— — — —y — — 8 — — ————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzö 2 ſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rürlgahe eines geliehenen Buches jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennah me — zur Em Morgens wird von Tages iſt zu 24 Stun⸗ =e= 2 —— eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und f beträgt: für wöchentlich 2—2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.—— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Af. u 3 2 3 5. Auswärtige Abonnenten haben fü der Bücher auf ihre ei genen Koſten und( 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher(namentlich bei ſolchen ern ꝛc.) muf Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, lorene oder defecte Buch ein Theil ei ſo iſt † der Leſer zum Erſa Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. eſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Werkes größeren ſ ſ ur — — von 5 en. ſt. en 5 9 H. Clauren. 8 . en 1 er⸗ ſ 6 iſt„ ſ. 1e ſ Vier und ſiebenzigſtes Baͤndchen. =⁄ʃ Stuttgart, bei A. F. Macklot. 18 2 9. Aufſch! Inbalt. 2 Aufſchluß der Erzählung: das alte Schloß zu Marien⸗ linde. S. 3 Fremde Die Arwosiſt....... 8t und We Johann erwacher durch ei als koͤnn es mehr zimmer am laut liſch, ba hielt. Faſt auch wie den ſchl 6.. defecte Laden; wurdeu —. ſtalten Claure arien⸗ S. 3 8¹ Aufſchluß der Erzaͤhlung: das alte Schloß . zu Marienlinde. 1. Fremde Stimmen;— fremde Sprachen— Lachen und Weinen; Singen und Brummen Alles hoͤrte Johanna, aus todtenaͤhnlichem Zuſtande allmaͤhlig erwachend, anfaͤnglich wie aus weiter Ferne, bunt durch einander, und nur nach und nach ward ihr, als koͤnne ſie die Stimmen unterſcheiden; als ſeyen es mehrere Maͤnnerſtimmen; als ſpreche ein Frauen⸗ zimmer dazwiſchen; als rede Tom mit, und zwar am lauteſten; als werde bald Deutſch, bald Eng⸗ liſch, bald Etwas geſprochen, was ſie fuͤr Italieniſch hielt. Faſt in gleichem Zeitraume bahnte ſich die Seele auch wieder zum Gebrauch des Geſichts, den ihr durch den ſchlagahnlichen Anfall von Ohnmacht verbroche⸗ nen Weg. Erſt war Alles ſchwarze Nacht vor den Augen geweſen; allmaͤhlig zerfloß dieſe in graue dichte Rebelſchleier, die immer lichter und klarer wurden, ſo daß Johanna unbeſtimmte Schatten⸗Ge⸗ ſtalten wohl ſah, aber keine zu erkennen vermochte, Clauren Schr. LXXIV. 1 — 5—,—— — — — ——— 5 8 3—. 25— denn ſie ſchwebten alle, wie von Wolken umhuͤllt, an ihr voruͤber; zuletzt aber zerfloßen Wolken, Ne⸗ bel und Schleier, und, wenn ſie ihren Augen wie⸗ der trauen durfte, und ubernatuͤrliches Zauberwerk ſie nicht von neuem umgaukelte, ſo lag ſie im ro⸗ then Zimmer auf Toms Sopha; ſo knieeten zu ihren Fuͤßen Tom und die blaſſe Frauengeſtalt; ſo ſaß der Graue ihr gegenuͤber in dem Kroͤpelſtuhle, in dem der hochſelige Fuͤrſt, wie der alte Schlumpe ihr oft erzaͤhlt, immer geſeſſen, wenn er, von der Sauhetze ermuͤdet, ſein Abendpfeiſchen am Kamine geraucht; ſo ſtand der Fuͤrchterliche, mit den Piſtolen im Guͤr⸗ tel, dicht vor ihr. Sie mußte ſich mit beiden Haͤnden den Kopf zu⸗ ſammen halten, denn war es ihr doch, als wolle er ſich in zwei Haͤlften ſpalten, weil er das Unbegreif⸗ liche nicht faſſen köͤnne, und nur der laute Freuden⸗ ruf:„Sie lebt,“ in den die räthſelhafte Geſellſchaft bei ihrem erſten Athmen, bei ihrem erſten Augen⸗ Aufſchlag, in verſchiedenen Zungen, einſtimmig aus⸗ brach, und der allgemeine Wetteifer, ihr das Leiden ihres Anfalls moͤglichſt zu erleichtern, waren ihr Buͤrgen, daß ſie von den drei Schreckens⸗Geſtalten, und von Tom, aus dem ſie jetzt wirklich nicht recht wußte, was ſie machen ſolle, keine Lebensgefäͤhrlich⸗ keit zu beſorgen habe. 2. „Wo bin ich denn?— wie bin ich denn hierher gekommen?“ fragte ſie, zu Tom geweudet, mit ſchwacher Stimme, und dieſer antwortete, ihre Kniee —— ꝗͦ— umſchl der Mi ihr Lel ten, ferner reden, wuͤthe na's. kes, u ner S deutſch ken v bleiche fuͤßeſt lino, ſeine tem 2 weilte zweite ₰ lichen bekan der g komn Joha ſeine wahr ten Ich l umhuͤllt, ken, Ne⸗ gen wie⸗ uberwerk ie im ro⸗ zu ihren ſo ſaß der „in dem be ihr oft Sauhetze geraucht; 1im Guͤr⸗ Kopf zu⸗ 8 wolle er Unbegreif⸗ Freuden⸗ Geſellſchaft en Augen⸗ mmig aus⸗ das Leiden waren ihr Geſtalten, nicht recht sgefaͤhrlich⸗ enn hierher endet, mit „ihre Kniee umſchlingend, mit freudeſtrahlenden Augen:„In der Mitte guter Menſchen, die Ihrem ſeltenen Muthe ihr Leben, ihre Rettung verdanken; die Sie anbe⸗ ten, und die von Ihrer edeln Frauenmilde noch ferner Rath und That erflehen.“ Er wollte weiter reden, aber das blaſſe Maͤdchen und der Piſtolen⸗ wutherich draͤngten ihn weg, und bedeckten Johan⸗ na's Haͤnde mit den Kuͤſſen des geruͤhrteſten Dan⸗ kes, und geſtanden in gebrochenem Deutſch, in kei⸗ ner Sprache der Welt, am wenigſten aber in der deutſchen, Worte zu finden, welche das auszudruͤk⸗ ken vermoͤchten, was ſie empfaͤnden; die ſchoͤne, bleiche Kordula ward dabei vom zarten Roth der fuͤßeſten Unſchuld uͤberhaucht, und der junge Abaͤl⸗ lino, Rinaldo Rinaldini oder Barnabas, ſah, als ſeine brennenden Feueraugen auf Johanna's ſanf⸗ tem Madonnengeſichtchen mit beredtem Entzuͤcken weilten, gar nicht mehr ſo fuͤrchterlich aus, daß eine zweite Ohnmacht zu beſorgen geweſen waͤre. 3. Johanna wollte ſprechen, und uͤber ihre angeb⸗ lichen Verdienſte um das Wohl der bekannten Un⸗ bekannten ſich naͤhere Eroͤrterung erbitten; aber der graue Alte im Sacke ließ ſie nicht zum Worte kommen;„vor Allem,“ bat er dringend, und druͤckte Johanna's kleine Haͤnde mit aͤngſtlicher Haſt an ſeine Bruſt,„vor Allem ſagen Sie mir ehrlich und wahr: hatte uns Jemand Ihnen verrathen? Wuß⸗ ten Sie von unſerm Aufenthalte hier im Schloſſe? Ich beſchwoͤre Sie, es iſt um der Sicherheit unſerer 1* —— ————— — 6— Exiſtenz, um unſeres und jetzt auch um Ihres eige⸗ nen Wohls willen; ſprechen Sie die Wahrheit.“ Johanna betheuerte mit recht ehrlichem Geſichte, die rechte Hand auf ihre linke Bruſt gelegt, als wolle ſie ihre Ausſage mit einem foͤrmlichen Eides⸗ ſchwure bekraͤftigen, daß ſie nichts von ihm gewußt habe, und daß er ja dies auch wohl aus dem Schrek⸗ ken werde entnommen haben, der ſie bei ſeinem An⸗ blicke ſo maͤchtig ergriffen habe. „Aber Kind,“ fuhr er, noch in halbem Zweifel an die Glaubwuͤrdigkeit ihrer Ausſage, kopfſchüt⸗ telnd fort,„mitten in der Nacht brachten Sie, Sie ſelbſt ohne alle Begleitung, in das alte, umheim⸗ liche Schloß das wohlgefuͤllte Koͤrbchen. Wem, ich bitte, ſagen Sie, wem ſollte die Spende Ihrer Gute beſtimmt ſeyn, wenn wir Ihnen nicht verra⸗ then waren?“ Da ſenkte Johanna, verlegen erroͤthend, das Köpfchen; zur Beruhigung des alten Graukopfs, der darauf, daß Niemardd hier von ihm wiſſe, ſehr viel Gewicht zu legen ſchien, mußte ſie ſchon die Wahrheit ſagen; ſie erzaͤhlte alſo ganz ehrlich und offen, daß ſie, da Tom an jenem Abende aus der Reſource gekommen und in ſeine Wohnung gegan⸗ gen ſey, ohne gegeſſen und getrunken zu haben, die Beſorgniß gehegt habe, daß er krank ſey, oder daß er hungrig und durſtig zu Bette gehen werde. Die Domeſtiken ihres Hauſes haͤtten bereits alle geſchla⸗ fen; alſo waͤre ihr nichts Anderes ubrig geblieben, als ſelbſt hier heruͤber zu gehen, und zu ſehen, was Wilford und Du „Das die Sel dieſer 2 lich daͤr Pllicht „A des M aufſtel Hände mir hannch durch freund Roͤthe etwas chen! „bere daß mein 3 eige⸗ it. eſichte, t, als Eides⸗ gewußt Schrek⸗ em An⸗ Zweifel pfſchuͤt⸗ ie, Sie mheim⸗ em, ich 2 Ihrer t verra⸗ d, das aukopfs, ſſe, ſehr ſchon die lich und aus der g gegan⸗ aben, die oder daß rde. Die e geſchla⸗ geblieben, hen, was — 7 1 Wilford fehle, und, zur Stillung etwaigen Hungers und Durſtes, das Benoͤthigte gleich mit zu bringen. „Das forderte ja wohl,“ ſetzte die ſchlaue Kleine, die Seligkeit, in die ſich Toms ganzes Weſen bei dieſer Auseinanderſetzung ſichtbar auflöſ'te, abſicht⸗ lich daͤmpfend, hinzu,„das forderte ja wohl die Pflicht der Gaſtlichkeit.“ „Alſo mir,“ rief Tom, und ſturzte zu den Fuͤßen des Mädchens, das immer noch zu ſchwach war, um aufſtehen zu koͤnnen, nieder, und bedeckte Hannchens Häͤnde und Kniee mit ungezahlten Kuͤſſen,„alſo mir galt dieſe Himmelsguͤte? O, mein ſuͤßes Engel⸗ hannchen, wie namenlos gluͤcklich machen Sie mich durch dies Geſtändniß! Bereuen Sie,“ ſetzte er freundlich bittend hinzu, als er ſah, daß die ſanfte Roͤthe der holdeſten Verwirrung Johanna's noch etwas blaſſe Wange uͤberflog, und das ſchoͤne Mäd⸗ chen verlegen laͤchelnd die Augen tief niederſchlug, „bereuen Sie das Ihnen abgedrungene Bekenntniß⸗ daß ſie meiner wohlwollend dachten, nicht; vor meinen Freunden hier betheure ich Ihnen, daß in ihm der Grundſtein meines ganzen zeitlichen Gluͤcks liegt, und daß ich dieſes himmliſchen Augenblicks nicht vergeſſen werde, ſo lange ſich das Herz in der Bruſt mir regt!“ „Vor Ihren Freund en?“ fiel ihm Johanna⸗ aus nicht unbegruͤndeter Beſorgniß, er werde im Feuer ſeiner Rede gleich mit einer foͤrmlichen Liebes⸗ Erklaͤrung ſie beſtuͤrmen, in das Wort. „Ja, ich darf ſie ſo nennen,“ entgegnete Tom, —;—ꝛꝛxxÿÿÿüÜ — 5— und faßte des alten Grauen und des furchtbaren Lanſ — jungen Barnabas Rechte, und das bleiche Maͤdchen zeugt 9 lehnte ſich ſchmiegſam auf ſeine Achſel.„Sie ſol⸗ Beth 1 len Alles erfahren, meine edle Johanna; nur jetzt muß A. nicht; jeder Augenblick iſt Goldes werth. Zeit ver⸗„ loren, Alles verloren. Geloben Sie mir, von Allem gewe dem, was Sie heute, geſtern und vorgeſtern hier eine 4 geſehen und gehoͤrt haben, binnen hier und dreimal Ver ¹ vier und zwanzig Stunden kein Wort uͤber Ihre Lippen kommen zu laſſen; nach Verlauf dieſer kur⸗ nem ¹ zen Zeit werde ich Ihnen Alles umſtaͤndlich erzaͤh⸗ blaſ 1 len; und dann ſoll auch Ihr Herr Vater, wenn Sie Vat es fuͤr raͤthlich finden, vom ganzen Zuſammenhange Ma durch mich ſelbſt in Kenntniß geſetzt werden.“ Ser Johanna ſah die ſie umſtellende Sruppe mit aͤngſt⸗ ſ lich pruͤfendem Blicke an. Tom hatte die drei Frem⸗ und 1 den ſeine Freunde genannt. Verbrecher konnten und ſie nicht ſeyn, oder Tom war es mit; jedoch war,„eh — und wenn die Natur ſelbſt eine Luͤge auf dies offene, alte 3 ehrliche Geſicht geſchrieben, es nicht möglich, in Her 3 tdieſen ſanften, frommen Zuͤgen eine Spur von Ver⸗ Sc 3 brechen zu finden; das ſtumme Flehen des bered⸗ 4 ten Blickes der Fremden; Toms dringendes Bit⸗ beſ 1 ten; das angſtvolle Haͤnderingen des bleichen Maͤd⸗ At 8* chens, das heimlich weinend ſich an die Bruſt des ber jungen Wuͤtherichs lehnte, der in dumpfer Ver⸗ Ae zweiflung vor ſich hin ſtierte, und den nervigen Arm 8 ihr feſt um die Huͤfte der ſchlanken, ſchönen Geſtalt To ſchlang; und des alten Mannes feuerblitzen des Ge Auge, das auf ihren Lippen das Ja oder Nein ſchwe⸗ —-O———D tbaren taͤdchen die ſol⸗ ur jetzt eit ver⸗ Allem in hier reimal r Ihre er kur⸗ erzaͤh⸗ un Sie nhange .7 taͤngſt⸗ Frem⸗ onnten ch war, offene, ich, in on Ver⸗ bered⸗ 1s Bit⸗ Maͤd⸗ uſt des r Ver⸗ n Arm Geſtalt ten des ſchwe⸗ -— — 9— ben zu ſehen ſchien, uͤber das ſie Anfangs mit ſich ſelbſt noch nicht einig geweſen war— alles das uͤber⸗ zeugte ſie nur mehr als zu ſehr, wie wichtig den Betheiligten das von ihr bedungene Schweigen ſeyn mußte. „Kann,“ fragte ſie nach kleiner Pauſe, zu Tom gewendet,„kann meinem Vater oder mir, oder einem Dritten ein Nachtheil erwachſen, wenn ich Verſchwiegenheit gelobe?“ „Keinem,“ erwiederten alle Viere wie aus Ei⸗ nem Munde.„Wir nur verloren ſind,“ ſetzte die blaſſe Frauengeſtalt hinzu,„wenn ſchweigen nicht. Vater und ich und—“ ſie wies auf den jungen Mann mit dem breiten Dolche im Guͤrtel—„und Serafino ſterben Schaffot, wenn reden ein Wort.“ „Du, Pia, nicht Schaffot,“ knirſchte Serafino, und zog das Mädchen mit ſeiner Linken feſter an ſich, und ſchlug die Rechte an den Griff ſeines Dolches, „eher Pia ſterben ſoll von meiner Hand: dann Vater, alter, dann ich; ſo wahr mir Gott helfen ſoll, und Heiligen Alle im hohen Himmel: no, no, no, nicht Schaffot.“ Ahnete Johanna, wen ſie vor ſich hatte, oder beſtimmte ſie das furchtbare Drohwort des jungen Athleten, dem man wohl anſah, weſſen ſeine gluͤ⸗ hende Liebe zur ſchoͤnen Pia faͤhig war, wenn es zum Aeußerſten kam; ſie erhob ſich, reichte in dem Kreis ihre Rechte, und ſagte mit vertrauendem Blick auf Tom:„ich gelobe Verſchwiegenheit, und nehme Gott zum Zeugen meines Geloͤbniſſes.“ ———ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿꝛO——— Die drei Fremden wollten jetzt in laute Freudens⸗ bezeigungen ausbrechen; der beſonnene Tom aber unterbrach das Ungeſtuͤm ihrer Dankbarkeit. „Alles zu ſeiner Zeit,“ rief er dringend,„nur jetzt nicht. Hannchen, ſtehen Sie uns mit Rath und That bei. In wenig Minuten muͤſſen uns unſere Freunde verlaſſen; auf immer, vielleicht auf ewig. In ihrem gegenwärtigen Aufzuge duͤrfen ſie ſich vor keinem Menſchen ſehen laſſen. Den Vater und Serafino verſehe ich, ſo gut es gehen will, mit dem Noöoͤthigſten aus meiner Garderobe. Unſere arme Pia aber— ſie hat nichts, als dies Gewand, das ſie des Nachts in Bach und Strom waͤſcht, um am Tage wenigſtens rein gekleidet zu erſchei⸗ nen. Die Familie muß fort; dieſe Nacht noch fort; weit weg. Thun ſie Herz, Hand und Schrank auf. Waͤſche und ein Paar Reiſekleider; mehr bedarf es nicht. Das Uebrige alles iſt beſorgt. Eilen Sie in Ihre Wohnung hinüber, packen Sie ein, was Sie entbehren koͤnnen, und bringen Sie das Packet ſo ſchnell als moͤglich.“ „Mit Freuden werde ich Alles beſorgen,“ erwie⸗ derte Hannchen in ihrer herzigen Gutmuͤthigkeit, und verſprach, weil die Naͤchte doch ſchon anfingen kuͤhl zu werden, auch einen Pelz mit beizulegen, der der armen Pia gewiß gute Dienſte leiſten ſolle, „O, reden koͤnnen,“ ſagte Pia, die Hände an ihr Herz gepreßt, und warf mit ihrem großen ſchwar⸗ zen Feuerauge dem davon eilenden Hannchen einen Blick nach, der mehr redete, als die Sprache aller Zungen. men legen! unber in die auffa G Hann entge Pfoͤrt men; aber, ben, wie L foͤrde Vate Athe gekon baun gefäl blieb mitt in do unte ihren eudens⸗ m aber „„nur t Rath en uns ſcht auf duͤrfen Vater ill, mit Unſere ewand, waͤſcht, erſchei⸗ h fort; nk auf. darf es Sie in us Sie acket ſo erwie⸗ higkeit, rfingen ilegen, n ſolle, nde an ſchwar⸗ einen e aller — 11— 4. „Wo koͤmmſt denn Du noch ſo ſpaͤt her?“ fragte zu Hannchens nicht kleinem Schrecken der Vater in der Hausthuͤr. Ein Gluͤck, daß es Nacht war, und daß er ſelbſt das Maͤdchen wie eine Windsbraut hatte heranſtuͤr⸗ men geſehen; denn ſonſt haͤtte die Gluth der Ver⸗ legenheit, die ihm auf den Wangen brannte, nicht unbemerkt bleiben koͤnnen, und die Athemloſigkeit, in die es die Ueberraſchung verſetzt hatte, haͤtte ihm auffallen muͤſſen. Gedrängt von der Torturzange der Noth, log Hannchen mit ziemlicher Leichtigkeit, daß ſie ihm entgegen gegangen; daß ſie geglaubt, er werde am Pfoͤrtchen ausſteigen, und durch den Garten kom⸗ men; daß ſie daher dort ſeiner gewartet; daß ſie aber, als ſie geſehen, daß er im Wagen ſitzen geblie⸗ ben, von dort raſch hergeſprungen ſey. Sie ließ, wie Leute, die eine Nothluͤge gluͤcklich zu Tage ge⸗ fördert haben, gewoͤhnlich zu thun pflegen, den Vater nicht viel zu Worte kommen, fragte in einem Athemzuge, ob er mit ſeinem Geſchaͤfte zum Zweck gekommen; was Oberzollraths Prudenzchen in Schlag⸗ baumfelde mache; ob ihm noch Etwas zu genießen gefällig, und dergleichen Kleinigkeiten mehr, und blieb in ihren gehaltloſen Kreuz⸗ und Querfragen mitten innen ſtecken, als der Vater, nachdem Beide in das Haus getreten, die Hausthuͤr verſchloß, und unter der Erzaͤhlung, daß, wie ihm Prudentia ſammt ihren Eltern perſichert, druͤben in der Umgegend von 1 ⁴ —ꝛꝛ::ÿ] 8— 12— Schlagbaumfelde, in einer der vergangenen Naͤchte verdaͤchtige Perſonen verſpuͤrt worden waͤren, die. Zimme 4 wahrſcheinlich zu der großen Raͤuberbande gehoͤrten, mitnel zu deren Einfangung in Kurzem ein allgemeines uue⸗ 3 Aufgebot erwartet werde, den Schluͤſſel an ſich nahm, Inſpe 4 der nach uralter Gewohnheit des Hauſes bisher in⸗ u ſ wendig im Schloſſe der Hausthuͤr immer ſtecken ge⸗ nhe de blieben war. 4„Du fuͤrchteſt doch nicht, Vaͤterchen—“ hob Jo⸗ w un hanna, hinter ihm die Treppe hinaufgehend, mit 4 ſehr ungewiſſer Stimme an, denn, von Toms Gaͤ⸗ de 1 ſten nun abgeſchnitten, wußte ſie nicht, wie ſie der t ungluͤcklichen Pia ihr Verſprechen löſen ſolle, den 2 „Auf unſere Lente im Hanſe vertraue ich wohl,“ : zehn. I entgegnete der Vater, nallein, wer ſteht mir denn Solch dafuͤr, daß die Beſtien es nicht hier bei uns eben ſo den Le „ machen, wie bei Prudenzchens Schwager, dem Ober⸗ eine Steuer⸗Aufſeher; der wohnt auch ſo abgelegen, wie Juder wir; bei ihm ſind, wie bei uns der verſchwundene durche J Obſtkorb, auch Kleinigkeiten weggekommen, die die gar w 1 Kanaillen, als ſie ſich vermuthlich eingeſchlichen, und waren die Gelegenheit beſehen und das Terrain rekognoscirt 14 hatten, ohne Umſtaͤnde haben mitgehen geheißen. Bei* 1 ihm bleibt des Nachts der Schlͤllel von innen auch 3 4 ſo im Schloſſe ſtecken, wie bei uns, und da kommen nnn 3 ſie, und ſchneiden mit einem Diamanten eine Scheibe 3 V aus, und riegeln das Fenſter auf; Einer der Bande Aeuß ſteigt ein, ſchließt von innen die Thuͤr auf, und bei i laͤßt nun neun bis zehn ſeiner ſaubern Helfersbel⸗ vant fer herein. Alle Bewohner des Hauſes knebeln; alle vern⸗ Naͤchte n, die hoͤrten, meines nahm, her in⸗ ken ge⸗ hob Jo⸗ d, mit ns Gaͤ⸗ ſie der — /* wohl,“ r denn eben ſo n Ober⸗ en, wie undene die die en, und noscirt en. Bei en auch ommen Scheibe Bande f, und fershel⸗ in; alle — 13— Zimmer, alle Kiſten und Kaſten erbrechen, und Alles mitnehmen, was nur irgend fortgeſchafft werden kann, iſt das Werk weniger Minuten. Der Forſt⸗ Inſpektor hat mir lange ſchon ſeinen großen Tiras ablaſſen wollen; morgen laſſe ich mir den Hoͤllen⸗ hund holen; heute Abend noch lade ich meine Fecht'⸗ ſche Doppelflinte, und wer des Nachts meinem Hauſe zu nahe kommt, den ſchieße ich ohne Gnade und Barinherzigkeit auf den Kopf. Auf achtzig Schritte verwette ich das Leben, daß ich treffe. Sey alſo nicht bange, Hannchen, uns ſollen ſte ſo leicht nichts anhaben; allenfalls laſſe ich auch den Bernhard und den Bodenmeiſter im Hauſe ſchlafen; dann koͤnnen zehn Kerle kommen, ich fuͤrchte mich nicht vor ihnen. Solch' Geſindel hat, wenn man ihm nur dreiſt auf den Leib geht, in der Regel kein Herz. Es mag an ſich eine ſaubere Bande ſeyn. Franzoſen und Italiener, Juden und Chriſten, Alte und Junge, Alles bunt durcheinander. In Schlagbaumfelde wollten ſie ſo⸗ gar wiſſen, daß auch Frauensperſonen mit darunter waren; das mag eine gute Sorte ſeyn Ne 5. Johannen verging bei dieſen Mittheilungen Hoͤ⸗ ren und Sehen. Sie hatte kaum ſo viel Gewalt uͤber ſich, dem Vater das Licht anzuzuͤnden, die Aeußerung ſcheinbar leicht hinzuwerfen, daß ſie, da bei ihnen keine Schaͤtze zu finden, Beſuche der Art wohl nicht zu fuͤrchten haͤtten; zu fragen, ob der Vater noch Etwas wuͤnſche; und ihm, auf erhaltene verneinende Antwort, gute Nacht zu ſagen. —,˖—„— —— — Q——— — 14— Die Drei druͤben waren Mitglieder der ſaubern. Bande; daruͤber waltete kein Zweifel mehr ob. Fran⸗ Nin zoſen und Italiener, hatte der Vater geſagt; Tot Franzoͤſiſch hatten ſie geſprochen, und das Andere, entſans was ſie geredet, und was ſte nicht verſtanden, hatte Ohren ihr wie Italieniſch geklungen. Juden und Chri⸗ Ton⸗ ſten; der Alte und das Maͤdchen waren getauft, in Lon denn Beide hatten der Heiligen erwaͤhnt, von denen Vagah der altteſtamentariſche Glaube nichts wiſſen will; feine der junge Mann hatte in ſeinen Geſichtszuͤgen et⸗ ſchon was Orientaliſches, was hie und da in der Phyſiogno⸗ Kopf L mie reinbluͤtiger Ebraͤer nicht zu verkennen iſt; weß rütten Glaubens er aber eigentlich war, hatte er im Laufe Voſ 4 des Geſpraͤchs nicht verrathen; wahrſcheinlich gar den In keines. Frauenzimmer ſollten mit bei der Bande boͤchſte ſeyn. Pia war der evidenteſte Beweis von der Wahr⸗ ſinbel 8 heit dieſes Geruͤchts. Beſtimmt hatten ſie von dem Konnt 1 allgemeinen Aufgebot, was zu ihrer Aufſpuͤrung er⸗ Konnt laſſen werden ſolle, Wind bekommen, und darum de 7l die dringende Bitte um Verſchwiegenheit, darum glaub die ſchreckliche Angſt vor Verrath; darum die un⸗ ſtrafer aufhaltſame Eile, von hinnen zu kommen. Und ſie— ſcholte ſie ſollte ihnen zur Flucht behuͤlflich ſeyn? ihr. N. hatte man das Anſinnen machen koͤnnen, den Vogel⸗ Men. freien mit Rath und That an die Hand zu gehen? der 3. ihre eigenen Kleidungsſtuͤcke ſollte ſie hergeben, und Tom das Vergnuͤgen haben, dieſe, wenn die Bande uͤber ſchwie lang oder kurz aufgegriffen und eingebracht werde, wollt von ganz Marienlinde erkannt, nnd ſich als Hehle⸗ K rin, als Mitwiſſerin, als Mitſchuldige verrathen nne zu ſehen? ern an⸗ gt; dre, atte pri⸗ auft, enen will; n et⸗ ogno⸗ weß Laufe h gar zande Bahr⸗ n dem ng er⸗ darum darum ie un⸗ ſie— 2 ihr Vogel⸗ gehen? n, und de uͤber werde, Hehle⸗ rrathen — 15— Nimmermehr! Tom— ſeine Freunde hatte er ſie genannt; das, entſann ſie ſich beſtimmt, mit ihren beiden eigenen Ohren gehört zu haben, und wenn Tom wirklich Tom, wirklich der Sohn des alten Herrn Wilford in London war, ſo konnte er die Mitglieder einer Vagabonden⸗ und einer Raͤuberbande unmoͤglich ſeine Freunde nennen; aber— der Gedanke, der ſchon einmal wie ein zickzackiger Blitz ihr durch den Kopf gefahren war, ſchlug wiederholentlich mit zer⸗ rüttender Gewalt ihr in das Gehirn— war denn Tom wirklich Tom?— und, wenn er es war, konnte den jungen, unerfahrenen Menſchen, der die Welt hoͤchſtens nur aus Buͤchern kannte, das Galgenge⸗ ſindel nicht durch tauſend Luͤgen beſchwindelt haben? Konnte er nicht von ihnen getaͤuſcht worden ſeyn? Konnte er mit ſeiner jugendlichen Gutmuͤthigkeit, die alle Menſchen ſo ehrlich und ſo biederherzig glaubte, als er ſelber war, die dem Schwerte der ſtrafenden Gerechtigkeit Verfallenen nicht fuͤr Unbe⸗ ſcholtene halten? Nein, keinen Faden ſollten ſie von ihr bekom⸗ men. Sie hatte heute Abend noch dem Vater von der ganzen Geſchichte geſagt; aber erſt wollte ſie mit Tom ſprechen; in ſeine Hand hatte ſie ja Ver⸗ ſchwiegenheit gelobt. War er der wirkliche Tom, ſo wollte ſie ihr Wort ihm, gerade ihm nicht brechen⸗ Kamen die drei ſogenanuten Freunde die Nacht gluͤcklich fort; nun wohl ihnen, und auch wohl ihr ſelbſt, ſo waren ſie von dannen, und die Umgegend — — 16— hatte nichts von ihnen mehr zu befuͤrchten. Auch batte ſie Niemand zum Haͤſcher und Haltauf beſtellt; ihres Amtes war es nicht, den Räuberbanden im Lande nachzuſpuͤren, und auch ohne ihren ſchwachen Arm, meinte ſie, werde die wachſame Landespolizei die Frevler ſchon ereilen, War Tom wirklich Tom, ſo mußte er, wenn ſie ihm morgen fruͤh ihre Gruͤnde auseinanderſetzte, ihre Wortbruͤchigkeit ſelbſt gutheißen. Solchem gott⸗ vergeſſenen Vagabonden packe das halb abgedrungene Verſprechen nicht zu halten, war, bei'm rechten Lichte betrachtet, gewiß keine Suͤnde. Pia— eine Alufwallung von Theilnahme an dem furchtbaren Geſchick des jungen, ſchoͤnen Maͤdchens ſtraͤubte ſich gegen den Gedanken, die feine, zartgeſtaltete Jung⸗ frau, in deren edeln, frommen Geſichtszuͤgen auch der argwöhniſchſte, der boͤswilligſte Phyſiognom keine Spur von Unheiligem häͤtte auffinden koͤnnen, in die Klaſſe gemeiner Verbrecher zu werfen; der Him⸗ mel mochte wiſſen, wie dieſes, dem aͤußern Scheine nach, rein veſtaliſche Weſen, ſo tief hatte ſinken koͤnnen, ſich einer ſolchen Bande zuzugeſellen. Toms Aeußerung nach ſollte Pia zwar die Tochter des Alten ſeyn; war er aber im Allgemeinen von den Gaunern betrogen worden, ſo konnte dies auch eine von den hundert Luͤgen ſeyn, die ſie ihm moch⸗ ten aufgebunden haben. Hannchen gefiel ſich weit mehr in dem Glauben, daß Pia von guter Herkunft ſey, und daß ſie die Raͤuber, aus Spekulation auf ſtattliches Loſegeld, eutfuͤhrt hatten, und jetzt mit — theilt Him bleibe um men. Haut — 2) Auch eſtellt; en im vachen polizei enn ſie rſetzte, n gott⸗ ingene rechten — eine tbaren bte ſich Jung⸗ n auch n keine hen, in r Him⸗ Scheine ſinken eſellen. Tochter en von es auch mmoch⸗ ch weit erkunft on auf ezt mit — 17— ſich fortſchleppten, bis ihnen die verlangte Summe erlegt werde. Verhielt ſich dies wirklich ſo, ſo be⸗ kam freilich die milde Verabreichung einiger Klei⸗ dungsſtuͤcke an das bejammernswerthe, ungluͤckli⸗ che Maͤdchen den Anſtrich einer ſehr verdienſtlichen Handl— Was raſchelte da unten im Garten? 6. Johanna eilte an das Fenſter. Einige Schritte vor demſelben ſtand eine junge Blutbuche*); an der ſchuͤttelte Tom, als hingen reife Pflaumen dran. Gewahrte ihn der Vater, ſo legte der, ohne ihn im Dunkeln zu erkennen, ſeine Doppelflinte auf ihn an, und ſchoß ihn, vor ihren Augen, uͤber den Haufen. Sie riß mit aͤngſtlicher Haſt den Fenſterfluͤgel auf, um Tom heimlich zuzufliſtern, daß er ſich augen⸗ blicklich entferne; daß ſie die verſprochenen Sachen nicht bringen koͤnne; und daß ſie ihm morgen ſchon die weiter noͤthige Aufklaͤrung daruͤber geben werde; allein dieſer that, als verſtehe er von ihren Mit⸗ theilungen keine Sylbe, und rief fortwährend,„mein Himmel, Hannchen, engliſches, liebes Hannchen, wo bleiben denn die Sachen, die Kleider, der Pelz— 7 um Gotteswillen, es iſt ja keine Minute zu verſaͤu⸗ men. Wir Alle ſtehen auf brennenden Kohlen. Die Hausthuͤr iſt zu; koͤnnen Sie nicht heraus, ſo laſ⸗„ *) Fagus sylvatica foliis atrorubentibus. ſen Sie Alles an einem Bindfaden herab; aber nur ſchnell, ſchnell.“ Er wiſperte das Alles ſo verwegen laut hinauf. daß, wenn der Vater nicht bereits von einem todtenaͤhnlichen Schlafe befallen war, er je⸗ des Wort hoͤren mußte. Vernahm er aber von dem Allen nur den geringſten Laut, ſo ſteckte er, halb ſchlaftrunken, die ungluͤckſelige Doppelflinte aus ſei⸗ nem Fenſter heraus, und Tom ſank, vom Freunde ſeines Vaters hingeſtreckt, todt zu ihren Füßen nieder. Von der entſetzlichſten Angſt gequaͤlt, beugte ſie ſich ſo weit hinaus, und ſo tief hinab, als ſie nur konnte, und liſpelte ihm die dringende Bitte zu, ſich ganz ſtill und ruhig zu verhalten, ſie wollte den Augenblick Alles beſorgen. Nicht um Pia's, um ſeiner willen that ſie, was er von ihr begehrte. War ihr doch, als laͤge ihr et⸗ was Angenehmes darin, der ſehr intereſſanten Pia je eher je lieber fortzuhelfen; denn, wenn ſie auch der junge Mann mit dem breiten Dolche ausſchließ⸗ lich in Beſchlag genommen zu haben ſchien, ſo war es fuͤr die Folge doch beſſer, wenn das unlaͤugbar ſchoͤne Maͤdchen weit weg war. Sie ergriff, was ihr in ihrem Schranke von Kleidungsſtucken zuerſt in die Haͤnde fiel; warf den verſprochenen Pelz da⸗ zu; ſchnuͤrte das Packet mit einem ſtarken Bind⸗ faden zuſammen, und ließ es an dieſem aus dem Fenſter hinab. Tom flog mit den Sachen, ohne zu danken, von dannen. 0 drei zutr ſo m ſie g Fen dieſe flint abw bega die C drüb Es m Scha ſcheit! Tom T Thur wohl im 3 grabſ D ihren Zehet nen E die 4 Wege L” ber nur rwegen its von her je⸗ on dem „ halb us ſei⸗ reunde tieder. gte ſie e nur 1, ſich e den „was ör et⸗ Pia auch ließ⸗ war gbar was ꝛerſt da⸗ ind⸗ dem von — 19— 7. Johanna loͤſchte ihr Licht aus; denn, kamen die drei Fremden aus dem Schloſſe, um ihre Flucht au⸗ zutreten, und ſahen ſie in ihrem Zimmer noch Licht, ſo waren ſie im Stande, und gingen mit Tom, der ſie gewiß ein Stuͤck Weges begleitete, unter ihrem Fenſter voruͤber, um ihr Lebewohl zu ſagen; und dieſem wollte ſie, wegen der verwuͤnſchten Doppel⸗ flinte des Vaters, vorbeugen. Zu Bette legen konnte ſie ſich nicht. Sie mußte abwarten, bis die lichtſcheue Karavane ihre Flucht begann. Lange konnte es ja nicht dauern, da Tom die Abreiſe ſo gar dringend eilig gemacht hatte. Es waͤhrte auch keine zehn Minuten, ſo kamen druͤben die Nachtvoͤgel aus dem Thurm geſchlichen. Es war zu dunkel, um die Perſonen, die wie ſchwarze Schattengeſtalten voruͤber ſchwebten, genau unter⸗ ſcheiden zu koͤnnen; aber ihrer Viere waren es; Tom alſo war mit ihnen. Die alte braune Hibou oben im Firſtbalken des Thurmdachs kraͤchzte ihnen ihr Huͤrru zum Lebe⸗ wohl nach; und die helltönende Glocke der Stutzuhr im Zimmer des Vaters that eilf Schlaͤge, die im grabſrillen Hauſe gellend wiederklangen. Die Flüchtenden gingen wohlweislich nicht unter ihrem Fenſter voruͤber, ſondern ſchlichen auf den Zehen, druͤben, laͤngs der Brandmauer des verfalle⸗ nen Schloßfluͤgels, nach dem Pfoͤrtchen zu, das auf die Heerſtraße fuͤhrte; ſie mußten zwar, auf dem Wege von der Ecke des alten Schloßfluͤgels bis zum LXXIV. 2 6 — ͤ Gartenpfortchen, diejenige Fronte des Lohburg'ſchen Hauſes paſſiren, in welcher ſich das Zimmer des Vaters befand; allein Johanna machte ſich deßhalb keine Sorge um ſie; denn einmal ſchlief der Vater beſtimmt ſchon; ſonſt haͤtte er den uͤberlauten Tom vorhin gewiß gehoͤrt; dann traten die Landfluͤchti⸗ gen ſo leiſe auf, daß er ſie unmoͤglich hoͤren konnte; und endlich war es ſo dunkel, und zwiſchen dem Wohnhauſe und dem Wege vom Schloſſe zum Pfört⸗ chen befand ſich ſo viel Strauchwerk und Gebuͤſch, welches die Vorübergehenden verdeckte, daß der Va⸗ ter haͤtte Luchsaugen haben muͤſſen, wenn er von den Fluͤchtlingen hätte etwas— Ein hell aufleuchtender Doppelblitz, der im Nu darauf folgende Doppelknall, und ein vierſtimmiger herzzerſchneidender Jammerſchrei—!— ihr Kalkuͤl war falſch geweſen! Sie wollte mitſchreien, aber Schrecken und Angſt hatten ihr die Stimme genommen. Das pfeifende Sauſen der mörderiſchen Rehpoſten durch Laub⸗ und Strauchwerk— das Kniſtern der geſtreiften Zweige und Aeſte— war es doch, als ob beide toͤdtliche Schuͤge ihr mitten durch das Herz gegangen waͤren, und alle Adern und Nerven zecriſſen hätten! Tom war todt. Der Vater ſelbſt hatte ihn zu Boden geſtreckt! Es ward ihr ſchwarz vor den Augen; ſie mußte den Feuſterſtock mit beiden Haͤnden umklammern, um nicht umzuſinken. In dieſem Augenblicke öffneten ſich alle Thuͤren der b Dop war 7 Linke rocks ſell Vate toffel chen S heuti in ſe men Kopf H den? Herr ſen n die e ſchoſſe viere Schlo alle i D und Licht im die il Tom regte rg'ſchen ner des deßhalb e Vater en Tom dfluchti⸗ konnte; en dem n Pfört⸗ Zebuͤſch, der Va⸗ er von im Nu mmiger Kalkuͤl 2d Angſt feifende uh⸗ und Zweige toͤdtliche waͤren, ! Tom Boden le mußte Immern, Thuͤren — 21— der bewohnten Zimmer des ganzen Hauſes. Der Doppelſchuß hatte Alles geweckt. Auf dem Flur war lauter Licht und Leben. Der Vater eilte, die unſelige Doppelflinte in der Linken, das Licht in der Rechten, fliegenden Schlaf⸗ rocks, die Treppe hinab, zum Hauſe hinaus. Mam⸗ ſell Pillwitz, im tiefſten Negligee, und Ulrike, in des Vaters Reiſepelz gewickelt, hinterdrein. Drei Pan⸗ toffeln lagen herrenlos auf der Treppe, zweie derglei⸗ chen unten im Hausflur, einer draußen im Garten. Steffen blieb, ſich gegen ſich ſelbſt mit ſeinem heutigen Krankheits⸗Anfalle entſchuldigend, ruhig in ſeinem Bette liegen, und zog, um von dem Laͤr⸗ men nichts zu hoͤren, die Decke eine Elle uͤber den Kopf. Hanuchen ſchloß ſich an Ulriken; Beide machten den Nachtrab der Rekognoscirung, an deren Spitze Herr Lohburg ſich befand, der platterdings zu win ſen wuͤnſchte, wie viel er von den vier Gaunern, die er ganz deutlich geſehen haben wollte, todtge⸗ ſchoſſen habe. Nach ſeiner Meinung hatte er allen vieren das Lebenslicht ausgeblaſen. Zwiſchen der Schloß Ecke und dem Gartenpfoͤrtchen mußten ſie alle viere liegen. Da, da Nummer Eius, rief er triumphirend, und ſtreckte die Rechte, in der er das ausgeblaſene Licht hielt, nach etwas Schwarzem aus, das mitten im Wege lag. Hannche n druckte die Augen zu, und die in einander gefalteten Haͤnde auf die Bruſt; Tom lag dort, keine zehn Schritte von ihr, und regte und rührte ſich nicht. —— Der Vater ſprang naͤher. Er ſtand— Schrecken und Verwirrung hatten ihm Sprache und Athem genommen. Er ſtand da, und erkannte jetzt, vom Schauder ſeiner Graͤuelthat durchbebt, den Sohn ſeines treuverehrten Freun— nein, der Obſtkorb ſeiner Tochter war es, umhangen von ihrer ſchwar⸗ zen Merino⸗Schurze. Beides, wie ſich nachher bei weiterer Unterſuchung ergab, von fuͤnf Rehpoſten durchloͤchert. „Das iſt die aſchgraue Moͤglichkeit,“ rief Herr Lohburg rein verbluͤfft;„mein Latein iſt zu Ende; das gehr uͤber meinen Horizont;— ſtatt die Hallun⸗ ken in den Sand zu ſtrecken, ſchieße ich unſere eige⸗ nen Effekten zu Schanden. Aber ſagt um Gottes⸗ willen, wie kommen der Korb und die Schürze hier⸗ her?— den Korb!— vermißten wir den nicht ge⸗ ſtern Abend?— da habt ihr die Kanaillen, die Spitzbuben; den haben ſie irgendwo ſtehen geſehen, und mitgehen geheißen; die Schürze? vermuthlich hat ſie im Korbe gelegen! Beſtien der Art ſind keine Koſtverächter; ſie neh n Alles mit, was ihnen in den Weg kommt. Aber nun nur raſch in die Stadt geſchickt, der Burgermeiſter muß geweckt, es muß Larmen geſchlagen, es muß Sturm gelaͤutet werden. Die ganze Buͤrgerſchaft muß nachſetzen, alle Defileen, alle Bruͤcken, alle Wege muͤſſen rundum beſetzt wer⸗ den. Das Raubgeſindel ſoll und kann uns nicht entgehen.“ Er wollte ſich anziehen, und gleich ſelbſt in die Stadr; allein Mamſell Pillwitz nahm, nach vernuͤnf⸗ tiger das 2 keit. felde, von d zaͤhlt ſich he auch wenn Wage auf d mehr der, und C uͤber recht ſter a etwar und! ich m Hart len nicht: mache brenn auch Ihr nun Virt ten E chrecken Athem t, vom n Sohn Obſtkorb ſchwar⸗ pher bei ehpoſten ief Herr a Ende; Hallun⸗ ere eige⸗ Gottes⸗ rze hier⸗ nicht ge⸗ len, die geſehen, muthlich ind keine ihnen in die Stadt es muß werden. Defileen, eſetzt wer⸗ uns nicht bſt in die vernuͤnf⸗ — 23— tiger Frauen⸗Art, nachdem die erſte Hitze verflogen, das Wort, und faßte ihn bei ſeiner Schuͤtzen⸗Eitel⸗ keit.„Sie kamen,“ ſagte ſie,„von Schlagbaum⸗ felde, und hatten den Kopf voll von der Raubbande, von der Ihnen dort Oberzollraths ein Breites er⸗ zaͤhlt hatten. Sie ſahen nun üͤberall Spitzbuben um ſich herum. Vom Nachtfahren aufgeregt; vielleicht auch druͤben in Schlagbaumfelde, wo Prudenzchen, wenn der vorgefahrene Fremdenbeſuch halb noch im Wagen ſitzt, gewoͤhnlich ſchon zwei, drei Flaſchen auf den Tiſch gepflanzt hat, ein Gute⸗Nachtglaͤschen mehr getrunken, als noͤthig geweſen;— was Wun⸗ der, wenn Sie im leiſeſten Geraͤuſch, das im Baum⸗ und Strauchwerk unter'm Fenſter, von einem vor⸗ uͤber eilenden Nachtluͤftchen entſtanden, etwas nicht recht Geheures geahnt haben. Sie reißen das Fen⸗ ſter auf! Sie wollen etwas fehen, Sie muͤſſen etwas ſehen. Den Flintenkolben ſchon an der Wange, und das Gewehr wieder abſetzen muͤſſen, ſoll, hab' ich mir ſagen laſſen, fuͤr einen guten Schuͤtzen etwas Hartes, etwas faſt Unmoͤgliches ſeyn. Sie wol⸗ len gern ſchießen; Sie muſſen ſchießen. Es iſt nichts da, aber, um nur zum Schuß zu kommen, machen Sie ſich ein Ziel. Sie ſehen gleich vier Mord⸗ brenner mit einem Male. Sie wollen ſie alle viere auch gleich mit einem Schuſſe zu Voden ſtrecken. Ihr Auge ſucht, was es auf das Korn nehme, und nun macht ſich Ihre allgemein bekannte Schuͤtzen⸗ Virtuoſitaͤt wieder einmal geltend. Im ganzen wei⸗ ten Garten iſt nichts Verdaͤchtiges, als der, mit der — 24— ſhwarzen Merino⸗Schuͤrze umhangene Obſtkorb; wie der hierher gekommen, mag Gott wiſſen; aber Ihr Adler⸗Auge erſpaͤht ihn trotz der ſtockfinſtern Nacht, und daß das, auf was ſie hinhalten, auch getroffen wird, darauf kann Jeder, der Ihre Fecht'⸗ ſche Doppelflinte und Ihre Schutzenmeiſterſchaft kennt, das Leben verwerten. Von Ihrem Fenſter bis auf den Fleck, wo der Korb ſtand, ſind allerge⸗ ringſtens fünfzig, ſechszig Schritte, aber das hilft Alles nichts; Korb und Schürze muͤſſen dran glau⸗ ben. Fuͤnf Poſten ſind mitten durch gegangen. Kein Tiroler Gemſenjäͤger kann ſich mit Ihnen meſſen. Einen ſolchen Nachtſchuß macht Ihnen kein landes⸗ herrlicher Leibſchütze nach. Aber damit begnugen Sie ſich auch. Unſere gute Stadt laſſen Sie in ihrem ſanften Mitternachtſchlafe ungeſtoͤrt. Wären wirklich verdaͤchtige Menſchen hier herumgewankt, ſo haͤtten dieſe, ehe die bleierne Stadtgarde auf die Struͤmpfe kaͤme, unſer Weichbild lange im Ruͤcken; man wuͤrde die ganze Geſchichte einen blinden Laͤrmen nennen, Ihnen, als dem Urheber deſſelben, keinen Dank wiſ⸗ ſen, und erfuͤhre man, wo Sie dieſen Abend geweſen, ſehr bald die Vermuthung laut witzelnd aͤußern, daß Sie ſich, zur Erſpähung der fuͤrchterlichen Raubbande, wahrſcheinlich, ſtatt des nöthigen Fernrohrs, einen Tubus aus den Halſen der ausgetrunkenen ober⸗ zollräthlichen Flaſchen zuſammen gebaut haͤtten. Sie kennen ja unſere Marienlinder Zungen. So lange Sie lebten, muͤßten Sie von dem mitternaͤchtlichen Aufgebot hoͤren, das ſie veranlaßt, um den vier Raubm ſehen. weiter Schuͤtze „S in das deutete zen V und S ges B mal ſe ken laf Pillwi mit köͤ geſund ſtärigr als Be von N ſtkorb; ; aber inſtern , auch Fecht'⸗ erſchaft Fenſter allerge⸗ s hilft n glau⸗ . Kein meſſen. landes⸗ gnuͤgen nihrem wirklich haͤtten ruͤmpfe a wuͤrde nennen, ank wiſ⸗ geweſen, ern, daß bbande, 8, einen en ober⸗ een. Sie So lange chtlichen den vier — 25— Raubmördern nachzuſetzen, die Sie im Traume ge⸗ ſehen. Sorgen wir nur, daß von dem Schuſſe nicht weiter geſprochen wird, denn erfuͤhre die loͤbliche Schuͤtzengilde, daß Sie—“ „Sehr richtig, ſehr wahr,“ fiel ihr Herr Lohburg in das Wort, und ließ ſie nicht ausreden, und be⸗ deutete Ulriken, daß er alles Getraͤtſch uͤber den gan⸗ zen Vorfall ſich höchlich verbitte; ſchenkte ihr Korb und Schuͤrze; verſprach Hannchen, morgenden Ta⸗ ges Beides neu zu beſorgen; aͤußerte mehr als ein⸗ mal ſein Befremden, daß Tom ſich nicht habe blik⸗ ken laſſen, ſtimmte indeſſen der erfahrenen Mamſell Pillwitz bei, daß junge Leute, die den ganzen Tag mit körperlicher Arbeit beſchäftigt ſeyen⸗ eines gar geſunden Schlafes genößen; und fuͤhrte, zur Be⸗ ſtärigung dieſes Satzes, aus ſeiner Jugend ſich ſelbſt als Beleg au, indem er, damals kaum zwei Meilen von Mainz wohnhaft, in einer der verhaͤngnißvoll⸗ ſten Naͤchte für dieſe Feſtung, die ganze Belage⸗ rungs⸗Kanonade verſchlafen habe. 8. Hannchen haͤtte der Mamſell Pillwitz dafuͤr, daß ſie den Vater von der Aufforderung der Buͤrger⸗ ſchaft zum Nachſetzen abrieth, um den Hals fallen mögen; denn nun glaubte ſie Tom mit ſeinen Frem⸗ den geretter. Aber die Empfindung, daß ſie zwei Gerſouen, vor deren Einſichten und Verſtand ſie bisher einen unbegrenzten Reſpekt gehabt hatte, heimlich uͤberſah; daß ſie mehr wußte, als Beide; daß Beide im Finſtern tappten, wo ſie, weun auch ——ÿäi— — 26— nicht volles, doch wenigſtens halbes Licht hatte, wir wollen machte eine ganz eigene Wirkung auf ſie. Mehr Vielleicht als einmal hatte ſie das Wort auf den Lippen, daß ſie ſich ar ſie Beide im tiefſten Irrthum ſeyen. Aber ſie hatte vom Pfa Tom Verſchwiegenheit gelobt; ſie uͤberſah nicht, andern ſi wohin ihr Wortbruch fuͤhren konnte. Verrieth ſie entſchuld Tom, und es erwuchſen dieſem Nachtheile aus ihrem gegen ſich Verrath, ſo haͤtte ſie ſich ewige Vorwuͤrfe gemacht. Ihr blindes Vertrauen auf Tom ließ den Gedanken, Tom daß es vielleicht doch beſſer waͤre, das ihr eigentlich wohlgem doch nur halb abgedrungene Geloͤbniß der Verſchwie⸗ ſich vom genheit zu brechen, gar nicht aufkommen. geweſen, Bis morgen fruͤh wenigſtens zu ſchweigen nahm Langes ſie ſich nach langer Selbſtberathung endlich vor. War Bein Tom morgen fruͤh nicht wieder gekehrt, ſo wollte ſie mit eine dem Vater die ganze Geſchichte vom Anfange an Herrn. erzahlen; denn dann war es doch wohl moͤglich, daß terlich z die drei Fremden nicht ganz unbeſcholtene Perſonen legt hat waren, und daß Tom vielleicht Theil— aber nein, unterhi nein, nein! Er war morgen fruͤh gewiß wieder thaner da. Er war morgen fruͤh ganz gewiß wieder da. vor Ha 9.. cipals, Koͤnnte ich doch bei allen meinen Leſerinnen, ſetzt, Gering waͤhrend Hannchen, von ſtiller Mitternacht umſchloſ⸗ hern zu ſen, auf dem Lager ſich unruhig hin⸗ und herwarf, Tiſche und keinen rechten Schlaf finden konnte, die Reihe Zimme herum fragen, was ſie, an Hannchens Stelle, gethan. Die Allerdings verſtrickte ſich Hannchen, durch den Har Aufſchub ihrer Bekenntniſſe von einem Tage zum an⸗ men gr dern, immer tiefer. Aber, bis morgen fruͤh nur noch— Am Claur ——y———ÿ hatte, Mehr n, daß hatte nicht, eth ſie ihrem macht. anken, entlich ſchwie⸗ nahm . War ollte ſie nge an ch, daß erſonen r nein, wieder r da. en, jetzt, mſchloſ⸗ herwarf, e Reihe gethan. urch den zum an⸗ r noch— — 27— wir wollen ſie nicht verdammen. Die kleine Friſt! Vielleicht haͤtte jede Andere, in ganz gleicher Lage, ſie ſich auch noch erlaubt. Nur erſt einen Schritt vom Pfade der ſtrengen Pflicht abgewichen! Die andern finden ſich von ſelber.— Und mit den Selbſt⸗ entſchuldigungen iſt der ſchwache Sterbliche dann gegen ſich gewoͤhnlich immer nur zu freigebig. 10. Tom war am folgenden Morgen froͤhlich und wohlgemuth der Erſte im Sortir⸗Saale, und ließ ſich vom Bodenmeiſter, der mit in Schlagbaumfelde geweſen, von der Geſchichte des geſtrigen Tages ein Lauges erzaͤhlen. Bei'm Mittageſſen— daß er Hannchen doch nur mit einem Blick angeſehen hätte!— er war gegen Herrn Lohburg, der geſtern Abend recht freundvaͤ⸗ terlich zwei wohlgeladene Flintenlaͤufe auf ihn ange⸗ legt hatte, die Artigkeit, die Kindlichkeit ſelbſt; unterhielt den alten Herrn, der ihm immer zuge⸗ thaner ward, je mehr er ſich uͤberzeugte, daß Tom vor Hannchen, vor der Tochter ſeines Herrn Prin⸗ cipals, viel zu viel Achtung hatte, als ſich ihr im Geringſten auf irgend eine vertrauliche Weiſe naͤ⸗ hern zu duͤrfen, ganz vortrefflich; ging gleich nach Tiſche wieder an ſeine Arbeit, aß Abends auf ſeinem Zimmer, und lag Schlag zehn Uhr ſchon im Bette. Dies Spiel trieb er drei Tage. Hannchen wußte nicht recht, ob ſie ſein Beneh⸗ men gut heißen, oder darob boͤſe auf ihn werden ſolle. Am Abende des dritten Tages endlich, raunte Clauren Schr. I.XXIV. 3 ——— —* u* 1 — 23— er ihr, im Vorbeigehen, von Andern unbemerkt, in das Ohr:„Laſſen Sie mir nur noch zehn, zwoͤlf Tage Zeit.“ 11. Auch dieſe Friſt, fuͤr Hannchens Neugierde eine unertraͤgliche Ewigkeit, verſtrich endlich. Tom fliſterte ihr, als er Mittags vom Tiſche aufſtand, um in ſeinen Sortirſaal zu wandern, mit ſehr heiterm Geſichte, heimlich zu:„Heute Abend zehn Uhr, wo moͤglich, in die Buchen⸗Alle,“ und Hannchen fragte eben ſo heimlich, ob er ihr nicht morgen fruͤh, wo der Vater wieder nach Schlagbaum⸗ felde muͤſſe, ſagen koͤnne, was er ihr mitzutheilen habe; er aber entgegnete, daß auch er morgen fruͤh verreiſen muͤſſe, und daß er daher wuͤnſchte, ſie heute Abend noch zu ſprechen. Hannchen nickte ihm die Zuſage ihres Kommens verſtohlen zu, und zaͤhlte bis dahin jeden Sekundenſchlag mit aͤngſtlicher Un⸗ geduld. Um zur angegebenen Stunde auf dem bezeichne⸗ ten Platze zu ſeyn, und die Schwierigkeit zu beſeiti⸗ gen, die ihr der Vater dadurch in den Weg gelegt hatte, daß er alle Abende die Hausthuͤr eigenhaͤndig verſchloß, und den Hausſchluͤſſel in ſein Zimmer nahm, ging ſie gegen Abend zu Nachmittag⸗Predi⸗ gers Chriſtinchen, blieb dort zum Abendeſſen, und ließ nach Hauſe ſagen, daß nach neun Uhr Ulrike kommen moͤge, um ſie abzuholen; zugleich ließ ſie den Vater erſuchen, Ulriken, auf den Fall laͤngern Ausbleibens, ſeinen zweiten Hausſchluͤſſel mnitzu⸗ geben. 3 So ſellſcha bem O her oft ter me verdrel Wã waͤre il zufaͤllig eine ji komme Das G Willen ihrer unwill die En hungsa ruͤchtig eines v haften beiden der qu⸗ Tom n ſeinen det hal vollſtaͤn Aufſcht ſie doch ſes auf denn ſe nerkt, in n, zwoͤlf kerde eine zm Tiſche dern, mit ate Abend e,“ und ihr nicht lagbaum⸗ tzutheilen rgen fruͤh iſchte, ſie nickte ihm und zaͤhlte licher Un⸗ bezeichne⸗ zu beſeiti⸗ Leg gelegt genhaͤndig Zimmer tag⸗Predi⸗ 2ſſen, und Uhr Ulrike ich ließ ſie ill längern ſel mitzu⸗ So zerſtreut als diesmal war Hannchen in Ge⸗ ſellſchaft nie geweſen; ſis hoͤrte immer nur mit hal⸗ bem Ohre, verſtand Alles falſch, und antwortete da⸗ her oft ſo verkehrt, daß Chriſtine und deren Mut⸗ ter mehrere Male nicht wußten, was ſie aus dem verdrehten Maͤdchen machen ſollten. Wären ſie nur an Hannchens Stelle geweſen, es waͤre ihnen vielleicht nicht beſſer gegangen. Ganz zufaͤllig war im Laufe des Geſpraͤchs die Rede auf eine junge Dame von Stande in der Reſidenz ge⸗ kommen, die vor wenig Tagen verſchwunden war. Das Geruͤcht wollte wiſſen, daß ſie halb wider ihren Willen entfuͤhrt ſey; die getroffenen Anſtalten zu ihrer Einholung waren vergeblich geweſen. Ganz unwillkuͤhrlich ging von hier die Unterhaltung auf die Entfuͤhrung mehrerer Kinder aus einer Erzie⸗ hungsanſtalt uͤber, deren ſich vor Kurzem eine be⸗ ruͤchtigte Räuberbande in Italien, zur Erpreſſung eines von den wohlhabenden Eltern geforderten nam⸗ haften Loͤſegeldes, ſchuldig gemacht hatte; und aus beiden Thatſachen draͤngte ſich in Hannchens Seele der quaͤlende Gedanke, daß am Ende doch vielleicht Tom nicht der wirkliche Tom ſeyn, daß er ſich mit ſeinen drei Fremden zu ihrer Entfuhrung verabre⸗ det haben, und weil die Anſtalten fruͤher noch nicht vollſtaͤndig reif geweſen, vor acht Tagen ſich den Aufſchub einer Woche erbeten haben könne. Mußte ſie doch gleich vom Anfange herein eine Ahnung die⸗ ſes auf ſie entworfenen Anſchlags gehabt haben; denn ſo neugierig ſie geweſen war, die Entraͤthſe⸗ 3* — 30— lung aller erlebter unerklarlicher Vorgaͤnge zu erhal⸗ ten, ſo hatte ſie ſich doch lieber bis morgen fruͤh ge⸗ dulden wollen; allein— ſonderbar— ihr Verdacht wuchs mit jedem Augenblicke— Tom hatte fuͤr mor⸗ gen eine Reiſe vorgegeben, um ſein Vorhaben, was nur unter Beguͤnſtigung der Nacht möoͤglich war, deſto ſicherer auszufuhren. Von der Buchen⸗Allee jim Garten waren bis zum Pfoͤrtchen nur einige Schritte, und von da bis zur Landſtraße nur ein Sprung. Fand ſie ihre Beſorgniß beſtutigt, ward ſie gepackt und fortgeſchleppt⸗ und ſie rief um Huͤlfe, ſo kam der Vater mit ſeiner Doppelflinte, und ſchoß ſie ohne Umſtaͤnde todt. Verſagte dem Vater das Gewehr, oder ſchoß er fehl, ſo ward ſie gebunden, und in einen Wagen geworfen, und der Mund ihr verſtopft, und ſah Vater und Vaterland vielleicht nie wieder. Je naͤher die Stunde, daß ſie gehen wollte, her anruͤckte, deſto feſter beſtaͤrkte ſie ſich in dem Vor⸗ ſatz, die Buchen⸗Allte rehts liegen zu laſſen, dem ihr immer verdaͤchtiger werdenden Tom ſeine Auf⸗ ſchluüſſe zu ſchenken, und ihm aus dem Wege zu gehen. 12. Bei'm Entritt in den Garten ſtand Tom am Eingange der hoch in den Wipfeln zuſammen ge⸗ woͤlbten Buchen⸗Allée, und machte, von Ulriken, die mit der Laterne voranging, ungeſehen, allerlei Maͤnnchen, Maͤtzchen und Kurzweil, um Johannens Auf erkſamkeit auf ſich zu lenken. Die leuchte. lieder, Ulriken ob keir waͤren: ſten, u ſtern, ſ blick un Hat ſo konn fel ſeyr willig ungluͤch man es lich nic Ein G. halben Beiſtar „G laut, Raͤuſpe nur nie aus der in das ſehen, ich kom *) 8 lan⸗ frü zu erhal⸗ fruͤh ge⸗ Verdacht fuͤr mor⸗ ben, was lich war, hen⸗Allee ar einige nur ein igt, ward im Huͤlfe, und ſchoß Vater das gebunden, Nund ihr Svielleicht ollte, her⸗ dem Vor⸗ ſſen, dem ſeine Auf⸗ Wege zu Tom am immen ge⸗ llriken, die n, allerlei Johannens — 31— Dieſe ſah wohl Alles durch die, auf den ihr vor⸗ leuchtenden Laternen⸗Schimmer geſenkten Augen⸗ lieder, aber ſie wollte nichts ſehen. Sie ſprach mit Ulriken von gleichguͤltigen Dingen, und that, als ob keine Buchen⸗Allee, und kein Tom in der Welt waͤren; da fing er an ſich zu raͤuſpern und zu hu⸗ ſten, und ihr zwei, drei Mal ganz leiſe St' zuzufli⸗ ſtern, ſo daß ſie fuͤrchtete, daß Ulrike ſich jeden Augen⸗ blick umdrehen, und den Wegelaurer gewahren wuͤrde. Hatte Tom wirklich Boͤſes mit ihr im Sinne, ſo konnte er ſich, er haͤtte denn ein vollendeter Teu⸗ fel ſeyn muͤſſen, unmoͤglich ſo uͤberluſtig und muth⸗ willig ausgelaſſen haben, um ſie zu verlocken, und ungluͤcklich zu machen. Gefahr lief ſie, ſelbſt wenn man es auf ihre Entfuͤhrung angelegt hatte, wirk⸗ lich nicht. In zwei Spruͤngen war ſie am Hauſe. Ein Griff an die Klingel, und ſie ſtuͤrmte in einer halben Minute alle Bewohner deſſelben zu ihrem Beiſtande zuſammen. . 13. „Geh' nur hinein,“ ſagte ſie zu Ulriken recht laut, damit dieſe Toms immer vernehmlicheres Raͤuſpern und Raſcheln im herabgefallenen Laube nur nicht hoͤre, und nahm dem Maͤdchen die Laterne aus der Hand,„ich will nur noch einen Augenblick in das Glashaus gehen, und nach der Strelitzie*) ſehen, ſie kam mir heute Nachmittag ſo matt vor; ich komme gleich nach.“ *) Strelitzia Reginae, eine in Deutſchland noch nicht lange bekannte Pracht⸗Pflanze, wovon das eremplar früher mit achtzig Reichsthaler bezahlt ward — 32— Mit dieſen Worten wendete ſie ſich rechts, nach der Allee zu; Ulrike ging in das Haus; in der La⸗ terne loͤſchte das Licht aus, und Tom ſtand, vom freudigſten Entzuͤcken verklaͤrt, vor Hannchen, und haͤtte das liebreizende Maͤdchen von Wort und That, im Uebermaaße ſeiner froͤhlichen Laune, verwege⸗ ner Weiſe beinahe umarmt.„Sie ſind gerettet,“ rief er halb laut, und erfaßte Hannchens beide Hande, und druͤckte ſie an ſein Herz:„Sie ſind in den Hafen der Sicherheit gluͤcklich eingelaufen, und Ihnen, mein liebes, mein himmliſches Hann⸗ chen, verdanken ſie ihr Gluͤck, ihr Leben, ihr Alles; ſie laſſen tauſendmal gruͤßen, und erklaͤren ſich, ſo lange ſich ein Athem in ihrer Bruſt regt, fuͤr Ihre dankbaren Schuldner.“ 4 Waͤhrend dieſer Worte waren natuͤrlich Hanu⸗ chens komiſche Entfuͤhrungs⸗Beſorgniſſe gaͤnzlich geſchwunden; Toms lebhafte Theilnahme an der bedraͤngten Lage der drei Ungluͤcklichen; der Wohl⸗ laut ſeiner Stimme; die Beſcheidenheit, mit der er ihr alles Verdienſt um die Rettung ſeiner Schuͤtzlinge zu gut rechnen, und ſich, die Hauptper⸗ ſon dabei, ganz unbeachtet laſſen wollte; das Feuer ſeiner Rede— ſie ſchämte ſich des einfaͤltigen Ver⸗ dachts, dem ſie in ihrem argwoͤhniſchen Herzen hatte Raum geben koͤnnen; wenn dieſer offene, ehrliche, kryſtallreine Tom ſie hatte taͤuſchen koͤn⸗ nen, an wen hätte ſie in der Welt dann noch glauben ſollen! „J pen de fielen, der ve kann nicht daher Worte & X N*N: Jung mit d Saot Vater getrie Zwiet vergll die K Heer nen mach zu F ſen. me 2 nung Still Ruh ſchw die f Bro ts, nach der La⸗ id, vom en, und ud That, verwege⸗ erettet,“ is beide Sie ſind gelaufen, s Hann⸗ hr Alles; ſich, ſo fuͤr Ihre ch Hann⸗ gaͤnzlich e an der der Wohl⸗ „mit der ng ſeiner Hauptper⸗ das Feuer igen Ver⸗ n Herzen er offene, ſchen koͤn⸗ dann noch 14. „Jetzt kann ich,“ fuhr er, waͤhrend ihr die Schup⸗ pen des Vorurtheils vom befangen geweſenen Auge fielen, und ſich ihm ihr eingeſchuͤchtertes Herz wie⸗ der vertrauender zuwendete, lebendig fort:„jetzt kann ich Ihnen Alles erzaͤhlen. Sie muͤſſen, um nicht vermißt zu werden, bald nach Hauſe; ich faſſe daher, was ich Ihnen mitzutheilen habe, in zwei Worte. Der alte Mann im grauen Sacke war der rr* eſche Ex⸗Oberſte Gaetano Braziani; die blaſſe Jungfrau, Pia, ſeine Tochter; der junge Mann mit dem breiten Dolche, der Er⸗Kapitain Serafino Saotella. Die innern Sturme ihres gemeinſamen Vaterlandes haben ſie in einen unſeligen Strudel getrieben; ehe dieſe ſich legen, ehe die Fackel der Zwietracht verloͤſcht, und Rachſucht und Leidenſchaft vergluͤhen, fordert, zur Sicherung ihres Lebens⸗ die Klugheit, ihre Entfernung vom heimathlichen Heerde. Die Verirrtens fluͤchen; nur Einiges koͤn⸗ nen ſie von ihrem bisherigen Ueberfluſſe zu Gelde machen. Ohne Namen, ohne Paͤſſe koͤnnen ſie nur zu Fuß, und einzig und allein nur des Nachts rei⸗ ſen. Fuͤr den Tag ſuchen ſie ſich Geroͤhrig, einſa⸗ me Waldpläͤtze, undurchdringliches Geſtruͤppe, Scho⸗ nungen, oder dergleichen unbeſuchte Stellen, zum Stilllager auf. Der freie Himmel iſt der Pilger Ruhezelt. Des Vaters hohes Alter, und Pia's ſchwache Kraͤfte erlauben nur kleine Nachtmaͤrſche; die friſche Quelle loͤſcht ihnen den Durſt; trockenes Brod, das Serafino vor einbrechender Nacht in — à4— einſam gelegenen Muͤhlen und Meierhoͤfen kauft, ſrillt ihnen den Hunger. So ſchleichen ſie ſich durch mehrerer Herren Lander gluͤcklich durch bis an das jenſeitige Ufer des hier in der Naͤhe voruͤberſtroͤ⸗ menden Grenzfluſſes. Ein Koͤhlerjunge, den Se⸗ rafino tief im hohen Forſte bei ſeinem Meiler be⸗ ſchaͤftigt findet, und von dem er einige Auskunft üͤber Weg⸗ und Grenz⸗Angelegenheiten einholen will, kann nur durch ein Goldſtuͤck gewonnen wer⸗ den, ihm Rede zu ſtehen, und geſteht, ſpaͤterhin treuherziger gemacht, daß er ihn fuͤr einen Raͤuber von der Bande gehalten habe, zu deren Einfan⸗ gung ringsum allgemeine Anſtalten getroffen wuͤr⸗ den. Die ſehr begrundete Beſorgniß, bei dieſer Raͤuberjagd mit aufgefangen zu werden, beſtimmt den Alten und Serafino, dieſe Nacht noch den Grenz⸗ ſtrom zu paſſiren. Nach der Verſicherung des Koͤhler⸗ jungen gibt es zehn Meilen ſtromabwärts die erſte Brucke. Bis dahin ſind drei Nachtreiſen; ſo lange druͤben in dem Lande zu verweilen, wo alle poli⸗ zeiliche Behoͤrden rundum auf jeden Verdaͤchtigen vigiliren, iſt nicht raͤthlich. Bis zur naͤchſten Faͤhre iſt zwar nur eine Viertel⸗Meile; allein das Ufer iſt, nach dem Bericht des Knaben, mit einem Piket Land⸗Dragoner beſetzt. Andere Kaͤhne zum Ueber⸗ ſetzen gibt es nicht. Bei ſo geſtalteter Lage der Dinge bleibt kein anderes Mittel, als druͤben im ſchwarzen Hochwalde zu ſterben, oder ſich fangen und zuruͤcktransportiren zu laſſen, oder den Strom zu durchſchwimmen. Serafino, ein fertiger Schwim⸗ mer, e der Ve Muth und h den H nen keine Fuͤßen Vorſch Mitte Waſſe ein 2 und ſchwer liche obere ſtigt; brauc Empf ſamm moͤgl ganze Hemt der T werk Uebr fange Grei folgt nacht kauft, h durch an das berſtroͤ⸗ en Se⸗ iler be⸗ iskunft nholen en wer⸗ äaͤterhin Raͤuber Einfan⸗ n wuͤr⸗ dieſer eſtimmt Grenz⸗ Koͤhler⸗ die erſte o lange le poli⸗ ichtigen 1 Fäͤhre as Ufer n Piket Ueber⸗ age der ben im fangen Strom Schwim⸗ — 35— mer, erklaͤrt das Unternehmen fuͤr eine Kleinigkeit; der Vater traut ſich, den Tod uͤberall vor ſich, den Muth zu. Er hat in der Jugend geſchwommen, und hofft, ſich, wenn ihm nur erſt das Waſſer an den Hals komme, auf die verlernten und vergeſſe⸗ nen Huͤlfen ſchon wieder zu beſinnen. Pia hat keine Wahl; mit zagendem Blick auf die zu ihren Fuͤßen voruͤberſchaͤumenden Fluthen geht ſie in den Vorſchlag ein, von Serafino und dem Vater in die Mitte genommen, und von ihrem Arm uͤber dem Waſſer erhalten zu werden. Bis dahin hat Jedes ein Buͤndel mit Vaͤſche, Kleiduugsſtuͤcken, Geld und Pretioſen getragen; Serafino natuͤrlich das ſchwerſte; Pia das leichteſte. Jetzt werden ſaͤmmt⸗ liche drei Buͤndel zuſammengeſchnuͤrt, und an das obere Ende einer nicht allzulangen Stange befe⸗ ſtigt; Pia, die zum Schwimmen ihre Hände nicht braucht, bekommt in dieſelben die Stange, mit der Empfehlung, darauf Acht zu haben, daß das Ge⸗ ſammtbuͤndel immer uͤber den Wellen bleibe. Um moͤglichſt leicht zu ſchwimmen, hat der Vater ſeine ganze Kleidung in das Buͤndel gepackt; ein bloßes Hemd deckt ſeinen Korper; gleiche Vorſicht hat er der Tochter empfohlen, ſie wirft ſich zum Schwimm⸗ werk ein weißes feines Leinen⸗Gewand uͤber; alles Uebrige befindet ſich im Buͤndel. Furcht vor Ge⸗ fangenſchaft und ſchimpflichem Tod draͤngen den Greis und Serafino in den reißenden Strom. Pia folgt aus Liebe zu Beiden; rundum ſtille Mitter⸗ nacht, ſchwoͤren alle Drei zu Gott uͤber den Wolken, 36 mit einander zu leben und zu ſterben. Serafino wiederholt ſeine fruͤher ſchon gegebenen Schwimm⸗ er Pi regeln noch einmal deutlich und beſonnen, und fort? ſpricht dem Alten und der geliebten Pia Muth ein. der A NRoch einmal umſchlingen ſie ſich ſchweigend; dann ein. umfaltet Pia das Panter, die Stange ſammt dem vom Bundel⸗ ihrem ganzen Reichthume, mit beiden Haͤn⸗ da bi den; Serafino und der Vater faſſen ihr rechts und Salv links unter den Arm; Pia wirft die Augen gen Uſer Himmel, und ſagt: ich bin bereit; Serafino kom⸗ ten⸗ mandirt eins, zwei, drei, und mit dem Worte Drei berüt ſpringen in einem Nu alle Drei in die dunkeln Flu⸗ ber en then hinab, ſie gehen tief zu Grunde, und das Waf⸗. ſer ſchlägt ihnen uͤber den Kopf zuſammen.“ ließ Hannchen, das vom Anfange an mit dem ge⸗ unan ſpannteſten Iutereſſe zugehort hatte, ſtieß einen thig kleinen Angſtſchrei aus, und legte beide Haͤnde ſich käma vor die Augen; ſie ſah die Stelle im Waſſer, wo toſer ſie verſchwunden, ſie ſah die drei Ringeltrichter, die eid ſich blitzſchnell in den Wellen bildeten, und augen⸗ daſ blicklich wieder verflaͤchten. Wü „Keine zwei Sekunden,“ fuhr Tom fert:„ſo Gri kamen ſie wieder empor, und beſſer als ſie geglaubt, auf, ging das Ueberſetzen von Statten. Zwei Drittheile ſer, der Flußbreite hatten ſie bereits hinter ſich; da rand fingen dem Alten an die Kraͤfte auszugehen; der ben Strom war hier gerade am reißendſten; gerade zu hier war die hoͤchſtmoͤglichſte Anſtrengung, der kuͤhn⸗ Ser ſte Muth am noͤthigſten. Serafino gewahrte mit unn Schrecken, daß der alte Braziani laß wurde; daß Raͤu 9 kerafino ywimm⸗ n, und uth ein. dann mt dem en Haͤn⸗ hts und gen gen no kom⸗ rte Drei eln Flu⸗ as Waf⸗ 77 demi ge⸗ ß einen inde ſich ſer, wo bter, die pHaugen⸗ rt:„, ſo eglaubt, dittheile ſich; da en; der gerade der kuͤhn⸗ hrte mit de; daß Raͤuberbande aufſpuͤren ſollte, und die kleine ſchwim⸗ — 37— er Pia nicht mehr halten, daß er ſelbſt nicht mehr fort konnte. Er rief ihm bittend, er rief ihm, in der Angſt ſeines Herzens, gebieteriſch zu, nur noch ein Paar Minuten tapfer auszuhalten, und ſich vom tobenden Strome nicht gewaͤltigen zu laſſen; da blitzte es hinter ihnen hell auf, und eine ganze Salve kleinen Gewehrfeuers donnerte krachend vom Ufer ihnen nach, und zehn, zwanzig Kugeln geller⸗ ten, die Spiegelflaͤche des Stroms drei, vier Mal beruͤhrend, mit grauſigem Pfeifen ihnen im Ruͤk⸗ ken. War der ungluͤckliche Greis von einer derſel⸗ ben getroffen, oder war es nur der Schreck— er ließ Pia mit lautem Schmerzensruf los, und ging unaufhaltſam zu Boden. Pia, die bis dahin mu⸗ thig wie eine junge Loͤwin gegen die Wellen ge⸗ kämpft, an deren jugendlicher Alabaſterbruſt die toſenden Wogen ſich ſchaͤumend gebrochen, faßte mit beiden Haͤnden nach dem ſinkenden Vater, und rief, da ſie ihn nicht mehr erreichen konnte, Serafino um Huͤlfe; dieſer war aber hinter ihr ſchon zu Grunde gegangen, brachte den Alten gluͤcklich her⸗ auf, und kam eben zu rechter Zeit wieder uͤber Waſ⸗ ſer, denn Pia, rechts und links ihrer Stützen be⸗ raubt, konnte der Gewalt des gegen ſie anſtuͤrmen⸗ den Elements nicht laͤnger widerſtehen; ſie fing an zu ſinken, doch, nur einen Finger erfaßte ſie von Serafino's Rechten, und ſie gewann wieder Athem und Kraͤfte. Eine zweite Salve des Pikets, das wahrſcheinlich die, vom Koͤhler⸗Knaben erwaͤhnte ——— — 323— mende Karavane fuͤr einen Theil derſelben halten mochte, krachte zwar durch die ſtille Nacht mit furchtbarem Wiederhall bis in die tiefſte Wald⸗ ſchlucht; die Kugeln konnten ſie aber nicht mehr erreichen; die dritte Salve galt ihnen fuͤr ein Vie⸗ toriaſchießen, denn unter dem Donner derſelben erreichten ſie das diesſeitige Ufer. Der Vater, zwar unverwundet, aber mehr todt als lebendig. Pia konnte vor Froſt und Ermattung keinen Laut von ſich geben, vor Zittern kein Glied ſtill halten; ſie ſank auf ihre Kniee nieder, und beugte ihr Ant⸗ litz auf die Erde, und dankte in ſtummem Gebete dem Hoͤchſten fuͤr ihre allerſeitige Rettung. Der umſichtige Serafino, dem fuͤr des Alten und fuͤr Pia's Leben und Geſundheit bangte, bat jetzt, vor Allem, trockene Waͤſche und Kleidung anzulegen, und dann ſollte es in dieſer Nacht noch, einige Stunden wenigſtens, landeinwarts gehen. Viel⸗ leicht, er glaubte hier weniger zu fuͤrchten zu ha⸗ ben, vielleicht fand ſich dieſe Nacht, fuͤr Geld und gute Worte, nach ſo langen Entbehrungen und un⸗ ſäglichen Muͤhſeligkeiten, endlich einmal ein gaſtli⸗ ches Dach und ein warmes Lager. Trockene Waͤſche und Kleider und Geld! Alles war in dem, an der Stange befeſtigten Buͤndel. Die Stange aber war verſchwunden! Pia hatte ſie, um den ſinkenden Vater zu erfaſſen, in jenem Schreckensaugenblicke fallen laſſen; und uber die toͤdtliche Gefahr, in der ſie geſchwebt, und uͤber das Blitzen und Praſſeln des dreimal auf ſie feuernden Pikets, und uͤber das Ziſcher uͤber d das gr. Sekun geſchw Schatz wieder langte „,L jamm haͤtte ſie de warm 77 Tom den frem de, i und zweif ihrer volle fino werd ſes! den ſte ſ uͤber ſich lang halten öt mit Wald⸗ mehr n Vic⸗ rſelben Vater, bendig. n Laut halten; or Ant⸗ Gebete . Der und fuͤr tzt, vor ulegen, einige Viel⸗ zu ha⸗ eld und und un⸗ 1 gaſtli⸗ Waͤſche an der ber war nkenden genblicke in der Praſſeln aber das — 39— Ziſchen der ſie umſchaͤumenden eiſigen Wellen, und uͤber die Schauer der furchtbaren Nacht, und uͤber das graͤßliche Gefuͤhl, daß ihre Kraͤfte keine drei Sekunden mehr ausreichten, waren ihr die Sinne geſchwunden, und ſie hatte an ihren gemeinſamen Schatz, an die Stange mit dem Buͤndel nicht eher wieder gedacht, als jetzt, da Sarafino darnach ver⸗ langte.“ „O mein GSott, die ungluͤcklichen Menſchen!“ jammerte Hannchen mit weicher Stimme, und haͤtte jetzt, wer weiß was darum gegeben, wenn ſie der armen Pia in jener entſetzlichen Nacht ihr warmes Bettchen haͤtte anbieten koͤnnen. „Der einzige, der letzte Hoffnungsſtern,“ fuhr Tom mit lebendiger Theilnahme fort,„war nun den Erbarmungswuͤrdigen untergegangen, In fremdem Lande; mittellos; nicht einmal im Stan⸗ de, ihre Bloͤße zu bedecken; hinter ſich Verfolgung und ſchimpflichen Tod; vor ſich nichts als Ver⸗ zweiflung— das war das Reſultat des Ueberblicks ihrer beiſpiellos elenden Lage in dieſem ſchauder⸗ vollen Augenblicke. Weder der Vater, noch Sera⸗ fino laſſen ein Wort des Vorwurfs gegen Pia laut werden; die kindliche Liebe war la die Urſache die⸗ ſes unerſetzlichen Verluſtes geweſen; ſie hatte ja den Vater vom Unterſinken retten wollen. Aber ſſe, ſie ſelbſt marterte ſich mit dem ſchneidendſten Tadel über ihre unverzeihliche Kopfloſigkeit; ſie nannte ſich die Urheberin dieſes Ungluͤcks, das ſie lebens⸗ lang druͤcken werde; ſie verwuͤnſchte im wilden — 40— Schmerze die Stunde ihrer Geburt, und fluchte ihrem Daſeyn, ihrer Liebe zu Serafino, den Ver⸗ irrungen ihres Vaterlandes, der unmenſchlichen Haͤrte ihrer dortigen Feinde, der ganzen Welt! Grenzenlos in der Wuth, wie in der Liebe, raffte ſich das Maͤdchen mit der letzten Kraftanſtrengung auf, und wollte zuruͤck in den Strom, um dem Leben, das ihm nun keine Freude mehr bieten koͤnne, ein Ende zu machen, da warf ſich Serafino der Raſenden in den Weg, und ſchwur bei Gott und allen Heiligen, in dem Augenblicke, daß ſie in den Strom ſich ſtuͤrze, erſt dem Vater, dann ſich den Dolch in das Herz zu ſtoßen. Getraue ſie ſich dieſen dreifachen Tod vor dem Ewigen zu verant⸗ worten, ſo möge ſie in Gottes Namen enden; ſey ſie nicht mehr auf der Welt, ſo habe er auf derſel⸗ den auch nichts mehr zu ſuchen. Indeſſen habe ſie ihn ſo oft mit ihrem frommen Glauben an die Vorſehung geſtaͤrkt. Hier ſey der Augenblick ge⸗ kommen, dieſen Glauben zu bethaͤtigen; nicht durch ſchaudervollen Selbſtmord, ſondern durch feſtes Ausharren, durch unerſchuͤtterliche Geduld in der Pruͤfung, die, wie Alles in der Welt, auch von Gott komme. Durch fruͤhern Umgang mit Deutſchen ſey ſie und er der Landesſprache etwas maͤchtig. Die Vorſehung wuͤrde das zu einer Zeit, wo ſie Beide nie daran gedacht, je nach Deutſchland zu kommen, nicht ſo gefügt haben, wenn es nicht in ihrem wei⸗ ſen Plane gelegen, daß ſie in Deutſchland, in die⸗ ſem geruͤhmten Lande der Gaſtfreundſchaft, der herz⸗ lichen ehrlich renes ſie bie vor w liche d wolle maͤcht ſelige der I aufbl und in de wieſe in zel das! glaͤul in ſe Vert wan der erſta ren ihne hohe 7 chen fluchte Ver⸗ hlichen Welt! raffte engung m dem bieten erafino ei Gott 3 ſie in unn ſich ſie ſich verant⸗ en; ſey Pderſel⸗ habe ſie an die blick ge⸗ ht durch h feſtes din der on Gott deutſchen tig. Die ie Beide kommen, rem wei⸗ „in die⸗ der herz⸗ — 41— lichen Theilnahme an fremden Leiden, und der ehrlichen Rechtlichkeit, ihr daheim ſchuldlos verlo⸗ renes Lebensgluͤck wieder finden ſollten. Gott habe ſie bis hieher wunderbar gefuͤhrt; ſie ſelbſt habe vor wenig Minuten ihr Dankgebet fuͤr ihre gluͤck⸗ liche Rettung ihm zu den Sternen geſendet, und nun wolle ſie in die Speichen ihres Schickſalsrades eigen⸗ maͤchtig greifen, und um ein Paar verlorener arm⸗ ſeliger Kleider, Steine und Goldſtuͤcke halber an der Macht ſeiner Vaterhand verzweifeln? Sie ſolle aufblicken, und ſehen, daß der alte Gott noch lebe, und mit ihnen ſey; dort— er hatte auf das Licht in den Zimmern des rothen Thurmzimmers ge⸗ wieſen— ganz in der Naͤhe wohnten Menſchen; in zehn Minuten waͤren ſie unter Dach und Fach; das Uebrige werde ſich finden.— Da war die Klein⸗ glaͤubige in ſich gegangen, und hatte ſich weinend in ſeine Arme geworfen, und hatte gelobt, in ihrem Vertrauen auf den Allmaͤchtigen nie wieder zu wanken; und ſie hatten nun Beide den Vater, der bis zum Sterben matt, und vor Kaͤlte halb erſtarrt, niedergeſunken war, aufgehoben, und wa⸗ ren ſo querfeldein auf das Licht zugegangen, das ihnen freundlich geleuchtet, wie den Schiffern auf hoher See der Leuchtthurm vom gaſtlichen Geſtade.“ „Wann war denn das geweſen?“ fragte Hann⸗ chen horchend. „Am Abende deſſelben Tages, an dem ich hier angekommen,“ entgegnete Tom:„das Licht, das in meinem Zimmer kurz vor Schlafengehen brannte, war ihr Fuͤhrer geweſen. Als die Nachtwandler das Garten⸗Pfoͤrtchen erreicht, war das Licht ver⸗ ſchwunden, denn ich hatte mich niedergelegt, und es ausgeloͤſcht; indeſſen waren ſie durch das Pfoͤrt⸗ chen in den Garten getreten, hatten ſich dem hohen Hauſe, in deſſen Fenſtern ſie das Licht kurz vorher hatten brennen geſehen, genahert; hatten die Thuͤre meines Thurms offen gefunden; waren leiſe und ſchuͤchtern eingetreten; waren in den langen Gang gerathen; hatten die Thure zum Zimmer Nro. 1. und Nro. 2. verſchloſſen gefunden; hatten ſich, in der Hoffnung, im weiten Hauſe endlich Jemand zu finden, den ſie um Aufnahme nur fuͤr dieſe Nacht bitten koͤnnten, weiter in den langen Gang hinab⸗ gegriffen; waren zur Thuͤr des Zimmers Nro. 3. gekommen; hatten ſie unverſchloſſen gefunden; wa⸗ reu eiegetreten; hatten im Umhertappen, zu ihrer unbeſchreiblichen Freude, einen großen Berg von weicher warmer Wolle entdeckt; waren auf dieſen, unter freudigem Entzuͤcken, der Laͤnge nach nieder⸗ geſunken, hatten ſich in das koͤſtliche Lager bis an den Hals eingehuſcht; waren, von den Muͤhen und den Schrecken ihrer ganzen Flucht, und beſonders von der Anſtrengung der letzten Stunden bis zum Tode erſchoͤpft, unter einem dreiſtimmigen from⸗ men Abendliede, das ſie, ſchon halb im Traume, fuͤr den Geſang himmliſcher Heerſchaaren gehalten, flugs und froͤhlich eingeſchlafen, und waren nicht eher wieder erwacht, als bis ihnen die helle Mor⸗ genſonne durch die, mit kloſterlichem Eiſengitter verwah blindet „N da lieg gefrore ſchen, funden ſetzte noͤthige halb ir Sie nichts ſollte i unten ten; b ſehr ſch „W ner dar mend, zweime der, al lich vo hergern ges dar Theil das A ruͤck; Lebend gewahr ſie auf LXX andler öt ver⸗ , und Pfoͤrt⸗ hohen vorher Thuͤre iſe und n Gang Nro. 1. ſich, in nand zu e Nacht hinab⸗ Nro. 3. en; wa⸗ zu ihrer erg von f dieſen, nieder⸗ r bis an nhen und beſonders bis zum en from⸗ Traume, gehalten, aren nicht helle Mor⸗ fiſengitter — 5— verwahrten und mit hundertjaͤhrigem Staube er⸗ blindeten Scheiben, in das Geſicht geſchienen.“ „Nro. 3.!“ unterbrach ihn Hannchen,„richtig, da liegt die viele Lammwolle! J ja, wer ſo aus⸗ gefroren und abgemuͤdet iſt, wie dieſe armen Men⸗ ſchen, der mag wohl das Lager recht behaglich ge⸗ funden haben; und uͤber den himmliſchen Chor,“ ſetzte ſie laͤchelnd hinzu,„geben Sie ſelbſt den nöthigen Aufſchluß, da Sie ſelber geſtehen, ihn halb im Traume gehoͤrt zu haben. Aber haben Sie denn von den drei Menſchenkindern gar nichts gemerkt? Das Haus iſt ſo ſtill, daß Sie, ſollte ich denken, jede Maus, die ſich im Gange unten ruͤhrt, in Ihrem Zimmer oben hoͤren muͤß⸗ ten; beſonders muß das Thuͤrſchloß Nro. 3., das ſehr ſchwer aufgeht——“ „Wohl vernahm ich,“ erwiederte Tom, ſich ſei⸗ ner damaligen Bangigkeit jetzt vor ſich ſelbſt ſchä⸗ mend,„einiges Geraͤuſch; ich hoͤrte zum Beiſpiel zweimal Etwas klappen, und dann klang es wie⸗ der, als ob Eiſen auf Eiſen fiel, was wahrſchein⸗ lich von dem erwaͤhnten ſchwierigen Thuͤrſchloſſe hergeruͤhrt haben mag; indeſſen hatte ich kein Ar⸗ ges daraus, da ich, fremd im Hauſe, den untern Theil deſſelben fuͤr bewohnt halten mußte.— Auf das Abendſtaͤndchen komme ich ſpater wieder zu⸗ ruck; jetzt zu unſern heimlichen Gaͤſten.— Die Lebendigkeit im Hauſe, die ſie uͤber und neben ſich gewahren, und lihr wohlthaͤtiger Wollberg fuͤhren ſte auf die richtige Vermuthung, daß ſie ſich in ei⸗ LXXIV. 4 — 44— nem Fabrikhauſe befinden. Nach kurzer geheimer Berathſchlagung kommen ſie darin uͤberein, daß ſie in ihrem Aufzuge ſich nicht öͤffentlich zeigen koͤnnen; daß ſie daher auf ihrem Wollberge ruhig⸗ ſitzen bleiben wollen, bis Jemand in das Zimmer kommt, dem ſie ihre Noth klagen und um Huͤlfe bit⸗ ten koͤnnen. Es koͤmmt den ganzen langen Tag Nie⸗ mand. Der Alte, deſſen ganze Bekleidung aus ei⸗ nem, am Dornen⸗Geſtruͤppe des Strom⸗Ufers in Stuͤcken zerriſſenen Hemde beſteht, verfertigt lſich aus einem Wollſacke, den er am Fuße ihres Lamm⸗ Woll⸗Berges findet, einen Ueberwurf, eine Art von Oberrock; er ſchneidet mit Serafino's Dolche in den Boden des Sacks ein Loch, durch das er den Kopf ſteckt, und auf beiden Seiten des Sacks zwe Löcher, durch die er die Arme ſteckt, und iſt in ſei⸗ ner Kapote uͤbergluͤcklich, denn ſie waͤrmt ihn, und deckt ſeine Bloͤße. Der Hunger, in jenem hohen Familen⸗Rathe um ſeine Meinung nicht befragt, meldet ſich jetzt mit Ungeſtuͤm; ein brennender Durſt quaͤlt ſie Alle, vornehmlich aber die arme, fuͤr ſolches Ungemach viel zu zart gebaute Pia, uͤber alle Beſchreibung. Der Apfelbaum, der vor dem einen Fenſter des Zimmers, in einiger Entfernung ſteht, ſoll, dieſe Nacht, wenn Alles im Hauſe zur Ruhe gekommen, vom Vater gepluͤndert, den Hun⸗ ger ſtillen, den Durſt loͤſchen. Serafino aber geht, als die Nacht heraufgedaͤmmert, hinab nach dem Strom. Bei fruͤherer Rekognoscirung auf dem jenſeitigen Ufer, hatte er unterhalb der Stelle, von der a Ufer! Reche wohl woͤhn pelte Ueber ſchein die S ſchwo⸗ fino's und* in der der V halbre eheimer in, daß h zeigen ge ruhig Zimmer zuͤlfe bit⸗ zag Nie⸗ aus ei⸗ Ufers in ttigt iſich 5 Lamm⸗ Art von volche in s er den acks zwei ſt in ſei⸗ ihn, und m hohen befragt, ennender die arme, hia, uͤber vor dem tfernung Hauſe zur den Hun⸗ ber geht, nach dem auf dem telle, von 455— der aus ſie heruͤbergeſchwommen, einen, von beiden Ufern bis faſt in die Mitte des Stromes reichenden Rechen bemerkt, wie man ihn bei Holzfloͤßereien wohl zum Auffangen der Scheite oder Kolben ge⸗ woͤhnlich anzulegen pflegt; auch konnte es eine dop⸗ pelte Pfahlreihe ſeyn, wie ſie bei Lachsfängen, zum Ueberſpringen der Lachſe ublich iſt*). Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach war bis dahin, und nicht weiter, die Stange mit ihren ſaͤmmtlichen Habſeligkeiten ge⸗ ſchwommen. Die Verlorene zu bringen, war Sera⸗ fino's Hauptzweck, und nebenbei wollte er die Gegend, und Weg und Steg rekognosciren, ſo viel ſich das in der Dunkelheit thun ließ. Jetzt macht ſich auch der Vater auf den Weg, um den Apfelbaum ſeiner halbreifen Fruͤchte zu entledigen, und ſeiner und 4) Bekanntlich geht der Lachs im Frühjahr ſtromauf⸗ wärts. Man ſchlägt, ihn zu fangen, eine ziemlich dichte Reihe Pfähle quer durch den Strom, deren Köpfe einige Zolle über dem gewöhnlichen Waſſerſpie⸗ gel einporragen. Kommt der Lachs an dieſe Reihe, und kaun er alſo nicht weiter den Strom aufwärts gehen, ſo krümmt er ſich, ſetzt ſich auf den Schwanz, ſpringt über die Neihe niedriger Pfähle, und will ſeine Reiſe dem Strome entgegen weiter fortſetzen. Allein er ſtößt bald darauf auf eine zweite dichte Reihe Pfähle, die quer durch den Strom gerammt iſt, und die ſo hoch über dem Waſſerſpiegel emporragen, daß er ſie nicht überſpriugen kann. Strom ab will er nicht, Strom auf kann er nicht; mithin iſt er in dem klei⸗ neren Raume zwiſchen den beiden Pfahlreihen gefan⸗ gen, und kann aus dieſen leicht herausgeſiſcht werden. der Tochter Wolfshunger damit zu ſtillen. Da ka⸗ men Sie, Johanna, mit dem Koͤrbchen. Jetzt kön⸗ nen Sie des armen Greiſes unermeßliches Entzuͤk⸗ ken uͤber Ihre feenartige Erſcheinung ermeſſen.“ „Seine Art, dies Entzuͤcken zu aͤußern,“ ent⸗ gegnete Hannchen, jene Angſtſtunde ſich ſehr leb⸗ haft vergegenwaͤrtigend,„war ſonderbar genug; es fehlte nicht viel, ſo haͤtte er mich, zur ſchuldigen Dankſagung, mit ſeinem Dolche niedergeſtoßen, und ſeine furchtbare Mordbrenner⸗Drohung hat mir keine kleine Furcht eingejagt.“ „Leere Drohung,“ ſagte Tom, gutmuͤthig lä⸗ chelnd.„Einmal mußte er, um ſeiner und der Seinigen Sicherheit willen, wiſſen, ob Jemand von ihrer Anweſenheit unterrichtet war; und dann mußte er ſich vor allen Dingen Ihrer Verſchwiegen⸗ heit und Ihres Wiederkommens verſichern; denn, war er mit Pia und Serafino morgen noch hier, ſo war ihm freilich viel werth, wenn Sie mit einem neuen Transport von Lebensmitteln wieder erſchie⸗ nen. Serafino kam vor Tagesanbruch mit leeren Haͤnden zuruͤck; er hatte nichts gefunden.— Die folgende Nacht— mein herrliches Hannchen, wo hatten Sie den Heldenmuth her, dem alten Un⸗ heimlichen, der Ihnen in ſeinem Schreckenskoſtuͤm und durch ſein grauſendes Aeußere mehr als ver⸗ daͤchtig vorgekommen ſeyn mußte, Ihr wohlthaͤti⸗ ges Wort zu halten? Er hatte geſehen, in welche Todesangſt Sie ſein Anblick geſetzt hatte; darum, und weil Pia der deutſchen Sprache maͤchtiger war, als er Milde „N geſpan das fuͤ hinab „N legen, meint men, der zu Mitth giſcher in ſeit das n eine 2 Tom die ih eſſant einen Mant „ heiml das be wußte gen ke ſie for wie de hen k wie de Da ka⸗ zt koͤn⸗ Entzuͤk⸗ n.“* ent⸗ hr leb⸗ genug; uldigen en, und at mir thig lä⸗ und der and von d dann wiegen⸗ denn, och hier, it einem erſchie⸗ t leeren — Die hen, wo lten Un⸗ iskoſtuͤm als ver⸗ ohlthaͤti⸗ in welche darum, ger war, — 747— als er, ſendete er dieſe, um die Spenden Ihrer Milde in Empfang zu nehmen.“ „Nun ſagen Sie,“ fiel Johanna ihm mit der geſpannteſten Neugierde in das Wort,„was war das fuͤr ein Schuß, und wer ſtuͤrzte Sie die Treppe hinab?“ „Nachher, nachher,“ erwiederte Tom etwas ver⸗ legen, und wollte dieſen Punkt uͤberſpringen, und meinte, der haͤnge mit dem Abendſtaͤndchen zuſam⸗ men, auf das er bei Gelegenheit ſchon einmal wie⸗ der zuruckkommen werde; allein Hannchen bat, bei Mittheilung ſeiner Aufſchluͤſſe, huͤbſch in chronolo⸗ giſcher Reihenfolge zu bleiben, und alſo jetzt, ohne in ſeinem Vortrage Luͤcken zu laſſen, zu ſagen, was das mit dem Schuſſe und dem Treppenſturze fuͤr eine Bewandtniß gehabt habe. Da geſtand denn Tom mit einer Verſchaͤmtheit und Verwirrung, die ihn dem lauſchenden Hannchen unendlich inter⸗ eſſant machte, daß er in dem dreiſtimmigen Choral einen Tenoriſten gehoͤrt, und in dieſem einen jungen Mann vermuthet habe, der—“ Tom ſtockte. „Nun, der?“ fragte Hannchen, und horchte heimlich laͤchelnd. Die Liebe hat das feinſte Spiontr⸗, das berechnetſte Kombinations⸗Syſtem; Hannchen wußte, was Tom ſagen wollte, weil er es nicht ſa⸗ gen konnte.„Unſer dreiſtimmiger Choral,“ fuhr ſie fort, und that, als ob ſie nicht begreifen koͤnne, wie der mit Tom in der geringſten Beziehung ſte⸗ hen koͤnne, und begriff wirklich noch nicht völlig, wie derſelbe mit dem Schuſſe und Toms Treppen⸗ — 48— ſturz zuſammenhaͤngen koͤnne.„Der Vater ſingt ſeinen recht braven Baß; und wenn mein Sopran ſo gut waͤre, wie der Alt unſerer Mamſell Pillwitz.“ „O ich weiß, ich weißz jetzt,“ entgegnete Tom vor lauter Verlegenheit ſich vergeſſend,„daß ich mich damals geirrt; vorgeſtern ſang Mamſell Pill⸗ witz Etwas aus der Partie des Tankred; da erkannte ich ihre Stimme, die ich fruͤher fuͤr die eines Teno⸗ riſten gehalten hatte, und—“ Hannchen lachte faſt laut auf; nannte die Ver⸗ wechſelung einer Alt⸗ mit einer Tenorſtimme einen doch faſt etwas zu ſtarken Irrthum, und hatte nun, auch wenn Tom nichts weiter gefagt haͤtte, einen, ihr hoͤchſt wohlgefaͤlligen Wegweiſer in Toms Herz gefunden, in deſſen unlaͤugbarer Eiferſucht ſie einen fruher nie gefuͤhlten Triumph feierte.„Aber der Schuß und der Treppenſturz?“ fuhr ſie inquiri⸗ rend fort,„wie war denn die Geſchichte?“ „Ach,“ verſetzte er mit komiſchem Unwillen auf ſeine Ungeſchicklichkeit, ſich und ſeine Schwäͤchen verrathen zu ſehen,„ſetzt lache ich ſelbſt über das Alles; aber an jenem Abende— ich hatte Sie in das Schloß herüberkommen geſehen; ungluͤcklicher Weiſe hatte ich mir in den Kopf geſetzt, daß der vermeintliche Tenoriſt Ihrer im Schloſſe warte; ich konnte dem Drange nicht widerſtehen, Sie zu be⸗ lauſchen. Es war nicht unmoͤglich, daß dem ver⸗ wunſchten Tenoriſten meine Dazwiſchenkunft nicht ganz angenehm war; wir konnten an einander ge⸗ rathen; er konnte bewaffnet ſeyn. Um mich nun⸗ keiner gehoͤr Notht Zimm heiml ſchleie viſten auf de getret aus; Schut V auf d Achſel ſcharf dem wahr te, de das im 0 erſtlie Ande koͤnne und! fer N er ni ſeyn, S Wort er ſingt Sopran llwitz.“ te Tom daß ich ell Pill⸗ rkannte 8 Teno⸗ die Ver⸗ ne einen tte nun, „einen, ns Herz ie einen lber der inquiri⸗ 7 llen auf hwaͤchen iber das Sie in uͤcklicher daß der arte; ich 2 zu be⸗ dem ver⸗ aft nicht nder ge⸗ nich nun keinen Mißhandlungen auszuſetzen, und ihn in gehoͤrigem Reſpekt zu erhalten, nehme ich fuͤr den Nothfall ein Piſtol in die Hand; ich trete aus dem Zimmer. Ich hoͤre unten auf dem Treppenflur heimlich fliſtern. Ich will die Treppe leiſe hinab⸗ ſchleichen, und Sie mit dem vermeintlichen Teno⸗ riſten ganz unvermuthet uͤberraſchen. Ich gleite auf der oberſten, durch das Alter der Zeit ſehr aus⸗ getretenen Steinſtufe mit beiden Fuͤßen zugleich aus; in dem Augenblicke geht mein Piſtol los, und Schuß und Sturz ſind eins. Von der aͤußern Seite meines rechten Arms, auf den ich gefallen, war die ganze Haut von der Achſel bis zum Knoͤche! abgegangen, und mit der ſcharfen Kante des Piſtolenſteins hatte ich mir uͤber dem Handgelenke eine Wunde geriſſen, durch die wahrſcheinlich eine Ader verletzt worden ſeyn muß⸗ te, denn ich konnte in den erſten zehn Minuten das Blut kaum ſtillen.“ 4 „Viel zu wenig Strafe,“ rief Hannchen, halb im Ernſte, halb im Scherze.„Wer gab Ihnen erſtlich das Recht, ſich um das Thun und Treiben Anderer zu bekümmern; und dann zweitens, wie können Sie einem ſo boͤſen Argwohne Raum geben, und nur denken, daß ein ehrbares Maͤdchen in tie⸗ fer Mitternacht mit einem jungen Manne, möochte er nun Tenoriſt, Baritoniſt oder Baſſiſt geweſen ſeyn, ein Stelldichein— Sie wollte weiter reden; aber ſie blieb mitten im Worte ſtecken; denn der innere Hofmeiſter rauute — 50— ihr zu, daß ſie ſich mit der geruͤhmten Ehrbarkeit ja nicht zu ſehr bruͤſten ſolle, indem ſie ſich in dem Augenblicke ja auf einem Stelldichein befinde, ge⸗ gen das er laut genug ſich geaͤußert, auf das er ſie aber, da ſeine Vorſtellungen kein Gehoͤr ge⸗ funden, ſelbſt begleiten zu muͤſſen geglaubt habe, um, wo es noöͤthig, gleich bei der Hand zu ſeyn, und dieſe gewiß recht ſehr ſonderbare Zuſammen⸗ kunft nicht uͤber die Gebuͤhr dauern zu laſſen. Darum brach Hannchen in ihrer Rede ab, erin⸗ nerte ſich, daß es ſchon recht ſpaͤt ſey, wuͤnſchte eine gute Nacht, und bat ſich das Ende ſeiner Ge⸗ ſchichte fuͤr morgen aus; allein Tom zog ihre kleine Rechte, von der ſie ſelbſt nicht wußte, bei welcher Gelegenheit er dieſe erfaßt hatte, an ſein Herz, und ſagte mit ganz eigener Bedeutung: „Vertrauen iſt der felſenfeſte Granitgrund der rei⸗ nen, heiligen Liebe; Vertrauen aber iſt das Pro⸗ dukt der Pruͤfung. Pruͤfung jedoch kann nie ohne eine Art von Argwohn gedacht werden; folglich iſt der Argwohn, in der Regel, der Vorlaufer der Liebe, der aber den Athem verliert, und darum verabſchiedet wird, ſobald ihn die Liebenden zu ent⸗ kraͤften verſtehen. Zwiſchen zwei gluüͤcklich Lieben⸗ den werden Sie immer das Getriebe einer ewig regſamen Eiferſuͤchtelei bemerken, die ihnen oft die ſchönſten Stunden, die ſuͤßeſten Minuten ver⸗ bittert. Dieſe Eiferfuͤchtelei, was iſt ſie denn an⸗ ders, als ein boͤſes Kind dieſes Argwohns, und dar⸗ um muͤſen Sie, mein gutes, liebes Hannchen, mir nicht zuͤrnen, wenn auch ich— „S die Re ſo dun ihr To ge trit vom T fieberte Geſchie einfach Weile, gerein in das Tom ſpaͤt A horche. Zimm blicke zug, d und n daß de erzitte den lo wollen Kraft Clau barkeit in dem de, ge⸗ das er hoͤr ge⸗ habe, u ſeyn, ammen⸗ laſſen. „ erin⸗ Guͤnſchte ner Ge⸗ og ihre te, bei an ſein Lutung: der rei⸗ as Pro⸗ lie ohne folglich ufer der darum zu ent⸗ Lieben⸗ ner ewig nen oft iten ver⸗ denn an⸗ und dar⸗ hen, mir — 51— „Sie wollten mir ja,“ fiel ihm Hannchen in die Rede, und dankte ihrem Herr Gott, daß es ſo dunkel war, denn ſonſt haͤtte das Feuerroth, das ihr Toms Auseinanderſetzung auf Stirn und Wan⸗ ge trieb, ihm den ſuͤßen Schauer verrathen, der vom Tiefſten ihres Herzens aus, alle Nerven durch⸗ fieberte;„Sie wollten mir ja das Ende von der Geſchichte Ihrer Schuͤtzlinge erzaͤhlen.“ Das, meinte Tom, ſey ganz kurz. Er war nach dem Treppenſturz auf ſein Zimmer geeilt, hatte ſich vom Blute gereinigt, entkleidet, und zu Bette gelegt, und war eingeſchlafen. Ein entſetzliches Krachen hatte ihn geweckt; dies Krachen aber war, wie er ſpaͤter von Pia erfahren, auf folgende ganz einfache Weiſe entſtanden. Pia hatte, aus langer Weile, das eine der erblindeten Fenſter mit Wolle gereinigt, und am Abend geoͤffnet, um friſche Luft in das Zimmer zu bekommen.„Sie hoͤrt,“ fuhr Tom zu erzaͤhlen fort,„ſie hoͤrt mit dem Vater ſpaͤt Abends im Hauſe ein Geraͤuſch; Beide wollen horchen, was das ſey; ſie ſchleichen leiſe an ihre Zimmerthuͤr, und oͤffnen dieſe; in dem Augen⸗ blicke ſtoͤßt ein kleiner Wind⸗Ruck, ein ſtarker Luft⸗ zug, durch das offene Fenſter und die Zimmerthuͤr, und wirft die Thurmthuͤr mit einer Gewalt zu, daß das ganze alte Haus in ſeinen Grundfeſten erzittert; Pia und der Vater fahren hinaus auf den langen Gang; ſie fliegen die Treppe herab, wollen die Thurmthuͤr aufreißen, und muͤſſen alle Kraft anwenden, denn ein zweiter Windſtoß druͤckt Tlauren Schr. LXXIV. 5 die zugeworfene Thuͤr mit ſolcher Gewalt, daß ſie mit beiden Haͤnden ziehen muͤſſen, um ſie zu oͤff⸗ nen. Ih, halb im Traume, den furchtbaren Krach für einen Erdbebenſtoß haltend, aus dem Bette fahren, den Mantel umwerfen, und die Treppe hinab ſpringen, iſt das Werk weniger Sekunden. Unten in der Spitzbogen⸗Thuͤr fand ich Pia, den Vater und Serafino. Sie koͤnnen meine und ihre Ueberraſchung denken; doch wir verſtaͤndigten uns bald. Wenig Worte reichten hin, meine Theilnahme an dem Geſchick dieſer Ungluͤcklichen zu erwecken. Sie hoͤrten kaum, daß ich Englaͤn⸗ der ſey, als ſie, von ihrem preßhaften Nothſtande auf das Aeußerſte getrieben, halb in Verzweiflung uͤber ihre hoffnungsloſe Lage mir vertrauten, daß mein Vaterland das Ziel ihrer Wuͤnſche ſey, daß ſie dort Landsleute, Sicherheit und Ruhe zu fin⸗ den hofften, und daß ſie durch den Verluſt ihrer ganzen Habe, nach der Serafino dieſe Nacht zum zweiten Male vergeblich den Strom durchſchwom⸗ men habe, von aller Moͤglichkeit, ihr Ziel zu ver⸗ folgen, abgeſchnitten, keinen andern Weg vor ſich ſaͤhen, als den der Selbſtvernichtung, wenn ihnen nicht von Gott und Menſchen bald geholfen werde. Den Glauben an Beide haͤtten Sie, meine Jo⸗ hanna, ihnen gerettet und erhalten, und nun er⸗ goß ſich ihre Rede in Dank und Lob, mit dem ſie Ihren milden Sinn, Ihre Verſchwiegenheit und Ihren Muth, auf eine ſo ruͤhrende Weiſe feierten, daß, auch wer Sie noch nicht gekannt haͤtte, von Liebe werd edle Ihne from im G geres Jc mußte erzaͤhl W men. aus, w ſie dur meiner fino ur lichkeit haͤtte Ha uͤber§ Steffen und fre als ſie Garten „W willig. Sie wo heit ver! nur ihr ſehen. daß ſie e zu oͤff⸗ en Krach m Bette Treppe ekunden. bia, den ine und aͤndigten meine uͤcklichen Englaͤn⸗ tthſtande weiflung ten, daß ey, daß 2 zu fin⸗ uſt ihrer acht zum hſchwom⸗ l zu ver⸗ g vor ſich in ihnen n werde. eine Jo⸗ nun er⸗ dem ſie heit und feierten, äͤtte, von — 55— Liebe und Achtung füur Sie haͤtte durchdrungen werden muͤſſen. Ihr großherziges Beiſpiel, meine edle Johanna, feuerte mich zur Nacheiferung an; Ihnen aͤhnlich, Ihnen gleich zu handeln, Ihren frommen Willen in das Werk zu ſetzen, mit Ihnen im Gutesthun zu wetteifern— ich kenne kein ſeli⸗ geres Loos. Ich nahm alle Drei auf mein Zimmer. Sie mußten mir die merkwuͤrdige Geſchichte ihres Lebens erzaͤhlen. Wir ſaßen bis tief in die Mitternacht beiſam⸗ men. Ich theilte Waͤſche und Kleider unter ſie aus, verſprach ſie bis London zu ſchaffen, und machte ſie durch die Ausſicht auf die Zukunft, die ihrer in meiner Heimath warte, ſo uͤbergluͤcklich, daß Sera⸗ fino und Pia, im Feuer ihrer ſuͤdlichen Leidenſchaft⸗ lichkeit, um mich herumſprangen, und tanzten, als haͤtte ſie die Tarantel geſtochen.“ Hannchen hatte jetzt im Stillen den Aufſchluß uͤber Kordula's Ball, von dem ihr der einfältige Steffen ſo viel albernes Zeug vorgefabelt hatte, und fragte, ob das wilde Geſicht, das ſie geſehen, als ſie mit Nachmittag⸗Predigers Chriſtinchen im Garten ſpazieren gegangen, Serafino geweſen? „Wohl war er es,“ entgegnete Tom faſt un⸗ willig.„Anbetung, Neugierde, nennen Sie es wie Sie wollen, war es, die ihn zu der Unbeſonnen⸗ heit verleitete; er wollte das Maͤdchen, das alle Drei nur ihren Engel nannten, bei hellem Tage einmal ſeben. Von mir unterrichtet, daß Sie im Garten . 5* — 5— ſind, ſpringt er aus dem Fenſter ſeines Zimmers Nro. 3., und ſchleicht ſich hinter die Ruinen des Schloßflugels. Ungluͤcklicher Weiſe gewahrt ihn Chriſtine; ehe Sie, keckes Kind, aber um das Schloß herumkamen, um ihn aufzuſpuͤren, war er durch das Fenſter wieder in ſein Zimmer geſprun⸗ gen, und blieb daher von Ihnen unentdeckt.“ „Daß ich denſelben Abend nicht zu Tiſche kom⸗ men konnte,“ fuhr Tom fort,„werden Sie jent be⸗ greiflich finden; den ganzen Tag im Sortir⸗Saale beſchaͤftigt, konnte ich nur die Abendſtunden zum Expediren verſchiedener Briefe an den Vater und an mehrere Freunde und Bekannte verwenden. Jedem derſelben mußte ich die Geſchichte und Ver⸗ haͤltniſſe meiner Schuͤtzlinge umſtaͤndlich erzaͤhlen, und jedem auf ſeine Weiſe die Empfohlenen an das Herz legen. Um mit Pia und dem Vater we⸗ gen ihrer Reiſe und wegen ihres Auftretens und Benehmens in England das Noͤthige zu beſprechen, hatte ich Beide erſucht, dieſen Abend auf mein Zimmer zu kommen, Serafino hatte ſich zum drit⸗ ten Male nach dem Strome geſchlichen, um die entronnenen Schaͤtze zu ſuchen. Ich wollte mit meinen Gaͤſten ein Glas auf gluͤckliche Reiſe und Zukunft trinken; Steffen hatte mir Wein beforgt. Er brachte mir zugleich mein, von Ihnen uͤber⸗ ſandtes Abendbrod. Ich halte in der Regel nicht allzuviel vom Eſſen und Trinken; aber diesmal hatte ich üͤber die uͤbermaͤßige Portion, die ich Ihrer verſchwenderiſchen Gaſtlichkeit zu verdanken hatte, eine ki armen Etwas blick er den A gern a durch mein! ten es Ihnen und J aus.“ ſchichte lich zu ten M ſchwim Fernro Weg v Strom der De und † ihnen daß er ſich ge mer ſi in we mmers en des ort ihn m das war er geſprun⸗ 74 . hhe kom⸗ jent be⸗ r⸗Saale den zum ater und wenden. und Ver⸗ erzaͤhlen, lenen an gater we⸗ tens und eſprechen, uf mein zum drit⸗ um die ollte mit Reiſe und beſorgt. nen uͤber⸗ egel nicht r diesmal ich Ihrer ken hatte, eine kindiſche Freude; konnte ich doch nun meine armen, ausgehungerten Gaͤſte ſaͤttigen, und noch Etwas fuͤr Serafino aufheben, den ich jeden Augen⸗ blick erwartete. Ich hatte mich Mittags ſchon fuͤr den Abend ſatt gegeſſen, und verzichtete daher gern auf meine Portion. Die erſte Libation der durch Ihre Milde abermals Begluͤckten galt Ihnen, mein liebes, liebes Hannchen. Wir alle Drei mein⸗ ten es mit Ihnen recht ehrlich, und ſtießen an, daß Ihnen das rechte Ohr davon gegellt haben muß, und Jedes trank ſein Glas auf die Nagel⸗Probe aus.“ Johanna ſchlug die Augen nieder, und ſchaͤmte ſich der Unruhe, die ihr die beiden unſchuldigen Glaͤſer verurſacht hatten. „Serafino,“ ſchloß Tom ſeine Aufklaͤrungs⸗Ge⸗ ſchichte,„Serafino war den Strom wieder vergeb⸗ lich zwei Mal durchſchwommen; als er zum zwei⸗ ten Male vom jenſeitigen Ufer zum diesſeitigen ſchwimmt, ſieht er mit ſeinen Frauenhofer'ſchen Fernroͤhren von Luchsaugen zwei Geſtalten, die den Weg vom Schloſſe gekommen zu ſeyn, und ſich dem Strome zuwenden zu wollen ſcheinen. Er haͤlt in der Dunkelheit die beiden Perſonen fuͤr den Vater und Pia, vermuthet, daß ſie ihn ſuchen, und gibt ihnen durch einen Pfiff das ihnen bekannte Zeichen, daß er komme. Indeſſen entdeckt er bald, daß er ſich geirrt; er ſteht jetzt, daß es zwei Frauenzim⸗ mer ſind, die zu luſtwandeln ſcheinen; er ſchleicht in weiter Entfernung durch kleines Buſchwerk; kommt durch großen Umweg in das Schloß zuruͤck, findet im Zimmer Nro. 3. weder Pia noch den Va⸗ ter, ſucht ſie in den Ruinen des verſallenen Schloß⸗ fluͤgels, ſieht Licht in meinem Fenſter, hat aber den Muth nicht, zu mir herauf zu kommen, weil er fremden Beſuch bei mir zu finden fuͤrchtet, und wiederholt daher, um den Seinigen ein Zeichen zu geben, daß er da ſey, und ſie aufzuſordern, ihn wiſſen zu laſſen, wo ſie ſtecken, ſeinen ſchneidenden Pfiff; kaum hoͤrte dieſen Pia, als ſie an das Fen⸗ ſter ſprang, und ihm winkte, zu uns herauf zu kom⸗ men. Serafino will auf die Thurmthuͤr zu, da ſtehen Sie, und wollen bei ſeinem Anblick auf⸗ ſchreien; er hält Ihnen den Mund zu; Sie ſinken ohnmaͤchtig zu ſeinen Fuͤßen nieder. In dem Augen⸗ blick kommen wir die Treppe hinab, um den dies⸗ mal gar lange ausgebliebenen und von Pia mit pei⸗ nigender Sehnſucht erwarteten Serafino zu bewill⸗ kommen. Wir finden Sie leblos und mit geſchloſ⸗ ſenen Augen auf der Schwelle. Serafino und ich nehmen Sie auf unſere Arme, und tragen Sie auf mein Zimmer. Das Uebrige wiſſen Sie.“ „Wenigſtens ahne ich es,“ entgegnete Hann⸗ chen;„aber ſagen Sie, was haben die Menſchen verbrochen, daß ſie ihr Vaterland und ihre ganze Exiſtenz haben aufgeben muͤſſen?— und ſprach Pia nicht vom Schaffot?“ Anderthalb Jahrtauſend vor Chriſto,“ erwie⸗ derte Tom, Hannchens aͤngſtliche Beſorgniß ehrend, „fluͤchtete Moſes aus Aegypten nach Palaͤſting; Da⸗ naus nach L Athen dieſe auf g haͤtten Huͤlfe heilig der E ſprach ſeine und b auf, zu ſich Wovo rodes niſter ten, als k war. heilig gen, ten; lichen verbr fluͤch und Grer ſelbe Calg zUruͤck, n Va⸗ Schloß⸗ t aber „ weil , und hen zu n, ihn denden 8 Fen⸗ u kom⸗ u;, da k auf⸗ ſinken Augen⸗ n dies⸗ iit pei⸗ bewill⸗ eſchloſ⸗ and ich Sie auf Hann⸗ enſchen ganze ach Pia erwie⸗ ehren d, 4; Da⸗ — 5,)— naus nach Argos; und Kadmus aus Phoͤnicien nach Theben; tauſend Jahre ſpaͤter, Hippias aus Athen zu den Perſern. Wahrſcheinlich wuͤrden alle dieſe Maͤnner, waͤren ſie iim Vaterlande geblieben, auf gleich ſchimpfliche Weiſe geendet haben; aber haͤtten Sie ihnen, wenn ſie Sie um Obdach und Huͤlfe angeſprochen, Beides verſagen koͤnnen? Die heilige Jungfrau zu Bethlehem— erſchien nicht der Engel des Herrn dem Joſeph im Traum, und ſprach: Stehe auf, und nimm das Kindlein und ſeine Mutter zu dir, und fliehe nach Aegyptenland, und bleibe allda, bis ich dir ſage? Und Joſeph ſtand auf, und nahm das Kindlein und ſeine Mutter zu ſich bei der Nacht, und entwich in Aegyptenland. Wovor floh er? vor der Blutrache des Koͤnigs He⸗ rodes, dem von ſeinen geheimen Raͤthen und Mi⸗ niſtern, von den Hohenprieſtern und Schriftgelehr⸗ ten, das Jeſuskind als dereinſtiger Revolutionair, als kuͤnftiger Thron⸗Praͤtendent verdaͤchtigt worden war. Haͤtten Sie damals gelebt, und waͤre die heilige Familie vor Ihrer Wohnung voruͤbergezo⸗ gen, und haͤtte Sie um eine milde Spende gebe⸗ ten; haͤtten Sie wohl mit Ihrer menſchenfreund⸗ lichen Milde ſich erſt erkundiget, was die Menſchen verbrochen? Keinem Aegypter fiel es ein, die Land⸗ fluͤchtigen darnach zu fragen, und ſie zu greifen, und an Herodes auszuliefern. Was jenſeits der Grenze als Verbrechen gilt, iſt es oft diesſeits der⸗ ſelben nicht. Wuͤrden Sie dem ungluͤcklichen Jean Calas Ihre Thuͤre verſchloſſen haben? Die Huge⸗ — 53— notten, vom irregeleiteten Franz J., vom ſchwachen Heinrich II., vom geiſtesarmen Franz II. und von deſſen raubſuͤchtigen Gemahlin, Katharina von Medicis, auf das Grauſamſte verfolgt, auf das Unmenſchlichſte gepeiniget und gemißhandelt, grei⸗ fen gegen den Geſalbten des Herrn, gegen den Koͤnig Carl IX., der ſich durch die graͤßliche Pariſer Bluthochzeit und durch den Meuchelmord, den er durch das ganze Land befahl, ein ewiges Schand⸗ mal geſetzt hat, zu den Waffen; ſie ſind alſo offen⸗ bar Rebellen. Dreißigtauſend ihrer ungluͤcklichen Bruͤder werden im kurzen Zeitraume eines Mo⸗ nats auf die martervollſte Weiſe geſchlachtet; ihrer Aller wartet ein gleich ſchmachvoller Tod. Da be⸗ ſchließt endlich die Mehrzahl, die geliebte Heimath zu verlaſſen. Tauſende dieſer ſogenannten Rebel⸗ len wandern, waͤhrend das ſchwere Geſchuͤtz auf der Engelsburg zu Rom, vor Freuden uͤber das Pari⸗ ſer fluchbedeckte Mordfeſt, an einem beſonders da⸗ zu angeordneten Feiertage eine Ehrenſalve gibt, und der Papſt ein Jubeljahr ausſchreibt, mit Frau und Kind, unter tauſend heißen Thraͤnen, aus dem ſchoͤnen Frankreich. Die Schweiz, Holland, Deutſch⸗ land, und mein Vaterland nehmen die rechtlichen Menſchen mit offenen Armen auf; und Sie, meine Johanna, Sie haͤtten ihnen Ihr Herz verſchließen koͤnnen? Gott iſt unſer Aller Richter. Mit ſeiner Weisheit, mit ſeiner Gerechtigkeit wird er treten zwiſchen Schuldige und Unſchuldige, und ſtrafen und lohnen einen Jeglichen nach ſeinen Werken. Haͤtte wie ſi ſamer Sie g durch ſie ge Hand Verſch das ke Haͤnd ihr u ſchwor Gewin der Lo und d Dreie Heerd ruhrs abzun drei Thun Die a der H broche H ſich T ner A te, u vachen d von n von f das „grei⸗ n den Jariſer den er chand⸗ offen⸗ klichen 3Mo⸗ ihrer Da be⸗ eimath Rebel⸗ uf der Pari⸗ rs da⸗ gibt, t Frau s dem heutſch⸗ tlichen meine bließen ſeiner treten ſtrafen Berken. Haͤtten Sie den alten Vater und Serafino gehoͤrt wie ſie hineingezogen worden ſind in den gewalt⸗ ſamen Strudel der bewegten Umgebung; haͤtten Sie gehoͤrt, wie ſich ihre Lage verſchlimmert hat durch den Haß, den ein Maͤchtiger des Reichs auf ſie geworfen, weil Pia ſeine Bewerbung um ihre Hand ausgeſchlagen; haͤtten Sie gehoͤrt, wie der Verſchmaͤhte allen ſeinen Einfluß aufgeboten, um das keuſche Maͤdchen mit Gewalt in ſeine unreinen Haͤnde zu bekommen; haͤtten Sie gehoͤrt, wie er ihr und dem gluͤcklichen Serafino ewige Rache ge⸗ ſchworen, und wie gierig er das dortige politiſche Gewirr des Tages benutzt hat, um hinter der Larve der Loyalitaͤt ſeinen Verdruß im Blute des Vaters und des Nebenbuhlers zu kuͤhlen; Sie wuͤrden allen Dreien ſelbſt gerathen haben, den heimathlichen Heerd zu fliehen, und fern vom Gewuͤhl des Auf⸗ ruhrs, die Wiederkehr der öffentlichen Ordnung abzuwarten. Verbrechen? Nein, deren waren dieſe drei ehrlichen, frommen Menſchen nicht faͤhig. Thun Sie ihnen mit dieſem Argwohne nicht wehe. Die armen Ungluͤcklichen lieben Sie mit ſo ruͤhren⸗ der Herzlichkeit, und Sie fragen mich, was ſie ver⸗ brochen?“ 15. Hannchen that der redliche Eifer wohl, mit dem ſich Tom der Entfernten annahm, die ſie nach ſei⸗ ner Auseinanderſetzung gern fuͤr ſchuldlos anerkann⸗ te, und ſie fragte jetzt mit recht herzlicher Theil⸗ nahme, ob und welche Nachrichten er von ihnen habe. „Ohne Paß,“ verſetzte Tom,„war ihre Wei⸗ terreiſe nicht möglich; ich gab alſo den meinigen Serafino; der Alte ſpielt darin die Rolle ſeines Bedienten; ich ſollte anfaͤnglich bis hierher ein al⸗ tes Inventarienſtuͤck unſers Hauſes zur Begleitung mitnehmen; der alte Menſch fuͤhlte ſich aber zur Reiſe zu ſchwach, und blieb daheim; indeſſen im Paſſe ſtand er ſchon; deſſen Stelle vertritt alſo Pia's Vater, und Pia ſelbſt konnte ohne Bedenken fuͤr Serafino's Schweſter paſſiren; jungen Damen ſteht uͤberall die ganze Welt offen. Das Geleit bis zum Pfoͤrtchen gab uns Papa; die Schrotkoͤr⸗ ner, oder was es war, womit er uns zum Abſchiede begruͤßte, ſauſ'ten durch Laub und Strauchwerk, daß ich denke, er ſchießt uns alle Vier auf dem Flecke nieder. Ein einziges ſtreifte Pia's Oberarm; vor Schreck ließ ſie den Korb fallen; doch war die Wunde nicht weiter gefaͤhrlich. Bis zur erſten Station begleitete ich ſie; zeigte auf dem Poſtamte meinen Paß, vom hieſigen Magiſtrate zur Ruͤckreiſe nach London, in beſter Form Rechtens viſirt, vor; er⸗ hielt die beſtellten drei Pferde ſammt Chaiſe, ſetzte mich mit Pia ein, poſtirte meinen Bedienten, den alten Vater, auf den Bock, fuhr ſo zur Stadt hin⸗ aus, trat vor dem Thore meinen Platz an Sera⸗ fino ab, und ging zu Fuß nach Hauſe. Schon drei Mal hat mich der kleine General⸗Acciſe⸗Kontro⸗ leur Taplauken und der Stadt⸗Secretair und der Polize nach L ren lo wenig morge dann eines? land l den er deſſen nen. don ei unſere und n ten ho licher leute die ar terlan theils auf 2 daß ſi zu ver nals lebhaf das E mildt n den d eigen hnen Wei⸗ nigen eines in al⸗ itung r zur in im t alſo denken damen Geleit votkoͤr⸗ ſchiede hwerk, Flecke 1; vor Wunde Station meinen iſe nach or; er⸗ „ſetzte en, den adt hin⸗ n Sera⸗ don drei Kontro⸗ und der — — 61— Polizeirath gefragt, wann ich denn meine Reiſe nach London, zu der ich mir meinen Paß habe viſi⸗ ren laſſen, antreten werde? Um ihre Neugierde wenigſtens einigermaßen zu befriedigen, werde ich morgen zum Schein ein Paar Meilen weit fahren, dann wieder umkehren, und ſagen, ich haͤtte mich eines Beſſern beſonnen, und wolle lieber in Deutſch⸗ land bleiben. Das nennen die naͤrriſchen Kauze den engliſchen Spleen, und lachen mich aus; in⸗ deſſen, die kleine Freude kann man ihnen ja goͤn⸗ nen. Heute Morgen ſind endlich Briefe von Lon⸗ don eingetroffen. Gluͤcklich und wohlbehalten ſind unſere drei Schuͤtzlinge dort angelangt; mein Alter und mehrere meiner juͤngern Freunde und Bekann⸗ ten haben ſie, auf meine Verwendung, mit herz⸗ licher Theilnahme aufgenommen; ſie haben Lands⸗ leute allerlei Standes und Alters dort gefunden, die aus gleicher Urſache das ſtuͤrmiſch bewegte Va⸗ terland haben verlaſſen muͤſſen; theils von dieſen⸗ theils von den Meinigen iſt fuͤr ihre Exiſtenz bis auf Weiteres hinlaͤnglich geſorgt, und im Gefuͤhl, daß ſie Ihnen eigentlich ihr jetziges gluͤckliches Loos zu verdanken haben, verbreiten ſie jenſeits des Ka⸗ nals Ihr Lob und den Ruf Ihrer Tugenden ſo lebhaft, daß alle meine Jugendfreunde mich um das Gluͤck beneiden, mit einem ſo heldenmuͤthigen, mildthaͤtigen und liebenswuͤrdigen Maͤdchen—“ „Ich glaube, Ulrike ruft,“ unterbrach Hannchen den Referenten, der jetzt in ſeine Rede ein ganz eigenes Feuer legen zu wollen ſchien, denn er druͤckte Hannchens beide Haͤnde mit der Linken auf ſein feuergluͤhendes Herz, und ſchlang ſeine Rechte um die Huͤfte des ſchöͤnen Maͤdchens, und ſtand in ſuͤßer Verzuͤckung, der Bildſaͤule eines liebeſchmach⸗ tenden Adonis gleich, noch eine lange Weile; nur war das, was er in ſeinen verlangenden Armen zu halten vermeinte, eine Schattengeſtalt, denn Haun⸗ chen hatte ſich dieſen ſchon laͤngſt entwunden, und war mit fluͤchtigem Schritte auf und davon geſprun⸗ gen, und in ihr Haus geſchluͤpft. 4 16. Hannchen hatte die letzten Naͤchte faſt kein Auge zugethan, und war recht herzlich muͤde; aber den⸗ noch konnte ſie nicht gleich einſchlafen. Ihre bei⸗ den Haͤnde hatten eine ganze Weile auf Toms Her⸗ zen geruht; ſie erinnerte ſich, irgendwo geleſen zu haben, daß das menſchliche Herz in der Minute ungefaͤhr neunzig bis hundert Mal pulſire; aber— noch fuͤhlte ſie es in allen ihren zehn Fingerſpitzen ganz deutlich— Toms Herz hatte in jeder Se⸗ kunde beſtimmt mehr denn drei Mal pulſirt; ſo ſtuͤrmiſch hatte ihm das Blut durch die Adern ge⸗ brauſ't, und— ſie legte jetzt ihre kleine flaumzarte Rechte beſorglich auf ihr eigenes Herz— war es ihr doch wahrhaftig, als haͤtten Beide gegenſeitig die Pläͤtze gewechſelt, und ſie fuͤhle das Tom'ſche Ungethuͤm unter ihrer linken Schwanen⸗Bruſt ſchlagen. Sie wollte wohl, um ſich die ſonderbare Unruhe, die ſich uͤber ſie wie ſiedende Roſengluth ergoß, zu vertr und aber Netze fino deſto ihr 1 der e hallte verſte ſorgr klare rakte Gott ſeine nacht bung und zigen ten Allèe geloch Kloſt ſtenb liſch, Freu T den mit d n auf Rechte und in zmach⸗ ; nur nen zu Haun⸗ „ und ſprun⸗ Auge er den⸗ dre bei⸗ s Her⸗ eſen zu Ninute aber— rſpitzen der Se⸗ ſrt; ſo dern ge⸗ imzarte war es enſeitig vom'ſche ⸗ Bruſt Unruhe, goß, zu — 65— vertreiben, an die drei Menſchen denken, die ihr und dem edeln Tom ihre Rettung verdankten; aber je mehr der Traumgott ſie mit ſeinen weichen Netzen umſpann, deſto mehr trat Pia mit Sera⸗ fino und dem alten Vater in den Hintergrund; deſto bedeutungsvoller klang ihr Alles, was Tom ihr von der Achtung und Liebe geſagt hatte, mit der er ihr gehoͤre; deſto ſanfter und eindringlicher hallte ſeine Stimme in ihrem Innern wieder; deſto verſtaͤndlicher und deſto komiſcher kam ihr ſeine Be⸗ ſorgniß wegen des Tenoriſten vor; in ein deſto klareres, reineres Licht ſtellte ſich ſein ganzer Cha⸗ rakter, ſein ganzes Weſen; und als der erwaͤhnute Gottſchalk ihr die Augen feſter ſchloß, und ſie mit ſeinen verfuͤhreriſchen Gaukeleien in ſtiller Mitter⸗ nacht luſtig umwirrte, laͤchelte ſie in ſuͤßer Hinge⸗ bung, denn Toms Arme umfaßten ſie wie vorhin, und ſie ſah ihm in das ehrliche Auge, und die wuͤr⸗ zigen Lippen ſeines friſchen Purpurmundes begrüß⸗ ten ſie mit dem traulichen Du; die hohe Buchen⸗ Allée aber, in die ſie die neckenden Traumſchaͤker gelockt hatten, fuͤhrte nicht auf ihr altes, einſames Kloſterſchloß, ſondern geraden Weges auf die ma⸗ ſtenbedeckte Themſe; Alles um ſie herum ſprach Eng⸗ liſch, und Miß Wilford hießen ſie Bekannte und Freunde. 17. Den folgenden Morgen kam Herr Lohburg in den Sortir⸗Saal; ſah nach den Arbeitern; ſprach mit dem Bodenmeiſter; gab zuletzt Tom einen Wink, ihm zu folgen, und ging in die naͤmliche Buchen⸗ Allée, in der vor wenigen Stunden Freund Tom mit Hannchen geluſtwandelt hatte. „Wie ich von fremden Perſonen hoͤren muß,“ hob er etwas verſtimmt an,„ſo ſtehen Sie im Be⸗ griffe, mein Haus in Kurzem wieder zu verlaſſen.“ Tom erwiederte ſehr beſcheiden, daß er heute noch abzureiſen gedenke, und daß blos die Schlag⸗ baumfelder Zollgeſchichte, die Herrn Lohburg in den letzten Tagen ſehr beſchaͤftiget, und, wie es bei ſolchen unangenehmen Ereigniſſen gewoͤhnlich der Fall zu ſeyn pflege, ihn etwas mißlaunig geſtimmt habe, daran Schuld geweſen ſey, wenn er ihn mit den kleinen Angelegenheiten ſeiner unbedeutenden Perſon zu behelligen, billig Anſtand habe nehmen muͤſſen. Herr Lohburg fragte, immer noch etwas ſpitzig, ob man denn, ohne juſt neugierig zu ſeyn, ſich erkundigen duͤrfe, wohin die Reiſe gehen werde; ſtutzte aber nicht wenig, und fiel gaͤnzlich aus dem Tone der, durch die Verheimlichung des ganzen Reiſe⸗Plans, beleidigten obervormundſchaftlichen Autoritaͤt, als Tom, mit verhaltener Stimme und gezwungenem Ernſte, antwortete:„nach London.“ „Nach London?“ wiederholte Herr Lohburg hoch verwundert;„nach Hauſe?— Soll ich das als Zeichen Ihrer unzufriedenheit mit Ihrem hie⸗ ſigen Aufenthalte anſehen?“ ſetzte er etwas klein⸗ lauter hinzu, und ſah ſchon im Voraus ſein ſchö⸗ nes kaum recht begruͤndetes Verhaͤltniß zu Herrn Wilf große Jahr ſeinen mein einen D mann Befre te, al Wind er bei gehab „2 etwas lich, ner K wieder werth ganz Ihre ſen iſ reiſe; herrlie begren Treun haglich ſcheint nichts Buchen⸗ d Tom muß,“ im Be⸗ laſſen.“ r heute Schlag⸗ gin den es bei lich der eſtimmt ihn mit utenden nehmen ſpitzig, yn, ſich werde; nus dem ganzen aftlichen ime und ondon.“ Lohburg ich das rem hie⸗ ds klein⸗ ſein ſchoͤ⸗ zu Herrn Wilford getruͤbt, oder gar aufgehoben; und das große Wilford'ſche Wollgeſchaͤft, was ihn in wenig Jahren zum wohlhabenden Manne machen, und ſeinen Namen in der Handelswelt zu einem allge⸗ mein geachteten erheben konnte, ſich entzogen, und einem Andern zugewendet. Die Liebe iſt der gewandteſte, der kuͤhnſte Steuer⸗ mann. Tom bemerkte kaum die niederſchlagende Befremdung in des alten Lohburg ganzem Geſich⸗ te, als er auf einmal ſein Schiffchen vor dem neuen Winde drehte, und einen Cours ſteuerte, an den er bei Eroͤffnung des Geſpraͤchs gar nicht den Muth gehabt hatte, ernſthaft zu denken. „Wenn ich in Ihrem werthen Hauſe,“ hob er etwas gepreßt an, denn es ward ihm doch baͤng⸗ lich, auf eine unabſehbare Reihe großer und klei⸗ ner Klippen loszuſegeln, ohne recht zu wiſſen, wie wieder herauszukommen.—„Wenn ich in Ihrem werthen Hauſe auch nicht ganz zufrieden, nicht ganz gluͤcklich habe leben koͤnnen, ſo iſt das nicht Ihre Schuld, mein lieber Herr Lohburg. Indeſ⸗ ſen iſt dies nicht der einzige Grund meiner Ab⸗ reiſe; die Haupt⸗Urſache ſind Briefe meines guten, herrlichen Vaters. Dieſer fuͤhlt ſich mit ſeiner un⸗ begrenzten Liebe zu mir, bei der ihm ungewohnten Trennung, jetzt unbeſchreiblich einſam und unbe⸗ haglich; ſein altes Uebel, eine duͤſtere Schwermuth, ſcheint ihn wieder bedrohen zu wollen. Er ſieht nichts als ſein baldiges Ende vor ſich, und er wuͤnſcht unverholen, daß ich, ſobald als moͤglich, wieder in ſeine Arme zuruͤckkehren moͤge. Damit dieſe Heim⸗ kehr aber für mich möglichſt angenehm und ehren⸗ voll werde, hat er mich zu ſeinem Compagnon er⸗ nannt, und unſere Firma wird daher in Zukunft Wilford und Sohn heißen.“ Herr Lohburg zog unwillkuͤhrlich den Hut, ra⸗ ſchelte im trocknen Buchenlaube ſeinen Gratulations⸗ Kratzfuß, und manoͤvrirte, ſtatt daß er bis hierher oben angegangen war, ohne daß es Tom, der fuͤr derlei Fineſſen gar keinen Sinn hatte, bemerkte, hinter ſeinem Ruͤcken dergeſtalt, daß er, wie es ſich nach ſeiner Meinung fuͤr den kleinen deutſchen Geſchaͤftsmann im Verhaͤltniß zum großbritanni⸗ ſchen Herrn des großen Welthandels auch nicht an⸗ ders zieme, und gebuͤhre, unten anging; bis jetzt hatte er den jungen Menſchen recht freundvaͤterlich bei'm Vornamen, und gemeiniglich lieber Tom ge⸗ nannt. Das waͤre ihm von dieſem Augenblicke an nicht mehr moͤglich geweſen; er hieß ihn jetzt„Herr Wildford,“ und wechſelte nach Befinden der Um⸗ ſtände mit den Praͤdikaten:„lieber, liebwertheſter, werthgeſchaͤtzteſter,“ und dergleichen. 13.— Nachdem er ſich dann in den lebhafteſten Ver⸗ ſicherungen ſeiner Theilnahme erſchoͤpft, Toms ſel⸗ tenes Gluͤck, ſo fruͤh als Aſſoci? einer Handlung aufzutreten, die mit eine der angeſehenſten in der ganzen Wollwelt ſey, nach Verdienſt und Wuͤrden geprieſen, ſich fernerm Wohlwollen beſtens empfoh⸗ len, ur großen Verbin hin bei ſolle; b ſene A ſchluß Geſpraͤ Hauſe, Wa ſchaft g er aber Flunke ſeyn la eigene der ar Mann. auf de thun, keit, ke richtete Anf che nic drang, Kraͤften ten He moͤglich achtet daß He lich, n LX der in Heim⸗ ehren⸗ non er⸗ zukunft ut, ra⸗ lations⸗ hierher der fuͤr emerkte, e es ſich deutſchen britanni⸗ nicht an⸗ bis jetzt vaͤterlich Tom ge⸗ ablicke an etzt„Herr der Um⸗ vertheſter, eſten Ver⸗ Toms ſel⸗ Handlung ten in der id Wuͤrden us empfoh⸗ — 67— len, und vom neugebackenen Compagnon zu ſeiner großen Freude gehoͤrt hatte, daß ihre gegenſeitige Verbindung nach wie vor beſtehen, und kuͤnftig⸗ hin beiden Theilen recht reichliche Fruͤchte tragen ſolle; bat er ſich uͤber die ihm recht peinlich gewe⸗ ſene Aeußerung des Herrn Wilford nahern Auf⸗ ſchluß aus, die derſelbe gleich bei Eroͤffnung des Geſpraͤchs, in Bezug auf den Aufenthalt in ſeinem Hauſe, habe falien laſſen. Was Tom bis hierher von ſeiner Compagnie⸗ ſchaft geſagt hatte, war Alles l uchſtaͤblich wahr; db er aber nun nicht ein wenig in das Gebiet des Flunkerns uͤberſtreifte, muſſen wir dahin geſtellt ſeyn laſſen; er hatte dem alten Lohburg eine ganz eigene Charakterſchwäche ſehr richtig abgemerkt; bei der ausgezeichnetſten Herzensguͤte hatte der alte Mann, wie viele ſeines Alters, die in der Regel auf den Schatz ihrer Erfahrung ſich etwas zu gut thun, die ſtoͤrriſche Manier, keine Widerſpenſtig⸗ keit, keinen Widerſpruch zu leiden. Auf dieſe Bloͤße richtete Tom ſeinen Angriff.. Anfaͤnglich ſtockte er, als wolle er mit der Spra⸗ che nicht recht heraus; als aber der Alte in ihn drang, und zehn Mal betheuerte, daß er nach Kraͤften Alles aufgeboten habe, um dem verehr⸗ ten Herrn Wilford den Aufenthalt in ſeinem Hauſe möglichſt angenehm zu machen, und deſſen unge⸗ achtet zu ſeiner großen Beſtuͤrzung hoͤren muͤſſe, baß Herr Wilford in dieſem doch nicht ganz gluͤck⸗ lich, nicht ganz zufrieden habe leben koͤnnen; ſo⸗ LXXIV. 6 ruͤckte er mit ſeinen Armee⸗Corps, die den alten Herrn uberfluͤgeln, und ihm uber dieſen den Sieg gewinnen helfen ſollten, etwas dreiſter vor. „Sie ſind,“ hob er an, und holte recht tief Athem, denn das Reden ward ihm ſauer,„Sie ſind der Freund meines Vaters, und mein Goͤn⸗ ner(Papa Lohburg zog zwei Mal den Hut, und ſcharrte im duͤrren Laube raſchelnd, hoͤflich hinten aus), darum kann ich mit offenem Vertrauen zu Ihnen ſprechen, und Ihnen mittheilen, was außer mir und meinem Vater bis jetzt Keiner weiß.(Papa Lohburg ging mit einer verbindlichen Verbeugung einen halben Fuß naͤher, und neigte ihm lauſchend das Ohr zu.) Als mein Vater das Letztemal nach Deutſchland reiſ'te, hatte er, außer ſeinen gewoͤhn⸗ lichen Woll⸗Einkaͤufen, noch das große Sortir⸗Ge⸗ ſchaͤft mit Ihnen, und dann den Plan vor, mich bei einem tuͤchtigen Woll⸗Sortirer, zur Begruͤn⸗ dung meiner Kenntniſſe, auf einige Zeit unterzu⸗ bringen.“ „Vervollkommnung, Vervollkommnung,“ ſiel Papa Lohburg, dem das Wort„Begruͤndung“ doch auch gar zu beſcheiden klang, ihm höflich in die Rede. „Auf allen Wollmarkten Deutſchlands,“ fuhr Tom fort,„werden Sie ihm als der geuͤbteſte, als der tuͤchtigſte, als der kenntnißreichſte Wollſor⸗ tirer genannt.(Papa Lohburg ſchoß drei Buͤck⸗ linge, und laͤchelte dem jungen Herrn Wildford, fuͤr beſagte drei Schmeicheleien, ſeinen verbindlich⸗ ſten T ger Fr gebrach des B Sie be nes B den er mir, aber, indem nach d hatte; nach d ganz 1 ſchoͤn, ich mi muͤßte. wuͤrde nicht leicht uns lichkeit ſen, m Lohbur um ei Mal n Spiel zu ſetz heit h Sorge alten Sieg ht tief „Sie Goͤn⸗ „ und hinten uen zu außer (Papa eugung uſchend nal nach gewoͤhn⸗ tir⸗Ge⸗ e, mich Begruͤn⸗ unterzu⸗ 8, fiel ng“ doch h in die 3,“ fuhr ſeuͤbteſte, Wollſor⸗ rei Buͤck⸗ Wildford, rbindlich⸗ — 69— ſten Dank zu.) Sie ſind uͤberdies ſein vieljaͤhri⸗ ger Freund; wo konnte er mich alſo lieber unter⸗ gebracht ſehen, als bei Ihnen. Nach Beendigung des Berliner Wollmarktes ſchreibt er mir, daß er Sie beſuchen werde; zehn Tage nach Empfang ſei⸗ nes Briefes tritt er ſelbſt in mein Zimmer. Nach den erſten Empfangs⸗Begruͤßungen eroͤffnete er mir, daß ich zwar nach Deutſchland ſolle, wohin aber, wiſſe er nicht; ich frage, ob nicht zu Ihnen, indem er mir von Ihnen ſchon vor ſeiner Abreiſe nach dem Feſtlande immer viel Ruͤhmens gemacht hatte; ein kurzes Nein iſt die Antwort; ich frage nach der näaͤhern Urſache; da erzaͤhlt er mir denn ganz unverholen, Sie haͤtten eine Tochter, die ſo ſchoͤn, ſo anmuthig und ſo liebenswuͤrdig waͤre, daß ich mich in ſie verlieben wuͤrde, in ſie verlieben muͤßte. Das wuͤrde Ihnen nicht recht ſeyn; ich wuͤrde daruͤber nichts lernen; das wuͤrde ihm nicht recht ſeyn; die ganze Geſchichte wuͤrde viel⸗ leicht nur eine voruͤbergehende werden; das wuͤrde uns Allen nichts als Verdruß und Unannehm⸗ lichkeiten verurſachen, und darum habe er beſchloſ⸗ ſen, mich nicht zu Ihnen gehen zu laſſen.(Papa Lohburg hatte ſich waͤhrend der Phraſe drei Mal um einen Fuß breit von Tom entfernt, und drei Mal wieder genäͤhert; daß Hannchen hier mit in's Spiel kam, ſchien ihn in eine eigene Verlegenheit zu ſetzen.) Ich entgegnere ihm, in meiner Sicher⸗ heit hell auflachend, daß, wenn er weiter keine Sorge habe, er mich in Gottesnamen zu Ihnen — 70— ziehen laſſen ſolle; ich verſpraͤche ihm hiemit feier⸗ lich, mich in das geruͤhmte Hannchen, und wenn hes noch zehn Mal reizender ſey, als er es ſchildere, dennoch nicht verlieben zu wollen. Er ließ mich kaum ausreden; meinte, daß man ſich in derglei⸗ chen Faͤllen nicht vermeſſen noch verſchwoͤren ſolle; tadelte, ein ſolches Geluͤbde ungeſehen ablegen zu wollen, und behauptete, nun noch einmal ſo lebhaft und hartnaͤckig, daß ich mich in das fragliche Hann⸗ chen bis zum Sterben verlieben wuͤrde. Sie ken⸗ nen der Britten Wettſucht. Je mehr ich lachte, die ganze Sache für Scherz nahm, und ihm rund heraus erklaͤrte, daß ich mich, ſchon um ihm nicht Recht zu laſſen, nun in keinem Falle in das unge⸗ ſehene Hannchen verlieben wuͤrde, weil ich nicht wollte, und daß der Menſch Alles koͤnne, was er wolle, deſto mehr ward er hitzig; zuletzt bot er mir gar eine Wette an. Ich war auch nicht wenig auf⸗ geregt, und ging ſie ein; die Beſtimmung derſel⸗ ben uüberließ ich ihm. Er ſagte bitter⸗boͤſe, daß uͤber ſolch' einen Fall keine kleine Wette verabredet werden koͤnne, ſondern ihr Gegenſtand ein bedeu⸗ tender ſeyn muͤſſe, und ſo wurde ſie denn folgen⸗ dermaßen feſtgeſtellt: Wenn ich ein halbes Jahr in Ihrem Hauſe ſey, und mich in beſagtes Hann⸗ chen nicht verliebe, und er alſo die Wet⸗ te verloren habe, ſo wolle er einen mei⸗ ner aͤltern Lieblingswuͤnſche erfuͤllen, mich drei Jahre reiſen laſſen, wohin ich wolle Jahr willi Wett halbj zuruͤc Hand Jahr ſetzen Firma Ehre ſey nu er aus brauche ſchichte wahr, mich g die eig verſchn wiſſen anſtehe habe d lichſte „ Lohbut Hande liebun fen, m der zu — 71— feier⸗ wolle, und mir in jedem dieſer drei wenn 3 Jahre zwei tauſend Pfund Reiſegeld be⸗ ildere, willigen. Gewoͤnne er hingegen die ß mich Wette, ſo muͤſſe ich, naſch Verlauf eines eerglei⸗ halbjaͤhrigen Unterrichts, nach England ſolle; zuruͤckkehren, als Compagnon in die gen zu Handlung treten, und ſelbige nach drei lebhaft Jahren, wo ſich der Vater zur Ruhe zu Hann⸗ ſetzen gedenke, allein uͤbernehmen. Die zie ken⸗ Firma ſolle, wie ich Ihnen bereits zu ſagen die lachte, Ehre gehabt, Wilford und Sohn heißen, und es n rund ſey nun meine Sache, dafuͤr zu ſorgen, daß, wenn m nicht er austrete, die Firma nicht veraͤndert zu werden s unge⸗ brauche.— Was ich Ihnen vorhin von der Ge⸗ h nicht ſchichte meiner Compagnieſchaft ſagte, iſt in ſo fern was er wahr, als der Vater alle Tage aͤlter wird, und er mir mich gern in das Geſchaͤft fixirt zu ſehen wuͤnſcht; nig auf. die eig entliche Hiſtorie wollte ich Ihnen anfaͤnglich z derſel⸗ verſchweigen, indeſſen, weil Sie darauf beſtanden, ſſe, daß wiſſen zu wollen, was mir fehle, ſo konnte ich nicht rabredet anſtehen, Ihnen Alles ehrlich zu erzaͤhlen. Ich n bedeu⸗ habe die Wette verloren, und bin nun der ungluͤck⸗ n folgen⸗ lichſte Menſchl“ Ihrem„Die ſchöne Reiſe, die ſchoͤne Reiſe,“ ſagte Papa Hann⸗ Lohburg ſinnend, und der eingefleiſchte Kauf⸗ und ie Wet⸗ Handelsherr konnte, ohne an die eingewebte Ver⸗ en mei⸗ liebungsgeſchichte viel zu denken, nicht recht begrei⸗ fuͤllen, fen, wie einer ein ungluͤcklicher Menſch ſeyn könne, ohin ich der zum Compagnon der großen und beruͤhmten Wilford'ſchen Wollhandlung zu London auf⸗ und angenommen werden ſolle. „Ach die Reiſe,“ entgegnete Tom, dem in ſei⸗ ner Liebesgluth wieder nicht begreiflich war, wie Papa Lohburg uͤber den Kaufmann den Vater ver⸗ geſſen konnte,„die Reiſe hat fuͤr mich jetzt gar keinen Werth; ich bleibe zehntauſend Mal lieber hier; aber in unſerer Wette haben wir Beide ei⸗ nen Hauptpunkt außer Acht gelaſſen, und das iſt mein Ungluͤck!“ „Einen Hauptpunkt?“ fragte Lohburg aͤngſtlich. „Der Vater,“ verſetzte Tom mit verſtellter Rechthaberei,„hat ſeine Wette nicht vollſtaͤndig gewonnen; aus Deſperation reiſe ich bis an das Ende der Welt, mag in ſeiner Handlung Compagnon werden, wer will; was ſoll ich in London!“ „Aber um Gotteswillen,“ unterbrach ihn der alte Lohburg geſpannt, und ſah im Geiſte ſchon das Wilford'ſche Haus von der Handelswelt ver⸗ ſchwunden, und ſein ſchoͤnes Geſchaͤft in die Bruͤche, „ich verſtehe ja nicht— erklaͤren Sie ſich doch deut⸗ licher.— Das verwuͤnſchte Wetten!— Ihr Un⸗ gluͤck, ſagen Sie? Einen Hauptpunkt, meinen Sie?“ „Sie durchſchauen doch bei der ganzen Wettge⸗ ſchichte meinen alten ſchlauen Vater?“ verſetzte Tom, und nahm Herrn Lohburg, der ganz Ohr war, traulich unter'm Arm.„Dem hatte Ihr Hannchen gefallen; und darum war er in ſeiner Seele ſeiner Sache ganz gewiß, daß es auch mir gefallen Schwieg ſchon m haben, und So gar nich und bei und wa gefallen Theilne ich eins Abſicht ich das den To Widerp zu thur „We Lohburg am wer „Si die Wo ſpaͤnſtig kuͤnftig land vo und mi kommen „W alte Lo f⸗ und in ſei⸗ r, wie ter ver⸗ tzt gar l lieber eide ei⸗ das iſt aſtlich. rſtellter lſtaͤndig an das pagnon 7 ihn der re ſchon elt ver⸗ Bruͤche, ch deut⸗ Ihr Un⸗ meinen Wettge⸗ verſetzte anz Ohr tte Ihr i ſeiner uch mir — 25— gefallen werde. Er hatte es ſich im Stillen zur Schwiegertochter auserkohren, und mag ſich gewiß ſchon manches liebe Mal in ſeinem Herzen gedacht haben, wie die ehrliche, ſolide Handlung, Wilford und Sohn, der jungen, niedlichen Compagnonfrau gar nicht uͤbel ſtehen werde. Er kennt in London und bei uns zu Lande zehn, zwanzig ſchoͤne, reiche und wackere Maͤdchen, aber bei keinem iſt ihm ein⸗ gefallen, den Trumpf darauf zu ſetzen, mich zum Theilnehmer ſeiner Handlung zu ernennen, wenn ich eins derſelben zur Gattin wählte. Kurz, ſeine Abſicht iſt ganz klar und unverkennbar; und weil ich das merkte, und ſolche Machinationen mir in den Tod zuwider ſind, nahm ich mir vor, ihm Widerpart zu ſpielen, und ihm den Willen nicht zu thun.“ „War nicht recht, Freundchen,“ fiel ihm Herr Lohburg in die Rede,„nur nicht widerſpaͤnſtig, am wenigſten dem Vater.“ „Sie hoͤren ja,“ entgegnete ihm Tom,„daß ich die Wette verloren. Meine ſogenannte Wider⸗ ſpaͤnſtigkeit hat ſich hart beſtraft. Ich muß zuruͤck; kuͤnftigen Sommer, wenn die Wollmaͤrkte in Deurſch⸗ land vorbei und unſere Einkaͤufe gemacht ſind, ſoll und muß ich nach London; vom erſten September kommenden Jahres an andert ſich unſere Firma, und Sie ſehen hier den troſtloſeſten aller Aſſocies in ganz England vor ſich.“ „Wie denn troſtlos, Herr Wilford?“ ſagte der alte Lohburg, in ſeine kaufmaͤnniſche Anſicht von der neidenswerthen Lage des jungen Kauf⸗ und Handelsherrn ganz verloren, ſtellte ſich breit hin vor Tom, als ſollte dieſer nicht eher einen Schritt weiter gehen, als bis er reinen Wein eingeſchenkt habe, und drehte ihm in haſtiger Neugier am Rockknopfe. „Der Vater und ich,“— entgegnete Tom,„wir Beide haben, bei dem Abſchluß unſerer Wette, in der Hitze des ihr vorangegangenen kleinen Streits, nicht an die Hauptperſon gedacht, die durch ihre Zuſtimmung der ganzen Sache den Ausſchlag ge⸗ ben mußte. Ich war noch keine vier und zwanzig Stunden hier im Hauſe, als ich meinen Varer, bei der Meldung meiner gluͤcklichen Ankunft, ſchon vom Gewinn ſeiner Wette aviſirte. Mit jedem fol⸗ genden Briefe beſtätigte ich den fruͤheren Bericht: immer mehr. Darauf erhielt ich denn vor weni⸗ gen Tagen vom Vater, der, wie Sie leicht denken koͤnnen, uͤber ſeinen Gewinn höͤchlich triumphirt, die Nachricht, daß die gerichtlichen Foͤrmlichkeiten wegen meiner Aufnahme in die Compaghieſchaft bereits in Ordnung ſeyen, und daß ich in dieſe nun auch die kirchlichen wegen meiner Verbindung hier bringen ſolle. Da ſpielt Ihr liebes Hannchen die Widerſpaͤnſtige. Es mag ein herrliches, liebes, herzensgutes Kind ſeyn, aber dieſe Stoͤrrigkeit, dieſer unbiegſame Eigenſinn, dieſer—“ „Was?“ rief Herr Lohburg ganz verdutzt, „mein Hannchen? Das unterſtaͤnde ſich, hier un⸗ allen Dreien die Spitze zu bieten? Ich kann Alles leiden, gehorſa Sie m ich mit ſehen, zu Krei Da in das Zimme „W er, mit ein Pa das nac auf der behagli dem M Schreck ten au⸗ die es einmal rathen „M war fa reuig ließ ſie kommer „Hi Claure if⸗ und eit hin Schritt eſchenkt gier am n,„wir ette, in Streits, irch ihre hlag ge⸗ zwanzig Varer, fft, ſchon dem fol⸗ Bericht vor weni⸗ bt denken umphirt, lichkeiten ghieſchaft nin dieſe rbindung Hannchen s, liebes, toͤrrigkeit, verdutzt, 3 hier uns ann Alles — 75— leiden, mir Alles gefallen laſſen, nur keinen Un⸗ gehorſam, keinen Trotz. Herr Wilford, geben Sie mir zehn Minuten Zeit! Nur Ein Wort will ich mit dem Starrkopf ſprechen! Wollen einmal ſehen, ob wir ſie nicht muͤrbe machen, ob ſie nicht zu Kreuze kriechen ſoll.“ Damit ſtuͤrzte er fort, durch den Garten, in das Haus, die Treppe hinauf, in Hannchens Zimmer. 19. „Was haſt Du mit Herrn Wilford vor?“ fragte er, mit der Thuͤr in das Haus fallend, und ſchoß ein Paar bitterboͤſe Blicke auf das liebliche Kind, das nach langem Schlafe noch im Morgen haͤubchen auf dem Sopha ſaß, und eben ſeinen Kaffee recht behaglich ausgeſchluͤrft hatte. Aber die Taſſe klirrte dem Maͤdchen in den Haͤnden, ſo zitterte es vor Schreck uͤber die barſche Frage, die es am allerletz⸗ ten aus dieſem Munde erwartet hatte, und durch die es ſein ganzes heiliges, ihm ſelbſt noch nicht einmal recht klares Geheimniß boͤslicher Weiſe ver rathen ſah. „Mit Tom?“ fragte Johanna erbleichend, und war faſt im Begriff, ſich dem erzuͤrnten Vater reuig zu Fuͤßen zu werfen; aber Herr Lohburg ließ ſie in ſeiner ſturmiſchen Hitze gar nicht dazu kommen. „Hier iſt nichts zu Tomen, dummes Ding!“ Clauren Schr. LXXIV. 7 — 76— erwiederte er aͤrgerlich aufbrauſend.„Es hat ſich ausgetomt. Der junge Herr Tom Wilford iſt großbritanniſcher, wohlangeſehener Kauf⸗ und Han⸗ delsherr, Compagnon einer ſchuldenfreien Handlung, die ihre fuͤnf bis ſechs Tonnen Goldes Kapital⸗ fonds hat, in drei Jahren alleiniger Chef dieſes ehrwuͤrdigen Hauſes, und, wenn die Conjunktu⸗ ren ſo bleiben, wie ſie jetzt ſind, bei ſſeinen Kennt⸗ niſſen und ſeinem Fleiße, auf dem geraden Wege, in Kurzem ein Millionär zu werden. Nebenbei jung, huͤbſch, geſund und herzensbrav. Und Du kannſt Dich unterſtehen, die Hand eines ſolchen non plus ultra Maͤnnchens auszuſchlagen? Suche doch in unſerm armſeligen Marienlinde und im ganzen Lande herum; ſtecke Dir zwei Laternen dazu an, und Du wirſt keinen zweiten Herrn Tom Wilford finden. Sag' nur, wo Du den ver⸗ teufelten Starrſinn her haſt. Mach' mich nicht rappelkopf'ſch! Sprich kurz und gut; willſt Du ihn, oder willſt Du ihn nicht?“ „Mein Vater!“ ſagte Johanna, die Toms ſchlauen, auf des Vaters ſchwache Seite berechneten Plan gar bald errieth, ſanft bittend und! mußte ſich alle moͤgliche Gewalt anthun, ihre Freude, ihr Entzuͤcken zu verbergen. „Nichts, Vater!“ rief der Alte, Hannchens Einrede fuͤr den Anfang zu einer langen Ausein⸗ anderſetzung ihrer Gegengruͤnde baltend, ſehr hef⸗ at ſich ord iſt d Han⸗ dlung, apital⸗ dieſes lunktu⸗ Kennt⸗ Wege, ebenbei nd Du ſolchen Suche und im aternen Herrn den ver⸗ ch nicht illſt Du 2 Toms rechneten d mußte eude, ihr annchens Ausein⸗ ſehr hef⸗ tig:„Ja oder Nein verlange ich. Ja oder Nein, und kein Wort weiter.“ Da ſtuͤrzte Tom, der Herrn Lohburg auf der Ferſe gefolgt war, und dem draußen vor der Thuͤr von deſſen uͤberlauten Worten, zu ſeiner großen Freude, keines verloren gegangen war, hinein, und ſank zu Johanna's Fuͤßen nieder, und bat mit ſanf⸗ tem Worte, was der Vater ſo ſtuͤrmiſch verlangte. Die himmliſch ſchoͤne Johanna beugte ſich, in braͤut⸗ licher Schaam hold erroͤthend, zu ihm hinab, und liſpelte dem Gluͤcklichen das beſeligende Jawort zu. Herr Lohburg aber ſchlug, zum Zeichen der unver⸗ bruͤchlichen Verlobung, dret Kreuze uͤber die in ſuͤßer Umarmung Verſchlungenen; nannte Hannchen bei⸗ fällig ſeine gehorſame Tochter, und empfahl dem fröhlichen Braͤutigam, vor Allem ihrem kleinen Eigenſinn, ſeinem eben bewieſenen Beiſpiele ge⸗ maͤß, immer den Daumen auf das Auge zu ſetzen. 20. Wer der einfachen Geſchichte guͤtige Theilnahme geſchenkt, wird ſich freuen, zu hoͤren, daß Johanna in dieſem Augenblicke ſich unbeſchreiblich gluͤcklich an Toms Seite zu London befindet. Vor nicht gar langer Zeit ſind die Fluͤcht⸗ linge, in deren Geheimniß der alte Schaͤker Amor den Keim von Johanna's und Toms Liebe zuerſt legte, pflegte, und bis zur Bluͤthe ſorglich hegte, auf den milden Ruf einer allgemeinen Amneſtie, 7* — 76— in ihr Vaterland zuruͤckgekehrt. Nun erſt hat Papa Lohburg die ganze Geſchichte ſeiner ungebetenen, und zuletzt mit einem Rehpoſtſchmauſe traktirten Gaͤſte erfahren. Fruͤher ihn davon in Kenntniß zu ſetzen, hielt Tom, der deſſen Aengſtlichkeit kannte, und von ſeiner uͤbertriebenen Gewiſſenhaftigkeit nach⸗ theilige Folgen befuͤrchten mußte, fuͤr bedenklich. 21. Johanna zog ſich uͤber ihre kindiſche Bangig⸗ keit, mit der ihre ſehr rege Phantaſte alle die in der Kinderſtube gehoͤrten, und vermuthlich nie wahr geweſenen Kloſtergeſchichten, in die wirkli⸗ chen Begegniſſe ihrer Schuͤtzlinge unwillkuͤhrlich ver⸗ webt hatte, oft ſelbſt auf; nur uͤber einen Punkt, uͤber den im Keller ihr heimlich zugefliſterten Zu⸗ ruf: ob ſie denn noch nicht komme, hatte ſie noch kein helles Licht; doch ſie bekam es dieſen Sommer, als ſie von England aus mit Tom nach Deutſch⸗ land kam, und die Zeit, daß dieſer die vorzuͤg⸗ lichſten Wollmaͤrkte bereiſete, bei Vater Lohburg zubrachte. 1 Ulriken richtete Papa Lohburg die, bis zur Au⸗ kunft der Tochter verſchobene Hochzeit mit ſeinem Kaſſirer aus. Johanna war, als Ulrike ihr die Verbindung meldete, und ſie zum feſtlichen Bei⸗ lager einlud, von der Nenigkeit uͤberraſcht, und aͤußerte die Meinung, daß dies Liebesbuͤndniß wohl erſt ſeit der Zeit, da ſie das Haus verlaſſen, ſich —.—,— Papa n, und Gaͤſte ſetzen, „ und nach⸗ lich. zangig⸗ die in ch nie wirkli⸗ ich ver⸗ Punkt, en Zu⸗ ſie noch ommer, Heutſch⸗ vorzuͤg⸗ Lohburg zur Au⸗ ſeinem ihr die en Bei⸗ ſt, und niß wohl ſen, ſich entſponnen habe; doch Ulrike entgegnete, daß dem nicht ſo ſey:„jetzt,“ fuhr ſie lachend fort,„kann ich es wohl ſagen. Entſinnen Sie ſich noch, als Sie einmal, gleich in den erſten Tagen, da Herr Wilford hier angekommen war, in den Keller muß⸗ ten, um Portwein zu holen; daß ich Ihnen nach⸗ geſchickt wurde; daß Sie ſehr verſtoͤrt und blaß auf der unterſten Stufe der Treppe ſaßen; daß ich Ih⸗ nen aus dem dritten Keller vorrief:„„ich komme ja ſchon,““ und daß Sie mich mit auffallender Augſt verſicherten, mich gar nicht gerufen zu ha⸗ ben? Denken Sie ſich, das war mein Braͤutigam geweſen. Ich hatte mich mit ihm beſprochen, den Abend ein wenig ſpazieren zu gehen. Er hat ſchon in ſeiner Jugend gehoͤrt, daß unſer Weinkeller mit der großen Gruft, in der die Leichname der grauen Moͤnche von Vallombroſa beigeſetzt ſind, durch ei⸗ nen unterirdiſchen Gang in Verbindung ſtehe, und daß man in dieſem jedes Wort habe hoͤren koͤnnen, was in jener geſprochen worden ſey. Sie gehen den Abend in den Keller. Er ſteht Sie fuͤr mich an, ſpringt ſchnell in den Kreuzgang, legt den Mund dicht an das eine Gruftfenſter, wo die vor⸗ genagelten Bohlen etwas locker geworden ſind, und frägt: ob ich denn noch nicht komme? und gewiß hatten Sie die Frage gehort, wie ich, und hatten nicht gewußt, wo ſie hergekommen, und waren uͤber die eigene Erſcheinung, daß es akkurat ſo klang, als ſpraͤche Jemand dicht vor der vermauer⸗ ten Thuͤr, die zum Martergange fuͤhrt, eben ſo ſehr erſchrocken als ich. Denn da Sie ſagten, daß Sie mich gar nicht gerufen, ich aber ganz beſtimmt und ganz deutlich den Laut einer menſchlichen Stim⸗ me an mein Ohr ſchlagen gehoͤrt, wollte ich ſchon anfangen, an Wunder und Hexerei zu glauben, bis mir denn mein tugendbelobter Herr Kaſſirer unter tauſend Lachen den Spuk erzählte.“ 22. uUnd ſo waͤre denn nun Alles klar und in Ord⸗ nung, bis auf das Buͤndel der Fluͤchtlinge, das ſich im Grenzſtrome zur Zeit noch nicht gefunden. Vater Lohburg ſchmeichelte ſich mit der Hoff⸗ nung, den naͤchſten Sommer ſeine ſchoͤne, liebens⸗ wuͤrdige Johanna wieder bei ſich zu ſehen; allein ſie hat es ihm rund abgeſchlagen, und dazu mit niedergeſchlagenen Augen freudig verſchämt gelä⸗ chelt; da hat denn der alte Herr im froͤhlichen Vorgefuͤhl ſeines großvaͤterlichen Gluͤcks in das ro⸗ ſige Toͤchterlein nicht weiter gedrungen, ſondern ihr ſeinen Segen gegeben. Und wer Johanna lieb gewonnen, gehe hin, und thue deſſelbigen gleichen. ſſirer Ord⸗ , das nden. Hoff⸗ ebens⸗ allein u mit gelä⸗ hlichen das ro⸗ ondern na lieb ichen. Die Kriegsliſt. Der Feldprediger Penſelmuͤller hatte nichts Erheb⸗ liches gegen ſich, als die Geſchwindigkeit ſeiner Fuͤße während der letzten Schlacht. Er bekam auch damals wegen verſpaͤteter Zuruͤckkunft einen derben Verweis vom Generale. Sein Spiegel ſtand mit ihm auf dem freundſchaftlichſten Fuße. Er ſagte ihm fruͤh und ſpaͤt, daß er ein Mann ſey, der wohl auf eine vornehmere Hand Anſpruch machen koͤnne, als die von der Kammerjungfer, welche ihm zur Feldpredigerſtelle verholfen hatte. Joſe⸗ phe, des Generals ſechzehnjaͤhrige Tochter, ſchien ihm obendrein ein lebendiger Beweis der Wahrhaf⸗ tigkeit ſeines Spiegels. Denn wenn er von der Kammerjungfer kam, und Joſephen begegnete, da⸗ meinte er, ſpraͤchen ihre dunkelblauen Augen ganz anders mit ihm, als die Augen der Geueralstoͤch⸗ ter ſonſt mit den Feldpredigern zu ſprechen pfleg⸗ ten. Wenn er bei dem Generale geſpeiſ't hatte, und nachher Joſephen die Hand kuͤßte, da glaubte er gar, einen Druck von ihrem zarten Haͤndchen wahrzunehmen. Ja, neulich, als er eben vom Ge⸗ neral den erwaͤhnten Verweis erhalten hatte, war — 32— das Fraͤulein ihm ſo betruͤbt vorgekommen, daß er der feſten Ueberzeugung lebte, der Makel, wel⸗ chen ihm ſeine geſchwinden Fuͤße zugezogen, werde ihm in ihrem Herzen keinen Schaden gethan haben. Er konnte ſich auch gar nicht enthalten, ſeinen Be⸗ kannten die Gunſt, die ihm widerfuhr, heimlich zu vertrauen, und mußte allezeit mitleidig laͤcheln, wenn ſie behaupteten, daß ſeine Eitelkeit dem ſchoͤ⸗ nen Fraulein Joſephe mit ſolchen Vermuthungen gewaltig Unrecht thue. Blos der Kammerjungfer ſagte er nichts von ſeinen frohen Ausſichten; doch war es unmoͤglich, daß ihm das ſchlaue Tinchen dieſe nicht haͤtte anmerken ſollen. Auch mußte ja wohl etwas dahinter ſtecken, daß er gegen ſie jetzt immer ſo kalt war, wie der garſtige Laubfroſch, den er ihr am Geburtstage zum Praͤſent gemacht hatte. Dazu kam er nur wenig mehr in das Haus, ſobald er erfuhr, daß Fräulein Joſephe fuͤr einige Zeit zu einer Freundin auf ein benachbartes Gut gereiſet war. Er entſchuldigte ſich fluͤchtig mit ei⸗ nem boͤſen Fuße, und es fruchtete auch gar nichts, als Tinchen ihm ſagte, in ſeiner Abweſenheit ſey noch ihre liebſte Geſellſchaft der lange Kammerdie⸗ ner, gegen den Herr Penſelmuͤller ſonſt immer eine grimmige Eiferſucht gezeigt hatte. Eines Abends zogen ihn ſeine Bekannten aber⸗ mals mit ſeiner ſonderbaren Einbildung, wie ſie es nanunten, auf, ſo daß er im Fortgehen noch ſpoͤtt det n ich k fahre A er ſie durch Stan jeden Paar lachte als Ein duͤnk bei k chen G 3 hig S er a⸗ Joſe Rech auf Paar ſamr unge verſt , daß I, wel⸗ werde haben. en Be⸗ eimlich aͤcheln, m ſchoͤ⸗ hungen ungfer 1; doch Linchen ißte ja je jetzt froſch, emacht Haus, einige s Gut nit ei⸗ nichts, eit ſey nerdie⸗ immer aber⸗ vie ſie nnoch — 35— ſpoͤttiſch ſagte:„Laßt es nur gut ſeyn! Ihr wer⸗ det noch Alle erſchreckliche Kratzfüße machen, wenn ich kuͤnftig einmal mit meiner Gemahlin vorbet fahre.“ Auf dem Wege nach ſeiner Wohnung uberlegte er ſich die Sache noch weiter, und es duͤnkte ihm durchaus nicht unwahrſcheinlich. Denn was den Stand anlangte, ſo meinte er, daß der geiſtliche jedem andern die Wage halten koͤnne. Und die Paar kleinen Falten um ſeinen Mund, wenn er lachte, die waren ja nicht viel mehr der Rede werth, als der lichtgewordene Fleck auf ſeinem Scheitel. Ein vernuͤnftiges Maͤdchen mußte ſich, ſeines Be⸗ duͤnkens, daruͤber hinaus ſetzen, und daß Joſephe, bei kaum ſechzehn Jahren, ein ſo vernuͤnftiges Maͤd⸗ chen war, das gab ihm der Augenſchein. In dem Gedanken an dieſen glaubte er ſich ru⸗ hig ſchlafen legen zu koͤnnen. Seinen Glauben ſtoͤrte jedoch ein Brief, den er auf ſeinem Tiſche fand, ein Brief von—— Joſephen. Er wußte wirklich nicht, ob ſeine Augen Recht haͤtten; auch tanzten die Buchſtaben ſo raſch auf dem Papiece herum, daß er das Blatt ein Paarmal leſen mußte, ehe er den Inhalt im Zu⸗ ſammenhange heraus brachte, welcher alſo hieß: „Sie werden vielleicht erſtaunen, daß meine ungeuͤbte Hand ſich bis zu einem Briefe an Sie verſteigen kann; aber das Beduͤrfniß, Sie zu ſehen, — 634— das ich nun ſchon laͤnger als eine Woche entbehrte, ließ mir keine Ruhe mehr. Ich mußte nothwendig die Feder ergreifen.“— „Und jetzt, da ich es gethan habe, jetzt faͤllt es mir wieder auf das Herz, daß ich fuͤr das erſte uͤber einen gewiſſen Punkt in Richtigkeit kommen muß. Taͤuſche ich mich, oder iſt es wirklich eine beſondere Zuneigung zu mir, was ich in Ihrem Auge leſe?“ „Ihre Antwort wird entſcheiden, ob dieſe Zei⸗ len meine letzten an Ste ſeyn ſollen, oder ob ein laͤngerer Briefwechſel zwiſchen uns ſtattfinden kann. Da ich Sie nicht erſt auf die voͤllige Geheimhaltung meines unbeſonnenen Schrittes hinzuweiſen brau⸗ che, ſo fuͤge ich nur noch hinzu, daß Sie dem Soldaten, welcher morgen fruͤh um acht Uhr bei Ihnen vorfragen wird, Ihre Antwort ſicher anver⸗ trauen koͤnnen. Joſephe von Maltha.“ Es fehlte dem Feldprediger zu ſeiner Seligkeit jetzt nichts weiter, als mit dieſem Briefe allen ſei⸗ nen Bekannten hoͤhniſch unter die Augen treten zu koͤnnen. Aber ſo ſchwer ihm auch die Geheimhal⸗ tung der Sache werden mochte, ſo glaubte er dieſe doch ſeinen Verhaͤltniſſen ſchuldig zu ſeyn, und er troͤſtete ſich im Voraus mit der kuͤnftigen deſto groͤßeren Ueberraſchung und Beſchaͤmung der Zweif⸗ ler an ſeinem Lebensgluͤcke. Vor Wonne taumelnd, bracht welche hielt, liebe Ar behen ſephe Bedit unfeh werde niſſe wuͤnf auch Und Kam zum atbehrte, hwendig faͤllt es as erſte kommen ich eine Ihrem eſe Zei⸗ ob ein n kann. haltung n brau⸗ ie dem Uhr bei anver⸗ tha.“ eligkeit Ulen ſei⸗ eten zu eimhal⸗ er dieſe und er deſto Zweif⸗ melnd, — 35— brachte er die ganze Nacht mit der Antwort zu, welche in vielen tauſend Worten nichts weiter ent⸗ hielt, als die magere Nachricht, daß er Joſephen liebe und ewig lieben werde. Am Abende des folgenden Tages erſchien der behende Bote mit einem neuen Briefe, worin Jo⸗ ſephe dem Feldprediger ebenfalls, jedoch unter der Bedingung zuſicherte, daß er den Sonntag, wo er unfehlbar mit ihr zugleich bei ihrem Vater ſpeiſen werde, nicht das Mindeſte von dem Einverſtänd⸗ niſſe ſolle merken laſſen, weil der General in ſol⸗ chen Dingen keinen Spaß verſtehe, und eine all⸗ maͤhlige Einleitung der Sache, welche ſie allein uͤber⸗ nehmen wolle, ihren gemeinſchaftlichen Zweck un⸗ ſtreitig am beſten befoͤrdern werde. Wie geſagt, wurde er auch wirklich zu dem Ge⸗ neral gebeten. Er traf gerade mit dem Wagen an der Hausthuͤr zuſammen, welcher Joſephen von dem Gute brachte. Des Fraͤuleins ganze Freund⸗ lichkeit gehoͤrte dazu, das verlegene Weſen, das ſein Hin⸗ und Hertrippeln verrieth, auch nur ein we⸗ nig zu zerſtreuen. Er haͤtte gar zu gern ſein Ueber⸗ maaß von Gefuͤhl in einem einzigen Woͤrtchen zu erkennen gegeben; aber die ſpitzigen Blicke des ver⸗ wunſchten Maulaffen von Bedienten ſtachen ihm auch den kleinſten Laut auf den Lippen entzwei. Und oben an der Treppe wartete vollends gar die Kammerjungfer, die bekanntlich einen Laubfroſch zum Pfande ſeiner Liebe aufzuweiſen hatte! — 36— Sein Stuhl bei Tiſche ward ihm, ſo weich er auch war, zum gluͤhenden Roſte. Denn er mußte mit anſehen, daß der General ſelbſt, Joſephens Nachbar, den ſtattlichen Huſarenmajor, ermunter⸗ te, ſeiner Geliebten einen Kuß zu geben.— Es war noch ein Gluͤck, daß es am Wein nicht gebrach, und er ſeine Pein durch dieſen ein wenig zu lindern vermochte. Aber auf der andern Seite war es auch ein Ungluͤck. Denn im Garten, wo man nach Tiſche den Kaffee einnahm, da ſtießen die Gaͤſte lachend einander an, weil der Feldpredi⸗ ger, ergriffen vom Geiſte der Flaſche, in ein ſchwan⸗ kendes Rohr verwandelt, Joſephen, welche nach Blumen umher ſuchte, auf Tritten und Schritten nachwankte. Der General hatte beſonders ſeine Freude daran, und ſchlich am Arme des Huſaren⸗ majors hinter ihm her, um zu ſehen, was daraus werden wuͤrde. Und bei'm Eingange in eine Hecke fielen ploͤtzlich, wie Blitz und Schlag, ein Kuß und eine Ohrfeige, der erſte vom Feldprediger auf Jo⸗ ſephens, die zweite von Joſephens auf des Feld⸗ predigers Backen. Der General hielt ſich beide Seiten vor Lachen, und die Kammerjungfer kicherte vom Kaffeetiſche ſo laut heruͤber, daß dem armen Geſchlagenen Hoͤ⸗ ren und Sehen verging. „Marſch, hinein, auf's Sopha, lieber Mann,“ rief der General—„und den Rauſch ausgeſchlafen!“ Doch dieſes gleich g Ein Morger 2 wegen Ihrer haͤtte l druß go ken, w ſeligen mein wies n ich ſeit chen, nen. ruͤckhal ſtrigen muͤller dann, bereite pfindu o weich er er mußte Joſephens ermunter⸗ Vein nicht ein wenig ern Seite arten, wo da ſtießen Feldpredi⸗ in ſchwan⸗ elche nach Schritten ders ſeine Huſaren⸗ as daraus eine Hecke Kuß und r auf Jo⸗ des Feld⸗ or Lachen, laffeetiſche genen Hoͤ⸗ Mann,“ ſchlafen!“ — 387— Doch der betäubte Herr Penſelmuͤller zog es vor, dieſes in ſeiner Wohnung zu thun, wohin er ſo⸗ gleich gefahren wurde. Ein Troſt in ſeiner Noth war ihm am andern Morgen folgender Brief: „Tauſendmal Vergebung, mein Theuerer, wegen des geſtrigen Vorfalls. Ueberraſcht von Ihrer Unbeſonnenheit, welche unſern ganzen Plan haͤtte hintertreiben koͤnnen, ließ ſich mein Ver⸗ druß gar nicht halten. Sie koͤnnen aber leicht den⸗ ken, welche bittere Reue mich nach dieſer ungluͤck⸗ ſeligen Ohrfeige zerriſſen hat.— Zum Gluͤck war mein Vater nicht eben boͤſe auf Sie, ja er ver⸗ wies mir ſogar meine Heftigkeit, und ſagte, daß ich ſeinem guten Weine, der aus Ihnen geſpro⸗ chen, wohl etwas glimpflicher haͤtte begegnen koͤn⸗ nen. Urtheilen Sie, was mich die entſetzliche Zu⸗ ruͤckhaltung meines Gefuhls den ganzen langen, ge⸗ ſtrigen Tag gekoſtet hat.— Nein, guter Penſel⸗ muͤller, lieber einander gar nicht ſehen, oder erſt dann, wenn der Vater auf unſer Verhaͤltniß vor⸗ bereitet iſt. Bis dahin laſſen Sie uns unſere Em⸗ pfindungen nur ſchriftlich austauſchen.“ „Morgen mit dem Fruͤheſten gehe ich wieder auf's Gut, von dem mich mein Vater in einigen Tagen abholen wird. Herzliches Lebewohl.“ Der Feldprediger antwortete ſogleich mit dem Ueberbringer dieſes Briefes. Die Ewigkeit von drei Tagen, in denen er kei⸗ nen Beweis der Zärtlichkeit Joſephens erhielt, nahm am vierten Morgen zwar ein Ende, aber ein Ende mit Schrecken. Joſephe ſchrieb, ſſe habe ihrem Vater, der ihr den Huſarenmajor zum Gat⸗ ten vorgeſchlagen, ihre Abneigung gegen dieſen zu erkennen gegeben, und darauf die abſcheulichſte Be⸗ handlung erfahren. Wie ſie den General kenne, duͤrfe ſte nun niemals auf ſeine Einwilligung in irgend eine andere Heirath hoffen. Jetzt werde es darauf ankommen, ob des Feldpredigers Liebe ſo ſtark ſey, wie die ihrige, und ob er ſich entſchließen koͤnne, die zeitherigen Verhäͤltniſſe gaͤnzlich aufzu⸗ geben, und mit ihr heimlich davon zu gehen. In Hinſicht des Einkommens koͤnne ſie ihm weit mehr als hinlaͤngliche Entſchädigung fuͤr die Gegenwart verſchaffen, da der groͤßte Theil ihres Vermoͤgens ihr auch auf den Fall gewiß bleibe, daß ihr Vater ſte mit Enterbung beſtrafe. Anfangs erſchrak der Feldprediger uͤber das Mißlingen ſeiner Hoffnung und des Fräuleins Vor⸗ ſchlag. Allein es war ihm ſchon bekannt, daß Iv⸗ ſephe wirklich fuͤr ihre Perſon ein anſehnliches Ver⸗ moͤgen ererbt hatte, und bald wurde er mit dem Gedanken, ſte zu entfuͤhren, völlig vertraut: denn, meinte er, ſo auffallend es auch klinge, wenn es heiße, der Feldprediger Penſelmuͤller iſt mit des Generals Tochter davon gegangen, ſo wohlthaͤtig ſey es moͤgen verknuͤ werden Gedan det wuͤ gen we ſo leich Punkt Die che da getroff ſeinen in die Urlau ten, ches geſtre mit d Die ja eir und e nen! vor ſi G Fluch daß ei Geda mer kei⸗ erhielt, e, aber ſie habe im Gat⸗ ieſen zu hſte Be⸗ l kenne, gung in verde es Liebe ſo ſchließen h aufzu⸗ den. In eit mehr genwart rmoͤgens or Vater ber das ins Vor⸗ daß Jo⸗ ches Ver⸗ mit dem t: denn, wenn es mit des ohlthaͤtig — 35— ſey es auf der andern Seite, durch Joſephens Ver⸗ moͤgen vom Predigen und allen mit ſeinem Stande verknuͤpften Unbequemlichkeiten los geſprochen zu werden. Blos die Gefahr auf der Flucht, und der Gedanke, daß vielleicht gar Steckbriefe nachgeſen⸗ det wuͤrden, beunruhigte ihn. Allein Joſephe, ge⸗ gen welche er ſich hieruͤber aͤußerte, wußte ihm Alles ſo leicht und ſchoͤn vorzumalen, daß er auch dieſen Punkt fuͤr beſeitigt hielt. Die Anſtalten zur formlichen Entfuͤhrnng, wel⸗ che das Fraͤulein kaum erwarten konnte, wurden getroffen. Der Feldprediger verſaͤumte nichts, um ſeinen nächſten Umgebungen den noͤthigen Sand in die Augen zu ſtreuen. Er nahm auf acht Tage Urlaub zu einer Reiſe, in Familien⸗Angelegenhei⸗ ten, ließ auch, ſo ſchmerzlich es ihm ankam, man⸗ ches von ſeinen aͤlteſten Kleidungsſtuͤcken umher⸗ geſtreut liegen. Den vollgepackten Koffer hatte er mit der Poſt nach ſeiner Heimath vorausgeſandt. Die Aufwaͤrterin bat er, auf das Zuruͤckgelaſſene ja ein wachſames Auge zu haben, und auf Schloß und Schluͤſſel unablaͤſſig zu merken, auch fuͤr ſei⸗ nen lieben Gimpel ſo zu ſorgen, als ob ſie ihn ſelbſt vor ſich haͤtte. Gleichwohl uͤberſtel ihn an dem Abend, der zur Flucht feſtgeſetzt worden war, ein ſolches Froͤſteln, daß er faſt den ganzen Plan aufgegeben haͤtte. Der Gedanke an die kauſend widrigen Zufaͤlle, die ihm bis zu dem Gute begegnen koͤnnten, nach welchem er, der Abrede gemaͤß, fuͤr das erſte mit Joſephen fahren wollte, faßte ihn bei'm Hinuntergehen der Treppe ſehr unzart an, und er war ſchon im Be⸗ griff wieder umzukehren. Er uͤberlegte jedoch, daß hierdurch Uebel nur aͤrger werden koͤnne. Das Fraͤulein war in der Stadt. Sie hatte ihn um neun Uhr in der Naͤhe des Thores erwarten wollen. Wenn er ſie nun dort allein ließ, und das lange Warten einer, unfehlbar ſehr verhuͤllten, Perſon der Wache verdaͤchtig wurde? Wenn man ſie arre⸗ tirte, und ſie, vom Schrecken uͤbermannt, ein foͤrm⸗ liches Geſtaͤndniß ablegte? Nein, das Werk war zu weit vorgeruͤckt, als daß er zuruͤck gekonnt haͤtte. Er eilte daher mit Zittern und Zagen ſeinem Schickſal entgegen. Er fand die Geliebte ſchon an dem bezeichneten Orte. Sie gab ihm ſtillſchweigend den Arm, und balf ſeinem wankenden Fuße und klopfenden Her⸗ zen durch die Thorwache, bis nach einem nahen Häuschen, wo ſie verabredeter Maßen in den Wa⸗ gen ſteigen wollten.. Auf des Fraͤuleins dreimaliges Pochen öffnete eine Alte die verſchloſſene Hausthuͤr, nickte freund⸗ lich, und ging dem Paare mit ihrer Lampe voraus in ihre Putzſtube, welche von dem ſchwachen Schim⸗ mer eines Kreuzerlichtes nur gar ſpaͤrlich erleuchtet wurde. ein li „ faſt zu allezei empfi „2 ihn f⸗ T ruͤckw vor d nem Joſep gehoͤr Auge welchem Joſephen hehen der nim Be⸗ doch, daß e. Das ihn um n wollen. as lange Perſon ſie arre⸗ ein foͤrm⸗ uͤckt, als aher mit en. eichneten rm, und den Her⸗ n nahen den Wa⸗ 2 oͤffnete freund⸗ 2 voraus Schim⸗ rleuchtet — 91— Der Wagen fehlte noch. Joſephe warf ſich auf das harte Canapee. Die Angſt benahm dem Feld⸗ prediger alle Sprache. Auch das Fräulein ſchien ſie um alle Beſinnung gebracht zu haben. Denn als Herr Penſelmuͤller, der ſchon aus purer Verle⸗ genheit etwas thun mußte, ihr jetzt den erſten Kuß auf die Lippen druͤcken wollte, erhielt er einen Backenſtreich, wogegen der neulich im Garten fuͤr ein liebkoſendes Streicheln gelten konnte. „Mein Gott, warum das?“ rief er, der nun faſt zu glauben anfing, daß ein Kuß bei Joſephen allezeit mechaniſch auf ihre rechte Hand, und gar empfindlich fuͤr den Kuͤſſenden wirke. „Warum?“ wiederholte ſeine Geſellſchafterin, ihn faſſend, und an das Licht ziehend. Der Feldprediger flog erſtarrt einen Schritt ruͤckwaͤrts, und nicht ein einziges Wort wagte ſich vor den blitzenden Augen des Mäͤdchens aus ſei⸗ nem weit offenen Munde heraus. Nicht Fraͤulein Joſephen, ſondern Tinchen, der Kammerjungfer, gehoͤrte dieſe gellende Stimme, dieſes rollende Auge. „Fragen Sie noch immer, warum?“ fing nun die gtuͤhende Rednerin an.„Pfu, Herr Feldpre⸗ diger, das haͤtte ich nimmermehr gedacht, daß Sie ein ſolcher Zeiſig ſeyn ſollten! Jetzt den Augen⸗ blick zuruͤck zum General! Er ſoll erfahren, zu was fuͤr ſaubern Diugen Sie ſeine Lochter verleitet LXXIVV. 8 hätten, wenn ich nicht zu rechter Zeit dahinter ge⸗ kommen waͤre. Ihre Briefe an Joſephen ſind in meiner Verwahrung, und nur, um Ihnen die Aus⸗ flucht zu benehmen, als ob die Reue noch vor Voll⸗ führung des allerliebſten Vorhabens gekommen ſey, nur darum habe ich mich zu dieſer Maskerade ent⸗ ſchloſſen. Ihren Laubfroſch gebe ich Ihnen zuruͤck, ſobald wir nach Hauſe kommen. Sie werden nun den ganzen Tag Zeit haben, dem haͤßlichen Schrei⸗ dalſe Fliegen zu fangen. Denn Feldprediger, und Prediger uͤberhaupt, ſind Sie geweſen: das ſage ich Ihnen im Voraus. Ich mache mir ein Ver⸗ gnuͤgen daraus, Ihnen die Larve vom Geſichte zu ziehen. Kommen Sie!“ „Liebes Tinen!“ „Ei, bleiben Sie mir drei Schritte vom Leibe mit Ihrer Liebe! Vor dem ganzen Corps ſollen Sie proſtituirt werden, ſo weit bringe ich es gewiß, damit ſich Jeder ein Beiſpiel nehme.“ Tinchens Stimme verſtaͤrkte ſich in der Hitze immer mehr. Der Feldprediger ſah ſchon im Geiſte das Volk zuſammen laufen. Er ſah den General mit funkelndem Auge vor ſich ſtehen. Er ſah, wie ihm vor der Froute der Prieſterrock abgenommen wurde. Er ſiel Tinchen in ſeiner Verzweiflung zu Fuͤßen. Nur dies Mal ſollte ſie ihm verzeihen. Es jey freilich ein grober Fehltritt geweſen, aber er werde ihm aus zur ewigen Warnung dienen. Als 2 waͤhnte flehte, de ten moͤc „Nin wuͤrfe m malige 5 rennt bit ſchaffen! da nachr den einz ſagten— lich habe hoͤrt unf „Nei waͤre es feierliche Sie rech xuͤckgeleg „Hei was tha „Ich ſchoͤn, w wie dieſe meinige „Da Feldpred iter ge⸗ ſind in ie Aus⸗ or Voll⸗ nen ſey, nde ent⸗ zuruͤck, en nun Schrei⸗ er, und as ſage in Ver⸗ ſichte zu m Leibe s ſollen s gewiß, er Hitze n Geiſte General ſab, wie nommen flung zu hen. Es aber er en. — 95— Als Tinchen noch immer nicht hoͤren wollte, er⸗ waͤhnte er ſein fruͤheres Verhaltniß mit ihr, und flehte, daß ſie doch auf den alten Fuß mit ihm tre⸗ ten moͤchte. „Nimmermehr! Damit ich mir wieder Vor⸗ wuͤrfe machen koͤnnte, wie heute! Wenn ich die da⸗ malige Zeit bedenke, und was ich gelaufen und ge⸗ rennt bin, um Ihnen die Feldpredigerſtelle zu ver⸗ ſchaffen! wenn ich bedenke, wie veel Gutes ich Ihnen da nachredete! und nun?— Ach, wenn ich nur an den einzigen Mondſcheinabend denke, an dem Sie ſagten—— Nun, was ſagten Sie da? Wahrſchein⸗ lich haben Sie das laͤngſt vergeſſen; denn ſo was hoͤrt unſtreitig eine Jedwede von Ihnen.“ „Nein, beſtes Tinchen, Alles noch weiß ich, als waͤre es heute geſchehen! Ach, es war eine ſchoͤne, feierliche Stunde, unter dem großen Birnbaume! Sie rechneten mir vor, was Sie Alles heimlich zu⸗ ruͤckgelegt hätten.“ „Heimlich, doch ehrlicher Weiſe erworben. Aber was thaten Sie?“ „Ich nahm Sie bei der Hand, und ſagte: wie ſchoͤn, wenn ich Feldprediger wuͤrde, und eine Hand wie dieſe, ſparſam und fleißig, am Altare in die meinige fiele!“ „Dazu ſahen Sie mich ſo redlich an, Herr Feldprediger!“ „und Ihnen, liebſtes Tinchen, fielen die Thrã⸗ nen ſtromweiſe aus den Augen.“ „Ihnen auch, als der Wind die große Birne herunter auf Ihre Naſe ſchuͤttelte. Ach, was be⸗ dauerte ich Sie da! Und es blieb nicht bei'm frucht⸗ loſen Bedauern. Noch denſelben Abend lief ich wegen der Feldpredigerſtelle üͤberall herum, und ſchon am folgenden Morgen wurde ſie Ihnen zu⸗ geſagt.“— „Ja wohl, Tinchen, durch Ihre namenloſe Guͤte!“ „und heute— wollten Sie mit Fräulein Joſe⸗ phen durchgehen!“ Tinchen ſchleuderte hierauf ſeine Hand und ihn ſelber von ſich. Doch er ließ nicht nach, bis ſie Ver⸗ geben und Vergeſſen der ungluͤckſeligen Unterbre⸗ chung ihres gemeinſchaftlichen Gluͤcks— wie er es nannte— ihm zuſagte. Bald kehrten ſie traulich Arm in Arm zuruͤck, nachdem der Feldprediger darauf gedrungen hatte, daß ihre Hochzeit ſchon in den naͤchſten acht Tagen gefeiert werde. Joſephens Bekehrung und Beleh⸗ rung uͤbernahm Tinchen freiwillig. Sie rieth dem Feldprediger als das Beſte an, nie, wenn er mit dem Fraͤulein zuſammen traͤfe, ein Wort uͤber das nun guſgeloͤſ'te Verſtaͤndniß fallen zu laſſen. Herzlich froh, daß er nur noc⸗h ſo mit blauem Auge davon kam, ſchwelgte er ordentlich am Sonn⸗ tage vor und Kro ſchickten ben. D nach ſei war es Paar z ſich ind faſt gar Abends Schonu Ger zeittage hielt e durch e merdie und T gen ge einem vollkon lich in kein 2 Um de die Br lein z Feder „„L lachen Rede die Thrä⸗ roße Birne , was be⸗ ei'm frucht⸗ nd lief ich erum, und Ihnen zu⸗ namenloſe aulein Joſe⸗ nd und ihn bis ſie Ver⸗ n Unterbre⸗ — wie er es Arm zuruͤck, ungen hatte, acht Tagen und Beleh⸗ ie rieth dem venn er mit ort uͤber das laſſen. mit blauem ch am Sonn⸗ tage vor dem Spiegel in der Freude, Prieſterrock und Kragen, welche zum Gluͤck nicht in dem abge⸗ ſchickten Koffer waren, noch an ſeinem Leibe zu ha⸗ ben. Die Generalstochter vermied er, bis am Tage nach ſeiner ſtillen Hochzeit mit Tinchen. Da aber war es nicht moͤglich, weil der General das neue Paar zur Tafel gebeten hatte. Joſephe benahm ſich indeſſen ſo unbefangen und vortrefflich, daß er faſt gar nicht in Verlegenheit gerieth, und daher Abends auch nicht umhin konnte, des Maͤdchens Schonung ſeiner jungen Frau anzupreiſen. Gerade an dem kurz darauf eintretenden Hoch⸗ zeittage des Fraͤuleins und des Huſarenmajors er⸗ hielt er den beſten Aufſchluß uͤber dieſe Faſſung, durch ein Billet, das die Schweſter des langen Kam⸗ merdieners an ihre Freundin Tinchen geſchrieben, und Tinchen aus Nachlaͤſſigkeit auf dem Tiſche lie⸗ gen gelaſſen hatte. Er verglich die Handſchrift mit einem Briefe von Joſephen, und fand ſie in beiden vollkommen gleich. Der Argwohn, der augenblick⸗ lich in ihm aufſtieg, beſtaͤtigte ſich. Joſephe hatte kein Wort von dem ganzen Briefwechſel gewußt. Um den Treuloſen zuruͤck zu bringen, waren alle die Briefe, welche der eitle Feldprediger dem Fraͤu⸗ lein zuſchrieb, von Tinchen ihrer Freundin in die Feder diktirt worden. „Eine Kriegsliſt!“ rief Tiuchen, laut auf⸗ lachend, als der Feldprediger ſie dieſerhalb zur Rede ſetzte. — 96— Uebrigens hat ſich ſeine Ehe bis jetzt in ganz ertraͤglichem Zuſtande erhalten. Denn wenn ſie ja einmal anfaͤngt, etwas wandelbar zu werden, ſo iſt der lange Kammerdiener ſtets bei der Hand, um eine gute Mittelsperſon abzugeben. Und wenn Herr Penſelmuͤller in truͤben Tagen zuweilen dem niedlichen Pantoffel ſeiner Gattin den noͤthigen Reſpekt verweigert, ſo darf ſie nur drohen, daß ſie ſeinen eingebildeten Triumph uͤber Fräulein Joſe⸗ phen allen ſeinen Bekannten mittheilen wolle, und gleich wird er ſo nachgiebig und zahm, daß ſie den Guten um ihren kleinen Finger wickeln koͤnnte. in ganz in ſie ja den, ſo and, um d wenn len dem aoͤthigen „daß ſie in Joſe⸗ lle, und ſie den unte. — G von Fuͤnf und ſiebenzigſtes Baͤndchen. Stutegart, b ei A. J. Macklot. 1 8 2 g. Inhalt. Das Lilo⸗Fiſchchen...—.. S. 3 und — 3 lieber 5 8 Brud . line n 8. lin w davon der ge und d ſtuͤcken ein un tioner In b! einer ganz Das Lilo⸗Fiſchchen. — 1. S. 3 Der Fidibus. und wenn Du mir eine rechte Freude machen willſt, . lieber. 1.„2, Bruder, ſo bringe Deine kleine l⸗ A,, line mit, es ſoll ihr in unſerm A 3 lin wohl gefallen, und nicht wiſen be ac 6— Bekanntſchaft, fa. Meyr ſtand auf dem Papierſchnitzel nicht. Der Vater hatte dieſen Morgen einen Brief von der Tante Generalin aus Berlin bekommen, ein Stuͤck davon abgeriſſen, und ſich deſſen, beym Anzuͤnden der gewoͤhnlichen Abendpfeife, als Fidibus bedient, und der Reſt des letztern ward mit ſeinen Bruch⸗ ſtuͤcen von Hieroglyphen, dem kleinen Comteßchen, ein unerſchöpflicher Stoff zu tauſenderlei Kombina⸗ tionen und Vermuthungen. In der allerdings ſchwierigen Kunſt, das Gekritzel einer ungeuͤbten Frauenhand zu entziffern, noch nicht ganz ſartelfeſt, vertraute ſie den, vom Feuer geret⸗ 1*„ teten Fidibusſtreifen, ihrer, um mehrere Jahre aͤl⸗ tern Buſenfreundin, Verwalters Chriſtianchen, an, und theilte dieſer mit, daß im Briefe Wichtiges, auf ſie Bezug Habendes, ſtehen muͤſſe, denn der Vater habe ſie, kurz nach deſſen Empfange, von Kopf bis zu Fuße gemuſtert, ihr ſehr dringend em⸗ pfohlen, ſich immer huͤbſch gerade zu halten, nicht ſo zu trabſen, und recht auswaͤrts zu gehen; habe geſcholten, als er bemerkt, daß die Strumpfband⸗ zipfel ihr bis auf die Schuh herunter gehangen, die Struͤmpfe nicht glatt geſeſſen, und die Abſaͤtze ſchief getreten, und habe geſagt, daß die Tante Generalin in Berlin, wenn dieſe ſie einmal in dem Aufzuge ſaͤhe, ſie wohl fuͤr ein wildes Bauer⸗ mädchen aus dem naͤchſten Dorfe, nimmermehr aber fuͤr ihre Nichte, Comteſſe Pauline aus Goldau, halten wuͤrde. Dabei, erzählte aber das niedlichſte aller Schlaukoͤpfchen, die kleine Pauline, unter dem Siegel der Verſchwiegenheit weiter, habe der Vater gar nicht ſehr boͤſe ausgeſehen, ſondern ſey ſogar recht freundlich geweſen, und habe kurz darauf mit Mamſſell Desmarais im Fenſter heimlich viel Fran⸗ zoͤſiſch geſprochen; ſo leiſe ſie auch geredet, ſo habe ſte doch die Worte„Berlin“ und„Garderobe“ ſehr deutlich verſtanden; und aus allem dieſem, beſon⸗ ders aber daraus, daß Mamſell Desmarais dieſen Nachmittag in ihrem Kleider⸗ und Waͤſchſchrank Spezial⸗Muſterung gehalten, habe ſie ſich den Schluß gefolgert, daß der Vater endlich einmal die gewiß ſchon hundert Mal beſprochene Reiſe ausf Kop boge hera wie den den mit Wo⸗ ſchri thut gebr zu. rere kere ſche ben chen chen non nan Wo ahre al⸗ hen, an, ichtiges, enn der ſe, von end em⸗ 1, nicht 1; habe pfband⸗ hangen, Abſaͤtze 2 Tante mal in Bauer⸗ termehr Goldau, edlichſte ter dem r Vater y ſogar auf mit l Fran⸗ ſo habe e“ ſehr beſon⸗ dieſen Zſchrank ich den einmal Reiſe — 5— nach Berlin antreten und ſie mitnehmen werde. Ob der Fidibus⸗Reſt zur Beſtaͤtigung dieſer Ver⸗ muthung Naͤheres enthalte, ſollte nun Chriſtian⸗ chen ermitteln. 1 2. Dumme Chriſtiane. So dummoͤhrig Verwalters Chriſtianchen auch ausſah, das dreizehnjährige Ding war nicht auf den Kopf gefallen. Um vor Allem die Breite des Brief⸗ bogens, den die erſte Zeile des Bruchſtuͤcks angab⸗ heraus zu bekommen, und zu ſehen, welche und wie viel Worte auf der verbrannten Haͤlfte geſtan⸗ den haben konnten, wurde ein Stuͤck Papier neben den geretteten Streifen gelegt, deſſen Rand rechts mit dem Ende des, auf der erſten Zeile befindlichen Wortes„lieber“ gerade Linie machte, und nun ſchrieb Chriſtianchen, von den Winken und Vermu⸗ thungen der kleinen Gräfin auf den rechten Weg gebracht, ohne langes Beſinnen, das Fehlende hin⸗ zu. Nach dem l in der dritten Zeile ſetzte ſie meh⸗ rere Lesarten; es konnte heißen: Deine kleine lok kere, luderliche, leichtſinnige, luſtige, liebe, laͤppi⸗⸗ ſche Pauline; es konnte aber auch Deine kleine lie⸗ benswurdige Pauline geleſen werden, und da Lin⸗ chen zur letzten Lesart ein ſehr beifaͤlliges Geſicht⸗ chen machte, ſo wurde dieſe fuͤr die richtigſte ange⸗ nommen. Auf der vierten Zeile war Berlin unſtreitig ge⸗ nannt; ob aber die dazwiſchen befindlich geweſenen Woͤrter, ſchön, groß, herrlich, arm, theuer, ſtaubig — 6— Joder noch anders gelautet hatten, war nicht beſtimmt zu eroͤrtern; that auch nichts zur Sache. So weit ging das Entziffern ganz vortrefflich; allein uͤber die drei letzten Zeilen zerbrach ſich Ver⸗ walters Chriſtianchen den Kopf. Im Aerger uͤber die Ungeſchicklichkeit des großen Maͤdchens, das ſich in den Paar Zeilen nicht einmal zurecht finden koͤnne, bieß es jetzt auch nicht mehr, wie im Anfange bei der Bitte um Huͤlfe und Beiſtand, das liebe, her⸗ zige Chriſtianchen, ſelbſt nicht einmal Chriſtianchen ſchlecht weg, ſondern Chriſttane, und ſpäter, als alle Muͤhe vergeblich war, und das Verwalter⸗Kind rein heraus geſtand, daß in den vier letzten Zeilen durchaus kein Sinn ſey, dumme Chriſtiane. 3. Des Kindes Stellung im Hauſe. Bettine, das Kammermaͤdchen der Mutter, war pfiffiger; nur that ſie nichts umſonſt; jede Gefaͤl⸗ ligkeit mußte ihr in der Regel durch zehn Gegen⸗ dienſte abgekauft werden; indeſſen heraus mußte, was in den Zeilen ſtak; alſo wurde ſie mit in das Geheimniß gezogen, und ihr, unter dem Verſpre⸗ chen, das Schoͤnſte, was ſie ſich wuͤnſche, von Ber⸗ lin mitbringen zu wollen, die dringende Bitte an das Herz gelegt, herauszukluügeln, was die drei letz⸗ ten Zeilen enthalten haben konnten. Nichts wichtiger fuͤr Kinder, als die nächſten Umgebungen. Muß oft lachen, wenn die Eltern ſich uͤber die gaͤnzliche Charakter⸗Verſchiedenheit ihrer Kinder wundern; Einen Vater, ſagen ſie, Eine Mut ſichtli der Euch barn, er⸗1 iſt di fuͤhll Kind um dahe dum in d Alle wied den, lichſ der gel ſpaͤt rer Elte ſie hun ſie: zu ſcha die Aut die eſtimmt trefflich; ſich Ver⸗ ger uͤber das ſich n koͤnne, ange bei ebe, her⸗ ſtianchen ter, als ter⸗Kind n Zeilen . ter, war e Gefaͤl⸗ Gegen⸗ mußte, tin das Verſpre⸗ on Ber⸗ Bitte an drei letz⸗ nächſten tern ſich eit ihrer e, Eine Mutter, Eine Erziehung, und doch die Kinder, hin⸗ ſichtlich des Gemuͤths, des Charakters, von einan⸗ der verſchieden, wie Tag und Nacht.— Beſinnt Euch nur auf den Wechſel der Domeſtiken, Nach⸗ barn, Geſpielen, die alle helfen, unſere Kinder mit er⸗ und verziehen. Bei den Kindern der Großen iſt die Einwirkung dieſer Mit⸗ Verzieher noch weit fuͤhlbarer; die Eltern des Mittelſtandes ſtehen ihren Kindern viel naͤher; ſie haben ſie taͤglich, ſtuͤndlich um ſich; ſie ſind ſelbſt deren Erzieher, und koͤnnen daher, wenn die ungebetenen Edukationsgehuͤlfen dumme, Streiche machen, und den Kindern Dinge in den Kopf ſetzen, die nicht hinein gehoͤren, das Alles bald bemerken, das Ungehoͤrige auf kluge Weiſe wieder herausbringen, und ſo die Einwirkung frem⸗ den, nicht immer zu vermeidenden Einfluſſes, moͤg⸗ lichſt unſchaͤdlich machen. Nicht ſo bei den Kindern der Großen und Reichen; dieſe ſind faſt in der Re⸗ gel lediglich den Haͤnden anfaͤnglich der Bonnen, ſpaͤter der Gouvernanten, der Hofmeiſter, der Fuͤh⸗ rer anvertraut. Das ſind alles Soͤldlinge. Die Eltern glauben ihre Pflicht gethan zu haben, wenn ſie dieſe Perſonen recht anſtaͤndig bezahlen, recht human behandeln, und alle acht Tage fragen, wie ſie mit den Kindern zufrieden ſind. Ein Mehreres zu thun, wollen Geſchaͤfte, Zerſtreuungen, Geſell⸗ ſchaftsleben, ewige Abhaltungen, mit einem Worte, die Verhaͤltniſſe(ein ſehr ſchoͤner Entſchuldigungs⸗ Ausdruck) nicht geſtatten. Faͤt die Antwort auf die woͤchentliche Frage nicht befriedigend aus, wird uͤber Unfleiß, Widerſetzlichkeit, Mangel an Auf⸗ merkſamkeit und andere Unarten geklagt, ſo fahren die lieben Eltern den lieben Kindern das erſte, zwei⸗ te, dritte Mal wohl mit Strenge durch den Sinn; wiederholen ſich aber dieſe Klagen, ſo werden ſie verdruͤßlich; Kammerdiener und Zofe und andere Perſonen im Hauſe, denen der Hofmeiſter und die Gouvernante ein Dorn im Auge ſind, weil dieſe ſich einbilden, mehr zu ſeyn, als die erſten Dome⸗ ſtiken, die Vertrauten der Herrſchaft, nehmen die Gelegenheit wahr, den Verhaßten ein Beinchen zu ſtellen; der Hofmeiſter iſt ein hypochondriſcher Stu⸗ bengelehrter; die Gouvernante eine eigenſinnige, hyſteriſche Perſon; Beide ſind eine wahre Plage fuͤr die armen Kinder; wenn die Kleinen ein wenig lebhaft ſind, werden ſie gleich ungezogene Rangen geſcholten; wenn einmal das Aufſagen der trocknen Vokabeln nicht am Schnürchen geht, wird gleich von Faulheit und Lern⸗Unluſt geſprochen; und erlaubt ſich hier und da der arme Wurm einen kleinen kin⸗ diſchen Scherz, eine ſpaßhafte Neckerei, ſo heißt er gleich ein Thunichtgut, an dem Hopfen und Mals verloren ſey, und aus dem im Leben nichts Kluges werden werde. Die Eitelkeit der Eltern, und ihre natürliche Liebe zu den Kindern, oͤffnet ſolchen, ge⸗ legentlich, und mit dem Scheine zufaͤlliger Abſicht⸗ loſigkeit hingeworfenen Aeußerungen, Thür und Thor. Die Eltern hoͤren und glauben dergleichen Verſicherungen gern, weil die Kinder dadurch in das Licht treten, in dem ſie dieſelben lieber ſehen, als in Gouv der 2 ten it hoͤren ſen r merd Hau zufri men gem ſchw peda triel wen koͤnt von her die and un Auf⸗ fahren e, zwei⸗ Sinn; rden ſie andere und die il dieſe Dome⸗ nen die ichen zu er Stu⸗ ſinnige, lage fuͤr wenig Rangen trocknen eich von erlaubt nen kin⸗ heißt er d Malz Kluges und ihre hen, ge⸗ Abſicht⸗ uͤr und gleichen zurch in r ſehen, als in dem Schatten, in den ſie Hofmeiſter und Gouvernante ſtellten; ſie fragen jetzt ſeltener nach der Auffuͤhrung der Kinder, weil ſie den Gefrag⸗ ten im Voraus nur halben Glauben ſchenken; und hoͤren ſie dann neue Klagen, ſo hoͤren ſie in die⸗ ſen nur die Beſtaͤtigung deſſen, was ihnen Kam⸗ merdiener, Zofe und aͤhnliche, ihnen näber ſtehende Hausbediente, von den Quellen dieſer ewigen Un⸗ zufriedenheit geſagt haben; ſie ſprechen im Gehei⸗ men die armen geplagten Kinder von den ihnen gemachten Vorwürfen frei; und der ewigen Be⸗ ſchwerden zuletzt muͤde, ſuchen ſie ſich am Ende der pedantiſchen Menſchen, deren paͤdagogiſchen uͤber⸗ trieben⸗ſtrengen Anforderungen kein Kind, und wenn es ein halber Engel waͤre, wuͤrde genuͤgen koͤnnen, auf gute Manier zu entledigen. Das iſt, ohne Uebertreibung, das Spiegelbild von dem Leben und Treiben in manchem Hauſe hoͤ⸗ hern Ranges. Der aufmerkſame Beobachter, der die natürlichen Folgen ſolchen Mißſtandes an ein⸗ ander zu reihen vermag⸗ wird das Ende dieſer nicht erfreulichen Kette, im reifern Alter der Verzoge⸗ nen, wieder finden. In unſerm altgräflichen Hauſe war der Grund⸗ ſtoff zu dem naͤmlichen Uebel eigentlich da; nur. hatte die Vorſehung gluͤcklicher Weiſe dem Vater eine hinlaͤngliche Portion deutſcher Rechtlichkeit, der an ſich ſehr gebildeten, liebenswuͤrdigen Mutter, eine hinreichende Doſis ſanften Sinnes, und der Schweizerin, Mamſell Desmarais, einen ſehr gebil⸗ — 10— deten Verſtand, eine bewundernswuͤrdige Ruhe, und eine ehrenwerthe Feſtigkeit verliehen, ſo daß das Gleichgewicht zwiſchen Eltern, Kind und Erzie⸗ herin, ſelten in das Schwanken gerieth. Pauline war der Abgott der Eltern; wer deren Wohlwollen ſich gewinnen wollte, konnte auf keinem Wege ſein Ziel beſſer erreichen, als wenn er dem kleinen Dinge ſchmeichelte, und ſein Entzuͤcken uͤber Comteßchens Talente, Anmuth und Schoͤnheit, vor den Eltern laut pries. Oft wohl bat die um⸗ ſichtige Desmarais, wenn Artigkeiten der Art in Paulinens Gegenwart verhandelt wurden, mit be⸗ ſorglichem Winke, zu ſchweigen; die Graͤfin entgeg⸗ nete aber dann gewoͤhnlich, daß Pauline noch ein Kind ſey, und das nicht verſtehe; des kleinen Maͤd⸗ chens verklaͤrtes und heimlich lächelndes Geſichtchen widerlegte indeſſen der Mutter Behauptung. Pau⸗ line hoͤrte und ſah recht gut, was um ſie her vor⸗ ging, und weil Mamſell Desmarais Recht hatte, und weiter ſah, als die Mutter, kam es ihr immer vor, als muͤſſe ſie vor Mamſell Desmarais mehr Reſpekt haben, als vor der gnaͤdigen Mama, db ſie gleich an letzterer mit der unbeſchreiblichen Liebe bing, welche die Natur in die reine Bruſt jedes gutmuͤthigen Kindes gelegt hat. Aber freilich, wenn das kleine Comteßchen imit ſeiner lebendigen Phantaſie von der unvorſichtigen Dienerſchaft, die ſich fuͤr das naͤchſte Jahrzehend bei ihm ſchon einen Stein in das Brett ſchieben wollte, oder von andern einfältigen Kriechern, faſt taͤglich herrlich dige P Reven detere fen vo Jahrer Lande des D burg von 2 der a hinwe zum ein P nicht als 2 ben die peln Linch maͤßf und erſt Ruhe, ſo daß d Erzie⸗ er deren keinem er dem en uͤber zoͤnheit, die um⸗ Art in mit be⸗ entgeg⸗ loch ein Maͤd⸗ ſichtchen -. Pau⸗ her vor⸗ t hatte, immer s mehr ma, ob en Liebe ſt jedes den imit ſichtigen rzehend ſchieben ern, faſt — 11— taͤglich hoͤrte, daß es dereinſt die einzige Erbin der herrlichen Grafſchaft Goldau ſey, und daß der gnaͤ⸗ dige Papa alle Tage ſeine hundert Dukaten reine . wenn andere ſogenannte Gebil⸗ Revenuͤen habe; detere ihm vorſchwatzten, daß die Familie der Gra⸗ fen von der Schluͤſſelburg ſchon vor beinahe tauſend Jahren eine der angeſehenſten und reichſten im Lande geweſen, und daß bereits am Hofe Ludwig des Deutſchen von einem Grafen von der Schluͤſſel⸗ burg die Rede ſey⸗ welcher den beruͤhmten Vertrag von Verdun mit abgeſchloſſen habe; und wenn wie⸗ der andere Unbedachtſame im einfaͤltigen Scherze hinwarfen, daß, wer ihr Gold⸗Paulinchen einmal zum Braut ⸗Altare fuͤhren wolle, allerwenigſtens ein Prinz ſeyn muͤſſe, ſo darf man das kleine Ding nicht verdammen, wenn es das Näschen hoͤher trug, als Orſchelblandine, das Hirtenmaͤdchen, das druͤ⸗ ben am jenſeitigen Ufer des großen Schloßteiches die ſchnatternde Gaͤnſeheerde eben uͤber die Stop⸗ peln trieb; dem, weil es eine blutarme Waiſe war, Linchen mit ihrer mildthaͤtigen Gutherzigkeit regel⸗ mäßig vom Mittagt'ſch Kuchen und Fruͤchte brachte, und das jetzt ein wenig warten mußte, weil Bettine erſt gewonnen werden ſollte. 4. Reiſe⸗ Dispoſitionen. Haben ja unſere gelehrte, uͤberſtudirte Mamſell 7/7. Desmarais,“ ſagte Bettine ſpitz:„da kann der Anſpruch um meine Huͤlfe wohl nichts als Spott ſeyn, und was das Geſchenk aus Berlin betrifft⸗ — 12— ſo verzichte ich gern darauf; aber wenn mir mein Comteßchen ein kleines Andenken in Berlin ver⸗ ehren wollte—“ „Du willſt ſelber mit,“ entgegnete die Kleine freundlich:„gut; das mache ich, das verſpreche ich Dir; aber nun ſag' auch, was in dem Briefe ge⸗ ſtanden; ihn Mamſell Desmarais nicht zu zeigen, habe ich meine guten Ürſachen.“ Bettine warf einen Blick in das Papier, las und buchſtabirte, und lachte laut auf.„Das iſt drollig,“ verſetzte ſie ſpoͤttelnd:„die gnaͤdige Tante ſollte doch lieber an eine huͤbſche Puppe denken, als an ſolch' dummes Zeug.“ „Wie denn dummes Zeug?“ fragte Pauline, und ſah das Maͤdchen mit einem Blicke an, als ver⸗ nehme ſie etwas ungnädig, daß die Zofe im Briefe oder im Kopfe der gnaͤdigen Tante dummes Zeug finden wolle. „Die fehlenden Woͤrter buchſtaͤblich zu ergaͤnzen, vermag ich nicht,“ fuhr Bettine fort,„aber der Sinn iſt klar; die Frau Generalin meint, daß es Ihnen in Berlin gewiß gefallen werde, und daß man nicht wiſſen koͤnne, ob ſich nicht vielleicht ir⸗ gend eine Bekanntſchaft finde, die— nein, wahr⸗ haftig man ſchaͤmt ſich, nur davon zu reden.“ „Den Huſaren Lieutenant nehmen wir mit, Bettine,“ fiel ihr Linchen, von dem Briefe, uͤber den man ſich, nach des Maͤdchens Verſicherung, nur zu reden, ſchaͤmen muͤffe, abſichtlich abbrechend, in die Rede; aber an den Hoſen iſt ein Defekt, den mußk D fraͤulein wird es ein Bit die Hac lichkeit nen wi Fettflee wohl a Sie fen, al in den Zaben Mutte ſie au entgeg Entzuͦ jetzt o Beſuc ſen w Mutt D Auffe geneh hoͤre ter a Welt Pfiff lich eine nir mein rlin ver⸗ ie Kleine preche ich Briefe ge⸗ zu zeigen, pier, las „Das iſt ige Tante nken, als Pauline, , als ver⸗ im Briefe mes Zeug ergaͤnzen, „aber der t, daß es und daß elleicht ir⸗ ein, wahr⸗ den.“ wir mit, iefe, uͤber rung, nur echend, in efekt, den — 13— mußt Du ſchon ein Bischen ausflicken; das Stifts⸗ fräulein kann auch mit eingepackt werden; dem wird es nicht ſchaden, wenn es in der Reſidenz ein Bischen Lebensart lernt; immer haͤngen ihm die Haare wie Spieße um den Kopf, und an Rein⸗ lichkeit iſt bei der Perſon nicht zu denken; und koͤn⸗ nen wir dem dicken Kammerdirektor den garſtigen Fettfleck aus der Bratenweſte bringen, ſo koͤnnte er wohl altenfalls mit von der Partie ſeyn.“ Sie wollte noch weitere Reiſedispoſitionen tref⸗ fen, allein eine vierſpaͤnnige Halb⸗Chaiſe, die eben in den Hof fuhr, und in der ſie die Baroneſſe von Zabenhoven, die vertrauteſte Jugendfreundin der Mutter, und ihre große Gonnerin, erkannte, brachte ſie aus dem Concepte; ſie lief ihr voller Freude entgegen, und erzaͤhlte ihr im Uebermaaße ihres Entzuͤckens, zum großen Staunen des Vaters, der jetzt auch in den Hof herab kam, um den lieben Beſuch zu bewillkommen, daß ſie nach Berlin rei⸗ ſen werde, und bat, daß die Baroneſſe ſie und die Mutter dahin begleite. Die ſchoͤne Frei⸗Frau ſchien von der kindlichen Aufforderung der kleinen froͤhlichen Pauline unan⸗ genehm beruͤhrt zu werden, und that darum, als hoͤre ſie das Geſchwäͤtz der Kleinen nicht; der Va⸗ ter aber fragte Paulinen verwundert, wer in aller Welt ihr von der Reiſe ein Wort geſagt? doch Pfiffkoͤpfchen, von Bettinens Aeußerung hinſicht⸗ lich des Schaͤmens, irre gemacht, huͤtete ſich wohl, eine Sylbe von dem aufgefundenen Briefſchnitze! zu ſagen. Sie entgegnete leicht hin, daß der Va⸗ ter ja heute mit Demoiſelle Desmarais ſelbſt da⸗ von geſprochen, und entzog ſich, da jetzt die Mut⸗ ter in den Hof trat, um die Baroneſſe zu begruͤßen, dem weitern Verhoͤre. 5. Der Zahnſchmerz. Bei'm Abend⸗Eſſen erhielt Pauline uͤber das, was ihre ganze Seele beſchaͤftigte, uͤber die Reiſe nach Berlin, näheres Licht. Der Vater ſagte, zur Baroneſſe gewendet, daß ſein kleiner Naſeweis, Pauline, mit der Bitte, die Mutter nach Berlin zu begleiten, wirklich keine uble Idee gehabt habe. Seit dem Frieden ſey dort Alles im Emporbluͤhen; alle lang geſchlummerte Gewerbsthaͤtigkeit entwickele ſich mit neuer Kraft; Kuͤnſte und Wiſſenſchaften trieben neue Sprößlinge; das Leben daſelbſt ſey nach den Briefen ſeiner Schweſter, der Generalin, eine Reihe von prächtigen Hof⸗ und herzerhebenden Volksfeſten.„Wir Alle,“ fuhr er in der Lebendig⸗ keit ſeiner Rede fort, ohne den Farbenwechſel auf dem Madonnengeſichtchen der Baroneſſe zu bemer⸗ ken, das, erſt vom dunkelſten Karmin uͤbergoſſen, allmählig bis zum Todtenweiß einer Gipsbuͤſte er⸗ bleichte,„wir Alle haben in den Feſſeln der uner⸗ träglichſten Brutalitaͤt geſchmachtet; ſie ſind nun gebrochen, dieſe druͤckenden Feſſeln. Das deutſche Herz ſchlaͤgt wieder frei, und wir wollen nun hin⸗ in die Reſidenz des ritterlichen Preußen⸗Koͤnigs, und wollen uns weiden an ſeinem Blick, und wollen uns fre ruhmbe der grot liſchen jahrhur bedeckte dort fr wir wie Die von ihr geſchlot und n die flie Bei ſtrengt ſten R bringe Glas Theme thaten Veran ſchen! ſer Se den vo werder er Va⸗ lbſt da⸗ Mut⸗ gruͤßen, er das, ee Reiſe zte, zur ſeweis⸗ erlin zu t habe. bluͤhen; twickele ſchaften elbſt ſey neralin, ebenden ebendig⸗ hſel auf bemer⸗ ergoſſen, bGuͤſte er⸗ er uner⸗ nd nun deutſche un hin⸗ Koͤnigs, d wollen uns freuen mit dem tapfern Volke und mit den ruhmbedeckten Kriegern, durch deren kraͤftigen Arm der große Gott in ſeinem gerechten Zorne die hoͤl⸗ liſchen Heerſchaaren vernichtet hat, die ein Viertel⸗ jahrhundert lang die Erde mit Blut und Jammer bedeckten. Kommen Sie mit, Baroneſſe; wir wollen dort fröhliche Tage leben; und zur Weinleſe ſind wir wieder zu Hauſe.“ Die Graͤfin rief nach Eau de Cologne, und ſprang von ihrem Sitze auf, der Baroneſſe zur Huͤlfe, die, geſchloſſenen Auges, in einander zu ſinken begann, und nur durch die Bemuhungen ihrer Freundin die fliehenden Lebensgeiſter wieder aufhielt. Beide ſchoben den kleinen Unfall auf die An⸗ ſtrengungen der Herreiſe; der Graf ließ den aͤlte⸗ ſten Rheinwein ſeines ausgeſuchteſten Kellerſchatzes bringen, drang der jungen reizenden Kranken ein Glas auf, kam dabei wieder auf ſein Lieblings⸗ Thema, auf das Politiſiren, wozu ihm freilich die thatenreiche Zeit der eben erlebten Jahre beſtaͤndige Veranlaſſung gab, und meinte, daß die paradieſſ⸗ ſchen Ufer des alten deutſchen Stroms, an dem die⸗ ſer Sorgenbrecher gewachſen, nie, nie wieder wuͤr⸗ den von einem Franzoſen⸗Fuße als Feind betreten werden. Er wollte ſich uͤber die Graͤuel, welche der gaͤnz⸗ lich demoraliſirte Feind auf ſeinen letzten Heeres⸗ zuͤgen in Deutſchland rundum veruͤbt, weiter aus⸗ laſſen, allein ein bittender Wink ſeiner Gemahlin, und die ihm von ihr zugefliſterte Bemerkung, daß — 16— die arme nervenkranke Baroneſſe von der Beſchrei⸗ bung ſolcher erſchuͤtternden Scenen ſehr angegrif⸗ fen zu werden ſcheine, hemmten wenigſtens fuͤr ei⸗ nen Augenblick den Fluß ſeiner Rede. „Wohl kann man,“ fuhr er fort, um dem Ge⸗ ſpraͤch eine andere Wendung zu geben, nicht laͤug⸗ nen, daß der Franzoſe, fuͤr den erſten Augenblick der Bekanntſchaft viel Empfehlendes, Einſchmei⸗ chelndes hat; ſeine Lebhaftigkeit, ſein froͤhlicher leichter Sinn, ſeine Gewandtheit, ſein feiner Ge⸗ ſellſchaftston oͤffnen ihm uͤberall Thor und Thuͤr, und gewinnen ihm beſonders die Herzen des ſchö⸗ nen Geſchlechts; aber auf der andern Seite iſt auch leider nicht zu laͤugnen, daß unſere Frauen und Maͤdchen, mit Hintanſetzung alles National⸗ Sinnes, Zucht und Sitte und ſich ſelbſt vergaßen, und den berechneten Verfuͤhrern, von deren fadem Schmeichellobe bethört, in die Arme liefen, als waͤren es unſere Retter, unſere Freunde, unſere Wohlthaͤter. Haben denn unſere Truppen uͤber dem Rhein bei den Franzoͤſinnen gleiche Aufnahme gefunden?“ Demoiſelle Desmarais nahm das Wort, meinte, daß er doch wohl ein zu hartes und zu ab⸗ ſprechendes Urtheil faͤlle, das im Allgemeinen höͤch⸗ ſtens auf die weniger gebildete Klaſſe anwendbar ſeyn moͤchte, und daß, wenn ja einmal, als Aus⸗ nahme von der Regel, unter den höhern Staͤnden eine ungluͤckliche Verirrung dieſer Art— die Ba⸗ roneſſe mußte aufſtehen; der furchtbarſte Zahn⸗ ſchmerz— ein ganzer Strom heißer Thraͤnen ent⸗ ſtuͤrzte d uͤbergoß die, von des ver! geſeſſen, Pau ren Pun glücklich und Au was taͤ⸗ War des Fro mußte, Eltern ſich mi wieder vorgeſte Hat etwas nicht m Der beliebte Kraͤtzch als ſie er; da zundet Mund ſprache LX eſchrei⸗ gegrif⸗ fuͤr ei⸗ m Ge⸗ laͤug⸗ enblick ſchmei⸗ hlicher er Ge⸗ Thuͤr, ſchö⸗ ite iſt rauen ional⸗ gaßen, fadem „ als unſere uͤber ahme Wort, u ab⸗ hoͤch⸗ udbar Aus⸗ anden — Ba⸗ Zahn⸗ ent⸗ — 17— ſtuͤrzte dem großen, ſchwimmenden Feuerauge, und üͤbergoß die brennende Lilienwange— die Graͤſin, die, vom ſichtbarſten Unmuthe gefoltert, während des verwuͤnſchten Geſpraͤchs auf gluͤhenden Kohlen geſeſſen, begleitete die Leidende auf ihr Zimmer. 6. Der Geheime Puppen⸗Rath. Pauline war mit Vater, Mutter, Bettinen, ih⸗ ren Puppen, Hoffnungen⸗ Wuͤnſchen und Traͤumen gluͤcklich in Berlin einpaffirt, und hatte kaum Ohr und Auge genug, um Alles zu hoͤren und zu ſehen, was taͤglich ihr Neues begegnete. War es Mutterwitz, oder das erſte Aufblitzen des Frauenſinns, daß ſie beinahe laut auflachen mußte, als ihr der kleine Graf Pankratius, deſſen Eltern auch nach Berlin gekommen waren, um ſich mit der Familie von der Schluͤſſelburg einmal wieder zu fehen, als ihr Geſellſchafter und Geſpiele vorgeſtellt wurde. Hatte nicht Bettine geſagt, daß in dem Briefe etwas von einer Bekanntſchaft ſtehe, von der man nicht wiſſe,wob nicht vielleicht in Zukunft— Der kleine Pankratius, im Kreiſe der Seinen, beliebter Kuͤrze halber, gewoͤhnlich Kratz, auch Kraͤtzchen geheißen, gewiß ſechs, ſieben Jahr aͤlter als ſie; ſie wenigſtens einen Viertelzoll groͤßer als er; das krankhafte blaſſe Geſicht; die rothen ent⸗ zuͤndeten Augen; das gichteriſche Zucken in den Mundwinkeln; das ningernde Naͤſeln ſeiner Aus⸗ fprache; das Markloſe im ganzen magern Koͤrper; LXXV. 4 1 — 13— das Gemeſſene, Foͤrmliche in Haltung und Betra⸗ gen— nein, der konnte ihr keinen Augenblick ge⸗ fallen. Sein Papa und ſeine Mama hatten ihm geſagt, daß Pauline eins der reichſten Maͤdchen ſei⸗ ner Zeit ſey; daß die weitlaͤuftige Grafſchaft Goldau fuͤr ein kleines Fuͤrſtenthum gelten koͤnne, und daß bei'm Abſterben einer alten Tante noch eine Erbſchaft zu gewaͤrtigen ſey⸗ deren kein Koͤnig ſich zu ſchaͤmen habe. Das Alles hatte den kleinen Kratz, der das Einmaleins und die fuͤnf Spezies recht genau inne zu haben ſchien, mit einer heiligen Ehrfurcht vor dem Goldauer Goldkinde durchſchauert, daß er bei der erſten Praͤſentation eine ſehr zierliche Verbeu⸗ gung producirte, Paulinen aͤußerſt devot die Hand kuͤſſen wollte, und die erſte Stunde ihres Beiſam⸗ menſeyns, beſtändig die Haͤnde auf dem Ruͤcken, in der dritten Poſttion ſtand. Pauline kramte ihre Puppen aus, und bat ihn um guten Rath fuͤr die Oberhofmeiſterin, der auf der Herreiſe der Pariſer Cu etwas zerrieben war, und die ſich ohne neue Robe wirklich nicht ſehen laſſen konnte; der dicke Kammerdirektor hatte den Kopf verloren; dem Stiftsfraͤulein war der Kranz in tauſend Stuͤcke zerriſſen, und dem Huſaren⸗Lieu⸗ teuant die Taille ruinirt. Kräͤtzchen lächelte faſt empfindlich über die ihm zugedachte Rolle des ge⸗ heimen Puppen⸗Raths; aͤußerte die gewagte Ver⸗ muthuug, daß die gnaͤdige Graͤfin uͤber Oper, Kon⸗ zert, Schauſpiel und andere ſie hier erwartende Divertiſſements die Sorge um die Reſtauration ihrer wend Jagd mit ſeine der 1 lung linen fragt wie erba wach der⸗ line den Ant Bett Betra⸗ blick ge⸗ ten ihm dchen ſei⸗ t Goldau und daß Erbſchaft ſchaͤmen der das nau inne urcht vor aß er bei Verbeu⸗ die Hand Beiſam⸗ uͤcken, in d bat ihn ,„ der auf ben war, icht ſehen hatte den der Kranz aren⸗Lieu⸗ chelte faſt Ue des ge⸗ dagte Ver⸗ pper, Kon⸗ erwartende eſtauration ihrer Lieblinge hoffentlich bald vergeſſen werde, und wendete das Geſpraͤch auf Goldau, auf die dortige Jagd, auf Jorſten und Feldwirthſchaft; erzählte mit gutsherrlicher Wichtigkeit von den Beſitzungen ſeiner Eltern, und von den ungemeſſenen Dienſten der Unterthanen, von den Fortſchritten der Vered⸗ lung der dortigen Schaͤferei, und dergleichen, Pau⸗ linen gaͤnzlich unintereſſanten Dingen mehr, und fragte nun in ſeiner unausſtehlichen Klugthuerei, wie viel Ausſaat Goldau habe; das wievielſte Korn erbaut werde; in welchem Verhaͤltniß der Wieſen⸗ wachs zum Felbbau ſtehe, und ob dort die Dreifel⸗ der⸗oder die Schlagwirthſchaft eingefuͤhrt ſey? Pau⸗ line ſah mit ihren großen lachenden Schelmenaugen den kleinen Neunmalklug luſtig an, blieb ihm die Antwort ſchuldig, und lief mit ihren Bleſſirten zu Bettinen. 7. Der Schloßgarten zu Charlottenburg. unter mehreren Sehenswuͤrdigkeiten der Reſi⸗ denz, die waͤhrend des diesmaligen Aufenthalts in derſelben in Augenſchein genommen wurden, be⸗ fand ſich auch der Charlottenburger Schloßgarten. An einem freundlichen Nachmittage fuhr die ganze Geſellſchaft in mehreren Wagen hinaus. Pauline, welche die ganze Zeit uͤber in der gro⸗ ßen, weitlaͤuftigen Stadt geſteckt hatte, und von dem Gewuͤhl und dem Getreibe der Menſchen auf den Straßen, und von den ſteifen, langweiligen — 20— Geſellſchaften, und den ewigen Gaſtereien ganz wuͤſt im Kopf und Herzen geworden war, lebte auf dem herrlichen, wahrhaft königlichen Wege durch den Thiergarten von neuem wieder auf, und jauchzte laut in die blaue Luft, als ſie in den großen Gar⸗ ten mit ſeinen breiten Gaͤngen, freien Plaͤtzen, und ſinnig geordneten Anlagen trat. Das frohliche Kind blieb in Einem Springen und Tanzen; und erluſtirte ſich abſonderlich an den Faͤhren, auf denen man üuͤber mehrere kleine, den Garten durchſchlaͤn⸗ gelnde Kanale, ſich ſelbſt uͤberſetzen konnte, und an den alten rieſenmaͤßigen, der faſt allgemein ge⸗ glaubten Sage nach, mit Moos bewachſenen Kar⸗ pfen im großen ſpiegelglatten Teiche, die auf den Ruf einer, an der Bogenbruͤcke angebrachten Klin⸗ gel, von allen Seiten herbeieilten, um ſich von den Beſuchenden fuͤttern zu laſſen. Sie hatte die Brocken der, zu dieſem Behufe mitgebrachten Sem⸗ meln und Milchbrode mit gutmuͤthiger Freigebig⸗ keit in den Teich geworfen, und ihre Freude ge⸗ habt, wenn die zahmen Karpfen gekommen, und die ſchwimmenden großen Biſſen dicht zu ihren Fuͤßen weggeſchnappt hatten, klatſchte, als Alles rein aufgezehrt war, in die Hände, und rief den Waſſergaͤſten freundlich bedauernd zu:„nun habe ich nichts mehr,“ und forderte nun Krätzchen auf, mit ihr Zeck oder Haſchens zu ſpielen; Krätzchen aber luͤftete den Hut verlegen laͤchelnd, und er⸗ laubte ſich unter hoͤflichem Achſelzucken die Bemer⸗ kung, wie er glaube, daß ſich in einem koͤniglichen ——ÿ—ÿ—:—˖AOA:—B’:BnBnͤõ— Garte len ſe ſelbig ſchein kutire T faßte firte ten. ſeine nz wuͤſt uf dem rch den jauchzte en Gar⸗ en, und roͤhliche n; und uf denen chſchlaͤn⸗ de, und nein ge⸗ en Kar⸗ auf den en Klin⸗ von den atte die en Sem⸗ reigebig⸗ eude ge⸗ nen, und zu ihren ls Alles rief den nun habe chen auf, Krätzchen und er⸗ e Bemer⸗ oniglichen — 21— Garten ſolches doch wohl nicht recht ziemen zu wol⸗ len ſcheine; auch habe er bis dato, ungeachtet er ſelbigen bei früͤherem Hierſeyn ofters in Angen⸗ ſchein genommen, Spiele der Art hier niemals exe⸗ kutiren geſehen. 8. Musjehken, dat müſſen Se nich thun. 2 Da lachte Pauline, und ſprang zum Vater, er⸗ faßte mit beiden Haͤnden deſſen Linke, und traver⸗ firte an ſeiner Seite luſtig durch den halben Gar⸗ ten. Kratz aber machte ſich ein Vergnuͤgen auf ſeine eigene Hand; der Weg fuͤhrte eben laͤngs ei⸗ ner großen Raſenpartie; da nahm er ſein ſpani⸗ ſches goldbeknopftes Roͤhrchen, legte es dicht an die Stengel der Wieſenblumen, ſchnippte damit raſch in die Hohe, und köpfte fo mehrere hundert. „Musjehken, dat muͤſſen Se nich thun,“ ſagte mit dreiſtem Unwillen ein Straßenjunge, der dem Dinge lange zugeſehen hatte, und ſeine Mißbili⸗ gung nicht mehr dergen zu koͤnnen ſchien,„s ſin man ſchlechte Bluͤmeken, aber ſe gehoͤren alle unſen juten Koͤnig, un wenn der Herr Hofjärtner von Sie Schuͤneken merkt, wird er Se ſchoͤn uf's Kol⸗ let ſteigen.“ 3— Kratz war uber die Tohkuͤhnheit des kleinen Straßen⸗Bengels, der ſich unterſtand, ihm, dem Grafen aus einem der aͤlteſten Häuſer ſeines Lan⸗ des, hier vor allen Leuten eine ſolche Sottiſe in das Geſicht zu ſagen, ſo verbluͤfft, daß ihm, im engſten Sinne des Wortes, der Verſtand ſtill ſtand. In der erſten Wuth wollte er den Stock heben, und dem(Jungen hinter die Ohren hauen; der aber, als er den Blumenkoͤpfer auf einmal wild und vorſtig werden ſah, ſtand kuͤhn und trotzig da, als warte er nur auf den erſten Schlag, um das ge⸗ putzte Musjehten mit einem Griff in den Sand zu werfen, und ihm dann den Reſpekt vor der Ber⸗ liner Straßen⸗Jugend gehörig beizubringen. Kratz⸗ chen ließ daher den krauskoͤpfigen Sansculotten, deſſen dunkelflammende Augen wie Feuerraͤder roll⸗ ten, unangeruͤhrt ſtehen, fluͤchtete, vor Aerger und Bosheit faſt weinend, zum Hofmeiſter, und bat dieſen, waͤhrend die ganze Geſellſchaft uͤber die ko⸗ miſche Zurechtweiſung herzlich lachte, und Pauline dem Bitterboͤſen kleine Ruͤbchen ſchabte, an dem lumpenbedeckten Grobian gerechte Rache zu neh⸗ men. Doch dieſer uberließ ihm ſcherzend, die Eh⸗ renſache ſelbſt auszumachen, rieth ihm aber wohl⸗ meinend, ſie lieber auf ſich beruhen zu laſſen, ein⸗ mal, weil der kleine Ker! an ſich nicht Unrecht ge⸗ habt habe, und dann, weil es ein ſehr gefaͤhrliches Wageſtuͤck ſey, es mit einem dieſer kleinen Teufels⸗ braten aufzunehmen, die durch alle Winkel der Stadt wie Kletten an einander hingen, und von einem ſo gewaltigen esprit de corps beſeelt waͤren, daß Einer fuͤr den Andern ſtehe, und daß daher Ei⸗ nen ihrer Sippſchaft angreifen, einem Heere von mehreren hundert ausgelaſſenen, der tollſten Strei⸗ che faͤhigen wilden Rangen den Krieg ankuͤndigen heiße, weßhalb denn guch, wie die Legende erzaͤhle, Friedr die Er halten theilt nichts Berlin ſtelle. Be fuͤr ge nun l aus de verſich in die ben E gewiß Na tieen trat ſt den E Gruͤn gleiche dieſer ſich eit ren ve De Freun ten in bekan! heben, en; der vild und da, als das ge⸗ Sand zu der Ber⸗ .Krätz⸗ ulotten, der roll⸗ ger und und bat die ko⸗ Pauline an dem zu neh⸗ die Eh⸗ r wohl⸗ n, ein⸗ recht ge⸗ hrliches Teufels⸗ kel der nd von waͤren, aher Ei⸗ ere von Strei⸗ indigen erzaͤhle, — 23— Friedrich der Große den Katholiken, welche ihn um die Erlaubniß, ihre kirchliche Proceſſionen oͤffentlich halten zu duͤrfen, angegangen, den Beſcheid er⸗ theilt haben ſolle, daß im Ganzen dagegen vielleicht nichts einzuwenden ſeyn moͤchte, daß er jedoch ſeine Berliner Jungen dabei wohl zu bedenken, anheim ſtelle. Bei ſo bewandten Umſtänden fand Kraͤtzchen es für gerathener, den dummen Luͤmmel, wie er ihn nun laut ſchimpfte, da der Junge ſich unterdeſſen aus den Augen verloren hatte, laufen zu laſſen; verſicherte aber Paulinen, deren Ruͤbchen ihm bis in die Seele gegangen zu ſeyn ſchienen, den gro⸗ ben Eſel, wo er ihn traͤfe, ſo zu zuͤchtigen, daß er gewiß ſein ganzes Leben daran denken ſolle. 9. Die lange ſtille Allee. Nachdem die Geſellſchaft die intereſſanteſten Par⸗ tieen des weitlaͤuftigen Gartens durchſtreift hatte, trat ſie in einen langen breiten Gang, der auf bei⸗ den Seiten mit hohem Laubholze des dunkelſten Gruͤn, und mit Tannen, Lerchenbaͤumen und der⸗ gleichen duͤſtern Holzarten beſetzt war; am Ende dieſer, im ernſten Styl angelegten Allee, befand ſich ein kleines rempelartiges Gebaͤude, deſſen Thuͤ⸗ ren verſchloſſen waren. Der geheime Rath von Hardegſen, ein alter Freund des Grafen, der, mit den Merkwuͤrdigkei⸗ ten in der Reſidenz und ihren Umgebungen wohl bekannt, den Fuͤhrer der Geſellſchaft machte, halte, — 24— nach der Weiſe umſichtiger Wirthe, ſeinen Gaͤſten das Beſte des Gartens bis zuletzt aufgehoben. Die lautloſe Einſamkeit im langen Gange gab gleich bei'm erſten Eintritt dem kleinen Kreiſe eine ei⸗ gene, der bisherigen lauten Froͤhlichkeit ganz ent⸗ gegengeſetzte Stimmung. Die Abendſonne war im Scheiden; nur die Wipfel der hohen Baͤume waren von ihrem Feuergolde durchpurpert. Die Vögel in den Zweigen ſchlummerten ſchon; nur leiſe Weſt⸗ luͤftchen ſaͤuſelten zuweilen durch das Baumwerk, und ſpielten mit den Blaͤttern der Trauerweide und der Zitterpappel. „Der Tempel mit den Saͤulen da unten am Ende der Allee,“ ſagte der geheime Rath halb leiſe, als wolle er die heilige Stille hier nicht ſtoͤren,„iſt das Mauſoleum; da ruht unſere verklaͤrte Koͤnigin Luiſe.“ Dieſe einfachen Worte trafen alle Herzen. Er ſprach im Weitergehen von ihren Tugenden; vom hohen Reiz ihrer bezaubernden Anmuth; von der ruͤhrenden Liebe des Volks zu der Vollendeten, und von den letzten Stunden ihres Lebens, und ergriff durch die Waͤrme ſeines Vortrags den klei⸗ nen Kreis ſeiner Zuhoͤrer ſo, daß faſt kein Auge trocken blieb. Nur der kleine Graf Pankratius ſchien ſich zu langweilen; wenigſtens nahm er an der ganzen Unterhaltung keinen Theil, ſondern ergoöͤtzte ſich auf ſeine eigene Weiſe, ließ ſein ſpaniſches Roͤhr⸗ chen auf Hand und Naſe balanciren, hieb unter die tan nen un andern Pau Hand, ruͤck, u gen; n Hardeg das Ki ſchmieg zens ſan ben kei mein N Sie Arm de an ihr weg, ei ihnen dem kl dem G neben ſeinen dige At zuhoͤrte tieft, nicht be Mutten um die Koͤnigi nicht ge Claur 4 Gäͤſten die tanzenden Muͤckenſchwaͤrme, und aͤffte Pauli⸗ en. Die nen unbemerkt nach, der ein Thraͤnchen nach dem iab gleich andern über die Wange rann. eine er⸗ Paulinens Mutter nahm das Maͤdchen an die ganz ent⸗ Hand, blieb ein wenig hinter der Geſellſchaft zu⸗ be Waraim ruck, und ſuchte es durch ſanfte Worte zu beruhi⸗ d Whger gen; ward aber, ohnehin ſchon von des ehrlichen eiſe Weſt⸗ Hardegſens Rede weich gemacht, tief geruͤhrt, als aumwerk das Kind ihren Hals umſchlang, ſich feſt an ſie veide und ſchmiegte, und aus der Fuͤlle ſeines kindlichen Her⸗ 3 zens ſagte:„die armen kleinen Prinzen. Sie ha⸗ inten am ben keine Mutter mehr! Stirb Du mir nur nicht, mein Muͤtterchen, mein liebes, liebes Muͤtterchen!“ Sie wollte koſend weiter reden, aber ſie ſah vom Arm der Mutter, die ſie zu ſich heraufgehoben und halb leiſe, ren,„iſt Konigin an ihr Herz gedrückt hatte, uͤber niedriges Gebuͤſch zen. Er weg, einen alten Mann auf einer Bank ſitzen, der en; vom ihnen den Ruͤcken zugekehrt hatte, und ſich mit von der dem kleinen Jungen unterhielt, der vorhin mit lendeten, dem Grafen Kratz angebunden hatte, und jetzt ns, und neben dem Alten knieete, ſeine Ellenbogen auf den klei⸗ ſeinen Schooß ſtuͤtzte, und ihm, das große leben⸗ ein Auge dige Auge auf ſeinen Mund gerichtet, aufmerkſam zuhörte. Beide waren in ihrem Geſpraͤche ſo ver⸗ en ſich zu tieft, daß ſie die hinter ihnen Voruͤbergehenden r ganzen nicht bemerkt hatten, und auch Pauvne und deren goͤtzte ſich Mutter, die Beide einen Augenblick verweilten, les Roͤhr⸗ um die Unterhaltung, die ebenfalls die verſtorbene eb unter Koͤnigin zum Gegenſtande hatte, zu belauſchen, nicht gewahrten. Clauren Schr. LXXV. 3 Der alte Mann mochte wohl faſt eben ſo arm ſeyn, als der kleine Junge, denn der abgeſchabte weißliche Rock mit ſchwarzen Glasknoͤpfen, und die ſchwarzen, bis auf den letzten Faden abgetragenen uUnterkleider ließen eben auf keinen ſonderlichen Wohlſtand ſchließen. Das duͤnne ſchneeweiße Haar war hinten in einem, hier und da ſehr defekten ſei⸗ denen kleinen ſogenannten Reiſe⸗Haarbeutel zuſam⸗ mengebunden, und der abgeriſſene kleine dreieckige, ehedem ſchwarze Hut, war vor Alter aſchgrau ge⸗ worden. Deſſen ungeachtet aber verrieth die Waͤ⸗ ſche des durren Mannchens, das Blanke ſeiner zinnernen Schuhſchnallen, und Geſicht und Hand, die ſorglichſte Sauberkeit. In der, von der Laſt des Kummers uund der Jahre gebeugten Koͤrper⸗ haltung lag etwas Anſtändiges, faſt Zierliches, und ſeine Rede verrieth einen Mann von nicht gemei⸗ ner Bildung. Der kleine Straßen⸗Junge nannte ihn: Herr Magiſter; folglich konnte es ſein Vater nicht ſeyn; auch ſprach dieſer Herr Magiſter einen, von der Berliner Plattſprache des Kleinen durchaus ver⸗ ſchiedenen, auslaͤndiſchen Dialekt. Ueber den alten Menſchen mußte in ſeinem langen Leben viel Har⸗ tes, Herbes weggegangen ſeyn. Im tiefgefurchten Geſichte war der Gram wohl zu leſen, der dieſes Haar gebleicht, der dieſem wohlgebauten Korper ſeine Ruſtigkeit geraubt, der dieſem lebendigen Herzen das ſriſche Blut abgezehrt hatte. In dem ſanften milden Laͤcheln aber, das waͤhrend ſeines Spreche tete, la tene Un Wermut den war von ihn „Abe Kleine Seite, Mann i ſtanden die kind einer he ſem Rat zu verſc Macht l Und daß ihre ihr Her. müth g tugend, die Zaͤrt eine, vo loſer Ar gin gew ſeltene ſer Welt licher Er und ger zuruͤckge ſo arm geſchabte und die ragenen derlichen ße Haar kten ſei⸗ l zu ſam⸗ reieckige, grau ge⸗ die Waͤ⸗ ke ſeiner Id Hand, der Laſt Koͤrper⸗ hes, und ht gemei⸗ n: Herr icht ſeyn; von der daus ver⸗ den alten viel Har⸗ gefurchten der dieſes n Koͤrper ebendigen In dem end ſeines Sprechens ſich oft uͤber ſeine ganzen Zuͤge verbrei⸗ tete, lag der wohlthuende Buͤrge, daß das erlit⸗ tene Unglück unverſchuldet, und daß, trotz allen Wermuths, mit dem ihm ſeine Tage vergaͤllt wor⸗ den waren, dennoch der Frieden ſeiner Secle nicht von ihm gewichen. „Aber mußte ſie denn ſterben?“ fragte der Kleine mit einem Tone, dem man, auf der einen Seite, die tiefe Ruͤhrung anhoͤrte, die der alte Mann in dem Herzen des Kindes zu bewirken ver⸗ ſtanden hatte; in dem, auf der andern aber auch, die kindiſche Ueberzeugung zu liegen ſchien, daß an einer hohen Frau von dieſen Tugenden, von die⸗ ſem Range und von dieſen Mitteln, ſich das Leben zu verſchoͤnern und zu verlängern, der Tod keine Macht haben könne. Und der Alte entgegnete mit ſteigender Waͤrme, daß ihre Seele fleckenlos, ihr Wandel himmelrein, ihr Herz chriſtlich fromm, und engelmild ihr Ge⸗ müth geweſen; daß ſie ein Muſter von Frauen⸗ tugend, die Schoͤnſte auf alien Thronen der Erde, die Zaͤrtlichſte der Muͤtter, die treuſte Gattin, und eine, von ihren Millionen Unterthanen mit beiſiel⸗ loſer Anhaͤnglichkeit und Verehrung geliebte Koͤni⸗ gin geweſen; daß ſolche, in jeder Hinſicht vollendete ſeltene Weſen, hienieden ſchon mehr jener, als die⸗ ſer Welt angehoͤrten; und daher, nach alter menſch⸗ licher Erfahrung, hier nur als geliehen angeſehen, und gewoͤhnlich fruͤh in die Heimath der Seligen zuruͤckgefordert wuͤrden; daß die Voͤlker ihres Reichs 5* — 23— indeſſen vielleicht doch noch einige Jahre laͤnger das Gluͤck hätten haben können, ſie auf dem Throne zu ſehen; daß aber der Schmerz uͤber die Ungluͤcks⸗ Ereigniſſe der letzten Jahre ihres Lebens dies wahr⸗ haft koͤnigliche Herz vor der Zeit gebrochen habe, und daher das treue Volk ſeine verklaͤrte Luiſe als Maͤrtyrerin ihrer landesmuͤtterlichen Liebe verehre, und ihren viel zu fruͤhen Verluſt unvergeßlich be⸗ trauern werde. Dem alten Manno, deſſen fremdlaͤndiſcher Dia⸗ lekt ſeinen herzlichen Worten eine ganz eigene Weich⸗ heit gab, gingen die Augen uber, und der Kleine wiſchte ſich die ſeinigen mit verwendeter Hand, und wollte eine Ungerechtigkeit der Vorſehung darin finden, daß die Verewigte nicht die Genugthuung Gottes erlebt habe, den Feind des Vaterlandes ge⸗ demuͤthigt und beſiegt, und das Reich ſeiner ſchmach⸗ vollen Knechtſchaft wieder entlediget, frei und gluͤck⸗ lich zu ſehen; der Alte aber ließ ihn nicht ausreden, und fuͤhrte ihm das Beiſpiel bes goͤttlichen Erloͤ⸗ ſers an, der auch die Suͤnden ſeines Volks mit ſei⸗ nem Leben habe bezahlen muͤſſen, und dem auch die Freude nicht geworden, die Wiederherſtellung des reinen Glaubens und die chriſtliche Kirche auf Er⸗ den vollkommen begruͤndet zu ſehen, und fuͤhrte den Grundſatz aus, daß der Schmerzenstod der ge⸗ liebten Koͤnigin die Erbitterung ihres Volkes nur noch mehr geſteigert; daß jedes edle Herz von der gluͤhendſten Rachſucht beſeelt worden ſey; daß ganze Regimenter ſich mit dem Feldgeſchrei ihres gehei⸗ ligten N daher ih gefoͤrder! geliebten reichen werde v „Wo Magiſte Verluſt ner eige Pauſe, gewiß ar begraber „Ko ſagte de auf des gehend, des Ha lange 2 fromm wohl ke ſtand, zur Sei in Han Jen die eber Mauſol lich zwe ſeine kl ihr das laͤnger das em Throne Ungluͤcks⸗ dies wahr⸗ dchen habe, e Luiſe als be verehre, egeßlich be⸗ iſcher Dia⸗ gene Weich⸗ der Kleine Hand, und ung darin nugthuung rlandes ge⸗ er ſchmach⸗ und gluͤck⸗ tausreden, ichen Erloͤ⸗ ks mit ſei⸗ em auch die tellung des che auf Er⸗ und fuͤhrte tod der ge⸗ Volkes nur erz von der daß ganze hres gehei⸗ ligten Namens auf den Feind geſtürzt, und daß daher ihr von Millionen beweinter Tod den Sieg gefoͤrdert habe, und daß darum das Andenken der geliebten Koͤnigin als das einer wahrhaft ſegens⸗ reichen Landesmutter in aller Ewigkeit fortleben werde von Geſchlecht zu Geſchlecht. „Wo iſt denn aber nun meine Mutter, Herr Magiſter?“ fragte der Kleine, von dem allgemeinen Verluſt des ganzen Landes auf die Betrachtung ſei⸗ ner eigenen Lage gefuͤhrt, nach langer ſtummer Pauſe, in ſanftes Schluchzen ausbrechend:„die iſt gewiß auch todt, und ich weiß nicht einmal, wo ſie begraben liegt.“ „Kott, unſer Aller Vater, iſt auch Dein Vater,“ ſagte der alte Mann, eine beſtimmtere Antwort auf des Knaben zart⸗kindliche Frage abſichtlich um⸗ gehend, und legte ſegnend ſeine Hände auf des Kin⸗ des Haupt.„Er wird Dich nicht verlaſſen, ſo lange Du ihn treu im Herzen bewahreſt. Bleibe fromm und kut, mein lieber Fritz, ſo wird es Dir wohl kehen auf Erden, Dein Leben lang.“ Er ſtand, da er jetzt die Graͤfin mit Paulinen ihnen zur Seite gewahrte, auf, und ging mit Fritz, Hand in Hand, langſam von danunen. Jene Beiden aber eilten der Geſellſchaft nach, die eben uͤber den blumenumbluͤhten Vorplatz des Mauſoleums ſchritt. Pauline ſah ſich unwillkuͤhr⸗ lich zwei Mal nach dem armen kleinen Fritz um; ſeine klagende bange Frage nach ſeiner Mutter hatte ihr das Herz zerſchnitten; ſie malte ſich die un⸗ — 30— gluͤckliche Lage des Kleinen mit den ſchwaͤrzeſten Far⸗ ben aus; ſie fragte, was dem armen Jungen muͤſſe begegnet ſeyn, daß er nicht einmal wiſſe, ob ſeine Mutter geſtorben, und ſetzte voraus, daß er wahr⸗ ſcheinlich auch ſeinen Vater verloren haben muͤſſe, weil er deſſen gar nicht erwaͤhnt, und haͤtte gern gehabt, daß die Mutter ihr uͤber Alles naͤhere Auf⸗ ſchluͤſſe, oder, da ſie wohl einſahe, daß dies unmoͤg⸗ lich ſey, wenigſtens einigen Troſt gegeben haäͤtte; allein dieſe war, unerklärlicher Weiſe, von dem Auftritte ſo zerſtreut, oder vielmehr ſo ſonderbar bewegt und erſchuͤttert, daß ſie Paulinens kindiſche Fragen gar nicht hoͤrte, und ihr, als ſie jetzt die Stufen zum Todtentempel hinanſtiegen, halb ge⸗ dankenlos zuliſpelte, daß Pauline ſie morgen an die alte Frau erinnern ſolle. 10. Das Mauſoleum. Die Bronce⸗Thuͤren des Mauſoleums oͤffneten ſich; die ſcheidende Sonne warf durch die große klare Spiegelſcheibe ihre milden Abendſtrahlen in den ſtillen Ruheplatz, und Rauchs Meiſterwerk ver⸗ gegenwärtigte die Verklärte. Tiefes Schweigen uͤberfiel die Eintretenden; mit gefalteten Haͤnden umſtellten ſie die in ſanften To⸗ desſchlummer Verſunkene, und als Herr von Hardeg⸗ ſen von ihren letzten Stunden erzaͤhlte, und von der chriſtlichen Ergebung, mit der ſie von ihren Lieben geſchieden; von der ruͤhrenden Anhaͤnglichkeit, mit der, allen Fuͤrſtenhaͤuſern der Welt zum muſterhaf⸗ ten Bo ewig ſ unten ſchmuͤc manche tigen? hier ir des be ſtuͤrmi finden wohnt ihrer ſtrenge Theil lebhaft taͤt, d Hohen geweſe keit ge Wort: geräun dung g Einfach gebluͤh im Her Natiot die Fr ten la um ihr ſeits. eſten Far⸗ gen muͤſſe ob ſeine er wahr⸗ en muͤſſe, aͤtte gern chere Auf⸗ s unmoͤg⸗ en haͤtte; von dem ſonderbar 3 kindiſche ie jetzt die „halb ge⸗ norgen an 3 oͤffneten die große trahlen in rwerk ver⸗ nden; mit anften To⸗ on Hardeg⸗ id von der ren Lieben ckeit, mit muſterhaf⸗ — 31— ten Beiſpiel, der ganze Familien⸗Kreis, an dem ewig ſchmerzlichen Todestage, den in der Gruft unten befindlichen Sarkophag mit friſchen Kraͤnzen ſchmuͤcke; und von dem frommen Sinne, mit dem manches einzelne Mitglied dieſes Kreiſes, bei wich⸗ tigen Veranlaſſungen, ſich hierher begebe, um ſich hier in der ſtillen Abgezogenheit vom Getuͤmmel des bewegten Lebens zu ſammeln, und den in der ſtuͤrmiſchen Welt vermißten himmliſchen Frieden zu finden, der in ihrer ſchoͤnen Seele ſchon hienieden wohnte; und von dem Segen, den das Exempel ihrer Tugenden, ihrer Keuſchheit, ihrer Pflicht⸗ ſtrenge, ihrer Haͤuslichkeit uͤber den weiblichen Theil der ganzen Nation verbreitet habe, und mit lebhafter Rede auseinanderſetzte, wie die Frivoli⸗ tät, die fruͤher wohl unlaͤugbar, namentlich im Hohen⸗ und Mittelſtande, an der Tagesordnung geweſen, vor der Klarheit ihrer ſittlichen Zuͤchtig⸗ keit gewichen, und der gottvergeſſene Leichtſinn in Wort und That frommer Rechtlichkeit das Feld geräumt, und uͤberall Schwelgerei und Verſchwen⸗ dung geflohen, und dagegen das wahre Gluͤck edler Einfachheit Wurzel gefaßt, und gedeihlich empor gebluͤht; und wie auf dieſe Weiſe die Verewigte im Herzen ihres geliebten Hauſes wie ihrer treuen Nation immer noch fort und fort lebe; da ſanken die Frauen und Maͤdchen auf ihre Kniee, und bete⸗ ten lautlos um ſanfte Ruhe fuͤr die Selige, und um ihren Segen aus der Lichtwelt des hoͤhern Jen⸗ ſeits. — 22— 11. Der Maulwurf. Bei der Ruͤckkehr aus dem Mauſoleum fand die Geſellſchaft den alten Mann und Fritz am Ein⸗ gange des Blumen⸗Vorplatzes in lebhaftem Wort⸗ wechſel mit einem Garten⸗Arbeiter, der Beiden, unter Hindeutung auf ihre mangelhafte Bekleidung, mit ſehr harten Ausdruͤcken den Eintritt verwehrte; beſonders ſchimpfte er Fritz einen Berliner Straßen⸗ Bengel, von dem er gar nicht begreife, wie er ſich in den Garten, in den er mit ſeinen Lumpen plat⸗ terdings nicht gehoͤre, habe einſchleichen koͤnnen. Fritz remonſtrirte heftig ausfallend:„Ik hebbe meine jute Koͤhnchen eben ſo lieb, wie jeder Andere. Armuth is keene Suͤnde. Hebbe ik zerriſſene Ho⸗ ſen an, ſo ſin ſe nich janz. Die Berliner Straßen⸗ Bengel, wie he ſe ſchimpft, det waren de Aller⸗ erſten, die ſich an de Koſakken anſchloſſen, as di zur Stadt reiner kamen; und den janzen Krieg durch, hebben wir uns mit de Franzoſen rummer gekeilt, wie brave, rechtſchaffne Jungens; un nu will ſoen Grobian von Garten⸗Maulwurf ſich unter⸗ ſtehn, unſer enen zu ſchimpen, un will mich verbie⸗ ten, unſe jute Koͤhnchen zu ſehn! J, daß Du das Wetter kriegſt.“ Mit den Worten nahm er den Anſatz, und wollte auf den ſogenannten Garten⸗ Maulwurf einſtuͤrmen, aber der alte Magiſter winkte ihm freundlich, und ſagte:„Laß kut ſeyn, mein Kungelchen. Der Mann thut vielleicht, wie ihm befohlen. Du ſiehſt, die Thieren von der Krabſt ſen. l keſchob es und Garte wenn ſeiner hoͤrige Pauli boͤſen lich il holen M vom tet; flatte ſelt ſa „ zum der 4 und die m Ein⸗ Wort⸗ Beiden, eidung, wehrte; ſtraßen⸗ eer ſich en plat⸗ inen. ßk hebbe Andere. ene Ho⸗ btraßen⸗ e Aller⸗ „as di Krieg rummer un nu h unter⸗ verbie⸗ Du das er den Garten⸗ Nagiſter it ſeyn, icht, wie von der Krabſtaͤtte unſerer kuten Koͤnigin ſind ſchon keſchloſ⸗ ſen. Unſertwegen machen ſie nich wieder uf. Uf⸗ keſchoben is nich ufkehoben. En Andermal kluͤckt es uns vielleicht beſſer.“ Damit trollte Fritz, ohne ein Wort zu wider⸗ ſprechen, aber hoͤchſt verdruͤßlich von dannen, denn ihn ſchien vorzüglich zu wurmen, daß die fremden Herren und Damen geyoͤrt hatten, wie ihn der Garten⸗Arbeiter geſchimpft, und ihm ſeine armſe⸗ ligen Lumpen vorgeworfen hatte. Graf Pankratius aber ließ ſich uͤber den Arbei⸗ ter belobend aus, daß er ſolch' Bettelpack im koͤnig⸗ lichen Schloßgarten nicht dulde, und meinte, daß⸗ wenn er an des Mannes Stelle geweſen, der Junge, ſeiner unerhoͤrten Impertinenz willen, fuͤr die ge⸗ boͤrigen Pruͤgel nicht haͤtte Sorge tragen ſollen. Pauline ſtrafte den Gefuͤhlloſen mit einem bitter⸗ boͤſen Blicke, und freute ſich der Mutter, die heim⸗ lich ihre Boͤrſe zog, und den alten Magiſter einzu⸗ holen ſuchte. 12. Der Magiſter. Mit auffallender Theilnahme hatte die Mutter vom Anfange an den lumpenbedeckten Fritz betrach⸗ tet; und waͤre Pauline weniger Kind und weniger flatterhaft geweſen, ſo haͤtte ſie die Urſache dieſes ſeltſamen Antheils wohl aufſpuͤren können. „Es hat mir recht leid gethan,“ hob die Graͤfin, zum Alten gewendet, mit milder Rede an,„daß der Kleine den Zweck ſeines Herkommens verfehlt — ₰— hat, und daß ſeine aͤrmliche Kleidung, die er doch ſelbſt gewiß nicht verſchuldet, die Urſache ſeiner Zu⸗ ruͤckweiſung geworden iſt. Leider iſt faſt uͤberall das Kleid der Maaßſtab, nach dem man den Werth des Menſchen zu beurtheilen pflegt, und wenn es in der ganzen Welt uͤblich iſt, daß der niedern Klaſſe der Zutritt zu landesherrlichen, verſchloſſenen An⸗ lagen verſagt wird, weil allerdings ſonſt mancher Unfug zu befuͤrchten ſeyn moͤchte, ſo rechten Sie nicht mit dem einfaͤltigen Garten⸗Arbeiter, der nur nach dem aͤußern Scheine ſeinen Mann anſieht⸗ und dann freilich in Ihrem kleinen Fritz nicht das verſtändige, wackere Kind ſuchen mag, was er mir, nach dem Wenigen, was ich zufaͤllig von ihm geſe⸗ hen und gehoͤrt, zu ſeyn ſcheint. Damit der arme Junge aber nicht aͤhnlichen unverdienten Kraͤnkun⸗ gen wieder ausgeſetzt iſt, die ihn entweder gegen die Menſchen erbittern, oder ihn vor ſich ſelbſt de⸗ muthigen muͤßten, ſo machen Sie mir die Freude, und verwenden Sie die Kleinigkeit(ſie gab ihm ein Goldſtuͤck) auf die Beſorgung eines paßlichen Anzugs.“ Der Alte, von der unerwarteten Guͤte der Frem⸗ den hoͤchſt uͤberraſcht, wollte in lauten Dank ſich er⸗ gießen; doch die Graͤfin ließ ihn, um die Aufmerk⸗ ſamkeit der Geſellſchaft, die einen Seitengang nach dem Schloſſe zu einſchlug, nicht auf ſich zu ziehen, nicht zum Worte kommen, und fragte nach den El⸗ tern, nach dem Namen und Alter des Knaben, ob er vie gle ich „ liche viel k zen 3 daß e her Thier Eſſen koͤmn daß e gen; Schli ihm Ham da we Die wie i gen das Mut wußt fragt mir ihn i Nier und ſamt 71 er doch ner Zu⸗ uͤberall Werth denn es n Klaſſe nen An⸗ mnancher ten Sie der nur anſieht⸗ icht das er mir, m geſe⸗ er arme raͤnkun⸗ r gegen elbſt de⸗ Freude, ab ihm aßlichen r Frem⸗ ſich er⸗ ufmerk⸗ ng nach ziehen, den El⸗ nben, ob er vielleicht ein Verwandter von ihm ſey, und der⸗ gleichen mehr. „Kutes Matahmchen,“ entgegnete der freund⸗ liche Alte,„uf des Alles kann ich Ihnen nur ſo viel kanz kehorſamſt dienen, daß ich von dem kan⸗ zen Jungen kehn Sterbenswort weiter wehß, als daß er Fritz hehßt. Neun Jahre moͤgen es nu wohl her ſeyn, da ſitze ich enmal am Ceres-Platze im Thierkarten, und kenieße mein Bischen Mittag⸗ Eſſen, en Brodrindchen mit en Stickchen Wurſcht; koͤmmt der klene Junge an mich hran, und wehnt, daß es den Stehn in der Erde haͤtte erbarmen moͤ⸗ gen; ich frage, was ihm fehlt, aber er kann vor Schluchzen kehn Wort herausbringen; wie ich denn ihm endlich zurede, und ſage, nu ſak doch, mei Hampelmännchen, was Du ſo krauſamlich wehnſt, da warſch denn der liebe Hunger, der ihn ſo plagte. Die Mutter kaͤbe ihm nichts zu eſſen, ſagte er, und wie ich ihm denn kab, was ich hatte, fuhr er ſo gaͤl⸗ gen druͤber her, daß es wohl zu kloben war, daß das arme Thierchen niſcht im Leibe hatte. Seinen Mutter⸗Namen wußte er nicht; von dem Vater wußte er kar niſcht. Ich nahm ihn mit mir. Es fragte kehne Menſchenſeele nach ihm; ich knappſte mir die Paar Kroͤſchchen am Munde ab, und ließ ihn in das Intelligenzblatt ſetzen. Es meldete ſich Niemand; da habe ich ihn denn bei mir behalten, und ſo lebeu wir denn kanz ſtille und verknuͤgt zu⸗ ſammen.“ „Sie ſcheinen nicht von hier zu ſeyn,“ hob die — 36— Graͤfin an, um Naͤheres uͤber den alten Mann zu hoͤren, der ſelbſt durch Noth und Mangel zu leiden ſchien, und dennoch großherzig genug geweſen war, das hungrige Kind unter ſein armſeliges Dach aufzunehmen. „J, Herr Jeſes, ne,“ ſagte er, und ſein ganzes Geſicht klaͤrte ſich bei der freudigen Erinnerung der beſſern Vorzeit auf:„ich bin Se aus Leipzig. Ich wohnte uf der Kerwer⸗Kaſſe, und hatte mein ſchoͤnes Auskommen. Bei'm ſeligen Herrn Brehtkopp war ich, wie ich Magiſter geworden war, lange Zeit Correktor, und nachher habe ich mich in Leipzig ſo herumkorrigirt⸗ und habe Stunden kekeben, und mein ſchoͤnes Keld verdient. Sie moͤgen es nu kloben, oder nich, mein kutes Matahmchen, aber ich hatte Jahr aus Jahr ein meine zweihundert Thaler und druͤber. Nu wird de Schlacht bei Jena keſchlagen, und de Fran⸗ zoſen ſtermen uf Leipzig⸗ Meine Frau Wirthin, ein kutes Matahmchen, wandert aus, in's Keberge, hinter Bekde zu ehner Muhme. Se wehß, daß ich en Paar Kroͤſchchen keſammelt. Se braucht Keld⸗ und beſchwatzt mich, daß ich ihr mein kanzes Haab⸗ chen und Paapchen kebe; es betrug ſchoͤne Sieben Hundert verzig Thaler zwoͤlf Kroſchen; dafuͤr kiebt ſe mir ihr kanzes Keſchmeide zum Unterpfande; Ringe und Kreuzchen und Armſpangen und Hals⸗ baͤnder; lauter kute Stehnchen, noch enmal ſo viel werth, als mein ihr keliehenes Suͤmmchen. Der Juvelier, Herr Rehklamm hier aus Berlin, der imme Keſch ſchaͤtzt ſie, d ſie m ruͤck, dafuͤr Proce alſo k nun daß ſ Hem ben bern daß i ſey. nich, lig ſe ſten; Hauf chen, Scha dazu enen ſolche wird, in de hauf! ches kehn un zu leiden war, Dach anzes ig der mein wie ich r, und rigirt, s Keld „mein 6 Jahr Nu 2 Fran⸗ girthin, eberge, daß ich t Keld, 3 Haab⸗ Sieben uͤr kiebt pfande; d Hals⸗ lſo viel n. Der in, der — 57— immer bei uns uf de Meſſe kam, hatte die kanze Keſchichte enmal uf fufzehn Hundert Thaler abke⸗ ſchaͤtzt. Wir machen'n ſchriftlichen Contract; ſtirbt ſie, ohne de Stehnchen einkeloͤſ't zu haben, ſo ſind ſie mein; koͤmmt ſe nach dem Frieden wieder zu⸗ ruͤck, und löſ't die Kleinodien ein, ſo kiebt ſe mir dafur, daß ich ihr aus der Noth keholfen, zehn Procent jaͤhrliche Zinſen. Der Handel an ſich war alſo kanz kuht; aber was paſſirt! Wie de Franzoſen nun wirklich ſchon vor den Thoren ſind, hehſt es, daß ſie uͤberall kepluͤndert, daß ſe de Leute bis uſ's Hemd auskezogen; daß ſe de Diehlen in den Stu⸗ ben ufkebrochen, daß ſe de Leichen aus den Kraͤ⸗ bern uf dem Kottesacker auskekraben haben, und daß uͤber und unter der Erde nichts fuͤr ſe ſicher ſey. Nu uͤberfaͤllt mich ene Todtenangſt, ich wehß nich, wo ich mit meine Stehnchen hin ſoll. Zufaͤl⸗ lig ſehe ich en Loͤchelchen, in dem die Voͤgel zu ni⸗ ſren pflegten, oben uͤber dem Thorwege in unſerm Hauſe. Es war kerade ſo groß, daß das Beutel⸗ chen, in dem mir mein kutes Matahnechen ihren Schatz einkehaͤndigt hatte, hinein paßte, als ob es dazu kemacht waͤre. Da oben ſuchte ken Teufel enen Dreier, keſchweige denn ein Keſchmeide von ſolchem krauſamlichen Werthe. Wie es ſchummrig wird, poſamentirte ich mein Beutelchen unbemerkt in das Loͤchelchen. Die Sperlinge, die darin ge⸗ hauſ't, hatte ich vorher heraus kejagt; kam man⸗ ches braver Eltern Kind damals Monate lang in kehn Beite, konnte ſo en dummer Sperling wohl — 38— och enmal eine Octobernacht unter Kottes freiem Himmel zubringen. Der Kerechte ſoll Erbarmen haben mit ſeinem Vieh, ſteht keſchrieben, und dann wieder: verkauft man nicht fünf Sperlinge um zween Pfennige; noch iſt vor Kott derſelbigen nicht ener verkeſſen. Dieſe heiligen Bibelſpruͤche waren mir im Kriegestrubel entfallen, mein liebes Ma⸗ tahmchen; ich hatte Kotteswort verkeſſen, und dar⸗ um keſchah mir kanz recht, wenn meiner der liebe Kott anch wieder verkahß. Die aus ihrem warmen Neſte von mir unbarmherzig vertriebenen Sperlinge wurden meine Verraͤther. Hoͤren Se nur weiter.— Wie ich kaum mein Depoſitum in Verwahrung ke⸗ bracht, ruͤcken die unkebetenen Kaͤſte in's Quartier; en Offizier und fuͤnfzig Mann; unter andern brin, gen ſe enen offenen Kaleſchwagen mit; der wird, damit er die Nacht uͤber trocken ſtehe, unter den Thorweg keſchoben. Ener von den Soldaten, der Burſche vom Offizier, legt ſich, wahrſcheinlich, daß ihnen der Wagen nich wieder keſtohlen werde, der Laͤnge lang hinein. Den ſolgenden Morgen hieß es, muͤßten ſe wieder ufbrechen. Wir wuͤnſchten ihnen Allen ſchon im Voraus ene klickliche Rehſe, und haͤtten lieber keſehn, ſe waͤren heute Abend ſchon fort keweſen. Wo Euer Schatz iſt, da wird auch Euer Herz ſeyn, ſagt die Schrift. Ich ſchlief de kanze Nacht nich; immer fiel mir mein Beutel⸗ chen im Loͤchelchen ein. Kegen Morgen erſt ſanken mer de Ogenlieder vor Muͤdigkeht zu, und als ich ſe wieder ufſchlug, waren de Franzoſen fort, uͤber alle Ber weg. ruͤhren. ſchreie? vier W ſammen mer ſel zen Ker wie ma und kar daß die verſteckt ſer kute heruͤber kanze K Ogen m der Mo men, u das ver ſe de ka Kerwer ches Ke entſtand von ufk bare Laͤt Lochelche en bluͤn Zippelch baͤndchen das Be⸗ reiem armen dann ge um mnicht waren 8 Ma⸗ d dar⸗ r liebe armen erlinge iter.— ung ke⸗ artier; n brin⸗ r wird, ter den in, der ich, daß de, der en hieß ünſchten Rehſe, Abend da wird h ſchlief Beutel⸗ ſt ſanken dals ich vt, uͤber alle Berge. Mein erſter Kang war unter den Thor⸗ weg. Ich denke, der Schlack ſoll mich uf der Stelle ruͤhren. Das Beutelchen war verſchwunden. Ich ſchreie Zeter laut uf, und ringe de Haͤnde kegen alle vier Winde. Die kanze Nachbarſchaft kommt zu⸗ ſammen; die kuten Leutchen hatten mich alle im⸗ mer ſehrchen lieb kehabt, und ich war in der kan⸗ zen Kerwer⸗Kaſſe bekannt, wie en buntes Huͤndlein, wie man zu ſagen pflegt; ich erzaͤhle mein Unklik, und kann nich bekreifen, wie es moͤglich keweſen, daß die Spuͤrhunde, die Franzoſen, den ſo ſorg ſam verſteckten Schatz herausgeſchniffelt; da kommt un⸗ ſer kuter Herr Nachbar von kegenüber, der Uflader, heruͤber, und loͤſ't mir das Raͤthſel. Der hat de kanze Komoͤdie vom Anfange an mit ſeinen egenen Ogen mit ankeſehen. Kanz in der Fruhe, wie noch der Morgen kedaͤmmert, ſind de Sperlinge kekom⸗ men, und haben in ihr Loͤchelchen gewollt, und da das verſchtoppt, und ſe nich hinein kekonnt, haben ſe de kanze Sperlings⸗Nachbarſchaft aus der kanzen Kerwer⸗Kaſſe zuſammen keholt, und da is en ſol⸗ ches Keflatter und Kezwitſcher vor dem Löchelchen entſtanden, daß der Soldat im Kaleſchwagen da⸗ von ufkewacht iſt. Natürlich faͤllt dem der ſonder⸗. bare Laͤrmen uf; er ſieht unwillkuhrlich nach dem Löchelchen, und bemerkt mit ſichtlichem Befremden en bluͤmerantſeidenes Bändchen, von dem da en Zippelchen herunter bammelt. Mit dem unklicks⸗ baͤndchen nemlich hatte meine kute Frau Wirthin das Beutelchen zukeknuͤppt. Neukierig und ver⸗ — 40— ſchmitzt, wie die damaligen Hallunken alle waren, richtet ſich der Burſche aus ſeinem Wagen in die Hoͤchte. Ein bloßer Kriff, und mein Schatz, mein Ein und mein Alles, mein dreißigjahriges Erſpar⸗ niß, meine Hoffnung fuͤr den Reſt meiner Tage, liegt in ſeinen Haͤnden. Der Generalmarſch raſ⸗ ſelt die Straße heruf; der Soldat ſteckt ſeinen Fund⸗ ohne ihn zu beſehen, in die Bruſttaſche, und in ener halben Stunde ſind Franzoſe, Beutelchen und Bluͤmerantbaͤndchen zum Thore hinaus.— Der Herr hat keboten, daß wir lieben ſollen unſre Fein⸗ de, und bitten ſollen fuͤr die, ſo uns beleidigen und verfolgen. Kutes Matahmchen, das konnte ich in dem Ogenblicke nich, und haͤtte mirſch das Leben koſten ſollen; ich rang mit der Verzweiflung! ich rang mit dem Tode; ich fluchte— Kott im hohen Himmel mag am kroßen Uferſtehungstage darob nich mit mer rechten— ich fluchte dem Frevler im Ka⸗ leſchwagen alles erdenkliche Boͤſe nach, und hatte den Jammer, daß mich die kanze Kerwerkaſſe uͤber meine Dummhet auslachte. Ich lief den Straßen⸗ räubern bis Eutriſch nach; ich wollte, Dieb herausfinden, und ich wollte ihm dann das keſtohlene Khut wieder abjagen. Doch ich kam aus dem Regen iin die Trohfe. Noch hatte ich das Dorf nicht erreicht, als zehn, zwoͤlf Marodeurs uͤber mich herfielen, mir den Mantel vom Leibe riſſen, und die Uhr aus der Ficke zogen⸗ und ich noch Kott danken mußte, daß ich keſundbeenig wieder nach Hauſe kam. ich mußte den In de mein Bis und ſtand meinen L melte mit pelchen; den Rank thin aus Alles kett hundert ſchuldig r wenn ich zahlte. Ich verſil den Erloͤ Reſt nach dem Sch Struͤmpe lehrter. Taͤglit zu ehnen diene ich viel, daß lich mein Schuld, ber Herr ich, mein men zu denn och Graf LXXV varen, in die mein Erſpar⸗ Tage, ch raſ⸗ Fund, und in en und — Der e Fein⸗ leidigen konnte rſch das eiflung! n hohen rob nich im Ka⸗ ad hatte iſſe uͤber Straßen⸗ ußte den ann das kam aus das Dorf bber mich en, und och Kott eder nach — 44— In den erſten Tagen meines Unklicks klobte ich, mein Bischen Verſtand zu verlieren. Wo ich kieng und ſtand, hoͤrte ich Sperlinge zwitſchern, und vor meinen Ogen, ich mochte ſe uf oder zu haben, bam⸗ melte mir Tak und Nacht das Bluͤmerantbandzip⸗ pelchen; und um das Maaß meines Elends bis an den Rand voll zu machen, ſchrieb meine Frau Wir⸗ thin aus dem Keberge, der die Klatſchkevattern Alles ketreulich berichtet hatten, daß ich ihr ſieben hundert neun und fufzig Thaler zwoͤlf Kroſchen ſchuldig waͤre, und daß ſie mich ſetzen laſſen wuͤrde, wenn ich ihr nich Alles von Heller zu Pfennig be⸗ zahlte. Die kute Frau hatte vollkommen Recht. Ich verſilberte alle meine Siebenſachen, ſchikte ihr den Erloͤs, verſprach, als ehrlicher Mann ihr den Reſt nach und nach abzutragen, machte mich, um dem Schimpf des Arreſts zu entkehen, auf die Struͤmpe, und etablirte mich hier als Privat⸗Ke⸗ lehrter. Taͤglich kebe ich verzehn Stunden, die Lektion zu ehnen, och wohl zu zwee Kroſchen; und da ver⸗ diene ich denn doch, bei knapper Lebensweiſe, ſo viel, daß ich meiner kuten Frau Wirthin monath⸗ lich meine zehn, zwoͤlf Thaler, uf Abſchlak meiner Schuld, uͤberſenden kann. Schenkt mir mein lie⸗ ber Herr Kott nur noch en Paar Jaͤhrchen, ſo hoffe ich, meinen ehrlichen Namen mit in's Krab neh⸗ men zu köoͤnnen, und fuͤr meinen klenen Fritz ſoll denn och noch Etwas übrig— Graf Pankratius kam jetzt, von der Geſellſchaft LXXV. 4 abgeſendet, halb athemlos,Lund meldete, daß dieſe langſt den Garten verlaſſen, und ſich bereits in ihre Wagen geſetzt habe, und, um abfahren zu koͤnnen, f nur auf die Graͤfin und Paulinen warte. Der alte Magiſter bat kanz kehorſamſt um Ver⸗ zeihung, daß er mit ſeinem Keſchwaͤtz ſo lange be⸗ ſchwerlich keweſen, und empfahl ſich eiligſt. Graf Kratz aber aͤffte dem gutmuͤthigen, rechtlichen Manne ſeinen Dialekt nach, und in ſeinem haͤmiſchen Lä- cheln lag die ſtumme Verwunderung, wie man an dem Klatſch eines ſo einfaͤltigen gemeinen Menſchen ſolch' Gefallen finden, und daruͤber eine der reſpek⸗ tabelſten Geſellſchaften des Landes vergeſſen koͤnne. Pauline aͤrgerte ſich uͤber die unwillkommene Stoͤrung, ſie haͤtte dem alten freundlichen Manne 5 noch eine Stunde zugehoͤrt, und eben, als er von Fritz angefangen, war der unausſtehliche Kratz ge⸗ kommen. 4 Fritz— auf dem Platze vor dem Schloſſe ergoͤtz⸗ ten ſich mehrere wohlgekleidete kleine Knaben am Ballſpiele. Einer von ihnen mußte am Keichhuſten leiden, oder ſich uͤberhitzt haben; ein Anfall von Uebelkeit wandelte ihn ſchnell an, er lief vom Spiel, wendete ſich gegen eine der dort ſtehenden Linden, und beugte ſich appellando vorn uͤber; Fritz bemerkte dies kaum, als er eilig herbeiſprang, mit treu⸗ herziger Gutmuͤthigkeit zu dem Kleinen ſagte: „Junge, Du bekälberſt Dir wohl? warte, ik will Dich den Kopp halten,“ den verſprochenen Liebes⸗ dienſt theilnehmend verrichtete, und dann, ohne geſte die o Doch ſchien gene gelte legen dieſe gen 3 tine kung ſchim und! niedr ren wurf ſchaft habe daß dieſe its iu ihre zu koͤnnen, — 3 ſt um Ver⸗ o lange be⸗ gſt. Graf* hen Manne miſchen Lä⸗ die man an n Menſchen der reſpek⸗ ſen koͤnne. villkommene hen Manne als er von he Kratz ge⸗ hloſſe ergoͤtz⸗ Knaben am Keichhuſten Anfall von f vom Spiel, aden Linden, ritz bemerkte 3, mit treu⸗ inen ſagte: arte, ik will henen Liebes⸗ dann, ohne — 43— den Dank des Gepflegten abzuwarten, in luſtigen Bogenſätzen fortſprang. Pauline, der dieſer charakteriſtiſche Zug von na⸗ tuͤrlicher Gutherzigkeit nicht entgangen war, ſah ſich waͤhrend der Heimfahrt nach dem ſeltenen klei⸗ nen Straßenjungen, der ihr, wie der rohe Brillant in ihres Vaters Mineralien⸗Sammlung vorkam, uͤberall um, aber ſie gewahrte ihn nirgends. 13. Mad ame Schneller. Den folgenden Morgen erinnerte Pauline, der geſtern erhaltenen Weiſung gemaͤß, ihre Mutter an die alte Frau, und fragte, wer das eigentlich waͤre. Doch die Mutter überhoͤrte abſichtlich die Frage, ſchien durch den Gedanken an die alte Frau unan genehm beruhrt, ſchrieb ſofort einige Zeilen, verſie gelte ſie, ſchickte damit ihren Jaͤger in eine der ent legenſten Straßen der Reſidenz, und erhielt durch dieſen zur Antwort, daß Madame Schneller mor⸗ gen die Ehre haben werde, aufzuwarten. Im Abgehen erlaubte ſich der Jaͤger gegen Bet⸗ tine im Vorzimmer, die der Graͤfin hoͤrbare Bemer⸗ kung, daß ſich in dem Berlin doch Alles Madame ſchimpfen laſſe. Die Frau haͤtte vor lauter Schmutz und Unſauberkeit von oben bis unten geſtarrt; die niedrigſte Viehmagd zu Hauſe waͤre bei ihrer ſchwe⸗ ren Arbeit appetitlicher anzuſehen, als dieſer Weg⸗ wurf von Frauenzimmer; aber die ganze Nachbar⸗ ſchaft habe ſte Ma dame Schneller titulirt, und ſo habe er ſie auch ſchon nennen muͤſſen, wenn er von ihr nicht ein Aufgebot habe riskiren wollen, mit dem ſie nicht ſehr hinter'm Berge zu halten ge⸗ ſchienen. Die Graͤfin kam am folgenden Morgen in ihrem Wagen, abſichtlich ohne Jaͤger und Bedienten, bis zu den Zelten, ſtieg da aus, und fand an dem, in ihrem Billette bezeichneten Orte, unweit des prinz⸗ lichen Luſtſchloſſes Bellevue, Madame Schneller, die ſich einmal rein geſcheuert hatte, und recht ho⸗ norig ausſah; ſie kuͤßte der Graͤfin, mit uͤbertriebe⸗ ner Devotion, Rock und Hand, ſtellte ihren lieben gutgearteten Pflegeſohn Friedrich vor, lobte den Kleinen wegen ſeines exemplariſchen Fleißes und Wandels, nannte ihn das beſte Kind in ihrer gan⸗ zen Straße, pries ſeine douſen Manieren, an de⸗ nen man gleich ſehe, daß das nicht von gemeiner, ordinairer Abkunſt ſey, und warf die ſpekulative Aeußerung hin, daß, wenn ſie das liebe Herzefritz⸗ chen nur noch fuͤnf bis ſechs Jahre bei ſich haben werde, ſie gewiß mit ihrer Erziehung Ehre einzu⸗ legen hoffen duͤrfe. War das ein widriges Geſicht, der kleine Fried⸗ rich! Kränklich, grillenhaft, leichenweiß ſtand er faſt unbeweglich da, und drehte die ſonderbar rol⸗ lenden Augen bald zur Graͤfin, bald zur geliebten Pflegemutter, mit der er auf ſehr geſpanntem Fuße zu ſtehen ſchien, empor. Die Graͤfin uͤberwand ſich einige Male, verſchie⸗ dene Fragen an ihn zu richten; allein er klotzte ſie unver wendet an, ohne eine Sylbe zu antworten, und ir lag die Pfleger der ſie nen uͤl ſey. Di Sie li din, i angen ertraͤg kuͤrzte Kleine Pflege mit de ſie zu Fruͤhſ ſie, ſo ten z nur d zu kon eigene ſich, v Gebuͤf Haare die, n auch woͤrte mutte ihn m n, mit ten ge⸗ ihrem en, bis em, in 3 prinz⸗ hneller, echt ho⸗ ertriebe⸗ n lieben bte den zes und rer gan⸗ ,an de⸗ emeiner, ekulative derzefritz⸗ ich haben re einzu⸗ ine Fried⸗ ſtand er erbar rol⸗ geliebten tem Fuße , verſchie⸗ klotzte ſie ntworten, und in ſeinem tuͤckiſch grinzenden Blinzel⸗Blicke lag die Verſicherung, daß an Allem, was die theure Pflegemama Schneller von ſeiner Bloͤdigkeit, mit der ſie ſein Schweigen entſchuldigte, wie von ſei⸗ nen uͤbrigen Tugenden erzaͤhle, kein wahres Wort ſey. Die edle Graͤfin zitterte vor innerm Unmuthe. Sie litt in der Seele ihrer ungluͤcklichen Freun⸗ din, in derem Auftrage ſie hier war, bei der un⸗ angenehmen Erſcheinung des Knaben und der un⸗ ertraͤglichen Madame Schneller, unausſprechlich, kuͤrzte daher die Konferenz moͤglichſt ab, gab dem Kleinen das ihm beſtimmte Goldſtuͤck, und der Pflegemutter mehrere dergleichen, und entließ ſie mit dem Auftrage, nach dem Hofjaͤger zu gehen, wo ſie zu Wagen auch hinkommen, und ein kleines Fruͤhſtuͤck beſorgen werde. Statt deſſen aber eilte ſie, ſobald Beide ſich entfernt hatten, nach den Zel⸗ ten zuruͤck, warf ſich in den Wagen, und ließ, um nur den widerwaͤrtigen Menſchen aus dem Geſichte zu kommen, moͤglichſt raſch nach Hauſe fahren. Mit eigenen Augen hatte ſie ſehen muͤſſen, wie Beide ſich, von ihr ſich unbemerkt glaubend, hinter dichtem Gebuͤſch, der erhaltenen Goldſtuͤcke wegen, in die Haare geriethen; der Junge wollte wahrſcheinlich die, welche die theuere Madame Schneller erhalten, auch noch haben, warf mit den niedrigſten Schimpf⸗ woͤrtern um ſich, und ging, da die werthe Pflege⸗ mutter, auch nicht unter den feinſten Ausdruͤcken, ihn mit einer ſoliden Dachtel regalirte, mit grim⸗ — 46— miger Wuth auf die Frau los. Den Ausgang die⸗ ſer Graͤuel⸗Scene abzuwarten, wäͤre der zartfuͤh⸗ lenden Grafin unmöglich geweſen; ein unaufhalt⸗ ſamer Thraͤnenſtrom entſtuͤrzte ihrem Auge. Sie hatte ſich gefreut, das ſchoͤne Ebenbild ihrer heute noch liebenswuͤrdigen Jugend⸗ Freundin zu ſehen, und in dem Herzen des ſchuldlos verwaiſ'ten Kin⸗ des die Tugenden ſeiner Mutter zu finden. Was ſollte ſie dieſer jetzt berichten! Die Wahrheit ſollte und mußte ſie ſagen. An dieſem, an Koͤrper und Seele verwahrloſ'ten Kinde erlebte, wenn Gott nicht noch Wunder that, kein Menſch Freude. Aus dieſen Haͤnden mußte es je eher je lieber! heute noch! Aber wohin! Sie entwarf zehn Plaͤne, aber ſie verwarf ſie eben ſo ſchnell wieder, denn keiner ließ ſich ausfuͤh⸗ ren, ohne den Schleier des Geheimniſſes, der auf dieſem Begevniſſe ruhte, und jetzt wenigſtens nicht angeruͤhrt werden durfte, zu zerreißen oder doch zu luͤften. Der kleine Fritz bei'm alten Magiſter! Was war das in ſeinen zerlumpten, zerriſſenen Hoͤschen gegen den geſchmacklos albern herausgeputzten, an Leib und Seele ungeſunden, und, ſeinem eben mit der Pflegemutter erlebten Auftritte nach zu urthei⸗ len, gewiß boͤswilligen Friedrich, fuͤr ein friſcher, lebenskraͤftiger, praͤchtiger Junge! Wenn das Auge der Spiegel der Seele iſt, ſo las ſich aus den ſchwar⸗ zen Feuerſternen des muntern Fritz froͤhlicher Sinn, gerade Ehrlichkeit und die gutmuͤthigſte Unſchuld gang die⸗ zartfuͤh⸗ naufhalt⸗ ige. Sie rer heute zu ſehen, ten Kin⸗ en. Was heit ſollte örper und enn Gott ude. Aus er! heute erwarf ſie h ausfuͤh⸗ „ der auf ſtens nicht oder doch ter! Was n Hoͤschen utzten, an neben mit zu urthei⸗ in friſcher, das Auge den ſchwar⸗ icher Sinn, e Unſchuld — 47— heraus; in dem ſcheuen Auge des ungluͤcklichen Friedrich aber buchſtabirte man ſich nichts, als platte Gemeinheit, Stumpfſinn, grobe Unſitte und haͤmi⸗ ſche Bosheit zuſammen. Wenn doch ein Tauſch möglich waͤre! wollte die bekuͤmmerte Graͤfin in ih⸗ rem wortloſen Monologe hinzuſetzen, aber ſie mußte lachen, denn Fritz, der kleine fidele Kerl, ſtand am Wege, zog, als er ſie erkannte, vor Freude, ſeine guͤtige Goͤnnerin ſo unvermuthet wieder zu finden, hoͤchſt vergnuͤgt ſein Muͤtzchen, und galoppirte in luſtigen Kreuz⸗ und Querſprungen mit den Pfer⸗ den, die nicht ſchlecht auftraten, um die Wette. 14. 4 Die Samariterin. Der arme kleine Junge ſtrengte ſich nichtzabſicht⸗ los ſo an. Madamken hat, dachte er in ſeinem Sinne, keinen Bedienten bei ſich; ein gewoͤhnlicher Erwerbszweig der loͤblichen Berliner Straßen⸗Ju⸗ gend iſt, in ſolchen Fällen das Bedienten⸗Surrogat zu ſpielen, und den Wagenſchlag zu oͤffnen, wo⸗ bei denn eine freigebige Spende der Ausſteigenden in der Regel nicht auszubleiben pflegt. Die Graͤfin hielt unter den Linden vor einem palaſtaͤhnlichen Hauſe. Fritz ſprang ſchweißbedeckt und athemlos herbei, und ſtreckte emporhuͤpfend ſein Haͤndchen aus, um den Griff der hohen Wagenthuͤr zu erreichen; ein Schub des Jägers aber, der vor dem Hauſe geſtan⸗ den, und die Rückkunft der Graͤfin abgewartet hatte, warf ihn mit einem groben„will der Schlingel wohl — 48— ſich packen?“ weg, daß das Kind mit dem Koͤpfchen gegen einen Granit⸗Pfeiler flog, und eine Weile⸗ zum Gaudium des umherſtehenden rohen Bedien⸗ tenhaufens, beſinnungslos liegen blieb, dann ſich aber aufraffte, die Stirne ſich mit beiden Haͤnden hielt, und ſtillweinend um die Ecke ſchlich. Die Graͤfin ſah von dem Auftritte nichts, denn ſie ward vom Herrn von Hardegſen, der gekommen war, mit ihr eine Landpartie zu verabreden, in Empfang genommen, und in das Haus gefuͤhrt. Paulinen aber, die vom Fenſter aus des Jaͤgers unverantwor tliche Mißhandlung mit angeſehen, wollte das Herz von einander brechen; ſie lief dem Jaͤger entgegen, fuhr ihn mit ungewohnter Hef⸗ tigkeit an, und verlangte, daß er ſein Unrecht wie⸗ der gut machen, den kleinen Knaben wieder aufſu⸗ chen und fuͤr einen Arzt ſorgen ſolle, der nachſehe, ob die Verletzung gefaͤhrlich. Der Jaͤger jedoch lachte, und meinte, daß an ſolcher Teufelsbrut nicht viel gelegen, und daß es recht gut waͤre, wenn der Henker alle Tage ſolch' einen Galgenſtrick hole; da kehrte Pauline ſchnell um, denn ſie konnte der Thraͤuchen nicht wehren, die ihr vor Unmuth uͤber den Barbaren aus den Augen ſchoßen; ſie wollte zur Mutter, und dieſer ihr Leid klagen; doch da war Geſellſchaft; in der Angſt ihres Herzens ſtahl ſie ſich heimlich die Treppe hinab, ſchob mit Fluͤ⸗ gelſchritten um die Ecke, und ſah in die ewig lange von Menſchen⸗Gewuͤhl bedeckte Straße; aber der Kleine war verſchwunden. Ge ſie zo weiter Er irgenn und riche, tung S ihrem Haus Schre Fr weint „9 und n ſie die auf, z te, da „9 fen!“ nahm band vor A der ve Engel ſchon ander! einer Clau toͤpfchen Weile⸗ Bedien⸗ nn ſich Haͤnden s, denn kommen den, in gefuͤhrt. Jaͤgers geſehen, lief dem ter Hef⸗ echt wie⸗ r aufſu⸗ nachſehe, er jedoch rfelsbrut re, wenn rick hole; unte der uth uͤber je wollte doch da ens ſtahl mit Fluͤ⸗ vig lange aber der — 49— Getäͤuſcht in ihrer mitleidigen Hoffnung ſtand ſie zoögernd eine Weile, und wußte nicht, ob ſie weiter gehen oder umkehren ſolle. Er konnte, vom Schmerze uͤberwaͤltigt, ja in irgend ein Haus gegangen und umgeſunken ſeyn; und waren alle Menſchen ſolche gefuͤhlloſe Wuͤthe⸗ riche, wie der Jaͤger, ſo ſtarb der Knabe ohne Ret⸗ tung und Erbarmen. Sie ging langſam, und ohne ſelbſt recht mit ihrem Plane eins zu ſeyn, weiter, und ſah in jede Hausthur. Hinter der dritten hoͤrte ſie zu ihrem Schrecken Etwas wimmern. Sie trat raſch naͤher. Fritz ſaß im Winkel mit blutendem Kopfe, und weinte bitterlich. „Mein armer Fritz!“ rief ſie theilnehmend, und wollte vor Kummer und Angſt vergehen, als ſie die blutige Stirn ſah; er aber ſprang behende auf, zwang ſich, freundlich zu laͤcheln, und verſicher⸗ te, daß das nichts zu bedeuten habe. „Mein Gott im Himmel, wie iſt Dir zu hel⸗ fen!“ ſagte Pauline vom zarteſten Mitleid geruͤhrt, nahm ihr batiſtenes, ſaubergeſticktes Taſchentuch⸗ band es dem Kleinen um den Kopf, und bat ihn, vor Allem gleich zum Doktor zu gehen; doch Fritz, der von der uͤberraſchenden Huͤlfe des mildreichen Engels in der Geſtalt des gräflichen Kindes ſich ſchon geheilt fuͤhlte, meinte, da wuͤrden ihn die andern Jungens ſchoͤn auslachen, wenn er ſolch' einer Kleinigkeit halber gleich zu einem Doktor Clauren Schr. LXXV. 5 laufen wollte; auch legten die, wenn ſie nicht Geld ſaͤhen, keine Hand an. Pauline machte ſich im Aerger uͤber ſich ſelbſt⸗ daß ſie auch keinen Dreier bei ſich habe, die bitter⸗ ſten Vorwuͤrfe; aber wo haͤtte ſie auch in der Eile und bei dem Schrecken gleich an Alles denken koͤn⸗ nen! Mit Blitzesſchnelle war ſie mit beiden Haͤn⸗ den am rechten Oehrchen, machte ſich den goldenen Schlangenkopf aus, drückte ihn, fröhlich, dem ar⸗ men Jungen doch wenigſtens Etwas geben zu koͤn⸗ nen, mit der Weiſung, das Ding zu verkaufen, und den Erlös dem Doktor anzubieten, in die Hand, und verſchwand, denn von der Treppe des Hauſes, in dem ſie ſtand, kamen mehrere Perſo⸗ nen, von denen ſie nicht geſehen ſeyn wollte. Von der ſeligſten Freude des Menſchen, von der Freude, etwas Gutes gethan zu haben, getra⸗ gen, ſchwebte ſie leicht, wie auf Himmels⸗Fittichen⸗ in ihre Wohnung zuruͤck, und freute ſich, hier zu bemerken, daß ſie nicht vermißt worden war⸗ 15. Der Rittmeiſter. Pauline lag die folgenden Tage, wenn ſie nur einen Augenblick frei hatte, beſtändig im Fenſter. Fritz, meinte ſie, mußte ja einmal vorbeikommen, und ſich zeigen, um ihr die Beruhigung zu geben, daß er wieder geſund ſey. Er kam nicht. cht Geld h ſelbſt, e bitter⸗ der Eile ken koͤn⸗ een Haͤn⸗ goldenen dem ar⸗ 1 zu koͤn⸗ erkaufen, „in die reppe des re Perſo⸗ Ulte. hen, von en, getra⸗ Fittichen, H, hier zu war. in ſie nur n Fenſter. eikommen, zu geben, — 51— Er wußte, wo ſie wohnte; denn er hatte ja die Mutter vor ihrem Hauſe ausſteigen geſehen. War er krank?— war er todt? Oder hatte er das Tuch aus Noth vielleicht auch verkauft, und gedacht, er muͤßte es als blos geliehen anſehen, und wieder bringen, und ſchaͤmte er ſich nun, das nicht zu koͤnnen?. In Theater, Conzert und kleine Familienzir⸗ kel, uͤberall, wo ſie hinging, verfolgte ſie die un⸗ ausweichliche Unruhe, was der arme Junge mache. Zu ihm zu ſchicken, hatte ſie Niemand; ſie hätte ſich am liebſten ſelbſt gern auf den Weg gemacht; aber wußte ſie denn die Huͤtte, in der er hauſ'te? Die Mutter war die unerwartete Botin, die ihr die erſte Nachricht wieder von ihm brachte. Dieſe war an einem der folgenden Morgen mit einigen Freundinnen ausgefahren, und erzaͤhlte nach ihrer Ruͤckkunft bei Tiſche, daß ſie in der Ge⸗ gend des Ceres⸗Platzes ausgeſtiegen wären, und den Thiergarten zu Fuß durchwandelt hätten. An der Rouſſeau⸗Inſel habe Musje Fritz, eine Papier⸗ Muͤtze auf dem Kopfe, ein Paar rothe Wollbuͤſchel ſtatt der Epauletts auf den Achſeln, und einen hölzernen Sabel an der Seite, mit einem ganzen Troß Straßenbuben, bivouakirt. Das Lager ſey foͤrmlich mit Vedetten umgeben geweſen. Als ſie naͤher gekommen, habe eine derſelben ſie angeru⸗ fen, worauf ſofort der ganze Bivouak aufgeſprun⸗ gen ſey, ſich auf die, an Bindfaden⸗Zuͤgeln in Be⸗ reitſchaft geſtandenen Zaunpfaͤhle geſchwungen habe, 5.*— und, Fritz an der Spitze, im Parademarſche ange⸗ ritten gekommen ſey. Fritz habe, als ſie ſtill ge⸗ ſtanden, und dem luſtigen Kinderſpiele mit Ver⸗ gnuͤgen zugeſehen, die Schwadron en Fronte auf⸗ marſchiren, und das Gewehr praͤſentiren, nachher aber mehrere Schwenkungen und Evolutionen aus⸗ fuͤhren laſſen, woruͤber ſie ihm ihre allerhoͤchſte Zu⸗ friedenheit laut zu erkennen zu geben nicht erman⸗ gelt, und ihn aus Scherz Herr Lieutenant titulirt haͤtten; er habe aber ganz ernſthaft erwiedert, daß er Rittmeiſter von der Schwadron ſey, daß er die⸗ ſelbe ſchon vor langer Zeit im Thiergarten und am Unterbaum und in der Friedrichsſtadt zuſammen geworben, und ſie mit dem alten Huſaren⸗Korpo⸗ ral Eiſenſtein tuͤchtig einexercirt habe; und daß er jetzt hier bivouakire, weil er, wie er durch Spione erfahren, in dieſen Tagen von den Jungens aus dem Voigtlande uͤberrumpelt werden ſolle; daß er ſich indeſſen auf ſeine Schwadron verlaſſen koͤnne, und die Voigtlaͤnder, wie er ſich ausgedruͤckt, fuͤr hoͤlliſche Keile nicht ſorgen ſollten. Die Graͤfin haͤtte ihn nachher gefragt, ob denn ſein Herr Magiſter ihm, von dem ihm dazu beſtimmten Gelde, noch keinen andern Anzug beſorgt habe? Fritz aber hätte entgegnet, daß, wenn er beſſer angezogen wäͤre, als die andern Jungen, dieſe ihn nur hohnnecken, und keine Viertelſtunde mehr mit ihm ſpielen wuͤr⸗ den; und daß er daher den Herrn Magiſter gebe⸗ ten habe, ihm das Geld bis zum Winter aufzu⸗ heben, wo er dann dafuͤr bei einem Artillerie⸗Un⸗ teroffi gen ſe nehme 27 die ge an de ſen, 1 drone genbli ſten V und n eierpla kein. ſich m mel, ſtrich ſ und u in ſau gen. der kr uns,z zu red hen; men! rigen unſern Pa Kriegt ſpreche merkſa che ange⸗ ſtill ge⸗ nit Ver⸗ inte auf⸗ nachher nen aus— ſchſte Zu⸗ t erman⸗ ttitulirt dert, daß ß er die⸗ und am iſammen 1⸗Korpo⸗ d daß er Spione gens aus ; daß er n koͤnne, uͤckt, fuͤr ffin haͤtte Magiſter lde, noch ber haͤtte en waͤre, hnnecken, elen wuͤr⸗ ſter gebe⸗ er aufzu⸗ llerie⸗Un⸗ teroffizier, der Schanzen und Waͤlle und Feſtun⸗ gen ſehr ſchoͤn malen koͤnne, Stunden im Zeichnen nehmen wolle. „Die Generalin,“ fuhr die Graͤfin fort,„und die geheime Raͤthin zogen, in ſtillem Wohlgefallen an dem kleinen drolligen Rittmeiſter, ihre Boͤr⸗ ſen, und wollten ihm und ſeiner braven Schwa⸗ dron eine Kleinigkeit verehren; allein in dem Au⸗ genblicke kam ein kleiner Sanskulotte vom aͤußer⸗ ſten Vorpoſten in geſtreckter Karriere angeſprengt, und meldete, daß die Voigtlaͤnder uͤber den Exer⸗ cierplatz in vollem Anmarſche ſeyen. Da war nun kein Haltens mehr; unſer Rittmeiſter ſchwenkte ſich muthig auf ſeinen zauupfaͤhligen Grauſchim⸗ mel, druͤckte ſich die Papiermuͤtze auf die Ohren, ſtrich ſich das Baͤrtchen, kommandirte Marſch, Marſch, und unter lautem Halloh flog die Heldenſchaar fort, in ſauſendem Galopp, der blutigen Schlacht entge⸗ gen. Die Generalin, die ſich an dem Waffeneifer der kriegeriſchen Jugend weidlich ergoͤtzte, beredete uns, zu folgen, und, mit dem Herrn Rittmeiſter zu reden, die Keilerei aus der Ferne mit anzuſe⸗ hen; allein wer konnte den Vogelſchnellen nachkom⸗ men! Eine Staubwolke, die hinter dem kampfgie⸗ rigen Heerhaufen himmelhoch aufging, entzog ſie unſern Blicken.“ Pauline hatte in den letzten Jahren zwanzig Kriegsberichte aus den Zeitungen vorleſen und be⸗ ſprechen gehoͤrt, aber keinen mit ſo geſpannter Auf⸗ merkſamkeit, als das eben vorgetragene Buͤlletin — 54— der Mutter, das der kleinen Tiſchgeſellſchaft viel zu lachen, und ſpaäͤterbin reichlichen Stoff zu der ern⸗ ſten Betrachtung uͤber das Schickſal dieſer kraͤftigen Straßen⸗Jugend gab, unter der gewiß mancher herrliche Kopf ſich befinde, der aber, durch Mangel an Erziehung, und durch ſchlechtes Beiſpiel, von der fruͤbeſten Kindbeit an verwildere, und meiſt fuͤr ſein aanzes Leben verloren gehe. Ein alter Arzt, der mit an der Tafelrunde ſaß, und das, unter dieſer niedrigen Klaſſe des Pöbels herrſchende unermeßliche Elend aus viellähriger Er⸗ fahrung zu kennen ſcdien, aͤußerte im Unmuthe uber das ſchreckliche Schickſal dieſer, mehrentheils von augenblicklicher Sinnenluſt in die Welt gewor⸗ fener, und dann vom unveranrwortlichen Leichtſtune der Eltern, dem lieben Herr Gott, oder dem Zufall, oder dem Teufel preisgegebener ungluͤcklicher Kin⸗ der, die grauſame Meinung, daß es am beſten waͤre, es kaͤme alle Jahre eine Seuche uͤber die kleine Brut, die ſie gleich in dem erſten Momente nach ihrer Geburt von der Weit nähme die meiſten ſtuͤrben ohnehin vor Hunger, und aus Mangel an Pflege, zum ewigen Fluche derer, die ſie gezeugt und gebo⸗ ren; aber viel zu viel blieben noch leben, und von Hundert derſelben fielen neun und neunzig dem Staate als Kruͤppel und ſieche Kreaturen, oder als werthloſe, nichtsnutzige Tagediebe, Vagabunden und Verbrecher, zeitlebens zur Laſt. Von oben herab geſchehe zwar alles Moͤgliche, die Lage dieſer Jammergeſchoͤpfe zu verbeſſern; ſo lange aber das — Geſind zu all ſamme laͤnglie der T Wittn trage Vater in der oder men ſ waͤrtig duͤrfn gezoge tigen thaͤtig zen, großer ſer K viel zu er ern⸗ ͤftigen nancher Nangel l, von )meiſt de ſaß, Pöbels ger Er⸗ umuthe entheils gewor⸗ chtſtune Zufall, er Kin⸗ n waͤre, e Brut, d ihrer ſturben Pflege⸗ id gebo⸗ und von ig dem oder als bunden don oben e dieſer ber das — 55— Geſindel, das Jahr aus Jahr ein in die Reſidenz zu allen Thoren einſtroͤme, ſich mit einander zu⸗ ſammen thun oder ſich heirathen köͤnne, ohne hin⸗ länglichen Erwerb nachzuweiſen, ſo lange nicht je⸗ der Trauung die Einſchreibung in die allgemeine Wittwen⸗Kaſſe mit einem verhaͤltnißmäßigen Bei⸗ trage vorangehen muͤſſe, und ſo lange nicht der Vater eines außer der Ehe erzeugten Kindes, der in der Regel immer als der Verfuͤhrer der Mutter, oder wenigſtens als der ſchuldigere Theil anzuneh⸗ men ſey, zu einem viel bedeutendern, dem gegen⸗ waͤrtigen Werthe der unentbehrlichſten Lebensbe⸗ duͤrfniſſe angemeſſenern Verpflegungs⸗Satze heran⸗ gezogen werde, ſo lange ſehe er, nach ſeiner einfaͤl⸗ tigen Anſicht, keine Moͤglichkit ein, dieſen mild⸗ thaͤtigen Verbeſſerungswunſch in das Werk zu ſez⸗ zen, und ſo lange werde das, leider faſt in allen großen Staͤdten ſich gleiche Loos der Mehrzahl die⸗ ſer Kinder, von denen es beſſer waͤre, daß ſie das Licht dieſer ſchoͤnen Welt gar nicht erblickt haͤtten, ein ungluͤckliches ſeyn. Die Stimmung der Geſellſchaft war durch die wohlgemeinte Auseinanderſetzung des redlichen Arz⸗ tes in das Ernſte übergegangen, und bei einigen Stellen ſeiner Rede hatte die Graͤfin, in der Seele ihrer abweſenden Jugendfreundin, tief verletzende Stiche in das mitfuͤhlende Herz bekommen. 16. Das Schlangenköpyfchen. Mit weicher muͤtterlicher Theilnahme kam ſie auf den armen Fritz zuruͤck; meinte, daß aus dem Knaben, deſſen offenes Geſicht Talent und Anlage zu allem Guten verrathe, bei irgend umſichtiger Leitung, gewiß einmal ein recht brauchbarer Menſch werden könne; troͤſtete ſich einigermaßen damit, daß er bei ſeinem alten ehrlichen Magiſter vor der Hand zwar recht gut aufgehoben zu ſeyn ſcheine; wuͤnſchte aber doch, daß ihm fuͤr die Zukunft eine ſeinen Fähigkeiten angemeſſenere Erziehung wer⸗ den moͤge, und ſchien zu erwarten, daß entweder ihr Gemahl, oder der Arzt, oder ſonſt ein Dritter, ihr Mittel und Wege an die Hand geben möochten, wie das wohl am beſten zu bewirken ſeyn duͤrfte; doch dieſe, die in ihrem vielſeitigen Geſchaͤftsleben wohl ſchon manchen armen Jungen, unter der Laſt des Mangels, mochten haben untergehen geſehen, und ſich, durch die Gewohnheit an menſchliches Elend, auf den bequemen Grundſatz, daß man viel zu thun haͤtte, wenn man allen armen Teufeln aus der Noth helfen wollte, antheilloſer zu ſtuͤtzen ſchie⸗ nen, uüberhoͤrten ihren Wunſch, und nur eine juͤn⸗ gere Dame, welche ſich durch die Erzaͤhlung der Graͤfin ſehr angezogen fuͤhlte, ſtimmte ihm bei, und fragte, vielleicht halb und halb die Moͤglichkeit uͤber⸗ ſehend, ihn ausfuͤhren zu koͤnnen, nach dem Namen und der Wohnung des Kleinen; leider aber wußte die Graͤfin auf Beides keine beſtimmte Auskunft zu gebe in dieſe ſein M in der daß der Gegend auf den zen Locke ſchuhter fuhr ſi bung f Ebenme jugendl in der erinner das bre den W kenne kein hu dabei d wegung dige ſe ganzen kann e famkeit gottver Lumpch Geſund der Zei doch n kam ſie is dem Anlage ſchtiger Menſch damit, vor der ſcheine; eft eine ig wer⸗ itweder dritter, doͤchten, duͤrfte; tsleben der Laſt geſehen, ſchliches an viel eln aus en ſchie⸗ ine juͤn⸗ ing der sei, und it uͤber⸗ Namen r wußte uskunft — 57— zu geben; in der Gegend des Thiergartens, oder in dieſem ſelbſt, vermuthete ſie ganz richtig, daß ſein Mentor, der Leipziger Magiſter, wohne; und in der an ſich auch ganz richtigen Vorausſetzung, daß der wilde kleine Menſch ſich in der dortigen Gegend beſtaͤndig herumtreibe, beſchrieb ſie ihn, auf den Fall einer Begegnung, vom krauſen ſchwar⸗ zen Lockenkopfe, bis zum zartgeformten kleinen unbe⸗ ſchuhten Fuß.„Bunt zuſammen geflickte Lappen,“ fuhr ſie in der Lebendigkeit ihrer Perſonsbeſchrei⸗ bung fort,„bedecken den Koͤrper, deſſen ſchoͤnes Ebenmaaß, deſſen ſanfte fließende Umriſſe, deſſen jugendliche Muskelkraft an Laokoons juͤngſten Sohn in der beruͤhmten Ageſander'ſchen Marmorgruppe erinnern; die ſtolz gewoͤlbte Bruſt, die freie Stirn, das brennende Feuer⸗Auge, das feine Laͤcheln in den Winkeln des kleinen Roſen⸗Mundes— ich kenne unter allen Knaben unſerer Bekanntſchaft kein huͤbſcheres, kein anſprechenderes Kindergeſicht; dabei die Raſchheit, die Grazie in allen ſeinen Be⸗ wegungen; das Leben ſeiner Rede; das Verſtaͤn⸗ dige ſeiner Aeußerungen— die Feſtigkeit ſeines ganzen Benehmens— nein, von gemeiner Abkunft kann er nicht ſeyn; ruͤhrend iſt mir ſeine Genuͤg⸗ ſamkeit. Kein Prinz im Hermelin⸗Mantel kann gottvergnuͤgter ſeyn, als der kleine Kerl in ſeinen Lumpchen: auf der bluͤhenden Wange prangt der Gefundheit ſchoͤnſte Friſche, und niedergedruͤckt von der Zentnerlaſt der bitterſten Armuth, bleibt ihm doch noch ſo viel Kraft, der weltlichen Eitelkeit — 53— nicht ganz zu entſagen; im linken Ohr traͤgt er ein niedliches goldenes Schlangenkoͤpfchen, akkurat ſo wie Dei—“ Sie wendete ſich zu Paulinen, die mit offnem Munde zugehoͤrt hatte, und fragte, den Schlangen⸗ kopf in deren rechtem Ohre vermiſſend, von dem ſonderbaren Zufalle uͤberraſcht: wo ſi ihr Schlau⸗ genkoͤpfchen habe? Pauline, die ſich dieſer Fluͤgel⸗Wendung des Geſpraͤchs gar nicht verſehen hatte, fuhr erſchrocken mit beiden Händen nach dem rechten Ohre, und that, als vermiſſe ſie das Verſchwundene jetzt erſt; ſie hätte ja um aller Welt willen hier vor der gan⸗ zen Geſellſchaft nicht ſagen koͤnnen, daß ſie es ihm gegeben, um ſich die Wunden heilen zu laſſen, die ihm ein Diener ihres Hauſes unbarmherzig geſchla⸗ gen. Der Unmenſch ſtand ja hinter dem Stuhle ihrer Mutter, ihr gegenuͤber, und hatte ſie waͤh⸗ rend der ganzen Unterhaltung im Auge, um ihr, wenn ſie einmal zu ihm aufſehe, durch Zeichen zu verſtehen zu geben, daß, wie er gleich geſagt, der Teufelsbraten von dem kleinen Puff am Granit⸗ Pfeiler nicht geſtorben ſey; aber er haͤtte ein Jahr⸗ hundert da ſtehen und zur Salzſaͤule werden koͤn⸗ nen, Pauline hätte ihn nicht angeſehen; ſie war noch viel zu boͤſe auf ihn. Die Mutter fragte natuͤrlich, wo und wann der Ohrring verloren gegangen ſey, und ob ſie den Ver⸗ luſt nicht eher bemerkt, und warum ſie in dieſem Falle nichts davon geſagt habe? Der ſcharfſinnige Vater erſt den fall, da fen hab Feuerro noch aͤrg nach de Gra daß ſie ſchaft ke Nuß:T Munde auf der aus ein gernden des Ar, dige B Fritz w tor erw vermiß ſollte, Buͤrſche peitſche er woh giftige ſitorher ihm re falls il als Ju in die raͤgt er akkurat offnem langen⸗ on dem Schlau⸗ ung des chrocken te, und tt erſt; der gan⸗ es ihm ſen, die geſchla⸗ Stuhle ſie waͤh⸗ um ihr, ichen zu gt, der Granit⸗ n Jahr⸗ een koͤn⸗ ſie war ann der den Ver⸗ dieſem fſinnige Vater aber lachte, und nannte es, wenn ſie jetzt erſt den Verluſt wahrnehme, einen komiſchen Zu: fall, daß ſie gleich nach dem rechten Ohr gegrif⸗ fen habe, und Pauline machte, uͤbergluͤht vom Feuerroth der brennendſten Verlegenheit, das Uebel noch aͤrger, und fuhr nun mit beiden Haͤnden auch nach dem linken. Graf Pankratius, dem der Mutter Verſicherung, daß ſie unter allen Kindern ihrer ganzen Bekannt⸗ ſchaft kein intereſſanteres Geſicht geſehen, das Stuͤck Nuß⸗Torte, das er eben zum gichteriſch zuckenden Munde fuͤhrte, mit Wermuth uͤberzuckerte, und der auf den belobten Fritz ſchon von Charlottenburg aus eine ſtechende Pike hatte, trat in ſeinem nin⸗ gernden Tone der vorhin geaußerten Behauptung des Arztes bei, daß die Jungen hier alle nichtswuͤr⸗ dige Bengel wären; und meinte, daß der Musje Fritz wahrſcheinlich einer von den, vom Herrn Dok⸗ tor erwähnten Neun⸗und⸗neunzigen ſeyn, und den vermißten Ohrring geſtohlen haben werde; man ſollte, naͤſelte er, und lachte grinſend dazu, dem Buͤrſchchen mit einer recht eindringlichen Draht⸗ peitſche nur ein fuͤnfzig Stuͤck aufzaͤhlen, da wuͤrde er wohl bekennen. Der Doktor erſchrak uͤber die giftige Bosbeit, die in dieſem kleinen Groß⸗Inqui⸗ ſitorherzen ſaß, und bat ihn mit erzwungenem und ihm recht ſauer werdenden Lächeln, die Tortur, falls ihm die Vorſehung das Groß⸗Richterſchwert als Juſtizminiſter irgend eines deutſchen Staates in die Hand lege, ja nicht wieder einzufuͤhren; und — 60— Pauline, die ſich mit Abſcheu von dem ihr zuge⸗ wieſenen Geſpielen wendete, dankte Gott, als Herr von Hardegſen das Wort nahm, und, wenn der Ring in Fritzens Ohre wirklich der ſey, den Pau⸗ line verloren, zehn Faͤlle anführte, wie der Knabe, ganz unſchuldiger Weiſe, zu deſſen Beſitz gekommen ſeyn koͤnne. Sie war dei alten Herrn vom An⸗ fange an recht gut geweſen. Jetzt gewann ſie ihn noch einmal ſo lieb. Zugleich that es ihrer Schlau⸗ heit und ihrem Wohlwollen zu Fritz, uͤber das ſie mit ſich ſelbſt aber noch nicht recht im Klaren war, unbeſchreiblich gut, etwas zu haben, was nur ſie und Fritz wußte, und woruͤber ſich die Andern die Köpfe zerbrachen, und endlich fuͤhlte ſie darin, daß Fritz lieber ein wenig laͤnger geblutet und gelitten hatte, als ſich von ihrem Schlangenkoͤpfchen zu tren⸗ nen, eine Aufmerkſamkeit, eine Zartheit, die ſie dem wilden Jungen gar nicht zugetraut haͤtte, Der andere Ohrring, der Zwillingsbruder des angeblich Verlorenen, waͤr' ihr jetzt ja um keinen Preis feil geweſen. Bei der Feſtigkeit, welche die Mutter an Fritz bemerkt haben wollte, trug der ihr Schlangenkoͤpf⸗ chen gewiß zeitlebens im linken Ohr. Gott weiß, in welcher Geſtalt ſie ihm, zum Juͤngling empor⸗ gebluͤht, zum jungen Manne heran gereift, in ſpaͤ⸗ tern Jahren auf ihrem Lebenswege einmal wieder begegnete; aber mochte er ſich noch ſo veraͤndert, noch ſo um und um gewandelt haben; am Schlan⸗ genkoͤpfchen im linken Ohr wollte ſie ihn wieder er⸗ kennen; ſie lebe noch ne Ewigkei nicht ſit „Du ſen, P freundli chée, ih hen ließ luſtgeſch bei der Unachtſe griffen gehe. und Ba de, mit dirt hat Den der alte ſchaft eit Zirkeln kam von unter ar der Frag keine naͤ Pauli hr zuge⸗ als Herr enn der en Pau⸗ Knabe, kommen dom An⸗ n ſie ihn Schlau⸗ r das ſie ren war, nur ſie dern die rin, daß gelitten zu tren⸗ die ſie ete. Der ngeblich reis feil an Fritz genkoͤpf⸗ tt weiß, empor⸗ in ſpaͤ⸗ wieder raͤndert, Schlan⸗ leder er⸗ — 614— kennen; das ſollte ihr Merkzeichen bleiben, ſo lange ſie lebe. Der Schlangenring, hatte die Mutter noch neulich erſt geſagt, ſollte das Sinnbild der Ewigkeit ſeyn; der Zufall konnte ja nicht ſeltſamer, nicht ſinnreicher— „Du laͤſſeſt Dein Eis ja ganz auseinander flieſ⸗ ſen, Pauline, iß doch, Kind,“ ſagte der Vater freundlich, denn er ſah, daß ſie das koͤſtliche Pana⸗ chee, ihr Lieblingsgericht, unangeruͤhrt vor ſich ſte⸗ hen ließ, und glaubte, daß ſie von der Ohrringver⸗ luſtgeſchichte, und von den Vorwuͤrfen, die ihr, bei der Gelegenheit, uͤber ihren Leichtſinn und ihre Unachtſamkeit gemacht worden, ſo empfindlich er⸗ griffen worden ſey, daß ihr Eſſen und Trinken ver⸗ gehe. Aber was waren ihr Panachee, Bonbons und Baiſers gegen die Suͤßigkeit der ſtillen Freu⸗ de, mit der ihr die Phantaſie das kleine Her i kan⸗ dirt hatte! 4 17. Das Batiſttuch. Den folgenden Morgen gab der geheime Rath, der alte Herr von Hardegſen, der geſtrigen Geſell⸗ ſchaft ein glaͤnzendes Diner bei Jagor. Wie es in Zirkeln der Art zu gehen pflegt, die Unterhaltung kam vom Hundertſten auf das Tauſendſte, und unter andern uͤberraſchte der Wirth Paulinen mit der Frage: ob ſich uͤber den bewußten Ohrring noch keine naͤhere Aufklaͤrung ergeben? Pauline verneinte erroͤthend. „Ich glaubte beinahe,“ fuhr er lachend fort, Dich um einen zweiten Verluſt bedauern zu müſſen.“ „Ach, Du meinſt das Battiſttuch,“ fiel ihm ſeine Frau in das Wort, und Paulinen quoll vor Schrek⸗ ken der Biſſen im Munde. „Batiſttuch?“ fragten Mehrere neugierig, und ſorderten den Herrn von Hardegſen auf, die Sache doch zu erzaͤhlen. „Nun,“ entgegnete er, Paulinen, die in einer Minute dreimal die Farbe wechſelte, troͤſtend,„ein Tuch ſieht dem andern aͤhnlich; aber im erſten Au⸗ genblicke hätte ich wahrhaftig eine Wette darauf eingehen wollen, daß das Tuch das näͤmliche gewe⸗ ſen, mit dem Du neulich, an dem Morgen, als die Mutter fruͤh im Thiergarten war, und ich ihre Ruͤckkunft in Deinem Zimmer erwartete, unter lauter Klage uüber die ſchon ſo früh uberhand neh⸗ mende Schwuͤle, Dir Küuͤhlung zufäͤchelteſt; die Stickerei wenigſtens paßte auf ein Haar; indeſſen, freilich die Nebenumſtaͤnde, die Entwendung mußte in derſelben Stunde geſchehen ſeyn, als ich das Tuch in Deiner Hand geſehen; es war voller Blut geweſen—— Pauline mußte Meſſer und Gabel aus der Hand legen, und dieſe unter den Tiſch fluͤchten, denn ſie zitterte vor Angſt uͤber die unbegreifliche Entdeckung ſo heftig, daß ſie kein Glied ſtill halten konnte. „Erzaͤhlen Sie doch, erzaͤhlen Sie doch,“ hob Krätzchens Mutter, die an recht kraſſen Mordge⸗ ſchichten Gefallen zu finden ſchien, dringender an, und de Scheue und B ſtraße weit vr der ſie zierlich „Waͤhl alte H gerade der an das ni ter; d ihm ar da wer ballter nun, 1 ſofort Eins k der kle ger Lö frau r windet koͤſtlich dieſer er gluͤ daß da und lo muß al ben; hend fort, müſſen.“ ihm ſeine or Schrek⸗ jierig, und die Sache ee in einer tend,„ein erſten Au⸗ tte darauf aliche gewe⸗ b en, als die nd ich ihre ete, unter erhand neh⸗ helteſt; die e; indeſſen, dung mußte als ich das voller Blut is der Hand en, denn ſie Entdeckung konnte. doch,“ hob en Mordge⸗ ngender an, — 63— und der geheime Rath erzaͤhlte dann, daß eine Scheuerfrau, die zuweilen in ſeinem Hauſe Arbeit und Brod finde, an jenem Morgen die Friedrichs⸗ ſtraße entlang gegangen ſey, und in dieſer, nicht weit von den Linden, einen Jungen eingeholt habe, der ſich den Kopf mit einem ſuperfeinen, aͤußerſt zierlich geſtickten Batiſttuche verbunden gehabt habe. „Waͤhrend des hinter ihm Hergehens,“ fuhr der alte Hardegſen fort,„ruft ſie ihn an, und fragt geradezu:„„Junge, wo haſt Du das Tuch her?“⸗ der antwortet aber ganz kurz und borſtig, daß ſis das nichts angehe, und wandert ſeines Weges wei⸗ ter; die grobe Antwort erboßt die Frau; ſie ſagt ihm auf den Kopf zu, daß er das Tuch geſtohlen; da wendet er ſich gegen ſie, und will ihr mit ge⸗ ballter Fauſt in das Geſicht ſchlagen. Sie ſchimpft nun, und ſchreit:„„Spitzbube! Huͤlfe!““ u. ſ. w.; ſofort kommen zehn, zwanzig Menſchen zuſamnen; Eins hält den Jungen hinten, das Andere vorn; der kleine wuͤthende Kerl wehrt ſich, wie ein jun⸗ ger Löwe, unterliegt aber der Menge; die Scheuers⸗ krau reißt ihm das Tuch vom Kopfe; der Junge windet ſich, wie ein Aal, aus dem Haufen, der das koͤſtliche Tuch mehr im Auge hat, als den Jungen: dieſer nimmt Reißaus, und ſchneller als Alle, laͤuft er gluͤcklich von dannen; alle Umſtehende denken, daß das Tuch der Frau ſelbſt geſtohlen worden iſt, und laſſen ſie rnhig in deſſen Beſitz; der Junge muß aber noch etwas Anders entwendet gehabt ha⸗ ben; denn, ſo ſehr er auch ſeine rechte Hand zur — 64— Wehr noͤthig gehabt haͤtte, ſo hat er ſie doch immer, waͤhrend des Kampfes mit den Umſtehenden, feſt zuſammen geklemmt, und alſo wahrſcheinlich ein Goldſtuͤck oder ein Kleinod von Werth darin gehabt, das er nicht gern hat fahren laſſen wollen; und der friſch blutende Kopf, den er mit dem wunder⸗ ſchönen Tuche verbunden, begruͤndet wohl unſtrei⸗ tig die Vermuthung, daß der Patron bei'm Dieb⸗ ſtahl ertappt, und tuͤchtig abgeblaͤut worden, und nur ſeiner Gewandtheit und Schnelligkeit das Gluͤck ſeiner Flucht zu verdanken hat.“ „Solch' Rakaillenzeug!“ naͤſelte Kraͤtzchen. „Auf einen Scheiterhaufen ſollte man die ganze Brut ſetzen, und mit einem Male von der Welt wegbrennen. Waͤr' ich hier Polizei⸗Praͤſident, auf Ehre, ich ließe die Berliner Jungen alle, wie die Leipziger Lerchen, an Spieße ſtecken, und in ſieden⸗ dem Oele braten; geben Sie Acht, am Ende iſt die Beſtie mit dem Tuche kein Anderer geweſen, als der Musle Fritz; ſo gut er den Ohrring geſtoh⸗ len, ſo gut kann er auch—“ —„Haben Sie denn das Tuch geſehen 2“ fragte Paulinens Mutter, um Kraͤtzchens kindiſches Paſcha⸗ geſchwaͤtz nicht laͤnger mit anzuhoͤren, den geheimen Rath, und dieſer bejahte, und verſicherte, ſeit lan⸗ ger Zeit nichts Kunſt⸗ und Geſchmackvolleres der Art in Haͤnden gehabt zu haben;„zwei Zipfel,“ ſetzte er hinzu,„waren wegen des darauf befindli⸗ chen Blutes nicht zu unterſuchen, im dritten aber hing, weiß in weiß geſtickt, in leichtem Vergißmein⸗ nicht⸗C zwiſche im vie den Er fitzt ha „D ter un Desma hat. M und ha von ni Pau ſieben jetzt de das Ge unbegr⸗ ſcheulic beluͤge! koſten hier, v mit der klemmt feſtgeha ihm ſe hatte er ben, un ten, g. men; fie der aber, 1 LXX hHimmer, den, feſt nlich ein n gehabt, en; und wunder⸗ unſtrei⸗ im Dieb⸗ en, und das Gluͤck Kraͤtzchen. die ganze der Welt dent, auf wie die in ſieden⸗ Ende iſt geweſen, ng geſtoh⸗ 2 fragte es Paſcha⸗ geheimen „‚ſeit lan⸗ lleres der Zipfel,“ fbefindli⸗ itten aber ergißmein⸗ — 65— nicht⸗Gewinde, ein eleganter Vogelbauer mit einem zwiſchen den Staͤben herausguckenden Papagay, und im vierten ein umlappter Edelhirſch, der ſich mit den Enden in das vor ihm aufgeſpannte Netz ver⸗ fitzt hat, und ſich frei zu brechen bemuͤht iſt.“ „Das iſt Dein Tuch, Pauline,“ rief die Mut⸗ ter unangenehm uͤberraſcht,„das Dir Demoiſelle Desmarais zu Deinem letzten Geburtstage geſtickt hat. Maͤdchen, wie kommt der Junge zu dem Tuche? und haſt Du es denn nicht vermißt? und mir da⸗ von nichts fruͤher geſagt?“ Pauline, die waͤhrend der ganzen Geſchichte alle ſieben Grade der Tortur ausgehalten hatte, und jetzt deutlich fuͤhlte, wie ihr alles Blut ſiedend in das Geſicht ſchoß, laͤugnete mit einer ihr ſelbſt faſt unbegreiflichen Faſſung. Sie kam ſich ſelbſt ab⸗ ſcheulich vor, daß ſie ihre geliebte Mutter ſo dreiſt beluͤgen konnte; aber— und haͤtte es ihr das Leben koſten ſollen, es waͤre ihr nicht moͤglich geweſen, hier, vor allen Leuten, die verwuͤnſchte Geſchichte mit dem Tuche zu erzaͤhlen. In der zuſammenge⸗ klemmten Hand hatte Fritz das Schlangenkoͤpfchen feſtgehalten. Das an ſich werthloſe Kleinod mußte ihm ſehr lieb und theuer geweſen ſeyn, denn er hatte es mitten im heißen Kampfe nicht preisgege⸗ ben, und weil er darum nur eine Hand frei behal⸗ ten, gewiß manchen tuͤchtigen Puff mehr bekom⸗ men; hatte er ſich aber ſo brav gehalten, wollte fie den Kopf auch nicht verlieren; heute Abend aber, wenn ſie allein mit der Mutter war, wollte LXXV. 6 — 66— ſie Alles ehrlich berichten. Sie hatte ja nichts Boͤ⸗ ſes gethan. Zum Gluͤck ſetzte die Tante Generalin waͤhrend dieſer Selbſtberathung auseinander, daß das frag⸗ liche Tuch dem, was Paulinen gehoͤre, voͤllig gleich, und doch ein anderes ſeyn koͤnne, indem hier in mehreren Kunſt⸗Handlungen aͤußerſt niedliche Stick⸗ muſter verkauft wuͤrden, nach denen junge Maͤdchen des Mittelſtandes zu arbeiten, und ihre Kunſt⸗ erzeugniſſe, zur Beſtreitung ihrer kleinen Staats⸗ Beduͤrfniſſe, zu verkaufen pflegten; ſo erinnere ſie ſich zum Beiſpiel ganz beſtimmt, den erwaͤhnten Hirſch in dem einer Dame ihrer Bekanntſchaft zu Weihnachten geſchenkten Tuche, ſchon einmal geſe⸗ hen zu haben. Die Graͤfin aber ließ ſich nicht ausreden, daß das Paulinens Tuch ſey, denn auch der Papagay treffe ſonderbarer Weiſe damit zufammen, und ſie behauptete, daß weder zu dieſem, noch zum Hirſche, ein Stickmuſter in den hieſigen Handlungen zu finden ſeyn werde, weil Demoiſelle Desmarais ſich zu beiden Gegenſtaͤnden, welche Bezug auf kleine Vorfälle aus Paulinens fruͤhſtem Jugendleben ge⸗ habt, die Stickmuſter ſelbſt gezeichnet habe; im dritten Zipfel ſey das Familien⸗Wappen und im vierren Paulinens Name geſtickt, und ſie moͤchte wohl wetten—— „Hier bedarf es gar keiner Wette,“ fiel ihr der Herr von Hardegſen, zu Paulinens Entſetzen, in das Wort;„ich ſchicke hin; in zehn Minuten iſt baren hen n Ne als do von w Je ſtaͤrkte nens, als de dem 2 zu ſer D der 2 uͤberb nichts Boͤ— waͤhrend das frag⸗ Uig gleich, n hier in iche Stick⸗ 2 Maͤdchen re Kunſt⸗ n Staats⸗ innere ſie erwahnten itſchaft zu mmal geſe⸗ eden, daß Papagay —, und ſie m Hirſche, ungen zu narais ſich auf kleine adleben ge⸗ habe; im n und im ſie moͤchte jel ihr der tſetzen, in einuten iſt .— 67— der Bediente mit dem Tuche hier; da iſt die Sache gleich entſchieden.“ 3 Das Geſpraͤch wendete ſich unterdeſſen auf an⸗ dere Gegenſtaͤnde; nur Pauline ſaß bis zur Ruͤckkehr des Ungluͤcksboten, wie auf einem Pulverfaſſe. Die Mutter ſah einige Male mit einem ſonder⸗ baren Forſcherblick zu ihr hinuͤber; aber ſie nahm ſich mit Gewalt zuſammen, um den Schein der un⸗ geſtoͤrteſten Ruhe zu erzwingen; ſie aß, ſie trank, ſie ſchwatzte mit den Nachbarn, ſie kämpfte ſich ſo⸗ gar zuweilen ein ſcherzhaftes Laͤcheln ab. Zehnmal ging die Thuͤre auf; zehnmal ſah ſie den Bedienten mit ihrem Tuche eintreten, und nun in Gegenwart der ganzen glaͤnzenden Geſell⸗ ſchaft ein Verhoͤr beginnen, das, wenn ſie geſtand, ihr eine lebenslaͤngliche Beſchaͤmung nach ſich zie⸗ hen mußte. Nein, ſie geſtand nichts; ſie erkannte das Tuch als das ihrige an, allein, wie ſie es eingebuͤßt, da⸗ von wollte ſie durchaus nichts wiſſen. Je oͤfterer die Thuͤr aufging, deſto mehr be⸗ ſtaͤrkte ſie ſich im Vorſatze des verſtockteſten Laͤug⸗ nens, und ward dadurch ſo feſt und ruhig, daß ſie, als der Bediente nun endlich wirklich eintrat, nach dem Aufſchluß, den er mitbringe, eben ſo begierig zu ſeyn ſchien, als die Uebrigen der Geſellſchaft. Das Gewitter verzog ſich. Das Tuch war in der Waͤſche geweſen. Morgen wollte es die Frau uͤberbringen, und Herr von Hardegſen verſprach, 6 —-— 63—. die Frau mit dem Frevelbeweiſe, dem Battiſttuche, der Graͤfin zuzuſenden, 18. Die Nothlüge. Ein einziges Wort verdarb Alles. Die Mutter war auf dem beſten Wege; und Pauline hatte ihr, mit ſeinem Blute getränkt ge⸗ weſenes Tuch vor ſich, das Geſtaͤndniß des ganzen Zuſammenhangs auf der Zunge; da ließ aber die Mutter, im Laufe ihrer Vorſtellung, die Aeuße⸗ rung fallen, daß, falls der kleine Graf Pankratius wirklich Recht habe, und der Straßen⸗Junge, der Fritz, es geweſen, dem die Frau das Tuch vom Kopfe geriſſen, ſie Alles aufbieten werde, die Range in das Zuchthaus zu bringen, und daß da⸗ zu eine doppelte Verpflichtung da ſey, einmal, um den Jungen durch dieſe ernſte Strafe, wenn es nicht jetzt ſchon zu ſpaͤt, noch auf den Weg der Beſſerung zuruͤckzubringen; und dann, um die meuſchliche Geſellſchaft vor einem ſo gefaͤhrlichen Verbrecher⸗Lehrling zu bewahren. Millionen haͤtte man jetzt Paulinen bieten koͤn⸗ nen, ſie hatte den armen unſchuldigen Fritz, der von den Leuten ihres Hauſes ſo ſchaͤndlich gemiß⸗ haudelt worden war, der ſo ſanft und bitterlich ge⸗ weint, und der ihr Ohrringelchen ſo hoch in Ehren gehalten hatte, nicht verrathen. „Der Junge,“ antwortete ſie mit leichtem La⸗ chen,„mag geweſen ſeyn, welcher er wolle, an dem Tuche die Sa Thierg Hardeg ſonder: von Ha Zimme pfangen zu der iſt fede laſſen; ein Ju in loſe das iſt gleich dem laͤ Vergn ſelbſt. wir da iſt es was le willen das, h ganz a die M Pa⸗ — tiſttuche, ge; und rankt ge⸗ s ganzen aber die le Aeuße⸗ ankratius unge, der Tuch vom erde, die d daß da⸗ rmal, um wenn es Weg der „ um die efaͤhrlichen pieten koͤn⸗ Fritz, der ich gemiß⸗ tterlich ge⸗ in Ehren eichtem La⸗ le, an dem — 69— Tuche iſt er aber unſchuldig. Ich erklaͤre mir jetzt die Sache ganz natuͤrlich. Als Du fruͤh aus dem Thiergarten kamſt, lag ich mit dem Herrn von Hardegſen im Fenſter. Die Kiſſen waren nicht be⸗ ſonders reinlich; ich legte das Tuch darauf. Herr von Hardegſen eilt, als er Dich kommen ſieht, zum Zimmer hinaus, Dich unten am Wagen zu em⸗ pfangen. Bei'm Aufgehen der Stubenthuͤr, bis zu der ich ihn begleite, entſteht Zugluft. Das Tuch iſt federleicht; ich habe es auf dem Kiſſen liegen ge⸗ laſſen; der Zugwind bläͤſ't es zum Fenſter hinaus; ein Junge findet es, und verbindet ſich damit den in loſen Haͤndeln eben blutig geſchlagenen Kopf— das iſt die ganze Geſchichte; und daß ich es nicht gleich vermißt, iſt kein Wunder; man koͤmmt in dem laͤrmigen Berlin vor lauter Beſuchen, Feten, Vergnuͤgungen und Zerſtreuungen ja nicht zu ſich ſelbſt. Das Beſte bei der ganzen Sache iſt, daß wir das Tuch wieder haben.— Durch den Verluſt iſt es mir erſt recht theuer geworden,“ ſetzte ſie et⸗ was leiſer hinzu, und freute ſich, der Mutter Un⸗ willen beſchwichtiget, und Etwas geſagt zu haben, das, haͤtte Fritz es gehort, dieſer gewiß in einem ganz andern Sinne genommen haben wuͤrde, als die Mutter es nehmen konnte, 19. Die Lniſen⸗Inſeſ. Pankratii Eltern gaben dieſen Vormittag im Teichmann'ſchen Blumengarten ein elegantes Gabel⸗ — 70— Fruͤhſtuͤck; man verſammelte ſich im Hotel des Grafen von der Schluͤſſelburg, fuhr bis an das Thor, und ging, um den ſchoͤnen Morgen zu ge⸗ nießen, und ſich Appetit zu holen, von da, durch den Thiergarten, zu Fuß. Pauline hatte ſich auf den Spaziergang gefreut. Ein ganz eigenes Gefuͤhl, was ſich ihr in der lin⸗ ken Bruſt regte, und was ihr ſo ſonderbar vor⸗ kam, daß ſie, ſo oft ſie daran dachte, immer wie uͤber ſich ſelbſt freundlich lacheln mußte, hatte ihr geſagt, daß ſie wahrſcheinlich den kleinen Fritz im Thiergarten ſehen werde; und darum konnte ſie ſich nicht enthalten, in jede Allee, in jede Durch⸗ ſchnittslinie, in jeden Gang hinein zu ſehen, ſo weit ihr Auge reichte; aber nirgends war er zu finden. Hatten ihn neulich die Voigtländer mit ſeinem Fähnlein ſo zuſammengehauen, daß er kein Glied ruͤhren konnte? Oder ſaß er bei ſeinem Herrn Ma⸗ giſter, und ſtudirte? Oder lief er wieder neben ei⸗ uem Wagen her, um einer Dame bei'm Ausſtei⸗ gen ſeine Dienſte anzubieten?— Die wuͤrde, meinte ſte, auch ohne ihn herausgekommen ſeyn, und wel⸗ chen Lohn ſeine ungeforderte Artigkeit einbringe, haͤtte er ja an dem Granit⸗Pfeiler unfern ihres Hauſes ſattſam erfahren. Mittlerweile war die Gefenſchaſt bei der Luiſen⸗ Inſel angelangt. unſtreitig eins der ſchoͤnſten Plätzchen in der ganzen Monarchie, Mit kleinen, gin Luiſe woͤhnlich verſtorbe Thiergar zur Erri liebliche Anordni verdanke ſchmuͤckn ſorgliche terziehe. „Vor tage der iſt,“ ful Inſelche! mentepp daſſelbe Laufe de nes ſper und erſt Fleckcher nes Zwe ſtellt iſt die Kul das Mer mag,“ ſ ſo oft n ſonen al botel des 3 an das en zu ge⸗ da, durch g gefreut. n der lin⸗ erbar vor⸗ mmer wie hatte ihr Fritz im konnte ſie de Durch⸗ ſehen, ſo war er zu nit ſeinem kein Glied Herrn Ma⸗ neben ei⸗ n Ausſtei⸗ de, meinte ,„ und wel⸗ einbringe, fern ihres der Luiſen⸗ en in der — 1— Mit ſtiller Ruͤhrung verweilten Alle vor dem kleinen, einfachen Denkmale der verewigten Koͤn⸗ gin Luiſe, und Herr von Hardegſen, der, wie ge⸗ woͤhnlich, den Cicerone machte, erzaͤhlte, daß der verſtorbene Iffland durch ein, an die Bewohner des Thiergartens gerichtetes Cirkular die Veranlaſſung zur Errichtung dieſes Denkſteins gegeben; daß die liebliche Inſel ihren Blumenſchmuck der ſinnigen Anordnung des Oberforſtmeiſters von Schenk zu verdanken habe, und daß gegenwaͤrtig dieſer Aus⸗ ſchmuͤckung ſich der Oberfoͤrſter Fintelmann mit ſorglichem Fleiß und erfinderiſchem Geſchmack un⸗ terziehe. „Vom zehnten Maͤrz, bekanntlich dem Geburts⸗ tage der Verklaͤrten, bis zum erſten Winterfroſt, iſt,“ fuhr Herr von Hardegſen fort,„das idylliſche Inſelchen mit einem immer friſch bluͤhenden Blu⸗ menteppiche uͤberzogen; ohne Uebertreibung bietet daſſelbe allwoͤchentlich ein anderes Bild. Was im Laufe der Jahreszeit die Blumengottin nur Schoͤ⸗ nes ſpendet, das finden Sie hier zierlich geordnet, und erſt,“ ſetzte er ſcherzend hinzu:„wenn jedes Fleckchen auf der ganzen Erde, nach Maaßgabe ſei⸗ nes Zwecks und ſeiner oͤrtlichen Lage, ſo wohl be⸗ ſtellt iſt, als dieſe kleine Normal⸗Inſel, dann iſt die Kultur auf unſer n Planeten vollendet, und das Menſchengeſchlecht am Ziele ſeiner Reife. Man mag,“ ſchloß er ernſter werdend:„hierherkommen, ſo oft man will, zu allen Tageszeiten pilgern Per⸗ ſonen aller Staͤnde her, und weilen gern hier, und —-— 72— beten fuͤr die ſanfte Ruhe ihrer frommen Koͤnigin; oder weinen ſich das bekuͤmmerte Herz leicht; oder erquicken das freudenleere Gemuͤth durch einen freundlichen Blick auf die ſtillfroͤhliche Blumenwelt hier. Doch auch den Gluͤcklichen iſt es ein Lieblings⸗ platz, und neulich traf ich hier auf ein junges Ehe⸗ paar, das ſich in traulicher Rede das häusliche Glück, das die Verklaͤrte um ſich ſchuf, zum Muſter zu nehmen gelobte, und—“ 1 „Eine toller Hund! Ein toller Hund!“ erſcholl es von der, dicht hinter dem Ruͤcken der Geſellſchaft, vorbeilaufenden Chauſſee her. Alles ſtaͤubte, unter lautem Angſtgeſchrei, erſchrocken auseinander, und ein ſchwarzer ſtarker Spitz ſchoß, den Schwanz zwi⸗ ſchen den Beinen, und die bleifarbige Zunge lang aus dem Halſe haͤngend, quer uͤber die Straße ha⸗ ſtig auf die Geſellſchaft zu, folgte den Fluͤchtigen auf der Ferſe, und fuhr Paulinen nach den Fuͤßen. „Kind!— Herr Jeſus!— Pauline!— um Gotteswillen!— Komteßchen!—“ ſchrie Alles rund um; der Hund ſchnappte nach Paulinens Knöchel; ein Griff, und er hing mitten in der Luft, zwiſchen Himmel und Erde. „Fuͤrchten Sie ſich man nich, Mamſellken,“ ſagte Fritz, der hinter ihr ſtand, lachend.„Ik hebbe det Beeſt ſchonſtens, bei'm Wickel.“ „ Junge, Du biſt raſend,“ ſchrie Herr von Hardegſen hinter einem Baume verſteckt,„der Hund iſt ja toll.“ Abe fangen mit ſte nen der ſchen er Dre ſeninſel nach dr ter, die ter der von Kr. alle Vie Die beſchaͤfti in den Beſinn Bank d Schrecke harrte n in Folge ters, u Mutter und erſt Allen di geliebte das drol und mit das ſuͤß druͤckte, Clauren Koͤnigin; icht; oder rch einen umenwelt Lieblings⸗ nges Ehe⸗ häusliche m Muſter “ erſcholl eſellſchaft, bte, unter nder, und wanz zwi⸗ unge lang Straße ha⸗ Fluͤchtigen en Fuͤßen. ne!— um prie Alles Paulinens ten in der mſellken,“ end.„Ik 47 Herr von ft,„der — 75— Aber Fritz antwortete nicht; er hielt ſeinen Ge⸗ fangenen, den er feſt in das Genick gefaßt hatte, mit ſteifem Arme, weit von ſich ab, und lief in ei⸗ nen der benachbarten Gaͤrten, hinter deſſen Gebuͤ⸗ ſchen erz verſchwand. Drei Ruhebaͤnke befinden ſich unweit der Lui⸗ ſeninſel; aber auf allen dreien lagen der Laͤnge nach drei Damen in Ohnmacht. Paulinens Mut⸗ ter, die Generalin, und Frau von Hardegſen; hin⸗ ter der Bank der letztern aber ſtreckte Graf Kratz, von Kraͤmpfen und Nerven⸗Zuckungen uͤberfallen, alle Viere gen Himmel. Die Ohnmäͤchtigen und das zappelnde Kraͤtzchen beſchaͤftigten die ganze Geſellſchaft dermaßen, daß in den erſten Augenblicken kein Menſch recht zur Beſinnung kam. Selbſt Pauline, die neben der Bank der Mutter knieete, hatte den allgemeinen Schrecken und ihre Todes⸗ Gefahr vergeſſen, und harrte mit gefalteten Haͤnden des Augenblicks, wo, in Folge der angeſtrengten Bemuͤhungen des Va⸗ ters, und einiger beſonnener Freundinnen, die Mutter wieder Athem und Leben gewinnen werde; und erſt, als dieſe die Augen aufſchlug, und von Allen die Betheuerung hoͤrte, daß ihr Kind, ihre geliebte einzige Pauline, unverſehrt geblieben, und das drohende, furchtbare Ungluͤck ſie nicht betroffen, und mit frommem gen Himmel gerichtetem Blicke das ſuͤße Maͤdchen an die gluͤckliche Mutterbruſt druͤckte, trat der muthige Fritz, den geiferbedeckten Clauren Schr. LXXyV. 7 — 14— wuͤthigen Hund in der kraͤftigen Rechten, wieder ſo lebendig vor Paulinens Seele, als ſolle ſie die⸗ ſes ergreifende Bild lebenslang unwandelbar ſich einpraͤgen. „Wo iſt der Junge?“ fragten, nachdem man ſich von der Erſtarrung allmaͤhlig erholt, mehrere Stimmen, und Pauline waͤre am liebſten ſelber in den Garten, in den er mit ſeinem gefaͤhrlichen Ge⸗ fangenen geeilt, nachgefolgt, und haͤtte dem kuͤhnen Knaben gedankt, der ihr durch ſeine ungeheure That Geſundheit und Leben gerettet. Alle prieſen das kecke Wageſtuͤck mit lauter Be⸗ wunderung der Geiſtesgegenwart, der Raſchheit und der edeln Selbſtverlaͤugnung, durch die ſich der kleine Junge ausgezeichnet habe, und Pauli⸗ nens Eltern ſprachen den dringenden Wunſch aus, dem wackern Fritz ihre Dankbarkeit zu bethaͤtigen. Pauline bat ſchmeichelnd um die Erlaubniß, ihn aufſuchen zu duͤrfen; Tante Generalin meinte in⸗ deſſen, daß ſich das doch nicht recht ſchicken wuͤrde; Freund Pankratius aber werde ihnen wohl den Gefallen thun, und in dem von Paulinen bezeich⸗ neten Garten ſehen, wo der Knabe geblieben; doch Krätzchen deprecirte hoͤchlich; naͤſelte vor Angſt halb weinerlich, daß ihm kein Menſch dafuͤr ſtehen koͤnne, daß der Hund ſich freigebiſſen, und ſich uͤber den Straßenbengel hergemacht habe, und daß er da ja geradesweges ſeinem Ungluͤcke in die Arme laufe, wenn er in den Garken hinuͤber ginge. Komme , wieder e ſie die⸗ elbar ſich dem man mehrere ſelber in lichen Ge⸗ m kuͤhnen eure That auter Be⸗ Raſchheit ch die ſich nd Pauli⸗ unſch aus, hethaͤtigen. ubniß, ihn neinte in⸗ en wuͤrde; wohl den ten bezeich⸗ eben; doch Angſt halb hen koͤnne, ) uͤber den aß er da ja rme laufe, 2. Komme — 75— der Schlingel mit dem Leben davon, ſo werde er ſich ſeines Trinkgeldes halber ſchon melden. 20. Die Pille. Wie gewoͤhnlich nach uͤberſtandener Gefahr die Stimmung zum Froͤhlichſeyn ſich gar bald findet, und mancher einzelne Auftritt, der im Augenblicke der Befuͤrchtung Entſetzen erregte, nunmehr laͤcher⸗ lich wird, ſo ward auch jetzt die Laune der Geſell⸗ ſchaft bei'm Fruͤhſtuͤck immer luſtiger, und die drei Ohnmächtigen wurden üͤber ihre Schreckhaftigkeit, und uͤber das Lyriſche ihrer Attituͤden auf den Baͤn⸗ ken tuͤchtig mitgenommen. Auch Kraͤtzchen wollte witzig werden. Er nahm den Ridikuͤl der Mutter in die weit von ſich ge. ſtreckte Rechte, ſchwaͤnzelte damit hinter Paulinen, und ningerte, Fritzen nachaͤffend, mit widrigem, ſelbſtgefälligem Feichſen:„Fuͤrchten Sie ſich man nich, Mamſellken; ik hebbe det Beeſt ſchonſteus bei'm Wickel.“ Pauline warf ihm einen bitterböſen Blick uͤber die Achſel; der alte Herr von Hardegſen aber ſagte: „beſſer waͤre es geweſen, lieber Graf, Sie haͤtten die ritterliche That gethan; machen Sie den armen Ehrenjungen jetzt nicht laͤcherlich! Er hat Sie und uns Alle beſchaͤmt. Was er gethan, thut ihm wahrlich Keiner nach. Trat er, von Gott geſandt, nicht dazwiſchen, ſo war unſere liebe Pauline jetzt 7* einem unermeßlichen Elende preisgegeben. Wir Alle ſind ſeine Schuldner.“ Graf Kratz laͤchelte empfindlich; ſchleuderte den Ridikuͤl in einen Winkel, und ſchluͤrfte, um die bittere Pille hinabzuſpuͤlen, ſeine Taſſe Chokolade. Tante Generalin ſtreifte mit einem ſchwer mißbilli⸗ genden Blicke an ihm voruͤber, mit dem ſie ihm ſagen zu wollen ſchien, daß er auf dieſem Wege Paulinens und deren Eltern Wohlwollen ſich ſchwer⸗ lich gewinnen werde. Paulinens Vater aber er⸗ griff die Rechte des Herrn von Hardegſen, druͤckte ſie an ſein Herz, und ſagte, von der Tante Gene⸗ ralin ungehoͤrt:„mir aus der Seele geſprochen, Freund;“ und Pauline eilte hinter die naͤchſte Hecke, denn ſie wollte das helle klare Waſſer nicht ſehen laſſen, das ihr im Auge ſchwamm, ſie wußte nicht, warum. 21. Das Wellengrab. Unterdeſſen hatte der Leipziger Magiſter, der in einem aͤrmlichen Haͤuschen am Landwehr⸗oder Schaf⸗ graben wohnte, und eben ein Dutzend Ausarbeitun⸗ gen ſeiner Schuͤler durchſah, keinen kleinen Schrek⸗ ken gehabt. Fritz war mit ſeinem ſchwarzen Spitz durch den Garten, in den ihn Pauline hatte verſchwinden ge⸗ ſehen, geeilt, und ſtuͤrzte jetzt, gluͤhroth und athem⸗ los, in die Stube. „C und h aber b. um ſie warf auf ſe und ſe borſten „U ſter, kemach Frit bat, d den, 1 Schleif Fuͤße f ſter, d ihm m wicht fließent alten f denn d Der waͤhnte eilte F wuͤthen das Bl wuͤrde, . Wir erte den um die okolade. mißbilli⸗ ſie ihm m Wege hſchwer⸗ aber er⸗ druͤckte te Gene⸗ ſprochen, naͤchſte ſer nicht ſe wußte r, der in der Schaf⸗ arbeitun⸗ n. Schrek⸗ durch den inden ge⸗ nd athem⸗ „Ein toller Hund, Herr Magiſter!“ rief er, und hielt ihm das wuͤthende Thier entgegen; dies aber biß, unter grauſigem Roͤcheln, wild ſchaͤumend um ſich in die Luft; ſtrampelte mit allen Vieren; warf die feurig rothen Augen grimmig ruͤckwaͤrts auf ſeinen Baͤndiger; knirſchte mit den Zaͤhnen, und ſchuͤttelte ſich, daß das Haar des ganzen Pelzes borſtenartig emporſträͤubte. „Um tauſend Kotteswillen!“ ſchrie der Magi⸗ ſter,„Kungelchen! Ungluͤckskind! Was haſt De kemacht?“ Fritz aber hatte keine Zeit zu Eroͤrterungen. Er bat, das Bleigewicht von der Wanduhr zu ſchnei⸗ den, und die daran befindliche Schnur in eine Schleife zu knuͤpfen; in dieſe ſteckte er die hintern Fuͤße ſeines Gefangenen, und bat nun den Magi⸗ ſter, die Schleife ſchnell und feſt zuzuziehen, und ihm mit dem an der Schuur haͤngenden Bleige⸗ wicht nach dem nahe vor dem Häuschen vorbei⸗ fließenden Schafgraben zu folgen; er beſchwor den alten Herrn, vor allen Dingen recht raſch zu ſeyn, denn der Arm fange ihm ſchon an zu erſtarren. Der Magiſter that, wie ihm geheißen. Im er⸗ waͤhnten Graben lag eine Waſchbank. In dieſe eilte Fritz mit ſeinem Magiſter hinab, hielt den wuͤthenden Hund hoch uͤber Bord, und bat nun, das Blei, wenn er eins, zwei, drei kommandiren wuͤrde, in den Graben zu werfen. —-— 78— Er rief mit ſichtbarer Abnahme der bis auf das Hoͤchſte angeſpannt geweſenen Kraͤfte ſeine Kom⸗ mandowoͤrter, und bei'm Rufe:„drei,“ ſtuͤrzten Hund, Schnur und Blei in den Graben, und die Wellen bedeckten das graͤßliche Ungeheuer. Fritz aber fiel, bis zum Tode erſchoͤpft, ſo lang er war, in die Waſchbank zuruͤck, und der Magiſter trug den hochherzigen Knaben, der mehr gethan, als er vermocht, halb entſeelt in ſeine aͤrmliche Huͤtte. Ein Glas duͤnnes Halbbier war die ganze Staͤr⸗ kung, die der alte Mann dem armen Kinde, nach⸗ dem er ſich ein wenig erholt, bieten konnte. Nach Verlauf einiger Stunden, während deren das uberhitzte Blut ſich abgekühlt hatte, ſprang der kleine Kerl in den Graben, und badete ſich, und neugeſtarkt entſtieg er den kuͤhlenden Fluthen, und erzäͤhlte dem vaͤterlichen Freunde nun umſtaͤndlich ſein gluͤcklich uͤberſtandenes Wagniß. „O, wuͤßten wir doch,“ rief nach dem Schluſſe des beſcheidenen Berichts der Magiſter,„wo das liebe Mamſellchen und die Eltern wohnten; die Mama ſchien ſo eine herzenskute Matahm zu ſeyn; kab ſe neulich von freien Stuͤcken ſo en ſchoͤnes blankes Koldſtuͤck, was wuͤrde ſe nich erſt jetzt aus Dankbarkeht———“ „Darum hab' ich's nicht gethan,“ fiel ihm Fritz, mit gekraͤnkter Ehrliebe, in das Wort; und der Magiſter umfaßte, tief geruͤhrt von dem reinen Pflicht in die lockige ein fr des al des K hen, großen ausein zu erfe da fiel Dankb geglau Schon in der bieten den ge Au platz, woͤhn! Beſorg da ſeyr feine innern uf das Kom⸗ uͤrzten ind die Fritz er war, er trug als er itte. Staͤr⸗ , nach⸗ Nach en das ng der ch, und en, und tändlich Schluſſe „wo das en; die zu ſeyn; ſchoͤnes etzt aus im Fritz, und der reinen Pflichtgefuͤhl und der zarten Selbſtverlaͤugnung, die in dieſem ſeltenen Herzen wohnten, des Knaben lockigen Krauskopf mit beiden Haͤnden, und betete ein frommes, ſtilles Dankgebet, und die Thraͤnen des alten Mannes fielen ſegnend auf das Haupt des Kindes. 22. Ni ſ che. Fritz waͤre recht gern den folgenden Morgen ſchon unter die Linden gegangen, und haͤtte geſe⸗ hen, ob er vielleicht von dem Mamſellken in dem großen Hauſe etwas gewahr werde, und ſetzte ſich auseinander, daß es dann wohl moͤglich ſeyn koͤnne, zu erfahren, ob ihr der Schreck nicht geſchadet; aber da fiel ihm ein, was der Herr Magiſter von der Dankbarkeit geſagt hatte, Die Leute haͤtten gewiß geglaubt, er kaͤme, um ſich ſein Biergeld zu holen. Schon der bloße Gedanke wendete ihm das Herz in der Bruſt um. Man hätte ihm eine halbe Welt bieten koͤnnen, er haͤtte keinen Fuß unter die Lin⸗ den geſetzt. Auch die Luiſen⸗Inſel, ſeinen taͤglichen Spiel⸗ platz, in deſſen Naͤhe ſich ſeine Jugendgenoſſen ge⸗ woͤhnlich herumzutummeln pflegten, mied er, aus Beſorgniß, dat klehne Mamſellken moͤchte wieder da ſeyn, und denken, er komme abſichtlich, um auf feine Manier an Abtragung eines Dankes zu er⸗ innern. — 80— Späterhin aber ward die Sehnſucht, dat klehne Mamſellken, das ihm den goldenen Ohrring ver⸗ ehrt, das ihm das ſchoͤne Battiſttuch eigenhaͤndig um den Kopf gebunden, und das ſo mild und himm⸗ liſch freundlich gegen ihn gethan und geſprochen hatte, einmal wieder zu ſehen, doch ſtaͤrker als ſeine von zarter Ehrliebe getraͤnkte Beſcheidenheit; und es war kaum eine Woche vergangen, als er es nicht laͤnger mehr aushalten konnte; er mußte in die Stadt. Vergeblich. Pauline ließ ſich weder ſehen noch hoͤren. Er hatte ſich uͤber eine Stunde lang, dem großen Hauſe ſchraͤg gegenuͤber, hinter einer alten Linde verſteckt gehalten, und von Zeit zu Zeit nach dem Fenſter geſchielt, in dem ſie gelegen, als er damals der Mutter hatte den Wagen öffnen wollen; aber all' ſein Harren war und blieb erfolglos. Mißmuthig ſchlich er nach Hauſe, und hatte zum Spiel keine Luſt, und am Tollen und Laͤrmen der Andern keine Freude. Den naͤchſten Morgen ſtand er wieder auf der Lauer. Zwei Stunden hielt er hinter der alten Linde aus. Kein Madahmken, kein Mamſellken. Verdruͤßlicher als geſtern verließ er endlich ſei⸗ nen Poſten, ſchimpfte im Stillen vor ſich hin auf die gar Magiſte liches 2 So zehn T ſterer u gluͤhend Frag fehle, riſches Alle keinen ſagte er noch nic dem Br Ketten, oben glo cher als ſich ihr! ten Nach ten ihn „We nie meh und das Straße alte Lin klehne ng ver⸗ rhaͤndig dHhimm⸗ prochen ls ſeine it; und es nicht in die großen n Linde ach dem damals n; aber tte zum nen der auf der er alten lich ſei⸗ — 381— die ganze Welt, und ſelbſt ſein alter lieber Herr Magiſter konnte ihm den ganzen Tag kein freund⸗ liches Wort abgewinnen. So trieb er ſein ſtill begonnenes Spiel faſt vier⸗ zehn Tage unermuͤdlich fort; ward aber immer fin⸗ ſterer und truͤber, je oͤfter er ſich in ſeinen immer gluͤhender werdenden Hoffnungen betrogen ſah. Fragte ihn der beſorgte Magiſter, was ihm fehle, ſo war die ganze Antwort ein kurzes muͤr⸗ riſches„Niſcht.“— 23. Der Lebenspvplan. Alle Faͤden ſeiner Geduld waren zerriſſen.„Nun keinen Schritt mehr unter die dummen Linden,“ ſagte er zu ſich ſelbſt; aber er hatte den Vorſatz noch nicht ganz ausgeſprochen, ſo war er ſchon vor dem Brandenburger Thor. Es zog ihn, wie mit Ketten, in die Stadt. Die alten Sieges⸗Pferde oben glaͤnzten in der Morgenſonne heute herrli⸗ cher als je; die Schildwache vor dem Gewehr pfiff ſich ihr luſtiges Stuͤckchen, und die von einem ſanf⸗ ten Nachtregen erquickten prachtigen Linden begruͤß⸗ ten ihn mit ihrem friſcheſten Gruͤn. 4 „Wenn du ſie heute nicht ſiehſt, ſiehſt du ſie nie mehr wieder,“ ſagte ihm ein inneres Etwas, und das trieb ihn, wie mit gluͤhenden Stacheln, die Straße hinauf, hinter ſeine vertraute Freundin, die alte Linde. — 32— Paulinens Fenſter war verſchloſſen. Sie, wie⸗ der nicht da; aber unten im Thorwege ſtand Char⸗ lotte, das nette Dienſtmaͤdchen, in deſſen Geſichts⸗ zuͤgen Fritz mit ſeiner Menſchenkenntniß ſo viel Gutmuͤthigkeit zu finden vermeinte, daß es ihm wohl Rede ſtehen wuͤrde, wenn er es feiner Weiſe gushorche. Er naͤherte ſich dem Maͤdchen; ſtrich ſich die bu⸗ ſchigen Ringellocken aus dem Geſichte, gruͤßte ma⸗ nierlich, und fragte, ob das Madahmken, das hier wohne, zu Hauſe ſey. Charlotte, einen ſchwankenden Federbuſch auf dem Hute eines voruüber paradirenden Reiters im Auge, hoͤrte die Frage nicht, und Fritz zuyfte, auf Antwort begierig, an der Schuͤrze. „Was will denn der infame Schlingel,“ gaͤlferte die Erboßte, und ſchlug ihm auf die Finger. Fritz ließ ſich aber dadurch nicht irre machen, und wie⸗ derholte beſcheidentlich ſeine Frage. „Madahmken, Madahmken,“ erwiederte das Maͤdchen argerlich;„hier wohnen viele Madahm⸗ ken!“ „Ick mehne dat Madahmken,“ entgegnete Fritz treuherzig,„mit det klehne huͤbſche Mamſellken.“ Da ſchlug Charlotte eine gemeine helle Lache auf, und ſagte:„nun wird mich noch nicht beſſer; wenn erſt die Betteljungen anfangen, Fenſterparade zu machen, und ſich nach den huͤbſchen Maͤdchen um⸗ zuſehen, ren von' Wirthsh fuͤr ein ken mit als bette Fuß uͤbe krumm ſchir' den ſuchſt, ſi ge.— T. gleich au Fritz noch hal Maͤdchen Wen hatte. damit ſi dieſe wu hatte, dem Fen Er n Jungen ausgeſch gleicher ſchimpft, dazwiſche wo er d ie, wie⸗ d Char⸗ Geſichts⸗ ſo viel es ihm er Weiſe die bu⸗ ͤßte ma⸗ das hier uſch auf iters im fte, auf gaͤlferte er. Fritz und wie⸗ erte das Nadahm⸗ nete Fritz ellken.“ ellle Lache ht beſſer; terparade dchen um⸗ zuſehen, was bleibt dann noch Apartes fuͤr die Her⸗ ren von's Militair.— Dummer Junge, hier iſt ein Wirthshaus, ein Hotel, wenn Du weißt, was das fuͤr ein Ding iſt. Du willſt bei Deinem Madahm⸗ ken mit das huͤbſche Mamſellken doch weiter nichts, als betteln. Aber unterſteh' Dir, und ſetz' ein en Fuß uͤber die Schwelle; der Portier ſchlaͤgt Dich krumm und lahm. Das Lumpengeſindel!— Mar⸗ ſchir' den Augenblick mir aus den Augen. Die Du ſuchſt, ſind vielleicht lange ſchon fort uͤber alle Ber⸗ ge.— Das Bettelpack, infamige. Der Junge ſieht gleich aus, wie ein Spitzbube.“ Fritz war lange ſchon um die Ecke, und immer noch hallte ihm die Schimpfrede des hartherzigen Maͤdchens in die Ohren. Wenn nur die oben im Fenſter nichts gehoͤrt hatte. Jetzt wuͤnſchte er, daß Pauline fort ſey, damit ſie mit der garſtigen Charlotte nicht ſpreche; dieſe wußte gewiß, wen er gemeint hatte, denn ſie hatte, während ſie geſprochen, ein Paarmal nach dem Fenſter hinaufgeblickt, in dem Pauline gelegen. Er war in ſeinem Leben von andern ehrlichen Jungen und ſeiner erſten Erzieherin ſchon tuͤchtig ausgeſchimpft worden; doch da hatte er ſich mit gleicher Waffe gewehrt, recht klaſſiſch wieder ge⸗ ſchimpft, und, wo das nicht geholfen, mit Faͤuſten dazwiſchen geſchlagen. Aber hier, vor dem Hauſe, wo er die ſeligſten Traͤume getraͤumt, wo er im heimlichen Verſchmachten ſo üͤbergluͤcklich geweſen war, daß er die ganze Welt an ſeine hochfliegende Bruſt haͤtte druͤcken moͤgen; wo er, um den ent⸗ fernteſten Schein des Eigennutzes zu vermeiden, wochenlang weggeblieben war; hier dicht unter dem Fenſter, das er ſeitdem hundertmal mit unnenn⸗ barer Sehnſucht angeſtarrt hatte, die roheſten Vor⸗ wuͤrfe uͤber ſeine unverſchuldete Armuth, und, ſein gewiß ehrliches Geſicht zu einer Spitzbuben⸗Viſage herabgewuͤrdigt hoͤren zu müſſen— nein, das war zu viel; es war zu viel. Er biß ſich in die Lippen, und wollte die Thrä⸗ nen niederkämpfen, die ihm der Groll uͤber das Maͤdchen, und der Unmuth uͤber das ſchreckliche Loos der Armen in die Augen getrieben hatten; aber ſie ſchoßen ihm unaufhaltſam aus dem ſchmerz⸗ lich zerriſſenen Herzen, und liefen ihm klar und warm uͤber die gluͤhenden Wangen. Aus Beſorgniß, einem ſeiner Spiel⸗Kameraden zu begegnen, der ihn wegen ſeines weibiſchen Heu⸗ lens gewiß aufgezogen haben wuͤrde, ſchlich er ſich dicht an den Haͤuſern hin; eilte, ohne ſich umzuſe⸗ hen, zum Thor hinaus; ſuchte das abgelegenſte Dickig auf, und warf ſich da unter eine ſchattige Eiche. 1 Er hatte ſich nie ungluͤcklicher gefuͤhlt, als in dieſem Augenblicke. Das kleine ſchoͤne Maͤdchen, das ihn mit ſo milden Worten ſeinen armen Fritz genann eigener und Tl wieſen, zu ſich! lich auf nie wie Wo ganzen ſchilt in Tuch, d nes hol dem ga ſein Lei verſchaff ten ſchi infamen andern Bettelp Diebſta und Ni Unſchul ne, die draͤngt. Granitz und Na und ſehe des We geweſen pfliegende den ent⸗ rmeiden, nter dem unnenn⸗ ſten Vor⸗ und, ſein n⸗Viſage das war die Thraͤ⸗ uͤber das ſchreckliche n hatten; n ſchmerz⸗ klar und ameraden chen Heu⸗ ich er ſich h umzuſe⸗ gelegenſte e ſchattige t, als in Maͤdchen, men Fritz —. 95— genannt, das ihm die brennende Kopfwunde mit eigener zarter Hand verbunden, das ihm Mitleid und Theilnahme mit freundlicher Herzlichkeit be⸗ wieſen, und das ihn durch die ſanfte Herablaſſung zu ſich herauf gehoben hatte, war fort, wahrſchein⸗ lich auf immer und ewig ſver Er ſah es gewiß nie wieder. Wo er hinblickte, ſah er ſich allein, und von der ganzen Welt verlaſſen. Eine Hexe von altem Weibe ſchilt ihn oͤffentlich einen Dieb, und reißt ihm das Tuch, das unbezahlbar theure Pfand der Liebe je⸗ nes holden Kindes, vom Kopfe. Und er hat auf dem ganzen Erdenrunde keinen Menſchen, dem er ſein Leid klage, der ihm Recht und Genugthuung verſchaffe. Die Zofe im Gaſthauſe— vor allen Leu⸗ ten ſchimpft ſie ihn einen dummen Jungen, einen infamen Schlingel und einen Spitzbuben uͤber den andern; und wirft ihn zum Lumpengeſindel, zum Bettelpack; und verbietet ihm, aus Furcht vor Diebſtahl, die Schwelle ihres Hauſes zu betreten; und Niemand unter der Sonne nimmt ſich ſeiner Unſchuld an; und Niemand trocknet ihm die Thräͤ⸗ ne, die ihm die unverdiente Kraͤnkung in das Auge draͤngt. Der rohe Jaͤger ſchleudert ihn gegen den Granitpfeiler, daß ihm das Blut aus Mund, Stirn und Naſe ſchießt. Zwanzig Menſchen ſtehen dabei, und ſehen es; daß doch Einer nur ein mißbilligen⸗ des Wort dem Jaͤger geſagt haͤtte! Er ſchleicht, — 36— halb todt vor betaͤubendem Schmerz, von dannen, und ein wieherndes Gelaͤchter verfolgt ihn bis um die Ecke. Alles, Alles, weil er arm iſt! Die Ar muth ſelbſt iſt ein leicht ertraͤgliches Un⸗ gluͤck, aber die Menſchen⸗Ungeheuer verſchaͤrfen es durch die erbarmungsloſe Härte, mit der ſie dem Armen beg egnen. Fritz hatte in dieſer ernſten Stunde der Selbſt⸗ betrachtung keine klare Ueberſicht ſeiner Lage und ſeines Verhäͤltniſſes zur buͤrgerlichen Welt; aber es ging ihm, aus der Aufzaͤhlung aller der ihm zu⸗ gefuͤgren Unbilden, die er, blos weil ſich der blut⸗ arme Junge ohne Schutz und Beiſtand ſah, ſchwei⸗ gend dulden mußte, der Entſchluß auf, ſeinerſeits Alles zu thun, um die, der allgemeinen Verachtung preisgegebene Stellung, mit einer andern, beſſern, ohne Aufſchub zu vertauſchen. Es oͤffneten ſich ſei⸗ ner Spekulation mehrere Karrieren. Einige ſei⸗ ner ehemaligen Spiel⸗Kameraden z. B. hatten vor den Thoren, bei Monbijou und in mehreren Quar⸗ tieren der Stadt, Stellen in Beſchlag genommen, die bei Regenwetter, fuͤr den Fußgaͤnger, wegen des zollhohen Schmutzes mißlich zu paſſiren waren; die Jungen kehrten, wie ſie es nannten, einen„engli⸗ ſchen Stieg,“ ließen ſich dafuͤr vom Voruͤbergehen⸗ den eine kleine Ergoͤtzlichkeit zahlen, und nahmen, bei weicher Witterung, einen ſchoͤnen Thaler Geld ein. Eine der eintraͤglichſten Stellen dieſer Art war ur Seit la entfern nicht g wichtig Bewoh naͤhere gen. Voigtl tor zu den 2 ſchloſſe komme Corps ſen. 2 ihm e n dannen, )on bis um gliches Un⸗ ſchaͤrfen es er ſie dem der Selbſt⸗ Lage und Belt; aber er ihm zu⸗ h der blut⸗ ah, ſchwei⸗ ſeinerſeits Verachtung en, beſſern, ten ſich ſei⸗ Einige ſei⸗ hatten vor eren Quar⸗ genommen, wegen des waren; die nen„engli⸗ ruͤbergehen⸗ ad nahmen, Thaler Geld dieſer Art — 37— war unſtreitig die am Brandenburger Thore*) Seit langer Zeit hatten mehrere Jungen vom weit⸗ entfernten Koͤpenicker Felde, die alſo hierher gar nicht gehoörten, dieſen, ſeines Zolles wegen, hoͤchſt wichtigen Engpaß in Beſitz genommen. Fritz, als Bewohner des Thiergartens, hatte unſtreitig ein naͤheres Recht darauf, als die Koͤpenicker Feldjun⸗ gen. Nach der neulichen großen Schlacht mit den Voigtlandern, aus der er damals als Triumpha⸗ tor zuruͤckgekehrt, hatte er, à la Napoleon, mit den Beſiegten ein Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß ge⸗ ſchloſſen, und ſich von ihnen unter andern, bei vor⸗ kommenden Fäͤllen, die Geſtellung eines Aurxiliar⸗ Corps gegen die Koͤpenicker Brigands geloben laſ⸗ ſen. Mit dieſem und ſeiner alten Garde waͤre es ihm ein Leichtes geweſen, den Feind aus dem *) Dieſer Bettel⸗Erwerbszweig iſt, Gott ſey Dank, ge⸗ genwärtig vertrocknet. Vom Thore bis zur Barriere des Thiergartens iſt eine kleine Entfernung von etwa dreißig Schritten. Jahrzennde lang mußten Millio⸗ nen Menſchen, bei naſſer ir erung auf dieſer Stelle, bis an den Knöchel im Korhe waten; ſie wären alle darin ſtecken geblieben, hätten die Berliner Straßen⸗ Jungen ſich nicht um die leidende Menſchheit verdient gemacht, und einen engliſchen Stieg gekehrt. Im Frühjahr 1828 ward der Weg durch die Vorſorge der Potsdamer Regierung gepflaſtert, und man kann nun von der ſchönen Stadt zum ſchönen Park trocknen Fußes wandern. — 368— Schmutzpaß zu werfen, und den engliſchen Stieg fuͤr eigene Rechnung zu kehren; allein— am Ende war das ja doch immer nichts, als auch eine Bet⸗ telei. Lude*), ein ehemaliger Waffengefaͤhrte, der, der Keilereien muͤde, die Laufbahn der Straßen⸗ Jungen⸗Ehre verlaſſen, und das lorbeerbekraͤnzte Kriegerſchwert mit einer Sand⸗Equipage vertauſcht hatte, wollte, aus alter Kameradſchaft, ihn feierlich zum Compagnon ſeines merkantiliſchen Geſchaͤfts auf⸗ und annehmen, wenn er fuͤr Pferd und Kar⸗ ren, die Haͤlfte des Werthes, mit zwanzig Groſchen erlege. An Fonds haͤtte es ihm nicht gefehlt. Hatte ihm das liebe Madahmken, Paulinens Mut⸗ ter, ja einen Friedrichsd'or verehrt, der in ſeines Herrn Magiſters Verwahrſam noch unangeruͤhrt lag. Aber der Sandhandel— rechte Luſt hatte er nicht dazu. Der ſtockblinde, von Piephaken, Stoll⸗ ſchwamm, Lungenfaͤule, Mauke, Spath, Fluß⸗ und Steingalle ſchwer heimgeſuchte langzottige Koſaken⸗ Mauſefahl, der aus den Steppen des ſuͤdlichen Sibiriens weit hergekommen war, fuͤnf Sechstheile von Europa bis zum ſtolzen Paris durchzogen, und von dort, mit reicher Beute belaren, bis hierher zuruͤckgekehrt, hier aber, unheilbarer Wunden hal⸗ ber, ſeiner Dienſte in Gnaden entlaſſen worden war, ſchien des irdiſchen Weltgetuͤmmels uͤberſatt *⁴) Ludwig, abbrevirt, zu ſeyn, dem Or Eben ſt faͤlligkei aber di Hauptſt das Sa und das verloren Alſo es auch Fritz Vor Jockey g ſchwarze die ſchw den erbſe blanker dem Ju merkt re feiner E leicht ein ken zu und bei liebe huͤl ihm an keit, ſein ſamkeit i LXXV en Stieg am Ende eine Bet⸗ rte, der, Straßen⸗ bekraͤnzte vertauſcht feierlich Geſchaͤfts und Kar⸗ Groſchen gefehlt. ens Mut⸗ in ſeines angeruͤhrt hatte er en, Stoll⸗ Fluß⸗ und Koſaken⸗ ſüdlichen bechstheile ogen, und is hierher anden hal⸗ a worden 3 uͤberſatt zu ſeyn, und ſich nach dem ſtillen Ruhepläͤtzchen vor dem Oranienburger Thore recht herzlich zu ſehnen. Eben ſo lebhaft erinnerte der Karren an die Hin⸗ fälligkeit aller Kreaturen unter der Sonne. Hatte aber die Zerſtoͤrungswuth der Zeit dieſe beiden Hauptſtuͤtzen des Etabliſſements geſtuͤrzt, ſo brach das Sandhaus Lude und Compagnie unrettbar, und das Anlage⸗Kapital war auf immer und ewig verloren. Alſo mit der kaufmaͤnniſchen Spekulation war es auch nichts. Fritz hatte Hoͤheres im Sinne. Vor einigen Tagen hatte er einen niedlichen Jockey geſehen. Die blaßblaue engliſche Jacke mit ſchwarzem Sammetkragen und goldenen Treſſen; die ſchwarzen kurzen Mancheſter⸗Beinkleider mit den erbſenfarbigen Kamaſchen; der runde Hut mit blanker Treſſe und hoher Kokarde; das Alles hatte dem Jungen ganz allerliebſt geſtanden. Unver⸗ merkt reihte ſich an dieſes Bild von Sauberkeit und feiner Eleganz die Idee an die Moͤglichkeit, viel⸗ leicht einmal in gleiche Dienſte bei dem Madame⸗ ken zu treten, das ihm das Goldſtück geſchenkt; und bei dem Gedanken, dann immer um das kleine liebe huͤbſche Maͤdchen ſeyn, und deſſen Wuͤnſche ihm an den Augen abſehen, und ſeine Anhaͤnglich⸗ keit, ſeine Hingebung, durch die zarteſte Aufmerk⸗ ſamkeit und durch die erprobteſte Treue, bethaͤtigen LXXV. 8 *— 90— zu koͤnnen, verklaͤrte ſich ſein ganzes Geſicht. Er ſprang mit einer Eile, als muͤßte er heute noch fort, um Paulinens Mutter ſeine Dienſte anzubie⸗ ten, auf; ſchuͤttelte, denn er ſah ſich ſchon in ſei⸗ nen erdſenfarbigen Kamaſchen und ſchwarzen Man⸗ cheſter⸗Modeſten, den Staub von den nackten Fuͤßen und von den Plunder⸗Hoͤschen, und marſchirte, von tauſend ſuͤßen Phantaſieen umgaukelt, raſchen Schrittes nach Hauſe, um den Herrn Magiſter mit ſeinem neuen Lebensplane bekannt zu machen. 24. Der Hauptmann. „Dummer Junge,“ ſchnautzte ihn der alte Ei⸗ ſenſtein an, der eben bei ſeinem Intimus und Haus⸗ genoſſen, dem Herrn Magiſter ſaß, und mit ihm ein friedliches Pfeiſchen Ermler'ſchen Stadtlaͤnder ſchmauchte,„wie kommſt Du auf den plebejen Ge⸗ danken, Deinen Leichnam in eine Livree zu ſtecken? Soldat ſollſt Du werden, und nichts anders; das iſt der Stand der Ehre. Darin kannſt Du Dein Gluck machen; Krieg gibt es immer in der Welt; iſt es nicht hier, iſt es wo anders. Krieg iſt das Element des Soldaten; und nur, wo es was zu ſchlagen gibt, mußt Du Dein Heil verſuchen. Du biſt ein freier Menſch; nirgends gebunden; Du kaunſt gehen, wohin Du willſt. An braven Kerls iſt nirgends Ueberfluß. Aber mit der Tapferkeit iſt es nicht allein abgethan. Lernen ſollſt du, was zum Handwe Herrn Erſte w werker, ger Pro denn er mann, Schulge von ihn biſt Du Weſen, Deinem Du zule und Ru alten od mann n denn Di biſt, ha gethan, laͤnder Schein⸗? des, De trum! Alles m Zerſplitt bange f waren 2 ſtirt, un Lowen. cht. Er ute noch anzubie⸗ n in ſei⸗ en Man⸗ en Fuͤßen arſchirte, „ raſchen siſter mit chen. alte Ei⸗ nd Haus⸗ mit ihm adtlaͤnder bejen Ge⸗ u ſtecken? ers; das Du Dein der Welt; eg iſt das s was zu den. Du den; Du ven Kerls ferkeit iſt was zum — 91— Handwerk gehoͤrt. Das iſt Alles ſchon mit unſerm Herrn Magiſter beſprochen und regulirt. Fuͤr das Erſte wird Dich mein Special, der Herr Oberfeuer⸗ werker, in die Lehre nehmen. Das iſt ein tuͤchti⸗ ger Profeſſor in ſeinem Fache. Ein Ehrenmann, denn er thut es gratis. Biſt Du einmal Haupt⸗ mann, kannſt Du ihm oder ſeinen Kindern das Schulgeld bezahlen. Leſen und Schreiben ſollſt Du von ihm lernen, und Zeichnen und Rechnen. Und biſt Du darin perfekt, dann geht es an das gelehrte Weſen, das ich nicht verſtehe, was Du aber mit Deinem Kopfe ſchon klein kriegen wirſt; und kannſt Du zuletzt Franzoͤſiſch und Engliſch und Italieniſch und Ruſſiſch, ſo kannſt Du Dienſte nehmen in der alten oder neuen Welt; Du mußt uͤberall Haupt⸗ mann werden, und noch hoͤher hiuzuf avanciren, denn Du biſt ein geborner Soldat, und daß Du das biſt, haſt Du mir noch neulich wieder deutlich dar⸗ gethan, mit Deinem Flankenangriff auf die Voigt⸗ laͤnder Jungen, das war ein Meiſterſtuͤck. Dein Schein⸗Manoͤuvre auf den rechten Fluͤgel des Fein⸗ des, Dein Harzeliren und Tirailliren auf das Cen⸗ trum! Ich ſtand hinter der Thierbude, und habe Alles mit angeſehen. Ich ſtutzte Anfangs uͤber das Zerſplittern Deiner Kraͤfte, und es fing mir an, bange für Dich zu werden, denn die Voigtlaͤnder waren Dir an Zahl uͤberlegen, hatten ſich gut po⸗ ſtirt, und ſchlugen ſich, meiner Seele, wie junge Loͤwen. Wie ich aber ſah, daß Du mit Deiner Haupt⸗ macht, den Saͤbel in der Fauſt, Dich auf ihren lin⸗ ken Fluͤgel warfſt, und den Feind aufrollteſt; die⸗ ſer aber, vor Deinem vorgeſchobenen Corps, nicht einſchwenken, und Dir Front machen konnte, und nun, auf einander gedruͤckt, anfing, in Wirrflucht zu gerathen, und jetzt, hinter dem Herz⸗Beer'ſchen Garten, Deine Reſerve hervorbrach, und dem, von allen Seiten raſch angegriffenen Feinde in den Ruͤk⸗ ken ſiel, da rief ich hinter meiner Thierbude: Vik⸗ toria, und machte Dich in Gedanken zu meinem Feldmarſchall.“ Fritz hatte mit unverwandtem Auge ſeinem alten Waffenmeiſter auf die baͤrtigen Lippen geſehen, um kein Wort zu verlieren. Eins war ihm vorzuͤglich wohlthuend geweſen. Der Hauptmann! Er ſah ſich im Geiſte Paulinen gegenuͤber, und kalkulirte ſich im Stillen zuſammen, daß dieſer ein blanker, ſtolzer Hauptmann beſtimmt mehr gefallen werde, als ein armſeliger Jockey; und vorzuͤglich darum— wir ſind ja alle Kinder geweſen, und haben unſere Träume getraͤumt— und vorzuͤglich darum hob er beide Haͤnde, und legte ſie, von des alten Eiſenſtein einfacher Rede begeiſtert, in deſſen Rechte, und rief mit einer gewiſſen Art von Feierlichkeit:„ja, Herr Korporal, ich werde Soldat.“ Der Herr Magiſter lachte uͤber die beiden Schwaͤr⸗ mer; nannte ſie Fabulauten und Prolektenmacher; zäͤhlte an den zehn Fingern zehn wiſſenſchaftliche Gegenſtaͤnde her, in deuen Fritz grüͤndlich bewan⸗ dert ſer duͤrfe, d mit gu das Gel bezahler Der um bekuͤ Was N finden,⸗ erhalte halb ſpo Wunder Euch di Da war Mie keinen 2 Herzog! marſcha Joachim Als Köl! bergaſſe Saͤbel. „Ja, holte Fr er die fr lich bekre herz, u des kru⸗ )ren lin⸗ eſt; die⸗ s, nicht te, und rirrflucht eer'ſchen em, von den Ruͤk⸗ de: Vik⸗ meinem em alten hen, um orzuͤglich r ſah ſich lirte ſich er. ſtolzer „als ein n— wir unſere n hob er eſenſtein und rief ja, Herr Schwaͤr⸗ nmacher; chaftliche bewan⸗ — 93— dert ſeyn muͤſſe, ehe er nur den Gedanken wagen duͤrfe, das Faͤhnrichs⸗Examen zu machen, und fragte mit gutmuͤthigem Spotte, wer von Beiden denn das Geld hergeben werde, den theuern Unterricht zu bezahlen? Der Korporal aber erwiederte faſt aͤrgerlich:„dar⸗ um bekuͤmmert Euch heute noch nicht, lieber Magiſter. Was Noth iſt, wird ſich finden.“„Das wird ſich finden,“ wiederholte der Magiſter laͤchelnd.„Gott erhalte Euch Euern Glauben, Korporal,“ ſetzte er halb ſpoͤttiſch hinzu,„es paſſiren heut zu Tage keine Wunder mehr, und ohne dieſe ſehe ich nicht ab, wo Euch die benoͤthigten Moneten herkommen ſollen.“ Da platzte der Korporal gereizt heraus:„Was war Michel Ney? ein armer Bube in Saarlouis; um keinen Dreier reicher, als unſer Fritz. Was ward er? Herzog von Elchingen, Fuͤrſt von der Moskwa, Reichs⸗ marſchall, und Pär von Frankreich! Oder habt Ihr den Joachim, den Gaſtwirthsjungen zu Cahors, vergeſſen? Als Koͤnig von Neapel paradirte er durch Eure Ger, bergaſſe! Den Weg zu ſolcher Hoͤhe bahnt nur der Saͤbel. Euer armſeliger Gaͤnſekiel nimmermehr.“ „Ja, Herr Korporal, ich werde Soldat,“ wieder⸗ holte Fritz freudig begeiſtert, und legte, als wollte er die frei beſchloſſene Wahl ſeines Lebensweges eid⸗ lich bekraͤftigen, ſeine Rechte auf das alte Huſaren⸗ herz, und umſchlang mit ſeiner Linken den Hals des krumm zuſammengeſchoſſenen Invaliden; die⸗ — 94— ſer aber druͤckte den Schnauzbart auf die Stirn des bluͤhenden Knaben, und ſagte ernſt:„Gott ſey mit Dir! das Loos iſt geworfen. Von heute an ſind wir Kameraden! Bruder Herz, auf Du und Du.“ Der Junge flog ihm uͤbergluͤcklich auf den Schoos, rief hoch aufgeregt:„Ja, Herr Korporal, Kamera⸗ den, auf Tod und Leben,“ und wollte, daß der Herr Magiſter ein Flaͤſchken Halbbier ſollte holen laſſen, denn auf ſo etwas müſſe allemal getrunken werden; der Korporal aber ſagte:„Morgen, Kamerad, iſt mein Ehrentag. Der drei und zwanzigſte. Da ver⸗ lor ich meine Hand auf den Blutfeldern von Groß⸗ beeren. Punkt ſechs Uhr heute Abend erwarte ich Dich vor dem Halleſchen Thore. Wir machen in der Kuͤhle einen Nachtmarſch, und bivouakiren auf dem Wahlplatze. Und wenn es tagt, will ich Dir an Ort und Stelle die ganze Ordre de Bataille zei⸗ gen, und mit Dir Schritt vor Schritt verfolgen die Manduvres Seiner koͤniglichen Hoheit des Herrn Krouprinzen von Schweden, und meines Prinzen von Heſſen⸗Homburg, bei deſſen Brigade unſer Re⸗ giment ſtand, und Dir die Heldenthaten erzaͤhlen, die Thuͤmen, Borſtell und Krafft, und Oppen, Hol⸗ zendorf, Dobſchuͤtz und Lindenau und Strampf, Wobeſer und Hirſchfeld mit ihren Kerntruppen ge⸗ than. Wir Alle hatten verſuchte Meiſter gegen uns uͤber. Bertrand, Reynier, Oudinot, Gerard und der Herzog von Padua— bei meiner armen Seele, jeder Soldat ſalutirt unwillkuͤhrlich, wenn er die Namen bei'm erf gedanke, Stunden Kartaͤtſch klingende hundertt P'Empere en Biske dachte ar ſechs Uh Dieſer weit Hei rage bivr beider ne len der als Beid hoben, u Sonne g ſeinem H fengefaͤhl Tauſend rungen und Fein getrankt Thaue n tirn des ſey mit an ſind nd Du.“ Schoos, Kamera⸗ der Herr n laſſen, werden; erad, iſt Da ver⸗ on Groß⸗ varte ich nachen in kiren auf ich Dir aille zei⸗ olgen die s Herrn Prinzen nſer Re⸗ erzaͤhlen, en, Hol⸗ btrampf, ppen ge⸗ egen uns rard und in Seele, er die Namen hoͤrt, und was ihre Armee betraf, ſo war bei'm erſten, wie bei'm letzten Manne der Haupt⸗ gedanke, Berlin. Die Reſidenz lag ja nur wenige Stunden entfernt. Ein kuͤhner Angriff, ein Paar Kartaͤtſchen⸗Schuſſe, und mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel triumphirten die ſiegtrunkenen hunderttauſend Mann, unter dem Jubelrufe: viye PEmpereur! in die Thore von Berlin. Aber warte en Bisken, dachten wir, und der liebe Herr Gott dachte auch ſo; heute Abend ein Mehreres. Punkt ſechs Uhr vor Hauptmanns Quartier.“ 25. Die Morgenfeier. Dieſelbe Stelle, auf welcher der Korporal, un⸗ weit Heinersdorf, in der Nacht vor dem Schlacht⸗ rage bivouakirt hatte, war jetzt das Schlafzimmer beider neuer Kameraden geweſen. Die erſten Strah⸗ len der Morgenſonne blitzten kaum in Oſten auf⸗ als Beide ſich von ihrem Hornſtein⸗Daunenlager er⸗ hoben, und der alte Huſar, das Geſicht gegen die Sonne gerichtet, auf die Kniee ſank, und zu Gott ſeinem Herrn betete. Hunderte ſeiner treuen Waf⸗ fengefährten lagen hier ringsum in kuͤhler Erde. Tauſend ſchmerzliche und tauſend freudige Erinne⸗ rungen zogen ſeiner Seele ſtill voruüͤber. Freund und Feind hatten den Boden hier mit ihrem Blute getrankt; aus jedem Halme, der ſich, von friſchem Thaue mit Milliarden Brillanten geſchmuͤckt, und — 96— vom leichten Morgenluͤftchen ſanft bewegt, ihm ſchweigſam zunickte, vermeinte er, den freundlichen Siegesgruß der entſchlafenen Kameraden zu ver⸗ nehmen; und die Ehre des Tages, und der Waffen⸗ ruhm, und das Heil dieſes Schlachtgewinnſtes, deſ⸗ ſen ſegensreiche Folgen kein Sterblicher zu berech⸗ nen vermag, und der ſtolze Gedanke, daß er das Alles mit als ſein Werk anſehen duͤrfe, machten ihm das Herz ſo groß und ſo weit, daß er die Haͤnde gefaltet gen Himmel hob, den Thraͤnen, die ihm uͤber Wange und Barr liefen, nicht laͤnger wehrte, und wortlos, aber vielleicht doch beredter, als man⸗ cher hochſtudirte Oberhofprediger, Gott dankte fuͤr das, was Dieſer in ſeiner Vaterliebe hier an Koͤnig und Vaterland Großes gerhan. Da erhoben ſich die Voͤgel der gangen Flur hoch in die mit goldigem Purpur durchzogene Morgenluft, und prieſen in froͤhlichen Weiſen den Schopfer, ihren Herrn; und von den Kirchthuͤrmen der umliegenden Doͤrfer er⸗ toͤnte weither das feierliche Feſtgeläute, und Fritz ſank an der Seite ſeines vaͤterlichen Freundes nie⸗ der, und beugte ſein Antlitz zur Erde, und ſeine Bruſt beſtuͤrmte das lebendige Gefuͤhl des furchtba⸗ ren Elends der hier geſchlagenen Schlacht, des hier erfochtenen Sieges⸗Jubels, und der Groͤße und der Herrlichkeit des allmächtigen Gartes. egt, ihm undlichen 7 aden Sdchr i ſ ten Waffen⸗ aſtes, deſ⸗ zu berech⸗ 5 er das von machten die Haͤnde die ihm r wehrte, Pio ns⸗ H. Elauren. aukte fuͤr an Koͤnig oben ſich goldigem e rieſen in ern; und oͤrfer er⸗ und Fritz 4 ades nie⸗ ind ſeine furchtbͤa⸗ des hier Sechs und ſiebenzigſtes Baͤndchen. und der I. A r ſf e 2 J, Stuttgart, bei A. F. Macklot. 18 2 9. Das Lilo⸗Fiſchchen(Beſchluß) * Inh a 1 t. . . 3 Jetzt gi gange de beruͤhmt ſetzten d unerſcho „Unſer? garde; und vier das Gan Teufel! rade auf marſchir die ſaͤchſt ſel links ben. In an zu b Ecke in nadiere an. Do . 3 ——— Das Lilo⸗Fiſchchen. 26. Die Schlacht. Jetzt ging es, Hand in Hand, nach dem am Aus⸗ gange des Waldes liegenden, in der Kriegsgeſchichte beruͤhmt gewordenen Dorfe Großbeeren.„Wir be⸗ ſetzten das Dorf,“ erzaͤhlte der alte Eiſenſtein mit unerſchoͤpflicher Suada, und treuem Gedaͤchtniß. „Unſer Major von Sandrart commandirte die Avant⸗ garde; drei Bataillons Infanterie, wir Leibhuſaren, und vier Kanonen der Batterie No. 19— das war das Ganze. Gegen vier Uhr Nachmittags ging der Teufel los. Reynier ſtuͤrmte mit 25,000 Mann ge⸗ rade auf das Dorf zu. Die ſaͤchſiſche Diviſion Sahr marſchirte dort vor dem Walde in vier Linien auf; die ſaͤchſiſche Brigade Boſe rechts, die Brigade Ryſ⸗ ſel links; zwei Batterieen ſpieen Tod und Verder⸗ ben. Im Dorfe fing es an mehreren Orten zugleich an zu brennen. Hier, wo der Weg von der Holz⸗ Ecke in das Dorf fuͤhrt, griffen die ſaͤchſiſchen Gre⸗ nadiere Sperl mit ungeheurer Bravour das Dorf an. Das ſaͤchſiſche Regiment Koͤnig folgte ihnen 1 — 4— als Unterſtuͤtzung. Wir verloren das Dorf, und mußten uns auf das von Buͤlowſche Haupt⸗Corps nach Heinersdorf zuruͤckziehen. Hier traf, vom Kror⸗ prinzen, die Ordre zum Ruͤckzuge nach dem Wein⸗ berge bei Berlin ein; General von Buͤlow aber ließ ihm in der Kuͤrze Folgendes melden: Der Feind hat aus uͤberkecker Unvorſichtigkeit die unguͤnſtigſte Stellung gewaͤhlt; vor ihm befindet ſich ein großes, nur auf einem einzigen Punkte bei Großbeeren, zu paſſirendes Bruch; links und rechts hat er nichts als Sumpf und ein ganz ungangbares Flies, und hinter ihm mein ganzes vom beſten Muthe beſeel⸗ tes Corps. Ich werde den Feind angreifen und ich werde ihn ſchlagen.— Hiermit ertheilte der Gene⸗ ral Befehl zum Angriff, und der Kronprinz billigte, bei ſo bewandten Umſtaͤnden, den Entſchluß. Wir hatten den ganzen Tag marſchirt, und keinen Mund⸗ biſſen gegeſſen; der Regen goß in Stroͤmen herab. Aber als der Schlachtbefehl eintraf, und der Gene⸗ ralmarſch zu wirbeln anfing, griff die ganze Armee einſtimmig mit freudigem Hurrah zu den Waffen. — Junge! So was muß man mit angeſe hen ha⸗ ben. Das iſt ein großer Augenblick. Ich wuͤnſche Dir wohl die Freude, das einmal zu erleben.“ Fritz war Auge und Ohr. Er ſog die Worte von des Alten Lippen. 1 „Herr Reynier,“ fuhr dieſer fort,„ſchoß den Bock, den Alle ſchießen, die durch das Kluͤck verzo⸗ gen, und darum uͤbermuͤthig werden. Er hatte uns, wie die gefangenen Offiziere nachher erzaͤhlten, fuͤr zu klein Angriff und uͤbe ren, ge in Grof marſchit eingeaͤſe den Qu ziere ge lig hera Tanze eine ru Schritt Achtzeh die gan ſetzte d ren wit unterh als die anſchlo die an ſolche 6 terhalt da alle behält gen ſti Befehl die Se. Borſte ben S orf, und bt⸗Corps om Kror⸗ m Wein⸗ aber ließ der Feind zuͤnſtigſte n großes, beeren, zu er nichts ſies, und he beſeel⸗ n und ich der Gene⸗ z billigte, uß. Wir en Mund⸗ en herab. der Gene⸗ ze Armee Waffen. ſehen ha⸗ h wuͤnſche eben.“ ie Worte ſchoß den uͤck verzo⸗ hatte uns, olten, fuͤr zu klein und ohnmäͤchtig gehalten. Er hatte einen Angriff von dem Häuflein nicht möoͤglich gedacht, und uͤber die Meldung, daß wir im Anmarſch wä⸗ ren, gelacht. Heute wollte er, hatte er gemeint, in Großbeeren ausruhen, und morgen nach Berlin marſchiren. Was von Haͤuſern hier im Dorfe nicht eingeaͤſchert und noch bewohnbar war, wurde von den Quartiermachern fuͤr die hoͤhern Staabs⸗Offi⸗ ziere geraͤumt. Der Abend daͤmmerte ſchon allmaͤh⸗ lig herauf, als wir uns zum Thee und Waffen⸗ Tanze meldeten. Fuͤnf preußiſche Batterieen und eine ruſſiſche eroͤffneten den Ball. Dreihundert Schritte hinter ihnen marſchirte die Infanterie auf. Achtzehnhundert Schritte vor dem Dorfe begruͤßte die ganze Artileerie den Feind zum Erſtenmale, und ſetzte das Feuern nun im Avanciren fort; ſo wa⸗ ren wir 600 Schritte vorwaͤrts gedrungen, und nun unterhielten ſich 64 Stuck Geſchütz, und ſpaͤterhin, als die ruſſiſche und ſchwediſche Artillerie ſich mit anſchloß, 32 Feuerſchluͤnde mit der franzoͤſiſchen, die anfaͤnglich keine Antwort ſchuldig blieb. Eine ſolche Converſation, mein lieber Fritz, iſt recht un⸗ terhaltlich. Die zur Sprache gebrachten Gruͤnde ſind da alle unumſtößlich, und wer das letzte Wort hat, behält Recht. Als die feindlichen Kanonen anfin⸗ gen ſtiller zu werden, gab der wackere Herr Buͤlow Befehl zum Angriff mit dem Bajonett. Nun ging die Sache muthig vorwaͤrts. Links kam General Borſtell, und das Dorf war in einer heißen hal⸗ ben Stunde genommen. Der Feind machte nach 3 — 6— verzweifelter Gegenwehr, uͤberall umringt, und ge⸗ ſchlagen, endlich Kehrt, warf groͤßtentheils das Ge⸗ wehr weg, und ſuchte, in hoͤchſter Unordnung, ſein Heil in der Flucht. Zwei franzöoͤſiſche Bataillone, Mediterrané und Walchern, und das fächſiſche Gre⸗ nadier⸗Bataillon Sperl geriethen im Dunkel der Nacht dort unten in den großen Sumpf, und nur Wenigen gelang es, ſich durch unſaͤgliche Anſtren⸗ gung das Leben zu retten. Wir hatten unterdeſſen unter unſerm Herrn Prinzen von Heſſen⸗Homburg, auf dem rechten Fluͤgel, auch gute Geſchaͤfte ge⸗ macht. Wir fielen, den muthigen Prinzen an un⸗ ſerer Spitze, dem Feinde in die linke Flanke, war⸗ fen ihn, nach hartnaͤckigem Kampfe, und verfolg⸗ ten ihn bis in das tiefe Dunkel der Nacht; da lag vor uns noch dort das Buͤſchchen. Das war vom Feinde beſetzt, und der vertheidigte es mit einer Wuth, als ſtaͤnde das Heil der Welt auf den Paa⸗ Straͤuchern. Die oſtpreußiſchen Grenadiere und das dritte Bataillon des dritten oſtpreußiſchen Regiments gingen im Sturmſchritte drauf. Wir Leibhuſaren hinterdrein zum Soutien. Es war ſchon ſo finſter, daß man keine zwei Schritte vor ſich ſehen konnte. Mitten im Angriffe ſtuͤrzte unvermuthet auf der rechten Flanke eine feindliche Kavallerie⸗Maſſe auf uns ein. Es war, wie wir nachher erfuhren, die Diviſion Fournier von der Reiterei des Herzogs von Padua. Unſer Major von Sandrart ſchickte ihr unſere Jaͤger⸗Schwadron entgegen; aber fie ward geworfen; nun gings mit dem ganzen Regimente und mi feindlich Aber de Schwad zweiteL dronen Linie. feſte F den we Marſch Todes⸗ haͤngte Reiter metzel ten die Hoͤlle halten Kein? und d wir in ten fa duane Hieb um de Feld! Erſt, und e bedeck ich, das „ und ge⸗ 3 das Ge⸗ ung, ſein naillone, iſche Gre⸗ unkel der und nur Anſtren⸗ terdeſſen vomburg, haͤfte ge⸗ nan un⸗ ke, war⸗ verfolg⸗ ; da lag war vom rit einer den Paa und das ggiments phuſaren o finſter, konnte. auf der kaſſe auf ren, die Herzogs ickte ihr fie ward egimente und mit den weſtpreußiſchen Uhlanen drauf. Die feindliche Kavallerie ſprengte in zwei Linien heran. Aber der Major verlor den Kopf nicht; die beiden Schwadronen links ließ er einen Haken gegen die zweite Linie formiren; mit den uͤbrigen drei Schwa⸗ dronen ging es in geſtreckter Karriere auf die erſte Linie. Jetzt galt es; raſches Pferd, ſcharfer Saͤbel, feſte Fauſt, und Courage im Leibe. Ich hoͤre noch den wackern Major ſein ſtuͤrmiſches„„Marſch, Marſch““ bruͤllen; die Trompeten ſchmetterten ihre Todes⸗Signale; alle drei Schwadronen flogen, ver⸗ haͤngten Zuͤgels, mit ungeheuerem Hurrah, in die Reiter des Herrn Herzogs von Padua. Das Ge⸗ metzel im Stockdunkeln war gräͤßlich; am Ende muß⸗ ten die Paduaner denken, der Teufel habe die ganze Hoͤlle losgelaſſen; ſie konnten nicht mehr zuſammen halten, und ſtoben nach allen Seiten auseinander. Kein Mann kam von dannen; was von den Uhlanen und der Infanterie nicht gefangen ward, hieben wir in Stuͤcke. Ganz zuletzt, da wir mit Schlach⸗ ten faſt fertig waren, hieb mir einer von den Pa⸗ duanern hier die linke Hand ab. Er bezahlte den Hieb mit ſeinem Leben, und ich ſchlang den Zuͤgel um den Stummel. Der Sieg war allgemein. Das Feld blieb unſer. Uns der Ruhm, Gott die Ehre. Erſt, als Alles rund um uns niedergehauen war, und es auf dem dunkeln, mit viertauſend Leichen bedeckten Blutfelde anfing, ſtill zu werden, merkte ich, daß mich der Stummel ſchmerzte. Ich kam in das Lazareth, und bin geſund. Du aber, alter — 8— Kriegskamerad in Friedenszeiten, erluſtire Dich hier im Lilograben mit Krebſen, und fang' Deinem Herrn Magiſter ein Gericht. Ich will unterdeſſen da am Buſche ruhen, und die ganze Schlacht noch einmal in Gedanken durchmachen. Doch halte Dich nicht zu lange auf. Wir haben vier tuͤchtige Stun⸗ den nach Hauſe, und,“ ſetzte er, ſich in die Bruſt werfend, hinzu:„ich ſpeiſe heute bei Kempfer im Thiergarten.“ 27. Petri Fiſchzug. Fritz ſprang von dannen, watete bis an die Kniee in den Lilograben, und hatte in des alten Eiſen⸗ ſtein dazu erbetenem Taſchentuche beinahe ein halb Schock kleine und große Krebſe beiſammen; um es ganz vollzaͤhlig zu machen, fehlten ihm nur noch we⸗ nige, und er ſtieg daher von Neuem in den Gra⸗ ben, und griff unter die Wurzeln eines Elſenſtam⸗ mes, die ſich vom Ufer tief in das Waſſer herab rankten. Bekanntlich halten ſich die Krebſe, dieſe ungefluͤgelten achtfuͤßigen Waſſer⸗Inſekten, in ſol⸗ chen Wurzellochern am liebſten auf. Zuſaͤllig erfaßte er Etwas, das ſich ganz ſonderbar anfuͤhlte; es hat⸗ te, ſo viel er aus dem Gefuͤhle beurtheilen konnte, faſt die Form einer ſehr dicken, unten am Ende abgerundeten großen Runkelruͤbe; war ungemein ſchwer, und hatte eine grobkoͤrnige, wie mit ganz kleinen ſteinharten Erbſen uͤberſaͤete Haut, die ſich auf⸗ und abſchieben ließ. Das kurioſe Ding, das er faſt f halten a baren S zelfaſer ſer, abe des Gro beſehen zu ſeine ger, der und und mit der wurfs, dergleich ſter Ju⸗ hatte ih des Fin Um kleinen verliere dern ar Wurzel gegerbte ſeltſam denn es der Hat ſchrie a ſtein, d geben ſ Mande des arn Dich hier Deinem terdeſſen acht noch alte Dich ge Stun⸗ ie Bruſt pfer im ie Kniee 1 Eiſen⸗ ein halb ;z um es noch we⸗ en Gra⸗ eenſtam⸗ r herab 2, dieſe in ſol⸗ erfaßte es hat⸗ konnte, n Ende gemein it ganz die ſich g, das — 9— er faſt fuͤr einen großen verſteinerten Maulwurf zu halten anfing, baumelte an einer feſten, unzerreiß⸗ baren Schnur, die ſich um das Ende einer Wur⸗ zelfaſer verſchlungen hatte, und hing frei im Waſ⸗ ſer, aber ſo tief, daß er es nicht uͤber den Spiegel des Grabens bringen, und alſo auch nicht naher beſehen konnte; beim weitern Betaſten kam ihm, zu ſeinem hoͤchſten Erſtaunen, ein Ring in die Fin⸗ ger, der in die Schnur eingeknuͤpft zu ſeyn ſchien, und unwillkuͤhrlich uͤberfluͤgelte ihn ſeine Phantaſie mit der Vorſpiegelung eines verwuͤnſchten Manl⸗ wurfs, oder einer verzauberten Waſſerratte. Von dergleichen Mäͤhrchen⸗Geſchichten hatte er in fruͤb⸗ ſter Jugend Unglaubliches gehoͤrt, und am Ende hatte ihn das Schickſal hieher berufen, den Zanber des Findlings zu loͤſen. Um den Ring, oder was das runde, mit einer kleinen Platte verſehene Ding ſonſt war, nicht zu verlieren, riß er an der Schnur nicht weiter, ſon⸗ dern arbeitete jetzt mit verdoppelter Kraft an der Wurzelfaſer; dieſe war aber zäher als die ſtaͤrkſte gegerbte Elephantenhaut. Loslaſſen konnte er das ſeltſame Waſſerthier nicht, das todt ſeyn mußte, denn es lag mit ſeiner bleiernen Schwere ihm in der Hand, ohne ſich zu regen noch zu ruͤhren. Er ſchrie alſo aus Leibeskraͤften nach dem alten Eiſen⸗ ſtein, daß er herbeikommen, und ihm ſein Meſſer geben ſollte. Dieſer vermeinte, daß wenigſtens eine Mandel recht großer Matador⸗Krebſe die Waden des armen Jungen mit ihren Scheeren kneiphafter — 10— Weiſe moleſtirten, und kam daher, wie er es nann⸗ te, mit verhaͤngtem Zuͤgel zum Succurs herange⸗ ſprengt, um ſeinen jungen Kameraden herauszu⸗ hauen; Fritz aber verſicherte, daß ſein Pedal ganz krebsfrei ſey; bat dringend wiederholentlich um das Meſſer, und aͤußerte, daß er hier tief unter'm Waſ⸗ fer einen Fiſch gefangen habe, uͤber den ſich der Herr Kamerad bas verwundern ſolle. Endlich war die zaͤhe Wurzelfaſer mit des Kor⸗ porals ſtumpfem Brodmeſſer durchgeſaͤgt, und Fritz brachte eine, mit ſchleimigem Moderſchlamme uͤber⸗ zogene verſteinerte Ratte— nein, ein durch dieſen Moderſchlamm ſchluͤpfrig anzufaſſender, von Perlen geſtrickter großer Tabaksbeutel war es, an deſſen Schnur ſich ein goldener Siegelring eingeknuͤpft be⸗ fand. „Iſt das Dein Lilo⸗Fiſch?“ rief der alte Huſar in freudiger Ahnung;„bei meiner armen Seele, der iſt mir lieber als der beſte Nuͤgenwalder Spick⸗ aal.“ Sie eilten zum naͤchſten Gebuͤſch, ſetzten ſich in den Schatten, oͤffneten nun den Beutel, und fingen an, den Inhalt in des Korporals Muͤtze zu zaͤh⸗ len. An Silber waren hoͤchſtens vier bis fuͤnf Tha⸗ ler darin; an Napoleons aber zaͤhlten ſie achtzehn⸗ hundert und neun und zwanzig Stuͤck. Sie zaͤhlten noch einmal. Es waren nicht mehr und nicht weniger. „Junge, Du biſt ein ſteinreicher Kerl!“ rief der alte Huſar einmal uber das andere, froh bewegt; „in Cout ein Bise zug.“ „Hal nes Gluͤͦ vom blu noch gar „Wi keit fort rad Kor „Ni herzig. Dividir zwei, n den. Wi ungethe maͤßige habe, dient, 1 aber haf brauchſt ſollſt D Viktorie Schatz zaͤhlte? des Do kel der gedraͤn men; i ſchoͤnen es nann⸗ herange⸗ erauszu⸗ dal ganz ) um das im Waſ⸗ ſich der des Kor⸗ und Fritz ne uͤber⸗ ch dieſen Perlen n deſſen -wuͤpft be⸗ re Huſar Seele, er Spick⸗ nſich in d fingen zu zaͤh⸗ uf Tha⸗ chtzehn⸗ ht mehr rief der bewegt; — 11— „in Courant ſind das zehn tauſend Thaler, und noch ein Bischen mehr. Das nenne ich mir Petri Fiſch⸗ zug.“ „Halb Part,“ entgegnete Fritz, die Groͤße ſei⸗ nes Gluͤcks, und den ſchnellen Wechſel ſeiner Lage⸗ vom blutarmen Straßenjungen zum reichen Kroͤſus, noch gar nicht faſſend. „Wir theilen,“ fuhr er in kindlicher Gutmuͤthig⸗ keit fort,„in drei gleiche Theile; Du, Herr Kame⸗ rad Korporal, unſer Herr Magiſter, und ich.“ „Nichts da,“ entgegnete der alte Eiſenſtein groß⸗ herzig.„Dividire einmal mit Zwei in die Summe. Dividire mit Drei hinein. Sie theßtt ſich nicht in zwei, nicht in drei gleiche Theile. Da ſiehſt Du den Willen des Schickſals. Das Geld ſoll ganz und ungetheilt beiſammen bleiben. Du biſt der recht⸗ maͤßige Finder. Dir allein gehoͤrt der Fiſch. Ich habe, was ich brauche; und unſer Magiſter ver⸗ dient, was zu ſeines Lebens Nothdurft gehoͤrt. Du aber haſt nichts; kannſt Dir nichts erwe ben, und brauchſt fuͤr Deine Zukunft noch gewaltig viel. Nun ſollſt Du lernen, und ein ganzer Kerl werden; Viktoria! Nach der Muͤnze zu urtheilen, war der Schatz das Eigenthum eines Franzoſen. Ich er⸗ zählte Dir vorhin, daß nach der Wieder⸗Einnahme des Dorfs mehrere feindli e Bataillone, im Dun⸗ kel der einbrechenden Nacht, hier in den Sumpf gedraͤngt wurden, und groͤßtentheils darin umka⸗ men; in jedem Falle hat ein Offizier,— denn dem ſchönen Perlenbeutel nach, iſt der Eigenthuͤmer ein — 12— Mann von Range geweſen— ſich uͤber den Graben retten wollen; wahrſcheinlich iſt ihm im Herauf⸗ klimmen die Boͤrſe entfallen. Durch Fuͤgung Got⸗ tes iſt ſie an den Wurzeln des Stammes haͤngen geblieben; die Perlen an Schnur und Boͤrſe ſind, wie Du ſiehſt, auf Roßhaar gereiht; darum hat Beides ſo viele Jahre im Waſſer haͤngen koͤnnen, ohne zu verweſen. Deinen Entſchluß, Soldat zu werden, haſt Du meinem Einfall zu danken, Dich geſtern mit hieher zu nehmen. Waͤrſt Du bei Dei⸗ nem dummen Vorſaatze geblieben, die Livree anzu⸗ ziehen, Du haͤtteſt geſtern keinen Schritt mit mir gehen duͤrfen. Deiner kindlichen Liebe haſt Du den Einfall zu verdanken, fuͤr den Herrn Magiſter im Lilograben ein Gericht Krebſe zu fangen, und Du fängſt nebenbei einen Fiſch von zehntauſend Tha⸗ lern; ſieh'— ſo mußte Alles kommen; und ſo iſt es gekommen. Und ſo haͤngt Alles natuͤrlich in der Welt zuſammen, nur, daß wir die Ringe der Kette nicht immer ſo in einander greifen ſehen, wie hier. Lebt der Mann noch, dem das Gold ge⸗ hoͤrte, ſo mag ihm Gott heute einen guten Tag ge⸗ ben! Sieh' ihn fuͤr Deinen zweiten Vater an, denn er vertritt durch die Mittel, die Dir geworden, ein grundgeſcheiter Kerl zu werden, an Dir hinſichtlich der Erziehung, deſſen Stelle; und lebt er nicht mehr, ſo wollen wir alle Jahre an dieſem Tage, wo wir fuͤr die Ruhe derer beten, die hier in dem großen gruͤnen Todtenbette ſchlafen, ihn mit in unſer frommes Gebet einſchließen. Amen!— Aber V V nun, It fort; de garten.“ Som geſchnuͤr Fritz ſyr hoͤchſt m ner Laſt einige ſchreibli ger Wat ſchen, z Genuß fangen, zu Fußs Der Fuß, zu ſtroͤmt! der ſeit lich, ar lichkeit Frit von der keine C ner Leb lieber Graben Herauf⸗ ing Got⸗ haͤngen rſe ſind, rum hat können, oldat zu n, Dich bei Dei⸗ ee anzu⸗ mit mir Du den iſter im und Du nd Tha⸗ und ſo irlich in nge der t ſehen, Bold ge⸗ Tag ge⸗ n, denn den, ein ſichtlich er nicht Tage, in dem mit in — Aber — 15— nun, Junge, iſt es die hoͤchſte Zeit; wir muͤſſen fort; denn ich ſpeiſe heute bei Kempfer im Thier⸗ garten.“ 28. Die Heimkehrr. Somit ſenkte er den ſorglich wieder zuſammen⸗ geſchnuͤrten ſchweren Goldbeutel in ſeine Taſche; Fritz ſprang mit ſeinen Krebſen luſtig voran; aber hochſt muͤhſelig ſchleppte ſich der alte Mann mit ſei⸗ ner Laſt nur langſam nach; doch kaum waren ſie einige Schritte gegangen, als ſie ein jetzt unbe⸗ ſchreiblich willkommener ſogenannter Charlottenbur⸗ ger Wagen einholte, auf dem ſie, fuͤr wenige Gro⸗ ſchen, zwei Plätze in Beſchlag nahmen. Der erſte Genuß des Lilo⸗Fiſches! Hatte ihn Fritz nicht ge⸗ fangen, mußten ſie in der Auguſt⸗Mittagshitze zu Fuße wandern.. Der Heimweg war mit Berlinern bedeckt, die zu Fuß, zu Roß und zu Wagen, nach Großbeeren ge⸗ ſtromt waren, um dem Gottesdienſte beizuwohnen, der ſeit der Schlacht, zum Andenken derſelben, jaͤhr⸗ lich, an dieſem Tage, daſelbſt mit feierlicher Feſt⸗ lichkeit gehalten wird. Fritz hatte vom Korporal ei en Wink bekommen, von der Boͤrſe, zur Vermeidung alles Aufſehens, ja keine Erwaͤhnung zu machen. Um ſich daher in ſei⸗ ner Lebendigkeit nicht etwa zu verſchnappen, ſaß er lieber ganz ſtumm auf ſeiner Charlottenburger Marterbank; deſto ſprachſeliger war aber dafuͤr ſei⸗ ne Phantaſie. Das klehne Mamſellken, das er uͤber die Schlacht⸗ geſchichten, die er geſtern Abend und heute fruͤh, auf dem blutbeduͤngten Ehrenfelde, fuͤr einen Augenblick ganz vergeſſen hatte, ſtand jetzt auf einmal wieder vor ihm. In fuͤße Traͤume verloren, ſah er ſich als den ſtattlichſten Offizier der Armee vor Paulinen. Er fand ſie in vornehmer Geſellſchaft bei ſeinem General; ſie war groß und ſchoͤn geworden; ſie er⸗ innerte ſich der fruͤhern Bekanntſchaft aus der Zeit ihrer Jugend; ſie kamen auf die Geſchichte mit dem Batiſttuche. Pauline fragte, ob er es noch habe, und ſchien gern hoͤren zu wollen, daß ihm dies Anden⸗ ken um keinen Preis feil geweſen; daß er es noch hoch in Ehren halte, Und er mußte beſchaͤmt die Augen niederſchlagen und geſtehen, daß eine alte Hexe— ach, mit tauſend Freuden häͤtte er jetzt den erſten ſeiner 1829 Napoleons darum gegeben, wenn er die abſcheuliche Frau haͤtte auffinden, und damit das ihm widerrechtlich entriſſene Tuch wieder ein⸗ loͤſen koͤnnen. Am Halleſchen Thore ſtieg die Geſellſchaft ab; der alte Eiſenſtein aber wiſperte Fritz heimlich in das Ohr, daß er, ohne Aufſehen zu erregen, den ſchweren Goldſchatz bis in die Wohnung des Herrn Magiſters nicht tragen koͤnne; es muͤßten alſo noch ein Paar Groͤſchchen ſpringen; der kleine Kroͤſus billigte den Vorſchlag, den Charlottenburger bis in den Thiergarten zu miethen, um ſo bereitwilliger, als ſich ihn kann mit rohe ſeit wan ob er m wie ſie, Geſellen tenburg Der de ergri dere aus kenden Fiſch ar ſchichte der Ma mem G Allmach terlich „Na der Kor nige? Geſtern verſicht zogt mi auf Go renherz dafuͤr ſei⸗ Schlacht⸗ fruͤh, auf ugenblick il wieder er ſich als haulinen. i ſeinem 1; ſie er⸗ der Zeit mit dem habe, und Anden⸗ es noch haͤmt die eine alte jetzt den n, wenn nd damit eder ein⸗ haft ab; mlich in gen, den es Herrn alſo noch Kroͤſus er bis in williger, — 415— als ſich hier am Thore mehrere Straßenjungen, die ihn kannten, um den Wagen ſammelten, und ihm mit rohem Hohne die Spottfrage entgegen warfen, ſeit wann er ſich die Eklepahſche angeſchafft, und ob er meine, daß ihn der Teufel hole’, wenn er, wie ſie, zu Fuß ginge. Er ſchaͤmte ſich der rüden“ Geſellen, und dankte Gott, als ihn der Charlot⸗ tenburger ihnen aus dem Geſichte gebracht hatte. 29. Der Frauen⸗ und Mädchen⸗Verein. Der Herr Magiſter brach, von namenloſer Freu⸗ de ergriffen, in ein„Herr Jemine“ uͤber das an⸗ dere aus, als der alte Eiſenſtein, von der druͤk⸗ kenden Laſt halb lendenlahm, den goldigen Lilo⸗ Fiſch auf den Tiſch legte. Fritz erzaͤhlte die Ge⸗ ſchichte ſeines Fiſchzuges mit lebhaftem Feuer, und der Magiſter ſegnete, froͤhlich weinend, mit from⸗ mem Gebete den Herrn der Herren, der in ſeiner Allmacht das von der Welt verlaſſene Kind ſo vä⸗ terlich bedacht. „Na, weß Glaube iſt denn nun ſtaͤrker?“ fragte der Korporal triumphirend,„Eurer, oder der mei⸗ nige? Geht mir mit Euerm Schriftgelehrten⸗Kram. Geſtern Abend noch zogt Ihr mich mit meiner Zu⸗ verſicht, daß ſich finden werde, was Noth ſey, Ihr zogt mich, Magiſter, mit meinem glaͤubigen Hoffen auf Gott den Herrn auf. Wollte das alte Huſa⸗ renherz auf den nicht bauen, wer moͤchte den Muth —-— 16— haben, mit freudigem Hurrah ſich in das Schlacht⸗ getuͤmmel zu werfen!— Jetzt, Magiſter, verwahrt das Geld. Heute Abend mehr daruͤber. Ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren. Laßt Euch die Krebſe kochen, die Fritz im Lilo⸗Graben fuͤr Euch gefangen. Ich ſpeiſe bei Kempfer im Thiergarten. Kamerad, Du köoͤmmſt mit. Dort ſollſt Du lernen, was der Soldat, der für Koͤnig und Vaterland mit Ehren geblutet, ſeiner Nation werth iſt.“ „Zum erſten Male in ſeinem Leben fuͤhlte Fritz, daß er kein hochzeitlich Kleid anhabe. Er ſchaͤmte ſich, als er hoͤrte, daß dort viel vornehme Leute beiſammen waͤren, ſeiner Lumpen; und nur die lo⸗ ckende Beſchreibung, die ſein Mentor von dem glaͤn⸗ zenden Feſte machte, konnte ihn beſtimmen, dem⸗ ſelben zu folgen. Auf dem Hinwege erzaͤhlte der alte Eiſenſtein, daß der Frauen⸗ und Maͤdchen⸗Verein, der ſich im Kriege, durch Verpflegung der kranken und ver⸗ wunderen Vaterlandsvertheidiger, ein ewig unver⸗ geßliches Verdienſt erworben, allen denen, die in den Schlachten von Großbeeren und Dennewitz in⸗ valide geworden, und ſich in der Reſidenz aufhiel⸗ ten, monatliche Unterſtuͤtzungen reiche, und ihnen jährlich, an beiden Schlachttagen, ein großes Feſt⸗ mahl bei Kempfer im Thiergarten bereite; daß da⸗ zu aus den Kellern verſwiedener Hofſtaaten nam⸗ hafte Quantitaͤten von Flaſchen guten Weins ver⸗ abfolgt wuͤrden; daß die Mitglieder des Vereins der Bewuthung und Bedienung ihrer Gaͤſte ſich ——QOꝭB—B—ę—CBO—;x — perſoͤnlic Menge die ſich mahls er pferſche her zwe traͤge der in Emp Mittags tirt wuͤr erhalte; ſammen — doch Orte her herrliche Schritte me bere War Parader Laubwer Buͤſte d Schatten Schau ſp huͤbſche ten kru weißem Ordeng den Fef dem S des Ver LXX Schlacht⸗ verwahrt Ich habe Euch die fuͤr Euch ergarten. un lernen, land mit 7 lte Fritz, rſchaͤmte ne Leute ir die lo⸗ dem glaͤn⸗ en, dem⸗ iſenſtein, er ſich im und ver⸗ ig unver⸗ , die in newitz in⸗ ;z aufhiel⸗ nd ihnen ßes Feſt⸗ ; daß da⸗ ten nam⸗ eins ver⸗ Vereins Gaͤſte ſich — 17— perſoͤnlich unterzoͤgen; daß gewoͤhnlich eine große Menge Zuſchauer aus der Reſidenz herbeiſtroͤme, die ſich an dem Anblicke dieſes patriotiſchen Liebes⸗ mahls ergoͤtze; daß vorn am Eingange in das Kem⸗ pferſche Lokal eine Buͤchſe aufgeſtellt ſey, bei wel⸗ er zwei Damen ſaͤßen, um die freiwilligen Bei⸗ traͤge der Beſuchen den, zum Beſten der Invaliden, in Empfang zu nehmen; daß nach aufgehobener Mittagstafel, zum Kaffee, lange Pfeifen praͤſen⸗ tirt wuͤrden, und jeder einen ganzen Brief Tabak erhalte; und daß waͤhrend der ganzen Zeit des Bei⸗ ſammenſeyns ein ausgeſuchtes Hautboiſten⸗Corps — doch jetzt ertoͤnte vom gaſtlichen Verſammlungs⸗ Orte heruͤber, in vollſtimmiger Muſik, Spontini's herrlicher Feſtmarſch, und Beide befluͤgelten ihre Schritte, denn der Korporal meinte, das Feſt neh⸗ me bereits ſeinen Anfang. Waren es die ergreifenden Toͤne des feierlichen Parademarſches; oder der Anblick der langen, mit Laubwerk und Blumen, und mit der gekraͤnzten Buͤſte des ritterlichen Koͤnigs gezierten Tafeh im Schatten breitaͤſtiger Baͤume; oder das ruͤhrende Schauſpiel, daß die Vorſteherin des Vereins, eine huͤbſche Frau von anſtaͤndigem Aeußern, einen al⸗ ten krumm und lahm zuſammen geſchoſſenen, mit weißem Silberhaar, ſchweren Wunden und blanken Orden geſchmuͤckten Invaliden⸗Offizier an der Hand, den Feſtzug zum gaſtlichen Mahle eroͤffnend, aus dem Saale trat, und alle Maͤdchen und Frauen des Vereins, auf gleiche Weiſe ihre tapfern Gaͤſte LXXVI. 2 — 16— geleitend, dem ſeltenen Paare folgten; oder waren es die Thraͤnen, die in den langen, glaͤnzenden Reihen der Zuſchauerinnen, beim Anblick des in ſei⸗ ner Art ganz eigenen Parademarſches, manchem ſchoͤnen Auge unaufhaltſam entrannen; oder war es der fromme Sinn der ganzen Feier, im Namen des Volkes, durch ſeinen edlern Theil, durch die Frauen repraͤſentirt, dem vaterlaͤndiſchen Heere, das in den narbenbedeckten Helden hier, ſeine Stellver⸗ treter geſendet hatte, fuͤr die Großthaten des ewig merkwuͤrdigen Tages zu danken; oder war es die wirthliche Frauen⸗Milde, die ſich in der Bewill⸗ kommnung und Aufnahme der wackern Gäͤſte ſo un⸗ beſchreiblich zart ausſprach;— Fritz wußte nicht, wie ihm geſchah, als er das Alles ſah und hoͤrte; aber er griff in dem Augenblicke, da ein Kempfer⸗ ſcher Marqueur dem hieher nicht gehoͤrenden lum⸗ pigen Straßenjungen, auf ziemlich handgreifliche Manier, die Wege weiſen wollte, in ſein Silbergeld, holte einen Thaler heraus, warf ihn in die, am Eingange ſtehende Buͤchſe, und empfand zum Er⸗ ſtenmale in ſeinem Leben die Seligkeit des Gebens. Er verſtand jetzt die ihm bis dahin unklar gewe⸗ ſene, und bei mancher kaltherzigen Zuruͤckweiſung ſeiner beſcheidenen Bitte um eine kleine Gabe, in verzeihlichen Zweifel gezogene Stelle der heiligen Schrift, und freute ſich uͤber die Freude des Em⸗ pfängers, dem dieſer Thaler werde zu Theil wer⸗ den. Der Marqueur, der einen, von Fritz gar nicht bemerkten Flanken⸗Angriff hatte machen wollen, blieb, v Großmu und erz⸗ Dienſtpe weidlich der Ver Spende Knopf ſeinem holte da geſtern ſten Hei Wohnun Thraͤnen rung, d ſenden entquoll Manna gebracht Wohl de mit dem Opfer il renmaͤnt rung an aus fro ſchmette belten; Muͤtzche jauchzen Jetzt er waren nzenden hes in ſei⸗ manchem oder war nNamen durch die eere, das Stellver⸗ des ewig ar es die r Bewill⸗ ſte ſo un⸗ zte nicht, ad hoͤrte; Kempfer⸗ den lum⸗ grreifliche ilbergeld, die, am zum Er⸗ Gebens. lar gewe⸗ cweiſung Gabe, in heiligen des Em⸗ cheil wer⸗ gar nicht wollen, — 19— blieb, vor Verwunderung uͤber die verſchwenderiſche Großmuth des Betteljungen, halb erſtarrt ſtehen, und erzaͤhlte das ſeltſame Ereigniß dem weiblichen Dienſtperſonale in der Kuͤche; doch dieſes lachte ihn weidlich aus, und beſchwichtigte ſein Erſtaunen mit der Vermuthung, daß des Jungen vermeintliche Spende wahrſcheinlich nur ein großer bleierner Knopf werde geweſen ſeyn. Fritz aber ſetzte ſich, ſeinem Herrn Kameraden gegenuͤber, in das Gras, holte das ſchwarze Brodrindchen hervor, das er, ſeit geſtern Mittag keinen Biſſen im Leibe, vom gierig⸗ ſten Heißhunger geplagt, eben aus ſeiner aͤrmlichen Wohnung mitgenommen hatte, und die ſuͤßeſten Thraͤnen des Menſchen, die Thraͤnen freudiger Ruͤh⸗ rung, die bei dem frommen Tiſchgebete des anwe⸗ ſenden Predigers dem reinen Herzen des Kindes entquollen, würzten das Rindchen zum koͤſtlichſten Manna, und als die Geſundheit des Koͤnigs aus⸗ gebracht ward, und alle die Heldenkruͤppel auf das Wohl des treugeliebten ritterlichen Herrn, den ſie mit dem Opfer ihres theuerſten Gutes, mit dem Opfer ihres Blutes und ihrer Geſundheit, als Eh⸗ renmaͤnner vertheidigt, mit hochſinniger Begeiſte⸗ rung anſtießen, und alle Umſtehende das Lebehoch aus froher Bruſt mitjubelten; und Trompeten⸗ ſchmetter und Paukendonner hoch in die Luft wir⸗ belten; da ſprang der Junge auf, ſchwenkte ſein Muͤtzchen und ſchrie, was die Kehle vermochte, ſein jauchzendes Hurrah. Jetzt aber gewahrte er das ſchoͤne Maͤdchen aus — 20— dem Frauenvereine, das ſeinen Herrn Kameraden zur Tafel gefuͤhrt hatte, ihm jetzt unter freundli⸗ chem Zuſpruch fleißig einſchenkte, ihn gaſtlich be⸗ diente, und, weil der Einhaͤndige mit Zerlegung der Speiſen nicht recht fertig werden konnte, ihm, mit zierlicher Appetitlichkeit, das Eſſen in kleine Mundbhiſſen ſchnitt. War es doch, als ſaͤhe er Pau⸗ linen vor ſich. So, akkurat ſo muͤßte die, meinte er, auch ausſehen, wenn ſie dereinſt einmal ſo groß ſeyn werde, wie dieſe hier. Das ſeidenglaͤnzende Ringelhaar; das klare, ſprechende Feuerauge; der blendend weiße Teint; die ſanftrothe Pfirſichwange; die Perlenzaͤhne im kleinen, laͤchelnden Munde; die holde Engelguͤte im bluͤhenden Geſichtchen; die fei⸗ ne, ſchneeweiße Hand; die volle, herrliche Figur; das wirthliche Taͤndelſchuͤrzchen— „Komm, Kleiner,“ rief die roſige Jungfrau, zu Fritz gewendet, der in ſtilles Staunen uͤber die Lieb⸗ lichkeit des anmuthigen Weſens verſunken, ſein Muͤtzchen in beide Haͤnde vor die Bruſt gefaltet, da geſtanden, und das reizvolle Maͤdchen mit den Au⸗ gen verſchlungen hatte,„da trink' einmal auf die Geſundheit Deines Herrn Korporals. Er hat mir erzaͤhlt, daß Du ſo ein braver Junge biſt, und daß Du auch Soldat werden willſt.“ Damit reichte ſie das Glas dem uͤberſeligen Fritz, und der Wein aus fuͤrſtlichem Keller perlte goldig im ſaubergeſchliffe⸗ nen Kryſtallglaſe, und Fritz trank in drei Zuͤgen, und ſagte in ſeiner begeiſterten Verzuͤckung halb fuͤr ſich beim erſten Zuge:„unſerm juten Koͤnige;“ beim z beim d Da gen Ki wie ga ſich uͤb Fritz e chelred Ehrliel nes zu warf ſi ſeiner kene P den M kreden Huͤlle bluͤhen Lumpe er ſaß an der angeth ſes Er hochac thin. Va Herrn meraden freundli⸗ ſtlich be⸗ Berlegung ate, ihm, in kleine de er Pau⸗ , meinte al ſo groß glaͤnzende nuge; der ichwange; unde; die ; die fei⸗ de Figur; gfrau, zu die Lieb⸗ ken, ſein faltet, da t den Au⸗ al auf die r hat mir „ und daß reichte ſie Wein aus egeſchliffe⸗ ei Zuͤgen, kung halb Konige;“ beim zweiten:„meinem Herrn Korporal;“ und beim dritten:„Ihre Geſundheht, Mamſellken.“ Das ſchoͤne Maͤdchen dankte mit einem beifälli⸗ gen Knixchen, und ſagte lachelnd:„i, ſieh' einmal, wie galant;“ viele der Umſtehenden aber wollten ſich uͤber den Lumpen⸗Jungen luſtig machen; doch Fritz entzog ſich verſchaͤmt ihren kaltwitzigen Sti⸗ chelreden; ſchlich ſich, das bittere Gefuͤhl gekraͤnkter Ehrliebe unter dem aufgedrieſelten Knopfloche ſei⸗ nes zuſammengeflickten Weſtchens, von dannen; warf ſich auf ein einſames Schattenplaͤtzchen unfern ſeiner lieben Luiſeninſel, und ſtellte vor die trun⸗ kene Phantaſie Paulinens Bild neben das des hol⸗ den Maͤdchens, das ihm den herrlichen Fuͤrſtenwein kredenzt; und der ſuͤße Traumgott warf die weiche Huͤlle ſanft ſchmeichelnder Abendluͤftchen uͤber den bluͤhenden Knaben, der in dieſem Augenblicke ſeine Lumpen und ſeinen Goldſchatz vergeſſen hatte, denn er ſaß, als der gluͤcklichſte Invalide, bei Kempfer an der blumenbekraͤnzten Feſttafel, und Pauline, angethan mit dem niedlichſten Taͤndelſchuͤrzchen die⸗ ſes Erdenrundes, war, als werthes Mitglied des hochachtbaren Frauenvereins, ſeine holdſelige Wir⸗ thin. 30. Weinlaune. Vater Eiſenſtein hatte ſich dieſen Abend mit dem Herrn Magiſter uͤber Fritzens Erziehungs⸗ und Le⸗ bensplan berathen wollen; als er aber vom Feſt⸗ mahle heimkehrte, ging er ſo breitbeinig, als haͤtte er ſeinen flinken Litthauer, den er bei Großbeeren geritten, unter'm Sattel. Er ſang ſo eben ſchon von weitem, in froͤhlichem Jubel, den erſten Vers des Schlachtliedes: Der Koͤnig rief; und Alle, Alle kamen, und ſtrich ſich den weißen Schnauzbart, und erzaͤhlte dem Magiſter, was fuͤr ein wackerer Mann Herr Kempfer mit ſeinem admirablen Eſſen ſey, und von den vielen Flaſchen, die aus den prinzlichen Kel⸗ lern anſpaziert gekommen, und wie die bildſchoͤnen Frauen und Maͤdchen, flink wie die Rehe, um die Tafel geflogen, und mit welchen Ehrenbezeigungen er ſammt allen Invaliden männiglich ausgezeichnet worden. Darauf hielt er dem Wehrſtande, als dem erſten unter der Sonne, eine Lobrede, in der er ſich nicht immer die glimpflichſten Seitenhiebe auf den Naͤhr⸗ und abſonderlich auf den Lehrſtand er⸗ laubte, und verlor ſich zuletzt mit breiter Geſchwaͤ⸗ tzigkeit und weinflinker Zunge in die Geſchichte der Großthaten ſeines Hochloͤblichen Regiments.„Fragt einmal,“ ſagte er im Gefuͤhl ſeines Werthes, und die Augen funkelten ihm wie feurige Kohlen,„fragt einmal nach Euerm Leipziger Magiſter⸗Corps; kein Menſch weiß von ihm; aber jedes Kind kann Euch vom erſten Leibhuſaren⸗Regimente, von den ſchwar⸗ zen Huſaren mit dem Todtenkovfe auf dem Cza⸗ kot, und mit dem Sterne des ſchwarzen Adler⸗Or⸗ dens auf der Cartouche, erzaͤhlen. Euer ganzer la⸗ teiniſcher Kram wiegt nicht die zwei Sinnſpruͤche auf, mit erſcheint. grinſend cuique i len Spro ſchwarzer krumme de und Sand! desland, der But Suum e immer d der Hert all habe heimgeb Belager Gefechte Der die Wei waͤhren Pillen u ſam ein befindlie Graben genannt Der hin; al allmaͤhl ruhten, 's haͤtte ßbeeren n ſchon en Vers 7, erzaͤhlte n Herr und von hen Kel⸗ ſchoͤnen um die gungen zeichnet als dem der er lebe auf tand er⸗ Heſchwaͤ⸗ chte der „Fragt es, und „fragt 8; kein nn Euch ſchwar⸗ 2m Cza⸗ ler⸗Or⸗ anzer la⸗ nſpruͤche — 25— auf, mit denen der ſchwarze Huſar vor dem Feinde erſcheint. Sein Memento mori unter dem weißen, grinſenden Schaͤdel, und ſein großherziges Suum cuique im Sterne— Herr! hat man denn in al⸗ len Sprachen der Welt etwas Paſſenderes fuͤr den ſchwarzen Huſaren erfinden koͤnnen? Was vor das krumme Meſſer kommt, nieder mit ihm; ohne Gna⸗ de und Barmherzigkeit, nieder mit ihm, in den Sand! Jedem Andern aber, in Freund⸗ und Fein⸗ desland, das Seine. Bei fremdem Gute, Hand von der Butter. Das heißt auf gut Huſarendeutſch, Suum cuique. Und weil unſer tapferes Regiment immer dieſe beiden Sinnſpruͤche heilig gehalten, iſt der Herr Gott immer mit ihm geweſen, und uͤber⸗ all haben die ſchwarzen Huſaren Ruhm und Ehre heimgebracht, von ihrer erſten Waffenthat bei der Belagerung von Prag an, bis zu ihrer letzten, den Gefechten bei Soiſſons und Compiegne.“ Der Magiſter, der aus vieljaͤhrigem Umgange die Weinlaune des Alten ſchon kannte, ließ ihn ge⸗ währen, ſteckte die reichlich abgefallenen Spitzen, Pillen und Stachelbeeren, gutmuͤthig und ſchweig⸗ ſam ein, und ſetzte ſich auf die, vor dem Hauſe befindliche Bank, zu deren Fuͤßen der Landwehr⸗ Graben, vom gemeinen Manne der Schaafgraben genannt, langſam vorbeifloß. Der Korporal verfolgte ihn zwar auch bis da⸗ hin; als er aber eine Weile geſeſſen, und die ſich allmahlig verglaͤſernden Augen auf den Fluthen ruhten, die ewig und immer langſam und ſchwei⸗ — 24— gend an ihm voruͤber zogen, ward ihm faſt ſchwin⸗ delig zu Sinne; die Bank unter ihm ſchien ihm mit fortzuſchwimmen, immer hinab zu dem Hof⸗ jaͤger, und tiefer hinunter zur Spree. Er mochte nicht laͤnger auf den Schaafgraben ſahen; war ihm doch, als bedrohe ihn ein ſeekraͤnkelnder Anfall; drum ſchloß er, von der Buͤrde ſeines Lorbeer⸗Kran⸗ zes muͤde, das Auge, und ſchlummerte, bis ihn die Kuͤhle des Nachtthaues weckte, der ihm das Silber⸗ haar und den Schnauzbart genaͤßt, und die Gluth des Weindampfs zerſetzt hatte. Und er ſtahl ſich in die friedliche Huͤtte, kuͤßte im Vorbeigehen ſeinen gluͤcklichen Liebling, der, ſchoͤn wie ein vollendeter Adonis, die letzte Nacht auf ſeinem aͤrmlichen Stroh⸗ lager ſchlummerte, ſtreckte ſich auf ſeine Matratze, und ſchlief, wie er nach der Heldenſchlacht von Großbeeren geſchlafen hatte. 31. Pa ul in e. Pauline kam, wie umgewandelt, nach Hauſe. Von der ehemaligen Puppentaͤndelei war keine Rede mehr; die auf dem Revers etwas defekte Oberhofmeiſterin, den kopfloſen Kammer⸗Director, das Stiftsfraͤulein mit dem zerriſſenen Kranze, und den Huſaren⸗Lieutenant mit der ruinirten Taille hatte ſie der kleinen Wirthstochter ihres Hotels zum Andenken uͤberlaſſen, und begriff jetzt nicht, wie ſie befaſſen Wer herrlich gefuͤhl die Ein rei der den, a⸗ derben; von den auszuar haftig werde de und Jei chen, di Gouvert Studin Jugendt wirklich verdiene ſich das wollte. zur Begt gen nur großen 2 ſelle Des worden. Ihrer lich gewe meſtiken Ctauren iſt ſchwin⸗ ſchien ihm dem Hof⸗ Er mochte war ihm r Anfall; deer⸗Kran⸗ bis ihn die is Silber⸗ die Gluth ahl ſich in en ſeinen ollendeter en Stroh⸗ Matratze, lacht von Hauſe. war keine s defekte Director, anze, und en Taille 8 Hotels etzt nicht, wie ſie ſich mit den ſtummen Baͤlgen hatte ſo lange befaſſen koͤnnen. Wenn auch die Natur das holde Mnd mit den herrlichſten Anlagen, und mit dem gluͤcklichſten Zart⸗ gefuͤhl ausgeſtattet hatte; ſo war doch, theils durch die Einfalt, theils durch die ſelbſtſuͤchtige Krieche⸗ rei der Umgebungen, ſchon der Anfang gemacht wor⸗ den, an dem Werke Gottes das Mögliche zu ver⸗ derben; hatte ſie ſich einmal hingeſetzt, um ihre, von den Lehrern erhaltenen Aufgaben, recht fteißig auszuarbeiten, ſo hatte ſie gehoͤrt, daß ſie doch wahr⸗ haftig nicht noͤthig habe, ſich ſo zu plagen; ſie werde doch bleiben, wer ſie waͤre, wenn ſie auch Das und Jenes nicht auf das Haar wiſſe; arme Maͤd⸗ chen, die, um ſich ihr Brod zu verdienen, einmal Gouvernante werden wollten, die mußten mit dem Studium von dergleichen Dingen ſich ihre ſchoͤnen Jugendtaße wohl verderben laſſen; ſie aber wuͤrde wirklich gutgemeinte Vorwuͤrfe von allen Seiten verdienen, wenn ſie mit all' dem gelehrten Zeuge ſich das Leben nur eine Stunde verkuͤmmern laſſen wollte. Bei dem natuͤrlichen Hange des Menſchen zur Bequemlichkeit hatte Pauline ſolchen Bemerkun⸗ gen nur zu gern das Ohr geliehen, und war, zur großen Bekuͤmmerniß ihrer Lehrer und der Demoi⸗ ſelle Desmarais, immer laͤßiger gegen ſich ſelbſt ge⸗ worden. 3 Ihrer Lebendigkeit war es oft viel zu umſtaͤnd⸗ lich geweſen, auf kleine Dienſtleiſtungen der Do⸗ meſtiken lange zu warten; ſie hatte ſich daher nicht Clauren Schr. LXXVI. 5 — 26— ſelten Dies und Jenes ſelbſt geholt, ohne daran zu denken, daß ſie ſich dabei Etwas vergebe; indeſſen hatte ſie von mehreren Seiten hoͤren muͤſſen, daß ſich das wirklich nicht recht ſchicke; daß eine Unzahl von dienſtbaren Geiſtern im Schloſſe ſey, die alle nicht wuͤßten, was ſie vor langer Weile anfangen ſollten, und daß es gar ſeltſam ausſehe, wenn ſie ſich ihre kleinen Beduͤrfniſſe ſelbſt zuſammen trage, waͤhrend in den Garderobe⸗ und Bedientenſtuben die Tagediebe, blos vom Gaͤhnen muͤde, die Haͤnde in den Schoos legten, und zum Zeitvertreibe ein Stuͤckchen ſchliefen. Die Wiederholung aͤhnlicher Bemerkungen hatte gar bald bewirkt, daß Pauline keine Stecknadel anruͤhrte, ſich keine Schleife band, und in der Rolle der großen Dame eine ſolche Vir⸗ tuoſitaͤt bekam, daß ſie beim An⸗ und Auskleiden wie ein Gliederpuͤppchen ſtand, und keine Hand ruͤhrte. Ihre herzige Gutmuͤthigkeit hatte ſie oft halbe Stunden lang feſtgehalten, wenn Huͤlfsbeduͤrftige ſie angeſprochen; ſie hatte ſich von ihnen umſtaͤnd lich Alles erzaͤhlen laſſen, dann bei guter Stunde auf den Vater durch freundliches Fuͤrwort gewirkt, und ſo manche Unterſtuͤtzung veranlaßt, manche Thräne getrocknet, manchen Kummer geſtillt. Aber da ſie immer und ewig hatte hoͤren muͤſſen, daß die Armen ihre Schwachherzigkeit mißbrauchten; daß ſie mit ihren Krokodillsthraͤnen das kindliche Gemuͤth weich machten, und nachher die betrogene Wohlthaͤterin im Geheimen auslachten, und daß es uͤberha lumper Huͤlfe Vater laſſen; Bitten allerwo Vergn Na mein fuͤr ein Perſon des, u Alle, ſich nie los uͤb Da berſchl ein ga ihrer wiſſen wußte, wande flickte Bit anders gehoͤrt unterr komme gebore daran zu indeſſen ſen, daß e Unzahl die alle anfangen wenn ſie en trage, tenſtuben ie Haͤnde reibe ein aͤhnlicher Pauline ife band, olche Vir⸗ uskleiden ne Hand oft halbe heduͤrftige umſtaͤnd Stunde gewirkt, manche illt. Aber ſeen, daß rauchten; kindliche betrogene ud daß es — 2⸗— uͤberhaupt ihr nicht wohl anſtehe, ſich zu dieſem lumpenbedeckten Bettelgeſindel, das, wenn es der Huͤlfe wirklich beduͤrftig ſey, wohl andere Wege zum Vater zu finden wiſſen werde, ſo gar ſehr herab zu laſſen; ſo hatte ſie perſoͤnliche Beziehungen zu den Bittenden zu vermeiden angefangen, war ihnen allerwaͤrts aus dem Wege gegangen, und war dem Vergnuͤgen des Wohlthuns fremder geworden. Natuͤrlich war dies Alles nach und nach allge⸗ mein wahrgenommen worden, und Pauline galt fuͤr eine kleine vornehme, duͤnkelvolle, kaltherzige Perſon, die nur Sinn fuͤr die Hoͤhe ihres Stan⸗ des, und fuͤr das Vermoͤgen ihres Hauſes habe, und Alle, die auf niedrigerer Rangſtufe ſtaͤnden, und ſich nicht gleicher Mittel erfreuen koͤnnten, antheil⸗ los uͤber die Achſel anſehe. Das Alles aͤnderte ſich jetzt, wie auf einen Zau⸗ berſchlag, um. Pauline war nach ihrer Ruͤckkunft ein ganz anderes Weſen; und nur wer die Geſchichte ihrer Tage in der Reſidenz genau gekannt, haͤtte wiſſen koͤnnen, was ſie damals ſelbſt nicht recht wußte, daß der Zauberer, der dieſe auffallende Um⸗ wandelung bewirkt, der kleine lappenzuſammenge⸗ flickte Fritz in Berlin war. Bis dahin hatte ſie vom ſogenannten Poͤbel nie anders als mit der hoͤchſten Verächtlichkeit ſprechen gehoͤrt. Das war, nach den, von mehreren recht unterrichtet ſcheinenden Perſonen, ihr zu Ohren ge⸗ kommenen Aeußerungen, die werthloſeſte, im Laſter geborene, vom Verbrechen erzogene Menſchenmaſſe . 3* — 23— geweſen. Und jetzt hatte ſie aus der verſchrieenen Hefe, aus dem Abſchaume dieſer verworfenen Klaſſe, den kleinen Fritz kennen gelernt, der, wenn nur der zehnte Theil der Erziehungskoſten auf ihn ge⸗ wendet wuͤrde, die jaͤhrlich fuͤr verſchiedene ihrer Herren Couſins und anderer Bekannten ſeines Al⸗ ters bezahlt wurden, hoͤher als Alle ſtehen wuͤrde. Seine, bei dem unausſtehlichen Pankratius einge⸗ legte Verwendung fur die Charlottenburger Schloß⸗ garten⸗Blumen— was war ſie anders, als Gefuͤhl fuͤr Naturſchoͤnheit, Sinn fuͤr den Werth oͤffentli⸗ cher Anlagen? was ſeine Bemerkung, daß die Blu⸗ men königliches Eigenthum, und darum unantaſt⸗ bar ſeyen, anders, als landeskindliche Treue? Der dunkle Flammenblick, mit dem er den Grafen Kratz gemeſſen, als dieſer Miene gemacht, den Stock ge⸗ gen ihn aufzuheben, hatte ihm recht gut geſtanden, und die Furchtleſigkeit bezeichnet, mit der er ſeine gerechte Sache zu vertheidigen gedacht. Seine bange Frage nach ſeiner Mutter, ſein Schmerz, nicht einmal ihre Grabſtelle zu wiſſen— gab es denn ein zarteres Zeichen ſeiner frommen Kindlichkeit? In ſeiner Wuth gegen den Gartenarbeiter lag ſtrenges Eyr⸗ gefuͤhl; in der, auf des Magiſters verſtändige Vor⸗ ſtellung augenblicklich erfolgenden Bezaͤhmung ſei⸗ nes Aufbrauſens, Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt. In ſeinem Galopp neben dem Wagen der Mutter, die aufmerkſamſte Dienſtfertigkeit; in der Verſchwei⸗ gung ſeines Schmerzes nach der erhaltenen Kopf⸗ wunde, Schonung der theilnehmenden Freund⸗ ſchaft. pfange ternhei dieſem um der zahlen, War er er den Geld n Fritz— und ſo res Gel denken nere H die an gelchen klemmt gen die Alles w Hand, Wie ſol die er i das rech aber die nicht la Herzen, ſchoͤnen und En teten fl idegliſir ſchrieenen en Klaſſe, venn nur if ihn ge⸗ ene ihrer ſeines Al⸗ en wuͤrde. lus einge⸗ er Schloß⸗ ls Gefuͤhl hoͤffentli⸗ die Blu⸗ unantaſt⸗ eue? Der afen Kratz Stock ge⸗ eeſtanden, cer ſeine ane bange ht einmal nzarteres In ſeiner iges Eyr⸗ dige Vor⸗ nung ſei⸗ lbſt. In gtter, die Zerſchwei⸗ len Kopf⸗ Freund⸗ ſchaft.— In ſeinem Nichterſcheinen nach dem Em⸗ pfange des Schlangenkoͤpfchens, lobenswerthe Schuͤch⸗ ternheit. In der Schmuͤckung ſeines Ohres mit dieſem Ringe, den ſie ihm eigentlich gegeben hatte, um den Arzt fuͤr die Heilung ſeiner Wunde zu be⸗ zahlen, Etwas, was ſie gar nicht nennen konnte. War er ein Junge gewoͤhnlichen Schlages, ſo haͤtte er den Schlangenkopf verkauft, und wenn er das Geld nicht fuͤr den Arzt brauchte, es vernaſcht. Aber Fritz— er hatte das Ringelchen aus ihren Haͤnden, und ſo Noth dem blutarmen Jungen vielleicht baa⸗ res Geld thun mochte, er hatte ſich von dem An⸗ denken nicht trennen koͤnnen. War denn eine fei⸗ nere Huldigung nur denkbar? Wie lieb mußte ihm die an ſich ſo unbedeutende Kleinigkeit, das Rin⸗ gelchen geweſen ſeyn! Gepackt von allen Seiten', klemmt er ſeine Hand feſt zu, und wehrt ſich ge⸗ gen die uͤberlegene Macht, ohne das ihm mehr als Alles werthe Denkzeichen Preis zu geben. Eher die Hand, als den Ring. Wie ſollte ſie das nennen? Wie ſollte ſie die muthige Großthat nennen, durch die er ihr Geſundheit und Leben rettete? Sie hatte das rechte Wort mehr als einmal auf der Lippe; aber die Paradieſes⸗Unſchuld des Kindes ließ es nicht laut werden; doch blieb es tief verſenkt im Herzen, und darum verwiſchte ſich das Bild des ſchoͤnen Knaben nie aus ihrem Gedächtniß, und Zeit und Entfernung und Dankbarkeit und Liebe arbei⸗ teten fleißiglich daran, dies Bild immer mehr zu idegliſiren, ſo, daß ſie, wenn ſie es ſpaͤterhin mit — 30— vernuͤnftigerem Auge pruͤfend beſchaute, vor deſſen Vollendung ſelbſt ſtill bewundernd ſtaunte, und das geheime Wohlbehagen, was ſie an dem Meiſterwerke ihrer kunſtfertigen Phantaſie fand, mit der Verſi⸗ cherung niederſchlug, daß er ein junger Gott ſeyn muͤſſe, wenn er nur halb ſo liebenswuͤrdig waͤre, als ſie ſich ihn gemalt hatte. Doch, ſie mochte, ſelbſt nach Jahren, uͤber die albernen Traͤume ihrer Kin⸗ derzeit noch ſo viel lächeln; der Ringelreim all' ih⸗ rer, dieſen Punkt beruͤhrenden Selbſtbetrachtungen war immer und ewig die Wahrheit, daß, zu dem Wagſtuͤck, was Fritz fuͤr ſie gethan, ſich kein Drit⸗ ter verſtanden haͤtte; daß Eigennutz die Triebfeder dieſer kecken That nicht geweſen ſeyn konnte, denn er hatte ſich, ob er gleich wußte, wo die Eltern wohn⸗ ten, und er auf ihren Dank wohl rechnen konnte, ſeit jenem Tage mit keinem Auge ſehen laſſen; und daß alſo ein höheres Gefuͤhl den wackern Jun⸗ gen, zu deſſen ewigen Schuldnerin ſie ſich bekannte, angeſpornt hatte, fuͤr ſie Blut und Leben einzu⸗ ſetzen. Sie ſchaͤmte ſich jetzt des Vorurtheils, das ſie ehedem gegen die niedere Volksklaſſe gehegt hatte, und ſuchte ihr fruͤheres Unrecht durch die wohlwol⸗ lendſte Herablaſſung männiglich wieder gutzuma⸗ chen. Sie gab den verſchaͤmten Armen, in denen ſie Fritzens Leidensgenoſſen ſah, mit freigebiger Hand; verwendete ſich, weil es ihr war, als trage ſie einen Theil ihrer Schuld an Fritz ab, wenn ſie der Bedraͤngten ſich thaͤtig annehme, unaufgefor⸗ dert fi reizt v mals 1 den ha dau, Slaͤrkt beſond genden ten an ſie ſich nen gaͤ als ob haͤltnit hin ve und D Alles ſeiner ſten, in der die Se fuͤr, d rung waͤhrte als B uͤber d ſie bal habe, der V tenden Aufm r deſſen und das terwerke r Verſi⸗ ott ſeyn g waͤre, te, ſelbſt rer Kin⸗ mall' ih⸗ htungen zu dem in Drit⸗ riebfeder denn er n wohn⸗ konnte, laſſen; ern Jun⸗ eannte, n einzu⸗ das ſie at hatte, wohlwol⸗ gutzuma⸗ in denen eigebiger als trage wenn ſie aufgefor⸗ dert fuͤr wahrhaft Huͤlfsbeduͤrftige; beſuchte, ange⸗ reizt von dem wohlthätigen Gefuͤhle, das ſie da⸗ mals uͤberfluͤgelt, als ſie Fritz die Wunden verbun⸗ den hatte, die Kranken und Schwachen in Gol⸗ dau, ſprach ihnen Troſt zu, ſorgte fuͤr Heil⸗ und Staͤrkungs⸗Mittel, und vermochte den Vater, einen beſondern Armenarzt fuͤr den Ort und die umlie⸗ genden, zu ſeinem Beſitzthum gehoͤrigen Dorfſchaf⸗ ten anzuſtellen.— So oft ſie an Fritz dachte, konnte ſie ſich immer nicht eines kleinen Aergers uͤber ſei⸗ nen gaͤnzlichen Mangel an Bildung erwehren, und als ob ſie an Andern ſeines Alters und ſeiner Ver⸗ häͤltniſſe gut zu machen habe, was bei ihm bis da⸗ hin verſaͤumt worden, ſetzte ſie, von der Mutter und Demoiſelle Desmarais mit Freuden unterſtuͤtzt, Alles in Bewegung, daß der Vater fuͤr die Kinder ſeiner Gutsbewohner, mit nicht unbedeutenden Ko⸗ ſten, Unterrichts⸗Anſtalten ſchuf, durch die er ſich in der ganzen Umgegend einen Namen machte, und die Segnungen aller Betheiligten einaͤrndtete. Da⸗ fuͤr, daß Pauline zur erſten Idee, deren Ausfuͤh⸗ rung ihm ſelbſt eine angenehme Beſchäftigung ge⸗ waͤhrte, die Veranlaſſung gegeben hatte, erhielt ſie als Belohnung das Ehrenamt der Oberaufſeherin uͤber die Schulen fuür die weibliche Jugend, und da ſie bald fuͤhlte, was ſie ſelbſt Alles noch zu lernen habe, um das Muſter wirklich zu ſeyn, zu dem ſie der Vater, der unter ihrer Leitung zu unterrich⸗ tenden Jugend, vorgeſtellt hatte; ſo war ſie jetzt die Aufmerkſamkeit und der Fleiß ſelbſt. Sie ſaß faſt den ganzen Tag uͤber ihren Buͤchern, Zeichnungen, Muſikalien und weiblichen Arbeiten; und ihre Zer⸗ ſtreuung und Erholung fand ſie in dem Blumen⸗, Obſt⸗ und Gemuͤſegarten, auf dem Bleich⸗ und Trockenplatze, auf dem großen Federviehhofe, in der Molkerei, der Spinnerei, dem Waſchhauſe, oder der Kuͤche, lauter Muſter⸗Anſtalten, die mit einer gewiſſen Eleganz eingerichtet waren, und die der Vater in das Leben gerufen hatte, um Paulinens Zoͤglinge von den dazu beſtellten Lehrerinnen in al⸗ lem ihnen Wiſſenswurdigen unterrichten zu laſſen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Pauline, unſtrei⸗ tig das reichſte Maͤdchen im Lande, bei allen dieſen Beſchaͤftigungen, in der Regel nicht ſelbſt mit Hand anlegte, aber ſie wußte doch mit Allem umzugehen, erwarb ſich von Allem die genaueſte Kenntniß, und ſuchte ihren Stolz darin, in dieſen Partieen uͤber⸗ all ſo zu Hauſe zu ſeyn, daß ſie die Ungeuͤbtern darin unterweiſen konnte. Die Jahre flogen ihr, unter dem Drang ihrer Beſchaͤftigungen, wie Wochen voruͤber; die Fruͤchte, die ihre Schoͤpfungen ſichtlich trugen, erquickten ihr Herz; und die namenloſe Liebe, mit der ihr im Bereiche der ganzen Grafſchaft Alt und Jung ge⸗ hoͤrte, war ihr ſuͤßeſter Lohn. Weit über die Gren⸗ zen ihrer Beſitzungen hinaus verbreitete ſich der Ruf ihres wohlthaͤtigen Wirkens; uͤberall ſprach man mit Entzuͤcken von dem ſeltenen Werthe die⸗ ſes liebreizenden Maͤdchens, in deſſen jungfräuli⸗ cher Bruſt die ſuͤßeſte Unſchuld, die reinſte Froͤm⸗ migke Liebe durch freun Anmr zauber Jugen Menſe Fr die er lung klar g wenig Ka außer lichen ſelben chelte Vergr gern den. ihm Anſich Auftr ſich jen Kinde dem nungen, ihre Zer⸗ lumen⸗, ch⸗ und „ in der e, oder nit einer die der nulinens n in al⸗ u laſſen. unſtrei⸗ n dieſen it Hand zugehen, iß, und en uͤber⸗ geuͤbtern ng ihrer Fruͤchte, ckten ihr ihr im ung ge⸗ ie Gren⸗ ſich der ll ſprach rthe die⸗ ifraͤuli⸗ e Froͤm⸗ — 335— K migkeit, das ſtrengſte Pflichtgefuͤhl, die heiligſte Liebe wohnten, das durch ſeinen klaren Verſtand, durch ſeine Sanftmuth, ſeinen heitern Sinn, ſeine freundliche Milde, und durch die unausſprechliche Anmuth ſeines ganzen Weſens, die ganze Welt be⸗ zauberte, und das unter der von ihm gebildeten Jugend ſtand, wie ein Engel in der Mitte guter Menſchen. 32. Beſuch aus Berlin. Fritz war vergeſſen; und daß er gewiſſermaßen die erſte Veranlaſſung zu ihrer gluͤcklichen Umwand⸗ lung geweſen, war Paulinen in fruͤherer Zeit nicht klar geweſen; mithin wußte ſie es jetzt noch viel weniger. Kam einmal das Geſpraͤch auf ihn, odernſah ſie, außer den Grenzen der Grafſchaft, einen ihm aͤhn⸗ lichen kleinen Lumpenpatron— denn innerhalb der⸗ ſelben litt ſie dergleichen durchaus nicht;— ſo lä⸗ chelte ſie beifaͤllig ſtill vor ſich hin, und dachte mit Vergnuͤgen der fruͤhern Vorzeit, und hätte wohl gern wiſſen moͤgen, was aus dem Wildfang gewor⸗ den. Sie hatte jetzt von dem Gutſeyn, mit dem ſie ihm damals zugethan geweſen, eine beſtimmtere Anſicht, und begriff ſich ſelbſt nicht. Nach dem Auftritte mit dem Hunde war ſie ihm, geſtand ſie ſich jetzt ganz offenherzig, und lachte über die tolle Kinderei, ſo entſetzlich gut geweſen, daß ſie ihn auf dem Fleck geheirathet haͤtte, wenn er ſie hätte ha⸗ — 5— ben wollen. Sie haͤtte damals gar nichts Hoͤheres, nichts Gluͤcklicheres gekannt, als die Seligkeit, von ihm entfuͤhrt zu werden; und ſie entſann ſich noch ſehr beſtimmt, daß ſie, in der erſten Zeit nach ih⸗ rer Ruͤckkunft aus Berlin, taͤglich in die lange Ka⸗ ſtanien⸗Allee gegangen war, und mit brennender Sehnſucht geſehen hatte, ob er nicht komme, und ſie hole, um mit ihr uͤber alle Berge zu fliehen. Die Angſt der Eltern, das Verfolgen mit Steckbriefen, das Anerbieten voͤlliger Amneſtie auf den Fall un⸗ verzuͤglicher Zuruͤckkunft; die endliche Heimkehr; die ruͤhrende Verſoͤhnung; das gluͤckliche Stillleben mit Fritz, als ihrem Gemahl in Goldau— ſie hatte, gewoͤhnlich im Bette vor dem Einſchlafen, Monate lang den Roman fortgeſponnen; die grauslichſten Abenteuer mit eingeflochten, und oft die Scenen ſo verwickelt, daß ſie ſelbſt weder ein⸗ noch ausge⸗ konnt, wo ihr denn, in der Regel, der Schlaf aus der Verlegenheit geholfen, und ihr die Augenlie⸗ der zugedrückt hatte. Das Alles lag jetzt weit hin⸗ ter ihr; aber ſie dachte mit Vergnuͤgen daran, und ward jetzt ernſter, als ihr einfiel, wie ſie darauf gekommen, ſich dieſer alten Geſchichten zu erinnern. Seit einiger Zeit naͤmlich hatte ſie von Demoiſelle Desmarais— die ihre Gouvernanten⸗Stelle mit dem Ehrenplatze einer Freundin verwechſelt hatte— und von den Eltern nicht ſelten Anſpielungen hö⸗ ren muͤſſen, die darauf hinzielten, daß man den Plan habe, ſie mit einem unbekannten Jemand zu verbinden. Maͤnn beſuch ringſte nen re recht Umga ſtand nichts mit de derliel nen 2 ſeines nem. licher te, et werde verbin erhalt Liebe ſenfol ſinn, Himn Sie l. ein J ſtand oͤheres, it, von ch noch nach ih⸗ ige Ka⸗ nender und ſie n. Die briefen, all un⸗ ihr; die den mit hatte, Monate lichſten Scenen ausge⸗ laf aus igenlie⸗ eit hin⸗ n, und darauf innern. noiſelle elle mit hatte— gen hö⸗ nan den nand zu — 55— Das Berechnete bei der Sache widerte ſie unaus⸗ ſprechlich an; und der Gedanke, daß die Fretheit ih⸗ rer Wahl beſchraͤnkt werden ſolle, empoͤrte ihr gan⸗ zes Gefuͤhl. Bis heute kannte ihr Herz die Liebe kaum dem Namen nach. Von all' den jungen Maͤnnern der Umgegend, die zuweilen ihr Haus beſuchten, war kein Einziger, zu dem ſie die ge⸗ ringſte Neigung empfunden häͤtte. Wer unter ih⸗ nen recht froͤhlich und heiter war, recht viel und recht gut zu erzaͤhlen wußte, und wer in ſeinem Umgangstone feine Sitte und den gehoͤrigen An⸗ ſtand beobachtete, war ihr lieb und angenehm; aber nichts weiter. Zehne, zwanzig waren wohl vielleicht mit dem geheimen Wunſche gekommen, dieſem wun⸗ derlieblichen Maͤdchen, das außer ſeinem gediege⸗ nen Werthe, und außer dem namenloſen Liebreiz ſeines Aeußern manche feine Spekulanten mit ſei⸗ nem Hundert⸗ tauſend Thalern dereinſtiger jaͤhr⸗ licher Einkuͤnfte recht preiswuͤrdig vorkommen moch⸗ te, etwas mehr, als blos lieb und angenehm zu werden. Aber Keiner konnte ſich ruͤhmen, ein verbindlicheres Wort, einen freundlichern Blick erhalten zu haben, als jeder Andere. Sie— die Liebe hatte ſie, wie geſagt, noch nicht auf die Ro⸗ ſenfolter ihrer ſuͤßen Pein geſpannt; der Flatter⸗ ſinn, der jugendliche Muthwille trugen das holde Himmelskind noch auf ihren luftigen Fittichen.— Sie lachte Alle aus. Im Tiefſten ihrer Seele ſtand ein Ideal⸗Bild, das aber Zeit und gereifterer Ver⸗ ſtand mit ſo dichten Schleiern umhuͤllt hatten, daß — 36— ſie von dieſem geheimen Abgotte ſelbſt nichts rechts Klares wußte. Nur aus dem fernſten Duͤnkel gluͤck⸗ licher Vergangenheit ſchwebten ihr einzelne Zuͤge dieſes Bildes vor ihrer Erinnerung. Von Allen, die ſich ihr ſeitdem genaͤhert, hatte Keiner dieſem Gedankenbilde geglichen, Keiner ihm geaͤhnelt; und folglich waren ſie Alle fuͤr ſie ſo gut als nicht da. In recht ſtillen Augenblicken, wo ſie es uͤber ſich gewann, in ihre geheimſten Tiefen hinabzuſteigen, war es ihr wohl, als ob das Zauberbild, ſo viel ſie durch die Schleierhuͤllen daran erkennen konnte, recht viel von Fri— aber nein, nein; ſie floh bei der Ueberraſchung dieſer Entdeckung ſchnell aus dem Heiligthum ihres Innern; ſchlug hinter ſich alle Thuͤren und Schloͤſſer feſt zu, rettete ſich in den Strudel ihrer Beſchaͤftigungen und Zerſtreuungen, und nahm ſich feſtivor, die alberne Idee, wenn ſie ihr je wieder einmal zugeflogen kommen ſollte, nie wieder zu verſolgen; und doch, bei der naͤchſten Ver⸗ anlaſſung, ſelbſt jetzt wieder, wo ſie waͤhnte, daß man mit einem Heirathsprojekte gegen ſie im An⸗ marſche ſey, kam ſie, ohne zu wiſſen, daß ſie bereits in den Irrgarten der Liebe gerathen ſey, immer wieder auf den verwuͤnſchten Gedanken an den Fritz zuruͤck, den ſte aber freilich in der langen Zeit, durch das ewige Ideagliſiren ihrer raſtloſen Phantaſie, ſo wunderherrlich veredelt und verſchoͤnt hatte, daß ge⸗ gen ihn ſelbſt Adonis ein ganz gemeiner Holzbock geweſen waͤre. Indeſſen, ihr wirres Gedankenſpiel war nicht ganz fruchtlos.„Ich weiß,“ ſagte ſie, ihre ga Geſchich die Wa daß in ſchaͤftsl angene dem wo geretten gefaͤllt gleicht, ich meit Ding l ſitzen. mal die Fuͤßen zu verſt zu ſein gar nich bittere ten me ſere M werber will mi gezoger errathe fangen keuſchen vergeſſe deln; recht s gluͤck⸗ Zuͤge Allen, dieſem t; und t da. ber ſich teigen, viel ſie onnte, loh bei is dem ch alle in den ungen, enn ſie lte, nie n Ver⸗ e, daß m An⸗ bereits immer n Fritz durch ſie, ſo daß ge⸗ olzbock enſpiel te ſie, — 37— ihre ganze Vernunft, die ihr einigemale uͤber die Geſchichte durchgehen zu wollen Miene machte, auf die Waſſerdrenſe nehmend, zu ſich ſelbſt,„ich weiß, daß in dem Phankaſiegemäͤlde, was ich mir in ge⸗ ſchaͤftsloſen Stunden blos zum Zeitpertreibe und zur angenehmen Kurzweil geſchaffen habe, kein Zug von dem wackern kleinen Jungen iſt, der mir das Leben gerettet hat; aber das thut nichts; das Gemaͤlde gefaͤllt mir; und nur dem, der dieſem Bilde ſo gleicht, daß ich es uͤber ihn vergeſſen kann, werde ich mein Herz ſchenken, wenn er anders das kleine Ding haben will. Ohne dies ſoll mich Keiner be⸗ ſitzen. Darauf, daß mir hier und da Einer ein⸗ mal die Ehre anthut, mir ſeine Huldigungen zu Fuͤßen zu legen, und mir ſchuͤchtern oder deutlicher zu verſtehen gibt, daß er nicht uͤbel Luſt habe, mich zu ſeiner Lebensgefährtin zu erkieſen, darf ich mir gar nichts einbilden; ich theile in dieſer Hinſicht das bittere Gefuͤhl aller der Mädchen, die ihrem Gat⸗ ten mehr zubringen, als ſie ihm koſten. Laͤge un⸗ ſere Mitgift nicht in der Schaale, der Herr Braut⸗ werber ſaͤhe uns mit keinem Auge an; nein! Ich will mir den waͤhlen, zu dem mein Herz ſich hin⸗ gezogen fuͤhlt; den leiſeſten ſeiner Wuͤnſche will ich errathen; mit der ſuͤßeſten Liebe will ich ihn um⸗ fangen; auf Roſen will ich ihn betten; an meiner keuſchen Bruſt ſoll er jede Sorge, jeden Kummer vergeſſen; ihm will ich die Erde zum Himmel wan⸗ deln; und meine beſcheides? Gegenforderung an ihn — 53— ſoll ſich nur beſchraͤnken auf ehrliche Liebe, und un⸗ wandelbare Treue.“ „Beſuch aus Berlin, Beſuch aus Berlin,“ ſtuͤrm⸗ te Demoiſelle Desmarais in den bluͤthenumrankten Kiosk, in dem Pauline geſeſſen, und mit ihrem zweiten Ich ſich ſo in das Plaudern vertieft hatte, daß ſie bei der froͤhlichen Meldung hoch aufſchrak, und von einem leiſen Zittern uͤberſchauert, der zu⸗ ruͤckeilenden Desmarais kaum folgen konnte. Wenn es— waͤre. Mußte ſie doch mitten im Gehen beinahe ſtehen bleiben; ſo ſeltſam ergriff ſie der Gedanke, den ſie fuͤr ſich ſelbſt nicht einmal in Worten ausſprechen konnte. Er mußte jetzt 24 bis 25 Jahre alt ſeyn. Es mußte, ſeinen damaligen Anlagen nach zu urtheilen, ein ſchoͤner Mann ge⸗ worden ſeyn, und, daß er ſich aus ſich ſelbſt her⸗ ausgehoben, daß er ſich emporgehoben, daß er Et⸗ was aus ſich gemacht hatte— die Desmarais hatte ja von Beſuch geſprochen; alſo war vom ehmali⸗ gen armen Bettler keine Rede mehr, ſondern von einem ſtattlichen jungen Manne, der das Haus, anf deſſen Dank er ein unverjaͤhrbares Recht hatte, mit ſeinem Beſuche beehrte. Wie ſie ihn empfangen ſollte? mein Gott, welche kaltherzige Frage! Wie ihren Freund, wie ihren Le⸗ bensretter mit froͤhlicher Herzlichkeit, mit der in⸗ nigen Freude, die ihr in dieſem Augenblicke, ge⸗ miſcht mit einer ſonderbaren Beklommenheit, ihr ganzes Herz durchſtroͤmte. Ihr geheimes Phantaſiebild war, waͤhrend die⸗ ſes laut zerſtobe innern loren. es ihr d men gel lich gen im Her das Bil nes in tung, woͤhnlic Schloſſe „Ab die ſchon ſchuͤttel ich Ihn ner Be ein Sch nicht ei Namen nen Fr. wieder „O, aus ha arge Ze ſten He Pankra Getaͤuſ bers, und un⸗ ſtuͤrm⸗ rankten t ihrem t hatte, ufſchrak, der zu⸗ te. tten im rgriff ſie nmal in zt 26 bis maligen tann ge⸗ lbſt her⸗ ß er Et⸗ ris hatte ehmali⸗ dern von 3 Haus, ht hatte, tt, welche ihren Le⸗ t der in⸗ icke, ge⸗ heit, ihr rend die⸗ — 39— ſes lautloſen Monologs, vor ihrem innern Auge zerſtoben und in leichten Nebel verflogen. Zu ihrem innern Schmerze war es auf immer und ewig ver⸗ loren. Sie jammerte im Stillen daruͤber. Hatte es ihr doch ſo manche himmliſche Stunde verträu⸗ men geholfen! Hatte es ſie doch ſo unſaͤglich gluͤck⸗ lich gemacht; und hatte ſie es doch ſeit Jahren tief im Herzen ſo lieb gehabt. An ſeine Stelle hatte ſich das Bild eines rechtlichen, ſchlichten, jungen Man⸗ nes in einfacher Kleidung und anſpruchloſer Hal⸗ tung, geſchoben, der immer alltaͤglicher und ge⸗ woͤhnlicher und indifferenter ward, je naͤher ſie dem Schloſſe kam. „Aber Comteſſe,“ rief Demoiſelle Desmarais, die ſchon ein gut Stuͤck Weges vorangeeilt war, kopf⸗ ſchuͤttelnd zuruͤck;„ich denke, wunder welche Freude ich Ihnen mit meiner Meldung vom lieben Berli⸗ ner Beſuche machen werde, und Sie ſchleichen, wie ein Schneckchen; bleiben jetzt gar ſtehen, und haben nicht einmal ſich die Muͤhe genommen, nach dem Namen zu fragen; und ich wette doch, daß es Jh⸗ nen Freude machen wird, den alten Bekannten wieder zu ſehen.“ „O, ich wette auch,“ erwiederte Pauline, wie aus halbem Traume auffahrend, ſichtlich uͤber ihre arge Zerſtreuung erſchrocken, und hinter der naͤch⸗ ſten Hecke hervor trat mit gemeſſenem Schritte Graf Pankratius ihr entgegen, ſchnitt vor der ſeltſam Getaͤuſchten, unter lauter Bewunderung des Zau⸗ bers, mit dem ſich das Knoͤſpchen zur Knoſpe ent⸗ * — 40— faltet, drei zierliche Verbeugungen, und packte ſei⸗ ne gehorſamſten Empfehlungen vom gnaͤdigen Papa und von der gnaͤdigen Mama, und auch von Ihro Excellenz, der verehrten gnaͤdigen Frau Tante Ge⸗ neralin aus. Er war, in dem Wahne, den Grafen von der Schluͤſſelburg ſammt Familie in Berlin zu finden, dorthin gereiſt, hatte ſich aber, da er ſeinen Kalkül verfehlt ſah, von da nach Goldau auf den Weg gemacht, und ließ bei jeder Gelegenheit die Abſicht ſeines Hierſeyns deutlich merken. Papa und Mama, ſeit dem Tage ihrer Vermaͤh⸗ lung mit ewiger Geldverlegenheit kämpfend, und von den Glaͤubigern, deren Langmuth durch In⸗ dulte, Moratorien und endloſe Wechſel⸗Prolonga⸗ tionen erſchoͤpft war, immer dringender verfolgt, glaubten, in Paulinen ihren Rettungs⸗Engel ge⸗ funden zu haben; ſie hatten bereits vor einem Jahr⸗ zehend den Wunſch einer dereinſtigen Verbindung ihres Hauſes mit dem Gräflich⸗Schluͤſſelburgſchen, unter der Behauptung, daß ſchon ihre beiderſeiti⸗ gen Urahnen mit einander befreundet geweſen, der Tante Generalin vertraut; dieſe, eine Jugendfreun⸗ din von Kraͤtzchens Mutter, hatte es fuͤr Freund⸗ ſchafts⸗Pflicht gehalten, ihn, wo nicht unmittelbar zu unterſtutzen, doch ſeine Verwirklichung ihrer⸗ ſeits befordern zu helfen; ſie hatte daher damals das Zuſammentreffen beider Familien mit ihren Kindern in Berlin veranlaßt, jedoch af die Er⸗ reichung der geheimen Abſicht wenig gerechnet, da Pauline ihre Abneigung gegen den kleinen Grafen unumwu aus nicht erwerben Einfluß! ner, zun ernannt; ein Orde Kammer Landes a ſeiner Er hen laſſe Mit Mama n milien m det worde ladung a wenn der ſichten ar dau nicht aber, bis ren, hiel Graf vor zehn weniger Mundwi haͤufiger ger entz zu ſeyn; auf die Muͤhe ir LXXY ackte ſei⸗ en Papa on Ihro ute Ge⸗ Grafen erlin zu r ſeinen auf den heit die Vermaͤh⸗ d, und urch In⸗ rolonga⸗ verfolgt, ungel ge⸗ m Jahr⸗ bindung urgſchen, derſeiti⸗ eſen, der ndfreun⸗ Freund⸗ nittelbar g ihrer⸗ damals it ihren die Er⸗ onet, da Grafen — 41— unumwunden zu erkennen gegeben, und dieſer durch⸗ aus nicht verſtanden hatte, ihr Wohlwollen ſich zu erwerben. Jetzt war Graf Kratz, durch wirkſamen Einfluß mehrerer Verwandten, Pathen und Goͤn⸗ ner, zum Kammeryerrn im Dienſte ſeines Hofes ernannt; auf der Bruſt ſeiner Hofuniform prangte ein Ordenskreuz, und mit dem Titel eines Vice⸗ Kammerraths ſollte er im hoͤchſten Collegio ſeines Landes arbeiten lernen; indeſſen hatte er ſich, ſeit ſeiner Einfuͤhrung, in demſelben nicht weiter ſe⸗ hen laſſen. Mit der Tante Generalin war von Papa und Mamga wiederum eine Zuſammenkunft beider Fa⸗ milien mit den nun erwachſenen Kindern verabre⸗ det worden; Paulinens Eltern aber hatten die Ein⸗ ladung abgelehnt, und der Tante geſchrieben, daß, wenn der junge Herr Graf wirklich ernſthafte Ab⸗ ſichten auf Paulinen habe, er ſich den Weg bis Gol⸗ dau nicht verdrießen laſſen moͤge; ihre Tochter ihm aber, bis Berlin, gewiſſermaßen entgegen zu fuͤh⸗ ren, hielten ſie nicht recht fuͤr ſchicklich. Graf Pankratius war noch der Naͤmliche, der er vor zehn Jahren geweſen war. Er naͤſelte etwas weniger als damals; dafuͤr aber zuckten ihm die Mundwinkel, von gichtiſchem Krampfe befallen, weit häͤufiger als ſonſt; die Augen— in etwas weni⸗ ger entzuͤndlichem Zuſtande ſchienen ſie jetzt zwar zu ſeyn; dafuͤr war ihm aber eine ſolche Schwaͤche auf die Augenlieder gefallen, daß er ſie nur mit Muͤhe in die Hoͤhe bringen konnte, und den Kopf LXXVI. 4 — 42— ruͤckwaͤrts beugen mußte, wenn er geradeaus ſehen wollte; marklos und mager war er ehedem ſchon geweſen; jetzt war er klapperduͤrr, und im ganzen Gebein keine Spur von Blut und Saft und Kraft. Dabei den Kopf voller Duͤnkel, das Herz voller Eis. Beim Mittag ⸗Eſſen drehte ſich ſein ganzes Geſpraͤch um die geringfuͤgigſten, unintereſſanteſten Einzelheiten ſeines Hofes, um die Stadtgeſchichten ſeiner Reſidenz, und um die idylliſchen Annehm⸗ lichkeiten ſeines elterlichen Gutes, das, wie Pauli⸗ nens Eltern aus beſſern Quellen wußten, in einer meilenlangen unfruchtbaren Sandwuͤſte lag, und von Kraͤtzchens Nachbarn ſpottweiſe das lapplaͤndiſche Paradies genannt wurde. Waͤhrend der ganzen Tiſchzeit hatte Pauline auf den langſam glimmenden Kohlen der langen Weile geſeſſen. Ihre eigentliche Marter ſollte aber nach dem Eſſen erſt los gehen. Die Eltern zogen ſich, nach aufgehobener Tafel, in ihr Schlafkabinet zu⸗ ruͤck. Kratz bat, ihm den Garten zu zeigen, deſſen geſchmackvolle Anlagen ihm, beim erſten oberflaͤchli⸗ chen Ueberblick, gefallen zu haben, das Gluͤck ge⸗ habt hatten. Als Tochter vom Hauſe konnte ſie die Gewaͤh⸗ rung ſeiner Bitte nicht verſagen. Sie erſuchte De⸗ moiſelle Desmarais, ſie zu begleiten. Das feine Gefuͤhl, das ſie mit allen Toͤchtern Evas gemein hat⸗ te, ſagte ihr heimlich, daß der Graf abſichtlich um den Gang in den Garten bitte, um mit ihr allein zu ſeyn, und da ſeine Worte anzubringen. Sie zitterte Demoiſe Schrecke einen W deſſen ſ des Kat der, un rations wie dier ſich zur und de laſſen. Sie Als Mama Mitgift Penſun Antrag Die den Ei ausgeze fes; di foͤrderu und vo dikate zuruͤckg Kraͤfte gegenw zu ſchli puls g. aus ſehen dem ſchon m ganzen nd Kraft. erz voller in ganzes ſſanteſten heſchichten Annehm⸗ ie Pauli⸗ in einer ag, und plaͤndiſche uline auf een Weile aber nach ogen ſich, nbinet zu⸗ en, deſſen berflaͤchli⸗ Gluͤck ge⸗ 2 Gewaͤh⸗ ſuchte De⸗ Das feine mein hat⸗ chtlich um ihr allein en. Sie — 43— zitterte vor unuͤberwindlicher Angſt, als ſie ſich nach Demoiſelle Desmarais umſah, und jetzt zu ihrem Schrecken bemerkte, daß dieſe ſie, wahrſcheinlich auf einen Wink der Eltern, im Stich gelaſſen hatte; in⸗ deſſen ſammelte ſie ſich, nachdem der erſte Anfall des Kanonenfieberchens uͤberſtanden war, bald wie⸗ der, und beſchloß in der Geſchwindigkeit ihren Ope⸗ rationsplan. Wie Kutuſow wollte ſie es machen; wie dieſer von Moſaisk nach Moskau, ſo wollte ſie ſich zuruͤckziehen, ſich immer und ewig zuruͤckziehen, und den Feind in Eis und Kaäͤlte verſchmachten laſſen. Sie hatte richtig geahnt. Als haͤtte Pankratius ſein, ihm von Papa und Mama in der Todesangſt vor ihrem ohne Paulinens Mitgift unausbleiblichen Bankerott, einſtudirtes Penſum auswendig gelernt, ſo ruͤckte er mit ſeinem Antrage heraus. Die Vortheile ſeiner gegenwaͤrtigen Stellung; den Einfluß ſeiner Verwandten und Goͤnner; die ausgezeichnete Gnade ſeines durchlauchtigſten Ho⸗ fes; die glaͤnzenden Ausſichten auf eine raſche Be⸗ foͤrderung zum Direktor, von da zum Praͤſidenten, und von da endlich zum Miniſter mit dem Prä⸗ dikate Excellenz; die bis zum eilften Jahrhundert zuruͤckgehende Reihe ſeiner Ahnen; die enormen Kraͤfte ſeines vaͤterlichen Beſitzthums, die bei der gegenwaͤrtigen Stockung aller Gewerbszweige, nur zu ſchlummern ſchienen, durch einen gluͤcklichen Im⸗ puls geweckt, aber ſich ganz unglaublich entfalten, — 44— und die weitlaͤuftige Herrſchaft zu einer der bluͤ⸗ hendſten und eintraͤglichſten im ganzen Lande erhe⸗ ben wuͤrden; alle dieſe gewichtige Kerntruppen muß⸗ ten, unter dem klingenden Spiel ſeines bluͤmli⸗ chen Vortrags, im Parademarſche vor. Sie bil⸗ deten ſein erſtes Treffen. Pauline ging ſchweigend neben ihm; ſie ließ ihn alle ſeine Streitkraͤfte ruhig entwickeln. Er war ja ſchon geſchlagen. Ihr Ruͤckzug mußte ihn vernichten. Jetzt formirte er ſein zweites Treffen. Er tippte, nach ſeiner Meinung, recht fein auf die Spekula⸗ tionen, die ſich ſeine Landsmaͤnninnen, im Gehei⸗ men, ſchon ſeit langer Zeit auf ihn gemacht haͤtten. Er ließ, der Wahrheit gemaͤß, dem Liebreiz derſel⸗ ben, ihrer Geiſtesbildung, ihrer verfuͤhreriſchen An⸗ muth, ihrem gediegenen Werthe, und allen ihren Tugenden die moͤglichſte Gerechtigkeit widerfahren; aber es habe ihn, verſicherte er, bisher auch noch nicht eine ſo feſſeln koͤnnen, daß er an eine blei⸗ bende Verbindung mit einer derſelben ernſthaft zu denken im Stande geweſen ſey. Hier haͤtte er eine ganz vortreffliche Gelegenheit gehabt, ſeinen Artillerie⸗Park vorzuſchieben, und hinzuzufuͤgen, daß, ſchon ſeit ihrer beiderſeitigen Zuſammenkunft in Berlin, ihn jene Gleichgultig⸗ keit gegen ſeine ſchoͤnen Landsmaͤnninnen befallen habe; Pauline haͤtte ſich dann, nach ſeiner Berech⸗ nung, erkundigen muͤſſen, wie das gekommen; ein Wort haͤtte das andere gegeben; und er waͤre ſpie⸗ lend in rathen. Aber res alten luſtigen Sie ſo viel e wißheit, ſtellen; tes Scht fallender langen ſah, in Jetzt mal ſteh oder Pa ſchoͤnen richteter Ruͤckzug ſerve he len. E ligkeit wie nac deſſelbet kuͤhne& Geſtaͤn! viele E ihren v tes Th Augen der bluͤ⸗ ide erhe⸗ den muß⸗ bluͤmli⸗ Sie bil⸗ ließ ihn r war ja rnichten. rtippte, Spekula⸗ n Gehei⸗ haͤtten. z derſel⸗ chen An⸗ en ihren rfahren; uch noch ine blei⸗ thaft zu egenheit en, und rſeitigen befallen Berech⸗ den; ein aͤre ſpie⸗ — 45— lend in den Beſitz des beabſichtigten Jaworts ge⸗ rathen. Aber Pauline hielt ſich ſtreng an das Syſtem ih⸗ res alten Kutuſow, das ſie, bei einem ſo angriffs⸗ luſtigen Feinde, immer bewaͤhrter fand. Sie entgegnete nicht ein Wort; ließ ihn ſchwatzen, ſo viel er wollte; ſah ihn, mit heimlicher Siegesge⸗ wißheit, ſeine ganze Schlachtlinie en fronte auf⸗ ſtellen; und ſetzte ihn, durch ihr ganz unerwarte⸗ tes Schweigen, und durch den, ihm hoͤchlich auf⸗ fallenden Kaltſinn, mit dem ſie waͤhrend ſeines langen Gewaͤſches in die blaue Luft vor ſich hin⸗ ſah, in ſichtbare Verlegenheit. Jetzt ließ er— der Feind mußte ja endlich ein⸗ mal ſtehen, und die angebotene Schlacht annehmen, oder Pankratius lief Gefahr, ſeine Munition, ſeine ſchoͤnen Gruͤnde, verſchoſſen zu haben, und unver⸗ richteter Sache einen ſchmaͤhlichen und ſchimpflichen Ruͤckzug antreten zu muͤſſen— jetzt ließ er die Re⸗ ſerve heranruͤcken, und zuletzt alle Batterieen ſpie⸗ len. Er pries mit heuchleriſchen Worten die Se⸗ ligkeit des haͤuslichen Gluͤcks; erzaͤhlte ein Breites, wie nach und nach die Sehnſucht nach dem Genuſſe deſſelben in ihm rege geworden; machte dann eine kuͤhne Schwenkung auf ihren linken Fluͤgel mit dem Geſtaͤndniß, daß die Erinnerung an ſie, und das viele Gute, was er ſeitdem von Zeit zu Zeit uͤber ihren vortrefflichen Charakter, uͤber ihr tugendhaf⸗ tes Thun und Wirken, und uͤber den, in ſeinen Augen und in ſolchem ernſten Augenblicke, nur als * — 46— Nebenſache geltenden, und leider nur zu bald ver⸗ gaͤnglichen Reiz ihrer Schoͤnheit, von allen Seiten gehoͤrt, ihn uͤberzeugt habe, beſagtes Gluͤck ledig⸗ lich in ihrem Beſitz zu finden; ließ nicht unbemerkt, daß dieſes Buͤndniß, von Seiten ſeiner Familie und Mehrerer ihrer Verwandten, recht innig ge⸗ wuͤnſcht werde, und daß ſein durchlauchtigſter Hof, den er eventualiter von ſeinem Vorhaben in Kennt⸗ niß zu ſetzen, fuͤr Vaſallen- und Dienſtpflicht ge⸗ halten, ſothanen Vorſatz gnaͤdigſt gebilliget habe; ſchloß mit der Aeußerung, daß, wenn ihn nicht Alles truͤge, er ſich der Zuſtimmung ihrer gnaͤdig⸗ ſten Eltern im Voraus zu erfreuen habe, und fragte nun, da er fuͤhlte, daß ihm der Athem an⸗ ſing auszugehen, ob er auf das ehemalige Wohl⸗ wollen, das ſie ihm als Kind geſchenkt, den Grund⸗ ſtein ſeiner Hoffnungen legen, und ein gnaͤdiges Ja erwarten duͤrfe. Pauline freute ſich der Ruhe und Beſinnung, die ſie waͤhrend ſeiner breiten Deduktion gewonnen hatte; ſie ſah nach einem Eichkäͤtzchen, das ſich im Wipfel einer hohen Buche mit kurzweiligen Kreuz⸗ und Querſpruͤngen erluſtirte; entgegnete dem ge⸗ ſpannten, und uͤber die Art, mit der ſeine gewich⸗ tigen Worte aufgenommen worden, eben nicht ſon⸗ derlich entzuͤckten Grafen Pankratius, daß ſie dar⸗ uͤber mit ihren Eltern ſprechen werde, und ging nun zu den alltaͤglichſten Gegenſtaͤnden der Unter⸗ haltung uͤber. Graf Kratz kam ſich, wie in einem ruſſiſchen Bade vor hend hei von dem falt, Ve Gleichguͦ lang war am End harten² genomm Brautw hatten les ſage lobungs hatte, 1 Kredit! Beſchwi den Un worden Thaler ten ihr Hof, n das mi baͤnde, lich en bald d noch a Brate ten, benslaͤ wenn ald ver⸗ Seiten ck ledig⸗ bemerkt, Familie nnig ge⸗ ter Hof, Kennt⸗ licht ge⸗ et habe; on nicht gnaͤdig⸗ de, und hem an⸗ e Wohl⸗ Grund⸗ naͤdiges ung, die ewonnen ſich im Kreuz⸗ dem ge⸗ gewich⸗ icht ſon⸗ ſie dar⸗ nd ging e Unter⸗ uſſiſchen — 4— Bade vor; in einer Minute ward ihm zehnmal gluͤ⸗ hend heiß, und zehnmal wieder eiskalt. War das von dem Maͤdchen Blodigkeit, Verlegenheit, Ein⸗ falt, Verſchlagenheit, Abneigung, oder natuͤrliche Gleichguͤltigkeit?— Wenn ſie Nein ſagte!— Jahre lang war von ſeinen Eltern der Plan gehegt, und am Ende bei ihnen zur Gewißheit geworden. Mit harten Opfern hatten ſie das letzte Kapitaͤlchen auf⸗ genommen, um ihn mit Anſtand und Eleganz die Brautwerber⸗Reiſe machen zu laſſen. Monate lang hatten ſie ihm eingetrichtert, was und wie er Al⸗ les ſagen ſollte. Der Schmuck, den er ihr am Ver⸗ lobungstage uͤberreichen ſollte, und den er im Koffer hatte, war mit ſchwerer Muͤhe vom Hofjuwelier auf Kredit gepreßt worden. Alle Kreditoren, denen zur Beſchwichtigung ihrer, alle Tage druͤckender werden⸗ den Ungeduld und Grobheit, im Stillen vertraut worden war, daß Krätzchen eine Frau mit 100,000 Thaler jaͤhrlicher Einkuͤnfte heimfuͤhren werde, hat⸗ ten ihn mit ihren Segenswuͤnſchen begleitet; der Hof, nicht wenig neugierig, das Maͤdchen zu ſehen⸗ das mit ſolchen Anſpruͤchen ſolche Reſignation ver⸗ baͤnde, hatte ihm, als er ſich beurlaubte, ausdruͤck⸗ lich empfohlen, ſeiner kuͤnftigen Gemahlin recht bald die Reſidenz zu zeigen; und die Eltern hatten noch am Morgen ſeiner Abreiſe ihm die Kuchen und Braten, von denen die Wagentaſchen hoch aufbauſch⸗ ten, durch die unziemlichen Drohungen ihrer le⸗ bensläaͤnglichen Ungnade verbittert, die ſeiner warte, wenn er unverrichteter Sache heimkehre; ſie hatten — 45— ihm in gedraͤngter Kuͤrze die furchtbare Maſſe von Schulden offenkundig genannt, die, ohne Paulinens Mitgift und dereinſtiges Erbe, gar nicht zu tilgen ſey; und ihm im Spiegel der Zukunft das unver⸗ meidliche Elend und die ſchmachvolle Lage gewie⸗ ſen, wenn er ohne Jawort und ohne Verlobungs⸗ Ring wiederkomme, und jetzt— hatte die Ungluͤcks⸗ ſtunde geſchlagen! denn aus Paulinens Benehmen war, ſo viel ſah er bei aller Verſtandesbeſchraͤnkt⸗ heit deutlich, zehntauſendmal eher ein Nein, als ein Ja herauszufinden. Er ward mit jedem Schritte mißgeſtimmter, ein⸗ ſylbiger, ſtummer. Alle fuͤnf Minuten wiſchte er ſich den Schweiß vom Geſichte, und doch haͤtte er ſchwoͤren wollen, daß ihm in demſelben Augenblicke beide Arme, von der Schulter bis zum Ellenbogengelenke, mit Gaͤn⸗ ſehaut uͤberzogen waͤren. Hitze und Froſt zugleich. Der allerfurchtbarſte Fieberparoxismus. Pauline weidete ſich an ſeiner geheimen Pein. Hatte er ſie doch erſt genug geaͤngſtiget; verdiente doch ſeine Anmaßlichkeit dieſe kleine Zuͤchtigung; und hatte ſie ſich doch ſeit zehn Jahren ſchon vor⸗ genommen, ihn ihre Mißbilligung ſeiner Auſichten, ſeines Duͤnkels, ſeines ganzen Thun und Treibens, fuͤhlen zu laſſen. Das wegwerfende Spoͤtteln, mit dem er ſich uͤber ihre Puppenliebhaberei luſtig ge⸗ macht; ſeine aufgeblaſene Superklugheit, mit der er ihr von der Dreifelderwirthſchaft vorgeſchwatzt; ſeine impertinente Weiſe, mit der er das angebo⸗ tene Zee gelehnt: brutales ne bosh aus den Vorſchle Hiebe 1 ſein aͤch der gan ziger Le braten Menſche wie es ſ buͤßte er denen e hatte. Sie! anderhe Geſpraͤc woͤhnlia plauder und, be in Berl dern au chen Ar den Wu braven durch H Eltern ſuchte, Claure aſſe von ulinens mtilgen unver⸗ gewie⸗ bbungs⸗ ngluͤcks⸗ nehmen chraͤnkt⸗ n, als er, ein- Schweiß wollen, ne, von it Gaͤn⸗ ugleich. Pein. rdiente igung; on vor⸗ ſichten, eibens, n, mit ſtig ge⸗ nit der hwatzt; angebo⸗ tene Zeckſpiel im Charlottenburger Schloßgarten ab⸗ gelehnt; ſein ungezogenes Blumen⸗Koͤpfen; ſein brutales, wegwerfendes Betragen gegen Fritz; ſei⸗ ne boshafte Freude, als Fritz vom Gartenarbeiter aus dem Garten gewieſen ward; ſein blutduͤrſtiger Vorſchlag, dem armen unſchuldigen Fritz fuͤnfzig Hiebe mit der Drath⸗Peitſche geben zu laſſen; ſein acht tuͤrkiſcher Einfall, ihren Schuͤtzling ſammt der ganzen Berliner Straßen⸗Jugend wie die Leip⸗ ziger Lerchen zu ſpießen und in ſiedendem Oele zu braten— kein Wort, keinen Zug dieſes herzloſen Menſchen hatte ſie vergeſſen; und befand er ſich⸗ wie es ſchien, jetzt wirklich nicht ganz behaglich, ſo buͤßte er mit fuͤr die vielfachen Kraͤnkungen, mit denen er ihr damals recht ſchmerzlich wehe gethan hatte. Sie unterhielt, weil ihr ein ſtummes Nebenein⸗ anderher⸗Gehen hoͤchſt peinlich geweſen waͤre, das Geſpraͤch ſo lebhaft als moͤglich; kam, wie es ge⸗ woͤhnlich geſchieht, wenn man blos plaudert, um zu plaudern, vom Hundertſten auf das Tauſendſte, und, bei Erwahnung der fruͤhern vergnuͤgten Tage in Berlin und der dortigen Ereigniſſe, unter an⸗ dern auch auf Fritz, den ſie mit ſichtbarem herzli⸗ chen Antheile ihren Lebensretter nannte; aͤußerte den Wunſch, wohl wiſſen zu moͤgen, was aus dem braven Jungen geworden, und fragte, ob er etwa durch Herrn von Hardegfen, der, wie ſie wußte, die Eltern des Grafen jeden Sommer einigemale be⸗ ſuchte, ſeitdem von Fritz vielleicht zufäͤllig gehoͤrt habe. Clauren Schr. LXXVI. 5 Graf Kratz that, als ſuche er ſich auf den beſag⸗ ten Fritz zu beſinnen, und der Groll, daß Pauline den elenden Lumpenjungen, fuͤr den ſie damals eine ſo ausſchließliche Vorliebe gezeigt, noch nicht ver⸗ geſſen habe, und ſich ſeiner heute noch mit ſo leb⸗ haftem Antheil erinnere, zuckte ihm auf den gich⸗ teriſch zuſammen gekrampften Lippen:„ja, ja,“ entgegnete er endlich;„der brave Junge! gerädert iſt er, ſo viel iſt beſtimmt, nur weiß ich nicht mehr, ob von oben herunter, oder von unten hinauf; „indeſſen,“ ſetzte er mit einem Seitenblick auf Paulinen, der bei der Nachricht alles Blut in die Wangen ſchoß, ſataniſch laͤchelnd hinzu:„der Un⸗ terſchied mag am Ende nicht ſehr bedeutend ſeyn.“ „Geräͤdert?“ wiederholte Pauline, bis zum Tode erſchrocken, und rang die kleinen Haͤnde in einander. „Das war bei der Teufelsbrut vorauszuſehen,“ verſetzte Graf Kratz kaltbluͤtig:„ſeine eminenten Verbrecher⸗Anlagen fingen ſchon damals an, ſich ſichtlich zu entwickeln.“ Pauline dankte ihrem Schoͤpfer, daß ſie jetzt das Schloß wieder erreicht hatten. Ihre Fuͤße verſag⸗ ten ihr den Dienſt. Sie konnte keinen Schritt weiter gehen. Sie verabſchiedete ſich, und fluͤchtete auf ihr Zimmer. Mehrere Stunden gehorten dazu, ſie nur eini⸗ germaßen wieder zu beruhigen. In dem Augenblicke, als ſie geſehen hatte, daß der Beſuch aus Berlin nicht Fritz war, hatte ſein Bild, wie und das, Perſon zu lichen Be ſchwunden ſtanden; wuͤrdige durch ſein vollen Pl nur war unten hir nicht na ſeine W leicht nos an Fril ihr wehe kommene war die die Glei hatte, zu Sein bl geſehen, hoͤlliſche herz uͤbe nicht we ſich blos lich vor pfindlich beſtimn ſtrafen, n beſag⸗ Pauline als eine icht ver⸗ t ſo leb⸗ den gich⸗ a, ja,“ geraͤdert ht mehr, hinauf; lick auf t in die der Un⸗ d ſeyn.“ dis zum ande in iſehen,“ ninenten an, ſich jetzt das verſag⸗ in. Sie mmer. zur eini⸗ tte, daß atte ſein — 351— Bild, wie ſie es ſich Jahre lang idealiſirt hatte, und das, in der nahen Erwartung, ihn eben in Perſon zu ſehen, verſchwunden, nach ihrer anfaͤng⸗ lichen Befuͤrchtung, auf immer und ewig ver⸗ ſchwunden war, wieder auf ſeiner alten Stelle ge⸗ ſtanden; und jetzt war der junge, ſchoͤne, liebens⸗ wuͤrdige Menſch, der ſich durch ſein Aeußeres, und durch ſeine Faͤhigkeiten gewiß auf irgend einen ehren⸗ vollen Platz empor geſchwungen hatte, geraͤdert; nur war ungewiß, ob von oben herunter, oder von unten hinauf. Aber Graf Pankratius— hatte er das nicht nach dem Ausbleiben ihrer Erklaͤrung auf ſeine Werbung geſagt? Erinnerte er ſich viel⸗ leicht noch aus der Kinderzeitihrer Anhaͤnglichkeit an Fritz? Erfand er vielleicht dieſe Nachricht, um ihr wehe zu thun? Doch dann wäre er ein voll⸗ kommenes Ungeheuer, ein vollendeter Teufel. Und war die ſchreckliche Nachricht wahr, ſo ſtempelte ihn die Gleichguͤltigkeit, mit der er ſie ihr mitgetheilt hatte, zum kaltherzigſten Menſchen unter der Sonne. Sein blinzelnder Seitenblick! Sie hatte ihn wohl geſehen, den entſetzlichen Blick, und in ihm die hoͤlliſce Schadenfreude geleſen, die dieſes Tiger⸗ herz uͤber ihren Schrecken empfand. Nein, es war nicht wahr. Es war gewiß nicht wahr. Er hatte ſich blos raͤchen, er hatte ſie, fuͤr die ihm unverzeih⸗ lich vorkommende, und ſeinen Stolz auf das Em⸗ pfindlichſte beleidigende Unart, ſeine Antraͤge ohne beſtimmte Antwort gelaſſen zu haben, recht fuͤhlbar ſtrafen, er hatte ſie beleidigen wollen. 5 X — 2— Durch die ſich mit Gewalt aufgedrungene Ge⸗ ich mi wißheit, daß der Graf abſichtlich gelogen, ziemlich zu ver beruhigt, ſammelte ſie ſich beſtmoͤglichſt, ſetzte ſſich wird i an ihr Pult, ſchrieb, und brachte, nachdem ſie durch Muͤhe eingezogene Erkundigung erfahren hatte, daß Graf föͤrmli Pankratius bei der Mutter ſey, dieſer ihren Brief„M mit den Worten:„von der Frau von Stralau. Die gepack arme Klementine iſt recht krank.“ ſchon Waͤhrend ſie ſich jetzt zum Grafen wendete, und Aeu dieſen mit gleichguͤltigen Dingen unterhielt, las die Freun Mutter: wuͤnſc „Klementine iſt geſund; ihr Krankſeyn war nur nen, Erfindung von mir.“ gen a „Vor einer Stunde hat der Fraf um meine hHand„ fuͤr 3 angehalten. Ich habe ihm entgegnet, daß ich meiner mich; guͤtigen Eltern Befehle daruͤber einholen wuͤrde.“ fen, „Da ich aber weiß, daß dieſe meine guͤtige nEl⸗ N tern mir, in der Wahl meines dereinſtigen Gat⸗ einm ten, ganz freie Hand laſſen; ſo erklaͤre ich hiemit mit? auf das Beſtimmteſte, daß dieſe meine freie Umſt Wahl auf den Grafen Pankratius nie fallen rung wird; um mich der Unannehmlichkeit dieſer Er⸗ tius, klaͤrung gegen den Grafen ſelbſt zu uͤberheben,“ werd fahre ich, unter Vorausſetzung Ihrer Erlaubniß, Maa dieſen Abend noch zu Stralau's, und bleibe ſo V ſich/ lang edruͤben, bis der Graf von hier abgereiſt iſt.“ 9. „Wenn wir vorgeben, daß Klementine krank ſey, und daß deren Mutter im vorliegenden Briefe Sie erſucht habe, mich hinuͤber fahren zu laſſen, um Klementinen Geſellſchaft zu leiſten; ſo kann gene Ge⸗ ziemlich ſetzte ſich ſie durch daß Graf en Brief au. Die dete, und t, las die war nur ine Hand ch meiner wuͤrde.“ tige nEl⸗ gen Gat⸗ h hiemit ne freie te fallen ieſer Er⸗ erheben, llaubniß, bleibe ſo reiſt iſt.“ trank ſey, Briefe u laſſen, ſo kann — 55— ich mich entfernen, ohne dem Gaſtrechte Etwas zu vergeben. Und wenn ich nicht wieder komme, wird der Graf mir Dank wiſſen, daß ich ihm die Muͤhe und die Unannehmlichkeit erſpare, einen foͤrmlichen Korb mit nach Hauſe zu nehmen.“ „Meine wenigen Habfeligkeiten werden bereits gepackt, und das Anſpannen habe ich vorlaͤufig ſchon beſtellt.“ Aeußern Sie ſich uͤber die Verpflichtung der Freundſchaft, der Frau von Stralau den ge⸗ wuͤnſchten Liebesdienſt nicht abſchlagen zu koͤn⸗ nen, beifaͤllig, und tragen Sie mir Empfehlun⸗ gen an Mutter und Tochter auf; ſo ſehe ich dies fuͤr Ihre guͤtige Genehmigung meines Plans, mich zuruͤckzuziehen, an, beurlaube mich beim Gra⸗ fen, und fahre in wenig Minuten von dannen.“ „Nach meiner Ruͤckkunft ein Mehreres. Noch einmal, mit aller Beſonnenheit und Ruhe, und mit Ruͤckſicht auf alle in Betrachtung gezogene Umſtäͤnde, die feierliche und beſtimmte Erklaͤ— rung, daß ich meine Hand dem Grafen Pankra⸗ tius, freiwillig, nun und nimmermehr geben werde; und zur Ergreifung irgend einer Zwangs⸗ Maaßregel haben meine guͤtigen Eltern mich und ſich, und meine und ihre Ehre zu lieb. Meine innigſt geliebte Mutter⸗ Ihre gehorſame Tochter.“ — 54— 334 Der Liebesſturm. „Die arme Klementine,“ hob die Mutter, den zweimal durchſtudirten Brief zuſammenlegend, mit verſtellter Theilnahme an,„daß ſie ſo ſehr krank ſey, hatte ich nicht geglaubt. Bei der Lage der Dinge kann ich Dich freilich vicht abhalten, ihr den ge⸗ wuͤnſchten Liebesdienſt zu erweiſen. Fahre mit Gott, mein gutes Kind, und bringe Stralau's meine beſten Gruͤße. Uebrigens nehme ich es auf mich, Deine ſchnelle Abreiſe beim Vater zu entſchul⸗ digen, der vor ſpaͤt Abend nicht heimkehren kann.“ Pauline eilte zur Mutter, und in ihrem lan⸗ gen, herzinniglichen Handkuſſe lag ihr kindlicher Dank fuͤr die Genehmigung ihrer Anſichten, und fuͤr die muͤtterliche Billigung ihres Entſchluſſes, des Grafen Antrag auszuſchlagen. Sie bat Pankratius, im Tone ſeines ſteifen Ce⸗ remoniels, ſie ſeinen gnaͤdigſten Eltern ganz ge⸗ horfamſt zu empfehlen; bedauerte ſehr, daß die ploͤtz⸗ liche Erkrankung ihrer nachbarlichen Freundin, Kle⸗ mentine von Stralau, ſie um den laͤngern Genuß ſeines Beſuchs bringe; wuͤnſchte ihm auf den Fall, daß er nicht mehr hier ſeyn ſollte, wann ſie zuruͤck⸗ kehre, eine recht gluͤckliche Reiſe, und ſaß in fuͤnf Minuten im Wagen. Das war ihr fein ausgekluͤgelter Kutuſowſcher Ruͤckzug. Gre ſtander klar u Ohne fuhr e hatte, nach ſ Haus ruhig⸗ D und ein fi der n ſeiner ein 5 gefal der? † von hatt C das beſt alle die rutter, den egend, mit rkrank ſey, der Dinge ihr den ge⸗ Fahre mit Stralau's ich es auf zu entſchul⸗ ren kann.“ ihrem lan⸗ kindlicher chten, und gluſſes, des ſteifen Ce⸗ n ganz ge⸗ aß die ploͤtz⸗ undin, Kle⸗ ern Genuß ff den Fall, ſie zuruͤck⸗ aß in fuͤnf atuſowſcher * Graf Pankratius merkte, ſo beſchraͤnkten Ver⸗ ſtandes er üͤbrigens auch ſeyn mochte, hier doch ganz klar und deutlich, wie viel die Glocke geſchlagen. Ohne ſein Anliegen bei den Eltern anzubringen, fuhr er den folgenden Morgen nach Hauſe, und hatte, bei den tauſend Verlegenheiten, die gleich nach ſeiner fruchtloſen Heimkehr uͤber ihn und ſein Haus zuſammen brachen, doch wenigſtens die Be⸗ ruhigung, daß er keinen fͤrmlichen Korb bekommen. Daß Klementinens Krankheit bloßer Vorwand, und der Brief, den Pauline der Mutter gegeben, ein fingirter geweſen war, erfuhr er zufaͤllig auf der naͤchſten Station; dort war, eine Stunde vor ſeiner Ankunft, Klementine, friſch und geſund wie ein Fiſchchen, mit ihren Eltern und Paulinen durch⸗ gefahren, um dem Erndtefeſte auf einem ihrer, in der Naͤhe gelegenen Guͤter beizuwohnen. Paulinens Eltern waren froh, dieſe Verbindung, von welcher ſie nie etwas Erſprießliches erwartet hatten, auf dieſe Weiſe aufgeloͤſt zu ſehen. Indeſſen war es jetzt, als haͤtte Graf Pankratius das Signal gegeben, Paulinen um ihre Hand zu beſtuͤrmen. Von nahe und fern kamen die Freier allerlei Alters und Standes herbeigeſtromt, um die geruͤhmte Schoͤnheit höͤchſtſelbſt in Augenſchein zu nehmen. Alle gingen tief verwundet von dan⸗ nen, und Keiner mit einem Fuͤnkchen von Hoffnung. Die Beſcheidenen, Rechtlichen fuͤhlten, daß ſie die⸗ ſem, in jeder Hinſicht preiswuͤrdigen Engelkinde — 56— nichts bieten konnten, was nur einigermaßen in der gegenſeitigen Wagſchaale von Gewicht geweſen wäre; und die Dummdreiſten, die Vorlauten, die Dunkelhaften, die Wuͤſtlinge, denen es, zur Ver⸗ wunderung aller Vernuͤnftigen, zuweilen gluͤckt, das Herz eines Maͤdchens, das ſie wahrlich nicht verdienen, durch einen toͤlpelhaften Ueberfall zu ge⸗ winnen, waren, ſobald ſie der feinen, ſie Alle durch⸗ ſchauenden Pauline gegenuͤber ſtanden, ſo zaghaft und bloͤde, und nahmen ſich ſo linkiſch und unge⸗ ſchickt, daß ihnen in der Naͤhe dieſes ſpiegelklaren, himmelreinen Weſens unheimlich und unbehaglich, und angſt und bange ward, und ſie froh waren, ihr aus den verſtaͤndigen Augen zu kommen, in deren Sonnenblicke ſie ſich ſelbſt gar zu erbaͤrmlich vor⸗ kamen. Halb im Scherz, halb im Ernſt ſagte wohl zu⸗ weilen der Vater oder die Mutter, daß ſie nicht zu waͤhlig ſeyn ſolle; daß unter denen, die ſich ihr zu naͤhern gewuͤnſcht, mancher recht achtbare junge Mann geweſen, gegen deſſen Würdigkeit in keiner Hinſicht Etwas auszuſetzen geweſen; und daß ſie ſich, durch ihre eigene Art, ſich zu umzaͤunen und zu verpalliſadiren, und alle Menſchen von ſich meilen⸗ weit entfernt zu halten, bei dem Publikum ſo in das Gerede bringen werde, daß Keiner mehr, aus Furcht, ſich vor der Welt läͤcherlich zu machen, den ſeinen Vorgaͤngern mißlungenen Verſuch wagen, ſie aber, am Ende, wie man zu ſagen pflege, ſitzen bleiben, oder hoͤchſtens, in ſpaͤtern Jahren, ſchmuck⸗ los und werde, ihrer bl Doch kungen ſte, daf chen ſo heirath Himme von ihr geleger folglick men n ſie waͤ ſich di abgezo ſorgte mer n wo es ſten i lich t mit d T war, kran linen aßen in geweſen ten, die ur Ver⸗ gluͤckt, ich nicht ll zu ge⸗ le durch⸗ zaghaft d unge⸗ lklaren, haglich, ren, ihr n deren ich vor⸗ vohl zu⸗ ie nicht ſich ihr e junge keiner daß ſie und zu meilen⸗ a ſo in r, aus a, den wagen, . ſitzen hmuck⸗ — 57— los und verbluͤht, einem Manne anheim fallen werde, der ſie, lediglich und einzig und allein um ihrer blanken Thaler willen, zur Gattin waͤhle. Doch Pauline entgegnete auf dergleichen Bemer⸗ kungen, auch wieder halb im Scherz, halb im Ern⸗ ſte, daß man ſich hieruͤber keine ſchlafloſe Nacht ma⸗ chen ſolle. Ohne Liebe koͤnne und werde ſie nicht heirathen. Fuͤr all' die Dutzend Anbeter, die, der Himmel moͤge wiſſen, ob von ihrem Herzen oder von ihrer Spekulation, hergebannt, zu ihren Fuͤßen gelegen, habe ſie keine Spur von Liebe empfunden, folglich habe das mit ihnen ganz natürlich ſo kom⸗ men muͤſſen, wie es auch wirklich gekommen ſey; ſie waren ganz ruhig wieder aufgeſtanden⸗ hatten ſich die Kniee abgeſtäubt, und waͤren in Frieden abgezogen. Damit umſchlang ſie die zaͤrtlich Be⸗ ſorgten, bat mit kindlicher Gutmuͤthigkeit, ſie im⸗ mer noch ein Weilchen im Vaterhauſe zu behalten, wo es ihr gar zu gut, und eigentlich am allerbe⸗ ſten in der ganzen Welt gefalle, und huͤpfte froͤh⸗ lich traͤllernd zu ihren Berufsgeſchäften, denen ſie mit Fleiß und Eifer ungeſtoͤrt oblag. 34. Die Li ſte⸗ Die Tante Generalin, deren hoͤchſte Leidenſchaft war, dem Maͤdchen, dem ſie wohlwollte, den Braut⸗ kranz in das Haar zu praktiziren, wollte uber Pau⸗ linens Storrigkeit verzweifeln. Daß Graf Kratz — 53— mit geflochtener Reſolution heimgeſchickt worden war, hatte ſie im Stillen geahnt; um ſeiner Eltern willen hatte ſie redlich gethan, was an ihr war, um die Verbindung zu Stande zu bringen. Daß ihre Einleitungen ohne Erfolg geblieben, war ſeine Schuld; aber, daß von den vielen ſehr annehmli⸗ chen jungen Maͤnnern, die ſie auf Kräͤtzchen nach Goldau ſpedirt hatte, nicht einer, nicht einer ver⸗ ſtanden hatte, das Herz dieſes anſpruchloſen, ver⸗ ſtändigen und liebenswuͤrdigen Maͤdchens zu gewin⸗ nen, blieb ihr ein Raͤthſel. Aber nein. Goldau war, wie ſie ſich jetzt immer mehr uͤber⸗ zeugt hatte, der Platz durchaus nicht, auf dem ein Brautwerber ſich getrauen durfte, gluͤcklich zu ope⸗ riren. Kam, beſonders ſeit Graf Pankratius mit ſeiner Brautſchau ſo gewaltig durchgefallen war, irgend nur ein junger Mann auf dem großen, praͤchtigen Vorhofe des Goldauer Landſitzes ange⸗ fahren, ſo ſteckten, noch ehe er die beiden thurm⸗ hohen Fontainen paſſtrt hatte, alle Hausgenoſſen die Koͤpfe zuſammen, und beaͤugelten den Ankoͤmm⸗ ling von allen Seiten; noch im Orangerie⸗Waͤld⸗ chen bewillkommte ihn aus allen Fenſtern, in lei⸗ ſem Geziſchel und Gefliſter, ein Hagel von Gloſſen und Bemerkungen; ſein Wagen raſſelte kaum uͤber die donnernden Bruͤcken durch das hochgewoͤlbte, wiederhallende Schloßthor, ſo hatte man ihm ſchon eine Menge Laͤcherlichkeiten abgemerkt; und ſtieg er worden ner Eltern war, um Daß ihre var ſeine nnehmli⸗ chen nach einer ver⸗ ſen, ver⸗ zu gewin⸗ -hr uͤber⸗ dem ein hzu ope⸗ tius mit en war, großen, es ange⸗ thurm⸗ genoſſen Inkoͤmm⸗ 2⸗Waͤld⸗ in lei⸗ Gloſſen im uͤber woͤlbte, m ſchon ſtieg er — 59— mit geſchliffenen Granitplatten hofe ab, ſo waͤre ihm am beſten leich wieder eingeſtiegen, nach d nie wieder gekommen; denn da wußte Jedwegliches an ihm Etwas auszuſetzen; der Einen war er zu lang; der Andern zu klein; der Dritten zu dick; der Vierten zu mager; die Fuͤnfte ſchimpfte auf das ſpießige Haar; die Sechste auf das filzige Negerkraus ſeiner Locken; die Sie⸗ bente wollte bemerkt haben, daß er etwas ſchief ſey; die Achte fuͤrchtete, daß das Mißgeſtaltige von eng⸗ liſcher Krankheit herruͤhre; der Neunten kam die Geſichtsblaͤſſe verdaͤchtig vor; und die Zehnte ſchob die Urſache der unangenehmen Rothe auf den uͤber⸗ triebenen Hang zu hitzigem Getraͤnke; und ſo ſetz⸗ ten ſich die Leutchen eine ellenlange Litanei von Fehlern und Gebrechen zuſammen⸗ die ein plapper⸗ fertiges Kammermädchen nicht verfehlte⸗ Paulinen, noch ehe ſie das verſchrieene Monſtrum mit Augen geſehen, in gedraͤngtem Auszuge zu hinterbringen; und daß dieſe dann wider dem Fremden ſchon im Voraus eingenommen ſeyn mußte, war natuͤrlich. endlich im innern, gepflaſterten Schloß geweſen, er waͤre g Hauſe gefahren, un Recht genau betrachtet, war dieſe Verkleine⸗ rungsſucht nichts als Liebe zu Paulinen. Fuͤr ſie ſollte nichts gut genug ſeyn. Und daher hieß es, ſo oft ein ſogenannter Freiersmann, ohne ſeinen laut oder nicht laut gewordenen Zweck erreicht zu haben, wieder abſegelte, im ganzen Hauſe allge⸗ mein hinter ihm her, daß das, und waͤre er noch — 60— zehnmal ſchoͤner, reicher und hochgeſtellter, doch kein Mann fuͤr die Comteſſe geweſen wäre, daß ſolche Exemplare Dutzend⸗ und Schockweiſe in der Welt zu haben waͤren; und daß man dem Herrn mit der langen Naſe daher eine recht gluͤckliche Reiſe wuͤnſche. Tante Generalin hatte ſolcher Auftritte nur zwei in Goldau erlebt; aber mehr bedurfte es auch nicht; ſie fah jetzt klar, daß Goldau kein Heirathsterrain fey. Nach ihrer Meinung war es aber jetzt eben die rechte Zeit, Paulinen, die in der ſchoͤnſten Bluͤ⸗ the ihrer Reize ſtand, unter die Haube zu bringen. Berlin war der Platz. Unter den Ebenbürtigen am Hofe, und in den hier garniſonirenden Garde⸗Regi⸗ mentern waren wobl Einige, die durch Stamm⸗ baum, Standpunkt und Vermoͤgen berechtiget wa⸗ ren, ſich neben eine Graͤfin von der Schluͤſſelburg zu ſtellen. Die Tante fertigte eine vollſtaͤndige, in Rubriken tabellariſch eingetheilte Liſte an, in der Name, Geburtsort, Alter, Titel, jaͤhrliche Ein⸗ kuͤnfte, perſoͤnliche Eigenſchaften, Familienverbin⸗ dungen, Ausſichten fuͤr die Zukunft und ſonſtige Bemerkungen vorkamen. Es freute ſie, die Arbeit, die ihr unendliche Muͤhe, Beſuche, Thee⸗Geſellſchaf⸗ ten und andere Ausſpionirungs⸗Behelfe gekoſtet hatte, endlich fertig zu ſehen; und die Vervollſtaͤn⸗ digung ihrer Deſignation hob ſie ſich zum Karneval auf, wo aus den Provinzen und aus dem Aus⸗ lande gewoͤhnlich mehrere Fremde herbei zu ſtroͤmen pflegen Deſign In nens2 chen de „ Inner chen wollt ſonde ſie, den, ſie und Sor ſten druͤ zu, nen , doch 2, daß in der Herrn ickliche ir zwei nicht; errain t eben Bluͤ⸗ ngen. en am Regi⸗ amm⸗ t wa⸗ lburg e, in n der Ein⸗ rbin⸗ iſtige beit, ſchaf⸗ oſtet ſtaͤn⸗ neval Aus⸗ men — 61— pflegen, unter denen ſie doch wenigſtens etwelche Deſignationswuͤrdige herauszufinden hoffen durfte. In einem weitlaͤuftigen Briefe ſetzte ſie Pauli⸗ nens Mutter ihren Wunſch auseinander, das Maͤd⸗ chen dieſen Winter einige Wochen bei ſich zu ſehen. 335. Der Subſecriptions⸗Ball. „Geraͤdert,“ das Wort lag in Paulinens tiefſtem Innern wie unzerſtörbares Gift⸗ Es war gewiß nicht wahr. Aber es konnte doch wahr ſeyn. Was haͤtte Graf Kratz davon gehabt, ein ſolch' graͤßliches Ereigniß aus der Luft zu greifen. Je naͤher ſie der Reſidenz kam, deſto lebhafter ward die Vorſtellung, daß Kratz doch nicht gelogen haben koͤnne; ſie hatte ſich ſo gefreut, alle die Plaͤtz⸗ chen wieder zu beſuchen, wo ſie ihn— nein, ſie wollte, ſie durfte nicht mehr an ihn denken. In der ſonderbaren Angſt⸗ die ihr Herz uͤberwallte, fragte ſie, als ihr die Gensdarmen⸗Thuͤrme ſichtbar wur⸗ den, ihre Begleiterin, Demoiſelle Desmarais, ob ſie hier nicht vor dem Hochgericht vorbeikaͤmen.? und obgleich dieſe lachend verneinte, und uͤber die Sonderbarkeit dieſer, einem reiſenden Kriminali⸗ ſten allenfalls zu verzeihende Frage ſcherzte, ſo drückte ſich Pauline doch unwillkuͤhrlich die Augen zu, und getraute ſich nicht eher, ſie wieder zu oͤff⸗ nen, als bis ſie durch das Thor fuhren. 62— Die Tante empfing die Ankommenden mit lauter Freude; es war dieſen Abend, im Saale des koͤnig⸗ lichen Schauſpielhauſes, ſogenannter Subſcriptions⸗ Ball. Noch waren fuͤnf Stunden Zeit, um die Toi⸗ lette zu beſorgen, und daß, ungeachtet der beſchraͤnk⸗ ten Friſt, nichts daran gefehlt hatte, ſagte das ver⸗ klaͤrte Geſicht der Tante Generalin, die mit ihrer blendend ſchoͤnen Nichte, wie ein Triumphator, in den Saal zog. Das wunderſchoͤne Lokal; die ſonnengleiche Be⸗ leuchtung; die prächtige Muſik; der Glanz der zahl⸗ reichen Geſellſchaft, die, wie Pauline hoͤrte, aus al⸗ len Staͤnden, von den Großen des Reichs bis zum ſchlichten Buͤrger herab, beſtand; und in der Mitte derſelben der ganze Hof, deſſen juͤngere Mitglieder ſich in den Reihen der Tanzenden befanden, waͤh⸗ rend die andern im Saale auf⸗ und abwandelten, und Mehrere aus der Geſellſchaft mit huldreicher Anſprache beehrten; das Alles entzuͤckte und bezau⸗ berte das reizbare Gemuth des in ſtiller Einfach⸗ heit erzogenen Landmaͤdchens in ſolchem Grade, daß es der Tante, im Rauſch der Freude, mehr als ein⸗ mal verſicherte, daß es dieſen Abend zu einem der ſchoͤnſten ſeines Lebens rechne. Die Zahl der Herren, welche ſich Paulinen vor⸗ ſtellen ließen, hieß Legion; viele derſelben waren großſtädtiſch unartig genug, ihr Urtheil uber ſie, dicht in ihrer Naͤhe, ſo laut zu aͤußern, daß ſie es hoͤren mußte. Nach dieſem war ſie die Schoͤnſte, — die Reize Saale; i ſchmackvo ausgebild Pauli chen Ver alltaͤglich abgemer im Saal man de her zu p wohl ihr deſſen m kleidet, ten haͤtt Tollette ſelle De Verbind fuͤr geſt und Pr Wenn benswuͤ geachter mit de insgeſe auf die buͤnen, ten, uͤ ner N lauter koͤnig⸗ tions⸗ te Toi⸗ hraͤnk⸗ s ver⸗ ihrer or, in e Be⸗ zahl⸗ us al⸗ 3zum Mitte lieder wah⸗ elten, elcher dezau⸗ nfach⸗ „ daß Sein⸗ n der vor⸗ varen ſie, ſie es nſte, ☛— — — 65— die Reizendſte, die Liebenswuͤrdigſte im ganzen Saale; ihre Toilette war die eleganteſte, die ge⸗ ſchmackvollſte; und ihre Unterhaltung verrieth den ausgebildetſten Verſtand, die feinſte Erziehung. Pauline lachte heimlich uͤber das Alles; ihr Bis⸗ chen Verſtand konnte ihr wahrhaftig in den Paar alltaͤglichen Worten, die ſie geſprochen, kein Menſch abgemerkt haben; ihr Anzug— nun ja, es waren im Saale wohl einige Erſcheinungen, die, wenn man den Maaßſtab anlegen wollte, nicht recht hie⸗ her zu paſſen ſchienen; beſſer als die, konnte ſie alſo wohl ihre Staatsangelegenheiten beſorgt haben; in⸗ deſſen war die Mehrzahl ſo modiſch, ſo brillant ge⸗ kleidet, daß ſie das ihr geſpendete Lob mit Hunder⸗ ten haͤtte theilen muͤſſen; und war Etwas an ihrer Toilette, was vorzuͤglich gefiel, ſo gebuͤhrte Demoi⸗ ſelle Desmarais der Preis, die, ſeit Jahren, ihre Verbindungen in Paris geltend gemacht, und da⸗ fuͤr geſorgt hatte, daß monatlich, von Schneider und Putzhandlung, das Neueſte geſandt wurde. Wenn ſie aber die Schoͤnſte, die Reizendſte, die Lie⸗ benswuͤrdigſte ſeyn ſollte, ſo waren die Herren, un⸗ geachtet der Brillen, Lorgnetten und Opernglaͤſer, mit denen ſie ſie ununterbrochen peinigten, alle insgeſammt ſtockblind; denn ſie mochte ihr Auge auf die Reihen der Tanzenden, oder auf die Tri⸗ buͤnen, auf welchen ſich die Damen befanden, rich⸗ ten, uberall ſah ſie einen wahren Blumenflor ſchö⸗ ner Maäͤdchen und Frauen, mit denen. ſie ſich in 64 ihrer zarten Beſcheidenheit nicht meſſen mochte; hier gleich links, was war das nicht fuͤr ein liebhol⸗ des, ſanftes Blondinchen; dort rechts, die reich ge⸗ ſchmuͤckte, praͤchtige Bruͤnette; druͤben das feine, intereſſante Geſichtchen mit den großen, ſchmachten⸗ den Aug— mein Gott— da— einen Schritt von ihr— der ſchoͤne junge Mann— das iſt Fr— Sie erſchrak, denn es war ihr, als haͤtte ſie in der Ueber⸗ raſchung den Namen laut ausgeſprochen. Nein! aber dieſe Aehnlichkeit, dieſe auffallende Aehnlich⸗ keit! So hatte ſie ſich ihn gedacht; ſo hatte das laͤngſt entſchwundene Bild ihrer Phantaſie ausgeſe⸗ hen. Tauſend Augen waren auf den jungen Mann gerichtet; war ihr doch, als waͤre ihr das verdruͤß⸗ lich. Was ging er Andern an? Sie nur konnte Intereſſe an ihm finden, denn er war es gewiß— er mußte es ſeyn. So ſahen ſich nie zwei Menſchen gleich. Die ſtolze, kuͤhne Haltung; der feine Glie⸗ derbau; das zarte Ebenmaaß in allen Formen; das Ausdrucksvolle in jedem ſeiner ſprechenden Zuͤge; das Flammenfeuer im brennenden Auge; das leicht⸗ gelockte Ringelhaar. Es war beſtimmt— Nein, nein; der arme vergeſſene Fritz war es nicht; der war ja geraͤdert; vor dieſem hier aber ſtand eben ein Großer des Reichs, mit einem blin kenden Stern auf der Bruſt, und aus der artigen Geſchmeidig⸗ keit, mit welcher der Beſternte die Unterhaltung fortfuͤhrte, war wohl abzunehmen, daß der junge Mann von Rang und Bedeutung ſeyn mußte. Er ſchien zur Begleitung eines alten Weißkopfs zu ge⸗ hoͤren; binabgi empfah auch eit hielt ſi die ihr Hofade „Ab nen Ge˖ hat Di will Di und— Pat Pankro Contre und ſt Gefaͤh ſo rott er; da blicke Naſen etwas Paulit Gr Ueber; waͤhre hte; hier liebhol⸗ reich ge⸗ s feine, machten⸗ hritt von r— Sie er Ueber⸗ Nein! Aehnlich⸗ atte das ausgeſe⸗ n Mann verdruͤß⸗ konnte gewiß— Renſchen ne Glie⸗ en; das n Zuͤge; is leicht⸗ Nein⸗ cht; der nd eben n Stern deidig⸗ haltung r junge ßte. Er s zu ge⸗ — 65— hoͤren; denn als dieſer einige Schritte den Saal hinabging, brach der lunge Mann das Geſpraͤch ab, empfahl ſich und folgte dem alten Herrn; das mußte auch ein achtbares Maͤnnchen ſeyn, denn er unter⸗ hielt ſich eine geraume Zeit mit einigen Damen, die ihr von der Tante vorhin als die erſten des Hofadels genannt worden waren. „Aber Paulinchen, wo biſt Du denn mit Dei⸗ nen Gedanken?“ ſagte die Tante,„zweimal ſchon hat Dich hier ein alter Bekannter angeredet, und will Dir ſeine Gemahlin praͤſentiren, und Du hoͤrſt und—“ Pauline ſah von ihrer Tribuͤne herab— Graf Pankratius— konnte es denn einen ſchneidendern Contraſt geben?— Graf Pankratius ſtand vor ihr, und ſtellte ihr die Gluͤckliche vor, die er zur Lebens⸗ Gefaͤhrtin ſich erkohren. Eben ſo blaß als er; eben ſo rothaͤugig als er; eben ſo mark⸗ und ſaftlos als er; das krampfhafte Zucken, was ihm alle Augen⸗ blicke die Lippen zuſammen zog, hatte ſie in den Naſenloͤchern; und ſtatt ſeines Ningerns hatte ſie etwas ſo Ziſchendes in ihrer Ausſprache, daß ſie Pauline kein Wort verſtand. Graf Kratz ſpielte abſichtlich gegen die Gattin den Ueberzaͤrtlichen, den Uebergluͤcklichen, und blinzelte, waͤhrend ſeiner verliebten Scherze, zuweilen auf Paulinen mit einem Blicke, als ob er ihr ſagen wollte,„ſieh', dummes Ding, ſo gut haͤtteſt Du LXXVI. 6 — 66— es auch haben koͤnnen. Du mußt nicht denken, daß Du die einzige annehmliche Partie in ganz Eu⸗ ropa biſt. Meine Ehehaͤlfte iſt ſo alten Adels als Du; und ihre Einkuͤnfte kommen den Deinigen gleich.“ Pauline ſah von dieſem ſtummen Vorwurfe nichts; das Paar ſtand eine Stufe tiefer, als ſie auf ihrer Tribuͤne; folglich konnte ſie uͤber Beide wegſehen; das Ebenbild ihres, in geheimen Stunden tauſend⸗ mal gemalten Ideals, der junge Mann, ſtand ihr jetzt näher. Er ſprach wieder mit einem Herrn vom Hofe; ſo viel ſie in der Entfernung, waͤhrend der kleinen Pauſe, welche die Muſik eben machte, hoͤ⸗ ren konnte, unterhielten ſie ſich Franzoͤſiſch. Nein, Fritz war es nicht; denn wo hätte der ſich von ſei⸗ nem kauderwelſchen Berliner Plattdeutſch bis zu dieſem geläufigen Franzoͤſiſch verſtiegen? Aber laͤ⸗ cheln mußte ſie doch uͤber dieſe merkwuͤrdige Aehn⸗ lichkeit; ſie ſchwaͤrmte mit einer Art freundlich⸗weh⸗ muthiger Verſchaͤmtheit in die Tage ihrer Jugend zuruͤck, wo ſie ſich den Fritz, wenn er groß gewor⸗ den, akkurat ſo gedacht hatte, als er hier keine zehn Schritte von ihr ſtand; ſie hatte ihn ein Paar hun⸗ dert Heldenthaten verrichten laſſen; er hatte ſich von einer Stufe zur andern emporgeſchwungen, und war nun nach Goldau gekommen, um zu fragen, ob der wilde Junge aus dem Thiergarten, der dem klehnen Mamſellken das Leben gerettet, es wagen duͤrfe, zum Lohn und Preis ſeiner Anſtrengungen, — ſich ſein ſie als K lich zuſa ihrer ein me, lebe es war es war ſich— ward k daß der ſich das bis dah ſehen; ſein li prangte „H Tante und S ſchwere ſie auf ſterlich ſie der ja neb des he heure ſchen 5 ᷣ Paul en, daß nz Eu⸗ dels als einigen nichts; uf ihrer gſehen; kauſend⸗ and ihr ern vom rend der hte, hoͤ⸗ Nein, von ſei⸗ bis zu Aber laͤ⸗ ge Aehn⸗ ich⸗weh⸗ Jugend ß gewor⸗ iine zehn gar hun⸗ hatte ſich gen, und fragen, der dem es wagen ngungen, — —- 67— ſich ſein Paulineken zur Frau zu erbitten; ſo hatte ſie als Kind tauſendmal ſich Alles ganz wunderſam⸗ lich zuſammen geträumt; und jetzt ſtand der Held ihrer einfaͤltigen, und doch ſo unendlich ſuͤßen Traͤu⸗ me, lebendig vor ihr. Aber er war es ja nicht; es war ja ein Zweiter, ein ganz Anderer!— Nein, es war kein Anderer! Es war Fritz— Er hatte ſich— Pauline mußte ſich ſchnell niederſetzen; ſie ward kreideweiß im ganzen Geſicht; ſie fuͤrchtete, daß der Schlag ſie auf der Stelle ruͤhre, ſo preßte ſich das Blut ihr nach dem Herzen. Sie hatte ihn bis dahin zufaͤllig immer von der rechten Seite ge⸗ ſehen; jetzt hatte er ſich gewendet; ſie hatte alſo ſein linkes Profil im Geſichte. In ſeinem Ohr prangte ihr Schlangenkoͤpfchen. „Herr Gott, Maͤdchen, was iſt Dir?“ fragte die Tante beſorgt, als ſie Paulinen ſah, die mit Freude und Schrecken, mit Gefuͤhl und Anſtand, einen ſchweren, innern Kampf kämpfte. Am liebſten waͤre ſie aufgeflogen zu ihm hin, und haͤtte ihm ſchwe⸗ ſterlich die Hand geboten, und haͤtte gefragt, ob er ſie denn gar nicht mehr kenne. Aber ſo mußte ſie ja neben der Tante, des lieben peinlichen Anſtan⸗ des halber, ſitzen bleiben, und konnte das Unge⸗ heure, was ihre Bruſt beſtuͤrmte, keinem Men⸗ ſchen vertrauen. „Mir iſt wohl, mir iſt ſehr wohl,“ verſicherte Pauline mit zitternder Stimme, und ſtand wieder auf, und ſuchte mit ſehnſuchtsvollem Blicke ihr Schlangenkoͤpfchen. Aber der junge Mann war verſchwunden. Un⸗ ten in der Thuͤr ſah ſie den alten Herrn mit dem weißen Silberkopfe ſich von einem andern, der, wie die Tante vorhin geſagt hatte, ein beruͤhmter Gene⸗ ral ſeyn ſollte, ſehr verbindlich verabſchieden. Ver⸗ muthlich war ſein junger Begleiter auf den Trep⸗ pen⸗Flur vorausgeeilt, um die Bedienung mit den Pelzen und Maͤnteln zu rufen. „Haben Sie,“ fragte Pankratius eilig heran⸗ tretend, zur Tante gewendet,„den alten Herrn ge⸗ ſehen, der eben aus dem Saale ging? das war der Herzog.— Ein ungeheurer Paukenwirbel vom Or⸗ cheſter herab raubte Paulinen den Namen—„er iſt eben,“ fuhr Kratz fort,„vor wenig Stunden erſt von Paris angekommen. Der junge Mann, der immer um ihn war, das war ſein Adjutant; der Marquis— die verwuͤnſchte Janitſcharen⸗Muſik laͤrmte ſo betaͤubend, daß es nicht moͤglich war, den Namen zu verſtehen. Pauline fragte darum noch einmal; aber Kraͤtzchens ningernde Naͤſelei, die Pau⸗ ken, die Trompeten, die Becken und die große Trom⸗ mel— nein, ſie konnte ihn nicht verſtehen. Was half ihr auch der Name. Es war ja doch nicht Fritz. Wie waͤr' der arme Junge zum Marquis geworden! „Seh'n Sie, Excellenz!“ erzaͤhlte Kratz weiter, „das war einmal ein ſchoͤner Menſch; die Damen waren Aufruhr und ab, von ihn im Vor gemacht Waſſer, Mel kamen, wo waͤr tanzen; war vo muthut Berecht ſtuͤrmt, Monde Spring der we der Ta dieſe m mit ih aller ſe fuͤr ſie Mi te ſie d faßt, licke ihr n. Un⸗ nit dem der, wie er Gene⸗ n. Ver⸗ in Trep⸗ mit den g heran⸗ errn ge⸗ war der om Or⸗ —„er den erſt un, der nt; der ⸗Muſik dar, den m noch die Pau⸗ 2 Trom⸗ . Was ht Fritz. vorden! weiter, Damen — 69— waren aber auch alle insgeſammt in allgemeinem Aufruhr; Viele wandelten abſichtlich im Saale auf und ab, um ihn recht genau zu beliebaͤugeln, und von ihm bemerkt zu werden; und Eine hat ihm, im Vorſaal, beim Abgehen, freiwillig einen Knir gemacht, drei Ellen tief. Er ſpricht Deutſch wie Waſſer, und ſoll ſogar aus Spaß berlinern köͤnnen.“ Mehrere der vorhin vorgeſtellten jungen Herren kamen, und ladeten Paulinen zum Tanz ein; aber wo waͤr' ihr moͤglich geweſen, jetzt einen Schritt zu tanzen; ſie hatte eine ſo ſonderbare Unruhe; ſie war von ſo tauſend Gedanken, Folgerungen, Ver⸗ muthungen, Schluͤſſen, Zweifeln, Einwendungen, Berechnungen, Erinnerungen und Ausſichten be⸗ ſtüͤrmt, daß ihr, ſonſt der Tanzluſtigſten unter'm Monde, in dieſem Augenblick alles Huͤpfen und Springen zuwider war. Unter dem Vorwande, von der weiten Reiſe ſehr ermuͤdet zu ſeyn, geſtand ſie der Tante, ſich nach dem Bette zu ſehnen, und dieſe war gefällig genug, ſogleich aufzubrechen, und mit ihr den Saal zu verlaſſen; war dieſer doch bei aller ſeiner Ueberfuͤlle von Pracht und Herrlichkeit fuͤr ſie jetzt leer geworden. 36. Die Täuſchung. Muͤde, erſchoͤpft war ſte wohl; aber ſchlafen konn⸗ te ſie doch nicht. Sie hatte ſich vorhin das Herz ge⸗ faßt, und den Grafen Kratz geradezu gefragt, ob — 70— das, was er ihr von dem Knaben, der ſie vor lebens⸗ laͤnglichem Wahn ſinn bewahrt, oder von einem furcht⸗ baren Tode gerettet, in Goldau erzaͤhlt, wirklich wahr ſey, und er hatte, die Lorgnette in den Saal gerichtet, halb ſchadenfroh wiederholentlich entgeg⸗ net:„Geraͤdert iſt er worden; ob aber von oben herunter, oder von unten hinauf, kann ich nicht beſrimmt ſagen.“—. Unter den ihr heute Abend Vorg eſtellten befand ſich auch ein Oberſter, ein Jugendfreund ihres Vaters. Sie hatte ſich lange mit ihm unterhalten, und ſich zuletzt mit einer Bitte an ihn gewendet; ihre Mutter habe ihr naͤmlich— hatte ſie dem alten Herrn vorgelogen— aufgetragen, eine kleine Spende dem invaliden Huſaren⸗Korporal Eiſenſtein einzuhaͤndi⸗ gen; ſie habe ihr auch ſeine Wohnung geſagt, aber uͤber die Freude der Reiſe nach Berlin habe ſie Alles, und alſo auch dieſe Kleinigkeit vergeſſen; waͤre es ihm moͤglich, den Mann auszumitteln, und ihn ihr zuzu⸗ ſenden, ſo— der alte Oberſte, von Paulinens bezau⸗ bernder Anmuth hingeriſſen, hatte ſie gar nicht aus⸗ reden laſſen, ſondern ſein Ehrenwort verpfaͤndet, daß, wenn der alte Kerl noch lebe, er morgen Vor⸗ mittag nach eilf Uhr ſich bei ihr ſtellen ſolle. Sie ſegnete ſich, daß ſie dieſen, vor zehn Jahren ein Einzigesmal im Munde der Mutter genannten Namen, bis heute behalten hatte. Deralte Eiſenſtein war Fritzens Mentor in Kriegs⸗Angelegenheiten ge⸗ weſen; de den war. Der ju — freilich ſie ſich jet mehrere haͤtte ſie chen des Fritz geſc Sein zur Ver könne; a denn ſie leſen zu Sprache gehoͤre. Seit ſich mit hatte ir habt; Deutſcl gehoͤrt, deutſch Indeſſ den aur wieder Plattd ſtens dieſe r lebens⸗ m furcht⸗ wirklich den Saal h entgeg⸗ von oben ich nicht en befand s Vaters. lten, und ndet; ihre ten Herrn dende dem nzuhaͤndi⸗ agt, aber ſie Alles, aͤre es ihm mihr zuzu⸗ gens bezau⸗ nicht aus⸗ erpfaͤndet, rgen Vor⸗ lle. hn Jahren genannten Eiſenſtein nheiten ge⸗ weſen; der mußte ja wiſſen, was aus Fritz gewor⸗ den war. Der junge Marquis mit dem Schlangenkoͤpfchen — freilich, ſolcher Schlangenköpfchen gab es, wie ſie ſich jetzt bei ruhigerer Ueberlegung ſagte, gewiß mehrere Tauſend in der Welt; eidlich bekraͤftigen haͤtte ſie daher nicht gekonnt, daß das im Ohrlaͤpp⸗ chen des franzoͤſiſchen Marquis das ihrige, dem Fritz geſchenkte, geweſen ſey. Sein Deutſchſprechen.— Es hatte ſie anfaͤnglich zur Vermuthung verfuͤhrt, daß es doch Fritz ſeyn könne; aber genauer betrachtet bewies es auch nichts; denn ſie entſann ſich, in mehreren Zeitblaͤttern ge⸗ leſen zu haben, daß der unterricht in der deutſchen Sprache jetzt zur vollſtaͤndigen Erziehung in Paris gehoͤre. Sein Berlinern— das war Etwas, woran ſie ſich mit ihrem Glauben feſter halten konnte. Fritz hatte im Berliner Platt eine ſeltene Virtuoſitaͤt ge⸗ habt; und wenn ein Pariſer auch ein recht fertiges Deutſch lernen konnte, ſo hatte ſie doch von Keinem gehoͤrt, der den kauderwaͤlſchen Jargon irgend einer deutſchen Landes⸗Gegend ſich zu eigen gemacht haͤtte. Indeſſen auch hier loͤſchte die reifere Ueberlegung den aufglimmenden Hoffnungsſchimmer nur zu bald wieder aus. Was er im Ballſaale vom Berliner Plattdeutſch ſcherzweiſe fallen gelaſſen, konnten hoͤch⸗ ſtens nur einige wenige Phraſen geweſen ſeyn; und dieſe hatte er entweder in der Zeit ſeines Hierſeyns —— aufgeſchnappt, oder, was noch wahrſcheinlicher war, in ſeinem Pariſer Hauſe hatte ein Berliner von Geburt in Dienſten geſtanden; oder er hatte ſich in Paris viel mit Berlinern unterhalten, von denen ſich jetzt, wie ſie gehoͤrt, ja mehrere dort aufhiel⸗ ten; und da war es ja leicht moͤglich, daß er ſich einige volksthuͤmliche Redensarten gemerkt, und ſie hier, um ſeine umfaſſende Kunde der deutſchen Sprache zu zeigen, zum Beſten gegeben hatte. So loͤste ſich ihre ſchoͤne Taͤuſchung, die ſie beim Erblicken des jungen Fremden ſo allmaͤchtig uͤber⸗ wallt hatte, in ein leeres Nichts auf, und ſie ſchlief, vom geheimen Mißmuthe gedruͤckt, allmaͤhlig ein. 37. Die Meldung. Schon zwei Beſuche hatte ſie von Herren, die ihr geſtern auf dem Balle vorgeſtellt worden waren, an⸗ nehmen muͤſſen. Erkundigung, wie ſie geſchlafen; was ſie heute, morgen und uͤbermorgen beginnen werde; Freude uͤber das ſchoͤne Wetter; Entſchul⸗ digung, ſo fruͤh gekommen zu ſeyn, mit der Beſorg⸗ niß, ſie ſpaͤter nicht zu Hauſe zu treffen;— das wa⸗ ren ſo ungefaͤhr die langweiligen Unterhaltungsge⸗ genſtaͤnde, die, wo ſich es nur irgend thun ließ, mit faden Schmeicheleien verſetzt wurden; der Erſte brachte die Modezeitung mit, deren neueſte Blaͤtter ſie zu ſehen geſtern zufällig gewuͤnſcht hatte, und be⸗ dauerte nur, daß ſie ihr nicht mehr neu ſeyn wuͤrden, da ihre der gan was die und de außeror dem Hi gern an wagen gen To ſterben ßeſte T ein ſeli den Ge Der Korpor daß de nichts ertheil hob ſie laͤngſt eben n fahren bleſſe dem e dern! etwas Gnaͤd Gegen ligend Clat llicher war, rliner von atte ſich in von denen rt aufhiel⸗ daß er ſich kt, und ſie deutſchen hatte. die ſie beim chtig uͤber⸗ ſie ſchlief, aͤhlig ein. en, die ihr varen, an⸗ geſchlafen; beginnen Entſchul⸗ er Beſorg⸗ — das wa⸗ altungsge⸗ thun ließ, ‚der Erſte ſte Blaͤtter e, und be⸗ on wuͤrden, — 25— da ihre geſtrige Toilette, nach einſtimmigem Urtheil der ganzen beau monde, Alles uͤbertroffen habe, was die neueſte Mode hier nur aufweiſen koͤnne; und der Andere legte ihr ein, fuͤr die Jahreszeit außerordentlich ſchoͤnes Roſenbouquet zu Fuͤßen, mit dem Hinzufuͤgen, daß, da das Seltene ſich immer gern an das Seltenſte anſchließe, er wohl die Bitte wagen duͤrfe, den Neidenswerthen bei ihrer heuti⸗ gen Toilette einen Platz zu goͤnnen. Sie wuͤrden ſterben; aber ihr ſo nahe zu ſterben, waͤre der ſuͤ⸗ ßeſte Tod; nein, nicht einmal Tod, ſondern nur ein ſeliges Vergehen, begleitet von dem verklaͤren⸗ den Gedanken, ihr im Leben gehoͤrt zu haben. Der Bediente meldete den invaliden Huſaren⸗ Korporal Eiſenſtein. Die Herren durften erwarten⸗ daß dem alten Kriegeskruͤppel, der vermuthlich doch nichts weiter, als betteln wolle, der Befehl werde ertheilt werden, ein wenig zu warten. Pauline er⸗ hob ſich aber, dieſer leeren Unterhaltung ohnehin laͤngſt muͤde, und beſorgt, daß ſie ſich— da die Tante eben mit ihr um zwoͤlf Uhr nach dem Thiergarten fahren wollte, wo ſich der Hof und die ganze No⸗ bleſſe zu verſammeln und zu ſpazieren pflege— mit dem alten Eiſenſtein nicht genug werde ausplau⸗ dern koͤnnen, von ihrem Seſſel, gab den daruͤber etwas entſetzten Herren, mit gewaltig vornehmer Gnaͤdigkeit, ihre Entlaſſung, und befahl, noch in Gegenwart der ſich Verabſchiedenden, deren mißbil⸗ ligende Blicke ſie recht wohl bemerkt hatte, dem Be⸗ Clauren Schr. LXXVI. 7 dienten, den Invaliden hereinkommen zu laſſen⸗ und ihm einen Stuhl zu ſetzen. 38. Der alte Eiſenſtein. Vater Eiſenſtein, der von dem Oberſten heute in der Fruͤhe des Tages aufgefordert worden war, ſich bei der jungen Graͤfin von der Schluſſelburg zu melden, und der ſich bis dieſen Mittag den Kopf zerbrochen hatte, was er bei dieſer, ihm ſteinfrem⸗ den Dame ſolle, trat mit militaͤriſcher Haltung ein, und begann:„der Herr Oberſte—“ „iſt ſehr gefaͤllig geweſen,“ fiel dem, in erſten Augenblicke etwas Verlegenen, Rani in die Re⸗ de,„und Ihnen danke ich fuͤr die Puͤnkllichkeit, mit der Sie erſchienen. Setzen Sie ſich.“ Sie wieder⸗ holte ihre Bitte zweimal; der alte Eiſenſtein aber weigerte ſich deſſen in tiefer Ehrerbietung, beharrlich. „Meine Mutter,“ fuhr Pauline fort,„hat vor ungefaͤhr zehn Jahren, hier in Berlin, einen klei⸗ nen armen Knaben geſehen, der damals ungefaͤhr dreizehn, vierzehn Jahre alt geweſen ſeyn mag. Er hat ihr, ſeines einnehmenden Aeußern, und ſeiner geiſtigen Lebendigkeit halber, gefallen; er hat ſte, und mich, und unſer ganzes Haus, durch den Muth, mit dem er einen auf mich einſtuͤrzenden tollen Hund aufgriff, zu lebenslaͤnglichem Dank verpflich⸗ tet. Meine Mutter hat immer gewuͤnſcht, Etwas fuͤr den Knaben thun zu koͤnnen; ſie hat mir daher auf⸗ getragen, ihm, wenn er jetzt noch einer Unterſtuͤtzung 1222 laſſen, in heute en war, burg zu hen Kopf einfrem⸗ rung ein, m erſten 1 die Re⸗ kkeit, mit te wieder⸗ tein aber eharrlich. „hat vor inen klei⸗ ungefaͤhr mag. Er und ſeiner r hat ſte, den Muth, den tollen verpflich⸗ Etwas fuͤr daher auf⸗ terſtuͤtzung beduͤrfe, ſolche in ihrem Namen zukommen zu laf⸗ ſen, und, da uns alle Mittel bisher fehlgeſchlagen ſind, ihn ausfindig zu machen, ſo hat ſie mich an Sie verwieſen. Ihr Name iſt von ihm einmal im Laufe des Geſprachs genannt worden, und daher haben wir auf Sie unſere letzte Hoffnung geſetzt, daß wir von Ihnen werden Auskunft erhalten koͤn⸗ nen. Sie ſollten ihm, wie er erzaͤhlt hatte, Unter⸗ richt im Exerciren gegeben haben; er wohnte da⸗ mals bei einem alten Magiſter aus Leipzig, im Thiergarten ſelbſt, oder doch in deſſen Naͤhe; das war über nicht ſein Vater, ſondern nur ſein Lehrer, ſein— „O ich weiß, ich weiß,“ rief der alte Eiſenſtein, jetzt um Vieles tr aulicher,„das iſt Fritz geweſen, das iſt mein lieber Fritz geweſen.“ „Richtig, ſo hieß er,“ verſetzte Pauline geſpannt, und erfreut, nun endlich Etwas von ihm zu hoͤren; „nun, und wo iſt er letzt; was iſt aus ihm geworden?“ „Ja, mit dem iſt es uns kurios gegangen,“ er⸗ wiederte Eiſenſtein,„den hat das Rad des Schick⸗ ſals ganz ſonderbarlich getroffen.“ „Alſo doch geraͤdert?“ ſchrie Pauline laut auf, und rang die Haͤnde in einander⸗„Um Jeſu Chriſti willen, was hat denn der Menſch verbrochen?“ „Nein, nein,“ ſagte der Alte, im Stillen ge⸗ ruͤhrt von der lebhaften Theilnahme der jungen, bildſchönen Graͤfin an dem Schickſale des armen Bettellungen,„ſo meine ich es nicht; ich meinte es nur figuͤrlich. Bei dem Fritz iſt des allmaͤchti⸗ 7— 76 gen Gottes himmliſche Vaterguͤte wieder einmal recht ſichtbar geworden.“ Nach kurzer Einleitung, in der er von Fritzens Kopf und Herzen nicht genug Ruͤhmens machen konnte, erzaͤhlte er nun das Ereigniß vom Lilo⸗Fi⸗ ſche auf dem Großbeerenſchen Schlachtfelde, und von der gaͤnzlichen Umgeſtaltung der Dinge, die die⸗ ſer Fang zur Folge gehabt hatte. Der Magiſter hatte das Geld in Staatspapieren umgeſetzt, und nach gepflogener Berathung mit einſichtsvollen Maͤnnern, einen Studienplan fuͤr Fritz entworfen, nach dem er zum General⸗Staabs⸗Offizier gebildet werden ſollte. Fritz war, wie ſich der Alte ausdruͤckte, wie ein junger Edelmann angezogen worden; man hatte in der Stadt eine anſtaͤndige Wohnung gemiethet, in die, auf Fritzens ausdruͤckliches Verlangen, Va⸗ ter Eiſenſtein ſammt dem Herrn Magiſter hatte mit einziehen muͤſſen, und ſo hatten ſie mehrere Jahre in Frieden und Eintracht zuſammen gelebt. Fritz hatte mit dem angeſtrengteſten Fleiße nachgeholt, was in fruͤherer Zeit verſäumt worden war, und war der Liebling aller ſeiner Lehrer geweſen. Aller⸗ dings war, beſonders in den ſpaͤtern Jahren, die Zinſen⸗Einnahme nicht ganz hinlänglich geblieben, den Erziehungs⸗Aufwand zu beſtreiten; der Magi⸗ ſter aber hatte Fritz auseinander geſetzt, daß es beſſer ſey, ſeine Bildung zu vollenden, und ſchlimm⸗ ſten Falls das Schwanzſtuͤckchen vom Lilo⸗Fiſche da⸗ bei Preis zu geben, als den ganzen Fiſch zu behal⸗ imal tens ichen o⸗Fi⸗ und edie⸗ hatte nach nern, dem erden „wie hatte ethet, Va⸗ e mit Fahre Fritz eholt, und Aller⸗ „ die leben, Nagi⸗ aß es imm⸗ he da⸗ behal⸗ — 277— ten, und Das und Jenes, was zum Fache gehoͤrt, nicht vollſtaͤndig erlernt zu haben. „Der Junge war unſere Freude,“ fuhr der alte Huſar fort,„unſer Stolz. Seine Gutmuͤthigkeit war ohne Grenzen; nur mit ſeinem Brauſe⸗Feuer machte er uns oft Angſt und Sorge; ſo trug er z. B. im linken Ohr einen kleinen Ring, ein Schlangenkoͤpf⸗ chen; noch im Betteljaͤckchen war er zu deſſen Beſitz gekommen; wie, wollte er uns nie ſagen. Seine Mitſchuͤler wußten, daß ſie ihn nicht empfindlicher aͤrgern konnten, als wenn ſie ihn damit aufzogen; hatte ihn der Lehrer alſo einmal ihnen zum Muſter des Schul⸗ und Hausfleißes dargeſtellt, ſeine Arbei⸗ ten fuͤr die beſten erklaͤrt, oder dergl., ſo ſuchten die jungen Herren, durch ſolche Stichelreden em⸗ pfindlich geworden, ſich an Fritz zu reiben, und da mußte denn gewoͤhnlich das Schlangenkoͤpfchen her⸗ halten. Sie nannten es weibiſch, ſolch' ein Dingel⸗ chen im Ohr zu tragen; fragten ſpoͤttelnd, aus wel⸗ cher ſchoͤnen Hand er dies werthvolle Kleinod em⸗ pfangen; und ergoͤtzten ſich, wenn ſie ihn durch derlei Spitzworte auf das Bitterſte gereizt ſahen. Er hatte ihnen zwar einigemale geſagt, daß er ſich dergleichen Anzuͤglichkeiten verbitte, widrigenfalls er ſie auf fuͤhlbare Weiſe zum Schweigen bringen werde; da ſie indeſſen ihrer Viele waren, er aber nur Einer, ſo hatten ſie darauf nicht ſehr geachtet. Endlich aber, bei einem wiederholten Angriffe der Art, uͤberlaͤuft ihm die Galle; er zaͤhlt die Fuͤnfe nicht, die gegen ihn ſind, und wirft ſich mit lang verhaltener Wuth — 28— auf ſie. Ein Griff, und zwei mit den Koͤpfen ge⸗ gen einander geſtoßene Feinde ſtuͤrzen blutend in einander; den Dritten ſchleudert er gezen die Ofen⸗ Ecke, daß der in fuͤnf Minuten keinen Laut von ſich gibt: den Vierten wuͤrgt er im Fenſter, und der Fünfte wird vor dem Schrecklichen feldfluͤchtig. Na⸗ tuͤrlich hatten ſie ihm auch nichts geſchenkt. Er kam braun und blau geſchlagen, bluttriefend und mit zer⸗ kratztem Geſichte nach Hauſe. Ich machte ihm wohl⸗ gemeinte Vorwuͤrfe, und ſagte, er ſolle doch, um Frieden zu behalten, lieber das Schlangenkoͤpfchen weglaſſen; da fuhr er mich zum erſtenmale in ſei⸗ nem Leben heftig an, und rief:„„Eher das Leben, als das Schlangenköoͤpfchen.““ „That er das? ſagte er das?“ fragte Pauline mit aufwallender Freude, und konnte ihres gehei⸗ men, hochaufgeregten Entzuͤckens kaum Meiſter blei⸗ ben;„aber weiter, weiter, lieber Alter.“ „Solcher Haͤndel,“ fuhr dieſer fort,„hatte er, um des verwuͤnſchten Dinges willen, nicht einmal; zehnmal hatte er ſie, bis die jungen Herren endlich die Mächtigkeit ſeines Arms alle die Reihe durch inne geworden waren, und ihn in Ruhe ließen.— Nun ſpielte uns der Zufall einen ganz ſeltſamlichen Streich. Einer von Fritzens Mitſchuͤlern hat in Pa⸗ ris Verwandte, und ſteht mit denen von Zeit zu Zeit in Correſpondenz. Er bringt einen dahin ge⸗ ſchriebenen Brief zu Fritzen, der ein tuͤchtiger Fran⸗ zoſe war, und bittet ihn um deſſen Durchſicht; ſchreibt ihn, nachdem ihn Fritz corrigirt, gleich bei ihm ab, und hat, 1 ſunde J dring ſey, guter aufge ſelbſt milie nicht gewe am Offit moͤg und wart ſitzen halt Frit die und Pet noc hoͤr nur Zei den Hi n ge⸗ d in dfen⸗ n ſich d der Na⸗ kam t zer⸗ wohl⸗ „um fchen n ſei⸗ eben, uline gehei⸗ rblei⸗ te er, imal; ndlich durch en.— lichen in Pa⸗ eit zu in ge⸗ Fran⸗ Hreibt zm ab, d2 und ſiegelt ihn, da er ſein Petſchaft nicht bei ſich hat, mit dem zu, das Fritz mit dem Lilo⸗Fiſche ge⸗ funden hatte. In der Antwort aus Paris bittet man ſehr dringend, zu ſagen, wer der Inhaber des Petſchafts ſey, und wie er zu ſelbigem gekommen. Nun ward guter Rath theuer. Der Pariſer, dem das Petſchaft aufgefallen war, konnte es ſammt dem Goldſchatze ſelbſt verloren haben; es konnte aber auch die Fa⸗ milie des Verlierers ſeyn, die vielleicht vom Golde nichts wußte, denn das konnte ja erbeutetes Gut geweſen ſeyn; der Familie war daher vielleicht nur am Petſchafte und an etwaiger letzter Nachricht vom Offizier, der es getragen, dringend gelegen. Der moͤglichen Fälle waren ſo tauſendfaͤltig viel, daß mir und dem alten Magiſter ganz wirrig im Kopfe ward, wie wir uns da auf feine Weiſe heraus⸗ fitzen, und dem Jungen ſeinen ſchoͤnen Schatz er⸗ halten ſollten.„„Was iſt da viel zu ſinnen,““ rief Fritz, unwillig uͤber unſer Gruͤbeln.„„Vor Allem die Wahrheit. Ich werde den Pariſern Alles treu und ehrlich ſchreiben. Lebt der Mann noch, dem Petſchaft und Gold gehoͤrten, ſo iſt Beides heute noch ſein Eigenthum. Lebt er nicht mehr, ſo ge⸗ hoͤrt es ſeinen Erben. Vom Kapital ſind bis jetzt nur 600 Thaler ausgegeben; die werde ich mit der Zeit einmal erſetzen; die Zinſen zuruͤckzuzahlen, wer⸗ den mir die Menſchen, wenn ſie billig ſind, erlaſſen. Hing der Fiſch noch im Lilo, hatten ſie gar nichts. Ich bleibe bei dem Eigenthuͤmer des Goldes im⸗ — 30— mer in ewiger Schuld; denn jetzt kann ich mein Brod verdienen. Krieg gibt es in der alten und neuen Welt; in einem Winkel der Erde werde ich doch den Weg zum Gluͤck oder zum Tode fin⸗ den.“ So ſprach er, und ſetzte ſich dann flugs und froͤhlich, und ſchrieb nach Paris. Von der Fe⸗ der gings ihm gewaltig; die Zeilen flogen wie Blitze auf das Papier; aber es mußte ihm auch von Her⸗ zen gehen, was er ſchrieb, denn ein Paarmal ſchwamm ihm das Waſſer ſo in den Augen, daß er ſchnell das Tuch nehmen mußte, um ſich das Geſicht zu wiſchen, damit die Thraͤnen ihm nicht auf das Papier fie⸗ len. Das that er aber verſtohlen, daß wir es nicht merken ſollten. Leichten Herzens ſtegelte er den Brief, und gab ihn ſeinem Schulkameraden zum Einſchluß.„„Ed⸗ ler Menſch,““ rief der alte Magiſter,„„wenn Du nun aber Alles hinkiebſt, denn haſt Du ja kahr niſcht mehr!““—„„Mein Schlangenkoͤpfchen,““ antwortete Fritz froͤhlich, kuͤßte ſich den Daumen und Zeigefinger ſeiner Linken, und druͤckte mit Bei⸗ den den kleinen Goldring im Ohrlaͤppchen unter zaͤrtlichem Liebkoſen. Nach Monatsfriſt kommt ein hieſiger Herr Ban⸗ kier bei uns vorgefahren, und fragt nach Fritz. Er ſaß eben in ſeinem Stuͤbchen uͤber einer ſaubern militaͤriſchen Zeichnung. Der Herr Bankier fragte ihn in franzoͤſiſcher Sprache, ob er den Brief, den er aus ſeiner Bruſttaſche hervorholte, ſelbſt geſchrie⸗ ben; und als Fritz bejahte, ſo unterhielt er ſich, aber in ihm.. nickte e eine lat ſicht vo lich kon auf den ſprunge Geld ge hen Po ſchreibu dem I de Ang éeilofiſch Schlach Kaſſe, Beſtän Offizien ihm be laſt zur er mit Sump nach u gearbe und do waiger terhin ſetzt ho gefund Fritz ſ ich mein lten und de werde Tode fin⸗ inn flugs n der Fe⸗ vie Blitze von Her⸗ ſchwamm hnell das wiſchen, apier fie⸗ rees nicht und gab .„„Ed⸗ wenn Du ja kahr ſchen, 7474 Daumen mit Bei⸗ en unter err Ban⸗ ritz. Er ſaubern er fragte rief, den geſchrie⸗ er ſich, — 6361— aber immer Franzöͤſiſch, eine geraume Weile mit ihm. Je mehr er Fritz ſprechen hoͤrte, je beifäͤlliger nickte er ihm immer zu; und als er ſich nun in eine lange Parlirerei ausließ, fing Fritzchens Ge⸗ ſicht vor Freude immer heller an zu gluͤhen; end⸗ lich konnte der Junge ſein Gluͤck nicht laͤnger allein auf dem Herzen behalten; er kam auf uns zuge⸗ ſprungen, und erzaͤhlte, daß der Herr, dem das Geld gehoͤre, noch lebe; daß er in Paris einen ho⸗ hen Poſten bekleide; daß er ſich durch genaue Be⸗ ſchreibung des Perlenbeutels, und durch die, mit dem Inhalte deſſelben vollkommen übereinſtimmen⸗ de Angabe der Goldſtuͤcke, als der Eigenthuͤmer des Lilofiſches legitimirt habe; daß, nach verlorener Schlacht, bei der Flucht, aus der Armee⸗Corps⸗ Kaſſe, deren Pferde vor dem Wagen erſchoſſen, die Beſtände zu ſchnellerer Fortſchaffung unter mehrere Offiziere von hoͤherem Range vertheilt worden, daß ihm bei dieſer Gelegenheit dieſe beſchwerliche Gold⸗ laſt zur morgenden Zuruͤcklieferung zugefallen; daß er mit dem Pferde in der dunkeln Nacht in einen Sumpf oder Graben gerathen; daß ſich ſein Pferd nach ungeheurer Anſtrengung zwar wieder heraus⸗ gearbeitet, der Beutel aber verloren gegangen ſey; und daß er, um ſeine Ehre vor jedem Verdacht et⸗ waiger Veruntreuung zu ſichern, den Verluſt ſpaͤ⸗ terhin aus eigenen Mitteln dem Armee⸗Corps er⸗ ſetzt habe. Fuͤr jetzt behalte er ſich uͤber das wieder gefundene Kapital noch naͤhere Diſpoſition vor. Fritz ſollte, zum Lohne ſeiner ſeltenen Rechtlichkeit, die Zinſen nach wie vor behalten; nur das Petſchaft, und den Perlenbeutel, als ein ſehr werthes Anden⸗ ken aus dem Feldzuge des Jahres 1803, erbitte er ſich zuruͤck; fuͤr Fritzens fernere Ausbildung wolle er zum Beweiſe ſeiner Dankbarkeit mit Freuden ſorgen; und wenn dieſer es fur vortheilhaft halte, ſolle er zu ihm nach Paris kommen, wo er ihm die freundlichſte Aufnahme im Voraus zuſichere. Fritz drehte ſich auf einem Abſatze herum, rief in ſeiner Ausgelaſſenheit: nach Paris, nach Paris! und ſchloß mit dem alten Motto: Ehrlich waͤhrt am laͤngſten. Jetzt wandte ſich der Herr Bankier an den Magiſter, und bat ihn, im Namen des Herrn Marquis zu Paris, ihm uͤber das Daſeyn der in Fritzens Schrei⸗ ben erwaͤhnten Staatsſchuldſcheine Gewißheit zu ge⸗ ben; der Magiſter legte ſie ihm ſammt allen Cou⸗ pons augenblicklich vor; hoͤchſt zufrieden mit der Ordnung des redlichen Verweſers, klopfte er ihm auf die Achſel, bat Fritz, einen Augenblick abzu⸗ treten, und ſagte nun, daß, wie ihm Fritz verſi⸗ chert, dieſer von ſeiner Herkunft durchaus nichts wiſſen wolle. Der Herr Marquis habe ihm indeſ⸗ ſen zur ausdruͤcklichen Pflicht gemacht, daruͤber ihm unter Ueberſendung des Taufſcheins die nöthige Auskunft zu geben, indem er ſich, ſelbſt kinderlos, und von einem äußerſt bedeutenden Vermoͤgen, des wackern, ſo ausgezeichnet ehrlichen und talentvol⸗ len Jungens, vaͤterlich annehmen wolle. Der Ma⸗ giſter betheuerte indeſſen, hieruͤber durchaus keine Mittheilung machen zu koͤnnen. Fritz ſey ihm als Kind zugel Mutter nie Er habe de Mutter ei wollen; Fr habe gezitt ſeinen Kni bei ihm bl nicht viel da habe ſie und in der ihm, als der Behan lich nicht gemutter gehaht; denn jetzt Holz und dem Jah mal in e gekommer tiger ma beſtellen; ſich umge Auf naͤh geſagt, niedriger eilenden ſich noch Land!“ Petſchaft, des Anden⸗ erbitte er dung wolle it Freuden haft halte, er ihm die here. Fritz f in ſeiner und ſchloß n laͤngſten. Magiſter, Larquis zu ens Schrei⸗ zheit zu ge⸗ allen Cou⸗ n mit der ffte er ihm ablick abzu⸗ Fritz verſi⸗ daus nichts ihm indeſ⸗ nruͤber ihm die nöthige tkinderlos, noͤgen, des talentvol⸗ Der Ma⸗ chaus keine ey ihm als — 283— Kind zugelaufen, weil er es bei ſeiner grauſamen Mutter nicht länger mehr habe aushalten koͤnnen. Er habe den Jungen wieder heim bringen, und der Mutter eine ſchonendere Behandlung empfehlen wollen; Fritz habe aber ſich auf die Erde geworfen, habe gezittert und gebebt, und den Magiſter auf ſeinen Knieen gebeten, das nicht zu thun; er wolle bei ihm bleiben, und immer Gutes thun, und auch nicht viel eſſen, damit er ihm nicht zu viel koſte; da habe ſich denn der Magiſter des Kindes erbarmt, und in der Ueberzeugung, daß der Knabe beſſer bei ihm, als bei der Mutter aufgehoben ſey, die, nach der Behandlung zu urtheilen, uͤbrigens wahrſchein⸗ lich nicht ſeine natuͤrliche, ſondern nur ſeine Pfle⸗ gemutter ſey, ihn bis zu jenem Fiſchfange bei ſich gehaht; jetzt habe ſich aber das Blart gewendet, denn jetzt ſey er gewiſſermaßen bei Fritz, der Logis, Holz und Licht unentgeldlich mit ihm theile. Vor dem Jahre ungefaͤhr ſey Fritz zufaͤllig mit ihm ein⸗ mal in eine der entlegenſten Straßen der Reſidenz gekommen, um bei einem dort wohnenden Verfer⸗ tiger mathematiſcher Inſtrumente eine Arbeit zu beſtellen; auf einmal ſey er ſtehen geblieben, habe ſich umgeſehen, und dann vor ſich hin gelaͤchelt. Auf naͤheres Befragen habe er denn ihm heimlich geſagt, daß er hier in dem kleinen Hauſe mit der niedrigen Thuͤr gewohnt; er ſey aber gleich darauf eilenden Schrittes weiter gegangen, als fuͤrchte er ſich noch vor der barbariſchen Mutter—„„Land, Land!““ rief der Herr Bankier, der einmal zur — 34— See geweſen ſeyn mochte;„„das Haus und din cher, einen Mutter muͤſſen wir aufſuchen, heute noch, gleich;““ dame Schne und damit nahm er uns in ſeinen Wagen. Friz, ſiber des H der nun wieder herein gerufen ward, wollte, als uns fuͤhren, er hoͤrte, wo es hingehen ſolle, zwar anfäͤnglih eine Lieferu Einwendungen gegen die Begleitung machen; di zahlte gleich aber der Herr Bankier ihn verſicherte, daß er un auf, und ſ ter ſeinem Schutze ſtehe, daß er bei der Expedition Madame S die Hauptperſon und ganz unentbehrlich ſey, und dame Schn daß die Frau, wenn ſie wirklich ſeine Mutter ſey, Nachbarin ſich freuen werde, einen ſolchen Sohn wieder zu ob dies vie finden; ſo ſetzte er ſich denn endlich, lediglich aus macher, ge Ruͤckſicht gegen den Herrn Bankier, der ein gar lung, lacht kluger, gewandter und ehrenwerther Herr zu ſeyn ſeiner Mal ſchien, mit ſichtlich beklommenem Herzen mit ein. te, daß da Unterweges machten wir unſern Operations⸗Plan; ihm wohne wir Alle aber wußten ihn nicht recht anzugreifen, zig Jahre, da wir den Namen der Frau und Fritzens Fami⸗„„Zwanzi lien-Namen nicht wußten. Fritz ſaß ganz ſtill im Herr Bank Wagen; auf die Frage: ob er wohl ſeine Mutter Das muße erkennen werde, wenn er ſie ſaͤhe? machte er die nuEin Dre Augen zu, ſchuͤttelte ſich, als uͤbereiſe ihn ein kal⸗ kant; aber ter Schauder, und ſagte ganz kleinlaut:„„Viel⸗ Auge zudr leicht.“ So hatte ich den Jungen noch nie ge⸗ ſiel der H ſehen.— Vor dem Hauſe mit der niedrigen Haus⸗ dem Men thuͤr angelangt, ſtiegen wir Drei aus. Fritz mußte, hen, wie auf des Herrn Bankiers Verlangen, im Wagen: dem Halſe ſitzen bleiben. Ein Dienſtmaͤdchen, das wir im andere Se Hauſe trafen, nannte uns, auf des Herrn Bankiers diente, da Frage, wer hier alles wohne, einen Pantoffelma⸗ die Welt Haus und die och, gleich;““ Gagen. Frit b, wollte, alz var anfaͤnglich g machen; da e, daß er un der Expedition rlich ſey, und 2 Mutter ſey, hn wieder zu lediglich aus der ein gar Herr zu ſeyn erzen mit ein. ations⸗Plan; anzugreifen, ritzens Fami⸗ s ganz ſtill im ſeine Mutter machte er die e ihn ein kal: iut:„„Viel⸗ noch nie ge⸗ edrigen Haus⸗ Fritz mußte, „ im Wagen das wir im errn Bankiers Pantoffelma⸗ cher, einen Schuhflicker, und eine Wittwe, Ma⸗ dame Schneller. Der Pantoffelmacher war der Be⸗ ſiter des Hauſes; zu dieſem mußte das Maͤdchen uns fuͤhren, und der Herr Bankier beſprach mit ihm eine Lieferung von zwoͤlf Dutzend Paar Pantoffeln; zahlte gleich den vierten Theil des Betrages baar auf, und ſagte geſpraͤchsweiſe, er hoͤre, daß eine Madame Schneller hier wohne; er habe zwei Ma⸗ dame Schneller gekannt, die eine ſey einmal ſeine Nachbarin geweſen, eine ſehr ſchoͤne junge Frau; ob dies vielleicht die naͤmliche ſey; der Pantoffel⸗ macher, gewonnen durch die unerwartete Beſtel⸗ lung, lachte laut auf, als er von der Schoͤnheit ſeiner Madame Schneller erzaͤhlen hoͤrte, und mein⸗ te, daß das lange her ſeyn muͤſſe; ſo lange ſie bei ihm wohne, und das waͤre nun laͤnger denn zwan⸗ zig Jahre, waͤre ſie immer haͤßlich geweſen.— „„Zwanzig Jahre,““ wiederholte betonend der Herr Bankier.„„Solche Beiſpiele ſind hier ſelten. Das muß eine ſehr brave, vertraͤgliche Frau ſeyn.“— „Ein Drache iſt es,““ entgegnete der Pantoffelbrifa⸗ kant; aber ſie zahlt gut; und da muß man ſchon ein Auge zudruͤcken.““—„„Ah, dann iſt es gewiß,““ fiel der Herr Bankier, der es weiß Gott verſtand, dem Menſchen die Gedanken aus dem Kopfe zu zie⸗ hen, wie ein geuͤbter Marqueur den Flaſchen aus dem Halſe die Pfropfen—„„dann iſt es gewiß die andere Schneller, die viel Geld immer dadurch ver⸗ diente, daß ſie vornehmer Leute Kinder, von denen die Welt nichts wiſſen ſollte, in die Koſt nahm. Gibt ſie ſich noch damit ab?““„„J ja,““ ant wortete der Pantoffelmann etwas verlegen,„„ſte hat noch einen großen, langen Menſchen auf die Art bei ſich, fuͤr den ſie ein ſchoͤn Stuͤck Geld krie⸗ gen ſoll; der arme Narr iſt ein Bischen blödſin⸗ nig.““—„„Sagen Sie,““ fuhr der Herr Bam kier, unbemerkt inquirirend fort, wie iſt mir denn! — hatte ſie nicht einmal die Fatalitaͤt, daß ihr ein. Junge davon lief?““—„„Freilich“““ erwiederte der Pantoffelmacher vertraulich lachend;„„da war ſie ſchoͤn in der Bredullje; indeſſen,““— er bog ſich zu dem Herrn Bankier, der ihm mit ſeiner ungeheuern Beſtellung, und mit den ſchoͤnen, auf den Tiſch gezahlten blanken Thalern das Herz auſ geſchloſſen hatte, hinuͤber, und ſagte heimlich: „„ſie wußte ſich zu helfen; das iſt eine feine 39 runje; ſie nahm einen Andern, und ſchob ihn fuͤr den kleinen Deſerteur unter; ſolch' arme, verlaſſe⸗ ne Wuͤrmer ſind ja immer zu haben. Fuͤr ſie iſ es ein wahres Gluͤck, daß der Junge bloͤdſinnig ge⸗ worden iſt; nun moͤgen die Eltern wahrſcheinlich Lebenslang von ihm nichts wiſſen wollen. Doch,“ was geht das uns alles an. Haben die ſchlechten Eltern ſich um ihr Kind ſo wenig bekuͤmmert, ſo geſchieht es ihnen ſchon Recht, wenn ſie ſtatt des eigenen ein fremdes ernaͤhren laſſen muͤſſen.““—„„Sehn wahr,““ verſetzte der Herr Bankier, und trollte, mit uns, vom Pantoffelmacher, zu deſſen nicht klei⸗ ner Befremdung, direkte zu der Madame Schneller. Hier trat der Mann wie der Bote des großen Welt⸗ gerichts fen Kniꝛ Menſch herte, u habe bei aber nich ganz tro von den ßen, m „„T ſie mit ſung zu trockene ein leiſ „„Beſſ Worte der Fer entgegn chen, 1 Schelm machen r nete de ter kar die rei noch in fuͤr di ſcher von 5 zur S J ja, h ant legen,„„ſle ſchen auf die ick Geld krie⸗ zchen blodſin⸗ der Herr Ban⸗ iſt mir denn! t, daß ihr ein ꝛu erwiederte d;„„da war „— er bog m mit ſeiner ſchoͤnen, auf das Herz auf⸗ heimlich:— eine feine Ke ſchob ihn fuͤr rme, verlaſſe⸗ . Fuüͤr ſie iſ bloͤdſinnig ge⸗ wahrſcheinlich en. Doch, waß hlechten Eltern t, ſo geſchieht tt des eigenen 4—„Sehr r, und trollte ſſeen nicht klei⸗ ame Schneller. s großen Welt⸗ — 37— gerichts auf. 5 dadame Schneller machte einen tie⸗ fen Knix, uͤber den der wahnwitzige Junge, ein Menſch von Fritzens Alter, laut lachend aufwie⸗ herte, und fragte entſetzlich hoͤflich, wen ſie die Ehre habe bei ſich zu ſehen; der Herr Bankier ließ ſie aber nicht weiter zu Worte kommen, ſondern ſagte ganz trocken:„„ich komme, Sie zu fragen, ob Sie von dem Ihnen entlaufenen Knaben, Fritz gehei⸗ ßen, mir keine Kunde geben koͤnnen.““ „„Mir— ein Knabe— entlaufen?““ fragte ſie mit affektirter Verwunderung, und ſuchte Faſ⸗ ſung zu behalten; doch ſah man, wie ſchon bei der trockenen, kurzen Frage des ernſtfinſtern Mannes⸗ ein leiſes Zittern ihr die blauen Lippen uͤberflog.— „„Beſinnen Sie ſich,““ ſagte er, und die drei Worte klangen wie drei ſchwere Donnerſchlaͤge aus der Ferne.—„„Fritz davon gelaufen! ach ja,““ entgegnete ſie mit muͤhſam ſich abgequaͤltem La⸗ chen, und wies auf den Blodſinnigen,„„der arme Schelm da, der Fritz, kam mir einmal abhanden; machen die Leute gleich ein Davonlaufen daraus!“““ —„„Keine Flauſen, Madame Schueller,““ entgeg⸗ nete der Herr Bankier, und man hoͤrte, das Gewit⸗ ter kam näher,—„„Sie beichten hier unter uns die reine Wahrheit, oder Sie ſitzen heute Abend noch im Kriminal⸗Gefaͤngniß; und daß Sie dann das, fuͤr dieſen untergeſchobenen Fritz hier, betruͤgeri⸗ ſcher Weiſe an ſich genommene Verpflegungsgeld, von Heller zu Pfennig wieder herauszahlen, und, zur Strafe fur die Schaͤndlichkeit, mit der Sie die — 86— Angehoͤrigen des Verſchwundenen, rein herausge⸗ ſagt, geprellt haben, dem Zuchthauſe nicht entge⸗ hen ſollen, dafuͤr buͤrge ich Ihnen mit meiner Ehre. Alſo wo iſt Fritz, verworfene Kreatur!““— Da ſank die Madame Schneller zu ſeinen Fuͤßen nie⸗ der, und bat um Gnade, und verſprach, da ſie ſehe, daß er nun Alles ſchon wiſſe, der Wahrheit gemaͤß⸗ ihre Schuld zu bekennen; nur ſollte er ſein Wort vom Kriminal⸗Gefaͤngniſſe und Zuchthauſe nicht in Erfuͤllung bringen.„„Die Mutter des Kindes,““ fuhr ſie darauf fort,„„war die Tochter meiner ehe⸗ maligen Brodherrſchaft, der Frau Hofkammerraͤ⸗ thin von der Vogelweide.— Ich heirathete eben, und zog mit meinem Manne hierher nach Berlin, als das Mortierſche Corps in Deutſchland einfiel, und die dortige Gegend uͤberſchwemte.““—„„Das war,““ brummte der Herr Bankier vor ſich hin,„„die Ge⸗ ſchichte, auf die der Suhlinger Vertrag nachher erfolgte. Weiter““—„„der Kriegs⸗Miniſter Berthier,““ fuhr Madame Schneller fort,„„hatte mit ſeinem ganzen Generalſtabe und einem Heere von Offizieren auf dem Gute meiner Herrſchaft lange Zeit im Quartier gelegen. Ein Jahr darauf uͤberraſchte mich meine junge Baroneß heimlich hier mit ihrem Beſuche; ſie kehrte, um allen etwaigen Vermuthungen zu begegnen, bald wieder heim. Außer mir, der jungen Baroneß, ihrer Mutter und einem Herrn Daͤhmlig, der ſonſt Sekretaͤr in un⸗ ſerm Hauſe war, und ſich jetzt als Commiſſionaͤr in Berlin etablirt hatte, erfuhr kein Menſch in der Welt ein Wor und Her ſiegelt. wiß im gen, al mit ein Herrn Pau nennen Berlin: gegen de heit, a auftrug Jaͤgers Madan deutun demſelb den Ar nn Blitz zu hoͤrerin Schnell gungsg theurer ſie mir Kindes beſolder Wolfsl er verl an den LX) herausge⸗ cht entge⸗ ner Ehre. — Da uͤßen nie⸗ da ſie ſehe, eit gemaͤß, ſein Wort e nicht in indes,““ neiner ehe⸗ ammerraͤ⸗ eben, und n, als das „ und die 1s war,““ „„die Ge⸗ ig nachher Miniſter „hatte lem Heere Herrſchaft ihr darauf imlich hier etwaigen der heim. dutter und taͤr in un⸗ iſſionaͤr in n der Welt — 29— ein Wort von der ganzen Geſchichte. Mein Mund und Herrn Daͤhmligs Maul wurden mit Gold ver⸗ ſiegelt. Unſere junge Baroneß war die Schoͤnſte ge⸗ wiß im ganzen Lande; kaum war ein Jahr vergan⸗ gen, als ſie ſich, auf vieles Zureden ihrer Mutter, mit einem aͤltlichen aber ſteinreichen Herrn, dem Herrn von Zabenhoven, vermäͤhlte.““ Pauline zuckte in einander, als ſie den Namen nennen hoͤrte. Der Baroneſſe Widerwillen gegen Berlin; ihre Ohnmacht, als der Vater ſo erbittert gegen die Franzoſen loszog; der Mutter Befangen⸗ heit, als ſie Paulinen bei ihrem erſten Hierſeyn auftrug, ſie an„die alte Frau“ zu erinnern; des Jaͤgers nicht ſehr empfehlende Beſchreibung der Madame Schneller;— alle dieſe ihr damals be⸗ deutungsloſen Umſtaͤnde fielen ihr in einem und demſelben Augenblicke bei, und die Schuppen von den Augen. „„Jetzt,““ fuhr der alte Eiſenſtein, ohne den Blitz zu merken, mit dem er in ſeine reizende Zu⸗ hörerin geſchlagen, in der Beichte der Madame Schneller fort:„„jetzt bekam ich doppelte Verpfle⸗ gungsgelder, denn nun war das Geheimniß um ſo theurer. Auch Herr Daͤhmlig ward fuͤr die Muͤhe, ſie mir auszuzahlen, und ſich vom Wohlbefinden des Kindes von Zeit zu Zeit zu uͤberzeugen, doppelt beſoldet. Der Junge hatte beſtaͤndig einen wahren Wolfshunger. Haͤtte ich ihm immer gegeben, was er verlangte, er haͤtte ſich die engliſche Krankheit an den Hals gegeſſen. Eines Tages verweigere ich LXXVI. 8 ihm die dritte oder vierte Schmalzſtolle, und gebe ihm, da er zu heulen anfaͤngt, einen Klapps; da⸗ mit iſt er ſtill, geht weg, und ich ſoll ihn noch wie⸗ der ſehen. Laͤrm machen, und lange ſuchen durfte ich nicht, ſonſt kam unſer Geheimniß auf die Poli⸗ zeiſtube. Eine Freundin in der Mulacksgaſſe lag im Sterben, und hatte einen bloͤdſinnigen Jungen von Fritzens Alter. Deß erbarmte ich mich chriſtlich, und nahm ihn in Fritzens Stelle. Da iſt er. Herr Dahmlig hatte mit Haͤuſernegoz und andern Ge⸗ ſchaͤften viel zu viel zu thun, als ſich nebenbei noch um das Kind bekuͤmmern zu koͤnnen; er weiß heute noch nichts von dem mir zugelegten Wechſelbalg. Ich habe gefehlt; ich weiß es; aber das Geheimniß iſt bis auf den heutigen Tag gerettet, und die Ehre der Frau Baroneß und ihres ganzen Hauſes auf⸗ recht erhalten worden. Das iſt die Hauptſache. Mein bloͤder Fritz, der nach ſeiner Mutter Tode verjam⸗ mert waͤre, befindet ſich wohl. Fritz, das gottloſe Kind, muß ſich irgendwo angebettelt und alſo auch ſein Unterkommen gefunden haben, oder er iſt todt; nun, dann iſt er beim lieben Gott. Jetzt wiſſen Sie Alles. Nun machen Sie mit mir, was Sie wollen. Am kluͤgſten, Sie laſſen Alles ganz ſtill, wie es iſt. Erfaͤhrt der alte Herr von Zabenho⸗ ven nur eine Sylbe von der ſaubern Hiſtorie, ſo laͤßt er ſich ſcheiden, und die arme Frau verliert, neben der Ehre, noch eine Million, denn ſo viel hat der alte Suͤnder allerwenigſtens. Das Bischen Geld, was ich durch Herrn Daͤhmlig erhalte, macht die Fam Weib h vor ſich ſen zu Madam Knix, damit mannsg ſuch in zum W bald wi blieb ab vermut liebes hinein; druͤckte de Hän kindiſch das wa Bankie quis ne ſtaͤnder den zu ſelbſt gelung Schlach nach J chen z0 thaͤter gen.- und gebe apps; da⸗ noch wie⸗ den durfte die Poli⸗ sgaſſe lag n Jungen chriſtlich, er. Herr ndern Ge⸗ enbei noch weiß heute zechſelbalg. Geheimniß ad die Ehre dauſes auf⸗ ache. Mein de verjam⸗ as gottloſe d alſo auch er iſt todt; Fetzt wiſſen „ was Sie ganz ſtill, n Zabenho⸗ Hiſtorie, ſo au verliert, enn ſo viel das Bischen halte, macht — 91— die Familie nicht arm.““—„„Das verdammte Weib hat Recht,““ brummte der Herr Bankier vor ſich hin, und der Aerger, die Beſtie nicht faſ⸗ ſen zu koͤnnen, vergelbte ihm das ganze Geſicht. Madame Schneller machte einen niederträaͤchtigen Knix, und wir trollten ab. Sie begleitete uns, damit das benachbarte Geſindel in ihrem Bettel⸗ mannsgäͤßchen ja recht ſehe, daß der vornehme Be⸗ ſuch in der eleganten Equipage ihr gegolten, bis zum Wagen, bat laut kreiſchend, ſie doch ja recht bald wieder mit geneigtem Zuſpruch zu beehren; blieb aber mitten in der Rede ſtecken, als ſie un⸗ vermuthet Fritzens anſichtig ward.„„Ei Du mein liebes Herr Gottchen,““ ſchrie ſie in den Wagen hinein; doch Fritz rief dem Kutſcher, zuzufahren, druͤckte ſich in den Winkel des Wagens, ſchlug bei⸗ de Haͤnde vor die Augen, und murmelte, von einer kindiſchen Angſt gepeinigt, halb laut:„„ija, ja⸗ das war die Mutter, das war ſie.““— Der Herr Bankier berichtete den ganzen Hergang dem Mar⸗ quis nach Paris, und bedauerte, unter dieſen Um⸗ ſtänden den gewuͤnſchten Taufſchein nicht uͤberſen⸗ den zu koͤnnen; Fritz ſchrieb, wie ſich verſteht, ſelbſt an den Herrn Marquis, legte eine ſehr gelungene Zeichnung von dem Grobbeerenſchen Schlachtfelde bei, und bat ſich die Erlaubniß aus, nach Jahresfriſt ſich auf den Weg nach Paris ma⸗ chen zu duͤrfen, um ſeinem großmuͤthigen Wohl⸗ thaͤter ſeinen Dank perſoönlich zu Fuͤßen zu le⸗ gen.— — Nach ungefähr vierzehn Tagen kam unſer Herr Engelfre Bankier wieder vorgefahren, und holte Fritz zu wieder 3 einem Miniaturmaler ab. Der Herr Marquis, ſagte er, wollte ſeinen jungen Schuͤtzling, der eine ſo ſeltene Redlichkeit mit ſo ausgezeichneten Ta⸗ Er fuh lenten verbinde, gern noch vor deſſen Hinkunft kennen lernen. Das Gemaͤlde, zum Sprechen aͤhn⸗ Die lich, ward abgeſendet; der Marquis hatte in des ler Sor Juͤnglings Zuͤgen ſich ſelbſt wieder erkannt. Seine Meinu Gemahlin war vor wenigen Jahren mit Tode ab⸗ ber, o gegangen; er habe, ſchrieb er, ſeitdem ganz allein chen h in der Welt geſtanden und zu den bedeutenden fachſte zeitlichen Guͤtern, mit denen ihn Gott geſegnet, naſſen keinen Erben gehabt; jetzt habe er ſeinen Sohn, Thraͤn ſeinen Fritz wieder gefunden, und er bitte daher, ſes Fr ihn augenblicklich ihm zuzuſenden, um ſeine foͤrm⸗ ſie im liche Adoption zu bewirken, uͤnd ſeine Erziehung in jed zu vollenden. Wir aber, das heißt, der Herr M⸗ ſpann giſter und ich, ſollten als Fritzens bisherige vaͤter⸗ woger liche Freunde und Lehrherren die Zinſen des Lilo⸗ ſtand fiſches lebenslaͤnglich behalten. Somit reiste denn Luiſer unſer junger Marquis, unſer wackerer, herrlicher danke Fritz, nach Paris ab, und—“. mem b klare „Der Wagen iſt vorgefahren; Excellenz laſſen Stell bitten,“ ſagte das eilig eintretende Kammermäd⸗ geret chen der Tante Generalin, und Pauline, bis zum dem hoͤchſten Grade menſchlicher Seligkeit verklaͤrt, warf der ſchnell den Mantel um, reichte dem alten Korpo⸗ rigen ral, dem ſilberweißen Boten ihres Liebesgluͤcks, mit und iſer Herr Fritz zu Narquis, der eine neten Ta⸗ Hinkunft echen aͤhn⸗ ete in des nt. Seine Tode ab⸗ anz allein deutenden geſegnet, en Sohn, tte daher, eine foͤrm⸗ Erziehung Herr Ma⸗ rige vaͤter⸗ m des Lilo⸗ eiste denn herrlicher lenz laſſen mmermaͤd⸗ e, bis zum klaͤrt, warf ten Korpo⸗ gluͤcks, mit — 93— Engelfreundlichkeit die Schwanenhand, bat ihn, bald wieder zu kommen, und flog zum Zimmer hinaus. 3 39. Er fuhr zum Thore hinaus; ſie ſah i wieder. Die Tante Generalin ſaß neben Paulinen vol⸗ ler Sorge und Angſt. Das Kind hatte, nach ihrer Meinung, entweder ſchon ein hitziges Nervenfie⸗ ber, oder es war in vollem Anzuge. Das Maͤd⸗ chen hoͤrte nicht, was ſie ſagte; gab auf die ein⸗ fachſte Frage die confuſeſte Antwort; lachte mit naſſen Augen; weinte unter ſuͤßem Laͤcheln helle Thraͤnen; huſchte ſich, als uͤberſchaure ſie ein lei⸗ ſes Froͤſteln, in ihren weichen Zobel; ſah, ſobald ſie im Thiergarten angelangt waren, in jede Allee, in jede Durchſchnittslinie, in jeden Gang mit ge⸗ ſpanntem Auge; hatte fuͤr die an ihm voruͤber⸗ wogende elegante Equipagenreihe keinen Blick, ſtand vor der, in glaͤnzenden Schnee eingebetteten Luiſen⸗Inſel, mit gefalteten Haͤnden, in tiefe Ge⸗ danken verloren, wie angekettet; warf, in from⸗ mem Dankgebet, die ſchwimmenden Augen in den klaren Himmel, und ſtarrte auf die ihr heilige Stelle, wo Fritzens Kuͤhnheit ſie vom Verderben gerettet; langweilte ſich auf der Promenade, in dem Gewuͤhle der ſchoͤnen Welt, wider Erwarten der Tante, bis zum Sterben; begegnete den geſt⸗ rigen Ballherren, die ſich an ſie herandraͤngten⸗ und ein langfadiges Geſpraͤch anzuknuͤpfen ſuchten, hn nie zum großen Aerger der Tante, mit ſchnoͤder, kal⸗ ter Kuͤrze; hoͤrte von den lauten Bewunderun⸗ gen der von der blendend ſchonen Erſcheinung entzuͤckten Menge keine Sylbe, und ward, je laͤn⸗ ger ſie ging, und je oͤfter ihre weit umherirren⸗ den Flammenuagen vom Ausfluge heimkehrten, oh⸗ ne den Geſuchten gefunden zu haben, deſto miß⸗ launiger und verſtimmter. Hatte er Zeit, ſo kam er beſtimmt hieher, wo er die feine Welt der hoͤhern Stände verſammelt wußte. Er war nicht da; er hatte alſo keine Zeit. Wahrſcheinlich, gewiß ſetzte er mit ſeinem Herzoge die Reiſe heute noch weiter. Seine alten Freunde, den Magiſter und den ehrlichen Eiſenſtein, beſuchte er, und wenn ſein Aufenthalt hier auch nur auf Stunden berechnet war, ganz beſtimmt. Eiſenſtein erzaͤhlte ihm, daß er ſie geſprochen. Fritz eilte mit ihm in das Haus der Generalin, wartete, ſtand auf Kohlen; und ſie mußte ſich hier unter den gleichgultigen Menſchen herumtreiben;— ſeine Zeit war verronnen! Der Herzogwollte, Fritz mußte fort. Er fuhr zum Thor hinaus, und ſie ſah ihn nie, nie wied— „Gunaͤdigſte Tante, wollen wir nicht nach Hauſe,“ platzte ſie, von der peinlichſten Angſt gequaͤlt, her⸗ aus;„ich bin durch und durch gefroren; ich halte keinen Augenblick laͤnger aus;“ die Tante Excel⸗ lenz, jetzt in der Ueberzeugung, daß ihre Fieber⸗ beſorgniß nicht ungegruͤndet geweſen, willigte ſo⸗ gleich ein. zu fahren handelte Die z Tante ab gen⸗ und Hahnent pelten, r vor Unn Wagens lich hielt flurs. ihr Zim und Fr Par reich, res ge ihres menſte den S heilig Den theils dieſe ter al der, kal⸗ inderun⸗ cheinung . je laͤn⸗ herirren⸗ rten, oh⸗ ſto miß⸗ ther, wo ſammelt ine Zeit. Herzoge Freunde, beſuchte nur auf iſenſtein eilte mit „ ſtand ter den eine Zeit mußte ſah ihn Hauſe,“ lt, her⸗ ich halte e Excel⸗ Fieber⸗ ligte ſo⸗ · — 95— gleich ein. Pauline bat den Kutſcher, ja recht raſch zu fahren; ihr ſey bis zum Umſinken unwohl. Es handelte ſich hier ja um Minuten. Die zwanzigjaͤhrigen dicken Sammetrappen der Tante aber konnten, des gefaͤlligen Kutſchers Zun⸗ gen⸗ und Peitſchenſchlage zum Trotz, aus ihrem Hahnentritte nicht heraus, ſie trippelten und trip⸗ pelten, und kamen nicht vorwaͤrts. Pauline ſtemmte vor Unmuth beide Fuͤßchen gegen den Ruͤckſitz des Wagens; ſie half ihn mit vorwarts ſchieben. End⸗ lich hielt die Equipage vor der Treppe des Haus⸗ flurs. Pauline flog mit Windesſchnelle hinan, in ihr Zimmer. Der alte Eiſenſtein rief:„da iſt erl⸗⸗ und Fritz ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder. „ 40. 1 Schl u F. Pauline, die lieblichſte Marquiſin von ganz Frank⸗ reich, lebt in dieſem Augenblicke an der Seite ih⸗ res geliebten Fritz in Paris; ſie iſt der Abgott ihres gluͤcklichen Schwiegervaters; der erſte Flam⸗ menſtern an dem reichſtrahlenden Firmamente in den Salons der praͤchtigen Koͤnigsſtadt, und das heilig angebetete Idol ihres uͤberſeligen Gatten. Den Sommer uͤber bringen ſie theils in Goldau, theils auf den vaͤterlichen Beſitzungen im Para⸗ dieſe des ſuͤdlichen Frankreichs zu. Naͤchſten Win⸗ ter aber werden ſie Berlin ſammt dem Vater Mar⸗ — 96— quis mit ihrer Gegenwart erfreuen, um deſſen Vermaͤhlung mit der Baroneſſe von Zabenhoven zu feiern, deren Gemahl vor Kurzem das Zeitliche geſegnet hat. Nach der Vermuthung des Marquis koͤnnen in jener verhaͤngnißvollen Schlacht⸗Nacht einige zwan⸗ zig Goldſiſche, im Lilo⸗Graben, mit dem ſeinigen gleiches Schickſal gehabt haben. Die gluͤcklichen Fiſcher werden die beſcheidene Bitte um ein klei⸗ nes Gerichtchen, fuͤr die gemeinnuͤtzige Mitthei⸗ lung dieſer goldwichtigen Nachricht, nicht unbillig finden. um deſſen abenhoven s Zeitliche oͤnnen in ige zwan⸗ ſeinigen gluͤcklichen ein klei⸗ Mitthei⸗ t unbillig von H. Clauren. Sieben und ſiebenzigſtes Baͤndchen. Stuttgart, bei A. F. Macklot. 1 8 2 9. Inhalt. Torniſter⸗Lieschen..... (Die Fortſetzung im nächſten Bändchen.) — So nicht he lich, ot komme Hut u Kuß zu was ſie kaum ſtellt, i beliebt die klei Friſche dem N Geſundk da hatt Haupt geknip Die Frauen —.— Torniſter⸗Lieschen. 5 1. So einſylbig als heute war es bei Tiſche lange nicht hergegangen. Der Vater war gleich verdruͤß⸗ lich, oder vielmehr niedergeſchlagen nach Hauſe ge⸗ kommen; ſonſt pflegte er in der Regel, wann er Hut und Stock abgelegt hatte, der Mutter einen Kuß zum Willkommen zu geben, und ſie zu fragen, was ſie Gutes gekocht; heute hatte er ſich, ohne kaum guten Tag zu ſagen, hinter ſeinen Stuhl ge⸗ ſtellt, und als Lohtſch, wie das neunjaͤhrige Lottchen, beliebter Kuͤrze halber, im Hauſe genannt wurde, die kleinen Haͤnde gefaltet, und mit Lippen, deren Friſche Gott den Herrn fuͤr das Köͤſtlichſte, was er dem Menſchen verleihen kann, fuͤr die bluͤhendſte Geſundheit pries, zu ſeinem Sohne gebetet: Komm', Herr Jeſu, und ſey unſer Gaſt, Und ſegne, was Du beſcheeret haſt— da hatte Papa Auerſtädt heimlich das ſorgenſchwere Haupt geſchuͤttelt, und die Kinnladen zuſammen geknippen, als habe er das Weinen verbeißen wollen. Die Mutter— bei gluͤcklichen Ehen iſt liebenden Frauen der Mann die Sonne des Hauſes, und tritt * 1 — 4— dieſe nur einen Augenblick hinter Wolken, ſo iſt es gleich dunkel und duͤſter rund um; die Mutter hatte gleich bei'm Eintritt des Gatten deſſen Ver⸗ ſtimmung bemerkt, doch vor den Kindern durften, nach altem Herkommen, naäͤhere Eroͤrterungen der Art nicht ſtattfinden, und ſo mußte ſie ſich bis nach dem Eſſen damit gedulden. Waͤhrend Luiſe den Tiſch abraͤumte, warf der Vater, indem er in ſein Zimmer ging, noch die Ordre zuruͤck, daß man ihm keinen Kaffee bringen ſolle, und daß uͤberhaupt kuͤnftig des Nachmittags fuͤr ihn keiner mehr beſorgt zu werden brauche. Die Klei⸗ nen ſtuͤrmten, ohne darauf viel zu achten, zur Stube hinaus, um das Stuͤndchen zwiſchen Eſſen und Nachmittagsſchule, das ihnen der Vater durch jein heutiges ſpaͤtes Nachhauſekommen ohnehin ſehr gekuͤrzt hatte, im Garten zu vertollen; Luiſe aber fragte, die Servietten zuſammen legend, mit wei⸗ cher Stimme die Mutter, was dem Vater fehle, und meinte, er muͤſſe krank ſeyn, denn wenn ſein Taͤßchen Kaffee, was ja ſein Leibe, Mund⸗ und Ma⸗ gengetraͤnk ſey, ihm nicht meyr ſchmecke, ſo— Aber die Mutter winkte ihr, ſtill zu ſeyn, ſchuͤt⸗ telte bedeutſam den Kopf, und wiſperte, damit er es im Nebenzimmer nicht hoͤre:„Laß Du nur kochen den Kaffee, mein Kind, ich kenne meinen Alten, und wie er, ſind die Maͤnner faſt alle; ich meine, die guten. Beſtimmt hat er heute ein Paar Aus⸗ gaben fuͤr Logis, Holz, oder dergleichen Artikel von Bedeutung, mit einander zu bezahlen gehabt; da denkt e chen; 1 ſparen, es thue gen zu Guͤte; ges, u ſeinen daß er mein e mit al auch ſe Rechn auf a „ iſt,“ wiede reden Gehoͤ ſchon Weib Weis und nem mane 6 „ ſo iſt es e Mutter ſſen Ver⸗ durften, ungen der h bis nach warf der die Ordre igen ſolle, gs fuͤr ihn Die Klei⸗ hten, zur hen Eſſen ater durch nehin ſehr Luiſe aber mit wei⸗ tter fehle, wenn ſein und Ma⸗ ſo— eyn, ſchuͤt⸗ damit er nur kochen een Alten, ich meine, Paar Aus⸗ Irtikel von ehabt; da — 5— denkt er denn gleich, die Gelder werden nicht rei⸗ chen; mir will er nicht ſagen, daß ich ſuchen ſoll zu ſparen, wo es moͤglich, weil er ſchon weiß, daß ich es thue, wo es irgend nur geht; alſo will er anfan⸗ gen zu ſparen. Im ganzen Leben thut er ſich keine Güte; ſein Nachmittags⸗Kaffeechen iſt ſein Einzi⸗ ges, und auch das will er nun aufgeben, weil er in ſeinen Gedanken meint, daß es uͤberfluͤſſig ſey, und daß er auch ohne daſſelbe beſtehen koͤnne. Nein, mein ehrlicher alter Matthaͤus! lieber wollte ich ja mit allen Kindern darben, als— am Ende will er auch ſein Pfeiſchen ſakrifiziren.“ Der Vater oͤffnete eben ſeine Thuͤre, und be⸗ ſtellte bei Luiſen ein Glas friſches Waſſer. In ſei⸗ ner Stimme lag dabei ſo viel Reſignirendes, ſo et⸗ was Gedruͤcktes, daß es klang, als habe er ſeine Rechnung mit der ganzen Welt abgeſchloſſen, und auf alle Freuden des Lebens feierlich verzichtet. „Bring’ Du nur den Kaffee, wann er fertig iſt,“ ſagte die Mutter, als der Mann ſeine Thuͤre wieder zugemacht, zu Luiſen;„ich werde mit ihm reden, ein vernuͤnftiges Wort findet immer ſein Gehoͤr, zumal wenn es aus Frauenmunde kommt; ſchon Salomon hat in ſeinem Lobe des tugendſamen Weibes geſagt:„„Sie thut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge iſt holdſelige Lehre,““ und das iſt ein kluger Mann geweſen, der in ſei⸗ nem Meſchalim, wie der Vater ſeine Spruͤche nennt, manches gewichtige Wort geſprochen hat.“ Somit ordnete ſie, waͤhrend ſie bei'm Spiegel — 6— voruͤber ging, ihre Haube, ſtrich ſich Stirn und Schuͤrze glatt, und trat, nachdem ſie ſich ſtill ge⸗ raͤuſpert, beim Manne ein. 2. „Was iſt Dir, was fehlt Dir?“ begann ſie mit herzlichem Tone, und bot ihm freundlich die Hand. „Nichts,“ entgegnete er verdruͤßlich, und ging, die Haͤnde auf dem Ruͤcken, den Kopf zur Erde ge⸗ ſenkt, im Zimmer auf und ab. Sie ſchwieg, und wendete ſich nach dem Fenſter zu, denn es jammerte ſie das Kummergeſicht des gedruͤckten Dulders, daß ſie es laͤnger nicht anſehen konnte. „Du kannſt mir ja doch nicht helfen,“ ſetzte er, nach einer Weile, leiſer hinzu, als thue es ihm weh, ſie vorhin mit ſeinem kurzen„Nichts“ ſo barſch abgefertigt zu haben. „Nicht?“ entgegnete Mutter Auerſtaͤdt gutmuͤ⸗ thig laͤchelnd;„kann ich Deiner Sorge auch nicht abhelfen, ſo kann ich ſie doch tragen helfen; dann bleibt Dir die Laſt nur zur Haͤlfte. Ich will Dir ſagen, was Dir fehlt; unſer Wirth verlangt die Miethe; der Winter iſt vor der Thuͤr, Du mußt Holz kaufen; die Jungen brauchen Stiefeln und Buͤcher, die Maͤdchen haben Winterkleider noͤ⸗ thig; in einem Vierteljahr iſt Weihnachten, Du willſt fuͤr das Nothwendigſte ſorgen, und den Kin⸗ dern außerdem noch eine kleine Freude machen; in vierzehn Tagen iſt der Termin bei der Wittwen⸗ Kaſſe faͤllig, und Joel verlangt die endliche Wieder⸗ — bezahlt Krankl mit ei wo eit und fr tung! 21 rn und ſtill ge⸗ ſie mit Hand. d ging, erde ge⸗ Fenſter cht des anſehen tzte er, m weh, barſch zutmuͤ⸗ h nicht helfen; ch will erlangt „ Du btiefeln der noͤ— n, Du n Kin⸗ en; in ottwen⸗ Dieder⸗ — — 2— bezahlung des Geldes, das Du bei meiner letzten Krankheit von ihm borgteſt; das Alles kommt Dir mit einem Male uͤber den Kopf, Du weißt nicht, wo ein, noch aus, und nun verlierſt Du Muth und froͤhlichen Sinn, und glaubſt Dich ohne Ret⸗ tung verloren.“ Zu jedem ihrer Worke hatte der Mann genickt, und war, ohne es ſelbſt zu wiſſen, dabei in den Dupplirſchritt gefallen; jetzt machte er auf einmal Halt, und wiederholte langſam vor ſich hin:„oyne Rettung verloren. Sieh', Mutter, das iſt es eben, ich ſehe rings um mich, und nirgends erblicke ich Huͤlfe, nirgends einen einzigen Strahl von Hoff⸗ nung.“ „Und nun willſt Du Dir ſelbſt helfen,“ fiel die Frau ihm in die Rede,„und willſt Dir es abſparen am eigenen Leibe, Dein Liebſtes, Dein Nachmittags⸗ Kaffeechen—“ „Alte, foppen mußt Du mich nicht,“ unterbrach er ſie mit bittendem Tone,„am wenigſten heute; es iſt mir ein Kampf, ja⸗ ich will es geſtehen; ſeit der Zeit unſerer Ehe, zwanzig Jahre lang, habe ich mich taͤglich gefreut auf das Pfeifchen nach Tiſche, und mich jedesmal wohl gehabt, wenn Du mir mein Taͤßchen dazu einſchenkteſt, und wir mit einander dabei plauderten von Dieſem und Jenem.— Nun, der Menſch kann, was er will, und ich will die⸗ ſen Genuß aufopfern, weil ich muß. Beduͤrfniß iſt es nicht, es iſt nur Gewohnheit; aber die Macht der Gewohnheit iſt gar gewaltig, und es gehoͤrt — 6— eiſerner Wille und Rieſenkraft dazu, um ſie nieder zu kaͤmpfen; rechne ich Kaffee, Zucker, Milch und Tabak, taͤglich nur zwei Groſchen, ſo erſpare ich laͤhrlich uͤber dreißig Rthlr., damit kann ich ſchon viele der dringendſten Ausgaben beſtreiten; und ſo wird ſich noch Manches finden, was ich mir, ohne große Opfer, verſagen kann. Es wird ſchon gehen; Ihr muͤßt mir altem verwoͤhnten Menſchen nur Zeit laſſen. Oh, ſie ſollen mich nicht herunter krie⸗ gen, die Herren Kalkulatoren und Plusmacher; mei⸗ nen Seelenfrieden und meine gute Laune will ich feſt halten, und wenn ſie mich auf Waſſer und Brod ſetzten. Vor tauſend Jahren wußte noch kein Menſch von Kaffee und Zucker; den Gebrauch des Tabaks lehrte der ſpaniſche Moͤnch Pane zu Tabaca erſt im Jahre 1496, und all' die Leute, die vor dieſer Zeit lebten, ſind, wenn ſte ſonſt nicht anderswo der Schuh druͤckte, froͤhlich und guter Dinge geweſen, und am Ende ſelig geſtorben, warum ſollte ich mir uͤber die Einbuße dieſes bloßen Gaumenkitzels graue Haare vor der Zeit wachſen laſſen. Mein Glas Brunnenwaſſer ſoll mir recht geſund ſeyn.“ 3. Die Frau hatte ihm die Grillen durch beſonnene Rede vertreiben wollen, aber ſie bedurfte deren nicht; je mehr er ſprach, deſto mehr verflogen die Nebel des vorhin heraufgezogenen Truͤbſinns, und die Muͤhe, die ſich der edle Menſch gab, ſein Opfer, das ihm recht ſchwer ward, fuͤr ein kleines auszu⸗ geben, die Freude, daß er in ſich ſelbſt eine Erſpa⸗ rungsqu ſeiner ei eine Re nigen n Minder unbeſchr ſo ſprech ner ſelb tief ger in wehn noch, N Brautle daß ich nichts n chen Sc Liebe ni iſt unte der. 2 ben koͤn liſchen willſt, die Ehe ſieh', ei durch 2 ſie ja ni fuͤr den Du ſpr was— „Si Sinner ee nieder ilch und ſpare ich ich ſchon n; und jr, ohne gehen; den nur ter krie⸗ r; mei⸗ will ich Id Brod Menſch Tabaks erſt im er Zeit wo der eweſen, ich mir 3 graue Glas onnene nicht; Nebel id die Opfer, auszu⸗ Erſpa⸗ — 9— rungsquelle gefunden, und die Hoffnung, daß er bei ſeiner einfachen Lebensweiſe, die man ohnehin ſchon eine Reihe von Entſagungen zum Beſten der Sei⸗ nigen nennen konnte, noch manche Gelegenheit zu Minder⸗Ausgaben ermitteln werde, waren von der unbeſchreiblichen Guͤte ſeines Herzens wie der einmal ſo ſprechende Zuͤge, daß Mutter Auerſtaͤdt, von ſei⸗ ner ſelbſtverleugnenden Liebe zu Frau und Kind tief geruͤhrt, ſeine Rechte an ihre Bruſt zog, und in wehmuͤthiger Freude laͤchelnd ſprach:„weißt Du noch, Matthaͤus, was Du mir einmal, als wir noch Brautleute waren, ſagteſt? Ich geſtand Dir damals, daß ich arm ſey, und außer der kleinen Ausſtattung nichts mit in das Haus bringen koͤnne. Ein Bis⸗ chen Sorge zuweilen, meinteſt Du da, knuͤpfe die Liebe nur feſter. Und Matthaͤus, das iſt wahr; das iſt unter uns ſo oft wahr geworden, und heute wie⸗ der. Waͤre es moͤglich, daß ich Dich noch mehr lie⸗ ben koͤnnte, ſo muͤßte ich es jetzt, um Deiner himm⸗ liſchen Guͤte willen, mit der Du Dir Alles verſagen willſt, damit nur wir beſtehen.— Nein, Matthaͤus, die Ehen der Reichen koͤnnen nicht ſo gluͤcklich ſeyn; ſieh', einen ſo ſeligen Augenblick, als Du mir jetzt durch Deine hingebende Liebe geſchenkt, den koͤnnen ſie ja nicht haben— ſie wiſſen ja nicht, was es heißt, fuͤr den Andern aus Liebe darben— aber ſage— Du ſprachſt da von Kalkulatoren und Plusmachern!— was—“ „Sieh',“ unterbrach ſie Matthaͤus jetzt leichtern Sinnes und freiern Athems,„ich war heute fruͤh — 10— bei'm Herrn Premier⸗Miniſter. Er haͤlt, ich weiß es, viel auf das Archiv, und hat mich neulich in pleno einen tuͤchtigen Archivarius genannt; das will was ſagen, denn wenn ich Dir aus Winkers apparatu Archivorum, und aus des ſeligen Herrn Puͤtters Anleitung zur juriſtiſchen Praxis, und aus Gatterers Diplomatik vorleſen ſollte, was die Alles von einem Archiv⸗Beamten fordern, ſo wuͤrdeſt Du Reſpekt vor einem ſolchen gelehrten Thiere bekom⸗ men; unſer eins muß die alten Diplomata und In⸗ ſtrumenta aus den truͤben Zeiten des kauderwel⸗ ſchen Pfaffen⸗Lateins, und aus der damals, in amt⸗ lichen Verhandlungen, noch uͤblichen plattdeutſchen Sprache, leſen koͤnnen wie Butter, und mit den alten Kalendarien und mit den Manipulationen und hieroglyphiſchen Abbreviaturen der Kloſterſchrei⸗ ber bekannt ſeyn, wie mit ſich ſelber, Landesverfaſ⸗ ſung, und Landesrecht, Geſchichte, Genealogie und Heraldik kennen, wie der Schuljunge ſeinen Cate⸗ chismus, und ein Gedaͤchtniß haben, wie ein Ele⸗ phant. Da nun Se. Excellenz mich tuͤchtig geheißen, und nach der Schrift jeglicher Arbeiter ſeines Loh⸗ nes werth iſt, ich aber, im Vergleich zu hundert an⸗ dern, zur Zeit noch in ſehr kaͤrglichem Gehalte ſtehe, und unſer Herr geheimer Archivrath neulich ſelbſt ſagte, daß die Schuld nur an meiner uͤbertriebenen Beſcheidenheit liege, und, auch wieder nach der Schrift, denen gegeben werde, ſo da baͤten, und denen aufgethan werde, ſo da anklopften; ſo faßte ich mir heute, vom Schneider und Schuſter, vem — Hauswir! Herz, un ches Zula Ehrerbiet diener, d denen To machen, zur guter Faß Auſt Excellenz ten ſich uͤ Faſſes au guter Lau gewiß ger hatte noch Fluͤgelthu ſter Excell zuͤgen un Faß mit ſ Der Port ſchlug na hob den Kirchner dung zum ten dem Kuͤchenbu unbegreif ſie Sr. E der Heid nen, der ich weiß zulich in t; das Winkers n Herrn und aus die Alles deſt Du bekom⸗ und In⸗ uderwel⸗ in amt⸗ eutſchen mit den lationen terſchrei⸗ esverfaſ⸗ ogie und en Cate⸗ ein Ele⸗ geheißen, nes Loh⸗ adert an⸗ lte ſtehe, ich ſelbſt riebenen nach der en, und ſo faßte er, vem — 11— Hauswirth und Joel grimmig gedraͤngt, endlich ein „Herz, und klopfte bei Sr. Excellenz, mein ſchriftli⸗ ches Zulage⸗Geſuch in der Hand, mit geziemender Ehrerbietung an; Herr Kirchner, der alte Kammer⸗ diener, dem ich als vertrauten Special von der gol⸗ denen Tanne her, wo wir zuweilen ein Solochen machen, mein Anliegen erzaͤhlte, meinte, ich kaͤme zur guten Stunde; von Hamburg ſey ſo eben ein Faß Auſtern eingetroffen, das in Gegenwart Sr. Excellenz geoͤffnet werden ſolle; Se. Excellenz haͤt⸗ ten ſich uͤber die geſchenkweiſe Zuſendung ſothanen⸗ Faſſes außerordentlich gefreut, waͤren daher bei ſehr guter Laune, und wuͤrden mithin meinem Geſuche gewiß gern ein williges Ohr— der ehrliche Kirchner hatte noch nicht ausgeſprochen, ſo riß der Laufer die Fluͤgelthuͤren auf, und der dicke Herr Premier⸗Mini⸗ ſter Excellenz traten mit recht herablaſſenden Geſichts⸗ zuͤgen und huldvoller Miene auf den Flur, wo das Faß mit ſeinen fuͤnfh undert Stuͤck Auſtern paradirte. Der Portier ſtand mit Zange und Hammer bereit, ſchlug nach erhaltenem Befehl die Reifen ab, und hob den Deckel; Se. Excellenz meinten, zu Herrn Kirchner gewendet, ſcherzando, daß Sie die Sen⸗ dung zum Fruͤhſtuͤck decimiren wollten, und verlang⸗ ten dem gemaͤß fuͤnfzig Stuͤck zu probiren; zwei Kuͤchenburſchen oͤffneten die befohlene Anzahl mit unbegreiflicher Schnelle; der Tafeldecker praͤſentirte ſie Sr. Excellenz auf einer flachen Porcellainſchuͤſſel, der Heiduck hielt eine Aſſiette mit halbirten Citro⸗ nen, der Jockey einen Teller, auf welchen die geleer⸗ ten Schaalen gelegt wurden, ein Lakey einen zwei⸗ ten Teller, auf dem eine Serviette lag, deren Se. Excellenz ſich von Zeit zu Zeit bedienten, der Haus⸗ hofmeiſter ſtand bei einem Eimer Eis, aus dem der Hals einer Portwein⸗Flaſche herauskuckte, und Herr Kirchner kredenzte Sr. Excellenz auf einem ſilber⸗ nen Teller ein fein geſchliffenes, mit beſagtem Goͤt⸗ terwein gefuͤlltes, Kryſtallglas. Dies Alles ward ſtehenden Fußes abgemacht, und allen zehn, mit der Bedienung Sr. wohlbeleibten Excellenz beſchaͤftig⸗ ten Perfonen, wie nicht weniger auch mir, lief, wenn die Sauer⸗Tropfen der friſch abgeſchnittenen Citrone auf die kleinen Meerwunder in den perl⸗ mutterfarbenen Schaalen fielen, das Waſſer, mit Reſpekt zu melden, im Munde zuſammen. Se. Er⸗ cellenz ließen von Zeit zu Zeit ein freundlich gemur⸗ meltes„„Superbe, Charmant, Delikat““ verneh⸗ men, und jetzt gab mir Herr Kirchner verſtohlener Weiſe ein Zeichen, daß ich hervortreten und meine Worte gehoͤrig anbringen moͤchte. Allein ich war mit der Einleitung noch lange nicht fertig, als Ex⸗ cellentiſſimus mich mit dem Ausrufe:„„mein Gott, kann man denn nicht einmal ruhig fruͤhſtuͤk⸗ ken!“““ ſehr erſchuͤtterlich unterbrachen; ich mußte Hoͤchſtdemſelben, weil ſie in der linken eine zum dunkeln Gange ad inferos beſtimmte Auſter, in der rechten aber einen halben Mundwäſſerer, id est eine halbe Citrone hielten, und ſomit keine Hand frei hatten, meine Vorſtellung unter den linken Arm ſchieben, und als ich, mit kurzen Worten auf deren Inhalt d fallen lie nehmen, ſchriftlich ſcheid er Zeit der was ich von meit einerſeit andererſ Leuten genannt nicht ſo muͤht, i noch mi faßt, d voͤllig h ſelber r durch n vermin Excellen vom W verſchla keys Te nehmen verſtehe koͤnne, „Ur los na⸗ freute nen zwei⸗ deren Se. her Haus⸗ dem der und Herr m ſilber⸗ gtem Goͤt⸗ lles ward „mit der beſchaͤftig⸗ tir, lief, hnittenen den perl⸗ ſſer, mit Se. Ex⸗ h gemur⸗ verneh⸗ eſtohlener nd meine ich war g, als Ex⸗ „„mein fruͤhſtuͤk⸗ ich mußte eine zum er, in der , id est ine Hand nken Arm auf deren — 13— Inhalt deutend, vom Zulage⸗Geſuch ein Woͤrtchen fallen ließ, die ſehr niederſchlagende Aeußerung ver⸗ nehmen, daß ich auf meine ſchriftliche Eingabe zwar ſchriftlichen, in jedem Falle aber abſchlaͤgigen Be⸗ ſcheid erhalten werde, indem gegenwaͤrtig nicht die Zeit der Zulagen, ſondern der Erſparniſſe ſey, und was ich bei meiner mundlichen Auseinanderſetzung von meiner ſtarken Familie deduciret, ſo haͤtte ich einerſeits ſolche lediglich mir ſelbſt zuzuſchreiben; andererſeits aber werde dies von gottesfuͤrchtigen Leuten nur ein goͤttlicher Segen, aber keine Laſt genannt, und endlich koͤnne fuͤr mich dieſe Laſt auch nicht ſo groß ſeyn, als ich ſie zu ſchildern mich be⸗ muͤht, indem ich mich außer dem ehelichen Zugang noch mit der Aufziehung eines fremden Kindes be⸗ faßt, deſſen ich mich indeſſen gegenwaͤrtig, da es voͤllig herangewachſen ſey, und ſich ſein Brod nun ſelber verdienen muͤſſe, leicht entledigen, und da⸗ durch meine Haus⸗Ausgaben um ein Bedeutendes vermindern koͤnne. Das Alles ſagte mir Se. dicke Excellenz mit einer Gleichguͤltigkeit, als ſpraͤche ſie vom Wetter, troͤpfelte ſich ihre Citrone in die Auſter, verſchlang ſie, legte die Schaale auf des kleinen Jo⸗ keys Teller, und machte mir den gewoͤhnlichen vor⸗ nehmen Handwink, mit dem die großen Herren zu verſtehen zu geben pflegen, daß man nun hingehen koͤnne, wo man hergekommen ſey.“ „Und darum kamſt Du ſo verſtimmt, ſo muth⸗ los nach Hauſe?“ fragte Mutter Auerſtaͤdt, und freute ſich, daß er nur wieder ſprach, denn nun — 14— durfte ſie auf die Wiederkehr ſeiner gewoͤhnlichen Geiſtesheiterkeit rechnen. „Aber Frau,“ verſetzte Matthäus verwundert, „wie kannſt Du noch fragen! den Henker mache das nicht verſtimmt; man muͤßte von Blei ſeyn, wenn man uͤber ſo etwas nicht den Muth verlieren ſollte; und die Manier, die Manier— bei meiner qual⸗ vollen Nahrungsſorge dieſe Kaͤlte, bei meiner Ver⸗ zweiflung dieſe Gleichguͤltigkeit, bei meinem Hunger⸗ geſchrei dieſes behagliche Auſtern⸗Eſſen!“ „Deine Empfindlichkeit macht Dich ungerecht,“ hob Mutter Auerſtaͤdt an,„Du verurtheilſt Deinen Herrn Miniſter als einen hartherzigen, gefuͤhlloſen Mann, und Du machſt— Du mußt nicht boͤſe ſeyn, daß ich das ſage— Du machſt es um kein Haar anders. Neulich, als der Herr Archivrath Mittags,⸗ da wir eben bei Tiſche ſaßen, nach der Copie von dem langen Stammbaume ſchickte, fuhrſt Du da nicht auch auf, und beſchwerteſt Dich, daß Du nicht einmal Dein Bischen Eſſen ruhig genießen koͤnn⸗ teſt? und vorgeſtern, als der Holzhauer bei'm Kaffee bereintrat, und Du mit ihm uͤber den Macherlohn handelteſt, und die acht Groſchen nicht geben woll⸗ teſt, die er uͤber den gewoͤhnlichen Satz verlangte, weil das Holz gar zu knorrig und aſtig geweſen, und auf ſeine Aeußerung, daß er fuͤnf Kinder zu Hauſe habe, ihm hinwarfſt, daß er Dir doch nicht zumuthen werde, all' ſeine Rangen zu ernaͤhren;— wenn nun der Mann hinträͤte, und ſagte, was das fuͤr ein ſteinharter Herr iſt, ſitzt da auf ſeinem ge⸗ polſterte Kaffee ſe men Te Kinder; Unrecht, Dir Dei Auſtern ſich in d Geſichts auch ſoe Alle Me dem Hei in Dein Balkene Stuͤcke da er zu ſen, laͤſſ ſten, ſal aber im vorſtehe und an meine denn es will ver „Alt gutmuͤt ein kon Deinen aus noc nem ge voͤhnlichen rwundert, mache das yn, wenn ren ſollte; iner qual⸗ einer Ver⸗ n Hunger⸗ 4 ngerecht,“ ſt Deinen efuͤhlloſen boͤſe ſeyn, kein Haar Mittags, Copie von eſt Du da Du nicht ßen koͤnn⸗ i'm Kaffee kacherlohn eben woll⸗ verlangte, geweſen, Kinder zu doch nicht daͤhren;— „was das ſeinem ge⸗ — 15— polſterten Sopha in bona pace, und ſchmaucht zum Kaffee ſein Pfeifchen Kanaſter, und druͤckt mich ar⸗ men Teufel bis auf das Blut, und macht mir meine Kinder zu Rangen, thaͤte der Mann Dir denn mehr Unrecht, als Du Deinem Herrn Miniſter? Was Dir Dein Kaffeechen iſt, ſind dieſem vielleicht ſeine Auſtern; wer Dich bei Deinem Kaffeechen ſtoͤrt, hat ſich in der Regel von Dir keines recht freundlichen Geſichts zu erfreuen; vielleicht haben Se. Excellenz auch ſo eine kleine Schwaͤche; lieber Gott, wir ſind ja Alle Menſchen. Was ſieheſt Du aber, moͤchte ich mit dem Heilande, unſerm Herrn, fragen, den Splitter in Deines Bruders Auge, und wirſt nicht gewahr des Balkens in dem deinigen? Haſt Jahre lang ſo große Stuͤcke auf den Herrn Miniſter gehalten, und nun, da er zu Deiner Bitte einmal Nein hat ſagen muͤſ⸗ ſen, laͤſſeſt Du ihm keinen guten Fleck! Die Aelte⸗ ſten, ſagt die Schrift, die Du wohl im Munde, nicht aber immer im Herzen haſt, die Aelteſten, die wohl vorſtehen, die halte man zwiefacher Ehre werth, und an einer andern Stelle: Räͤchet Euch ſelbſt nicht, meine Liebſten, ſondern gebet Raum dem Zorn, denn es ſtehet geſchrieben, die Rache iſt mein, Ich will vergelten, ſpricht der Herr.“ „Alte,“ ſagte der Archivar, und reichte der Frau gutmuͤthig lächelnd die Hand,„Du eiferſt ja wie ein kompletter Zelote, und bombardirſt mich aus Deinen Bibel⸗Batterieen, daß ich nicht weiß, wo aus noch ein.— Nun, laß gut ſeyn! Rechne mei⸗ nem gerechten Unmuthe auch etwas zu gute, und — 16— gerecht iſt er; ſieh', es geht heut zu Tage zu viel nach Gunſt; der Naͤchſte wird immer am beſten be⸗ dacht, und die Perſon gilt mehr, als das Verdienſt, und das wurmt— das wurmt den ehrlichen Mann entſetzlich.“ „Aber,“ fiel ihm die Verſtaͤndige mit milder Rede in das Wort,„iſt denn das von je an anders geweſen? und iſt es denn anderwaͤrts nicht eben ſo? Haſt Du denn in Deinem langen Leben noch nicht gelernt, dergleichen Maͤngel, die ſeyn werden, ſo lange die Menſchen Menſchen ſind, mit maͤnnli⸗ cher Faſſung zu tragen?“ „Was zu ſchwer iſt, wird am Ende unertraͤg⸗ lich. Mußte doch Simon von Kyrene dem Erloͤſer ſelbſt das Kreuz tragen, weil dieſem die Laſt zu ſchwer ward. Wer hilft mir die meine tragen?“ „Ich, mein Vaͤterchen, und wir Alle wollen tra⸗ gen helfen,“ ſagte Luiſe, die, von ihm unbemerkt, den Kaffee gebracht, und den letzten Theil des Ge⸗ ſpraͤchs mit angehoͤrt hatte, und kuͤßte ihm die Hand, und hob das thraͤnengefuͤllte Auge zu ihm mit kind⸗ licher Liebe auf:„Ein Jedes von uns wird mit Freuden thun, was in ſeinen Kräften ſteht, Deine Sorge zu theilen; und koͤnnen wir die Laſt Dir auch nicht abnehmen, ſo wollen wir ſie Dir doch wenig⸗ ſtens leicht machen; ich werde z. B. taͤglich ein Stuͤndchen fruͤher aufſtehen als bisher, und da waͤre es doch ein Ungluͤck, wenn ich mit feiner Weiß⸗Stik⸗ kerei, die ich zum Verkauf arbeite, nicht ſo viel ver⸗ dienen ſollte, als ich mit Lohtſch und Pinchen zu Kleidung mich lieb des Nacht geben; m das habe die Schu Karl und cherbedar ben, und kommen; ſeyn, me lacht keir Mutt in freud im Still er dem f chelt, ut bis in d den Vor legen, z Kaffeege ausdruͤck Mutter ſteckte ih den ange Meerſche verloren rauche T LXX e zu viel deſten be⸗ kerdienſt, en Mann t milder u anders icht eben 'ben noch werden, maͤnnli⸗ unertraͤg⸗ n Erloͤſer le Laſt zu ragen?“ vollen tra⸗ nhbemerkt, il des Ge⸗ die Hand, mit kind⸗ wird mit ht, Deine t Dir auch och wenig⸗ taͤglich ein nd da waͤre Weiß⸗Stik⸗ ſo viel ver⸗ Pinchen zu Kleidung und Schuhwerk brauche; und wenn Du mich lieb haſt, ſo erlaubſt Du mir, zwei Stunden des Nachmittags auf dem Fortepiano Unterricht zu geben; mit dem dafuͤr einkommenden Stundengelde— das habe ich mir ſchon Alles ausgerechnet— werden die Schuſter⸗ und Schneider⸗Rechnungen fuͤr Fritz⸗ Karl und Borromäus beſtritten, und für ihren Buͤ⸗ cherbedarf muß davon auch noch etwas uͤbrig blei⸗ ben, und ſo wollen wir ſchon ſehen, wie wir durch⸗ kommen; nun mußt Du aber auch wieder vergnuͤgt ſeyn, mein Vaͤterchen, denn wenn Du nicht lachſt⸗ lacht kein Menſch im ganzen Hauſe.“ 4. Mutter Auerſtädt umſchlang das ſchoͤne Mädchen in freudiger Ruͤhrung, und kuͤßte und ſegnete es im Stillen; der Vater aber wendete ſich, nachdem er dem frommen Kinde die bluͤhende Wange geſtrei⸗ chelt, und von deſſen theilnehmendem Anerbieten, bis in das Innerſte ergriffen, verſprochen hatte, den Vorſchlag wegen des Stundengebens zu uͤber⸗ legen, zufaͤllig zum Kaffeetiſch, erblickte da das Kaffeegeſchirr, und ſagte mißbilligend,„ich habe ja ausdruͤcklich“—„Nichts haſt Du,“ fiel ihm die Mutter mit herziger Rundheit in das Wort, und ſteckte ihm die Pfeife in das Geſicht, und Luiſe hielt den angebrannten Fidibus auf den braungerauchten Meerſchaumkopf,„wenn der Mann Kopf und Muth verloren, haben die Frauen das Regiment im Hauſe: rauche Du, nach wie vor, Dein Pfeifchen, und trinke LXXVII. 2 — 18— Deinen Kaffee, nach wie vor; das Uebrige wird ſich mit Gott ſchon finden.“ Wollte Matthaͤus Auerſtaͤdt wohl oder uͤbel, er mußte nun ſchon Frau und Kind den Willen thun; und Beide waͤhnten, halb im Himmel zu ſeyn, als er tapfer zog, ſein Taͤßchen austrank, und mit gar freundlicher Miene verſicherte, daß ihm ſein Pfeif⸗ chen lange nicht ſo gut geſchmeckt habe. „Du haſt Dich, Luiſe,“ hob die Mutter jetzt an, und ſchenkte dem Vater die zweite Taſſe ein, und ſchoͤpfte aus dem Milchtöpfchen die fetteſte Sahne ab, um ihrem Matthaͤus den Kaffee recht ſchmack⸗ haft zu machen,„Du haſt Dich vorhin erboten, Alles fuͤr den Vater zu thun, was in Deinen Kraͤf⸗ ten ſtehe; darf ich Dich auf die Probe ſtellen, Luiſe?“ „Mein Muͤtterchen, welche Frage!“ erwiederte das Maͤdchen mit jugendlicher Lebhaftigkeit.„Zu Allem bin ich mit tauſend Freuden dereit, und wenn Sie das Schwerſte von mir verlangten.“ „Nun ſo gehſt Du noch heute zu Miniſters,“ fuhr Mutter Auerſtaͤdt fort,„und legſt fuͤr den Vater ein gutes Wort ein.“ „Frau,“ hob Matthaͤus an,„was haſt Du fuͤr— er daͤmpfte die Stimme, daß Luiſe das Wort nicht hören ſolle—„fuͤr verſchrobene Ideen im Kopfe? Meinſt Du etwa,“ fuhr er noch heimlicher fort, und Luiſe ging in das entfernteſte Fenſter, weil ſie merkte, daß der Vater der Matter etwas ſagen wollte, wovon ſie nichts vernehmen ſollte;„meinſt Du etwa, den alten Herrn mit dem Doſengeſichtchen zu kirren in das lieber w hungern Unſchuld Tonne „Ge Eiferren letzt,„ ſolchen Beleidie liegt, gehoͤrt! Amtsw vergeſſe ſprach d Million frau„ deten C ein mil gel im bei der und di „N verhalt um mi lichkeit kreis; ſich wa wird ſich uͤbel, er en thun; ſeyn, als mit gar ein Pfeif⸗ jetzt an, ein, und te Sahne t ſchmack⸗ erboten, nen Kraͤf⸗ 1, Luiſe?“ erwiederte keit.„Zu reit, und gten.“ iniſters,“ ſt fuͤr den Du fuͤr— Wort nicht m Kopfe? licher fort, r, weil ſie was ſagen 2e;„meinſt ngeſichtchen zu kirren? Um Gotteswillen, Du wirſt doch nicht in das Kupplerhandwerk pfuſchen wollen? Nein, lieber wollte ich mich doch mit Euch Allen zu Tode hungern, als fuͤr den Preis dieſer himmelreinen Unſchuld um Zulage bitten, und wüͤßte ich eine Tonne Goldes damit zu erlangen!“ 5. „Gemach, gemach,“ rief die Mutter, von der Eiferrede des ſtreng rechklichen Mannes faſt ver⸗ letzt,„bei ruhigem Blute kannſt Du mich eines ſolchen Plans nicht faͤhig halten, alſo will ich die Beleidigung, die in Deinen ſcharfen Aeußerungen liegt, zu verſchmerzen ſuchen; auch wirſt Du nie gehoͤrt haben, daß der Herr Miniſter ſich und ſeine Amtswuͤrde, einem glatten Geſichte gegenuͤber, je vergeſſen habe. Aber Millionen Menſchen— ſie ſprach das lauter, damit Luiſe hoͤre, was ſie ſpreche— Millionen Menſchen beten taͤglich zur heiligen Jung⸗ frau„Bitte fuͤr uns.“ Sie Alle hegen den gegruͤn⸗ deten Glauben, daß fuͤr eine gute und gerechte Sache ein mildes Fuͤrwort im Frauen⸗Munde in der Re⸗ gel immer ein williges Gehoͤr finde. Sie ſoll ſich bei der Frau Miniſterin Excellenz melden laſſen, und dieſer—“ „Nein, Frau,“ fiel ihr Matthaͤus mit muͤhſam verhaltener Aergerlichkeit in das Wort,„die Sorge um mich— ich will es recht gern fuͤr Liebe und Zaͤrt⸗ lichkeit erkennen, aber ſie beſchraͤnkt Dir den Geſichts⸗ kreis; Liebe macht blind; das Sprichwort bewaͤhrt ſich wahrhaftig an Dir. Du ſiehſt die unuͤberſteig⸗ — 20— lichſten Himmelayas und Chimboraſſos fuͤr Maul⸗ wurfshuͤgel an. Was ſoll denn die Frau Miniſte⸗ rin? Kennſt Du denn die vornehme ſtolze Frau? kann, darf ſie ſich denn um dergleichen Dinge be⸗ kuͤmmern? und weißt Du ihr denn ein Mittel, uns zu helfen, nur im Entfernteſten anzugeben?“ O ja, meinte Mutter Auerſtaͤdt, und fuͤhrte den, durch den vor Kurzem erfolgten Tod des Geheimen⸗ raths Zach, erledigten Gehalt von zweitauſend Rthlr. an, aus dem der Miniſter, wenn er nur wollte, ihrem Matthaͤus wohl eine kleine Zulage von eini⸗ genthundert Thalern bewilligen koͤnnte, und er wer⸗ de gewiß wollen, wenn er von Jemand nur aufmerk⸗ ſam darauf gemacht worden, und darum ſolle Luiſe die Frau Miniſterin bitten. Doch Matthaͤus nannte dies ein albernes Weibergeſchwätz, und ſetzte weit⸗ laͤuftig auseinander, daß der ſelige Zach mit dem Archiv wenig oder gar nichts zu thun gehabt haͤtte; daß daher auch dem Archiv⸗Beamten auf deſſen Ge⸗ halt kein Anſpruch zuſtehe; daß er auf eine Zulage von ein Paar hundert Thalern ſich in ſeinem Leben keine Rechnung gemacht habe, ſondern gottvergnuͤgt geweſen wäre, wenn man ihm nur etwa fuͤnfzig Thaͤlerchen zugebilligt haͤtte; daß aber auch dazu ihm alle Hoffnung benommen ſey, weil der Miniſter ge⸗ dachte zweitauſend Rthlr., wie er gehoͤrt, bereits ſo gut als vertheilt haben ſollte, und daß davon der Hofrath Steinau, der des Miniſters Privatſachen mit bearbeite, Tiſch und Wohnung bei ihm habe, und ſich als deſſen rechte Hand gerire, daß groͤßeſte Quantu im Ueb wieder 6 nes, un warf die dene V mes Fr Miniſt 6 ſeine at und S das het auf die Sorge ſucht d 6 cher un geheim und de freſſen 6 am wo ſanft lo˖ wenn e Alles 1 ein M fen ur meiſter ken iſt gen; gekuͤhl Ir Maul⸗ Miniſte⸗ ze Frau? Dinge be⸗ ttel, uns 12 7 ihrte den, zeheimen⸗ nd Rthlr. ur wollte, von eini⸗ nd er wer⸗ aufmerk⸗ ſolle Luiſe us nannte etzte weit⸗ mit dem abt haͤtte; deſſen Ge⸗ ne Zulage nem Leben ttvergnuͤgt ba fuͤnfzig dazu ihm iniſter ge⸗ bereits ſo davon der rivatſachen ihm habe, aß groͤßeſte Quantum erbalten habe; zog bei der Gelegenheit, im Ueberwallen boͤſer Laune, von der Raiſonirſucht wieder hingeriſſen, auf das Gluͤck des jungen Man⸗ nes, und auf deſſen miniſterielle Beguͤnſtigung los, warf die hier und da im Publikum ſchon laut gewor⸗ dene Vermuthung hin, daß man ihm dafuͤr ein ar⸗ mes Fraͤulein, eine weitlaͤuftige Verwandte der Miniſterin, zur Frau aufſchwatzen werde, henkte ſeine ausgerauchte Pfeife an ihren Ort, nahm Hut und Stock, und ging, unter lautem Schimpfen auf das heutige Welt⸗Getreibe im Allgemeinen, und auf die Schwaͤche des Miniſters, auf die Nepoten⸗ Sorge der Miniſterin, und auf die Spekulations⸗ ſucht der Speichellecker und krummbucklichen Krie⸗ cher und Schmeichler, zum Tempel hinaus, in ſein geheimes Archiv, wo ihm unter dem Aktenſtaube und dem feuchten Moder ſeiner uralten halb zer⸗ freſſenen Dokumente, in ſolchen boͤſen Augenblicken am wohlſten war. 6. „Laß ihn nur gehen,“ ſagte Mutter Auerſtaͤdt ſanft laͤchelnd zu Luiſen,„ich kenne ja meinen Alten; wenn er vom Archiv wieder herunter kommt, hat er Alles vergeſſen, und iſt froͤhlich und ſchnurrig, wie ein Maikaͤfer. Aber ſo ſind die Maͤnner! Sie wer⸗ fen uns Launen vor, und haben wahrhaftig die meiſten. Merke Dir, Luiſe, in ſolchen Augenblik⸗ ken iſt das Kluͤgſte, ſtill nachzugeben, ruhig zu ſchwei⸗ gen; dann aber, wenn das Blut ſich bei ihnen ab⸗ gekuͤhlt hat, muß die Frau reden, und das recht — 22— eindringlich. Die beſten Maͤnner bilden ſich ein, die Herren der Welt zu ſeyn; Alles ſoll ihnen ge⸗ horchen, Alles ſchweigen, wann ſie ſprechen. Das kommt von den unſeligen Paar Worten, die in der Trau⸗Rede nie vergeſſen werden:„„Dein Wille ſoll deinem Manne unterworfen ſeyn, und Er ſoll dein Herr ſeyn.““ Wenn die Strophe vorkommt, laͤcheln die Braͤutigams gewoͤhnlich, als ſaͤhen ſie die Beibehaltung dieſer uralten Floskel fuͤr einen auf ſich nie anwendbaren Scherz der adamitiſchen Vor⸗ zeit an; aber inwendig ſchreiben ſie ſich die Worte mit Marmor⸗Buchſtaben in das Herz. Von dem Augenblicke an bilden ſie ſich wahrhaftig ein, daß ſie die Gebieter ihrer Frauen ſeyen, und daß die Kirche das Recht ihrer Herrſchaft heilige; und fragſt Du einen Schriftgelehrten, ſo fuͤhrt er fuͤr den Ungluͤcks⸗ ſatz gleich zehn Stellen an; da hat Paulus bald an die Corinther geſchrieben: Eure Weiber laßt ſchweigen unter der Gemeine, denn es ſoll ihnen nicht zugelaſſen werden, daß ſie reden, ſondern unterthan ſeyn; bald an die Epheſer:. die Weiber ſeyen unterthan ihren Maͤnnern, als ihren Herrn, denn der Mann iſt des Wei⸗ bes Haupt; bald an den Titus: Du aber rede, daß die jungen Weiber ihren Maͤnnern unterthan ſeyn; alſo immer und ewig unterthan! Haͤtten Frauen damals ſchreiben duͤrfen, ſie haͤtten gewiß anders ge⸗ ſchrieben. auf die W wiſſen, w riſchen Ze wo Manr und bei ſp mit der 2 terthaͤnig niß durck Hauſe ple Dir das, Gott ein neben, ni in ſein zen Gotte Mann, raͤumt er ken ein, behaupte erſten J dem fuͤn kenne di mag in nen Urt vom Ha nicht re⸗ artet die aus. 2 ſind, bel Aber H ſich ein, hnen ge⸗ . Das ie in der in Wille d Er ſoll rkommt, ſaͤhen ſie einen auf den Vor⸗ e Worte Von dem u, daß ſie die Kirche ragſt Du Ungluͤcks⸗ bald an Gemeine, den, daß Naͤnnern, des Wei⸗ ber ihren n Frauen nders ge⸗ — 23— ſchrieben. Auch koͤnnen die Spruͤche alle damals auf die Weiber jener Zeit gepaßt haben. Gott mag wiſſen, wie dumm und albern ſie in jenem barba⸗ riſchen Zeitalter geweſen ſeyn moͤgen. Jetzt aber, wo Mann und Frau gleichen Unterricht genießen, und bei ſpaͤterm Alter, durch den geſelligen Umgang mit der Welt, fort gebildet werden, paßt das Un⸗ terthaͤnigkeits⸗Syſtem in unſer eheliches Verhaͤlt⸗ niß durchaus nicht. Mann und Frau muͤſſen im Hauſe platterdings gleichen Rang haben. Merk' Dir das, Luiſe, und beſchert Dir einmal der liebe Gott einen Mann, ſo nimm Deinen Ehrenplatz neben, nicht unter ihm, gleich mit dem erſten Schritte in ſein Haus ein; iſt er ein Mann nach dem Her⸗ zen Gottes, das heißt, ein vernuͤnftiger, billiger Mann, der ſeine Ehre in der Deinigen findet, ſo raͤumt er Dir dieſen Platz neben ſich von freien Stuͤk⸗ ken ein, im gegentheiligen Falle nimm ihn Dir, und behaupte ihn um jeden Preis, ſonſt biſt Du in dem erſten Jahre zur Magd herabgewuͤrdigt, und nach dem fuͤnften rangirſt Du vielleicht hinter dieſer; ich kenne die Maͤnner. Mein Alter iſt herzensgut, und mag in ſeinem Archive mit den mottendurchfreſſe⸗ nen Urkunden wacker umzuſpringen wiſſen, aber vom Haus⸗Regimente verſteht er nichts; und wer nicht regieren kann, muß auch nicht herrſchen⸗ ſonſt artet die Herrſchfucht in Brutalitaͤt, in Tyrannei aus. Die Maͤnner, was ſo die recht eingefleiſchten ſind, behaupten, die Ehe ſey ein monarchiſcher Staat. Aber Herzens⸗Luiſe, die ſind ganz links! rein Re⸗ publikaniſch muß ſie ſeyn, ſonſt iſt ſie ein Unding; neigt ſie ſich zum Monarchiſchen uͤber, ſo hat der ſouveraine Eheherr gewoͤhnlich nur einen halben Schritt zum Tyrannen, und Du biſt dann Zeit Dei⸗ nes Lebens ſeine unterthaͤnigſte Sklavin. Eher moͤcht' ich ein Paar Eheleute einem Geſpann, einem Joche— ja wohl einem Joche vergleichen; die Liebe fuͤhrt die Zuͤgel, und das Geſpann mag nun, wie Millio⸗ nen in der Welt, den ſchweren Pflug durch das mit Kummer⸗Thraͤnen getraͤnkte Hungerfeld muͤhſelig ziehen, oder, wie nur Wenige unter'm Monde, mit dem leichten Kabriolet der⸗Sorgloſigkeit, uͤber die, mit Brillanten belegte Kunſtſtraße des Ueberfluſſes, luſtig rollend fliegen; wuͤrzt nur die Liebe jenen das magere Diſtelfutter, und dieſen den goldigen Hafer mit ihrer Zauberſuͤße, ſo ſind Beide gluͤckliche Men⸗ ſchen.— Doch wir ſtehen da, und plaudern, und Du mußt Dich ja anziehen, und zu Miniſters!“ 7. Luiſe hatte die lange Rede der Mutter mit ge⸗ theilten Empfindungen angehoͤrt; den auseinander⸗ geſetzten Anſichten uͤber das Ehe⸗Regiment hatte ſie, zum kindlichſten Gehorſam von Jugend auf ge⸗ woͤhnt, keine große Aufmerkſamkeit geſchenkt, ſie ſchien nicht einmal Alles recht verſtanden zu haben; aber, was die Mutter vom Beſcheren eines Man⸗ nes durch den lieben Herr Gott geſagt, daruͤber war ſie ſichtlich erſchrocken; eine ſolche Aeußerung war ihr aus der Mutter Munde noch nie vorgekom⸗ men; an die Beſcherung eines Mannes, an das Heirath der Kin Liebe w fuͤr ihre cherlich Ruͤcken geſenkt, derbare Schuͤrze ten,„n Hoͤhe, d hin der nung be jagte ihr „Del die Mnt den Ide „Der Auerſtaͤd der Maͤ Einfluß cher Duͤ und vier vornehm Regel a große S die Voͤll das Spi⸗ brauche; zu gehen Claurer Unding; hat der halben beit Dei⸗ er moͤcht' Joche— de fuͤhrt Millio⸗ das mit muͤhſelig nde, mit ͤber die, erfluſſes, enen das en Hafer che Men⸗ rn, und ſters!“ mit ge⸗ einander⸗ hatte ſie, auf ge⸗ enkt, ſie u haben; es Man⸗ daruͤber eußerung orgekom⸗ an das — 25— Heirathen, hatte ſie noch nie gedacht; ſie wußte in der Kindes⸗Unſchuld ihres Herzens noch nicht, was Liebe war, und darum kamen ihr die guten Lehren fuͤr ihre kuͤnftige Stellung als Hausfrau halb läͤ⸗ cherlich vor; ſie hatte die ganze Zeit uͤber, mit dem Rücken gegen das Fenſter gelehnt, das Koͤpfchen geſenkt, aus einer Art von Verlegenheit, in ſon⸗ derbare Traͤumereien vertieft, mit den Zipfeln ihrer Schuͤrzenbaͤnder geſpielt; aber bei den letzten Wor⸗ ten,„zu Miniſters,“ fuhr ſie erſchrocken in die Hoͤhe, denn die Angſt vor dieſem Gange, die vor⸗ hin der Vater durch ſeine entſchiedene Gegenmei⸗ nung beſchwichtigt hatte, erwachte von neuem, und jagte ihr alles Blut in die Wangen. „Der Vater meinte aber ja,“ hob ſie an, um die Mutter von dieſer ihr unausfuͤhrbar ſcheinen⸗ den Idee abzubringen,„daß ich nicht—“ „Der Vater meinte michts,“ fiel ihr Mutter Auerſtaͤdt raſch einfallend in die Rede.„Es iſt der Maͤnner bekannter Stolz, den Frauen keinen Einfluß zugeſtehen zu wollen. Ein recht lächerli⸗ cher Duͤnkel! Von Eva an bis auf unſere dreizehn⸗ und vierzehnjährigen Maͤdchen, ſind die Maͤnner, vornehmlich die ſchwachen, und das moͤchten in der Regel alle ſeyn, bloße Werkzeuge der Frauen. Wo große Staatsumwaͤlzungen, wo Haupt⸗Epochen fuͤr die Voͤlker beginnen ſollten, da mußten Frauen in das Spiel gezogen werden, ſonſt ging es nicht. Ich brauche gar nicht in die Geſchichte der Vorzeit zuruͤck zu gehen, um Dir das zu beweiſen; ich darf nur bei Clauren Schr. LXXVII. 3 — 26— den Begebniſſen unſerer Tage ſtehen bleiben. Koͤnnte man, bei'm Ueberblick der ungeheuern Erſcheinun⸗ gen, welche der Zeitraum von Deutſchlands Ernie⸗ drigung bis auf den heutigen Tag dem ſtaunenden Europa geboten, ſich an den Faͤden dieſes Graͤuel⸗ und Freuden⸗Gewebes zuruͤckſpinnen bis an ihren erſten Urſprung, man wuͤrde von mehr denn dem vierten Theil derſelben, den Wocken in Frauen⸗Hand finden. Wenn aber ſo große Dinge durch Evens Toͤchter bewirkt werden konnten, warum nicht ein ſo kleinfuͤgiges, als die Zulage eines armen Archi⸗ vars iſt? Ich weiß, der Herr Miniſter nimmt auf Vorſtellungen und Verwendungen der Frau Mini⸗ ſterin gefaͤllige Ruͤckſicht, wie jeder vernuͤnftige Mann. Faß' Dir ein Herz, Luiſe, gehe hin zur Frau Mi⸗ niſterin, laß Dich melden, ſchildere des Vaters Lage, erwaͤhne des vakanten Gehaltes; bitte— doch, da⸗ mit Du deine Worte ordentlich ſetzeſt, und die Haupt⸗ ſache nicht vergiſſeſt, ich will Dir, waͤhrend Du Dich anzieheſt, die ganze Geſchichte ein Bischen aufſchrei⸗ ben; Du brauchſt es nicht woͤrtlich zu lernen, aber es mag Dir bei Deiner Aufwartung zum Leitfaden dienen.“ „Aber Herzens⸗Muͤtterchen,“ preßte ſich Luiſe in ihrer toͤdtlichen Angſt ab,„des Vaters ausdruͤckli⸗ cher Wille war, daß ich nicht hingehen ſollte; wenn er nun erfährt, daß ich dennoch“—„keinen Wider⸗ ſpruch,“ verſetze Mutter Auerſtäͤdt ſehr beſtimmt, „wenn Du uͤberſehen koͤnnteſt, was Du dem Vater Alles ſchuldig biſt, Du wuͤrdeſt, das verſehe ich mich zu De hen, d chen T wird e geſtehe nation aber e haben. nicht ten, render Laufen men, aber war v Je ren⸗” Bitte diener J den 2 ſcheid oͤnnte inun⸗ Ernie⸗ enden raͤuel⸗ ihren n dem Hand Evens ht ein Archi⸗ at auf Mini⸗ Nann. u Mi⸗ Lage, d, da⸗ Haupt⸗ u Dich fſchrei⸗ a, aber itfaden uiſe in druͤckli⸗ wenn Wider⸗ timmt, Vater ich mich —.— — 2,— zu Deinem Pflichtgefuͤhl, keinen Augenblick anſte⸗ hen, durch dieſen Gang einen Theil Deines kindli⸗ chen Dankes abzutragen. Gluͤckt unſer Schritt, ſo wird es Dir und mir Freude machen, dem Vater zu geſtehen, daß wir einmal, wie er es nennt, ſubordi⸗ nationswidrig gehandelt haben; bleibt der Gang aber erfolglos, ſo verſchweigen wir, ihn gethan zu haben. Der Vater erfaͤhrt ihn nicht, er kann ihn nicht erfahren, weil er mit der Frau Miniſterin nicht in der geringſten Beziehung ſteht, und wir ſind dann Alle auf demſelben Flecke, auf dem wir jetzt ſtehen. Alſo raſch in die Kleider.“ 8. Luiſe hatte, ein unuͤberwindliches Zittern in den Haͤnden und Knieen, und im Herzen ein baͤngliches Klopfen, ſchon eine Viertelſtunde im Flur am Fuße der, mit einem blumendurchwirkten Teppich beleg⸗ ten, zu den Gemäaͤchern der Frau Miniſterin fuͤh⸗ renden Mahagony⸗Prachttreppe geſtanden, und den Laufer, der mit dem Kaffeezeuge herunter gekom⸗ men, gefragt, ob er ſo gut ſeyn und ſie melden wolle, aber ſie mußte zu leiſe geſprochen haben, der Menſch war voruͤber gegangen, ohne ihr zu antworten. Jetzt kam der Jaͤger, mehrere Damen und Her⸗ ren⸗Maͤntel uͤber dem Arm; ſie wiederholte ihre Bitte; er entgegnete kurz, das waͤre des Kammer⸗ dieners Sache, und ging voruͤber. Ihm folgte der Heyduck, leere Weinflaſchen unter den Armen und in den Haͤnden. Sie fragte be⸗ ſcheidentlich nach dem Kammerdiener,„weiß nicht,“ 3* — 23— murmelte der geſchnuͤrſtiefelte, baumlange Trabant, und ſtieg die Kellertreppe hinab. Ein wohl genaͤhrter Herr, reich galonirt, ſpazierte die Treppe hinab, trällerte vor ſich hin, beliebäugelte mit der Perlmutter⸗Lorgnette das bluͤhend ſchoͤne Maͤdchen unten im Flur, kam dabei unvermerkt von dem bunten Teppich auf den ſpiegelblanken Mahagoni, glitt mit beiden Fuͤßen zugleich aus, und flog, wie von einem Rutſchberge, mit Blitzesſchnelle die Treppe herab. Die Lorgnette und der Claque purzelten ihm voraus. Ein goldener Schluͤſſel, der ihm hinten an zwei Knöoͤpfchen hing, hatte die paſſirten Stufen klappernd angegeben. Es waren ihrer zwei und zwanzig geweſen, und der im Donnergepraſſel her⸗ abſtuͤrmende Herr hatte keine verfehlt. Er raffte Hut und Lorgnette auf, und ging, ohne auf Luiſen, die eigentlich an ſeinem Ungluͤcke unſchuldig Schuld geweſen war, weiter einen Blick zu werfen, voll Schaam und Groll von dannen. So aͤngſtlich und verlegen Luiſe auch vorher geweſen war, ſie hatte doch uͤber die verwuͤnſchte Rutſch⸗Partie heimlich la⸗ chen muͤſſen, und ſie konnte jetzt an den Augenblick, wo ſie der Miniſterin werde vorgeſtellt werden, viel unbefangener und freier denken. Der Jokey haͤtte ſie beinahe von neuem zu la⸗ chen gemacht. Er hatte beide Backen ſo voll, daß er kaum aus den Augen ſehen konnte; dazu klemmte er zwiſchen die linke Bruſt und linke Hand, einen mit Chokolade und Wein⸗Creme, mit zweierlei Gefrornem, und italieniſchem Salat uͤberfuͤllten bant, zierte ugelte ſchoͤne kt von goni, , wie rreppe n ihm en an btufen i und I her⸗ raffte uiſen, Schuld , voll h und hatte ich la⸗ nblick, ,, viel zu la⸗ „ daß mmte einen eierlei uͤllten Suppenteller, ſtippte in die buntfarbigen, und ſuͤß und ſauer gemiſchten Muße und Bruͤhen, den Zeige⸗ finger der Rechten, und leckte ihn im Voruͤbergehen mit großer Behaglichkeit ab. Auf Luiſens beſchei⸗ dene Frage, wo der Kammerdiener der Frau Mini⸗ ſterin Excellenz zu finden, entgegnete er ein naſe⸗ weiſes„oben oder unten, hinten oder vorn,“ ſetzte ſeinen Teller an die Lippen, und trank ſein aus allen Schuͤſſeln zuſammengekratztes Quodlibet, daß ihm die, in alle nur denkbare Farben ſchillernde Bruhe, neben beiden Mundwinkeln auf die bordenbeſetzte Jacke herablief, und ſich in die breite Leib-Binde verlor. Zwei hochroth geſchminkte aͤltliche Damen, welche unter ſehr lebhaftem franzoͤſiſch gefuͤhrtem Geſpraͤch, die Treppe paſſirten, lobten die fuͤrſtliche Einrich⸗ tung des Hauſes, und die koͤſtliche Bewirthung. Die juͤngere meinte, daß der Mann, der Miniſter, dazu auch eine hinlaͤngliche Einnahme habe, worauf die altere verſetzte, daß ihrem Gemahl der Miniſter⸗ Poſten fruͤher zugedacht geweſen, daß ſie aber ihrem Gott danke, daß er ihn nicht erhalten, denn die Ar⸗ beit ſey faſt unglaublich, und, wie die Beamten die⸗ ſes Ranges, von fruͤh bis ſpaͤt Abends, von Sup⸗ plikanten und Bittſtellern uͤberlaufen wuͤrden, kaum zu beſchreiben.„Voilà,“ fuhr ſie mit einem Sei⸗ tenblick auf Luiſen fort,„der Miniſter hat noch den letzten Biſſen des Mittagbrodes im Munde, und ſchon geht die Bettelei wieder los. Vom Bringen iſt bei Leuten der Art nicht die Rede, Alle wollen haben. Selbſt der armen Frau, der Miniſterin, laſſen ſie keine Ruhe; bald ſoll ſie fuͤr Den, bald fuͤr Jenen, bei'm Manne ein gutes Wort einlegen.“ „Die macht aber,“ hob die Juͤngere lachend an, „gewoͤhnlich kurzen Prozeß, und weiſ't ſie ab. Es iſt aber auch wahrhaftig eine kurioſe Zumuthung, die Frauen mit ſolchen Lappalien behelligen zu wol⸗ len; iſt es doch ſchon ſchlimm genug, daß die Maͤn⸗ ner ſich mit dergleichen Geſindel(racaille) abgeben muͤſſen.“. Mehr hoͤrte Luiſe nicht, denn beide Damen gin⸗ gen unterdeſſen vorbei nach der Hausthuͤre zu; ſie wuͤnſchte, nie Franzoͤſiſch gelernt zu haben; das ſcharfe Wort der Zinnoberrothen hatte ihr das Herz zerſchnitten, und ihr allen Muth genommen; ſie wollte heim gehen, und der Mutter ſagen, daß ſie— aber ſie hatte ja erſt kaum vor einer Stunde ſich freiwillig zum Schwerſten erboten; und die Mutter hatte die Worte,„wenn Du uͤberſehen koͤnnteſt, was Du dem Vater Alles ſchuldig biſt,“ heute ſo ſonderbar betont, und ſie dazu ſo ganz eigen ange⸗ ſehen, gar nicht, wie die Mutter das Kind, wenn es zu ihm von ſeinen Pflichten gegen den Vater ſpricht, ſondern viel ſtrenger, kaͤlter— was mußte ſie ſich fuͤr einen Empfang zu Hauſe vermuthen, wenn ſie ganz unverrichteter, nicht einmal begonne⸗ ner Sache, wieder heimkehrte! Sie hatte ja eigent⸗ lich nichts, als die Unart von einigen Domeſtiken, und das unfreundliche Wort zweier, ihr ganz frem⸗ der Damen zu tragen gehabt. Millionen Arme ſterin, ild fuͤr en.⸗⸗ nd an, . Es thung, u wol⸗ Maͤn⸗ bgeben en gin⸗ zu; ſie 1; das s Herz en; ſie ß ſie— ide ſich Mutter unteſt, eute ſo nange⸗ „wenn Vater mußte nuthen, egonne⸗ eigent⸗ neſtiken, az frem⸗ Arme — 351— muͤſſen ſich das ja uͤberall in der ganzen weiten Welt ſtundlich gefallen laſſen. Uebrigens war das Feld ja rein; die brusken Bedienten waren an ihre Ar⸗ beit gegangen, und die Damen zu Hauſe gefahren, mithin hatte ſie von dieſen nichts weiter zu befuͤrchten. Sie gewann ſich nach und nach den Entſchluß wie⸗ der ab, zu bleiben; aber, nach dem, was ſie uͤber die Miniſterin gehoͤrt, war ihr alle Hoffnung auf einen gluͤcklichen Erfolg verſchwunden; ſie ſah den Schritt, den ſie thun wollte, oder vielmehr ſollte, im Voraus fuͤr vergeblich an, und hatte das bittere Gefuͤhl in der Bruſt, was ungefaͤhr der General haben mag, der die Ordre bekommt, den Feind an⸗ zugreifen, und die mathematiſche Gewißheit vor ſich ſieht, geſchlagen und geworfen zu werden. Sechs bis ſieben Lakaien, mit Tiſchzeug und aller⸗ lei Tafelgeraͤth beladen, kamen aus dem Speiſeſaale jetzt die Treppe herab. Luiſe faßte ſich, mit einem Geſicht, als möͤge es nun gehen, wie Gott wolle, ein Herz, ſuchte ſich den freundlichſten der dienſtbaren Geiſter aus, und fragte ihn nach dem Kammerdiener, durch den ſie bei der Frau Miniſterin gemeldet zu werden wuͤnſche. „Dieſer iſt,“ entgegnete der Gefragte,„noch ohen im Speiſeſaale mit der Uebernahme des Silberzeugs beſchaftigt, doch kann ich Sie auch melden; kann ich gleich dabei ſagen, was Ihr Anliegen iſt, ſo bringe ich Ihnen vielleicht den Beſcheid gleich mit heraus.“ „Ich wollte Ihre Excellenz gern ſelbſt ſprechen,“ entgegnete Luiſe, durch die Blicke der ſie umſtellen⸗ — 32— den Gaffer ſehr verlegen gemacht, mit dem geſenk⸗ ten Auge,„und ſie um etwas bitten,“ ſetzte ſie lei⸗ ſer hinzu. „Bitten und bitten, und immer bitten,“ hob einer der Umſtehenden uͤbermuͤthig an,„iſt das hier im Hauſe nicht eine ewige Bitterei! Die Frau Mi⸗ niſterin hat ſich ein fuͤr allemal deraleichen Andrang verbeten, und wenn Sie etwas von ihr wollen, ſo koͤnnen Sie ſchriftlich einkommen.“ Als waͤre jedes Wort ein ſchwerer Donnerſchlag geweſen, ſo durchbebt wendete ſich das arme, ge⸗ angſtete Kind, ohne eine Sylbe zu entgegnen, nach der Hausthure, um fortzugehen, und nie wieder zu kommen; die Thraͤnen wollten ihr in die Augen ſteigen, aber ſie that ſich Gewalt an, denn ſie ſchaͤmte ſich, vor dieſen Menſchen zu weinen. „Bleiben Sie, mein Kind,“ ſprach eine Stimme dicht hinter ihr, und ſie ſah ſich um, und gewahrte einen jungen elegant gekleideten Mann, der, waͤh⸗ rend ſie ſich nach der Hausthure gewendet hatte, die Treppe herab gekommen ſeyn mußte. „Wer von Euch,“ fuhr er, zu den Bedienten gewendet, fort, und warf ihnen einen dolchſcharfen Blick hin,„wer von Euch ſagte das von der Frau Miniſterin?“ Sie laͤchelten verlegen, und ſchwiegen. „Nun wird den Herren gefäͤllig ſeyn, mir zu antworten?“ fragte der junge Mann mit ſchneiden⸗ dem Tone,„ich verlange zu wiſſen, wer der Dame hier geſagt, daß die Frau Miniſterin Excellenz ſich perſoͤnlie liche Ad Die daß der denn ſie gen zur vorhinL nen, an Alſol und fra⸗ was Sie eroͤffnen ihr gem Friek wenden wie zwe „Ant „Nei len,“ er lich, ſich deſpektir „We gendem ſen,„d Miniſte nen Bitt lichen A Sie bei den, un noch Ihr geſenk⸗ ſie lei⸗ hob as hier u Mi⸗ drang en, ſo rſchlag te, ge⸗ „ nach wieder Augen haͤmte timme vahrte waͤh⸗ hatte, ienten harfen Frau nir zu eiden⸗ Dame z ſich 33— perſoͤnliche Aufwartung verbitte, und nur ſchrift⸗ liche Adreſſen annehme.“ Die Herren Bedienten ſchienen ſchon zu wiſſen, daß der junge Mann nicht mit ſich ſcherzen laſſe, denn ſie laͤchelten nicht mehr, ſondern ſahen befan⸗ gen zur Erde nieder, und als er dem, an den ſich vorhin Luiſe gewendet, befahl, den Sprecher zu nen⸗ nen, antwortete dieſer:„Friedrich, Herr Hofrath.“ Alſobald ſchoß der Hofrath auf beſagten Friedrich, und fragte,„hat Ihnen Ihre Excellenz befohlen, das, was Sie gegen die Dame hier geaͤußert, denen zu eroͤffnen, die einer anzubringenden Bitte halber bei ihr gemeldet ſeyn wollen?“ Friedrich wußte nicht, wo er ſeine Augen hin⸗ wenden ſollte, denn die des Hofraths brannten ihm wie zwei feurige Kugeln auf die Stirne. „Antwort!“ donnerte der Hofrath ihm zu. „Nein, Ihre Excellenz haben mir es nicht befoh⸗ len,“ entgegnete der Musje Friedrich ſehr verdruͤß⸗ lich, ſich vor Luiſen und den uͤbrigen Bedienten ſo deſpektirlich behandelt zu ſehen,„aber—“ „Wer hat Ihnen,“ fuhr der Hofrath mit ſtei⸗ gendem Unwillen fort, ohne ihn ausreden zu laſ⸗ ſen,„die Erlaubniß gegeben, ſich uͤber die, jedem Miniſterhauſe heilige Verpflichtung, dem beſcheide⸗ nen Bittſteller immer offen zu ſtehen, in ſo unſchick⸗ lichen Ausdruͤcken aͤußern zu duͤrfen?— Ich werde Sie bei Sr. Excellenz zu Ihrer Verabſchiedung mel⸗ den, und gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie heute noch Ihres Dienſtes entlaſſen ſind; gehen Sie die⸗ —— — 34— ſen Augenblick, und packen Sie Ihre Sachen; Sie bekommen dieſen Abend noch Ihre Dimiſſion; und Euch, meine Herren,“ ſetzte er, zu den uͤbrigen, durch Friedrichs ſchnelle Dienſtentlaſſung gewaltig ernſt⸗ haft gewordenen Bedienten gewendet, mit ſehr be⸗ ſtimmtem Tone hinzu,„bringe ich bei der Gelegen⸗ heit Sr. Excellenz wiederholentlich ausgeſprochenen Befehl in Erinnerung, Jedermann, der hierher kommt, Sr. Excellenz Guͤte in Anſpruch zu nehmen, mit zuvorkommender Beſcheidenheit zu behandeln. Ohne dringende Noth naht ſich in der Regel nicht leicht Jemand dem erſten Stellvertreter des Monarchen, und wer in ſolcher Lage Schutz und Huͤlfe hier ſucht, muß die Thore der Huld nicht durch uͤbermuͤthigen Lakaien⸗Troß verſperrt finden; der Niedrigſte wie der Hoͤchſte hier im Hauſe muß ihm mit Wohlwol⸗ len und mit Theilnahme entgegen kommen, auf daß er ſchon im Diener die Menſchenfreundlichkeit des Herrn ahne.— Kommen Sie, mein Kind,“ ſagte er jetzt mit ſanfterer Stimme zu Luiſen,„ich werde Sie bei der Frau Miniſterin nun ſelbſt melden.“ Er ging die Treppe voran. Luiſe folgte ihm, aber ſie konnte nicht ſo raſch gehen, als er. Auf jedem Knie lag ihr ein Zentner Blei, ſo war ihr der Schreck uͤber die Strenge des ſtrafenden Engels, der ſie fuͤr die hier erlittene Unbill ſo unerwartet geraͤcht hatte, in alle Glieder gefahren; auch mochte die Angſt, in wenigen Minuten vor der Frau Mi⸗ niſterin ſtehen zu ſollen, zu ihrer Beklemmung mit beitragen. Sie hatte, als ſie die Treppe erſtiegen, — keinen? Der Ho chen, eir und der nehme recht gu der Ein. theil ar und der mit ſo ihr wie vor; al Lohn u zen doch ſich im Veranl Mi hell erl einzutr nach ih „L1 ſagte d waren bebte i „N einem Tochte als S faßte, ſchen; Sie ſſion; und igen, durch altig ernſt⸗ git ſehr be⸗ er Gelegen⸗ ſprochenen er hierher u nehmen, behandeln. nicht leicht Nonarchen, hier ſucht, rmuͤthigen drigſte wie Wohlwol⸗ n, auf daß lichkeit des nd,“ ſagte „ich werde nelden.“ olgte ihm, 3 er. Auf ſo war ihr en Engels, unerwartet auch mochte Frau Mi⸗ nmung mit erſtiegen, — — 55— keinen Athem in der Bruſt, kein Blut in der Wange. Der Hofrath war nach Allem dem, was er geſpro⸗ chen, ein reiner, pflichtſtrenger, vortrefflicher Menſch, und der dunkle Feuerblick, mit dem er in die vor⸗ nehme Bedienten⸗Brut eingeſchlagen, hatte ihm recht gut geſtanden; und wenn ſie dachte, daß er der Einzige war, der ſich ihrer mit ſo warmem Ane theil annahm, und der fremde Noth ſo tief fuͤhlte, und der dem ſchuͤchternen Bittenden hier die Hand mit ſo herzlicher Bereitwilligkeit reichte, ſo kam er ihr wie ein Schutzheiliger aller Huͤlfsbedurftigen vor; aber daß er den Friedrich ſo augenblicklich aus Lohn und Brod brachte, wollte ihrem weichen Her⸗ zen doch ein wenig zu hart ſcheinen, und ſie machte ſich im Stillen Vorwürfe, daß ſie gewiſſermaßen die Veranlaſſung zu deſſen Ungluͤck geweſen ſey. 9. Mittlerweile hatte der Hofrath die Thuͤre eines hell erleuchteten Zimmers geöffnet: er bat Luiſen, einzutreten, und fragte, um ſie melden zu koͤnnen, nach ihrem Namen. „Luiſe, die Tochter des Archivars Auerſtaͤdt,“ ſagte dieſe kaum vernehmbar, denn Bruſt und Kehle waren ihr wie zugeſchnuͤrt, und ein leiſes Zittern bebte ihr durch alle Glieder. „Mamſell Auerſtaͤdt?“ fragte der Hofrath mit einem Tone, dem man die Verwunderung, die Tochter des ihm aus den Akten bekannten Archivars, als Supplikantin hier zu ſehen, anhoͤrte, und er⸗ faßte, des Maͤdchens Todtenblaͤſſe und uͤbergroße — 36— Befangenheit bemerkend, die herabhaͤngende Rechte, um der Zagenden durch trauliche Herzlichkeit Muth einzuſprechen.„Mein Gott, Kind, was fehlt Ih⸗ nen,“ fragte er theilnehmend,„Ihre Hand zittert ja! iſt Ihnen unwohl?“ Die Milde ſeiner Stimme, das Sanfte ſeiner Theilnahme, die zarte Sorglichkeit, mit der er ihre Hand an ſein Herz druͤckte— Luiſe haͤtte lange ſchon weinen moͤgen; jetzt, da im fremden weiten Hauſe, in dem ihr bei'm erſten Eintreten Alles gleich ſo unheimlich geweſen, in dem ſie von allen Seiten ſo unfreundlich behandelt worden, auf das durchkältete Herz die innig gut gemeinten Worte des jungen Mannes fielen, wie warmer Regen auf die von Froſt erſtarrte Saat, jetzt brachen die Daͤmme der mühſam verhaltenen Thraͤnen, ſie barg das bleiche Geſichtchen in ihr Taſchentuch, und ließ dem unauf⸗ haltſam hervorſtuͤrzenden Strome freien Lauf. „Mein Gott im Himmel, liebes Kind, was iſt Ihnen denn?“ fragte aͤngſtlich der Hofrath; aber Luiſe ſchuͤttelte heimlich ſchluchzend das Koͤpfchen, als ſey ihr nicht moͤglich zu antworten; und erſt nach langer Weile, waͤhrend er ihr mit unbeſchreib⸗ licher Herzlichkeit zugeredet, ſich zu faſſen, und ihm zu vertrauen, und von der Achtung geſprochen, die er vor ihrem Vater hege, und von dem Wohl⸗ wollen, mit dem dieſem der Herr Miniſter zuge⸗ than ſey, und von den guten Hoffnungen, die ſich daraus fuͤr die Gewaͤhrung ihres Geſuchs er⸗ gaben, hatte ſie ſich in etwas geſammelt, und bat, die ſchentuchs boͤſe zu ſer ſie noch e meinte, e der Mutt in ſeiner ihm ſchul zu wollen in den Th wimpern zwanzig dem ſie el ſches Ben einigermo hergegang weſen; de Leben nich ges, und hende Gaͤf auch die k daß das 2 ſchuͤtternd chen Still falle, der ſey ihr ar um ihrer werde zeit an des N hob ſie la nde Rechte, bkeit Muth 3 fehlt Ih⸗ and zittert afte ſeiner der er ihre lange ſchon iten Hauſe, s gleich ſo Seiten ſo zurchkäaͤltete des jungen uf die von Hämme der das bleiche dem unauf⸗ Lauf. d, was iſt rath; aber Koͤpfchen, ; und erſt inbeſchreib⸗ „ und ihm geſprochen, dem Wohl⸗ niſter zuge⸗ ngen, die Geſuchs er⸗ nelt, und —— bat, die Augen geſenkt auf den Zipfel ihres Ta⸗ ſchentuchs, mit dem ſie gedankenlos ſpielte, nicht boͤſe zu ſeyn, daß ſie ſo geweint, und dabei ſchluchzte ſie noch einige Male halb laut auf, daß er ſchier meinte, ein kleines Kind vor ſich zu ſehen, das von der Mutter unverdiente Schelte bekommen hat, und in ſeiner himmliſchen Gutmuͤthigkeit verſpricht, das ihm ſchuldlos vorgeworfene Boͤſe nicht mehr thun zu wollen. Sie aͤußerte— und dabei ſpiegelte ſich in den Thraͤnchen, die ihr noch an den langen Augen⸗ wimpern zitterten, das Flimmerlicht aller vier und zwanzig Wachskerzen des brillanten Luͤſtre's, unter dem ſie eben ſtanden— ſie aͤußerte, um ihr kindi⸗ ſches Benehmen, deſſen ſie ſich jetzt zu ſchaͤmen ſchien, einigermaßen zu entſchuldigen, daß ihr ſchon, als ſie hergegangen, das Weinen naͤher, als das Lachen ge⸗ weſen; daß ſie einen ſolchen Gang noch in ihrem Leben nicht gethau; daß die Ungewißheit des Erfol⸗ ges, und die Unzartheit, mit der einige voruͤberge⸗ hende Gaͤſte ſich uͤber ſie ausgelaſſen, und— vielleicht auch die kurze Weiſe der Leute im Hauſe— kurz, daß das Alles zuſammengenommen auf ſie um ſo er⸗ ſchuͤtternder gewirkt habe, als ſie in ihrem haͤusli⸗ chen Stillleben, wo in der Regel kein boͤſes Wort falle, dergleichen nie gewohnt geweſen ſey, und dann ſey ihr auch beſonders kraͤnkend, daß der eine Lakai um ihrer willen ſeine Stelle verlieren ſolle, und ſie werde zeitlebens ſich den Vorwurf machen muͤſſen, an des Menſchen Ungluͤck Schuld zu ſeyn. Dabei hob ſie langſam, als getraue ſie ſich deſſen nicht recht, — 33— den bittenden Blick auf den Hofrath, und ſie brauchte nichts weiter zu ſprechen; er verſtand recht gut die ſtumme Fuͤrbitte zu deuten, und das barmherzige Geſichtchen, mit dem ſie ſich fuͤr den zu verwenden wagte, der ſie eigentlich beleidigt hatte, gab ihr eine unnennbare Anmuth. „Halten Sie mich,“ hob der junge Mann an, und ſein Ton klang beinahe, als wolle er ſich vor der Engelklarheit ihrer Anſichten entſchuldigen, als diktirten ihm ein Gefuͤhl von Achtung für das lieb⸗ reizende Maͤdchen, eine ihm ſelbſt noch nicht recht deutliche Empfindung des innigſten Wohlwollens, und der Wunſch, von dieſem ſanften Himmelsweſen nicht verkannt zu werden, die Worte:„Halten Sie mich nicht fuͤr hart, nicht fuͤr ungerecht. Der Menſch, der Friedrich, hat ſich ſchon mehrere aͤhnliche Unziem⸗ lichkeiten zu Schulden kommen laſſen, und der Mi⸗ niſter, der ihn oft gewarnt, hat ihm ausdruͤcklich erklaͤrt, daß auf den erſten Fall aͤhnlicher Art ſeine Verabſchiedung unausbleiblich erfolgen werde. Ein Mann dieſer Stellung muß einem ſolchen Drohworte Nachdruck zu geben wiſſen, ſonſt verliert er ſeine Autoritat. Friedrich iſt unverbeſſerlich; er taugt platterdings nicht in unſer Haus; Sie ſind an ſei⸗ nem Unfalle ohne alle Schuld, und wenn Sie ſich aus uͤberzartem Gewiſſen daruͤber einen kleinen Skru⸗ pel machen wollten, daß Sie zufaͤllig, und ohne alles Ihr Zuthun, die Veranlaſſung ſeiner Entfernung geworden; ſo troͤſten Sie ſich mit dem erfreulichen Gedanken, daß nun all' die Bittſteller, die nach Ihnen die Schwel nenzen die Der Palaſt renden, di Burſchen a nen Freiſte men rein e erfreulichen ſes guten daß mithin Herr Mini dies zu ve zur Frau vorher von bringen ha ihnen zu e zu ſeyn. daher nich davon in Der ju floͤßendes i bedenklich wenn ſie d nen Geſich und Angſt ſie beſtimt den Verhe den Einſch je an gern ſten Leben bvrauchte gut die nherzige rwenden ihr eine ann an, ſich vor gen, als das lieb⸗ cht recht lwollens, helsweſen alten Sie Menſch, Unziem⸗ der Mi⸗ Sdruͤcklich Art ſeine rde. Ein drohworte t er ſeine er taugt nd an ſei⸗ Sie ſich nen Skru⸗ ohne alles ntfernung ffreulichen ach Ihnen die Schwellen dieſes Hauſes betreten, den Imperti⸗ nenzen dieſes Menſchen nicht mehr ausgeſetzt ſind. Der Palaſt des Miniſters muß in dem ihm gebuͤh⸗ renden, durch die Inſolenzen ſolcher ungezogenen Burſchen aber leicht geſchmaͤlerten Rufe einer offe⸗ nen Freiſtaͤtte fuͤr jeden Huͤlfsbeduͤrftigen vollkom⸗ men rein erhalten werden; troͤſten Sie ſich mit dem erfreulichen Gedanken, daß Sie zur Erhaltung die⸗ ſes guten Rufs mittelbar mitgewirkt haben, und daß mithin alle kuͤnftige Supplikanten, ſo wie der Herr Miniſter und wir Alle hier im Hauſe, Ihnen dies zu verdanken haben.— Doch— Sie wollten zur Frau Miniſterin— ſie hat es gern, wenn fie vorher von dem, was die Bittenden bei ihr anzu⸗ bringen haben, unterrichtet iſt, um auf das, was ſie ihnen zu entgegnen haben duͤrfte, mehr vorbereitet zu ſeyn. Iſt es mir mittheilbar, ſo nennen Sie mich daher nicht indiskret, wenn ich Sie erſuche, mich davon in Kenntniß zu ſetzen.“ Der junge Mann hatte ſo etwas Bertrauen⸗Elu⸗ floͤßendes in Manier und Weſen, daß Luiſe ihm un⸗ bedenklich alle Geheimniſſe offenbart haben wuͤrde, wenn ſie deren gehabt haͤtte; dieſem ehrlichen, offe⸗ nen Geſichte gegenuͤber war ihr alle Befangenheit und Angſt verſchwunden; ſie erzählte daher, was ſie beſtimmt hatte, hierher zu gehen, und ſprach von den Verhältniſſen im elterliwen Hauſe, und von den Einſchraͤnkungen, denen ſich die ganze Familie von je an gern unterzogen, um nur immer die dringend⸗ ſten Lebensbeduͤrfniſſe zu beſtreiten; und von den — 40— Entſagungen des wackern Vaters, und von der Sorge der geliebten Mutter, mit ſolch' ruͤhrender Kindlich⸗ keit, und von ihrer und der Mutter einzigen Hoff⸗ nung, die ſie auf der Frau Miniſterin wirkſames Fuͤrwort ſetzten, mit ſolchem felſenfeſten Glauben, und von ihrer Seligkeit, wenn ſie durch ihren ſauern Hergang dem Vater die gewuͤnſchte kleine Zulage verſchafft, mit ſo lebhaftem Entzuͤcken, daß das Maͤd⸗ chen mit jeder Sekunde dem Hofrathe intereſſanter ward. Er haͤtte deſſen Schilderungen von dem ein⸗ fachen Idyllenleben im kleinen Familienkreiſe noch ſtundenlang zuhoͤren moͤgen, und von Jugend auf im Wohlſtande, faſt im Ueberfluſſe erzogen, war es ihm, als muͤſſe er ſich vor dem genuͤgſamen Kinde ſchaͤmen, das mit ſeinen beſcheidenen Anſpruͤchen ſich in ſeine freudenleere Lage fuͤgte, fuͤr ſich ſelbſt nichts zu wuͤnſchen, nichts zu bitten hatte, und nur um des Vaters Sorge ſich tief bekuͤmmert fuͤhlte.— Er hatte— er wußte ſelbſt nicht recht, wie das gekommen war— waͤhrend Luiſe ihm das Alles mit traulicher Kindlichkeit erzaͤhlte, mit ſeiner Rechten ſie umſchlungen, und zog jetzt, als ſie ihn, von der wiederkehrenden Angſt gepreßt, freundlich fragte, ob er wohl glaube, daß ihr die Frau Miniſterin werde helfen koͤnnen, ihre Linke, gleichſam um ihr die Ver⸗ ſicherung ſeiner beſtmoͤglichſten Verwendung durch Hand und Mund zu bekräftigen, an die Lippen, da platzten die Fluͤgelthuͤren des Seitenzimmers aus⸗ einander, und der Reſt der Mittags⸗Geſellſchaft, ſechs bis acht Herren und einige Damen, gingen, ſich von 2 Verbeugu Luiſe war des Hofra der ſeinige marſchiren mußte vo⸗ erſpaͤhet l dem Hofr „Gute No˖ drinnen b ren hier d Sich gar! ſtreifte er zwar auch meint ſey und Verle Auch hier verw ſelbſt der Muſterur er ſeine weiter me ſchicklichſt len zu la Kabinet darauf ie Somit 9. ſen alleit LXXY eer Sorge Kindlich⸗ gen Hoff⸗ virkſames Glauben, en ſauern e Zulage das Maͤd⸗ ereſſanter dem ein⸗ reiſe noch gend auf u, war es en Kinde uchen ſich lbſt nichts d nur um lte.— wie das Alles mit r Rechten „ von der fragte, ob erin werde dr die Ver⸗ ung durch eippen, da mers aus⸗ eſellſchaft, I, gingen, — 644— ſich von Wirth und Wirthin durch Kratzfuͤße und Verbeugungen verabſchiedend, durch das Gemach. Luiſe war bei'm erſten Knaſtern der Thuͤrfluͤgel aus des Hofraths Arme geſchluͤpft, und hatte ihre Hand der ſeinigen ſchnell entzogen, allein der erſte der ab⸗ marſchirenden Geſellſchaft, ein luſtiger Garde⸗Major, mußte von der halben Umaͤrmelung dennoch etwas erſpaͤhet haben, denn im Vorbei⸗Defiliren rief er dem Hofrath uber die Achſel beifaͤllig lachend zu: „Gute Nacht, lieber Steiüau— waͤhrend wir uns drinnen bis zum Sterben ennuyiren, antichambri⸗ ren hier der Herr Hofrath recht kurzweilig— haben Sich gar nichts Schlechtes ausgeſucht,“— und dabei ſtreifte er mit einem argwoͤhniſchen Seitenblicke, der zwar auch ausſehen ſollte, als ob er im Spaße ge⸗ meint ſey, an Luiſen voruͤber, daß dieſe vor Schaam und Verlegenheit dachte in die Erde ſinken zu muͤſſen. Auch die uͤbrigen Durchpaſſirenden maßen das hier verweilende Paͤrchen mit kurioſem Blicke, und ſelbſt der Hofrath ſchien von der unwillkommenen Muſterung nicht ſonderlich erbaut zu ſeyn; doch ließ er ſeine Empfindlichkeit daruͤber gegen Luiſen nicht weiter merken, ſondern eroͤffnete ihr, daß nun die ſchicklichſte Zeit ſey, ſich der Frau Miniſterin vorſtel⸗ len zu laſſen; ſie pflege ſich jetzt ein wenig in ihr Kabinet zuruͤckzuziehen, dann aber fahre ſie bald darauf in das Theater, oder in ihre Abendzirkel. Somit ging er in das Seitenzimmer, und ließ Lui⸗ ſen allein. LXXVII 4 — 42— 10.. Wie im weiten großen Palaſte doch Alles ſo ſtill war! Sie hoͤrte keinen Laut, keinen Fußtritt. Zu Hauſe, was laͤrmten und tollten die Kinder nicht den ganzen Abend durch einander; alle ſaßen da um ein Licht herum, und plauderten und lachten luſtig und froh, und dabei war Alles ſo eng im kleinen Stuͤbchen, daß man vor Tiſch und Stüͤhlen und Spielzeug und Baukaſten, Schaukelpferd, Spinn⸗ rad und Puppenkram faſt keinen Fuß ſetzen konnte. Hier mußten im ganzen Hauſe die Leute kein lau⸗ tes Wort reden duͤrfen, denn es war doch wie aus⸗ geſtorben; Lachen und Tollen, und Luſtig⸗ und Froh⸗ ſeyn war wahrſcheinlich ganz verpoͤnt; Platz war überall mehr denn zu viel; in dem Vorzimmer hier haͤtten drei Archivars⸗Familien Raum die Huͤlle und Fülle gehabt; dort ein laufendes Talglichtchen fuͤr ſieben bis acht Perſonen, hier vier und zwanzig Kerzen auf dem bronzenen Luſtre fuͤr— eigentlich für Niemand, denn das Vorzimmer war, wie ſie ſah, ein bloßer mit vier Thuͤren verſehener Durch⸗ gang; kam Jemand Fremdes, ſo konnte, nach ihrer haushaͤlteriſchen Anſicht, ein Bedienter mit einem Lichte voraufgehen, und leuchten, die vier Pfund ſchönes Wachslicht alle Abende koſteten drei Thaler, das machte in den ſechs Winter⸗Monaten ungefaͤhr fuͤnfhundert Thaler, die koͤnnten wohl, meinte ſie, geſpart werden, wenn die der arme Vater nur zur Haͤlfte, als Gehalts Zulage haͤtte!!— Es iſt nicht aut, wenn der Duͤrftige in die Gemaͤcher des Ueber⸗ * — * fluſſes ſich dor Menge lich mi ner Ve parteii Luif Meuble gewebte Style uͤberzog ihrem kleinen Fußbod altem 9 Mißmi den Ge Mutter ſtens e zu ſeyn. Neide, zen kon faſſen; auch we nicht n fand ihr viel fre hohen! was ſie breite, les ſo ſtill ritt. Zu der nicht ſaßen da ad lachten o eng im Stuͤhlen d, Spinn⸗ n konnte. kein lau⸗ wie aus⸗ und Froh⸗ Platz war nmer hier die Huͤlle lglichtchen d zwanzig eigentlich , wie ſie er Durch⸗ nach ihrer nit einem ier Pfund rei Thaler, ungefaͤhr meinte ſie, er nur zur s iſt nicht des Ueber⸗ — 43— fluſſes tritt; auch dem Billigſten unter ihnen draͤngt ſich dort eine Menge Bemerkungen uͤber, und eine Menge Fragen an das Schickſal auf, und gewoͤhn⸗ lich muß ſich dieſes gefallen laſſen, hinſichtlich ſei⸗ ner Vertheilung der zeitlichen Guͤter, ungerecht und parteiiſch geſcholten zu werden. Luiſen wollte, als ſie die blanken Mahagony⸗ Meubles, die deckenhohen Truͤmeaux, den zierlich gewebten Fußteppich, und das im edelſten, antiken Style gearbeitete, und mit ſchwerem Seidenſtoffe uͤberzogene Sopha ſah, und das Alles zu Hauſe mit ihrem runden Tiſch von Tannen⸗Maſer, mit dem kleinen Fuͤnfthaler⸗Spiegel, mit dem ſandbeſtreuten Fußboden, und mit dem wackeligen Kanapee von altem Rohrgeflechte verglich, wohl auch eine Art von Mißmuth uͤberwallen, und ſie konnte einige Male den Gedanken nicht unterdruͤcken, daß Vater und Mutter wohl auch werth waͤren, mit einer, wenig⸗ ſtens etwas beſſern haͤuslichen Einrichtung bedacht zu ſeyn, aber in ihrem kryſtallklaren, und von allem Neide, von aller Ueberhebung weit entfernten Her⸗ zen konnte das Mißbehagen nicht gar lange Platz faſſen; und ſo prachtvoll jedes einzelne Stuͤck hier auch war, ſo war ihr das Ganze doch nicht heimiſch, nicht wohnlich genug; ſie ſehnte ſich heraus, und fand ihr kleines immer hoͤchſt ſauber gehaltenes Haus viel freundlicher, viel traulicher, als hier die großen hohen weiten Scheunen von Zimmern. Das Einzige, was ſie allenfalls häͤtte wuͤnſchen moͤgen, war der breite, praͤchtige, vom Fußboden bis zum Plafond — 44— reichende Spiegel. So wie hier, ſich in ganzer Figur mit Einem Blick ſehen zu koͤnnen, war ihr noch nie vorgekommen. Der lange glatte Freund war außer⸗ ordentlich galant: er fliſterte ihr, ſie mochte es nun hoͤren wollen, oder nicht— aber ſie hoͤrte es recht gern, denn ſie laͤchelte ihn mit heimlicher Freude dankbar an— er fliſterte ihr mit ſchmeichleriſcher Gewandtheit zu, daß er unter allen Freunden der wahrheitsliebendſte ſey, und daß ſie ihm daher auf das Wort glauben koͤnne, wenn er ihr werſichere, daß, ſo lange er hier paradire, und das ſey eine geraume Zeit von Jahren, noch kein ſchoͤneres Madchen vor ihm geſtanden. Sie wiſſe gar nicht, wie wunder⸗ lieblich, wie unbeſchreiblich reizend ſie ſey; und das kaͤme daher, weil ſein Herr College in ihrem Hauſe ein winziger armſeliger Burſche ſey, der ihr allen⸗ falls von den einzelnen Theilen ihres blendenden Aeußern, eine kleine aphoriſtiſche Bruchſtuͤck⸗Beſchrei⸗ bung liefern koͤnne, allein ihr Ganzes mit einem⸗ male dem Blicke darzuſtellen, ſey der kleine Zwerg⸗ ſpiegel nimmermehr im Stande.— Sie häͤtte dem verfuͤhreriſchen Plauderer gern noch länger zugehört, aber ihr fiel ihre Praſentation bei der Frau Miniſterin wieder ein; ſie hatte ſich auf dem Herwege einen kleinen Sermon einſtudirt, mit dem ſie die hohe Frau anzureden gedachte. Jetzt— es war der paſſendſte Augenblick, das Ding in aller Geſchwindigkeit zu probiren, und ihr ſtiller, ver⸗ ſchwiegener Freund ſollte ſie uͤberhoͤren. Sie machte ſich flugs und froͤhlich an das Werk, ſtellte ſi uͤber, g Verbeu Abe tief ger ſicht ni treten allenfal gegenko Archiva „N begann es aus mit ein Submi Marm Geſuch die ſchi lenz erl halb er ihre w ſtecken; ſann, drohen vergeſſe Zerſtre Umgebr ſtumm er zeig etwas? er Figur noch nie e außer⸗ 2es nun es recht Freude leriſcher den der aher auf ere, daß, geraume ſchen vor wunder⸗ und das m Hauſe hr allen⸗ endenden Beſchrei⸗ it einem⸗ e Zwerg⸗ erer gern ſentation hatte ſich inſtudirt, . Jetzt— g in aller ller, ver⸗ das Werk, ſtellte ſich in Gedanken der Frau Miniſterin gegen⸗ über, ging drei Schritte vorwaͤrts, machte eine tiefe Verbeugung, und begann halb laut„Ihre Excellenz““ Aber der Spiegel meinte, daß die Reverenz nicht tief genug, der Kopf nicht geſenkt genug, das Ge⸗ ſicht nicht devot genug, und der Schritt bei'm Auf⸗ treten etwas zu jugendlich, zu ſtolz geweſen; ſo koͤnne allenfalls eine junge Baroneſſe der Miniſterin ent⸗ gegenkommen, nicht aber eine arme ſupplicirende Archivarstochter. „Noch einmal,“ ſagte Luiſe zu ſich ſelbſt, und begann die Scene von neuem,„brav, brav,“ ſprach es aus dem Spiegel heraus, denn Luiſe naͤherte ſich mit einer Demuth, und beugte das Knie mit einer Submiſſion, daß die Miniſterin, war ſie nicht von Marmor oder Platina, dieſer ſchoͤnen Bittenden das Geſuch ſchon gewaͤhren mußte, ehe dieſe es noch uͤber die ſchuͤchterne Lippe gebracht hatte.„Ihre Exrel⸗ lenz erlauben—“ hob ſie, das Madonnen⸗Koͤpſchen halb erhebend, jetzt leiſe an, und wollte fortfahren, ihre wohlgeſetzte Anrede zu probiren, aber ſie blieb ſtecken; ſie wußte kein Wort mehr. Sie ſann und ſann, aber man haͤtte ihr mit Verluſt des Lebens drohen koͤnnen, ſte hatte Alles vergeſſen, Alles rein vergeſſen. Sie ſchob die Schuld dieſer entſetzlichen Zerſtreuung auf ihre Angſt, auf die Neuheit ihrer Umgebungen, auf den Rieſenſpiegel; aber dieſer ſtumme Diener der Wahrheit ſtrafte ſie Luͤgen, denn er zeigte ihr in ihrem Blick etwas Ueberfreudiges, etwas Trunkenes, etmas, was noch nie darin gelegen — 46— hatte. Sollte der junge Hofrath daran Schuld?— aber wie konnte der ſie aus ihrem Concepte gebracht haben! Was ging ſie der ganze Hofrath an! und doch— ſie mochte ſich noch ſo viel zwingen, an die Frau Miniſterin zu denken, immer ſtand auf dem Flecke, wo ſie ſich Ihre Excellenz dachte, um an dieſe ihre Anrede zu richten, der junge ſehr huͤbſche Mann, der in ſeinem Anſtande, in ſeinem Tone, in ſeinem ganzen Betragen ſo viel Feines, ſo viel Gutes, Herz⸗ liches, und auf der andern Seite wieder ſo viel Ern⸗ ſtes— aber Gott, er mußte den Augenblick kommen, um ſie zur Miniſterin abzuholen, und ſie wußte noch kein Wort von dem, was ſie ſich ihr zu ſagen aus⸗ ſtudirt hatte. Sie ſprang, um geſchwind noch ein⸗ mal wieder anzufangen, einige Schritte zuruͤck, ging mit maͤdchenhafter Sittigkeit auf den, die Miniſte⸗ rin vorſtellenden Spiegel zu, machte ihre zwei, dies⸗ mal ganz vorzuͤglich gelungenen tiefen Verbeugun⸗ gen, hob das zweimal ſchon begonnene:„Ihre Ex⸗ cellenz erlauben gnaͤdigſt,“ zum dritten Male an, und ſtieß einen halb lauten Schreckſchrei aus, denn hinter ſich erblickte ſie im Spiegel einen großblumi⸗ gen Schlafrock und eine hohe Federmuͤtze, und zwi⸗ ſchen beiden ein altes Geſicht, in hundert kleine Lach⸗ falten verzerrt. Im Nu war das Spiegelbild ver⸗ ſchwunden; ſie drehte ſich raſch um; kein Meuſch war im ganzen Zimmer. Der Hofrath trat aus der Seitenthuͤre.„Die Frau Miniſterin Excellenz,“ hob er mit einem Ge⸗ ſichte an, aus dem das in der Menſchenkenntniß noch ganz un konnte, die ang tiefen U wuͤrde, Begriff, Mamſe — beha das Tod len ſchit thigen, vor, un ſens ſich Alles g ſelbſt m geſchwir ein— gegeben tigen 2 daher, Das vorhini ſelbſt, j Maͤdche jetzt ſah aus vor ſchimme weilen Wange Zuͤge kr duld?— gebracht n! und an die auf dem an dieſe Mann, ſeinem s, Herz⸗ hel Ern⸗ ommen, ßte noch gen aus⸗ loch ein⸗ ick, ging Miniſte⸗ ei, dies⸗ beugun⸗ Ihre Ex⸗ Nale an, us, denn oßblumi⸗ und zwi⸗ eine Lach⸗ lbild ver⸗ Menſch e.„Die inem Ge⸗ tniß noch — 42— ganz unbewanderte Maͤdchen nicht recht klug werden konnte, in dem aber der geuͤbtere Phyſiognomiker die angeſtrengteſte Muͤhe, den Ausbruch inneren tiefen Unwillens zu gewältigen, bald bemerkt haben wurde,„die Frau Miniſterin Excellenz, eben im Begriff, ausfahren zu muͤſſen, bedauern recht ſehr, Mamſell Auerſtaͤdt heute nicht annehmen zu koͤnnen — behalten ſich aber,“ log er, um das Mäadchen, das Tod oder Leben von ſeinen Lippen leſen zu wol⸗ len ſchien, nicht mit einemmale zu ſehr zu entmu⸗ thigen, dazu,„dies Vergnuͤgen fuͤr ein ander Mal vor, und haben mir“— es war, als ſchlage ihn Lui⸗ ſens ſichtbarer Kummer, den Gang, von dem ſie Alles gehofft, doch vergeblich gemacht zu haben, ſelbſt mit nieder, und als falle das, was er nun noch geſchwind hinzufuͤgte, ihm erſt in dieſem Augenblicke ein—„und haben mir den angenehmen Auftrag gegeben, Ihnen einen kleinen Beweis ihrer aufrich⸗ tigen Theilnahme einzuhaͤndigen. Ich bitte Sie daher, ſich gefaͤlligſt herunter zu bemuͤhen.“ Das war ein kurioſer Menſch, der Herr Hofrath! vorhin die Freundlichkeit, das lebendigſte Mitgefuͤhl ſelbſt, jetzt faſt ſtoͤrrig und kalt; vorhin hatte er das Maͤdchen mit den Augen beinahe aufſaugen wollen, jetzt ſah er es gar nicht an, ſondern entweder gerade aus vor ſich hin, oder nieder zur Erde. Vorhin ſchimmerte mitten durch die ernſte Amtsmiene zu⸗ weilen ein ſcherzhaftes Laͤcheln, was der bluͤhenden Wange recht gut ſtand; jetzt im ganzen Geſichte alle Zuͤge krampfhaft verſtoͤrt, und ſtatt des Bluts, was — 48— ihm vorhin die Wange geroͤthet, war es, als haͤtte die Galle ſie ihm mit ihrem bittern Gelb uͤbergoſ⸗ ſen. Er ging voran, die Treppe hinab, ohne ein Wort zu ſprechen, hieb mit der Rechten zwei Mal durch die Luft von oben herunter, und ſchnippte da⸗ zu mit den Fingern. Unten an der Treppe erſuchte er Luiſen, ein we⸗ nig zu verziehen, und ging eiligen Schrittes in ei⸗ nen langen Gang, wahrſcheinlich nach ſeinemgimmer. Einige Minuten darauf kehrte er, etwas heite⸗ ren Geſichts, wieder zuruͤck, haͤndigte ihr einen an den Vater Auerſtaͤdt adreſſirten, unverſiegelten Um⸗ ſchlag ein, und ſetzte mit der vorigen, jetzt allmäͤh⸗ lig wiederkehrenden Gutmuͤthigkeit, die aber vor einer Art von angſtlicher Befangenheit nicht recht aufkommen zu köoͤnnen ſchien, hinzu, daß die Frau Miniſterin fuͤr beikommende Kleinigkeit ſich durch⸗ aus allen Dank verbitte, und ſie wuͤrde in allem Ernſt recht ungehalten werden, wenn der Herr Ar⸗ chivar, oder ſonſt Jemand aus der werthen Fa⸗ milie, ſich dieſerhalb an ſie oder ihren Gemahl muͤnd⸗ lich oder ſchriftlich, mit einer Dankadreſſe wenden wuͤrde. Die Frau Miniſterin waͤren ein Muſter ſtiller Tugenden, und in ihren Augen verliere das Gute all' ſeinen Werth, wenn davon ein Dritter erfahre. Was die Linke thue, brauche die Rechte nicht zu wiſſen; und hier wuͤnſche ſie, unter der Rechten figuͤrlich den Herrn Miniſter verſtanden zu wiſſen. Schließlich aber bitte ſte Mamſell Auerſtaͤdt, ſich mit jedem erſten Tage des Monats hierher zu ihm, de von der abzuhol Er ſ der Fra haben. Luiſ rer Han ſo trenn nahm, Miniſte Verpflie Sie Mutter ſchon au kleinen ſchlag; auch vo allein— vorgekon war es ſchaͤmen das nich viel mir ſtieg in wirklich ter aller druͤcklich zu ſagen etwas re loſes ſer gar nich kurz, ſie Claure 1s haͤtte uͤbergoſ⸗ ohne ein bei Mal ppte da⸗ ein we⸗ s in ei⸗ zimmer. s heite⸗ einen an ten Um⸗ allmäh⸗ ber vor cht recht die Frau ch durch⸗ in allem Herr Ar⸗ hen Fa⸗ ol muͤnd⸗ wenden Muſter iere das Dritter e Rechte uter der anden zu uerſtaͤdt, jerher zu ihm, dem Hofrathe, zu bemuͤhen, um von ihm das von der Frau Miniſterin fuͤr den Vater Beſtimmte abzuholen. Er ſchien von Herzen froh zu ſeyn, die Auftraͤge der Frau Miniſterin alle gluͤcklich herausgebracht zu haben. Luiſe ſtand vor Freude, nun doch nicht mit lee⸗ rer Hand nach Hauſe zu kommen, auf Kohlen, und ſo trennten ſich Beide ſo eilig, daß ſie ſich kaum Zeit nahm, den Herrn Hofrath zu bitten, der Frau Miniſterin die Verſicherung ihrer tiefgefühlteſten Verpflichtung zu Fuͤßen zu legen. Sie flog mehr, als ſie ging, und uͤberreichte der Mutter, die mit tauſend Angſt und Sorge lange ſchon auf ſie gewartet hatte, unter Erzaͤhlung ihrer kleinen Fata, den vom Hofrath ihr zugeſtellten Um⸗ ſchlag; ſie hatte unterwegs ſich zwar vorgenommen, auch vom Hofrath ſelbſt dies und jenes zu erzahlen, allein— Aehnliches war ihr im Leben noch nicht vorgekommen— als ſie davon anfangen wollte— war es Schaam— doch woruͤber häͤtte ſie ſich hier ſchaͤmen ſollen;— oder meinte ſie, die Mutter werde das nicht intereſſiren— doch ſie hatte ihr ſonſt wohl viel minderwichtige Kleinigkeiten mitgetheilt— oder ſtieg in ihr der Gedanke auf, daß die Mutter doch wirklich nicht Alles zu wiſſen brauche, und daß un⸗ ter allen zehn Geboten doch keins ſey, welches aus⸗ druͤcklich vorſchriebe, der Mutter Alles und Jedes zu ſagen, und daß eine kleine Heimlichkeit zu haben, etwas recht Huͤbſches und au ſich etwas ganz Schuld⸗ loſes ſey, und daß an der ganzen Sache eigentlich gar nichts, gewiß und wahrhaftig gar nichts ſey;— kurz, ſie erwähnte des Hofraths nur im Vorbeige⸗ Clauren Schr. LXXVI. hen, und nur in ſo fern, als er in ihre Geſchichte mit der Frau Miniſterin unausweichlich gehoͤrte, und ſelbſt da— ſie mußte ſich aber recht zuſammen⸗ nehmen, das Alles mit der hoͤchſten Unbefangenheit abzumachen— zwang ſie ſich, ſo gleichguͤltig zu ſchei⸗ nen, daß die Mutter, die mit ihren klaren, verſtaͤn⸗ digen Augen ſonſt meilenweit ſah, den in Luiſens Erzaͤhlung abſichtlich nur zweimal vorkommenden Hofrath fuͤr eine untergeordnete Nebenperſon hielt, und nicht im Entfernteſten ahnete, daß er, was in⸗ deſſen Luiſe ſelbſt ſich noch nicht recht klar gemacht hatte, eigentlich der Held des heutigen Stuͤckes war. Das Maͤdchen, das— wenn die Mutter nur den leiſeſten Verdacht gefaßt— von ihr uͤber den jungen Mann bis auf den Grund ausgefragt worden waͤre, freute ſich im Geheimen ihres feinen Spiels, auch wieder, ohne recht genau zu wiſſen, daß und warum ſie ſich freute; aber ſie war froh, uͤber den Hofrath ſo leichten Kaufs weggekommen zu ſeyn, denn uͤber ihn mit Jemand zu ſprechen, der ihn gar nicht kannte, wäre ihr nicht moͤglich geweſen. Eine recht genaue Beſchreibung von ihm zu liefern, das, was ſie Alles von ihm und uͤber ihn dachte und nicht dachte, uͤber die Lippen zu bringen, waͤre ſie um kei⸗ nen Preis im Stande geweſen, und einem Dritten, der ihr Entzuͤcken nicht theilte, der mit der Kaͤlte eines Eiszackens da ſaß, und fuͤr den der gute, ehr⸗ liche Hofrath nicht das geringſte Intereſſe haben konnte, viel von ihm vorſchwatzen zu muͤſſen, waͤre ihr in dieſem Augenblicke, wo das Herz ihr uͤbervoll war, halbe Galeeren⸗Straſe geweſen. In deinem Bettchen, meinte ſie im Stillen bei ſich ſelbſt, willſt du dir da da kannſt behorcht u dich kein? du ihn di an ſeine L ſeelenvolle dir bis at wie er, al laͤchelnd u deine Hal daß du da einen Za „Aber ſend,„hi ich Dich, hin, und ſtarrſt au ſiehſt nich Und d Luiſens Stirn; ſ auf, und jetzt die E that ihr ſens gew willen. gen von ſie herabf erſten Lit ſuͤße Ver in ſeiner befand, Geſchichte gehoͤrte, iſammen⸗ angenheit g zu ſchei⸗ , verſtaͤn⸗ n Luiſens mmenden ſon hielt, „was in⸗ r gemacht Stuͤckes enur den en jungen rden waͤre, lels, auch nd warum n Hofrath denn uͤber gar nicht Eine recht das, was und nicht ſie um kei⸗ Dritten, der Kaͤlte gute, ehr⸗ eſſe haben ſſen, waͤre ör uͤbervoll In deinem lbſt, willſt — 51— du dir das Alles ſchon ganz ausfuͤhrlich zerdenken; da kannſt du mit ihm und mit dir ſelbſt reden, da behorcht und belauſcht dich Niemand; da belaͤſtigt dich kein Menſch mit peinlichen Fragen, da kannſt du ihn dir malen, wie er da ſtand, und deine Hand an ſeine Lippen zog, und dir mit dem freundlichen, ſeelenvollen Blicke in das Auge ſah, als wollte er dir bis auf den Grund des Herzens ſchauen, und wie er, als du ihm in ſeine großen ehrlichen Augen laͤchelnd und mit unbeſchreiblichem Behagen ſahſt, deine Hand an ſein Herz druͤckte, ſo dicht druͤckte, daß du das kleine Ding ſchlagen hoͤren konnteſt, wie einen Zainhammer, und wie er— „Aber Luiſe,“ ſagte die Mutter ſanft verwei⸗ ſend,„hoͤrſt Du denn gar nicht? Dreimal rufe ich Dich, und halte Dir das Umſchlag⸗Papier hier hin, und fordere Dich auf, hineinzuſehen, und Du ſtarrſt auf Einen Fleck vor Dir hin, und hoͤrſt und ſiehſt nicht! was haſt Du denn in Deinem Kopfe?“ Und der Purpur der jungfraͤulichen Schuld faͤrdte Luiſens Lilien⸗Sammet von der Achſel bis zur Stirn; ſie fuhr, wie aus einem Traume erwachend, auf, und wurde nur noch roͤther, denn ſie fuͤhlte jetzt die Gluth, die ſich uͤber ſie ergoſſen, und doch that ihr dieſe kleine Strafe ihres ſich Selbſtvergeſ⸗ ſens gewiſſermaßen gut; ſie litt ſie ja um ſeinet⸗ willen. Es war ihr, als laͤge ſie unter einem Re⸗ gen von Roſenblaͤttern, die aus ſeiner Hand auf ſie herabfielen. Nur wer ſich der Regungen ſeiner erſten Liebe noch deutlich erinnern kann, wird die ſuͤße Verlegenheit des Madchens ermeſſen, das ſich in ſeiner holden Verwirrung, wie in einem Netze befand, in das es ſich immer tiefer verwickelte, je 5* — 52— mehr es ſich beſtrebte, ſich gar nicht merken zu laſ⸗ ſen, daß es gefangen ſey. Die Mutter, der eine Erſcheinung der Art an Luiſen ganz neu war, ſah ſie eine Weile ſchweigend mit einem ſo forſchenden Blicke an, daß auf des rei⸗ zenden Maͤdchens Wange die Rosa alba incarnata, welche bekanntlich zu den blaͤſſern Gattungen ge⸗ hoͤrt, ſich blitzſchnell in die dunkelrothe airo purpurea verwandelte, und Mutter Auerſtädt kopfſchuͤttelnd ihr verſicherte, ſo zerſtreut und ſo ganz ſonderbar ſie in ihrem Leben noch nicht geſehen zu haben. Im erwaͤhnten Umſchlage⸗Papier befanden ſich fuͤnf und zwanzig Rthlr. in Staatspapieren, und die Aufforderung der Frau Miniſterin, dieſen Be⸗ trag monatlich abzuholen, und die Beſcheidenheit der huldreichen Geberin, die fuͤr dieſe betraäͤchtliche Unterſtuͤtzung nicht einmal von einem Danke wiſ⸗ ſen wollte, ſetzte die Mutter, die von dem, ihre kuͤhnſten Erwartungen weit uͤbertreffenden, gluͤckli⸗ chen Erfolge ihres klugen Einfalls hoͤchlich entzuͤckt war, in billiges Erſtaunen. 11. Verdruͤßlicher, als er gegangen, kam Vater Auer⸗ ſtaͤdt nach Hauſe. Der Kanzlei⸗Inſpektor Feder, einer ſeiner freundlichſten Glaͤubiger, der ihm ein kleines Kapital mehrere Jahre lang ohne alle Zin⸗ ſen vorgeſchoſſen hatte, war, ſelbſt in dringender Ver⸗ legenheit, ihm ſo eben auf dem Heimwege begegnet, und ihatte ihn inſtaͤndigſt erſucht, ihm auf ſeine alte Forderung eine Kleinigkeit von wenigſtens zwanzig Rthlr. zuruͤckzuzahlen, wogegen er ihm mit dem Reſte gern noch ein Jahr und laͤnger Zeit laſſen wolle. „Sieh wiſchte ſ October⸗ getrieben das ſind verſproch lichen alt nicht nei gegen m Stiche la und nich den meir ein Ding mir denn geben!“ mit verb ſollen nie Gerechte! Dich rul tel, uns nie unter ſer zuwe „Vie parodirer aus der Rettung mer gut muͤſſen n „Faſt in dem? dem To⸗ zu Dir ſ trus, al ken zu laſ⸗ er Art an ſchweigend uf des rei⸗ incarnata, ungen ge⸗ purpurea ſchuͤttelnd ſonderbar haben. anden ſich eren, und dieſen Be⸗ cheidenheit etraͤchtliche Danke wiſ⸗ dem, ihre n, gluͤckli⸗ ch entzuͤckt zater Auer⸗ tor Feder, er ihm ein e alle Zin⸗ ender Ver⸗ ebegegnet, ſeine alte s zwanzig mmit dem Zeit laſſen — 55— „Sieh', Mutter,“ ſagte er bekuͤmmert, und wiſchte ſich den Schweiß ab, den ihm am kuͤhlen October⸗Abende die Angſt auf die gluͤhende Stirn getrieben hatte:„Sieh', das ſind Ehrenſchulden, das ſind die allerdruͤckendſten; ich habe zu zahlen verſprochen; auf morgen fruͤh habe ich meinem ehr⸗ lichen alten Feder ſein Geld zugeſichert; ich konnte nicht nein ſagen, der Mann iſt immer gar zu gut gegen mich geweſen; ich kann ihn jetzt nicht im Stiche laſſen, ich kann nicht! Aber woher nehmen, und nicht ſtehlen? Ich verſetzte mir tauſend Freu⸗ den meine ſilberne Uhr, aber man kauft la jetzt ſo ein Ding nur fuͤr vier bis fuͤnf Thaler: was kann mir denn der Pfandleiher fuͤr die alte Butterbuͤchſe geben!“—„Laß gut ſeyn,“ hob Mutter Auerſtädt mit verbiſſenem Lachen an,„wir armen Menſchen ſollen nicht ſorgen fuͤr den andern Morgen. Dem Gerechten iſt der Herr mit feiner Huͤlfe nah. Setze Dich ruhig zu Tiſch; vielleicht findet ſich ein Mit⸗ tel, uns aus der Noth zu helfen; wir ſind ja noch nie untergegangen, wenn uns auch ſchon das Waſ⸗ ſer zuweilen bis an der Kehle geſtanden.“ „Vielleicht, vielleicht,“ entgegnete der Alte, ſie parodirend;„vielleicht auch nicht. Wer ſoll uns aus der Noth helfen! Ich ſehe morgen ſo wenig ein Rettungsmittel, als heute. Ihr Weiber habt im⸗ mer gut reden; wenn es aber zum Treffen kommt, muͤſſen wir vor dem Riß ſtehen!“ „Faſt mochte ich,“ erwiederte Mutter Auerſtaͤdt, in dem Augenblick, als er die Serviette ergriff, mit dem Tone laäͤchelnden Verweiſes,„faſt moͤchte ich zu Dir ſagen, wie der Heiland, unſer Herr, zu Pe⸗ trus, als dieſer auf des Meeres Spiegel wandeln — 54— ſollte, und vermeinte, zu Grunde zu gehen: Du Kleinglaͤubiger, warum zweifelteſt Du?“ „Was iſt das!“ rief der Archivarius, als er unter der Serviette die miniſterielle Beſcherung rund herum auf dem Teller zierlich ausgelegt fand, ganz außer ſich vor Verwunderung; und Mutter Auerſtaͤdt, uͤbergluͤcklich, den Mann ſo vollſtaͤndig uberraſcht, und ihm einen neuen Beweis gegeben zu haben, daß die Frauen, wenn ſie nur wollen, und nach ihrem Kopfe handeln duͤrfen, das vorge⸗ ſteckte Ziel in der Regel immer erreichen, erzaͤhlte nun umſtandlich, wie ſie den Plan, die Frau Mi⸗ niſterin in ihr Intereſſe zu ziehen, heimlich eut⸗ worfen, und wie dieſen Luiſe ſogleich waͤhrend ſei⸗ ner Abweſenheit mit lobenswerther Gewandtheit ausgefuͤhrt habe; ſetzte die Seelengroͤße der edlen Frau Miniſterin durch die Erwaͤhnung deren Zuſi⸗ cherung eines monatlichen Zuſchuſſes von gleichem Betrage, in ihr volles Licht, und forderte Luiſen auf, dem Vater Alles, wie es ſich im Miniſterhauſe zugetragen, von Anfang bis zu Ende, recht aus⸗ fuͤhrlich zu berichten. „Und Ihr meint,“ platzte der Archivar, ohne Luiſens procès verbal abzuwarten, bitterboͤſe her⸗ aus,„daß ich das Almoſen annehmen werde? Da kennt ihr den alten⸗Auerſtaͤdt ſchlecht. Betteln haſt Du das Maͤdcheu geſchickt. Weiter nichts; das kann jede Tagloͤhners⸗Frau draußen am Ende der Vorſtadt auch, die ſchickt auch ihre Kinder in die Haͤuſer auf die Bettelei aus; und ſelbſt die thut es nicht einmal, wenn ſie ihre Kinder lieb hat. Auf den Einfall darfſt Du Dir alſo nicht viel zu gute thun. Und Du, Luiſe— ich will es zwar von Dir, wie von zu mir und Dir daß Du gen biſt hen. C. ben. 2 Frau. Willen bei der nicht ſe uͤbrig, willen, die Th gleich Leute da haͤtt ten⸗W ken un fen, u deren? daß ſie gewußt ſtecken. gemuͤn leicht genug mir a chen 8 ſagon die gn dem F haͤßlich den: Du „ als er eſcherung egt fand, Mutter ollſtaͤndig gegeben r wollen, as vorge⸗ erzaͤhlte frau Mi⸗ nlich ent⸗ )rend ſei⸗ vandtheit der edlen eren Zuſi⸗ gleichem te Luiſen iſterhauſe echt aus⸗ dar, ohne rboͤſe her⸗ erde? Da etteln haſt hts; das Ende der der in die die thut hat. Auf l zu gute von Dir, — 55— wie von der Mutter, als einen Beweis Eurer Liebe zu mir anſehen, daß Ihr die unſelige Idee gehabt, und Dir, mein Kind, es als Gehorſam anrechnen, daß Du, der Mutter zu gefallen, den Gang gegan⸗ gen biſt; aber eigentlich mußteſt Du ihn nicht ge⸗ hen. Erſt die Ehre, dann die Liebe, dann das Le⸗ ben. Morgen fruͤh trage ich die Papiere da zur Frau Miniſterin, und danke ihr fuͤr ihren guten Willen, ob der mir zwar auch noch nicht recht klar bei der Sache iſt, denn die gute Frau iſt doch ſonſt nicht ſo ſpendirlich; auch hat ſie es gar nicht ſo übrig, daß ſie, um Deiner Paar angebrachten Worte willen, ſelbſt wenn, wie ich gar nicht bezweifeln will, die Thraͤnen⸗Schleuſen dazu aufgeſchuͤtzt geweſen, gleich jaͤhrlich dreihundert Rthlr. an ſteinfremde Leute wegwerfen koͤnnte. Saͤße ſie ſo im Vollen, da haͤtten lange ein Paar Schock Subaltern⸗Beam⸗ ten⸗Weiber, deren Maͤnner alle nicht viel zu brok⸗ ken und zu beißen haben, ſich ihr zu Fuͤßen gewor⸗ fen, und haͤtten ihr mit dem ganzen Kindertroß, deren Name Legion heißt, die Ohren ſo voll geheult, daß ſie von Gelde gekommen waͤre, ſie haͤtte nicht gewußt, wie; alſo da muß etwas Anderes dahinter ſtecken. Auf mich und Dich, Mutter, kann es nicht gemuͤnzt ſeyn; aber Luiſens glattes Geſicht— viel⸗ leicht hat man Dich zu einer Kammerjungfer gut genug gefunden, und mit dieſem Gelde hier Dich mir abkaufen wollen; das Verſprechen der monatli⸗ chen Zulage von gleichem Betrage iſt dann eine bloße façon de parler geweſen; das kennt man ſchon; oder die gnaͤdigſte Frau vermeinen, ihrem alten Freunde, dem Hofmarſchall, der hübſche Maͤdchen lieber hat, als haͤßliche, eine kleine Abwechſelung zu machen, oder—“ — 56— „Mann, Mann,“ unterbrach den Eifernden die ſanftere Frau,„laß Dich von Deinen falſchen An⸗ ſichten nicht zu Ungerechtigkeiten verleiten; Du brichſt da den Stab uͤber Menſchen, die Dich mit Wohlthaten uͤberhaͤufen, und thuſt ihnen himmel⸗ ſchreiendes Unrecht; die verehrungswuͤrdige Frau Miniſterin hat Luiſen nicht mit Augen geſehen, folglich kann deren glattes Geſicht, wie Du es nennſt, keinen Einfluß gehabt haben— hoͤre doch nur Lui⸗ fen ſelbſt, und dann urtheile.“ „Mag nichts weiter von der Sache hoͤren,“ ver⸗ fetzte Vater Auerſtäͤdt mit ſich allmaͤhlig ſchon wie⸗ der verziehendem Aerger.„Thut mir den Gefallen, und ſprecht mir nicht weiter davon.— Lehrt mich meine Leute doch nicht kennen.— Die Frau Mini⸗ ſterin mir fuͤr nichts und wider nichts jährlich drei⸗ hundert Rthlr.! Doch— auch ich will mir das Blut weiter daruͤber nicht warm reden. Ich trage ihr hier das Geld morgen fruh hin, und damit Punk⸗ tum; und— fuͤr Freund Feder wird auch Rath werden! und iſt dieſer nicht bei Gott und Menſchen zu ſuchen, ſo finde ich ihn gewiß bei'm Juden fuͤr chriſtliche Zinſen. Der lange Nathan hat mich oft gefragt, ob wir nicht machen wollen miteinander ein Geſchaͤftchen; nun da wollen wir machen ein⸗ mal ein Geſchaͤftchen, und ich werde geben acht per Cent, und wenn's hoch kommt, zehn per Cent. Das macht bei zwanzig Thalern kein Königreich aus. Wenigſtens druͤcken mich die zehn Procent nicht halb ſo ſehr, als die verdaͤchtige Gnade der Frau Miniſterin, Vier konnten Mut kopf, ih die jäͤhr verbeſſer ſie ſein ſchlug, niſterin zu mach erſte, d ſank, de Zeit, wenn er und nuͤ ten gen Ma Hintan einbilde Menſch rin wi hatte ſi Zartgef nach de niſſe ge und ih ſtimmt laſſen. jedem Almoſe gar zu halb la nden die ſcchen An⸗ en; Du Dich mit himmel⸗ ge Frau geſehen, nennſt, nur Lui⸗ n,“ ver⸗ don wie⸗ zefallen, jrt mich Mini⸗ ich drei⸗ as Blut age ihr t Punk⸗ h Rath tenſchen den fuͤr nich oft nander en ein⸗ icht per t. Das h aus. t nicht r Frau — 52— 12. Vier Menſchen wollten dieſe Nacht ſchlafen, und konnten nicht. Mutter Auerſtädt, vor Aerger uͤber den Trotz⸗ kopf, ihren Matthaͤus, der ſeine mißliche Lage durch die jährlichen dreihundert Rthlr. mit einemmale verbeſſert ſehen konnte, aus falſchem Stolze, wie ſie ſein Gefuͤhl nannte, das Gebotene aber aus⸗ ſchlug, und noch obenein Gefehr lief, die Frau Mi⸗ niſterin ſich dadurch fuͤr immer und ewig zum Feinde zu machen; doch war ſie unter den uͤbrigen noch die erſte, die dem erquicklichen Morpheus in die Arme ſank, denn ſie troͤſtete ſich mit dem Motto: Kommt Zeit, kommt Rath, und meinte, daß der Mann, wenn er die Sache beſchlafen, und morgen ruhig und nüchtern uͤberdacht habe, wohl andere Anſich⸗ ten gewinnen werde. Matthaͤus, vor Aerger uͤber die Großen, die, mit Hintanſetzung aller Schonung des Ehrgefuͤhls, ſich einbilden, ihr liebes Geld ſey allein hinlaͤnglich, die Menſchen gluͤcklich zu machen. Nahm die Miniſte⸗ rin wirklich Theil an ſeiner bedraͤngten Lage, und hatte ſie für Leute geringeren Standes nur einiges Zartgefuͤhl, ſo mußte ſie ihn, ſo meinte Matthaͤus, nach dem, was ſie von Luiſen uͤber ſeine Verhaͤlt⸗ niſſe gehoͤrt, kommen laſſen; ſie mußte ihn ſprechen, und ihm das, was ſie ihm als Unterſtuͤtzung be⸗ ſtimmte, auf eine weit delikatere Weiſe zufließen laſſen. Aber in ihrer Anordnung, daß Luiſe mit jedem erſten des Monats hinkommen, und ſich ihr Almoſen abholen ſollte— nein, das kam ihm doch gar zu deſpektirlich vor. Er ſchimpfte— aber nur halb laut, denn im naͤchſten Zimmer lag die Mutter — 53— mit den juͤngern Kindern, und die Thuͤre zwiſchen beiden Gemaͤchern war halb geoͤffnet— er ſchimpfte auf die verwünſchte Manier, einen Staatsbeamten ſeines Ranges, einen Geheimen⸗Archivar, dem der Monarch die wichtigſten Haus⸗ und Staats⸗Doku⸗ mente anvertraue, ſo herabwuͤrdigend zu behandeln, zerſann ſich über hundert Möglichkeiten, welche der fuͤr mehr als oͤkonomiſch bekannten Miniſterin Ver⸗ anlaſſung geweſen ſeyn könnten, eine ſo bedeutende Unterſtuͤtzungsſumme zu beſtimmen; bruͤtete zehn Entwuͤrfe zu der Anrede aus, mit der er morgen der ihm raͤthſelhaften Excellenz ihre fuͤnf und zwan⸗ zig Rthlr. wiedergeben wollte, verwarf ſie alle zehn wieder, weil ſie bald zu rund, bald zu ſpitzig, bald zu kurz, bald zu lang, bald zu hoͤflich, bald zu grob klangen, und waͤrmte am Ende das dieſen Abend ſchon uͤbergelaufene Gift uͤber die Dummheit ſeiner ſich ſuperklug duͤnkenden Frau, und uͤber Luiſens Albernheit, wieder auf, denn dieſe waren an ſei⸗ nem heutigen Aerger, und an ſeinem morgigen, ihm hoͤchſt fatalen Gange, doch einzig und allein Schuld. Luiſe, vor Aerger uͤber ſich ſelbſt, und uͤber den Vater und uͤber den Hofrath, ſie hatte— nein, ſie entſann ſich jedes Worts, was ſie geſprochen, jetzt ganz genau— ſie hatte dem Hofrathe fuͤr die vie⸗ len Bemuͤhungen, die er ſich um ihretwillen ge⸗ macht, nicht ein mal gedankt. Was mußte der junge Mann von ihr denken! Sie haͤtte ihn platterdings erſuchen muͤſſen, den Eltern bald einmal die Ehre ſeines Beſuchs zu ſchenken— auch das hatte ſie ver⸗ ſaͤumt! Alles, was ſie ihm von des Vaters Lage und von dem Druͤckenden ihrer Verhaͤltniſſe geſagt, war ge ehe ſie viel fre ſelbſt i Augen, mißfall Miniſt delt ge! er ſich dumm es der dem A haͤtte wieder zu ihn mal v Liebes auch u Mutt waͤren er häͤ urthe ja der und i ihre Male dort, Aben lieber rath erzaͤl ſes i lich zwiſchen ſchimpfte sbeamten dem der ts⸗Doku⸗ ehandeln, belche der erin Ver⸗ deutende tete zehn morgen nd zwan⸗ alle zehn tzg, bald bzu grob en Abend eit ſeiner Luiſens n an ſei⸗ norgigen, ud allein uͤber den nein, ſie den, jetzt die vie⸗ illen ge⸗ der junge terdings die Ehre e ſie ver⸗ ers Lage 2 geſagt, — 59— war gewiß recht einfaͤltig herausgekommen, denn ehe ſie mit ihm uͤber das Alles geſprochen, war er viel freundlicher geweſen; ſie ſchien ihm— ſie nahm ſelbſt im Finſtern den Zipfel ihres Kiſſens vor die Augen, als ſie das ſich ſagte— ſie ſchien ihm nicht mißfallen zu haben, aber ſpaͤterhin, als er von der Miniſterin zuruͤckkam, war er doch wie umgewan⸗ delt geweſen— finſter und einſylbig; beſtimmt hatte er ſich waͤhrend der Zeit Alles uͤberlegt, was ſie fuͤr dummes Zeug durch einander geſchwatzt, und nun es der Muͤhe nicht mehr werth gehalten, ſich mit dem Archiv⸗Gaͤnschen weiter viel abzugeben. Sie haͤtte die Hoffnung gehabt, das Alles in Kurzem wieder gut zu machen, denn monatlich hatte ſie ja zu ihm kommen ſollen; da haͤtte ſie ſich dann jedes⸗ mal vorher recht genau uͤberlegt, was ſie ihm alles Liebes und Gutes ſagen wollen; ſie haͤtte ihn dann auch noch nachträglich gebeten, dem Vater und der Mutter die Freude ſeines Beſuchs zu goͤnnen, ſie waͤren dann bekannter mit einander geworden, und er haͤtte das wahrſcheinlich gegen ſie gefaßte Vor⸗ urtheil nach und nach ſchwinden laſſen; aber da war ja der Vater! der wollte morgen zur Miniſterin, und ihr das Geld wieder geben; natuͤrlich fiel nun ihre Hoffnung auf die Monats⸗Gaͤnge mit einem Male in den Brunnen— doch, was ſollte ſie auch dort, bei dem Hofrath!— Der Garde⸗Major heute Abend, hatte der nicht zu ihm geſagt: gute Nacht, lieber Steinau!— beſtimmt war das alſo der Hof⸗ rath Steinau, von dem heute Mittag der Vater erzaͤhlt, daß eine arme Verwandte des Miniſterhau⸗ ſes ihm zur Gattin aufgeſchwatzt ſey.— Wahrſchein⸗ lich— ganz gewiß war dieſe mit im Zimmer der — 69— Excellenz geweſen, und hatte ſeinen Vortrag mit angehoͤrt, und ihm— der wackere Menſch mochte wohl mit ganz beſonderer Herzlichkeit und Waͤrme fuͤr die Bittſtellerin geſprochen haben, ſonſt haͤtte die Frau Miniſterin eine ſo hohe Unterſtuͤtzungs⸗ Summe ſicherlich nicht angewieſen— über ſein gar zu warmes Intereſſe fuͤr die Mamſell Auerſtaͤdt, einige befremdliche Redens⸗Arten hingeworfen, und dieſe waren unbezweifelt die eigentliche Urſache, daß er ſo ganz anders aus der Miniſterin Zimmer ge⸗ kommen, als er hineingegangen war. Aber das war ihm ſchon recht; wie konnte er ſich auch die Miniſter⸗Couſine aufſchwatzen laſſen. Ohne Frage war das Subjekt alt und ſchmucklos, denn ſonſt haͤtte ſie wohl, als die Verwandte des hochgeſtellten Premier⸗Miniſters, zehn andere Partieen machen koͤnnen, und nicht noͤthig gehabt, ſich zu dem buͤr⸗ gerlichen Steinau herab zu laſſen. Aber der junge ſehr huͤbſche Steinau haͤtte auch nicht noͤthig gehabt, ſich mit dem alten miniſteriellen Anhaͤngſel zu be⸗ faſſen; der haͤtte— man durfte ihm nur in die großen ehrlichen Augen ſehen, um ihm gut zu wer⸗ den, und der melodiſche Ton ſeiner maͤnnlich ſchoͤ⸗ nen Stimme, das Feine in ſeinem ganzen Aeußern, das Biedere, das Ehrenfeſte in ſeinem Betragen— zehn, hundert der ſchoͤnſten und reichſten Maͤdchen im ganzen Lande haͤtte der nur fragen duͤrfen, und ſie haͤtten Alle Ja geſagt. Und ſtatt deſſen laͤßt er ſich ein zahnloſes, haͤßliches Ding zur Frau auf⸗ ſchwatzen, die ihm, wenn ſie ſo eiferſuͤchtig jetzt ſchon iſt, daß ſie ſeine Verwendung fuͤr ein armes Maͤd⸗ chen uͤbel aufnimmt, das Leben dereinſt zur Hoͤlle machen muß. Verglich er Dich— aber das ſagte ſie ſich halb ver⸗ maͤhlig Seele, Weihra ſelbſtger dem R als er dem ihr te ihn uͤbereilt Doe dem er ken, ur phetiſch ter Au Matth der zur Hardie Miniſt den He Ihrer ein G uͤber d Fräule vor ih gen li Haͤnde Schlof ſich ha Arme den u Liehes rag mit mochte Waͤrme ſt haͤtte izungs⸗ ein gar erſtaͤdt, en, und he, daß ner ge⸗ er das uch die Frage n ſonſt ſtellten machen m buͤr⸗ junge zehabt, zu be⸗ in die u wer⸗ h ſchoͤ⸗ ußern, zen— ͤdchen „ und aͤßt er auf⸗ ſchon Maͤd⸗ Hoͤlle ſagte — 61— ſie ſich ſelbſt nicht laut, das ſchwebte ihr in einer halb verworrenen Idee durch die Schleier der all⸗ maͤhlig ſchon aufſteigenden Traͤume nur vor der Seele, und verdampfte auch gleich wieder mit dem Weihrauch, den ihre kleine Eitelkeit ihr mit den ſelbſtgefälligen Blicken anzuͤndete, die ſie ſich aus dem Rieſenſpiegel geholt hatte— verglich er Dich, als er aus dem Zimmer herauskam, vielleicht mit dem ihm aufgedrungenen alten Fraͤulein, und ſtimm⸗ te ihn das Gefuͤhl, daß er ſich in ſeiner Brautwahl uͤbereilt habe, ſo finſter und muͤrriſch!—— Doch waͤhrend dieſe dreie ſpaͤt nach Mitternacht dem erſehnten Schlafe endlich in die Arme geſun⸗ ken, und in der Zauber⸗Laterne, die ihnen der pro⸗ phetiſche Traumgott vor das innere Auge hielt, Mut⸗ ter Auerſtadt zu ihrer großen Freude ſah, daß ihr Matthaͤus das Papiergeld zur Miniſterin nicht wie⸗ der zuruͤck trug; Matthaͤus aber im Jubel uͤber die Hardieſſe, mit der er ſeine Aufwartung bei der Frau Miniſterin gluͤcklich uͤberſtanden, mit einem frem⸗ den Herrn, der ihn wegen der Grobheiten, die er Ihrer Excellenz geſagt, aus vollem Herzen lobte, ein Gläaͤschen alten Rheinwein trank, und Luiſe uͤber das hinten und vorn buckelige, krummbeinige Fraͤulein von wenigſtens vierzig Jahren, das jetzt, vor ihren eigenen rothgeweinten Augen, dem jun⸗ gen liebenswerthen Steinau, ob er ſich gleich mit Händen und Beinen dagegen ſtemmte, in der Schloßkirche vom Oberhofprediger angekraut ward, ſich halb zu Tode grämte, und beide volle Schwanen⸗ Arme im beängſtigenden Schlafe ausbreitete, um den ungluüͤcklichen Steinau zu retten, und vor der Liebeswuth ſeiner Hyaͤnenbraut unter ihrem Nacht⸗ — 62— Halstuche zu bergen, lag dieſer in ſeinem Bette, und konnte gleichfalls vor Aerger uͤber ſich und an⸗ dere Leute, wie jene dreie vor Mitternacht, auch noch nach derſelben, nicht ſchlafen. Die junge Auerſtaͤdt— war es die Hebegeſtalt des Mädchens, war es das milde Strahlenfeuer ihres geiſtvollen Auges, die blendende Weiße ihres Teints, die fri⸗ ſche Jugendkraͤftigkeit ihres zartgebauten Koͤrpers, oder war es die beſcheidene Demuth geweſen, mit der ſie die rohe Impertinenz des verhaßten Friedrich trug, oder die maͤdchenhafte Schuͤchternheit, die das niedliche Kind unendlich verſchoͤnte— aber ſchon von weitem, als er noch oben an der Treppe, und ſie unten ſtand, hatten die Umriſſe der edeln Figur, der weiche Ton der Stimme, die Anmuth der Be⸗ wegungen, fuͤr ihn ein ganz eigenes, anſprechendes Intereſſe gehabt, und als er nun herunter gekom⸗ men, und die ſchoͤne Fremde naͤher betrachtet, und ſein Auge mit ſtillem Entzuͤcken auf der Roſengluth der Wangen, auf der Lilien⸗Pracht des vor Angſt und Bangigkeit ſich immer hoͤher und hoͤher heben⸗ den Buſen, auf dem Liebreiz der friſchen Koͤrper⸗ fuͤlle, lange verweilt, und ſich im ſanften Blicke ih⸗ rer ſchmachtenden Liebesſterne verloren hatte, da war ihm geworden, wie noch nimmer im Leben.— Sein wuͤrdiger Chef, der ſich ein eigenes Lieblings⸗ Geſchaͤft daraus machte, den jungen talentvollen Mann fuͤr den Dienſt praktiſch zu bilden, hatte ihm bei'm Antritte ſeines Amts, unter manchen beachtungswerthen Regeln, auch die gegeben, dem Bittſteller, weß Standes er auch ſey, mit zuvor⸗ kommender Freundlichkeit zu begegnen, jedoch im⸗ mer etwas Gemeſſenes bei deſſen Behandlung zu beobachte ſteller ur abzulehn ders,“ h ſer Hinſt den Geſ feiner B ten; die len den ten oder ken im men. Kalkuͤl keit jede Kräftigk thaͤtigen thut es entſprech mit zar wohllau freundli nen, in doppelt zu beha rechtlich Mittfl werden. dem A chen get alte Er geſeſſen bittend ren hel Bette, und an⸗ dt, auch 2e junge idchens, iſtvollen die fri⸗ dörpers, en, mit friedrich die das er ſchon de, und Figur, der Be⸗ echen des gekom⸗ ket, und ſengluth r Angſt heben⸗ Koͤrper⸗ gicke ih⸗ tte, da eben.— eblings⸗ ntvollen „ hatte manchen n, dem t zuvor⸗ doch im⸗ lung zu — 65— beobachten, damit das Verhaͤltniß zwiſchen dem Bitt⸗ ſteller und dem, der das Geſuch zu gewaͤhren oder abzulehnen habe, nirgends verletzt werde;„beſon⸗ ders,“ hatte Se. Excellenz geſagt,„hat man in die⸗ ſer Hinſicht dann auf ſich Achtung zu geben, wenn den Geſchaͤftsmann Frauenzimmer von Erziehung, feiner Bildung und empfehlendem Aeußern antre⸗ ten; die Vaͤter, Oheims und Gatten haben zuwei⸗ len den Glauben, daß, wenn ſie ihre Toͤchter, Nich⸗ ten oder Frauen ſchicken, dieſe oft mehr auszuwir⸗ ken im Stande ſeyn ſollen, als wenn ſie ſelbſt käͤ⸗ men. Dies Syſtem mag auf ziemlich richtigem Kalkul beruhen. Es liegt ſchon in der Ritterlich⸗ keit jedes Ehrenmannes, dem bittenden Weibe die Kräftigkeit ſeines Schutzes, ſeiner Hülfe, gern be⸗ thatigen zu wollen. Der Artigkeit des Mannes thut es wohl, den Wunſchen des zweiten Geſchlechts entſprechen zu konnen; und werden dieſe Vuͤnſche mit zartem Anſtande vorgetragen, ſpricht ſie eine wohllautende Stimme aus, lieſ't man ſie in einem freundlich bittenden Geſichte, in einem Paar ſchoͤ⸗ nen, in Thraͤnen ſchwimmenden Augen, ſo iſt es doppelt noͤthig, das Gemeſſene ſeiner Stellung feſt zu behalten, um nicht durch dergleichen, auch dem rechtlichſten Staatsdiener gefaͤhrliche Beſtechungs⸗ Mittel von der ſtrengen Pflichtbahn abgeleitet zu werden.“ Das Alles war dem armen Steinau in dem Augenblicke, als er dem verfuͤhreriſchen Maͤd⸗ chen gegenuͤber ſtand, woͤrtlich eingefallen, denn die alte Excellenz hatte es gemalt, als haͤtte es ihm geſeſſen; der Wohllaut der Stimme, das freundlich bittende Geſicht, die ſchwimmenden Augen, die kla⸗ ren hellen Thraͤnchen— wie ſo gern haͤtte er zu Luiſen —— — 64— geſagt, bitte nur recht viel, und immer noch mehr⸗ damit ich Dir recht viel zu Gefallen thun kann, und Du ſeheſt, wie gut ich Dir ſey; Luiſe hatte ihn mit ihrem, bei der Frau Miniſterin anzubringenden Geſuche, anfaͤnglich in einige Verlegenheit geſetzt, denn die Miniſterin, die Gemahlin ſeines Chefs, zu bitten, daß ſie ſich in einer reinen Dienſtſache, um die ſie ſich alſo eigentlich nicht zu bekummern hatte, fuͤr den alten Auerſtaͤdt bei ihrem Manne verwenden moͤge, war nicht recht nach ſeinem Sin⸗ ne;— indeſſen— konnte er es denn dieſem Mäͤd⸗ chen abſchlagen? hatte Luiſe nicht mit gefalteten Häͤndchen vor ihm geſtanden, und die beſchraͤnkte Lage ihres Hauſes mit ſo ruͤhrenden Worten ge⸗ ſchildert? Ueberdies war der alte Archivarius ihm aus den Akten als ein verdienter Beamter be⸗ kannt; die Mittel, ihm zu helfen, waren da, in⸗ dem das Zach'ſche Gehalt, außer den ihm zugewie⸗ ſenen ſechshundert Rthl., noch disponible war, und die Frau Miniſterin, welcher der alte Herr, um den Himmel im Hauſe nur immer wolkenleer zu halten, alles Moͤgliche gern zu Willen that, hatte vor Kur⸗ zem erſt, bei einer ähnlichen Gelegenheit, fuͤr einen an ſich nichtsnutzigen Kanzlei⸗Secretair, der ſich mit Nanetten, einem ihrer Kammermaͤdchen, verhei⸗ rathet, eine Zulage ausgewirkt, warum ſollte ſie ſich nicht zu einem gleichen Furwort fuͤr den wackern Auerſtädt verſtehen wollen, wenn man ihr nur die Sache gehorig an das Herz legte, und dazu konnte man keinen geſchicktern Advokaten waͤhlen, als die lie⸗ benswuͤrdige Luiſe; hatte dieſe ihn, den feſten Dienſt⸗ menſchen, aus dem Takte der ihm ſo ernſtlich empfoh⸗ lenen Gemeſſenheit herausbringen koͤnnen, um wie viel mehr darum w zu wirker Er we Miniſter Zimmer dieſer ge⸗ gemeldet. „Iſt die Leute und etw rung, d ſchließen dieſer da de, wo pflegten, geblich g ein ande haben w Sucht ſie zu ſagen Stein naͤher ir von der des alten lich ange ben duͤrf rin zu F lenz aber Hoͤchſtdie ſonen h Auerſtäͤd einreiche LXXI och mehr, ann, und ihn mit ingenden it geſetzt, es Chefs, enſtſache, kuͤmmern n Manne nem Sin⸗ em Mäd⸗ gefalteten eſchraͤnkte orten ge⸗ rius ihm mter be⸗ n da, in⸗ zugewie⸗ war, und „ um den zu halten, vor Kur⸗ fuͤr einen , der ſich n, verhei⸗ llte ſie ſich n wackern r nur die zu konnte als die lie⸗ en Dienſt⸗ ch empfoh⸗ 1, um wie — 65— viel mehr mußte ſie nicht auf das weibliche, und darum weit weichere Gemuͤth der Frau Miniſterin zu wirken im Stande ſeyn! Er war alſo unter dem Vorwande, den Herrn Miniſter, dem er etwas zu ſagen gehabt, noch im Zimmer der Frau Miniſterin zu finden, getroſt zu dieſer gegangen, und hatte ihr Mamſell Auerſtädt gemeldet. „Iſt denn der Kammerdiener nicht da, daß Sie die Leute melden muͤſſen?“ hatte die Excellenz kurz und etwas unwillig gefragt, und auf ſeine Aeuße⸗ rung, daß der Kammerdiener eben mit dem Ver⸗ ſchließen des Silberzeugs beſchaͤftigt, und daß, ehe dieſer damit fertig, die Zeit herangeruͤckt ſeyn wuͤr⸗ de, wo Ihre Excellenz in das Theater zu fahren pflegten, und daß alsdann Mamſell Auerſtädt ver⸗ geblich gekommen ſeyn, und Ihre Excellenz vielleicht ein andermal zu einer ungelegenern Zeit behelligt haben wuͤrde, gefragt,„was will die Perſon?— Sucht ſie vielleicht Nanettens Stelle, ſo bitte ich, ihr zu ſagen, daß dieſe bereits beſetzt ſey.“ Steinau hatte ſie darauf von Luiſens Anliegen naͤher in Kenntniß geſetzt, hinzugefuͤgt, was ihm von der Verdienſtlichkeit, wie von der Beduͤrftigkeit des alten Auerſtaͤdt bekannt war, und beſcheident⸗ lich angefragt, ob Mamſell Auerſtaͤdt das Gluͤck ha⸗ ben duͤrfte, ihr Geſuch jetzt ſelbſt der Frau Miniſte⸗ rin zu Fuͤßen zu legen. Darauf hatten Ihre Excel⸗ lenz aber ſehr ungnädig zu vermerken gegeben, daß Hoͤchſtdieſelben ſich nicht zum Brieftraͤger ſolcher Per⸗ ſonen herzugeben gewillet ſeyen; daß der Archivar Auerſtaͤdt ſeine Eingabe bei ihrem Manne ſelbſt einreichen koͤnne; daß ſie von der ganzen Familie LXXVII. 6 — 66— heute das erſte Wort hoͤre, unmoͤglich alſo ein In⸗ tereſſe an derſelben nehmen koͤnne, und ſchließlich ihre Verwunderung nicht bergen moͤge, wie der Herr Hofrath, dem der Geſchaͤftsgang ſattſam bekannt, das Maͤdchen nicht gleich auf die Unziemlichkeit ſei⸗ ner unſtatthaften und zudringlichen Fuͤrbitte auf⸗ merkſam und demſelben bemerklich gemacht, wie Ihre Excellenz ſich in Dienſtſachen durchaus nie zu miſchen pflegten. Steinau hatte zwar, um ſeinen Schritt zu ent⸗ ſchuldigen, gemeint, daß ihn die Gnade, mit wel⸗ cher ſich die Frau Miniſterin fuͤr die, Nanettens Manne zu bewilligende Zulage verwendet, ſo dreiſt gemacht habe, aͤhnliche Hoffnungen ſich auch fuͤr das Geſuch des alten, noch viel verdientern Auerſtädt— doch die Frau Miniſterin hatte ihn gar nicht aus⸗ reden laſſen, ſondern ihn bedeutet, daß es ihr etwas vorſchnell ſcheinen wolle, uͤber das mehr oder min⸗ der Verdienſtliche des Kanzliſten und des Archivars, von ihm eine ſo abſprechende Aeußerung zu hoͤren, da er Beide unmöglich genau genug dazu kenne, und daß die Exemplification auf die, dem Kanzlei⸗Se⸗ cretair bewilligte Gehaltszulage, der Anmaßlichkeit, ihres Mannes Handlungen bekritteln zu wollen, nicht unaͤhnlich ſehe; daß uͤberhaupt Exemplification auf Gnadenbezeigungen, nach einer im Dienſtleben laͤngſt bewaͤhrten, und daher hoffentlich auch ihm nicht fremden Regel, ganz unpaſſend ſeyen, indem der, welcher dergleichen Gnade in der Stelle des Mo⸗ narchen zu vertheilen habe, dabei keinen andern, als ſeinen eigenen Anſichten zu folgen brauche, und außer dem allerhoͤchſten Herrn, keinem Dritten, am wenigſten einem Subaltern⸗Beamten deßhalb Rede zu ſtehen! was zu re weil man Unterſtuͤtz ausgehen cellenz, e zuruͤckwer hatte der! den Wage Schauſpie Dieſe Wort dur der Miniſ Aerger uͤb er den ver und ihr, teilichkeit, ſchen, der Kammerf zum Vor gewichen den alten haͤtte, mi und ſeine fallen zu grimmte in der Ha nicht der Alles, u er, gerad tergeordn. Zu Al verleitet: ein In⸗ hließlich er Herr bekannt, keit ſei⸗ tte auf⸗ ht, wie 3 nie zu zu ent⸗ nit wel⸗ anettens ſo dreiſt fuͤr das rſtädt— icht aus⸗ hr etwas der min⸗ rchivars, u hoͤren, nne, und azlei⸗ Se⸗ aßlichkeit, wollen, lification eenſtleben auch ihm n, indem des Mo⸗ dern, als iche, und itten, am halb Rede — 6,— zu ſtehen habe, und daß, wenn ſie in der Sache et⸗ was zu reden haͤtte, der Archivar Auerſtaͤdt, gerade, weil man auf Schleichwegen fuͤr ihn wirke, und deſſen Unterſtuͤtzung gleichſam ertrotzen wolle, gewiß leer ausgehen würde. Mit dieſen Worten war Ihre Er⸗ cellenz, einen ſehr ungnädigen Blick auf Steinau zuruͤckwerfend, in ihr Nebenzimmer gegangen, und hatte der ſie dort erwartenden Kammerfrau befohlen, den Wagen vorfahren zu laſſen, um ſich nach dem Schauſpielhauſe zu verfuͤgen. Dieſe ganze Scene ging jetzt Steinau Wort fuͤr Wort durch; er hoͤrte noch den kalten, ſtolzen Ton der Miniſterin; er ſah noch, wie ihr, vor heimlichem Aerger uͤber ſeine unbeſonnene Freimuͤthigkeit, mit der er den verwuͤnſchten Kanzliſten zur Sprache gebracht, und ihr, wie ſie es zu nehmen geſchienen, ihre Par⸗ teilichkeit, ihre Beguͤnſtigung des unwuͤrdigen Men⸗ ſchen, der aus Gefuͤgigkeit und Spekulation ihre Kammerfrau zum Weibe genommen, gewiſſermaßen zum Vorwurf gemacht, das Blut aus dem Geſichte gewichen war; er fuͤhlte den Donner ihrer Drohung, den alten Auerſtaͤdt, wenn ſie bei der Sache Einfluß haͤtte, mit ſeinem Geſuche, und ſeiner Fuͤrſprecherin und ſeiner ohnmächtigen Hofrathsverwendung durch⸗ fallen zu laſſen, im Tiefſten ſeines Herzens, und er⸗ grimmte uͤber das Alles um ſo lebhafter, als die Frau in der Hauprtſache nicht Unrecht hatte. Durch ſie ging nicht der Weg zum Miniſter, und wenn dieſer einem Alles, und dem Andern nichts geben wollte, durfte er, gerade in ſeiner, dem Miniſter unmittelbar un⸗ tergeordneten Stellung, daruͤber nicht raiſonniren. Zu Allem dem hatte ihn das Intereſſe fuͤr Luiſen verleitet; er wollte auch auf die boͤſe werden; aber — 63— da ſtand das bittende Kind vor ihm, und ſchaute mit ſeinen frommen Taubenaugen in die ſeinigen, und er gedachte der Kriſtall⸗Thraͤnen, die dem reizenden Maͤdchen uͤber die Sammet⸗Wangen auf die Alpen⸗ pracht der bebenden Schwanenbruſt getroͤpfelt, und dieſe loͤſchten die Flamme ſeines ohnehin nicht ſo boͤſe gemeinten Zorns gar bald aus. Er laͤchelte jetzt uͤber die zehn Minuten, die er, einem begoſſenen Huͤnd⸗ lein gleich, von der Miniſterin entlaſſen, in dem Ge⸗ mache zwiſchen ihrem Wohn⸗ und dem Vorzimmer zugebracht hatte, um die ihm gewordenen boͤſen Wor⸗ te, auch wieder einem Pudelchen nicht unähnlich, ab⸗ zuſchuͤtteln, ſich zu ſammeln und zu uͤberlegen, was nun zu thun, und machte jetzt ſelbſt im Bette ſich das Geſicht nach, mit dem er, ſelbſt noch unſchluͤſſig, was er dem Madchen ſagen ſolle, in das Vorzimmer getreten war. Luiſe, die ihre ganze Hoffnung auf ihn geſetzt hatte, und die jetzt mit der geſpannteſten Erwartung ihm entgegen geeilt war, ihre Augen feſt auf ſeine Lippen geheftet, und ihn, als läͤge ſie auf Folter⸗Marter, mit angſtvollem Blicke gefragt hatte, ob Tod oder Leben ſeines Mundes Ausſpruch ſey, glatt hin zu ſagen, daß ihr Gang vergeblich, daß ſie nichts zu hoffen, daß ſie nach Hauſe gehen, und die armen Eltern mit dieſer abſchlaͤgigen Antwort noch mehr niederſchlagen ſollte, war ihm unmoͤglich gewe⸗ ſen. Des lieblichen Kindes ehrliches Vertrauen war ihm zu wohlthuend geweſen, als daß er es haͤtte uͤber ſein Herz bringen koͤnnen, daſſelbe zu taͤuſchen. Waͤh⸗ rend er der Miniſterin kaltes, liebloſes Betragen, ſo viel in ſeinen Kraͤften ſtand, beſtens bemaͤntelt, war ihm die Idee durch die Seele geflogen, daß er, über ſeinen Lebensbedarſ, geſtern erſt aus dem Zach'⸗ ſchen Gel daß er au erwartete daher gar armen, v le. Der heimlich kluͤglich Geldes, bekomme herzigen Miniſter ſo war il bar auch wollte er des Dan ſich eigen ſtehen zu was ande wie ein wenn es die ſchal weinte, ſ weiches Worte, d den Eng ne, uͤber wohltoͤn chen haͤt koͤnnen. wie es il ſuͤße Maͤ ter Beſc aute mit en, und eizenden Alpen⸗ lt, und t ſo boͤſe etzt uͤber Huͤnd⸗ dem Ge⸗ zimmer en Wor⸗ llich, ab⸗ en, was hette ſich ſchluͤſſig, rzimmer ung auf nnteſten ugen feſt e ſie auf gt hatte, zuch ſey, „daß ſie und die vort noch ich gewe⸗ nuen war aͤtte uͤber n. Waͤh⸗ Zetragen, emaͤntelt, „ daß er, hem Zach'⸗ — 69— ſchen Gehalte ſechshundert Rthlr. Zulage erhalten, daß er auch gelebt haben wuͤrde, wenn er dieſen un⸗ erwarteten Zuſchuß nicht bekommen haͤtte, und daß es daher gar kein beſonderes Opfer ſey, wenn er mit dem armen, von Brodſorge heimgeſuchten Auerſtädt thei⸗ le. Der Gedanke, daß er ſich das Mädchen dadurch heimlich verpflichte, und daß er es, wie er die Sache kluͤglich eingefaͤdelt, monatlich bei'm Abholen des Geldes, alle vier Wochen wenigſtens einmal zu ſehen bekommen werde, hatte ihm die Faſſung ſeines groß⸗ herzigen Entſchluſſes noch leichter gemacht. Die gute Miniſterin hatte den Namen hergeben muͤſſen, und ſo war ihm ſelbſt, dem armen Auerſtaͤdt, und mittel⸗ bar auch der armen Luiſe geholfen. Ueber letztere wollte er ein wenig ſchmollen; ein freundliches Wort des Dankes haͤtte ſie ihm wohl ſagen koͤnnen; er hatte ſich eigentlich— doch er ſchämte ſich jetzt, ſich das ge⸗ ſtehen zu ſollen— er hatte ſich eigentlich noch auf et⸗ was anders geſpitzt. Das Kind hatte ein Muͤndchen, wie ein friſch aufgeplatztes Roſenknöſpchen; und wenn es lachte, bildeten ſich in beiden Lippenwinkeln die ſchalkhafteſten Schelmengruͤbchen, und wenn es weinte, ſchlugen dieſe würzigen Lippen ein ſo kindlich⸗ weiches Schippchen, und wenn es ſprach, klangen die Worte, die aus dem reinen, frommen Herzen, durch den Engpaß der kleinen, blendend weißen Perlenzaͤh⸗ ne, uͤber die Honig-Lippen glitten, ſo melodiſch, ſo wohltoͤnend— Einen Kuß, oder wenigſtens ein Kuͤß⸗ chen haͤtte das liebholde Maͤdchen ihm wohl geben koͤnnen. Er malte ſich das jetzt recht ausfuͤhrlich aus, wie es ihm, im Ueberſtromen ihres Dankes, dieſes ſuͤße Maͤulchen geboten, und wie er, aus angeſtamm⸗ ter Beſcheidenheit, ihm das unverdiente Dankopfer —— — 70— zehn und zwanzig Mal wiedergegeben, und wie es ſich anfangs lungfräulich geſträubt, und dann ſich williger ſran ii geberdet, und ihm— er traͤumte ſchon halb— das zu Verlange viel Gezahlte Alles ehrlich und gewiſſenhaft wieder⸗ machte de I gegeben haͤtte— und konnte vor glüͤhender Hitze, die oole er ſich von innen heraus uͤber ihn ergoß, faſt bis zum vererte hellen Morgen nicht zum ruhigen Schlaf kommen 5 Eie in In lichten Augenblicken, und wenn er aus ſeinen ns anf träumeriſchen Verzuͤckungen zu ſich ſelber gekommen, alten Wor fiel ihm wohl bei, daß Luiſe ja die Miniſterin füͤr die vanze Lad Wohlthaterin der Auerſtaͤdt'ſchen Familie anſehen woyte un mußte, und ihm daher fuͤr nichts weiter, als fuͤr ſeine bhabe⸗ Paar Gaͤnge in ihrer Angelegenheit, die noch überdies Matt halb und halb im Kreiſe ſeiner Dienſtpflicht lagen, und bei d einige Verpflichtung ſchuldig war, und daß es einem zig Rrylr anſtaͤndigen Maͤdchen nicht recht geziemt haben duͤrf⸗ aufnehme te, ſich gegen einen jungen Mann ihrer Verpflichtung den Hal auf die gewuͤnſchte Weiſe zu entledigen; aber, meinte ddes drink er ſelbſt noch am folgenden Morgen bei wachendem mentiehe 1 Leibe, beſſer ware doch beſſer geweſen, und ganz im nach dem Tiefſten ſeiner heimlich aufkeimenden Leidenſchaft ſtern ihim entwickelte ſich der Plan, uͤber lang oder kurz ſein Feder vermeintliches Recht auf dieſes Dankopſer noch nach⸗ des vere traͤglich geltend zu machen. ſeine zw⸗ 13. gnügt, u Matthaus Auerſtaͤdt war kaum dem Lager entſtie⸗ ic zu d gen, als der alte Feder eintrat, ſeines fruͤhen Beſuchs undäune wegen den Herrn Archivarium hoͤchlichſt um Verzei⸗ ſemezun hung bat, an das geſtrige gewogentliche Zahlungs Lrcenen Verſprechen ſubmiſſeſt erinnerte, und hinzufuͤgte, daß Wath er gekommen, um das fragliche Poͤſtchen mit Reſpekt Er 9 in Empfang zu nehmen, maßen zu Hauſe, der auf fehr dies Geld aſſignirte Empfaͤnger, deſſen gewaͤrtig, V Pnnaße es ſich villiger das zu wieder⸗ tze, die is zum mmen. ſeinen mmen, fuͤr die anſehen ͤr ſeine berdies lagen, s einem en duͤrf⸗ lichtung meinte chendem ganz im denſchaft urz ſein öch nach⸗ rentſtie⸗ Beſuchs Verzei⸗ ahlungs igte, daß Reſpekt der auf ewaͤrtig, — 71— ſchon eine halbe Stunde ſitze, und mit dringendem Verlangen anf ſeine Ruͤckkehr lauere. Zu dem Allem machte der Kanzleigeiſt ein ſo eigenes Geſicht, als wolle er Stein und Bein darauf ſchwoͤren, daß der verehrte Herr Archivar nicht ſolvent ſeyen, und als ob er, in beſagtem Falle, des ewig vergeblichen War⸗ tens auf endliche Berichtigung ſeiner mehrere Jahre alten Forderung, nunmehr in allem Ernſt muͤde, eine ganze Ladung ernſter Ermahnungen, ſcharfer Stichel⸗ worte und beaͤngſtigender Drohungen in Bereitſchaft habe. Matthaͤus hatte zu dem langen Nathan gehen, und bei dieſem die an Feder zu berichtigenden zwan⸗ zig Rthlr. gegen Verſchreibung von dreißig Rthlr. aufnehmen wollen; Feder war ihm aber zu frͤh uͤber den Hals gekommen, er griff daher, um dem, ſich auf des dringlichen Kanzlei⸗Inſpektors Geſichte zuſam⸗ menziehenden Donnerwetter in Zeiten zu begegnen, nach dem Papiergelde der Miniſterin, und legte die ge⸗ ſtern ihm verſprochenesumme prompt und richtig hin. Feder ſtrich, uͤber die unerwartete Puͤnktlichkeit des verehrten Herrn Archivars höchlich erſtaunt, ſeine zwanzig Thaͤlerchen ein, quittirte zu Dank ver⸗ gnügt, und eilte von dannen, und Matthaͤus machte ſich zu Nathan auf den Weg, um zu Ergaͤnzung des angebrochenen Miniſtergeldes, das Fehlende bei die⸗ ſem zu negociren, und dann die ganze Summe Ihrer Excellenz wieder zu Fuͤßen zu legen. Nathan war nicht zu Hauſe. Er ging den folgenden Tag wieder hin, und ver⸗ fehlte ihn zum zweiten Male; unterdeſſen holte Mut⸗ ter Auerſtaͤdt dem Manne, zu einer unausweichlichen Ausgabe, den letzten Reſt jenes Geſchenkes ab; Mat⸗ — 2— thaͤus, dem das Geld der Miniſterin auf der Seele brannte, und der ſein Mißgeſchick, ihr nicht gleich den andern Morgen die Summe wieder einhaͤndigen zu koͤnnen, bitterlich verwuͤnſchte, ſuchte ſeinen Helfer in aller Noth, ſeinen langen Nathan zum dritten Male auf; dieſer ſpielte aber den Kurzen, und bedeu⸗ tete ihn mit wenigen Worten, daß man jetzt, bei dem gewaltigen Steigen der Staatspapiere, ſein baares Geld beſſer braucheu koͤnne, als bei ſo unſicherm Dar⸗ lehn, und ſo zog Matthaͤus unverrichteter Sache wie⸗ der ab, und ſein Vorſatz, der Frau Miniſterin ihr druͤckendes Gnadengeld wieder zuruͤckzugeben, wurde, bei der Unmoͤglichkeit ihn auszufuͤhren, mit jedem Tage ſchwaͤcher, bis er ihn am Ende ganz auf ſich beruhen ließ. 14. Mutter Auerſtaͤdt lachte im Stillen, und ließ ſich gegen Luiſen in einem langen Kapitel uͤber die Maͤn⸗ ner aus, die im erſten Augenblicke Alles gleich in tau⸗ ſend Stuͤcke zerreißen wollen, und am Ende die Sache laſſen, wie ſie geweſen iſt.„Ich ſagte es ja gleich,“ ſprach ſie mit ſichtbarer Freude, daß ſie recht geſehen, „er geht nicht zur Miniſterin; wie hatte er nicht gegen die wackere gnaͤdige Frau geeifert, wahrhaftig, als ob ſie uns wer weiß was zu Leide gethan haͤtte; den andern Morgen gleich wollte er hin zu ihr! Man muß die Maͤnner nur austoben laſſen; ſie kommen ſchon von ſelbſt zu ſich; haͤtte ich ihm an jenem Abend ſehr beſtimmt und anhaltend widerſprochen, er waͤre ſo gereizt worden, daß er im Stande geweſen, gleich auf dem Flecke zu Ihro Excellenz zu ſtuͤrmen, blos um mir zu zeigen, daß er thun koͤnne, was er wolle, und daß er ausfuͤhre, was er ſich einmal vorgenom⸗ men.— an; ich denken, nen, un Geld, w tiſe gege Frieden Merk' 2 Manne wuüͤrdenj zu rechte das verd Maͤnner wenn wit es zu, e mit alle! es gehoͤr ſich ſelbſ Anſtreng der Lohn lich, we thaͤus, ſchaͤmt ſi die Frau kopfs, heit gef ſtaͤndige Kind, meſſenhe um Got muth, ich ſage zarten F Claure r Seele ht gleich aͤndigen n Helfer dritten d bedeu⸗ bei dem baares rm Dar⸗ ache wie⸗ erin ihr „wurde, it jedem auf ſich ließ ſich lie Maͤn⸗ h in tau⸗ die Sache gleich,“ geſehen, icht gegen g, als ob tte; den Nan muß nen ſchon n Abend „er waͤre en, gleich en, blos er wolle, orgenom⸗ — 1— men.— Jetzt denkt er mit keiner Sylbe weiter dar⸗ an; ich berühre den Punkt nicht, ſonſt wuͤrde er denken, ich wollte ihn ſeines Ruͤcktritts halber hoͤh⸗ nen, und ſo fahren wir Beide gut; er behält das Geld, was er ſo noͤthig hat, und begeht keine Sot⸗ tiſe gegen die Frau Miniſterin; und ich behalte Frieden im Hauſe, und erhalte ihm ſeine gute Laune. Merk' Dir das, Kind, und mach' es mit Deinem Manne auch einmal ſo; glaube mir, hundert Ehen wuͤrden jaͤhrlich weniger geſchieden, wenn die Frauen zu rechter Zeit ihr Maͤulchen halten koͤnnten; aber das verdammte Rechthabenwollen koͤnnen die Herren Maͤnner nun einmal nicht leiden, ſelbſt dann nicht, wenn wir wirklich Recht haben. Es iſt ſchwer, ich gebe es zu, es iſt ungeheuer ſchwer, da zu ſtehen, und mit allem Recht zu thun, als ob man Unrecht habe; es gehoͤrt eine Reſignation, eine Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt dazu, die man ſich nur mit der groͤßten Anſtrengung nach und nach aneignen kann; aber der Lohn bleibt nicht aus; der Mann, und nament⸗ lich, wenn er ſo gut iſt, als mein ehrlicher Mat⸗ thaͤus, weiß das der Frau im Stillen Dank; er ſchämt ſich, beſonders wenn er ſpaͤter einſieht, daß die Frau doch Recht gehabt hat, ſeines ſtarren Hitz⸗ kopfs, und iſt bei der naͤchſten aͤhnlichen Gelegen⸗ heit gefuͤgiger, vorſichtiger, um ſeiner klugen, ver⸗ ſtaͤndigen Frau keine neue Bloͤße zu geben. Sieh', Kind, das iſt unſere Herrſchaft; durch unſere Ge⸗ meſſenheit, durch unſere Ruhe, durch unſere aͤchte— um Gotteswillen nicht durch erheuchelte— Sanft⸗ muth, dominirt die verſtaͤndige Frau— jeden— ich ſage jeden Mann ohne Ausnahme; an ſolchen zarten Faͤden leiten wir das ſtarke Geſchlecht, Wenn Clauren Schr. LXXVII. 1 — 74— ich— nimm mir den Vergleich nicht uͤbel— wenn ich ein Geſpann recht wilder, ſtoͤrriger Roſſe ſehe, und ihre Rieſenkraft, und die duͤnnen Leinchen, da wird mir oft unbegreiflich, wie die ſtarken Thiere ihre Macht, ihre Gewalt ſo wenig kennen, und ſich von dem Kutſcher, der kaum den fuͤnfzigſten Theil ihrer Kraft hat, hinfuhren laſſen, wohin er will. Der Kutſcher, lache mich mit meinem Vergleiche nicht aus, der Kutſcher ſind wir; je ruhiger, beſon⸗ nener und verſtaͤndiger er faͤhrt, deſto ſicherer faͤhrt er; gute Worte, eine moͤglichſt feine Hand in der Fuͤhrung der Zuͤgel, und zuweilen ein ſimpler Zun⸗ genſchlag, das ſind die ganzen Zaubermittel, die mehr wirken, als Toben und Schelten. Sonſt mag das Fahren einem Kutſcher ſchwerer geworden ſeyn, als jetzt; die Straßen waren unwegſamer, der Hohl⸗ wege viele, und im Gleiſe der Vorzeit lagen rohe Steine in Menge; jetzt hat die Kultur die Wege chauſſirt; jetzt faͤhrt es ſich leichter und bequemer. Das Eheleben iſt gegen die Zeit unſerer Voreltern um Vieles beſſer geworden. Die Maͤnner ſind ge⸗ ſchliffener, und die Frauen unterrichteter geworden; ſonſt war der Mann der Herr und die Frau die oberſte Magd im Hauſe. Jetzt hat ſich das, Gott ſey Dank, ein bischen anders geſtaltet; wir haben mit den Maͤnnern gleiche Rechte, und in dem Hauſe, wo ich dieſe der Frau noch verkuͤmmert ſehe, iſt ſie allein daran Schuld; merk' Dir das, Maͤdchen. Sehe ich einmal, daß Du Dir Deine Häͤlfte des Hausregiments von Deinem Manne haſt aus den Haͤnden winden laſſen, ſo—“ Luiſe lachte laut bei dem Gedanken an Mann und Hausregiment. Beides war ihr wahrhaftig noch — nicht in weiß, in dieſe z. B. 1 ungehoͤ ſeyn, mit tar der reg Doch ſo wie ein naͤher Miniſte angenel nats, Der dreißig und I waͤre ſi rath ge⸗ nats! Stei die ihn Nacht z Noch lers Ve tigkeit, u. derg und eir auf die und ſche muͤthig — wenn ſſſe ſehe, chen, da Thiere und ſich en Theil er will. kergleiche er, beſon⸗ rer faͤhrt d in der pler Zun⸗ ttel, die vonſt mag den ſeyn, der Hohl⸗ igen rohe die Wege equemer. Voreltern r ſind ge⸗ eworden; Frau die as, Gott vir haben m Hauſe, he, iſt ſie Maͤdchen. dalfte des aus den an Mann aftig noch —— —O—Q—QO··—·˖·˖—·———— —H——— — 75— nicht in den Sinn gekommeu, aber— der Himmel weiß, durch welche Ideenverbindung ihr Steinau in dieſem Augenhlicke einfiel— aber, wenn der es z. B. waͤre, meinte ſie bei ſich ſelbſt, ohne dieſes ungehoͤrten Monologs ſich recht deutlich bewußt zu ſeyn, ſo wollte ſie ihre Haͤlfte am Hausregiment mit tauſend Freuden ihm freiwillig uͤberlaſſen, denn der regierte beſtimmt hundertmal beſſer, als ſie. Doch ſo weit hinaus zu ſehen und zu denken, kam ihr wie ein Blick in die ferne Ewigkeit vor; was ihr viel naͤher lag, war die Freude, daß der Vater nicht zur Miniſterin gegangen war, und die darauf gebaute angenehme Pflicht, mit dem erſten kommenden Mo⸗ nats, ſich wieder bei Steinau melden zu muͤſſen. Der dumme October! Daß der gerade ein und dreißig Tage haben mußte. Haͤtte er, wie der April und Juni und September, nur 30 Tage gehabt, waͤre ſie um ganze 24 Stunden fruͤher bei dem Hof⸗ rath geweſen; kaum war ſie in der Mitte des Mo⸗ nats! faſt noch drei Wochen bis zu ſeinem Ende. 15. Steinau fand unter den neuen Vortragsſachen, die ihm am Morgen nach der halb durchwachten Nacht zugeſtellt wurden, Auerſtaͤdts Zulagegeſuch. Noch am naͤmlichen Tage ſuchte er des Bittſtel⸗ lers Vorgeſetzten auf, um ſie uͤber deſſen Beduͤrf⸗ tigkeit, Familien⸗Verhaͤltniſſe, Verdienſtlichkeit, u. dergl. Neben⸗ und Hauptumſtaͤnde zu befragen, und einer wie der andere war des Lobes voll, wenn auf die Brauchbarkeit des Mannes die Rede kam, und ſchilderte deſſen dringende Lage; und die Frei⸗ muͤthigern nannten es eine ſchreiende Ungerechtig⸗ * 7 4 “—— ₰ -— 76— keit, daß der arme Menſch nicht lange ſchon mit die Pa einer Verbeſſerung ſeiner beſchraͤnkten Lage beruͤck⸗ einer d ſichtigt worden; ſchrieben deſſen bisherige Zuruͤck⸗ men 2 ſetzung ihm und ſeiner üͤbertriebenen Beſcheidenheit dem A lediglich ſelbſt zu; meinten, daß ihm das Meſſer. ſey; a jetzt ganz dicht an der Kehle ſitzen muͤſſe, wenn er Akteng ſich endlich zu der Bitte um Gehaltszulage entſchloſ⸗ hart, d ſen habe, wuͤnſchte dem wackern Auerſtaͤdt Gluͤck, Gehein daß ſein Geſuch in Steinau's menſchenfreundliche ihm do Haͤnde gekommen, und machten es dieſem zur Ge⸗ salarii wiſſensſache, ſich beim Vortrage fuͤr den verdienſte in jede lichen Beamten nachdruͤcklichſt zu verwenden. fallen, In der Conferenz ſelbſt kam es zu Debatten; der ten; a alte Geheimerath von Neithen der, ſich und ſeine heit, g groͤßtentheils mit ihm verwandten Schuͤtzlinge ausge⸗ var Ar nommen, keinem Dritten den trockenen Biſſen Brod lage ve goͤnnte, hoͤrte Steinau's lebendigen Vortrag, in ner ſol dem dieſer Auerſtädts begruͤndete Anſpruͤche auf die daß mo ihm laͤngſt gebuͤhrende Sehaltsverbeſſerung ausein⸗ nicht f anderſetzte, mit ſichtbar abfaͤlliger Miene an, und Suppli war, da Steinau dem Miniſter das Zach'ſche, va⸗ leer au kant gewordene Gehalt, als den Fonds vorſchlug, aus hit aus dem der Bittſteller befriedigt werden koͤnne, Excelle im Aerger, daß ihm der Gelbſchnabel die Quelle werde, abgraben wollte, aus der er einen ſeiner Pathen, was er den Sekretaͤr Kriecher, und ſeinen alten lieben, ihm lange durch Champagner, Boſton und Auſtern ſeit vie⸗ Auffuͤl len Jahren befreundeten Director Fettlich, mit recht Aeußer erklecklichen Zulagen zu erfreuen gedacht hatte, die ſtadts Behauptung bin, daß die Archiv⸗Beamten auf das bat die Zach'ſche Gehalt gar kein Recht haͤtten, und daß der dem B Herr Archivar Auerſtaͤdt, der ſchon ſo lange ſich mit Der ſeinem Dienſt⸗Einkommen begnuͤgt, nun auch noch Weiſe, hon mit e beruͤck⸗ 2 Zuruͤck⸗ eidenheit s Meſſer wenn er entſchloſ⸗ dt Gluͤck, reundliche n zur Ge⸗ verdienſt⸗ en. tten; der und ſeine nge ausge⸗ iſſen Brod rtrag, in che auf die ig ausein⸗ e an, und h'ſche, va⸗ vorſchlug, den koͤnne, die Quelle er Pathen, tieben, ihm en ſeit vie⸗ d, mit recht thatte, die ten auf das und daß der uge ſich mit i auch noch — 27— die Paar Jaͤhrchen wohl werde warten koͤnnen, bis einer der aͤltern Geheimen⸗Archivarien oder Gehei⸗ men Archivraͤthe einmal zmit Tode abgehe, wo dann dem Auerſtaͤdt werden werde, was recht und billig ſey; allein der ſogenannte Gelbſchnabel hatte die Akten geleſen, und deducirte daraus dem alten Neit⸗ hart, daß der verſtorbene Zach das Curatorium des Geheimen Archivs gehadt, daß aus der Archiv⸗Kaſſe ihm dafuͤr ſchon vor 24 Jahren 500 Rthlr. als pars salarii ausgeſetzt geweſen, und daß dieſe daher jetzt, in jedem Falle, an die Archiv⸗Kaſſe wieder zuruͤck⸗ fallen, und ihr zur Diſpoſition geſtellt werden muͤß⸗ ten; außerdem aber fuͤhrte er bei dieſer Gelegen⸗ heit, gleichfalls aus den Acten an, daß der Archi⸗ var Auerſtaͤdt ſchon vor 11 Jahren mit einer Zu⸗ lage von 500 Thalern, und vor 7 Jahren mit ei⸗ ner ſolchen von 200 Thalern in Vorſchlag geweſen, daß man aber Beidemale, weil er ſich dieſerhalb nicht ſelbſt gemeldet, und andere ſehr dringende Supplikanten zu beruͤckſichtigen geweſen, ihn habe leer ausgehen laſſen, und ſetzte die Folgerung dar⸗ aus hinzu, daß die Gerechtigkeit und die Milde Sr. Excellenz ſich daher jetzt doppelt verpflichtet fuͤhlen werde, dem Manne das nun endlich zu verguͤten, was er durch ſeine lobenswerthe Beſcheidenheit ſo lange habe entbehren muͤſſen; er ſchloß nun mit Auffuͤhrung aller der vollguͤltigen empfehlenden Aeußerungen, die er auf amtlichem Wege von Auer⸗ ſtäadts Vorgeſetzten uͤber ihn eingeholt hatte, und bat die Excellenz um Beſtimmung der Summe, die dem Bittſteller zugebilliget werden ſollte. Der Miniſter hatte, nach ſeiner gewoͤhnlichen Weiſe, wenn er den Vortraͤgen recht aufmerkſam zuhoͤrte, die Ellenbogen auf den Conferenztiſch ge⸗ ſtuͤtzt, den Kopf zwiſchen beiden Haͤnden, und die Augen auf das vor ihm liegende Vortrags⸗Jour⸗ nal, waͤhrend des Streites zwiſchen Neithart und Steinau, Einigemale ſtill vor ſich hin gelächelt; halb und halb ſah dies Laͤcheln wohl aus, als freue ſich der alte Mann ſeines jungen Schuͤlers, der des ver⸗ dienten und beduͤrfrigen Beamten ſich mit regem Antheil annehme, den vorzutragenden Gegenſtand aktenmäͤßig und bis auf den Grund erſchoͤpft habe, und in der Fehde mit dem an Jahren und Rang uͤber ihn ſtehenden Geheimenrath Neithart, den aͤußern Anſtand und die ihm und dem Collegio ge⸗ buͤhrende Achtung nicht außer Augen ſetze, ſeine ein⸗ mal aufgeſtellte Anſicht aber mit Feſtigkeit und Gruͤnden unverruͤckt durchfuͤhre; auf der andern Seite aber lag doch auch in dem Laͤcheln etwas Ver⸗ ſchmitztes, Schalkhaftes, das ſich auf vielerlei Weiſe deuten ließ; ein recht ſcharfer Beobachter, und das war Steinau, beſonders hier, wo ihm das Gewiſſen ein haarfeines Mikroſkop vor die Augen hielt, hätte aus dem muͤhſam verhaltenen leichten Krampf in bei⸗ den Lachmuſkeln Sr. Excellenz faſt etwas Satyri⸗ ſches herausfinden moͤgen. Ein Gluͤck, daß Steinau ſeinen Vortrag beendet hatte; des Miniſters ſon⸗ derbare, wider deſſen Willen hervorblitzende Lach⸗ luſt hätte ihn, wenn jetzt noch laͤnger uͤber die Sa⸗ che zu ſprechen geweſen waͤre, außer alle Faſſung bringen koͤnnen. Verſtand er den alten Herrn recht, ſo lag in deſſen Geſichte— doch ſein inneres gar zu delikates Zartgefühl konnte ihm vielleicht auch nur dieſe Vermuthung in die Seele ſchieben— aber— ſo iſt es, wenn man ſich nicht recht ſicher in den Schuhe Geſpen niedlich armen eine S nem 2 ſchlug Blick, deutlich wunde Du w den Ar herum ihn ſpr Vortre erſchuͤr gefocht Woͤ Steine Miniſ ſer au Auerſt Wohln Nachh Wend! und be Sie ſa und d bracht ſind, nen ir und 2 bei der ztiſch ge⸗ und die gs⸗Jour⸗ hart und helt; halb freue ſich r des ver⸗ nit regem egenſtand pft habe, ind Rang art, den ollegio ge⸗ ſeine ein⸗ kkeit und r andern twas Ver⸗ rlei Weiſe und das Gewiſſen ielt, haͤtte pf in bei⸗ 8 Satyri⸗ ß Steinau ſters ſon⸗ ende Lach⸗ er die Sa⸗ e Faſſung errn recht, res gar zu auch nur — aber— er in den Schuhen weiß, da ſieht man uͤberall Verraͤther und Geſpenſter— aber wo ſollte der Miniſter von dem niedlichen Maͤdchen, das ihm fuͤr ſeinen Vater, den armen Auerſtaͤdt, das erſte Intereſſe eingefloͤßt hatte, eine Sylbe wiſſen koͤnnen! Er hatte es ja mit kei⸗ nem Auge geſehen— und doch— der alte Herr ſchlug jetzt wieder einen Blick zu ihm auf, einen Blick, der akkurat ſo ausſah, als ſpraͤche er mit deutlichen Worten:„hoͤre, Patroͤnchen, wenn das wunderhuͤbſche Kind Dir das Herz nicht beruͤckt haͤtte, Du wuͤrdeſt fuͤr den Dir ſteinfremden Mann, fuͤr den Auerſtaͤdt, auch nicht in der Stadt ſo fleißig herumgefragt, und nicht ſo muͤhſam die alten uͤber ihn ſprechenden Aeten durchſtudirt, und hier beim Vortrage nicht mit ſo reger Theilnahme und un⸗ erſchuͤtterlicher B harrlichkeit fuͤr ihn geredet und gefochten haben.* Waͤhrend das Alles der faſt konfus gewordene Steinau, deutlich wie in Kupfer geſtochen, in des Miniſters Auge zu leſen vermeinte, antwortete die⸗ ſer auf Steinau's Frage uͤber den Betrag der dem Auerſtaͤdt zuzubilligenden Summe, mit freundlichem Wohlwolen und mit einer, ſeine Großherzigkeit im Nachholen des Verſaͤumten, ſehr fein verdeckenden Wendung:„die Summe ergibt ſich aus den Acten, und bedarf daher keiner anderweiten Beſtimmung. Sie ſagen, daß fuͤr den Mann fruͤher einmal 300 und dann 200 Rthlr. als Zulage in Vorſchlag ge⸗ bracht, und ihm blos darum vorenthalten worden ſind, weil dringlichere Competenten den Beſcheide⸗ nen in den Hintergrund zuruͤckgedruͤckt haben; 300 und 200 machen 500; da haben Sie die Summe; bei den guten Zeugniſſen, die Sie uͤber den Mann — 80— geſammelt, koͤnnen wir ihm jetzt, da ſeine Familie groͤßer, ſeine Beduͤrfniſſe vielfältiger, und ſeine Dienſtbrauchbarkeit allgemein anerkannter, doch nicht weniger geben, als man ihm ſchon vor i1 und 7 Jahren hat geben wollen?“ „Dann wuͤrde aber, Ew. Excellenz,“ hob der Ge⸗ heimerath Neithart, mit verbiſſenem Groll uͤber die ſchwindenden Ausſichten fuͤr ſeine Schuͤtzlinge, ehr⸗ erbietigſt an,„dann wuͤrde aber das Gehalt des Auerſtaͤdt den Normalbetrag eines Archivar⸗Gehalts uͤberſteigen; denn ſo viel hat gerade ein Archivrath.“ „Sehr richtig,“ erwiederte der Miniſter beifäͤl⸗ lig, ließ aber im Ton der Stimme, und in dem hingeworfenen Seitenblicke nicht undeutlich merken, daß er die Quelle von Neitharts mißguͤnſtigem Ein⸗ wande recht wohl kenne;„indeſſen iſt dies Obſtakel bald zu beſeitigen; Auerſtaͤdt iſt der Aelteſte zum Rathe, und haͤtte laͤngſt verdient, es zu ſeyn. Be⸗ richten Sie,“ fuhr er zu Steinau gewendet, freund⸗ lich fort,„berichten Sie dieſerhalb ad Serenissimum, und legen Sie das Patent gleich zur Allerhoͤchſten Vollziehung mit bei.“ Somit war die Seſſion aufgehoben, denn der Hofrath war der Juͤngſte im Collegio, und ſeine letzte Vortrags⸗Nummer war die Auerſtaͤdt'ſche Sache geweſen. Nachdem der Miniſter ſich entfernt, kamen alle Räthe zu Steinau, und gaben ihm die Hand, und freuten ſich, daß er mit ſeinen brav gemeinten und brav durchgefuͤhrten Antraͤgen fuͤr den ehrlichen Auerſtaͤdt ſo gluͤcklich durchgekommen; nur der alte Neithart brummte, waͤhrend er den Stoß vor ihm liegender Acten zuſammenſchnuͤrte, und dem Kanz⸗ leidien doch h alten bekom ſchaan peinlie wenn Kreuz beſſert pflicht Kaſſer gleiche che kle men! mal g kam, ſcheuch die O Gemt der w Zahnt hoͤchſt es, a huͤbſch Rede Maͤde niß, kleine habe ches ruhig gewif ſchen Familie id ſeine och nicht und 7 der Ge⸗ uͤber die ige, ehr⸗ halt des Gehalts ivrath.“ r beifaͤl⸗ in dem merken, gem Ein⸗ Obſtakel eſte zum yn. Be⸗ freund⸗ ssimum, rhoͤchſten denn der eine letzte he Sache men alle and, und aten und ehrlichen r der alte vor ihm em Kanz⸗ — 681— leidiener zum Nachhauſetragen uͤbergab, vor ſich hin, doch hoͤrte Keiner recht darauf, weil ſie Alle den alten Iſegrimm ſchon kannten, der ſelbſt nie genug bekommen konnte, und den Miniſter mit ſeinen ſchaamloſen Zulage⸗Praͤtenſtonen oft ſchon in die peinlichſte Verlegenheit geſetzt hatte, jedesmal aber, wenn ein armer Subaltern⸗Beamter um ein Paar Kreuzer in ſeinem duͤrftigen Dienſt⸗Einkommen ver⸗ beſſert werden ſollte, ſich, unter dem Vorwande pflichtmaͤßiger Wahrnehmung des landesherrlichen Kaſſen⸗Intereſſe, mit Haͤnden und Füßen gegen der⸗ gleichen unnothige Geldverſplitterungen, wie er ſol⸗ che kleine Gnaden⸗Bewilligungen nannte, zu ſtem⸗ men pflegte. Hatte Steinau, der mit ſeinem ein⸗ mal aufgeregten, uͤberzarten Gewiſſen ſich ſelbſt vor⸗ kam, wie ein von ſchwerem Donnerwetter aufge⸗ ſcheuchtes Reh, das bei jedem fernen Blattrauſchen die Ohren ſpitzt und lauſchend horcht, hatte er das Gemurmel des Gelbſuͤchtigen, was freilich wegen der weiten Luͤcken zwiſchen den einzelnen ſchwarzen Zahnſtiften, durch die es ſich durchwinden mußte, hochſt unvernehmlich war, recht verſtanden, ſo klang es, als waͤre unter andern darin von einem Paar huͤbſchen Augen, und von„weißen Schuͤrzen“ die Rede geweſen. Wie aber der alte Neithart von des Maͤdchens unvergeßlich ſchöͤnem Augenpaar Kennt⸗ niß, und von dem unnennbaren Eindruck, den die kleine Auerſtädt auf ihn gemacht, nur eine Ahnung habe bekommen koͤnnen, blieb ihm ein unerklaͤrli⸗ ches Raͤthſel; auch wußte er, bei ſpaͤterer, etwas ruhigerer Pruͤfung der Sache, nicht einmal recht gewiß, ob der alte Brummdruſel das von den huͤb⸗ ſchen Augen und den weißen Schuͤrzen, in Be⸗ — 82— zug auf ihn, oder auf den Herrn Miniſter ge⸗ ſagt habe. Der erſten Liebe darf nur ein einziges, in das Schwaͤrzliche ſchimmernde Woͤlkchen ſich am fernen Horizonte zeigen, ſo ſieht ſie ſchon Sturm und ſchreckliche Wetrer. Vorhin das ganz eigene, bedeut⸗ ſame Laͤcheln des Miniſters, deſſen uͤberaus huld⸗ reiche Entſcheidung des Auerſtaͤdt'ſchen Geſuchs, ſchon der Umſtand, daß Luiſe ſich perſonlich in dem Hauſe des Miniſters fuͤr den Vater hatte verwen⸗ den wollen, woraus ja mit mathematiſcher Gewiß⸗ heit hervorging, daß ſie wiſſen mußte, wie viel ihre kleine Perſon hier im Hauſe werth ſey— und nun Neitharts, auf jeden Fall den Miniſter angehendes Zahnſtifts⸗Gemurmel von huͤbſchen Augen und wei⸗ ßen Schuͤrzen!— Es paßte Alles, um ihm das Maͤd⸗ chen zu verdaͤchtigen. Es mußte paſſen, denn er trotzte ſich, ſeiner innern beſſern Ueberzeugung ent⸗ gegen, das Reſultat ſeiner zuſammen gezwungenen Combinationen ab, daß zwiſchen Luiſen und dem Miniſter eine Art von Verſtaͤndniß obwalten muͤſſe. Er freute ſich ordentlich, das am Ende herausgegruͤ⸗ belt zu haben, denn nun hatte er doch einen Vor⸗ wand, das Bild des wunderholden Kindes mit Ge⸗ walt zu verdrängen, was ihn ſeit jenem Abende, da er es zum Erſtenmale geſehen, keine Nacht hatte ruhig ſchlafen laſſen, was, wenn er ſchrieb, ihm in ſeiner kleinen gracieuſen Luftgeſtalt das Dintenfaß ſchaͤckernd umſchwirrte, ihn, wenn er ſeine trocke⸗ nen Acten las, aus jedem Kanzleiſchnoͤrkel anlachte, ihn, wenn er ſich auf ſeinen Vortrag praͤpariren wollte, mit beiden Armen verlangend umſchlang und ihm das gemeſſene Hofraths⸗Geſicht wegkuͤßte, 4 1 ſpotte nimm Alles, bewal menſe A zem a wand Blun gen d aber Tiſch auch liches und ſprach ben dig 1 Zung ſter ge⸗ in das fernen m und bedeut⸗ s huld⸗ eſuchs, in dem verwen⸗ Gewiß⸗ iel ihre nd nun ehendes nd wei⸗ s Maͤd⸗ denn er ng ent⸗ ngenen nd dem muͤſſe. sgegruͤ⸗ n Vor⸗ nit Ge⸗ Abende, ht hatte ihm in ntenfaß trocke⸗ nlachte, pariren iſchlang egkuͤßte, 1 — 683— und nicht eher zu taͤndeln und zu koſen aufhoͤrte, als bis er Acten und Suppliken, und Feder und Rothſtift weg, und beide Haͤnde auf die im ſuͤßen Liebeswehe vergehende Bruſt legte, und ſich in hal⸗ ber Verwirrung ſeiner verzuͤckten Sinne geſtand, daß das ſo nicht bleiben koͤnne, und mit erzwunge⸗ nem Ernſte gegen ſich ſelbſt erklarte, daß das durch⸗ aus anders, aber ganz anders werden muͤſſe. Nun meinte er auf dem rechten Wege zu ſeyn. Er wollte nicht mehr an das Mädchen, das unlaͤug⸗ bar mit dem Miniſter in irgend einer Beziehung ſtand, denken, er wollte platterdings nicht. Aber irret Euch nicht; die Liebe laͤßt ſich nicht ſpotten, nicht verdraͤngen, nicht verbannen; ſie nimmt keine Befehle an, denn ſie iſt hoͤher denn Alles, weil ſie, ſo lange ſie rein und unbefleckt bewahrt wird, das Maͤchtigſte, das Heiligſte iſt im menſchlichen Herzen. An einem der naͤchſten Tage ſpeiste ein, vor Kur⸗ zem aus der Provinz gekommener weitläuftiger Ver⸗ wandter der Miniſterin, der Amtshauptmann von Blumenthal, bei dem Herrn Vetter Miniſter. Ge⸗ gen das Ende der Tafel hob der joviale Gaſt, der aber durch manches gewichtige Wort, was er uͤber Tiſche geſprochen, ſattſam beurkundet hatte, daß er auch ernſthaft ſeyn konnte, und daß ihm ein ehr⸗ liches deutſches Herz in der Bruſt ſchlug, das Glas, und trank dem Andenken des heutigen Tages und ſprach:„Ehre ſey Gott in der Hoͤhe, denn Ihm ha⸗ ben wir zu danken, daß wir heute hier noch leben⸗ dig und geſund beiſammen ſitzen und mit deutſcher Zunge reden: Er hat die Herzen der Fuͤrſten und — 84— Voͤlker feſt an einander geknuͤpft, und ihnen ſeine Weisheit und ſeine Staͤrke verliehen, und ſo ſind ausgewetzt die Scharten der in dieſem Augenblicke vor 18 Jahren uͤber uns weggerollten verhängniß⸗ vollen Stunden, und wir wieder aus dem Staube unſerer Erniedrigung emporgehoben worden! Frie⸗ den auf Erden! und Frieden unter der Erde den Helden, die am 14ten October mit Ehren ge⸗ fallen!“ Von den Wangen der Miniſterin perlten helle Thraͤnen in ihr Glas; ſie galten zwei geliebten Bruͤ⸗ dern, die an dieſem Tage bei Tauchwitz und Auer⸗ ſtaͤdt ihr Leben geopfert. „Warum dieſe Reminiſcenz?“ ſagte der Mini⸗ ſter, den ſtillen Schmerz ſeiner Gemahlin theilend, mit einem Tone, als ob er Blumenthals Einfall, auf jene ungluͤcklichen Ereigniſſe das Geſpraͤch zu bringen, nicht recht billigen könne. Der Vetter Amts⸗ hauptmann aber ließ ſich nicht ſtoͤren und ſagte ernſt und bewegt:„Goͤnnen Sie den Gebliebenen immer dieſe Thraͤnen, Excellenz, ſie ſind ihrer wahrlich werth geweſen, denn ſie fielen, die Bruſt dem Feinde zugekehrt, alſo als brave Soldaten, als Maͤnner von Ehre, nicht als Memmen. Es iſt im großen Haufen Mode geworden, die Streiter jener Tage Alle in Eine Maſſe, in die veraͤchtliche der feigen Soͤldner zu werfen. Das iſt eine ſchreiende Unge⸗ gerechtigkeit. Von denen, die damals mit dem Le⸗ ben gebuͤßt, ſtehen Viele, und bei weitem Mehrere, als die damaligen Schreier glauben wollten, mit den gluͤcklichern Siegern der ſpaͤtern Jahre, an Bravour und perſöͤnlicher Tapferkeit, an Vaterlands⸗ und Fuͤrſtenliebe ganz gleich— und was das große Er⸗ ———ͦ;— eigniß davon Kataſt Vater ſen G Spruͤr reihte gender Urſach fuͤhrt auszu dem, Wir auf je ſachen die gi Schla ſehen entfa terlaͤt ſer L hen, unſer ihn mehr uns Abgr wir, uns ſeher Sell nen ſchich ſeine ſo ſind nblicke ngniß⸗ Staube Frie⸗ de den en ge⸗ n helle n Bruͤ⸗ Auer⸗ Mini⸗ eilend, Einfall, raͤch zu Amts⸗ te ernſt immer gahrlich Feinde Naͤnner großen r Tage feigen Unge⸗ dem Le⸗ eehrere, nit den ravour s⸗ und oße Er⸗ eigniß ſelbſt betrifft— laſſen Sie uns nicht ſo ſchnell davon wegeilen, Excellenz, laſſen Sie uns vor der Kataſtrophe mit feſtem Blicke verweilen. Wer ſein Vaterland lieb gewinnen will, muß vor Allem deſ⸗ ſen Geſchichte kennen, und in dieſer ſetzt es keine Sprünge; die Geſchichte iſt eine eng aneinander ge⸗ reihte Schnur, ein ununterbrochen zuſammenhaͤn⸗ gender Faden, an dem ſich die Wirkung aus den Urſachen vor unſern Augen entwickelt. Ein Kind fuͤhrt man wohl weg von dem, was es, wie wir uns auszudruͤcken pflegen, graulich machen moͤchte, von dem, was es nicht ſehen ſoll; ein Volk aber nicht. Wir Alle, Hohe und Niedere, wuͤrden, je oͤfter wir auf jene Tage der Erniedrigung und auf die Ur⸗ ſachen zuruͤckkaͤmen, aus denen alle die Ereigniſſe— die guten und die boͤſen, wie wir ſtie ſeit jenem Schlage nach und nach vor uns ſich haben geſtalten ſehen— ſich entfalten mußten, und darum auch entfaltet haben, um ſo gruͤndlicher von unſerer va⸗ terländiſchen Geſchichte belehrt werden, und aus die⸗ ſer Lehre manche gute Regel fuͤr die Zukunft zie⸗ hen, vor Allem aber in unſerm Vertrauen auf Gott unſern Herrn, und im Vertrauen auf unſere, durch ihn von Neuem geſtaͤrkten Fuͤrſten, immer mehr und mehr befeſtiget werden. Schließen wir aber, wenn uns unſere Fuͤhrerin, die Geſchichte, bei dergleichen Abgruͤnden vorbeigeleitet, die Augen, oder ſtopfen wir, wenn die Rede auf jene Trauerzeit kommt, uns die Ohren zu, um lieber gar nichts davon zu ſehen noch zu hoͤren, ſo kommen wir in unſerer Selbſterkenntniß um keinen Schritt weiter. Scho⸗ nen wir uns alſo nicht, liebe Excellenz; die Ge⸗ ſchichte iſt keine Hofdame; der geziemt es wohl, der — 36— Herrin den Faͤcher vor die Augen zu halten, um dieſe Unangenehmes oder Schreckhaftes nicht ſehen zu laſ⸗ ſen; wir aber wollen und ſollen, wie der Anatom ſeine juſt auch nicht annehmlichen Cadaver, das ſelige Jahr ſechs, ſammt ſeinen aͤltern und juͤngern Bruͤdern, ſondiren und ſeciren und ſtudiren, und ich ſtehe Ihnen dafuͤr, wir werden bei dieſer allerdings zu⸗ weilen bitterſauren Arbeit von Zeit zu Zeit auf neue Wahrheiten, auf neue Entdeckungen ſtoßen, und unſer Studium recht lieb gewinnen, und es von mehr als einer Seite recht frucht⸗ und heil⸗ bringend erkennen lernen.“ „Bei Auerſtädt,“ hob der Miniſter, dem man es anſah, daß er ſuchte das Geſpraͤch auf etwas An⸗ deres zu bringen, gegen Steinau gewendet an,„faͤllt mir der Archivar Auerſtadt ein. Das Rathspatent iſt von Sereniſſimo vollzogen zuruͤckgekommen; es liegt drinn in meinem Zimmer auf dem kleinen Ta⸗ bouret, Legen Sie es nachher in die, an den Auer⸗ ſtaͤdt gerichtete und von mir bereits unterſchriebene Antwort, und laſſen Sie Beides bald an ihn be⸗ foͤrdern; der Mann wird gewiß uͤber das Avance⸗ ment wie uͤber die Zulage Freude haben, und er verdient Beides, mithin auch die Freude.— Das Maͤdchen,“ fuhr er fort, und lachte freundlich,„das neulich Abends hier war, und meine Frau zu ſpre⸗ chen wuͤnſchte, iſt, hoͤre ich, ſeine Tochter geweſen! Ein— er wendete ſich zum Vetter Amtshauptmann— ein ganz allerliebſtes Kind! Komme ich da zufäͤllig in das Vorzimmer, ſteht vor dem Spiegel eine voll⸗ endete Grazie, macht eine Menge Knirchen, eins immer anmuthiger als das andere, haͤlt, im Zimmer ganz allein, eine feierliche Anrede, die, wie ich nach⸗ — her mer ſollen, u probirt Schreckſ ter ſein um die reu, ſch⸗ ich geko ſpaͤter z Maͤdche ren, ur koͤnnen. nen Au ter gar noch ar ſonſt be „Au mann; „das iſt der die „M Nichte, und letz auf St Abend patron und der ſter der zu ſitze gen, u ſten Ke „N auf lach dieſe u laſ⸗ ſeine Jahr idern, ſtehe ss zu⸗ t auf toßen, nd es heil⸗ man s An⸗ „faͤllt atent n; es n Ta⸗ Auer⸗ iebene )on be⸗ vance⸗ ind er Das „das 1 ſpre⸗ veſen! ann— ufaͤllig ie voll⸗ eins mmer nach⸗ her merkte, an meine Frau hatte gerichtet werden ſollen, und in aller Geſchwindigkeit noch einmal ein⸗ probirt zu werden ſchien, und ſtoͤßt einen lauten Schreckſchrei aus, als es mich unglüͤcklicherweiſe hin⸗ ter ſeinem Ruͤcken im Spiegel erblickt. Ich trat, um die Kleine in ihrer Generalprobe nicht zu ſtö⸗ ren, ſchnell in das Seitenzimmer zuruͤck, aus dem ich gekommen war; als ich aber einige Minuten ſpaͤter zu meiner Frau kam, in der Erwartung, das Maͤdchen dort zu finden, war jene ſchon ausgefah⸗ ren, und hatte es, wie ich hoͤrte, nicht annehmen koͤnnen.— Dem alten juſt nicht uͤbertrieben ſchöͤ⸗ nen Auerſtädt häͤtte ich eine ſo bildhübſche Toch⸗ ter gar nicht zugetraut. Sie muͤſſen ihn ja auch noch aus früherer Zeit her kennen. Er ſtand ja ſonſt bei Ihrem Ober⸗Kreisgericht als Regiſtrator.“ „Auerſtädt?“ fragte ſinnend der Amtshaupt⸗ mann;„ach Gott ja, ja,“ fuhr er laut lachend fort, „das iſt ja der— entſinnen Sich Excellenz noch— 2— der die Geſchichte hatte mit dem Torniſter⸗Lieschen!“ „Mit wem?“ fragten die Miniſterin und deren Nichte, Fraͤulein Theudelinde, aus Einem Munde, und letztere heftete einen ſehr bedenklichen Spottblick auf Steinau, der ihr von der Miniſterin an jenem Abend ſchon als ein ganz beſonders thäͤtiger Schutz⸗ patron der Jungfer Auerſtaͤdt geſchildert worden war, und der von dem Augenblicke an, da der Onkel Mini⸗ ſter der Auerſtaͤdt erwaͤhnt, auf gluͤhenden Koͤhlchen zu ſitzen ſchien, denn er konnte kein Auge aufſchla⸗ gen, und die Wangen waren ihm mit dem dunkel⸗ ſten Karmigz uͤbergoſſen. „Mit——“ hob Herr von Blumenthal luſtig auflachend an, und wollte die ganze kurioſe Geſchichte erzaͤhlen, ſo weit er ſich deren noch entſann; eine leiſe Fußderuͤhrung Sr. Excellenz aber, unter, und ein ſehr beſtimmter Wink von demſelben, uͤber dem Tiſche, bedeuteten dem Amtshauptmann ziemlich deutlich, daß es gerathener ſey, dies Geſpraͤch nicht weiter fortzuſetzen, und die naͤhern Aufſchluͤſſe uͤber dieſes Torniſter⸗Lieschen auf ſich beruhen zu laſſen, und ſo behielt denn der erzaͤhlungsſüchtige Herr von Blumenthal ſeine ſchoͤne Geſchichte hinter den Lip⸗ pen, der Miniſter ruͤckte mit dem Stuhle, und die Tafel ward aufgehoben. 47. Die Kanzlei⸗Diener waren zu Tiſche; der, au dem die Tour war, außerordentlicher Fäͤlle wegen im Hauſe bleiben zu muͤſſen, ſaß, heftiger Zahnſchmer⸗ zen halber, mit verbundenem Kopfe in der Bedien⸗ tenſtube. Der Miniſter hatte befohlen, dem Auer⸗ ſtädt heute noch die Ausfertigung zuſtellen zu laſ⸗ ſen; es blieb dem guten Herrn Hofrath Steinau da⸗ her nichts anders übrig, als einmal ſelbſt zu kanzlei⸗ dienern, und die Antwort des Miniſters dem alten Auerſtaͤdt in eigner Perſon zu uͤberbringen. Er wollte ſich das fuͤr Dienſt⸗Eifer auslegen, fuͤr Drang, die Wuͤnſche und Befehle ſeines Chefs ſo punktlich als möglich zu vollziehen; nachher wollte es ihm auch vorkommen, als treibe ihn die reine Menſchenfreundlichkeit, den Mann von den ihm unerwarteter Weiſe gewordenen zwei Gluͤcksguͤtern Hinſichts des Raths⸗Patents und der fuͤnfhundert Rthlr. Zulage, allerbaldigſt in Kenntniß zu ſetzen; aber— bei ganz unbefangener Selbſtpruͤfung haͤtten beide Beweggründe nicht Stich gehalten. Wie oft lag der ganze Kanzleidiener⸗Tiſch voll Reſolutionen, —— . ee leiſe nd ein Tiſche, utlich, weiter dieſes „ und von n Lip⸗ id die r, an wegen chmer⸗ hedien⸗ Auer⸗ zu laſ⸗ au da⸗ anzlei⸗ malten n, fuͤr jefs ſo wollte 2 reine en ihm guͤtern undert ſetzen; haͤtten Wie oft tionen, — 39— die citissime an die betreffenden Perſonen in der Stadt ſollten abgegeben werden; darunter waren im⸗ mer einige, die den Empfaͤngern eben ſo willkommen geweſen waͤren, als die fragliche dem Archivar Auer⸗ ſtaͤdt; aber noch nie war es ihm in den Sinn gekom⸗ men, den Kanzlei⸗Dienern in ihr Amt zu pfuſchen. Heute— doch was ſollte er lange gruͤbeln, weß⸗ halb und warum und weßwegen er gerade heute Luſt hatte, dem alten Auerſtaͤdt den Beſcheid ſelbſt zu bringen, er ſchwang ſich auf ſeinen Braunen, denn der Archivar wohnte, wohlfeilerer Miethe hal⸗ ber, in der entfernteſten Vorſtadt, beſchwichtigte ſeine Bedenklichkeiten uͤber die Frage, ob es ſich auch ſchicke, und ob es dem Manne nicht auffallen wer⸗ de, wenn der Herr Hofrath in eigner Perſon kaͤmen, mit der Nothwendigkeit, ſein muthiges Thier ohne⸗ hin einmal ausreiten zu muͤſſen, und meinte, bei der Gelegenheit dem kranken Kanzleidiener den un⸗ geheuern weiten Weg erſparen zu köͤnnen, und konnte ſich kaum des Lachens enthalten, als dieſer gegen die Bedienten ihm, und ſeiner menſchenfreundli⸗ chen Barmherzigkeit gegen ihn alten gebrechlichen, von Zahnweh bis zum Erſchießen gemarterten Kanz⸗ leidiener, eine Lob⸗ und Standrede hielt, die Hand und Fuß hatte. Unterwegs wollte Steinau über die ſonderbar ſcheinende Bewandtniß, die es mit dem Torniſter⸗ Lieschen haben mußte, ein Breiteres bedenken, aber der Braune, der lange geſtanden, prellte bald links, bald rechts, er hatte zu vielem Denken gar keine Zeit, und— am Ende, was ging ihn auch das Tor⸗ niſter⸗Lieschen an! Wer weiß, was einmal der alte Auerſtaͤdt in fruͤherer Zeit für eine Geſchichte mit Clauren Schr. LXXVII. 8 — 90— irgend einer Soldaten⸗Schoͤnen, denn darauf ſchien der Spitzname hinzudeuten, gehabt haben mochte; daraus, daß der Miniſter ſie nicht mitgetheilt ha⸗ ben wollte, ging wenigſtens ſo viel hervor, daß ſie in Gegenwart von Damen nicht recht erzaͤhlbar zu ſeyn ſchien.— Konnte er das Geſpraͤch darauf brin⸗ gen, ſo mußte ſie ihm Auerſtaͤdt heute noch ſelbſt erzaͤhlen. 18. Draußen, am aͤußerſten Ende der Stadt— er brauchte gar nicht zu fragen; der von Zahnſchmerz gefolterte Kanzlei⸗Diener hatte ihm das Haͤuschen beſchrieben; es war eins der letzten rechter Hand. Vor den Fenſtern ein Blumengaͤrtchen mit leichtem Gitterwerk befriedigt, vor der Thuͤr eine Weinlau⸗ be; ſpiegelblanke Fenſter, und hinter dieſen weiße feine Vorhaͤnge— wahrſcheinlich von Luiſens kunſt⸗ fertiger Hand hoͤchſt zierlich geſtickt. Steinau ſtieg ab, gab ſein Pferd einem Knaben zum Halten, zog an der Klingel der Hausthuͤr, und hoͤrte von einer aͤltlichen Magd, daß der Herr nicht zu Hauſe ſey. „Auch die Frau nicht?“ fragte Steinau, und erſchrak faſt ſelbſt uͤber den Ton, mit dem er gefragt hatte, denn er klang, als ſey ihm recht lieb, daß der Herr Archivar nicht zu Hauſe ſeyen, und als werde er mit gleichem Vergnuͤgen die Nachricht ver⸗ nehmen, daß die Frau Gemahlin auch nicht zu ſpre⸗ chen. War er dann doch mit dem Maͤdchen allein, und um ſo ungebundener. „Auch die Frau Archivarius iſt nicht zu Hauſe,“ antwortete die Alte entſchuldigend, denn, in der ge⸗ heimen Tonleiter der Liebesſprache ſeit vielen De⸗ — cennie junge wurf, geflog muͤßt konnt das gema S Frage ausr cilla geſeh bei'm deren imm wollt verle Wah geree Neſt Rech Men eiger iſt b zen chive wie mal Aelt ſchöt gezo herg uf ſchien mochte; eilt ha⸗ daß ſie lbar zu uf brin⸗ ch ſelbſt dt— er iſchmerz aͤuschen Hand. leichtem Beinlau⸗ n weiße 8 kunſt⸗ Knaben ür, und rr nicht u, und gefragt eb, daß und als icht ver⸗ zu ſpre⸗ wallein, Hauſe,“ mder ge⸗ elen De⸗ — — 91— cennien völlig fremd, uberſetzte ſie ſich des feinen jungen Herrn Frage in eine Art von leiſem Vor⸗ wurf, daß Herr und Frau vom Hauſe ſelbander aus⸗ geflogen ſeyen, daß Beide nicht ſehr wirthlich ſeyn müßten, wenn ſie das Haus ſo ganz allein laſſen konnten, und daß er, wider alles Erwarten, nun das Vergnuͤgen habe, den weiten Weg vergeblich gemacht zu haben. Steinau wollte ſich ein Herz faſſen, und mit der Frage, ob die Mamſell auch nicht zu Hauſe, her⸗ ausruͤcken; er ſetzte zwar an, aber— die alte An⸗ cilla haͤtte ihm ja bis auf den Grund des Herzens geſehen, ihn ja durch und durch ergruͤndet, und bei'm erſten Worte gewußt, daß er lediglich um deren Willen gekommen; dadurch indeſſen, daß er immer noch da ſtand, und nicht ging, etwas ſagen wollte, und nichts ſagte, halb zufrieden und halb verlegen ausſah, ward die treue Serviererin in dem Wahne beſtaͤrkt, daß der junge Fremde ſich einbilde, gerechte Urſache zu haben, uͤber den Fund des leeren Neſtes verdruͤßlich zu ſeyn, und gewiſſermaßen als Rechtfertigung des Zufalls, daß gerade heute kein Menſch zu Hauſe ſeyn muͤſſe, fuͤgte ſie mit der ihr eigenen geſchwätzigen Vertraulichkeit hinzu:„Es iſt heute wahrhaftig der erſte Nachmittag im gan⸗ zen Jahr, den der Herr ſich einmal von ſeinem Ar⸗ chive los gemacht hat; wir ſtecken hier in der Regel wie in einem Kloſter; aber heute haben wir ein⸗ mal eine Ausnahme gemacht; es iſt heute unſerer Aelteſten ihr Geburtstag; das Wetter war gar zu ſchön, und da ſind wir mit Frau und Kind hinaus⸗ gezogen nach Thereſenhayn; da ſoll es denn hoch hergehen mit Kuchen und Kaffee, und Abends ſetzt — 8 1 4 7 “ * — es draußen ein Butterſchnittchen mit kaltem Bra⸗ ten. Vor acht, neun Uhr erwarte ich meine Leut⸗ chen nicht zu Hauſe. Einmal iſt nicht immer, lie⸗ ber Herr.“ Geburtstag— Thereſenhayn— bis acht Uhr draußen bleiben— Steinau ſaß ſchon auf ſeinem luſtigen Braunen, und flog durch die lange Allee hinaus, daß die Alte, die ihm nachſah, beide Häͤnde gefaltet vor die Bruſt legte, denn lebendig, meinte ſie, käme der nicht hinaus, und Wichtiges, ſehr Wichtiges mußte es ſeyn, was ihm des Sturmwin⸗ des brauſende Eile gab. „Einmal iſt nicht immer,“ hatte die alte Perſon geſagt, und zerſetzte ſich Steinau die Worte richtig, und hielt er ſie mit dem, was das Maͤdchen von der Eltern bedraͤngten Lage neulich ſo ruhrend erzaͤhlt hatte, zuſammen, ſo lag in ihnen eigentlich eine zweite Entſchuldigung, daß an dem feierlichen Fa⸗ milientage einmal herrlich und in Freuden gelebt werde.— Lieber Gott— ein wenig Kaffee, ein Paar Stuͤckchen magern Kuchen, ein Butterſchnittchen und einige Biſſen kalten Braten.— Darum entſchul⸗ digte die treue Seele noch die geliebte Herrſchaft, daß der fremde Herr nicht etwa denken ſolle, man lebe hier tagtaͤglich in ſolch' ſchwelgeriſchem Ueber⸗ fluſſe!— Steinau freute ſich, daß ſeine neuliche Gabe es wahrſcheinlich ſey, welche den Feſttag mit verherrli⸗ chen helfe.— Aber— zu wiſſen, daß des Maͤdchens Geburtstag ſey, und ohne Angebinde vor ihm zu erſcheinen— nein, das ging nicht; das ging wirk⸗ lich nicht. Das ſuͤße Kind erfuhr, wenn es nach Hauſe kam, von der Dienerin unfehlbar, daß dieſe dem fi genfeſt ſeiner muͤſſen herum wieder mal n raſchte gänzli M Reſide gluͤck Stein freun Nacht Renn die 31 und f 5 772 aufge die A fuͤhlte den k mit g und l keit r ritt e Adele deſſen heute m Bra⸗ ne Leut⸗ ier, lie⸗ acht Uhr ſeinem ge Allee e Hände meinte es, ſehr urmwin⸗ Perſon richtig, von der erzaͤhlt ich eine hen Fa⸗ n gelebt in Paar hen und entſchul⸗ rrſchaft, e, man Ueber⸗ Gabe es erherrli⸗ aͤdchens ihm zu ig wirk⸗ es nach aß dieſe — 93— dem fremden jungen Herrn von dem heutigen Wie⸗ genfeſt zufällig erzaͤhlt; und was haͤtte Luiſe von ſeiner Artigkeit, von ſeiner Aufmerkſamkeit halten muͤſſen, wenn— er hatte ſeinen Braunen ſchon herumgeworfen, und dieſer zog, im Wahne, es gehe wieder in den heimathlichen Stall, jetzt noch drei⸗ mal mehr aus, als vorher. . 19. Was er ausſuchen wolle— daran dachte er we⸗ niger, als an das Geſichtchen, das ihm das uͤber⸗ raſchte Geburtstagskind bei der Ueberreichung des gaͤnzlich unerwarteten Angebindes machen werde. Madame Legnettoni, die erſte Modehaͤndlerin der Reſidenz, glaubte im Ernſt, ein ſie betreffendes Un⸗ gluͤck vernehmen zu ſollen, als der ihr wohlbekannte Steinau, der mit mehreren ihrer Verwandten in freundſchaftlicher Beziehung ſtand, noch bei ſpaͤtem Nachmittag, ſchweiß⸗ und ſtaubbedeckt, mit ſeinem Renner vor ihrem Hauſe hielt, ſchnell abſprang, die Zuͤgel einem alten Invaliden in die Hand warf, und faſt athemlos in das Gewoͤlbe trat. „Mein Gott! was iſt vorgefallen?“ rief die leicht aufgeregte junge Frau ihm entgegen, und ſog ihm die Worte vom Munde; Steinau aber, der wohl fuͤhlte, daß ſein raſches Kommen und Eintreten ihr den kleinen Schreck mochte verurſacht haben, lachte mit gluͤcklich erzwungener Unbefangenheit laut auf, und log ziemlich gewandt ihr in aller Geſchwindig⸗ keit vor, daß ihm eben erſt jetzt auf dem Spazier⸗ ritt eingefallen, daß der Geburtstag ſeiner Couſine Adele naͤchſten Sonntag ſey; nach Frankenau, in deſſen Naͤhe bekanntlich ihres Vaters Gut liege, gehe heute Abend die Poſt ab, und daher muͤſſe er ſchleu⸗ nigſt eilen, wenn er deren Abgang mit dem Ange⸗ binde nicht verſäumen wolle, das er Madame Leg⸗ nettoni erfuche, ihm ausſuchen zu helfen. Er be⸗ ſtimme ſo und fo viel dazu, indeſſen komme es bei ſo etwas auf zehn Thaker mehr oder weniger nicht an, wenn die Wahl nur auf etwas recht Huͤbſches, der Empfaͤngerin recht Willkommenes falle. Kaufleute koͤnnen Niemand lieber bei ſich ſehen, als nicht unbemittelte junge Männer, in deren Bruſt die erſte Liebe erwacht. Der ganze große, reich aus⸗ geſtattete Putzladen wurde um und um gekehrt, um fuͤr die vorgebliche Couſine Adele das Allerhuͤbſcheſte, das Allerniedlichſte auszuſuchen. Daß die gute Adele aber die Empfaͤngerin der auszuwaͤhlenden Herrlich⸗ keiten nicht war, wußte die ſchlaue Legnettoni ſchon, ehe Steinau die zweite Haͤlfte ſeiner Luͤge zu Markte gebracht hatte. Einen halben Seitenblick auf den, in ihrer Naͤhe hangenden Poſtbericht, und ſie ſah, daß die Poſt heute Abend nicht nach Frankenau ging; auch beſann ſie ſich, wahrend ſie mit ihren Gehuͤl⸗ finnen alle Kaſten und Cartons auskramte, und die wunderherrlichſten Sachen zur Schau auslegte, daß Adelens Geburtstag Sonntag nicht ſey; ſie hatte ihn vor einigen Jahren einmal ſelbſt mit feiern hel⸗ fen, und das war im Fruͤhjahr, nicht aber im Octo⸗ ber geweſen. Ein klein wenig mußte Freund Steinau fuͤr ſeine dreiſte Luͤge geneckt werden, ohne daß er es jedoch ſelbſt merkte, denn die kleine huͤbſche Ita⸗ lienerin hielt ſich an die Hauptregel aller Modehänd⸗ lerinnen, die heimliche Mitwiſſerin aller Liebesge⸗ heimniſſe zu ſeyn, ohne zu thun, als habe ſie von der ſuͤßen Pein der Verliebten, die ſich ihr gewoͤhn⸗ lich immer ſelbſt verriethen, nur die entfernteſte Ah⸗ nung. daher ei und der lich fuͤr druͤcklich wußte ein ähr vorzugt Stillen letztern Gut Erhani eigene Menſch Geſchaͤ tigte E vierma ſuchte aus, die Leg liche fu ver ſiche Pracht hatte Koͤnig als Co Herrli Couſin halten nicht ſuchte, recht t jetzt at der La⸗ te ein die Sc willen Unkoſt Einfal len un einmal m Ange⸗ ame Leg⸗ Er be⸗ te es bei ter nicht dübſches, ch ſehen, en Bruſt eich aus⸗ hrt, um ͤbſcheſte, rte Adele Herrlich⸗ ni ſchon, Markte auf den, ſie ſah, au ging; r Gehuͤl⸗ und die 2gte, daß ſie hatte iern hel⸗ im Octo⸗ Steinau e daß er ſche Ita⸗ odehaͤnd⸗ Liebesge⸗ 2 ſie von gewoͤhn⸗ teſte Ah⸗ — 95— nung. Adele war blond; die Legnettoni daher eine Menge Kleider, Baͤnder, Shawls, und dergleichen, von lauter Farben, die ausſchiee lich fuͤr Blondinen paßten, vor, bemerkte dies aus⸗ drücklich, aber immer nur wie blas beilaͤufig, und wußte es ſo zu karten, daß ſie neben jedem Stuͤck ein ahnliches, aber von ſolchen Farben legte, die vorzugsweiſe Bruͤnetten gut kleiden, und mußte im Stillen herzlich lachen, daß Steinau jedesmal die letztern waͤhlte; er kaufte ſie alſo nicht fuͤr Adelen. Guten Menſchen macht das Kaufen, um das Erhandelte an geliebte Perſonen zu verſchenken, eine eigene Freude. Dieſen Grundſatz, den die feine Menſchenkennerin, die kleine Legnettoni, in ihrem Geſchäft ſchon oft bewaͤhrt gefunden hatte, beſtä⸗ tigte Steinau von neuem. Er kaufte für dreimal, viermal mehr, als er anfaͤnglich dazu beſtimmt hatte, ſuchte von jedem das Geſchmackvollſte, das Beſte aus, und hatte gern freiwillig mehr gegeben, als die Legnettoni dafur forderte, denn ſie und ſaͤmmt⸗ liche fuͤnf Grazienkinder ihres eleganten Gewoͤlbes verſicherten einſtimmig, daß Fraulein Adelen die Prachtſachen reizend ſtehen muͤßten; Steinau aber hatte Muͤhe, ſich das Lachen zu verbeißen; ſeine Köonigin des heutigen Feſtes war zehnmal huͤbſcher, als Couſine Adele, forglich mußten Luiſen all dieſe Herrlichkeiten noch zehnmal huͤbſcher ſtehen, als der Couſine. Die leichtfertige Legnettoni, die ſein ver⸗ haltenes Lachen bemerkte, und die Urſache davon, nicht ganz unaicbtig, in ſeinem heimlichen Jubel ſuchte, ihr, mit ſeiner guten Couſine, gluͤcklich ein recht tuͤchtiges Naͤschen gedreht zu haben, mußte ſich jetzt auch zuſammen nehmen, um ihrerſeits ſich von der Lachluſt nicht uͤberwaͤltigen zu laſſen, denn ſie hat⸗ te einen, ihr von der unwiderſtehlichſten Neugierde, die Schöne namentlich kennen zu lernen, um deren willen ſich der gute Herr Hofrath in ſo ſchmaͤhliche Unkoſten ſetzte, diktirten, unbezahlbar gluͤcklichen Einfall; Steinau ſelbſt ſollte ihr, wider ſeinen Wil⸗ len und Wiſſen, ſein Maͤdchen uͤber kurz oder lang einmal praͤſentiren. Das ſollte ſeine wohlverdiente — 96— nigſt eileg in unerlaͤßliche Strafe fuͤr das Naͤschen binde ⸗ Sie brachte, als die von ihm eingekauften indegen ſchon all' zuſammen gepackt waren, gleichſam nmaachtraglich, und blos, als wollte ſie ihm noch et⸗ was ganz Extraſchones zeigen, ein, dieſen Mittag erſt aus Paris„ommenes Diadem. Ihre jungen Damen, die es ſelbſt noch nicht geſehen, geriethen uͤber die Zierlichkeit der Arbeit, uͤber das Sinnige der Idee, und über die Vollendung der Ausfuh⸗ rung in lautes Entzücken, und Steinau, der bei ſich meinte, gar nichts gekauft zu haben, wenn er dieſes köſtliche Diadem ſeinen Weihgeſchenken nicht beilege, und der ſein ſchoͤnes Geburtstagskind im Geiſte ſchon mit dieſem wunderherrlichen Schmuck prangen ſah, bat, das Prachtſtück ſeinen gekauften Sachen beizupacken; es koſtete faſt ſo viel, als ſeine fruͤher behandelten Huldigungs⸗Opfer alle zuſam⸗ men; aber vom Werthe des Geldes wußte der Se⸗ lige nichts, der nur allein in dem Vorgefühl der Freude ſchwelgte, die er der Ueberraſchten mit dem hoffentlich ihr wohlgefälligen Zeichen ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit zu bereiten gedachte. 3 Jetzt war der Vogel gefangen. Dies Diadem war nur ein einziges Mal in der ganzen Reſidenz; die Legnettoni hatte kein zweites Exemplar davon, und die andern Modehanklerinnen des zweiten Ranges fuͤhrten ſolche aͤußerſt elegante Dinge nicht; die Dame alſo, in deren Haare ſie dies Diadem er⸗ blickte, war Steinau's Braut. Ein Burſche ward jetzt gerufen, um dem Herrn Hofrath das Paker nach Hauſe zug agen, allein der Herr Hofrath gaben dies aus nür ihm bekannten Grüͤnden durchaus nicht zu, meinten, das Paket ſey la gar nicht ſchwer; ſie haͤtten an Acten wohl ſchon viel groͤßere Laſten getragen; bis zu ihrer Wohnung ſey la nicht weit, und wie die geſuchten und der Legnettoni höchſt läͤcherlichen Ausfluͤchte alle hießen. 2 — Naͤschen ekauften Aeichſam 8 noch et⸗. Mittag.— ejungen geriethen 1 Sinnige 6 Ausfüh⸗ 3 der bei N wenn er 1— ken nich G zkind im. Schmuck— 3 ekauften— 1 als ſeine e zuſam⸗— der Se⸗ 3 fuͤhl der 4 mit dem 6. Aufmerk⸗ 4.* Diadem* deſidenz; 3 65 davon, 17 zweiten 4 5 ge nicht; adem er⸗ m Herrn llein der 1* ekannten as Paket 5 ten wohl zu ihrer 1 geſuchten usfluͤchte 8 9