes, bores ſcogn— is auf loſen Spottes war. Die Schlechtigkeit ging Lit, ind kei⸗ daß des Kindes Name zum Anſtoß ward. Ludwiga de Ma⸗ heiße, meinte der Plebs, und unter dieſem waren DOber⸗ Leute in ſeidenen Kleidern und auch von unſerm wamm⸗ Geſchlechte hochgraduirte Perſonagen, Ludwiga heiße dimmel kein vernuͤnftiger Menſch; ein ſolcher verruͤckter Na⸗ er Kaſ⸗ me komme in der ganzen deutſchen Chriſtenheit nicht ift aber vor, und man begreife den Prediger nicht, wie er ihn er Erb⸗ in das Kirchenbuch habe aufnehmen koͤnnen.“ er nur„Als das Maͤdchen ſo weit herangewachſen war, Thaler daß es mit andern Kindern umgehen und ſpielen ge Vor⸗ konnte, nannten dieſe es Ludwigelchen; daraus r Reiſe machten andere Igelchen, andere Wickelchen, und ; aber weil man ſich der Auerſtädter Schlacht entſann, die e fehlte mit des Kindes Daſeyn in Beziehung ſtand, ſo com⸗ lich auf ponirten ſie Schlacht⸗Igelchen, Schlacht⸗Wickelchen ſchweres und Gott weiß, was noch Alles heraus. Die kleine n, und Ludwiga wollte dergleichen Spitznamen, die von den iche der Kindern gewoͤhnlich mit beleidigendem Hohngeläͤch⸗ noch in ter begleitet wurden, nicht leiden, und klagte mir Kirchen⸗ 4 und der Mutter ihre Noth; wir ſuchten deßhalb authen⸗ Recht bei den Eltern der ungezogenen Kinder, aber jrathete immer erhielten wir zur Antwort, daß an all' den es Kind Sticheleien und Reibungen einzig und allein wir in, was Schuld waͤren; der einfaͤltige Name waͤre nun ein⸗ 2 mal dem Kinderohre ungewoͤhnlich, und wuͤrde, ſo id Viele lange das Mädchen unter ihm lebe, ewig und im⸗ ug, alle mer ein Amſtoß bleiben; wir ſollten doch nicht wi⸗ ombina⸗ der den Strom ſchwimmen, und dem armen Kinde Freund⸗ lieber einen chriſtlichen Namen geben.⸗ are We⸗„Umtaufen konnten wir es nicht. Um indeſſen lt— ſie Ruhe zu haben, und den Leuten den Willen zu ſie mich thun, erklaͤrten wir ihnen, daß Ludwiga urſpruͤng⸗ Agnuſch⸗ lich ſarmatiſcher Abkunft, der Pendant zu Ludwig teſchuld⸗ ſey, wie Luiſe zu Louis; daß Ludwiga alſo ſo viel terliebe, heiße, als Luiſe, und daß wir daher unſer kleines Maͤdchen von nun an mit dem gewiß im ganzen — 92— Orte bekannten Namen Lieschen benannt wiſſen woll⸗ tan. Natuͤrlich gab dies von Neuem in der ganzen Stadt Veranlaſſung zum Geſpräch; man waͤrmte die alte Geſchichte von der Herkunft des Kindes auf; man erinnerte ſich meiner fruͤhern Erzaͤhlung, daß ich es in einem Torniſter gefunden, und die Knaben, welche zu der Zeit in der beliebten Periode der ſo⸗ genannten Flegeljahre ſtanden, und die des Maͤd⸗ chens reizbare Empfindlichkeit in dem Punkte kann⸗ ten, nannten es nun, um ees zu necken und zu aͤrgern, nicht anders, als Torniſter⸗Lieschen. Die⸗ ſer miſerable Einfall ward von den Papa's und Mama's be˖faͤllig belaͤchelt und weiter herumgebracht, und jetzt hieß mein armes Kind im ganzen Orte, bei Alt und Jung, Torniſter⸗Lieschen. Längſt ſchon war mir das Leben mit dem kleinſtaͤdtiſchen Jan⸗ hagel, der ſich ein eigenes Vergnuͤgen daraus mach⸗ te, einander alles gebrannte Herzeleid anzuthun, unertraͤglich; dieſer vielleicht an ſich unbedeutende Vorfall gab meinem lange gehegten Wunſche, mei⸗ nen Wohnſitz zu veraͤndern, den Ausſchlag. Faſt taͤglich kam das arme kleine Ding aus ihren Spiel⸗ zirkeln mit rothgeweinten Augen, und wenn wir fragten, was ihm fehle, brach es in lautes Schluch⸗ zen aus, und erzaͤhlte in ſeinem kauderwaͤlſchen Lallen, daß die„„dummen Jungen““ wieder ein⸗ mal„Nieſterlieschen““ geſchimpft haͤtten. Die Sylbe Tor war ihrem ſonſt recht gelaͤufigen Zuͤn⸗ gelchen damals noch unausſprechlich. Wiederholte Klagen bei den Eltern der Rangen waren frucht⸗ los und machten das Uebel nur noch ärger. Was ſollte aber aus dieſem Unweſen am Ende werden! Naturlich behielt das Maͤdchen dort den Spitzna⸗ men, ſo lange es lebte; Jeder, der ihn zum Er⸗ ſtenmale hoͤrte, fragte nach dem Zuſammenhang der Sache, und erfuhr dann immer Lieschens ganzen Lebenslauf mit tauſend, ihm nicht vortheilhaften Fuſßnen und Erdichtungen; wie nachtheilig aber ies Alles auf das Gemuͤth des Maͤdchens, und zuletzt gar auf deſſen Ruf und Lebensglück wirken mußte, war kaum abzuſehen.“ — 8 en Zuͤn⸗ derholte frucht⸗ Was verden! Spitzna⸗ um Er⸗ hang der ganzen ilhaften lig aber ius, und k wirken „Im aufgeregteſten Unmuthe uͤber dieſe Lage der Dinge wendete ich mich, da ein ahnlicher Vor⸗ fall mir den Ort meines Aufenthalts von Neuem wieder einmal recht widrig gemacht hatte, an einen alten Goͤnner hieſelbſt, den vor Kurzem verſtorbenen Geheimen Rath Zach; der war als Oberkreis⸗Rath ſonſt bei uns geweſen, er kannte unſer Lieschen und wollte ihm wohl. Er hatte oft, das kleine fröhliche Ding auf dem Schooße, mit menſchen⸗ freundlicher Theilnahme geſagt, daß das arme, am Auerſtaͤdter Schlachttage von unbekannten Eltern geborene, von Vater und Mutter verlaſſene Kind die heiligſten Anſpruͤche auf die Huͤlfe jedes rechtli⸗ chen Menſchen habe, und oft verſichert, daß ihm jede Gelegenheit willkommen ſeyn werde, ihm ſei⸗ nen aufrichtigen Antheil zu bethaͤtigen. An das Al⸗ les erinnerte ich ihn und bat um die Bewirkung einer Verſetzung an einen andern Ort; der Gehei⸗ me Rath ſchrieb mir, daß es eigentlich nicht in der Regel ſey, um eines drittehalbjaͤhrigen Mädchens willen landesherrliche Beamten zu transplantiren; da indeſſen in der Reſidenz eben beim Geheimen Archive eine fuͤr mich ganz paſſende Stelle offen ge⸗ weſen, zu der er keinen tuͤchtigern Offizianten in Vorſchlag zu bringen gewußt, als mich, ſo wäre hie⸗ mit mein Wunſch und zugleich auch ſein Verſpre⸗ chen, unſerm kleinen Pflegling nuͤtzlich zu ſeyn, in Erfuͤllung gegangen; und auf dieſe Weiſe kam ich hieher. Die Namen Ludwiga und Lieschen wurden auf immer bei Seite gelegt, und das Kind, als unſer eigenes, unter dem Namen Luiſe hier einge⸗ fuͤhrt. Jenen Spitznamen ſammt allen den daraus entſtandenen kleinen Kraͤnkungen vergaß die Kleine bald, und heute noch weiß Luiſe nicht anders, als daß ſie unſer leibliches eheliches Kind ſey. Se. Ex⸗ cellenz, unſern verehrten Herrn Chef, hat der alte Zach von der ganzen Geſchichte fruͤher einmal in Kenntniß geſetzt; außer dieſem, meiner Frau und Agnuſchka weiß hier kein Menſch darum. Jetzt habe ich das Geheimniß in Ihre Haͤnde gelegt, indeſſen iſt es in dieſen gewiß gut aufgehoben. Daß aber ein ſolcher Beiname den damit Belegten auf den ganzen Lebensweg begleite, davon habe ich erſt vor einigen Tagen einen abermaligen Beweis erhalten, indem ein alter Bekannter aus meinem fruͤhern Wohnorte, der mir und meinem Hauſe im Gan⸗ zen recht wohl wollte, und mir neulich ſchrieb, nach meiner faſt fuͤnfzehnjahrigen Entfernung von dort, am Schluſſe ſeines Briefes fragte, wie ſich ſein liebes Torniſter⸗Lieschen befinde. Jetzt, nachdem Sie durch meine, vielleicht zu weitlaͤuftig gewor⸗ dene Geſchichts⸗Erzählung von Allem ſattfam un⸗ terrichtet worden, bitte ich, ſich zu erinnern, daß ich unmaßgeblich vorgeſchlagen, zu thnn, als ob von Ihrem ehrenwerthen Antrage keine Rede gewe⸗ ſen. Sie haben noch ganz freie Hand; denn als Sie Luiſen ſich zu Ihrer Lebensgefaͤhrtin erkohren, glaubten Sie, daß ſie meine Tochter ſey; da dieſe Vorausſetzung indeſſen auf einem Irrthum beruh⸗ te, ſo habe ich Ihnen dieſen benehmen, und Sie Ihres, auf jene Vorausſetzung gewiſſermaßen mit baſirten Wortes entbinden muſſen. Ich beſcheide mich ſehr gern, daß die Frage, ob Luiſe mein oder eines Dritten Kind ſey, an ſich als eine ganz un⸗ weſentliche, fuͤr Sie kein Intereſſe haben kann, und daß dieſer Umſtand auf Ihre Wahl ohne allen Einfluß ſeyn duͤrfte. Da jedoch, nach der höchſten Wahrſcheinlichkeit, Luiſe das Kind eines armen Sol⸗ daten iſt; da dieſer, ſo wie deren Mutter noch am Leben ſeyn kann; da irgend ein Zufall die Eltern auf die Spur ihres Kindes bringen kann, und da eine Familien⸗Verbindung mit Leuten dieſer Klaſſe, die bei derlei Gelegenheiten ihr Intereſſe nur gar zu gern und nicht immer auf die zarteſte Weiſe mit in das Spiel zu miſchen pflegen, oft ſehr druͤ⸗ ckenden Inconvenienzen unterworfen iſt; ſo duͤrfte einem Manne Ihrer Verhäaͤltniſſe und Ausſichten vielleicht das Raͤthlichſte ſeyn, entweder die Idee der Verbindung mit einem Maͤdchen von ſo unbe⸗ kannter Herkunft ganz auf ſich beruhen zu laſſen, oder wenigſtens der Ausfuͤhrung derſelben noch ei⸗ nige Zeit, und bis ſich uͤber die Eltern etwas Nä⸗ — 95— heres ermitteln ließe, Anſtand zu geben. Ew. Wohl⸗ geboren werden mir vielleicht den Vorwurf machen wollen, daß es an mir geweſen waͤre, die Eltern durch die oͤffentlichen Blaͤtter zur Abholung ihres Kindes aufzufordern; allein in der erſten Zeit der Kriegsunruhen, wo alle Korreſpondenz gehemmt und geſtoͤrt war, ließen ſich dergleichen Inſerenda ſehr ſchwer in die auswaͤrtigen Zeitungen bringen; ſpaterhin aber haͤtten wir durch eine ſolche offent⸗ liche Aufforderung die Geſchichte des Maͤdchens erſt recht weltkundig gemacht, und am Ende doch nichts weiter bewirkt, als daß das Kind ſtatt bis dahin nur von unſerm Wohnorte, nun im ganzen Lande bis an ihr ſeliges Ende Torniſter⸗Lieschen geheißen haͤtte; denn nach meiner feſten Ueberzeugung war der Gruͤne, auf deſſen Ruͤcken ich das neugeborene Kind gefunden, deſſen Vater, und dieſer war ſo kraftlos, krank oder ſchwach, daß er vermuthlich am Zaune des Zottelſtädt'ſchen Schulgartens geſtorben iſt; und ſollte dieß der Fall auch nicht geweſen ſeyn, ſo iſt er doch beſtimmt als Gefangener mit nach Frankreich geſchleppt worden; daß dieſer ſinnenver⸗ wirrte, nervenkranke Mann aber von dort leben⸗ dig nicht zuruckgekehrt iſt, liegt, wenn man einen Transport Gefangener damals mit angefehen hat, außer allem Zweifel. Zuletzt endlich hatten wir uns an das Maͤdchen ſo gewoͤhnt, daß wir es als ein Ungluͤck fuͤr unſer ganzes Haus wuͤrden ange⸗ ſehen haben, wenn Luiſe uns entriſſen worden ware. Seit ſie in unſerer Mitte lebt, hat ein eigener Segen Gottes auf meinem Hauſe geruht. Frau und Kinder ſind immer geſund geweſen, und wenn es auch mit dem zu runden Gelde zuweilen etwas knapp herging, ſo waren wir doch um ſo rei⸗ cher an frohem Sinn und gluͤcklicher Laune. Dieſe Gabe des Himmels brachte Luiſe mit in unſer Haus; aus ihrem reinen Herzen ſtroͤmte der fri⸗ ſche, ewig unverſiegbare Quell ihres jugendlichen Muthes, ihrer bezaubernden Heiterkeit auf uns Alle uͤber. Ihre Kunſt, mit Wenigem zufrieden zu ſeyn, ihr, im hauslichen Stillleben unbezahlbares 5— Talent, kleine Unannehmlichkeiten im Stillen ab⸗ zumachen, und die groͤßern unvermeidlichen mit leichtem Sinne zu tragen, machten uns jede Ent⸗ behrung, jede Sorge leicht, und darum iſt uns das Maͤdchen mit ledem Tage lieber und werther geworden, und oft, wenn wir uͤber das magiſche Band ſprechen hoͤrten, oder laſen, was die Natur zwiſchen Eltern und Kindern geſchuͤrzt haben ſoll, ſind uns gegen die Richtigkeit dieſes Grundſatzes Zweifel aufgeſtoßen, denn wir liebten und lieben Luiſen wie unſere eigene Kinder. Doch— ich will mit meinem langen Geplauder Ew. Wohlgeboren nicht ermuͤden. Um daher auf die Hauptſache zu⸗ ruͤckzukommen, Ihr Entſchluß, dem wir Alle mit geſpannteſter Erwartung entgegen ſehen, mag aus⸗ fallen wie er nur immer wolle, ſo werden wir ihn doch immer mit der ganz vorzuͤglichen Hochſchätzung vernehmen, mit der ich die Ehre habe zu ſeyn Ew. Wohlgeboren treu ergebenſter Matthaͤus Auerſtaͤdt.“ Ankuͤndigung. Robinſon Cruſoe. Neu aus dem Engliſchen überſetzt. Nebſt biographiſchen Na chrichten von Alex. Selkirk und D. Defoe. Zwei Baͤnde mit 2 kleinen Karten.— Con ſtanz bei W. Wallis. 1829. Dieſe neue und vollſtändige Bearbeitung des ächlen Nobinſon Cruſoe iſt bereits unter der Preſſe, und beide Bände, in Taſchenformat, beiläufig 36 bis 40 Bogen ſtark, werden zuſammen im Monat Junius 1829 ausgegeben Der äußerſt wohlfeile Subſcriptions⸗Preis beträgt nur 18 gr. ſächſ.— 22 1/½ Sgr.— fl. 1. 12 kr. rhn. Eine ausführliche Ankündigung iſt durch alle Buch⸗ handlungen gratis zu erhalten, bei denen auch, als Probe der Bearbeitung, des Drucks und des Papiers, ein gehefteter Abdruck des erſten Bogens zur Einſicht niedergelegt iſt. In Stuttgart empfiehlt ſich zur Annahme und Be⸗ ſorgung der Subſcription „ F. Macllot. iſchen n von Baͤnde gallis. H. Elauren. ächlen dbeide mſtark, d. Der 18 gr. Buch⸗— Probe biers, s zur d Be⸗ Neun und ſiebenzigſtes Baͤndchen. Stuttgart, bei A. F. Macklot. 182 9. Inhalt. Torniſter⸗Lieschen Geſchluß.). Wo Schre Stein Luiſen Im 6 grauſe manch ſo ma hatte Unged vom 2 uer E gen in Lu iſe d Ordnu Miniſt blicklich Ve gigkeit, ſchrieb Claur Torniſter⸗Lieschen. 23. Wohl waren der unerwarteten Neuigkeiten im Schreiben des ehrlichen Matthaͤus nicht wenig; fuͤr Steinau's Liebe indeſſen hatte die Nachricht von Luiſens dunkler Herkunft kein beſonderes Gewicht. Im Gegentheil die Idee, dem, vom Schickſal ſo grauſam verwaisten Kinde mit ſeiner Hand ſo manche Entſchaͤdigung fuͤr fruͤhere Entſagungen und ſo manche Lebens⸗Annehmlichkeit bieten zu koͤnnen, hatte fuͤr ihn etwas Wohlgefälliges, und die ſuͤße Ungeduld machte es ihm unmoͤglich, bis zu dem vom Vater geſetzten Termine mit der Abgabe ſei⸗ uer Erklaͤrung zu warten; er wollte gleich hinflie⸗ gen in das freundliche kleine Haus, und, wenn Luiſe dachte und fuͤhlte wie er, die Sache ſofort in Ordnung bringen; aber der Kammerdiener des Miniſters trat ein, und forderte ihn auf, augen⸗ blicklich zu Sr. Excellenz zu kommen. Verdruͤßlich uͤber die eiſerne Laſt ſeiner Abhaͤn⸗ gigkeit, warf er Hut und Mantel auf das Sopha, ſchrieb an Auerſtaͤdt folgende Zeilen: Clauren Schr. LXXIX. — 4— „Mit unausſprechlicher Theilnahme habe ich „Ihre mir ſehr werthe Zuſchrift geleſen; ich „wollte den Augenblick hin, um Luiſens Hand „mir von Ihnen zu erbitten; da werde ich aber „ſo eben zum Miniſter gerufen. Da es die ge⸗ „woͤhnliche Geſchaͤftszeit, wo er mich zu ſprechen „pflegt, nicht iſt, ſo fuͤrchte ich, eine unauf⸗ „ſchiebliche Arbeit von ihm zu bekommen; daher „nur ſo viel, daß, wenn ich heute Abend auch „ſpaͤt kommen ſollte, ich doch ganz gewiß komme. „Kuͤſſen Sie meine Braut, meine himmliſche „Luiſe, im Namen Ihres hoͤchſteiligen Sohnes Franz Steina u.“ ſchickte das Billet durch ſeinen Bedienten an den Archivrath, und ging, um zu hoͤren, was die Ex⸗ cellenz ſo Dringendes zu befehlen habe. Nach Abmachung mehrerer Geſchaͤftsſachen, deren ſchleunige Bearbeitung ihm empfohlen wurde, fing der Miniſter halb ſcherzend, aber doch mit einem Tone, dem man es anhoͤrte, daß ihm der zu beruͤhren⸗ de Gege nſtand keine rechte Freude mache, zu Stein⸗ au's großer Verwunderung an: daß er ſo eben von ſeiner Frau mit einer recht befremdlichen Nachricht uͤberraſcht worden ſey, die ihm um ſo unglaublicher geſchienen, als er ſie, im Falle ihrer Wahrheit, zu⸗ erſt von Steinau ſelbſt mitgetheilt zu erhalten habe erwarten duͤrfen.„Wenn ich auch,“ fuhr er, nach und nach etwas herzlicher werdend, fort,—„Ihnen ——y— zu d wuͤn da es war, Sie Perſo Aufſe ſtimn denſcl Sie kunft daß n zens⸗ es gu ich w rathu nen, behalt meine desber welche auch Kreis wir mw haben wir he und n ſo ver der R dann de ich ; ich Hand aber ie ge⸗ kechen nauf⸗ daher auch mme. nliſche es 4 n.⸗⸗ n den ie Ex⸗ deren „ fing einem ihren⸗ Stein⸗ n von chricht blicher it, zu⸗ n habe r, nach Ihnen zu dem einmal gefaßten Vorſatze recht viel Gluͤck wuͤnſche, ſo waͤre es mir doch lieb geweſen, fruͤher, da es mit einem guten Rathe noch nicht zu ſpaͤt war, von der Sache unterrichtet worden zu ſeyn. Sie wuͤrden uͤber Manches, namentlich uͤber die Perſoͤnlichkeit, uͤber die Verhältniſſe der Gewaͤhlten Aufſchluͤſſe erhalten haben, die Sie vielleicht be⸗ ſtimmt haͤtten, der augenblicklich aufwallenden Lei⸗ denſchaft die Ruͤckſichten entgegen zu ſetzen, die Sie Ihrer Stellung und der Sorge fuͤr Ihre Zu⸗ kunft ſchuldig ſind. Ich beſcheide mich recht gern, daß mir nicht das Recht zuſteht, mich in Ihre Her⸗ zens⸗Angelegenheiten zu miſchen; allein ich meine es gut mit Ihnen. Ich habe mich an Sie gewoͤhnt; ich wuͤnſche, daß Sie, wenn Sie nach Ihrer Verhei⸗ rathung bei mir auch nicht im Hauſe bleiben koͤn⸗ nen, doch nach wie vor das Miniſterial⸗Secretariat behalten; dies macht es noͤthig, daß Sie immer in meiner Nahe ſind, daß Sie mich auf meinen Lan⸗ desbereiſungen, ſo wie die beiden Sommermonate, welche ich gewoͤhnlich auf meinen Guͤtern zubringe, auch dorthin begleiten. Paßte Ihre Frau in den Kreis meiner Familie, ſo wuͤrde ſie uns dort, wo wir wenig uns zuſagende Geſellſchaft in der Naͤhe haben, recht herzlich willkommen geweſen ſeyn; wir haͤtteu dann zuſammen Ein Haus ausgemacht, und war die Bekanntſchaft dort einmal begruͤndet, ſo verſtand es ſich von ſelbſt, daß ſie auch hier in der Reſidenz fortgeſetzt ward, und daß Ihrer Frau dann alle Zirkel unſerer hoͤhern Staͤnde geoͤffnet wuͤrden, mit denen Sie, bei fernerm Dienſt⸗Avan⸗ cement, kuͤnftig hauptſaͤchlich verkehren werden. In⸗ deſſen duͤrfte dies Alles— entſchuldigen Sie die Freimuͤthigkeit des vaͤterlichen Freundes— wenn Sie bei Ihrer Wahl beharren, nicht ſtattfinden. Ich weiß recht wohl, daß Ihr jungen Herren, wenn Euch die Liebe geblendet, dergleichen Ruͤckſichten fuͤr Nebendinge, fuͤr Bleigewichte Eurer romanti⸗ ſchen Schwungkraft anſeht; indeſſen wuͤnſchte ich wohl, daß Sie meiner Erfahrung diesmal trauten, mit der ich Ihnen verſichern kann, daß mancher talentvolle, zu den beſten Ausſichten berechtigte, junge Mann ſich durch eine unpaſſende Heirath ſeine ganze Karriere verdorben hat.“ Wer ſchildert den Kampf der ſich widerſprechend⸗ ſten Gefuͤhle, der waͤhrend dieſer ganz unerwarteten Zuſprache Steinau's Innerſtes durchkrampfte! Aerger uͤber des Mannes, alle Schranken ſeiner Befugniß uͤbergreifende Einmiſchung in die heilig⸗ ſten Rechte des Menſchen; Dank fuͤr die liebevolle Guͤte, mit welcher der unter der Laſt der wichtig⸗ ſten Staats⸗Geſchaͤfte faſt erliegende Stellvertreter des Monarchen ſich zu dem juͤngſten ſeiner Diener herab ließ, und deſſen zeitliches Wohl mit ſo leb⸗ hafter Theilnahme in das Auge faßte; Staunen üͤber die Geſchaͤftigkeit der großſtaͤdtiſchen Fama⸗ die ſchon zu den Ohren des erſten Mannes in der Reſidenz gefoͤrdert hatte, was er ſelbſt kaum wußte: heimlich aufſteigender, und durch die Erwaͤhnung des Sommerlebens, und der Familien⸗Gemeinſchaft mit ter? einig dem des verh gewe des? freiſt ihm einn ligſte keine unſie auf ſeine frei Her Rech ſend dieſe und Cott doch der Acht nun Thei Alle: bun! Avan⸗ In⸗ ie die wenn inden. wenn ſichten nanti⸗ te ich nuten, ancher htigte, hſeine echend⸗ rteten 1 ſeiner heilig⸗ bevolle sichtig⸗ rtreter Diener ſo leb⸗ taunen Fama⸗ in der wußte: ihnung inſchaft mit der Frau Hofraͤthin, halb und halb begruͤnde⸗ ter Verdacht, daß an dem in der Stadt ſchon vor einiger Zeit in Cirkulation geweſenen Geſchwaͤtz von dem Plane, ihn mit der mittelloſen Verwandtin des Miniſterhauſes, mit Fraͤulein Theudelinde zu verheirathen, am Ende doch wohl etwas Wahres geweſen ſeyn koͤnne; Unbezweiflichkeit der Macht des Vorurtheils, das einen an ſich ſo unbefangenen freiſinnigen Mann gegen das liebenswurdigſte, von ihm ſelbſt fruͤher hoͤchſt beifaͤllig erwaͤhnte Maͤdchen einnehmen koͤnne, blos, weil man uͤber den zufaͤl⸗ ligſten Zufall von der Welt, uͤber deſſen Herkunft keine Kirchenbuch⸗Notiz habe; Ingrimm über die unſichtbaren, aber ihn in dieſem Augenblicke bis auf das Roͤhren⸗Mark wund druͤckenden Ketten ſeines Dienſtverhältniſſes, das ihm nicht verſtatte, frei heraus zu ſagen, daß er ſeines Herzens eigener Herr ſey, daß er uͤber ſeine Wahl keinem Menſchen Rechenſchaft zu geben brauche, daß, und wenn tau⸗ ſend Theudelinden in der Welt waͤren, er ſich in dieſem Leben doch keine aufdringen laſſen werde, und daß Luiſe— die ganze Reſidenz mit all' ihren Cotterieen moͤge dagegen cabaliren, ſo viel ſie wolle, doch ſeine Frau werden ſolle; Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, die dem Miniſter gebuͤhrende Achtung nicht aus den Augen zu ſetzen, Berech⸗ nung der Schicklichkeit, ihm uͤber ſeine wohlgemeinte Theilnahme etwas Verbindliches zu ſagen—— Alles kreuzte ſich ihm in der tief verletzten Bruſt bunt durcheinander, und, die von der preſſendſten — 3.— Verlegenheit niedergedruͤckten Augen auf die ihm zur Bearbeitung zugeſtellten Papiere gerichtet, ſann er noch auf die Wendung ſeiner Antwort, in wel⸗ cher der Miniſter von allen den Gefühlen, die ihn in dieſem boͤſen Momente durchkreuzten, wenig⸗ ſtens etwas abhaben ſollte; als dieſer, nach einer kleinen Pauſe, in der er auf Steinau's Gegenrede gewartet zu haben ſchien, mit einer Miene, der man es anſah, daß er waͤhnte, Steinau durch ſeine An⸗ ſprache in deſſen Heiraths⸗Plaͤnen ſchwankend ge⸗ macht zu haben, gutmuͤthig anhob:„Sagen Sie ehrlich, Steinau, haben Sie das Jawort ſchon foͤrmlich empfangen?“ Luͤgen konnte Steinau nicht. Er antwortete daher, der Wahrheit treu, ein leiſes Nein. „Gut, gut,“ erwiederte der Miniſter beifällig; „dann thun Sie— ich ſpreche um Ihres Wohls willen, ich ſpreche im Namen Ihrer Familie, dann thun Sie mir, oder vielmehr ſich den Gefallen, und üͤbereilen Sie die Sache nicht; laſſen Sie ſich Zeit; gehen Sie— er hielt einen Augenblick inne; es war, als falle ihm etwas recht a Tempo Kommen⸗ des bei;— gehen Sie dem Geſpraͤch, was uͤber die Geſchichte nun einmal in Umlauf gekommen iſt, aus dem Wege. Der Zufall beguͤnſtigt uns. Sie wiſſen, der Geheimerath Neithart ſollte heute nach Hamburg abgehen; vor einer halben Stunde ſchrieb er mir, daß ein heftiger Podagra⸗Anfall ihm die Abreiſe unmoͤglich mache. Aufſchub leidet die Sache nicht; ich wollte erſt den Regierungsrath Hartmann ie ihm t, ſann n wel⸗ die ihn wenig⸗ heiner genrede er man ne An⸗ nd ge⸗ en Sie ſchon vortete faͤllig; Wohls dann , und Zeit; ne; es mmen⸗ ber die in iſt, Sie ke nach ſchrieb )m die Sache tmann — 9— hincommittiren; aber jetzt iſt es beſſer, daß Sie gehen. Sie werden ſich dort gefallen. Die Ham⸗ burger ſind wackere herzige Menſchen; Sie werden hier auch eine Zeitlang der Gelegenheit entruͤckt, ſich einander taͤglich zu ſehen, und von der Familie, welche die Partie zu wuͤnſchen ſcheint, bearbeitet zu werden; die Leute in der Stadt werden muͤde werden, uͤber den Handel zu ſchwatzen, weil bis zu Ihrer Ruͤckkunft zehn andere Vorfälle ihre Aufmerkſamkeit beſchaͤfti⸗ gen werden. Sie kommen unterdeſſen zu ſich ſelbſt, und zuletzt hoffentlich zu der Ueberzeugung, daß Sie ſtatt des vermeintlichen großen Looſes eine Niete wuͤrden gezogen haben, und ſo denke ich, daß Sie mir fuͤr die Commiſſion nach Hamburg, außer der Annehmlichkeit, die Ihnen die Reiſe dahin und der Ort ſelbſt bieten werden, und außer der beloh⸗ nenden Zufriedenheit des Monarchen, die, wenn Sie, wie ich hoffen darf, Ihrer Auftraͤge ſich mit der gewohnten Applikation erledigen, Ihnen nicht entſtehen wird, auch in Ruͤckſicht Ihrer gegenwaͤrti⸗ gen perſoͤnlichen Verhaͤltniſſe, noch in ſpaͤterer Folge⸗ Zeit danken werden. Ich will nun gleich beſorgen, daß das Commiſſorium, was mir der alte Neithart zuruͤckgereicht hat, auf Sie umgeſchrieben werde, und da daran gelegen iſt, daß Sie je eher je lieber nach Hamburg kommen, ſo werden Sie ſich mit Ihrer Abreiſe ſpaͤteſtens auf morgen fruͤh einzurich⸗ ten haben.— Heute Mittag,“ ſetzte er nach einer kleinen Pauſe, in der er auf Steinau's Antwort wieder vergeblich gewartet hatte, in den leichtern — 10— Converſationston uͤbergehend, hinzu, und griff nach De der Klingelſchnur, die zu dem im Vorzimmer wach⸗ ble habenden Kanzlei⸗Secretair fuͤhrte,„heute Mittag koͤnnen Sie dem Fraͤulein Theudelinde Ihren Gluͤck⸗ gin wunſch abſtatten; geſtern Abend iſt deſſen Verlo⸗ un bung mit dem Hauptmann von Wimmel vor beider⸗ ihr ſeitigen Familien deklarirt worden.“ un Der geklingelte Kanzlei⸗Secretair trat in das Zimmer; Steinau entfernte ſich. Er häͤtte jetzt gern gel geſprochen, denn er war etwas geſammelter als vor⸗ Er hin, und mit der Nachricht von Theudelindens Ver⸗ die bindung war ihm wenigſtens in einem Punkte lat ſchon klar geworden, daß er dem alten Herrn Un⸗ ſch recht gethan; indeſſen in eines Dritten Gegenwart nu konnte er uͤber Alles, was ihm die Bruſt preßte, de ſich nicht auslaſſen; er verbeugte ſich daher ſchwei⸗ tet gend, und ging. in In der Thuͤre rief ihm der Miniſter nach: tig 5„Wenn Sie ſich in Hamburg ein Logis beſorgen lic laſſen wollen, ſo koͤnnen Sie die deßfallſigen Auf⸗ zu traͤge dem Archivrath Auerſtaͤdt geben. Er hat ur heute Morgen aus dem Kabinet den Befehl erhal⸗ uͤb ten, wegen der Rezeßſache dahin zu gehen, um dort 6 uͤb die daruͤber ſprechenden alten Original⸗Urkunden zu zel inſpiziren, und die Aufſuchung der uns noch feh⸗ ſer lenden und wahrſcheinlich dort vorfindlichen Doku⸗ mente an Ort und Stelle zu veranlaſſen. Er wird dieſen Abend abreiſen. Sie haͤtten gleich zuſanme men fahren koͤnnen, aber ich will Ihnen noch einige br Briefe mitgeben, uͤber die ich heute Abend erſt mit nach wach⸗ ittag luͤck⸗ erlo⸗ ider⸗ das gern vor⸗ Ver⸗ nkte Un⸗ vwart 2ßte, wei⸗ ach: rgen Auf⸗ hat hal⸗ dort zu feh⸗ oku⸗ vird am⸗ nige mit Dem und Jenem Ruͤckſprache nehmen muß; alſo bleibt es mit Ihrer Abreiſe bis morgen Vormittag!“ Steinau verbeugte ſich zum zweiten Male, und ging, und druͤckte ſchnell die Thure hinter ſich zu, und dankte dem Himmel, daß etwas war zwiſchen ihm und dem Miniſter; denn er hatte ihm jetzt unmoͤglich in das Geſicht ſehen koͤnnen⸗ Was war das fuͤr ein Mann? Hatte er denn nie geliebt? Hatte er denn gar kein Gefuͤhl in der Bruſt? Erſt zieht er gegen das Maͤdchen mit allen Waffen, die ihm nur zu Gebote ſtehen, zu Felde, und ver⸗ langt geradezu Abſchneidung des angeknuͤpften und ſchon faſt ganz verſchuͤrzten Verhaͤltniſfes; und nun ſpricht er von Zuſammenfahren mit dem, durch den Ruͤcktritt natuͤrlich auf das Gröblichſte beleidig⸗ ten Schwiegervater. Die Paar Wochen Aufenthalt in Hamburg— von der Liebenswuͤrdigkeit der dor⸗ tigen Schoͤnen war ihm viel erzählt worden; neu⸗ lich noch hatte ihm Aſſeſſor Darjes mit lautem Ent⸗ zücken uͤber die Farbenfriſche der dortigen Maͤdchen und Frauen, uͤber die Anmuth ihres Liebreizes, uͤber ihre feine Bildung, uͤber ihre zuͤchtige Sitte, uͤber ihre biederherzige Gemuͤthlichkeit einen gan⸗ zen Abend vorgeſchwatzt, aber— und wenn ſie deſ⸗ ſen bezaubernde Beſchreibungen auch noch uͤbertraͤ⸗ fen— Luiſe lebte ja in ſeinem Herzen. 29. Auch der Miniſter ſollte ſie ihm nicht heraus⸗ bringen, meinte er, und gtng, von deſſen ſcharfen Aeußerungen uͤber ſeine Wahl ſchwer verletzt, und — 12— über den ihm jetzt ſehr zur Unzeit kommenden Ham⸗ burger Reiſe⸗Auftrag hoͤchſt aͤrgerlich, mit verſchraͤnk⸗ ten Armen in ſeinem Zimmer auf und ab. Vor wenig Minuten erſt hatte er an Vater Auer⸗ ſtaͤdt geſchrieben, daß er zur Abholung des Jaworts heute Abend in jedem Falle noch kommen werde; wie hatte ſich in dieſer kurzen Spanne Zeit Alles ſo um und um geſtaltet? Mit welchem Geſichte ſollte er jetzt hinkommen! Er war verſtimmt uͤber die ganze Welt, zerfallen mit ſich ſelbſt. Die ent⸗ ſchiedene Abneigung ſeines Chefs war ihm um ſo unerwarteter, als dieſer neulich bei Tafel, wo er erzaͤhlte, wie er Luiſen vor dem großen Spiegel im Vorzimmer gefunden, ſein Wohlgefallen an dem Maͤdchen ganz unumwunden zu erkennen gegeben hatte. Er wollte ſich zwar weis machen, daß der Excellenz unbegreiflicher Widerwille auf ſeinen Ent⸗ ſchluß von gar keinem Einfluß ſeyn ſolle, und daß er, wenn es darauf ankomme, ihr zum Trotz Lui⸗ ſen heirathen werde; aber er ſpielte mit ſich ſelbſt Komoͤdie; er zwang ſich die Larve der Ruͤckſichts⸗ loſigkeit auf; indeſſen ward ihm gar bald darunter ſo bruͤhwarm, daß er ſie abnehmen und ſich geſtehen mußte, daß der Miniſter mit ſeiner unerklaͤrlichen Antipathie gegen das Maͤdchen Wunderhold ihm doch ſehr im Wege ſey. Deswegen ſeine Abſichten auf das Maͤdchen aufgeben— und wenn der Miniſter, meinte er, einen noch zehnmal laͤngern Arm habe, und ihm noch hundertmal mehr ſchaden und nuͤtzen koͤnne— aufgeben, ganz aufgeben?—— das werde —/& zen — 13— die Excellenz mit all' ihrer Macht im Leben nicht vermoͤgen; aber—— aufſchieben— er wiederholte das Wort, und dehnte es lang aus, als koͤnne er es, kurz und rund ausgeſprochen, gar nicht uͤber die Grenzen ſeines Gewiſſens, gar nicht uͤber ſeine Lippen bringen— aufſchieben— das ſchien ihm jetzt doch faſt der Klugheit am angemeſſenſten, zu⸗ mal der ehrliche Matthaͤus ſelbſt dafuͤr geſtimmt hatte, und ein Jahr Verluſt, laͤnger duͤrfte der Auf⸗ ſchub auf keinen Fall dauern— wohl immer ein Verluſt, aber doch ein allenfalls noch zu ertragender ſey, zumal er und Luiſe dann immer noch nicht zu alt waͤren, um zuſammen ein recht junges Paͤrchen auszumachen. Er uͤberredete ſich mit einer Menge muͤhſam zuſammengelogener Troſt⸗ und ſogenannter Ver⸗ nunftgrunde, daß es ſo, wie es waͤre, das Beſte ware, und ſetzte ſich vor Allem hin, um die uͤber⸗ tragenen unaufſchieblichen Arbeiten fertig zu brin⸗ gen, und dann— dann ſolte es hingehen zu Lui⸗ ſen, und war er im Beſitz ihres Jaworts, ſo wollte er, wenn die ehrlichen Pflege⸗Eltern etwa die ge⸗ woͤhnliche ſchwiegerelterliche Hauptfrage, wann denn geheirathet werden ſolle, thun moͤchten, den Ter⸗ min ungefaͤhr auf ſechs Monate beſtimmen; bis da⸗ hin hoffte er gewiß auf eine Gelegenheit, Luiſen einmal dem Miniſter vorſtellen, oder, was ihm noch lieber war, beide gelegentlich zuſammenbringen zu koͤnnen, und ſah und hoͤrte und ſprach der alte Herr das lunge liebreizende Maͤdchen, ſo war ihm nicht bange, daß die Excellenz, von des ſuͤßen Kindes hol⸗ der Anmuth bezaubert, ihr Vorurtheil zuruͤck neh⸗ men, und die moͤglichſt baldige Anberaumung des Hochzeittages hoͤchſtſelbſt bewirken werde. Schrieben die Federn nicht, oder war das Papier fett, oder die Dinte nicht fluͤſſig; mit der Arbeit wollte es nicht foͤrdern. Es ward Abend, und er war immer noch nicht fertig. Er ſollte morgen fruͤh fort. Wenn er alſo Luiſen noch vor ſeiner Abreiſe ſprechen wollte, mußte er gleich hin. Es hatte ihn lange ſchon getrieben, und die Unruhe der heimli⸗ chen Sehnſucht mochte wohl hauptſaͤchlich— ja, ja, die war es geweſen, die ihn heute fuͤr alle Arbeit faſt unfaͤhig gemacht hatte; denn als er es nicht laͤnger aushalten konnte, und aufſprang, und Akten und Papier und Feder wegwarf, und nach dem Hut griff, um endlich hin zu fliegen in Luiſens ihm geoͤffnete Schwanen⸗Arme, an die treue Bruſt ſei⸗ nes Maͤdchens, da erſt ward ihm wohl, da fuͤhlte er die Seligkeit des Bräutigams⸗Lebens, das, wie alles Bluͤthen⸗Leben, nur immer zu kurz iſt, und durch ſeine ewigen Entſagungen den endlichen Ge⸗ nuß der Gewaͤhrung tauſendfach wuͤrzt. Er war, die entzuͤckenden Bilder der braͤutlichen Abendſtun⸗ den, die ſeiner dieſen Winter warteten, vor ſeiner Phantaſie, auf einmal wieder ſo uͤbergluͤcklich, ſo muthwillig, daß er uͤber ſich ſelbſt lachen mußte, und nicht begreifen konnte, wie er ſich von der al⸗ ten Excellenz ſo hatte einſchuͤchtern laſſen koͤnnen. Das Verdruͤßlichſte für den Augenblick war ihm ſeine — 15— Reiſe nach Hamburg; die brachte ihn wenigſtens um vierzehn ſolcher Goͤtter⸗Abende; indeſſen auch dieſe dachte er wieder einzuholen, wenn er nach ſei⸗ ner Ruͤckkunft taͤglich eine halbe Stunde fruͤher kam⸗ und eine ſpaͤter ging. Kein geheimer Kalkulator rechnet ſo ſtreng als die Liebe. Sie läßt ſich keine Gehalts⸗Abzuͤge gefallen, und ſie verlangt die Gold⸗ barren ihres ſuͤßen Lohns ohne Agio⸗Kuͤrzung. Um auch heute nichts zu verlieren, ſtuͤrmte Steinau fort, aber ſchon in der Thuͤr begegnete ihm Agnuſchka mit einem Billet vom Archivrath. „Ew. Wohlgeboren verehrliche Zeilen,“ ſchrieb Matthaͤus, der ſich in dem Eingange ſeiner Privat⸗ ſchreiben aus dem Kanzleiſtyl immer nicht recht her⸗ ausfinden zu koͤnnen ſchien,„haben in meinem gan⸗ zen, von lauter Hochachtung fuͤr Sie erfuͤllten Hauſe, vornehmlich aber bei unſerer guten Luiſe, eine, aller Beſchreibung unfähige Freude verurſacht. Da aus ſothaner ſchaͤtzbaren Zuſchrift mit authentiſcher Ge⸗ wißheit zu entnehmen, daß die Ew. Vohlgeboren ganz ergebeuſt mitgetheilten Nachrichten, Luiſens Herkunft betreffend, Ihren Entſchluß wankend zu machen nicht vermocht haben; ich aber mit meiner Frau in dieſer Ihrer feſten Willensmeinung Gottes allweiſe Fuͤgung nicht verkennen kann, und mich und meine ganze Familie durch Ihre, auf Luiſens Hand mir kund gegebenen Abſichten hoͤchlich geehrt zu fuͤhlen alle Urſache habe, und Luiſe ſelbſt bei der ihr durch mich gewordenen Verkuͤndigung dieſer fro⸗ hen Botſchaft in demuͤthiger Dankbarkeit fuͤr Got⸗ — tes allmaͤchtige Guͤte einige helle Freudenthraͤnen zu vergießen ſich nicht hat entbrechen koͤnnen, als wodurch ſie deutlicher, als durch langen wohlgeſetz⸗ ten Sermon, ihre herzinnige Zuſtimmung zum Ab⸗ ſchluß dieſes, beiden paciscirenden Theilen hoch⸗ wichtigen Freundſchafts⸗ und Liebesbuͤndniſſes von ſich gegeben, ſo habe ich nicht umhin gekonnt, Ihnen ſolches Alles ſo gehorſamſt als pflichtſchuldigſt zu vermelden, mit dem dienſtlichen Hinzufuͤgen, daß uns Ihr lieber Beſuch je eher, je lieber, recht ſehr willkommen, und mein ganzes Haus, Luiſe an deſ⸗ ſen Spitze, bereit ſeyn wird, Sie mit offenen Armen zu empfangen. Schließlich erlaube ich mir noch nachrichtlich zu bemerken, daß ich, wie Ihnen ex actis wahrſcheinlich bereits bekannt geworden ſeyn duͤrfte, in Archiv⸗Angelegenheiten in die alte ſehr ehrwuͤrdige freie Hanſe⸗Stadt Hamburg heute Abend abzureiſen, hoͤchſten Orts beauftragt worden, wo⸗ ſelbſt ich, wie mir zufaͤllig ſo eben durch den Herrn geheimen Rath Neithart, Hochwohlgeboren, zu Ohren gekommen, auf das Gluͤck hoffen darf, Ew. Wohlgeboren in Kurzem ebenfalls eintreffen zu ſe⸗ hen. Sollten Ew. Wohlgeboren mich mit Auftraͤ⸗ gen dahin beehren wollen, ſo erwarte ich ſolche mit der ausgezeichneten Hochſchäͤtzung, mit der ich zu meiner Ehre bin ꝛc. ꝛc.“ Waͤhrend Steinau las, hatte Agnuſchka, nach⸗ dem ſie etwas gemurmelt, was einer Entſchuldi⸗ gung nicht unaͤhnlich geklungen, daß ſie das Billet ſo ſpaͤt gebracht, ſich entfernt. Wenn er in der — 17— Daͤmmerung des Zwielichts recht geſehen, ſo war es ihm vorgekommen, als habe die alte treue Magd rothgeweinte Augen gehabt. „Gluͤckliche Reiſe!“ rief er, das Briefchen zu⸗ ſammenlegend, mit leichtem Lächeln; ihm waͤre es eigentlich am liebſten geweſen, wenn der Archivrath bei ſeinem Hinkommen ſchon abgereiſ't waͤre; denn war der alte Herr noch da, ſo nahm der, das ſah er ſchon im voraus, die ganze wichtige Rezeßſache⸗ wegen der Matthaͤus nach Hamburg ſollte, mit ihm vor, und daruͤber gingen wenigſtens Dreiviertel des Abends hin. Er troͤdelte jetzt abſichtlich, um recht ſpäͤt zu kommen, in der heimlichen Hoffnung, daß Mat⸗ thaͤus unterdeſſen abſegeln ſolle; ging noch zu eini⸗ gen Raͤthen des Collegii, um ſich zu verabſchieden, und kam erſt nach acht Uhr hinaus vor das ſtille kleine Haus, nach dem er ſich zwei lange, ewig lange Tage geſehnt hatte. Wie ſo friedlich, wie ſo ruhig, wie ſo heimlich war es darin! Auf jeden Fall war der Archiv⸗Rath bereits abgefahren, denn es ruͤhrte ſich ja im ganzen Hauſe keine Hand, kein Fuß; die Laͤden waren geſchloſſen. Traulicher, hu⸗ ſchiger konnte ihm es nicht geboten werden. Er klopfte leiſe. Die Hausthuͤr blieb ungeoͤffnet. Er klopfte ſtärker, Er raſſelte am Schloſſe; er zog an der Klingel,⸗ die er endlich im Finſtern, nach langem Suchen, fand. — 18— Kein Menſch hoͤrte ihn. Niemand machte auf; das ganze Haus war wie ausgeſtorben. Sollte er ſich denn geirrt haben, und im Dun⸗ keln an ein ganz anderes Haus gekommen ſeyn? Doch nein! Ein Voruͤbergehender bejahte die Frage, ob hier der Archiv⸗Rath Auerſtaͤdt wohne, und eine Frauenſtimme aus dem Nebenhauſe loͤſ'te ihm auch das Raͤthſel des leeren Neſtchens durch die Mittheilung, daß der Herr Archiv⸗ Rath bereits vor einer Stunde abgefahren, und die Frau Archiy⸗ Raͤthin, vermuthlich, weil es ihr gar zu einſam vorgekommen, mit der lieben Familie ausgegangen ſeyen. „Mit allen Kindern?“ fragte Steinau.„Mit der ganzen Hecke,“ entgegnete die Nachbarin, doch zu wem man gegangen, konnte ſie nicht ſagen Steinau häͤtte gern noch gefragt, ob die alteſte Mamſell Auer⸗ ſtäͤdt auch mitgegangen; denn daß Luiſe ihn, da er ſich ausdruͤcklich fuͤr dieſen Abend angemeldet, nicht erwartet, ging uͤber ſeine Faſſungskraft; aber die Frau haͤtte dann ja gleich gemerkt, wen der junge Herr, der durch ſein gewaltiges Pochen und Sturm⸗ laͤuten die ganze Nachbarſchaft aufgeſchreckt, hier draußen eigentlich ſuche. In acht Tagen haͤtte es die ganze Stadt gewußt. Er ſchwieg, und ging. „Luiſe nicht zu Hauſe,“ ſagte er auf dem Heimwege ein P. mal zu ſich ſelbſt, in Mißmuth und bittere Taͤuſchung verſunken, und je öͤfter er es ſich ſagte, und je mehr er es ſich dachte, deſto und Ih der vie geſ Sie ihr ſe! wer ihn ber nich erſſ wa zu Zw waͤ ſche wo an len gel ſchl — 19— unbegreiflicher kam ihm dies Nichtzuhauſeſeyn vor. Ihre einzige Entſchuldigung war, daß der Vater, den Kopf mit ſeiner Hamburger Reiſe voll, ihr vielleicht von ſeinem Kommen heute Abend nichts geſagt hatte— aber Luiſe konnte ihn ja fragen, Sie hatte ihn beſtimmt gefragt, und er hatte es ihr auch beſtimmt geſagt— und doch nicht zu Hau⸗ ſe!— auch, daß er morgen nach Hamburg reiſen werde, hatte ihr der Vater, wenn ſie einmal von ihm ſprachen, ganz gewiß mit geſagt; ſie hatte ſich berechnen koͤnnen, daß Steinau ſobald von dort nicht zuruͤckkommen werde, daß es heute alſo der erſte, und vielleicht fuͤr lange Zeit der einzige Abend war, wo ſie ſich ſehen konnten, und ſie war nicht zu Hauſe! Man ſoll nicht ungehoͤrt verdammen! Tauſend Zwiſte und Millionen harte, ſchmerzliche Vorwuͤrfe waren jaͤhrlich weniger in der Welt, wenn die Men⸗ ſchen ſich an jene goldene Regel hielten. Steinau wollte, in der Himmel⸗Reinheit ſeines Glaubens an Luifens Liebe, wohl auch nicht eher verurthei⸗ len, bis er gehoͤrt, gepruͤft habe; aber— der Rin⸗ gelreim aller ſeiner zuſammengeholten Vernunft⸗ ſchluͤſſe lautete doch immer: wenn ſie dich lieb hatte, mußte ſie heute zu Hauſe ſeyn; ſie mußte. Heute Abend noch einmal hier bis an das aͤußerſte Ende der Vorſtadt herauszukommen, war ihm, da er, um morgen reinen Tiſch zu haben, ohnehin die ganze Nacht arbeiten mußte, ein reines Werk der Unmoglichkeit; abzureiſen, ohne Luiſen noch einmal LXXIX. 2 — 20— zu ſehen, war ihm aber eben ſo unmoͤglich. Mor⸗ gen fruͤh— die Extra⸗Poſtpferde waren ohnehin erſt um acht Uhr beſtellt; morgen fruͤh— Auer⸗ ſtädt's Wohnung lag zwar gerade am entgegenge⸗ ſetzten Ende der Stadt, doch was that das!— morgen fruͤh acht Uhr fuhr er mit ſeiner Extrapoſt hinaus zu Auerſtaͤdt's; im Hauſe wußten ſie ja, was er wollte, und in den Nachbarhaͤuſern konnte bald verbreitet werden, daß er blos gekommen, um zu fragen, ob an Vater Auerſtaͤdt Auftraͤge nach Hamburg mitzunehmen wären. Bis morgen fruͤh alſo wollte und mußte er ſich in Geduld faſſen. 30. Von Mißlaune und Nachtarbeit erſchoͤpft, ſank er fruͤh gegen drei Uhr auf ſein Lager. Luiſe, an dem Abende, wo ſie dir ihr Jawort geben ſollte, nicht zu Hauſe, war ſein letzter Gedanke im Zu⸗ ſtande des Wachens, und kaum hatte ihm der Schlaf die muden Augenlieder zugedruckt, als ihm der ſchwarz verhuͤllte Gott der bangen Traͤume heim⸗ lich zufliſterte, daß dieſes Nichtzuhauſeſeyn abſicht⸗ e Tücke ſeines Schickſals ſey; die alte Excellenz wolle von der ganzen Heirath nichts wiſſen, und darum wuͤrden ſich ſeinen Plaͤnen noch tauſend un⸗ uͤberſteigliche Hinderniſſe entgegen thuͤrmen; er wer⸗ de Luiſen auch morgen nicht ſehen; das ſey Alles abgekartet; am Ende werde er, meine man, in ſei⸗ nem redlichen Kampfe um Luiſens Hand ermuden, das Maͤdchen fallen laſſen, und ein anderes wäh⸗ — 21— len. Der haͤßliche Traumgott legte ihm bei dieſen widrigen Worten die kalte Hand auf die gluͤhende Stirn, als habe er die Abſicht, ihm alles Anden⸗ ken an Luiſen ausfrieren zu laſſen, und rief ihn mit ſchallendem Gelaͤchter bei'm Namen;„fort, fort,“ entgegnete Steinau, noch von den Fleder⸗ mausfluͤgeln des abſcheulichen Traumteufels um⸗ ſchwirrt, und ſchnitt ein finſteres Geſicht; aber der vermeintliche Traumſatanas iachte lauter; Steinau ſchlug die Augen auf, und blinzelte in ein Licht⸗ das ihm der Amtshauptmann grade vor die Naſe hielt. Dieſer ſtand in vollen Reiſekleidern vor ihm, war ganz erſtaunt, daß ihm die Beſtellung von ge⸗ ſtern Abend nicht ausgerichtet worden ſey, und ſchwatzte von dem Vergnuͤgen, das er ſich von Steinau's Reiſegeſellſchaft verſpreche, von der drin⸗ genden Nothwendigkeit, gleich aufzuſtehen, von Steinau's Todtenſchlafe, und von dem bereits an⸗ geſpannten vor dem Hauſe haltenden Reiſewagen ſo bunt durcheinander, daß Steinau ein Paarmal glaubte, mit offenen Augen zu traͤumen. Endlich kam denn heraus, daß der Amtshauptmann geſtern Abend, beym Miniſter, von Steinau's Reiſe nach Hamburg gehoͤrt hatte; er wollte heute nach Kirmes⸗ leben, wo er vom Grafen von Schmackhofen zum Mittag eingeladen war. Genanntes Dorf lag von der vierten Station auf der Straße nach Hamburg zu, ſeitwaͤrts. Wenn er dort zu Mittag eintreffen wollte, mußte er hier fruͤh ſpaͤteſtens vier Uhr abfahren. Der Miniſter hatte ihm daher vorgeſchlagen, dieſe vier Stationen mit Steinau zu fahren, und ihm aufgetragen, dies dem Hofrath zu eroͤffnen⸗ mit der Aufgabe, daß Steinau, ſtatt um acht Uhr, wie er ſich es fruͤher vorgenommen, nun um vier Uhr ab⸗ reiſen moͤge. Der Amtshauptmann hatte dies Alles dem Hofrathe muͤndlich kund machen, und mit ihm nähere Abrede nehmen wollen; da er ihn aber nicht auf ſeinem Zimmer getroffen, war er nach Hauſe gegangen, und hatte ihm den ganzen Reiſe⸗ plan ſchriftlich auseinander geſetzt. Steinau's Be⸗ dienter hatte das Billet erſt um eilf Uhr Abends erhalten, und, um ſeinen ſehr beſchaͤftigten Herrn nicht zu ſtoͤren, ſich vorgenommen, ihm daſſelbe morgen fruͤh erſt zu geben, und ſo hatte Steinau natuͤrlich die feſtgeſetzte Zeit der Abreiſe verſchla⸗ fen, und der Amtshauptmann hatte ihn, alles Ru⸗ fens ungeachtet, nicht eher wach machen koͤnnen, als bis er ihn mit ſeinen, von der October⸗Mor⸗ genluft durchkaͤlteten Haͤnden, bei'm Kopf genom⸗ men, und recht tuͤchtig geruͤttelt und geſchuͤttelt hatte. Einen fatalern Streich haͤtte ihm der Zufall gar nicht ſpielen koͤnnen; erſtlich hatte er noch keine Stunde, und folglich noch nicht zum ſiebenten Theile der den Menſchen erforderlichen Ruhezeit, ausge⸗ ſchlafen; dann hatte ihn der dumme Traum, von dem er die kleine Haͤlfte wahrhaftig ſchon in Erfuͤl⸗ lung gehen ſah, gewaltig verdruͤßlich gemacht, und endlich— und das war das Druͤckendſte, das Grau⸗ ſamſte— ſah er nun keine Möͤglichkeit vor ſich, Lui⸗ ſen Am es! ken gen ang den den nae ſo keit zu und ent len ma laſ me auf ſie Ab ger An leb die ſac Ar fal M un ihm der e er ab⸗ llles ihm aber nach deiſe⸗ 3Be⸗ ends derrn ſſelbe einau ſchla⸗ Ru⸗ unen, Mor⸗ enom⸗ üttelt ll gar keine Theile usge⸗ „von Erfuͤl⸗ „ und Grau⸗ „Lui⸗ — 23— ſen vor ſeiner Abreiſe noch einmal zu ſprechen. Der Amtshauptmann wußte recht gut, zu welchem Thore es nach Hamburg zu ging; was haͤtte der Mann den⸗ ken muͤſſen, wenn er mit ihm erſt an das entge⸗ gengeſetzte Ende der Stadt gefahren waͤre; und angenommen, das haͤtte ſich allenfalls noch unter dem geſuchten Vorwande machen laſſen, daß er fuͤr den vorausgereiſ'ten Herrn Archivrath Mehreres nachzubringen habe, was er draußen abholen wolle; ſo war fruͤh vier Uhr im October doch wahrhaftig keine ſchickliche Zeit, ſein Maͤdchen aus dem Bette zu klopfen, und von ihm ſich das Jawort zu holen; und wenn er ſich, durch den Drang der Umſtaͤnde entſchuldigt, auch daruͤber haͤtte wegſetzen wol⸗ len, wo haͤtte er unterdeſſen mit dem Amtshaupt⸗ mann hingeſollt? Draußen ihn im Wagen ſitzen laſſen, ging nicht, und ihn mit in das Haus neh⸗ men, ging noch weniger. Ueberdies waͤre, ehe Luiſe aufgeſtanden und ſichtbar geworden waͤre, und ehe ſie ſich Beide ausgeplaudert haͤtten, und ehe ſie mit Abſchiednehmen fertig geworden waͤren, doch aller⸗ geringſtens ein Stuͤndchen vergangen; und der Amtshauptmann, der ſein Mittagsbrod in Kirmes⸗ leben einzubuͤßen fuͤrchtete, barmte jetzt ſchon uͤber die, durch Steinau's zu ſpaͤtes Aufſtehen verur⸗ ſachte eine Stunde Verſaͤumniß, er waͤre uͤber den Aufenthalt einer zweiten Stunde aus der Haut ge⸗ fahren;— und endlich, vor Tiſche ſchon haͤtte der Miniſter erfahren, daß ſein guter Herr Hofrath, ungeachtet der laut und unumwunden genug zu er⸗ — 24— kennen gegebenen Mihßbilligung des ganzen Auer⸗ ſtädt'ſchen Handels, dennoch dort vorgefahren ſey, um von ſeinem Liebchen ſolenniter Abſchied zu neh⸗ men, mußte das dem alten Herrn nicht offenbar wie recht vorſätzlicher Trotz, wie recht ſtarrſinnige Nichtbeachtung ſeiner wohlgemeinten Winke aus⸗ ſehen? — Nein—-! Es ging nicht! Es ging, nach reif⸗ licher Erwägung aller Umſtaͤnde, platterdings nicht. Er mußte den Plan, der ihn fuͤr das geſtrige verſehl⸗ te Stelldichein wenigſtens einigermaßen entſchaͤdigen ſollte, aufgeben. Der Gedanke, was er von Luiſen we⸗ gen ihrer geſtrigen Abweſenheit denken ſolle, und der Vorwurf, was ſie von ſeiner Abreiſe ohne Abſchied denken werde, quaͤlten ihn waͤhrend des Anziehens und des Ordnens ſeiner kleinen Reiſeangelegenhei⸗ ten dermaßen, daß er, ungeachtet der Amtshaupt⸗ mann unaufhoͤrlich herumtrippelte, zehnmal nach der Uhr ſah, und an den Fingern die Meilenzahl bis Kirmesleben in die Stunden von fuͤnf bis zwei dividirte, an das Pult flog⸗ und, ohne auf des Amtshauptmanns Jammerausruf:„Ach Gott— und nun auch noch erſt ſchreiben,“ viel zu achten, an Luiſen blos die Zeile hinwarf: Ich wuͤnſche, daß meine angebetete Luiſe an ihrem geſtrigen Nichtzu⸗ hauſeſeyn ſo unſchuldig ſeyn moͤge, als ich es an meiner Abreiſe ohne Abſchied bin; ich kuͤſſe Dich, mein ſuͤßes Himmelsmaͤdchen, und bin Dein ewig treuer Franz Stei—— „Aber engliſcher Hofrath⸗ koͤnnen Sie denn nicht von mar meh dern hob, wah und mit gelt 4 „zie ſchre hatt aus der Auer⸗ ſey, neh⸗ enbar nnige aus⸗ reif⸗ nicht. erfehl⸗ ndigen en we⸗ nd der yſchied iehens enhei⸗ haupt⸗ l nach enzahl 3 zwei uf des hott— achten, e, daß ichtzu⸗ es an 1 Dich, n ewig n nicht von Hamburg aus ſchreiben,“ rief der Amtshaupt⸗ mann, der vor lauter Ungeduld ſchon gar nicht mehr auf beiden Füßen zugleich ſtehen konnte, ſon⸗ dern immer ein Bein um das andere in die Luft hob, als ob er davon fliegen moͤchte,„ich verſaͤume wahrhaftig das ganze Mittageſſen in Kirmesleben, und bin ſchon jetzt hungrig.“ Steinau verſicherte, mit ſeiner Schreiberei ſchon fertig zu ſeyn, und ſie⸗ gelte das Billet. „Geben Sie her,“ ſagte der Amtshauptmann, „ziehen Sie ſich unterdeſſen an, ich will die Adreſſe ſchreiben; an wen? wenn ich fragen darf.“ Damit hatte er dem uͤberraſchten Steinau ſchon das Billet aus der Hand genommen, ſich geſetzt, und die Fe⸗ der eingetaucht. „An,“ erwiederte Steinau uͤber des Amtshaupt⸗ manns verwuͤnſchte Eile, und uͤber deſſen noch ver⸗ wuͤnſchtere Querfrage total verbluͤfft, und drehte ſich, wie von einem Wirbelwind ergriffen, ſchnell um, daß ihm der querfragende Treiber nicht in das roth uͤbergoſſene Geſicht ſehe, und band ſich, waͤh⸗ rend er diktirte, vor dem Spiegel das Halstuch um, „an“— Luiſen konnte er ja doch unmoͤglich nen⸗ nen;——„an die Frau Archivräthin Auerſtaͤdt,“ druͤckte er ſich in ſeiner Todesangſt ab, und der Amtshauptmann ſetzte ein zierliches„Wohlgeboren“ dazu, und gab ſeinem Bedienten das Billet mit dem Auſtrage, es gleich nach ihrer Abreiſe an die Frau Archivraͤthin zu befoͤrdern. Bei'm Einſteigen— ſo konnte Steinau un⸗ — 26— moͤglich das Billet abgeben laſſen; was haͤtten Mut⸗ ter Auerſtaͤdt und Luiſe von ihm denken muͤſſen, ein Billet ſolchen Inhalts, falſch adreſirt, und von einer fremden Hand uͤberſchrieben!!— Bei'm Ein⸗ ſteigen in den Reiſewagen ließ er es ſich von des Amtshauptmanns Bedienten unter dem Vorwande, daß er darin noch etwas vergeſſen habe, unvermerkt wieder zuruͤckgeben, und ſo fuhr er wirklich ohne ein Wort des Abſchiedes zum Thore hinaus! Das einzige Gute, was dieſer Unfall in ihm be⸗ wirkte, war die Milde, mit der er jetzt Luiſen ſelbſt zu entſchuldigen anfing. Wer ſeine ungluͤckſelige Geſchichte mit dem Amtshauptmann nicht wußte, mußte ihn wegen ſeiner Abreiſe ohne Abſchied verdammen. Vielleicht— wahrſcheinlich— gewiß war die arme Luiſe auch von ſo einem amtshaupt⸗ mannlichen Ungethuͤm aus dem Hauſe getrieben worden, daß er ſie, ohne ihr Zuthun, ohne ihre Schuld, hatte verfehlen muͤſſen. Er war darum jetzt auf den Amtshauptmann recht ernſtlich boͤſe, und waͤre dieſer nicht ein ſo naher Verwandter der Miniſterin geweſen, er haͤtte ihn keine halbe Stunde weit mitgenommen. Wollte und mußte der gute Herr von Blumenthal nach ſeinem Kirmesleber Paradieſe, ſo hatte er ſo viel, um eine eigene Extrapoſt dahin zu bezahlen. Steinau maul⸗ te, druͤckte ſich in ſeinen Wagenwinkel, zog den Mantel uͤber die Ohren, und gab nicht undeutlich zu verſtehen, daß er noch lange nicht ausgeſchlafen habe. Mut⸗ uͤſſen, d von Ein⸗ n des ande, merkt ohne m be⸗ ſelbſt kſelige wußte, bſchied gewiß haupt⸗ rrieben ne ihre tmann ein ſo er haͤtte Wollte ſeinem im eine maul⸗ og den deutlich ſchlafen * Dadurch ließ ſich indeſſen der gottvergnuͤgte Amtshauptmann nicht ſtoͤren; der laue Herbſt⸗ morgen, der in Oſten ſich gar herrlich grau in Grau malte, und den Himmel immer roͤther und roͤther faͤrbte, machte ihn gewaltig munter; er pfiff, rauchte, traͤllerte, lachte und plauderte in Einem Athem, und da er merkte, daß Steinau ſich mit lang geſponnenen Antworten nicht gern befaſſen zu wollen ſchien, ſo kam er auf die ſinnreiche Er⸗ findung, alle ſeine Fragen ſo zu ſetzen, daß dieſer blos zu nicken, oder im Verneinungsfalle mit dem Kopf zu ſchuͤtteln brauchte. Damit war der genuͤgſame Amtshauptmann ſchon zufrieden, denn hatte er auf dieſe Art nur eine Antwort erwiſcht, ſo hing er gleich ein viertel⸗ ſtunden langes Selbſtgeſpraͤch daran. Vom Hun⸗ dertſten auf das Tauſendſte kommend, fragte er unter andern auch, ob Steinau ſchon etwas Liebes habe? Steinau ſchuͤttelte. „Weiß es beſſer, Alterchen,“ rief er laut krei⸗ ſchend, und wollte ſich uͤber das muͤrriſche Geſicht, das der Hofrath zu ſeinem ſchallenden Gelaͤchter ſchnitt, rein ausſchütten;„aber, bringen Sie ſich die Sache aus dem Kopf. Das StuͤcVk ſpielt nicht. Suchen Sie ſich in Hamburg ein huͤbſches Maͤdchen aus! Herr, da ſind wunderniedliche Kinder, und ſchwer, ſchwer!! ſo ein Paar mal hundert tauſend Mark Banko ſollten unſerm guten Herrn Hofrath nicht bitter ſchmecken. Wiſſen Sie ſchon, wo Sie abſteigen werden?“ Clauren Schr. LXXIX. 3 — 28— Der Hofrath, uͤber die Entdeckung, daß auch ſchon der Amtshauptmann, wahrſcheinlich vom Miniſter, um ſeine Liebe zu Luiſen wiſſe, gauz außer ſich, von deſſen Aeußerung, daß er das Mäd⸗ chen, daß er das Maͤdchen aufgeben, und dafuͤr gleich in aller Geſchwindigkeit eine reiche Ham⸗ burgerin waͤhlen ſolle, voͤllig aufgebracht, und uͤber die entſetzliche Art des ihm aufgedrungenen Reiſe⸗ gefaͤhrten, von dem wichtigſten Gegenſtand, von der Liebe, auf den ihm in dieſem Augenblicke gleichgültigſten, auf ſein Abſteigequartier uͤberzu⸗ ſpringen, hoͤchlich ergrimmt, ſchuͤttelte wieder, und der Amtshauptmann entgegnete mit der Gut⸗ muͤthigkeit, mit der er wuͤnſchte, daß es dem Hofrathe in Hamburg ſo gut gehe, und ſo wohl⸗ gefallen moͤge, als ihm bei einem fruͤhern dortigen Aufenthalte:„Nirgends anders, als im Hotel de Ruſſie bei Wiedemann, auf dem Jungfernſtieg. Dort ſind Sie aufgehoben wie im Himmel. Einen Tiſch finden Sie, Herr, einen Tiſch!— man ißt in Kirmesleben ganz vortrefflich, und es wird mir heute dort gewiß ſchmecken, denn ich bin hungrig wie ein Loͤwe, aber vor meinem ehrenwerthen Wiedemann muß ſich die Kirmesleber hochgraͤfliche Kuͤche, mit zehntauſend ihres Gleichen verſtecken. Aufwartung, Wohnung, muſterhaft, und die Rech⸗ nung billig. Allerliebſte Kinder; der kleine Richard — kuͤſſen Sie den wackern Jungen in meinem Namen. Er wird ſich meiner wohl noch entſinnen. Hat man Ihnen ſchon einen Lohnbedienten empfoh⸗ v auch vom gauz Näͤd⸗ qfuͤr dam⸗ uͤber eiſe⸗ von Kicke erzu⸗ und Gut⸗ dem vwohl⸗ tigen el de ſtieg. Einen n ißt dmir ngrig rthen fliche ecken. Rech⸗ ichard einem nnen. pfoh⸗ v len?“ Steinau ſchuͤttelte wieder, jedoch etwas ruhiger; dankte er doch Gott, daß der Amts⸗ hauptmann von dem Kapitel der Liebe abgekom⸗ men war. „Nehmen Sie keinen andern, als den alten Nimmergut,“ verſetzte der Redſelige;„ſtoßen Sie ſich nicht an den ominoͤſen Namen; die treue Seele ſollte Immergut heißen, denn das iſt der brave Menſch in der That. Doch— wieder auf das Heirathen zu kommen,(Steinau zog den Mantel höher, daß der Kragen die Ohren voͤllig bedeckte) faſt möͤchte ich alter Hageſtolz zu Ihnen ſagen, wie Paulus, der Junggeſelle, zu den Korinthern:„Ich wollte lieber, alle Menſchen wäͤren wie ich bin; es iſt ihnen gut, wenn ſie auch bleiben, wie ich; wenn das aber nicht gehen will, nun ſo laſſet ſie freien; es iſt beſſer freien, denn Brunſt leiden.“ „War ich doch beinahe ſelbſt einmal nahe daran, mir das Joch des heiligen Eheſtandes uͤber den Hals werfen zu laſſen. Zum Gluͤck zerſchlug ſich die ganze Geſchichte— auch auf Veranlaſſung einer Dienſtreiſe nach Hamburg. Es war damals zur Franzoſenzeit, Anno 6.— Den Tag vor meiner Abreiſe beſpreche ich mich mit der Angebeteten meiues Herzens zu einem Abendſpaziergange. Wer mit dem Punkte auf dem Sammelplatze war, und da zwei Stunden vergeblich ſchildwachiſirte, war ich; wer nicht kam, war ſie. Am Morgen meiner Abreiſe wollte ich hin zu ihr, wollte ihr wegen ihres geſtrigen Ausbleibens das Kapitel leſen, 2 3* ——— — 50o— wollte mich mit ihr verſöhnen, und dann ein Paar Stuͤndchen Abſchied nehmen. Plagt der Henker eine alte, gegen meine Liebſchaft gewaltig ein⸗ genommene Tante, zwei Stationen weit mit mir zu fahren, um eine ihrer Schweſtern zu beſuchen. Ich muß alſo fort, ohne Lebewohl fort; und drei Wochen drauf ſchreibt mir ein Freund nach Ham⸗ burg, daß meine treue Penelope mit einem fran⸗ zoͤſiſchen Oberſten, der bei ihren Eltern im Quart ier lag, proklamirt ſey. An dem Abende, an dem ſie mit mir hatte ſpazieren gehen ſollen, hatte ſie dem lieben Herrn Oberſten das Jawort gegeben. Seit der Zeit, guter Hofrath, gehe ich den Weibern meilenweit aus dem Wege. Das Frauengeſchlecht iſt eine gar gefaͤhrliche Waare; ich will lieber bei Schießpulver und Knallſilber ſitzen, als bei huͤbſchen Maͤdchen. Bei dieſen tzuͤndet oft ein einziger Augenwink, und dann iſt die Exploſion unvermeid⸗ lich; ihres ruhigen Beſitzes iſt, ſo lange ſie nicht uͤber die ſechzig ſind, kein Menſch ſicher.“ Schießpulver, Knallſilber— Steinau ſaß auf beiden; mit jeder Minute, dachte er, wuͤrde er in zehntauſend Stuͤcken in die Luft fliegen. Blumen⸗ thal hatte ihm ja ſeine eigene ganze Geſchichte vorerzaͤhlt. Es traf ja Alles auf ein Haar zu. Blos der franzoͤſiſche Oberſt fehlte in ſeinem Trauer⸗ ſpiele; Gott mochte wiſſen, wer vielleicht an deſſen Stelle, geſtern Abend, Luiſen zu Fuͤßen gelegen hatte! Er krallte ſich unterm Mantel beide Haͤnde — 31— auf die Bruſt. Er haͤtte ſich das Herz aus dem Leibe reißen moͤgen, um nur nicht zu fuͤhlen. „Pah,“ fuhr der Amtshauptmann mit leichtem Lachen fort, ohne zu ahnen, welche gluͤhen de Stahl⸗ bolzen er dem armen Hofrath mit ſeiner kurzen und erbaulichen Erzaͤhlung durch Herz und Hirn geſtoßen hatte,„man muß ſich nur leichtes Blut anſchaffen. Vor zwei Jahren habe ich die kleine Treuloſe in Paris beſucht; der Mann, bei ſeinem Eintritt in das Militair ein ehrlicher Gerber⸗ geſelle, hat das, in der Leipziger Voͤlkerſchlacht und bei Bellealliance zerbrochene Heldenſchwert, an den Nagel gehangen, iſt Lederhaͤndler geworden, macht ein recht anſtaͤndiges Haus, und wollte ſich uͤber die Hiſtorie, die ich ihm, durch ſechzehn lange Jahre von meiner Leidenſchaft abgekühlt, mit affektirter ächt Pariſer Frivolitaͤt ſelbſt erzaͤhlte, halb todt lachen.“ Jetzt war der redliche Amtshauptmann zu Stei⸗ nau's Troſt in Paris, und blieb auch darin bis vor dem Poſthauſe der vierten Station, wo er, kaum angelangt, gleich aus dem Wagen ſprang, und Poſtmeiſter, Secretair, Poſtillion, Schirrmeiſter, Schmierer, kurz das ganze Ober⸗ und Unterperſonal des loͤblichen Poſtamts in Bewegung ſetzte, um von hieraus ſofort nach Kirmesleben zu eilen. Beim Abſchied reichte er dem Hofrath die Hand in den Wagen, dankte fuͤr angenehme Geſellſchaft, wuͤnſchte ihm wohl zu ſchlafen, und batuͤhn, ſeinen alten Bekannten, den Archivrath Auerſtaͤdt, zu — 32— gruͤßen.„Geſtern Abend“— fuhr er fort—„das Maͤdchen iſt doch ein delikates Ding geworden! Mein Gott, wie man alt wird! Das Lieschen habe ich noch ſo klein gekannt; es war damals noch eine bloße Puppe, aber, daß es einmal huͤbſch, recht huͤbſch werden wuͤrde, gab ſchon damals Figur und Geſichtchen; doch ſo enorm, ſo exorbitant ſchoͤn, als das Kind geworden,— wer haͤtte ſich das denken ſollen! Sitze da geſtern Abend bei dem jungen— i, mein Gott, wie heißt er doch, der huͤbſche nette Mann, der das große Gewoͤlbe an der Steinſtraßenecke hat— ja— da ſitze ich, und warte auf den Vater, von dem ich fuͤr meine Rappen ein Paar Tigerdecken kaufen will, und plaudere unterdeſſen mit dem Sohne, kommt da in der allerſchnellſten Geſchwindigkeit ein wunder⸗ ſchoͤnes Maͤdchen hereingeflogen, verbeugt ſich mit der bezauberndſten Anmuth, fragt, ob der Torniſter, den der Vater zum Ausbeſſern geſendet, und deſſen er zu ſeiner Reiſe dringend nothig beduͤrfe, noch nicht fertig ſey, und iſt, auf die erhaltene Ant⸗ wort, daß ſie ihn in wenig Minuten zugeſendet erhalten ſolle, wie ein Wind wieder zum Gewoͤlbe hinaus. Ich war Ihnen uͤber die blendend ſchoͤne Erſcheinung rein konſternirt— und den jungen Menſchen häͤtten Sie ſehen ſollen! Zweimal frage ich ihn, wer das geweſen; konnte ich denn von dem Verzuͤckten eine Antwort bekommen? Er ſtand ſtarr und ſteif an der Glasthuͤre ſeines Gewoͤlbes, und ſah der zarten Hebegeſtalt nach, ſo weit er das Lein ich Line echt und ooͤn, das dem der an und eine und da der⸗ mit ſter, ſſen noch Unt⸗ ndet oͤlbe doͤne igen rage dem and bes, — 35— konnte; dann drehte er ſich mit rein verklaͤrtem Geſichte um, und ſagte in Entzuͤcken ſich aufloͤſend: wer das war? das ſchoͤnſte Mäͤdchen in der Stadt, ih was ſage ich, in der Stadt, im ganzen Lande, vielleicht in der ganzen Welt war es; das ſchoͤnſte und das beſte. Luiſe Auerſtaͤdt, ein lebendiger Engel. Wir haben heute Morgen der jungen Prinzeſſin einen Zobelpelz auf das Schloß geſchickt, der koſtet baare 1000 Thaler; zehn ſolche Pelze gebe ich darum, wenn ich dem Goͤtterkinde nur ein ein⸗ zigesmal ſagen duͤrfte, wie gut ich ihm bin. Den Torniſter hinſchicken!— J, Gott bewahre; ſie muß noch einmal darnach herkommen, und dann trage ich ihr denſelben ſelbſt nach Hauſe; fuͤr das Maͤdchen liefe man ja ins Feu—“ Beide Poſtil⸗ lione blieſen den veilchenblauen Jungfernkranz, der eine nach Hamburg, der andere nach Kirmesleben zu, der Amtshauptmann ſprang unter froͤhlicher Anwuͤnſchung einer gluͤcklichen Reiſe, in ſeinen Wagen, und beide fuhren raſch auseinander; dieſer rechts ab, Steinau gerade aus. 731. Manche wirthliche Frauen packen ihren Lie⸗ ben, wenn ſie abreiſen, alle Wagentaſchen ſo voller Eßwaaren und Korbflaſchen, als ob es rund um die Welt gehen ſollte, und gewoͤhnlich kommt man an Ort und Stelle, ohne die Haͤlfte verzehrt zu haben. So uͤberladen fand ſich Steinau! ſo hatte ihm — — ——— der Amtshauptmann mit den Paar Worten von Luiſen Herz und Kopf überpackt. Alſo bei dem jungen Herrn Deſſault— denn dieſer und kein anderer war der erwaͤhnte, bis in den dritten Himmel Entzuͤckte im Pelzladen an der Steinſtraßen⸗Ecke— alſo bei Herrn Deſſault war ſie geſtern Abend geweſen! zweimal geweſen! denn daß ſie das Zweitemal auch wieder hingegan⸗ gen war, lag außer allem Zweifel, darum alſo hatte er ſie nicht zu Hauſe gefunden! Die Kaſſubiſche Agnuſchka hatte noch recht ruͤſtige, und die behende Lohtſch gar flinke Beine. Warum wurden denn die nicht nach dem verwuͤnſchten Torniſter geſchickt? warum nicht die Jungen, von denen der Archivrath ein halbes Dutzend zu Hauſe hatte? Waͤre der junge Herr Deſſault nur nicht ſo huͤbſch, ſo intereſſant, beſtimmt waͤre ein anderes in die Pelzhandlung geſandt worden. Ja, ſagte Steinau zu ſich ſelbſt, und verwuͤnſchte ſeine unſelige Leidenſchaft, die ihm noch wenig Freude gemacht hatte, und ſeine Schwaͤ⸗ che, ihrer nicht Herr werden zu koͤnnen,„ja, der Amtshauptmann hatte vollkommen Recht, und der Apoſtel Paulus auch. Alle Menſchen ſollten blei⸗ ben, wie die beiden. Das Heirathen taugt nicht. Es hat, wie man ja offenbar ſieht, vor 1820 Jahren ſchon nichts getaugt, und in heutiger Zeit ſind die Frauenzimmer noch viel ſchlimmer. Zehn Tau⸗ ſendthaler⸗Pelze will der Menſch, der junge Herr Deſſault, darum geben, wenn er ihr nur einmal ſagen darf, wie gut er ihr iſt. Gott! ſo etwas — 35— hoͤren alle Maͤdchen umſonſt gern. Sie geben, wenn es nothig iſt, noch etwas darauf heraus. Sie nimmt ihn ſelber mit in den Kauf, wenn er ſich mit ſeinen Zehntauſend⸗Thalerpelzen in die Wagſchale legt.— Der infame Torniſter—! Der iſt eigentlich an der ganzen Geſchichte Schuld.— Der Torniſter ſpielt in dem Stuͤck, wenn es nicht bereits aus iſt, ganz gewiß noch eine Rolle. Eigent⸗ lich hat er ſie ſchon geſpielt! Denn waͤre der nicht, ſo haͤtte der Miniſter gegen die Verbindung mit Luiſen kein Wort einwenden koͤnnen, doch— der Miniſter ſo gut, wie der Amtshauptmann— aus beiden iſt nicht klug zu werden. Erſt ſpricht der Miniſter mit Entzuͤcken von dem Maͤdchen, wie er es vor dem Spiegel geſehen; und dann thut er wahrhaftig, als ware der Gedanke, dieſes klare Himmelsbild von Unſchuld und Tugend ſich zur Lebensgefahrtin zu waͤhlen, ein Staatsverbrechen, und zuletzt ſchlaͤgt er mir mit nnglaublicher Naivi⸗ taͤt vor, mit dem Vater Auerſtaͤdt die Reiſe nach Hamburg zuſammen zu machen; und der hier— der Amtshauptmann, erſt ſchreit er mir in die Ohren, daß es mit Luiſen nichts ſey; daß ich die Idee, ſie zu heirathen, ganz und gar aus dem Kopf bringen foll; dann empfiehlt er mir eine reiche Hamburgerin auszuſuchen; dann eifert er im Allgemeinen wider das Freien, wie er ſich mit Pau⸗ lus ausdruͤckt, und zuletzt erhebt er die vor wenig Stunden meuchlings gemißhandelte, und gleichſam mit Fuͤßen zertretene Lniſe bis in den Himmel, und — 36— grimaßirt dazu mir am Wagen herum, daß Jeder, der das mit anſah, glauben mußte, der alte Herr waͤre in das Maͤdchen höͤchſtſelbſt bis uͤber die Ohren verliebt.“ Wenn die Herren, welche die Landſtraßen zu beſorgen haben, alljaͤhrlich nur einen Wintermonat Poſtillionsdienſte verrichten muͤßten, ſo wuͤrde ſich die Welt ſchon ſeit Jahrhunderten der ſchoͤnſten Chauſſeen zu erfreuen haben; da dieſe Einrichtung aber zur Zeit noch nicht getroffen, ſo finden ſich im deutſchen Vaterlande hie und da Fleckchen, von denen man Grundriſſe und Profilzeichnungen auf⸗ nehmen, und unſern Nachkommen aufheben ſollte, um denen ad oculos zu demonſtriren, wie unglaub⸗ lich miſerabel es bis zum zweiten Decennio des hochbelobten neunzehnten Jahrhunderts um den Straßenbau hie und da ausgeſehen. Bei ſo bewandten Umſtaͤnden war es kein Wun⸗ der, daß Steinau's Wagen, der gerade auf ſeiner Tour eine bedeutende Strecke dieſes klaͤglichen Hie und Da's zu paſſiren hatte, alle Augenblicke aus einem Loche in das andere fiel, und daß Steinau ſelbſt, erbarmungslos aus einem Winkel ſeines Wagens in den andern geworfen, und mit jedem Ruck und Wurf in ſeinen unmuthigen Selbſt⸗ betrachtungen geſtoͤrt, mit ſeinen ſtillen Monologen immer wieder von vorn anfangen mußte, und mit Zerkauung und Verdauung des ihm, vom Amts⸗ hauptmann auf den Weg mitgegebenen uͤbergroßen Vorraths von ſteinharten und eſſigſauren Brocken, no ren der, Herr die 1 zu onat ſich iſten tung h im von auf⸗ ollte, aub⸗ des den Bun⸗ einer Hie aus inau eines edem elbſt⸗ ogen mit Imts⸗ toßen ocken, — 37— noch nicht zur Haͤlfte fertig war, als er die Barrie⸗ ren der deutſchen freien Stadt Hamburg paſſirte. 32. Das erſte Geſicht, was ihm aus dem am Thore zunaͤchſt gelegenen Hauſe entgegen lachte, war Luiſe. Er wollte in der allerfreudigſten Ueberraſchung dem Poſtknecht ſein„Halt“ zuſchreien, aber er hatte kaum die Haͤlfte der Sylbe heraus, als er ſeinen Irrthum gewahrte, und froh war, daß der Poſtillion ſeinen Zuruf nicht gehoͤrt hatte, und daß er dem froͤhlichen Hamburger Kinde, das an ſeinen Geſti⸗ kulationen merken mochte, daß er es verkannt, und das an dem komiſchen Auftritte Spaß zu finden ſchien, aus den Augen kam. An der zweiten Ecke kam ihm von Ferne— nun das war doch beſtimmt Luiſe.— Ihr Gang, ihre Haltung, ihre Figur, ihr Haar— aber wie ſollte ſie hieher—?— doch, konnte ſie der Vater ſich nicht zur Geſellſchaft?— ja, ſie war es— ſie wand ſich, ohne aufzuſehen, mit der ihr eigenen Anmuth, mit der ihr eigenen Zuͤchtigkeit, durch das Gewuͤhl der, ſich durch die enge Straße draͤngenden Menſchen⸗ maſſe, ſie— ſie— nein, ſie war es nicht. Huͤbſch, bildhuͤbſch war das Maͤdchen, Luiſen— er fuhr jetzt an ihr voruͤber,— Luiſen auch etwas aͤhnlich, aber ſie ſelbſt war es doch nicht;— was ſollte die auch hier! die ſaß jetzt beſtimmt in ihrer Pelz⸗ handlung bei Herrn Deſſault, und— ah, ein ſchoͤner uͤberraſchender Anblick!— der Jungfernſtieg! Auf der einen Seite das herrliche Alſterbaſſin, und — 38— zwiſchen dieſem und dem Fahrweg eine koͤſtliche, mit Spaziergaͤngern aus den Kreiſen der feinern Welt bedeckte Promenade, und auf der andern eine Reihe hoher eleganter Wohnhaͤuſer, von denen mehrere mit blanken, zum Theil farbigen Spiegel⸗ fenſtern geſchmuͤckt waren, da oben hinter den Roſaſcheiben;— wenn das nicht Lui— Aber er fing jetzt an, uͤber ſich ſelbſt zu lachen; jedes freund⸗ liche huͤbſche Maͤdchengeſicht— und daran iſt in dem gluͤcklichen Hamburg kein Mangel,— ſah er, von unausſprechlicher Sehnſucht ſuͤß gequaͤlt, fuͤr Luiſen an, und, als haͤtte das liebende Herz eine, an mathematiſche Gewißheit grenzende Ahnung von der Naͤhe des geliebten Gegenſtandes, als finde zwiſchen Liebenden auf tauſend Schritte und wei⸗ ter ein magnetiſcher Rapport Statt— er war mit dem Selbſitadel uͤber ſeine leichte Taͤuſchbarkeit, üͤber ſeine Sucht, uͤberall das Maͤdchen ſeines Her⸗ zens zu ſehen, noch nicht zu Rande, als er im Wagen aufſprang, dem Poſtillion, der vor dem Raſſeln der Equipagen ſein Schreien nicht hoͤrte, in den Kragen faßte, ihm augenblicklich zu halten befahl, mit einem Satze aus der Chaiſe war, mit einem zweiten uͤber die Barriere ſprang, die den Fahrweg von der Promenade trennt, und mit dem dritten vor Luiſen ſtand, die am Arme eines jun⸗ gen Mannes von ſehr angenehmen Aeußern am Baſſin auf und ab wandelte. Sie trat, da ſie ihn auf ſich losſtuͤrmen ſah, um einen Schritt zuruͤck, und fluͤchtete halb hinter iche, nern eine enen egel⸗ den r er und⸗ ſt in h er, fuͤr eine, von finde wei⸗ rmit rkeit, Her⸗ r im dem poͤrte, halten „mit e den t dem 3 jun⸗ n am n ſah, hinter — 39— ihren Begleiter; Steinau wollte ihr— den Herrn gab er ſich gar nicht die Muͤhe genauer in das Auge zu faſſen,— in der hoͤchſten Freude des unvermutheten Wiederſehens recht jovial ein„will⸗ kommen in Hamburg“ zurufen; aber das Wort erſtarb ihm auf der Zunge. Luiſe ſah ihn, wie einen ihr ſteinfremden Menſchen an, wendete mit ihrem Begleiter auf dem Flecke um, und ging, ohne Steinau nur eines Blickes weiter zu wuͤrdigen, nach dem Alſter⸗Pavillon zu, in welchem ſich die ſchoͤne Welt zu verſammeln pflegt. Erſt als ſie einige Schritte von ihm entfernt war, und be⸗ merkte, daß er ihr nicht folge, ſprach ſie mit ihrem Begleiter, nannte ihn Du, und lachte. Häͤtte nicht Steinau ihre Sprache, haͤtte er nicht ihr Lachen gehoͤrt, mit ſeinen eigenen Ohren ge⸗ hört, er haͤtte an eine neue Taͤuſchung geglaubt; aber diesmal war es Luiſe ſelbſt geweſen. Er ſtand vom Schreck erſtarrt, wie in den Boden gewurzelt, und ſah ihr nach. Wo hatte das Maͤdchen die ungeheure Verleugnungsgabe her? ſah ſie ihn doch wahrhaftig gleich beim erſten Blicke mit einer Miene an, als ob ſie ihn nie, im Leben nies ge⸗ ſehen; als ob ſie uͤber die Keckheit des Fremden, der wie ein halb Raſender auf ſie zuſtuͤrze, ganz außer ſich ſey! Mit welcher Traulichkeit ſchmiegte ſie ſich an den jungen Mann! wer war dieſer? Einen Stern auf der Bruſt! etwas gewaltig Vor⸗ nehmes im Aeußern! wie kam er zu ihr? Doch zu dieſem Engelsbilde von Madchen fanden ſich wohl — 40— noch andere Leute mit zwei und zehn Sternen auf der Bruſt! Aber wie kam ſie zu ihm? ſie konnte kaum einige Stunden hier ſeyn! wie kam ſie zu der eleganten Garderobe? Der alte Auerſtaͤdt konnte ſie wohl, mit dem erſten Quartal ſeiner Zulage, zur Hamburger Reiſe etwas herausgeputzt haben, gver den weiß und golddurchwirkten, aͤcht Terneaux⸗ ſchen Kachemir⸗Oberrock, von dem die Elle— das wußte er genau, denn die junge Prinzeſſin hatte akkurat einen ſolchen, und den hatte ihr die Mini⸗ ſterin, durch ihn, von Paris beſorgt— beſtimmt ihre 30 Franks koſtete; und den drei, vier hundert Dukaten⸗Shawl hatte Papa Auerſtaͤdt doch unmoͤg⸗ lich erſchwingen koͤnnen. Nein, es war eine andere! es mußte eine andere ſeyn!— aber nein, nein; es war Luiſe, es war— alle Nerven zuckten ihm gichteriſch in einander, wenn er an ihr Lachen dachte;— es ward ihm ſo warm und blutig in der Bruſt, daß er vermeinte, alle Herzadern waͤren ihm aufgeſprungen; er fuͤhlte, wie ihm ſchwarz vor den Augen ward— es war wahrhaftig Luiſe ſelbſt geweſen, ſie hatte ihn verlaͤugnen, ſie hatte uber ihn lachen— lachen koͤnnen!—— „Kommen Sie, Kosmowsly,“ ſagte ein junger Menſch zu einem aͤltlichen Herrn, der mit zwanzig Andern in der Naͤhe geſtanden, und den Fremden, der aus der Poſtchaiſe geſtuͤrzt, und der bildſchoͤnen jungen Dame entgegen geflogen war, und jetzt leichenblaß und erſtarrt die Haͤnde ihr nachrang, mit Theilnahme anſtaunte,„mit dem iſt es nicht richt ſchn eine eine Auf eilte in ſ fuhr ſchw Hau des in d Thu hint liche maͤr doch das der erke den Zau ihn der Fre vor ſtan Ohr den — 41— richtig;“ und jetzt erſt kam Steinau, durch die ſchneidende Bemerkung des jungen Mannes wie aus einem Traume geweckt, wieder zu ſich, ſah ſich in einem Kreiſe Neugieriger, die den ſonderbaren Auftritt ſich nicht erklaͤren zu koͤnnen ſchienen, und eilte, um der gaffenden Menge ſich zu entziehen, in ſeinen Wagen zuruͤck. Au Sinnen und Verſtand halb verzweifelnd, fuhr er bei dem Hotel de Ruſſie vor, ſtieg aus, ſchwankte die Stufen, die zur Thuͤre des eleganten Hauſes fuͤhrten, hinauf, trat, vom gaſtlichen Wirthe des Hotels freundlich empfangen, in den Flur, und in dem Augenblick flog rechts, ihm im Ruͤcken, eine Thuͤr auf, zwei Alabaſterhaͤndchen, ihn pfeilſchnell hinterruͤcks umfangend, bedeckten ihm, unter fröh⸗ lichem Jubel, die Augen, und eine ihm bekannte maͤnnliche Stimme rief ſcherzend: nun wollen wir doch ſehen, ob Sie gut rathen köoͤnnen! wer iſt das?—„Luiſe!“ rief er, den Vater Auerſtaͤdt an der Stimme, und das neckende Mädchen am Kichern erkennend, und zog die zarten Händchen raſch von den Augen, und das braͤutliche Kind lag mit dem Zauber ſeiner ſuͤßeſten Reize ihm im Arme, hieß ihn in Hamburg berzlich willkommen, ſreute ſich der gelungenen Ueberraſchung, und wußte ihrer Freude kein Ende, als ſie Steinau ſo rein verduzt vor ſich ſtehen ſah, als wiſſe er im engſten Ver⸗ ſtande des Worts nicht, ob er ſeinen Augen und Ohren trauen ſolle.— Vor drei Minuten, mit dem beſternten Herrn im Begriff, in den nahen — — ſchraͤg gegenuͤber liegenden Pavillon zu gehen, und gethan, als ob kein Steinau in der Welt ſey,— und jetzt hier in ſeinen Armen, an ſeiner Bruſt, die Liebe, die braͤutliche Hingebung ſelbſt,— nur der Shawl und der Terneauxſche Kachemir⸗Oberrock fehlten.— Doch— beides konnte ſie in aller Ge⸗ ſchwindigkeit abgelegt haben,— oder war— er erſchrak uͤber die Verwirrung ſeiner Sinne, und daß er ſo ſchwach ſeyn koͤnne, ſich einem ſolchen Altenweiberglauben Preis zu geben; indeſſen, wer, meinte er, wer koͤnne die Geheimkraͤfte der Natur ergruͤnden!— oder war Luiſe eine ſogenannte Doppelgängerin?— er hatte von den uUngluͤcklichen dieſer ſeltenen Art ſo viel geleſen und gehoͤrt.— Ein ganz leeres Hirngeſpinſt war es gewiß nicht. Etwas konnte an der Sache ſeyn!— Er hatte ja das Unbegreifliche hier vor ſeinen ſehenden Augen! Daß das ausgelaſſene luſtige, wunderſchoͤne Maͤd⸗ chen bier, an ſeinem Herzen, Luiſe Auerſtaͤdt, ſeine Braut war, das wußte er, und hätte es mit zehntauſend Eiden bekraͤftigen koͤnnen; und daß vorhin die junge Dame am Arme des geſternten Herrn, Luiſe Auerſtaͤdt, ſeine Braut geweſen, dar⸗ auf haͤtte er hunderttauſend Schwuͤre leiſten moͤ⸗ gen!— Doch Luiſe ließ ihm zum Denken und Gruͤbeln keine Zeit; ſie begleitete ihn mit dem Vater die Treppe hinauf in das ihm angewieſene Zimmer, und beide erzaͤhlten ihm nun, welche namenloſe Freude Luiſen und den Eltern ſeine, vor dem Gange zum Miniſter an den Vater gerichteten ruſt, nur rrock Ge⸗ — er und Dlchen wer, Natur annte lichen rt.— nicht. atte ja ugen! Maͤd⸗ „ſeine s mit nd daß ternten n, dar⸗ en moͤ⸗ n und it dem wieſene welche ine, vor eichteten Zeilen gemacht: wie der Vater, der unterwegs und im fremden Orte ſorglicher Frauenpflege beduͤrfe, den Plan gehabt, Luiſen mit nach Hamburg zu nehmen; wie ſie jetzt gerade um keinen Preis mitgewollt, und daher Lottchen vorzuſchieben ge⸗ ſucht; wie eine halbe Stunde nach Empfang jenes Billets, der Vater zufaͤllig durch den Geh. Rath Neithart von Steinau's auf den folgenden Mor⸗ gen feſtgeſetzten Reiſe nach Hamburg unterrichtet worden; wie er Luiſen hierauf ſeinen Antrag wegen ihrer Mitreiſe habe wiederholen wollen; wie ſie ihm aber darin zuvorgekommen, und ihn ge⸗ beten, ſie nun um jeden Preis mitzunehmen; wie man einſtimmig auf den Plan gekommen, Steinau von dieſer Mitreiſe nichts wiſſen zu laſſen, ſondern ihn mit Luiſens Gegenwart erſt in Hamburg zu uͤberraſchen; und wie, in der Vorausſetzung, daß Steinau dieſen Abend noch ganz gewiß zu Auer⸗ ſtaͤdts kommen werde, die Verabredung getroffen worden, daß die Mutter, gleich nach des Vaters und Luiſens Abreiſe, mit allen Kindern zu einer befreundeten Familie, und Agnuſchka zu einer alten Bekannten gehen ſolle, damit Steinau, wenn er komme, das ganze Haus leer finden, und wie, im Falle, daß Steinau den folgenden Morgen noch einmal gekommen waͤre, um Luiſen vor ſeiner Abreiſe zu ſprechen, der Vorwand haͤtte gemacht werden ſollen, daß ſie vor einer halben Stunde, zu einer ploͤtzlich ſchwer erkrankten Freundin auf das Land abgeholt worden ſey. LXXIX. 4 — 44— „J, das iſt ja ein recht huͤbſches blaues Dunſt⸗ fabrikat,“ ſagte Steinau lachend,„was mir da mein holdes Zauberkind vorgenebelt hat,“ und erzaͤhlte, zu Lniſens großer Ergoͤtzlichkeit, nun ſeiner Seits, wie er noch bei ſpaͤter Nachtzeit hinaus bis an das Ende der Stadt marſchirt ſey, und geklopft, und gepocht, und gelaͤrmt haͤtte, daß die ganze Nachbar⸗ ſchaft wach geworden, und wie ſeinem beabſichtigten Morgenbeſuche der fatale Amtshauptmann in die Quere gekommen, und faſt bei jedem zehnten Worte nahm er das roſige Maͤdchen in den Arm, und kuͤßte es, zur Strafe fuͤr die gar zeitig an⸗ gefangene Keckheit, dem kuͤnftigen Eheherrn ein fuͤr ein U zu machen, und zum Lohne fuͤr den Goͤttereinfall, den Vater mit nach Hamburg zu begleiten, recht ordentlich ab, und dachte, im herz⸗ erhebenden Gefuͤhl, daß er ſein eigener Herr ſey, und nach freier Wahl handeln duͤrfe, mit keiner Sylbe mehr der Worte, die der Miniſter und der Amtshauptmann wider ſeine Verbindung geſpro⸗ chen, und ſchwelgte in der, fuͤr die Dauer des menſchlichen Lebens viel zu kurzen Seligkeit des himmelreinen Gluͤcks, ein ſolches ſchuldloſes lieb⸗ reizendes Maͤdchen, als ſeine Luiſe war, ſeine Braut nennen zu koͤnnen. Vom Plaudern und Lachen, vom Scherzen und Koſen, hatte ſich allmaͤhlig das Geſpraͤch auf den ernſtern Gegenſtand ihres Beiſammenſeyns gewen⸗ det, und Steinau umfaßte jetzt Luiſen, und fuͤhrte ſie zum Vater, und ſprach mit freudiger Feſtigkeit: unſt⸗ nein , zu wie das und hbar⸗ igten n die anten Arm, an⸗ ein r den g zu herz⸗ ſey, keiner id der eſpro⸗ r des it des lieb⸗ ſeine n und uf den gewen⸗ fuͤhrte igkeit: 55— „unſere Herzen ſind Eins. Laſſen Sie uns das Feſt unſerer Verlobung feiern! Sonderbar— im fremden Lande! doch ſind wir hienieden auf der ganzen Welt ja nur Fremdlinge. Der Zeugen haben wir zweie. Gott und Sie, mein Vater. Alſo, Luiſe! auf Du und Du! Willſt Du mein ſeyn in Freud und Leid, ſo ſprich es aus vor Gott und dem Vater! ſprich das Work der Liebe und der Treue aus; und beide moͤgen ſegnen unſer Buͤndniß, das keine Macht loͤſen ſoͤll, als die des Todes!“— und Luiſe ſank froͤhlich weinend an Steinau's Bruſt, und ihr großes ſchönes Auge ſprach, was ihr Roſen⸗ mund liſpelte:„Liebe und Treue bis in den Tod;“ und Vater Auerſtaͤdt legte, von der Freude, das Kind, das ihm die Vorſehung auf ſo ſeltſame Weiſe zugefuhrt, jetzt in die Arme eines ſo ehrenwerthen edlen Mannes fuͤhren zu köoͤnnen, tief bewegt, ſeg⸗ nend die Haͤnde auf das gluͤckliche Paar, und alle dreie umſchloſſen ſich, und feierten durch die heilige Sprache des wahren Gefuͤhls, durch feierliches Schweigen und ſtille Thraͤnen, eine der wichtigſten Minuten ihres Lebens. 33. Vater Auerſtaͤdt, in Erinnerung des eigenen Braͤutigamſtandes, an die goldene Wahrheit den⸗ kend, daß die Freundſchaft im dreiblaͤttrigen Klee⸗ blatte, die Liebe aber im Taubenpaare verſinnlichet zu werden pflege, entfernte ſich allmählig, und Steinau und Luiſe legten ſich, nachdem ſie ſich, wie das zwiſchen Neuverlobten in der Regel wohl uͤber⸗ — 46— all der Fall ſeyn mag, eine recht geraume Zeit ſch abgeh rzt und abgekuͤßt, und mit einander von der mi Geſchichte ihrer Liebe, und von den Plaͤnen ihrer mo Zukunft, ein Breiteres geſchwatzt, unter tauſend* He Taͤndeln und Koſen, in das Fenſter, und freuten qu ſich der prächtigen Ausſicht auf das Alſterbaſſin, hit auf den ewig belebten Jungfernſtieg, auf den von na hier uͤberſehbaren nicht unbetraͤchtlichen Theil des der ſchoͤnen Hamburg, und auf die unermeßliche Waſſer⸗ b oh fläche jenſeits des Dammes, und entwarfen, im da Entzuͤcken uͤber all die Herrlichkeit, das Projekt, alle ſel fuͤnf Jahre wenigſtens einmal herzukommen, in la dieſem Zimmer zu wohnen, und das Erinnerungs⸗ ſel feſt ihrer Verlobung— da rief der Vater, der Zi unterdeſſen unten vor der Thuͤr geſtanden, und T mit dem kleinen Richard geplaudert, auf einmal: ſel „Luiſe, Luiſe!“ ſprang eilends die vor dem Hauſe D befindlichen Stufen hinab, und bog pfeilſchnell links um die Ecke in die Straße, welche vom Jungfern⸗ m ſtieg in die Stadt fuͤhrt. ti „Rief mich nicht der Vater?“ fragte Luiſe, und ſe bog ſich weit aus dem Fenſter, aber in dem Augen⸗ H blick kam dieſer auch ſchon wieder zuruͤck, und die T Treppe herauf. eſ „Nein,“ ſagte er beim Eintreten, ſonderbar lachend, als wolle er ſich den Schreck durch das il Lachen verdraͤngen,„wenn ich mich nicht ſchaͤmte, m ich glaubte jetzt an die Alfanzerei, die man vor fi Alters mit dem Doppeltſeyn und Doppeltſehen 2 gehabt hat; ſtehe ich da unten an der Thuͤr, und h Zeit nder ihrer ſend uten ſſin, von des aſſer⸗ , im „alle 1, in ungs⸗ der und amal: Hauſe links gfern⸗ 2, und lugen⸗ nd die derbar ch das hämte, an vor ltſehen e, und — 47— ſchwatze mit dem netten kleinen Jungen des Wirths, mit dem Richard, von Dem und Jenem; auf ein⸗ mal iſt es mir, als gaͤngeſt Du, mit einem hohen Herrn, kaum zwanzig Schritte, vom Jungfernſtieg quer uͤber den Fahrweg, in die Straße, die gleich hier links am Hotel weg laͤuft. Ich augenblicklich nach, in die Straße hinein— weg biſt Du ſammt dem Herrn! ich komme zuruͤck, da liegſt Du hier oben im Fenſter! Was iſt das? was war das?— das war keine bloße Aehnlichkeit! das warſt Du ſelbſt! meine Augen! auf die kann ich mich ver⸗ laſſen; wenn ich wiſſen will, welche Zeit es ſey, da ſehe ich von meinem Fenſter aus nur nach dem Zifferblatte des, eine Viertelmeile weit entfernten Thereſenhayner Schloßthurms;— das warſt Du ſelbſt; Dein Gang, Deine Geſtalt, Deine Manier, Dein Geſicht, Dein ganzes Weſen!“ Luiſe lachte uͤber den komiſchen Zufall, und meinte, um des Vaters Beſorglichkeit zu beſchwich⸗ tigen, ſcherzend, daß es ihr ſelbſt vorkomme, als ſey ſie doppelt, denn ſie habe einen ſo entſetzlichen Hunger, daß ſie heute Mittag an der weltberuͤhmten Tafel des Herrn Wiedemann beſtimmt fuͤr Zweie eſſen werde. Steinau ſchwieg; er wollte uͤber den Zufall, wie ihn Luiſe nannte, und uͤber ihren Scherz wohl mitlachen, aber er konnte ſich nicht recht hinein finden; war es ihm doch nicht anders gegangen! Von einer Erſcheinung am hellen lichten Tage hatte er im Leben noch nicht gehoͤrt. Aehnlichkeiten — 38— hatte er wohl oft gefunden; aber ſo gleich, ſo in allem und jedem ganz gleich, daß der Vater ſeine eigene Tochter mit dem zweiten Ich verwechſelt, war ihm auch noch nicht vorgekommen; alſo konnte — zumal der Vater auch faſt daran zu glauben ſchien—„an der Doppelgaͤngerei doch wohl Etwas ſeyn,“ wollte er bei ſich im Stillen hinzuſetzen, aber ſein Verſtand ſtraͤubte ſich gegen die Annahme des ſich ihm faſt gewaltſam amdringenden Irr⸗ glaubens, und die ſchmeichelnde Ueberzeugung, daß von einem ſo reizendliebenswuͤrdigen Kinde, als ſeine Luiſe ſey, kein zweites Prachtexemplar in der Welt ſeyn koͤnne, gewann, als ſie froͤhlich um ihn herum laͤppſchte, und den Vater ſehr dringend bat, Steinau hier in dem, an huͤbſchen Maͤdchen und Frauen reichen Hamburg, auf andere ihr aͤhnliche Geſichter nicht aufmerkſam zu machen, und zehn⸗ mal in einer halben Stunde fragte, ob er ſie, wenn er eine huͤbſchere ſahe, vergeſſen koͤnnte, und ſich ganz offen daruͤber wunderte, daß ſeine Wahl gerade auf ſie gefallen, daß er zu Hauſe und in der ganzen Welt tauſend und aber tauſend Maͤd⸗ chen haͤtte finden koͤnnen, die in jeder Hinſicht preiswuͤrdiger waͤren, als ſie, in ſeinem Herzen wieder Raum; auf einmal wandte ſie ſich zum Vater, und fragte:„haſt Du ihm ſchon geſagt, um was ich Dich gebeten?“ und als der Vater, uͤber ihren Einfall etwas verlegen, den Kopf ver⸗ neinend ſchuͤttelte, bat ſie angelegentlicher, es zu thun, es gleich in ihrer Gegenwart zu thun. Natuͤr⸗ o in ſeine hſelt, unte uben twas etzen, ahme Irr⸗ „daß als der ihn hbat, und lliche zehn⸗ ſie, und Wahl d in Maͤd⸗ nſicht erzen zum eſagt, dater, ver⸗ es zu atuͤr⸗ — 49— lich ward Steinau's Neugierde dadurch rege gemacht, und Luiſe nahm, da der Vater im Schaamgefuͤhl ſeiner Mittelloſigkeit das zu Sagende aufheben zu wollen ſchien, bis er mit Steinau allein ſey, ſie aber dieſen Hauptpunkt vor allem andern abge⸗ macht wiſſen mochte, das Wort, und ſagte mit unglaublich rührender Weichheit:„daß wir nicht vermoͤgend ſind, weißt Du, mein Franz. Unſer erſtes Finden, unſer erſtes Kennenlernen war ja eine Folge der dringendſten Noth, die— ein recht ſchweres, aber ein recht wahres Sprichwort,— die kein Gebot kennt; aber daß ich— Vater, Du mußt Dich nicht wegwenden, ehrliche Armuth iſt keine Schande— daß ich, als ein ganz armes Kirchen⸗ maͤuschen in Dein Haus komme, weißt Du vielleicht noch nicht, und das mußt Du wiſſen. Andere Maͤdchen bringen eine mehr oder minder bedeu⸗ tende Ausſtattung dem Manne zu; ich, mein Franz, Dir keine. Vater und Mutter wollten zwar das Noͤthigſte wenigſtens beſorgen, aber— mein Vaͤter⸗ chen, mein liebes Herzensvaͤterchen, weinen mußt Du nicht. Du kannſt ja nichts dafuͤr, daß wir ſo arm ſind, und um des Zeitlichen willen— laßt mir dieſen Stolz, er wiegt Millionen auf, er macht die Schaale ſchwer, in die das reiche Maͤdchen nichts zu legen hat— um Gold und Geldes willen, hat mein edler Franz mir ſeine Hand nicht geboten— Vater und Mutter alſo wollten zwar anſchaffen, was das Nöoͤlhigſte ſey, aber ich habe ſie gebeten, es nicht zu thun. Wir ſind der Geſchwiſter viele, — 50— was einem recht iſt, iſt dem andern billig. Was die Eltern mir beſtimmt haͤtten, haͤtten ſie den andern auch beſtimmen muͤſſen, ſonſt waͤre das eine Ungerechtigkeit gegen die uͤbrigen geweſen; dazu reichten aber ihre Kraͤfte nicht, und mit dem druͤckenden Gefuͤhle in Dein Haus zu treten, daß meine arme Eltern entweder meinen Bruͤdern und Schweſtern das verſagen ſollten, was ſie mir ge⸗ geben, oder daß ſie, wegen meiner Ausſtattung, Jahre lang darben und ſich die dringendſten Be⸗ duͤrfniſſe verſagen ſollten— nein, das konnte ich nicht. Sieh, nun iſt es mir leicht in der Bruſt, nun ich Dir das Alles offen und ehrlich geſagt habe. Ich bringe Dir nichts mit, als mein treues Herz, und meine Liebe.— Der Torniſter, in dem wir unſer Nachtzeug mit hieher genommen, faßt meine ganzen Habſeligkeiten; dieſen unterm Arm, ziehe ich“— ſie wollte aus der Sache einen Scherz ma⸗ chen, aber die hellen Thraͤnen liefen ihr dabei uͤber die Wangen—„dieſen unterm Arm ziehe ich bei Dir ein, wenn Du,“ ſetzte ſie mit zitternder, ihr faſt vergehender Stimme hinzu,„das blutarme Ding nicht von Deiner Schwelle weiſeſt.“ „Nein, meine himmliſche Luiſe,“ rief Steinau, und ſchlang beide Arme um das ſuͤße Kind,„das wird er nicht; er wird ſein holdes Maͤdchen, das ihm in der Kunſt, mer Wenigem zufrieden zu ſeyn, einen unerſchöpflichen Schatz mitbringt, im Trium⸗ phe in ſein Haus fuͤhren, und Du wirſt dieſes zum Tempel des reinſten Gluͤcks ihm umwandeln.“ Angſt zu ſpr Augen Male, ein kal Clau Was e den s eine dazu dem 1, daß n und nir ge⸗ ttung, n Be⸗ ite ich Bruſt, t habe. Herz, m wir meine ziehe erz ma⸗ ei uͤber ich bei er, ihr utarme teinau, „„das en, das u ſeyn, Trium⸗ ſes zum In.“ — 51— Vater Auerſtaͤdt fand im Stillen etwas ſonder⸗ bar Zufaͤlliges darin, daß Luiſe in dieſem ernſten Augenblicke gerade ihr allereinziges Eigenthum, den Torniſter genannt hatte, mit dem ſie aus dem Vaterhauſe gehen, den ſie in ihr neues Beſitzthum mit hinuͤber nehmen wollte; und Steinau laͤchelte auch im Stillen uͤber die buchſtaͤbliche Erfuͤllung. ſeiner, auf dem Herwege gehabten Ahnung, daß der Torniſter, in der Geſchichte ſeiner Liebe, gewiß noch eine Rolle zu ſpielen bekommen werde. 34. Der Markeur trat in haͤuslichen Geſchaͤften ein, und erwiederte auf Vater Auerſtaͤdts Frage, wann hier geſpeist werde? daß in einer kleinen Viertel⸗ ſtunde werde angerichtet werden.. Luiſe, die noch im Morgenanzuge, in ihrem ſchwarzſeidenen Mantel war, eilte auf ihr Zimmer, um ſich anzukleiden. Keine fuͤnf Minuten, ſo kam ſie leichenbleich wieder zuruͤck, zitterte am ganzen Koͤrper, und ſank, beide Haͤnde auf das Herz gepreßt, lautlos auf den naͤchſten Stuhl nieder. „Um Gotteswillen, Luiſe, was iſt Dir?“ riefen Steinau und der Vater, und eilten herbei, und Steinau warf ſich vor ihr nieder, und wollte vor Angſt verzagen, denn Luiſe gab ſich ſichtbar Muͤhe, zu ſprechen, und konnte nicht; ſie ſtarrte mit den Augen zu ihm herab, ſchuͤttelte den Kopf einige Male, und brachte endlich nichts weiter heraus, als ein kaum verſtaͤndliches„Nimmergut, Nimmergut.“ Clauren Schr. LXXIX. 5 „Nimmergut?“ fragte Steinau, von der quä⸗ lendſten Beſorgniß gemartert;„was ſoll das heißen? ſprich doch, liebe engliſche Luiſe! Mein einziges Leben, komm doch zu Dir ſelbſt! was haſt Du denn gehabt?“ „Nimmergut!“ wiederholte Luiſe, wie mit ſich ſelbſt ſprechend,„ſollte ſich das auf mich und Dich beziehen?— Steinau!— Vater!“ fuhr ſie fort, und Athem und Sprache wurden ihr nach und nach leichter,—„ich habe etwas Entſetzliches gehabt! ich habe— lacht nicht uͤber mich, aber es iſt das graͤß⸗ lichſte Gefuͤhl, was ſich nicht beſchreiben laͤßt;— ich habe mich ſelbſt geſehen! ich bin“— ſie wendete das Geſicht weg, als ſcheue ſie ſich vor ſich ſelbſt, und legte die Hand vor die Augen—„ich bin zwei⸗ mal in der Welt, ich bin doppelt!“ Vater Auerſtaͤdt, ſeine Viſion vor wengen Augen⸗ blicken noch in der Seele, wendete ſich bei dieſen Worten abwarts, und rang die gefalteten Haͤnde; Steinau aber zwang ſich, ungeachtet die Dame des beſternten Herrn in dieſem Momente ungeſehen wieder an ihm voruͤber ging, zu einem, Luiſens gewaltſame Unruhe beſchwichtigenden Lächeln, und bat, ihm doch umſſtaͤndlich zu erzählen, was ſie geſehen. „Mich, mich ſelbſt habe ichgeſehen,“ erwiederte Luiſe noch immer hoch aufgeregt.„Als ich hier aus dem Zimmer trete, hoͤre ich— denke Dir nur meinen Schreck, meine ganz einzige Empfindung— meine eigene Stimme, wie ſie zweimal hinter ein⸗ quã⸗ ißen? ziges t Du it ſich Dich fort, d nach bt! ich graͤß⸗ —t;— dendete ſelbſt, zwei⸗ Augen⸗ dieſen Haͤnde; :me des igeſehen Luiſens in, und was ſie wiederte ich hier Dir nur ndung— uter ein⸗ — 53— ander ganz deutlich ruft: Nimmergut, Nimmer⸗ gut! Ich erbebte, ſah auf, und ſah mich, mich ſelbſt, wie ich hier bin, im ſchwarzen Mantel, am Treppen⸗ gelaͤnder vorn uͤbergebeugt ſtehen. Mir ſtockten vor Entſetzen alle Pulſe— ein Spiegel— nein, auf dem ganzen Flur war keiner, auch konnte das, was ich ſah, mein Spiegelbild nicht ſeyn, denn es ſtand, beide Haͤnde auf das Treppengelaͤnder ge⸗ ſtämmt, vorn uͤbergebeugt, und ich ſechs Schritte ungefaͤhr davon, die Haͤnde auf der Bruſt; ich meinte, daß die Sinne mich verlaſſen, daß ein Schlag mich getroffen; ich legte, um zu ſehen, ob ich wache, ob ich lebe, die Hand an die Schlaͤfe, machte, um zu wiſſen, ob ich träume, die Augen weit auf, ſchloß ſie dann wieder eine lange Weile, ſah wieder nach dem Flecke, wo mein Ich geſtanden, und es war verſchwunden; da erfaßte mich ein ſonderbares Grauen, und ich weiß nicht, wie ich wieder hier herein gekommen. Sage, Steinau— was iſt das geweſen? habe ich denn noch meinen Verſtand beiſammen? habe ich denn getraͤumt? bin ich denn außer mir hier, wirklich noch einmal da? ſeht ihr mich denn doppelt?“ Beide haͤtten eigentlich, der Wahrheit gemäͤß, gern Ja geſagt, aber, um ſie nur wieder zu beruhi⸗ gen, bemuͤhten ſie ſich, ihr die Sache moͤglichſt aus dem ganz natuͤrlichen Geſichtspunkte darzuſtellen, daß wahrſcheinlich eine Fremde im Hauſe wohne, die viel Aehnliches mit ihr haben muͤſſe. Luiſe ſchuͤttelte zwar unglaͤubig das Köpſchen, 4 5* und meinte, zwiſchen aͤhnlich und gleich ſey ein gewaltiger Unterſchied, doch minderte ſich nach und nach, da der Vater und Steinau,— wider ihr inneres Gefuͤhl— aus dem ganzen Auftritt einen Scherz machten, ihre Bedenklichkeit, und der Vater begleitete ſie, um ſie nur auf andere Gedanken zu bringen, auf ihr Zimmer, und trieb, daß ſie ſich raſch anziehen moͤchte, weil gleich geſpeist werden ſolle, und er, da die Hamburger Eßglocke ohnehin gegen die heimathliche um drei Stunden zu ſpaͤt gehe, wegen faſt nicht länger mehr zu ertragenden Hungers, nicht gern der letzte bei Tiſche ſeyn moͤchte. Steinau benutzte die, dieſen Abend, in die Heimath gehende Poſt, um mit derſelben in aller Geſchwindigkeit einige Zeilen an den Amts⸗ hauptmann zu ſchreiben; er meldete ihm ſeine Verlobung mig Luiſen, und aͤußerte, daß er es ihm als eine Wohlthat anrechnen werde, wenn er ihm des Miniſters Zuſtimmung zu dieſer Verbindung zu bewirken im Stande ſey.„Ich weiß wohl,“ ſchloß er ſein Schreiben,„daß Sie gegen dieſe Par⸗ thie eben ſo eingenommen ſind, als Se. Excellenz ſelbſt. Allein ſehen Sie nur das Maͤdchen meiner Wahl, lernen Sie es nur erſt genauer kennen, und ich weiß gewiß, daß Sie, wie mein verehrter Chef, Ihr mir unbegreifliches Vorurtheil gegen das liebenswerthe Kind zuruͤcknehmen werden.“ 35. Die Hamburger ſtetzn hinſichtlich ihrer Koch⸗ kunſt auf einer ſehr reſpektabeln Stufe, und daß hein und ihr inen Jater n zu 2 ſich erden nehin ſpaͤt enden ſeyn d, in en in Amts⸗ ſeine s ihm er ihm ndung vohl,““ ſe Par⸗ rcellenz meiner ennen, rehrter gen das Koch⸗ nd daß — 55— die Wiedemann'ſche Kuͤche eine der allervorzuͤglich⸗ ſten in der ganzen Stadt, vielleicht in der ganzen Welt iſt, wird Jedermaͤnniglich beſtätigen, der nur einmal an der Table d'hôte im Hôtel de Russie geſpeist hat. Matthaͤus Auerſtaͤdt, der Archivrath, that ſich guͤtlich; das junge Brautpaar neben ihm hatte beſtaͤndig mit einander zu ziſcheln und zu ſchwatzen; deſto ungeſtoͤrter konnte er die Gabe Gottes genießen. Er hatte ſich an der Suppe erquickt; jetzt kam ein Stuͤck Rindfleiſch auf den Tiſch, von nie geſehener Groͤße; ein wahres Nor⸗ malexemplar von muſterhafter Schoͤnheit; er er⸗ goͤtzte ſich an der Eleganz, mit welcher der Wirth des Hauſes vorſchnitt; das blanke ellenlange Vor⸗ legemeſſer trennte von dem maleriſch ſchoͤn durch⸗ wachſenen Fleiſche, in unglaublicher Geſchwindigkeit, eine Menge mohnblattduͤnner Scheiben, von denen jede ſo groß war, daß ſie den ganzen Teller bedeck⸗ ten, und als bei jedem Schnitte der kraͤftige Saft aus allen Seiten hervorquoll, lief dem Archivrath das Waſſer im Munde zuſammen; er liſpelte halb laut vor ſich hin:„das Leben iſt doch ſchoͤn,“ und trank im Stillen auf ſein eigenes Wohl ein ganzes Glas Portwein. Steinau muſterte unterdeſſen die Geſellſchaft der langen Gaſitafel; er fand unter der Menge Fremder nicht ein einziges bekanntes Geſicht; außer dem Herrn v. Kosmowski, deſſen Bekanntſchaft er heute Vormittag auf dem Jungfern⸗ ſtieg zufaͤllig gemacht hatte, und der ihm jetzt ſchraͤg gegenuͤber ſaß. Der alte Herr verwandte ſaſt kein Auge von Luiſen; indeſſen uͤber den Graukopf wollte er ſich kein graues Haar wachſen laſſen, machte es ihm doch eine eigene Freude, zu bemer⸗ ken, daß die ganze Tafel faſt immer und ewig das auffallend ſchoͤne Mädchen im Auge hatte. Es war ihm aber auch ſelbſt, als ſey Luiſe heute ganz beſonders reizend. Ihre froͤhliche Laune hatte ſich wieder gefunden; das Table d'hôte⸗Leben war ihr neu; die faſt endloſe reich und geſchmackvoll garnirte Tafel, die Batterieen von Weinbouteillen, das köſtliche Eſſen, die Behendigkeit der flinken Markeurs, das Geſumſe der Unterhaltung in allen Sprachen Europa's, das Alles machte ihr unglaub⸗ lichen Spaß, und— doch das wollte die kleine Eitelkeit ſich nicht geſtehen, aber ſo gar unertraͤglich war ihr die im Stillen gemachte Bemerkung nicht, daß ſie gefalle; zwanzig— das verwuͤnſchte Lorg⸗ nettiren, meinte ſie bei ſich ſelbſt, und ſchlug oft die großen Feueraugen in maͤdchenhafter Befangen⸗ heit vor ſich nieder auf Buſen und Teller, koͤnnten die Herren, wenn ſie artig ſeyn wollten, wohl bleiben laſſen,— aber zwanzig Lorgnetten waren immer auf ſie angelegt, und in den Geſichtern von mehr denn zehn verſchiedenen Nationen der alten und neuen Welt, ſah ſie, natuͤrlich aber immer nur mit halben Viertelsſeitenblicken, den Wiederſchein vom Zauber ihrer entzuͤckenden An⸗ muth, doch aͤußerte ſie gegen Steinau daruͤber einige Verlegenheit, daß ſie bei der ganzen Tafel das einzige Frauenzimmer ſey; indeſſen entgegnete kopf ſſen, mer⸗ ewig atte. deute hatte war kvoll illen, inken allen laub⸗ eleine aglich nicht, Lorg⸗ ig oft ngen⸗ nnten wohl waren chtern n der aber „ den n An⸗ aruͤber Tafel egnete — 57— der Wirth, daß ſie gleich Geſellſchaft bekommen werde; der Baron v. Mertens, der auch hier logiere, muͤſſe mit ſeiner Gemahlin den Augenblick erſcheinen, und da es wahrſcheinlich beiden Damen lieb ſeyn werde, ſich mit einander unterhalten zu koͤnnen, ſo habe er die beiden Plaͤtze gerade gegen⸗ uͤber fuͤr den Baron und deſſen Frau Gemahlin belegen laſſen. Waͤhrend der Zeit hatte der Herr v. Kosmowski einen der aufwartenden Markeurs zu ſich gerufen, und wisperte ihm mit dem halben Blick auf Luiſen etwas in das Ohr; wahrſcheinlich hatte er nach ihrem Namen gefragt, denn er ſagte, nach empfan⸗ gener Antwort, wie zu ſich ſelbſt, halb laut:„Auer⸗ ſtaͤdt! Auerſtaͤdt!“ war von dieſem Namen ſichtbar betroffen, ruͤckte einigemale unruhig auf dem Stuhle hin und her, ſtierte das Maͤdchen ſekundenlang an, und fuhr ſich dann mit der rechten Hand uͤber den duͤnn behaarten weißen Kopf, als werde ihm im Gehirn immer waͤrmer und waͤrmer. Steinau hatte ſich bisher eingebildet, den Leu⸗ ten auf den erſten Blick anſehen zu koͤnnen, weß Geiſtes Kind ſie ſeyen; aber hier bei dieſem Ge⸗ ſichte ging ihm ſein Latein zu Ende. In Zuͤgen und Manieren etwas Gemeines, im Auge ehrliche Biederkeit, im Anzuge ſcheinbar vornehme Prah⸗ lerei— Er konnte ſich platterdings in die merk⸗ wuͤrdige Erſcheinung nicht finden. Der blitzende Brillantring am Finger, der Haſelnuß große Soli⸗ tair im ſchwarzſeidenen Halstuche, die mit Brillanten reich beſetzte Tabatiere vor dem Teller, und dazu die kleinbuͤrgerliche Art in allen Bewegungen, das Eckige, Ungehobelte in Haltung und Betragen, und wieder das Zuverlaͤßige, Gutmuͤthige im Blick und im ganzen Geſichtsumriß— durchaus ungewiß, was er aus dem Manne machen ſolle, fragte er Luiſen heimlich, wofuͤr ſie ihn halte?„Fuͤr einen guten Menſchen mit boͤſem Gewiſſen,“ antwortete dieſe dem Frager in das Ohr, und Steinau ward durch die kurze, mit ſolcher Beſtimmtheit hingeworfene Antwort, in ſeinem Urtheil nur noch verwirrter. Der Wirth konnte auf Befragen keine weitere Auskunft geben, als daß er aus Paris ſey, ſehr viel Geld oder Geldeswerth bei ſich zu haben ſcheine, und von einigen der erſten Bankierhaͤuſer mit ausgezeichneter Aufmerkſamkeit behandelt werde. 36. Endlich, faſt kurz vor Aufhebung der Tafel, trat Baron Mertens mit ſeiner ſchoͤnen Frau in den Saal. Auf den erſten Blick erkannte Steinau das Paar fuͤr das nämliche, was ihn heute Vormittag ſo in Bewegung gebracht hatte. Matthaͤus Auer⸗ ſtädt ſah nunmehr, wen er fuͤr ſeine Tochter gehalten, und Luiſe, die jetzt wußte, daß ſie die Baroneſſe Mertens vor ſich hatte, begriff nicht, wie ſie vorhin beim Zuſammentreffen am Treppen⸗ geländer, in dem Grade hatte erſchrecken koͤnnen; alle diefe Empfindungen entwickelten ſich in dem Augenblicke, als die Eingetretenen durch den langen Sag beid Aug ſchre Spi geſa Sta Dat eine der falle Glei ihre die ſchm ſelb dem nicht oder klein unte Bar war wen zu h meh⸗ naͤm Char Sta liche dazu das gen, Blick wiß, niſen uten dieſe durch fene rter. itere ſehr eine, mit de. trat den das ttag luer⸗ chter die icht, pen⸗ nen; dem — 5— Saal bis zu ihren Plaͤtzen gingen; als ſich aber beide, die Baroneſſe und Luiſe, einander in das Auge faßten, thaten beide einen kleinen Schreck⸗ ſchrei, denn jede glaubte, ſich in einem magiſchen Spiegel zu erblicken. Das laute Gemurmel der geſammten Tafelgeſellſchaft gab das allgemeine Staunen uͤber die beiſpielloſe Aehnlichkeit der beiden Damen zu erkennen, und je mehr man beide mit einander verglich, je genauer man in das Detail der unbedeutendſten Kleinigkeiten ging, deſto auf⸗ fallender ward die zwiſchen beiden herrſchende Gleichheit. Waͤren die Farben und der Schnitt ihrer Kleidung nicht verſchieden geweſen, und haͤtte die junge Freiin ſich nicht durch einen hoͤchſt ge⸗ ſchmackvollen Rubinſchmuck ausgezeichnet, ſo waͤre ſelbſt dem Vater Auerſtaͤdt, dem Hofrath, und dem Baron, nach aller Dreier eigenem Geſtaͤndniß, nicht möglich geweſen, Luiſen von der Baronin, oder dieſe von jener zu unterſcheiden. Sogar das kleine kaum bemerkbare Lebertippchen, was Luiſe unter dem linken Ohrlaͤppchen hatte, fehlte bei der „Baroneſſe nicht, und beider klangreiche Floͤtenſtimme war ſo ganz gleich, daß Auerſtaͤdt und Steinau, wenn die Baroneſſe ſprach, oft glaubten, Luiſen zu hoͤren, und der Baron, wenn Luiſe ſprach, mehreremale vermeinte, ſeine Frau zu hoͤren. Die naͤmliche Aehnlichkeit ſchien auch hinſichtlich des Charakters, der Seelenkrafte und des Gemuͤths Statt zu finden, wenigſtens verrieth das freund⸗ liche Entgegenkommen der Baronin die näͤmliche — 60— herzliche Gutmuͤthigkeit, die Luiſen ſo unendlich liebenswuͤrdig machte, und der froͤhliche Jugend⸗ ſinn, der Luiſen beſeelte, lebte, wie ſich gleich in den erſten Worten, mit denen die Baroneſſe ihr zweites Ich bewillkommte, ſattſam kund gab, auch in deren Bruſt; nur ſchien die Freiin mehr fuͤr die große Welt erzogen; ſie ſprach mit dem einen Nachbar fertig engliſch, mit einem zweiten eben ſo geläufig italieniſch, und mit einem dritten franzoͤſiſch, wie deutſch.— Natüͤrlich hatte der Vorfall beide Familien bald mit einander bekannt gemacht, und waͤhrend die uͤbrige Tiſchgeſellſchaft ſich jetzt allmaͤhlig verlor, naͤherten ſich die fuͤnf Geſichtsverwandte, wie ſie ſich im Scherz nannten, immer mehr und mehr, und freuten ſich, ſogar in der Geſchichte ihrer Herzen einige Gleichheit zu finden; denn an dem Ziele, dem Steinau und Luiſe entgegen eilten, waren der Baron und ſeine Frau vor Kurzem auch erſt angelangt; ſie hatten vor wenigen Tagen, auf ihrem Gute in Nieder⸗ ſachſen, das Feſt ihrer Verbindung gefeiert, waren gleich den Tag nach der Hochzeit abgereist, und wollten von Hamburg aus nach Berlin, Wien, Italien u. ſ. w. Der Baron ließ, zu Ehren der neuen, auf gar originellem Wege gemachten Bekanntſchaft, die ihm und ſeiner wunderhuͤbſchen Frau immer werther zu werden ſchien, Champagner ſerviren; der Herr v. Kosmowski, der einzige, der von den uͤbrigen Gaͤſten ſitzen geblieben war, und an dem ſonderbaren ndlich gend⸗ ich in e ihr auch dr fuͤr einen eben ritten e der kkannt Iſchaft e fuͤnf anten, gar in lit zu u und ſeine hatten Lieder⸗ waren „ und Wien, uf gar ie ihm berther Herr brigen rbaren — 61— Zuſammentreffen der beiden Aehnlichkeiten, in ſei⸗ ner bizarren Weiſe, einen ungemein lebhaften Antheil zu nehmen ſchien, forderte noch eine Fla⸗ ſche extra feinen Chateau Latour, und ruͤckte der kleinen Geſellſchaft möͤglichſt nahe, Eigentlich war die Gaſttafel als aufgehoben zu betrachten; Herr Wiedemann, der Wirth, und die Markeurs hatten ſich entfernt, und der kleine, aus den fuͤnf neuen Verwandten beſtehende Kreis, der beim ſchaͤumenden Weine ſich einander immer traulicher anſchloß, haͤtte wohl gewuͤnſcht, des Sechs⸗ ten, des ihnen Allen ganz fremden Herrn v. Kos⸗ mowski, entledigt zu ſeyn; indeſſen konnte man ihn natuͤrlich nicht gehen heißen, und da das Geſpräch ſich im Allgemeinen um Gegenſtaͤnde drehte, die Jeder hoͤren konnte, er ſich aber in daſſelbe durchaus nicht miſchte, ſondern nur immer den aufmerkſamen Zuhoͤrer abgab, ſo nahm man auch weiter keine Notiz von ihm. Unter andern kam man auf das Alter Luiſens und der Baroneſſe zu ſprechen, und letztere meinte, daß hierin wahrſcheinlich der einzige Unterſchied zwiſchen ihnen beiden ſeyn werde, denn ſie glaube, wenigſtens ein Jahr alter zu ſeyn, als Luiſe; dieſe aber lachte, und betheuerte dieſen Unterſchied auch, aber gerade umgekehrt vorausgeſetzt, und bei ſich im Stillen gemeint zu haben, daß ſie ein Jahr, und vielleicht noch etwas daruͤber aͤlter ſey, als die Baronin. Die drei Herren gaben ihre Anſichten ganz von einander verſchieden zu erkennen; Auer⸗ — 62— ſtaͤdt hielt ſeine Tochter wenigſtens fuͤr ein halbes Jahr aͤlter; der Baron meinte, daß der Alters⸗ unterſchied zwiſchen Luiſen und ſeiner Liddy kaum einige Monate betragen werde, und Steinau ver⸗ ſicherte, daß beide, auch in dieſer Hinſicht, ſich ſo ganz gleich ſchienen, daß er, und wenn wer weiß, was fuͤr ein Preis darauf ſtaͤnde, nicht beſtimmt zu ſagen im Stande waͤre, welche die aͤltere von ihnen beiden ſey. „Nun, hieruͤber,“ hob der Baron lachend an, „koͤnnen wir einander ganz genaue Auskunft geben; Liddy hat einen ſehr ominoͤſen Geburtstag.“ „Luiſe auch,“ unterbrach ihn der Archivrath. „Meine Frau,“ fuhr der Baron mit einer Art eigener Befangenheit fort, als fuͤrchte er, bei der Erwaͤhnung jener Umſtaͤnde, Saiten zu beruͤhren, deren Anklang er lieber zu vermeiden gewuͤnſcht haͤtte,„meine Frau ward am Schlachttage von Auerſtaͤdt geboren.“ „Luiſe auch!“ rief Steinau uͤberraſcht. „Ganz in der Naͤhe des Wahlplatzes ſelbſt,“ ſetzte der Baron, von dem hoͤchſt ſonderbaren Zu⸗ ſammentreffen der Umſtaͤnde ſeltſam bewegt, hinzu. „Luiſe auch,“ entgegnete Auerſtaͤdt, und der Baron und Liddy, und ſelbſt Luiſe, die davon zum erſten Male hoͤrte, ſtaunten ihn an. „Liddy's Mutter,“ erzaͤhlte der Baron,„ward unter dem Schlachtdonner von tauſend und aber tauſend Feuerſchluͤnden entbunden; ſie gebar Zwillin⸗ ge.— Das zweite Kind, ob Knabe oder Maͤdchen— albes lters⸗ kaum ver⸗ ſch ſo weiß, immt von an, eben; rath. Art i der hren, inſcht von lbſt,“⸗ Zu⸗ inzu. d der zum ward aber dillin⸗ — 63— „Champagner!“ ſchrie der Herr v. Kosmowski, und ſprang vom Sruhle auf,„Sillery Mouſſeux! zwei Flaſchen, drei Flaſchen! tauſend Flaſchen! die ganze Welt will ich traktiren.“ Er rannte, wie beſeſſen, um den Tiſch, zu Auerſtadt, nahm ihn, froͤhlich heulend,— denn weinen konnte man dieſen rohen Ausbruch der ausgelaſſenſten Freude nicht nennen— beim Kopfe, und ſchrie:„Menſch, alter Menſch, geſtehe, Du biſt des Maͤdchens Vater nicht!“ Auerſtaͤdt, in den Cyklopenarmen des jubelnden Wahnwitzigen mehr todt als lebendig, wußte im erſten Schreck nicht, ob er ja oder nein ſagen ſollte; da faßte der Herr v. Kosmowski den Archivrath, von deſſen Ungewißheit in der Hoffnung auf das, was er zu wiſſen verlangte, noch mehr beſtaͤtigt, kraftiger, und preßte ihn, daß ihm faſt der Athem verging, und bruͤllte, unter einem Strom von dicken heißen Freudenthraͤnen, in ihn hinein:„Menſch, alter lieber Herzensmenſch, ſag Ja oder Nein, aber die Wahrheit; eher kommſt Du nicht los; es gilt hier Tod oder Leben. Biſt Du des Maäͤdchens Vater?“ „Nein, nein, neiren“ ſchrie Matthaͤus, und dankte ſeinem Herr Gott, als ihn nun der raſende Graukopf los ließ; er haͤtte ſich zur Erſchaffung der Welt bekannt, wenn der nur fuͤnf Minuten noch gedruͤckt haͤtte; Kosmowski aber ſtuͤrzte jetzt zu Luiſens Fuͤßen nieder, umklammerte ihre Kniee, und bat mit ruͤhrender Demuth, als laͤge er vor — 64— einem Gnadenbilde, ihm ſeine Suͤnde zu vergeben. „Ich habe Dich geſtohlen,“ rief er ſchluchzend. „Ich habe Dich vielleicht um das Gluͤck Deiner Jugend gebracht; aber ich will Alles! wieder gut machen. Gehe Du nur nicht mit mir in das Gericht. Ich habe nicht ſterben koͤnnen, ohne Dich aufzuſuchen. Gott iſt mir gnaͤdig geweſen, denn ich habe Dich gefunden. Ich will auch Alles halten, was ich ihm gelobt. Habe Du nur auf mich keinen Zorn. O, mein Kind, koͤnnteſt Du mir in mein Herz ſehen, wie es blutet vor Freude und vor Schmerz; ich kann die Worte nicht ſo ſetzen, wie Ihr; aber hier, hier,— er ſchlug ſich auf die Bruſt— wenn die Leute ſelig geſtorben ſind, kann ihnen im Himmel nicht ſo wohl ſeyn, als mir iſt, da ich Dich gefunden habe, da ich weiß, daß Du lebſt.— Du haſt,“— fuhr er fort, und ſprang auf, und haͤngte ſich zu Auerſtaͤdts neuem Schreck an deſſen Hals,—„Du haſt, alter Knabe, das Maͤdchen groß gezogen? Sollſt es nicht umſonſt gethan ha⸗ ben! Ich bin reich! mit vollen Händen will ich das Geld wegwerfen. Nun brauche ich ja nichts mehr. Alles ſollt Ihr haben, und ich will ſterben, in Ruhe und Freuden will ich ſtes und das le eher, je lieber,“ 4 „Der Menſch iſt verruͤckt,“ fliſterte Luiſe ängſt⸗ lich ihrem Franz in das Ohr, dieſer aber bedeutete ihr und Barons, die das Naͤmliche zu glauben ſchienen, durch Pantomime, daß ſie ſich alle irrten; und wendete ſich, um naͤhern Aufſchluß uͤber die geben. dzend. Deiner er gut n das ee Dich denn halten, keinen mein nd vor n, wie ruf die d, kann mir iſt, aß Du ng auf, reck an kaͤdchen an ha⸗ ich das ;mehr. n Ruhe e eher, e aͤngſt⸗ edeutete glauben irrten; iber die ſich ihm allmaͤhlig loͤſenden Raͤthſel zu hoͤren, an den Silberkopf, und ſagte: Herr v. Kosmowski!— „Ach, laſſen Sie mich,“ fiel ihm dieſer in die Rede,„laſſen Sie mich mit dem Herrn von unge⸗ ſchoren, ich heiße Kosmowski ſchlecht weg, und bin ein ehrlicher Pole, und damit Punktum.“ „Ich meinte,“ hob Steinau an, der ihn gern zum Sprechen, zum Erzaͤhlen bringen wollte,„ich meinte gehoͤrt zu haben, daß Sie aus Paris“—— „Da komme ich her,“ entgegnete er, die Hand an die Stirn legend.„Laßt mich nur, ich will, ich muß Euch Alles erzählen: ich weiß nur nicht, wo ich anfangen ſoll, von hinten oder von vorn, denn ſchon wie ich das Wort Auerſtäͤdt hoͤrte, rollte es uͤber mich weg, wie ein ſchwerer Donnerſchlag! und wie ich das Mäadchen ſah,— ſie ſagen, mit den Ahnungen ſey es dummes Zeug; aber ſeht, wenn mir nicht gleich beim erſten Blick, mit dem Du, Kind, mich anſaheſt, mein Herz ſo groß und ſo heiß geworden iſt, wie eine kochende Vierſcheffel⸗ Blaſe, ſo will ich aus dem Saale hier nicht geſund gehen. Lieber Gott, wenn ich noch ſo zuruͤckdenke, wie das Alles gekommen! Ihr ſeht mir wohl nicht an, Kinder, daß ich gemeiner Soldat geweſen! Sie hatten ehedem die, bis in den tiefſten Abgrund der Hoͤlle verfluchte Methode, ihre Kuͤnſte alle den Leuten einzupruͤgeln; ich war bei meinem gnaͤdigen Herrn zu Hauſe Brennknecht geweſen. Meinen Meiſchbottig einmeiſchen, meine Blaſe heitzen, meine Kuͤhlfäͤſſer vollpumpen; das verſtand ich, da — 665— war ich Meiſter drin; aber die Handgriffe, und die Fuͤhlung, und das Marſchiren, das wollte mir nicht in den Kopf, und noch viel weniger in die Glieder; ſie ſchlugen mir die Haut vom Fleiſche, und das Fleiſch von den Knochen, aber davon lernte ich das Exerzieren immer noch nicht. Dazu kommandirten ſie alles Deutſch, und deutſch ſpra⸗ chen wir damals nicht einmal mit unſerm Hunde. Nun ſollten wir uns gar todt ſchießen laſſen, denn wir brachen mit einemmale auf, und unſer Kor⸗ poral ſagte uns, es ginge geradezu in den Krieg, wir ſollten uns nur recht brav halten; Schlaͤge wuͤrde es auf dem Marſche gar nicht mehr ſetzen, und wer nach hergeſtelltem Frieden geſund wieder nach Hauſe kaͤme, ſolle zeitlebens gluͤcklich ſeyn. Der Korporal aber hatte uns ſchon tauſendmal belogen und betrogen, wir glaubten ihm nicht mehr, und wenn wir nicht gemußt haͤtten, wir waͤren Alle lieber gleich zu Hauſe geblieben. So iſt es in der Welt; der Menſch muß zu ſeinem Gluͤck oft gezwungen werden. Meine Frau marſchirte mit, und mein kleines Maruſchchen, erſt ſieben Wochen alt, marſchirte auch mit. Ich ſtand beim Bataillon v. Kloch; gruͤne Montur mit hellblauen Aufſchlaͤ⸗ gen und weißen Knoͤpfen. Im Nebel am Auer⸗ ſtaͤdter Schlachttage hatte meine Frau unſer Ba⸗ taillon verloren; ſie irrt auf dem Schlachtfelde umher, uns wieder aufzuſuchen, kommt in die Schußlinie, und eine Kugel fliegt meiner kleinen Maruſche quer durch das Koͤpfchen. Gegen Abend und mir n die eiſche, davon Dazu ſpra⸗ unde. denn Kor⸗ trieg, hlaͤge etzen, ieder ſeyn. dmal nehr, zaͤren iſt es ck oft mit, ochen aillon ſchlaͤ⸗ Auer⸗ Ba⸗ felde die einen lbend brachte mir die Mutter das verblutete Taͤubchen. Kinder, wendet Euch nicht von mir! Entſchuldiget den Vater, der in ver erſten Wuth des Schmerzes zum Tieger ward. Die Mutter war an des Kindes Tode Schuld; warum war ſie nicht beim Bataillon geblieben; da, bei der Bagage, war ihr Platz! Des ſchuldloſen Kindes Blut ſchrie um Rage; im wil⸗ den Grimme zog ich den Ladeſtock; ich ſchlug, was ich nur konnte, auf die nachlaͤßige Mutter. Die Schlaͤge fielen ihr auf Geſicht, Ruͤcken, Haͤnde, Bruſt, wie Hagel. Es that meinem Durſt nach Rache wohl, ihn zu loͤſchen im Jammer der Un⸗ gluͤcklichen. Ohnehin ſchon zerfallen mit meinem Geſchick, vor mir nichts, als Hunger und Ver⸗ zweiflung, den Tod, oder ein ewiges Soldatenleben, haͤtte ich, nun mir das Liebſte, das Einzige, was mich an die Welt noch feſſelte, nun mir mein Maruſchchen genommen war, in dieſem graͤßlichen Augenblicke ein wahres Labſal finden koͤnnen, die Frau todtzuſchlagen, und mich dann ihr nachzu⸗ ſpediren, dann waͤren wir alle drei doch mit einem⸗ male weggeweſen. Meine Kameraden aber ſielen mir in den Arm, und meine Frau kroch— denn gehen konnte ſie nicht mehr, mir aus den Augen. Als ſich die erſte Hitze verraucht hatte, kam der Unteroffizier Scholz, ein vernuͤnftiger Menſch, der ſetzte mir den Kopf zurecht. Er meinte, daß die⸗ ſen Morgen, beim dicken Nebel, Tauſende ihre Fahnen aus dem Geſichte verloren; warum habe meiner Frau nicht ein aͤhnliches Unaluͤck begegnen LXXIX. 6 — 63— koͤnnen! Sie ſey ja durch den Verluſt ihres Ma⸗ ruſchchens geſchlagen genug; wer habe mir das Recht gegeben, ſie obenein noch zu zuͤchtigen! Er fragte, was ich gewonnen mit meinem grauſamen Jaͤhzorn! und ob ich mich vor Gott dem Herrn nicht fuͤrchte. Da kam die Marter der Reue, und ich heulte, daß mich der Bock ſtieß, und ich haͤtte vor Schaam uͤber mich ſelber die Stirnhaut mir uͤber die Augen ziehen moͤgen, und ich fuͤhlte, daß meine Suͤnde groͤßer ſey, denn daß ſie mir ver⸗ geben werden moͤge. Meine Frau aber lag am Rande eines Feldgrabens, und kruͤmmte ſich vor Schmerz, und kuͤhlte mit Erde die Stellen, wo ſie blutruͤnſtig geſchlagen, und winſelte heftiglich; da jammerte mich ihrer, und ich ſchlich mich, obgleich bei Todesſtrafe befohlen war, daß das Bataillon beiſammen bleiben ſolle, heimlich weg in das näͤchſte Dorf, um zu marodiren. Vorher aber— ach daß ich das gethan! ſeht Kinder, eine Welt koͤnnte ich darum geben, wenn ich eine haͤtte,— ſind wir doch verſoͤhnt und in Frieden von einander ge⸗ ſchieden— vorher aber ging ich hin zu meiner Frau, gab ihr die Hand, und gute Worte, und ſtreichelte ſie, und ſagte, daß ich ihr Eſſen und Trinken holen wollte, und daß ſie nun nicht mehr böſe ſeyn ſollte. Fuͤr Maruſchchen hätte der liebe Gott vielleicht ſo am beſten geſorgt, denn wer wüßte, was, da die Schlacht verloren, aus uns Allen noch werden werde. Mit den Worten packte ſch, um fuͤr die einzuholenden Lebensmittel Plaßz zu g Waͤſ ſie, komr gebe ob ſi Weit ſie n nicht war gege ſten ihr Bro Heck kam imm ſtock das eine ſtan ſchei gan; Sch. Zeuf nich Licht ſtan trat ſchat Ma⸗ r das 1! Er ſamen Herrn , und haͤtte t mir e, daß r ver⸗ g am ch vor wo ſie ch; da Jbgleich raillon gaͤchſte ch daß ite ich d wir er ge⸗ neiner „ und n und mehr liebe n wer s uns packte Platz — 69— zu gewinnen, meinen Torniſter aus, legte meine Waͤſche und Kleidungsſtuͤcke neben ihr nieder, bat ſie, hier auf dem Flecke zu bleiben, bis ich wieder komme, und auf meine Sachen huͤbſch Achtung zu geben, und bot ihr freundlich die Hand, und fragte, ob ſie wieder gut ſey; und ſie brach in ſanftes Weinen aus, und reichte mir ſchweigend die Hand; ſie wollte ſprechen, aber vor Wehmuth konnte ſie nicht. Ich eilte getröſtet und beruhigt, denn ſie war ja wieder gut, ſie hatte mir ja die Hand gegeben, von dannen, querfeld ein, nach dem naäͤch⸗ ſten Dorfe zu; den ganzen Torniſter wollte ich ihr voll mitbringen, und ſollte ich um jeden Biſſen Brod mein Leben tauſendmal einſetzen. Ueber Hecken und Graͤben ging mein Weg, und zweimal kam ich bis an den Hals in das Waſſer. Aber immer gerade aus trieb es mich fort, durch die ſtockdunkele Nacht, dem Hundegebelle zu, denn wo das herkam, mußten ja Menſchen wohnen. Auf einem nahen Kirchthurme ſchlug es eilf, und ich ſtand vor einem nicht unanſehnlichen Hauſe. Wahr⸗ ſcheinlich war es eine Muͤhle; wenigſtens rauſchte ganz in der Naͤhe Waſſer, als draͤnge es ſich durch Schleuſen und Fluthbette; aber das umgehende Zeug ſtand ſtill; auch war von dem Raͤderwerk nichts zu ſehen; rechts in der Stube brannte Licht, links in einer andern auch; die Hausthuͤre ſtand auf; die Thuͤre zur Stube links auch; ich trat in das Haus, und in die Stube links, und ſchaute mich um; auf dem Tiſche ſtand ein Draht⸗ — 76— leuchter mit einem langſchnuppigen Dreierlichte. Dicht daneben eine große Flaſche; hinterm Tiſche eine Bank, und neben dem Ofen ein blau und weiß uͤberzogenes Bette. Bis zum Umfallen muͤde, ſetzte ich mich auf die Bank; bis zum Sterben durſtig, roch ich an der Flaſche. Es war Brannt⸗ wein darin. Seit faſt zweimal vier und zwanzig Stunden keinen Biſſen gegeſſen, keinen Schluck getrunken, ſtuͤrzte ich mit wahrer Wolfsgier uͤber den Fund her, ſetzte an, und zog, als waͤre es mein Letztes. So hat mich in meinem ganzen Leben kein Trunk erquickt. Ich ſetzte dreimal an, und dreimal ab; ich glaube, daß ich in den drei Zuͤgen uͤber ein Quart getrunken habe. Auf ein⸗ mal platzte die Thuͤr von der Stube rechts, raſch auf, ich flog, ich weiß ſelbſt nicht recht, warum, mit dem Kopfe unter den Tiſch; ein Maͤdchen kam ſehr eilig aus der Stube rechts uͤber den Flur, ſchrie freudig:„Frau Wirthin, Frau Wirthin, ich bitte Sie um tauſend Gotteswillen, noch Eins!“ trat mit einer dicken Frau, die auf das Geſchrei aus einem andern Kaͤmmerlein auf den Hausflur gekommen ſeyn mußte, in meine Stube, und legte ein, in eine Serviette gewickeltes Kind auf den Tiſch.“ „Ach Du lieber Gott,“ ſagte die Wirthin, nahm das neugeborne Kind auf den Arm, und ſchlang, daß es nicht friere, die Schuͤrze um daſſelbe; „was iſt das fuͤr ein niedliches Maͤdchen!“—„Ich dachte unterm Tiſche an meine arme Frau; die Woͤchnerin hier hatte zwei Kinder, und wir keins Halle jetzt zur weil ſprech Kind aͤußer keine hinuͤ ſagen vorſt wiede die klein nicht mit ſagte mit „ arme nicht merjt nicht hat d lichke beſtin chriſt! rettet Mari lichte. Tiſche und nuͤde, erben kannt⸗ anzig zchluck uͤber re es anzen al an, drei f ein⸗ raſch n, mit n ſehr ſchrie bitte at mit einem mmen in, in h.“ rthin, „ und ſſelbe; —„Ich ; die 2 wir — 71— keins!— die vorhin das Kind mit dem freudigen Halloh aus der Stube rechts gebracht hatte, bat jetzt die Wirthin dringend, nur einen Augenblick zur Frau Oberamtsraͤthin heruͤber zu kommen, weil ſie mit ihr wegen Herbeiſchaffung einer Amme ſprechen wolle, indem ihr die Ernaͤhrung zweier Kinder zu ſchwer zu fallen ſcheine; die Wirthin aͤußerte, daß zur Beſorgung einer Amme jetzt gar keine Ausſicht ſey, indeſſen wolle ſie wohl mit hinuͤber gehen, um das der Woͤchnerin ſelber zu ſagen; die Kammerjungfer, oder was die Perſon vorſtellen mochte, war im Begriff, das Kind ihr wieder ab⸗-, und mit hinuͤber zu nehmen, allein die Wirthin meinte, ſie folle doch den armen kleinen Wurm der Zugluft draußen auf dem Flur nicht ſo ohne Noth ausſetzen, ſie nahm das Kind mit ſeiner Serviette, und legte es in das Bett, ſagte ſchmeichelnd zu ihm gute Nacht, und ging mit der Kammerjungfer in die Wohnſtube.“ „Die Frau Oberamtsraͤthin hat zwei, und deine arme Frau keins; der Gedanke wollte mir gar nicht aus dem Kopfe; ohne Amme, hat die Kam⸗ merjungfer geſagt, kann das Kind hier im Bette nicht ernaͤhrt werden; eine Amme zu ſchaffen aber, hat die Wirthin geſagt, iſt ein Ding der Unmög⸗ lichkeit. Folglich wird das Kind hier im Bette beſtimmt verhungern muͤſſen, und du thuſt ein chriſtliches Werk, wenn du es vom Hungertode retteſt, und deiner Frau bringſt du ein neues Maruſchchen mit, und das iſt ihr gewiß tauſendmal — 22— lieber, als Eſſen und Trinken. Dieſe Gedanken flogen mir hintereinander wie Pfeile durch die Seele, und ehe ich ſie recht ausgedacht hatte, war ſchon das kleine Maͤdchen ſammt ſeiner Serviette im Torniſter, und Hr. Kosmowski, den Torniſter auf dem Ruͤcken, und die Flaſche mit ihrem Reſte unterm Arme, zum Hauſe hinaus; Beides, das Kind und die Flaſche, wollte ich meiner Frau bringen. Zwei Koͤnggreiche hätten mir die Leute in der Muͤhle, oder was das Haus ſonſt geweſen ſeyn mochte, ſchenken koͤnnen, ich haͤtte keine groͤßere Freude haben koͤnnen, als uüͤber meine Schaͤtze. Es ging wieder uͤber Hecken und Zaäune, und uͤber Sturzaͤcker und Graͤben; dreimal mußte ich wieder durch tiefes Waſſer, aber zum Gluͤck ging es mir höchſtens nur bis an die Huͤften; das Kind hinten in meinem Torniſter wimmerte vor Hunger und Kaͤlte; wollte ich es nicht todt meiner Frau brin⸗ gen, durfte ich keine Minute verſaͤumen; ich machte rieſenweite Schritte, und marſchirte, und mar⸗ ſchirte, aber ich wußte in der Dunkelheit der Nacht mich nicht zu finden; Strauchwerk und Erdhuͤgel tanzten um mich herum, Hecken und Zaͤune liefen mit mir um die Wette, und am Ende ward es mir, als haͤtte ich eiſerne Schuh an, und ginge auf lauter Magnetſtein; es zog mich zur Erde nieder, ich konnte faſt keinen Fuß mehr aufheben. End⸗ lich kam ich uͤber eine kleine Bruͤcke; links ſtand ein goliathgroßes Ungeheuer, das mit dem Kopfe an die Wolken ſtieß. Ich brach vor Schreck in einan ſank „2 Trup mich, hatter Golia Flaſcl verſch habe geweſ niſter die H ken. bische mal wuͤſte Ohre ich w wie Das wohl, bloße einer Kind Kam Dorf Schri ich m vier danken ch die 2, war rviette rniſter Reſte 3, das Frau Leute eweſen roͤßere Schaͤtze. d uͤber wieder es mir hinten er und n brin⸗ machte d mar⸗ r Nacht rdhuͤgel eliefen es mir, ge auf nieder, End⸗ s ſtand Kopfe dreck in einander, kroch noch ein Paar Schritte weit, und ſank an einem Gartenzaune nieder.“ „Als ich am andern Morgen erwachte, ſtand ein Trupp Kameraden von meinem Bataillon um mich, die vorbeigezogen waren, und mich geweckt hatten; mein erſter Blick fiel auf den geſtrigen Goliath; heute war es der Kirchthurm. Meine Flaſche, mein Torniſter, mein Kind, Alles war verſchwunden. Ganz im Dunkeln war mir, als habe mir geträumt, daß Adam und Eva bei mir geweſen, und haͤtten das Kind ſammt dem Tor⸗ niſter mit ſich genommen; den Branntwein hatten die Hallun ken, meine gruͤnen Kameraden, ausgetrun⸗ ken. Von meiner Frau wußte kein Menſch. Mein bischen Waͤſche war alſo auch hopps! Ich war zehn⸗ mal aͤrmer, als zuvor. Kopf und Herz waren mir wuſte. Des Kindes Gewimmer— ich mochte die Ohren zuhalten, ich mochte ſie hinwenden, wohin ich wollte, immer hoͤrte ich es; ich kam mir vor, wie Kain, der ſeinen Bruder Abel erſchlagen. Das Kind— jetzt da ich nuͤchtern war, merkte ich wohl, daß der Traum von Adam und Eva ein bloßer Traum geweſen; den Torniſter hatte mir einer der Voruͤberziehenden abgenommen, und das Kind— als ich mich aufrichtete, um mit meinen Kameraden weiter zu ziehen, waren drei große Dorfhunde in unſerer Naͤhe. Links kaum zwanzig Schritte von mir an dem Gartenzaune, an dem ich meinen unſeligen Rauſch ausgeſchlafen, lagen vier bis fuͤnf weiße Knoͤchelchen!— ich wußte jetzt, —-— 74— wo das Kind hin war! Eine ſechspfuͤndige Kugel, die mir in dem Augenblicke den Kopf vom Rumpfe geriſſen, waͤre mir eine Wohlthat geweſen.— Mein altes Maruſchchen hatte Gott zu ſich genommen, meine Frau war wahrſcheinlich dieſe Nacht auf freiem Felde geſtorben, und mein neues Maruſch⸗ chen hatte ich den Hunden vorgeworfen!“— „Nein, nein!“ rief Steinau, der ſich laͤnger nicht mehr halten konnte,„des Ewigen Allbarm⸗ herzigkeit hat mein Braͤutchen beſſer aufgehoben. Vater Auerſtaͤdt hier war der Gottgeſandte, der mit einer ehrlichen Kaſſubin Kind und Torniſter nahm. Eure Ahnung, als Ihr das Maͤdchen ſaht, alter Herr, hat Euch nicht betrogen“. Bei den Worten flog die ſchoͤne Liddy in Luiſens Arme, um⸗ ſchlang die endlich gefundene Schweſter mit dem kauten Entzuͤcken der ſeligſten Freude, loͤste ihr, die ſich bis dieſen Augenblick fuͤr des Archivraths älteſte eheleibliche Tochter gehalten, die noch dun⸗ keln Stellen des Raͤthſels, und der Baron ergaͤnzte die von ſeiner Frau hie und da in der Erzählung gelaſſenen Luͤcken durch die Mittheilung, daß ſeine Schwiegermutter, die von Kosmowski erwaͤhnte Oberamtsraͤthin, in der Gegend von Freiburg, auf mehrere Wochen bei ihren Eltern auf dem Lande zum Beſuch geweſen, und die Abſicht gehabt habe, dort ihre Entbindung abzuwarten. Bei dem ploͤtzlichen Ausbruch der Kriegsunruhen habe man es indeſſen fuͤr raͤthlicher gehalten, daß ſie ihren, dem Kriegsſchauplatze ſo nahen Aufenthalt ſchleunigſt verla wo freun indeſ chen word dem gelege finder 14. 4 glüͤckl Verſe dieſer lich g Zaube ſetzte Freud geſuch Von gar ke konnt nur i Schre Seini Sorge fremd huͤfloſ muthe Kosm geglau Clau Kugel, rumpfe Mein mmen, pbt auf gruſch⸗ laͤnger llbarm⸗ ehoben. e, der orniſter n ſaht, gei den ge, um⸗ it dem te ihr, ivraths ch dun⸗ rgaͤnzte ählung aß ſeine waͤhnte feiburg, if dem gehabt zei dem be man ihren, leunigſt verlaſſe; ſie habe daher nach Gotha fluͤchten wollen, wo ſie Bekannte gehabt, bei denen ſie auf eine freundliche Aufnahme rechnen zu duͤrfen geglaubt; indeſſen ſey ſie unterwegs von mehreren Vorzei⸗ chen baldiger Niederkunft ſo dringend überraſcht worden, daß ſie durchaus nicht weiter gekonnt, und dem Himmel gedankt habe, in einer an der Straße gelegenen Muͤhle ein leidliches Unterkommen zu finden, wo ſie dann am folgenden Tage, als am 14. Oktober Nachts 11 Uhr, von zwei Maͤdchen glüͤcklich entbunden worden ſey. Das ſpurloſe Verſchwinden des zuletzt gebornen Kindes ſey bis dieſen Augenblick der Familie durchaus unerklaͤr⸗ lich geweſen, und Vielen wie ein üͤbernatuͤrliches Zauberwerk vorgekommen.„Mutter und Vater,“ ſetzte er mit weicher Stimme hinzu,„erleben die Freude, ihr liebes, mit unbeſchreiblicher Sehnſucht geſuchtes Kind hienieden zu ſehen, leider nicht. Von einem Raube konnte in ihrer Seele natuͤrlich gar keine Vermuthung Raum gewinnen, denn wer konnte, nach dem Geſetz der Wahrſcheinlichkeit, ſich nur im Entfernteſten traͤumen laſſen, daß in jenen Schreckenstagen, wo Jeder mit der Erhaltung der Seinigen, und mit ſeiner eigenen, ohnehin genug Sorge hatte, ſich ein Dritter mit dem Raube eines fremden eben erſt geborenen, und alſo noch voͤllig huͤfloſen Kindes befaßt haben werde! Man ver⸗ muthete daher das Nämliche, was Sie, mein alter Kosmowski, bei dem Anblick der weißen Knoͤchelchen geglaubt; der Mutter ward der ganze Vorgang Clauren Schr. LXXIX. 7 — 76— anfangs verheimlicht; man ſagte ihr, das Kind ſey geſtorben; blos der Vater erfuhr von der Muͤllerin und dem Kammermaͤdchen den Hergang der Sache, ſo weit ſie ihn wußten. Auch er theilte die Meinung beider Frauensperſonen, indeſſen muß er ſich ſpaͤter, als er nach vielen Jahren ſeine Frau von der wahren Bewandniß des traurigen Vorfalls in Kenntniß geſetzt hatte, doch die Mög⸗ lichkeit unſers heutigen Gluͤcks gedacht haben, denn ſeiner Dispoſition nach, iſt die Haͤlfte ſeines und ſeiner Frauen Nachlaſſes, fuͤr das vermißte Kind, gerichtlich niedergelegt worden, mit der Beſtim⸗ muug, daß den 14. Oktober 1831, wenn es ſich bis dahin nicht aufgefunden, in mehreren oͤffentlichen Blaͤttern, dreimal hintereinander, die Hauptdata des Ereigniſſes mitgetheilt werden ſollten, und melde ſich dann Keine, die durch Angabe der ſpeziellern Umſtaͤnde, ſich als wirkliche Schw⸗ger meiner Frau legitimire, ſo ſolle dieſer die Haͤlfte des gerichtlichen Verwahrguts zufallen, mit der andern aber eine fromme Stiftung zum Beſten armer Findlinge gegruͤndet werden.“ „Ruhig,— ſtille,“ unterbrach ihn Herr Kos⸗ momski,„ſo haben wir nicht gewettet. Ich bin Vater zu dem Kinde! Ich habe das Kind geſtohlen; das iſt mein Kind; an das hat kein Menſch ein naͤheres Recht als ich; macht mir den alten Kopf nicht vor der Zeit warm. Laßt mich ausreden; ich bin mit meiner Geſchichte noch nicht fertig; aber, wir ſind gleich am Ende.— In Rosla, oder wie kam lernt der dame des 1 Fran muͤſſ Verſ ich g bran wie mir er es ſtellte war Fabr weil von offen Hand beit d letzt hielt neue ſchon ſelbſt hatte Gobe ſamm 3Kind on der dergang theilte ndeſſen n ſeine aurigen e Mög⸗ n, denn nes und e Kind, Beſtim⸗ ſich bis ntlichen uptdata n, und abe der ſchweſer e Haͤlfte mit der Beſten err Kos⸗ Ich bin eſtohlen; enſch ein ten Kopf usreden; t fertig; sla, oder —„— wie der Ort hieß, kapitulirte unſer Bataillon; ich kam als Gefangener nach Frankreich. Zufällig lernte mich ein Apotheker, Herr Fourcroy, kennen; der hatte eine Schweſter in Bordeaux, eine Ma⸗ dame Gobelin. Herr Gobelin hatte als Commissair des liquides der Armee folgen, und ſeine bedeutende Franzbranntweinfabrik der Frau allein uͤberlaſſen muͤſſen; dieſe ſuchte einen tuͤchtigen Brennerei⸗ Verſtändigen; ich ſagte dem Herrn Fourcroy, ob ich gleich in meinem Leben noch keinen Franz⸗ branntwein geſehen hatte, geſchweige denn wußte, wie er gemacht wurde, daß er ſeinen Mann an mir gefunden. Durch ſeine Verbindungen wußte er es zu machen, daß ich gegen eine von ihm ge⸗ ſtellte Caution nach Bordeaux gehen durfte. Ich war keine drei Tage dort, ſo hatte ich den ganzen Fabrikationsrummel weg. Madame Gobelin ward, weil ſie von der Sache nichts verſtand, recht honett von ihren Leuten betrogen. Das ſetzte ich ihr offen und ehrlich auseinander; ich legte ſelbſt mit Hand an; die Musje's, die während der Abweſen⸗ heit des Herrn Gobelin gefaullenzt hatten, mußten letzt tuͤchtig daran; wer nicht arbeiten wollte, er⸗ hielt ſeinen Laufpaß. Das ganze Werk kam in neue Thaͤtigkeit, wir verſchifften im zweiten Jahre ſchon 2000 Orhoft Franzbranntwein, wo ſie fruͤher, ſelbſt als Herr Gobelin noch da war, nicht 200 hatten fertig bekommen. Das gefiel der Madame Gobelin, denn wir ſchlugen ein Heidengeld zu⸗ ſammen. Unterdeſſen mußte ſich Herr Gobelin bei „* 7 der Armee auch ruͤhren, denn er ſchickte Summen, die er um die Ecke gebracht hatte, von ſo bedeu⸗ tendem Betrage ein, daß Madame Gobelin vor Verwunderung oft die Haͤnde uͤber den Kopf zu⸗ ſammen ſchlug; ſie hatte bis dahin geglaubt, daß es in Deutſchland und Polen, wo Herr Gobelin zum Beſten der Lazarethe, und bei der Verpro⸗ viantirung mehrerer Feſtungen, Waſſer in Wein und Branntwein verwandelte, nichts als Baͤren und Woͤlfe, aber keinen rothen Brummer gebe. Endlich aber blieben ſeine Rimeſſen aus; in Mos⸗ kau hatte er ſich einen ſtarken Schnupfen geholt, war bei der Berezina zuruͤckgetreten; da hatte ihn, ſo ſchrieb uns ein Herr Vetter der Ma⸗ dame Gobelin, von Warſchau aus ein ruſſiſcher Doktor, Namens Tſchitſchakow, in die Kur genom⸗ men, und ihm ſo uͤbermaͤßig viel Kartaͤtſchenpillen eingegebeu, daß er daran geſtorben war. Um dieſe Zeit trat mich ein reicher Franzbranntweinfabrikant, der im Stillen geſehen hatte, wie ſich die Anſtalt der Madame Gobelin von Jahr zu Jahr gehoben, an, und ſagte, daß ich ein rechter Eſel ſey; ich haͤtte mich nach und nach zum Dirigenten hinaufgearbei⸗ tet, ich buͤffelte vom Morgen bis zum Abend, und haͤtte doch nichts als einen elenden Lohn davon; ich ſolle mit ihm in Compagnie gehen; und wenn ich ſeine Fabrik ſo in die Höhe braͤchte, wie die Gobelin'ſche, wolle er ein Kerlchen aus mir machen, das ſich gewaſchen. Ich ſagte das auch wieder offen und ehrlich der Madame Gobelin, und ſetzte hinzt Luſt komp Frau, Herpe geſam mich zuver ſeit. ſchlaͤge Kuttn nicht der W an 300 wohlſe land nicht i Mada daß ſi ſich ne nes ga Jahrer Brenn Mann daß ich bewahr Kind a ſchaft, ich das wohl b. mmen, bedeu⸗ lin vor opf zu⸗ ht, daß Gobelin Verpro⸗ / Wein Baͤren er gebe. n Mos⸗ geholt, a hatte er Ma⸗ uſſiſcher genom⸗ enpillen m dieſe brikant, Anſtalt ehoben, ich haͤtte gearbei⸗ nd, und davon; id wenn wie die machen, wieder nd ſetzte — 79— hinzu, daß ich zu der Compagnieſchaft nicht uͤbel Luſt haͤtte. Da fiel Madame Gobelin beinahe komplett in Ohnmacht, und nannte ſich eine ruinirte Frau, wenn ich das thaͤte. Nach vielem Hin⸗ und Herparliren trug ſie mir ihre Hand mit ihrem geſammten Hab und Gut an. Meine Frau hatte mich todt geglaubt, allein ſie war, wie ich auf zuverlaͤſſigem Wege erfuhr, friſch und geſund, und ſeit zwei Jahren ſchon wieder au einen Stab⸗ ſchlaͤgermeiſter bei Strzelec in der Gegend von Kuttno verheirathet; Madame Gobelin war zwar nicht huͤbſch, und vierzehn Jahr aͤlter als ich, aber der Werth ihrer Franzbranntweinbrennerei betrug an 300,000 Franks, und faſt eben ſo viel hatte der wohlſelige Herr Gobelin nach und nach von Deuſch⸗ land und Polen aus eingeſendet. Kinder waren nicht da; ich machte auf den Heirathsantrag der Madame Gobelin zur einzigen Gegenbedingung, daß ſie mir, auf den Fall, daß Gott ſie fruͤher zu ſich nehmen moͤchte, als mich, ihr und ihres Man⸗ nes ganzes Vermoͤgen verſchreiben ſolle. Vor zwei Jahren ſtarb meine liebe Frau, und der arme Brennknecht Kosmowski iſt ein wohlhabender Mann geworden. Aber glaubt Ihr wohl, Kinder, daß ich trotz allem dem gluͤcklich geweſen?— Gott bewahre! Ewig und immer ſaß mir das geſtohlene Kind auf dem Nacken. Ich mochte ſeyn in Geſell⸗ ſchaft, im Theater, kurz wo ich wollte, uͤberall hoͤrte ich das Gewimmer des armen Wurms; zuweilen wohl blieb ich Monate lang damit verſchent, dann — 80— aber verfolgte es mich dafuͤr deſto unablaͤſſiger, und namentlich quaͤlte es mich, wenn ich allein und unbeſchäftigt war; am meiſten aber des Nachts. Ich konnte es länger nicht aushalten; ich mußte Jemand haben, dem ich das Geheimniß der Laſt, unter der ich faſt erlag, anvertraute. Ich waͤhlte vor Kurzem unſern Beichtiger. Das iſt ein ver⸗ nuͤnftiger ehrlicher Mann. Er rieth mir nach Deutſchland zu reiſen, in der Gegend von Auerſtädt die Mühle aufzuſuchen, und dort die Oberamis⸗ rathin ausfindig zu machen, die in jener Nacht die Zwillinge geboren; dieſer ſey ich alle moͤgliche Genugthuung ſchuldig; ein verlornes Kind laſſe ſich zwar nicht mit Golde aufwiegen, allein fuͤr ihren Schmerz, fuͤr ihre damals ausgeſtandene Angſt, waͤre der vierte Theil meines Vermögens doch wenigſtens ein Beweis meiner Bereitwilligkeit, das wieder gut zu machen, was ich halb willenlos boͤſe gemacht habe. Sey die Oberamtsraͤthin nicht mehr am Leben, ſo gebuͤhre das erwaͤhnte Viertel dem damals gebornen Zwillingskinde, oder deſſen Erben. Sollte wider Vermuthen und Erwarten das aus dem Torniſter verlorene Kind ſich ge⸗ funden haben und am Leben ſeyn, ſo— ich ließ den Mann Gottes nicht ausreden; freiwillig gelobte ich in ſeine Hände, dem Kinde nach meinem Tode mein ganzes Hab und Gut, und verſprach, im ungluͤcklichen Falle, daß meine Reiſe und alle meine Ausmittelungs⸗Bemuͤhungen erfolglos bleiben ſoll⸗ ten, nach meiner Ruͤckkunft die Kirche zu meiner Erbir warer zuruͤ laſten nach ich af noch wiede brann reiſe Adret mit abgeh Geſch beiden was brauc betre⸗ lich; zu, ſt Hof, gut u Sam kann ausza aus; thaͤus gluͤckl ſſiger, allein Nachts. mußte er Laſt, waͤhlte in ver⸗ r nach gerſtädt ramĩs⸗ Nacht oͤgliche d laſſe ein fuͤr andene noͤgens Uligkeit, illenlos in nicht Viertel deſſen warten ſich ge⸗ ließ den gelobte m Tode ch, im e meine ben ſoll⸗ meiner — 34— Erbin einzuſetzen. Seit dieſe Punkte in Ordnung waren, kehrten Ruhe und Frieden in meine Seele zuruͤck; es war, als waͤren meinem Herzen Centner⸗ laſten abgenommen. Jetzt trieb es mich zur Reiſe nach Deutſchland. Die Flaſche Branntwein, die ich aus der Muͤhle mitgenommen, lag mir auch noch auf dem Gewiſſen. Um das Unrecht dort wieder auszugleichen, habe ich einen Oxhoft Franz⸗ branntwein meiner Fabrik bereits vor meiner Ab⸗ reiſe herſpedirt. Der Herr Baron wird mir die Adreſſe der Muͤhle aufſchreiben, und morgen ſoll mit einem langen Briefe das Oxrhoͤftchen dahin abgehen. Wir aber, alter Archivrath, koͤnnen unſer Geſchaͤftchen hier muͤndlich abmachen. Laßt die beiden Schweſtern ſich dort im Fenſter ausplaudern; was wir hier unter uns vier Maͤnnern verhandeln, brauchen die nicht zu hoͤren. So lange ich lebe, betreibe ich meine Fabrik, die ernaͤhrt mich reich⸗ lich; mehr brauche ich nicht. Mache ich die Augen zu, ſo verkauft die Geſchichte, ſie iſt mit Haus und Hof, ohne Vorraͤthe, ihre hunderttauſend Franken gut und gerne werth. Das Alles und mein uͤbriges Sammelſurium gehoͤrt unſerm Luischen. Jetzt kann ich ihr ein Suͤmmchen in Wechſeln gleich hier auszahlen, ein zweites bringe ich ihr von Bordeaux aus zur Hochzeit min“ „Keinen Groſchen, keinen Kreuzer!“ rief Mat⸗ thaͤus, ſich aͤngſtlich ſtraͤubend;„Luiſe iſt groß und gluͤcklich geworden, ohne Eure Frauks; laßt mir — 32— das Kind ſo, laßt mir um Gotteswillen das Kind ſo, das thut nimmermehr gut.“ „Braciszku, bierz, albo sie bede gniewal,“« (Bruͤderchen, nimms, oder ich werde böſe,) ſchrie der alte Herr Kosmowski und ſchlug mit der ge⸗ ballten Fauſt auf den Tiſch.„Meinſt Du denn, daß ich fuͤr meine achtzehn Jahre lange Qual nicht auch endlich einmal eine Freude haben will? Seit dem Augenblicke, daß ich jenes Geluͤbde in die Haͤnde unſers Herrn Pfarrers gethan, iſt mir es im Ruͤcken leicht, und das ſchreckliche Kindesgewim⸗ mer habe ich nicht wieder gehoͤrt; jetzt— ach Kinder, jetzt iſt mir uͤberſchwenglich wohl. Gott hat mir das unermeßliche Gluͤck geſchenkt, das Kind meiner furchtbaren Gewiſſensangſt zu finden! und was— er ſchuͤttelte dem Archivrath die Hand— was iſt das fuͤr ein Kind! denkſt Du denn, alter Hans Haſenfuß, daß ich ein Stock bin? Was hilft mir denn der ganze Plunder von Franks, wenn ich mir keine Freude damit machen kann? und, ich bitte Dich, Bruͤderchen, iſt denn in der ganzen Welt eine groͤßere Freude denkbar, als zu ſolch einem Engelkinde ſagen zu koͤnnen: da, nimm meine ehrlich bezahlte Schuld guͤtig auf, haſſe mich nicht mehr, und ſey gluͤcklich?“ Die Thraͤnen, die dem alten Manne lange ſchon uͤber die Augenwimpern gerollt, ließen ſich nicht laͤnger gewaͤltigen; ſie quollen ihm warm aus dem Herzen; er winkte Luiſen zu ſich, druͤckte ihr in drei Wechſeln eine Tonne Goldes in die kleine Hand, bat mit brechender Stimme: „haß Wehe betro einzi pflich Fleif in et Den mein im L der man Hier tief und Saa hatt ſamt ſie n eilte oder Han Güt Wei mit imn wack zen. küͤßt Ein Kind Wal,* ſchrie er ge⸗ denn, nicht Seit n die nir es ewim⸗ inder, t mir neiner has— as iſt Hans t mir h mir hbitte Welt einem meine nicht 2 dem npern uollen en zu zoldes mme: — 33— „haſſe mich nicht— ich habe Dir ungemeſſenes Wehe zugefuͤgt! ich habe Dich um Deine Eltern betrogen!— haſſe mich nicht! Du biſt das aller⸗ einzige Weſen in der ganzen Welt, dem ich Ver⸗ pflichtungen ſchuldig bin. Gott hat meinen redlichen Fleiß geſegnet, daß ich Dir meine Schuld wenigſtens in etwas abtragen kann. Nimm, was ich habe. Deuke mein im Guten, und bete fuͤr die Ruhe meiner Seele, wenn ich todt bin. Kannſt Du mir im Leben noch ein wenig gut werden, ſo bin ich der ſeligſte Menſch auf Erden, denn ich habe Nie⸗ mand, der mir gut iſt, Niemand, der mir gehoͤre.“ Hierauf fuͤhrte er ſie in Steinau's Arme, ſagte tief bewegt:„Seyd gluͤcklich!“ und wendete ſich und ging in eins der entfernteſten Fenſter des Saales, um ſich ungeſehen auszuweinen. Luiſe hatte ſich von Steinau und dem Vater den Zu⸗ ſammenhang der Sache kaum erklaͤren laſſen, als ſie mit Steinau und Liddy zum armen alten Manne eilte, ihn den Schoͤpfer ihres Gluͤcks, ihren zweiten oder vielmehr ihren dritten Vater nannte, ſeine Hand an ihr Herz zog, ihm fuͤr ſeine freundliche Güte dankte, und ihm in ihrer einfachen, herzigen Weiſe verſprach, von den unermeßlichen Summen, mit denen er ihre Lebenstage verherrlichet, gewiß immer den beſten Gebrauch zu machen. Der alte wackere Pole kannte jetzt ſeines Jubels keine Gren⸗ zen. Er fiel dem Maͤdchen von Neuem zu Fuͤßen, kuͤßte ihre Kniee und Haͤnde, weinte und lachte in Einem Athem, nahm Steinau beim Kopfe, herzte — 34— und kuͤßte ihn ab, druͤckte den Baron halb todt, rannte auf den Archivrath, der einen Augenblick in ſeinem Zimmer geweſen war, und jetzt wieder in den Saal trat, und blieb wie vom Donner ge⸗ ruͤhrt ſtehen, denn er erblickte in Auerſtaͤdts Haͤnden ſeinen Torniſter.„Der iſt mein“— ſchrie er ganz außer ſich vor Freude uͤber den alten buntſcheckigen Bekannten,„der iſt mein! Nummer 333 muß inwendig auf dem Riemen ſtehen, und ein K. und daneben ein Kreuz,“ und inwendig auf dem Rie⸗ men ſtand Nro. 333 und ein K. und daneben ein Kreuz, und der alte Mann ſchloß den Torniſter an ſein Herz, haͤngte ihn ſich um, tanzte im Saale herum, ſang ein polniſches Soldatenlied dazu, ge⸗ dachte der Zeit, wo ihm ſein braver Hauptmann v. Gaͤnslex den Torniſter zum erſtenmale umgehan⸗ gen, und verſicherte dem Vater Auer ſtaͤdt, daß er dieſe Reliquie nie wieder herausgebe.„Was Du an Silbergeld darin fortbringen ſannſt, alter Krippeu⸗ ſetzer,“ ſagte er, und tanzte dazu vor Freude immer auf einem Beine um den Tiſch herum,„das ſoll Dein ſeyn. Du traͤgſt knapp Deine tauſend Thaler, aber der Torniſter, der treue Gefaͤhrte me ines Soldatenlebens, und der erſte Palaſt und die erſte Reiſekutſche unſers Luischens iſt dafuͤr mein; biſt Du, mein Bruͤderchen, mit dem Handel zufrieden?““ Auerſtaͤdt mußte ihm nun erzaͤhlen, wie er ſeiner Seits ihn am Schulgartenzaune zu Zottelſtaͤdt ſchlafend gefunden, und Luiſe erfuhr jetzt erſt, wie ſte mit Agnuſchka eigentlich zu Vater und Mutter todt, nblick vieder er ge⸗ inden ganz kigen muß und Rie⸗ n ein er an Saale „ ge⸗ mann ehan⸗ aß er du an ppen⸗ nmer s ſoll haler, eines erſte biſt en?“ einer ſtaͤdt wie utter — 85— Auerſtädt gekommen. Sie unterbrach der alten Matthaͤus oft in ſeiner Erzaͤhlung, und ſiel ihm, als er geendet, frohlich weinend um den Hals, und gedachte im Stillen der Worte, die vor nicht gar langer Zeit, als ſie ſich geweigert, zu der Miniſterin zu gehen, die Mutter zu ihr geſprochen: „wenn Du uͤberſehen koͤnnteſt, hatte dieſe geſagt, was Du dem Vater alles ſchuldig biſt, Du wuͤrdeſt keinen Augenblick anſtehen, durch dieſen Gang einen Theil Deines kindlichen Dankes abzutragen.“ O, konnte man doch immer alle Worte auf die Goldwage legen; man wuͤrde oft ſtaunen, dann wahrzunehmen, wie gewichtig die ſind, die anfaͤng⸗ lich ganz leicht hingeworfen kliungen. Wie ſo ſonderbar die Vorſehung hier Alles gefuͤgt hatte! Jener Gang zur Miniſterin, der Luiſen ſo ſchwer ward,— an ihn knuͤpfte ſich Luiſens und Steinau's ganze Lebensgeſchichte; ging ſie ihn nicht, ſo lernte Steinau ſie nicht kennen; ſo ſprach Steinau nicht fuͤr Auerſtädt, ſo ward dieſer nicht Archivrath, ſo kam er nicht nach Hamburg, ſo fand Kosmowski Luiſen wahrſcheinlich nie heraus. Der Baron brachte jetzt das Geſpraͤch wieder auf das Vermächtniß ſeines Schwiegervaters, des Ober⸗ amtsraths, und fragte Auerſtaͤdt, wann und wohin das Luiſen beſtimmte, gerichtlich niedergelegte, und durch Zins auf Zins, anſehnlich vermehrte Kapital⸗ fuͤr deſſen Herausgabe er ſofort nach ſeiner Ruͤck⸗ kunft Sorge tragen werde, gezahlt werden ſolle? Kosmomski aber wollte davon nichts wiſſen, und — 86— unterbrach des Barons Antraͤge mit dem ewigen Refrain, daß Luiſe ſein Kind ſey, daß er ſie, ſobald er in Bordeaux wieder eintreffe, foͤrmlich adoptiren laſſen werde, daß Liddy, durch Luiſens Auffinden, in ihrem vaͤterlichen Erhe um keinen Centime gekuͤrzt werden ſolle, und daß Luiſe den ihr teſtamentariſch ausgeſetzten Quark nicht brau⸗ che. Da indeſſen der Baron und Liddy ihm klar machten, daß die letztwillige Verordnung ihres verſtorbenen Vaters buͤchſtaͤblich ausgefuͤhrt werden muͤſſe, daß ſie von der, Luiſen einmal beſtimmten Erbſchaft, keinen Heller anruͤhren wuͤrden, und daß ihnen die Freude, ihre Luiſe wieder zu haben, ja zehntauſendmal lieber ſey, als der ganze Erbantheil, ſo ließ er ſich endlich bedeuten.„Na gut,“ ſagte er mit komiſchem Trotze,„ich will Euch den Willen thun; gebt ihr, was ihr gebuͤhrt, rechnet Alles recht ſcharf und genau, von Heller zu Pfennig; aber dafur thut nun auch, was ich will. Beim erſten Kinde ſteh ich Gevatter; und was Luiſe vom ſeligen Vater erbt, das erhaͤlt Euer Kind vom Pathen Kosmowski als Wiegengeſchenk; das muͤßt Ihr annehmen, denn Ihr durft den Rechten Eures Kindes nichts vergeben; alſo Punktum, und nun das Maul gehalten. Jetzt, Kinder, kommt mit mir; mir iſt vor Freude und Seligkeit das Herz ſo groß und ſo weit, ich moͤchte das ganze Weltall um⸗ armen; auf der Erde iſt es mir zu eng; in den Himmel moͤchte ich mit Euch Allen; da der mir aber noch nicht offen ſteht, ſo wollen wir unter die beruͤl ſeine wom Gral wollt wie hat! treffe S mein ihr Da volle ein; Schn der bedie vigen r ſie, mlich iſens einen e den brau⸗ klar ihres erden mten ) daß 1, ja heil, ſagte illen Alles aber eſten igen then Ihr ures nun nir; groß um⸗ den mir ler — 37— die Erde. Hier iſt ein ſchätzbarer weit und breit beruͤhmter Mann, der heißt Unbeſcheiden. In ſeinem Auſterkeller ſeyd heute Abend meine Gaͤſte.“ „Da feiern meine beiden Vaͤterchen,“ ſagte Luiſe freundlich zum alten Polen und zum Archiv⸗ rath,„meine Verlobung,“ und nahm Beider Haͤnde, und zog ſie an ihre Lippen. Das Wort, „Vaͤterchen“ aus dem Roſenmunde des ſchoͤnen Maͤdchens, und der kindliche Zug ihres dankbaren Herzens, ſchlugen bei Kosmowski ein.„Was,“ rief er laut aufjauchzend,„Eure Verlobung noch nicht ſolenniter gefeiert? Daß ihr Beide ein Paar waret, hatte ich bei Tiſche ſchon weg, aberz daß ich ſo gluͤcklich ſeyn ſollte, meines verlorenen Kindes Verlobung zu feiern! Menſchen, ſagt mir nur, womit verdiene ich denn Gottes Gnade in dem Grade!— Nun Marſch, Kinder! geht, wohin Ihr wollt; ich muß ruhen. Die Freude, die reinſte, wie ſie nur die Engel im Himmel genießen koͤnnen, hat mich erſchoͤpft. Punkt neun Uhr heute Abend treffen wir uns bei Freund Unbeſcheiden.“ Steinau wollte fragen, wo der zu finden; Liddy meinte aber, ſie ſollten nur Alle mit hinkommen; ihr ehrlicher Nimmergut werde ſie ſchon fuͤhren. Da fiel Luiſen ihr Schreck uͤber den bedeutungs⸗ vollen Ruf dieſes Wortes von heute Vormittag ein; ſie ging mit dem Schwager Baron und mit Schweſter Liddy, die ihr lachend erklärte, daß dies der Name ihres hoͤchſt empfehlungswerthen Lohn⸗ bedienten ſey, auf deren Zimmer, und waͤhrend — 38— alle Dreie in traulicher Eintracht mit einander plauderten, hielt Kosmowski, der den ſtipulirten Betrag des Torniſters dem Archivrath bereits auf⸗ gedrungen, ſein Mittagſchlaͤſchen, Auerſtaͤdt aber ſchrieb die Geſchichte des heutigen merkwuͤrdigen Mittags mit allen und jeden Nebenumſtaͤnden an ſeine Frau, und an einige Freunde, und fuͤgte den größten Theil des ihm von dem alten Kosmowski aufgezwungenen Geldes gleich bei, um damit alle ſeine kleinen Schulden zu decken. 37. Papa Kosmomski war bereits wieder auf dem Ruͤckwege nach Bordeaux, und Barons waren auf ihren Guͤtern, als vom Miniſter ein eigenhaͤndiges Gluͤckwuͤnſchungsſchreiben an Steinau einlief. Er entſchuldigte ſich mit der ihm eigenen Herablaſſung wegen der fruͤher gezeigten Abneigung gegen Stei⸗ nau's Wahl, durch die Verſicherung, daß man ihm eine Madame Schmatzihn als Steinau's verſpro⸗ chene Braut genannt habe, und uͤber dieſe Perſon ſepen ihm von ſo vielen Seiten, und von ſo glaubwuͤrdigen Perſonen unguͤnſtige Urtheile zu⸗ gekommen, daß er bei ſeinem Antheile an Steinau's Wohl nicht umhin gekonnt, ihn wenigſtens auf⸗ merkſam zu machen. Jene aufrichtige Theilnahme babe ihn auch beſtimmen muͤſſen, uͤber Luiſen nähere Erkundigungen einzuziehen, allein dieſe ſeven alle ſo uͤbereinſtimmend vortheilhaft aus⸗ gefallen, daß er Steinau's Wahl, auch wenn der dritte ſo gol Beifo und bekan gefall wuͤrd ſey, Geſch anne Kosn bekar ſiden. deſſen ihrer beit der2 laͤſtig A Auer Brie Lieu auge einen bald ſchon inni Scht laut heit nander lirten 3 auf⸗ t aber rdigen en an te den owski t alle f dem in auf ndiges f. Er aſſung Stei⸗ in ihm erſpro⸗ Perſon von ſo eile zu⸗ einau's s auf⸗ Inahme Luiſen n dieſe t aus⸗ enn der — 39— dritte Vater aus Bordeaux dem Paͤrchen keinen ſo goldenen Heerd gebaut haͤtte, ſeinen ungetheilten Beifall geſchenkt haben wuͤrde, und, nach Steinau's und Auerſtaͤdts Ruͤckkunft, ſich freue, die Spiegel⸗ bekanntſchaft, deren er ſich noch heute mit Wohl⸗ gefallen erinnere, naͤher fortzuſetzen, und die preis⸗ wuͤrdige Braut ſeiner Frau vorzuſtellen. Uebrigens ſey, ſetzte er hinzu, die ſeltſame Wiedererkennungs⸗ Geſchichte der Zwillingsſchweſtern, und die ſehr annehmliche Dazwiſchenkunft des reichen Herrn Kosmowski, durch Auerſtaͤdts Briefe in der Stadt bekannt geworden, das Geſpraͤch der ganzen Re⸗ ſidenz, und es ſey ihm recht lieb, daß Steinau und deſſen Braut zufällig jetzt abweſend waͤren; bei ihrer Ruͤckkehr werde ſich der erſte Reiz der Neu⸗ hbeit dieſes Ereigniſſes gelegt haben, und ſie von der Neugierde des lieben Publikums weniger be⸗ läſtigt werden. An dem naͤmlichen Poſttage liefen an Papa Auerſtädt, und zum Theil an Luiſen ſelbſt, zehn Briefe ein, von einem Major, zwei Kapitains, drei Lieutenants, einem Doktor, zwei im Civildienſt augeſtellten Freiherren und einem Grafen. In einem wie in dem andern ſagte der Briefſteller, bald in zärtlichen, balo in ernſten Worten, daß er ſchon lange fuͤr Demoiſelle Luiſe Auerſtaͤdt die innigſte Hochachtung gefuͤhlt, daß aber eine gewiſſe Schuͤchternheit ihn abgehalten, ſeine Empfindungen laut werden zu laſſen, und daß bei der Eingezogen⸗ heit der Demoiſelle Luiſe, die zuweilen nur am Fenſter ihres Hauſes, und einzig⸗ und allein des Sonntags in der Kirche zu ſehen geweſen, jede Annaͤherung unmoͤglich geworden, daher er die briefliche Mittheilung jetzt waͤhle, um ſich die Hand der laͤngſt geliebten Theuern hiermit foͤrmlich zu erbitten; dann wurden, mit einiger Beſeitigung der, in den heutigen Tagen immer altmodiſcher werdenden Beſcheidenheit, die eigenen Tugenden, guten Seiten, laͤnzenden Ausſichten, Standes⸗ wuͤrden und beachtungswerthen verwandtſchaftlichen Verhaͤltniſſe mit den ausgezeichneteſten Familien des Landes erwaͤhnt, uber die noͤthigen Mittel, eine Frau ſtandesmaͤßig ernahren zu koͤnnen, die erforderlichen Luͤgen hinzugefuͤgt, und, unter Be⸗ lobung des häuslichen Gluͤcks, als des einzig wah⸗ ren Zieles jedes rechtlichen Mannes, mit der Verſicherung ewiger Liebe und Treue, die gold⸗ randigen, zierlichen Brieflein geſchloſſen. Luiſe las ein Schreiben nach dem andern an⸗ baͤchtiglich durch, und theilte ſie ihrem geliebten Franz, vor dem ſie nichts Geheimes haben mochte, mit. Ueber die Mehrzahl derſelben lachte Steinan; als er aber die ſehr fein ſtyliſirten Antraͤge des Majors, des Grafen und der beiden Freiherren, des Kammerherrn und des Oberforſtraths las, die er ſaͤmmtlich als achtbare angeſehene Maͤnner kannte, ward ihm die Sache bedenklicher, und er fragte ziemlich gepreßt, was Luiſe zu antworten gedenke. „Nichts,“ entgegnete dieſe leicht hin. n des „ jede er die Hand ich zu rigung diſcher enden, andes⸗ klichen milien Nittel, n, die r Be⸗ g wah⸗ it der gold⸗ en an⸗ liebten nochte, einau; ge des herren, as, die NRaͤnner und er worten „Die Sachen,“ verſetzte Steinau ernſter wer⸗ dend,„haben ſich, ſeit Dein Kroͤſus aus Bordeaur gekommen, merklich anders, ſie haben ſich ganz anders geſtaltet. Auch vergiß nicht, daß Dein Schwager Baron iſt, und ich neben ihm eine etwas gedruͤckte Figur ſpiele.“ „Gedruͤckte Figur ſpiele,“ ſprach Luiſe ihm nach, mit einem Geſichtchen, aus dem er nicht recht klug werden konnte. „Du biſt noch ganz frei,“ fuhr er, von der tödtlichſten Angſt uͤber ihren zu nehmenden Ent⸗ ſchluß gefoltert, fort;„denn unſere Verlobung fand nur vor den naͤchſten Freunden Deines Hauſes Statt, und ſoll Dich nicht binden; glaubſt Du daher, mit einem der an ſich durchaus un⸗ beſcholtenen Brautwerber gluͤcklicher zu ſeyn; findeſt Du in dem, was ſie Dir hinſichtlich ihres Ranges und ihrer aͤußern Lebensverhältniſſe bieten können, und worin ich ihnen freilich weit nachſtehen muß, einen größern Reiz, als in dem Wenigen, was ich Dir auf unſerm gemeinſchaftlichen Lebensweg mitbringen kann, und was nur in meinem Herzen beſteht, ſo—“ „Wie hieß doch der Mann, bei dem wir unſere Verlobung feierten?“ fragte Luiſe mit erzwun⸗ genem Laͤcheln. „Unbeſcheiden,“ erwiederte Steinau, und wun⸗ derte ſich im Stillen uͤber die ſonderbare, ſeine ſehr gewichtige Rede unterbrechende Querfrage. LXXIX. 8 —-— 92— „Wenn Du je wieder,“ hob Luiſe ſehr ernſt an,„auf dieſes Kapitel der Unterhaltung mit mir kommen willſt, ſo erinnere Dich, mein Freund⸗ dieſes Namens, den der gar hoͤfliche, freundliche Mann uͤbrigens mit demſelben Unrecht fuͤhrt, als Liddy's muſterhafter Lohnlakay den ſeinigen. Was muß ich Dir werth ſeyn, wenn Du die Achtung vor mir ſo weit außer Augen ſetzen kannſt, daß Du zu glauben im Stande biſt, ich koͤnnte fuͤr all dieſe Herren nur das Geringſte empfinden, ich koͤnnte ihnen vor Dir, mein edler Franz, den Vorzug einraͤumen, weil ſie in der Hof⸗ und Rangordnung vielleicht um einige Stufen hoͤher ſtehen, als Du! Trauſt Du mir denn nicht ein⸗ mal geſunden Menſchenverſtand zu? Jahre lang haben dieſe faͤmmtlich ſogenannten Brautwerber mich geſehen und gekannt, und es iſt ihnen nicht in den Sinn gekommen, des armen Archivars arme Tochter nur eines Blicks zu wuͤrdigen; und nun ſie die Franks aus Bordeaux wittern, kommen ſie, und entheiligen die Goͤttlichkeit der Liebe durch ihre golddurſtigen Antraͤge, und wollen mich durch ihr Standes⸗ und Rang⸗ und Titelgeklingel blenden, und mich mit ihrer leoniſchen Treue betruͤgen. Meinſt Du denn, daß ich vergeſſen habe, daß ich je vergeſſen kann, wie Du dem Maͤdchen, das als Bettlerin vor Dir erſchien, eine Welt voll Selig⸗ keit, Dein Herz ſchenkteſt? Meinſt Du denn,“ ſetzte ſie faſt weinend hinzu,„daß ich, ſo lange Gott mir mein Gedaͤchtniß laͤßt, nicht ewig und immer werde, Maͤdche es neb Franz, die Tl und ge Scherz wieder thuſt, geben, Unbeſch werder Ste Hand Idee d wieder die ſie werde. „N ſie in vielme Erbaͤrt denen, gift im geſtoche bat Vo Braut hüpfte un Paz ernſt t mir eund, dliche t, als Was htung aß Du uͤr all 1, ich „ den - und hoͤher t ein⸗ e lang werber nicht hivars ; und mmen durch durch enden, ruͤgen. daß ich das als Selig⸗ denn,“ lange ig und immer daran denken, und daran mich feſt halten werde, daß du Deine Hand dem ganz mittelloſen Maͤdchen boteſt, und es zu Dir hinauf hobſt, daß es neben Dir ſtehe, in Ehre und Anſehen? Sieh, Franz,“ ſchloß ſie ihre Eiferrede, waͤhrend der ihr die Thränen von den Wangen perlten, laͤchelnd, und gab ſich Muͤhe, die ganze Sache als einen Scherz von ihm zu behandeln,„wenn Du mir wieder einmal mit einem ſolchen Gedanken weh thuſt, 1w0 Stuͤck Auſtern mußt Du zur Strafe geben, und die verſchreibſt Du direkte von Freund Unbeſcheiden; das ſoll Dir ein recht theurer Natae werden.“ Steinan verſprach dem ſuͤßen Engelskinde mit Hand und Mund, nun und nimmermehr eine Idee der Art wieder laut werden zu laſſen, und wiederholte ſpaͤterhin ſeine Frage, was ſie auf die ſie doch immer ehrenden Antraͤge antworten werde. „Nichts, nichts,“ entgegnete Luiſe, meinte, daß ſie in ihnen durchaus nichts Ehrendes, ſondern vielmehr einen recht traurigen Beleg von der Erbaͤrmlichkeit der Herren Mannsperſonen finde, denen, unter allen weiblichen Tugenden, die Mite gift immer obenan ſtehe, langte zehn elegant geſtochene Verlobungskarten aus dem Secretair, bat Vater Auerſtaͤdt, dieſe an die goldhungrigen Brautwerber zu kouvertiren und abzuſenden, und hüpfte an Steinau's Arm die Treppe hinab, um in Papa Kosmowsli's Auftrage mit Freund Wiede⸗ — 94— mann wegen der Hochzeitfeier vorlaͤufig die nöthige Ruͤckſprache zu nehmen. Alle Delikateſſen ſaͤmmtlicher fuͤnf Welttheile, ſo lautet des Hockzeitvaters ausdruͤcklicher Wille, ſoll die Tafel im Ueberfluſſe bieten, und wenn Herr Wiedemann ſie arrangirt, kann man beſtimmtt etwas Außerordentliches erwarten. Der große Saal faßt an dre undert Perſonen. Wer ſich, ungefaͤhr vier Wochen nach Leſung dieſer Zeilen, dort einfindet, iſt, wenn er geſunden Appetit und frohe Laune mitbringt, dem alten gaſtlichen Polen gewiß recht herzlich willkommen. G nöthige lttheile, Wille, nn Herr eſtimmt große zer ſich, Zeilen, etit und 2 n Polen H. Clauren. von Achtzigſtes Baͤndchen. Stuttgart, bei A. F. Macklot. 1 8 2 9. 2 — 8 Q e S S S 8 8 2 2 — 6 S — — = S 22 2 G Das Gaſthaus zur goldenen Sonne. Luſtſpiel in vier Aufzuͤgen. Perſonen: Frau von Lemann. Fanny, deren Nichte. Graf Molwitz. Baron Hull. Madame Lehmann. Jettchen, deren verſtorbenen Mannes BPruder Dochter. Secretair Wetter. Haas, Wirth zum Planeten. Madame Kohlow, Wirthin zur goldenen Sonne. Jeremias, Hausknecht in der goldenen Sonne. Ein Dienſtmädchen.(ſtumme Perſon.) Anmerkungen. 1) Das Zeichen[] bedeutet, daß der Schauſpieler, in deſſen Rolle es vorkommt, das dazwiſchen Befindliche geſagt haben würde, wenn er von Mitſpielenden nicht unter⸗ brochen worden wäre. 2) Sämmtliche Damen, ſo jung, hübſch und elegant als möglich. Sollte es an ſo jugendlichem weiblichem Perſonale in der verlangten Anzahl fehlen, ſo kann Madame Kohlow allenfalls als Dreißigerin darge⸗ ſtellt werden.— 3) Hull tritt im neueſten engliſchen Geſchmack gekleidet auf; der Anzug kann etwas karrikirt übertrieben ſeyn, doch immer ſo, daß Hull noch ein Mann bleibt, der einer Frau, die ihn weiter nicht kennt, auf den erſten Blick nicht widrig iſt. Alter ungefähr 26— 30 Jahre 4) Haas iſt ein feiner wohtanſtändiger Menn von höch ſtens 35 Jahren. hi w ruder onne. onne. deſſen geſagt unter⸗ t als lichem kann darge⸗ kleidet ſeyn, , der erſten Jahre höch Erſter Aufzug. Erſter Auftritt. (Vorzimmer des Gaſthauſes zum Planeten mit mehreren nummerirten Thüren.) Haas und Hull. Haas(kommt, einen Teller unterm Arm, und eine Serviette in der Hand, zur Mittelthüre herein, nimmt ans einem Schränkchen ein Glas, wiſcht dies, während das, gewöhnlich beim Aufrollen des Vorhanges im Parterre ſtattfindende Geräuſch ſich legt, rein, ſetzt es auf den Teller, und will damit in die mit Nro. 13. bezeichnete Thüre, in dieſem Augenblick ſteckt Hull den Kopf zur Mittelthüre herein). Hull. Bſt, Bſt. Haas(oor ſich). Was will denn der ſchon ſo fruͤh.(kalt) Guten Morgen, Herr Baron. Hull. Morgen, Morgen, Freundchen. Iſt ge⸗ ſtern Abend nicht der Graf Molwitz bei Ihnen abgeſtiegen? Haas. Haben Sie das auch ſchon ausgewittert? Das weiß Gott, was Sie nicht alles wiſſen und wen Sie nicht alles kennen, und kaͤme einer noch hinter den blauen Bergen aus Auſtralien her, es waͤre Ihr Freund, Ihr Specialiſſimus, — 6= Hull. Nu diesmal, liebſter Haas, iſt es wirk⸗ lich der Fall; der Graf und ich, wir ſind ein Herz und eine Seele. Haas. Er iſt ja viel luͤnger, als Sie. Hull. Nu, ſo ſehr viel juſt auch nicht. Aber das iſt ein luſtiges Haus! Was haben wir beide fuͤr Schwieten zuſammen. Haas cſpöttelnd). Ja Sie kennen ihn, das ſehe ich!— luſtiges Haus— Schwieten!— Noch keine zehn Worte hat der junge Mann geſprochen. Still vor ſich hin— gedruͤckt— weich— melancholiſch— ich glaube, er iſt tiefſinnig! Hull. Tiefſinnig?— Dann iſt es der Graf Molwitz nicht, den ich meine, dann iſt es ein an⸗ derer— aber kennen werde ich ihn gewiß— melden Sie mich nur(gefälligſt bei ihm.] (In dem Augenblicke, beim Worte„melden“ wird im Zim⸗ mer Nro. 13. eine kurze ſehr weiche Flötenpaſſage hörbar, Beide ſtutzen horchend) Haas. Da— haben Sie gehört?— Das klang nicht wie aus einem luſtigen Hauſe; ſo hat er heut Morgen ſchon eine halbe Stunde geblaſen— wenn man das ein Weilchen mit anhoͤrt— die Augen moͤchten einem uͤbergehen. (Eine zweite kurze noch zartere Flötenpaſſage.) Hull chat ſich auf den Zehen nach der Thüre Nro. 13. geſchlichen und gehorcht, kömmt fröhlich zuruck). Er iſt verliebt. Haas. Soll der verliebt ſeyn! Zim⸗ örbar, klang heut wenn Augen — 7— (Eine dritte Paſſage, wo möglich noch ſchmachtender, kaum daß einige Takte davon hörbar geworden, ſagt) Hull(während die Flöte teiſe fortbläst). So hören Sie doch nur! ein kompletter Nachtigallenſproſſer!— dieſes Schmachten, dieſes Locken— Er iſt verliebt bis uͤber die Ohren.— Gärtlich) Es geht ihm wie mir! Haas(ſchneidend). Wie Ihnen?(die Flöte ſchweigt) Hull(certraulich). O Haas— ich liebe— bis zur Verzweiflung—(außer ſich) bis zur Raſerei. Haas. Sie?— O Gott bewahre,(das Spötteln mühſam verhaltend) wer iſt denn die Gluͤckliche, wenn man fragen darf? Hull(mit gerungenen Händen⸗, Ja, wenn ich ſie kennte! Haas. Sie kennen ſie nicht, und lieben ſie doch? Hull. Menſch!— Sie hat zweimalhundert⸗ tauſend runde blanke Thaler, und ich ſoll ſie nicht lieben? Haas. Ja, bei ſolchen Reizen! nu, und iſt ſie denn jung, huͤbſch, klug, gut—— Hull(ceicht hinwerfend). Das weiß ich nicht, ich habe ſie nie geſehen, nie von ihr gehoͤrt, das alles ſind aber auch bloße Nebenſachen. Das Geld, Herr Haas— Haas(ihm ſpottweiſe beipflichtend). Iſt freilich die Hauptſache, aber(als ob er das nicht zuſammenreimen könne) ſie nie geſehen, nie von ihr gehoͤrt?— Hull cheimlich aber möglichſt verſtändlich, weil das, was er jetzt ſpricht, auf den Zuſammenhang des Stücks — 8— weſentlichen Einfluß hat). Ich habe uͤberall Freunde; ſchreibt mir einer geſtern Abend aus der Reſidenz von einer jungen Frau von Lemann, die wegen ihrer 200,000 Rthlr. nach dem Tode ihres Mannes mit Heirathsantraͤgen von allen Seiten beſtuͤrmt wird, alle Bewerbungen dieſer Art aber ablehnte, weil ſie glaubt, jeder wone nur um ihres Geldes willen ſie heirathen, und auf den kurioſen Einfall kommt, ploͤtzlich zu verſchwinden. Haas. Verſchwinden? Hull. Das heißt, ſie reist mit einemmale heimlich ab, will, wie mein Freund von ihrem Kammermaͤdchen heraus bekommen hat, nach Eng⸗ land, Amerika oder Gott weiß, wohin, und hat ſich in die Idee verliebt, ungekannt von der ganzen Welt, die Rolle einer unbemittelten Frau zu ſpielen, und wer in dieſer ſcheinbar aͤrmlichen Lage ihr ſeine Hand bietet, dem will ſie trauen, der, glaubt ſie, meint es ehrlich mit ihr, der liebt ſie um ihrer ſelbſt willen, der ſoll ihr Mann ſeyn. Haas(theilnehmend). Hoͤren Sie, die Frau ge⸗ faͤllt mir. Hull. Mir auch— und darum will ich ſie heirathen.⸗ Haas. Sie— Sie!— Erſt aber muͤſſen Sie ihr doch wohl auch gefallen? Hull(mit Sicherheit). Das wird ſich finden. Haas. Sie muͤſſen ſie doch erſt ſehen, ſpre⸗ chen—(ſpöttiſch lächelnd) die Verſchwundene. Hull. Sie iſt hier— ſeit geſtern Abend, druͤben Der der cheit bei arti Au vern ſcho ſchit noc got ſey dun kan ſtel unde; ſidenz wegen annes tuͤrmt ehnte, Beldes Einfall nmale ihrem Eng⸗ d hat anzen ielen, ſeine bt ſie, ihrer u ge⸗ h ſie ruͤben — 9— in der goldenen Sonne bei Madame Kohlow ab⸗ geſtiegen. Haas. Hm!(dies hm ſagt Haas mit einer Miene, als wolle er zu verſtehen geben, daß ihm unlieb ſey, daß die Frau von Lemann nicht bei ihm abgetreten.) Hull. Der Brodneid! Haas. Das wahrhaftig nicht! aber ich haͤtte es gern geſehen, daß die kleine kurioſe Frau bei mir eingekehrt waͤre, daß ich ſie kennen gelernt— Hull. Sollen Sie kennen lernen, ich tichte meine Hochzeit bei Ihnen aus. Haas. Sie!? Hull. Ja ich, und deswegen bin ich hier! Der Graf, wenn es mein Molwitz iſt,— hat in der Reſidenz gelebt; er muß ſie kennen, und Sie,— cheimlicher, vertrauticher) einige kleine Ausgaben ſind bei ſolchen Gelegenheiten unvermeidlich,! man iſt artig, man arrangirt Feten, man erſchoͤpft ſich in Aufmerkſamkeiten— und—(auf ſeine Taſchen un⸗ vermerkt zeigend, faſt ganz heimlich) ich bin ſchon er⸗ ſchoͤpft.— Sie müſſen mir 40— 50 Louisd'or vor⸗ ſchießen. Haas. Sie haben ja die ſieben von neulich: noch nicht wieder bezahlt. Hull. Bagatelle— Engel— Häschen— Halb⸗ gott— ſchlagen Sie mir das nicht ab.— Sie mag ſeyn, wie ſie will, ſchoͤn oder haͤßlich, klug oder dumm, Seraph oder Satan; ich mache ihre Be⸗ kanntſchaft, thue, als glaube ich an ihre Armuth, ſtelle mich, als feſſele mich einzig und allein die Liebenswuͤrdigkeit ihrer Perſon, ſchnappe die 200,000 Rthlr. weg, und zahle Ihnen ſtatt der 57 Gold⸗ fuͤchschen 1v0— Haas(unwillig, nimmt den Teller mit dem Glaſe, den er unterdeſſen weggeſetzt, und iſt im Abgehen nach Nro. 13. begriffen). Dazu gebe ich keinen Heller! Das hieße ja die arme Frau betruͤgen. Hull(mit ihm gehend). Will ſie mich nicht auch betruͤgen? Gibt ſie ſich nicht fuͤr etwas anders aus, als ſie iſt? Eine Liebe iſt der andern werth. Zweiter Auftritt. Vorige. Graf Molwitz. Molwitz(im eleganten Oberrock, den Hut auf dem Kopfe, tritt aus ſeiner Thür heraus, und will, ohne Haas und Hull zu bemerken, zur Mittelthüre hinans). Hull Gzu Haas halb laut fröhlich). Bei Gott, es iſt mein Molwitz—(laut) mein beſter Herr Graf. Molwitz(dreht ſich ſchnell, da er ſeinen Namen nennen hört, um, erkennt jetzt Hull mit einem Tone, dem man anhört, daß er nicht ſo vertraulich mit Hull iſt, als dieſer vorhin geprahlt hat). Sieh' da, Hull!— Was Henker, wo kommen Sie hierher? Haas chalb vor ſich). Wahrhaftig, den kennt er auch. Hull. O— ich bin ſchonffaſt ein Jahr hier— Nu wie geht es in der lieben Reſidenz? brav luſtig und guter Dinge? Molwitz(abgewendet, ſeufzt unvermerkt). Haas(win ſich, während Hull ſagte: wie geht esꝛc, entfernen). zuckend (die be Abgt deut M ſiren H laſſen) fangs nicht den 1 jeden Edelr 00,000 Gold⸗ Glaſe, ch Nro. s hieße bt auch anders werth. uf dem l, ohne inaus). ott, es Graf. Namen ie, dem iſt, als — Was unt er hier— luſtig geht Hull(halb heimlich zu ihm; bittend). Vergeſſen Sie die 50 Goldfuͤchschen nicht. Haas(bei Seite, vor ſich, unwillig). Dem Tag⸗ dieb!(auter, doch als ob es nur Hull hören ſollte, achſel⸗ zuckend höſlich) Es wird ſchwerlich gehen, Herr Baron. (die beiden Worte: Herr Baron, ſpricht er ſchon im Abgehen, aber doch ſo vernehmbar, daß ſie der Zuſchauer deutlich hören kann.(ab) Dritter Auftritt. Vorige ohne Haas. Molwitz. Baron?— Haben Sie ſich baroni⸗ ſiren laſſen? Hull(verlegen, doch ohne ſich das ſehr merken zu laſſen). Man thut das hier ſchon nicht anders; an⸗ fangs habe ich deprecirt— gebeten, mich damit— nicht in Verlegenheit zu ſetzen, aber— es iſt hier den Leuten ordentlich zur andern Natur geworden, jeden, der einen ganzen Rock an hat, fuͤr einen Edelmann anzuſehen.— Molwitz. Wie iſt mir denn—(nicht bitter, nicht ats ob er Hull damit in Verlegenheit ſetzen wolle) der alte Hull, unſer Hofſchneider, iſt das nicht Ihr Vater? Hull(verbeißt ſich den Aerger). Ja— aber— (betreten) doch— der Ort hier iſt zwar ein großes Neſt, indeſſen erſchrecklich kleinſtädtiſch! Molwitz. Wie gehoͤrt das hierher? Hull. Ich meine, daß hier manche Leute noch große Vorurtheile—(ſchlägt die Augen nieder,— leiſer) ein Schneider. —— 3 1 5 — 12— Molwitz(ihm in das Wort fallend). Kann ein ſehr ehrenwerther achtbarer Mann ſeyn. Neulich hat bei uns ein armer Schlucker, aber(mit einem Seitenblicke) ein wirklicher Baron eine Schneider⸗ tochter geheirathet, und lebt von den achtzigtauſend Thalern, die der ehrliche Schwiegervater in langen Jahren, und mit ſaurem Schweiße zuſammengenäaͤht hat, mit recht reichsfreiherrlichem Anſtande. Hull. In der Reſidenz!— Da hat man freiere Anſichten. Da iſt Geld, Geld, es mag ernaͤht, er⸗ ſpielt oder erwuchert ſeyn; hier aber iſt man klein⸗ buͤrgerlicher— und da ich hier in Kurzem in Fa⸗ milienverbindungen— ſo koͤnnte, wenn es ruchbar wuͤrde,— daß mein Vater ein Schneider— Molwitz. Ha, ich verſtehe, verſtehe— Seyn Sie ganz ruhig, ich werde Ihrem Gluͤcke nicht hinder⸗ lich ſeyn— vorlaͤufig meine Gratulation! Hull(verbeugt ſich dankend, und dann liſtig, als wolle er ihn aushorchen). Darf ich dieſe vielleicht er⸗ wiedern? Molwitz(wendet ſich ſchmerzlich getroffen, will ſeine Verlegenheit aber nicht merken laſſen). Nein— nein (ſammelt ſich mit Gewalt, und ſpringt abſichtlich auf einen andern Gegenſtand über). Wie leben Sie denn hier? Sie lernten ja, wenn ich nicht irre, die Oekono⸗ mie?— Was treiben Sie hier?(ſcherzend) ſonſt— bei uns hatten Sie eine herrliche Force im Nichts⸗ thun.. Hull. Was ich treibe? Wie ich lebe?— Nu ſehen Sie— fruͤh um 9 Uhr heraus aus dem Bette, es mag und ſic Parade plaude in das einmal Mitta gemach Nachm M— wohne wohl Es m ſtren, Fremt nito h weiß queur Herr un ein Neulich it einem neider⸗ auſend langen genaͤht freiere ht, er⸗ n klein⸗ in Fa⸗ ruchbar — Seyn hinder⸗ ſtig, als eicht er⸗ en, will — nein auf einen n hier? Oekono⸗ ſonſt— Nichts⸗ 2— Nu n Bette, — 1— es mag nun Tag ſeyn oder Nacht; eh' man fruͤhſtuͤckt und ſich anzieht, wird es eilf; dann geht es auf die Parade, um mit dem oder jenem ein bischen zu plaudern, man ſchlendert zum Italiener, Conditor, in das Panorama, in die Affenbude, auch wohl einmal in die liebe Kirche. So kommt dann der Mittag heran. Nach dem Eſſen wird ein Schlaͤfchen gemacht, dann trinke ich meinen Kaffee, und den Nachmittag habe ich fuͤr mich*). Molwitz(ächelnd). Alſo eigentlich noch das alte Spiel; aber(als frage er dies nicht ohne Nebenabſicht) ſind Sie hier auch ſo zu Hauſe wie bei uns— denn in der Reſidenz kannten Sie doch wahrhaftigibeinahe jedes Kind. Hull. J nu, man zaͤhlt hier 50 bis 60,000 Ein⸗ wohner. Ein Viertel davon(getraue ich mich doch wohl beinahe namentlich Kopf fuͤr Kopf zu kennen. Es muß von irgend einiger Bedeutung nichts paſ⸗ ſiren, was ich nicht augenblicklich erfuͤhre, und ein Fremder— wenn er ſich nicht abſichtlich ſehr incog⸗ nito haͤlt, keine zwei Stunden iſt er hier, und ich weiß die genaueſten Details über ihn; die Mar⸗ queurs, die Dienſtmaͤdchen, die Lohnlakays, und, Herr Graf, die Waſchweiber, mit allen ſteh' ich in Rapport, und wer ſich ein wenig auf das Fragen verſteht, man erfaͤhrt oft mehr als man will. *) Die ſieben letzten Worte wird ein ſinniger Schauſpieler nicht betonen; wenn ſie ganz trocken hingeſagt werden, ſind ſie vielleicht bei dem aufmerkſamen Theil des Publi⸗ kums nicht ohne Wiekung. ——— — — 14— Molwitz eder von den Worten„und ein Frem⸗ der“ an, aufmerkſamer geworden, weil das in ſeinen Plan zu paſſen ſcheint, iſt jetzt gegen den Hull weniger fremd als vorher, doch arbeitet er ſichtbar an ſich, das nicht merken zu laſſen, beifällig, um den Hull noch geſprächiger zu machen, und zu ſcheinen, als ob er in Hulls Selbſtlob mit einſtimme). Wahrhaftig?—(orchend aber immer gleichgültig ſchei⸗ nend, doch ſehr geſpannt und unruhig) Nun und z. B. ſind jetzt eben intereſſante Fremde hier? Hull(wirft einen Seitenblick auf ihn, als komme ihm die Frage mit dem ſchmachtenden Flötenſpiel vorhin in Be⸗ ziehung ſtehend vor, ſcheint abſichtlich ſolche Fremde zu nennen, an denen dem Grafen gewiß nichts gelegen, um deſſen Gefühl dabei ſtudiren zu können). Sehr intereſſante!— z. B. Ss. Hochwuͤrden der Herr General⸗Super⸗ intendent. Molwitz(hat ihm, als er ſagte,„ſehr interef⸗ fante,“ die Worte von den Lipven ſaugen wollen, getäuſcht, will ſich aber keine Blöße geben, thut daher, als ob ihn der Name wirklich intereſſire). So? der General⸗Super⸗ intendent,— ein vortrefflicher, recht wuͤrdiger Mann. Hull(ebenſo). Dann Sr. blaſenden Excellenz der Herr Erblandpoſtmeiſter. Molwitz(be ſo, aber ſchon lauer, man hört ihn nur die drei letzten Sylben wiederholen, die er halb in Gedanken zu ſprechen ſcheint).— poſtmeiſter. Hull(eeicht hin, als lege er auf die Ankunft der Perſon, die er nun anführt, gar keinen Werth, beobachtet aber durch ſtumme Seitenblicke den Grafen deſto ſchärfer). Dann auch eine hubſche junge Frau— eine Wittwe— 8 merken 8 8SS8SSBS iſt ſie M nen- junge Sie H (thut N Mit H ſchwel von! nicht; NM ſeufzt dringe H ſind Frem⸗ n Plan md als merken nachen, timme). ig ſchei⸗ z. B. ime ihm n in Be⸗ mde zu im deſſen nte!— Super⸗ ntereſ⸗ hetäuſcht, ob ihn Super⸗ Mann. Ercellenz hört ihn halb in kunft der beobachtet ſchärfer). Littwe— — 15— Molwitz(geſpannt, aber befliſſen, ſich das nicht merken zu laſſen, leiſe). Junge grau,— Wittwe. Hull. Aus der Reſidenz— Molwitz.— ſidenz— Hull. Soll dort eine kurioſe Geſchichte gehabt haben.] Molwitz(noch geſpannter). Geſchichte— nun— 1 Hull. Sehr reich ſeyn. Molwitz(getäuſcht). Wenn es weiter nichts iſt— Hull(aus der Rolle fallend). Iſt ſie denn wirklich, iſt ſie denn wahrhaftig ſo reich?— Molwitz. Ja, ich weiß ja nicht, wen Sie mei⸗ nen— es gibt in der Reſidenz verſchiedene huͤbſche junge Wittwen mit kurioſen Geſchichten. Wiſſen Sie denn den Namen? Hull(wieder in ſe ner Rolle). Ia ſo den Namen, (thut als ob er ſinne) mit dem L fing er ſich an— Molwitz(bei Seite— die Hand auf dem Herzen). Mit dem L—(ſeufzt) Hull Cvor ſich).'s iſt richtig!(thut wieder, als ſchwebe ihm der Name auf der Zunge) Lemann— Frau von Lemann—(thut immer noch, als wiſſe er den Namen nicht; ungewiß) Frau von Lemann— Molwitz(etebhaft, ſchmachtend, aber nicht lächerlich, ſeufzt). Lemann—(faßt Hul mit beiden Händen, freudig⸗ dringend) die iſt hier? Hull— die iſt hier? Hull. Mein Gott, was iſt Ihnen denn? Sie ſind ja ganz außer ſich! Molwitz. Hull— liebſter Hull!— Hull(mit verſtellter Theilnahme). Auf jeden Fall — — 16— ſtehen Sie mit der jungen Wittwe in Beziehung— kann ich Ihnen behüllich ſeyn— Sie wiſſen, fuͤr wen ich mich einmal intereſſire, fuͤr den laufe ich durch das Feuer—(man hört ihm an, daß er mehr um ſeiner ſelbſt wileen frage) vor Allem aber ſagen Sie, wie haͤngt die Geſchichte mit ihrem Verſchwinden zu⸗ ſammen? Molwitz. Das wiſſen Sie auch ſchon? Hull. Was ſollt' ich nicht; ſie hat ſie mir ja ſelbſt erzaͤhlt! Molwitz Ghaſtig). Sie ſelbſt?— Sie haben ſie geſprochen? Hull. Tagtaͤglich—(thut als beſänne er ſich auf etwas)— Jetzt— ja jetzt kann ich mir erklaͤren— ſie hat Sie gemeint— Sie und keinen Andern. Molwitz(geſpannt). Mich— wie denn— was denn? Hull. Sie war oft in Gedanken— ſie laͤchelte, und dabei ſtanden ihr die Augen voller Waſſer. Molwitz(eebhaft). Ich ſehe ſie vor mir— Ach und dieſes Laͤcheln— dieſe himmliſchen Augen in Thraͤnen!— Warum weinte ſie denn? Hull. Ja, das weiß ich nicht!— Gnaͤdige Frau, ſagte ich zu ihr, als ich ſie ſo ſah, wie kann man weinen, wenn man ſo ſchoͤn, ſo liebenswuͤrdig, ſo reich, ſo ſinnreich iſt— da ſeufzte ſie, legte die Hand auf das Herz, ſchuͤttelte mit dem Kopfe und ſagte mit weicher Stimme— Geld, lieber Hull, Geld allein macht nicht gluͤcklich— Molwih. Ich hoͤre ſie— ich hoͤre ſie, als 7 ſtaͤnde laut mir— H 1 nicht⸗ aufbind hat ſie M dreiſter ſtaben habe ten— Perſon witz M waͤre H tippe meine M.. AM. gluͤcks einen M ihn— mor L jetzt il und n L.X u9— rwen durch ſeiner wie n zu⸗ nir ja den ſie ſich auf ren— ern. nn— ichelte, ſſer. nir— Augen naͤdige ie kann puͤrdig, gte die dfe und r Hull, ſe, als — 17— ſtaͤnde ſte vor mir— ach und dieſer Stimme Floͤten⸗ laut— Nu aber— Si⸗ meinten la, ſie haͤtte von mir— A W Hull. Nein—(etwas vertegener) ge⸗ prochen juſt nicht— aber(als hatte er ſich nun eſonnen, was er ihm aufbinden wolle) in die Feuſterſchet e des Gaſtzimmers hat ſie mit ihrem kleinen Demantring— Molwitz(betroffen), Demantring?— den kelltte ich ja gar nicht— Hull(läßt ſich dadurch nicht ſtören, lügt deſto dreiſteyy. Mit ihrem kleinen Demantring die Buch⸗ ſtaben M... z geſchrieben; M... z— den Kopf habe ich mir beinahe zerbrochen, was die zu bedeu⸗ ten— und hier ſteht das aufgeloͤste Räͤthſel in der Perſon meines werthen Herrn Grafen von Mol⸗ witz— Molwitz efreudig). Hull— waͤre es moͤglich?— waͤre das wahr? Hull. Ich komme und ſehe das M... z und tippe darauf und ſage mit einem— nu Sie kennen meine Seitenblicke— und ſage— Gnaͤdigſte— dieſes M.. z— dieſes gluͤckliche, dieſes neidenswerthe M... z iſt dies vielleicht der Iubegriff Ihres Lebens⸗ gluͤcks?— da ſchlug ſie einen Blick zum Himmel— einen Blick!. 4. 1 Molwitz. Ach dieſer Blick— ja ich kenne ihn— er koͤnnte Eis ſchmetzen, er koͤnnts in Mar⸗ mor Leben laͤcheln,(vor ſich)— und warum werden jetzt ihre Gefuͤhle laut— da ſie fern von mir iſt— und warum üher ſo kalt, ſo verſchloſſen! LXXX. 2 ℳ 1 5 r- — 18— Hull ihn aushorchend). Alſo ſonſt war ſie ſproͤder? Molwitz. Alpeneis iſt ſiedende Lava dagegen 1— Ihre fire Idee iſt⸗ daß ſie keinen weitern Reiz habe, als ihr Vermögen, daß jeder, der ihr huldige, nicht ihre perſonliche Liebenswürdigkeit, nicht ihre Tu⸗ gend, nicht ihren eigenen Werth im Auge habe, ſondern blos ihre Thaler. Hull ggeſpannt). Alſo mit den 200,000 Rthlrn., die ſie, wie es hier heißt, haben ſoll, haͤtte es wirklich ſeine Richtigkeit— 2 Molwitz(verdrüßlich). Zwei?— drei, vier, fuͤnf⸗ malhunderttauſend Thaler hat ſie! Das iſt ja eben mein Ungluͤck, das verwuͤnſchte, das vermaledeite Geld. Hull(mit verſtellter Theilnahme). Das iſt ein horribles Ungluͤck! Sie armer, erbarmungswuͤrdi⸗ ger Graf! Molwitz. Aber ſagen Sie, wie machten Sie denn ihre Bekanntſchaft, wie kamen Sie auf das Allerheiligſte des menſchlichen Herzens, auf die Liebe zu ſprechen? wo ſahen Sie ſie? wann ſpra⸗ chen Sie den Engel? Hull. Wann?— Tagtaͤglich, ſage ich Ihnen ja. Molwitz. Tagtäͤglich?— Qebhaft) das iſt ja nicht moͤglich! Sie kann ja nur erſt geſtern hier angekommen ſeyn; ich nahm, ſobald ich ihre Abreiſe erfuhr, Courierpferde! ich ließ fahren auf Tod und Leben; ich hatte ihre Spur von Station zu Station. Sie kann ja noch keine 24 Stunden hier ſeyn. reiſe ging wohl Sie des roͤder? gen!— z habe, e, nicht re Tu⸗ e habe, ethlru., aͤtte es er, fuͤnf⸗ ja eben aledeite iſt ein swuͤrdi⸗ ten Sie auf das auf die un ſpra⸗ h Ihnen as iſt ja ern hier e Abreiſe Tod und Station. ſeyn. Hull(verblüfft, ohne ſich es jedoch von ihm ſehr merken laſſen zu wollen, dreiſt). Bitte um Verzei⸗ hung.— Schon vor— ſchon vorgeſtern traf ſie hier ein, und beide Tage ſprach ich ſie. Mol witz(dringend). Engliſcher, liebſter Hull, wo finde ich ſie— Kommen Sie— ich muß ja gleich hin— wo wohnt ſie? Hull(bei Seite). So haben wir nicht gewettet. So haben wir nicht gewettet.(laut) Die— 2 ja beſter Herr Graf, die iſt fort. Heute, ehe der Morgen graute, reiste ſie ab. Molwitz(außer ſich). Fort? Hull. Fort— Sie wollte nach London, nach den Kanariſchen Inſeln, nach Neu⸗Granada, nach Nordamerika, Gott weiß, wohin. Molwitz(heftig). Und das ſagen Sie mir erſt jetzt?— ich muß ja hin— ich muß ja nach,— Hull, wollen Sie mit? Hull(achſetzuckend). Beſter Herr Graf! Molwitz(raſch). Verſteht ſich auf meine Koſten. Hull(ſich entſchuldigend). Sie wiſſen, was mich hier bindet.— Meine nahe Heirathsausſicht. Molwitz. Sie Gluͤcklicher! So muß ich allein reiſen! ich will ihr folgen, wie ihr Schatten, und ginge ſie bis an das Ende der Welt. Leben Sie wohl, Hull! ich beſtelle gleich wieder Courierpferde. Sie ſehen mich nie wieder, oder in den Armen des liebenswuͤrdigſten Weſe„dieſer Erde.(ab) — 20— Vierter Auftritt. Hull(aacht). Gluͤckliche Reiſe, Herr Graf— den habe ich einmal in den April geſchickt.— Er mußte fort, weit fort,— das Feld mußte hier rein ſeyn; das Schickſal ſpielt mir die niedliche Frau ja ſelber in die Haͤnde; er will ja ihr Geld nicht. Die fuͤnf⸗ malhunderttauſend Thaͤlerchen ſollen Freund Hull ganz vortrefflich ſchmecken.(äfft dem Grafen nach, halb zum Parterre) Sie ſehen mich nie wieder oder in den Armen des liebenswuͤrdigſten⸗ Weſens dieſer Erde!(ab.) Fuͤnfter Auftritt. Wetter und Haas (kommen aus der Thüre heraus, in die vorhin Haas abging. Wetter iſt im Begriff zur Mittelthüre hin⸗ aus abzugehen, er hat ein Convolut Aktenpapiere in der Hand). Haas. Na machen Sie dem Herrn Geheimen Juſtizrath meine Empfehlung, und ich ließe fuͤr die vorlaͤufige Nachricht verbindlichſt danken,— und (greift in die Taſche, gutmüthig) lieber Wetter, Sie haben in meiner Sache viel Muͤhe und Gaͤnge ge⸗ habt.(will ihm ein Goldſtuck in die Hand drucken) Wetter(abwehrend). Danke beſtens; das ſind ja lauter Dienſtſachen; das Wenige, was ich gethan, iſt Schuldigkeit; ich wuͤrde mich ſchaͤmen, dafuͤr eine Belohnung lanzunehmen.] Haas(ſieckt das— ſück wieder ein). So neh⸗ be ich fort, ; das ber in fuͤnf⸗ d Hull n nach, r oder dieſer n Haas ire hin⸗ piere in heimen für die — und r. Sie nge ge⸗ en) as ſind gethan, „dafuͤr So neh⸗ — 21— men Sie nicht uͤbel. Es war gut gemeint; die Herren Beamten Eures Schlages verwoͤhnen unſer einen; man ſtoͤßt heut zu Tage ſelten auf ſolche uneigennuͤtzige Menſchen, als Sie ſind— wenn ich Ihnen ſonſt einmal gefaͤllig ſeyn kann. Wetter. Ach Sie koͤnnten wohl. Haas. Nun? Wetter. Sie ſind Stadtvertreter*), haben eine Stimme im Rathe, und genießen das Ver⸗ trauen und die Achtung des ganzen Magiſtrats. Haas(macht ein verbindliches Zeichen für die ihm geſagten Artigkeiten, und horcht, wo Wetter hinaus will.) Wetter. Ich glaube das Meinige gelernt und den Ruf ſtrenger Rechtlichkeit fuͤr mich zu haben. 3 Haas. Das Zeugniß gibt Ihnen jeder, der Sie kennt. Wetter. Sie wiſſen(achſetzuckend) mein Dienſt⸗ gehalt— jetzt— die Beamten— Haas. Weiß— die Großen haben zu viel, die Kleinen zu wenig. 2 Wetter. Die ſtaͤdtiſche Syndikusſtelle hier!— Haas(beifällig). Ja— das iſt wahr— die iſt offen. Hoͤren Sie— hier meine Hand— was ich dafuͤr thun kann— mit tauſend Freuden! Der Poſten ernaͤhrt ſeinen Mann,— und(dächelnd) auch *) Soltte dieſer Titel nicht gebräuchlich ſeyn, ſo bitte ich Rathmann, Rathsherr oder dergleichen zu ſagen. deſſen Frau!(vertrautich) haben Sie wohl ſchon ſo etwas auf dem Rohre? Wetter(ſeufzt halb verlegen). Haas. Hier in der Stadt? Wetter(hatb verſchämt). Seit geſtern— eigent⸗ lich iſt es ein Reſidenzkind⸗ Haas(ſtutzt). Geſtern?— Reſidenz?— wo reſidirt denn hier die kleine Koͤnigin Ihres Her⸗ zens!— Wetter(naiv verſchämt). Ganz nahe— druͤben! Haas(geſpannt). Druͤben in der Sonne— was Henker, die junge reiche Dame? Wetter. Nu reich juſt nicht; wenn ihre Cou⸗ ſine den Prozeß gewinnt, deſſen Urtel heut heraus⸗ kömmt, ſo hofft ſie wohl von deren Guͤte Letwas abzubekomme n.] Haas(ſehr geſpannt). Nu— Sie meinen doch mit dem erſten Buchſtaben die Lehmann? Wetter(außer ſich vor Ueberraſchung und Freude). Sie kennen ſie— Sie kennen mein Jettchen— mein— Sechster Auftritt. Vorige. Molwitz. Molwitz(tutzt, ſehr raſch und verdrüßlich zur Mittelthüre herein, zu Haas). Nein, es iſt umttoll zu werden, mit der Wirthſchaft— Ich jage zwanzig Courierpferde halb todt, will weiter, muß weiter, laufe mir hier die Lungenſucht an den Hals, und kann (ſinkt was I heiml H her, V geſſer geht Hoch on ſo gent⸗ — wo Her⸗ üͤben! ne— Cou⸗ rraus⸗ etwas doch keude). in— ich zur toll zu vanzig peiter, „ und — 25— kann nicht fort— liege hier wie an Ketten— (ſinkt ermattet auf einen Stuhl) Limonade— Wein, was Sie wollen. Wetter(ſehr verdrüßlich, daß er geſtört worden, heimlich zu Haas). Sie wollten ja von Jettchen!— Haas(autmüthig, heimlich). Jetzt nicht, nach⸗ her, nachher. Wetter(drückt ſeine Hand an das Herz). Ver⸗ geſſen Sie nur den Syndikus nicht— Herr Haas— geht Alles, wie es ſoll— bei Ihnen richte ich die Hochzeit au s.(ab) Siebenter Auftritt. Vorige ohne Wetter. Molwitz(ſpringt auf gegen Haas, der unterdeſſen die Limonade bereitet). Nein, es iſt doch jetzt in Deutſch⸗ land, als ob man unter lauter Spitzbuben lebte, als ob man ſelber einer waͤre!—„Paß— Paß!“— komme auf die Poſt, verlange Courierpferde— Ein unausſtehlich langſamer Poſtſecretair— ich an ſeiner Stelle— in den Hof geflogen, anſpannen laſſen, in den Wagen geholfen, und nun fahr zu, was die Riemen halten ſetzte der ſich hin vor ein großes Buch, druͤckte ſich die Brille auf die Naſe, tauchte die Feder ein, ſchrieb ein Wort, ſpritzte ſie aus, und korrigirte ſie— mir brannte die Erde unter den Füßen— nahm eine Hrieſe, tauchte wieder ein, fing an zu huſten— zu huſten— gewiß fuͤnf Minuten, und fragte nun endlich— wohin?— — 24— wußte ich es denn ſelbſt?— Nach London, antwortete ich, nach den kanariſchen Inſeln, nach Nord⸗ amerika.— Er ſchuͤttelte bedenklich die alte fuͤnf⸗ zigjaͤhrige Peruͤcke— Ihr Name?— Graf Mol⸗ witz— ſteht der Menſch auf, nimmt die Brille ab und macht einen Buͤckling, daß er mit der Naſe aufs Buch ſtoͤßt, und ich will fort, fort— Pferde, aber keine Complimente— Ihren Paß, wertheſter Herr Graf— Paß, wozu? ich bin Graf Molwitz und will nach London!—„ohne Paß nicht moͤglich,“ antwortete der trockne Dintenfiſch, und ſchrieb nun an ſeinen Karten; ich bat, ich beſchwor ihn, ich bot ihm Geld.— Er ſoll mir heute noch darauf antworten.— Gift und Galle im Herzen, renne ich zum Polizeidirektor, ich war heftig, dringend, der Mann hatte eine Seelenruhe, die mich empoͤrte, den Augenblick, hieß es, ſoll der Paß expedirt werden, nur kenne ich den Herrn nicht, ſobald aber jemand Sie fuͤr den Herrn Gra⸗ fen Molwitz rekognoscirt, iſt aller Anſtand gehoben; ich nenne Hull. Der iſt nicht anſaͤßig. Ich kenne im ganzen Orte keine Seele, als den Regierungs⸗ praͤſidenten, der iſt auf ſeinem Gute, und koͤmmt erſt heute Nachmittag zur Stadt—(verzweifelt, mehr vor ſich) da ſitze ich hier— und ſie jagt voraus, und ich hole ſie vielleicht nie ein,—(ſchmerzlich) ich ſehe ſie vielleicht nie— nie wieder!(ſinkt wieder auf den Stuht nieder) Haas(bringt die Limonade). Aber trinken Sie lieber nicht;(gutmüthig) Sie ſind ſehr warm— es der H ſoll ja ſeyn, Mein Clau ortete Nord⸗ fuͤnf⸗ Mol⸗ Brille t der ort— Paß“, Graf 2 Paß eufiſch⸗ t, ich I mir alle im h war nruhe, oll der Herrn n Gra⸗ hoben; kenne rungs⸗ koͤmmt t, mehr 8, und ich ſehe auf den en Sie n— es könnte Ihnen ſchaden.(theilnehmend) Sie ſetzen alſo Jemand nach? Molwiitz(halb vor ſich). Dieſe Nacht war ſie noch hier— ich war mit ihr in ein und denſelben Mauern! Haas. Alſo eine Verbrecherin? Molwitz(hatb ſcherzend, halb ernſt), Eine ſchwere. Haas. Mein Gott! Molwitz. Eine Raubmoͤrderin,. Haas. Ach ich bitte Sie! Molwitz. Sie hat mir das Herz aus der Bruſt geſtohlen, ſie hat mir die Ruhe des Lebens gemordet. Haas. Ach,(lächelnd) ich verſtehe!—(ſinnend) Sie war doch nicht aus der Reſidenz?— Molwitz(auſſpringend, freudig). Menſch— ja— ja geſtern kam ſie an, logierte druͤben ein— Haas(errathend). Le— 2 Molwitz. Ja, ja, meine himmiliſche Le⸗ mann.— Haas(vor ſich). Mein armer Wetter! das iſt ein ſchlimmer Nebenbuhler! Molwitz(ohne darauf zu hören). Lachen Sie mich erſt aus, daß— aber weſſen das Herz voll iſt, dem geht der Mund uͤber.— Sie haben in Ihrer Phy⸗ ſiognomie ſo etwas Rechtliches— Theilnehmendes— der Herr eines ſolchen Hauſes, als das Ihrige iſt, ſoll jja der Freund, der Rathgeber der Reiſenden ſeyn, die er unter ſeinem Dache aufnimmt.— Mein Herzensmann, helfen Sie mir, daß ich fort Clauren Schr. LXXX. 3 — 26— komme— ich muß ihr ja nach, jede Stunde, die ich hier verſaͤume, iſt ja unerſetzlich verloren!— Haas. Nu— iſt ſie denn fort? das habe ich nicht gewußt. Molwitz. Nu freilich!— Koͤnnen Sie mir nicht Pferde geben? Haas. Zum Nachreiſen?— Nein, und das huͤlfe Ihnen ja doch auch nichts! Auf der naͤchſten Station haͤtten Sie die naͤmlichen Umſtäͤnde, aber— zum Präſidenten auf das Gut hinaus will ich Ihnen meine Pferde geben, dadurch gewinnen Sie wenig⸗ ſtens 2, 3 Stunden Zeit. Molwitz(klopft ihm auf die Backen). Charmant, praͤchtig—(win fort) will gleich anſpannen laſſen— und, Herr! hole ich ſie ein, und ſie will ſo wie ich— bei Ihnen iſt unſere Hochzeit.(ab) Haas(ſeehr ihm nach, lacht). Kurioſe Menſchen. Hull—(äfft ihn nach) bei Ihnen richte ich die Hochzeit aus, der Graf(äfft ihn nach) bei Ihnen iſt unſere Hochzeit— alle dreie wollen heirathen,— alle dreie eine und dieſelbe! das muß ja ein Aus⸗ bund von Liebenswuͤrdigkeit ſeyn— ua wer die wegfiſcht, bin ich doch begierig zu ſehen—(kommt in dem Augenblick vor dem Fenſter vorbei, ſtutzt) da, es iſt doch eine huͤbſche Frau die Madame Kohlow— Blitz— ich glaube, ſie gr—(verbeugt ſich, bricht aber die Verbeugung ſchnell wieder ab) nein, ſie gruͤßte nicht — dummer Kerl,(mit einem Blick in den Spiegel) ich glaube, Du biſt ordentlich roth geworden—(launig verd (beit wal ie ich be ich nicht d das ichſten ber— Ihnen wenig⸗ :mant, ſſen— ſo wie nſchen. ich die )nen iſt hen,— n Aus⸗ wer die kommt in a, es iſt hlow— richt aber ßte nicht iegel) ich —(launig verdrüßlich) die drei Herren mit ihren Hochzeiten— (beide Hände auf das Herz, komiſch ängſtlich) Ich glaube wahrhaftig, ſo etwas ſteckt an.(raſch ab) Zweiter Aufzug. Erſter Auftritt. (Vorzimmer mit mehreren Thüren, gleichfalls nummerirt, doch andern Nummern als im erſten Aufzuge*). Frau von Lemann und Fanny, beide in eleganten Morgennegligees. Beide lüften die Shawls und geben durch Pantomime zu verſtehen, daß ihnen warm ſey. Frau von Lemann. Die Umgebungen der Stadt ſcheinen recht an⸗ genehm zu ſeyn, ich wäre gern weiter gegangen, aber es ward doch ſchon zu warm!— Haſt Du das Selterwaſſer beſtellt?—(wirft ſich graciös auf einen Seſſel, ſtützt den Kopf in die Hand und verliert ſich im Nachdenken, ohne auf das, was Fanny ſpricht, zu hören.) Fanny(bemerkt anfänglich die Zerſtreuung der Frau von Lemann nicht). Das Maͤdchen wird gleich kommen, ich habe ihm auch geſagt, es ſoll den Schluͤſſel mitbringen.— Nein, und wenn die Ge⸗ gend hier noch reizender waͤre, mich zbringt kein *) Jenes Vorzimmer war im Planeten, dieſes iſt in der goldenen Sonne. 3* Menſch wieder aus dem Hauſe. Iſt das ein Gaffen auf der Straße, und ein Lorgnettiren, und ein Nachlaufen; wahrhaftig als waͤren wir ein Paar Meerwunder.— Warum haben wir auch keinen Chapeau mitgenommen, zwanzig haͤtten wir be⸗ kommen—(ſcherzend, ſelbſtgefällig) in unſerer an⸗ genehmen Geſellſchaft waͤren ſie alle mitgereist, nach London, nach Amerika, bis an das Ende der Welt— wahrhaftig das muß anders werden— So allein herum zu reiſen— ich habe es ja gleich geſagt— es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht! Wie waͤr' es, wenn— aber ſag' mir— was iſt Dir— 2 Doch wohl? Fr. v. Lemann(cwill ſich ihre Zerſtreuung nicht merken laſſen). Mir— ſehr wohl— es war mir nur ein wenig— C(legt unvermerkt die Hand auf das Herz) heiß. Fanny. Ich wette hundert gegen eins, Du weißt von dem, was ich geſprochen, kein Wort. Was ſagte ich, das uns fehlte? Fr. v. Lemann(verlegen, aber will das ſich ſelbſt nicht geſtehen, wie aus einem Traume auffahrend). Zu⸗ cker— Zucker— Du haſt auch recht, ohne Zucker chmeckt das Selterwaſſer nicht. Fanny dacht). Nu, aber ſag um des Himmels⸗ ſwillen, liebſte Lemann— Fr. v. Lemann llebhaft bittend). Du ſollſt mich aber nicht Lemann heißen, hier bin ich Frau von Sahl, das weißt Du, und wenn Du mich noch einmal Lemann nennſt, mußt Du wahrhaftig einen affen dein Paar einen be⸗ an⸗ nach der n— gleich nicht! s iſt nicht nur Herz) Du Wort. ) ſelbſt . Zu⸗ Zucker imels⸗ ſt mich u von ) noch einen — 29— Thaler Strafe in die Armenkaſſe geben.(beſtimmt ohne doch unartig zu ſeyn) Ich muß darauf halten, ſonſt geht ja unſer ganzer Zweck verloren. Bin ich einmal aus dem Lande, ſo kannſt Du mich heißen wie Du willſt. Fanny(ſie fröhlich beſchwichtigend). Nu gut, alſo von nun an bis 100 Meilen uͤber die Grenze, Frau von Stahl.— Aber vom Zucker, Du ſtaͤhlerner Engel, war nicht die Rede. Ich ſage Dir— ohne Maͤnnerbegleitung geht es nicht, und wenn Du da keine Anordnung triffſt, kehre ich heute noch um und fahre zu Hauſe. Fr. v. Lemann(hat wieder nur halb gehört, ſteht auf). Iſt ſchon getroffen; ich habe die niedlichſten Mannskleider mit. 3 Fanny. ₰ von Kleidern iſt die Rede nicht.— (lauter) Mannsperſonen.— Fr. v. Lemann. Die ſpielen wir ſelbſt. Von heut an erſcheinen wir nicht anders als in Maͤnner⸗ tracht! wir ſind dann ungebundener, beſtimmter, unabhaͤngiger—(gezwungen) froͤhlicher!— Fanny. Froͤhlicher! Das gebe Gott, daß das mit den Kleidern koͤmmt!— Was haſt Du Dir und mir nicht alles von dieſer Reiſe vorgezau⸗ bert!— das ſolltez eine Reiſe voll Luſt und Freude ſeyn— und den ganzen Weg hierher[warſt Du ſtill und in Dich gekehrt.] Fr. v. Lemann(entſchuldigend). Das Unge⸗ wohnte der Lage— das Erwartungsvolle der neuen Begriffe— ☛— — ——— — 30— Fanny. Und heute den ganzen Spaziergang ewig zerſtreut, auf alle meine Fragen keine, oder lauter verkehrte Antworten, und da oben auf der Hoͤhe, wo wir die Ausſicht nach der Gegend zu hatten, in der die Reſidenz liegt— da(zart aber halb komiſch) da waren die Frau von Stahl recht weich geworden, da ſtanden ihr die Augen voll klaren Waſſers. Fr. v. Lemann(ſanft verweiſend). Fanny! Fanny. Aber ich weiß auch, woher das heute Alles kam. Fr. v. Lemann lals ahne ſie, daß Fanny es wiſſe, wolle dieſer aber einreden, daß ſie Unrecht habe). Natuͤr⸗ lich der Blick in die ferne Heimath, die Moͤglich⸗ keit, ſte vielleicht nie wieder zu ſehen—(durch Fan⸗ ny's Kopfſchütteln und feines Lächeln verlegener) Du ſprachſt uͤber das Alles ſo ruͤhrend— Fanny(lächelnd). Ich? kein Wort, keine Sylbe habe ich daruͤber geſprochen— mein Kind, die Flöte— die Flöte heut Morgen da druͤben,(winkt nach dem Fenſter zu.) Fr. v. Lemann(traut ſich nicht die Augen auf⸗ zuſchlagen, verlegen). Was Du nicht Alles wiſſen willſt! Fanny(gutmüthig ſpöttelnd). Das waren ſo ſanfte, ſo ſchwermuͤthige Gaͤnge. Fr. v. Lemann(nicht böſe, aber empfindlich und doch lächeind). Fanny— Du biſt recht garſtig. Fanny. und lauter wohlbekannte Sachen, wie von wohlbekannten Lippen. egang oder f der ad zu t aber recht a voll ! heute wiſſe, katuͤr⸗ oͤglich⸗ 5 Fan⸗ Du Sylbe „ die (winkt en auf⸗ willſt! een ſo ich und ig. n, wie — 31— Fr. v. Lemann(überraſcht, ſchneu). Haſt Du das auch bemerkt? Fanny(man hoͤrt ihr an, daß ſte die Frau von Lemann aufzieht, aber doch muß die Gutmüthigkeit des Scherzes immer herausblicken). Die naͤmlichen Paſſagen, daſſelbe Schmachten der Toͤne. Fr. v. Lemann(ſich vergeſſend). Haſt Du das auch bemerkt? Fannay. Ach und dieſer Triller, dieſes heim⸗ liche Decrescendo— dieſes Heruͤberſchwimmen der ſuͤßen Liebesklage aus der wunden Bruſt. Fr. v. Lemann(mit geſteigerter Ueberraſchung). Auch das haſt Du bemerkt? Fauny(aus dem ſchwärmeriſchen Ton auf einmal in ihren luſtigen, gewühnlichen fallend, trocken und kurz). Was ſoll ich denn bemerkt haben? Fr. v. Lemann. Ach geh— Du biſt abſcheu⸗ lich unausſtehlich. Fanny(herzlich). Und Du meine himmliſche Eliſe unausſprechlich liebenswuͤrdig—(traulich ko⸗ miſch) aber(heimlich) laß Dich trepaniren. Fr. v. Lemann(ſe verweiſend, und doch ſich ver⸗ rathend, daß ſie ſich gern necken laſſe). Fanny! Fanny. Ganz richtig iſt es bei Dir wahrhaf⸗ tig nicht hier(zeigt auf den Kopf). Fr. v. Lemann(gweich). Ich bin nie ver⸗ ſtändiger, nie vernuͤnftiger geweſen, als jetzt. Ich mußte ſo handeln, wenn ich Gewißheit haben wollte, ob das einfaͤltige Geld oder ich— Fanny. Aber wenn Du das aͤrmſte Bauer⸗ — 32— maͤdchen auf Deinen Guͤtern waͤrſt, Du biſt ſo huͤbſch, ſo niedlich, ſo liebreizend— daß— ich habe es ſchon hundertmal geſagt, waͤr' ich ein Mann— Eliſe— Fr. v. Lemann(komiſch verdrüßlich). Ach Du biſt nicht geſcheid. Fanny(im Scherz drohend). Höre, wenn ich nachher einen Backenbart angemacht habe, dann laß ich ſo etwas nicht auf mir ſitzen!(bramarbaſtrend) Herr Bruder auf Ehre!⸗ Fr. v. Lemann. Daß man mit Dir wilden Unband doch auch kein vernuͤnftiges Wort ſprechen kann! Fanny. DO ich kann gleich ernſthaft ſeyn, das heißt in Deinem Sinne— l(als ſänne ſie auf etwas Ernſthaftes, leicht hingeworfen)— ich duͤrfte Dir nur die Ueberzeugung geben, es ſey wirklich Molwitz der da druͤben.(macht die Pantomime eines Flötenſpielers und pfeift, wenn ſie dies bei Damen wohl auch zuweilen übliche Talent beſitzt, einen kurzen Läufer) Fr. v. Lemann(wil's nicht guben, möchte es aber doch gern). Ah Poſſen— Fanny. Nu— ſo gut wir Nacht und Tag hergejagt ſind, als wollten wir die Sonne einholen, ware es ja nicht unmoͤglich, daß er uns auch ein bischen nachgeflogen waͤre. Fr. v. Lemann(hatb vor ſich). Nicht glaublich! Fanny lccherzend). Ich muß Dir nur ſagen— hat mich mein Auge nicht ganz geltaͤuſcht— die und Dient mit von der S ſprach etwas zeichn iſt ſo habe nn— h Du in ich dann ſirend) bilden rechen „das etwas ualr olwitz dielers veilen öte es Tag olen, hein blich! 2n— die — 35— Vorhaͤnge waren zwar dicht zugezogen, aber ich glaube, ich wette, er war es. Fr. v. Lemann(geſpannt). Fanny! Fanny(thut ats ſey ſie ihrer Sache ganz ſicher). Er war es— nu, und wenn er es war? Fr. v. Lemann(gepreßt mit niedergeſchlagenen Augen). Dann wäaͤre ja immer noch die Frage, ob er nicht blos des dummen Geldes— Fanny. Höre, Du biſt unertraͤglich!— Stahl — ja kalter, harter, ſtaͤhlerner Stahl biſt Du. Fr. v. Lemann(bittend). Fanny! Fanny. Aergert Dich dein Fuß, ſo wirf ihn von Dir, ſagt die Schrift; liebe Seele, aͤrgert Dich dein Geld,(läuft an das Fenſter und öffnet es) wirf es von Dir— wirf, ich ſtehe unten, fange es auf, und will damit leben, wie(in dem Augenblick iſt das Dienſtmädchen des Hauſes zur Mittelthüre hereingekommen, mit Gläſern und eiuer Selterflaſche, geht nach der Thür von Frau von Lemann und ſchließt ſie auf, Fanny ſpottet der Frau von Lemann die Worte nach, die dieſe vorhin ſprach und nimmt ſie fröhlich lachend beim Arm im Abgehen) Zucker— Zucker— ohne Zucker ſchmeckt das Selter⸗ waſſer nicht, ohne Liebe lebt ſich's nicht, und ohne Maͤnner reist ſich's miſerabel.(ab) Zweiter Auftritt. Madame Lehmann, Jettchen, nachher Hull. Mad. Lehmann(im eleganten Oberrock, aber etwas phantaſtiſch gekleidet, tritt aus der mit Nro. 3 be⸗ zeichneten Thür, und iſt im Begriffe auszugehen, ſpricht in — 4— die halb offene Thür zurück). Raͤume unterdeſſen ein wenig auf, Jettchen. Jettchen(ungeſehen). Bin ſchon dabei, Cou⸗ ſinchen. Mad. Lehmann(eilig im Abgehn, zeigt in die halb offene Thüre) und packe die weiße Schminke weg und(verweiſend, leiſer) den Lockenkamm, wenn Je⸗ mand kaͤme!— Adjeu! fragt man nach mir, ich bin beim Geheimen Juſtizrath und komme bald wieder,(zieht die Thüre hinter ſich zu und ſchreitet mit felbſtgefälliger Behaglichkeit der Mittelthüre zu; wendet, als hätte ſie etwas vergeſſen, mitten auf der Bühne um, öffnet wieder die Thüre Nro. 3 und ruft hinein) verg iß auch den Mops nicht, mach Alles huͤbſch leiſe, daß Du das arme Thier nicht aufweckeſt, er iſt von der Reiſe ſehr angegriffen und bedarf der Ruhe, und bat er ausgeſchlafen, ſo gib ihm den Reſt der Milch⸗ ſemmel. Die Chatoulle ſchieb unter das Sopha, (zieht hinter ſich die Thür zu und will abgehen) Hull(der engliſch karrikirt, aber eleganter als vor⸗ hin gekleidet, zur Mittelthüre ſo eingetreten iſt, daß er ihre Worte:„die Chatoulle ſchieb unter das Sopha“ hat hören können, von ihr noch ungeſehen, halb laut vor ſich). Das iſt ſie!(in dieſem Augenblicke wendet ſich Mad. Leh⸗ mann ihm mit dem Geſichte zu, iſt im Begriff abzugehen⸗ und erwiedert ſeine Verbeugung im Vorbeigehen mit einer Verneigung). Hull(als ob ev vor ſich ſpräche, redet aber abſicht⸗ lich ſo laut, daß ſie es, noch ehe ſie an die Thüre kommt⸗ hören muß, nachdem er mit dem Blick an ſämmtlichen Thür⸗ numm Zimr N det ſie Sie H Gnaͤt N kaͤnde ſchlech en ein „ Cou⸗ in die kke weg nn Je⸗ nir, ich ne bald itet mit wendet, he um, verg iß ſe, daß von der 2, und Milch⸗ Sopha, als vor⸗ ß er ihre at hören z. Das d. Leh⸗ zugehen⸗ nit einer abſicht⸗ kommt, en Thür⸗ — 35— nummern geſchweift)— Ich weiß nicht, in einem der Zimmer muß doch die Frau von Lemann— Mad. Lehmann(da ſie ihren Namen hört, wen⸗ det ſie ſich um, etwas befangen, doch kokett). Suchen Sie mich? Hull(ſich überraſcht verbeugend). Ach meine Gnädige— habe ich das Gluͤck— Sie ſelbſt— Mad. Lehmann(vor ſich). Gewiß ein Eng⸗ kaͤnder;(herablaſſend) ich bin nicht von Adel, ich heiße ſchlechtweg Madame Lehmann*). Hull(vor ſich). Aha— auch den Adel ab⸗ gelegt—(verlegen, aber zwingt ſich dreiſt zu ſeyn, doch mit ſehe vieler Dezenz, verbeugt ſich) Ich wollte nur (vor ſich) ich will ſterben, wenn ich recht weiß, was ich will. Mad. Lehmann. Ich weiß nicht, mit wem ich die Ehre habe— Hull(verlegen aber raſch einfallend)) Ganz auf meiner Seite, ich bin der Baron Hull. Mad. Lehmann(ſch verneigend). Hull—(als beſänne ſie ſich)— Hull, Hull! Hull(raſch einfallend, damit ſlie niche etwo auch vom Hofſchneider anfange). Das eigentliche uralte Stammgut meiner Familie ſoll die Stadt Hull *) Für eine ſinnige Schauſpielerin bedarf es der Bemer⸗ kung nicht, daß ſie die kleinen Etourderien ihrer Rolle gar nicht betone; je ungeſuchter ſie ihren Lippen ent⸗ fliegen, deſto natürlicher und komiſcher werden ſie klingen. ☛ höoöoſſ — — 36— in der Grafſchaft York ſeyn, ich weiß nicht, oh ſie Ihnen bekannt— Mad. Lehmann(mit einem Knix). Nein, ich habe nicht die Ehre. Hull(gewinnt jetzt Oberwaſſer, wird freier, die Sprache ihm geläufiger, dickthnig), 255 Meilen von London, 5000 Haͤuſer, 30,000 Einwohner, zwei Kirchen, ein Fort, Theater, Boͤrſe, Terpentin⸗, Seife⸗, Spermacoͤti⸗, Wachslichter⸗, Bleizucker⸗, Segeltuch⸗, Zuckerfabriken, Thranbrennerei, Tau⸗ dreherei, 58 Schiffe auf dem groͤnlaͤndiſchen Wall⸗ fiſchfang. Mad. Lehmann(hat auf das alles nicht gehört). Jetzt beſinne ich mich, bei uns iſt ein Hofſchneider Hull— mit dem haben der Baron eine rechte Familienaͤhnlichkeit— frappant. Hull(unangenehm überraſcht, ſammelt ſich mit Ge⸗ walt).— O Gott, welche Seligkeit waͤre es fuͤr mich, dieſes neidenswerthen Hofſchneiders naͤchſter Blutsverwandter zu ſeyn; ich ließe mir dann nicht nehmen, die Prachtarbeiten ſeiner Meiſternadel Ih⸗ nen jedesmal ſelbſt zu Fuͤßen zu legen. Mad. Lehmann. Nein, Herr Baron, da⸗ mit waͤre es nichts— der gute Herr Hull prellt unchriſtlich. Eine Frau in meiner Lage naͤht ſich ihre paar Faͤhnchen ſelber. Hull(vor ſich). Spielt ihre Rolle gut— eine halbe Million, und naͤht ihre Fäaͤhnchen ſich ſelber! (laut) Dieſe Wirthlichkeit, meine gnaͤdigſte(ſich ver⸗ beſſernd Krone M aber( Ikſtizre lich von zu ſpr Hr laſſen). zarte E ren, u ligen. ſeinen gehoͤrt M Mann H geſellen M Lebzeit Hu thek, Stand Hu haͤtte n oh ſie in, ich er, die n von „ zwei entin⸗, ucker⸗, Tau⸗ Wall⸗ gehört). dneider rechte nit Ge⸗ es fuͤr aͤchſter n nicht del Ih⸗ n, da⸗ prellt ht ſich — eine ſelber! ſich ver⸗ — 37— beſſernd) Madame— ſie iſt ein Juwel mehr in der Krone Ihrer Liebenswuͤrdigkeiten. Mad. Lehmann. Oh— Sie ſcherzen!— aber(als müſſe ſie nun aufbrechen, um zum Geheimen Inſtizrath zu gehen, und wolle doch wiſſen, was Hull eigent⸗ lich von ihr gewellt hat) Sie— verlangten vorhin mich zu ſprechen? Hull(cerlegen, doch bemüht, ſich das nicht merken zu laſſen). Ich— ja eigentlich— nur moͤchte ich dieſe zarte Seite Ihres ſchoͤnen Herzens nicht gern beruͤh⸗ ren, und doch iſt meine Anhaͤnglichkeit an Ihren ſe⸗ ligen Herrn Gemahl—(mit verſtellter Theilnahme) von ſeinen letzten Stunden haͤtte ich gern das Naͤhere gehoͤrt. Mad. Lehmann. Kannten Sie denn meinen Mann? Hull. Ob ich ihn gekannt habe? noch als Jung⸗ geſellen. 3 3 Mad. Lehmann. Nicht möglich; bei Ihren Lebzeiten iſt er nie Junggeſelle geweſen. Hull(frappirt). Nie Junggeſelle?— wie ſoll ich das verſtehen? Mad. Lehmann. Er war 50 Jahre verheira⸗ thet, und trat im zwei und zwanzigſten in den Stand der Ehe. Hull. Alſo 72 iſt der Mann alt geworden! das haͤtte man ihm nicht angeſehen! Mad. Lehmann. O doch— er war in der letzten Zeit ſehr gebrechlich, ſehr puͤmplich. Hull. Haben Sie Familie? 1 — 33— Mad. Lehmann(beleidigt). Wo denken Sie bin! Ich war ſeine ſechste Frau, oder vielmehr ſeine Krankenwaͤrterin. Cſeufzend) Ich habe die Ehen kennen gelernt. Hull Chorchend). Nu, doch nicht ſo, daß Sie die Anknuͤpfung eines zweiten Buͤndniſſes auf ewig verſchworen. Mad. Lehmann emit Pathos). Auf ewig und noch laͤnger!(bitter) In den Romanen— ich habe deren viel geleſen, denn ſie waren meine einzige Er⸗ bauung— da lebt noch die Liebe; in der wirklichen Welt gilt nur das Geld. Hull(vor ſich). Aha, nu koͤmmt ſie auf ihr Kapitel.(laut) Madame, Sie urtheilen doch wohl ein wenig zu ſtreng! Mad. Lehmann. Glauben Sie, ich habe die Mannsperſonen ſtudirt— es kann(mit beifälligem Blick auf Hull) Ausnahmen geben, aber viel taugen ſie nicht; ihre erſte Frage— wenn ſie ein Maͤd⸗ chen ſehen, iſt, hat ſie Geld? ihre letzte— hat ſie Geld? Hull(zart). Und meinen Sie denn, daß nicht Einer Sie lieben koͤnne, um Ihrer Reize, Ihrer Tugenden willen? Madd. Lehmann(ſchwärmeriſch. Halb bei Seite)⸗ Einer! ja Einer liebte mich vielleicht— Er ſandte mir täaglich ein kleines Gedicht— ach, und ſeine Floͤte! Hull(bei Seite). Teufel— am Ende Molwitz! ſonne er tri dieſe! den„ „Wer und i H. 8— lich hi hunge M Haben H ganze nes in M Wittr Gutch H Graff verberg in ein imme Sie lmehr Ehen Sie die ewig ig und h habe ige Er⸗ klichen auf ihr h wohl abe die fälligem taugen Maͤd⸗ hat ſie äß nicht „Ihrer ei Seite), rſandte ad ſeine Nolwitz! — 39— (laut, mit ſchmerzlichem Neide). O, dieſer Gluͤckliche! —(heftig, als wolle er ihn auffuchen). Wo iſt er? Mad. Lehmann(weich). Ja, wenn ich das wuͤßte! Ich habe ihn nie geſehen! Nie gekannt— blos mein Maͤdchen erzaͤhlte mir immer von ihm. — Eines Abends beging er die kriminaliſche Unbe⸗ ſonnenheit, ſich unſerm Kammerfenſter zu nahen; er tritt auf einen Haufen alter Bohnenſtangen, dieſe brechen; mein Mann erwacht von dem raſen⸗ den Praſſeln der muͤrben Stangen, und ſchreit: „Wer da!“ Der unbekannte Floͤtenſpieler entflieht, und iſt ſeitdem— verſchwunden. Hull(als baue er auf dieſe Eröffnung ſeinen Plan). O— Madame, dieſes ſelige Ungefaͤhr, Sie end⸗ lich hier zu finden nach ſo tauſendfaͤltigen Bemuͤ⸗ hungen, endlich Ihnen hier gegenüber zu ſtehen!— Mad. Lehmann(angenehm überraſcht). Sie!— Haben Sie mich denn fruͤher ſchon geſeh'n? Hull(mit zartem Anſtande). O, Madame, ein ganzes Jahr habe ich Sie an der Seite Ihres Man⸗ nes in der Reſidenz umſchwebt! Mad. Lehmann. Ich lebe ja erſt ſeit ich Wittwe bin, in der Reſidenz; fruͤher ja auf unſerm Gutchen. Hull(bei Seite). Guͤtchen! gewiß Ane halbe Grafſchaft(aut, etwas verblüfft, aber bemüht, das zu verbergen). Und wenn die Koͤnigin meines Herzens in einer Strohhuͤtte gewohnt haͤtte, ich wuͤrde das immer eine Reſidenz nennen.— Noch denke ich mit Schrecken an die Geſchichte mit den verwuͤnſch⸗ ten Bohnenſtangen. Mad. Lehmann Gweifelnd) Das waͤren— Sie geweſen? Hull. O jene Sommernacht, ich werde ſie nie vergeſſen. 8 Mad. Lehmann(an ihm irre werdend),. Es war ja im Winter! Hull(feurig). Madame! und häͤtte ich auf ei⸗ ner Eisſcholle an der Kuͤſte von Spitzbergen geſeſ⸗ ſen; Ihnen ſo nahe, graſſirten hier(auf ſein Herz zeigend) continuirlich die Hundstage! Mad. Lehmann(angenehm überraſcht, aber mäd⸗ chenhaft). Das waͤren Sie geweſen, der damals auf der Floͤte immer ſo wundervoll manoͤvrirte? Hull(ſelbſtgefällig, aber doch immer ſo, daß man ihm anhört, als wollte er ihr weis machen, daß er die Flöte geblaſen). Haben Sie heute da druͤben im Planeten keine Floͤte gehoͤrt? Mad. Lehmann. O wohl! Aber(ſchwärme⸗ riſch) das waren nicht die Toͤne von damals.(weich in der ſeligen Erinnerung) Jener fing allemal an: „Was ich bei Tag mit der Leier verdient ꝛc.“*) Hull(ſchmachtend). Damals, ja, da war ich in Ihrer Naͤhe! Da ſprach mein Inſtrument den Froh⸗ ſinn, den Leier⸗Wind meiner Seligkeit aus.— *) Sonte dieſes Liedchen im dortigen Publikum nicht bekannt ſeyn, kann ein anderes dort ſehr bekanntes Lied genannt werden. . Aber das l nen Erklaͤ Morg NM — di H rend er nachhe bemerk Gedich ganze koͤnne verdar ſel, de es in dem 6. der Br ſinne Tiſchche ab— M wie die ich den kennen gefällig) Hu Bedeutu ſchriebe LXX mäd⸗ s auf man Flöte neten ärme⸗ (weich an. 7*) ich in Froh⸗ 8.— nicht anntes — 41— Aber jetzt— ich waͤhnte mich fern von Ihnen— das Ungluͤck, Sie nicht ſehen zu koͤnnen, von Ih⸗ nen getrennt zu ſeyn, beugte mich tief nieder.— Erklaͤren Sie ſich nun die Wehmuth, die heute Morgen meine Lippen in das Inſtrument hauchten? Mad. Lehmann(geſchmeichelt). Und die Verſe — die haͤtten Sie alle ſo ſchön fabricirt? Hull(verlegen aber dreiſt im Lügen, macht, wäh⸗ rend er das Folgende ſagt, in Gedanken das Gedicht, das er nachher niederſchreibt, was man an den kurzen Pauſen bemerken kann, die er in der Rede macht). Mein letztes Gedicht blieb ich Ihnen ſchuldig.— Ich war den ganzen Tag gelaufen, Sie nur einmal ſehen zu können;— bis zum Tode muͤde, gerathe ich in die verdammten Bohnenſtangen— o— dieſes Gepraſ⸗ ſel, das die morſchen Dinger machten, noch toͤnt es in meinen Ohren wieder— das Alles kam in dem Gedicht vor—(nimmt Papier und Bleifeder aus der Brieftaſche, ſinnt). Warten Sie, vielleicht be⸗ ſinne ich mich noch, wie es lautete. Cſetzt üch an ein Tiſchchen, ſinnt zuweilen, zählt die Sylben an den Fingern ab— und ſchreibt) Mad. Lehmann oor ſich). Wie ſonderbar! wie diskret doch manchmal das Schickſal iſt!— Muß ich den Dichter mit ſeiner Flöte hier finden, hier kennen lernen,— er iſt gar nicht uneben,(wohl⸗ gefällig) entſetzlich aͤſthetiſch— und Baron! Hull(ſteht auf, und überreicht ihr das Blatt; mit Bedeutung). Ich hatte mir es damals in das Herz ge⸗ ſchrieben, und darum iſt mir auch kein Wort entfallen. LXXX. 4 — 42— Mad. Lehmann(ieſ't mit zarter Empfindung⸗ aber nicht outrirt). Wenn bei des Abends kühlem Scheine Die Stimme der Erinn'rung ſpricht, So ſeufzen meine müden Beine, Ein praſſelndes Vergißmeinnicht! (gerührt) Das iſt goͤttlich! Hull(feurig). So fuͤhlte ich damals— ſo fuͤhle ich jetzt.— O Madame, und Sie koͤnnen mich Jahre lang ſchmachten— mich vergeblich verſchmach⸗ ten ſehen?— Sie koͤnnten bei meiner ſuͤßen Ver⸗ zweiflung ungeruͤhrt bleiben? Mad.⸗ Lehmann(uärtlich— verlegen). Ich bin geruͤhrt. Hull. O ſo ſprechen Sie es aus, das Wort der Weihe!— Sie ſehen hier einen Mann vor ſich, der ſein ganzes Lebensgluͤck nur in Ihrem Beſitz findet.— Was iſt Gold, was ſind alle Schaͤtze Pe⸗ ru's gegen dieſe Hand! Mad. Lehmann(mädchenhaft, verſchämt, mit einem komiſchen, aber nicht outrirten Kuix). Herr Ba⸗ ron, Sie ſetzen mich in eine eklatante Verlegenheit! Mein geringes Vermoͤgen— Hull(einfauend). Ich weiß, ich weiß— o waͤ⸗ ren Sie ganz mittellos, aleer irdiſchen Guͤter ganz entbloͤßt, dann ſollten Sie erſt den Grad meiner grenzenloſen Leidenſchaft erkennen lernen.— An Ihrer Seite biete ich jedem Mangel Trotz.— Laſ⸗ ſen Sie mir dieſe liebe Hand:— Sagen Sie Ja, und die Erde ſoll mein Himmel ſeyn. haſtig ſeh'n, Grupp H dame ne Bi aber- außer M kleine (zeigt M M Ihner ndung, fuͤhle mich mach⸗ Ver⸗ ſch bin Wort or ſich, Beſitz tze Pe⸗ at, mit rr Ba⸗ enheit! o waͤ⸗ er ganz meiner — An — Laſ⸗ Sie Ja, — 4— Mad. Lehmann(in gezierter holder Verneigung). Sie haben mich merveilleuſe uͤberraſcht.(ſchmachtend) Sie haben mein Herz ganz convulſtviſch getroffen. Hull. Schlagen Sie ein— engliſche, goͤttliche Frau, ſey mein! Mad. Lehmann(ſinkt in ſeine Arme). Mein Baron, mein Hull! Dritrter Aufrritlt. Vorige. Madame Kohlow. Mad. Kohlow(tritt, ats verfolge ſie Jemand, haſtig herein, ſieht halb zur Thüre hinaus, als wolle ſie ſehe'n, ob der Verfolger nachkomme, und ſcheint von der Gruppe, die ſie hier findet, überraſcht zu ſeyn). Hull(ohne deren Aengſtlichkeit zu bemerken). Ma⸗ dame Kohlow—(auf Madame Lehmann weiſend) mei⸗ ne Braut— ſo eben habe ich Gluͤcklicher das Jaw— aber— was fehlt Ihnen denn?— Sie ſind ja ganz außer ſich! Mad. Kohlow(hat bei der Brautvorſtellung eine kleine Gratulations⸗Verbeugung gemacht, noch halb athem⸗ los). Ach, es war unten ein Menſch— ein Herr! der— Hull. Nun? Mad. Kohlow. Ich glaube, es iſt hier— (zeigt auf die Stirne) nicht ganz richtig mit ihm! Mad. Lehmann. Nu, was wollte er denn? Mad. Kohlow. Er hat(zur Lehmann) nach Ihnen gefragt, und das mit einer Haſt, mit einer — 44— Wildheit— um ſeiner los zu werden, hat Jere⸗ mias geſagt, Sie waͤren ſchon abgereiſ't. Hull(der zu errathen ſcheint, wer es geweſen). Das hat er gut gemacht! Mad. Lehmann. Nach mir?— Mein Gott, ich bin ja hier ganz fremd! Wer koͤnnte denn— das— Lſeyn?] Mad. Kohlow. Ich habe ihn ſelbſt nicht ge⸗ ſehen, aber der Hausknecht ſagt, es ſey ein huͤb⸗ ſcher junger Menſch geweſen; er meint, es waͤre der Graf Molwitz— der geſtern aus der Reſidenz angekommen iſt, und dieſe Nacht druͤben im Pla⸗ neten logirt hat. Mad. Lehmann(theitnehmend). Graf Mol⸗ witz— Graf— Hull einfallend). Ach der?— iſt der hier? ja der iſt ganz verruͤckt, der iſt total toll! Er hat die fire Idee, daß die Dame ſeines Herzens gefluͤchtet, unn reiſ't er ihr nach. Er hat fruͤher ſchon zwei⸗ mal an Ketten gelegt werden muͤſſen. Mad. Kohlow. Mein Gott— und ſo ein huͤbſcher junger Meuſch! Mad. Lehmann(theilnehmend). Und der Herr Graf fragte nach mir? Hull(ſtutzt ats er dies bört, und lügt deſto dreiſter). O, er iſt auf alle Frauensperſonen erſchrecklich arg; die er habhaft werden kann, beißt er. Mad. Lehmann. Und ſolche Leute laͤßt man frei herum gehen? Hull(achfelzuckend). Schlechte Polizei— auch Aber es m 9 fürch 4 Und Mad Nori Wir verſten zu ſe 5 net, Mada Graf den F von mann beide. nier t⸗ cken k M ja Jei die Th M Jere⸗ deſen). Sott, an— bt ge⸗ huͤb⸗ waͤre ſidenz Pla⸗ Mol⸗ r? ja at die ichtet, zwei⸗ o ein Herr eiſter). arg; man auch zuweilen wohl ſeine vernuͤnftigen Perioden.— — 45— Mad. Lehmann. Aber von allem dem habe ich ja in der Reſidenz kein Wort gehoͤrt! 8 Hull. Er iſt Graf! Bei Leuten unſers Stan⸗ des vertuſcht man ſo etwas gern, und dann hat er Aber jetzt— gerade in der jetzigen Jahreszeit iſt. es mit ihm allemal am Schlimmſten. Mad. Lehmann. Gott, liebſter Baron, ich fürchte mich ſo, begleiten Sie mich zum Wagen. Hull(bietet ihr den Arm, zu Madame Kohlow). Und ſollte er wieder kommen, bleiben Sie dabei, Madame Lehmann iſt abgereiſ't, nach London, nach Nordamerika! und von mir ſagen Sie ihm nichts. Wir waren ſonſt Bekannte— Freunde! und emit verſtellter Theilnahme) ihn in ſeinem jetzigen Zuſtande zu ſehen, wuͤrde mir durch die Seele gehen. 4 (Beide ab.) Mad. Lehmann(vprallt, als Hull die Thüre öff⸗ net, mit lautem Angſtgeſchrei zurück, und will ſich hinter Madame Kohlow verſtecken). Der Graf, der verruͤckte Graf!(die Thure bleibt offen, man ſieht durch dieſe auf den Flur, und erblickt den Hausknecht, eine Karrikatur von Dummheit, der auf den Schrei der Madame Leh⸗ mann näher kommt, in die offen gebliebene Thure tritt, beide Hände auf die Kniee ſchlägt, und ſich in ſeiner Ma⸗ nier todt lachen will, daß man vor ihm ſo hat erſchre⸗ cken können.) Mad. Kohlow(uachend). Mein Gott, das iſt’ ja Jeremias, unſer Hausknecht!(dieſer geht ab, macht die Thüre hinter ſich zu.) 6 Mad. Lehmann. Ich zittere noch an Haͤn⸗ — 46— den und Fuͤßen— ich habe ein zu uͤberdelikates Nervenſyſtem. Hull cbietet ihr den Arm wieder). Angebetete, laſ⸗ ſen Sie uns nur machen, daß wir fortkommen; am Ende uͤberraſcht uns Sr. wahnwitzige Hochgraͤfliche Gnaden in hoͤchſt eigener Perſon ſelbſt. Mad. Lehmann(im Abeilen). Ich haͤtte den lebendigen Tod vor Schreck.(Alle ab). Dritter Aufzug. Erſter Auftritt. Zimmer wie im vorigen Aufzuge. Frau von Lemann und Fanny treten Beide in eleganten Mannskleidern mit Hut und Stock aus ihrem Zimmer, Beide haben ſich durch Backenbärte verſtellt. Sie ſind im Ausgehen begriffen. Fanny. Nun ſollſt Du einmal ſehen, nun geht es viel beſſer. Mich ſoll kein Menſch erkennen. Ich habe mit dem Stocke ordentlich Courage bekommen. Fr. v. Lemann. Ich nicht! Mir iſt entſetzlich angſt— es iſt mir Alles, wie zu eng! Fanny. Ja Kind, Du mußt ganz andere Schritte machen— beeit, als wollteſt Du die Erde eintreten— plump— roh— bruͤske— imperti⸗ nent.— Denk nur immer an unſere Elegants in der Reſidenz! ein, gung F mime eben Lehma vielle . N kates „ laſ⸗ am fliche 2 den Beide ck aus nbärte ngeht . Ich imen. etzlich ndere Erde perti⸗ ts in .— 4— Fr. v. Lemann. Nein, ich ziehe mich wie⸗ der aus. Fanny. J warum nicht gar!— Sieh—(thue ſo, als ſpiele ſie die Rolle eines jungen Pflaſtertreters in einem Kaffeehauſe) aber die Stimme muͤſſen wir auch noch aͤndern, Du piepſt auch noch viel zu ſehr— alſo auf dem Kaffeehauſe(ſetzt ſich eine Brille auf, wirft ſich nachläßig auf einen Stuhl, ſpricht möglichſt tief) Marqueur!— Garcgon! Wo bleibt denn der Schlingel! Fr. v. Lemann(erſchrocken), Es kommt Je⸗ mand! Fanny(ſpringt auf, horcht).— J— kein Menſch — und hoͤre, den Maͤdchen muͤſſen wir die Cour ſchneiden, nach Noten— Herr Bruder, bin ich nicht ein netter Menſch?— Was ſollen die armen Dinger ſich in uns verlieben— aber wir laſſen ſie verſchmachten— Alle— Zweiter Auftritt. Vorige. Madame Lehmann. Mad. Lehmann(kömmt aus der Mittelthure her⸗ ein, will nach ihrem Zimmer und erwiedert die Verbeu⸗ gung der beiden jungen Herren ſehr freundlich). Fanny(macht der Frau von Lemann durch Panto⸗ mime verſtändlich, daß ſie gleich ihr Probeſtuck von dem eben erwähnten Courſchneiden machen wolle, zu Madame Lehmann). Suchen Sie, mein ſchönes Kind, hier vielleicht Jemand? Mad. Lehmann(von dem Worte ſchönes Kind — 4— geſchmeichelt und doch verlegen). Bitte guͤtigſt um Ver⸗ zeihung, ich logire hier. Fanny. O wie gluͤcklich— in einer ſolchen rei⸗ zenden Nachbarſchaft(zu Fr. v. Lemann, heimlich) Rede doch auch. Mad. Lehmann. Sie flattiren— auch ich weiß die Ehre zu ſchaͤtzen,—(über ihren Einfal ſelbſt⸗ gefällig lächelnd) der kleine Catechismus ſagt ja ſchon⸗ „gute Nachbarn und desgleichen.“ Fanny(ſchelmiſch drohend). Aber er ſagt auch: Du ſollſt nicht ſtehlen, und ich weiß nicht, ich weiß nicht, es iſt mir, als muͤßte man ſich,(die Hände auf ſein Herz legend) wenn man das Seinige behal⸗ ten wolle, vor Ihnen ſehr in Acht nehmen. Mad. Lehmann Cihn verſtehend mit ſchalkhaftem Lächeln und einer kleinen Verbeugung): O— Sie ſind ſehr elegant.(ſie will eigentlich galant ſagen) Fanny(zu Fr. v. Lemann heimlich): So rede doch — nur Courage! Fr. v. Lemann(ſehr befangen, zwingt ſich aber möglichſt). Gefaͤllt es Ihnen hier— ſind Sie mit dem Wetter zufrieden? Mad. Lehmann. Wiſſen Sie davon? Ja— und nein, wie Sie es nehmen wollen! Im Gan⸗ zen haͤtte ich nichts dawider— das Maͤdchen, die Jette, iſt ein gutes Kind, aber wie man ſie ſo lie⸗ ben kann, geht mir uͤber meinen Helleſpont. Fanny(zu Frau v. Lemann).(Beide haben wäh⸗ rend der Rede der Mad. Lehmann ſich durch Pantomime zu verſtehen gegeben, daß dieſe in Räthſeln ſpreche, heim⸗ lich).. es im K M wohl a Pfenni der M ſaͤcke bi Fr. verſtänd vorhin l gluͤcklich Ma hat nich Fr. ſeligen Ma Ich wei Fal die Lieb Verbengt Hypothe Fr. Geſpräch Ma Wetter Claure Ver⸗ en rei⸗ mlich) ich ich ſelbſt⸗ ſchon⸗ auch: weiß Hände behal⸗ haftem 2 ſind 2 doch ) aber 2 mit Ja— Gan⸗ „ die o lie⸗ wäh⸗ omime heim⸗ — 49— lich). Ich glaube, die iſt(macht das Zeichen, als ob es im Kopfe der Madame Lehmann nicht ganz richtig ſey.) Mad. Lehmann. Huͤbſch iſt ſie und geſchickt wohl auch, aber ſie hat doch auch keinen rothen Pfennig im ganzen Vermoͤgen, und doch liebt ſie der Menſch, der Wetter, als koͤnnte ſie in die Geld⸗ ſaͤcke bis an den Ellenbogen greifen. Fr. v. Lemann(die ſich mit Fanny unterdeſſen verſtändigt, daß ſte nun wiſſen, was Madame Lehmann vorhin habe ſagen wollen; mit tiefer Empfindung). Das gluͤckliche Maͤdchen! Mad. Lehmann. Das ſagen Sie nicht!— Er hat nichts— ſie hat nichts— Fr. v. Lemann(ihr in das Wort fallend). Die ſeligen Menſchen— Sehen Sie— das— iſt Liebe. Mad. Lehmann(ats ob ſie die Anſicht nicht theile). Ich weiß wohl auch, was Liebe iſt, aber— Fanny. O, Sie engliſches Kind, wenn Sie die Liebe kennen, wenn Sie dies Goͤttergefuͤhl ken⸗ nen,— ſo muͤſſen Sie den raſenden Sturm bemer⸗ ken, der mein Herz bewegt, ſeit ich mich in der Gluth Ihres Liebreizes ſonne!— Mad. Lehmann(verſchämt mit einer kleinen Verbengung). O, mein Herr, dieſe deklamatoriſchen Hypotheſen. Cfür ſich) Er iſt ganz allerliebſt! Fr. v. Lemann(die mit ſich beſchäftigt, auf das Geſpräch nicht gehört hat). Wenn nun der Wetter— Mad. Lehmann cerbeſſernd). Herr Secretair Wetter— Clauren Schr. LXXX. 5 — 56— Fr. v. Lemann. Wenn es nun gemacht wuͤr⸗ de, daß der Herr Secretair Wetter ein anderes Maͤdchen kennen lernte, das ſehr reich waͤre, glau⸗ ben Sie, daß er von Ihrem Jettchen— Mad. Lehmann. Gott bewahre,— der laͤßt von der Jette nicht! Das hängt wie Klette an Klette. Fr. v. Lemann(Gglücklich erfreut). Gibt es denn noch ſolche Menſchen in der Welt! Fanny. Millionen— ich ſelb ſt—(zu Madame Lehmanm und waͤre bei Verleihung der zeitlichen Guͤ⸗ ter der Himmel gegen Sie ſo gutig geweſen, als er Sie, hinſichtlich der aͤußern Liebenswuͤrdigkeiten, verſchwenderiſch bedacht hat, ich wuͤrde unbedenklich zu Ihren Fuͤßen meine Grafenkrone niederleg Lniederlegen ꝛc.] Mad. Lehmann. Alſo Graf?— Ach Herr Graf,(zart) es iſt, als ſetzten Sie einen Pfropfenzie⸗ her auf mein Herz. Fanny(verſt ll, leidenſchaftlich). Ja, ich will es entſtoͤpſeln dieſes ſchoͤne Herz, ich will das Lechzen meiner gluͤhenden Liebe traͤnken mit dem Honig⸗ ſeim Ihrer— Mad. Lehmann(überwunden— zärtlich); O halten Sie ein, Herr Graf—(in holder Verwir⸗ rung) Ihre aͤſthetiſchen Zumuthungen— Sie ſind wohl ein wenig raſch— Ich weiß noch nicht ein⸗ mal, mit wem ich— die Ehre habe— Fanny. Ich—(verlegen, will. ſich das aber nicht merken der ihr M ſchrei; Graf ſich) 0 toll iſ 5 Fr ſchen 8 über 8 Lehman um 2 (bitter (ernſt) in der ht wuͤr⸗ anderes 2, glau⸗ der laͤßt lette an es denn Madame chen Guͤ⸗ en, als igkeiten, edenklich derleg— lch Herr opfenzie ch will es 3 Lechzen n Honig⸗ etlichd; O er Verwir⸗ Sie ſind nicht ein⸗ s aber nicht merken laſſen— als nenne ſie den erſten beſten Namen, der ihr beifane) Graf Molwitz. M ad. Lehmann(pralt mit einem lauten Schreck⸗ ſchrei zurück).— Graf Molwitz?— DVer verruͤckte Graf Molwwitz?(nach ihrer Thüre zueilend, halb vor ſich) Ewig Schade, daß der huͤbſche junge Menſch toll iſt!(ab) Dritter Auftritt. Vorige ohne Madame Lehmann. Fr. v. Lemann(die während des Geſprächs zwi⸗ ſchen Fanny und Madame Lehmann, bald Verwunderung über Fanny's Muthwillen geäußert, bald über Madame Lehmann gelacht hat) Aber Fanny— wie kannſt Du ſo entſetzlich leichtſinnig ſeyn— und warum nann⸗ teſt Du gerade dieſen Namen— und—(ängſtlich) ſagte ſie nicht—. Fanny. Er wäre toll! Nicht wahr, das waͤre herrlich! Wenn er den Verſtand verloren, wenn er um Deinetwillen wahnſinnig geworden waͤre— dann, ja dann wärſt Du von der Aechtheit ſeiner Liebe uͤberzeugt. Fr. v. Lemann. Beſte Herzens⸗Fanny, wie kannſt Du über ſo etwas ſcherzen!— Denk' Dir um Gotteswillen das Ungluͤck!— Fanny(ironiſch fröhlich). Ein köoͤſtliches Ungluͤck; (bitter ſcherzend) dann iſt ja unſer Zweck erreicht! (ernſt) Der Menſch hat gethan, was ein Liebender in der Welt nur vermag, um die Reinheit ſeiner 5* ————— — 52— Abſichten zu verlautbaren, er hat ſich in dem Stre⸗ ben, die Lauterkeit ſeiner Gefuͤhle zu beweiſen, faſt erſchoͤpft. Je mehr er ſich naͤherte, deſto mehr entfernten wir uns; je mehr er ſchmachtete, deſto mehr ſtuvirten wir darauf, ihm die raffinirteſte Kaͤlte entgegen zu ſetzen. Seine innige, ſeine herz⸗ liche, ſeine beiſpielloſe Liebe war nichts als Spe⸗ kula tion auf unſer Geld.— Glaubſt Du denn, daß ein ſolches ewiges Verkennen, daß ein ſo grauſa⸗ mes Spiel, einen ſo zartfuͤhlenden Mann nicht am Ende um den Verſtand bringen kann? Fr. v. Lemann. Hoͤr' auf, Fanny— ich kann ja nicht dafuͤr!— Fanny. Du— nein, Du nicht! Du haſt ihn nur um alle ſeine Hoffnungen betrogen, ihm nie, wie er es doch wahrſcheinlich verdiente, offen und ehrlich begegnet, ihm das Herz unter den Marter⸗ ſchrauben Deiner peinigenden Zweifel grauſam zer⸗ foltert, weiter nichts. Fr. v. Lemann(ſchmerzlich). Du mißhandelſt mich— wie hatt ich denn anders ſeyn koͤnnen, was ſollte ich denn thun?— Fanny. Was Dir Dein Herz gebot— wahr, wahr gegen ihn ſeyn, und das Wort der Liebe, das in Deiner Bruſt und aus jeder Deiner Handlun⸗ gen ſpricht, uͤber die Lippen bringen. Fr. v. Lemann(voon der Angſt gepreßt, mehr an ſein Unglück, als an ſich denkend— halb weinend). Nun za, ich liebe ihn ja! Wahnn Fr. hend, ſch Fal fallend). Molwit war am tig.— Molwit wohl ei doch end lich Dei ich liebe Fr. Fanny, Fan geweſen Jett Y Le Fan Kind!( charman Jett Stre⸗ veiſen, mehr deſto nirteſte he herz⸗ s Spe⸗ in, daß grauſa⸗ icht am ch kann haſt ihn zm nie, en und Narter⸗ am zer⸗ handelſt koͤnnen, wahr, ebe, das andlun⸗ mehr an 2). Nun — 35— Fanny(fehr ernſt). Endlich preßt ihr die Angſt das Geſtaͤndniß ab!— Sieh— dahin— bis zum Wahnwitz haben ihn Deine Zweifel gebracht. Fr. v. Lemann(vor Liebe und Unruhe faſt verge⸗ hend, ſchmerzlich). Gott— ich zweifle ja nicht mehr! Fanny(wieder in ihren vorigen luſtigen Ton zurück⸗ fallend). Nu— Sey nur ruhig— Unſer Freund Molwitz iſt das nicht, von dem die ſprach!— Der war am Abend unſerer Abreiſe noch ganz vernuͤnf⸗ tig.— Wer weiß, welchen die meinte, es gibt der Molwitzen mehrere im Lande, einer deren kann wohl einmal ein Bischen verruͤckt ſeyn! Habe ich doch endlich Dein Bekenntniß— habe ich doch end⸗ lich Dein Herz gehoͤrt.(macht es ihr nach)„Nun ja, ich liebe ihn ja— Gott— ich zweifle ja nicht mehr.“ Fr. v. Lemann Cböſe, daß ſie ſich verrathen). Fanny, Du biſt unausſtehlich— unertraͤglich— Fanny(gurmüthig fröhlich). Und Du nie ſchoͤner geweſen, als in dieſem Augenblick! Vierter Auftritt. Vorige. Jettchen. Jettchen leine Platte in der Hand, kommt aus der Mittelthüre, und will in das Zimmer der Madame Lehmann). Fanny. Sieh mal, was fuͤr ein niedliches Kind!(zu Jettchen) Sagen Sie, wer iſt denn die charmante junge Dame hier in dem Zimmer? Jettchen. Das iſt meine Couſine. —— Fanny. Ach— da ſind Sie wohl das wun⸗ derhuͤbſche Jettchen? Die Braut vom Herrn Secre⸗ tair Wetter? Jettchen(ganz überraſcht, ſetzt die Platte auf die Erde). Woher wiſſen Sie? Kennen Sie denn? Fanny. Ich weiß Alles— Wetter iſt mein vertrauteſter Jugendfreund!— Ihre ganze Liebes⸗ geſchichte vom erſten Anfange an, Alles hat er mir erzaͤhlt— der iſt in Sie verliebt, ſo etwas habe ich in meinem Leben nicht geſehen! Aber freilich, wer eine ſolche Wahl getroffen. Jettchen(weifelnd). Sein Jugendfreund? Ih⸗ nen Alles erzaͤhlt? Fanny(dieſe Zweifelfragen abſichtlich überhörend, noch zuverſichtlicher lügend). Einen Fehler hat er, der mir oft recht viel Kummer macht. Es iſt ihm nicht moͤglich zu glauben, daß Sie ihn in dem Grade lieben, als er Sie. Jettchen cſanft). Ach, und da thut er mir ſo Unrecht. Fanny. Ich weiß, ich weiß— ich habe ja alle Ihre Briefe geleſen. Jettchen. Alle?(wieder etwas zweifelnd) Ich habe ihm ja nur zwei geſchrieben. Fanny(etwas verblüfft). Nu ja, alle zwei— alle zwei beide wollte ich ſagen.(wieder dreiſter) Wetter, habe ich geſagt, und an des Maͤdchens Liebe kannſt Du zweifeln? Spricht nicht aus jeder Zeile die ſuͤßeſte, die herzinnigſte Liebe? Ja, Freund, ruft er dann aus⸗ undr ben fe — w meine & 83 ewige beten F er ſei 8 wun⸗ Secre⸗ auf die un? ſt mein Liebes⸗ er mir as habe freilich, nd? Ih⸗ rhörend, er, der )m nicht Grade mir ſo e ja alle d) Ich ei— alle Wetter, unſt Du ſuͤßeſte, ann aus, und ringt die Haͤnde, wie ſoll ich den kuͤhnen Glau⸗ ben feſt halten, daß mich dies Engelsmaͤdchen liebe — was kann ich ihr denn bieten?— Du kennſt meine beſchraͤnkte Lage! Jettchen(treuherzig) Ja, ſehen Sie— dieſe ewigen Zweifel! wie oft habe ich ihn flehentlich ge⸗ beten. Fanny(Wetter entſchuldigend). Freilich, wenn er ſeine beſchraͤnkte Lage bedenkt— Jettchen(weich). Ach, Geld iſt la nicht Liebe! Fanny(zupft heimlich Frau v. Lemann, als wollte ſte dieſelbe auf das, was Jettchen ſagt, aufmerkſam machen). Wenn er fuͤrchtet, daß ein anderer Wohlhabenderer komme, und Ihnen ſeine Hand bieten koͤnnte. Jettchen. Und wenn er Herr der ganzen Welt waͤre!— Die Liebe, was ſo die eigentliche, rechte, reine Liebe iſt, die hat ja keinen andern Schatz als das Herz. Fr. v. Lemann. O, mein gutes liebes Kind, wie wahr, wie erquickend ſind mir Ihre Worte. Jettchen(ſteht Fanny an, als verſtehe ſie Frau v. Lemann nicht). Fanny(heimlich zu Jettchen). Dem(auf Frau v. Lemann weiſend) geht es auch ſo, nur im umge⸗ kehrten Falle; er iſt zu reich. Fettchen(ats begreife ſie das nicht). Zu reich? Fanny. Und da bildet er ſich ein, ſein Maͤd⸗ chen liebe ihn blos um des Geldes willen. — 56— Jettchen. Da iſt ſeine Lage noch ſchlimmer! Fr. v. Lemann(die das gehört, lebhaft). Nicht wahr, noch tauſendmal ſchlimmer? Jettchen. Das koͤnnte mich um mein bischen Verſtand bringen! Ja, wahrhaftig, da koͤnnte es mir gehen, wie dem armen Grafen Molwitz! Fr. v. Lemann(überraſcht). Molwitz? Jettchen. Der iſt total verruͤckt. Fanny. Was iſt denn das für ein Molwitz? Jettchen. Geſehen habe ich ihn noch nicht; er reiſ't ſeiner Geliebten nach, und iſt geſtern aus der Reſidenz angekommen; zweimal ſchon haben ſie ihn an Ketten legen muͤſſen! Er raſo't ſchrecklich und beißt um ſich wie ein Tiger! Fr. v. Lemann(ſchlägt mit einem Schmerzens⸗ ſchrei die Hände in einander, und ſinkt ohnmächtig auf ei⸗ nen Stuhl nieder). 3 Jettchen. Um Gotteswillen!(eilt auf Frau v. Lemann zu). Fannyv(mit Frau v. Lemann beſchäftigt, zu Jettchen). O Liebe, in unſerm Zimmer links auf dem Tiſche das Flaͤſchchen— Jettchen(raſch dahin ab). Fanny(mit Frau v Lemann beſchäftigt, wiſcht ihr zugleich bei dieſer Gelegenheit unvermerkt das aufgelegte Roth ab, ängſtlich). Liebe, engliſche Eliſe!— Mein Gott, ſie hoͤrt nicht, ſie athmet nicht— das iſt Alles von der verdammten Liebe! Jettchen Ckommr eilig zurück, beſprengt Frau von Lemann, und leiſtet die in ſolchen Fällen gewöhnlichen kleinen Huͤlfer Herr ſteht F F G— J ich bi denn boͤſe F ihr die Kopfe v. Len mann an Jet J Geſcht Moln Fraud F ihm d J — wie den F dabei W das Zi er! Nicht schen te es witz?2 t; er s der e ihn und rzens⸗ uf ei⸗ Frau chen). Liſche )t ihr elegte Mein s iſt n von einen Hülfen. Während dem ſagt ſie theilnehmend). Der arme Herr!— Gott, wie blaß er iſt— der kalte Schweiß ſteht ihm auf der Stirn. Fanny. Er bewegt ſich— er ſchlägt die Augen— 57— Fr. v. Lemann(ſeufzt). Jettchen. Er lebt— Gott ſey ewig Dank!— ich bin vor Angſt doch bald geſtorben! Iſt Ihnen— denn nun wieder beſſer? und Sie ſind doch nicht boͤſe auf mich!— Fr. v. Lemann(ſchwach und ſehr weich, reicht ihr die Hand). Mein gutes Kind!(und ſinkt mit dem Kopfe an Jettchens Bruſt, die neben dem Stuhle der Frau v. Lemann ſteht; Jettchen ſchlägt den Arm um Frau v Le⸗ mann, die bis zu Wetters Eintritt noch halb ohnmächtig an Jettchens Buſen ruht). Jettchen. Ich war ja eigentlich an der ganzen Geſchichte Schuld— wenn ich nur nicht von dem Molwitz angefangen haͤtte.(zu Fanny) Kennt er(auf Frau v. Lemann deutend) ihn(Motwitz meinend) denn? Fanny. Es iſt ſein beſter Freund! Und da ging ihm das Ungluͤck des armen Menſchen ſo nahe! Jettchen. Ach Gott! eine ſolche Freundſchaft — wie zart, wie ruͤhrend!— Wenn dies Ungluͤck auf den Freund ſo wirkt, was mag erſt die Geliebte dabei fuͤhlen! Fuͤnfter Auftritt. Wetter(paatzt ſehr raſch zur Thür hinein, will in das Zimmer der Madame Lehmann, wo er Jettchen ver⸗ Vorige. Wetter. 2 — — muthet, und erſtarrt, als er in ihren Armen den jungen Fremden erblickt). Jettchen,(bitter) das iſt ja eine al⸗ lerliebſte Gruppe. Jettchen(erſchrocken, während Frau v. Lemann aufſpringt). Ach, lieber Wetter, der Herr hier— fiel in Ohnmacht. Wetter. In Deinen Armen? Fanny(kurz). Mein Herr! Wetter(betonend). Mein Herr! Fanny(raſch und verſtellt wild) Mein Herr! Wetter(wüthend). Mein Herr! Jettchen(ſich dazwiſchen ſtellend, ängſtlich). Gott — laßt doch mit Euch reden— ich denke, Ihr ſeyd Jugendfreunde. 3 Wetter. Ich? Ckurz und wegwerfend) ich habe (auf Fanny deutend) den Herrn nie geſehen. Fanny(eben ſo). Ich auch nicht. Wetter. Nie gekannt. Fanny. Ich auch nicht. Jettchen(ganz verwundert zu Fanny). Aber Sie ſagten ja, als ich Wetter nannte— Fanny(turz). Es gibt mehr Wetter, gute und ſchlechte! Wetter(wild). Herr, keine Anzuͤglichkeiten, oder— wir ſprechen uns! Fanny(ealt, feſt). Lieber heut' als morgen. Jettchen. Gott— bin ich nicht ein Ungluͤcks⸗ kind! Erſt faͤllt der(auf Frau v. Lemann deutend) mei⸗ netwegen in Ohnmacht!— und nun wollen die ſich meinetwegen gern mit einander ſchlagen. angen e al⸗ nann fiel 2— Gott ſeyd habe Wetter. Deinetwegen? Das ſind ganz char⸗ mante Neuigkeiten. Cherriſch) Was machteſt Du hier — wie kamſt Du uͤberhaupt hierher? Jettchen. Ich?— ich hatte mir aus der Kuͤ⸗ che einen heißen Stahl geholt, Cläuft zur Platte und hebt ſie auf, erſchrickt) ach mein Himmel, was fuͤr ein großer ſchwarzer Brandfleck!*) Wetter. Haͤtteſt das ganze Haus anſtecken koͤnnen!— die ganze Stadt. Jertchen. Dein Argwohn(auf ihr Herz zeigend) brennt tiefer, ſchmerzlicher! Wetter. Argwohn!— wenn ich mit zwei ei⸗ genen Augen ſehe, daß— Fr. v. Lemann(aanft). Seyn Sie nicht unbil⸗ lig gegen das liebenswuͤrdige Kind; es ſprang mir bei, mit wahrhaft ſamaritiſcher Barmherzigkeit. Wetter. Sie ſoll aber keine barmherzige Schwe⸗ ſter ſeyn! Und uͤberhaupt mit der ganzen Ohn⸗ macht⸗Geſchichte— Jettchen. Findeſt Du das Zeugniß, daß ich wahr rede, nicht in meiner Ruhe, nicht(auf *) Da wahrſcheinlich das liebe Publikum den Fleck ſehen will, um ſich von der Wahrheit zu überzeugen, wird es gut ſeyn, ein Stück ſchwarzen Taffent, in der Form der Platte, unter die Platte an ganz dünnen Fäden zu binden, die Jettchen von einander reißt, wenn ſie die Platte aufhebt, ſo daß der Taffent auf den Fußbo⸗ den zu liegen kommt; damit derſelbe aber nicht vom Luftzuge weggeweht werde, wird es nöthig ſeyn, unten Wachs oder Leim auf den Taffent zu legen, wodurch er am Boden feſt bleibt. — — 60— Frau v. Lemann deutend) in der Blaͤſſe dieſer Wan⸗ ge?— Fanny(komiſch pathetiſch). Wollen Sie noch ei⸗ nen Zeugen? hier(hält ihm die Flaſche Eau de Co⸗ logne hin, die vorhin Jettchen geholt) dieſer Stumme! Junge Leute unſeres Schlages befaſſen ſich hoͤchſtens nur bei Ohnmachten mit ſolchen Toiletten Spiele⸗ reien— aber(zu Jettchen) für Ihre chriſtliche Liebe ſind wir Ihnen noch unſern Dank ſchuldig; tauſend Kuͤſſe muͤſſen Sie haben— Wetter(einfallend). Nicht Einen,(wlild) Herr, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt. Fanny. Das wollen Sie mir wehren?— Herr, ich ſage Ihnen, vor Ihren Augen will ich ſie kuͤſſen, in Ihren Armen— ſelbſt am Traualtar, und Sie ſollen nichts dawider haben.— Wetter. Nicht anruͤhren ſollen Sie ſie mir! Fanny. Vaͤter haben mir ihre Toͤchter ſelbſt in die Arme gefuͤhrt, Maͤnner ihre Frauen, Braͤu⸗ tigams ihre Braͤute.— Sie waͤren nicht der Erſte— Wetter(außer ſich). Nein, dieſe Arroganzz— dieſe beiſpielloſe Brutalitaͤt. Fanny. Mein Herr! Wetter(äfft ihm nach). Ja, mein Herr, mein Herr—(wüthend) ich kann mir nicht helfen, es zuckt mir in allen Gliedern— Sie ſind mir uner⸗ traͤglich, ich muß Sie aus der Welt ſchaffen— Herr, Sie muͤſſen ſich mit mir ſchlagen. Fanny(karſch, ihn kaum anſehend, feſt). Auf Pi⸗ ſtolen! 4 6 doch laut) Sche nen und Maͤ — 61— Wetter(wild). Ja, auf Piſtolen; morgen fruͤh. Fanny lheimlich zu Frau v. Lemann). Wir reiſen doch heut' Abend beſtimmt ab?(Frau v. Lemann nickt, laut) Morgen fruͤh! Punkt 5 Uhr draußen an der Schanze!(mit verſteltter Heftigkeit) Aber ich ſage Ih⸗ nen im Voraus, Sie werden mich nicht treffen, und auf den Knieen ſollen Sie mich bitten, Ihrem Maͤdchen einen Kuß zu geben!(Xraſch ab.) Sechster Auftritt. Vorige ohne Fanny. Fr. v. Lemann(uu Jettchen, die bei dem ganzen Geſpräch große Uuruhe gezeigt, halb laut). Seyn Sie ganz ruhig— ich ſtehe Ihnen dafuͤr, es ſoll zum Duell nicht kommen. Wetter. Mein Herr, Ehrenſachen dieſer Art laſſen ſich ohne Blut nicht ſchlichten. Einer von uns— Fr. v. Lemann(zu Wetter). Heben Sie Ihr Le⸗ ben fuͤr dieſes liebreizende Maͤdchen auf! das iſt Ihr heiligſter Beruf—(zu Zettchen) O mein liebes, mein gutes Kind, Sie haben mir eine ſchmerzliche Nachricht gegeben, und doch liegt in ihr der Keim zu meiner Seligkeit! Sie haben mir vorhin, als ich unwohl war, Ihre Theilnahme ſo freundlich be⸗ wieſen— Sie haben mich in dieſem Augenblick ge⸗ lehrt, wie leicht auch die Verdachtloſeſte den Lie⸗ benden zum Argwohn verleiten kann— ich bin in Ihrer Schuld doppelt und dreifach— — 62— Jettchen(Frau v. Lemann nicht recht verſtehend). In meiner? Fr. v. Lemann(nimmt, während ſie das Folgende ſagt, eine Brieftaſche aus der Bruſttaſche, blättert darin, und holt ein Papier heraus). Sie ſprachen vorhin von Ihrer beiderſeitigen Lage mit ſo traulicher Offen⸗ heit— Sind Sie wohl boͤſe, wenn Ihnen der neue, vom Zufall zugefuͤhrte Freund ſeinen Dank und ſei⸗ nen Antheil durch jeine Kleinigkeit bezeigt, die er bittet, von Ihnen zum Hochzeitgeſchenk anzuneh⸗ men?(gCiöbt ihr eine Banknote.) Jettchen(nimmt ſie, iſt aber ungewiß, ob ſie ſie nehmen ſoll). Wetter(wirft einen Blick hinein, von der Größe des Betrages überraſcht). Dieſe Summe! Fr. v. Lemann(den Dank, den Wetter und Jett⸗ chen auf den Lippen zu haben ſcheinen, abwehrend). Spre⸗ chen Sie die Summe nicht aus! Ich ſchaͤme mich ihrer Geringfuͤgigkeit. Ich haͤtte fruͤher die Haͤlfte meines ganzen Vermoͤgens fuͤr die Ueberzeugung hingegeben, die ich Ihnen Beiden verdanke, fuͤr die Ueberzeugung, daß es in der Welt noch reine, mit Nebenabſichten nicht verfaͤlſchte Liebe gibt, und (mehr für ſich) fuͤr die Hoffnung, daß auch ich auf eine ſolche Liebe vielleicht einmal rechnen darf.(zu Wetter und Jettchen) Macht Ihnen die Kleinigkeit Freude, hilft ſie vielleicht uͤber die Hinderniſſe, die Ihrer Verbindung im Wege ſtanden, ſo iſt meine Abſicht erreicht, beſchaͤmen Sie mich nicht durch Ih⸗ ren Dank, ich bin wahrhaftig Ihr ewiger Schuld⸗ end). gende harin, von ffen⸗ neue, d ſei⸗ ie er ineh⸗ ſie ſie Größe Jett⸗ Spre⸗ mich Haͤlfte gung ür die „mit und h auf f.(zu nigkeit e, die meine h Ih⸗ ſchuld⸗ — 65— ner. Bis vor wenigen Augenblicken war ich ſehr ungluͤcklich— ſehr arm!—(freudig) Gluͤckt mir die Heilung meines armen Freundes, ſo bin ich unermeßlich reich.(ab) Siebenter Auftritt. Vorige ohne Frau von Lemann. Wetter und Jetcchen ſtehen noch Beide in freudi⸗ ger Ueberraſchung und im Zweifel mit ſich ſelbſt, ob ſie das Geld annehmen oder zurückgeben ſollen. Jett⸗ chen hat in der linken Hand die Banknote, in der rechten die Platte. Wetter(hatb freudig, halb ungewiß). Nu, ſag' mir um des Himmels willen, was machſt Du mit der Banknote? Jettchen(ſieht ihn fröhlich an, komiſch) Was ich damit mache? Weißt Du, wie man Flecke im Zeuge ausmacht? Wetter weiß nicht, wie ſie darauf kommt). Nein. Jettchen. Da legt man ein Papier darauf, und fährt mit der Platte daruͤber und weg iſt der Fleck! Wetter(als ob er ſeinen Ohren nicht traute). Und dazu willſt Du dieſe Note? Jettchen(naiv komiſch, aber doch ſo, daß man den Ernſt daraus hört). Ja, die will ich Dir auf die Stir⸗ ne und auf das Herz legen, und dann die Platte drauf— Wetter ſſie verſtehend). Jettchen; Jettchen. Der boͤſe Argwohn der muß heraus, und dann mit der Platte noch ein Paar Striche — —„— — 64— uͤber die verdruͤßlichen Falten da,(zeigt auf ſeine Stirn, fröhlich und herzlich) und dann iſt mein Karl wieder ſo huͤbſch und ſo froͤhlich, wie er ſeyn ſoll! Wetter. Aber das Geld— koͤnnen, duͤrfen wir denn das nehmen? Jettchen. Sagte er nicht, er hätte fuͤr das, was er uns zu verdanken, gern die Haͤlfte ſeines ganzen Vermoͤgens hingegeben? Gewiß iſt er ſehr reich, denn wer ſolche Banknoten wie Papierſchni⸗ tzel weggeben kann, muß ein Millionair ſeyn, und dann iſt er mit dem Zettelchen hier noch wohlfei⸗ len Kaufes weggekommen, Alſo— wir behalten, was uns beſchert worden. Denke, ein Engel vom Himmel hätte es uns— Wetter ceinfallend fröhlich). Ja der Himmel ſelbſt iſt mit uns! Denke Dir, eben komme ich vom Buͤr⸗ germeiſter; ich habe die Stelle weg; ich bin Syn⸗ dikus! Jettchen(freudig). Du?— Herr Syndi— (fliegt ihm an den Hals und küßt ihn, und betont dann die letzte Sylbe möglichſt laut und komiſch) Kuß?— Wetter(umſchlingt ſie). Mein Jettchen, mein ſuͤßes, liebes Kind. Jettchen. Aber nun darfſt Du Dich auch nicht ſchießen!— Du biſt nun ein Stuͤckchen von der Obrigkeit, und die Duelle ſind verboten. Wetter(ſie beruhigend). Das wird ſich finden! Jettchen. Das wird ſich nicht finden;(legt beide Hände auf ſein Herz, zärtlich) dies Herz gehoͤrt mein,(naiv) und der da drinnen(auf Fanny's Zim⸗ mer we kein L ſine, dem Zit Jere Jer ein, geht und klop Fan Jer Fan Jer geweſen hat eine Fann halb noch det, einen abgelegt, mit Aerm während? gebliebene das Couv LXX mer weiſend) ſoll mir mit ſeinen dummen Piſtolen kein Loch hinein machen.— Aber nun raſch zur Cou⸗ ſine, daß wir ihr unſer Gluͤck erzaͤhlen.(raſch nach dem Zimmer der Madame Lehmann ab.) Vierter Aufzug. Zimmer wie vorhin. Erſter Auftritt. Jeremias, nachher Fanny und Frau von 3 Lemann: Jeremias(kommt, einen Brief in der Hand, her⸗ ein, geht an die Thüre vom Zimmer der Frau von Lemann und klopft). Heda! Fanny(in ihrem Zimmer). Wer iſt da? Jeremias. Ich bin's. Fann y. Wer iſt das Ich bin's? Jeremias. Nu ich— Ein Reitknecht iſt da geweſen vom Herrn Regierungs⸗Praͤſidenten und hat einen Brief gebracht. Fanny(oöffner raſch die Chüre, welche halb offen bleibt, halb noch als Mannsperſon, halb als Frauenzimmer geklei⸗ det, einen Backenbart noch auf der Wange, den andern ſchon abgelegt, einen ſchwarzſeidenen ſogenannten Wiener Mantel mit Aermeln an). Einen Brief.(entſtegelt ihn, und liest, während Jeremias abgeht)„Gnaͤdige Frau!“(in die offen gebliebene Thüre zurück) Der iſt an Dich(beſteht jetzt das Couvert und liest, während Frau v. Lemann in ei⸗ LXXX. 6 — — 66— nem ähnlichen Coſtüm, aber ſchon mehr in Damenkleidern, jedoch ebenfalls in einem ſchwarzſeidenen Manteau, ein⸗ tritt, die Adreſſe)„An Fra von Lemann, genannt von Stahl, Hochwohlgeboren.“ Gzur Frau v. Lemann) Unſer Incognito iſt verrathen. Fr. v. Lemann(hat Fanny den Brief abgenom⸗ men und liest).„Geſtern Abend meldeten mir Briefe aus der Reſidenz, daß Sie von dort eilig abgereist waͤren, und Ihre Tour hierher genommen haͤtten! — Heute berichtet mir Jemand, der mich hier drau⸗ ßen auf meinem Gute beſuchte, daß Sie heute fruͤh in der Richtung auf England bereits abgereist wä⸗ ren; dieſe Angabe ſtimmt aber nicht mit den mir eben aus der Stadt zugekommenen Polizei⸗Rap⸗ porten, denn nach dieſen ſind Sie noch in dieſem Augenblicke unter dem angenommenen Namen ei⸗ ner Frau von Stahl in der goldenen Sonne—(zu Fanny) der Mann weiß Alles! Fanny. Die geheime Polizei! Das iſt etwas ganz Abſcheuliches!— mach', daß wir in das Land der Freiheit kommen, nach Nord⸗Amerika. Fr. v. Lemann(iest weiter). Sie duͤrfen nicht fort. Fannyv. Imyertinent! Fr. v. Lemann(tiest). Ich erklaͤre Sie fuͤr meine Arreſtantin. Fanny. Unerhoͤrt! Fr. v. Lemann(tiest). Es ſind bereits die noͤ⸗ thigen Einleitungen detroffen, daß alle etwanige Verſuche einer Weiterreiſe erfolglos bleiben. F F Abre Geſch zur S Ihne fen. dieſen Jema ſiren. richtig habe Nun Allem komme Fr den Bre 5 Fa im gar Fr. Fa Fr. was ſte ſo iſt 9 Fal dabei ga leidern, „ ein⸗ nannt emann) dgenom⸗ Briefe gereist zaͤtten! drau⸗ te fruͤh st waͤ⸗ en mir t⸗Rap⸗ dieſem nen ei⸗ —(zu t etwas s Land n nicht Sie fuͤr die noͤ⸗ wanige . — 67— Fanny. Nein, das geht zu weit! Fr. v. Lemann(iiest). Ich muß Sie vor Ihrer Abreiſe durchaus noch ſprechen. Sehr dringender Geſchaͤfte halber kann ich in dem Augenblick nicht zur Stadt fahren; ich bitte mir aber die Ehre aus, Ihnen ungefaͤhr in einer Stunde aufwarten zu duͤr⸗ fen. Es ſind Dinge von Wichtigkeit, die mich zu dieſem Wunſche noͤthigen, und die Sie und noch Jemand, der mir lieb und werth iſt, ſehr intereſ⸗ ſiren. Genehmigen Sie die Verſicherung der auf⸗ richtigſten Hochſchaͤtzung, mit der ich zu ſeyn die Ehre habe Ihr ganz ergebenſter v. Weſtkirchen, Regierungs⸗Präſident.“⸗ Nun ſag' mir, Fanny— was meinſt Du zu dem Allem! Fanny. Daß wir den Augenblick Extrapoſt⸗ pferde beſtellen und machen, daß wir aus der Stadt kommen. Fr. v. Lemann. Aber Du hoͤrſt ja(ſieht in den Brief) die noͤthigen Einleitungen getroffen. Fanny. Ach, das iſt Scherz! Das liegt ja im ganzen Tone des Schluſſes. Fr. v. Lemann. Aber der Jemand! Fanny(eicht hinwerfend). Wer weiß, wer der iſt. Fr. v. Lemann wil nicht recht heraus mit dem, was ſie jetzt ſagt). Ich weiß nicht— irre ich mich nicht, ſo iſt Molwitz mit Weſtkirchen verwandt. Fanny(erräth, wo ſte hinaus will, ſtellt ſich aber dabei ganz kalt). Moͤglich. — — 68— Fr. v. Lemann(ängſtlich— verſchämt). Vielleichr iſt das der Jemand. Fanny. Vielleicht. Fr. v. Lemann. Beſtimmt ſpricht der Praͤſi⸗ dent mit mir dann von der ungluͤcklichen Krankheit. Fanny. Kann ſeyn. Fr. v. Lemann(mit der Sprache zögernd). Man hat gegen dies Uebel mehrere Heilmittel. Fanny. Sturzbaͤder! Fr. v. Lemann. Nein, Fanny, das iſt nicht zum Aushalten mit Dir! Fanny. Mein Gott, was denn? Fr. v. Lemann. Erſt bei meiner Angſt, bei meiner Theilnahme, Deine Kaͤlte, Deine Kuͤrze.— (äfft ihr nach) Möglich— Vielleicht— Kann ſeyn, und nun willſt Du ihn gar mit Sturzbaͤdern kuriren! Fanny(immer noch mit verſtellter Kälte). Nu ja, ſchlaͤgt dies Mittel nicht an, ſo(weicher und ernſt) hilft ihm hoffentlich der Tod. Fr. v. Lemann(ſchmerzlich). Liebe— liebe Fanny. Fanny(mit verſtellter Ruhe). Es gäbe vielleicht noch ein Heilmittel— aber— dazu entſchließeſt Du Dich nicht. Fr. v. Lemann(weich). Was denn, Fanny? Fanny. Iſt es mit unſerm armen Freund wirk⸗ lich dahin gekommen, wie es hier heißt, und iſt das Uebel bis zu dem Grade geſtiegen, wie vorhin das Jettchen erzaͤhlte, ſo kann wohl die verfehlte Hoff⸗ nung ſeiner Liebe die einzige Urſache davon ſeyn; Du delte nen Rieg Wor F (bitter F liebſt F F Rein F Nein aber F F denn eicht zraͤſi⸗ hheit. Man nicht „bei ze.— ſeyn, eiren! du ja, ernſt) liebe lleicht eſt Du anny? wirk⸗ iſt das in das Hoff⸗ ſeyn; — 69— Du warſt immer ſproͤde, fremd gegen ihn, behan⸗ delteſt ihn immer mit ſtarrer Kaͤlte, verſchloßeſt ſei⸗ nen beſcheidenen Wuͤnſchen Dein Ohr mit eiſernen Riegeln, kurz, Du warſt im vollen Umfange des Worts, gegen ihn die Frau von Stahl— Fr. v. Lemann(halb weinerlich). Nu ja— (bittend) aber das Mittel! Fanny. Du haſt mir geſtanden, daß Du ihn liebſt. Fr. v. Lemann(mädchenhaft). Ja! Fanny. Du haſt mir bekannt, daß Du an der Reinheit ſeiner Liebe nicht mehr zweifelſt? Fr. v. Lemann(ſehr weich, dem Weinen nahe). Nein, ich zweifle nicht mehr—(dringender bittend) aber das Mittel! Fanny. Sag' ihm das! Bekenne ihm das ſelbſt. Fr. v. Lemann(erſchrocken). Werde ich ihn denn ſehen? Fanny. Vermuthlich bringt ihn der Praͤſi⸗ dent mit. Fr. v. Lemann. Mit?— Heute?— jetzt in einer Stunde? Aber(geängſtet)— Werde ich denn koͤnnen, was Du verlangſt? Fanny. So thu' es nicht! Fr. v. Lemann. Iſt es denn dem weiblichen Stolze— der Frauenwuͤrde nicht entgegen? Fanny. Nun ſo laß ihn fallen. Wen die Liebe aus ihren Armen in den Abgrund des Wahnſinns ſtößt, dem bleibt ein einziger Freund in dieſem grauenvollen Seelendunkel— der Tod! — 70— Fr. v. Lemann(ſchluchzend). O, Fanny, Du biſt grauſam gegen mich— das iſt nicht huͤbſch von Dir— ich win ja folgen, ich will ja— ſprich— was ſoll ich thun? Fanny(anfänglich bitter und ſcharf, allmählig wär⸗ mer, herzlicher, am Schluſſe lebendig). Nun— nun— da es vielleicht zu ſpaͤt iſt.— Monate lang habe ich geſprochen— die Lungenfluͤgel habe ich mir faſt ab⸗ geredet— Molwitz iſt ein ſeltener Menſch! Der beſte, der edelſte Mann, den ich kenne! Du ſelbſt konnteſt auch nicht Einen Tadel gegen ihn auffin⸗ den.— Glaubſt Du denn nicht, daß ein ſolcher Mann ſeinen Werth auch kennt, oder, wenn er ſo beſcheiden als Molwitz iſt, wenigſtens ihn ahnet? Natuͤrlich muß ſeinem Zartgefüͤhle Deine Begeg⸗ nung, Dein Mißtrauen, Dein Verkennen ſeines kriſtallklaren Herzens, doppelt, es muß ihm tau⸗ ſendfach ſchmerzlich geweſen ſeyn.— Die Wunde, die ſein Tiefſtes verletzt hat, nur Du kannſt ſie hei⸗ len.— Laß ihn Dein Wohlwollen merken— ſprich freundlich zu ihm!— Der ſanfte Ton einer gelieb⸗ ten Stimme hat auf ſolche kranke Gemuͤther oft ſchon Wunder gewirkt.— Gieße die ganze Milde Deines Liebesblicks uͤber das Duͤſtere ſeiner Seele aus, und faͤllt dieſer waͤrmende Lichtfunken in ſein erſtarrtes Innere, vermag ſein Geiſt ſich wieder feſ⸗ ſelfrei zu heben, ſchlaͤgt ſein Herz Dir wieder mit friſchem Leben entgegen, o ſo magſt Du ihn auf⸗ fangen mit reiner Luſt und keuſcher Liebe, und das ſelige Gefuͤhl, ihn Dir gerettet, ihn Dir erhalten zu haben, ſoll— Dein Lohn ſeyn. komn lieber F Ihr imm gern Gaſt! pfind 2 ein ſe beu jj H cken n Du von )— wär⸗ 1— e ich ab⸗ Der elbſt ffin⸗ lcher er ſo et? geg⸗ ines tau⸗ nde, hei⸗ prich lieb⸗ oft Lilde beele ſein feſ⸗ mit auf⸗ das lten — 71— Fr. v. Lemann(fröhlich weinend). Fanny— o, ſo— hoͤre ich Dich gern reden—(freudiger) wie mit Zauberklange toͤnt mir jedes Deiner Worte in der geſpannten Bruſt wieder— Du hoffſt?— Der Himmel mache Deine Hoffnung wahr. Ich will thun, was an mir iſt— Du ſollſt mit mir zufrieden ſeyn. Fanny(umarmt Frau v. Lemann. Sehr herzlich). Sieh— wenn Alles ſo wird, wie ich hoffe und wuͤnſche, dann hat unſere Reiſe doch etwas Gutes —(horcht.) Fr. v. Lemann(raſch einfallend). Es kommt Jemand— Fanny. So koͤnnen wir uns nicht ſehen laffen. (Beide raſch ab). Zweiter Auftritt. Haas. Madame Kohlow. Mad. Kohlow(im Eintreten zu Haas). Wie komme ich denn zu dem Vergnuͤgen Ihres Beſuchs, lieber Herr Nachbar. Haas. Lieber? lieber Herr Nachbar? Iſt das Ihr Ernſt?(etwas verlegen, doch herzlich) Ich habe immer geglaubt, Ihr ſeliger Mann habe es nicht gern geſehen, als ich damals ihm gegenuͤber das Gaſthaus kaufte, er hat mich das nicht ſelten em⸗ pfinden laſſen.— Mad. Kohlow. In meiner Seele iſt gewiß ein ſo kleinlicher Neid nie rege geworden; wir ha⸗ ben ja Beide unſer Brod. Haas(ſich uberellend). Das aber viel beſſer ſchme⸗ cken wuͤrde, wenn wir es zuſammen aͤßen. —ee Mad. Kohlow(etwas überraſcht, doch nicht auf unangenehme Weiſe, will von etwas Anderm anfangen). Sie ſuchten Jemand hier, Herr Haas. Haas(verlegen). Ja, Madame Kohlow;(halb vor ſich, anſtändig ſcherzend) der Haaſe ſucht am lieb⸗ ſten den Kohl. Mad. Kohlow(ucht ein anderes Geſpräch anzu⸗ knüpfen, bleibt aber immer freundlich). Iſt der Herr ge⸗ ſtern Abend bei Ihnen abgeſtiegen? Meine ganze Sonne war beſetzt, da wies ich ihn hinuͤber zu Ih⸗ nen in den Planeten; das thue ich in ſolchen Faͤllen allemal und immer recht gern. Haas. Die Planeten bekommen ja ihr Licht von der Sonne; ich komme mir, wenn ich Sie ſehe, immer wie der Merkur vor; Cbedentend) der ſteht der Sonne am naͤchſten. Mad. Kohlow(eeicht hinlächelnd). Und doch— haben Sie mir neulich auf der Sternwarte demon⸗ ſtrirt— iſt er acht Millionen Meilen von der Son⸗ ne entfernt. Haas(niedergeſchlagen). Das iſt freilich ſehr weit —(verlegen, komiſch) habe ich auch ſo weit bis zu. Ihnen? Mad. Kohlow(cwill ihn nicht verſtehen, ihn im Scherz beruhigend). Nein, ſo breit iſt unſere Gaſſe nicht.— Doch Sie wollten eigentlich— Haas. Ja, was ich eigentlich wollte?— Da ſind drei Herren bei mir geweſen und haben be⸗ ſtellt, daß ich Ihnen die Hochzeit ausrichten ſoll— (verlegen) das ſind drei Hochzeiten, M da he H koͤnnt 10 drei B Ha Ihnen ſem nic nen mi und tr Claur Mad. Kohlow(ſcherzend). Richtig gerechnet; da heißt es recht, aller guten Dinge muͤſſen drei ſeyn. Haas(mit niedergeſchlagenen Augen). Zuweilen könnten es auch wohl ihrer Viere ſeyn. Mad. Kohlow. Nun, wer ſind denn Ihre drei Braͤutigams? 3 Haas. Wollen Sie nicht lieber den Vierten zuerſt wiſſen? Mad. Kohlow. Man fäͤngt ja immer mit No. 1 an. Haas. Der Graf Molwitz. Mad. Kohlow. Ach du lieber Gott, der iſt ja verruͤckt! Haas. Was? Das iſt nicht moͤglich! Mad. Kohlow. Koͤnnen es mir auf das Wort glauben! eine ungluͤckliche Liebe— Haas. Ja— daß ſo etwas Herz und Kopf zer⸗ ruͤtten kann, das kann ich mir denken! 8 8 Mad. Kohlow. Nu, und No. 2. Haas. Baron Hull und— Mad. Kohlow. Gratulire der Braut. Haas. Und No. 3 unſer neuer Syndikus, Herr Wetter, und No. 4.— Mad. Kohlow rraſch einfallend). Nu, und die drei Braͤute? Haas(däßt ſich nicht ſtören). Und No. 4 ſteht vor Ihnen, und die Braut von dieſer No. 4 von die⸗ ſem nicht acht Millionen Meilen weiten, ſondern Ih⸗ nen mit Herz und Seele immer und ewig nahen und treuen Merkur— ſollen Sie ſeyn. Clauren Schr. LXXX. — 74— Mad. Kohlow(ſchlägt ſehr verlegen die Augen nieder). Haas. Nu, doch keine Sonnenfinſterniß?(wil ihr in das Geſicht ſehen, ſie wendet es aber ab) total!— (herzlich) Haben Sie etwas wider mich? Mad. Kohlow(hatb noch abgewendet). Ich bin Ihnen recht gut! Haas. Liebe, huͤbſche Frau, ſo ſehen Sie mich boch an.— Sehen Sie, ich brauche in mein Haus eine Frau; Sie durchaus einen Mann! Ich weiß in der ganzen Welt keine beſſere, keine niedlichere, keine huͤbſchere, als Sie; ich bin, das kann ich von mir ſagen, gut, und meine es herzlich— unſere beiden Haͤuſer zuſammen in meiner Hand(er faßt thre Hand) Frauchen, ſchlagen Sie ein, wir wollen Lein Leben fuͤhren wie im Himmel]. Dritter Auftritt. Vorige. Baron Hull. Hull(tritt raſch ein). Sieh da, unſer Haͤschen im Kohl!— ſteht der ehrenwerthe Herr hier und ſponſirt, waͤhrend druͤben Graf Molwitz mit dem Regierungs⸗Praͤſidenten angekommen iſt, und alle Welt nach dem Herrn vom Hauſe fragt. Haas(eilig). Sind ſie da?(im raſchen Abgehen) Auf Wiederſehen. Mad. Kohlow(heimlich zu Haas, mädchenhaft). Ich habe noch nicht Ja geſagt. Haas. Mit dem Munde nicht, aber, kleine Frau, mit den Augen halb.(ab) Hull(der das nicht gehört hat, weil er während der lich au Frauer in Ihr mann. bis zu be ich Moſes, gleich n Ma wahrha bin mich aus weiß here, bvon nſere r faßt vollen schen : und dem d alle gehen) nhaft). kleine end der Zeit durch das Schlüſſelloch der Thüre vom Zimmer der Nadame Lehmann geſehen). Charmanter Mann, der Haas, gar nicht wie ſonſt die Haaſen ſind. Mad. Kohlow(bedeutend). Nein, gar nicht, wie ſonſt die Haafen ſind. Hull. Sollten ihn heirathen, Kleine; jetzt hei⸗ rathet Alles; es muß ordentlich in der Luft ſtecken; ich auch. Mad. Kohlow(artig aber ſpitz). Und die gluͤck⸗ liche Braut? Hull. Das wiſſen Sie noch nicht? Wie die Frauen doch ſchweigen können, wenn ſie wollen! Hier in Ihrem Hauſe! Hier im Zimmer! Frau von Le⸗ mann. Höoren Sie, die iſt unmenſchlich reich, und bis zum Raſendwerden in mich verliebt.— Da ha⸗ be ich(zieht ein elegantes Etui aus der Taſche, öffnet es, man erblickt einen Schmuck)— man muß doch artig ſeyn. Mad. Kohlow. Ach der Schmuck— nein, der iſt doch allerliebſt gearbeitet. Hull Cheimlich). Ich habe ihn von dem kleinen Moſes, da im Makkabaͤer⸗Gaͤßchen, aber ich ſoll ihn gleich wieder hinbringen, oder das Geld dafür— Mad. Kohlow(im Anſchauen begriffen). Nein, wahrhaftig, als ob er aͤcht waͤre. Hull(erſchrocken). Sehen Sie denn, daß er nicht aͤcht iſt?. Mad. Kohlow. Nu, wer das nicht ſieht. Hull. Er koſtet auch nicht mehr als zehn Louis⸗ d'or! Koͤnnen Sie mir nicht neune dazu— — 76— Mad. Kohlow. Einer ſo reichen Frau werden Sie doch den Schmuck nicht geben? Hull. Ich mache einen Scherz daraus, einen bloßen Spaß— Hoͤren Sie, Liebe, wie ſteht es mit den Neunen? Vierter Auftritt. Vorige. Madame Lehmann. . Mad. Lehmann. Ach ſieh da, Herr Baron— Sie haben recht lange auf ſich warten laſſen. Hull(küßt ihr die Hand). Meine Gnaͤdigſte, ver⸗ zeihen Sie, meine Geſchaͤfte—(zupft an dem Etui, das er bei ihrem Eintritte ſchnell wieder in die Taſche geſteckt hatte). Mad. Lehmann Cſanft). Ihre Floͤte mitge⸗ bracht? Hull. Verzeihen Sie— meine Bruſt— ſie iſt heute ſo beengt, ſo geſpannt, die Freude uͤber mein Gluͤck— ich koͤnnte keinen Ton blaſen. Mad. Lehmann. Es iſt auch um ſo beſſer. Mein armer Mops iſt ſo eben erſt ein wenig wie⸗ der eingeſchlummert, die ganze Nacht hat er kein Auge zugethan. Auf jeden Fall, Madame, waren geſtern Ihre Cotelets zu fett, und der kleine Unge⸗ zogene fraß ſie hinein wie ein Dreſcher. Hull. O, dieſe zarte Sorgfalt, wie treffend charakteriſirt ſie die Milde Ihres ſchoͤnen Herzens. Mad. Lehmann. Man muß auch gegen den Thierkreis gut ſeyn.(ats erinnere ſie ſich der Scene, die ſie eben erzählen wird, zufällig lächelnd) Gott, wenn H unſeli Gluͤck M Sie on— „ ver⸗ li, das geſteckt nitge⸗ — ſie uͤber beſſer. g wie⸗ r kein waren Unge⸗ reffend erzens. en den ene, die wenn — 77— ich noch daran denke! wollte einmal mein ſeliger Mann alle Schweine auf unſerm Hofe fuͤſiliren laſ⸗ ſen, wie habe ich da bitten muͤſſen! Die armen Dinger hatten nichts weiter gethan, als unten das Souterrain aufgebrochen, wo die Tonnen ſtehen. Hull(geſpannt). Die Tonnen Goldes? Mad. Lehmann. Nein, Sauerkraut*).— Hat das Muͤhe gekoſtet, den Mann zu beſaͤnftigen! Ja, die Maͤnner! Apropos, da wir von Mannsper⸗ ſonen ſprechen, ſagen Sie, Madame Kohlow, was haben Sie hier in dem Zimmer fuͤr ein Paar junge Herren? Mad. Kohlow. Da in dem Zimmer? Da wohnen zwei Damen aber keine Herren. Mad. Lehmann. Nu, der Eine, den kenne ich, der iſt der junge Graf Molwitz— ewig Schade, daß der Menſch verruͤckt iſt— ein bildſchoͤner Menſch. Hull(ängſtlich). Gnädige Frau!— Sollte die unſelige Leidenſchaft dieſes Raſenden auch hier mein Gluͤck ſtoͤren wollen? 3 Mad. Lehmann. Dieſe zaͤrtliche Unruhe macht Sie unendlich plauſible.(wil wahrſcheinlich almable oder ſo etwas ſagen, ihn beruhigend) Nein, mein Ba⸗ ron! als ich den erſten Pflaumenkuchen in meinem Leben ſelbſt gebacken hatte, gab mir mein Vater ei⸗ nen Ring mit der Capital⸗Inſchrift: l'amour und *) Die ſinnige Schauſpielerin wird das Wort Sauer⸗ kraut nicht betonen, ſondern leicht darüber hingehen, als denke ſie ſich gar nichts dabei. — 78— fidélité—(reicht ihm zärtlich die Hand) das iſt ſeitdem mein ſymboliſcher Wahlſpruch. Hull(küßt die Hand). Aber wie kommt der Graf Molw— Mad. Kohlow. Er iſt es ja nicht— es logi⸗ ren ja gar keine Herren— Mad. Lehmann(ſte ſteht neben einem Tiſchchen und öffnet ihren Ridikül oder ihre Taſche). Nu das wer⸗ den Sie mir doch nicht abſtreiten, der andere hat, hat hier(holt ein Papier heraus) nein— das nicht— das iſt(zu Hull) Ihr liebes Gedicht— das iſt mir doch noch zehn tauſendmal werther(ſie legt das Ge⸗ dicht wie in der Zerſtreuung auf den Tiſch) als hier die Note— die hat der andere junge Herr meiner Jette geſchenkt. Hull(mit dem Blick auf die Note). Was, dieſe Summe?— geſchenkt? fuͤr nichts und wieder nichts — nu, den muͤſſen wir doch kennen lernen.(will hin) Mad. Kohlow. So bleiben Sie doch da, es muß ein Irrthum ſeyn, ich werde doch wiſſen, wen ich in meinem Hauſe habe. Mad. Lehmann. Wollte mir der eine ja gera⸗ desweges offenſive die Cour machen. Hull(wil hin). J, ſo ſoll ihn ja das Donner⸗ wetter! Mad. Lehmann. Um Gotteswillen Hull— bleiben Sie— Hull(wüthend). Ich ſchlage Einen mit dem An⸗ dern todt! Mad. Lehmann(bittend, daß er nicht gehen len? che: ſollen außer der tend) 9 das hint nicht 4 Kleit N 4 ſchlee — 79— ſolle). Es ſind ein Paar wuͤthende Menſchen; den armen Wetter haben ſie auf Piſtolen gefordert; mor⸗ gen fruͤh wird der erſchoſſen. Hull(erſchrickt, als er von Piſtolen hört). Piſto⸗ len?— Es wird mir ſchwer, meine ſchnaubende Ra⸗ che zu zuͤgeln,(leiſe, daß die es drinnen nicht hören ſollen, und doch ſo, daß es ausſieht, als wäre er vor Wuth außer ſich) die Buben— das Leben koſtet es dem, der ſich erfrecht, ſich ihr(auf Madame Lehmann deu⸗ tend) zu nahen. Mad. Lehmann. O— wie ſchoͤn ſteht Ihnen das Pathetiſche!— Gott, was haben Sie denn da hinten herausgucken— doch um des Himmelswillen nicht heimliche Waffen— doch nicht geladen? Hull. O bewahre— ein bloßer Scherz, eine Kleinigkeit— Mad. Lehmann. So zeigen Sie doch. Hull. Es paßt nicht fuͤr Sie, es iſt viel zu ſchlecht, zu gering. Mad. Lehmann. Nu, ſehen kann ich es doch. Hull(zieht das Etni aus der Taſche, öffnet es). Ich weiß nicht, ob ich es wagen darf, dieſen ſchwachen Beweis meiner Huldigung Ihnen zu Fuͤßen zu legen! Mad. Lehmann(außer ſich). Was— Baron — Herr Baron— mir den Schmuck!— das iſt die aſchgraue Möglichkeit— wenn ich den zu Hauſe bringe, mach' ich alle Huͤhner ſcheu— Hull. Sehen Sie ihn dafuͤr an, was er iſt. Mad. Lehmann. Er iſt uͤbergoͤttlich!—(nimmt — 30— das Diadem heraus und läßt es im Lichte ſpiegeln) Nein, der bluͤmerante Karfunkel! Sagen Sie, die Steine, ſind das Braſſelets oder Schmaragden? Fuͤnfter Auftritt. Vorige. Jeremias. Jeremias(teitt haſtig in die Thür). Herr Hull moͤchten den Augenblick herunter kommen; es will Sie Jemand mit Ungeſtuͤm ſprechen. Hull. Mich? mein Gott!— wo denn?(zu Madame Lehmann) Sie nehmen nicht ungnaͤdig! ich muß gleich wieder bei Ihnen ſeyn.(ab) Mad. Lehmann(u Jeremias). Mein Freund, der Herr heißt nicht Hull, das iſt der Herr Baron von Hull. Jeremias(im Abgehen). Der— 2 in ſeinem Leben nicht— den kenne ich noch, wie er ſo klein war, ſein Vater iſt der Hofſchneider Hull, ein al⸗ ter kreuzbraver Mann! der hat meinem ſeligen Herrn manchen ſchoͤnen Rock genaͤht.(ab) Mad. Lehmann. Ich bin des Todes!— Ma⸗ dame Kohlow— dieſe ſterile Nachricht— iſt ſie wahr? Er, der mir ſeine Liebe ſo ruͤhrend, ſo libe⸗ ral zugeſchworen— er könnte mich condamniren? (halb vor ſich) ach, und ich habe ihn ſo ſprachlos lieb. Sechster Auftritt. Vorige. Molwitz. Molwitz(tritt ſehr aufgeregt ein, halb vor ſich). Der Hull will mir nicht Rede ſtehen!—(zu Madame käſtche Geſich Verber M fort un low— dame 8 angeſtee ein, ine, — 31— Kohlow, mit einer leichten Verbeugung, halb außer Athem) Ich weiß nicht— ich ſuche— ſind Sie vielleicht die Frau vom Hauſe? Mad. Kohlow(bejaht durch eine Verneigung, und ſcheint geſpannt auf das, was Molwitz ſagen will). Molwitz. Ich ſuche— ich habe in dringenden Angelegenheiten— wohnt hier vielleicht— haben Sie Damen im Hauſe? Mad. Kohlow. Sieben— achte. Molwitz(in der Zerſtreuung und Verlegenheit). Viel zu viel— ich habe Auftraͤge an(wil den Na⸗ men nicht nennen, drückt ihn ſich aber endlich ab)— lo⸗ girt hier vielleicht Frau v. Lemann? Mad. Lehmann(die bisher mit ihrem Schmuck⸗ käſtchen beſchäftigt, ſo geſtanden, daß er ihr nicht in das Geſicht hat ſehen können, dreht ſich um, mit einer artigen Verbeugung). Mein Herr! Molwitz. Nein— Sie ſind es nicht. Mad. Lehmann. Ich waͤr' es nicht?(empfind⸗ lich). Sehr continuirlich! Ich werde doch wiſſen, wer ich bin! Mad. Kohlow. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre— Molwitz. Graf Molwitz. Mad. Lehmann lreißt Madame Kohlow mit ſich fort und ſchreit). Ach der tolle Graf— liebſte Koh⸗ low— regretiren wir uns— der tolle Graf(Ma⸗ dame Kohlow ſchreit, von der Angſt der Madame Lehmann angeſteckt, mit; Beide raſch durch die Mittelthüre ab). —— — 32— Siebenter Auftritt. Graf Molwitz. Jettchen. Molwitz. Was ſagte die? toll waͤre ich?— Jettchen(aus ihrer Thür heraustretend). Mein Gott, was iſt denn fuͤr ein Laͤrm? Molwitz(achend). Sagen Sie mir um des Him⸗ melswillen, wer war die Dame? Jettchen. Die ſo ſchrie? Molwitz. Ja. Jettchen. Meine Tante. Molwitz. Verzeihen Sie, aber die iſt wohl ein Bischen—(zeigt auf den Kopf) nenne ich meinen Namen, hebt ſie einen Spectakel an, daß das ganze Haus droͤhnt, und rennt dann, als brenne ihr der Kopf. Jettchen. Ihren Namen? Molwitz. Ja— ich bin der Graf Molwitz. Jettchen(iſt während des Zwieſprachs neben Mol⸗ witz zu ſtehen gekommen, dreht aber jetzt blitzſchnell um, ruft blos) Verzeihen Sie(und läuft nach ihrer Thüre zu). Molzw i tz(fröhlich lachend). Aber Kind, ſo ſtehen Sie doch nur einen Augenblick. Bin ich denn ſo fuͤrchterlich? Jettchen ein der Thüre, die Hände auf dem Rü⸗ cken, dem Grafen aber das Geſicht zugewandt). Ach nein — aber es iſt mir nur ſo aͤngſtlich. Molwitz(dächelnd auf ſie zugehend). So treten Sie doch naͤher; ich thue Ihnen ja wahrhaftig nichts. Jettchen(Chalb furchtſam und doch zutraulich)⸗ Beißen Sie auch nicht? Molwitz(lachend). Was ſoll ich thun? Slein einen anze cder tz. Mol⸗ um, ihrer ehen n ſo Rü⸗ nein Sie s. ich)⸗ — 35— Jettchen. Ja, Baron Hull— der hat uns vor Ihnen ſo bange gemacht. Molwitz. Alſo dem habe ich die Empfehlung zu danken. Jettchen. Und Ihr Freund da druͤben— ach Gott, als der das hoͤrte— fiel er in Ohnmacht vor Schreck. Molwitz. Welcher Freund? Jettchen cheimlicher). J der huͤbſche junge Herr dort in No. 3. Molwitz. Ich kenne hier keinen Menſchen. Jettchen. Nu, er muß Sie doch kennen; ach er iſt ſo ſanft, ſo weich, ſo gut und zart, man ſollte glauben, es waͤre ein Maͤdchen. Molwitz(geſpannter). O erzählen Sie doch. Jettchen(kommt von der Thür ihm näher). Nu, wir kamen, ich weiß ſelbſt nicht mehr wie, auf Sie zu ſprechen, und auf die Freundſchaft und die(leifer) Liebe— und— aber Sie thun mir doch nichts? Molwitz(gutmüthig). Aber Kind— Gett weiß, wie Hull auf die Idee gekommen, einen ſo einfal⸗ tigen Scherz— Aber Sie ſehen, daß ich ſo vernuͤnf⸗ tig und ruhig bin, wie ein Menſch in der Welt nur ſeyn kann. Jettchen(noch ein bischen ängſtlich, aber komiſch). Nun— ſo ganz ruhig wohl doch nicht— die Ohn⸗ macht Ihres jungen Freundes ſcheint Ihnen recht nahe zu gehen.(mit Gefühl) Es iſt wahrhaft ruͤh⸗ rend, wenn ſich zwei Freunde ſo lieben. Molwitz. Lieben— o mein gutes, liebes Kind, wenn Sie wuͤßten, was Sie mit dieſem Worte— (halb vor ſich) wenn ſie es war'! wenn ſie ſich verklei⸗ det— wenn die Ohnmacht ihr Herz verrathen haͤtte! — 34— Gu Jettchen, das ſeine Extaſe bedenklich beobachtet, als traue ſie ihm doch nicht recht, und ſich wieder zurückzu⸗ ziehen anfängt). Nicht wahr, klein von Geſtalt, ein geiſtvolles Geſicht, ein Paar lebendige, große Augen? Jettchen. Und was fuͤr Augen! Dieſe freund⸗ liche Milde, dieſer ſprechende Liebesblick— Molwitz(ſehr aufgeregt).— Liebesblick— ſpre⸗ chender Liebesblick— das iſt das rechte Wort— und dann— nicht wahr, ſo etwas Hohes, ſo et⸗ was Engelgutes im ganzen Weſen.— Jettchen. Von ſeiner Engelgute habe ich eine Er⸗ fahrung gemacht, die mich ihm auf ewig verpflichtet. Molwitz(geſpannt). Sie? ewig? o ſagen Sie! Jettchen. Denken Sie ſich, gibt er mir, mir, die ich ihn fruͤher mit keinem Auge geſehen, zum Brautgeſchenk eine Banknote von— Molwitz(bei Seite im höchſten Entzücken). Sie iſt es!*)— Sie will ihr ganzes Geld weggeben, und—(zu Jettchen— freudig) haͤtte Ihnen mehr ge⸗ ben ſollen— tauſendmal mehr. Jettchen. Mir? Molwitz. Und dann, nicht wahr, in den Be⸗ wegungen ſo eine gewiſſe Grazie, in der Haltung ſo etwas Edles? Jettchen. Es iſt derſelbe, den Sie meinen! Molwitz(außer ſich). Ach wenn das waͤre! Jettchen. Nu hier in No. 3 wohnt er ja, Sie duͤrfen ſich nur ſelbſt uͤberzeugen; klopfen Sie nur an — er iſt beſtimmt zu Hauſe. *) Einem denkenden Schauſpieler iſt die Bemerkung überflüſſig, daß Molwitz das zweimalige„Sie“ im Ausſprechen hier ſo verſchluckt, daß Jertchen nur die audern Worte hören kang. 9 ſogle deut ſchon Jettch verſtel ganz r Geſic Lilien J in de neber ckenbe M Lippen ſproch betrog ren ſei ſam z1 JF breche M melnd) Je einen — 35— Molwitz. Sie haben gut reden! Es klopft ſich ſogleich.— No. 3 ſagen Sie— das iſt eine ſo be⸗ deutſame Zahl—(vor ſich) ich höre, ich fuͤhle es ſchon klopfen, aber hier in meinem Herzen!(zu Jettchen, das bei dieſen Aeußerungen durch Pantomime zu verſtehen gegeben, daß es mit dem Grafen doch wohl nicht ganz richtig ſeyn möge) Sagen Sie— haben Sie das Geſichtchen genauer betrachtet? Haben Sie in der Lilienwange das Gruͤbchen— Jettchen. O wohl! Das ſchelmiſche Lächeln in der roſigen Tiefe dieſes Gruͤbchens, und dicht da⸗ neben der Ernſt des Nachbars, des ſtattlichen Ba⸗ ckenbarts— Molwitz(der Jettchen bis dahin die Worte von den Lippen geſogen, in deſſen Augen das Entzücken ſichtbar ge⸗ ſprochen, ſchreit jetzt auf einmal, in ſeinem ſüßen Calkül betrogen, laut auf) Backenbart? Cund faßt im Erſtar⸗ ren ſeiner vergeſſend, Jettchens beide Hände, die er gewalt⸗ ſam zuſammen preßt). 8 Jettchen(ſich loswindend). O Gott, Sie zer⸗ brechen mir ja die Haͤnde! Molwitz(hat ſte losgelaſſen, vor ſich leife mur⸗ melnd). Backenbart. Jettchen cim Abeilen nach ihrem Zimmer). Noch einen Augenblick langer, und er fangt an zu beißen! (ab) Achter Auftritt. Molwitz allein. (An Jettchens Thüre, ruft hinein). Mamſell— Fraͤu⸗ lein!*) Sie hoͤrt nicht— ſie hat ſich eingeriegelt— —) Da ehen von einem Mopſe die Rede war, der in Jett⸗ chens Zimmer ſeyn ſollte; ſo können, wenn Jemand das Klaffen eines kleinen Stubenhundes recht täuſchend nach⸗ zuahmen verſteht, die Worte„Mamſell und Fräulein“ von innen von einem ſolchen Geklaffe beantwortet werden. (zurückkommend). Was will ich auch noch mehr wiſſen— ich haͤtte, da ſie(dies auf Frau v. Lemann deutend) einmal dem gemuͤthskranken armen Molwitz ſo viel Wohl⸗ wollen zu ſchenken ſcheint, meine Rolle ſchon ſpielen wollen, ich haͤtte gethan, als ob Hulls Luͤge wahr waͤre— mein Zuſtand wuͤrde ſie geruͤhrt, ſie wuͤrde den Grad meiner Liebe darnach abgemeſſen haben⸗ ſie wuͤrde in ſich gegangen ſeyn, ſie wuͤrde ſich als die Urſache meines Tiefſinns angeſehen haben, ſie wuͤrde— ach was wuͤrde ſie nicht Alles— in ihrer Theilnahme hätte ich das Geſtaͤndniß ihrer Gegen⸗ liebe geleſen, und ich wäre der glücklichſte Menſch geweſen— das Alles hatte ich mir ſchon zuſammen kalkulirt!— Aber die Liebe kann, ſie ſoll ja nicht rechnen! Meinen ganzen Kalküle hat der verdammte Backenbart mit Einemmale vernichtet— aber den Menſchen, den Freund, der um meinetwillen in Ohn⸗ macht faͤllt, muß ich doch wenigſtens kennen ler⸗ nen—(win auf das Zimmer No. 3. zugehen, ſein Blick fällt auf das Gedicht, welches Madame Lehmann vorhin auf dem Liſche hat liegen llaſſen) Was Teufel— Cliest die Aufſchrift) An die Hochverehrte und heiß und treu geliebte Frau von Lemann Hochwohlgeboren. Neunter Auftritt. Molwitz. Fr. v. Lemann. Fanny. (Seide Letztere in ſehr eleganten Negligees, denn ſie erwar⸗ ten den Beſuch des Präſidenten). Fa nny(im Eintreten zur Frau v. Lemann, die ihr auf dem Fuße folgt). Es iſt ſeine Stimme. Molwitz(ohne die hinter ſeinem Rücken Eintreten⸗ den zu gewahren). Mit Bleifeder geſchrieben? ein Brief an ſie. freund M ſonſt ſte imt alle m 4— mal ohl⸗ elen ahr irde den, als ſie hrer gen⸗ nſch men ncht mte den ohn⸗ ler⸗ Blick orhin liest treu rwar⸗ ie ihr reten⸗ ein — 37— Fr. v. Lemann Gu Fanny heimlich). Er iſt es ſelbſt!— Molwitz(der das Blatt auseinander geſchlagen). Nein— kein Brief— Verſe! Fr. v. Lemann Gheimlich zu Fanny). Er ſieht ſo bleich; was hat er denn da? Fanny(gibt ihr ein Zeichen, daß ſie ſtill ſeyn ſonl). Molwitz(iiest mit affectirtem, ſehr tiefem Gefühl—) Wenn bei des Abends kühlem Scheine Die Stimme der Erinn'rung ſpricht, So ſeufzen meine müden Beine Ein praſſelndes Vergißmeinnicht.(lachr) Fr. v. Lemann(zu Fanny ängſtlich). Er macht Verſe.(weich und weinerlich) Ja— ja, er hat den Verſtand verloren! Molwitz. Ein Raſender hat dieſe Verſe ge⸗ macht! Fr. v. Lemann(ringt die Hände). Gott, der ungluͤckliche Menſch! Molwitz. Und ich kann noch lachen? Fr. v. Lemann qzu Fanny). Komm— dieſes Lachen iſt furchtbar! Fanny. Bleib— ſprich mit ihm— ſanft— freundlich— Molwitz. Sie hat das Machwerk verachtet, ſonſt läge es nicht hier auf dem Tiſche— ſo war ſte immer— an dieſer Kaͤlte erkenne ich ſie— ach, alle meine Briefe— auf keinen hat ſie geantwortet — und ich meinte es ſo gut— ſo ehrlich— o Eliſe!— Doch ich will ja den Namen nicht nennen, und immer ſchwebt er mir auf den Lippen— ach ich habe ja nichts als ihn in der gequaͤlten Bruſt. Fanny. Eliſe, hoͤre, wie er ſo ſanft ſpricht— Du haſt nichts zu fuͤrchten— rede mit ihm, heile ihn, gewinne ihn, gewinne ihn dem Leben wieder⸗ (in ihr Zimmer zurück). Molwitz(lebhaft). Und was liegt denn zwi⸗ ſchen mir und ihr?— Ein Paar Centner kaltes Gold—(ſehr aufgeregt) Alle Räuberbanden der gan⸗ zen Welt moͤchte ich zuſammen rufen, daß ſie herfie⸗ len uͤber dieſen dreitauſendmal verwuͤnſchten Me⸗ tallklumpen— einen Feuerſtrahl vom Himmel möͤch⸗ te ich beſchwoͤren, daß er herabfiele und dieſen ver⸗ maledeiten Stein des Anſtoßes zu Staub, zu Aſche verbrenne. Der Hoͤlle moͤchte ich fluchen, daß ſie ihren Schlund öffne, wo ſie am tiefſten iſt, und das Ungluͤcksgeld verſchlänge auf immer und ewig. Fr. v. Lemann(vor ſich). Gott— er rast fuͤrchterlich.—(theilnehmend, halb laut) Herr Graf! Molwitz. Und wenn ſie dann arm und mittel⸗ los waͤre, wie die Niedrigſte im Lande, und ich ihr meine Hand— Fr. v. Lemann(weich, ſanft, lauter). Lieber Herr Graf! Molwitz. Und ſie ſaͤnke in meine Arme, au mein Herz! Fr. v. Lemann(ſehr zart). Lieber Molwitz! Molwitz(dreht ſich ſchnell um, ſehr überraſcht). Gnaͤdigſte Frau! Fr. v. Lemann loor ſich). Er kennt mich doch noch!(theilnehmend) Sie ſind krank, höre ich! Molwitz. Ich— nie geſunder als jetzt, und haͤtte ich ſchon im Grabe gelegen.— Ihr freundli⸗ ches Wort— das ich nie von Ihren Lippen hoͤrte— vom Tode wuͤrde es mich erwecken. Fr. v. Lemann(aanft). Nichts vom Tode— 6! aſcht). doch und undli⸗ rte— ode— Sie muͤſſen wieder geſund werden, Ihre duͤſtere Schwermuth— Ihr trauriger Seelenzuſtand— (halb weinend) Gott, wie wehe thut mir das! Molwitz(vor, ſich). Am Ende hat ihr Hull— „das Mittel ſcheint zu wirken—(triumphirend) Sie iſt es doch geweſen, die in Ohnmacht fiel— der Bart war falſch. Fr. v. Lemann(die unterdeſſen das Tuch vor dem Geſichte gehabt und geweint hat, vor ſich). Er ſpricht mit ſich ſelbſt— das iſt kein gutes Zeichen!— Alle Hoffnung iſt verloren!(zu ihm) Lieber Molwitz. Molwitz(oor ſich). Ach dieſe ſanfte Rede— wie wohl thut ſie meinem Herzen! Am beſten, ich bleibe in der Rolle, die mir Hull zugetheilt. Fr. v. Lemann. Guter, beſter Molwitz! mit wem ſprechen Sie denn? Molwitz. Mit meinem Schatten.— Siehſt Du nicht, wie er ſo ſchwarz und ſchweigſam mich umſchlingt? Fr. v. Lemann(hatb vor ſich). Nun kennt er mich ſchon wieder nicht! Molwitz. Das iſt mein einziger Freund in dieſer liebeleeren Welt; dem vertraue ich meinen Schmerz— der verſteht meinen Kummer— haſt Du ſie geſehen, die kalte ſtolze Frau, haſt Du ge⸗ hoͤrt, wie ſie meiner Liebe eiſigen Spott, meinen Schwuͤren kraͤnkenden Zweifel entgegenſetzte? Fr. v. Lemann(coor ſich, ſehr erſchüttert). Er meint mich—(ſich entſchuldigend, ſanft) Das hat ſie nicht gethan. Molwitz(in der Manier eines Naſenden lachend). Das hat ſie nicht gethan? Meine Briefe— unbe⸗ antwortet— alle meine Antraͤge—(bitter) ſie gal⸗ LXXX. 868— ten ja nur ihrem Golde, ach und ich hatte doch Augen fuͤr ihren unermeßlichen Liebreiz, Ohren fuͤr das Honigwort ihrer verſtaͤndigen Rede— Sinn fuͤr ihre Talente, und ein Herz fuͤr ihr himmelrei⸗ nes Gemuͤth—(êzu ihr) Wer biſt Du denn, Du Beſtochene, daß Du fuͤr ſie zeugſt?— Geh— geh weit weg!— Betruͤge mich nicht um meine Ruhe — ich bin jetzt ruhig— fürchterlich ruhig.— Fr. v. Lemann(ſehr gedrückt und dem Weinen nahe). Wohl hatte ſie fuͤr ihre Handlungsweiſe Gruͤnde. 4 Molwitz(heftig). Abgruͤnde— grundloſe Ab⸗ gruͤnde, in die ſie die Laſt ihres dreimal verfluch⸗ ten Goldes unwiederbringlich hinabzog! Fr. v. Lemann. Sie ſah ſo manches reiche Maͤdchen in der Welt, dem von unwuͤrdigen Maͤn⸗ nern Liebe vorgelogen ward; ſo manches, das blos des leidigen Geldes halber, um das heiligſte und das ſeligſte Gluͤck des Meuſchen hienieden, um das Gluͤck, geliebt zu ſeyn, fuͤr das ganze Leben betrogen ward; ſie ſah— Molwitz(einfaulend). Sie ſah den ehrlichen, offenen Molwitz mit unter dem Troß ſolcher erbaͤrm⸗ lichen Schäͤcher— in dieſem Wahne begegnete ſie ſeinem ſchuͤchternen Näaͤhern mit muthwilligem Hoh⸗ ne, zerriß ihm das Herz in der blutenden Bruſt mitten von einander und—(ſchnell wieder in die Rolle des Tollen fallend) tanzeſt Du koſackiſch? Fr. v. Lemann. Engliſcher Molwitz— Sam⸗ meln Sie ſich doch. Molwitz. Zum Sprunge will ich meine Kraͤfte ſammeln, zu dem Todesſprunge in das Tiefſte des Meeres— dort, nur dort wird die furchtbare Gluth Hof druͤͦ⸗ auf 0 6 gegel allen Tone ſich! brei mal das Lerzii doch fuͤr inn lrei⸗ Du geh ruhe einen veiſe Ab⸗ luch⸗ eiche Naͤn⸗ blos ddas luͤck, ard; chen, aͤrm⸗ te ſie Hoh⸗ Bruſt n die Sam⸗ raͤfte e des Gluth — 91— (die Hand auf die Stirne legend) Kuͤhlung finden.(ſinkt auf einen Stuhl nieder) Ach, mir iſt ſo krank und wehe— 3 Fr. v. Lemann. Gott, ich will nach einem Arzt— Molwitz. Laß die Stuͤmper!— Dieſen Schmerz heilt Keiner. Fr. v. Lemann(ſehr weich). Wo ſchmerzt es denn ſo? Molwitz. Hier— ach hier(auf das Herz zeigend) es iſt unheilbar.— Fr. v. Lemann. Sollte denn gar keine Huͤlfe? Molwitz(in halber Verzückung mit tiefer Empfin⸗ dung, ſteht auf). Siehſt Du den Engel, deſſen Ant⸗ litz mir in der Glorie ſeines himmliſchen Liebrei⸗ zes entgegen leuchtet? Der, nur der kann mich ret⸗ ten, von ihm ein freundlicher Liebesblick in das kalte Dunkel meiner Seele, und es wird Licht um mich, und ich fühle, daß ich geſunde! Siehſt Du den Him⸗ mel ſich öffnen— ſie kommt— ſie breitet ihre Ar⸗ me— ſie umfaͤngt mich— ſie liſpelt mir das Lo⸗ ſungswort der gluͤcklichen Sterblichen zu— Glaube, Hoffnung, Liebe— und der laͤchelnde Purpurmund druͤckt als Siegel der ſeligen Weihe, den erſten Kuß auf meine Lippen! Fr. v. Lemann(hat durch Pantomime zu verſtehen gegeben, daß, wenn das Mittel anſchlüge, ſie ſich wohl allenfalls zu der Kur entſchließen könnte, vor ſich, mit dem Tone frominen Wunſches). Wenn das huͤlfe— Cſieht ſich um, ob ſie nicht behorcht werde) Sie kommt— ſie breitet ihre Arme—(eeiſer, nachdem ſte ſich noch ein⸗ mal umgeſehen) ſie umfaͤngt ihn— und nennt ihm das Loſungswort der Gluͤcklichen hienieden, Gaut und herzlich betonend) Glaube, Hoffnung, Liebe. — 92— Molwitz(ass könnte er ihr das letzte Heilmittet nicht erlaſſen, ſehr verklärten Angeſichts, aber ſo, daß ſie dies fröhllhhe Geſicht nicht ſieht, weil ſie den Kopf ver⸗ ſchämt an ſeine Bruſt geſenkt hat, fährt im vorigen Ton der Verzückung fort)— und der laͤchelnde Purpurmund druͤckt als Siegel der ſeligen Weihe, den Verlo⸗ bungs⸗Kuß auf meine Lippen! Fr. v. Lemann(ſteht ſich noch einmal um, um⸗ ſchlingt nach einigem Kampfe verſchämt den Grafen und küßt ihn; dieſer Kuß, während welchem der Graf die Frau von Lemann feſt umſchlungen hält, kann und muß einige Sekunden dauern). Molwitz(ganz außer ſich vor Entzücken). Iſt es denn wahr— Eliſe mein? Darf ich denn meinen Sinnen trauen? Fr. v. Lemann(ängſtlich ihm die Hand auf die Stirne legend, raſch, komiſch) Gott— mein Himmel, es kommt wohl ſchon wieder bei Ihnen? Molwitz. Nein, Du angebetetes Weſen.— Meine Nacht iſt Tag geworden— Alle Schleier ſind gefallen— die ganze Welt iſt mir ein Roſentem⸗ vel.— Ein ſolcher wunderſuͤßer Kuß—(der Appe⸗ tit dazu kömmt ihm von Neuem an, er umſchlingt die Ge⸗ liebte mit zärtlichem Ungeſtum). Zehnter Auftritt. Mit dem Stichworte Kuß, ſchlagen ſämmtliche Thuüren auf, in der einen Seitenthüre ſteht Fanny, in der Mitteithüre Herr Haas und Madame Kohlow, in der zweiten Mittelthüre Wetter und Jettchen, und in der Seitenthüre, Fanny gegenüber, Baron Hult und Ma⸗ dame Lehmann. Alle geben durch ein freudiges, bei⸗ falliges Ah ihre Theilnahme zu erkennen Dieſes Ah muß ein melodiſcher Laut ſeyn, und daher möalich ſt ſorgfalria eingeubt werden Fr, v Lemann ſchlupft böchſt uͤberraſcht aus des Grafen Armen. C Lema freun 2 chen N (auf H darf roͤthe gleich zeigen Beifal Hoch. Gluͤck uns heute M meine nehmer low ge machen G Sie, mich F toll ge G nin ut gegeng Verſi⸗ Ander nimm aber 1 nittel aß ſie ver⸗ Ton und erlo⸗ um⸗ und Frau inige t es inen die mel, ſind tem⸗ Appe⸗ Ge⸗ zuͤren n der n der n der Ma⸗ bei⸗ Ah alichſt tupft — 93— Graf. Meine Damen und Herren(auf Frau p. Lemann deutend) meine Braut!(Aue verneigen ſich freundlich). Wetter. Meine Damen und Herren(auf Jett⸗ chen deutend) meine kleine Braut!(Alle wie vorhin). Mad. Lehmann. Meine Herren und Damen (auf Hultzeigend) mein Brautigam!(Ale wie vorhin). Haas. Nu, wenn Alles ſich in Liebe paart, ſo darf die(auf Madame Kohlow deutend) Sonne nicht er⸗ röthen, wenn ihr Planet Merkur es wagt und gleichfalls ſpricht— hier meine Braut—(Alle be⸗ zeigen ihre wohlwollende Theilnahme durch Bravorufen und Beifallszeichen). Die Herren hier beſtellten ſchon das Hochzeitmahl!— Verlobung wenigſtens können wir Gluͤcklichen Alle heute feiern, und duͤrfen wir es uns unterſtehen, Sie ſammtlich als unſere Gaͤſte heute Abend bei uns zu ſehen— Mad. Kohlow. So werden Sie mich und meinen treuen Merkurſtecht herzlich verbinden.(Ale nehmen die Einladung durch Pantsmimen an, Madame Koh⸗ low geht ab„kommt aber nach dem Stichworte: zur Hölle machen kann, wieder). Graf(fröhlich lachend). Nun aber, Hull, ſagen Sie, wie ſind Sie auf die bizarre Idee gekommen, mich hier fuͤr toll auszugeben? Fr. v. Lemann dzu Fanny) Alſo— er iſt nicht toll geweſen? der Spitzbube. Graf(zu Hun). Sie haben mir zwar damit ei⸗ nin unbezahlbaren Dienſt geleiſtet, denn es iſt mir gegengen, wie Manchem in der Welt, der ohne Verſtand das kühnſte Ziel erreicht, waͤhrend der Andere das ganze Bischen Vernunft zuſammen nimmt und doch keinen Schritt weiter koͤmmt— aber warum, warum erfanden Sie die Fabel? Hull. Nun Alles ſo gut ſich gemacht hat, kann ich es ſagen.— Ich hatte mir— und haͤtte es mein Leben koſten ſollen— feſt vorgenommen, mich in den Beſitz(zeigt auf Madame Lehmann) dieſes ſchoͤnen Herzens zu ſetzen. 3 Mad. Lehmann(gverneigt ſich gegen Hull). Ein rechter charakteriſtiſcher Myſticismus von Ihnen. Hull(zum Grafen). Ich fuͤrchtete, daß Sie mir im Wege ſtaͤnden, und wollte Sie dadurch mit Ei⸗ nemmale fuͤr immer beſeitigen! Graf(aacht). Ein köſtliches Mißverſtaͤndniß!— Nein, der liebenswuͤrdige Fluͤchtling, dem ich bis an das Ende der Welt nachſetzen wollte, war hier meine himmliſche Eliſe. Hull(halb heimlich zum Grafen). Das iſt Frau von Lemann?— mit der halben Mill— 2(erſchro⸗ cken, etwas lauter) Ich überſchlage mich dreimal ruͤck⸗ waͤrts. Wetter(der, mit Jettchen beſchäftigt, das nicht ge⸗ hört hat, reicht Hull ehrlich die Hand). Und zum Hoch⸗ zeitsgeſchenk, Herr Vetter in spe, kann ich Ihnen die erfreuliche Nachricht bringen: daß Tante Leh⸗ mann— ich komme eben von der Regierung— ih⸗ ren Prozeß ſolenniter gewonnen; das Gut, das ihr zugefallen, traͤgt jahrlich ſeine 2000 Rthlr.; Sie ſind Oekonom, Ihr Vater war, wie ich eben auf dem Stadtgericht gehoͤrt, Hofſchneider, und hat Ih⸗ nen auch einiges Vermoͤgen hinterlaſſen; die Zin ſen deſſelben dazu,(Hun zuckt kaum bemerkbar die Ack⸗ ſein) da werdet Ihr in Frieden und Freuden leben, wie die Engel im Himmel. Mad. Lehmann. Ich denke, ein Baron liegt zu meinen Fuͤßen, und am Ende iſt es nur Herr Hull der Präre gewit f glaul ſte fro 3 tomin mit d ein un irre Sie dieſes danke W Himn kann mein ch in oͤnen Ein en. emir t Ei⸗ 6!— h bis hier Frau erſchro⸗ hruͤck⸗ icht ge⸗ Hoch⸗ Ihnen die Ack⸗ leben, n liegt r Herr Hull— doch(zu Hull) der Adelsbrief waͤre gerade der letzte Ihrer Praͤgravationen(win wahrſcheinlich Prärogativen ſagen, zärtlich) Hull— Sie haden ein gewiſſes Etwas an ſich— Hull. Wir haben uns Beide getaͤuſcht— ich glaubte der Frau von Lemann— doch—(umſchlingt ſie fröhlich) beſſer etwas, als gar nichts. Jettchen(das lange ſchon mit Wetter durch Pan⸗ tomime ſich verſtändigt hat, daß ihr Frau von Lemann mit dem jungen Herrn vorhin, der ihr die Note ſchenkte, ein und dieſelbe Perſon zu ſeyn ſcheint, zu Wetter). Ich irre mich beſtimmt nicht.(zu Frau von Lemann) Sie ſind es, holde gnädige Frau, der wir die Freude dieſes Tages und das Gluͤck unſerer Zukunft zu danken haben. Wetter. Gnaͤdige Frau— wie ein Engel vom Himmel ſehen wir Sie. Graf. Das iſt ſie auch. Fr. v. Lemann reicht Beiden die Hand). Es thut mir wohl, Euer Wohl dadurch befördert zu haben, aber dankt mir nicht dafuͤr— ich wollte Alles hin⸗, Alles weggeben, um dieſen(auf Mowwitz deutend) tol⸗ len Menſchen— Graf(mit Zartheit ihr in das Wort fallend). Ich bin ja geheilt. Jettchen(êzu Fanny, dieſe nun auch erkennend). Ach— und Sie! Fanny(ihr ſcherzend nachäffend). Ach— und ich— (zu Wetter) Wollen Sie gleich zu meinen Fuͤßen nie⸗ der, und mich bitten, daß ich Ihre niedliche Braut kuͤſſe! oder— wir ſchießen uns! Wetter(wirft ſich ſcherzend nieder). Engliſches — 96— Fraͤuiein— nicht ſchießen— Sie— ja Sie ſollen meinem Jettchen tauſend Kuͤſſe geben. Fanny(freundlich). Jetzt ſtehen Sie auf! Aber heute Abend bei Tiſche leſe ich Ihnen noch den Text. Sie haben ein ſo allerliebſtes ſchuldloſes Kind und ſind eiferſuchtig— das iſt ein ſchreckli⸗ ches, ein ganz abſcheuliches Laſter, das die Ehe zur Hoͤlle machen kann. Fr. v. Lemann. Du ſprichſt, wie der Blinde von der Farbe. Sieh, wir Alle Paar und Paar— und Du— Du ſteheſt allein in unſerm Kreiſe. Fanny. Davor iſt mir nicht bange!— In die⸗ ſen goldenen Käfig werde ich noch zeitig genug kom⸗ men.— Seit wir Frieden haben(mit einem leichten Seitenblick in das Parterre) iſt eine Unzahl von jungen huͤbſchen Mannern in der Welt— ich werde mir zu ſeiner Zeit ſchon einen ausſuchen— bis dahin(zu den vier Paaren, jedoch beſonders zum Grafen Molwitz und Frau von Lemann gewendet) will ich von Euch die große Kunſt lernen, in der Ehe gluͤcklich zu ſeyn. Doch— ſchwer, ſagt man, iſt ſie nicht; nur wahre Liebe, offnes Vertrauen und ſtets ein reines Herz! — dann bleibt des Himmels Segen nimmer aus. 3 Der Vorhang fällt. ollen Aber den loſes reeckli⸗ Ehe linde ar— ſe. n die⸗ kom⸗ eichten ungen nir zu n(zu dolwißz ch die ſeyn. wahre Herz! us. —— — —— N 1 5 1 K. *= — — * 8 “— * * — 91 6 —— 5 34 8 4* 2 82 ⸗— 8 2 4 82—